———— S— Leißrihliothet iſn engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und eſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht S und Rückgabe ver Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, wele che bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt für wöchentlich 2 Bücher: 4 4 Pücher: 6B Bücher: N—f—— auf 1 Monat: 1 Mk. Pf. 1N.1 50 i. M— Pf. 5„ Auswärtige Ubonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der üe auf ihre eigenen Koſten und Gefahr⸗ ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Das fürſtliche Grabgewölbe ſtand geöffnet, und die Dienerſchaft ſchleifte Kiſten und Sil⸗ bergeräth, unbrauchbare Schätze für die Todten, die Marmorſtufen hinab. Auf der Vorplatte eines Seiten⸗ altars lagen bunte Ländercharten ausgebreitet und zwei knieende Offiziere bezeichneten mit Stecknadeln Truppen⸗ züge darauf und Heeresſtellungen. Gegenüber hielt ein rothbärtiger Koſak Wache vor dem engen Pförtchen des Schloßthurmes und ſchaute mit Blicken des weltlichſten Gelüſtes von ſeiner Wendelſtiege her auf den Reichthum, welcher dem Todtenreiche anvertraut wurde. Der ruſſiſche General, Alexiew von Lieben, war ein⸗ gezogen in die kleine Herzogsſtadt, vorangeſendet von ſeinem grauen Feldherrn, den Anzug des Feindesheeres aufzuhalten, und der jugendliche Kriegsheld that Alles, dem Ehrenauftrage Ehre zu machen. Die Stadt lag am Eingange eines Thals und be⸗ herrſchte mit ihren Felſenwällen und hohen Mauern den Weg in das innere Land, der eine Schlucht bildete, durch welche der Hauptſtrom und neben ihm hin die einzige Landſtraße ſich ſchlängelten. Vor der Stadt lag gedehnt die flache Ebene, fern von ſteigenden Bergeshöhen um⸗ kränzt. Rund herum auf den nackten Gipfeln des Gebirges ſah man Nachts die Wachtfeuer der feindlichen Züge, doch nur wenige der leichten Reiter und Scharfſchützen hatten ſich bis jetzt herabgewagt, die in der Fläche ſtrei⸗ fenden Koſaken und die im Hohlufer des Fluſſes lauern⸗ den, ſichern Jäger fürchtend.— Doch ſeit heute war es lebendiger geworden auf den Bergen. Geordnete Trup⸗ penreihen wurden ſichtbar; ſchweres Geſchütz ſandte ſeine Todesboten in das Thal herab; und gedeckt dadurch wagten ſich ſtärkere Reiterhaufen bis nahe an die Stadt und des Stromes Rand. Der ruſſiſche General beſtieg den Schloßthurm, von dort die Bewegungen des Fein⸗ des zu beachten, und ſeine Adjutanten erwarteten in der Kapelle die Befehle an die kampfglühenden Krieger, welche auf den Plätzen der Stadt, gerüſtet und des Aufbruchs gewärtig, ſich gelagert hatten.— Mit den raſchen, ſtampfenden Schritten des Zornes trat jetzt der Herzog in die Kirche, nach ihm ſein Günſt⸗ ling, der Ritter Vaſaldo. Die hohe, dürre Geſtalt des Fürſten, ſein ſcharfgezeichnetes, italiſches Geſicht, die dunkeln, wenn auch grau gemiſchten, krauſen Locken, und vor Allen das brennende, tiefliegende Auge deutete auf höchſte Leidenſchaſtlichkeit und auf ein Leben, in ihrer Sadglut durchkämpft. Der Günſtling war eine kleine, kugelrunde Geſtalt, auf deren charakterloſem Angeſichte ein ewiges Lächeln wohnte; nur aus dem kleingekniffe⸗ nen, farbeloſen Auge ſchaute die Hölle hervor und die Falſchheit, welche den kalten Blutegel des Herzogthums beſeelte. Wer öffnete die Schloßkapelle? fragte der Herzog heftig im Eintreten. Unſinn war es, vor dieſen Augen die Kleinodien in die Gruft zu tragen. Dem freundlichen .E — Feinde wollen wir den Schatz entziehen, und machens dem verhaßten Freunde bequem, ihn zuſammengetragen zu finden, um raſch ſeine armſeligen Feldwagen damit beladen zu können. Wer hat die Pforte der Kirche die⸗ ſen Fremden geöffnet?— Das Kommandowort, Durchlauchtigſter! antwortete der Ritter, die Achſeln zuckend. Der große Hauptſchlüſ⸗ ſel des Krieges! Der Feldherr iſt im Thurme und be⸗ achtet den Andrang der Feinde.— O daß ihn droben eine Kugel fände gleich dem Sa⸗ lisbury vor Orleans! ſprach der Herzog in ſich, ver⸗ biſſenen Grolls. Bin ich noch Herr in meiner Stadt, ſeitdem Er einzog an ſeiner Küraſſiere Spitze? Der zwanzigjährige bartloſe Mann iſt Herzog geworden, und wir müſſen herabſteigen vom ſchwererrungenen Throne, und dieſem das Diadem auf die blutige Säbelſpitze hän⸗ gen. Vaſaldo, Alles hab' ich getragen, den Haß des Onkels einſt, den Neid auf des Vetters Glück, der Eifer⸗ ſucht langſames Natternſaugen, die kalte Hölle einer froſtigen Ehe, doch alles dieſes ertrug ich leichter, als den dröhnenden Schritt des Befehlshabers auf dem Eſt⸗ rich der eigenen Burg, der daran mahnet, daß er auch uns treten und über unſern zermalmten Scheitel hinweg⸗ ſchreiten könne, wenn es ihm gefiele, oder der Augenblick geböte. Vaſaldo! der Gedanke iſt ein blauſauer Gift, welches auch das Rhinoceros und alle Rieſen der Na⸗ tur umwirft.— Das Schickſal iſt launig und wechſelt gern! ſprach der Ritter. Das iſt uns heute Gram und morgen Troſt.— Schaaler Gemeinſpruch für den jetzigen Moment! ſiel der Herzog ein. Dieſe Nordländer mit den Kraftgliedern und Weißköpfen taugen nicht zu uns. Verwandter ſind uns die da draußen, und muß der Falk ſich beugen unter des Adlers Herrſchaft, ſo wählt er lieber den nächſten und den einheimiſchen. Ich haſſe dieſe todten und herz⸗ loſen Koloſſe und meine Maßregeln ſind genommen.— Still, Gnädigſter, ſtill hier! fuhr der Vertraute zwi⸗ ſchen das Zornwort. Dieſe Pfeiler haben Ohren und die Heiligenbilder könnten erzählen. Dieſe Menſchen ſehen gerade ſo aus, als wenn ihnen ein Fürſtenhaupt nicht mehr gälte, als der Schurkenkopf des Spions, nach dem ſie heute früh mit ſichern Kugeln, wie nach einer Luſtſcheibe ſchoſſen; und überdem iſt der Herr da droben auf dem Thurme ein kecker, durchgreifender Wagehals, der in den erſten acht Tagen ſeines Hierſeins ſchon das ganze Volk gewann durch Milde und ſtrengſte Ordnung, wie auch durch eine Aehnſichkeit mit Ew. Durchlaucht geliebtem Vater, dem wohlſeligen Prinzen Prosper, dem Lieblingsbruder des hochſeligen Herzogs. Und geſtanden Sie, Gnädigſter, doch ſelbſt, wie der ſchwarzlockige junge Kriegsheld, mitten aus dieſen blonden Hünengeſtalten hervorragend, einen ſeltſamen, plötzlichen Eindruck auf Sie gemacht.— Es war die Ahnung meines Sturzes, es war das Vorgeſpenſt meiner zertrümmerten Krone! antwortete dü⸗ ſter Herzog Giacomo. Und gerade dieſer Einfluß auf mein Volk trifft mein Herz wie Dolchſtoß und wirft meine Hand an das Degengefäß, wo ich nur die Ge⸗ ſtalt des Feindſeligen erblicke.— Liſt iſt die Pharaonsmaus, die das Krokodill be⸗ zwingt. Unſer Galanteriedegen ſplittert wie Glas am Schlachtſchwerte. Drum Ruhe, mein gnädigſter Herr; ſie und ſtille That führen hier einzig zum Ziele. Die 6— — Phiole ſei ſilbern und blank, die das tödtende Gift ein⸗ ſchließt.— Warum mahnet Ihr mich gerade heute an das? fragte der Herzog mit halber Stimme. Heute, wo der Preis jener raſchen That mir verloren ſcheint! Aber recht ſo! — Schwellt durch den Sturm der Erinnerung meinen Ingrimm auf zum ſchlingenden Meere; ſchüret das in⸗ nere Feuer bis zum veſuvianiſchen Ausbruch, daß ich heute das Alter vergeſſe und die weichliche Gewohnheit. Nein, ich will nicht umſonſt zerfallen ſein mit meinem Gewiſſen; ich will Raum haben für alle Wünſche dieſer Bruſt, und die bewaffnete Hand ſoll nicht zurückzucken, wo es das Herrſcherdaſein gilt. Dieſer geſtürzt und in Feindes Hand; mein Weib, der unzerbrechliche Thränen⸗ krug meines Lebens, der unfruchtbar⸗dörrende Feigen⸗ baum an meinem Wege, zum Kloſter; und die blühende Giovanna auf meinen Thron und an mein Herz! Eine verwegene Mitternacht ſoll das Alles gebären, ſoll die dunkle, reiche Mutter werden einer neuen Welt voll Sicherheit und Hochgenuß. Beordert alle Maſchinen un⸗ ſeres Willens in mein Kabinet! Ehe die Sonne finkt, ſei die furchtbare Pulvermine gegraben. Vaſaldo runzelte die glatte Stirn und wollte reden; doch der Koſak am Thurmpförtchen ſalutirte mit Ge⸗ räuſch, und mit leuchtendem Auge und fröhlich⸗blühen⸗ dem Geſicht trat Graf Alexiew in die Kirche herab. Un⸗ ter ſeinem linken Arme glänzte die Waffe, feſt an das hohe Herz gedrückt; der große Hut, durch den ſchwarz⸗ ſchillernden Federwald umwogt, verlängerte noch die Achillesgeſtalt, und ſchwarze Locken kräuſelten ſich bis zum breiten Goldſchmuck der Achſeln hernieder. Sieh da, Herr Herzog! rief er mit einer Art gut⸗ müthigen Spottes. Es wird Ernſt, gut drum, daß Ihr da ſeid. Auch Euer Regiment muß heute die bequemen Kaſernen verlaſſen und auf den Wall, denn die Zaude⸗. rer und Schneckenreiter draußen werden plötzlich leben⸗ F diger und rücken hervor.— Meine Garden wollt Ihr gebrauchen? fragte der verzog verlegen zurück. Doch im Fall Eures Rückzuges wäre dann Stadt und Land verloren. Lieber laßt ſie entwaffnen, doch nicht fechten zum ſpätern Verderben ihrer Landsleute und Brüder.— Macht das aus mit dem Schickſale, Herzog! ant⸗ wortete Alexiew mit gehobenerer Stimme. Oder ſoll der Schwarm meiner Aſiaten, wenn er die Euren nicht mit uns fechten ſieht, ſich in Feindes Land glauben, und in einer Viertelſtunde Eure Gaſſen wüſt machen und Euren Strom zu einem Blutbache?— Was nicht mit uns iſt, iſt wider uns; das iſt die Glaubenslehre des Kriegs, in der Ihr ſowohl wie ich kein umſtürzender Mahomed ſein werdet. Der Menſch muß ſich fügen den dunkeln Mäch⸗ ten, oder ſie ſtürzen ihn erzürnt in die Nacht, in der ſie wohnen.— So ſoll ich das gewiſſe Unglück befehlen? ſtieß Gia⸗ como heraus.— Das gewiſſe? fragte ſpitz der General. Wißt Ihr, zu wem Ihr ſprecht? Sieht mein Geſicht aus, wie neu⸗römiſch eigheit, oder blinzelt mir im Auge neapo⸗ litaniſcher Banditenverrath?— Herr Herzog, die nor⸗ diſchen Eisberge trotzen Jahrtauſende lang dem Anſturme des Ozeans, und ſo wenig wie Eure gebrechliche Ver⸗ nunft herauszugrübeln vermag, wann ſie erliegen der Gewalt, ſo wenig könnt Ihr voraus wiſſen, ob ich nicht ſchon mir Eure Hauptſtadt zur Grabespyramide oder —— —— zum Feuerbett meines Herkulestodes erwählt habe. Des Kriegers Vaterland iſt ſein Heerlager; es gelüſtet mich faſt, hier der Leonidas des meinigen zu werden.— Ein Platz in der Geſchichte, mit dem Verderben eines fremden Volkes erkauft! höhnte der Herzog. Das iſt die letzte Mode der Herren vom Schwerthandwerke, und dieſe prunkende Modetracht iſt gar wohlfeil!— Herr Herzog! antwortete gezogen Graf Alexiew. Ich muſtere nicht allein die blanken Waffen meiner Braven; mein Auge erkennt auch den Roſt am Herzen der Um⸗ gebung, ſo jung es iſt. Ich warne Euch und die Euren! Meine ganze Pflicht gehört dem mächtigen Herrn, deſſen Farbe ich trage, und ſeinem Volke. Wer mit dem Feinde verkehrt, iſt meinem Kriegsgericht verfallen, und in dem⸗ ſelben ſitzen bärtige, blutgewohnte Kriegsleute. Haltet Eure Vaſallen im Zaume der Klugheit feſt. Verdächtig Geſindel iſt wiederum heute Nacht eingefangen worden im Thale an der Stadt; es ſind Einwohner des Landes, es ſind Bürger der Reſidenz darunter. Noch ſprach ich ſie nicht, und hoffe, keine Zeugen eines Verdachts zu finden, der mit jedem Tage in mir gewachſen iſt, und welcher Euch mehr koſten könnte, als dieſes Schloß und die Schätze, die Ihr dort in Eurer Ahnengruft verbergen laſſet.— Ich bin ein ſouveräner Fürſt. Was könnet Ihr ſchal⸗ ten über mich und meine frei geſprochene Meinung? wallte der Herzog auf. Vaſaldo zitterte zuſtmmen und faßte ängſtlich den Arm des Herrn. Der General ließ ven Säbel in die linke Hand fallen und hob ihn mit dieſer vor ſich hinaus. Kennt Ihr das Zepter? fragte er ernſt. Dieſes iſt Fläger, Geſetz, Richter und Henkersmann zugleich. Ich warne Euch nochmals.— Die Herzogin Madalena erſchien, von einer Ehren⸗ dame begleitet, in der Kirchthüre, und nach einer ehrer⸗ bietigen Begrüßung zog ſich Graf Lieben zu ſeinen Offi⸗ zieren zurück. Die Fürſtin ging unſichern Schrittes auf ihren düſtern Gemahl zu, deſſen Antlitz ſich bei dem Anblicke der bleichen, hochgewachſenen, doch gramgebeug⸗ ten Frauengeſtalt noch mehr verfinſterte. Mein gebietender Herr, ſagte ſie mit der Stimme der Demuth und Bitte, ich betete im Auguſtinerkloſter; in⸗ deſſen ſchloß man eigenmächtig mein Zimmer auf und nahm jedes Silbergeräth und all meinen Schmuck heraus. Geſchah ſolches auf Euren Befehl?— Allerdings, und habt Ihr etwas dawider? antwortete die härteſte Männerſtimme.— Nichts, mein Gebietender! fuhr die gedrückte Fürſtin fort. Nur eine Bitte drängt ſich mir aus der Bruſt dabei, ſeit Jahren die erſte an Euch. Auch mein Becher iſt fortgenommen, aus dem ich trank ſeit zwanzig Jahren. Laßt mir den Becher zurückgeben, ich miſſe ihn ungern.— Poſſen! lachte der Herzog. Er wird verpackt ſein tief im Gewölbe mit den andern. Laßt Euch ein ander Geſchirr reichen. Die Thränenkrüge der Alten waren irden. Es ſteht kein Pſalter an dem Silbergeſchirr, und für eine büßende Beterin, wie Ihr Euch ſelbſt ft nann⸗ tet, ziemt ſo kein ſolch Glanzgeräth.— Gebt mir den Becher zurück! bat ſie mit dem tief⸗ ſchneidenden Tone ſchmerzlichſter Innigkeit, und ihre Augen erblindeten faſt im Thränenüberfluß. Ein Gelübde ver⸗ vietet mir, aus irgend einem andern Gefäß zu trinken mein Lebelang. Soll ich ſchöpfen wie die Bettlerin mit hohler Hand, und trinken, wie ſie, aus dem eigenen Suii Gebt mir meinen Becher zurück! Er iſt ein 11 Gedächtniß an ein gar liebes, heißgeliebtes, verlornes, ewig beweintes Weſen.— Ihr ſollt nichts lieben, ſollt nichts beweinen, tobte der Herzog auf. Das iſt der Skorpion in meinem Bett! Dieſer Jammer ohne Sprache deutet Verbrechen gegen mich. Dieſe ewigen Thränenfluten haben die Freuden⸗ feuer meines Hauſes ausgelöſcht. In dieſer ewigen Buße iſt alle Liebe geflohen und an der Langeweile geſtorben wie ein ſchwindſüchtig Mädchen an verhaltener Begier.— Giacomo! lallte die hohe Frau, nur etwas das edle Haupt erhebend, wüßtet Ihr, was Ihr ſprecht! O, ich leide ja nicht durch mich allein; ich trage für den, der mich peinigt, und mein Schweigen iſt die höchſte Liebe für ihn.— Raſende! mit dem Räthſelwort könntet Ihr auch mich raſend machen zuletzt! fiel er ein. Ich kenne Eure Schritte alle, ſeit ich die Krone theilte mit Euch. Ihr ſeid reines Wandels. Alſo iſt dieſe verhaltene, ſtille Liebe die Neigung einer Närrin zu einem Bilde, und Ihr ſeid mir verächtlich drum geworden. Geht in Eure Bet⸗ ſtube und rutſchet die Kniee wund, bis der Verſtand in der Körpermarter geſundet. Geht!— Nein, ich gehe nicht! ſprach ſie heftig. Was ich liebe, müßtet auch Ihr lieben in Schmerz und Raſerei, wie ich, kenntet Ihr es. Was ich liebe in Gram und blu⸗ tigen Thränen, ſeid Ihr ſelbſt und nichts Anderes. O, gebt mir meinen Becher, das einzige Ueberbleibſel der höchſten und ſchrecklichſten Stunde! Gebt mir ihn, oder ich ſchwöre hier vor Gottes Antlitz, keinen Trank wieder zu mir zu nehmen, und der Gruft mich zu opfern, wo mein Liebſtes ruht bei den Todten!— So ſterbt, und macht mich los von verhaßter Kette, 8 dann will ich glauben an Eure treue Neigung zu mir. Den Becher bekommt das thörichte Kind nie wieder.— Rauh ſprach ſo der Fürſt; ſie war ihm nahe getreten, und ſeine Hand ſtieß ſie jetzt unſanft zur Seite, ſich Platz machend im Fortgehen. Graf Alexiew war hinzu⸗ getreten, und fing die ſchwankende Dame in ſeinen Ar⸗ men auf. Man erzählte mir in meinen Knabenjahren Vieles von ſüdlichem Ritterſinne und ſüdlicher Rittertugend, ſagte haſtig und aufgeregt der General; doch ich finde nicht einmal die Achtung für Weiblichkeit und den geehrten Anſtand, die bedachte Zucht im geprieſenen Lande, und muß drum die Lehrer Schwärmer und Lügner nennen.— Wenn der Bart zu wachſen anfängt, verfliegen die Knabenträume! höhnte Giacomo glutroth und augen⸗ rollend. Alexiew's edle Züge verwoben ſich zum blut⸗ dürſtenden Schlachtgeſicht. Aber der nordiſche Knabe ſoll Euch Sitte lehren und den Adelsſpruch, oder er wird Euch den geſchändeten Degen brechen und vor die Füße werfen! Von heut' an iſt dieſe gemißhandelte Dame in meinem Schutze, im Schutze der Fahnenwache meines Monarchen! Sie iſt Herrin in dieſem Hauſe, ich bin der Gaſtfreund, wenn auch das fromme Leben der Wirthin mich heut' zum erſten Mal in ihre Nähe brachte. Tod dem, der ſie nochmals unſanft berührt, ſei es mit Wort oder Hand, ſei es Herzog oder Kriegsknecht!— Seid Ihr der Papſt unſerer Ehebündniſſe, oder der Sittenrichter Italia's? fragte mit zurückgezogenem Grimm der Herzog.— Ich bin Herr in dieſer Stadt für den Moment, und nur mei aiſer verantwortlich. Sein hoher Sinn 13 wiegt nicht den Schwertſchlag allein, ſondern er ſchmückt auch mit dem Ordensband die menſchliche Empfindung und den Edelſinn. Und hat dieſe Dame nicht in einer Stunde ihren Becher zurück, den beſcheidenen Wunſch eines heiligen Gefühls, ſo laſſe ich meine bärtigen Lan⸗ zenmänner ſuchen in Eurem Todtengewölbe, und dann möchtet Ihr am Abend weder Becher, noch Goldtruhe, noch Diamantendiadem wiederfinden.— Raſch verließ der Herzog die Kirche; Ritter Vaſaldo folgte ihm mit ſcheuen Blicken. Auf den Arm des Be⸗ ſchirmers ſich ſtützend, richtete ſich die Herzogin wieder empor. Ich danke Euch! ſagte ſie mit faſt gehrochener Stimme. Theilnahme iſt Balſam für Wunden der Seele, obgleich die Eurige mein Schickſal nur verſchlimmern wird. Haltet mich nicht für eine Thörin, oder eine Kindiſche, wie der grauſame Mann mich nannte, dem ich Alles opferte, Seelenruhe ſogar und Seligkeit vielleicht. Der Becher, welchen ich forderte, iſt mir ein Heiligthum, wie Altar⸗ kelch und Hoſtie. Ein geliebtes Kind trank daraus den erſten und den letzten Erdentrunk. Die Stunde, welche es brachte, nahm es auch wieder. Nicht einmal ſein Grab iſt für mich da, um mir ein Altar zu ſein für meine Schmerzesopfer. Der Silberbecher iſt Alles, was ich von dem geliebten Weſen habe. Ihr tragt ein Herz unter dem Stahlpanzer, ſo haltet Ihr auch gewiß der Mutter Anhänglichkeit an ſolch ein Kleinod für keine Träumerei.— Der kindliche Ton und der demüthige Blick der hohen Frau machten das Gemüth des jungen Kriegsmannes ſo weich, daß er mühſam ſeine Zähren zurückhielt. Seltſame, unerklärliche Gefühle hemmten die heißen Blutwellen in 14 Herz und Adern; eine tiefe Angſt, die faſt wie eine Freude ſich fühlte, ergriff ihn, und er hätte die fremde Dame an ſeine hochpochende Bruſt reißen mögen. Wehmüthige Erinnerungen an ſeiner Kindheit Schickſale ſtiegen vor ſeinen naſſen Augen auf, ſo küßte er inbrünſtig die Hand der Fürſtin, als wäre es ſeiner Mutter Hand, und führte ſie ehrerbietig bis an die Gallerie vor ihren Zimmern. Hoch ſtand die Sonne, und die Menſchen flüchteten ſich in die kühlſten Steingemächer des Hauſes, in träger Sieſta den Druck des Mittags vorüberziehen zu laſſen. Graf Lieben ſuchte die Schattengänge des Orangenhölz⸗ chens im Schloßpark. Er wollte für die wundenden Em⸗ pfindungen der Morgenſcenen, die ſein Leben niedergedrückt hatten, ſich weckenden Reiz und ſtärkende Erquickung holen, da ſein Daſein all ſeiner angeborenen Kraft bedurfte für die hereinbrechenden Sturmtage. Unter der tief herabhangenden Thränenweide am plät⸗ ſchernden Marmorbaſſin wartete ſchon des herrlichen Man⸗ nes die ſchnell und kühn erworbene Geliebte, Prinzeſſin Giovanna, die Nichte der Herzogin. Und ſie iſt ja überall die Verſöhnerin, die Allmächtige über dem Schickſale, ſie, die ſeelverknüpfende Liebe!— Ihr Blick hemmt den blutigen Siegesſchritt des Helden; den Barbaren zähmt ihr Schmeichelwort, und entflammt den Knaben zur Gigantenthat; ſie macht eine Blume zum goldenen Vließ, der glühenden Argonauten Preis, und in ihrem Netz gefangen wird der Klügſte ein tändelnd Kind, und vergißt in ihrem Geheimniſſe glücklich alle Poſterien der Wiſſenſchaft und Staatskunſt; der Licht⸗ ſtrahl ihr Flügelroß, und der Gedanke ihr Geſandter; S 15 ihre Fanatiker ſind Salamander im Feuer, hymnenſin⸗ gende Templer auf dem Scheiterhaufen, und Achillen, wo es gilt; ſie wiegt die Menſchheit auf ihrem Schooße, und alles Große ſäugte ſie an der Schwanenbruſt; eine republikaniſche Schwertjungfrau, tilgt ſie die Ungerech⸗ tigkeit des Schickſals und gleicht aus unter den Kindern der Erde das göttliche Erbtheil; in die Erdhütte des Bettlers trägt ſie den Himmel und das höchſte Glück, und wirft den König auf den glühenden Roſt ungeſtillter Sehnſucht matt wird am Tempel der Liebe die nei⸗ diſche Zeit und ſtumpft ihren Zahn, denn jeder Neu⸗ geborene iſt ein friſcher Prieſter ihres Dienſtes!—— So war ſie auch mitten in den Schlachtſchritt des jungen Reußenführers getreten, und er hatte den Gruß der Huldin nicht verſchmähen mögen. Und wer verdächte es dem Krieger, wenn er raſcher und unbeſonnener in das Leben greift, und nach der Freude, die für ihn und für die er morgen vielleicht ſchon nicht mehr da iſt? Nahe der Gefahr, wächst des Lebens Werth und der Stunden Preis. Und hier, wo aller Blütenreiz der Jugend ſich ihm bot, wo im großen, runden Auge, licht⸗ blau, wie im Morgenhimmel, kindliche Unſchuld das erſte, engelreine Gefühl der Natur ausſprach, wo in der zar⸗ ten, ſchmiegſamen Geſtalt, im feinen Madonnenköpſfchen, von blonden, reichen Locken, dem Zeichen venetianiſcher Heimath, und eine Seltenheit in ſo ſüdlicher Zone, um⸗ ringelt, der Knospenmai des Lebens die Sinne lockte, wer hätte hier ascetiſch der Lockung widerſtanden, und wenn auch die nächſte Stunde Trennung und ſichern Tod gedroht? Wer hätte hier den Gram bedacht, den die Verſuchung und der in ihrem Tempel leichtſinnig geknüpfte Bund über das geliebte Weſen werfen konnte?— Und der wahre Heldenſinn kennt den Gedanken des Todes nicht; er glaubt ſich unverwundbar und unſterblich; die Gefahr iſt nicht da für ihn, denn ſein Auge ſieht nur die Pflicht, die Großthat und des Sieges herrlichen Kranz.— Mitleid und Menſchlichkeit hatten den Bund dieſer jungen Herzen eingeſegnet; beide öffnen immer ſo leicht das Herz für ihrer Schweſter, der Liebe, Einzug. Als der fremde Heerhaufen einrückte in die Herzogsſtadt, ſah die fürſtliche Familie vom Schloßbalkon den ſtahlgerüſte⸗ ten Gäſten, wenn auch ohne gaſtlich Gefühl und ſorg⸗ bewegt, entgegen. Vor ſeinen Reitergeſchwadern ritt Graf Alexiew in blankem Panzer und Silberhelm, und Aller Augen wandten ſich der hohen, ausgezeichneten Geſtaltung zu. Schien er doch ein Römerheld alter Zeit vor einem Hunnenherre des Attila. Zwiefache Theilnahme feſſelte die Blicke der Italiener an den Jüngling. Unter den hohen Platanen des Schloßplatzes hielt er das Roß an, und ſchwang ſich leicht vom Sattel. Die herzogliche Familie kam herab, den gefürchteten General zu begrüßen. In dieſem Augenblick wurde das Pferd eines jungen Reiters ſcheu vom Flattern der Seidenfahne der aufgeſtellten Schweizerwache und vom dröhnenden Niederſetzen der Hellebarden; krank ſchon durch die Hitze des Zuges geweſen, brach es in Tollheit aus, drehte ſich im Kreiſe herum, Zaum und Sporn des Ungeübten nicht achtend, bis es den Betäubten herab, und mit der behelmten Stirn gegen den harten Stamm einer alten Linde warf, welche dem Portale des Palaſtes zunächſt ſtand. Blut ſtürzte unter dem Stahle hervor, und wie todt lag der Krieger. Der General eilte hinzu, und er ſah eine weibliche Geſtalt am Haupte des Todten, auf 17 deren lieblichem Antlitze Schreck und Angſt ſich miſchten, und die mit milden Klagetönen ihr weißes Tüchlein bot zum Verbande der tödtlichen Wunde. Beider Augen trafen auf einander; ein Gefühl bewegte ſie; der Au⸗ genblick entſchied für zwei Leben und zweier Weſen Glück. Heimathlich iſt überall der Krieger; ſein Haus iſt die Welt, die ſein Schwert beherrſcht; ſo war auch nach einer kurzen Woche Alexiew einheimiſch geworden in fremder Stadt und Burg, in einer Voche heimiſch ge⸗ worden im fremden Herzen, und wenn die erſte Liebe die ſcheueſte iſt draußen unter fremden Augen, und wenn ſie die Myſterie am heimlichſten birgt, weil ſie ihr noch die heiligſte iſt, ſo iſt auch die erſte Liebe oft die kühnſte unter vier Augen, denn ſie bedarf nicht der Worte Schmuck, und ſie kennt noch nicht das ſchlaue Kampf⸗ ſpiel zwiſchen Eros und Anteros, und der Verſtellung kokettirendes Abſtoßen und Anziehen. Die erße Einſam⸗ keit gab die volle Weihe der Seligkeit den beiden Glück⸗ lichen, ungeahndet von der Umgebung, die, von vielfachem irdiſchen Intereſſe bewegt, keine Sinne hatte für der Gefühle farbenſpielende Aurvra; nur die Eiferſucht in des Herzogs Bruſt ahnete und bewachte mit ſtillem In⸗ grimme den jungen Tag dieſer verhaßten Liebe. Die Orangen ſchatteten und goſſen berauſchenden Duft herab; der ſchlanke Oleander warf hochrothe Blü⸗ ten zum Brautkranze nieder; ſanfte Melodie plätſcherte im Silberſtrahle des Springbrunnens. Giovanna lag an des Mannes ſtarker, hochpochender Bruſt.— Iſt es denn? fragte ſie bang bewegt. Nahen die Schrecken 2 Und mußt Du hinaus, Geliebter?— Es iſt! antwortete glühenden Auges der Kriegsheld. Doch iſt meine Seele frei und leicht, und ſoll über Blumenhagen, V. 2 Deine Seele auch ausgießen ihren hellen Tag, damit Du unbefangen vleibſt und unbekümmert in der Nacht, welche uns aufſteigt, und die nur kurz ſein wird.— Unbekümmert? Und Du in Schwertern und unter Geſchoſſen? lallte das Mädchen, faſt geknickt von der Gewißheit. Tauſend Kugeln werden fliegen; ach! nur einer bedarf's, um mein Alles zu verderben.— Günſtig iſt dem Liebenden der Himmel! lächelte Ale⸗ riew. Dein Bild auf meiner Bruſt iſt ein Talisman gegen den Tod, wie Dein Bild in meiner Bruſt ein Talisman iſt gegen Sünde und Hölle! Ich liebe Dich innig, heiß, ewig, wie Du mich liebſt, und doch wünſche ich Schlacht und Zerſtörung, denn nur darin kann ich gewinnen, was mich Dein werth macht, was Deinen . Beſitz und ſeine Sicherheit mir zuſagt. Nur aus dem Chaos des Kriegs kann unſer Paradies ſich geſtalten; nur mein Schwert kann mir das Höchſte bringen. Die Zeit dränget; dies iſt vielleicht die letzte ungeſtörte ſelige Stunde zwiſchen uns. Höre drum genau, und folge! Unſere Liebe bedarf Schutz und Freundſchaft. Die Her⸗ zogin erfahre noch heute Alles von Dir, was zwiſchen uns war und ewig ſein wird.— Die Herzogin? fragte kopfſchüttelnd Giovanna. O, was vermag ſie, die ſich ſelbſt nicht ſchützen kann! Du haſt recht, die Zeit drängt. So wiſſe auch Du denn, was ich ſo gern verſchweigen möchte.— Der Herzog verfolgt mich. Ich ahnete ſeine Meinung kaum.— Va⸗ ſaldo, ſein Vertrauter, ſprach ſie mir aus vor Kurzem. Er haßt ſeine Gemahlin, meine Tante. Eine ſeltſame Trauer ſchied ſie von ihm ſchon lange; er meint, ſie klage um eine verlorene Liebe ihrer Jugend, und ſo ſteigt ein Haß mit jeder ſinkenden Sonne. Er will ſich jetzt ie mn, og me ſie g tzt 19 ihrer entäußern, ſei es, durch welches Mittel es wolle; mir hat er Herz, Hand und Thron beſtimmt. Du wareſt die Hoffnung, mit der ich die Botſchaft ertrug; Deiner Liebe Gewißheit gab mir die Kraft, daß ich nicht ohn⸗ mächtig verzweifelte; nun hilf Du auch; ſorge! Schütze die Geliebte! Denn der Herzog iſt mir fürchterlich, da ich ihn kenne.— Herzog! Herzog! knirſchte Alexiew, indem er die Hand an die linke, jetzt waffenloſe Hüfte legte. Er iſt in meiner Hand ſeit heute. Eingefangene Spione, feind⸗ liche Depeſchen liefern ihn in meine Haft, ſobald ich mag. Ich ſchonte ihn bislang; ſchonte ihn gerade heute, wo ich der Fürſtin nahe ſtand, zum erſten Male, und ſie mir erſchien wie einer Mutter Bild, und ihre Schwer⸗ muth mein Gemüth mit räthſelhafter, inniger Theilnahme umfing. Sorge drum nicht, mein holder Liebling! Laß mich walten unter des Schickſals Schutze! Die Gewalt iſt mein. Der Krieg, ſonſt der Feind aller Menſchen, iſt unſer Freund, unſer Bundesgenoß, denn er löſet der Herrſchaft Bande, zerſchlägt des Geſetzes Tafel, und hängt Krone und Recht an die Schwertſpitze des Tapfer⸗ ſten. Eile zur Fürſtin; entdecke ihr Alles, und erzähle ihr auch meines Lebens kurze Geſchichte, wie ich ſie Dir jetzt erzähle.— Auf einen Marmorſitz zog der Jüngling das horchende Mädchen, und mit wachſendem Staunen vernahm ſie ſein Wort. Nicht des Nordens rauhere Flur war des Grafen Heimath. Italien hatte des Knaben erſtes Weinen ge⸗ hört; doch kannte er weder ſeine Eltern noch den Ort ſeines Werdens. Gleich dem Romulus, verſtoßen von der Mutter Bruſt an das ufer eines verſchlingende 20 Stroms, hatte auch ihn Zufall und Menſchlichkeit geret⸗ tet, und die Milde einer fremden Dame hatte ihm, ſo wie die Herzensgüte der Tochter Pharao's dem Geſetz⸗ geber Iſraels, die Verwaiſung in Glanz und Hoheit gewandelt. Ein vornehmer Ruſſe lebte mit der kränkelnden Gat⸗ tin zu Neapel. In eine Ehrenſache wird der Ausländer verwickelt, welche ein unglücklich Ende für den Gegner nimmt. Als Fremdling hält er ſeine Perſönlichkeit nicht ſicher mehr im Lande der Rache und im Heimathspfuhl des Banditengeſchlechts. Die Verwandten des Getödte⸗ ten ſind angeſehene, reiche, wilde Menſchen. Nur eine ſchnelle, der Flucht ähnliche, Abreiſe kann retten. Sie wird begonnen, und, um jede Verfolgung zu täuſchen, nimmt die Familie des Grafen Lieben nicht die gewöhn⸗ liche Straße, ſondern fährt Tag und Nacht auf Winkel⸗ wegen dem Norden zu. So berührt in einer Nacht ihr Reiſezug einen rauſchenden Fluß, und nicht fern von ihm erblickt das Auge der Reiſenden ein vom Monde beleuchtet Ritterſchloß, mit Thürmen und Zinnen in die Wolken hinaufgreifend. Schwarze Wetter hingen dahinter, die nahe Entladung dräuend. Während der Ueberlegung, vb man Schutz ſuchen gegen das nahe Gewitter oder die Fahrt fortſetzen ſoll, raſſelt langſam der Wagen auf der Felſenſtraße am Strome herab; da ruft mit Schelt⸗ worten der auf ſeinem Zwerggaule vorreitende Koſak der anſchlagenden, engliſchen Leibdogge des Grafen zu. Man frägt, man hält. Der große Hund hat am Rande einer Brücke, über welche die Straße führt, einen ſeltſamen Fund gethan. Ein weinendes, jüngſtgeborenes Kind liegt vor dem dumpfbellenden Thiere, das die Windeln zu faſſen und es fortzutragen ſtrebt. Die Gräfin läßt ſich 21 den kleinen Unglücksſohn an den Wagen tragen. Feine Windeln, ein golden Kettchen am Halſe, machen die Theilnahme für den Findling ſteigen; die kinderloſe Dame wird doppelt bewegt für ihn in Abſcheu über die Un⸗ menſchlichkeit der unbekannten Mutter, in Mitleid über den hülfloſen Zuſtand des ſchwarzköpfigen Kleinen, der ſie im Mondenlichte mit großen Augen anlächelt. Sie nimmt die Waiſe auf ihren Arm, und ein Zeichen des himmliſchen Wohlwollens in ihm ſchauend, ja ſelbſt in Angſt, das im Augenblick ihr lieb gewordene Unterpfand göttlicher Gnade zu verlieren, gibt ſie Befehl zur Fort⸗ reiſe. Auf des beſonnenen Grafen Befehl durchſpürt der Koſak und die Dienerſchaft mit den Hunden die nächſte Gegend. Nirgend erkunden ſie ein menſchlich Weſen, obgleich ſie bis an die Mauer der Burg und bis an die Wälle einer Stadt die Unterſuchung fortſetzen. So geht nun der Reiſezug raſch dem Ziele zu, und der kleine Italiener vertauſcht bald den warmen, vrangenumdufte⸗ ten Schvoß ſeiner Geburt mit der froſtumringten Wiege im Lande der Sarmaten.— Unbekannt mit den Verworrenheiten ſeiner erſten Schickſale, erwuchs Alexiew als anerkannter, im Aus⸗ lande geborener Sohn des Grafen Lieben. Die ſorg⸗ ſamſte Erziehung entfaltete früh, was die Natur in ihn gelegt. An der frühern Entwicklung des Leibes, wie des Geiſtes, verrieth ſich die italiſche Abkunft ſowohl, als an der ſüdlichen Zeichnung des Geſichts, am brennenden, dunkeln Auge und dem ſchwarzen Lockenwalde, und ſetzte die Gräfin manchem freundlichen Scherze ihrer Ver⸗ wandten, mancher heimlichen, ſcharfen Verleumdungsrede der Nachbarn aus. Der Knabe wurde ein junger Her⸗ kules, kraftvoll, kühn und muthwillig, und ſo nahm den kaum den Kinderſchuhen Entwachſenen der alte Graf von den Gütern in die Reſidenz, nahm ihn bald darauf mit ſich in die Kriege gegen die Perſer und Osmanen. Im Lager erwuchs der Knabe zum Jüngling, und der Jüng⸗ ling, kaum den erſten Flaum am Kinn, that ſich män⸗ nergleich hervor, und ſtieg unglaublich raſch in den Wür⸗ den der Krieger empor. Alle Tugenden des Ritters und Edelmannes waren Muſter in ihm; nur ein wilder Jäh⸗ zorn, zerſtörend, wie des Veſuvs Ausbruch, doch auch eben ſo ſchnell verlodert, beſchattete manchen Moment ſeines hellen Lebens, dem Feinde verderblich, und die Freunde in Mißtrauen und Vorſicht erkältend und ab⸗ wendend. Die Welt war ſein; zu dem Größten glaubte ſich berufen der ſtolze Alexiew, ſein Vater achtete ihn als Freund und Kriegskamerad, und ſo kümmerte ihn wenig, daß er allein ſtand, auf ſich ſelbſt gelehnt und auf des eigenen Gemüthes Kraft. Härter ſollte gar bald er das Alleinſtehen fühlen. Die Gräfin ſtarb; eine alte Schlachtwunde warf den Vater auf ein langwierig Siechenbett, und da erfuhr der junge Mann ſein Geſchick und die Bedeutung der goldenen Kette, die er auf Be⸗ fehl der Mutter immer am Halſe getragen, und die unter den Waffenbrüdern ihm den Namen Torquatos verſchafft hatte. Der ſterbende Graf wollte die Erbgüter der Familie nicht entziehen, doch ſein anſehnliches Ver⸗ mögen, und das Teſtament der Pflegemutter, welche dem geliebten Findlinge all das Ihrige ſchenkte, verblieb dem Verwaiſeten, als er in der Gruft einer ihm ſo theuren und doch zugleich ſo fremden Familie zwiſchen zwei be⸗ thräneten Särgen ſtand, und nun plötzlich empfand, wie es drückt, wenn der Menſch einſam iſt unter Millionen, und in einer kalten, ihn angrauſenden Welt.— 23 Alexiews einziger Freund war das brave Schwert an ſeiner Hüfte, mit dieſem wagte er ſich in das neue Leben, und des Kaiſers Gunſt, das Vertrauen der alten Generale und Freunde des verſtorbenen Grafen, welche den Jüngling im Feldlager geſehen hatten und in der Schlacht, ſtellten ihn bald auf den Platz, der ihm Ver⸗ geſſenheit gab in Gefahr und im wagigen Verſuch aller Lebenskräfte, ihn der Liebe und ihrer Seligkeit entgegen⸗ führte mitten im Blutgedränge des liebeloſen Krieges. Das erzählte Aleriew ſeiner Giovanna, wenn auch ohne jene ſchmeichelhaften Berührungen, die des Ge⸗ ſchichtsſchreibers Feder, welcher mit dem Prophetenauge in ſeiner Vergangenheit ſuchte, hinzufügte. Mit beiden Händen faßte jetzt Graf Lieben die Hände der Prinzeſſin, und indem er ihr zutraulich, wie Ge⸗ ſchwiſterliebe blickt, in die großen Augen ſchaute, ſagte er ſanft: Giovanna! Wenn Du die irdiſchen Zufällig⸗ keiten und Vorzüge der Geburt hochhältſt, ſo bin ich Dein nicht würdig, denn mein Ahnenſchild iſt blind und roſtig, und mein Stammbaum iſt ein leeres Pergament; doch das Herz iſt ein ſtarker Felſenquell, Liebe gebährend und Feuerneigung ſprudelnd für Dich; das Gemüth iſt Dir ein unverletzbar Schild zu Schirm und Schutz gegen alle Gewalten der Erde.— Die Liebe will nur die Liebe, ſonſt iſt ſie unächt und kein Kind des Himmels! antwortete Giovanna innig, und warf die weißen Arme um des Mannes Hals. Was außer ihr liegt, iſt nur ſtörend für ſie, und feindſelig. Du biſt mir ein König, und der einzige Herr meiner Tage.— Erſchreckt fuhr da Alexiew in die Höhe. Wer iſt der Menſch, fragte er haſtig, welcher dort an den Roſen ſchleicht, und ſo ängſtlich forſchend umherſieht?— Sorge nicht! fiel Giovanna ein; es iſt der Taubſtumme vom Schloſſe, ein Diener der Herzogin, ihr getreu, wie mir, und dem Herzoge gram, der oft ſeines unglücklichen Zu⸗ ſtandes und ſeiner ſeltſamen Geberdenſprache ſpottet.— Sie winkte mit dem Tuche über das Geſträuch, und Luca, der Taubſtumme, ſprang eilig heran. Er trug ein Brief⸗ chen, und in freudiges Lallen ausbrechend, als er den General ſah, übergab er ſolches dieſem. Neugierig er⸗ brach der Graf das Papier, es kam von der Herzogin Madalena.—— —„Wenn die Ruhe einer Gebeugten,“ ſchrieb fie, „wenn der letzte Hoffnungsfunken einer Verzweifelten dem edlen Sohn der Fremde etwas gilt, wenn er im Waffenfelde das Mitleid nicht verlernte, wenn der Schutz verkannter Unſchuld ihm Pflicht iſt, und ſeine ritterliche Außenſeite nicht log, ſo wird er gewähren, was die Herzogin von ihm innigſt und dringend bittet, eine geſtern eingefangene Mohrin nur wenige Minuten lang in ihr Kabinet geleiten zu laſſen. Sie gehört dem Feindesla⸗ ger an, und wurde ſo eben unter den Fenſtern des lin⸗ ken Schloßflügels hin, wahrſcheinlich vom Saale des Kriegsgerichts, zurück geführt. Es gibt für die Herzo⸗ gin in dieſem Augenblicke, vielleicht im ganzen Leben, nichts Wichtigeres, als die Unterredung mit dieſer Schwar⸗ zen. Der General wird drum der Bitte Erfüllung geben, da er jeder Sorgfalt und Sicherheit Genüge leiſten kann, welche ſeine Pflicht ihm gebieten möchte.— Madalena.“— Giovanna hatte mitgeleſen. Wer widerſtände ſolcher Beſchwörung! ſagte der Graf wehmüthig. Wie muß die ſchöne Seele zerrüttet ſein, daß ſie in ſolche Troſt⸗ loſigkeit verſank, und aller ihrer Hoheit ſich alſo begibt — . — 25 in demüthiger Klage, und wie haſſenswerth ſteht der Mann, der ſolche Prachtblume welken ließ ohne Labe⸗ trank!— Die Mohrin ſoll gebracht werden, das ver⸗ kündet ihr ſogleich.— Das Mädchen verſtändigte die Botſchaft dem Taub⸗ ſtummen, welcher kopfnickend forteilte; dann warf ſie ſich heftig an des Mannes Herz. Wird die Liebe uns keine Dornenkrone bringen, wie ſie dieſe trägt? fragte ſie ſanft weinend.— Dann nehme ich die Schmerzeskrone allein auf mein Haupt, und trage ſie ſtolz wie ein Liebespfand von Dir! entgegnete Alexiew, aber er wußte nicht, was er ſprach. Die Sibylle in ihm redete aus ſeinem eigenen Munde den eigenen Fatumsſpruch. Verwegener Sohn der Erde! Wenn man deine Schwüre hört, an welche ſich ſo oft unſichtbare Mächte hängen, und die Worte, von Luft gebildet, zu niederziehenden Gewichten machen; wenn man die Kühnheit deiner Aus⸗ ſprüche, die Vermeſſenheit deiner Verheißungen hörte, man ſollte dich wahrlich für den Erſtgebornen des Weltgeiſtes halten, für den Erbprinzen der Schöpfung, der auf des Vaters Gewalt und auf die künftige Weltenkrone hin ſtolze Hoffnungen in ſtolzeren Worten verkündet! Aber da wehet ein miasmatiſcher Hauch über die Flur, auf welcher der Stolze wandelt, und er liegt wie der ver⸗ endende Hirſch in der Wüſte, und der Staub wird zum Staube geſammelt. Erdenſohn, drum ſei der Demuth befliſſen, denn der Hochmuth macht den Fall härter, und das eitel erhobene Haupt trifft der Feindespfeil der Schickſalsmächte am leichteſten!—— Die Liebenden hielten ſich noch lange umarmt. Wenn früher keine Trompete ruft, ſagte dann der Jüngling weich und inbrünſtig, ſo finden wir uns um die Mitter⸗ nacht in der Schloßkapelle.— Sie neigte das Locken⸗ haupt bejahend, und Beide trennten ſich raſch und gewaltſam, und verſchwanden in den entgegengeſetzten Gebüſchen. Es gibt eine Liebe, die hängt nicht ab von dem Frühlinge des Alters und der Eintagsblume der Schön⸗ heit; die empfängt ihr Leben nicht vom Wolluſtodem der Sinnlichkeit, und wird nicht verzehrt durch die lodernde Fackel des Genuſſes; nicht in leerer Schwärmerei bauet ſie ihr locker Phantaſienhaus, ſaugt nicht aus Mondlicht und Maienblüten die duftige Nahrung für ein Schmet⸗ terlingsdaſein; ewig lebt ſie mit dem Menſchenweſen, denn ſie iſt verſchmolzen mit ſeiner Natur, ſie iſt die Säule, welche ſeine Geſchlechtstafel trägt und vor dem Untergange ſchirmt. Wie der Wilde in Columbia's Wäl⸗ dern, iſt dieſe Liebe ſtark und unbezwinglich, denn nie verweichlicht ſie durch Kultur und Mode; ihre That iſt Rieſe, ihr Wort iſt Engelsgeſang, ihr Opfer Selbſt⸗ kreuzigung, und ihre Liebesgabe iſt das Herzblut des Pelikans! Dieſes ewige Gefühl ohne Gleichen heißt: Mutterliebe. Auf ihrem Betſchemel lag die Herzogin Madalena, gefoltert vom Rieſenſturme dieſer Empfindung. Sie betete nicht, nur die Lippen zuckten in der QOual um Worte; nur die Finger durchwanden ſich, als könnten ſie nicht finden die fromme Verfaltung andächtiger Hände. Vom kleinen Altar blickte die Madonna ſo mitleidig nieder, aber ihr Himmelsblick und das Gotteskind auf ihrem Schooße zerriß noch mehr das wunde Gemüth der Knienden. —„— e„ 1 N 6„— „„„ — ¹ —— — — u v 27 Die Thüre des Gemachs wurde hinter ihr geöffnet. Grüne Grenadiere in Blechkappen banden eine ältliche Negerin los, und ließen ſie ein in das Kloſett. Die Herzogin fuhr auf, fuhr herum, und bedeckte mit einem grellen Schrei ihr Angeſicht. Fern von ihr ließ ſich das ſchwarze Weib auf das eine Knie nieder, faltete die Hände auf dem Schenkel, und ſenkte das häßliche Ge⸗ ſicht auf die volle, ſteigende Bruſt. Nach einem tiefen Athemzuge ermannte ſich die Herzogin, trat raſch auf die Mohrin zu und hob ihr das Geſicht in die Höhe. Biſt Du es, Ungeheuer? rief ſie aus, hat Gottes Gerechtigkeit Dich endlich mir geliefert?— Wo iſt mein Kind, mein Sohn, mein freundlicher Engel? Wo haſt Du ihn? Wo ward er gemordet?— Barmherzigkeit! jammerte das ſchwarze Weib. Ich vin unſchuldig. So wahr ein Gott iſt und ein Verſöh⸗ ner lebt, ich bin unſchuldig!— Was werde ich hören! ſagte leiſe zu ſich die Herzo⸗ gin, und ſtrich ſich mit der Hand über die erkaltete Stirn. Iſt er todt?— Ich weiß es nicht! ſchluchzte die Knieende.— Du weißt es nicht?— Erzähle, Dominika!— Er⸗ ſchöpft in Angſt und Erwartung, ſank die hohe Frau in einen Seſſel. Die Schwarze erhob ſich, ſah rings im Zimmer vorſichtig umher, und erzählte leiſe, langſam und oft abbrechend. Stumm ſaß indeſſen die Fürſtin, zugewickelt in ihre Schleier, und nur ſelten gab eine zuckende Bewegung das ſtürmiſche Leben unter den Hül⸗ len kund.— Es ſind zwanzig Jahre verlaufen ſeit jener Nacht, aber ihre Mitternachtsſtunde ſteht noch vor mir, als wäre ſie die jüngſte meines Lebens, ich bin ewig umflackert von jenem Mondlicht, und jenes Hundegebell er⸗ ſchüttert noch immer meine Ohren. Ihr waret damals ſo ein junges, liebes Blut, gebietende Frau; ach! wer hätte nicht gern ſein Leben gegeben für Euch!— Aber die hochgebietende Frau Herzogin, Eure Tante, war gar eine geſtrenge Dame. Ihr ſolltet dem Erbprinzen Giu⸗ lio Euch vermählen, aber Ihr hattet mehr Wohlgefallen an dem wilden Prinzen Giacomo, dem Vetter des Hau⸗ ſes, der verzweifelnd in den Krieg zog, als er den Onkel Herzog entſchloſſen ſah, die ſchöne Madalena mit ſeinem Sohne zu verbinden. O, wäre der Wildfang nur einige Monden früher in den Krieg gezogen, ſo hätte er meine unſchuldige, angebetete Prinzeſſin nicht ſo troſtlos zu⸗ rückgelaſſen! Die Tante Herzogin machte mich zur Ver⸗ trauten, als ſie das Unheil entdeckte. Die Fürſten ſoll⸗ ten nichts erfahren. Ich ſollte den Zeugen Eures Falles zum Prediger auf dem Berge jenſeits des Stromes ſchaffen. Ihr wußtet wenig drum, ginget ſtill in Eurem geheimen Krankenzimmer umher, und dachtet arglos an Euren Giacomo. Die Nacht kam, welche Eure Schmer⸗ zesſtunde umfing; glücklich verlief Alles; das ſchönſte Knäbchen lag an Eurem Herzen, ihr tränktet es ſelbſt, ſtark und hochermannet, aus Eurem Silberbecher, da nahm es die Tante Euch gewaltſam, und legte es auf meinen Arm. Noch höre ich Euer Geſchrei, Euer Ge⸗ winſel, das durch alle Ueberredung und Verſprechung nicht bezwungen ward. Wie küßtet Ihr dann noch den Kleinen in Ergebung, wie wickeltet Ihr ihn in die Schleier und putztet ihn mit Eurem Schmucke! Weinend trug ich die zarte Bürde durch die langen, unterirdiſchen Kreuzgänge des Schloſſes bis zur Felſenpforte im Thale. Draußen ſchlug das Mondlicht mir blendend entgegen; hochge⸗ 29 ſchwollen rauſchte der Fluß, und alle Schauder der düſtern, hallenden Burggänge hatten mich nicht ſo ge⸗ ängſtet wie jetzt das plötzlich auf mich einfallende Leben der Nacht im Freien. Der Kleine ſchlug ſeine ſchönen Augen auf, und lächelte den Mond an; raſch trug ich ihn weiter. Das Thal war durchſchnitten, bald war ich an der Brücke, da tönte dicht an mir ſchallendes Hunde⸗ gekläff, an der Felſenecke der Thalſtraße wurde es laut, Menſchenſtimmen riefen feindliche, widrige Töne mir zu. Ich glaubte unſer Geſchäft verrathen; ich ſah Auflaurer, Verfolger. Beſinnungslos legte ich das Kind hinter den Vorſprung und das Heiligenbild der Brücke in das hohe Efergras, und ich ſelbſt floh tief hinein in das dunklere Thal, ſo weit die Füße mich trugen. Stunden ſchlichen vorüber; der Mond war geſunken. Ich wagte mich wie⸗ der heran zum Schloſſe, aber wehe! was fand ich!— Wolkenbrüche in den Gebirgen hatten den Strom ge⸗ ſchwellt; ausgetreten aus ſeinem Bette, raſete er durch die Ufer; die Brücke war nicht zu betreten; das Kind war fort; wahrſcheinlich weggeriſſen durch die Fluten. Ich forſchte die Nacht hindurch den Strom hinabwärts; ich fragte, als der Tag grauete, nach bei jedem Fiſcher am Ufer. Keine Spur, keine Hoffnung kam. So wan⸗ derte ich immer weiter hinab, als müßte ich die kleine Leiche ſuchen bis zum Meere hin, um ſie der heiligen Erde zu geben. Aber ich fand nichts.— Zurückkehren mochte ich nicht; die alte Herzogin hätte vielleicht meine Trauerpoſt voll Freuden empfangen; aber wie ſollte ich treten vor Euer frommes Angeſicht, wie Eurer Freund⸗ lichkeit, Eurem Zutrauen die Lüge entgegen bringen?— Ich pilgerte weltein, bettelte, arbeitete; ſo kam ich nach Frankreich, mitten hinein in ſeine blutigen Gährungen. 30 Schwer büßte ich in jener Zeit die Unbeſonnenheit der Nacht des Verluſtes; wie Mord und Raub lag es auf mir, und ich betete jeden Tag für Eure Ruhe. Ein ſchwarzer Trompeter nahm mich zum Weibe; eine Ka⸗ nonenkugel tödtete ihn vor Kurzem in einem Treffen. Auch ich ſoll Mutter werden ohne Mann und Vater in neuer Strafe. Der General will dieſe Stadt nehmen; Spione wurden ausgeſendet. Man wußte, daß ich hier vekannt war, man ſchickte mich mit als Wegweiſerin, und ich nahm in ſtumpfer Schwermuth den gefährlichen Poſten an, der mich in rohe Feindeshand, der mich zum Tode führt.— Nicht das haſt Du zu fürchten! antwortete halblaut die Herzogin. Dein Leben verbürge ich. Der feindliche Führer iſt ein Ehrenmann, vor dem das ſchwangere Weib ſicher iſt. Aber ich will uns Beide ſtrafen mehr als durch den Tod. Gerungen habe ich und gejammert, aber das Leben iſt zäh und bricht nicht. Du ſollſt mein Rabe ſein, mir vorkrächzen ſollſt Du täglich die Ge⸗ ſchichte, bis das Herz ſtill ſteht und der Gram die Ner⸗ ven ſo dünn genagt, daß ſie reißen.— Und die glückliche Liebe brachte Euch keine Vergeſ⸗ ſenheit? fragte jetzt unbefangener die Schwarze. Ich hörte, Giacomo ward Herzog, und Ihr ſeid ſeine Ge⸗ mahlin.— Giulio, der Erbprinz, erzählte Madalena, mein Ver⸗ lobter, ſtarb plötzlich am Hochzeitsmorgen, ſie ſagten, am Schlagfluſſe nach einem zu kalten Bade. Giacomo, der Neffe des Alten, ward der Erbe der Herzogthums, und ich ſeine Braut, ſeine Gattin. Was Glück ſchien, vermehrte mein Unglück. Jetzt erſt fühlte ich den Ver⸗ luſt in ganzer Schwere; jetzt erſt erſchien mir die Sünde *. 31 der Verſtoßung des unſchuldigen Knaben, zu deren Theil⸗ nahme mich die Tante gezwungen, in aller ihrer Un⸗ menſchlichkeit. Ich durfte nicht erzählen davon an Gia⸗ como, ſein Jähzorn würde in zerſtörenden Vulkanen geraſet haben. Allein mußte ich den Kummer tragen, verſchlie⸗ ßen das blutende Herz, und verſiegeln den Mund der Schmerzen. Mein Gram befremdete den Herzog, meine Verſchloſſenheit war ihm Verbrechen gegen ſich. Der Himmel ſtrafte mich durch Unfruchtbarkeit; er wünſchte Erben für ſein Zepter. O, wenn er wüßte, wie wir den Erben ſeines herzoglichen Mantels hinausgeworfen in die kalte Nacht und das verſchlingende Bett des wü⸗ thenden Stromes!— Die Liebe ſtarb; das Vertrauen entfloh; die Ehe ward Hölle, und ſo ſchleppt Madalena, durch die Schuld zweier Minuten, in deren Keiner ſie mächtig war der Vernunft, und beſonnen zur Ueberle⸗ gung, eine zwanzigjährige Galeerenkette, befeuchtet von Thränen und Todesſchweiß.— Zuſammen ſank die hohe Frau in dem Lehnſeſſel, wie ein Todtenbild erſtarrend, von ihren Schleiern bedeckt wie mit dem Lailach. Betend kniete die Negerin ihr zur Seite, und gelobte ihr in ſich Treue und Troſt und Pflege, wie ſie es der Tante gehalten, welche ſie einſt von einem harten Korſaren und Zwingherrn um vieles Gold losgekauft.— Jeder hüte ſich, der Sünde auch nur ein Plätzchen zu geben in ſeinem Gemüth, ihr zu geben ein Plätzchen auch nur auf den kurzen Augenblick einer Lüſternheit. Zum ſichern, feſten Neſt macht die Sünde den geräum⸗ ten Platz, und fruchtbar, wie das Geſchlecht der Nage⸗ thiere, gebiert ſie mit jedem Neumonde eine neue Brut 32 der Finſterniß, welche zernaget und aushöhlet die Hei⸗ math, die ihr Schutz gab, und nicht ruht, bis ſie das ganze Weſen verderbt hat, welches ſie aufnahm und bet ſich duldete. Solch ein verderbtes Weſen war Herzog Giacomo, verderbt durch die Sünde und ihre wachſenden Geſchlech⸗ ter. Sinnlichkeit und Jähzorn war das Adamspaar, und aus ihnen erzeugte ſich der Neid, die Heimtücke, der Haß und die Verrätherei, die Gottesläſterung, und der reueloſe und vergebungsarme Mord.— Auf ſeinen Atlaspolſtern brütete er jetzt über neuen Verbrechen; die vorgeſchwollenen Augen verkündeten den Wolkenbruch des Zornes, die dunkle Wangenglut, das Wetter der Wuth, und der Geiſt des Verderbens be⸗ wegte das emporſtrebende Haar, brütend in dem blut⸗ vollen Gehirne. Vaſaldo ſtand vor dem Herrn, ohne Worte, ihn anhauchend wie Satan mit dem Odem der Hölle, freundlich horchend den Anſchlägen der Nacht, und wie ein ſchadenfroher Mephiſtopheles die Hand leihend zum Werke der Vernichtung. Der Herzog war aufs Aeußerſte getrieben. Stolz, Herrſchſucht und Eiferſucht ſtürmten auf ihn ein, wie viperumgürtete Erinnyen; er ſtand auf dem Gipfel, Abgrund und Dunkel vor ſich und hinter ſich; kein Licht⸗ ſtrahl zeigte Ausweg und Pfad, ſo überließ er ſich der wilden, drängenden Gewalt in ſeinem Innern, dem be⸗ ſtochenen Führer verwüſteter Sinne.— Es ſoll zu Ende! rief er aus, entſchloſſen und ge⸗ waltſam ſich erhebend; es ſoll, ehe noch dieſer Tag endet! Hänge Blut, hänge Tod an den Ketten, die mich umſchnüren, herunter ſollen ſie alle, alle, daß die neue Sonne mich ſieht ohne Schande. Drei reiche, kühne * 33 Thaten an eine Minute zu hängen, iſt ſchon verlockend als Idee; lohnend ſoll die Ausführung werden. Wenn die Mitternachtsglocke tönt vom Schloßthurme, laſſen wir das fränkiſche Kriegsvolk durch die Felſenpforte in die Burg; ihre Vorvölker reinigen heute Abend das Thal bis an die Mauer hinan; die heimliche Pforte iſt unbe⸗ kannt der Beſatzung, unbekannt dieſem ſtolzen Grafen aus Norden. Der Taubſtumme ſei das Werkzeug; er plaudert nicht, er horcht nicht; ihm gebt die Schlüſſel zum Einlaß der Retter, er führe die tapferſten Schützen des Feindes zu des Grafen Lieben Zimmer, damit Kette oder Tod den Hochmuth ſtrafe. Die Stunde, welche jene einläßt, muß uns auslaſſen, mich, Dich und die Prin⸗ zeſſin Giovanna. Wir wollen aus dem Gedräng der Gefahr. Hinter dem Heere finden wir Freiſtatt und Schirm, bis hier entſchieden iſt. Alles iſt ſo verabredet mit dem Feldherrn von drüben, dem wir unſer Land und unſere Perſon anvertrauen; der durchgeſchlüpfte Spion überbrachte uns ſo eben das Schreiben von ihm.— Und die Frau Herzogin? fragte Vaſaldo lauernd. Düſtere Wolken überzogen Giacomo's Stirn. Leiſer und dumpfhallend kamen die Worte aus den verbiſſenen Lip⸗ pen. Die Herzogin iſt plötzlich verſchwunden, verſtorben! ſagte er. Auf der Flucht verloren gegangen, wie die Kreuſa des Aeneas! Der Zufall mag die Ausſage ge⸗ bären, und unſere Zeit, voll des Ungewöhnlichen und Grauſigen, wird um ein verloren Weib nicht forſchen. Hier bleiben ſoll ſie. Wo ſie mit dem Tode ſpielte, ſoll ſie unerwartet ihn finden. Laſſet das ſchwarze Gewölbe aufſchließen und lüften! Sabald es völlig Nacht iſt, werde ich ſelbſt die ferneren Befehle geben, und ſelbſt dabei ſein.— Blumenhagen, V. 3 34 Er winkte, und der Günſtling empfahl ſich. In ſich verſinkend, in Träume von künftigem Glücke ſich bergend, plieb der Herzog liegen auf der Ottomane und ſättigte ſein Herz an dem Vordufte der köſtlichſten Genüſſe. Auch dem Laſter nahet ſich der liebliche Traum, aber er iſt ihm ein duftiger Blumenſtrauß, in deſſen Verſteck Gift⸗ frucht und Schlange verborgen liegen, als Strafe und Henker der ſinnlichen Lüſte; neben dem träumenden Sünder 2 * ſteht ſchon der ſchadenfrohe Dämon, die Hand am Vor⸗ t hange, ihn wegzureißen mitten in der Culmination ſeiner 7 . Täuſchung.— Vor dem Saale des Kriegsgerichts ſtanden indeſſen( die zitternden Gefangenen, von Wachen umringt, den Tod vor Augen, und ſeine Qualen voraus leſend in den( kalten, verächtlichen Mienen der Nordländer, deren fremde 1 Laute wie lauter Schreckensflüche ihre Ohren quälten. d Unter ihnen war auch Dominika, die Mohrin.— Die Verhöre waren geſchloſſen, man wartete nur noch auf v den Feldherrn, der die Sprüche veſtätigen mußte; und jetzt kam dieſer im Kriegerſchmuck, blank und klingend in 1 Waffen, durch die Gallerie herangeſchritten. ſ War das der General? fragte das Negerweib, als 1 1 Alexiew vorbeigeſchritten, bewegt und zitternd mehr als b alle die andern Todesgänger. War er das, dieſer jungs, . ſchwarze Mann mit der goldenen Kette am Halſe?— it Warum frägſt Du ſo beſonders, du Nachtrabe? ent⸗ 2 gegnete der Liefländer, welcher die Wache befehligte. Ja, Er war es, unſer Stolz, euer Verderben!— ynd die Kette iſt ein Ordenszeichen, oder—2 fragte 2 ſie weiter.—— — 35 Was weiß ich's, du neugierig Nachtkind, antwortete der Schützenhauptmann unwirſch. Ein ruſſiſcher Orden iſt es nicht; vielleicht eine Ehrengabe eines fremden Ho⸗ fes, oder ein Beuteſchmuck aus dem Türkenkriege.— Die Mohrin ſchwieg, in Gedanken verfallend. Die Gefangenen wurden hereingefordert. Um die lange Tafel ſaßen Ehrenmänner aller Waffenarten, ſtill und ernſt. Alexiew von Lieben thronte in der Mitte, einen Brief der Herzogin leſend. Der Urtheilsſpruch erklang; Tod rief er Allen, nur dem ſchwarzen Weibe Begnadigung auf hohe Fürbitte. Wie Poſaunenruf am jüngſten Ge⸗ richt wirken wird auf die Millionen erſtandener Sünder, ſo ſah man hier Laokvonsgruppen ſich formen durch den Gewaltſpruch, Entſetzen ausſprechend und Erſtarrung des höchſten Schreckens. Nur hie und da tönte ein leichter Schrei, wie die Kriegsleute jetzt die Bande feſter ſchnür⸗ ten, und die Verurtheilten herumſtießen zum Eingange, der ihnen Todespforte wurde. Die Mohrin ſtand allein, und beugte ſich jetzt tief vor dem General, welcher ihr näher trat, und ihre Hand nahm. Du wareſt früher im Dienſte des herzoglichen Hauſes, ſo trieb Dich wohl nur die Liebe für dieſes zu dem heil⸗ loſen Geſchäfte, ſprach er gütig. Du biſt frei, und bleibſt im Schloſſe. Die Herzogin bürgt für Dichz das ſei Dir die engſte Kette, wenn eine Menſchenſeele Dir in ſchwarzer Hülle wohnt, und der Undank nicht Deine Luſt iſt.— Unverwandter, feſtgebannter ſtets hatte das Weib den Redenden angeblickt, und gleichſam ſeine Tönn eingeſogen. Was ſtarrſt Du mich ſo an? fragte er drum.— Eine Aehnlichkeit, groß und wunderbar! lallte ſie. Und Eure Güade gegen mich! ſetzte ſie ſchnell hinzu. So ſelten Lon den Nordländern geglaubt!— Ich bin kein Nordländer, antwortete Alexiew finſter; Italien iſt mein Vaterland.— Italien! jauchzte die Mohrin, und glühend haftete ihr Auge auf der blitzenden Halskette. Verwundert ſchaute auf das verzückte Weib der Graf; doch ſie beſann ſich ſchnell, und löſete aus den Fiſchbeinſtäben ihres Bruſtmieders ein feines Papier, und reichte dieſes dem erſtaunten Manne. Mein Leben gabt Ihr neu, ſagte ſie; vielleicht kann dieſes eine Gabe des Dankes ſein, die Werth hat, und zugleich ein Zeichen meiner Redlichkeit und Beſſerung aufſtellt.— Der General erſchrack und erſtaunte zugleich. Das Brieflein enthielt die genaueſte Beſtimmung der nächt⸗ lichen Verrätherei, enthielt die Verſicherung vom Mit⸗ wiſſen des Herzogs, enthielt das Lob ſeiner Geſinnungen und den Rath zum Morde der Führer in der Burg durch die Hellebardiere der Garde, als eine Nachäffung vom Mordanſchlag des treuloſen Deverour auf des ſchlum⸗ mernden Wallenſteins Heldenherz.— Weib, Du haſt wacker bezahlt! rief der Graf aus, und Du ſollſt nicht ohne Lohn bleiben. Schouvalof und Potocki.— Die beiden Adjutanten ſprangen herzu.— Führt dieſe Frau in meine Zimmer, und ſorget, daß Riemand ſich ihr nähere.— Wie? fragte Dominika ängſtlich. Schickt mich lieber zu der Frau Herzogin. Recht bald muß ich reden mit der, und gewiß wird auch Euch erfreulich ſein, Gnädig⸗ ſter, was ich von ihr als Botin Euch nlang darf.— —.——————————— — te rt in es nn nd ng s it⸗ gen rch om m⸗ us, und daß eber mit idig⸗ ngen 37 Du könnteſt Recht haben, lächelte Aleriew; auch ich hoffe auf ſo etwas.— So wißt Ihr ſchon? ſtaunte die Schwarze.— Nichts vislang, fiel der Graf ein. Doch hoffe ich auf Vieles noch heute. Horch! die Geſchütze im Thale werden laut, und ſchwere Kugeln ſchlagen gegen den Grundfels der Burg. Du bleibſt bewacht zu Deiner eigenen Sicherheit, vis ich Alles vorbereitet. Dein erſter Gang ſei dann zur Herzogin.— Dominika ward fortgeſchickt. Dann ſammelte der General ſeine Helden um ſich. Sein Plan war bald entworfen, und eben ſo bald waren die Rollen vertheilt. Herauf in die Stadt aus dem Thale zog ſich in nächſter Stunde alle Mannſchaft, und machte den Kohorten der feindlichen Vorhut Platz; nur von den Wällen herab begrüßten einzelne Todesboten donnernd von Zeit zu Zeit die der Mauer näher rückenden Heerhaufen. Aber drinnen in der Stadt ſammelten ſich ſtill an den Thoren die Schützen und Grenadiere; auf den Hauptplätzen ritt die Reiterei auf, in dichte Züge geordnet; ein ungeordnet Gedräng von Koſaken und andern Aſiaten füllte die ver⸗ deckte Gaſſe zum Thalthore; dicht an dieſe reihete ſich ein Zug leichten Geſchützes, wohlbeſpannt und von em⸗ ſigen Kanonieren bedient, und überall blinkten im letzten Strahle des ſinkenden Taggeſtirns Waffen, Schwerter und Helme. So kam die Nacht. Auf dem Flügel, wo die fürſt⸗ liche Familie wohnte, war tiefe Stille; man ſchien früher als ſonſt die Ruhe geſucht zu haben. Gegenüber, im Flügel des Generals, ging es gleich heimlich zu, doch die Heimlichkeit trug das Leben der wilden Gewalt im Schvoße, wie das todte Grab der Mine des ſchwarzen Mönches ſchmetternde Zerſtörung. Der Oberſtlieutenant Schouvalof führte die Leibgre⸗ nadiere mit der Haltung eines Leichenmarſches in die Souterrains, und Hauptmann Potocki beſetzte mit einem Haufen abgeſeſſener Panzermänner die Gallerien, welche zu den Gemächern des Generals führten. Schwarz hing die Nacht herab; Wetter zuckten am Horizonte; ihr rother Schein in den Fenſtern war wie Licht einer Feuersbrunſt draußen, und die Grabesſtille dabei goß des kommenden Verderbens Ahnung mit noch bangerem Schauder in das Menſchenherz. Ein bunter Teppich iſt das Menſchenleben. In wun⸗ verbaren Schattirungen durchſpielen ſich die Farben dar⸗ auf, und ſeltſame Züge und Geſtalten flechten ſich durch einander darauf, ſo daß dem menſchlichen Auge die Be⸗ deutung verloren geht, und nur wenige der Hieroglyphen ihm lesbar werden mögen, und ſeinem innern Sinne während der kurzen Wanderſchaft verſtändlich. Und wohl dem Menſchen drum!— Wenn er der Stunden Geſchick vorher zu erforſchen vermöchte aus dem Stande der Ge⸗ ſtirne und aus dem Begegnen der Monde und Sonnen; wenn er es zu erläutern vermöchte aus dem Vögelfluge und dem Erſcheinen der Meteore: wo wäre ein Ruheplatz, wo ein Friede für ihn auf der Erde, auf welcher dicht neben der Wiege der Sarg ſteht, und das Hochzeithaus zwei Schritte vom Gottesacker; wo der Raubmord geht mit der Tugend auf einer Straße; wo Weizenacker und Roſenflur morgen Schlachtfeld wird, und wo der Kaiſer von heute morgen ein Flüchtling iſt auf fremder Grenze und an fremder Schwelle!— Danket dem Weltgeiſte, 1— — 1 1 —— S e S S.— 1 —+— 2 5 39 ihr Millionen Erdgeborner, für den Leichtſinn in euren Herzen, der die Täuſchung hochhält, und den Augenblick gleich einer Ewigkeit ſchätzt!— Auch der kluge Aleriew huldigte der Erdengöttin, der Selbſttäuſchung; auch er zwang ſich, zu vergeſſen, in welcher Stunde er ſtand und auf welcher Gletſcherſpitze des Daſeins; den Schleier der Leidenſchaft warf er über des Verſtandes warnende Prophetenbilder; mit dem Muth⸗ willen des Tyrannen wollte er glücklich ſein dicht an der Pforte des Unglücks. So führte er kurz vor Mitternacht den alten, weißhaarigen Oberſten Golowkin, den Chef der Artillerie, den er als Vatersfreund und Waffen⸗ meiſter ehrte, durch die nur ſchwach erleuchteten Corri⸗ dors zu der Kirche. Staunend ſah der Greis, der nur den beſtellten Ausfall und das Gefecht im Sinne trug, die hohe Flügelpforte vor ſich aufgehen, ſtaunend ſah er den Popen im ſchwarzen Feierkleide mit der ſilberblanken Stola am Altare ſtehen, auf welchem die Kerzen brann⸗ ten, und auf deſſen Stufen eine fromme Jungfrau kniete im weißen Atlaskleide und der Myrtenkrone, und leiſe bekreuzigte ſich der alte, gottesfürchtige Kriegesheld und ſprach den Namen des Herrn, um ſo den Zauber, den er vor ſich glaubte, zu zerſtören. Oft ſchon habt Ihr mir Vatersſtelle vertreten, Go⸗ lowkin, ſagte Alexiew voll Ernſt und Innigkeit, ſo will ich auch den ernſteſten Schritt des Lebens nicht ohne Euch thun. Die, welche dort kniet, iſt Giovanna, des Her⸗ zogs Nichte; in zwei Minuten wird ſie mein Weib ſein. Fraget nicht, Vater! Schauet zu als Zeuge vor der Welt, und betet. Der Himmel wird dann Segen ſenden zum Werke, was auf ſchwankem Boden ſich erhebt, zu einer That, die der Drang der Umſtände erzwang; j — 4 8 S„ ————— 40 zu einem Liebesbunde, der, wie der Regenbogen, mitten im Unwetter ſteht.— Der Herr iſt überall dabei! ſprach leiſe und mit dem Kopfe nickend der alte Soldat, und faltete andächtig die rauhen Hände. Alexiew trat zum Altare, und der Pope begann ſeinen Spruch. Das weiße Tuch ward nach ruſ⸗ ſiſcher Sitte um die verſchlungenen Arme der Brautleute geknüpft, und Gnade und Segen verhieß der melodiſch⸗ fingende Prieſtermund. Sanft und unter zärtlicher Zuſprache führte jetzt der Graf die zitternde Dame in das Schiff der Kirche herab, und ſtellte ſie dem Oberſten vor.— An den Poſten nun, General Papa! ſetzte er dann lächelnd hinzu; ich herze nur ein Viertelſtündchen noch das junge Weib, dann bin ich auch dabei!— Giovanna's Hand zuckte krampfhaft in des Mannes Hand, als er ſo ſprach, und wie der Greis ſie verlaſſen hatte, warf ſie ſich ftürmiſch an ſein Herz, und umſchlang feſt ſeinen Hals. Ich bin nun Dein, Alexiew! ſagte ſie heftig. Dein bin ich allein in der ganzen unermeßlichen Welt! Seit ich Dich liebte, verlor ich mein Selbſt; Du warſt meine Vernunft, mein Gefühl und Gedanke, meine Richtſchnur, mein Ziel. Bedenke das, wo Du auch ſtehen magſt, ob in meinen Armen, ob fern draußen. Ein Menſchenweſen iſt Nichts ohne Dich, und geht mit Dir unter.— Der Graf küßte der jungen Gattin die volle Thrä⸗ nenperle vom herrlichen Auge. Meinſt Du, ich ſei ein Thor, antwortete er ſcherzend, der ſtoiſch am Paradieſe und der Göttertafel vorüberſchritte, und in der Entbeh⸗ rung einen Geckenruhm ſuchte, und im Strohkranze eine ſpielende Herrlichkeit?— Nein, meine Giovanna! Ich * „ 41 weiß, was ich empfing in Dir und durch Dich, und mein Leben iſt mir unbezahlbar geworden, und meine Zukunft mir ein Fruchtfeld, deſſen Blüten ſchon jetzt die Ueberſchwänglichkeit verſprechen. Sorge nicht um mich! Der Gedanke an Dich iſt mein Schwertgenoß von jetzt an, mein Zeltgenoß von jetzt an. Sicherer ſtehſt Du nun im Leben. Graf Liebens Ehefrau iſt ein Heiligthum, unverletzlich hier wie dort; wo Rußlands Farben wehen, findeſt Du Beſchützer und Freunde.— Was ſollen ſie der Liebenden, wenn ihr der Einzige fehlt? Für die Liebe gibt es nur Eines; die Welt zer⸗ geht für ſie in Trümmern, auf welchen dieſes Götterbild prangt; Reiz und Abſcheu, Freude und Gram, Luſt und Schmerz, Himmel und Hölle ſchmelzen zuſammen in der Liebe für den Einen!— O, laß mich lieber mit Dir ziehen durch Regenguß, Sand, Hitze und Felſenkluft; mit Dir ziehen zu Roß im Wamms und Mantel, als Dein Leibbub; denn gehſt Du von mir, iſt doch nur Nacht und Fegefeuer um mich und in mir.— Aleriew legte ſich die Hand bedeutungsvoll auf die preite Bruſt, und erhob ſie dann gegen den Himmel. Hier vertraue! vertraue dort! ſagte er. Der Menſch kann dem Schickſale ſtehen, das iſt ſein herrliches Erb⸗ theil vom Vater droben. Wenn er ſich ſelbſt getreu bleibt, zwingt ihn nichts, keine Fauſt, keine Kette, keine Kerkerwand. Nur der Geiſtigſtarke, nur der Entſchloſſene, nur der Freie iſt ein König auf Erden.— Der Ring unſers Lebens iſt geſchloſſen; Du biſt mein, ich bin Dein; darin liegt der Zauber, welcher unſer Schickſal bewacht und zwingt. Mögen ſie nehmen, was ſie wollen, hier find wir unantaſtbar, und dieſes kühne, entſchloſſene Hexz⸗ dieſer ungebeugte Männerarm iſt Dein Schirm, bis ein 42 Höherer, dem kein Sterblicher zu ſtehen vermag, jenes bricht und dieſen bezwingt.— Lange hielten ſie ſich inniglich umfangen, da ftörte ſie raſcher Tritte nahend Geräuſch, und athemlos ſtürzte der taubſtumme Luca herbei, und fiel vor dem Grafen auf das Marmorpflaſter nieder. Seine Geberden wech⸗ ſelten wie Chamäleonsfarben, ſeine Glieder alle geſtiku⸗ lirten, und Finger und Arme und Lippen machten un⸗ zählige Zeichen, wobei er zugleich ſeltſame, krächzende Jammertöne ausſtieß. Giovanna beachtete genau ſeine Bewegungen, und wurde immer ängſtlicher. Rette, Geliebter! rief ſie dann auf einmal; rette! Der Herzogin droht die höchſte Gefahr. Sie iſt über⸗ fallen, gebunden von Verkappten, wenn ich den Unglück⸗ lichen da vor uns recht verſtanden, und er fürchtet, es ſind Mörder, die ſie fortſchleppen. Der Herzog ſelbſt— ſie verbarg ihr Geſicht, ohne fortzufahren. Alexiew drückte heftig ihre Hand, ergriff den Taubſtummen, riß ihn ſchnell auf vom Boden, und verließ, ihn vor ſich hertreibend, eiligſt die Kirche. Hat die Natur des Grauſenvollen nicht genug? Muß auch der Menſch mit angeſtrengter Phantaſie Martern erdenken und Qualörter ſchaffen für ſein Geſchlecht? Kann er mit teufliſcher Klugheit miſchen des Tigers Zahn und der Horniſſe Stich, der Viper Gift und des Elephas zermalmenden Tritt, der Krankheit krampſicht Gliederzerren und des freſſenden Todes Pein, den Froſt der Winternacht und afiatiſcher Wüſte Durſt; kann er alles dieſes Schrecklichſte miſchen mit kannibaliſchem Hohne, ſeinen Haß zu füttern und ſeine Rachgier zu 43 letzen am Geſchöpf, das Menſch heißt, wie Er?— O⸗ Geiſt über den Welten, der Du Richter ſein wirſt! Wenn Du nicht unermeßlich wäreſt in Allem und in Deiner ganzen Weſenheit, wie würdeſt Du Grade der Buße ausfindig machen können für die Stufen menſchlicher Vergehungen, von der momentanen Sünde der Leidenſchaft an bis zu den bedachten Satanslüſten der höchſten Ver⸗ worfenheit?— Oder biſt Du Barmherzigkeit überall und bedarfſt Du des Sünders und der Sünde in Deiner Geiſterökonomie, wie Deine Erdſchöpfung bedarf des Geiers und des Schakals, als gierige Verzehrer des Abwurfs und Reiniger Deiner Gefilde?—— Auf breiten, hohlklingenden Steintreppen, deren Ei⸗ ſengeländer ſich hinabwanden durch feuchte, ſchwarze Gewölbe, ſtieg Herzog Giacomo in den Schvoß ſeiner Felſen hinunter. Nur der Kaſtellan, ein kahlhäuptiger, alter Knecht des Schloſſes, leuchtete ihm vor, eine roth⸗ ſchimmernde Fackel in der Rechten, ein mächtiges Schlüſ⸗ ſelbund tragend in der linken Hand. Lange Kreuzgänge dehnten ſich vor ihnen aus. Sie bogen ein in den dü⸗ ſterſten derſelben, und beſondere, halbverfallene Monu⸗ mente an den Wänden feſſelten des Fürſten Auge. Was ſagt dieſe verloſchene Schrift? fragte er halb⸗ laut, denn die Stimme klang grauenvoll von den Ge⸗ wölben wieder. Es ſind Gedächtnißtafeln der Hingerichteten, oder in dieſen Kerkern Verſtorbenen, antwortete der alte Führer. Die hat kein Morgenlicht beſchienen auf der Bahre und kein Prieſterſegen begleitet in das letzte Haus.— Der Herzog wickelte ſich dichter in den weißen Man⸗ tel, und ſchritt weiter. Mehre der kleinen Eiſenthüren zur Seite des Ganges ſtanden auf und zeigten das enge 3 13 2 — 44 Grab, welches ſie verſchloſſen gehalten. Aus einem der⸗ ſelben blinkte ein weißes Skelett gegen das Fackelnlicht heraus; Ketten hielten noch die morſchen Reſte umwickelt. Das iſt der famöſe Stallmeiſter von Como, ſagte der Kaſtellan gleichgültig, welcher mit der Frau Urgroß⸗ mutter ein Geſchichtlein gehabt haben ſoll, und auf Be⸗ fehl des Herrn Urgroßvaters hier eingezwängt ſaß. Beim Anmarſch eines Feindesheeres flüchtete damals der Hof;z man hatte den Stallmeiſter vergeſſen, und ſo war er in ſeinem kleinen Kabinette verhungert.— Seit lange hat's hier doch keine Geſellſchaft gegeben? entgegnete der Herzog dem eiskalten Erzähler.— Zu meiner Zeit nur Einen, antwortete der Alte. Es war ein fremder Staatsrath, der auf Anſuchen einer auswär⸗ tigen Macht hier Logis bekam, doch bald von Gichtern lahm und zuſammengekrümmt lag, und am Zehrfieber ſtarb. Er wohnte höher hinauf in der vordern Kammer.— Sie gelangten jetzt an eine ſtark beſchlagene Flügel⸗ thüre; die Schlöſſer kreiſchten von Roſt; die langen Sperrbalken raſſelten ſchwer bei dem Oeffnen, und eine weite Halle goß dumpfige, erſtickende Dünſte den Ein⸗ tretenden entgegen.— Wir ſind zur Stelle, ſprach der Kaſtellan. Dieſe Halle iſt der Saal der zärtlichen Jung⸗ frau.— Ein ſchwarzes Pfeilergewölbe dehnte ſich weit umher. Selbſt die Decken waren im Schmutz grau geworden; ein Uhu ſchoß an den Männern hin, und ſah nachher mit glühenden Augen vom höchſten Pfeilergeſims auf ſie herunter, jeden ihrer Schritte verfolgend. An den Wän⸗ den waren Niſchen, halb bedeckt von vermoderten Vor⸗ hängen; Marterwerkzeuge aller Art hingen drin, Schrau⸗ ben und Leitern, Zangen und Geißel. —— ðee 45 Zum obern Ende des Saales führte zuerſt den Herzog der Kaſtellan, und ſchürte die Fackel, daß ſie heller Licht gab. Ein großes Muttergottesbild, von Holz geſchnitzt, mit der Krone auf dem Haupte und mit grellen Farben bemalt, ſtand mit ausgebreiteten Armen an der Wand. Laß es ſein Kunſtſtück machen! befahl der Herzog, und der Kaſtellan ergriff ein altes Polſter, welches an der Erde lag, und drückte es dem Weibesbilde an die üppig geſchnitzte Bruſt, indem er zugleich auf eine höl⸗ zerne Stufe trat, die ſich dicht vor der Statue erhob. Und ein Geraſſel ward laut, wie von ſchweren Rädern und knatternden Stahlfedern, und raſch, in einem Schwunge, ſchloß die Geſtalt die Arme und drückte das Polſter feſt und zärtlich an ſich. Und wiederum löſete der Kaſtellan den Mechanismus, und zeigte nun dem Fürſten mit triumphirender Henkersmiene die verborgenen Schwertklingen in den Armen und die Dolchſpitzen auf der Weiberbruſt; zeigte ihm ihre Wirkung durch Schnitte und Stich am zerlöcherten Polſter; zeigte ihm die Fall⸗ thüre, welche ſpäter dicht vor der zärtlichen Jungfrau die Liebhaber aufnahm und ewig begrub, welche zu ſol⸗ chem Kuſſe verdammt worden.— Und wo gähnt das Verließ? fragte mit Schauder ſich wendend der Herzog. An das entgegengeſetzte Ende führte ihn der kahlköpfige Alte. Er löſete einen Riegel, und eine große Steintafel des Bodens verſchwand, und ein ſchwarzes, unergründliches Grab that ſich auf. Rund an ſeinen Rändern, bis tief hinein, zeigte die Fackel Säbelſpitzen und Eiſenhaken, und ganz drunten rauſchte unterirdiſch Waſſer. Ein koloſſales Crucifix prangte zur Seite.— Da drinnen bleibt kein Gebein ganz, ſprach der 46 Cicerone froſtig kalt, und die Trümmer führt der ver⸗ borgene Strom dem Meere zu. Doch die Seele darf ſich zuvor erretten durch ein Gebet, und erquicken durch einen Gnadenblick des Gekreuzigten. Die alten Herren waren gar fein und fromm, wenn auch geſtrenge.— In Gedanken vertieft blieb der Herzog ſtehen am Schlunde und ſtarrte hinab. Ein Froſt warf ſeine Glieder zuſammen. Er wandte ſich und ſchüttelte wortlos däs Haupt. Der Engel der Warnung berührte ihn mit dem weißen Flügel, doch ſein umhärtet Herz empfand den Himmelsfittig kaum und verſchmähte die Mahnung.— Hinunter, Mitleid! rief er in ſich hinein, mit ge⸗ vallter Fauſt die eigene Bruſt packend und quetſchend. Hinunter, du Ammenwahn und Mährchen thörichter Kin⸗ derzeit! Sie iſt eine Schuldige, eine in Sünden Ver⸗ ſtockte. Mein Leben oder das ihrige liegt in der Wag⸗ ſchale; mein Glück und ihr Verderben ſind an eine Minute gekettet. Nur um ſein Selbſt willen ſteht der Menſch in einer feindlichen Welt; er muß zerſtören, will er beſitzen. Dieſe Philoſophie lehrt kein Schwärmer, kein Heiliger ſeinem Geſchlechte, aber das Leben ſelbſt ver⸗ kündet ſie dem Einzelnen, und das ſchmerzliche Lehrgeld der im Leben empfangenen Wunden erinnert, in beißenden Narben an die Wahrhaftigkeit dieſer Lehre. Giacomo, zwinge die Schwäche der ſchlaffen Gewohnheit; Auge, ſei Baſilisk; Herz, ſei Urgranit! Jenſeits dieſer Minute vlühet ein Paradies, und drinnen lächelt Giovanna, wie Titians Danae, dich erwartend.— Ein Gemurmel zog die Gänge herab; der Herzog trat ihm entgegen. Vermummte trugen die Herzogin heran; ihr Geſicht war mit einem dichten Schleier umwickelt; mehre Hellebardiere folgten. Die Halbohnmächtige wurde — 47 von dem Herzog auf den Boden gelaſſen, und ihr das Geſicht enthüllt. Sie erhob ſich auf den Knieen. Um der Mutter Gottes willen! rief ſie, erſtaunt auf den Herzog, dann erſchreckt auf die Umgebung blickend. Wo bin ich, und was ſoll ich hier?— Sterben! antwortete mit tiefer Stimme der Herzog, mit ſtarren Augen und in den Mantel gewickelter Geſtalt ihr gegenüber ſtehend.— Sterben? lallte ſie mit ſchwindelnden Sinnen. Was that ich denn?— Ihr ſeid ein lebendig Gebetbuch, entgegnete der Mann des Verbrechens, den tiefen Spott der Hölle auf dem ganzen Geſichte. So wählt denn jetzt das Kürzeſte, daß ſich Euch recht bald der erbetete Himmel öffnet.— Aber warum ſterben? wimmerte die gebeugte Frau. Ohne Beichte ſterben und ohne das Gnadenmahl! Wem that ich denn Weh im Leben? Mir, mir allein hab' ich geſündigt. Mich allein hab' ich gequält, mich allein beraubt und geplündert.— Näher trat ihr Giacomo, und eine Glut, wie des Veſuvs Schein, wenn er zu werfen beginnt, flog an ſein hager Geſicht.— Dein böſes Gewiſſen, deutlich gezeichnet auf das Sündergeſicht, iſt Dein Ankläger, Dein Zeuge, Dein Gericht. Verbrecheriſcher Neigung, des Ehebruchs, der Erinnerung an vergangene, liebe Sünde ohne Reue klag' ich Dich an! Du biſt meinem Leben Gift, biſt ein Sirocco, welcher mich langſam auszehrt. Drum tödte ich Dich in Selbſtwehr, da es noch Zeit iſt, mein Da⸗ ſein zu retten.— Erbarmer da droben! jammerte ſie. Zeuge Du für mich!— Mann des Schreckens, was ſprachſt Du? Auf Dich zurück fällt Deiner Klage Lügenwort. Doch höre!— 18 . † 1 62 3 8 6 3 * Sie erhob ſich vom Boden, und den Kopf vorgebeugt, mit geſenktem Antlitze ſagte ſie halblaut: Was ich be⸗ weine, ſollteſt Du mit beweinen. Ich beweine ein Kind meines Herzens, eine Blüte unſerer fündigen Liebe, die der Vorſehung vorgriff. Ich beweine mein und Dein Kind. Und Du wrillſt die troſtloſe Mutter lebendig be⸗ graben?— Der Herzog gaffte ſie mit des Wahnſinnes Blicken an. Dann wurde plötzlich jedes Glied an ihm lebendig. Eine Wuth ohne Gleichen malte ſich in die Verzerrun⸗ gen des Mundes und dem Rollen der blitzenden Augen. Weib! rief er. Alſo das Deine Reue, Deine Un⸗ ruhe, Deine Buße? Ein verheimlichter Baſtard! Eine gemordete Sündenbrut! Ein betrogener Liebhaber und Gatte! Ha! Befleckter Fürſtenmantel, geſchändete Krone, was rächte Dich genugſam? Fahre hin, Mitleid! Hin, du letztes Gefühl! Hinab mit ihr! Ein Blick auf den gekreuzigten Gott iſt genug der Gnade für ſie.— Wild ergriff der Unmenſch das zagende, vor ſeinem Zornwort vergehende Weib; mit grimmer Gewalt ſchleu⸗ derte er ſie den verkappten Knechten ſeiner Thrannei in die Arme, und ohne Erbarmung ſchleppte man das wehrloſe Opfer zu dem ſchrecklichgähnenden Abgrunde. Da klirrten durch die Nacht Waffen, und Männer⸗ ſchritte dröhnten in den hohlen Felsgängen. Der Herzog horchte. Auf flog die angelehnte Pforte. Alexiew von Lieben trat athemlos ein, nur von dem Hauptmann Po⸗ tocki begleitet. Zur Seite zogen ſich die Hellebardiere auf einen Haufen zuſammen, und die Vermummten legten erſchreckt ihre Bürde nieder. Mit einem ſchnellen, flammenden Adlersblicke die grauſe Halle überfliegend, fuhr der junge Held auf den Fürſten ein, und faßte ihn 8 n re n. d, 49 heſtig am Arme.— Herzog, ſagte er knirſchend im Zorn, Ihr wollt Euch verderben. Als Feindesfreund fordert ihr den Krieger, als Tyrann und Meuchler den Menſchen auf gegen Euch. Was wollt Ihr hier begin⸗ nen, was an ſolchem Orte, zu ſolcher Zeit?— Frech ſah Giacomo in des Feindes Auge. Ich halte hier Hausgericht nach meiner Ahnen Weiſe, antwortete er höhniſch; und nur der freche Unſinn kann ſich ein Recht nehmen, ſtörend in ſolche ſchmerzliche und verbor⸗ gene Stunde zu treten.— Die Herzogin? fragte Alexiew mit wachſender Hef⸗ tigkeit. Stirbt der Verbrecher Tod! fiel der Herzog ihm ſtreng in die Rede. Nein! Nein! Nimmer! ſchrie mit geſteigertem, wilden Accente Graf Lieben, ließ den Bar⸗ baren loß, flog zu der ohnmächtigen Frau, und hob ſie hoch empor in ſeinen Armen, mit dem Leibe ſie ſchützend und die Vermummten von ihr drängend. Giacomo winkteʒ das Dutzend der Hellebardiere ſenkte die ſcharfen Eiſen, und in der Italiener rothbraunen Geſichtern flammte die freudige Luſt, ihre Mordſtähle zu tränken mit dem Blute des verhaßten Ausländers. Schon regten ſie ſich zum Anlaufe auf den General, da ergriff der baum⸗ ſtarke Potocki den Herzog um den Leib, und ſchleppte ihn ſchnell zu dem offenen Verließe.— Haltet! rief ſeine Stentorſtimme mit Mark erſchüttern⸗ der Gewalt. Ein Schritt vorwärts von euch, und euer Herzog ſtürzt hinab in die Nacht dieſes Abgrundes!— Der Herzog rief und winkte zurück, wie eine Schlange ſich windend in den Armen des Herkules. Die Leib⸗ wächter zagten und zogen die Waffen an, und indem donnerte Sturmſchritt draußen und Kriegesruf, und her⸗ ein drangen die Küraſſiere, den Taubſtummen als Weg⸗ Blumenhagen. v.* weiſer an der Spitze ihrer Kolonne, von Liebens Befehl zur Nachfolge herbeigezogen. Vor den blanken Schwer⸗ tern ſplitterten und ſanken die Speere; Potocki riß dem Herzoge den Degen von der Seite, indeß mit Luca's Beiſtande Alexiew die ohnmächtige Herzogin in einen der alten halbvermoderten Lehnſeſſel legte. Eine tiefe Stille folgte auf die geräuſchvolle Minute. In des Gewölbes Mitte trat dann der General und maß die zitternden Sünder. Die Werkzeuge der Strafe hin⸗ gen an jedem Pfeiler und in jeder Niſche; die Augen der Seinigen warteten nur auf Befehl; winken durfte nur ſeine Hand. Aber ſeine Blicke zogen ſich zurück von den Werkzeugen der Unmenſchlichkeit.— Hauptmann, ſprach er düſtern Auges und dumpfer Stimme, der Herzog iſt Euer Arreſtant; führet ihn auf ſein Zimmer! Seine Truppen alle werden ſofort ent⸗ waffnet, und die hier gefundenen laßt in die Gefängniſſe der Galeerenſtlaven werfen. Durch den Lärm war Hofgeſinde herangelockt worden. Wehklagend umgaben die Leute ihre Herzogin, die zum Leben erwacht war, und nahmen ſich ſchluchzend und in Verwünſchungen ausbrechend ihrer an. Langſam wurde das ſchwarze Gewölbe leer. Zuletzt folgte zähneknir⸗ ſchend der entwaffnete Herzog dem Hauptmanne, deſſen feſtes Auge jede ſeiner Bewegungen und Winke bewachte, und deſſen Männerſchritt ſich dicht an die Seite ſeiner flüchtigen Sohle heftete. Der Friede, die Eintracht, und Beider freundliches Kind, das Vertrauen, ſind Bürger des Himmels; wo die Hölle herrſcht, wohnen ſie nimmer, und Zwietracht und Verrath niſten in den Schierlingstiefen, welche der er 51 Hauch des Laſters ſchwängert mit Giftſaat und das Le⸗ ben verpeſtetem Doldenduft. Selten haben die Teufel auf Erden ſich den Bund gehalten und das Schwurwort des Sündenvertrags; nimmer traut der Verbrecher dem Mitmanne; denn wo fände ſich die Bürgſchaft und das Pfand im Weſen der Verworfenen?— Kaum war Graf Lieben auf ſeinem Zimmer ange⸗ langt, ſo meldete der Führer ſeiner Panzermänner ſchon einen der Vermummten, welcher dringend den Feldherrn zu ſprechen verlangt und wichtige Eröffnungen zu geben verſprochen hatte. Eingelaſſen wurde der Gefangene, und in dem dunklen Maskeradenkleide zeigte ſich Ritter Vaſaldo, der Günſtling des gedemüthigten Herzogs.— Wie der Igel in ſich zuſammengerollt, näherte ſich der Mann der Angſt; ſein Geſicht hatte Leben bekommen, Mund und Augenlieder zuckten unaufhörlich. Seine Blicke ſuchten den Boden, nur zuweilen ſchoß eine Irrlichts⸗ flamme aus ihnen hinauf zu dem ſtarr vor ihm ſtehen⸗ den Kriegesmanne, wie ein Spion und furchtſamer Aus⸗ forſcher ſeiner Gemüthsſtimmung. Nun was wird's, fragte endlich Alexiew ungeduldig.— Ihr ſeid ſehr erzürnt, mein General! begann zu⸗ ſammenſchreckend und ſich ermannend zugleich von dem Stoßworte der Ritter, und das mit Recht. Euer Schick⸗ ſal hat Euch in ein Fürſtenſchloß geführt, wo die Wände von Blutthat erzählen, und der Eſtrich Seufzer der Ge⸗ mordeten nachſtöhnt. Ich kenne die Geſchichte des Hau⸗ ſes, und trat nur mit Schauder in ſeine Dienſte.— Und was ſoll das jetzt, und hier? fragte unmuthig der Graf.— Es iſt der Eingang meiner Vertheidigung, damit Ihr nicht das ſchuldloſe Werkzeug zugleich mit dem S ſchuldigen Willen verdammt; entgegnete Vaſaldo demüthig. Herzog Giacomo iſt ein furchtbarer Herr. Sein Jäh⸗ zorn iſt Windsbraut; ſeine Rache iſt Wetterſtrahl. Er kennt nur ein Geſetz, ſeine Luſt. Wer ihm unterthan wurde, iſt ein ſtummer, willenloſer Diener ſeiner Leiden⸗ ſchaften. Auch er gelangte durch Blutſchuld zum Her⸗ zogshute, wie ſchon mehre ſeiner Vorfahren. Einer ver⸗ armten Nebenlinie entſprungen, lebte er nur von der Gnade des alten Herzogs an dieſem Hofe. Ein gleiches Schickſal hatte eine andere Verwandte des Hauſes, Prin⸗ zeſſin Madalena, die jetzige Herzogin. Gleiches Loos machte Beide vertraut; Beide liebten ſich heimlich, und nur die Orangengänge und Trauerweiden des Parks waren Zeugen ihrer Schwüre, wie ihres Glücks. Auch der Erbherzog warf den Blick der Liebe auf die ſchöne Verwandte, und die Eltern billigten die Wahl. Hatte man das Verſtändniß bemerkt, welches dieſe Pläne ſtö⸗ ren wollte, oder war es Zufall, Prinz Giacomo ward ſchleunigſt zu einer fremden Armee geſchickt, die ſich zum Kriege rüſtete. Viele Monate blieb er dort; ich war ſein Vertrauter geweſen; jetzt war ich der Briefbote ſeiner Liebe und ſein geheimer Ambaſſadeur bei derſelben. Ma⸗ dalena trauerte; der Erbherzog machte fröhliche Anſtal⸗ ten zum Vermählungsfeſte, welches das ganze Land in Bewegung ſetzte durch prachtvolle Vorbereitungen der jubelnder Bürger, doch eine Krankheit der Braut ver⸗ ſchob die Feiertage. Sie genaß endlich, und der Trauungs⸗ tag ward öffentlich angeſetzt. Da erſchien plötzlich Abends Prinz Giacomo in der Kleidung eines Lazaroni bei mir. Seine Geſichtszüge waren entſtellt, rauh der Stimme Ton, ſeine Worte abgeſtoßen, ſo daß ich über die Ver⸗ änderung des leichten, muthbelebten Wildfangs gar ſehr 53 erſchrack; doch als ich ihm ins dunkle Auge blickte, las ich den Mord in dieſen Flammenkugeln.— Du weißt nicht Alles! ſprach er heftig. Mein Weib kann, darf keines Andern werden. Und ich bin ihr ja Rettung ſchuldig, wenn es auch meine Seele koſtet und meine Seligkeit.— Gold und Verheißung ſchuf bald unter der Mitte der herzoglichen Dienerſchaft zwei gutwillige Genoſſen, und Prinz Giulio trank an ſeinem Feſtmorgen in der Chokolade ein Gift, was ihn vor allem Leid der Ehe bewahrte; er feierte keine Hochzeit hienieden, ſein Parade⸗ bett ward ihm tief in der Fürſtengruft bereitet.— Abſcheulich! rief Alexiew. Doch ſolcher Samen ge⸗ biert ſolche Früchte!— Giacomo wurde Herzog und Madalena Herzogin, als der Alte geſtorben war in Gram um den einzigen Sohn, fuhr Vaſaldo fort; doch das Glück wurde dem Verbre⸗ chenbelaſteten untreu, und Zwietracht im Hauſe war der erſte Vorbote der Rache. Des Herzogs Ehe blieb kin⸗ derlos, das machte ihn finſter, dann launig, zuletzt aus⸗ ſchweifend. In der Lüſte Wechſel ſuchte er Zerſtreuung; ſeine Begier verlor Ziel und Maß und ſpottete aller Geſetze und jedem Rechte der Natur. Sein Gericht iſt gekommen; Ihr ſeid der Engel des Feuerſchwertes, der ihn jaget aus dem verſcherzten Paradieſe, und indem Vaſaldo ſich freuet, daß Ihr auch ihn löſet von drücken⸗ der Kette und der erzwungenen Gemeinſchaft mit dem Laſter, übergibt er zugleich den Beweis für die Wahr⸗ haftigkeit ſeiner Geſinnungen.— Der tückiſche Heuchler überreichte hiebei demüthig Briefe und Papiere, in denen der General den zerglie⸗ derten Anſchlag der Nacht, ſein Todesurtheil durch die Eiſen der Leibwächter und das volle Einverſtändniß mit dem Feinde gänzlich bewieſen fand. Ernſt ſinnend faltete Alexiew die geleſenen Schriften wieder zuſammen. Was Ihr da bringt, Herr Ritter, ſagte er kalt, war mir längſt kein Geheimniß mehr. Schon warten meine Braven auf das Zeichen, um dem Feinde das Verderben zu bringen, welches er und Euer Herzog mir bereiten wollten. Ich danke Euch für den guten Willen, doch wird eine ſtrenge Unterſuchung Verrath und Heuchelei, durch des Augenblickes Angſt und Noth geboren, von Humanität und Rechtlichkeit zu unterſcheiden wiſſen. Ihr bleibt Gefangener, Herr Ritter, bis der kommende Mor⸗ gen Licht und Aufſchluß gibt, und bis Euer Herzog Euch gegenüberſteht vor dem Oberfeldherrn, zu dem ich Euch und ihn mit dem nächſten Tage ſenden werde.— Vaſaldo erbleichte im Schreck, doch ging er gefaßt. Dem geübten Böſewicht bleibt die Maske auch vor der Pforte ſeiner Hölle.— Und von dem Tiſche nahm Graf Lieben den blanken Helm, ſetzte ihn auf das lockige Haupt und kettete ihn feſt unter dem Kinne; er zog das gewichtige Schwert aus der Scheide und prüfte die blin⸗ kende Schneide; da fiel ein Schuß draußen, und dumpf hallten die Mauern der Burg ihn nach. Ein Koſak trat bald nachher ein zu ihm. Man hat Lichtkugeln geworfen vom Walle, General! berichtete er. Melden ſoll ich vom Oberſtlieutenant Schouvalof, daß es Zeit ſei; rund an der Burg und am Stromesufer dränge ſich feindliche Vorhut. Wollt Ihr den Küraß anthun und ſoll das Pferd vor? Er griff nach dem Panzer, aber Aleriew wehrte ihm und ſagte: Noch eine Minute müſſen wir ſäumen. Alles —— XNW — f e — f k 1 nt d t Er — nd 55 ſoll auffitzen und ſchlagfertig ſein. Hauptmann Potockt ſoll den Herzog bringen.— Flüchtig beſchrieb und beſiegelte er jetzt einige Blät⸗ ter. Nein! Ich darf hier nicht Richter ſein! ſagte er dazu in ſich hinein. Der Monarch allein kann hier ent⸗ ſcheiden. Zu hindern die Verbrechen, zu binden den fre⸗ velnden Arm, iſt Pflicht jedes Menſchen, aber Urtheil zu zeichnen über Blutthat und nachtgeborene Verworfen⸗ heit ohne Beſtallung dazu von dem Vater der Erdgebor⸗ nen wäre Vermeſſenheit. Doch, du düſtere, unbekannte Macht da droben, warum ſtellſt du der Sünden und Unthaten ſo zahlloſe an meine Straße? Warum muß des Jünglings Blick auf dieſe Unzahl von Gebrandmark⸗ ten und Hochgerichtsgäſten fallen, die ihm das Leben verleiden und im Preiſe verderben? Willſt du mich war⸗ nend belehren, ewige Macht, daß der Menſch ſchlecht ſei von Natur, ſchlecht geboren im Kothe der Erde, die den ſchwarzen Höllengeiſtern gehört?— Iſt es ſo? Ant⸗ worte mir, Orakel über den Sternen! Verſtoßene Gei⸗ ſter des Himmels hauſen in dem ſchlechten Leibe von Staub, wie Kerkerbewohner. Der Leib zieht ſie nieder zu Begier und Frevel, und nur der gewaltigſte Kampf und eine ſeltene Seraphsſtärke kann den Geiſt machen zum Herrn der thieriſchen Gebeine; doch meiſtens erſchöpfte ſich vor dem Siege die geiſtige Kraft. O, was iſt Leben dann ſchlecht unter Schlechten?— Und iſt der ſelbſt geſuchte Tod dann nicht Tugend, ein herrlicher Sprung in das Land der Freiheit, ein Sieg des Mattgekämpften, der wie ein niedergeworfener Ritter mit klugem Dolchſtoße von unten her den zermalmenden Rieſen erlegt?— Er erhob ſich raſch und ging mit ſtampfendem Schritt durch die Halle. Ich muß hinaus von hier! rief er haſtig. — Hinaus in das Leben der Schlacht, wo die Körper gelten, damit die Lebensluſt der Sinne und der Arme ausgrei⸗ fende Gewalt den Geiſt von dem Wahnſinne erretten, der hier ihn anwehete. Dieſe Mauern ſcheinen zu wan⸗ ken; dieſe Gewölbe krachen und ſenken ſich; alle Bilder der Erde werden lebendig; die Zepter und Commando⸗ ſtäbe in ihren Händen drohen mir, und mit Glutblicken ſcheinen ſie mich vertreiben zu wollen. Gib den Signal⸗ ſchuß, Schouvalof! Ich muß Frieden finden im Blut⸗ kampfe der Nacht!— Den Panzer greifend, wollte Aleriew hinausſtürmen, doch in der Thüre trat ihm Potocki mit dem Herzog ent⸗ gegen. Der Graf beſann ſich, ſchöpfte tief Athem und trat zurück. Des Herzogs Geſicht glühte wie in Zornes⸗ und Bechersgluten. Laßt uns allein, Kapitän! befahl Alexiew, und Potocki ging. Herzog! ſagte er dann nach einer Pauſe, wir ſehen uns wohl zum letzten Mal im Leben. Ich kenne Euer Herz und Euern Wandel, und mag den befleckten, dunkelfarbenen Schleier, der beide deckt, nicht lüften. Ihr und Eure Umgebungen ſind Verräther geworden an uns; hier liegen die Beweiſe. Euer eigener Günſtling klagt Euch an des Mordes Eures Vetters Giulio. Ich ſelbſt zernichtete den Anſchlag auf das Leben der Her⸗ zogin. Vergehen genug, um Euch die Richter zu wecken bei allen Völkern der Erde.— Wo ſind dieſe Richter, meine Richter? fragte Gia⸗ como, die Fauſt voll Ingrimm ballend. Nur zu Rom iſt das Tribunal auf Erden, dem Meinesgleichen für ſo etwas Rede ſteht. Aber die Gewalt und das Schwertrecht hat immer des Heiligſten geſpottet in eigener Schändung.— Ihr ſollt nicht klagen über Ungerechtigkeit, fiel ihm 57 kalt der General in die eifrige Rede. Der größte Mon⸗ arch Europas wird Euch richten. Was wir hier thun, iſt Nothwehr und eigene Sicherſtellung. Eure Regi⸗ menter ſind entwaffnet und werden tief in das Land ge⸗ führt. Ihr ſelbſt beſteigt noch in dieſer Stunde Euern Reiſewagen, und Koſaken geleiten Euch in das Haupt⸗ quartier. Von Eurem ruhigen Verhalten, von Eurer Ausrede dort hängt Euer Schickſal ab. Ich mag nichts mehr zu ſchaffen haben mit Euch, und damit der Herzog nicht beſchimpft erſcheine vor Soldaten und Volk, ſo nehmet auch hier den Degen wieder!— Alexiew reichte ihm die Waffe, nach der die Hand des Fürſten zuckend griff. Und nun das letzte Wort; in ihm der Grund meiner Milde und Schonung! in ihm eine Warnung für die zukünftige Zeit!— Ich liebte Eure Nichte Giovanna; ſie wollte mir wohl, und ſeit einer Stunde wurde ſie am Altare Eurer Kirche meine Gattin. Der Neffe bittet nun um Güte für ſie, da er ſeiner Pflicht zu folgen hat; der General warnt Euch, nicht zu haſſen, noch weniger zu begehren das fremde Gut, oder zu zittern vor ſeiner gerechten Rache!— So ſprechend mit gewaltigem Tone, drehte Alexiew ſich um, ſeine Bewaffnung zu vollenden; doch auf des Herzogs Antlitze malte ſich ſataniſche Qualempfigdung. Der Mann iſt ein Schurke, rief er aus, faſt erſti⸗ ckend in des Blutes Sturm, der, das Eiſen in der Hand, ſich befehlen läßt, wo er Herr iſt!— Der Mann iſt ein Narr und ein Tollhäusler, der all ſein Gut ſich nehmen läßt von unberufener Hand! Das Leben ſtehe auf dem Würfelwurfe und das Schickſal walte!— Und ſo riß er den Degen heraus und ſtürmte auf 58 den Grafen los.— Meuchelmörder! ſchrie Alexiew auf, als er an der Schulter ſich verwundet fühlte; doch wie ein Blitz flammte ſein Schwert nackt durch die Luft, zwei Schläge zerſprengten des Gegners Paraden, und die Spitze des breiten Eiſens tauchte tief ein in des Herzogs Bruſt. Das laute Wort und das Geklirr war draußen ge⸗ hört worden. Durch die aufgeworfene Flügelthüre brach die Suite des Generals beſorgt herein; zugleich öffnete ſich eine Seitenthüre vom Corridor, auf welchem die Herzogin Madalena, von der Prinzeſſin Giovanna, Do⸗ minika der Mohrin und dem Taubſtummen Luca beglei⸗ tet, erſchien. Kaum ſah die Herzogin die blanken Waffen, ſo machte ſie ſich los und eilte zwiſchen die beiden Streiter. Schwerter und Kampf? kreiſchte ſie. O haltet ein! Giacomo, er iſt Dein Sohn! Aleriew, er iſt Dein Vater, ich bin Deine wieder glückliche Mutter!— Alle ſchrien auf und drängten ſich näher in einem großen Kreiſe. Alexiew zuckte zurück und die Hand mit dem blutigen Eiſen ſank im Schreck erſchlafft. Es iſt die Kette, Euer Schmuck! Seht nur! jauchzte die Mohrin, und fiel ihm zu Füßen. Ich bin es, welche Euch zuerſt getragen und getränkt; ſo vergebt Ihr mir wohl, was ich unverſchuldet über Euch gebracht!— Fort von mir, du lügenhaftes Weib! rief der Graf mit aufgeſträubtem Haare. Die Wahrheit wäre etwas Entſetzliches!— Giovanna und die Herzogin umfingen ihn. Biſt du nicht gern mein Sohn? fragte Madalena ſanft und innig. Ich bin Dir doppelt verſchuldet, für meine Ver⸗ ſtoßung und Deine Lebensrettung. Aber Liebe macht gut, und Mutterliebe liebt mehr als Alles.— Ja! ſprach Aleriew verwirrt, und zog Beide feſt an V—** „ af nd ht 59 ſein Herz. Ja! Ihr ſeid die Meinigen; ich wußte es, ich fühlte es vorher. Doch nur Er nicht! Giacomo kann nicht mein Vater ſein.— Er iſt es! So wahr ein Gott lebt! rief die Her⸗ zogin aus.— Nun ſo bin ich verworfen von Gottes Gnade! ſtöhnte Alexiew. Mutter, Deine Schuld erbt auf Sohn und Enkel. Schau hin! Deine geheime Sünde machte mich zum Vatermörder, und auf meiner reinen Stirn brennt nun ein ewiger Fluch!— Aller Augen wandten ſich von ihm zu dem Platze, auf den ſeine zitternde Hand deutete. Der Herzog hatte ſich an einen Lehnſeſſel gehalten bis jetzt, doch legte der Tod ſchon ſeine weiße Friedensfahne über ſein Geſicht; der Degen war ihm entfallen, und mit ſtierem Blick hatte er geſehen und gehört, was um ihn vorging. Weiberlüge und Lügenſohn! ſtöhnte der Verwundete jetzt. Ich erkenne ihn nicht und fluche dem verruchten Mörder!— Ein Blutſtrom ſchoß den Worten nach, und ſterbend ſank er zuſammen. Mit einem Schrei des Enſetzens be⸗ gleitete Madalena den Fall, und kaum vermochte Gio⸗ vanna die Sinkende in ihren Armen aufzufangen. Zwei dumpfe Kanonenſchüſſe donnerten ganz nahe draußen; die Trommeln raſſelten und Trompeten ſchmet⸗ terten drunten auf dem Schloßhofe. Der ganze Stab des Generals drängte ſich in das Zimmer, und Ordon⸗ nanzen aller Art flogen herbei, einen begonnenen Sturm der Feinde zu vermelden. Mit der linken Hand preßte Alexiew ſich die Stirn zuſammen, als wollte er den fliehenden Geiſt ſammeln und zuſammenhalten; die Rechte faßte feſter das Schwert. So trat er raſch zu den Frauen und umfaßte Beide mit den Armen. 1 1₰ Die Zeit ruft! Weib meiner Seele! ſprach er haſtig und tief ergriffen. Das Schickſal miſcht ſchon die Looſe; vielleicht zieh ich das hellere um deinetwillen, Du Reine! Iſt es nicht, muß ich büßen des Geſchlechtes Schuld und meine unverſchuldete That, wirkt auch des befleckten Vaters Fluchwort, ſo habe ich doch Tage gelebt, die mehr waren als Menſchenalter, die Tage der Liebe mit Dir. Kannſt Du nicht mein Lebensengel bleiben, ſo werde der Engel dieſes gebrochenen Mutterherzens! Er ſtürmte fort, ſeine Krieger alle ihm nach. Gio⸗ vanna ließ ſanft die Herzogin zur Erde nieder, kniete dann zwiſchen der halbtodten Frau und der blutigen Leiche hin, und betete ſtill und inbrünſtig. Die Schlacht nahm die Männer auf, das Kloſter die troſtarmen Weiber, aber den Frieden der Seele gab kein Sabbath, kein Frühlingsmorgen zurück, und in den Narben der ausgeheilten Wunden blieb die ewig ſchmer⸗ zende Erinnerung bis zum Tode. Schlußwort. Die Folge dieſer Begebenheiten ſuche der Leſer in der Novelle: der finſtere Retter. Die eben erzählte Geſchichte war anfänglich zu einer Tragödie beſtimmt und ſceniſch eingetheilt; doch beſorgt um des Kindes Befeindung in dem Paläſtina der höheren Dichtung, löſete der Vater ihm ſelbſt wieder den hohen Kothurnus vom Fuße, die fürſtliche Trabea von den Schultern und die ſchleppende Syrma von den Hüften, legte ihm ſtatt deſſen das ro⸗ mantiſche Reiſekleid an und ſandte es in die roſige Hei⸗ math der Troubadours, wo es für daſſelbe um gaſtliche Aufnahme bittet, wenn es, die Freunde vom Vater grü⸗ ßend, einzieht.—— — 0=— I. Bannovers Spartaner. N Eine hiſtoriſche Erzählung. S Es war am drei und zwanzigſten November des Jah⸗ res Chriſti, als man ſchrieb 1490, am Tage vor Sancti Chryſogeni Tag, als in der großen, berühmten und freien Stadt Hannover in ſeinem ſtattlichen, gothiſch ge⸗ bauten Wohnhauſe, welches am Ende der breiten Oſter⸗ ſtraße dicht am Stadtthore gelegen war, und mit der ihm gegenüber liegenden Kirche St. Aegidii an Höhe der buntgemauerten, treppenförmigen, mit vielen Wetter⸗ fähnlein verzierten Dachzinnen zu wetteifern ſchien, der Rathsverwandte und Stadtbauherr, Chriſtophorus Wit⸗ huſen, das Mittagsmahl einnahm. Ein Blick in das Zimmer und auf die runde, ſchwere Tafel ſetzte es außer Zweifel, daß Herr Chriſtophorus zu den wohlhabendſten und anſehnlichſten Bürgern ſeiner Stadt gehörte; ein Blick auf den Hausherrn ſelbſt, daß er ſich bewußt war, wie er ſtand unter ſeinen Mitbürgern, daß er den Reich⸗ thum und Gottesſegen, welcher durch Erbe und Handels⸗ geſchäft unter ſein Dach gekommen, zu ſchätzen wußte, aber auch ſich angelegen ſein ließ, ſeiner Vaterſtadt und ſeinem Range Ehre zu machen. Nicht ſchlichte Kalk⸗ wände oder weiße Thonfließen mit ſeltſamen Fratzen, Zwergfiguren, Haſen und Windmühlen in Blau bemalt, wie man ſie dazumal in den niedrigen Bürgerhäuſern fand, beleidigten widerwärtig oder armſelig das Auge; ————— 64 nein, rothe und theuere Ledertapeten, reich mit Golde durchwirkt, hingen von der Decke bis zum braunen Fuß⸗ boden herab, und mehre hohe und breite Schränke, kunſt⸗ voll mit krauſem Schnitzwerke und paußbäckigen Engels⸗ köpfen verſehen und mit blankem Meſſing beſchlagen, ließen auf beſonderen Schatz an Leinenzeuge und Sil⸗ bergeräthe ſchließen, den man in ſolchem köſtlichen Haus⸗ rathe zu bewahren pflegte. Eine kunſtreiche Weberei, den kleinen David und den großen Goliath vorſtellend, zeigte ſich auf dem blendenden Damaſtteppich, der die Tafel bedeckte, und der ungeheure ſilberne Suppennapf mit ſeinem hohen Deckel, deſſen Knauf einen derben Apfel mit Stiel und Blättern darſtellte, die breite Schüſ⸗ ſel, worauf ein mächtiger Rindsbraten dampfte, ſchwere Löffel und der große Henkelkrug, Alles von demſelben koſtbaren Metalle, hätten der Prunktafel jedes Fürſten oder gräflichen Schloßherrn der damaligen Zeit Ehre gemacht. Auch weilte des Beſitzers Blick mit ſichtlicher Freude auf dieſen Koſtbarkeiten, indem er ſich wohlbe⸗ haglich in dem großen Backenlehnſtuhle zurücklegte, das überſättigte Bäuchlein gefällig ſtrich, und die feinen Bro⸗ ſamen von den Falten des weiten Hauskleides ſchüttelte, welches, von braunem holländiſchem Tuche gefertigt und vom Halsringe bis zum Knie mit kleinen Silberbuckeln beſetzt, zu dem, der es trug, und zu ſeinen Umgebun⸗ gen paßte. Der Herr der Heerſchaaren, der die Raben ſpeiſet und die Lilien kleidet, ſegne, was er uns beſcheert als Lohn des Fleißes und der Redlichkeit! ſprach alsdann Herr Withuſen im frommen Hochmuthe, indem er das grüne Seidenbarett von dem kahlen Haupte nahm und das glänzend⸗runde Antlitz zu der Decke hinauf richtete, 8——„— — — XW — N S e v 8 8 65 und ſämmtliche Anweſende falteten die Hände, und ver⸗ weilten einige Sekunden im ſtillen Dankgebete. Und nun Mutter Irmgard, den großen Pokal aus dem Schreine, und einen geſiegelten Krug aus dem Keller, daß wir nochmals, und ſo wie es ſich gebührt, den wackern Vetter begrüßen, der unſerm Hauſe heute die Gunſt er⸗ zeigt, vorlieb zu nehmen mit der ſchlechten Hausmanns⸗ koſt, von der er in kaiſerlichen Landen entwöhnt wor⸗ den, und der die höhere Ehre in unſer Haus gebracht, indem er mit Zucht, und wie ſichs gebührt, geworben um unſer tugendhaftes Töchterlein, die hier anweſende Jungfrau Eliſabetha.— Die ehrſame Frau Withuſen erhob ſich bei dieſen lang⸗ ſam und bedächtig geſprochenen Worten ihres Eheherrn, griff nach dem Schlüſſelkorbe, warf aber vorher einen liſtigen Blick auf einen der beiden geputzten Gäſte ihrer Tafel, der ſich durch ein ſcharlachrothes, auf den Achſeln und am Rande geſchmacklos reich mit Gold und Silber⸗ treſſen bordirtes Kleid auszeichnete, das lange flachsblonde Haar in tauſend Ringeln künſtlich gerollt trug, und deſ⸗ ſen waſſerblaues Augenpaar bei der Rede des Wirthes den trüben Perlaugen eines geſottenen Seefiſches ähn⸗ lich geworden war, indeß die Mädchenweiſe ſeines, von der Natur etwas langgezogenen, jugendlichen Geſichtes mit zirkelrunden Purpurroſen beflogen wurde. Ja, mein Herr Senator Jungknecht, fuhr der wirth⸗ liche Sprecher mit einem Triumphtone fort, indem ſein Blick dieſelbe Richtung nahm wie das Auge ſeiner Haus⸗ ehre, Ihr tragt die eigene Schuld, wenn unverhofft und überraſchend ein anderer Werber Euch den Platz nahm, nach dem Euer Gelüſt getrachtet. Habt Ihr auch Jahre lang züchtig, und wie fichs gebührt, Euch bemühet mit Blumenhagen. v. 5 —— 66 ſchmachtendem Blicke und ſchmiegſamer Dienſtgefälligkeit um die einzige Tochter und einzige Erbin des Withuſen⸗ ſchen Hauſes, ſo ſind Blicke und Bücklinge doch keine Werbung, und führen zu keinem Jaworte und Ring⸗ wechſel, und wie Ihr ſtets lieber zaghaft Eure Silber⸗ gulden in verſchloſſener Truhe bewahren mochtet, ſtatt in guter Spekulation ſie zu verdoppeln, ſo hat Eure Zaghaftigkeit und Euer unentſchloſſener Sinn auch die⸗ ſes Mal den guten Markt und die gewinnreiche Börſe⸗ zeit verſäumt, und ein flinkerer Käufer hat Euch die treffliche Waare, ſo zu ſagen, dicht am Maule vorweg⸗ gefiſcht.— Das wäre? ſtammelte der Angeredete. Alſo Herr Türk, Herr Hermann, der ſo eben erſt aus der Fremde gekehrt? Nein, der ehrwürdige Herr Chriſtopher treibt ſeine Narrethei mit uns! Wie hätte ſich das ſo ſchnell gemacht?