„ 6 . z 5 eibiothet deutſcher, engliſcher unh franzi ſiſcher Literatur Gduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und Teſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe ſer Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines getiehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Cäution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe bigterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 2M.— auf 1 Monat: 1 Wt— Pf 1Wi 50 2 W.— Pf. 5 Auswärtige onnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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IV. 1 — An dem Rande der Waldungen, die vom Harzgebirge aus, wie ein Kometenſchweif von ſeinem Lichtkerne, ſich durch das Osnabrücker Land bis zur Grafſchaft Bentheim erſtrecken, und rechts und links Büſchelſtrahlen ausſchießen, lag, wo die Höhen den Namen Deutſchburger Waldge⸗ birge führen, im Jahre des Herrn als man ſchrieb drei⸗ zehnhundert und elf, ein altes unſcheinbares Gebäude, das, mit ſeinen grauen Mauern aus unbehauenen Steinen zuſammengefügt und mit feuchten Moosflechten überzogen, kaum einem menſchlichen Aufenthalte ähnelte. Von den mit hochſtämmigen und dichtbewipfelten Eichen bewach⸗ ſenen Höhen ſtürzte ſich ein reißender Waldbach dicht an dem Gebäude herunter, welches, wie ein kühner Kriegs⸗ geſell ſich neben den drohenden Nachbar gelagert und Jahre lang der Befehdung ſeines vom Winterſchnee hoch⸗ ſchwellenden Waſſers Trotz geboten hatte. Eingezwängt durch Steindamm und derbe Schleuße wurde der wilde Bach gezwungen, ein Mühlrad zu treiben; aber gleichſam erzürnet durch den Knechtsdienſt, tobte er tiefer deſto ver⸗ heerender in das flächere Land und richtete nicht ſelten bedeutende Zerſtörungen an, bis ihn der Haſefluß in ſein ruhiges Bett aufnahm. Das alte Gebäude thronte in einer Schlucht des Dickichts und der Felſenbrocken; vor ihm dehnte ſich jenſeits des Fluſſes in grauſer Oede die Wiſſinger Heide aus, und von da ſah man die Spitzen der Warten dreier Ritterburgen, der Halteburg, der Sche⸗ lenburg und der Ledenburg, über die wolkenhohen Baum⸗ gipfel hervorragen, Schirm und Befeindung, je nachdem es kam, dem einſamen Wanderer und der Karavane fremder Reiſenden verheißend. In der Steinmühle, ſo nannten die Landleute der Gegend das eben beſchriebene Gebäude, ſaßen in der erſten Mainacht des angegebenen Jahres noch nach Mit⸗ ternacht mehre Männer zuſammen. Das Zimmer war lang, aber ſchmal und niedrig, und die große Lampe, welche an der Mauer an einer roſtigen Kette hing, warf ein unheimliches Licht durch das unregelmäßige Gemach, beleuchtete kaum die Geſellſchaft an dem grobgeſchnitzten Eichentiſche, und verurſachte lange Schlagſchatten, durch die das Finſtere und Rohe der Geſtalten bis zur Furcht⸗ barkeit wuchs; draußen brauſete der geſchwollene Gieß⸗ bach wie ein tobender Kettenhund, und der Wind ſtieß oftmals hart gegen das alte Mühldach und warf aus den knoſpenden Baumgipfeln dürre Zweige herunter, die auf das Gebäude mit Gepraſſel niederſtürzten. Die Männer im Zimmer ſchienen nicht darauf zu merken; flackerte doch im Kamine ein luſtiges Feuer, waren doch die irdenen, großen Krüge auf dem Tiſche mit gutem Meth gefüllt, und ihr Aeußeres ließ in ihnen Menſchen erkennen, welche manch böſes Wetter ertragen hatten und nicht gewöhnt waren, vor einer Windsbraut oder einem Schlagdonner in ein weiches Federbett oder unter eine ſeidene Decke zu flüchten. Am Tiſche, der Lampe gegenüber, ſaß der Steinmüller Thomas, eine unterſetzte, faſt vierſchrötige Geſtalt, mit einem aufgeblaſenen, glut⸗ rothen Antlitze; ſein faſt kahler Schädel, dem die Natur eine übermäßige Breite zugetheilt hatte, war von einer 3 1 † 5 Mütze aus Iltisfell bedeckt, unter welcher die kleinen, ſchmalgeſchlitzten Blitzaugen gar liſtig hervorblinzelten; die breiten Schultern, die volle Bruſt und die derben Arme bedeckte ein Schafpelz, die Wolle nach innen ge⸗ wendet und auf ſeiner harten Lederkruſte eben nicht wohl⸗ gearbeitet und reinlich anzuſehen. Auf beide Ellenbogen gelehnt, zwiſchen denen der große Krug auf dem Tiſche prangte, und mit den breiten Fäuſten den Gnomenkopf ſtützend, gab der Wirth ein ſprechend Bild der Lebens⸗ art, die unter ſeinem Dache heimiſch war, und die beiden Gäſte, die ihm gegenüber ſaßen und wenig verſchieden von ſeiner Weiſe bequem ſich gelagert hatten, ſchienen ganz ſeiner Geſellſchaft würdig zu ſein. Beide waren in grobe Kriegswämmſer gehüllt! der Aeltere trug einen un⸗ gekämmten, wildverwachſenen Graubart, den der Jüngere, ſo weit es das Alter erlaubte, über der Lippe und am Kinne nachäffend zu erzielen geſtrebt, obgleich noch braun⸗ gelbe Pflaumhaare die Zierde der Männlichkeit andeuten mußten; breite Pallaſche lagen auf der braunen Bank neben ihnen, und die gebräunte Geſichtsfarbe, die mus⸗ kelvollen kurzen Glieder, die ſcharfen Züge und das wirre Kopfhaar verriethen, wie gefährlich ſolches Eiſenzeug, von dieſen Händen geführt, manchem Menſchenleben geweſen ſein mochte. In ein lebendiges Geſpräch waren dieſe drei verflochten, welches jedoch oftmals faſt flüſternd fortge⸗ ſetzt wurde, woran die Gegenwart eines vierten Mannes Schuld zu ſein ſchien, der am andern Ende des Zimmers dicht neben dem ſcheinenden Kamine, in einem großen Sorgenſtuhle ausgeſtreckt lag, und wenn ſchwerer Athem, geſchloſſene Augenlieder und erſchlaffte Gliedmaßen Zei⸗ chen des Schlafes ſind, ſich dieſem lieben Sorgenbrecher überlaſſen zu haben ſchien. Uebrigens war von allen dieſen Geſellen der Schlummernde der reinlichſte und feinſte: denn obgleich ſein dahingeſtreckter Leib faſt rieſig erſchien und alle menſchliche Leibeslänge gewohnter Art überbot, ſo war doch ſein Haar kurzgeſchnitten, ſein ſchwarzer Schnauzbart wohlgepflegt, und ſein Reitrock von gelbem Zeug mit ſchwarzer Verbrämung hatte den Schnitt, wie ihn Soldaten fürſtlicher Heere zu tragen pflegten; auch war er ſauber gehalten und lag knapp an den Rieſengliedern, wenn gleich der Träger kein Jüngling, ſondern ein vollausgewachſener Mann war.—— Es iſt die rechte Zeit, Bruder Melchior, daß Du heimgekommen, ſagte der Müller Thomas zu dem ältern der Gäſte, denn lange hätte ichs nicht mehr mit angeſe⸗ hen, ſo lieb mir die Heilewich auch iſt. Ich hätte die Nichte und Pathe vergeſſen müſſen, um dem Unfuge ein Ende zu machen und den Reſpekt wieder zu gewinnen, den vom Großvater und Urgroßvater her die Steinmüller immer als Erbtheil mit der Mühle bekommen, und den von der Goslarſchen Mordecke bis zum Bentheimer Die⸗ besſack jeder Freizügler uns entgegengetragen. Glaube mirs, ſchon oft ſchliff ich das Meſſer, um ihm im Schlafe den Genickfang zu geben; aber wenn ich dann ſo herum⸗ ſchlich in den Mühlgängen und an meinem Plane ſtudirte, denn er führt die Waffen, als wäre er in der Stechbahn geboren, und Vorſicht war vonnöthen, ſo trat mir die Heilewich entgegen mit dem blondköpfigen Buben auf dem Arme, und es wurde mir das Herz weich um der Dirne willen, die den fremden Gauner liebt wie ihren Aug⸗ apfel; oder der Jahn trat mir ſelbſt entgegen mit ſeinem finſtern Geſicht und ſtolzen Weſen, in welchem ſo etwas liegt, das unſer Einem eine Art Scheu einflößt, man mag dagegen fluchen, wie man will.— 3 7 Iſt mir es doch ſelbſt ſo ergangen mit ihm, antwor⸗ tete der Melchior, und ich habe doch ganz andere Men⸗ ſchen geſehen als Du, dicker Herr Bruder, in Deinem alten Fuchsbau, habe vor Königen und Herzogen paradirt und mit manchem gräflichen Feldobriſten aus einer Feld⸗ flaſche getrunken. Aber was that Dir der ſchmächtige Landſtreicher denn Großes, daß Du ſo erbost mit dem Meſſer ihm an die Kehle wollteſt? Er ſieht doch nicht danach aus, als hätten ſeine krummen Finger an Deine eiſerne Geldtruhe getaſtet, und in dem Gehege Deiner Mühldirnen hat er doch auch wohl nicht gejagt, da die ſchlaue, derbe Heilewich ſein Aufpaſſer wurde durch Prie⸗ ſterhand.— Was er that? Nicht ſolche Kleinigkeiten und Diebs⸗ praktiken als Du da herſalbaderſt! fiel heftiger der Steinmüller ein. Alles hat er mir genommen; hat ge⸗ rüttelt an dem Fundament unſers Thrones, hat mir den Reſpekt geſtohlen und die Gewalt hinterdrein, die ich faſt ein halb Jahrhundert ungeſtört geübt im ganzen Deutſchburger Waldgau.— Wohl ſah er ſo aus, ſprach nachdenkend der Andere, als wenn ein Kronendiebſtahl oder Thronumſturz ſeine Sache ſei, und er nicht viel Federleſens dabei machen würde. Indeß um Deine Herrſchaft wird er ſich ſo gar begierig nicht bekümmert haben.— Und doch! meinte der Müller. Ehe er daherzog in unſere Schlupfwinkel mit der Heilewich, ging es ruhig und friedlich zu in dieſen alten Mauern. Der Stein⸗ müller war der König aller Freibeuter in ganz Weſt⸗ phalen; was die Wegelagerer zuſammenbrachten auf fünfzig Meilen im Umkreiſe, das ſchleppten die braven Burſchen zu mir; ich bewahrte es redlich, ich theilte ehrlich die Beute, und keiner murrte und muckſete über meinen Ausſpruch. Ich litt nicht, daß hier in der Nähe irgend etwas geſchah, was die Aufmerkſamkeit der Rit⸗ tersleute in den nahen Burgen auf meinen Dachsbau ziehen möchte; draußen, wo es Krieg gab, wo irgend ein Stift oder ein Stammhaus eine Fehde durchfocht, da mußten die Jungen hinaus, als Kriegsleute marodiren, und gab man ihren Geſichtern keinen Glauben und Dienſt, als Freibeuter auf der Fehder Namen brennen und grei⸗ fen. Kamen ſie heim, ſo ſpielten ſie das ehrlichſte Sol⸗ datenvolk, und weder der Gaugraf, noch die heimlichen Freiſtühle hatten ein Arg, daß die Burſchen unter dem Kriegskittel eine Wolfshaut trugen. Da kam der fremde Jahn hier an mit dem Pergamentlein von Dir aus der Schweiz, das ihm gut Quartier in meiner Mühle machen ſollte. Gefiel mir auch ſeine ſtolze, mürriſche Manier, oben hinaus und nirgend an, von erſter Stunde nicht, ſo ertrug ich die hochgehaltene Naſe und das herriſche Wort um deinetwillen; ſind die Heilewich und der flachs⸗ bärtige Maulaffe da doch meine einzigen Erben. Anfangs ging's auch ſo ſo. Herr Jahn machte nicht viele Reden, aß wie ein Jüngferchen von der Mehlkloßſchüſſel und dem Weihnachtsſchinken, und ſelbſt der Weinbecher ſchien ihm nicht zu munden. In den Wäldern trieb er ſich umher ganze Tage und halbe Nächte dazu, und Armbruſt und Jagdſpieß mußte er gut zu führen wiſſen: denn manch feiſten Rehbock und manche derbe Sau ſchaffte er in das Haus, und die Küche gab manchesmal der auf der Sche⸗ lenburg nichts nach in hochadeligen Gerichten, und ich fing an, darum dem trotzigen Burſchen ordentlich gut zu werden.— Und was nahm Dir denn die Liebe wieder, Du 9 närriſcher Kautz? lachte Melchior. Wer Dir ſonſt einen guten Braten brachte, war doch der Hahn in Deinem Korbe.— Höre nur! fuhr der Müller, ſich das Lecermaut be⸗ deutſam ſtreichend, fort. Alles ging gut, bis der Turnau zurückkam mit den jungen Geſellen aus der Braunſchwei⸗ ger Fehde und dem Dienſte des Göttinger Herzogs. Die Schlingels waren alle wild und hochmüthig geworden durch den ehrlichen Dienſt und die blanke Beute, welche ſie den Braunſchweigern abgezwackt. Anfangs kümmerte ſich der Jahn ſo wenig um ſie, wie er ſich zeither um das loſe Gaunergeſindel gekümmert hatte, welches dann und wann bei mir eintraf und die Diebesſäcke auslud. Bald aber ſchien er Gefallen zu finden an ihren Schlacht⸗ geſchichten und ihren ſchallenden Soldatenliedern, und wenn ſie den Namen des dicken Albrechts erwähnten, ſo glühte ſein bleiches Geſicht auf wie ein Feuerhahn, den der Mordgeſell auf ein Strohdach ſchleudert, ſeine Fauſt ballte ſich, und er ſchlug mit einem Fluchworte auf die Tafel, daß die Kannen umſtürzten, und mit feuerſprü⸗ henden Augen ſtürmte er dann hinaus aus dem Gemach und der Mühle. Bald aber hatte der Spuk böſere Fol⸗ gen. Ich bemerkte, daß der Jahn oft mit dem Turnau zuſammenſtak, daß die verwegenſten unſerer Geſellen ſich an ihn ſchloſſen und nach wenigen Wochen den fremden Schmarotzer mit einer Ehrfurcht behandelten, die ich nicht in den rohen Waldbären vermuthet. Ich lauſchte, ich ſpionirte und richtig merkte ich ihnen die Fährte ab. Der Herr Jahn ging damit um, in meinem Königreiche eine Republik zu ſtiften, die jede alte Ordnung umwarf. Nicht weit von dem alten Hünengrabe, wo die große Sägegrube iſt, dicht unter der Ledenburg, hatte der Freche 10 ſich ſeinen Waffenplatz erkoren und übte alle die Burſchen in jeder Dämmerung dort im Fechtſpiel, als ſei er ein kaiſerlicher Waffenmeiſter, und habe die edelſten Junker in die Schule bekommen, um Turnierkämpen und Kriegs⸗ oberſten daraus zu ſchnitzeln.— Bravo! rief Melchior, das wäre ja Waſſer auf Deine Mühle und müßte Dir Zinſen tragen; denn gute Fang⸗ hunde waren die Geſellen, aber von der edlen Fechtkunſt verſtand der Turnau ſelbſt keines Nagelkopfs werth, und ſprengte eine Rotte gelernter Reiſigen in Euren Buſch, mußten ſie bislang immer die Haſenferſe zeigen.— Glück auf! ſetzte der Jüngere raſch hinzu; da darf auch ich mich beigeſellen, Vater Melchior, und freue mich der Kameradſchaft, wodurch es etwas zu lernen gibt.— Schöne Kameradſchaft das! entgegnete der Müller ſpöttiſch. Willſt Du ihm die Stiefeln ausziehen und den Pallaſch abſchnallen? denn darin möchte die ganze herr⸗ liche Brüderſchaft beſtehen. Oder willſt auch Du mit dazu thun, Deine Familie zu Bettlern zu machen und die Ehre der Steinmüller an den Pranger nageln zu helfen? — Bald darauf brach das Ding los, klar und unver⸗ hehlt. Die meineidigen Buben hatten den Verräther förmlich zu ihrem Hauptmann gewählt, zogen mit ihm hinaus, ohne mich zu fragen und meinen Rath zu be⸗ gehren, kehrten heim, ohne die Beute abzuliefern, die ſie ſogar ſchon draußen getheilt hatten, ſpielten auf den nächſten Heerſtraßen ihre Wegelagerungsſtückchen dreiſt und ſorglos, wagten ſich ſogar an Klöſter und Ritter⸗ güter, und ſetzten den Ruf des ehrlichen Steinmüllers bei dem Gaugericht und dem Freigrafen auf's Spielz und ſeit der alte Turnau von den Biſchöflichen erwiſcht und in Osnabrück gehangen ward, hatte ich niemanden 11 mehr, der mir noch die Stange hielt aus alter Gewohn⸗ heit, und bin zum Schenkwirth der ganzen Geſellſchaft herabgeſunken, dem die Verräther überdies knapp genug die Herberg' und Zeche bezahlen. Faulbauch und Bären⸗ häuter muß ich mich ſchelten laſſen von dem ungewa⸗ ſchenſten Knaben der tollen Rotte, die von dem Kleinſten bis Größten durch den Hochmuth und luftfahrenden Sinn ihres Führers angeſteckt iſt. Das dulde der Satan, aber nicht der Steinmüller Thomas, und nur Deine Ankunft erwartete ich, um mit Dir mich zu berathen, wie wir das alte Leben am ſicherſten zurückgewinnen und das Uebel ausrotten könnten mit Stumpf und Stiel, daß auch nicht ein Würzelchen vom faulen Baume in unſerer gelben Erberde liegen bleibe.— Beſonders iſt es, und muß Dich wohl grollen, Du alter, ſchmeerbäuchiger König David, ſagte Melchior nachſinnend. Indeß iſt er ja Dein Neffe, und Du kannſt denken, Du habeſt dem Blutsfreunde Deinen Hausſtand und Dein Regiment abgetreten und habeſt Dich auf den Alten⸗Theil geſetzt bei Lebzeiten. Und was Er da erzählt, Herr Ohm, klingt ſo gar übel nicht! ſetzte der Jüngere hinzu. Hat's mir doch von früh an nicht gefallen, wenn ich mit ſolch zerlumptem Geſindel hinaus mußte in Nacht und Nebel, und ſie mich gebrauchten, dem Bauer die fetten Hühner aus dem Stalle zu holen, oder den Kettenhunden das Giftbrod vorzu⸗ werfen, wenn ſie ein einſames Gehöft leer machen wollten. Da muß es doch jetzt unter dem Jahn ganz anders her⸗ gehen, und ſieht gewiß einer ehrlichen Fehde ähnlicher als einer Gaunerei. Seht's Euch an, macht es mit, wenn's Euch gefällt, murrte der Müller, mein Geſchmack iſt's nun einmal nicht, hier den Knecht und Schenkbuben zu ſpielen, wo ich Herr war und zwanzig wilde Jäger mäuschenſtill wurden, wenn mir ein Donnerwetter vom Munde fuhr. Und mit Eurer velobten Verwandtſchaft ſieht's ebenfalls traurig aus. Ja, wenn der Jahn den Reſpekt nicht ver⸗ gäße, den der Fant ſeinem Ohm, den der verlaufene Landſtreicher dem gutmüthigen Hauswirthe ſchuldig iſt, ſo ließe ich's noch gelten. Aber er geberdet ſich, als wenn dieſes Haus, ja der ganze Holzſtrich ſein eigen wäre, als wenn die edlen Herren von der Halte und die Schelen Krautjunker wären gegen ihn, und ſich zur Ehre rechnen müßten, ihm die Steigbügel zu halten; und was iſt er denn, was wird er geweſen ſein? Der Bankert eines Schloßherrn, den die Edelfrau aus dem Neſte wer⸗ fen ließ, oder der Stallmeiſter eines Junkers, der mit der Caſſe und dem Leibgaule durchging, oder ein Wacht⸗ meiſter, der von dem Regimente toller Streiche halber vom Strickreiter ausgeſtrichen und über die Grenze ge⸗ jagt, ward: ſo etwas iſt er, oder noch Schlimmeres, denn ich müßte mich nicht auf alle Siegelfiguren und Schnör⸗ kelbuchſtaben verſtehen, welche die Uebelthat auf Gau⸗ nergeſichtern petſchirt und pinſelt, wenn dieſer Jahn nicht an böſem Gewiſſen leidet und einen ordentlichen derben freſſenden Sünderkrebs im Herzen trägt.— Mag darum ſein, antwortete Melchior; auch mich wollt's bedünken während des Monats, worin er ſich mit uns in den Tiroler Gebirgen herumtrieb, als drückte etwas recht Schweres ſein Gemüth, doch ſchien es mir ſo eine vornehme Sünde zu ſein, die unſer Eins nimmer zu begehen vermag; aber an der Heilewich hing er mit ſo herzlicher Neigung, wie ſie ein rechter Böſewicht und eingefleiſchtes Satanskind nicht zu haben pflegt, und 13 das beruhigte mich für des guten Kindes Glück, und die ſcheint auch nicht über ihn Klage zu führen, wie Du, wenigſtens habe ich bei dem Eintritte und Willkommen nichts dergleichen bemerkt.— Sie hat's auch nicht Urſach, antwortete Thomas. Wäre er gegen Jedermann ſo mild und gut, wie gegen das Weibchen, müßte man ihn für einen Engel halten, und lieb haben wie ein Chriſtkindlein, das Geſchenke ſpendet. Aber auch die Dirne hat ſein Vornehmthun angenommen, und gegen den Ohm, der ſie füttert und ihr die beſte Kammer gab zum Kindbett, nicht einmal ſo viel Reſpekt gehabt, ihm zu vermelden, auf was Art Ihr zu dem Fremdling kamet und ſie zu dem Geſpons. Iſt er ſtumm wie ein umgehendes Spukeding, ſo iſt ſie verſchwiegen und einſilbig wie eine Karthäuſernonne, und war mir der Groll über ſeinen Stolz ſchon zu Kopfe geſtiegen, ſo machte die unbefriedigte Neugierde, wenn ſie meinen väterlichen Fragen keine Antwort gab, mich oft zum Wahnſinnigen und doppelt freut mich Deine Heimkehr, daß Du mir Aufſchluß geben wirſt, wie ihr zu dieſem Herrn Jahn kamt, indem ein guter Hauswirth doch wiſſen muß, wen er unter ſeinem Dache beherbergt.— Auskunft ſollſt Du haben, verſetzte Melchior; ob ſie Dir alten Frager und Schwätzer aber Genüge thun wird, glaube ich kaum, denn ſo gar viel mehr als Du weiß ich ſelbſt nicht von dem Schwiegerſohne, der mir wie vom Himmel herab geſchneit kam. Horche denn auf. — Einen tüchtigen Zug that der alte Wegelagerer aus dem Kruge, ſah ſich vorſichtig um nach dem ſchnarchenden Rieſen am Kamine und begann ſeine Erzählung. Es war vor etwa drei Jahren, als ich durch die Tiroler Berge mit einem Trupp abgedankter Waffenknechte 14 zog, die, bis es neuen Dienſt gab, ſich von dem nährten, was der Tag brachte, und die langen Finger nicht ſchon⸗ ten, wo die Gelegenheit ihre Fertigkeit aufforderte. Du erinnerſt Dich noch, daß ich aufbrach von hier mit Weib und Kind, als das kecke Stück auf das Kloſter Oſede mißlungen war und der Vogt unſere Schlupfwinkel im alten Steinthurme am Düteſpring aufgeſpürt hatte. Du ſelbſt drangſt auf den Abmarſch, weil Deine Haſennatur Verderben für Dich witterte, wenn Dein Bruder 6 der Hauptmann der Kloſterfreunde entdeckt würde, und ich fügte mich dem Majoratsherrn der Steinmühle. Wir zogen fort nach den Kaiſerlanden, weil's dort Krieg gab, und der Albrecht dem Schweizervolke an den Hals wollte, das ſich kräftig regte in den aufgedrungenen Ketten. Ich traf's gut vor Allen, denn der Herr von Wolfenſchießen welcher von Kaiſers Majeſtät beſtellt war zum Landvogt im Unterwalder Lande, nahm mich in ſeinen Dienſt und hieß mich folgen ſeinem Geleite zum Roßberg mitten in den Schweizerbergen. Gelegen kam ſolcher Platz, denn für die Kinder gabs ein ſichres Dach, und hochher gings auf der Burg wie an einem fürſtlichen Hofe. Der Wol⸗ chießen, ſelbſt ein lockerer Geſell, erlaubte ſeinen Lands⸗ chte was ihnen gelüſtete, und wer die Aelpler am meiſten plagte und ihnen die Ferſe am härteſten auf den Nacken ſetzte, war ſein beſter Hausgenoß. Es war ein herrlich Leben, immer vollauf der Koſt und des Weins in der Burg, und im Lande mußte der Bauer und Hirt uns immer den Säckel füllen, wollte er ſicher ſein vor Angeberei und Pfändung, vor hartem Frohndienſt und ewigem Gefängniß im Verließ des Roßbergs. Nur eine Sorge machte mir der eigene Herr. Die Heilewich war ſechzehn Jahr geweſen, und aufgeblüht wie ein 7———— 15 voller Aepfelbaum im Mai, prangte ſie unter allen Dirnen in der Burg und zog des Ritters Begier gar bald auf ſich. Doch das Mädchen hatte auch ein altweſtphäliſch Herz und derbe Gliedmaßen, und wußte den adeligen Liebhaber in Reſpekt zu halten, daß er ſich ſchämte vor den eigenen Dienern, etwas Gewaltſames zu unterneh⸗ men. Wer weiß, wie's dennoch böslich geendet hätte; da ward der Landvogt unverſehens erſchlagen von einem elenden Ackersmanne, deſſen Weibe er nachgetrachtet, und nicht lange darauf brach der Allarm los im ganzen Schweizerlande; die Gemſenjäger und Alphirten ſchlugen auf das kaiſerliche Volk als wäre der Teufel in ſie ge⸗ fahren; die feſten Schlöſſer wurden erſtürmt ſo leicht als wären ihre Zinnen wohlbetretene Gletſcherfirnen. Wer von den Rittern nicht ein ſchmählig Grab gefunden, mußte ſein Heil ſuchen in ſchimpflicher Flucht, und alle Glorie war aus für uns, ſo weit die eisbedeckten Berge reichten. Daß wir uns ſalvirt zu rechter Zeit, kannſt Du glauben, und was wir mitſchleppen konnten an Klei⸗ nodien und blanker Habe, blieb nicht auf dem Roßberge für die Bauerbengel, die es doch nicht zu ſchätzen wuß⸗ ten. Wir hatten Noth, über die Grenze zu kommen, denn jeder, der nur einen Zug vom Kaiſerreiche im Ge⸗ ſicht, nur einen Reſt einer öſterreichiſchen Feldbinde an ſich trug, war vogelfrei für ihre ſcharfen Bolzen und ſchweren Morgenſterne. In den Tiroler Thälern ſam⸗ melten wir uns und lebten auf eigne Hand ein ſchweres Leben, ſeufzend über die leckern Fleiſchtöpfe Eghptens, welche uns die tollen Bauernfäuſte dicht am Munde zer⸗ ſchlagen hatten. Es ging noch ſo ſo, denn es gab man⸗ chen Reiſenden auf den Gebirgsſtraßen, manchen, der ſein Hab und Gut aus den Kriegslanden ſälbiren wollte und uns unfreiwilligen Zins abgeben mußte. So kam auch eines Abends— es mögen jetzt drei Jahre und drei Monden ſein— der dürre Elterbecker, der ſich von je zu mir gehalten, ſchnaufend in die einſame Herberge, wo wir Nachtlager ſuchen wollten, und rief uns auf zu einem Fang, der für Monden Beute geben ſollte. Zwei Mönche hatte er ausgewittert, die auf ſchmalen Gebirgs⸗ wegen ſich von einem Hirtenknaben führen ließen. Wir lachten den Gauch aus.— Bettelmönche ſind's ſicher ſpöttelte ich, barfüßige Kapuziner, und Du magſt ihre grobe Kutte, mit allem was drin und daran hängt, für Dich behalten.— Da ſchwur der Elterbecker aber bei ſeinem rothhaarigen Schädel, er habe ſie belauſcht, als ſie ängſtlich den Knaben gedungen, und habe mit ſeinen grauen Habichtsaugen bei dem Herausziehen der Börſe geſehen, wie der eine der Mönche eine goldene Ritter⸗ kette unter der Kutte getragen, und gehört, wie der andere mit einem verborgen gehaltenen Schwerte gegen die Steinwand gefahren ſei, daß die Eiſenſcheide hell am Kieſel erklungen. Verkappte Flüchtler von edler Geburt und vielleicht mit reichem Schmucke angethan unter dem Mummenſchanz wären die verſtohlen im Gebirg ſchlei⸗ chenden Pfaffen, und guter Gottesſegen für unſere aus⸗ geſchmauſeten Querſäcke. Auch mich machte der dürre Gaudieb lüſtern, und ich brach auf, mein Theil zu ver⸗ dienen, wenn's der Mühe werth ſein möchte. Zwei Ge⸗ ſellen des Elterbeckers hatten, kühner als der Windhund, ſchon Vorhand gehalten und friſchweg die Würfel gewor⸗ fen. Fern ſchon klang uns Waffengeklirr entgegen, und als wir zu einem düſtern Fichtenholze kamen, ſahen wir eine tüchtige Blutarbeit, die nicht zu Gunſten der Unſrigen ſich neigen wollte. Mönchskatten trugen freilich die 17 Wanderer, aber derbe Kriegsarme darunter und ſcharfe Flamberge, die unſern beiden Geſellen ſchon manches weite Loch ins Fell geriſſen hatten, wodurch das rothe Lebenswaſſer hervorbrach. Wir waren unſer fünf, und hatten drum die Gewißheit des Sieges; aber der größeſte der Fremden— dort ſchnarcht ja der Auerochs im war⸗ men Sorgenſtuhle— hätte ſicher manchen von uns zum Höllenpfuhle hingeholfen, wäre er nicht auf dem feuch⸗ ten Steinboden ausgeglitten. Unſerer vier fielen über ihn her und knebelten den Schäumenden, daß er kein Glied zu regen vermochte, und nun ging's luſtig auf den Kleinern los, der wahrhaft muthig den Angriff von fünf bewaffneten Eiſenfreſſern annahm.„Heran ihr Schur⸗ ken,“ rief er mit einer Feldherrnſtimme, die vor Tauſen⸗ den ſchallt,„nehmt ein Leben, das verfallen iſt dem Geſetz; aber hütet euch vor der Klinge des Aechters, denn nicht ohne Wehr verhandelt er an ſolche Käufer das werthloſe.“— Erbost fielen wir ihn an, und mein breiter Stahl hob ſich gerade, ihm den Gnadenſtoß zu verſetzen, da flog Heilewich, die uns gefolgt war, durch das Fichtengeſtrüpp mitten zwiſchen uns und ſtieß recht derb die Nächſten zurück, daß ſie taumelten wie Trun⸗ kenbolde.„Schämt euch,“ rief die kecke Dirne,„ſo viele auf Einen, der noch dazu ausſieht, als wäre er eher ein Geſell unſerer Noth, als ein Widerſacher oder ein Schwelger, der zuſammengeſcharrt was uns mangelt. Ich ſtehe ihm zur Seite, und Vater Melchior, Bruder Chriſtel, ihr müßt eure Heilewich zuſammenſchmeißen, wollt ihr ihm an's Leben.“— Das kurze Schwert des Geknebelten hatte die übermüthige Dirne ergriffen, und als der Elterbecker, der Muth hat, ſobald er zu Sechſen ficht, dennoch einen Hieb nach dem Fremdlinge that, ſo Blumenhagen. 1V. 2 18 verſetzte ſie ihm einen ſolchen heißen Liebesſtreich mit dem Eiſen auf die Wange, daß ſeine Fratze das Mahl davon tragen wird, bis ihm der Schwarze auf der Galgenleiter begegnet. Wir waren verdutzt durch das zolle Dirnel und ſtanden wie die Hammel wenn's don⸗ nert; da trat der ſchmächtige Fremde mit geſenktem Schwerte uns näher; ſein blaues Auge, das über hohle Wangen gar traurig vorblickte, blitzte kühn, und hoch hob er den geſenkt getragenen Kopf gegen uns.„Ihr ſeid Unglückliche,“ ſprach er,„denen das Schickſal entzog, was es Andern ſo verſchwenderiſch austheilt oft in Un⸗ gerechtigkeit und gegen jedes Verdienſt. Glaubt mir, ich bin Euresgleichen und vielleicht unglücklicher als einer unter euch. Beraubt bin ich meines Erbtheils, aller meiner Habe, ausgeſtoßen aus jeder menſchlichen Ge⸗ meinſchaft; ohne Heimath, ohne Vaterland irre ich auf der Erde umher wie der elende Ahasverus; keine Seele iſt mir verwandt oder zugethan, der Stein iſt mein Pol⸗ ſter, die Regenwolke mein Dach, und mein Wohlthäter wird, wer dieſem elenden Daſein ein Ende macht. Doch treibt mich der thörichte Inſtinkt von Land zu Land, ein Leben zu friſten, welches mir ſelbſt ſo läſtig iſt. Ich war mehr wie ihr, an meiner Wiege haben hohe Herren geſtanden und den Knaben geſchaukelt, aber wollt ihr, ſo ſind wir Brüder von heute an; das Unglück iſt ja verwandt in jedem Winkel der Erde, und hat der glän⸗ zende Reſt eines zertrümmerten Glücks eure Habſucht gelockt, ſo nehmet und theilet; mir ſind dieſe ſchimmern⸗ den Dinge doch nur quälende Erinnerungen an eine ver⸗ ronnene Glückszeit.“— So nahm er eine reiche Hals⸗ kette, einen mit Steinen beſetzten Dolch und eine ziemlich volle Börſe und warf ſie uns vor die Füße. Wir ſtutzten 19 alle und ſtanden wie die Maulaffen und wußten nichts zu antworten, denn ſo hatte noch keiner zu uns geſpro⸗ chen, die Heilewich ſtand aber vor ihm wie eine verklärte Madonna und ſtarrte ihn mit großen Augen an, und lächelte und ſtreckte ihm beide Arme entgegen. Der lange Grobian, welcher am Boden geknebelt lag, ſchrie dann mit ſeiner Ochſenſtimme dazwiſchen:„Beſinnt euch nicht, ihr Galgenſchwengel; ſo ein Pakt iſt noch keinem von Euresgleichen geboten; ſchlagt ein, ehe Herr Jahn ſich bedenkt, denn für ewig wird Eure Zunft dadurch geadelt und eine königliche, und— ſeid vornehmlich ſo gut, mich etwas loszubinden, denn ihr habt die Seile malitiös henkermäßig um meine müden Knochen gezogen.“— Nun, was konnten wir thun, wir ſchlugen ein mit dem blei⸗ chen Jahn, und Heilewich ſprach ein fommes Wort zu dem Bunde; der Auerochs wurde losgebunden, und faßte ſofort einige von uns und ſchüttelte ſie, daß ihnen die Sinne vergingen, bloß um ſeine Gelenke wieder ſchmei⸗ dig zu machen, und beide blieben dann bei uns, warfen die Mönchshüllen fort, verſchacherten durch den Elter⸗ becker ihre ſaubern Kleider und Kleinodien und lebten mit uns in Buſch und Feld von der Hand und dem Sarras. Eben ſo übel ſtanden wir uns nicht dabei; der lange Riddag focht für drei, und der bleiche Jahn wußte überall Rath wie ein Feldoberſter, wenn wir ein⸗ mal unvorſichtig in den Sumpf gerathen waren; aber recht geſellig wurde er nie mit uns, und der Riddag behandelte ihn wie ein Knecht den hochgeborenen Edel⸗ herrn. Das gab denn eine Verwirrung in unſerer ge⸗ wohnten Lebensweiſe, die mir nicht anſtand und mir die Brüderſchaft verleidete, wenn auch des Jahns ſitt⸗ liches Weſen, ſeine feine Manier und ſeine Bravheit 20 täglich mehr meine Zuneigung gewann. Verſchloſſen und finſter irrte er oft in den ſchwäbiſchen Waldungen her⸗ um, wohin wir uns geworfen hatten, und oft hörten wir ihn ausrufen, wenn wir beſchloſſen irgend ein Güt⸗ chen oder ein Kloſtervorwerk zu plündern:„Nur friſch drauf, Geſellen! Hier dürft ihr nehmen, wenn ich's zu⸗ gebe, denn was ihr findet auf dieſem Boden, iſt mein Eigenthum!“— Wir lachten heimlich über den Verrück⸗ ten; er ſprach das aber ſo ernſt, als hätte Gott ihm das Schwabenland zum Erbtheil angewieſen. Nur die Heilewich hatte von erſter Stunde an eine beſondere Gewalt über den ſonderbaren Gaſt gewonnen. Recht wohl bemerkte ich, wie er überall ihr Thun und ihre Wirthſchaft verſtohlen beachtete, und ſein Antlitz freund⸗ licher ward, wenn ſie die Theilnahme an einem wilden Gelage verſchmähete oder einen unverſchämten Geſellen tüchtig abfertigte. Bald folgte ſie ihm, wenn er ſeinen ſchwarzen Tag hatte, wie wir ſeine Launen nannten, in die Tiefen der Holzungen; ſie ſchien ſein Vertrauen, ja ſeine Neigung gewonnen zu haben, und eines Tages rief mich der rieſige Riddag ab aus der Mitte der Ge⸗ ſellen, die mit mir dem Becher zuſprachen, und führte mich an eine Waoldecke, von der man die Ausſicht auf ein ſtattliches Kloſter hatte. Ich fand den Jahn auf einem Felſenbrocken ſitzend, gedankenvoll aus ſeinen Flachs⸗ locken hervorſtarrend, mit dem großen blauen Auge auf die langen Fenſter der Kloſterkirche, in deren bunten Glasſcheiben die Morgenſonne ihre Strahlen brach. Zu ſeinen Füßen ſaß die Heilewich im hohen Waldgraſe, hatte ihr Geſicht an ſeine Hüfte gelehnt und ſah mit einem Antlitz zu ihm auf, welches alles verrieth, was zwiſchen ihnen obgewaltet, und die Frömmigkeit des W 21 Oſeder Marienbildes mit der Zärtlichkeit einer irdiſchen Brautjungfer paarte.— Und warum ſchlugſt Du nicht darein und machteſt dem Skandal augenblicks ein Ende? fragte der Müller erbittert, der bis dahin wie ein Schulknabe mit offenem Munde und immer ſteigender Achtſamkeit der langen Er⸗ zählung gehorcht hatte.— Daß ich ein Narr geweſen wäre? fragte Melchior zurück. Wer ein brennend Oelfaß löſchen will, verbrennt ſich Finger und Geſicht. Die Heilewich war immer kreuz⸗ brav geweſen, und wo hätte ich mir unter unſern Ge⸗ ſellen einen beſſern Tochtermann wählen können? Nur ob's ehrlich gemeint wäre? das war's, was mir zur Stelle durch das Hirn fuhr. Wie wir zu ihnen traten, fuhren beide auf wie aus tiefen Träumen; er aber ſtellte ſich, nachdem er ſich ſanft losgemacht aus der Jungfrau Armen, recht feſt und hoch den Kopf tragend, wie er ſelten ſonſt that, vor uns hin, zog ein Brieflein aus dem Gurt und befahl dem Riddag, das Zettelchen augenblicks in das Kloſter zu tragen, und an der Kirchenpforte auf uns zu warten. Der Riddag zögerte aber einige Augen⸗ blicke und ſchien unſchlüſſig. Da fuhr der Jahn zürnend auf und fragte:„Soll ich Dir zweimal daſſelbe gebieten? Fort! erfülle meine Befehle, denn nichts ſoll mich noch hindern am Beſchloſſenen.“—„Aber, Herr,“ entgegnete der Rieſe ſo ſcheu, wie ich ihn nie geſehen,„bedenkt doch! Euer Blut, Eure Vettern! Vielleicht ändert das Schick⸗ ſal Eure Lage, und wie wollt Ihr dann ſolchen Schritt entſchuldigen?“—„Das Leben, woran Du mich mahnſt, iſt längſt verronnen,“ ſprach Jahn düſter werdend.„Der, den Du meinſt, iſt todt und begraben, und die Spur ſeines Fußtritts im Sande darf nicht einmal von ihm 22 erzählen. Hier, wo er einſt den erſten Athemzug that, ſoll auch das zweite Leben Johanns beginnen, ſoll Schwur und Sakrament Bande um mich weben, die nicht den Gedankenwunſch zu dem erſten Leben hinlaſſen, und mit Vergeſſenheit eine Vergangenheit umhüllen, aus der alle Foltern, welche die Erde hat, nach mir herausgreifen mit Höllenfäuſten. Geh, und ſage nichts mehr.“— Der Riddag ſchüttelte das mächtige Haupt und ging; jetzt wandte ſich aber der Jahn zu mir und ſagte milder: „Vater Melchior, Du mußt mir eine Bitte gewähren! Sieh! ich könnte ſagen, ich ſtände über dieſer Bitte, und Du müßteſt freudig dreinſehen, wenn ich ohne Dich ausführte, was in dieſem Augenblicke mein Herz begehrt. Ich könnte ſagen, mein Blut und Name ſei ſo edel wie einer im ganzen heiligen römiſchen Reiche, alle Fürſten und Ritter Deutſchlands hätten nicht gemurrt, wäre ich ihnen voraus in die Stechbahn geritten, und ſelbſt der Kaiſer——“ Er ſtockte und glühepd Roth auf dem Ge⸗ ſichte brach er ſeine Rede ab.„Laſſen wir das!“ fuhr er nach kleiner Pauſe fort.„Ich bin ein fahrender Ritter geworden, bin Dir Dank ſchuldig für Schutz und gute Aufnahme unter euch, und will darum Dir nicht mit Böſem vergelten. Die Heilewich rettete mein Leben in den Tiroler Bergen, ſie hat manche böſe Peinſtunde von mir fortgeplaudert mit ihrem kindlich⸗fommen, gläubig⸗ ſtarken Gemüthe, wir ſind uns lieb und zugethan, und haſt Du nichts dagegen, ſo wandern wir drei auf der Stelle zur Kloſterkirche und Heilewich wird mein Weib vor Gott.“— Ich ſtutzte; was ſollte ich antworten? das Mädchen lag weinend an meinem Halſe, der Werber ſtand ſo ſtattlich und vornehm vor mir, daß ich beinahe meinen Filz vom Kopfe gezogen und mich gehorſamſt — 23 bedankt hätte für die zugedachte Gnade. Nun, ich ſprach das Jawort und bald ſtanden wir am Altare, wo ein alter Mönch, von einem Laienbruder unterſtützt, das Sakrament vollzog. Aufgefallen war mir bei der heili⸗ gen Handlung, daß der Bräutigam ſein Geſicht faſt ganz in den kurzen Mantel, welchen er trug, verhüllt hielt, daß er ſich mit verſtellter Stimme Jahn von Stuckard nannte und ſich für einen kaiſerlichen Hauptmann aus⸗ gab; jedoch unſer einer war gewohnt nirgend die Brü⸗ der auf gerader Straße marſchiren zu ſehen; meine Heilewich ſchien glücklich und froh wie eine Selige, und der Jahn hatte alles, was wir und Unſersgleichen be⸗ dürfen, um Weib und Kind durch die Welt zu fechten. So achtete ich nicht weiter darauf, und das alte Leben ging eine lange Zeit wieder ſo hin, wie wir es gewohnt geweſen. Da ereignete ſich aber ein ſeltſamer Vorfall. Mehre Geſellen von uns, die ſich in die Marktflecken wagten, um auf den Meſſen ihren Vortheil zu erſehen, brachten die Nachricht heim, daß man uns nachſpüre, und das vorzüglich eines Menſchen wegen, der von edler Geburt ſein ſolle, aber als ein der Reichsacht Verfalle⸗ ner von der Blutrache der kaiſerlichen Gerichte verfolgt werde. Die Beſchreibung des Aechters paßte Zug um Zug auf meinen Schwiegerſohn, und da ich ausſpionirte, wie einige der ſataniſchen Geſellen ſchon unter einander wisperten, ob es nicht beſſer ſei, den Mörder auszu⸗ liefern und hohen Preis zu verdienen, als vielleicht die ganze Genoſſenſchaft um ſeinetwillen verfolgt und auf⸗ gehoben zu ſehen, ſo entdeckte ich dem Jahn und der Heilewich, was vorging, und rieth ihnen, herauf in das Weſtphalenland zu ziehen, ſo den verrätheriſchen Bur⸗ ſchen aus den Augen zu ſchwinden, und den Spionen 24 der Obrigkeit wie ein Nebellicht dicht vor den Fanghän⸗ den zu zerfließen. Furchtbar rollten des Jahn's Augen, als ich meinen Spruch beendigt hatte.„So haſt Du noch Dich nicht geſättigt im Blute, böhmiſche Bärin!“ rief er mit einer Sturmſtimme.„Habe ich denn nicht bezahlt mit meiner Habe, mit allem, was das Schickſal Herrliches in meine Wiege legte, habe ich denn nicht bezahlt mit meinem gan⸗ zen Erdenglücke, was der Wahnſinn des Ehrgeizes, des Zorns mich begehen hieß?— Du haſt Recht, Vater,“ ſetzte er dann milder hinzu,„dieſes gute Weib und was ſie unter dem Herzen trägt, ſoll nicht auf dem Schaffot verbluten, ſoll nicht wimmern und tauſend Tode ſterben unter dem Rade, worauf der zerſchlagene Gatte lang⸗ ſam ſich verzehrt. Aufbrechen wollen wir noch in dieſer Nacht; gib dem Riddag nur die Kenntniß der Wege, gib ihm ein Zeichen an den Ohm; er iſt der treueſte Spürhund in Deutſchland und verfehlt keine Fährte, worauf des Weidmanns Hand ihn geleitet.“— Ich be⸗ ſorgte mit dem Langen alles, was nöthig, füllte die Speiſebeutel und ſchied Abends von der Tochter, die mit ihm heraufzog zu Dir und die ich heute ſeitdem zum erſten Male wieder ſegnete.— Der Müller Thomas ſchob, während der Bruder ſprach, ſeine Iltismütze von einem Ohre zum andern, und ſein Kürbißgeſicht bekam unglaublich ſcharfe Züge, und um die aufgeworfenen Blutlippen entwickelte ſich langſam eine ſataniſche Freundlichkeit. Hoho! ſagte er; ſteht es alſo um den Herrn Ritter von der Landſtraße? Iſt er wund am Gewiſſen und weiß den rechten Balſam nicht für die Wunde zu finden, und reißt wie ein läp⸗ piſcher Knabe ſelbſt am Verbande? Dann bedarfs freilich — 25 meines Meſſers nicht für den Mörder von hinten her, und der Hanf für ihn wird ſchon zum Strange irgendwo gedreht werden.— Mit Verlaub! rief eine furchtbar tiefe Baßſtimme hinter ihm, und des rieſigen Riddag's Fauſt griff über des Müllers Schulter nach dem Henkelkruge, und ſtreifte in ihrer Breite dem Erſchrockenen die Pelzmütze vom kahlen Haupte.— Iſt das eine Manier, ſo tölpelhaft zuzulangen? fragte dieſer erbost, nachdem er ſich, während Riddag in langen Zügen trank, vom Schreck erholt hatte.—. Riddag trank ſich ſatt ohne Störung, dann drehte er den Krug um und ließ den letzten Tropfen auf den Na⸗ gel ſeines linken Daumes laufen, und ſtellte das Gefäß, freundlich mit dem Kopfe nickend, wieder auf den Tiſch. Ihr gewaltiger Steinmüller, ſprach er dann, ſich mit beiden Fäuſten auf den Tiſchrand ſtemmend und mit den wilden, in tiefen Höhlen glühenden Augen den Müller anſtarrend; ſagt mir, habt Ihr ſchon einmal einem Wehrmanne von vorn Euern Flamberg in den Wanſt geſtoßen?—* Scheu blinzelte der Müller zu ihm auf und verſetzte: Wie meinſt Du das, Du ungeſchliffener Geſell? Und was ſoll ſolche Frage an den Herrn dieſes Hauſes?— Ihr wißt, ich bin eben nicht neugierig, antwortete kaltblütig Riddag, aber ich trank eben auf Tod und Verderben jedes verrätheriſchen Buben, der ſich unter⸗ ſtehen möchte einem Gewiſſen, der ihm gegenüber ein Engel vom Himmel iſt, ein Bein zu ſtellen. Sollte ein Gewiſſer gegen einen Gewiſſen ſolch eine Büberei im Schilde führen, ſo würde ich ihm von vorn her entgegen⸗ treten, und meine ſcharfe Klinge würde eine Thür in ſeinen Wanſt öffnen, weiter, als je Euer Brecheiſen eine aufzwang, aus der gerades Weges und recht bequem die arme Seele zur Hölle hinüberſpazieren könnte. Euer Wanſt hat Platz für ein Spundloch, wie's am Heidel⸗ berger Faſſe zu finden iſt. Wahret Euch, Steinmüller, daß ich nicht den Zapfen einſtoße, bis der heiße Burgun⸗ derwein in Strömen nachfließt.— Nun da hört ihr's, rief der Müller halb furchtſam, halb erbittert, daß ich Recht hatte, und die Gäſte den Wirth gern aus der Herberge preßten, wenn er ſie nicht in Furcht hielte und Freunde hätte, die ihm den Rücken deckten.— Grützkopf! verſetzte der Riddag, indem er ſich ver⸗ ächtlich von ihm wendete, Deinesgleichen ein Dutzend hackt unſer einer ſich zu einer Fleiſchſuppe zum Früh⸗ mahl zuſammen, und die Furcht, die Du erweckeſt, iſt die Furcht einer Spatzenflucht vor einer Vogelſcheuche aus Lumpen und Flicklappen zuſammengeſchnürt.— Die drei Männer am Tiſche fuhren in die Höhe, der Jüngſte griff nach dem Sarras, und ohne Zweifel würde die Scene nicht ohne Thätlichkeiten beendet worden ſein, wenn nicht die Thür der Kammer ſich geöffnet hätte und ein Frauen⸗ bild mitten zwiſchen ſie getreten wäre, die ſogleich Aller Theilnahme auf ſich zog. Sie war von hohem, kräftigem Wuchſe, ihre Züge waren faſt zu ſcharf, um ſchön ge⸗ nannt zu werden; aber in ihrem dunkeln Auge lebte etwas, welches die Herzen gewann, und der runde Arm, die hochſchwellende Bruſt und die ſchöngewölbten Hüften machten gar leicht das entzündliche Männerblut aufſieden im drängenden Begehren, das Opfer und Kampf um ſolchen Beſitz nicht ſcheuete.— Iſt Dein Herr noch nicht zurück? fragte ſie mit einer angenehmen Stimme, der man den tiefen Kummer ab⸗ hörte. Der Sturm ſauſet um das Haus, und er iſt allein im Walde.— Der Zitherſchläger iſt mit ihm, antwortete Riddag freundlich und unterthänig, und habt Ihr vergeſſen, daß heute die erſte Mainacht herrſcht, in der der böſe Geiſt immer den Herrn fortjagt von menſchlicher Ge⸗ ſellſchaft?— Mit einem Seufzer ſtykte die Frau die Augen zu dem Boden, der Steinmüller aber ſagte hämiſch: Er iſt wohl hinausgeritten auf einem Lanzenſchafte oder einem ſchwarzen Bocke, mit dem Gott ſei bei uns den Hexentanz auf dem Blocksberge zu halten!— Kann ſein, daß er Euch ſchwarze Geſellſchaft ins Haus bringt, antwortete Riddag, die Euch Reſpekt lehrt vor Leuten, denen ihr die Sporen nicht ablöſen dürft. Hätte der Herr mich mitgenommen zum Blocksberge, Eure breiten Schultern ſollten mich hingetragen haben; ſitzet es ſich doch ſicher noch bequemer darauf, wie auf dem Rücken Eures Mühleſels, und meine Ferſen ſollten dabei nicht faul geblieben ſein.— Das Frauenzimmer hatte nicht Acht gehabt auf die Zwiſchenreden. Was fliehet er mich in ſolcher Stunde? fragte ſie eintönig, wie mit ſich ſelbſt ſprechend. Bin ich nicht ſeines Vertrauens werth? Hat er nicht ſo oft Troſt gefunden an meinem Herzen? Und wo iſt eine Bruſt, die ſo willig und todestreu alles trüge, was ihn bedrückt? Ich hätte ihn ſelbſt ſchon geſucht in der Wild⸗ niß, aher der kleine Lathonius war die ganze Nacht ſo unruhig, als vermiſſe auch er den Vater und rufe ihn in ſeinen Wimmertönen.— Lathonius heißt Dein Kind, Heilewich? fragte Melchior. Und iſt der kleine Bube krank vielleicht? Soll ich den Schäfer holen von Sunsbeck?— Lathonius! ſpöttelte Thomas; auch ſo ein Heiden⸗ name, den kein Chriſtenmenſch führt in ganz Weſtphalen, und wobei man ſich nichts denken kann, als das abſon⸗ derliche verrückte Weſen des Vaters.— Sollte man ſich bei jedem Namen das chriſtliche Menſchenkind denken, das ihn trägt, fiel Riddag ſchnell ein, warum hat Euer Vater Euch denn nicht Malchus oder Hamann taufen laſſen?— Der gute Jahn wollte es ſo, ſagte Heilewich zu ihrem Vater gewendet, ich hätte ihn lieber Melchior ge⸗ nannt nach Euch. Lathonius ſoll bedeuten im Walde geboren, und ſo iſt der Name traurig ſprechend genug, und wenn ich mit dem Kinde vor dem Jahn ſitze, o ſo legt er oft wehmüthig ſeine Hand auf des Knaben klei⸗ nes Haupt und ſpricht ernſt und kummervoll:„Dich habe ich beſtohlen, das iſt das Hauptverbrechen, welches meine Seele belaſtet. Deine Windel ſollte von Schar⸗ lach ſein, Deine Wiege ein Rürnberger Meiſterwerk mit Golde belegt; Pagen und Zofen ſollten Dich warten unter ſammetnem Baldachin. So biſt Du ein Geſell der wilden Brut des Gebirges, der Fels mit ſeinem krauſen Mooſe iſt dein Seidenbett, der Eiche breites Blätterdach Deines Schloſſes Prachtgewölbe, und nicht einmal der Name Deines Vaters iſt Dein Erbe, das doch des Bettlers an der Heerſtraße gebornes Söhnlein fordern darf.“— Gebt Euch zufrieden, edle Frau! ſprach Riddag! Reißt die alten Wunden nicht neu auf; was geſchehen, läßt ſich nicht ungeſchehen machen, und die Zeit wird Manches umwandeln, höhlet ſie doch den Fels aus und 29 läßt den Strom verſiegen. Ich will hinaus und den Herrn ſuchen, wenn's Euch beruhigen kann.— Der derbe ſtämmige Menſch verließ die Mühle, nach⸗ dem die Frau ihm freunglich ihren Willen zugewinkt und von dem Vater unterſtützt zurück in die Kammer ge⸗ wankt war; der Steinmüller aber warf die Iltismütze mit einem Fluche ſich auf den Schädel. Mögeſt Du, langer Schurke, den Hals brechen auf dem Mühlbau, und möge Deinen hoffärtigen Herrn längſt in der Sturm⸗ nacht ein gefälliger Steinſchlund verſchluckt haben! Wahr⸗ lich an mir ſoll's nicht mangeln, kömmt die Gelegenheit, euch allen Zweien den Nachſchub zu verſetzen! Innerlich ergrimmt rief er ſolches dem raſch Fortſchreitenden halb⸗ laut nach und zündete den Kienſpahn an, nachzuſehen, ob ſeine Mühlknappen die nächtliche Arbeit nicht verdor⸗ ben hätten. Draußen im Walde hatte der Sturm manche ſchöne Tanne geknickt, manchen derben Zweig der hundertjähri⸗ gen Eichen gebrochen vom Mutterſtamme und die brau⸗ nen Kronen hingeworfen in den regennaſſen Waldgrund, wo Bettelvolk und herumſtreichendes Geſindel die Pracht der Waldgipfel morgen ſammeln mochte, ein elendes Nachtfeuer zu entzünden. Der Mann, den wir Jahn nennen gehört haben, ſchritt in dieſer wüſten Schauer⸗ nacht wie in der Irre umher auf den heimlichſten Wald⸗ wegen, durch das verſchlungenſte Gebüſch und über die ſteilſten Felswände. Wie ein getreuer Schweißhund ſolgte ſeinem Schritte ein Jüngling mit Barett und kurzem Mantel, an einem Bande, welches über die Schulter lief, eine zierliche Zither tragend, die der Fant mit 30 Mühe gegen die ſchlagenden Buſchzweige des zuerſt mit kleinen krauſen Blättern prunkenden Weißdorns und gegen die ſcharfen Steinecken ſchützen mußte. Zuweilen ſtand der Voranſchreitende einige Minuten verſchnaufend ſtill, aber das Wenige, was er alsdann durch den Sturm hinſprach, klang mehr wie Monologe des Wahnwitzes als wie Anrede für den Begleiter. Warum brichſt du die Eiche? warum nicht mich, rief er laut hinauf in die dunkeln, über ihn hinfliegenden Wolken, wie mit ſchauerlichem Hohn im Gemüth, als gerade ein derber Baumgipfel dicht neben ihnen herun⸗ terkrachte. Warum ſchmetterſt du nicht die zentnerſchweren Stämme auf dieſes Haupt, das deinem Grimme ſeit Jahren verfallen iſt? Oder haſt du mich aufgegeben? Bin ich verſtoßen aus der Welt deiner Geſchöpfe? Hat deine Allmacht, deine Güte, ſelbſt der Zorn deiner Ge⸗ rechtigkeit kein Auge mehr für meinen Schritt, keine Hand mehr, meinen Scheitel zu zerquetſchen? Bin ich dem Zufalle auf ewig hingeworfen in der gräßlichen end⸗ loſen Strafe des ſchmutzigen Jeruſalemiten, deſſen Fuß den Heiland von der Schwelle ſtieß? O gräßliches Ge⸗ dankenmeer! ausgeſtoßen, verlaſſen, vergeſſen von dem ewigen Vater der Welten! Was iſt die tagelange Folter, womit Tyrannen quälen, ſo menſchlich und ſchmerzlos gegen dieſes Ungeheure! Und warum ich? warum gerade auf meinem Haupte dieſe endloſe Strafe? Ende, Rächer der Unthat, Ende! Ich biete ja meine Bruſt preis dei⸗ nem Wetter, biete ja mein ſchuldig Haupt preis deinen fallenden Donnerkeilen, deiner verheerenden Windsbraut. Erſchöpft lehnte ſich der bleiche ſchlankgewachſene Mann an einen hochaufgeſchoſſenen Tannenſtamm, und ſein ermüdet Knie bog ſich gegen den moosbewachſenen 31 Hügelgrund. Sanft umfaßte der junge Begleiter ihn von der Seite her. Welche böſe Dämonen hetzen Euch, mein gnädiger Herr, durch dieſe Mondnacht? fragte er ſanft Seht, ſelbſt das Wild birgt ſich in Höhle und tiefen Buſch; denn nicht einmal ein ſcheues Schmal⸗ thier iſt durch unſere raſende Waldreiſe aufgeſchreckt worden.— Alles Lebende flieht mich heute, antwortete mit hohl⸗ klingender Stimme der Bleiche. Und ſiehſt Du nicht, wie meine Finger aufs Neue leuchten vom Blute, ſeit die Mitternacht aufzog? Iſt mein Geruch nicht Mord? — Darum muß ich hinaus von Weib und Kind, wenn dieſe Nacht aufſteigt, muß ich hinaus in die Hede, da⸗ mit das Blut von meiner Hand nicht die Schuldloſen“ zeichnet, damit ſie nicht mit Entſetzen ſich von mir wen⸗ den, und ich das Letzte verliere, was mich an die Erde und ihr elendes Leben feſſelt.— Aber warum eben heute dieſer Wahnſinn, dieſe Höl⸗ lenträume, gnädigſter Herr? fragte dringender der Zither⸗ ſchläger.— Und Du frägſt, Tägerfelden? Siegesmund, Du kannſt fragen, ſo kühl, als hätte dort der ſchäumende Waldbach Dein Gedächtniß ausgewaſchen und Dich zum neugebor⸗ nen Kinde gewandelt? ſprach heftiger Herr Jahn, und drehete ſich mit blitzenden Augen gegen den erſchreckenden Jüngling. Haſt Du vergeſſen, daß ſo eben der erſte Tag des Blütenmondes den erſten Schritt that über den Ho⸗ rizont? Horch! hörſt Du nicht das nahe Brauſen des Fluſſes? Es iſt die Reuß: ich kenne ihren Wellenſchlag; ſo ſchlug ſie gegen das breite Boot, das uns mit dem Albrecht hinübertrug. O warum verſchlang ſie uns nicht alle, ihn den Gehaßten, den Länderräuber und den 32 tollkühnen heftigen Palm und den treuen Wart, den ſtarken Eſchenbach, Dich und mich mit einer aufſteigen⸗ den Waſſerwand! Wir wären ſelig geſtorben; denn nur Thaten kann der Ewige richten, nicht den verbrecheri⸗ ſchen Gedanken, der in das vom Blute gefüllte Hirn gegen den Willen und gegen alle Wehr des armſeligen Menſchenſohnes ſich eindrängt.— Er richtet auch die Thaten mit Barmherzigkeit, ent⸗ gegnete der Zitherſchläger. Er legt Jugend und ihre heftige Unbeſonnenheit, legt die Kränkungen, die der Feind uns that, legt die Hetzung der Neider und falſchen Freunde, den Rauſch des Zornes, durch teufliſchen Rath empört, alles das legt der Allwiſſende in die andere Wagſchale, daß die Schale der Schuld leichter aufſchnellt, und von Reue und den Thränen der Selbſtanklage ge⸗ hoben, bis dicht an den Himmel reicht, wo die Mutter Gottes mit dem Schwert in der Bruſt den Schmerz der Reue erkennt und vertritt bei der Allbarmherzigkeit.— In tiefe Gedanken verſunken ſtarrte der Mann bei des Jünglings feuriger Rede auf den Waldboden nieder. Ja, ja! lallte er dann wie vor ſich hin. Siegesmund darf hoffen und ſolche Himmelsbilder ſchauen. Deine Hände ſind unbefleckt; Du warſt von uns allein der Glückliche, welcher in jugendlicher Furchtſamkeit den Stahl in der Scheide hielt und wie das bleiche Bild der Ne⸗ meſis mit ſtarren Aungen dem Gräßlichen zuſah. Und dennoch theilteſt Du die Strafe; dennoch ſind auch Deine Güter wüſt gemacht, dennoch mußteſt auch Du flüchtig irren im fremdem Lande, und die wüthenden Königinnen ſetzten auch auf Dein junges Haupt den Blutpreis, wie ſie hundert unſchuldige Vettern der Mörder ſchlachteten. O wenn der Himmel ſo das Zuſchauen des Verbrechens 33 ſtraft, wie ungeheuer muß dann die Strafe ſein, die er für die Thäter aufſpart, die er hinter ſeiner dunkelſten Wetterwolke dem Oberſten der Verbrecher bewahrt?— Was ich litt, galt um Euch, mein Prinz, der den Knaben wohlthätig an ſich zog und ihm Huld und Freund⸗ ſchaft ſchenkte unter ſo vielen Würdigern, ſprach mit Ge⸗ fühl Siegesmund zu dem Verzweifelnden. Ja, der Sohn des edelſten Geſchlechts im Schwabenlande hat Helm und Schwert von ſich werfen müſſen, hat mit ſeiner trauri⸗ gen Zither ſein ſchmales Brod erſungen vor den Thüren der gaſtfreien Frieſen und der gutherzigen Dänen. Ab⸗ gebüßt habe ich auf ſolche Weiſe meine Genoſſenſchaft mit jenen wilden blutgierigen Männern, die Euch ver⸗ führten, und mein Gemüth iſt ruhig geworden, und frei ſehe ich in den Sternenhimmel hinauf und weiß: mir iſt vergeben!— Und auch Ihr dürft hoffen. Iſt der Krieg nicht erlaubt, und ſuchen nicht die Helden aller Völker in ihm den unſterblichen Lorbeer? Waret Ihr nicht im Kriege mit Eurem Ohm, der Euer reiches Erbe Euch widerrechtlich vorenthielt und den mündigen Herzog wie ein Kind am Gängelbande achtete? Fiel nicht Otto⸗ kar der Böhme durch das Schwert Rudolphs, Eures großen Ahnherrn, und verblutete in der Kraft der Männ⸗ lichkeit, weil er ſeine Hand ausſtreckte nach einem Lande, das ihm nicht gehörte? Krieg iſt die Loſung der Naturz die getretene Schlange ſticht des Elephanten Fuß, der Reiher ſpießt den Falken, deſſen Klaue nach ihm greift; Liſt und heimlicher Angriff erſetzen dem ſchwächeren Ge⸗ ſchöpf das Uebergewicht, welches den Koloß trotzig und gewaltthätig macht, und wo der Krieg offen erklärt iſt, da gilt Ueberfall und Kriegsliſt jeder Art.— Ja, offener Krieg war zwiſchen unſern Gemüthern, Blumenhagen. 1v. 3 34 der Krieg des Geizes, des Uebermuths, der Härte gegen Unſchuld und Offenheit, verſetzte Jahn nachdenkend. Ich war ein geketteter Aar, der den Fuß losmacht vom Eiſen, wo er kann; ich war der ſchuldloſe Galeeren⸗ ſtlave, der jede Gelegenheit ergreift, von der ſchimpf⸗ lichen Ruderbank zu entſpringen. O ich habe mir das tauſend und abertauſend Male vorerzählt und mein Ge⸗ wiſſen eingelullt damit, daß ich ruhig ſchlafen konnte neben dem Weibe meiner Liebe, daß ich freundlich herzen konnte das Kind meiner Liebe. Hingeworfen habe ich jeden Anſpruch des Gedankens an die Hoheit meiner Jugend; als ein Opfer der Buße habe ich mich ent⸗ äußert des ſtolzen Weſens, zu dem die Geburt mich berechtigte; herabgeſtiegen bin ich freiwillig zu der niedrigſten Klaſſe der Ritterſchaft, habe als fahrender Rittersmann ein Heer von Wegelagerern und Vagabun⸗ den mir zu Vaſallen und Knappen erzogen, und an der Straße mein Brod geſucht mit dem ſchmuckloſen Stahle in der Rechten, habe gewonnen den Unterhalt für Weib und Kind wie der gemeinſte Kriegsmann des römiſchen Reichs, an deſſen Throne ich ſtand und deſſen Fürſten auch mir ſich beugten. Mir war wohl in dieſer Nie⸗ vrigkeit, und leiſer klopfte das Gewiſſen gegen die Wände meines Herzens. Da fand ich Dich an meinem Wege, und die ganze Vergangenheit ſtieg wieder auf vor mir wie des Kaiſers blutſpritzendes Geſpenſt; Mord! und Mord! hallte es wieder aus dem Walde her und vom Echo der Felſenkuppen. Verflucht iſt der Mörder vor Menſchen und vor dem Richter des Himmels! rief wie⸗ der vor meinen Ohren die heimliche Stimme, die mir nachſchleicht, und doch kann ich Dich nicht von mir laſſen, doch muß ich Dich halten mit ehernen Armen, denn 35 neben Dir iſt mir als trügeſt Du die Hälfte meiner Laſt, und Du biſt mir theuer wie die Erinnerung an eine liebe Sünde der wilden Jugend.— Und Ihr gabt mir Schutz und Nahrung, fiel mild der Zitherſchläger ein, Ihr machtet mich frei von Sorge und Beſchimpfung, rettetet mich vor dem Henkerbeil, dem ich vielleicht blind im Jugendleichtſinne und im Qual⸗ gefühl des Alleinſeins entgegengelaufen. Nimmer werde ich das meinem unglücklichen Herzoge vergeſſen. Und darum flehe ich Euch: kehrt zurück in das Haus; der nächtliche Orkan läßt nach und regt nur noch leiſe die ſchwarzen Fittige des Sturmes; der blaue Maienhimmel blickt durch die zerriſſenen Wolken; ſchon dämmert das Morgenroth im Oſt, und die einzelne Nachtigall wagt einen Flötenton neben ihrem Reſte dort im Hainbuch⸗ gebüſch. Beruhigt auch Ihr den Seelenſturm in Euch und kehrt unter das Dach, wo treue Liebe um Euch ſor⸗ gen mag.— Ich darf nicht, antwortete finſter der bleiche Mann. Den erſten Maitag muß ich begehen mit Buße und Faſten, fern von den Menſchen, nur mit dem böſen Geiſte meiner Unthat allein. Keinem Prieſter durfte ich ver⸗ trauen. Denn des Goldes Glanz aus der Hand der wüthigen Agnes würde auch den Beſten zum Verrath getrieben haben; ohne Beichte und Abſolution iſt meine Sünde gewachſen in mir wie die Kuckuksbrut im Neſte des Hänflings; ſo wandere ich zu dem Hünenſtein, von wo man jenſeits der Haſe das große Crucifix erblickt. Dort oben kniee ich und ringe die Hände blutig im Ge⸗ bet und bitte um ein Zeichen der Gnade, denn hinan zu dem Bilde des Erlöſers darf ſich der Verworfene nicht wagen; und dahin folge mir, denn Du ſollſt das Leichhuhn 36 ſein, das mir vorſingt den Todesruf und mich aufrüttelt aus der Trägheit der verwegenen Seele, die ſich rein ſprechen möchte, da der blutige Schmutz der Hölle durch kein Weihwaſſer, durch keine heilige Hand von ihr ge⸗ waſchen ward bislang.— Aber waret Ihr denn nicht in der Petersſtadt? Habt Ihr denn nicht den heiligen Fuß des Vaters der Chri⸗ ſtenheit geküßt und Vergebung erhalten durch ſeinen Se⸗ gen? fragte Siegesmund ſehr verwundert. Bis in den hohen Norden reichte das Gerücht davon.— Mußt Du mich an die feine Schlinge erinnern, welche die Schlangenliſt der fürſtlichen Weiber mir gelegt hatte, als ich in den Schweizerbergen umherirrte und mein Fuß keine Stätte fand? antwortete Jahn mit Heftigkeit. Von den Verfolgern ſelbſt ging die Sage aus durch alle Nachbarländer; ich ſollte ſie hören. Wie eine Stimme vom Himmel ſollte mich das Gerücht treffen, ſollte dem Rathloſen beſter Rath werden und ihn verlocken in der Unruhe ſeines Gewiſſens nach der heiligen Römerſtadt, wo hundert Söldlinge meiner warteten mit der Kette für meinen Arm, mit der ſcharfen Partiſan für meine Bruſt. Aber der, welcher das Böſe einmal aufnahm in ſeinem Herzen, nahm auch zugleich das Mißtrauen mit hinein, und des Böſen Anſchläge durchſchaut gar leicht der ver⸗ wandte Sinn. Vielleicht hätte mich das Gewiſſen dort nach dem Morgenroth der Vergebung gejagt, dieſes Ge⸗ rücht lenkte meine Schritte gegen Weſten, und ich ent⸗ kam den Trabantenſpeeren der Kaiſerin. Und warum entkam ich? Warum entfloh ich, vom Inſtinkte der thie⸗ riſchen Natur gezwungen? Zu Ende wär's, und Johann von Schwaben ſchliefe längſt den ungeſtörten traumloſen Schlaf im Schooße der Mutter Erde. O die drunten 37 ſchlafen ſind allein die Glücklichen! Wie werde ich enden unter dieſen Buſchkleppern und Straßenrittern? Und wann wird der Fluch genommen werden von dieſer Stirn?— Wild ſah er hinter ſich, wo der Fels ſich in eine Schlucht ſenkte, in welche das bleiche Morgenlicht ſchwankende einzelne Strahlen warf.— Siehſt Du dort, ſchrie er plötzlich kreiſchend wie der Nachtvogel, deſſen Auge der erſte Tagesſtrahl verletzt, ſiehſt Du, da ſteigt es wieder auf aus dem nebeligen Grunde! Erkennſt Du nicht die ſtarre lange Geſtalt, mit dem Hohngeſicht2 Sieh, wie der Ouell des Blutes ſpritzet aus der durch⸗ ſtochenen Kehle, wie der geſpaltene Schädel grinſet, wie das zerriſſene Herz die heißen dunkeln Ströme des haß⸗ gefüllten Blutes ausgießt! Fort! Fort! hin wo der Er⸗ löſer leuchtet, und dieſe Rachtgeſpenſter verdunſten vor ſeiner Nähe!— Auf raffte er ſich und floh wie ein gehetzter Edelhirſch durch das Gebüſch, daß der junge Zitherſchläger ihm kaum zu folgen vermochte, und der rieſige Riddag, wel⸗ cher jetzt aus der Schlucht heraufſtieg, vergebens die weithallende Poſaunenſtimme anſtrengte, ihn feſt zu ru⸗ fen.— Nicht weit von dem Rande des Haſefluſſes erhob ſich ein uraltes Denkmal der früheſten Väterzeit. Ob Grabmal eines geehrten Kriegers, ob Opferaltar, war ungewiß. Eine mächtige Steinplatte wurde von vier koloſſalen Granitblöcken getragen, und eine rauhe Stiege von unbehauenen Felsſteinen führte hinauf zu der obern bemoſeten Fläche. Siegesmund war unermüdet dem un⸗ glückſeligen Herrn gefolgt, aber vergebens ſuchte er ihn zu erreichen; erſt als das Gebirg ſich öffnete in die weit verbreitete Heide, erkannte er in dem Zwielichte der Frühe den gelben Koller mit der ſchwarzen Leibbinde 38 und die rothe Hangfeder am Barett, die Jahn zu tra⸗ gen pflegte. Hinaufgeſtiegen auf den Hünenſtein war der geächtete Prinz, langausgeſtreckt lag er auf der regen⸗ naſſen Platte, und die gefalteten Hände ſtreckte er weit aus hinüber nach der Gegend, wo jenſeits des Fluſſes ein koloſſales Crucifir in einer Niſche von gebrannten bunten Ziegelſteinen an der Straße ſich erhob, den Wan⸗ derer zu mahnen an gottſelige Gedanken und an ein Gebet zu dem, der die Pilger auf der Erdenwallfahrt beſchirmt und ihr Hort iſt, wenn ſich die düſtre Herberg öffnet. Beſorgt folgte ihm der Junker von Tägerfelden, ſtieg behutſam die gebrechlichen Stufen hinauf, und als er die leiſen Töne des Paternoſter vernahm, ſetzte auch er ſich auf die letzte Stufe des Hünenmals und faltete ſeine Hände über der Zither zuſammen. Lange verweil⸗ ten beide ſo, dann löſeten ſich Jahns Finger auseinan⸗ der, er erhob ſich halb vom Steine, den ſchlanken Leib ſtützend auf den ſtarken Arm, und mit Blicken, in denen ſich eine unbeſchreibliche Sehnſucht ausſprach, ſtarrte er lange hinüber zu dem Crucifixe hin. Tief ſeufzte er als⸗ dann und ſetzte ſich ganz aufrecht und ſchaute betrübt in die gelblichen Fluten des Fluſſes, welcher ſich dicht unter ihnen hinwälzte, und die erſten Strahlen der Mor⸗ genſonne gleich tauſend tanzenden Sternen auf ſeinen Wellen trug. Kein Zeichen der Gnade winkt mir vom heiligen Bilde, ſprach er leiſe, keine Verſöhnung lindert die Qual. So ſinge mir denn, mein Beichtiger, wie⸗ derum mein Bußlied, die Romanze vom harten Kaiſer und ſeinem blutigen Ende, daß ich den Faſttag in tiefer Zerknirſchung beginne.— Der Zitherſchläger ſchüttelte das braune und traus⸗ gelockte Haupthaar, doch wagte er keinen Widerſpruch, 39 ſtimmte das Saitenſpiel und ſang die traurige Ro⸗ manze: Der Kaiſer Albrecht unbelobt Ließ nimmer ſich genügen, Dem Sturmwind gleich, der ewig tobt, War Kriegen nur ſein Vergnügen, Und wer ſich nicht ſchirmte mit mächtigem Schwert, Den trieb ſein Machtſpruch vom eigenen Herd. Drum iſt des Unrechts Lohn ihm geworden, Denn das Recht verletzen iſt ein heimlich Morden. Noch eh' man ihn zum Herrn erwählt, Raubt' er die heil'ge Krone, Und ſaß von Geiz und Grimm verſtählt Herzlos auf des Habsburgers Throne; Das eigene Volk, das Rudolph, der Ahn⸗ Mit liebendem Fittig geſchirmt wie der Schwan, Die Steirer und Aſturier ließ er ſchlachten, Daß ihn drob mußte das Reich verachten. Er ſchlug mit ſeiner eigenen Fauſt Den Naſſauer Adolph vom Roſſe, Und wie die Windsbraut wüthig erbraußt, Fiel er mit gierigem Troſſe Dem Holländer und dem Ungar in's Haus, Und mühte ſich im rechtloſen Strauß Dem ehrlichen Schweizer die Freiheit zu ſtehlen, und ließ ungeſtraft durch den Vogt ihn quälen. Und ſeinem eigenen Neffen nahm Er die geerbten Lande, Und als Johann ihn bittend kam Reicht er ihm wie zur Schande Mit höhniſchem Lächeln den Blumenkranz, Und ſprach; Dir ziemt ſolcher Krone Glanz; Die goldene kannſt Du nimmermehr haben, Sie würde zerdrücken das Haupt des Knaben. 40 Da lodert auf des Herzogs Zorn; Der Schimpf iſt nicht zu tragen! Im Herzen wühlt der Rache Dorn. Von dem Kaiſer hineingeſchlagen. Und als der Stolze die Reuß überfährt, Da drängt der Herzog ſich wohlbewehrt Mit den Freunden zu ihm in den Nachen, Dem grimmen Feinde das Garaus zu machen. Und als ſie drüben angelegt Am menſchenleeren Geſtade, Da eilt die Rachſucht lang gehegt Sich zu kühlen im blutigen Bade. In die Kehle ſtößt Johann ihm den Stahl, Der Palm durchbohrt ihm die Bruſt, und die Qual Des kaiſerlichen Gebieters zu enden, Fällt zerſpalten ſein Haupt von Eſchenbach's Händen. Da lag der Stolze tief im Blut Getrennt von all' den Seinen; Was half ihm das geſtohl'ne Gut, Die Krone von Gold und Steinen? Eine Bettlerin, die an dem Wege ſaß, Drückte das Auge ihm zu, das Auge voll Haß. So iſt des Unrechts Lohn ihm geworden, Denn das Recht verletzen iſt ein heimlich Morden. Mit ſtillem Sinnen hatte Herr Jahn dem Sänger zugehört, am Schluſſe ſprang er auf, und hoch ſtehend auf dem alten Steindenkmale hob er die Hand gen Himmel, und rief mit dumpfer Stimme den Schluß⸗ vers nach: — Des Unrechts Lohn iſt Dir geworden, Denn das Recht verletzen iſt ein heimlich Morden.— Eine fremde Geſellſchaft, nicht minder ſeltſamer Art als die beiden auf dem Hünenſteine, hatte ſich indeß der 41 Stelle genähert. Ein ältlicher Rittersmann, in ſchwar⸗ zem Sammet reich gekleidet, führte eine Dame in weißer Nonnentracht den Weg herab, der vom Gebirge zu der Brücke des Haſefluſſes ſich hinzog. Ein alter Knappe und ein klöſterlicher Laienbruder folgten dem langſam herabwandelnden Paare. Geſenkten Blickes ging die Dame, und zwiſchen ihren zarten Händen ringelte ſich ein Roſenkranz von feiner Arbeit.— Ihr ſeid gütig, mein Ohm, ſagte ſie mit leiſer Stimme, daß Ihr ſelbſt mich führen möget zu dem wunderthätigen Bilde des Gekreuzigten, wo ich mein Gelübde löſen muß, an dieſem Tage ſo viele Minuten im Gebet zu knieen, wie der Unglückliche Stunden ſeuf⸗ zen mußte zwiſchen Leben und Tod auf der gräßlichen Stätte. Aber Ihr ſolltet nicht alſo thun, denn je ge⸗ fährlicher und rauher mein Bußweg, deſto erſprießlicher vielleicht für die Seele des Erbarmungswürdigen mein Werk.— Nicht das Mitleid allein treibt mich aus meinem bequemen Dache, antwortete mit harter Stimme der Schloßherr der Schelenburg, denn dieſer war es; aber iſt die Ehre meines Hauſes gekränkt durch den Gemahl meiner Nichte, muß ich wachen, daß die Ehre des Hau⸗ ſes nicht doppelt gekränkt werde durch Beſchimpfung der Nichte ſelbſt. Ich lobe Euern Bußgang für die Seele des verbrecheriſchen Gatten, aber von der Brücke der Haſe bis zu den Lindenbäumen, die das Kloſter Oſede umkränzen, ſteckt dieſer Wald voll des böſeſten Geſindels, vor deſſen Frechheit Mauer und Zugbrücke kaum ſchützen. Darum kam ich ſelbſt von der Schelenburg, Euch zu geleiten, wie es dem Ohm, Euch zu ſchirmen, wie es dem Gaugrafen dieſer Provinz gebührt.— 42 Das Fehmgericht ſollte ein Einſehen thun, wenn die mächtige Ritterſchaft nicht Luſt hat mit dem Lumpenge⸗ ſindel ſich zu beſchmutzen, meinte dreiſt der Laienbruder. Sind's doch kaum vier Tage, daß eine ſolche Rotte, die den Teufel ſelbſt in rieſiger Geſtalt an der Spitze hatte, eine Trift fetter Ochſen und einen Wagen voll theurer Fäſſer, die für den Hochwürdigſten zu Osnabrück beſtimmt waren, auf offener Heidſtraße dicht am Ufer der Haſe wegnahm und erbarmungslos die armen biſchöflichen Wächter in den Fluß ſtürzte. Der hochwürdigſte Herr ſoll einen ſchweren Schwur gethan haben, die Räuber aufzuſpüren und Gericht zu halten über ſie mit Strang und Schwert. Leichter könnten die heimlichen Richter es dem Sohn der Kirche machen, denn ſie kennen die Fin⸗ ſterniß und ſind die düſtern Spelunken gewohnt.— Eine dunkle Glut bedeckte das bärtige Geſicht des Gaugrafen, und er wechſelte mit ſeinem Knappen bedeu⸗ tungsvolle Blicke. Was wißt Ihr von dem Freiding in Euern Kloſter⸗ zellen? erwiderte der Letztere barſch, indem er mit dem Ellenbogen den Frater derb an den wollenen Ermel ſtieß. Die Herren der Fehme haben andere Dinge zu richten als Euern Hammelraub, und wollten ſie ſich bekümmern um jede Diebesrotte in Deutſchlands Gauen, würde der Hanf theuer ſtehen im Lande, und die rothe Erde ein Moor werden von Armenſünderblute.— Indeß waren der Gaugraf und die Nonne vorwärts geſchritten und die letzte, mit kurzen Fichtenbüſchen und Schleedorn bewachſene Höhe herabgeſtiegen, traten jetzt völlig in das Freie und berührten den Raum, wo das Hünengrab ſtand. Mit Verwunderung ſchauete der alte Schelenburger auf die beiden ſonderbaren Geſtalten, die 43 die graue Steingruppe belebten; als aber die Nonne nahe herangetreten war und jetzt ihre Augen erhob und die Geſtalt des Jahns hoch droben ſtehen ſah, dem das Barett entfallen war und dem der Morgenwind durch die langflatternden weißblonden Locken ſtrich, da ſchrie ſie laut auf, breitete ihre Arme weit aus gegen den Hünenſtein, man wußte nicht, ob aus Abſcheu oder Zu⸗ neigung, und ſank zurück an des alten Knappen ſtützende Schulter. Auch auf die Männer am Steine machte die Erſcheinung der Dame einen gleichen Eindruck: der junge Tägerfelden verbarg ſein Geſicht, Jahn aber war mit zwei Sprüngen von der Steinplatte unten, trat dreiſt zu der Dame, bog ſein Knie und rief mit ſeltſamem räthſelhaftem Ausdrucke, indem er die kalte Hand der Nonne kühn ergriff: Irmgart, kommt auch Ihr, meine Qual zu mehren? Kommt auch Ihr, mich anzuklagen vor Gott und Menſchen?— Die Nonne ſchlug ihr ſchönes Auge matt und halb gebrochen gegen ihn auf. Schrecklicher Mann! hauchte ſie halblaut hervor, Ihr lebt und wagt Euch in das Licht der Sonne? Flieht, unglücklicher Herr, weit von hier! dieſe Erde dräuet, auf dieſer Erde——— Sie redete nicht aus, denn eine tiefe Ohnmacht nahm den Reſt ihrer Sinne, und der Knapp hatte die Hülfe des Fraters nöthig, ſie vor dem Falle zum Boden zu be⸗ wahren.— Mit todesbleichem Angeſicht ſtand Herr Jahn auf von der Erde und ließ die kalte Hand fahren. Sie ſtirbt! rief er mit entſetzlichem Tone. Auch ſie habe ich gemor⸗ det; nicht der Hand und des Stilets bedarf ich mehr; denn wie des Baſilisken Auge tödtet mein Anblick.— Mit der Hand am Schwerte ſtellte jetzt der Gaugraf 44 ſich dem Fremdlinge entgegen. Ihr ſeid der fahrende Ritter, ſprach er mit düſter rollenden Augen und einer Schlachtſtimme, Ihr ſeid der Häuptling der Wegelage⸗ rer, die im Deutſchburger Waldgebirg das Wolfsneſt baueten und meinen Gau zu einer Mördergrube machtenz ich kenne Euch aus der Beſchreibung meiner beraubten Vaſallen. Ergebt Euch, oder mein Schwert greift dem Richtbeile vor.— Mitleidig betrachtete Jahn die grauen Locken des zürnenden Ritters. Laßt ruhen den Stahl! ſagte er dumpf und mit einer Stimme, deren Eindruck die Macht des Gaugrafen zu lähmen ſchien. Ihr ſeid nicht berufen Meinesgleichen zu richten, ſondern eine höhere Hand zeichnete die Sühne für meine Thaten. Ueberlaßt mich der Racheſtunde des Unſichtbaren, ſeine Hand ſchwebt dicht über meinem Scheitel.— So wandte er ſich und ging langſam den Gebüſchen zu.— Der alte Gaugraf ſtand wie feſtgebannt, aber der Knapp hatte die Dame niedergelegt auf den Hügel⸗ grund, und ſprang jetzt mit blankem Flamberg dem Fremden nach. Da trat aus dem Buſch der rieſige Rid⸗ dag, und hielt ihm die Spitze ſeines ungeheuren Schwer⸗ tes entgegen.— Halt da, Du jammervoller Söldner! donnerte der wilde Streiter ihn an. Habe Reſpekt vor Leuten, denen Deinesgleichen nur auf den Knien entgegenrutſchen dür⸗ fen! Wäreſt Du toll genug, dem da noch einen Schritt nachzuthun, ſo müßte Deine Gurgel dieſes kalte Gericht koſten, obgleich es mich ärgern ſollte, den guten Stahl mit dem Schweiße eines ſolchen abgetriebenen Keulers roſtig zu machen.— Dem Knappen entfiel die kurze Waffe bei dem Anblick 45 der gräßlichen dräuenden Menſchengeſtalt, die wie ein ſteinerner Götze der alten Heidenzeit jetzt unbeweglich daſtand, bis die beiden, denen er diente, weit genug in die Holzung gekommen waren, und der dann auch mit Blitzesſchnelle verſchwand.— Bedenklich ſah der Knapp auf ſeinen Herrn, der in Gedanken vertieft bislang ge⸗ ſtanden.— Tragt die Edelfrau raſch über die Brücke, ſagte der Gaugraf eintönig, ich eile voraus zur Schelenburg, euch Leute und Maulthiere entgegenzuſenden. Sputet euch, denn dieſſeits des Waſſers möchten dieſe Verwegenen eure Sicherheit befährden. Aber kennen lernen werde ich dieſen unbekannten Rittersmann, oder alle Ahnungen ſind Lüge.— Voran ſchritt er, ſo raſch als ſeine Jahre es erlaubten, und mit ſichtbarer Furcht auf den Geſich⸗ tern folgten die Begleiter mit ihrer zarten Laſt. Der erſte Maitag ging zu Ende. Schon lag das mitternächtliche Dunkel wiederum auf den alten Baum⸗ gipfeln, welche die öde Steinmühle umwölbten, und im⸗ mer noch harrte die liebekranke Heilewich auf den ſeit vierundzwanzig ewig langen Stunden vermißten Gatten. Oft war ſie hinausgegangen in die nächſten Umgebungen der düſtern Behauſung, welche die Welt ihres Glücks durch Gatten⸗ und Mutterliebe ausmachte, den Gelieb⸗ ten zu ſuchen; aber ſie ehrte das Verbot ihres Herrn, trotz der mit jedem Augenblicke ſteigenden Angſt, und wagte ſich nicht tief in den Wald. Seufzer und halb⸗ laute Klagen gaben ihrem Herzen die einzige Erleichte⸗ rung, und jede Stunde ging ſie zurück zu der Wiege des kleinen Lieblings, dem Finkenweibchen gleich, dem 46 ein grauſamer Weidmann das Männchen erſchoß und das nun hin und her flattert vom Neſte zum Rande des Buſches und von da zurück zu der verwaiſeten Brut. Endlich ſank ſie erſchöpft in den Sorgeſtuhl des Müllers und weinte ſtill auf das freundlich ſchlafende Kind hinab, deſſen zarte Geſtalt und feine Haut grell abſtach von den vergelbten rohen Geſichtern der Bewohner des alten Steinneſtes, und das den Chriſtkindchen ähnelte im Kreiſe der rohen Beduinenvölker oder der ſonnverbrannten Egypter. Ihr Vater Melchior und ihr Bruder waren aufgebrochen, nachdem ſie vergebens auf Herrn Jahns Erſcheinen geharret, die Geſellen aufzuſuchen, von denen ebenfalls keiner heute ſich ſehen ließ, und zu Heilewichs Verwunderung ſuchte auch der Onkel Steinmüller, als das Gemach leer geworden und die Nacht gekommen war, ſeine beſten Kleider hervor, legte ſeiner Trägheit zuwider, emſig den Putz an ſeinen unbehülflichen Leib, und verließ unter ſonderbarem Gebrumm und unver⸗ ſtändlichem Selbſtgeſpräch das Haus. So ſaß ſie allein in dem ſchauerlichen Gebäu, und wenn der kleine La⸗ thonius ſich an ihre runde Bruſt ſchmiegte und ſtam⸗ melnd nach dem Vater rief, ſo mehrte der kindiſche Laut nur ihre Pein, und alle Sagen von Schauergeſchichten und Mordſcenen, die in dieſem Hauſe geſchehen ſein ſoll⸗ ten, fielen ihr bei aus den Tagen ihrer früheſten Ju⸗ gend, und die niedere Balkendecke ſchien ſich auf ſie her⸗ abzudrücken, und im Flackerſcheine der trüben Lampe huſchten blutbedeckte Schatten an den ſchmutzigen Kalk⸗ wänden vorüber. Fleißig hatte ſie das Stundenglas umgedreht, das auf dem Geſimſe des Kamins ſeinen Platz hatte, jetzt ſah ſie, wie die letzten Sandkörnchen der zwölften Stunde herabrieſelten, und in demſelben —„—— 1* 47 Momente tönten Schritte durch den Gang, die niedere Thür ſprang auf, und Jahn trat ein, mit ihm der Zi⸗ therſchläger. Mit einem Freudengeſchrei ſprang ſie auf, Siegesmund nahm ihr raſch den Knaben ab, der ſogleich nach der Zither griff, mit deren melodiſchen Klängen ihn oft der kindliche Junker in den Schlaf geſungen, und die Mutter warf ſich an des Mannes Bruſt und hielt ihn ſprachlos in ſchmerzlicher Freude umfangen.— Der ſchreckliche Tag iſt wieder überſtanden; ſprach Jahn mit matter Stimme, und ich lebe noch. Die Wet⸗ ter des Herrn ſind wieder vorübergezogen an meinem Scheitel, und Rudolphs Enkel muß ſeine Laſt weiter tra⸗ gen auf dem worſchgedrückten Nacken.— Iſt Dir das Leben denn ſo ſchwer, läſtig Dir die Liebe Deines treuen Weibes, läſtig die Freude an dem herzigen Kinde? fragte Heilewich traurig.— O wäre dieſer Tag nur nicht! ſeufzte Jahn, liebko⸗ ſend des Weibes Stirn küſſend, und die langen ſchweren Haarflechten von ihren Schultern zurücklegend. Könnte die Allmacht tilgen dieſen Tag aus der Zahl ſeiner Brü⸗ der, und eine doppelte lange Nacht an ſeine Stelle weben in den Jahreslauf, ich würde vergeſſen, verſchlafen, was er beleuchtete, und was ſeine Sonne, mit den Blüten der Maienglöckchen und Violen, die ſie aus dem Schoße der ſtarren Erde heraufruft, aus den Tiefen meines in Verzweiflung erfrorenen Gemüthes heraufpreßt, und in der Friſche des warmſpritzenden Bluts vor meine trüben Augen ſtellt. Nur Dir lebe ich und Deinem Knaben; ihr habt mir in mancher Stunde das Daſein wiederum theuer gemacht, und um euch habe ich geſchworen, nicht Hand zu legen an dieſen verfallenen Leib, und zu käm⸗ pfen gegen die Bedrohungen der Menſchen, und dieſes Lumpengeſpenſt einſtiger Herrlichkeit muthig zu tragen bis zum Grabe. Grolle nicht, meine Lieblingin; laß mir den einen Tag der Buße; frage nicht nach den Foltern ſeiner tauſend Minuten; jeder übrige Theil meiner Zeit gehört ja euch.— Sanft löſete er ſich alsdann aus den Armen der Weinenden und bog ſich über das Knäblein, welches Tägerfelden auf ſeinen Knieen ſchaukelte, und welches jubelnd mit den weißen nackten Gliedern focht.— Armer Lathonius, ſprach er ſchmerzlich, glücklicher Lathonius, der nimmer wiſſen wird, was ihm gebührt, und dem nimmer der Ehrgeiz und die Begier nach ſei⸗ nem Erbtheile das Schwert des Mords in die reine Fauſt drückt! Wenn Du vielleicht dereinſt das Schloß Deiner Ahnherrn betrittſt, ſtößt Dich der Fuß eines Junkers zurück, der die Knie vor Dir beugen würde, wüßt er, wer Dein Erzeuger geweſen, und der unmün⸗ dige Prinz in der Kaiſerburg würde erzittern, kennte er Dein Daſein, und würde in jedem fremden, in Erz ver⸗ luppten Reitersmann, deſſen Lanzenſchaft an ſein Thor klopfte, mit Erbeben den Vetter vermuthen, welcher käme, ſeine Erbe zu fordern, das er ungerecht zu dem ſeinen zählt.— Jahn, rief da die Frau, redeſt Du im Wahn der Krankheit, oder haſt Du bis jetzt der treueſten Seele verſchwiegen, was ihr mit zu tragen gebührt? Biſt Du nicht der kaiſerliche Hauptmann, welcher ſeinen Oberſt er⸗ ſchlug im Zweikampf? Iſt Deine Blutthat eine andere, grauſere? Biſt Du etwas anderes, mehr vielleicht? Mir grauſet vor dem Räthſel.— Nenne Dich Herzogin, und kein Reichsherold kann Dir den Titel ſtreitig machen! rief Jahn wie außer ſich 49 in der Aufregung aller ſeiner Gefühle, und vor ihm in die Knie ſtürzte das junge Weib und beide Hände ge⸗ falten zu ihm aufhebend, ſtammelte ſie: Du? Und ich Deine Magd? Und Du in ſolchem Elende? Und Deine Geſellen und Vettern ſolcher Art? Und ich Dein ehelich Gemahl? Zerreiß die Schleier, ehe ich verkomme in dieſer Irre!— Jahn hob ſie auf und legte die Sinnverirrte an ſeine Bruſt.— Ich bin der Jahn, der Vetter der Wegelagerer und Strauchdiebs, entgegnete er mild und im Ton der Re⸗ ſignation; alles andere iſt geweſen, abgeſtreift iſt der irdiſche Schmuck für ewig, und das iſt die liebe Buße, die uns drüben Vergebung zuſichert, wie der Sünder vom Prieſter rein geſprochen wird am Schaffot, auf dem er der irdiſchen Gerechtigkeit ſein Blut gibt zur Sühne. Aber unſere Strafe iſt härter und dauert länger. Wie Gott will! Du behältſt den treuen Jahn, bis ſein Auge bricht; das ſtärke Dich, ihn zu ertragen, wenn er Dich mit quält.— Er ließ die Schluchzende auf den Seſſel nieder, denn Geräuſch ſtörte, und herein trat der rieſige Riddag an der Spitze mehrer Wildfänge aus Jahn's Horde; mit mattem Blick auf den Geliebten entfernte ſich Heilewich und trug ihren Knaben in die Kammer; Riddag aber winkte den Herrn in die fernſte Ecke des langen Zim⸗ mers, und indeß die Geſellen ſich um den Trinktiſch lagerten, gab er mit Heimlichkeit ihm Kunde von den Ereigniſſen dieſes Tages, und geſpannt hörte ihm Herr Jahn zu.— Auf Befehl des Gebieters hatte Rivdag ein halbes Dutzend ſeiner Genoſſen, die er bei dem nächtlichen Auf⸗ ſuchen zuſammengezogen hatte, mit ſich genommen, und Blumenhagen. IV. 4 50 war in ihrer Begleitung den Bewohnern der Schelen⸗ burg gefolgt über den Fluß und auf die Wiſſinger Heide hinaus. Lieblos die verwandte Dame nicht beachtend und wie es ſchien mit gar wichtigen Gedanken beſchäftigt, ſchritt der Gaugraf mächtig über die Bulthaufen ohne umzuſchauen, und verſchwand bald hinter dem einzelnen Föhrengebüſch, welches den Anfang der Hügelreihe be⸗ zeichnete, zwiſchen welcher die feſte Schelenburg ſich er⸗ hob. Langſam trugen die beiden Alten die ohnmächtige Dame weiter; aber ſtatt daß die Angſt ihre Schritte hätte veſchleunigen ſollen, lähmte ſie ihre Glieder, und bald mußten ſie die zarte Laſt niederlegen, um neue Kraft zu gewinnen. Indeß hatte der ſchlaue Riddag die wilden Burſchen beordert, ſich von ihm zu trennen und auf einem Bogenwege ſich dem Waldgebüſch an der Burg zu nähern; er ſelbſt beeilte ſich aber mit furchtbaren Schritten den beiden Trägern nachzukommen, denen, wie der koloſſale rauhe Menſch ihnen immer näher kam, im⸗ mer höher das Herz ſchwoll, und die mit ſtillem Gebet die Erſcheinung der Reiſigen des Gaugrafen und das verſprochene Maulthier wünſchten. Als ſie ietzt die Dame niederlegten, war der Feind kaum zehn Schritte von ihnen, und der Laienbruder faßte ſchon ſeinen dunkeln Rock am Knie zuſammen, um auf den runden leichtbe⸗ ſohlten Füßen die Flucht des Haſen durch die Heide nach⸗ zumachen.— Haltet den Poſten feſt, laß die ſtumpfe Plempe ſtecken, Kamerad! rief Riddag ſo freundlich und milde, als er ſeinen Donner herabſtimmen konnte. Friede iſt zwiſchen uns, und ich komme dem Frauenbilde zu helfen, das durch Dich, Du alter, gebrechlicher Schlachtklepper und dort den runden Maſtochſen nicht von der Stelle kommt 51 Ihr habt den Frohndienſt von mir ohne Eigennutz; und wenn das Geſindel dort, das in den blauen Jacken am Moore ſucht, Eure Fährte gewinnt, ſo möchte weder das Nonnenkleid der Donna, noch des Fraters Strick⸗ gürtel ſicher bleiben vor ihrer Habichtsklaue.— Die beiden Alten ſtanden verblüfft, denn wirklich ſahen ſie fern die Strauchdiebe im Felde traben; Riddag aber kam ganz heran, und gewandt, als hätte er nie ein anderes Geſchäft getrieben, hob er die Nonne ſanft vom Boden auf, legte ihr von dem Schleier umfaltetes Angeſicht an ſeine Schulter, und trug ſie leicht, als wäre ſie ein Windelkind, vorwärts, wo die Fußſtapfen des Gaugrafen im feuchten Heidſande die Spur andeu⸗ teten, und die verwunderten Alten folgten und konnten nicht Schritt halten. War es die Erſchütterung durch den harten derben Tritt Riddag's, war es der Morgen⸗ wind, welcher kältend über die freiere Heide ſtrich, bald fühlte Riddag die lebhaftern Athemzüge ſeiner Dame, bald ſeufzte ſie mehre Male tief und ſchlug die runden dunkelblauen Augen auf. Riddag fühlte, wie ſie zuſam⸗ menfuhr, als ſie ſein bärtiges Geſicht ſo nahe dem ihri⸗ gen entdeckte. Erſchreckt nicht, Frau von Palm, flüſterte er ſogleich, erkennt in mir des Herzogs Schildträger, der ſo oft vor⸗ mals Botſchaft zu Euch trug. Mein armer Herr will wiſſen von Euch, und wie Ihr in dieſe ferne Gegend kamt.— Die Nonne erhob ihren Kopf etwas, und als ſie die Geleiter noch genugſam zurückſah, antwortete ſie leiſe und mit Haſt: ich muß ihn ſprechen, ihn ſobald wie möglich ſehen. Wie kam er hierher in dreiſter Unbeſon⸗ nenheit? Wußte er denn nicht, daß er nirgend gefährlicher 52 wohnen konnte, als auf weſtphäliſcher Erde? Morgen, ſobald der Tag dämmert, ſoll er mich erwarten am Sprudelborn, öſtlich von der Schelenburg, wo das Nothpförtchen in der Mauer ſich aufthut, und die drei weißen Hangbirken aus der dunkeln Tannenwand vor⸗ leuchten. Kennt Ihr den Platz?— Was kennen wir nicht? ſchmunzelte Riddag. In je⸗ dem Winkelchen zehn Meilen in die Runde ſind wir hei⸗ miſch wie in unſerer Bettſtelle. Verlaßt Euch darauf, ich bringe morgen den Herrn, ſobald der Hahn im Weſt⸗ rupp gekräht hat. Aber ſehet, da zeigt ſich ein Pferde⸗ kopf über dem Unterbuſch und ich höre das Glöcklein Eures Zelters. Valet, gnädige Frau! Ihr müßt mich ſchon des Dienſtes entlaſſen, denn Jene möchten mich ſonſt in einer Münze bezahlen, die nirgend gilt, wo Friede und Handel und Wandel blüht.— Sorgſam und ſittig, wie man nicht von dem unge⸗ ſchlachteten Menſchen hätte erwarten ſollen, ließ er die Dame auf den Boden nieder; und als ſie feſtſtand und der Knapp nahe genug kam, ſie zu unterſtützen, ſagte er auch dieſem traulich Valet und ging zur Seite ab ſo ſchnell, daß, als die Schelenburger mit dem Maulthiere herankamen, man ihn nur noch fern in der Heide gleich einem entwipfelten dunkeln Tannenſtamm erkannte, wie ſie der Schiffer gern zum Maſt ſich erkieſet. Auf Umwegen war Riddag alsdann wieder zu ſeinen Geſellen geſtoßen, und hatte ſie durch Buſch und Thal von der entgegengeſetzten Seite in die Nähe der Schelen⸗ burg geführt. Vertheilt lagen die Burſchen, wie der langöhrige Hühnerhund, wenn er vor dem Feldhuhn ſteht, auf den Bäuchen im Strauchwerk, und Riddag ſchwang ſich hinauf in die Krone eines herrlichen Buchbaums und 53 ſah durch die Knospen der Aeſte, wie durch die Schieß⸗ ſcharten eines Wartthurms, und ſo beachteten ſie, wie Jahn befohlen, die Burg mit den Augen des wachſamen Spions.— Ihr, gnädiger Herr, ſchloß Riddag den Bericht, ſeid indeſſen wohl wieder einmal die Straße zum Münſter⸗ lande hinab marſchirt, und habt ohne Speiſe und Trank an jedem der zahlloſen Heiligenbilder Euer Paternoſter gebetet. Nun ich kenne ja das und habe nicht vergeſſen, welchen Tag wir heute zählen.— Du biſt noch nicht zu Ende, fiel Herr Jahn ein, ſahet, hörtet ihr nichts den langen Tag hindurch?— Nichts was der Mühe werth, antwortete Riddag. Die große Zugbrücke über das Moorwaſſer blieb auf⸗ gezogen und auf den Zinnen des Schloſſes duckte zu⸗ weilen ein Wächter hervor, und lugte mit einem Schafs⸗ geſichte in die Gegend. Erſt in der Dämmerung ward die Brücke einmal niedergelaſſen, und zwei Reiter, tief in die Mäntel gewickelt, ritten heraus, ſchlugen aber die Straße gen Norden ein, die in den obern Wald führt. Da brachen wir auf, denn nur des Uhus Spaltaugen hätten noch etwas erſpioniren mögen. Eine nicht un⸗ wichtige Entdeckung iſt mir jedoch noch in den Weg ge⸗ laufen. Als ich ſo eben die Burſchen von der alten Steinwarte, wo ich ſie bis tief in die Nacht zuſammen⸗ gehalten, damit die Schelenburger nicht Wind bekämen, hierher commandirte und wie ein kluger General hinter⸗ drein marſchirte, ſah ich mit Staunen den Steinmüller am nächſten Kreuzwege mit zwei ſchwarzverlarvten un⸗ heimlichen Geſtalten Zwieſprach halten. Sie hatten ihm das Geſicht verhüllt; und als ſie ihm an der krummen Steineiche, wo das blaſſe Mondlicht durch die Waldſchlucht 54 blickte, die ſchwarze Kappe abnahmen, und dazu einen unverſtändlichen Spruch murmelten, ſank der Gauch zit⸗ ternd in die Knie und bedeckte ſich das feiſte Kupferge⸗ ſicht mit den breiten Händen, bis die Vermummten im Walde verſchwunden waren. Ich trat zu ihm und ſchlug ihn derb auf die Schulter.— Iſt der jüngſte Tag nahe, daß die Satanaſſe Betbrüder werden? fragte ich.— Er aber ſah mich erſchrocken an, wie mit Augen des am Lande verendeten Seefiſches, und ſchwankte, ohne ein Wort zu ſagen, in die Höhe und taumelte vor mir auf zur Mühle, wo ihn ein Mühlknapp ſogleich zur Lager⸗ ſtatt gebracht hat. Trauet dem Fuchſe nicht, gnädiger Herr, er wirft mit dem Fettſchweife Euch ein Gift in die Augen, das Euch blind macht für immer.— Starr blickte Herr Jahn vor ſich hin. Ja, es wer⸗ den ſeltſame Dinge geſchehen, ſprach er tiefſinnig, mir ahnet ſo etwas von Entſcheidung meines Schickſals, vielleicht vom Ende der Qual und der Freude. Sei es, morgen geleiteſt Du mich an den Sprudelborn! Kaum ſchwirrte die früheſte Lerche über das hölzerne Schindeldach der Mühle hin, ſo weckte behutſam der treue Schildträger ſeinen Herrn, und ſelbſt von dem als Wächter geſtellten Mühlknappen unbemerkt, da dieſer vom Schlafe überwältigt, ſich auf die Mehlkiſte hingeſtreckt und die trägen Räder unbeachtet arbeiten ließ, ent⸗ ſchlüpften Herr Jahn und ſein Riddag wohlbewehrt aus dem Gebäude und traten ihren Marſch an. Nur die kleinen Sangvögel waren ſchon wach im Gehölz und begrüßten die erſte Dämmerung, ein Rudel ſchlanker Hirſche brach durch's Dickicht über den Pfad, im leichten — u— 8 1 ne er s m nt⸗ us die ind ker ten 55 Sprunge die breiten Geweihe zurücklegend auf den glän⸗ zenden Rücken; öde lag die braune Heide, die Lerche ſchwirrte über die am Boden hinwalzenden Nebelballen, und ein bunter Kibitz flatterte über ihre Köpfe hin und ſtieß ſein gellendes Geſchrei aus, welches klang wie widriger Geiſterruf. Bald hatten ſie das jenſeitige Ge⸗ hölz erreicht, wo die gelbe Primel und die weiße Mai⸗ blume im hellen Waldgraſe ſchimmerten, und ſie naheten ſich mit umſichtigem Auge dem geſuchten Platze. Seht hin, Herr! rief Riddag. Da ſchlüpft uns vor⸗ über wieder ſolche Spukgeſtalt, wie dieſe Nacht den Thomas beim Habichtsfittig gepackt hielt. Seht, wie der böſe Nachtmarder ſich vermummt hat in das ſchwarze Bahrtuch und den ungeheuern Filzhut tief in das Geſicht rückt! Kann's nicht läugnen, ſchon dieſe Nacht ging mir ein Grauen durch's Gebein, als ich die ſchwarzen Raben erblickte, und mir iſt's, als wären ſie die Leichenhühner, die uns unerwünſcht abriefen zum letzten Marſche. Er⸗ laubt Ihr, ſo ſtürze ich mich gleich dem Falk auf die Rabengeſtalt, und preſſe ihr mit dem ſcharfen Gnade⸗ gott an der Gurgel das Geſtändniß ab, wem er ange⸗ hört und was er hier in der Frühe zu krächzen hat.— Jahn hielt den Kecken am ausgreifenden Arme feſt. Was kümmert uns der Mann, der vielleicht von einem Leichencondukt heimkehrt, wo der Trauerſchmaus von lachenden Erben über die Zeit ausgedehnt worden, ſagte er. Nicht zu Thaten des Schwertes ſind wir heute aus⸗ gezogen, ſondern die Erinnerung an den Frieden und das Glück früherer Tage heilige dieſe Stunde. Dort leuchten die weißen Birkenſtämme; dort ſprudelt der Born; bleibe zurück, ich will bei dieſer wunderbaren Be⸗ gegnung keinen kalten Zeugen unſerer Erſchütterung.— 56 Riddag hatte ein Widerwort auf der Zunge; aber der ſtrenge Ton, mit dem ſein Herr ſo ſelten ſprach, machte ihn verſtummen, und ſeine breite Klinge unter den Arm nehmend, ſchlenderte er auf einem Seitenpfade in die hohen Tannengruppen hinein. Jahn nahete ſich langſam dem Quell, der aus dem Boden eines zirkelrunden Steinbaſſins blaſenwerfend vorquoll, in einem engen Bette den Hügel hinabrieſelte und den Gräben, welche die Schelenburg umgaben, ihr Waſſer zuführte. Wenig Augenblicke nur hatte er tiefſinnig in das Waſſer hinab⸗ geſchaut und das Spiel der Waſſerblaſen betrachtet, die hochauf brauſeten, breit ſich dehnten und ſchnell zerſprengt in dem Zuge des abfließenden Bächleins verſchwanden wie Menſchendaſein und Menſchenglück im Weltenſtrome: da hörte ſein geübtes Ohr das Rauſchen leichter Füße im dürren Laube des Waldbodens, und als er ſich raſch dem Geräuſch zuwandte, ſtand die ſchöne Nonne dicht vor ihm, und ihre Augen weilten mit Wehmuth auf ſeiner Geſtalt.— Müſſen wir alſo uns wiederfinden, mein Prinz? fragte ſie mit zitternder Stimme, und ihre Augenwim⸗ pern zerdrückten unverhehlt eine einzelne Thräne.— Ja, es iſt ein anderer Johann, der hier vor Euch ſteht im groben Zeug und in dem Waffenſchmuck unritter⸗ lichen Handwerks, ein anderer als jener ſtolze Jüngling, welcher mit erſter Jugendliebe Euch ſeine Huldigungen weihete, den Ihr würdig hieltet, Eure Farbe zu tragen öffentlich in der Schärpe ſeines Turnſchmucks, der die Flechte Eures dunkeln Lockenſchmucks heimlich tragen durfte auf ſehnſüchtigem Herzen; antwortete der Herzog mit geſenktem Blick und beinahe tonloſer Stimme. Euer erſter Anblick war mir ſchrecklich und zermalmend, und 57 mahnte mich an alles, was Ihr verloren habt durch mich, an alles, was mein unſinniges Beginnen Euch vernichtete. O, ich bin ein ſchrecklicher Räuber geweſen an Euch, habe Euch Gut, Ehre und Glück geſtohlen in einer unſeligen Minute, und bin ſo arm, daß ich nichts erſetzen kann, und wollte ich auch mein Herzblut daran wagen, das Euch ſchon gehörte in den Tagen, die nicht kehren.— Hört Ihr Vorwürfe auf meinen Lippen? entgegnete die Dame. O nicht darum kam ich her; denn welches Menſchenherz müßte nicht in Mitleund Wehmuth zer⸗ fließen, wenn es ſich den Enkel des großen Rudolphs denkt, wie er im blühenden Schimmer der Jugend, wie er im Prunk ſeines hohen Standes alle Junker des Reichs überſtrahlte, und ihn jetzt erblickt, ein Bild des Kum⸗ mers, der Entbehrung und tiefer Buße!— Irmgard, ſagte der Herzog und hob ſeine Augen er⸗ glühend zu der ſchönen Frau empor, Eure Milde, der Klang Eurer Stimme ſchon bringt mir Troſt, und tönet meiner verlaſſenen zerriſſenen Seele, wie der Abſolu⸗ tionsſpruch des Prieſters. Aber zürnet gleich dem ſchmet⸗ ternden Donner, ſcheltet gleich dem ziſchenden Stoßwinde, wollt Ihr mein Weſen aufrecht halten. Nur die Stürme des Lebens und die Wehr dagegen hat mich erhalten bis jetzt; weht mich die Maienluft der Güte an durch Euch, ſo wird, wie die Pflanze, die im Decemberfroſt erſtarrte, und im erſten Frühlingsſtrahle aufthauend ſtirbt, mein Herz brechen, und ich werde enden zu Euern Füßen.— Und kann ich Euch verdammen, verſetzte die Frau von Palm, ich, die Euch erkannte von früh an, die in Euer Herz ſchauen durfte, wie in die eben aufbrechende 58 Lilienglocke, und die nichts darin fand, wie Reinheit und ritterlichen Glanz und die Thauperle des Mitgefühls und der Menſchlichkeit? Kann ich Euch verdammen, die zu⸗ ſah, wie der Ehrgeiz eines Andern Euch verdarb, ver⸗ lockte, verführte, ich, die Euerm Verführer ſo eng ver⸗ kettet war?— Verführer? fragte Johann kopfſchüttelnd. War ich denn ein unmündig Kind? Hatte der Biſchof mich nicht belehrt und hatte ich nicht längſt in ſeine Hand der Tugend geſchworen? Hatte der Schöpfer nicht auch in mein Herz die Stimme des Rechts geſenkt? War mein Gehirn nicht verſtändig genug, die Folgen der Un⸗ that zu denken?— Nein, Irmgard, ich war der Kain, und das Feuermal an der Stirn ſollte Euch, reine herrliche Seele, fortſtoßen aus meiner befleckten Gegenwart.— Armer unglücklicher Johann! antwortete Irmgard mit der tiefſten Sprache der Empfindung, die von zartem Frauenmunde klingt wie Aeolsharfentöne der Engel; o hat denn die erſte einzige Uebelthat, die That der Unbe⸗ ſonnenheit, des durch fremdes Laſter erzeugten Rauſches, ſolches Gift über Euch geſpritzt, daß das Gedächtniß entſchlafen iſt, und das Gewiſſen in grauſer Selbſtan⸗ klage nicht achtet, was zu eigener Entſchuldigung dient und die Laſt des geſchehenen Frevels erleichtert?— Sanft legte ſie die weiße Hand auf ſeine Schulter, und der Herzog ergriff ſie mit Haſt.— Engel des Lichts, rief er, was zauberſt Du mir vor? Zu welchem Wahnwitz willſt Du mich verlocken durch dieſe Liebeszeichen aus einer fernen verſunkenen Zeit? Wirf den Stahl nicht aus dem eiſigen Waſſer in die lodernde Flamme; er zerſpringt und hätte Damaskus ihn gehärtet.— 59 Nur reichen will ich Euch, mein Freund, was Ihr bedürft, fuhr Irmgard fort; den Balſam, den einzigen, den Gottes Huld für Euer Leid hegte, Euch legen auf die Wunde, welche Eure ſelbſtmörderiſche Hand ſtets von neuem aufriß. Erinnert Euch meines Gatten; bedenkt, was Rudolph von Palm war, wie er war, und was er that an Euch. Glaubt Ihr, der wilde, jähzornige Mann hätte die glühende Neigung, die Ihr ſo offen mir ent⸗ gegentruget, geduldet und gepflegt, wäret Ihr nicht des Kaiſers Neffe geweſen und der Erbe des reichen Schwa⸗ benlandes? Glaubt Ihr, ſeine Eiferſucht wäre nicht aus⸗ gebrochen über uns mit Vulkanestoben, da er ſah, wie auch mein ſchwaches Herz ſich neigte zu dem Herzen des ſanften Jünglings, wie ich gern hörte die freundliche Bruderſtimme, welche mir Paradieſesträume malte, die in harter Ehe mir entfremdet waren, wenn nicht ſein Ehrgeiz alle übrigen Leidenſchaften in den Sand getreten und verſtummen gemacht? Mehr wie Ihr ſelbſt grollte er dem Kaiſer, der Euch die Herzogskrone vorenthielt, venn er wähnte, der Jüngling Johann würde genug haben an dem Demantſtein des Diadems und ihm von Liebe befangen Schwert und Zepter überlaſſen; er trieb und hetzte Euch zu der blutigen That, weil ſeine träumeriſche Raſerei ihm vorſpiegelte, des tyranniſchen Albrechts Tod würden die gequälten Völker Oeſterreichs und Schwabens, ſelbſt die gefolterten Schweizer zum Aufſtand wecken, würde ſie mit lautem, offenem Dank erfüllen gegen den kühnen Mann, deſſen Hand ihren Zwingherrn tödtete; weil der Betrogene wähnte, die tauſendfach beleidigte Ritterſchaft, die geſchmähten und beraubten Erzbiſchöfe würden Euch, dem Liberator, die Kaiſerkrone auf das blonde Haupt ſetzen, und er würde 60 dann als Kanzler des Reichs kaiſerlich herrſchen an des Schattenkaiſers Stelle. O tief habe ich ihn und ſeine Sinne erkannt in den letzten Monaten vor dem Unglücks⸗ tage; aber Euer Ohr war verſchloſſen den feinen Warnun⸗ gen, die meine Liebe Euch zuflüſterte; ſchon tobte das Gift in Euerm Blute, welches Palm und Eſchenbach täglich hineinzuflößen ſich bemüheten. Sie riſſen Euch hinab und mein Herz brach, als Eure Ehre ſtarb.— Und warum beſchämt Ihr mich mit der Erzählung meiner Schwäche und meiner Schande? fragte der Herzog wieder in ſeine Finſterniß verſunken. Die Zeit iſt vor⸗ übergerollt und hat mit den eiſernen Rädern ihres Wa⸗ gens die Unbeſonnenen, die Frevler zermalmt.— Die Frau von Palm fuhr ſichtlich erſchüttert zuſammen bei den Worten Johanns, und mußte ſich zwingen, die nö⸗ thige Faſſung zu behalten. Ja, die eiſernen Räder zermalmten ihn hart, den Urheber des Unheils, und ſchwer hat er abgebüßt, was er verſchuldete, ſprach ſie mit geſunkener Stimme. Der feſte Glaube an den glücklichen Erfolg der That, die Härte ſeines Gemüths, welche die Blutthat nicht als Unrecht erkannte, trieb ihn ſelbſt in das Garn der Feinde und ſeiner Strafe entgegen, indeß Ihr, von zum erſten Male verletztem Gewiſſen gepeitſcht, in ſchleuniger Flucht die Rettung fandet. Herzog, ſetzte ſie kräftiger hinzu und hob den ſchönen Kopf höher und ſtolzer, da, als ich auf den Knieen zwei Tage lang unter dem Schaffot lag, auf deſſen höchſtem Pfahle der zerſchlagene blutige Leib meines elenden Gatten hing, ringend zwiſchen Tod und Leben, zwiſchen Himmel und Erde, als ich den Verdür⸗ ſtenden ätzte mit dem feuchten Schwamme auf der Lanzenſpitze des mitleidigen Wächters, da war der einzige 61 Strahl, welcher meine Nacht erleuchtete, der Gedanke an die Unſchuld unſerer brüderlichen Liebe, und mein Gebet dachte dankend Eurer, die Ihr die Geliebte zu hoch hieltet, ſie im Taumel der Leidenſchaft zu ernied⸗ rigen und zu verderben. An jedem Mittage kamen die königlichen Weiber geritten, mit Larven vor den tiger⸗ ähnlichen Geſichtern, ſich zu weiden an der Qual des Feindes! ein harter Pfaff fragte dann mit kaltem Wort: ob den Sünder die That gereue? aber mit ungebrochenem Geiſte im gebrochenen Leibe rief Palm, ſo lange ſeine Zunge noch zu lallen vermochte: dem Kaiſer iſt recht ge⸗ ſchehen, und der Schwaben⸗Herzog iſt unſchuldig der That!— Höhniſch lachend zog dann der kaiſerliche Troß von dannen, und ich blieb mit meiner Verzweiflung allein bei dem Elenden, betend für ſeine Seele, ihm zu⸗ rufend den Troſt der Liebe und der Gotteserbarmung bis in der dritten Nacht ſein Röcheln verſtummte, und mit dem leiſen Ausrufe Eures Namens ſeine Seele den gemarterten Körper verließ.— Schrecklich! Ungeheure Strafe ſelbſt für das Unge⸗ heuerſte, für Vatermord und Blutſchande! rief Johann faſt erliegend im Sturme ſeiner Empfindungen. Und Ihr, die zarte, fühlende Frau, Ihr vergingt nicht vor ſolchem Anblicke?— Gott ſtärkte mich! antwortete feſt die Frau von Palm. Ich wähnte gut zu machen durch die ſelbſt aufgelegte Qual, was der Gatte und der Geliebte verbrochen. Meine Vettern alle wurden erſchlagen, unſere Schlöſſer wurden der Erde gleich gemacht, auch mir drohete Ge⸗ fängniß, denn die rachſüchtigen Königinnen meinten, ein Erbe des Kaiſermörders könnte unter meinem Herzen ſchlummern; da ergriff ich den Pilgerſtab, flüchtete dem Norden zu, wo ich einen Ohm wußte, der rauhen Sin⸗ nes, doch ehrlich⸗deutſchen Herzens war. Er empfing mich gütig, aber wild zürnte er über des Gatten Fre⸗ vel, über die Entehrung, welche er dem reinen Stamm⸗ baum aufgeladen; er fluchte Euch und Eurer That, und ſeinen täglichen Zornreden zu entfliehen, ſuchte ich den Platz einer Kloſterfrau in Münſter an dem Dütefluſſe, wo ich im Gebet für Rudolphs Seelenheil, im Gebet für Eure Rettung und Euern Frieden ein Geſchäft fand, das mir die Lebenslaſt leichterte, ja ſüß machte wiederum, da um das Opferlamm der Kranz der Erinnerung ſeine duftberauſchenden Immortellenblüten flocht.— O Du unſchuldig Leidende, verſetzte der Herzog tief bewegt und ergriff ihre Hand auf's Neue mit Inbrunſt und preßte ſie gegen ſeine Bruſt, Du Reine, wie die Mutter des Herrn! Deine Erzählung mehrt meine Fol⸗ ter, und könnte mich treiben, mit zuckendem Schwert noch einmal nach der eitlen Herzogskrone zu ſchlagen, um Dir lohnen und vergelten zu können.— Nicht ſo, mein theurer Freund! entgegnete die ſchöne Irmgard. Das muß hinter uns liegen, wie eine ver⸗ ſunkene Landſchaft; das iſt chaotiſche Ruine für ewig. Aber anders muß es werden mit Euch, dazu ſoll Euch die Liebe erſtärken. Von Euch ſollt Ihr werfen dies gemeine, befleckte Kleid; iſt der Hermelin Euch verloren, ſoll fortan doch noch der Ritterſchild Euch ſchmücken. Hat die Lebensnoth Euch getrieben zu ehrloſem Fehdewerk, will ich Euch erlöſen mit der Hand der reinſten Liebe, und Ihr dürft nicht verſchmähen, was ich biete, wenn Ihr mich wahrhaft geliebt. Empfangen und geben iſt ja der Liebe innerſtes Leben und Beides eine Freude für ſie und gleiche Seligkeit. Euer Riddag ſoll im Kloſter 63 erhalten, was ich von Familienkleinodien rettete; hinaus damit von deutſchem Grund und Boden! Auf Englands Küſten, oder gegen Wenden und Heiden im höchſten Nord⸗ land, oder jenſeits der Meere auf den Galeeren der Johanniter erkämpft Euch einen neuen Namen und einen neuen Ruhm, büßt ab gegen die Feinde des Erlöſers, was Ihr gegen ſein Wort der Liebe geſündigt, und ver⸗ geßt unter den jungen Lorbeeren die böſe Vergangenheit mit ihren Freuden und Leiden, vergeßt auch mich, die Arme, die nichts für Euch mehr thun darf auf dieſer Welt, als im Gebete flehen zum Allerbarmer für Euern Seelenfrieden.— Euch vergeſſen? antwortete Johann ſchwermüthig. Vergißt man das Sonnenlicht, welches jeden Tag gleich lieblich ins Auge ſtrahlt? War es nicht Euer Bild, das wie ein verſöhnender Engel zwiſchen den Blutfahnen ſtand, die meinen Horizont verhüllten? Und jetzt ſollte ich die⸗ ſen Fleck verlaſſen, den einzigen auf der Erde, wo mir die Balſamſtaude wächſt für unheilbare Wunden, jetzt den einzigen Platz auf der großen Erde fliehen, wo mir Troſt und Mitleid quillt? Nimmermehr! Sterben muß ich in Deiner Nähe, meine Irmgard, damit Deine from⸗ me Hand mich einſegnen kann zur langen Ruhe, zur ewigen.— Nein, nein! rief Irmgard heftiger. Ihr müßt fort, Herzog, heute, morgen ſchon, ſo bald es ſich thun läßt. Wie konntet Ihr Weſtphalen zum Wohnſitz erwählen? Wie war es überhaupt Euch möglich, auf dieſem Boden ſo lange unbemerkt und ungeſtört zu wandern? Wißt Ihr nicht, daß Ihr ſtehet auf der ſchrecklichen rothen Erde, bei deren Betreten ſelbſt die frechſten Böſewichter zittern? Wißt Ihr nicht, daß in dieſen Wäldern die 64 heilige Fehme hauſet, hier ihre Schöffen ſchleichen mit dem Strang und nächtigem Dolche? Wißt Ihr nicht, daß das Zeichen der bleiernen Roſe Kaiſer und Könige beben macht, und daß ſelbſt Rudolph, Euer großer Ahn, ver⸗ gebens dieſes finſtere Gericht der Rächer zu zerſtören ſuchte?— Mit angehaltenem Athem ſtarrte ſie der Her⸗ zog an. Wahrlich, ſagte er, das hatte ich vergeſſen. Aber das vogelfreie Leben iſt dieſen ſchwarzen Henkern unwich⸗ tig, und ſollten ſie an uns verſuchen wollen ihre finſtere Macht, ſo finden ſie gleich finſtere Geſellen, denen die Mitternacht ein Maitag und der Mord ein Spielwerk iſt gleich ihnen, die gräßlicher den Weheruf zu kreiſchen ver⸗ ſtehen, als ihr blutgierigſter, fürchterlichſter Bruder, und denen die Furcht kein Wort iſt; denn wer nichts zu ver⸗ lieren hat, als das Leben, der geht wie ein Freiherr durch die ganze Erde.— Nehmt das nicht ſo leicht, mein Prinz! bat ängſtlich Frau Irmgard. Ihr kennt das nicht wie ich, die Man⸗ ches erforſchte hier auf dem Schloſſe und dort unter den Nonnen und Mönchen. Mein Ohm, der alte Schelenbur⸗ ger, iſt der Freigraf; er ſelbſt herrſcht auf dem freien, ſchwarzen Stuhle, und eine Ahnung ſeines Herzens, daß Ihr in ſeinem Gaue lebtet, würde alle ſeine geheime Macht aufrufen, Euch zu verderben.— Mag er kommen! rief Johann erhitzt, mag er die krächzende Schaar ſeiner Krähen gegen uns heranführen! Wir haben beſſern Fechtern geſtanden im hellen Sonnen⸗ lichte, und unſere Schwerter ſind nicht roſtiger geworden ſeitdem, und der Arm hat gewonnen an Sehnenkraft in täglicher Uebung. Vielleicht iſt mir aufbehalten, das Mörderneſt zu zerſtören, in deſſen Mitternacht nur ein 65 Sohn der Nacht zu dringen vermag; vielleicht bin ich er⸗ ſehen, das Weſpenneſt zu zertreten, deſſen Stachel Könige und Erzbiſchöfe fürchteten, und durch die große That können wir wett machen, was wir verſchuldeten. Mag er nur kommen mit ſeiner Rotte, er wird den wackern Mann und Kämpen an uns finden.— Das Strauchwerk in der Nähe ward durchbrochen, und als die beiden ſich beſtürzt umſahen, ſtand der Gaugraf von der Schelen⸗ burg nur wenige Schritte von ihnen. Riefeſt Du mich, Du kecker Geſell? ſprach er mit drohender Geberde und zorngeröthetem Antlitz. Da bin ich, Dir das Handwerk zu legen, und die Straße mit Deinem Schelmenkopf auf dem höchſten Pfahle, den meine Forſten liefern, zu zieren. Graf! ſtieß der Herzog hervor, ſehet Euch vor, mit wem Ihr alſo redit. Soll ich etwa Reſpekt haben vor dem Könige der Buſchritter und Beutelſchneider? höhnte der Alte. Lange ſchon bin ich auf Deiner Spur, aber ich wußte nicht, welch größerer Sünder ſich in dieſes Laſtergewand ver⸗ luppt hatte. Daß Du Dieſe da kennſt, daß ſie alſo er⸗ ſchrak bei Deinem Wiederſehen, daß ſie Scham und Zucht hintanſetzt, ſelbſt das heilige Nonnenkleid ſchän⸗ det, indem ſie hier heimlich mit Dir koſet, verrieth mir, wer Du biſt. Ja, du biſt ein Genoß der Kaiſermörder, ein Geſell des geächteten Schwabenherzogs, vielleicht einer ſeiner blutbefleckten Verführer ſelbſt. Seht, wie der Schnee des Schreckens die Wange dieſer entarteten Edelfrau überfällt, und wie Dein bübiſches Geſicht fahl wird vor dem Worte, als wäreſt Du ſchon der Verwe⸗ ſung verfallen. Hinein mit Dir in die Burg, freche Nichte! mein Verließ ſoll Dich wahren vor ſolchen Blumenhagen. Iv. 5 66 Spaziergängen, und Dein geiſtlicher Oberherr ſoll richten Deinen Ungehorſam. Und Du Rittersmann vom Haſel⸗ ſtecken ſollſt heute Deinen letzten Schleichhändler⸗Gang gethan haben in meinem Gau.— Ein ſchallendes Halloh rief der Alte in das Holz hinein, und hervor ſtürzten ſechs junge Burſche mit blan⸗ ken Flambergen und in mächtigen Blechkappen und Bruſt⸗ panzern. Die Knie der Frau von Palm brachen ein, ſie ſank mit bittender Geberde vor dem Ohm in das Waldgras und umſchlang den Greis feſt mit beiden Ar⸗ men, in der Angſt ſo gewaltig geworden, daß er weder das Schwert ziehen, noch Theil an dem Kampfe nehmen konnte. So hetzet nur heran die Meute Eurer Fanghunde, ſprach der Herzog, ſein Schwert entblößend, Ihr ſollt bekennen müſſen, daß wir auf einer andern Bahn unſre Fechtkunſt erlernten als auf Eurem Eulenneſte und in uren Kohlgärten.— Nur vorwärts, gnädiger Herr! Riddag iſt auch dabei! tönte alſobald die Stimme des Schildträgers dicht neben Herrn Jahn, und mit hochaufgeſtreiften, nackten Armen ſtreckte der Gewaltige Fauſt und blinkendes Schwert den Feinden entgegen. Seht nur, wie die Milchbärte zurück⸗ prallen vom Anlauf, und das Herz ihnen ſichtlich drei Spannen zu tief klopft. Vorwärts! wollen ſehen, was ſie von des Schulmeiſters Birkenruthe profitirt haben.— Und der Herzog und ſein Getreuer fielen aus auf die Burggeſellen mit einem ſo wackern Angriff, daß die Ent⸗ ſcheidung nicht lange auf ſich warten ließ. Die Reiſigen des Grafen traueten anfangs wohl ihrer Anzahl und ſetzten ſich ernſtlich zur Wehr; als aber das erſte Paar von ihnen durch Riddags breiten Sarras niedergewettert 67 mit blutigen Köpfen am Boden ächzte, als Johann ein zweites Paar mit gewandter Klinge entwaffnet hatte, und vor ſich hin jagte, da hielt das dritte Paar nicht für gut, die Rolle der Horatier zu ſpielen, ſpndern nahm das ſchnellſte Reißaus gegen die Mauer des Schloſſes zu.— Der Gaugraf hatte mit giftigem Zornworte bis jetzt ſeine Mannen zu ermuthigen geſucht, aber von den Armen des Weibes gefeſſelt, konnte er nicht ſelbſt ihnen voranſtreiten, ſo ſehr er ſich loszumachen mühete, und ſein ritterliches Zartgefühl hielt ihn ab, mißhandelnde Gewalt gegen die Edelfrau und Nichte zu gebrauchen. Jetzt als ſein Auge die Flucht ſeiner Wappner anzu⸗ ſchauen gezwungen wurde, machte er gewaltig ſeinen linken Arm los, ergriff das ſilberne Jagdhorn an ſeiner Hüfte und blies kräftige, weitſchallende Töne hinein. Jahn trat aber zu ihm heran mit einer Hoheit und Würde im Weſen, die ſichtliches Erſtaunen auf des Greiſes Antlitz prägten. Mein Gefangener wäret Ihr jetzt, ſprach er mit ſtol⸗ zem Tone, und ich könnte Euch in eine Bärenhöhle oder ein Wolfsneſt werfen, wo kein Tageslicht jemals Euerm trüben Auge wieder leuchtete. Aber Euer weißes, im Windzug flatterndes, ſpärliches Haar mahnt mich, daß es nicht der Mühe lohnt, die Handvoll Tage, die Euch noch zugemeſſen, abzukürzen. Mein Mitleid vergibt Euch die Schmährede Eurer alterkindiſchen Zunge, und Eures⸗ gleichen konnten mich nie beleidigen: kann doch die Ratte nicht höhnen den Löwenſohn. Aber bewahrt im Gedächt⸗ niſſe, was ich jetzt zu Euch rede. Taſtet nicht mehr nach meinem Leben, ſtöret mein Walten nicht! ich warne Euch. Noch einen ſolchen offenen, oder einen heimlichen Angriff auf mich, und bei dem mächtigen Wappenſchilde, das 68 mir zu tragen gebührt, ſchwöre ich's, ich finde Euch mit⸗ ten heraus aus den Moorwäſſern Eures Krähenneſtes, und meine Mordfackel vernichtet in demſelben Augenblicke Euer Ahnenſchloß, worin dieſer ſcharfe Stahl Euer grei⸗ ſes Haupt in zwei Hälften ſpaltet.— Lebt wohl, Irm⸗ gard! ſetzte er hinzu. Fürchtet nichts; Euer unſichtbarer Schirmherr, Euer Rächer lebt in mir, nahe Euch über⸗ all, auf Windesfittigen Euch zur Seite, ſollte der Wahn⸗ witz dieſes Alten noch einmal ausbrechen in armſeliger Wuth. Verlaßt Euch darauf, wir ſehen uns wieder.— Mit Eile ſchritt er dann in die engſte Fußſpur des Wal⸗ des hinein, und war bald mit ſeinem Gefährten den Augen des Gaugrafen entſchwunden, welcher ſchäumte in ohnmächtigem Zorn wie ein angeſchoſſener Eber, und vergebens mit ſeinem Horne die Seinen herbeizurufen verſuchte. In der Steinmühle war am ſelbigen Morgen nicht geringere Unruhe eingekehrt. Melchior und ſein Sohn Chriſtel kamen von einem Streifzuge zurück, welchen ſie in dem Delta, welches die Haſe und Düte bilden, weit über Osnabrück hinaus gewagt hatten, um Kundſchaft oder neue Geſellen zu ſuchen, da auch ſie aufgehetzt vom Steinmüller Thomas es verſchmäheten, ihr lang geführ⸗ tes Commando in den Deutſchburger Wäldern einem Fremdlinge zu laſſen und unter ihm zu dienen, und da von den Wegelagerern, die einmal dem Herrn Jahn ihren Werbehandſchlag gegeben hatten, keiner abtrünnig zu machen geweſen, ſondern alle mit Luſt und Reſpekt ihm ferner dienen wollten auf Leben und Tod. Melchior hatte in der großen Biſchofsſtadt erkundſchaftet, daß 69 ein bedeutender Haufe Söldner unter tapfern Rottmei⸗ 3 ſtern ausgerüſtet werde, um in den erſten Tagen aus⸗ zuziehen, und die Holzungen an der Haſe herab von dem Raubgeſindel zu ſäubern, welches den Hofherrn und Canonicis der geiſtlichen Reſidenz ſolch unbeſchreiblichen Aerger verurſacht hatte. Der Müller Thomas ſah in ſeinen ſchwarzgallichten Träumen ſchon die Prieſterſol⸗ dateske gegen ſein Steinhaus heranrücken, und fluchte recht derb und laut auf den Jahn, der durch ſeine offe⸗ nen Raubthaten alle Heimlichkeit der Spelunke verrathenz nur der Zitherſpieler war daheim und ſang dem kleinen Lathonius Scherzlieder vor, und ſo konnte der feige Fett⸗ wanſt einmal ſeiner Laune freies Luſtſpiel gönnen. Auch Heilewich hörte beſorgt des Vaters Berichte, ſie aber fürchtete nur für den geliebten Jahn, deſſen Leben und Freiheit gefährdet werden konnten. Bald kam Riddag und ſein Herr zu Haus, und mit Verwunderung erkannte Heilewich und Tägerfelden, wie Herr Jahn heute als ein ſo ganz Anderer erſchien, freundlich und lebhaft Theil nahm an dem Zwieſprach der Geſellſchaft, den Vater Melchior zutraulich ausfragte, mit ſeinem Lathbnius Kinderpoſſen trieb, und ſeine Heilewich mit beſonderer Zärtlichkeit in die Arme ſchloß, und ihr hundert deut⸗ ſame Schäkernamen entgegenrief. Der ritterliche Kampf von heute Morgen, der Kampf um Ehre und Freiheit hatte des unglücklichen Herzogs Gemüth gehoben aus der langen Nacht, hatte ſeiner Phantaſie neue glänzende Fit⸗ tiche geliehen, und der ſchönen, lieben Irmgard ſüße Troſt⸗ rede hatte die lange erſtarrt gelegene Hoffnung aus der dunkeln Puppe gerufen, und wie ein regenbogenſpielender Schmetterling umflatterte die Täuſchende zum erſten Male ſeit lange des Schwabenfürſten düſtere Seele. Mit der 70 umſicht eines vorſichtigen Heerführers berieth ſich Jahn mit dem Freunde, dem Schwiegervater und ſeinem mäch⸗ tigen Schildträger. Als aber auch der Steinmüller ſich an den Tiſch ſetzen wollte, wo der Rath gepflogen wurde, drehete ihn Riddag wie einen Kräuſel um die Axe und ſprach: Wo die Rede klingt und pfeift wie Schwertſtreich, da habt Ihr keine Stimme, Herr Thomas! Steigt indeß zum Keller hinab und zapft ein Mutterfäßchen an für die trockenen Kehlen; Ihr müßt ſo nachher vor den Tiſch da und auf den Armenſünderſchemel, um Rechen⸗ ſchaft zu geben von der Rabengeſellſchaft, bei welcher ich in vergangener Nacht Euch ertappte. Der Steinmüller ſchrak ſichtlich zuſammen, und ſtatt wie ſonſt Grobes mit Gröberem zu erwidern, machte er ſich fort aus dem Zimmer und ſchleppte mühevoll wie ein geſchickter, flinker Kellner die gefüllten Krüge heran. Der Kriegsrath der Andern kam während dem über⸗ ein, nicht unbedacht ohne Anſtalt zur Wehr, den Anmarſch der Biſchöflichen abzuwarten. Riddag und Melchiors Sohn wurden abgeſchickt, alle Geſellen, die unter Jahn bislang gedient, und die bei Müllern, Kohlenbrennern und auf einzelnen hehlenden Bauerhöfen verſteckt Quartier hatten, zu der Steinmühle zu entbieten, die von Jahn wegen ihrer feſten Lage zum Hauptquartier in dem möglichen Kriege beſtimmt wurde. Gegen Abend trafen die hand⸗ feſten Burſchen nach einander rottweiſe ein, und jedes Winkelchen der Mühle wurde gefüllt von dieſer Menſchen⸗ ſorte, unter denen die meiſten ächte Satanslarven tru⸗ gen, oder wenigſtens einen Familienzug von Galgen und Rad auf der Stirne nicht verbergen konnten. Aber derbe, ſchlagfertige Männer waren alle, und mit Schutz⸗ und 71 Trutzwaffen war jeder wohl verſehen. Die Krüge gingen fleißig rund, immer munterer wurden die getrennten Tiſchgeſellſchaften, wilde Lieder tönten von einigen fünf⸗ zig rauhen Kehlen in die Nacht hinein, und Herr Jahn, wenn auch nicht Tiſchgeſell, ging doch bis ſpät freundlich unter ihnen umher, und ſprach vertraut mit den Ausge⸗ ſuchten und Wackerſten der Himmelsſtürmer. Deſto über⸗ raſchender und auffallender wurde es für Alle, als plötzlich durch das wüſte Gelärm der Zecher drei dumpfe Schläge hohl und gräßlich erſchallten, mit denen ein frecher, übermüthiger Wandersmann am Hofthore Einlaß zu be⸗ gehren ſchien. Alle die Lärmer wurden plötzlich ſtill und ſahen einander fragend an; Riddag aber war aufgeſprun⸗ gen, hatte die Kienfackel an der Kettenlampe angezündet, und war hinausgeeilt, den ſpäten Gaſt einzulaſſen. Bald kehrte er zurück mit finſterm, aber ruhigem Antlitz. Singt nur weiter! rief er über die Tiſche hin, ihr verſtimmten Nachtigallen! Es war nur ein ſpäter Bote an den Herrn, der ein Brieflein gebracht.— Die Zecher tranken und ſangen von Neuem; der wackere Schildträger aber zeigte heimlich Herrn Jahn ein Pergamentblatt und winkte ihm hinaus auf die hohe Holztreppe, die an der Mühle hing und mit einem Vordach von Brettern bedeckt war. Warnte ich nicht, gnädiger Herr, vor den ſchwarzen Nachtvögeln? begann Riddag, als ſie draußen ſtanden unter dem wol⸗ kenbedeckten Nachthimmel. Nun haben wir's, und wie tolldreiſt und ſicher dieſe Gebrüder Uhn ſich wähnen, bezeugt ihr Erdreiſten, dem mit Streitmännern vollge⸗ ſtopften, mit tollem Lärm gefüllten Hauſe ſich in ſolchen groben Geſchäften zu nähern. Am Hofthore ſind mit dem Beile drei friſche Holzſpäne ausgehauen; wohl weiß ich, was ſolches bedeutet, und am Thorflügel war dieſes 72 Pergamentblatt feſtgeheftet, das Euch ſchon beſagen wird, welchen Hahn die Marder auf dieſem Hühnerhauſe pflü⸗ cken möchten. Leſet nur hier bei dem Kienſpahn; aber kein Wort verlaute drinnen, denn ſo beherzt die Bur⸗ ſchen ſind, gälte es Schloß oder Kloſter, ja ſelbſt Him⸗ mel oder Hölle zu ſtürmen, ſo haſenfeig würdet Ihr ſie zuſammenbrechen ſehen, ſprächet Ihr oder ich den Namen Freigericht vor ihnen aus.— Herr Jahn nahm die Pergamenttafel und las bei dem Lichte der flackernden Kienfackel daraus folgende Worte, die wie mit friſchem Blute gemalt waren: „Heimathloſer, Namenloſer, den die Genoſſen Jahn rufen, angeklagt biſt Du vor dem freien Stuhl der hei⸗ ligen Fehme vielfacher Unthaten, als da ſind: Kirchen⸗ ſchändung, Straßenraub, ja Kaiſermord. Der hochwürdige Freigraf und die ehrwürdigen Freiſchöffen, welche geſtellt ſind vom unſichtbaren Herrn der Welten, zu rächen heim⸗ liche Sünde und zu entſchleiern verborgene Frevelthat, laden Dich, der ſich Jahn nennt, in nächſter Mitternacht Dich zu ſtellen auf dem erſten Kreuzwege im Ledenburger Forſte, und Dich waffenlos und unbedingt zu übergeben den Führern, die ſie Dir ſenden wollen. Gerecht werden ſie über Dich halten ihr Freigeding. Heil Dir und neun⸗ mal Heil, kannſt Du Dich löſen von ſchwerer Anklage! Wehe Dir und dreimal Wehe, wird Deine Schuld wahr befunden auf der rothen Erde zwiſchen Hammer und Dolch.“— Drei Kreuze ſtanden unter dem Pergamente, und ein großes bleiernes Siegel, in dem eine Roſe prangte, hing am blutfarbenen Seidenbande darunter. Sichtlich ſchwoll der Zorn auf in des Herzogs Ge⸗ müth, denn ſeine blaſſen Wangen überzog ein Feuerſchein und ſeine Augenbraunen zogen furchtbare Stirnfalten 73 über den blitzenden Blicken. Wageſt du es dennoch, weißköpfiger Freigraf? ſprach er mit verhaltener Stimme. Hat dich die Begegnung dieſes Morgens nicht gewarnt vor dem Aechter, deſſen Schwert vom Schickſale zu freierm Morde geſtempelt wurde als dein Meucheldolch? Lohnſt du alſo die Schonung und das Mitleid, welches uns die Schwäche des Greiſes einflößte? Wohlan! du ſelbſt forderſt den Gang auf Tod und Leben, mögen dich die Folgen treffen. Freigraf, wahre dein kahles Haupt, denn der Schwabe Johann wird ſich dir ſtellen, ehe du es vermutheſt.— Ihr wollt Euch den Nachtvögeln übergeben? fragte Riddag beſorgt. Doch nicht ohne mein Geleit und Euer gutes Schwert?— Hältſt Du mich thöricht oder im Wahnwitz befangen? entgegnete Herr Jahn. Nicht in ihrer Mitternacht will ich ihnen begegnen, nein! am hellen Tage ſoll unſere Bruſt ſich den Meuchlern bieten. Haben wir das Haupt dieſer ſchwarzen Schlange, die im Dunkel kreucht, zer⸗ ſchlagen, ſo brechen alsbald die Glieder von ſelbſt zu⸗ ſammen. Mit dem erſten Leuchten des nächſten Morgens erſtürmen wir die Schelenburg; auch Sie ruft mich ja mit ihrer lieben Stimme; denn iſt der Alte ſolch ein Geier, daß er Schonung und Wohlthat vergißt, ſo wird er auch an der Unſchuldigen ſeine Drohungen von Kerker und geiſtlichem Gericht nicht unerfüllt laſſen.— Hallo! rief Riddag und ſchwang das Barett durch die Luft. Das gibt einmal einen Strauß, wo Ehre zu holen iſt. Und haben wir das Eulenneſt, laſſen wir über die Klinge ſpringen, was Stiefeln trägt, und rich⸗ ten uns ein darin nach Bequemlichkeit. Alle Burſchen der Gebirge werden uns zulaufen, und dann ſollen die 74 Osnabrücker umſonſt an den Wällen ihre Hörner zerſto⸗ ßen. Eine adelige Wirthſchaft beginnt dann ſtatt des Lumpenlebens in dieſer verdammten Mühle, und viel⸗ leicht gibt's vom Schloſſe aus eine Verſöhnung mit Eurem jungen Vetter zu Wien, die alles Leid beendet. — Aber Eines erlaubt mir vorher, ſetzte er, ſich beſin⸗ nend hinzu, als Herr Jahn wieder in das Haus treten wollte, laßt mich, ehe Ihr handelt, dem feiſten Thomas das Oberſte zu unterſt kehren wie einen Kürbiß. Denn mir ſagt es meine Seele, dieſe giftgeſchwollene Kröte iſt urſache des Briefes, den Ihr in den Händen tragt, wohl gar der Ankläger, und gönnen wir ihm das ſchlechte Leben, könnte er den Anſchlag auf die Schelenburg gleich⸗ falls verrathen und uns das ſchöne Gericht ſcharf ver⸗ ſalzen.