— Es hat ſich gemacht, Senator! fiel der neben ihm ſitzende junge Mann ein, der von angenehmem Aeußern war, Anſtand und Freimuth in jeder Bewegung zeigte, und durch Lederkoller, kurzgeſchnittenes Braunhaar, ver⸗ goldetes Degengehäng und kleinen Knebelbart den Kriegs⸗ mann erkennen ließ. Es hat ſich gemacht, und Ihr könnt Euch nicht beklagen, dürft nicht ſchelten, daß ich Euch nicht Raum und Zeit gelaſſen, mehr, als ich ge⸗ ſollt, mir bei der ſchönen Eliſabeth den Preis abzuge⸗ winnen. Sind es doch zwei lange Jahre, daß ich mit unſerem wackeren Prinzen Erich hinaus zog weit über Meer und Land zu der heiligen Stadt Jeruſalem, und unter den tückiſchen Egyptern manche Gefährlichkeit be⸗ ſtand, die mir die Heimkehr und alles künftige Lebens⸗ glück hätte verderben können. Wohl kam mir auch bald S e S— br v 67 die Reue, aber es war zu ſpät; die Gnade des acht⸗ zehnjährigen männlichen Prinzen, dem Alles ſo tapfer und feinfürſtlich anſtand, deſſen hohe Geſtalt in jedem Waffenſpiele vorleuchtete, und der mit ſeiner Stimme Wohlklang die Herzen der Männer und Weiber um⸗ garnte, hatte mir, als er mit dem Vater und Bruder und dem Lüneburger unſere Stadt beſuchte, das Ver⸗ ſprechen entlockt, ihn auf ſeinen Ritterzügen zu begleiten, und unbeſonnen hatte der freie Bürgersſohn ſich zum Fürſtendiener gemacht.— Wer könnts Euch verdenken, Vetter? unterbrach Herr Withuſen den feurigen Redner. War doch ganz Hanno⸗ ver verzückt, als bei der Theilung der Länder Herzog Wilhelms der ſchöne und milde Erich geſprochen: das Land zwiſchen Deiſter und Leine, das iſt das Land, das ich meine! Gewährte der Jungherr doch auch ſogleich unſerer Stadt der Hulden und Gnaden gar manche, und nichts iſt zu tadeln am adeligen Herzogsſohne, als daß er in die Fremde zog, und ſeinem rauhen, herri⸗ ſchen Bruder das Regiment vertraute, welcher die Städte haßt, und vor vier Jahren ſeinen Zorn gegen uns aus⸗ zulaſſen gedachte mit Schwert und Mordbrand, jedoch an unſern guten Wällen ſich die Stirn blutig ſtieß, und die verunglückte Belagerung ſo bald nicht vergeſ⸗ ſen wird.— War ich doch auch dabei, entgegnete Hermann mit leuchtenden Angen, und ſchoß damals meinen erſten Pfeil gegen eine Feindesbruſt. Aber tadelt darum mei⸗ nen Prinzen nicht. Sein edles Gemüth vertraut der Großherzigkeit des tapfern und klugen Heinrichs; er fühlt ſich zu jung zum Regiment und will außen Erfahrung ſammeln, die Segen bringen wird über unſer Land, 68 wenn er das Scepter dereinſt ſelbſt ergreift. War es doch auch die ächte, ſeltene Gottesfurcht, die ihn trieb zum Grabe des Herrn und nach dem heiligen Rom, und bin ich doch ſelbſt von ſeinem Beiſpiele bekehrt als ein Anderer und, mit Gott! Beſſerer heimgekehrt.— Aber warum kehrtet Ihr denn ſo eigentlich und vor Eurem Herrn? fragte ſpitzig der Senator Jungknecht. Hattet Ihr ihm treuen Knappendienſt gelobt, ſo hättet Ihr immerhin noch eine Weile an ſo hohem Muſter Euch ſpiegeln können.— Glaub's wohl, daß es Euch recht geweſen! lächelte Herr Türk. Und kann ich Euch doch wahrlich ſo rechte Auskunft nicht geben darob, und warum ich es nicht ge⸗ than. Aber am Berge Calvariae, im Garten Gethſe⸗ mane, im Tempel der Auffahrt, am Jordan wie an der Tiber gedachte ich immer und immer der lieben Vater⸗ ſtadt; ja ſelbſt die prachtvolle Stadt des Statthalters Gottes konnte mir die lieben Jugendfreunde nicht aus dem Herzen vertreiben, und als der Prinz darauf zu Kaiſer Maximilians Hofe zog, und veſchloß, in der Hee⸗ resmacht des Erzherzogs zu dienen, da hielt mich's nicht länger, ich begehrte meinen Abſchied, und das Ge⸗ leit des ſchönen Bildes unſeres Heilandes aus Jeruſa⸗ lem, welches der Prinz durch mich in die Schloßkapelle zu Münden ſandte, war mein letzter Fürſtendienſt. Stand doch auch der ſtädtiſche Bürgersſohn eben nicht ange⸗ nehm und glänzend an den Schranken der Ritterſpiele und auf der Schwelle der Fürſtenſäle, wo hinein er nicht reiten noch ſpazieren durfte, und hatte ich dagegen den Stolz, und vergalt die Zurückſetzung dadurch, nicht fremden Herrn meine Fauſt und mein Blut verdingen zu mögen.— e⸗ le en cht en 69 Thatet nicht übel daran, Vetter! nickte Herr Withu⸗ ſen. Der freie Hannoveraner kennt ſeinen Werth, dient mit Hand und Herzen dem Landesherrn, der Vaterſtadt, dem Freunde, aber feilſcht nicht mit ſeinem Leben um Sold und eitle Löhnung.— Was will indeß der Herr Türk bei uns? fragte hohn⸗ lächelnd der Senator, indem er ſeine weiten, blauen Pluderhoſen über dem Knie zurecht legte, und die Schnã⸗ velſchuhe ſpielend zuſammenſchlug, daß ihre ſilbernen Spitzen unter dem Tiſche harmoniſch erklangen. Unſere gute Stadt liegt, dem Himmel ſei Dank, ſeit dem hier gehaltenen Fürſtenvereine im tiefſten Frieden; die Kriegs⸗ künſte, die Ihr in der Fremde lerntet, ſind uns unnütz. Im hohen Rathe ſitzen ehrbare Herren, von geprüften Jahren und erprobtem Verſtande, und zu einem Han⸗ delsmanne paſſen die Wildfänge nicht, die gewohnt wurden, bei heidniſchem Frauenvolke und den verbuhlten Ritterdamen herum zu ſcharmuziren und in den üppigen Fürſtenſtädten zu faulenzen.— Ereifert Euch nicht, mein Guter! fiel Hermann laut lachend ein. Für das Erſte iſt mir Arbeit gegeben; denn Ihr höret ja, ich wünſche ein ehrſamer Hausvater zu werden, will eine Frau heimführen und meinen einſamen Sattelhof am Brühle in ein Paradies verwandeln; da wird es genug zu thun geben, bis der getreue Adam es ſeiner ſchönen Eva gerecht gemacht.— Der Herr Adam ſpricht ſo ſicher, entgegnete der Se⸗ nator, als wenn er allein auf Erden wäre, gleich dem Stammvater der Erdenſöhne. Aber es gibt Nebenbuh⸗ ler für ihn, die frühere Anſprüche nicht ſo leicht aufge⸗ ben, wenn der Dreiſtere auch ihnen mit der Anwerbung vorausſprang. Jungfrau Eliſabeth kennt ihre Leute und 70 wird verſtändig wählen, was ihr das Beſſere ſcheinen möchte, und der Herr Chriſtophorus iſt ein ſo zärtlicher Vater, daß er ſeinem Kinde die Wahl des Herzens nicht verſagen wird, vornehmlich wenn ein Mann, der ſeine Tauſende wiegt, und ein collegialiſcher Rathsmann in die Schranken reitet.— Die Apoſtrophe mußte einen wunden Fleck bei dem Hausherrn getroffen haben, denn ſein vollwangiges Geſicht zog ſich in ungewohnte Falten, und die Frau Irmgard wandte ſich ſchnell ab von der Geſellſchaft und ſchloß den Schrein auf; Jungfrau Eli⸗ ſabeth aber verließ mit dem Schlüſſelbunde eilfertig das Gemach.— Bravo, Herr Senator! erwiderte Hermann. Schade, daß Ihr kein geiſtlicher Herr geworden, Ihr predigt nicht übel in das Herz und das Gewiſſen. Aber in die Schran⸗ ken reiten möchte ich Euch ſehen; und wenn Ihr mit dem Rathsmanne Euch brüſtet, ſo ſitzt ja mein Ohm auch als College neben Euch, und er und mein treffli⸗ cher Schwiegervater werden mich ſchon an den grünen Tiſch zu bringen wiſſen, da ich vor neun Wochen das Alter der Mündigkeit glücklich erreichte. Iſt es nicht, ſo nehme ich allenfalls mit einer Hauptmannsſtelle vor⸗ lieb, und bin ich dermaleinſt Stadtobriſt, ſo ſollt Ihr meinem Schutze in Kriegszeiten empfohlen ſein.— Durch das Geſicht des Wirths, wie durch die Hohn⸗ rede des Nachbars gerieth Herr Jungknecht in zwiefache Verlegenheit, und er würde in ſeiner Beſtürzung ſich noch tiefer durch Entſchuldigungen verwickelt haben, hätte nicht der Jungfrau Eliſabeth raſcher Eintritt ihn geret⸗ tet. Athemlos und mit hochrothem Geſichte ſtand die ſchlanke Dirne an der Thür, die ſie ſchnell hinter ſich zugeworfen hatte; Unwillen thronte auf ihrer weißen — 71 Stirn, und ihr Blick hing mit Furcht am Auge des Vaters.— Was gibts? fragte Herr Withuſen ſcharf.— Der Georg iſt an der Pforte, und ſetzt ſeine Parti⸗ ſane auf dem Vorplatze ab, und wird gleich hier ſein! ſtammelte Eliſabeth.— Wie vor einem Gewitter der Sonnenball eine dunkle Glühröthe annimmt und ſeine Strahlen ſcharf und ſte⸗ chend herabſchießen, ſo wandelte ſich bei der Botſchaft auch das runde Antlitz des Vaters zu einer Feuerku⸗ gel, aus welcher die kleinen Augen ſengende Blitze ver⸗ ſandten.— Was will der Bettelbube, der Pöbelgeſell? ſtürmie die rauhe Stimme aus der blutvollen Bruſt herauf. Hat er den Braten gerochen und will ſich einmal ſatt eſſen im Hauſe des Vaters, dem er der Nagel zum Sarge wurde? Hält ihn mein Fluch nicht ab, daß er es wagt, meine Schwelle zu beſchmutzen? Oder iſt das ſo ein ſchwächlich Stückchen von der Frau Mutter, und iſt er gar eingeladen worden? Daß mir das nimmer wieder geſchieht, bei meinem Zorne! Ich könnte ſonſt die ganze Hausgenoſſenſchaft hinausfegen, die es mit dem Bettelvolke hält, das mich und meine Großväter be⸗ ſchimpft vor dem ganzen Lande. Mit der Partiſane auf der Schulter in mein Haus zu treten! Schimpf ohne Gleichen! Wachdienſt zu thun wie der gemeinſte Pfahl⸗ bürger, und daher zu treten, daß alle Nachbarn mit Fingern auf ihn deuten, und hohnlächelnd ſprechen: da marſchirt er hin der ungerathene Sohn des reichen Wit⸗ huſen, rechts geht ihm des Laſtträgers Sohn aus dem gelen Steert und links der Brauknecht aus dem Wol⸗ feshorn. Wenn ich ihm das vergeſſe, ſo vergeſſe mich 72 der Weltrichter am jüngſten Tage. Marſch, weichherzige Frau Irmgard, eilig den Buben abgefertigt, ihm ein Paar Sparpfennige zugeſteckt, denn Bettelei wirds ſein, und mir aus den Augen gebracht, was ich haſſe wie Sünde und Peſt. Kommt, meine werthen Gäſte, in mein Arbeitsgemach! Trage den Wein uns nach, Eliſa⸗ betha, und bringe uns Botſchaft, wenn die Luft wieder rein iſt und Ihr mit Räucherwerk das Haus geſäubert habt, daß der Dunſt der Lumpenwirthſchaft uns nicht läſtig fällt.— Alle Anweſenden ſtanden wie erſtarrt vor dem Don⸗ nerſturze der Zornrede, die wie Wolkenbruch von Herrn Withuſens Lippen ſtürzte. Aber von Allen am meiſten Hermann Türk, der, als der Senator mit furchtbleichen Wangen und tiefen Verbeugungen dem Wirthe in das Nebenzimmer folgte, raſch zu der Jungfrau trat, und ihre Hand faſſend, mit Angſt fragte: Aber was bedeu⸗ tet das, und wie iſt es mit dem braven Georg, von dem ich noch nichts ſah, und den ich vergaß, weil die Liebe zu Euch, die alte, treue, mitgenommene und wie⸗ der heimgebrachte Zärtlichkeit mich ſeit geſtern beſchäf⸗ tigte und verwirrte.— Der brave Georg? fragte die Jungfrau ſchnippiſch. So ſagtet Ihr, Herr Türk? Wenn Ihr von Jemand, der Alles that, um den guten Vater in die Grube zu bringen, alſo reden möget, ſo könntet Ihr bei dem Va⸗ ter und meiner Wenigkeit gar bald die gute Meinung verderben, die man bislang für Euch im Herzen hegte. — So machte ſie unwillig ihre Hand los, warf die runde Lippe grollend in die Höhe, und trug den hohen Silberpokal dem Vater nach. Stutzig und betroffen ſah der junge Mann hinter ihr drein, dann trat er ſanft zu 73 der Mutter, welche, zum Fenſter gewandt, ihr Geſicht mit der Hand bedeckt hielt.— Edle, liebwerthe Frau, redete er ſie an, löst Ihr mir die Räthſel und vertreibt die Wolken, die meinen ſchön⸗ ſten Lebenstag mit Schloſſenſchauern bedrohen. Was gabs mit dem Georg? War er doch vordem ein wacke⸗ rer Junge, voll Güte und Gottesfurcht, trug Herz und Kopf auf dem rechten Flecke, und leuchtete unter uns Allen vor an Bravheit und redlicher Geſinnung. Ich hörte von Fluch,— ein ſchrecklich Wort!— den Georg gewiß nicht muthwillig auf ſein Haupt locken konnte.— Die Mutter wandte ſich und zeigte ohne Scheu ihr feuchtes Augenpaar. Ja, er iſt Schuld, Herr Her⸗ mann, ſagte ſie ſchmerzlich. Und doch entſchuldigt ihn das Mutterherz ſo gern. Ungehorſam bringt jedem Kinde Strafe und Leid. Der Georg war ein Haſtkopf wie ſein Vater, eigenwillig, wenn auch ſonſt wacker und gottesfürchtig.— Nun, der Eigenwille kann wohl zu kurzem Zwiſt, aber doch nicht zu ſolch Aeußerſtem führen zwiſchen Va⸗ ter und Sohn, denn das Kind erkennt leicht ſein Un⸗ recht im Gewiſſen, und Vaterliebe vergibt willig! ent⸗ gegnete Hermann ungeduldig.— Es war mehr als das, ſeufzte Frau Irmgard. Ihr waret kaum mit dem Frinzen fortgezogen, da kam es an das Licht, daß der Georg ſich verplempert hatte mit einer niedrigen Bürgersdirne, Suſanne Borgentrich hieß die Verführerin, ihr Vater ein Oelſchläger, der nichts hatte als Stall und elende Bude in dem Beginnen⸗Gäſ⸗ ſel, und kaum das Brod im Hauſe.— Ah! ich fenne die Dirne, das ſchöne Suſelchen am Kloſter nannten die jungen Fante ſie nur, aber auf ihre 74 Zucht konnte der dreiſteſte Gelbſchnabel der Stadt nichts wiſſen und kein ſchlecht Lack ausbringen, fiel Herr Türk horchend ein.— Der Alte wetterte, wie ſich's gebührte, fuhr Frau Irmgard fort. Er ſetzte Fluch und Enterbung darauf, aber der ſtarrköpfige Georg meinte, die Dirne habe ſein Wort, und das müſſe ein Ehrenmann ſelbſt dem Teufel halten; die Withuſen wären nicht vom Burgadel, und Borgentrich ſo gut ein Bürger und Bürgersſohn wie er, und Niemand könne ihm den Schuß vor der Scheibe und das Wahlrecht auf dem Stadthauſe verweigern; was er vor Gott verantworten könne, dürfe ihm Nie⸗ mand verbieten; das Herz laſſe ſich nicht zwingen, ein Wort bleibe ein Wort, und Geld und ſchwelgeriſch Leben mache nicht glücklich.— Er könnte wohl Recht haben! flüſterte Hermann finſter in ſich hinein.— Was wuchs aus dem Eigenſinne? jammerte die Be⸗ trübte weiter nach einer Thränenpauſe. Unſer Alter ſtieß den Georg aus dem Hauſe, und da er gerade majorenn geworden, ſo ließ der böſe Menſch ſich aufbieten und copuliren mit der armſeligen Unglücksdirne, und der Magiſtrat, worin dem Vater mancher Feind und Neider ſaß, ließ es geſchehen, und ohne Vaters Segen zog der Wahnfinnige in das Jammerneſt der Bettlerbraut.— Aber Mutterſegen fehlte den Kindern nicht, Frau Irmgard? fragte Herr Türk mit Herzlichkeit, indem er beide Hände der gedrückten Frau voll Inbrunſt ergriff. Ich durfte ja nicht ſegnen, da mein Eheherr fluchte! antwortete ſie. Aber gebetet habe ich viel, und bete noch gegen den Fluch an, und Gott wird hören, iſt es doch mein einziger Sohn und mein erſtes Schmerzenskind.— 75 Harter, eiſerner Mann! murrte Hermann. Aber wie lebte Georg von da an?— Der Alte machte im erſten Grimme ſogleich ein Te⸗ ſtament, ſetzte Eliſabeth zur alleinigen Erbin ein, und zahlte dem Jungen ein Sümmchen aus vor dem hohen Rathe, auf eine Weiſe, wie man einen groben Bettler abfertigt für immer. Ach! das war ein Tag voll Herze⸗ leid!— Seitdem lebt Georg wie der ſchlechteſte Bür⸗ gersmann, treibt des Schwiegervaters ärmlich Geſchäft, und, was dem Vater am meiſten Galle macht, geht einher im ſchlechten Wammſe, thut Thordienſt und Schaar⸗ wacht, oft ſelbſt für Lohn, wenn ein Anderer faulenzen will. Mit dem Gelde haben ſie gebaut, und wollen jetzt gar eine große Oelmühle anlegen, was den Alten wie⸗ derum wurmt, weil er doch wohl im Vaterherzen hoffen mochte, die Noth ſollte den Burſchen zwingen, zum Kreuze zu kriechen, und die Sehnſucht nach dem beſſern, gewohnten Leben ihn zu den Füßen des Vaters werfen. Er war ſich ſelbſt ſchon als Knabe genug; er thut's nicht, arme Mutter! Auf die Hoffnung dürft Ihr keine Häuſer bauen. Aber da iſt er ſelbſt!— Halb ging die Thür auf, und Georg Withuſen warf einen finſtern und ſorgſamen Blick durch das Zimmer, ehe denn er einzutreten wagte. Georg war ein hochge⸗ wachſener, anſehnlicher Menſch. Kraft und Wille ſprach aus Haltung und Bewegung. Sein Geſicht verrieth Geiſt, hatte angenehme Züge, aber die Bläſſe der Wan⸗ gen erzählte von Gram, und die jugendliche Fülle und Friſche ſuchte man vergebens darauf. Er trug den gro⸗ ben, blauen Wachtrock der Stadtwappner mit hochgrüner Wollſchnur beſetzt, auf dem Kopfe voll dicker wirrer und ſchwarzbrauner Locken das gelbe Barett mit dem grünen 76 Kleeblatte, um die ſchlanken Hüften am weißen Leder⸗ gurte den breiten Flamberg; aber die wunderlich ſteife und geſchmackloſe Tracht verdeckte die Wohlgeſtalt ſeiner Glieder nicht, ſondern ſchien eher das Edle und Kräftige an ihm zu erhöhen und ſichtlicher zu machen. Ich komme ungelegen, Mutter! ſagte er mit verhal⸗ tener Stimme. Ich glaubte den Vater im gewöhnlichen Mittagsſchlafe; aber Ihr habt Gäſte, und feiert hoch, und der verlorne Sohn aus dem Evangelio ſoll die Fröh⸗ lichkeit nicht ſtören.— Ein bitterer, tiefer Groll tönte durch die letzten Worte hindurch. Der Vater weiß, daß Du im Hauſe biſt, antwortete Frau Irmgard; er zürnt heftig über den neuen Unge⸗ horſam. Und warum trittſt Du auch daher am Tage und in dieſem Rocke, als wollteſt Du des Vaters ſpot⸗ ten? Was Du gethan, haſſe ich wie der Vater; nur daß ich Dich geboren, daß Du ſonſt gut wareſt, das erhält Dir meine ſündhafte Liebe; hüte Dich, ſie zu verſcherzen; denn was bliebe Dir dann auf Deinem Sterbekiſſen, Georg?— Mit heftiger Bewegung trat der junge Mann völlig in das Zimmer, raſch auf die Mutter zu, nahm ehr⸗ furchtsvoll ihre Hand und legte ſie feſt auf ſeine Bruſt. Mutter, ſprach er mit tiefem Gefühle, Gott verderbe mich und Weib und Kind, wenn ich den Vater weniger ehre und liebe ſeit der Unglückszeit! Konnte ich gleich damals nicht anders, weil Ehre und Liebe,— nein, weil Religion und Gottesfurcht mir höher galten, als irdiſch Glück und Gut, ſo habe ich doch auch nie ver⸗ geſſen, daß Strafe durch Vaters Hand von Gott geſendet kommt, habe die Zuchtruthe nie gehaßt, wenn auch der Menſch zuweilen in mir murrte. Nicht Trotz iſt es auch, W— 77 was mich heute und ſo daher treibt; Ihr wißt ja, ich verlaſſe die Stadt nie, ohne vorher Euch, die Mutter, zu vegrüßen; mir wäre, als könnte ich nicht glücklich heim⸗ kehren, hätte ich das verſäumt. Und nun gar heute! Iſt's mir doch, als läge ein Mord auf meiner Seele; der froſtige Oſtwind ſchnürte mir die Bruſt zuſammen, und ich nahm ſchwerern Abſchied als ſonſt von meiner Suſanne und dem kleinen Ehrenfried. Und, es iſt faſt lächerlich, meine ganze Reiſe geht heute nach der Dörn⸗ der Landwehr, denn bei der mittägigen Wachtſchau traf mich die Wahl, mit hinauszuziehen unter den neuen Bürgersleuten, welche täglich den Poſten im Walde be⸗ ſetzen.— O! daß ich Dich ſo ſehen muß, Dich, den Stamm⸗ halter der Withuſen und Enkel der Windheims! Aber ziehe mit Gott, mein Sohn! verſetzte die Mutter, ihm die Hand drückend. Fände der Vater Dich, ſo könnte Deine Ahnung wahr werden, Du könnteſt ſein Mörder werden, denn er war gerade jetzt fürchterlich erhitzt auf Dich und ſprach ſchwere Worte. Geh, und komm mor⸗ gen Abend, wo der Vater zu Gaſte geht bei dem Herrn Proconſul Blome und rede dann mit mir, wenn Du etwas auf dem Herzen haſt. Es ſind Fremde bei unsz auch Herr Türk iſt wieder heim von Rom ſeit geſtern, und hat die Jugendneigung nicht vergeſſen, und heute um Elſens Hand geworben.— Fremde werden heimiſch in dieſem Hauſe, ſeufzte Georg; und ich, der Sohn, bin hier der Fremdeſte.— Da umfaßte ihn Hermann, welcher bis dahin in dem Ausbau des Zimmers und der Fenſtervertiefung verdeckt geſtanden, und preßte ihn mit Rührung an die Bruſt. Nein, nicht Fremde ſollen Dich verdrängen, ſagte er 78 herzlich, ſollen Dich des Platzes berauben, den Du ver⸗ dienſt wie durch Erbrecht als durch Geſinnung. Glaube mir, wenn ich Bruderrecht auf Dich erhalte, ſo wird meine erſte und einzige Sorge ſein, durch Verſöhnung das Glück dieſer theuern Familie herzuſtellen.— Du biſt es, Hermann? antwortete der Umfangene ſchwermüthig. Sei willkommen im Vaterlande. Und Du kennſt mich noch, dutzeſt mich noch, und willſt doch freien um Schweſter Elſe? Hüte Dich, der Braut ſo etwas merken zu laſſen, Du möchteſt Dir ſonſt die fröhlichen Flitterwochen verderben.— Die Schweſter wird doch nicht? fragte Hermann be⸗ ſorgt.— Wer kann's dem eitlen Dinge verargen? fragte Georg bitter zurück. Wer kann verlangen, daß die vornehme, geputzte Rathmannsdirne, welche mit den Conſulstöchtern den Hochplatz und Vortanz theilt auf jeder Stadtmeſſe und jedem Bürgerſchießen, mit der ſogar Prinz Erich den Reihen eröffnete, wer kann fordern, daß ſie meine ſchlichte, gottesfürchtige Süſe, die nur ſelbſtgewebte Lein⸗ wand trägt, Schweſter nenne, und ſie neben ſich dulde an der Tafel des Familienfeſtes? Wer kann es ihr ver⸗ argen, daß ſie das reiche Erbe lieber an einen ſtattlichen Bräutigam bringt und auf ihre Kinder, als es theilt mit des fleißigen Oelſchlägers Tochter und ihrer gemeinen Nachkommenſchaft?— Georg, das Schickſal hat Dich hart gemacht! ver⸗ ſetzte Hermann ſtreng und vorwurfsvoll. Laß mich ſor⸗ gen, und brich den harten Kopf, wenn ich den Vater zur Verſöhnung geſtimmt. Verſprich mir das. Georg reichte ihm kopfſchüttelnd die Hand. Sieh mein Kind an, Hermann! ſprach er, und eine leichte Röthe flog auf 79 die bleichen Wangen. Sieh den Buben, rund und weiß, ſchwarzäugig, lächelnd und kräftig, ein kleiner Herkules in der Wiege, und Du frägſt nach keinem ſolchen Ver⸗ ſprechen mehr. Der mich haſſet und tritt, iſt mein Vater; ich will nicht ſein Erbe, nur ſeinen Segen für Weib und das herzige Kind. Aber was ich gethan, war be⸗ dacht, und ich mußte ſo thun und hätte ich tauſend Väter gehabt, und alle hätten den tauſendfachen Fluch wie in einem Weltgerichtsdonner auf mein ſchuldlos Haupt ge⸗ ſtürzt. Glaube mir, Türk, ſtellte die Allmacht den Fall noch zehn Male dahin, wo er vor zwei Jahren ſtand, und ließe mir noch zehn Male die Wahl, ich würde nicht anders wählen. Wenn ihr meint, das Geld ſei das Centrum im Ringe des Glücks, wenn ihr Schwelgen und Schnarren auf der Bärenhaut für die Erdenſeligkeit nehmt, o wie irrt ihr da ſo gewaltig! Ich habe das Glück erſt gefunden, ſeit ich arbeite vom Morgen bis Abend, damit die Meinigen eſſen können; habe den rech⸗ ten Stolz erſt errungen, ſeit ich ſagen kann: was ich bin, bin ich durch Gott und mich; und das Gefühl der ſeligen Ruhe, wenn nach dem Tage voll Laſt und Schweiß mich dankbare Liebesarme umfangen, kennt ihr nicht, könnt ihr nie kennen in eurem lanzweiligen Schlummerleben.— Aber Du könnteſt den Deinen das Leben genußreicher machen, könnteſt ſie mit ſo manchen Bequemlichkeiten erfreuen, ſie überraſchen mit ſo manchem Geſchenk, was der Wunſch, wenn auch unausgeſprochen und verſteckt, begehrt. Haſt Du dieſe Wonne in Deiner ſeltſamen Seligkeit vergeſſen? fragte Hermann.— Der Menſch muß nicht über die Möglichkeit hinaus träumen! antwortete Georg mit verdüſterten Augen und am Boden haftenden Blicken.— 80 Das lag Dir nicht zu weit, verſetzte Hermann raſch, und Du ſollſt das nicht länger miſſen, da es Dir von der Wiege an gebührt, und ich will Dir zeigen, wie ungerecht all Dein Argwohn von vorhin war. Wenn ich Eliſabeths Jawort erhalte, wenn ich als Sohn in dieſes Haus komme, ſo biſt Du Deines Erbes ſicher. Bliebe, was Gott verhüten wolle, der Vater hart und unerbittlich bis zum Ende, ſtieße er ſein grauſames Te⸗ ſtament nicht um, und fiele Dein Erbtheil auf meine Gattin, ſieh! hier gelobe ich es in die Hand Deiner ehr⸗ würdigen Mutter, ſo zahle ich Dir aus meinem Ver⸗ mögen ſo viel, wie Dein Antheil beträgt. Du und Deine Kinder ſollen meine Frau und meine Kinder nicht für die Räuber ihrer Habe halten dürfen; ungerechtes Gut ſoll nimmermehr den Teufel unter mein Dach locken. Und, Georg, er umfaßte ihn traulich, Du könnteſt mir eine große Freude, eine Wohlthat faſt für den Werber Deiner Schweſter erweiſen, wenn Du morgen ſchon eine Summe von mir annehmen wollteſt, ſo hoch Du ſie für Dein Glück bedarfſt, als Vorſchuß auf das, was Dir vom Withuſenſchen Gute gebührt.— In freundlicher Wehmuth blickte Georg in des Ju⸗ gendgeſpielen glänzende Augen. Du biſt ein guter Menſch geblieben, Türk, ſagte er, und Dein Wort hat mir heute recht wohl gethan, mehr, als hätteſt Du mir Gold⸗ geſchmeide und Reliquien mitgebracht aus dem Orient. Du, der Du doch zu den erſten Häuſern der Stadt Dich zählen darfſt, Du, der in die Familie freien will, die mich ausſtieß, tadelſt nicht, was ich that, und es muß daher doch ſo unrecht nicht gethan ſein, wie die meiſten unſerer Patrizier, die Goldringe und Silberringe Han⸗ novers, meinen, und mich haſſen und verachten ſeitdem, 81 als hätte ich die ganze edle Sippſchaft beſchimpft durch meine Suſe. Gott ſegne Dich für den Troſt; Du ver⸗ dienſt das beſte Glück und das beſte Weib des Landes. Aber verzeihe mir, und halte nicht für Starrſinn, was nur Ueberzeugung iſt, die Grundſatz ward. Was Du mir bieteſt, kann ich nicht nehmen; es würde mich im⸗ mer an den Bettelſack mahnen. Aber das gelobe ich Dir, wenn das Schickſal mich noch härter anfaßte, wenn Krankheit meine Arme lähmte, wenn mit mir auch der fleißige Schwiegervater läge, dann ſende ich Weib und Kind auf Deine Schwelle, und ſollte mir ja etwas Menſchliches paſſiren, ſo ſind meine Lieben Dir empfoh⸗ len von heute an, und der Gedanke macht mich froh, und hat alle meine böſen Beängſtigungen von vorhin aus der Bruſt geworfen, und das iſt die beſte Gabe, die der Freund dem Freunde aus der reichen Fremde mitbringen konnte. Und nun lebt wohl, Mutter und Bruder! Dort zieht der ehrſame Bürgerkorporal Düvel ſchon mit ſeiner Schaar an der Kirche herunter, und ich muß mit mei⸗ ner Partiſane eintreten, ehe ſie das Thor paſſiren.— Er wollte das Zimmer verlaſſen, kehrte aber in der Thür nochmals um. Noch Eines! ſagte er. Curd Borgentrich, meiner Suſe Vater, wird heute noch hierher kommen; er hat mit dem Stadtbauherrn etwas abzuthun. Könnt Ihr, ſo ſorgt für guten Empfang des alten, würdigen Bür⸗ gers, und ſtimmt den Vater für ſeine Bitte.— Frau Withuſen ſchüttelte den Kopf. Er ſollte nicht herkommen, ſagte ſie bedenklich, er ſollte nicht ſelbſt herkommen, ſollte durch einen Andern das Geſchäft abmachen laſſen; ich zittere, denke ich, zu welchem Sturme das führen könnte.— Blumenhagen. V. 6 Curd Borgentrich iſt ein guter, ſchuldenfreier, flei⸗ ßiger Bürgersmann, antwortete Georg mit feſtem Tone. Soll er ſich ſcheuen, in das Haus des Rathsmannes zu treten? Soll er dadurch ein ſchlecht Gewiſſen an⸗ künden? Hat er nicht dieſelben Rechte und Privilegien wie der Senator, ſchützt ihn nicht daſſelbe Geſetz, und geht er nicht frei zu ſeinem Conſul, der ihn achtet als ein geſundes, tüchtiges Glied der Stadtgemeinde? Ge⸗ recht muß der Vater ihn anhören; was daraus kommen könnte, ſteht in Gottes Hand, und die Schuld trifft den, der den erſten Stein aufhebt.— Jungfrau Eliſabeth trat jetzt aus dem Nebengemach, warf einen verächtlichen Seitenblick auf den Bruder, und wandte ſich, ohne ihn zu begrüßen, an den Herrn Hermann Türk. Der Vater harrt Eurer, ſagte ſie mit kaltem, vor⸗ nehm geziertem Tone, und er wundert ſich, daß Ihr ihm ſo lange Eure Geſellſchaft entziehen möget, da er meint, die Geſellſchaft hier im Zimmer könnte für Euch unmöglich geeignet und angenehm ſein.— Er möge verzeihen, antwortete Hermann ſtutzig. Wenn ich den langentbehrten Jugendgeſpielen begrüßte, wird ſolches ſein Vater nicht übel achten und als Nach⸗ läſſigkeit deuten.— Mein Vater hat keinen Sohn, und ich kenne keinen Bruder! verſetzte Eliſabeth leicht hin, und warf den runden Mund gegen die ſchöngebogene Naſe auf.— Elſe! Schweſter Elſe! rief Georg mit Entſetzen, ſpotte Gottes nicht, denn er demüthigt die Stolzen, und vor ſeinem Athem ſind die Gehäſſigen Spreu, und er verweht ſie von der Tenne. Du hörſt, Hermann, welche Peſt ich dieſem Hauſe bin; ſei du glücklicher darin.— 8 83 So verließ er raſch das Zimmer. Kaum hatte er die Thür geſchloſſen, ſo trat die Jungfrau mit ernſten Zü⸗ gen dem jungen Türk näher, den Blick auf die Mutter gerichtet, welche mit traurigen Mienen dem verlorenen Sohne durch das Fenſter nachblickte. Herr Hermann, flüſterte ſie, ich achte den wackern, ſtattlichen Patrizier⸗ ſohn, und ich ſchätze mir den Antrag zur Ehre, der mir heute geworden. Doch eben darum darf ich dem Freunde, welcher mir künftig mehr ſein will, einen feinen und treu⸗ gemeinten Rath nicht vorenthalten. Wer ſich dem Ge⸗ ſchlechte der Withuſen anreihen möchte, dem muß auch die Ehre der Withuſen ſo hoch gelten, wie ſeine eigene, der muß ihre Feinde ſeinen Feinden gleich achten, der muß mit Niemanden ſich dutzen und Freundſchaftsreden tau⸗ ſchen, welcher dieſem Hauſe einen unauslöſchlichen Ma⸗ kel angehängt, und wie ein heimlicher Giftmiſcher dem Stammherrn Geſundheit und Leben gekürzt hat. Ich werde dem Vater nicht verrathen, was ich ſo eben hörte; denn erführe er Euer Benehmen, ſo möchte Eure Werbung ſchwache Füße bekommen, und Euer adelig Weſen, des Prinzen Gunſt, das Alter Eurer Familie, ſelbſt Euer Reichthum, wodurch der Herr Jungknecht in Schatten gerieth, würden vor ſeinem Haſſe zu Schemen werden, welche in der Luft verrinnen. Und ſelbſt meine Wenig⸗ keit, ſo ſchwer der Tauſch werden möchte, könnte ſich für den Senator beſtimmen, ſo ein arger Zieraffe er iſt, da derſelbe es nicht mit denen hält, die das Verderben und die Schmach der Withuſen wollen!— Iſt es möglich? rief der junge Mann mit Erſtaunen im Antlitze. Die ſchöne Eliſabetha, welche ſo viel Geiſt auf der Stirne, ſo viel Herz im Auge trägt, könnte— Gedanken verſunken ſchien.— 84 — Er verſtummte, denn Herr Withuſen trat mit ſeinem Begleiter aus dem Kabinet in das Wohnzimmer.— Da marſchirt er hinaus, ſprach der Alte in hoher Wallung und biß die breite blaulichte Lippe; ſeht nur hin, wie ſchön und ſtolz der Erbe der Withuſenſchen Lehne dahin zieht, gleich einem Leonidas mit ſeiner Spartanerſchaar. Bei dem Sankt Aegidius, es iſt ein Anblick, um das böſe Weſen zu bekommen! Seht, wie der hochachtbare Herr Düvel, der ſich rühmt, dem älte⸗ ſten Geſchlechte der Stadt anzugehören, der würdige Stadtkorporal von Habenichts, der Graf vom Röſehofe und Baron vom Katzenberge ihn commandirt und her⸗ unter macht, weil er die Parade verſäumte. Die Wit⸗ huſen ſind beſtändig oben und voran geweſen, ſeitdem an den hohen Ufern der Leine eine Stadtmauer geſtan⸗ den, und der Schurke tritt das Wappen mit dem ſilber⸗ nen Schloſſe in den Koth, daß die Gaſſenbuben es zur Schurrbahn gebrauchen werden. Den Krug und den Pokal auf den Tiſch, zärtliche Frau Irmgard! Wir wollen Vergeſſenheit trinken, daß uns der Zorn nicht unterjocht, und die Weibsleute mögen draußen flennen und uns nicht ſtören, denn ſie ſind allein Schuld an der erbaulichen Komödia, die meine geachteten Gäſte haben anſehen müſſen.— Die Männer nahmen wiederum Platz an der Tafel; gehorſam räumten die Frauensleute das Feld, und Herr Withuſen that tiefe Züge aus dem Pokal, worin ihm der ſchmunzelnde, geſchwätzige Senator beiſtand, indeß Herr Türk bedeutend ſtummer geworden, als er bei dem Mittagsmahle geweſen, wenig dem kredenzten Becher zu⸗ ſprach, und überhaupt gar oft in tiefe und abſonderliche 85 Doch als habe das Schickſal dieſen Tag mit ſeiner ſchwärzeſten Laune begabt, auch dieſe neu herauf ge⸗ führte Freudenſtunde ſollte nicht ohne Störung verbleiben. Schon wirkte das damals in nordiſchen Städten noch ſeltene Feſtgetränk von den rheiniſchen Weinbergen auf die Männerköpfe. Der alte Herr Withuſen wiegte ſich wohlbehaglich in ſeinem Sorgeſtuhle, und examinirte den künftigen Schwiegerſohn etwas unverſchämt über den Er⸗ trag ſeiner Koten und Höfe zu Hogernighehuſen, ſeines Zehnten zu Debberode und auf dem Emberberge, und ſeiner Wieſen in der Embermaſch, über den Werth ſei⸗ nes Sattelhofes, über das Baare, welches ihm der Va⸗ ter nachgelaſſen, und über die künftige Erbſchaft von ſeinem hageſtolzen Ohm. Herr Bartold Jungknecht da⸗ gegen ſpielte mit den Troddeln an ſeinem Rocke, faſelte viel und ſpitzig von jungen Gelbſchnäbeln, die ſich wie der Hahn auf fremdem Miſte geberdeten, von verſtändi⸗ gen Jungfrauen, die reelle Vorzüge zu unterſcheiden wüßten, von wilden Radſchlägern, denen es beſſer ge⸗ weſen, die Türken hätten ſie zu Haremswächtern appre⸗ tirt, da ihr Name ſchon die Beſtimmung andeute, und eben war Herr Türk willens, dem Berauſchten eine derbe Abfertigung zu bereiten, und er zauderte nur noch und ſchwankte in der Manier aus Ehrfurcht vor dem Haus⸗ herrn; da wurde auf dem Vorplatze ein gewaltiger Lärm wach, keifende Reden bellten gegen einander, und als des Herrn Withuſens Thurmwächterſtimme vom Tiſche aus donnernd nach der Urſache rief, öffnete Eliſabeth die Thür und trat wiederum verſtörten Geſichts und bleich vom ſichtlichen Aerger herein, indeß ein alter, grauhaariger, jedoch noch recht rüſtiger Bürgersmann im groben grauen Tuchkleide in der Thür blieb und ſeine Reverenz machte, 86 jedoch weder Furcht noch Beſorgniß auf ſeinem gebräun⸗ ten und runzelvollen Geſichte ſehen ließ. Er will nicht fort, er läßt ſich nicht abfertigen, der alte Oelſchläger aus dem Beginnengäßchen, ſtotterte das Mädchen mit befangenem Athem. Vergebens habe ich ihm derb geſagt, daß bei uns nichts für ihn zu ſuchen, daß Ihr ſein Geſicht haſſet wie die Sünde, daß Ihr zu Gaſte ſäßet, und den Plebs nicht vorlaſſen könnet. Er hat mich eine Eſther und Judith genannt, und das iſt doch nicht zu dulden unter dem eigenen Dache.— Was unterſteht ſich der Herr Borgentrich? fuhr Herr Withuſen von ſeinem Seſſel in die Höhe, und der lodernde Grimm erſtickte ſeine Worte beinahe.— Mit Verlaub, meine achtbaren und würdigen Herren! nahm ehrerbietig näher tretend der geſcholtene Mann das Wort. Wenn die Jungfer da einem alten Bürgersmanne Hamans Strickſchickſal wünſcht, und ihn mit dem falſchen und verderblichen Holofernes in Reihe und Glied ſtellte, ſo iſt die glattzüngige Eſther und die heimtückiſche Judith eine ganz natürliche Erwiderung, denn beide ſind in der heiligen Schrift gar nahe bei dem Haman und Holofern. Und ſo lange die Stadt Hannover ſteht, iſt es nicht Sitte geweſen, daß man einen Bürgersmann, der zu ſeiner Ob⸗ rigkeit und zu einem Patrizius und Schutzmanne in einer Sache ſeines Hausſtandes bittend kommt, gleichſam mit Hundegebell aus der Pforte hetzt und ihm mit nichtigen Vorwänden ſeinen Vortheil entzieht.— Die Obrigkeit hört gern und mit offenen Ohren die Sache der Bürgerſchaft, wenn auch die Zeit nicht eben gelegen gewählt ſein ſollte, entgegnete Herr Withuſen, geſchmeichelt und in etwas beſänftigt, indem er ſi ich nie⸗ derſetzte.— 87 ebräun⸗ So meine auch ich, fuhr Curd Borgentrich dreiſt und ſicher fort, und ſo wirds bleiben, wenn unſer Beider n, der Aſche längſt am Nicolai zuſammen modert.— erte das Nicht zuſammen ſo eben! unterbrach ihn Herr Wit⸗ ae ich huſen. Unſersgleichen ſchläft im Erbgewölbe der Vor⸗ ſuchen, eltern zu Sanct Aegidii, und nicht unter freier Luft Ihr zu zwiſchen den gemeinen Grabhügeln.— et Er Gleichviel, meinte Borgentrich, wenn es nur ſelig das iſt geſchlafen iſt. Mit der Jungfer war es demnach wohl — nur ein Mißverſtändniß, und ich dächte auch, der Herr hr Herr Rathsverwandte würde den ehrlichen Bürger nicht abwei⸗ odernde ſen laſſen, wenn er auch nicht ſein Verwandter wäre.— Der Teufel iſt Sein Verwandter, Er frecher Geſell! Herren! fuhr Herr Chriſtopher wiederum in die Höhe. Doch, inn das rede Er nur, trage Er Seine Bitte vor, iſt doch das smanne Alles abgemacht; die Stadt kennt unſere Meinung, und falſchen wie wir auf Ehre halten und das Glied abhauen, das ſtellte, uns ärgert; auf dem Rathhauſe liegt unſer Teſtament, Judith und Jedermann weiß, wer den Schimpf und den Scha⸗ in der den gehabt von uns Beiden.— lofern. Gott wird das richten, wenn das letzte Stündlein t Sitte kommt! ſagte der alte Curd mit einem andächtigen Blicke ter Ob⸗ zum Himmel. Kam ich doch nicht her, über ſolch viel⸗ n einer beſprochenes und beſcholtenes Ding neues Gelärm zu m mit machen, und die Jungfer Withuſen trägt wahrlich alle ichtigen Schuld mit ihrer ſchnöden Abweiſung. Nein, ich kam reſpektvoll her, dem Herrn Rathsmanne und Stadtbau⸗ ren die herrn eine gehorſamſte Bitte fürzutragen.— ht eben Bittet, wenn Ihr nicht unbeſcheiden ſeid, wollen wir thuſen, ſehen! antwortete Herr Withuſen mit eitler Brüſtung.— ch enie⸗ Der achtbare Herr weiß, begann Borgentrich, wie mein fleißiges Geſchäft nicht ganz ohne Segen geweſen, 88 und das Oel aus der Beginnengaſſe wohlgeſucht iſt im Stadtweichbilde wie auf den Dorfſchaften rund umher, und Borgentrichs Oelkuchen zur Geſundheit des lieben Viehs verfahren werden im ganzen Lande. Und wie denn jeder das Seinige thut, hinauf zu kommen in der Welt, ſo find wir denn auch bedacht geweſen, das Geſchäft zu heben und haben beſchloſſen, unſer Weſen zu erweitern, und haben zur Anlage einer größern Oelmühle das kleine Nachbarhaus gekauft vom Bürgervorſteher Schnellgrave, welcher Verkaufsbrief morgenden Tages, wie Euer Wohl⸗ edlen ſelbſt wiſſen, auf dem Rathhauſe vollzogen, atteſtirt und in das Stadtbuch getragen werden ſoll, weßhalb ich ſelbſt noch heute zu dem Vetter, dem Windmüller auf dem Kronsberge, marſchiren wollte, damit er ſich mor⸗ gen einſtelle, denn er ſchießt das Geld her, hat Theil am Geſchäft und liefert den Rappsſamen von ſeinen guten Feldern.— In ſich murmelnd hatte der Hausherr die Rede des langweiligen Alten mit ſeinen Anmerkungen begleitet. Hinaufkommen bis zum Galgen!— Berühmt unter Ochſen und Eſeln!— Koſtbare Vetterſchaft mit dem windigen Blaurocke!— Schuldenmacherei bis zur Aus⸗ pfändung!— hatte er gemurmelt, wozu der horchende Senator jedesmal beifällig genickt, der Sprecher ſich aber nicht ſtören laſſen. Jetzt fiel er jedoch unwillig ein, und ſprach laut: Aber was ſoll uns der ſalzloſe Brei? Wir verleihen kein Güldenſtück an ſolche hypothekloſe Spekulanten Obenhinaus und Nirgendan. Ihr müßt ſchon den Weg zum Kronsberge antreten, und würde er Euch noch ſo ſauer.— Bin auch bereit und gerüſtet, antwortete ruhig der Alte; der Reiſeſtock iſt derb und ſtark und die alten 89 Gliedmaßen halten feſt zuſammen, und das Mark iſt nicht verſchlemmert und früh vergeudet worden. Aber meine Bitte kommt nach. Da ſtößt nun des Schnell⸗ gravens Häuslein an den Hof des Stadtmarſtalls, und ein Winkel tritt herein in des Schnellgravens Eigenthum, und ein altes Bretterhaus voll Gerumpel ſteht auf dem Platze und hindert die regelgerechte Form des neuen Baues. Der gnädige Herr Conſul Limborg und der Herr Proconſul Blome ſind aber gar nicht abgeneigt, uns den Winkel, welcher nutzlos iſt, gegen ein kleines Sümm⸗ chen abzutreten, denn ſie unterſtützen überall den Ge⸗ werbsfleiß und ehren den fleißigen Gemeindemann. Und da haben ſie mich hergeſendet zu dem achtbaren Herrn Withuſen, der als Stadtbauherr ſeine Zuſtimmung geben muß, und ich bitte den Herrn gar ſehr, daß er uns morgen vor dem hohen Rathe nicht widerwärtig ſein möchte, damit die Sache gleich klar abgethan und uns der geringe Nutzen nicht abgeſtritten werden möchte. Und das iſt die gehorſamſte Bitte, welche mich daher geführt, was ich zwar frei und muthig gethan, was mir aber immerhin ein ſchwerer Gang geweſen.— Des Herrn Withuſen Geſicht war immer geſpannter geworden, wie der Alte weiter ſprach. Und da iſt Er hergekommen voll Hoffnung? Er alter Thor? fragte er jetzt mit Erbitterung. Und Er unterſteht ſich zu ſprechen mit mir, dem Magiſter Civium, vom nutzloſen Winkel und morſchen Bretterhauſe und alten Gerumpel? Nir⸗ gend, wo der Stadtbauherr Withuſen commandirt, iſt ein Fleck des Stadteigenthums unbenutzt geblieben; ſchau Er in den wohlconditionirten Schoppen, von ſtarken Ei⸗ chendielen gebaut, und Er wird darin finden das Rüſt⸗ zeug für das ſtädtiſche Aufgebot zu Pferd, welches ſeinen 90 Platz eher verdient und haben muß, als Seine ſchmu⸗ tzigen Rübölflaſchen. Und ſo höre Er demnach meine unabänderliche Antwort auf Sein vorlautes, naſeweiſes Anliegen. Nein! Nein! und dreimal Nein! ſpricht der Stadtbauherr vor der Bürgerſchaft und dem hohen Rathe. Ein rechtlicher Rathmann vergibt keinen Schrittbreit Erde, die ihm überliefert; ja ſeinem Mühlbau wird man ſich gerade morgen widerſetzen im Pleno vor dem Haus⸗ kaufe, denn die kriegeriſchen Zeiten erfordern beſondere Maßregeln, die Stadtmarſtälle bedürfen Erweiterung für mehre Roſſe und Wägen uud neu erkauftes Schießgeräth. Darum wird man antragen, daß ſämmtliche alte Bou⸗ tiguen im Beginnengäſſel taxirt und den Beſitzern abge⸗ kauft werden ſollen, und Er kann ſich freuen, wenn man Mitleid mit Ihm hat, und Seine baufällige Bude mit einem guten Kaufſchilling belegt. Und damit Punktum, und das iſt meine Antwort auf Seine tollhäusleriſche Anmaßung.— Borgentrich ſtand bedonnert; man ſah ihm an, daß er ſeinen Ohren nicht recht traute, und nicht wußte, ob er das Alles als Ernſt oder Scherz annehmen ſollte. Als aber der Senator Jungknecht auftaumelte, ihn auf die Schulter ſchlug und mit grinſender Freundlichkeit ſtammelte: Nun, Alter, haſt Du die Ohren aufgeknöpft? Haſt Du vernommen, ſo trolle Dich! Spare Deinen Weg zum Vetter Windmüller den glatten Berg hinan. Was Dir geſagt worden, iſt die Meinung der ganzen Senatorſchaft, ich verſichere Dir's auf Bürgerehre. Darum trolle Dich, trolle Dich fort; Du ſiehſt, unſer ſchöner Wein verdampft!— Da ging dem ehrlichen Bürgersmanne die Galle über, und er ſtieß mit ſeinem Knotenſtocke auf den braunen 91 Fußboden und ballte die dürre Fauſt. Der alte Gott lebt noch, und Gerechtigkeit ſitzt unter der ſteinernen Laube, die nicht Blindekuh ſpielt, wie ſie gegenüber ab⸗ conterfeit ſteht an der Ecke der Kaldaunenburg. Wir verlaſſen uns auf unſere wackern Conſuln, vor denen der Arme gilt, was der hochmüthige Reiche; wir ver⸗ trauen unſern Mitbürgern, da die Beurtheilung des Rechts und einzelner Gerechtigkeit bei uns überall auf des Volks eigener Kundſchaft und Erkenntniß beruht. Und wollt Ihr falſch Zeugniß geben von wegen des Stadtbedarfs gegen uns, ſo ſeht Euch vor, daß es Euch nicht ergehe, wie dem Meineidigen, deſſen Schreckbild ausgehauen ſteht an der Stadthauspforte, wie er ſich das Maul aufſpaltet bis zu beiden Ohren in der Ver⸗ zweiflung des böſen Gewiſſens. Aber daß Ihr es wißt und Euch vorſehen möget: wie Ihr einen ehrlichen Bürger behandelt und geſcholten, und geredet vom Tollhauſe und Galgen und Obenhinaus, das ſoll wiederhallen vor dem grünen Tiſche, und der Rathsmann ſoll dem Oelſchläger Rechenſchaſt geben vor der ganzen ehrlichen Gemeinde, die er in uns beleidigt hat; denn die Ehre der Bürger⸗ ſchaft iſt eine und dieſelbe, und Jeder hat Theil daran, der noch nicht am Pfahle geſtanden oder im Hundeloche logirte, und wir, die wir oft auf den Stadtwällen ſtan⸗ den zur Wehr, und Wurfgeſchoß und Sturmleiter ver⸗ achteten, ſind wohl eben ſo viel werth, wie die faulen Bäuche und feigen Seelen, die, während die Sturmglocke klang, und außen die feindlichen Drommeten Zeter ſchmet⸗ terten, im ſichern Zimmer ſaßen und im Weine die arge Furcht zu erſäufen trachteten. Und damit Gott befohlen! — So wandte ſich der erbitterte Alte, und ſchritt mit dröhnenden Tritten zum Zimmer hinaus. 92 Laſſet den Grobian nicht fort! ſchrie Herr Withuſen. Die Majeſtät der Obrigkeit iſt lädirt; er hat geläſtert über den ganzen Magiſtrat. Hat er nicht geſpottet über die blinde Gerechtigkeit? Hat er nicht die Rathsver⸗ wandten Feige und Säufer geſcholten? Laſſet ihn nicht fort! Ruft den Hausknecht und die Taglöhner von mei⸗ nen Kornböden. Sie ſollen den Taugenichts fangen, ſchlagen, ſtechen, wenn er ſich nicht gutwillig gibt, und marſch mit ihm in den Bürgergehorſam, daß er Reſpekt lernt vor ſeiner Obrigkeit.— Herr Chriſtophorus wollte ſich am Tiſche erheben mit geballten Fäuſten, aber das Gewicht ſeines gepflegten Körpers und der Geiſt des Getränks warfen ihn mit blutrothem Geſicht wieder in den Seſſel zurück. Auch Herr Jungknecht ſparlte ſich los vom anziehenden Stuhle, ſpreizte ſich breit, die Hände aufſtützend, und rief, ſein feines Stimmchen mit Gewalt⸗ thätigkeit zum Baſſe zwingend: Es iſt Aufruhr, Meu⸗ terei! Attentat auf Geſundheit und Leben der Goldringe und Rathsverwandten! Sorget nicht, ich ſpringe zur nahen Thorwacht. Man ſoll den greisköpfigen Rebellen fangen, ehe er unter dem Wachtthurme auspaſſirt. Auf die zwanzig Schritte holt mein flüchtiger Fuß ihn ſicher ein.— Herr Türk erhob ſich jedoch ernſt und ruhig, faßte den Senator an den Schultern und drückte den Wackelnden und nicht mehr Fußfeſten leicht in das Stuhl⸗ polſter zurück. Bleibt in Eurer Gemächlichkeit, ſprach er mit finſtern Blicken und ſiegender Würde; Euer Zuſtand kündet, daß der alte erbitterte Mann nicht eben Unrecht hat. Hütet Euch, nicht ſelbſt Zeugniß vor den Leuten zu geben über das, was ſeine Klage laut machen möchte. Kann ich doch nicht verhehlen, daß dem Alten, welcher bittend 93 kam und lange beſonnen blieb, hier nicht ganz begegnet worden, wie ein hannoverſcher Bürger von ſeinen Vor⸗ ſtänden gewohnt iſt und gewohnt ſein muß in aller Zeit. — Uebrigens, ſetzte der junge Mann mit feiner Höflich⸗ keit hinzu, indem er ſein Federbarret vom Fenſter nahm und ſeinen Degen am Gurte befeſtigte, danke ich herzlich für gütige Bewirthung, und grüße den gaſtlichen Haus⸗ herrn wie die ehrſamen Frauen mit Hochachtung.— Er beugte ſich anſtändig und ſchied, und ließ Alle in ärger⸗ licher Verwunderung, welche der Senator durch einen tüchtigen Zug aus dem großen Pokale zu verſtecken ſuchte, da ſein ſchwindelnder Verſtand ihm nichts eingab, was er dem Scheidenden auf die ſeltſame Entgegnung ant⸗ worten konnte, und ſelbſt Scherzſpruch und Schmeichel⸗ wort ihm, dem vulkaniſchen Antlitze des im Zorne ver⸗ ſtummenden Herrn Chriſtophorus gegenüber, den Dienſt verſagten. In jener Zeit, worin unſere Geſchichte ſpielt, hatte die Stadt Hannover bedeutend engere Grenzen, als ſie jetzt beſitzt, und ihre nächſten Umgebungen waren gar anders geſtaltet. So wie die ganze Neuſtadt, jetzt eines der ſchönſten Reviere der Reſidenz, dazumal noch nicht als Stadt zu betrachten, ſondern die weſtliche Begrän⸗ zung Hannovers zwiſchen den geſchlängelten Flußarmen der Leine, Gemeindanger, Gärten, kleine Köterſtellen, Hütten und Mühlhäuſer dem Blicke darbot, der ſchöne Markt noch im ſumpfigen Judenteiche verſunken lag, der ſpäter abgetragene Berg die Ruinen des im Jahre 1371 zerſtörten Schloſſes Lauenrode trug und an ſeinen Ab⸗ hängen fruchtreiche Baumgärten und der Schießplatz und Papagoienbaum der Bürgerſchaft und weiter hin die Freihöfe derer von Alten und Molinus und Windheims und Türken ſich aneinander reihten, ſo fehlte auch im Oſten der Stadt der geregelte Anbau der Aegidien⸗Neu⸗ ſtadt, und weit näher als jetzt lag das Stadtthor mit ſeinem Wartthurme und ſtarken Fallgitter der Kirche Sancti Aegidii. Außen vor dieſem Thore wand ſich rechts die Heerſtraße nach der Biſchofsſtadt Hildesheim an der Aegidien⸗Maſch und dem längſt verſchwundenen Dorfe Embere her, in welchem die von Oberg Lehne und Zehn⸗ ten beſaßen; die linke Seite dieſer Straße umſchloß dichter Wald und Bultheide voll moorichter Stellen und Sumpfteiche, die in der Nähe der Stadt vom Fleiße der Bürger ſchon damalen in Gärten umgeſchaffen wurden, mit dichten Weißdornhecken gegen Viehheerden und muth⸗ willige Wanderer eingezäunt waren, und Wälder von Hopfenſtangen und ſtattliche Reihen von Obſtbäumen in Sfaßten. Mitten in dieſen Gärten und der Aegidien⸗ Feldmark erhob ſich das freundliche Gebäude der Kapelle Beatae Mariae Virginis in der Gegend der jetzigen Gartenkirche, doch auf der andern Seite der Straße, welche von Hannover nach der Wißborg führt, und eben⸗ falls bei weitem näher der Stadt gelegen. Georg Withuſen war mit den ſieben Gefährten, welche, von Wulbrand Düvel commandirt, zur Landwahrung auf der Dörnder Warte erwählt worden, durch die eben beſchriebene Gegend marſchirt, blieb cder heute ein gar ſtiller Kamerad, denn die Stunde, welche er eben erlebt, eignete ſich nicht dazu, ihm Luſt zu erwecken für die ſchnurrigen Mährchen, welche der wohlgemäſtete Schlach⸗ ter Alves erzählte, deſſen Geſicht ſo ſeltſam roth und weiß geſtreift ließ, wie die Feſtbraten in ſeiner Bude, — — 95 auf welchen er mit kunſtreichem Meſſer die weiße Haut in hundert wunderſame Figuren zu ſchneiden wußte, daß ſie aus ſahen wie das tätowirte Antlitz eines Südſeewilden. Eben ſo wenig mochte er in die bekannten Volkslieder einſtimmen, welche die muntern Genoſſen in die kalte Winterluft hinaufjodelten, und ſich ſo den einförmigen halbſtündigen Marſch durch Bult und Holzung weniger langweilig zu machen ſuchten. Daß des Vaters Haß unverſöhnlich war, hatte er auf's Neue erfahren; daß die Schweſter einen ſtattlichen Freier bekommen, daß das ſchöne Erbe alſo um ſo gewiſſer ſeinem kleinen, geliebten, Ehrenfried entzogen werden dürfte, war für ihn eine Neuigkeit, die ſein Herz zerquetſchte, und daß dieſer Freier ſein Jugendgeſpiele, daß es ein edler, ſtattlicher Mann war, traf ihn empfindlich; denn nun durfte er ja nicht einmal den Habicht in ſeinem Neſte haſſen und befeinden. So zog er in Gedanken vertieft hinter der Rotte ſeiner Gefährten her, bis der Dörnder Wartthutz erreicht worden. Dicht an der Heerſtraße nach Hildesheim, wo der damals dreifach größere Wald, die Eilenriede genannt, ſeine äußerſte Spitze bis zum Stromufer hinab ſtreckte, an demſelben Platze, wo jetzt der ſpäter neu erbaute Dörner⸗Thurm und die freundliche Holzwärterwohnung daneben mit ihren Laubgängen und Ruheplätzen die Städter einladet und zum weiten Spaziergange lockt, ſtand in jener Zeit ein gewaltiger grauer Steinthurm von bedeutendem Umfange und feſtem, dräuendem An⸗ ſehen. Eine eiſenbeſchlagene Pforte führte hinein, und auf einer Windelſteige gelangte man inwendig zu mehren gewölbten Hallen, deren Wände mit den ſtarken Waffen jenes Zeitalters geſchmückt waren, wo die ſcharfe Par⸗ 96 tiſane und die ſchwere Kolbe und die ferntödtende Arm⸗ bruſt neben einander blinkten, und ganze Kiſten voll hartgebrannter, ſtahlbewehrter, brauner Bolzen die Vor⸗ ſicht der Stadthauptleute bewährten. Ein hügelichter, unwirthbarer Boden umgab den Thurm von krauſem Mooſe bedeckt, und durch knotige Eichen, ſchlanke Hain⸗ buchen und ein Wildgebüſch ſtachlichter Weißdornſträuche veſetzt und ungangbar gemacht. Ein breites Waldwaſſer rauſchte über Kieſelgrund vorüber dem nahen Strome zu, und die Brücke, die darüber lag, ſperrte ein derber Schlagbaum. Ob der Ort von dem dicht hinter dem Gehölze an der Leine liegenden Dorfe Dorende oder Dörnde, jetzt Dören genannt, oder das Dorf von der Warte im Dornbuſche den Namen bekommen, davon ſchweigen die alten Chroniken und Urkunden.— Die neue Wacht war eingezogen, und die alte hatte ſich eil⸗ fertig aufgemacht, um die Stadt und den bequemeren Hausſtand noch vor der Dämmerung des kurzen No⸗ vembertages zu erreichen. Die regſamen Bürgersleute vertheilten ſich in der Warte, um die nöthigen Geſchäfte zu Ende zu bringen. Des Dienſtes der Landwahrer gewohnt, trugen Einige Spaltholz aus dem Gewölbe herauf, die Kiſte am Kamine für die kalte Nacht zu ver⸗ ſorgen; Andere ſäuberten die hölzernen Schlafſtellen und ſtäubten die Wolldeckeu aus; oben auf der Zinne putzte ein Einzelner die Blendſcheibe in der großen Laterne, und verſah die Lampen mit Oel und Licht. Segebant Alves, der Fleiſcher, viſitirte das Bierfaß und den Vik⸗ tualienſchrein, und erkundete, ob die abgezogenen Brüder auch noch Reſt genug gelaſſen, und der Proviantverwalter der Stadt ſeine Schuldigkeit gethan, und der graubär⸗ tige Wulbrand vertheilte als kundiger Kriegsmann, der 97 ſchon unter Wilhelmus Bellicoſus den Sturm von Hal⸗ lermünde gegen den Spiegelberger und die Siegesſchlacht auf der Borſtelheide gegen die Oldenburger Grafen mit⸗ gemacht, und noch kürzlich mit den Hannoveranern dabei geweſen, wie Wilhelm der Sohn den rebelliſchen Sunder aus der Hemelſchenburg vertrieb, die Pfeilbündel und Armbrüſte in jede Schießſcharte, prüfte jeden Stahlbogen und jede Darmſehne, ſtieg dann ſelbſt wieder vom Thurme, am Schlagbaume das Schloß zu beſchauen und die Riegel, und ging zuletzt eine Strecke in den Wald hinein bis zum Hauptplatze, wo auf einem gelichteten Orte viele hundert Klafter Brennholz aufgeſchichtet ſtan⸗ den, die Bürgerſchaft der Stadt mit dem nöthigen Ma⸗ terial für den beginnenden Winter zu verſehen, über deſſen Beſchützung, Abführung und richtige Vertheilung der Commandant der Landwahrer ebenfalls die Aufſicht zu halten verpflichtet war. Als er zurückkam, und feſt gegen den erwachenden, kalten Nachtwind in ſeinen dicken Aermelmantel gewickelt zu der Warte hinan ſchritt, ſtutzte er, denn mit Ver⸗ wunderung ſah er den Bürger Withuſen noch da ſtehen an der gewölbten Pforte; die Partiſane lehnte am Thurme und bewies, daß der Wachtmann noch nicht drinnen ge⸗ weſen, und weder die Arbeit getheilt, noch der Ruhe gepflegt hatte; mit ineinandergeſchlagenen Armen ſtand die kräftige Geſtalt des jungen Mannes am eppich⸗ bewachſenen Gemäuer, aber ſein Kopf hing ſchmerzlich nach vorn gebogen, ſein ſchwarzes Auge ſtarrte ſchwer⸗ müthig in der Gegend hin, wo Hannover lag, von wo durch eine lichte Schlucht des Holzes die Sonne im Untergehen blutrothe Strahlen herüber warf, die den Mann und den ganzen Thurm mit Feuer zu umgeben S V. 7 98 ſchienen, und wo über das niedere Strauchholz der Dom⸗ thurm ſeine Rieſengeſtalt und ſeine grüne Kupferſpitze mit dem Wetterhahne erhob. Beim heiligen Nikolaus, Ihr ſeid heute ein wunder⸗ licher Paſſagier, Withuſen! ſprach der alte Bürgerkor⸗ poral mit ſpöttiſchem Lächeln auf dem benarbten Ge⸗ ſichte. Wer Euch ſo daſtehen ſähe im kalten Abendſtrich, ſteif wie ein Grenzpfahl, müßte glauben, Euch habe der Todtenkrampf befallen oder Ihr wäret ein Wetterpro⸗ phet oder gar ein Geſpenſterbeſchwörer. Starrt Ihr doch in die Abendſonne hinein, als ſähet Ihr Geiſter auf den Zackenlichtern reiten. Der Himmel iſt recht gräßlich roth, und es gibt derben Froſt auf morgen. Darum kommt herein zum flackernden Kamin und zur Kanne. Ihr hättet den Weg laſſen ſollen in das väter⸗ liche Haus, denn dort habt Ihr Euch wieder einen Schef⸗ fel voll Galle geholt. Ich merkts ja ſchon, als Ihr am Thore in die Rotte tratet. Kopf in die Höh und Bruſt heraus! Ein ächter Mann ſteht am beſten auf ſich ſelbſt und allein. Geld iſt meiſt eine Teufelsgabe und bringt mehr Böſes als Gutes in das Haus, und Ihr ſeid ein ſo ganzer Mann, daß Ihr nirgend und nie das eitele Geld bedürft.— Was Ihr zu Anfang von Geiſterwitterung ſagtet, könnte wahr ſein, Vater Wulbrand, antwortete Georg, ohne ſeine Stellung zu ändern. Meine Mutter gebar mich am Pfingſtſonntage, und die grünen Maienbäume wehten an meiner Wiege und verhießen mir ein freund⸗ liches Schickſal. Schon von früh an nannte man mich das Sonntagskind, aber bis heute iſt weder Menſchen⸗ noch Teufels⸗Spuk meinem Auge ſichtbar geworden. Jetzt jedoch, ſeit wir dieſen Poſten erreichten, ſcheint es 5— 99 mir unheimlich rund um mich her; es iſt mir, als ſtänd ich lebendig begraben mitten in einem Leichenhauſe und ſchwere, ſtinkende Moderluft nähme mir die Sinne und entriſſe mir das entſetzlichſte Bewußtſein, rettungs⸗ los unter den Todten zu liegen, der einzig Lebende, dem unabwendbaren ſchrecklichſten Tode verfallen.— Hu! ſchüttelte ſich der Korporal. Das klingt ſchauer⸗ lich. Gott bewahre jedes fromme Menſchenkind! Lieber gebraten, als lebendig begraben. Aber laßt das Spin⸗ tiſiren. Hier ſind wir, Gottlob! in friſcher guter Luft und recht lebendige Kameraden ſind um uns, und keine faulende Leichname grinſen uns an und verderben uns den Appetit.— Horch! fiel Georg ein. Hört Ihr, Wulbrand, wie die Betglocke ihre langen, hellen Töne im Winde zu uns herüber ſchickt? Iſt mir doch, als hörte ich meiner Su⸗ ſanne Stimme bittend zu mir heranwehen, als hörte ich mein Bübchen weinen, und beide riefen mich in ſtiller Angſt.— Seid kein Faſelhans, verſetzte kopfſchüttelnd und faſt unwillig der Graubart. Wir ſind in tiefer Friedenszeit, und was könnte uns und der Stadt paſſiren? Die paar Schritte ſind ja bald durchſprungen. Und ſchickte der Herr des Himmels ein Unglück, eine Brunſt oder ſonft eine unvorhergeſehene Noth, ſo kommt ſie von ihm, und der gute Chriſt muß ſie annehmen als eine Buße, die ihn abſolvirt von der Erbſünde und desgleichen. Schämt Euch, Withuſen! Sonſt der Kräftigſte und Entſchloſ⸗ ſenſte unter den jungen Bürgern, und heute ein Geck und Traumbold, der ſich geberdet wie ein krankes Weibsbild.— Georg holte einen tiefen Athemzug hinein in die * —— ——— 100 beengte Bruſt, legte die ſtarke Rechte feſt gegen das Herz und erhob dann ſchnell das Haupt und wendete ſich in raſcher Bewegung gegen den Korporal. Ihr habt Recht, Commandant; ich muß ſelbſt ſpotten über mich, da ich dergleichen ſo gar nicht an mir gewohnt bin. Aber es iſt nicht wunderlich; denn fand ich nicht ein Feſt⸗ gelag im Vaterhauſe, wo Fremde ſchlemmen, indeß der verlorene Sohn im Dienſtrocke und ſchlechten Wetter Schildwacht ſteht? Wollte nicht Suſens Vater zum Stadtbauherrn wegen des Mühlbaues, und welche neue Zwietracht kann werden, wenn die beiden alten Starr⸗ köpfe einander gegenüber treten. Das mag mich ängſti⸗ gen, ohne daß ichs mir klar bewußt bin. Darum kommt in den Kreis der luſtigen Brüder; ich will das Echo ihrer Poſſen ſein, und wir wollen die Nacht hinunter jagen durch Jubellieder, daß ihr Schneckengeſpann Schwal⸗ benflügel bekommt und mit dem Winde ſegelt.— Er nahm die Partiſane, da rief die Schildwacht auf der Thurmzinne an. Korporal, klangs herab, bleibt unten und ſchließt den Baum auf. Kaufmannsgut fährt heran; zwei Fuhrwerke, Eichsfelder Geſchirr.— Der Korporal ſchaute den Weg hinauf und erblickte zwei wohlbeſpannte und hoch mit weißem Leinengewölbe überſpannte Frachtwägen, die von ſchnaubenden Hengſten, welche des Fuhrmanns knallende Peitſche trieb, heran gezogen wurden. Er öffnete mit dem ſchweren Schlüſ⸗ ſel den Schlagbaum; langſam rollten die Fuhrwerke über die Brücke, und die breiten Räder knirſchten im halbfeſten Straßenſchmutz, und die Fuhrleute in ihren blauen Ueberhemden brummten ihr: Guten Abend, Va⸗ ter Kriegsmann! wie bekannt, vom Sattelroſſe her.— Gute Nacht, könntet Ihr beſſer ſagen, antwortete der 101 Alte; denn der Tag liegt in den letzten Zügen, und ich fürchte, Ihr werdet das Stadtthor ſchon geſchloſſen fin⸗ den, wenn Ihr die dampfenden Thiere auch noch ſo grauſamlich übertreibt.— Thut nichts, Vater! erwi⸗ derte der Führer des zweiten Wagens. Wollen nicht in Eure Stadt, fahren auf die Nienburg und kennen den Weg, und finden in Horvelſe ſchon Quartier für Mann und Gaul.— Halt! in des drei Teufels Namen! fluchte der Kor⸗ poral, mit ſtarkem Arme den Baum in das Schloß werfend. Kennt die Wege und alſo auch Landes⸗ und Stadtrecht. Wiſſet alſo, was Stadtding und Schoß⸗ pflichtig iſt, und daß Ihr Umgeld zu zahlen habt und Durchfuhr⸗Acciſe. Warum hält denn der erſte Wagen nicht am Thurme, wie es Brauch iſt? Oder ſoll euch mein Kurzgewehr Mores lehren, und ich eure Ladung der Stadt verfallen nehmen und euch dazu?— Mit Jugendſchnelle, denn es galt ja den Dienſt, war der Greis an das zweite Fuhrwerk geſprungen, und hatte den Zügel der Hengſte gefaßt, indeß Georg Withuſen die Partiſane dem Vorgeſpann vorgehalten.— Nun macht nur kein unnütz Gelärm und Moleſtie, entgegnete der Fuhrmann kaltblütig; mit ſolch ſchwerem Packwerke entläuft man Euch nicht, und der Herr der Waare kommt ſogleich nachgeritten und wird gern zah⸗ len, was Ihr begehrt, und auch wohl noch darüber. Sehet nur hin! Mein Kamerad hält ſchon an jenſeits der Warte, und ſteigt ab; vielleicht gab ihm der Herr den Säckel, aus dem er bezahlen ſollte.— Düvel und Withuſen ſahen die Straße hinab, wo der erſte Wagen wirklich hielt; doch des Letztern Blick wurde durch ein Geräuſch, wie Metallgeklirr, das er d — ———— 102 hinter ſich vernahm, ſogleich wieder zurückgezogen, und mit Staunen und Schrecken erblickte er, wie man raſch die Leinendecke zurückſchlug, und mehre Männer in blan⸗ ken Pickelhauben und mit nackten Flambergen ſich aus den Leiterwänden erhoben und Miene machten, vom Wa⸗ gen herab zu klettern.— Verrath! rief Georg mit hallender Stimme. Thurm⸗ leute herunter, zu den Waffen! Ueberfall und Verrath!— Auch von dem anderen Wagen hatte ſich jetzt die Leinendecke gehoben, und mehre Fußknechte richteten ſich auf und zielten mit den Hakenbüchſen nach den beiden Bürgern. Schießt nicht, rief brüllend ein langer Wappner den Zielenden zu, indem er ſich kräftig über die Wagenleiter ſchwang; ſchießt nicht, der Herzog hats ſtreng verboten. Aber ergebt euch, ihr Wehrmänner, und nehmt Pardon an; die Wehr wäre unnütz.— Der graubärtige Wulbrand hatte einen Augenblick wie verſteinert durch die Ueberraſchung geſtanden, jetzt kam aber wildes Leben in ihn, er riß den Flamberg heraus, ſchrie mit einer Löwenſtimme: Ergeben, ein Han⸗ noveraner ſich ergeben an ſolch Raubgeſindel, an ſolche Nachteulen, die mit dem Dunkel ausfliegen? Büßen ſollt ihr im tiefſten Loche ſolch verwegenes Gaunerſtück! und einem Fußknechte, der ſich um die Pferde herum genaht, verſetzte der Greis ſolch einen tüchtigen Kopfhieb, daß der Burſch rücklings überſtürzte und mit Geheul zwiſchen den Hengſten darnieder lag.— Salvirt Euch, Korporal! rief da die Schildwacht auf der Zinne wiederum. Ein mächtiger Haufen Reiter trabt durch das Holz heran. Helmflügel und Speer⸗ ſpitzen blitzen herüber. Salvirt Euch mit Eile. 103 Es ſind Braunſchweiger Feldbinden! Der Wolfen⸗ püttler ſelbſt vielleicht! Hinein in den Thurm, Wul⸗ brand! ſprach mit Haſt und Beſonnenheit Withuſen und faßte den alten Düvel und zog ihn zur Pforte. Aber der lange Wappner ſprang eben ſo haſtig herbei, und ſuchte zugleich mit den Beiden die Thür zu gewinnen oder ſie ihnen zu verrennen. Ergebt Euch, rief er dazu, es iſt Euer Herr und Herzog, der befiehlt; thut nicht als Rebellen und ehrt ſein Gebot.— Beelzebub mag euer Herr ſein, aber nicht der un⸗ ſerige! Freie Bürger gehorchen keinem falſchen Fuchſe! verſetzte Wulbrand zornig, und hielt die Klinge voraus. Als aber der Feind, das nicht achtend, das kurze Schwert des Korporals zur Seite ſchlug, ihn ſelbſt mit dem lan⸗ gen Arme und der ungeheuren Fauſt bei der Gurgel packte, als jetzt ein halbes Dutzend Fußknechte vom Wa⸗ gen ſprangen und das Roßgetrappel immer näher und lauter hallte, da ſtieß entſchloſſen Withuſen dem langen Reiſigen die Partiſane ſo gewaltig in den Leib, daß der tödtlich Getroffene in ſich zuſammenzuckte, ließ die Par⸗ tiſane im Wanſte des Sterbenden, riß den Gefährten mit Gewalt in die Thurmthüre, die er dann dicht vor den Heranſtürmenden in das Schloß warf und inwendig gewandt mit Eiſenriegeln und Sperrbalken verwahrte, indeß außerhalb die Feinde ein furchtbar gellendes Kriegs⸗ geheul durch den Wald erſchallen ließen, welches frucht⸗ los erklang und nur die Wuth über den vereitelten An⸗ ſchlag verkündete. Es war wirklich der kriegsluſtige Herzog Heinrich von Braunſchweig, den die Geſchichtſchreiber ſpäter von 104 ſeinem gleich tapfern und ſchlachtgewohnten Sohne durch den Beinamen des Aelteren unterſchieden, den aber die Städte ſeines Landes, deren Privilegien, deren Stolz und Widerſetzlichkeit ihm immer ein Dorn im Auge ge⸗ weſen, den ſelbſt ſeine Kriegsleute wegen ſeiner Dienſt⸗ ſtrenge und ſeines rauhen Weſens den Quaden oder den Böſen zu betiteln pflegten. Haßte aber der ſiebenund⸗ zwanzigjährige Fürſt alle ſeine widerſpenſtigen Städte, deren Anmaßung ſeinen monarchiſchen Grundſätzen nicht entſprach, ſo trug er doch gegen die hannoverſche Bür⸗ gerſchaft eine beſondere Feindſeligkeit im Herzen, die ſich aus der berüchtigten Hildesheimiſchen Fehde vom Jahre 1484 herſchrieb. Im genannten Jahre nämlich entſpann ſich ein böſer Streit zwiſchen dieſer Stadt und ihrem Biſchofe Berthol⸗ dus, welcher, um die Schulden ſeines Stifts zu reguli⸗ ren, die dazumal noch ſeltene und unerwartete Maßregel ergriff, eine Acciſe von den Getränken und eingeführten Waaren ſeiner Stadt erheben zu wollen. Dieſe Neue⸗ rung empörte die Hildesheimer dermaßen, daß ſie es wagten, gegen ihren weltlichen und geiſtlichen Oberherrn die Waffen zu ergreifen, den Schimpfnamen der Rebel⸗ len ſo wenig ſcheuten, wie den Bannſtrahl des Krumm⸗ ſtabträgers, und in offener Feldſchlacht wie auf den Mauern ihrer Stadt ihre befährdeten Gerechtſame gleich tapfer vertheidigten, und ihren Krieg ſo lange beharr⸗ lich durchſetzten, bis des deutſchen Kaiſers Eintritt den blutigen, verderblichen Zwiſt mehr zu ihrem, als zu ihres Landesherrn Vortheile durch Vergleiche beilegte. Herzog Wilhelm hatte mit ſeinen beiden Prinzen, Hein⸗ rich und Erich, denen er im vorgerückten Alter und von Körperſchwäche oft gebeugt die Theilnahme an ſeinem 105 Regimente verwilligt, und unter welche er ſeine Länder bei Lebzeiten ſchon vertheilt, der Belagerung von Hildesheim beigewohnt und für die Sache des Biſchofs mannlich ge⸗ fochten; mehre Städte hatten jedoch der Schweßterſtadt Hülfe geſendet, und unter ihnen hatte ſich beſonders die Stadt Hannover in Aufopferung und Beharrlich⸗ keit ausgezeichnet. Natürlicherweiſe zog ſolche Ungebühr die volle Ungnade der Herzöge auf die Stadt, und der raſche, entſchloſſene, keine Beleidigung vergeſſende Prinz Heinrich beſchloß im Jahre 1486, ſolch bei⸗ ſpielloſen Ungehorſam ausgezeichnet zu beſtrafen. Mit gewaltiger Macht legte er ſich um die Ringmauern Hannovers, und ſeine ſchweren Karthaunen und Feld⸗ ſchlangen bedrohten der Bürger friedliche Wohnungen. Doch die beſonnenen bürgerlichen Kriegsleute ließen ſich nicht ſchrecken; klüglich blieben ſie hinter ihren ſichern Wällen und feſten Thoren, wehrten jeden Sturm tapfer ab und achteten nicht der ſchweren Steinkugeln, die in ihre Straßen fielen, den Thurm der Kloſterkirche auf der Leinſtraße zertrümmerten, und von denen ſich noch eine als Denkzeichen jener Schreckenszeit an der Oſtſeite der Marktkirche in der Steinwand eingemauert befindet, aus⸗ geſucht aus den vielen Hunderten als Andenkensmal und Zeuge der Unbill, weil ſie das Heiligthum und den erſten Altar der Stadt frevelnd zu zerſtören gedräut. Der Prinz konnte die Stadt nicht gewinnen, ſondern mußte nach mehren vergeblichen Stürmen fruchtlos ab⸗ ziehen, und wenn er auch bald darauf mit dem her⸗ zoglichen Vater nach Hannover kam, und die wohlver⸗ pönten Vergleichungspunkte mit der Stadt nachgiebig unterzeichnete, ſo blieb er ihr doch in der Seele feind, und ſuchte lange Gelegenheit, ihr zu zeigen, daß er keine 106 Beleidigung vergeſſe, und daß Ungehorſam und Treu⸗ loſigkeit ihre Bußſtunde fänden, wenn auch noch ſo ver⸗ ſpätet. Aber dieſe Gelegenheit wollte ſich nicht finden; vorſichtig vermieden die Hannoveraner jeden Anlaß zu neuer Klage, ſchickten ihre Hülfstruppen zu des Braun⸗ ſchweigers Fehden, und ließen ſich durch die ſcheinbare Gnade der Landesherren nicht in Sicherheit einwiegen, ſondern bewachten ihre Stadt, wie gute Söhne die greiſe Mutter bewahren, und übten ihre Gerechtſame ſtreng, aber ohne Uebermuth. Dem rachſüchtigen Prinzen blieb die gewünſchte Zeit zu lang aus für ſeinen brennenden Groll; ſein ſchwacher Vater wurde mit jedem Jahre unthätiger und ließ dem mannlichen Sohne immer größern Spielraum; Friede feſſelte die Waffen und mehrte die Unbehaglichkeit des von früh an im Kriegeshandwerke aufgewachſenen Hein⸗ richs; der mildere und gerechtere Prinz Erich, zu deſſen Erbtheile die Stadt Hannover gehörte, war außer Lan⸗ des, und durchzog das gelobte Land und Italiens pran⸗ gende Fluren; ſo ſchien der Zeitpunkt zur Rache günſtig, und Heinrichs böſe Laune trieb ſeine Kühnheit zu dem unüberlegten Entſchluſſe, gerade jetzt unerwartet und unverwarnt die gehaßte Stadt durch einen Ueberfall zu gewinnen, und durch eine ähnliche Buße zu ſtrafen, wie es im Jahre 1297 ſein Ahnherr Otto, der Strenge, voll⸗ bracht, der durch die Hinrichtung von achtunddreißig wackern Männern aus den Patriziern und der Bürger⸗ ſchaft, deren ſämmtliche Namen die Chronik aufbehalten, den Uebermuth in der Vertheidigung ſtädtiſcher Freiheiten gegen den mächtigen, von Gott geſetzten Landesherrn ſo grauſig wie nachdrücklich zu rächen wußte, und es nicht — Se n S— — S 8—* 107 geachtet, welch ein anklagend Gedächtniß gemißbrauchter Gewalt er dadurch ſich für ewige Zeiten geſetzt.— War der Ueberfall Hannovers vom Herzog Heinrich in böſer, einſamer Stunde vorſchnell beſchloſſen worden, ſo richtete ihn der kühne Kriegsfürſt eben ſo heimlich und eilfertig in das Werk. Keinem ſeiner Hofherren oder Generale entdeckte er etwas davon; nur ſein Schwager Bugislaff von Pommern, der ſchon einſt mit ihm vor Hannover gelegen, und der im rauhen Weſen wie in der Liebe zum Kriegsſpiele mit dem Herzog harmonirte, als wären Beide leibliche Brüder geweſen, erfuhr die Beſtimmung der zuſammengezogenen Truppen, welche, nachdem ſie bis auf dreitauſend Fußknechte und achthun⸗ dert Reiter angewachſen waren, ohne Säumen aufbrechen mußten, am Mittage des dreiundzwanzigſten Novembers ſtill lagen, und in den biſchöflichen Dorfſchaften durch Schlaf und Ruhe ſich zum nächtigen Werke erſtärkten, und am Abende vor Saneti Chryſogeni Tage das Weich⸗ bild der Stadt mit gewaffneter Hand überſchritten und in ihre Feldmarken feindſelig eindrangen. An der überrumpelten und umzingelten Dörnder Warte folgte jetzt eine Reihe von Blutſcenen auf ein⸗ ander, von denen keiner der neun Thurmleute am Mor⸗ gen Ahnung gehabt, als Weiber und Mütter ihnen die Schnappſäcke mit den nöthigen Lebensmitteln füllten und auf einen Tag von ihnen Abſchied nahmen. Einige der jüngeren Bürger, auch der derbe Schlachter Alves, tru⸗ gen in den erſten Minuten blaſſe Wangen zur Schau, und ſahen ſich bedächtig an, und das iodelnde Kriegs⸗ geſchrei der Feinde im Holze wurde durch keinen jubelnden 108 geldruf vom Thurme aus erwidert, wie es ſonſt Sitte war, wenn zwei gleich tapfere Schaaren auf ein⸗ ander trafen. Als aber Wulbrand Düvel und Georg Withuſen wieder heraufſtiegen, der Letztere ſogleich die Armbruſt ergriff, ſpannte, den Bolzen auflegte und aus dem Schießloche nach einem der Feinde zielte, der mit dem Beile das Schloß des Schlagbaumes zu zertrümmern ſuchte, der Bogen ſchnarrte, der Pfeil ziſchte und im Kopfe des Wolfenbüttlers ſaß, da kam auch ſchnelle Lebendigkeit wieder in die Befangenen zurück, und jeder eilte zu den Waffen, die ihm Schutz verhießen. Der Bürgerkorporal Düvel ging jedoch Allen an Thätigkeit voran; der Greis ſchien verjüngt worden, und ſein Bei⸗ ſpiel, ſein kriegfröhliches Gemüth wirkte erquicklich für ſeine Gefährten. Wollten uns die fuchsliſtigen Lumpen überraſchen und uns in Schimpf bringen vor allen Städten des Landes! murrte er mit ſeiner tiefen Keller⸗ ſtimme. Wußten nicht, daß die Düvel aus dem älteſten Geſchlechte ſtammen, welches ſchon dabei war, wie die Wandersleute ihr„Hal' over!“ am Leinefurthe den Fährmännern zuriefen. Ergebt euch! ſchrie nicht ſo der dürre Galgenſchwengel, dem Du ein Spundloch in den Leib ſtießeſt, daß der rothe Wein auf den Sand hinaus ſpritzte, wie ein Bergquell, von dem man das Geſtein ſprengte? Sieh Eins, Georg! Sehen wir aus wie ein Ergebt euch? Friſch, Jungens, an die Arbeit, damit die Herren Conſuln, wenn ſie morgen uns gegen ſcharfe Münze auslöſen, Alles finden, wie es Kriegsgebrauch vorſchreibt.— Stell' uns an, Vater, entgegnete Withuſen, wie Dir's am beſten dünkt. Keiner wird Dir die Folge wei⸗ gern, gilt es doch um die Vaterſtadt und für Hannovers 109 Heil. Und ſollte dieſes Steinhaus unſer Aller Grab⸗ gewölbe werden, ſo mag doch Keiner von ſchimpflicher Ergebung ſprechen; und können wir uns nicht als Mauer zwiſchen den Feind und die Stadt pflanzen, können wir nicht einmal flackernden Fackeln gleich Nachricht hinüber geben von dem bübiſchen Verrathe, ſo ſollen doch die vorüberziehenden Braunſchweiger manchen guten Burſchen im Paſſe ſitzen laſſen, und immer rückwärts ſchauen müſſen wie Loths Weib, ob nicht Dornder Landwahrer ihnen auf den Nacken kommen.— Der Alte nickte befiredigt mit dem grauen Kopfe. Kenne Dich ja und euch Alle, erwiderte er; iſt kein Geck unter uns und kein Schaarhans, der das Herz wie der Hanswurſt unter dem großen Hoſenknopfe trüge. Aber hört, wie die Kerle unten bollwerken! Klopft euch die gierigen Fäuſte wund; was herein will in unſer Schloß, muß ſich einen Kopf kleiner machen laſſen, denn die Windelſteige iſt zu niedrig für ſolche Hopfenſtangen. Schmied Scheffel und Zelewinder Zieſel, commandirte er dann, nehmt zwei ſcharfe Partiſanen und Jeder einen Morgenſtern, und bewahrt mir inwendig die Pforte; bricht das Eichenholz, ſo ſtopft die Thüre mit euren Leibern, ihr ſeid die Breiteſten von uns. Baſſe, Bor⸗ nemann und Withuſen, an die Schießlöcher, jaget Bolzen auf Bolzen hinunter, ſo lange das Dämmerlicht euch die weißen Wämmſer erkennen läßt! Bartels, hinauf auf die Zinne zum Caspar Bril, ſchauet mit Luchsaugen aus dem Dache und ruft herab, was ſich draußen be⸗ gibt. Und Du, Gevatter Alves, geuß zu der Bierſuppe, die ſchon im Keſſel ſiedet, den Eimer Waſſer dort aus dem Winkel, ſchüre das Feuer zu; wird auch die Suppe dünn, wenn ſie nur brennt, und das Haubtrühen haſt — Du ja am beſten gelernt in Deiner Fleiſchburg.— Ob wir der Speiſe noch bedürfen, wenn der Morgen kommt, weiß der große Schlachtenherzog über uns! ſetzte er leiſer hinzu, indem er das Barret zwiſchen die gefalteten Hände nahm und ein heimliches Stoßgebet flüſterte, indeß die Kameraden jeder ſtumm und mit ernſten Steingeſichtern ausführten, was er geboten. Nur Georg Withuſen ſah die andächtige Geberde, und wie des Greiſes Auge ſich verklärt zu der Decke erhob; auch er faltete die Hände um den Bolzen, den er eben in die Armbruſtrinne ſtoßen wollte, und als der Korporal jetzt ſich der Schießlucke näherte, die Georg bewachen ſollte, flüſterte er mit dü⸗ ſterm Blicke: Ich verſtehe Dich, Vater. Nicht wahr, wir ſind verloren? Und war ich nicht vorhin ein Sonn⸗ tagskind?— Schweige, und mache mir die Jungen nicht muthlos, antwortete Wulbrand. Siehſt Du, wie es hinter der Brücke immer dichter wird, und wie gleich einem aus⸗ getretenen Winterfluſſe die Heerſtraße Roß und Mann ſo gedrängt heranbringt, daß die Flut ſchon austritt und rechts und links die Gebüſche überſchwemmt? Un⸗ ſere Burſchen zielen gut, iſt doch die Scheibe auch breit genug; ſchau Eins, wie ſie ſtürzen, dort Einer; da der Reiter mit dem weißen Helmbuſche; wieder Einer. Horch! Der geſcheite Bartels reißt die Ziegelſteine los vom Dache und praſſelt ſie hinunter auf die Pocher an der Thüre.— Aber was hilft es? Das iſt kein flüchtiger Raubzug, das iſt ein voller Friedensbruch des lügneri⸗ ſchen Heinrichs; das gilt Ueberfall der Stadt, und, ge⸗ lingt dieſer nicht, Belagerung. Und wir ſitzen hier, wie Schiffbrüchige auf kahler Inſel im Weltmeere. Halten die grauen Mauern, hält das Thor und die Klappen, — 111 ſo bleiben wir doch Tage lang eingeklemmt wie Ratten in der Falle, und der Hunger ſchlachtet uns, wenn wir den Pardon verſchmähen und ehrlich aushalten. Und was mich betrifft, ſo wollte ich lieber mein eigen Fleiſch von dieſer meiner linken Hand abnagen, als mit dieſer rechten mein Eiſen dem Herzog zu Füßen legen, und dann, trotz dem Pardon, im Gelächter ſeiner Buben⸗ ſchaar den Strick um meinen ehrlichen Hals legen laſſen. Man weiß, wie er es zu machen pflegt.— Gott hilft vielleicht! ſeufzte Georg aus tiefer Bruſt herauf. Vielleicht ſendet er als Engel die Brüder, ſo wie der Tag graut.— Der Korporal ſchüttelte den Kopf. Bis hierher in Holz und Schlucht? verſetzte er. Gott bewahre ſie vor ſolch tollem Einfalle, durch den es ihnen gehen könnte wie den heißblütigen Männern von Goslar. Mögen ſie ihre Wälle hüten; wir haben an nichts zu denken als an einen ſeligen Soldatentod.— Er ging, um Bolzen aus der Kiſte herbei zu tragen. Withuſen aber drückte die Armbruſt feſt gegen ſein klo⸗ pfend Herz. Meine Suſe! flüſterte er. Mein ſüßes, liebes Bübchen! Der Vater im Himmel wache über euch und ſende euch den Beſchützer, wenn euer beſter Freund nicht heimkehrt!— Ein wildes, feindſeliges Gefühl er⸗ griff ihn dann; er drückte die Kolbe des Gewehrs an Schulter und Wange, und ſchoß mitten zwiſchen einen Reiterhaufen, der ſo eben am Baume angelangt war, und vor dem ein hochgewachſener Ritter im Pelzmantel und mit einem ſcheinenden Golddrachen auf dem Helme laut fluchend das Schwert ſchwenkte. Der Pfeil ziſchte in die Ellenbogenbucht, und das blinkende Schwert fiel aus der dräuenden Hand, und verſtummt riß der Ritter ſeinen Hengſt zurück tiefer in das Gedränge. Unterdeſſen war es nicht weniger lebhaft außerhalb der Warte. Herzog Heinrich ſelbſt kam an mit ſeinen Leibreitern und ſchalt gar heftig auf die, denen Ueber⸗ rumpelung des Thurms mißlungen war, obgleich die meiſten von ihnen auf dem Sande der Straße für ihren Dienſteifer verbluteten. Der Grimm trieb ihm das Blut auf ſein Geſicht, daß es durch die Dämmerung unter dem ſchwarzen Helmgatter herausleuchtete wie ein dunkler Mond, als Schuß auf Schuß der fertigen Bürgerſchützen ſeine Mannen niederwarf, als ſich ſelbſt ſein tapferer Schwager aus Pommern hinter eine Eiche führen laſſen mußte, um die heftig blutende Armwunde verbinden zu laſſen. Elendes Bürgerpack! ſchrie er, und ſpornte ſeinen ſchnaubenden Mecklenburger, und ſprengte in übermüthi⸗ ger Keckheit mitten auf die Straße vor den Wartthurm, obgleich die Fußknechte alle den gefährlichen Platz ge⸗ räumt hatten, hinter den nächſten Baumſtämmen ſich bargen, und von da ihre Pfeile nutzlos gegen den Thurm ſchoſſen. Wollt ihr wieder gegen euren Landesherrn die vater⸗ mörderiſche Wehr gebrauchen, und zur alten Schuld die neue legen, euch zum zwiefachen Verderben? Was kann das Mauſeneſt gegen den Bären? Oeffnet ungeſäumt die Pforte, legt kniebeugend eure Waffen vor die Hufe meines Roſſes, ſo ſoll euch werden Gnade vor Recht, und ich will eure Verwegenheit vergeſſen, weil ſie ſo einzig tollhäusleriſch war. Nehmt ihr die Sühne nicht, ehe ich ausgeredet, ſo wahr mein Ahn der Leu hieß, ſo will ich euch kreuzigen laſſen und viertheilen, und von euren zuckenden Gliedern ſoll morgenden Tages der Rabenzug Mahlzeit halten, der dort krächzend den 113 Stadtthürmen zueilt und die Ankunft des zornigen Herrn anſagt.— Gut gepredigt, Prinz, rief des alten Düvels hohle Stimme aus dem Thurme herab. Kennt Ihr die Fabel von den Fußſtapfen, die alle in des Löwen Haus gingen und keine wieder heraus? Ziehet zum Stadthauſe, und löſchet Euer Siegel und Euern Namenszug unter dem Friedenspakt, dann wollen wir Euch wieder halten für einen treuherzigen Kriegsmann; aber anjetzo wahret Euer Haupt vor dem Bürgerpack.— Und der Herzog fühlte drei Bolzen treffen zugleich, und klingend abprallen von ſeinem Harniſche, und ein bemooſeter, harter Katzentrog wurde vom Dache herab⸗ geſchleudert gegen den Stirnſtachel ſeines Apfelſchim⸗ mels, daß der Hengſt ſich hoch bäumte und ſchüttelte, bis der Prinz ihn eilig vom Platze geriſſen, weit vorbei der Warte, wo er jetzt hinter der Verſchanzung der Wägen mit zornſchnaubender, kreiſchender Stimme ſeine Befehle gab, welche ſein Fußvolk, die Strenge des Generals mehr fürchtend, als den gewiſſen Tod, auch ohne Mur⸗ ren vollzog. Die Wagenleitern wurden an den Thurm gelegt und die keckſten Wagehälſe drängten ſich herzu, mit dem Flamberg im Munde den gefährlichen Pfad hinanzuſtei⸗ gen. Aber die Leitern waren zu kurz, und Hans Alves, der Schlachter, rief von der Zinne: Wißt Ihr nicht, daß es gegen Weihnacht geht, wo man die Säue abbrüht? Wohl bekomms euern Rippen, denen das Kornſpeck fehlt! — und ſo ſeinen Keſſel voll Siedwaſſer über die Stür⸗ mer herabſtürzte, daß ſie jämmerlich verſengt und heu⸗ lend von der Wand prallten. Ein dichter Hagelſchauer von Pfeilen regnete jetzt gegen die Schießlöcher und die Blumenhagen, V. 8 — 1 114 Zinne, aber die drinnen ſicher ſtanden, lachten nur, wenn die Eiſenſpitzen von den runden Steinwänden klir⸗ rend abprallten und ſtumpf zu Boden fielen. Unter einem Sturmdache von Schilden bedräueten jetzt die ab⸗ geſeſſenen Reiter die Thür, aber der Eiſenbeſchlag und die dicken Nägelköpfe ſpotteten der Beile, und die dop⸗ pelten Eichenbohlen rührten ſich nicht in den Angeln trotz der Wucht der gegen ſie geſtemmten Männerſchul⸗ tern, und des Herzogs Ingrimm wuchs bei jeder er⸗ neuerten und vergeblich verſchwendeten Anſtrengung. Da kam zur Seite durch das Gehölz der Pommernfürſt Bu⸗ gislaf zu dem Roſſe des Schwagers heran. Sein Arm war in eine blutbefleckte Binde gewickelt, aber ſeine Linke regierte das Schwert mit Kraft, und ein tödtendes Hohn⸗ lächeln zeigte ſich zwiſchen ſeinen breiten dichtbewachſe⸗ nen Augenbraunen. Spart Eure Braven, Bruder! rief er laut. Opfert kein Leben mehr um dieſer jämmerlichen Meute wüthen⸗ der Hunde willen. Was liegt uns an der Warte, die wir umſtellen können und aushungern nach Belieben? Aber Ihr ſollt ſie inne haben, ehe der Tag graut, und mein ſchändlich vergeudet Blut ſollen mir die Schützen bezahlen mit Höllenpein, ſo wahr ich mit Oſtſeewaſſer getauft wurde. Laßt die Nacht vollends hereinbrechen, und ich will euch ein Spektakel bereiten, das unſere Augen weidlicher ergötzen ſoll, wie euer Brautfeſt zu Schwerin es that, ein Spektakel, welches uns die kalte Nacht in ein Sommerfeſt wandeln ſoll; das Material, das ich dazu bedarf, fand ich ganz nahe im Walde, und habe meine Leute ſchon dabei angeſtellt. Herzog Heinrich ließ ſeinen Trompeter blaſen; ſeine Mannen zogen ſich von dem Thurme zurück, und ſchloſſen —— ð W— S v— —— — e 115⁵ in den Gebüſchen und zwiſchen den Eichen und Bu⸗ chen einen weiten Kreis um die Warte, wie Jäger thun, wenn ſie den Keuler im Bruche ſchnauben hören; der Herzog ſelbſt ſtieg aber vom Sattel und folgte dem er⸗ bitterten Pommerfürſten in die Tiefe des Gebüſches. Die Nacht brach vollends herein und bedeckte mit ihrem Gottesfrieden die ganze Erde. Das Dunkel ver⸗ hüllte die Gegenſtände, nur der hohe Wartthurm ragte wie eine ſchwarze Säule in die Luft, und die kahlen Zweige der nächſten Bäume ſahen ausgeſtreckten Rieſen⸗ armen gleich, mit welchen ſchützende Hünenwächter das Verderben vor dem Orte, der ihrer Huth anvertraut worden, abzuwehren verſuchten. Mattes Sternlicht leuch⸗ tete ſchwach vom Himmel herab, wo der Nordweſtwind ſchwere Schneewolken vorüber trieb, und Bewegung in die todte Gegend brachte. Alles war ſtill ringsum; die Blutgier ſchien neue Kräfte zu ſammeln, um deſto luſti⸗ ger mit dem Morgenroth wiederum das edelſte Geſchenk des Himmels vergeuden und neuen Kirchenraub begehen zu können. Nur hie und da ſtöhnte ein Sterbender, den die Zeltkameraden vom Blutplatze hinweg in das Ge⸗ büſch geſchleift, und dem der Feldpater die Abſolution gab und die Todesangſt fortbetete. Die Landwahrer im Thurme hatten vorſichtig die Pforte mit Allem, was von Balken und Steinwerk ſich los im alten Gebäu vorfand, verrammelt und verwahrt; ſie hatten die dichten Läden vor den Schießlöchern ge⸗ ſchloſſen, und nur Einer von ihnen lag oben auf dem Rande der Zinne ſtill auf den Bauch geſtreckt, und horchte auf jedes Geräuſch und bewachte die Bewegungen ——— 116 des Feindes. Die übrigen Bürger ſaßen in der Halle um den runden Steintiſch, auf dem die große La⸗ terne düſter brannte, und der Krug voll ſtärkenden Ger⸗ ſtenweines ging von Hand zu Hand; aber Alle waren ſtumm und ſtill, und ſtarrten in das flackernde Lampen⸗ licht, theils ermattet durch Anſtrengung und abgeſpannt, theils ihre Familien daheim und was der Morgen brin⸗ gen möchte, heimlich bedenkend. Da ſtieg Wulbrand Düvel die Leiter herab, welche zur Zinne führte, und Alle ſahen zugleich in des Greiſes Geſicht, zu erfahren, ob er neue Schreckniſſe brächte, oder ob aus ſeinen tie⸗ fen Augen ein Strahl der Hoffnung für ſie hervorgebro⸗ chen wäre. Der Bürgerkorporal ſetzte ſich in den Kreis der blei⸗ chen Männer, und that einen langen Zug aus der irde⸗ nen Kanne. Brüder, begann er dann, ſeine Arme auf den Tiſch ſtützend, der Feind iſt nicht ſo müßig als ihr glaubt, und wir dürfen uns nicht der Nachläſſigkeit oder gar dem Schlafe überlaſſen. Hört ihr das dumpfe Ge⸗ räuſch hinter den Wänden? Die braunſchweigiſchen Fuß⸗ knechte tragen im Dunkel das gefällte Klafterholz aus dem nahen Forſte herbei, und thürmen es ſorgfältig auf vor der Pforte. Sie wollen uns das Entwiſchen ver⸗ wehren, wollen vielleicht gar ſich eine Treppe erbauen bis zu den Schießſcharten oder der Zinne hinauf. Laßt ſie, wir kennen die Stärke des Gebäudes, und ſie wer⸗ den nur mit Todten jedes neue Wageſtück bezahlen. Aber Muth muß in uns bleiben und Ausdauer. Darum frage ich, wie ihr denkt, Brüder? Sollte Einer ſich Pardon holen wollen, der rede und ſcheide hinaus.— Er hielt ein, aber der ganze Kreis murmelte eintönig: Keiner!— 117 Wohlan denn, fuhr der Alte fort mit gehobeneren Tönen, ſo laßt uns gefaßt ſein auf Noth, Entbehrung, ja auf den Tod. Der über die Spatzen und Lilien des Feldes wacht, bewahrt auch jedes Haar unſerer Häupter. Zuerſt hütet darum den Vorrath an Trank und Speiſe; wir wiſſen ja nicht, wie lange wir damit haushalten müſſen. Fürs Zweite gedenkt unſerer Pflicht gegen die Stadt, deren Söhne wird ſind. Die Feinde liegen ſtill in der Nacht, ſicher erwarten ſie das Morgenlicht, um in die geöffneten Thore unerwartet einzudringen.— Aber wir ſind abgeſchnitten und umringt, ſitzen ſo unbeweglich wie der Wetterhahn auf dem Domthurme, fiel der Schmied ein; wer von uns machte nicht gern den Botengang zur Stadt, wenn der Hals aus der ver⸗ trackten Schlinge könnte, in der wir feſt hängen wie ein Rothhähnchen?— Es wird möglich ſein, wenn ihr mir Folge leiſtet, entgegnete der Korporal. Ich habe oben ſelbſt rundum geſpürt; an der Seite des Baches liegt keine Mannſchaft. Ich halte hier das Commando, und darf nicht von dan⸗ nen, muß der Engel mit dem Schwerte bleiben in dieſem Paſſe, ſo lange die alte Bruſt athmet. Ihr andern acht ſollt loſen, und die zwei, welche das Lvos trifft, wapp⸗ nen ſich leicht, und werden von der Zinne am Winde⸗ ſeile herabgelaſſen bis in die Hohlſchlucht, in welcher der Bach fließt, deſſen Gemurmel das Geräuſch der Auslaſſung verſtecken wird. Unten angelangt, ſchleichen die Boten im Bette des Baches hinunter bis zum Leine⸗ fluſſe, paſſen die beſte Zeit ab, und der Eine ſucht ſich durchzuſtehlen rechts gegen die Stadt hin auf den wohlverſteckten Holzwegen, die jeder Bürger kennt; der Andere ſchlägt ſich links am Fluſſe hinauf, ſucht die 118 Brücke bei dem Dorfe Dornde zu erreichen, paſſirt ſie und eilt durch die Ricklinger Au, oder, ſollte er dort Feinde wittern, über die Mordmühle auf der Göttinger Straße zum rothen Thurme, und ruft dort den Wächter an. Einen wird Gott hindurch führen und Hannover iſt gerettet. Seid ihr mit dem Kriegsplane zufrieden, Brü⸗ der?— Alle ſprachen ihr ernſtes: Ja!— So laſſet uns Gott bitten, daß er die Geſchickteſten erwähle und durch ſeine Engel geleiten laſſe.— Die Männet nah⸗ men ſämmtlich die Mützen von den Köpfen, und laut betete Wulbrand das Gebet Jeſu vor, und Alle teten andächtig nach. Hätte er ſie ſitzen ſehen die ehrlichen Rundköpfe wie kein Zug von Furcht die derben, deutſchen Geſichter ent⸗ ſtellte, wie Muth in der Pflicht und Vertrauen auf Gott aus Aller Augen leuchtete, hätte er ſie ſitzen ſehen, der tobende Herzog, er würde ſeinen tigergleichen Zorh in die Ketten der Hochachtung geſchlagen haben, er würde ſich Glück gewünſcht haben, Männer wie dieſe in ſeinem Erblande zu finden. Aber auch du, damals ſo freie und mächtige Bürgerſtadt, hätteſt du einen Blick werfen dür⸗ fen in jenes enge Steingewölbe, das zum Altar wurde der Bürgertugend, hätteſt du einen Blick geworfen in jene Herzen voll Hingebung und Treue bis zum Tode; Hannover, du würdeſt nicht geſäumt haben, vom Conſul bis zum jüngſten Zünftler auszuziehen, und deine beſten Edelſteine zu erretten!—— Nach vollendetem Gebete zählte der alte Düvel acht Bolzen ab, ſchnitt auf den Schaft von zweien derſelben ein kleines Kreuz, und warf dann alle acht in den Koh⸗ lenkorb, den er vom Kamine nahm. Jeder der Männer trat andächtig zum Steintiſche, worauf er den Korb 5— 1 N 119 geſetzt, und zog ſich ſeinen Pfeil unter dem Korbdeckel hervor. Als Alle geloſet, befahl der Korporal: Hand in die Höh! und ging rundum, und beleuchtete mit dem Lämpchen jede emporgehaltene Waffe. Hans Alves und Georg Withuſen! rief er ab. Gott ſei über euch!— Macht euch bereit zur Abfahrt. Hängt den Degengurt hoch an den Hals, und ſteckt in die Leibbinde jeder ei⸗ nen ſcharfen Gnadegott dort aus dem Rüſtſchreine; ihr dürft keine waffenloſen Boten ſein, und fingen ſie euch, nicht ſchlachten laſſen, wie elendes Hühnervieh, ſondern euch ſtellen wie der Edelhirſch mit ſcharfem Gehörn ge⸗ gen die Meute. Seid vorſichtig, übereilt euch nicht, und paſſet die rechte Zeit ab; denkt in jedem Augenblicke, es gilt Hannovers Rettung. Und jetzt fort, und grüßet Alle, Weib und Kind, und die hohen Herrn und die ganze Bürgerſchaft, und die Thore und Stadtthürme, und die heiligen Kirchen, und jeden lieben Platz.— Die Bürgersleute ſahen ſtutzig auf den tapfern Greis, wie er plötzlich ſo weich ward, und ſein Geſicht ſich wie in einem Todesſchmerze verzog, und ſeine Stimme von dem tiefen Tone abwich. Wulbrand bemerkte den Ein⸗ druck und änderte ſchnell Stellung und Rede. Glaubet nicht, Kameraden, fuhr er fort, daß ich ſie beneide. Sie gehen einen ſchlimmen Gang, indeß wir in feſter Si⸗ cherheit auf Gott harren dürfen, der nicht ausbleibt früh oder ſpat, ſo oder anders. Aber uns Allen kann was Menſchliches paſſiren, und wenn die Haare ſilberfarb geworden, denkt der Chriſt bei jedem ungewöhnlichen Ereigniſſe gern des letzten Stündleins, das ihm immer näher rückt und das er nicht fürchtet, wenn es der Herr ſchickt. Darum nochmals, grüßt mir Alle, Georg und Alves; wir ſehen uns wieder, gewiß, wir ſehen uns 120 wieder.— So wandte er ſich fort, und ging zu der Winde, das Seil zu bereiten, indeß Withuſen und Al⸗ ves nach des Korporals Rathe ihre Mützen feſtbanden unter dem Kinne, die kurzen Armmäntel dicht an den Leib ſchnürten, den Flamberg mit ſeinem Gehäng um den Hals hingen und einen breiten Gnadendolch in den Leibgurt verbargen. Alle reichten ſich dann die Hände zum Valet, und indeß Düvel und Bartels die Ausge⸗ loſeten vorſichtig durch Seil und Rad der Winde von der Zinne herab ließen, ſtimmten die Andern laut einen Pſalm an, um die Achtſamkeit der Feinde abzulocken von dem möglichen Geräuſch, das die Flucht der beiden Boten verurſachen möchte. Wo Gott der Herr nicht bei uns hält, Wenn unſ're Feinde toben, Und unſ'rer Sache nicht beifällt Im Himmel hoch dort oben, Wo er der Chriſten Schutz nicht iſt Und ſelber bricht der Feinde Liſt, So iſt's mit uns verloren. Sie wüthen faſt und fahren her, Als wollten ſie uns freſſen, Zu würgen ſteht all ihr Begehr, Gott iſt bei ihnen vergeſſen; Wie Meereswellen einher gehn, Nach Leib und Leben ſie uns ſtehn, Deß wird ſich Gott erbarmen. So ſangen die Männer voll Andacht, und erhoben die gefalteten Hände zum Himmel, und ihre Seelen redeten mit Gott. Ohne Unfall waren die beiden Flüchtlinge am Seile hinab gefahren, und faßten Fuß im tiefen Hohlbette des Baches, wo das Waſſer in der Mitte über die Kieſel 121 murmelte, an beiden Seiten aber trockenen, jedoch glat⸗ ten und gefährlichen Raum ließ. Langſam und vor⸗ ſichtig tappten ſie in der tiefern Finſterniß, welche da unten herrſchte, fort, hielten ſich an den Zweigen des Unterbuſches oder den jungen Baumſtämmen, die oben auf dem Rande des Schluchtweges wurzelten. Als ſie ſo eine geraume Strecke fortgekrochen, ſetzten ſie ſich eine Weile nieder, und horchten, ob kein verfolgender Fußtritt ſie bedräue, und ſchöpften Athem zum Weiter⸗ marſche. Hier iſts doch beſſer wie drinnen, flüſterte der Schlach⸗ ter Alves, ſich ſchüttelnd; Gottes freie Luft gibt Muth und Stärke, und ſoll die Seele zum Himmel fahren, ſieht ſie doch über ſich die freie, weite Paſſage. Im Thurme war's wie in einer Ratzenfalle, und die tau⸗ ſend Kater ringsum machten den Aufenthalt gar unbe⸗ quem.— Glaubt Ihr Euch ſicherer hier im Buſche, den die Wolfenbüttler Späher überall durchſtöbern werden? fragte Withuſen. Ich für meinen Theil wäre gern bei den Kameraden geblieben, dort ſtanden dicke Mauern zwi⸗ ſchen uns und dem Verderben; hier greift Hans Mors aus jedem Buſche nach uns, und in ehrlicher Geſell⸗ ſchaft und an einem Ehrenplatze ſtirbt ſich's doch a Beſten.— Sehet Ihr etwas? fuhr Hans in die Höhe, und drehte ſein in der kalten Nachtluft wieder roth geworde⸗ nes Fleiſchgeſicht rund um.— Es iſt Alles ſtill in der Nähe des Fluſſes, antwor⸗ tete Georg; aber hört Ihr nichts vom Thurme her? Die Braunſchweiger erheben ja plötzlich ein Jubilo, als hät⸗ ten ſie die Warte gewonnen.— 122 Sehet einmal, da wird's hell, fiel Alves ein; fie zünden Wachtfeuer an, und wollen ſicher den Sturm von Friſchem verſuchen. Aber macht's nur recht hell, ihr thörichten Burſchen, da können die hannoverſchen Bolzen von der Zinne wiederum ihr Ziel finden, und Pforte und Schießladen ſprengt ihr doch nicht ohne Kar⸗ thaunen.— Sie werden ſich hüten, Geſchütz abzubrennen, meinte Georg; der Knall müßte ſie den Thurmleuten in der Stadt verrathen, und der Ueberfall würde zu Waſſer. Aber das Gelärm und Gejole wird immer lauter. Wenn ſie ſtürmten? Hans, müßten wir da nicht wieder hinan und den Kameraden helfen? So ein Anfall und Mord⸗ geſchrei plötzlich in ihrem Rücken könnte paniſchen Schre⸗ cken unter ſie bringen.— Wir Zwei gegen die Hunderte? entgegnete Alves. Das wäre eine Tollheit, die uns ſelbſt der Hanswurſt in der Faſtnacht nicht vergeben könnte. Und ſind wir nicht gecommandirt, und müſſen gehorchen?— Ihr habt Recht, ſprach Withuſen tiefſinnig. So laßt uns denn ſcheiden, und wünſche ich Euch glücklichen Marſch und baldige Ankunft; gerathet nur nicht in den Fluß ſtatt auf die Brücke.— Werde mich hüten, habe den Weg ſchon mit mancher Hammelheerde gemacht. Aber geht nur; ich bleibe noch eine Weile, und paſſe ſchon die rechte Stunde ab; unter dieſen Eichenwurzeln und im ſtachlichten Hülſenbuſch findet mich Niemand, wenn mich die Kälte nicht aus dem Lager treibt.— Georg Withuſen fühlte nach dem Dolche, nahm den blanken Flamberg zur Hand, und ſtieg aus dem hohlen Erdbette hinauf in das Gehölz. Muthig, aber langſam er ch er et e en en 123 theilte er das Geſträuch, immer in der Richtung auf die Stadt förtſchreitend, bis er zu einem Fußwege gelangte, der ih von der Jagd, die er als Rathmannsſohn hier oft ge rieben, wohl bekannt war. Schneller konnte er nun fottkommen, und er hatte ſchon eine geraume Strecke zurückgelegt, meinte ſich außer aller Gefahr, da ſchim⸗ merte hinter einem Sandhügel ein Feuerchen, und als er näher ſchlich, ſah er ein Dutzend Fußknechte um ein Wachtfeuer gelagert, das ſie am Rande des Holzes, vom hohen Aufwurfe gegen die Stadt verdeckt, entzündet hat⸗ ten, und wo ſie den einzigen Ausweg auf dieſer Seite klüglich verſchloſſen halten konnten. Es half nicht, er mußte faſt ganz wieder zurück, um einen Seitenpfad zu gewinnen, auf dem er freilich mitten durch die Heerſtraße paſſiren mußte, jenſeits aber alsdann zwiſchen Moor und Bult gelangte, wo alle Gefahr aufhörte, da un⸗ möglich fremdes Kriegsvolk ſich zwiſchen die Sümpfe und Gräben und Untiefen wagen durfte, wenn auch dem Einheimiſchen die geſchlängelten feſten Wege von Bult⸗ haufen zu Bulthaufen bekannt waren wie die Gänge und Gallerien ſeines Hauſes. Er fand den engen Weg. Wüſtes Geſchrei von der Warte her verdoppelte ſeine Schritte; dunkles Gewölk verdeckte jedes Sternlicht, er ſah ſeine eigene Hand nicht, nur die Heerſtraße unter⸗ ſchied ſich durch den ſchwärzern Boden. Er ſchritt hin⸗ über, und wollte jetzt den Anlauf nehmen, um über den tiefen Graben jenſeits zu ſpringen, da hemmte ein rauhes Wer da? ſeine Schritte, und er ſtand gleich einer Grenz⸗ ſäule. Wer da? Gebt das Feldgeſchrei! rief es dicht an ihm, und er unterſchied jetzt mehre ſchwarze Geſtal⸗ ten. Sanct Georg und Jakob! rief er entſchloſſen, ſtieß mit dem Flamberg vorweg, traf und fühlte den Gegner ——— 124 mit dem Zetergeſchrei: Feinde! ein Spion! ſtürzen, und gewann zugleich den Rand des Grabens. Da empfand er aber einen ſchneidenden Stich in der linken Bruſt nahe der rechten Schulter; zugleich ſauste es über ihm wie Eulenfittig, und ein Wetterſtrahl traf ſeinen Kopf; ein gräßlicher Schmerz fuhr ihm über das Antlitz; wie Paukenſchall ſummte es in ſeinem Hirne, und er tau⸗ melte beſinnungslos in den Graben hinunter. Er liegt! rief eine Baßſtimme; pack' ihn feſt, Bor⸗ chert, daß er ſich nicht wieder aufmacht.— Ich fühle nichts, antwortete ein Zweiter, am Boden herum tappend; habe ich doch mit der Lanze ordentlich getroffen, daß mir der Schaft auf der Hand beberte. Aber er iſt verſchwunden; vielleicht war's ein Teufels⸗ ſpuk. Im vorigen Feldzuge wurden Viele der Unſrigen beigeſcharrt ohne Sakrament und Beichte. War's wohl gar ein Kamerad, der umgeht und uns zu foppen kam.— Poſſen, Du Feigling! entgegnete die Baßſtimme. Mein Schwert traf einen feſten Menſchenkopf, und meine Klinge iſt naß und klebrig vom ſpritzenden Blute. Wir haben Fleiſch und Blut vor uns gehabt, und müſſen einen Todten finden, denn er zuckt und röchelt ja nicht einmal. Halt, da liegt's.— Stoß nicht, ich bin's ja, Lüder! rief der Liegende, indem er fortkroch und auf die Beine zu kommen ſuchte.— Memme, was treibſt Du? donnerte die Baßſtimme zornig. Dachte ich doch, Du hätteſt das Zeitliche ge⸗ ſegnet, und ich könnte Dein Erbe werden bei der runden Trudel in Scheppenſtädt. Was wälzeſt Du Dich denn im Sande und hilfſt nicht?— Er traf mich auf den Küraß, daß es mich umblies wie ein Wirbelwind, ſagte der Geſcholtene; und das 125 war keine Menſchenfauſt, ſondern ich meine mit dem Borchert, es war der Schwarze ſelbſt; denn unter allen Püffen, die ich bekommen, iſt doch kein ſolcher geweſen, und er müßte doch winſeln und ſich am Boden finden, hättet ihr ihn ſo tapfer zugedeckt, wie ihr euch rühmen wollt.— Knüpft die Pferde los von dem Hagen! befahl un⸗ willig der Baſſiſt. Wir wollen zu dem Wachtpiket reiten und eine Fackel holen. Der Todte entläuft uns nicht, und glaubt ihr, er habe zu einer Geſpenſterfamilie ge⸗ hört, ſo ſollt ihr auch kein Beutetheil bekommen von ihm, und ich will allein den Spaß haben, beizupacken, was er am Leichnam trägt.— Die Reiter tappten ſich zu ihren Gäulen und trabten in die Nacht hinein. Eine gute Zeit war verronnen, da erwachte Georg Withuſen von ſeiner Todesbetäubung. Halb lag er im kalten Waſſer, ein ſchüttelnder Froſt packte ihn wie mit Leichenhänden; er fühlte ſich todesmatt, und wilde Schmerzen zuckten durch Kopf und Brußt. Gewaltſam ſuchte der Geiſt die Beſinnung zu gewinnen, und es gelang. Sein Blut rann über das Geſicht, und als er hingriff, fand er eine klaffende Wunde von der Stirn über die Wange herab. Mit ſtarrkalten Händen knüpfte er die Feldbinde los, und band ſie ſich feſt um den wunden Kopf; Mooskraut raufte er aus vom Rande des Grabens, und ſtopfte es feſt dahin, wo er unter dem Wammſe ſchneidenden Schmerz empfand, und ge⸗ ronnenes Geblüt ihm den Sitz der zweiten Wundung kund gab. Der feuchte Verband erquickte die heiße Bruſt, und bald fühlte er ſich ſtark genug, am jenſeitigen Ufer hinauf zu klimmen. Er wandte ſein Auge rückwärts zur Warte, zu welcher der weite, hier noch ziemlich gerade Holzweg den Blick verſtattete. Sein Haar ſträubte ſich empor über das, was er ſehen mußte. Eine Höllenglut umgab den grauen Thurm, wie ein graulockichter Greis, den die Inquiſition zum grauſen Exempel für alle Ketzer opfert, ſtand das alte Gebäu hell und deutlich mitten in dem ungeheuern Flammenpfuhle, der es rund⸗ um⸗ wogte, der ſeine breiten Glutzungen ſchon bis zur Zinne hinauf ſtreckte, und von dem eine dicke Rauchwolke ge⸗ rade aufſtieg zum Himmel und über dem Thurmgipfel zuſammenſchlug, und wie eine gelb leuchtende Gewitter⸗ wolke die Wipfel des Waldes niederzudrücken ſchien. Athemlos ſtand Georg eine Weile; das höchſte Ent⸗ ſetzen machte ihn Schmerz und Gefahr vergeſſen. Da war's ihm, als höre er den Todespſalm der Kameraden aus dem Flammenmeere herübertönen; da war's ihm, als ginge vor ſeinen Augen die ganze Vaterſtadt in ſol⸗ cher Lohe aufz da hörte er ſeine Suſanna hfin, die ihm ſein Kind aus dem lodernden Hauſe entgehen hielt. Er ſchlug drei Kreuze vor ſich hin, ſtammelte ein Fahret wohl! gegen den brennenden Thurm, und alle Kraft ſammelnd, ſtolperte und wankte er durch das Moor hin⸗ weg, mit brechenden Knieen und betäubten Gedanken der Stadt zuſtrebend, deren furchtbares Schickſal, wenn ihn Gottes Hand nicht hinführte, ihm jetzt gewiß und lebendig vor der verzweifelnden Seele ſtand.