— Gib dich nicht ab mit dem Lump, antwortete ver⸗ ächtlich der Herzog. Wir ſind beſchimpft genug, daß wir mit ſolchem aus einer Schüſſel ſpeiſen mußten. Aber habe ein ſtrenges Auge auf ihn, bis wir abgezogen.— Beide gingen jetzt zurück in das Zimmer; mancher der Zechbrüder blickte neugierig auf die Eintretenden, und die Neugier ward Verwunderung, als Herr Jahn an die große Tafel trat, das Schwert zog und es vor ſich auf den Eichentiſch legte. Geſellen, ſprach er in der plötzlich entſtandenen Stille, viele Monden ſchon habt ihr treulich zu mir gehalten und ſeid mir ohne Frage und Murren gefolgt, wohin ich euch rief. Sprecht, habe ich an euch gehandelt wie ein redlicher Hauptmann und Genoß? Ein breitſchultriger Fünfziger, mit verbranntem und narbengezeichnetem Geſicht, ſtand auf und ſchlug mit der derben Fauſt auf die Tiſchplatte. Ja, Herr Jahn, ſprach — 1* 1 l N— „ ——* — 75 er heftig mit tiefer Baßſtimme, das habt Ihr gethan, ſo wahr ich den Kopf noch auf dem Rumpfe trage. Unter mancher Fahne habe ich gedient, ſeit mir der erſte Bart wuchs, aber der Schwarze ſoll mich lebendig haben, wenn ich von der Oſtſee bis zum Rheinfluſſe einen honettern Häupt⸗ ling und Feldobriſten fand, als Ihr ſeid. Ihr habt Euer Leben gewagt wie Unſersgleichen, obgleich man Euch an⸗ ſieht, daß Ihr zu Beſſerm geboren; Ihr habt manchen von uns, der ſchon den Galgen im Traume ſah, losgehauen; Ihr habt das erbeutete Gut getheilt mit Gerechtigkeit und uns nicht jüdiſch übervortheilt wie gewiſſe Andere, die vor Euch wohl regieren wollten hier im Waldgebirg, aber nicht einen Fetzen Haut an den Erwerb ſetzten; Ihr habt großmüthig ſogar nicht mehr der Beute für Euern Theil genommen, als der gemeinſte Springinsfeld von uns, da Euch doch als Hauptmannsrecht das Dop⸗ pelte zuſtand. Das habt Ihr gethan treu und brav und redlich, und wer's anders lügt, hats mit meinem Eiſen auszumachen.— Ein einſtimmiges frohes und beipflich⸗ tendes Gemurmel lief rund an den Wänden umher; Jahn aber winkte Stille und nahm wieder das Wort. Mir und euch drohet Gefahr, ſagte er. Nicht die Biſchöflichen haben wir allein zu fürchten, ſondern näher lauert der Wolf und ſetzt ſich zum Anſprung. Der ſche⸗ lenburger Gaugraf iſt auf unſerer Fährte, und meine Kundleute brachten mir eben die Warnung, daß er dar⸗ auf ausgeht, mich und euch aufzuheben und uns die freie Nahrung zu legen. Wollt ihr mir vertrauen wie ſonſt? Wollt ihr mit mir Vorhand halten dem alten Thoren und ihm die Klauen ſtumpfen, ehe denn er aushauet? Wollt ihr mir folgen mit der Frühe, ehe der Gottes⸗ friede ausläutet, zur Fehde gegen die Schelenburger?— 76 Führe uns gerade durch's Fegfeuer; wie Du's machſt, ſo iſt's recht! rief der graue Buſchmann von vorhin, und Alle ſchrien jubelnd darein und ſchlugen lärmend die Krüge und Meſſer zuſammen.— Aber die Schelenburg iſt feſt und wohlbemannt, fiel des Steinmüllers heiſere Stimme dazwiſchen; wie wollt ihr ohne Leiter und Wurfzeug über die Gräben und in das Thor? Unſinnig werden da ein Dutzend der Burſche verbluten ohne Nutzen, und dann erſt den Groll der ge⸗ ſtrengen Ritter auf unſere Wirthſchaft ziehen, welche ſchon von dem Biſchofe ſo ernſtlich bedräuet wird.— Riddag ergriff ihn hinten am Kragen und zog ihn vom Tiſche. Herr Mehlrath, ſprach er heimlich, miſchet Euch nicht in Cavaliergeſchäfte; iſt der Graben an der Burg zu tief, wirft man Euch hinein und marſchirt trocken über Eures Leibes weiche Brücke.— Unterdeß hatte Jahn mit den Aelteſten kurze und be⸗ ſtimmte Rückſprache gehalten. Leget Euch nieder, Ge⸗ ſellen, ſagte er noch, und pflegt die Glieder, denn mit dem erſten Grauen im Oſt rufe ich euch zu hartem Strauße. Des reichen Schelenburgers volle Truhen werden euch ſchon die Schrammen bezahlen, die das Stückchen bringen könnte. Aber auch die Steinmühle darf nicht unbeſetzt bleiben. Dir, Tägerfelden, vertraue ich meine Schätze; brich ſogleich auf von hier und eile hinein ins Gebirg bis zu dem Ausberger Paſſe, wo der Rothbart liegt mit ſeiner Rotte, um den Iburgern auf⸗ zulauern, die von dem Meller Meßmarkte kehren, er ſoll Dir ein Dutzend ſeiner Leute mitgeben, mit denen Du am Morgen in der Steinmühle eintriffſt, ihr Wäch⸗ ter zu ſein; denn keinen dieſer Wackern kann ich entbehren ——,———— — 8—— 1 — 8 77 auf dem ernſten Gange, den ich vorhabe. Der Chriſtel, mein Schwäher, ſoll Dein Geleitsmann ſein.— Der Zitherſchläger machte bereitwillig ſogleich Anſtalt zum Abmarſch; die Streitmänner legten die Flammberge, Armbrüſte und Bolzen in Ordnung, und alle ſuchten als⸗ dann die Kammern und Böden im wirren Getümmel; als aber auch der Steinmüller Thomas dem Schwarme folgen wollte, umarmten ihn Riddags mächtige Glied⸗ maßen und hielten den Erſtaunten feſt.— Jeder hat heute ſeinen Platz bekommen, liebſter Freund, ſagte er recht freundlich. Ich ſoll hier Schild⸗ wach ſitzen und aus Fenſter und Luftloch fleißig lugen, damit kein Nachtſpuk die Schläfer überrumpeln möchte. Und da ich eine gar furchtſame Mutter gehabt, die mir den Geſpenſterglauben vererbte, hat der Herr Euch be⸗ ſtimmt, liebſter Herr Thomas, mir Geſellſchaft zu leiſten, mir Mährchen zu erzählen und mir fleißig einzuſchenken. Herr Jahn weiß, daß Ihr Euch nicht fürchtet und noch in letzter Mitternacht traulichen Verkehr mit ſolchem Teufelsſpuke triebet.— Der Müller wollte böſe thun, jedoch die letzten Worte lähmten ſeine geläufige Zunge. Riddag ſetzte ihn mit leichter Gewalt in den Sorgenſtuhl, ſchob ihm einen ſchweren Tiſch vor den Leib, ſtörte die Lampe zurecht und pflanzte ſich mit zwei ungeheuren Krügen ihm gegen⸗ über, um die Nacht ſo bequem wie möglich in der Sorge für den lieben Herrn hinzubringen. Stiller Gottesfrieden ruhete noch auf den Warten und Zinnen der Schelenburg; die junge Knappſchaft pflegte noch des Morgenſchlummers; nur der alte Gau⸗ 78 graf ſaß in ſeinem Fuchspelz verhüllt am großen Ka⸗ mine, und Frau Irmgard trug ihm geduldig den Mor⸗ genimbiß herbei, und breitete das feingewirkte Tafeltuch auf den ſchweren Tiſch, der mit vergoldeten Schnörkel⸗ füßen dem flackernden Morgenfeuer nahe ſtand, und röſtete ſorgſam die Weizenbrodſchnitte an der knackern⸗ den Flamme. Wie ein rührend Bild der Geduld und Ergebung ſchlich ſie um den alten Ohm, der oft recht grämliche Blicke auf die NRichte ſchickte.— Werdet Ihr mir heute die Abreiſe zu meinem Kloſter erlauben, Herr Ohm? fragte ſie ſchüchtern, als der Alte jetzt dem warmen Frühtranke wacker zuſprach. Ihr habt mir ſeit geſtern Eure Gunſt entzogen, und doch that ich nichts Sündhaftes: denn einem unglücklichen Freunde Troſt bringen, befiehlt mir ja die neue Pflicht meines heiligen Standes. Laßt mich ziehen in meine Zelle, Ohm, da mein Anblick Euch nicht mehr Freude, ſondern Groll bringt.— Du bleibſt, ſagte der Gaugraf barſch, ohne ſie an⸗ zuſehen, heute noch, morgen noch und übermorgen. Bis dahin hoffe ich Kunde zu haben von dem ſeltſamen Freunde, deſſen Name und Stand die Frau Nichte ſo ſorgſam verſchweigt. Wäre die Bekanntſchaft ſo gar ehrebringend, würde der Name dieſes Waldbürgers nicht ſo ängſtlich verhehlt werden; indeß der alte Schelenbur⸗ ger hat andere Dinge zu Tage gefördert und kann ſich ſchon gedulden bis die rechte Zeit kommt.— Ich muß mich fügen, entgegnete Irmgard geduldig; aber, Ohm, rechnet mir dieſen einzigen Ungehorſam nicht zum Frevel an gegen Euch, den ich ehre und liebe mit einem Tochterherzen. Was ich verſchwieg, iſt nicht mein Geheimniß, und Ihr ſelbſt würdet erſchrecken, wenn 79 ich es ausſpräche.— Der Alte murrte in den greiſen Bart, die Nonne aber ging ſtill durch das Zimmer, ſpielte ſin⸗ nend mit dem Strauße von Immergrün, duftenden Mai⸗ glöckchen und hellgelben Schlüſſelblumen, der in einem ſilbernen Becher am Fenſter ſtand, und blickte dann, ſchwermüthig den geheimſten Gedanken ihrer Seele nach⸗ hängend, durch die langen Fenſter der bogenförmigen Flügelthür, die auf den Altan des Schloſſes ſich öffnete, und denen gegenüber ſich der Sonnenball über die Berge heraufwälzte, und die buntfarbigen Stammwappen des Burgherrn, welche auf die Glasſcheiben gemalt waren, mit einem herrlichen Goldglanze überzog.— Der alte Leibknecht des Gaugrafen trat jetzt in den Saal, und die ſichtliche Verſtörtheit ſeines ſtarren fal⸗ tenreichen Antlitzes machte ſogleich den Herrn aufmerkſam. Was gibts ſo ſrüh? fragte er ſtreng.— Es iſt nicht geheuer auf der Heide, geſtrenger Herr, antwortete der Knecht kopfſchüttelnd. Der ſcharfſichtige Thurmwart ſah einen großen Haufen Gewappneter in den Nebeln von der Ledenburg her heranziehen, und ihre vorderſten Rotten hat der erſte Hügel des Forſtes ſchon aufgenommen und verborgen. Ich ließ die Mann⸗ ſchaft wecken, und ſchon ſteigen die Unſern wohlgerüſtet auf den Wall.— Sind wir denn in Fehde mit irgend einem Nachbar, alter Träumer? brummte der Gaugraf. Und welche Feldzeichen, oder welch ein Banner ſah der Wart im Zuge?— Das iſt's eben, geſtrenger Herr, verſetzte der Knecht, was uns Sorge macht, daß der zahlloſe Haufen weder Farbe noch Banner hat. Wir fürchten, das Raubge⸗ ſindel aus dem Gebirg, deſſen Hauptmann geſtern den 80⁰ Hans erſchlug, als Ihr ihn fangen wolltet, hat es auf einen Ueberfall abgeſehen, und ich ſtehe nicht für die jungen Burſchen, wenn ſich der Rieſe wieder ſehen läßt, von deſſen Püffen ihnen noch die Rippen weh thun.— Memmen! rief der Burgherr. Wäre er noch Eins ſo lang, könnte er nicht über unſere Gräben ſchreiten oder unſern Wall überſpringen. Läute nur zum Früh⸗ ſtück und laß die jungen Schaarhänſe nicht umſonſt im Frühwinde zittern. Solch Geſindel wagt ſich nimmer an eine Burg wie die meine.— Er ſprach noch, da erklang das Horn des Thurmwarts im ſchauervollen Sturmruf, heftige Steinwürfe donner⸗ ten gegen die aufgezogene Zugbrücke, und ein Bolzen ziſchte herauf, zerſchlug die gemalten Scheiben des ge⸗ wölbten Fenſters und fiel dicht vor dem Gaugrafen auf den Eſtrich nieder.— Da habt Ihr's, geſtrenger Herr! rief der Leibknecht. Auf den Wall! Auf den Wall! Wir wollen den Buſch⸗ kleppern ſchon die grobklopfenden Finger zerbrechen!— So eilte er raſch aus dem Saale; der Gaugraf riß eine ſtählerne Armbruſt von der Wand und ſtülpte eine Blechkappe auf ſein weißlockiges Haupt; Irmgard aber, welche indeß die Flügelthür zur Altane aufgeſtoßen, ſchrie: Großer Gott! Er iſt es ſelbſt!— und ſank bleich wie eine Leiche in den nächſten Seſſel. Draußen vor der Burg war die ganze Rotte aus der Steinmühle angekommen. Wildes Kriegsgeſchrei, Hohnworte, Herausforderungen, gemeine Fluchreden tön⸗ ten aus dem ungeordneten Haufen, der ſich der aufge⸗ zogenen Zugbrücke zudrängte, um die Befehle der Führer, welche ſich dort befanden, entgegen zu nehmen. Der Graben iſt zu tief und breit, und die feigen 81 Haſen von geſtern haben die Brücke aufgekettet erhalten, ſagte Riddag. Wollten wir mit Geſtein und Erdreich eine Stelle ausfüllen, würde der Tag verlaufen dadurch, und die nächſten Ritter würden auf den Sturmruf des langathmigen Schreiers da oben Hülfe ſenden, ehe wir drinnen wären.— Laßt uns nur machen, verſetzte Melchior; viele von uns tragen ihr Beil am Gurt, die Kiſten und Schränke damit aufzuſchlagen, wenn der Sturm gelungen. Befehlt ihnen, ein Dutzend junger Stämme niederzuhauen im Forſt, und im Nu werden ein Paar Laufbrücken gezim⸗ mert ſein, die uns auf den Wall tragen ſollen ohne Brückenzoll.— Herr Jahn drängte ſich vor bis dicht an den Rand des Grabens. Zurück! rief er mit kühner Heftigkeit. Mir kommt es zu, meinen Braven das Thor zum leich⸗ ten Siege zu öffnen. Jeder Verzug könnte Entſatz uns in den Rücken locken und unſer Spiel verderben. Nicht umſonſt war ich mit Oeſterreichs Heeren im kanalreichen Niederlande und lernte, wie der kecke Soldat ſich zum Meiſter macht von ſolchen Waſſerpäſſen.— Und von ſich warf er das Barett und Schwert und die Streit⸗ kolbe, und behend wie das Eichhorn des Waldes lief er über einen der ſchmalen und wohlgeglätteten Balken, die über dem Graben lagen und zu Trägern der niederge⸗ laſſenen Zugbrücke dienten. Wie die ſcharfkrallige Tiger⸗ katze kletterte er alsdann, da er, am Fuße der aufge⸗ zogenen Zugbrücke angekommen, an dem Bohlenwerke aufwärts, und mit Erſtaunen ſahen ſeine Gefährten zu, wie er oben die Ketten ergriff, ſich vollends an ihnen aufſchwang und den oberſten Rand der Brücke gewann, wo er ſich feſt und bequem auf den Seitenpfahl ſetzte Blumenhagen. IV. 6 ——— 82 und einen Triumphruf in den Burghof hinunterſchrie, vor dem die dort verſammelten Schelenburger Dienſtleute ſich entſetzten. Riddag, rief er dann hinaus in wilder Freude, folge Deinem Herrn; der Balken trägt ſicher, reiche mir Kolben oder Apt herauf, daß ich die Kette zerſchmeiße. Die Brücke ſtürzt, das Schloß iſt unſer ohne Schwert⸗ ſtreich, und wir halten dann Freigericht über den alten Wütherich, der dort am Fenſter zittert.— Aber der alte Herr am Fenſter zitterte vor Zorn und Ingrimm. Schon hatte Riddag den Streithammer aufgenommen und ſchritt über den Balken mit Vorſicht, da trat der Gaugraf rothglühenden Geſichts auf den Altan, die geſpannte Armbruſt in der Linken. Schnell reiche mir die Axt! rief Jahn, der den Feind im Auge hatte.— Wart, du Schurke! ich will Dir reichen, was Dir zukommt! don⸗ nerte der Alte auf dem Altane; er legte das Geſchoß an die Schulter und zielte; die Armbruſt knarrte, die Senne klang, der ſcharfe Bolzen ziſchte und ſaß feſt in der ge⸗ wählten Scheibe, feſt in Jahns Bruſt, der mit einem Wehlaute nach der Wunde griff. Die Majeſtät iſt ge⸗ rächt, und Alles iſt zu Ende! ſtöhnte er; das Blut floß jn einem warmen Strome über die Hand, und er fiel todt hinunter nach außen, und riß durch ſeine Schwere den treuen Riddag, der ſchon drüben angelangt, mit ſich in die Tiefe des Grabens. Oben auf dem Altane aber ſtürzte Frau von Palm aus der Flügelthür und faßte zu ſpät des Ohms ſicheren Arm. Was habt Ihr gethan? kreiſchte ſie mit einer Verzweiflungsſtimme. Gnade Euch Gott, Ohm! Ihr habt den Herzog von Schwaben erſchlagen!— Und der Hand des Gaugrafen entſank das Geſchoß, die Glut des Zorns wich aus ſeinem Antlitze und wurde zur Weiße des Todesſchrecks, und 83 er verſchwand mit der Sinnloſen hinter der Flügelthür des Altanes. Außerhalb der Burggräben hatte ſich in demſelben Augenblicke auch die Scene verwandelt. Aus den Ge⸗ büſchen, von dem Hügel herab lief, gerade als des Schelenburgers Senne klang, ein Weib dem Sturm⸗ haufen der Wegelagerer zu. Es war Heilewich. Jahn, Vater Melchior! rief ſie ſchon von weitem. Haltet ein! Kehret um! Fliegt zur Steinmühle! Die Osnabrücker ſind da und plündern und mißhandeln den Thomas, und Bruder Chriſtel iſt mit den Leuten des Rothbarts aus⸗ geblieben!— Jetzt ſah ſie den Gatten, herabgeſchoſſen wie der ſchöne Auerhahn vom Buchgipfel, niedergeſchla⸗ gen von der hohen Wand der Brücke, ſah wie der Riddag unter ihm ſank, aber ſtark ſich zuſammennehmend mit der blutbegoſſenen Leiche an das Ufer ſchwamm und den todten Herrn heraufſchleppte und dicht vor ihr nieder⸗ legte. Ein Hagel von Wurfpfeilen, Stachelbolzen und Speeren raſſelte jetzt von den Wällen auf die Stürmer; der Preisſchuß des Burgherrn hatte Alle ermuthigt und begeiſtert. Die Geſellen Jahns, ſchon beſtürzt durch den Tod des wackern Hauptmanns, wichen fürchtend zurück, nur Heilewich blieb im Knie liegen neben dem theuern Leichnam und jammerte laut: O Jahn, Jahn, der Du ſo manchen Heldenzug gethan, mußt Du nun hier ſter⸗ ben in der Jahre Blüte wie ein gejagter Edelhirſch! — Aber mein Kind! ſein Kind! ſchrie ſie dann in noch größerer Wehklage. Haben die Biſchöflichen den Latho⸗ nius auch gemordet? Fort, Vater Melchior! folgt mir, Geſellen! Iſt der Jahn todt, führe ich Euch an ſeiner Statt zur Blutrache ohne Gleichen.— Auf raffte ſie Jahns Schwert vom Sande, und voran dem Haufen feln, und mit Entſetzen 84 welcher mit ihr in ein Wehgeheul ausbrach, eilte ſie da⸗ von durch den Forſt, auf dem nächſten Wege über die Heide hin. Riddag aber ſammelte ein Dutzend der Bravſten, nahm den geliebten Herzog auf ſeine Schul⸗ tern, und trug in wortloſer, ſtummer Trauer, von den Genoſſen gedeckt und geleitet, die liebe Leiche fort dem Deutſchburger Gebirge zu, ſie zu ſichern vor Schmach und Schändung. Manchen Schuß ſendeten ihm die Schelenburger nach; aber unter dem Schilde der Treue ging er unverwundet davon. Wie eine Geſellſchaft durch des Erzengels Schwert vom Himmel zur Hölle geſtürzter Teufel und böſer Dä⸗ monen, die auf dem Wege zu ihrem finſtern Verban⸗ nungsort mit hämiſcher Tücke und zähnknirſchender Wuth vernichten und zertreten, was ihnen das Schickſal vor die Füße warf, raſete das Heer der Wegelagerer, Hei⸗ lewich und Melchior an der Spitze, dem Deutſchburger Walde zu, und die unglücklichen Holzſammler, die ihnen am Berge begegneten und die ſie als Unterthanen des Schelenburgers erkannten, wurden von denen, welche an den Bolzenſchüſſen der Feinde bluteten, mit hölliſchem Ingrimm niedergemetzelt. Racheopfer ſollten ſie ſein für des unglücklichen Jahns Tod, aber nimmer konnte der Geiſt des gefallenen, einſt ſo edlen Herzogs daran Freude finden. In unangehaltenem Sturmlauf kamen ſie tief in das Gebirge; Waffengeklirr hallte weither durch den Wald; dicke Rauchwolken wälzten ſich zwiſchen den Baumgip⸗ ſahen ſie die lichte Flamme mit 85 rothen Zackenkrallen durch das Schindeldach der Stein⸗ mühle hervorgreifen. Mein Kind! mein Lathonius! kreiſchte Frau Heilewich, und von dem Anblick plötzlich gebrochen an Seele und Leibe, ließ ſie Jahns Schwert hinfallen und ſank auf das Steingeſims nieder, welches den weiten Mühlenkolk umfaßte und einzwängte. Vater Melchior überſah kriegs⸗ erfahren ſofort die Lage der Dinge und befeuerte muthig ſeine Geſellen zum Kampfe. Siegesmund von Täger⸗ felden und Chriſtel, Heilewichs Bruder, waren freilich zu ſpät mit der Bande des Rothkopfs bei der Mühle eingetroffen. Schon hatte der Osnabrücker Stadthaupt⸗ mann mit ſeinen biſchöflichen Soldaten die Mühle über⸗ fallen und die wenigen Mühlknappen niedergehauen; doch war es dem Müller Thomas gelungen, ſich in die Keller zu flüchten, wo ſeine zuſammengeſcharrten Schätze in eiſernen Truhen ruheten, und mit ſeinem Leichnam die Abgötter ſeines Lebens zu decken, war des alten Gauners herviſcher Entſchluß. Aber die Osnabrücker jubelten zu früh in der leichtgewonnenen Feſtung. Kaum hatte die flinke Soldateske die Plünderung begonnen, ſo tönte draußen Tägerfeldens Schlachtruf; mit Mühe rief der Stadthauptmann ſeine Leute in das Freie, und ſie mußten ſich genügen, die Brände des Kamins in die Strohkammer zu werfen, denn draußen wartete ihrer der ſchwere Kampf um das Leben. Indeß in dem alten Mühlgebäude die Flamme fraß und immer weiter leckte, focht man draußen mit wildeſter Erbitterung, und der Ausgang des mörderiſchen Gefechts, das im engen Wald⸗ raume in lauter Einzelkämpfen beſtand, ſchwankte hin und her. Melchiors Ankunft entſchied. Mit ſeinen Wild⸗ fängen, den geübten Fechtern des gebliebenen Jahns, 86 warf er ſich in den Rücken der Soldaten; Verwirrung kam unter ſie wie der Würgengel über Davids Heer; eingezwängt im engen Waldpaſſe verſäumten ſie in Furcht die beſonnene Wehr, und als der Stadtoffizier unter Siegesmunds Schwerte ſank, warfen die Biſchöflichen ſich rechts und links in die Dickichte, wo das Meſſer der Schnapphähne ſie einzeln ſchlachtete. Tägerfelden ſtand ausruhend und athemſchöpfend an einen Baum gelehnt, da vernahm ſein Ohr Heilewichs Angſtgeſchrei. Dreimal hatte ſie ſich emporgerafft, des geliebten Kindes Rettung zu verſuchen, erſchöpft, wie gebunden an allen Gliedern, ſank ſie immer auf das Steingeſims zurück. Siegesmund flog zu ihr heran. „Mein Kind! mein Lathonius verbrennt!“ ſtammelte ſie ſchon halbtodt in höchſter Mutterangſt, und der kühne Zitherſchläger, ſeines kleinen Lieblings gedenkend, ſprang ohne Bedenken die hölzerne, hohe Treppe hinauf, die ſchon von der Flamme ergriffen war. Kaum war er drüber hin, ſo ſtürzte das lodernde Bretterdach zuſam⸗ men und ſchlug mit dem nachſtürzenden Gebälke die Treppe morſch von der Steinwand herunter. In dieſem Augenblick trat Riddag, der rieſige Schild⸗ träger, auf die Scene. Getreu dem guten Herrn, dem er ſein Leben zugeſchworen, hatte er den Leichnam des Herzogs in eine ſichere, verſteckte Felsſchlucht geborgen, aber der Waffenlärm und das Hülfsgeſchrei rief mit un⸗ widerſtehlicher Macht den alten Streiter zum Kampfplatze. Als er bei der Mühle anlangte, erſchien gerade Junker Siegesmund mit dem Knaben auf dem Arme in einem der großen Luftfenſter des Mühlgebäudes; des Junkers Kleider brannten in heller Lohe, und hinter ihm drein züngelte der Flammen Spiel. Raſch beſonnen in der 87 Noth riß Riddags ſtarke Hand die lange Leiter eines daſtehenden Heuwagens von dem Geſtell, warf ſie an die Wand, und auf den Sproſſen klimmte der feuer⸗ umflogene Rettungsengel glücklich zur Erde nieder. Kaum war er unten, ſo erſcholl ein Nothgeſchrei aus dem näch⸗ ſten Luftloche der Wand; der Müller Thomas ward da⸗ rin ſichtbar, zwei ſchwere Beutel auf den Armen tragend, und mit rothſcheinendem Geſicht, bei welchem faſt die Flamme erblich, ſchrie er gr mit ſeiner heiſeren Stimme: ihm doch auch die Leiter herzuſtellen und ihn ebenfalls aus der entſetzlichen Hölle zu erlöſen.— Rid⸗ dags Stirn faltete ſich furchtbar bei dem Anblicke des Gehaßten.„Dieb, Mörder, tückiſcher Angeber!“ brüllte er aus der tiefen Bruſt hervor.„Die Hölle wartet längſt auf Dich und ſoll den Teufelsbraten mürb ge⸗ ſchmort und ganz gar bekommen!“— Den großen Heubaum ergriff der Rieſe, ſtieß damit hinauf gegen den Leib des Steinmüllers, und der Elende ſtürzte rückwärts hinab in das innere Flammenmeer ſeines eigenen Hau⸗ ſes, aus dem ſein Gebrüll fürchterlich tönte wie Stimme der Verdammten im Satanspfuhle, bis es langſam in einem ſchrillenden Gewimmer erſtarb.—. Am Mühlbache hatte ſich indeß eine nicht weniger ſchauerliche Scene entwickelt. Als Junker Tägerfelden mit dem Knaben vor die Mutter trat, als ſie das Feuer ſah, welches die Geſellen ſich bemüheten an den Kleidern des Edeln zu löſchen, als ſie einen Blick auf das Kind warf, deſſen Goldhaar verſengt dampfte, deſſen kleines Geſicht dunkler Ruß geſchwärzt hatte und das wie todt mit erſchlafften Gliedern auf Siegesmunds Schultern hing; da nahm ihr der ſchreckliche Anblick die Beſin⸗ nung, ſie ſchlug zurück und ſtürzte über die Befrie⸗ — 88 digung, worauf ſie geſeſſen, in den tiefen Mühlenkolk hinab. Vergebens warf ſich Bruder Chriſtel und Vater Mel⸗ chior und ſpäter noch der brave Riddag in das Waſſerz der reißende Waldbach hatte die arme Heilewich ſchon fortgeriſſen, und hielt ſie feſt, bis ihr letztes Lebens⸗ flämmchen erloſchen war. Als man ſie fand und heraus⸗ fiſchte, lag ſie weiß und leblos auf dem krauſen Wald⸗ graſe; die langen Flechten des ſchönen Haares umwickelten feucht und verſchlungen den glänzenden Hals und die volle Bruſt, wie ſie oft der geliebte Jahn im Spiele gelegt, und die rechte Hand war feſt gegen das getreue Herz gedrückt, deſſen ſtill verborgene Liebe der heutige Tag für hier unten vernichtet hatte.— Bei der großen Sägegrube nicht fern von der Leden⸗ burg begruben die Freunde am Abende den unglücklichen Herzog und ſeine getreue Heilewich, und unter den äl⸗ teſten der Landleute jener Gegend hat ſich bis zu unſerer Zeit von Munde zu Munde die Sage fortgepflanzt und unbeſtritten erhalten,„daß an jenem Platze der Jahn von Oeſterreich beigeſcharret worden;“ und weißköpfige Kreiſe erzählen den Enkeln noch in unſern Tagen die umſtändliche Geſchichte ſeines Todes durch die Armbruſt des Schelenburger Schloßherrn. Nicht das ſtolze Leichen⸗ gepräng, nicht der Pomp des glänzenden Conducts, nicht der ſchimmernde Katafalk von Ehrengarden bewacht, der ſeiner Geburt, ſeinem Range gebührte, wurde dem be⸗ mitleidenswürdigen Enkel des Kaiſers Rudolph; aber das Liebſte, was er beſeſſen, lag an ſeiner Bruſt und ſchlief mit ihm unter demſelben Grashügel; zwei treue Freunde, die das Verbrechen und die Noth nicht von ihm 89 getrennt, weinten bittere Thränen auf ſeinen ſchlichten, ſchmuckloſen Sarg, und ſelbſt die wüſten, herzloſen Bur⸗ ſchen, die das Gewerbe ſeines Jammerlebens um ihn verſammelt, ſtanden lautlos, mit entblößten Köpfen und gefaltenen Händen an der Gruft ihres tapfern Häupt⸗ lings und wünſchten ihm die Ruhe und den Gottesfrie⸗ den, die er ſo lange vergebens erſehnt und durch harte Buße und durch Zerknirſchung des Gemüths wohl ver⸗ dient hatte. Von der gefährlichen Bande des Deutſchburger Wald⸗ gebirges hörte man nachher nichts mehr; die Steinmühle blieb eine Ruine, und des verbrannten Müllers Geſellen zerſtreuten ſich, um in andern Winkeln ſicherer den ge⸗ wohnten Erwerb zu ſuchen. Von dem Schildträger. Riddag fand ſich ſpät eine Spur in der Nähe der Burg Eigen, eines Stammgutes des unglücklichen Schwaben⸗ herzogs. Ein alter, hochgeſtalteter Mönch lebte viele Jahre dort in einer Einſiedlerklauſe, und nannte auf ſeinem ſpäten Sterbelager im inbrünſtigen Todesgebete den Namen Johanns von Schwaben. Den kleinen La⸗ thonius, der durch den Brand erblindet worden, ernährte Junker Siegesmund mit ſeinem Zitherſpiele; ſpäterhin ſoll jener als blinder Bettler ſelbſt mit der Zither ſein Brod geſucht und ſeinen Namen und ſeine Abkunft vom Johannes Parricida nicht verborgen gehalten haben; ja Thomas von Haſſelbach ſchreibt, wie er ihn ſelbſt auf dem neuen Markte in der Kaiſerſtadt Wien geſehen und geſprochen habe. Ueber den Tod des verſchollenen Enkels des großen Habsburgers legte ſich ein undurchdringlicher Schleier: die Wichtigkeit ſeiner Perſon, die Hoheit ſei⸗ nes Standes machte ſelbſt den Thäter und die Wiſſenden 90 verſchwiegen, vielleicht aus Furcht vor der Ahndung ſpäterer Verwandten des Erſchlagenen, bis nach Jahr⸗ hunderten die Sage durch einen edlen Geſchichtsfreund an das freiere Licht gerufen ward und die Stelle, wo ſein Staub zerfiel, von dem unglücklichen Prinzen der Nachwelt erzählte. 5 II. Der Erbſchleicher. In dem kleinen ſüddeutſchen Landſtädtchen waren ſchon alle abendlichen Lichter gelöſcht, und der herbſtliche Re⸗ gen goß ſtromweiſe herab vom nächtlichen ſternleeren Wol⸗ kenhimmel, und machte die ſchlechtgepflaſterten Gaſſen noch ungangbarer. Nur vor dem Gaſthofe, dem größten Gebäude im Orte, leuchtete noch die Kugellaterne über der offenen Pforte und warf einen falben Lichtſtreif in die unwirthliche Nacht hinaus, und außen blies der Thurn und Taxiſche Poſtillon im durchnäßten Kollet ungeduldig ſeine unmelodiſchen Angſttöne in das Horn, die Fremden zu rufen, für die ein mächtiger Reiſewagen daſtand, um welche mehre Diener eilfertig beſchäftigt waren und in franzöſiſcher Mundart ſich wechſelſeitig anſpornten, ohne ſich um den deutſchen Burſchen, dem doch das ſchlimmſte Loos auf dieſer böſen Nachtfahrt zufallen mußte, mehr zu kümmern, als daß ſie durch ein: Patience, cöquin! oder ein: Au diable avec toi, pitoyable musicien! ſich für das ihnen gratis geſpendete Concert zu rächen ſuchten. Doch weiter hinauf am Städtchen, und zwar im letzten Häuschen deſſelben, funkelte ebenfalls noch ein Licht, jedoch beſcheidener und armſeliger. Es nahm ſei⸗ nen Urſprung von dem blanken Lämpchen eines engen Krämerladens, ſchien aber wohl nicht mehr in ſolch ſpä⸗ ter Stunde auf willkommene Käufer zu harren, ſondern um anderer beſonderer urſachen willen ſein Oel zu ver⸗ zehren, da die Ordnung und Reinlichkeit, welche es über⸗ all umher ſichtbar machte, Verſchwendung und Vergeß⸗ lichkeit nicht als Gründe ſeines ſpäten nutzloſen Lebens glaublich machten. Von dem ſchmalen Vorplatze ſah man durch das Fenſter einer Thür in das Wohnzimmer„und hier fand ſich noch eine kleine Geſellſchaft wach und leb⸗ haft. Ein derber Mann, ältlich, aber herkuliſch gebaut und mit dunkelfarbigem finſtern Geſichte lag im Lehn⸗ ſeſſel bequem ausgeſtreckt; eine Matrone ſaß ihm zunächſt am Tiſche und vertheilte, die Wagſchale in der Hand, gllerlei Waarenkram, Kaffee und Gewürze, ſorgſam und genau in kleine blaue Papiertütchen, und neben ihr drehete ein friſches Mädchen in jenem Alter, das die Dichter mit der Maienzeit vergleichen, wo die Nachtigall flötet im Buſch und die Roſe ihren Kelch dem Schmetterlinge aufſchließt, mit emſigen Füßchen das Spinnrad, doch riß der feine Faden gar oft, und wenn der Wind außen den Regen heftiger gegen die Fenſterladen warf, ſah das runde Auge des friſchwangigen Kindes jedes Mal nach dem gelben Blendſpiegel der Lampe des Vorplatzes hin, und ſenkte ſich jedes Mal getrübter, wie in unerfüllter Erwartung.— Des lieben Mädchens Lebensmai war in eine böſe Zeit gefallen, im rauhen ungeſtümen Weltwet⸗ ter hatte die Roſe ihren Kelch geöffnet; die geſunde in⸗ nere Kraft der Blume kehrt ſich nicht viel an die Außen⸗ welt, wenn die Zeit gekommen, wo ſie Sonne und Licht zu ſuchen gedrängt wird, und war doch Gottvertrauen der linde Maienodem, der ihre Knospe entfaltet, wuchs ſie doch an einem Mutterſtrauche, der ſie bislang gegen u — 8 n Alles geſchirmt, was ihren jungfräulichen Frühling hätte befährden können.— Es iſt eine Luſt, Euch zuzuſchauen, Frau Nachbarin, ſprach die tiefe Stimme des Mannes im Lehnſeſſel. Alles geht Euch ſo flink von der Hand, daß ein erwünſchtes Gedeihen nicht ausbleiben kann. Ihr drehet Eure ſpitzen blauen Tütchen ſo zierlich, ſo feſt, und ſchneller als ich einer geduldigen Mähre ein neues Eiſen aufzulegen ver⸗ möchte. Aber laßt den Hammer ruhen; Bürgerzeit iſt längſt vorüber, und wollet Ihr das Schubkäſtchen dort voll Kreuzergeld noch ſortiren, ſo kommt die Mitternacht herauf, ehe Ihr zu Ende ſeid.— Der Sonntag gehört dem Himmel, erwiderte die freundliche Matrone. Das Wochenwerk muß abgethan ſein, ehe der heilige Tag anbricht. Sehet, Nachbar Schmied, ſo habe ich's immer gehalten und bin gut dabei gefahren. Die Zeiten ſind nicht beſſer geworden, darum muß die Hand nicht läſſiger werden. Finden die frühen Kunden morgen Alles zurecht und werden ſchnell bedient, ſo zahlen ſie gern und gehen manchen nähern Laden vor⸗ bei, und das Sortiren der Münze iſt meine beſte Freude, die ich mir von keinem Andern rauben laſſen möchte. Was da gewonnen, iſt ja für mein gutes Kind, die mir nie eine böſe Stunde gemacht. Leider iſt's nur wenig, was man als übrig betrachten darf.— Es iſt lang her, Nachbarin, daß Euch der alte Mull gekannt; wie Ihr noch wohntet im großen Kaufhauſe auf der breiten Gaſſe und Jedermann Euch freundlich nachſchaute, wenn Ihr in Eurem Wägelchen zur Fabrik hinaus oder Sonntags nach dem Brunnen kutſchirtet. Das waren noch ſchöne Zeiten! Aber Ihr könntet auch jetzt es noch beſſer haben, murrte der derbe Hufſchmied.— 96 Wie, Meiſter? fragte die Matrone faſt unwillig. Ihr meint doch nicht, ich hätte des Schwagers Antrag an⸗ nehmen ſollen?— Der Herr Andreas Fredden war wohl kein ſolch ge⸗ ſchmeidiger, milder, gutmüthiger Mann als ſein Bruder, Euer Eheherr, geweſen, aber er hatte doch gezeigt und ausgeſprochen, daß er von früh an Euch zugethan ge⸗ geweſen, und gern ſeinen Bruder in Eurem Herzen hätte ausſtechen mögen; er war doch ſo zu ſagen, um Euret⸗ willen in die weite Welt gegangen; er war heim ge⸗ kommen von weiten Reiſen und gefährlichen Seefahrten als ein ſtattlicher ſteinreicher Mann. Da Gottes Schickung Euch nun einmal ſo ſchwer heimgeſucht, und Ihr den Ehe⸗ herrn und mit ihm den ſichern Hausſtand verloren, ſo kam es doch auch wie von Gott geſandt, daß bei dem Herrn Andreas die alte Neigung noch in den Kohlen glimmte. Hättet Ihr's angenommen, nicht ſo raſch Waſſer auf das Glimmfeuer geſtürzt, ſo ſäßet Ihr jetzo in einer reichern Wirthſchaft, wie vorhin, und wäret jeder Sorge um Euch und das liebe Mädel ledig.— Die Frau ließ das Tütchen aus den Fingern gleiten. Wie, ſprach ſie haſtig, ich ſollte dem Manne Treue ge⸗ lobt haben an heiliger Stätte, der in ſeinem Leben nichts von der Treue gewußt, die mit dem menſchlichen Herzen geboren und mit ihm begraben wird? Ich ſollte meine Sorgfalt dem Manne haben widmen müſſen, der wie ein böſer Geiſt meine beſten Lebensfreuden zerſtört hat? Ich ſollte mein offenes Herz den Blicken des Mannes dargelegt haben, der überall falſches und boshaftes Herz ohne Hehl mir gezeigt hat?— Das konnte nicht der Himmel befehlen, das wäre übermenſchliches Opfer ge⸗ weſen. Als der Andreas das Einverſtändniß zwiſchen 97 mir und ſeinem Bruder Bernhard bemerkt, that er da nicht Alles, was nur der ſchlechteſte Menſch erdenken und vollführen kann, um Zwietracht zwiſchen uns zu entzün⸗ den, um ſeine und meine Elterik zu entzweien, und um auf unſerm zertretenen Glücke das Seinige zu begrün⸗ den? Das Gute blieb oben; es hat ja überall ſei⸗ nen ſchirmenden Engel. Beſchämt, vernichtet und gehaßt von Jedermann, flgh er hinaus, und ſein Verſchwinden machte unſern Athem frei, denn ſeine Gegenwart be⸗ klemmte, auch nachdem wir geſiegt, unſere Bruſt. Zehn ſchöne Jahre durchlebten wir; o die Zeit iſt in der Er⸗ innerung vollauf genug für ein ganzes Menſchenleben, denn Liebe und Friede waltete in jeder Stunde!— Da kamen die ſchwarzen Tage, und kaum war die dunkle Wolke über uns gebrochen, ſo war auch der ſchwarze Geiſt wieder neben uns, gerade als hätte er ſie erzeugt und vor ſich hergetrieben, uns zu verderben.— Mein Bernhard war ein redlicher Menſch; Ihr wiſſet das ſelbſt, Nachbar, wenn auch manche hart über ihn geurtheilt. Seine Schuld, trug er ſolche, beſtand in Gutmüthigkeit und in zu großem Vertrauen auf Andere; unredlich darf ihn Niemand ſchelten, hat er doch Alles hingegeben, was ſein war, was ſauer erworben, um den Betrug nicht zu theilen, den Andere an ihm vollbracht; hat er doch da⸗ bei nur an ſeine Ehre, nicht an ſich und Weib und Kind gedacht, wie Manche; denen ſolch ein Ereigniß willkom⸗ men, und die gleich frechen Glücksritter den Schimpf ab⸗ ſchütteln, als wär's Stautregen, und ſich reich zu machen wiſſen mit den heimlichen Abfallſchnitzeln der kaſſirten Schuldbriefe.— Ja, es iſt ein eigener Stand, der Kaufmannsſtand, brummte der Schmied vor ſich hin; der erſte in der Welt, Blumenhagen. IV. 7 98 aber deßhalb auch der gefährlichſte. Man zieht die Mütze immer doppelt ſchnell vor ſolch einem wackern Kaufherrn, der alle die Güter, welche Gott für ſeine Menſchen ſchuf, verwaltet, mühſam von fernen Ländern herbeigeſchafft und für billigen Gewinn vertheilt. Es iſt etwas Großes dabei, und der Reſpekt kommt einem von ſelbſt, tritt man in ſolch ein Haus, und ſieht die wirre Lebendigkeit und die ſtrenge Ordnung zugleich, das Getümmel und Gedräng ohne Ende, und doch Alles an feſter Schnur; und der Herr ſitzet ruhig und beſonnen am Pult, und regiert wie ein Zauberer alles das mit ſeinem Gänſe⸗ kiele und durch die ſchwarzen Ziffern, welche er in ſein großes Buch gemalt. Aber wo viel Höhe, da iſt auch viel Tiefe; wo heiße Sonne, da gibt's auch die kälte⸗ ſten und ſchwärzeſten Nächte. Bei einem Kaufmann denke ich auch ſofort an ein Schiff. Da fährt es hin durch das Weltmeer, neu und ſtark und darum deſto ſiche⸗ rer. Die Segel flattern, das Wetter iſt herrlich. Doch unverſehens iſt der Sturm da; der beſte Steuermann kann nichts gegen Wind und Welle; krach! da ſitzt das ſtolze Haus auf der Klippe, und Schiff und Mann und Maus gehen zu Grunde, und einen nackten Schwimmer auf dünnem Brett wirft das Waſſer an das Ufer. Da lobe ich mir das Handwerk. Brod, Kleid und Schuh⸗ werk, Zimmerholz und mein Eiſenwerk wird nimmer⸗ mehr flaue Waare; Spekulation macht Meinesgleichen keine Sorge; man borgt nicht und gibt nicht zu Borg; das Buch iſt jeden Letzten im Monate rein, und wer nicht ſchlemmt und praßt, und nicht thöricht über das Schurzfell und die Zunftehre hinausfliegen will, der kann jeden Abend nach einem Dankgebete ruhig die Nacht⸗ mütze über die Ohren ziehen. Freilich der Kaufmann 99 muß auch ſein; der Himmel ſtellt jeden an ſeinen Flatz, und ich will auch damit dem Herrn Bernhard keine leicht⸗ fertige Spekulation und nachläſſige Umſicht vorgeworfen haben, wie manche Andere damals thaten. Nur daß er davon ging, daß er nicht ausgehalten bei Euch, das hat mich immerdar gewurmt, beſonders ſeitdem ich nachbar⸗ lich Euer Thun und Laſſen immer näher erkannt, und mag der arme Herr mir's im Grabe vergeben!— das habe ich mit meinem Hausverſtand mir niemalen zur Genüge erklären können.— Die Matrone fuhr mit der Schürze nach den Augen, und das Mädchen bog ſich nieder auf ihr ſtillſtehendes Rad, da klang draußen ein munteres Poſthorn und ſchwe⸗ res Rädergeraſſel erſchütterte die Wände des Hauſes. Was iſt das? fuhren die Weiber empor. Volk von jenſeits? ſagte der Schmied unwillig. Das treibt ſich jetzt Tags und Nachts auf unſern deutſchen Straßen. Zugvögel ſind's, die von Süden nach Norden fliegen, aber uns ſicherlich keinen Frühling mitbringen, ſondern wohl gar das böſe Wetter nachziehen, was ſie aus ihrem Lande treibt. Ich ſchaue immer mit Grimm auf dies Emigrantenvolk, wenn mir ihre Reiſewagen und abgejagten Pferde auch manchen Verdienſt bringen. Sie ſollten bleiben, wo ſie hingehören. Der iſt kein guter Sohn, der, wenn ſein Familienhaus brennt, davonläuft, ſtatt mit zu löſchen und zu retten, ob auch das Leben dabei ein Weniges in die Klemme käme. Es iſt nicht recht vom alten Vater Rhein, dem Grenzwächter, daß er die gezierten Pariſerpuppen ſo untreu zu uns herüber läßt.— Die Matrone wiſchte ſich beruhigt nochmals die noch immer ſchönen Augen aus und richtete ſie dann wieder 100 auf den düſtern Geſellſchafter. Ich blieb Euch noch eine Antwort ſchuldig, ſagte ſie mit Feſtigkeit, die ein theu⸗ res Angedenken mir zur Pflicht macht. Wohl wißt Ihr, daß der Schwager Andreas gerade damals zurückkam, als Alles über uns zuſammenbrach, und nur ein von Gott geſendeter Engel das höchſte Unglück abwehren konnte. Er war reich, überreich aus fremden Weltthei⸗ len wieder heimgekehrt; im Unglück iſt man anfangs leichtgläubig, voll Vertrauen auf Mitleid und Menſchen⸗ liebe, bis böſe Erfahrung belehrt, daß das Unglück allein pilgert durch die volle Erde. Wir meinten, Andreas müßte der Engel ſein, den Gott unmittelbar für uns daher geſchickt. Mein Bernhard flehete ihn an mit brü⸗ derlichen Schmerzenstönen, Andreas ſtieß ihn von ſich hart und kalt, wie die Unthiere des Meeres, die ſein ſchwerbeladenes Schiff umſchwommen hatten. Mein Bern⸗ hard lag vor ihm auf den Knieen, und bat ihn um Ret⸗ tung der Ehre des Namens, den ſie mit einander theil⸗ ten, er lachte höhniſch:„Verſuchs nun auch einmal, wie ich es that! Wandre zu Fuß mit leichtem Reiſeſack gleich mir nach Amſterdam, und bete zu der Fortuna, welche die Faulenzer haßt!“— Ich ſelbſt that da den ſchwerſten Schritt meines Lebens, trat zu ihm und zeigte ihm meine unmündige Chriſtel und meine Thränen. Er be⸗ trachtete uns mit feuerſprühenden Blicken und ſagte dann mit herzzerſchneidenden Mißtönen:„Iſt die Reue jetzt eingekehrt bei der ſchönen Annette? Wäre das da mein Töchterchen, könnte ſie auf Gold ſpeiſen und auf Sam⸗ met Mittagsruhe halten!“ und ſo drehete er uns den Rücken und verſchloß ſich im Kabinet.— Horch, da fielen Schüſſe! einer, noch einer! unter⸗ brach ſie der Schmied. Es werden verſpätete Jäger ſein, 101 die ihre Flinten auf der Heimkehr losbrennen; ſetzte er leicht hinzu, als er Beſorgniß auf den Geſichtern der Freundinnen bemerkte. Fahret fort, Frau Anna!— Der Bernhard gerieth in Verzweiflung, und ich mußte ihn ſorgſam hüten und mit frommem Wort und verdop⸗ pelter Liebkoſung ſtärken, als man jetzt nach und nach Alles hinnahm, fuhr die Krämerin fort. O es iſt das Härteſte, ſich entäußern zu müſſen von all den Kleinig⸗ keiten, welche die Gewohnheit uns lieb, ja heilig ge⸗ macht! Als dann aber Haus und Hof und Fabrik und Garten verkauft waren, und wir in dieſes Häuschen ge⸗ zogen, das letzte Reſichen, das von meiner Mitgift übrig geblieben, da ſprach er eines Abends zu mir: „Mein Leichtſinn hat Dich elend gemacht, und hier bin ich verachtet, entehrt und kann nichts ſchaffen und neu erwerben. Schändlich wär's, wollte ich auch das noch verzehren helfen, was übrig blieb und hinreicht, euch für Hunger zu ſchützen. Der Andreas hat nicht Unrecht; die Fortuna hilft nur dem, welcher wagt und auf ſie vertraut. Darum muß ich fort in die fremde unbe⸗ kannte Welt. Euer Gebet wird mich begleiten, ich werde durch das Andenken an euch ein kühner fleißiger Mann werden und heimkehren, um zu vergelten, was ihr um meinetwillen dulden mußtet.“— Wie glühende Meſſer ſchnitten die Worte in meine Bruſt, ich bat, ich beſchwor; er gelobte Bleiben, Ausdauern, aber eines Abends kam er nicht wieder und ſtatt ſeiner ein Valet⸗ brief.— Und ſeitdem empfinget Ihr nichts von dem Herrn Bernhard? fragte der Schmied.— Ein Jammerbrief aus Hamburg, ein zweiter aus London, antwortete die bleiche Frau; dann nichts mehr, 102 gar nichts als die ſchwarze Poſt, die der grauſame Schwager zu uns bringen ließ, daß ein Schiff, auf dem der Bernhard nach Amerika gefahren, mit Mann und Maus verunglückt. Wir bekamen den Brief des engli⸗ ſchen Correſpondenten ſelbſt zu leſen, und er mußte Wahrheit geben, denn ſonſt hätte der Bernhard wohl nicht acht Jahre lang geſchwiegen. Ein Jahr nachher taſtete der grauſame Bruder an meinen Wittwenſchleier, und als er von mir, wie ſich's gebührte, abgewieſen, ſiedelte der Nabob ſich völlig bei uns an, kaufte das reichſte Gut, das ſchönſte Haus, um uns durch ſeine Nähe zu quälen. O er hatte Recht, aber nicht auf die Weiſe, wie er ſich's gedacht! Sein Reichthum, den er überall zur Schau geſtellt, marterte uns nicht, aber ſein Anblick that es, der mit peinlichen Erinnerungen den Schatten des wackern unglücklichen, einſam und verlaſſen geſtorvenen Bruders täglich herauf beſchwor.— Die Wittwe bedeckte ihr Geſicht mit beiden Händen und beugte erſchöpft den Kopf auf des Tiſches Rand, und der Schmied rückte unruhig auf ſeinem Stuhle, da er im rauhen Gemüth kein Troſtwort finden konnte, wel⸗ ches ihm als das rechte erſchien. Das Mädchen jedoch legte den weißen Arm um den Nacken der Mutter und ſagte mit ſchwankender Stimme: Laßt uns ſchlafen gehen, Mütterchen! Wir ſtehen vor Tage auf, und ich helfe Dir dann, daß Alles geſchieht, was geſchehen muß. Er kommt doch nicht mehr, und ich möcht's auch nicht in ſolcher Wetternacht.— Erholet Euch, folget dem guten Rathe, fiel raſch der Schmied ein, indem er aufſtand und die peinlichen Gefühle abzuſtreifen ſuchte, die ihn gefaßt. Friede den Todten und Gottvertrauen auf die Lebenden.— 103 Ein Freudenſchrei des Mädchens unterbrach ihn; ein Schatten dunkelte außen das Lampenlicht, und ein jun⸗ ger, hochgewachſener Mann trat raſch über den Vorplatz in die Zimmerthür, ließ den Regenmantel fallen, und ſein rechter Arm lag ſchnell und feſt um den ſchlanken Wuchs der ihm entgegen ſpringenden Jungfrau. Glück herein! rief er. Scheltet nicht, daß ich ſo ſpät Wort halte. Aber die hohe Herrſchaft, die mor⸗ gen abreiſet, hielt mich heiß im Dienſte bis zur letzten Stunde.— Und Du bleibſt? Du reiſeſt nicht? ſtieß das Mädchen beklommen hervor.— Bleibe! Bin Förſter auf dem herzoglichen Jagdſchloſſe, rief der junge Mann. Glück auf, meine Chriſtel! Der Himmel wird blau; Platz für das Neſt iſt wenigſtens gewonnen und zum Bauen iſt Jugendmuth und Jugend⸗ kraft vorhanden.— Er griff mit der Linken in die Taſche und warf vier Goldſtücke auf den Tiſch.— Und hier Mutter Anna iſt etwas für Euch; ich weiß, Ihr ſeid um Steuerſchuld und neuem Ankauf in Sorge. Der alte Herr, ſo grämlich und genau er iſt hat mir zum Ab⸗ ſchiede ein Extrageſchenk gemacht, und ich hab's redlich mit Euch getheilt.— Herr des Himmels! ſchrie das Mädchen. Du bluteſt ja. Die Hand iſt aufgeriſſen! O Gott, was iſt mit Dir geſchehen?— Ach das da! lachte der Jäger, indem er den träu⸗ felnden bordirten Hut zur Seite warf und ſich auf einen Schemel ſetzte. Der kalte Regen hatte die Kleinigkeit abgekühlt und Euer Anblick ſie vergeſſen gemacht.— Der Finger iſt gequetſcht, ſagte ernſt der beſichtigende 104 Schmied, vernachläſſigt das nicht, aus ſo kleinem Ding kann böſer Nachſchlag wachſen.— Geſchwind Poldel, wie iſt das geſchehen? ſtotterte die Matrone, indem ſie zugleich mit flinken Tritten zum Wandſchränkchen eilte, und Leinen und Balſamfläſchchen hervorſuchte und in des Schmieds kundige Hände legte.— Nichts Großes für mich, aber Schändliches dennoch für unſere ehrliche Gegend! erzählte der Jüngling, indeß ihn der Schmied wuſch und verband und er dabei ſein Liebchen zu ſich zog und auf ſeinem Knie wiegte. Als ich vom Jagdſchloſſe herunter ſtieg und raſchen Schrittes auf der Steinſtraße herſchritt, hörte ich fern das Geraſſel eines Wagens, der mir entgegenrollte; der Regen fiel eben etwas minder, und ein Stücklein Mond ſchielte durch einen Spalt der ſchwarzen Wolkenwände, wie ein Burſchenauge, das ſein Liebchen belauſcht. In dieſem falſchen Schimmer bemerkte mein ſcharfes Auge vor mir zwei dunkele Reitergeſtalten, die in Mitten der unheim⸗ lichen Nacht zur Seite der Straße Poſto gefaßt, gleich verlorenen Vedetten. Verwundert ſchritt ich hinzu, und mit mir zugleich kam der Wagen zur Stelle. Da ſporn⸗ ten die Reiter ihre Thiere, rechts und links waren ſie augenblicks am Wagen, und dicht nach einander brann⸗ ten ſie zwei Piſtolen ab, gerade in den Wagen hinein. Von Schreck und Entſetzen fühlte ich mich faſt erſtarrt; dennoch war raſch mein ſcharfer Fänger nackt, ich ſprang hinzu, und fiel dem nächſten der Reiter in die Zügel. Der Schurke ſchlug mit dem Schießgewehr nach mir, und der Schmerz an der getroffenen Hand zwang mich, den Riemen zu laſſen. Im Wagen ſchrien grobe und feine Stimmen Zeter; der Poſtillon peitſchte auf ſein Geſpann und riß die Karroſſe von dannen, und eben ſo — 2 105 ſchnell waren auch die Reiter querfeldein verſchwunden, hiehin, dorthin. Das Alles begab ſich in kürzerer Friſt, als ich davon ſprach, und dann ſtand ich wiederum allein im Regen und in der leeren Nacht, und hätte nicht Schmerz und das warme Blut Einſprch gethan, würde ich die ganze Geſchichte für einen Geſpenſtertrgum gehalten haben. So fluchte ich derb auf mich, daß ich meinen treuen Gefährten, die Kugelbüchſe, eben heute im Schloſſe gelaſſen, denn der Cäſar da klaffte umſonſt hinter den Gäulen drein. Hätte ich nur die Büchſe am Backen gehabt, das Raubgeſindel ſollte trotz der Dunkel⸗ heit nicht ohne ein ſchmerzlich Andenken das Weite ge⸗ funden haben.— Gott erbarme ſich! zitterte die Jungfrau. O Du Tollkopf, wie konnteſt Du dich allein an ſolches Geſindel machen, und mich vergeſſen?— Wer auf böſen Wegen geht, hat keinen Muth, Mäd⸗ chen, erwiderte lächelnd der Jäger. Gar oft werde ich jetzt allein gehen müſſen im Holze, und die Frau Förſte⸗ rin darf ſich nicht grämen, noch ſorgen darum. Wer im Beruf iſt, hat auch ein ganzes Paar guter Engel, Pflicht und gutes Gewiſſen, zur Seite.— Der geſchickte Nachbar, der immer den Wundärzten der Gegend ein Dorn im Auge geweſen, hatte unter⸗ deſſen gewaſchen und verbunden, und alle Geſichter klär⸗ ten ſich auf, als er ſchmunzelnd entſchied, die Wunde habe ſchlimmer geſchienen als ſie war, und ſie würde nicht hinderlich ſein, wenn auch der heißblütige Bräuti⸗ gam ſchon übermorgen ſeine Braut zur Kirche zu führen Luſt verſpürte. Der neugebackene Förſter fuhr in die Luft, ließ die Braut, und ſchmatzte das berußte Antlitz des Nachbarn derb und herzlich. Ihr ſollt mein Prophet 106 ₰ heißen, Freund Mull! rief er im Gefühl ſeiner Glück⸗ ſeligkeit. Ihr ſollt mein Chriſtelchen zur Kirche führen als tapferer Beiſtand ihrer Verſchämtheit. Seht, da ſpielt noch eine Flaſche Alten Verſteck in meiner Taſche, der Kellermeiſter ſchob ſie mir beim Abſchiede hinein. Gläſer heran, Mädchen! Heute darf kein Alltagswerk mehr getrieben werden. Trinken wollen wir auf Glück in der neuen Wirthſchaft, und wenn vier ſolch getreue Seelen, wie wir, bei dem Wunſche die Augen betend zum Himmel aufſchlagen, wird auch dort Jemand ſein, der das beſcheidene Gebet mit einer Erhörung be⸗ gnadigt.— Ihr habt ſie nöthig, Kinder! ſprach die Matrone ernſt, nachdem ſie ihr Glas gekoſtet. Jeder Anfang iſt ſchwer, und hat ſich euch auch die Ausſicht gelichtet, das Ziel liegt doch noch nicht ſo nahe, wie der Brauskopf vermeint.— Wie das? fragte Leopold ſtutzig. Gewann ich nicht das höchſte Gut auf Erden? Bin ich nicht jetzt frank und frei und der eigene Herr? Iſt nicht der Wald, der Himmel, die Luft mein? Habe ich nicht ein wohlgezim⸗ mertes Haus, von zwei uralten Eichen beſchattet? Wird mir nicht Gewehr, Pulver und Blei aus dem herzog⸗ lichen Jagdhauſe geliefert? Freilich iſt das Haus ſo leer, als hätten Kroaten und Panduren drin ausgekehrt. Ich hab's heute beäugelt; des Förſters Wittib hat nicht einen zerbrochenen Schemel drin gelaſſen, und die Mäuſe ſo⸗ gar ſcheinen mit hinausgepilgert. Aber die Chriſtel lernte die Häuslichkeit im Großen von ihrem Mütterchen, und das iſt mehr, als hätte ſie die doppelte Buchhaltung aus dem Fundamente ſtudirt. Für den Reſt des fürſtlichen Geſchenkes ſollen wie durch eine Wünſchelruthe Tiſche 107 und Stühle, Topf und Teller in das leere Neſt fliegen, den Hochzeitsbraten ſchieße ich ſelbſt, und—— Die Mutter hat auch ein Wort zu reden, ehe das geſpickte Wild an den Spieß kommt, fiel Frau Anna ein, und ehe denn ſie das letzte liebe Gut an den leicht⸗ fertigen Uebermuth eines blutjungen Vetters wagt. Die Chriſtel addirt gar raſch im Kopf. Summire ihr einmal vor, was Du und Deine Glückſeligkeit ihr jährlich zu ſpendiren vermag. Gibt das Facit genug für zwei ge⸗ ſunde Eſſer und was nachkommen und heranwachſen möchte, ſo wird die Mutter gern einſam ſitzen und ihre Kreuzer zählen, und ſich freuen, wenn wöchentlich einige in den Spartopf fallen dürfen für künftige Freuden⸗ oder Nothtage, wie ſie Gott ſchickt.— Der Förſter rieb die Stirn und Ohren. Mütterchen, ſeufzte er, das Rechenbuch iſt nicht für Verliebte erdacht. Sie kennen nur ein Exempel und das lautet: Eins und Eins macht Zwei. Summiren will ich oben im Dach⸗ ſtübchen, das Ihr mir für dieſe Nacht einräumen müfßt, und in welchem ich ohnehin vor Freude und Bedrängniß nicht viel Schlaf finden möchte. Dennoch dachte ich, trotz aller Leichtfertigkeit, die Ihr mir vorwerft, mitien im Platzregen an dergleichen, und da kam mir ein Ge⸗ danke, der vielleicht allem Grame ein Ende zu machen vermöchte. Der Onkel Andreas iſt reich und alt, und ſoll ſchwer krank liegen. Die Chriſtel iſt ſeines Bruders Kind, ich bin ſeiner Schweſter Sohn. Wenn der Herr ſeine Schmerzensengel ſchickt, kommt Mancher zur Be⸗ ſinnung und denkt an mehr als den irdiſchen Kram. Ich verſuche dreiſt einmal mein Glück bei ihm, hat er auch ſeit Jahren Niemand von uns ſehen wollen. Wir ſtehen ihm doch näher wie ſein Pavian und ſeine Meerkatzen, 108 und erlaubte er uns nur jährlich einen Griff in ſeinen eiſernen Geldkaſten, ſo wäre uns geholfen. Papa und Großpapa ſind doch gar bockende Titel. Die hat er nicht und ich will ſie ihm anbieten treuherzig und ehrlich. Die neue Waare verlockt ſein Herz vielleicht.— Wage Dich hin, wackerer Burſch, nickte der Schmied. Er ſoll zwar ſo zäh ſein wie Streckeiſen, doch Du führſt vielleicht den rechten Hammer.— Frau Anna ſeufzte tief auf. Ein FPlatzregen gebar Deinen Plan, ſagte ſie, ein Platzregen wird ihn ver⸗ ſchwemmen. Aber dem einzigen Blutsfreunde gebührt eine Anzeige von dem, was ihr vorhabt, und ſetze ich auf Deine Hoffnung auch nicht den blindeſten Heller, will ich doch auch mit meiner Ahnung Deine fröhlichen Kna⸗ benträume nicht verſtören.— Vier wackere Menſchen ſagten ſich Valet und gingen zur Ruhe nach gutem Tagewerke, und wenn die Wag⸗ ſchale, welche Erdenglück zuwägt, ſich immer nur dahin ſenkte, wo reines Herz, redlicher Sinn und gute That gerechten Anſpruch gibt, das jugendliche Vertrauen der beſcheidenen Verlobten hätte mit dem ſonntäglichen Mor⸗ genrothe ihre Träume erfüllt auf dem Frühſtückstiſche finden müſſen. Aber über den Pilgerbahnen hier unten waltet ein räthſelvolles, undurchdringliches Verhängniß; die Weiſen ſprechen, es würde klar werden, wenn unſere Augen für immer ſich geſchloſſen hätten, und Demuth und Ergebung wartet bis dahin, weil— ſie muß, und weil Frage und Klage in die leere endloſe Ewigkeit ge⸗ than, nur von einem nachſpottenden Echo beantwortet wird. 109 Am entgegengeſetzten Ende des offenen Städtchens, ſchon jenſeits ſeines Schlagbaumes und Zollhäuschens und getrennt von ihm durch einen hochummauerten Luſt⸗ garten, erhob ſich ein ſchloßartiges Gebäude, das ſeines ſtolzen Aeußern wegen ſich ohnedies von den beſcheide⸗ nen Bürgerquartieren unterſchied und vormals auch der Herrenſitz eines ausgeſtorbenen Rittergeſchlechts gewe⸗ ſen war. Aber mehr als durch ſeine froſtige graue, ſteinerne Außenſeite ſtach ſein Inneres gar abſonderlich ab von der Nachbarſchaft, ja von allen Wohnungen der Begü⸗ terten der nächſten Gegend. Rieſige Bulldogen mit ge⸗ ſpaltenen Schnautzen bewachten den Vorhof als grimmige Schildwachen. Im Kämmerchen hinter der Hauspforte ſchreckte den Eintretenden als Portier ein Afrikaner mit ſchwarzem, von krauſem Wollenhaar umringelten Ange⸗ ſichte. Auf den Vorplätzen und breiten Steintreppen ſchrien und plapperten eine Unzahl bunter Vögel, blaue und grüne und graue Papageien in meſſingenen Käſichen, und amerikaniſche Raben mit einer Fußkette an einen Säulenknauf gefeſſelt. Widrig quäkten dazwiſchen einige Affenfamilien, ſchwenkten ſich am eigenen Schweif in mannshohen Gitterbauern und biſſen ſich um Aepfel und Nuß, und ein großer Orangutang aus Borneos Wäl⸗ dern ſchritt mit ehrbarem Geſicht durch die Gänge, trug Brennholz im Arm oder Waſſereimer am Joch, und man konnte leichtlich verführt werden, ihn in ſeiner Nacktheit für einen ſchamloſen Blutsfreund des Portiers zu halten, der aus Bequemlichkeit bei ſeinem Hausgeſchäfte ſich der läſtigen Bekleidung entledigt hätte. Die Zimmer und Säle des Hauſes zeigten ſich überladen von koſtbaren Möbeln, aber überall ſah man, daß der Eigenthümer 110 mehr den eiteln Prunk der Schauſtellung als Nutzen und Bequemlichkeit, das Comfortable der Engländer, vor Augen gehabt, und Ordnungsmangel und Geſchmack⸗ loſigkeit in der Pracht ſelbſt ließen ſogleich erkennen, daß über dieſen Schätzen keine ſinnige feine Herrin das Regiment mit zarten, aber ſichern Händen geübt. Herr Andreas Fredden, der reich gewordene Abenteurer, dem nach engliſcher Weiſe die Honoratioren des Städichens den Titel eines Nabobs beigelegt⸗ bewohnte dieſes große, mehr von Thieren als Menſchen bevölkerte Her⸗ renhaus. Die Glocken des Stadtthurms läuteten zum Kirch⸗ gange, ihr Ruf blieb jedoch unbeachtet von einem ält⸗ lichen Herrn, der ſauber gekleidet von der Stadt her dem Landſitze ſich näherte. Mit weichen, vorſichtigen Schritten glitt er in Schuhen und feinen weißen Strüm⸗ pfen über die glatte Straße; das blaßblaue matte Auge ſondirte mit dem goldknäufigen Rohrſtocke gleich der Schnecke jede bedenkliche Stelle, und das milchbleiche, etwas gedunſene Geſicht zog ſich während der Wande⸗ rung in mancherlei ſeltſame Formen, die auf ein reges Geiſtesſpiel hindeuteten, das unter der gefalteten, von weißgepudertem Haare zierlich begrenzten Stirn geſchäftig wirkte. Eine ſteif geputzte Hausmagd kreuzte an der Mauer⸗ biegung ſeinen Weg und höflich zog er den dreieckge⸗ ſtutzten Hut, und erkundigte ſich nach dem Wohlſein des geehrten Fräuleins von Büſſenſchütt, und belobte, daß dieſelbe ſchon ſo früh ſich über das Befinden des Herrn Fredden Erkundigung einholen laſſen, und als er erfah⸗ ren, daß Herr Andreas eine gar ſchlechte Nacht gehabt und nachdem ihm die Iris ein Brieflein ihres Fräuleins 111 in die Hand geſteckt, glätteten ſich ſämmtliche Falten ſei⸗ ner Stirn, er klopfte mit ſanfter Hand die friſchen Wan⸗ gen der Dienerin und entließ ſie mit freundlichem Danke. Nach einigen Schritten an der Mauer hin verweilte das geputzte Männlein, ſchauete ſcharf nach den Fenſtern des Schloſſes, und erbrach dann raſch den Brief, mit unſte⸗ ten Augen, die ſich bei jeder Zeile mehr belebten, ihn überlaufend. Artig! Ganz vortrefflich! flüſterte er zu ſich hinein. Das Fräulein Univerſalerbin, doch zuvor mir für meine Mühwaltung eine Verſchreibung der Hälfte dieſer oſtin⸗ diſchen Schatzkammer. Dazu von ihm als Executor ſtamenti ein namhaftes Sümmchen, und die Ausſicht obendrein, Beſitzer des Ganzen zu werden, ſobald ich ſchmucker Wittwersmann mich überwinden könnte, die eben nicht hübſche, eben nicht junge Dame zum Geſpons zu erheben. Nun der letzte Punkt bedürfte keines über⸗ eilten Entſchluſſes; Mäßigkeit iſt eine Haupttugend und der Kluge ſoll ſich mit Wenigem beſcheiden.— Es iſt eine ſchöne Sache um die Klugheit, ſetzte er hinzu, in⸗ dem er das Blättchen vorſichtig zufaltete und verbarg; ſie iſt Zauberruthe und Zepter, mit welchen man die Narren zu regieren und ihre Schätze zu heben weiß. Nichts war ſo dumm erfunden als die Fabel vom Jörge und ſeiner Dummheit. Dem Klugen zahlt die ganze Welt Tribut, und ſcheuet er die Krankenlager und Ster⸗ vebette nicht, ſo müſſen ihm Tod und Sarg annoch Zoll und Steuer bezahlen. Jedermann trägt eine nackte Achil⸗ lesferſe, wenn ſie auch nicht immer da ſitzt, wo der Grie⸗ chenheld ſie hatte. Es gehört Studium dazu, aber iſt ſie entdeckt, und faßt man an den wunden Fleck zur Zeit, wo Krankheit den Geiſt benebelt, Todesfurcht ihn matt gehetzt, verintereſſirt ſich das mühvolle Studium beſſer als eine Profeſſur der Weltweisheit.— Er trat in den Hof und ſtreichelte die grimmigen Hunde, welche ihn wie einen alten Bekannten umſchnup⸗ perten, doch ſchnell wandte er ſich von den Thieren einem ſchwarzgekleideten Herrn entgegen, der ſo eben von der Hauspforte daher trat. Ach! Unſer venerabler Herr Phyſikus, ſagte er ge⸗ ſchmeidig, ſo früh ſchon am ſchönſten Werk der Menſchen⸗ liebe? Aber es gilt ja ein unſchätzbares Leben, ein hohes Meiſterſtück. Was macht unſer Freund, wie ſteht es um ſeine koſtbare Geſundheit?— Schlecht, antwortete der ſchwarze Mann mit Achſel⸗ zucken, und wenn nicht bald eine tüchtige Revulſion zu Stande kömmt, rettungslos. Unſer Patient, mein Herr Conſulent, iſt einer von denen, welche am Uebermaß der Geſundheit ſterben. In den frühern Jahren volle Körper⸗ und Geiſteskraft, beide geübt, gebraucht, ausgebildet bis zur vollkommenſten Entwickelung, dabei das ganze Leben ein friſcher brauſender Strom, hohe kühne Wellen der Spekulation aufwerfend, den Schaum der befeuernden— Leidenſchaften ausſpritzend! Dann plötzlich ein Stillſtand nach vollerrungenen Wünſchen, eine Leibzüchterfaulheit nach bis zum Widerwillen ausgekoſteten Weltgenüſſen und ausgebrannten Leidenſchaften! Das wirft jedes Gleich⸗ gewicht um, wirkt narkotiſch, füllt das unthätige Gehirn mit tödtenden Feuchtigkeiten, macht die unverarbeiteten Leckerbiſſen zu Giften, und führt vor der Zeit dem ſilber⸗ nen Todtenkaſten und dem marmornen Epitaphio entge⸗ gen. Es iſt ein Uebel der Reichen, aber ein Kreuz ihrer Aerzte, denn ſolche Söhne des Kröſus verſchmähen das einzige Univerſalmittel.— 113 Und das hieße? fragte neugierig der Conſulent.— Die Armuth! Solche Patienten müßten ihren Mam⸗ mon aus den Fenſtern werfen, des Schreiners Hobel, die Axt des Zimmermanns, die Schaufel des Dörflers zur Hand nehmen, und ihre Mahlzeit mit träufelndem Schweiße verdienen.— Eine gar bittere Arznei, lächelte der Frager, für welche Sie wohl keine Receptformel haben, mein Herr Doktor, und die Sie Niemanden anordnen werden, den Sie gern auf der Liſte Ihrer Kunden behalten möchten.