—— Zögernd dämmerte der Morgen. Der junge Tag öffnete mit weißen, ſchimmernden Fingern die Fenſter des ſchwarzen Hauſes ſeiner finſtern Mutter, aber fürch⸗ tend den kalten, freudenloſen Himmel, ſchien er ſich — r c S u——* 127 wieder zurückzuziehen, und ſtand ſäumig und unent⸗ ſchloſſen hinter den dunkeln Pforten. Tiefe Stille berrſchte noch in der ganzen Gegend; den Menſchen feſſelte noch des warmen Bettes behagliche Umgebung; ſelbſt die Thurmleute auf den hohen Wällen der Stadt Hannover ſaßen in den Winkeln ihrer Steinhäuſer, gehüllt in den grauen Wachtrockelor, und ſich wahrend vor dem ſchar⸗ fen Morgenwinde und die kälteſte Stunde ſcheuend, welche dem Sonnenaufgange vorher zu gehen pflegt; kein Ar⸗ beitsmann rührte ſich in Gärten und Feldern, kein Vieh blöckte. Aber ein einſamer Wandersmann ſchritt rüſtig am Knotenſtabe gegen die Stadt heran, und man bemerkte ſichtlich, wie die Morgenkälte den Gang des gealterten Mannes trieb, daß er weit austrat, als gehört er zu den jüngſten und rüſtigſten. Es war der Oelſchläger Curd Borgentrich aus dem Beginnengäſſel. Der ſorg⸗ ſame Alte hatte ſein Geſchäft mit dem Vetter abgemacht, aber ſein fleißiges, raſtloſes Gemüth, gequält durch das geſtrige Geſpräch mit dem boshaften Stadtbauherrn, beunruhigt über den Ausgang der nahen Verhandlung, ließ ihn den Antrag des Müllers nicht annehmen, erſt gegen Mittag mit dieſem bequemlich zur Stadt zurück zu fahren, ſondern er brach im Dunkel auf, ſich dem abnehmenden Mondlichte vertrauend, welches die letzten Stunden der Nacht erleuchtete, und verſehen von der Baſe mit einer Flaſche erquicklichen Obſtweines, der ihm auf dem unfreundlichen Marſche wohl bekam. Er hatte keine Langweile gehabt auf der einſamen Fahrt, denn in ſeinem Kopfe gingen gar mancherlei Gedanken herum, rund im Kreiſe, wie der ſteife Gaul in ſeiner Oelmühle. Er gedachte, wie er ſofort nach genommener Frühſuppe, ————— ———— 128 welche ſeine Suſe, ſein gutes Kind, gewiß ſchon am Feuer bereitete, hin müſſe zu den werthen Conſuln, durch welche beſten Reden er ſie für ſeinen Plan noch ſicherer gewinnen könnte; ob es nicht gerathen ſei, noch vor der heutigen Verhandlung durch den Anwalt ein Zeugniß der vollgültigſten Bürger ſeines Bezirks ſammeln zu laſſen über den fraglichen Gegenſtand, um damit die widerwärtigen Angaben des gehäſſigen Herrn Chriſto⸗ phorus wie mit der Plumpkeule niederzuſchlagen. Vor⸗ ſichtig wie ein Feldherr, der ſein Heer zur Schlacht führt, erwog Curd Borgentrich jeden Umſtand; und iſt doch dem redlichen Bürger ſein geſicherter Hausſtand wohl ſo viel werth und liegt ihm ſicher mehr am Herzen, als dem König eine gewonnene Schlacht oder einige er⸗ oberte Landſtriche. Der alte Wandersmann hatte ſeine Fahrt vollendet, aber Froſt und Gedankenſturm trieben den Fuß zu raſch, und als er am Thore ankam, fand er die Stadt noch im Schlafe und die Fallgitter noch nicht aufgeſchloſſen und gehoben. Er murrte nicht darüber, war er doch glücklich und früh genug am Ziele; nur verwunderte er ſich, daß gleich ihm ein Frachtfuhrmann voreilig früh gereiſet, und nicht gar fern vom Thore auf der Straße hielt, und nicht weniger ungeduldig als ſeine dampfenden Hengſte die Eröffnung der Einfahrt zu erwarten ſchien. Der Wagen ſchien ſchwer und hochbeladen, und ein ge⸗ wölbter Leinenbogen bedeckte und verwahrte das reiche Kaufmannsgut gegen lüſterne Augen und verderbliches Wetter. Müßt Euch ſchon gedulden, Landsmann, ſprach Bor⸗ gentrich zu dem mürriſchen, finſter blickenden Fuhrmanne. Die Schlüſſel liegen bei dem Stadthaupt Kann in Verwahr, ——, 129 und ehe die Domuhr nicht ſieben Mal angeſchlagen, dürfen die Thurmleute den geſtrengen Herrn nicht wecken, und die Schlüſſel abfordern.— Der Fuhrmann ſtieß einen wüſten Fluch in die Luft, der dem alten Oelſchlä⸗ ger durch ſein chriſtlich Herz ſchnitt und ihm jedes Ge⸗ ſpräch mit dem rüden Burſchen zuwider machte, und ihn beſtimmte, lieber einen Spaziergang in die Gärten und Felder zu verſuchen, ſich im Frühlichte die Winterſaat zu beſehen, und an den munter flatternden Goldammern und Spatzen ſich zu ergötzen, welche beſſere Geſellſchaft geben als ein Unhold, der ſein Tagwerk mit einer Sünde begann. Geduldig ſchritt er zwiſchen den Gärten umher, ſtand hier und dort an Hecken und Feldrain, da fiel ihm das vergoldete Kreuz der Marien⸗Kapelle in die Augen, wel⸗ ches von dem erſten Morgeiſtrahle beſtreift wurde. Du haſt noch nicht deine Morgenandacht verrichtet, und wenn Gott ruft, ſoll man nicht ſäumen! murmelte der ehr⸗ liche Bürgersmann in ſich hinein, und ſchritt auf das kleine Bethaus zu, deſſen weißgetünchte Wände einladend über die Hecken ragten. Damals wohnte noch eine ächte Frömmigkeit und Gottesfurcht in den Herzen der meiſten Chriſten, und der König theilte dieſe ſchöne Empfindung mit dem gemeinſten Bettler. Einen Friedhof und eine Kirche hielt man für unantaſtbare Stätten, Verunreini⸗ gung, Beſchädigung und Entweihung ſolcher Plätze für das höchſte Verbrechen, für welches nirgend ein Ablaß gewonnen werden konnte. Der Glaube, das Gotteshaus ſei die wirkliche Wohnung des Herrn, ſeine Engelſchaa⸗ ren hielten mit Flammenſchwertern ewige Wacht an der Schwelle ſolcher Heiligthümer, erſchlaffte ſelbſt die Fauſt des Laſterhaften, des in Sünde Verſunkenen, wenn er ſie ausſtrecken wollte nach dem Altare; darum bedurfte Blumenhagen. v. 9 — 130 es in jener guten Zeit keiner verſchloſſenen Thore, keiner Mauern, um ſolche Stätten zu beſchützen, ſie ſchützten ſich ſelbſt, wie ſie für jeden Verfolgten ein Schirmort waren. Borgentrich fand darum auch die Thür der Ka⸗ pelle nur angelehnt, trat mit entblößtem Haupte in das kleine Gewölbe und bog ſeine Knie andächtig vor dem Altare, von dem das Bild der heiligen Jungfrau mit dem Chriſtkinde herablächelte. Laut und bedächtig ſprach er den Morgenſegen, aber Entſetzen ergriff ihn, als tiefe Seufzer, wie ſie ein Sterbender ausſtößt, ihm zu ant⸗ worten ſchienen, als er jetzt ſogar hinter dem Altare hervor ſeinen Namen und von einer bekannten Stimme geſprochen vernahm. Angſtvoll erhob er ſich, ſchlug ein Kreuz und trat hinter das Chor. O welch eine Geſtalt ſah ſein Vaterauge da vor ſich!— Eben gaben die hohen Fenſter Licht genug, zu erkennen, was ihm zuerſt nur ein böſer Traum däuchte. Georg Withuſen lag auf tem Steinboden, bleich, als wäre er ſchon ein Todter, mit Blut befleckt, mit der klaffenden, ſchrecklichen Wunde im Geſicht, und ſtreckte die alte, kreideweiße Hand nach ihm aus. Um Gott, Georg, wie kommſt Du hierher? kreiſcht e der durch und durch erſchütterte Greis. Iſt das Thor ſchon geöffnet? ſtöhnte der wunde Mann.— Noch nicht, ſtotterte Curd. Aber die Stunde iſt nahe, ich eile, Dir Hülfe zu holen.— Silet! Flieget! ſagte Georg, und eine Freude ſtrahlte aus den brechenden Augen. Aber nicht für mich; Gott iſt bei mir, und mein Stündlein iſt nahe. Rettet die Stadt! Rettet Eure Tochter, mein Kind, und alle Kinder unſerer Nachbarn. — Trinke, armer Burſche! Deine Zunge iſt ſteif, Dein Geſicht kalt wie der Stein! O wer konnte Dich in ſolches Elend werfen? jammerte der Vater, und flößte 131 aus ſeiner Flaſche dem Kranken ſeinen Wein in den blaßblauen Mund, und riß Alles, was er von Leinwand hatte, Tuch und Binde in Fetzen, die böſen Todeswun⸗ den zu binden, ſo geſchickt er es verſtand. Laſſet das gut ſein, ſprach Georg, alle ihm noch ge⸗ bliebene Kraft zuſammennehmend; höhere Sorge muß Euch von mir ſtoßen. Der grauſame Herzog von Wol⸗ fenbüttel iſt wenige Schritte von hier; ſeine fürchter⸗ lichen Würger liegen verſteckt rundum in Gärten und Dolze; mich trafen ihre Eiſen, als mich Wulbrand zur Stadt ſandte, die Bürger vor Ueberfall zu warnen. Bis hierher kam ich, da ſank die Kraft, und ich kroch zum Heiligthume und barg mich, denn die Henker wa⸗ ren dicht an meiner Ferſe. Heinrich und ſeine Obriſten kamen in die dunkle Kapelle. Ich hörte ihren Anſchlag. Ein Wagen am Thore liegt voller Fußknechte, geht das Fallgitter auf, wird das Fuhrwerk hinunter fahren, im Thore unter dem Gatter halten bleiben und den Ver⸗ ſchluß verhindern; ein Büchſenſchuß iſt das Signal, dann bricht der Herzog in die Stadt. So verabredeten ſie es hier, und ich hörte Alles mit Grauſen, und konnte nicht weiter, denn der Tod lag bleiern in meinen Ge⸗ beinen. Die Dornder Warte iſt niedergebrannt, der ehrliche Wulbrand und die Kameraden ſind hin. Aber dankt dem Herrn des Himmels, daß er Euch geſendet, daß er mir Athem gelaſſen bis zu dieſem Augenblicke. Und jetzt hinweg ohne Zaudern, ruft die Thurmleute an, ſie ſollen nicht öffnen. O verſäumt den Gottesruf nicht, der an Euch erging. Und iſt Hannover gerettet, höre ich die Donnerbüchſen knallen auf den ausgeſchloſ⸗ ſenen Feind, dann habe ich gern mein Leben hingegeben und ſterbe ruhig und freundlich. Und Dich ſoll ich laſſen? fragte Borgentrich mit Angſtſchweiß auf der Stirne. Hannover ruft! ſprach ſtreng der todtwunde Mann. Und Suſanne! ſetzte er ſchwach hinzu, und ſank wie in Ohnmacht zurück auf den Steinboden. Der alte Vater erhob ſich in einem Verzweiflungsgefühle von den Knien, warf noch einen ſchmerzlichen Blick auf den Sohn, und taumelte wie von Geiſtern gepeitſcht zur Kapelle hinaus. Außen faßte ihn die friſche Morgenluft und gab ihm Beſinnung zurück. Er eilte durch die Gärten zur Stadt, und als er hier und da ſeinen Kopf erhob und über die Zäune blickte, ſah er wirklich blanke Pickelhauben zwi⸗ ſchen den Hopfenſtangen ſchimmern, und dann und wann kam ein Ton wie klirrendes Metall oder Geſtampf der Roſſe an ſein horchendes Ohr. Das Fuhrwerk mit dem fluchenden Führer hielt noch vor dem Zingel, das Thor war noch geſchloſſen, aber die Thurmleute regten ſich ſchon, man ſah ſie auf dem Walle geſchäftig wandeln, und die Nachtpoſten wurden abgelöſ', welches die nahe Oeffnung des Thores und die Stunde des Aufſchluſſes anzudeuten pflegte. Hoch ſchlug dem Alten das Herz, er trat, ſo nahe es möglich war, an den Graben, und rief den Poſten droben an. Der Wachtmann horchte und fragte. Haltet das Thor verſchloſſen! ſchrie da mit einer Poſaunenſtimme der Greis, als wollte er den letzten Athem an die Pflicht ſetzen. Oeffnet nicht und ſtürmet mit den Nothhörnern! Herzog Heinrich liegt vor der Stadt, und will ſie durch Kriegsliſt gewinnen. Haltet das Gat⸗ ter und die Brücke verſchloſſen um des Heilands willen.— Der Fuhrmann am Wagen horchte hoch auf, aber da er fern hin hielt, und der Alte zur Verſtärkung des 133 Tones durch die zuſammen gelegten Hände ſchrie, ſo mußte er vielleicht den Sinn des Rufes nicht verſtanden haben, denn er legte die Zügel zurecht, ſetzte ſich auf das Sattelpferd und richtete ſeine Augen auf die Ein⸗ fahrt, deren Oeffnung er erwartete. Da hob ſich leiſe zur Seite die Leinwanddecke und ein behelmtes Haupt wurde ſichtbar, und ſchaute neugierig zur Stadt; aber die Schildwacht vom Walle hatte mit ſcharfem Auge das verdächtige Kaufmannsgut entdeckt, legte ihre Ha⸗ kenbüchſe auf die Bruſtwehr, und brannte einen don⸗ nernden Schuß auf den Wagen hinab. Der alte Bor⸗ gentrich lief aber unterdeſſen am Graben hin über die Dämme zum Aegidien⸗Maſch, dort wo gegenüber der Twengerſtraße(jetzt der neue Weg) ein Hauptthurm ſtand, weil der Stadtgraben da am ſchmalſten gegraben, rief er die Wächter an, welche dem wohlbekannten Bür⸗ gersmann ohne Zögern zur Hülfe eilten, ihm, als er jetzt dreiſt ſich in das tiefe Waſſer ſtürzte, einen Balken entgegen warfen, an welchem er herauf klomm, und die ſchreckliche Mähr den Wappnern verkündete, durch die ſogleich Botſchaft an die Conſuln und Stadtoffiziere ver⸗ fügt wurde. Konnte auch Curd Borgentrich als eigentlicher Ret⸗ ter der Stadt gerühmt werden, indem er die Eröffnung des befehdeten Thores gerade im entſcheidenden Augen⸗ blicke verhindert hatte, ſo blieb er doch nicht der einzige, durch welchen die Schreckensmähr in die Stadt kam, und faſt noch vor ſeiner glücklichen Ankunft auf dem Thurme der Twengerſtraße verbreitete ſich ſchon das Entſetzen in den weſtlichen Bezirken Hannovers, und 134 ſtörte den Frieden der ſich zur Tagesarbeit rüſtenden Bürgersleute.—— Hans Alves, der Schlachter, verweilte nach Withu⸗ ſens Abmarſche noch eine geraume Zeit in der Schlucht des Eilenrieder Waldbachs. Es läßt ſich denken, wie ihm zu Muthe ward, wie ſeine Gebeine ſchlotterten, wie trotz der kalten Nacht an jedem ſeiner Haare Schweiß⸗ tropfen hingen, als er ein gezwungener Zuſchauer des fürchterlichen Schauſpiels werden mußte, und es ihm nur zu verſtändlich ward, was der Feuerſchein und der wilde Jubel der Braunſchweiger zu bedeuten habe. Bu⸗ gislaf von Pommern hatte den ganzen Thurm mit dem vorgefundenen Klafterholze umbauen laſſen; ſo hoch die Arbeiter reichen konnten, wurde mit einer hölzernen Mauer von Scheitholz die alte Steinrotunde umſtellt, und Pechkränze und in Oel getränktes Werg, welche hei der damaligen grauſamen Weiſe, Krieg zu führen, jeder Soldatentrupp mit ſich trug, mußte die Zwiſchen⸗ räume ausfüllen. Mit teufliſcher Luſt ließ der Herzog dann den grauſen Scheiterhaufen anzünden. Der treu⸗ loſe Wind, der von Hannovers Seite her blies, fachte die Glut mit Eile an, und bald wirbelte der Flam⸗ menpfuhl rund um den Thurm bis zu den Schießſchar⸗ ten hinauf, leckte zerſtörend an der Pforte, trieb ſeine erſtickenden Dampfwolken durch jede Oeffnung, machte jeden Verſuch zur Flucht unmöglich, und weihte ſieben brave, ſchuldloſe Männer dem entſetzlichen Tode. An⸗ fangs ſah man ſie alle auf den Zinnen, hell beleuchtet vom Feuerſcheine und wie mit einer Gloria geziert; ſie beantworteten das hölliſche Gejauchz der barbariſchen Kriegsknechte mit ſcharftreffenden Schüſſen; als aber Flamme und Rauch überhand nahmen, da hörte man 135 ihren frommen Todesgeſang durch das Ziſchen, Knat⸗ tern und Praſſeln der Flammen, bis eine Stimme nach der andern erloſch, und es ſtumm wurde, gräßlich ſtumm, wie ſich der Menſch mit Grauen es denkt in den endloſen Geſilden der richtenden Ewigkeit, wo nur eine Stimme ſpricht und die Auferweckten fordert zu ihrer Wagſchale.—— Wie in der ſchwarzen Kammer ein gefeſſelter Miſſe⸗ thäter feſtgehalten wird auf dem Schemel und die Fol⸗ terwerkzeuge anſchauen muß, die ihm der Henkersknecht vorlegt, ſo hatte Hans Alves nicht vermocht, der Schrek⸗ kensſcene zu entfliehen, und hatte aushalten müſſen bis zum Ende. Zernichtet in Seele und Gemüth, gelähmt in allen Gliedern, ermannte er ſich endlich, und die Furcht gewann die Oberhand in ihm, und wie ein Trun⸗ kenbold taumelte er aus ſeinem Verſteck und kroch mehr als er ging der rettenden Leinebrücke zu. Er erreichte ſie, ſchon holte er tiefer Athem, da vernahm er glücklich genug im jenſeitigen Gebüſch Roſſesſchnauben und Män⸗ nergeſpräch. Es ſtand drüben ein Reiterpoſten, vom kundigen Feldherrn zur Deckung ſeiner Flanke aufge⸗ ſtellt. Unter dem Balkenwerke der Brücke verbarg ſich lange Stunden der elende, verlaſſene Mann, den fürch⸗ terliche Bilder umgaben und marterten, der vom anſpü⸗ lenden Fluſſe durchnäßt wurde und der dem Tode oben wie unten verfallen ſchien. Endlich ſchlug die Erlöſungs⸗ ſtunde. Ein Reiſiger ritt von der Warte herbei, rief die jenſeitigen Poſten ab, verkündete den Abzug gegen Han⸗ nover zu, und mit einer Wolluſt, die er noch nie em⸗ pfunden, hörte der Schlachter den donnernden Hufſchlag der Pferde auf den Brettern der Brücke über ſeinem Haupte. Auf machte er ſich jetzt und lief, als tanzten —— 136 peitſchende Furien mit Mordfackeln hinter ihm durch Anger und Buſch, bis er die letzten Hütten der Dorf⸗ ſchaft Ricklingen erreicht hatte. Wärme und Erquickung waren ihm nöthig; der gutmüthige Bauersmann ſchaffte ſie gegen mäßige Zahlung, aber gab dazu auch die böſe Kunde, daß der kürzeſte Weg durch die Au wegen des ausgetretenen Waſſers des Flüßchens Himena ungang⸗ bar ſei, in der Nacht die Feldwege ſchwer zu finden ſein möchten, und darum der befahrene Umweg über die Mordmühle(jetzt Landwehrſchenke genannt) und die Göttinger Heerſtraße gewählt werden müſſe. Alves, ſei⸗ nes Lebens gewiß und darum ſeinem Charakter nach ſorgloſer, pflegte ſich lange, dung den Bauer als Boten ſich zur Geſellſchaft, weilte wiederum auf der Mord⸗ mühle, nach ſeiner Weiſe neu ſich ſtärkend, und dem be⸗ freundeten Müller und ſeinen horchenden Mühlburſchen umſtändlich die erſtaunliche Mähr von dem Schickſale der Dornder Warte, von ſeinen Kriegsthaten dabei, ſei⸗ ner Gefahr und ſeinen nächtlichen Abenteuern erzählend, und gelangte ſo erſt mit dem Tagesanbruche zum rothen Thurme, welchen der Vogt ihm öffnete, eilte dann über die hohe Steinſtraße an das ſchon geöffnete Leinthor, ſchrie jedem Begegnenden ſeine Rabenbotſchaft entgegen, obgleich durch ſeine Ankunft nichts von dem dräuenden Unglück verhindert worden wäre.—— Der Stadtbauherr Chriſtophorus Withuſen ſaß in vollem Anzuge mit Frau und Tochter bei dem Früh⸗ ſtücke, denn noch gährte der Aerger in ihm über den Wortſtreit mit dem Grobian von Oelſchläger, und die geſtrige Schwelgerei hatte ſich dazu geſellt, den gemäch⸗ lichen Patrizier mit einer ungewohnten, ſchlafarmen Nacht zu foltern. Er beabſichtigte, zeitig auf das Stadt⸗ 137 haus zu gehen, dort ſeine Amtscollegen zu bearbeiten, um den möglichen Klagen des Borgentrich vorzubauen. Eine ungewöhnliche Lebendigkeit auf der Straße erweckte ſeine Aufmerkſamkeit; er wurde neugierig, warum die Leute ſo früh zum Thore ſtrömten, er horchte am Fen⸗ ſter nach etwaigem Feuerlärm, als ſein Hausknecht im Trabe mit dem einſpännigen Wägelchen vor das Haus raſſelte, auf welchem er aus der Sodenſchen Brauerei auf der Leinſtraße das Faß voll Hausbieres abgeholt. Wagen, Faß und Gaul ließ der Knecht unberückſichtigt, ſprang ſogleich in das Haus und platzte ohne gewohnten Reſpekt in das Zimmer. Brennt es wo? Oder iſt der Herr Conſul verſtor⸗ ben? fuhr der Herr dem athemloſen Knechte haſtig ent⸗ gegen. Und ſtotternd erzählte dieſer, wie die Braun⸗ ſchweiger die Wälle ſtürmten, wie die Dornder Warte mit Mann und Maus in Feuer aufgegangen, wie keine ehrliche Seele gerettet, und die hölliſchen Kriegsknechte die verkohlten Knochen gegen das Thor geſchleudert zu Hohn und Spott; wie alle die wackern Bürger gebraten und zu Aſche verbrannt wären;— das war die Brunſt, welche die Thürmer Nachts über dem Holze ſahen und für ein brennend Dorf im Stiftiſchen hielten: da ſchmor⸗ ten die Unſrigen wie der Sankt Laurentius, und auch unſer guter junger Herr war dabei! ſetzte der ehrliche Kauz zuletzt heulend hinzu, den Zorn des Hausherrn und die Enterbung vergeſſend. Mit einem gellenden Schrei fiel Frau Irmgard ſinnlos in den Polſterſtuhl, von dem ſie ſich erhoben, und Herr Chriſtopher ſtand lange und bewegungslos wie ein Rolandsbild, ſprach einige Male halblaut das Wort:„Verbrannt!“ nach, und man merkte an den leiſen Zuckungen ſeiner Hänge⸗ —————— — S. *„—„— 8 k 138 backen und der ſchlaff niederhangenden Arme, wie ſeine Einbildungskraft ihm die Feuersnoth am lebendigen Leibe nachfühlen ließ, und er die prickelnden Funken auf der blaurothen Haut des Geſichts und der breiten Hände empfand. Da flog ein junges, ſchönes Weib an der Kirche her, von einem Haufen Volks verfolgt, auf das Withuſenſche Haus zu. Das Antlitz der Frau trug die Farbe eines Marmorbildes, ihr Anzug war verſtört und unordent⸗ lich, ihr langes Blondhaar flatterte nur halb gefloch⸗ ten in Ringeln und Schweifen um den unbedeckten weißen Hals, und ein weinendes Knäbchen hing in ihren Armen. Seht, geſtrenger Herr! rief der alte Knecht, auf das Fenſter deutend, als das Frauenbild über den Platz zur Pforte ſtürzte. Da werdet Ihr hören, daß ich wahr ſprach. Das iſt die Frau ſelbſt, Oelſchlägers ſchönes Suſelchen!— Und in die Zimmerthür ſchwankte Su⸗ ſanne, und ſank erſchöpft dicht vor dem Stadtbauherrn an der Lehne eines Seſſels mit einem Zetergeſchrei nie⸗ der in die Knie. Ihr müßt es wiſſen, rief ſie in Tönen der tieſſten Herzensangſt, indem ſie das Knäbchen auf den Boden legte, und die Hände rang, als wollte ſie die Haut her⸗ unter winden; Ihr müßt es wiſſen, Ihr ſeid ja der Vater, und wenn auch ein harter, unnatürlicher Vater, ſo vergißt doch kein Vater ſein Kind und kümmert ſich um Leben oder Tod ſeiner Küchlein. O ſagt! Nicht wahr, ſie haben gelogen; Georg iſt nicht todt, nicht ver⸗ brannt auf der Warte? Wie könntet Ihr ſonſt ſo un⸗ beweglich daſtehen; Ihr müßtet ja jammern, ſchreien, Ihr vor Allen. Euer Herz müßte gebrochen ſein in Pein 139 und Qual, und das Blut müßte aus der harten Bruſt ſpringen wie ein Sprudel. Nicht wahr, es iſt nicht; er lebt? Trunkenbolde und Narretheidinge haben die Mähr erdacht; wir ſind ja im Frieden, und Ihr müßtet doch längſt das Schwert zur Hand haben, wenn es wäre; gehört Ihr doch zu den Erſten und Vornehmſten, die es den Niedrigen voran thun.— Herrn Withuſen ſah man die Erſchütterung an, als die junge Frau ſo vor ihm lag, und der Knabe an ihn heran krauelte und mit den kleinen Händen nach ſeinem Mantelzipfel griff. Er verſuchte ſein Antlitz in recht widerwärtige und ſtrenge Falten zu ziehen, aber es ge⸗ lang ihm nicht, und ſo ſtreckte er die Hände abwehrend aus und drehte ſich weg von der Knieenden. Durch ſeine veränderte Stellung wurde Suſannen die ohnmächtige Frau Irmgard, welche von der Jungfrau Eliſabeth un⸗ terſtützt wurde, ſichtbar. Ohne ſich um ihr Knäbchen zu kümmern, ſprang ſie mit einem lauten Geſchrei vom Boden auf, ihr naſſes Auge wurde plötzlich trocken, ihr Schmerzensgeſicht bekam einen wilden, furchtbaren Aus⸗ druck und ſie ſchritt raſch auf den Seſſel der Frau Wit⸗ huſen zu, obgleich die Tochter mit ſehr unfreundlichen Mienen ſie zurückzuweiſen ſuchte. Die Mutter todt? rief Suſanne mit den Geberden des Wahnwitzes. Ja, ſo iſt er hin, ewig hin, gräßlich hin. Ihr Tod bezeugt den ſeinigen. Schläft denn der liebe Gott, daß die Guten umkommen müſſen und die Hochmüthigen wohlleben? Wirft man das grüne Holz in die Glut und läßt das dürre verſchont?— O er war ſo gut, ſo lieb, ſo ſchön; war kein Praſſer und war demüthig und fromm, und ehrte ſelbſt den Vater immerfort, der ihn doch verflucht und der Armuth preis —*—— ————————————— —— — 140 gegeben, weil er ehrlich geweſen. Aber von Dir fordere ich ihn, Du da im Prunkmantel und der Goldkette! Von Dir fordere ich den Mann, von Dir den Vater für das Kind! Dein Hochmuth hat ihn beſtohlen um ſein Eigenthum; Du haſt ihn hinaus gejagt in ſein Unglück. Gott ſteht bei mir, ſchreibt in Dein Schuldbuch, was ich fordere, und wird richten zwiſchen dieſem armen Wurme und Dir, Du ſtolzer Sünder! Gib ihn mir wieder, Unmenſch, unnatürlicher Vater, hole ihn mir aus dem Feuer! O Georg! Georg! Kann ich Dich nicht erretten, Niemand Dich erretten? Und die Flamme kommt im⸗ mer näher, jetzt— wie die heiße Schlange kreucht!— Wie roth und glühend iſt ihr Rachen! Sie beißt— jetzt — Hülfe! Hülfe!— Ihre Stimme brach immer mehr, ihr Körper ſank ein, und vor den Knien der Frau Irm⸗ gard fiel auch ſie nieder, indeß Eliſabeth mit Abſcheu ſich von ihr zog, und auf den Vater zu achten ſchien, deſſen Verfügung ſie erwartete.— Ein Stadtvogt trat jetzt eilig herein, und forderte den Herrn Withuſen auf das Rathhaus, und erbat ſich die Schlüſſel zum Rüſthauſe und Marſtalle, um Krie⸗ gesgeräth und Munition an die Bürger zu vertheilen. Zugleich erhob ſich auf den Gaſſen ein furchtbarer Tumult; Sturmgeläut erſcholl gleichzeitig auf allen Thürmen, in gleichförmigen, raſchen, ohrzerſchrillernden Glockenſchlä⸗ gen die nahe Gefahr ausſprechend; die Nachthörner der Wächter wurden wach und blieſen in ihren langen, Herz und Mark zerſchneidenden Tönen, und von allen Seiten ſah man bewaffnete Bürger im Trabe heran laufen und alle die Richtung gegen das Aegidienthor und ſeine Wälle nehmen. Der Stadtbauherr erwachte durch den Anruf des Vogtes wie aus einem tiefen und ſchweren Traume; 141 er tappte um ſich her mit vorgeſtreckten Armen, ſeine Augen blickten ſtarr und trübe, und ſein Gang ſchien unſicher und ſchwankte. Der Stadtvogt mußte die Mah⸗ nung wiederholen, da erſt griff er zu den großen Schlüſ⸗ ſeln, übergab ſie dem Betroffenen und winkte ihn eilig hinweg. Sein Blick fiel jetzt auf den Kleinen, der am Boden nach der Mutter ſchrie, er hob das Kind vor⸗ ſichtig auf und trug es in den Schvoß der Frau Irm⸗ gard, welche ſich eben wieder erholte, und fremd und fragend die Umgebung anſtarrte; dann hing er eben ſo wortlos den dunkelblauen Mantel um und verließ ſein Haus. Herr Chriſtophorus bemerkte nicht, wie die be⸗ gegnenden Bürger ihm auswichen oder unter ſich plau⸗ dernd auf ihn deuteten; er hörte nicht, wie hier und da ein Bürger⸗Offizier ihn anrief, zur Eile mahnte, damit Geſchütz und Munition auf den Wall käme, ſo viel nur vorräthig. Gottes Hand hatte tief in ſein Gewiſſen ge⸗ griffen, er lebte nur innen, und der hart getroffene Mann ſchritt darum mechaniſch fort zu dem Rathhauſe und nicht zu den Marſtällen und Kriegesmagazinen, wohin ihn ſein Amt und ſein Beruf beorderte. In den Gängen und den Sälen des Stadthauſes rannten Gerichtsdiener und Schreibersleute hin und wie⸗ der; in der Kämmerei packten und ſchloſſen die Sena⸗ toren die eiſenbeſchlagenen Geldtruhen, im Archive kram⸗ ten andere und verwahrten die wichtigſten Pergamente und Urkunden, eine etwa nothwendige Flucht vorberei⸗ tend. Vor einem der Schränke blieb der Herr Withuſen, faßte den dort ſuchenden Stadtrichter Roder Gerke hef⸗ tig an den Arm, und ſprach mit dumpfer Stimme: Mein Teſtament!— Der Angerufene drehte ſich unwil⸗ lig herum, ſagte jedoch mit Reſpekt, als er den Rufer 142 erkannte: Wer frägt jetzt nach Teſtamenten, wertheſter Collega? Wenn wir den Hals behalten, können wir morgen neue ſchmieden. Privilegia und Caſſa, die ſind zu bergen vor den Raubkrallen. Sendet uns nur einige tüchtige Rüſtwagen; hier wollen wir ſchon nach Pflicht wirthſchaften zum Wohle der armen Stadt.— Mein Teſtament! donnerte noch einmal die tiefe Stimme des Fordernden, und der Stadtrichter erſchrack ſo vor dem Ungeſtüm und dem beſondern Ausdrucke des kurzen Anrufs, daß er nach einem flüchtigen und ver⸗ wundernden Blicke auf das braunrothe Angeſicht des Stadtbauherrn ſogleich eine Schublade aufzog, und mit ängſtlicher Miene entgegnete: Da liegen die Papiere ad mortem, der uns nahe ſein könnte; ſuchet ſelber, werth⸗ geſchätzter Mann!— Herr Withuſen wühlte mit Haſt unter den Paketen, und als er ſein Siegel erkannte, riß er das Teſtament hervor mit krampfigter Hand, ſchritt zu dem großen Kamine, wo der Feuerbeuter das flackernde Feuer zu fördern bemüht war, ſchleuderte den Brief mitten in die Flammen, und als von der Glut die Schrift verzehrt worden, ſeufzte er wie frei geworden aus der breiten Bruſt, griff ſich an Herz und Kopf, und ging eben ſo wortarm, wie er eingetreten, aus dem Saale und zur breiten Treppe hinab. Seltſamer Caſus! murmelte der Stadtrichter Roder Gerke. Zu einer Zeit, wo Andere ihr Haus beſtellen möchten, weil der Tod hinein ſchaut, zerreißt der ver⸗ ſtändige Mann die abgeſchloſſene Rechnung. Nun, ihr habt es geſehen, Kraut und Meyer, ſetzte er zu den An⸗ weſenden hinzu, und könnet darüber ad protocollum teſtiren. Mag doch wohl manchem bedächtigen Manne 143 in dieſer Stunde das cerebrum einige Zoll aus dem Gleichgewichte gerathen ſein. In der Gegend der Kirche Sancti Aegidii nahm un⸗ terdeſſen Unruhe und Getümmel zu mit jeder Viertel⸗ ſtunde. In Compagnien geordnet, zogen jetzt rüſtige Bürgerhaufen mit ihren Fähnlein in der Mitte gegen das Thor. Leichte Feldſtücke raſſelten heran, um die Feldſchlangen, Carthaunen und ſteinernen Geſchütze, die beſtändig auf den Wällen lagen, zu verſtärken. Muthige junge Burſche ſchoben ſelbſt die gewichtigen Munitions⸗ karren durch die Gaſſen zu dem bedrängten Punkte, und zwiſchen all dem Gelärm ſchrien die Weiber, und man⸗ che ſchleppten ihre beſten Käſtchen und Schreine in die Kirche, oder flüchteten mit ihren Kindern, den höchſten Schätzen guter Menſchen, aus dem gefährlichen Stadt⸗ viertel. Der alte Curd Borgentrich kam von der Köbelinger⸗ ſtraße her mit geſenktem Haupte und bleichem Angeſichte. Der tapfere Feldhauptmann der Stadt, Olrik von Ilten, und der junge Hermann Türk geleiteten und unterſtützten ihn. An der Ecke des Withuſenſchen Hauſes ſchieden ſie. Hermann wechſelte noch einige dringende und heimliche Reden mit Herrn Olrik, dann ſchritt dieſer zum Thore, Hermann folgte aber flink und lebendig dem Greiſe in das Haus. Mein Kind! Mein Kind! ſchrie der Vater Borgentrich aus, und ſchlug die Hände zuſammen über dem nackten, ehrwürdigen Scheitel; der junge Türk ſprang jedoch ohne Zögern hinzu, erhob die ſinnloſe Su⸗ ſanne vom Boden, und trug ſie mit zarter Vorſicht in den weiten, weichgepolſterten Sorgeſtuhl des Rathsmannes. 144 Friſch Waſſer und Eſſig! rief er mit Angſt. Fräulein Eliſabetha, habt die Güte, ſorget doch ſchnell; der Schreck könnte dem armen Würmlein dort auch die Mut⸗ ter rauben.— Jungfrau Eliſabeth warf einen zornigen Blick auf ihn. Ihr thut ja wie zu Hauſe hier, Junker Hermann! ſagte ſie mit ſchneidender Kälte. Ich will die Magd danach ſchicken; indeß finde ich es nicht paßlich, da die Mutter ſelbſt erkrankt und der Vater nicht daheim, un⸗ beſcheidner Weiſe unſer Haus zum Hoſpital zu machen, und ſolche Perſonen nicht lieber zum öffentlichen Peſt⸗ hofe zu bringen.— Sie ging, und beſtürzt und mit ſicht⸗ lichem Schmerze in den Zügen ſtarrte Hermann ihr nach.— Die Stimme des Vaters hatte das arme Weib aus der Betäubung geweckt, ſie ſchlug die großen Augen auf⸗ und als ſie das liebe Geſicht des beſorgten Greiſes dicht über ſich hergebeugt erblickte, wurden ihre verzerrten NMienen mildfreundlich, und Wehmuth nahm den Platz der Verzweiflung. Seid Ihr da, Vater? fragte ſie matt. So iſt doch Einer übrig geblieben für dieſes Herz, Einer für den kleinen Ehrenfried. Aber wißt Ihr es denn ſchon? Der arme Georg!— O die Unmenſchen! Draußen liegt er in der Aſche. Ach! es iſt gräßlich, und ich kann's Euch nicht ſo erzählen, wie ſie es mir zuriefen.— Nicht doch, mein armes Kind, verſetzte der Alte. Ich ſelbſt war ja draußen bei ihm, ich ſelbſt habe ihn heut Morgen geſprochen. Er iſt nicht todt, er liegt nur wund in der Marienkapelle. Gott und die heilige Jung⸗ frau werden ihn bewahren; er wird leben und gerettet bleiben. O bei dem Allmächtigen iſt kein Ding unmög⸗ lich, und er hilft denen, die ihm gläubig vertrauen!— ———— 145 Frau Irmgard näherte ſich mit dem Knaben voll Le⸗ bendigkeit und Freude. Curd, ſprach ſie, iſt es möglich? O welches Glück bringt Ihr dem Hauſe, woher Euch ſo viel Unbill gekommen. Der Herr führt auf wunder⸗ baren Wegen, vielleicht winkt dieſe Marterſtraße zum Frieden. Suſannens weit geöffnete Augen hingen an des Va⸗. ters Lippen ſo lange er ſprach, dann riß ſie das Kind von dem fremden Arme an ihre Bruſt, und erhob ſich mit unerwarteter Geſchwindigkeit und Stärke. Draußen ſagtet Ihr? ſtieß ſie heftig heraus; draußen zwiſchen den Feinden, und wund und in der Kälte? So muß ich fort, hin zu ihm; bei dem Manne iſt des Weibes Platz. Gebt Leinen, gebt Balſam; ich muß ihm die Wunden binden. Wenn er ſein Kind ſieht und mich, da wird er nicht ſterben, da kann er nicht ſterben, muß leben für uns, für uns. Wir können ihn ja nicht miſſen. Und die Jungfrau wird mit mir ſein; ſie kennt ſolche Gefahr, ſuchte ſie doch ihren Jeſus im Tempel, floh ſie doch mit ihm ins Egypterland, weinte ſie doch unter ſeinem Kreuze. Der Vater nahm die Erſchöpfte in ſeine Arme; Her⸗ mann Türk aber ergriff mit Feuer Suſannens Hand und rief: Wackeres, liebes Weib, du ſchweſterliche Freundin! Ich bringe ihn Dir, oder auch ich kehre nicht wieder.— Er eilte hinaus, wo ſchon ſein Leibknecht das gelbe arabiſche Roß heranführte, und Küraß, Helm und Leib⸗ binde bereit hielt. Als er mit Haſt in der Pforte ſich rüſtete, trat Eliſabeth unruhig auf den Vorplatz. Wohin, Herman 2 ſprach ſie mit ſichtlicher Theil⸗ nahme. Schonet Euch, und meidet die Gefahr um mei⸗ . netwillen.— Blumenhagen. V. 10 R*— —————————* ————— 146 Ich will mir Sohnesrecht erkaufen bei Mutter Irm⸗ gard, antwortete er mit finſterer Haſt, den Helm auf⸗ ſtürzend, und die Leibbinde feſtſchürzend; ich will den Bruder retten aus Feindesklauen, und für die liebe Su⸗ ſanne eine Menſchenthat wagen.— So ſchwang er ſich auf, ſetzte die Sporen ein, und mit dem lauten Feld⸗ rufe: Junker heraus! Zu Roß und Schwert, ihr tapfern Junker! Es gilt Hannovers Ehre!— ſprengte er die Oſterſtraße hinunter, das blanke Schwert ſchwingend über ſeinem ſchwarzbefiederten Helmkamme. Mit bitterer Empfindung ſah ihm Eliſabeth nach. Das lohnte ſich auch der Mühe! flüſterte ſie, die runden Lippen zuſammenkneifend, und von dem Sturmgeläut und den donnernden Carthaunen, die jetzt auf den Wäl⸗ len zu predigen begannen, erſchüttert, flüchtete ſie furcht⸗ ſam von der Hausflur. Der weithallende Kriegsruf des tapfern Türk hallte zu den Häuſern der Patrizier hinauf, und mancher Edle beſchleunigte ſeine Wappnung und beſtieg das Kampf⸗ roß. Auf dem Marktplatze fand er ſchon einige ſechzig der Junker geharniſcht und beritten vor dem Quartiere des Feldhauptmanns, die Befehle des erfahrnen Olriks erwartend. Freudig ſprengte Hermann an die Bekann⸗ ten hinan, zeigte ihnen den Siegelring des Commandan⸗ ten, und im ſchnellen Vertrauen auf ſeinen Waffenruf und auf ſeinen Edelſinn ſchloſſen ſie ihre Glieder hinter ihm, zogen die ſcharfen Schwerter, und trabten mit dem Feldgeſchrei: Hannovers Ehre!— die Straße der Schmiede hinauf und dem Steinthore zu. ——2 147 Herzog Heinrich erwartete mit Ungeduld den Anbruch des Tages, der ſeinem Grimm athmenden Gemüthe die vollſte, längſt erſehnte Genugthuung verſprach. Seine Seele war voll böſer Freude, denn ſein Anſchlag ſchien ſicher und faſt gelungen. Er glaubte die Landwahrer ſämmtlich umgekommen im brennenden Thurme, und keine Ahnung betrübte ſeine Luſt, denn er durfte nicht fürchten, daß irgend ein verrätheriſcher Bote vor ihm Hannover berühren möchte. Seine Reitercompagnien hielten aufmarſchirt am Rande des Holzes, ſeines Winks gewärtig, um in wilder Jagd zum Eindringen in das Thor herbei zu fliegen. Hinter ihnen ſtand das wenige leichte Geſchütz, welches er zu dieſem Eilmarſche auser⸗ leſen. Das leichte Fußvolk lag rundum vertheilt in den Gärten, und der Pommernherzog, der tollkühne Bugis⸗ laf, hatte es übernommen, ihren Sturm zu leiten. So erwartete er mit froher Unruhe das Signal des Büch⸗ ſenſchuſſes, wodurch ihm verkündet werden ſollte, wie der Wagen im Stadtthore halte, wie durch ihn der Schluß des Follgatters verhindert, wie die darauf verborgenen Freiwilligen die Thorwache überfallen und ſich der näch⸗ ſten Wälle bemächtigt hätten. Gleich ſchwarzen, verderb⸗ lichen Wolken vom brauſenden Sturmwinde gejagt, wollte er alsdann heranfahren, und die grauſen Beglei⸗ ter ſoldatiſchen Ueberfalls ſollten die Stadt beſtrafen für Uebermuth und Widerſetzlichkeit, und ſie ſollte zum Bei⸗ ſpiele werden, an welchem ſich alle rebelliſchen Bür⸗ gergemeinden der braunſchweigiſchen Erblande ſpiegeln dürften. In Heinrichs finſterer Seele gingen die Bilder vor⸗ über von knienden Oberalten und Patriziern, von Hin⸗ richtungen und Einäſcherung, von Brandſchatzung und 148 Geiſel; und er erwog, bei welchen bekannten Häuptern der Stadt er die grimme Buße beginnen ſollte; da fiel der vermeinte Signalſchuß, und ein: Marſch! Marſch! ertönte vor allen Compagnien, von einem Mordio und Huſſah beantwortet, das furchtbar hallend durch alle Glieder der mordlechzenden und beutegierigen Kriegs⸗ leute lief.— Der Schuß, welchen die Schildwacht vom Walle auf jenes behelmte Haupt gerichtet, welches, von Langweile verführt, zu frühzeitig aus dem Wagen hervorgeblickt hatte, betrog den kampflüſternen Fürſten. Trotz der ihnen wohlbewußten Sicherheit hinter dem verwahrten Thore und waſſerreichen Gräben, fuhr doch ein Schauder durch die Wachtleute auf den Wällen, als jetzt von allen Sei⸗ ten Hunderte und wieder Hunderte der bärtigen Waffen⸗ männer gegen die Stadt heranliefen, die Hecken, Stangen und Bäume der Gärten lebendig geworden ſchienen, und nun auf der harten Heerſtraße herunter die gedrängten, endloſen Geſchwader der Küraßreiter herantrabten, der Donner der Hufſchläge das Erdreich erſchütterte, das Klirren und Raſſeln der Waffen die Morgenſtille ſo plötzlich mit fürchterlichem Kriegslärm unterbrach, und der gefürchtete Herzog ſelbſt an der Spitze ſeiner Stür⸗ mer, durch den weißen und hochgelben Helmbuſch und den eiſenſchwarzen, mit Silberblumen ausgelegten Pan⸗ zer kenntlich, einem zornigen Todesengel zu vergleichen, ſichtbar wurde. Aber der Siegesrauſch dieſer herbrauſenden Todesbo⸗ ten verwandelte ſich in ſchnelles, unmuthiges Erſtaunen, als ſie das freigeglaubte Thor verſperrt fanden, und der dicht heranſprengende Herzog fluchte laut über das mißlungene Kriegsſtück, rief wüſte Zornworte hinauf gegen die Wächter, 149 und befahl den Seinigen, eilig Geſchütz und Kriegs⸗ wägen herbei zu führen, mit Stückkugeln das Thor zu ſprengen, und Leitern über die Gräben zu werfen. Da ſtiegen ſchnell wie Lufterſcheinungen, doch nicht ſo raſch verfliegend, Menſchenhaufen auf Menſchenhaufen aus der Stadt herauf, und auf den todten Wällen er⸗ hob ſich eine lebendige Mauer, die Bürgercompagnien ſtreckten einen ſcharfen Rechen von langen Hellebarden gegen die Gräben herab, und hinter ihnen bildete ſich eine dichte, dräuende Reihe von zielenden Hakenbüchſen; die Arkebuſiere arbeiteten mit großen, knatternden Win⸗ den an den Feldſchlangen und Carthaunen, richteten die ungeheuern Eiſenröhren, und blieſen in die dampfenden Lunten, und der Feldhauptmann Olrik von Ilten zeigte ſich auf der Spitze des Thorthurms, von Hauptleuten umringt. Der ſtarkgebaute, ſchwarzbärtige Soldat ſa⸗ lutirte wie ſpottend den Herzog, indem er die beſtahlte Rechte an ſeine blanke Stahlhaube legte und hinunter winkte. Was will der Prinz von Braunſchweig, rief er mit helltönender Stimme hinab, daß er kommt in Friedens⸗ zeit und nach feſtbeſchworener Sühne, mit Kriegsgeräth und Eiſenvolk gegen unſere Stadt?— Oeffnet das Thor eurem Herrn und Gebieter, rief rauh der Herzog zurück. Warum verſchließt ſich das Haus dem Hausherrn? Oeffnet, ſage ich, beugt euch meinem Willen, und euch ſoll Gnade werden für Recht. Heffnet ihr nicht ſofort, ſo ſoll mein Zorn eure Kirchen über euch niederſtürzen, und Dein Kopf, Du ſtolzer Sol⸗ dat, ſoll zuerſt den Sand eures Marktes küſſen.— Mein Prinz iſt in ungnädiger Laune, antwortete ruhig der Herr von Ilten; daß er vor ſeinen ſchuldloſen Kindern ——————————.—— 2 150 die väterliche Sprache alſo vergißt, ſich zu Schimpfe und uns zur Trauer. Unſer Thor ſteht dem Schutzherrn, dem gnädigen Herzoge offen zu jeder Stunde, wenn er kommt als ein Friedensfürſt, jedoch nimmer den ſcharf⸗ bekrallten Raubthieren, die er mitgebracht. Und weil⸗ wir eine freie und ſelbſtbeſtallte Stadt ſind, und weil wir das Recht haben, unſer Weichbild und ſeine Straßen rein zu halten für Handel und Verkehr, ſo bitte ich Euch, mein Prinz, geht aus dem Wege und hütet Euern Leib, denn meine Pflicht gebeut, mit ſcharfen und heißen Beſen unſer Thor zu ſäubern. Auf Bugislafs Befehl brannten jetzt mehre Schützen ihre Büchſen gegen den Sprecher los, da winkte auch er mit dem nackten Schwerte, und in den Reihen der Bür⸗ ger knatterten die Räderſchlöſſer und ziſchten die Zunder⸗ büchſen, die Arkebuſiere hauten auf mit den Lunten, und ein hallender, langer Donner erſchütterte den Wall, und eine Unzahl tödtender Kugeln des verſchiedenſten Gewichts ſtrömte aus dichter Rauchwolke her auf Heinrichs Man⸗ nen, und zerriß die Glieder ſeiner Reiter und warf die Rotten ſeines Fußvolks verſtümmelt zur Erde. Mit ſchäu⸗ mendem Munde und vor Wuth zitternden Gliedern über⸗ wand Heinrich ſeinen Ingrimm und gab der Feldherrn⸗ pflicht nach; er wandte ſein Roß, und befahl den Rückzug aus dem Bereiche des Wallgeſchützes, aber mit wachſen⸗ der Begier zum Gewinne, ordnete er dort wie ein ver⸗ zweifelnder Hazardſpieler die Compagnien und Geſchwa⸗ der, vertheilte die Feldſtücke und das Sturmgeräth, und traf jede Anſtalt zum kecken Belaufen der Stadt von mehren Seiten. Bugislaf ſtörte ſein Anordnen, indem er auf ſeinem Rappen zu dem Apfelſchimmel heran trabte, wiederum Kriegsluſt in den Blicken. Er berichtete, daß 151 ein tollkühnes Häuflein bürgerlichen Pferdevolks durch das Feld gegen den rechten Flügel anreite mit geſchwun⸗ genen Waffen. Des Herzogs braune Wangen über⸗ ſtrömte eine hohe Glut. Dachte ich es doch, ſprach er freudig. Dieſes Bür⸗ gervolk verſteht nichts vom Kriege, und ihr Hochmuth läuft mit der Vorſicht davon. Sie werden in das Garn gehen gleich den wahnwitzigen Goslarern, die ebenfalls meinten, ihren Fürſten und ſeinen geübten Kriegsleuten im offnen Felde die Spitze bieten zu können. Waget euch nur heraus, ihr Kellerratten; auf der Flur gibt es keine Löcher und Sicherheits⸗Spelunken für euch.— In kurzer Rede befahl er ſeinen Oberſten, bei dem An⸗ ſprengen der Bürgerkavallerie ſogleich den Rücken zu zei⸗ gen und die Flucht zu nehmen. Doch getheilt ſollten die Panzerreiter flüchten, die Hälfte gegen die Dordner Straße, die andere Hälfte auf dem Wege zur Mißborg bis zum dolze fortreiten, indeß das Fußvolk hinter den letzten Gartenhecken ſich ſalvire. So wie der Uebermuth das ſtidtiſche Geſchwader aber bis zum Walde gelockt, ſollte es umzingelt werden, und jeder Oberſt ſollte es verſuchen, mil den Fliehenden zugleich in das Stadtthor zu dringen, welhes ſich wahrſcheinlich zur Aufnahme ſeiner Söhne auftun würde. Der Plan war gut ausgedacht und hatte vor Goslar zum Verderben der unvorſichtigen Bürger geführt, aber der Herr der Heerſcharen blieb an dieſem Tage der ge⸗ rechten Sache der Städter gewogen, und der Herzog mußte auch ſeine zweite Liſt wie Rauch im Winde zer⸗ ließen ſehen. Die Junker Hannovers, vom tapfern Türk zeführt, ſprengten heran, und nach allen Seiten zerſtäub⸗ en vor ihnen die braunſchweigiſchen Reiter, und ſchienen —————— e— 152 in ungeordneten Reihen das Weite zu ſuchen; aber nur auf eine kurze Strecke wurden ſie verfolgt, und nur einige der beſten Reiter ſprengten zum Scheine über die Ka⸗ pelle hinaus ihnen nach. Hermann Türk aber ſaß mit mehren ſeiner Getreuen raſch ab am Marien⸗Friedhofe; in das kleine Gotteshaus dringen, den todtwunden Georg hinter dem Altar hervortragen, ihn auf einen verlaſſenen Munitionswagen legen, zum Stadtthore fahren, durch die Trompete alle Hannoveraner zurückrufen, war das Werk einiger Minuten. Der Commandant, vertraut mit Türks Plane, ließ ſogleich Fallgatter und Thor öffnen; der Karren mit der theuern Laſt rollte ein, die Junker drängten ſich ihm nach, und als die Braunſchweiger, verwundert über den ſo ſchnell aufgegebenen, nutz⸗ und thatloſen Ausfall, deſſen Zweck ſie nicht entdecken konnten⸗ ihre Pferde wendeten und ſchimpfend über die feigen Stadtjunker nachſprengten, fanden ſie ſchon wieder Alles verwahrt und geſchloſſen, und wie vorhin warf ſie ein⸗ derbe Geſchützſalve zurück. Der Feldhauptmann Olrik von Ilten empfing mit freudiger Rührung den wunden Bürgersmann, der, einem lebendig Todten durch Verblutung und Selen⸗ qual ähnlich geworden, faſt ohne Theilnahme auf ſei⸗ nem kriegeriſchen Ehrenbette, dem herzoglichen Geſchütz⸗ wagen, lag. Ihr ſeid der Retter der Stadt, Herr Withuſen! ſprach er mit männlicher Rührung. Und wenn Euch Gott aufhilft, welches wir hoffen, da er ſeinen Engel über Euch Wache halten ließ in der höchſten Noth, ſo — —— 153 ſollen Euch alle die Ehren werden, welche Euch gebühren, und da ich heute an der Spitze der Bürgerſchaft ſtehe, ſo darf ich dem Herrn Conſul vorgreifen, und ſofort der Stadt zeigen, wie ich es meine.— Mit feierlicher Bewegung legte er ſein großes Schwert mit dem ſilbernen Kreuzgriff über des blutigen Mannes Leib; die breite Feldbinde ſeines Amtes, von Seide aus den Stadtfarben gewirkt, breitete er aus auf ſeiner Bruſt, und den Silberſchild mit dem grünen Kleeblatte, den er als Oberſter der ſtädtiſchen Bewaffnung führte, hing er hinter dem Haupte des Liegenden an die Rück⸗ lehne des Wägelchens. Und nun fort, ihr Junker, befahl er alsdann; bringt den Ehrenmann unter Dach, daß ihm Verband wird und Atzung, damit der Stadt ihr bravſter Kriegesmann, ihr Retter erhalten werde. Hermann Türk und fünf ſeiner Gefährten ſchoben den Karren weiter in die Stadt, und die Ehrengarde der Junker folgte langſam dem Zuge, der einem Leichengeleit glich, welches man einem der Beſten und Edelſten berei⸗ tet, und um den ſich das Volk und die Nahewohnenden drängten. So kam man vor der Pforte des Hauſes der Withuſen an und heraus ſtürzte Suſanne und die Mutter und beide warfen ſich in Schmerzensklagen und Freuden⸗ ausruf zugleich über den ſtillliegenden Georg, der kaum die Hand dem lieben Weibe entgegen heben konnte, nur einmal mit einem Blicke voll innigſter, treuer Liebe die Herzensgeliebte anſah, einem Blicke, in dem ſeine ganze Seele und Alles, was darin in dieſer Nacht gekämpft, ſich ausſprach, und dann todtmüde und von der Gemüths⸗ bewegung erſchöpft die Augenlieder mit den langen Wim⸗ pern zuſchloß, als habe er genug geſehen und mitgenom⸗ ———————————— 8————————— ——— 154 men, was ihm für die Reiſe zum Himmel noch nöthig geweſen. Der alte Hausknecht ſprang dem Stadtbauherrn, der an der Kirchhofsmauer herab kam, heulend entgegen. Ihr kommt zu ſpät, wimmerte der Knecht mit lautem Schluchzen; ſie haben den Georg glücklich herein gebracht, aber er liegt ganz zerhauen und zerfetzt im Blute, und vor dem Hauſe hat er zuletzt gezuckt, und den Ort, wo er geboren, nochmals angeblickt, und dann hat ihn der liebe Gott zu ſich genommen.— Herr Chriſtophorus ſtand einen Augenblick ſtarr am Ausgange des Kirchhofs, und ſeine gerötheten Augenſterne rollten ſeltſam fürchterlich über des jammernden Dieners Geſtalt auf und nieder, und ſeine blaulichen Lippen zuck⸗ ten hin und her. Dann ſchritt er mit ungewohnter Schnelle über die Straße zum Wagen, und Alles machte dem Vater Platz, deſſen Härte und Strenge jeder kannte. Er trat dicht an das Kriegerbett, er warf einen langen Blick auf den Verwundeten, auf die blutgefärbten Bin⸗ den und das bleiche Leichengeſicht, welches von der Wunde gräßlich entſtellt war; da zuckte es mit Blitzeszacken her⸗ auf und herunter über ſein rothes, aufgetriebenes Ge⸗ ſicht, ſeine Augen rollten, ſeine Hände ballten ſich, ein dunkles Blauroth überflog Lippen und Wangen, und rückwärts über ſtürzte der gewaltige Mann, vom Schlag⸗ fluſſe getroffen, und ſein Leben ſtand ſtill, und der Athem entfloh in einem kurzen Röcheln der blutvollen Bruſt. — Das Volk wich mit Entſetzen zurück. Gottes Ge⸗ richt! riefen die Weiber. Das iſt des Böſen Kralle, flüſterten Andere; hat er doch die Hölle an dem Sohne verdient, und ſitzt nun, wo der Reiche im Evangelio brennt. 155 Als der Todte und der Todtwunde in daſſelbe Zim⸗ mer gebracht worden, und Wundärzte und Bader von allen Seiten herzugeholt waren, und ſich um Beide be⸗ mühten, der alte Borgentrich und der Senator Jung⸗ knecht bei den Frauen beſchäftigt waren, und Verwir⸗ rung und Beſtürzung und Jammer ohne Maaß das Haus des Reichthums und des Wohllebens erfüllte, da trat die Jungfrau Eliſabetha mit naßgeweinten Augen zu Herrn Türk, der bei dem Bette ſeines armen Jugend⸗ geſpielen ſtand, mit Angſt auf ſeine leiſen Athemzüge horchte, und dem ſorgſamen Chirurg im Anlegen der Verbandſtücke zur Hand ging. Vertraulich legte ſie ihren Arm um des überraſchten Hermanns Schulter und drückte ihr feuchtes Angeſicht an ſeine Bruſt. Der gute Vater iſt todt durch Aerger und Schrecken, ſchluchzte ſie, die Mutter liegt ſinnlos und wird bald auch zur Leiche wer⸗ den. So bleibt Ihr mein letzter Troſt, mein einziger Freund, und ich werde den Schutz, den Ihr mir bringt, zu verdienen ſuchen als getreue und ſittſame Hausfrau. Hermann verſtummte einen Augenblick, und ſein Zart⸗ gefühl ſuchte nach einer Antwort, welche weniger hart ausſpräche, was ſein Herz der Zunge diktirte. Da ſah er den Verwundeten ſchmerzlich zucken, indem der Wund⸗ arzt den Bruſtſtich ſondirte, ſah die leidende Suſanne die Hände ringen, und der Gedanke an Eliſabeths Härte und Uebermuth überwand den Zartſinn ſeines Gemüths. Leiſe und ohne Heftigkeit machte er ſich los aus der Um⸗ fangung, nahm ſittig der Jungfrau Hand, und führte ſie zu dem Senator Jungknecht.— Dieſer Mann ver⸗ ſteht den Frauentroſt beſſer, als der im Feldleben erzo⸗ gene Jüngling, entgegnete er ohne verletzenden Ton und Geberde; mein rauhes Gemüth würde Euch kein Paradies 156 gewähren, und was ich Zeſtern und heute erlebt, hat mir den Eheſtand eben nicht verlockender gemacht. Gern trete ich mein Anrecht dem frühern, geduldigen Bewerber ab, und wünſche Euch ein Glück, das ich Euch nicht bereiten könnte.— Er ging zurück zu dem verlaſſenen Geſchäft. Der hocherfreute Senator floß in ſchmeichelhaften Floskeln über; Eliſabeth aber ſtand wie ein Steinbild vor ihm, ſchien nichts von ſeinen Liebesſprüchen zu vernehmen und flüchtete bald zu der leidenden Mutter in das Neben⸗ gemach. Sie und der Senator wurden freilich ſpäterhin ein wohlpaſſendes Ehepaar; als Beide aber auf die Er⸗ öffnung des Teſtaments drangen, welches der alte Wit⸗ huſen niedergelegt, da gab Herr Roder Gerke zu Pro⸗ tokoll, was er an jenem Angſtmorgen geſehen, und da kein anderes Papier dieſer Art ſich vorfand, wurde Georg in ſein volles Erbe eingeſetzt. Die Blokirung der Stadt durch die Truppen des Herzogs dauerte ſieben Wochen lang, aber jeder ver⸗ ſuchte Sturm ward von der tapfern und unermüdlichen Bürgerſchaft abgeſchlagen. Der heftige, von den Wäl⸗ len herab oftmals verſpottete, Fürſt ließ die umliegende Gegend entgelten, was die Ungunſt des Schickſals ihm gethan. Er befahl, den Ziegelhof auf der Stadtmaſch einzuäſchern; ſein Geſchütz ruinirte den rothen Thurm, welcher die Neuſtadt deckte; er ließ ein Korffhaus bei Ricklingen über die Leine ſchlagen, um das Waſſer von der Stadt abzuweiſen; Gärten und Köterſtellen, die der Stadt gehörten, wurden vernichtet, und muthwillig die ſchönſten Bäume der Eilenrieder Holzung niedergehauen, und die Chronik erzählt, daß jenes kleine Labyrinth, welches in dem jetzigen Luſtwalde in der Nähe des 157 Neuen⸗Hauſes ſich vorfindet, den Kindern der Städter zum Laufſpiele dient, und von dem gemeinen Manne das Rad genannt wird, damals von den wolfenbüttel⸗ ſchen Soldaten, die im Lager ſtanden, zu Luſt und Zeit⸗ vertreib auf dem grünen Raſen ausgeſtochen und ange⸗ legt worden. Sorgliche Pflege und ſeine Jugend retteten mit Gott das Leben des jungen Withuſen, und Gebet und Wünſche der Seinigen wurden erhört. Er genas nur langſam, und erſt nach Monaten konnte er Theil nehmen an dem Dankfeſte, welches die Bürgerſchaft bis zu ſeiner Gene⸗ ſung aufgeſpart hatte. Friedrich Schacht, der neuer⸗ wählte Conſul, und der älteſte Senator, Türks Oheim, führten den alten Curd Borgentrich und ſeinen Schwie⸗ gerſohn Georg Withuſen in die Kirche Sancti Aegidii, deren Gewölbe nicht alle zudrängenden Einwohner faßte. Der Schlachter Alves hatte weislich keinen Anſpruch auf die Theilnahme an der Rettung der Stadt gemacht. Georg trug die Feldbinde und das Schwert des tapfern Olriks, und beide Erretter wurden von den ſchönſten Jungfrauen der Stadt mit jungem Eichlaube bekränzt und auf das Chor der Kirche geführt. Nach gehaltener Dankpredigt ſang die Gemeinde ein Te Deum laudamus und fügte den Pſalm hinzu: —„Wo Gott nicht ſelbſt das Haus aufricht't, Da thut es alle Mühſal nicht. Wo Gott die Stadt nicht ſelbſt bewacht, Da ſchützt ſie keine Stärk' und Macht.“— und von jener Zeit an wurde dieſe Feier wiederholt in jedem Jahre am Sancti Chryſogeni⸗Tage, das iſt den vierundzwanzigſten November, und iſt ſolches geſchehen bis zu Anfang des achtzehnten Jahrhunderts, weil man ———— ————— —— 158 in jener Zeit Tage, da der Allmächtige faſt ſichtbar ſei⸗ nen rettenden Engel geſandt, nicht ſo leicht vergaß, wie in unſerm unfrommen und undankbaren Zeitalter, wo ſelbſt die Gedächtnißtage der großen Weltbefreiung die Feiernden bald zu langweilen ſcheinen, und der egoiſtiſche Menſch mehr an ſein kleinliches Daſein, als an das Glück ſeines Volks und der Menſchheit zu denken gewöhnt worden. Nach der kirchlichen Feier geleitete man im Freuden⸗ zuge die Bekränzten zum Stadthauſe; unter dem Donner der Geſchütze hing der erſte Conſul Beiden eine güldene Ehrenkette um, und die Stadt ſchenkte ihnen und ihren Enkeln wohlverbriefte Freiheiten und Privilegia, und ihr Gedächtniß lebte fort in den Büchern und Pergamenten Hannovers von Menſchenalter zu Menſchenalter bis auf unſere Tage. Aber nicht allein die alten Pergamente ſtehen für denjenigen, welcher mit Liebe und Treue an ſeiner Va⸗ terſtadt hängt, da als heilige Monumente und Wahr⸗ zeichen, ſondern auch von den feſtern Denkmalen jener Tage iſt Manches übrig geblieben, welches der Leſer dieſer Erzählung ſich zum Nutzen und Vergnügen auf⸗ ſuchen kann, wenn es ihm beliebt. Ein Grabſtein wurde damals den treuen Wächtern der Stadt geſetzt über ihrer eingeſammelten Aſche. Auf dem Steine wurden die ſieben bärtigen Männer eingehauen, wie ſie knien und mit aufgehobenen Händen von dem Heilande der Welt Er⸗ löſung erflehen, der auf ſie von ſeinem Marterkreuze herabblickt. Ihnen zur Ehre iſt der Stein mit dem Wap⸗ penſchilde der Stadt Hannover geſchmückt, und die Jahrs⸗ zahl MCCCLXXMX iſt noch jetzt deutlich darauf zu leſen. Dieſer Stein befand ſich anfangs auf dem Fried⸗ 159 hofe der Marienkapelle, iſt aber 1648 an der Wand der Kirche Sancti Aegidii, an der Ecke, die gerade hin nach der Gegend der Dornder Warte gerichtet iſt, welche jetzt Dörener Thurm genannt wird, eingemauert worden zum bleibenden Gedächtniſſe. Auch das Haus, welches der Erzähler als Haupttheatrum ſeiner Hiſtorie beſchrieben, ſteht noch auf dem angegebenen Platze, und obgleich es im ſiebenzehnten Jahrhundert durch einen ſpäteren Be⸗ ſitzer, Namens Reinbold, ausgebaut und verändert wor⸗ den, deſſen Name über der neuen Pforte prangt, ſo trägt es doch noch die treppenförmigen, hohen Giebel des längſt ſchlafen gegangenen frühern Säculi. Auch der mächtige, runde Zwingerthurm, zu dem der alte Borgentrich ſich herüber rettete, erhebt ſich noch in der vergrößerten Stadt hinter der Friedrichsſtraße, und ſchaut zwiſchen den Ueberreſten der grauen Stadtmauer wie ein verwunderter Greis auf die freundlich einladenden öffent⸗ lichen Gartenanlagen, durch welche der Saum der könig⸗ lichen Reſidenz geziert worden, und die auf keine Weiſe dem Fremden verrathen, daß hier einſt Bollwerke ſich erhoben, hinter welchen tapfere Bürger wilddräuenden Kriegsheeren zu trotzen wagten. Aber der alte Thurm hat ſein einſtiges Schutzamt noch nicht vergeſſen, denn am Abende des ſiebenundzwanzigſten Märzes 1827, als Schreiber dieſes gerade beſchäftigt war, den Sturmlärm des Chryſogeni⸗Morgens zu beſchreiben, der furchtbarſte Feuerlärm ihn aus der Erinnerung an jene längſtver⸗ geſſenen Zeiten erweckte, die größte und gefährlichſte Brunſt, welche ſeit vielen Jahren Hannover traf, eine lange Nacht hindurch die Einwohner ängſtigte, das un⸗ geheure Brauhaus und mehre Hintergebäude von der Entſetzen erregenden Flammenglut verzehrt wurden, da 160 hemmite der alte Thurm diè Wuth des rothen Drachen, und half durch ſein unzerſtörbares Mauerwerk den flei⸗ ßigen Spritzenleuten einen vollen Sieg über das tobende Element gewinnen, wie er einſt unſern Voreltern ge⸗ holfen hatte, die tobenden Feindesrotten von den Außen⸗ werken zu verjagen. IMI. Eine hiſtoriſche Erzählung. — 5 — — S — — — — — 8 * * — K Blumenhagen. V. mit Gewalt oder Klugheit egoiſtiſchen Gewinn für ſich Von den höchſten Gütern des Erdenlebens entblößt, ohne Frieden, ohne bürgerliche Sicherheit und Eintracht⸗ lagen in den erſten Decennien des dreizehnten Jahrhun⸗ derts die fruchtbaren, einſt ſo geprieſenen Marken des obern Italiens verwüſtet, zerriſſen da als ein ſtrafendes Spottbild des frühern Uebermuthes und eiteln Dünkels ſeiner reichen Bewohner. Der ſchwarze Dämon politi⸗ ſcher Faktionen hatte das feſte Band der blühenden Städte zerriſſen, und ihr unbeſiegbarer Bund war durch Neid und innere Zwietracht langſam gelöſet worden. Die dauernde Feindſchaft zwiſchen Päpſten und Kaiſern führte blutige Kriege herauf„der Parteigeiſt für Beide blutigere Fehden in den innern Mauern der Städte ſelbſt, zwiſchen Adel und Bürgerſchaft, zwiſchen Podeſta und Senat; nirgend fand ſich friedliche Ruhe unter dem Ge⸗ ſetz, das einzige Glück der Staaten; Jeder wollte herr⸗ ſchen, Niemand gehorchen, und mit jedem Jahre wuchs dieſe unglückliche Verwirrung, die den geprieſenſten Pro⸗ vinzen des von Dichtern ſo hoch beſungenen Wunderlan⸗ des den politiſchen Untergang voraus zu künden ſchien. In ſolcher Zeit erhoben ſich, wie die Geſchichte lehrt, immer aus dem Gedränge des Volkes kräftige, kecke Männer, die den Unſinn ihrer Mitwelt benutzten, und 164 ſelbſt aus der Thorheit des blinden, erhitzten Volkes zu ziehen verſtanden. Auch hier ragten ſolcher kühnen Häupter nicht Wenige über der gährenden Volksmaſſe hervor, aber ſie trugen ſämmtlich den wilden, blutdür⸗ ſtigen Charakter ihrer Zeit, ſie waren Söhne des Mars, im Kriege erwachſen und bärtig geworden. An der Spitze ihrer Familie, ihrer Schlacht⸗ und Beuteluſtigen Vettern und Neffen, von einem Haufen verwegener Söldner umgeben, zogen ſie, gleich den gefürchteten Häuptlingen grauſamer Räuberbänden im Lande umher, rangen um den Beſitz der feſten Städte, deren Reich⸗ thum ſie zur Vollführung ihrer herrſchſüchtigen Pläne bedurften, die eine ſichere Baſis werden konnten für den Fürſtenthron, den Jeder von ihnen für ſeine Familie zu erfechten trachtete, und die Hiſtoriker jener Zeit bezeich⸗ nen alle dieſe Häuptlinge mit dem Namen der italiſchen Tyrannen, und beſtimmen durch dieſe Benennung voll⸗ kommen den Charakter, den dieſe Parteihäupter trugen, und die Furcht wie den Abſcheu, welche ſie den Bewoh⸗ nern der Städte und des platten Landes einzuflößen ver⸗ mocht hatten. Die goldene Flur der Treviſer Mark, durch ihre rei⸗ chen Fruchtäcker und Obſtgärten ein Land der Sehnſucht für die Nordländer, auch ſchon damals in ganz Europa bekannt durch ihre Seidefabrikanten und Meſſerſchmiede, litt um das Jahr 1233 beſonders durch zwei dieſer Häuptlinge, durch den ſtolzen und herrſchſüchtigen, aber ritterlichen Forellina und den heißblutigen, in allen ſei⸗ nen Leidenſchaften unbezähmbaren, von Freund und Feind gefürchteten Acciolini. Beide rangen nach demſelben Ziele, nach dem Beſitze des reichen Padua, welcher die Herrſchaft der übrigen kleinen Städte nach ſich ziehen —— 165 mußte; doch Beide fürchteten einander, Keiner beküm⸗ merte ſich deßhalb um des Andern Thun, obgleich die Eiferſucht Beide abhielt, ſich mit einander zu dem als⸗ dann leichter erreichbaren Zweck zu verbinden. Gleich⸗ zeitig bekämpften ſie die Städte, und indeß Forellina Padua und Vicenza bedräuete, ängſtigte Acciolini Tre⸗ viſo und Baſſano; Beide ſchienen auf den Zufall zu vertrauen, der ihnen nach der Unterjochung der Städte auch die Achillesferſe des Nebenbuhlers zeigen möchte. Daß die reichen wohlbefeſtigten Städte, von kriegs⸗ kundiger, waffengeübter Bürgerſchaft gefüllt, die heran⸗ ziehenden, Verderben kündenden Wetter nicht müßig be⸗ ſchaueten und in fruchtloſen Gebeten und Prozeſſionen zu beſchwören meinten, lag in dem Geiſte jener kriege⸗ riſchen Zeit. Jede Zwietracht zwiſchen ihnen hörte auf, da das innerſte Leben bedräut wurde, die kleineren er⸗ kannten die Gewalt der größeren an, enge ſchloß ſich der Bürgerbund, und keine ſäumte der andern beizuſtehen und ihren Panierwagen ausziehen zu laſſen, wenn dieſe als die bedrängteſte erſchien. Kaum hatte der Senat von Padua gehört, daß der grauſame Graf Acciolini vor Baſſano gerückt ſei, daß ſeine wilden Schaaren alles wüſt machten ringsum, daß ſeine Waghälſe die Mauern bedräueten, daß ſein Wurf⸗ geſchütz Kirchen und Häuſer zerſtörte, ſo ſandte die brü⸗ derliche Bürgerſchaft ſofort ihren beſten Hauptmann an der Spitze einer trefflichen Reiterſchaar hinaus, und dem tapfern Baptiſta de la Porta gelang es, den vorſichtslo⸗ ſen Häuptling zu täuſchen, den Kreis der Belagerer un⸗ vermuthet zu durchbrechen, ſich nicht allein mit ſeiner Schaar ohne Verluſt in die bedrängte Stadt zu werfen, ſondern zugleich einen reichen Transport von Waffen 166 und Lebensmitteln mit ſich hinein zu bringen, und ſo den Bürgern Baſſano's als ein zwiefacher Schutzgeiſt zu erſcheinen. Und gar bald empfand der hochmüthige Verwüſter, daß er einen Mann gegen ſich bekommen, der in allen Kriegertugenden ihm die Wage hielt, doch in Ordnungs⸗ liebe, Rechtlichkeit und Umſicht ihn weit übertraf, und mit der Tapferkelt jene Ruhe und Vorſicht beſaß, welche allein ächte Feldherrn erſchafft. Seit Baptiſta das Com⸗ mando in der Stadt übernommen, ſchien ein ganz an⸗ derer Geiſt die Belagerten zu beſeelen. Dreiſter zeigten ſich die Schützen auf den hohen Mauern und Warten, und wieſen jeden kecken Herausforderer blutig zurück. neberall waren die Wurfmaſchinen an den beſten Plätzen aufgeſtellt, und ihre ſichere Bedienung zwang ſogar den Belagerer, ſeine Zelte eine geraume Strecke zurück zu verlegen. Vier der wildeſten Stürme wurden mit gro⸗ ßem Verluſte zurückgeſchlagen, und dieſer Baptiſta mußte Adleraugen beſitzen, denn wo die Schaaren des Accio⸗ lini nur irgend eine Blöße gaben, wo ein Wachtpiquet irgend nachläſſig blieb, ein Heerhaufen vielleicht einmal eine nächtliche Orgie dem Bacchus und der Venus zu feiern ſich erlaubte, auf dieſer Seite geſchah auch rich⸗ tig ohne Aufſchub ein erfolgreicher Ausfall, der die Nachläſſigen hart beſtrafte, einen Theil des Lagers und des Belagerungsgeräthes den Flammen opferte und einen Anger voll Todter und Verwundeter nachließ. Kam der zornglühende Acciolini mit ſeinen Kernreitern dann auf dem Lärmplatze an, ſo ſah er nur noch die letzten Pfer⸗ deſchweife der mit Beute beladenen Baſſaner an ihren Mauern verſchwinden, hörte das ihm zum Spott gebla⸗ ſene Siegeslied von den Warten, und ſprengte er wüthig — 167 den Bürgern nach, ſo ſtand der Bürgerheld de la Porta über dem Thore, glänzend in ſeiner mit ſilbernen Blu⸗ men ausgelegten Rüſtung und von dem ſchwefelgelben Helmbuſche umwallt, gleich dem ausſchließenden Para⸗ dieſesengel, lachte hohnvoll und mit dem Schwerte dräuend herunter, und vor dem herabziſchenden Bolzen⸗ regen, vor den ſauſenden Steinkugeln mußte der wuth⸗ bebende Tyrann ſein Roß wenden, ſeine Racheſchwüre, ſeine dräuenden Herausforderungen nutzten nichts, der ſchmächtige kleine Bürgerhauptmann verlachte den gigan⸗ tiſchen, löwenſtarken Acciolini, und mied, ſeiner Ver⸗ pflichtung eingedenk, die kriegeriſche Berührung, gewährte dem Herausforderer die dräuende Umarmung nicht, und verſchloß ſein Ohr der Lockung hitziger Kampfluſt, da er nur zu ſehr gewahr worden, wie wichtig ſein Einzelle⸗ ben ſei für die Erhaltung der Stadt und die Ausfüh⸗ rung der Befehle des Senats von Padua. Eine dunkle Mitternacht hing über der Stadt Baſ⸗ ſano. Der Oſtwind jagte die leichten Wolken an den matt ſchimmernden Sternbildern hin, einem Hirten gleich, der ſeine gedrängte Heerde von der Steppe zu dem Dorfe treibt, ehe das dräuende Wetter losbricht. Die alten Wetterfahnen auf dem Spitzdache des Auguſtinerkloſters drehten ſich kreiſchend, die Töne des Leichhuhns, das im Finſtern fliegt, nachahmend, und fern tönte der Ruf der Wachthörner auf den Wällen, die Ablöſung der Wa⸗ chen anſagend und die trägen Poſten ermunternd. In der Stadt ſelbſt herrſchte Todesſtille, die Bürger wie die Söldner lagen ermüdet, gegen Italiens Sitte ſchon auf ihren Betten, denn ſie ſuchten die Ruhe nach dem —,———— 168 heißen Morgen,— dem heißern Geſtern, wo ein neuer Sturm der Feinde abgeſchlagen worden, und nach ihm ein kühner Ausfall von beiden Seiten viel Blut geko⸗ ſtet hatte. Nur in dem weiten Hofe des Kloſters ſchimmerten noch einige düſter brennende Fackeln, und mehre Men⸗ ſchen waren mit einer beſondern Arbeit beſchäftigt, wel⸗ che jedoch durch die gar hohen Steinmauern dem Auge der Städter verborgen blieb. Nicht fern vom Portale der Kloſterkirche gähnte ein friſchgegrabenes Grab und ein halbes Dutzend kräftiger Laienbrüder müheten ſich, einen ſchweren mooſigen Leichenſtein auf Rollbalken in die Nähe der geöffneten Gruft zu bringen. Ihre runden Geſichter trieften vom Schweiße der ungewöhnlichen Ar⸗ beit, aber die flackernden, röthlichen Lichter, die über ſie hinflogen, zeigten in den Zügen eines Jeden keinen Un⸗ muth, ſondern nur den Ernſt und Gleichmuth und den gedankenloſen Gehorſam, welche der ſtrenge Kloſterdienſt verlangt, und mit hoch aufgeſchürzten Gewändern und aufgeſtreiften Aermeln regten ſie die muskelvollen, nack⸗ ten Glieder ſo rührig, als wäre die mühſeligſte Arbeit und nicht der Müßiggang von je ihre tägliche Gewohn⸗ heit geweſen. Ein junger, ritterlich gekleideter Mann trat jetzt aus einem großen Steinhauſe, das als Beſitzthum der Au⸗ guſtiner halb in die Mauern des Kloſterhofes herein ge⸗ ſchoben worden, und näherte ſich mit eiligen Schritten dem Prior, welcher ſchweigend am offenen Grabe ſtand und die Arbeit der Laienbrüder leitete. Das Geſicht des Mannes war jugendlich ſchön, aber das Fackellicht ließ bleiche Wangen und getrübte Augen an ihm be⸗ merken, und die Stimme, mit welcher er den Prior ——— 169 anſprach, zitterte und klang weicher, als das Krieger⸗ Keid vermuthen ließ. Iſt das traurige Werk vollendet, das Bett bereitet 2 fragte er halblaut.— Wie Ihr ſehet, mein wackerer Cornelio, antwortete der Prior; die Gruft iſt ſieben Fuß lang und fünf Fuß tief, der Felſen drunten litt keine größere Tiefe. Auch der Stein iſt groß und ſchwer, und wird jede Menſchen⸗ hand abhalten, den Schläfer zu beunruhigen; ich wählte ihn ſelbſt aus unter den älteſten Steinen des klöſterli⸗ chen Friedhofes; er trägt keine Inſchkift mehr, nur ein rieſiges, breites Schwert, hoch herausgehauen, iſt noch darauf ſichtbar, und es mag wohl ein braver Kriegs⸗ mann darunter geſchlummert haben, dem unſere Urvä⸗ ter wegen frommen Sinnes eine Schlafſtätte neben un⸗ ſerm Heiligthume vergönnten, deſſen Aſche ſich jedoch längſt mit dem Staube miſchte, von dem ſie genommen worden.— Und ſind die Laienbrüder beeidigt, und haben das Sakrament darauf genommen, Alles was ſie ſehen möch⸗ ten in dieſer Nacht, zu bergen für Jedermann und im⸗ merdar? fragte der junge Kriegsmann haſtiger.— Alles wie es der hochwürdige Pater Johannes be⸗ fohlen, verſetzte, ſein geſchorenes Haupt etwas neigend, der graubärtige Mönch; obgleich ich auch ohne die heili⸗ gen Bindemittel für das Stillſchweigen meiner Servien⸗ ten dieſen alten Kopf verbürgt haben würde.— So laßt die Brüder mit mir gehen in das Haus, daß wir das ſchwere Geſchäft vollenden mögen, welches die unenträthſelten Befehle der ewigen Vorſicht uns auf⸗ erlegt, ſprach Cornelio mit dumpfem Tone, und drückte dem Prior die dürre Hand„und ſchritt langſam in das 170 Haus zurück. Der Kloſterregent rief mit gedämpfter Stimme die Brüder zu ſich, flüſterte ihnen ſeine Befehle und nachdem die eine Fackel in den friſchgeworfenen Erd⸗ hügel geſteckt worden, und die Arbeiter ihre ſchwarzen Kloſterkleider in Ordnung gebracht, wanderten mit der zweiten die drei dunkeln Paare langſam zu der Thür des Steinhauſes und traten in dieſelbe ein. Mit gefalteten Händen, in denen ſich der ſchimmernde Roſenkranz bewegte, blieb der alte Mönch am Grabe allein zurück. Seine bleichen Lippen rührten ſich im Ge⸗ bet, er ſchien die Ruheſtätte zu ſegnen und einzuweihen und gleich einem Beſchwörer böſe Dämonen zu ſcheuchen von der frommen Stelle; denn er achtete nicht die an ihm vorüberflatternden Fledermäuſe, welche das Fackel⸗ licht gelockt; er achtete nicht den rauſchenden Fittig der großen Steineule, die vom Kirchdach herabſchoß, ſich auf den Rand des Grabſteins niederließ, mit rollenden Feuer⸗ augen aus dem Dunkel ihn anſtarrte, und den hohlen Unglücksruf in ſeine leiſe geflüſterten Gebete miſchte. Ein Trauerzug wurde jetzt ſichtbar vom Hauſe her und vertrieb die geflügelten Nachtgefährten. Zuvörderſt kam ein Paar der Laienbrüder, welche einen geräumigen Korb trugen, der mit friſchen Lorbeerzweigen bis zum Rande gefüllt worden. Die übrigen Kloſtermänner folg⸗ ten alsdann, eine Bahre tragend, die ein rother Schar⸗ lachmantel deckte; hinter derſelben ging zwiſchen dem jungen Hauptmann Cornelio und dem Dominikaner Jo⸗ hannes von Vicenza, dem berühmteſten Bußprediger ſeiner Zeit, ein hochgewachſenes, ſchlankes Weib; doch war daſſelbe von der Stirne bis zum Fuße in einen ſchwarzen Trauerſchleier gewickelt, der nichts ſehen ließ, als ein großes dunkles Augenpaar, das keine Thränen ——z—— 171 hatte, ſondern in ſeltſamem, faſt überirdiſchem Glanze die Blicke feſt auf die Bahre hielt, und mit langſamen, doch ſichern Schritten zwiſchen den Begleitern ihr nach⸗ trat.— Kein Todtengeſang begleitete den Zug, kaum hörte man die Athemzüge der Begleiter, und die ſonderbare, ungewöhnliche Beſtattung nahm dadurch noch mehr den Charakter des Geheimnißvollen und Unheimlichen an. Dicht am Grabe ſetzte man die Bahre nieder. Der Boden des Grabes wurde mit der Hälfte der Lorbeerzweige ausgeſtreut, dann hob Cornelio die rothe Decke von der Leiche, und breitete ſie aus in der Gruft, und die Augen der neugierigen Leichenmänner fielen alle jetzt auf den Todten. Aber ihre Begier mußte ſich beſchei⸗ den; ein männlicher Körper war es; was man von ihm ſah, die Tracht, die kraftvollen Hände, deuteten auf einen Kriegsmann, auch waren leicht auf dem hirſchledernen Koller dunkle Blutflecken erkennbar; doch den Kopf, das Geſicht hüllte eine ſchwarze Schärpe, ſorgſam gelegt und verſchürzt. Auf einen leiſen Befehl des Paters faß⸗ ten die Kloſterdiener behutſam die Leiche an, und legten ſie in die Gruft, und Cornelio beſtreute den Ruhenden mit dem Reſt der dunkeln Lorbeerzweige, und ein leiſes Schluchzen verkündigte den Schmerz, der ſein junges Gemüth bei dieſem Liebesdienſte ergriff. Die Signora hatte bis jetzt mit unbeweglicher Stärke zugeſchaut, nun bemerkte man aber ein ſichtliches Schwanken ihrer herr⸗ lichen Geſtalt, und ihre weiße, feine Hand ward ſicht⸗ bar, mit der ſie nach der ſtützenden Schulter ihres geiſt⸗ lichen Begleiters griff. Standhaft, meine Tochter! ſprach der Pater Johan⸗ nes mit hellklingender Stimme. Die da ſtarben für 172 das Recht und das Vaterland, ſchlafen einen ſanften Schlummer, und wir finden ihn wieder im Lande der Guten, für welche dieſe Erde nur eine Pilgerwallfahrt iſt durch die Wüſte der Gemeinheit, durch die Dornen des Laſters und durch die Lavaſtraße ausgebrannter roher Thierheit. Gönnet ihm ſein Glück und den frühen Abruf ſeines himmliſchen Vaters. Er ruhe in Frieden!— Er machte die heiligen Zeichen über das Grab, beugte ſich dann tief und legte ein kleines glänzendes Crurifir auf die Bruſt des Todten, winkte dann wiederum den Dienenden, und dieſe ergriffen die Hebebäume, bewegten mit Kraft die Rollen unter dem ſchweren Steine, und in kurzer Zeit ward die Gruft geſchloſſen, und die harte Decke lag feſt auf dem Verſchwundenen. Mit Heftigkeit warf ſich jetzt das Weib neben der Gruft in die Knie und betete, indeß der Pater ſeine Rechte ſegnend über ihren Scheitel ausbreitete. Raſch erhob ſie ſich alsdann, ſtützte ſich auf den jungen Cor⸗ nelio, und wie ſie gekommen, verſchwanden lautlos alle Drei in der Pforte des Hauſes. Auch der Prior ſchritt dem Kloſter zu, gefolgt von den Laienbrüdern, und als die Fackeln verlöſcht worden am Pfeiler des Porticus, nahm die Eule wieder Beſitz von ihrem Platze und wiederholte ihren Unglücksruf, und nächtiges Geflügel ſchwirrte über der Gruft, und die glänzende, geſchmei⸗ dige Eidechſe ziſchelte durch das Gras der Grabſteine, und der ſtille Schläfer drunten blieb verlaſſen unter einem Steindache, welches ihm nicht gehörte und nichts von ihm erzählte, verſtoßen aus der Geſellſchaft, die er noch kürzlich geſchmückt, und mit der er Alles getheilt hatte, was edle Menſchen gern geben und empfangen im beglückenden Wechſeltauſche des Lebens. 173 Der Tag war gekommen, und die Schauerſcenen der letzten Nacht ſchienen verſunken für immer, denn die da aus⸗ und eingingen durch die offene Kloſterpforte, war⸗ fen nicht einmal einen flüchtigen Blick nach dem neuen Grabe und dem alten Denkſteine. Auch in dem nachba⸗ lichen Hauſe hatte der Todtenſpuk keine Spur nachgelaſ⸗ ſen, und wer die Lebendigkeit auf Gängen und Treppen darin anſah, und den kriegeriſch geputzten Hauptleuten begegnete, die mit beſonderer Eilfertigkeit ab⸗ und zu⸗ gingen, konnte nimmer vermuthen, welch ein ſchauerlicher Geſpenſterzug in letzter Nacht durch dieſe Säulenhallen gezogen. Oben im Hauptſaale des Gebäudes fanden ſich die Edelſten der Stadt Baſſano verſammelt. Der gewöhn⸗ liche Berathungstiſch ſtand in der Mitte des Prunkzim⸗ mers, doch die Seſſel waren unbeſetzt, und die Geſell⸗ ſchaft lehnte gruppenweiſe an den Wänden und an den Pfeilern der Thüren zum Balkon. Einzeln ſtanden ein junger Kriegsmann am Ende des Tiſches, er trug nur das leichte Lagerwamms, und die Pickelhaube in der Hand, aber ſeine Feldbinde ſchimmerte grün und ſchwarz, mit den Farben des gehaßten Acciolini, und neben ihm, in dem doppelten Geſchäft des Geleiters und Bewahrers, weilte ein alter Hauptmann der Bürgerſchaft von Baſ⸗ ſano, und hielt noch die Binde in der Hand, die er ſo eben erſt von den Augen des Abgeſandten der Belagerer genommen hatte. Der junge Fremde ſah mehre Male ſcheu im ſtillen Saale umher, verwundert die Verſam⸗ melten muſternd, die kaum zu flüſtern wagten; einige Male verſuchte er ein Wort zu ſeinem Begleiter, aber die ſtörriſche Einſilbigkeit deſſelben machte ihn wiederum verſtummen.— 174 Drei Männer vor dem Eingange des Balkons, in den die friſche Morgenluft, zugleich mit der noch ange⸗ nehmen Frühſonne eindrang, ſchienen in ein beſonderes wichtiges Geſpräch vertieft. Dieſe drei mußte eine bi⸗ zarre Laune des Zufalls zuſammengewürfelt haben, denn ihre Formen und der Charakter ihrer Phyſiognomien waren die heterogenſten in der ganzen Geſellſchaft. Der Erſte nannte ſich Gregorio Penello; die ſchwere Gold⸗ kette am Halſe und das talarähnliche ſchwarze Gewand kündete ihn als eine obrigkeitliche Perſon an, und er ſtand auch wirklich dem erſten Amte der Stadt vor, war Podeſta von Baſſano, und machte durch die runde Fülle ſeines Körpers und mit dem rothblauen Geſicht der ihm untergeordneten Bürgerſchaft und dem Faler⸗ ner, den dieſe ihm reichlich ſpendirte, die größte Ehre. Der Zweite, Lazaro Gambello, ſtand mit ſeinem Namen in wunderſamſter Harmonie; ſeine lange, ausgedörrte Geſtalt, und die nach vorn gekrümmte Wirbelſäule hat⸗ ten viele Aehnlichkeit mit der Figur eines Kameels, und ſein hageres Antlitz ſchimmerte von bunten Finnen und entſtellenden Auswüchſen, wie das beſtaubte Juwelen⸗ käſtchen eines alten Erbſchatzes; auch ſprach die Fama, er habe beſondere Urſachen gehabt, den Namen ſeines Vaters abzulegen und den Spottnamen zu adoptiren, den ihm ſeine Zeltkameraden gegeben hatten, denn er hatte viele Jahre die Rolle eines Miethſoldaten in dem unruhigen Italien geſpielt, bald dem Herrſcher Siciliens, bald den Republiken gedient, und commandirte zur eit, als Capitano, einen Haufen Söldner, welche mit ihm ſelbſt das bedrängte Baſſano in Lohn genommen. Der Dritte leuchtete wie ein Planet zwiſchen zwei Nebelſter⸗ nen in der Nähe ſeiner Geſellſchafter. Giulio de la 175 Fonte gehörte zu einer der edelſten Familien der Stadt, und obgleich der Adel von der Bürgerſchaft ſchwer be⸗ einträchtigt worden, war er doch der Heimath getreu geblieben, und focht tapfer auf den Wällen, der Ehre ſeiner Ahnen wie ſeiner Bürgerpflicht gleich eingedenk. Giulio war ein Mann von dreißig Jahren, kraftvoll und blühend, ächt ritterlich in Geſtalt und Haltung, und er vollendete neben dem widerlichen Gambello die ſchönſte Darſtellung der beiden Extreme des Soldatenſtandes. Iſt es erhört, ſagte der Podeſta, aufgeblaſen und kollernd gleich dem welſchen Hahn, daß man uns eine Stunde lang in dieſem Saale verziehen läßt, ohne uns einmal zu verkünden, warum man uns von wichtiger Arbeit herauf geſprengt. Dieſer eitle Paduaner über⸗ ſchreitet ſeine Vollmacht, und vergißt, daß ein Höherer in dieſer Stadt befehligte, da ſein Name in Baſſano noch ſo unbekannt war, als der eines arabiſchen Scheiks. Die Ehre der Bürgerſchaft fordert es, daß wir für künf⸗ tig derlei Ungebühr abſtellen, und ich werde ein ernſtes Wort reden, ehe noch der Herr Comandant ſeinen Platz an der Tafel dort eingenommen.— Sehet Euch vor, Herr Podeſta! antwortete mit grin⸗ ſendem Lachen der dürre Gambello. Es möchte Euch ſonſt eine eben ſo lakoniſche Antwort werden, wie damals, als Ihr den Paduaniſchen Compagnien das Weizenmehl ver⸗ weigertet, weil die Bürger ihre Sonntagskuchen nicht mehr backen konnten. Ihr mußtet den feinen Spelz her⸗ ausgeben, und mit Euren Zünftlern Maisbrod verſpeiſen.— Solches Beiſpiel ſolltet Ihr am wenigſten aufregen, fiel Gregorio, ſich erhitzend, ein. In weſſen Solde ſte⸗ het Ihr, und warum bezahlt Euch die Stadt? Als der ſtolze Paduaner alſo reſpektwidrig ſprach, hättet Ihr drein⸗ 176 ſchlagen ſollen, und ihn lehren, daß ein Hahn auf frem⸗ dem Miſte ſchlecht krähet. Wozu hattet Ihr das lange Eiſen an der Hüfte, und wären wir nicht eine ſo gut⸗ müthige, nachſichtige Obrigkeit, wir hätten Euch zur Strafe den Sold verkürzen müſſen.— Allen Reſpekt und gehorſamſten Dank für Eure Güte, lächelte der Dürre fort; aber Eure Kaſſette war damals gewaltig hektiſch, und die venetianiſchen Goldſtangen, welche Herr Baptiſta mitgebracht, machten allein meine meuteriſchen Burſchen zahm. So ward ich dem de la Porta zum wenigſten halben Dienſt ſchuldig, und Ihr mußtet mirs gutſchreiben, daß ich Euch die andere Hälfte ließ, denn aufrichtig geſprochen, der Paduaner iſt ein ganzer Mann, und wenn ihn der Herrgott zum Mark⸗ graf von Eſte oder zum Fürſten Roger geſtempelt hätte, möchte ich mein Lebenlang Niemanden anders Söldlings⸗ dienſte thun, Notabene ſolange er zahlte, was ſich ge⸗ bührt nach Kriegsſitte.— Der Podeſta warf dem Schwätzer einen verächtlichen Blick zu. Ihr ſprecht, wie Euer Stand und Gewerb zu denken pflegt, ſagte er mit ſtolzer Aufwerfung des ge⸗ waltigen Hauptes. Doch was meint Ritter de la Fonte zu der Sache? ſetzte er, ſich zu dem dritten Manne wendend, hinzu. Ihr ſcheint gelangweilt und beleidigt durch die Zögerung gleich uns.— Der Ritter Giulio, welcher, auf ſeinen Degen ge⸗ ſtützt, bislang das Geſpräch ohne Theilnahme angehört, und mit den Augen in das Frühlicht geſtarrt hatte, fuhr aus ſeiner Gedankenaudienz empor, und ſein Blick fixirte mit dem düſtern Licht tiefen Grolls die feiſte Magiſtrats⸗ perſon. Euch ſchmeckt die Maccaroniſchüſſel und der Lamms⸗ 177 braten, würdiger Herr? fragte er kalt. Nicht wahr? Und Ihr ſeid keinesweges ein Freund von Galgenprozeſ⸗ ſionen und Kopfabſpektakel, wenn Ihr die paſſive Perſon dabei zu ſpielen hättet?— Seltſame Fragen! rief der Podeſta verblüfft. Selt⸗ ſamer noch, als Antwort auf meine Anrede, edler Ritter.— Keinesweges! erwiderte Giulio. Würdet Ihr das Eine haben und das Andere nicht fürchten müſſen bei jeder ſteigenden Sonne, hätte Baptiſta de la Porta ſei⸗ nen Einzug in unſere Mauern verſpätet, und ſtände er nicht gleich dem Engel und dem Feuerſchwert über un⸗ ſern Thoren?— Aber der Undank iſt die Erbſünde des Menſchengeſchlechts, und wer höher ſteht als der Alltags⸗ kram, iſt, beim Himmel! niemalen beneidenswerth. Der Prodeſta zog ein verlegen Geſicht; einlenkend entgegnete er ſofort mit milderer Stimme: Wer ver⸗ kennt die Tugenden des Tapfern? Doch wenn ein bra⸗ ver Obriſt auch zugleich ein Mann von Sitte iſt, gilt er immer ein Doppeltes auf der Wage der Weltach⸗ tung. Ihr ſelbſt ſeid gleich uns berufen, langweilt Euch gleich uns, und Ihr ſeid Fürſtenhäuſern verwandt, und er ſchwang ſich auf vom niedern Plebs, nur ſeiner ſtar⸗ ken Fauſt und dem unerſchrockenen Herzen dankend, was er iſt.— Eben darum mehr als wir Beide, Herr Podeſta, ſprach feſt der Ritter; die wir in unſerer Wiege fanden, was er im heißeſten Mittage errungen. Kein Wort mehr auf dieſen Mann, Signor Penello, ſollen wir Freunde heißen wie bislang; ich diene gern unter ihm, und wenn er mir den ſchlechteſten Poſten bei dem Gepäck zutheilte, würde ich nicht murren, denn ich weiß, daß ſein klarer Blumenhagen. V. 12 178 Verſtand die Menſchen wägt und Werth und Unwerth ſchnell taxirt, und wen er im Sichern anſtellt, oder viel⸗ leicht gar nicht beachtet, an dem hat er auch ſicher einen Makel gefunden, einen Ausſatzfleck, ſei's am Herzen oder am Kopfe.— Die Adern auf der Stirne des Po⸗ deſta ſchwollen gewaltig, und der Lange bekam eine feine Röthe auf ſein faltiges Bleichgeſicht. Signor de la Fonte fuhr jedoch, ohne darauf zu achten, ruhig fort: Warum wir berufen, iſt klar wie das Waſſer unſeres Springbrunnens. Stehet nicht dort ein Abgeordneter in Acciolini's Farben gekleidet? Schauet nur hin, wie die dunkeln Augen des milchwangigen Apoſtolo auf und abſteigen an Euch, von Euerm ſtattlichen Bäuchlein bis zur goldenen Halskette hinauf wie auf einer Himmels⸗ leiter. Sicherlich hat er die erſte Perſon dieſer Stadt in Euch erkannt mit ſeinem Habichtsblicke, und bittet Euch innerlich ſeufzend um Abfertigung von ſeinem hei⸗ ßen Platze.— Längſt wäre ſie ihm geworden, fiel der Podeſta hitzig ein, hätte dieſer Mantel noch den alten Preis. Aber wo der Krieg den Stahl in die Wagſchale legt, da ſinkt das Gold. Wir würden es nicht für weiſe gehalten haben, den Boten eines ſo furchtbaren Gegners alſo ſchmählich an leerer Tafel ſtehen zu laſſen, gleichſam wie am Spottpfahle. Wir würden ihn mit einem Po⸗ kale Falerner erfriſcht haben, wir würden ihn ſchneller abgefertigt—— Still! rief der lange Gambello. Euer Wille wird, kaum ausgeſprochen, ſchon erfüllt. So reſpektirt man gegen Euern Argwohn Eure Würde. Seht, ſchon öffnet ſich die Flügelpforte.— Und wie er ſprach, ſo geſchah es. Aber einen uner⸗ 179 warteten Anblick boten die Eintretenden, über den auch der Abgeſandte zu ſtutzen ſchien. Vorn ſchritt Baptiſta de la Porta, der paduaniſche Oberſt, man kannte ihn an der Rüſtung mit Silberblumen belegt und am ſchwe⸗ felgelben Helmbuſch; doch das Viſir ſeines Helmes war geſchloſſen, und er ſchlug es nicht auf, als er den Ober⸗ platz an der Tafel einnahm; acht Hauptleute traten ihm nach, alle wie er gerüſtet von dem Scheitel bis zur Zehe, und als die eiſernen Geſtalten ſich um den Tiſch reiheten, und der Oberſt jetzt dem Podeſta winkte, im nächſten Seſſel zu ſeiner Linken Platz zu ſuchen, ſchauderte dieſer ob der graulichen Geſellſchaft, all ſein Trotz ſchien ge⸗ wichen, und ſchüchtern beſetzte er ſeinen Poſten. Die übrigen Anweſenden gruppirten ſich hinter dem ſichtlich beängſtigten BVotſchafter. Eine tiefe Stille herrſchte eine kleine Weile, da winkte der Paduaner, und einer der Hauptleute ſchlug ſein raſſelndes Viſir auf, und zeigte das ernſte, bärtige, wohlbekannte Geſicht des älteſten Kriegers der Hülfsvölker. Er entfaltete zwei Perga⸗ mente auf der Tafel, und las mit dumpfer, eintöniger Stimme den Inhalt des erſten der Verſammlung vor. Es war ein Schreiben Acciolini's an Baſſano's Bürger⸗ ſchaft. Der Tyrann forderte die Stadt auf, ihm ihre Thore zu öffnen und ſeiner Gnade zu vertrauen. Mit ſchweren Eiden gelobte er Schonung des Lebens und Eigenthums jedes Einzelnen. Nur zwei Perſonen ſchloß er aus von ſeiner Amneſtie, den Paduaner Baptiſta de la Porta und den Podeſta Gregorio Penello. Am Schluſſe bedrohte er die Stadt mit neuem und ſchreck⸗ lichem Sturme, und mit der Nachricht, daß ein Hülfs⸗ corps aus den Dienſten des Markgrafen von Eſte im Lager angelangt ſei, und die zahlloſen mitgebrachten 180 Wurfgeſchütze deſſelben mächtig genug ſein möchten, die Thürme und Paläſte Baſſano's in wenig Tagen zu Trümmerhaufen umzuſchaffen.— Was ſprechen die Obrigkeiten und Väter dieſer Stadt zu ſolch gnädigem Antrage? fragte der alte Hauptmann.— Soll die unſchuldige Obrigkeit büßen für den Plebs? fragte der Podeſta haſtig zurück, indem er mit unge⸗ wohnter Regſamkeit ſich erhob. Wenn man keine Aus⸗ nahme gemacht, ließe ſich handeln. Aber ſo, abgeſchla⸗ gen; lieber das Stadthaus, die Kirchen in Ruinen, als der Podeſta gefangen. Abgeſchlagen, ſo ſpricht durch meinen Mund der Staat und die ganze Bürgerſchaft dieſer guten und freien Stadt!— Der Oberſt mit dem Schwefelbuſch nickte zuſtimmend, und drückte mit dem Eiſenhandſchuh die feiſte Hand des wackern Redners, und der Hauptmann verlas jetzt das zweite Pergament, das nichts enthielt als die kurze Antwort:— Zertrümmere die Thürme und Häuſer, Ty⸗ rann! Dann komm herein, wenn Du kannſt, und Du wirſt auf dem Schutt Arme finden, Dich zu fangen und unter den Ruinen unverſehrte Gewölbe, Dir zum ewigen Gefängniß beſtimmt.— Der Vorleſer rollte das Pergament zuſammen, reichte es dem Fremden, und auf ſeinen Wink wurden dem Abgeſandten wiederum die Augen verbunden, und ſein Führer leitete ihn zum Saale hinaus; zugleich verließen auch die Geharniſchten ihren Platz und zogen dahin, von wo ſie gekommen. Ein ſeltſamer Kriegsrath das! ſtotterte der Podeſta, als ſich der Ritter de la Fonte wieder zu ihm gefunden. Sahet Ihr ſchon dergleichen auf Euern Kriegsfahrten, oder iſt das auch ſo ein eigener paduaniſcher Gebrauch? 181 Warum bargen der Signor Baptiſta und ſeine Eiſen⸗ freſſer dem Feinde ihr Angeſicht? Auge in Auge! ſo nannte man bislang den Wahlſpruch der Tapferkeit.— Ich muß bekennen, antwortete Giulio, daß auch mich die ſtumme Audienz von Erz befremdete; aber zur Be⸗ finnung gekommen, erkannte ich gar bald auch in dieſer beſonderen Maßregel die Umſicht und edle Vorſicht des Commandanten. Saget ſelbſt, Signor Penello, iſt der Feind, welcher an unſere Thore klopft, ein Feind ſol⸗ cher Art, wie die Kriegsgeſchichte lobend manchen auf⸗ ſtellt? Iſt er ein Fürſt an der Spitze geregelter Krieger, oder ein Stadthauptmann auf ſeinem Panierwagen, die nach edler Kriegszucht zu handeln gewohnt, einerlei ob Sieger oder beſiegt, die, wenn der rühmliche Kampf zu Ende, das Blut von der Klinge tilgen, und dem Gegner verſöhnend die tapfere Rechte bieten?— Bei dem Geiſt der Hölle, nein! fuhr der Podeſta auf. Dieſer Satan verwechſelte ſogar Panzerträger und friedliche Obrigkeiten. Erbat er nicht mich ſelbſt ſich zum Braten für ſein Rachefeſt.— Richtig, entgegnete der Ritter. Auch wiſſen die Städte unſerer Mark von Cadore bis Mantua ſeinen Edelmuth, wenn er ſiegte, ſeine Schonung, wenn er floh, nicht beſonders zu preiſen, und Acciolini ſteht dicht ne⸗ ben dem Höllenfürſten im abendlichen Stoßgebete der Winzer und der Hirten. Nun iſt Euch ſo wenig unbe⸗ kannt wie mir, daß unter den Paduaner Hauptleuten mancher Sohn guter Familien dienet, deren Güter in des Tyrannen Händen ſind, ja man ſpricht ſelbſt, ein naher Anverwandter Acciolini's ſei aus Haß gegen den Wüthrich, Baptiſta's Fahnen gefolgt. Welch Zartgefühl ſpricht darum aus dieſen geſchloſſenen Viſiren! Der 182 Tapfere, der nie ſein Leben zu ſchonen bedacht war, und mehr als eine Wunde für Baſſano nahm, wollte durch den Boten Keinen der Freunde erkannt, verrathen und befährdet wiſſen.— Hm! verſetzte Gregorio mit Achſelzucken. Fein aus⸗ gelegt, faſt zu fadenfein für Leute, die nur im maſſiven Eiſen arbeiten. Ihr ſeid Freund hier im Hauſe, werdet bald den eigentlichen Sinn dieſer ſtummen Ceremonie erfahren, und ich wette mein letztes Fäßchen Sicilianer, Eure Auslegung trifft dieſes Mal nicht zu.— Es gilt! ſprach raſch der Ritter; doch ehe der Po⸗ deſta ſeine Hand in die dargebotene ſchlagen konnte, fühlte er ſich etwas unſanft an der Schulter berührt, und als er ſich unwillig wandte, ſtand der lange Sig⸗ nor Gambello da; doch ſchien er höchſt verändert, denn ſein bleiches Geſicht glühete gleich einer welken Klatſch⸗ roſe und die Finnen darin leuchteten und zuckten wie le⸗ bendige Johanniswürmer; ſein hohles Auge brannte wie das heimliche Licht über einem tiefliegenden Schatze und der Athem in der platten Bruſt wie der Blaſebalg eines Hufſchmiedes.— Was gibts? fragte der Podeſta mit dem Ausdrucke der Verwunderung und des Erſchreckens. Hat der Feind griechiſch Feuer geſchleudert und brennt mein Haus? Oder iſt er während der Friedensverhandlung in das Thor gebrochen, und morden die Piemonteſer Braunmän⸗ tel ſchon Weib und Kind in den Straßen?— Nichts von ſolch üblen Träumen, antwortete Gam⸗ bello haſtig, indem er ſein Geſicht zu einem ſeltſamen Lächeln zwang. Habt Ihr denn vergeſſen, Höchſtgeehr⸗ ter, daß Ihr meine Armſeligkeit zum Frühſtück geladen, als wir Beide zugleich die Leere der Nüchternheit bei 183 dieſem gezwungenen Morgengeſchäft empfanden? Eure Macaroni ſind heiß, der Parmeſankäſe lacht mit blan⸗ ken Aeuglein, Eure hochbuſige Nichte hat ſchon den blanken Tiſch gedeckt, und Euer rundwangiger Kellerbub ſchwenkt ſchon die Becher. Ich eile nur zurück vom Geleit des Fremden, und die Furcht, Euch nicht mehr zu treffen, ließ mich zum Sturmmarſch austreten und meinen Athem vergeuden.— Frühſtück? fragte der Podeſta erſtaunt. Und was kümmert Euch mein frommes Nichtchen?— Doch durch die Geberdenſprache des Capitanos, die immer lebendi⸗ ger wurde, gereizt, bot er dem Ritter ſchnell die Hand, und murmelte im Scheiden: Ja, ja, ich erinnere mich, ich lud Euch und Eure Kameraden, und da ich leider heut nur halben Sold zahlen kann, wurde die Maca⸗ roniſchüſſel als beſchwichtigende Zugabe beſtellt.— So ging er flüſternd mit dem Dürren zur Treppe, und Ritter Giulio achtete Beider nicht, denn ſeine Gedanken waren nicht mehr daheim, ſondern ganz anderswo be⸗ ſchäftigt, ſeit die Diener des Hauſes eingetreten, im leeren Saale die Geräthſchaften zu ordnen, und ſeit die offene Flügelthür bewies, wie der Verkehr mit dem ge⸗ heimen Innern wiederum Jedem vergönnt worden, der ſein Recht dafür zu verantworten vermochte. Das Gebäude, in welchem die eben erzählte Scene ſpielte, war durch die jetzigen Bewohner für Baſſano's Bürger das merkwürdigſte ihrer Stadt geworden, denn ſeine Wände umſchloſſen ihre Erretter und Beſchützer. Das Haus lag auf dem höchſten Platze der Stadt; ſein oberes Geſchoß gewährte ſchon eine Ausſicht über die 184 Mauern hinaus, und von ſeinem platten Dache konnte man die Umgegend völlig überſchauen. Da es einem geiſtlichen Orden gehörig und einſt ſein Hoſpiz geweſen, erſchien dieſe ausgezeichnete Lage nicht auffallend; die Fürſten der Kirche wußten mit Recht zur Wohnung ihrer Getreuen überall die ſchönſte Lage und den reichſten Gau auszuſuchen, damit nicht die irdiſche Sorge der Wüſte und die Kümmerniß um des Leibes Noth die geiſtigen Kämpfer bei ihrem großen Werke zerſtreuen oder abhal⸗ ten möchte, ihre Pflicht zu thun. Baptiſta de la Porta erſah ſich dieſen Ort vorzüglich deßhalb zu ſeinem Quar⸗ tier, weil zu jeder Stunde er dort von ſeinem Dache das Lager der Feinde und die Bewegungen in ihm zu beachten vermochte, und wie ein Adler auf der höchſten Spitze der Klippe ruht, in deren Höhlungen ſein Reſt ſich birgt, ſo ſah man oft ſeine kriegeriſche Geſtalt oben über ſeinem Hauſe hervorragen, mit einem Adlerauge den anvertrauten Schatz bewachend. Etwas tiefer herab, im beſten Stockwerk des Ge⸗ bäudes, in einem Zimmer, das nichts Kriegeriſches dem Auge darbot, befanden ſich in dieſer Stunde zwei Frauen⸗ zimmer, welche in die Begebenheiten dieſer thatenreichen Zeit eng verflochten worden. Bianka de la Porta, die Gattin des ruhmgekrönten Paduaners, ſaß in einem Armſeſſel dicht am gothiſchgewölbten Spitz⸗Fenſter, wel⸗ ches den Blick weit hinaus in die freie Flur erlaubte. Sie trug die ſchwarze, ſittſam⸗verhüllende Tracht ihrer Landsmänninnen, und ein weiter, langfaltiger Schleier fiel von ihren reichen Locken herab, deren glänzende Farbe die der reifen, die ſtachlichte Hülle zerbrechenden Kaſtanienfrucht übertraf. Gedankenvoll, faſt träumend ſtarrte das große dunkle Auge in die Ferne, und wer in 185 ſeine geheimnißvolle Finſterniß ſchauete, mußte angehaucht werden von dem Gefühle einer Unheimlichkeit, die in dieſen Blicken lag, welche mit unſichtbaren Weſen Ver⸗ kehr zu treiben ſchienen. Wurde aber der Beſchauer da⸗ durch abgeſtoßen, ſo fühlte er ſich zugleich ſchnell zurück⸗ gezogen durch ein Geſicht, ſo regelmäßig ſchön geformt, wie nur irgend eines auf Italiens beglückten Fluren geboren worden, und das, wenn auch der erſte Reiz jungfräulicher Kindlichkeit nicht mehr in ihm blühete, wenn auch die Maienroſen erblaßt waren und ſeine Färbung mehr dem reinen Weiß der Lilie glich, deren Saum ein Strahl des Frühlichts leicht geröthet, einen unbeſchreibbaren Ausdruck in ſich trug, der das roheſte Männerherz ihm unterwürfig und eigen zu machen verſtand. Etwas weiter zurück im Zimmer und in der Däm⸗ merung des gewölbten klöſterlich gebauten Gemachs halb ſichtbar, ſtand Cornelio de Sorba, der junge Krieger, welcher ſchon aus der Mitternacht des Friedhofes be⸗ kannt, und neben ihm Güuſtina de la Crena, Bianka's Schweſter, die den Jüngling im leiſen Geſpräch mit dringenden Bitten zu beſtürmen ſchien, deren Inhalt ein beſorgtes Auge und ein in Bekümmerniß verzogener Mund faſt errathen ließ. Der junge Mann ſchien von dem Geſpräch ergriffen, und entſchloſſen trat er aus der Dämmerung zum Lichte vor, und berührte mit einer Art von Traulichkeit, doch zugleich mit Miene und Hal⸗ tung der Ehrfurcht, den Arm der Sitzenden. Iſt es Zeit, Baptiſta? rief Bianka, ſchnell das ſchöne Haupt herumwerfend; und geblendet von dem Wechſel der Helle außen und dem Dunkel innen, ſetzte ſie leiſer hinzu, indem ihr dunkeles Auge über Cornelio's 186 Geſtalt hinrollte: Rufſt du mich, mein Gemahl? Ich bin bereit!— Der junge Ritter trat in das volle Licht des Fen⸗ ſters und mit milder Stimme entgegnete er: Es iſt Euer Freund, Euer Sohn, Signora, den die Sorge um Euch trieb, Euere frommen Träume zu unterbre⸗ chen. Höret mich an mit Ruhe und ſcheucht mich nicht mit unbedachtem Zürnen von Euch wie am geſtrigen Abende.— Rede, Cornelio! Den Gedanken des Thoren fand Bianka nie auf Deiner Zunge! antwortete die edle Frau.— Euer Auge hat ſich ſo eben ſelbſt überzeugt, fuhr der Ritter fort, daß die Botſchaft des feindlichen Haupt⸗ manns nicht den Mantel der Lüge geborgt. Jene fri⸗ ſchen Zeltreihen, über denen die blaue Fahne weht, ver⸗ künden deutlich genug die Ankunft der neuen Hülfsvöl⸗ ker. Mühſam widerſtanden wir bis jetzt dem Feinde; die Vorräthe verſagen, und Padua ſendet keinen ſtrömen⸗ den Bach zu uns aus ſeinen gefüllten Speiſekammern. Schon murren die Söldner, und ſelbſt unter den Bür⸗ gern dieſer Stadt hat man Undankbare und Zaghafte erkundet, welche Schmach und Tyrannenfußtritt der Ent⸗ behrung vorziehen. Noch iſt es vielleicht Zeit für Euch und Eurer Güuſtina Rettung. Ein Ausfall unſerer tapferſten Reiterhaufen täuſcht den Feind, indeß ſchlägt ſich leicht ein Häuflein Erwählter ſeitwärts durch den Schlangenring der Belagerer über die Brenta hinaus, und rettet in ſeiner Mitte Euch, die koſtbarſten Kleino⸗ dien, welche dieſe Mauern bergen und welche nimmer in die Hände des grauſamſten aller Erdgeborenen fallen dürfen.— 187 Von einem Ausfalle träumte auch ich ſo eben, Cor⸗ nelio, antwortete Bianka mit einem ſchwärmeriſchen Blick zum Fenſter und ihre zarten Finger auf Cornelio's Hand legend; aber es war nichts von Flucht dabei. An der Seite meines Gemahls ſah ich mich aus jenem Thore ſprengen. Der Schlachtruf: Baptiſta de la Porta! trug Schrecken in den Feind, ſein Lager ward ein Aſchen⸗ haufen, ſeine Beſten lagen unter den Hufen unſerer Roſſe, aber die Kadmus⸗Saat wuchs immer dichter, immer wilder um uns auf, die Köpfe der zerſchlagenen Hydra vertauſendfachten ſich in jeder Sekunde, wir fie⸗ len in Blut, der Edle und ich neben ihm, mit ihm, und ein ſtürmender Sirokko zerſtiebte den Feind und deckte uns mit einem gebrochenen Lorbeerhaine zu, und wir lagen ſanft und ſchliefen ſüß den Schlummer der Ehre.— Da ſei Gott vor, rief erſchüttert der junge Mann; daß ich den Tag erleben müßte, der Euer Wahnſinns⸗ bild in das Leben riefe! Ihr kennt mich, hohe Frau! Falſch iſt nicht in mir, und alle jene Bande, welche Menſchen an Menſchen ketten, ſind um mich dreifach, hundertfach gewunden, und banden mich längſt an Euch und Euren edlen Gatten. Meine Mutter, zernichtet durch Schande und Gram, ſtarb in Euren Armen. Ich, ver⸗ ſtoßen von einem ſchändlichen Vater, der mir ein Leben gab ohne Ehre, danke Alles, was gut in mir iſt, dem hochherzigen Baptiſta. Als ich Mann geworden, ver⸗ ſchmähte er Lohn und Dank, den er durch meinen treuen Dienſt gewinnen konnte. Er ſelbſt trieb mich fort von ſich.— Suche Deinen Vater auf, ſprach er, ihm gehört die Blüte Deines Lebens, und er wird den reichbegabten Jüngling mit andern Augen anſehen, als er den wimmernden Säugling eines Mädchens anſah, 188 das er nur mit den Augen der Begier geliebt und ſchnell vergeſſen. Geh und ſtelle Dich ihm gegenüber. Er müßte ein Herzloſer ſein, riſſe er Dich nicht ſtolz an ſeine Bruſt und hielte Dich feſt für immer.— Ich that den verhaßten Schritt, ich ſtand Auge in Auge dem Va⸗ ter gegenüber und—— er verſtieß mich. Sein kalter Tigerblick verhöhnte mein warmes Gefühl, er ſchimpfte die Mutter nochmals im Grabe durch meine zweite Ver⸗ ſtoßung, und bot in Gegenwart der edelſten ſeiner Freunde mir die Lanze eines gemeinen Soldknechts an. Da zog ſich die himmelhohe Scheidewand auf zwiſchen mir und ihm für ewig. Zurück floh ich zu Euch, zu Euren Fü⸗ ßen ſchwur ich Euch den Eid der Sohnestreue; Bianka, Euch gehörte mein Herz in ehrfurchtsvoller Liebe, die Modonna wurdet Ihr für meine Gebete, und meine Hand, mein Blut weihete ich Eurem Gemahle, und fan⸗ det Ihr meine Inbrunſt immer fromm wie die Liebe der Engel zu ihrer Gnadenmutter, ſo fand er mich getreu und erprobt in mancher ſchweren Stunde des Schwertes. O laſſet mich darum in dieſer Stunde mein Recht ge⸗ brauchen, mein Kindesrecht! Folgt meinem Rathe und rettet Euch und dieſe Bebende vor den Klauen des Ti⸗ gerthiers. Hättet Ihr je geſehen ſein Auge in rother Glut des werfenden Vulkans, wie ich es ſah, Ihr wür⸗ det Euch lieber in die tiefſte Höhle der Apenninen ver⸗ bergen, als dieſen Blicken begegnen auf Erden.— Bianka ſah ihm mit mildem Ausdruck in das unru⸗ hige, faſt in Sorge feucht gewordene Auge. Du biſt treu wie das reine Gold im Tiegel, ſagte ſie ſanft; aber ſoll Bianka nicht eben ſo treu ſein? Die Gefahr wächſt, die Noth ſteigt rieſenhoch, aber ſoll darum Bianka be⸗ ſchworne Pflicht verletzen und den Flatz verlaſſen in —*3— V— u 8 — u 189 weibiſchem Kleinmuth, den ihr Gottes Hand anwies, den ſie ſelbſt erwählte, und an den ſie die heiligſten Gelübde banden?— Ihr ſchwärmt, Signora, und o wie beneidenswerth iſt der Mann, der den Klang ſolcher Melodie im reinen Saitenſpiele erweckte, daß ſie ewig forttönt für ihn und durch ihn! rief Cornelio aus. Aber Ihr treibt dieſe Schwärmerei bis über die Menſchlichkeit hinaus. Auch die Sorge für Euch befiehlt die Natur, befiehlt die Re⸗ ligion, und wahrlich, Ihr dürft nicht ſäumen an Euch ſelbſt zu denken, denn kenne ich die Zeichen, welche trü⸗ bem Wetter, welche verheerendem Sturme vorausgehen, ſo drohet der Himmel dieſer Stadt ein doppeltes Unge⸗ witter von innen und von außen.— Und was ſagt Baptiſta? fragte die ſchöne Frau mit ſeltſam dumpf klingendem Tone und das dunkle Auge in die tiefe Bläue des Himmels gerichtet.— Er, der Herrliche? entgegnete der Jüngling überraſcht. Freilich würde er antworten: Tod in Ehre auf unſerm Poſten!— Raſch ſtand die Signora auf von ihrem Seſſel, und einen Glutblick auf den verſtummenden Ritter werfend, rief ſie: Alſo Tod in Ehre auf unſerm Poſten, mein lieber Cornelio.— Des Jünglings gelocktes Haupt neigte ſich vor ihr in Ehrfurcht, und die Hand auf ſein Herz preſſend lallte er nach: Tod in Ehre und für die Liebe! Auch darin wohnt eine ganze Seligkeit. Ich verſtand Euch und bin bereitet.— Bianka reichte ihm ihre weiße Hand, aber ehe er noch das dargebotene Pfand der Freundſchaft an ſeine 190 Lippen preſſen konnte, wurde die Thüre ſtürmiſch geöff⸗ net, und Giulio de la Fonte trat erhitzt herein. Wo iſt der Commandant? fragte er mit Haſt. Er muß hinab ohne Zögern, er muß ſich dem Volke zeigen und den Muth beleben. O meine Güuſtina, ſetzte er leb⸗ haft hinzu, ohne Scheu ſeinen ſtarken Arm um der Jung⸗ frau Schultern ſchlingend, wäreſt Du nur fort, Du und Deine edle Schweſter, aus dieſen dem ſchwarzen Ver⸗ hängniß verfallenen Ringmauern, beſſer würde ſich's dann fechten, beſſer ſterben.— Was treibt Euch? Was empört Euch ſo neu? fragte Bianka ernſt und geſetzt.— Kaum berührte der abgewieſene Botſchafter den Saum des Lagers, erzählte Giulio, ſo entſtand ein allgemeines Getümmel unter den feindlichen Maſſen. Die nächſten Wurfgeſchütze ſpieen einen Wolkenguß von Pfeilen und Kieſeln auf die Wälle, und Adama Aquilino wurde von einem Steine tödtlich getroffen. Muthlos ſind die Rot⸗ ten der Männer von Baſſano durch den Fall ihres Ober⸗ ſten geworden, feiges Murren durchläuft ihre Glieder. Der Feind bereitet ſichtlich allgemeinen Sturm, und zeigt ſich unſer Paduaner nicht ſofort unter ihnen, ſo iſt die Stadt dahin, ſo ſind wir alle verlorene Männer in näch⸗ ſter Stunde. Erlaubt, daß ich ſelbſt dem tapfern Feld⸗ herrn das Nähere berichte.— De la Porta ruht auf ſeinem Bett, antwortete ruhig Bianka; ſeine Wunden ſchmerzen, aber er wird nicht zö⸗ gern, den Schmerz zu bezwingen und auf ſeinen Poſten zu eilen. Fliegt indeß ſelbſt ſeinem Schritte voran, mein edler Freund; bereitet Alles, was nöthig zur Abſchla⸗ gung des neuen Angriffs. In wenigen Minuten wird Padua's Panier und Baptiſta's gelber Federburſch dort 191 wehen, wo die Gefahr am größten, und wird mit Gott und der göttlichen Jungfrau die Noth in Rettung, und die Angſt in Freude verwandeln. Ich gehe ſelbſt, den Helden aufzurufen.— Säumet nicht, ich fliege auf meinen Poſten! verſetzte gehorſam der Ritter, drückte einen leichten Kuß auf Giuſtina's Arm und verließ das Gemach. Giuſtina um⸗ faßte heftig die hochherzige Schweſter. Warum vertraueſt Du ihm nicht, dem Getreuen? Warum darf er das traurige Geheimniß nicht wiſſen? fragte ſie ſchmerzlich. Er iſt ein Mann von Baſſano! antwortete Bianka fin⸗ ſter. Auch ſein Arm könnte im Schreck lahm werden vor der Zeit. Komm Cornelio, jetzt iſt die Stunde da, Baptiſta ruft und ſoll ſich unſerer nicht zu ſchämen haben.