— Leider leben auch wir gleich den Meiſten von dem Selbſtbetrug der Menſches verſetzte der Arzt achſel⸗ zuckend; wüßte die Welt, daß zwei Drittheile ihrer Krank⸗ heiten durch Geduld und Hunger ohne Arzt und Apotheker zu kuriren wären, kennte ſie die große alma mater Natur und hätte Vertrauen auf die Segenſpenderin, ſo würden wir wie unſere Vorfahren in der Kunſt von Dorfe zu Dorfe, von Markte zu Markte mit dem Hanswurſt und der Quackſalberbude unſer Brod ſuchen müſſen. Sie und Ihre Herren Collegen, mein Verehrter, leben von der Zankſucht, dem Neide und der Rechthaberei der Adams⸗ kinder; wir Doktoren der Linken, von der Seite des Herzens, der unermüdlichen Lebensfontaine, wir leben dagegen von der Gewiſſensangſt, dem ſündigen Be⸗ wußtſein und der Todesfurcht unſerer gebrechlichen Mit⸗ menſchen.— Sie ſind ein lieber Humoriſt, immer ſcherzend mit dem Ernſten, erwiderte der Conſulent, und doch Tags und Nachts parat für Reich und Arm. Es iſt ein be⸗ neidenswerthes Temperament, das zwiſchen den ewigen Jeremiaden der wirklich und eingebildet Leidenden, mitten Blumenhagen. IV. 8 in dieſem endloſen Concert von Jammer und Elend die gute Laune und den friſchen Lebensmuth nicht verlor.— Eine wunderbare und ſeltenere Erſcheinung bieten Sie mir ſelbſt dar, mein Beſter! verſetzte der Doktor, den geſchmeidigen Rechtsmann mit ſcharfen Blicken firi⸗ rend. Freiwillig bringen Sie die Opfer, zu denen mich mein Beruf, mein der Menſchheit geſchworener Eid ver⸗ pflichtet. Ich begegne Ihnen überall an Krankenlagern und Sterbebetten. Ich bin gewiß geworden, daß Sie das hohe Geſchäft der Selbſtveredelung, der Erkenntniß des Tiefſten und Unſichtbaren mit ſeltener Entſagung treiben, und wie die Freimaurer von dem Tode das Le⸗ ben zu lernen bemüht ſind. Freilich treffe ich Sie nur am Bette des Reichen, doch das eben iſt geſcheit von Ihnen. So ein Armer, ein Laſtthier auf Erden, gibt in ſeinen letzten Augenblicken wenig zu erkennen, was der Beachtung des Seelenforſchers werth ſein dürfte. Wie ein Solcher nach vollbrachtem mühevollem Tagewerk ein⸗ ſchläft, ehe er ſich einmal auf ſeinem Strohlager bequem zurecht gelegt, ſo ſinkt er auch nach erſchöpftem Leben dem Bruder des Schlafes, dem erlöſenden Tode ſchnell und leicht in die Arme. Bei dem Reichen, dem ſoge⸗ nannten Kulturmenſchen, iſt auch der letzte Akt verfeinert und nicht ohne Ceremonie wird die ſich ſträubende Fackel umgekehrt. Da gibt es die Folter der Teſtation, den ſeufzenden gezwungenen Abſchied von Habe und Gut, und den Neid auf die künftigen Beſitzer. Da ſticht die Reue über das vergrabene Pfund. Da ſpielt die La⸗ terna Magica des Eewiſſens. O welch eine bunte Welt für den Beobachter, welch belehrendes Studium, dem Sie, Verehrteſter, ſo ganz ſich zu widmen ſcheinen. Wahrlich, Sie ſind ein Columbus im geiſtigen Ocean; „ 115 kühn ſegeln Sie in die ſchaurige Nebelwelt, gerade aus richten Sie, kühner Mann, ihren Schiffsſchnabel dem unſichtbaren Ziele zu, das Ihr Verſtand voraus entdeckt, und ſind der Schätze“ gewiß, welche die Spekulation Ihnen verſprach. Mit dem letzten Seufzer Ihres Schiff⸗ brüchigen rufen Sie: Land! und die entdeckte neue Welt legt gleich wie dem kühnen Columb auch Ihnen ihr Gold und ihre Demanten zu Füßen.— Glückliche Verrichtung, mein Herr Conſulent!— Verdutzt ſtand der Rechtsmann einige Minuten lang, und ſtarrte aus ſtupiden Glasaugen dem Fortſchreitenden nach. Sollte das ein Wespenſtich ſein? murmelte er in ſich hinein. Sie ſind ein wackerer Leibesſorger, mein Herr Doktor, ſetzte er dann ſpöttiſch hinzu, aber ein bischen ſentimental, prunken mit moderner Moral, ſollen zuweilen gar einen Kronenthaler neben das Recept legen, das Sie einem Hungerleider aus dem Plebs verſchreiben. Werden nicht weit damit kommen, mein ſerupuloſer Herr Doktor der Linken, der Herzensſeite!— Mit einem Triumphlächeln ſtieg er in das Landhaus, wo ihn der ſchwarze Portier reſpektvoll begrüßte und zur Treppe geleitete, auf welcher er bedächtlich bis zum Zim⸗ mer des reichen Gutsherrn hinaufſtieg und zum öftern anhielt, und die ſchreienden Affen und die ſchnarrenden Papagaien mit Süßigkeiten fütterte. Herr Andreas ſaß im weichgepolſterten Krankenſtuhle, ein früher Greis, die aufgedunſenen Glieder in Decken gehüllt, mit Wärmflaſchen umgeben, bis zum Kinne durch den Prunkpelz verſchanzt, aus dem das dürre hohläugige Antlitz, voller Züge des Mißmuthes und Ueberdruſſes, der Larve einer Mumie gleich hervorſchaute, deren widerliche 6 116 Anſicht durch die ſchreiend rothe Sammetkappe auf kah⸗ lem Scheitel noch vermehrt und verdeutlicht wurde. Eine freundliche Grimaſſe empfing den Hausfreund, der in geſchmeidigen Worten die ſichtbare Beſſerung im Aeußern des Patienten belobte, und ſich und dem Lei⸗ denden zu dem freudigen Urtheil gratulirte, das er ſo xben aus dem Munde des Arztes vernommen. Aus den Taſchen ſeines breitſchößigen Rockes zog er zugleich zwei feine Pappkäſtchen und kramte den Inhalt derſelben auf den mit Medicinflaſchen beladenen Tiſchchen aus. Die Langweile iſt ſolcher Uebel causa proxima, plap⸗ perte er dabei; und wer es gut meint, ſorgt darum für leichte Zerſtreuung ſeines unſchätzbaren Gönners. Der tapfere Cüſtine hat mit ſeinen Sanscülotten das feſte Mainz genommen, und mein Correſpondent ſandte mir von dort die neueſten Modeartikel. Hier eine ſtattliche Atlascocarde der drei Farben des franzöſiſchen Regen⸗ bogens! Hier einige Aſſignaten, mit denen die klugen Re⸗ publikaner ſich ihren nöthigen Mammon zum Kriege gegen die Despotie verſchafften! Hier eine Compagnie der tapfern Nationalgarde von Pappe, ſogar die türkiſche Muſik iſt dabei! Und hier eine Guillotine im Kleinen, das neue von einem Medicus erfundene Köpfinſtrument, ſo menſchlich als bequem, aus Mahagoniholz conſtruirt und das Fallbeil vom beſten engliſchen Stahle; mein Töchterchen hat bereits an einigen Delinquenten in der Küche, an einem halben Dutzend junger Täublein, die Sache probirt. Es iſt zum Erſtaunen in ſeiner Wir⸗ kung, und es erklärt ſich dadurch, wie die Citoyens zu Paris ein fünfzig Criminalprozeſſe ſo ſchnell abzuthun vermögen, indeſſen wir an einem Einzigen dergleichen Jahrelang zu beißen und zu knacken gezwungen werden.— 117 Der Kranke muſterte mit kindiſchem Behagen die ausgekramten Raritäten, und reichte dem Geber ſeine ausgedörrte Hand. Alſo der Cüſtine in Mainz, ſagte er abgeſtoßen mit fieberhafter Haſt. Da wird es oben im Jagdſchloſſe bereits ein weniges Rumor gegeben haben. — Das ſind ſpaniſche Fliegen, ziehen ſo ſcharf wie die meinigen.— Einziger Freund, Sie kümmern ſich noch um den verlaſſenen Robinſon. O die Einſamkeit iſt eine Hölle, und der Undank der Menſchen flieht die Kammer, wo der Schmerz ſtöhnend die langen Nachtſtunden zählt.— Meine Tochter wird kommen und vorleſen, wie ich es ihr zur käglichen Pflicht gemacht, erwiderte raſch der Conſulent, nachdem er für ſich einen Seſſel dicht herangezogen; und Fräulein Adelgunde, die treffliche Seele, hat ſo eben ſich ganz in der Frühe, nach des verehrten Gönners Befinden erkundigen laſſen.— Herr Andreas war bereits wieder in ſeine Abſpannung und durch ſie in die Polſter zurückgeſunken. Der Dok⸗ tor lügt, ſtöhnte er. Wenn die Herren nicht mehr mit ihren Tränken zu helfen vermögen, ſo traktiren ſie mit eiteln Hoffnungen, die ihnen wohlfeil ſind und die goldenen Honorare vermehren. Ich fühle den Tod in allen Gebeinen; die Strapatzen der Seereiſen, die Rück⸗ bleibſel der indiſchen Fieber, das freudenloſe Daſein in dieſen deutſchen Steppen, Aerger und Gram, das iſt ein Feindesheer, welches gleich den Südſeewinden mit ver⸗ gifteten Pfeilen ſchießt.—— Nicht ſo ſich hingeben, nicht verzweifelt, altes Freundchen! koſete der Gaſt, indem er die Hand des Kranken ſo zärtlich ſtreichelte, als ſei es die ſchönßte Frauenhand. In der Natur eines ſo unverwüſtlichen Mannes liegen die ſtärkſten, tiefverborgenſten Heilmittel. 118 Nur Ruhe im Gemüth, alles herausgeworfen, was die Kriſen ſtören, die Wirkung der Arzneien hindern könnte; vor Allem ſich losgeſagt von allen böſen Erinnerungen.— Wer lehrt uns die Kunſt? murrte der verfinſterte Kranke mit tiefen Tönen. Wo iſt ein Opium für das Gedächtniß des Gekränkten? Nicht wahr, Freund, die Kleinſtädter da unten haben ihr Gaudium an meiner Pein, jubeln, daß meine Schimmel ſie nicht mehr mit dem Schmutz ihrer eigenen Gaſſen beſpritzen, freuen ſich auf den Leichenſchmauß, weil ſie hoffen, daß in des rei⸗ chen Mannes Hauſe auch vielleicht etwas für ihre Schnä⸗ nel abfallen dürfte?— Wo denken Sie hin, Verehrter? fuhr der Conſulent empor. Man bedauert, betrauert überall den Stolz und Ruhm der Vaterſtadt, den Wohlthäter, welcher der Ar⸗ muth mehr zu thun gab als ſelber das fürſtliche Haus. Man ſpricht, das Städtchen würde ſeinen Glanz, Han⸗ del und Wandel, Erwerb und Wohlhabenheit verlieren, ſollte der Himmel das Unglück nicht abwenden. Freilich rinige verderbte Seelen—— Wer? Welche? ſtieß Herr Andreas heftig hervor. Der Conſulent zuckte die Achſeln. Sollte mein klu⸗ ger Freund nicht die Herzloſen errathen, ſagte er halblaut, an die ich ungern den Beleidigten erinnere? Schlechte Blutsfreunde werden die böſeſten Blutſauger für den Redlichen. Bei der Wittwe Fredden mag man freilich manche Feſtſtunde feiern, indem der Senior der Familie das Schmerzenslager hütet. Das junge, wüſte Volk, von dem die Stadt mancherlei Curioſa munkelt, träumt von Hochzeit, und die Erbſchaft des Herrn Onkels käme ſicherlich nicht ungelegen bei ſolchen Vorſätzen.— Richt Hellerswerth ſollen ſie haben, tobte der Kranke. 119 Richt tanzen ſoll das Geſindel an meinem Leichenſteine. — Haben Sie Ihr geſtriges Verſprechen vergeſſen? Wo iſt das Teſtament? Die Mehrzahl fürchtet ſich vor ſolch einem Papier; ich ſehne mich danach, wie der Beduine nach einem friſchen Trunke. Mich foltert zwiefache Todes⸗ gual, ſeit mir der Gedanke kam, es könnte plötzlich zu Ende gehen, und die Bettelbrut ſetzte ſich in mein war⸗ mes Neſt. Wo würde ich Ruhe im Grabe finden, wüßte ich mein ſchwer erworbenes Gut in ſolchen Händen?— Ein Theilchen, einige Legaten müſſen jedoch die Ver⸗ wandten abfinden, ſchmunzelte der Rechtsm, um die Teſtation unumſtößlich zu machen. Und außerdem waren wir über den Univerſalerben nicht ganz einig.— Schlechte Geſetze, die dem Eigenthumsrechte Ketten anlegen! zürnte Herr Andreas mit fieberrothen Wangen. Wer hat Anſprüche an mich und mein Erworbenes? Ich ſtand allein in der Welt, ich ſtehe allein! Sie waren der Einzige, der ſich um mich in Freundſchaft bekümmert; warum verſchmähten Sie es, mein Erbe zu ſein?— Was würde die Welt ſprechen von mir? erwiderte der Conſulent lebhaft abweiſend. Wie würde meine un⸗ eigennützige Zuneigung für den trefflichſten Menſchen, dem ich im Leben begegnet, geſchmäht, gemißdeutet werden? Nein, Freund, Ruf und Ehre ſind die heilig⸗ ſten Güter des Lebens, die man nicht für Mexico's Schätze vertauſchen darf.— Ernſter ſetzte er hinzu: Sie haben etwas gut zu machen im Leben, und der Himmel ſendet Ihnen die Gelegenheit. Fräulein Adelgunde hat Sie einſt geliebt mit ſtiller und heißer Flamme. Sie täuſchten die Arme durch verlockende Hoffnungen, Sie verſchmähten die Liebende, und ſie rächte ſich nicht; ſie blieb ihrer erſten Neigung getreu, wies jede Bewerbung 1 120 von ſich, lebt verarmt und freudenlos, der letzte Zweig eines edlen Hauſes, in nonnenhafter Einſamkeit. Wen könnten Sie mehr beglücken durch ein ſolch großes Zei⸗ chen von ſpäter Zuneigung und Dankbarkeit? Wozu könnten Sie beſſer die Ihnen gewordenen Wohlthaten des Himmels benutzen, als dieſer Getreuſten die Sorgen des Alters abzunehmen? Männliche, gerechte Rache an einer Familie, durch die Ihr Leben verdüſtert worden, vereinte ſich dann mit chriſtlicher Tröſtung einer von Ihnen tief verwundeten Seele. Mich, bitte ich, ganz zu vergeſſen. Meine Anhänglichkeit wurde durch einen ge⸗ heimen Magnetismus der Natur erzeugt, durch eine Seelenverwandtſchaft, und kein Schein von Eigennutz darf ſie beſchmutzen. Vielleicht ein werthloſes Kleinod für mein Töchterchen, ein heiliges Gedächtnißzeichen, von Enkel auf Urenkel fortvererbt als Familienſchatz, das ſei Alles, was mich in der gewichtigen Schrift berühre.— Schon gut! Schon gut! Auch ich, wenn auch ein gebrochener Baum, habe meinen Willen. Nur keinen Aufſchub, damit die letzte Erdenqual von mir weiche.— In einer Stunde bin ich zurück mit Zeugen und Petſchaft, verſicherte geſchäftig und bewegt der Conſu⸗ lent, indem er Hut und Stock zuſammenraffte, und mit ſeitwärts forſchenden Blicken den wieder in Apathie ver⸗ ſunkenen Nabob verſtohlen beäugelte. Doch noch ein demüthiges Geſuch an den venerablen Gönner! ſprach er dann noch einmal zurückkehrend. Ihr Pavillon hinten im Park ſteht ungenutzt. Mein kleines Haus iſt bis zum Dache voll von Verwandten, thörichten überrheiniſchen Flüchtlingen, die ihrem guten Schickſale, der ſich neu gebärenden Welt, ausgewichen. Ein Jugendfreund aus Straßburg ſchlief letzte Nacht in meinem eigenen Bett, 12¹ indeß ich im Kanapee campirte. Dürfte er auf wenige Tage in dem Gartenhäuschen Logis nehmen?— Ihr ſeid Herr im Hauſe, ſtöhnte der Kranke; thut darin nach Gefallen. Treibt die faulen Diener mit der Peitſche, hetzt die träge Köchin. Euer Gaſt ſoll es ſo gut haben, wie ich, beſſer wie ich, der nichts mehr ge⸗ nießen darf. Ihr ſeid mein Troſt, Rath, Erlöſung. Thut, was Euch beliebt mit meinem Eigenthume, nur kehret bald.— Der Conſulent beeilte ſeinen Abſchied, doch warf er in der Thür noch einen Blick zurück, und als er die Augen des Erblaſſers geſchloſſen ſah, die dürren Hände ausgeſtreckt auf den Decken hingen, da flog er mit ju⸗ gendlicher Eile die Stiege hinab, und ſetzte das Haus in ungewohnten Allarm durch ſeine Befehle an die ſklas viſche Dienerſchaft. In derſelben Frühſtunde wanderte lebensmuthig und hoffnungsreich der junge Förſter Leopold in den friſchen, heitern Herbſtmorgen hinaus. Wer entbehrt und vom Schickſale nicht verzogen wurde, hat der Freuden mehr und manche, welche das Schvooßkind des Glückes weder ahnet, noch kennt; die ewige Vorſicht, alle ihre Geſchaf⸗ fenen im Auge, ſtellt dadurch die gerechte Waage ins Gleichgewicht. Sein Bräutchen und die Mutter waren zur Kirche gegangen, um zu danken für das Geſpendete, zu beten für künftige Nothdurft. Andächtig wie ſie, ſein Herz auch von dankbarer Freude erſchloſſen, wanderte er durch Flur und Wald dem Jägerhauſe zu, welches be⸗ ſtimmt worden, der Tempel ſeines künftigen, ſtillen und beſcheidenen Glückes zu werden. Er wollte nachſehen, 122 was zuerſt als das Nothwendigſte angeſchafft werden mußte, und berechnete auf ſeinem Marſche, wie weit dazu der Reſt des fürſtlichen Geſchenkes ausreichen möchte. Von fern ſchon haftete ſein Auge an dem netten Ge⸗ bäude, deſſen Giebel von ſtattlichen Hirſchgeweihen ge⸗ krönt zwiſchen den falben, nur noch halb belaubten Eichen hervorſchaute, und ſeine Träume ſahen den grünen Plan davor ſchon mit einem niedlichen Weibchen und einem ſich balgenden Bubenheere bevölkert. Da ſtand er ſtutzend ſtill und blickte ſchärfer hin, denn eine bepackte, vor⸗ nehme Karroſſe ſtand unbeſpannt im Hofraume, und ehe er zur Löſung des Räthſels kam, trabte ihm ſchon der alte Forſtknecht, der Wächter des leeren Hauſes, ent⸗ gegen und brachte die Löſung. Der alte Menſch, der Nachtwachen im Dienſte ige⸗ wohnt, hatte in letzter Racht noch ſpät bei dem Lämp⸗ chen geſeſſen und herrſchaftliches Jagdzeug ausgebeſſert. Da wird's außen laut, ein Poſthorn bläſet, Nothſtimmen treffen ſein Ohr. Er findet einen Reiſewagenzvoll Blut und Jammer. Man jammert über Raubanfall, über Mord und bittet um Schutz und Hülfe, und mitleidig leiſtet der Alte, was er vermag, doch kommen die Gäſte ihm gar wunderbar vor, denn ſie reden nicht deutſch, bis auf einen Diener, der den Poſtillon gut bezahlt fortſchickt, doch ihm zuvor das Verſprechen abnimmt, nichts von dem Vorfalle oder dem gefundenen Zufluchtsorte zu ver⸗ rathen, und eben ſo ängſtlich das Anerbieten ablehnt, welches der Forſtknecht gethan, Arzt und Chirurg aus der Stadt herzubeordern, mit der Aeußerung, daß er ſelbſt die Verwundeten zu behandeln verſtehe. Der Förſter gedachte ſeines nächtlichen Abenteuers und beeilte ſeine Schritte. Er fand eine franzöſiſche 123 Familie der höhern Klaſſe, wie ihn ſchon das Wappen am Wagen hatte vermuthen laſſen, die ſeine Ankunft zu erſchrecken ſchien, nach ſeiner erſten Anrede(er war der fremden Sprache in etwas mächtig), jedoch vertrauend ihn als Beſitzer ihres Aſyls bewillkommte und ihn bittend umringte. Der Herr, ein anſehnlicher Mann in den beſten Jahren, ſaß auf einem Strohlager, welches der Forſtknecht eiligſt zuſammengeſchleppt. Sein rechter Arm war durch einen Piſtolenſchuß zerſchmettert, ſein Geſicht bleich und von Schmerz verzerrt. Im offenſtehenden Nebenkämmerchen lag auf ähnlichem armſeligen Schmer⸗ zensbett ein zweiter Patient von noch bedenklicherm Anſehen. Er ſchien ein ältlicher Mann mit ergrauetem Haar in der ſimpeln Tracht eines Hausbedienten. Die zweite Kugel war ihm durch die Bruſt gefahren, er lag bewußtlos, mit ſchwertönendem Athem und in leiſen Delirien ſchwatzend. Eine Dame von ſchlankem Wuchs, eine kleine, runde Soubrette und zwei Lakaien machten die übrige Geſellſchaft aus. Die Dame war ſehr be⸗ ängſtet um den Gemahl, welcher finſter vor ſich hin⸗ blickte, und nur zuweilen einen wilden Fluch ausſtieß, doch als der Förſter auf eine raſche Anzeige bei der Gerichtsbehörde drang, dieſe ſren und mit lebhafter Bewegung verbat. Euer Eifer würde unſere Gefahr vergrößsrn, ſagte er mit Schaudern und zerſtörten Blicken. Nicht Straßen⸗ räuber haben uns ſolch Leid gethan. Wir flüchteten aus Paris, wo man uns proſcribirte. Das Glück ſchien uns günſtig, wir überflogen glücklich die ſtreng bewachte Grenze, und träumten uns gerettet aus den Blutbächen und aus den Metzeleien, welche das arme Vaterland zu einer Mordhöhle machten. Aber ein heimlicher, teufliſcher 124 Feind folgte unſerer Spur. Ein entſetzlicher Feind war es, deſſen Stimme wir in verwichener Nacht erkannten. Ein leiblicher Bruder iſt es, der die Treue ſeinem Könige ſeiner Religion, ſeinem Gotte gebrochen, der ſich frater⸗ niſirte mit den Schlächterhorden und den bluttrinkenden Marſeillern, der den Namen ſeines Vaters von ſich ge⸗ worfen und alles Menſchliche abgeſchworen. Mein Tod macht ihn zu meinem Erben, und er fürchtet meine An⸗ ſprüche auch in der Verbannung, die wir ſelbſt erwähl⸗ ten. Seinem Verrath entgingen wir, und da ihm die Freude verdorben ward, den Sohn ſeines Vaters auf dem Henkerkarren zum Greveplatz führen zu ſehen, ſo bewaff⸗ nete er den eigenen Arm, um ſelbſt der ſichere Henker zu ſein— O mein Herr, jammerte die Dame, haben Sie Mit⸗ leid mit uns. Vielleicht verlor unſer Verfolger die Spur in der Wetternacht, oder floh nach Frankreich zurück, weil er ſeinen entſetzlichen Vorſatz, ſeine Gräuelthat voll⸗ bracht glaubt. Nur um einen Tag Ruhe für den Gra⸗ fen bitten wir. Die Diener ſind bewaffnet und ſchützen uns ſchon. Alles Nöthige für unſere Erhaltung, für den Verwundeten haben wir bei uns. Sobald als nur mög⸗ lich ſetzen wir unſere unglückliche Reiſe fort; nur der arme, getreue maitre dhotel, der Bernardin wird zu⸗ rückbleiben müſſen, er wird das Opfer ſein und ſein Grab finden in dieſem Lande. O mein Herr, was wir geſehen, erlebt haben, nimmt dem Leben ſeinen Werth,£ dem Namen Menſch ſeine Ehre. Allein aus Inſtinkt rettet man das Leben; der Naturtrieb ſcheucht den Flücht⸗ ling vom ſengenden Boden, aus der giftſchwangern Luft, obgleich ein Jeder von uns ſich ſelbſt ſagt, jener Ster⸗ vende dort ſei als der Glücklichſte zu betrachten, denn 125 er wird bald dem Gräßlichſten entfliehen, was die Zeit gebar, und wir Andern wiſſen nicht, welche Qualen, welch Entſetzliches uns für die nächſte aufgeſpart wurde.— Sie ſind auf deutſchem Boden, Madame, antwortete der Förſter ergriffen und ehrerbietig, wo die Gaſtfreund⸗ ſchaft zu Hauſe, das Geſetz unantaſtbar iſt, Hier mor⸗ det man den Prieſter nicht auf der Schwelle des Bet⸗ hauſes; hier vertheidigt Kindespflicht die Eltern; hier hält man den Bürgereid; hier ſchirmt fromme Sitte Jungfrau und Mutter; hier verräth kein Bruder den Bruder, und— ſetzte er mit weniger lebhaftem Tone hinzu, denn er gedachte des Ohms;— gibt es ſeltene Ausnahmen, ſo trifft ſie die ſtrafende Stimme und das Gericht des Volks. Ueberlaſſen Sie ſich der Hoffnung und der Pflege der Kranken; noch heute ſollen die nöthi⸗ gen Bequemlichkeiten in dieſen leeren, bis jetzt herrn⸗ loſen Wänden eintreffen. Die deutſchen Heere ziehen eilig heran, den alten Grenzſtrom gegen die fremdlän⸗ diſchen Eindränger zu vertheidigen; ſchon morgen, über⸗ morgen können die Braven eintreffen, und in ſolchem Schutz wird Ihre letzte Sorge ſchwinden. Doch meine Pflicht als Herr dieſes Ortes befiehlt mir ſowohl den Gerichtsarzt herbei zu rufen, als auch den Behörden Anzeige von dem geſchehenen Frevel zu machen.— Alle Stimmen thaten Einſpruch, nachdem er ihnen aber erzählt, wie er ſelbſt Zeuge jenes nächtlichen An⸗ falls geweſen, wie ſein kühner Angriff die Straßenritter ins Feld verſprengt, wie ſie darum nicht wagen würden, in der Gegend ihrer That zu weilen, ſo ſchienen ſich die Gemüther zu beruhigen, man fügte ſich, der weibliche Theil der Geſellſchaft ſchien beſonders Vertrauen zu dem männlichen Schützer gewonnen zu haben, und die kleine, 126 rothwangige Griſette ließ ihre funkelnden Augen faſt nicht mehr ab von dem ſchmucken Jägersmanne. Der Forſtknecht ward zur Stadt geſchickt und der Medikus langte nach kurzer Friſt zu Pferde an. Er fand den Grafen nicht ohne Gefahr und die Weiterreiſe fürs Erſte unmöglich. Am Lager des Haushofmeiſters, deſſen Fie⸗ ber zu ſteigen ſchien, und der immer heftiger und in allerlei Mundarten franzöſiſch, deutſch und engliſch phan⸗ taſirte, zuckte er die Achſeln. Der Förſter empfahl dem Medikus die höchſte Sorgfalt, indem er ſich bereit machte, zur Stadt zurück zu kehren, Mobilien und Betten ſo ſchnell als möglich heraus zu beſorgen. Da faßte der Arzt ſeine Hand. Ihr ſeid ſo flink für fremde Noth, ſagte er, vergeßt darüber nicht Euer eigenes Wohl. Irre ich nicht, ſo gehen in Eures reichen Oheims Hauſe Dinge vor, die Euren Vorheil, Eure Recht befährden könnten. Verſäumt nicht den Gang dorthin. Die Sterbe⸗ ſtunde erweicht oft die härteſten Seelen und es ſteht ſchlimm mit dem Herrn Andreas.— „Andreas!“ hallte es ferner nach wie ein Sterbe⸗ ſeufzer und Beide ſahen ſich erſchrocken um, woher die geiſtige Stimme gekommen, doch ohne Aufſchluß, und der Förſter beſchleunigte ſeinen Abſchied. 2 „ Mutter Anna hatte den Ankauf und die Beſchaffung der nöthigen Movilien übernommen, Nachbar Mull ſich der gerichtlichen Anmeldung unterzogen und verſprochen, mit Jungfer Chriſtel zum Forſthauſe hinaus zu ſpazieren und für die Einrichtung zu ſorgen; Leopold unternahm den wichtigen Gang zum Ohm mit freiem Muthe, wie ihn das unbeſchwerte Gewiſſen der unbefangenen Jugend * 127 hat, wenn auch nicht ohne Herzklopfen. Der ſchwarze Portier kannte ihn ſchon, denn Leopold hatte nicht unter⸗ laſſen, ſeit Herr Fredden krank lag, ſich oft nach ſeinem Zuſtande zu erkundigen, welches freilich von dem Kranken als böswillige Neugierde, frevelnde Hoffnung auf ſeinen Tod ausgelegt worden. Der Neger ſchüttelte ſeinen wolligen Kopf, verſprach die Meldung zwar, doch ohne Glauben an Erfüllung des Wunſches, und verwies den Harrenden ſo lang in den Garten. Faſt ein Stündchen ſchon war der Förſter in den Alleen und Gebüſchgruppen herumſpaziert und Niemand hatte ihn abgerufen; doch war auch keine Abweiſung an ihn gelangt und ſo ſchwand ſeine Hoffnung nicht. Er ſtudirte ſich zum zwanzigſten Male die Anrede an den niemals geſprochenen Oheim ein, und ſetzte ſich da⸗ bei zuletzt in die Nähe eines Gartenhäuschens auf eine noch ziemlich von Herbſtgeſträuch verſteckte Bank, denn er fühlte ſich durch das Wandeln ermüdet. Aus ſeinem langen Sinnen weckte ihn bald ein nahes Geräuſch und er ſah die Thür des Pavillons eröffnet und zwei Männer auf der Schwelle im lebhaften Ge⸗ ſpräch, von denen er den Einen ſogleich als einen geach⸗ teten Anwalt der Stadt erkannte. Vertraut mir, mein Herr! ſagte der Andere Franzöſiſch. Zweifelt nicht an meiner grenzenloſen Dankbarkeit. Der werthvolle Ring ſei Euch vorerſt nur ein geringes Pfand derſelben. Der Staatsverräther, deſſen Spur ich ver⸗ folgt, kann nicht weit geflüchtet ſein, und die Wunden, die er auf der Grenze empfing, werden ihn feſthalten. Seine Begleiter werden freilich allerlei Mährchen über dieſelben ausſprengen. Mögen ſie es. Spüret ihn auf, mein Herr, da meine eigene Sicherheit mich hindert, 128 weiter zu gehen, ehe nicht die Nationalarmee bis hieher ihre Avantgarde vorgeſchoben. Bringet Ihr mir einen documentirten Todtenſchein, dann wird mein Verſprechen augenblicklich zur That: Ihr ſeid dann Miterbe und nehmet Euren Antheil ſofort baar aus meinen Händen in Empfang. Bis dahin Adieu, und vergeßt Euren gelangweilten Eremiten nicht.— Der Conſulent trippelte raſch und mit ſichtlicher Ver⸗ gnügtheit in den Mienen durch den Garten davon, der Andere ſah ihm mit ſeinen ſchwarzen Augen, in denen etwas Dämoniſches funkelte, gedankenvoll nach, da traf ſein Blick auf den Förſter, der neugierig aus ſeinem Verſteck getreten, und des Fremden Geſicht ward bleich zwiſchen dem ſchwarzen, buſchichten Barte. Er trat ſchnell zurück und verſchloß von innen die Thüre hin⸗ ter ſich. Auch der Förſter fühlte ſich betreten bei dem Erblicken des martialiſch gebauten Mannes, doch ehe er ſich Re⸗ chenſchaft zu geben vermochte über das Warum, ward ſein Name gerufen, und der Neger winkte mit den gro⸗ ßen Rollaugen, fletſchte mit ſeiner fremdartigen Freund⸗ lichkeit die weißen Zahnreihen, und rief:„Maſſa iſt gut, Maſſa will den Jungherrn ſprechen.“ Der Jüngling ſchrack zuſammen, als hätte ihm Je⸗ mand ein Todeswort zugerufen! er vergaß den Pavillon und ſeine Bewohner, ſein Herz klopfte mit jeder Stufe höher, die ihn der Schwarze hinauf begleitete, und als er jetzt durch die weiten, prachtvoll decorirten, aber öden und leeren Vorzimmer ſchritt, fiel ein Winterfroſt 3 auf ſeine Bruſt, und der furchtloſe Jägermann bebte an der halb offenen Thüre, da eine kreiſchende, mißtönendi Stimme innen herriſch befahl: Ich höre den n 129 Geh hinaus, Nobs; doch nicht von der Thür, und horche der Glocke!— Ein langer Burſch, der eher dem Bootsmanne eines Seeräubers, als einem Lakaien glich, trat ihm entgegen, maß ihn mit boshaften Blicken ohne Gruß, und deutete ihm an, einzutreten. Da ſtand er nun auf der ſehnlichſt gewünſchten Stelle; die Stunde hat geſchlagen, von der er ſein Glück ge⸗ hofft, aber Wort und Gedanke waren wie verwiſcht, und er wagte kaum aufzuſehen in des Ohms düſteres Geſicht, in die hohlen, aber doch ſo ſcharfen Augen, die ihn feindſelig von dem Scheitel bis zur Sohle maßen. Nun, was will Er? fragte hart und fremd nach einer peinlichen Pauſe Herr Andreas. Der Förſter er⸗ mannte ſich. Zuerſt danken, verſetzte er ſcheu und mit bewegter Stimme, für die Güte, die mir vergönnte, endlich einmal vor dem einzigen verehrten Anverwandten zu erſcheinen, der uns geblieben. Die Freude macht— Die Freude theile ich nicht, unterbrach ihn barſch der Alte; wenigſtens hätte Er mir's erſparen können, Ihn in dem Rocke da vor mir zu ſehen.— Leopold betrachtete ſich erſtaunt. Der Rock iſt unſers Herzogs Rock, ſagte er verwirrt. Eine Livree, ein Bedientenkittel! Pfui! raſſelte der Alte los.— Mapcher Redliche trug ihn! antwortete der Jäger. Und wi darin verdient wurde, ward ehrlich, wenn auch ſauer verdient.— Weiß Er, wer Sein Großvater war? unterbrach ihn Herr Andreas. Sein Großvater ſaß zum öftern an der Tafel, bei der Er die LTeller ſervirt. Sein Groß⸗ vater unterſchrieb die Befehle für ein Drittheil der Blumenhagen. 1v. 9 * 130 Schlemmer, denen Er die Gläſer präſentirt. Doch ſo hoch er ſtand, ſo kräftig war auch Sein Großvater. Er ſprach ſelbſt zu ſeinem Herrn die Wahrheit, und da⸗ für ſtarb er auf der Feſtung, und was er beſaß, wurde ihm genommen. Das wußte Er, der Großſohn, und demſelben Herzoge, der Seinen Großvater alſo behan⸗ delt, verdingte Er ſich als Knecht, als Leibeigenen. Meinen Schwarzen, obgleich er nur eine Art Thier iſt, habe ich ihm zum Tambour für ſeine Leibgarde verwei⸗ gert; und Er dagegen?— Mein Vater führte mich auf die Stelle, ſtotterte der Jüngling.— Sein ſauberer Vater, lachte aus hohler Bruſt der Kranke, was war er denn? Kammerdiener, Kaſtellan auf ſo einem Duodezſchlößchen, auch verwandt mit Schuh⸗ bürſt und Stiefelholz! Schande für meines Vaters Toch⸗ ter, daß ſie ſich ſo weggeworfen!— Das Blut ſtieg dem Förſter ins Geſicht, doch faßte er ſich und erwiderte ohne Härte: Sollte ſie hungern, da ihr das Schickſal den Ernährer zuwies? Sollte ſie ein Herz zurückweiſen, das ihr Liebe bot, da ſie ſo allein ſtand, ohne Freude in den Jahren, die Gott zur Freude gegeben? Hätte ſie gewußt, daß ein Bruder wiederkehren würde, der ihre trübe Lebensnacht hätte hell machen kön⸗ nen, ſie würde nichts ohne ſeinen Rath begonnen haben. Aber ſie hat die kleinen Lebensfreuden nicht lange genoſ⸗ ſen; ſie ſtarb, als ihr Sohn noch ein Knabe war, und der gute Vater folgte ihr bald. O Herr Ohm, laſſen Sie die Todten, die lieben Todten ſchlafen in ihrem Frieden! Von dem, was die Erde ihren Kindern ſpen⸗ det, iſt ihnen nur mit kurzem Maaße gemeſſen worden.— Herr Andreas ſchien unruhig, weil ihm die Antwort 131 gebrach: er drehete ſich in ſeinem Polſterſtuhle unwillig hin und her, und wiederholte dann ſein: Nun, was will Er denn ſo eigentlich?— Das Glück hat Ihr Bemühen geſegnet, Herr Ohm! begann lang athmend der Jüngling. Sie ſind ein rei⸗ cher Mann.— Der Kranke fuhr in die Höhe. Und da kommt Er frech daher, will ſehen, ob der reiche Mann noch nicht bald die Augen ſchließe? Will forſchen, wie es ſteht mit der Erbſchaft?— Er ſchlug den Deckel einer Kiſte auf, die von koſtbarem Holze gefertigt und mit gelbem, blan⸗ kem Metall beſchlagen auf einem Seſſel neben ihm ſtand. — Seh' Er her, mein Schatz! rief er höhniſch. Da liegt Gold, viel Gold, da liegen Papiere, die in jeder Hauptſtadt Europas zahlbar ſind, und mit denen man ſeines Herzogs ganzes Herzogthum kaufen könnte. Aber ſeh' Er auch hier!— Er hob mit zitternder Hand ein Papier vom Tiſch. Kennet Er ſo ein Inſtrument? Das nennt man ein Teſtament, und das Blättchen macht alle Eure boshaften Hoffnungen zu Schanden. Ihr ſollt nicht tanzen auf des Andreas Grabe, ihr ſollet nicht unter euren ſchwarzen Trauerkleidern lachen über den alten Thoren, der Leben und Blut daran ſetzte, den Schatz da zuſammen zu ſparen für verſchwenderiſches Bettelvolk das den Namen Fredden in den Schmutz brachte und ſich jetzt erſt um den Ohm kümmert, weil man in eurem Krähwinkel von ihm wie von einer halben Leiche ſpricht. — Erſchöpft und keuchend ſank der Alte zuſammen, und der Blick auf ihn erſtickte jede Aufwallung des Jünglings. Haben Sie es denn anders gewollt, Herr Ohm? fragte er mitleidig. O Sie könnten umgeben ſein von einer Familie, die Sie als Wohlthäter, als Vater 132 verehren, Ihnen gehorchen, Sie pflegen würde, wie es guten, dankbaren Kindern Pflicht iſt. Nein, Sie können nicht glauben, daß die, in denen das Blut Ihres Vaters fließt, ſo unchriſtliche, ſo ſündhafte Gefinnungen hegten, auf Ihren Tod zu hoffen! Das Schickſal hat uns Alle ſchwer gedrückt, aber wir ſind zufrieden geweſen, haben auf Gott vertrauet, der wiſſen muß, was jedem am Beſten thut. Auch dieſer Rock, der Sie erzürnt, hat ſeine letzten Dienſte gethan, denn der Herr hat Ihren Neffen gnädigſt zum Förſter ernannt.— Förſter? murrte der Alte. Was Großes, was Rech⸗ tes! Nun, da hat Er ja ein trockenes Neſt, ſo eine Art Hundeſtall, und einige Dutzend Thaler dazu. Da wird Seine Zufriedenheit weniges mehr zu wünſchen haben. Gratulire dazu und ſchieße Er Seine Haſen und ſchneide Seinen Hunden das Kleienbrod, laſſe mich aber förderhin in Ruhe, denn ſo hat Er ja mich nicht nöthig in Seinem Kröſus⸗Glücke.— Der Herr Ohm hat Recht, antwortete der Förſter mit wachſender Unruhe, für mich allein wäre das voll⸗ auf und mein Dankgebet iſt heute heiß und innig zum Himmel aufgeſtiegen. Doch da iſt die Chriſtel, ſetzte er verſchämt und langſamer hinzu, Ihres ſeligen Bruders Kind. Es iſt ein gar herrliches Mädchen! hätte der Herr Ohm ſie nur ein einziges Mal geſehen, Sie wür⸗ den ihr gut ſein wie ich, wie alle Nachbarn in der Stadt ihr zugethan ſind. Wir ſind mit einander groß geworden. O Herr Ohm, wir ſind ein Herz und eine Seele, was das Eine will, hat das Andere längſt ge⸗ wollt. Herr Ohm, Sie könnten zwei Menſchen glücklich machen, und das ſoll ja ſich lohnen durch ſich ſelbſt. Die Förſterei reicht nicht hin für zwei oder gar mehr. Zur 133 Einrichtung mangelt Alles, denn die brave Mutter Anna ſetzt ſich auch mit Sorgen zu Tiſch. Herr Ohm, es iſt nur Wenig, was wir bitten. Der Kaſten dort wird nicht leichter dadurch werden. Denken Sie an den Bru⸗ der und die Schweſter, die vielleicht in dieſer Stunde uns umſchweben, werden Sie uns gütiger, theurer Vater. Keine fremde Hand wird dann ferner an Ihrem Bett auf Ihre Befehle warten! Liebe wird Ihre Kiſſen legen, Liebe Ihnen die heilende Arznei reichen, Liebe, wenn Gott ruft, Ihnen die Augen ſanft zudrücken, und Ihr Andenken ſegnen.— Der Kranke hatte immer geſpannter zugehorcht, und ſeine Geſtalt hatte ſich immer mehr erhoben. Ingrimmig ſchlug er jetzt mit der Fauſt auf den Tiſch. Alſo da hinaus ging die Komödie? rief er mit Anſtrengung. Die ſtolze, ſpröde, liſtige Frau Annette hat Ihm den Sermon einſtudirt? Wittert ſie in ſpäter Reue, daß ihr entgehen könnte, was ſie gehofft, nachdem ihr Herzblatt als Vagabund ſie im Stiche gelaſſen? Oh, mein junger Fant, hat der Andreas auch ehedem ſich von ihr ein Näschen drehen laſſen, ſo iſt er jetzt ein alter Fuchs geworden und geht dem Prellen aus dem Wege. Alſo Ihn hat ſie mit dem Töchterchen verkuppelt, und der Ohm ſoll die Brautringe bezahlen? Sieht Er, daraus wird nichts, ſo lange dieſe Augen offen ſtehen. Geſchwi⸗ ſterkinder heirathen ſich nicht ohne Conſens des Seniors der Familie. Des vagabundirenden Banquerotteurs Töchterlein und Er, der Lakai und Lakaienſohn, das gäbe freilich eine koſtbare Harmonie von Gleich und Gleich! Aber bei meinen Lebzeiten ſoll euch zum Trotz nichts aus der Partie werden, und ſollte ich mein halbes Ver⸗ mögen daran thun. Und wenn ich nicht mehr da bin;— 134 Nun dann, ſetzte er vor Zorn geifernd hinzu, dann kann Er und die eitle Perſon thun, was euch gutdünkt, und das Bischen, was ich leider von meiner Habe euch hin⸗ werfen muß, wird genug ſein für eure Jammerwirth⸗ ſchaft, und möge es brennen in eurer Hand, und ein Kuckukei werden, das der Teufel in eure Wirthſchaft gelegt.— Der Förſter wollte ſich wenden und raſch davon gehen, aber ſeine Erbitterung war zu hoch geſteigert, und durch⸗ brach die Zögel. Herr, ſagte er lebhaft und mit blitzenden Augen, Sie ſind ein alter, kranker Mann, darum verhehle ich die Antwort, die meine Zunge drückt. Sie können kein Bruder des Mannes ſein, der eine Chriſtel Tochter nannte, kein Bruder der Mutter, die mich ſchon von früh an lehrte, menſchlich ſein gegen den Aermſten, an deren Thür kein Elender klopfte, mit dem ſie nicht ihr Brod getheilt. Wälzen Sie ſich auf Ihrem Mammon, laſſen Sie ihn mit ſich einſcharren im ſilbernen Sarge⸗ Wer der Liebe entbehren kann, verdient auch die Liebe nicht. Aber das, was uns von Ihrer Habe das Recht zugeſtehen möchte, bleibe auch Ihnen, denn es ſoll nicht brennen wie Höllengold in unſern Händen. In meiner Chriſtel, in der Mutter Namen, verzichte ich auf jeden Heller, den das Blatt dort auf dem Tiſche uns zuſagen könnte. Wir würden es einem Krankenſpitale zuwerfen müſſen, damit es uns nicht an einen Mann erinnerte, der den frohen Lebensmuth, den wir in Noth bewahrt, mit ſeinem ungerechten Haß vergiftete, und Unſchuldige, die ihm nichts gethan, ſo tödtlich beſchimpfen konnte. Niemanden von uns ſollen Sie wieder ſehen, aber preſſen ſoll Sie bis zum letzten Athemzuge das Bewußtſein, daß 135 wir Ihrer nicht bedürfen, daß wir glücklicher ſind, als Sie mit all Ihrem indiſchen Golde.— Den Hut ſich heftig auf die Stirn drückend, ent⸗ fernte er ſich raſch; Herr Andreas keuchte laut, griff nach der Glocke, konnte ſie aber nicht erreichen mit den in Zorn bebenden, wie im Todeskrampfe zuckenden Fingern. In jedem Menſchenleben gibt es Zeitpunkte, die einen überraſchenden Einfluß auf das Gemüth gusüben, ja den ganzen Charakter des nachher Handelnvin als Pro⸗ dukt erſcheinen laſſen; ſie gleichen vulkaniſchen Erup⸗ tionen und Erderſchütterungen, die entweder ein Pompeji verſchütten oder aus ſeinem Grabe wunderbar hervor⸗ ſteigen laſſen. Die Scene mit dem herzloſen Ohm war völlig geeignet, eine ſolche Kataſtrophe für den Neffen zu erzeugen. Leopolds Gemüth war weich geboren und, von weiblicher Hand erzogen, weich geblieben. Der alte Herzog, wenn auch jähzornig, despotiſch und ſtarrſinnig, wo er Böswilligkeit und Widerſpruch oder Mangel an Anerkennung ſeiner Souveränetätsrechte fand, wußte doch ſeine Umgebungen durch ſeine Charakterſtärke, durch ſeine Ordnungsliebe, durch ſeine ſtrenge Gerechtigkeit gegen Arm und Reich, durch ſeine Aufmerkſamkeit auf ihr Ein⸗ zelwohl zu feſſeln, ſo lange jene genannten Schwächen nicht ins Spiel kamen, und ſelbſt das Volk hing in treuer Hochachtung am fürſtlichen Hauſe, wenn auch dieſe Anhänglichkeit nicht ganz ohne die herbe Beimiſchung der Furcht zu Tage kam. Man lebte ja damals noch in der Zeit, wo keine fremdländiſche Philoſophie den deutſchen Boden berührt hatte, kein Luftſtrom peſtilentialiſche Mias⸗ mata über den Rhein in deutſche Gauen eingeführt hatte 136 und man von der berüchtigten Lutetia nur ihre poſſier⸗ lichen Kleidermoden zur Nachäffung empfing. Leopold war von Kindheit an zur Unterwürfigkeit, zur Ordnung, zum ſtrengen Gehorſam gewöhnt worden; er hatte nie über ſeinen Stand hinaus gedacht, nie in die Zukunft den Blick gerichtet, und ſo in ſeiner engbegrenzten Lage Zufriedenheit im Herzen getragen, und die Zufriedenheit Anderer zu gewinnen gewußt. Arm an Weltkenntniß, an Menſchenkenntniß überhaupt, war er auf keine Weiſe vorbereitet auf das, was ihn in des Herrn Andreas Hauſe betroffen, und unerwartet ſtürzte gleich einem fal⸗ lenden Gletſcher, gleich einer verſchüttenden Schneelavine der Ausbruch des fremden Haſſes auf ſein Haupt. Was ihm bis jetzt werth und heilig geweſen, ſah er beſchimpft, ſich ſelbſt in ſeiner harmloſen Kindlichkeit verbrecheriſcher, ſchandbarer Empfindungen und Vorſätze angeklagt, von denen er keinen Keim in ſich getragen, und ſo fühlte er plötzlich einen Gegenhaß, eine Erbitterung in ſich er⸗ weckt, die ſein Blut ſo wild aufgähren ließ, als hätte ein Vipernbiß es mit tödtlichem Gifte durch und durch geſchwängert. Er fühlte, daß es ihm unmöglich ſei, irgend Jemanden, ſelbſt ſeinen nächſten Blutsfreunden, den Inhalt des Geſprächs mitzutheilen, ohne vor Scham und Ingrimm zu vergehen, ſo trieb er ſich irr und zwecklos mehre Stunden im Felde umher, fragte zum Himmel auf, womit er ſolche Mißhandlung verdient, wiegte ſich in allerlei wilden, mährchenhaften Jugend⸗ phantaſien, wie er ſich an dem alten Griesgram rächen möchte und kam endlich ermattet, aber noch immer er⸗ hitzt zu dem Hauſe ſeiner Braut. Das Mädchen ſah beſorgt zu ihm auf, die Mutter und der Nachbar traten ihm neugierig und mit forſchenden Blicken entgegen. 137 Herr Andreas iſt krank, ſehr krank, und ehe er nicht völlig geſundet, läßt ſich nichts mit ihm ſprechen, ſtot⸗ terte er, doch die verſtändige Frau Anna zuckte trüb⸗ ſinnig die Achſeln und ſagte: Wußte ich's doch vorher, und der Schmied ſprach: Wenn Ihr Euch im Buſch nicht beſſer zu bergen wißt, Herr Förſter, ſo wird kein Wild ſich Eurem Schuſſe ſtellen. Die ſaubere Geſchichte ſteht ja mit lichten, großen rothen Buchſtaben auf Eurer Stirn und Euren Wangen.— Es war ein reitender Bote da geweſen, der einen ſchriftlichen Befehl an alle Forſtbediente des Landes ab⸗ gegeben hatte, ſich ohne Aufſchub auf dem Ritterſitze des herzoglichen Oberforſtmeiſters zu ſtellen. Leopold empfing den Befehl in dieſem Augenblicke mit Freude, küßte ſeine Chriſtel, empfahl dem Nachbar Mull und der Braut außen im Forſthauſe nachzuſehen, daß ſeinen Gäſten nichts mangle, und trat ſeinen Marſch nach dem mehrere Meilen entfernten Sammelplatze an. Zwei Tage waren verlaufen. Der Oberforſtmeiſter, ein würdiger, kraftvoller Greis, hatte allen eingetrof⸗ fenen fürſtlichen Jagdbedienten die Ordre ihres Landes⸗ herrn kund gethan und jedem ſeine Inſtructionen ertheilt. Bei dem Vordringen der Neufranken, dieſer damals noch verächtlich betrachteten Sanscülotten, beabſichtigte man alles junge Volk auf dem platten Lande zum Selbſt⸗ ſchutze zu bewaffnen. Auch Leopold wurde beauftragt, in ſeinem Diſtrikte die jungen Bauern an ſich zu ziehen, alles Gewehr, was ſich im Jogdſchloſſe vorfand, unter ſie zu vertheilen und ſie in möglichſter Eile zum Ge⸗ brauch der Waffen einzuüben, auch bekam er ein Schrei⸗ ben mit an die Vorſtände ſeiner Stadt, da die kleine Garniſon derſelben zur Hauptarmee abmarſchirt war, 138 aus den zurückgebliebenen Waffendepots die Bürgerſchaft wehrhaft zu machen.— An einem friſchen, reinen Mor⸗ gen kehrte er heim, von einem Dutzend rüſtiger Land⸗ leute begleitet, die ſich dem in den Dorfſchaften ſchon bekannt gemachten Aufrufe zu Folge bereitwillig an ihn geſchloſſen, und deren Zahl unterwegs immer mehr an⸗ gewachſen. Der Tag war noch nicht lange angebrochen und das kleine Corps Landſchützer, welches auf kürzeren Feldwegen ſeinem Ziele entgegen marſchirte, erblickte ſtutzig auf der hochliegenden Heerſtraße einen militäriſchen Haufen, deſſen blinkende Säbel und rothe Federbüſche über dem Nebelmeere zu ſehen waren, welcher noch die Gegend verſchleiert hielt. Die Reiter, es ſchienen Hu⸗ ſaren, zogen nicht gegen die Stadt hin, ſondern kamen von ihr, und dadurch beruhigt, hielt man ſie für eine Vorhut der längſt erwarteten Reichsarmee. Nicht lange nachher, als unſer Freicorps dem Heerwege näher ge⸗ kommen, ſprengte im ſcharfen Trabe ein einzelner Reiter denſelben Weg, und des Förſters Hund, der ſtämmige Cäſar, wich ſogleich von der Seite ſeines Herrn und fiel mit wildem, lauten Gekläff das trabende Pferd an, und verfolgte es unermüdlich. Der Reiter hieb mit der Gerte nach dem Hunde und als dabei ſein Mantel weit aufflog, ſah man ihn mit einer breiten dreifarbigen Schärpe umgürtet, und als der Fluchende das ſchwarz⸗ bärtige Geſicht zu dem bösartig kläffenden Thiere wandte, hemmte der Förſter erſchrocken ſeinen Schritt. Er hatte mit ſcharfem Jägerblicke den Fremden im Pavillon wie⸗ der erkannt und zugleich am Mantel, der Geſtalt, dem Pferde, jenen meuchleriſchen Straßenritter, den ſein treuer Hund ſchon einmal verfolgt, und der ihm in jener aben⸗ teuerlichen Wetternacht die Hand verwundete. Wie damals 139 war der Frevl er auch jetzt nicht zu erreichen, aber ein inneres Grauen überfiel den jungen Mann, und er ver⸗ doppelte ſeine Schritte, befahl ſeinen Begleitern, ſich Quartier in der Stadt zu ſuchen und nach kurzer Ruhe ſich auf dem Joagdſchloſſe einzufinden, und eilte ſelbſt ſchleunig voraus. Seine böſe Ahnung wuchs und wurde zur heftigen Beklemmung, als er vor dem Städtchen eintraf. Die Landſtraße war abg egraben, am Schlagbaume erhob ſich eine wirre Wagenburg, und hinter ihr drängten ſich im bunteſten Coſtüm und der ſeltſamſten Bewaffnung die Männer der Stadt zur Vertheidigung einer Barrikade, welche nur thörichte Verwirrung und kindiſche Angſt er⸗ funden haben konnte, da ſie beim Vordringen des Fein⸗ des nur ſeinen Groll zu reizen geeignet war, jedoch keinen Schirm dem Städtchen zu geben vermochte, das, ſo wenig es auf der einen Seite von einem kleinen Fluſſe geſichert wurde, auf der andern gar durch Gärten, deren Pforten ſich in das freie Feld öffneten, völlig preis gegeben und zugänglich da lag. Mit Mühe überſtieg er den Nothwall, umdrängt und befragt von angſtbleichen Bekannten. Am Stadthauſe ſah er den Schmied Mull, der im Schurzfell und den großen Schmiedehammer auf der Achſel mit der Organiſation einer ſtattlichen Bürger⸗ compagnie beſchäftigt ſchien.„Der Feind iſt da!“ rief des Nachbars grobe Stimme ihm zu.„Hole Deine Büchſe, Jung, und ſtell Dich zu meinem Leibregimente. Die braunen Huſaren ſpuken ſeit geſtern Abend in der ganzen Gegend umher, doch wir ſind flinker im Ver⸗ ſchanzen geweſen als die Schnapphähne.“— Ohne Ant⸗ wort eilte er weiter, gleich einem gehetzten Hirſche, da traf er auf den Medicus und dieſer hielt ihn feſt am 140 Arme.„Ich habe eine wichtige Neuigkeit für Sie, Herr Leopold!“ ſprach lächelnd der Arzt.„All meine Wiſſen⸗ ſchaft, all meine Arzneien ſind durch Sie, Wunderdoktor, zu Schanden geworden. Der Aerger, den Sie dem Herrn Andreas bereitet, wirkte zauberhaft. Freilich gab's anfangs einen ſtundenlangen Kampf auf Tod und Leben, doch die Natur warf Alles aus, was Giftiges ſich ge⸗ ſammelt hatte, und ſeit geſtern iſt unſer Kranker völlig geſund, wandelt munter umher, ſpeiſet mit dem Appetit eines Grönländers und denkt nicht mehr an Sarg und Teſtament. Als ich ihn beſchwor, daß er nicht mir, ſondern Ihnen, ſeinem Neffen, die Lebensrettung zu danken habe, zog er freilich noch eine grämliche Grimaſſe, doch hoffe ich davon eine Ihnen erfreuliche Nachwirkung. Dem Reichen iſt ja das Leben Alles, ſie küſſen und ver⸗ göttern ſelbſt das Meſſer, das ſie ſchnitt, aber die Tren⸗ nung von ihren Abgöttern verhinderte. Sie kamen ſicher vom Forſthauſe. Hoffentlich ſind unſere Freunde glück⸗ lich abgereiſet, denn ſchon geſtern rüſteten ſie ſich dazu.“ — Ich ſah nichts, ich weiß nichts! ſtammelte der athemloſe Förſter, und machte ſich los, und ließ den verwunderten Aeskulap unhöflich im Stiche. Endlich war das Ende der heute endlos ſcheinenden Stadt erreicht. Leopold betrat den kleinen Krämerladen der Frau Fredden. Die Mutter erhob ſich ſogleich aus dem Sorgenſtuhle, doch mit Entſetzen ſah er die leichen⸗ blaſſe, entſtellte Frau daherwanken. Endlich ein Menſch der Troſt und Hülfe bringt! ſtammelte ſie. Alle, den getreuen Nachbar ſelber, hat die Kriegswuth oder die Kriegesfurcht ergriffen, Alle verließen mich, Keiner hatte Mitleid. Du wareſt außen, Du bringſt ſie? Oder nein! O mein Gott, Du wirſt mich nicht verlaſſen.— 141 Sie ſchwankte mit einer Ohnmacht kämpfend in des jungen Mannes Arme, und er konnte kaum die Frage von den bebenden Lippen bringen: Mutter, wo iſt die Chriſtel?— Zum Fenſter deutete der Mutter Hand, mit dem Blick der Verzweiflung hob ſie die Augen, dann ſtieß ſie gebrochen hervor: Nicht hier!— Nicht bei der Mut⸗ ter!— Seit geſtern im Forſthauſe;— ſie wollte die Kranken nicht verlaſſen; Du hatteſt ihr ja die Pflege derſelben anbefohlen.— Als der Lärm losging, ſetzte ſie dann ſtiller und reſignirt hinzu, da ſchickte ich noch vor Tage den Hausburſchen hinaus, und nur gar bald kam der furchtſame Bote zurück, und ſagte mit Schrecken, daß das Holz von Pferden und fremden Kriegsleuten wimmle.— Der Förſter erhob ſich mit Anſtrengung aus ſeiner Erſtarrung. Hinaus zu ihr auf der Stelle! rief er hef⸗ tig. Gott iſt nicht blind, ſein Arm nicht lahm, er bewacht die Unſchuld. Aengſtigt Euch nicht, Mutter; Chriſtel war im Samariteramte, und da kann ihr nichts geſchehen ſein.— Man hörte ſeiner Stimme an, daß ſie etwas ausſprach, an dem er ſelbſt zweifelte, und krampfhaft hielt ihn die Mutterhand feſt und Frau Anna ſtammelte: Geh nicht ohne mich, Du grauſamer Menſch! nimm mich mit! damit ich wenigſtens eine Stunde frü⸗ her meinen Jammer erfahre und aus der Todesqual ein ſchnelles, befreiendes Sterben wird.— Mit Haſt nahm ſie das blaue Regentuch um und Beide verließen Haus und Stadt. Der kurze Marſch ward zur ſchweren Prüfung. Leo⸗ polds Seele flog vorweg mit Windeseile und ſein Schritt ward aufgehalten von der ſchwachen, wankenden Frau, 142 die er ſtützen, führen, ja faſt tragen mußte. So kamen ſie in das Gehölz und mit innerem Beben ſahen ſie in den wenig betretenen Holzweg, aufgeriſſen von zahlloſen Roſſeshufen. Wortlos, laut keuchend eilten ſie weiter bis da, wo es lichter ward und man das Jägerhaus erſchauen konnte. Thorweg und Thür ſtanden aufgethan, der große Reiſewagen war verſchwunden, aber dicht vor ihren Füßen lag im Waldgraſe ein Menſch, ein todter, blutiger Menſch, und der Förſter erkannte unter kaltem Graus einen der Diener der franzöſiſchen Familie in der Leiche. Chriſtel, ſchrie er mit der Stimme des Wahn⸗ witzes, Chriſtel wo biſt Du?— Alſobald wurde ein ſtruppichter Kopf ſichtbar in einer Oeffnung des Daches. Der Herr Förſter ſelber! jauchzte des Knechtes Stimme; gefeſſelt ſtanden die beiden An⸗ kömmlinge noch einige Augenblicke, da flog aus der Pforte mit verwirrtem und loſem Haar das Mädchen und ſtürzte her zu Mutter und Bräutigam. Die Mutter war neben einem Baumſtamme nieder⸗ geſunken; die Tochter kniete zu ihr hin und hielt ſie feſt und ängſtlich umſchlungen, der Bräutigam rief aber wiederholt: Seht Ihr, Mutter Anna, da iſt ſie ja! O wie hätte ihr etwas Leides geſchehen können! Der Gott im Himmel iſt ja auch dabei!— und helle Thränen lie⸗ fen zugleich dem ſtarken, verwirrten Jünglinge über das blühende Antlitz hinunter. Er hatte ſich auch zu ihnen niedergeſetzt, denn auch ihn trugen die Knie nicht mehr, und auch ihm wurde ſein Theil an den Liebkoſungen des bewegten Mädchens. Von Beiden befragt, erzählte ſie dann nach und nach, was geſchehen, doch gar oft ſich furchtſam umſehend und in den Gebüſchen horchend. 143 Die Nachricht von dem Andrängen der feindlichen Armee, welche bis ins Forſthaus gedrungen, hatte den franzöſiſchen Grafen beſtimmt, ſeine Abreiſe zu beſchleu⸗ nigen, und der Holzknecht hatte die Poſtpferde beſtellen müſſen. Alles ging am geſtrigen Abend ruhig ſchlafen, und die franzöſiſche Dame bedauerte nur, daß ihr Wirth nicht daheim ſei, und ſie ohne Abſchied von ihm, und ohne ihm ſelbſt ihre Dankbarkeit beweiſen zu können, zu ſcheiden gezwungen wäre. Ein ſchreckliches Erwachen ſtand ihnen bevor. Furchtbares Gelärm, wildes Getobe umtönte das Gebäude; gleich einer Räuberbande, die Einbruch droht, ſchlug es an die Gehege und Säbel klirrten rundum. Der ausſchauende Knecht berichtete mit Zittern, fremdes Kriegsvolk habe den Hof umſtellt und franzöſiſche Flüche begehrten Einlaß. O was mußte ich ſchauen im matten Schein des Nacht⸗ lichtes, als ich von meiner Schlafſtelle herbeigeeilt! jammerte die Jungfrau. Die Gräfin hielt den Herrn umfaßt, der wie ein Steinbild daſtand und recht jammer⸗ voll mit ſeinem verbundenen Arme und im Nachtkleide anzuſehen war.„ Es iſt der Bruder, es iſt der unna⸗ türliche Henri und ſein Henker! ſagte er mit hohler Stimme.„Alſo keine Rettung?“ kreiſchte die Gräfin. „Nur eine, der Weg von hier zum Schaffot!“ antwor⸗ tete der Graf, wie aus der Bruſt eines Todten.„Mit Dir, Auguſtin,“ antwortete die Dame, ſie ſollen mich nicht losreißen von Dir! Mit Dir zum Hochgericht, zum Greveplatze!“— Die Dienerſchaft heulte dazwiſchen und die kleine Zofe rief ſtets nach dem Förſter, der ſie zu ſchützen verſprochen. Aus dieſer Schreckensſcene rief mich der Chriſtoph.„Sie treten die Thür ein; geſchwind mir nach! Für die da iſt keine Hülfe mehr!“ flüſterte er, 144 und willenlos fühlte ich mich die ſchmale Stiege hinauf geſchleppt, die des Chriſtophs Fußtritt hinter uns um⸗ warf, hoch hinauf unter das Giebeldach, wo das Heu einen Verſteck darbot.— Sie erzählte nach einem Anhalt der Erholung weiter wie ſie vor dem hörbaren Jammer unten den Kopf tief in das Heu verborgen, der Knecht ſich dennoch an eine Oeffnung im Dach gewagt, um im Lichte des ſpät auf⸗ gegangenen Mondes, welches die kahlen Baumgipfel durchbrochen, den Ausgang zu erlauſchen. Die Huſaren hatten die Kaleſche des Pariſers herausgezogen und mit ihren eigenen Pferden beſpannt. Man hatte die Flücht⸗ linge herausgeſchleppt, doch das gräfliche Paar beſtieg gefaßt und entſchloſſen den Wagen und wurde anſtändig behandelt, nur die heulenden Diener tractirte man hart, und als der jüngſte Lakai ſich im Gedräng davon ge⸗ macht, ſetzte ein Reiter ihm nach und ſchlug ihn nieder. Der ganze Zug verlor ſich alsdann im Gehölz und eine Grabesſtille trat an die Stelle des wüſten Gelärmes, durch die man nur das ſchauerliche Wehgeheul des nie⸗ dergeſchlagenen Dieners hörte, das aber auch nach kur⸗ zer Weile verſtummte. Das Mädchen beredete mehrmals den Knecht, mit ihr hinabzuſteigen und dem mitleidlos zurückgebliebenen Verwundeten beizuſtehen, doch der Alte zwang ſie zu bleiben. Der iſt verendet, ſagte der Vor⸗ ſichtige, kreiſchte er doch gleich einem Raubvogel nach dem Schuſſe, und wer von ſolcher Fauſt getroffen, be⸗ darf keiner Aeſung mehr. Wer ſteht aber uns dafür, daß nicht eine zweite Schwadron nachgerückt kommt und zuſchaut, was die Kameraden übrig gelaſſen?— Und ſo blieben Beide in ihrem Verſteck, bis Leopolds Stimme wie Engelsruf vom Himmel ihnen Erlöſung verkündigte.— 145 O die armen, verlornen Menſchen! ſeufzte der För⸗ ſter und warf einen ingrimmigen Blick die Straße hinab. O was hätte mit Dir geſchehen könnenk ſchluchzte die Mutter und umklammerte das Kind feſter. Böſe Chriſtel, wie konnteſt Du auch über Nacht im fremden Hauſe bleiben?— War es mir denn fremd? fragte das Mädchen. Iſt es denn nicht ſchon halb mein Haus, und that es mir doch ſo wohl, die Hausfrau zu ſpielen! Aber mich hielt noch etwas Anderes feſt. Die Herrſchaften kümmerten mich nicht beſonders, denn ſie fragten nicht viel nach mir, und ich verſtand ihre Rede nicht, und die kleine Zofe ärgerte mich faſt und weckte meine Eiferſucht, weil ſie immer in ihrem ſchlechten Deutſch nach dem Herrn Förſter fragte. Aber hinten im Kämmerchen lag ein alter, todtkranker Mann, und die andern machten ſich wenig um ihn zu ſchaffen, da er es doch am meiſten zu bedürfen ſchien. Seit er zur Beſinnung gekommen, ſprach er ſtets deutſch mit mir, wenig zwar, denn er war ſehr ſchwach und leidend, doch wenn ich ihm ſein Bett zu⸗ recht gelegt, er lag oft recht unruhig, ſo hielt er meine Hand feſt und ſah mich mit wunderlichen, ſtarren Blicken an, und bat mich leiſe, ihn nicht zu verlaſſen, bis ihn Gott gerufen, und das würde nicht lange mehr hin ſein. Mutter, ich konnte nicht von dem alten kranken Manne gehen, und ſaß bei ihm, und hatte mich ſpät erſt, als er zu ſchlummern ſchien, von ihm wegbegeben. O ſie werden auch ihn getödtet haben, denn für die weite Reiſe konnten ſie ihn ſicherlich nicht lebendig fortſchleppen.— Jetzt erhoben ſie ſich und das Mädchen eilte voran zum Hauſe, indeß der junge Mann die Mutter lang⸗ ſamer hinan führte. Blumenhagen. 1v. 10 146 In dem Wohnzimmer fand ſich die größte Unordnung. Eine ganze Herren⸗ und Damen⸗Toilette lag verſtreut umher, Schachteln, Kaſette, Foffer ſtanden offen und dennoch unberührt. Man erkannte, der eingebrochenen Horde war es nur um Menſchenraub, nicht um Plün⸗ derung zu thun geweſen und ſie hatten Eile gehabt, woraus eine Beruhigung in Betreff der Unwahrſchein⸗ lichkeit ihrer Wiederkehr für den Hausbeſitzer ſich ergab. Er und die Mutter näherten ſich jetzt dem Kämmerchen, wo ein beſonderer Anblick ihrer wartete. Der todtkranke Haushofmeiſter war zurückgelaſſen und Chriſtel ſaß an ſeinem Lager und winkte mit der Hand, den Schlummernden nicht zu ſtören. Die Mor⸗ genſonne fiel gerade durch das ſchmale Fenſter auf ſein Geſicht, und beleuchtete feine und milde Züge, an die ſich ein dünnes ſchlichtes Haar ſchmiegte, das die graue Silberfarbe des Alters trug. Die Wangen waren hager und lang, und auf ihnen glüheten die abgezirkelten, dunkeln Roſen des tödtlichen Fiebers; ſchwer und ſchnell hob ſich die Bruſt in tönenden Athemzügen, und ſein tiefer Schlummer ſchien den milden Uebergang in des ſtillern, des erlöſenden Bruders Arme anzukünden. Frau Anna warf einen ſcharfen Blick auf den Kran⸗ ken, und ein ſeltſamer Ton, wie ein verhaltener Schmer⸗ zensſeufzer wurde von ihr ausgeſtoßen, der die Blicke beider Kinder von dem Bett des Leidenden beſorgt auf ſie herzog. Doch beſonnen ließ die Mutter ihre Hand finken, die den Thürpfoſten als Stütze gefaßt hatte, hef⸗ tete nochma ls die trüben Augen auf den Schlummernden, und trat dann zurück in das Wohnzimmer, wo ſie ſich niederſetz te. Waos erſchüttert Euch, Mutter? fragte der beſorgte 147 Sohn. Der alberne Knecht hätte uns vorbereiten ſollen, denn ſolch ein Anblick iſt nicht für Frauen, und wird weder Euch, noch der Chriſtel gut thun.— Frau Anna nickte beruhigend mit dem Haupte und faltete ihre Hände im Schvoße wie zum Gebet. Sei ruhig, mein Sohn! Sorge weder um mich, noch um die Chriſtel; ich meine, ſie iſt dort an ihrem Platze. Das Geſicht des Mannes erinnerte mich an einen Bekannten und deßhalb ergriff mich der Zuſtand und das Schickſal dieſes armen Verlaſſenen ſo gewaltiglich.— Mutter, Eure Finger beben, Eure Lippen zittern. Wie möget Ihr Euch ſo kümmern um den Fremdling, um dieſen verlorenen Mann aus fernem Lande?— O mein Sohn, Gott iſt überall dabei und zieht ſeine väterliche Huld auch nicht ab von den Verlorenen. Dieſer unglückliche wollte nicht verlaſſen ſterben; ſprach er nicht ſo zu der Chriſtel? So laß uns chriſtlich ſorgen, daß ſeine letzte Stunde ſanft vorübergehe. Er darf nicht hier bleiben in der Oede, auf dem gefährlichen Platze. Laß ihn zu uns hinein bringen, in unſer Haus laß ihn tra⸗ gen; mein guter Sohn, ich bitte Dich recht herzlich darum, und Du wirſt der Mutter Deiner Braut ihre erſte Bitte nicht abſchlagen.— Der Förſter hörte verwundert auf die Rede der Ma⸗ trone, aus der eine Miſchung von Beklommenheit und erzwungener Faſſung ihm entgegen tönte; er wollte eben ihr die Schwierigkeit der Erfüllung ihres Wunſches dar⸗ thun, da traf das Gemurmel vieler Stimmen ſein Ohr und ein Blick durch das Fenſter machte ſein Widerwort unnütz. Im Hofe angekommen, ſah er ſeine Gefährten, die jungen Landleute, und durch ihre Ankunft war die Möglichkeit dargethan, dem Mitleid und der Menſchlichkeit 148 der Mutter zu genügen. Baldigſt war eine Tragbahr be⸗ reitet; in weiche Betten gehüllt, von einem Schutzdache bedeckt, trug man den halbwachen Kranken, der in ſtiller Reſignation ſich Alles gefallen ließ, davon, und nachdem der umſichtige Leopold das zurückgelaſſene Eigenthum der Fremden im Keller und auf den Böden ſo viel als thun⸗ lich ſicher geſtellt, ward das Haus verſchloſſen, und mit der Matrone, die ſich indeß fern gehalten und den Kran⸗ ken vermieden, folgte er dem Trauerzuge, nicht ohne Neugierde, welche das ſeltſame Weſen der Frau Anna an ihm erweckt hatte. Im Städtchen wurden des jungen Mannes Gedanken ſofort auf andere Dinge gerichtet. Es war Tumult in allen Gaſſen, aber von anderer Art als am Morgen; die ſchreienden Stimmen erklangen heller und lauter und freier aus der Bruſt herauf, die Sordinen der Furcht waren von den Inſtrumenten gefallen. Die Fourier⸗ ſchützen der Reichsarmee hatten Quartier genommen in der Stadt und die Nähe der anmarſchirenden Avant⸗ garde verkündet. Man jubelte um die grauen Scharf⸗ ſchützen, um die bärtigen Kroaten her, und reichte ihnen die vollen Becher an den Hausthüren entgegen, bevor ſie noch den Fuß aus dem Steigbügel geſetzt. Indeß die Träger beſchäftigt waren, ihre traurige Laſt in das kleine Haus zu bringen, trat der Schmied WMull aus ſeiner Thür dem Förſter entgegen und faßte mit Haſt ſeine Hand. Gut, daß Du da biſt, Burſch! rief der Alte mit halbem Athem. Ich bin nur dahergerannt und habe meine ſchwarzen Geſellen heraus commandirt, und Du mußt 149 Deine Begleiter ohne Säumen beordern und mit mir hin zum Platz. Auch die kaiſerlichen Reiter wollen wir auffordern, dem Frevel zu wehren, der rechtlichen Bür⸗ gersleuten Schande bringt, wäre ſein Urſprung auch noch ſo gerecht.— Und was geſchah denn, Nachbar? Und wohin ſoll ich?— fragte Leopold. Eilig hinunter in die Stadt, verſetzte der Schmied, indem er mit der bewehrten Fauſt zugleich den aus der feuerſprühenden Werkſtätte ſich hervordrängenden Cyklo⸗ pen den zu nehmenden Weg andeutete. Das niedere Geſindel aus den Winkeln tritt dort einen falſchen Blas⸗ balg und hämmert geſtohlenes Eiſen. Hinunter, damit wir es ablöſchen und nicht zu ſpät kommen mit dem Löſchtroge. Er riß mit ſtarker Hand den verwundert zaudernden und ſich faſt weigernden Jägersmann mit ſich fort. Es iſt eine Ehrenſache, beſonders für Dich, Burſch! ſtieß er während des Eilſchrittes heraus. Man könnte ja anders glauben, Du hätteſt die Räuberbagage aus Rache auf Deines Oheims Hals gehetzt.— Mein Ohm, der Herr Andreas? ſtaunte der Förſter.— Nun ja; Weinbauern kamen zur Stadt und erzähl⸗ ten von der gefangenen Franzoſenfamilie, deren Jammern ſie angehört. Es läuft das Gerücht im Orte von Haus zu Hauſe, Spione wären unter uns geweſen, die Haus⸗ gelegenheit auszukundſchaften, abgeſandte Schelme von Paris hätten ſich bei uns eingeſchlichen, um uns in die Lehre zu nehmen und uns das neue Evangelium zu ver⸗ künden, und ſie hätten unter uns gelehrige Schüler, Freunde und Herberg gefunden. Bei Deinem ſaubern Ohm ſoll ein ſolcher Scorpion ein heimliches Neſt ge⸗ funden haben, man will ihn dort geſehen haben eingehen 150 und ausgehen. Das Lärmfeuer lief von Gaſſe zu Gaſſe, von Schenke zu Schenke, und das tolle Volk iſt losge⸗ brochen, und ſucht den neufränkiſchen Iſcharioth, und wird die Gelegenheit nicht verſäumen, den Herrn Fredden, der ſich Niemanden beſonders lieb gemacht, leichter zu machen, das Haus zu ſpoliiren und wohl gar den rothen Hahn darauf zu ſetzen. Rechtliche Bürgerſchaft darf ſolche Streiche nicht leiden, und dann iſt's doch Dein Blutsfreund, und brennen ſie das Neſt aus, und theilen zuvor, was drin, ſo geht Dein Erbe in die Eſſe hinauf, und wird Rauch und Schlacke, und Du haſt das leere Nachſchauen.— Iſt's auch um das Erbe nicht, iſt's doch um der Mutter Bruder willen! ſtöhnte der erſchrockene Jüngling, des Pavillons und ſeines ſchwarzbärtigen Bewohners gedenkend, und folgte eiliger dem raſtloſen Vulkaniden.— Schon von ferne ſahen ſie das untere Ende der Stadt gefüllt mit einem dräuenden Menſchengewühl, durch wel⸗ ches ſie nur mit Gewalt ſich Platz zu machen vermoch⸗ ten. Angelangt am Fredden'ſchen Ritterſitze fanden ſie ſich plötzlich mitten in einem Volksſturme der ſeltſam⸗ ſten Art. Bereits war Hofthor und Hauspforte von dem tobenden Pöbel geſprengt worden, Fenſterſcheiben klirrten und zerlumpte Voltigeurs ſtiegen ein, und die kleine, ſonderbare Beſatzung ſchien eben ihre letzten An⸗ ſtrengungen zu machen. Hätte nicht ein ſolch ſchauer⸗ voller Ernſt in dem Zweck dieſes Spektakels vorgewaltet, ſo würde ein Humoriſt ſich in einen römiſchen Cyrkus verſetzt geglaubt haben, wo von einem reichen Patricier eine bunte Thierhatz zur Beluſtigung der Plebejer be⸗ reitet worden. An den ſteinernen Stufen des Eingan⸗ ges kämpfte ein Haufen halbtrunkener Lazaronen mit 15¹ den grimmigen Hatzhunden, und manch Einer wurde von den wüthenden Beſtien blutend und zerfetzt in den Sand geriſſen. Der lange Nobs, der menſchliche Hayſiſch, ſchlug ſich in der Pforte gleich einem Turnus im Thor, ſchleuderte mehrmals ein Dutzend ſeiner Feinde vor ſich herunter, konnte aber dennoch den Eindrang des ſchie⸗ benden Schlachtkeiles nicht hindern, und ftürzte zuletzt unter dem breiten Ruder eines maſſiven Schifferknechts zuſammen. Gleich tapfer wehrte ſich der ſchwarze Por⸗ tier in der Halle, doch mit gleichem Unglücke. Dazwi⸗ ſchen ſchrieen flüchtende Weiber ihren Zeter, daß ſie ſich von dem Orangoutang verfolgt ſahen, den ſie für einen Sohn des Satanas, für den Wächter der zu hebenden Schätze zu halten ſchienen. Gaſſenbuben hatten außer⸗ dem die Käfiche im Muthwillen zerſchlagen, und die be⸗ freieten Meerkatzen ſprangen flüchtig auf den Köpfen und Schultern der Kämpfenden umher, und die überſeeiſchen Vögel flatterten hier und dort am Geſims und krächzten mit ſchneidenden Angſttönen zwiſchen die drohenden, flu⸗ chenden Menſchenſtimmen, die ſich zum gräulichſten Con⸗ cert verſchmolzen hatten. Der Schmied mit ſeiner ſchwarzen Cohorte brach ſich eine Bahn, rettete den Neger vom Verderben, faßte Poſto in der Halle, ſah ſich aber vergebens nach ſeinem jungen Gefährten um, der ihm jetzt als Führer dienen ſollte. Leopold hatte bei dem erſten Anblicke der Gräuel ſogleich ſeinen Entſchluß gefaßt. Durch ein eingeſchlagenes Fen⸗ ſter war er in das Gebäude gelangt und ſprang in das Oberhaus hinauf, den Ohm zu retten und zu ſchirmen. Aber vergebens durchrannte er die Gemächer. Alle Thü⸗ ren ſtanden geöffnet, doch Herr Andreas war nirgends zu finden. Da fiel ſein Auge im Kabinet auf die verſchloſſene, 152 blankbeſchlagene Kiſte. Er raffte ſie auf und eilte zur Treppe mit ſeiner werthvollen Bürde. So eben hatte ſich Nachbar Mull in Beſitz der Feſtung geſetzt und haranguirte mit ſeiner Donnerſtimme und ſeinem ſchwe⸗ ren Hammer das ſtutzende, verſchüchterte Volk. Leopold ſprang hinab in den Garten, und ſuchte hier in dem Pavillon und dem Gebüſch eben ſo fruchtlos den Hausherrn. Doch nicht genügend wäre der momentane Sieg des mächtigen Hammerführers geblieben, hätte das Geſchick ihm nicht ſtärkern Succurs geſendet, denn wie im Ungewitter nach kurzem Einhalt die Sturmſtöße neu und zerſtörend erwachen, die Blitze leuchtender ſchießen, der Donner zermalmender niederraſſelt, ſo ſchlug die Volkswuth nach kurzer Pauſe tobender empor und richtete ſie mit wüſtem Hohne gegen den Freudenſtörer. Da klirrten Waffen, bärtige Lanzenträger ſprengten in den Hof und ritten die Widerſpenſtigen nieder; Magiſtratsperſonen zeigten ſich und ſchalten heftig auf die Ruheſtörer und unberufenen Plünderer. Das Haus ward beſetzt, die Schreier verſtummten und wichen nach allen Seiten, und die Forſchung nach den vermeinten, verborgen gehaltenen Emiſſären der feindlichen Armee ging jetzt geregelt und mit Ordnung vor ſich. Die Extreme berühren ſich im Leben, das iſt ein wahrhaftes Erfahrungswort. Was knüpft ſich nicht und reiht ſich nicht zuſammen in dem großen, buntſcheckigen Weltkarneval?— Thränen und Gelächter, Liebe und Bluthaß dicht neben einander;— hier ein Wiegenfeſt glücklicher Eltern und Wand an Wand Sterbeſeufzer und Verzweiflungsjammer um einen Abgerufenen. —— 153 Auch an dieſem Tage, von dem wir erzählen, be⸗ währten ſich ſolche Extreme, denn während dort losge⸗ laſſene Leidenſchaft lärmte, Haß und Raubſucht wütheten, geſtaltete ſich im entgegengeſetzten Theile des Städtchens eine heimliche Scene, worin nur die Seelen in eine milde Wechſelwirkung traten.— Frau Anna Fredden ſaß am Bett des gaſtlich aufgenommenen Kranken. Es war früh Nacht geworden, denn die herbſtliche Jahreszeit hatte den hellen friſchen Morgen ſchnell in einen unge⸗ ſtümen Abend gewandelt, ein wüſter Sturm tobte unter dem düſtern Himmel hin, die Bäume krachten in den Gärten, die Ziegel praſſelten von den Dächern aufs Pflaſter, und ungeheure Wolkenrieſen flüchteten vor dem Zorne des tobenden Luftgeiſtes am Himmelsgewölbe vorüber. Der Kranke lag wohlgebettet im ſichern Zimmer, worin die Lampe matt flackerte wie das erlöſchende Le⸗ bensflämmchen in ihm. Sein betäubender Schlummer hatte angehalten, wenig unterbrochen durch den Trans⸗ port vom Forſthauſe. Sein Geſicht trug Fieberglut, ſein Athem flog, die Hände bewegten ſich unruhig auf der Decke und halblaute haſtige Reden belebten die Stille des Gemachs, verworrene Träume von einem andern Sein, das ſich bereits halb geöffnet, zu einer Ausſicht, in welche die neugierige Seele überraſcht, wirr, entzückt und fürchtend zugleich einen Blick gethan. Leopolds Entfernung durch den Volksauflauf war der Frau Anna willkommen geweſen, und auch die Tochter hatte ſie fortgeſchickt, und ihr Geſchäfte in der Waaren⸗ kammer des Hintergebäudes angewieſen. Mit blaſſem Geſicht, doch mit thränenloſem Auge ſaß die Matrone neben dem Bett und ihre Hand ruhte leicht und weich 154 auf der brennenden Hand des Kranken, und ſie netzte von Zeit zu Zeit ſeine Lippen mit dem kühlenden Tranke. Seine Phantaſien ſchienen jetzt nach und nach zu erlöſchen, das Wortgewirr verlor ſich in einzelne dumpfe Töne, ſein Athem ward ruhiger, und die Wächterin ſchaute beſorgt in die Dämmerung, die das Bett umgab. Seine Hand zuckte unter der ihrigen und er drehte ſein Geſicht zu ihr, und langſam ſprach er aus beklommener Bruſt. Biſt Du wieder bei mir, Du liebes Kind? flüſterte er; lange habe ich Dich vermißt, und vergebens nach dem guten Engel gerufen, deſſen Stimme, deſſen Geſicht mir wohlthätig eine Tröſtung brachte, wie ich nie mehr gehofft. O geh nicht wieder von mir! Deine Nähe lin⸗ dert den Schmerz, und Deine Sorge wird nicht lange mehr nöthig ſein, denn ich fühle, man wird mich bald abrufen dahin, wo Niemand des Andern bedarf. Wo iſt meine Tochter? Frau Anna ſeufzte tief auf.— Du trägſt Leid um mich; fuhr der Kranke fort; das Mit⸗ leid thut wohl, aber verſchwende es nicht an mir; mir bringt der Tod Erlöſung: ich ende wie ein gehetztes Wild, das man nirgend Ruhe finden ließ.— Du biſt jung, mein Kind, und lieb und gut, o möge die Welt keine Krallen, keine Zähne, kein Gift für Dich haben; mögeſt Du nie Dein Gewiſſen ſo ſchwer belaſten, daß Dir das Leben eine Bürde, die Erinnerung eine Folter ſein müßte.— Armer Bernhard, ſeufzte die Frau aus Bruſt. Der Kranke verſtummte plötzlich und ſchien zu hor⸗ chen. Dann ſetzte er ſich raſch auf im Bett und ſah mit ſtieren Blicken ringsum im Gemach, und ſeine Augen hafteten feſt auf ſeiner Pflegerin. Wo bin ich? ſtieß er mit Anſtrengung hervor. Frau 155 Anna preßte ſeine Hand zwiſchen ihre beiden Hände. In Deinem Eigenthum, mein lieber Freund! Nicht in der Fremde mehr, nicht mehr verlaſſen! antwortete ſie ſanft und mit milder Stimme. Faſſe Muth, ſchaue dankend auf zu der ewigen Vorſicht, die in Deiner ſchwerſten Stunde Dich dahin warf, wo Liebe und Treue um Dich ſorgen. Annette! rief der Kranke laut, und ſank zurück in die Kiſſen. Frau Anna ſchluchzte, doch bezwang ſie mit der Kraft, die nur dem Weibe in ſolcher Stunde einwohnt, ihre Aufregung. Mein lieber, guter Bernhard, ſprach ſie fort, wie magſt Du gelitten haben fern von uns, indeß wir ſicher, zufrieden, im Wohlleben unſere Tage verfließen ſahen. O wir hatten nur einen Wunſch, nur ein Gebet, Dich bei uns zu wiſſen, und die ewige Vorſicht hat das Ge⸗ bet erhört, Du biſt unter Deinem Dache, in unſern Armen, und die Hoffnung auf künftige, ſchöne Tage iſt mit Dir eingekehrt. Im Wohlleben? zufrieden? fragte der Kranke. Ich verſtehe Dich; Du wareſt immer eines von den ſeltenen Weſen, von denen es Räthſel bleibt, wie ſie in dieſe ſchlechte Welt geriethen. Du nahmeſt immer gern An⸗ derer Sünde auf Dich, und Deine Lüge ſoll jetzt auch mir den Wermuth ſüßen. Aber Du irreſt, denn daß Du gegenüber dem Schuldigen ſo ſanft ſprichſt, nicht zürneſt, nicht flucheſt dem, der Dein Glück leichtſinnig zertrat, bittert die Qual. O neben dem Engel fühlt jeder Teufel ſich tiefer verſtoßen! Und Wir? fragte er weiter mit Haſt. Wir, ſagteſt Du? Wer war der 156 Engel, der an nidin Bette trat, als Niemand ſich um mich kümmerte?— Haſt Du es nicht erräthen? Unſere Tochter war es. Deine Chriſtel, die freilich in zehn Jahren dem Ge⸗ dächtniſſe des Vaters entwachſen ſein mußte.— Der Kranke blickte dankbar gen Himmel, dann wälzte er ſich unruhig.— Nein, nein, Ihr könnt mir nicht vergeben, redete er mit Haſt. Der Rabenvater verließ ſein Kind, der Ungetreue verließ ſein Weib, dem er Schutz geſchworen bis zum Grabe. O Annette, Deine ſanfte Stimme trifft ſchärfer wie das Blei des Mörders! — Aber die Welt iſt ein Schlangenneſt; es regiert kein guter Geiſt in dem Chaos; ein böſer tückiſcher Dämon ſpielt boshaft mit ſeinen Geſchöpfen.— In Büchern ſteht viel von Glücksfällen, von Gewinn und Lotterie, uch von großmüthigen Menſchen, welche wie Gottes Hand die Verlorenen aus dem Elend ans Licht ziehen. — Lügen ſind es, jämmerliche Träume, im Hirn des Thoren geboren.— Ich bin die ganze Welt durchwan⸗ dert, und nichts von dem iſt mir begegnet. Ich habe im Schweiß und Angſt gearbeitet, und was ich erwor⸗ ben, ging in den Rauch.— O wie zog es mich nach der Heimath, wie waret ihr mein Morgenlicht, mein Abendroth! Doch nicht als ein Bettler wollte ich kehren. Hochmüthige Träume begleiteten mich vom ſtolzen Ein⸗ zuge bei euch, von reicher Ueberraſchung. Ein gutes Stückchen Geld hatte ich verdient in den indiſchen Colo⸗ nien, aber der boshafte Dämon ſchickte einen Sturm, und mein Gut verſchlang die See, die nichts wiedergibt. Ein Beutelchen voll Gold lag in Bordeaur für Euch bereit, ein liſtiger Freund ſtahl mir's einen Tag vor der Abſendung und ging damit ins Weite. Krankheit warf d 157 mich aufs Lager, und machte mich bloß in der Fremde, wo Niemand des Fremden achtete. Wiederum nackt und arm mußte ich den Tag ſegnen, an dem ein ſtolzer, eitler Graf in mir einen Knecht fand, wie er ihn ge⸗ rade gebrauchte, bis auch ihn das ſchwarze Geſchick er⸗ griff, bis der Höllengeiſt, der die Erde beherrſcht, den eigenen Bruder hetzte, ſeinen Dünkel zu züchtigen.— O Bernhard, ſeufzte die Frau, warum trateſt Du nicht in Dein Haus, als Dich der Weg an der Thür vor⸗ über führte? Der böſe Frevel würde Dich dann nicht getroffen haben.— Nein, nein, ich konnte nicht, jetzt nicht! fuhr der Kranke auf. Sprach doch der Wirth im Adler, ihr wäret geſund, wäret geachtet, zufrieden und bei aller Welt beliebt. Sollte ich, den man haßte, verachtete, euch Haß und Schande über die Schwelle tragen, ich im Dienſtbotenrocke eure Ehre ſchmälern und Euch der Liebe eurer Nachbarn entfremden? O Annette, verzeiht mir! Wenn der ſchwarze Todesengel den Menſchen faßt und ſeine Glieder bricht, ſo kommt die Erkenntniß plötz⸗ lich, aber zu ſpät, und quetſchet mit ihrer Felſenlaſt den letzten Reſt des Lebens aus. Jetzt weiß ich's, ich hätte nicht leichtfertig euch verlaſſen ſollen; ich hätte meine Arme, die damals noch rüſtig waren, für euch anſtren⸗ gen ſollen, ich hätte die Erde graben müſſen, ich hätte Weinbauer werden müſſen, denn meine Kraft, mein Schweiß gehörte ja euch. Aber der ehrgeizige, leicht⸗ ſinnige Sünder dachte nur an ſich, ſtürzte in die Welt, glaubte an die heilloſe Fortuna, die nur Nieten im Topfe hat, und liegt nun todtwund zu euren Füßen, da⸗ mit ſeine Strafe voll ſei, und er in ſeiner letzten Stunde die Verwünſchungen hört, die er ſo vollauf verdient hat.— 158 Bernhard, Bernhard! zürnte die Frau, die mit Beben ſeine fiebernde Rede oft zu unterbrechen geſucht. Wie kannſt Du läſtern den Gott, der Dich in großer Noth an den Fleck geführt, wo allein Troſt und Hülfe Deiner wartete, und der dadurch Dir das väterliche Gnaden⸗ zeichen gegeben? Wie kannſt Du ſchmähen Dein Weib, Dein Kind, die nur in Liebe und banger Sorge ſo lange Jahre Dein gedacht, und jedem vorübergehenden Frem⸗ ling mit ängſtlicher Sorgfalt ins Angeſicht geblickt, um Deine Züge darin zu finden? Der Himmel züchtigt ſeine Kinder, damit ihr Uebermuth nicht ſein vergeſſe, aber ſeine Züchtigung iſt nicht endlos und ſie überſchreitet nicht das Maaß der zugetheilten Kräfte. Hätteſt Du mehr Vertrauen gehabt auf Dich und Gott, wäre nicht vis dahin Dein Leid gewachſen. Aber hoffe, hoffe und beſchwöre nicht durch gottloſes Zweifeln die böſen Geiſter wiederum herauf, die Deinen ruheloſen Wandel bislang begleitet. Du fühlſt die Hand Deines treuen Weibes; Du wirſt Dein frommes Kind ſegnen, o empfindeſt Du nicht darin die Vergebung des Himmels, nicht darin die Bürgſchaft einer beſſern Zukunft? Und ſtände es im Buche des Himmels, daß dieſes Wiederſehen dicht an ein neues Scheiden grenzen ſollte, o Bernhard, die Wohlthat wäre nicht kleiner deßhalb; Du biſt entlaſtet, verſöhnt bei den Deinen, die zerriſſene Kette iſt geheilt und hält nun eine Ewigkeit und verknüpft uns auch drüben.— Der Kranke lag ſtiller und es klang wie ein heim⸗ liches Weinen von ihm her. Er ſtreckte die Hand auf das Bett. O Anna, ſagte er nach einer Weile. Ich verſtehe Dich wohl. Du biſt allein mit mir, damit das Kind des Vaters Beichte nicht höre, ſein Gedächtniß in ihm dadurch nicht befleckt werden ſollte. Du ſorgſt für 159 meinen Troſt; ja, Du magſt Recht haben; iſt doch das Weh in meiner Bruſt ſeit Kurzem milder geworden, und das Feuer in mir wie erloſchen.— Ich nahm's als Strafe, daß Deine Stimme mir klang durch die Flam⸗ mennacht. Jetzt, da Du mir verziehen, iſt mir's, als ſei's der letzte Kühltrank geweſen, ein Stärkungswein, den mir das Geſchick gereicht, damit ich weniger zaghaft dahin treten könnte, wo man Rechenſchaft fordert. Hier unten gibts nichts mehr von Hoffnung. Annette, bös war ich nicht, nicht bös, und habe doch gefrevelt an Dir und— O hole die Chriſtel, daß ich den trüben Blick an ihr erquicke, erhelle, daß ich mein Kind, mein liebes Kind ſehe, halte, mein nenne, ſegne!— Er hatte die letzten Worte abgeſtoßen geſprochen, immer leiſer, zuletzt wie in der Ferne verhallend, und Frau Anna beugte ſich erſchrocken über ihn, und netzte ſeine eiskalte Stirn mit friſchem Waſſer, und umfing den Ohnmächtigen mit zitternden Liebesarmen, und flü⸗ ſterte beklommen: Herr, Dein Wille geſchehe hier wie dorten.— Zu derſelben Zeit flackerte in der Werkſtatt des Nach⸗ bars Schmied ein tüchtiges Feuer, und der ungeſtüme Wind, welcher ſtoßweiſe in der Eſſe herabfuhr, drängte zuweilen den Rauch zurück und füllte den Raum damit, oder ſpaltete die Glut in zackende Flammen, welche gleich glühenden Schlangenzungen über den Herd hinaus⸗ leckten. Der Schmied hatte erſt eben den Blaſebalg in Ruhe geſetzt, den Hammer aus der Hand gelegt, denn er war mit der Vollendung eines nothwendigen Stückes Arbeit beſchäftigt geweſen, das die von ihm ſelbſt 160 abgerufenen ſchwarzen Geſellen zur Seite geworfen. Auf dem Schemel am Feuer ſaß der alte Meiſter, durch ſein derbknochiges Antlitz, das eine violette, ſchwarz ſchattirte Färbung trug und durch die muskelvollen, bis zur Schul⸗ ter entblösten Arme einem Polyphem nicht unähnlich. Seine grünen, tiefliegenden Augen ſtarrten ſinnend in die kniſternde Glut, und wie mechaniſch zerquetſchte und zerriß er ein großes Papier mit ſeinen ſchmutzigen Fin⸗ gern, ſchleuderte die Fetzen in das Feuer, und ſchien ſich zu ergötzen, wenn die rothen Siegel, keren viele auf dem Papier glänzten, mit einem blauen, lichten Scheine aufflackerten und zerſchmolzen. Als die Aſche des letzten Papierſtreifens über den Kohlen ſich hob und im Wind⸗ zuge verflog, nickte er beifällig mit dem gewaltigen Haupte, und ſeine Gedanken löſeten ſich in einem halb⸗ laut hervorgegurgelten Selbſtgeſpräche. Haſt Du Recht gethan oder Unrecht? fragte er in ſich hinein. Hoho, eine Todſünde wird's nicht ſein, denn der Fund lag ja frei da für jede Hand und es iſt das einzige, was Du aus der Plünderung Dir zugeeignet. Du lieſeſt überdem ſchlecht, Freund Mull, und beſonders ſolch fremdländiſchen und verrückten Wortkram. War das Ding von Werth, ſo kann ſich's der Eigenthümer wieder anfertigen laſſen, denn ſo ein Schreiberfinger iſt rührig wie Spinnenbeine. Trog mich jedoch die Ahnung nicht, die mich die ſchwerbeſiegelte Schrift ſo widerwärtig anſchauen ließ, ſo habe ich vielleicht einigen guten braven Seelen einen Dienſt erwieſen, und mag's der Himmel dann immer auf mein Kerbholz ſchreiben, wenn etwas von Sündhaftigkeit mit dabei war. Hole der Böſe die Federfuchſerei, die alleweile die Welt regiert! So eine halbverdorrte Hand, mit einem elenden Gänſekiele bewehrt, 161 zerſtört mit ihrem Hahngekritzel Ehre und Glück, nimmt Hab und Gut, köpft und hängt, ohne daß dazu mehr Kraft bedürftig, als dieſer mein Zeigefinger nöthig hätte, um ſo einen lungenſüchtigen Schreibgeſellen mit einem Naſenſtüber vom Leben zu helfen. Muß doch eine ganz andere Zeit geweſen ſein, als man nicht ſchrieb, ſondern ausſprach, was man auf den Gegner im Herzen hegte, als man dem Freunde durch einen derben Handdruck, nicht durch ſo einen Papierwiſch, die Freundſchaft ver⸗ ſicherig, und dei Feinde durch einen Fauſtſchlag übers Ohr zu verſtehen gab, welche Geſinnung man gegen ihn in ſich trug. Dazumal war der Waffenſchmied der erſte Mann im Reiche, dem Kaiſer und Kurfürſten ſchmei⸗ chelten, wenn ſie ſeiner bedurften. Die Welt iſt gar ſchlecht geworden, ſeit Haſenfüße, Windbeutel und Bären⸗ häuter gleichen Schritt halten können mit dem geſunden Kraftmenſchen und ein gerupfter Gänſeflügel mehr ſchafft als eine Armee tüchtiger Landsknechte. Iſt's doch ſchon dahin gekommen, daß ein milchbärtiger Naſeweiß jedem ehrlichen Manne ins Geſicht lachen darf, und gibt der ehrliche Mann ihm ein derbes Gedenkemein auf die bart⸗ loſe Schnautze, wird ihm ein Aktenſtoß an den Hals geworfen, und er muß büßen an Gut und Leib. Pfut über ſolch eine Milchſuppen⸗Welt; ſie iſt ſo angeſäuert, daß der Himmel einen derben Zuchtmeiſter ſenden muß, der ſie umrührt, daß ſie den ſchlechten Beiſchmack ver⸗ liert.— Ein Geräuſch, das hinter ihm entſtanden„unterbrach den Monolog des philoſophiſch⸗prophetiſchen Handwerkers und zog ſeinen Kopf zur Hinterthür herum, welche vom Hofe her in die Werkſtatt führte. Mit Erſtaunen ſah er in der Spalte des Pförtleins einen hübſchen Mädchenkop Blumenhagen. IV. 14 —— —— erſcheinen und dann die Chriſtel eintreten, die einen alten Herrn, deſſen Nacken gekrümmt war und der vor Froſt, ſei es aus Furcht oder des Wetters wegen, zu beben ſchien, hinter ſich herein zog.— Fürchtet nichts, guter Mann, ſprach der roſige Mund der Jungfrau; Ihr tretet über des redlichſten Mannes Schwelle, und drängen Eure Verfolger bis hier herein, iſt Nachbar Mull der Mann danach, Euch ohne Weiters von ihnen auf immer zu befreien.— Nachbar, wandte ſie ſich dann zu dem Schmied, als ich durch unſre Gemein⸗ thür in Euren Hof trat, um Waſſer am Brunnen zu ſchöpfen, wimmerte es außen am Pförtchen, das aufs Feld hinaus führt, und ſtöhnte nach Hülfe. Ich öffnete und in den Hof ſchwankte dieſer alte, kranke Mann, und flehte um Schutz und um Verſteck. Böſewichter verfol⸗ gen ihn, er iſt beraubt, ausgeplündert worden, und hat das Fieber bekommen in der Näſſe und dem kalten Nacht⸗ winde. Seinen einzigen Diener hat er fortgeſchickt nach Freunden, um dieſe zur Hülfe herbei zu rufen, aber der herzloſe Menſch iſt nicht zurückgekommen und hat ihn treulos in ſeinem Jammer verlaſſen. Gebt ihm Herberg und Schutz, Nachbar, thuts um meinetwillen; Ihr wiſſet, bei uns iſt Alles beſetzt durch den Vetter und den Kranken aus dem Walde. Ach, wie er mir ſein Leid vorjam⸗ merte, ſtand mir die Schreckensnacht wiederum hell vor den Augen, in der das Kriegsvolk die Gräfin aus dem Franzoſenlande gewaltſam fortſchleppte.— Der alte, flüchtige Herr hatte, indeß ſie ſprach, die Werkſtatt mit ſcharfen Augen gemuſtert, und hielt immer noch die Hand ſeiner Führerin feſt. Der Schmied trat ihm näher und faßte ſeinen Gaſt ebenfalls ſcharf ins Auge. Nur heran, zum Feuer! ſagte er derb, doch 163 treuherzig. Ihr ſeid tüchtig ausgewaſchen und Eure Knie brechen wie verroſtet Eiſen. Da ſetzt Euch vorerſt auf den Dreibein, und jaget die Sorge in den Schlot hinauf. Mulls Haus ſteht gaſtlich offen für jeden wackern Wandersmann, und wen eine ſolche Fürſprecherin ein⸗ führt, dem könnte er ſchon den Schirm nicht verſagen, wenn's auch mit dem wacker nicht ſo ganz ächt wäre.— Der alte Herr ſaß auf dem Schemel, holte mehre Male tief Athem, ließ aber immer noch die Hand des Mädchens nicht und das ſtarre Auge nicht von ihr. Bleibe, Kind! bat er matt. Verlaß mich nicht, ich will Dir ja lohnen, wenn man mir auch nicht viel gelaſſen. Morgen am Tage wird es anders ſtehen um mich, denn Leute, wie ich bin, werden nicht ungeſtraft beleidigt. Bleibe, Kind, ich kann Dir's vergelten, wie Niemand vielleicht. Ich mußte verkommen in der Nacht, ich fühlte ſchon die Todeskälte, den Schwindel, das Sinnendüſter; ich hätte umkommen müſſen im Kothe des Feldes wie ein gemeines Menſchenkind, hätteſt Du dich nicht meiner erbarmt. So will ich Dir auch allein Schutz und Hülfe verdanken, will Dir aber gewißlich morgen vergelten, wie Du es nimmer geträumt.— Der Schmied trat unwillig heran und löſete, die Hand des Mädchens. Seid Ihr ein Narr, ſagte er barſch, daß Ihr beim ſchwachen Weibsbilde um Schutz winſelt, da ein mannlicher Hauswirth Euch ſolchen ver⸗ ſprochen? Das Mädchen hat Geſchäfte und muß zur Mutter; doch wird ſie wiederkommen, denn, Chriſtel, Du wirſt mir wohl aus Küch' und Keller etwas herüber⸗ bringen müſſen für den Gaſt, deſſen Magen meine Haus⸗ mannskoſt nicht vertragen möchte.— Das Mädchen nickte und ſprang davon, und der 164 Schmied öffnete ſeine Zimmerthür und leitete den ſchwa⸗ chen Fremdling hinein zum bequemern Sitze. Ruhen Sie aus und geben Sie dem Lungenblasbalge freien Wind, alter Herr, tröſtete der Meiſter Schmied ſeinen Gaſt jetzt mit höflicher Treuherzigkeit. Sie haben einen böſen Tag erlebt, denn das losgelaſſene Volk gleicht der wilden Meute in des gnädigen Herzogs Hundeſtällen; unter der Riemenpeitſche kriechen die Beſtien und halten ſich fromm, läßt ſie aber der Jung draußen vom Leit und klingt das Hüfthorn hetzend durchs Feld, ſo fallen ſie Alles an, was lebt und ſchonen zuweilen den eigenen Herrn nicht. Sie werden den Tag nicht roth im Kalen⸗ der anſtreichen, Herr Fredden.— Er kennt mich? fuhr der Gaſt ſtutzig auf.— Wer ſollte den reichſten Mann im Orte nicht kennen? Und ſind doch vor meiner Thür oft Euren ſtattlichen Pferden neue Eiſen aufgelegt.— So weiß Er auch nun die Schändlichkeit, mit wel⸗ cher das Geſindel mich überfallen, geplündert, aus mei⸗ nem Eigenthume verjagt. Es iſt ein Frevel ohne Bei⸗ ſpiel im deutſchen Lande und mitten im Frieden. Aber das nächſte Morgenlicht wird ein Strafexempel ohne Beiſpiel beleuchten. Hängen muß ein Dutzend der Rä⸗ delsführer, auf dem Trockenen gibt's keine Maſten, aber die Kirchthürme ſind hoch genug, und zu oberſt an den Wetterhahn muß man ſie knüpfen. Möchts wünſchen, unterbrach den kollernden Zürner der Schmied, denn wer irgend ein Eigenthum hat, kann an dergleichen keinen Wohlgefallen finden. Doch darf der Herr von Glück ſagen, daß er ſelber nicht unter die ſchweren Hämmer gerieth, und wie's gelang, möchte ich hören.— 165 Schändlich genug, daß ein Mann wie ich, ſolche Wege zu ſuchen gezwungen, ſtöhnte Herr Andreas, beide geballten Hände gegen die beengte Bruſt drückend. Mein Hauskaſtellan riß mich vom Bett auf, durch die Souterrains kam ich zum Garten, aus dem Garten ins Feld, von da in die Weinberge. Aber das Geſindel ſpührte meiner Fährte nach. Alt, ſchwach und krank mußte ich mich gleich einem Diebe zwiſchen den Wein⸗ pfählen niederkauern, die Flüche und Schimpfreden ſcheuchten mich immer weiter in Nacht und Wetter, bis ich erſchöpft zum Sterben Seine Thüre fand, und der Engel mir erſchien, der mich ſtützte und hieher leitete.— Wohl ein Engel! murmelte der Schmied. Doch nicht lange ſoll Er beläſtigt werden, Meiſter, und ich will Sein Quartier redlich bezahlen, fuhr Herr Andreas mit fieberhafter Heftigkeit fort. Der Melas, mein Mohr, ſpürte mit ſeiner Windhundsſchnautze mir nach. Er traf mich an Seiner Gartenthür, eben bevor ich um Einlaß gebeten. Ich erfuhr von ihm, daß das fremde Militär mein Haus gerettet und die Mordbrenner zu Paaren getrieben. Der Herr Stadtſchultheiß iſt ſelbſt im Hauſe geweſen und hat Ordnung geſchaffen. Ich habe den Mohr zu meinem Conſulenten, meinem einzigen Freunde, geſchickt, und ihn daher beſtellt, ich habe ihn zum Fräulein von Büſſenſchütt geſchickt, daß ſie mir einen Wagen ſoll daher beſorgen, damit ich anſtändig wieder in mein Eigenthum zurückkehren kann. Das Alles wird augenblicks geſchehen, und ich werde Ihn nicht lange beläſtigen, Meiſter.— Möchte nicht dazu rathen, Gnaden! entgegnete der Schmied kopfſchüttelnd. Das Volk wollte nicht rauben und plündern. Wie unſer gnädigſter Herr iſt der gemeinſte 166 Schifferknecht grimmig verſeſſen auf die Frankreicher, welche die Kriegswuth über uns zu ſchicken Anſtalt ge⸗ macht. Das Volk ſuchte franzöſiſche Spione, dreifarbige Einſchleicher und ließ ſeinen Grimm an dem Hehler aus.— Spione? Hehler? Und in meinem Hauſe? ſtaunte Herr Andreas. Was kümmert mich die Politik und der Krieg, der ich nichts mit Fürſten, noch mit Volksmännern zu thun hatte mein Lebenlang? Ich bin reich und dieſe Ohnehoſen haben es auf alle Reichen abgeſehen. Das ſollten doch dieſe Tollhäusler bedacht haben, ehe ſie ſich an fremdem Gute vergriffen, und dieſes Argument allein muß morgen vor dem Schultheiß und dem Herzoge ſelbſt mir Gerechtigkeit, den Mordbrennern aber beiſpielloſe Buße verſchaffen.— Wunderbar bei alle dem klingt mir Ihr Gleichmuth, Herr Fredden, entgegnete der Schmied, und ich möchte doch warnen, nicht zu unvorſichtig die offene Gaſſe, in der noch immer der Rumor laut iſt, mit dieſem ſichern, wenn auch armſeligen Plätzchen zu vertauſchen. In Ihrem Gartenhauſe hat ein ſchwarzbärtiger Jacobiner logirt, den man noch dazu eines Straßenraubes und Mordattentats auf der nächſten Heerſtraße beſchuldigt; bei der Hausſuchung fanden ſich die verhaßten bunten Kokar⸗ den, Papiergeld, mit dem die franzöſiſchen Lumpen die Welt betrügen wollen, und anderer verdächtiger Kries⸗ krams in Herrn Freddens Kabinet; das weiß die ganze Stadt, das weiß der Herr Schultheiß, das wird der gnädigſte Herr erfahren, und nicht gar gnädiges Ohr dafür haben. Wie geſagt, die ruſige Schmiede des Meiſters Mull, der an einem alten, kränklichen und be⸗ drängten Manne, wenn er auch ſonſt nichts beſonderes Liebes von ihm erfuhr, kein Verräther werden mag, —, —, 167 möchte doch für ietzt dem Herrn Fredden die beſte Schlaf⸗ ſtätte darbieten.—. Des Herrn Andreas Geſicht war zu einer Gypsmaske geworden, wie man ſie von einer Leiche zu nehmen pflegt. Der Conſulent! ſtieß er ſtöhnend hervor, indem er ſich mit beiden Händen vom Seſſel zu heben verſuchte, doch kraftlos durch den Schrecken zurückſank. Schafft mir den Confulent Stiddig herbei. Er hat den Gaſt bei mir eingeſchwärzt; ihm gehörten die überrheiniſchen Char⸗ teken. Hat er das Gift gemiſcht, mag er auch allein daran erſticken.— Herr! lächelte der Schmied. Wär's ſo, dann dauert der Herr mich ſehr. Solch ein Practicus weiß ſich zu ſalviren, zieht den Hals aus der Schlinge und läßt Euch gleich einer fetten Droſſel darin hängen.— Ein Geräuſch in der Schmiede ward hörbar. Der Mohr, verſchmitzt und mit den ſcharfen Sinnen ſeines Stammes, hatte ſich trotz der Nacht und vom Felde aus richtig orientirt, ſich das ihm wohlbekannte Eigenthum des Grobſchmieds gemerkt, und kam im Fluge von ſei⸗ nem Botengange zurück. Schmiegſam und demüthig trat er ſeinem Herrn entgegen, der ſich mit Anſtrengung vor ihm erhob und barſch ſeinen Bericht forderte. Fräulein Adelgunde ließ bedauern, daß ſie nicht dienen könne, da ſie es gewagt hielte, für einen Mann zu ſorgen, den man überall als einen Geächteten, dem Gericht Verfal⸗ lenen ausſchrie; der Conſulent jedoch würde ſogleich zur Stelle ſein. Herr Andreas holte frei Athem, ſein Ge⸗ ſicht bekam wieder Farbe und die Züge trotzigen Hoch⸗ muth. Gebrechliche Weiberſeele, murmelte er. Du wirſt es bereuen: der Freund aber wird mich triumphi⸗ rend einführen, wo ich Herr bin und bleibe.— — —— —————————— 168 Maſſa, flüſterte furchtſam der Mohr, indem er halb das Knie bog, nicht hinausgehen von hier! Böſe Men⸗ ſchen ſchreien viel auf dem Markte. Der Nobs iſt caput, viel geblutet und man ihn getragen ins Lazareth. Der Hausmeiſter davon gelaufen mit ſeinem Bündel, und Jack und Tom auf den Pferden feldein geritten und viel mitgenommen. Im Haus ſchaut ſich's an, wie auf dem großen Schiff nach dem gewaltigen Wind, der Maſten und Raen gebrochen und aufs Deck geworfen. Maſſa nicht hinaus gehen von hier; die wilden Männer möch⸗ ten ſchlagen wie den Nobs.— Herr Andreas knirſchte ingrimmig, aber ſeine Bläſſe kehrte; da trat mit ſchnellem Schritt der Conſulent in das Zimmer. Die zarte Geſtalt ſchien anſehnlicher durch den Reiſepelz und die Nebelkappe, das milchige Geſicht glühte in Erhitzung und ſein Athem flog. Da bin ich, mein verehrter Freund, plapperte er mit ſchneller Zunge, den Mangel an Luft mit Anſtrengung überwindend. Mein Gönner befahl und ich ſtehe zu Dienſt in Noth und Tod. Eben rollte mein Wägelchen von einer Geſchäftsreiſe in das Thor. Im Ausſteigen begriffen packt mich der liebe Melas an, raunet mir Wunderdinge in das Ohr, und ohne mein Haus zu be⸗ treten, fliege ich von Pflicht und innigſter Liebe gedrängt augenblicks daher. Schreckliche Dinge vernahm ich. Pöbelwuth, Einbruch, Verletzung des Eigenthums, der perſönlichen Sicherheit. Das muß furchtbar geahndet werden. Aber wie befindet ſich mein Gönner? Bei dem Geſundeſten ſollte ſolch ein Eyceß eine Apoplexie bewirken. Iſt der Kopf ſchwer? Sind die Sinne ſtumpf? Iſt Schwindel vorhanden? Rauſchet es vor den Ohren wie ein Mühlbach? Liegt ein Nebel vor den Augen? Sprechen — „——————— 169 Sie, mein Trefflichſter; beruhigen Sie mein empörtes Gemüth. Und wo iſt der Arzt? Kein Aderlaß vorge⸗ nommen, keine kühlende Mirtur zu ſehen? O wenn die Freundſchaft auch nur für einen Tag an ihrer Wachſam⸗ keit gehindert iſt, ſo wird überall verſäumt, ſo iſt der Freund bedroht, verloren unter den froſchkalten, gefühl⸗ loſen Knechten, die nur um des Lohnes willen achtſam ſind.— Was malen Sie mir neuen Schrecken, zürnte Herr Andreas, da ich mich kaum von dem gehabten erholet? Mein Körper iſt wohl, aber die Seele iſt tief erſchüt⸗ tert.— Ja, die Seele! da ſitzt die Gefahr, plauderte der Conſulent eifrig fort. Nicht wahr, Phantaſieen, bunte Bilder im Gehirn, Pulſiren in den Schläfen? Kommen Sie, mein Gönner! Melas, ſchnell meinen Wagen hie⸗ her! Nach meinem Hauſe müſſen Sie, in meine weichen Betten, Freund.— Herr Andreas zitterte vor Ingrimm. Nehmen Sie Verſtand an, rief er, gewaltſam ſeine Stimme erhö⸗ hend. Nicht von meiner Geſundheit iſt die Rede, nicht zu Ihnen mag ich. In mein geplündertes Eigenthum will ich zurückkehren. Magiſtratsperſonen, Soldaten, Wachen ſollen Sie herbei ſchaffen. Den Raub, der an mir begangen, ſollen Sie rächen, das Geraubte mir ſchnell zurück ſchaffen laſſen, ehe der Pöbel es ins Weite trägt und über der Grenze verſchachert. Ich habe nichts, nichts mit fortgenommen, und kann nicht einmal bezah⸗ len, was die Dankbarkeit mich meinen Rettern zahlen heiſcht.— Nichts gerettet? ſtammelte der Conſulent erbleichend. So war der Frevel wirklich ein Spolium consumatum? 170 Aber das Teſtament vergaßen Sie nicht? Das koſtbare Dokument iſt in Ihrer Taſche?— Ueber das Antlitz des Schmieds zuckte ein heimliches Lächeln, Herr Andreas aber richtete ſtrenger den Blick auf den verwirrten Rechts⸗ mann. Mein Teſtament? fragte er verwundert. Was liegt an dem elenden Papiere, deßgleichen morgen wieder neu erſchaffen werden kann? Und dazu möchten dann ganz andere Perſonen darin die Hauptrolle ſpielen. Von meiner Habe iſt die Rede, und mehr noch von meiner Ehre. Man hält mich für einen Freund der Feinde, mein Haus ſoll eine Herberge neufränkiſcher Spione ge⸗ weſen ſein. Nur Sie, Herr Stiddig, können darüber Zeugniß geben und meine Unſchuld klar machen. Die gefundenen Mainzer Spielwerke kamen von Ihnen, und wer in meinem Pavillon logirte, wiſſen nur Sie. Darum eilen Sie zum Stadtſchultheiß und ſichern Sie durch Ihr Wort meine Perſon vor den Mißhandlungen des Pöbels. Säumen Sie keine Minute mehr, oder ich halte Sie nicht für meinen Freund, ſondern für meinen boshaften, abſichtlichen Verderber.— Gleich der Salzſäule, in welche Loths Frau verwan⸗ delt wurde, ſtand der Conſulent mit einem Jammerge⸗ ſichte und hangender Kinnlade dem Ungeduldigen gegenüber und ſtammelte halblaute Worte aus der zugeſchnürten Kehle, von denen nur: Kokarde?— Guillotine?— Pavillon? verſtändlich klangen und ſelbſt als der Schmied ihn derb am Arm faßte und ihn drängte, zu antworten, blieb er unbeweglich gleich einem vom Starrkrampfe Er⸗ griffenen. Da ward es außen lebendig und der dürre Schreiber des Conſulenten ſchlüpfte herein und flüſterte ihm einige Worte ins Ohr, die ſeine Unbeweglichkeit 171 löſeten, ſeine Glieder in eine ſiebernde Bewegung ſetzten⸗ ſo daß er zuckend mit Knie und Arme dem Abrufenden ins Vorhaus folgte. Der Schmied ſchritt neugierig nach, Herr Andreas aber verſank in eine Apathie und ver⸗ mochte kaum auf das zu horchen, was draußen vor⸗ ging.— Mull kehrte bald zurück, und auf ſeinem dunkeln Antlitze leuchtete eine Schrift, die der durch ſeinen der⸗ ben Schritt geweckte Nabob vergebens zu leſen ſich mühte. Der Schmied ſummte zugleich ein Herbergslied, nahm einen Krug Aepfelwein aus dem Schrein, ſetzte ſich zum Tiſche und kredenzte den Trunk, dazu ein Proficiat! ſprechend. Warum kam der Conſulent nicht zurück? fragte ſich ermannend, aber mit Aengſtlichkeit Herr Andreas.— Warum? Weil man ihn hinführt, wohin Niemand freiwillig geht. Stadtwächter haben den edlen Herrn abgeholt, und der Korporal ſchwatzte mir ins Ohr, man hätte ſchon ſeit mehreren Stunden ſeiner Ankunft ſchmerz⸗ lich geharrt. Der ſchwarze Jacobiner aus dem Pavillon hat in ſeinem Hauſe verkehrt. Darum nahm der ge⸗ ſtrenge Herr Stadtſchultheiß ſich die Freiheit, ein Weni⸗ ges in den Schreibepulten des gelahrten Anwalts nach⸗ zuſchauen, und da fand ſich eine hölliſche Briefſchreiberei an und von den Befehlshabern. Pfui, über ſolch deut⸗ ſchen Baſtard, welcher die eigene Mutter tritt!— Man wird den ſaubern Briefſteller nach der Reſidenz transpor⸗ tiren, und dispenſirt ihn der Herzog vom hanfenen Halsorden, möchte er doch zeitlebens dem freien Quar⸗ tiere auf dem hohen Steinſchloſſe nicht entgehen.— So bin auch ich verloren, ſtöhnte der Alte; er wird mich in den Prozeß ziehen, wird meinen Aufenthalt 172 verrathen. So bin ich denn ganz verlaſſen, und man hat mir nicht einmal ſo viel gelaſſen, um eine Poſt zu bezahlen, die mich ohne Aufſchub aus dieſer Wolfshöhle tragen könnte. Doch hier iſt ein Ring. Meiſter ſchickt nach einem Wagen; hinten am Gatterthor kann er un⸗ bemerkt anfahren. Nehmt den Ring; er iſt ſo viel werth, daß Ihr mir ohne Schaden ein Dutzend Gold⸗ ſtücke darauf herausgeben könnt, mit denen ich über die Grenze zu kommen vermöchte.— Wo fände ſich Gold in eines ehrlichen Handwerkers Hauſe? lächelte der Schmied. Eiſen ſo viel der Herr will, aber wenn ich dem Herrn auch zwei funkelnagel⸗ neue Sohlen unterſchlüge, er käme damit nicht weit. Stecken ſie den blanken Ring nur wieder ein; ſetzte er ernſter hinzu; mir kann das Kleinod nichts nützen, aber mein Stuhlwägelchen mit dem Fuchs ſoll bereit ſein Sie fortzubringen, und im nächſten Grenzorte findet ſich ſicherlich ein Wucherer, der den Ring mit goldener Münze bezahlt, wenn auch ein Hundert Procent zu wohlfeil.— Beſter, redlichſter aller Menſchen! fuhr Herr Andreas in die Höhe und ſtreckte beide Hände dem Hauswirthe entgegen. O warum kann ich nicht vergelten! Warum hat man mir Alles genommen! Und wüßtet Ihr, wer an der Spitze der Straßenräuber geſtanden! O wenn es einen Gott gibt, ſo muß mein Fluch wenigſtens dieſen Einen, dieſen Schändlichſten verderben!— Daß es einen Gott gibt, müßten Sie, meine ich, in dieſer Stunde erkannt haben, gleich dem Saul, den der Blitz vom Pferde warf. Der Herr, deſſen Stimme draußen die Bäume ſchüttelt und die Wände krachen macht, ſtraft ſeine Kinder, wenn ihr Stolz zu hoch ſtieg, aber er züchtiget mit Gnade und züchtiget zur Beſſerung. 173 Es iſt dabei wie mit dem Eiſen. Das Roheiſen, wie es aus dem Hochofen kommt, taugt nicht zur Arbeit. Es wird brüchig oder zerbröckelt gar. Unter dem Stahl⸗ hammer muß es geſchmeidig gemacht werden, dann wird es zum Stabeiſen, welches dem Schloſſer und dem Schmied gerecht iſt, und aus dem ſich manch Nützliches fabriziren läßt. Das Unglück iſt eben ſolch ein Stahl⸗ hammer für das ſpröde Menſchenherz; wenn es den Meiſter vergeſſen, der es ſchuf und zu einem Ringe in ſeiner großen Menſchenkette beſtimmt, ſo erinnert der Hammer daran; wenn es ſich zu hochmüthig über ſeine Nachbarn erhob, und ſich ſeiner Pflichten gegen ſie in üppiger Eitelkelt entäußerte, ſo mahnt der Stahlhammer und verſchweißet es wiederum mit Seines gleichen. Der, den ſie da eben unſanft hinweg geführt, war Herr Fred⸗ dens Vertrauter, und führte den Freund in eine gar ſchmutzige Kohlenkammer; ſtatt deſſen wird der ruſige, unbekannte Handwerksmann, dem Sie nicht dankten, wenn er die Mütze zog, Sie mit Gott an ein ſicher Ufer bringen, wenn er auch nicht in Ihrem Teſtamente ſtand. Nutzen Sie den Wink Gottes, es liegt ein ganzer Ka⸗ techismus darin.— Die fromme Peroration ſchien nicht beſonders nach dem Geſchmacke des Herrn Andreas zu klingen und ſich ſelbſt erhitzend fiel er ein: Fragte der falſche Menſch nicht nach meinem Teſtamente? Schien er mir nicht gewaltſam einen Schlagfluß aufſchwatzen zu wollen? O hätte ich nur das Teſtament eingeſteckt! Doch das Schick⸗ ſal wird mir noch eine ſolche Spanne Zeit verleihen, jenen tollen Wiſch durch ein zweites zu annulliren.— Der Schmied ſah ſchmunzelnd durch die offene Thür nach ſeinem Herde hin und erwiderte: Laſſen Sie das 174 Ihre letzte Sorge werden. Wo es ſo dran und drüber ging, wie auf dem Herrenhofe, da wird ſich auch wohl eine Hand gefunden haben, die mit ſolch leckerm Papiere ſich das Pfeifchen anzündete.— Ja alſo ſoll es werden, unterbrach ihn haſtig der Gaſt. Schafft mich aus dieſer Noth, laſſet Euren Fuchs an⸗ ſpannen, fahret mich ſelbſt, denn nur Euch kann ich vertrauen; dann ſoll Eure Tochter, der Engel, deſſen Stimme mir das Leben wieder gab, meine Erbin ſein. Jenſeits dem Markſteine werde ich laut ſprechen, werde herüberſchreien in dieſes Sodom, daß die ganze Welt es hört, werde meine Unſchuld darthun, werde Genugthuung, Erſatz fordern, ein fremder Anwalt wird mir dann zu Recht helfen, und Eure Tochter, ich ſchwöre es, ſoll mich alsdann allein beerben.— Meine Tochter? Ei, das wäre! Nun, jeder Vater müßte ſich ſolch einer Tochter freuen, und iſt es Ihnen Ernſt mit dem Schwure, ſo hat ein guter Geiſt Sie bei dem Schopf genommen und gleich dem Habakuk in meine Spelunke geführt. Wayrlich, Sie ſind auf dem rechten Wege und ich will darum ebenfalls dem Winke des Him⸗ mels nicht das Auge verſchließen, und den Fuchs an⸗ ſchirren, damit der böſe Feind nicht neues Unkraut in das wohlaufgepflügte Land zu werfen verſuche.— Kaum war der ehrliche Schmied über die Flur weg zur Hinterthür hinaus geſchritten, ſo hörte der bebende Reiche die Hausthür öffnen, und ſah mit neuer Furcht bei dem Schimmer des Kohlenfeuers eine dunkle Geſtalt, die eine Laſt auf dem Herde abzulegen ſchien. Eine Stimme, die ihm wie ſchon gehört erklang, ſprach dazu: Nachbar Mull, kommt heraus! Ich habe Euch etwas geheim zu vertrauen, und bringe Euch einen Schatz, 175 den nur Ihr mir zu verwahren der Rechte ſeid.— Als Niemand Antwort gab, trat nach einer kurzen Pauſe der Angekommene in die Zimmerthür, und die Lampe beleuchtete die Geſtalt des Förſters Leopold, der mit Erſtaunen ſich dem Ohm gegenüber ſah. Du biſt es? fuhr Herr Andreas kreiſchend gegen ihn an. Der Teufel, dem Du dienſt, führt Dich boshafter Weiſe zu rechter Zeit daher, damit Deines Oheims Fluch Dich zermalme, wenn noch eine Spur von Scham in Deinem Herzen geblieben. Sieh mich an, und labe Dich an dem Werk Deiner teufliſchen Rache. Glattzüngiger Bube, ich weiß Alles. Mein treuer Domeſtik erzählte mir Alles. Du führteſt die Pöbelbrut gegen mich und mein Haus; Du wareſt der erſte Dieb, welcher einſtieg; Du machteſt Dich mit meiner beſten Habe davon, und brauchteſt liſtig die Katzenpfoten der Trunkenbolde, um Dir die goldenen Kaſtanien aus dem Feuer zu holen, welche ich Dir vorſichtslos gezeigt und verweigert. Un⸗ ächter, untergeſchobener Sohn meiner Schweſter, ſcham⸗ loſer Sproß einer diebiſchen Zigeunermutter, ich bin alt, krank, zerſchlagen von Noth und Jammer; Du haſt mich zum Bettler gemacht und ich kann Dich nicht züchtigen; aber mein Fluch ſoll haften an dem Schatze, den Du mir entwendet, und willſt Du ein vollkommener Satan ſein, ſo gehe hin, verrathe dazu Deinen Ohm, rufe die Stangen und Barden der Häſcher herbei, denn Dein Anblick hat mich gleichgültig gemacht gegen Leben, Schmach und unverdiente Marter.— Der junge Förſter hatte, verſtummt durch innere, ſichtliche Erſchütterung die wilden Reden des alten Bluts⸗ verwandten angehört. Er trat aus der Thür zurück in die Werkſtatt und mit veränderter Stimme rief jetzt der 176 Ohm ihm nach: Höre, Menſch! Bedenke Dich, ehe denn Du gehſt, mich zu verderben! Gedenke Deiner Mutter und eines ewigen Gerichtes! Aber ſeine Stimme erſtarb, als der Jüngling jetzt wiederum eintrat und ein wohl⸗ bekanntes, blankbeſchlagenes Käſtchen hereinſchleifte und auf den Tiſch hob. Hier iſt Ihr Eigenthnm, Herr Ohm! ſagte er dazu ruhig und eiſig kalt. Sehen Sie nach;z kein Schloß iſt verletzt, es iſt unberührt, ſo wie es in Ihrem Kabinette ſtand. Ihnen konnte ich nicht helfen, da meinte ich, Ihr Gut möchte beſſer in meiner Hand verwahrt ſein, als in den Händen der Schifferknechte und Weinbauern. Was Sie jedoch da eben herausgefiebert, galt vielleicht einer andern Perſon, und ich will's nicht gehört haben.— Herr Andreas ſtarrte einige Sekunden mit weitauf⸗ geriſſen Augen den Jüngling an, dann faßten ſeine bei⸗ den Hände mit Haſt nach der Chatoulle, er hob ſie halb, als wäge er zweifelnd den Inhalt und ſeine Finger be⸗ taſteten bebend die Schlöſſer. Chriſtel trat indeß herein, ein Weinfläſchchen und eine Schüſſel in den Händen tra⸗ gend. So wie er ſie erblickte, ergriff ſie der Ohm mit Heftigkeit am Arme und zog ſie dicht zu ſich heran. Mäd⸗ chen, mein Schutzgeiſt, rief er wie außer ſich und mit funkelnden Blicken, ich bin wieder, der ich war, und kann Dir lohnen. Ich liebe keinen Menſchen, ich haſſe Alle, Alle, denn ſie ſind falſch wie das Rif am Cap Horn. Aber Dich hat mir eine gute Stunde zugeführt. Du biſt mein Rettungsengel. Weißt Du, was ich Dei⸗ nem Vater geſchworen? Aber mehr noch ſoll geſchehen. Ich will Dich ihm abkaufen; ich will den Inhalt dieſes Kaſtens mit ihm theilen; aber Du ſollſt mit uns fahren. Fern von hier ſollſt Du leben wie eine Prinzeß, aber 177 mich nie verlaſſen. Der Menſch bedarf einer fremden Seele neben ſich. Da nimm dieſen Ring; er ſei das erſte Zeichen meiner Dankbarkeit und binde Dich an mich, an Deinen neuen Vater.— Er hatte den Ring an des beſtürzten Mädchens Finger geſchoben, doch mit heftiger Aufwallung trat der Förſter herbei, riß den Ring herab und warf ihn auf die Chatoulle. Fort mit dem Teufelspfande! rief er aufbrauſend. Dieſes Mädchen iſt nicht zu erkaufen, Herr Ohm, und wenn die ganze neue Welt Ihm zu Gebote ſtände. Komm mit, Chriſtel, denn ein Grauen rieſelt mir über den Rücken. Vorhin war er ein böſer Menſch, welcher eine Freude daran fand, Jedweden zu beſchimpfen, jetzt iſt er ein Raſender geworden, der Dir Leides anthun könnte“ Was ſpricht er von Deinem Vater? Hat er mit Geſpen⸗ ſtern Verkehr? Fort, Chriſtel!— Er riß das Mädchen mit ſich hinweg und der Alte blieb betäubt mit ſeiner Geldkiſte allein.— Meeiſter Mull zeigte ſich ſeinem Gaſte nach einer hal⸗ ben Stunde wieder, welche dieſer mit ihren langen Mi⸗ nuten abgezählt hatte, bang jedes Geräuſch behorchend, das außen zufällig wach ward. Das Geſicht des Schmieds war ſonderbar verändert, ein bitterer Schmerz preßte die Falten der braunen Wangen um den geklemmten Mund kzuſammen, und zwiſchen den breiten, borſtigen Augenbraunen dräuete es wie ein verhaltener Grimm. Die Augen des alten Fredden faßten in einem ſtieren Blicke ſogleich die Veränderung auf, und beklommen fragte er: Drohet eine Gefahr? Wird unſere Reiſe ge⸗ hindert?— Blumenhagen. 1Vv. 12 ——— e———— 178 Nicht doch! erwiderte mürriſch der Schmied; ſehen Sie mich doch im Reiſerocke, bewehrt mit der langen Peitſche und die Laterne in der Hand, und hier iſt ein dichter Wollmantel nebſt Mütze für Sie. Auch Wagen und Gaul ſind bereit und der Geſell wartet damit am Garten auf uns. Alſo aufgepackt, und nehmen wir nicht zu viel Gewiſſenslaſt mit auf die Axe, wird der Himmel uns ſchon eine ſichere Fahrt verleihen. Wie er Glück und Schutz vertheilt, wie er hier Gebete erhört, dort verſagt, bleibt uns blinden Menſchenkindern ja gar öfters dunkel und räthſelhaft.— Der Alte warf einen zweiten, faſt mißtrauiſchen Blick auf ſeinen Retter, indem er ſich einhüllte, und dieſes Mißtrauen ſchien zu wachſen, als der Schmied die Kaſſette unter die ſtarken Arme nahm, obgleich der Eigenthümer nichts dagegen zu ſagen wagte. Ich habe den Herrn gaſtlich aufgenommen, fuhr der Handwerksmann im gleichen harten Tone zu reden fort, und ihm meine Hülfe zugeſagt, und werde das Wort halten ehrlich und getreu, wenn es mich auch faſt ge⸗ reuet ſeitdem. Thut doch der ruhige Bürgersmann eben nicht geſcheit, bindet er ſeinen Kahn an ein Schiff, was im Sturme fährt und Contrebande geladen hat. Nur müſſen Sie ſich fügen, wie ich Sie führe, und ehe wir fahren, annoch mich dicht an zu guten Leuten begleiten, von denen ich Abſchied zu nehmen und ihnen meinen Hausſtand zu vertrauen habe. Man weiß doch nicht, was bevorſteht auf ſolcher Reiſe und in ſolcher Geſell⸗ ſchaft.—. Kann ich Euch nicht hier erwarten, bis das Geſchäft abgemacht? fragte Herr Andreas lauernd und ſcheu.— Geht nicht wohl an, denn ich ſchließe Zimmer und —,— 179 Haus, uns den Rücken zu decken, wenn etwa der wackere Conſulent, Ihr Freund und Erbe, Nachſucher ſchicken möchte, antwortete herriſch Meiſter Mull. Auch denke ich, müſſen Sie jeden neuen Verzug fürchten.— Herr Andreas wurde durch die triftigen Gründe von jedem Widerſpruche abgehalten, und folgte ſeinem Führer ohne Anhalt, der ihm durch Werkſtatt und Hof vor⸗ anſchritt, von da durch eine Gatterthür einen zweiten kleinern Hofraum durchwanderte, von wo ſie zu einem niedern Gebäude gelangten, das ihnen geöffnet ſtand. Verwundert beſchaute Herr Andreas bei dem düſtern Schein der Hornleuchte die große Wagſchale, die Fäßchen und Kiſtchen, ſtutzte beim Anblick eines unanſehnlichen Kram⸗ ladens, jedoch eingeſchüchtert durch das Benehmen des trotzigen Mannes, in deſſen Hand nun einmal ſein Schick⸗ ſal lag, fragte er nicht, und als Meiſter Mull eine Thür auſſtieß und ſagte: Nur hier voran hinein! trat er über die Schwelle. Er ſtand im Zimmer der Frau Anna. Die Matrone ſaß, ſo wie wir ſie verlaſſen, neben dem Krankenbett, aber ganz ſtill war es in den Kiſſen und unter der Decke, ein bleicher, ruhiger Mann lag langgeſtreckt darin, von dem Sorgen und Seufzer genommen waren durch einen ſanften, ſchmerzloſen ewigen Schlaf. Das Mädchen und der Förſter ſtanden am Fußende des Leichenbettes mit gefalteten Händen und ſahen mitleidig auf den Befreieten hinab, und die Muiter ſchien ſo eben bereit geweſen, ihnen eine traurige Entdeckung zu machen, zu der ſie bis dahin noch nicht Kraft und Faſſung gewonnen hatte. Die Lampe, von welcher der nutzloſe Lichtſchirm fort⸗ geſchoben worden, beleuchtete hell die Gruppe und eben⸗ falls die Eintretenden, und ſo wie Frau Anna den Herrn 180 Fredden erkannt, welcher ſtutzig auf der Schwelle weilte, ſo ward ſie von einer heftigen Erſchütterung bewegt, ſtand gewaltſam ſich ermannend auf, ergriff Freddens Hand, zog ihn zu dem Bett und deutete mit ausgeſtreck⸗ tem Finger auf das ſchneebleiche Angeſicht des Todten. Bruder Bernhard! kreiſchte Herr Andreas, überwäl⸗ tigt von der ſchauervollen Ueberraſchung, und ſtand wie verſteint und ſchauete, wie von einer unabwehrbaren Gei⸗ ſterhand gezwungen, feſt auf das milde Geſicht, dem der Tod keine Verzerrung aufgedrückt, ſondern das er mit den Zügen des Friedens und einer freundlichen Kindheit neu geſchmückt hatte. Der Förſter rief erſchreckt nach: Bernhard? Der Ohm Bernhard? Uns endlich gefunden und uns wieder entriſſen!— Das Mädchen aber ſchrie: Der Vater! Mein armer Vater! und ſtürzte zur Seite der Leiche in die Knie und bedeckte die ſchmalen, kalten Finger mit heißen Küſſen.— Ja, er iſt es, ſprach durch die neue, innere Wallung den Schmerz überwindend, Frau Anna, es iſt Dein Va⸗ ter, mein Mann, Dein Bruder, es iſt der unglückliche Bernhard, dem der Gott der Gerechtigkeit die Gnade erwies, im Arme der Seinen ſeinen letzten Kampf kämpfen zu dürfen, und verſöhnt mit ſich ſelbſt und der Welt den ſchweren Gang zu thun, zu dem vor der Zeit das Schickſal ihn gerufen. Schau hin, Du kalter Mann des Glückes, auf dieſes blaſſe, liebe Antlitz, in welchem Du Deine eigenen Züge wieder findeſt! Der Jammer und die Sorge haben ihre Spuren darauf nachgelaſſen; aber hatte er ſich beladen mit Schuld, ſo hat er ſchwer hier unten ab⸗ gebüßt, und wird dort gnädig aufgenommen werden. O mancher wird ſich eine ſolche Scheideſtunde wünſchen, denn er entſchlief wie ein Kind, das ſich müde gelaufen, ——— 181 Abends im Schvoß der Mutter entſchläft. Wehe über den, der in dieſen ſtummen Mienen eine Anklage lieſet, den ohne Buße mitten in ſeiner Schwelgerei die Stimms des Gerichts abruft und der unbereitet drüben Antwort zu geben hat.— Wie ein weicher Schleier ſchien einen Augenblick lang ein milderes Gefühl ſich über die harten, eiſigen Geſichts⸗ zügen des Herrn Andreas herab zu ziehen, aber ausge⸗ brannte Leidenſchaft hatte das Gemüth mit todten Kohlen und rauhen Schlacken gefüllt, Gewohnheit die Nerven⸗ fäden mit einer Steinkruſte umklemmt. Annette, warum ging er davon und wartete nicht bis die Zeit meinen erbitterten Sinn geſchmolzen? fragte er mit gedämpfter Stimme, aber ſogleich, als ſchäme er ſich der Regung ſeiner Menſchlichkeit, ſetzte er hart und finſter hinzu: Doch was verklagt ihr mich und werft mit ſpitzen Meſ⸗ ſern nach mir, und wollet mich zum Kain machen? Bin ich ſein Mörder?— Nein, fiel Frau Anna lebhaft ein und ihre Augen funkelten, Du haſt ihm kein Gift in den Trunk gemiſcht, haſt nicht mit dem Degen nach ihm geſtoßen, Niemand kann Dich verklagen vor dem irdiſchen Richter. Sieh — ſie zog die Decke von der Bruſt des Todten;— ſeine Wunde blutet nicht in Deiner Nähe. Auch hat er Dir vergeben, daß Du die Bruſt der Mutter vergaßeſt, die ihn wie Dich getränkt, daß Du unterlaſſen, was der Menſch dem Menſchen, was der Bruder dem Bruder ſchuldet. Eine fremde Mörderhand traf ihn, ohne ihn gemeint zu haben; ſein guter Engel leitete die Hand, um ihn zu erlöſen, denn ſein Leben war nicht zurückzu⸗ führen in ein freundlich Gleis; o auch Dein guter Engel führte Dich an dieſes Bett, und möge dieſe ſchwere —— 182 Stunde auch auf Dich wirken zu Deinem Beſten. Er hat ja in ſeinem letzten Wunſche auch für Dich gebetet und Dich gerufen zu ſeiner Leiche.— Ergriffen von ſchmerzlicher Erinnerung bedeckte ſie ihr Geſicht mit beiden Händen, überwältigt brachen ihre Thränen los, und ſie ſank über das Bett des Gatten hin. Ein heimlicher Schauer mußte Herrn Andreas gefaßt haben, denn er wandte ſich wie abgeſtoßen zu dem Schmied und fragte mit unſicherer Stimme: Mörder und Engel in ſeltſamer Geſellſchaft! Die Frau fiebert und ſpricht in unverſtändlichen Delirien.— Der Schmied ſtand unbeweglich, wie ein Rolands⸗ bild, die Augen feſt und forſchend auf den Nabob gerich⸗ tet, der Förſter aber faßte Herrn Andreas am Arm und ſagte mit Heftigkeit: Der Meuchler, deſſen Kugel den armen Ohm getödtet, ſchlief in Eurem Bett, wohnte in Eurem Gartenhauſe; er war derſelbe franzöſiſche Bube, den das Volk ſuchte, als es bei Euch einbrach.— Da zuckte Herr Andreas ſichtlich zuſammen, raffte jedoch ſchnell ſich wiederum auf und ſtieß hervor: Es iſt Zeit zur Reiſe, Meiſter, wenn Ihr Euer Wort zu halten gedenkt.— Und wie von einem innern Stachel geſpornt zu raſcher Anſtrengung, ſchritt er zum Zimmer hinaus, und der Schmied folgte ihm, indem er zu dem Förſter halblaut murrte: Sorge für die Mutter! Dieſen da laß fahren. Für ſolches Eiſen gibt es keinen Hammer von Menſchenhand geführt; er iſt hiebfeſt, ſo lange ihn der böſe Geiſt nicht verläßt.— Eine lange, ſchwere Zeit voll Kriegstumult und Sorge um Leben und Erdengut war verſtrichen. Mars S — 183 und ſeine Söhne ruheten erſchöpft eine Weile und das einſtige ſtille Leben war in die kleine Familie zurückge⸗ kehrt, von der dieſe Blätter erzählten, die täglichen Sorgen, das mühſame Geſchäft milderte, wie überall am beſten, den Schmerz in den verharſchten Herzenswunden. Nur wenn ſie Sonntags Bernhards Grabhügel beſuch⸗ ten, ſprachen ſie viel von der herben Vergangenheit, und an den Ohm Andreas wurden ſie nur durch die bunten, indiſchen Vögel erinnert, deren einige der Förſter im Walde aufgefangen hatte, nachdem ſie der Volksſturm damals aus den Käſichen gejagt, und die er hegte, weil bei ihrem Anblicke er ſich gern des guten Willens erin⸗ nerte, den er gegen den harten Ohm gehegt, als er in Noth gerathen. Der Meiſter Mull hatte den Flüchtling ſicher über die Grenze geſchafft, aber was er mit ihm unterwegs verhandelt, davon kam nie ein Wort über des finſtern Menſchen Lippe.— Der werthvolle Nachlaß des franzöſiſchen Grafen war vom Gericht in Verwahr genommen, doch als jede Anfrage in Paris ohne genü⸗ gende Auskunft verblieb, und die Gewißheit ſich feſtſtellte, die Familie des Grafen Auguſtin ſei ſämmtlich ein Opfer jener Bluttage geworden, da erkannte der Stadtſchultheiß einen bedeutenden Theil des Nachlaſſes dem Förſter zu, und nicht lange nachher führte er ſeine Chriſtel zum Altare.— Zehn Jahre ſpäter— es ſprangen ſchon mehrere friſche Buben auf den Raſenplätzen am Forſthauſe um⸗ her und wälzten ſich mit den rauhen Hatzhunden im Sande;— da kam ein großer Brief bei dem Stadt⸗ ſchultheiß an. Ein Hamburger Haus verkündete darin, daß Herr Andreas Fredden zu Philadelphia das Zeitliche mit dem Ewigen vertauſcht habe und die überſeeiſche ————— 184 Erbſchaft für ſeine Nichte Chriſtel als ſeine teſtamenta⸗ riſche Univerſalerbin bereit liege. Mit ihr fiel auch der bis dahin curateliſch verwaltete Ritterhof der überraſch⸗ ten Förſterfrau zu. Meiſter Mull aber ſprach, als er die Abſchrift des Teſtaments mühſam durchſtudirt, zum Förſter: Siehſt Du, mein braver Burſch, daß Gottes Hammer doch den Menſchen zu finden weiß, wenn auch ſpät, aber ſicher. Dieſes Blatt ſoll nicht von meiner Eſſe in Aſchenfunken zum Schlot hinaustanzen, und Gott beſchere dem alten Herrn eine ungeſtörte Ruhe bei den Wilden in dem Heidenlande. ————— 2* 3 2* ℳ — 8 — M 6 3—* — 8 — 5 8 — Eine wüſte, wilde Nacht herrſchte draußen, und die dunkle Flut des Elb⸗Armes brauſete ſo laut durch die Ufer, daß man im Schifferhäuschen, welches vertrauungs⸗ voll ihm nächſter Nachbar war, ihre dumpfe Stimme hören konnte, die nichts dem Menſchenohr Freundliches in ſich trug, ſondern bald wie kreiſchender Warnungs⸗ ruf, bald wie dumpfes, feindſeliges Zornwort herüber klang. Das blonde Mägdlein, welches allein im Häus⸗ chen ſaß am Tiſch, worauf eine blanke Lampe und ein aufgeſchlagenes Geſangbuch ſich befand, ſah auch öfters auf von dem frommen Buch, und hielt die emſigen Fin⸗ ger ſtill, welche flink einen langen blauen Wollſtrumpf zu fertigen bemüht waren und horchte auf die ſonder⸗ bar gemiſchten Töne, welche Wellenbraus, Wind und Schlackerregen hervorbrachten; aber dergleichen längſt gewohnt, rührte ſie bald die Hände wieder und fuhr fort im Leſen der Andacht weckenden Geſänge. Da pocht es ſiebenmal an die Pforte, und ſie ſprang ſchnell auf, ſäuberte den Lampendocht und öffnete, trat jedoch ſogleich erſchrocken zurück, als ſtatt des erwarte⸗ ten Vaters eine ſchlanke Mannesgeſtalt, durch den dun⸗ keln Mantel und breitrandigen Filzhut vermummt, vor ihr ſtand, und wie bekannt eintrat, die Thüre hinter ſich anzog und den ſchweren Eiſenriegel wiederum vorſchob. n 188 Vater Mei, rief ſie ſchnell gefaßt und zur Kammer ge⸗ wandt, komm' Er doch heraus und bring' Er den Fritz mit und den Ruderbaum; hier iſt ein Fremder, der Sein begehrt.