— Sie ging mit dem Jünglinge in die innern Gemä⸗ cher des Hauſes, und die bleiche Giuſtina warf ſich nie⸗ der am kleinen Betaltar, und betete lange und mit hei⸗ ßer Inbrunſt. Unterdeß fand eine Scene in einem andern Stadt⸗ viertel ſtatt, deren Charakter gänzlich ein Gegenbild der eben geſchilderten darbot. Kaum waren der Podeſta und der Hauptmann der Söldlinge aus dem Gedränge der Menſchen gekommen und hatten die leere Vorhalle des Stadthauſes betreten, wo Gregorio Penello reſidirte, ſo hemmte dieſer ſeinen wackelnden Schritt, drehete ſich mit Neugier gegen den dürren Kriegsmann und heftete die rothumrandeten Augen fragend auf das verbrannte Antlitz des Paladins. Ihr habt etwas Neues, etwas Wichtiges? fragte er. 192 Glück oder unglück! Sprecht mit Windeslauten. Auf dem ſchnellen Marſche hieher iſt mir ſchon der Blutſtrom in die Bruſt getreten und hat mein Gehirn überflutet. Euer Geſicht iſt flach und kahl wie eine Gletſcherwand. Setzt deutliche Ziffern hinauf, oder mich trifft der Schlag⸗ fluß vor Euren Augen.— Gilts ein leckeres Frühſtück, wenn die Botſchaft gut? fragte der Hauptmann mit hämiſchen Mienen, und ein Brieflein unter dem Bruſtkoller hervorlangend, hielt er daſſelbe dem Podeſta vor die Augen. Die Aufſchrift iſt an mich, rief Gregorio haſtig. Her damit und geſtan⸗ den, woher und wie in Eure Hand.— Gambello zuckte mit dem langen Arm in die Höhe, und ſicherte ſo den Schatz vor dem Jäger. Nicht alſo! erwiderte er mit Lachen. Nicht ſo eilig, edler Herr, denn mich dünkt, ich habe da unverhofft einen Fiſch ge⸗ fangen, der meine Tafel auf lange Zeit zu einer Lucul⸗ liſchen Walluſtquelle wandeln dürfte. Hört nur gedul⸗ dig. Als ich dem Abgeſandten des ſogenannten Tyrannen nachtrat, warf der junge Kriegsmann einen Blick auf mich, der gewöhnlichen Leuten ein Räthſel geblieben wäre, mir geſetzten Fänger aber ſofort verſtändlich wurde gleich einem bekannten Jägerrufe. Ohne Säumen machte ich mich in der Gallerie dicht an ſeine Ferſen, und bald fiel ein Briefchen aus ſeiner Schärpe, dieſes Briefchen, und ehe ein Verrätherblick die flatternde Taube erblickt hatte, ſtand ſchon mein breiter Fuß darauf und weilte über dem gefangenen Geheimniß, bis die Gallerie leer geworden und Niemand das Geſchenk zu theilen vermochte. Hier iſt es nun, an Euch, Ehrwürdigſter, überſchrieben. Aber ich meine, trüge ich dieſes Blatt hinauf zum Padua⸗ ner, möchte mir ein ſchönerer Botenlohn gezahlt werden, 193 als Eure Knickerei dem Vertrauten auszuſetzen belieben dürfte.— Spaßt nicht mit ſo ernſten Dingen, bat der Podeſta faſt athemlos. Gebt ſchnell; enthält es, was ich wünſche, theilen wir den Gewinn.— Schwarz auf weiß? fragte lakoniſch der Dürre.— Bei dem Schutzpatron der Stadt und der Ehre mei⸗ ner Mutter! ſchwur immer erhitzter der Podeſta.— Nun denn, da habt Ihr den Wiſch, entgegnete der Hauptmann. Aber bedenkt, daß Lazaro Gambello ein langes Spieß an der Hüfte trägt, und wenn Ihr auch Baptiſta's Galgen entwiſchtet durch meine Gutmüthig⸗ keit, Ihr, im Betrug gegen den Freund befunden, nim⸗ mer einen Ort auf Erden fändet, wo Ihr Euren Fett⸗ wanſt vor dieſem Bratſpieß wahren möchtet.— Während dieſer Drohrede hatte der Podeſta längſt den Brief erbrochen und mit rollenden Augen überlaufen. Sein Geſicht wurde blauroth im Scheine unverhehlter Freude, und er legte die feiſten Patſchhände auf Gam⸗ bello's platte Knochenbruſt und trommelte luſtig mit den Fingern auf des Freundes Lederkoller herum. Herein zum Becher! lallte er zugleich wie einer, welcher ſchon mehr getrunken als der Durſt verlangt. Lazaro, Ihr ſeid heute der glücklichſte Harpunier geweſen und habt einen Del⸗ phin mit Eurer Lanze geangelt, von deſſen Speck ein Jahr zu zehren iſt. Der ſchmunzelnde Hauptmann folgte ſeinem Wirthe in das Geheimzimmer, und des Podeſta's rothwangiger Page ſetzte den Fröhlichen alſobald das leckerſte Mahl zum Imbiß vor. Boshaft ſcherzte der Soldat mit der runden Ruffina, doch der eiferſüchtige Gregorio ſandte Blumenhagen. v. 13 194 ſeine Lieblinge valdigſt hinaus, das zu beſprechende Ge⸗ heimniß zum Vorwande gebrauchend. Leſet ſelbſt! rief er dann mit wollüſtig⸗funkelnden Augen, und ſchob dem in Schüſſel und Becher Vertieften das Pergament in die Hand. Leſen? entgegnete der Hauptmann verwundert. Hätte ich's ſo weit gebracht im Studium, wäre ich ein Mönch geworden und kein Mann des Schwertes, und meine fette Hand würde jetzt bequem das Rauchfaß ſchwingen, ſtatt daß zur Zeit dieſe trockene Mumienfauſt täglich am Schwertknauf eine Schwiele mehr gewinnt. Leſet nur vor, Obrigkeit; macht auch dieſer leckere Kapaun den Zähnen zu ſchaf⸗ fen, die Ohren eſſen nicht mit. Und der Podeſta las. Der Brief beſtand in nichts Geringerem als in einer förmlichen, von Acciolini ſelbſt unterſchriebenen Urkunde, welche als letztes Abſchlußblatt einer ſeit Wochen mit dem Podeſta heimlich gepflogenen Unterhandlung ſich darthat. Der Tyrann verſprach dem Podeſta zweitauſend Goldſtücke und Sicherheit ſeines Po⸗ ſten und Eigenthums, ſobald er die Stadt dem Belage⸗ rer in die Hände geſpielt. Er verſprach der Bürgerſchaft Amneſtie und Verſchonung, verſprach dem mitwirkenden Kriegsoberſten tauſend Goldmünzen. Nur die Paduaner waren von der angelobten Milde ausgeſchloſſen, und eine ſchwarze Fahne ſollte das Thor bezeichnen, an welchem der in das Geheimniß gezogene Wachtherr dem Heerhau⸗ fen Acciolini's freien Einzug bereiten würde.— Da bin ich, Podeſta! rief Gambello, die Schüſſeln haſtig von ſich ſchiebend und den Becher umſtürzend. Und ſeid Ihr ein getreuer Kamerad, und ſorget, mir den Com⸗ mandanten⸗Flatz für dieſen Lieblingsdienſt zuzuwenden, 195 werde ich fromm, liege auf der Bärenhaut und mache dieſe Finger nur noch roth im Traubenblute. Gregorio reichte ihm die Patſchhand hinüber, doch Beide ſtutzten, denn von fern her erklang plötzlich Trom⸗ petengeſchmetter, auf der Straße erhob ſich Geſchrei und wildes Gelärm, und die ganze Stadt ſchien in einen Aufruhr gerathen, als wenn ein nächtliches Erdbeben ſie heimgeſucht. Beim Sankt Marko, das iſt Sturm, und gelingt der Einbruch ohne uns, ſo ſind wir um den Contrakt und werden niedergemetzelt wie die Andern! ſchrie erbebend der Podeſta. Beide eilten zum Fenſter und ſönnet in das Ge⸗ wühl der Gaſſe hinunter. Eure Naſe hat feſten Geruch! ſprach Gambello. Das iſt Sturm, und dem Schalle nach am Tirolerthor. Aber ſehet nur hin, da trabt der ſchwefelgelbe Federbuſch ſchon vom Markte her gegen den Lärmplatz, und ein Grauen erfüllt mich, ſehe ich die Rüſtung darunter ſo ſchlank und kräftig im Sattel ſitzen. Freund Gregorio, da iſt kein Menſchenleib darin, ſon⸗ dern der Satanas leibhaftig und in eigener Perſon, und ich möchte abfallen von unſerm Bündniſſe, denn iſt er der Böſe oder doch ſein Intimus, ſo weiß er jetzt ſchon unſer feines Plänchen, und in nächſter Mitter⸗ nacht findet man uns mit verſchobenem Genick auf dem Lagerbett.— Wie meint Ihr das? fragte mit langem Geſicht der Podeſta und umfaßte ſein treffliches Unterkinn ſchützend mit den Fingern.— Schauet nur hinab, fuhr Gambello ernſthaft fort; reitet dort nicht Herr Baptiſta vor ſeinem Geſchwader mit ſteifem Nacken, feſtem Schenkelſchluß und das blanke 196 Schwert in der Fauſt? Reitet er nicht faſt leichter und kecker, wie ich ihn je im Sattel geſehen? Nun höret, was mir vorgeſtern geſchehen. Ihr wißt, in der Nacht befehligte eben dieſer kecke Reiter in ſelbſteigener Perſon den Ausfall, der uns die paduaniſchen Mehlwagen in die Stadt bringen ſollte. Mich hatte die Stelle der Ordinanza im Quartier des Commandanten getroffen, und ich ſchlummerte im Vorſaale auf der Wachtbank. Da weckte mich Getöſe im Hof, Pferdegetrappel, Stie⸗ felſtampfen, und dieſer ſelbige Baptiſta taumelte von zwei Hauptleuten begleitet in die Halle und wahrlich in gar erbarmungswerther Geſtalt. Das Viſir ſeines Helms hing zerhauen am Ohr und eine klaffende Hiebwunde entſtellte ſein Geſicht, auf dem Todtenbleiche weilte und nur Blutroſen glüheten. Aber nicht genug; deutlich ſah ich im Kerzenſcheine, wie ein abgebrochener Lanzenſchaft in der Bruſtbuge des Panzers ſteckte, den die Rechte des Verwundeten feſt gefaßt hielt und von dem das helle Blut über die Schärpe herabrieſelte. Der Bleiche wankte auf die Thür zum Innern zu, trat hinein, und die ſchöne Paduanerin eilte ihm entgegen. Man vergaß die Thür zu ſchließen, und ich ſah mit dieſen meinen Augen, wie er in die Arme des ſchreienden Weibes ſtürzte, wie er dann ſich kräftig erhob und ausrief: Bianka, hier mußte ich ſterben! die Speeresſpitze gewaltſam aus dem Fleiſche riß, und einem Sterbenden gleich zu Boden taumelte. Die Flügelthür wurde dann ſchnell geſchloſſen, und bald nachher trat einer der Oberſten heraus, und befahl mir, die Verwundung des Commandanten geheim zu halten, damit das Gerücht ſie nicht vergrößere und den Muth der Garniſon zernichte. O Freund, Gambello weiß wohl, daß ein braver Cavalier einen Fleiſchriß ver⸗ 197 ſchmerzen kann, aber wer mit zwei ſolchen Spundlöchern im Lebensfaſſe ſo puppenhaft auf dem harten Sattel zu traben vermag, der iſt nicht menſchlicher Natur und ſtich⸗ feſt durch Höllenſpuk.— Sonderbar! rief der Podeſta, aber mit gehobener Stimme ſetzte er ſchnell hinzu: Hauptmann, ich bitte Euch, der Sturm nimmt zu! Iſt mir's doch, als hörte ich ſchon das Feldgeſchrei der Fremden in den Straßen. O Sankt Markus hilf oder der Preis iſt verloren! La⸗ zaro, Kopf und Muth zuſammen! Steht nicht da wie der Obelisk am Markte. Rathet, handelt!— Meine Compagnie hält Wacht am Brentathor, ſprach mit Feuer der erwachende Soldat. Ich ſtecke dort au⸗ genblicks die ſchwarze Fahne auf, und erblickt ſie Accio⸗ linis Adlerauge, ſoll der Schlüſſel nicht roſten im Schloſſe. Aber woher den Wimpel nehmen für meine Lanze? Noth hat kein Gebot, und Euer Herrlichkeiten erlauben ſchon. — Und ohne Bedenken faßte er das langfaltige Gewand des gebietenden Stadtherrn und riß mit frevelnder Hand ein mächtiges Stück vom ſchwarzen Talare. Betet oder trinkt für unſer Heil! rief er jubelnd, den verrätheriſchen Nachtwimpel im Forteilen um das Haupt ſchwingend. Ich öffne der Fortuna unſer Haus! Ein ſchwer verſtändliches Kapitel der Glaubenslehre iſt die Zulaſſung des Böſen im Regimente eines allgüti⸗ gen und gerechten Weltregenten, und gar mancher ſchwache menſchliche Verſtand mag ſchon an dieſer Klippe geſchei⸗ tert und in den Untiefen dieſes Räthſels verſunken ſein. Auch das ſchwarze Wetter, welches ſich in dieſen Stun⸗ . 198 den über das geängſtigte Baſſano entlud, ließ den Glau⸗ ben an den Einfluß bösartiger Höllengeiſter zu, und mit ſtarrem Entſetzen ſahen die gutgeſinnten, treuen Bürger das ungeahnte Verderben ſo plötzlich hereinbrechen, und ihr Heiligſtes befehden. Der Verrath war vollführt, ſeine Pläne waren völlig geglückt, der grauſame, herz⸗ loſe Acciolini ſah ſich im Beſitz der verhaßten, zugleich ihm ſo theuern und auch theuer genug erkauften Stadt. In demſelben Hauſe, in den nämlichen Gemächern, wo der mannhafte paduaniſche Bürgerhauptmann für das Wohl einer fremden Bürgerſchaft gewacht und zu ihrer Rettung die höchſte geiſtige und körperliche Anſtrengung verwandt hatte, ſah man jetzt den gewaltthätigen Grafen Acciolini ſtolzierend umherſteigen; doch der Frieden der Seele, die innere Zufriedenheit mit ſich ſelbſt, das ewige unantaſtbare Glück des Tugendhaften, das in Baptiſta's Augen geleuchtet und ihm die Zuneigung und das Ver⸗ trauen auch des Fremdeſten gewonnen, vermißte man auf den erſten Blick in dem Eroberer der Stadt, wenn auch ſein Aeußeres nicht ohne impoſanten Eindruck auf den Beſchauer wirkte. An der gigantiſchen Geſtalt erkannte man den kriegsluſtigen Grafen in Mitten ſeines ganzen Heeres. Keiner überragte ihn, Keiner konnte gleich ihm das Modell zum farneſiſchen Herkules ſtellen. Er war ein Muſterbild irdiſcher Kraft, und dadurch leider, wie oft, die geiſtige Stärke der Selbſtbezwingung in ihm untergegangen; ſeine Leidenſchaften waren Skorpione, die ihn ſelbſt zerriſſen und ſchmerzlich bezwangen, das flammte klar auch in dieſer Siegesſtunde aus ſeinem unſteten Blitz⸗ auge, aus der Unruhe und wechſelnden Beweglichkeit der ſcharfen, aber wohlgeformten Geſichtszüge, aus dem un⸗ ſichern, wenn auch tönenden Schritte, mit dem er durch 199 den Saal hin und herab ſchritt, und wechſelnd hinaus trat auf den Balkon, um einen Verderben dräuenden Blick über die Stadt hin zu werfen, in deren Gaſſen Mord und Plünderung heulte, da er gegen ſeines Brie⸗ fes Verſprechen ſeinem Heerhaufen dieſe grimme Ergötzung für lange Entbehrung nicht hatte verſagen mögen. Ganz in der Ferne klangen noch die bekannten Stimmen des Kampfs auf Leben und Tod, und zuweilen ſchmetterte eine Trompete dazwiſchen wie Nothruf des im endloſen Meere geſcheiterten Schiffers. Die Tollen kämpfen noch, Agoſto! rief erbittert der Tyrann, ſich zu einem ſeiner Oberſten wendend, die ſcheu vor der wohlbekannten ſichtbaren Aufregung des Feld⸗ herrn zurückgezogen im Grunde des Saals ſich geſammelt hatten. Iſt dieſer Lump von Bürgerſoldat ein Höllen⸗ künſtler, daß er im Vertrauen auf ſeinen Zauber es wagt, auch jetzt noch uns Widerſtand zu leiſten, da ihn die Uebermacht vorn und im Rücken einklemmt, daß ſei⸗ ner Lunge die Luft mangeln muß. Sind unſere Wappner wirklich ſo feige Hetzhunde, daß wir ſelbſt noch einmal in die Bügel ſteigen müſſen, um das Fantom ihrer Furcht mit eigenen Händen zu zernichten, und ihrem Ge⸗ ſpenſterwahn ein Ende zu machen?— Lui, wahrlich der Paduaner wehrt ſich noch am Tirolerthore. Haßte ich den Schurken nicht ſo grenzenlos, ſo würde ich noch ge⸗ zwungen werden, den Schwertmann in ihm zu lieben. Agoſto Lui! Hinunter! Führe meine Leibreiter hinab und ſchlage mir dieſe ſpöttelnde Trompete zuſammen. Hun⸗ dert Goldſtücke, wer mir den Baptiſta todt, fünfhundert, wer mir ihn lebend liefert, daß ich erproben kann, ob dieſer Held ohne Gleichen auch den Muth nicht beugt, wenn die glühende Zange ſeine Glieder zerfleiſcht und 200 das ſcharfe Beil ſeinen Leib langſam in zuckende Stücke zerviertheilt.— Der Oberſt ſchritt gehorſam zur Pforte hinaus, doch bald trat er wieder ein und ſein braunes Antlitz leuch⸗ tete von Freude und kündete ſeine Botſchaft voraus.— Der Himmel lachte zu Deinem Wunſche, edler Herr, rief Agoſto in froher Erhitzung; ſo wie Du ihn aus⸗ ſprachſt. Der Kampf iſt aus, die Paduaner bluten ſämmtlich an der Mauer, wo ſie umzingelt bis auf den Letzten fochten. Der Führer allein iſt glücklich durch die kräftigen Hände der langen Bergſchützen aus dem Sattel geriſſen worden, und ſchon ſchleppt man ihn hieher vor Dein Gericht.— Acciolini that einen tiefen, tonenden Athemzug, dem einfachen Freudentone gleich, mit dem die Urwilden der Wälder wie bekannt ihr höchſtes und geheimſtes Gefühl zu verrathen pflegen; dann ſchritt er zu dem Ende des Saals, und wie erſchöpft von der langen Anſpannung, warf er ſeinen rieſigen Körper dort in einen Lehnſeſſel nieder. Alle Verſammelten ſchaueten eine Weile in Neugier nach der Pforte, und die Stille der Erwartung beherrſchte die Halle, da ward das Gelärm deutlicher und immer lauter, kam die Steige herauf, eine ſchwarze Rotte bär⸗ tiger, blutbefleckter Männer erſchien an der Thür, drängte ſich ein, wuchs mit jeder Minute und zwiſchen einem männlichen Furien⸗Trio der wildeſten und roheſten die⸗ ſer entmenſchten Krieger, wurde der Erwartete hereinge⸗ ſchleift und bis nahe vor den Sitz des Gewaltigen ge⸗ zerrt, in deſſen mordgewohnte Hand das Geſchick des unglücklichen Gefangenen von unſichtbaren Mächten ge⸗ worfen worden. Die funkelnden Augen aller Einge⸗ 201 drungenen waren nur auf das Antlitz ihres Abgottes gewendet, und ihre Tigergier glimmte deutlich darin, denn ſie erwarteten ein beſonderes, ausgezeichnetes Gräuel⸗ feſt; aber Acciolini hielt das ſchwarze Glutauge auf die Geſtalt ſeines Gegners gerichtet, feſt und unbeweg⸗ lich, wie der Leu der Wüſte vor dem tödtenden Sprunge thut, und ihm gegenüber ſtand der bezwungene Feind, merklich wankend zwar von der Anſtrengung und Er⸗ ſchütterung des ihn ſo unerwartet Betroffenen, aber doch furchtlos das Haupt hochhaltend unter dem ſchwe⸗ felgelben Helmbuſch, heldenkräftig in der vollen Rüſtung mit den Silberblumen, und durch das geſchloſſene Helm⸗ viſir feindſelige Blitze ſchießend nach dem unverſöhn⸗ lichen Feinde ſeiner Ehre und ſeines Kriegsruhms. Die ungebeugte Haltung des Bezwungenen ſchien je⸗ doch bald das Herz des Stolzen zu verwunden. Der Hohn der Verachtung nahm den Platz der Bewunderung auf ſeinem dunklen Antlitze ein, und den Blick kalt ab⸗ wendend, drehte er ſich um zu ſeinen Oberſten, die ſich um ſeinen Seſſel geordnet hatten. Wie gefällt Euch der poſſierliche Stadtcapitano im fürſtlichen Gezeug? fragte er höhniſch. Ueberläuft nicht magdigliche Schamröthe Eure Wangen bis in den Bart hinein, daß dieſes Zwerglein im Recken⸗Kleide, dieſer Page der Helena in Achilles⸗Waffen Eurer ritterlichen Knochen ſpottete, und Eure Eiſenreihen ſo oft durch⸗ brach?— Heftig aufſtehend nahm er dann die Würde des Richters an, und mit einer donnergleichen Stimme befahl er den Wächtern: Herunter mit dem Waffenputze, der einem Solchen nicht gebührt! Wir wollen den Adam ſehen in ſeiner jämmerlichen Nacktheit und ohne das ge⸗ ſtohlene Feigenblatt. Reißet ihm die Waffen ab, den 202 Helm vom Haupte, daß wir erkennen, ob ein Krämer, Seidenwirker oder Waſſerträger ſich in ſeinem dürren Bleichgeſichte ausſpricht. Die Schützen griffen zu, aber mächtig wehrte ſie der Gefangene ab. Tod, doch keine Entehrung! murmelte eine hohlverhaltene Stimme aus dem Eiſengitter. Schlage mich nieder, Tyrann, mit Deinem Streitkolben! Berau⸗ ben ſollt Ihr nur den Zerſchmetterten, und unſer Kampf geht nur im Grabe zu Ende.— So riß er einen in der Schärpe verborgen gehaltenen Dolch hervor und ſchleu⸗ derte ihn ſo ſicher gegen Acciolini's Haupt, daß der auf⸗ merkſame Kriegsheld nur durch eine ſchnelle Beugung dem Todeswurf entging, der hinter ihm einen ſeiner Getreuen ſchwer an der Schulter verwundete. Zu Boden mit ihm, ihr Memmen, ſchrie da roth⸗ glühend der Tyrann. Und den Henker zur Stelle her⸗ auf mit Meſſer, Zange und Beil! Wir wollen ein Bei⸗ ſpiel geben für die ganze Treviſer Mark, wie Acciolini den Uebermuth ſtraft und am thörichten Trotze ſich zu rächen verſteht. Doch die gehetzten Fanghunde hatten aus Scham vor der Wehr des Einzelnen, aus Furcht zugleich vor dem Zorne des Titans, der ihnen gebot, ſchnell das Ver⸗ ſäumte nachgeholt. Von ihren Fäuſten gepackt bis zur Unbeweglichkeit, konnte der Gefangene nicht hindern, daß ihm mit gewaltthätiger Haſt ein Waffenſtück nach dem andern abgeriſſen wurde; entſchaart ſtand er bald, und auch der Verſuch, dem Raube ſeines Helmes zu wehren, mißlang; ein hünengleicher Trabant ſprengte roh die Halskette, und riß, den Schirm zerbrechend in einem Griffe, die Silberdecke vom Haupte des Beſchämten. Aber ſtand der Entwaffnete da, übergoſſen von der Röthe 203 des beleidigten Gefühls, ſo ſtanden plötzlich alle Zu⸗ ſchauer gleich überraſcht auch in Bildſäulen ähnlicher Haltung, und ſelbſt die rohen Bergſchützen wichen wie vor einer geiſtigen Erſcheinung einige Schritt zurück vom Gegenſtande ihrer Wuth und Gewaltthat. Wie die ſchwere Metallhülle entſchwand, ſchien ein Adonis dem Erze zu entſteigen; üppig gerundete, weiche Formen verrieth das feine Lederkleid, und als der Helm zu Boden fiel, rollte ein Reichthum dunkeler Locken über die ſchlanken Schul⸗ tern und die hochwogende Bruſt hernieder, und ein ent⸗ hüllter Minervenkopf, ernſt, idealiſch ſchön, entglüht in kriegeriſchem Zorn, entzwang jeder Lippe den einfachen Laut höchſter Bewunderung. Einen Augenblick ſtand auch Acciolini in der Erſtar⸗ rung des Staunens; doppelt wogte dann das Leben durch ſeine rieſigen Glieder. Ein Weib? ſchrie er auf. Und dieſer Panzer nur eine leere Maske, uns zu täuſchen? Unerhörter Betrug! Der feigherzige Oberſt entfloh unſe⸗ rer Rache, aber wir werden ihn einzuholen, werden ihn zu finden wiſſen.— Armſeliger Thor! entgegnete Bianka, denn dieſe war es. Der, den Du läſterſt, iſt fern Deiner elenden Rach⸗ wuth, und lächelt im Reiche der Heiligen Deines thaten⸗ loſen Grimmes. Freue Dich hoch darob, denn ſo lange er unter den Lebenden wandelte, war Dein ſtolzes Herz nicht einen Augenblick ſicher vor der Spitze ſeines Schwertes, und hätte er gelebt in dieſer Stunde, nie wäre Dein Triumphgejauchz in Baſſano's Mauern ge⸗ hört worden, denn ſeine Klugheit und Umſicht hätte den Verräther entdeckt, ehe er dem einbrechenden Räuber die Pforte geöffnet. Aber ſchäme Dich zugleich, Du ſtolzer Wüthrich, denn ein Weib hielt zwei Tage hindurch ————————„* ——————— 204 Stand gegen Dich, zwei lange Tage ſchreckte die leere Puppe des Helden Deine Tauſende von den Mauern hinweg; dieſer gelbe Helmbuſch bleibt Dein Sieger, denn wahrlich, hätten Deine rohen Henker mit der ſcharfen Eiſenſchiene Bianka's Arm nicht blutig geriſſen, vom ſichern Wurfe ſäße jetzt mein Stilett in Deiner Kehle, und Du lägeſt verblutend zu den Füßen Deiner Siegerin.— Bianka? Du? fragte mit gedämpfter Stimme der Eroberer. Du, Bianka de la Porta, welche der Ruf die Schönſte nennt unter Padua's Frauen, auf welche die gefeierten Römerinnen eiferſüchtig ſind, und die den Neid der unſchönen Neapolitanerinnen erweckte?— Bianka bin ich, ſagte ſtolz die Frau, des unſterb⸗ lichen Helden de la Porta Gemahl, die treueſte Padua⸗ nerin, Deinem Henkerbeil verfallen, doch Deine Marter verlachend, denn drüben winkt mir ewige Vereinigung, drüben unvergängliche Freude, und zum Engel verklärt ſteht der Geliebte neben Sanct Pietro und öffnet mir das Paradies, welches Du verſcherzteſt und worin kein Platz iſt für Deinesgleichen.— Mit dem ſichtlichen Erglühen erwachender Sinnlich⸗ keit überlief Acciolini's dunkeles Auge des Weibes herr⸗ liche Geſtalt. Schande über den Mann, welcher zerſtörend ſeine Hand legen möchte an das Meiſterſtück der Schöpfung! ſprach er im Tone ritterlicher Galanterie und freundlich zu der Erſchreckenden tretend. Iſt Acciolini ſo ſicherlich, wie Du meineſt, verſtoßen aus dem himmliſchen Para⸗ dieſe, o wie könnteſt Du ihm dann verdenken, wenn er ſein Paradies auf Erden ſucht? Und bei dieſer unbe⸗ ſiegten Hand, Du biſt die Einzige, welche ihm die Erde in ein Himmelreich zu wandeln vermöchte, und ſo —————— 205 wahr ich meiner Mutter Sohn bin, Du ſollſt es, Du mußt es.— Entſetzlicher! rief die erbleichende Bianka. Welch ein ſataniſcher Gedanke blitzt Dir im Auge?— Bianka! fuhr der Sieger fort, lodernden Blicks und mit Heftigkeit ihre Hand ergreifend. Du biſt meine Sklavin; ich könnte Dich mißhandeln, ich könnte den Leichnam Deines Gatten beſchimpfen. Aber meine Rache ſei edler. Ich will Dich ehren, wie ich noch kein Weib auf Erden ehrte, meine Rache an dem todten Wider⸗ ſacher ſei ſo einzig, wie Acciolini einzig ſteht in ſeiner Zeit. Die Liebe, die Treue, welche Du jenem Baptiſta gabſt, will ich verjagen aus Deiner ſchönen Bruſt, in meinen Armen ſollſt Du ihn vergeſſen, ſo ihn beſiegend, will ich jede Unbill verzeihen und verſchmerzen, die er mir gethan. Die Schönheit gehört der Kraft, die Hel⸗ din gehört zu dem Helden. Beugt Eure Knie, ſenkt Eure Schwerter vor ihr, meine Tapfern, denn Bianka theilt von heute Acciolini's Ruhm und Acciolini's Thronen.— Hülfe! ſchrie Bianka mit der Stimme der Verzwei⸗ felnden. Unbarmherziger Barbar gib mir den Tod! Nichts verlange ich von Dir, als den Tod, den Du noch keinem Deiner Gegner verweigert! Steiget denn kein Engel aus den Wolken herab, die verhöhnte Unſchuld zu retten, und iſt der Himmel taub, wenn die wehrloſe Taube in des Geiers Klauen kreiſcht? Männer der Ehre, hat Keiner ein Schwert für mich und einen Arm der Rettung für eine Wehrloſe?— Ein leiſes Hohngelächter lief an den Wänden herum; aber unter dem Gedräng in der Pforte entſtand ein be⸗ ſonderes Gelärm: einige der Schützen ſtolperten von 206 rücklings geſtoßen über die Schwelle, und ein junger Krieger ſtürzte mit blankem Schwerte mitten in den Saal. Es war Cornelio de Sorba; um ſein blaſſes Antlitz flogen die dunkeln Ringellocken, er blutete aus mehren Wunden, aber mit dem trotzigen Muthe eines Hektors, der ſein Heiligthum vertheidigt, warf er ſich vor das beängſtigte Weib, und vor ſeinem Anblicke wich ſelbſt der rieſige Feldherr einige Schritte zurück. Du riefſt, Heilige, Angebetete! Hier bin ich! ſtieß der Jüngling aus der athemloſen Bruſt hervor, indem er einen Augenblick das Knie vor Bianka bog. O ver⸗ zeih, daß Dein Ritter nicht an Deiner Seite blieb! Der Kampf trennte mich von Dir, aber ich ſchlug mich Dei⸗ nem Helmbuſche nach, und ein Dutzend der feilen Knechte dieſes Barbaren mußten es mit dem Leben büßen, daß ſie mich hindern wollten, Deinen Ferſen zu folgen.— Kräftig erhob er ſich dann wieder und trat mit blitzen⸗ den Augen dem Tyrannen entgegen. Kämpft der Ritter auch mit Weibern? fragte er wildheftig. Gib ſie frei, ſchwöre ihr ſicheres Geleit bis Padua. Mich magſt Du nehmen zum Ziele Deiner Blut⸗ luſt, aber ſo wahr ich ein Mann bin, nur über meine Leiche geht der Pfad zu dieſer Herrlichen.— Acciolini's Auge hatte mit düſteren, forſchenden Blicken bis jetzt auf des erhitzten Jünglings Geſicht geruht. Jetzt erwuchs ſeine Geſtalt, ſich erhebend zu einer rieſigen Größe, ſeine Züge erhielten jene ſteinerne, verderbendrohende Kälte, welche alle, die ihn kannten, gleich dem Anblicke des Meduſenhauptes fürchteten.— Was willſt Du, Knabe? fragte er mit kaltem Hohne. Dein Geſicht iſt mir nicht unbekannt, und erweckt mir Erinnerungen, welche ich haſſe, gleich dieſem Geſicht. 207 Wurm unter meiner Sohle, ſchmiege Dich aus mei⸗ nem Wege, ehe der eherne Schritt des Kriegsgottes Dich zertritt.— Aber Cornelio zagte nicht. So erkennt mich Dein Gewiſſen? fragte er gleich hohnvoll zurück. Höret das Wunder, ihr Männer von Eiſen, dieſes Herz von Stahl hat noch eine Stelle, wo es weicher geblieben und ver⸗ wundbar iſt. Höret es denn! Dieſen Mann nannte meine verſtoßene, gemarterte Mutter meinen Vater.— Aber nein! nein! ſie log mir oder täuſchte ſich ſelber! Nein!— Er iſt nur ein Höllengeiſt, der die Unſchuld betrog und verdarb. Ich bin nicht ſein Sohn; ich bin nichts als der Rachegeiſt zweier edlen Frauen, und als ſolcher zücke ich dieſes Schwert gegen ihn im Gottes⸗ gericht.— Eine wilde Bewegung wurde ſichtbar im ganzen Aeuſ⸗ ſern des mächtigen Städtebezwingers. Genug der Lüge und Frechheit! rief er zornbebend. Mein Schwert iſt zu edel für den Schädel dieſes Landſtreichers. Heran, auf ihn, ihr Leibwächter, ſchlagt ihn nieder mit euren Kol⸗ ben, und werft den zerfetzten Leib hinaus zum Futter der Hunde und Raben.— Aber keine Waffe regte ſich im weiten, menſchenvollen Saale; das Ungewöhnliche, das Ungeheure ſolch feindlicher Begegnung zwiſchen Va⸗ ter und Sohn hielt die Seelen wie die Arme in den Feſſeln des Entſetzens. Triumphirend blickte Cornelio durch den Saal, indeß er ſein blankes Schwert mehre Male um ſein Haupt im ſchimmernden Zirkel ſchwang. Fühlſt Du das Gericht Gottes, Thrann! rief er mit ſchallender Stimme. Dein ſchlechtes Leben hängt an der Spitze meines Stahls; Deine Kreaturen fallen von Dir ab, Deine Teufel verlaſſen Dich und die Hölle lacht. 208 So ſei denn mein Schwur gelöſet, die Mutter gerächt und Dein Reich zu Ende!— Mit einem heftigen Ausfall ſtürzte er auf Acciolini los, und ein gemeinſamer Schrei unterbrach die Stille und Erſtarrung, denn Jeder glaubte den Herrn durch⸗ bohrt vom gewaltigen, ſichern Stoße. Aber der rieſige Feldherr, erſchüttert durch den Ungehorſam der Seinigen, hatte in dem Moment der Gefahr ſeine Beſonnenheit ge⸗ ſteigert und keine Bewegung des gefährlichen Gegners unbeachtet gelaſſen. Mit dem linken Arme ſchlug er die Klinge zur Seite, und ſeine rechte Fauſt griff dann ſo quetſchend die Hand des Jünglings, daß er dem ſtärkern Feinde die Waffe überlaſſen mußte. Aber mit der höch⸗ ſten Anſpannung der Verzweiflung ſprang der Entwaffnete gegen die Bruſt des Tyrannen, faßte mit den Händen Hals und Kehle des Gewaltigen und hing ſich würgend an ihn gleich dem edlen Schweißhunde, der die weißen Hauer des ſchäumenden Ebers nicht ſcheuet. Doch nur einen Augenblick dauerte dieſer ungleiche Kampf. Der übermenſchlichen Gliederkraft des Kriegesfürſten blieb der blutende, ſchon vom frühern Streite geſchwächte Corne⸗ lio nicht lange gewachſen. Acciolini's herkuliſche Fauſt riß den Feind von ſeinem Halſe, und mit Schrecken ſah man den jungen Krieger, der die Theilnahme Aller ge⸗ wonnen, rücklings zu Boden geſchmettert, hörte das herzerſchütternde Krachen ſeiner Gebeine auf dem harten Eſtrich, und nicht genug— im unaufhaltbaren Grimme ſtürzte der Vater ihm nach, das Schwert ziſchte durch des Liegenden Bruſt, und geſpießt auf die eigene Waffe wandte er ſich noch einmal zur Seite in dem ſprudeln⸗ den Blutſtrome, hauchte leiſe:„Bianka!“ und ſtreckte ſich lang und lag entſeelt vor den entſetzten Kriegern da.— 209 Die Wittwe de la Porta's hatte, in die Knie geſun⸗ ken und verſtummt, die grauſe Scene angeſehen, einer Niobe gleich, welcher Angſt und Schmerz das Blut er⸗ fror. Jetzt raffte ſie ſich auf: Kindesmörder! ſchrie ihr Mund in einem Tone, deſſen gellendes Gekreiſch alle Dhren verwundete, und hinüber floh ſie zu einem Fen⸗ ſter, welches offen da ſtand und wo der Raum leer war, und ehe eine hindernde Hand ſich nach ihr ausſtrecken konnte, hatte ſie ſich hinabgeworfen und war den Augen der Nachblickenden entſchwunden.— Acciolini ſtand vor dem Opfer ſeiner Wuth; das Schwert war ſeiner Hand entfahren und ſtack in dem Todten. Er hielt mit der Hand eine Weile ſein Geſicht bedeckt. Die Stimme Bianka's, ihre Flucht, ihr Sturz gab ihm die Beſinnung zurück. Furchtbar zuckte ſeine geballte Hand gegen ſeine Krieger. Hinunter, ihr Ver⸗ räther! donnerte er. Die Thörichte habe ihr Loos! Aber wieder muß ich ſie haben, todt oder lebendig!— Wie erſchöpft warf er ſich dann in den Seſſel. Alle Männer drängten hinaus, froh die Gelegenheit benutzend, den Augen des ergrimmten Führers zu entkommen.— Doch bald kehrte Agoſto Lui, ſein Günſtling, zurück, und brachte die Botſchaft, die Gefangene habe unverletzt den Boden erreicht. Die geſchmeidigen Zweige eines dunklen Lorbeerbaumes trugen ſie ſanft zur Erde hinab. Aber ſchnell ſich aufraffend zur Flucht hatte man ſie den nahen Kloſterhof durcheilen und hinter den Gebäuden verſchwin⸗ den ſehen. Die Schützen waren ihr nach, und ihr Ent⸗ kommen blieb unmöglich. Finſter erhob ſich Acciolini, neigte zuſtimmend das Haupt, und zeigte dann auf Cornelio's blutbegoſſene Leiche. Schau, Agoſto! ſagte er mit verhaltener Stimme. Blumenhagen. V. 14 210 Das iſt der erſte Mord, der mich gereut. War mir doch, als öffneten ſich meine eigenen Adern und mein Leben entflöhe mit ſeinem letzten Athem. Aber der Tro⸗ tzige wollt's nicht anders, und halsſtarrig gleich ſeiner Mutter beugte er ſich meinem Willen nicht, ſuchte gleich ihr nur einen Theil meines Glanzes, nicht mich und meine Liebe. Fahre hin! Du legteſt zuerſt die Hand an den Vater, und Dein bleiches Geſicht darf mich nicht ſchelten! Aber ſieh, Agoſto! Welch ein Kleinod ſchim⸗ mert auf ſeiner Bruſt! Greife hinab, Agoſto, und reiche mir die goldene Kapſel!— Der Hauptmann that, was der Herr befahl. Doch das vermeinte Reliquienkäſtchen, wie es jeder Italiener zu tragen pflegt, enthielt zwei weibliche Bilder. Bianka de la Porta! Sie iſt es! fuhr Acciolini auf. So biſt Du nicht ſo eiſeskalt, ſo eiſentreu, als Du Dich ſtellſt, ſtolze Paduanerin? Nur der weiche Jüngling war Dir lieber als der ſtarre Mann? Wahre Dich, Flüchtlingin, denn dieſe Entdeckung nimmt Dir die Heiligenkrone, macht Dich zur nackten Eva, und Du darfſt dieſe meine Arme nicht mehr zurückdrängen im Tugendzorne. Und hier! —— er kehrte die Kapſel.— Thereſina! rief er mit innerm Erbeben. Forderſt Du den Sohn vom Vater? Freue Dich, ich habe Dir die höchſte Gunſt gewährt, habe Dir den tollen Buben nachgeſandt in Deine Fin⸗ ſterniß; da werden ſich küſſen die Lippen von Staub, da können eure Gebeine klappern in kalter Umarmung, und mitſammen auf die Auferſtehung warten!— Ein Gelächter, wild und eintönig, ſchallte von ſeinen Lippen; er verließ die Halle, und verſchloß ſich in das hinterſte Gemach des Hauſes, und ließ zum Erſtaunen aller ſeiner Genoſſen und Kampfgefährten Niemanden ————— 211 vor ſich, überließ die Gewalt über die gewonnene Stadt ſeinen Günſtlingen, ſorgte weder für die Erbauung von hohen Galgen und dräuenden Schaffotten, kümmerte ſich nicht um die Säckel der reichen Fabrikherren, Erſchei⸗ nungen, die keiner ſeiner Gefährten und Kumpane bis jetzt an dem mitleidsloſen Führer erfahren hatte, und worüber Baſſano's Bürger ſich ſelbſt beunruhigten, da ſie den härtern, überraſchenden Todesſchlag der bekannten Feindeskeule hinter dieſer unglaublichen Schonung ver⸗ borgen glauben mußten. Und nicht lange dauerte es, ſo wurden die Ueber⸗ wundenen in ihrer Furcht und Ahnung beſtärkt. Bianka blieb verſchwunden, keine Spur ihres flüchtigen Fußes fand ſich in der Stadt, obgleich Hunderte, geübt in ſol⸗ cher Arbeit, geſpornt durch die Hoffnung auf höhere Gunſt des Gefürchteten, mit ungewöhnlichem Eifer die Rollen der Spürhunde übernahmen. Man durchſuchte Klöſter, Kirchen, Paläſte, ja die Winkel jedes Bürger⸗ hauſes, die Keller jeder armſeligen Spelunke. Die kühne Springerin mußte ſich entkörpert und durch die Luft über Mauer und Thurm gehoben haben. Bei dieſer ſtrengen Hausſuchung entdeckte man aber Bianka's Schweſter, die arme Giuſtina, im Hauſe der de la Fonte's, wohin Giu⸗ lio ſie zu der Mutter geflüchtet, und der Verberger wie die Verhehlte wurden zu Acciolini's Quartier geführt, zugleich ein Dutzend der angeſehenſten Einwohner auf Lui's Befehl als Geiſel gefangen geſetzt und mit dem Tode bedräuet, wenn binnen drei Tagen die Gattin des Commandanten nicht geſchafft worden; dem Entdecker 212 ihres Aufenthalts ward zugleich eine anſehnliche Geld⸗ belohnung verheißen. Die Einſamkeit, zu welcher der Uſurpator ſich ſelbſt verdammt, um die Zerrüttung ſeines Gemüths ſeinen Soldaten zu verhehlen und dadurch ſowohl den gewohn⸗ ten Reſpekt, als die nöthige Furcht in ihren knechtiſchen Seelen unverringert zu bewahren, hatte eine beſondere, und ihm ſelbſt unerklärliche Wirkung auf ihn hervor⸗ gebracht. Der Weiberliebe ergeben, wie die meiſten Gewaltigen ſeiner Zeit, war ihm bis jetzt die Schönheit nichts geweſen als ein Spielwerk ſeiner Begier, ein Ziel ſeiner Lüſte, eine gern geſuchte, doch wenig werth gehal⸗ tene Erholung zur Zeit der Waffenruhe, die nur durch den Wechſel ihm neu geblieben. Wie er ſo manches Heilige im überſchätzten Gefühle ſeiner Macht ſeinem Spotte preisgegeben, ſo dünkte ihm auch das Sakrament der Ehe eine Fanggrube für Knaben, die ihrer Freiheit gram geworden, und treue Liebe zu einem weiblichen Weſen ſchalt er oft gegen ſeine jüngern Ritter einen Wahnwitz, der den Mann ſelbſt zum Weibe wandle. Im gereiften Mannesalter ſollte er zum erſten Male er⸗ fahren, daß der Liebesgott, obgleich ein Kind, an ſeinen Verächtern ſich zu rächen weiß, und für ſie boshafter Weiſe ſeine Pfeile in das furchtbarſte aller Gifte taucht. Aeciolini konnte die nur einmal Geſehene nicht ver⸗ geſſen, konnte den Traum nicht vergeſſen, welchen ſeine Phantaſie bei ihrem erſten Erblicken geboren, und in welchem die Hervine als Gefährtin ſeiner Kriegeszüge, die üppig erblühte reizvolle Geliebte als ſeine Zeltge⸗ noſſin am Siegesabende gleichen Rang eingenommen, und das Bild in der Silberkapſel entflammte immer neu die ermattete Glut, und trieb ſie zu der Brunſt einer Raſerei —.— —— —— —,— 213 hinauf, welche den Mann, der gewohnt war, überalb ſeine Wünſche mit Gewährung belohnt zu ſehen, wirklich zu verzehren drohete. Da erſchien am Abende des dritten Tages ein Mann, dürr wie ein Lanzenſchaft, an der Pforte ſeiner Reſidenz, und ließ ſich nicht abſchrecken weder durch die ſpöttiſchen Zurückweiſungen, noch durch die dräuenden Geſichter der Leibwächter. Es war Lazaro Gambello, und mit kecker Stirn und zuverſichtlichen Mienen verlangte der vertrock⸗ nete Exhauptmann zu dem Feldherrn geführt zu werden, Ein herzutretender Oberſt hörte ſein Geſuch, und gelei⸗ tete ihn ohne Anfechtung vor den düſtern Gebieter. Was willſt Du? fragte der rieſige Graf den vor der Donnerſtimme des Finſtern erſchrockenen Söldner. Glaubſt Du, ich kenne Dich nicht? Zu vier Malen verkaufteſt Du Deinen Arm meinen Gegnern, aber meine Helden blieben ſicher vor Dir, wie Du vor ihnen, denn Deine langen Gliedmaßen waren geübt in der Kunſt des ge⸗ jagten Wildes, für welche es in meinem Dienſte keine Lehrer gab. Der Spion, der Dieb meines Gepäckes ſollte ſeinen Hals vor dem Steigriemen meiner Reiter gewahrt haben.— Und doch wagt Gambello ſelbſt ſeinen Hals zu brin⸗ gen, entgegnete der Dürre, allen Muth zuſammenleſend; ja, er wagt mehr, denn er bittet um eine Hauptmanns⸗ ſtelle unter Acciolini's Panier, als Belohnung für das, was er als Tribut zu ſeinen Füßen hinlegt.— Es iſt ein Narr! ſprach Acciolini verächtlich. Tau⸗ fet ihn mit Eiswaſſer, und ſperret ihn feſt, daß er nicht beißt oder ſonſt ſchädlich wird.— Aber Ihr ſucht doch die Frau des de la Porta mit Begier, erwiderte mit Haſt und vor dem Befehle 214 erbebend der Söldner, und habt hohen Preis auf ſie ge⸗ ſetzt.— Bianka? Weißt Du von ihr? fragte heftig der Finſtere, ſich mit Lebhaftigkeit zu dem Zitternden zurück⸗ wendend.— Ich ſetze dieſes gute Wamms gegen einen zerriſſenen Lazaroni⸗Mantel, wenn ſie nicht ganz in der Nähe iſt und nicht im Auguſtinerkloſter ſteckt, antwortete mit dreiſter Stirn und der Schrellſprache tiefſter Angſt Gambellv.— Das Kloſter ward durchſucht, fiel ihm der Feldherr unwillig in die Rede.— Edler Herr, fuhr der Dürre mit widerwärtiger Ver⸗ traulichkeit fort, indem er ſich ganz nah an den rieſigen Kriegesfürſten heranwagte, die Winkel der Marketender⸗ bude eines Feldlagers ſind Euren Soldaten nicht fremd, aber die Heimlichkeiten eines Ordenshauſes auszuſpüren, iſt ſelbſt eines Kaiſers Naſe nicht fein genug. Ein Laien⸗ bruder des nahen Kloſters erhandelte heute früh einen vollſtändigen Frauenanzug bei der Signora Papero, ei⸗ ner wackern Kaufmannsfrau und meiner lieben Wirthin. Was thut der Mönch mit Weiberkleidern? fragte ſelbſt die gern ſchnatternde Signora. Zum Karneval iſt's noch lange hin. Und ich frage Euch wie die Frau Papero, und ſetze meinen Hals obendrein daran, die Seidenklei⸗ der wurden für die ſchöne Paduanerin gekauft, die in ihres Mannes Koller ſich unbequemlich fühlen mag. Ueberdies waren die Auguſtiner vor Eurer Zeit tägliche Geſellſchaft in dieſem Hauſe; das konntet Ihr nicht wiſ⸗ ſen, wohl aber ich, der oft einem ſolchen Kapuzenträger in der Thür Platz machen mußte.— Verderben über ihre Glatzköpfe, wenn ſie es gewagt! —— — — 215 rief aufbrauſend der Graf. Aber Dir einen Stein an den Hals und ein Bad im Waſſer der Brenta, wenn Du uns irr geführt.— Menſchen ſind wir Alle, entgegnete Gambello; iſt's ein Irrthum, ſo leuchtet doch der gute Wille ſo klar, daß Eure Gnade mir das lange Bad erſparen dürfte.— In wilder Unruhe ertheilte der Kriegsfürſt jetzt ſeine Befehle. Seine Dienſtwilligen flogen ab und zu, bald ſah man das Kloſter von Schwertmännern umſtellt, und Anſtalten getroffen, die den höchſten Ernſt verriethen. Acciolini ſelbſt trat an die Spitze der Unternehmung. Die Thüren zum Wohngebäude fanden ſich feſt verriegelt, und am Sprechfenſterchen zeigte ſich nur der Bruder Pförtner und verſagte die Heffnung, indem ein ſtrenger Pönitenztag jedem Ungeweihten den Eintritt verſagen müſſe.— Merkt Ihr die Witterung der Füchſe? fragte hämiſch und triumphirend lächelnd der dürre Söldner. Man verſuchte jetzt den Eindrang in die Kirche und zur Ver⸗ wunderung fand man die Pforten unverſchloſſen, und ſtürmiſch folgte die aufgereizte Kriegerſchaar dem ein⸗ pringenden Führer in das geweihte Gotteshaus. Doch die gehobenen Schwerterſpitzen ſanken und der Lärm wurde in tiefes Schweigen umgewandelt vor dem Anblicke der dort den beutegierigen Augen der Stürmer erſchien. Auf dem hohen Chore, das nur von dem inneren Ge⸗ väude her zugänglich war, ſah man die ganze Brüder⸗ ſchaft verſammelt und in feierlicher Ordnung aufgeſtellt. Vorn am Rande des Geländers ſtand der Prior in ſei⸗ nem Ornate, die heilige Monſtranz erhoben in ſeinen Händen, und neben ihm gewahrte man den gefürchteten Bußprediger Johannes von Vicenza.— 216 Was will der Mann des Fleiſches, der Knecht der Sünde, im Heiligthume? fragte der Letztere mit ſcharfer Stimme, die wie die kreiſchende Poſaune eines Straf⸗ engels vom weiten Gewölbe wiederhallte, und alle Ein⸗ gedrungenen erbleichen machte.— Ihr habt meine Gefangene verſteckt, rief Acciolint im Tone der Wuth. Mein iſt dieſe Stadt; gebt heraus, was mein Gut iſt, wo nicht, ſo zittert vor meinem Zorne.— Zittern die Sterne auch vor dem Toben des irdiſchen. Orkan? antwortete Johannes. Und haſt Du die Sonne wanken ſehen, wenn Du in kindiſcher Wuth den Boden ſtampfteſt mit der Sohle von Erz? Geh' in Dich, Sün⸗ der, und frevle nicht an Deinem Gotte. Wirf Dein blutiges Schwert von Dir, ſtrecke Dich nieder auf die geweihten Steine, die Du ſchändeteſt, und geißele Deinen Leib eine Nacht lang, daß er entſagen lernt und ſeine Armſeligkeit erkennt. Dann ſoll Verzeihung werden und Abſolution dem argen Verbrechen, in dem mein Auge Dich fand. Und wäre das unglückliche Weib, das Du ſuchſt, in dieſem Tempel des Allmächtigen verborgen, ſo bliebe ſie unerreichbar Deinem Arme, denn Gottes Schutz iſt mächtiger als der Deine; ſein Blitz würde den Pau⸗ lus niederſchmettern, der ſein Heiligthum zu ſchänden wagte, und Dein Tollſinn ein Beiſpiel werden für Alle Deinesgleichen.— Alſo iſt ſie bei euch? raſete Acciolini auf. Und Du ohnmächtiger Prieſter wagſt mir mein Eigenthum zu weigern? Tollſinniger, Du ſelbſt! Habe denn, was Du gewollt. Auf, meine Braven, laßt euch nicht verſpotten von dieſen Verräthern in heiligen Kleidern. Stürmet ihre Feſte, Leitern herein hinauf euerer Pfeile flüchtigen ————— 217 Tod, ihr meine Schützen! Nur die Zunge iſt ihre Waffe und einen wehrloſern Wall erſteigt ihr nie! Hinauf, Acciolini's Schätze lohnen euch und er ſelbſt ſteiget vor⸗ an, und nimmt jede Sünde, die Pöbelwahn darin finden möchte, auf ſein eigenes Haupt! Da ſchien die Geſtalt des Bußpredigers zu einer doppelten Höhe zu erwachſen, ſein Antlitz ſchien zu leuch⸗ ten und weit aus ſtreckte er die weißen, abgemagerten Hände. So falle denn Fluch und Bann über euch Frevler, welche der Warnungsſtimme das Ohr verſchloſſen! ſchrie er mit kreiſchendem Tone. Reget ihr ein Glied gegen dieſes Heiligthum, ſo ſollt ihr verſtoßen ſein aus der Gemeinſchaft der chriſtlichen Brüder und gleichgeachtet den Heiden und Mohren, die von Gott nichts wiſſen. eure Speiſe werde Gift und euer Trank ſalziges Waſ⸗ ſer des Meeres! Keine Kirche öffne euch die Thüren, und die Stufe des Altars brenne glühend in eure Sohle! Heimathlos ſollt ihr irren durch die Welt gleich dem ewigen Juden, der den Herrn verhöhnte! Verflucht das Dach, das euch decken möchte, verflucht die Hand, die euch befreundet grüßt, verflucht ihr ſelbſt, bis ihr ohne Beichte, Abſolution und Oelung hinab fahrt in die tiefſten Tiefen des Schlundes der Hölle für eine Ewigkeit!— Erſchöpft hielt der Prediger inne, aber ſein Wort hatte gewirkt; die Kämpfer ſahen zagend auf ihren Herrn, und mehre waren unwillkürlich in die Knie geſunken. Doch Acciolini's Blicke fuhren über ſie hin, wie die ro⸗ then Strahlen des Verderben kündenden Kometen. Er riß ſein langes Schwert aus der Scheide und ſtreckte es, 218 mit furchtbarer Geberde im Antlitz, gegen den Strafpre⸗ diger hinauf. Haſt Du vergeſſen, Mönchlein, zu wem Du ſpracheſt? rief er, mit ſchallendem Hohnlachen die Frage beglei⸗ tend. Iſt die Hiſtorie vom Grafen Acciolini, die jedes Kind in den Marken Treviſo's zitternd nachplappert, nicht in Deine traurige Zelle gelangt? Hätten wir dieſe eherne Bruſt einer halben Welt entgegen geworfen, und ſollten uns vor dem Fuchs im Lammespelze verhöhnen laſſen, und das ſtolze Haupt ihm beugen in Weiberfurcht? Das Recht iſt neben uns, und Dein Gott blitzt nicht herun⸗ ter, dem Hehler unſerer Feinde zu gefallen. Thörichter Pfaff, was weiß die Welt von Deinem Bann, wenn ich Dich und Dein Kloſter vertilge von der Erde, wenn meine Flamme Dein Gebein zerfrißt und die Knochen Deiner zagenden Heerde, daß kein Staub übrig bleibt, zu Zeugen im Winde gegen mich. Und ſo ſei es, Dir zur Strafe und Deinesgleichen zum Beiſpiel. Reget euch, meine Getreuen, Acciolini befiehlt! Löſcht im Feuer aus die Acht, die uns verderben ſollte! Herein Pechfaß und Fackelbrand! Umſtellt den Kloſterhof und ſtürzet zurück in die Brunſt, was zur Flucht den Fuß regt! Acciolini gebietet! Und bei dem Donner des Himmels, wen ich noch länger bleich daſtehen ſehe gleich einem Knaben, der die Ruthe fühlte, den ſoll meines Schwer⸗ tes Spitze aufkitzeln und zu einem blutenden Manne machen.— Die Stimme des Gewaltigen verfehlte die gewohnte Wirkung nicht. Ein wildbewegtes Leben rauſchte durch Alle, die erſtarrt geſtanden. Viele ſtürzten hinaus, das nöthige Geräth zu ſchaffen, um des Führers Drohung zur That zu wandeln; mehre ſchlugen die Betſtühle und 219 Geländer zuſammen, ſofort ein Gerüſt daraus zu bilden, um zu dem Hochſitze der Mönche hinauf zu gelangen, und zitternd wich die fromme Brüderſchaft zurück, und ſelbſt der muthige Johannes von Vicenza ſtarrte ver⸗ ſtummt hinunter in das flutende Menſchenmeer, das im⸗ mer drohender und tobender gegen die Diener der Kirche heranſchwoll. Da drängte ſich plötzlich eine Frauengeſtalt durch die bebenden Mönche, und trat furchtlos dicht an das Ge⸗ länder des Chors, obgleich die Stürmer ſchon allerlei Stein⸗ und Holzwerk heraufſchleuderten und ſchon einige Handpfeile heraufgeworfen wurden. Halte ein, Du fürchterlicher Menſch! ſo tönte Bian⸗ ka's melodiſche Stimme in die rauhen Kriegesklänge der bärtigen Kehlen. Um meinetwillen ſollſt Du nicht Deine Seligkeit vernichten auf ewig, um meinetwillen ſollen die unſchuldigen Werkzeuge Deines unbeugſamen Willens nicht verſtoßen werden aus dem Mutterſchoße der hei⸗ ligen Kirche, um meinetwillen ſoll kein Gotteshaus ge⸗ ſchändet ſtehen, um meinetwillen ſoll dieſe treue, gaſtfreie Brüderſchaft nicht als ein Opfer fallen Deiner heilloſen Wuth.— Erſchüttert faßte der Pater Johannes ihre weiße Hand. Was thuſt Du, meine fromme Tochter? ſagte er mit bebender Stimme. Warum rennet das Lamm ſelbſt in den gierigen Rachen des Wolfs? Glaubſt Du an einen Bund, an eine Verſöhnung mit ihm? Warum läßt Du uns Alle nicht lieber zuſammt ſterben den ſchönen Mär⸗ tyrertod, der gerade hinauf führt in den Kreis der Se⸗ raphien? Der heilige Auguſtinus mit dem flammenden Herzen in der Bruſt winkte uns zu ſich. Heilige Flam⸗ men hätten unſern Leib verzehrt und der kirchenſchändende 220 Mörder hätte in Höllengluten ſeine Unthat gebüßt eine entſetzliche Ewigkeit hindurch. Warum hemmſt Du Got⸗ tes Gericht in weichherziger Thorheit?— Ein Wink von Acciolini's Schwerte hatte dem Unwe⸗ ſen in der Kirche augenblicklich ein Ende gemacht. Das Flammenfeuer ſeiner dunkeln Augen erloſch bei Bianka's Erſcheinen ſofort, und nur eine milde Glut leuchtete aus ſeinen Blicken zu ihr hinauf. War ihm die Heldin im Männerkleide als Siegerin ſeines Herzens erſchienen, ſo däuchte ſie ihm jetzt in der dunkeln Seidentracht ihres Geſchlechtes ein Friedensengel, der herabgeſtiegen vom Himmel, ſein ganzes wüſtes, ruheloſes Leben in eine dauernde Glückſeligkeit umzuſchaffen. Näher hinan trat er unter das Chor, und mit ſo milder Stimme, wie ſie nie zuvor von ſeinem bärtigen Munde gehört worden, ſprach er hinauf: Sprich, Bianka! Was iſt der Preis Deines Beſitzes? Acciolini wird Deine Bedingungen hö⸗ ren, wird Spott und Flucht verzeihen, wird Deiner Rede Ohr und Herz öffnen ſo gnädig, wie er bislang keinem Gegner gethan.— Gott allein iſt gnädig! antwortete Bianka mit Fe⸗ ſtigkeit. Menſchen können nur den Leib martern, und auch Dich gebar eine Mutter. Ich fürchte den Tod ſo wenig wie dieſer, mein frommer Beſchützer, aber Nie⸗ mand ſoll leiden durch mich, und ſo will ich mein Ge⸗ ſchick erfüllen, will hinabſteigen als Deine Gefangene, wenn Du mir ſchwureſt zuvor, was ich verlange.— Nenne die Bedingniß! rief ungeduldig Acciolini.— Schwöre mir bei dem Gott, der auch Dich erſchuf und Dich richtet, ſchwöre mir auf das Kreuz des Erlö⸗ ſers, der auch für Dich geblutet, keine Hand an mich zu legen, noch mir Gewalt anthun zu laſſen durch Deine 4 221 Gefährten, dann will ich hinabſteigen zu Dir und Dir gehorchen als Deine Magd, wenn Dein ritterlicher Sinn nicht zur Beſinnung kommt und nicht Krieg und Rache an einem Weibe ſeiner unwürdig und ihm ſelber ſchimpf⸗ lich erkennt. Schwöre und ich ſteige hinab.— Feierlich, aber entſchloſſen ſprach die edle Frau alſo. Acciolini beſann ſich nur wenige Minuten. Sein langes Schwert bei der Klinge ergreifend, hielt er den Kreuzes⸗ griff deſſelben empor und legte die Finger ſeiner Rechten hinauf. Du haſt mein Herz verwandelt, Bianka, ſprach er mit Feuer, Du haſt das Erz meiner Bruſt zerſprengt, das durch Jahre ſich um den Born des Lebens gehäuft und gehärtet. Hätte Acciolini Dich früher gekannt, er wäre ein Anderer geweſen. Steige herab und vollende die Neugeburt eines Mannes, der ſich noch Niemanden gebeugt auf Erden! Deine Gegenwart iſt mir unentbehr⸗ lich geworden. Nur immer ſehen will ich Dich, Dein Beſchützer bleiben für immer, wenn die Zeit Dich nicht einen ſchöneren Namen lehret für mich. Meine Fahnen will ich reißen von meinem Panierwagen, und Du ſollſt ihn beſteigen als meine Bellona, der nimmer der Sieg ermangeln kann. Steige herab zu mir, denn ich ſchwöre auf's Kreuz und bei meiner ritterlichen Ehre und bei der Aſche meines tapfern Vaters, was Du begehrſt zu erfüllen treu und gewißlich!— Bianka drückte ihre weiße Hand ſchmerzlich gegen ihre hohe Bruſt, ſchlug die großen Augenſterne hinauf zum Gewölbe der Kirche und ſchien mit Inbrunſt zu be⸗ ten, dann ging ſie langſam zurück vom Chore, und die Auguſtiner folgten ihr wie einer Heiligen. Ungeduldig erwartete ſie Acciolini auf dem Kloſter⸗ 222* hofe. Die Thür des Kloſters öffnete ſich, und bleich und ſchwankend wie eine Büßende, die zum Tode geht, trat die Paduanerin heraus. Pater Johannes führte ſie an der Hand.— Herrliches Weſen! fuhr der Graf ihr entgegen. Fühlſt Du denn nicht den Stolz des Sieges über den Gewal⸗ tigſten, der nie einem Mann unterlag? Beſticht Dich nicht der Ruhm, den Du theilen ſollſt für immer? Tau⸗ ſenden gebietet mein Wink, und ein Königreich zu ge⸗ winnen hob ich dieſen Arm, und Du ſollſt gebieten mit dem Wimper Deines ſchönen Auges dem Gebieter von Tauſenden, und Du ſollſt Königin ſein des Schöpfers von Königreichen!— Waſche zuvor Deine Hand rein vom Sohnesblute, ehe Du ſie ausſtreckeſt zu mir! entgegnete mit Schau⸗ dern Bianka. Tage müſſen hingehen und Monden vor⸗ überziehen, Du und ich und die Welt müſſen anders werden, ehe zwiſchen Dir und mir eine Gemeinſchaft aufblüht.— Accivlini biß ſich die Lippe, und zum Pater gewandt fragte er mit innerem Grimm: Und wer berief Euch und was wollet Ihr, ehrwürdiger Vater, deſſen Zunge ein Dolch iſt, deſſen Lippen dem Wurfſchütz ähneln und der aus der Hand kalte Blitze ſchleudert gleich dem heid⸗ niſchen Jupiter?— Dieſe Heilige hat das Haus des Herrn gerettet und ſich gegeben zum Abrahams Opfer, antwortete der Au⸗ guſtiner mit ernſter Ruhe; darum ſoll ihr der Tro des Herrn nicht fehlen, wenn ſie wandelt unter dem der Tigerheerde, und geworfen in die Löwengrube ſoll ihr des Engels Hand nicht ermangeln, der ſie ſtark macht und ihr die Rettung verheißt aus den Händen der 223 Gewaltigen, die den Herrn nicht fürchten und taub ſind ſeinem heiligen Worte.— Acciolini verſtummte und folgte dem frommen Paare in ſein Haus. Wenn eine wahre Leidenſchaft— nicht das Flitter⸗ ſpiel und Raketengeflacker ſinnlicher Triebe, die ſo man⸗ cher prahlende Schwächling zu grimmigen Affekten falſch⸗ münzet, um ſeinen leeren, todten Herzensſchacht als ein Silberbergwerk gelten zu laſſen;— wenn eine wahre Leidenſchaft wurzelt in den Tiefen eines Männerherzens, welches ein gereiftes Alter feſt macht und unzugänglicher für die Eindrücke des Alltaglebens, ſo iſt Gefahr dabei für uns ſelbſt und Alles, was ihm nahe ſtehet. Die Eiche, welche im Felſenboden wächst, zerſprengt mit der ehernen Wurzel den Felſen ſelbſt, und ihre rau⸗ hen, knorrigen Glieder greifen ohne Furcht nackt durch Luft und Licht, bis ſie wiederum nährendes Erdreich er⸗ faßt.— Glückliche, vom Geſchick begünſtigte Leidenſchaft des gereiften Mannes bietet dem Auge das ſchöne Bild vollendeter Kraft, unerſchütterlicher Treue, höchſter, end⸗ loſer Anſtrengung für höchſten Lohn; zurückgewieſene, durch Hinderniß geſperrte Leidenſchaft des gereiften Man⸗ nes gleicht dem Anblick des gehemmten Winterſtromes; ſeine unwiderſtehliche Kraft bricht das krachende Eis; vor ſich herſchleudernd die hochgethürmten Kryſtallberge, zerknickt er den Steinbau der koloſſalen Brücken, zerfetzt er dien hohen Dämme ſeiner ufer, ſtürzt über das Land, zertrümmert Mauer und Haus und ſchonet in ſeiner verheerenden Wuth nichts, was das Geſchick ſeinem Schreckensgange darbot. Ein merkwürdiges Leben, aus den ſeltſamſten Ver⸗ hältniſſen zuſammengebauet, geſtaltete ſich jetzt in dem Hauſe, welches zum Haupttheatrum der Scenen, die bis⸗ lang dem Leſer erzählt, erkoren wurde. Seinem Schwure getreu behandelte Graf Acciolini ſeine angebete Gefan⸗ gene mit all jener ritterlichen Courtviſie, die in jenem Zeitalter der Rohheit und des Adels der Fauſt dem Den⸗ ker als Räthſel erſcheint, und das Bild des duftigen Rößleins am Rande der drohenden Gletſcher darbietet, oder den zarten, dunkelgrünen Epheuſchlingen vergleichbar, die ihre Liebesranken um eine Rolandsſtatue hinaufflech⸗ ten und ſeine ſcharfen, eckigen Formen zu verhüllen be⸗ müht ſind.— Freilich beläſtigte er die unglückliche Bianka täglich mit ſeiner verhaßten Geſellſchaft, ſpielte die Rolle des drängenden Werbers mit der Glut des Jünglings und der feſten Zuverſicht des Mannes zugleich, und wahrlich, wenn körperliche und geiſtige Vorzüge, wenn Macht, Reichthum, Tapferkeit und Ruhm als Schätze gelten, von denen weibliche Herzen ſich leichtlich beſtechen laſſen, und um derenwillen die meiſten einen befleckten Wandel überſehen und die Reinheit des Gemüths nicht vermiſſen, ſo war Acciolini ein gefährlicher Werber, und nur eine Bianka konnte mit unbeſtechlicher Sicherheit ſeine Nähe dulden und an dieſem Flammen⸗werfenden Krater verweilen. Die Geſellſchaft der Schweſter milderte die traurige, faſt troſtloſe Lage der verlorenen Frau, und der kraftvolle Zuſpruch des unerſchütterlichen Johannes fachte ihre ge⸗ ſunkene Kraft wieder an durch ſtärkendes Gebet und den Hinaufblick zu dem allweiſen Lenker der Schickſale und das Reich der Unſterblichkeit.— Doch ein Mann wie Accivlini konnte dieſes Wälzen 225 auf dem Laurentiusroſt der Begier nicht lange ertragen. Schon kamen Momente, wo der ſtarrſinnige Krieger ſich ſeiner knabenhaften Werbung ſchämte, ſich ſelbſt ſchalt über die kindiſche Scheu, welche ihn mit kalter Geſpen⸗ ſterhand abhielt, den Beſitz eines Gutes ſich zu nehmen, das nach ſeinen Grundſätzen und ſeiner gewohnten Le⸗ bensweiſe ihm mit vollem Rechte gehörte und nach ſeinem Glauben ihm widerrechtlich vorenthalten wurde. Seine Geduld erſchöpfte ſich täglich mehr in dem Kampfe mit weiblichem Eigenſinne und ihm unnatürlicher Kälte, im⸗ mer mehr verlor Bianka's Heiligenſchein der glänzenden Blätter, er ſah nur noch das reizende, Wonne gebende Weib in ihr, und als nach einer ſtürmiſchen Stunde fie ihm mit ſichtlichem Abſcheu zugerufen: Mann des Blutes, waſche Dich erſt in den heiligen Wellen des Jordans, bevor Du es wagſt einem unbefleckten Weibe zu nahen! — als er dann beſtändig den ernſten Pater in ihrem Zimmer fand, da wachten all die eingeſchläferten Teufel wieder auf in ſeiner Bruſt, und er wehrte ihnen ferner nicht mehr. Ein Bote, den ihm Forellina de Romano ſchickte, ſcheuchte den letzten Reſt der Milde aus ſeinem Herzen und befeſtigte ſeinen Entſchluß. Der deutſche Kaiſer zog heran mit einem gewaltigen Heere, den Frieden der ita⸗ liſchen Provinzen herzuſtellen; ſeine Vorhut lagerte ſchon auf den Grenzgebirgen, und das Reich der kleinen Ge⸗ waltherren wurde mit ſeinem Eintritte ſicherlich zur un⸗ willkommenen Endſchaft gebracht. Knirſchend biß Graf Acciolini die Zähne zuſammen, als er das Pergament geleſen, und die Nacht gebar in ſeiner ſchwarzen Seele einen Plan, welcher der Unſchuld Verderben ſchwur und Blumenhagen. V. 15 226 ihr eine Schlinge legte, der ſie nimmer zu enigehen vermochte. Mit der Frühe trat der Werber unangeſagt in Bian⸗ ka's Gemach und erſchreckte gar arg die kaum vom Thrä⸗ nenbett erſtandene Frau. Sein Geſicht glühete aus dem dunkeln Barte hervor wie die ſtechende Sonne hinter Wettergewölk; ein unheimliches Feuer brannte in den unſteten Augen, ſeine Stimme kündete, trotz des freund⸗ lichen Grußes, in ihrer Bebung die Aufgeregtheit der Seele an, wie das Zittern des Laubes der hochwipflichen Bäume den nahen Sturm vorausſagt, und ſeine Hände waren geballt; das krampfhafte Muskelſpiel ſeiner Glie⸗ der verrieth den heuchleriſchen Kampf, mit dem der Geiſt für Augenblicke noch das rebelliſche Gemüth im Zaume zu halten ſtrebte.— Bianka, ſprach er, ſich zu ihr ſetzend, ich komme zum letzten Male zu Dir im Gewande des wimmernden, bittenden Schäfers! Ich habe Dir endlos lange Wochen den Pagen geſpielt, der auf der Schwelle ſeiner Köni⸗ gin winſelt und von einem mühſam erhaſchten Blicke ihres Auges ſich berauſcht fühlt. Hätte ich umſonſt mich in dieſen entehrenden Knappendienſt herabgelaſſen, ſo müßte ich mich ſchämen, meinen Troßbuben anzublicken, und der gemeinſte meiner Reiter würde mit Hohnlächeln auf ſeinen Führer ſchauen. Das ewig rollende Rad der Fortuna reißt mich wiederum hinaus in das Getümmel der Waffen, die Minuten meines Bleibens in dieſer Stadt ſind gezählt, und darum frage ich zum letzten Male: Willſt Du die Meine werden?— Antworte nicht übereilet! Ich biete Dir dieſe ſtarke Rechte als meinem shelichen Gemahle, als der Theilnehmerin meiner Größe, meines Ruhmes, als der Beherrſcherin meines Lebens 227 und aller der Lebensgüter, die mir dieſe tapfere Hand erwarb. Der Pater Johannes ſoll in dieſer Stunde Dich Deiner Ehre und meiner Treue durch unlösbares Bündniß verſichern. Antworte nicht übereilet, Bianka, denn hörte ich eine Antwort, welche meine Wünſche in den Staub würfe, Bianka, der alte Acciolini würde vor Dir aufſteigen in all ſeiner Furchtbarkeit, der alte Accio⸗ lini, deſſen Name auf das elende Menſchenvolk wirkt wie der erſte Stoß des zertrümmernden Erdbebens.— Und daran mahnſt Du mich? fragte Bianka mit kal⸗ ter Ruhe und ſah ihn furchtlos in die blitzenden Augen, die wie Irrlichtsglanz über ihre Reize hinliefen. Den Spruch des weiblichen Herzens riefſt Du ja ſelbſt unbe⸗ ſonnen hervor durch den thörichten Zuſatz Deiner un⸗ ziemlichen Werbung. Kann es der Tugend gefallen, ſich zu betten in der Räuberhöhle? Kann die Unſchuld frei⸗ willig wandern an der dolchbewaffneten Hand des Ban⸗ diten?— Du haſt einen Schwur gethan und Du glaubſt, trotz Deiner Verderbtheit an einen richtenden Gott! So wiſſe denn, und wenn Deine verhaßte Werbung ſich auch drei Menſchenalter lang an ihre Ferſen heftete, Bianka kann niemals die Deine ſein, denn ein Gelübde ewiger Treue bindet ſie an den verſtorbenen Gatten, und was Du ihr bieteſt, wird ihr Auge nimmer blenden und ſie das heilige Gelübde leichtſinnig vergeſſen machen.— Wie der gereizte Bär aus ſeinem Lager auffährt, ſo tobte der heißblütige Graf empor, und ſtellte ſich wie der böſe Geiſt ihres Schickſals in ſeiner gigantiſchen Geſtalt mit dem Glutgeſicht, in welchem jeder Zug leuchtete und blitzte, und über dem ſich das wirre, dichte Haar elektriſch vom Feuerdunſt des Hirns zu heben ſchien, vor das unglückliche Weib, und mehr als die ſichtliche Wuth —————————— 228 in ſeinen Augen erſchütterte ſie das Hohnlächeln um ſei⸗ nen bärtigen Mund, welches etwas Unheimliches und Enſetzliches in ſich verbarg. Glaubſt Du, Heuchlerin im Kleide des Engels, Ac⸗ ciolini würde noch länger Mitleiden haben mit Deiner Schwäche, noch länger Deiner falſchen Maske ſchmei⸗ cheln? fragte er mit Tönen des ſich erhebenden Orkans. Trügeriſche Betſchweſter, vermeinſt Du den Mann zu täuſchen, dem die Welt eine Schule war und deſſen Blick die Seelen der liſtigſten Männer aufzuſchließen wußte? Kennſt Du den Talisman noch, welchen der wahnwitzige Cornelio auf dem Herzen trug? Fährt die Glut der Scham nicht jetzt Deine Wangen hinauf, da Du Dein laſterhaftes Geheimniß ausgeſprochen hörſt? Schwäche iſt verzeihlich; Schwäche, durch Liebe geboren, weckt die Theilnahme; doch Schwäche im Schleier der Scheinheiligkeit iſt verächtlich, und warum ſollte ich ſchonen, was ich nicht mehr achte?— Fürchte nicht meine kräftige Hand, fuhr er grimmig fort, als Bianka ſi ich mit Abſcheu von ihm wandte, ohne ſeiner Beleidigung ein Gegenwort zu gönnen; fürchte nicht Gewalt; Acciolini hält ſeinen Spruch der Ehre treuer als Du Deine ehelichen Gelübde; aber er iſt kein ſo bürgerlicher Tölpel wie Dein betrogener Baptiſta. Ich habe die Milde verſucht, jetzt will ich Deine Heu⸗ chelei mit anderer Arznei bekämpfen. Weg mit dieſer erkünſtelten Frömmelei! Laß ſehen, ob das verhehlte Feuer Deiner Sinne Aſchenfünkchen bleibt, wenn ich mei⸗ ner Gefangenen befehle, den Vorſitz zu führen bei jedem nächtigen Schmauſe meiner ewig dürſtenden Zechbrüder, wenn ich ſie zur Zeugin mache der ſchwelgeriſchen Ge⸗ lage, wo die erkünſtelte Sittlichkeit flieht und nur 229 geopfert wird am Altar der Natur, wo Cypris vom Bacchus erwärmt frei und nackt den üppigen Reigen mit den ſchönſten Nymphen des Landes vortanzt und der aufs Höchſte geſpannten Sehnſucht ſchwellende Polſter⸗ betten bereitet. Biſt Du ein Weib mit weichen Sinnen, ſo wirſt Du beſiegt in meine Arme fliegen; biſt Du eine eiſige Anachoretin, wohl dann, ſo werde ich Dir dadurch die höchſte Strafe ſetzen für Deinen Spott auf die Na⸗ tur und mich.— Und damit Du zur Stunde ſiehſt, daß mir's Ernſt iſt und mein Wille feſt ſtehet, ſo ſchau das Vorſpiel an, das ich Dir zur Luſt aufführen laſſe im Vorhofe drunten. Gewaltig faßte er ihre Hand und zog die wenig ſich Sträubende mit ſich auf den Balkon. Bianka ſtarrte hinab; doch die Scene, welche ſich ihr darbot, ſtieß wie ein elektriſcher Schlag gegen ihr Herz und machte ihre ganze Geſtalt zur Steinſäule. Ein weiter Kreis von Kriegern zeigte ſich auf der Mitte des Platzes, alle ſchwarz geharniſcht und die Par⸗ tiſanen drohend nach dem Innern geſenkt, lauter zotten⸗ bärtige, gelbbraune Geſichter, thieriſche, harte Züge ohne Mitleid, als wären ſie aus Acciolini's ganzem Heerhau⸗ fen beſonders zu dieſem Blutakte erleſen worden. Zwei friſch gehauene weiße Eichklötze ſchimmerten in der Mitte des Kreiſes, und neben einem jeden ſtand eine unbeweg⸗ liche koloſſale Mannesgeſtalt, halb entkleidet, die herku⸗ liſchen Arme nackt, in der Fauſt ein blankes Beil be⸗ wahrend. Ein Mönch betete, auf das Knie geſenkt, und — grauenvoller Anblick!— neben ihm kniete die bebende, bleiche, gefeſſelte Giuſtina, ſchon ein Bild des Todes in ihrer Geſichtsbläſſe und mit erlöſchendem Auge; und einen Schritt davon ſtand Giulio de la Fonte, von 230 ſchweren Ketten umwunden, in gehemmter Kraft das Feuerauge zu der Geliebten niedergeſenkt, und wenn auch bleich wie ſie, doch mit Worten des Muthes und der treueſten Liebe ſie unterſtützend. Einen Angſtſchrei that Bianka und ſtürzte zurück ins Gemach, ſank in die Knie am nächſten Seſſel und bedeckte das Antlitz mit beiden Händen, um das Schreckensbild nicht noch einmal zu ſchauen. Fürchterlicher Menſch, was haſt Du vor? ſtöhnte die Verlaſſene.— Sie todt oder Du mein, ſo wahr ich der Accivlini bin! ſprach der Graf mit hallender Stimme.— Nein! Nein! Nein! ſchrie Bianka. Du haſt ja ein Menſchengeſicht. Du kannſt nicht die Unſchuldigen mor⸗ den um Deiner flüchtigen Lüſte willen. Tödte mich, wil⸗ lig biete ich Dir Hals und Bruſt, und ich bin es ja, die Dich verwirft, die Deinen Zorn erregte!— Sie brei⸗ tete die weißen Arme flehend nach ihm aus und ſchob ſich auf dem Knie dem Zurückweichenden nach.— Ließeſt nicht Du ſelbſt mich ſchwören, keine Gewalt gegen Dich zu gebrauchen? fragte er mit kaltem Hohne. Ich halte meinen Eid, aber mein Grimm will Blut, wie ichs gewohnt, und ſo trifft das Eiſen, die Dir am nächſten ſind. Strecke ich dieſe meine Rechte hinaus über den Hof, ſo zucken zwei blutende Häupter ſterbend im Sande.— Du ſchweigeſt?— Schluchzen nur iſt Deine Antwort?— So habe denn Deinen Willen, kaltes, herz⸗ loſes Weib!— Mit zwei gewaltigen Schritten trat er zum Balkon, doch bevor er den Arm erhoben, fühlte er ſich mit ungewöhnlicher Kraft umfaßt und zurückgezogen. Bianka hatte mit Blitzesſchnelle ſich aufgerafft, hielt 231 ihn feſt wie in Polypenſchlingen und holte jetzt ſchwer Athem gleich einer Sterbenden an ſeiner Bruſt. So nimm mich denn, ſo habe mich denn! ſtöhnte ſie mit verhaltener Stimme. Kein Blitz fällt vom Him⸗ mel, kein Engel ſteigt herab, und was kann der arme Menſch gegen die Gewalten der— Erde.— Sie ver⸗ ſchluckte das Wort Hölle, da ihr ſcheues Auge gerade jetzt Acciolini's funkelnden Blicken begegnete.— Laß die da unten frei, ſetzte ſie ſchwach hinzu, indem ſie in den Seſſel ſank, und ich ergebe mich Deiner entſetzlichen Uebermacht.— Sobald der Prieſter Deine Hand mit der meinen zuſammenband und den Segen ſprach, ſind ſie frei und dürfen ziehen, wohin ſie mögen, und ſelbſt ihr Eigen⸗ thum und was Deine Liebe der Schweſter ſchenken möchte, ſoll ihnen nicht vorenthalten werden, entgegnete Accio⸗ lini. O Bianka, warum triebeſt Du mich dahin, Dich ſo grauſam zu zwingen zu Deinem Glücke?— Segen? Glück? flüſterte die Unglückliche und ihr Auge hob ſich ſchmerzlich zum Himmel empor. Ja, Du zwingſt mich zum Glück!— Aber nein! Sie müſſen frei ſein, müſſen fort, ſogleich fort aus dieſen traurigen Mauern, fügte ſie lebhaft hinzu.— Und welche Bürgſchaft hätte ich für Dein Verſpre⸗ chen? fragte der Graf ſtutzend. Bianka trat zum Bet⸗ tiſch und nahm das ſilberne Kruzifix herunter. Das Miß⸗ trauen iſt die Strafe der Wortbrüchigen, ſagte ſie ſtreng. Ich will Dich befriedigen. Laß die zwei flüchtigſten Pferde Deines Marſtalls ſatteln, und befiehl, daß Nie⸗ mand die Schweſter und ihren Giulio hindere, zur Stunde den Weg nach Padua einzuſchlagen; Du kannſt nicht ſo unmenſchlich ſein gegen die, der Du von Liebe ſpracheſt, 232 die Getreuen zu Zeugen meines Treubruchs machen zu wollen. Erfüllſt Du ohne Säumniß dieſe Bedingung, ſo ſchwöre ich Dir auf dieſes heiligſte Bild des bluten⸗ den Erlöſers, in nächſter Mitternacht bin ich die Deine, wenn Deine ſtolze Kraft es nicht verſchmähet, das ver⸗ lorene, zernichtete Weib mit dem gebrochenen Herzen der Welt als Deine Gattin zu zeigen.— Ihr Blick ſtarrte gleich einer Wahnwitzigen auf dem Eſtrich hin, aber feſt ruhten ihre Finger auf dem Kreuze. Erglühend umfaßte der Graf ihren ſchlanken Leib. Meine Braut! Bald mein Gemahl! rief er mit Wärme und Innigkeit. Du haſt den Leu geſehen, wenn er zürnt und ſeine Wuth in ſeiner ſtrotzenden Mähne rauſcht; Du ſollſt ihn von jetzt an ſehen, wie die Liebe ihn zum ſchmeichelnden, gehorſamen Wächter macht, der ſich an Deine Knie ſchmiegt und Deine zarten Füße küßt. Dein Wunſch wird als Befehl gelten in nächſter Minute, und dieſer Tag, ſo traurig er begann, ſoll zu einem Feſt⸗ tag werden, wie Baſſano noch keinen geſehen.— Bianka duldete ſeine Liebkoſungen und ſelbſt den Kuß, den er auf ihre Stirn zu preſſen wagte. Bereite den Altar, beſtelle den Prieſter um Mitternacht! ſagte ſie mit klangloſer Stimme. Mir ſende den Pater Jo⸗ hannes, daß ich mich ſtärke zum Opfer, welches mein Schickſal verlangt.— Das Haus, welches ſeit einiger Zeit nur als ein Schauplatz des Schreckens und blutiger That betrachtet worden, wurde im Laufe des Tages mit einer den Bür⸗ gern Baſſano's wunderbaren Schnelle in einen Tempel der Freude verwandelt. Jede Blüte und Blume, welche 233 in den Gärten ſich auf Strauch und Beet, die der Krieg verſchonet, noch vorfand, mußte der mitleidsloſen Gärt⸗ nerſichel fallen und zum Schmuck der Prunkgemächer dienen. Laubgewinde zierten die Säulen, reiche Teppiche deckten den Eſtrich und blendeten mit dem ſtechendſten Farbenwechſel die Augen; in den Hallen wurden allego⸗ riſche Waffentrophäen mit Statuen aus Italiens ſchön⸗ ſter Kunſtzeit gemiſcht aufgeſtellt; Muſikchöre ordneten ſich, und die Dienerſchaft des Grafen war beſchäftigt, ungeheure Bankettafeln herzurichten und mit dem reich⸗ ſten Geräth und den auserleſenſten Leckerbiſſen zu be⸗ ſetzen, denn alle Hauptleute des Heeres nebſt den vor⸗ nehmſten Einwohnern der Stadt waren geladen, bei dem nächtlichen Feſte Acciolini's höchſten Sieg mit zu feiern. Nachmittags ſchied die jammernde Schweſter von der muthvollen Bianka, und der rüſtige Giulio folgte den Befehlen der verehrten Frau ohne Widerrede, ſo ſehr hatte ihn das Bild der dem Tode verfallenen Geliebten eingeſchüchtert und entnervt. Ein Saumroß mit ſeiner beſten Habe und Bianka's köſtlichſten Kleinodien beladen, machte die Reiſe mit dem Paare, und als La Porta's Wittwe vom Dache des Hauſes den kleinen Zug außer den Grenzen des Feldlagers an den Ufern der hellſtrö⸗ menden Brenta hinab gen Padua ziehen ſah, da ſchöpfte ſie freier Athem, ſtieg ſtarken, feſten Schrittes hinunter in's Haus und nahm ſelbſt die ſittigen Liebkoſungen des rieſigen Bräutigams an, der ihr triumphirend und ihren Dank für ſein gehaltenes Verſprechen fordernd, entgegentrat. In ihr Geheimzimmer verſchloß ſie ſich ſodann mit dem frommen Johannes von Vicenza. ———————— 234 Vater, der allein mir zurückblieb, fragte ſie mit tie⸗ fer, innerſter Bewegung, habe ich Recht gethan?— Ohne Opfer keine Tugend, entgegnete der Franzis⸗ kaner mitleidig; und je größer der Kampf, je ſchwerer das Opfer, deſto herrlicher der Preis.— Ich gab ein verfallenes Leben hin, zwei friſche, auf⸗ blühende zu erretten, fuhr Bianka fort; das war gut gethan. Aber iſt auch der Betrug erlaubt, ſelbſt gegen den Feind? Der Thyrann fordert mein Herz, meine Liebe, meine eheliche Treue. Ich kann ihm nicht geben, was ich nicht mehr beſitze, was in ſchönen Tagen ein Beſſerer bekam. Wird Dein ſtrenger Gott nicht Sünde nennen, was ich zu vollführen wagte?— Nur dem Guten iſt der Herr der Himmel befreundet, nur das Böſe haßt er ewig! entgegnete Johannes. Konnte meine ſchwache Tochter ſtreiten gegen die Ge⸗ walt? Das Leben der Erde iſt ein Leben des Scheines; wie zwänge die Vernunft die rohe Heerde des Volkes ohne unſchuldige Täuſchung? Und wie kann Dir, der Reinen, droben die Täuſchung angerechnet werden, zu welcher Dich der Herzloſe und Grauſame ſelber zwang durch ſeine furchtbarſte Seelenfolter?— Bianka küßte beruhigt die Hand des Mönchs, dann beichtete ſie, nahm das Sakrament, ließ ſich bräutlich putzen, und blieb dann im Gebet mit ihrem Tröſter, bis die Stunde der Mitternacht ſich hören ließ. Aeciolini ſelbſt erſchien im fürſtlichen Schmucke, die Erſehnte abzuholen, und als ſie ihm entgegen trat, ganz in weißen Atlas gehüllt, den weißen Roſenkranz im dunkelglänzenden Haar, nur ein Diamantenkreuz auf der hohen Bruſt tragend als Putz der Grafenbraut, da ſtand er einige Augenblicke überraſcht von ihrer blendenden — 235 Schönheit, und ſeine Blicke kündeten ſeinen Begleitern, wie hoch er ſein Glück hielt und wie ſeine Leidenſchaft durch jede Zögerung wuchs, und nur der ernſte Zuruf des Dominikaners: Saul, Saul, was verfolgſt du mich! mit dem derſelbe ihm die Braut zuführte, ſtörte auf einige Augenblicke ſeinen Wonnetaumel. Der Brautzug, von zahlloſen Fackelträgern umgeben, begann zur Kloſterkirche, deren Portal von bunten Lam⸗ pen glänzte, und deren geöffnete Flügelpforte dem Auge den herrlichen Anblick eines Lichtmeeres darbot, durch welches man in der Tiefe die Heiligthümer und den har⸗ renden Prieſter im Hintergrunde erkannte. Mitten im Kloſterhofe hielt die Lilienbraut plötzlich ihren Schritt an. Sanften Auges wandte ſie ſich zu dem Bräutigam. Wie ein Himmelreich ſtrahlt es mich an aus jenem heiligen Orte, ſprach ſie mild und ſchwärmeriſch; es zieht mich hinein mit überirdiſcher Gewalt. Damit ich jedoch als eine Würdige und Feſſelfreie hineingehen möge, muß mir mein künftiger Gemahl noch eine geringe Bitte gewähren.— Befiehl, Du ſchöne Frau, antwortete der erhitzte Graf. Entzieht die Bitte mir nicht Deinen Beſitz, hemmt ſie nicht den Lauf meiner Fortuna, ſo gelobe ich unbe⸗ dingt ihre Erfüllung.— Nicht entziehen, nicht hemmen ſoll mein Begehr, ver⸗ ſetzte Bianka; nein, gegentheils ſoll, was ich wünſche, mich Dir feſter verknüpfen, mich unwiderruflicher und unlöslicher Dir zu eigen machen. In den Stunden des Kampfes gegen Deine Liebe ſchwur ich Dir oft, un⸗ auflösliche Gelübde bänden mich an den verſtorbenen Baptiſta. Deine wilde Leidenſchaft hörte nicht auf das ———————————2— 236 wahrhafte Weibeswort. Der begrabene Baptiſta trägt den Ring meiner Treue noch an ſeiner kalten Hand. Dieſen Ring muß ich haben zuvor, ehe ich mein neues Jawort ſpreche zu den Füßen des Prieſters, mit dieſem Ringe muß ich Dich weihen zu meinem Gemahl, damit ich ganz Dir geben kann die volle Treue der Ehegattin, und nimmer die erſte Liebe neidiſche Dornen in die zweite Brautkrone flechte.— Aber warum ſprachſt Du den Wunſch nicht früher aus? fiel Acciolini unwillig ein. Welcher Aufſchub in dieſer nächtlichen Stunde!— Wir haben nicht weit, entgegnete Bianka mit einer geiſterhaft flüſternden Stimme; wenige Minuten erfüllen den Wunſch; wir ſtehen an Baptiſta's Grabe.— Ihre Hand deutete auf den Grabſtein, welcher dem Leſer ſchon aus dem erſten Abſchnitt dieſer Erzählung bekannt iſt, und Acciolini ſtieß, ergriffen von Stimme und Ort, ein ſtaunendes: Hier? hervor, und winkte die Fackelträger heran, und unterſuchte den Stein, und ſtörte hie und da das Moos mit ſeiner Degenſpitze hinweg. Dieſer alte Denkſtein deckt den tapfern Paduaner? fragte er. Unmöglich! Hier im Eck erkenne ich das Wappen meines Stammes, den Greif, welcher den Moh⸗ renkopf in den Krallen trägt. Einer meiner Ahnherren muß unter dieſer Decke ſchlafen.— Laß den Stein heben, und Du wirſt Deinen ſtillen Gegner finden, ſagte Bianka mit einem tiefen Seufzer. Acciolini's Schild legte ſich ja ſchwer und zermalmend auf de la Porta's Haus, und der Zufall ſpielte ein ſinnig Spiel, als er eben dieſen Stein mir darbot, des Gatten Leiche vor dem beſchimpfenden Feinde zu verbergen.— ———— 237 Der Graf befahl, und die ſtärkſten der ihn beglei⸗ tenden Leibwächter flogen herbei. Leichter, als es die Laienbrüder gekonnt, wurde der Grabſtein ſchräg erhoben und ein ſtarker Pfahl unter ſeinen Rand geſtellt, ihn zu tragen. Acciolini ſelbſt leuchtete in die Gruft, und er ſah die friſche Leiche mit Lorbeerzweigen bedeckt, welche noch grün waren, ſah über dem rothen Mantel die bleiche Todtenhand hervorſcheinen, an deren Finger der Gold⸗ ring zu ſehen war. Furchtlos machte er ſelbſt ſich bereit, hinabzuſteigen und das Kleinod der Gebieterin zu ge⸗ winnen; da riß ihn Bianka's Hand zurück. Berühre den Todten nicht, den Dein Pfeil getödtet, rief ſie mit Haſt; ſeine Wunden könnten bluten und den weißen Sammet Deines Hochzeitkleides beſchmutzen. Ich ſelbſt muß nehmen, was ich gab.— Und raſch ſprang ſie in die Gruft und ſtellte ſich vor⸗ ſichtig feſt, und beugte ſich, den Ring zu nehmen. Schon ſtreckte Acciolini ſeine Hand aus, der Herausſteigenden behülflich zu ſein, da erhob ſie ſich in raſcher Bewegung, faßte mit beiden Händen den tragenden Pfahl und riß mit dem Aufſchrei: Freiheit im Tode! das ſtützende Holz von dem glatten Erdrande zu ſich herein. Dröhnend ſchlug der ſchwere Stein nieder und hätte faſt den zu⸗ rückweichenden Grafen mit getroffen, und unter ihm verſchwand die Wittwe mit dem Leichname des erſten Geliebten.— Die Krieger ſtanden ſtarr wie ihr Eiſen, die Pagen ſchrien auf und fuhren durcheinander. Schnell kam der Graf von ſeiner Betäubung zurück; ſein Donnerwort ſpornte die leichenbleichen Zuſchauer, hundert Hände griffen zu, raſch fortgeſchleift verließ der verhängnißvolle Stein zum zweiten Male ſeinen Platz —— 238 und enthüllte ſein Verborgenes. Aber, entſetzlicher An⸗ blick! der, ewig der Nacht gehörig, hätte verborgen blei⸗ ben müſſen dem Lichte!— Der Stein hatte Bianka's Haupt zerſchmettert; mit krampfhaft⸗geſpannten Händen den Marterpfahl umfaſſend, lag ſie auf dem Leichname, ſelbſt eine Todte; ihr Brautkranz war zu Blutroſen ge⸗ worden, und über die Lilienbruſt und das milchweiſe Seidenkleid rannen die dunkeln Ströme des Lebens hin⸗ ab. Nur eine Sekunde ſah Acciolini's finſteres Auge auf ſie nieder, dann ſtürzte der koloſſale Mann ſinnlos und in fürchterlichen Zuckungen zu Boden. Die Gäſte flohen wie die Heerde, in die der Donner ſchlug; die Fackeln fielen und erlöſchten; die Mönche ſchloſſen ihre Kirche und flüchteten zum Altar; die Krieger ſtanden entſetzt um den im Sande röchelnden Feldherrn und kein Arm ſtreckte ſich aus, ihm zur Hülfe, und Pater Johan⸗ nes rief, die bleichen Hände hinaufhebend zum dunkeln Himmelsgewölbe, mit ſeiner hohlen Stimme: Das Lamm iſt geſchlachtet; die Gefeſſelte hat ſich frei gemacht; aber der ewige Gott hat es geſehen, und der zürnende Ze⸗ baoth wird fragen nach dem: Warum? und die himm⸗ liſchen Heerſchaaren werden Wehe ſchreien über den Kain durch eine Ewigkeit!— Die Tage, welche kamen, verwiſchten das Andenken an dieſe Nacht, an ihr Opfer und die Geopferte. Kaiſer Friedrich zog in die Marken ein, und das Heer, was ihm nachſchritt, wurde gegen die Gewohnheit ein Frie⸗ densherold. Die Zwiſtigkeiten der Städte verſtummten, die Widerſpenſtigen ſtrafte der Verluſt ihrer Privilegien und die Einlegung koſtbarer Beſatzungen; die Geier und 239 Habichte verſchwanden, als der Adler erſchien: der Kaiſer nahm die aufgelöſeten Heerhaufen der kleinen Gewalt⸗ herrn in eigenen Sold, und alle jene Feuerſchürer muß⸗ ten vor ſeinem Throne einen Friedenseid beſchwören und ihre unruhigen Köpfe verpfänden für dauernden Gehor⸗ ſam. Doch klüglich entehrte der deutſche Fürſt die Ge⸗ waltigſten und Angeſehenſten nicht, ſondern nahm ihnen durch Hochhaltung und Vertrauen jeden Grund zu neuer Klage. Er machte ſie zu Statthaltern und Comman⸗ danten der Marken und Städte, und ſchmeichelte ihrem Ehrgeize durch Erhöhung ihres Standes und Anſehens. Graf Acciolini hatte durch den Kern ſeiner Natur eine langwierige hitzige Krankheit überſtanden. Als er finſter und verſchloſſen am Throne ſeine Huldigung darbrachte und der Kaiſer ihn zum Podeſta der mächtigen Stadt Padua ernannte, neigte er ernſt das dunkelgelockte Haupt und leiſtete ſeinen Schwur. Die Paduaner zitterten bei der Botſchaft, aber ſie erkannten ſpäter ihr Unrecht. Das thieriſche Kleid war abgefallen von dem gewaltigen Manne. Sein Geſicht lächelte nie, ſeine Züge glichen dem regloſen Marmorantlitz eines Cato oder Brutus, er übte das Recht, handhabte das Geſetz mit unbeſtech⸗ licher Gerechtigkeit, aber nie hörte man von Grauſam⸗ keit oder von Thaten des wüſten Jähzornes, die vordem ſein Leben bezeichnet, und Padua verdankte ſeiner Klug⸗ heit, Umſicht und Feſtigkeit den Flor, welcher ſie lange Zeit zur Rivalin der größten Städte Italiens erhob. Nur die Weiber haßte und floh der Mann, welcher ehe⸗ dem allen Sinnlichkeiten gefröhnt. Selbſt die ſpielenden Dirnlein wurden nicht im Vorhofe ſeines Palaſtes ge⸗ duldet; kein Gaſtgebot, wo blühende Jungfrauen tanzten und vlendende Frauenbilder Markt hielten mit ihren 240 Reizen, genoß die Ehre ſeiner Gegenwart, und ſelbſt im Hauſe des Herrn hatte er ſeinen umſchloſſenen Platz, zu dem er durch ein enges Pförtlein eintrat. Dem Baptiſta de la Porta und der unglücklichen Bianka ließ er zu Baſſano ein prachtvolles Denkmal errichten. Il valore soggiacque alla superbia! Ma il cielo vinse linferno.— Die Tapferkeit erlag dem Uebermuthe! der Himmel aber beſiegte die Hölle! lautete die Inſchrift, welche die geheime Wandelung des von Gott getroffenen Sauls kund that; und das Gedächtniß der vdelſten Treue ging nicht unter: Seardeon erzählt ihre Schickſale der Nachwelt, und im deutſchen Helden⸗Lexikon prangt ihr Name mitten unter den größeſten Herven aller Nationen und Welttheile. * * S — — — *8 — — — S — — — — — —— — — — Blumenhagen. V. — An einem heitern Sonntagsmorgen ſaß in der mäch⸗ tigen Biſchofsſtadt Hildesheim ein junger Goldſchmied in ſeiner kleinen Werkſtatt vor ſeinem Arbeitstiſche. Es war noch früh am Tage, und tiefe Stille herrſchte in den Gaſſen; die heiligen Glocken hatten die Bürger zum Sabbath geweckt, ſchwiegen aber jetzt, um den Andächti⸗ gen Zeit zur Sammlung des Gemüths für die nahe Feier zu gewähren, bis ihr verdoppelter Klang ſie zur Kirche rufen würde. Vor dem jungen Arbeiter ſtand ein großer, funkelnder Kelch, aus reinem Silber gearbeitet, mit from⸗ men Bildern geziert, und der Schöpfer deſſelbe mühete ſich, mit feinem Grabſtichel dem Werke die höchſte Vol⸗ lendung zu geben und dem gelungenen Guſſe nachzuhel⸗ fen. Dabei funkelten ihm die frommen, blauen Augen gar hell, und achteten ſtreng auf die emſige Hand, welche den Griffel leicht und gewandt führte; aber nicht ſelten weilte er einige Minuten und unterbrach ſein Bemühen, und richtete alsdann die Blicke durch die kleinen Glas⸗ ſcheiben hin, über die Ritterſtraße weg, auf das gegen⸗ über ſtehende Eckhaus, welches von der goldenen Früh⸗ ſonne überſtrahlt wurde. Die Fenſter deſſelben waren der wohlthätigen Morgenluft geöffnet, aber mit dunkel⸗ grünen Gardinen verhangen, hinter denen keine lebendige Seele erſcheinen wollte; und wenn der Blick des jungen 244 Goldſchmieds von den weißen Wänden geblendet zurück⸗ kehrte, ſtieg immer ein leiſer Seufzer aus ſeiner kräfti⸗ gen, halbnackten Bruſt, und er zupfte den weißen Kragen und das hellgraue Wamms noch weiter von Hals und Schulter, als ob es den Erhitzten enge und»reſſe, und begann dann mit immer trüberm Anbetz ſeine Arbeit von Neuem. 6 Hinter ihm öffnete ſich jetzt die kleine Thür, und ein weißlockiger Gr⸗s hinkte langſam am Krückſtock herein, und ſchren verwundert über das, was er er⸗ blickte.— Hilmar, Hilmar, ſprach der Alte verweiſend; am heiligen Sabbath bei dem Werktiſche, und nicht einmal das Gebetbuch dabei zur Hand? Der Fleiß bringt das Glück in das Haus; aber alles zu ſeiner Zeit; an dem Tage, wo der Herr ſelbſt ruhete von ſeiner Schöpfung, ſoll der Chriſt nichts Irdiſches treiben, ſondern nur daran denken, wie er durch ein Dankgebet den Herrn preiſe, der ihm die Woche hindurch Kraft und Ge⸗ ſundheit beſcheerte, ſeinem Handwerk vorzuſtehen nach Bedarf.— Der junge Arbeiter drehte ſich raſch auf ſeinem Sche⸗ mel herum, bei dem erſten Worte des Greiſes, und freundlicher wurde ſein angenehmes Geſicht, und über die feine Bläſſe der Wangen flog eine leichte Röthe hinauf. Ich habe mein Gebet verrichtet, als die erſte Betglocke vom Domthurm ſchlug und Ihr noch ſanft im Mor⸗ gentraume ruhetet, Vater Freeſe, ſagte er mit milder Stimme. Und dort liegt ſchon gebürſtet der Sonntags⸗ rock, und wenn das Geläut beginnt, wird Euer Sohn Hilmar nicht der Letzte ſein zu Sankt Martini.— — — 245 Wie ich jung war, wie ihr, ſfiel der Alte ein, und ſchüttelte das kahle Haupt ein wenig, verſäumte ich keine Frühmette, denn den Schlüſſel zur Himmelsthür kann man nicht zeitig genug ſuchen, und Keiner weiß, ob ihm in nächſter Stunde noch Muße dazu bleibt; aber die Welt wird ärger von Jahr zu Jahr; das Ei will klüger ſein denn die Henne; die Heiligthümer ſind den Meiſten nicht heilig mehr, und der Sabbath wird hingebracht, als wäre er eingeſetzt zur Schlemmerei und zu müßigem Spazierengehen. Aber das Beiſpiel kommt von oben; ſeit der abtrünnige Auguſtinermönch die Ablaßbriefe und die heiligen Bullen verbrannte, glaubt Mancher ſolcher Ruchloſigkeit folgen zu dürfen in Wort und That; und greift unſer hochwürdigſter Biſchof doch ſelbſt lieber zum Schwert, als zum Kreuz, ſucht einen Ruhm im Kriegs⸗ gewinn, hat ſeit dem Siege bei Soltau nicht gern mehr das Meßgewand auf den Schultern, und verliert, zur Strafe ſeines Uebermuths, ein Schloß und eine Stadt nach der andern an die rachſüchtigen Braunſchweiger Herzöge, ſo daß es ihm bald ein Leichtes ſein wird, ſeine Charfreitagsprozeſſion um ſein ganzes Stift in einem Morgen abzuhalten, ohne daß der Prieſter Füße darob wund werden möchten. Hilmar, das muß uns Alten ein Nagel zum Sarge werden; ſahen wird doch unſer Stift unter den hochwürdigen Herren Henning und Barthold und Erich in ſchimmernder Glorie als einen Karfunkelſtein des deutſchen Reichs, und einer edlen Perle gleich, in der dreifachen Krone des heiligen Vaters.— Der Alte hatte ſich niedergeſetzt auf den Schemel, tief ergriffen von den Gedanken, die in ſeiner Seele un⸗ willkürlich aufgeſtiegen; mit ehrerbietiger Zärtlichkeit 246 umfaßte der Sohn jetzt ſeine Schultern, neigte ſich freund⸗ lich zu ihm nieder, und rückte den ſilbernen Kelch ihm näher vor die Augen. Werft die böſen Grillen fort, ſprach er, mit denen Ihr nur zu oft Euch quält; haben wir doch keine Ver⸗ antwortung darob, und die hohen Herren, die Gott auf ſolchen Platz geſtellt, müſſen wiſſen, was ihnen und ihrem Lande am beſten thut. Und mich meint Ihr gewißlich nicht unter den Sabbathsſchändern und Abtrünnigen; nicht wahr, Vater? Sollet auch nimmer Klage führen über Euren Hilmar deßhalb, denn Euren Spruch: Gott vor Augen und im Herzen immerdar, gibt dem Herzen Muth, und macht den Wandel klar! habe ich mir feſt in die Seele geſchrieben. Schauet nur an, was für eine Arbeit mich beſchäftigte. Iſt's doch ein Werk, das ein frommer Geſell nur an einem Sonntag betreiben ſollte. Den Kelch da hat unſere Nachbarin, die Wittwe Schwan, bei mir beſtellt zum Geſchenk für die Karthaus und zur Freude für ihren Bruder, den frommen Martin, der ihre Jungfrau Tochter vor ſechs Monden vom böſen Fieber wunderbar geheilt. Es iſt ein Gelübd⸗Kelch; denn ſie verſprach im geheimen Gebet bei der Tochter Krankenbett ſolche Gabe dem Kloſter vor dem Damm⸗ thore, und ſie hat mich recht gedrängt, daß ich die Arbeit noch vor dem Frohnleichnamsfeſte liefern möchte, damit das Gefäß gebraucht und geweihet werden könnte an ſolch heiligem Tage.— Der Greis beſchauete den ſchweren Pokal rund um, muſterte die Arbeit mit Anſtrengung der trüben Augen, und immer freundlicher wurden ſeine Geſichtszüge. Ja, ja, nickte er dann, das ändert die Sache. Das iſt Gott wohlgefällig, und mit ſolchen Bibelbildern und 247 Apoſtelſprüchen darf ſich ein chriſtlicher Meiſter wohl be⸗ ſchäftigen am Feiertage. Und ſcharf gegoſſen und fein gravirt, als hätte ich's ſelbſt gethan in meiner beſten Zeit. Segen über Dich, Du guter Sohn, der ſeinem Vater ein fröhlich Alter bereitet. O, wäre nur der Wulf wie Du! O, hätte ich ihn doch auch bei unſerer Kunſt behalten im Hauſe und an dem kleinen Tiſche! Aber da war er hochmüthig und phantaſtiſch, wollte ins Große hinaus, ſpöttelte, wenn er einen Trauring ferti⸗ gen ſollte, der doch ein wichtig und bedeutſam Ding iſt; meinte, am Goldſchmiedsgewerb ſei Alles kleinlich und gering, und er könnte nur dann Geſchmack daran haben, wenn er täglich eine Königskrone oder ein prunkend Or⸗ denskreuz für eine fürſtliche Bruſt zu arbeiten hätte; und da ſolches ein unſinnig Begehr an die Kunſt war, ſo wollte er nicht bleiben darin, wollte Münſter und Kir⸗ chen und Schlöſſer hinſtellen, die ſeinen eiteln Namen auf die Nachwelt brächten gleich dem Erwin von Straß⸗ burg und dem engländiſchen Cockeran. Er iſt ein Bau⸗ meiſter geworden, doch hat man noch keinen Dom von ihm geſehen, nicht einmal ein Bürgerhaus in der Vater⸗ ſtadt trägt ſeinen Namen; er treibt ſich herum bei dem Kriegsvolke und den Hauptleuten, zecht und ſpielt mit ihnen; und Gott verzeih' mir's, daß ich ſeine Wander⸗ ſchaft in die ſächſiſchen Länder zugab; aus ſeinen Reden fürchte ich, er hat ſein altes Herz nicht mitgebracht von dort, die Peſt des Unglaubens hat ſeine Seele ergriffen, und er ſucht Anhänger der Ketzerlehre mitten in ſeiner frommen Vaterſtadt zu werben, und ſitzt als ein gifti⸗ ger Wurm mitten in der reinen Roſe unſers heiligen Doms.— Da ſei Gott für, Vater Freeſe, entgegnete Hilmar 248 entſetzt; dem Sohne meines Vaters kann ſolch Entſetz⸗ liches nicht widerfahren. Der Wulf iſt heftigen Blutes und ſtolzer Geſinnung; ſeine Kunſt iſt eine große, und beſchäftigt ſich mit dem Ungeheuern, woran der gewöhn⸗ liche Menſchengeiſt leicht ſchwindet; wie ſeine Riſſe in die Wolken reichen und ſeine Pläne auf Gebäude hin⸗ deuten, welche unſere niedern Häuſer beherrſchen, ſo klingt auch etwas Hochtrabendes und Herriſches aus ſeinen Re⸗ den; aber darum iſt doch Frömmigkeit und redliche Ge⸗ ſinnung in ſeinem Gemüth. Hat er doch erſt vor Kurzem die alte Kapelle am Kloſter St. Michaelis neu herge⸗ ſtellt, und bei ſolch ernſter Arbeit auf heiligem Grunde können, meine ich, nur gottesfürchtige Gedanken im Her⸗ zen wohnen; wäre doch ſolches Werk ſonſt ein Frevel, und der Baumeiſter müßte fürchten, in jedem wankenden Pfei⸗ ler eine Strafhand des ewigen Richters zu erblicken, die ſeinem läſternden Haupte Zerſchmetterung dräue.— Der Greis ſchüttelte heftiger das Haupt. Du biſt ein Kind geblieben, wie ſie der Herr gern zu ſich rief, ſagte er. Du biſt nicht aus den Augen des Vaters gekommen, dafür danke Gott und Deinen ge⸗ rechten Zunftgenoſſen, welche Dir die Wanderjahre ſchenk⸗ ten, um des alten, gichtbrüchigen Vaters willen; Du weißt nichts davon, wie es in der böſen Welt hergeht; bete aber deßwegen nicht weniger fleißig Dein: Führe uns nicht in Verſuchung! denn der hölliſche Feind iſt noch nie ſo frech und am Tage auf Erden umhergegan⸗ gen, als in unſerer Zeit.— Ihr möget Recht haben, Vater, antworiete der ſanft⸗ müthige Sohn; mir iſt er noch nicht begegnet; und ich glaube, läßt der Herr dem Böſen ſo viel Freiheit, ſo iſt das wohl nur zur Prüfung der Guten, und damit ſich —————— 249 das edle Metall ſondere vom ſchlechten. Aber in ſolcher Zeit ſchickt der Herr gewiß auch viel Engelein herab, daß ſie dem Guten beiſtehen und ihm Troſt zuſprechen und ihn erkräftigen. Mir iſt, als wäre ich ſelbſt ſolchen Himmelskindern zuweilen begegnet.— Er ſprach das faſt mit dem hellern Tone und den glänzenden Augen der Schwärmerei; ſich beſinnend ſetzte er aber ſogleich küh⸗ ler hinzu: Nach Außen habe ich mich nie geſehnt; hatte ich doch Alles daheim, Euch, Eure Liebe, Arbeit, mäßig Brod und— manche liebe Freudenſtunde.— Der Greis maß mit ſcharfen Augen des Jünglings Angeſicht, als wollte er aus der Bewegung darin ein Geheimniß erleſen. Hilmar merkte aber nichts davon, denn er hatte einen Blick durchs Fenſter gethan, der ihm das Blut auf die Wangen trieb. Haſtig zog er jetzt den hellblauen Sonntagsrock mit den kleinen Perl⸗ mutterknöpfen über ſein Wamms, legte den weißen Hals⸗ kragen zurecht, ſetzte das dunkelrothe Sammtbaret auf die braunen, ſchlichtgeſtrichenen Locken, griff nach dem Meßbuche und dem zierlichen Roſenkranze, und nahm zugleich, mit faſt verſchämter Miene, aus dem kleinen Wandſchrein einen ſchönen Strauß von eben aufknospen⸗ den Roſen und weißblühenden Myrtenſtengeln und einen ſtarrblätterigen Orangenzweig, an welchem eine ſchwere goldgelbe Südfrucht ſtolzirte.— Schau Eines! ſprach der Greis. Putzeſt Dich ja heraus gleich einem Bräutigam. Nun, der Himmel gebe Dir auch einmal ein gutes Weib, wie die Mutter war, und Deine Ehe ſei droben geſchloſſen, wie die unfrige geweſen und nicht alle ſind.— Er ſtand auf und hinkte näher zum Fenſter. Sieh, da geht unſere Nachbarin mit dem Töchterchen auch ſchon zur Kirche. 250 Eine wackere Wittfrau; hält zuſammen, was des ſeli⸗ gen Mannes Schweiß erwarb: und dem ſchmucken, ſtil⸗ len Kinde, ſo lieb anzuſchauen im ſchwarzen Sonntags⸗ ſtaat und dem nonnenhaften Schleier um das reiche Flachshaar, wünſche ich den beſten Eheherrn im Stift; denn ihr Wandel iſt züchtig, und ihre Spindel und Na⸗ del werden warm gehalten. Mit einem Seufzer ſetzte er das hinzu.— Meinet Ihr, beſter Vater? fragte Hilmar raſch und erwärmt. Aber warum ſehet Ihr ſo düſter dazu? Der Wunſch war ein guter Sonntagsſegen, und ich ſage für die Frau Schwan Amen dazu.— Bürſchchen, ſagte der Alte, ich wünſche nicht, daß die gute Frau ſo unbeſonnen wie Du ihr Amen ſpräche, obgleich der Vater allen ſeinen Kindern das Beſte zu⸗ wenden möchte. Der Wulf muß erſt noch lange in den Schmelztiegel und unter den Grabſtichel, bis er wür⸗ dig iſt, als reiner Goldreif ſolchen ächten Stein einzu⸗ faſſen.— Der Wulf? ſtammelte Hilmar mit ſtarren, forſchen⸗ den Augen.— Nun ja, fuhr der Greis ruhig fort, er wirbt um das Franzelchen drüben, und hat durch den Hauptmann Horneburg bei mir anfragen laſſen, ob ich gewillt ſei, ihm ein Sümmchen zur Einrichtung zu übermachen. Du kennſt ihn, er treibt Alles heftig und in leichtfertiger Eile. Du freilich wirſt ſo etwas nicht gewahrt haben, denn Du ſchaueſt vom Morgen bis Abend nicht auf von Deinem Werktiſche, und Deine Fenſter blicken nur dort auf die züchtig verhangenen des Stübchens der Schwan. Ich habe aber in Langweil und Lähmung Zeit, die Pfor⸗ ten der Nachbarn zu bewachen, und wenn ich mich in 251 der lieben Gottesſonne braten ließ früh im Gärtchen, oder ſpät auf der Bank vor der Hausthür, habe ich den Wulf hineinſpazieren ſehen, hochgeputzt gleich einem Junker, wenigſtens zweimal an jedem Tage ſeit Wo⸗ chen ſchon.— Hilmars Wangen waren bleich geworden, und er ſtand gleich einem Steinbilde vor dem Alten. Nun, Burſch, was fehlt Dir? Biſt Du krank geworden? fragte der Vater beſorgt. Die frühe Arbeit in nackter Bruſt hat Dich angegriffen und erkältet; lege den Rock lieber wie⸗ der ab; der Konrad ſoll Wein bringen, und wir wollen zuſammen beten; Du kannſt ja immer noch die dritte Meſſe beſuchen, wenn die Sonne höher ſteht.— Ein raſches Leben fuhr durch Hilmars Glieder. Nein, nein! entgegnete er mit Heftigkeit, aber mit zitternder Stimme. Die Glocken läuten zum letzten Male, und nach ſolcher Botſchaft thut Gebet Noth für die, welche uns angehören. Im kühlen Gotteshauſe wird der Schwindel ſchon beſſer werden, und Andacht iſt gute Arznei gegen alle Uebel der Erde. Gott ſei bei Euch indeſſen, Vater!— Eilig verließ der junge Goldſchmied ſeine Werkſtatt, ließ jedoch den Blumenſtrauß zurück, der ihm während der Rede des Alten aus der Hand auf den Werktiſch geſunken. Vater Freeſe ſtand langſam auf, ſah dem Lieblinge lange nach, und nahm alsdann den ſtattlichen Strauß in die dürre, zitternde Hand. Bedeutungsvolle Blüm⸗ lein, ſprach er dazu in ſich hinein; er erbettelt ſie im⸗ mer Sonnabends vom Gärtner des Domdechanten, und hat manch ſchönes Schmuckſtück für die Frau deſſelben darum gratis hingegeben. Mögen ſie dir bringen, was ſie deuten, du guter Sohn! Aber welken ſollen ſie nicht 252 um des Wulfs willen. Konrad! Konrad! Trage ſäuber⸗ lich den Strauß da hinüber zu Schwans, und gib die Blumen der Magd, der Suſe, und ſprich dabei: Der alte Freeſe ſende die Gabe, damit die ehrſame Jungfer Franziska ſich daran erfreue nach dem Kirchengange.— Hörſt Du!— Richte alles gut aus, und waſche Dir die Hände zuvor und thu das grüne Wamms an.— Der kleine Lehrburſch ſprang fröhlich mit der Gabe davon, als hätte auch er den Sinn derſelben verſtanden. Der Greis aber ſetzte ſich vor den Silberkelch, und drehete die Seite deſſelben zu ſich, auf welcher die Him⸗ melfahrt des Erlöſers gar zart und ſchön abgebildet worden; und er nahm das ſchwarze Käppchen vom Kahl⸗ kopf und betete inbrünſtig für ſeine Kinder, dem patri⸗ archaliſchen Jakob gleich, dem auch ein Simeon und ein Joſeph geboren worden. Hilmar ſchritt indeß mit Eile aus der Gaſſe auf den Platz, und war noch glücklich genug, als er zu dem Rieſenſteine gelangte, unter dem Fürſtenbogen die lieb⸗ liche Nachbarin zu erblicken, welche mit zögerndem Gange der einige Schritte voran wandelnden Mutter folgte. Er würde ſie ſonſt verfehlt haben, denn die Frau Schwan war gewillet, heute ihre Andacht nicht in der Stadt⸗ kirche, ſondern im großen Dom zu halten, und das ſchmerzliche Gefühl, welches des jungen Mannes Herz ſo heftig klopfen machte, milderte ſich, als er bemerkte, wie die Jungfrau Franziska mehre Male ihr verſchleier⸗ tes Köpfchen rückwärts wandte, und erſt, als ſie ihn unter den Lindengängen des Domhofes erblickt, mit raſche⸗ ren Tritten die Mutter einholte, und an ihrer Seite S ————— — 253 durch die hohe metallene Flügelpforte in das heilige Ge⸗ bäude trat. Er hatte auf der Schwelle ihr, wie ge⸗ wöhnlich, das Weihwaſſer reichen und ſeinen Strauß ehrerbietig übergeben wollen. Das Geſpräch mit dem Vater hatte ihn aufgehalten; auch merkte er jetzt erſt, daß er den Blumenſtrauß vergeſſen; als er aber zugleich bedachte, welche Blumen ihm der Gärtner des Domherrn zuſammengebunden, ſchien ihm die Vergeſſenheit Schick⸗ ſalswink, und ſein Schmerz bedauerte den Verluſt nicht ſehr. Schon knieten Mutter und Tochter in den Frauen⸗ plätzen zwiſchen den Bürgerinnen; an den Betpulten der Männer fand er noch einen Eckplatz, der ihm den Hin⸗ blick auf die Nachbarinnen vergönnte, und ſein Knie bog ſich in Ehrfurcht vor dem Göttlichen, von dem das reiche alte Gebäude überfüllt war. Aber um ſeine Andacht ſchien es heute geſchehen. Vergebens zwang er ſeine Augen, ſich nicht links zu wen⸗ den, ſondern an der Decke voll heiliger Bilder, an dem Chore, wo die Capitularen im Ornate ſaßen, an dem köſtlichen glänzenden Hochaltare zu haften. Es blieb vergebene Mühe. Die Flügel des frommen Aufſchwungs ſchienen ihm gebrochen; ſein Geiſt haftete am Irdiſchen, und er ſchalt ſich ſelbſt heftig darum, und ſprach zer⸗ knirſcht Bußgebete, und bat um Vergebung der Sünde, die er nicht von ſich treiben konnte, ſo eifrig er darum ſich quälte. Endlich ſank ermattet ſeine Hand mit dem Roſenkranze, und er legte ſeine Stirn gegen das Bet⸗ pult, und überließ ſich den Gedanken, die wie ein zau⸗ beriſch Netz ſein Gemüth umſponnen hielten. Was er noch nie zu ſagen gewagt, flüſterte er ſich jetzt ſelbſt zu. Ja, er liebte die ſchöne Franziska; ietzt erſt, da ein Anderer nach ihrem Beſitze rang, ward es 254 ihm klar; er hatte ſie ſchon in das zweite Jahr hinein geliebt, ohne es zu wiſſen. Damals, als er ſie in der kalten Chriſtnacht aus dem Gedränge des tobenden Volks gerettet, das mit unheiligem Gelärm die heilige Mitter⸗ nachtsfeier beleidigte,— als er kühn das Gewühl der Trunkenbolde und Zuchtloſen, wo hinein die Weiber ge⸗ rathen, getrennt, und Mutter und Kind durch den blen⸗ denden Schnee nach Hauſe geleitet, da hatte es ſeinen Anfang genommen. War er nicht glücklich geweſen für den ganzen Tag ſeitdem, wenn er früh vom Fenſter ei⸗ nen Gruß der Nachbarin bekommen?— War ihm dann nicht die Arbeit immer raſch von der Hand gegangen? Und wenn er ein fertiges Kleinod zu einer Edelfrau oder einem Prälaten tragen mußte, hatte er dann nicht im⸗ mer den Weg an ihrer Thür hin genommen? Und wenn ſie auf der Hausflur mit der Spindel ſaß, und ſein ſcheuer Gruß von dem lieblichen Köpfchen erwidert wurde, war ihm da nicht immer geweſen, als habe er ein reiches Geſchenk bekommen? Und als am Ende der Faſtnachts⸗ zeit die Mutter dem beſcheidenen Nachbarsſohn gar er⸗ laubt hatte, das Töchterchen zum Mummenſchanz auf das Stadthaus zu führen, und er ihr weiches Händchen im Tanze lange, lange feſt halten und ihr ſo dicht ge⸗ genüber athmen, ja im Ringeltanze ſeinen Arm um ihren ſchlanken Leib legen durfte,— o war ihm da nicht geweſen, als ſei er im Paradieſe, oder gar ſchon ein Bürger des Himmelreichs? Und als ſie dann krank lag, und lange Monden an dem verhangenen Fenſter ihr lie⸗ bes Bild gefehlt, hatte es ihm da nicht gedäucht, als wäre die Sonne am Tage glanzlos wie eine Kranken⸗ lampe, und der Mond in der Nacht bleich wie ein Ster⸗ vender geworden? Wohl erinnerte ſie ſich auch, wie der S ——— ———— ——— —, 255 Vater dazumal eines Abends heimgekommen und erzählt, daß der Frater Martin aus der Karthauſe, der Ohm und Arzt der Kranken, ſehr beſorgt um die liebe Nichte ſei, und bedauert, daß ihm eine theure und ſeltene Arznei fehle, die aus dem neuen Welttheile komme, und nur in den Hofapotheken großer Herrn zu haben ſei, und die er vielleicht ſich von dem berühmten Leibarzt des Herzogs Ernſt in Celle zu verſchaffen gedächte; war er da nicht ohne Bedenken aufgebrochen in derſelben Nacht und hatte den Botengang nach Celle, trotz des rauhen Januars, raſtlos hin⸗ und zurück gemacht, und das koſtbare, dem mürriſchen Doctor faſt fußfällig abgedrungene Heilmittel zurückgebracht und dem erſtaunten Karmelitermönch in ſeiner Zelle überreicht, als jener noch geſchwankt, ob er wagen dürfe, dem hoffärtigen Medicus das geſchriebene Brieflein zugehen zu laſſen? Und als die Jungfrau ge⸗ neſen, als er ſah, wie die Mutter ſie zum erſten Male in die Frühlingsſonne führte, hatte er da nicht empfun⸗ den, daß auch von ihm eine Todeskrankheit gewichen? War er da nicht in die Knie geſtürzt und hatte gebetet ſo inbrünſtig und dankbar, wie nie zuvor?— Und jetzt ſollte die im Stillen ſo fromm Angebetete das Eigenthum eines Andern werden, das Eigenthum ſeines Bruders, von dem er ſich geſtehen mußte, daß er ſo wenig würdig ſei ſolches Beſitzes, als er dieſen Beſitz zu ſchätzen vermochte. O, wie ſchalt er ſeine Zaghaftig⸗ keit, ſeine kindiſche Scheu! Warum hatte er nicht geſpro⸗ chen, da ſich die Gelegenheit ſo manches Mal ihm gebo⸗ ten? Warum hatte ihm der Mönch geloben müſſen, nichts von jenem Botengange nach Celle zu verrathen? Nicht zurückgeſchreckt hatte ihn das Auge der Jungfrau; im Gegentheil durfte er ſich geſtehen, ſie habe Wohlgefallen 256 an ihm gefunden, Freundſchaft und Zutrauen habe ihn oft angeleuchtet aus ihren hellen Augenſternen. Aber er hatte bis jetzt genug gehabt an dieſen freundlichen Gaben, ſeine Wünſche hatten beſcheiden nicht höher ge⸗ ſtrebt, und jetzt—— mit ihr zu leben im Bunde auf Leben und Tod, ihr Gatte zu ſein, ſie ganz und allein zu beſitzen, der Gedanke, zum erſten Male gedacht, brachte ihm, ſtatt Seligkeit, eine ganze Hölle, und er ſtand an einem Abgrunde, von dem kein Entrinnen mehr möglich ſchien. Scheu warf er den düſtern Blick auf die Reihe der Beterinnen. Da kniete ſie, andächtig die Perlen ihres Roſenkranzes zählend und die feinen Lippen bewegend. So ſchön ſchien ſie ihm nie geweſen, aber bleicher war ſie, ſo däuchte ihm, und ein Zug der Schwermuth, den er vorher nie bemerkt, lag auf der weißen Stirn und drängte die, wie mit einem Malerpinſel gezogenen Au⸗ genbraunen herab auf die blauen Taubenaugen, Er fand eine Art Troſt darin und begann in ſeiner Seele nach einem Rettungsmittel zu ſuchen; da ſtörte ein unfrom⸗ mes Geräuſch neben ihm ſein Sinnen, und als er den Kopf dahin gewandt, zerrann alle ſeine Hoffnung plötz⸗ lich und ſchnell, wie Märzſchnee vor der Mittagsſonne. Es war der Bruder Wulf, der im Kirchengange herauf kam. Im hochmüthigen Bewußtſein ſeiner Vorzüge ſchritt der eitle Mann durch die Andächtigen heran, ohne ſeinen Gang zu mäßigen, ſeinen harten Tritt zu mildern, ob⸗ gleich ſeine Sohle die Grabſtätten heiliger Biſchöfe be⸗ rührte. Nicht in ſchlichter Bürgertracht zeigte er ſich; das hochgelbe Prunkkleid trug veilchenblaue Sammet⸗ puffen; ein Seidenmäntelchen flatterte an den Schul⸗ tern, und über das gleichfarbige Baret bog ſich die . — . d 257 Straußenfeder; kein Junker hätte ſich des Putzes ſchä⸗ men dürfen. Von jener Demuth und Befangenheit, welche jeden guten Menſchen erfüllt, ſobald er in ein Haus der An⸗ dacht tritt, und eine Verſammlung dankbarer Erdenbür⸗ ger, vom Gefühle ihrer Ohnmacht vor der Hand des Weltenherrn in den Staub gebeugt, erblickt, war nichts auf Wulfs Antlitze zu leſen. Hochgetragenen Hauptes und ſtarrer Richtung ging er an dem Bruder vorüber, und lehnte ſich, nicht fern, in nachläſſiger Stellung an einen Pfeiler, und ſein Auge achtete weder Altar noch Hochamt, ſondern muſterte frech die Frauenreihen, und als er ſein Ziel gefunden, ſtieg ein Lächeln voll Triumph und Lüſternheit auf in dem gebräunten Antlitze, die von 3 Natur hochgerötheten Wangen glüheten gleich Feuerroſen in dem üppig gewachſenen, glänzend ſchwarzen Kraus⸗ mooſe des Barts, der ſich vom Schläfenhaar zum Kinne zog; erzFrich ſich mit der von reichen Ringen geſchmück⸗ ten Hand durch das kurzgekräuſelte Rabenhaar des Schei⸗ tels, und man ſah ihm die Ungeduld an, und wie er kaum von kirchlicher Sitte abgehalten wurde, ſich ſofort in die Betſtühle und neben die Erwählte zu ſetzen, um im koſenden Zwieſprach die Glut ſeiner Leidenſchaft aus⸗ zuſtrömen.— Das wurde zu viel für Hilmars reizbares Gemüth. Obgleich kein Blick der Jungfrau den Augen des Stür⸗ mers begegnete, obgleich ihr Köpfchen ſeit der Ankunft des Werbers noch tiefer zu dem Meßbuch hinabgeſunken war, ſo duldete es Hilmarn doch nicht länger im Got⸗ teshauſe, wo ihm überdies ſündigerweiſe die Andacht mangelte. Es ſchien ihm unmöglich, zu ſehen, wie der glückliche Bruder das Geleit der Nachbarinnen ſich Blumenhagen. V. 17 258 erzwingen würde, und leiſe ſtahl der arme Jüngling ſich darum fort aus der Reihe der Betenden, holte einen tiefen und freien Athemzug erſt dann, als er auf dem Domplatze ſtand, und ſchritt zur Stadt hinaus, an der Benno⸗Burg hin, und gegen den Moritzberg hinauf, in deſſen dichteſter Hölzung er ſich niederſetzte, und dort ſtundenlang in jener gedankenloſen Abſpannung aller Seelenkräfte verweilte, mit welcher die böſeſte aller Krankheiten, die vergiftende Schwermuth, zu beginnen pflegt. Schon war der Mittag vorüber, und Hilmar ſaß noch auf demſelben Flecke. Ach! wäre es nur aus mit dieſem Tage, ſeufzte er, des Vaters gedenkend und wie der Greis um ihn ſorgen möchte; aber nach dieſem dun⸗ keln Tage werden noch düſterere kommen, und immer ſchwärzer wird das Leben werden, und die Trauer wird wachſen, bis ſie endlich von den ſtillen Trauerleuten in die rechte Nacht des Grabes, die beſte, die ewige, ge⸗ tragen wird. O, wäre es nur ſchon bis dahin! Denn das ſehen und leben, iſt zu harte Strafe für ein Herz, das ſich keiner Sünde bewußt!— Es raſſelte in den Gebüſchen, und eine weiße Geſtalt kam durch das Halb⸗ dunkel der Hainbuchen näher und näher heran. Es war ein Mönch, welcher Kräuter zuſammenlas. Bald erkannte Hilmar in ihm den Frater Martin, den Karthäuſer, den Bruder der Frau Schwan; das ſchneeweiße Ordenshabit, mit dem ſchwarzen Skapulier, leuchtete fern her aus dem dunkelgrünen Laube; der lange ſilbergraue Bart floß auf die Bruſt herab, und das prieſterliche glatte Haupt umgab der Kranz von kurzem Haargelock, gleich einer ſilbernen Heiligenkrone. Jetzt ſtand die ehrwürdige Geſtalt nur noch wenige Schritte vor dem Jünglinge, ———— 259 und als ſie ſich erhob, und das faltige, aber reine Ant⸗ litz zu ihm wandte, und forſchend mit den tiefliegenden, aber ſanften Augen die unvermuthete Geſellſchaft zu er⸗ kennen ſuchte, richtete auch Hilmar ſich auf, und trat dem Mönch mit reſpektvollem Gruße entgegen.— Biſt Du es, mein flinker Meiſter Goldſchmied? ſprach der Kloſtermann mit tiefer, aber wohlklingender Stimme und langſamer Ausſprache der Worte. Wir haben uns lange nicht geſehen, aber darum biſt Du doch nicht ver⸗ geſſen. Unſere ſtrenge Regel ſcheidet uns von der Welt, die Klauſur bindet unſern Fuß, das Gelübd unſere Zunge, und man bittet nicht gern um Dispenſation bei dem hochwürdigen Uldaricus, wenn ſie nicht noth thut. Aber warum ſuchteſt Du nicht öfter den Freund auf, der Dir immer ein Schuldner blieb?— Hilmar konnte nicht antworten, er küßte die dürre, reinliche Hand des Mönchs, und ehe er es ſelbſt bemerkte, fiel eine heiße Thräne darauf. Was iſt Dir, mein guter Sohn? fragte der Mönch mit erweckter Theilnahme. Und wie kommſt Du über⸗ haupt hieher in die Einſamkeit an einem goldenen Sonn⸗ tage, wo die Jugend ſich gern ergeht in fröhlicher Ge⸗ ſellſchaft? Fraget nicht, ehrwürdiger Herr, antwortete Hilmar ſcheu, aber denkt auch nichts Böſes von mir, weil ich nicht antworte. Ihr ſeid der Entſagung gewöhnt; aber ein junges Blut fügt ſich nicht ſogleich, wenn ihm ſein beſter Wunſch wie Waſſer zerrinnt, und gebraucht län⸗ gere Zeit und ernſtern Kampf, ehe die Flut ebbet und die Eintracht kommt zwiſchen Herz und Vernunft.— Der Mönch ſah ihn recht durchdringend an, und ſeine Miene deutete an, wie er ſich auf etwas beſinne 260 und ſich erinnere. Er hob die Rechte, und legte ſie ſanft auf Hilmars unbedeckten Kopf. Ja, Kampf führt zur Sühnung! ſagte er ernſt. Durch Nacht und Blut und Dornen führt der Pfad zum Lichte und zur Erkenntniß. Aber Du ſiehſt nicht aus, wie ein muthiger Kämpfer, ſondern wie Einer, den die Streitkolbe des Gegners todtwund geſchlagen. Das iſt nicht die rechte Weiſe, und die Jugend vor Allem darf nicht verzagen, wenn auch das Schickſal einmal einen Stein in ihren Weg warf, der nicht ſogleich wegzuräumen. O, wenn der Engel der Hoffnung ſelbſt den Jüngling verließe, wer ſtände alsdann bei dem Manne, wer bei dem Greiſe?— Ihr ſeid glücklich, frommer Vater, verſetzte Hilmar mit halber Stimme und die Augen auf den Boden ge⸗ heftet; Euer Leben iſt ohne Wünſche, ohne Leidenſchaft; nur dem Himmel zugerichtet Euer Auge. O, wäre ich wie Ihr! Und dahin ſoll es kommen, da wird die Ruhe zu finden ſein, wenn die Welt mich ausſtößt.— Der Beruf ſoll uns in die Kloſtermauern führen, der heilige Drang, nicht Verzweiflung, nicht Unmuth, am wenigſten Groll auf die Welt und ihre Bewohner, fiel mit gehobener Stimme Frater Martin ein. Wie willſt Du dienen können dem Herrn am reinen Altar, wenn Wurm und Schlange und Gift in Deinem Herzen ſind? Wie willſt Du beten können für alle Deine Mit⸗ chriſten, wie wirſt Du ihr Lehrer, ihr Vertreter werden können, wenn gallichter Haß Dein Blut ſchwärzt, und der Wermuth des Abſcheu's Deine Menſchenliebe bitter macht? Aber ruhig, armer Burſch; ich kenne Dich, und weiß mehr von Dir, als Du meinen möchteſt. Komm mit mir herab in die Karthaus, und trinke einen Becher erquicklichen Kräuterweins in meiner Zelle. Dann gehe 261 heim zu Deinem Hauſe, und grüße mir den Vater Freeſe von ſeinem Jugendgeſpielen. Und Abends— da ſandte die Schweſter mir ein Brieflein, und nöthigte mich her⸗ ab zur Stadt. Nun, es wird mir lieb ſein, wenn ich auch Dich dort finde; zum treuherzigen Zwieſprach kön⸗ nen der guten Geſellen nie zu viele ſein.— Eine hohe Glut flog über Hilmars Wangen. Was ſollte ich dort? ſtammelte er. Was könnet Ihr wollen? Was wiſſen?— Still, mein Junge! fiel der Mönch ein, indem er den traurigen Mann bei der Hand nahm, und ihn mit ſich fortführte. Wer bald ſiebenzig Jahre auf Erden ging, lernt die Stempel kennen, welche die Empfindung auf die Menſchenſtirne zu prägen pflegt. Dazu weißt Du ja, daß ich ein halber Medicus bin, und ſo wollen wir verſuchen, Deine Krankheit— denn ein Hoffnungs⸗ loſer iſt gewiß ein Todtkranker— zu heben, oder doch zu mildern, bis die Natur Zeit gecbinnt, nachzuhelfen.— Mühet Euch nicht, antwortete leiſe der Jüngling. Das iſt hin, und wird und muß hin bleiben; und iſt es eine Krankheit, ſo möchte wohl ſelbſt der eelliſche Leibmedicus aus allen vier Welttheilen keine Arznei da⸗ gegen zu ſchaffen wiſſen. Der Karthäuſer hatte ſeine Abſicht erreicht. Nach einem Stündchen ſchien der Sturm in Hilmars Seele beſchworen, ohne daß er ſelber wußte, durch welchen ge⸗ heimen Zauber. Bruder Martin hatte ihn zuerſt in ſeine Zelle geführt. Die Kühle in den Gängen, welche man durchſchreiten mußte, ehe man zu den engen Wohnungen der Mönche kam; der Anblick der einzelnen Karthäuſer, 262 welche mit kaum hörbarem Schritt geſpenſtergleich an ihnen vorüber ſchlichen, und ihr: Memento mori! flüſter⸗ ten; die an den Wänden aufgebaueten Grabmäler und eingehauenen Marterwerkzeuge des Erlöſers, ſtimmten des religiöſen Jünglings Erhitzung ſchon bedeutend her⸗ ab, und lockerten die irdiſchen Feſſeln der erwachten Lei⸗ denſchaft, in denen er ging. Die Zelle ſelbſt, ſo klein und ſtill, ſchien ihn und ſeine Stimmung freundlich und tröſtend zu begrüßen. Alles war armſelig, aber genügend, der kleine weiße Tiſch mit dem geſchnitzten Holzbecher und dem irdenen Kruge darauf, der blankpolirte braune Schemel, Alles nur für ein Einzelleben ohne Störung berechnet; am Fenſter wunderſame fremdländiſche Ge⸗ wächſe, mit ihrer ſtachligen, zackigen Geſtalt und ihren unbekannten Blütenformen, gleichſam an eine fremde Welt erinnernd, zu welcher der Beſitzer aus der, die ihm nicht zugeſagt, geflüchtet; die ſchwarze glänzende Droſſel mit dem Goldſchnabel, im Bauer von Weiden⸗ zweigen geflochten, die ein geißtliches Lied langſam pfiff; und dort im Winkel der offene Sarg, das gewohnte Bett des Mönchs, in welches er jeden Abend ſich ein⸗ ſargte, die beſte Weiſe, die ſchwere Kunſt der Todesver⸗ achtung auszulernen: die ganze Umgebung erweckte zu⸗ erſt Hilmars Mitleid, welches ſich jedoch durch einen Blick auf den Bewohner dieſes Grabes für Lebendige in Bewunderung umwandelte. Der Bruder Martin nahm aus einem Wandſchrein ein Fläſchchen und tränkte dar⸗ aus den Gaſt mit einem bitterlichen, aber erquickenden Magenweine. In unterhaltenden Geſprächen, die aber, ſo lieb es dem Goldſchmied geweſen wäre, und ſo be⸗ gierig er es erwartet, nirgend ſeine Herzensangelegenheit, ſondern Kunſt und Wiſſenſchaft berührten, und wie beide 263 mit der Religion Hand in Hand und als ihre Freun⸗ dinnen und Dienerinnen allein etwas Großes und Vollen⸗ detes leiſten und erſchaffen könnten, führte dann der Mönch den Künſtler durch die einfache, aber ſtattliche Kirche, durch die langen Gallerien, von denen man in die offenen Zellen der Karthäuſer ſchauen konnte, in wel⸗ chen jeder Bruder ein Handwerk trieb, oder eine Kunſt übte; von da in den Garten, der aus vielen kleinen Gärtchen zuſammengeſtellt war, deren jedes, von grü⸗ nender Hecke umgeben, einem Bruder gehörte und mit⸗ ten zwiſchen Blumenbeeten ein offenes Grab enthielt, woran der Beſitzer des Gärtchens täglich einige Zeit zu ſchaufeln verbunden war. Zwei große Schattengänge von prächtigen Obſtbäumen kreuzten ſich in der Mitte des Gartens und trennten die Gärtchen in vier Quar⸗ tiere. Im letzten dieſer Quartiere zeigte Bruder Mar⸗ tin dem Jünglinge auch ſeinen eigenen Garten, der ſich dadurch auszeichnete, daß er nur Heilpflanzen enthielt, nach ihrer verwandten Wirkſamkeit zuſammengepflanzt, und daß in ihrer Mitte ein kleiner Teich gegraben worden, an deſſen Rande mediziniſche Waſſerkräuter, als die krausblättrige Münze, der Sauerklee, die Kreſſe, der Waſſerfenchel und Waſſerſchierling, wie auch die blaue Iris, einen dichten Laubkranz formirten. Und das iſt mein Ruhebett, ſprach der Mönch mit leuchtendem Auge, indem er auf eine Grube wies, welche im Winkel des Feldes unter einem großen, dunkelblättri⸗ gen Fliederbuſche ihre weite Pforte öffnete, und am Fuß⸗ ende im Oſten mit einem Zäunchen von Zwergroſen abgeſchloſſen war, aus denen ein kleines von Eiſen ge⸗ goſſenes Crucifix ſich erhob. Lange ſchon iſt es fertig geweſen, und ich habe nichts mehr daran zu thun, als 264 die Wände glatt zu erhalten, wenn etwa ein nächtiger Regenguß einige Schollen losgeſpült. Das Bett iſt in Ordnung, und der Schläfer iſt auch bereit, wenn der große Meiſter ihn abruft zu höherer Arbeit. O mein Sohn, Du glaubſt nicht, wie wohl es thut, den Platz zu kennen, wo man ausruhen wird nach dem Tagewerke; Du weißt nicht, welch eine liebe Freundſchaft man ab⸗ ſchließt mit ſolchem ſtillen Fleck, und wie täglich die Sehnſucht wächst, ſich der Mutter Erde an die warme, liebevoll geöffnete Bruſt zu legen. Solch eine Freund⸗ ſchaft, wenn ſie recht innig und wahr geworden, gibt dem Menſchen die Meiſterſchaft, gibt ihm Muth, in Mitten des leichtſinnigen, luſtſuchenden Gelärms der Lehrlinge, in Mitten der tollen, leidenſchaftlichen, feindſeligen Zwiſte der Geſellen ſein Amt zu verſehen, wie es ihm angewieſen von oben, ſei es das Amt des Warners, des guten Raths, des Verſöhners, des Richters, des Verkünders göttlichen Zornes, oder nur des ſchweigſamen Muſter⸗ mannes. Ein Jeder kann viel thun auf ſeinem Platze, wenn er nur den Platz recht ſtudirte, und ſeine Pflicht wie eine leuchtende Moſestafel immer vor Augen hat; und glänzet die Arbeit auch hier unten nicht bedeutend, der unſichtbare Baumeiſter lohnet auch diejenigen, die in der Tiefe am Fundament des Baues arbeiten, die Niemand ſieht, als Er, und ſolche ſind ſeinem Auge vielleicht die Liebſten, denn ſie feſtigen den Bau, und nutzen mehr, als Schieferdecker und Polirer, die ſich oben auf dem Gipfel eitel brüſten im Sonnenſchimmer.— Ich verſtehe Euch, antwortete Hilmar tiefſinnig, den Blick auf die Grube und das kleine ſchwarze Kreuz geheftet; Ihr geiſtlichen Herren ſeid die Arbeiter am Fundamente, die ihre Eitelkeit opfern in Entſagung und — — 265 ihren Lohn nicht hienieden erwarten. O ſeht, je mehr Ihr redet, je klarer tritt mein Vorſatz von vorhin an das Licht. Es iſt eine ſchwere Kunſt, zu leben, aber die zu ſterben iſt ſchwerer, und es muß ein herrliches Ge⸗ fühl geben, ſo wie Ihr, nach einem Leben unter lauter gleichgeſinnten, andächtigen Freunden mit Ruhe und Freundlichkeit in den offenen Sarg ſchauen zu können.— Wären Alle, welche berufen ſind, auch erwählt, ſeufzte der Mönch, ja, dann möchte das Kloſterleben ein Vorhimmel genannt werden. Aber oben hangen oft Regenwolken, wo die Sonne leuchten und wärmen ſollte, und liegt auch das Fundament feſt, das Dach iſt oft⸗ malen gebrechlich und mangelhaft.— Ihr meinet den Biſchof Johannes, ſagte der Gold⸗ ſchmied haſtig, der lieber das Schwert führt, als das Weihrauchfaß, und von den ſchönen Stiftsgütern ſo manches verſchleuderte, um eiteln Weltruhm zu erringen.— Ich meine nichts, ſprach Bruder Martin ernſt; denn ich bin ein gehorſamer und getreuer Knecht der Kirche. Glauben und nicht ſehen iſt meiſtens eine nutz⸗ volle Lehre, und macht das Daſein leicht und das Herz ruhig.— O lehret mich's! unterbrach ihn mit Heftigkeit der Jüngling. Wo ich hinblicke draußen, iſt der Friede nicht mehr da für mich. Laßt mich wiederkommen, blei⸗ ben ſofort; wie eine innere Geiſterſtimme mahnet es mich, keinen Schritt weiter in die Welt zu thun, wo neben jeder Roſe Giftblumen wachſen.— Der Mönch ſah ihn eine Weile mit durchdringenden Blicken an. Ohne Prüfung wird das Heiligthum Nie⸗ mandem geöffnet, und die Prüfung beginne bei dem eigenen Herzen, denn Selbſterkenntniß iſt der Anfang 266 aller Weisheit. Bald vielleicht wird das Grab da vor uns geſchloſſen werden, alsdann kehre wieder und frage, und dürfen die Abgeſchiedenen ſich kümmern um den klei⸗ nen Erdball, wo ſie einſt pilgerten, ſo ſoll meine Stimme Dir antworten. Jetzt aber kehre zur Stadt, mein Sohn, und ſei getroſt; über Nacht kommt gar oft guter Rath, und morgen kannſt Du Dir überlegen, was heute nur Kind des heißen Blutes und empörier Leidenſchaft geweſen. Der Abend kam, mit ſeiner Kühle und ſeiner Sab⸗ batsruhe. Die Straßen der Stadt lagen leer und öde, denn der ſchöne Sommertag hatte die jungen Leute ins Freie zu Dörfern und Schenken gelockt, oder in der Stadt ſelbſt zu Spiel und Gelagen verſammelt. So langſam ſchlich noch nie dem Goldſchmied Hilmar ein Tag hinab. Der Vater hatte gemurrt über ſeinen Be⸗ ſuch im Kloſter und das Wegbleiben vom Mittagstiſche, welches er am Ordnung liebenden Sohne nicht gewohnt war. Schwan's Haus lag ihm gegenüber wie ausge⸗ ſtorben, die Gardinen der Fenſter hatten ſich heute nicht gerührt. Endlich läutete die Vesperſtunde, und Hilmar nahm das feine Futteral, mit rothem Leder überzogen, ſenkte behutſam den Kelch hinein, und rüſtete ſich zum Beſuch bei der Nachbarin. Aber niemals war ihm ein Weg ſo ſauer angekommen, und hätte er nicht heute die Ablieferung der Arbeit verſprochen, hätte ihn nicht der Mönch mit ſo räthſelhaften Worten dahin beſtellt, er würde nicht aus der engen Werkſtatt gegangen ſein. Dennoch ſchickte er vorher den verſchmitzten Lehrburſchen auf Kundſchaft nach dem Bruder aus, der, ſeit er von Dresden heimgekehrt, eine eigene Miethswohnung bezogen, — — 267 weil das Vaterhaus ihm nicht geräumig genug ge⸗ ſchienen. Erſt als der kluge Konrad heimkam, und berichtete, der Herr Wulf ſei zu Gaſte bei dem Stadt⸗ hauptmanne, Herrn Hans von Horneburg, und feiere dort den Namenstag der Edelfrau in luſtiger und vor⸗ nehmer Compagnie, erſt dann erleichterte ſich ſeine Bruſt, und er nahm das rothe Futteral in den Arm und ging mit lautpochenden Pulſen den kurzen Weg zum Hauſe gegenüber. Scheu ſtand er an der Zimmerthür, furcht⸗ ſam öffnete er, nachdem er ſanft geklopft, auf den Ruf der Wirthin die Thür, aber ſein Fuß zuckte zurück, als er den Frater Martin ſchon ſitzen ſah bei der Frau vom Hauſe, und er bemühete ſich, den Schatz, den er trug, zu verbergen. Nur herein, Meiſter Nachbar! rief Frau Schwan ihm lächelnd zu. Ihr kommt gerade recht, denn der Bruder weiß ſchon, was Ihr bringt, da ich wußte, daß man ſich auf Euer Wort verlaſſen darf.— Willkommen, mein guter Freund! ſprach zugleich der ſilberbärtige Karthäuſer mit Humor. Mit Freuden höre ich, wie mein angehender Novize bei den frommen Frauen in gutem Geruche ſteht. Ordnung iſt die Seele des kirchlichen Regiments. Wer ſie ſchon mitbringt zum Kloſterleben, erſpart ſich manche Pönitenz und ſeinen Obern manche Aergerlichkeit.— Mit ſichtlicher Verlegenheit machte Hilmar ſeinen Bückling gegen die Frauenzimmer, und ſetzte dann ſeine Laſt auf den Tiſch vor dem Kloſterherrn nieder. Aber heiß überlief es ihn, als er auf demſelben Tiſchlein, in einem hohen Römerglaſe, an welchem in bunten Farben der Kaiſer und die Kurfürſten abgebildet waren, ſeinen vergeſſenen Blumenſtrauß erblickte, und wenn er Alles, 268 was heute ſo ſonderbar ſein friedliches Daſein zerriſſen und verwandelt hatte, damit zuſammenſtellte, mußte ihm unheimlich zu Muthe werden, und er war nahe daran, Spuk und Zauberwerk im Spiele zu glauben. Unge⸗ ſchickt ſetzte er ſich auf den Seſſel, den Jungfrau Fran⸗ ziska für ihn zurechtgeſchoben, und als er den ſeltſam forſchenden Blicken der Nachbarinnen begegnete, ſank ſein Auge zur Erde, und er drehete ſein Baret wohl zwanzigmal in den Händen herum, ehe er den Uebelſtand ſeines Benehmens bemerkte. Wie meinſt Du denn das, Bruder? fragte Frau Schwan mit ſcharfem Blick auf die Tochter, welche verſtummt neben dem Oheim ſtand. Was ſollte das vom Noviz und Kloſter? Meiſter Freeſe wird doch nicht—2 Die Tonſur nehmen, und die hübſche Geſtalt in ein Mönchskleid ſtecken? fiel Bruder Martin ein, beim Auspacken des Kelchs begriffen. Und warum denn nicht? Die Welt liegt im Argen; Stürme und Unge⸗ witter ſteigen überall ſchwärzer und ſchwärzer auf; der Fiſcher iſt der klügſte, welcher frühzeitig ſich und ſeinen Nachen ſalvirt. Er iſt jung, da kann er weit ſteigen in der Geiſtlichkeit; Abt, Biſchof, Pabſt ſind keine uner⸗ reichbare Poſten für den, welcher früh ausgeht. Und er bringt eine Kunſt mit in das Kloſter, welche ihn vor Langweile bewahrt und ihn willkommen macht bei jeder Brüderſchaft, die auf Kirchenſchätze hält. Und vor Allem thut er auch bürgerlich ein gutes Werk dabei; denn da ſein älterer Bruder, wie man ſagt, auf die Freite geht, ſo läßt er ihm Platz im Hauſe und opfert ſeine Anſprüche edelmüthig auf, der Verſplitterung des väterlichen Vermögens vorzubeugen.— 269 . Die Jungfrau machte eine raſche Bewegung, drückte das weiße Schweißtüchlein vor das Geſicht und ging abgewandt zum Fenſter, die Gardinen zu öffnen, damit der letzte Sonnenblick herein könne, den beſchauenden Augen des Ohms zu Hülfe. Der Bruder ſcherzt, nicht wahr, guter Nachbar, ver⸗ ſetzte Frau Schwan. Es iſt gar nicht in ſeiner Weiſe, alſo von ſolch ernſtem Schritte zu ſprechen. Und was ich bislang von Euch hörte und ſah, war nicht darnach, als hätte ſolch eine Abſicht, gegen die freilich eine gute Chriſtin nichts haben darf, in Eurer Seele gewohnt.— Es gibt Stunden, die das ganze Leben umgeſtalten, antwortete Hilmar mit bebender Stimme, indem er die blauen Augen, die wie in einem Thränenflore ſchwam⸗ men, erhob.— Alſo wahr? fragte da dicht hinter ihm Franziska's Stimme. Und doch heute noch— Sie vol⸗ lendete nicht, aber ihr weißes Händchen deutete auf den Strauß von Roſen und Myrten, und ſie endete die Rede nicht, im Bewußtſein, zu viel geſagt zu haben.— Franzel dankt gar ſchön für die Blumen, fuhr die Mutter, wie in der Tochter Namen fort; ſind ſie doch ſo köſtlich, daß keine Braut ſich ihrer ſchämen dürfte am Ehrentage, und der kleine Murrkopf hat heute das erſte frohe Geſicht gezeigt, als die Suſe ihr damit entgegen kam.— Wenn ich darf, kann Jungfer Franziska am Ehren⸗ tage auf eine gleiche Gabe rechnen; denn ihr Werber iſt flink, und wird wohl die Roſenzeit nicht vorüber gehen laſſen; und wer ſäumig iſt, wenn die Seligkeit winkt, verdient ihre Himmelsſchätze nicht!— Halblaut und trüb⸗ ſinnig ſtotterte der Jüngling das hervor. Alſo Er iſt der Gärtner, der heute noch ſolchen orien⸗ 270 taliſchen Briefſtrauß gebunden? fragte launig der Mönch. Das iſt doch ſeltſam! Und ſchau nur hier den Kelch, mein Franzel; die Blumen, die er dem Silber entwachſen ließ, machen dem Tauſendkünſtler nicht weniger Ehre. Und ſchau nur hier die feinen Apoſtelköpfe an der Jeſus⸗ tafel, und hier auf dem Deckel das Lamm Gottes mit der Fahne. Ich werde Euch der Abbatiſſin von Gan⸗ dersheim und dem Domherrn Statius von Münchhauſen und dem von Cramm empfehlen; die lieben ſolche Klei⸗ nodien und bezahlen tüchtig.— Habt Ihr denn auch die Rechnung zur Hand? fragte Frau Schwan ſchnell. Verzeiht, lieber Nachbar, daß mich der Bruder erſt daran erinnern mußte.— Hilmar erröthete bis zur Stirn hinan. Die Rech⸗ nung? fragte er dann zurück. Wußte ich doch nicht, ob Euch die Arbeit gefiele. Und überdies, ſetzte er ſtam⸗ melnd hinzu, ſagtet Ihr nicht, es ſei ein Gelübd, was Euch zur Beſtellung getrieben? Nun, auch mich band dazumal ein Gelübd, und zahlt Ihr mir das Gewicht des Silbers, möchte ich Euch bitten, die Arbeit zu Euerm Gelübd hinzu zu rechnen, damit ich auch mein Theil abgetragen.— Frau Schwan wollte auffahren und Widerreden ma⸗ chen; Frater Martin aber ſtand raſch auf aus dem wei⸗ ten Lehnſeſſel, und die Hand auf den Mund der Schweſter legend, trat er um den Tiſch her näher zu dem Sitze des Goldſchmieds. Handel und Wandel gehört für die Werkeltage, ſprach er ernſt. Ihr wohnet euch ja nahe genug, um jeden Tag der Schuld gedenken zu können. Ernſtere Dinge fordern die Stunde, die mir unter euch erlaubt worden. Du, mein lieber Sohn, kamſt, auch ohne Deinen Kelch, — 271 zu ſehr gelegener Zeit, denn Du fandeſt uns in einem Geſpräche, deſſen Inhalt Deine nächſte Blutsfreundſchaft berührt, und worin Du ein vollgültig Recht der Mit⸗ wiſſenſchaft und des Einſpruchs beſitzen möchteſt. Du weißt wohl ſchon, wie Dein Bruder, der Architekt Wulf Freeſe, gebührend geworben um mein trautes RNichtchen dort, die kleine Fränzel, welche nun jetzt das Lämpchen aus dem Schreine im Winkel holet, damit wir unſere Worte ſehen dürften, obgleich ich wette, daß der Schelm gerade jetzt eine egyptiſche Finſterniß herbeiwünſchen möchte. Nun hat die Mutter, die ein Stück auf den alten Bruder hält, mich herbeigeladen, um ihr guten Rath zu geben bei der unvermutheten Freierei, den ich der treuen Schweſter auch noch nie im Leben verſagt. Name und Familie des Freiers ſind ohne Tadel; ſein Werk iſt eines der nutzvollſten und geehrteſten, kriecht nicht auf der Erde, ſondern baut ſich wolkenhinan, und kann den Geſchickten in wenig Zeit zu einem Cröſus machen an Gold und Nachruhm. Ueberdies, welches bei den Frauen ſchwer in der Wagſchale liegt, hat die Natur dem Herrn Wulf ein gar ſtattliches Aeußere gegeben; er iſt, was man einen ſchönen und gemachten Mann nennt, und weiß ſich zu kleiden, gleich einem Grafen⸗ ſohne. Aber es gilt hier irdiſches Heil und ein Lebens⸗ glück, oder Unglück auf eine lange Reihe Jahre. Herr Wulf iſt zu Hildesheim fremd geworden, hat ſich umher getrieben in fremden Großſtädten, hat gelebt in jenen unglücklichen Landen, wo der rebelliſche Münnich, der meinen guten Namen mir faſt widerwärtig gemacht, die Peſt der Ketzerei ausgeſäet. Dazu ſagen die Leute, der Architekt ſei ein Mann von heftigem, jähzornigem Gemüth, liebe Würfel und Becher gar ſehr, hänge 272 verſchwenderiſch all ſein Geld auf den Leib in bunten Sei⸗ denfetzen, finde eben nicht Luſt an Arbeit und Studium, und— wos gar bös wäre— achte und liebe den Vater nicht beſonders, und ſtehe mit ihm in ſehr kaltem, fremd⸗ artigem Verhältniſſe. Du biſt der Bruder, biſt ein offe⸗ ner, redlicher Menſch; ſo wirſt Du Dein Zeugniß nicht weigern, wenn das Glück Deiner Nachbarin auf dem Wurfe ſteht.— Hilmar war bei dem Schluſſe der Rede heftig und mit verdüſterter Stirn vom Stuhl aufgeſtanden, als ſchwebe ein gewichtig Gegenwort auf ſeiner Zunge. Auf einmal aber ſanken die gehobenen Arme wieder, der Kopf dazu, und die blitzenden Augen erloſchen. Zeugniß für oder gegen den Bruder ſollte man nirgend fordern, antwortete er, und man hörte der Stimme das Zittern der Lippen an. Was Ihr jedoch Böſes von dem Wulf vorbringt, und in ſo argem, vollem Maße, mag oder muß vielmehr ein feindſeliges und verleumderiſches Ge⸗ trätſch ſein. Iſt nicht Bruder Wulf des wackern Vaters Sohn, erzogen in Gottesfurcht, wie ich? Iſt er nicht klüger wie ich, und hat die Welt geſehen? Wie könnte er denn ohne Arbeitsluſt und ein Verſchwender ſein, da er gewiß an Andern erfahren, wie ſolches zum Bettel⸗ ſtabe und zum Abgrunde führt? Er freiet um die beſte Jungfrau im Stift, wie ſollte er ſich da nicht mühen, ihr zu gefallen, und den ſchönen Leib ſchöner zu ſchmü⸗ cken, um ſie zu gewinnen? Sein Stand führt ihn zu Vornehmen und in die Geſellſchaft der Domherren und Edelleute, denen er Schlöſſer und Kirchen bauet; da muß er nachgeben und ihre Weiſe mitmachen, wenn ihm auch Spielbrett und Becher zuwider wären; und den Vater beſucht er, ſo oft ihm ſein Gewerb Muße gibt, — v— —₰ 273 und wenn ſeine Reiſen im Land es erlauben; und nie habe ich ein feindſeliges Wort von ihm gegen den Vater Freeſen gehört; die fromme Mutter konnte keinen Ham oder Abſalon gebären.— Mit Erſtaunen und Schreck gewahrte jetzt der arme Jüngling, daß Franziska vor ihrem Schranke laut zu ſchluchzen begann, und dieſes bittere Weinen gar nicht einmal nach Mädchenweiſe zu verbergen ſuchte. Sein Staunen wuchs, als die Mutter das Mädchen zärtlich umfing, ihr die rollenden Zähren zu trocknen verſuchte und dazu tröſtend ſprach: Fränzel, was plärrſt Du? Freuen ſollteſt Du Dich, denn Du meinteſt ja ſelbſt, der wackere Menſch würde kein anderes Zeugniß abgeben, und gälte es den Eingang in die Himmelsthür.— In⸗ dem er aber noch nach den Frauenzimmern hinſtarrte, umfaßte ihn mit Kraft der Mönch, und drückte ihn ge⸗ waltig in ſeine Arme. Du biſt in einer ſchweren und grauſamlichen Prüfung beſtanden, junger Mann, in wel⸗ cher wohl ein älterer und der Verſuchung gewohnter hätte unterliegen mögen! rief der Karthäuſer dabei mit geho⸗ bener, freudig erklingender Stimme und funkelnden Au⸗ gen. O, faſt gereut mich's, daß ich dich heut Mittag nicht behalten habe in der Klauſur; denn wer ſo den Spruch der Redlichkeit: Thue deinem Nächſten kein Titel⸗ chen Arges! wer ſo den Spruch des Erlöſers: Liebet eure Feinde, und thut wohl denen, die euch haſſen, im Herzen trägt; wer ſo ein hohes Opfer nicht ſcheut, um ein rei⸗ nes Gewiſſen zu bewahren, der wäre bald zum glanz⸗ vollen Muſterbilde geworden und eine Säule der Kirche, denn er wäre berufen und erwählt zugleich geweſen. Aber der Herr fordert Dich ſichtlich auf eine andere Bahn, und das ſei ferne von mir, daß ich, als Diener Blumenhagen. V. 18 274 der Kirche, in Selbſtſucht der Natur ihr ſchönes Werk entzöge, und zu einer todten und kalten Altarblume machte, was draußen im großen Garten der Schöpfung wachſen kann friſch und lebendig, und dem großen Gärtner zum Preiſe, nach vielen Generationen noch. Richte Dein Haupt empor, Du mein lieber Sohn, und ſchaue hof⸗ fend in die Welt, die Dir ihre Schätze ausbreitet. Ich verkünde Dir im Namen des Ewigen, er verlangt kein Abrahamsopfer, keine Kreuzigung von Dir, ſondern er ſendet Deinem Edelmuth und Deiner Hochherzigkeit den Lohn zur Stelle, ſo ſchön Du ihn Dir nur wünſchen magſt.— Aber, ehrwürdiger Herr, was bedeutet mir denn das Alles? fragte Hilmar mit ſchwankender Stimme.— Tritt nur näher, mein Fränzel, und ſchäme Dich der Freudenthränen nicht, fuhr der Mönch fort. Dieſe feuch⸗ ten Perlen und Dein Erröthen ſind eine Sprache der Seele, welche keiner Auslegung bedarf. Was Du dem Mutterherzen vertrauteſt, darf nicht länger verborgen bleiben. Es wäre ja eine Sünde an dem Manne, der Deiner ſtillgehegten Liebe ſchon lange begegnete, und der ſolche ſelbſt noch überbot. Ja, Hilmar, auch Dein Verhehlen wäre Verbrechen an dem Mädchen, das Du liebſt, und ich breche mein Dir gegebenes Wort, weil die Zeit da iſt, wo nichts Geheimes mehr unter euch ſein darf; denn wer nicht Alles theilt mit dem geliebten Weſen, Gedanken und That, Wunſch und Gefühl, der hat nicht recht geliebt, und flocht ſich ſelbſt zur Myrte die ſtechende Diſtel, welche ihn wundet zur Strafe über kurz oder lang. Franziska, nicht mir, ſondern dieſem Manne biſt Du Dein Leben ſchuldig. Er war der flüch⸗ tige Bote, der die Arzenei brachte von Celle, der nicht 275 einmal Wagen nahm oder Roß zu der Liebesfahrt, damit kein Verräther ſeine Geſinnung enthülle, ſondern die wunde Sohle nicht ſcheute, nicht Nacht und Gefahr, um zu ſchaffen, was nöthig zu Deinem Heil. Lohne ihn dafür ein ganzes Leben hindurch; die Bürgſchaft, daß er es verdiene, nehme ich auf mein weißes, von keiner Schuld belaſtetes Haupt.— Er? ſtammelte Franziska, mit ſcheuen Schritten näher tretend; und er liebte mich wirklich, und ſchon ſo lange Zeit?— Und ſie hätte mich erkannt, und wäre mir zugethan geweſen? Und war mir gut, und ich wußte nichts von meinem Glücke? fragte Hilmar.— Heftig faßte Bruder Martin die beiden Hände der jungen Leute, die in ſcheuer Schamhaftigkeit ihm faſt zu widerſtreben ſchienen.— Eure Liebe bleibe fromm und zart, wie ſie jetzt iſt, dann wird ſie ausdauern über ein Lebensalter hinaus! ſprach er feierlich, mit unverhehlter Rührung, indem er ihre Hände zuſammendrückte. Traget zuſammen die Mühen des Lebens; räumet mit einander die Steine hinweg, welche das Schickſal in euren Weg warf; ſeid duldſam und nachſichtig, denn wir Alle ſind gebrechliche Adamskinder; theilt Alles, was euch die Vorſicht beſcheert; ſeid offen und treu gegen einander; meidet die Lüge und den Trug im Kleinen wie im Gro⸗ ßen, denn dieſe ſind die Giftäpfel der Hölle, welche die Schlange zwiſchen die Liebe warf, und die, wie einſt, auch jetzt noch und immerdar das Paradies zerſtören und für immer vergiften.— Er wandte ſich zur Seite, wo die Mutter ſtand, welche ſich mit naſſen Augen an ſeine Schulter legte; die beiden Liebenden aber ſtanden ſtumm gegen einander über, 276 Beider Wangen waren hochgeröthet, Beide wagten keine Annäherung, aber die feſt ineinander geſchloſſenen Hände drückten ſich leiſe, und das war wohl bei dieſen mehr als Gelübd und Schwur, und ſie verſtanden die Bedeu⸗ tung Beide, und ihre Herzen waren übervoll von unge⸗ hoffter Seligkeit. Da pochte es keck und dreiſt an die Thüre; Hilmar und Franziska fuhren ſcheu aus einander, und die Mutter ging und öffnete neugierig. Herein trat der, welcher hier am wenigſten gewünſcht und erwartet wurde, der Architekt Wulf Freeſe. Wilde Fröhlichkeit ſchien auf alle ſeine Geſichtszüge geprägt, die ſchwarzen Augen funkel⸗ ten recht kühn und übermüthig, doch die Erhitzung, welche ſich auf ſeinen Wangen kund that, ſeine Haltung und ſein erſter Gruß an die Mutter verrieth den Geiſt des Weines, der freilich nur auf leichte Weiſe in ſeinem Hirn zu ſpuken begonnen. Guten Abend in das Haus und allerſeits! rief er ſchallend und ſein Baret ſchwingend. Bin ich nicht ein Muſter eines Bräutigams? Laſſe die unerſchöpflichen Weinkrüge von Kana und die leckerſten Schüſſeln im Stich, achte die Verzweiflung der galanteſten Edelfrau und der ſchmuckſten Fräulein im Stift nicht, bloß um meinem Bräutlein keine unruhige Nacht zu machen. Verdient das nicht einen Extralohn, mein Püppchen? Und, bei dem heiligen Bonifaz, der die erſten Kirchen baute, ich hoffe ſtark darauf.— Als die Frau Schwan jedoch jetzt die Lampe aus dem fernen Winkel zum Tiſche trug, und die Jungfrau furchtſam zurückwich und dem Stürmer Platz machte, ſtellte er ſich ſofort feſter, und ſchnell ſeine ganze Be⸗ ſonnenheit wieder gewinnend, muſterte er mit ſtolzen 277 und ſcharfen Blicken die Geſellſchaft. Ei ſieh da, der Bru⸗ der Goldſchmied! ſprach er mit leichtem Hohn und vor⸗ nehmer Geberde. Wie kommt Er hieher? Will Er gratu⸗ liren, oder das Maß zu den Trauringen nehmen? Das hätte Er erſparen können, bis ich ſelbſt ſeine enge Werk⸗ ſtatt beehrt mit der Beſtellung des Brautſchmuckes. Oder hat der gütige Vater Freeſe Ihn geſandt, damit Er feilſche um die Mitgift? Voreilig und überflüſſig war immerdar Sein Gang, denn was bei Seinem ehrſamen Verlöbniß einmal nöthig ſein möchte, paßt nicht für Wulfs Brauttag. Mein iſt die Welt, die Truhen und Säckel der Könige ſtehen mir offen; die holde Braut iſt allein der Preis, um den ich ringe, und hätte ſie nichts als das Blätterkleid der Mutter Eva zum Brautſchatz.— Der Bruder war ein guter Nachbar dieſes Hauſes, entgegnete da der Mönch, ernſt aus dem Hintergrunde hervortretend, als Ihr in der Fremde die Vaterſtadt vergeſſen hattet. Er iſt mein Freund, mein Sohn, und ich hatte ihn geladen. Auch möget Ihr nicht Euer Auge ſo kalt und herriſch über Eurer Mutter Sohn hinſtrei⸗ chen laſſen, denn Ihr ſelbſt waret ein Theil unſeres Ge⸗ ſprächs, und es geziemte Euch, dem Bruder freundlichen Dank zu bringen üher das Zeugniß, das Er für Euch ſo uneigennützig, wie liebevoll abgelegt.— Ein Zeugniß für mich? fragte Wulf heftig zurück. Wäre ein ſolches vonnöthen, ſo möchte es von höherer Hand, und mit edlerem Siegel beurkundet, dargebracht werden müſſen. Briefſchaften, durch die Zunft beglaubigt, und nach dem Schmutz der Schmiedepfanne riechend, bedarf Meinesgleichen nicht.— Aber, ehrwürdiger Mann, ſetzte er fein und ehrerbietig hinzu, Ihr ſeid ſicher der acht⸗ bare Ohm meiner Zukünftigen, der Mann Gottes, der 278 den Schatz hütete, welcher mir von der allgütigen Vor⸗ ſehung ſo unverdient beſtimmt worden. Senket auf mich dann auch Euren ſegnenden Vaterblick, und ſetzet den prangenden Kranz auf den Giebel meines Hauſes.— Ihr ſprecht ſo ſicher, mein Herr Wulf, entgegnete der Mönch, als hättet Ihr das Jawort Eures Mädchens ſchon Jahre lang in der Taſche, und als wäre der Fackeltanz bereits aufgeführt. Meinet Ihr denn, daß eine Mutter ihr höchſtes Kleinod, das ſie am Herzen trug eine lange ſorgenreiche Zeit, leichtfertig dem Erſten dem Beſten zu eigen gibt, der die Hand darnach aus⸗ ſtreckt? Wollt Ihr Eure Erwählte um die Blüten des Brautſtandes betrügen? und habt Ihr vergeſſen, daß im deutſchen Lande die Sitte gilt, eine ſchöne Zeit zu wer⸗ ben um Minneſold, durch Opfer und Liebespfänder? Ein gutes Weib iſt die höchſte Gabe des Himmels; man ge⸗ winnt ſie nicht durch einen glücklichen Wurf im Spiel⸗ brett, und der hat das Sakrament der Ehe nicht ver⸗ ſtanden, der ohne Seelenverſtändniß, ohne wechſelſeitige Erkenntniß, wie mit einem kecken Tanzſprung, in die Hochzeitkammer zu ſpringen gedenkt.— Von dem Erſten dem Beſten kann hier kaum die Rede ſein, denke ich, antwortete der Baumeiſter ſtutzig; denn den Architekt Freeſe kennt das ganze römiſche Reich. Wenn Ihr mir aber die Eilfertigkeit meiner Wünſche und meines Entſchluſſes zur Sünde anrechnen wollt, ſo tragen die ſchönen Augen Eures Nichtchens die Hälfte der Schuld, und ſie wird, kenne ich die Mädchenherzen anders, mir meine dringende Sehnſucht, mein raſches Thun, welches den Schneckengang der armſeligen Alltäg⸗ ler verachtet, nicht zum Vergehen machen, da die Glut meiner Liebe daraus hervorſprühet. Ich habe gebührlich 279 meine Werbung angebracht; man hat ſie angenommen, und ſo darf ich meinen, daß ſie nicht unmlkommen war, darf erwarten, daß man mir die Antwort gibt, die ich wünſche.— Viel Selbſtgefühl, ein ſchöner Stolz, wenn er auf gutem Gewiſſen fundamentirt worden, ſagte der Mönch. Irdiſche Vaterfreuden ſind mir verſagt, aber laßt mich einmal hier des Vaters Platz vertreten. Zuerſt dann: Wie ſteht es um den Glauben? Man ſagt, Ihr hättet mit den Neuerern im Reiche viel Verkehr gehabt, und man ſehe Euch weder in der Meſſe noch im Beicht⸗ ſtuhle.— Eine dunkle Glut legte ſich auf Wulfs Geſicht. Auch jetzt kam ich nicht her, um Beichte zu ſitzen; verſetzte er mit innerem Grimm. Der Liebe ward von mir dieſer Abend beſtimmt, nicht dem Gebet. Darum wartet, grauer Herr, bis ich morgen vielleicht in Eure Klauſe komme; wundert's mich doch nicht wenig, wie ein ſchweig⸗ ſamer Karthäuſer ſeiner Zunge ſolch gelübdwidrige Licenz geben dürfe.— Dem Medicus der Karthauſe fehlt die Diſpenſation ſeines Abts nimmer, die ſein wohlthätiger Beruf erfor⸗ dert, entgegnete mit Würde Frater Martin; und, beim heiligen Bruno! mir iſt, als wäre hier jene Donner⸗ ſtimme vonnöthen, welche den Saul in ſeinem Hoch⸗ muthe anrief, und vom ſtolzen Roſſe in den Staub ſchmetterte. Junger Mann, wer nicht antworten kann oder will, wenn Gott nach dem Herzen fragt durch Prie⸗ ſtermund, wie ſollte zu dem ein frommes Frauengemüth Vertrauen faſſen können? Wer ſteht ihr dafür, daß ſolch ein Herr, dem ſie Magd werden ſoll, nicht ſelbſt ein Sklav iſt des Satanas und der ganzen Hölle? Darum 280 ſpreche ich ernſt zu Euch, ſorget, daß dieſes erſt klar werde, wie Morgenlicht, ehe Ihr wieder ein Wort von Werbung ſprecht; denn wir vermählten die Jungfrau dort lieber dem Grabe, als einem Ketzer. Wer ſeinem Gotte das Wort brach, wie würde ein Solcher Eide halten, die er für Menſchen ſprach! Und ſputet Euch, junger Herr, mit dem Beweiſe; denn offen ſei es Euch erklärt, neben Euch werben noch andere Freier, und wahrlich ſo achtbare, denn Ihr ſelbſt.— In verbiſſenem Grimm lief Wulfs unſtetes Auge im Zimmer umher, traf auf den Kirchenkelch, und fuhr dann durchbohrend auf den Bruder hin. Sollte der arm⸗ ſelige, graugefiederte Enterich zu trachten wagen nach der weißen Schwänin? fragte er mit brauſender Sturm⸗ ſtimme. Glaubt mir, der edle Schwan hat kräftige Fittiche, welche zerſchmettern, und ſein ſcharfer Schnabel zerfetzt bis aufs Blut, wenn es die Schwänin gilt.— Ich ſehe dort ein glänzend Gefäß auf dem Tiſch; wo es gefertigt, iſt mir kein Räthſel. Auch kenne ich des Mönchs Pflicht; der Beſte iſt beſtechlich, wenn es den Reichthum ſeines Kloſters gilt. Laßt ſehen, ob ich den Frater ge⸗ winne, indem ich gelobe, eine neue Kapelle an ſeine graue Karthaus zu hängen, ſo meiſterlicher Arbeit und ſo ſchöner Form, wie ſie ſelbſt der heilige Dom nicht hat, mit einem Altar des Propheten Elias darin, ſo rreich verziert durch edles Metall, wie ihn weder Fran⸗ ziskus Jünger noch die Brüderſchaft des heiligen Bene⸗ dikts aufzuzeigen vermögen. Nun, ehrwürdiger Mann, was ſprecht Ihr zu dem Bot?— Daß ich mich abwende von Dir, Du eitler Brüſter, antwortete der Mönch mit Stolz und Verachtung, daß ich Dich verloren achte und unverbeſſerlich, daß ich die ————— ————— 281 Herrin dieſes Hauſes auffordere, ihr gutes Recht zu ge⸗ brauchen.— Und Ihr, Frau Schwan? Und Ihr, ſchöne Jung⸗ frau? fragte Wulf mit ſpöttiſchem Lächeln.— Franziska wendete ſich raſch und mit finſterem Geſicht von dem Frager; die Mutter aber ſagte ſcharf betonend: Wer den Stellvertreter des Vaters nicht achtet, wie kann der Achtung verlangen? Und mich dünkt, Liebe ohne Ach⸗ tung ſei immerdar eine Mißgeburt.— Wuff ſtampfte heftig mit dem Fuße, und zerrte ſich mit der Fauſt am Mantel. In erzwungener Kälte dehnte er dann ſeine kräftige Geſtalt, und warf den Kopf hoch auf nach hin⸗ ten. Alſo geht Wulf Freeſe mit einem feingeflochtenen Körbchen aus dieſem Hauſe? fragte er mit ſeltſamem Lächeln. Ganz Hildesheim wird darüber Freude haben, denn Alle verargten ihm längſt die Tollheit ſeiner Liebe, und ſeine Warner hießen Legion. Aber Du, graues Mönchlein, hüte Dich; was der Baumeiſter anzeichnet, wird mit ſcharfem Meißel in den Stein geſchrieben, und böſcht nicht ſo leichtlich aus, wie die elende Schnörkel⸗ ſchrift Deiner Pergamente.— Ohne Gruß drehete er ſich leicht dann auf S Fer⸗ ſen und verließ das Zimmer. Ich athme wieder, ſtam⸗ melte die Jungfrau, denn mein Herz ſtand ſtill in Angſt vor dem Ausgange, und ſeine Drohungen werden in allen meinen Träumen vorkommen.— Ihr Auge fiel beſorgt auf den erblichenen Hilmar. Seid Ihr aber auch nicht zu hart mit dem Bruder umgegangen? fiel dieſer mit betrübter Stimme ein. Nachſicht hat der Himmel für den ſchwachen Sünder, Gnade dem Reuigen! antwortete mit Ruhe der Kart⸗ häuſer. Doch den eitlen und übermüthigen Frevler treffe 282 erſchütternder Donner und ſcharfes Schwert, denn nur blutende Wunde und Zerſchlagenheit des Gemüths kön⸗ nen ihn zur Beſſerung führen! Seid ruhig, Kinder, und genießt eures Glücks, deſſen jungen Baum ich pflegen und ſtützen werde, ſo viel und ſo lange es mir vergönnt, damit er ſchnelle Blüten treibe. Denkt nicht an Gewalt⸗ that; je ſchärfer die Zunge, je ſchwächer der Arm, und Prieſterband iſt eine heilige Schutzmauer, welche ſelbſt von den Königen der Erde reſpektirt wird.— Die jungen Leute tauſchten einen ſchnellen Blick aus, aber Beide errötheten gleichzeitig bei dem Blicke, und der Mönch nickte lächelnd, da er es bemerkte, und ſprach leiſe zur Schweſter gewendet: Den Keim ſolch zarter Maienblumen im eigenen Herzen erdrückt zu haben, iſt doch ein Opfer; fühlt man es auch nur dann, wenn man die weiße Knospe aufbrechen ſieht in fremder Flur.— 7* Wer vom Schickſale ſo hoch begünſtigt wurde, daß ſeine erſte Liebe eine unſchuldige und zugleich eine glück⸗ liche war, wird in eigner Erinnerung mitempfinden, was Hilmar und Franziska empfanden in den ſchönen Tagen, welche dieſem Sonntage folgten. Aber viel weiter, als vorhin, kamen die beiden kindlichen Seelen nicht ſo bald. Daß ſie ſich näher ſein durften; daß ſie in den Stunden der täglichen Arbeit wußten, am Abende warte ihrer eine ſichere Stunde des Lohnes und der beſcheidenen Freude; daß ſie die Gewißheit hatten, in Wechſelliebe und unter dem Segen der beſten Mutter verbunden zu ſein; das war der ganze Gewinnſt jenes wichtigen Augenblicks. Die Weltleute würden ihn für nichts gerechnet haben; ——— 283 ihnen aber ſchien er das größte Loos aus der Schickſals⸗ urne. Dem Vater, als ſeinem älteſten und einzigen Freunde, vertrauete der treue Sohn zuerſt und ohne Zö⸗ gern ſeinen Schickſalswechſel. Du haſt eine Perle ge⸗ funden, mein Kind, ſagte gerührt der Alte, und hob die Hand wie ſegnend und dankend zum Himmel; halte das Kleinod hoch, und faſſe es feſt und eng in den reinſten Goldreif der Treue. Wer eine Tochter begehrt zum Ge⸗ ſpons, ſchaue nur auf die Mutter, und werfe den Blick umher im Hauſe derſelben. Das Mädchen iſt wie der rohe, blanke Guß; an der Mutter wird er aber ſchnell Form und Gepräge erkennen, und ob die häuslichen Pu⸗ genden, Ehrbarkeit und Zucht, Sparſamkeit und Fleiß, friedlicher Sinn und Milde unter ihrem Dache daheim ſind. Und iſt im Hauſe Alles an ſeinem Platze, ver⸗ ſchloſſen Kammer und Schrein, hangen die Schlüſſel⸗ bunde am Nagel, ſteht Schüſſel und Topf im Brett, fällt man auf der Flur nicht über Beſen und Burſt, ſo iſt Ordnung der Hausgötze, und Ordnung iſt der Haupt⸗ pfetler des Hausſtandes, und jeder Freier mag ſich wohl vertrauend daran lehnen, wenn er ſeinen Spruch an⸗ bringt. So iſt es bei der Schwan da gegenüber, und darum ſegne Gott Deine Sponſalien.— Hilmar war ein ſeliger Menſch, und hätte mit keinem Cröſus oder Alexander getauſcht. Wenn er des Abends dort gewe⸗ ſen, wo er bald ſich wie zum Hauſe gehörig fühlte; wenn er bei Mutter und Braut geſeſſen, ſie die Spindel geführt, er erzählt von ſeiner Kunſt und den Eigen⸗ ſchaften der edeln Steine, und die mitgebrachten Proben derſelben den Freundinnen vorgelegt und ſie belehrt über Namen und Werth; oder wenn die Mutter erzählt von ihrer Jugendzeit und ihrem Eheherrn, der ein gar 284 achtbarer Mann bei Jung und Alt geweſen, und als Riedemeiſter unter den Rathsherren geſeſſen, und ihr nie ein leides Wort geſagt; und die beiden Liebesleute dann leuchtende Blicke getauſcht, welche ſich wechſelſeitig Glei⸗ ches gelobten; oder wenn er vorgeleſen aus alter Chro⸗ nik, oder dem Buche der heiligen Legenden; wie kam er dann heiter zu Haus, den Händedruck ſeiner Franziska, den ſie ihm in der Thür gegeben, nachfühlend in allen Nerven; wie drückte er dann den Vater Freeſe an ſein ſchlagendes Herz, der die Fröhlichkeit des guten Soh⸗ nes mitempfand; wie weinte er dann oft heiße Freuden⸗ thränen auf ſeinem frommen Lager, und betete innige Dankſprüche hinauf zum Vater der Liebe, und bat um die Erhaltung dieſes Glückes, mehr noch aber um das Glück der Geliebten, dem er willig das ſeine, ja ſein Leben zum Opfer gebracht hätte. Aber dieſe ſchönen Tage ſollten ihre Sonne nicht unverdunkelt behalten. Es war am Frohnleichnamsfeſte des Jahres 1522, als Mittags Hilmar im Hauſe der Geliebten vorſprach, um einen Spaziergang zum Ohm auf den Nachmittag mit ihr zu beſprechen. Die Mutter fand er nicht da⸗ heim; ein Beſuch zu einer kranken Baſe hatte ſie, nach dem Kirchgange, aus dem Hauſe gerufen. Das Mäd⸗ chen, in der kleinen Küche geſchäftig an der Mutter Statt, hatte eben einen Etmer voll friſches Waſſer aus dem Hausbrunnen herbeigetragen, und der erhitzte Jüng⸗ ling bat ſie um einen Trunk. Und wie ſie nun das feine Kryſtallglas gefüllt, kredenzt, und ſein Mund den Flatz am Glaſe berührt, wo ihre Lippen gehaftet, da ſetzte er mit glühenderem Geſicht plötzlich den Becher nieder und umfing ſie dreiſter, und eine Minute lang ſahen ſie ſich in die hellen Augen, und dann hingen auf einmal ihre 285 Lippen feſt an einander, und der erſte Kuß ſtrömte ihre Seelen in einander über. Doch, als wäre für dieſe reine Liebe dieſer erſte Kuß ſchon eine Sünde und Entweihung geweſen, ſo ſtörte ein plötzlicher, unerwarteter, wenn auch ferner Donnerhall dieſe Seligkeit. Bleich ſtanden Beide, die Hände feſt in in einander gefaßt, faſt athemlos horchend. Und dem erſten Knall folgte ein zweiter und ein dritter, und draußen auf der Gaſſe praſſelte es gewaltig, wie ein einſtürzendes Dach, und ein Zetergeſchrei folgte. Bei allen Heiligen, mein Hilmar, was iſt das? fragte zit⸗ ternd das Mädchen.— Das ſind Donnerbüchſen, antwor⸗ tete ſchaudernd der junge Goldſchmied, und Gott ſchütze die Stadt! Hand in Hand eilten beide zur Hausflur, und nur zu wahr fand ſich Hilmars Ahnung. Schon ſammelten ſich alle Nachbaren vor ihren Häuſern. Deutlich hörte man jetzt den Knall des groben Geſchützes vom Moritz⸗ berge her. Eine Kugel hatte ſchon das Dach eines nahen Hauſes zerſchlagen, und mehre fielen hier und dort auf das Pflaſter der Straße nieder und ſcheuchten die ſchreienden Weiber und die heulenden Kinder in die Häuſer zurück. Und die Mutter iſt aus! ſchrie Fran⸗ ziska. O Hilmar, verlaß uns nicht! Sei Du mein Schutz! Rette die Mutter! Zum erſten Male tönte das Du des Vertrauens an Hilmars Ohr.— Auf Leben und Tod! rief er, und ſprang fort; doch an der näch⸗ ſten Ecke fand er ſchon, was er ſuchte, und trug die er⸗ ſchrockene, halb ohnmächtige Frau Schwan glücklich zu der Tochter. Aber der Lärm auf der Gaſſe wuchs jetzt von Mi⸗ nute zu Minute. Man ſah die mannhaften Bürger 286 bewaffnet heranrücken, den Lärmplatz ihrer Beuerſchaft zu ſuchen. Der Stadtcommandant, Johann Sattröve, führte ſchon die Compagnie eines fernern Viertels in geſchloſ⸗ ſenen Gliedern vorüber. Einzelne Leibgardiſten des Bi⸗ ſchofs ſprengten zu Pferde aus der Burgſtraße zum Schloß. Der alte Bürgermeiſter, Henning Brandis, mit dem tapfern jungen Worthalter, Ludolph von Har⸗ leſſen an der Seite, ſchritt raſch durch das Menſchenge⸗ wühl, ſuchte die Erſchrockenen zu beruhigen, und rief die Waffenfähigen zur Pflicht und zur Bedienung des Sturm⸗ zeuges. Ueberall wurden die Glocken der Kirchthürme laut, in raſchem Geläut Noth anſagend, und die hallen⸗ den Stimmen der Stadtboten und Wachtmeiſter über⸗ ſchallten all das Gelärm, und:„Bürger zum Wall! Bürger zum Wall!“ tönte im Schreckensruf, wie die Poſaune des finſtern Engels, welcher den letzten Erden⸗ tag anſagt. Was iſt die Noth und wo? kreiſchte Hil⸗ mar einem Rathsdiener zu, den das Gewühl in ſeiner Nähe aufhielt.— Die Braunſchweiger ſchanzen am Moritzberge, antwortete der ſchwitzende Angſtbote, und ſchicken heiße Briefe über die Wälle herein, und wollen die Blutfahnen der Soldauer Heide, die im Dom hän⸗ gen, wieder holen. Gronau und Alfeld haben ſie nie⸗ dergebrannt. Die heilige Mutter Gottes ſchütze unſere Kirchen!— Hilmar eilte zurück in das Haus. Schließt die Pforten, rief er den zagenden Weibern zu; ſteigt in den Keller hinunter und ſalvirt euch dort, bis meine Stimme euch wieder herauf ruft.— Und Du willſt fort, jammerte das Mädchen, mitten durch die fallenden Ku⸗ geln, und willſt uns verlaſſen?— Gottes Hand iſt über euch und über mir! ſtieß der junge Mann eilig heraus, indem er die Geliebte heftig umfing, und heiße Küſſe 5 287 auf ihren Mund preßte. Mich ruft die Bürgerpflicht, und die Stunde iſt da, mein Glück zu verdienen.— So verließ er die ſchluchzenden Weiber, und ſprang hinüber zum eigenen Hauſe, auch den Vater zu ſichern, und ſein Gewehr zu holen. Der Rathsdiener hatte nicht gelogen; die brüderlichen Herzöge von Braunſchweig, Heinrich und Erich, ſtanden vor der Stadt, hofften die Abweſenheit des Biſchofs und ſeiner Kerntruppen, die er im Weſtphalenlande durch neue Werbung zu ergänzen bemüht, zu nutzen, und Rache zu nehmen für den Soltauer Schimpf und die ſchmähliche Gefangenſchaft. Doch die beiden jungen Lö⸗ wen trafen eine wohlbewachte Stadt, und die Kriegs⸗ männer Sattröve und Horneburg wußten ihre ſtürmiſche Kampfesglut durch die Kälte der Erfahrung und uner⸗ ſchrockenen Gleichmuth gar bald zu mäßigen, wenn auch die Stadt mehre Wochen hindurch arg beſchoſſen und hart geängſtigt wurde. In den erſten Tagen hatte Hilmar Freeſe einen guten Poſten, denn die Beuerſchaft, zu welcher er eingeſchrie⸗ ben, wurde zu der Bewachung des öſtlichen Frieſenthors commandirt, das dem feindlichen Angriffspunkte am fern⸗ ſten lag. Es geſchah ihm etwas Liebes dadurch, denn der Gedanke, ſein Schießrohr auf eine Menſchenbruſt loszubrennen, hatte für ihn viel Quälendes und blieb ihm zuwider. Der leichtere Dienſt erlaubte ihm dazu, dann und wann nachzuſehen, was ſeine Lieben machten, die auf ſeine Bitte zum Vater Freeſe hinübergezogen, weil in dem Hauſe deſſelben die Keller feſter gewölbt und luftiger waren, auch die hohen Steinwände des 288 nahen Ritterhauſes zum Schirm gegen die herüberſchla⸗ genden Kugeln dienten. Jauchzend empfing ihn die Braut, weinend entließ ſie ihn jedesmal, und ſchickte ihm fromme Gebete ihres beängſteten Herzens nach. Am vierten Tage erſt bekam die Compagnie den Dienſt vor dem Feinde, auf dem linken Walle des Domthors, und der Goldſchmied Freeſe zog mit hinauf, und ſah mit pochendem Herzen die Schanzen des Braunſchweigers und des Calenbergers am Holze, und die weißen Reihen ihrer Hakenſchützen und die blanken Kolonnen ihrer Panzerreiter, die im Felde umhertrabten. Auch die Karthauſe erblickte er mit ihrem Thürmchen, und gedachte zum erſten Male des guten Ohms Martin, der mit ſeinen klöſterlichen Freun⸗ den mitten in den Feindesrotten ausdauern mußte. Als Hilmar, ſo gedankenvoll auf ſein Gewehr gelehnt, zwi⸗ ſchen den Kameraden ſtand, die in drei Gliedern auf⸗ marſchirt waren, bemerkte er mit Erſtaunen unter den Offizieren, welche ſich am Aufwurfe dicht hinter den Feldſchlangen und Karthaunen verſammelt hatten, den Bruder Wulf, der die rothe Binde der Offiziere am Arm trug. Hauptmann von Horneburg hatte ihn zum Ban⸗ nierer ſeiner Compagnie ernannt, und er ſchien gerade jetzt von dem Commandanten der Mitſprache und des Zuraths gewürdigt zu werden. Es iſt, wie ich Euch ſage, betheuerte gerade mit lauter Stimme der Architekt. Die Herzoge benutzen die Kloſtermauer zu einer Bruſtwehr, und werden eine Bat⸗ terie daraus machen, welche, weil ſie hoch liegt und die zerſtörende Kraft unſerer Geſchütze verlachen darf, der Stadt weidlich ſchaden möchte. Folget meinem Rathe, ſchießt Kloſter und Kirche zuſammen, daß ihnen Balken und Geſtein auf die Köpfe herabtanzen, und ſie im 289 ſtäubenden Schutt das Schanzen aufgeben. Die Mönchs⸗ brüderſchaft da drinnen taugt ſo nicht viel, hat immer Verkehr und Briefſtellerei in den braunſchweigiſchen Städten gehabt, und wer weiß, warum gerade der Feind dieſe Seite der Stadt berennt; kann er nicht von irgend einem ſolchen weißen Kapuzenträger erfahren haben, wie hier die Wälle am lehnſten und der Fluß am ſeichteſten geweſen?— Kein guter Katholik zertrümmert gern ein Gotteshaus, und zielt mit der Karthaune nach dem heiligen Kreuz am Giebel, erwiderte der alte Bürgermeiſter Brandis. Auch ſpricht der Eigennutz wohl aus Euch in ſolchem ſündhaftem Vorſchlag, ſetzte er lächelnd hinzu; denn als⸗ dann bekämet Ihr Raum, eine neue Kirche als vater⸗ ſtädtiſches Meiſterſtück hinzuſtellen.— Verdamme Gott die Hand, welche den Riß dazu machte! Lieber einen Kerker für die graubärtigen Schur⸗ ken! murmelte Wulf, ſich unwillig abwendend.— Mein Bannerträger könnte nicht ganz Unrecht haben, ſetzte der Horneburger das Geſpräch fort. Fiel es uns nicht ſofort am erſten Tage auf, daß die Karthauſe ihre Thore nicht verſchloſſen hielt, und der Wolfenbüttler frei aus⸗ und einritt, und ſein Hauptquartier im Gehöft zu haben ſchien? Die ſtrenge Karmeliterregel hätte immer zum Vorwande dienen können, die fremden Gäſte abzu⸗ weiſen, und der bigotte Heinrich würde den Vorwand, wenn auch mit Groll, reſpektirt haben. Ueberdies müßt Ihr Euch ja ſelbſt erinnern, wie gerade in der letzten Zeit dieſe Karthäuſer große Vorräthe von der Stadt Bremen kommen ließen, lebendige Flußfiſche, geſalzene Seefiſche und viele Wagen Getreide, und ihr Kloſter, Blumenhagen. V. 19 290 ihre Fiſchteiche, wie ihr Magazin am Toßmerberge damit füllten, da ihre Regel ihnen doch ſtrenges Darben be⸗ fiehlt, ihr Magen nur halb geladen werden darf, und Fiſch und Kleienbrod ihre täglichen Leckerbiſſen ſind. Und, damit mein Argwohn den triftigſten Beweis nicht ver⸗ geſſe, wer hat ſich allein ungehorſam gezeigt unter der Geiſtlichkeit unſerer Stadt, als der hohe Rath befahl, über die von des Kaiſers Majeſtät gegen den Biſchof und ſein Stift ausgeſprochene Reichsacht nichts von der Kanzel zu den Gemeinden zu klatſchen? Waren es nicht dieſe Karthäuſer, die allein gegen ihren eigenen Vorſtand predigten, und ihn und die Stadt zur Unterwerſung unter die weltliche Gewalt, zu Buße und Abbitte bewegen wollten? Und nun betten ſich die beiden tollkühnen Her⸗ zöge, denen die Exekution der Acht aufgetragen, gerade in jene ſchwarze Höhle. Das paßt wahrlich nicht wie Fauſt auf's Auge, ſondern wie Kriegshand und Schwert⸗ griff zuſammen.— Ihr ſeid kein Mönchsfreund, Hauptmann Hans, ver⸗ ſetzte Herr Henning Brandis; was können die alters⸗ ſchwachen, wehrloſen Mönche gegen Gewalt? Hätten ſie nicht geöffnet, würde die Stückkugel ſchon ihr Thürſchloß aufgeſchloſſen haben. Und gelacht hat die ganze Bürger⸗ ſchaft mit dem Herrn Biſchof über die ungereimte Con⸗ troverspredigt des halb verrückten Bruders Immanuel, und der Hochwürdigſte ſpaßte ſelbſt bei Tafel darüber, und beliebte zu ſagen: Was Acht und aber Acht? Acht und aber Acht ſind ſechzehn!— Da fuhr ein Blitz auf von der Kloſtermauer, Dampf „und Knall folgte, und eine ſchwere Feuerkugel ſauste bogenförmig durch die Luft, fiel in ein nahes Haus innerhalb des Walles, platzte mit gewaltigem Krachen, 291 und ſchien, nach dem aufſteigenden Rauche, gezündet zu haben. Da habt Ihr ein beſſeres Facit für Euer Rechnungs⸗ exempel! rief der Hauptmann; und ſich von den bedäch⸗ tigen Stadtherren wendend, ſprach er im Commando⸗ tone zu Wulf: Thut, was ich befahl; die Mannſchaft ſteht zu dicht auf dem ſchmalen Walle, iſt den Geſchütz⸗ leuten hinderlich; und ſchlägt eine Stückkugel hindurch, reißt ſie ein halb Dutzend mit. Sollten ſie einen Sturm wagen, kann das Signal ſie bald wieder zum Platze rufen.— Wulf trat vor die Compagnie, und mit einer Hal⸗ tung und Geberde, als ſei die Feldſchlacht ſein Bauplatz ſeit lange geweſen, und als grünten ſchon dichte Helden⸗ lorbeeren auf ſeiner Stirn, muſterte ſein ſchwarzes Auge die Glieder, und haftete lange auf dem Bruder Hilmar. Die Hälfte der Mannſchaft hinter den Wall zur Reſerve, zum Fouragedienſt, oder zum Feuerlöſchen! Die alten Schützen bleiben oben; die erſt jährig zur Schützengilde traten, ebenfalls die Schwächlichen und Unkräftigen, ſor⸗ tirt zuerſt aus, Rottmeiſter!— Und ſelbſt eine Muſter⸗ rolle nehmend und durchſehend, nannte er mehre der Auszuſchießenden ſelbſt her, und unter ihnen faſt zuerſt den Namen des eigenen Bruders. Hilmar erröthete vor Scham, und ſtand eine Weile wie bedonnert, indeß die meiſten der genannten jungen Bürger fröhlichen Geſichts vom gefährlichen Poſten hinabſtiegen. Als aber jetzt Wuflf einen ſtrengen, faſt zornigen Blick auf ihn warf, beſann er ſich, hob ſein Gewehr, und trat dicht an den Bruder hin. Du willſt mich kränken, ſagte er recht kindlich weich, darum ſchickſt Du mich hinunter, indem Du doch wohl 292 weißt, daß ich ſicher ſchieße nach Scheibe und Vogel, und weder gebrechlich noch furchtſam bin, obgleich ich Stänkerei und Fauſtgetümmel von je gehaßt. Du grollſt mit mir wegen des Mädchens, und, bei dem Sanct Andreas! ich bin ſo unſchuldig an Deinem Unfalle, wie ein Kind von Bethlehem, und hatte keinen Gedanken, Dich auszuſtechen, und liebe Dich, wie nur Benjamin den Joſeph geliebt hat, und möchte mich vor Dich ftellen, und jede Kugel, die Dir gälte, mit der eigenen Bruſt auffangen. O, es müßte recht ſchön ſein, Schulter an Schulter zu ſtehen neben einem getreuen Bruder, wenn jene drohenden Weißröcke den Wall heraufſtürmten, und wenn es auch zum Sterben ginge, müßte ſich's ſo mit⸗ ſammen gar gut liegen laſſen.— Finſter blickte Wulf auf ihn. Ein ſchöner Held, der im Kanonendonner an das Sterben und nicht ans Siegen denkt! ſprach er mürriſch. Deine Salbaderei riecht nicht nach Pulver, ſondern nach dem Mönch in ſeiner dumpfen Zelle. Salvire Deine feinen Gliedmaßen, Knab', damit Dein Püppchen nicht weine, wenn Du mit verbrannten Fingern heimkämeſt. Du ſiehſt, auch ich liebe Dich brü⸗ derlich, und ſorge für Dich. Wenn es an das Ver⸗ binden der Bleſſirten geht, oder man den Flüchtigen eine Salve auf den Rücken brennt, dann ſollſt Du gerufen werden.— Uebermüthig drehte er ſich fort, und trat an die Windemaſchine einer Schlange, die unverſtändigen Ge⸗ ſchützesleute in der Handhabung des Werkzeugs zu be⸗ lehren. Hilmar zerdrückte eine heimliche Thräne im Auge, und ſtieg langſam und verſtummt die Walltreppe hinunter. 293 Die Belagerung hatte ſchon mehre Wochen gedauert, und beide Parteien hatten nichts bezweckt. Die Herzöge fanden unerwarteten Widerſtand, und ihre Geſchütze zer⸗ ſchmetterten nichts, als die Dächer der Häuſer und Kir⸗ chen, tödteten aber ſelten einen Feind, denn mit jedem Tage ſah man auf den Wällen die Schanzkörbe dichter geſtellt und den Aufwurf höher erwachſen. Aber auch den Städtern wurden unbegreiflicher Weiſe alle ihre Pläne vereitelt, denn mehre nächtliche Ausfälle mißlan⸗ gen, durch die man die Angriffswerke der Braunſchweiger zu zerſtören gedachte, und der Argwohn, daß ſelbſt in der Stadt Freunde der Herzöge und Verräther ſich auf⸗ hielten, wuchs mit jeder ſolcher vereitelten Kriegsthat. Zuletzt thaten beide Theile nichts mehr, als daß ſie Stunden lang ſich kanonirten, und aufmerkſamen, lauern⸗ den Blickes eine günſtige Gelegenheit abwarteten. Da ſtand der Goldſchmied Freeſe in einer düſtern Nacht Schildwacht auf einem Vorſprunge der ſüdlichen Baſtion, wanderte ſtumm die wenigen Schritte hin und zurück, die ſein Poſten ihm erlaubte, und ſeine Seele hatte alle Feindſeligkeiten vergeſſen, und flog hinunter zu ſeinen Lieben, deren Kümmerniſſe er nur ſelten thei⸗ len durfte; und er gedachte beſorgt der Zukunft, und wie ſein Glück und ſein Brautſtand unter gar böſen Vorbedeutungen begonnen habe; da däuchte ihn, als vernähme ſein Ohr ein leiſes Plätſchern im Dunkel des Stadtgrabens unter ihm, und als er ſein Auge an⸗ ſtrengte, welches gewohnt war, die beinahe unſichtbaren Makel und Sprünge der Edelſteine zu erkennen, und ge⸗ ſchärft worden von Jugend auf durch die feinſte Gold⸗ arbeit, bemerkte er auf dem ſchwarzen Spiegel des Waſ⸗ ſers einen dunkeln Fleck, welcher ſich fortbewegte. Sofort 294 ging er zurück zu dem nächſten innern Poſten, und bat dieſen, die Offiziere der Wacht zu rufen, und bald ſtan⸗ den Ludolph von Harleſſen und Wulf Freeſe neben ihm, und er zeigte ihnen ſeine Entdeckung. Beim Sanct Pe⸗ trus, flüſterte der Worthalter, das iſt ein Kahn mit Feinden gefüllt, welche, eine ſichere Stelle zum Sturme zu erſpähen, das Wagſtück unternommen. Fiel mir doch bei der letzten Runde in der Dämmerung auf, daß ich auf dieſer Seite mehre blanke Pickelhauben zwiſchen den Gärten blinken ſah. Meinte jedoch, die Burſchen woll⸗ ten ſich ein Kohlgericht oder einen Helm voll Rettige zuſammenmauſen, um damit die Seefiſche der Karthäu⸗ ſer zu würzen.— Soll ich ein Werda hinunterrufen? fragte leiſe der Goldſchmied.— Biſt Du wahnwitzig? verſetzte Wulf. Lege Deine Büchſe auf die Baſtion und donnere einen Schuß hinab, daß den Waſſerratten die Ohren gällen.— Feigling! ſetzte er hinzu, als Hilmar zauderte, riß ihm die Büchſe aus der Hand, zielte und brannte los. Der Schütze hatte gut hingehalten, denn dem Knalle folgte ein Noth⸗ geſchrei im Graben, man hörte ein lautes Geplätſcher im Waſſer, und der Kahn bewegte ſich ſchnell nach dem jenſeitigen Ufer. Das ganze Wachtpiquet der Hildes⸗ heimer ſtürmte ſogleich auf die Baſtion; Hilmar aber rief angſtvoll: Da kämpft ein Menſch im Waſſer; ich unterſcheide deutlich die weißen Arme. Rettet, Brüder, den Unglücklichen!— Retten nun eben nicht! antwortete Wulf mit Hohn⸗ lachen; aber fangen wollen wir ihn; es könnte vielleicht der Mühe lohnen. Schnell in das Wachtbvot hinunter, Bürger! ich gehe euch voran.— 295 Mit einem Halbdutzend kühner Männer kletterte der Bannerträger am Abhang hinunter, machte das Boot los, und bald fiſchten ſie den Getroffenen aus dem Waſ⸗ ſer, obgleich vom andern Ufer mehre Schüſſe zu ihnen herüberſauſeten, und droben, beim Fackellichte, erkannte Wulf ſogleich den hannoverſchen Oberſt Herrmann in dem Gefangenen, den er früherhin ſelbſt an Erichs Hofe geſehen, und welcher für einen der tapferſten Offiziere ſeiner Zeit gehalten wurde. Leider lebte der Gefangene nur noch wenige Minuten, denn die Kugel ſaß ihm im Kopfe; aber der Muth der Hildesheimer bäumte ſich nicht wenig, als ſie Tags darauf das Begräbniß eines gefürchteten Feindes auf ihrem Johannis⸗Kirchhof be⸗ gehen ſahen. Auf die Braunſchweiger hatte dieſes ge⸗ ringfügige Ereigniß die entgegengeſetzte Wirkung gehabt. Müde des trägen Lagerlebens, neu überzeugt von der Wachſamkeit der hildesheimiſchen Miliz, dazu beunruhigt durch einen Boten, welcher anſagte, wie Biſchof Johan⸗ nes mit achthundert Reitern im Eilmarſch heranziehe und ſchon die Stadt Seeſen eingeäſchert, verließen die Herzöge ihre Verſchanzungen, und mit lautem Jubel ſahen die Hildesheimer am andern Morgen die flatternden Löwen⸗ fahnen, welche die Straße nach Peine einſchlugen, und begrüßten den immer ferner hallenden Kriegsmarſch der Feinde mit einer Freudenſalve aus allem Geſchütz und Gewehr, welche, rund um die Biſchofsſtadt laufend, Wei⸗ bern und Kindern die endliche Erlöſung verkündete. Eine Ausgelaſſenheit der größten Art, eine wahre geiſtige Trunkenheit bemächtigte ſich der Bürger in den nächſten Tagen, als man immer mehr überzeugt wurde, 296 alle Noth ſei vorüber, als des Biſchofs Reiter in die Stadt ſprengten, und mehre braunſchweigiſche Kriegs⸗ leute als Gefangene einbrachten, und viele Beuteſtücke aus dem Mordbrande der Stadt Seeſen öffentlich Feil boten. Ueberall gab es Schmauſereien und Feſtgelage tief in die Nacht hinein; die gemeinen Naturen kön⸗ nen ſich ja nirgend freuen, als bei Schüſſel und Becher. Hilmar ſaß indeß bei ſeiner Franziska. Er hatte ſeine Bürgerpflicht gethan, und die Vorſehung hatte ihn ge⸗ ſchützt darin. Das war für die Geliebte, für Mutter und Vater der höchſte Grund zu andächtiger Freude, und im ſtillen Familienkreiſe umfaßten ſich die guten Men⸗ ſchen, holten die langen Entbehrungen nach, und küm⸗ merten ſich nicht um das trunkene Gewühl der Andern. Wohl fiel es ihnen ſtörend auf, als ſie erfuhren, daß bei der Erforſchung der muthmaßlichen Verräther in der Stadt mehre Verwandte der Familie Schwan in Ver⸗ hör genommen wurden, als der Rath ſie aber als Schuld⸗ loſe entließ, vergaßen ſie in ihrer ſtillen Freude auch dieſes. So achteten ſie es auch nicht, als eines Morgens gar früh wiederum ein wüſtes Gerenne in den Straßen begann, ganze Züge Zünftler, vorzüglich der Zimmer⸗ leute und Maurer, vorübertobten, auch bewaffnete Hau⸗ fen mit Fahnengeſchwenk und Sturmgeſchrei ſich daran ſchloſſen. Hörten ſie doch zwiſchen dem Gelärm die be⸗ kannten Volkslieder und Trinkgeſänge erſchallen, und als Hilmar dennoch etwas beſorgt wegen neuer Störung ihrer Zufriedenheit nachforſchen wollte, ſagte der alte Vater Freeſe: Menge Dich nicht hinein, mein Sohn! Pflicht ruft Dich nicht; Ehre iſt da nicht, wohl aber ſind da Beulen und Püffe zu holen. Vielleicht ziehen 297 ſie dem Herrn Biſchofe entgegen, oder wollen ein Sie⸗ gesfeſt übermüthig feiern draußen am Berghölzchen. Und da mag der Herr geben, daß der vorlaute, kindiſche Ju⸗ bel uns nicht die Feinde wieder an den Hals lockt.— Wie ward ihnen Allen aber zu Muth, als Nachmit⸗ tags der ganze gräuliche Tumult noch lärmender und ausgelaſſener in die Stadt zurückkam, und ſie mitten in dem gedrängten Haufen die weißen Karthäuſermönche er⸗ blickten, welche man verſpottet und beſchimpft durch die Gaſſen trieb, und zur engen Haft auf das Rathhaus führte; wie verſchwand alle ihre Freude, als auf Frän⸗ zels Angſtruf: O mein Gott! was mag mit dem Ohm Martin geſchehen ſein? Hilmar hinwegeilte, und dann die Schreckenspoſt zurückbrachte, daß von dem tobenden Pöbel, der die weißen Mönche als Unterhändler, Spione und Freunde der Herzöge erkannt, die ganze Karthauſe zerſtört, eingeäſchert und dem Boden gleichgemacht ſei, daß man die Fratres ſämmtlich gefangen halten werde, vis zur Ankunft des Biſchofs, der über ſie ſprechen ſolle, daß er aber den Ohm Martin nicht unter ihnen gefun⸗ den. Entkommen konnte er, nach Allem, was Hilmar ſorgſam erkundet, nicht ſein, denn der Ueberfall war zu unerwartet vollführt; wahrſcheinlich mußte er bei dem Einſturze der zertrümmerten Mauern, bei der Einäſche⸗ rung der Gebäude verunglückt ſein. Wollten doch mehre Bürger Angſtgeſchrei und Gewimmer in den Trümmern gehört haben, und Martins Charakter ließ überhaupt nicht an ſchuldverrathende Flucht denken, im Gegentheil würde er gewiß, als der älteſte unter den Brüdern, ihr Schickſal willig getheilt haben, um der Worthalter für ſie im Gericht zu werden. Frau Schwan wurde auf die Nachricht todtkrank, und 298 Hilmar wollte bei dem Anblick der Jammernden ſogleich auf und davon, um bei der Karthauſe ſelbſt nach dem Schickſale des Bruders ſeiner künftigen geliebten Mutter zu forſchen; der bedachtſame Vater hielt ihn jedoch zu⸗ rück, damit die ſturmbewegte Volksmenge erſt ihren Rauſch verſchlafen möge, während deſſen ſie Jeden um die Schickſale der Verfolgten Bekümmerten als einen Mit⸗ wiſſer und Theilhaber des Verraths anſehen dürfte, und erſt am zweiten Abende nach dem Frevel erlaubte er Hilmarn den Gang hinaus zu den Kloſtertrümmern, und Franziska bat ſo lange, bis der Bräutigam ſie heimlich mitnahm, den ſie die beiden Tage, ſo oft ſie allein wa⸗ ren, durch die ihm wiederholt zugeflüſterten Argwohns⸗ worte: Das iſt Wulfs Rache! Glaube mir, wir finden den armen ermordeten Ohm im Gartengebüſch! nicht wenig geängſtet hatte. Das iſt Wulfs Rache! wiederholte die Jungfrau, und ſchmiegte ſich ängſtlich an den Verlobten, als ſie draußen, fern von der Stadt, ſtanden, und die friſchen, ſchauervollen, noch dampfenden Ruinen vor ihnen lagen. Nein, nein! rief Hilmar mit ungewöhnlicher Heitigkeit. Kränke mich nicht ferner mehr mit ſolchem Argwohn. Hat er denn nicht dieſelbe Milch mit mir getrunken? Iſt ſein Blut nicht das meinige? Und könnteſt Du eine ſolche Frevelthat von Deinem Hilmar glauben?— Sie ſchwieg, aber ihr ſchönes, helles Auge wurde trüber mit jedem Blicke durch die Gegend. Es war eine von jenen Sommernächten, welche im nebelvollen Norden ſeltener ſind. Der Mond leuchtete gleich einer feinpolirten Goldſcheibe, und die Luft war ſo rein, daß trotz des Mondlichts ihm gegenüber alle Sterne in einzelnen Schimmerlichten funkelten. Kein 299 Windhauch rührte ſich, kein Blatt der Bäume erbebte. Aber gerade die ſtille, friedliche Herrlichkeit der Natur vergrößerte den entſetzlichen Anblick, der als Zeuge des Unfriedens, als Zeuge empörter Volkswuth und entfeſ⸗ ſelter Rachſucht vor ihnen lag. Kaum ſchien es möglich, daß die Zerſtörungsluſt in wenigen wüſten Stunden dieſe Verheerung angerichtet haben konnte. Die dicken Mauern des Hofraumes, vor zweihundert Jahren von Gerhardus, dem Frommen, erbauet, lagen zerbrochen da, in unge⸗ formte Steinhaufen verwandelt. Das ſchwere Thor war aus den koloſſalen Angeln geriſſen und in Stücke geſchla⸗ gen. Von alle den weitläufigen Gebäuden, den achtund⸗ zwanzig Wohnungen des Abts und der ſchweigſamen Mönche, von den Häuſern der Verwalter und Knechte ſtand nichts mehr als erkennbar da; Feuer und Beil hatten mit gräßlicher Kraft die Werke vieler Jahre zer⸗ nichtet; ſchwarze, unförmliche Maſſen von Stein und Gebälk deckten den Flatz, ſelbſt mehre Kellergewölbe waren eingeſchlagen, und man ſah in ſie hinab, wie in offene, tiefe Grabesſchlünde. Nur ein alter Thurm hatte der Wuth getrotzt, und ſtand, zwar feines Daches be⸗ raubt, wie ein verwundeter Rieſenkämpfer unter den geſunkenen Nachbarn, und machte ein ſeltſames ankla⸗ gendes Gegenbild dem Thurme der Kloſterkirche gegen⸗ über, der unverſehrt, gleich dem Gotteshauſe unter ihm, die Erbärmlichkeit des menſchlichen Weſens ausſprach, das hier die höchſten Frevel an ſeinen Mitbrüdern zu begehen wagte, indeß zehn Schritte davon ſeine thieriſche Wuth durch rohen Aberglauben gehemmt wurde, eine Mauer zu zerſchmettern, von der es glaubte, der unſicht⸗ bare Richter wohne in ihr, und ſeine Hand führe nur dort das Flammenſchwert. 300 Hilmar hatte eine Laterne mitgenommen, und durch⸗ leuchtete die finſtern Gänge und halbverheerten Gewölbe, ſo weit es ſich ohne Gefahr thun ließ, da noch immer heißer Qualm aus den Ruinen aufſchlug, und hie und da eine ſchwebende, grundloſe Steinmaſſe herunterpraſ⸗ ſelte. Dicht am Thore ſtand in einer unbeſchädigten Blende ein koloſſales Muttergottesbild, und ſchien trau⸗ rig herabzuſchauen auf die Zerſtörung, und das Jeſus⸗ kind im Schmerz feſter zu preſſen an die heilige Brußft. Dicht daneben gähnte die große Oeffnung eines Keller⸗ gewölbes, aber die Treppe war zernichtet, und unſicherer Schutt hatte ſie bedeckt. Hilmar verſuchte hinabzuklim⸗ men, aber der lockere Schutt wich unter ſeinen Füßen, und Franziska beſchwor ihn, von jedem ſolchen Verſuch abzuſtehen.— Ich habe der Mutter Schwan verſprochen, nach dem Ohm zu forſchen, ſoviel thunlich ſei, und ich muß mein Wort halten, ſagte er. Glaube mir, mein Bräutchen, ich werde jede Gefahr meiden, denn das Leben iſt mir viel zu lieb geworden durch Dich. Damit Du mich aber nicht ſtöreſt durch unnöthige Furcht, will ich Dich in die Kirche bringen. Am Hochaltare kannſt Du Dich aus⸗ ruhen und beten. Unter dem Schutze der Heiligen wird Dir dort weder ein irdiſcher, noch ein geiſtiger Feind etwas anzuthun vermögen.— Franziska fügte ſich ſeinem Wunſche, und als er ſie auf den Stufen des Altars gelaſſen, auch die Kirchthür feſt verwahrt, begann er jetzt ſeine Unterſuchung. Aber wie kühn er auch eindrang in jeden noch zugänglichen Ort und Winkel der Ruinen, obgleich er die Wendel⸗ treppe des alten Wachtthurms hinaufſtieg, und oben von dem freien Wächterraum über die ganze ſtille Flur das 301 Auge ſtreifen ließ, obgleich er auch durch die zerbrochene Thurmthür der Kirche zu treten wagte, und die Leitern bis unter das Dach des Kirchthurms erkletterte: nicht eine Spur von einem lebenden Weſen entdeckte er, nicht eine Spur einer Leiche, und daß er zuletzt, als er am Schallloch, vor dem die Glocke hing, verweilend und auf den Hof herunter ſchauend, eine weiße Geſtalt an dem Schatten des Mauerwerks hinſchlüpfen zu ſehen ver⸗ meinte, konnte nur Täuſchung durch das Mondlicht ge⸗ weſen ſein, denn die Scheingeſtalt war ja mitten im Freien verſchwunden, ja ganz eigentlich in die Erde ver⸗ ſunken. Betrübt kehrte er zu der Kirche zurück, aber mit Er⸗ ſchrecken fand er ſeine Begleiterin wie außer ſich; mit glühendem Geſicht und todtkalten Händen warf ſie ſich, kaum der Sprache mächtig, an ſeine Bruſt. Was iſt Dir geſchehen? fragte er beſorgt. Die Furcht um Dich! ſtammelte ſie. Wie konnteſt Du auch ſo lange ausbleiben? Auf allen Chören ſchien es zu ſprechen; die Gräber auf dem Boden thaten ſich auf; die ganze Kirche wurde lebendig, und die Glocke im Thurme ſchlug an, wie zum Leichenzuge.— Närrchen, lächelte Hilmar, ich war ja ſelbſt eben im Thurm und hörte nichts. Ihr Weiberchen ſeid nun ein⸗ mal ſo geſchaffen, daß ihr nur ſelbzweite Courage habt. Deine Phantaſie hat geträumt; komm nur an die friſche Luſt, und Du wirſt wieder mein braves Fränzel ſein.— O, wenn Du mich lieb haſt, ſo laß uns ſchnell fort und zur Stadt! jammerte die Jungfrau.— Sogleich, mein gutes Kind, antwortete Hilmar gutmüthig, ihrer Furcht nachgebend. Nur einen Gang durch den freien Garten wollen wir noch thun, damit Vater Freeſe uns 302 nicht verſpottet, hätten wir in kindiſcher Furcht das Werk nur halb vollbracht.— Gehorſam hing ſich das Mädchen an lh Arm des Verlobten, und aus den Ruinen traten ſie in den Klo⸗ ſtergarten, der trotz des wilden Ueberfalls ziemlich er⸗ halten geblieben, wenn auch die Hecken hie und da um⸗ geriſſen, und die Blumenbeete von manchem breiten Plattfuß zertreten worden. Der Pöbelwitz iſt an den offenen Gräbern ſcheu geworden, meinte Hilmar; doch der Appetit der Unholde iſt ihnen dabei nicht vergangen, denn auf allen den ſchönen Obſtbäumen ſehe ich auch nicht einen weißwangigen Apfel oder eine blauliche Pflaume mehr.— Jetzt traten ſie in den abgezäunten Platz, den Hilmar als Ohm Martins Gärtchen kannte, und mit Verwunderung fanden ſie hier Alles unverſehrt. Die ſchwarzen Beerendolden hingen im Fliederbuſch, die Roſenſtauden und das dunkele Kreuzchen dazwiſchen hatte keine Frevlerfauſt geſchändet; aber ihre Verwunderung wurde Schrecken, als ſie das Grab des Karthäuſers nicht mehr offen und leer, gleich den übrigen, ſondern mit einem friſchen Hügel bedeckt fanden. Das Grab iſt geſchloſſen! rief Franziska entſetzt. Der gräßliche Wulf hat den Ermordeten darin verſcharrt, um die Blutthat zu bergen vor Menſchengerichten. Nein, antwortete Hilmar, den Grabhügel mit der Laterne rundum beleuchtend, das hat keine zitternde und eilige Mörderhand gethan. Der Hügel iſt bedacht und langſam gehäuft und glatt geſtrichen. Räthſelhaft bleibt das immer; denn der ehrwürdige Martin kann ſich doch nicht ſelbſt beerdigt haben; und geſtorben und vor der Zer⸗ ſtörung der Karthauſe und von ſeinen Brüdern beigeſcharrt iſt er nicht, da ich auf dem Stadthauſe die Mönche ſelbſt 303 um ihn befragte, würden ſie mir das nicht verſchwiegen haben. Seltſam iſt das, und macht mir ſelbſt ein leich⸗ tes Geiſtergrauen.— Er iſt todt, und er ruht hier unter dem Sande! O, mir iſt, als hätte er ſelber mir es zugerufen, flü⸗ ſterte Franziska bebend, und Hilmar, von ihrer Furcht angeſteckt, ſchlug ein Kreuz über das Grab, murmelte: So ſchlafe ſanft, bis der große Vater Dich weckt!— und ging in raſcheren Schritten, mehre Aves und Pater⸗ noſter ſtill vor ſich betend, mit der Geliebten zur Stadt zurück, wo ſein Bericht Mutter und Vater nicht von ihrer Unruhe und ihrer Betrübniß half. Der Zuſtand, in welchem Hilmar ſeine Braut in der Kloſterkirche gefunden, hatte wahrlich ſeinen Grund in Ereigniſſen gehabt, die ſelbſt einen Mann hätten aus ſeiner Bahn zu werfen vermocht. Nicht kindiſche Furcht und Phantaſienſpiel brachten die geſetzte Franziska ſo außer ſich, und ſie konnte die Minute kaum erwarten, wo Hilmar ihr Haus verließ; ſie wünſchte heute zum erſten Male ſeine Entfernung, und das Befinden der Mutter, der tiefe Schlummer, den nach ſolcher Seelen⸗ erſchütterung der Arzt als Vorbote der Beſſerung be⸗ trachtete, war ihr doppelt lieb, weil er ihr erlaubte, früh auf ihr Kämmerchen zu gehen, und mit ſich ſelbſt allein über das Erlebte abzuhandeln. Als ſie ſtill und betend in der Kirche der Karthauſe geſeſſen, die kleinen Hände gefaltet, horchend auf jedes Gekniſter des Todtenwurmes in den alten Betſtühlen, hatte ſie plötzlich mit Entſetzen ein Geräuſch hoch über ſich vernommen, wo das geſchloſſene Chor der Mönche 304 auf Pilaſtern hing. Sie erſtarrte und wagte keine Re⸗ gung. Da flog etwas Weißes von oben herab vor ihre Füße hin, und klang ſchwer fallend auf dem Steinboden. Ihr Herz ſtand ſtill, aber alle ihre Blutswellen geran⸗ nen zu Eis, als jetzt oben eine Stimme laut wurde, die zwar wie bekannt klang, aber zugleich etwas Fürchter⸗ liches, Ueberirdiſches, Unmenſchliches in den hohlen Tö⸗ nen trug.— Heb' auf und verbirg ſchnell, was ich Dir vertraue! rief die furchtbare Stimme. Verrathe keiner menſchlichen Seele das Geheimniß, ſo lieb Dir Deine Seligkeit iſt.— Sie horchte noch immer erſtarrt nach oben, als längſt die Stimme verklungen war, und die alte Grabesſtille wieder in der Kirche herrſchte. Tief athemſchöpfend wagte ſie endlich den Aufblick, aber ſie ſah nichts Geſpenſtiſches, wie ſie gefürchtet. Und ergriffen von der Beſchwörung des Unſichtbaren, beugte ſie ſich, und faßte zagend nach dem weißen Gegenſtande, der vor ihr auf dem Stein⸗ pflaſter glänzte. Es war ein Brief, und ſie hatte ihn kaum im Mieder verborgen, als Hilmar wieder zu ihr eintrat. Schwer lag das Geheimniß auf ihrem jung⸗ fräulichen Buſen; nie hatte irgend etwas ihr Herz ſo gedrückt, und als ſie jetzt allein war, nahm ſie mit neukehrendem Entſetzen das Verborgene aus dem heißen Verſteck hervor, und wagte kaum den Blick darauf zu richten. Aber auf dem feinen Pergamente prangten ja die Züge ihres Lehrers, ſie konnte die bekannte Schrift nicht verkennen. An Franziska Schwan, nur von ihr in ge⸗ heimſter Stunde zu leſen! ſo lautete die Aufſchrift. Freier entfaltete ſie jetzt das Blatt. Kam es doch von ihrem geliebten Ohm, und hatte es auch ſein irrender Geiſt —— 305 ihr geſendet, von dem hochverehrten Verwandten konnte nichts Verderbliches und Sündiges an ſie gelangen. Eine ſchwere Goldmedaille fiel zuerſt ihr in die Au⸗ gen. Sie erkannte ſie ſogleich; Bruder Martin hatte die Schaumünze immer auf der Bruſt an einem Bänd⸗ chen getragen, und die Mutter hatte ihr erzählt, daß er ſie vor langer Zeit, als er noch jung und der Famulus des berühmten biſchöflichen Leibarztes geweſen, als Lohn bekommen für die Heilung eines wunderſchönen Ritter⸗ fräuleins im kleinen Stift, und daß gerade dieſe Schau⸗ münze ihm zuerſt die Idee erweckt, ein Kloſterbruder zu werden. Eine Sonne war auf der Goldmünze abge⸗ bildet, zu der ein Adler flog:„Er verachtet das Irdi⸗ ſche, und ſucht das Höchſte!“ lautete die Umſchrift. In hoher Bewegung begann ſie jetzt den Brief ſelbſt zu entziffern, der ſicher das Teſtament des Verewigten enthalten mußte. Aber ihre Neugier fand nur neue Räthſel. „Wenn das Andenken ihres zweiten Vaters Franzis⸗ ken werth iſt,“ alſo las das zitternde Mädchen,„dann wird ſie mit blindem Auge, mit verſchloſſenem Munde und ohne Neugier vollbringen, was er als ſeine letzte Bitte von ihr verlangt. Jeden Sonnabend, wenn die Veſper läutet, bring einen Korb mit zwei Laibbroden und einer Flaſche Wein in die Ruinen der Karthaus, ſetze ſie nieder hinter die Blende mit dem Muttergottesbilde, und gehe heim, ohne umzublicken. Der Herr, der die Unſchuld liebt, wird über Dir ſein auf dem einſamen Wege. Findeſt Du den Korb einmal unberührt wieder, ſo iſt Dein Geſchäft zu Ende, Deine Fflicht aufgeho⸗ ben; aber dis dahin darfſt Du keinem Lebenden ent⸗ decken, was Du dort zu thun haſt, das nehmen die Blumenhagen. V. 306 Unſichtbaren als Schwur von Dir, ehe Du den erſten Weg machſt, und ohne dieſen Schwur darfſt Du nicht kommen, ſoll Dich nicht Fluch und Strafe empfangen.“ Franziska ſchauderte, und ſtand lange in tiefen Ge⸗ danken. Durfte ſie vor dem Freunde ihrer Sele ein Geheimniß haben, und wie ſollte ſie erfüllen ohne ihn, was man verlangte? Da blickte ſie auf die Schaumünze, auf die bekannten Schriftzüge, und raſch ſprach ſie laut den Schwur in die einſame Nacht, und legte ihre kleine Hand dabei feſt auf das Herz und das kleine Cruzifix, was ſie dort trug, und welches ein Geſchenk ihres Bräu⸗ tigams war. Nach einer unruhigen Nacht, worin ſie mehr gewacht und gedacht, als geſchlafen, erſtand ſie beſonnen, ruhig und zufrieden mit ſich ſelbſt. Ein reines und frommes Gemüth findet leicht und gar bald den beſten Weg aus dem Labyrinthe des Schickſals. Mit Sehnſucht erwar⸗ tete ſie die erſte Stunde, wo ſie allein mit dem Gelieb⸗ ten ſein konnte, und mit vertrauender Zärtlichkeit legte ſie ſich an ſeine Bruſt, als die Stunde kam. Haſt du Vertrauen zu mir, und glaubſt Du feſt an meine Liebe? fragte ſie mit inniger Kindlichkeit im Tone und Blicke.— Nur die Krone des Vertrauens macht die Liebe zur Seligkeit, antwortete Hilmar, und Dein Beſitz iſt auf mich herabgefallen unverhofft und unverdient, wie ein Himmelsgeſchenk von oben, daß ich ſchwer ſündigen würde, wollte ich die Gottesgabe mit Argwohn ſchmutzen. Und gar dieſes Auge, das wie aus dem reinen Antlitze meines Schutzengels mich anblickt! Könnte dieſes Auge lügen, o, dann wären Lug und Trug die Stempel des Menſchengeſichts, und nicht der Gott der Wahrheit, 307 ſondern der Höllengeiſt wäre der Vater und Schöpfer des Menſchengeſchlechts geweſen!— Wohl! verſetzte die Jungfrau ernſter und feſt, Du wirſt eine ſchwere Probe über das eben Geſagte zu be⸗ ſtehen haben. Liebe ſoll kein Geheimniß tragen, denn in jedem Verſchwiegenen lauſcht die Schlange der Zwie⸗ tracht; aber was nicht mein iſt, darf ich nicht ohne Sünde verſchenken. Das Buch meiner Seele wird Dir immer aufgeſchlagen liegen, bis der Tod ſeine Blätter zerreißt. Nur nach dem fremden Heiligthume forſche nicht, wenn Dir die Ruhe Deiner Geliebten heilig iſt.— Hilmar blickte ſie betroffen an, doch er forſchte nicht, und als ſie am nächſten Sonnabend mit der Vesper⸗ glocke flüſterte: Die Probe beginnt! und ſich ſeine Be⸗ gleitung zu einem Ausgange erbat, folgte er, ohne zu fragen. Einen Korb im Arme, auf dem ein mächtiger Blumenſtrauß prangte, trat ſie aus der Pforte und ihr zur Seite ging der junge Mann zum Dammthore hin⸗ aus und durch die Felder des Dorfes Lottingeſſen zu der zerſtörten Karthaus. Wohl ward ihm bang, als an dem Grenzſteine des Kloſters ſie ihm gebot, zu weilen, und auf den weißen Block, woran das Kloſterwappen eingehauen, ſich zu ſetzen, bis ſie kehre; aber er wagte keinen Einſpruch. Dreiſt ſah er ſie zu den Ruinen ge⸗ hen, ſah ſie kehren, ohne die Laſt, welche ſie getragen. Sie hatte den Korb an den beſtimmten Platz geſtellt, hatte mit dem Strauße das Heiligenbild geſchmückt, nichts Widerwärtiges war ihren Blicken begegnet, Got⸗ tesfrieden begrüßte ſie rundum, und leichten Sinnes und heitern Blickes kam ſie zurück, und lohnte das Vertrauen des Geliebten mit ſüßem Kuſſe. Sie hat ein Gelübde gethan, dachte er heimlich, ſie bringt dem Grabe des 308 Ohms Kränze, und gießt geweihten Wein und heiliges Hel auf ſeine Gebeine! und beruhigt fragte er nicht weiter, und genoß zufrieden ſein nie zuvor ſo hoch ge⸗ träumtes Glück. Mehre Monden waren ſo ohne beſondere Ereigniſſe verfloſſen. Die Mutter Schwan trauerte tief um den geliebten Bruder, ihre Geſundheit war jedoch ziemlich hergeſtellt. Franziska hatte ihren heimlichen Spazier⸗ gang ſchon ein Dutzend Male gemacht, und ihre Zärt⸗ lichkeit und Achtung für den Herzensfreund wuchs mit jedem Sonnabend, denn er geleitete ſie treulich und ohne Neugier. Hoch erkannte ſie dieſes ſeltene Vertrauen, und in ihm zugleich die reine Jungfräulichkeit ſeines männlichen Herzens, das nirgends argwohnte, weil es ſelbſt in der Einfachheit des Jugendlebens von den Ge⸗ fahren wie von den Verderbniſſen des Lebens nichts wußte. O, wie ſo glücklich zu preiſen iſt ſolch ein Mann, der im Bewußtſein ſeiner eigenen Schuldloſigkeit den Betrug von der Geliebten zu den Unmöglichkeiten zählt, der die Freundin unter die Heiligen verſetzen darf, weil ihr Wandel ſeinem Auge offen lag immerdar, weil er nie ihr Auge auf einem Blick in fremder Bahn er⸗ tappte, weil all ihr Wünſchen nur ihn, nur ſein Glück und ſeinen Frieden umfaßte, weil er ſie nie erröthen oder erblaſſen ſah vor einer entdeckten Verheimlichung, ſei ſie noch ſo klein geweſen, weil er ſein Ich wiederfand in ihr, gleich einem Spiegelbilde! Aber ſolch ein Glück iſt Wenigen aufgeſpart, denn Wenige verdienen es. Wüßten die beſſern Männer, daß es ihrer warten könne, wenn auch noch ſo ſpät, ſie würden entſagen, opfern, . — 309 hingeben darum, was das Schickſal forderte, denn der Traum davon hat in jedem edlen Männerherzen gewiß ginmal gewohnt, wenn auch die Verlockung der Sinne, oder das Weltleben, ihn noch ſo früh zertrümmerte.— Hilmar war ein ſolcher Erwählter; er empfand es mit höchſter Dankbarkeit, und nur Eines trübte ſein Glück. Seit des Ohms Verſchwinden drang die Mutter Schwan mehrmals auf die Verheirathung der beiden Kinder, auch Vater Freeſe ſprach ſeine Zuſtimmung laut aus, aber eine innere Warnungsſtimme ängſtete den jungen Goldſchmied, das höchſte Ziel ſeiner Wünſche zu verſchieben, bis der Bruder Wulf die Vaterſtadt ver⸗ laſſen habe, und die Braut wie die Eltern mochten ihm nicht widerſprechen, da ohnedies der⸗»Architekt gegen alle ſeint Bekannten, ja ſelbſt gegen den Vater ausgeſprochen, daß ſein Wirkungskreis in der Heimath ihm zu eng und armſelig dünke, und er vor dem Frühjahre das ächte Vaterland der Künſte, das geprieſene Italien, beſuchen werde, um vielleicht dort für immer ſeinen Wohnplatz zu nehmn. In dieſer Zeit beunruhigten auf einmal ſeltſame Gerüchte die Stadt Hildesheim, und wuchſen in dem Volksgeſpräche mit jedem Tage. Verrufener ward die Gegend um die Karthaus von Woche zu Woche; die grauenvollſten Spukgeſchichten verbreiteten ſich durch die Viertheile der Stadt, und blieben nicht allein in den kleinen Hütten des Pöbels, ſondern wurden Tafel⸗ geſpräch der Voinehmern, und erweckten ſelbſt die Auf⸗ merkſamkeit der brigkeit. Dem Quell dieſer Gerüchte nachſpürend, fand nan ihren Urſprung bei den Landleu⸗ ten, welche am Birge ihre Gehöfte hatten, bei dem Schäfer, der ſeine Heerden auf Wieſe und Feld in der 310 Nähe des zerſtörten Kloſters in nächtlicher Hürde be⸗ wachen mußte. Die Zuſätze der Volksfurcht und des Aberglaubens abgerechnet, ergab ſich, daß in der leeren Ruine Nachts ein geſpenſtiſches Weſen umgehe, und die im Leben gewohnten Geſchäfte nachäffe, oder in alter Gewohnheit forttreibe. Der Hirt hatte geſehen, wie die weiße, leuchtende, rieſengroße Geſtalt das Obſt von den Bäumen einſammelte, wie ſie am Brunnen Waſſer zog, wie ſie Blumen begoß und Wurzeln grub. Die Bauern wollten geſehen haben, daß mehre ſolcher Geſtalten, wie ſie es im Kloſterleben gewohnt, an ihren Gräbern ge⸗ arbeitet hatten im Mondenſcheine; ſie wollten gehört. haben, wie ſie die Hora geſungen in der Kirche, und oft⸗ malen habe der weiße Spukgeiſt hoch auf dem abgedeck⸗ ten Wachtthurme geſtanden, mit dem feurig umkränzten Scheitel hoch in die Wolken reichend und die Hände aus den weiten Aermeln des Kloſterkleides ausbreitend gegen die Stadt wie mit den Geberden der ausgeſprochenen Verwünſchung und des fürchterlichen Anathems. Den Geiſt eines am Tage vor der Zerſtörung des Kloſters begrabenen Karthäuſers wollte man in dem Spuk er⸗ kennen, und das zagende Volk ſah in ſeinem Erſcheinen die Gewißheit eines die Stadt bedrohenden Unheils. Der Rath fand ſich bewogen, dieſem Unveſen mög⸗ lichſt zu ſteuern, und durch eigene Commiſſanien die ver⸗ rufene und von Jedem geflohene Gegend furchſuchen zu laſſen; die beauftragten ernſten Männer, den kühnen und vorurtheilsfreien Worthalter von Harleſſer an der Spitze, fanden aber in den Trümmeen nichts Verdächtiges, ſo weit ſie auch eindrangen; nur in dem Gewölk, das ſich dicht am Muttergottesbilde öffnete, und in welches der Worthalter ſelbſt auf einer Leiter hinabſtieg, ſah man einige glatte Steine —— ——— 311 deutlich mit einer Menge trockener Blutflecke bezeichnet. Um dem möglichen Aufenthalte einer Gaunerbande oder einzelnen Raubgeſindels jede Gelegenheit zu vernichten⸗ zerſtörte man die noch wohnbaren Gemächer vollends, und verſchloß die Kirche und ihren Thurm ſo feſt, als nur thunlich. Aber alle dieſe Vorkehrungen vermochten wenig gegen den einmal unter der Menge eingewurzel⸗ ten Glauben; die Gegend blieb gefürchtet, und mit der Dämmerung vermied Jedermann, ihr nahe zu kommen. Un der Tafel des Hauptmanns von Horneburg er⸗ fuhr auch der Architekt Wulf Freeſe aus dem Munde des jungen Ludolf ſelbſt die Mähr, welche ſeine Lands⸗ leute beunruhigte. Wulf hatte ſich in dieſen Monaten in der Gegend von Göttingen und in den Harzgebirgen unhergetrieben, theils um dort veſtellte Bauten einzu⸗ leten, theils um die Naturſchönheiten des Vaterlandes zu ſtudiren, da die Schule der damaligen Zeit es liebte, die Säulengruppen ihrer Bauwerke den Gewölben des Lauwaldes nachzubilden. Auffallend war der plötzliche Wechſel ſeiner Züge und einer Geſichtsfarbe während Ludolfs Erzählung. Der Spuk geht dich beſonders an, Wulf, ſagte Herr von Herneburg ſpöttiſch lächelnd, als er des Architekten Beſtürzung bemerkte, und dir kommt es eigentlich zu, ihn zu brnnen, denn du wareſt bei dem Angriffe auf das elend Kloſter und ſeine gebrechlichen Kapuzenträ⸗ ger der Lauptfeldherr, und wußteſt uns und das Volk gar gewalig mit beredter Zunge und kecker Vorthat zum offenen Rachwerke an den Spionen und Verräthern zu hetzen.— Ungewöhmlich heftig entgegnete Wulf: That ich das, ſo iſt mir der Rath eine Bürgerkrone ſchuldig, und wer 312 weiß, ob ich mir nicht, dem Geſpenſte gegenüber, da als ein einzelner Mann die zweite zu verdienen trachte, wo unſer tapferer Worthalter mit großem Geleit das Unding, welches er ſuchte, und welches die Stadt ge⸗ narret, entwiſchen ließ, dagegen Dinge ſah, welche wohl nicht vorhanden waren.— Der Herr von Harleſſen bat ſich über die räthſelhaf⸗ ten Worte Erklärung aus, allein Wulf verweigerte dieſe eben ſo auffallend, und gegen ſeine gewöhnliche, ſtreit⸗ ſüchtige Weiſe, und brach das ganze Geſpräch, als un⸗ paßlich bei der Gegenwart der Damen, ab. Für Franziska's Geheimniß war indeß das Stadtge⸗ ſpräch ſehr vortheilhaft geworden. Das junge Paar hatte ſeitdem keinen Lauſcher zu fürchten gehabt, und konnte ſeine Sonnabendsreiſen ungehört vollbringen. Frel⸗ lich wurde der Marſch immer beſchwerlicher; Regenwit⸗ ter verdarb den Dammweg und die Pfade, und als jetzt unerwartet früh für die Jahreszeit, ein hoher Schnee fiel und mehre Tage liegen blieb, ſah ſie ihrem Hiſmar die Sorge für ihre Geſundheit an, und er wagte ſogar die Frage: Ob denn nicht er allein dieſes Mol den Pflichtgang für ſie vollführen dürfe?— Auf ihr ſtum⸗ mes Kopfſchütteln fragte er jedoch nicht weiter, und ſorgte nur, daß ſie am nächſten Sonnabende ſich mit dem warmen Regentuche verſah, und die runde Krauſe von weichem, dem Schnee an Weiße und Feinheit glei⸗ chen Schwanenfelle um den Hals legte. Nach der Veſper traten ſie, wie gewöhnlich, ihren Marſch an, und ein winterlicher Kranz, von Moos, Immergrün und ſtachligem Hülſenblatt gebunden und mit hellrothen Vogelbeeren durchflochten, lag oben auf dem Korbe, den die Jungfrau trug. Die dichte Schneedecke 313 hemmte ihren Fuß, diente aber dagegen als Leuchte für ihre Augen. Nur wenige Spuren menſchlicher Tritte hatten eine Bahn im Feldwege gezeichnet, und ohne einem lebenden Weſen begegnet zu ſein, langten ſie am Grenzſteine an, wo Hilmar, wie gewöhnlich, weilte, jedoch der Braut heute beſondere Vorſicht befahl, da der vom Winde gehäufte Schnee die offenen Gewölbe des Kloſterhofes zu Wolfsgruben gemacht haben könnte, welche den Unvorſichtigen zu ſich hinein und ins Verderben zu locken vermöchten. Franziska verſprach eilige Rückkehr, und ging unverzagt den bekannten Steig hinauf.— Durch den Schnee hatte die Karthaus ein feierliches Anſehen bekommen, gleichſam ein neues und friſches Feſtkleid; weniger graulich däuchte ſie der Jungfrau, und ſie ſtand einige Augenblicke am Thore, und betrach⸗ tete ſich den entheiligten Ort der Andacht, und gedachte dabei recht wehmüthig des Ohms, der ein Kleid von ſolch blendender Farbe getragen, deſſen Herz ſo rein geweſen, wie dieſe unberührte Himmelsflocke, und der vielleicht eben ſo kalt liegen mochte unter dieſer Decke, wie die Decke ſelbſt auf ihm. Langſam ſchritt ſie zur Blende, und hing die Winterkrone über den ausgeſtreckten Arm des Steinbildes, und trat dann hinter die Blende, den friſchen Korb für den leeren der vorigen Woche, wie gewöhnlich, zu tauſchen. Entſetzen umfaßte ſie mit kalter Krallenfauſt; denn eine große Mannsgeſtalt ſtand vor ihr, und als der Schreckliche den dunkeln Mantel zurückſchlug, leuchtete ein kurzes Schwert ihr ins Auge, und Wulfs rotbglü⸗ hendes Geſicht ſchien ſie an, und ſeine dunkeln Augen blitzten wie Höllenfunken auf ſie nieder. Sie wollte ſchreien, aber der Mächtige hatte ſie ſchon umfaßt und 314 ſeine harte Fauſt vrückte ſich feſt auf ihren kleinen Mund, und erſtickte Ton und Athem. Alſo Du biſt das Geſpenſt dieſer Mauern, fragte er rauh und hohnboll, Du der Spuk, der die Rathsherren und tapfern Kriegsleute der Stadt erbleichen macht? Du ſchönes, keuſches Kind biſt alſo die Nachtwandlerin. Aber was ſuchſt Du hier? Für wen iſt Dein Korb gefüllt? Haſt Du fromme Suſanne einen Hirtenknaben oder Bauernburſchen, dem Du zum heimlichen Ständchen die irdiſche Koſt neben der geiſtigen mitbringſt? Und der einfältige Tropf von Bräutigam gibt Dir das Geleit dazu, und harret draußen im Wetter, wie ein Hahnrei vor dem Kirchgange und Du täuſcheſt ihn durch den Kranz, den Du der Mutter Gottes, oder dem Grabe des albernen Ohms zu weihen vorgibſt.— Abſcheulich! ſtotterte Franziska unter der Hand des Gewaltigen; mein Weg iſt ein Gang der Wohlthätigkeit. Und laßt mich ſogleich, denn ein Ruf von mir, und mein Hilmar wird die beleidigte Braut vertreten und rächen.— Närrchen! lachte der Finſtere. Sprich ein lautes Wort, und, ſo wahr ich ein Mann bin, dieſer Stahl fährt durch Dei⸗ nen Leib, und erſpart Dir das zweite. Und wie wagſt Du, mit dem Knaben zu drohen, da Du mich kennſt? Sein Schutzgeiſt mag ihn warnen, daß er in dieſem Augenblicke fern von uns bleibe; er möchte ſonſt den Weg nimmer zurückmeſſen und eine der offenen Karthäu⸗ ſergrüfte könnte ihm zur kühlen Herberge werden.— Franziska zitterte und verſtummte.— Sieh, Mäd⸗ chen, fuhr er mit milderem Tone fort, und umſchlang ihren Leib feſter, aber weniger gewaltſam, ich bete Dich an, ich kann nicht leben ohne Dich, ich kann mich mit dem Gedanken nie befreunden, daß die Wunderblume 8 h h — 315 Deiner Schönheit welken ſoll in dem ſchmutzigen Dunſte der Werkſtatt eines Zünftlers. Wie kannſt Du ihn lie⸗ ben, da ich um Dich warb? Du haſt ja Augen und Vernunft. Nur der Mönch und die Mutter bevormun⸗ deten Dich, übertäubten, beredeten Dich. Aber das Schickſal hat Dich mir jetzt unverhofft in den Arm ge⸗ worfen, und wofür ich tauſend Pläne erſann und ver⸗ warf, das kam mir von ſelbſt, wie vom Himmel gefal⸗ len, und, beim ſtarken Sanct Petrus! ich will es benutzen. Du ſollſt nicht zurückkehren zu dem elenden, läppiſchen Bräutigam. Durch die Gärten flüchten wir hinauf zum Moritzberge; mein Gold gewinnt Dir einen Verſteck im nächſten Dorfe; bereitet iſt längſt meine Reiſe in das Paradieſesland Italia, morgen hole ich Dich aus jenem Aſyl, und dort, in den Orangenwäldern und unter dem ewig goldenen Himmel, ſollſt Du als mein Weib gehen in Atlas und Goldſpangen, und Siciliens Prinzeſſinnen ſollen Dich beneiden, wie mich die Prinzen jener glück⸗ ſeligen Inſel. Sperre Dich nicht, fürchte Dich nicht! Den Korb ſtürzen wir in dieſe ſchneegefüllte Schlucht; man wird Dich verunglückt halten, der Liebhaber wird weinen, und dann ſich eine andere ehrſame Hausfrau ſuchen, die beſſer zu ihm paßt, als Du, die Königin aller deutſchen Weiber.— Faſt verſteinert vor Erſtaunen hatte Franziska zuge⸗ hört; jetzt raffte ſie ſich aber, im Gefühl der beleidigten Jungfräulichkeit, empor aus ihrer gebeugten Stellung. Schlechter Geſell, ſagte ſie laut und ſtolz, wie konntet Ihr Euch unterfangen, eine ehrbare Dirne ſolche Worte hören zu laſſen? Ja, die Mutter hatte wohl Recht, als ſie meinte, Ihr wäret durch ein Hexenweib ausgetauſcht worden in die Wiege der ſeligen Frau Freeſe, denn Ihr 316 hättet keinen Zug an Euch von jener braven Familie. Laßt mein Kleid los, ſage ich Euch; wollte ich doch lieber begraben ſein unter dieſen Steinwänden, als ſol⸗ chem Manne angehörig. Und wollet Ihr nicht daſtehen wie ein Kain dem Gottesliebling Abel gegenüber, ſo flieht zur Stelle, denn im nächſten Augenblicke rufe ich den Verlobten zu Hülfe, trotz Eures blinkenden Meſſers.— Du droheſt, Püppchen? Du ſchimpfſt ſogar, Püpp⸗ chen? fragte Wulf mit teufliſcher Freundlichkeit. Nun, wie du willſt; ſetzte er dann mit plötzlich auflodernder Wildheit hinzu. Eine Minute laſſe ich Dir Zeit, Du folgſt mir, oder Du ſtirbſt. Lieber würge ich ſelbſt die Erwählte, als daß ich ſie weiß in fremdem Beſitz.