— Bravo, ſchön Riekchen! antwortete eine angenehm klingende Stimme. Du biſt Vater Davids ächtes Töch⸗ terlein an Courage, Witz und Beſonnenheit, und die ſchönſte Waare, welche je zwiſchen Moorburg und Tim⸗ mersloh die Straße paſſirt.— uUnd nach einem halb unterdrückten Gelächter ſchleuderte der Verkappte ſeinen triefenden Fils an den Boden, warf den durchnäßten Mantel über einen Schemel, und ein ſchlanker junger Mann erſchien wie ein bunter Schmetterling aus der braunen Puppe, ſprang auf das Mädchen zu und legte dreiſt ſeinen rechten Arm um ihr Mieder, und faßte zu⸗ gleich mit der Linken ihre Hand, zog ſie ſo feſt zu ſich, und traf mit ſeinem lüſternen Munde gerade auf ihre rothen üppigen Lippen. Er iſt's, Herr Sommer? fragte die Erſtaunte, und die rothe Glut ſtieg aus dem jungen bewegten Herzen auf ihr Apfelgeſicht. Doch bleibt's nicht fein, gute Freunde zu erſchrecken, und zu ſolcher Stunde durch Liſt in's Haus zu brechen.— Ich brach nicht ein, Täubchen, Du ſelbſt haſt geöff⸗ net, und es gereut Dich nicht, wenn anders Dein Ge⸗ ſicht ehrlich ſpricht, entgegnete Sommer mit ſichtlicher Fröhlichkeit. Aber für wen hielt mich denn mein Riek⸗ chen, als ich in dem Banditenkoſtüm ſtak?— Nun für wen anders als den Marboeuf, den ſchwarzen Lieutenant, der mir viel Moleſtie macht, ſo mit ſeinem ſüßen, fremdländiſchen Krieskrams, wie mit ſeinen trotzi⸗ gen Drohſprüchen, antwortete das Mädchen. Schämen ——. — 189 muß ich mich ſelbſt der Furcht, konnte der böſe Feind doch das rechte Klopfen nicht ausſpionirt haben.— Tarſend Teufel mögen den Gauner holen! fuhr der junge Mann auf und hob die geballte Fauſt. Wie ein Dachs vor dem Fuchsbau liegt er ſtets in unſerer Straße, und wie der Fuchs um den Hühnerhof, ſchleicht er jede Nacht, um unſere verſteckten Magazine zu erwittern; den Satanas ſpielt er gegen die Schmuggler, und will hier ſelbſt Contrebande fiſchen; aber Proſit, Herr Bri⸗ gadier, der deutſche Witz hat in den letzten Monaten der franzöſiſchen Liſt manch Näschen gedrehet, und hier gar bei dem ſchönen, verſtändigen, deutſchen Riekchen wird ſolch ein Kolkrabe nimmermehr Hahn im Korbe werden.— Er ſchickte ſich an, ſeine Liebkoſungen zu wiederholen, die Jungfrau aber floh vor ihm, und verſchanzte ſich hinter den Tiſch und das Geſangbuch. Der Hahn iſt eben ſo ſchlimm wie der Rabe, ſagte ſie, obgleich er vielleicht hübſcher anzuſehen. Und wenn der Vater jetzt heim käme und fände uns zuſammen eingeſperrt? Gar Arges müßte er denken, und drei Tage gäbe es nichts als Gebrumm. Darum, lieber Herr Sommer, mach' Er, daß Er weiter kommt, denn Er hat ſicher ein Ge⸗ ſchäft am Köhlbrand oder im Dorf, da man nicht glau⸗ ben kann, Er ſei um ein Mädchen Unſersgleichen durch die ſchlechte Nacht daher ſpaziert.— Und doch, Puppe! antwortete der Mann, ſetzte ſich ihr gegenüber und faßte über den Tiſch hin des Mäd⸗ chens Hände und preßte ſie zwiſchen den ſeinigen. We⸗ nigſtens haſt Du mich verlockt zu einem Schnellmarſch über Acker und Wiſch, daß ich mir oft die langen Stel⸗ zen eines Klapperſtorchs wünſchte, um beſſer durch den weichen Boden zu kommen. Sorge nicht und koſe traulich 190 mit Deinem Freunde. Der Vater Mei ſitzt im Dorf und ſpielt Solo mit den Kameraden, und ſein Bierkrug war noch halb gefüllt, und ſeine Pfeife dampfte noch wie ein holländiſcher Schornſtein. Ich gab ihm einen Wink und unſer Zeichen, aber ehe Spiel, Bier und Ta⸗ bak nicht zu Ende geht, kommt er mir ſicherlich nicht nach, darf es auch nicht, um Aufſehen zu meiden und die grünen Spürhunde nicht auf unſere Fährte zu locken. Die Schifferstochter ſah dem freundlichen Sprecher mit ihrem blauen, ehrlichen Augenpaar recht feſt in ſein friſches Geſicht, dann drückte ſie ihm wie unwillkürlich die Hand und ſprach: Warum will Er ſich denn nun ſchon wieder wagen? Und warum thut Er das überall, da Er doch ſo feiner Leute Kind ſcheint? Sonſt beküm⸗ merte ich mich gar nicht ſehr um die Wirthſchaft der Fremden, die mit dem Vater verkehrten, und kochte ih⸗ nen ruhig das Warmbier oder ſchenkte ihnen den Ham⸗ burger Köhm ein, wenn ſie's verlangten. Der Vater meinte, ſie thäten was ſie dürften, denn ſo ein auslän⸗ diſcher Soldatenkaiſer habe kein Recht von Gott, zu verbieten, fremde Waare ins Land zu ſchaffen, und Han⸗ del und Wandel an die Kette zu legen wie einen Pflug⸗ ſtier. Von dem einheimiſchen Fürſten müßte man ſich's gefallen laſſen, denn der ſei da von Gottes Gnaden und habe das Recht; doch ſo einem fremden Länderdieb den Spaß zu verderben, ſei erlaubt, ja befohlen. Ich dachte nichts dabei, und all die Menſchen, die der Vater ſeine Kunden nannte, galten mir nichts, waren doch die mei⸗ ſten auch grobes Volk, fluchten abſcheulich und ſoffen wie Schwämme, und führten ſich zu täppiſch und maſſiv auf in Wort und That. Ja, als die Franzoſen einen von ihnen, um letzte Weihnacht war's, mitten in des —. —. 191 Vaters Schiffe mauſetodt ſchoſſen, und ſeine Kamera⸗ den ihn hier herein brachten und wie einen Waarenbal⸗ len einwickelten, um ihn zu ſeiner Heimath zu ſpediren, dauerte mich's erſt, als ſie von ſeiner Frau und ſeinen Kindern ſprachen. Seit Er aber, Herr Sommer, zu uns gekommen, kommt mir gar oft, ſelbſt des Nachts, in die Gedanken, wie gefährlich das iſt, was Er ſo leichtfertig treibt; muß ich an den Erdhütten der Doua⸗ nen vorbei, ſo ſchauerts mich an wie Fieber, wenn ſo ein Schnurrbart mir ſeinen franzöſiſchen guten Tag ſchnarrt und mich Mamſell ſchillt, und mir ſchwanet, es geht Ihm auch noch ſo wie dem kurzen, dicken Todten im Schiffe, und das wäre gar zu traurig, denn Er ſieht gar nicht aus, als wenn Er ſolch heimlich Geſchäft treiben müßte des täglichen Brodes wegen.— Prachtmädel! rief der junge Mann mit Feuer, hät⸗ teſt Du mein Herz nicht längſt gemauſet, Dein liebes Plappern müßte es jetzt aus meiner Bruſt zu Dir her⸗ ziehen wie mit dem Grundhaken dort an der Wand. Deines Vaters Philoſophie iſt gar nicht übel, und Bauer und König handelt zur Zeit nach gleichen Grundſätzen. Was Du aber von mir und dem täglichen Brod ſagteſt, da biſt Du im Irrthume. Die, welche jetzt einen guten Rock tragen und ein feines Bruſthemd, ſind meiſt die Aermſten, und beneiden gar oft den Bettelmann, der ſich nicht ſchämen darf, wenn er vor jeder Thür fechten geht. Der kleine grüne Korporal hat die Welt zu einem un⸗ geheuren Exercierplatze gemacht, und wer nicht Luſt hat, ſein Leben einzuſetzen auf dem grünen Würfeltiſche die⸗ ſes großen Glückſpielers, bleibt ein Knecht für immer⸗ dar. Eyrlicher Handel iſt der Schwindelei gewichen, und kaufmänniſche Rechtlichkeit fallirt überall in dieſer 192 Gaunerwelt. So erging es meinem braven Alten, deſſen Firma vor Jahren einen reinen Ruf hatte in' jeder Meß⸗ ſtadt. Bei ſeiner deutſchen Ehrlichkeit flog das Vermögen in die Luft und ſeine Geſundheit mit. Sanft ruhe der alte gute Mann! Mit Kleinkrämerei müſſen wir Brü⸗ der die Mutter erhalten, bis Gram und Sehnſucht ſie dem Vater nachgezogen. Johannes, der ältere, ſorgt jetzt daheim; ich aber habe dem großen Verderber und ſeinen Rotten den Krieg erklärt auf ächt kaufmänniſche Weiſe, und jeder Frank, ja jede Centime, die ich ſeiner Mauth entziehe, freuet mein Herz und gilt mir für einen Säbelhieb, den ich dem Erzfeinde verſetze. Iſt mir Fortuna günſtig, wird die alte Firma Sommer und Compagnie wiederum ſtrahlen im Goldblumen⸗ kranze; fangen die Gelbkragen mich einmal, fahre wohl! heißt es alsdann; geſtorben muß es ja immer einmal ſein hier unten auf der lumpigen Erde.— Und das kann Er ſo leichthin ſprechen? verſetzte er⸗ bleichend das Mädchen.— Trifft mich ſo ein Blei, fuhr Sommer leichtfertig lächelnd fort, magſt Du mich in die letzten Windeln wickeln und heimſenden, wie die Kameraden es mit dem Lauenburger machten. Und iſt es mir vergönnt, noch einen Abſchiedskuß von Deinem Erdbeernmäulchen zu fühlen, werde ich nicht muckſen, ſondern mit eben ſolch fröhlichem Geſicht wie jetzt die Reiſe über das große, finſtere Meer antreten. Doch ſieh nicht ſo trüb zu mir herüber, ſetzte er mit ſanſterem Tone hinzu; ſeit Du, frommes Kind, für mich beteſt, müſſen ja die Engel mich ſchirmen und mein Haupt behüten. Und die Ma⸗ dam Fortuna lächelt heute beſonders. Bislang ſpeku⸗ lirte ich nur im Kleinen und für mich ſelbſt und für 193 einige gute Genoſſen. Jetzt aber hat ein gewaltiger Mann mir ſein Vertrauen geſchenkt, ein Hamburger, der ſeine halbe Million wiegen mag, und darum bin ich hier im Wetter, denn der wackere David Mei, der mich immer honnet behandelte, ſoll nun auch ſeine Prozente im Großen ziehen und zu Riekchens Brautſchatze manch Goldſtück legen dürfen.— Es pochte wieder außen und Beide fuhren erſchreckt zuſammen; doch als die ſieben Schläge gezählt, athmeten ſie freier, und Sommer nahm ſelbſt die Lampe und ließ die Klopfenden herein. Drei Männer beleuchtete der trübe Lampenſchein. Der erſte war der Schiffer, eine kräftige, an ſechs Fuß Maß haltende Geſtalt, ganz Muskel, mit markirten Geſichts⸗ zügen, vergelbten Wangen, und in ſeinem Wamms, dem breiten Ledergurte und den dunkeln weiten Leinen⸗ hoſen und der Pelzmütze, ein gar anſehnlicher Mann. Immer friſch herein, Herr! ſprach eine tiefe Stimme noch vor der Thür. In meinem Neſte wehet guter Wind; wer über meine Schwelle tritt, für den haftet David⸗ Mei bis er wieder hinaus. Und Ihr, Herr, ſeid beſon⸗ ders willkommen, denn ein guter Freund hat Euch ange⸗ meldet.— So nöthigte er einen Zweiten zum Vortritt, der, nachdem er einen weiten Kutſcherroquelor gelüf⸗ tet und deſſen Kappe von ſeinem Hute zurückgewor⸗ fen, gar beſonders gegen den Führer abſtach. Mittlerer Größe war der Fremde, ziemlich wohlbeleibt, etwa ein Sechziger, das breite Geſicht voll, dunkel geröthet, ja hie und da mit einem Kupferanflug geziert; er trug un⸗ ter dem runden Hute eine gepuderte Friſur, die freilich Blumenhagen. IV. 13 * 1 194 durch die Nothkappe gelitten hatte, Wäſche und Ober⸗ rock waren fein, und ſein Eintritt zeigte, trotz ſichtba⸗ rer Aengſtlichkeit, den Mann von Stande. Des Schif⸗ fers Schwäher, ein kurzer, unterſetziger Kerl, ſchob ihn faſt in das Haus, und indem er mit dreiſter Vertrau⸗ lichkeit ſein wachsbleiches, blatternarbiges Geſicht über die Schulter des Fremden reckte und mit den ſchielenden grauen Augen den Vorplatz durchſpähete, kreiſchte er mit einer Krähenſtimme faſt höhniſch: Iſt denn der Herr zum erſten Male bei ſolcher Nachtfahrt? Wie würde es mit ihm ſtehen, wenn er die Linie paſſiren ſollte, und ſo ein Douan ſein Kibitz riefe? Hier hat Er nicht zu zittern, denn wem der Stoffel Metz ſeine Hand gegeben, dem läßt er kein Haar krümmen, und deckt ihn mit dem ganzen Leibe, wenn's Noth thut. Macht jetzt eilig Euer Geſchäft ab, ich wache indeß draußen, und höret Ihr Katzenruf, ſo ſalvirt Euch. Schlafen auch die Grün⸗ röcke in ſolcher naſſen Nacht gern im Stroh, die Rei⸗ tenden von Harburg könnten patroulliren und der Mar⸗ boeuf iſt ein Teufelskerl und ſcheuet nichts, ſobald er einen Fang wittert, und wenn auch alle Kirchthürme im Sturme wackelten.— Als der rohe aber ehrliche Sprecher ſich zurückgezo⸗ gen, folgte der ältliche Fremde dem Schiffer in die Stube, holte tief Athem und wandte ſich dann ſchnell und abgeſtoßen, wie mit fremdländiſchem Accent ſpre⸗ chend, zu dem jungen Sommer. Warum kamen Sie nicht zurück, Mosjö? fragte er unwillig. Warum ſag⸗ ten Sie nicht, daß das Haus ſo weit entfernt lag? Wir haben eine wahre Höllenpromenade gemacht. Und, ſetzte er Engliſch hinzu, mich allein zu laſſen mit den zwei unbekannten, grimmigen Menſchen.— — 65 5 195 War es doch ſo verabredet, antwortete Sommer in derſelben Sprache höflich, jedoch ein heimlich Lächeln nicht verhehlend, und, Herr Agent, in Ihrer bequemen Kaleſche konnten Sie doch hier nicht vorfahren. Sie wollten ſelbſt den Mann ſprechen, in ſeinem Hauſe und ſogleich, und wieſen meine Vermittlung zurück. Alles hat ſich gut gemacht, der ehrliche Fuhrmann hat mit Ihnen am beſtimmten Fleck, der hohlen Eiche, wohin mein Wink wie gewöhnlich ihn rief, unſern Mann ge⸗ troffen, ohne Gefährdung ſind Sie hier, und ich hätte Dank erwartet, daß ich allein trotz des Wetters voran eilte und die Gegend durchſpürte, ob irgend eine Ge⸗ fahr vorhanden.— Nur nicht bös, lieber Freund! antwortets der Mann mit der Friſur deutſch. Sie haben Recht; wir ſind hier, das iſt die Hauptſache.— Er ſetzte ſich gemächlich an den Tiſch und zog eine himmelblaue Brieftaſche aus dem Buſen, und nachdem die Andern gegen ihm über Platz genommen, fing er die Unterhandlung mit dem Schiffer an. Es handelte ſich um nichts Geringeres, als fünfzig Wagen voll reiches Gut von Altona in morgen⸗ der Nacht herüber zu transportiren. Die Contrebande war geladen, ſollte Punkt zwölf Uhr zur Stelle ſein; Schiffer Mei ward befehligt, mehre Milchever, geräu⸗ mige Fahrzeuge, in denen die Landleute ihre Waare nach Hamburg zu ſenden pflegen, parat zu halten, und der Fuhrmann Stoffel ſollte die nöthige Anzahl Fuhr⸗ werke und Leute beſorgen, um ſie ſchnell zu verladen Und in's Land zu führen. Als der Preis nach mehren Hin⸗ und Herreden geſtellt worden, fragte der Schiffer nach der Bedeckung und der bewaffneten Mannſchaft, oder welcher der Lieutenants beſtochen worden. Das Ruhi⸗ 196 nenantlitz des Agenten verzog ſich zu einem höhniſchen Lächeln. Haben wir eine Garde nöthig, um die Hände der Auflader und Fuhrknechte zu bewachen? fragte er ſcharf. Für uns bedarfs dergleichen nicht.— Aus der Brieftaſche nahm er beſchriebene Karten hervor und legte ſie dem Schiffer hin. Dieſe hier, ſprach er wei⸗ ter, zeiget Ihr vor, wenn ein gemeiner Douanier Euch inkommodiren ſollte; dieſe zweite nur im Nothfall, oder wenn der Offizier, der wahrſcheinlich anderweit beſchäf⸗ tigt ſein wird, Euch moleſtirt. Nur für die heimliche Ueberfahrt und Ausladung habt Ihr zu ſorgen; iſt das Gut auf dem Feſten, ſteht es ſicher wie Londoner Aſſe⸗ kuranz, und Freund Sommer hier iſt Ihm Garde und Guide genug.— Der Schiffer und der junge Kaufmann hatten ſchon manchen verwunderten Blick. gewechſelt. Herr, Ihr treibt das Geſchäft en gros, wie man zu ſagen pflegt, ſprach Mei, und trotz Eures Zagens auf dem Marſche hierher iſt mir ſolch ein ſicherer und kecker Kundmann noch nicht vorgekommen. Für das Waſſer ſtehe ich, und ſind die kleinen Paffirzettel da ſo gültig, wie Ihr ſie ausgebt, ſoll kein Kaffeetönnchen und Zigarrenkäſtchen jenſeits bleiben und Alles Euch treu zu Handen kommen.— Ja, das iſt der Hauptpunkt, verſetzte der Agent, indem er ſeine Brieftaſche wieder einſteckte, aufſtand und verächtlich im Zimmer umher blickte. Wer bürgt für Eure Treue? Wer ſteht mir dafür, daß kein Ballen, vielleicht der werthvollſte, auf dem dunkeln Waſſer in Euer Fiſchkäſichen fällt, oder zwiſchen der Streu eines Wagens hängen bleibt?— Die breiten Augenbraunen des Schiffers zogen ſich dicht zuſammen und ſeine tiefliegenden Augen blitzten in 197 kaum verhehltem Zorne. Wer hat den Herrn hergeru⸗ fen? fragte er mit tiefer Stimme. Hat Er uns nicht nöthig, können wir ebenfalls unſere Suppe kochen ohne Ihn. Der Herr iſt ein Hamburger, ſeine großſtädti⸗ ſchen Schiffersleute mögen angeſteckt ſein vom Schacher; wir zu Moorburg kennen ſolchen Abfall nicht, und frem⸗ des Gut gilt uns mehr denn eigenes. Damit aber der Herr ſchauet, daß Er nicht mit Lumpenpack zu thun hat, denen eine unbezahlte Pfeife Tabak oder ein freier Kaffee am Herzen liegt, ſo komme Er mit und ent⸗ ſcheide Er ſelbſt, ob der David Mei eine Bürgſchaft bedarf, wenn er Fremdes auf ſeinem guten Ever trans⸗ portirt.— Verwundert ob des unerwarteten Tones des ſchlich⸗ ten Mannes folgte der Agent dem Schiffer zur Kam⸗ mer und Sommer mit dem Mädchen gingen nach. Der Schiffer rückte ein breites Milchbrett bei Seite, und ein kleiner Wandſchrein ward ſichtbar, den er aufſchloß und zwei Schubladen aufzog. Blanke Gulden füllten die eine, ein tüchtiger Haufen Goldſtücke lag in der zwei⸗ ten, und ein ſtolzer Triumph ſchimmerte aus des Schif⸗ fers Zügen, als der Mann mit dem Puderkopfe ſtau⸗ nend auf ſeinen heimlichen Schatz herabſtarrte. Alles ehrlich verdient in Schweiß und Tageslaſt, ſagte der Hausherr, mit Wohlgefallen ſeinen Reichthum betrachtend. Nicht ein Gaunerkniff klebt ſchmutzig daran, und darum gedeiht es und mehrt ſich wie die Feld⸗ mäuſe.— O ihr thörichten Menſchen, antwortete der Agent achſelzuckend, wie viele Früchte hätte das todte Kapital tragen können. Warum nehmet Ihr nicht gutes Papier das ſich außerdem leichter dem Diebe verbirgt?— —— — 198 Papier? lachte der Schiffer laut auf. Waſſer zieht es und der Mauſchel nimmt die Prozente. Beſſer be⸗ wahrt als beklagt. Wucher iſt nicht chriſtlich und pringt keinen Segen unter das Dach. Am Sonntag nach der Kirche zählt man's und hat ſeine Freude an den blanken Königsbildern; ein Papierchen würde man mit Sorge anſchauen, ob's die Ratten auch ganz gelaſ⸗ ſen; im Kaſten da liegt's ſicher, und für den Dieb ſchützt der Riegel und die gute Fauſt.— Auch der junge Sommer hatte mit Staunen den un⸗ erwarteten Reichthum des ſchlichten Schiffers angeſehen, und hinter dem Rücken der Andern umfaßke er das üppig gebaute Mädchen, preßte ſie an ſich und ſchauete mit blitzenden Augen in ihr Geſicht wie in einen goldenen Kelch und flüſterte: Riekchen, nenne mich Du und Deinen Georg!— Kommt der Johannistag, bringe ich Dir den Brautring, oder Du ſollſt mich einen Schurken heißen.— Das Mädchen zuckte zuſammen, ſah ihn wie erſtarrt an und öffnete den kleinen Mund, doch nur um die weißen Zahnreihen zu zeigen. Wortlos ſchmiegte ſie ſich einen Augenblick feſt an ihn, fuhr aber ſchnell wiederum von ihm, denn der Vater hatte ſchon den Schrank ge⸗ ſchloſſen, und leuchtete den Fremden mit der Lampe in das Zimmer zurück. Lieber Sommer, Sie haben uns den rechten Mann ausgeſucht, ſchmunzelte der Agent und rieb ſich die Hände, ſoll auch Ihr Schade nicht ſein. Der Vertrag iſt geſchloſſen, Herr Mei, ſetzte er dann geſchmeidig hinzu, laßt uns zurückgeleiten zum Dorf, wo mein Wagen wartet, denn der Regen ſcheint indeß ſtill ge⸗ worden.— — —— — 199 Er wickelte ſich bei dieſen Worten wiederum in ſeinen Kutſchermantel und ging zur Thüre, welche das flinke Riekchen öffnete. Der Schiffer jedoch hielt ſich etwas hinter ihm mit dem jungen Kaufmann und flüſterte die⸗ ſem treuherzig ins Ohr: Handel und Wandel in Ehren! Aber das Kirſchengeſicht gefällt mir nicht, und ich fahre für Euch lieber zehn Tönnchen Rum umſonſt durch den Fluß, als für den Knauſer eine Laſt Raffinade. Er riecht mir nach dem Stamme Juda, und wer das Waſſer ſcheut, weil es keine Balken hat, iſt keinem Schiffers⸗ manne beſonders willkommen.— Getauft iſt er, auf Parole, antwortete Sommer heimlich und lachend; aber ein Pfund Blut von Israel mag wohl noch in ſeinem Schmeerbauche tanzen.— Dem Mädchen noch einen glühenden Blick zum Abſchiede ſpendend, folgte er dem Gönnersmanne, der ſchon, auf den ſchielenden Fuhrmann geſtützt, durch die Nacht vor⸗ anſchritt.— —— In der Stadt Harburg, im beſten Zimmer des Gaſt⸗ hofes zum Schwedenkönig, ſaß mehre Wochen ſpäter der Agent, Herr Jakob Silbermann, traulich mit ſeinem neuen Günſtlinge hinter der Chokoladekanne und ließ ſich bereits die dritte Taſſe von ſeinem Töchterlein, Su⸗ lamith genannt, einſchenken. Eine fröhliche Trunkenheit herrſchte in ſeinem Geſichte, deſſen Rubinanflug ſelbſt noch den Schimmer ſeines karmviſinfarbenen Damaſt⸗ ſchlaſrocks überbot, und redſeliger als gewöhnlich weihete er ſeinen jungen Freund in ſeine Geheimniſſe ein, ſo daß die ſchlanke Sulamith mit den ſchwarzen Augen den Gaſt, welchen ſie heute zuerſt ſah, gar ſcharf betrachtete, ——— —— — —— 200 und die vortheilhafte Meinung, welche des Vaters räth⸗ ſelhaftes Zutrauen für den Geſchäftsträger in ihr weckte, durch ein zartes, freundliches Zucken des feingezogenen Lippenpaares unverhehlt an den Tag legte.— Der alte Herr ſaß im Sorgenſtuhle und zwei ſeidenhaarige kleine Hunde, aus Bologna ſtammend, theilten links und rechts den weichen Polſterſitz, und waren als Lieblinge unverſchämt genug, den Herrn durch ihr Gebleff oft mitten im Redefluge zu unterbrechen, ja ſogar ſich auf den Tiſch erhebend mit dreiſten Pfötchen die ausgekram⸗ ten Papiere zu durchſtöbern, eine Weiſe, die den ver⸗ zogenen Günſtlingen der Reichen gemein ſein ſoll, mögen ſie von vier oder zwei Beinen ſich durch ihr Schmaroz⸗ zerleben tragen laſſen.— Mein junger Freund, ſetzte Herr Silbermann ſeinen bereits eine gute Weile geführten ſalbungsreichen Ser⸗ mon fort, indem er mit weicher Hand die Hunde zur Ruhe tatſchte, die geheime Dienſtbarkeit, zu der ich Sie auf gute Empfehlung Ihrer Kenntniß, Ihrer Treue und Ihrer erprobten Bravour geworben, ſetzet uns in ein gar abſonderliches Verhältniß. Mein Freundchen könnte fragen, wie kommt's, daß der reiche Silbermann, der eine große Folio hat im Hamburger Börſenbuche, zu den Schwärzern ſich herabläßt, deren Wege ſind die der Finſterniß und unter denen ſich finden Glücksritter, Ban⸗ kerottierer, ſo daß ihr Name iſt Legion. Nichts für ungut, mein gar Lieber! ſetzte er hinzu, als er das Blut raſch empor ſteigen ſah auf des ſchweigſamen Zu⸗ hörers Wangen. Wir ſprechen von voriger Zeit, nicht von heute, wo wir ſelbſt uns zuzählen müſſen dieſer ſchwarzen Cohorte. Reich iſt gut, aber reicher iſt beſſer. Der große Napoleon, Gott verzeihs, hat die Thore des — — — — 201 Handels zugenagelt, wer kann's dem Kaufmann verar⸗ gen, daß er ein Hinterpförtlein bricht? Die Welt ge⸗ winnt mit, denn die Surrogate ſchmecken gar ſchlecht und der Herrgott ließ die Runkelrübe wachſen für das liebe Vieh, das edle Rohr aber für ſein Menſchenbild. Wer iſt ſeines mühſam geſammelten Gutes gewiß über Nacht, wenn ſo ein grimmiger Davouſt, Gott ſchütze uns, die Goldbarren aus der Bank einer freien Stadt wegfahren darf, als gehörten ſie in die Sparbüchſen ſeines Kindleins?— Ihr könntet fragen, wie kommt's, daß der reiche Silbermann ſelbſt herumkutſchirt von Stadt zu Stadt und von Dorf zu Dorf gleich einem Tabulettkrämer, da ihm hundert junge Comptoirburſche zu Gebote ſtehen?— Sehet, darauf ſoll dem Freunde Antwort werden, weil er wunderbarlich hat gewonnen mein Herz.— Die ſchöne Sulamith ließ die glänzenden, raben⸗ ſchwarzen Haarflechten aus den weißen Händen gleiten, und ſchoß wiederum einen ſeltſamen Blick auf den Mann, der ihrem eiſigen Papa ſolch eine Gefühlsfloskel auf die Zunge gezaubert, und der junge Sommer empfand dieſen Blick ſo warm durch ſein Auge in's Herz hin⸗ abblitzen, daß er unwillkürlich ihn mit einem gleich bedeutungsvollen erwidern mußte. Ihr ſchauet mein Mädchen an? fuhr der Alte immer heißer werdend fort. Auch dieſe ſtumme Frage verſtehe ich. Ein Schwärzer reiſet nicht mit Familie, mit Toch⸗ ter, Dienerſchaft, Hund und Kätzchen an der Grenze umher, das wiſſen die klugen Franzmänner ſo gut wie wir, und dieſe meine kleine Familie iſt darum die beſte Fledermauskappe für unſre Maskerade, und wo es ſich um eine Million Mark handelt, darf kein guter 202 Spekulant das kurze Opfer häuslicher Bequemlichkeit ſcheuen.— Eine Million? ſtaunte Sommer. Aber unmöglich iſt der Herr Agent ſelbſt der Raſende, der ſo hohes Hazardſpiel wagt?— Sie taxiren ſichrer als unſer pfiffigſter Makler, Freundchen, lächelte Silbermann. Nein, vor ſolchem Goldkoller bewahrt uns das kleinere Maaß von Gottes⸗ ſegen, das uns geworden. Der Titel, den mir die däniſche Majeſtät gegeben, iſt hier zum wirklichen Amt geworden; Jakob Silbermann iſt nur die Hand eines großen, gewaltigen Mannes, einer Excellenz, der viel⸗ leicht allein in dieſer Provinz es möglich, ſo verwegene Coups zu unternehmen. Ehe wir uns kennen lernten, Freundchen, diente im Geſchäft ein Schwede, ein ver⸗ wegener Prachtkerl, und manche Schiffsladung iſt durch ihn über den Elbſtrom praktizirt worden auf Rechnung der Excellenz. Vor einem Monat erſoff die Spadille aller Schmuggler und wir ſaßen in großer Verlegen⸗ heit, denn noch zwei Hauptakte waren zurück, beſtellt und bedungen, die letzten, mit denen der gewaltige hohe Herr Baſta machen und ſich zur Ruh ſetzen will drüben in Mecklenburg, wo ſchon durch Jakob Silber⸗ manns Hand ihm die Güter gekauft ſind, mehre hun⸗ derttauſend Mark werth unter Brüdern. Da wurde uns der Herr Sommer empfohlen, und ſein Probe⸗ ſtück iſt mit Hülfe des billigen Lieutenants Canon ſo trefflich abgelaufen, daß die Excellenz mehr für ihn los⸗ gerückt hat, als je von ihr der Schwede ſich zu rühmen gewußt.— Mit dieſen Worten legte er ein Röllchen vor den jungen Mann, deſſen Form und Gewicht den goldenen 203 Inhalt verrieth. Sommer ergriff bewegt die Hand des Alten und ſtotterte etwas von treueſter Dankbarkeit. Nichts von das, fiel ihm der Agent ins Wort. Dem Ochſen, der da driſcht, ſoll man das Maul nicht binden. Iſt der letzte Coup gemacht, bleiben wir Beide doch zuſammen, denn da unſere Sulamith leider kein Bub geworden, ſo iſt mir ein Mann vonnöthen, der die zitternde Hand erſetzt, wenn die Jahre kommen, die uns nicht gefallen.— Sulamith ſchoß einen neuen Blitzblick auf Sommer, der den jungen Mann immer verwirrter machte; da ſtörte der Eintritt des kleinen Samuels, des Leibdieners, die Scene, und die Anmeldung, welche der krummbeinige Page mit verzerrtem bleichen Rabengeſicht hervorſtotterte, allarmirte ſämmtliche Anweſende. Ein grüner Franzoſenoffizier mit langem, raſſelndem Sarras an der Seite und einem furchtbaren Schnauz⸗ bart ob dem verwegenen Munde, ſtand vor der Thür und fragte nach dem Herrn Agenten, und wollte ſich nicht abweiſen laſſen und meinte, der Herr Silbermann müßte wünſchen, ihn zu ſprechen, und er nenne ſich Marbveuf, und ſei ein bon ami aller generöſen Han⸗ delshäuſer in Hamburg. Das iſt der Lieutenant der Douanen, ſtieß Sommer heraus.— So ſind wir geſchlagene Leut! ſtammelte Herr Sil⸗ bermann, ließ die Taſſe aus den Händen gleiten und machte ſo ängſtliche vergebliche Fluchtbewegungen in ſei⸗ nem Lehnſeſſel, daß die beiden gequetſchten Hunde ein gräßliches Geheul begannen und die ſchöne Sulamith wie außer ſich aufſchrie und in die Kammer flüchtete. Sommer drückte ſchnell beſonnen den Alten wiederum 204 nieder in ſeinen Stuhl und flüſterte: Keine Uebereilung, keine Furcht, mein lieber Herr. Ich bin da und laſſe meinem Gönner kein Haar krümmen. Unbefangen und dreiſt müſſen wir der Frechheit des verwünſchten Kerls begegnen. Wiſſen wir doch nicht, was er will.— Krampfhaft drückte der Agent ihm die Hand, ſchob die Briefſchaften und Päſſe unter die Serviette und nickte dem ſchwarzhaarigen Zwerg die Weiſung zu, den un⸗ willkommenen Beſuch einzulaſſen. Der Douanenoffizier trat gar bald herein, ein ſechs Fuß hoher, mannlicher Soldat, mit der ſprechenden Phyſiognomie ſeines Vaterlandes und mit einem Paare dunkler Augen verſehen, die über dem buſchigten Wan⸗ genbarte funkelten wie izwei Pechkränze vor einem Kö⸗ nigsſchloſſe, in der tiefſten Nacht das Verborgenſte be⸗ leuchtend. Mit der feinen Höflichkeit ſeiner Nation begrüßte er die Herren und nahm ſittig dankend den gebotenen Stuhl. Stammelnd und mit ſichtlicher An⸗ ſtrengung fragte der Agent nach dem frühen Begehr des Soldaten. Wohl weiß ich, ſagte der Franzos, daß die Herrn Hamburger den Morgenſchlaf lieben und es bei ihnen erſt um Mittag Tag wird. Die Kriegsoperationen än⸗ dern die Tagesordnung, und der Herr Agent Jakob Silbermann ſind ein zu kluger General, um nicht ſelbſt frühzeitig ſeine Vedetten zu viſitiren und ſeinen Schlacht⸗ plan bei Zeiten zu entwerfen. So wagte ich es denn in dieſer Stunde meine Dienſte anzubieten.— Ihr ſprecht in Räthſeln, mein Lieber, antwortete der Alte, mit weitaufgezogenen Augen den Mann ſixirend, Krieg? General? Schlachtplan? Wir ſind auf der Rückreiſe nach Hamburg, haben Verwandte in Celle 205 beſucht und bedürfen keines ſoldatiſchen Geleits, da die treffliche Polizei überall die Sicherheit der Reiſenden muſterhaft bereitet.— Der Franzos zog eine höhniſche Miene und ſpielte mit Geräuſch an ſeinem Säbelgriff. Sollte Euch der Schwede Strömhill nie den Namen Marbveuf genannt haben? fragte er lauernd. Nun— Ihr dürft nicht er⸗ ſchrecken, guter, alter Herr, ſetzte er begütigend ſogleich hinzu. Leben und leben laſſen iſt die Maxime jedes klugen Mannes; der große Kaiſer ſelbſt hat als Artil⸗ lerie⸗Lieutenant Schulden gehabt und gönnt ſeinen bra⸗ ven Kriegsleuten die Gelegenheit, ein gutes Glück zu machen. Nur müßt Ihr dem Marboeuf keine Naſe drehen wollen, und wo Ihr vierzig vom Hundert ver- dient, ihm auch ſein ſimples Prozentchen nicht unter⸗ ſchlagen.— Der Agent verſtummte, jedoch Sommer fuhr vom Stuhle auf und ſtellte ſich mit offenem Auge dem Feinde entgegen. Gab Euch Euer Kaiſer ein Recht, ehrſame Bürgersleute zu beleidigen? fragte er heftig. Iſt das graue Haar nicht ſicher vor Eurer Schlangenzunge, ſo ſoll Euch dieſe junge Fauſt Sitte lehren. Macht, daß Ihr fort kommt, dann wollen wir vergeſſen, was Ihr geſprochen, ſonſt aber— Nun? Sonſt—? fiel der Franzoſe ein, der eben⸗ falls aufgeſtanden, und lehnte ſich nachläſſig auf ſei⸗ nen Säbel. Ihr ſeid ein ſchmucker Burſch, junger Herr, und würdet einen tauglichen Voltigeur in der Armee abgeben. Meinet Ihr, ich kenne Euch nicht? Ich wüßte nichts von Euren Schleichwegen zu der ſchönen Friederike in Moorburg, nichts von Euren nächtlichen Vertraulichkeiten mit meinem ſanſtmüthigen 206 Kameraden Canon?— Ihr dürft nicht erbleichen und verſtummen. Leben und leben laſſen! iſt meine De⸗ viſe. Ich gönne dem Kameraden und Euch den kleinen Vertrieb, wo es ſich aber um Tauſende handelt, ſtreckt Marboeuf ebenfalls ſeine offene Hand aus. Wollt Ihr klagen gegen mich? Schnell! Es hat hier der Oberſt Quartier mit ſechs Lieutenants und ſechs reitenden Douanen; ſie mögen über uns zu Gericht ſitzen. Ihr habt treffliche Papiere und ſeid committirt von einer großen Firma. Marboeuf aber fürchtet Niemand auf dieſer Erde und wenn er ſelbſt hier ſtände, der Miniſter Bour.— Wie ein Habicht ſchoß der Agent mit wunderbarlicher Beweglichkeit hervor und breitete ſeine weiche Hand über den Mund des kecken Redners. Still, guter Freund, ſtieß er hervor, der Name ſoll hier nicht erklingen. Ich ſehe, ein Teufel hat Euch Alles verrathen. Was verlangt Ihr?— Ich feilſche nicht wie meine Collegen, erwiderte der Schnauzbart ſtolz, ich zähle die Wagen nicht und nehme für jedes Rad einen Napoleon. Funfzig, Hundert, es iſt Eins; aber für jeden Coup, der fernerhin auf des Miniſters Rechnung geht, müſſen hundert Napoleons in meinen Seckel fließen.— Viel, gar viel, ſtotterte der Agent. Doch fürchtet Ihr nicht den gewaltigen Namen, den Ihr ausſprechen wolltet? Wird unſer Bericht Euch nicht Schaden brin⸗ gen?— Davouſt klingt härter als Bour... lachte der Franzos; nun ich ſoll den Heiligen nicht nennen. Mir recht! Aber verwarnt Euren Mäcenas bei Gelegenheit. Der Fürſt von Eckmühl haßt die Papierhelden und iſt 207 dem Miniſter auf der Fährte. Für die Nachricht ſeiner geheimſten neueſten Diplomatik möchte mir der Erſtere leicht tauſend goldene Münzen zahlen. Laßt mich wiſſen, wann Ihr paſſiren wollet. Marboeuf ſteht für jeden Riß und bringt Euch durch alle drei Linien bis Witzen⸗ dorf; ja, erſt in der letzten Torfhütte ſollt Ihr das Geld in ſeine Hand legen. Honneter kann Euch Nie⸗ mand behandeln. Gebt mir Nachricht, der junge Herr kann mich ſchon finden in der Nähe des Schifferhäus⸗ chens am Köhlbrand. Der galliſche Hahn ſei die Pa⸗ role von ihm, die Roſe im Palais⸗Royal die Antwort von mir. Ohne Adieu, meine Herren, der Marboeuf hofft auf baldigen Zuſpruch.— Seinen dreieckigten Hut höflichſt ſchwenkend, drehte er ſich auf dem Abſatze um und verließ das Zimmer. Herr Jakob Silbermann ſchöpfte tief Athem, als der gelbe ſchimmernde Kragen hinter der Thür verſchwun⸗ den war. Ein verdammter Kerl! Hat mich recht heiß gemacht, ſtöhnte er. Sie hätten ſich nicht ſogleich nackt geben ſollen, ent⸗ gegnete Sommer verdrießlich. Er muthmaßte vielleicht nur, und die Frechheit ſeiner Nation gewann ſein Wag⸗ ſpiel.— Nein! Nein! verſetzte der Agent kopfſchüttelnd. Er hatte Recht mit dem Argwohn; der Eckmühl haßt den Miniſter, und würde den Landsmann nicht ſchonen, ent⸗ deckte er, daß er ſelbſt gegen ſeinen Kaiſer ſpielt. Hier hackte ſicherlich der Rabe dem Raben gern beide Augen aus. Der Zufall ſorgte vielleicht gar väterlich für uns, und ich hätte dem Satanas tauſend Napoleons nicht ab⸗ ſchlagen mögen. Iſt es doch auch der letzte Transport . nd der Monſieur ſcheert nur ein einziges Häuflein Wolle dabei.— Ihm gönne ich's nicht, antwortete Sommer. Und ſind wir ſeines Schweigens gewiß, wenn er ſich ge⸗ täuſcht ſieht?— Dafür mag dann der Miniſter ſorgen, ſagte wieder⸗ um vollkommen beruhigt der Alte. Wir ſind nur ſeine Maſchinen und ziehen den Kopf aus der Schlinge.— Gemüthlich ſetzte er ſich recht bequem und füllte die halbvergeudete Taſſe neu, Sommer jedoch murrte heimlich, und erſt der ſchwarzaugigen Sulamith An⸗ kunft, die gehorcht und die ſein braves Benehmen lobte und ſein tapferes Vertreten des geliebten Vaters, zer⸗ ſtreuete die düſteren Falten ſeiner Stirn und ließ ihn die verhaßte Feindesgeſtalt in etwas vergeſſen. —————————————— Stoffel Metz, der Fuhrmann, ſaß auf einem derben Granitblocke, wie ſie viel in der dortigen Heide als Zeugen einer gewaltigen Naturumwälzung durch Waſſer⸗ gewalt zu finden ſind, und dampfte aus ſeinem kurzen Stummelchen dicke Tabakswolken in die kühle Nachtluft und gegen den ſtillen ſtern ſäeten Himmel hinan, indeß Georg Sommer ruhelos vok der von Moorerde erbauten Douanenhütte auf und nieder ſchritt, bald ſeinen Mantel lüftete über der Bruſt, bald ſich feſter hinein wickelte und durch jede dieſer Bewegung die innere Unruhe zu erkennen gab, welcher er nicht Herr zu werden vermochte. Es iſt eine rechte Nacht für's Geſchäft, ſchwatzte der kurze, derbe Moorburger, behaglich die Arme zur Er⸗ wärmung gegen die Weichen ſchlagend. Kein Lüftchen bewegt ſich, man könnte den Schritt jeder Patrouille 5 7— 209 trotz des weichen Heidgraſes auf eine Viertelſtunde weit pören, und in der friſchen, trockenen Luft ziehen die Pferde, als wär's ihr eigen Plaiſir.— Wäre es erſt Morgen? entgegnete Sommer halblaut. Nie iſt mir eine Nacht ſo lang geworden. Ihr ſchlggt Eure Arme zuſammen, als ſäßen wir im Winterfroſt, und mir iſt heiß und beklommen unter dem Mantel, als ſtände die Juniſonne über mir.— Sonderbar, murrte Metz. Wenns auf eigene Rech⸗ nung ging, waret Ihr immer friſch und lachend voran; ietzt da ein Vornehmer das Riſiko trägt, ſeid Ihr ver⸗ zagt wie eine Jungfer.— Wir hätten die Ladung theilen ſollen, antwortete Sommer; es iſt zuviel auf einmal.— Und dem ſchwarzen Franzmann das doppelte Gold⸗ ſäckchen in den gierigen Rachen jagen? Das wäre mir recht; ich gönne dem Kerl keinen blanken Gulden, denn der Teufel ſitzt ihm ſichtbarlich zwiſchen den dicken Aug⸗ braunen und er behandelt den Bauer wie ein Prinz ſei⸗. nen Schuhknecht. Habt Ihr ihn geſehen heute Nacht?— Wen? fragte der junge Kaufmann zerſtreut. Wen? Sonderbar! fuhr der Fuhrmann fort. Wen anders als den Marbveuf. Auf dem vorderſten Wagen ſitzt er, die geladene Büchſe in der Hand, und ich wette meine beſte Kuh, käme einer ſeiner Kameraden ihm un⸗ gelegen in den Weg, er würfe ihn nieder, wie wir ein Häschen, das in unſeren Kohlgarten herein ſpazierte. Man ſpricht viel von ihm; er ſoll unter den Grenadie⸗ ren geſtanden, aber ſo viel Luſt an Mordbrand und Plünderung gefunden haben, daß es ſeinem Oberſten ſelbſt zuviel geworden und er ihn darum zu den Grünen Blumenhagen. Iv. 14 verſetzen ließ. Seine Kameraden fürchten ihn wie ihre Sünde, denn er iſt gleich mit der blanken Plempe vor⸗ weg, und mancher ſoll liegen unter der Erde, den ſein Degenſtich mir nichts dir nichts um ein Weinwort auf die Erde gelegt.— Wenn er falſch wäre und uns in die Grube gelockt? fuhr Sommer auf. Der ganze Menſch iſt mir zuwider wie mein Erbfeind.— Glaub's Euch, ſchmunzelte Metz mit einem ſchielen⸗ den Seitenblicke. Das brave Riekchen hat der Haifiſch auch auf dem Korne, und ich fürchte, der Bruder Da⸗ vid wird nächſtens einen harten Stand haben, ſeitdem er es mit dem ſchwarzen Beelzebub verdorben.— Wie das, Stoffel? fragte Sommer raſch. Iſt et⸗ was vorgefallen, ſeit ich fort?— Hat's Euch das Dirnel nicht erzählt? verſetzte der Fuhrmann. Ja, aus Schaam wird ſie's verſchwiegen haben, obgleich ſie Euch eben nicht viel zu verſchweigen ſcheint und ihr Herzchen Euch vielleicht offener in mag wie dem Vater und Ohm. Eingebrochen iſt der Schurke bei hellem Tage in das Haus, als er den Vater zu Schiffe gewußt, und hat ihr Arges zugemuthet und hat ſie bereden wollen, mit ihm und des Vaters Habe nach Paris zu gehen, und hat gedrohet, den Vater an den Galgen zu bringen, wenn ſie nicht ſein Weib wer⸗ den wolle. Und doch weiß Jedermann durch die Solda⸗ ten, daß er daheim ein Weib ſitzen ließ und eine Andere in Brabant betrogen und die Dritte im Preußenlande. Mutter Elſe, die Nachbarsfrau, kam glücklich darauf zu und machte das arme Riekchen frei, die ſich kaum mehr ſeiner erwehrt. Da iſt denn der David zu ihm gegangen und hat ihn arg zur Rede geſtellt und hat ſein blankes Bratſpieß nicht gefürchtet und ihm geſchworen, wenn er ſich wieder ſehen ließe auf der Schwelle ſeines Hauſes, wolle er mit der Ruderſchaufel ihn zu einem Eier⸗ kuchen zuſammenſchlagen und alle Moorburger darauf zu Gaſt laden. Wollte Gott, der böſe Kerl träfe ein⸗ mal allein auf ein paar arme Schwärzer, die das Leben an ihren Sack ſetzten und ihn aus der Welt blie⸗ ſen. Kein Hahn würde darnach krähen und die ganze Gegend ihnen heimlich einen großen Dank ſprechen.— Horch! ſtutzte der Kaufmann. Hörtet Ihr nicht das Geſchnurr dort im Fuhrenkalhpe?— Das war eine Vogelſtimme, antwortete der Fuhr⸗ mann ruhig; der Schulmeiſter nennt das ſchwarze Thier eine Nachtſchwalbe, der Bauer nennt es die Hexe, denn es ſaugt Nachts den Ziegen die Milch aus, und wo es um Mitternacht an den Fenſtern ſchnurrt, da gibt's die Woche darauf eine Leiche.— Sommer ſchüttelte ſich wie vom Fieber bewegt. Sehet dort hinaus, fuhr Metz heimlich lachend fort, und alle e Unruhe wird ein Ende haben.— Ich ſehe nichts, verſetzte der junge Mann über die Heide hinſtarrend. Sehet Ihr nicht die großen ſchwarzen Schatten dort am Timmerloher Schlagbaume? Ich glaube, mein eines Auge iſt mehr werth, als Eure zwei Guckers, die doch eine Mantel Jahre ſpäter ſich aufgethan. Seht nur ſcharf hin; es ſind die letzten Wagen, die Burſche haben gut geſchmiert, man hört keine Achſe knarren, und ſelbſt die Thiere pruſten und ſchnauben nicht, als wenn ſie verſtändig wüßten, was es gilt. O ſo ein Gaul iſt ein kluges Thier und gelehriger wie mancher faule Knecht. Jetzt ſind ſie über die Linie und kein 11 1 212 Grünrock darf einen Plocken Zucker nehmen, ohne daß ihms die Finger koſtet. Der Lieutenant liebt das Gold⸗ und Ihr könnt Euren Beutel jetzt nur parat halten, denn ich wette, in wenigen Minuten ſteht er vor Euch und hält Euch die breite Hand her. Das ſchöne Gold; der Kerl iſt nicht ein Stück davon werth; unſereins wäre glücklich dadurch, und der Spitzbube betrügt ſeinen Kai⸗ ſer und turbirt obendrein ehrliche Leute, die ihrem alten Herrn treu ſind ſelbſt in Noth und Tod und gern Haus und Stall brennen ſähen, wenn nur die braven Roth⸗ röcke wieder oben auf wären.— Eine lange, dunkle Geſtalt wurde jetzt am nahen Föhrengehölz ſichtbar, ſie ſtand ſtill mitten auf der Heide, man hörte das Knacken eines Geweyrſchloſſes und eine tiefe Stimme fragte: Qui vive?— Der galliſche Hahn! antwortete Sommer, zugleich ſein Terzerol aus dem Gurte ziehend, um jedem unver⸗ mutheten Angriff zu begegnen. Es lebe die Roſe im Palais⸗Royal! ſprach Mar⸗ boeuf zurück, indem er raſch und munter näher ſchritt, und die Laterne unter ſeinem Mantel frei machte und mit ihr die beiden Harrenden beleuchtete. Seid Ihr es, Chevalier de fortuné? rief er ſpöt⸗ tiſch aus. Hat ſich der Weißkopf nicht aus ſeinem rothen Schlafrock gewagt? Viel Vertrauen ſetzt der alte Herr auf eine leichtfertige Hand. Hätte ich geahnet, Euch als Zahlmeiſter zu finden, würde ich nicht ſo ſicher bei der Avantgarde geblieben ſein; denn wer ſtand mir dafür, daß ſolch ein flügges Hähnlein nicht mich und den Puderkopf verlacht und mit dem goldenen Lohne über den Strom in's Weite geflattert wäre.— Sommer biß die Zähne auf einander, doch ſagte er, 213 ſich gewaltſam zuſammen nehmend: Mehr Urſach hätten wir gehabt an Eurer Treue zu zweifeln, Monſieur Lieu⸗ tenant; der Spruch: ein Mann, ein Wort! gilt nur dieſſeits des Rheins, und Euer Zweifel hätte verdient, einen ausländiſchen Gauner an meiner Statt zu finden, der Euch für den gebrochenen Dienſteid mit einem lee⸗ ren Topfe bezahlt.— Der Franzos, welcher ſchon die Bretterthür der Hütte zum Oeffnen gefaßt, drehete ſich um und ſchoß einen giftigen Schlangenblick auf den Kaufmann. Laut lachte er dann auf und ſtreckte die rechte Hand vorwärts in die Luft. Sehet Ihr den Tannenbuſch dort? fragte er mit Hohn. Zwei meiner beſten Schützen ſtecken darin, und hättet Ihr Miene gemacht, vor meiner Ankunft Euch zehn Schritte von der Hütte zu entfernen, hättet Ihr das Blei ihrer Büchſen in den Gedärmen gefühlt. Deutſche Tröpfe! Ihr tappt nur immer vorweg mit der harten Stirn ohne Gehirn; darum hat Euch der große Kaiſer auch immerdar nur wie eine Hammelheerde behandelt, die man zum Schlachten fett macht. Voran herein, Monſieur, wenns gefällig! Zahlt, und dann ſcheert Euch zu Euresgleichen.— Mit heimlich geballter Fauſt trat Sommer vor dem Lieutenant vorbei in die niedere Erdhütte, und dieſer zog die Thür hinter ſich zu, ſtellte die Laterne auf den Tiſch, lehnte die Büchſe an die Wand, und deutete mit der Hand gebieteriſch die Pantomime des Zählens an. Im innerſten Gemüth heiß und erbittert, warf der Kauf⸗ mann den Beutel auf den Tiſch, und wollte ohne Wort den dumpfen, engen Ort wieder verlaſſen. Halt! herrſchte der ſchwarzbärtige Marboeuf ihm zu. Ihr wollet den feinen Pariſer ſpielen und habt nicht ſo ⸗ 214 viel Lebenswiſſen wie ein Gascogner? Geduld, denn ich kaufe kein Rebhuhn unbefühlt; in Hanurg courſirt manche falſche Münze, meine Hand iſt eine gute Gold⸗ wage, und ſelbſt der Rand darf nirgend einen jüdiſchen Feilſtrich verrathen.— Er knüpfte das Band des Beutels los, ſchüttete das Gold auf den Tiſch, und fing an zu zählen, und dre⸗ hete mit niedergebogenem Leibe jedes Goldſtück wie ein jüdiſcher Wechsler zwiſchen den Fingern und näherte manches prüfend dem trüben Laternenlichte. In Som⸗ mer's Bruſt tobte das Blutmeer immer höher und heißer.— Viele abgegriffene Königsbilder! Nun, das iſt zeit⸗ gemäß, ſchwatzte der Franzoſe bei ſeinem Geſchäft. Aber für einen ſolchen Liebesdienſt ſollte das Ehrengeſchenk in ſonnenblanker Münze, eben unter dem Stempel weg, bezahlt werden. Ihr könnt's nur dem alten Puderkopf ſagen, daß er den Marbveuf bei der Excellenz empfiehlt, und für künftighin ihm eine Zulage ausmacht. Heißt es auch jetzt, der Miniſter ſei bei dem Kaiſer in Un⸗ gnade gefallen, und darum von dem himmliſchen Paris nach der Dreckſtadt geſchickt worden; man kennt das ſchon; morgen thut er einen Vorſchlag zu einer neuen Steuer, die den deutſchen Bären neues Fett abzapft, und übermorgen glänzt er wieder als ein Stern erſter Größe in den Tuilerien.— Ein Lumpenſümmchen! Gerade genug, um Sonntags im Alſterpavillon den Freunden und ihren Demoiſelles ein ſchönes Souper zu geben. Wie bezahlt man Euch denn?— Arme Schlucker ſind freilich leicht befriedigt, und ein unächt Ohrgehäng für ein ſchmutzig Fiſchermädchen iſt leicht geſchachert. Ihr liebt den Theergeruch; wohl bekomm's Euch; unſere F . 215 Pariſer Naſe bekam faſt die Ohnmacht, als letzthin eine bizarre Laune mich trieb, der derben Schäferin ein un⸗ verhofftes Glück anzubieten; ſie nahm's für Ernſt, und ward ſchauderhaft zärtlich wie alle deutſchen Gänſe, wenn ein Franzmann in ihre Nähe tritt; aber der Ap⸗ petit verging mir vor dem Eſſen, der Seeſiſch war mit nicht friſch genug, und Ihr, armer Monſieur, dürft nicht mehr zagen, und im Mondſchein wimmern, denn der Marboeuf wird Euch nimmer geniren, und ſpeiſet lieber Paſtetchen de Paris als ſolch zähes deutſches Rindfleiſch.— Der junge Deutſche hatte mit zuſammengekniffenen Lippen bislang zur Seite hinter dem frechen Franzoſen geſtanden. Seine zuſammengeballten Hände waren eis⸗ kalt, aber immer glühender trieb das Herz ſeine Blut⸗ wellen gegen die Stirn; jedes Wort des Feindes em⸗ pfand er wie einen Bajonettſtich in ſeiner Bruſt, und der Klang der Goldſtücke, die der Schurke einzeln aus der Hand zu dem Haufen warf, dünkte ihm wie Ket⸗ tenklang. Mechaniſch hatte ſeine Rechte den Griff des Hirſchfängers gefaßt, den er an der Seite trug; bei den letzten Worten Marbveufs lief Alles vor ſeinen Augen in ein helles, blendendes Licht zuſammen, wie Donner ſauſete es ihm im Gehirn, ſein Athem ſtöhnte, das Jagdmeſſer fuhr aus der Scheide, und vor ſtürzte er, und die ſcharfe Klinge ſaß hinterrücks in dem Leibe des Lieutenants. Der Stoß mußte gerade des Herz des zuſammenge⸗ bogenen Feindes gefunden haben, denn ohne Schrei, nur mit einem ſchweren Seufzer fiel der mächtige Mann zuſammen, ſtürzte neben den Tiſch auf den Boden, wälzte ſich um, ſtreckte ſich lang, und regte kein Glied mehr. . ——— „ 216 Einer Bildſäule gleich ſtand Sommer einige Augenblicke da, und ſtarrte nieder in die weit offenen, rollenden Augen des furchtbaren Antlitzes. Dann kam ſeine Be⸗ ſinnung zurück, er ſtieß das Meſſer in die Scheide, griff den Beutel und das Gold und ſtrich es in ſeine Taſchen, warf die Laterne vom Tiſch, zertrat ſie mit dem Fuße und ſtürmte hinaus aus der Hütte an die friſche Luft. Das hat lang gedauert, kreiſchte der Fuhrmann Metz, indem er ſich von ſeinem Steinblock erhob. Ich hörte den Wolfshund lachen, und mir juckte die Hand, und ich bekam Luſt, ihm in der einſamen Spelunke den Hals umzudrehen. Es wäre ein chriſtlich Werk, der Teufel holet den Braten doch über kurz oder lang. Seid Ihr ohne Zank mit der Zahlung fertig geworden, denn der Kerl iſt ſchlimmer und geiziger als ein Lotteriejude?— Er iſt gut und deutſch bezahlt! antwortete mit dum⸗ pfem Tone der junge Kaufmann, und eilte dem Gefähr⸗ ten voraus über die Heide hin, daß der krummbeinige Stoffel ihm kaum folgen konnte. In dem Städichen C... ſaß Abends der Kaufmann Johannes Sommer mit ſeinem Weibchen im kleinen Zimmer hinter dem Laden, und ruhete vom mühſamen Tagesgeſchäft. Er ſchmauchte ſein Pfeifchen Juſtus recht behaglich, indeß die kleine runde, rührige Frau die Schublade umſtürzte, und das verdiente Silber⸗ und Kupfergeld ſortirte. Nicht lange mehr ſollſt Du Deine hübſchen Augen alſo anſtrengen, Thildchen und Deine Fingerchen mit dem Bäckergelde ſchmutzen, ſagte der Kaufherr, ſich behaglich dehnend, und den Arm um den üppigen Wuchs der jungen Frau mit Zärtlichkeit —— 217 ſchmiegend. Sendet der brave Georg noch einen ſolchen Transport wie den Letzten, ſo ſind wir geborgen, und haben genug für uns und den Kleinen, und folgten ihm noch ein Halbdutzend ähnlicher Schreier nach. Schicke nur immerhin den Burſchen zum Kellerwirth und laß eine Flaſche guten Medoc holen, denn mich drängt's, auf des Bruders Geſundheit heute mir ein Räuſchchen zu zeugen.— Die kleine Frau warf verwundert ihre hellen Augen auf den ſonſt ſo ſparſamen Eheherren, und fragte: Iſt denn heute Geburtstag?— Ja, Geburtstag, Weibchen! antwortete der Mann und ſchlug auf ein daliegendes Zeitungsblatt. Ein Ge⸗ burtstag iſt vor der Thür, den Alles feiern wird, was Deutſch ſpricht, und zu dem die Engelein im Himmel ſelbſt die Muſik machen werden. Da ſteht's! Der Poſt⸗ meiſter hat mir das Evangelium heimlich zugeſteckt. Schon kam der Tettenborn in Mecklenburg an, und ſeine Koſaken laſſen ſich jenſeits der Elbe ſehen. Wenige Wochen noch, ſo fallen die deutſchen Ketten, und wir genießen dann unſer Gut in Frieden.— Ach Männchen, ſo habt ihr ſchon oft gehofft, ſeufzte die kleine Frau. Aber das Franzoſenvolk iſt wie das Unkraut in unſerm Garten draußen; habe ich mit der Martha den ganzen Tag gejätet und gerupft und ge⸗ harkt, morgen kommt ein warmer Regen und übermor⸗ gen ſtecken die Neſſeln und der Wegerich allerwärts wie⸗ der die grünen Köpfe hervor.— Aber was rollt denn da noch ſo ſpät vor das Haus? unterbrach ſie aufhorchend der Kaufherr. Bruder Georg kann es nicht ſein, denn geſtern kam ja erſt ſein Brief. Der Wagen hält wahrhaftig; ſchau nur durch's Fenſter, 218 der Schlag geht auf und Fremde ſleigen heraus und ge⸗ riren ſich wie Bekannte.— Herr Sommer legte bei den Worten ſeine Pfeife nieder, zog ſich den Schlafrock zurecht und ſchritt durch den Kramladen zum Vorplatze und ſein Weibchen folgte ihm neugierig. Verwundert ſtanden Beide, und ſahen der curioſen Manier der angelangten Fremden zu. Das Fuhrwerk, welches vor der Thür hielt, glich in ſeiner halbrunden, zuſammengedrückten Form einem Schneckenhauſe, und ähnelte ſehr den Duodez⸗Fuhrwerken, in welchen die fran⸗ zöſiſchen Couriere ihre Schwalbenflüge von einer Haupt⸗ ſtadt Europas zur andern zu machen pflegten. Ein klei⸗ ner, ſchwarzer Burſch in Rhabarber⸗farbener Livree war ſchon heraus geſprungen, und empfing aus den Händen des drinnen ſitzenden Herrn zwei zierliche Hunde, die er ſorgſam auf ſeine Arme placirte; dann ſtieg dieſer ſelbſt nach, doch mit ſolcher Unbehülflichkeit, daß der Kaufmann ſich gedrängt ſah, hinaus zu treten und ihm Hülfe zu leiſten. Danke ſchön! Danke ſchön! ſprach der Fremde, deſſen wohlbeleibte Geſtalt ein heller, gelblicher Oberrock deckte. Bei Herrn Johannes Sommer und Compagnie? Nicht ſo?— Und als der Kaufmann bejahete, langte er ein Mantelſäckchen aus dem Wagen, und legte es ohne Umſtände auf des Hausherrn Arme. Da haſt Du ein Pferdchen, mein Junge! ſprach er dann freundlich zu einem lauernden Bettelbuben. Du haſt uns vom Thore gut geführt. Da, Junge, nun lauf, und vernaſch das Silberſtück nicht, ſondern bring's der Mutter. Er, Hans, herrſchte er dann dem Kutſcher zu, fährt jetzt ſogleich wieder zur Stadt hinaus und ſo weit in die Nacht, als die Thiere laufen wollen. Grüß 219 Er die Mamſell; ſie wird Ihm zahlen, was Ihm ge⸗ vührt, und alle Strafe des Herrn Zebaoth auf Sein und Seiner Kinder Häupter, wenn Er irgend einem Ohre vertrauet, wen Er gefahren, und wohin Er ge⸗ fahren.— Der Kutſcher trieb die Pferde fort, und die Frem⸗ den traten dreiſt in das Haus, und folgten dem ver⸗ ſtummten, doch ſie höflichſt begrüßenden Kaufmann in ſein Zimmer. Noth hat kein Gebot, verehrter Herr Sommer, be⸗ gann der fremde Herr, nachdem er ſich wie erſchöpft auf einen Seſſel hatte fallen laſſen, und wir ſind in großer Bedrängniß. Agent Jakob Silbermann aus Hamburg, wie wir meinen, nicht ganz unbekannt hier im Hauſe.— Herr Silbermann? jauchzte Sommer auf. Der reiche Gönner unſer Georg's? O tauſendmal willkommen unter unſerm Dache!— Schon gut! entgegnete der Alte. Wer weiß, ob der Herr nach fünf Minuten das Willkommen wiederholt? Aber nein, das iſt daſſelbe ehrliche Geſicht, daſſelbe kecke Auge, wie's der liebe Bruder hat, und ſo wird unſere Noth gemindert werden durch Freundes Rath und Hülfe.— Noth? fragte Sommer ſtaunend. Der reiche Herr Agent könnte der Hülfe eines armen Kleinhändlers be⸗ dürfen?— Hier iſt nicht vom Handel, nicht vom Mamon die Rede, fiel Herr Silbermann ein, indem er ſich mit dem vſtindiſchen Seidentuche Schweiß und Puder von der breiten Stirne wiſchte. Es gilt den Hals, Freundchen, und das iſt nichts Geringes. Die Zeit iſt koſtbar, denn Polizei und Gendarmerie tragen Meilenſtiefeln. Wir 220 find flüchtig, Freundchen, und helft Ihr nicht, ein ver⸗ lorener Mann des Todes. Der grimmige Eckmühl iſt hinter unſere Praktiken gekommen, Gott weiß durch wel⸗ chen Teufelskerl! Er will dem Miniſter zu Leibe, er gönnet ihm nicht den letzten Schimmer der Gnade ſeines Kaiſers, er iſt neidiſch auf das Rittergut, das wir der Excellenz im Auslande acquirirt. Wir waren die rechte Hand der Excellenz, darum will er uns haben, uns tor⸗ quiren, bis wir beichten zum Verderb des großmüthigen Herrn. Aber gute Freunde ſteckten uns die böſe Abſicht, und wir haben uns davon gemacht ohne Aufſchub. Wo aber Sicherheit, Verſteck? Denn der Davouſt hat lange Arme und Hände wie der Vogel Greif, und reſpektirt ſelbſt des Königs von Weſtphalen Grenzpfahl nicht, wenn es Kaiſers Dienſte gilt.— Mein wackerer Herr, antwortete der Kaufmann ru⸗ hig, mildern Sie Ihre Angſt, denn Sie ſind unter einem ehrlichen, deutſchen Dache, und der Gaſtfreund, welchen ein Bruder ſo warm empfahl, wird Herr in des Wir⸗ thes Eigenthume. Alle Hülfe ſoll Ihnen werden, ob⸗ gleich ich Ihre Aengſtlichkeit kaum begreife, denn der Miniſter wird Sie doch ſicherlich nicht im Stich laſſen, und brächte man Sie auch vor den grimmigen General, wer kann Sie zwingen, etwas auszuſagen, was Sie verſchweigen wollen, wenn nicht anders ſchriftliche Do⸗ kumente gegen Sie zeugen dürften.— Schriftliches? Ein Narr ſind wir nicht, ſo etwas in die Welt zu werfen, verſetzte der Agent. Aber Ihr kennt den Davouſt nicht, Freundchen, habt den gewalti⸗ gen Menſchen nicht geſehen, wenn er den Federhut, groß wie ein Fregattſchiff, ſich in die Stirn drückt und mit dem Sarras den Boden ſchlägt. Die großen Herrn 221 ziehen den Köpf aus der Schlinge und laſſen die Klei⸗ nen ſtecken im Strick. Habt Ihr denn nichts gehört von den neueſten Gräueln, welche der grimmige Mo⸗ habiter vollführt? Wie es ergangen den armen Leuten aus Soltau, die der Böſewicht, der Marboeuf, ertappt auf der Linie? Mauſetodt hat er ſchteßen laſſen den alten ſiebenzigjährigen Reimers, den reſpectabeln Han⸗ delsmann; den Poſtmeiſter haben ſie mit einem glühen⸗ den Eiſen gebrannt, und der Mohrmann und Boißel ſitzen im Thurm, wer weiß, wozu aufgeſpart. Nein, nein, verbergen müßt Ihr mich im Keller, im Tabaks⸗ faß, einerlei, nur ſchnell, denn mir klingen die Schritte der Rothbüſche vor den Ohren von Harburg bis hier und verwirren mir das Gehirn. Zeit gewonnen, Alles gewonnen! Und ſeid Ihr mir ein Engel des Herrn, bei meiner Väter Aſche! der Silbermann, Freundchen, kann es und wird es vergelten an Euch und Euerm wackern Bruder, an Kind und Kindeskind.— Sommer verſprach zu thun, was in ſeinen Kräften ſtand, obgleich die kleine Frau, der alle Roſen von den Wangen entwichen waren, heimlich mit den Augen winkte und unruhig hüſtelte.. Hier im Hauſe iſt keine Sicherheit, ſagte er nachſinnend. Der Bettelbube hat Sie hergebracht, die Nachbarn kön⸗ nen das Fuhrwerk beachtet haben. Thildchen ſchenke dem Herrn ein Täßchen Thee ein, gieß vom beſten Rum dazu. Indeß will ich beſorgen, was als nöthig erſcheint.— Die Frau, des Gehorſams gewohnt, wagte bei dem ernſten, entſchloſſenen Wort des Mannes keine Einwen⸗ dung, und der Agent ſchöpfte freier Athem, als er durch das Thürfenſter bemerkte, wie der Hausherr mit kalter Ruhe ſeine Anſtalten traf. ———————— 222 Die Familie Sommer beſaß einen Garten außer dem Thore in einer abgelegenen Gegend, auf dem ein kleines Häuschen ſtand. Dieſen Ort hatte der Kaufmann zum Verſteck des verfolgten Gönners auserſehen. Er ſchickte jetzt ſeinen Hausknecht zu Bett, weil er am andern Morgen früh einen Botengang antreten ſollte. Er ſandte den Kaufviener zu einem Handelsgeſchäft weit in das andere Ende der Stadt; dann füllte er einen Korb mit Viktualien, kleidete ſich an, und trat mit der Stalllaterne wieder in das Zimmer. Du ſelbſt willſt gehen? jammerte die Frau. Wenn Dir nun Böſes begegnete, was ſollte aus mir und dem Kleinen werden?— Es iſt ein Chriſtenweg, den ich thue, antwortete Herr Johannes. Des Bruders Stimme befiehlt mir's und der Georg iſt böſere Wege gegangen für mich und Dich und den Kleinen.— Die kleine Frau verſtummte, und als der Mann ſie herzte und dazu heimlich ſprach: was kann man denn mir thun, wenn ich auch einem Freunde Nachtquartier im Gartenhauſe für Bezahlung erlaubte? Fangen ſie ihn, ſo hat er es auszubaden! So ſah ſie weniger bang zu, wie die Fremden ihre todten und lebendigen Hab⸗ ſeligkeiten aufpackten, und durch den Thorweg des Hauſes nit ſcheuen Schritten dem ſichern Führer nachfolgten. Drei Tage ſaß der Herr Jakob Silbermann ſchon in ſeinem freiwilligen Gefängniß unbefehdet, und die Sommerſche Familie begann leichter zu athmen, und Herr Johannes rechnete bereits bei der abendlichen Be⸗ ſchäftigung des Geldſortirens ſeiner Mathilde das ſchöne 223 Sümmchen vor, welches aus der reichen Börſe des Ham⸗ burgers für Schutz, Quartier und Beköſtigung in ſeine Schublade ſpazieren würde. Der alte Agent fing andern⸗ theils ſchon an, ſeines Arreſtes überdrüſſig zu werden, denn die kalte Küche, der ſchlechte Wein mundeten dem verwöhnten Reichsſtädter ſo wenig, wie die Geſellſchaft ſeines ſäbelbeinigen Jockeys, der von nichts zu erzählen wußte, als der gräulichen Exekution des alten Soltauers, der er beigewohnt und von der Todesangſt, die ihn ſeit⸗ dem befiel, wenn nur der Name Gendarme genannt wurde. Beſſere Koſt konnte Sommer nicht ſchaffen, ohne Aufſehen zu erregen, Geſellſchaft durfte er dem Alten nicht leiſten, denn man kannte ihn als einen ſehr häus⸗ lichen Ehemann; er ſelbſt trug Abends die täglichen Nothwendigkeiten zum Garten hinaus, nebſt den Zeitungs⸗ blättern, die der Agent als einzigen Troſt verlangt. Gern hätte Sommer den alten Herrn gleich anfangs beredet, den Diener und die Hunde fortzuſchaffen, weil er die Möglichkeit des Verraths durch ſie bedachte, aber Herr Jakob erwiderte ihm mit einem Jeremias⸗Geſicht: Nehmet Ihr mir den Hausnarren und die lieben Thier⸗ chen, meine getreuen Bettkameraden, ſo findet Ihr mich morgen als eine Leiche, und könntet als mein Mörder in einen Kriminalprozeß gerathen. O ich alberner Jakob, der ich mich betölpeln ließ durch die Verheißungen des gewaltigen Mannes! ſetzte er ſeufzend hinzu. Wer wird mir bezahlen meinen Angſtſchweiß und das verlorene Fleiſch. Sehet, ich bin fünfzig Pfund leichter geworden.— Hiebei ſchlug er eine Falte in ſeine lange Sammetweſte.— Wer wird mir bezahlen die verſäumten Auſternſchmäuſe, und was ich gewinnen konnte auf der Börſenhall im[Hombre⸗ ſpiel und den verfehlten Cours und die ſchönen ſteigenden 224 Preiſe der Papierchens? Und wie wird's ſein mit mei⸗ ner Augenluſt, mit meiner armen Sulamith, die allein iſt unter den böſen Franzmännern, die ärger ſind als die Männer von Sodom, ärger als wie das Volk der Philiſter? Sie wird ſich ausweinen die ſchönen Augen und die Roſen ihrer Wängelein werden bleichen zu Wachs. O warum bin ich fortgeflüchtet! Der große Mann hätte mich nicht laſſen zu Schaden werden.— Sommer jammerten die Klagen des alten, zerknirſch⸗ ten Kröſus, und er bemühete ſich, ihn möglichſt zu tröſten; doch der ſchwarze, kleine Leibpage verſtand es beſſer, den Jeremiaden des Herrn ein Ziel zu ſtecken. Iſt der Herr ein thörichter Sohn ſeiner klugen Mutter? fragte er, dreiſt geworden durch ſeinen Antheil an Ge⸗ fahr und Gefängniß. Der Herr hat nicht geſehen die ſechs Schützen mit den großen Bärten, wie ſie zielten. Der Herr hat nicht gehört, wie der große Offizier auf dem gewaltigen Pferd rief: Feu! und die langen Ge⸗ wehre losknallten. Der Herr hat nicht geſchaut, wie der Graukopf lag auf dem Sandfleck und lang aus die dünnen Beinchens ſtreckte, und Alles graulich voll war von Blut. Ein Franzmann thut dem Andern nichts, und mein Herr könnte werden ein Stellvertreter des großen Miniſtermannes auf dem Sandfleck. Schütze ihn der Gott Iſaaks und Abrahams, und gebe ihm Ge⸗ duld!— Bleich und ſtill ward dann ſogleich Herr Sil⸗ bermann und drückte ſeine Hunde an's Herz, als ſuche er Schutz bei den getrenen Lieblingen.