— Hilmar! Zu Hülfe! Zu Hülfe! ſchrie da Franziska mit aller Kraft, welche das Entſetzen noch ihrer Stimme gelaſſen.— Nun, ſo fahre hin, Unſinnige! verſetzte Wulf und ſtieß mit dem Schwerte nach ihr. Aber wie erlahmte ſein Arm, als hätte ein Wetterſtrahl ihn getroffen, da er in demſelben Momente von einer eiskalten Hand ſich gefaßt fühlte an der heißen Fauſt, und eine übermenſch⸗ liche Gewalt ihn zur Seite warf. Eine hohe weiße Ge⸗ ſtalt ſtand zwiſchen ihm und dem Mädchen, die vhnmäch⸗ tig hingeſunken; ein Leichengeſicht, lang und fahl, ſchaute ihn mit Feueraugen aus tiefen Aughöhlen an: Mörder! klang es mit zerſchmetternden Geiſtestönen in ſein Ohr; verfluchter, gerichteter Mörder! willſt Du zum zweiten Male unſchuldiges Blut an heiliger Stätte vergießen; — Die Stimme drückte all ſeinen rieſigen Muth zur zwerghafteſten Furcht zuſammen. Bebend wickelte er ſich in ſeinen Mantel, wagte nicht, noch einmal hinzublicken, und ſtürzte, wie vom Wahnwitz ergriffen, mit verhülltem —,— 317 Geſicht und ein ſchreckliches Angſtgebrüll von ſich ſtoßend, aus den Ruinen in das Feld hinaus. Der arme Hilmar war draußen auf ſeinem kalten Steinſitz von keinem geringern Schreck durchſchüttert wor⸗ den, als die Beiden im Kloſterhofe. Er hörte Franzis⸗ ka's dumpfen Schrei; doch glaubte er ſich getäuſcht zu haben in ſeiner Angſt und Sorge, und horchte noch. Da ſtürzte die ſchwarze Geſtalt heulend an ihm hin, rannte ihn faſt über den Haufen, und verſchwand im Felde gegen die Stadt zu. Er ſtarrte eine kleine Weile der Erſcheinung nach, dann beſann er ſich plötzlich, und rannte in ausbrechenden Angſtſchweißen dem Thore zu. Da lag ſeine Geliebte, wie ohne Leben, zu den Füßen des Heiligenbildes. In Todesangſt warf er ſich zu ihr, umklammerte ſie, preßte ſeinen Mund auf ihre Lippen, hauchte ihr ſeinen Athem ein, und rief ſie mit allen Angſttönen verzweifelnder Liebe. Ihr Herz ſchlug, aber die kleine Hand hing ſchlaff und kalt, ihr Geſicht glich dem Marmor. Er ſuchte den Korb, ſuchte darin die Flaſche; aber er fand nur den leeren Korb, der gefüllte war fort. Da faßte er den eiſigen Schnee, und drückte ihn auf die Stirn und die Schläfe des Mädchens, und bald zuckte ſie, bald athmete ſie, und ſchlug endlich unter dem Jauchzen des beängſteten Mannes die ſchönen Augen zu ihm auf. Biſt Du hier? fragte ſie, wie eine Irre rund um ſich blickend. Iſt er fort, der Fürchterliche? Und lebe ich noch? Ich fühlte ja ſchon die tödtliche Spitze an meinem Halſe. Oder haſt Du ihn umgebracht? Klebt Bruderblut an Deinen Händen?— Erhole Dich, mein Fränzel! rief bangend der Bräu⸗ tigam ſie an. Wir ſind allein; kein Blut iſt an mir; 318 Niemand befährdet uns; komm zu Dir, und ſprich mir, was Dir geſchah und Dich niederwarf.— Hier nicht, hier um keinen Preis! entgegnete ſie hef⸗ tig, und riß ſich mit plötzlich erwachter Kraft auf, und zog ihn haſtig mit ſich fort. Hier hält fortan mich kein Gebot, und ſpräche es der offene Himmel zu mir. Fort in die Stadt! Dort frage mich, wenn ich lebend das Thor erreiche!— Hilmar umfaßte ſie, ſtützte die Wankende, und mit Mühe brachte er ſie über den Fluß und zu ihrer Woh⸗ nung, und freute ſich höchlich, als er das fiebernde Mädchen der Pflege ihrer alten Suſe übergeben hatte, obgleich ſeine Neugier, ſeine Bangigkeit ihm die böſeſte aller Nächte bereitete. Am andern Morgen fand er Franzisken bleich, aber gefaßt und geſundet. Sie erzählte ihm das Vorgefallene, und wilder Zorn ergriff den ſanften Jüngling über die Beleidigung ſeiner fleckenloſen Freundin. Im Korbe, den er vom Kloſter, ohne dabei etwas zu denken, mit her⸗ eingetragen, hatte ſich ein neues Pergamentblättchen gefunden, mit denſelben Schriftzügen wie das erſtere beſchrieben. „Die Karthauſe iſt nicht mehr ſicher für Dich, Du getreuer Eliasrabe in der Wüſte,“ lautete die Schrift. „Freche Forſcher, tückiſche Frevler könnten Deine fromme Wallfahrt befährden, darum entbinde ich Dich Deines Gelübdes. Das Heil der Unſchuld gilt mehr als das eigene; ich erlaube Dir daher, dem Verlobten das Ge⸗ heimniß zu vertrauen; er wird Deinen Eid auf ſich nehmen, und der bewaffnete Mann darf den Pfad in 319 der Geiſterſtunde nicht fürchten, wenn er unter Gottes Hand wandelt.“— Verwundert erfuhr jetzt Hilmar die ganze Heimlichkeit, las den erſten Brief, betrachtete die Schaumünze, und rief ſogleich lebhaft: Franziska, der gute Bruder Martin lebt noch, oder mein Verſtand müßte nicht mehr zuſam⸗ menreimen können, was er erfuhr. Er hält ſich verſteckt, Gott weiß warum; aber er lebt, das ſagt mir mein freudiges Herz.— Nein, nein! Täuſche nicht Dich und uns durch ſolche Hoffnung, antwortete Franziska trübſinnig. Ach! mir iſt, als ſei er mir erſchienen im Leichenhemd, und habe mich berührt mit der Todtenhand. Wenn er lebte, warum ſollte er ſich verbergen, warum die Mutter in ihrem Schmerz um ſich laſſen! Wir wollen nicht forſchen; das Reich der Todten ſpeit nur Grauen herauf, wenn ein Lebendiger es betritt, ich ſelbſt habe das ja empfunden, und glaube jetzt, auch die Geſtalt des Bruders Wulf ſei nur ein Höllenſpuk geweſen, heraufgeſandt, uns zu verderben, und mit Zwietracht und Blutrache unſern Frieden zu vernichten.— Hilmar ward nachdenkend, aber er widerſprach dem Mädchen ſeiner Liebe nicht ferner, und als er vom Vater erfuhr, daß der Architekt am Tage nach jener Schreckens⸗ nacht ohne Abſchied Hildesheim verlaſſen, und ſeine Reiſe nach dem fernen Süden angetreten habe, beſchleunigte er alle Anſtalten zu ſeinem ſchönſten Tage, und als das Weihnachtsfeſt erſchien, feierte das glücklichſte Paar im Stift das höchſte Lebensfeſt, und gab ſich wechſelſeitig die reichſte Weihnachtsgabe; das glücklichſte Paar durfte man es nennen, weil es das unſchuldigſte und das treueſte war. 320 Jenen Ausſpruch eines Weltweiſen: das beſte Mäd⸗ chen iſt das, von dem kein Geck plappert, und die beſte Frau iſt die, von der keine Stadtrede umläuft! kann man auch auf die Ehe mit Wahrheit anwenden, denn auch die Ehe iſt gewiß die beſte, die der Neugier und Schwatzſucht der Nachbarn am wenigſten zu thun gibt. Steht dieſer Spruch aber feſt, ſo führten der Goldſchmied Freeſe und ſein Fränzel eine Muſterehe, denn als der Polterabend, der Kirchgang, die Beſuche bei Baſen und Vettern und die Flitterwochen vorübergegangen, hörte kein Menſch mehr von dem neuen Paare, und ſelbſt die Müßiggänger und die jungen Pflaſtertreter, welche ſonſt wohl der Jungfer Schwan zu Gefallen die Gegend am Rieſenſtein und die Ritterſtraße zu ihrer Lieblingspro⸗ menade erwählt hatten, blieben aus, als ihre Verſuche mißglückten, durch Beſtellungen bei dem Manne in die Nähe der kleinen, hübſchen Frau zu kommen, die Hold⸗ ſelige nicht einmal am Fenſter oder in der Hausthür in Parade ſich ſehen ließ, ja, als das ſchlanke, raſche Weibchen ſogar kein Bürgerfeſt, kein Tanzgelag oder Mummenſpiel mehr beſuchte. Man ſchalt ihn einen eiferſüchtigen Narren, ſie ein Gänschen ohne Blut; aber Hilmar und ſein Fränzel wußten nichts davon, genoſſen in hoher Zufriedenheit die Wonne, ſich zu haben, Alles zu theilen, nichts ohne einander zu genießen, und wurden — vergeſſen, welches das Beſte iſt, was ein genügſamer und an ſich ſelbſt genug habender Menſch wünſchen kann. Ihre Schickſale in den erſten Jahren ihrer Ehe trugen das Gepräge der Alltäglichkeit; ihre Freuden, ihre Leiden lagen in der Natur der Weltordnung, obgleich ſie deß⸗ wegen dennoch die Freuden hoch empfanden, und den unſichtbaren Geber heiß dafür prieſen, obgleich ſie 321 dennoch die trüben Stunden mit heißen Thränen begoſſen. Der Vater Freeſe ſtarb altersſchwach, hatte aber vorher den Hochgenuß, zwet geſunde Buben auf ſeinen Knieen zu ſchaukeln, von denen der ältere ihn ſchon Großpapa nennen konnte; lebensmüde und dennoch ungern ſtarb der Greis, trennte er ſich doch von Kindern, die ihn ehrten und pflegten; ein Segensgebet war ſein letztes Wort, und ſeine Sterbeſtunde ward durch nichts ver⸗ bittert, als durch ſeines Erſtgebornen Abweſenheit, der nichts wieder von ſich hatte hören laſſen, und den der ſterbende Patriarch mit Schmerz unter denen vermißte, welche an ſeinem letzten Lager knieten. Mutter Schwan verkaufte jetzt ihr Haus, und zog zu dem wackern Schwie⸗ gerſohne, nahm die Stelle des Vaters Freeſe ein, und ſetzte ſich in ſein Erbtheil an Liebe, welche ſie früher mit ihm im Herzen der Kinder getheilt hatte. So ver⸗ liefen mehre Jahre, und Freeſens Familie gab das Bild eines Stilllebens, ſanfte Farben, ſchöne Ordnung, aber als bedeutungslos von dem Fremden zur Seite gelegt und kaum eines Blickes gewürdigt. Das Einzige, was für eine Beſonderheit in dem Leben der Goldſchmiedsfamilie gelten konnte, und was ihrem ſchlichten Tagwerke immer etwas Ungewöhnliches beimiſchte, war der Verkehr mit der Karthauſe und ihren unſichtbaren Bewohnern, welcher dieſe langen Jahre hindurch immer fortdauerte, und wunderbarer Weiſe ſelbſt den Thorwächtern und dem Brückenvogt auch nie⸗ — mals aufzufallen ſchien. Hilmar verſah jetzt immerfort die Stelle des Eliasraben, Und trug unermüdet jeden Sonnabend, ſobald es dunkelte, ſeinen Korb mit zwei Laiben und der Flaſche Wein zur Blende, und kehrte immer zufrieden im Herzen heim, wenn er den leeren Blumenhagen. V. 21 322 Korb der vorigen Woche fand und zurücknehmen durfte. Feſter und feſter ſetzte ſich zwar bei jedem einſamen Gange, wo er ſeinen Gedanken freier Spiel laſſen durfte, als in der Werkſtatt, die Idee in ihm, der Frater Martin lebe noch, wohne verſteckt in der Nähe der Karthauſe; aber dann durchkreuzten manche Zweifel dieſe Meinung, und vernichteten die Löſung des Räthſels. Das Warum blieb immer unerklärlich, und wenn ſich Hilmar den ſchwachen, hochgealterten Mönch vor das Auge rief, ſo ſchien es ihm faſt unmöglich, daß dieſer ſo lange alle Entbehrungen, die rauhen Jahreszeiten, die Abgeſchie⸗ denheit, die Ferne von ſeinen lieben Verwandten ſollte ertragen haben, nur aus Furcht vor Verfolgung der Menſchen, oder aus Ehrgeiz, die Beſchimpfung ſeiner Kloſterbrüder nicht zu theilen. Später kamen außerordent⸗ liche Erſcheinungen dazu, welche, trotz Hilmars geſundem Verſtande, ihn verwirrten, und ihn faſt wieder zu dem Geiſterglauben ſeiner geliebten Franziska bekehrt hätten. Es ſchien nämlich, als wenn der unbekannte Em⸗ pfänger der wöchentlichen Armenſpeiſe, obgleich er ſich nicht hören noch ſehen ließ, mit gllen kleinen Schickſalen der Familie des Goldſchmieds genau bekannt war, und ſie wußte, faſt in der Stunde, wo ſie eingetreten. Am Sonnabend nach Freeſe's Hochzeit lag ein werthvoller Paternoſterkranz, mit Topaſen und Amethyſten geziert, und ein Kreuzchen von ächtem Golde umſchlingend, im Korbe, gleichſam als Angebinde,für die gottesfürchtige junge Frau. Der erſte Bube be ſchrie gerade an einem Sonnabende das Licht, und im Korbe fand ſich wenige Stunden nachher eine große Schaumünze, worauf die Taufe Jeſu am Jordan ausgeprägt worden, gleichſam als Pathengabe für den Erbprinzen der Familie, und 323 als der zweite Knabe am Freitag geboren, enthielt der leere Korb eine ähnliche Henkelmünze, auf welcher der heilige Biſchof Martin abgebildet ſich zeigte, wie er ſei⸗ nen Mantel mit dem Bettler theilt. Und am Sterbetage des Vaters Freeſe, der auch auf einen Sonnabend fiel, an welchem Hilmar beinahe zum erſten Mal ſeinen be⸗ ſchworenen Gang vergeſſen hätte, und verſpätet mit thrã⸗ nennaſſem Geſicht in der Karthauſe ankam, duftete ihm aus dem Korbe ein weißer Lilienzweig entgegen, und ein friſchgrünender Rosmarinkranz wand ſich um den ſchlanken Stengel, und ſchien mit den dunkelkrauſen Blättern die glänzenden Lilienkelche zu tragen, als ein Bild des Aufblühens für den Himmel aus düſterer Er dengruft. Hilmar fühlte ſich dann jedes Mal wie ange⸗ weht mit Geiſterfittigen, wie umſchwebt von einem kör⸗ perloſen, unſichtbaren Weſen; aber füllte ihn auch in ſolcher Nacht das Grauen der Unheimlichkeit, ſo tröſtete er ſich doch bald, denn das Weſen, mit dem er Verkehr trieb, mußte ein guter Geiſt ſein, weil es ihm nicht ſchadete, ſondern ſein Leid wie ſeine Freude gleich einem gefühlvollen Freundè theilte.—— Die Familie des Goldſchmieds hatte in ihrer Zurück⸗ gezogenheit, in ihrer glücklichen, zufriedenen Abgeſchloſ⸗ ſenheit, ſich dieſe lange Zeit hindurch wenig um die Welthändel, ſelbſt um das, was das heimathliche Stift betraf, bekümmert. Aber die ſtürmiſch fortſchreitenden, politiſch⸗religiöſen Zeitereigniſſe berührten jetzt Hilmars Vaterſtadt und das, was beſonderes Intereſſe für ihn haben mußte, näher, und machten den fleißigen Meiſter, der durch die Kunden, welche ſein Juwelenſchrank und ſeine Silberkammer beſuchten, manches Neue, ohne zu fragen, erfuhr, aufmerkſam und weckten ſeine Sorge. 324 Der Krieg, welcher dem Hiſtoriker unter dem Namen der Stiftsfehde bekannt iſt, hatte, wie ſo manches Bedeutende, ſeinen Urſprung einem gar geringen Spru⸗ delquell zu danken. Biſchof Johannes der Vierte ging im Anfange ſeines zeitlichen Regiments von gar löblichen Grundſätzen aus. Er wollte ſeinem ſchönen Lande alle Beſitzthümer wieder zuwenden, welche ſeine Vorfahren veſeſſen, und begann damit, jene Schlöſſer und Dorf⸗ ſchaften, die in Zeiten der Noth dem Adel verpfändet worden, wiederum einzulöſen. Doch der gute Herr griff in ein wildes Bienenneſt. Die Edelleute mochten den hundertjährigen Beſitz nicht miſſen; der erſte Gewalt⸗ ſchritt gegen die Herren von Salder, um das Schloß Lauenſtein, weckte den ganzen Schwarm; ſie ſchloſſen ein ſchnelles Bündniß gegen ihren rechtmäßigen Lehns⸗ herrn, und riefen unbedacht, wie die Fröſche in der äſopiſchen Fabel, den verzehrenden Storch, die Herzöge von Braunſchweig und Calenberg zu Hülfe und Schutz. Anfangs lächelte das Glück dem Biſchofe und ſeinen Bündnern, aber bald entwich der geiſtlichen Hand das glatte Haar der Fortuna, und als Kaiſer und Papſt endlich dazwiſchentraten, Carolus Quintus den Donner⸗ keil der Reichsacht auf den Biſchof ſchleuderte, Adrian, als römiſcher Friedensfürſt, jedoch Waffenruhe befahl bei Gottes Zorn, und der Receß zu Quedlinburg die ſtrei⸗ tenden Parteien verglich, da blieb faſt das ganze Stift in den Händen der Herzöge, neunzehn Aemter, worin ſiebenzehn Schlöſſer, acht Städte und ſieben Flecken la⸗ gen, gingen verloren, ohne Löſeſchilling mußte der bei Soltau gefangene Prinz Wilhelm freigegeben werden, und ſelbſt die mit Blut erkauften Trophäen, das Schwert 325 des Herzogs Erich und die erbeuteten Blutfahnen, kamen wieder in die Hände der erſten Beſitzer. Verzweiflung und Gewiſſensangſt folterten den Bi⸗ ſchof Johann mehr, denn die kaiſerliche Acht; zu ſpät erkannte er, wohin ſein Stolz, ſein Vertrauen auf ge⸗ rechte Sache ihn geführt. Um nun möglicherweiſe gut⸗ zumachen, und ſeinem Hildesheim wiederzugeben, was durch ſeine Schuld verloren, legte er ſeine hohe Würde freiwillig nieder, und leitete es, mit ſeinem Domkapitel einverſtanden, dahin, daß der Vicekanzler und Liebling des Kaiſers, Balthaſar Merklin, die biſchöflichen Würden empfing, und auch ſofort gen Hildesheim aufbrach, durch das Fürwort ſeines mächtigen Herrn und durch gütige Zwieſprach mit den ſiegreichen Herzögen dem armen ge⸗ plünderten Stifte wieder aufzuhelfen. Jubelnd empfingen ihn die gläubigen, auf ihn vertrauenden Hildesheimer, als er am Freitage nach Martini, im Jahre 1528, mit einem Gefolge von hundert ſtattlichen Reitern auf dem Schloſſe Steuerwald erſchien, wenn gleich mancher Spott⸗ vogel unter den jüngern Bürgern die Reſidenz auf der Alekenburg oder Rabenburg, wie Steuerwald in der Volksſprache hieß, zum böſen Omen erhob; und die Ge⸗ ſchenke an Lebensmitteln und köſtlichen Kleinodien, Sil⸗ bergeſchirr und ſchönen Hengſten, welche von allen Klö⸗ ſtern und allen Ständen dem Biſchof dargebracht wurden, verkündeten ihm deutlich, daß man einen Friedensfürſten, einen rettenden Landesvater, einen Arzt für all die lang⸗ blutenden Wunden in dem Herrn Balthaſar zu finden vermeinte. Der Goldſchmied Freeſe, aufgeregt durch die allge⸗ meine Freude, hatte ſich auch aufgemacht aus ſeiner Werkſtatt, und war, in dem großen Volksſtrome fort⸗ — 326 geriſſen, mitgezogen zu dem Schloſſe Steuerwald, die lang vermißten Herrlichkeiten auch einmal wieder zu ſehen. Er ſtaunte den kleinen freundlichen Mann an, den die neue Würde gar nicht hochmüthig gemacht zu haben ſchien, obgleich ein Herr von Schwiecheld als Erbmarſchall ihm vortrat, ein Herr von Veltheim ihm als Erbſchenk den Pokal kredenzte, ein Herr von Bock als Erbkämmerer ihm den Krummſtab nachtrug; aber der kalte Schweiß trat ihm auf die Stirn, als er bei der prachtvollen, unter der Laſt der Silberſchüſſeln bre⸗ chenden Tafel, zu deren Anſchauen er mit Mehren ſich in den Ritterſaal gedrängt, ſeines Bruders Wulf an⸗ ſichtig wurde, welcher, in ſchwarzer Sammettracht und mit ſchweren güldenen Ehrenketten geziert, nicht weit von dem hochwürdigſten Biſchof Platz genommen, und mit den Würdeträgern und Rittern an der Tafel ſorgen⸗ frei und hoffärtig das Tiſchgeſpräch führte, und die Schwelgerei theilte, als ſei er edel geboren gleich ihnen, und habe von früh an ſolchen Platz eingenommen. Es duldete ihn nicht länger im heißen Saale, aber unten im Freien angelangt, konnte er auch nicht fort zur Stadt, ſo ſchwer lag es ihm plötzlich in allen Glie⸗ dern, und er mußte ſich im Burghof auf die Steinbank niederſetzen, wo die Wachtleute der Brücke zu ſitzen pflegten. Nicht gar lange hatte er da geſeſſen, in tiefe, düſtere Gedankenbilder verſunken, ſo ſah er den hildesheimiſchen Bürgermeiſter, Herrn Wildefeuer, von der Burg herab⸗ kommen, und hörte, wie er die Knechte rief, und ſeinen Gaul vorzuführen befahl. Der wackere Stadtherr ſchien erhitzt und ebenfalls finſtern Sinnes, und als er den ſtill da ſitzenden bekannten Bürgersmann ins Auge 327 gefaßt, kam er ſogkeich zu ihm heran, und grüßte ihn mit Freundlichkeit.— Nun, mein braver Meiſter, redete er ihn an, Ihr habt auch wohl Manches da oben getroffen, was Ihr nicht erwartet. Habt Ihr den verſchollenen Herrn Bru⸗ der nicht begrüßt in Demuth und Unterthänigkeit? Säu⸗ met nicht; er iſt etwas Großes geworden ſeitdem, iſt geheimer Baurath und Säckelmeiſter des Hochwürdigen, ſein Factotum und Intimus, und wird ihm ſchon an den Fingern herzuzählen wiſſen, wie viel jedes Stift und Kloſter an Schätzen und Juwelen zurückgelegt hat, und wo die Kiſten bewahrt worden, in denen die Kämmerei ihre Nothpfennige für die Bürgerſchaft aufhob. Der Herr Wulf verſtand ſich von früh an darauf, Pforten zu ſprengen, und Altes einzureißen; möge der neue Herr Biſchof ihn nur zum Gegentheile gebrauchen, und mit ſeiner Hülfe aufbauen, was die Kriegsfackel nieder⸗ brannte.— Wir wußten nichts von des Bruders Heimkunft, ant⸗ wortete beſtürzt der Goldſchmied, und wie könnte unſer Einer ſich erdreiſten, zwiſchen ſolche Feſtlichkeit ſich ein⸗ zudrängen, und den vornehm gewordenen Verwandten durch die niedrige Blutsfreundſchaft zu erzürnen oder zu ärgern? Meberdies—— Ich weiß davon, fiel der Bürgermeiſter ihm in die Rede. Eine gute Obrigkeit kümmert ſich auch um das geheimſte Herzensleid der ihr anvertrauten Gemeinde⸗ glieder. Ich kenne gar wohl den Nagel zu des in Gott ſeligen Meiſter Freeſe's Sarge. Aber ſeid nur getroſt; ſtände der Kain noch ſo hoch in der Reſidenz, der Rath weiß ſeine braven Stadtkinder zu beſchützen, wenn Ihr nicht lieber vorzieht, Eure Kniee vor dem biſchöflichen 3 328 Baurathe zu beugen, und vielleicht durch ihn ein neues, hellſchimmerndes Glück zu gewinnen.— Hilmars geſenktes Haupt erhob ſich ſchnell, und ſein Auge ſchien in den Geſichtszügen des Stadtherrn zu forſchen, ob dieſer es im Ernſt auf eine Beleidigung abgeſehen. Ein unbeflecktes, ehrlich erworbenes Bürgerkleid hat uns immerdar mehr gegolten, als ein erbettelt Höflings⸗ wamms, und wäre der Sammet dazu mit Gold und edlen Geſteinen durchwirkt vom Gurt bis zur Krauſe, verſetzte er recht ernſt.— Bleibt dabei! ſprach Herr Wildefeuer, und legte ſeine Hand treuherzig auf des Goldſchmieds Schulter. Schwarz⸗ brod, von gutem Gewiſſen geſalzen, hält Leib und Seele geſunder zuſammen, als Wildpret und Ungarwein mit einer Schelmenzunge verſchluckt. Auch wir haben nicht gefunden, was wir vermeinten; denn der neue Herr ſcheint, trotz ſeiner ſchönen Reden, nicht gekommen, um zu geben, ſondern um zu empfangen; er wird uns aber feſt im Sattel unſerer Gerechtſame finden. Traulich drückte er, ſo redend, zum Abſchiede des Bürgers Rechte, und beſtieg das vorgeführte Thier, und Hilmar ſchlich langſam dem Reiter nach und zur Stadt zurück, wo ſeine Erzählung in Franziska's Bruſt längſt vergeſſene Angſt und Sorge neu erweckte, ſo daß ſie ihre Knaben mit Haſt in ihre Arme riß, und, wenn auch im Gott⸗ vertrauen, doch nicht ohne Zittern ſprach: Die Allmacht ſchirmte uns damals, wie wird ſie uns denn jetzt nicht zwiefach ſchützen um dieſer unſchuldigen Kleinen willen! 329 Hatte der Marſch zum Biſchofsfeſte zu Steuerwald ſchon Hilmars Gemüth in hohe und beängſtigende Auf⸗ regung verſetzt, ſo vermehrte einige Tage ſpäter ein neues Gerücht im Volke ſeine Unruhe noch bedeutender. Der Bruder Wulf hatte ſich, wider Erwarten und zu Franziska's Freude, gar nicht in Hildesheim ſehen laſſen; er ſchien die einſtige wüthende Leidenſchaft vergeſſen zu haben; auch ging das Geſpräch, er führe ein italiſches, wunderſchönes Kebsweib mit ſich, und ſeine Landsleute mochten dem Hochmüthigen viel zu gering geachtet ſein, um ſich ihnen in ſeinem neu errungenen Prunke zuzeigen. Aber das neue Stadtgerücht erinnerte die Familie Freeſe nur zu ſehr an den böſen Verwandten und ſeine frühern Frevelthaten. Der zweite Artikel des Quedlinburger Friedens⸗Re⸗ ceſſes verſprach allen geiſtlichen Congregationen im Stifte die Zurückgabe ihrer Beſitzungen, wie ſie ſolche vor dem Ausbruche des Krieges gehabt hatten, und in ſolcher Geſtalt, wie ſie dieſelben durch ihre Urkunden und Klo⸗ ſterkanzeleien zu beweiſen vermöchten. Auch der ehrwür⸗ dige Uldarikus, der Abt der Karthäuſer, hatte ſeine zer⸗ ſtreuten weißen Lämmer wieder um ſich verſammelt, und mit Empfehlungsbriefen der Biſchöfe zu Mainz und Köln, ja mit einem Gnadenbriefe von Kaiſers Majeſtät ver⸗ ſehen, erſchien er zu Hildesheim, und forderte ebenfalls für ſeinen Orden Kirche, Kloſter und Maierſchaften zu⸗ rück, oder Erſatz dafür, wie der Friedensvertrag ihm zugeſagt. Der Herr Biſchof Balthaſar nahm den Abt der Kar⸗ thäuſer augenſcheinlich nicht mit der Gnade und Huld auf, deren ſich die Obern anderer geiſtlichen Orden bei ihm zu erfreuen gehabt. Man hörte ſeinen zweideutigen 330 Antworten die Einflüſterungen ſeines Lieblings ab, und er neigte ſich der Meinung des Hildesheimer Stadtraths ſichtlich zu, welcher die Karthäuſer als falſche Untertha⸗ nen des Stifts, als Freunde der Braunſchweiger zu ſchildern bemühet war, und ihre Anweſenheit außerhalb der Stadt, und gerade an ſolch gefährlichem Platze, durch die jüngſte Erfahrung bewieſen, als höchſt nach⸗ theilig und unſicher darzuſtellen wußte. Der unerſchrockene Abt drang auf ſein Recht, und der gewandte Biſchof gab ſcheinbar nach, forderte jedoch, auf Anſuchen des Hildesheimer Magiſtrats, die Urkunden, die Stiftungs⸗ pergamente des heiligen Gerhard, die beſiegelten Schen⸗ kungen, und verſprach, nach ihrer Vorzeigung der gekränk⸗ ten Partei volles Recht angedeihen zu laſſen. Erſchrocken ſtand der Abt mit ſeinem Prior Henningus und ſeiner weißen Brüderſchaar, denn keiner unter ihr wußte um jenen Kloſterſchatz; bei der plötzlichen Beſtürmung ihrer Karthauſe hatten ſie Alle nur an die Rettung des ge⸗ fährdeten Lebens gedacht. Der Eine, dem ich in jener ſchwarzen Stunde die Rettung der Kanzlei anbefahl, iſt nicht mehr unter uns, und die Todten ſind ſtumme Zeugen, ſprach Uldarikus betrübt; jedoch erbat er ſich beſonnen vom Biſchofe einen Tag, wo an der fraglichen Stelle ſelbſt ihm erlaubt ſein möchte, den Beweis zu führen. Mitleidig geſtand Herr Balthaſar die Bitte zu, und verhieß, ſelbſt in den Ruinen der alten Karthaus ſich einzufinden, um augen⸗ blicks, dem Erfolge der Unterſuchung gemäß, ſeinen Ur⸗ theils ſpruch fällen zu können. Alles dieſes erfuhr auch der Goldſchmied in ſeiner Werkſtatt; der beſtimmte Tag kam heran, und die Neu⸗ gier, an dieſem Tage vielleicht die Decke ſeines ſo lang — ———— — —— 331 bewahrten Geheimniſſes gelüftet zu ſehen, trieb ihn hin⸗ aus, obgleich die furchtſame Gattin ihn gern zurückge⸗ halten hätte im ſichern Hauſe und außer den Berührun⸗ gen mit einer Geſellſchaft, zu welcher der fürchterliche Wulf gehörte.—— Ein ſchöner Herbſtmorgen erleuchtete Flur und Wald, und wenn auch beide der Blüten und Früchte beraubt waren, ſo erkannte doch der Kundige im üppigen Gras⸗ wuchſe und den buntgemalten Laubgipfeln, die noch kein Winterſturm abgeſchüttelt, den Reichthum des Bodens und die Gegend gleich einer reinlichen Greiſin, bei deren angenehmem Aeußern und ſchmucken Wittwentracht ſich das Auge ihrer ſchönen Jugendzeit erinnert. Alles, was in Hildesheim ſich geſunder Gliedmaßen erfreute, fand ſich ein in der verrufenen Gegend; die Karthaus war umdrängt von Menſchen aller Stände, wie es ehedem geweſen, wenn die Mönche den Tag ihres Stifters Ger⸗ hard, oder des heiligen Bruno von Grenoble gefeiert, und von dem Magiſtrat begleitet, erſchienen die Karthäu⸗ ſer mit ihrem greiſen Abte und ihrem Prior an der Spitze; doch ſah man ihren bekümmerten Geſichtern und den trüben Blicken, welche ſie auf ihr erhaltenes Kirch⸗ lein warfen, die geringe Hoffnung an, die ſie ſelbſt im Buſen trugen, und welche von der Erinnerung deſſen, was ſie einſt hier gelitten hatten, noch mehr zu Boden gedrückt wurde. Hilmar barg ſich ſcheu hinter der Blende des Heili⸗ genbildes, welche ihm ſo wohl bekannt und befreundet geworden, und beobachtete mit klopfendem Herzen, vom ſichern Orte aus, Alles, was vorging. Nicht lange, ſo zeigte ſich auch von Steuerwald her der Zug des Bi⸗ ſchofs, in ſeiner Pracht und ſeinem lärmenden Triumph⸗ 332 gedräng, den ſchroffen Gegenſatz bildend zu dem demü⸗ thigen Zuge des geiſtlichen Ordens. Wulf Freeſe ritt zur Rechten des Biſchofs, und der immer noch ſchöne, wenn auch hagerer und braunwangiger gewordene Mann blickte recht übermüthig und höhniſch auf ſeine Lands⸗ leute herunter. Der Biſchof ſchien freundlich auf ſein Geſpräch zu horchen und folgte mit funkelnden Augen aufmerkſam den in der Gegend umherdeutenden Händen ſeines feurig redenden Lieblings, und als ſie am Thore hielten, wo der Stadtrath ſie bewillkommte, hörte Hil⸗ mar einen Theil des Geſprächs. Thöricht waren die Mönche, ſprach der Architekt laut und ohne Scheu, wenn ſie ohne Kampf dieſen reichen Preis uns überließen. Schauet nur um Euch, es iſt der ſchönſte Landesſtrich Eurer Reſidenz, Hochwürdigſter, und eine Stiftsarmee könnte von dem Weizen ernährt wer⸗ den, den dieſe ſchwarzen Aecker verheißen. Und hier die⸗ ſer Trümmerhaufe ſelbſt, welch ein Platz wäre ſchöner dazu geeignet, ein neues biſchöfliſches Reſidenzſchloß zu tragen das des weiſen Balthaſars Namen auf die Nach⸗ welt brächte? Ueberlaßt mir nur die Sorge dafür, zu Mainz und Straßburg ſoll kein edleres Gebäude ſeinen Bauherrn rühmen, und indeß Ihr, Hochwürdigſter, dieſe weiße Heerde zu Stalle treibt, werde ich den Kirchthurm beſteigen, und dort einen Plan und Bauriß entwerfen, welcher morgen bei dem Frühmahle ſicher den Beifall meines geehrten Herrn ſich gewinnen möchte.— Der Biſchof nickte freundlich, und Wulf ſchwang ſich aus dem Sattel, warf einen grimmigen Blick auf den zuſammengedrängten Kreis der Mönche, und ſchritt auf die Kirche zu. Der Bürgermeiſter Wildefeuer ſetzte aber das Geſpräch fort, und meinte: Der Vorſchlag des 5 333 Bauraths ſei nicht unverſtändig; Aecker und Höfe ſeien ſchon im jahrelangen Beſitze der Bürgerſchaft, die für die Unkoſten und Bedrängniſſe der Kriegszeit doch auch ihren Erſatz haben müſſe; der Schenkenbrühl ſei von den Mönchen ſelbſt dem Rathe verkauft worden; der Stadt⸗ rath, von Frömmigkeit und Mitleid beſeelt, ſei indeß wohl geneigt, dem ehrwürdigen Abte und ſeiner Brü⸗ derſchaft einen Platz innerhalb der Stadt, an der ſtin⸗ kenden Pforte zum neuen Kloſterbau einzuräumen, wenn ſolcher Kaufgeld zahle, und die Gelder zum Bau im Voraus bei der Kämmerei niederlege.— Der Abt uldarikus hatte mit bleichem Geſicht dieſe widerwärtigen Vorſchläge angehört; jetzt trat er heran, und redete freimüthig zu dem geiſtlichen Fürſten. Er zeigte demſelben das Kloſterwappen am Grenzſteine, die Inſchriften der Kirche und Thorpfeiler, aber der Biſchof ſchüttelte unwillig das Haupt und ziſchelte: Der Sand⸗ ſtein iſt geduldig, wenn der Meißel ihn ſchlägt. Perga⸗ ment will ich und unverletzte Siegel, keine halb zerſchla⸗ gene Steine. Der Abt rief jetzt das anweſende Volk auf, foderte die Greiſe unter den Bürgern hervor, als Zeugen ſeines Rechts, und obgleich einige Wenige ſich herandrängten, ſo ſcheuchte ſie doch ſogleich des Biſchofs zorniges Geſicht wieder zurück, indem dieſer nochmals rief: Urkunden auf Eſelshaut, mit Wachs beſiegelt, Herr Pater; haltet Euch an den Pakt und ſparet die koſt⸗ bare Zeit.— Der Abt bat jetzt, mit Angſtſchweiß auf der Stirn, um die Erlaubniß, in den Trümmerhaufen nachſuchen zu dürfen, die ihm auch zugeſtanden wurde, und die ſogleich mit Hülfe einiger dazu mitgebrachten Löhner begonnen ward; der Architekt Wulf rief aber recht hohnvoll aus 334 dem großen Schallfenſter des Kirchthurms, in welchem er mit Kühnheit Poſto gefaßt, herab: Wehret den Maul⸗ würfen nicht, Hochwürdigſter, laßt ſie nur Keller und Fiſchteiche durchſtöbern; mein Plan iſt im Geiſte bald fertig, und ehe die da ihre verſunkenen Schätze aus dem Moder fiſchen, habe ich ſchon Euer Wappen auf den Giebeln des neuen Prachtſchloſſes geſetzt und für ewig eingegoſſen.— Faſt ſchien es, als werde der Uebermüthige Recht be⸗ halten, denn ſo emſig die weißen Mönche alle bei der Schatzgräberei halfen, ſo wenig Erfolg hatte ihre Arbeit. Der Platz der Kanzlei fand ſich und wurde aufgeräumt, aber im Schutte trafen ſich nur zerriſſene Schriften und zerfetzte Bücher. Die geheimen Behälter des Hochaltars und im Allerheiligſten der Kirche wurden aufgethan und durchſucht; das Käſtlein, worin das Gewünſchte verbor⸗ gen gehalten, fand ſich nirgend. Der Herr Biſchof ward immer ungeduldiger, und mahnte die traurigen Mönche zur Eile und zur Ergebung in ihr Schickſal, erinnerte ſie an das Gelübd der Armuth, und rieth ihnen, den Vorſchlag des Bürgermeiſters anzunehmen, wiederum de⸗ müthig und klein anzufangen gleich ihren Vorfahren in der Einöde la Chartreuſe, und durch fromme Spenden zuſammen zu betteln, was der Kaufſchatz des angebote⸗ nen Platzes an der Stienchenpforte betragen möchte. Geſenkten Hauptes wandelte der Abt mit den Seini⸗ gen in den Garten, und warf verzweifelnde Blicke auf die halboffenen, halbeingeſtürzten Gräber, die ihn um⸗ gaben, als ſuche er im Todtenreiche die letzte Hülfe. Auf Einmal fiel ſein Blick auf das noch wohlgeordnete Gärtchen des Bruders Martin, und ſeine Augen wurden 335 leuchtender, und es war, als wenn eine plötzliche Er⸗ innerung ſeine Seele erhelle. Sind dieſes nicht die Blumenbeete des Frater Medi⸗ cus? fragte er mit lauter, gehobener Stimme. Und wer hat ſein Grab geſchloſſen und die Leiche des from⸗ men Bruders beſtattet? Ja, wir erinnern uns jetzt deut⸗ lich der vergeſſenen Dinge. An jenem Tage der Noth, und unſeres Falls unter den Händen der Unbarmherzigen, übergaben wir dem Frater Martin das wichtige ſilberne Käſtchen, und befahlen ihm bei ſeiner Kloſterpflicht daſſelbe zu retten und zu ſchirmen, bis wir es wieder forderten aus ſeiner Hand. Aber ein höherer Oberer hat ihn abgefordert, und wir können nur rufen in ſeine finſtere Gruft: Frater Martin, ſtehe auf, wenn Du ge⸗ treu wareſt, und zeuge für Deine Brüder gegen die Harten und Ungerechten.— Eine tiefe Stille hatte ſich bei der feierlichen Be⸗ ſchwörung des greiſen, verzweifelten Prieſters über die ganze Menge gelegt; aber ein einziger allgemeiner Schrei tönte aus den Verſammelten, und alle Häupter beugten ſich in Furcht und Entſetzen, als von der kahlen Zinne des Wartthurms, welcher der Kirche gegenüber am Gar⸗ tenrande ſich erhob, eine hohle und heiſchere Stimme erklang und die Antwort gab: Hier iſt der, den Du rufſt, Ehrwürdiger, und Du ſollſt ihn erkennen als einen getreuen Sohn der Kirche und Deines Ordens!— Die blutloſen Todten ſtehen auf, und der jüngſte Tag beginnt! ſchrie Wulf mit gräßlicher Stimme im Kirchthurmfenſter und verſchwand; als aber die Zuſchauer das Auge zu erheben wagten, ſahen ſie auf der Zinne die hohe Geſtalt eines uralten Karthäuſers, wahrlich mehr einem Geſpenſte ähnlich, als einem Lebendigen; 336 zerfetzt und beſchmutzt flatterte das helle Mönchskleid um die dürren Glieder, ſein Geſicht war fahl und aſch⸗ farben, der weiße Bart hing bis über den Leib hinab, und die magern Hände herabbreitend, ſprach er fort mit ſeiner Geiſterſtimme: Hebet das ſchwarze Kreuzlein auf unter den Roſen, und Ihr werdet finden das vergrabene Pfund, was Eurem Knecht vertrauet worden, und wel⸗ ches er bewachte, bis Ihr es rückgefordert.— Frater Martin! Es iſt der fromme Martin! Und er lebt, und liegt nicht nicht unter dem Hügel! ſchallte es von allen Seiten; und indeß der Abt das Kreuz fort⸗ reißen ließ, eilten mehre der Karthäuſer die Wendelſteige des Wartthurms hinauf, den Retter in der Noth herab zu tragen. Aber Hilmar Freeſe war Allen zuvor ge⸗ ſprungen, und auf ſeine Schulter geſtützt langte der ſchwache Greis bald im Kloſterhofe an, wo die Bürger ihn umringten, die Mönche ihm knieend Gewand und Füße küßten, und der Biſchof ſelbſt ſeine Theilnahme nicht verbergen konnte und mochte. Mit dem ſilbernen Käſtchen, welches die Urkunden umſchloß, trat jetzt der Abt eiligſt und von Freude erhitzt durch das Gedränge. Muſterbild der chriſtlichen Treue und des klöſterlichen Gehorſams! rief er überlaut und die Hand ſegnend aus⸗ ſtreckend über des ſchwachen Greiſes Haupt, der ſich auf einen Stein niedergelaſſen und, die Hände auf die Bruſt gekreuzt, den Obern begrüßte. Sei mir geſegnet vor Allen, von den Söhnen des heiligen Bruno, welche die Weihe empfingen und ſich gürten durften mit dem heili⸗ gen Strick der Demuth! Dein Name werde geprieſen durch die ganze Chriſtenheit, denn Du haſt den Leib ohne Erbarmen ſelbſt geopfert für die Pflicht! Verkünde das Wunder, welches an Dir geſchehen, verkünde es 337 zur Ehre unſeres Ordens, und damit das Volk nieder⸗ falle und unſern Schutzheiligen, den Propheten Elias, preiſe, und dem Herrn der Himmel ſinge ein Halleluja. Ja, ein Wunder des heiligen Bruno iſt es, antwor⸗ tete der Erſtandene leiſe und mit dem Blicke den Him⸗ mel ſuchend, ein Wunder, daß der Allmächtige mich erhielt, ohne Sonnenlicht und ohne menſchliche Geſell⸗ ſchaft, Jahre lang in den Tiefen der Geißelgewölbe, deren Steine von meinem Blute befleckt worden. Aber dieſer, den ich hier an meiner Bruſt halte, wie der Herr ſeinen Johannes, dieſer war der Rabe, welcher mich fütterte in meiner langen Nacht, und treu das Geheimniß bewahrte, als habe auch er das Gelübde des Patriarchen Albrecht und ſeiner Karmeliter beſchwo⸗ ren. Doch preſſe Dein Geſicht feſter an meine Bruſt, mein lieber Sohn, ſetzte er raſch hinzu, indem er nach einem Orte ſein Geſicht wendete, von wo ein Tumult und ein neues Schreckensgeſchrei ſich erhob; ich höre die Gerichtspoſaune des letzten Engels; das Racheſchwert der Allgerechtigkeit hat geſtraft den Frevel an Dir und mir; verſchleuß aber Dein Auge, daß Deine reine Seele nicht vergehe in Entſetzen über den Anblick des gerichte⸗ ten Frevlers.— Und das Volk ſchleifte aus der Pforte des Kirch⸗ thurms den Leichnam des Architekten, der mit Blut be⸗ goſſen war, und deſſen zerſpaltene Hirnſchale und zer⸗ fetztes Geſicht wirklich den entſetzlichſten Anblick darboten. Wulf hatte, beim Erblicken des alten Mönchs, im Er⸗ ſchrecken einen Rücktritt aus dem Schallloche gethan, hatte die Leiter verfehlt, und war herabgeſtürzt inwen⸗ dig im Thurm, wo das rauhe Geſtein, welches er zu Blumenhagen. V, 22 338 vernichten und zu entweihen trachtete, ihm den raſchen und ſchrecklichen Tod gab. Der Biſchof bedeckte erbleichend ſein Antlitz mit der Rechten, und wandte ſchnell ſein Roß, und ritt, ver⸗ ſtummt über das ſichtliche Gottesgericht, davon. Die Karthäuſer begannen aber einen Lobgeſang, und das Volk, ergriffen von dem, was es geſehen, und von Gewiſſenspein geängſtet, ſank in die Kniee, und ſtimmte mit verhaltenen Tönen ein in den Chor der Mönche. Die Scenen des Wiederſehens zwiſchen dem Bruder und der Schweſter, welche beide dem Ziele ihrer Erden⸗ fahrt nahe ſtanden, und jetzt den Wunſch erfüllt ſahen, ſich gemeinſchaftlich zu bereiten auf die dunkele Reiſe in ein Land ohne Nächte,— die Scenen des Wiederſehens zwiſchen Ohm und RNichte, welche von reinſter Achtung und Liebe verknüpft geweſen von je, dieſe Scenen zu beſchreiben, ſehlt Farbe und Pinſel. In dieſe Tiefen des Gefühls ſteigt kein Maler hinunter; ſie ſind Myſte⸗ rien; nur wer ſie mit ging, weiß von ihnen. Das Volk, die leichtbewegliche Maſſe, welche ſchnell von einem Aeußerſten zum andern überſpringt, hatte den ſilberhaarigen Kloſterbruder, wie einen Heiligen, auf den Armen von der Karthauſe durch das Dammthor und über die Brücke bis in des Goldſchmieds Haus getra⸗ gen. Wie ein Verklärter ſchlug hier der durch die un⸗ gewohnte Lebendigkeit, welche ihn umdrängte, durch das Sonnenlicht und die Anſtrengung erſchöpfte und halb ohnmächtige Greis die Augen wieder auf, und wandte ſie mit dem Ausdrucke höchſter Freudigkeit von einem Familiengliede zum andern. Johannes und Martin, rief 2——————————ᷣ ——————————— 339 er aus, als Franziska ihm ihre Buben zu den Knieen führte, werdet wie Vater und Mutter, dann ſeid ihr, was ihr ſein müßt, und Niemand kann euch Beſſeres wünſchen!— Ihr wiſſet die Namen meiner Knaben? fragte Hilmar beſtürzt und in ſcheuer Ehrfurcht. Ihr wußtet von unſerer Hochzeit, wie vom Hingange des Vaters Hans? Der Greis lächelte. Iſt das ſo unna⸗ türlich? fragte er. Hangen nicht meine Schaumünzen an ihrem zarten Halſe, geboten ſie Euch nicht, gleich dem Zacharias, wie Ihr ſie taufen ſolltet, wären auch nicht der Vater und der Ohm die nächſten Verwandten geweſen? Und in der Tiefe der Erde, ſetzte er ernſter und feierlicher hinzu, wo nur das innere Licht leuchtet und nicht Irdiſches ſtört, ſchauet der Geiſt heller, und die Gottheit ſenkt ſich herab zu dem Einſamen und lebend Begrabenen, und Ferne und Zukunft rücken zu ihm heran und unterhalten ihn mit ihren Bildern. Es iſt mir vieles klar geworden in dieſen Jahren, wo ich ein Eremit war, wie die Vorfahren meines Ordens, die heiligen Brüder auf dem Berge Karmel, und in difſer nächtigen langen Klauſur bin ich erſt würdig geworden der Weihe und der Tonſur und des Gürtels, und habe erkannt, wie unwürdig ich das Alles vordem getragen. In ſpätern Tagen, als der Beſuch Vornehmer und Geringer, der Rathsherren und Bürger, welche alle den Wundermann zu ſehen begehrten und, von ihm ge⸗ ſegnet, im frommen Glauben glücklicher heimgingen, ab⸗ genommen, erzählte der Mönch und gab den Seinigen die begierig gehörte Aufklärung über ſeine Schickſale. An jenem Tage, wo das Kloſter überfallen, beſtür⸗ met und zertrümmert worden, vertrauete in den erſten Angſtminuten der Abt ihm, als dem Aelteſten, das 340 Käſtchen mit den Urkunden der Brüderſchaft. Der welt⸗ kluge und erfahrene Martin überſah bei dem erſten Blicke aus dem Fenſter ſeiner Zelle den Ausgang und die Folgen dieſes tobenden Volksgetümmels. Unter dem Altare der Kirche verbarg er ſich, bis er die feindlichen Kloſterſtürmer verlaufen wähnte, und wagte erſt dann ſich heraus, als das furchtbare Getöſe der einſtürzenden Mauern verhallt war und der wüſte Tumult in der Ferne verſummte und den Abzug der Zerſtörer anſagte. Niemand ſchien jetzt in den dampfenden Ruinen zurück geblieben, und mit eiligem Schritte flüchtete der Mönch über den Kloſterhof, um durch die Gärten fliehend die die Berge und Holzungen zu gewinnen. Wulf Freeſe, der Hauptanführer und Urheber des Frevels, ſtand allein noch im Kloſterhof, von dem Scheine der Flammen wie mit Höllenglut beleuchtet, und überſah mit Triumph ſein gelungenes Rachewerk. Zu ſpät entdeckte der Greis den Feind, und beſchleunigte ſeine Flucht. Du noch frei, Du, der Iſcharioth, Du, der Haupt⸗ verräther? ſo hörte er hinter ſich des Widerſachers brül⸗ lende Stimme, vernahm ſeinen Verfolgungsſchritt an ſeinen Ferſen, empfand den ſchmerzlichen Schlag eines ſcharfen Werkzeuges an ſeinem nackten Haupte, und fühlte ſich, als er eben die Rechte ausſtreckte, das wun⸗ derthätige Marienbild als Retter zu umfaſſen, durch einen harten Stoß hinabgeworfen in das tiefe Gewölbe des aufgeſchlagenen und eingeſtürzten Kellers. Als er unten erwachte, dämmerte es ſchon; er merkte das Rinnen des warmen Blutes an ſeinem Nacken, doch ſein erſter Griff taſtete nach dem Käſtchen, und er fand das Kleinod neben ſich am Boden. Sogleich erinnerte 341 er ſich einer heimlichen Steige, welche aus dem Gewölbe zu dem Wartthurm reichte, und ſie benutzend kam er an die friſche Gottesluft, und überſchauete den Unfug, wel⸗ cher angerichtet, in ſeiner ganzen Größe. Sein Entſchluß ward ſchnell gefaßt. Mit einem Stücke ſeines Gewan⸗ des verband er ſeine Wunde, und als er ſein Leben ge⸗ ſichert fühlte, verdammte er ſich ſelbſt, von Glauben und Gehorſam durchglüht, zum Grabe, bis die Vorſicht durch den Mund ſeines Ordensherrn ihn wieder erwecken würde. Er ſcharrete ſein Grab zu, anzudeuten, daß er geſtorben; er verbarg das Käſichen unter dem Kreuz, und wählte dann die tiefſte Kammer des Geißelgewöl⸗ bes, zu der eine kaum bemerkbare, nur den ältern Klo⸗ ſterbrüdern bekannte Fallthür den Eintritt erlaubte, zu ſeiner Wohnung. Ein Lager von Laub und Moos wurde ſein Bett; er ſammelte das Obſt des Gartens, und nur in der Nacht ſtieg er herauf, um friſche Luft zu genießen und unter den goldenen Sternen, oder am Altare der Kirche zu beten, wie es die Kloſterregel befahl. Welche Maßregeln er weiter ergriff, um ſein Leben zu friſten und ſein Geheimniß zu bergen, erzählte unſere Geſchichte bereits, und es iſt nur noch hinzuzufügen, daß er ſein frommes Werk gelungen ſah und ſich der Folgen ſeiner Ausdauer und ſeltenen Entſagung erfreuen durfte. Den Karthäuſern wurden alle ihre Beſitzungen wieder zugeſprochen, und ſie erbaueten ihr Kloſterhaus ſtattlicher und bequemer, als zuvor, auf der alten, geheiligten Stelle, nicht ahnend, daß binnen hundert Jahren daſſelbe grauſame Schickſal die Karthauſe noch zu dreien Malen treffen würde, und ihre frommen Bewohner zu oft ge⸗ peinigt durch den Haß der Lutheraner, durch die Krieges⸗ wuth der Dänen und der ſchmalkaldiſchen Heerhaufen, 342 endlich es ſelbſt vorziehen mußten, in den ſichern Mauern der Stadt den vierten Kloſterbau zu beginnen, und ein neues Aſyl ſich zu erkaufen, aus dem ſie, nach abermals hundert Jahren, unter ihrem letzten Prior, Carolus Unkraut, für immer vertrieben wurden. Aber der gehorſame Bruder Martin erlebte die Vol⸗ lendung des neuen Baues nicht, und die ihm bei der Einweihung deſſelben zugedachten Ehren konnten die Ordensbrüder nur ſeine Leiche erweiſen, die man unter ſeinem Fliederbuſche beiſetzte, und zu deren Gedächtniß⸗ ſteine, wie zu dem Sarge eines heilig Geſprochenen noch lange Zeit hindurch die Frommen, die Kranken und die Bedrängten wallfahrteten, ſich Troſt und Geneſung durch ſeine Fürbitte zu erwerben. Tief und lange trauerte die Familie Freeſe um ihn, und in den folgenden Jahrhunderten, als die Zeit die Zeugniſſe ſeiner beiſpielloſen Opferung unſicher gemacht und faſt verwiſcht hatte, eiferten neidiſch mehre Klö⸗ ſter der Biſchofsſtadt unter einander, indem jedes ſich die Sage vom Bruder Martin zuzueignen und den Ruhm zu gewinnen ſuchte, dieſen Muſtermönch auf der Liſte der Brüder ſeiner Klauſur verzeichnen zu dürfen. . — — — — — — — S — * — — — — 5 Dagur, ein Sohn aus dem edelſten Geſchlechte der Oſtphalen, ſtand, auf ſeinen langen Speer gelehnt, hor⸗ chend in einer Schlucht jener Gebirge des Saſſenlandes, welche die Wohnplätze der Engern, der Katten und der Oſtphalen abſchieden. Gerad und kräftig aufgeſchoſſen wie die Edeltanne an der Siwarsburg, ſeines Vaters Herrenſitze, ragte er heraus aus den herbſtlichen Nebeln, die vor dem aufgehenden Sonnenſtrahle ſich in die feuch⸗ ten, moorigen Schluchten und Thäler geſenkt; die Wolfs⸗ haut flatterte im Zug des Windes um des Jünglings Glieder, deren kräftiges Muskelſpiel durch das Wamms von der feinen Haut des Damthieres nicht verdeckt ward; auf dem langhin flatternden Blondhaare dräuete der Jagdhelm, künſtlich vom Kopfe eines Ebers gefertigt, deſſen weiße Hauzähne über den Schläfen des ſchönen Jägers glänzten; aber unter ihnen vernichteten den rohen Eindruck des wilden Putzes das runde Blauauge und die roſige, mit dem erſten Flaumenhaare geſchmückte Wange eines Geſichts, ſo freundlich wie der junge Tag, von dem der edle Sachſenfürſt den Namen trug. Zur Seite brannte ein gewaltig Nachtfeuer von knat⸗ ternden Tannenſcheiten, auf einen großen, roth glühenden Eichblock gelegt, und ringsum gab das feuchte Erdreich weiße, dicke Dämpfe von ſich, die wie des Mondes 346 Regenhof anzuſchauen waren, wenn er, das milde Licht der Nacht zu löſchen, aufzieht. Geleitsmänner und Leib⸗ eigene lagerten in düſtern Gruppen um den Flammen⸗ heerd; Dagur ſtand allein hoch über ihnen, und vor ihm, die Vorderbeine geſtreckt, den Kopf mit der breiten Spalt⸗ naſe ſpürend gegen den Morgenwind gehoben und unge⸗ duldig am ſtarken Leitriemen zerrend, ſein Leibhund, eine ſilbergraue däniſche Dogge von ſeltener Größe. Gleich der Windsbraut, wenn ſie über Herchnia's Rücken fährt und die Fichtenwälder wie Knaben die Haſelſtecken zuſammenbricht, ſo rauſchte und donnerte es jetzt plötzlich heran vom Eingange der weiten Wald⸗ ſchlucht. Der König der germaniſchen Wälder, ein furcht⸗ barer Auerochs, brach durch das Dickicht, und hinter ihm erſcholl das Jagdgeheul ſeiner Verfolger. Wie der Staub vor einer Reiterkohorte ging eine Dampfwolke vor ihm her, die er aus ſeinen heißen Nüſtern blies; ſeine Augen rollten und blitzten wie blutrothes Zauber⸗ feuer der Drudenz“ getroffen auf dem breiten Rücken von Speer und Bolzen der Jäger, und im dicken Leder die Geſchoſſe wie Borſten forttragend, brüllte er vor Wuth und Schmerz, daß das Echo im Gebirge hundert⸗ fach erwachte; ſeine gewaltige Stirn, breit wie ein Römerſchild, knickte junge Tannen und alles Birkenholz auf ſeiner blutbeſpritzten Bahn, und mit dem weit aus⸗ einander ſtehenden Rieſengehörn wühlte er den feuchten Raſen auf, und ſchleuderte die kreiſchenden Hunde, wenn ſie dreiſt ſich an ſeine Flattermähne gehangen, hoch in die Luft, wie der Wanderer leichtes Schneegeflock ab⸗ ſchüttelt vom Reiſemantel. Oho! oho! drauf, Geſellen! rief Dagur in wilder * Druden: Prieſter und Zauberer der Celten. ————————————— ———— 347 Jagdfreude. Reißet die Brände vom Feuer, du Kathlin und Ruro, und werfet ſie nach ſeinen Rollaugen! Auf! ſchleudert den Sar? ihm in die Weichen; du Alf und Annir, zielt mit der Pfriem nach ſeiner Bruſt! Halloh! Halloh! Nieder mit dem Rieſen des Gebirgs!— Und mit hallendem Weidmannsrufe fuhren die Ge⸗ ſellen auf vom Mooslager, und die glühenden Tannen⸗ ſcheite flogen, und die ſcharfe Pfriem der Leibeigenen ziſchte durch die Lüfte, und der lange zweiſchneidige Dolch der Lehnsmannen, wovon das Volk den Namen trug, ſauste, von derber Fauſt geworfen, nach dem un⸗ geheuern Leibe des gewaltigen Feindes. Dagur hatte, die Lanze gefällt, den jungen Eichbaumſchaft auf ſeinen Fuß geſtemmt, ſo des Urs Anlauf und Stoß zu erwar⸗ ten; aber das grimme Thier ward wirr und ſcheu durch die Feuerwürfe, und das fremde Element fliehend, wandte es um, und ſtürzte zurück auf die erſchreckenden Treiber. Ruro, der Hirt, griff verwegen nach dem fliegenden Schweife des wüthenden Geſchöpfs, der wie eine Schlange geſchwollen umherkreiste, aber am Kopfe getroffen tau⸗ melte der ſtarke Mann mit einer Wehklage zur Seite in den Buſch. Da ließ Dagur ſeinen Greif vom Leitrie⸗ men, und die gierige Dogge faßte den Büſchel des Schweifs, und ließ nicht los, ſo weit ſie auch umher⸗ geſchleudert wurde. Mit zwei Sprüngen war jetzt Dagur dem Auerochs zur Seite, und mit einem geſchickten Stoße fuhr dem Thiere ſein kurzer Jagdſtahl in das Genick, daß es niederſtürzte mit tönendem Falle, und den Erleger halb unter ſeinem ungeheuern Leibe begrub. Die ferneren Weidleute begleiteten den Fall des Un⸗ thieres mit einem Triumphgejole; mit Angſtgeſchrei eilten * Sax; ein langer Dolch. 348 die näheren Gefährten herzu, da die zuckenden Glieder des ſterbenden Stiers den fürſtlichen Jäger zu zermalmen drohten, und die treue Dogge heulte laut auf. Aber ſo gewandt wie gewaltig hatte der Heldenſohn ſich ſchon allein unter dem Fleiſchkoloſſe hervorgezwängt, und nicht achtend der Quetſchungen und der geſchundenen Schenkel, ſtand er tannengerade neben ſeinem Fange, ſtrich die mit dem Blute des erlegten Thieres beſprengten Locken aus dem fröhlichen Angeſichte, und ſetzte den Fuß feſt auf des Urochſen zuckenden Wanſt. Heran, Genoſſen der Freude, die Beute iſt unſer! rief er mit lachendem Munde. Er liegt, um nimmer aufzuſtehen. Auf! Wetzet die Meſſer am Runenſteine,* und zerlegt mir kunſtgerecht den Wohlgemäſteten! Richt mehr wird er eure Gehäge zerſtören mit der Stirne von Erz, nicht mehr eure Gerſtenſaat zerſtampfen mit dem breiten, geſpaltenen Huf. Nur das beſte Bratenſtück ſei zurückgelegt für den Prieſter, und der ungeheure Kopf für mich; das Uebrige zerlegt für euch, ihr Inſaſſen, deren Lehne er verwüſtet hat. Du aber, Hausmaier Kathlin, trage mit den Knechten den Schädel hinauf zum Vater Siwar, und ſprich zu ihm: Sein Sohn Dagur ſende ihm den Preis ſeiner Fauſt; er möge aus dem glatten Gehörn ſich Trinkhörner ſchneiden laſſen für ſeine Herzogstafel, und den Schädel möge er aufhängen im Ahnenſaale neben den Schädeln der Franken und Dänen, welche ihm ſein Erſtgeborner, ſein geprieſener Kattwald, geſandt aus fernen Schlachten der Fremde. Sage ihm, wenn auch der Knabe Dagur, wie der Bruder ſpöttiſch mich benennt, es haſſe, ohne Noth auf Menſchen ſeinen tödtenden Sax zu ſchleudern, ſo lebe doch der Oſtphalen * Runen; Wahrſagerinnen, heilige und weiſe Frauen. 349 Blut und Mark in ihm, und er fürchte die Feinde des Landes nimmer!— Und nun von That zu That! Blaſet in das Horn, und zerſtreuet euch ringsum, den tollen Wolf aufzuſpüren, der die Kinder des Hirten zerriß und die Heerde verwüſtete!— Am Runenquell bei dem gro⸗ ßen Opferſteine Wodans? ſammeln wir uns am Abende zur Heimkehr!— Freudig bellte die Dogge, als hätte ſie des edlen Herrn Aufruf wohl verſtanden; alle Hunde ſchlugen an, das große Jagdhorn tönte in langen Zügen durch die Berge, und waldeinwärts zogen die Jagdluſtigen, indeß der alte Kathlin und ſeine Untergebenen über das feiſte Wild herfielen, und unter einem weitſchallenden rauhen Geſange die Meſſer zur Zerlegung der ſchmackhaften Beute rüſteten.— Die Sonne ſtand hoch und brannte.— Wo der große Opferſtein glänzte, von den zwölf Steinſitzen der Schöppen und Gaugrafen umringt; wo die einzelnen uralten neun Eichen, gereinigt vom Unterbuſch, weite Schatten ver⸗ breiteten;— wo die Druidenhöhle im Felsgeſtein gähnte, und aus ihrem ſchauerlichen Dunkel der bollernde Bach hervorrauſchte und den Kreuzweg durchſchnitt: da wan⸗ derte träg und langſam der Hirt Ruro den Hügel herauf. Er ſtützte ſich im Gehen bequem auf den kurzen Spieß, und las ſich rothe und ſchwarzblaue Waldbeeren von dem Geſträuch zur Seite des Weges. Hier im Schatten iſt's bequemer, als droben auf der *Wodan; der gute Gott, den Alfadur zuerſt erſchuf aus einer ſchö⸗ nen Knospe, die er vom Weltenbaum Badraſil gebrochen; das intellek⸗ tuelle Vermögen, 350 rauhen Höhe, murmelte er in ſich hinein, indem er die ſüße Frucht verſpeiſete. Die Götter werden's nicht für ungut nehmen, wenn ich mich in ihrem Gebiete hin⸗ ſtrecke, und ſo den Abend und die Geſellen erwarte. Liegt auch kein Schafpelz unter den Schultern, auch das Waldmoos iſt weich wie frieſiſcher Gänſeflaum, und der Schlaf iſt mir ein Freund, der allezeit kommt, wenn ich rufe. Blaſet nur! Blaſet nur tüchtig! fuhr er fort, den fernen Klängen horchend und ſie nachſingend. Je weiter⸗ hin euer Blaſen dort oben, je ſicherer und ungeſtörter iſt meine Ruh' hier unten. Daß ich ein Geck wäre, mich mit dem wüthigen Wolfe zu raufen! Das iſt eure Sache, ihr Gewaltsherren, die ihr euch den Blutbann genommen habt über uns, und mit den Ferſen unſere Nacken tretet. — Daß er mir ein Kind zerriß?— Die Götter nahmen mir eine Laſt, und euch einen kräftigen Frohnknecht. Und ſeid ihr beſſer, als der Wolf? Ihn zwang der Hunger; euch treibt die Herrſchgier zum Frevel und das böſe, ſtolze Gemüth. Und wenn die Götter nicht zu⸗ ſähen, und wenn der Prieſter nicht fluchte, und wenn der Halsblock nicht wäre, und die Riemenpeitſche und das Beil, welcher Knecht würgte nicht gern ſeine Kleinen alle, und ſetzte euch das leibeigene Gericht mit einer Brühe vom giftigen Waldſchwamm auf die Tafel, daß ihr zuſammen verdürbt in einem Rauſchabend, wie der Fliegenſchwarm in der erſten Winternacht. Unſere Arbeit iſt für euch; unſer Schweiß iſt euer Vergnügen. So arheitet jetzt einmal ohne mich, und—— bei Thors,* des Donnerers, Hammer, ich will dem Wolfe zwei *Thor; der Donnergott, ein Sohn Wodan's, die Naturkraft. 351 Lämmer am Juulsfeſte* opfern, wenn er heute ein Dutzend von euch zunichte macht.— Grimmig verzog ſich unter der Rede das Geſicht des rothhaarigen Hirten, und ſeine Fäuſte zerquetſchten die eingeſammelten Beeren; da ſtutzte er befremdet. Mitten im Wege lag ein todtes Roß. Der lang geſtreckte Hals, das Blut im Maule deutete die Erſchöpfung an, in der es verendet. Blank von Haut und wohlgenährt mußte es einem edlen Herrn zugehört haben, und die zierliche Rückendecke, die reiche Silberkette am Zaum machten die Vermuthung gewiß, und des Hirten Habſucht malte ſich ſchnell auf dem verzerrt lächelnden Geſichte. Mit liſtigen Blicken blinzelte er umher, ob nicht ein Lauſcher da ſei, welcher ihm den willkommenen Fund ſtreitig mache; aber heftiger noch ſtutzte er, als er beim Forſchen am ſtillen, heiligen Orte der Geſellſchaft mehr erblickte. Am Eingange der Druidenhöhle, im Schatten der gekrümmten Steineiche, auf welcher die heilige Miſtel** wuchs, lagen zwei Schlafende im hohen Waldkraſe. Lang hingeſtreckt lag der Eine, ein Greis mit verwirr⸗ tem Grauhaare und zottigem Barte und buſchiger Augen⸗ braue. Tiefe Narben im Geſichte und der Stumpf des abgehauenen rechten Armes zeigten den alten Kriegsge⸗ ſellen an. Seine Kleider von Elendshaut waren zierlich geſchnitten, benähet und geſäumt; ein blanker Helm, am Boden liegend, und ein ſilberner Gürtel ſprachen von hoher Geburt. Neben ihm, faſt in ſeinen Schooß gekrümmt, und von ſeinem linken Arme umſchlungen, ſchlief ein ſchlanker * Juulsfeſt; das Jahresfeſt im Jenner. ** Die heilige Miſtel: eine Schmarotzerpflanze auf glten Eichen, die Aniverſal⸗Medizin der Prieſter. 352 Knabe, das Bild der blühenden Jugend. Das ſchönſte Goldhaar hing in langen Ringeln um den fleiſchigen Nacken und um die vollen Wangen, die friſch ſchimmer⸗ ten, wie das jüngſte Morgenroth. Marmorweiße, ſanft gewölbte Glieder blickten unter dem rauhen Mantel aus, welcher Leib und Bruſt einwickelte, und der daraus her⸗ vorſchimmernde weiße Leibrock, mit Purpurſtreifen ver⸗ vrämt, verkündete den Fürſtenſohn. Beide ſchliefen feſt und lagen bewegungslos, wie Erſchöpfte ſchlafen; und hätte Ruro nicht die Glut auf des Knaben Wange ge⸗ ſehen, und hätte ſein lauſchendes Ohr nicht ihre ſtarken Athemzüge gehört, er würde ſie für todt gehalten haben, gleich dem ſchwarzen Roſſe vor ſeinen Füßen. Ruro ſchlich näher hinan und prüfte die Eiſenſpitze ſeines Speeres mit dem Daumen. Niemand lauſcht, kein Blatt regt ſich im Walde; murmelte er in ſich hin⸗ ein. Wer nicht wagt, gewinnt nicht. Der Silberſchmuck an Roß und Mann könnte mich loskaufen, und mir ein Lehngütchen dazu einhandeln. Und wer weiß, was an Schätzen überdies der Säckel verbirgt, welchen der Alte ſich unter den Kopf geſchoben.— Doch der Ort der Gilde? iſt heilig, unverletzlich dieſer Hain, unter des Prieſters Banne und mit Gottesfrieden belegt.— Leitete aber nicht Wodan ſelbſt meinen einſamen Schritt hieher, und ſchickt er mir nicht ſelbſt die reiche Beute?— Keber⸗ dies ſind ſie aus fremder Mark; vielleicht Katten, oder vom Dänenvolke; Flüchtlinge vielleicht, ausgeſtoßene Verbrecher wohl gar, denen mein Spieß den Sündertod erſpart. Muth, Ruro, Muth! Iſt der Greis durch⸗ ſtochen, mit dem ſchwachen Knaben und ſeinem kurzen Dolche wollen wir ſchon fertig werden.—— *Gilde; Opfermahl. 353 Er hob den Speer zum Wurfe, und ſetzte den Fuß vorwärts. Da murrte es dumpf durch den Buſch, wie ferner Waſſerfall; der jagdgewohnte Mann kannte den Ton. Das Gemurmel ward dumpfes Gebrüll, und ein zottiger Braunbär wälzte ſich den Berg herab, dem todten Pferde zu, deſſen Blut ſeine Naſe gewittert. Ruro wurde ſtarr, wie ein Schneemann, als der Feig⸗ ling das Raubthier ſich plötzlich ſo nahe erblickte; mit einem Schrei ſchleuderte er den Speer weit von ſich, und ſchwang ſich die nächſte Tanne hinan, mit der Be⸗ hendigkeit einer Schlange ſich windend durch die ſtacheli⸗ gen, knatternd brechenven Zweige. Und der Bär horchte auf, ſtellte ſich hoch auf die breiten Hinterfüße, ſah mit blinkenden Augen zum Feinde hinauf, der ihm den Fraß verkümmert, und erhob ein furchtbares Zorngebrüll. Der wache Ruro war ſchon in Sicherheit oben in der Tanne, aber die Schläfer an der Höhle taumelten empor von dem Verderben kündenden Getöſe, und der Knabe ſprang mit dem Angſtruf: Vater, rette Dich! vor die Höhle, und nahm Rurv's ſchwachen Speer vom Boden auf, zu muthiger Gegenwehr. Umſonſt rief der Alte ſein krei⸗ ſchendes: Zurück! Zurück!— Hoch ſtehend auf zwei Füßen war ſchon der Bär herangeſchritten, ſein weit offener Rachen hauchte Tod, und der Speer knickte in ſeiner Kralle wie ein Binſenhalm. Von dem Schlage der andern Kralle ſtürzte der Knabe rücklings über, und auf ihn warf ſich das erboſ'te Thier, und grimmig nahte ſich ſein weißer Zahn dem roſigen Antlitz. Da tönte Hörnerklang und Halloh jenſeits des Baches; Dagur und ſeine Geſellen, die Alles von der Berghöhe geſehen, ſtürmten heran, aber ſtanden gefeſſelt vor dem Schreckensbilde. Nur der kecke Siwarsſohn watete raſch Blumenhagen. V. 23 354 vurch den Bach, die Lanze ſchwingend, und das rauhe Unthier erhob ſich murrend gegen den neuen Feind, mit dem einen Fuße den Liegenden feſt haltend, der ohne Leben ſchien, und das mächtige Gebiß, wie zur Warnung, fletſchend gegen den Jäger. Werfet die Lanzen nicht! rief Dagur, wie außer ſich. Ihr könntet den Menſchen treffen. Ich allein ſuche des Unthiers Herz!— Sauſend ſchwang er die Lanze ums Haupt, doch bevor er geworfen, zuckte mit einmal der Bär in ſich zuſammen, ſchlug zur Seite, und ſo wie ein Wetterleuchten aus dunkelm Wolkenſaume fährt, ſprang der liegende Knabe unter dem rauhen Feinde hervor, ſtand mit blutendem Arme und blutigem Dolche riſch auf dem Graſe, und fiel in Dagur's gehobenen Arm, matt und gänzlich erſchöpft ſich an ſeine ſtarken Glieder ſchmie⸗ gend. Von unten auf hatte er die kurze Wehr gezückt, und ſie glücklich in das Leben des Raubthieres geſtoßen. Der Bär wälzte ſich ſterbend; die Männer jenſeits des Baches riefen ein Siegeshuſſah; aber der mit Schreck und Angſt an den Boden gebundene Greis erhob ſich halb mit einer Wehklage, ſtreckte die Arme nach dem verloren gegebenen Kinde aus, und Dagur trug ſofort den Knaben an die Bruſt des tief bewegten Vaters. Da haſt Du ihn wieder, alter Mann, den edelher⸗ zigen Sohn, der fremder Hülfe nicht bedarf in der Le⸗ bensnoth! ſprach Dagur, dabei ſich recht innig erfreuend an der Freude Anderer, wie es der Gute liebt und thut. Und bin ich gleich keine Alruna? und kein Drudenſohn, ſetzte er hinzu, ſo weiſſage ich Dir dennoch im zart ge⸗ bauten Knaben, trotz des milden Blickes und der weichen Stimme, einen Sachſenhelden, dem die Starken erliegen, * Alruna; Prophetin. — 8— S*— 5 h 355 und vor dem ſich die ehernen Krieger beugen werden, tief in den Staub.— Der Knabe erröthete und verhüllte ſeine Augen mit des Vaters Bruſtgewand; aber ein Lächeln zog am grauen Barte des Alten hin, und er fragte faſt im Scherztone, indem er ſpielend mit der Linken durch des Kindes goldene Locken ſtrich: Wie mei⸗ neſt Du, mein Elgin? Sollte der hochherzige Edeling* wohl wahr ſagen?— Dagur aber ſtreckte die Hand aus und ſagte: Nimm die Hand, wackerer Elgin, auf Freund⸗ ſchaft für immer! Laß uns Schwertgeſellen ſein, wie wir Weidgeſellen wurden, und mitſammenziehen, wohin Sachſenehre uns fordert. Ich bin noch kein Sohn des Krieges, die furchtbare Walkyrie** iſt meine Göttin nicht, und ich habe ihr noch kein Menſchenkind geſchlach⸗ tet; aber für Vaterehre und Volk beut jeder Teutone ſich frohen Muthes zum Opferkampf. So ſei es mit uns, wenn auch unſere Zeit kommen wird; und damit Du wiſſeſt, daß kein Unwürdiger Dir die Schwertfreund⸗ ſchaft anbeut, ſo höre, ich bin kein Lehnsträger oder Geleitsmann; ich bin an Geburt gleich dem beſten Ger⸗ man, und wär's ſelbſt Wittekind, der große Franken⸗ zwinger; ich bin Dagur, der jüngere Sohn des Oſtphalen⸗ Herzogs, und dieſe Gauen ſind meinem Vater eigen und einſt ſeiner Söhne Erbe.— Ich nehme dankbar die Hand, die meinem Retter ge⸗ hört, antwortete der ſchöne Knabe, ſeine ſichtliche Ver⸗ legenheit bezwingend; denn warfeſt Du auch die Lanze nicht, ſo zerriß mich dennoch, ohne Dein Erſcheinen, das Unthier, und nach mir den theuern, über Alles gelieb⸗ ten Vater. Ich faſſe Deine Hand, ſie fordernd für mich, *Edelinge; Adelige. ** Walkyrien und Alſen; Schlachtgöttinnen. 356 damit ſie Schirm ſei für uns, die wir in höchſter Noth ſind, damit ſie mir Glück und neues Leben gebe, wenn ſie dieſes geliebten Greiſes Leben errettet.— Nit freundlichen Blicken ſahen Elgin's große Augen dabei den feurigen Jüngling an; der Greis aber erhob ſich, plötzlich ſehr finſter geworden, und ſeines Schickſals gedenkend, das er über des Kindes Rettung faſt ver⸗ geſſen, und der Männerkreis wich in Ehrfurcht einen Schritt rückwärts, als die graulockige Kriegsgeſtalt vom Boden erwuchs, und der Greis ſeiner Rechten handloſen Stumpf dem Himmel entgegenſtreckte. Alfadur* ſelbſt führte Dich hieher, edler Oſtphalen⸗ fürſt! ſprach der Alte feierlich, mit dumpf klingender Stimme. Ich berühre Deinen Markſtein, und begrüße den geweihten Fetiſch** Deiner Väterburg, und begebe mich mit dieſem Kinde in ſeinen Schutz! Flüchtlinge ſind wir, grauſam Verfolgte. Dein Schild mag unſere Stir⸗ nen ſchützen hinfort.— Das ſoll er! rief Dagur heftig. Mein Bett ſei Dein Beit, mein Brod Dein Brod, und Dein Sohn mein Bruder! Ein Schild ſoll uns decken in der Schlacht gegen Eure Verfolger, bis die Zeit uns den Blumen⸗ ſchild der Jungfrau bringt, den man nicht theilen und verleihen darf, wie Alles ſonſt.— Den Blumenſchild? lächelte der Alte, der wieder heiter geworden war durch des Jünglings raſche Zuſage. Was ſagt mein Elgin dazu? Sollte es Eile damit haben? Ich danke Dir, edler Dagur; bis daher wird noch mancher Sommer ſeine Blumen fallen laſſen, und Du kannſt Dich auf ein langes Schutzbündniß bereiten, Alfadur: der Weltenſchöpfer. * Fetiſch; der Hausgötze der alten Deutſchen. F er it rd d n, ———————.— 357 ehe denn Elgin's Geliebte Dir den neuen Freund ent⸗ führt.— Deſto beſſer! jubelte der Siwarsſohn. Aber nach Hauſe nun! Führet Roſſe herbei für die Fremden; mehr laßt uns beſprechen beim vollen Trinkhorn.— Man brach auf und zog in die Thäler hinab, und als es ringsum ſtill geworden war, kletterte auch der Rothkopf Ruro aus ſeinem Tannengipfel herunter und ſchüttelte ſich die Nadeln aus den Haaren. Neue Gäſte, murrte er halblaut, keine Bringer, aber gute Verzehrer, die vielleicht noch mehr wollen, als den Magen füllen. Hole ſie Alle der böſe Gott Locki! — Aber, ſiehe da, die Vergeßlichkeit der Großen iſt die Fundgrube der Kleinen! Haben ſie doch mir und des Bären Brüderſchaft das todte Roß überlaſſen, und ich werde die Vergunſt nutzen, und mich für die überſtan⸗ dene Angſt bezahlt machen.— Er warf ſich neben das Pferd in die Knie, und plünderte das treue, im Dienſt gefallene Thier mit Räuberhaſt. Auch das Fell des er⸗ legten Bären ſtach in ſein gierig Auge; Furcht aber be⸗ zwang die Habſucht, und zufrieden mit dem Roßſchmuck folgte er den fern klingenden Stimmen des Jägerzuges. Auf einem Hügel, deſſen Rückſeite mit dicht gedräng⸗ ten Fichten und Edeltannen bewachſen war, erhob ſich die Siwarsburg. Nach altdeutſcher Sitte beſtand das fürſtliche Wohnhaus aus über einander gelegten, behaue⸗ nen Eichſtämmen, die mit Thonerde verkittet waren und mit weit ſcheinender Glanzfarbe übertünchet. Das Schilf⸗ dach hatten geübte Hände, ſauber mit gelbem Lehmen überſtrichen und geglättet, und blank, wie ein Schild 358 von neuem Ochſenleder, leuchtete es weithin aus dem dunkeln Grün der Nadelhölzer. Behauene Steinſtufen führten zu der weiten Pforte, deren Pfeiler große Thier⸗ ſchädel ſchmückten, und an deren ſpitzzulaufenden Schwib⸗ bogen erbeutete Waffen, feindliche Helme, Streithämmer, Schwerter und Schilde prangten, als Zeugen der Tapfer⸗ keit und des Siegsruhms der Bewohner. Vor dem Wohnhauſe dehnte ſich auf der Fläche des Hügels ein weiter Hofraum, in deſſen Mitte eine hun⸗ dertjährige Eiche ſtand, welche ſchon lange die Berathun⸗ gen der Edelinge des Gaues beſchattet hatte, für welche um den rauhen Stamm niedere Steinſitze bereitet lagen. In Zwiſchenräumen umgab den Hof eine dreifache Wehr von Pfahlwerk, hinten mit aufgehäuften Steinwällen feſter gemacht; drei mit Eiſen beſchlagene Eichenthore führten hindurch, und um die äußerſte Wand, am Fuße des Hügels, zog ſich ein tiefer Wehrgraben, in welchen die Waldbäche ihre Waſſer ergoſſen, und deſſen inneres ufer mit zahlloſen, im Feuer gehärteten Palliſaden be⸗ ſpickt war. In der großen Halle der Burg ſaß Herzog Siwar, mit fünf ſeiner Vaſallen und Freunde, bei der Abend⸗ mahlzeit. Auf der langen Tafel von Eichenholz dampf⸗ ten die Mehlgerichte in tiefen Schüſſeln; köſtlich duftete das mächtige Roſtſtück vom Edelhirſche, und in großen ſilverfüßigen Trinkhörnern ging der kräftige Gerſtentrank herum, und machte die Geiſter lebendig und hell, und die Zungen bewegſam und wortreich. Der alte Herzog ſaß zu oberſt, der Pforte gegenüber, auf dem Hochſitze; hinter ihm, an der Wand, hing rechts und links ſein Rüſtzeug, derbe Waffenſtücke, aber beſtaubt und roſtig, und mitten an der Wand lag ein weißer Opferſtein, „ 359 über welchem der Hausgötze, in der Geſtalt eines ge⸗ waltigen Steinadlers, aufgeſtellt war. Zu den Seiten der Feſthalle ſah man in zwei kleinere Hallen, deren eine den Heerd enthielt, um welchen ſich rauhe Knechte und flinke Mägde drängten; in der andern wurde eben die Tafel für die Geleitsmänner, eine Art Leibwache der Fürſten, geordnet und beſetzt. Müßt es nicht übel deuten, wackere Männer, daß es mit der Wirthſchaft etwas langſam und träge zugeht, ſeit der Staub der guten Diotwina im bemalten Aſchen⸗ topfe ruhet, ſagte der alte Herzog, ſein ſchneeweißes Haupt ſenkend. Die Söhne ziehen keck umher, junge Adler, denen das Neſt zu enge iſt. Fehde und Jagd werden ſie zu Männern machen, wie ſie Teutonia be⸗ darf; der Alte aber ſitzet indeß daheim, und ärgert ſich über den eigenſinnigen Knecht und die maulende Magd, die ſeine lahme Geißel nicht mehr fürchten, und ſich übermüthig auf den allzeit fertigen Fürſprecher, den ſanften Dagur, verlaſſen.— Er lebe! rief der freundliche Warnekind, und erhob das Trinkhorn. In ihm erwächſet dem Volke ein Freund und Vater.— Und Kattwald lebe! rief der borſtenhaarige Schwer⸗ ting, genannt die Bluthand, lauter; Kattwald lebe, der Feindesſchreck, der Frieſenwolf und Oſtphalens Schirm⸗ wand!— Und die da unter dem Raſen und in Walhalla's* Blumengarten! ſetzte der Alte, nicht trübfinnig, ſondern mit ſtiller Heiterkeit hinzu, und legte die Linke auf ſein rundes Bäuchlein nahe zum Herzen. Möge ihnen der „ Walhalla; ein Palaſt auf der Idaflur, dem Götterlande, wo Wo⸗ dan mit den gefallenen Helden wohnt. 360 Göttertrank munden, wie uns mein guter Meth!— Alle jauchzten drein, und leerten die Becher bis zum tiefſten Tropfen. Gnädig nickte der Herzog mit ſchwerem Haupte. Die Roſſe haben heut ſeltſam geſchnoben, den Stall geſtampft und die Riemen zerriſſen, fuhr er mit Bedeutung fort zu ſprechen. Ihr wißt, das deutet auf neue, wichtige Begebenheit. Und die Zwillingseiche im heiligen Haine iſt geſtern von Thor's Blitzſtrahl mitten im Wuchſe geſpalten worden, und doch ſtehen und grünen die geſpaltenen Stämme einzeln fort, wie vorhin. Der Prieſter meint, das ſage mir Hochzeit der Söhne an und aus der einen Familie würden zweie ſich gebären.— Was gilt es, brüllte Schwerting, unſer Kattwald kommt zurück mit ſchwerer Beute und dem grünen Kranze am Helme, und mit ihm die wunderſchöne Hausfrau, eine Fürſtentochter des Auslandes, und dann gibt's eine Hochzeit, daß die Bergkuppen wackeln und die fernen Meerwellen vom Ufer weichen ob der lärmenden Herr⸗ lichkeit.— Heftige Schläge ſchallten vom letzten Hofthore her⸗ über. Er iſt es, der Heldenſohn im Kranz des Waldes! jubilirte Schwerting. Hört ihr, wie die Thorwächter und die Roßbuben ihm zuſchreien, und die Wolfshunde im Gehöft ihm entgegen heulen!— Aber der wilde Häuptling irrte für dieſes Mal, denn edel und fröhlich trat mit leichtem Schritte Dagur durch den Hofraum daher, und ſtreckte dem Vater die Arme entgegen. Will⸗ kommen, mein wilder Jäger! rief der Greis. Schau auf! dort am Geſims prangt ſchon der Urskopf, Deine Beute, Dein Geſchenk für mich und das Lob Deines Armes.— Laß das jetzt, Vater! erwiderte der Jüng⸗ ling, indem ein tiefer Ernſt ſein Geſicht überzog; mich 361 fordert ein höheres Werk, und kehre ich glücklich heim davon, ſo ſollſt Du mit dem Arme auch das Herz zu loben haben.— Und wovon ſpricht mein Sohn Dagur? fragte Herzog Siwar, und ſetzte aufmerkſam ſein Trinkhorn nieder. Draußen am Thore ſtehen zwei Fremde, und bitten um Siwars Gaftfreundſchaft, antwortete Dagur. Flüch⸗ tig ſind ſie und ohne Obdach, und ein Frevel, wie ihn nur das Nordland gebiert, und wie ihn das Saſſenland nimmer ſah, iſt ihres Unglücks Urquell.— Sind es freie Saſſen? nicht etwa rebelliſche Lehns⸗ träger?— Sind freie Saſſen; ihr Schwur verbürgt's, und ihre Tracht und Geberde verkünden hohe Abkunft.— Warnekind, befahl der Herzog, brich Dir einen grü⸗ nenden Zweig von der Burgeiche, nimm Brod und Salz, und trage ſolches den Fremden entgegen.— Frohlockend umarmte der Sohn den guten Vater, indeß der aufge⸗ rufene Kriegsmann ging, ſeines Fürſten Befehle mit ge⸗ bührender Feierlichkeit auszurichten. Bald kehrte Warne⸗ kind zurück, und ihm nach traten der fremde Greis von der Druidenhöhle und Elgin, der Knabe. Hoch einher⸗ ſchreitend mit tönendem Schritt umging der Fremde die Tafel; am oberſten Ende ſtand er ſtill, und berührte den ausgebreiteten Fittig des Steinadlers über dem Opfer⸗ ſteine, und warf von dem empfangenen Salz und Brod in die dort ſtehende thönerne Opferſchale. Siwar, Herzog der Oſtphalen, ſagte er dabei mit dumpfer Stimme voll Kraft, ſei mir gegrüßt in dem Hauſe Deiner Väter! Ich habe mit Deinem Hausgotte die erſten Gaben des Wirthes getheilt, und nicht ver⸗ ſchmäht hat er dieſelben; ſo iſt nun mein Haupt icher 362 unter Deinem Dache, mein Fuß ſicher auf Deinem Boden.— Mein Becher wird Dein Becher ſein, und meine Kammer Deine Kammer, ſagte der Herzog mit Edel⸗ muth, und reichte ihm zugleich die rechte Hand. Als der Fremde ſeine Linke hineinlegte, zuckte der Fürſt be⸗ fremdet und unwillig die Finger zurück. Laß ruhen! entgegnete der Fremdling, und zog den Stumpf ſeiner Rechten unter dem rauhen Mantel hervor. Ich kann Dir die Hand des Schwertes nicht reichen zum Druck, denn ich verlor ſie jn der erſten Carolusſchlacht, bei Oſenbrück, dicht an Wittekinds Seite.— Die Männer ringsum horchten auf, und alle flüſterten den Namen nach.— Ja, für Teutoniens Ehre, für Saſſenfreiheit bin ich ein Wehrloſer geworden vor des Alters Zeit, und muß unter fremdem Schilde Schutz, bei dem fremden Stahle meine Rache ſuchen. Horchet, ihr Männer Oſt⸗ phalens, und ſchaudert ob des Frevels, der das Land unſerer Väter beflecken durfte.— Er ſetzte ſich nieder an des Herzogs Seite; Dagur breitete ihm zunächſt ein Bärenfell auf die glatte Holzbank, zog den ſchüchternen Elgin zu ſich auf den Sitz, ſprach ihm leiſe Muth ein, und füllte den hörnernen Becher. Nachdem der alte Edeling getrunken und ſich geſam⸗ melt hatte, begann er auf's Neue, und Alle horchten aufmerkſam. Welche iſt die erſte der Tugenden unter den Germanen, weß Stammes ſie auch ſind? Und wel⸗ ches gilt als das höchſte der Laſter in unſern Marken? fragte mit erhabener Stimme der Greis, und ſendete Feuerblicke unter die Hörer umher. Ehre den, der dich gezeugt, und die Bruſt, die dich geſäuget, auf daß dir's wohl gehe auf Erden! ſo lehrt der Spruch der Gottheit. 363 Und Fluch ſpricht der Prieſtermund aus über die Hand, welche ſich aufhob gegen des Vaters Haupt; kein Holzſtoß verzehrt die Gebeine des Vatermörders; tief im Moore, an unheiliger Stätte wird er eingeſcharrt von Knechtes Händen, und heraus aus dem ſchimpflichen Grabe wächst ſeine verbrecheriſche Hand, und leuchtet bei Nacht mit blauer Flamme, ihm zur Pein und dem Wanderer zur Warnung. Und dennoch— horcht auf, ihr Söhne Teuts! dennoch ward in unſern Marken ein Ungeheuer geboren, das nach dem Blute dürſtet, aus dem es erzeugt wurde, und ich ſelbſt— ich ſelbſt fütterte die Natter an meiner Bruſt, und zog ſie groß in der Wärme meines Herzens.— Dagurs Auge ſprühte Haß und Rachluſt; Abſcheu malte ſich auf den bärtigen Geſichtern der Gäſte; der fremde Knabe weinte ſtill in ſeinen Becher hinein. Ich bin ein Edeling, fuhr der Fremde fort, und hatte Sitz im Nachbarlande, gegen Oſten von euch. Meine Güter waren groß, meiner Lehnsleute viele, größer noch war meines Namens Anſehen. Ich beſaß Kinder, welche mein Alter mit Blüten kränzten, aber thörichte Vor⸗ liebe hegte ich für einen Sohn, den mir eine wälſche Sklavin geboren, welche einſt in einem Kriegszuge gegen die Frankenvölker mein Beutetheil geworden war. Rolf hieß der Raubenſohn, an Kunigundens falſchen Brüſten geſäugt, und im Haß ernährt gegen Alles, was den Saſſennamen trug. Stattlich ausgerüſtet, wie mein anderer Sohn, holte ſich der Baſtard unter dem Feld⸗ zeichen des Engernherzogs ſeine erſten Trophäen, und Wittekinds Lobſpruch verdoppelte noch meine wahnſinnige Zärtlichkeit gegen ihn. Er brütete Unheil indeß, ſein Kuß war Verrath, ſein Liebeswort Meineid, und das Entſetzlichſte reifte unter meinem Auge, dicht neben meinem 364 Ruhebett, ohne daß ich's einmal ahnete. Von Hoch⸗ muth, Neid, Herrſchfucht und Haß geſpornt, verleitet und berathen von der ſchlauen Mutter Kunigunde, be⸗ reitete Rolf geheim ſeine Unthat und mein Verderben. Er gewann meine Geleitsmänner durch glattes Wort und reiche Verſprechungen; er zog meine Leibeigenen an ſich durch die Hoffnung auf Freiheit und Belehnung mit Landestheilen; ich ſelbſt wehrlos, mein älteſter Sohn wundkrank vom letzten Feldzuge, mein jüngſter noch Kind, und Herzog Wittekind nicht im Lande, ſondern fern an den Grenzen mit den Hermunduren* gegen des alten Karls Schwerthelden fechtend: das ſchien ihm ein Ruf ſeiner ſchwarzen Götter zur Vollführung des ſchwärzeren Anſchlags.— Eine düſtere Nacht herrſchte; der Donner Thors rollte hundertfach wiederhallend im Gebirge; die Flamminge und Luftinge** tanzten durch die Elemente, und warfen Feuerbälle auf die Wälder herab; der Sturm ſauste durch die Gänge meiner Burg, und vertrieb den Schlaf von meiner Bärenhaut. Durch den Tumult der empörten Natur vernahm ich dennoch ein ſtärkeres Getöſe im Innern meiner Wehren, und ich weckte das Kind, welches zu meiner Pflege mit mir ſchlief in demſelben Gemach. Näher und näher tobte das verworrene Ge⸗ räuſch durch die Nacht; es nahm überhand im Hofraume, es tönte heran vom Speiſeſaale, es jagte herauf in den Hallen der Burg. Ich ſprang empor vom Ruhebette, und griff nach Mantel und Waffen, da ſtürzte mein wundkranker Sohn Osmundur herein zu mir. Blutig war ſein Schwert bis zum Griffe, blutleckend überall Hermunduren; Vorpoſtenkrieger(Thüringer). * Flamminge, Luftinge, Herthinge und Wallinge; Geiſter der Ele⸗ mente. 365 ſein halbnackter Leib, Blut quoll hervor unter ſeinem dicken Lockenhaare. Fliehe, Vater, flieh auf des Stur⸗ mes Fittigen! rief er mit in Angſt brechender Stimme. Aufruhr und Verrath füllet Dein Haus. Die Hölle iſt los, und Rolf bricht herein an ihrer Spitze. Dei⸗ nen Jüngſten hat er geſchlachtet mit eigener, bruder⸗ mörderiſcher Hand und thieriſchem Hohngelächter, und Dich ſucht ſein Dolch, und unter gräßlichem Mordſchwur rief er Deinen Namen. Ich ſterbe auf Deiner Schwelle, ein treuer Sohn! Aber rette Dich eilig, denn noch fechten die letzten Getreuen in der Vorhalle. O, hätteſt Du nie dem Sohne der fremden Mutter mehr vertraut, als uns Allen; ihm, der Deine Liebe jetzt mit Schwert⸗ ſtreichen bezahlt und den Feuerbrand wirft in Dein Stammhaus und nach Deinem eigenen heiligen Haupte! — Er ſank erſchöpft in die Knie, verblutend für den Vater, und ſeine Worte, ſeine vorwurfsvollen Blicke zerſchnitten mein Herz. Aber im rachedurſtigen Zorne gewann ich Beſonnenheit. Ich raffte Wehr und Kleino⸗ dien auf; ich rief meinem letzten, einzigen, zitternden Kinde zu, Mantel und Kleid zu faſſen, und nahm es in meinen linken Arm, und floh durch die Hintergebäude. Wuth und Raubluſt hatten alle Bewaffnete zum Kampf⸗ platz gerufen, die Höfe waren leer und öde; ein alter, halbblinder Pferdeknecht riß mein ſchwarzes Leibroß aus den Ställen, öffnete mir die Nothpforte nach den Ge⸗ birgen hin. Alfadur leuchtete mit ſeinen Blitzen zu mei⸗ ner Flucht; ſeine Fackel zeigte mir den Furt im breiten Strome, ſeine Hand öffnete mir die ſchmalen Waldwege bis zu euren Grenzen, und deckte mich mit ſeinem Ne⸗ belgewölk vor den Geierblicken meiner Verfolger, bis 366 Dein Sohn, Du edler Herzog, mich fand an der Drui⸗ denhöhle.— Auf zum Rachezuge! Blutige Brüche* über das vatermörderiſche Ungeheuer! riefen Alle, und fuhren mit gezückten Schwertern auf von den Sitzen; ſelbſt der menſchenfeindliche Schwerting fuhr empor, und ſchwur in ſeinem Rauſche furchtbare Racheſchwüre. So bin ich eurer gewiß? fragte der unglückſelige Vater, mit einem Blicke hinlaufend über die Verſamm⸗ lung, in dem ſich Tag und Finſterniß, Freude und Gram vermiſchten. Alle reichten die derben braunen Hände über die Tafel hin zu einem großen Handſchlage.— Still denn für heute! fuhr beruhigend der Alte fort, und neigte ſich gegen ſie. Unſere Väter erwogen jeden Rath⸗ ſchluß zuerſt bei dem Mahle und dem Becher, darauf nochmals nüchtern und ernſt unter dem heiligen Baume. So ſei es auch jetzt! Morgen nenne ich euch meinen Namen und mein Geſchlecht, und ihr ſollt euch des neuen Bündners nicht zu ſchämen haben, und dem ganzen Stamme der Oſtphalen ſoll aus der Verbrüderung Ehre und Vortheil erwachſen.— Und mir, Vater, gib die Führung des Geleites! bat da mit heftiger Stimme Dagur, von ſeinem Sitze auf⸗ ſtehend, auf welchen ihn bis dahin die Ehrfurcht vor dem Alten gefeſſelt hatte. Ich muß zeigen, daß ich Sohn bin, und daß ich den beſten Vater beſitze. Das Straf⸗ amt gegen den Entarteten ſei mein erſter Kriegszug, und falle ich in ihm, ſo falle ich ſchön für gerechte Sache, und gehe rein hinauf zum Walhalla.— Morgen! Morgen! nickte beifällig Herzog Siwar, und alle fielen auf ihre Seſſel zurück, und die gefüllten *Brüche; Strafen. 367 Trinkhörner gingen fleißiger rund in der lauten Geſell⸗ ſchaft, und die krauſen Bärte der Krieger verſilberten ſich mit dem Schaume des Brauſetranks. Aber der fremde Knabe zog den Siwarsſohn, welcher ärgerlich war über die halbe Zuſage des fürſtlichen Vaters, neben ſich nieder auf das Polſter der Bank, und lehnte ſein Thränengeſicht an die Schulter des herrlichen Jünglings, den Kampfluſt noch verſchönert hatte. Dagur! flüſterte er ſanft, fordere die Führung nicht. Vorn muß der Führer ziehen, und mein Halbbruder iſt ein gar zu böſer Geſell, und ein trefflicher Fechter, der ſich leider zu unſerm Schaden in des Saſſenherzogs Wittekinds Schule gebildet hat.— Sorgeſt Du denn ſo ſehr um mich, guter Elgin? fragte Dagur zurück, ſich ſetzend, und den Arm um den vollen Wuchs des jungen Gaſtes legend. Auch mich zieht zu Dir eine geheime, ſchnell und wunderbar entzündete Freundſchaft, und wenn ich mir jetzt Schlacht und Män⸗ nertod wünſche, ſo iſt's mit darum, weil es um Dich gilt, und weil ich Dir Dein Erbe erkämpfen darf.— Feſt hatte er bei der Rede des Nachbars linke Hand gedrückt, und mit Erſchrecken ſah er jetzt bei dem Zurück⸗ zucken dieſer Hand, daß ſein derber Druck eine Schramme, welche heute Morgens die Bärentatze geriſſen, wieder geöffnet hatte, und wie das Blut in hellen Tropfen über die kleinen Finger herabrann. Eine ſeltſame Begeiſte⸗ rung, wie ſie die weiſſagende Alrune der Germanen zu ergreifen pflegte, ſchien bei dem Anblicke der hellrothen Blutperlen den jungen Sachſenfürſten zu entflammen. Er faßte höher Elgins Arm über der Hand, hielt dieſe über den Becher, und ließ das Blut des Staunenden in den dunkeln Meth hinabrinnen. Dann ergriff er mit 368 freudiger Eile das Meſſer von der dampfenden Fleiſch⸗ ſchüſſel, führ mit der Schneide über den eigenen Arm, und miſchte mit wollüſtiger Freude ſein eigenes rieſelndes Blut mit dem Tranke. Kennſt Du ſchon die Sitte der alten Krieger und Waffenbrüder, junger Freund? fragte er dann den er⸗ blichenen Gaſt, der ſeinem Thun mit Verſtummen zu⸗ ſchaute. Weißt Du, was Blutbund heißt und Blutbund fordert? Wer ſein und ſeines Blutbündners Blut ge⸗ trunken aus einem Becher, der hat ſein Leben mit einem zweiten Leben verſchmolzen für immer; der hat dem Blutbruder Treue gelobt bis hinaus über den Tod und den Aſchenkrug; der hat gelobt, bei dem frühern Tode des Blutbruders ihm freiwillig hinüber zu folgen in das Nebelland der Schatten. Willſt Du trinken mit mir?— Und ein hohes Roth zog über das Angeſicht des Ange⸗ ſprochenen; er ſah aus dem großen Blauauge einige Sekunden lang mit ſeltſam lieblichem Ausdrucke in des erhitzten Jünglings Glutenblicke, ſtrich dann das dichte Goldhaar ſich von der Stirn zurück, nahm langſam und ernſt den Becher, und ſprach mit ſcharfer Bedeutung: Ich trinke mit Dir, Dagur, den Trank der Treue bis nach dem Tode.— Mit wildfrohem Geſicht ſah Dagur dem Trinkenden zu, und leerte nach ihm voll Begierde haſtig den Becher mit Thränen und Blut bis zum Grunde. Blutbruder! rief er, wir ſind Eins und uns Alles von jetzt an! Die ſtarken Götter Wodan und Thor hörten den Doppelſchwur, und rächen den Meineid!— Er um⸗ armte den jungen Freund, welcher mit zärtlicher Kinder⸗ ſcheu die Umarmung erwiderte, und dann durch milderes Geſpräch den Glühenden in das Geleis der Beſonnenheit zurückführte. Die übrige Geſellſchaft, welche kaum auf 369 dieſe ernſte Scene Acht gehabt, wurde indeß bei den umhergehenden Bechern mit jedem Augenblicke lärmen⸗ der, und erſt die Mitternacht ſtörte den Feſttumult und die prahlenden Erzählungen früherer Kriegsthaten und die ruhmredneriſchen Verheißungen künftiger Wageſtücke, und machte den ſchreienden Zechliedern ein Ende. Als das erſte bleiche Tageslicht ſchon dämmerte, brachte Hausmaier Kathlin die Taumelnden mit Hülfe der Knechte in die kleinen Gemächer neben der Halle zur Ruhe, und legte jeden Trunkenbold mit Mühe auf ſein Bett von Schafpelzen, und deckte ihm die brennenden Glieder mit rauhen Fellen vorſichtig zu. ———— Gewitterſchauer hatten die Nacht hindurch eine Schlacht am Himmelsgewölbe aufgeführt. Als Friedensherold zog die Sonne herauf und zerſprengte die ſchwarzen Wol⸗ kenreiter, und machte ihre Feuerwaffen bleich durch eine mildere, Alles überſtrahlende Herrlichkeit. Laut blöckten die durchnäßten Viehheerden im weiten Gehäge auf der Bergwieſe, und die Hüter ſchlichen aus den leichten Bretthütten hervor und dehnten die erkälteten Glieder im warmen Morgenſcheine. Auch Hirt Ruro, der Auf⸗ ſeher über Siwar's blöckenden Reichthum, zeigte ſich, ging am Hagen hin und pfiff die Hunde zuſammen, welche nächtlicher Weile die Verſchläge umkreiſet und das Raubthier abgehalten hatten. An einen Abhang ſetzte er ſich dann auf einen gefällten Buchenſtamm und zog verſtohlen die blanke Zaumkette aus dem Buſen, die geſtern vom todten Leibroſſe des Flüchtlings dem Feiglinge zur unverdienten Beute geworden war. Blumenhagen. V 24 370 Ein wacker Prunkſtück, ſagte er mit innerer Luſt, in⸗ dem er die dicken Buckeln in der Sonne funkeln ließ. Schwer und reines Metall! Wohl viel an Werth, wenn man es nur ausbieten dürfte. Aber zeigt man den Schatz, ſo nehmen ihn die Herren; ein magerer Geis⸗ bock oder ein unfruchtbares Schaf iſt die ganze erſtaun⸗ liche Beſcherung dafür. Mit nichten! So dumm iſt der Ruro nicht, wenn auch ſeine tägliche Geſellſchaft nicht ſo viele geſcheite Rathſchläge ausſpintiſirt, wie die Ede⸗ linge bei ihren überfließenden Bechern. Vergraben muß man das blanke Ding; man muß warten, bis einmal ein Fremdling durchreitet, ein Katte oder ein Angivare, oder gar ein Seemann aus dem Frieſenlande; die füh⸗ ren volle Säckel mit ſich, und da gibts eine Handvoll geprägter Thiere oder gar ſilberne Götter⸗ und goldene Kaiſer⸗Bilder dafür. Hier in den Bergen gibts ja nur kupferne Hohlmünzen, die auf der Flucht in das Ausland nichts nutzen könnten.— Indeß der Gleisner ſo mit ſich ſelbſt ſprach, ſchien das Schickſal ſofort ſei⸗ nem Wunſche Genüge leiſten zu wollen. Vom Walde her ließ ſich ein Reiter ſehen; das Pferd ſchäumte und war mit heißem Silberſchweiße bedeckt, und ſtolperte oft vor Ermüdung auf dem ſchmalen Pfade, der ſehr bergab ging. Der Mann war kein Gemeiner; er trug Bruſt⸗ panzer und Helm von Metall, augenſcheinlich Beute⸗ ſtücke fremder Nationen, oder ihnen wenigſtens nachge⸗ formt. Der Reitersmann ſuchte mit den Augen ringsum, und ſeine Ferſen trieben das abgejagte Thier grauſam vorwärts. Als er den Hagen und den Hirten erblickte, ward ſein düſteres Geſicht heiterer; er drückte den Zaum dicht an ſeinen Leib, und leitete das keuchende Pferd langſam abwärts dem Gehäge zu. 371 Holla! Du da im Graſe! rief mit rauhen Tönen der Gepanzerte; kannſt Du mir ſagen, wo es hinaus geht zur Siwarsburg, die an dieſen Bergen liegen muß? Biſt Du ein Freund der Fremden, oder muß mein plat⸗ tes Eiſen Dir die Trägheit und eine Antwort heraus prügeln?— Laß ſtecken! entgegnete Ruro, und ſtand etwas ſchneller auf, als er gewohnt war, und trat zu dem Roſſe heran; ich muſterte mir nur erſt ein wenig Dein ſchönes Waffenzeug.— Nach der Siwarsburg willſt Du? Da kommſt Du gerade an den rechten Mann, denn ich gehöre hinein, und treibe dort zwei verſchiedene Ge⸗ ſchäfte, bin einmal der Aufſeher über des Herzogs Rüſtkammer, und ſalbe ſeine Armbrüſte mit reinem Fette; dann bin ich aber auch des Herzogs Herzog, und befehlige ſeine unruhige, aber getreuſte Reiterei, die Du dort innerhalb des Gehäges graſen und blöcken ſiehſt, und die alle Tage bereit iſt, ihm Blut, Leib und Leben zu opfern.— Laß Deinen unzeitigen Schwank; Du ſiehſt meinem Thiere den Ernſt an, erwiderte der finſtere Reiters⸗ mann. Sprich mir lieber, ob der älteſte Siwarsſohn, Kattwald, genannt das Schwert des Todes, daheim iſt, und wo ich ihn am ſchnellſten zu treffen vermag.— Sitz ab, mein Held! antwortete Ruro. Dann hats nicht Eile. Der iſt mit dem Vetter Sieghart, dem Weſtphal, zum Nordmeer gezogen, um zu züchtigen den räuberiſchen Hemmo Tjark und ſeine diebiſchen Küſten⸗ völker. Aber er muß bald heim kommen, heute oder morgen; denn ſeine Boten haben ſchon dem Alten Nach⸗ richt und Siegesbeute voraus gebracht. Sitze nur ab eine Weile; Deinem Pferde wird die hohe Graſung 372 wohl thun, und Du ſelbſt kannſt Dich erquicken mit einem friſchen Milchtrunk, denn unſer verwäſſertes Dünnbier mit dem Kleienbrode, welches drüben die Buben kochen, möchte Dir wenig munden.— Der Reiter folgte dem klugen Rathſchlage, und zäumte das Pferd ab, und ſtreckte ſich lang hin an dem Hügel, indeß der Hirt in irdener Schale die warme Milch herbeiholte. Dieſer ſetzte ſich alsdann zu dem Gaſte, und forſchte geſchwätzig nach ſeinen Aufträgen; aber der Fremde blieb einſilbig und mürriſch, bis Ruro die ſilberne Zaumkette hervorbrachte, und ihm dieſelbe zum Verkaufe anſtellte. Freudenglut röthete des Rei⸗ ters Geſicht, und mit funkelnden Augen fragte er haſtig: Menſch, woher haſt Du dieſes Prunkſtück? Die einge⸗ prägten Pferdeköpfe auf den Buckeln heben alle Zweifel. Herzog Brun wurde hier ermordet, und Du ſelbſt viel⸗ leicht—— Alle Götter mögen mich behüten! rief Ruro, er⸗ ſchrocken aufſpringend. Wir ſind hier gottesfürchtige Saſſenleute, und kein Raubgeſindel. Der Mann, dem dieſer Schmuck gehörte, welchen er mir ſchenkte, weil ich ihm im Walde aus großer Noth half, ſitzet zuſammt ſeinem Sohne auf der Siwarsburg, und läßt ſich unſere Braten und unſern Meth recht gut ſchmecken.— Mit ſeinem Sohne? fragte der Reiter verwundert. Seine Söhne ſind todt; mit der Tochter, willſt Du ſagen.— Der Hirt aber erzählte nun die ganze Begebenheit von geſtern, die dem Reitersmanne nicht beſonders zu gefallen ſchien; denn er verſank dabei in tiefes Sinnen und ſchüttelte zuweilen unmuthig ſein kraushaariges Haupt.— So darf ich denn nicht hinauf! ſprach er in ſich. Hier iſt mein Geſchäft aus; ich reite nicht weiter, 373 ſondern ſofort zurück, um dieſe unwillkommene Botſchaft an den rechten Mann zu bringen.— Zurück willſt Du? entgegnete Ruro befremdet. Und gehörſt doch wohl zu des Fremden, oder zu des Herzogs Brun, wie Du ihn nennſt, Leuten und Wappnern?— Wer ſagte Dir das, Du plappernder Bogenſchmierer? murrte der Mann. Oder kannſt Du mich geheim in die Burg führen, mich bringen um Mitternacht an des Herzogs Lager, wenn er berauſcht ſchlummert? fragte er dann weiter, mit Mordblicken und die Hand am Schwerte.— So? So? Ihr ſeid der Jäger, er das Wild? antwortete der Hirt gezogen. Nun, vielleicht! Wenn dabei zu gewinnen wäre, und der Lohn danach.— Doch ſchau einmal dort hinüber. Was Du ſuchſt, zieht drüben auf der Ebene heran, herauf zu uns, und hilft Dir aus jeder Verle⸗ genheit. Siehſt Du die langen Lanzen und die großen weiten Schilde? Hörſt Du das fröhliche Wiehern der Gäule, die den bekannten Stall wittern 2— Schau, der da vorn reitet auf dem Rothroſſe, glänzend wie Gold, iſt Kattwald. He! Wie der Gaul tanzet unter dem hohen Herrn, und eitel auf ihn den langmähnigen Hals wirft! Siehſt Du ihn, den Blitz im Kampfe? Sein Auge ſchießt Todeswunde; ſeine Glieder ſind ſtark, wie die Rieſen des Eiſes, und gleich dem muthigen Tyr* trägt er hoch auf den Kopf mit dem Silberhelme, wor⸗ auf der glänzende Flügel des Bergadlers weht, das Wappenzeichen ſeines gebietenden Stammes. Er erblickt uns; ſein Geſchwader hält. Heidi! Wie er über die Moorwieſe fleugt! Herrlich! Das war ein Meiſterſprung über den tiefen Waldbach! Wir müſſen ihm nur entge⸗ gentreten, ſonſt ſetzt es Schimpfreden.— * Tyr; Sohn des Gottes Thor, der Sieg. 374 Gleich dem Sturmſtoß, der über die Felder ſauſet, ſo war indeß Kattwald die Höhe herauf geſprengt. Was gibt es drüben? donnerte ſeine gewaltige Stimme den knechtiſch gebeugten Leibeigenen an. Warum dampfen die Kriegesfeuer dort auf dem Kunigsfels und auf der Römerkuppe? Iſt der Feind eingebrochen, dieweil Katt⸗ wald draußen war, und hat der zärtliche, blutſcheue Knabe Dagur den alten Adler im Neſt nicht zu ſchützen vermocht?— Zertheile nur wieder die finſtere Wolke Deiner Augenbraunen, geſtrenger Jungherr! antwortete Ruro. Der Krieg ſetzte ſeinen ehernen Schritt nicht her zu uns, ſondern wir wollen den Kriegesſchild zu andern Marken tragen. Fremdlinge ſind angekommen auf Dei⸗ nes Vaters Burg und fordern das Schwert der Hülfe von ihm. Eben jetzt werden die Grauen im Krieges⸗ rathe ſitzen, und jene Feuer auf den Felſenſpitzen ſollen die Vaſallen aufrufen, mit dem Aufgebot ſchleunigſt an der Siwarsburg zu erſcheinen.— Kattwalds Luſt be⸗ ginnt aufs Neue! jauchzte der rieſige Fürſtenſohn und drückte ſeinen Schwertgriff freudig an ſein Herz. Aus der Nordſchlacht gehts in die Südſchlacht. Wohin aber deutet der Heerſchild? Ich muß voran und kam gerade zu rechter Stunde, die Walkyrie zu zwingen, daß ſie die Todeslooſe wirft, wie ich es will.— Freue Dich nicht zu früh! rief der Reiter im Har⸗ niſch, welcher jetzt erſt hinter dem alten Buchbaume her⸗ vortrat, der ihn bis dahin verborgen. Wenn Du den Stahl zückſt, triffft Du das eigene Herz. Rolf ſchickt mich zu Dir vom Brunsberge mit geheimer Botſchaft. — Verwunderung und Freude theilten ſich jetzt in des tungen Helden Geſicht; raſch ſprang er vom ſattelloſen Rothroß, gab den geſchmückten Zaum in die Hand des 375 Hirten, und führte voll ungeſtümer Neubegier den Ge⸗ ſandten in das gebüſchloſe Tannenwäldchen, welches ſich die Höhe hinanzog. Hier horcht kein Menſchenohr! Nun rede, Storno, rede! befahl mit Ungeſtüm der Oſtphalen⸗ fürſt. Langſam und ernſt ſtellte ſich der Abgeſandte zu⸗ recht vor ihm, und begann ſeinen Spruch. Rolf, Herr von Brunsberg und durch ſein gutes Schwert jetzo Herzog der Engern, ſendet mich an Dich, ſeinen Waffenfreund und Blutbruder. Erinnerſt Du Dich noch der Tage, ſo frägt er, die Du mit ihm verlebteſt im Geleite des Herzogs Wittekind auf dem Zuge gegen das Böhmerland, und wie eure Schwerter den Böhmerfürſten zum Frieden zwan⸗ gen; wie er Tribut gab, und wie Herzog Wittekind Suatana, die böhmiſche Fürſtentochter, heimführte als ghelich Gemahl zu des Friedens Bürgſchaft? Gedenkſt Du noch des hochzeitlichen Abends, und wie ihr den Blutbund tranket, Du, Kattwald, und Rolf, mein Ge⸗ bieter, aus den Bechern des Böhmerſchloſſes, und euch zuſagtet, Dein Tod ſollte ſein Tod, und ſein Tod Dein Tod ſein.— Ich ſagte es zu; ich vergeſſe nichts, und ich halte meinen Spruch, wie ein deutſcher Mann! fiel ungeduldig und verdrießlich, aber feſt der junge Kriegesfürſt ein.— Erinnerſt Du Dich aber auch noch an das Hauptge⸗ ſpräch jenes lärmvollen Abends? fuhr Storno fort mit ſcharfen Blicken. Ihr träumtet zuſammen von künftiger Heldenzeit, wenn ihr Herren ſein würdet und eigene Fürſten, und ihr verwünſchtet die Alten und ihr langes Leben, die daheim auf den Wehren unthätig ſchmauſe⸗ ten, und von euren Thaten den Ruhm und die Ehre trügen und einzögen.— Es war das kein gut Geſpräch; es war ein recht —— 376 ſfündig Wort; wir waren doppelt berauſcht vom Krie⸗ gesglücke und Becher; waren junge Brauſeköpfe ohne Vernunft, entgegnete Kattwald unwirſch. Ich war's vorzüglich, denn Siwar iſt ein guter Vater und läßt mir ſchon jetzt mein Theil Herrſchaft und Ehre. Wodan mag ihn noch lange erhalten.— Wohl Euch alsdann! ſagte der Botſchafter. Meinem Herrn erging es nicht ſo gut. Der verkrüppelte Alte liebte ihn, aber blieb Herr im Hauſe und ſtrafte jeden Uebermuth der Jugend. Rolf hieß Baſtard bei dem Volke und bei ſeinen Brüdern, und dieſe erbten dereinſt, indeß er, der an Geiſt und Tapferkeit ihnen weit voraus ſtand, künftighin auf nichts hoffen durfte, als was ihm Roß und Schwert gewann. So griff er der Zeit vor und ſäete ſeine kühnen Anſchläge aus, und die Ernte reifte ſchnell und goldig. Vom Eresberge kam die Botſchaft, Wittekind ſei geſchlagen vom Konige Karl, ſei ſelbſt ge⸗ blieben im Treffen, mitſammt dem Sachſenfürſten Ber⸗ thold; Carolus ſei vorgedrungen bis Salingſtätt und Hartisburg, und habe das Bild des Gottes Krodo⸗ zer⸗ ſtört und ſeine Prieſter erwürgt. Dieſer Augenblick war Rolf willkommen. Seine Mutter, eine Wälſche, ver⸗ wandt mit manchem edlen Krieger im Frankenheere, wird ihm ein Bündniß mit dem großen Könige zu erwerben wiſſen; das Ableben Wittekinds, der allein zu fürchten war, gab ihm freie Hand im wagigen Spiele. So ſchlug er los in einer wilden Nacht. Der Brunsberg wurde erſtürmt von ſeinen Getreuen, die verhaßten Brü⸗ der fielen im Kampfe, aber der alte Herzog entkam wunderbarerweiſe, und mit ihm Liota, die Tochter, der Stern des Weſara⸗Thales.**— *Krodo; ein ſächſiſcher National⸗Götze. Weſara; Weſerſtrom. 377 Und gedachte der Sohn den Vater zu morden und mit ihm die Blume der Schweſter? fiel mit deutlichem, unverhehltem Abſcheu und der Heftigkeit des Unwillens Kattwald den Etzähler an. Nicht alſo, Herr! erwiderte ſchnell der Schlaukopf. Nur die Tyrannei zu endigen, und den Alten auf be⸗ queme Leibzucht zu ſetzen, war ſeine Abſicht. Er ſollte es gut haben, beſſer, ruhiger als zuvor. Aber ent⸗ ronnen iſt er, hat ſich dieſen Gegenden zugewendet, kam, wie des Knechtes Ausſage andeutet, auf die Siwars⸗ burg, und wiegelt Deinen Stamm auf gegen Deinen Blutbruder.— Und Liota, der Stern des Saſſenlandes iſt mit ihm da? fragte der junge Fürſt mit Flammenblicken. Ueber die Gebirge her erſcholl der Ruhm ihrer Schönheit gleich Freia's* Anmuth und IJduna's Würde.— Sie iſt mir die unſterbliche Silberblüte des Welten⸗ baumes Igdraſil, antwortete Storno mit liſtigem Blick. Kein Mann ſah ſie ohne ewigen, zehrenden Wunſch. Und nun höre das Ende meiner Botſchaft, Herr! Witte⸗ kind, der Gewaltige, welcher ſchon die Hand ausſtreckte nach der Königskrone aller Saſſenſtämme, iſt im Felde gefallen. Wenn die alten Herzöge dahin ſind, werden zwei Kämpen wie Kattwald und Rolf für ihren Willen keine Gegner finden. Reiche mir Deine Hand, ſo ſpricht mein Gebieter, tritt ein in mein begonnenes Werk, und wir theilen die ſchönen Gaue an der Weſara und Elbe, theilen dereinſt das eroberte Teutonien, und Liota, die Liebliche, ſoll Dein Lohn ſein, und der Bürge der Freia und Iduna, Töchter Wodan's, Göttinnen der Liebe und der Unſterblichkeit. 378 innigſten Verbrüderung werden zwiſchen Rolf und Katt⸗ wald.— Der Geſandte ſchwieg, und Kattwald ſtand gleich⸗ falls lange wortlos in ſich verſunken, um dem Sturme ſeiner Gefühle und Gedanken Ordnung zu gebieten. Mit tiefem Athemzuge ſah er dann vom Boden auf und warf die blitzenden Augen himmelan. Dein Pferd iſt geflogen wie Sleipner, Wodans Leibroß; man ſieht's ihm an, und doch biſt Du einen Tag zu ſpät gekommen, ſprach er düſter. Die beiden Flüchtlinge mußten nicht über Herzog Siwars Schwelle ſchreiten. Jedoch die Nornen“ ändern ihre Sprüche nicht. So will ich denn zuvor in das Vaterhaus hinauf, und dort ſehen, was ſich thun läßt. Rolf darf auf mich vertrauen, und Du birgſt Dich indeß in Ruro's Wohnung und warteſt mei⸗ ner Aufträge.— Storno neigte ſich ehrerbietig, und Beide kehrten zu dem von fern lauſchenden Hirten zurück. Unter der hundertjährigen Eiche im mittelſten Hofe ſaßen die grauen Männer der Landſchaft auf den ge⸗ weihten Steinſitzen, und hielten ihre Wroge⸗Verſamm⸗ lung** zu Sprache und Mannie, zur Abrede und Rechtspflege in dieſem unerhörten Falle. Ehrwürdig anzuſchauen war die Verſammlung der alten Helden in grauen Locken und mit narbenvollen, ſcharfzügigen Ge⸗ ſichtern, gehüllt in rauhe Mäntel, die Scheitel bedeckt mit Eiſenhelmen, auf denen Ochſenhörner dräuten, Falken⸗ * Nornen; Schickſalsgöttinnen. ** Wroge; Zuſammentritt. Sprache; Abrede. Mannie; Rechts⸗ pflege. —-———— —.—— —————————————— 379 flügel prangten und gebogenes Widdergehörn ſich zu den Schultern herab krümmte. Ihre Schwerter waren vor einem Jeden in den Erdboden geſtoßen. Und ſtill und ernſt flüſternd unter einander bildete dieſe Berathung das ſchroffſte Gegenbild zu der tobenden Bechergeſellſchaft der letzten Nacht. Hinter dem Herzog Siwar, der auf dem höchſten der Steine an der Eiche ſaß, lehnte ſich Dagur an die linke Seite des rauhen Baumſtammes; weiter zurück ſtanden die Waffenleute und Lehnsmänner in verſchiedenen Gruppen, alle gerüſtet, und alle mit Begier auf den Kriegesſpruch der Grauen wartend.— Roſſe ſchnoben jetzt am fernen Pfahlwerk und die Rüden bellten, und zu dem ernſten Kreiſe ſchritt der rieſige Katt⸗ wald heran ſtill und ehrfurchtsvoll. Die Alten kümmer⸗ ten ſich nicht um ihn in ihrem wichtigen Geſpräch, nur des Vaters Auge lächelte dem Heldenjünglinge entgegen. Er ſchritt um den Kreis, bog ſein linkes Knie vor dem Herzoge, legte ihm ſein breites Schlachtſchwert zu Füßen und trat dann hinter ihn an die rechte Seite der Eiche. Der alte Herzog ſtand auf von ſeinem Steine. Ergraute Schwertmänner und Väter des Oſtphalen⸗ ſtammes! begann er mit feſter Stimme. Ihr habt nun abgewogen lange und ernſt, was ich an euer Herz gelegt. Richtet jetzt nach deutſcher Weiſe in dieſer Wrogezeit über das dreifache Verbrechen, des beabſichtigten Vater⸗ mordes, des doppelten Brudermordes und der Rebellion. Die geballte Fauſt ſpricht Rachekrieg und Vertilgung; die flache Linke ſpricht friedliche Sühne und Vergleich.— Und Alle ſtanden auf mit heftiger Bewegung, und lauter feſtgeballte Fäuſte dräueten gegen den Himmel auf, Verderben kündend dem Frevler.— Führet die Fremd⸗ linge zu uns heran! gebot da der Herzog. Krieg und 380 Vernichtung dem Mörder, dem Empörer im Lande der Engern!—— und aus dem großen Kriegeshorne blies er einen furchtbar langen Ton, und die Feldhörner der Wappner ringsum in den Höfen antworteten in langen, ſchauervollen Tönen. Vom Hauſe her kamen jetzt die Fremden zum Kreiſe. Ein Götterſchein ſchien die Geſtalt des hochgewachſenen Greiſes zu umgeben, als er mit riſchauf getragenem Haupte heranſchritt. Reiche Ketten, woran große Gold⸗ münzen hingen, ſchmückten ihm Hals und Bruſt, die auf der Flucht verborgen gehaltene Helmzierde, ein in Stahl künſtlich gearbeiteter Pferdekopf mit dickem, lang hinab⸗ flatternden ſchwarzen Roßſchweife zierte den Silberhelm, und Alle ſtaunten das bekannte Wappenzeichen an. Raſch für ſein Alter, kaum noch ſich ſtützend auf das ihn füh⸗ rende Kind, trat der Greis in den Zirkel der Oſtphalen⸗ krieger ein. Staunet ihr, da ihr mich erkanntet, ſprach er, daß ſolche Unthat ſich gebar in dem größten Hauſe des Saſ⸗ ſenlandes; daß ſolcher Wurm ſeinen Zahn zu legen wagte an den höchſten Stamm in Teutoniens Marken? Ja, ich bin Brun, Wittekinds Bruder, der Herzöge von En⸗ gern einer, und ihr Aelteſter. Eurer Kriegeshörner Ruf hat mein erſtarrtes Blut wieder erwärmet, daß es die gebrechlichen Glieder durchrauſcht gleich Stromeswellen. Euer Anblick in Rüſtung belebt das gebrochene Vaterherz, denn ich bin eurer Schwerter gewiß; und dieſem meinem letzten Kinde wird ſein geſtohlenes Erbe wieder geſchenkt werden durch euren Arm.— Alle riſſen die Schwerter aus der Erde und neigten die blanken Spitzen gegen den geachteten Fürſten, und Siwar ging, ſo ſchnell die zitternden Füße erlaubten, —————————— 381 auf ihn zu, und umhalſete ihn kräftig, mit Thränen in den getrübten Augen. Auf die beiden Siwarsſöhne machte indeß dieſe Scene einen andern Eindruck. Die Morgenſonne beſchien Liota's Geſtalt, denn ſie war es, die in des Bruders Kleidern, welche ſie in der Eile jener Schreckensnacht umgeworfen, neben dem fürſtlichen Vater ſtand in all ihrer Schönheit. Kattwalds Flammenaugen erkannten ſogleich am langen, gelockten Goldhaar, an der Sanftheit des ſchüchternen Blickes, wie an der Rundung des ſchönen Beines, wel⸗ ches der Bärenmantel nur halb verdeckte, die Jungfrau. Eine wilde Leidenſchaft wogte auf in ſeinem unbändigen Herzen, und er ſchwur ſich ſelbſt ihren Beſitz zu, ſei der Preis, ſo hoch er wolle. Auch Dagur wurde überraſcht von dem Glanze des roſigen Antlitzes, auf dem ſich der Himmel abſpiegelte, und welches er am unruhigen Jagdtage, vom Staube der Reiſe beflogen, und bei dem Kienfackelglanze der Abendtafel nicht mit ſolcher Empfindung betrachtet hatte. Sein Herz klopfte hoch; ein innerer Inſtinkt riß ihn zu der Jungfrau hin, obgleich er nicht wußte, warum, und ungeachtet ſein mit Weltleben und Liebe unbekanntes Gemüth ihm das Räthſel ihrer Verkleidung nicht löste, noch ausſprach. Eilig trat er zu den beiden Fürſten hin, und indem er mit der Linken die Hand der erröthenden Liota ergriff, legte er die Rechte an Bruns graue Locke, und rief mit an ihm ungewöhnlichen Eifer: Mein iſt dieſes Rachewerk! Ich habe zuerſt darum gebeten. Vater! ehre mich! Gib mir Deine Geleitsmänner! Ich bin Elgins Blutbündner; ich muß darum ihm ſein Erbe er⸗ ſtreiten!— Mit hallenden Schritten trat jetzt auch Kattwald i 382 heran. Eine dunkle Glut, wie Rordlichtsröthe oder Mordbrand des Krieges, hatte ſich auf ſeine breite Stirn gelegt, und faſt verächtlich ſah er auf den Bruder hinab. Des neuen Gaſtfreundes Ehre zu retten und zu rä⸗ chen, iſt eine gar gewichtige Pflicht, ſagte er mit dem Tone der ſichern Ueberlegenheit; zur Erſtlingsprobe wählt man die leichtere Fehde, um fortgetriebene Heerde oder um den verrückten Markſtein. Darum ſegne ich die Stunde, welche mich zurückführte zu rechter Zeit, den mir gebührenden Platz zu nehmen, und des Vaters Stellvertreter zu ſein, wie ich bislang es immer war, mir zum Ruhme und ihm zur Ehre.— Faſt bittend ſah Dagur zu dem Bruder hin. Wer kennt nicht Kattwalds Namen im Nordlande? erwiderte er mit ſchmeichelnder Stimme. Dein Schwert iſt Feuer⸗ zunge des Himmels, der alle Gegenrede erſtirbt; deine Lanze fliegt wie der ziſchende Donnerkeil, dem Niemand ſteht; dein Angriff gleicht dem Nord, der die Gewaltig⸗ ſten niederwirft und die Wälder erbeben macht. Zahlloſe Zeichen Deiner Siege hängen in der Halle, und Du bedarfſt des Lobgeſangs der Barden nicht mehr. Gönne auch mir drum einen Schein von dem Sonnenglanze der Väter. Ruhe nur dieſes Mal daheim, und laß mir den Kranz dieſer Großthat, damit ich nicht unwürdig bleibe des Vaters und des tapfern Bruders.— Aber gewaltig ſtieß Kattwald die baumhohe Lanze in den Boden, und zeigte hinauf zur blanken Spitze, die rundum ein Kreis von ſchlanken Adlerfedern umgab, ihren Wurf zu beflügeln. Unter dieſem Fittig, ſprach er mit Ingrimm, ſind Oſtphalens Männer des Sieges gewöhnt und gewiß. Sollen ſie den alten Ruhm wagen an eines Knaben Uebermuth, deſſen ungeübte Hand nur dem ————————————————— 383 furchtſamen Wilde ſchadete, deſſen Stimme ſich nur im kindiſchen Zorn an Knecht und Magd innerhalb des ſichern Walles geübt, und deſſen ſcheues Auge vor dem Smer⸗ glanze der Feldſchlacht erblinden würde?— Heftig trat Dagur zur Lanze, riß ſie mit einem Zuge aus der Erde, und warf ſie mächtig in den Eich⸗ ſtamm, daß das Eiſen klirrte und der Schaft im Holze des Baumes zitterte. Dieſe Fauſt iſt rein von Menſchen⸗ blut, entgegnete er in höchſter Aufwallung und mit vor Zorn bebender Stimme. Nicht Luſt nach Beute, nicht eitle Ruhmſucht hat mich hinausgelockt in die Fremde; nicht die Wildheit des Gemüths hat mein Eiſen auf un⸗ bekannte Fremdlinge gezückt; ich habe nicht die Schwel⸗ gerei der fremden Fürſtentafel geſucht; habe nicht knech⸗ tiſch im Geleit fremder Fürſten gedient um Sold oder um eine Ehrenkette; aber die Götter habe ich geehrt und mein Volk, und gebe willig den Leib und das Leben für beide. Wer daran zweifelt, der kann mich treffen im Kampfe vor dem Schöffengerichte, und auch dem Bruder ſtehe ich da zu Recht, wenn er in mir die Mutter be⸗ ſchimpft und ſein eigen Haus.— Liota war dem Empörten nachgetreten; ſie umfaßte ſeine ausgreifenden Arme, ihn haltend und mit dem bit⸗ tenden Blicke der Liebe und Beſorgniß zu ihm aufſchauend. Dagur ließ vor dem unwiderſtehlichen Blicke die Arme ſinken; aber Kattwald ballte die Fäuſte, und ſein Auge traf auf eine Weiſe in die Augen der Jungfran, daß ſie, beſchämt von der Begierde, welche darin funkelte, die ihrigen zu Boden ſchlug. Sie wußte jetzt, der rieſige Siwarsſohn habe ihr Geſchlecht erkannt, und eine eiſige Furcht kältete plötzlich ihre Glieder. Herzog Brun ſtellte ſich ſofort mit Würde zwiſchen die Brüder. 384 Was zanket ihr, junge Heldenbrut? fragte er mit Vorwurf. Iſt euer Eifer mir auch ein liebes Schauſpiel, ſo muß ich doch darob zürnen, da ihr vergeßt, daß ich hier bin, der ich mehr bin als ihr Beide, der ich ein Wehrmann war, als ihr noch an den Brüſten der Mutter tranket. Glaubt ihr, meine linke Hand ſei zu ungelenk, zu fechten und den Feind tödtlich zu treffen? Mein iſt das Rachewerk in meiner Sache, und ich nur bin Feld⸗ herr in dieſer Fehde und werde ſelbſt die Mannen führen, die mir mein braver Wirth zugeſagt. Doch ſoll Jedem von Euch ſein Theil werden nach Gebühr. Du, tapferer Kattwald, nimmſt den Ehrenplatz vorn, und führeſt das berittene Geleit und die Dienſtpferde der Vaſallen, ebneſt die Siegesbahn und ſchneideſt jede Botſchaft ab, welche auf Waldwegen zum Brunsberge die Nachricht bringen könnte, daß der flüchtige Herzog Brun wiederkehrt mit hochgetragenem Heerſchilde. Du, treuer Dagur, befeh⸗ ligſt die Bogenſchützen und Fußreiſigen, und deckſt mit ihnen mich und die alten Woffengeſellen, die mir folgen wollen. Im Sturme des Räuberſitzes ſollt ihr die Flügel unter euch theilen, indeß ich ſelbſt im Kern der Mitte walte und regiere, und wir alleſammt genießen den Preis des Tages, und ſeine Eichenkrone kühlet uns zu⸗ ſammen.— Dagur neigte ſich vor dem hohen Greiſe; Kattwald biß die Zähne zuſammen, und murmelte fortgehend: Meine Glut kühlt ſich nur in Gluten; mein Preis leidet keine Theilung, und ganz muß ich ihn haben und ſollte ich ihn von den Göttern ſelber mit meinem ſcharfen Sax krzwingen müſſen!— 385 Ein dunkler Wettertag hing brütend wie ein Geiſt der Finſterniß über dem Lande. Die Wolken bildeten große, geſpenſtige Geſtalten, welche auf ſchwarzen Höl⸗ lenroſſen über die ſich beugenden Wipfel der Wälder hin⸗ zujagen ſchienen. Im Thale vor der Siwarsburg ſchno⸗ ben die irdiſchen Pferde mit dem Nord oben um die Wette, und Waffengeräth klirrte und blitzte rings um die Wälle. Ueberall riefen Heerhörner, theils aus Metall gefertigt, theils aus des Stieres hohlem Gehörn ge⸗ ſchnitten, mit mancherlei Signalen die verſchiedenen Heer⸗ haufen zuſammen unter ihre aufgepflanzten Zeichen. Am Thore ſtand der alte Siwar, und umarmte den Gaſt⸗ freund, und ſegnete die Söhne, und betete zu dem Al⸗ fadur über den Häuptern der vor ihm Gebeugten, und vom Erdwalle her tönte der Chor der Barden, und ſang in die Harfen das weithin ſchallende Kriegeslied, welches hoch die Sieger pries und höher noch die heldenmüthig auf dem Schlachtfelde Gefallenen, und deſſen Schlußſtrophen die Gewappneten im Thale rauh und ſchlachtmuthig wieder⸗ holten. Wohlgeordnet brach dann der Zug auf, ſeinen ehrwürdigen Herzog im Vorüberziehen mit Kriegsgejauchz begrüßend. Zuerſt kam das glänzende Geleit, ſchwer⸗ gepanzerte Jünglinge, an ihrer Spitze auf langmähnigem Rothroſſe Kattwald und der bärtige Schwerting, welcher an ſeiner Lanze den runden Heerſchild von blank polir⸗ tem Kupfer, das Zeichen des Krieges, dem Zuge vortrug. Brukteriſche Reiter, von Bojokal, dem berühmteſten Pferdezwänger, befehligt, ſchloſſen ſich an ſie, mit weißen Schilden und himmelhohen Speeren bewaffnet. Dann kamen die Vaſallen, geputzt und reich gerüſtet, den Her⸗ zog Brun auf Siwars Leibſchimmel in der Mitte, und den langen Reiterzug ſchloſſen Dagur und Liota, er auf Blumenhagen. v. 25 386 ſchwarzem, ſtämmigen Wendenroſſe, ſie auf einem nie⸗ drigen Forellenſchimmel aus friefiſchem Blute; hinter dieſen endlich gingen gedrängt die Fußkämpfer in wolle⸗ nen Wämmſern, welche den Pfeil ſtumpf machen, nackt die breite Bruſt tragend und die machtvollen Schultern und den fleiſchigen Arm, bewehret mit hölzernen Keulen und Wurfſpeeren, und dem todbringenden Bogen und dem hochgefüllten Köcher, vorzüglich aber bezeichnet durch den mannshohen Schild, der an der linken Schulter hing, von Rohr geflochten, und der zur ſchnell geſtellten Schanzwehr diente, um hinter ihm ſicher den verderb⸗ lichen Hagelſchlag ſcharfer Pfeile in die Reihen der Feinde zu ſenden. Wer war der Mann, fragte Schwerting im Reiten durch den Wald, den Du heute früh im erſten Tages⸗ lichte fortſchickteſt? Ich ritt eben mit meinen Lehns⸗ pferden über das Moor, als er ſich am erſten Thore von Dir trennte, und auf wildſchnellem Thiere, flüchtig wie ein Gedanke, im Föhrenwäldchen verſchwand. Er trug fremde Rüſtung und fremdes Feldzeichen.— Falkenaugen haben ſie, wenn ſie nicht ſehen ſollen;z ſonſt ſind ſie blinde Maulwürfe, die nur den Methkellern nachſpüren, murmelte Kattwald abgewendet in ſich hin⸗ ein. Ein Abgeſandter der unzufriedenen Engern war es, antwortete er dann laut zum Frager. Sie werden zu uns ſtoßen auf der Grenze, und ihrem rechten Herrn das Haus reinigen helfen vom blutdürſtigen Eber, der ſich hinein⸗ gebettet. Doch das iſt mein Geheimniß, und kümmert die vorlauten Lehnsmänner nicht.— Schwerting ſah den Unwillen auf dem Antlitze des jungen Herrn, und fragte nicht mehr. Milder und herzvoller war das Geſpräch der Fortziehenden in dem hintern Haufen. Freundlich 387 ritten Dagur und die vermummte Liota neben einander fort durch den duftenden Wald, wo in den Wipfeln der Bäume aufgeſchreckte Vögelſchaaren mit warnendem Ge⸗ ſchrei flatterten, wo auf den Felſenſpitzen, unter bunten Waldblumen, der rothe Fingerhut, wie ein König im Purpur, prangte, und wo der Sturzbäche Silberſchaum grüne Moosbetten beſpülte, und rieſelnd zu ihnen einlud. Siehſt Du die beiden jungen Vaſallen, welche da vor uns reiten? ſprach der Saſſenjüngling zu ſeiner Nachbarin. Siehſt Du die blanken Schilde mit Blumen geſchmückt? Sie wollen die Mitgift erkämpfen für die Bräute daheim, und ziehen prunkend und hochmüthig dahin mit dem Zeichen ihres Glücks.— Und vielleicht zog die Walkyrie ſchon ihr Todesloos! antwortete Liota ſchwermüthig, und ſie kehren nicht mehr; die Blumen auf dem Schilde ſchmücken ihr frühes Grab, und die Braut darf, von der Sitte gefeſſelt, ihren Hügel in der Fremde nicht einmal mit Thränen begießen.— Das Mädchen des Helden weinet nicht, erwiderte Dagur. Sie theilt den Ruhm des gefallenen Bräuti⸗ gams; die Geſpielinnen bedienen ſie mit Ehrfurcht, und am Feſte der Krieger darf ſie ſeinen Tod zum Saiten⸗ ſpiele ſingen vor dem horchenden Volke.— Und ſie wird doch weinen in heimlicher Halle, ſagte Liota, wenn auch die Thräne zu koſtbär iſt, um ſie vor rohen Männeraugen zu entheiligen. Dagur ſah ſie ver⸗ wundert an, und abbeugend fragte ſie: Hat Dagur, der liebliche Fürſtenſohn, noch keine Jungfrau gewählt, die ſeinem Schilde die Blumenzierde wand?— Oſtphalens Töchter find heftigen Gemüths, wie die Sohne unſerer Berge, antwortete der Jüngling. Nur der Krieger, welcher den Beuteſchatz in ihren Schooß 388 legt, kann ihnen genügen. Ich kam nicht vom Hauſe fort, und ſah bislang auch keine Jungfrau, der zu Liebe ich des alten Vaters Pflege mit der Fremde hätte ver⸗ tauſchen mögen. Und jetzt, ſeit ich Dich kenne, iſt mir die Freundſchaft lieber geworden als die Liebe, von wel⸗ cher die Barden ſo ſeltſame Dinge ſingen. Ich könnte nur Deine Schweſter auf ſolche Weiſe liebgewinnen, und Du haſt keine Schweſter.— Wohl habe ich eine Schweſter! fiel Liota mit Haſt und zugleich mit Verſchämtheit ein.— Eine Schweſter? Und wo? In der Gewalt des Böſewichts auf Brunsberg? fragte heftig der junge Fürſt.— Nicht dort! entgegnete Liota. Sie iſt geborgen, wie wir. Eine Zwillingsſchweſter iſt es von mir. Sie äh⸗ nelt mir bis auf jeden Zug, und Du wirſt ihr lieb ſein bei dem erſten Erblicken, ſo wie Du mir es wareſt.— Wo pranget die Roſe im Nord ungeſchützt vom Eich⸗ baume? Wo jammert ſie nach Vatershand und Bru⸗ dersherzen? Sprich, o ſprich! Mich ergreift eine ſelt⸗ ſame Angſt um die Verlaſſene! rief Dagur mit Glut. Liota iſt nicht verlaſſen! antwortete ſanft und voll Innigkeit die Jungfrau. Tapfere Männer ſchützen ſie; ihr Liebling iſt neben ihr, und ſchwur ihr Blut und Leben zu und Treue bis zum Tode. Die Roſe lehnet ſich feſt an den Eichbaum, und kommt der Nord, kann ſein Athem nur Beide vereint zerbrechen.— Liota heißt ſie? Liota? rief Dagur. Und nicht frei mehr? Schon geliebt, ſchon gebunden? Und wo? O löſe mir doch das dunkle Runenräthſel!— Das Mädchen reichte ihm die weiße Hand über des Rößleins Kopf hinüber. Nicht Elgin reitet mit Dir, 389 ſagte ſie, leicht erröthend, doch mit dem klarſten Blicke der Liebe. Elgin iſt todt; aber Liota ſelbſt iſt Dein Blutbündner, und wird halten, was ſie im Bechergruße verſprach. Aber ſtill, ſtill! Noch darf die Decke nicht fallen; ich fürchte den wüſten Kattwald, und ahne meine Verkappung entdeckt von ihm.— Sie nickte freundlich dem Ueberraſchten zu, ſetzte dem Forellenſchimmel die Ferſen in die Weiche, und ſprengte leicht zu des Vaters Seite hin. Wie erſtarrt ſaß Dagur im Sattel. Die Schuppen fielen ſchnell ihm vom Auge; es war ihm, als öffne ſich plötzlich der Himmel vor ihm mit Blütenmorgenröthen und ſchillernden Sternbildern und Silbermonden und blendenden Sonnen. Die ganze Seligkeit der erſten Liebe fiel mit einem Male in ſein Herz, wie eine Feuerkugel vom Himmel in ein finſteres Felſenthal, oder wie das Fackellicht eines weckenden En⸗ gels in ein Grab. Was als das Samenkorn der Freund⸗ ſchaft ſtill und geheim in ſeine Bruſt geſäet worden, ſchoß in einem Morgenlicht auf zur üppigen Sonnen⸗ blume, und öffnete tauſend Kelche dem neuen Lichte. Als er von erſter Beſtürzung und Verwirrung ſich erholt hatte, ſtreckte er ſeine beiden Hände, denen der Zügel entfallen war, weit aus nach der Geliebten, die leicht, wie die Lerche ſchwebt, den Hügel vor ihm hinanflog. Das lange Goldhaar wiegte ſich auf dem Winde, die üppigen Glieder umſchloſſen das blanke Pferdchen, wie ſchwellender Moosteppich die harte Baumwurzel. Er ſah, er fühlte, er war voll Seligkeit, und rief in der Vergeſſenheit des Entzückens den Namen Liota durch den Wald, daß hundert Echoſtimmen ihn wiedertönten. Und die Heerhaufen hinter ihm, in dem Ausrufe des Führers das Feldgeſchrei des Tages meinend, welches dem 390 Begeiſterten die Götter eingegeben, riefen Liota nach, mit wildem Jubel, ſo daß die Jungfrau und der alte Herzog erſchracken, und Kattwald vorn, in brennender Eiferſucht, dem edlen Rothroſſe mit Ferſe und Stahlge⸗ biß den Ingrimm des tollen Reiters entgelten ließ. Die Sonne war für die Thalbewohner ſchon ver⸗ ſchwunden; im Walddunkel flatterten ſchon die Vögel der Finſterniß; der hohle Eulenruf und das Gekreiſch der Nachtſchwalbe begleiteten den Zug, der, immer nach Oſten fortwallend, jetzt an ſeinem Ziele angekommen war. Auf ſteiler Höhe des Brunsberges lag das feſte Schloß, von fremden Baumeiſtern aus behauenen Stei⸗ nen und nach ſüdlicher Kunſtſitte erbauet, vorn umgeben von einem feuchten Bruch, unſicherm hügeligen Erdreich, mit kurzem Ellerngebüſch bewachſen, hinten gedeckt durch der Weſara breiten Silberſtrom. Herzog Brun ließ halten im letzten Forſte, und auf ſein Geheiß umſtellte das Heer im Halbmonde, deſſen äußerſte Hörnerſpitzen den Fluß berührten, die Felſenburg. Kein Laut tönte im ausgedehnten Kriegerhaufen, und ſchweigend erbauete man im Walde einige Laubhütten für die Anführer, in⸗ deß das ermüdete Volk ſich auf den grünen Boden nie⸗ derließ, die Glieder zu ſtärken für Angriff und Sturm, den der Feldherr mit dem Aufgange des Mondes nach Mitternacht beſtimmt hatte, weil deutſche Fechter den Ueberfall im Dunkel ſchimpflich hielten wie Meuchel⸗ mord. Seltſam war es, daß die Heimlichkeit der An⸗ greifer auch auf die Feinde übergegangen zu ſein ſchien. Ausgeſchickte Kundſchafter nämlich, welche ſich hinauf an Wall und Thor gewagt hatten, berichteten, wie dort oben 391 Alles ausgeſtorben ſei und ſtill, gleich einer Grabeshöhle; nur in der Haupthalle hatte ſich Licht bewegt, und einige verhaltene Menſchenſtimmen hatten unwillig den laut wer⸗ denden Hunden Ruhe geboten. Verwundert war darob der alte Herr, doch meinte er, der wilde Rolf ſei viel⸗ leicht fern auf einem Raubzuge oder bei einem Trink⸗ gelage, und ſo werde der beſchloſſene Ueberfall noch erleichtert werden. Er ſtellte als Poſten mehre Bogen⸗ ſchützen aus, und Alle begaben ſich dann zur Ruhe, und überließen ſich dem Schlafe, deſſen ſie ſo ſehr bedurften. Kattwald's Reiterhaufen hatten den linken Flügel eingenommen; unter den letzten Baumgruppen am We⸗ ſerufer war auch ihm ein Zelt von Zweigen errichtet worden, welches die zuſammengekoppelten Roſſe umſtan⸗ den; aber man vermißte, ſeit es Nacht geworden, den Anführer, und beſorgt ſaß der bärtige Schwerting vor der Hütte, wach des Gebieters wartend, indeß die Rei⸗ ter, ringsum auf dem Graſe reihenweiſe niederliegend, eine gräßliche Schnarchmuſik hören ließen. Unruhig und erhitzt trat nahe vor Mitternacht der rieſige Siwarsſohn aus der Waldesnacht hervor, und ſchaute, wie beſorgt, über die Reihen der Schlafenden hin. Biſt Du endlich da, Herr? fragte Schwerting, vor ihm aufſtehend. Wir trugen Sorge um Dich in der fremden Mark. Willſt Du nun ruhen? Blätterlager und Bärendecke ſind bereitet, und ein Nachttrunk iſt Dir hingeſtellt. Aber wo haſt Du Dein Rothroß? Auch ihm iſt die Streu bereitet von weichem Buchenlaube.— Es iſt nicht Alles, wie es ſein ſollte, antwortete zerſtreut der Fürſtenſohn. Ich habe ſelbſt den Kundſchaf⸗ ter gemacht, und fürchte, der Feind kommt uns zuvor, und denkt uns ſchlafend zu überraſchen. Schon gab ich 392 ſelbſt davon den andern Führern Nachricht. Tauſche jetzt mit mir Deinen Mantel und Helm und nimm die meinen dafür; Du mußt hier mein Ebenbild vorſtellen, und an meiner Statt befehligen. Ich habe für mich ein ander Geſchäft erſonnen.— Aber wie? Willſt Du allein eine Gefahr oder ein Heldenſtück beſtehen? fragte Schwerting. Laß mich mit Dir gehen. Wir zwei ſtehen ſchon einigen Zwanzig der Burgeulen von droben.— Du bleibeſt und widerredeſt nicht! entgegnete Katt⸗ wald ernſt, indem er ſich entkleidete. Thue Du, was ich heiſche. Beſonderer Fall will beſondere Mittel. Doch hältſt Du Dich mit der Reiterei ruhig, bis ich ſelbſt Dir Befehl ſende. Die Uebrigen ſind gewarnet und werden leichtlich den Ausfall abſchlagen; Du deckſt ſtill dieſe Flanke, von welcher der böſe Rolf über die We⸗ ſara her den Hauptſchlag durch ſeine Bündner im Lande zu thun gedenkt. Kein Schwert regt ſich, mag drüben geſchehen, was da will, bis ich ſelbſt befehle.— Laß ſie nur ankommen! erwiderte freudig der alte Waffenmann. Und ſpiee der Strom ihrer ſo viele aus, als er Wellen wälzt, ſie ſollen wieder hinunter in das naſſe Grab, von wo ſie herkamen, die Waſſerratten.— Beide tauſchten indeß Helme und Mäntel, und haſtig ſchritt der Herzogsſohn in die Schatten des Waldes zurück.— Dagur hatte unterdeß ebenfalls keine Ruhe gefunden. Ein wunderſames neues Leben kreiſete in ſeinem Blute. Er war geliebt von der ſchönſten Jungfrau Germaniens; er hatte ihren Schwurz Liota konnte Niemanden ange⸗ —,—ͤ,— —————— 393 hören, als nur ihm. Sein Glück war ſo ſicher, und doch war ſein Herz beklommener als je. Warum hatte ſie auf der ganzen Reiſe nie mehr ſich zu ihm gefügt? Warum war ſie nie von des Vaters Seite gewichen? Warum hatte ſie ihm im Nachtlager, als ſie in ihre Hütte ſchritt, die dicht neben ihres Vaters Schlafſtätte für ſie errichtet worden, nur die Hand gedrückt, und nicht auch ein Grußwort der Zärtlichkeit hinzu geſagt? — Ein Bangen ohne Grund quälte ihn, und er ordnete drei der beſten Fußſtreiter zur Wache neben des Mädchens heilige Schlafſtätte, und ſetzte den älteſten der Diener ſeines Hauſes, den Hirten Ruro, zum Führer dieſer Wache. Ein bunter Gedankenkranz drückte ſeine Stirn, als er ſich ſpät niederlegte, und eine Stunde verging, ehe der Schlaf endlich die Unruhe ſeines Geiſtes über⸗ wand, und ihn in den ſcheckichten Traummantel einhüllte, der des Tages farbige Bilder dem Schläfer in geſtalt⸗ reichem Wiederſcheine vorüber führte. Nicht lange mochte er wirklich geſchlafen haben, da fuhr ein ſeltſam Getöſe in ſeine ſchlummernden Ohren. Er richtete ſich raſch auf⸗ ufb horchte. Hatte es ihm gedäucht, oder rief man ſeinen Namen? Da ſchallte nicht fern Waffenklang, und er griff nach dem guten Schwerte und trat ſchnell heraus vor ſeine Hütte. Zwanzig Schritte von ihm, wo Liota ſchlief, war ein Getümmel, er hörte Geſtöhn wie von Sterbenden, und in demſelben Augenblick tönte der Geliebten Stimme, aber fern ſchon aus dem Waldgeſtrüpp. Dagur! Dagur! Zu Hülfe! rief es immer geier klingend. Rette Liota! Deine Liota!— Ein ſtarker Hufſchlag, auf der Felſenſtraße forteilend, erreichte zu⸗ gleich ſein Ohr, und zerriß ſeine Seele noch mehr. 394 MWit ſchwindelnden Sinnen ſtürzte Dagur vorwärts hin, wo der über dem Strome aufgehende Mond ſeinen er⸗ ſten Strahl weithin über die mächtige Fläche warf. Einige Verwundete ächzten am Boden, ein Wehrmann hielt ihm die lange Barde entgegen. Verrätherei! don⸗ nerte der junge Heldenſohn. Liota! Liota! Wo biſt Du? und die Lanze, welche ihn aufhielt, zur Seite ſchlagend, und ſein Eiſen in des Feindes Bruſt ſtoßend, erkannte er mit Staunen in dem Stürzenden Ruro, den Burgmann, der mit einem verwegenen Fluche und den Windungen einer zertretenen Schlange den Geiſt ver⸗ hauchte. Dagur's weitſchallender Ruf hatte die nahen Schläfer erweckt; der alte Herzog taumelte von ſeinem Lager auf; Alle haſchten verwundert nach der Wehr und dem Schilde; doch ehe man noch ein Wort zur Verſtän⸗ digung reden konnte, brach es hervor in dichten Haufen aus dem Hainbuchengebüſch. Rolf! Rolf! und ſein Schwarzroß! tönte ſchaurig das Feldgeſchrei angreifen⸗ der Heermaſſen durch die Nacht, und überall ſahen ſich die braven Oſtphalen von wohlgeregelten Rotten ange⸗ fallen, gegen welche die Schlaftrunkenen und Verein⸗ zelten Nichts vermochten. Vergebens rief des alten Herzogs Stimme, der ohne Helm, mit fliegendem Grau⸗ haar, wie ein Heldengeiſt im flimmernden Mondlicht, durch die getrennten Streiter ſchritt; vergebens gebot er, in den Bruch hinaus zu eilen, wo das Offene eine Art Heeresſtellung zuließ. Vergebens ſchlachtete Dagur mit übermenſchlicher Kraft, und flog mit blutbeſpreng⸗ tem Schwerte von Kampfe zu Kampfe. Ehe der auf⸗ ſpringende Oſtphale die Lanze ergriff, fühlte er ſchon fremdes Eiſen kalt in ſeiner breiten Bruſt; ehe der zweite das manneshohe Schild zur Schutzwand vor ſich 395 hin ſtellte, traf ihn ſchon hinterrücks ein nicht geſehener Stahl. Der Adlerflügel auf Kattwald's Helm ließ ſich nirgend blicken; kein Reiter des tapfern Geleits zeigte ſich; Verrath ſiegte über die Tapferkeit; das Verbrechen zum zweiten Male über das Recht. Von hinten nieder⸗ geriſſen im Gedränge, welches jede Wehr zu Schanden machte, fielen die Führer, und zu ſpät, als ſchon das Feldgeſchrei: Rolf! zu einem wüſten Siegesjubel gewor⸗ den war, hörte man die Hörner der Reiterei vom We⸗ ſaraſtrome zum Angriff blaſen, und der Donner der Pferdehufe auf der hohl hallenden Moorſtraße, die zum blutbegoſſenen Waldlager führte. Etwa eine Stunde weit vom Brunsberge lag der heilige Hain der Hertha, der Göttin der Erde. Mitten im Düſter des Waldes, den nie ein Beil berührt hatte, erhob ſich ihr Tempel, ein ſeltſames Gebäude mit wun⸗ derlich geformten Giebeln, und mit den monſtroſeſten Figuren entſtellter Menſchen⸗ und Thiergebilde geſchmückt. Fackelglanz erleuchtete das Innere des Tempels und ſeine Pforten; Prieſter im weißen Leinengewand, eine eherne Binde um das flatternde Haar geſchnallt und die Glie⸗ — der mit rothen Streifen bemalt, wandelten in den Gän⸗ gen auf und nieder wie in Berathung ernſter Dinge. Die Barden und Unterprieſter trugen die Ueberreſte des gehaltenen Mahles bei Seite und reinigten die Altäre und Opferſteine, auf welchen noch Glutkohlen und ſchwarzes Gebein des Opferthieres dampften. In der Vorhalle draußen, umringt von des Haines nächtlichem Schatten, ſaß der eisgraue Oberprieſter, 396 und vor ihm ſtand ein ältlicher Kriegesfürſt, der Alles an ſich trug, was ſich eignet, leiblichen und geiſtigen Adel auf den erſten Blick kund zu geben. Der Mann war übergroß, ſchwer gepanzert um Bruſt und Schul⸗ ter; ſein rother Kriegesmantel floß bis zum Boden her⸗ ab. Er ſtützte ſich auf eine eherne Streitaxt von gewal⸗ tiger Wucht, die ſeine linke Hand gefaßt hielt; ſein graugemiſchtes Braunhaar umſchloß ein Silberhelm, der weit durch die Nacht leuchtete, wie ein Meteor; wie Wettergewölk wallte vom blanken Kopfſchmuck ein Pfer⸗ deſchweif herab zum Mantel, aus der Mähne eines ſtählernen Pferdekopfs auf dem Helme; an der Schulter und den Ellenbogen hing der ungeheure Sachſenſchild, mit gelben Schuppen von Kupfer beſchlagen, und in der Mitte mit dem Wappen des Trägers bemalt, mit dem ſchwarzen ſpringenden Roſſe, das durch ganz Deutſch⸗ land berühmt war, und in dem Träger ſofort den En⸗ gernherzog Wittekind erkennen ließ. Die rechten Hände des Herzogs und des Frieſters waren in einander ge⸗ ſchlagen, und man ſah ihren ernſten Mienen an, daß ſie etwas ſehr Wichtiges mitſammen überlegt hatten. Ich verlaſſe mich auf Deine Weisheit, Vater Olaus! ſprach freundlich der Fürſt. Laß Deine Orakel ſprechen, wie es nöthig iſt; das Volk wird nicht dabei leiden. Nur die Einheit macht das Frankenheer unbezwinglich. Laß alle Saſſenzungen unter einer Krone ſich ſammeln, einem Befehlsworte gehorſam, und unſere Marken wer⸗ den die Schädelſtätte jedes frechen Feindes werden. Sie wähnen mich erſchlagen, mein Gebein den Raben hin⸗ geworfen, indeß mein Rückzug die Feldherrn des ſchlauen Carolus täuſchte, und ſo ihre Niederlage am Süntel voll⸗ ſtändig wurde. Kein Frankenſohn kam zur Heimath, und 397 ihre Gebeine bleichen in den ſächſiſchen Wäldern. Das Blut von vier Fürſten und zwanzig Edelingen färbte unſere Gräſer roth. Wie ein Auferſtandener trete ich jetzt unter mein Volk mit meinen Geharniſchten, geſchmückt mit der unermeßlichen Beute; Deine Prieſter rufen mich aus als König des ganzen Saſſenlandes, und himmliſche wie irdiſche Gewalt zwingt die Herzen und rohen Gemüther nach unſern Wünſchen.— Nicht Vorwitz und Trug des Prieſters iſt es, ant⸗ wortete der Greis, es iſt Gottesſtimme, wenn Witte⸗ kind's Name, mit dem Königstitel verbunden, aus dem Eichenhaine der Hertha in das Land hinab ertönen wird. Wo iſt ein Mann im Saſſenvolke, wo ein Mann im weiten Teutonien Dir gleich? So wahr ich hier ſitze auf dem heiligen Steine, genannt der ſchwarze Rabe, den Wodan ſelbſt im Zorne und Feuerregen zur Erde geworfen, ſo gewiß ſollſt nur Du den Goldreif des Königs empfangen aus Olaus Händen. Dank Dir für die Geſchenke von der Beute jener feindſeligen Fremd⸗ linge, welche unſere Götter haſſen! Dank Dir für die fette Opferſpende der Altäre! Ziehe nun hin zuerſt und räche Deinen Stamm an der Bluthand, die Deiner ſpot⸗ tete, da ſie Dich todt wähnte.— Meine Streitaxt iſt gehoben, ſagte Wittekind mit düſterm Grimme; wo ſie niederfällt, da verliſcht das Leben und die Geſtalt zerbricht. Ich will dieſes Eiſen röthen in des Mörders Blute, daß die Völker Witte⸗ kind's Gewalt und Recht im eigenen Hauſe erkennen, und dann vertrauend mit mir die Mauer für Germa⸗ nien errichten helfen, die ich auf dieſer, am Leibe des Brudermörders roſtig gewordenen Streitkolbe erbauen will für ewig!— 398 Der Blutmann ſandte auch zu uns, erwiderte der Prieſter. Er glaubte durch ſeine Silberbeutel uns zu blenden. Große Pläne ſcheinen zu gähren im verbrann⸗ ten Gehirne des Verbrechers. Aber Hertha, die Wohl⸗ thätige, haſſet die Unnatur, und ſeine That wider den Erzeuger und ſeines Stammes eigene Gliedmaßen haben ihren Abſcheu geweckt, daß er Flammen ſprühet, wie des Nordlands Feuerberg. Deine Hand iſt zu gut, den Verbrecher zu tödten; liefere ihn mir, daß ihn die Opfermeſſer ſchlachten am ſchwarzen Steine.— Ich ziehe jetzt hinunter! antwortete Wittekind. Die Hälfte meiner Haufen bedecken ſchon im nächtlichen Zuge die jenſeitigen Ufer des Weſaraſtromes; indeß die zweite Hälfte in Böcken und Kähnen auf des Stromes blankem Spiegel herab ſchiffet. An der erſten Schlucht, die vom Walde zum Strome ſich öffnet, finde ich die Meinigen und mein Segelbvot, und mit der Morgenröthe muß mein Roßſchweif vom Brunsberge wehen.— Alfadur ſchärfe Dein Schwert und ſende ſeine Kraft in das Mark Deines Armes! ſprach ſegnend der Ober⸗ prieſter, und langſamen, würdevollen Schrittes, die Streitaxt auf die Schulter gelegt, wanderte Wittekind durch die wohlbekannten, breit ausgehauenen Wege des Götterhaines im heiligen Dunkel dahin, große Gedan⸗ ken und größere Entwürfe im Kopfe ausſpinnend, und in ihre Träume ſich verſenkend. Von der entgegengeſetzten Seite näherte ſich eine andere Geſellſchaft dem Haine der Göttin. Kattwald war es und Liota, die der Gewaltthätige vor ſich auf ſchnaubendem Rothroſſe im mächtigen Arme davon führte. 399 In Schwerting's Kleidern war er zum Lager des Herzogs Brun gegangen, und ein heimlich Wort zu dem ränkevollen Ruro hatte dieſen zum Geſellen ſeines Frevels geworben. Die wachthaltenden Oſtphalen, welche durch die Nacht die bekannten weißen Stierhörner auf der Sturmhaube des bärtigen Reiterhauptmanns erkann⸗ ten, ließen ihn ehrerbietig auf ſeinem Wege fortgehen. Liota, die fürſtliche Jungfrau, ſaß indeß ſinnig auf ihrem Feldbett in der düſtern Hütte. Die Liebe war ihre Geſellſchaft, und umſpann ſie mit dem weichen Netz ihrer Grübelei, und zog der Hoffnung farbenreichen Re⸗ genbogen durch das lautloſe Dunkel, welches das glück⸗ liche Mädchen umgab. Liota legte den ſchweren und rauhen Reiſemantel ab; ſie entfeſſelte die volle Bruſt und den gewölbten Leib vom engen Lederwammſe des erſchlagenen Bruders; ſie ſchürzte das aufgezogene Leinenkleid mit den Purpur⸗ ſäumen los, und ließ es auf die Füße hinabfallen, und gürtete es zurecht unter dem Herzen: ſie nahm die männliche Kopfbedeckung ab, ordnete das reiche Gold⸗ haar und legte das ſilberdurchwirkte Stirnband um die geſcheitelten Locken. So wollte ſie im hellen Mondlichte, wenn die Kriegshörner zum Angriff blieſen, vor den Geliebten hintreten, und, ſich ihrer Schöne wohl be⸗ wußt, des Jünglings Tapferkeit ſpornen bis zur höch⸗ ſten Heldenkraft. Sie gedachte mit lächelndem Antlitze ſich ſeine Veberraſchung, ſein Erſtaunen, ſein Frohlocken; da hörte ſie Männertritte in der Nähe, und eine tap⸗ pende Hand rauſchte draußen ungeſchickt durch die Tan⸗ nenzweige an der Hüttenwand.— Sollte er ſich erkühnen, in der Mitternacht ihre jungfräuliche Kammer zu ent⸗ weihen?— Schamhitze und Zornglut miſchten ſich auf 400 des Mädchens Wangen. Ihre Thür ging auf, und die Schattengeſtalt eines Mannes ſtand im Halbdunkel der Sommernacht. Elgin! rief eine verſtellte Stimme, Elgin, biſt Du wach?— Die Jungfrau trat forſchend dem Rufenden entgegen. Verrath dräut dem Heere und Deinem Vater! fuhr der Mann etwas lauter fort. Komm eilig zu des Herzogs Laubzelte, ihn zu wecken, ihn zu beſchützen! Liota trat heraus, aber im ſelbigen Augenblicke umfaßte ſie Kattwald mit ſeinen unbezwing⸗ lichen Armen. Gib keinen Laut, Liota! drohte er mit niedergedrückter, rauher Stimme; es gilt ſonſt Dein Leben und das Deines Vaters!— Aber das Mädchen, welches den rieſigen Siwarsſohn längſt erkannt, der ſie ſeit dem Kriegsrathe auf ſeiner Väterburg mit Abſcheu und Furcht erfüllt hatte, zähmte den Schrecken nicht und die Angſt, welche ſie meuchlings überfiel, und im lau⸗ ten Hülfsgeſchrei weckte ſie die Schläfer ringsum, und ſetzte kräftige Wehre dem Räuber entgegen. Was half es dem ſchwachen Weibe?— Kattwald's Grimm doppelte die ihm angeborene Kraft. Im linken Arme ſchleppte er die ſchöne Beute fort; ſein Schwert ſchlug die ihm den Weg verſperrenden Wächter nieder; weit ſchreitend auf der Feldſtraße kam er ſo bis zu dem Platze, wo ein Leibeigner das Rothroß hielt. Der verwegne Mann warf hier die im Ringen ſchon Ermattete auf den breitmäh⸗ nigen Hals des Pferdes, mit einem Sprunge ſaß er dann auf der Rückendecke, und den Preis der Unthat mit wüthender Gier an ſeine ſtarke Bruſt reißend, ſpornte er ſein Thier berghinan, und Liota's Jammern verhallte bald in den finſtern Gebüſchen des Gebirges, durch wel⸗ ches die ſchmale Steinſtraße fortführte. ——————— 401 Mit jeder Minute, welche die Verlaſſene weiter fort⸗ riß vom Vater und Geliebten, ſtieg die Verzweiflung der Jungfrau, aber zugleich auch die Klarheit, in der ihre 6 Seele das Schreckliche ihrer Lage erkannte. Selbſt auf dem Brunsberge waren durch das Gerücht Kattwald's 1 wüſter Sinn, ſein herriſches, unbeugſames Gemüth, ſein ſchonungsloſer Zorn, der Wolfswuth gleich, ſeine unbe⸗ zwängte Begier bekannt geworden. Sie empfand, daß ſie verloren ſei, wenn ihr der Himmel keinen Retter entgegen ſchicke; denn wer einen ſolchen Schritt des Fre⸗ vels wagen konnte, der war auch das Aeußerſte zu thun entſchloſſen. Eine Wehr nur hat das Weib gegen die rohe Gewalt des ſtärkeren Geſchlechts, aber die Waffe iſt ſpitz und trifft aus ihrem Verſteck meiſtens gar ſicher und wirft auch Koloſſe um; ſie heißt: weibliche Liſt.— Die ſchauerliche Waldnacht umgab die Flucht des Ent⸗ führers, der im Bewußtſein der Sicherheit jetzt den keuchenden Gaul verſchnaufen und im leichten Trabe ſich erholen ließ. Kein Hufſchlag verfolgender Retter traf das Ohr der Horchenden; Liota war allein mit dem Gewaltigen, und jeder Gedanke an das, was er mit ihr beſchloſſen haben könnte, jagte der Liebenden Ent⸗ ſetzen durch das Herz. Ermattet verſtummte ihr Ge⸗ ſchrei, und ſie lag, ſchweigend und halb ohnmächtig, in dem nervigen Arme des Räubers. Wirſt Du verſtändig, Liebchen? fragte der Freche mit Freundlichkeit, die wie Hohn klang. Warum auch das Gewinſel?— Was Kattwald ſo recht will, wie er Dich wollte, das ſetzt er durch gegen Menſchen und Götter.— Spotte nur, Unbändiger! entgegnete Liota ſchwer 1 athmend. Die Götter hören Dich, und werden ſich Blumenhagen. v. 26 402 hernieder laſſen, mir zum Schutz. Und was willſt Du, daß Du wie ein Raſender Deinen Namen ſchändeſt durch Unthat ohne Gleichen, daß Du in Deiner Berſerkerwuth“ die Herzogskrone Deiner Väter beſchimpfſt durch Verrath und Jungfrauenraub?— Schändeſt und ſchimpfſt? fragte ſpottend und hohn⸗ lachend der wilde Reiter nach. Raubte der Held Her⸗ mann nicht ſeine Thusnelde dem Vater aus Segeſtens Felſenfeſte? Preiſen ihn darum die Barden weniger? Hörteſt Du nicht ihre langen Loblieder von dem Muſter⸗ bilde deutſcher Mannlichkeit?— Aber Thusnelde liebte ihn! antwortete Liota heftig. Und ich haſſe Dich, haſſe Dich ewig, und bin die Braut Deines Bruders.— Die Brautſchaft hat ſich ſchnell gemacht, und ſo raſch geflochten Netz hat mürbe Fäden, ſpottete Kattwald fort. Mußte nicht ich, der Aelteſte des oſtphäliſchen Fürſten⸗ ſtammes, meinen Spruch dazu thun? Und darum eben ſtrafe ich, und nehme dem Bruder, was für ihn viel zu gut iſt. Der FPreis der Schönheit gebührt nur den Tapfern, ſetzte er wärmer hinzu; der Knabe Dagur kann wohl Wunden verbinden, doch keine ſchlagen; der ruhmloſe Knabe Dagur durfte die goldene Krone nicht tragen, nach welcher Kattwald, die Blume von Teuto⸗ niens Kriegern, die Hand geſtreckt, und darum, gerade darum geſchah dieſer Ritt, der die kluge Liota nicht be⸗ fremden ſollte.— Und wenn Liota Dir ewigen Haß ſchwört? Wenn ſie lieber den Tod wählet, als Dein verabſcheuetes Ehe⸗ bett? fragte die Jungfrau muthig.— * Berſerkerwuth; eine Art Krankheit, eine kriegeriſche Manie, in manchen nordiſchen Familien erblich, durch Zorn und Leidenſchaft erregt. 403 Mein Weib wirſt Du, noch ehe denn das Früh⸗ roth die Blätter dieſer Baumgipfel färbt, fuhr Katt⸗ wald ſtreng auf. Und Du wirſt mir ein getreues Ehe⸗ weib ſein; denn die Ehebrecherin und die ungehorſame Gattin peitſcht man mit geſchnittenem Haupthaare durch Teutoniens Gauen.— Und wie wirſt Du das, womit Du dräueſt, zu Ende bringen? fragte Liota mit erzwungener Ruhe.— Ich will Dir antworten, obgleich ich nicht müßte, antwortete er. Siehe in meiner Erklärung meine Ach⸗ tung, meine Liebe, und bezwinge jeden Keim der Widerſpänſtigkeit, die unnütz und dir ſelbſt ſchädlich wäre. Wir reiten zu dem Haine der Hertha, der die Grenzen ſcheidet zwiſchen meinem und Deinem Lande. Olaus, der Oberprieſter der Göttin, iſt mein mütter⸗ licher Ohm, und die Ehre unſeres Stammes gilt dem Stolzen über Alles. In ſeinen Gewahrſam bringe ich Dich, und am Opferſteine ſegnet er noch heute Dich ein zur Mutter meiner Söhne. Dann ſprenge ich zurück zum Brunsberge, wo der bärtige Schwerting ſo lange in meinen Waffen meine Rolle geſpielt hat.— Nein! Nein! rief Liota heftig. Der alte fromme Prieſter wird dem Seelenraube nimmer die Hand bie⸗ ten. Und was hülfe Dir die Segnung? Vergiſſeſt Du des Blutbechers? Trank ich nicht mit Deinem Bruder daraus den Todesbund? Dein Bund macht mich lachen, Du blinde Thörin! rief Kattwald unmuthig. Blutbund zwiſchen Mann und Weib iſt ein Unding unter deutſchen Völkern. Heilig iſt jedoch der Blutbund unter Helden, und ich trank mit Rolf den Blutwein, mit Rolf, dem Verderber Deines Geſchlechtes. Deßhalb wirf alle Hoffnung hin; Rolf's 404 Leben iſt mein Leben, und Dein Vater konnte nirgends ſchlechtere Hülfe ſuchen, als auf Siwars Tannenhügeln. Wittekind iſt gefallen in der Schlacht. Wer kann jetzt dem tapfern Rolf das Zepter der Engern entwinden? Kattwald wird ſein treuer Bündner bleiben; Friede mit den Franken wird uns Beide zu Polarſternen Teutoniens erheben, und wenn König Karl nicht anders will, ſo ſchwören wir zu ſeinem gekreuzigten Gotte, und ſind alsdann geſchützt und groß durch ihn vor ganz Germa⸗ nien.— Gräßliche Menſchen! jammerte Liota. Frevler an eurem Stamme, an eurem Volke, an euren Göttern! O Alfadur, wirf deine Feuerkugeln! Verſenge ſie mit deinem Flammenregen! Oder öffne deine Erdſchlünde unter den verwegenen Schritten der Läſterer!— Sie ſank in ſich zuſammen, und mühſam erhielt ſie der Reiter vor ſich auf dem Rücken des Roſſes; ihre Athemzüge wurden ſchwächer und leiſer, und ihre Glieder kälteten ſeine brennende Fauſt. Er hielt den Zügel an, und horchte auf ihr Leben, und legte beſorgt ſeine Hand auf ihr matt pochendes Herz. Am Eingange des heiligen Haines hielten ſie; der Vollmond ſchaute herein in eine Schlucht, die hinter einer Felswand hinabführte zum Ufer des Weſerſtromes, und die gangbar gemacht war, um bei dem Erntefeſt nach dem feierlichen Umzuge der Göttin ihren goldenen Wagen und ihr weißes Roßgeſpann im Fluſſe zu waſchen. Kattwald beugte in die Schlucht, ſprang vom Gaule, hob die Dirne herab, und legte ſie auf das Moos am Geſteine. Ich ſterbe! lallte ſie. O, einen Trunk, oder mein Herz bricht!— Der wilde Mann war ergriffen von den Lauten des 405 Todes, die aus den zarteſten Lippen zu ihm herauftönten. Er bog ſeine Knie, und küßte die Stirn des ſchönen Weſens, das wie eine fleckenloſe, gebrochene Lilie vor ihm dalag im Silberſtrahle des Nachtgeſtirns. Die Kälte des Geſichts der Jungfrau füllte ihn mit nie gefühltem Bangen, und er riß ſich den Helm vom Haupte, und ſtieg zum Fluſſe hinab, Waſſer zu ſchöpfen. Behutſam ſich emporrichtend, horchte Liota auf die ſich entfernenden Schritte, dann ſprang ſie raſch auf und rang die Hände, und hob ſie gefalten dem Himmel ent⸗ gegen. Laßt es gelingen, ihr unſichtbaren Beſchützer der Unſchuld und Liebe! betete ſie leiſe. Flucht oder Tod iſt meine Wahl. Doch muß der Fromme das mildere Mittel zuerſt verſuchen, ehe er das eigene Leben, welches euer Eigenthum iſt, frevelhaft ſelbſt vergeudet.— Leichten Schrittes ſprang ſie zu dem Rothroß, und löste die Zügel vom Baumaſt. Aber das Thier, nur an Kattwalds Stimme gewöhnt, ward unruhig und geberdete ſich ſtörriſch, verſagte dem Fremden den blanken Rücken, und drehte mit geſpitzten Ohren den ſtolzen Kopf gegen die Schlucht am Strome. Endlich gewann Liota den Sitz, und Zaumſchlag und Ferſenſtoß der geübten Jägerin trieben das Thier trotz ſeines Unmuthes vorwärts. Sie athmete frei auf, und Hoffnung tagte in ihrer umdüſter⸗ ten Seele. O, vergebens war ihre Freude; böſe Geiſter ſchienen dieſe Nacht zu beherrſchen, denn ein ſcharfer Pfiff von Kattwalds Munde feſſelte plötzlich den Lauf des Pferdes; gewaltſam drehte es ſich um, ſeinem Herrn zu, und wie durch Zauber an den Boden gefeſſelt, war es durch keine Gewalt zu bewegen, und wieherte laut dem im Sturmeslauf Herbeiſtürzenden entgegen. Der Siwarsſohn war zurückgeſchreckt worden vom Fluſſe durch 406 den Anblick eines tüchtigen Heerhaufens, der am jenſei⸗ tigen Ufer im Mondenſcheine hinaufzog; durch den Ru⸗ derſchlag mehrer langen Kähne, welche die Waſſerfläche durchſchnitten, und von welchen das größte Boot gerade auf die Schlucht, in der er hinabſtieg, zuzuſteuern ſchien. Er eilte ſchnell zurück, vermißte mit Verwunderung und Zorn die Kranke, erreichte aber mit ſeiner Stimme noch zeitig ſeines treuen Streitroſſes Ohr, und ergriff jetzt mit rauher Hand das Mädchen, welches, nun wirklicher Ohnmacht nahe, von der Rückendecke des Roſſes zu ſei⸗ nen Füßen herabſank. Betrügerin! Falſche, elende Natter! raste ſein In⸗ grimm gegen ſie. Meine Ferſe könnte Dich ungeſtraft zertreten, und Du wagſt es, Kattwald, Oſtphalens Erb⸗ herzog, bethören zu wollen mit weibiſchen Ränken? Wohlan denn, mein Mitleid iſt zu Ende! Gewalt gebe dem Manne, was ihm gebührt, was die Natur ihm zu⸗ ſagt; und weigerſt Du, erzwinge ich's wie Bär und Wolf mit der Tatze.— Vom Boden empor! Nicht mehr gewinſelt! Hinauf auf das Pferd; Du biſt ja eine treff⸗ liche Reiterin! Hertha's Tempelhaus iſt nahe, nahe die Hochzeitſtunde!— Liota verhüllte ihr Antlitz in den goldenen Schleier ihres Lockenwuchſes. Nein! ſprach ſie feſt, doch vom Schluchzen unterbrochen, nein, ich gehe nicht weiter. Bei dem traurigen Lichte des Mondes dort, der mit gramgetrübten Blicken den Wald durchſchaut, und die geliebte Sunna? ſucht, welche ihn nicht erhören will! * Sunna:— Mani, der Mond, verzehrt ſich in unerhörter Liebe gegen Sunna, die Sonne, welcher Locki eine ſchöne Purpurblume ge⸗ ſchenkt, die ſie am Buſen trägt, und von der ſie betäubt worden. Mani ward vor Schmerz bleich, ja oft ganz dunkel, und ſo kam Nacht und Winter auf die Erde. 407 Bei ihm und bei allen trüben Gottheiten der Nacht, welche den Frevler verfolgen! Und bei Odurs* Gat⸗ tin, der holdlächelnden, getreuen Freia, welche die Jung⸗ frauen ſchützet, ſchwöre ich, nur todt kannſt Du mich von hinnen reißen, und ſollte ich, wie das edle Roß, mit dem weißen Zahne meine Adern aufreißen, oder von dieſen Locken den Strang winden für meinen Hals; nur todt trägſt Du mich fort von dieſem Platze, und den Göttern trage ich meine Rache auf; Dagur wird Dich finden, und Vater Bruns Dolch wird Deine freche Seele zu Hela's** Todtenreich ſenden.— Armſelige! ſpottete Kattwald ſtolz. Nur Helden ſind den Göttern theuer, nur Helden ſind Lieblinge ihres Auges. Die Ohnmacht des Weibes gibt ihnen nicht Freude, nicht Kümmerniß. Gelingt es Deinem Monde nicht, Sunna's Purpurblume zu gewinnen, Dir werde ich ſicher den zauberiſchen Schatz vom Buſen nehmen. Dein Trug hat meine Liebe angeroſtet, und ſie ſchim⸗ mert nur matt noch. So höre denn, und verzweifle! In dieſer Stunde iſt Dein Knabe Dagur längſt verblutet unter des ſtarken Rolfs Schlachtſchwert, und Herzog Brun, Dein Vater, liegt auf der Bärenhaut im grauen Thurme des Brunsberger Schloſſes und hat gute Wächter bekommen, weil er vor Alter kindiſch geworden. Stau⸗ neſt Du, weil ich ein Wahrſager wurde? Aber ich wußte darum, und Alles war Abrede.— Gib auf die ärmliche Wehr, und folge mir freiwillig, ſonſt— bei Thors Hammer und meinem Schwert ſchwör' ich's!— ſonſt ſchleppe ich Dich nicht als Hausfrau, ſondern als * Odur: der Gott der Freiheit und ritterlicher Tugend. ** Hela; Locki's Tochter, die Bleiche, eine Königin des Abgrunds herrſchend über die Böſen und an Krankheiten Geſtorbenen. — 408 Leibeigene auf meine Burg, und Rolf wird mir's nicht wehren; denn in Dir erliſcht alsdann der letzte Funke des verhaßten Geſchlechts, welches ſeiner Erbherrſchaft entgegen ſteht.— Schreckliche Menſchenbrut! wimmerte Liota wie ver⸗ nichtet. Fürchterliche Unthaten, wie Teutonien ſie nim⸗ mer erblickte! O ſtürze ein, du reiner Himmel! Brechet nieder, ihr Wälder, und eröffne dich, getreue Erde! Das Geſchlecht der böſen Rieſen iſt wieder lebendig ge⸗ worden und zerfleiſchet die Lieblinge Wodans! Die Götter ſchlafen und ſind taub, und kein Retter wird mir geſandt in des Lebens bängſter Stunde.— Läſtere nicht! Dein Helfer ſteht neben Dir! ſprach eine kräftige Männerſtimme, und Wittekind trat hinter einer alten Eiche hervor in das volle Mondlicht. Mit einem Schrei warf ſich Liota an ihn hin und umſchlang in ihrer Todesangſt ſeine Knie, und wie ein Rachegeiſt ſtand der alte Fürſt hoch über ihr; der Mantel umfloß die blanke Schlachtgeſtalt wie eine Feuerwolke, und die ſchimmernde Streitart dräute erhoben in ſeiner Rechten. Kattwald trat wie verſteinert zurück. Geiſt des alten Kriegesfürſten! ſprach er im Be⸗ ſchwörungstone, was führt Dich zurück aus den Gärten Walhalla's? Und wie magſt Du Dich miſchen in die kleinlichen Händel der Staubgeborenen?— Wittekind machte eine heftige Bewegung gegen den Jüngling. Nicht todt bin ich! ſagte er mit Hitze und Hoheit zugleich. Ich lebe, lebe allen Schurken zur Schmach, lebe ein Retter der Bedrängten und ein Rächer der Be⸗ drückten im Vaterlande. Nieder in den Staub mit Dir, Du Mädchenräuber, Du verrätheriſcher Gaſtfreund, Du ſelbſtmörderiſcher Beflecker der eigenen Ehre!— Dunkle ——————— —————————— 409 Glut überzog des Jünglings Antlitz; er biß die Zähne zuſammen und zückte das Schwert. Der Tod rauſcht von Deiner Zunge! Mein Tod oder Dein Tod! rief er wie außer ſich. Wer wagt es, ſo zu ſprechen mit dem Siwarsſohne, der nicht ſchon das Holz zum eigenen Scheiterhaufen gefället hat?— Sachſens König! ſprach mit ruhiger Würde der Fürſt, und ließ die Streitart nieder. Oder willſt Du nicht anerkennen, was Prieſterwort verkündet dem Volke? Willſt Du der erſte Rebell ſein in der Geburtsſtunde meiner Krone?— Unentſchloſſen zögerte Kattwald, und ernſt fuhr der Fürſt fort: Ich habe Dein erſtes Schwert Dir gegeben, Kattwald; unter meinem Schildzeichen haſt Du Deine erſte That gethan und Dich mit Deiner erſten Beute geſchmückt. Dieſer Arm ſchützte Dein junges, unerfahrenes Herz in der Schlacht; dieſe Hand verband Deine erſte Wunde. Wohlan, Du wilder Mann der rohen Leidenſchaft, zücke Dein Eiſen, durchſtoße dieſe alte Heldenbruſt, und lohne ſo Deinem Waffenmeiſter! Dein Name wird ausgelöſcht ſein auf Teutoniens Hel⸗ dentafel; die Barden werden ſchaudern, wenn ſie im Geſchichtbuche Kattwald leſen; aber berüchtigt wirſt Du bleiben bei den letzten Enkeln, denn Wittekinds Mörder wird mit einem Fluche genannt werden, ſo lange man Wittekinds mit Ehren gedenket!— Erbleichend ließ Kattwald das Schwert fallen auf den Moosboden, und ſeine Knie wankten. Des Saſſen⸗ königs Blick haftete lange mitleidig auf ihm; dann zog er die Jungfrau empor in ſeinen linken Arm, und be⸗ deckte ſie ſo mit ſeinem Schilde. Komm, Liota! ſagte er mit milder Stimme. Folge mir zur Furt, wo mein Schiff unſer wartet. Dieſen hat die Hand der Götter 410 getroffen; überlaſſen wir ihn ihrer Strafe. Zum Bruns⸗ berge ruft jetzt der Blutbann mein richtendes Fürſten⸗ ſchwert.— Beide ſchritten fort zu der Schlucht; Katt⸗ wald aber, in die Knie geſunken und beide Hände in die Stirnlocken geſchlungen, rief mit Zerknirſchung ihnen nach: Waffenmeiſter! Herzog! König! Gewaltiger Sohn der Götter! fragte er, was FPll werden aus mir?— Der Fürſt wandte ſich um zu ihm. Frage Dein Ge⸗ wiſſen! antwortete er im ſtrengen Tone des Gebietenden. Fliehe den deutſchen Boden, wo Du Dich ſelbſt ächteteſt. Waſche draußen unter den Fremden Deine Ehre rein durch Heldenthat und durch Opfer für Tugend und Ehre. Dann kehre nach Jahren, und frage wieder an bei mei⸗ nem Königsſitze.— Er ging mit Liota. Kattwald machte eine heftige Bewegung gegen den Himmel, dann ſprang er auf, warf ſich auf ſein Rothroß und ſprengte wie ein Raſender davon. Niemand hat ihn wieder geſehen; Niemand hat wieder von dem jungen Heldenblute irgend eine Kunde vernommen.—— Das junge Morgenlicht kämpfte ſchon mit dem er⸗ bleichenden Mondſcheine, und der Frühwind zog erkältend über die Höhen hin und über das Land, welches noch wenig urbar, ſondern wüſt und rauh, wie ſeine Be⸗ wohner, auch einem ſtrengern und nordiſchern Klima unterworfen war, als jetzt in unſerer Alles verflächenden Zeit. Oben auf dem Brunsberge lag in der großen Prunk⸗ halle der Burg, auf weichem Faulbette, Rolf der Ver⸗ wegene. Auf dem Eiſenroſt im Kamin flackerte ein — 411 luſtiges Feuer, und auf dem geſchnitzten Tiſchlein vor dem Burgherrn ſtand Kanne und Becher voll brauſenden Meths, und er begoß fleißig den krauſen Schwarzbart der Lippen und des Kinnes. Zwei leibeigene Mägde be⸗ dienten ihn flink in lockerer Kleidung, und ſeine Mutter Künigunda ſtand im Purpurkleide, und das kaſtanien⸗ braune Haar mit Goldkezten, nach der Weiſe fränkiſcher Fürſtinnen, durchflochten, am Fenſter, und ſah mit Bli⸗ cken, welche Sorge verkündeten, hinab in das Zwielicht, das die Waldſeite ſchwach zu erleuchten begann. Schau Dir die Augen nicht blind, Mutter Künigund! ſprach der Sohn. Setze Dich lieber her zu mir, und kredenze die Becher. Die da unten werden ihre Sachen ſchon ohne uns zur Endſchaft bringen.— Der Tag wird wach, und noch klirren die Waffen um den Fels, und unverſtändliches Kampfgeſchrei hallt zu den Mauern herauf, entgegnete die Frau. Es wäre doch beſſer, wenn Du den Panzer anlegteſt und ſelbſt nachſäheſt.— Laß das! lachte Rolf hoch auf. Sonſt gab ich den Leib für Andere. Seit wir der Herr geworden, müſſen Andere den Leib für uns geben, was wäre ſonſt an der Herrſchaft?— Freilich müßte das Schlachten drunten, ehe der Mond hoch ſtieg, geſchehen ſein; indeß, Storno's Bote erzählte ja, wie die Waldbewohner aus ihren Wehren dem alten Herzog zu Hülfe gekommen; wie das Oſtphalenheer ſtärker geweſen, als er vermuthet. Laß ſie ſich ſchlachten, Mutter; je länger, deſto weniger bleibt übrig, und es muß uns Beiden lieb ſein, je einſamer wir im neuen Herzogthume ſitzen, denn Söldlinge zu Wächtern findet man überall für gute Münze.— Du biſt zu ſicher, entgegnete die Mutter. Sicherheit 412 geht zum Falle. Und es gilt ja in dieſer Nacht Dein Höchſtes und mein Höchſtes im blutigen Würfelſpiele.— Haſt Du einen thörichten Sohn in mir erzogen? fiel Rolf faſt unmuthig ihr in die Rede. Storno iſt eben ſo viel, wie dieſe meine rechte Hand. Du vergißt, daß er ſich ſelbſt an meinen Vater im Würfelbrett verſpielt hatte, daß mir der Vater deh gewonnenen Freimann, der ſich nicht auslöſen konnte, ſchenkte als leibeigen; daß ich ihm Freiheit und Schwert zurückgab, und daß ſo der Ausgang dieſer Nacht ihm eben ſo viel gilt, wie mir ſelbſt. Sieh her, und zünde an meiner Zuverſicht Dein verloſchenes Vertrauen an.— Leutgarde, ſetze Dich zu mir und finge mir ein Lied, ein Lied von Freia's All⸗ gewalt, und wie ſie Liebe lohnet. Spielen will ich indeß mit Deiner Seidenlocke, und Dir die Töne, welche Du der Lerche ſtahleſt, vom Munde haſchen.— Und Du, Faſtrada, komm zu meiner Herzensſeite; ſchlinge Deinen runden Arm um meinen Nacken und preſſe die Lippe, welche röther und ſüßer iſt als die Walderdbeere, auf meinen dürſtenden Mund!— Die Mägde flogen herbei und thaten des jungen, ſchönen Gebieters Willen; aber Künigund wandte ſich ab vom frechen Spiele, das ihr entſetzlich ſchien in ſolcher Stunde. Näher ſchallte jetzt das Waffengeräuſch, und Siegesjubel tönte jetzt vom Burghofe her, und zugleich trat eilig ein ſtämmiger Leib⸗ wächter in die Halle. Nun? fragte Rolf, aufſpringend und unzärtlich ſeine Zärtlichen von ſich ſtoßend.— Storno ſendet mich, ſprach der Wappner. Der alte Herr und der jüngſte Oſtphalenfürſt ſind unſer, und harren ge⸗ bunden im Hofe Deines Urtheils. Schwer haben ſie uns die Arbeit gemacht, waren bald wach, und ein Aufgebot, das der alte Herr an die ihm noch Getreuen in der 413 Gegend gethan, traf gerade ein, um den Brunsberg er⸗ ſtürmen zu helfen. Doch ſie liegen alle auf dem Sande.— Wacker! Wacker! lobte Rolf. Aber warum kommt der Storno nicht ſelbſt zu meinem dankbaren Herzen?— Die Reiterei des Feindes hielt ſich anfangs ruhig, antwortete der Bote; aber durch Flüchtlinge aufgeregt, trabte ſie zuletzt heran. Da hielt es unſer Häuptling rathſamer, mit der ſchönen Beute zurück in die Burg zu ziehen, und läßt jetzt vorſichtig die Thore verrammeln und die Wälle beſetzen.— Erkannte man den Anführer der Reiterei? fragte Rolf haſtig.— Einen Adlerflügel ſah man auf dem Helme des Füh⸗ rers, war des Wappners Antwort; Storno meinte, es ſei Kattwald, der Siwarsſohn, geweſen.— So war die Vorſicht unnütz, ſagte Rolf mit freu⸗ diger Sicherheit. Kattwald will ſeine Ehre retten vor dem Volke, und ich muß ihm den Gefallen thun, ſelbſt auf das Thor zu gehen und öffentlich mit ihm den Ver⸗ gleich abzuſchließen, der längſt heimlich geſchloſſen wurde. Mutter Künigund, und ihr, Dirnen, flink hinunter, und richtet zu und traget auf aus Küche und Keller, was das Haus vermag. Dieſes Siegesfeſt ſoll nicht Tage, es ſoll Wochen und Monden dauern. Und Du, Wächter, laß mir zuerſt die Gefangenen heraufführen!— Der Wappner ging; die Weiber eilten in das Innere der Burg; Rolf ſchritt mit gewaltigen Tritten, die Arme feſt eingeſchlagen um die pochende Bruſt, und den Kopf hoch getragen im ſtolzen Bewußtſein ſeines Glückes, durch die Halle hin und zurück. Die Pforte öffnete ſich weit. Eine Menge gerüſteter Männer, unter ihnen auch manche Edelinge des Saſſen⸗ 414 landes, dem Rolf ergeben, weil ſie ihm gleichgefinnet, vrängte ſich ſtürmiſch herein. Dann kam der alte Herzog, mit Stricken umwunden, das greiſe Haar verwirrt han⸗ gend um das faltige Geſicht, blieb mitten in dem Saale ſtehen, und ſah mit ſtarren Blicken auf den entarteten Sohn ſeiner Liebe. Ihm folgte Dagur, ebenfalls mit gebundenen Händen, zähneknirſchend und rollenden Auges; ſein Lederwamms war roth gefleckt von Feindesblut wie des Damhirſches Haut, und an Stirn und Schulter blu⸗ teten zwei Wunden, und wetteiferten mit der Zornröthe ſeiner Wangen. Storno trat raſch aus dem Gedränge hervor, näherte ſich Rolfs Seite, und flüſterte ihm ins Ohr: Es iſt nicht richtig unten und im Walde. Ich fürchte, Kattwald verräth uns. Aber Faſſung! Ich ſtehe für die Burg mit meinem Halſe. Dann legte er feierlich ſein blutiges Schwert zu Rolfs Füßen hin, kniete nieder und rief: Tapferes Volk der Engern! Ich huldige zuerſt Deinem jungen Herzoge! Heil über Rolf, den Unbe⸗ ſiegten! Wer folgt mir nicht? Wer kehrt ſich ab von der ſchön aufgehenden Sonne?— Alle legten kniend ihre Schwerter hin, und jubelten dem Ausrufe nach. Du ſiehſt, Vater, man zwingt mich faſt, ſprach Rolf mit einem Anfluge von Verlegenheit auf dem Geſichte. Und muß ich nicht der Stimme der Edelinge gehorchen, weil ich der Letzte Deiner Söhne bin? Und warum haſt Du auch dieſes gewaltſame Wiederſehen herbeigeführt? Warum riefſt Du fremde Geſellen Dir zu Hülfe gegen dein eigen Volk? Warum bliebſt Du nicht im Schutze Deines Lieblings?— Bindet ihn los! Er bleibt Eures Herzogs Vater! Ehrfurcht ſoll ihm werden überall, wo Rolf gebietet, und Wohlleben ſoll ſein Alter verſüßen an meiner Herzogstafel.— — 415⁵ Die Bande des Greiſes fielen; er ſelbſt aber trat einen Schritt näher zu dem Sohne, und hob den Stumpf ſeines rechten Armes feierlich gegen ihn auf. Verflucht, ſagte er mit kaltem, dumpf hallendem Tone, der Alle ringsum ſchaudern machte; verflucht ſei die Nacht, wo meine Sünde Dir das Leben gab! Verflucht ſei der Rabenſohn, der den kranken Alten aus dem Neſte ſtieß und ſeinen grauen Scheitel mit Schande brandmarkte! Der junge Hirſch begleitet den gelähmten Alten, führt ihn zum Quell, und ſteht Wache, wenn er weidet. Du aber haſt die Natur zu Spott gemacht und das Herz der Menſchheit zertreten. Die Götter ſitzen zu Gericht zwi⸗ ſchen mir und Dir; aber Gift werde mir der Becher, den ich mit Dir theile; Dornſtrauch ſei mir das Bett, was ich da beſteige, wo Du gebieteſt und Deine Räu⸗ berrotte!— Erſchöpft ſtützte ſich der Greis auf Dagurs Schulter; Rolf aber verzog ſein Geſicht in Hohn und Schaden⸗ freude, und ſtolz den Knieenden zum Aufſtehen winkend, ſagte er mit herriſchem Accente: Ihr ſehet nun ſelbſt, meine Freunde und Vaſallen, was mich zwang zu ſo beſondern und zweideutigen Thaten. Der Vater iſt kin⸗ diſch geworden vor Alter, und Wahnſinn kann nicht Zepter und Schwert führen in ſo bedrängten Zeiten. Wer iſt im Lande der Engern, der, nachdem Wittekind, der Held, gefallen unter Frankenſchwertern, den goldenen Herzogs⸗ ring um ſein Haupt legen könnte zum Schutz der Völker, als Rolf der Unerſchrockene, die Fahne eurer Schlachten? Ich bin eurer Wahl darum zuvorgekommen, und habe die Hand kühn ausgeſtreckt nach der Krone dieſer Herr⸗ ſchaft. Ihr vergebt mir's, denn ich that es um eurer Wohlfahrt willen. Bei meiner erſten Herrſcherthat weinet 416 mein Herz, aber die neue Pflicht gebeut.— Führet den Vater hinab in das feſte Gemach des nördlichen Thur⸗ mes! Bis er ruhiger wird, darf uns ſein irres Wort nicht ſtören im großen Werke dieſes Tages.— Und Dir, junger Burſch, der, verführt in Knabentollheit ſich die Stirn zerſtoßen hat an unſern Mauern, Dir ſoll Dein Recht werden nach der Sitte des Landes. Wähle Dir drei Männer aus unter den Kämpfern meines edlen Ge⸗ leits. Am Opferſteine im Burghofe wirſt Du mit ihnen fechten in guten Waffen. Unterliegſt Du, ſo fällt Dein Haupt den ſchwarzen Göttern der Nacht. Beſiegſt Du die drei, ſo ziehſt Du frank und frei in Deine Heimath, und wirſt dort meine Großmuth preiſen und nimmer vergeſſen. Oder willſt Du mit mir ſelbſt einen Berſer⸗ kergang* thun, nackt, ohne Panzer, um Tod und Leben, ſo ſoll es mir auch recht ſein. Er winkte, und auch Dagur wurde entfeſſelt. Mit Heftigkeit umſchlang der Jüngling den ermatteten, wan⸗ kenden Greis, und preßte ihn inbrünſtig gegen ſein hochſchlagendes Herz. Liota iſt verloren, flüſterte er mit brechender Stimme; was kann uns jetzt das Leben noch gelten? Seine Sonne iſt erloſchen; ſo laß uns denn zuſammen ſterben, Du armer, alter Mann! Das kann Dir werden, Du liebegirrender, bartloſer Knabe! fuhr Rolf auf, der die Flüſterworte gehört, und dem der Trotz das wilde Gemüth aufreizte, daß ſeine dunkeln Augen über der gebogenen Römernaſe funkel⸗ ten wie dräuend Kometenlicht, und ſein ſchwarzes Kraus⸗ haar ſich hob an der gewölbten Stirne. Ein lächerlicher Schwager wärſt Du mir; deßhalb weg von des Vaters Berſerkergang; Kampf auf Leben und Tod, ohne Panzer und Schild. — — —„ r d te 3 417 Seite! Trennet ſie, und mit Beiden hinab in den Thurm, damit ſie den Burgherrn nicht länger höhnen.—— Sein rauhes Befehlswort war noch nicht verklungen, da ward rundum draußen der Ton der Hörner laut, die wie zur Schlacht geblaſen wurden, unzählige Stimmen ſchrieen wunderlich durcheinander, und der Name Wit⸗ tekind erklang deutlich aus dem Getümmel herauf. Er war es ſelbſt. König Wittekind war am Thore erſchienen, und keiner der Saſſen hatte es gewagt, dem über Alle hoch geehrten Helden, dem Schutzgotte Sach⸗ ſens gegen Königs Carolus Verheerung und Grauſam⸗ keit, den Eingang zu wehren. Sein Geleit, aus den Tapferſten von Teutoniens Blüte erwählt, und Schwer⸗ ting mit Oſtphalens Reiterei, drang nach, und die Söldner Rolf's, welche meiſtens mit Storno in die Burg gezogen, gewannen nur den Tod durch ihre Ge⸗ genwehr. Rolf erblich durch den Ruf des allgewaltigen Namens, und Storno, welcher eilig hinaus in den Burg⸗ gang eilte, um das neue Unheil zu erforſchen, traf auf der Schwelle den ergrimmten Helden ſelbſt, der mit der Streitart ihm ſofort den Schädel einſchlug, und ihn zurückſtürzte in den Saal, zum Entſetzen Aller, die“ wie Steinbilder erſtarrt innen verſammelt ſtanden. Nieder mit den Waffen! donnerte der Sachſenherr⸗ ſcher. Der Bär kehrt zur Höhle und reinigt ſein Neſt von der Wolfsbrut. Nieder! Denn wer einen Stahl hebt, theilt das Loos des Vatermörders!— Alle Schwer⸗ ter klirrten zum Boden nieder, und Rolf ſank mit dem ſchwachen Ausrufe: Verloren! neben ſeinem Faulbette in die Knie, und drückte das verzerrte Antlitz in die rauhen Decken. Ja, das biſt Du, Bube! rief Wittekind. Bube, welchen Deutſchland ausſtößt, da fremdes Giftblut in Blumenhagen. V 418 ſeinen tn Entſetzlicher, dein Blutgericht er⸗ Lilt ten in Deinen Hoffartsträumen. Dieſel⸗ ben Fito it denen Du ohne Schauder des Vaters Hän inß ſi ſollen Dich drücken, und ſchmählich und isa ein Leben war, ſei Dein Tod. Men⸗ ſche ſich nicht an ſolche Unthat, wie die Dei igunmenſchlicher. Ich übergebe Dich dem Gerich Götter, und die Prieſter ſollen Dein Ur⸗ theil ſie Dich ſtürzen vom Wolkenfels, 3 ſ einen Deinen Schädel zerſchmettern, und unter? ſ ſchändlichen Leib begraben; mag ihr den Rückgrat zerſchneiden, Dir den Blutbis⸗ itzen, daß Du langſam Dein Leben ver⸗ knhſ uchüß inag man Dich ſchlachten mit dem Beile, öffen oßedem Volke, zur Warnung und Sühne. Ich loſſen meine Hand von Dir, denn, iſt ſie auch an Feindesblut gewöhnt, vor Deinem ziſchenden Sünder⸗ blute ſchaudert ſie entſetzt zurück.— Geſichter, bleich, wie von Leichen, ſtanden an den Wänden des Saales umher, und in ſchweren Athemzü⸗ gen keuchte hörbar der zernichtete Rolf. Aber ein beſon⸗ deres Leben leuchtete bei dieſem Richtſpruche über des alten Bruns erblichenes Antlitz hin. Bruder, nicht alſo! ſprach er hefttg. Es iſt mein Blut; es iſt das Kind meiner Liebe, wenn auch entartet. Was ich am Herzen trug, ſoll nicht in Schande hinab fahren; und als Ael⸗ teſter unſeres Stammes übe ich mein Hausrecht.— Und er ergriff Storno's gefallenes Schwert, und mit einem ſichern Stoß ſeiner Linken durchfuhr der Stahl rücklings * Blutadler ritzen; eine grauſame Todesſtrafe für Volksverräther. Die Adern des Rückens, der Rückgrat ſelbſt wurden. zerſchnitten, bis zur Verblutung. 419 Rolfs Körper. Der Sterbende zuckte lautlos zuſammen, doch ſein brechender Blick ſchien der Vaterhand Dank zu ſprechen und vom Vaterherzen Vergebung zu flehen. Todesſtille füllte die Halle; der unglückliche Vater aber warf ſich an Dagurs Bruſt und rief: Kein Kind mehr! O, nun leite Du mich zu Grabe, Du Getreueſter! Du Dagur, ſollſt der Erbe aller meiner Liebe ſein!— Der da? Dagur? fragte Wittekind. Du biſt das junge Heldenblut, auf welches Oſtphalen ſtolz ſein darf? — Sehet hoch auf, ihr Mannen Germania's! Teuto⸗ niens Erde iſt heilig; der Frevel gegen die Natur iſt ein fremd Gewächs auf ihr, und der reine Boden duldet es nicht. Teutoniens Götter ſind gerecht; ſie vertilgen die Verbrecher; ſie belohnen das Edle und Schöne!— Verzweifelt nicht; ſeid fröhlich und danket den Göttern! Was Du gethan, Dagur, an dem Bruder Brun, vergel⸗ ten ſie Dirz denn ſie ſind wohlthätiger, als die Menſchen.— Er ging zur Pforte, und mit ihm trat herein Liota, ſchön wie das Frühroth, wenn es über einer Maienflur aufgeht, ſchöner durch Liebe und Entzücken. Das höchſte Glück hat keine Töne, ſich ſelbſt zu verkünden. Dagur um⸗ ſchlang ſie wie ein neugewonnenes, unſchätzbares Kleinod, und Brun legte auf Beider Häupter ſeine linke Hand wechſelnd, und ſein gehobenes Auge brachte dem Unſicht⸗ baren ein Gebet, ſo innig und heiß, als es nur Menſchen hinauf ſenden in das blaue Reich des Ewigen.——— Strafe ward allen Anhängern Rolfs; Künigund, die Verführerin des Sohnes, jagte man mit verſchnit⸗ tenem Haupthaare über die Grenze. Enge Freundſchaft umſchloß durch Liota's und Dagurs Bündniß die beiden deutſchen Nachbarſtämme, welche Wittekind, als König aller Saſſen, unter ſein ſchützend Schwert nahm. 420 Als dennoch der fränkiſche Carolus ſiegte, nahmen, nach des Ohms Beiſpiel, auch Dagur und Liota den reineren Gottesdienſt des Kreuzes an, und ſie herrſchten lange, veredelt noch durch die beſſere Lehre, in ihrem Gau, nachdem Siwar, im Gram über ſeines Kattwalds Verluſt, bald entſchlafen war; und ihre Milde ging über von Enkel zu Enkel, und wirkt noch fort nach Jahrhunderten in einem Fürſtenſtaate, der ein kleines, aber, wie die Voreltern, braves und tapferes deutſches Völkchen beglückt.* * Die Saſſen wohnten an den Uſern der Weſer; Kur⸗Braun⸗ ſchweig, Heſſen⸗Darmſtadt und Brandenburg waren ihre Urſitze. Sie theilten ſich in die Cherusker am Harz, die Brukterer oder Weſt⸗ phalen und Oſtphalen, die Angrivarier oder Engern. Die Katten wohnten auf der Grenze zwiſchen Nord⸗ und Süddeutſchland im jetzigen Heſſen. chszehnten VI. Jahrhunderts. „— — — — 6 4d *— — S Eine Kriminalgeſchichte des ſe —— 1. Dort, wo das Deiſtergebirge die Grenze mehrer norddeutſchen Fürſtenthümer macht, lag einſt in einem Thale, vom Bergwalde mondförmig eingekreiſet, ein Edel⸗ hof und ein freundliches Dörfchen; demüthig breitete ſich das Letztere im Grunde aus, unterthänig dem Erſteren, indeß die ſtattlichen, weißen Gebäude der Herren von der äußerſten Höhe des Thalwinkels herab ſahen, wie der Adlerhorſt vom Steine herab ſchaut auf die Flur, wo ſeine Beute im Buſch und Feld, dicht unter ſeinem ſcharfen Auge und ſeiner ſchärfern Klaue, das ſcheue Leben treibt. Am entfernteſten vom Schloſſe, im entgegengeſetzten Winkel des Thales, dicht am Waldbuſche, ſtand die letzte Hütte, die niedrigſte von allen, hinter dicken Flieder⸗ büſchen verſteckt, gleichſam aus Scham vor den anſehn⸗ lichern Nachbarn und der nahe vorüber laufenden Heer⸗ ſtraße. War jedoch das Hüttchen enge und niedrig, und ihr Dach bemvost und altersgrau, der Raum umher war reinlich und in beſter Ordnung; da verpeſteten keine Düngerhaufen die Luft; da ſtand kein grüner Schlamm⸗ ſumpf vor dem Eingange; ſchneeweißes Federvieh ſpa⸗ zierte im Hofe, wenn auch der ſtolze Sultan nur ein Dreiblatt ſchöner Hennen befehligte; zwei weiße Tauben⸗ paare trieben ſich murrend auf dem Gebälke umher, 424 und ein hoher Storch ſchauete aus ſeinem breiten Neſte, welches faſt ſo groß war, als das ganze Hüttendach, ernſt und majeſtätiſch, gleich einem ſchützenden Schirm⸗ herrn, auf das kleine Gehöfte herab, und klapperte ſein warnend Wächterlied gar ehrbar in den friſchen Mor⸗ genwind hinaus. Ein Gartenſtückchen lag, gleich gut gehalten, zur Seite; im Holzzaune fehlte kein Pfahl und kein Dorngeflecht; die kleinen Gemüſefelder ſtanden ohne Unkraut, grün, friſch und voll; und ein rundes Fleckchen, mit Raſen umlegt, trug einen Roſenſtock und einen Kranz einfacher Blumen, und der ſchmale Sitz daneben, unter dem einzigen Apfelbaume, verkündete das Lieblingsplätzchen der Gärtnerin. Der erſte Strahl des Johannestages ſtreifte jetzt ſchräg an den Gebirgen hin. Ein kühler Zugwind ging durch die laue Nacht, und die Waſſerlilien am Weiher ſchwankten vor ihm. Der Storch ſchritt von dem Reſte vor, zum Dachgiebel, und klapperte ſein Weckzeichen, und drinnen meckerte die ihm antwortende Ziege; da öffnete ſich leiſe die obere Hälfte der kleinen Hausthür, und Flachshannchen ſteckte das Köpfchen heraus und ſah ſich nach dem Wetter um. Wolkenfrei glänzte es im Oſten hell und rein, wie der Jungfrau Auge, und ſie ſtützte die Ellenbogen der weißen Arme auf den Rand der Unterthür, faltete die Hände und ſprach leiſe ihr Morgengebet. Indeß ſie mit dem Himmel redet, iſt es uns vergönnt, ſie ungeſtört zu betrachten.— Hannchen Horn, Flachshannchen im Dorfe genannt von den Frauen, weil ſie den beſten Flachs zu bereiten wußte und zugleich die geſchickteſte Spinnerin war; von den jungen Burſchen alſo genannt wegen ihres wunder⸗ ſamen weißgelben Haares, das vlank und ſeiden, wenn ——— ————————— —,— 425 ſie es aus den hundert Flechten löſete, im üppigſten Reichthume bis zu den Knieen herab hing; Hannchen war einer Wittwe Kind, und der Zufall hatte wenig für ſie gethan. Keine reich tragende Felderflur, kein ſtolzer Viehſtand war ihr Erbe; dennoch ſchauten die reichſten Meiersſöhne auf ſie, denn ſie galt für das netteſte Mädchen im Dorfe, und die dürftige Umgebung ge⸗ wann durch ihren Fleiß und ihre Ordnung einen Reiz, der den ſchönſten Beſitzungen anderer Dörfler mangelte. Hannchen war achtzehn Jahr alt, und blühete ſo voll und farbig, daß, wer ſie ſah, den Wunſch nicht unter⸗ drücken konnte, dieſe Blume in ſeinen Lebensgarten zu verſetzen. Nicht hoch prangte des Mädchens Wuchs, aber voll Ebenmaß und friſcher Fülle; trotz der ſchwe⸗ ren Arbeit, denn ſie führte den kleinen Haushalt allein, glänzte ihre Haut in Lilienweiße, und das lieblichſte Morgenroth der Jungfräulichkeit lag auf ihren runden Wangen, deren Grübchen, wenn der kleine Mund lachte und die reinen Zahnreihen blicken ließ, der Männerfrei⸗ heit zum gefährlichen Netze wurden. Ein großes him⸗ melblaues Augenpaar, welches freundlich und vertrauens⸗ voll in die Welt blickte, und ein feines Räschen, das wenig nur aufgeſtutzt dem Geſichte einen gar eigenen Reiz von Schalkheit aufdrückte, vollendeten eine Schön⸗ heit, die vielleicht kein Raphael, kein Titian zu kopiren gewürdigt, die aber Van Dyk's Naturpinſel mit Liebe und Glut nachgebildet haben würde. Doch des Mädchens Gebet war zu Ende, und die Thür öffnete ſich ganz, und ſie trat heraus, und Hühner und Tauben flogen der Wohlthäterin zu, die aus einem irdenen Geſchirre den Regen goldener Körner über ſie ausgoß. Mit dem Wohlgefallen des Mitgefühls ſah ſie 426 auf die flatternden Thiere, nickte hinauf zum Dache dem Storche zu, blickte mit dem ſcharfen Auge der Schamhaftigkeit, indem ſie ſich auf den Zehen erhob, über die Verzäunung, und trat, da ſie die dämmernde Gegend noch gänzlich leer fand, aus dem engen Hofe heraus auf den Wieſenplatz, wo an der Straße ein großer Teich ſeinen dunkeln Spiegel ausbreitete, und im Strichwinde Kräuſelwellen gegen das Ufer trieb. Ein Gebirgsbach ſtürzte ſich von Höhe zu Höhe in kleinen Katarakten herab, und füllte das weite Becken des Tei⸗ ches; dicht an Hannchens Gehöft floß er langſamer und ſanfter murmelnd wieder aus dem Becken heraus, durch⸗ ſchnitt dann die Landſtraße, und ſenkte ſich in die Thä⸗ ler, ihnen Frucht zu bringen. An dieſem Ausfluſſe, wo blanke Kieſel durch das ſeichte Waſſer ſchimmerten, und wo der Schilfkranz von gelben und blauen Waſſerlilien, welche des Teiches Ufer trug, aufhörte, und nur das weiche, blaue Liebesblüm⸗ lein in üppiger Trift wucherte, an dieſem neuen Urſprunge des Baches machte die Jungfrau Halt, und hob das feine rothe Röckchen mit den zierlich genäheten Falten um Hüften und Schooße und der ſchmalen hellgrünen Borde bis über die ſchimmernden runden Knie, und ſchritt dreiſt mit den nackten kleinen Füßen in die kühle Flut hinein, und ſpülte mit Behagen die runden Glieder im friſchen Waldwaſſer. Dann beugte ſie ſich nieder, indem ſie die langen Flechten des Blondhaares zu⸗ rück zum Nacken warf, und badete die gewölbten kräf⸗ tigen Arme, und das glänzende Augenpaar und die glatte Stirn und die volle Mädchenbruſt, die nur vom weißen Hemdchen gefeſſelt wurde, und deren lebenskräf⸗ tiges Drängen weder Tuch noch Mieder feſſelte.— Hätte — 427 Gott Apoll im chriſtlichen Lande noch ſein ärgerliches Weſen treiben dürfen, wie würde er auf ſeinem ſchnell⸗ ſten Lichtſtrahle zur Erde herabgeſchoſſen ſein, dieſe Scene zu belauſchen, und die lieblichſte Unſchuld durch ſeine göttliche Unverſchämtheit, welche unſere ſtädtiſchen Jung⸗ herren vom olympiſchen Zierbengel ererbten, zu erſchrecken. So war es aber kein Gott, kein Adon der Reſidenz, deſſen zarte Schmeichelſtimme die Jungfrau erſchreckte, ſondern ein grobes: Glück auf! mein munteres Waſſer⸗ hühnchen! was aus dem Haſelbuſche jenſeits des Teiches rauh und im tiefſten Baſſe erſcholl. Mit einem grellen Schrei ließ die badende Nymphe das rothe Röckchen fallen aus der linken Hand, ſo daß der ſaubere grüne Rand den Wellenſchaum trank; rückſpringend, mit bei⸗ den Armen Buſen und Geſicht deckend, warf ſie, als wolle ſie wie Igel und Schnecke ſich in ſich ſelbſt ver⸗ bergen, ſich nieder am ſchilfigen Teichufer, und die ſcharfen Schwertblätter ſchnitten in die feine Haut, als ſäße unſichtbar ein lüſterner Waſſergott dahinter, und nähme den ſeltenen Augenblick wahr, die reinſte Bruſt zu küſſen und mit haſtiger Begier das keuſcheſte Blut einzuſaugen. Nun, Bäschen, Bäschen, reitet Dich der Henker, daß Du meine alte Stimme nicht erkennſt, und wie vom Donnerſchlage darniederliegſt? fragte die Baßſtimme halb launig, halb beſorgt, und die erſchrockene Dirne richtete ſich langſam und ſcheu umblickend aus dem Schilfbett empor, zog das weiße Hemdchen hochauf bis über den Hals zum Kinne, und, glühend wie das Mor⸗ genroth ihr gegenüber, fragte ſie tief Athem holend: Iſt Er es, Herr Ohm? und Er erſchreckt die Leute ſo früh? 428 Der Mann mit der Baßſtimme ſtand jetzt auf der Holzbrücke, welche über den Bach führte, und Hannchen betrachtete ihn mit wachſendem Erſtaunen, wie er einen ſchwer beladenen Schubkarren mit bunten Töpferwaaren hinter ſich her zog und ihrem kleinen Hofthore rüſtig zuſchritt. Der Ohm war ein kraftvoller, brauner Mann mit herkuliſchen Gliedern. Sein kurzes, dunkles Haar, hier und da grau gemiſcht, kräuſelte ſich wirr und wüſt um ein hellbraunes, markirtes Geſicht, das durch tief⸗ liegende, finſtere Augen und buſchichte Augenbraunen etwas Abſchreckendes und Gefährliches bekam. Der große Mann trug über dem Zeuge das blaue Leinenhemd der Fuhrleute, dazu hellblaue Strümpfe mit rothen Knie⸗ bändern und einen großen, niedergeſchlagenen Hut von Filz, der ſein Geſicht beſchattete. Wie er ſeinen Schub⸗ karren daherzog, ging er, unter dem gekreuzten Zug⸗ riemen der Schultern gebückt, wie vom Alter zuſam⸗ mengedrückt; als er aber am Hofthore mit der flinken Dirne, die neugierig ihm entgegen eilte, zuſammentraf, richtete er ſich hoch auf, und ſtand kerzengerade in mili⸗ täriſcher Krafthaltung vor ihr, und ſah ſie wildfreund⸗ lich an. Mit Kopfnicken reichte ihm Hannchen die kleine Hand; er aber drückte ſie derb, und ſprach dabei in einem ſeltſamen Tone von Laune und Unwillen: Noch⸗ mals Glück auf, Bäschen! Gottes Wunder erthun ſich an Dir, und die dort auf ihren Schlöſſern und in ihren Faulbetten von Seide und Sammet können an Dir und Deinen runden Wangen erlernen, daß ſaure Arbeit und magere Koſt, wenn der Herrgott darüber waltet und die Bruſt ohne Gewiſſenskrebs iſt, den Leib friſcher auf⸗ blumen laſſen, als ihre franzöſiſchen Küchen und ihre ſpaniſchen Weinfäſſer. Aber die Herrlichkeit zu vor —————— 429 hochgeborenen Augen, Bäschen! Hätte ein ſolcher Sternherr hinter dem Hollunder geſteckt, ſchwarze Flecken hätten ſeine grüngiftigen Augen auf Deinen weißen Hals ge⸗ brannt, und alte Geſchichten wären wieder von vorn angegangen. Ich verſtehe Ihn nicht, Herr Ohm! entgegnete Hannchen unſchuldig; aber ſage Er nur zuvor, wie Er in den blauen Kittel kommt? Der hübſche grüne Sol⸗ datenrock, den Er ſonſt immer trug, ſtand Ihm doch weit netter. Es iſt ihm doch kein Unglück zugeſtoßen? ſetzte ſie mitleidig hinzu.— Du meinſt ſo ein wenig Gaſſenlaufen, ſo eine Pro⸗ foßgeſchichte, die das Menſchenkind mit Ochs und Eſel gleich ſtellt, erwiderte der große Mann lächelnd. Nein, Bäschen, dafür iſt Wolf Werner zu klug geworden durch Schaden und Pein. Laß den blauen Kittel in Ruh, und kümmere Dich nicht. Hätteſt mich geſtern ganz anders ſehen können auf der Kirmeß drüben zu Forellenſpring, in der großen Bude, als Doktor Bombaſtus mit meinem bunten Hanswurſte. Doch davon mehr das nächſte Mal! Die Sonne gafft ſogleich über den Sauberg, und ich muß, ehe denn es lebendig wird auf der Straße, in das Gebirg und über den Grenzpfahl. Iſt Schweſter Stiene ſchon auf, ſo rufe ſie her. Die Mutter iſt wieder gar krank worden, ſeit Er nicht hier war, antwortete Hannchen traurig. Die ganze Nacht hat ſie das böſe Weſen gehabt, und ihre Augen find wieder roth wie die glühende Ofenplatte, und bren⸗ nen ſo trocken, daß ihr Winſeln ein Jammer iſt für Jeden, der es hört. Mit dem Morgen iſt ſie einge⸗ ſchlafen, und Er darf das Mütterchen jetzt nicht ſtören. O du Geier auf dem Pfaffenhofe dort oben! fuhr 430 Wolf donnernd auf, ſo daß das Mädchen zurückfuhr; deine Sünde muß dieſe mittragen bis zum Grabe, als wenn der Herrgott todt wäre und der Himmel ein ödes Königshaus. Aber du bezahleſt mir die Thränen, die dieſe Augen roth brannten; du bezahleſt mir den Schreck, der dieſe geſunde Natur mit dem Fluche der Beſeſſenen verſchändete; du bezahleſt mir Alles, und ich ſchreibe mit ſcharfer Kreide die Schuld nach, und ſollte auch drob die Seele zum Teufel fahren!— Ohm! Ohm! ſchrie das Mädchen; was ſpricht Er da? Gott ſei ihm gnädig hier und dort!— Das verſtehſt Du nicht! zürnte der Alte heftig fort. Und bleib' Du auch nur davon, weit, weit davon! Du ſollſt das fromme Händchen nicht daran verbrennen.— Er kramte in ſeinem Karren, und ſuchte Päckchen und Büchſen hervor unter dem Geſchirr. Da, nimm! ſagte er. Gib die Salbe der Mutter für die böſen Augen, und dieſer Pulver täglich drei in Waſſer; auch dieſen Spiritus zum Waſchen der krampfigen Gliedmaßen. Und da iſt ein Beutelchen mit Geld; nehmet davon, ſo viel Ihr bedürfen möget. Und dieſes Päckchen verſchließe ſorgſam in Deiner nußbaumenen Truhe, und hege mir's heimlich, bis ich's wieder begehre. Und nun Glück aufk Nächſten Tags ſpreche ich mit der Nacht wieder vor bei Euch!— Er wollte fort; doch Hannchen faßte ängſtlich ſeinen Arm und ſagte: Geh' Er nicht fort, lieber Ohm, bis Er mir geantwortet! Er iſt ein ſo braver Menſch, und thut uns ſo viel Gutes, und bei der Muiter Krankheit müßten wir ohne Ihn verkommen, trotz meines Fleißes und meiner Sparſamkeit. Dabei weiß Er Alles, von der Welt und den Menſchen und fernen Ländern, und 431 kennt jedes Heilkraut, daß Er mir oft wie ein Wunder⸗ mann vorkommt. Warum verſteckt Er ſich denn immer, und thut ſo heimlich? Warum kommt Er nur des Nachts über die Grenze zu uns, und in ſo verſchiedenen Klei⸗ dern? Warum iſt Er ſo wild und wüthig, wenn Er von dem Edelmanne ſpricht, und von Allem was auf dem Herrenhofe wohnt?— Aus dem Päckchen hier ſchauet ein rother Scharlachrock, und viele Goldtreſſen ſitzen daran; und das Beutelchen iſt ganz voll blanker Kai⸗ ſergulden. O, Herr Ohm! Er iſt doch nicht ſchlimm, und geht doch nicht etwa auf böſen Wegen? O, dann möchte ich lieber, Er käme gar nicht zu unſerm from⸗ men Dache, und ich wollte lieber in den Herrenſtall gehen um kargen Lohn, und miſten und melken darin; ja, wollte lieber Hunger leiden, als böſes Geld von Ihm nehmen, das Ihm die Seligkeit und den Himmel koſtete.— Närrchen! ſagte Wolf lächelnd, und klopfte ihr die runden Wangen. Gräme Dich nicht! Für mich iſt ge⸗ ſorgt. Ich gehe Pflichtwege, wenn auch nur durch die menſchenfeindliche Nacht. Eide muß man halten, wenn ſie auch das Schwerſte fordern, und was ich thue, ſchwor ich Deinem Vater zu, als er auf dem Herren⸗ hofe ſtarb im Hundeloche, auf faulendem Stroh und beim ſtinkenden Waſſerkruge; was ich thue, ſchwor ich der armen Marie zu, als ſie im Siechenhauſe einen Gewiſſen verfluchte, und mit dem Fluche zu Gott ging, der ſie durch den Tod aus den Klauen der Menſchen rettete, die ſie todtwund geriſſen hatten.— Die armen Blutsfreunde! ſeufzte Hannchen. Ich habe ſie beide kaum gekannt, und muß doch immer weinen, wenn Er oder Mutter Stiene davon reden!— 432 Weine Du, Bäschen, und bete! ſprach Wolf, Ab⸗ ſchied nickend. Du biſt ja ein Mädchen. Wo Weiber beten, muß der Mann fluchen; wo Weiber weinen, muß der Mann darein ſchlagen. Ich muß aufbrechen, denn die Kühe brüllen in Hans Bulls Hofe, und die Milch⸗ eimer raſſeln. Grüße die Mutter, und ſage ihr, der Wer⸗ ner ſei munter, und des Böſewichts Grab ſei offen!— Dahin ging er mit ſeinem Schubkarren, raſch und weitſchreitend; Hannchen ſah ihm bis zum Walde nach, dann trug ſie das Anvertraute in die Hütte, kam züchtig verhüllt mit dem Halstuche zurück, ließ die gefleckte Ziege aus dem niedern Stalle, und kauerte ſich nieder, indeß das Thier ihr mit dem knotigen Kopfe und dem bärtigen Kinne auf pofſiyr! Weiſe liebkoſete, die lieb⸗ liche Melkerin aber die Milch aus dem ſtrotzenden Euter in das reinliche Eimerchen ſtrich. 2. In dem Nachbarhofe erhob ſich an der Bretterwand, welche ſtatt Zaunes diente, eine ſeltſame Figur, und ſchaute behaglich mit wackelndem Kürbißkopfe, wie der Polichinello unſerer Märkte in ſeinem gehenden Theater, über die Befriedigung heraus. Hans Bull hieß das widrige Menſchenkind mit den dürren, ſchlotternden Ge⸗ beinen, mit dem von den Blattern zerfetzten Angeſichte und mit dem ſtruppigen, einer ſtarren Hechel gleichenden Haarwulſt, von dem die ſchmutzige blaue Strumpfmütze ſchief herabhing. Im Dorfe trug der häßliche Burſch den Spottnamen Bullklages oder Knecht Ruprecht, den Namen des Geſpenſtes, womit man die Kinder um Weihnachten zu ſchrecken pflegt. Schmunzelnd ſah das Zerrbild herab in das freundliche, tiefer liegende Gehöfte 433 der Stiene Horn, und als der Hans das niedliche Hann⸗ chen in der zuſammengekauerten Stellung neben dem feinhaarigen, muntern Thierchen erblickte, verzerrte ſich ſein Geſicht noch mehr in ſeltſamen Zuckungen, die vom großen Munde aus zum breiten Ohre hinauf pfeilſchnell wie Blitze fuhren, und beſtändig die erwachte Leidenſchaft⸗ lichkeit dieſes menſchlichen Unthieres anzudeuten pflegten. Na, Jungfer Hanne! blöckte er mit widerlicher Stimme, die Milch iſt heuer recht fett und vollauf da; und ſoll ich Ihr rathen; ſo backe ſie noch heute die Braut⸗ kuchen damit, wonach mich ſchon gar lange leckert.— Für wen denn im Dorfe? fragte die Melkerin ſchnip⸗ piſch, nachdem ſie nur mit einem ſchnellen Blicke zu ihm hinauf geſehen.— Für wen? frage Sie hoch lange! entgegnete der Kürbiskopf, und dehnte ſich noch bequemer und breiter aus auf ſeiner Wand: Für wen denn anders, als für Sie und mich. Hab ja ſchon ein volles Jahr um Sie gefreit. Die Hofſtellen ſtoßen an einander; Ihre Ziege und mein Zugochſe freſſen von einem Anger.— Und da meinet Er, wir Beiden könnten auch aus einer Schüſſel eſſen? fiel Hannchen böſe ein; aber da irret Er gar arg. Sein Geſchirr iſt mir längſt nicht ſauber genug, und Er mag ſich eine Braut auf dem Jahrmarkte in der Bude ſuchen, wo die Hampelmänner und Nußknacker ausſtehen.— Dunkelroth wurde das Popanzgeſicht auf der Wand⸗ Na, warum höhnet Sie nun wieder? fragte er mit zuſammen gekniffenen Augen. Hans Bull meint es ehr⸗ licher, als der junge Windſack, der Lüet vom Edel⸗ hofe, der hinter fremden Pferden in das Feld zieht„und Blumenhagen. V. 28 434 der Nichts hat, als was ihm der Junker zuwirft, wie Broſame den Hunden. Und wüßte es der hochmüthige Herr Leibknecht nur, wie der Junker Klaus Ihr nach⸗ ſteigt, und wie der Herr Rentmeiſter als ein Truthahn kollert, wenn er an Ihrer Kothſtelle hinmatſchelt, er würde ſich ſchämen, mit Ihr am Maienbaume zu tanzen.— Hannchen fuhr in die Höhe, willens, ihren Milch⸗ eimer dem Schmäher an den ſtruppigen Katerkopf zu ſchleudern, doch ſchon hatte der Zufall einen andern Rächer hergeführt, und des Rentmeiſters langes ſpani⸗ ſches Rohr tanzte weidlich und derb auf den Schulter⸗ blättern und den Schenkeln des ſparlenden Bauerburſchen umher, der aus Furcht, die derben Schläge möchten Ge⸗ ſicht und Hände treffen, ſtill halten mußte auf ſeinem Marterbrett, bis es ſeinem Züchtiger gefiel, einzuhalten. Thut ſich der Bengel über ſeine edle Gutsherrſchaft und hohe Obrigkeit mokiren, rief der alte Herr wie außer ſich, und immer tüchtiger zuſchlagend, und der Faulpelz hat dazu heute Herrendienſt, und ſollte längſt mit ſeiner elenden Fuhr am Schloſſe halten? Aber ich will Euch mit Skorpionen züchtigen, da die Schlangen nicht mehr beißen wollen.— Höchſt komiſch war die Stellung, in welcher bald darauf der ſpinnenbeinige Hans Bull dem geſtrengen Derrn Rentmeiſter gegenüber ſtand. Ueber des Armen Antlitz flogen die ſeltſamſten Zuckungen; ſeine großen, rauhen Hände rieben bald Schenkel, bald Schultern, und ſeine Blicke hafteten wie feſtgezaubert an dem blanken, mit goldenem Knopfe verzierten Rohrſtocke, welcher, nun in Ruhe geſetzt, vor dem Reſpekt fordernden Feinde pa⸗ radirte. Der Rentmeiſter war ein feiſter Graukopf, mit einer roth glühenden Vogelnaſe und kupfrigen Wangen 435 Er glich einer aufrecht geſtellten Schildkröte, denn zwei Drittheile ſeines Körpers machte der Hängebauch aus, den die kurzen, dicken Beine kaum tragen konnten. Ein kleiner mit Treſſen beſetzter Hut, eine lang über die Bruſt hangende weiße Halsbinde, eine grüne Weſte mit bunter Stickerei, ein brauer Rock mit goldbeſponnenen großen Knöpfen, Knie⸗ und Schuhſchnallen mit böhmi⸗ ſchen Steinen beſetzt, gaben in der Bauern Augen dem Manne ein königliches Anſehen, und er war der Don⸗ nergott im Dorfe, ſeitdem der Edelmann am langſamen Siechthum darnieder lag. Aber, Herr Rentmeiſter, Er ſchlägt ja ſchärfer, als der Frohn ſelbſt, ſagte Hans Bull, als er den Rohrſtock perpendikulär gerichtet ſah; und halb trotzig ſetzte er hinzu: Bei uns zu Lande hieß es bislang: erſt unter⸗ ſucht, und dann gehangen.— Willſt Du ſchweigen, Tölpel! rief der Miniſter vom Pfaffenhof, ſich den Schweiß der Execution abtrocknend. Haben wir nicht mit eigenen Ohren Deine Blasphemie gehört? Bedanke Dich für die Ehre, daß unſere venerirte Hand Dich abgeſtraft. Ueberhaupt nicht räſonnirt, und die Zugochſen angeſpannt. Der gnädige Herr hat eine beſondere hohe Wuth bekommen, die Kapelle über dem Erbbegräb⸗ niſſe ſeines erlauchten Stammes fertig gebaut zu wiſſen, darum müſſen alle Pflichtigen heran zur doppelten Ar⸗ beit. Räſonnire nicht, ſag' ich! Ueberhaupt hätte der Herrgott euch Bauernvolke gar keine Zunge, aber ein Dutzend derber Arme und Fäuſte geben ſollen. Hier an der Dorfecke hauſet beſonders alles Geſindel und Unkraut der Herrſchaft. Man wird beſſer aufpaſſen, als bislang geſchah. Die beſten Pferde fallen im herrſchaftlichen Stalle ohne Krankheit; die Herrenſcheuern brennen 436 nieder ohne Blitz vom Himmel, und wenn auch Niemand die Stallleuchte hinein trug: im Schloßgarten werden die Rebgeländer zerriſſen, die Fontänen verſtopft, die Blumenterraſſen niedergetreten trotz aller Nachtwachen des Gärtners; dem Leibfalken des Herrn ſind die ſchönen Augen blind geworden im Käfig, und der Edelherr ſelbſt zehrt ab, ohne daß der Bader die Krankheitsurſache zu finden vermag. Teufelsſpuk iſt's; Hexenwerk vom Blocks⸗ berge her, denn gerade in der letzten Mainacht ging das Uebel an. Hier iſt der Kreuzweg, der einzige in der Gegend; dort ſteht der alte blitzzerſchmetterte Zauber⸗ baum, die verwünſchte Steineiche, an der es umgeht und wo jede Nacht der Kauz heult und der Währwolf; hier herum wohnt das Hexenvolk. Schaueſt Du dort am Teiche den verkohlten Pfahl, woran die alte Lieſe brannte und zur Hölle fuhr? Das kann Dir auch werden, denn Du ſiehſt eben aus wie ein Satanskind und ein Hexen⸗ gevatter.— O du mein Herrgott, Herr Rentmeiſter, wie kann Er ſprechen! rief Hans Bull ganz erſchrocken. Ich bin gewiß und wahrhaftig ein Gotteskind, und wenn es hier herum Jemand gebe, der tövern kann, ſo muß es die alte Stiene ſein; denn die hat blutige Augen, und wird vom böſen Geiſte herum geriſſen, daß wir in unſerem Bett ihr Jammern hören. Da frage Er einmal nach, wenn ſeine Naſe Schwefelgeſtank ſucht; da wächst der Apfel im Garten dreimal ſo dick als bei uns; da gibt die lumpige Ziege mehr Milch als zwei Schloßkühe, und wo das Geld herkommt, und der gute Rock, das erklärt ſich Niemand, wenn es nicht der Drache durch den Schornſtein bringt.— Mit Eilfertigkeit, die an ihm ſelten war, ordnete der — —N 437 Burſch ſein Fuhrwerk. Der dicke Rentmeiſter warf auf die ſchöne Melkerin einen Blick, in welchem ſich aber keine Spur von Zorn finden ließ; dann ging er gemäch⸗ lich langſam in das Dorf zurück. Hans Bull ſah ihm höhniſch nach und ballte die Fauſt; Hannchen aber, die aufmerkſam Alles erhorcht hatte, ſank in die Knie, und betete mit aufgehobenen Händen leiſe: Herr, vergib uns unſere Schuld, wie wir vergeben unſern Schuldnern.— 3. Das Schloß Pfaffenhof war einſt ein Mönchskloſter geweſen. Der Uebertritt des Landesherrn zur reformir⸗ ten Lehre bewirkte die Aufhebung deſſelben, und faſt hun⸗ dert Jahre ſchon beſaßen es ſeitdem als Dienſtlehn die Nachkommen eines wackern Feldoberſten, und ſchrieben ſich die Herren von Scharf zu Pfaffenhof. Das Herrenhaus beſtand aus einem wohlerhaltenen, weitläu⸗ figen gothiſchen Gebäude, einer Feſtung gleich, mit großen und kleinen Thürmen verſehen, und mit einer derben Ringmauer umgeben, zu deren Thore eine dichte Eſchen⸗ allee durch einen terraſſenweiſe angelegten holländiſchen Luſtgarten hinauf führte, welchen ein tüchtiges weiß be⸗ maltes Gatterwerk einſchloß. Laute Freude, die oft in ein ausgelaſſenes Zechgelag ausartete, fand man einſt als heimiſch im Schloſſe, denn der Freiherr liebte Jagd, Spiel und Becher, und um ihn her bildete der Adel der Gegend eine Genoſſenſchaft, die oftmals Monden lang ſein gaſtfreies Haus als Hei⸗ math anſehen durfte.— Aber ſeit einem Jahre etwa hatte ſich Alles auf dem Pfaffenhofe unbegreiflicherweiſe umgeſtaltet. Der Herr von Scharf kränkelte ſeitdem, war ein Grillenfänger und Zänker geworden, der alle 438 Freunde von ſich trieb; der ſchönſte Johannesberger, der leckerſte Wildbraten ſchmeckte ihm nicht mehr; Körper und Geiſt ſchienen heimlich zu leiden; Feuer brannte auf den Wangen wie Jugendroſen, aber die Augen fielen ein, hohl und geſpenſterhaft, das Mark der Gebeine dorrte aus, und bald mangelte ihm jede Kraft, ſein muthiges Leibroß zu beſteigen, oder mit der Büchſe die Waldung zu durchſtreifen, Vergnügungen, die allein noch ſeinen rauhen, finſtern Sinn erheitert hatten. Frau von Scharf, eine ſteife Reifrocks⸗ und Poſchen⸗ Dame, nach der Mode der Zeit, litt unendlich durch dieſe Aenderung der einſtigen Lebensweiſe ihres Gemahls, denn nur als Vorſitzerin an ihrer ſilberbedeckten Tafel, oder im zierlichen Kreiſe der Edeldamen und Fräulein hinter der Theemaſchine konnte ſie ſich gefallen; Kranken⸗ wärterin im einſamen Schloſſe zu ſein, ſchien ihr eine Vorhölle, nicht weniger quälend, als die wirkliche; und ſie ließ es bei dem Junker Klaus, ihrem einzigen, zwanzigjährigen Stammhalter, weder an Aufforderungen, noch an Geldvorſchüſſen mangeln, damit er ſich als Stellvertreter des kranken Vaters feſtſtellen, und auf dem Seitenflügel, den er allein bewohnte, das alte Le⸗ ben zu Pfaffenhof, wie es der ganzen Gegend rühmlichſt bekannt war, wieder erwecken möchte. Junker Klaus machte das Sprichwort vom Apfel und Baume unwahr; er liebte weder die wilden Freuden des Vaters, noch die ſteife Geſelligkeit der Mutter. Gern übte er das Waf⸗ fenſpiel; ein arabiſch Roß, welches der Vater ihm zu Weihnachten geſchenkt, war ſein Lieblingsthier; er zog mit Lüet, ſeinem Leibknechte, gern in den Walp zur muntern Jagd. Aber er ſuchte nicht Händel bei Spiel und Weingelage; er martete nicht ſein Roß im tollen 439 Wettrennen oder bei der halsgefährlichen Parforcejagd; er ſchoß nicht nach der trillernden Heidlerche oder der feinen Hirſchkuh, die, um ihr Kälbchen beſorgt, ſich dem Schuſſe darbot; doch den verheerenden Eber fing er gern ab mit ſtarker Hand, und dem räuberiſchen Wolfe ſtellte er unermüdlich nach, wie es ſeine Ahnherren gethan, welche einen Wolfskopf mit ſcharfem Gebiß im Schilde führten. Gefiel der Edeldame als Frau die ſanftere Gemüthsart des Sohnes um ſo mehr, je weniger Zar⸗ zs ſie von ihrem Eheherrn gewohnt war; gewann die fomme Ehrfurcht, mit welcher der Junker ſie behan⸗ dilte, täglich mehr ihr Mutterherz: ſo wurde ihr alt⸗ adliger Sinn, gerade ſeines milden Gemüthes wegen, ſeit Monden um ſo mehr durch eine Furcht gequält, die der ſchwatzhafte Rentmeiſter und die weibliche Diener⸗ ſchaft des Schloſſes hineingeſchwärzt hatten. Auch im Schloſſe war die Lieblichkeit des armen Flachshannchens wohl bekannt. Die Edelfrau begegnete ſelbſt einige Male der blonden Dirne, als dieſe die Gefälle von ihrer klei⸗ nen Kötherei auf die Rentmeiſterei trug, und auch ſie hatte die Reinlichkeit und freundliche Anmuth der Jung⸗ ftau zugeſtehen müſſen. Jetzt vernahm ſie, daß Junker Klaus, wenn er ritt oder jagte, oftmals an der Hütte Lr alten Stiene Horn anhielt; daß er unter dem Apfel⸗ haume das Glas friſche Milch nicht verſchmähte, wenn zs Hannchen ihm kredenzte; ſie hörte, wie der Junker verboten, nach den wilden Enten zu ſchießen, welche im hilfigen Teiche häuſig niſteten, und zwar, weil Flachs⸗ hennchen die bunten Thiere liebte, und ihre gelbbe⸗ flaynte Brut zu füttern pflegte; heimlich vertrauete ihr ſogi die alte eitle Kammerfrau, eine Art Duenna des Schliſſes, daß des Junkers Leibdiener, der Lüet, Abends 440 die Horns häufig zu beſuchen pflege und wahrſcheinlich den Liebesboten des Junkers mache. Liſtig, wie die Eventöchter alle, wagte ſie nicht, mit dem edlen Stamm⸗ halter ihres Hauſes darob zu ſchmälern und zu eifern, denn ſie fürchtete, daß alsdann die gelüftete Glut um ſo verheerender ausbrechen möchte; aber ſie umſtellte den Junker mit Spionen und Aufpaſſern, ſie ſandte ihn auf die nächſten Edelhöfe, wo es der hübſchen Fräulein mehre gab, und ſie ſprach laut von ſeiner Vermählung mit einer ſchönen Gräfin, welche gar reich, und der Scharf⸗ ſchen Familie verwandt war. Der Junker hörte ruhig die Wünſche der Mutter ausſprechen, ſein Benehmer blieb ſich gleich, und da er nichts erwiderte, triumphine die kluge Dame, und ihre Furcht nahm täglich ab. Die Nacht brach an, und die ſchmalen, langen und hohen Gänge im Schloſſe Pfaffenhof bevölkerten ſich mit ſeltſamen Schattengeſtalten, die durch das ſchwache Mond⸗ licht und die bemalten Scheiben der gothiſchen Spitz⸗ bogenfenſter geboren wurden. Das Blei der Fenſter ſaß nicht allzu feſt; und ſo kam es, daß durch den Wind, der die Scheiben bewegte, auch jene Schatten beweg wurden, und Gallerien und Treppen des Schloſſes mit leicht vorüberhuſchenden Geſpenſtern erfüllt ſchienen, die zu der nächtlichen Oede ein Leben brachten, welches allen Schloßdienern gar gräulich erſchien. Nur im Zimmer des Schloßherrn, das im rechten Flügel lag, fackelte Licht, und nur hier war es laut und lebendig. Der Derr von Scharf lag lang geſtreckt auf dem Faulbette in böſen, nagenden Schmerzen. Seine Geſtalt war zun Gerippe vertrocknet; die Haut hing vergelbt und ſt/if wie Mumienhaut auf den langen Händen und auf dem fleiſchloſen Angeſichte, deſſen ſcharfen, einſt ſchönen Zäge, —— 441 eine Adlernaſe und große, runde Augen, unter ſchwar⸗ zem Haare, das ganze Bild des Kranken noch greller und ſchrecklicher machten. Kalter Schweiß perlte auf ſeiner Stirn, den mit weißen Tüchlein die Edelfrau ſorg⸗ ſam abzutrocknen ſuchte, und am Bette ſaß Junker Klaus, des Vaters kalte Hand haltend, die ſich in Angſt und Schmerz krampfhaft um die warmen Finger des friſchen Jünglings klemmte. Zur Seite, am Tiſchchen voll Me⸗ dizinflaſchen, ſtand der Dorfbader, miſchte einen dam⸗ pfenden Umſchlag und füllte einen Verband damit. Wo bleibt er? rief der Schloßherr mit ſtarren Bli⸗ cken. Die Nacht zieht heran, die fürchterliche, mit ihren Feuerträumen und ihren ſteinernen Geſtalten, die nicht weichen, man bete oder fluche ſie zur Hölle. Bringt Lichter, mehr Lichter, daß ich die Sonne nicht vermiſſe, die mein einziges Labſal iſt— Geduld, mein gnädigſter Herr! bat der Bader. Neh⸗ met den Umſchlag und die Pülverchen; es wird helfen, mit Gott wird's beſſer werden.— Geht zum Teufel mit Euern Quackſalbereien! ſchrie heftig der Kranke. Ihr habt mich ein Jahr gequält, Nepomuk, und nichts ausgerichtet. Nur er kann helfen, er, der Wundermann. Er kennt mein Uebel. Sobald er mich erblickt, ſo gehen Fieber durch mich hin, die den Schmerz ausſtoßen, und ſobald ich ſein Geſicht anſchaue, das mir ſeltſamer Weiſe fürchterlich und lieb zugleich iſt, dann vergeſſe ich das Weh, und mein Blut wird warm in den ſtarren Adern, und das gibt mir einen Traum, eine Hoffnung von Aufleben und Wiederauf⸗ blühen. Laßt Pferde ſatteln, ſendet Leute aus, daß ſie ihn ſuchen im ganzen Lande! Er wollte heute wieder einſprechen, heute, und bald iſt der Tag an ſeiner — —— * . „ 442 Mitternacht. Hält mir denn Niemand ſein Verſprechen und ſein Wort? Niemand, weil ich einſt— einſt nur Ein⸗ mal— Er verſtummte und krümmte ſich zuſammen, wie die Schlange in ſich hinein ſich ringelt, wenn ein Fuß 6 ſie tritt. Gebt Euch zu Ruhe, Herr von Scharf! bat die Edel⸗ frau. Wer kann einen Menſchen aufſuchen, den Niemand im Schloſſe kennt, deſſen Heimath Niemand weiß, der wie ein Landſtreicher von Markte zu Markte wandert, und der, wenn er ſeinen Säckel gefüllt hat, weiter zieht. Er wird ein gewöhnlicher Betrüger ſein, und ſich mit Euern Goldſtücken davongemacht haben.— Läſtert nicht! entgegnete hohlſtimmig der Herr, und ſetzte ſich plötzlich riſchauf im Bett. Er iſt mehr als andere Menſchen, er weiß mehr, und hört vielleicht jedes Wort von euch, wenn er auch meilenweit ferne iſt. Er 4 hat mir Dinge geſagt, halbausgeſprochene Gedanken, die ich wohl verſtand, weil ſie der Wurm ſind, der an mei nem Lebensbaume frißt; Dinge hat er mir geſagt, die kein Fremder, die kein Heimiſcher wiſſen kann und weiß. Darum kann er allein mich heilen, denn er hat an dem Quell meiner Krankheit geſtanden. Aber er verläßt mich, und ohne ihn bin ich verloren hier und drüben!— 3 Herr Vater, ich will den Pluto ſatteln laſſen, und nicht früher heimkehren, bis ich Euern Doktor gefunden, fiel Junker Klaus ein in die verzweifelnde Rede, und verließ raſch ſeinen Sitz.— Nicht doch, mein Sohn! befahl die Edeldame. Die. Nacht iſt der Menſchen Feindin. Hexenſpuk und gefähr⸗ liches Geiſtergeſindel ſchwärmt durch die Thäler, und Du biſt der letzte Stamm auf Pfaffenhof. Beruhiget Euch, Herr von Scharf, und tröſtet Euch mit Gottes 443 Gnade; ſeine liebſten Kinder züchtigt er oftmals am meiſten, deßhalb plagt die Vornehmen Zipperlein und Krampf, wovon das gemeine Volk kaum die Namen kennt. Ich werde zum ehrwürdigſten Prädikanten ſen⸗ den, damit er Euch beiſtehe mit heiligen Worten.— Gottes Gnade trägt kein Pfaffenſchnack zu mir her⸗ gin! ſchrie da der Herr mit ſtieren Augen, riß den grünſeidenen Schlafmantel von den Schultern und die Spitzenhaube von dem wüſten Haare. Wie ein Hoch⸗ gerichts⸗Kandidat ſaß er auf dem Faulbette im weißen Nachthabit, dürr, als hätte ſchon die Hundstagsglut an ihm geſogen, und die weiten Blicke ſtarrten nach den großen Bogenfenſtern. Schauet! brüllte er mit heiſchern Tönen, da ſteht er wieder, ausgehungert und Zähne fletſchend, und ſieht hohnlachend zum Fenſter herein, weil es mir bei vollen Schüſſeln ergeht, wie ihm, und klopft an die Scheiben, und ſchüttelt ſeine Ketten zum Höllentanze, Lichter an die Fenſter, Lichter dorthin, da⸗ mit die Todten ſcheu in ihre Grabesnacht flüchten.