— Drei Tage waren ſo hingegangen, und die Span⸗ nung der Gemüther hatte nachgelaſſen, da erſchien am Morgen ein Polizeicommiſſar, von zwei rieſenlan⸗ gen Gendarmen begleitet, im Laden des Kaufmanns 225 Sommer, und fragte nach dem Hausherrn. Verſchwiegen, bei meinem Zorn, Thildchen! rief Herr Johannes dem Weiblein zu, das bei dem Anblick der rothen Federbüſche einen lauten Augſtſchrei ausſtieß. Villſt Du uns nicht Alle verderben, ſo zwinge Dein Herz zur Courage und Deine Zunge zum Schweigen, ſo ſchwer Beides auch einer Frau ankommen mag.— Mit Freimuth trat er dann den gefürchteten Männern entgegen und fragte nach ihrem Begehr. Der Hamburger Polizeiherr ließ ihn nicht lange in Zweifel über die hereinbrechende Ge⸗ fahr. Er war dem flüchtigen Agenten nachgeſendet, und hatte vom Fürſten von Eckmühl die ſtrengſten Befehle, ja, er war mit höchſter Ungnade und Strafe von dem wilden Kriegshauptmanne bedräuet worden, wenn er den Entflohenen nicht zur Stelle ſchaffe. Verwundert, erzürnt, antwortete Sommer, und ſchwor, mit dem Verfolgten nie in früherer Bekanntſchaft geſtanden zu haben. Was kümmert uns Ihre frühere Zeit, erwi⸗ derte der Commiſſär ſtreng. Unſre Augen ſehen weit, unſre Arme ſind lang, darum bringen Sie ſich nicht ſelbſt in tiefere Verlegenheit. Der Wagen aus Ham⸗ burg iſt vor Ihrem Hauſe Nachts angefahren und leer zurück. Wir wiſſen das durch ſichere Spione. Unſer Deſerteur muß darum unter Ihrem Dache ſich finden laſſen. Und könnte der, den Sie ſuchen, nicht in kluger Liſt in dieſer kleinen Straße ſein erſtes Fuhrwerk verlaſſen haben, zum nahen Thore hinausgewandert ſein, und im nächſten Dorfe ſich ein zweites Fuhrwerk erkauft haben? antwortete Sommer ausweichend, und ſich zum Lächeln zwingend. 3. Wir kennen unſern Mann, verſetzte der Eommiſſär, Blumenhagen, W. 15 1 . 226 ſeine Angſt ließ ſolche Liſt ſicherlich nicht zu Tage kom⸗ men, und unſer Agent iſt kein ſo kühner Held, im Dun⸗ kel eine fremde Gegend zu durchwandeln, und viel zu bequem, um, zu Fuß wie die Apoſtel, durch den Sand eine Stunde weit zu ſpazieren. Geben Sie Ihren Schatz heraus, mein Herr, ſonſt muß ich das Aeußerſte, ob⸗ gleich ungern, gegen Sie thun laſſen.— Sie ſind nicht meine Obrigkeit, ſagte da Sommer mit finſterm Geſicht und ſchärferm Tone. Vergeſſen Sie nicht, daß Sie auf dem Gebiete des Königs von Weſt⸗ phalen ſtehen, und ich mir bei unſerm Gericht augen⸗ blicks Genugthuung fordern werde für verletztes Haus⸗ recht.— Armer Mann! lachte der Polizeiherr. Man hört, Ihr Kramladen blieb Ihre Welt. Des Kaiſers Brüder ſind nichts als ſeine erſten Vaſallen, und er würde ſeine Beamten belohnen, wenn ſie einen verſteckten Feind aus dem Boudvir des Schloſſes zu Kaſſel gegen den Willen des Königs Hieronymus zu fiſchen keck genug geweſen. Dieſes Blatt des Marſchalls Davouſt macht alle Obrig⸗ keiten Weſtphalens zu meinen Häſchern. Darum halten Sie meinen Dienſt nicht auf, und erſchweren Sie mir nicht mein Amt, ſich nicht die Verantwortung.— Sommer blieb bei ſeiner Unwiſſenheit, obgleich der drängende Gaſt ihm Verſchwiegenheit ſeiner Theilnahme, ja ſogar eine Belohnung bot. Zornig befahl jetzt der Commiſſär die Durchſuchung des Hauſes, und da ſich nichts Verdächtiges vorfand, ſo ließ er Einen ſeiner blauen Begleiter als Wache auf dem Vorplatze und nahm den Kaufmann mit ſich zum Stadthauſe. Man kann ſich die Verzweiflung der kleinen Frau bei dieſem Ereigniß gedenken. Hätte das ſtrenge Wort ihres 227 gebietenden Herrn ihren Mund nicht verſchloſſen gehal⸗ ten, zehnmal würde ſie das Geheimniß dem gebieteri⸗ ſchen Frager zugeſchrien haben. Volle Verzweiflung faßte ſie, als ihr guter Hausherr mit dem Gendarmen das Haus verließ, und als gar der nachgeſchickte Ladenburſch heimkam, und ſtotternd erzählte, Herr Sommer ſei in die Arreſtſtube auf der Mairie gebracht worden, da ſtürzte ſie in ihr Hinterſtübchen, warf ſich bei der Wiege auf die Knie, und betete zu Gott, er möge ihr den er⸗ ſten Ungehorſam gegen ihren Eheherrn vergeben, verge⸗ ben den Verrath an dem Fremden; ihre erſte, heiligſte Pflicht, ihr vom Himmel ſelbſt befohlen, ſei ja doch Rettung des Mannes, ohne den ſie und ihr Kind ver⸗ lorene Weſen ſein würden.— Haſtig ſtand ſie dann auf, und ſuchte Hut und Tuch und Mantel hervor, um den gefaßten Entſchluß ohne Zögern auszuführen. Da pochte es leiſe an die kleinen Scheiben des Fenſters, und als ſie erſchrocken zurückfuhr, ſah des Schwagers Georg Antlitz herein, und in ihrer Seelenangſt glaubte ſie ſeinen Geiſt zu erblicken, denn der Schwager ſchien ihr ſo bleich und hager geworden, und erſt, als ſie ſeine bekannte Stimme vernahm, kam ihre Beſinnung zurück. Wo iſt der Agent? fragte Georg haſtig. O Du komſt von Gott geſandt! rief die Frau. Lauf zum Stadthauſe. Johannes iſt gefangen, und bringſt Du mir ihn nicht zurück, ſo ſterbe ich vor Jammer.— Sei ohne Sorgen, Mathilde! verſetzte Georg. Ru⸗ hig bleib, willſt Du nicht uns ohne Noth verderben. Keine Weiberſtreiche! Keine verrätheriſchen Wehklagen! Dem Hans kann nichts geſchehen; ich weiß Alles, was 128 vorfiel, und bin da zu rechter Stunde. Aber wo iſt der Agent?— Im Gartenhauſe vor dem Thore, ſtammelte die Frau. Aber aus Barmherzigkeit, guter, lieber Menſch, komm herein und bleib bei mir, bis Dein Bruder wieder hier iſt; die Einſamkeit und die Angſt könnten mir böſe Ge⸗ danken eingeben.— Baue auf Gott, bete zu ihm über dem Haupte Dei⸗ nes Kindes! ſprach der Kaufmann ernſt und mit ſeltſam dumpfen Tone. Nur wer ſein vergißt, den faßt der böſe Geiſt und reißt ihn zu ſchwarzer That. Denke an deutſches Gaſtrecht; ein deutſches Herz verräth keinen Flüchtling an franzöſiſche Henker. Abends ſehen wir uns wieder.— So verſchwand er am Fenſter und ließ die Frau in neuer Noth zurück, hatte aber glücklich ihrem Gemüth wie ihrer Zunge Feſſeln angelegt durch ſein männliches Befehlswort.—— Georg Sommer war in jener Schreckensnacht, wie wir zuletzt von ihm hörten, ſchweißbedeckt und wie in einem Wahnſinnstaumel bei dem ihm anvertraueten Gü⸗ tertransport angekommen. Vergebens hatte ihm Stoffel Metz, nachdem er den Erſchöpften eingeholet, über ſein ſeltſames Benehmen Fragen gethan. Sprecht doch ein Wort, lieber Herr! bat der Fuhrmann, als ſie zwiſchen der Wagenburg und den auf ſicherm Gebiet angezünde⸗ ten Fuhrmannslaternen ſtanden. Ihr ſeid krank, habt rin Leichengeſicht und dazu keucht Eure Bruſt gleich den Kiemen eines geſpießten Störs, und Euer Athem dampft in der friſchen Luft wie ein Rathsherrn⸗Schornſtein. Sprecht, hat Euch der Satan, der Marboeuf, den Gott verdamme, neuen Aerger gebracht? 229 Sei ein Chriſt, Stoffel! ſtieß Sommer mit ſonder⸗ bar klingender Stimme hervor. Sprich ein Vaterunſer für den Feind!— Tolle Hunde gab's dieſen Winter viele; die Jäger ſchlagen ſie todt, damit ſie die Kinder nicht beißen. Und das iſt gutes Werk und wird belohnt und bezahlt. Nicht wahr, Stoffel?— Der Fuhrmann ſtarrte ihn an mit weit offenem Munde und antwortete nicht auf das, was ihm wie Unſinn klang. Der Kaufmann wurde nun arg in An⸗ ſpruch genommen, denn als Admiral der Flottille mußte er überall ſein, die Zählung der Tonnen und Ballen beachten, die Umladung befehligen und jedem neuen Wagen Ordre und Brief beilegen, damit Alles an die beſtimmten Ablieferungsplätze gelangen möchte. Die Achtſamkeit, welche mit dieſem Geſchäft verknüpft war, zerſtreute ihn und zerſtob die Finſterniß, die auf ſeinem Geiſte lag, und nach wenigen Tagen vermochten nur ſeine genaueſten Bekannten noch zu bemerken, daß ein eigener Druck auf ſeiner Seele laſtete, daß ſein gewohn⸗ ter Freimuth, ſeine ſtets heitere Laune einen argen Stoß bekommen und eine Unſtetheit in ſeinen Bewegungen, eine Unruhe in ſeinen Reden herrſchte, die man früher nie an ihm bemerkt hatte Die Zeitverhältniſſe ſchienen einer Umwandlung nahe zu ſein; Preußens Abfall von dem herriſchen, aufge⸗ drungenen Bundesgenoſſen, das Erſcheinen nordiſcher Kriegsvölker auf deu'ſchem Boden war Tagesgeſpräch, der Krieg ſchien ſich in die Nähe ziehen zu wollen und der Marſchall in Hamburg machte Miene, einen Cor⸗ ſar zu ſpielen, der, weyn er ſich zwiſchen drei feind⸗ lichen Fregatten befindet, nur wilder flucht und kecker ſeine Schüſſe thut und die Lunte neben ſeine Pulver⸗ 230 kammer legt, ſich ſelbſt zugleich mit dem Feinde zu verderben. Täglich wurden Beiſpiele von der wilden Strenge des Fürſten Eckmühl erzählt, und die Kauf⸗ leute, welche bisher den geheimen Handel an den Gren⸗ zen gewagt und noch eine gute Anzahl Waaren auf Hel⸗ goland angekauft und im Däniſchen gelagert hatten, beſchloſſen zu höherer Sicherheit gemeinſam und auf ein⸗ mal des letzten Reſtes ſich zu verſichern und dann bis auf bequemere Zeit ihre Wagſtücke auszuſetzen. Som⸗ mer, der ſelbſt noch in Altvna einige Laſt Kolonialpro⸗ dukte auf eigene Rechnung aufgeſtapelt, wurde als der jüngſte und kühnſte ſeiner Innungsgenoſſen erkoren, nach Hamburg zu eilen und den ſchnellſten Transport zu be⸗ ſorgen, und er unterzog ſich gern dem gefährlichen Ge⸗ ſchäft, weil ihn ein inneres Nagen im Gemüth von einem Ort zum andern trieb und ihm die Erinnerung an die Hütte auf der Heide und die grauſigen Augen des erſchlagenen Lieutenants nimmer verlaſſen wollten. Mußte er doch auch ſeinem Gönner, dem Agenten, den er nicht mehr in Harburg gefunden, Bericht abſtatten von der glücklichen Vollbringung des Geſchäfts und der Vertheilung der werthvollen Schätze an die vorgeſchrie⸗ benen geheimen Magazine. Ohne Anhalt betrat er die mächtige Hanſeſtadt und begab ſich nach der bekannten Wohnung des Herrn Ja⸗ kob Silbermann. Wie erſtaunte er jedoch, als er ſofort bei der ſchönen Sulamith vorgelaſſen wurde, dieſe mit erblichenem Geſichte, aufgelöstem Schwarzhaar und im Jammer zerriſſenen Nachtkleide vor ſich ſah, und das ſtolze, ſonſt im Bewußtſein ihres reichen Erbes ſich ſo hochhaltende Mädchen ihm mit gerungenen Händen ent⸗ gegentrat, ſich wie eine flehende Schweſter an ſeine Bruſt — * 231 warf und mit den runden weißen Armen den Nacken des Erſchrockenen krampſficht umſchlang. O mein guter Freund! rief ſie im Tone der Sinnes⸗ verwirrung, der Mann, den Ihr ſuchet, iſt ein Ver⸗ lorener, ein Mann des Todes! Aber Ihr ſeid wie eine Ceder auf Libanon, ſtark im Sturme, und die arme Su⸗ lamith darf ſich lehnen an Euch, iſt ſie doch eine Waiſe, die Mutter im Grabtuch und der Vater ein Flüchtling in der Fremde, dem Hirſche gleich, auf deſſen Fährte die Meute der Hunde heult. Euer Anblick iſt der erſte Sonnenſtrahl für die verlaſſene Sulamith, ſeit der Vater dieſe Schwelle floh; habt Ihr doch getrunken aus ſeinem Becher auf Freundſchaft und hat er Euch doch mit lie⸗ ben Namen genannt.— Des Mädchens Geſicht ſank zugleich gegen ſeine Schul⸗ ter, und da er an dem Zittern ihrer Glieder, an der Kälte ihrer weißen Stirn, welche ſeine Wange berührte, eine Ohnmacht im Anzuge ſah, ſo leitete er ſie faſt tragend zur Ottomane und lehnte ſie unter freundlicher Zuſprache an die Polſter. Er mußte ſich geſtehen, das Mädchen war wirklich ſchön, denn ſie hielt die Haupt⸗ probe weiblicher Schönheit aus, und blieb, verlaſſen vom Seidenkleide und Spitzenſchmucke und blendenden Präcioſen, im ungeordneten Haar und Nachtanzuge ver⸗ lockender und anziehender für das Männerauge, ja ihre Reize ſtiegen ſogar, ſeitdem die Natur von dem ver⸗ ſtellenden Toilettzauber ſich frei gemacht. Ihr Name hatte ihn ſchon an das hohe Liebeslied des weiſen Königs er⸗ innert; wie er ſie jetzt ſah, in Körperſchwäche und See⸗ lenverwirrung hingeſunken auf die dunkeln Purpurkiſſen, ſand er gar viele der geprieſenen Reize an ihr, die der feurige Dichter des Orients an der Roſe von Saron 232 aufzählt. Er mußte alle ſeine Geiſteskraft aufbieten, um nicht ergriffen zu werden von demſelben Taumel, der ſie befangen hielt, wenn auch bei ihm die Urſache eine ganz andere geweſen. Er ſetzte ſich zu ihr, er ergriff die rechte Hand, welche, weiß gleich reinem Wachs, die feinen Adern durchſchimmern ließ wie durch einen Hautflor, aber kalt war wie Eis; er ſtrich das dunkle Haar von der ge⸗ wölbten Stirn, auf der es in dicken Locken verwirrt lag, wie ſchwarze Wolken am nordiſchen Schneehügel; er lüftete mit ſcheuer Hand die goldene Schnalle des blauen Sammetgürtels, der den Palmenwuchs eng umſchloß. Da ſchloß ſie die großen, ſchwarzen Gazellenaugen auf und die Wangen rötheten ſich wieder und ſie blickte ihn wie träumend an und ſetzte ſich dann aufrecht und ord⸗ nete wie verſchämt Haar und Gewand und hüllte ſich ganz in ein großes indiſches Tuch, faßte aber dann ſelbſt wieder ſeine Hand und wiederholte, wenn auch in be⸗ ſonnenern Worten, die Freude über ſeine Ankunft und den Troſt, den ſie darin gefunden. Georg, durch ihr Benehmen gleichfalls wieder in die Grenzen des Anſtan⸗ des zurückgedrängt, forſchte ſie jetzt genau aus über die Urſache ihres Jammers und erfuhr umſtändlich, was ihren Vater betroffen. Er erſchrack gar heftig; es ge⸗ lang ihm jedoch, ihr die Hälfte der Tiefe ſeiner Bewe⸗ gung, ſeiner Furcht zu verbergen. Der Herr Agent iſt in meines Vaters Hauſe, im Schutze meines Bruders, ſagte er, darum darf die ſchöne Sulamith nicht zagen.— O wären Sie bei ihm, klagte das Mädchen, dann würde meine Seele trauern, aber hoffen uud weniger verzagt ſein. Und was ſoll aus mir werden? Des Va⸗ ters Flucht kam ſo ſchnell, L ſein Gut, ſeine Papiere, ———— . ——— 233 nichts iſt geſichert. Kriegeriſch lärmt es in der Stadt, man redet von nahenden Feinden, von möglicher Be⸗ lagerung. Was würde aus dem ſchwachen, verlaſſe⸗ nen Mädchen unter dem rohen Kriegsvolke und in den Gräueln der Beſtürmung?— Ich bleibe hier, rief Sommer mit Entſchloſſenheit, ich verlaſſe Sulamith nicht eher, bis ich ſie wiederum in väterlichem Schutze weiß.— Nein! Nein! fuhr da das Mädchen empor. Sie dür⸗ fen nicht. O wie konnte ich nur eine Minute, einen Herzſchlag lang über mich den Vater vergeſſen. Fort, Freund, lieber, guter Mann, ſetzte ſie dringend hinzu, jeder Augenblick Weile iſt eine Sünde an ſeinem weißen Haupte.— Sie ſprang zu einem Schreibepult.— Da, dieſe Börſe iſt voll Gold, fliegen Sie mit ihr dem Vater nach, ſtreuen Sie Geld auf jeden, der ihm hilft und ihn ſichert. Nehmen Sie dieſen Demantring, ſcho⸗ nen Sie auch nicht ſein, wenn Gefahr dräuet. Bringen Sie mir frohe Botſchaft vom Vater, eine Zeile nur von ihm ſelbſt, daß er lebt, daß Niemand ſein heilig Haupt verletze, daß er mich zu ſich ruft an einen ſichern Ort, und ich will Sie wie einen Bruder, nein! will Dich wie meinen Freund, wie Sulamiths beſten, einzi⸗ gen Freund empfangen.— Das vrientaliſche Feuerblut des Mädchens hatte am Schluſſe ihrer Rede wie zuerſt ihre Feſtigkeit wegge⸗ ſchwemmt. Als ſie die letzten Worte ausgeſprochen, lag ſie zum zweiten Male an Sommers Bruſt, und er fühlte den innigſten Kuß des ſüßen Mundes auf ſeinen Lppen. Sie ſelbſt jedoch zerſtörte eben ſo ſchnell den Rauſch, wie ſie ihn erſchaffen, denn in nächſter Minute löſete ſie ſich wieder aus ſeiner Umarmung und drängte 234 ihn heftig zur Abreiſe. Kaum gewann er ſo viel von ihrer Kindesangſt, daß ſie ihm erlaubte, des Agenten baares Geld, ſeine wichtigſten Papiere und Briefſchaften in einen geheimen Platz des Souterrains zu verbergen, dann ſchied er, erhielt jedoch nur einen ſpornenden Hand⸗ druck an der Pforte, aber nahm ein Bild und einen Traum mit ſich, der ihn nicht wieder verließ und ihm ein kräftiger Exorcismus wurde gegen die geſpenſti⸗ gen Nachterſcheinungen, die ihn zuvor unvertreibbar ge⸗ martert.—— Nach dem kurzen Zwieſprach mit der Schwägerin begab ſich der jüngere Sommer ohne Aufſchub hinaus vor das Thor und zu dem Garten der Familie. Die Pforte in der Gartenwand war verſchloſſen, und da ſein Pfeifen und Gehüſtel Niemand zu vernehmen ſchien, und er vermeiden mußte, durch lautere Ankündigung die Aufmerkſamkeit der Nachbarn zu wecken, ſo umkreiſete er den Garten bis zu dem niedrigſten Theile ſeiner Be⸗ friedigung und ſchwang ſich glücklich hinein. Indem er jetzt im Schnellſchritt durch den breiten Baumgang zum Hauſe ging, wurde ſein Name mit heller Stimme ge⸗ rufen, und als er ſich dem Rufer zuwandte, entdeckte er ein bekanntes Haupt, welches ſich wie ein decollirter Griechenkopf über einem Haufen ſpitziger Erbſenſtangen erhob.— Um Gotteswillen, Agent, was machen Sie hier? fragte unwillig Georg, indem er mit Mühe den Alten aus ſeinem verwickelten Verſtecke losmachte, worin ein guter Theil des Damaſtſchlafrocks hängen geblieben. Helft Kind, helft, wenn Ihr ein guter Sohn Eures Vaters ſeid, ſtotterte der ſchweißbedeckte Angſtmann. Vor einer halben Stunde ſchlich ein langer Blaurock 235 mit rothem Federbuſch durch das Feld heran und ſpa⸗ zierte rund um den Garten und ſtand gar lange und betrachtete ſich das Häuslein. Wir ſahen's mit Zittern durch die Gardinen, und als der Mohabiter endlich den Rücken wandte und hinter den weißen Häuſerchen dort verſchwand, ſprang ich heraus und ſchlüpfte in dieſen Winkel und legte mich nieder wie ein Büßen⸗ der in Aſche und Sand. Im engen Zimmer wäre ich geſtorben; friſche Luft und Kälte gaben mir Leichte⸗ rung, lag ich auch auf ſtechendem Roſt wie die alten Propheten.— Sulamith grüßt, ſagte Sommer, mit den Augen das weite Feld durchlaufend, ich habe ihr des Va⸗ ters Rettung zugeſchworen, und bin da, mein Wort zu löſen.— Ach! das arme Kind! Sie wird ſich das ſchöne Haar ausraufen, ſie wird verweinen die hellen Augen gleich den Töchtern Zions! jammerte der Alte. Aber halte Wort, Mann der Stärke! fuhr er dann auf und faßte Sommer mit beiden Händen. Wecke den Born Deiner Weisheit! Rette! Rette! und ſie ſoll Dir Dank brin⸗ gen, und ich will Dir Lohn bereiten, wie Du ihn nie haſt denken können, noch lebendig machen in Deinen Wünſchen.— Sehet Ihr das niedere Haus dort, fragte Sommer; ein großer Baum ſtreckt die dunkeln Arme aus über das rothe Dach; und eine Wehmutter wohnet darunter.— Was ſoll die? fragte der Agent zurück und ſah ſtutzend in des Retters Antlitz, als hätte er Zweiſel an ſeinem Verſtande. Weh haben wir leider genug, aber die weiſe Frau wird für uns Männer keinen Rath wiſſen.— 236 Doch, doch! nickte Georg. Sie war meine Amme und ſchlägt mir's nicht ab. Und ſolltet Ihr in ihrem düſteren Zimmer eine heimliche Wöchnerin vorſtellen müſ⸗ ſen, ſo wäre das beſtimmt die ſicherſte Maske vor den Augen der Polizei, die, wenn auch ſonſt nichts, doch die Gebrechlichkeit des ſchönen Geſchlechts beſonders re⸗ ſpektirt. Könnet Ihr aber auch einen Betrunkenen na⸗ türlich ſpielen? Eine Wöchnerin ich? Und einen Trunkenbold ich? fragte Herr Silbermann mit immer wachſender Ver⸗ wunderung. Freundchen, ich ſoll doch nicht Euren Ka⸗ meraden machen, denn Ihr kommt mir faſt—— Wie ein Berauſchter vor? fiel Georg lächelnd ein. Wahrlich, was das Schickſal mir bisher in dem Lebens⸗ kelche präſentirt, könnte das ſtärkſte Hirn in Dampf auflöſen. Aber ich bin nüchtern ſeit geſtern Abend, und darum antwortet ernſt auf meine Frage.— Nun, wenn's ſein muß, antwortete der Agent; ob⸗ gleich es lange iſt, daß mir ſo etwas in Natura paſ⸗ ſirte.— So kommt ſchnell, denn das Feld da vor uns iſt breit und frei, und es iſt das einzige Meer, das uns den Weg beut aus dieſem Korſarenrachen.— Er brachte jetzt den Verfolgten zu einem Schoppen, worin er Gartengeräth und die Arbeitskleider des Gärt⸗ ners wußte. Der Schlafrock, die gelben Pantoffeln, die feine Schlafhaube, alles daß mußte herab und wurde grauſamlich unter ſchmutziges Bohnenſtroh verborgen. Poſſierlich genug nahm ſich der galante, alte Hamburger aus, in Holzſchuh und Kittel und löcherichtem Filzhute des Arbeitsmannes, aber er ſpielte mit der Schaufel auf der Schulter den vom Frühtrunke etwas Begeiſterten 237 ſehr gut, und nachdem ihm Sommer mühſam über die Bretterwand geholfen, wankte er mit unſicherem Stol⸗ perſchritt in ſeiner Rolle hinter dem Kaufmann drein, wobei die Herzensangſt, das ſchwere Schuhwerk und die Laſt der Schaufel viel dazu beitrugen, ihm das Komö⸗ dienſpiel zu erleichtern und die im Felde beſchäftigten Arbeiter zu täuſchen.— Der Weg über die Aecker ward ohne Hinderniß zu⸗ rückgelegt, und Sommer holte freier Athem, nachdem die alte Hebamme, der Wohlthaten der Sommer'ſchen Familie eingedenk und durch ein Goldſtück beſtochen, den Flüchtling aufgenommen und die Maßregeln, welche Georg ihr für den Nothfall anbefohlen, zu vollführen verſprochen hatte, und der junge Mann ging mit Muth erfüllter Bruſt zurück, um nun auch in der Stadt zu verſuchen, Verdacht und Beſchuldigung von ſeinem ver⸗ hafteten, ehrlichen Bruder abzuwenden. Er mußte wieder an dem Familiengarten vorbei, und wie ſtutzte er, als er die Pforte erbrochen fand, die Thüre des Häuschens offen ſtand und laute Stim⸗ men aus dem Innern zu ihm erſchallten. Schnell ent⸗ ſchloſſen trat auch er hinein. Zwei Gendarmen fand er auf dem Vorplatze und ein Blick durch ſie in das offene Zimmer machte ihm den Vorgang völlig klar. Der Polizeicommiſſär ſtand mitten im Zimmer und pe⸗ rorirte mit einer Donnerſtimme und durchſchnitt die Luft mit ſeinem Rohrſtäbchen. Hinter ihm zur Seite lehnte Sommers Ladenburſche, welcher zum Guiden gezwungen worden, an der Wand mit kreidigem Geſicht und den Hut zwiſchen den langen, mageren Händen quetſchend. Der rhabarber⸗farbene Jockey kniete vor dem Manne der ſchrecklichen Gewalt, ein Bild des Jammers, ſeine Züge verzerrt zum Entſetzen, weit aufgeriſſen die rothen Au⸗ gen, die den gehobenen Stock bewachten und allen ſeinen Schwüngen folgten, die ſchwarzen, ſparſamen Haare ſtruppigt hangend um den dicken Kopf, und indem er den verkrüppelten Körper faſt zu einer Kugel zuſammen zog, um die geringſte Oberfläche darzubieten, unver⸗ ſtändlich heulend wie ein Seehund, den die Keule des Matroſen vom Meerwaſſer abgeſchnitten. Das Zerrbild vollendeten die beiden ſeidenhaarige Hunde, von denen das weibliche Thier halb ſich unter das Bett geflüchtet hatte und mit kreiſchendem Gewimmer in des Freundes Geheul einfiel, das männliche Thier dagegen hinter dem kleinen Samuel tapfer Poſto gefaßt, mit gellendem Gebell den Zornworten des Gegners antwortete und dann und wann gegen ſeine Stiefel einen kurzen Angriff zu rich⸗ ten wagte. Erbärmliches Geſchöpf, Schatten von einem Men⸗ ſchen, donnerte der Commiſſär, ſprich vernünftige Worte und Dir ſoll kein Leid geſchehen. Fährſt Du aber fort in ſolcher Kanibalenſprache zu antworten, ſo laß ich Dich fuchteln bis Du breiweich geworden.— Was weiß ich, heulte Samuelchen und wand ſich am Boden wie ein Wurm. Was hülf's dem grauſamlichen Herrn, wenn er mich machte zum Brei? Der Brei würde weniger ſprechen als ich, und ich weiß doch nichts, als daß der gute Herr Agent mich hat verlaſſen und fort iſt, wer weiß wohinaus.— Sommer hatte indeß Zeit gehabt, einen Entſchluß zu faſſen, und da er in dem Commiſſär einen Bekannten aus den Geſthöfen Hamburgs, wo er oft wochenlang logirt, erkannt hatte, ſo trat er dreiſt in das Zimmer, und vor den gepeinigten Zwerg. Dieſen, der ſich ſofort 239 mit Schlangengeſchmeidigkeit an ihn ſchmiegte, auf die Füße ſtellend, grüßte er freimüthig den Polizeimann. Commiſſär, was beginnen Sie? fragte er zugleich. Sie arretiren meinen Bruder, einen unbeſcholtenen Bürger, Sie erbrechen eigenmächtig mein Gartenhaus, Sie miß⸗ handeln dieſen armen Burſchen? Wie werden Sie Alles das entſchuldigen können?— Ach! Sie? antwortete der Commiſſär, Sie ſind mir willkommen. Sie werden nicht halsſtarrig wie Ihre Familienglieder den Mann verläugnen, der hier ſein muß, da ſein Diener und ſeine Hunde ſich fanden, und den Sie ohne Zeitverluſt ausliefern müſſen, da ſeine Entdeckung unvermeidlich bleibt, ſeine längere Verber⸗ gung die Sache verſchlimmert, und Sie weltklug und erfahren genug ſind, das Alles ohne lange Demonſtra⸗ tion einzuſehen.— Sommer lächelte. Warum muß denn der Herr eben da ſein, wohin er ſeine Hunde in die Koſt gab? fragte er ironiſch. Zu dem Schluſſe bin ich doch nicht geſcheit genug. Von Ihnen aber, mein Kluger, wundert's mich, daß Sie hier Zeit verlieren, und Ihrem Flüchtigen ſcheinbar wiſſentlich einen Vorſprung vergönnen, da Sie ſelbſt am beſten wiſſen müßten, daß der Herr Agent längſt weit von hier auf der Straße zur Grenze und auf dem Wege nach Anſpach und Nürnberg ſich be⸗ findet.— Ja nach Anſpach! lallte Samuelchen nach. Der Name wollte mir nicht aus dem Kopfe auf die Zunge gnädiger Herr Commiſſär.— Das volle, etwas narbige Geſicht des Commiſſärs wurde wie mit Blut übergoſſen, er richtete ſeine Augen ſcheu und fragend auf den jungen Kaufmann und fragte 240 ſchnell in engliſcher Sprache: Was meinen Sie damit, mein Herr?— Laſſen Sie die Leute alle voraus zur Stadt gehen, antwortete Sommer in derſelben Mundart, und ich hoffe, wir werden uns verſtändigen.— Der Commiſſär beſann ſich einige Augenblicke, dann drehete er ſich zur Thür, ſeinen Begleitern die nöthige Inſtruktion zu ertheilen und Sommer nahm den Moment wahr, und riß die blaue, bekannte Brieftaſche, welche ſein Falkenblick unter dem Kopfkiſſen des Bettes erkund⸗ ſchaftet, aus ihrem Verſteck und barg ſie im Buſen. Nun, mein Herr? fragte der Commiſſär zurückkeh⸗ rend. Was ſteht zu Dienſte? Welche Vorſchläge wol⸗ len Sie mir thun? Ich werde eine gute Capitulation bewilligen, aber meinen Mann muß ich haben, denn mein Amt, meine Ehre ſieht in der Hand des zornigen Marſchalls, und daß der Geſuchte nicht weit iſt, weiß ich ſo gut wie Sie.— Wohl denn, verſetzte Georg ſich zuſammen nehmend, der Agent iſt in der Nähe, wenn auch nicht in dieſem Hauſe, das Sie ſchon durchſuchten. Ich weiß ſeinen Aufenhalt, aber dennoch liefere ich ihn nicht aus.— So ſind Sie mein Arreſtant ſtatt ſeiner! fuhr raſch der Commiſſär empor. Halt, lieber Freund! Bedenken Sie ſich ſelbſt! ent⸗ gegnete Sommer, indem er die blaue Brieftaſche öffnete, und mehre Papiere hervorſuchte. Wer hat dieſen Paß nach Anſpach ausgeſtellt und unterſchrieben? Wer hat dieſe Certifikate für einen gewiſſen Strömhill ausge⸗ fertigt?— Teufel! rief der Commiſſär und haſchte vergebens nach der Hand, die ihm ſeine eigenen Unterſchriften 241 vorhielt. Sie müſſen mir dieſe Brieftaſche ausliefern ſogleich, oder ich werde Sie dazu zwingen laſſen.— Zwingen? fragte ſpöttiſch der Kaufmann. Wer ſaßt Ihnen, daß dieſe Brieftaſche nicht die meinige iſt? Und wo haben Sie eine Ordre, die Ihnen ein Recht auf meine unbeſcholtene Perſon gibt? Zwingen wollen Sie mich, und vielleicht ein Meiſterſtück, wie Sie's in fran⸗ zöſiſcher Schule gelernt, an mir probiren? Die Kugel dieſes Terzerols würde bei dem erſten Befehlswort dazu Sie für ein zweites untauglich machen.— Schämen Sie ſich, deutſcher Mann, ſetzte er hinzu, die hervorge⸗ zogene Waffe wieder bergend, daß Sie gegen den deut⸗ ſchen Landsmann ſolch einen Angriff verſuchten. Aber wir wollen Beide befriedigt auseinander gehen. Nicht ich bin in Ihrer Hand, ſondern Sie ſind in der meini⸗ gen. Dieſe Papiere, nach Hamburg geſendet, könnten nicht allein Ihr Amt, ſondern auch Ihr Leben auf Null ſetzen. Glückte es Ihnen, ſie mir mit Gewalt zu ent⸗ reißen, ſo wären Sie dadurch nicht mehr geſichert; denn Ihre geheime Korreſpondenz mit dem Miniſter, Ihre ſchriftlichen Dankſagungen für gewiſſe Cadeaux, die Sie von der Excellenz empfingen, ſind in dem Verwahr eines treuen Reichsſtädters, und bei der erſten Nachricht von der Arretirung des Agenten durch Sie erhält dieſe Ori⸗ ginale der mißtrauiſche, jähzornige Marſchall!— Teufel! Teufel! tobte der Polizeiherr in ſich hinein und mit dem Fuße ſtampfend. So fing ich mich ſelbſt, und weiß kein Loch im Netze.— Es muß mich ſtolz machen, lächelte Sommer, einem der beſten Offizianten franzöſiſcher Polizei Rath geben zu können, und ihm das Hinterthürchen für ſich ſelbſt öffnen zu dürfen.— Des Agenten Furchtſamkeit nahm Blumenhagen, IV. 16 242 von Ihnen dieſen Paß zu einer weiten Reiſe. Sie haben ſeine Marſchroute erkundſchaftet, den Diener hier ge⸗ fangen, von dieſem das Ziel, welches des Herrn Paß beſtimmt, ertrotzt. Der Marſchall wird mit dieſem er⸗ ſten Erfolg für jetzt befriedigt ſein, und von Ihrem bewieſenen Dienſteifer das Beſte hoffen. Sie verfolgen die vermeintliche Spur des Flüchtlings in das ferne Land hinein durch Ihre Helfer, oder reiſen ſelbſt nach, wenn Sie nicht ohne den Fang vor des grimmigen Kriegesfürſten Angeſicht zu treten wagen. Zwei, drei Wochen verlaufen indeſſen. Und was kann binnen ſol⸗ cher Zeit ſich nicht ändern? Fürſt Eckmühl kann abgeru⸗ ſen werden zu einem Commando im neubeginnenden Kriegesgewühl. Der Miniſter kann Maßregeln ergrei⸗ fen, welche ſeinen Geſchäftsträger ſicher ſtellen; ſelbſt die Weltverhältniſſe können ſich umgeſtalten.— Aber wenn von dem Allen nichts geſchähe und ich käme zurück? fragte der Commiſſär unentſchloſſen und gezwängt durch ſeine Situation.— Wohl denn, antwortete Sommer nach kurzem Sin⸗ nen; liegt dann noch Alles wie heut, ſo ſoll der Agent ſich ſtellen, wenn Sie anders verſprechen, ſeine Perſon für Schimpf zu bewahren, bis er vor dem Marſchall ſteht.— Verdammte Lage! rief der Polizeimann. Sie ſind ein determinirter Kapitulant. Ich muß ja wohl, und tauſchen wir darum nur ſogleich die wechſelſeitigen Ver⸗ ſprechungen auf deutſches Wort.— Und nach deutſcher, ehrlicher Weiſe! fiel Sommer ein, indem er ſeine Rechte zum Handſchlag in die dar⸗ gebotene Hand des Commiſſärs drückte. Doch darf ich nachträglich als geheimen Artikel unſerer Kapitulation 243 hinzufügen, ſagte er mit Betonung, daß dieſer Ring an meiner Hand, ein Brillant vom ſchönſten Waſſer, dem Manne eigen werden dürfte, der auch nach Ablauf des Termins ein Mittel zu erſinnen wüßte, um meinen Gön⸗ ner von jeder Befährdung frei zu machen. Sie haben auf Ihrer Reiſe Zeit, darüber nachzuſinnen, und dem erfahrenen Polizeiagenten dürfte die Aufgabe nicht zu ſchwer, und ihre feine Löſung ſeines Ehrgeizes würdig ſcheinen. Das Auge des Commiſſärs liebäugelte einige Augen⸗ blicke mit dem feurigen Edelſteine an Sommers Hand, dann ſprach er lebhaft: Zeit bricht Roſen! Wir werden uns wieder ſprechen, mein junger Freund! Grüßt mir den armen Schmerzensmann, der, ſo wie ich ihn kenne, ſich für einen Daniel in der Löwengrube halten wird. Seid Ihr bis dahin ſein Habakuk: ich werde ſinnen, wie ich den grimmigen Darius ſänftige.— Er ging, und nahm den kleinen Samuel, der kaum ſich auf den Füßen zu halten vermochte, und der die um ihn in neuer Freiheitsluſt ſpringenden Hündleins neidiſch lockte und ſcheel anſah, mit ſich zur Stadt.— Sommer verweilte noch ein Viertelſtündchen, ehe es ihm gelang, in ſich das Mißtrauen gegen den Dienſt⸗ baren der fremden Gewalthaber zu tilgen. Dann ver⸗ ſchloß er Haus und Garten, und ſchritt eiligſt über das Feld dem Hauſe der Wehemutter zu. Er pochte lange, ehe die Alte öffnete, und ihn in das leer ſcheinende Zimmer begleitete. Wo iſt der Fremde hin? fragte er verwundert, aber ſeine Beſorgniß ging in ein ſchallen⸗ des Gelächter über, als aus dem Bett eine Jammer⸗ ſtimme erſcholl, und als die weiſe Frau die grün⸗wolle⸗ nen Umhänge lüftete, Herrn Silbermanns Rubinenantlitz, — 244 von einer mächtigen Frauenhaube umgeben, und bis zur ſtattlichen Naſe durch das ſchwere Federbett verhüllt, zum Vorſchein kam. Die Magd der Hebamme hatte, von der Stadt kehrend, dem Einbruche der Gendarmen in Sommers Gartenhaus zugeſchaut, und ihre Poſt den Verfolgten zu dem letzten Rettungsmittel getrieben. Nachdem ihm der Kaufmann ſeine glücklichen Erfolge berichtet, wand er ſich ſchwerfällig aus ſeinen Hüllen, und riß den Weiberputz vom ſchweißbegoſſenen Haupte, und ſchleuderte zum Schrecken der Alten das ſchöne Schmuckſtück auf den Fußboden. Der Herr der Heerſchaaren ſei gedankt, daß wir Männer ſind, ſtöhnte er, welche nur verdammt wurden, den Acker im Schweiße ihres Angeſichts zu bauen. In das gräuliche Kindsbett brächte mich der Nebukadnezar Davouſt ſelbſt nicht wieder hinein. Freundchen, Ihr ſeid eine goldene Perſon, und ich bin närriſch auf Euch verſeſſen, als hättet Ihr einen Liebestrank mir eingege⸗ ben. Aber Ihr ſeid auch ein Simſon an Liſt und Muth zugleich: kennte der Kaiſer Euer Talent, er würde Euch machen zum Generalambaſſadeur bei allen Höfen Euro⸗ pas. An mir habt Ihr gethan wie ein leiblicher Sohn, und was Ihr nicht ſeid, könnet Ihr werden. Jakobs Liſt mit den gefleckten Lämmern und ſein guter Handel mit dem Linſengericht treten in Schatten gegen das, was ich an Euch erlebt, und bei meines Kindes Haupte, ich werde nicht ſo tückiſch mit Euch feilſchen wie der Vater der ſchönen Rahel mit der garſtigen Lea.— Wie berauſcht vor Freude umhalſete er den jungen Mann ohne Ende, als aber Sommer ihm vorſchlug, Abends ohne Furcht zur Stadt zu kommen, und in ſei⸗ nes Bruders Hauſe das Hinterſtübchen zu beziehen, wies 245 er den Antrag dennoch als zu voreilig von ſich, und zog es vor, bei der alten geſprächigen Frau ſein Quar⸗ tier zu behalten, die ihm verſprochen, für gute Koſt und guten Wein zu ſorgen, und die ihm ſchon eine Probe abgelegt, daß ſie unter ihren Kunſtſchweſtern in Zungen⸗ geläufigkeit und Reichthum würdiger Anekdoten eine Meiſterin ſei, und die Zeit ſelbſt mitten in Weh und Noth zu vertreiben wiſſe. In der Hütte am Elbſtrome ſaß gedankenvoll die Schiffertochter, doch nicht wie gewöhnlich mit irgend einer Handarbeit fleißig beſchäftigt, ſondern läſſig die Hände im Schooß und das Köpfchen an die Wand gelehnt. Ueberhaupt zeigte das Innere des Häuschens eine unge⸗ wöhnliche Unordnung, die Schränke und Spinde waren geöffnet, einige kleine Kiſten und Zuber ſtanden mitten im Stübchen; eine mit Meſſing beſchlagene Schatulle ſchimmerte auf dem Tiſche neben der Lampe, und Riek⸗ chen ſelbſt hatte Platz auf einem großen Koffer genom⸗ men, der mit ſchwarzem Leder bezogen, und mit zwei mächtigen Hangſchlöſſern verwahrt war. Stoffel Metz trat in's Haus, ſprach ſein: Guten Abend! und trat an das Eckſchränkchen, ſich aus der weiten Flaſche einen tüchtigen Nachttrunk einzuſchenken. Haſt wohl ſchon lange gewartet, Bäschen? ſchmun⸗ zelte er dazu. Siehſt ja ſo ernſthaſt darein wie eine Großmama. Courage, Kind! Freilich iſt es immer hart, aus ſo einem Neſte zu flüchten, wo man das erſte Fut⸗ ter pickte und groß wuchs. So ein Reſt iſt wie die ei⸗ gene Haut, wenn man's verliert, gibt's überall wunde Flecken. Doch ihr Mädchen werdet ja geboren, um 246 hinaus zu ziehen, ſollt ja Vater und Mutter verlaſſen, um einem Andern ſein Neſt bauen zu helfen, und ruft euch Keiner dazu, iſt es euch nicht einmal recht, und ihr murret gegen Gott, denn ihr fürchtet den Teufel nicht ſo ſehr wie den Jungfern⸗Namen, wenn er alt ge⸗ worden. Nun, unſer Riekchen wird ſchon ihren Abneh⸗ mer finden, und auch des Vaters Haus wirſt Du nicht lange entbehren; wer weiß, wie es in ein paar Wochen ſteht, und ob wir nicht, ehe wir es gedenken, hier die fröhliche Heimkehr begehen.— Glaub' Er nicht, Ohm, daß ich mich fürchte, ant⸗ wortete das Mädchen mit einem Seufzer. Vater Da⸗ vid bleibt nur ſo lang, und ſchon ehe die Sonne hinter die Hügel ging, war ich mit dem Einpacken fertig, wie er geheißen.— Sie ſind glücklich heran, antwortete Stoffel, den letzten Zug aus dem Glaſe ſchlürfend und ſich dabei wollüſtig ſchüttelnd. Alles iſt ſchon ausgeladen, und als ich ging, packten ſie den letzten Wagen. Bruder Mei und Herr Sommer werden bald hier ſein, Dich und Deine Habſeligkeiten mit aufzunehmen.— Herr Sommer! rief das Mädchen, indem ſie mecha⸗ niſch aufſprang und die Arme, wie ausgebreitet zum Empfang eines Lieben, ausſtreckte. Ja, Herr Sommer! entgegnete Stoffel mit freund⸗ lichem Grinſen ihr näher tretend. Gänschen, was haſt Du die Hände vor das Geſicht zu halten, daß ich nicht ſehen ſoll, wie die Ofenglut auf den vollen Backen flackert. Darfſt Dich vor mir nicht ſchämen. Es iſt ein ſchmucker, nobler Herr, brav wie ein Elbſchiffer und gar nicht hoch⸗ müthig wie die jungen Hamburger. Kannſt ihm immer ein bischen gut ſein. Und wahrhaftiger Gott! ſetzte er — 247 plötzlich ſehr ernſt werdend und ſeine ſchielenden Augen wie in beſonderer Scheu im Zimmer umherwerfend hinzu: was er für Dich und Deine Ehre gethan, und was Nie⸗ mand weiß als ich und er, hätte ſo leicht keiner von den jungen Haſenfüßen vollbracht, die dann und wann um Dich herum ſcharmutzirt haben. Das Mädchen wollte fragen, doch außerhalb der Hütte ſchnoben Pferde, Fuhrmannsflüche klangen dumpf durch die Nacht, und die Thür that ſich auf, und Georg Sommer ſelbſt trat herein. Das Mädchen wurde bleich, als ſie den Mann ihres Herzens ſo unerwartet vor ſich ſah, aber ſie ſtand wie eine Bildſäule und ſtreckte keine Hand ihm entgegen. So iſt es wahr, ſprach der junge Kaufmann mit ſichtlicher Aufregung und nach einem flüchtigen Umblick, was der Vater Mei mir erzählt, Ihr ſeid reiſefertig, Ihr wollet mit, unter meinem Schutze will das ſchöne Riekchen auf die Wanderung ziehen in der Frühlings⸗ nacht, wie Nachtigall und Schwalbe thut?— Ja, es muß ſein, antwortete Stoffel, da das Mäd⸗ chen ſtumm blieb und nur die großen Augen feſthielt auf des Freundes Antlitz; die verdammten Franzmän⸗ ner haben auch auf uns armes Volk ihre grimmigen Anſchläge gemacht; der David und Alles was ihm zu⸗ gehört, iſt ihnen verdächtig geworden, und wir ſind kei⸗ nen Tag ſicher, nicht hinüber geſchleppt zu werden von den Rothbüſchen. Ein Vetter aus Blankenſee, der ſei⸗ ner Frauen Mutter in Hamburg beſuchte, hat es uns geſteckt, und da war der David raſch entſchloſſen, denn reyes Brod in der Fremde ſchmeckt doch beſſer als die Hundekoſt im Thurme, und da ich das auch ſo meine, laſſe auch ich Haus und Hof ſtehen in Gotteshand und —— — SE ₰ 248 fahre flott mit hinauf, bis der Himmel beſſere Zeiten ſchickt.— Riekchen, haſt Du keinen freundlichen Gruß für mich2 und ſaheſt mich doch ſo lange nicht, ſagte Sommer, gleich dem Mädchen befangen und verlegen daſtehend. Blinzeln vielleicht zwei Augen zuviel? fragte ſchmun⸗ zelnd der Fuhrmann. Nun ich ſpaziere ſchon hinaus und will Poſten ſtehen, bis der David kommt. Macht ſchnell ab, was ihr vom Herzen zu laden habt, denn die Nacht iſt hell und kurz, und bald wird der David Euch ſein Marſch! Marſch! commandiren!— Riekchen! Biſt Du bös? fragte Georg näher tretend, als Metz hinaus war. Er war ſo lange nicht hier, Herr Sommer, antwor⸗ tete die Jungfrau mit zum Boden geſchlagenen Blicken. Das macht fremd und man weiß nicht, wie man daran iſt. Freilich darfſt Du zürnen, entgegnete Georg mit ſteigender Wallung, indem er das ſchöne Kind, was im Sonntagsputz ſo ſittig und hold zugleich vor ihm ſtand, faſt mit den Augen verſchlang; aber ich konnte wahr⸗ haftig nicht vorſprechen bei Euch, ſo häufte ſich Sorge und Geſchäft mit jedem Tage. Aber vergeſſen, nein wahrhaftig, vergeſſen habe ich meine beſte, einzige Freun⸗ din nicht einen Tag lang.— Die Rinde ſchmolz von dem Herzen des Mädchens, das zurückgewichene Blut ſtieg wiederum auf die Wan⸗ gen und ſie reichte ihm die Hand hin. Dich vergeſſen? rief er, ihre Hand faſſend und feſt preſſend. Dich, Du ſchöne, friſche Knospe, die zuerſt an meinem Herzen ſich leiſe geöffnet? Auch im Tode würde ich Deiner und der lieben, ſeligen Augenblicke gedenken, die ich hier genoß im engen Gemach, welche —— ——————— 249 die weite Welt mir nirgends bot, und die mir Labung gaben in den ſchwärzeſten, gefahrvollſten, mühſeligſten Tagen meines Lebens.— Er ſpricht vom Tode? erwiderte das Mädchen weh⸗ müthig. Ja, auch ich habe in dieſer Zeit recht oft an den Tod gedacht, und wenn ich in der Kirche die bunten Todtenkränze über dem Altare hängen ſah und der Zug⸗ wind die Seidenbänder daran bewegte, ſo war mir's, als ſähe ich auch meine Sargkrone dazwiſchen hängen und das ſchöne, blaue Atlasband, was Er mir zu Weih⸗ nacht geſchenkt, wehe breit und lang zwiſchen den Sil⸗ berblättern. Ja, ich glaubte, er würde nimmermehr wiederkommen, denn ich muß wohl meinen, Er ſei mir gram geworden und hielte mich nicht gut mehr für ſich und müſſe mich verachten.— Mit einem raſchen Zuge riß der junge Mann das liebliche Geſchöpf dicht zu ſich, ſchlang den Arm um ſie und preßte ſie feſt an ſeine Bruſt. Dich verachten? rief er befremdet. Dich, Du reines Heideblümchen, das kein Giftdunſt der Städte befleckte? Und warum meinte Riekchen das, und woher kamen ihr ſolche böſe Ge⸗ danken?— 6 Sie legte ihr Köpſfchen dicht an ſeine Schultern und hing wie ein wehrloſes Lamm in ſeinen Armen.— Die Geſchichte mit dem böſen Lieutenant! ſagte ſie halblaut und verſchämt. Ich meinte, ſie könnte Ihm anders er⸗ zählt ſein, denn es gibt gar garſtige Leute. Und ich konnte doch nichts dazu, und bei dem allmächtigen Gott, ich war nicht Schuld an dem Lärm. Aber Gottesgericht iſt über den ſchlechten Menſchen gekommen, fuhr ſie hef⸗ tiger fort, wenn Er es noch nicht wiſſen ſollte. In ſeiner dunkeln Torfhütte iſt der ſchwarze Franzoſe ermordet —.— 250 gefunden, und ſeine eigenen Leute haben es gethan, weil er ſo hart war gegen ſie und ihnen ihr Theil vorenthielt von dem, was die Kaufleute zahlten. Zwei, die am ver⸗ dächtigſten waren, hat man fortgeſchleppt und auf die Galeeren geſchickt. Ich habe viel gebetet für die armen Menſchen; denn ſeit er hier bei uns ſich ſo häßlich auf⸗ geführt, haßte ich ihn wie die Sünde, und er hat ſein Schickſal wohl verdient, wenn auch ein Mord ein ſchweres Verbrechen gegen Gott ſein mag.— Kalte Schauer rieſelten durch des jungen Mannes Gebein und heftiger preßte er das Mädchen an ſich. Laß ruhen die Todten! ſagte er dumpf und mit innerem Grimm. Die verruchte Hand, welche ſich nach Dir in ehrloſer Begier ausgeſtreckt, mußte verdorren wie die des Vatermörders. Wer dich rächte, Du reine Blume, der darf ſich nicht verdammt fühlen.— Mit Haſt und Wahnſinnsglut faßte er ſie am Kinn und preßte lange, wilde Küſſe auf ihren weichen Mund, und das Mädchen ſelbſt, ſo wohl ſie ſich unter ſeinen Liebkoſungen zu fühlen ſchien, wurde durch die ſeltſame Heftigkeit derſelben ſo beängſtigt, daß es ihr lieb war, von dem eintretenden Vater geſtört zu werden. Halloh! rief der alte Schiffer. Treibt keine Narren⸗ poſſen in ſo ſchwerer Stunde! Die letzte Ladung ſchnell an Bord! Der Wind iſt günſtig und Alles zur Abfahrt fertig. Reget die Arme, denn die Nacht iſt kurz und mich drückt's wie ein Alp bis wir drüben anfahren.— Werft die Sorge von Euch, Vater, entgegnete Som⸗ mer, indem er mit Hand anlegte, um die Kiſten und Zuber zu dem Wagen hinaus zu bringen; Freund Ca⸗ mon iſt geſcheit und hat Alles vorbereitet. An der zweiten Linie wird er ſelbſt zu uns ſtoßen, und bis Timmerloh ————— —————— 251 uns das Geleite geben. Morgen Nacht ſchlaft Ihr und unſer Riekchen unter meinem Dache im ſichern Gartenhäus⸗ chen und keine böſe Träume ſollen Euch dort ſchrecken.— Sieben Stunden! ſprach der Schiffer wie zu ſich ſelbſt. Der Metz muß zu Pferde voran und uns Vor⸗ ſpann in Handorf beſorgen, ſonſt brennt uns die Sonne auf den Pelz, ehe wir auf dem Trockenen ſind.— Heute hat uns der Lieutenant nicht todte, elende Waare allein zu veraſſekuriren, die da, mein Augapfel, und unſere Köpfe ſind der Schatz, den wir den Raubvögeln aus dem Stoße und aus den Klauen retten, ſetzte er lauter und zu dem Kaufmann ſprechend hinzu. Alles ward aufgeladen; Stoffel Metz beſtieg einen derben Gaul und trabte vorweg; Sommer half dem bangenden Mädchen auf das erſte Fuhrwerk, wo vorn ein bequemer Sitz bereitet worden, ſie ſtellte die kleine Geldkiſte unter ihre Füße und er ſtieg ihr nach, ſetzte ſich zu ihr und wickelte ſie in ſeinen Mantel. Der Schif⸗ fer Mei beſtieg den letzten der acht Wagen und nahm, ſeine Büchſe im Arme, hinten rückwärts Platz auf dem⸗ ſelben, um mit ſcharfem Auge auf etwaige Nachſetzer Acht zu haben. So ſetzte ſich der Zug munter in Be⸗ wegung.—— Es hing eine von jenen Nächten über der Erde, welche im Norden ſelten ſind. Die Mailuft wehete friſch, doch erquicklich und duftete geſchwängert von dem Aushauch der Frühlingsblüten. In beſonderer Klarheit wölbte ſich der Himmelsdom über den ſchlafenden Flu⸗ ren, ſeine dunkle Bläue wurde von keinem Dunſt ge⸗ trübt und ſchien durchſichtig bis in unendliche Höhe hinauf, und Millionen Sterne blitzten und funkelten goldig am weiten, heiligen Gewölbe und hellten die 252 Pfade der Heidegegend durch ein wohlthätiges Däm⸗ merlicht. Riekchen hatte ſich dicht an den jungen Mann ge⸗ ſchmiegt und ſein linker Arm lag um ihren Nacken, zu ihrer Sicherheit bei den harten Stößen des ſchwerbela⸗ denen Fuhrwerks. Beklommener war ſeine Bruſt, und er unterbrach die Stille nicht, ſo lange des Mädchens Mund durch das Beängſtigende der ungewohnten Lage gebunden blieb und gab ſeinen geheimſten Gedanken eine ſtille Audienz. Wie ſich ſeine Zukunft geſtalten würde, das große Räthſel, welches mit undeutlichen Ziffern vor ſeiner bewegten Seele ſchwebte? Er gedachte der ſtolzen, hochherrlichen Sulamith und aller Hoffnungen, welche ihr leidenſchaftliches Benehmen und des Agenten Ver⸗ heißungen in ihm rege gemacht. Er ſagte ſich aber zu⸗ gleich, wie wenig auf Worte der Reichen zu bauen ſei, vorzüglich auf jene goldenen, überſchwänglichen Liebes⸗ worte, welche die Gefahr diktirt und die gleich der Ephemere am Morgen ausgelebt. Sulamiths Bild, wie er ſie in jener Frühſtunde geſehen, mit all den blendenden Reizen einer Weiberkönigin geſchmückt, ſtand vor ſeinen weitoffenen Augen; das Leben des Reich⸗ thums, des üppigſten Genuſſes, der ſchwelgenden Sorg⸗ loſigkeit ging in roſenfarbenen Träumen an ſeiner Phan⸗ taſie vorüber. Da fühlte er, wie ſich Riekchens Hand leiſe in ſeine Rechte legte und wie ſie in jungfräulicher Scheu zuckte, als ſie unwillkürlich ihn berührt. Schwer athmete er auf gleich einem Erwachenden und hielt die weichende Hand feſt zwiſchen ſeinen Fingern. Auch das Bild der ſchönen Nachbarin zog jetzt ſtill und leiſe wie ein heller Mond vor ihm auf, und freudiger begrüßte es ſein innerer Sinn, freudiger als er das prangende Bild 253 ihrer Nebenbuhlerin begrüßt. Prunkte es auch nicht mit dem Zauber der Kunſt und der Erziehung, die Natur hatte ſo reichliche Spenden über ihr treues Kind ausge⸗ goſſen, daß es zum Vergleiche mit jeder Erdentochter ſich ſtellen durfte. Vor ſeinen Augen, durch ſeine Be⸗ rührung, durch ſein Wort, durch die kecke Glut ſeiner Werbung hatte ſich die Knospe zuerſt geöffnet, ihres Herzens erſtes Gefühl und erſtes Begehren war Er ge⸗ weſen; das wußte er feſt und ſagte es ſich ſelbſt mit Entzücken, und das iſt ja das Höchſte, was die Erde einem Manne an überirdiſchen Hochgenüſſen zu bieten vermag. Und als dann das Ziel jeder edeln Liebes⸗ wünſche in ſeinen Träumen erſchien, als er des Ehe⸗ bands gedachte und der Freuden friedlicher Häuslichkeit, da ſtund Sulamith da im rauſchenden Atlaskleide, von Steinen und Perlen bedeckt, die ſeine Augen blendeten, eine Herrin, die Unterthänigkeit und Dank forderte, weil ſie ſich zu ihm herabgelaſſen, indeß das einfache Mädchen aus der Heide in ſein enges Vaterhaus ein⸗ trat wie in ein Königshaus, täglich ihm dankte für das Glück, das er ihr bereitet, ihren Stolz fand in ſeinem Beſitz, ſeine Freundin wurde, die ſparſame, emſige Verwalterin deſſen, was ſein Fleiß ihr erworben und was er freudig nach der Tagesarbeit ihr in ihren Schooß gelegt. Der leichte Windſtrich, der über die öde Heide kam, ſchien es ihm zuzuflüſtern, in der goldenen Ster⸗ nenſchrift ſchien es ihm lesbar: Halte das Glück feſt, das dir das Schickſal an das Herz gelegt!— und als die Wärme der vollen Glieder des Mädchens gleich einer magnetiſchen verwandten Ausſtrömung ihm immer fühlbarer ward, als ihr Athem rein und friſch wie Frühlingsluft ſein erhitztes Geſicht berührte, da entſchied 254 ſein Herz, ſein beſſeres Gefühl, und feſt ſtand ſein Entſchluß, und er that einen heimlichen Schwur auf ihn, um ſeiner Schwäche, welche ihm jetzt wie eine zu bereuende Sünde vorkam, jeden Rückſchritt zu erſparen. Dichter zog er das Mädchen an ſich, als wolle er ſich bequemer ſetzen und dann ihre Hand zu ſeinem Munde ziehend, fragte er zugleich: Mädchen, haſt Du denn gar nicht mehr des Johannistages gedacht?— Er fühlte ein leiſes Zucken an ihr bis in die Fingerſpitzen hinein. Sie ſchwieg. Als er jedoch die Frage wiederholte, hob ſie das Köpfchen, um ihn anzuſehen, und entgegnete leiſe, doch recht ſanft: Warum erinnert Er ſelbſt mich daran? Es war kein guter Scherz von Ihm, und ich war Ihm einige Tage recht bös wegen der Unruhe, die Er mir damit gemacht. Ach! ich hatte nie geglaubt, daß auch Er Spott und Trug mit den Mädchen triebe wie die Andern Seinesgleichen. Der Gram, der bald darauf kam, verjagte leider die Unruhe und auch das Böſeſein.— Gram? fragte Sommer lebhaft. Welcher Gram?— Er weiß es ja, antwortete ſie, das Köpfchen ſenkend; Er fragte ja ſelbſt danach, als Er heute zuerſt ſeit ſo lange über unſere Schwelle trat.— Alſo Gram um mich, Leid um mich? rief der junge Mann hocherregt. Der ſoll nicht wieder kommen, nie wieder kommen, ſo wahr Gottes Sterne auf uns nieder ſehen! Ich verlaſſe Dich nicht mehr; mit dieſer Nacht geht das wüſte Treiben, das dunkle Geſchäft, das mir längſt nicht mehr zugeſagt, zu Ende. Zu Hauſe wollen wir erwerben, was wir bedürfen, wirft auch der Tag noch ſo ſparſames Verdienſt uns zu. Und Riekchen, böſe 255 würde ich, dächteſt Du von jetzt an nicht freudig an den Johannistag.— O ich möchte wohl! ſprach das Mädchen mit ſcheuer Haſt. Und ich müßte eigentlich, denn Er that ja dazu⸗ mal einen Schwur dazu. Aber der Johannistag ſchien mir ſo weit und fern, und wenn ich zuweilen Abends beim Schlafengehen ſein gedachte, ſo träumte ich ſicher⸗ lich von dunkelrothen Roſen, und jedesmal war der Ring, den Er im Traume mir bot, zu weit, und fiel mir vom Finger, und das ängſtigte mich, wenn ich Morgens den hellen Traum mir wieder erzählte.— Daran biſt Du ſelbſt Schuld, ſprach Sommer mit Feuer, warum trauteſt Du meinen Worten nicht, warum nannteſt Du mich nicht mit dem Worte der Liebe, mit dem ſüßen Du der Braut. Längere Strafe hätteſt Du noch ver⸗ dient, Du böſe, liebe Zweiflerin. Aber gleich jetzt will ich allen Deinen böſen Träumen ein Zaubermittel ent⸗ gegen ſtellen.— Heimlich hatte er einen feinen Gold⸗ ring ſich von der Hand gezogen, und ſchob ihn ſchnell an des Mädchens Finger. Ihr heftiges Erſchrecken machte ihn ſtutzig, doch im nächſten Augenblicke warf ſie den Mantel zurück, ſtand hoch auf im Wagen, und fiel laut ſchluchzend an ſeine Bruſt. Befremdet und faſt verlegen ſuchte er mit den zärtlichſten Schmeichelworten ſie zu be⸗ ruhigen, doch ſie ſchluchzte fort und weinte lange an ſeinem Halſe und ſagte abgeſtoßen: Ach! laß mich wei⸗ nen, Georg! Ach! Du biſt ja doch brav und nicht falſch! Biſt der liebe, gute Georg! Das möchte ich allen Men⸗ ſchen zuſchreien, ob es gleich nur mich angeht, nur mich glücklich macht, ſo glücklich, ach! viel glücklicher, als ich vorhin traurig geweſen!— Und wieder weinte ſie lange, und er ſtörte ſie nur 256 durch ſeine Liebkoſungen, denn er hatte ſich noch nie ſo wohl im Leben gefühlt als jetzt, benetzt von dieſen heißen Thränen, welche ſichtlich Freudenzähren waren, ihr und ihm ein erguickender wohlthätiger Regen aus einer lang⸗ verſchloſſenen Wolke, die ſein Leichtſinn am Himmel des Mädchens aufgethürmt. Und als dieſe erſte gewal⸗ tige Erſchütterung im Gemüth der Jungfrau vorüber gegangen, wie entwickelte ſich da die Kraft und der Reichthum dieſes ſchlichten, dem flüchtigen Beſchauer unbedeutend ſcheinenden Weſens. Trotz ſeiner langen Bekanntſchaft mit ihr ſtaunte Sommer ſelbſt über die Verwandlung, über die Innigkeit des Gefühls, über die von Glück, Liebe und Vertrauen geweckte und durchglü⸗ hete Beredtheit des ſchönen Grſchöpfs, über den gewählt; ſcheinenden Ausdruck des Wortes und die ſelige Ent⸗ zückung, die darin leuchtete und blitzte, und dankbar ihn als den Schöpfer ihrer Seligkeit pries und über Ver⸗ dienſt mit kindlicher Anbetung begrüßte. So hatte er ſich nie geliebt geglaubt, und das Bewußtſein eines reinen, feſten Glücks ſenkte ſich wie ein Kranz auf ſein Haupt, und nahm alle ſchweren, drückenden Erinnerungen von ſeinem Geiſte fort, und ließ ihm nichts als den beglücken⸗ den Gedanken einer ſichern, wonnevollen Zukunft.— Unter unzähligen, wiederholten, und doch immer neu ſcheinenden Liebkoſungen, unterbrochen durch traulichere, ruhigere Geſpräche über ihre Verhältniſſe hatten ſie be⸗ reits eine bedeutende Strecke ihrer gefährlichen Reiſe unbemerkt zurückgelegt. Sie erzählte ihm, wie ſie ihn geliebt vom erſten Augenblicke, da er in das Haus ihres Vaters als ein Fremder getreten, wie dieſe Liebe ge⸗ wachſen mit jeder Wiederkehr, wie ſie ſich ſelbſt geſchol⸗ ten darum, wie ſie ſich unſinnig, ſündig genannt deßhalb, 257 wie ſie trotz dem jedoch jeden Freier, durch eine innere Gewalt gezwungen, bei erſter Annäherung zurückgewie⸗ ſen, mit dem Gefühl, als begehe ſie ohne das ein Ver⸗ brechen an ihm. Er erzählte ihr von ſeiner Jugend, ſeinen Verhältniſſen zu Hauſe, ſeinen Plänen für dis künftige Zeit.— Vor Handorf angekommen, ſtörte Metz Stoffel ihren ſtillen Herzenserguß, indem er auf ſeinem dampfenden Gaule an den Wagen ritt, meldete, daß die Vorſpann⸗ pferde bereit ſtänden, jedoch der Lieutenant Canon im beſtimmten Wirthshauſe bislang nicht eingetroffen. Der alte Schiffer, welcher ebenfalls herbeigerufen, fand die Sache bedenklich, und mah hielt mit den Kaufleuten, welche als Intereſſenten ſich dem Zuge angeſchloſſen, ei⸗ nen Rath, worin der Beſchluß zu Tage kam, den Vor⸗ ſpann vorzulegen, zu größerer Sicherheit noch ein Dutzend junge, wohlbewehrte Bauern im Orte als Schutz zu erkaufen, jedoch nicht eher weiter zu fahren, bis der be⸗ freundete Douanenoffizier ſeinem Verſprechen gemäß ſich zu ihnen geſellt.— So ging ein ängſtliches Stündchen vorüber, und die Unruhe der Compagnie wuchs mit jeder Minute. Sommer ging an dem erſten Wagen auf und nieder, horchte nach allen Seiten, und reichte dann und wann dem zitternden Riekchen ſeine Hand hinauf, ſie und ſich dadurch ermuthigend.— Einige ausgeſandte Späher brachten die beruhigende Nachricht, daß in der ganzen Gegend ſich nichts von den Douanen ſehen ließe, und ſelbſt die nächſten Hütten leer ſtänden, da zog ein Lichtſchimmer die Aufmerkſamkeit Aller auf ſich, da der Wandelſtern vom Dorfe mit Schnelle ſich auf ſie zu bewegte. Stoffel Metz näherte ſich mit einer Laterne, und leitete ein altes, hinkendes Blumenhagen. IV. 17 258 Beitelweib heran, das in der Schenke nach Herrn Som⸗ mer gefragt, und einen Brief an ihn in den Händen trug. Das kleine Villet war von Lieutenant Canon ge⸗ ſchrieben, und ſein Inhalt konnte eben nicht zur Beru⸗ ruhigung unſerer Reiſenden beitragen. —„Ich kann mein Verſprechen dem Freunde nicht halten,“ ſchrieb der Franzos,„denn eine Ordre, welche mir eben von einem Kameraden gebracht, der mir nicht von der Seite weicht, beſchäftigt mich, und kaum konnte ich die heimliche Minute gewinnen, Euch dieſe Nachricht zu geben. Ich fürchte, der hämiſche Marbveuf hat vor ſeinem verdienten Ende uns verrathen, und dieſe Maß⸗ regeln gegen mich diktirt, denn ich erſcheine mir wie ein Arreſtant, obgleich man mir bis jetzt den Degen ließ. Mein Rath iſt, ſo eilig als möglich die Linien zu paſſiren, denn da man mich feſt hat, wird man nicht glauben, daß Ihr es wagen könntet, ohne Guiden den geraden Weg fortzuſetzen. Von meinen Leuten iſt Nie⸗ mand zugegen, nach der Abrede hatte ich ſie zu einem fernen Paß beordert. Eilet und verliert den Muth nicht! Amant Canon.“ Alles lief wehklagend und verwirrt durcheinander, nachdem der Brief verleſen worden, nur Sommer und David Mei verloren die Beſonnenheit nicht, und höhn⸗ ten der Gefährten Zaghaftigkeit. Es gilt Habe und Gut und Leben, ſagte der alte Schiffersmann heftig, und zurück iſt gefährlicher als vorwärts. Laßt ein Dutzend der magern Grünröcke kom⸗ men, es muß ja einer deutſchen Seele ein Gaudium ſein, ihnen einmal im Dunkel das Lederzeug ausklopfen zu dürfen.— Die jungen Bauern begrüßten ſeinen Spruch mit einem muthigen Halloh, ihre Stimmung 259 befeuerte die ſchwächern Herzen, und der Zug ſetzte ſich unverzüglich in Marſch, nachdem Sommer ſich den Tür⸗ kenſäbel eines der Kaufleute genommen, ſein trautes Liebchen getröſtet, Stoffels Gaul beſtiegen, und ſich an die Spitze der Karavane geſtellt hatte. Ohne Anruf, ohne Widerwärtigkeit näherte man ſich nach mehreren bangen Stunden der letzten Mauthlinie, und Sommer durchtrabte voran die Gegend, und fand nichts Verdächtiges. Seine Botſchaft wurde mit einem Jubelrufe beantwortet, und flüchtig ging es über die Grenze, und erſt einige hundert Schritte von ihr hielt man mitten in einem Fichtenwäldchen an, und erlaubte den abgetriebenen Pferden, ſich zu verſchnaufen. Som⸗ mer ſprang von ſeinem heißen Gaule und trat zum Wa⸗ gen. Schöpfe Luft, mein Riekchen, rief er hinauf. Wir find in Sicherheit, denn dies iſt weſtphäliſcher Boden. Aber es war hohe Zeit, denn ſieh, wie es ſchon hell wird, und dort im Oſt die rothen Lichtwolken auf⸗ ſteigen.— Gott ſei gelobt! entgegnete das Mädchen, und lä⸗ chelte ihn fröhlich aus dem bleichen Geſichte an. Hätte es noch länger gedauert, würdet ihr eine Leiche gefun⸗ den haben, denn lauter Todesgraus war in mir, ſeit ich ſo allein ſaß. Noch klang ihr Wort, da fiel ein Schuß hinter ihnen aus dem Gehölz, und ein Pferd des letzten Wagens bäumte ſich hoch auf, und ſtürzte in den Sand. Zu⸗ gleich erſcholl das franzöſiſche Feldgeſchrei: En avant! Und des Schiffers tiefe Stimme rief dazwiſchen: Setzet Euch feſt, Jungens, der hölliſche Feind rückt auf uns.— Ein dunkler Haufe unter im Morgenlicht blinkenden Gewehren ward auf der Straße von der Grenze her 260 ſichtbar, einige Schüſſe fuhren aus ihm gegen das Fuhr⸗ werk, dann näherten ſich die grünen Schützen im Sturm⸗ ſchritt, und ihnen vor ſprengten ſechs berittene Douanen, flogen an der Wagenreihe vorüber, und ſchnitten vor dem Zuge die Straße ab; faſt zugleich mit ihnen trafen auch die kleinen Fußjäger, als hätten ſie Hobichtsfittiche angeſchnallt, auf dem Platze ein, umzingelten, etwa fünfzig Mann ſtark, die Karavane, ſchlugen mit den Kolben aus dem Wege, was ihnen etwa entgegen trat, packten die Zügel der Pferde, und hatten im Zauber der erſten Beſtürzung die Mehrzahl der Wägen nach der Grenze zu herumgedreht. Bedenkt, was Ihr thut, rief Sommer, als er ſich vom erſten Choc erholet, dem Führer der Reiter zu; Ihr ſeid auf fremdem Gebiet, und überſchreitet Euer Gewaltrecht.— Diebe und Betrüger darf man überall fangen, ſchrie ihm der Offizier entgegen, und unſers Kaiſers Reich iſt die Welt. Fanget die Schurken alle, Kameraden; ſchießt nieder ohne Gnade, was davon will; knebelt ſie wie das Vieh. Sie ſollen entgelten, daß wir die ganze Nacht nach ihnen herum gejagt; und an Dir, Du wohlbekann⸗ ter Schleicher, auf den lang ſchon die Galeere wartet, will ich das erſte Strafbeiſpiel üben.