— Er ſank ohnmächtig in die Kiſſen, und die Edelfrau ſagte unwillig: Wie könnt Ihr ſolche Tollheiten reden? Es iſt nichts als der Kaſtanienbaum außen, den der Wind ſchüttelt. Da klopfte es an die Thüre, langſam, zwei Male, ſo daß Alle zuſammen ſchauderten, und gemeſſenen Schrit⸗ tes trat ein Wolf Werner, und Alle riefen fröhlich oder erſtaunend auf, wie ſie den goldbordirten Scharlachrock und die rabenſchwarze, langgelockte Perrüke ſahen, mit denen ſich der Finſterling zum Aeskulapier ausſtaffirt hatte. Nur der Dorfbader machte ein gar finſteres Ge⸗ ſicht, und murrte etwas von Harlekin und Scharlatan in ſeinen Spitzbart hinunter. Werner trat mit Würde —— 444 vor den Mürriſchen hin, und redete mit einer Geberde und einem Tone zu ihm, bei welchen es Räthſel blieb, ob Ernſt oder Scherz, Satire oder Unwille darin lebte. Schimpfe Er nicht, Freund Scheermeſſer, ſagte er, fondern ſchinde Er Seiner Bauern Bärte munter, ſchneide Er fleißig Ihr ſtruppiges Haar über den Topf, und ver⸗ theile Er ſeine Pflaſter auf ihre Hühneraugen. Das iſt Seiner Arbeit Feld, und Er gedeihet augenſcheinlich ſehr wohl dabei, als ſpeiſete Er nur Salepwurzel, und brauete ſein Bier von weißem Rennthiermooſe. Das Uebrige iſt für Ihn vom Uebel; ne sutor ultra crepi- dam, ſagte Horatius, des Kaiſers Neronis Leibmedikus, und das heißt: An der Diſtel wächst keine Ananas.— Unſer Boden trägt gute Winterſaat; Diſteln finden ſich viel auf der Grenzheide, von wo Ihr herein gezo⸗ gen, antwortete ſcharf der runde Dorfbader. Des gnä⸗ digen Herrn Krankheit iſt eine Verſtopfung der Gekrös⸗ drüſen, da hilft kein lateiniſcher Spruch, ſondern guter Salmiak und Löwenzahn und Graswurzel.— Ereifere Dich nicht, mein Männlein! lächelte der Doktor im Scharlachrocke, und zupfte ſeine Wolken⸗ perrüke phlegmatiſch zurecht. Ich habe das Land der Weisheit, das Wunderland Egypten geſehen, habe in Italien ſtudirt, und bin in Wien geweſen, dieweil der Türkenhund davor gelegen. Da lernt man Mehres ku⸗ riren, als zerbrochene Bauernſchädel und die Verwun⸗ deten einer Bierſchlacht. Longe pessimum est, neque interdiu, neque noctu dormire! ſagt der weiſe Hippo⸗ krates; das heißt zu deutſch: Wer nicht ſchläft bei Tag und Nacht, den hat der böſe Geiſt in ſeiner Macht. Und anderswo ſagt derſelbe Philoſophus: Vita brevis, ars longa! Occassio praeceps, judicium difficile! Das 445 will jagen: Iſt auch der Doktor dumm, der Todte blei⸗ bet ſtumm.— Nun, mein ſuperkluger Herr Praktikus, ſchrie der Bader in voller Wuth, ſo kurire Er hier, und treibe Er den Feind aus mit Seinem Hanswurſt und Seiner Uni⸗ verſaltinktur, welche den Bauersleuten die Beutel rein⸗ aus purgirt. Mag Sein Lehrmeiſter, der lange Hippo⸗ krates, geſagt haben, was er will; ich ſage dagegen Ihm, und wenn Er auch dem römiſchen Sultan und dem türkiſchen Könige das Kanonenfieber vertrieben hat, hier werden Seine Amulete und Gaukeleien Ihn ſtecken laſſen, ſo wahr ich Nepomuk heiße und ein getaufter Chriſt bin; und rettet Er durch derlei Gaukeleien den gnädigen Herrn, ſo ſoll Er mich bei lebendigem Leibe ſeciren dürfen!— So warf er die blanke Spritze und den Umſchlagstopf dem Rothrocke vor die Füße, traf aber mit dem heißen Brei die langen Ohren des ſchwarz⸗ gefleckten Hühnerhundes. Biſſig fuhr der Hund gegen die Schienbeine des Erzürnten; die Edelfrau, im Zorne über das Reſpektwidrige ſolches unerhörten Betragens, traf mit ſchlanker Hand ihm die Wange, der Kranke griff über ſich an die Wand, wo Sarras, Piſtolen und Hetzveitſche hingen; ſo plötzlich von allen Seiten be⸗ dräuet, flog der unglückſelige Dorf⸗Aeskulap, vom Wir⸗ belwinde der Furcht geſchnellt, trotz ſeiner ſchwerfälligen Kugelgeſtalt wie ein Kreiſel zur Thür pinaus. Rechnet uns nicht zu, was der Faſtnachtsnarr ge⸗ plaudert, ſagte jetzt der Edelherr, mit ſo vieler Fröh⸗ lichkeit im Blicke als noch in ihm war, und wie mit Ehrfurcht zu Werner empor ſchauend. Ihr ließet recht lange auf Euch warten. O, wüßten die Doktoren, wie der Kranke die Sekunden zählt, ehe des Helfers Tritt ——— —————— 446 ſich hören läßt, ſie könnten ihren Gotteslohn noch verzehn⸗ fachen. Die Meinigen zweifelten an Eurer Wiederkehr.— Zweifel ſind die Handhaben der Hölle, antwortete der Rothrock, indem er ſich gravitätiſch am Bett nieder⸗ ſetzte, die Hand des Leidenden mit ſpitzen Fingern faßte und den Puls obſervirte. Ihr braucht nichts zu erzäh⸗ len, Euer Blut erzählt mir Alles. Die Pillen ſind ge⸗ nommen; Ihr habt geſchlafen eine Stunde, zwei Stun⸗ den, aber der Schlaf hat nicht erquickt, Angſt und Träume waren ſeine Begleiter.— O, gräßliche Träume! ſtöhnte Herr von Scharf.— Nun ſchwitzet Ihr kalt und übel, fuhr ruhig der Doktor fort, die Schmerzen foltern wieder, um den Leib liegt es feſt und enge wie ein Kettenband, die Glieder ſind wie mit Seilen zuſammen gezogen, die Gelenke alle gelähmt; Ihr hungert, und könnt doch Nichts hin⸗ unter bringen. Euer Zuſtand gleicht dem eines Einge⸗ kerkerten, den eines Tyrannen Groll in Eiſenbande ſchnürte, und den eines Kerkermeiſters Bosheit dem ſchrecklichen Hungertode opfert. Doch ſo etwas kennt man nur in den heißen Südländern, bei Türken und Marokkanern; in Euren Thürmen iſt wohl nie ſolch ein Gefangener geſtorben.— Stier, wie ein Wahnwitziger, ſah der Herr von Scharf den Fragenden an. Seid Ihr des Satans Bruder oder ein Racheengel des Himmels? lallte er halb laut. Sind dieſe Schmer⸗ zen Horns Ketten und ſeine Kerkerkoſt, die er mir ſchickt aus ſeinem Grabe am Kreuzwege?— Eine ſeltſame rothe Glut wälzte ſich wie ein Feuer⸗ wölkchen raſch über Werner's Geſicht von der Stirn pernieder zum Kinne, doch eben ſo ſchnell erloſch ſie, ——— 447 und der alte Gleichmuth trat wieder um Stirn und Augen.— Ihr fiebert, Herr! ſagte er kalt. Eure Krankheit geht picht vom Leibe aus, wie der Herr von Scheer⸗ beutel meinte, ſondern im Geiſte wuchert des uebels Wurzel, und ehe dort nicht das Gift ausgetrieben, wer⸗ det Ihr nimmer geſunden.— Da bin ich todt, begraben, vermodert! raſete der Edelmann auf. Wer kann den Geiſt ausfegen? Wer kann das Gehirn zurecht rücken, und ſeine rauhen Nar⸗ ben glätten?— Er ſchlug ſich mehremale heftig ge⸗ gen die Stirn.— Vergeſſen, vergeſſen, das iſt die Kunſt, die kein Gelehrter lehrt, die Wunderkunſt, die kein Doktor Fauſt erfunden hat für kranke Seelen. Könnt Ihr Eure Salben durch dieſen harten Schädel treiben? Könnt Ihr ein Mohnöl in die Ohren ſpritzen, welches das Gehirn überſchwemmt und ſeine Gedanken tödtet! Oder ſitzet Ihr da nur wie ein Spötter, oder gar wie ein böſer Geiſt, der ſich zu den alten geſellt hat, mich noch mehr zu peinigen? Fort! Fort! aus meinem Hauſe, wenn Ihr den Leib nicht heilen könnt! Um den Geiſt hat ſich Niemand zu kümmern; und wer⸗ den wir begraben, ſo verdünſtet das Geiſtige, wie der Spiritus aus jener Phiole verflogen iſt, weil man den Stöpſel lüftete.— Glaubet Ihr alſo, Herr? fragte der Rothrock ſpitz. Die Prieſter und die guten Menſchen glauben anders. Sie ſagen, dort erſt werde der Geiſt wahrer, freier Geiſt werden; nach dem Begräbniß werde der Geiſt freier denken, freier empfinden, wenn der Kerker des Leichnams ihn nicht mehr binde und einzwänge. Freilich dürfte Manchem daran nicht viel gelegen ſein. Wer die 448 Unſchuld verdarb, wer Mord auf ſeine Seele lud, der müſſe dann das Facit ſeines Sündenexempels ſich deut⸗ licher vorrechnen, und das Gedächtniß werde noch treuer wieder erzählen als hier, wo der weingefüllte Leib zu⸗ gleich den Geiſt in ſeinen Rauſchſchlaf hinriß; alle Flüche der Verdorbenen und Gekränkten müßten dort lauter klin⸗ gen, weil ſie nicht mehr den langen Schneckengang durch das Ohr bis zur Seele zu wandern hätten. Ja, ja, Manchem könnte ſo etwas gar ungelegen kommen.— Nein! Nein! Nein! kreiſchte der Kranke, und ſchlug mit der Fauſt gegen die dröhnende Wand. Es iſt aus mit hier. Meine verſchloſſene Kapelle ſchützet den todten Leib vor Mißhandlungen; die eiſerne Grabespforte wird Nichts herein und Nichts heraus laſſen. Ihr ſeid ein kluger Mann, Ihr glaubt das auch, Ihr müßt das auch glauben, denn nur Rarren träumen vom Auferſtehen des Staubes. Sprecht, daß Ihr glaubt, wie ich, und ich frage nichts weiter nach Euren Wunderpillen und Schlaftränken!— Wolf Werner zuckte die Achſeln; da wurde Lärm im Hauſe, und man hörte Laufende in den Gängen. Der Edelmann ſetzte ſich haſtig wieder auf im Bett, und mit den Perlen des Angſtſchweißes über den Lippen und auf der kahlen, großen Stirn rief er: Helft! Helft! Klaus, greife nach der Doppelflinte! Läutet die Schloßglocken! Es ſind die Rächer.— Die heſſiſchen Freibeuter fallen über die Grenze ein ins Land! Die Räuberbrut vom Solling bricht in das Dorf! Ru⸗ fet Feuer! hinaus aus allen Fenſtern! Die Stunde des Gerichts iſt da, da!—— Erſchöpft lehnte er das Haupt an die bunte Wandtapete, wo in Wolle der feurige En⸗ gel eingewirkt war, wie er die erſten Sünder aus dem 449 Paradieſe vertrieb, und gerade über des Edelmannes Scheitel ſein zackiges Flammenſchwert ausſtreckte. Nicht Räuber, nicht Soldaten ftürmten in das Kran⸗ kengemach, aber die ganze Dienerſchaft des Schloſſes brach herein im Tumulte, Jäger und Rüdenbub, Pfört⸗ ner und Zofe; Gärtner und Beſenmagd, Läufer und Stalldirne, Kutſcher und Heiduck, Schaffner und Vor⸗ reiter; aber alle dieſe Schreienden überſchrie die Mol⸗ kenfrau, welche mit verdrehten Augen umher lief, die Hände über dem Kopfe rang, wie eine Verrückte, todtbleich immer der Ohnmacht nahe ſchien, ſich ſelbſt dennoch ſtets wieder in das Leben zurückjammerte. Verwirrt ſtaunte die Geſellſchaft im Zimmer dieſes eindringende wilde Heer an, ohne Kunde von dem Vorgegangenen haben zu können, da Alle ſprachen, und Jeder erzählte, bis der lange, dürre Schaffner mit den Affenarmen ſich Platz gemacht, mit ſchneidender Stimme Schweigen ge⸗ bot, indem nur er ſelbſt bei dem Uunglücke zugegen ge⸗ weſen, und ſeine Reſpektsperſon, deren Würde durch das Beifallnicken der neugierigen gnädigen Frau noch mehr Gewicht gegeben wurde, die niedern Diener zum Rücktritte und Schweigen brachte.— Breiter Weiſe, und mit beſonderer Umſtändlichkeit erzählte der lange Mann, wie ſeine Wenigkeit und der Koch heute bis ſpät im Weinlager beſchäftigt geweſen, die Lieblingsweine des Herrn umzuſtechen und auszufül⸗ len. Als die Arbeit faſt beendet, hatte Jakob Rettich, der Koch nämlich, das kleine Fäßchen Ungar, woraus der Herr bislang täglich ſeinen Morgentrunk genommen, zurecht gerückt, war daneben gekniet, um neue Stroh⸗ wiſche unter die Lager zu ſchieben, und hatte zu ihm geſagt: Das iſt ein theurer Trunk, Gevatter, aus fremdem Blumenhagen. V. 29 450 Lande verſchrieben; ſoll auf der Zunge ſein, wie Honig⸗ ſeim und Manna; und doch möchte ich nicht mittrinken, möchte nicht einmal naſchen davon, denn der Diev trinkt ſich die Strafe zugleich mit daraus.— Der Schaffner hatte geſtutzt über ſolche wunderliche Reden und ent⸗ entgegnet: Wie meinet Er das, Rettich! Hat Er viel⸗ leicht beim Weinprobiren zu viel gethan, und wird Ihm hier vorn, wo die Zugluft weht, nun das Gehirn zu ſchwer und die Zunge ungehorſam? Kaum hatte der Schaffner ſeine Frage geendet, ſo war am nächſten La⸗ ger ein Untergebälk gebrochen, dicht dabei, wo der Koch kniete, und ehe denn der arme Rettich fortrutſchen konnte, war ein rieſiges Stückfaß zur Seite herab über ihn hin⸗ gerollt, und hatte dem Schreienden Leib und Bruſt auf gräßliche Weiſe zerquetſcht. Mit jedem Athemzuge ent⸗ ſtrömte ſein Blut aus Mund und Naſe. Der Schaffner rief um Hülfe, und die ganze Dienerſchaft ſtürzte aus Küche und Gefindeſtube herbei und mit ihnen der Dorf⸗ bader Nepomuk. Der Faß⸗Koloß wurde fortgeſchafft vom zerſchlagenen Titan, aber an Rettung des Verun⸗ glückten war nicht zu denken. Mit rollenden Augen hörte der Koch das Urtheil des mediziniſchen Dorforakels. Das iſt Gottes Hand! ſtöhnte er in Todeskämpfen. Wo der Menſch ſündigt, da wird er gerichtet. O du verfluchter Verführer und dein Judasgold! Gevatter Schaffner, verſenkt dieſes Fäßchen in den großen Waldteich, wo er am tiefſten iſt, denn der Teufel hat es geſegnet, und jeder Tropfen iſt Tod.— Gebrochener ward ſeine Sprache, und Zuckungen verdrehten ſeine Glieder.— Saget dem gnädigen Herrn, röchelte er ſchwer hervor aus blutender Bruſt: der Rattenfänger, welcher am vorigen Maitage das Schloß durchſtöberte, habe ſein Handwerk verſtanden; ſalt einer ſchwarzen Eule, die ſo groß war, wie ein 451 Gott ſei allen Sündern gnädig!— Das Geld in mei⸗ ner Kiſte ſchenkt der Kirche! Betet den Teufel fort! Gift! Gift! Nichts kann retten, Nichts mich, Nichts den Gnädigen! O, die glühenden Zangen der Hölle! Die kleinen Teufel peitſchen mit Feuerbränden! Fort, ihr ſchwarzen Burſchen; ich bin Meiſterkoch, und taufe mit Siedwaſſer! O Werner, Werner! und der Satan! Mit dieſem Ausrufe, der laut durch den ganzen Keller ſchallte, verſchied er.—— Werner? rief der Edelherr, und ward noch bleicher, als vorhin. Werner und Gift? Teufel, das iſt deine Rache; ſpät, aber ſo fein als gräßlich. Und ſo lebt er noch, und alle meine Klugheit war vergeblich. O Teu⸗ felsrettich, wäreſt Du mir nicht aus dem Leben ent⸗ wiſcht, die Marterkammer ſollte mit Dir zu thun be⸗ kommen, und wie der geſchundene Aal ſollteſt Du mir in ſiedendem Oele ziſchen. Der Böſe hat ihn ganz, und wird ihn ſchon braten, Euer Gnaden! tröſtete der Schaffner.— Das Geſicht ſaß ihm im Nacken, eben ſo, wie er einſt hartherzig ſein Geflügel verhandhabte! betheuerte das Zöfchen, und ſchlug drei Kreuze vor ſich hin.— Eine blaue Flamme flog vor ihm zum Gitterfenſter hinaus, als er zuletzt zuckte, eine blaue Flamme, als wenn man Rum abbrennt! Das war die Seele, die zur Hölle fuhr! berichtete im tiefſten Baſſe der ſchnurr⸗ bärtige Kutſcher.— Und alle Katzen im Schloſſe ſchrien, als hätte ihnen der Küchenbube Klammern auf den Schwanz geſetzt, verſicherte die Kammerfrau.— Und der Gott ſei bei uns flog über den Hof in Ge⸗ ———— 452 — Maſtochſe! erzählte die Stallmagd, und ernſt ſetzte der Gärtner hinzu: Darum ſtank es auch durch Haus und Hof wie Schwefel und Schießpulver.— Ach! Und ohne Sakrament iſt der arme Rettich hingefahren in die ewige Verdammniß! heulte die Mol⸗ kenfrau.— Heule Sie um beſſere Todte! fuhr da der Schaffner drein. Hat der Rettich ſeinen Herrn verrathen, ſo hebe ich die Gevatterſchaft mit ihm auf, denn dann wird er ſitzen und brennen, wo der Judas ſein Theil bekommen, und ſein Operment wird dem Giftmiſcher bis zum jüng⸗ ſten Tage in den eigenen Därmen freſſen.— Der Edelherr ſchrie ſchmerzlich auf und rief nach dem Doktor; die Schloßdame vertrieb zornig das un⸗ ruhige Geſinde aus dem Zimmer, als man ſich aber nach dem Manne im Scharlachrocke umſah und ihn ſuchte, war derſelbe im Getümmel verſchwunden und nirgends zu finden. — 4 In der niedrigen Hütte am Teiche ſaß in derſelben Nacht das ſchöne Flachshannchen noch fleißig am Spinn⸗ rade. Im Kamiſölchen und kurzen Nachtröckchen ſaß ſie auf dem Schemel; der nackte Fuß trat das Rad, und ein rabenſchwarzes Kätzthen ſchmiegte ſich krummrückig hin und her an der runden Wade, und ſchnurrte mit der Garnrolle um die Wette. Auf dem Tiſche daneben ſtand die Lampe und ein reinliches Waſſerglas, und dabei lag das Geſangbuch, und Hannchen ſang mit verhaltener, melodiſcher Stimme: In Trübſal, Chriſt, ſei unverzagt; und die kranke Mutter Stiene ſtöhnte auf ihrem Bette zuweilen die Worte des Troſtliedes nach. Im Felde —— ——— 453 rauſchte ein Gewitterſturm und ſchön Hannchen machte zwiſchen den Geſangverſen manche Pauſe und horchte gegen das Fenſter hin auf die Sturmſtöße, und Beſorg⸗ niß umzog zuweilen ihr helles Auge. Da ſchnob ein Roß ganz nahe und wieherte laut, und das Mädchen fuhr in hoher Freude ſchnell auf vom Schemel. Hört Ihr, Mutter, daß er Wort hält, und nicht, wie Andere, die Gelegenheit haſcht, und im Weinhauſe die Nacht verjubilirt! ſagte ſie mit Haſt. O, der Lüet iſt der beſte Burſch im Lande, und ich habe ihn gar zu lieb, und kann nimmermehr von ihm laſſen.— Und der Lüet wird's vergelten! erwiderte des Reit⸗ knechts Stimme in der Stubenthür. Und er wird ſein Hannchen auf den Händen tragen ſein Lebenlang.— Mit einem Freudenrufe flog die Jungfrau an den Hals des friſchen Burſchen, und er preßte ſie an ſich ſo feſt, als ob er ſie nimmer wieder aus den Augen laſſen wolle. Auf den Händen tragen? murrte die Alte im Bett. Ich glaubs wohl, rüſtig und verliebt genug iſt Er da⸗ zu. Aber die Hände ſind leer, und der Hunger iſt ein böſer Gaſt, und macht die ſtärkſten Gliedmaßen matt und lahm.— Mutter, rede Sie nicht davon! bat Hannchen. Wir ſind ja Beide jung, und das ewige Auge wacht auch über unſerm Hüttendache. Bedenke Sie nur, wie es uns erging, als Sie krank wurde und der Rentmeiſter uns auspfänden wollte, und uns die ſchlimmen Anträge that. Sie ſollte in das Spital und ich als Magd zu ihm, dem Wittwersmanne, von dem die Mädels in den Spinnſtuben viel Arges erzählen. Da beteten wir Beide eines Abends recht inbrünſtig, und da ging die Thür auf, und der todt geglaubte Ohm kam aus Welſchland 454 — heim, und der half uns auf, und ſeitdem fehlt es uns nicht mehr, und wenn Sie nicht mitunter ſo gar krank wäre, könnten wir recht hübſche Tage haben.— Und eben der Ohm könnte Dir bei Deinem Kirch⸗ gange im Wege ſein, antwortete die Mutter. Will er uns nicht mit ſich nehmen in das Heſſenland, ſobald ſeine Geſchäfte hier zu Ende ſind? Und wird ihm ein ſolcher Reiſekumpan, der nur verzehren hilft, was er in der Welt mühvoll erwarb, lieb ſein?— Der Ohm iſt finſter und grämlich, entgegnete das Mädchen keck, aber er hat mich lieb, recht lieb; und wenn er das nächſte Mal bei uns vorkehrt, ſage ich ihm Alles, und was wettet Sie, er ſchlägt mirs nicht ab, und ſchenkt mir den lieben Schatz.— Aber wer iſt denn der Ohm, und warum ſah ich ihn nie? fragte der Reitknecht.— Ach! das iſt ein großer, vornehmer Mann! ant⸗ wortete Hannchen gewichtig. Der weiß Alles und kann Alles, und hat Geld und ſchöne Sachen, und iſt in der ganzen Welt geweſen, und kann Geſchichten erzählen, daß einem die Haare zu Berge ſteben, und kein Schlaf in die Augen kommt, und wär's Mitternacht. Er woh⸗ net im Heſſenlande drüben und ſteht unter den Kriegs⸗ leuten; aber oft nimmt er Urlauv und reiſet hier durch, und dann kehrt er bei uns ein und hat immer was im Säckel für die Mutter und mich.— Aber Lüet, haſt Du an mich gedacht, als Du zur Stadt ritteſt für den Herrn? Haſt Du die italieniſche Lotterie nicht vergeſſen und meine Zahlen?— Vergeſſen? ſprach der Burſch hitzig. Dich vergeſſen? Da müßte die Sonne unterwegs meinen Kopf verbrannt haben, wie der trunkene Dorfbäcker die Bratbirnen in 9 * 1 . * 455 ſeinem Ofen. Alle Nummern, die Du ſagteſt, habe ich beſetzt, die Eins, die Eilf und die Einundfünfzig, auf jede einen Groſchen für Dich, und weil die Fünfzehn auch in der Zahl war, habe ich für uns zuſammen noch ein Silberpferd zugelegt und damit die Quaterne be⸗ deckt. Aber jetzt erzähle auch, wie es eigentlich zuging, daß Du, die fromme Dirne, zu dem Glücksſpiele Ver⸗ trauen bekameſt, von dem die Leute ſo viel Betrügliches ſagen. Haſt Du doch ſonſt immer den Kammerjuden von Deiner Thüre gewieſen, wenn er im Dorfe ſeine Zahlenpapiere anpries. Wohl verwundert ſchien er, als ich bei ihm vorſprach, und hat verſprochen, da morgen Ziehungstag iſt, wenn Du gewönneſt, ſofort ſeinen Me⸗ ſchores an das ſchöne, weiße Chriſtenkind abzuſchicken. Hier ſind die Zahlenlooſe, und jetzt erzähle! Da ich ſo eilig war und Nachts noch zurück mußte, verſprachſt Du die Geſchichte bei der Heimkehr, und die Neugier hat mich unterwegs grimmiger gequält als der Durſt.— Er ſetzte ſich auf den Schemel, ſtieß das Spinnrad und den ſchwarzen Kater zur Seite und zog ſein Mädchen dreiſt und traulich auf ſeine Knie. Und Schönhannchen legte den runden Arm um den goldbordirten Kragen des netten Livreejäckchens, drückte auf des Liebſten Wange den friſchen Mund, der roth war wie eine aufgeſprun⸗ gene Kirſche, und erzählte. Ein Traum in letzter Nacht war es geweſen, der ſie zu dem beſondern Entſchluſſe gebracht, auch einmal ihr Glück zu verſuchen. Sie träumte, es ſei Samſtags Abend, und ſie kehre von dem Wochenmarkte der Stadt zurück mit dem Korbe an den Schultern, gefüllt mu Butter und Eiern, denn Niemand hatte ihr abkaufen⸗ wollen, und ſie allein von allen Landmädchen hatte ihre ———————— 5 3 1 5 3 3 5 gute Waare verachten hören. Bitterlich weinend war ſie den weiten Weg von der Stadt zurückgewandelt, und fürchtete ſich jetzt in das Dorf zu gehen, wo ſie ein Spott der Nachbarn werden konnte, fürchtete ſich vor die Mutter zu treten, die Geld im kleinen leinenen Säckel erwartete. So ſetzte ſie ſich erſchöpft, weinerlich und innerlich ſo recht von Herzen traurig an der Dorf⸗ kirche nieder, vorn im Eingangsportale, wo zwei Sitze von Stein gegen einander übergelegt waren für Bettler und Pilger, über welchen in Niſchen zwei ſteinerne Hei⸗ Jigenbilder ſtanden, die freilich, ſeitdem der Glaube ſich geändert, unſcheinbar geworden und von frecher Hand verſtümmelt waren. Vor Ermattung ſchlief Hannchen ein, und als ſie wieder erwachte, war es indeß Nacht geworden, aber die Kirchthür ſtand weit auf und der Kantor ſpielte auf der Orgel. Sie trat ein in das Got⸗ teshaus, und ihr erſter Blick fiel auf den großen Pfeiler, woran der Gemeinde bei dem Gottesdienſte die Geſänge angezeigt wurden, und mit Erſtaunen ſah ſie ſtatt der ſchwarzen Holztafel daran eine große weiße Marmortafel hängen, und auf derſelben war mit Feuerbuchſtaben, die flammten und flinkerten, die Zahl 1151 zu leſen. In demſelben Augenblicke hörte die Träumende ihren Namen außerhalb der Kirche rufen, und als ſie ſich umſah, ſtand der Kammerjude vor der Kirche mit ſeinem rothen Spitz⸗ barte, ſeiner Hakennaſe, im ſchwarzen Polentalar und der rauhen Bärenmütze, und hielt ihr triumphirend und mit freundlichem Kopfnicken einen großen Lotteriezettel entgegen. Sie wollte hinaus und darnach greifen, da donnerte es in der Kirche vom Altare her, und plötzlich ſchoſſen Blitze vom Kruzifix herab, und alle Betſtühle Loderten auf in hellen Flammen. Hannchen hob den Fuß ——. 457 zur Flucht, aber ſie konnte nicht von der Stelle, und ihre Ferſen waren wie eingewurzelt. Da ſah ſie ihre Mutter betend knieen am Altare, von Flammen und von ſchwarzem Rauche dicht umgeben, und die Pfeiler und Wände krachten gräßlich und brachen zuſammen, und Alles ſtürzte über die Schlafende ein, ſo daß ſie nieder⸗ ſtürzte und dann, mit fliegender Bruſt und in Schweiß gebadet, ſchnell erwachte. Lebendig ſtand der ſeltſame, ſchreckenvolle Traum am Morgen noch vor des Mävchens Seele, und als ſie nun, wie die Sonntagsglocke läutete, andächtig zur heiligen Stätte ging, in die Kirche trat, und ihr erſter Blick die Geſangsnummer des Traumes an derſelben Stelle wirk⸗ lich aufgehangen ſah, da wurde das Nachtgeſicht dem kindlichen Gemüthe bedeutungsvoll und ein prophetiſches Zukunftbild, und ſie nahm vom Geſchenke des Onkels die wenigen Silbermünzen und legte ſie in des Liebſten Hand, deſſen Kurierritt in die Reſidenz gerade am Mon⸗ tage darauf ihr auch mehr als Zufall dünkte. Juchhe! rief Lüet, und ließ das Mädchen auf ſeinen Knieen tanzen. Das gibt eine Terne, ſo ſicher als die Lampe leuchtet und der Kater da kein Hund iſt. Träume kommen von Gott, und ſolch einen klaren, deutlichen Traum, den man gleichſam mit dem Ohre ſieht und mit dem Auge fühlt, hat ſelbſt die Molkenfrau auf dem Hofe, welche die ganze Nacht träumt, und den ganzen Tag Träume ausdeutet, nicht einen bei der Morgen⸗ ſuppe erzählt. Freue Sie ſich, Mutter Stiene! Die Terne kommt auf einem eigenen Mauleſel, dann werden die Schulden von der kleinen Hofſtelle alle baar bezahlt, dann wird der Hof des häßlichen Hans Bull, den er gern losſchlüge, wenn nur Jemand mit dem Betrüger ———— 458 handeln möchte, gekauft, immerhin eine Handvoll Tha⸗ ler mehr daran gewandt, als er werth iſt, und dann —— Hannchen, was wird dann kommen?— Hann⸗ chen ward roth bis in den Buſen hinein, doch die Alte im Bett drehte ſich unruhig und ſagte bös: Jubilirt nur, ihr unſinnigen Kinder; aber die Mutter mag jammern und verkommen; denkt ihr denn nicht an das Feuer im Traume und an die Mutter, die ſterbend darin ſaß.— Feuer, helles Feuer bedeutet Freude und Glück, Müt⸗ terchen! tröſtete Hannchen. Sie wird obenan ſitzen am Freudentage, den Ehrenplatz wird Sie haben am Ehren⸗ tage Ihres Hannchen, denn Sie ſaß mitten im hellſten Feuer dabei.— Und Flamme und Todesgefahr bedeuten Hochzeit! jubelte Lüet. Und Mutter, ſehe Sie, das beſte Kleid im Lande kaufe ich für Sie, und Sie ſitzet dann zwi⸗ ſchen Braut und Bräutigam und hat eine ächte Gold⸗ mütze auf. Läute nur brav darauf los, du alter ehr⸗ licher Glöckner, und vergiß dein Zipperlein! Hier ſpringen Gulden. Herr Paſtor, ſchnell den Prieſterrock angethan! Und Er, fauler Küſtersmann, bürſte Er nur nicht ſo lang am ſchäbigen Hute; heran mit dem ſchwarzen Buche! Hochzeit iſt, Hochzeit, und die Gäſte warten und der Bräutigam hier im Scharlachwämmschen iſt gar zu ungeduldig!— Da wird man dem Stalljäckchen die Geduld mit der Peitſche einklopfen müſſen! ſprach eine tiefe Baßſtimme in der Stubenthür, und die Fröhlichen fuhren erſchrocken auseinander, denn Wolf Werner ſtand hinter ihnen u ſah recht grämlich aus der ſchwarzen Lockenperrüte die Liebenden.— Es iſt der Lüet, Herr Ohm, ſagte das Mädchen leiſe, und ſenkte den Kopf, und ſtand zitternd da.— — 459 Iſt es der Lüet? ſpottete der Ohm nach, und warf die Atzel ab und zog den weiten Scharlachrock herunter. Iſts der Lüet, von dem der Jungfer Herz und Mund überlief, der ſo ehrlich iſt und fromm und gut, und der Mutter vom Schloſſe herab manche Herzſtärkung brachte? Nun, er iſt ein guter Hauſirer, der eine Herzſtärkung um die andere tauſcht, aber ein ſauberer Schwindler da⸗ bei, weil er an Hochzeit denkt, ehe ihm der Tiſchler das Bett auf Borg gegeben. Ich kenne den Burſchen wohl; er iſt eine Waiſe, ein Findelkind, ein Gnadenkind, das nichts hat, als ſein rothes Wamms und ſein hirſchleder⸗ nes Beinkleid, und vielleicht auf des Ohms Tod hofft, um vom Leichenmahle die Hochzeitgäſte und Kranzjung⸗ fern füttern zu dürfen.— Das iſt der Herr Ohm? ſtaunte Lüet. Der Herr Doktor auf dem Pfaffenhofe?— Der Doktor beim Edelherrn? ſtammelte Hannchen nach. Sage Er, lieber Herr Werner, was iſt Er denn ſo recht eigentlich?— Es hat ſich ausgedoktert, ſprach Werner finſter, in⸗ dem er ein grünes Soldatenkleid aus dem Wandſchranke hervorzog, nebſt Hute und Seitengewehre, und auf einem Seſſel zum Abputzen ausbreitete. Geh nur hin⸗ auf auf das Schloß, Du Junkernknecht, und laß Dir dort erzählen. Der Koch Rettich hat dem Herrn von Scharf Bleizucker in die Suppe gemiſcht, und der hoch⸗ geborene Sünder muß daran verzucken wie eine Ratte. wenn der Edle jetzt nach dem Beichtvater ruft, ſo Du ihn von mir reſpektvoll, gib ihm dieſen Brief und ſprich dabei: Sein Doktor ſei über die Grenze ge⸗ ritten und habe Wolf Werner geheißen.— Wolf! Wolf! Was haſt Du gethan! ſtöhnte da die 460 Alte im Bett. Iſt das die Ausgleichung, die Du mir verſprochen? Haſt Du denn Deine Seele vergeſſen und das Gericht, Du wilder, unbändiger Menſch?— Denke Du an Deine eigene Himmelfahrt, Schweſter Stiene! brummte Werner mit funkelnden Blicken. Was ich geſchworen, iſt gehalten, mag darum zu Grunde ge⸗ gangen ſein, was da wollte. So hats der Werner be⸗ ſtändig gemacht. Wenn er mit dem Pallaſch voran war, ſo mußte es durchhin gehen, und hätte der Zelt⸗ kamerad vor dem Roſſe gelegen, und die Reiter nannten ihn die Karthaune, weil er vor ſich weg aufräumte wie eine Donnerbüchſe. Du aber, Stiene, darfſt ſelbſt um deine Seele ſorgen, denn das Kuppeln iſt auch eine Sünde, und die arme Marie iſt am Kuppelgifte ge⸗ ſtorben.— O Du gräßlicher Menſch! jammerte die Kranke. Alles zertritt er, Schweſter und Kind, wenn er nur Blut hat für Blut.— Schlag um Schlag! Wunde um Wunde! Glied um Glied! knirſchte Wolf. So hielt man es in alter Zeit, und alte Zeit war gute Zeit, und das iſt Menſchen⸗ recht.— Aengſtlich hatten die beiden jungen Leute dem ſelt⸗ ſamen Zwieſprache zugehört. Jetzt flog Hannchen er⸗ ſchrocken an das Fenſter und ſtieß es auf. O Gott! Seht den Schein dort! rief ſie. Und hört Ihr? Schon fängt das Nothhorn an zu tönen, und die Glocke kreiſcht herüber.— Das iſt Brand und große Noth! ſprach Lüet haſtig. Dort iſts, gerade über den Hochweiden. Irre ich nicht, ſo brennt die Rentmeiſterei an allen Ecken. Da muß ich fort, hinauf zur Herrſchaft.— 461 Geh Burſche! ſagte Werner. Jeder muß ſeine Pflicht ganz thun, und auf ſeinem Poſten feſt ſtehen, iſts auch ein ſchlechter Poſten im Moraſte und unter dem Schuſſe des Feindes. Sei treu und ehrlich, und plaudere nicht aus, daß Du mich hier gefunden, wenn Du Deinem ſündigen Herrn meinen Gruß ausrichteſt.— Lüet und ſein Mädchen eilten ins Freie hinaus, wo ſchon die Nachbarn in Allarm waren und die Straße hinauf der Brunſt zu liefen. Werner hatte ſich indeſſen zum Soldaten gewandelt, drückte der weinenden Schwe⸗ ſter rauh die Hand und ſprach zum Abſchiede: Laß das Flennen, Stiene! Ich habe abgerechnet wie ein Mann, und Dein Hennig und die arme Marie können jetzt Ruhe haben im Grabe. Mag es nun drüben losgehen mit einem katholiſchen Nachbar, und die erſte Kugel mir fahren mitten durch die breite Bruſt, mein Tagewerk iſt gethan, und mein Teſtament liegt in der Kriegskanzlei und ſorgt für Euch.— So ſchnallte er den Degen um und ging hinaus, unerſchrocken und unbekümmert wegen des Unglücks im Dorfe, am Teiche hin in die Gebirgs⸗ nacht hinein. 5. Lüet hatte recht geſehen. Die Rentmeiſterei ſtand in vollen Flammen, und an drei Orten zugleich war das Feuer ausgebrochen. Furchtbar ſchön ſah ſich's an, wie der Flammenpfuhl hinaufwogte zu dem ſchwarzblauen Nachthimmel, und wie die ſchweren Rauchwolken hin⸗ auf geſtoßen wurden, und ſich durch einander tummelten und zuſammenballten und die Geſtirne verhüllten. Der weiße Kirchthurm, beleuchtet durch die Brunſt, erhob ſich durch die Nacht wie eine Lichtfackel, und in das einem Lichtertiſch am Chriſtabend, der mit buntem Spiel⸗ werke überſäet iſt. Aus dem nahen Eichwalde rauſchte es dumpf herüber, als eine Verwunderung oder ein Murren der Natur über die Störung ihrer Nachtfeier, und große Raubvögel ſchoſſen kreiſchend auf aus den Baumwipfeln, und zogen einen Flugkreis um die Feuer⸗ ſtelle her durch die hohe Luft. So ſchauerlich⸗erhaben, ſo prächtig⸗groß der Anblick von der Höhe herab oder aus der Ferne wäk, wie ihn der an der Waldhöhe hin⸗ aufſteigende Werner betrachtete, ſo grauenvoll, ängſtlich und ſchrecklich war der Anblick unten und in der Nähe, ſo wie ihn Lüet ſah, der ſich unter die rüſtigen Helfer miſchte. Alle jene Purpurlichter, Glanzräume und Feuer⸗ ſäulen löſeten ſich in der Nähe auf in knatternde Brand⸗ dächer, von denen brennende Strohgarben aufflogen im Luftzuge, Verderben dräuend wie der rothe Hahn des Kriegsvolkes, oder aus denen eine flammende Speckſeite heraus ziſchte, und im Bogen über das Dorf hin ſchoß, gleich einer glühenden Bombe. Das dürre Zaunwerk und die trockenen Gatter brannten an, wie Lauffeuer, die der Feuerwerker zur Luſt anzündet. Von den Pfei⸗ lern der Gebäude ſchleuderten ſich rothe Kohlen los, und mit ihnen zugleich dräueten die krachenden Wände Schreckenstod. Zerſpringendes Fenſterglas klirrte da⸗ zwiſchen; das erſtickende Vieh blöckte jammervoll in den Ställen, oder ſtürzte losgelaſſen wie von Wuth ergriffen und mit Gebrüll auf die dunkeln Felder hinaus; die Weiber heulten und wehklagten überall; die Männer riefen ſich zu mit ſtarken, ermunternden Einzelworten, und rannten durch einander mit dem Löſcheimer, dem Zerſtörungshaken und der langen Rettungsleiter die tiefere Thal ſah man von der Höhe hinein, wie auf —. 463 Thurmglocke kreiſchte in einzelnen, hellen Tönen, und das Rothhorn auf dem Schloßthurme hallte wie Ge⸗ ſpenſterruf hernieder, und über der ganzen Verwirrung lag ein dunkler Rauchteppich drückend und ſchwer, und beengte noch mehr die Bruſt der bangen Menſchenkinder, welche das wilde Element aus ſüßer Ruhe zum Kampfe geweckt hatte, und wie im grimmen Spotte alle ihre Kraft zu nichte machte, als wolle es zeigen, daß die Urgewalten der Natur mächtiger ſind als Menſchenwitz und Verſtand, und daß die ſtolze Klugheit ſich beugen muß den Elementen, aus deren kleinſtem Abwurf nur der Menſch entſtand und mit ihm alle die Lilliputsweſen der Erde. Zwei ſeltſame Figuren rannten und ſprangen wie Beſeſſene unter dem lauten Getümmel des weiten Ren⸗ terei⸗Hofes umher, ſtörten die Ordnung der Hülfoleute, und erregten ſo viel Lachen wie Erſtaunen und Unwillen. Die eine Figur war der Rentmeiſter ſelbſt, der wie ein Verrückter ſchrie und die widerſinnigſten Befehle aus⸗ theilte. Der dicke Herr ſah wirklich ganz ſeltſam⸗ lich aus. Er trug über dem weiten und langen Hemde die goldbordirte, langſchößige Weſte unzugeknöpft; um das kahle Haupt war ein buntes Tuch geſchlungen, und mit den nackten, behaarten Beinen in rothen, weit⸗ ſcheinenden Pantoffeln, glich er einem arabiſchen Scheik oder Beduinenfürſten, der ſeine Horde zum Kampf be⸗ geiſtern will. In der rechten Hand ſchwang er einen alten Huſarenpallaſch, der immer neben ſeinem Bette geſtanden, als Waffe gegen Räuber und einbrechendes Galgengeſindel, im linken Arme aber ruhete feſt an das Herz gedrückt ein ſchwerer, lederner Geldſack, der mit ihm unter dem Kopfkiſſen geſchlafen in jeder Nacht, und 464 der gebräunt und blank geworden durch die feurigen Um⸗ armungen ſeines Liebhabers. Zuerſt hatte der Verwirrte alles Porzellanzeug aus Küche und Schränken durch die Fenſter den Rettern unten zugeworfen, und Feuerzange und Ofengabel dagegen ſäuberlich herabgetragen; jetzt befahl er mit grimmigen Flüchen, die Kettenhunde, Baſſa und Sultan, loszumachen, damit ſie die geretteten Sa⸗ chen gegen böſes Zigeunervolk bewachen könnten. Unter zärtlichen Umhalſungen bat er dort den Herrenkutſcher, auf dem engliſchen Renner nach der Stadt zu jagen, die eine halbe Tagereiſe entfernt lag, und den Hof⸗ mechanikus zu holen, da die Dorfſpritze ſo wenig Waſſer ſpie! weinend rief er dann nach ſeinen Rechnungsbüchern und ſeiner goldenen Schnupftabaksdoſe, und gleich dar⸗ auf fuhr er wiederum mit ſeinem krummen Sarras zwi⸗ ſchen die Reihen, und ſchallt alle Bauern Faulenzer und Schurken, und theilte den jungen Leuten flache Streiche aus, ſo daß ſie, unwillig, Eimer und Leitern im Stiche ließen. Auf der andern Seite des Hofes ſtörte eine zweite Karrikatur auf gleich tolle Weiſe die Ordnung, welche der Hauptſchutz und das erſte Hülfsmittel bei ſolchem Unglücke iſt. Es war ein wahnwitziger Bettelbube, un⸗ ter dem Namen der tolle John bekannt, ein zwölfjähri⸗ ger Knabe mit hochrothem Haar, den hinten ein Höcker, vorn ein mächtiger Kropf entſtellte, und deſſen Spitz⸗ kopf lang und bleich wie eine weiße Gurke auf dürrem, ausgemergelten Leichname ſchief hangend getragen wurde. Der Bube lebte in der Gegend von dem Almoſen der Gutherzigen, ſchlief Winters in Scheunen und Ställen, wo er zutraf, Sommers aber im offenen Felde oder im Walde, wo ein hohler Baum oder eine dichtbezweigte 465 Fichte oder ein Kornhaufen oder ein Heuſchober ihm Schutz und Bett anbot, und ſeine einzige Beſchäftigung war Holzklammern zu ſchnitzen für die Bleiche der Wä⸗ ſcherinnen, welche er dann den Frauen für Milch und Brod oder einen friſchen Käſe aus ſeinem Bettelſacke zu⸗ zählte. Dieſer tolle John tanzte jetzt ſo flink und aus⸗ gelaſſen, wie ihn vorher Niemand jemals geſehen, auf dem Hofe umher, warf ſeinen löcherigen Hut und ſeinen Bündel hoch in die Luft, und ſchrie in heiſchern Kreiſch⸗ tönen lauter Jubelworte dem wilden Feuer zu. Mordio! Friſch Dudelſack und Murkepott! Hochzeit bei Krügers runder Grethel! ſchrie er. Juchhe! Dem armen John auch ein Glas Weißbier und einen tüchtigen Semmel⸗ ſchnitt! Dudeldei, iſts nicht ein ſchön Johannesfeuer2 — Aber wer kanns auch wie ich? Hab' euch wohl ein Johannesfeuer angebrannt, wie's Niemand noch ange⸗ zündet und gelegt, und rund herum hats der John um⸗ ſteckt mit rothen Klatſchroſen. Bedanket Euch nur beim tollen John. Juchhe, der hats gethan! Gebt dem tollen John jeder einen Heller dafür! Vivat Dudelſack und Murkepott! Vivat der tolle John und ſein Gevatter Hans! Vivat das ſchöne Johannesfeuer! Der John hats euch angebrannt! Der John hats wahrhaftig angebrannt! Die Bauern achteten in ihrem Rettungseifer nicht beſonders auf den Verſtandloſen, den Alle kannten, und er wurde überall mit tüchtigen Püffen abgewieſen, die ihn jedoch nicht abhielten, ſeine Katerſprünge und ſein Eulenlied von vorn anzufangen. Endlich trafen mitten auf dem Feuerplatze dieſe beiden Nachtgeſtalten zuſam⸗ men, der Tolle von Natur und der Tolle aus Schreck prallten gegen einander und ſtaunten ſich beide eine Sekunde lang an. Dann loderte die Luſt und Laune Blumenhagen, V. 30 des Wahnwitzigen aufs Neue empor, ſo wie eine neue Feuergarbe durch ein noch unverletztes Dach praſſelnd aufſchoß. Der tolle John faßte, Bündel und Stecken wegwerfend, mit beiden Händen die Arme des Rent⸗ meiſters, und riß ihn mit ſich rundum im Wirbelkreiſe ſeiner Raſerei.— Hochzeits⸗Papa! ſchrie er. Heiſa! Haſt ſchon den Goldrock angethan! Steht Dir ſo gut wie dem Koller⸗ hahn im Schloßhofe. Gib mir auch ſo einen! Heiſa! Freuſt Dich auch über mein Johannisfener? Ja, ja⸗, Herrlichkeit! Ich habs abgebrannt! Der tolle John allein hats abgebrannt!— Da zuckte es dem Rentmeiſter über das ganze Ge⸗ ſicht, als drücke ihm eine unſichtbare Hand eine Maske von Eis davor, und ſelbſt die lange Kupfernaſe ward kreideweiß. Sein Verſtand ſchien auf einmal wieder aus der Fremde heimgekehrt. Seine wankenden, plumpen Füße wurzelten plötzlich feſt, gewaltig faßte er den tol⸗ len Knaben, klemmte mit groben Fäuſten die Schultern deſſelben, und fragte mit ſtieren Augen: 6 Was ſprichſt Du, Böſewicht? Du haſt es angeſteckt? Der Wahnwitz des Kleinen ſchien durch die ſchleu⸗ nige Umwandlung ſeines Mittänzers etwas aus dem Gleiſe gekommen zu ſein; er ſtreichelte ſanft mit ſeiner ſchmutzigen Hand das bärtige Kinn des Widerſtreben⸗ den, und ſagte ehrlich und gutmüthig: Wahrhaftig, Papa! Sorge Du nur, daß die Andern mir mein Bier nicht vor dem Maule wegtrinken. Habe gar lange nichts gehabt; die Bauern ſind hart und gei⸗ zig vor der Ernte. Aber glaube nur, ich allein habs gethan; der häßliche Hans Bull hat mir ein wenig, ein ganz klein wenig dabei geholfen.— —,— — 467 Da fuhr der dicke Herr im Hemde auf wie ein ge⸗ reizter Kettenhund, riß den Tollen nieder zur Erde, und fiel gierig, als hätte er einen Schatz erbeutet, über ihn hin.— Mordbrenner! Fanget die Mordbrenner! Haltet den Hans Bull! ſchrie er dazu mit einer Donnerſtimme, die allen Feuerlärm übertönte, und ſtieß und ſchlug mit dem Griffe ſeines Säbels auf den Unglücklichen, der unter ihm lag, und deſſen ſchwacher Verſtand in dem nach⸗ drücklichen Uebergange von Luſt in Schmerz völlig Schiff⸗ bruch litt. Laß Er nach! jammerte der arme John. Warum hat Er nicht früher geſagt, daß er kein Johannisfeuer leiden mag, und daß Er Krüger's Grethel keine Hoch⸗ zeit geben will und kein Feſtbier, wie Er es ihr auf der Kirmeß verſprach, als Er bei dem Puppenſpieler ſie heimlich an der Schürze zog. Aber, winſelte er ſtärker, weil der Rentmeiſter ſtärker ſchlug, der Hans Bull iſt Schuld; das iſt ein Hexenmeiſter; auf ſeinen Schultern habe ich geſtanden, und habe nur ganz dumme, ſchwarze Pflöcke unter das Scheunendach geſchoben, und da hats aufgepruſtet und losgeziſcht, und die Lohe iſt durch das Stroh gefahren himmelhoch.— Und darum ein Bettler! Und um ſolch Lumpenpack mein Trudchen ein Krüppel und mein Fritz todigeſchla⸗ gen vom Thürbalken, wimmerte der Rentmeiſter, und hätte nicht aufgehört wie im unwillkürlichen Krampfe der Arme den Tollen todtwund zu ſchlagen, wenn nicht der alte Vogt mit einigen bewaffneten Bauern, welche ſogleich, nachdem ſie die Ausſage des tollen John gehört, hatten, den Rentmeiſter vom Boden aufgeriſſen, ihn in und den Hans Bull aus dem Gedränge heraus gefiſcht 468 ein Nachbarhaus gebracht, und den Wahnwitzigen mit dem wuthfletſchenden und ſeine Unſchuld beſchwörenden Böſewichte zuſammen geknebelt nach dem Schloßthurme hinauf geführt hätten. 6. Die Finſterniß hat dem Lichte Platz gemacht, und den Enkeln iſt es kaum denkbar, wie die Aelterväter an das glauben konnten, was allen menſchlichen Unſinn überbot, was in ſich ſelbſt zerfiel durch den Wiverſpruch der teufliſchen Gewalt auf der einen Seite, und der Unterwürfigkeit unter Gericht, Folter und Schaffot auf der Andern. Doch die Akten alter Gerichtshöfe liegen als Urkunden menſchlicher Schwäche der Nachwelt vor Augen. Am Mittage nach der wüſten Feuernacht verſammelte ſich das hochnothpeinliche Halsgericht im großen Thurme des Schloſſes Pfaffenhof, zu richten über Leben und Tod des als Mordbrenner und Satansbündner ange⸗ klagten Hans Bull. Der tolle John war bei ſeiner nächtlichen Ausſage verblieben, welche, wenn auch un⸗ logiſch und verworren, deutlich genug gegen den Inqui⸗ ſiten leuchtete. Bull hatte den verkümmerten Knaben ſeit lange ſchon an ſich gelockt durch kleine Geſchenke und Spenden von Speiſe und Trank. In der Johannis⸗ nacht hatte er ihm vorgeſchwatzt, wie ſie dem ganzen Dorfe einen Spaß machen und dem ſtrengen Gewalts⸗ herrn, den auch der Wahnwitzige fürchtete, da er ihn mehrmals vom Hofe gepeitſcht, ein Feſt bereiten woll⸗ ten. Zündpatronen hatte der Knabe, auf Bull's Schul⸗ tern ſtehend, unter die Strohvächer ſchieben müſſen, und ſo war das grauſe Unglück erſchaffen worden. Aber auch 469 das verrufene Scheltwort: Hexenmeiſter! welches der Knabe ausgeſtoßen, war nicht in taube Ohren gefallen. Unzählige Zeugniſſe der Bauern liefen bei dem Gerichts⸗ halter ein. Der Eine hatte den Bull Raben in Schlin⸗ gen fangen und ſie bei dem Zauberbaume abſchlachten geſehen; Fröſche hatte er auf der Wieſe gefangen, an weißen Stecken gebraten und mit Lecker verſpeiſet; ein Anderer ſah ihn des Nachts im Dorfe umherſchleichen, und Druidenzeichen an die Hausthüren und Stallpfor⸗ ten malen; hier war ein Pferd des Nachbars gefallen, nachdem er es geſtreichelt; dort war eine Kuh geſtürzt, wie er der Milchmagd ſeinen: guten Abend! in den Stall gerufen; eine Sau, die ſich auf ſeinen Hof ver⸗ irrt hatte, warf Nachts darauf mißgeſtaltete Ferkel, und des Schulzen Kind hatte Gichter bekommen, wie es der Unhold einmal auf dem Arme getragen; Andern war er im Walde begegnet mit einer rieſigen, gelben Zigeu⸗ nerdirne, und hatte mit ihr aus einer Flaſche getrunken; Andere ſahen ihn Abends nach Schätzen graben am alten Steinkohlenſchacht.— Laſſet ihn brennen, den Töverer und Hexen⸗Buhlen, damit das Dorf Ruhe habe, dieſes war das einſtimmige Geſchrei des Polkes vor dem Pilatus im Schloſſe. Das itzungszimmer für ſolche außergewöhnliche Kriminalfälle war in den untern Gemächern eines ur⸗ alten Thurmes. Kein Fenſter ließ Licht ein in das runde Gemach, nur eine große Ampel leuchtete von der Decke herab, und ein Lämpchen brannte vor dem Platze des Schreibers. Noch von den Mönchen her war das Zimmer mit rothen, faltigen Zeugtapeten ausgeſchlagen, die freilich von Mottenfraß und Feuchtigkeit piel gelitten hatten, doch mit dem ſchwarzbeſchlagenen, langen Tiſche —— — und den großen Lehnſeſſeln in Verbindung einen gewich⸗ tigen Eindruck auf den Verbrecher machten, deſſen Phan⸗ taſie mit blutigen Träumen heſchäftigt ſein mußte. Hier ſaßen nun in ſtattlichen Amtskleidern der Gerichtshalter des Herrn von Scharf, die Vögte und Schultheiße, der ehrwürdige Prädikant, da es eine Sache der Seelen galt, und am Ende der Tafel der demüthige Schreiber, Federn auf Federn ſchneidend, und ganze Ballen Papier ginfalzend. Hans Bull ſchnitt ſeltſame Grimaſſen, als er, mit Ketten beladen, in dieſen ſtattlichen Kreis eingeführt wurde, und auf dem Armenſünderſchemel ſeinen Platz bekam. Zeugen über Zeugen, faſt endlos, traten auf gegen ihn, der tolle Junge ſang ſeine Litanei gegen ihn ab in Jam⸗ mertönen, der Gerichtshalter donnerte in ihn hinein, der Prädikant hielt ihm einen rührenden Buß⸗ und Straf⸗ Sermon; aber der verſtockte Bull blieb dabei, er habe nie Mordbrennerei getrieben, vielweniger gezaubert und Hexenſabbathe mit gefeiert; neidiſche Nachbaren und ein wahnwitziger Bettler ſeien keine glaubhaften Ange⸗ ber und Zeugen für gerechte und verſtändige Richter. Da winkte mit ſtechendem Hohnblick der Gerichtshalter dem Schließer, und mit Geraſſel öffnete ſich hinter dem Sünder eine große Flügelthüre, und eine furchtbare Kammer that ihren dunkeln Schlund auf. Es war das Martergewölbe des Kloſters. Schwarze Steinwände dräueten ringsum, nur erleuchtet durch zwei Kohlen⸗ feuer, die in großen Pfannen glüheten, und in denen rothe Zangen ziſchten und funkelten. Rund an den Wän⸗ den umher hingen und ſtanden ſeltſam geformte Werk⸗ zeuge von weißem, leuchtendem Holze oder blankem Eiſen gearbeitet, ſchon durch ihre fremde Form erſchreckend und 471 tödtenden Gebrauch verkündend. Der Nachrichter mit ſeinen Gehülfen, halb entkleidet, ſtanden im düſtern Gewölbe, auf ihren Geſichtern entmenſchte Gemüther verrathend, und mit den nackten, muskelvollen Armen, Titanen gleich, geeignet, voll zu leiſten was die Gewalt erlaubte. Ein zweiter Wink des Richters gebot den ſtummen Dienern, und mit einer Schnelligkeit, die der Zauber⸗ kraft glich, welche man dem Inquiſiten Schuld gab, war Hans Bull von grimmen Fäuſten in die Marter⸗ kammer verſetzt, und fand ſich entkleidet auf dem eiſer⸗ nen kältenden Dreibeine, dem Throne des Jammers, der, trotz ſeiner pythiſchen Form, ihm ſchlechte Prophe⸗ zeihungen einblies. Bedächtig, methodiſch, und mit dem eintönigen, ſteifen Pathos einer Mönchspredigt, legte der Gerichtsfrohn jetzt dem Manne auf dem Sünden⸗ ſtuhle die einzelnen Kleinodien ſeiner Schatzkammer vor, und erklärte ihm den menſchenfreundlichen und angeneh⸗ men Gebrauch derſelben. Bull's Kürbiskopf begann zu wackeln, und ſein ſtrup⸗ piges Haar ſtand auf der ſchweißigen Stirn jetzt wie wirkliche Igelborſten riſch auf. Dennoch läugnete er wie ein Iſcharioth, und nun winkte der Richter zum dritten Male.— Wie losgelaſſene Hetzhunde den Eber, ſo pack⸗ ten da die Frohnknechte den Läugner, und verſetzten ihn vom Dreibeine auf die Marterbank. Und wenn Ihr mich ziehet von Bein zu Bein, und wenn Ihr mir alle Tage ein Glied abſchneidet, ich habe nicht gebrannt. Gnädige Herren, ich kann wahrlich nicht tövern! ſchrie im Angſtſchweiße der Elendsſohn. Laſſet ihn ſchmecken die Pein! entgegnete kaltmüthig der Oberſte am ſchwarzen Tiſche. Und nun guetſchte die ——— ——— Eiſenſchraube ſeine Finger, daß das helle Blut vom Na⸗ gel ſpritzte. Gräßlich verzog er das Schreckensgeſicht, aber ſein Ausruf blieb immerdar: Ich bin ein Gottes⸗ kind, und der Teufel hat keinen Theil an mir!— Beſprengt ward jetzt ſein nackter Rücken mit brennen⸗ dem Schwefel, aber er zuckte kaum. Da ſchlug der Frohn um ſeine Waden die ſpaniſchen Stiefelchen, eine Art Ka⸗ maſchen, inwendig mit Nägeln gefüttert, und als er zu winſeln begann, zuckte die Knotenpeitſche mehre Male ihm leichthin über Schultern und Arme, und ſchnitt rothe Mahlzeichen in ſeine Bruſt. Da fletſchte Hans die Zähne mehre Male gegen ſeine Peiniger, wie ein wildes Thier in Todesnoth, und verbiſſen jammerte er: Löſet mich! Löſet mich ſchnell! Ich habe Alles, Alles gethan, wa ihr wollet!— Schnell und mit höhniſcher Freundlichkeit ließen die Henker ihre Inſtrumente los, und verſetzten ihn im Hut wieder vor den ſchwarzen Gerichtstiſch. Ich habe gebrannt! ſtöhnte der Inquiſit.— Und warum? fragte der Richter.— Geflucht habe ich's dem Rentmeiſter, entgegnete Bull, weil er mich zwei Male um verſäumten Herrendienſt in das Hundeloch ſtecken ließ, und weil er mich geprügelt mit eigener Hand.— Muß ich aber nun wieder bren⸗ nen? ſetzte er fragweiſe hinzu.— Freilich, Du Böſewicht ohne Gleichen! rief ihm Alles entgegen.— Alſo ohne Gnade? ſagte Hans Bull langſam mit ſelt⸗ ſamer Stimme, die wie ein Höllentriumph erklang. Ohne Gnade, aber nicht ohne ſchöne Geſellſchaft, denn mit ſolcher brennt ſich's ſüßer! Ihr Herren müßt den Hans Bull zwei Male verbrennen, wenn ihr ſolch Kunſtſtück —— verſteht, denn er iſt Mordbrenner und Hexenmeiſter zu⸗ gleich; und das Bannen und Zaubern hat ihm die Stiene Horn gelehrt.— Alle Beiſitzer des Gerichts fuhren zurück, und mur⸗ melten unter ſich: Die Horn? Die alte Horn oder die junge?— Wo hat die Horn Dir's gelehrt, und mit welchen Worten? fragte der Gerichtshalter heftig, um den Angeber zu verwirren.— Sie hat mich zu ſich gerufen, Abends in das Gärt⸗ chen, antwortete Bull frech, und hat geſagt, wenn ich folgſam ſein wolle, ſolle ich gut Gedeihen davon haben; und das Flachshannchen hat mir Milch zutrinken müſſen, die war am Blocksberge gemolken, und hat mir Feuer durch das Blut gegoſſen, daß ich nie mehr los konnte von der Hexenſippſchaft.— Hannchen Horn? fiel der alte Prädikant ein, die iſt fromm und voll Gottesfurcht, und fehlt in keiner Predigt.— Eitel Spott und Heuchelei und Teufelsliſt, lachte höh⸗ niſch der Inquiſit. Forſchet nur genau nach, ihr Herren, da findet ihr's wohl. Warum iſt ſie ſo weiß wie Schnee? Warum brennt die Sonne ſie nicht, wie andere Dirnen? Weil ſie ſich mit dem Mitternachtsthau wäſcht, und mit der Hexenſalbe anſtreicht. Warum ſpinnt ſie Fäden wie Seide? Warum iſt ihr Vieh blank und rein in jedem Wetter? Warum legt bei ihr die Henne zweimal im Tage? Warum trägt ihr Apfelbaum doppelte Fruchtlaſt? — Weil der Kater im Hauſe iſt, der kein weißes Härchen hat, und in dem der Satan wohnet, den ſie buhleriſch liebkoſet, daß es graulich anzuſchauen iſt. Und haben nicht die Leute den Böſen ſelbſt Nachts bei ihr — ů ů z · ·———˖— ein⸗ und ausſpazieren ſehen, ſchwarz und groß, bald als Soldat oder Jäger, oft auch im Scharlachrock, der Staatsuniform der Höllenmajeſtät mit Pferdefuß und Hahnenfeder?— Und hat Dir denn die Horn auch einen Geiſt zuge⸗ bracht? unterbrach ihn der Richter.— Ja freilich! antwortete Bull, und der Geiſt hieß Chim, und ſah aus, wie ein Kolkrabe, ſprach mich im Schlum⸗ merlicht an: Glück zu, Bauer! und gab mir einen wei⸗ ßen Stecken in die Haud, und ließ mich den Herrn ver⸗ läugnen, und gab mir Macht über Vieh und Menſchen, zum Tode und zum Heile, ſowie ich es möchte.*— Wie viele Male hat Dich der Geiſt zum Blocksberge geführt? fragte wiederum der Richter.— Zwei Male! entgegnete Bull; und dann ſah der Geiſt aus wie eine ſchmucke Jungfer, und hatte eine Reiher⸗ feder aufgeſteckt, küßte mich recht eiſig kalt, und tanzte mit mir rundum, bis mir die Sinne vergingen.— Und die Stiene Horn war auch dabei? fragte man weiter.— Ja wohl! Ja wohl! lachte Bull. Und ſprang trotz ihrer lahmen Gebeine und ihrer rothen, halb blinden Augen. Und ich mußte blaſen dazu auf einer gläſernen Trompete; die haben ſie mir aber am letzten Maitage entzwei getanzt.— Warum bekannteſt Du aber nicht ſogleich, und hiel⸗ teſt Daumſchraube und Schwefeltaufe aus? fiel der Prä⸗ dikant ein.— Weil ich keine Pein ſühlte, da der Geiſt mir auf der Bruſt ſaß, erwiverte liſtig Hans Bull. Der Frohn aber „ Aus wirklichen Gerichtsakten gezogen und wörtlich wiedergege⸗ geben. 3 ſ *— 475 ſchlug ihn mit der vermaledeiten Peitſche weg, und nun hat er mich verlaſſen, und ich muß bekennen.— Der Richter ließ den Inquiſiten abführen, befahl das Protokoll zu ſchließen, um es mit Tages Anbruch dem kranken Edelherrn vorzulegen. Aber aus dem Schloſſe erſcholl das gräßliche Geſtändniß noch an demſelben Abende durch das dunkle Dorf, und die neugierigen Bewohner gingen nicht eher zur Ruhe, bis ſie mit angeſehen, wie die Vögte das Hüttchen der Horn umzüngelten, und die unglücklichen Bewohner zu ihrem Angeber brachten, der in ſeinem Kerker fröhliche e und Buhllieder ihnen entgegen ſang. ℳ Der Tod eines Monarchen, die Geburt eines Thron⸗ erben, die Siegespoſt von einer gewonnenen Schlacht, oder die Schreckenskunde von der Annäherung eines feind⸗ lichen Heeres kann in einer Stadt kaum ſolche Bewegung und Unruhe erregen, wie der Prozeß des häßlichen Bull und der ſchönen Horn in den Dorfſchaften erweckte, welche zu Schloß Pfaffenhof gehörten. Haß und Mit⸗ leid, Neid und Freundſchaft, alle Leidenſchaften traten ſich entgegen, und Krug und Spinnſtube wurden Kampfs⸗ felder der Pfaffenhöfer Sprecher und Sprecherinnen. Aber am unruhigſten war es im Schloſſe ſelbſt, wo der altersgraue Thurm jeden Augenblick an ſeine neuen, gefährlichen Bewohner erinnerte, und die Mägde mit Furcht an dem bemvosten Steingebäude hingingen, nachdem ein ſo häßlicher Hexenmeiſter wider Willen ſeine Wohnſtatt darin genommen hatte. Der Junker Klaus hatte ſein Bett unberührt gelaſſen. In der Kadettenſchule der Reſidenz erzogen, war ſein 476 Geiſt gereinigt worden von den Vorurtheilen und dem Aberglauben, die noch ſo manche Gegend und ſo viele tauſend Seelen belaſteten. Mit blutendem Herzen ſtand er am Fenſter gefeſſelt auf der Stelle, von wo er beim Laternenſchimmer die unglückliche Alte auf einem Schub⸗ karren zum Kerker fahren, und von den groben Geſellen umringt, unter Spießen und Bajonetten, das liebliche Hannchen hinterdrein wanken ſah, mit gefalteten Händen, todtenbleichem Angeſichte, und vom gelöſeten Blondhaare wie von Engelsfittigen umflogen. Mit widrigem Tone fiel die Eiſenpforte des Thurmes hinter ihr zu, und die⸗ ſen Ton, dieſes Bild konnte er nicht verjagen aus ſeinen Sinnen, und es däuchte ihm, als wäre eine ewige Nacht über die Welt herein geſunken, und mit der Thurmthür habe ſich ein großer Grabesſtein über alles Lebendige gelegt. Er kannte diejenigen, die hier Gewalt hatten, kannte den ſtarren, geiſtesarmen Gerichtshalter, den aber⸗ gläubigen Prädikanten, der ſeine Lämmer in der Finſter⸗ niß weiden ließ, und vor Allen kannte er den wüſten, oft verwirrten Eigenſinn ſeines Vaters. Mit ſchuldloſer Zuneigung wandte ſich ſein Herz ſchon ſeit lange zu dem ſo ſchönen als guten Kinde der Natur; im unſchuldigen Betrachten und Beachten dieſer Lieblichkeit fand er Genuß, im einfachen Zwieſprache mit ihr Erholung, und jetzt ſah er die Holde, der nur ein altes Pergament fehlte und ein buntes Wappenſchild, um ſie über alle Fräulein des Landes zu ſetzen, der Gemeinheit verfallen, mit Raub⸗ gefindel und Vagabunden in eine Klaſſe geſetzt, und der unmenſchlichſten Pein, ja dem gräßlichſten Tode nahe gebracht. Doch die Unruhe ſeiner Seele ward noch ver⸗ mehrt, als jetzt ſein Reitknecht, der brave Lüet, herein⸗ ſtürzte, ſich in Todesangſt ihm zu Füßen warf, um Rettung —— flehte, und ſeinen idylliſchen Liebeshandel mit dem Flachs⸗ hannchen vollſtändig und in rührender Kindesſprache be⸗ kannte. Unmuth und Eiferſucht wallte auf im edlen Herzen des Junkers; im nächſten Augenblicke aber ſchämte er ſich beider, tröſtete den heulenden Burſchen, und nahm ihn, als der Tag anbrach, mit zu dem Vater, dort ihn vielleicht als Hülfe zu gebrauchen gegen die Anklage der Gerichtsherren. Die Wärter des Herrn von Scharf hatten ſeine un⸗ ruhige Nacht benutzt, ihn ſprachſelig von dem Vorge⸗ fallenen zu unterrichten, und ſein fiebernder Sinn hatte kaum den Tag erwarten können, um den Gerichtshalter aus den weichen Federn zu ſich entbieten zu laſſen. Der Junker fand bereits den Mann mit dem Eisgeſichte und ſeine Akten vor dem Faulbette des Vaters, und das Protokoll war ſchon verleſen. Horn? Horn? fragte der Edelmann, und ſeine vor⸗ liegenden Augäpfel leuchteten mit beſonderem Glanze. Die Stiene Horn? die Schweſter des verſchollenen Wer⸗ ner?— Und ſolche Teufelskünſte dicht um meinem Schloſſe? Ha! das iſt meine Krankheit! Ihr Werk meine Krank⸗ heit! Der Teufel in mir! Thut Eure Schuldigkeit, ſchnell, ſchnell! Mit ihrem Tode fährt der böſe Geiſt von mir, und meine Geneſung geht an!— Ehrfurchtsvoll trat der Junker näher. Kann auch mein Vater an ſolche Poſſen glauben? fragte er ſanft. Will er ſich mitſchuldig machen der ge⸗ meinſten Verirrung und der finſterſten Verblendung, und Theil haben an dem Blute der Unſchuld, weil Bosheit ſie anklagte, und weil eine kranke Greiſin rothgeweinte Augen hat? Wenn dieſer Bull und dieſe Horn Teufels⸗ bündner wären, was vermöchtet ihr Menſchen alsdann gegen ſie? Würde euer Kerker ſie halten und zwingen? Würden eure Ketten ihnen nicht Zwirnsfäden ſein, und würden ſie nicht ſpotten eurer Daumſchrauben und eurer Holzſtöße? Würden ſie nicht ihren böſen Geiſt aufrufen zur ſchrecklichſten Rache gegen euch?— Daß ſie das Alles unterlaſſen, daß ihr ſie binden und martern könnt, das eben iſt der beſte Beweis, daß ſie Menſchen ſind wie wir, ohne Zauberkraft, ohne andere Gewalt als irdiſche.— Er hat bekannt, vollſtändig bekannt, mehr als man fragte, bekannt! ſagte der Richter mit Heftigkeit, als fürchte er, den Inquiſitionsbraten zu verlieren. Sein Geſtändniß fordert die Sentenz.— Der Junker lächelte ſchmerzlich und wollte antwor⸗ ten, da fuhr der Edelmann im Bette hoch empor. Iſt der Knabe hier Herr, oder bin ich es noch? rief er mit der höchſten Anſtrengung, die ihm möglich. Will der bartloſe Knabe Männer meiſtern, und ihnen ſeinen Unglauben aufdringen? Tod über die Horn's! Dieſer Fuchsſtamm hat mir den Tod geſchworen; die Füchſinnen ſchmeichelten, die Füchſe biſſen; wenn der Reſt des Stammes vertilgt wird, werde ich neu zu leben beginnen. Eifrig darum, Gerichtshalter! Sein Herr commandirt: dran und drauf! Bauet mir Mar⸗ terblock und Holzſtoß, und ginge die halbe Waldung dazu.— Der Junker zog ſich in ſtummer Ehrerbietung zurück, Lüet aber, der bei dem Worte Holzſtoß ſchon das freſſende Feuer an den Fingerſpitzen gefühlt, trat zagend, doch mit Haſt vor, und überreichte Werner's Brief, in wel⸗ chem er vielleicht ein Rettungsmittel hoffte. Wer gab Dir das? fragte der Edelmann.— 479 Der Doktor aus der Fremde am Feuersabende! ſtam⸗ melte Lüet.— Aufmerkſam erbrach der Herr von Scharf das ziem⸗ lich große Schreiben, und die Aufmerſamkeit wuchs bis zum Erſtaunen, als ihm eine bemalte Pergamenttafel in die Hände gerieth. Auf der einen Seite war dem Pergamente der hübſche Schattenriß eines jungen Mäd⸗ chens aufgeklebt; mit Silberſtift gezeichnet ſtand ein Ge⸗ ripp ihm gegenüber, und bog ſich mit Todtenkopfe und Knochenarmen ihm entgegen wie zur Umarmung; dar⸗ über war ein Pokal gemalt, aus dem eine Schlange und ein Dolch hervorſahen, und ganz oben ein glän⸗ zender Stern mit einem Menſchenauge darin. Die untere Hälfte dieſer Seite nahm die Figur eines ausgemergel⸗ ten Prometheus ein, der, an ſeinen Fels geſchmiedet, ſchon leblos ſchien, an deſſen Eingeweiden dennoch im⸗ mer noch ein übergroßer, grimmiger Geier fraß. Ueber⸗ raſcht drehte der Herr von Scharf mit wirren Blicken das Blatt um, da ſtanden Worte, ſo roth, als wären ſie eben mit friſchem Blute geſchrieben. „Hazzo von Scharf! las er laut. Wache auf und erkenne! Beichte und bete! Verſöhne Dich und ſtirb! Aber wo iſt Verſöhnung für den, welcher mit allen Todſünden buhlte, und ſich voll ſoff in Unglücksthränen? — Du haſt das Knochenmehl Deines Verhungerten ge⸗ trunken im Weine und das Herz Deines Neugebornen gegeſſen in Deiner Fleiſchbrühe, und daran muß auch der älteſte aller Wölfe verſterben. Beichte, denn Deine Stunden ſind gezählet.— Nepomuk, Dein kluger Chi⸗ rurg, kam Deinen Todesboten auf die Spur, darum erſchien der Doktor aus dem Ungarlande, und vertrieb ihn von Deinem Bett, damit das Rachewerk nicht 2 480 geſtöret ſei. Und— Hazzo von Scharf, erzittre, ver⸗ zweifle!— Der Doktor Bombaſtus und Dein Todfeind, Wolf Werner, ſind Einer und Derſelbe.“— Mit Entſetzen ſahen die Umſtehenden die Wirkung dieſes Briefes bei dem Leſer. Alle Krankheit ſchien ge⸗ wichen; ein blaurother Purpur ſtieg auf die hagern und hohlen Wangen; mit einer Kraft, die an keine Krank⸗ heit erinnerte, ſprang er auf vom Bett, und ſo unge⸗ ſtüm gegen das große Fenſter, daß die Glasſcheiben erklangen, und mehre zerbrochen in den Hof klirrten. Geburt der Nacht, zweiköpfiges Ungeheuer! Deine Zunge Gift und Skorpionenſtachel! Dein Schweif Räu⸗ berſchwert und Banditenſtilet. O, hätte ich Dich auf einen Schritt Nähe! Du ſollteſt nicht ſtehen mit Deiner Stiergeſtalt vor meinen welken Muskeln und meinen zerbröckelnden Knochen. Fallen ſollteſt Du unter meine Füße, fallen, fallen, oder ich würde meinen Schild ſelbſt zerbrechen, und aufhängen ſeine Scherben am gemein⸗ ſten Schandpfahle. Aber ich räche mich an Deiner Brut, wenn der alte Wolf dem Eiſen entwiſcht iſt.— Hinaus! brüllte er jetzt zum Hofe hinab. Hinaus auf die Straßen, wer mir Gehorſam ſchwur! Suchet den Doktor; ſuchet den Werner in Moor und Buſch! Wer mir ihn todt bringt, bekommt hundert Dukaten, wer ihn lebendig liefert, fünfhundert!— Erſchöpft ſank er in die Arme der Beiden, die ihm ängſtlich nachgetreten waren, in die Arme des Junkers und des Gerichtsherrn, denn Lüet war bei dem erſten Ausbruche dieſes Vulkans aus der Thür geſchlüpft. Auf dem Hofe aber erſchien ein ſeltſamer Aufzug, welcher das Kleeblatt am Fenſter, trotz aller leidenſchaftlichen Aufregung, anzog. — 481 Ein Duett von Poſthörnern tönte ſchloßherein, und eine alte Kaleſche, mit vier ſchweißbedeckten Hengſten be⸗ ſpannt, fuhr in den Hof, und hielt am Portal. Auf dem Kutſchbock ſaßen zwei bärtige Dragoner mit ihren Karabinern zwiſchen den Knieen; im offenen Wagen aber zeigten ſich zwei jüdiſche Geſtalten, ein alter und ein junger Hebräer, die mehre verſiegelte und ſignirte Beutel mit ſichtlicher Sorge in Händen und Augen vor ſich auf dem Rückſitze bewahrten. Als der Wagen hielt, ſprang der Aelteſte der Reiſenden mit Federleichtigkeit heraus, befahl etwas ſtrenge und wortreich, und ſtürmte dann ins Schloß, treppan, und gerade in das Zimmer des Edelherrn, das ihm bekannt ſchien. Hinaus, unreines Thier! tobte der Herr ihm aus ſeiner Halbohnmacht entgegen. Hinaus, Ungläubiger, denn es klebt und ſaugt genug des Geſchmeißes an mei⸗ nem Leibe und meiner Seele!— Der Hebräer hüllte ſich feſter in ſeinen dunkeln Leib⸗ rock, und nahm, mit einem krebsartigen Rückſchritte, die hohe Pelzmütze von dem ſchwarzbärtigen, vergelbten Haupte. F Es iſt Elias, der Kammerjude! fiel der Junker milde und zurechtweiſend in des Vaters harte Anrede.— Ja, mein Jünkerche! erholte ſich der Hebräer, tief Athem ſchnaufend, bin Elias, der Kämmerling Sr. Durchlaucht, welche kein unrein Geſchmeiß leiden in Dero Schatzkammer, und kein ſchmutzig Unthier in Dero Schlößche. Aber, welch ein Empfängnuß war mir das, der ich doch bringe große Botſchaft, wichtige Botſchaft in dies Dörfle, den Segen des Herrn Ze⸗ baoth, den größten Segen des Herrn der Heerſchaaren.— Laß hören! Und dann hinaus, daß ich allein bin Blumenhagen. V. 31 —— E= 4 482 mit mir! ſtammelte der Herr von Scharf in verhehlter Wuth.— Da iſt gekommen ein Junger, plapperte der Pole, hier vom Schloſſe, in der Liverei; nun ich kenne doch die Farbe des gnädigen Herrn von Scharf. Und der junge, gute Bürſch hat geſetzt vier Nummern in der Lotto⸗Lotterie, und hat genommen die Zettuls von mir, und hat Alles belegt auf den Namen und Firme der Jungfer Hannchen Horn zu Pfaffenhof. Und Wunder Gottes geſchrieen, da iſt heraus gezogen die Nummer Funfzehn, und die Eilf und die Ein und Funfzig, und zuletzt die Eins, und es ſind gewest die Nummern der Jungfer Horn, und ſie hat gewonnen grauſam viel Geld, ſechzigtauſend Mal den Satz für die Quaterne, und fünf tauſend und drei hundert Mal den Satz für die Ternen, deren ſechs ſind darin, und die zehn Amben und—— es iſt ein Exempel auszurechnen auf einem ganzen Bogen Papiers Folio, und ſie kann kofen dafür ein ganzes Pfaffenhof. Und nun da ich komme daher als eine Jubelbote wie König David mit Sang und Harfenſpiel, da ich das Häusche der Jungfer verſchloſſen und die Jungfer ſitzt im Thurm. Was ſoll mer das? Wer ſo viel Geld gewonnen, gehört auf ein ſeidene Stühlche mit Goldteppichen davor, und nicht in ein Steinerle, für die Verſtoßenen gebaut. Was nun zu thun? Muß ich doch abgeben mein Geld und die Staats⸗ papierche, und muß hoben zurück die Perzente, und für mich und die Müh' und für die Poſtkaleſche und die Dragoners, die mich bewachten und meinen Meſchores mit die Gelder.— Die Horn's eine Quaterne gewonnen? fragte der Gerichtshalter.— —D 483 Gott's Wunder wahrhaftiglich! antwortete Elias. Und ſe hot die Nummern geträumt, ſagte der Bürſch. O, wer ſo träumeln könnte nur ein einziges Mol!— Sehet Ihr da die Hexe! fuhr der Gerichtshalter auf. Das iſt ein neues Zeugniß vom erſchrecklichen Abfall und gräßlichen Bündniſſe und Buhlſchaft mit dem ſchwarzen Kater, und muß männiglich überzeugen auch ohne Ge⸗ ſtändniß.— Der Junker aber nahm den erſtaunten Juden bei der Hand, indem er, wie in ſich, ſagte: Wunderbar ſind Deine Wege, Vorſicht da oben; doch iſt dieſes Glück vielleicht ein Morgenroth von der neuen Sonne. Komm, Elias, ſetzte er hinzu, ich will mit Dir handeln und Dich abfertigen im Namen der Horn. Nicht wahr, Herr Vater?— Der Herr von Scharf war während der jüdiſchen Botſchaft in tiefe Gedanken verſunken, die zuletzt in gei⸗ ſtige Abweſenheit und Apathie zu verdämmern ſchienen. Er nickte zuſtimmend mit dem Kopfe, und wälzte ſich dann tief in die weichen Polſter hinein, die ihm keine Erquickung brachten. 8. Mehre lange Tage waren verlaufen. An dem weiten Luftloche ihres Kerkers ſtand Hannchen Horn, ſtill in ſich gekehrt, die gefalteten Hände an den ſchlanken Leib ge⸗ drückt, und ſah der Sonne entgegen, die ihr gegenüber in Oſten an den Bergen heraufzuſteigen begann. Tief, ſehr tief unten lag die Gegend, umzogen mit Nebelflor, nur die fromme Stimme des Glöckchens der Kirche tönte in langſamen Schlägen herauf, und rief und mahnte die Frommen zum Frühgebete. Hannchens Wange war bleich — P* 5 484 geworden; die Trennung von der kranken Mutter hatte am meiſten ihr Herz verwundet, da ſie die Hülfsbedürf⸗ tige in der Wartung der rauhen und gehäſſigen Thür⸗ mersfrau wußte. Das Gericht war nicht beſonders hart mit ihr ümgegangen; das Zeugniß des Prädikanten über ihren Wantel, des Junkers Fürwort und ſeine Goldſtücke, vorzüglich wohl die friſche Jugend, die liebliche Kindlich⸗ keit ihrer Geſtalt, hatten die Richter beſtochen. Trotz ihres ſtrengen Läugnens blieb ſie mit der Folter verſchont, ſowie gleichfalls die Mutter durch ein Atteſt des Baders Nepomuk über die Schwäche ihrer Nerven und die Tödt⸗ lichkeit ihrer Krankheit. Jedoch half dieſe Nachſicht ſo viel, wie dem Dürſtenden ein Trunk Meerwaſſer; denn Beide wurden verurtheilt, durch die Waſſerprobe ſich zu reinigen, ſowie dem Hans Bull als Mordbrenner und Zauberer der Tod in Flammen zuerkannt worden. Und alles Das ſollte ſchon am morgenden Tage vor ſich gehen. Die erſten Strahlen der Sonne ſchoſſen jetzt herauf durch die Roſenflur in Oſten, wie goldene Pfade, die von der Erde zum Himmel die Bahn öffnen; der Anblick des aufſteigenden Weltenlichtes, der blendende Blick in die wunderſame Feuerkugel, die wie eine rieſige Gold⸗ ſpinne ihr Strahlennetz immer größer und weiter aus⸗ ſpinnt über die ungeheuren Weltenräume, hat etwas unglaublich Belebendes und Erhebendes für jede von Angſt und Erdennoth gedrückte Bruſt. Wenn die Nacht mit ihrer Schauerſtille, mit ihren geſpenſtiſchen Geſtalten das Herz immer ſchwerer belaſtete, das Gefühl der Hülfloſig⸗ keit bis zum Unerträglichen mehrte, ſo ſchmelzt der erſte Sonnenblick der Eisrinde; mit dem erwärmenden Strah⸗ lenguß ſtrömt das Vertrauen auf den Weltenſchöpfer, auf den großen Vater aller Weſen in das Herz zurück, und 485 wie die herabſchießenden Lichtſtrahlen den nächtlichen Thau einſaugen und die Nebel anziehen, ſo ziehen ſie auch die Menſchenſeele auf zum Himmel und auf zu dem allmäch⸗ tigen Könige der Himmel und Erden, und verbannen die finſtern, ſelbſtmörderiſchen Gedanken, die Kinder der Geiſterſtunde. Auch in der Jungfrau Bruſt ſenkte ſich der Troſt und das Vertrauen, wie die Sonne ihr hell und wärmend entgegen ſtrahlte, und ihr aufgeſchloſſenes Herz konnte jetzt beten um Rettung für die Mutter und ſich, konnte um Reue beten und Vergebung für den verurtheilten Hans Bull, für den ſchwarzen Geiſt im Maientage ihres Lebens. Als ſie geendet, und nun aufſah, erblickte ſie etwas, einem flatternden weißen Vogel ähnlich, außen vor der Thurmlucke. Nein, es war kein Vogel, es war ein Papierblatt, welches an einem Faden vom Thurm⸗ dache herabhing. Das iſt Lüet! rief ſie freudig erſchrocken, und ſchob den Schemel an das tiefe Mauerloch, und ſetzte ſich in die Niſche, weit ſich hinaus biegend mit vorgeſtrecktem Arme. Ihr Blick ſchwindelte einen Augenblick hinab in die Tiefe draußen; doch haſchte die Hand glücklich das Papierblättchen, und zerriß den dünnen Faden. Auf dem mit Stroh bedeckten Lager ſitzend, las ſie dann die deut⸗ lichen Schriftzeichen: —„Sei wach um Mitternacht! Zwei Freunde kommen und helfen!“— war die kurze, geſchriebene Nachricht.— Wer konnte das ſein, als Lüet und Werner? Die Treue des Einen, die Kraft und Beſonnenheit des Andern, weckten ihr frohes Zutrauen; aber das Wie? war ein Räthſel, welches ſie nun den ganzen, langen Tag beſchäftigte. — 486 Die langerſehnte Nacht kam endlich mit ihrem Schat⸗ tenmantel. Des Wächters Schritte, der ſeine Pflegebe⸗ fohlenen viſitirte, ob ihnen nichts fehle, und ob ſie nicht fehlten, verhallten auf den Steintreppen im Thurme; jedes Geräuſch im Schloßhofe verſtummte nach und nach; eine todte, drückende Stille trat ein, die nur zuweilen der Fittichſchlag eines Uhus unterbrach, der kreiſchend am Thurmloch vorüberſchoß, wo er ſonſt Neſt und Wohnung gehabt habte. Mit nackten Füßen ſchlich das gefangene Mädchen, jeden Horcher fürchtend und ſelbſt horchend an Wänden und Thüren, auf dem Steinboden umher. Sie erhorchte Nichts. Woher wird der Retter kommen? Wird ſeine Rieſenhand die Eiſenthür zerbrechen? Wird er aus dem Fußboden ſich heraufwühlen, oder aus der durchbro⸗ chenen Decke ſich herabſenken? Jetzt ſchlug es Zwölf unten im Dorfe, und gleich nachher auch oben im Schloſſe. Die ſich durchſchlingen⸗ den Glockentöne zogen die Jungfrau an das weit ge⸗ wölbte Thurmloch, in welches die kühle Nachtluft ein⸗ ſtrömte. Links am Himmel hingen dicke Wolken, wie drohende Drachen, die Trabanten der Finſterniß; rechts ſchaueten aus dem tiefblauen Himmelszelte tauſend Sterne, wie Engelsaugen, und der Beängſteten gegen⸗ über ſtand ein großer Planet mit ſeinem klaren, hellen Lichte. Horch! Da vernahm ſie ein leichtes Geräuſch von oben, aber außerhalb des Steingebäudes. Ein dickes, dunkles Seil rauſchte vor der Oeffnung herab, langſam und lang. Das Geräuſch droben wurde ſtärker. Sie lauſchte bang und voll Neubegier. Da deckte ein großer Schatten das ganze Fenſter, und es ſchwankte draußen und drängte ſich hereinwärts, und als ſie zurücktrat, —, —,— 7 ſprang ein Mann zu ihr ein, und ihr Lüet umfaßte ſie in der Dämmerung ihres Kerkers. Lüet! Lüet! rief ſie. Du biſt es? Du getreue Serle? Kommſt Du vom Himmel herab, um mein Gefängniß zu theilen?— Still! Still! flüſterte der getreue Bube. Dich zu erretten ſind wir da. Der Ohm ſteht unten am Ge⸗ mäuer, an der Stelle, wo es von der Höhe in den Moor⸗ grund geht, der die Waldſchlucht einſchließt. Er hat Alles ausgedacht, und ich hab's glücklich im Schloſſe vollendet. Er kannte das alte Eiſenrad im Thurmdache, woran die Mönche vordem, wenn Kriegszeit war, ihren Proviant Nachts herein gewunden. Ich ſchleppte die Seile heimlich über die öden Schloßböden hinauf, an die ſich die Thurmſpitze lehnet; der Bretterſchemel iſt ſicher und wohl befeſtigt, und unten hält der ſtarke Ohm das Seil. Hinaus darum, mein Mädchen, ſchnell und vorſichtig.— Aber die ſchreckliche Tiefe! lispelte ſie zitternd.— Halte Dich nur feſt am Seile, antwortete der Jüng⸗ ling drängend. Bequem ſitzeſt Du auf dem Brett, das Seil zwiſchen den Knien ſichert Dich. Ich hier oben hindre das Schwanken, und der ſtarke Ohm läßt Dich ſanft herunter, denn das Seil hat über doppelte Thurm⸗ länge. Ich komme eben ſo nach, und dann geht's flink über die Grenze.— Aber wo vleibt die Mutter? jammerte Hannchen da. Ohne ſie kann ich, darf ich nicht gehen.— Die Mutter iſt krank, todtkrank, ſtammelte Lüet ver⸗ legen. Ihr wird nichts geſchehen. Aber Dir! Willſt Du morgen den frechen Spott und Hohn der Bauern dulden? Sollen Dich die groben Hände der Burſchen antaſten? — 488 WVillſt Du mit gebundenen Händen im Teiche ſchwimmen und verſinken?— Aber ich bin ſo unſchuldig!— Gerade darum ſchickt Gott Dir die Retter, und es wäre Sünde, Gottes Hand von ſich zu ſtoßen.— Das Mädchen weinte heftig, der treue Burſch drängte ängſtlich. Sie klomm hinaus, kam glücklich auf den gefährlichen Sitz, umſchlang das Seil, und ſchloß, ein Gebet ſprechend, die Augen. Langſam und wohlbehal⸗ ten rauſchte ſie hinab an der Mauerwand, unten em⸗ pfing ſie der Oheim in ſeinen offenen Armen, und bald nach ihr kam auf demſelben Luftwege der brave Geliebte herunter. Habe ich Dir Dein beſtes Opfer entriſſen, Du böſer Hazzo! ſprach Werner dumpf, indem er mit der Hand zum Schloſſe hinauf dräuete.— Nein, die Horns ſollen nicht ausſterben, aus dieſem Jungfrauenſchooße muß ein neuer Feind Deines Geſchlechtes entſprießen, damit der Haß ewig bleibe! Fort jetzt, Kinder! Ich kenne den Pfad durch das Moor, kenne die Waldwege; aber raſch zu Fuße müßt ihr ſein, denn das Wetter dort links dräuet ſcharf, und es darf uns nicht außer dem Holze überraſchen.— Mühſam kletterten ſie von der Höhe hinab, und be⸗ traten dann hinter einander, das Mädchen in der Mitte, Werner voran, den elaſtiſchen Moorweg. Aber nicht lange hatten ſie die Flucht fortgeſetzt, ſo umzog das Ge⸗ wölk, mit Windesſchnelle ſich ausbreitend und wachſend, den ganzen Himmel. Tiefe Finſterniß trat ein, zuckende Blitze leuchteten, und der Donner begann zu murren. Gefährlicher und mühvoller wurde der Weg. Das Wan⸗ deln auf dem Moorpfade, durch das Riedgras und auf ————.————— 3 489 dem glatten Mooſe, ermüdete ſehr. Zetzt ſchlug ein Strichregen nieder, und gerade ihnen entgegen. Ich kann nicht weiter! Der Gram hat meine Kräfte . verzehrt, und die Angſt nimmt mir die letzten! klagte das Mädchen mit einbrechenden Knien, und ſtützte ſich an des Oheims Schulter.— Muth! rief Werner. Hier ſind wir ſchon am Walde; nur noch dieſe Höhe hinauf halte die Kraft zuſammen! Dort iſt ein Platz, heimlich und bedachet, der uns ſchü⸗ tzen wird, und wohin kein Menſchenkind ſich wagen mag; dort finden wir Waffen, dort ruhen wir, bis es lichter wird, und dann ſind wir in einem Halbſtünd⸗ chen durch's Dickicht hinüber im Nachbarlande, wo ein mächtiger Herr ſchützt, und wo man keine Hexen mehr verbrennt!— 1 Die beiden Männer unterſtützten die Erſchöpfte, und 3 da, wo es freier ward, trugen ſie ſie auf den verſchlun⸗ genen Armen. So ſtiegen ſie zur Seite eines plätſchern⸗ den Kieſelbaches ins Gebirge hinauf bis zu einer gelich⸗ tetern Waldhöhe, wo Werner Halt gebot. Der Platz war flach und abgerundet; Unterbuſch wuchs hier nirgends, nur alte, uralte Eichen deckten den gra⸗ ſigen Raum, und unter ihnen lagen zwölf große Steine im Kreiſe von uralter Zeit her, der Sage nach be⸗ ſtimmt zu Gerichtsſitzen der geheimen Vehmſchöffen des Saſſenlandes. Mitten ſtand die Altmutter des Waldes, . eine ungeheure Titaneneiche, oben grünend in dem üp⸗ „ pigſten Laubdome, unten am Stamme ausgehöhlt, wie eine Kapelle, in welcher wohl ſechs Menſchen Platz und Schutz fanden. Da hinein führte Werner ſeine Flücht⸗ linge, weil der Regen jetzt in Strömen niedergoß, und alle Drei ſetzten ſich nieder drinnen, enge, aber ſicher und trocken, und aus einer Flaſche, die er aus der Tiefe des hohlen Baumes hervor nahm, wo er auch Mantel und Schießgewehr verborgen hatte, ſtärkte der Ohm mit gatem Weine das Lieblingskind, und trock⸗ nete des Mädchens langes, naſſes Haar mit ſeinem Tuche, und ſchlug die Fröſtelnde ein in ſeinen wärmenden Mantel. Als ſie eine ziemliche Weile ſo geſeſſen hatten, und Alle genugſam geſtärkt und beruhigt ſchienen, der Regen aber noch immer in den Zweigen raſſelte, und die leuch⸗ tenden Blitze und der dumpfe Donner nicht enden wollten, da ſtand der Ohm Werner unruhig auf, trat aus dem Baume, ſchauete eine Weile im wiederkehrenden Sternen⸗ lichte ſich rundum, und ſetzte ſich dann auf den nächſten der großen Steine, den die dichte Laubkrone der tiefhän⸗ genden Zweige der Eiche wie mit einem Schutzdache umzog. Er drehte ſich gegen die Höhlung des Baumes, ſtützte den Ellenbogen aufs Knie und die Stirn in die Hand, und unterbrach das tiefe Schweigen, das Alle gefeſſelt gebalten. 6. Den Menſchen ſind wir entronnen, begann er mit einer dumpf hallenden Stimme, die recht ſeltſam ſchauer⸗ lich durch das Plätſchern des Regens und das Rauſchen der Baumgipfel tönte; aber die Natur hält uns gewal⸗ tiger auf und feſſelt uns. Doch ſorget nicht, Kinder; die Natur iſt freunvlicher als der Menſch, und ſie ſelbſt wird unſere Flucht bedecken durch den geheimſten Strauch⸗ weg. Ihr Beide ſeid von heute an gelöſet von allen Menſchen, ihr habt nicht Obvach, nicht Heimath; aber Du, getreuer Knabe, ſollſt Dein Opfer nicht ohne Lohn gebracht haben, denn mein ſollet ihr ſein von heut' an, mein durch Blut und Vertrauen, und ich —— —— —,— —,—— 491 habe genug für euch. Dieſer Ort iſt der rechte, dieſe Zeit die rechte, um euch völlig mit mir zu einigen. Höret denn zu, und lernet den Mann kennen, mit dem euch euer Schickſal zuſammenwarf, und der vor euch nicht beſſer und ſchlechter erſcheinen mag, als er wirk⸗ lich iſt. Es iſt nicht lange, da wohnten im Dörfchen dort unten zwei Familien, nicht ohne Wohlhabenheit, doch ohne Ueberfluß, aber fleißig, zufrieden und deßhalb glück⸗ lich. An einer böſen Krankheit, die dazumal peſtartig im Lande wüthete, ſtarben in beiden Familien die Alten und manches junge Geſproß; in jeder blieb ein Bruder und eine Schweſter übrig, und durch gleiches Unglück, gleiche Sorgen, wie durch Nachbarſchaft verknüpft, ſchloſ⸗ ſen die vier jungen Wirthe enge Freundſchaft und halfen ſich im Leben treu und redlich. Die beiden Paare waren: Hennig und Marie Horn, und Stiene Werner und ich, der Wolf Werner. Wir wechſelten Zunei⸗ gung und Eheverſpruch, und ſobald wir in der Wirth⸗ ſchaft, die durch der Eltern Krankheit in Unordnung ge⸗ rathen, weiter gekommen, ſollte eine Doppelhochzeit uns noch näher verbinden. Da wohnte aber auch im Dorfe ein Edelmann, der wußte nicht, was Arbeit iſt, und kannte den Fleiß nicht als Gegengift gegen Teufelsver⸗ lockungen der Sinne und alle Laſter. Er lebte wüſte in Müßiggang und Völlerei, pflegte der Jagdluſt auf Thiere und Menſchentöchter, und liebte es vorzüglich, ſeine Ku⸗ ckusbrut in fremde Neſter zu ſchwärzen. Ich bemerkte, wie Herr Hazzo meiner Schweſter, Deiner Mutter, Hann⸗ chen, nachging, und— Gott verzeihe mir's, wenn ich unrecht meine!— ich glaube, die Augen der Stiene fanden mehr Wohlgefallen an dem ſchmuckgeputzten 492 Falkenjäger, als billig und gut war. Was geſchehen ſein mag, hat Gott mit Nacht bedeckt, obgleich mich einſtens oft der ſchwarze Gedanke packte, es könnte in Dir, mein Hannchen, ſtatt des ehrlichen Horns Blut, wohl gar ein adeliges tanzen und leben; denn Du warſt von früh an gar anders als die Bauernkinder, und zwei Naturen ſchienen ſich zu ſtreiten in Dir. Aber weg da⸗ von! Hat die Stiene geſündigt, ſo hat ſie auch ſchwer gebüßt, und ihre Buße iſt noch nicht zu Ende.— Hannchen ſchluchzte laut, und feſt drückte ihr Getreuer ſie an die Bruſt. Der Alte fuhr unerſchüttert fort: Meine Sorge um der Schweſter Ehre ſollte eine ſchnelle Heirath mir abnehmen, und obgleich ich wohl merkte, wie vom Edelhofe aus dieſer Heirath Hinderniß auf Hinderniß entgegengeworfen ward, ich ſetzte meinen Willen durch, und Deine Mutter wurde Deines Vaters Frau. Das hohe Gelüſt des edlen Hazzo nahm von da an eine andere Richtung. War ſein wildes Raketenfeuer verlodert, oder war es Rache gegen mich, welcher dem Geier ſeinen ſichern Raub unter den Klauen weggeriſſen; des Kochs Rettich Erzählungen haben ſpäterhin mich des Letztern vergewiſſert; genug, die ſchändende Gnade des dreiſten Edelherrn fiel von Stund auf meine Braut, auf Maria, Deines Vaters Schweſter und Dein Ebenbild damals, Hannchen.— O, der alte Eiſenkopf und das ſtarre Herz haben das Erinnern und das Empfinden noch nicht verlernet; denn gedenke ich der Unglücklichen, höre ich den Namen Maria, ſehe ich auf Dein freundlich Angeſicht, dann brennt es hinter der Stirn und in der breiten Bruſt, und es iſt mir, als müſſe ich Blut ſehen und Leben zertreten, wem es auch angehören möge; die ganze Welt ſcheint mir dann eine höhnende Feindin und 493 jedes Menſchenkind mein Widerſacher.— Das Weib iſt zum Fallen geſchaffen; Eitelkeit iſt der ſchwache Fleck an der Beſten, und die Schmeichelei die Mittagsſonne, wel⸗ cher das Weib alle Blumenkelche öffnet, weiß ſie auch vorher, wie die Hitze ſenget, und ihre Schönheit dahin welken muß. Den Mann ſcheucht die Erfahrung, das Weib verlockt ſie. Nur in der Mutterliebe iſt das Weib ſtark und unverwundbar. Des Junkers Goldgeſchenke, ſeine hochfliegenden Ver⸗ heißungen, ſeine pathetiſchen Schwüre, ſeine feinen Worte, umgarnten auch das zweite Opfer, und meine Schweſter, dem einſtigen Liebhaber noch immer ergeben, wurde ſeine Kupplerin, denn ohne Sicherheit und Zutragen wäre meine Marie nicht gefallen. Ihr Kuppelpelz iſt heiß geworden, und drücket ſie ſchwer in das Grab hinunter. Ich erfuhr die Unthat durch Nachbartreue, und von dem Augenblicke durchzuckte mich die Wuth des Tigers vom Haare bis zur Ferſe wie ein Blitzſchlag. Der Verführer ſollte ſterben, mußte ſterben! Der Gedanke verſchlang alle übrigen Gedanken meines glühenden Gehirnes. Ich entdeckte mich Deinem Vater Horn; wir gaben eine Reiſe in die Stadt vor, und kehrten am Abend durch das Hinterthor heimlich in die Horn'ſche Meierei zurück. Was wir geahnet, war geſchehen! Herr Hazzo ſaß traulich zwiſchen den Weibern. Wie angeſchoſſene Eber überfielen wir ihn, aber er war vorſichtiger geweſen als wir. Bewaffnet ſtand er unſern Keulenſchlägen, und ſein Ruf lockte aus dem Garten die Schutzwacht herein, die er mitgebracht. Wohlgetroffen mit zwei Kopfwunden ſank Herr Hazzo; aber ſein Jagdmeſſer zerſchnitt mir Zuvor die Hand hier, wo die Finger noch ſteif ſind; kaum konnte meine Stärke mich befreien, Dein Vater fiel in die Hände der Schloßdiener. —— S — 494 Vogelfrei irrte ich nun in den Grenzgebirgen umher; Waldfrucht und Quellwaſſer war Monden lang meine Nahrung; in dieſem hohlen Baume ſchlief ich, aber die Rachluſt feſſelte mich an dieſe Gegend, und tollkühn wogte ich mich oft hinab in das Thal, wo ich glücklich geweſen. Da hörte ich, wie unſere Höfe der Herrſchaft verfallen erklärt wurden, wie man aus gnädigem Mit⸗ leid das Hüttchen am Teiche Deiner Mutter überließ; hörte, wie der gute Hennig Horn im Gefängniſſe ver⸗ hungert, und als Selbſtmörder unehrlich begraben ſei; hörte, wie die untreue Marie verlaſſen umher geirrt, des Kindesmordes verdächtig, zuletzt im Siechenhauſe geſtorben war. Meine Wuth wurde Raſerei! wie die Bärin, der man die Jungen ſtahl, tobte ich durch die Wälder, und in drei Mitternächten ſchwor ich hier auf dieſer Stelle drei Male den Schwur ewiger Rache ge⸗ gen den Teufel, der zwei glückliche Familien endlos elend gemacht hatte.— Man ſpürte mich aufz Jäger und Holzknechte hetzten mich wie einen ſchweißenden Edel⸗ hirſch, trieben mich endlich hinab zur Grenze, wo ich kaiſerlichen Werbern in die Klauen fiel. Mir war jedes recht: das Leben war mir ein wurmſtichiger Apfel, den man fortwirft; die Welt war mir ein Haus der Pein. Ich ſuchte den Tod, da die Rache mir verſagt war. So ward ich bei der Belagerung Wiens unter den Bravſten genannt, und ſchwang mich hinauf aus dem gemeinen Soldatenrocke. Zu dieſer Zeit lernte ich einen italieniſchen Doktor kennen, der unſere Wunden verband. Ich gefiel ihm, er kaufte mich von den Reitern los, nahm mich mit in des Papſtes Reſidenz, weihte mich ein in die Geheim⸗ niſſe ſeiner Kunſt, und ließ mich arbeiten in ſeinem — 495 Laboratoriv. Jetzt lebte die Rachluſt wieder auf in mir, denn ich hatte wieder Muße zum Denken und zum Er⸗ innern; mit Fleiß ſtudirte ich des Doctors Handſchrif⸗ ten, lernte die ſchleichenden Gifte Italiens bereiten, und als mein Meiſter ſtarb, als ich mein ſchönes Vermächt⸗ niß aus ſeiner Erbſchaft empfangen, zog ich nach lan⸗ gen Jahren heim in das Vaterland, kühler, beſonnener, aber nicht weniger rachedurſtig. Im Winkel des Grenz⸗ landes, wo keine Straße vorbeizieht, in einem einſiedle⸗ riſchen Dörfchen, kaufte ich einen kleinen Hof, den auch ihr jetzt mit Sicherheit mit mir bewohnen und dereinſt von mir ererben ſollt; dort lebte ich meinen Racheplä⸗ nen. In hundert Verkleidungen beſuchte ich den Ge⸗ burtsort, drängte mich in das Schloß, und— brauete meine Tränke. Mein Plan iſt vollführt, an meinem Gift verendet der Böſewicht, und ich habe den Genuß gehabt, ſeinem langſamen Sterben nahe zu ſein, habe die Luſt gehabt, ſeine Gewiſſensqual zu nähren und zu mehren. Mag ich ein Sünder ſein vor der Welt und dem erbärmlichen Menſchengeſchlechte, mir bin ich nur ein Würgengel des Himmels, ein Henkersknecht Gottes, und ich gehe getroſt dem ewigen Gericht entgegen.— Erſchöpft ſchwieg der Alte, und bedeckte ſein Geſicht mit beiden Händen, das Mädchen aber fuhr heftiger, als man von ihr erwarten konnte, aus dem Baume hervor, taumelte einige Schritte fort, und ſank an einem der Steine nieder. Nein, Herr Ohm, ſagte ſie mit angſtbeklommener Stimme, ich bleibe nicht bei Ihm! Laſſ' Er mich zurück zu meinem Thurme und zu meiner Mutter, die nie ſo ſchlecht ſein konnte, als Seine gräßliche Geſchichte ſie macht.— — „ 496 Nicht zurück darfſt Du, ſiel Lüet ihr in die Rede, und richtete ſie liebevoll auf. Du darfſt nicht dem Tode in den Rachen laufen. Du mußt leben für mich, denn ich würde ja Deinen Tod nimmer überleben, wie der Ohm da ſeine Marie überleben konnte. Schon bricht der Tag an;z das Wetter hat nachgelaſſen! ſo komm! Wir beide fliehen zuſammen. Wir ſind jung, und Ar⸗ veit gibt's überall für den, der mit Gott ſe Weg ſucht. Der Ohm mag allein gehen, mag ſeinen Hof allein behalten, denn unter eines reueloſen Mörders Dache wohnt kein Friede und kein Glück.— Undankbare, thörichte Kinder! ſchalt der Alte, zor⸗ nig aufſtehend und in Kraft ſich erhebend. Die Welt iſt kein Spielplatz, das Leben iſt kein Naſchwerk. Doch ihr verſteht das nicht, und ich vergebe euch. Aber mein ſeid ihr, und ſollt mein Alter mir lieb machen. Mit mir müßt ihr, und ſollt ich eure Liebe zwingen. Er griff bei dieſem Kraftworte in des Baumes Höhlung, und nahm ſeine Büchſe heraus; doch da rauſchte es durchs Gebüſch, ein mächtiger Hatzhund drängte ſich ſchnuppernd hervor, ſtand feſt, und ſchlug hell an. Werner machte ſich ſchußfertig. Schritte ſchallten von mehren Seiten, und der erſte Tagesſchimmer zeigte Grünröcke am Rande der Eichenhöhe. Hoho! Wilddiebe! Freijäger! ſchrie der vorderſte junge Jagdbube mit hallender Stimme. Türk und Packan! Halloh! Hinan! Hinauf! Gebt die Büchſen her, oder ich brenne los!— um Gottes Willen ſchieße Er nicht, Werner! ſchrie Lüet, als der Ohm anſchlug; aber ſchon brannte der Schuß los, und der Jagdbub ſtürzte vorn über. Da trat heftig erboßt der alte Wildmeiſter vor aus dem Buſche, ſein Gewehr knallte, die ſichere Kugel fuhr durch Werners Bruſt, und mit einem hohlen Todeslaute ſtürzte er leblos zuſammen. Werner! Hörte ich recht? Werner hieß der Schurke? fragte der alte gute Schütze, indem er durch den Dampf raſch zu dem Geſtürzten trat, indeß ſeine Jäger das zitternde Paar umſtellten.— So wahr Gott lebt, es iſt der Werner, den wir vor ſechszehn Jahren aus eben dieſem Lager aufhetzten. Hat der alte Wolf das alte Neſt wieder geſucht? Schade daß er verendet iſt am Herzſchuß; doch die Prämie der hundert Dukaten iſt unſer!— Und noch wohl ein gutes Trinkgeld mehr für uns! ſprach da mit hämiſcher Freundlichkeit ein derber Jagd⸗ geſell, und zerrte an Hannchens Mantel, in welchen das Mädchen ſich voll Angſt und Scham tief eingewickelt hatte. Sehet einmal, Herr Fauſt, dieſes weiße Geſicht⸗ chen an und dieſes Stutznäschen, das ſo niedlich aus dem Iltißfell hervor ſchaut! Iſts nicht die junge Hexe, die im Thurme ſaß auf Pfaffenhof, und die heute Mor⸗ gen, wenn der Mordbrenner abgethan war, ſchwimmen lernen ſollte im großen Waldteiche?— Weiß es Gott! erwiderte verwundernd der Wild⸗ meiſter, es iſt die Horn, die Gefangene als Flüchtige, und gehören doch die Horn's und Werner's vordem nahe zuſammen. Und Er, Musje Lüet? Wo kommt Er her ſo früh? Hat Ihn die Zauberdirne auch verhext, weil Er ihr zu tief ins Auge geguckt, und iſt mit Ihm pfei⸗ fen gegangen? Nun, ich mag Seine Bügelriemenſtrafe nicht theilen. Burſche unſere Morgenjagd war übergut. Nach Hauſe darum! Blaſet den Abzug, und Walter ſpringe voran und mache den Wildwagen zurecht! Ihr Blumenhagen, V. 32 498 Andern packt den ſchweißenden Gauner auf! Bindet mit dem Leitriemen die beiden Blaſſen zuſammen, und fol⸗ get mir zum Forſthauſe! Von 8 dehts ſofort hinunter nach Pfaffenhof. 32 Es war mehre Stunden ſpäter am Morgen deſſel⸗ ben Tages, als ſich auf jenem Platze, der im erſten Abſchnitte als ein Sitz der Unſchuld, der Ordnung und Zufriedenheit geſchildert wurde, ein ganz entgegengeſetz⸗ tes Bild, grauſiger und gräßlicher Art, den Zuſchauern zeigte, welche ſich zu Tauſenden und darüber um den Waldteich und auf der Heerſtraße verſammelt hatten. So verändert durch ſolche lärmende Geſellſchaft die ſonſt ſtille und verödete Waldgegend erſchien, ſo verändert ſtand auch das kleine Gehöfte da, ſeitdem man die Taube von ihrem Neſt weggefangen. Das Hofthor war zerbrochen, der Zaun an vielen Stellen niedergeriſſen; zertreten wie eine Viehweide lag das freundliche Gärt⸗ chen da, und die vordem ſo zierliche Ordnung ſeiner Felder war gar nicht mehr zu erkennen. Eine freche Hand hatte die Fenſter der Hütte zerſchlagen; diebiſche Fäuſte hatten die Thüren erbrochen. Aus dem weit ge⸗ öffneten Stalle meckerte die Ziege nicht mehr; die freund⸗ lichen Hausvögel waren geraubt, oder hatten ſich in die Waldung verloren; nur der Storch ſaß nach wie vor auf ſeinem breiten Neſte, und ſah, wie der alte, graue Hauskaſtellan einer alten Ruine, mit ſeltſam ernſter Ruhe dem Tumulte da unten zu; und der ſchwarze Ka⸗ ter, Hannchens Liebling, hatte ſich in den höchſten Gipfel des Apfelbaumes geflüchtet, wo das halbverhungerte Thier mit gekrümmtem Rücken jämmerliche Angſttöne ausſtieß; ———— 499 weil ein Rudel muthwilliger Buben ihn mit tödtenden Steinwürfen bedräuete, ohne zu fürchten, daß der ſchwarze Feind in ihm umgehe.— Der Gerichtshof der Herrſchaft ſaß auf roth beſchla⸗ genen Bänken in der Mitte des Tumultes, zur Seite des Teiches, ehrwürdige Perrükenträger und Altbauern, von einer Garde bunter Dorf⸗Hellebardierer umringt und vor dem Andrange der tollen Maſſe beſchützt. Schon war der erſte Akt des gräulichen Trauerſpiels vorüber. Schon war der große Holzſtoß zuſammen ge⸗ brannt, auf dem der ſchlechte Hans Bull geendet hatte. Sein Geheul war verhallt, aber der ſtinkende Dampf wirbelte vom ſchwarzen Pfahle empor und verpeſtete das ganze Thal, und die Frohnknechte ſchürten mit lan⸗ gen Stangen den ungeheuren Kohlenhaufen zuſammen. Jetzt begann eben die zweite Scene der widerſinni⸗ gen Gerechtigkeitspflege. Die alte Stiene Horn, todt⸗ krank und faſt ſinnlos, ward vom Karren gehoben, man band ihr die Hände, und zwei Büttel ſchwangen ſie leicht am Arm und Fuß, und ſchleuderten ſie weit hin⸗ aus hin auf den Teich. Ein einziger Schrei tönte von der ganzen Menge; dann war Alles plötzlich todesſtill vor Erwartung, was geſchehen werde. Der dichte rothe Wollrock der Schwimmenden hat im Wurfe Luft gefan⸗ gen, und breitete ſich aus wie ein Ballon, dazu bekam ſie durch Angſt und Schreck einen Anfall ihres Nerven⸗ übels, und zuckte leicht mit den Gliedern, und— ſiehel ſie ſchwamm über dem Waſſer, und ein friſcher Mor⸗ genwind trieb ſie fort, weithin auf dem Spiegel, ſo daß ſie mit losgegangenem, feuchtem Haare einer Nixe glich die auf ihrem Reiche ſpielt. Das Volk ſchrie laut auf im Erſtaunen, und beklaſchte mit den Händen die ſeltene Fahrt. —— 500 Sie ſchwimmt! ſchrie man.— Da ſeht die Hexel die Teufelsbraut! Heraus mit ihr auf den Holzſtoß; ſie muß brennen, wie der Hans Bull.— Fiſcht ſie heraus, eh' der Schwarze ſie rettet und unſichtbar macht! In das Feuer mit ihr, daß ſie mit den rothen Augen Kei⸗ nem mehr die Peſt in das Haus ſieht!— So ſchrie man überall, und Alle ſtürmten näher zum Teiche; aber ein anderer Auftritt änderte die Handlung. Eine fröhliche Fanfare von Jagdhörnern tönte auf einmal vom Holze her, und von den grünen Weidbur⸗ ſchen umringt und von Hunden umkläfft, raſſelte der Wildwagen, auf welchem Hannchen und ihr Lüet ge⸗ bunden ſaßen, eilig die Steinſtraße in das Thal her⸗ unter. Still und ohne Thränen hatten die Beiden auf dem langen Wege neben einander geſeſſen; nur zuwei⸗ len ſahen ſie ſich voll Innigkeit an, und tauſchten ſich Troſt aus mit treuen Blicken.— Ich gehe zur Mutter, und muß vielleicht mit büßen für die ſündhaften Blutsfreunde, ſagte Haunchen leiſe; aber Du, Du treuer, frommer Lüet? Warum auch Du in ſolcher Schande und Noth? Iſt das Deiner Liebe Lohn?— Ich bin mit Dir! antwortete der Burſche feſt und faſt wohlgemuth. Darf ich bei dir ſein und Alles mit Dir theilen, ſo iſt mirs ſchon recht und lieb, denn ohne Dich iſt mirs ekel in der Welt, und ich könnte nicht leben nach meiner Liebſten Tode, wie der wilde, blutige Oheim. Sofort, als der Wildwagen am Platze ſtill gehal⸗ ten, hatten Alle am entblößten Flachsköpfchen das Hannchen erkannt, und ſelbſt die Richter wendeten ihre Augen dem neuen Schauſpiele zu.— Das flüchtige Flachshannchen iſts! Sie kann nun 3 501 ſchwimmen zugleich mit der Mutter! rief man im lau⸗ teſten Jubel.— Die Geckin hat ſich überſchön geglaubt; jetzt ver⸗ führt ſie keinen mehr! ſpotteten die Weiber.— Das ſpröde Närrchen that ſo vornehm, und tanzte nicht mit Jedermann, lachten die Burſchen. Nun ſoll ſie tanzen, wie wir aufſpielen, und heißer dabei wer⸗ den als beim Pfingſtbiere.— Alle drängten ſich durch einander tummelnd heran, und eine Menge von Fäuſten ſtreckten ſich aus, gierig, die Gefangene vom Wagen herabzuzerren, und ihr ge⸗ waltiges Spottſpiel ſofort mit dem Mädchen zu begin⸗ nen. Der alte Wildmeiſter aber ritt mit ſeinem ſteifen Schecken unter das Volk, und ſeine kurze Riemenpeit⸗ ſche traf recht derb manchen ausgeſtreckten, unberufenen Arm.— Zurück das Bauernvolk! commandirte ſeine kräftige Waldſtimme dazwiſchen. Friſch, Burſchen, den Wagen umſtellt! Wofür habt Ihr die Kolben am Gewehre? Meine Gefangenen ſinds und nicht die Eurigen, Ihr kannibaliſchen Trunkenbolde! Dort ſitzen die Gerichts⸗ herren, die haben zu befehlen, nicht Ihr tollen Lärm⸗ macher!— Die Jäger rührten ſich, und der Kreis ward freiz man löſete die Stricke, welche das junge Paar gebun⸗ den, von den Wagenleitern; zwei Jäger halfen den Ge⸗ fangen im Abſteigen, und durch das tobende Gedränge bis zu den rothen Sitzen hin wurden Hannchen und Lüet geführt, beide mit niedergeſenkten Blicken und klopfen⸗ den Herzen. Das Mädchen ſah und hörte Nichts von den lärmenden Umgebungenz ſie dachte nur an Tod und Schimpf, und ihre Seele war bei Gott, dem Vater der 502 unglücklichen Unſchuld. Schon ſtand der Gerichtshalter auf und räuſperte ſich zu der Anrede, auf die er nicht vorbereitet war; da begann wieder ein neuer und der vierte Akt auf dem bunten Theater. Auf des Junkers arabiſchem Gaule ſprengte ohne õ Sattel der ſchnurrbärtige Kutſcher durchs Dorf daher. Weiber und Kinder ſtürzten vor ſeinem donnernden Ga⸗ 3 lopp, die weiße Staats⸗Schabracke ſeines gnädigen Herrn, die er in der Eile vom Stallpfeiler geriſſen, ſchwengte er um ſeinen Kopf, und: Pardon! Pardon! tönte aus ſeinem weit aufgeriſſenen Munde. Das Volk und die Richter machten abermals eine Halbzirkel⸗Be⸗ wegung der neuen Erſcheinung entgegen; doch ehe noch der athemloſe Poſtreiter zu Worte kommen konnte, folgte ihm zu Pferde der Junker Klaus ſelbſt, und hinter ihm eine Anzahl berittener Diener, und nach dieſen ein fremder Mann im goldbordirten Hute und weit ſchei⸗ nenden Rothrocke, von zwei Küraßreitern der fürſtlichen Leibgarde begleitet. Haltet ein! Man gehe nicht weiter! rief der Junker mit Anſtrengung, ſo wie er ſich Platz gemacht, und ſprang von ſeinem Roſſe. Mein Vater iſt ſo eben ver⸗ ſchieden; ich bin jetzt euer Heer, und ich hebe kraft mei⸗ ner Gewalt Prozeß und Urtheil auf.— Und auch Du wieder hier unter dieſen Wilden, mein armes, tiefge⸗ kränktes Hannchen? ſetzte er dann hinzu in weichern Tönen. Wie kann ich Dir vergelten, was Neid und Haß und Aberglauben Dir angethan?— Hannchen ſank ganz erſchöpft an ſeinen Knien nie⸗ der; Lüet aber, der ſie unterſtützte, rief hoch auf: Gott iſt gekommen! Gott hat meinen Junker geſchickt! Und nun nehm' ichs mit dem ganzen Bauernvolke auf! —,——— ————.——————————,———— 503 Mit ſehr faltenreichem und düſterm Angeſichte nahte ſich jetzt der Gerichtshalter, wiewohl unter vielen Bück⸗ lingen. Indem ich, ſprach er pathetiſch, in zweierlei Geſtaltung und doch nur in einer Perſon, Euer Gnaden zugleich condolire wie gratulire, wage ich zugleich von Amtes wegen Einſpruch zu thun, betreff eben ausge⸗ ſprochener Kaſſation eines Urtheiles, von Rechtswegen gefällt, und vom verehrteſten, hochſeligen Herrn Vater manu propria unterzeichnet. Ehret des Vaters Spruch, denn ſolches ſtehet den Söhnen gut. Ehret das Geſetz, ſolches kleidet Höhere und Niedere gut. Tilget des Teu⸗ fels Werk und Brut, ſolches iſt der Chriſten Pflicht! Halten zu Gnaden!— Ja, ins Waſſer und Feuer mit der Hexenbrut! ſchrieen mehre vorlaute Burſche. Wildmeiſter Fauſt, vorgerückt mit den Jägern! be⸗ fahl da zornig der Junker. Wer hat hier zu ſprechen über Leben und Tod? Der erſte voreilige Schwätzer ſpaziert in den Thurm. Meinet ihr, weil ich noch we⸗ nig Bart habe, und weil ihr mich ſcherzen ſahet unter euch, ich ließe mit mir ſpielen, wo es Menſchenpflicht und mein Erbrecht gilt?— Ich will euch lieben, mehr als mein Vater gethan; aber die Widerſpänſtigen werde ich züchtigen, wie es mein Vater that.— Ich annullire dieſen Prozeß völlig, aus Menſchenpflicht und eigenem Gefühl, und weil mein Landesherr es befiehlt. Alle ſolche Prozeſſe über Zauberei und Satanſpuk verbeut der Fürſt von heut an für ewig, weil ſie nur als Denk⸗ mal richterlicher und menſchlicher Verblendung, und als Denkmale des Unſinns unſerer Zeit für die Nachwelt da ſtehen können und werden. Schauet hin! Dort ſteht der Landesgerichtsbote, der ſo eben ankam, und militäriſche 504 & Erekution bedräut jeden Edelmann, jede Dorfſchaft, welche dieſes neue, menſchenfreundliche Edikt verletzen. Der rothe Reiter entfaltete ein breites Pergament, und hielt es hoch, und die beiden Küraßreiter mit ihren blanken Pallaſchen ſahen gar grimmig unter den Eiſen⸗ helmen aus auf die wogende Bauernmaſſe hernieder, in der es immer ruhiger und ruhiger wurde. Junker Klaus umfaßte aufs Neue und herzlicher noch die Jungfrau, welche ſich etwas erholt hotte. Sei unbeſorgt, Johanna, ſprach er feſt; Du ſtehſt unter meinem Schilde, Du biſt geſchützt durch den er⸗ leuchtetſten Monarchen, und das Schickſal wird alle Deine Leidensſtunden mit eben ſo vielen Freudentagen ausgleichen. Ich kann Dir Nichts als Erſatz bieten, denn du biſt faſt ſo reich als ich. Die Lottogöttin iſt dieſes Mal ſehend geweſen, und hat ihre Schätze der Beſten ausgetheilt. Du kannſt Dir und Deinem Lüet ein freies Herrengut dafür erkaufen. Aber hinauf ſollt Ihr Getreuen zuvor auf Pfaffenhof mit mir, wohnen ſollt ihr bei mir und ich will euer Hochzeitsvater ſein, damit ich ſo das Böſe verlöſche, was euch geſchah, und was mir des Vaters letzte Stunde und ſein gräßliches Todeswort verriethen.— Aber die Mutter? Wo iſt die Mutter? rief da Hann⸗ chen plötzlich, aus ihrer Erſtarrung erwachend. Alle dreheten ſich um nach dem Teiche, wo die Frohnknechte ſich eben bemüheten, den Leichnam der Verſunkenen, der halb ſichtbar war, mit ihren Stangen aufzufiſchen. Mit einem Zetergeſchrei ſtürzte Hannchen ſinnlos zu Boden. Auch das noch! ſeufzte der Junker. Lüet aber, dem Werner's Erzählung beifiel, kniete bei der Geliebten hin, faltete die Hände und ſprach: — — 505 Nein, Hannchen, Du kannſt nicht ſterben. Du wirſt erwachen zu Freude und Glück; denn überall iſt Er zu⸗ gegen, der große Vater im Himmel! Die Unſchuldigen und Gerechten gehen unbeſchädigt aus ſeinen Wettern hervor, aber ſein Gottesgericht findet die Schuld, ſei ſie auch noch ſo verborgen.—— Längſt ſind ſie Aſche geworden, der Retter und ſeine Geretteten, welche Tröſtung fanden in treuer Vereini⸗ gung und im frommen, zufriedenen Leben. Aber noch ſtehen in jenem Thale neben der Straße zwei graue, halb verſunkene, dick bemooſete Steinkreuze, und deuten den Platz an, wo die Aſche des tückiſchen Bull und der wilde Werner verſcharrt wurden. Dorf und Herrenhof haben Geſtalt und Namen verändert, aber jener ſchilf⸗ bedeckte Waldteich heißt noch der Hexenteich, und in den Spinnſtuben wird noch das Volkslied vom Flachshann⸗ chen geſungen, und die Spinnerinnen zupfen emſiger da⸗ bei am Rocken, damit auch ihnen einmal ein Traum von Glückszahlen, Haus und Hof und den ſchmucken Freiersmann dazu als Lohn des Fleißes zubringen möge. —— 6n ——— Snehe— S E—