— Mit grimmig⸗wüthendem Blick ſpornte er ſeinen Schimmel gegen Sommer an, und führte einen wilden Säbelhieb nach ihm. Der Hieb traf des jungen Kauf⸗ manns vorgehaltene Hand, und das Blut ſprützte hoch, doch in eben dem Augenblicke ſtieß der Verwundete ſei⸗ nen krummen zweiſchneidigen Säbel in des Pferdes Bruſt, und das Thier bäumte ſich, ſchlug über und drückte ſei⸗ nen Herrn unter ſich in den Sand der Straße. Dieſer — —— * 261 raſche Einzelkampf wurde das Signal zu einem allge⸗ meinen Gefecht. Die Angefallenen ſahen, es galt hier die eigene Haut, und dieſe Gewißheit weckte auch in dem Verzagteſten den Heldenmuth, und jeder fiel auf den nächſten Feind mit wahrhaft thieriſcher Wuth. Schüſſe fielen und trafen; Eichkeulen krachten nieder auf des Feindes Schädel; mancher gute Schütz endete an der väuriſchen Miſtgabel; Au bas les brigands; Point de pardon! klang es hier. In die Hölle mit den Erzfein⸗ den! Brecht ihnen das Genick, Jungens, es ſind ja nur Knirpſe gegen euch, ſchrie dort mitten im Getümmel der Schiffer. Lange wüthete ſo der blutige Kampf ohne Sieg. Von beiden Seiten lagen Todte am Boden, und Verwundete jammerten zwiſchen den Rädern, und die getroffenen und gedrängten Pferde vermehrten den gefährlichen Tumult, indem ſie wild wurden, an den Strängen riſſen, ſprangen und ſchlugen; doch die beſſern Waffen der Douauen lichteten immer mehr den zuſammengeballten Haufen der Schmuggler, und ihre Sieges⸗Hoffnung ſank mit jeder Minute, und in langſamer Wehr zogen ſie ſich immer weiter zurück bis zu dem erſten Wagen, und manche ſahen ſich ſchon um nach einem Fluchtloche in dem dichten Fichtenholze. Der Offizier hatte ſich indeß von ſeiner Betäubung erholt und unter dem Pferde hervorgearbei⸗ tet; mit dem Sarras in der Fauſt fiel er jetzt vom Rücken her tollkühn in den Haufen und ſprengte ihn aus⸗ einander, und von allen Seiten brachen jetzt die Schützen in den Phalanx der tüchtigen Landleute. Beſtie, Du ſollſt mir meinen Schimmel bezahlen! ſchrie der Offizier, als er wiederum Sommers anſichtig wurde, doch ſeine Klinge zerſprang ſchrillend an der 262 vorgehaltenen Keule eines Bauern. Fangt mir den Hund lebendig! Zehn Napoleons für ihn! rief da der vor Wuth Schäumende, und riß die Piſtole aus dem Gurt, und alle Schützen in der Nähe zog das goldene Wort guf den Platz. Riekchen, das arme Kind, welches bis⸗ lang zitternd und betend ihren Platz nicht erlaſſen hatte, ſah wie ihr Vater durch einen Gewehrſtoß auf die Bruſt zu Boden fiel, ſah wie ihr Geliebter, von vier Solda⸗ ten umringt, ſich mühſam wehrte; wie im Wahnſinn ſprang ſie vom Wagen: kreiſchte: Um Gottes Barmher⸗ zigkeit willen, ſchonet ſein Leben! und ſtürzte ſich mitten zwiſchen die Kämpfenden, gerade vor den Liebling ihres Herzens. Da brannte des Franzoſen Piſtole los, das Mädchen that einen Schrei, faßte nach der Bruſt und taumelte nieder; zugleich krachte ein Kolbenſchlag von hinten herunter auf Sommers Haupt, und auch er lag bewußtlos zwiſchen den Füßen der Feinde.— In dieſem Augenblicke, wo die Unbeſchädigten der Bürgersleute und der Bauern, muthlos durch den Fall ihrer Führer, ſchon begannen, die Waffen hinzuwerfen, und Pardon zu erflehen, traf plötzlich das helle Ge⸗ ſchmetter einer Trompete die Ohren, und jeder horchte darauf, und ein plötzlicher Einhalt des Streites fand ſtatt, indem Alle ſich dem unerwarteten kriegeriſchen Schalle zuwandten. Ueber dem niedern Gebüſch wurden blanke Helme ſichtbar und flatternde Roßſchweife; eine Reihe ſchimmernder Harniſche erſchien auf der Heerſtraße, und ein ſtattliches Reitergeſchwader rieſenlanger, bärtiger Kriegesleute näherten ſich auf brauſenden Roſſen im ſchar⸗ fen Trabe. Es war eine Eskardon weſtphäliſcher Küraſ⸗ ſiere, die früh aus ihren Quartieren zum Frühlings⸗ manöver ausgeruͤckt, und welche die Büchſenſchüſſe und —— — 263 das Geſchrei heran gelockt hatte. Der deutſche Rittmei⸗ ſter, ein mächtiger, koloſſaler Mann, traf zuerſt auf den Fuhrmann Metz, der verwundet in einem trockenen Graben fortgekrochen, um die Flucht zu verſuchen. Der Rittmeiſter parirte ſeinen Goldfuchs neben der Jammer⸗ geſtalt, und fragte. Rettet und helfet, gnädiger Herr! ſtotterte der blu⸗ tende Stoffel. Die Franzoſen ſind über die Grenze ge⸗ fallen, und morden uns, und nehmen unſer Gut wie wahres Raubgeſindel.— Ein dumpfes Gemurr lief durch die Reihen der deut⸗ ſchen Harniſchmänner, ihre blanken Waffen klirrten, und mit glühenden Geſichtern folgten ſie dem Commandowort des Führers zum Blutplatze. B Was gibt's hier, in's drei Teufels Namen? fluchte der Rittmeiſter. Wer umterſteht ſich, den Landfrieden zu brechen, und des Königs Unterthanen zu mißhandeln?— Dreiſt trat der Douanenoffizier vor zu dem Roſſe des Fragenden. Schmuggler ſind's, Diebe und Betrü⸗ ger, die unſere Linien durchfuhren, und die zu fangen uns Oberſt Pontvis ausgeſendet. Wir haben ſie glück⸗ lich eingeholt, und durch ihren Widerſtand haben ſie ſich ſelbſt ihr Schickſal bereitet. Ich bitte Euch, mit uns vereint, ſie völlig zu entwaffnen, die Flüchtigen einzu⸗ fangen, und uns auszuliefern, Herr Kamerad.— Der Satan iſt Ihr Kamerad! antwortete heftig der deutſche Reiteroffizier. Truppen der Linie Seiner Ma⸗ jeſtät haben nichts mit den Schergen der Mauth und der Polizei gemein. Iſt es nicht heller Tag genug, um die Grenzpfähle und die Wappen des Königs zu erken⸗ nen? Drüben könnet Ihr fangen und greifen, wen Ihr wollet. Hier ſtehet Ihr als vebertreter des Geſetzes, als 264 Friedensbrecher, Beleidiger des Königs, und verdientet, daß ich Euch fangen, und an die Schweife meiner Pferde binden ließe.— Der Douanier machte ein höhniſches Geſicht, als glaube er nicht recht an den Ernſt des Rittmeiſters. Trauet Ihr uns die Thorheit zu, den mühſam verfolg⸗ ten Fang des kurzen Raumes wegen aufzugeben, und dort vom Grenzpfahle dem lachenden Geſindel nachzu⸗ ſehen, wie Knaben, denen der Vogel aus der Hand entwiſchte? fragte er, eine martialiſche Stellung anneh⸗ mend. Ich meine vor dem Fürſten Eckmühl und dem Kaiſer ſelbſt, was ich befohlen, zu vertreten, und werde mich nicht viel um Euren Einſpruch kümmern.— Was ſcheert mich Euer Fürſt und Eure Meinung? entgegnete der Rittmeiſter. Hier herrſcht König Hiero⸗ nymus, und duldet keine Verletzung ſeiner Majeſtät. Ich rathe Euch, macht fort, daß Ihr in Eure Grenze kommt, denn Eure Ausſage ſieht einer Lüge höchſt ähn⸗ lich. Schauet nur hin auf die Pferdeköpfe der Fuhr⸗ leute; dorthin ſind ſie gewendet, nicht hieher; wollte Eure Gier den guten Fang thun, hättet Ihr in Geduld warten müſſen, bis ſie Euer Gebiet überſchritten.— Der Douan wollte antworten, aber der Rittmeiſter commandirte: Eskadron, Front formirt! Marſch! und ſetzte wild hinzu: Packt Euch, oder ich laſſe Euch fuch⸗ teln, und von meinen Pferden in den Staub treten.— Die franzöſiſchen Schützen, welche bereits die Stim⸗ mung des deutſchen Militärs gegen die Franzoſen kann⸗ ten, und ſelbſt erfahren hatten, drängten ſich zuſammen, und das entſchloſſene Benehmen des Offiziers und die finſtern, feindſeligen Geſichter ſeiner Panzerreiter machte ſolchen Eindruck auf ſie, daß ſie langſam vor der heran⸗ 265 rückenden Colonne wichen, und unter franzöſiſchen, halb⸗ lauten Flüchen den Grenzpfahl paſſirten, wo der Ritt⸗ meiſter die Linie halten ließ, und mit ſeinem Lieutenant zurück ritt, um ſich von der Größe des Frevels genau zu überzeugen. Entſetzliche Metzelei! rief er, als er auf dem Platze hielt. O wäret Ihr doch nur wenige Minuten früher ge⸗ kommen! Dann wäre der Jammer nicht auf uns gefal⸗ len. Sehet nur dort hin; die Engel im Himmel müſſen weinen darüber, und Steine ſich erbarmen! So jam⸗ merte Stoffel Metz, indem er den blutigen Arm zu einer lichten Waldſtelle ausſtreckte, wohin man die Verwunde⸗ ten ſchleppte, und ihnen Hülfe zu leiſten bemühet war. Auf den Wurzeln einer alten Tanne lag Georg Som⸗ mer, und ſeine Gefährten wuſchen ihm den blutigen Kopf mit dem Waſſer des Grabens. Die erſten Strah⸗ len der Sonne fielen gerade auf den ſchönen jungen Mann, und gereizt von ihnen, öffneten ſich ſeine Augen. Da ſah er dicht neben ſich auf dem Mooſe liegend das liebe Schiffermädchen, alabaſterweiß und ſtarr und leb⸗ los das holde Antlitz, und die vom Mieder befreite Li⸗ lienbruſt mit Blut begoſſen, und langgeſtreckt das reich⸗ begabte Jugendbild, eine reizende Todesbraut; da ſah er den Vater David vor ſeinem einzigen Kinde knieen, die dürren Hände gefaltet, den Kopf vorgebeugt, das braune runzlichte Geſicht vom tiefen Schmerze verzogen, und wie in dieſem Schmerze erſtarrt bei dem letzten Athemzuge ſeines Lieblings. Mit einem hohlen Schrei ſchloß der Jüngling die Augen wieder, und ſank in ſeine glückliche Ohnmacht zurück. 266 Wenige Wochen hatten alle Weltverhältniſſe umge⸗ ſtaltet. Die Morgenröthe der Völkerfreiheit war aufge⸗ gangen von Oſten her. Der ruſſiſche General Tetten⸗ born beſetzte Hamburg, überall bewaffneten ſich Bürger und Landleute gegen den gemeinſamen Feind, ein Jauch⸗ zen tönte durch ganz Deutſchland, ein lauter freier Athemzug nach langen Jahren egyptiſcher Knechtſchaft, und in dem großen Weltintereſſe verloren ſich alle Klein⸗ lichkeiten des Einzellebens und wurden vergeſſen.— Georg Sommer lag lange Zeit ſchwer krank darnieder und ſeine Lieben zagten lange um ſein Leben. Als er zuerſt mit einem hellen Blicke das Leben wieder begrüßte, ſaß die ſchöne Sulamith an ſeinem Bette als ſeine Pfle⸗ gerin, und ihre Freudenſtimme hallte als erſter Liebes⸗ klang in die lange, tiefe Nacht, in welche ſeine Seele verſunken geweſen. Georg betrachtete mit ſeltſamen, verwunderten Blicken ſeine verbundene Hand und die bei⸗ den ſteifen Finger an derſelben, fühlte befremdet an den verbundenen Kopf, und aus ſeinen Fragen erkannten ſeine Freunde bald, daß wunderbarer Weiſe jede Erin⸗ nerung des letzten, ſchwarzen Tages vor ſeiner Krankheit aus ſeinem Gedächtniſſe verwiſcht erſchien, ja daß er ſich nur mühſam und nach und nach aller übrigen Begeben⸗ heiten ſeines faſt ein Jahr getriebenen wagigen Lebens erinnerte. Klüglich mieden ſie jede Enträthſelung, und täuſchten ihn mit dem erfundenen Mährchen eines Reiſe⸗ unglücks. Sulamith war aus der Reichsſtadt mit dem größten Theile ihres väterlichen Vermögens entflohen, und der Agent, mit prophetiſchem Sinne noch nicht an feſte Sicherheit glaubend, beſchloß nicht in die Heimath zurück zu kehren, ſondern in einer ſüdlichen Handelsſtadt ein neues Etabliſſement einzurichten. Seines Wortes als 267 ein Getreuer gedenkend, ließ er den jungen Sommer nicht von ſich, warb ihn für ſein neues Geſchäft, ver⸗ traute ihm ſein Vermögen und hielt ihn wie einen Sohn. Nach einem Jahre wurde die ſchöne Sulamith ſeine Gattin, und dieſe Ehe ließ ſich eine glückliche nennen, wenn auch des Mannes immer zunehmender Tiefſinn und ſein ewiger Ernſt der jungen Frau manche Sorgen ſchuf, bis ſie ihm ein liebliches Mädchen gebar, welches eine rothgefärbte Hand und auf der kleinen weißen Bruſt ein großes Blutmahl mit zur Welt brachte. Als man beides dem Vater zeigte, wurden ſeine Augen plötzlich ſtarr und wild, er ſtieß einen lauten Schrei aus und der Name: Riekchen! bebte von ſeinen zuckenden Lippen. Er faßte ſich bald wieder, und da die Umſtehenden die Bedeutung des Rufes nicht kannten, ſo dachte Niemand Arges dabei. Doch von dieſer Zeit an bemerkten ſeine Hausgenoſ⸗ ſen eine immer ſich mehrende Unruhe an ihm, er floh die Geſellſchaft, ſcheu und menſchenfeindlich zugleich war ſein Benehmen, er verſäumte ſeine Geſchäfte, und Nachts ſtand er oft vom Bett auf, und wandelte durch die Zim⸗ mer, mit ſich ſelbſt die ſeltſamſten Geſpräche führend, in denen nur die Worte: armes Röschen in der Heide, Untreue, Eidbruch, Mord, verſtändlich klangen, und wo⸗ bei er oft in die leere Luft ſtarrte, und von einer frem⸗ den Perſon mit klagender Bitte einen Ring forderte, der ihn nachzöge in ihr kaltes Grab. Traten ſeine Verwand⸗ ten dann zu ihm, um ſeine böſen Träume zu unterbre⸗ chen, ſo ſchrie er zuweilen laut auf und flüchtete in ei⸗ nen Winkel, wo er mit ſichtlichem Schaudern den Namen: Marbveuf kreiſchte, von Mördern, Gendarmen, Galee⸗ ren und Hochgericht ſchwatzte, und dann gewöhnlich zu⸗ letzt in einer tiefen Ohnmacht zuſammen ſank. 268 Die ſchöne Sulamith, die ihn wahrhaft liebte, hatte ſchwere Tage mit ihm, doch tröſtete ſie ſich mit der Hoffnung auf ſeine jugendliche Natur, vorzüglich ſeit in ärztlicher Aufſicht dieſe Anfälle ſeltener zu werden ſchienen. Da kam eines Tages ein kurzer, ſchlecht gekleideter Mann von widrigem Anſehen, mit bleichem, blatternar⸗ bigem Geſicht und ſchielenden Augen in das Haus und verlangte den jungen Herrn zu ſprechen. Die Diener, den Bettler in ihm erkennend, wollten ihn nicht zulaſ⸗ ſen, als aber Sommer ſelbſt von ihrem Gezänk heran gelockt worden, ſtarrte er den Fremden einige Sekunden an, zog ihn dann bei der Hand in ſein Arbeitszimmer, verſchloß ſich faſt eine Stunde lang mit ihm, und entließ ihn reich beſchenkt, was der Fremde ſelbſt durch die hä⸗ miſche Darzeigung mehrer Goldſtücke verrieth, und mit einem Triumphgeſicht den verdutzten Dienern ſagte: Sie möchten ihn künftig ja gehorſam einlaſſen, denn er ſei des Herrn geheimſter Beichtvater und bewahre ſein wich⸗ tigſtes Gut.— In der Nacht darauf war Sommer plötz⸗ lich verſchwunden.— Der alte Herr Silbermann brach ſogleich ſelbſt auf, ſeinen Liebling zu ſuchen, und ſparte kein Opfer, ſeine Spur zu finden. Er war auch ſo glücklich, bald von ihm zu hören und eine ſichere Richtſchnur ſeiner Verfol⸗ gung zu gewinnen. Den Weg nach Hamburg hinunter hatte der Unglückliche eingeſchlagen. In einem Kirchdorfe hatte man ihn auf einem Grabhügel ſitzend geſehen, worunter ein Mädchen begraben worden, welches vor Jahren in der Nähe umgekommen. Die Spur von da ging weiter bis zu einer Fiſcherhütte am Köhlbrand, dem Arme des Elbſtromes. Als der Agent hinein trat, fand er einen grauhaarigen, gelähmten, ausgedörrten Greis 269 in ſeinem Lehnſtuhle darin, vor welchem Sommer am Boden ſaß und ohne die Eintretenden zu beachten, wilde Phraſen deklamirte und mit den Armen durch die Lüfte fuhr. Der Greis bat dringend, man möchte ihn von dem Tollen befreien, und mit ſchreckenvoller Ahnung erkannte der Agent in ihm den Schiffer David. Alle Heilungsverſuche an dem armſeligen Geiſteskran⸗ ken ſcheiterten; er ſtarb nicht lange hernach im Irren⸗ hauſe, und die ſchöne Sulamith betrauerte das ſchnell entflohene Jugendglück, das ſie ſo feſt gebaut geglaubt, und warf die ganze Liebe ihres heftigen Gemüths auf ihr Kind, welches, von der Natur ſo furchtbar gezeichnet, ſie jede Stunde an den unerſetzlichen Verluſt erinnern mußte, deſſen geheime Urſache das nie gelöſete Räthſel ihrer Zukunft blieb. W. Fürſtenherzen, oder die Prinzen von Lüneburg. Eine hiſtoriſche Erzählung. Die hohen Poſſen mit äußern Dingen, die Gewaltthaten, die Morde und Gräuel, ſie ſchrecken nur und fordern Erſtaunen.— Die Menſchen faſſen ſie kaum, und wohl ihnen darum!— Sie ſind ſo ſelten zum Glücke des Einzelnen.— Lieber in das Menſchliche und Allgemeine, ja in das Alltägliche! Das iſt ſo klar noch nicht, als die Meiſten glauben. Hier das Innere zum Aeußern gemacht, das Gemüth des Menſchen her⸗ aufgefördert! Und wäre es nicht ſchön, ſo wäre es wahr und hülfe zu Leopold Schefer. Habt Acht, Gnaden, und zieht die Zügelriemen ſcharf an! Hier geht's zum zehnten Mal durch das böſe Waſ⸗ ſer, und mit jeder neuen Windung wird die Seeſchlange dickbäuchiger und bösartiger. Der alte Papa Harz muß verteufelt geplärrt haben, daß, aus ſeinen geſchmolzenen Thränenſäcken alſo arg begoſſen, die grünkeimende Maſch zur See, unſere Straße zu einer Dreckwanne und das zarte Spielbächlein zum reißenden Strome geworden, und das Alles binnen vierundzwanzig kurzen Stunden. Vorſichtig nur mir nach, Pferdekopf an Pferdeſchweif! Danken wir dem Monde, daß er hinter den flatternden Wolkenfahnen hervorſchielt; ohne ihn möchte ſelbſt ein Landeskind nicht ohne Gefahr ſich aus dieſen Nirenrin⸗ geln herausfinden.— So ſprach ein kräftiger Reitersmann zu einem Duz⸗ zend Reiſegefährten, denen er voran ritt, und ſetzte zu⸗ gleich keck von dem glatten und ſteinigen Boden der Heerſtraße hinab in das laut rauſchende Flüßchen, das die Straße abſchnitt, und, ſo weit man im ſchwachen Mondlichte hinausſchauen konnte, in ſteten Krümmungen die tief liegenden Wieſen durchbrach und der fern von Berg und Gehölz begrenzten Landſchaft den Charakter der Unheimlichkeit und des Gefährlichen aufdrückte. Auch das Wetter und der frühe Märzabend thaten alles Am Blumenhagen. IV. 18 274 den böſen, menſchenfeindlichen Eindruck der Gegend zu vermehren, denn den Himmel deckten große Regenwol⸗ ken, die ein ſcharfer Nord von den Gebirgen herüber jagte, und oft, wenn ſie ſich zu rieſigen Ungeheuern aufgeballt hatten, zerriß, ſpielend ihre zerfetzten Mäntel durcheinander wickelte und feinen Schlagregen aus ihnen zur Erde herabſchüttelte. Seit die froſtige Frühlings⸗ ſonne geſunken war, leuchtete zwar der Mond; doch galt ſein Schein nicht gar viel, denn er konnte die Herrſchaft nicht über den rauhen Nord, den Winters⸗ ſohn, gewinnen, der ihm das Gewölk immer ſpottend entgegen warf und ihm kaum erlaubte, dann und wann durch eine Lücke der fliegenden Luftkinder ſehnſüchtig auf ſein nächtlich Reich hinabzublicken. Das Schlackerwetter hatte ſchon den ganzen Tag angehalten und die ſelbſt bei ſchönem Himmel und ſicherer Jahreszeit rauhen Wege zwiſchen der Stadt Nordheim und den erſten Höhen des Harzgebirges waren dadurch in einen Zuſtand gerathen, der ſie Untiefen ähnlicher machte, als durch menſchliche Hände angelegten Fahrſtraßen. Der tückiſche Boden, halb grundloſer Schlamm, halb unebene Steinkruſte, verband ſich mit dem rauhen, bis in das Mark greifen⸗ den Windzuge, um die Reiſenden dieſes Abends zu mar⸗ tern, daß ſie ſich ſchüttelten und die Nacken neigten, gleich den einzelnen Baumgruppen an der Straße, deren unbelaubtes, braunes Gezweig vor dem Orkan ſich knat⸗ ternd bog und die mit zitterndem Geäſt im unſicheren Mondlichte ſchwankten. Der Trupp Reiter, welcher dem kräftigen Führer folgte, beſtand aus Kindern des Lan⸗ des, worauf ſie mit dieſen Unannehmlichkeiten der Jahrs⸗ zeit kämpfen mußten; doch ſchienen ſie in dieſer Gegend nicht beſonders bekannt, das zeigte die Aufmerkſamkeit 275 des Führers, ſowie der ſtrenge Gehorſam, den Alle ſei⸗ nen Andeutungen leiſteten, obgleich drei von ihnen ſonſt nur des Gebietens gewohnt waren. Der erſte von dieſen, ein junges, zwanzigjähriges Herrchen, zog bei des Füh⸗ rers Warnungsworten die Zügel ſo ſcharf und linkiſch an, daß ſein Pferd, ſtatt vorwärts zu gehen, ſich zur Seite bog und Unordnung in den nächtlichen Zug brachte. Franz! Franz! Du führſt uns einen ſchlechten Weg, rief zugleich der junge Reiter, welches war der Prinz Friedrich Ulrich von Wolfenbüttel; der Vater Herzog ſoll Dich ſtrafen, daß Du keinen beſſeren Stallmeiſter abgibſt.— Ohne Sorgen, Prinz! entgegnete unwillig und mit rauher Baßſtimme der nächſt folgende Reiter, der Ritter Joachim von Streithorſt. Sitzet nur ritterlich feſt in den Bügeln und macht mir das Thier nicht irr. Der von Kramm kennt jeden Schritt hier in Holz und Feld; iſt er doch ein Oſteröder Kind und hier im Walde auf⸗ gewachſen.— Alſo ſprechend faßte er barſch des Prinzen Pferd am Zaum und leitete es ohne weiteres in das Waſſer hinab und führte es ſorgſam durch die Furt, ohne ſich viel um ſein eigen Roß zu bekümmern, welches mehrmals, der helfenden Führung entbehrend, von großen Bach⸗ kieſeln abglitt und mit den ausfahrenden Hinterfüßen den weißen Schaum der Flut weit herum verſprengte. Indeß hatten die anderen Gefährten nicht die Geduld gehabt, die Furcht des jungen Ulrichs als Schlagbaum gelten zu laſſen. Der Erſte von ihnen, Herzog Georg von Lüneburg, ein blühender Kraftmann, ſtieß ſeinem ſpaniſchen Hengſt die Sporen ein, und das wohl zuge⸗ rittene Thier theilte die krauſen Wellen mit Schnelle und „ ₰ 276 Kraft; ſeinem Beiſpiele und guten Wege folgte der Bru⸗ der, der ſchmalgebaute, faſt jungfräuliche Herzog Johann, dieſem die Knappen und Knechte, und ſelbſt der bart⸗ loſe Page Georgs, Odo von Melzing, ſäumte nicht in Furcht, wenn ihm auch auf ſeinem kleinen Polengaule das Waſſer an den Sattel ſchlug und die Zipfel ſeines ſcharlachrothen Wappenrocks durchnäßte. Die beiden jüngſten der ſieben Söhne des verewigten Herzogs Wilhelm, Brüder des zu Celle regierenden Her⸗ zogs Ernſt, waren ſo eben erſt von einer Reiſe durch das galante Frankreich und das klaſſiſche Italien zurückgekehrt, hatten ihre geliebte Schweſter Clara zu Schwarzburg be⸗ ſucht und der Vermählung des Grafen von Falkenſtein mit der Gräfin Anna von Naſſau⸗Siegen beigewohnt. Dort trafen ſie ihren jungen Lehnsvetter von Wolfenbüt⸗ tel, der ihnen in jugendlicher Offenheit, trotz der Miß⸗ helligkeiten, durch welche, wegen der Grubenhagiſchen Succeſſionsſtreitigkeiten, die beiden Welfiſchen Hauptli⸗ nien geſpannt lebten, entgegen kam, ſie auf der Hochzeit ſeines Vaſallen feſthielt, und ſie nachher ſich zu Beglei⸗ tern auf einer Inſpektionsreiſe durch die Grubenhagiſchen Städte erbat, bei welcher freilich ſein Gefährte und Hof⸗ meiſter für den herzoglichen Vater Auge und Ohr beſſer gebrauchen mußte, als der flüchtige Prinz, auch eben nicht vergnüglich das Geleit der beiden fürſtlichen Vet⸗ tern von Celle aufnahm, da er wußte, wie Herzog Georg zu Prag bei dem Kaiſer zu Gunſten der An⸗ ſprüche ſeines Stammes gewirkt, wie der Zögling des ſpaniſchen Generals Spinola ſchon als ausgezeichneter Soldat die Blicke des Wiener Hofes auf ſich gezogen und die Beſichtigung der ſtreitfälligen Landestheile in ſolcher Geſellſchaft nicht beſonders ſtaatsklug erſcheinen konnte. ——— —— 277 Joachim von Streithorſt hatte keinen Tropfen Höflings⸗ blut, und ſeine vielen Widerſacher fällten oft das Ur⸗ theil von ihm, er ſei beſſer für den Pflug und den Dreſchflegel, als für Hofkleid und Staatsdegen geboren. So kürzte der mürriſche, eigenwillige Mann die Reiſe ſo viel als möglich ab und trieb dagegen die Prinzen, der großen und für dieſes Jahr letzten Saujagd beizu⸗ wohnen, zu welcher am Rande der Harzgebirge vom Herzoge Henricus Julius alle weidluſtigen Edelleute der Gegend berufen waren und zu deren Hauptquartier und Sammelplatze der Fürſt das Schloß und das Oertchen Herzberg beſtimmt hatte. Unſere Reiter⸗Compagnie ſetzte ſich, glücklich auf dem Trockenen angelangt, wieder in Ordnung und ließ die Roſſe einige Augenblicke Athem ſchöpfen. Die Männer ſchüttelten den Staubregen von den Reiſemänteln und die Thiere ſchnoben laut die eingeſogenen kalten Nebel⸗ dünſte aus den heißen Nüſtern und ſtampften muthig den Kiesboden, als wollten ſie klüglich vor dem Weiter⸗ reiten ſeine Feſtigkeit erproben. Wie weit iſt's denn noch bis zu dem trockenen Fel⸗ ſenneſte? fragte mit einem Tone, dem man Ueberdruß und Unwillen abhörte, Prinz Ulrich. Wahrlich, Franz, in der Hölle, durch die Du uns geführt, ſollte Jedem die Reiſeluſt, ja gar die Jagdluſt auf Lebelang vergehen.— Nur ein Stündchen noch, mein Prinz, und wir ſitzen am flackernden Kamine, und der Genuß der Sicherheit Erquickung verdoppelt ſich durch den Gedanken an ie überſtandenen Mühſeligkeiten, antwortete der Stall⸗ meiſter Kramm.— Gebt Euch zufrieden, Vetter! fiel Herzog Georg ſeiner tiefen, doch angenehmen Stimme dem ſchmeichelnden 278 Junker in die Rede. Was macht ſich ein Mann aus ſo einem Schattenſpiele von einem böſen Wetter 2 Iſt doch das nur eine Probe von einer Feldwachtsnacht, für Re⸗ kruten nützlich! Hätten wir ſolchen galanten und ſanften Spritzregen vor der Feſtung Rheinbergen gehabt, und ſolch feſten Boden in unſern Laufgräben, eingewickelt in die Reitermäntel würden wir wie die Murmelthiere ge⸗ ſchlafen haben. Ihr müßt mit uns ziehen gegen die Schweden, da werdet Ihr ſolche Klage verlernen und, meine ich, ſelbſt eine Jungfrau aus des Löwenherzogs Blute müßte um ſolcher Bagatellen willen nicht einen Stoßſeufzer in die Lüfte ſenden.— Euer Gemüth, mein tapferer Vettersmann, liebt das Harte und Derbe der Soldateska, antwortete Prinz Ulrich, nicht ohne Schärfe im Tone; und Körperkraft wie Ge⸗ ſchmack eigneten Euch für das Kriegsleben, dagegen Vet⸗ ter Johann und ich, vom Herrgott, betreff der breiten Küraßſchultern, nicht bedacht worden. Ich glaube, kommt die Zeit, ſo wiſſen die braunſchweigiſchen Herzogsſöhne Alle das Schwert zu führen, wie es einem Welfenſohne anſteht; übrigens meine ich aber für's zweite, daß das Dreinſchlagen und Drauflosſtürmen unter den Fürſten⸗ tugenden nicht obenan gezählt werden dürfte.— Herzog Georg lächelte heimlich, des Schleiers der nächt⸗ lichen Schatten gewiß. Bin Eures Glaubens, Vetterchen, ſprach er treuherzig; jede Tugend zu ihrer Zeit, jeder Mann für ſeinen Platz. Die knorrige Eiche und der ſchlanke Birkenbaum kamen beide aus Gottes Hand. Werdet mir nur nicht unmuthig; müßt Ihr uns doch ein freundlicher Wirth verbleiben, und mein Geſchwätz von naſſer Feld⸗ wacht würde an uns ſelbſt wahr werden, wenn Ihr uns die ſchweren Eichenthore vom Schloſſe Herzberg verſchlöſſet.— —— ————— — 279 Ich wollte, wir wären zur Katlenburg geblieben, als die Nacht einbrach und die Regengüſſe begannen, ſeufzte der Prinz, ohne ſich irre machen zu laſſen. Mir ahnet nun einmal, wir kämen nicht ohne Unglücksfall zum Ziele, ſah ich doch da vor uns ſeltſame Lichterlein zwiſchen den Büſchen tanzen, und, horcht! drüben ſchreit jetzt wieder ein großer Kauz ſein hohltönend War⸗ nungslied.— Seid Ihr denn nicht ſelbſt Schuld daran, Hoheit, daß wir ſo ſpät zum Ouartier kommen? fiel da barſch der von Streithorſt ſeinem jungen Herrn in das Wort. Hättet Ihr in der Herberg auf der Haube nicht ſo lange Poſſen getrieben mit dem Bierfaſſe von Wirth und der Zierſtange von Wirthin, wir hätten vor Nacht dieſe Waſſerproben beſtehen können. Aber gebt Euch zufrieden und lebt guter Hoffnung. Amtmann Gieſeke hegt uns treffliche Dunenbetten, in denen man jeden Sturm ver⸗ gißt, und ſchüttelte er die Wände wie Rohrſtäbe zuſam⸗ men. Und zuvor wird er uns Gründlinge mit Citronen⸗ brühe und einen geröſteten Ochſenkopf mit Grabenkreſſe und drögen Birnen, Euer Leibgericht, hernach Eier in Schmalz und ſüße Pritzkuchen auftiſchen; ſein Brief ent⸗ hält die Küchenzettel für drei Tage, Euch zur Wahl und Qual. Darum tröſtet Euch; hindert das Wetter uns an Jagd und Luſtritt durch's Siberthal und nach dem Rehberger Graben, ſoll Gaumen und Zunge Zeitvertreib genugſam finden im alten Kaſtell; ich kenne den Gieſeke darin als einen Ehrenmann, der nichts ſo gut verſteht, als eine Feſtung zu verproviantiren, und wär's auf ei⸗ nen trojaniſchen Krieg.— Der Prinz wurde ſtill und brummte ſich die Melodie einer Volksromanze und folgte von jetzt an geduldiger 280 mit ſeinem Pferde den Uebrigen, welche ſich ſchon wie⸗ der in Marſch geſetzt, und das Mondlicht, das ziemlich frei geworden, benutzten, um durch raſcheren Schritt der Roſſe das gefährliche Terrain ſchneller zu überwinden und das Aſyl, welches der Ritter von Streithorſt ſo anlockend beſchrieben, frühzeitiger zu erreichen. Nicht lange, ſo ſetzte ſich der kundige Guide halb zurück gewandt auf die Rücklehne ſeines Sattels. Schauet Ihr die freundlichen Lichterchen dort vor uns? fragte er heiter die Reiſegefährten. Das iſt ein guter Ort, Hat⸗ torf genannt; von da haben wir kein Stündlein mehr bis zum Schloß, und dort paſſiren wir auch die wun⸗ derliche Siber zum letzten Male. Freilich iſt die Waſ⸗ ſernixe dort, wenn ihr der Kamm wie heute geſchwollen, am boshafteſten, und wer die Furt nicht kennt, kann bös gebadet werden; aber die Wolken jagen nach den heſſiſchen Bergen, der bleiche Herr Mond hat ſeine La⸗ terne rein geputzt, und ſo wollen wir mit Gott auch dort der Waſſerjungfrau ſpotten und uns nichts mehr als die Stieffeletten von ihr verderben laſſen.— Thut Eure Schuldigkeit ohne Geplapper, Stallmei⸗ ſter! entgegnete unwillig Herr von Streithorſt. Nachher wird Euch ſchon das Lob nach Verdienſt zugemeſſen wer⸗ den, ohne daß Ihr ſelbſt in die Trompete zu ſtoßen be⸗ dürft.— Aber klingt da nicht Nothruf vor uns? rief jetzt plötzlich der Herzog Georg. Beim Himmel, hört, nochmals heller und ängſtlicher.— Der Wind treibt die Töne gerade uns enigegen, ver⸗ ſetzte Herzog Johann; das ſcheint ein Ueberfall, Raub⸗ mord oder dergleichen, denn die Stimmen ſind weib⸗ licher Art.— Vorwärts, Herr von Kramm, ſetzte Georg befehlend ——— ———— 281 hinzuz drückt die Schenkel um Euer gutes Thier und achtet nicht Straßenſchlamm noch Steinboden; nur ge⸗ rade durch, wo die Gefahr auf uns wartet.— Der Stallmeiſter kam dem Befehle nach, und im ſcharfen Trabe rauſchte die Geſellſchaft durch die Wie⸗ ſenflur, obgleich mit ſehr verſchiedenartigen Gedanken und Empfindungen. Das angeſchwellte Waſſer brauſete bald wieder vor ihnen und ſperrte den Weg; der Bruch der Wellen, das dumpfe Gemurmel in der dunklen Schlucht kündete an, wie tief und tückiſch hier das Flüßchen ſein mochte, und der ſchmale Steg, der im Mondlicht ſichtbar wurde und hoch wie eine Geiſterbrücke ſich über die Schlucht bog, jedoch nur für Fußgänger gangbar war, zeigte die Vor⸗ ſicht der Einwohner des nahen Ortes, erinnerte aber zugleich an die böſe Nothwendigkeit, welche zu ſolcher Vorſicht getrieben hatte. Ein Blick vom Ufer machte ſogleich den Unglücksfall klar, zu dem die Stimmen der Noth die Retter gefor⸗ dert; doch erkannte man auch ſofort, daß er anderer Art ſei, als man vermuthet. Eine ungeheuere Reiſe⸗ kaleſche, wie man ſie am Ende des ſechszehnten Jahr⸗ hunderts für die Reiſen der Vornehmen zu bauen pflegte, lag im Waſſer der Siber. Das mächtige Gebäude, mit vergoldetem Schnitzwerk überladen, war umgeſtürzt, da der unkundige Fuhrmann die fahrbare Stelle verfehlt und einer Untiefe zu nahe gekommen; zum Glück jedoch für die Rriſenden geſchah der Umſturz noch in der Nähe des dieſſeitigen Ufers, und einige niedere Weidenſtämme fingen den oberen Theil des Wagens in ihre Schling⸗ arme auf, minderten in etwas den Schlag des Stur⸗ zes, und ließen das Wagendach nicht unter die Flut 282 gerathen, obgleich die Schiffbrüchigen drinnen ſichtlich durch froſtige Ueberſchwemmung der hinein ſchlagenden Wellen litten und faſt ohne Pauſe das jammervollſte Quartett hören ließen. Auch der Fuhrmann mit ſeinen vier koloſſalen Gäulen ſtack in nicht kleinerer Noth, denn die ungeſchickten Bewegungen, wodurch er das Fahrzeug, deſſen Steuermann er war, anfangs zu retten gedachte, hatten das Geſchirr der Pferde dermaßen verwickelt, daß nur eine gordiſche Löſung möglich geworden; ſo ſaßen die armen Thiere bis zur Kruppe im eiſigen Bergwaſſer, ſchnoben mit hochgehobenen Köpfen nach Luft, und der, welcher für ſie denken ſollte, begnügte ſich, knieend auf dem Rücken des Sattelpferdes und mit beiden Fäuſten die Hörner der Kumpen packend, verlaſſen gleich einem Robinſon, von ſeiner Inſel aus alle denkbaren Hülfs⸗ worte und Bittreden in die Nacht hinaus zu ſchreien und dann und wann ein kurzes Stoßgebet dazwiſchen zu werfen, das die vollkommene Armeſünder⸗Angſt an⸗ zeigte, an welcher der Betende krank war. Wie willkommen dieſen Leidenden das Gelärm er⸗ ſchien, mit dem der Troß der braunſchweigiſchen Prin⸗ zen ſich näherte, bedarf keiner Verſicherung. Einige Lüneburger Küraßträger, welche den niederländiſchen Feldzug mitgemacht und dort die Waſſerfurcht verloren hatten, trieben ſogleich ihre Pferde vorſichtig in den Fluß, zerſchnitten mit den Pallaſchen die Stränge und das Geſchirr und brachten den Fuhrmann und ſein Ge⸗ ſpann jenſeits in Sicherheit. Die Fürſten und Ritter hatten ſich indeß mit gleicher Menſchenliebe um die Hauptperſonen bemüht. Herzog Georg, welcher der erſte geweſen am Ufer, ſah mit Erſtaunen, wie ein jun⸗ ges Fräulein ſchon vor ſeiner Ankunft mit Kühnheit die 283 Anſtalten zur Rettung getroffen hatte, welche ihr möglich geblieben. Sie hatte nämlich den Schlag der Kutſche, welcher nach oben lag, mit kräftigem Händchen aufge⸗ ſtoßen, hatte ſich heraus geſchwungen, den breiten Rand des Kaſtens und den oberen Theil des Rades geſchickt zu Fußgeſtellen gemacht, und bemühete ſich jetzt, die langen im Winde wogenden Hängzweige der Weiden⸗ bäume zu erfaſſen, um durch ſie eine Brücke bis zum Lande zu flechten; zugleich rief ſie den Unglücksſchwe⸗ ſtern in der Kutſche Muth zu und bat die Zagenden dringend, auf demſelben Wege den ſie genommen, Luft und Freiheit zu ſuchen, ehe der Wagen tiefer verſänke. Herzog Georg ſah verwundert auf die ſchlanke, jugend⸗ liche Geſtalt im ſilbergrauen, faltigen Kleide und vom weißen Schleier umwallt, mit denen auf ihrer hohen Stellung der Sturm ſein Spiel trieb, und die dadurch den Charakter einer geiſtigen Erſcheinung, etwa einer Elfenkönigin, gewann, indem ihre wohlklingende Rede, die durch das Rauſchen von Waſſer und Wind nur halb verſtändlich blieb, einer Beſchwörung der Elemente glich, und die Bildnerei der Phantaſie unterſtützte. Mit ſcharf angezogenem Zaume lenkte er ſeinen treuen und ver⸗ ſtändigen Spanier ohne Bedenken vom Kieſelufer hinun⸗ ter, dicht zur Seite des Wagens; das Thier fand feſten Grund, obgleich die Flut bis zum Sattel anſtürmte, und beide Arme ausſtreckend rief der Herzog der Dame der Luft zu, ſich ſeiner Hülfe raſch und getroſt zu vertrauen. Ihr kommt, wie Sanct Georg, ſagte das Fräulein freudig, der Schutzpatron meines Stammes, und in dieſer Stunde tauſendmal von uns angerufen. Will⸗ kommen und geſegnet! Leihet uns den ſtarken Arm, ſo wird auch wieder frei werden und muthig!— 284 Bin ich auch ein Georg, ſo fehlt mir doch recht viel zum Heiligen; indeß werde ich nach Ritterpflicht thun, was ihm Ehre macht und Euer Vertrauen gebeut! ant⸗ wortete der Herzog, erſtaunter noch über die beſonnene Frauenrede in ſolcher Lage, indem er die Fremde, welche ſich keck von ihrem gefährlichen Standpunkte zu ihm herabgleiten ließ, mit ſeiner ſtarken Hand ergriff. Ihre Füße traten auf ſeine Knie, ihre Arme legten ſich feſt um ſeinen Hals und ſeine rechte Schulter; in einer An⸗ wandlung von natürlicher Furcht auf dem ſchnaubenden Bucephalus, deſſen Sicherheit ſie nicht kannte, drückte ſie ihr bleiches Geſicht in die feuchten, gleich einem ſchwarzen Adlerfittig herabhangenden Federn des Ritter⸗ hutes, und ſo ſie in der Schwebe haltend, führte mit Sporn und Leit der Herzog ſeinen Hengſt langſam rück⸗ wärts bis zum Rande des Waſſers und ſetzte die ſchöne Bürde glücklich auf das Trockene. Herzog Georg war ein feuervoller, kerngeſunder Mann, in der Blüte des ſchönſten Alters. Vom neunten Jahre an ſreng erzogen, unter ernſter Aufſicht an mehren Fürſten⸗ höfen in Leibesübungen und Wiſſenſchaften fortgebildet, ſpäter ſich dem Kriegerleben widmend, zu dem er in Her⸗ zensdrang und Jugendkraft ſich geboren fühlte, war er wenig in Berührung mit Frauen gekommen; überhaupt hatten alle ſieben Söhne Herzogs Wilhelms, vom Groß⸗ pater Ernſt, dem Bekenner, den ſtillen, verſchloſſenen Sinn geerbt; ein wohlbewahrtes religiöſes Zartgefühl ließ ſie die Freuden der Sinnlichkeit verſchmähen, und vis dahin war, zur Verwunderung der deutſchen Höfe, won keiner Vermählung Eines derſelben die Rede gewe⸗ ſen. Es kam daher ganz naturgemäß, daß die Nähe der Unbekannten, die ſich ſo gänzlich in die Gewalt ihres ——,— 285 rettenden Perſeus gab, daß das Klopfen ihres Herzens welches er an ſeiner Wange ſpürte, ſein Blut erwär⸗ men mußte, und er ſich von einer wunderbaren, nie empfundenen Bewegung ergriffen fühlte. Dazu zeugte die Fülle der Körperform, die er berührte und umfangen hielt, daß der Geretteten Jugendfriſche und Reiz nicht mangelten, und ſo, obgleich er nicht wußte, warum, ließ er die Jungfrau nur langſam und mit größerer Vorſicht, als nöthig, ja faſt widerſtrebend aus ſeinen Armen, ſchwang ſich dann ſelbſt vom Sattel an das ufer, zog ſeinen triefenden Hengſt nach ſich auf das Feſte, und erkundigte ſich mit Beſorgniß, ob die Gerettete auch unbeſchädigt dem Schiffbruch entkommen. Die Fremde ſchlug den Schleier zurück, den der Sturm verwirrt über Locken und Hals gezauſelt, und ließ ein Geſicht ſehen, das, trotz des bleichen Mondlichtes, ſo viele Fein⸗ heit und Lieblichkeit zur Schau trug, daß des Herzogs Wärme in Gut überging, und er ſeine Fragen nicht wiederholen konnte, weil ſeine ganze Seele in ſeine Au⸗ gen getreten war. Nochmals Dank, mein edler Ritter, oder wer Ihr ſonſt ſeid! ſprach da das Fräulein, nach einigen tiefen Athemzügen und indem ſie die Hände kindlich gefaltet erhob. Wem Ihr Schutz verſprecht, der darf die Gefahr nicht ſcheuen. Ja, ich helfe mir jetzt ſchon ſelbſt, und Eure Gefährten thun, von Eurem Beiſpiele beſeelt, ſchon die Liebesthat an meinen Freundinnen, die Ihr mir thatet. Seht, Pauline iſt jenſeits hinüber geſchwommen hinter dem Sattel des kleinen Junkers; die Zofe tanzet kecklich über die glatte Brücke fort, welche Eure braven Geſellen durch die Rücken ihrer Pferde gebildet, und jetzt hebt man auch die Hochwürdige heraus. O, wie 286 die Arme jammert. Ach! ſie mag wohl nie von Männer⸗ händen etwas hart angegriffen worden ſein; aber die Noth entſchuldigt, und Eure Knechte haben wohl nicht Alle den gewandten Arm des Ritters. Einer aber iſt nicht ge⸗ rettet, iſt vielleicht verloren, verloren um unſertwillen!— Ein Verunglückter? Der Fuhrmann iſt drüben, und ich ſehe Niemand mehr gefährdet, ſo weit das Mond⸗ licht zu ſehen erlaubt, entgegnete Georg.— Unſer Stall⸗ meiſter iſt es, der brave Bodendeich, fuhr die Fremde fort mit ängſtlicherm Umherſchauen, und die Art, wie ſie den Namen ausſprach, enthielt faſt der Theilnahme zu viel für den Herzog, und weckte auf unerklärliche Weiſe ſeinen Neid. Er war ſchon den Fluß paſſirt, als der unvorſichtige Fuhrmann unſern Unfall herbei führte; doch in ſeiner Treue warf er ſich wieder in das Waſſer auf der tiefſten Seite, um den gänzlichen Umſturz des Wagens zu hindern; die Flut riß ihn fort, aber ich hörte noch kürzlich weit hinunter ſeine Stimme und das Kämpfen und Schnauben ſeines Pferdes. O, ſorget doch, daß man auch ihm Hülfe gebe, wenn ſie noch möglich.— Das Schickſal hat mich zu Eurem Ritter gemacht, ant⸗ wortete der Herzog, und ich gehorche Eurem Befehl, wenn ich auch ungern Eure Nähe verlaſſe und fremder Noth diene, ehe denn ich meine Dame ganz im Sichern weiß.— Die fremde Noth wurde etwas hart von ihm betont, ſo daß ſelbſt die Dame ſtutzig dem hohen Manne in das Auge ſah; dieſer hatte jedoch ſchnell die Zügel ſeines Roſſes zurecht geſchürzt, und es mit ſich führend, folgte er dem Bogen der Siber nach, und forſchte mit ſchar⸗ ſen Blicken, ob in ihrem ſchwärzlichen Wogengethürm die Spur eines lebendigen Weſens, das noch der Erde angehöre, zu finden ſei. Etwa vierzig Schritte mochte ——— 2 287 er im höhern Graſe fortgeſchritten ſein, da kam er an einen Waſſerfall, den die weißſchäumende Flut und das hohlere Rauſchen verrieth. Aber durch das Gebraus wurde dennoch ein mattes Gewimmer vernehmbar, und näher tretend entdeckte der Herzog zuerſt tief im Schlunde, unterhalb der Kaskade, wo ſich der Fluß ein Becken ge⸗ bildet, das ſchwarze Thier, welches die letzten Anſtren⸗ gungen gegen den naſſen Tod zu machen ſchien, und als das Auge vom Ohr ſich leiten ließ, ſah er auch bald ſich näher, aber tief im Waſſer, den Kopf und die Arme eines Menſchen, der in Todesangſt mit den ſtar⸗ ren Händen den ſchwimmenden Aſt eines Buſches um⸗ klammert hielt, deſſen matter Hülferuf jedoch ankündigte, daß die Hülfe nicht lange mehr ausbleiben dürfe, ſolle ſie ihn noch errettbar finden. Der Herzog ließ ſchnell die Zügel des gutgewöhnten Roſſes fahren, riß ſich den weiten Mantel von den Schultern, und warf den Zipfel deſſelben oberhalb in den Fluß, ſo daß dieſer ihn ſelbſt gegen den Unglücklichen treiben mußte. Glücklich faßte der Verzweifelnde in letzter Macht das ſeltſame Rettungsſeil; mit Rieſenkraft zog der Her⸗ zog das andere Ende nach ſich, einen Uferbaum zum Widerhalt gebrauchend; der Mantel hielt getreulich, und nicht lange, ſo lag der arme Menſch, halb ohnmächtig, jedoch geborgen, zu des Retters Füßen. Des Herzogs Commandoſtimme rief einige ſeiner Knechte heran, und von ihnen getragen, gelangte auch der ſchon verloren Gegebene wieder zu der Geſellſchaft. Hier hatte ſich die ganze Lage unterdeß anders ge⸗ ſtaltet. Prinz Ulrich von Wolfenbüttel ſprang, als auch er an den Unglücksplatz gekommen, ſogleich vom Pferde, gab es dem Diener, und eilte zu Fuß über den hohen 288 Steg dem Dorfe zu, wo ſein gebietend Wort in den nächſten Hütten alſo kräftig Allarm ſchlug, daß man bald ein Rudel Bauersleute mit Hebebäumen, Leitern und Seilen herbeilaufen ſah, Werkzeuge, welche dieſe erfahrenen Leute in ſolcher Noth als die tauglichſten durch Gewohnheit erkundet hatten. Dem Muſter des Herzogs Georg nacheifernd, ritten die Reitersleute ſämmt⸗ lich an der ſeichtern Seite in den Fluß, bildeten vom ufer bis zur Kaleſche eine feſtgeſchloſſene Reihe der Roſſe, ſo daß ein Thier die Stärke des andern unterſtützte, und über dieſe Brücke wurde die vom Waſſer befährdete weite Kajüte dreier Frauenzimmer entledigt, die in Le⸗ bensängſten faſt ſinnverwirrt waren, und wie im Traume ſich ihren Rettern überließen. Die Bauern verſuchten jetzt ihr Meiſterſtück, theils gereizt durch den blanken Lohn, welchen Herzog Johann ihnen zuſagte, theils ge⸗ ſpornt durch die Ehrfurcht vor dem Sohne ihres Landes⸗ herrn, als welcher ſich Prinz Ulrich zu erkennen gegeben. Ihr Vornehmen beſtand in nichts Geringerem, als den ſchweren Wagen ins Gleichgewicht zu heben und aus der Tiefe an das Land zu fördern, ein Werk, an welches die Unbeholfenheit der Landleute des platten Landes ſich kaum gewagt haben möchte, das aber für Anwohner der rauhen Gebirge, in welchen täglich dergleichen vor⸗ fiel, nur gewohnte Schwierigkeiten hatte, und unter der Leitung des eifrigen und verſtändigen Franz von Kramm ohne Zaudern und mit klugem Eifer begonnen wurde. Als Georg mit ſeinem Pfleglinge, den zwei tüchtige Lüneburger trugen, zur Unglücksſtelle kam, fand er ſchon Balken und Seile in Arbeit, und die doppelte Reiſege⸗ ſellſchaft ſämmtlich am andern Ufer; er befahl, den Kranken über den Steg zu tragen, er ſelbſt ſetzte ſich — 289 wieder aufs Roß und gelangte bald zu den Uebrigen, wohin ihn eine unerklärliche Sehnſucht trieb. Aber ſeine Dame ſchien ihn und das ihm übertragene Geſchäft gänzlich vergeſſen zu haben, denn ſie hielt mit den Ge⸗ fährtinnen die ehrwürdige Herrin der Karoſſe in den Armen, welche mit Ohnmachten kämpfte, laut über Schmerzen und den verletzten Arm klagte, und die Hel⸗ fer dringend bat, ſie ſchleunigſt nach dem Kloſter in Gandersheim zu ſchaffen, welches doch nicht mehr ſo gar fern ſein könne. Wie erſchrack ſie und ihre Beglei⸗ tung, als der rauhe Streithorſt ihnen unumwunden er⸗ klärte, daß ihr Reiſecavalier und ihr Fuhrmann ſchon in der Nähe der Stadt Nordheim die unrechte Straße Lingeſchlagen haben müßten, und daß an eine Fahrt nach Gandersheim heute unmöglich zu denken ſei. Die Klagende verlangte dann nur eine baldige Ruheſtatt in der nächſten Hütte; die Lüneburger Herzöge ritten ſelbſt ſogleich bereitwillig zum Dorfe hinein; der geflochtene Lehnſeſſel eines ſiebenzigjährigen patriarchaliſchen Dörf⸗ lings wurde, mit ſchlechten Kiſſen belegt, hinaus ge⸗ ſandt, und in dieſem Tragſtuhle gelangte die jammernde Herrin, vorſichtig getragen, zu dem ſchlechten Hauſe des Hattorfer Vogtes, und empfand vielleicht zum erſten WMale den Werth eines ſichern Daches und eines wär⸗ menden Herdes, deren Wohlthat ſie früherhin ohne Acht und Dank genoſſen hatte. Der Tiefe des kothigen Weges wegen hatten die Rit⸗ ter den Damen ihre Sättel eingeräumt und führten die Thiere ſorgſam am Zügel; Herzog Georg war jedoch zu ſpät von der Beſtellung des Seſſels zurückgekehrt; er fand ſeine Elfenkönigin ſchon in den Händen des Streit⸗ horſt und auf dem breiten Rücken ſeines Rappen, und Blumenhagen. IV. 19 290 erſt in dr Hütte, wo ſich jetzt die Herrſchaften nach und nach ſammelten, hatte er den Troſt, daß die Dame, da ſie bei ihm an der Thür vorüberſchritt, er ihr zuflü⸗ ſterte: der Reiſemarſchall iſt gerettet! und ſie den armen Bodendeich ſchon am Herde und unter den Händen zweier Mütterchen fand, die ihn zu trocknen bemühet waren, von der faſt lächerlichen Gruppe ſich abwendend, ihm lächelnd zunickte, und dabei leicht und heimlich mit der rechten Hand die Gegend ihres Herzens berührte. Der alte Vogt, ein noch rühriger Greis, war auf nichts weniger gefaßt geweſen, als ſo nahe vor der Schlafzeit in ſeiner Friedenshütte noch eine ſolche Um⸗ wälzung und ſolchen Tumult erleben zu müſſen; doch khat er mit Frau und Schweſter ſein Möglichſtes; das Feuer auf dem Herde des räucherigen Vorplatzes wurde erneuert und die niedere Stube daneben mit Kienſpäh⸗ nen erleuchtet; er ſtäuberte die Stühle und breitete einen feinen Strohteppich über den Tiſch, und raſſelte mit dem Schlüſſelbunde am Schranke, worin ſeine Lebens⸗ mittel verwahrt wurden, ſchloß aber beſchämt in ſeiner demüthigen Gutherzigkeit wieder ab, da er gewahrte, wie Prinz Ulrichs Waffenträger das hinter dem Sattel geführte lederne Magazin herein trug, und, als die Schnallen ſich löſeten, Silberflaſchen und kleine Becher von gleichem Metalle ſich zeigten. In ſeiner wirthlichen Gaſtlichkeit dadurch geſtört, und ſeiner deutſchen Pflicht entbunden, ſtand der ſilberlockige Greis mit dem Pelz⸗ mützchen in der magern Hand im Winkel ſeines Eigen⸗ thums, und betrachtete ſich jetzt die Gäſte, die, ohne ſei⸗ ner zu gedenken, ſich mit wirklicher Unverſchämtheit in den Beſitz ſeines Eigenthums zu ſetzen Anſtalt machten. Als die Centralſonne der Geſellſchaft war die Herrin ————————————— ni ₰ 7 ————— — 291 des Wagens zu betrachten, welche in dem Lehnſeſſel jetzt auf dem Hauptplatze des Zimmerchen regierte. Sie ſchien, nach der Tracht, eine vornehme geiſtliche Donna zu ſein; ihre Geſtalt war mehr mager, als voll, doch ihr Wuchs, obgleich von Schmerz gebogen, erſchien hoch und edel, und ihr Weſen ließ würdevoll und gebietend. Die Jahre jungfräulicher Blüte lagen hinter ihr, doch trug das blaſſe Geſicht Züge wirklicher Schönheit, und eine feine, durchſichtige Haut, ein großes Augenpaar, von ſchmalen, hellbraunen Bogen überſchattet, in deren Wölbungen Schwermuth und Gram lange ihr Neſt ge⸗ bauet, gaben dem Geſicht einen beſondern Reiz, der magnetiſch die Theilnahme anzog. Die drei übrigen, um ſie beſchäftigten Frauenzimmer trugen jedes ſehr ver⸗ ſchiedenen Charakter im Aeußern zur Schau. Die Zofe hinter dem Stuhle war ſicherlich ein Kloſterkind; dürr und lang hielt ſie die Hände über den Magen gefaltet, und das lange Kirchfenſter⸗Geſicht ſtarrte, in der Ver⸗ ſteinerung des Schreckens und Kummers über die unge⸗ wohnten Ereigniſſe und das Leid der Domina, unbeweg⸗ lich nieder auf die kranke Gebieterin. Links neben dieſer kniete Fräulein Pauline, wie die Aeltere ſie gerufen, eine kleine, üppig geſtaltete Jungfrau, Geduld auf dem runden Apfelgeſicht, doch Schüchternheit im hellen Auge, die unter der ungewöhnten Umgebung der vielen Män⸗ ner in Waffen, Reitzeuge und Reiſekleidern faſt Furcht geworden. Rechts bog ſich Fräulein Eleonora zur Kran⸗ ken nieder, und unterſuchte den leidenden Arm; ſie war die Dame im ſilbergrauen Reitkleide und dem großen Nebelſchleier, ein ſchlankes Mädchen, kaum zur Jungfrau worden, doch von der Natur früh gereift vor den Schwe⸗ ſtern ihres Alters, Geiſt und kühnen Sinn im braunen 292 Auge, und ein Geſicht voll wunderbaren Zaubers, das in dem dunkeln Lockengewölk an Griechenlands geprie⸗ ſene Töchter und Roma's Hervinnen erinnerte. Herein geführt waren die Damen vom leichtbeweglichen Pagen Melzing, der jetzt kindiſchdreiſt den Mundſchenken machte und die Silberbecher am Tiſch zu füllen bemühet war, und von dem ſtrengen Joachim von Streithorſt, der ſich jedoch, ſo wie die Geſellſchaft in das Helle gekommen, zurückzog und an der Thür verweilte, aber kein Auge von der geiſtlichen Dame verwandte, die er zu kennen, und auch zu fürchten ſchien. Die Lüneburger Herzöge, wohl geübt in ritterlicher Courtoiſie und Zucht, hatten bis da auf dem Vorplatze gezögert, um den Damen Raum für weibliche Bequemlichkeit zu laſſen; als aber Prinz Ulrich jetzt ebenfalls in die Hütte trat, und ohne Bedenken zu den Damen hinein ſchritt, und bald darauf ein dem Klange nach freudiges Geſchrei innen ertönte, ſo folgten die Herzöge unbedenklich und von Neubegier getrieben dem Vetter, und wagten ſich, ihm gleich, in die gewünſchte Frauennähe. Seltſame Laune des Schickſals, welche heute lang getrennte und fern geglaubte Verwandte auf die unge⸗ wöhnlichſte und härteſte Art zuſammengewürfelt!— Auf den erſten Blick erkannte Prinz Ulrich in der ältern Dame ſeines erlauchten Vaters Schweſter, Dorothea, die Klo⸗ ſterfrau, welche kürzlich erſt zur Abbatiſſin von Ganders⸗ heim erwählt worden, und mit Herzlichkeit begrüßte er die ſeit lange nicht geſehene Wohlthäterin ſeiner Knaben⸗ jahre. Bis zur Ausgelaſſenheit aufgeregt durch das Ge⸗ fühl der überſtandenen Gefahr, durch das Bewußtſein der Sicherheit, durch den Eindruck der erquicklichen Zim⸗ merwärme und den Anblick der vollen Becher, vergaß 293 er in unzeitiger Fröhlichkeit alles Geſchehene, und über⸗ ſah ſelbſt das Schmerzensgeſicht der Tante. Bei der keuſchen Luna, rief er lachend, wie kommt Ihr, herzliebes Tantchen, zu dieſer Spazierfahrt in einer Nacht, wo der wilde Jäger und alle Blocksbergsgenoſſen auf den Beinen ſind, und die ſelbſt einem Mannsbilde Grauen macht? Wie wurdet Ihr mit ſolch lieblichen Gefährtinnen in die unwirthbarſte Gegend des ganzen braunſchweigiſchen Landes verſchlagen? Fühlte ich nicht das Zucken des Froſtes noch in allen Gebeinen, und hinge mir nicht das Haar naß und ſtraff wie Pferde⸗ ſchweife an den Wangen, ich glaubte, ein ſchönes Mähr⸗ chen zu erleben, wie Ihr mir ſie ſo oft erzähltet, wenn ich in Eurem Schooße ſah.— Meine Mährchen waren freudevoller, als die Geſchich⸗ te, die wir eben durchſpielten, antwortete die Aebtiſſin mit mildem Tone, der die unzarte Anrede vergab; aber auch das Unglück hat ſeine Lichtſeite, da mein lieber Neffe unſer Retter wurde.— Nun ja, ich war dabei, und habe die Bauern tüch⸗ tig herangehetzt, entgegnete der Prinz, der bei aller Charakterſchwäche, doch der Wahrheit zu huldigen ge⸗ wohnt war; aber ich will Eure Freude nicht trüben, denn Eure Retter bleiben immer Eure Blutsfreunde; hier die beiden Vettern von Lüneburg haben das Beſte gethan, und Georg iſt der Hauptmann bei dieſer Affaire geweſen; iſt er doch auch ein Soldat, und dergleichen nächtliche Fährlichkeiten gewohnter als wir.— Die beiden herzoglichen Brüder traten näher, in Ehr⸗ furcht ausſprechender Stellung; die Kloſterfürſtin zeigte aber eine auffallende Wandelung in ihren Geſichtszügen; ſie ſchien ihr Weh nicht mehr zu fühlen, warf links und 294 rechts einen ſchnellen, ſprechenden Blick auf ihre Beglei⸗ terinnen, und maß dann die Geſtalt des Herzogs Georg von dem Scheitel bis zur Sohle mit immer wohlgefälli⸗ germ Ausdruck ihres Auges. Ja, ich hätte Euch erkannt, ſagte ſie lebhaft, zu Georg gewandt, obgleich ich Euch nur als Kind geſehen. Ihr ſeid das Ebenbild des Herzogs Ernſt an Geſichts⸗ bildung und Geſtalt, etwas größer vielleicht von Wuchs und— blühender, als der edle Herr, ſetzte ſie mit ſin⸗ kender Stimme hinzu, indem ſie zugleich den hellen Ton, mit dem ſie in der Ueberraſchung geſprochen, zu der gewohnten Bedachtſamkeit herab ſtimmte, und eine Ge⸗ fühlskette ſtreng abbrach, die den Geiſt fortgeriſſen. Wir danken Euch von Herzen für Eure Hülfe, ich und die beiden Fräulein von der Tann, die Schweſtern Pauline und Eleonore, Töchter unſerer treueſten Freundin, die wir von Caſſel mitgenommen, um ſie in klöſterlicher Einſamkeit für den Dienſt des Herrn, oder auch zu gu⸗ ten Hausfrauen ehrſamer Ritter zu erziehen. Ihr ſehet, wie verwundert die beiden Kinder ſich anſchauen, da ſie mit einemmale ihre unbekannten Schutzengel in alte Freunde ihrer geiſtlichen Mutter verwandelt ſehen. Noch⸗ mals ſeid uns in Dankbarkeit zwiefach gegrüßt. Euer Anblick hat Manches in unſerer Seele verwiſcht, was die Ereigniſſe dieſes Tages neu aufgefriſcht.— Ihr ſehet ſo krank, hochwürdige Muhme, verſetzte Georg, und der Aufenthalt in dieſer Hütte bietet Euch von der Hülfe, die Ihr ſicher bedürft, zu wenig.— Nicht doch, mir iſt gut, recht gut, antwortete Frau Dorothea. Vorhin in dem dumpfigen Kutſchkaſten mar⸗ terten mich finſtere Träume und ſchwarze Ahnungen. Ich hörte das Leichhuhn rufen und das Schwirren der — 295 Eulenflügel, und als der Wagen fiel, als das brau⸗ ſende Waſſer hereinſchlug, glaubte unſer Ohr eine wohl⸗ bekannte Stimme zu vernehmen, die aus der Waſſertiefe herauftönte und uns zu ſich hinab 1us.— Verzeiht, werthe Frau, Eure Rede klingt erſwätternd, Euer Auge leuchtet fieberhaft, fiel Herzog Georg ihr in das Wort, indem er ſich zu ihrer Hand niederbeugte, als wollte er einen Kuß der Ehrfurcht darauf drücken; und ſchauet nur die Hand, ſie iſt hochgeſchwollen, die geſpannten Adern ziehen ſich bläulich darüber hin. Ihr ſeid bedeutender verletzt, als Ihr geſtehen wollet; ich kenne dergleichen als Soldat. Ein Wundarzt muß her⸗* vei, und ſcheut Ihr die Männeraugen, ſoll ſich Jeder⸗— mann entfernen von dieſem Hauſe.— Dort ſteht ja ein kundiger Mann; Balthaſar Klam⸗ mer, der Vogt, war ja von jeher der berühmteſte Kräu⸗ terſammler und Pflaſterfabrikant an der Rotenberger Aue; ſo tönte des Streithorſt's rauhe Stimme von der Thür her in dieſem Augenblicke. Die Abbatiſſin erſchrack ſicht⸗ lich vor dieſem Sprecher, warf einen ſtechenden Blick nach der Gegend, wo er ſtand, und ſchloß dann die Augen, wie in der Anwandlung einer Ohnmacht. Mit Verlaub, ſagte der Greis, vom Herzoge Georg herangewinkt, der Herr Ritter lobt nicht mit Unrecht, denn ohne Ruhm zu melden, es ſtirbt nicht Menſch noch Vieh auf ſechs Meilen rundum, denen der Klammer nicht die letzte Salbe bereitet. Der Reſpekt hält unſer Eines fern, weil ſo hohe Herrſchaften ſich meiſt von Goldmachern und Profeſſorsleuten kuriren laſſen, ſonſt hätte der alte Balthaſar ſchon längſt kund gethan, was er ohne Brillenglas von fern ſah, ſeit das Fräulein die Knöpfe des Aermels gelüftet, daß der ———— 296 Arm tüchtig zerquetſcht und wohl gar ein Bruch vor⸗ handen.— Die ganze Geſelſchaft fuhr erſchrocken und in großer Bewegung auf, orer leider ergab ſich nur zu bald, daß des Alt⸗⸗ nebenzigjährige Augen noch jung geblieben, venn als er, unter Georgs Aufſicht, den Arm der Do⸗ mina genau unterſuchte, fand ſich wirklich ein Knochen⸗ bruch, und Alle entſetzten ſich vor dem neuen, unerwar⸗ teten Unglücke. Der Vogt machte nun freilich ſchnell Anſtalten zu kühlendem Umſchlage und guter Lage des Arms und einem Verbande, der die Schmerzen zu lin⸗ dern ſchien, jedoch geſtand er auch freimüthig, daß ſein Medicinkaſten keine Bandagen für ſo zarte Gliedmaßen verſchließe, und daß man nur bei dem Herzberger Amts⸗ Doktor die nöthige Hülfe finden werde. Da in dieſem Momente gerade der Herr von Kramm eintrat und die Meldung machte, daß die Karoſſe glück⸗ lich gelandet ſei, und unbeſchädigt dem Dorfe ſich nä⸗ here, ſo ſchlug Herzog Georg vor, nicht länger zu zaudern, nicht bis morgen zu warten, wo die Wund⸗ fieber eintreten möchten, ſondern die liebe Kranke lang⸗ ſam auf das naheliegende Schloß zu führen, wo alle Bequemlichkeiten zu finden und jede mögliche Hülfe vor⸗ handen ſein möchte. Unmöglich, entgegnete die Aebtiſ⸗ ſin; ich ritt den Schloßberg vor zehn Jahren auf ſicherm Zelter hinauf und zitterte; im Wagen würde ein Fehl⸗ tritt der müden Thiere uns zerſchmettert in die Abgründe ſchleudern.— Wir tragen Euch die Steintreppe hinan, armes Tant⸗ chen, auf welcher man an dem Burggarten hin bequem⸗ lich zum Burghof hinaufſteiget, verſetzte Prinz Ulrich.— Die Furcht iſt unnütz, antwortete da Joachim von 297 4 Streithorſt; es führt von hier aus ein Weg auf die . Felſenhöhe zu, lehnig und gut, daß der Lutterberg, den 4. Ihr heut Morgen paſſirtet, eine Mordſtraße dagegen ₰ heißen mag. Ladet Euch nur ein in den bequemen Ka⸗ ſten, ich ſelbſt reite Euch vor; der Pfad wurde noch nicht lange angelegt, weil man bei harter Winterzeit, da des Amtmanns Mutter oben geſtorben, den Sarg auf dem Glatteiſe weder hinunterfahren, noch tragen konnte, und man nennt ihn daher den Leichenweg.— Starr ſchaute die Kranke auf den Sprecher, und ein finſterer Ernſt trübte die milden Züge. Den Leichen⸗ weg! ſagte ſie halblaut nach. Ja, führt uns nur den Weg, Ritter Jvachim; Ihr ſeid wohl ein Mann für der⸗ lei Geſchäft und erfahren in ſolchen Dingen. Der Menſch iſt ein Knecht des Augenblicks, des jüng⸗ ſten und ſchwächſten Kindes der gewaltigen Tyrannin, Zeit genannt, welche alles Irdiſche vor ſich in den Staub wirft. Wie manches Menſchenglück, wie manches Men⸗ ſchenelend hing ſchon an dem härenen Seile der Minute, welches zerriſſen ein Damokles⸗Schwert oder eine Er⸗ denkrone auf das Haupt des in Ohnmacht Duldenden fallen ließ. Dieſe, ſchon ſo oft von den Weiſen der Erde ausgeſprochene Wahrheit hatte ſich wieder bewährt; auch jetzt hatte der Augenblick entſchieden über das Wohl oder Wehe eines Lebens, das geſchaffen worden, aus⸗ gezeichnet zu glänzen vor ſeinen Zeitgenoſſen, über einen Mann, der von der Vorſehung berufen worden, höher und herrlicher zu ſtehen, als die meiſten ſeines berühm⸗ ten Geſchlechts. Herzog Georg erwachte durch ein verworrenes Getöſe; 298 ſchon ſtrahlte der Tag auf ſein Lager, halb ermuntert träumte er von Kriegsmuſik und Ueberfall, und ſein Auge ſuchte, ſchnell aufgeriſſen, das Schwert; als er aber die dicken, grauen Steinwände des Schloſſes Herz⸗ berg um ſich ſah, als er vom Burghofe her das mun⸗ tere Hörnerlied der Jäger deutlich erkannte, da ſprang er faſt unwillig vom Lager und weckte den jüngern, noch feſt ſchlummernden Bruder. Konnte es Jemand verwundern, daß nach einem ſolchen Abende, wie der letzte geweſen, ſelbſt der rüſtigſte Körper der Trägheit verfallen und längere Ruhe gefordert?— Freilich war die ganze Geſellſchaft glücklich oben auf der alten Burg angekommen; der alte Amtmann, der dort als ein Be⸗ günſtigter ſeines Hofes die Stelle des mannlichen Rit⸗ ters verſah, dem man vor dieſem ſolche Plätze zu ver⸗ trauen pflegte, ſtrengte ſich an, jedem der Gäſte die möglichſte Bequemlichkeit zu verſchaffen, und hatte doch auch der Ritter von Streithorſt durch ſeinen Boten ge⸗ ſorgt, daß der Wirth Zeit gehabt zur Vorbereitung. Die mitgebrachten Damen aber änderten den Zuſchnitt der Bewirthung, denn für ein lebensfrohes, vielleicht auch etwas ausgelaſſenes Jägerchor war feſtliche Tafel und Schenktiſch geordnet; die kranke Aebtiſſin, die durch⸗ näßten Fräulein bedurften anderer Pflege, anderer Ein⸗ richtung. Der herbei commandirte Wundarzt erklärte zwar den Armbruch der Prinzeſſin Dorothea für nicht gefährlich, that aber zugleich den Orakelſpruch, daß auch an die kürzeſte Reiſe in der erſten Woche nicht gedacht werden dürfe, und ſo wandelte ſich natürlich das Haupt⸗ guartier der Weidmannsgeſellen in ein Frauenhoſpital um, ſtatt des lauten Jubels wurde Kloſterſtille und Kar⸗ thäuſerſchweigen Pflicht, worüber beſonders Ritter Ivachim ———,—.——— 2— 4— — 299 grämliche Geſichter zog, und ſeinen braunrothen, langen Schnauzbart, den innern Grimm verbeißend, unzählige Male durch die Finger fahren ließ. Der ſüdliche, beſte Flügel ward den Frauen eingeräumt; den öſtlichen be⸗ zogen die Fürſten und ihr Gefolge; der Amtmann be⸗ ſchränkte ſich mit ſeiner Familie auf die kleinſten Zimmer, und der große Heldenſaal im nördlichen Theile ſollte mit den daran grenzenden Gemächern der Verſammlungsort für Alle, und dem Landesherrn zur Wohnung bewahrt bleiben, deſſen Ankunft man noch entgegen ſah. Die Herſtellung der eben erzählten Anordnungen nahm die erſten Stunden nach der Ankunft hinweg; ausge⸗ ſchloſſen, wie natürlich, von den Frauengemächern ruhe⸗ ten die Männer in den ihnen angewieſenen Zimmern, wechſelten die Kleider, ſchienen aber alle nicht recht in Laune, ſondern verſtimmt und gelangweilt, und ſelbſt als man zur Tafel rief, und die Anſtrengung der kun⸗ digen Frau Amtmännin ſchon vor den Flügelthüren des Heldenſaales duftend den Sinnen ſich kund gab, ver⸗ ſuchte vergebens der muntere Kramm die Geſellſchaft zu beleben; nur Prinz Ulrich ließ ſich die leckeren Ochſen⸗ klauen und zarten Forellen gut ſchmecken; die andern Herren ſchienen theils ermüdet, theils mit ſich ſelbſt zu ſehr beſchäftigt, als der Geſelligkeit huldigen zu können: ſo brach man frühzeitig auf und ſuchte ſchon vor Mitter⸗ nacht die Schlafſtätten. Der ſchlanke Herzog Johann, der ſo durch ſein Aeuſ⸗ ſeres, wie durch ſeine herzige und milde Gemüthsart, gar oft an den Jünger erinnerte, deſſen heiligen Namen er trug, ſah verwundert, nach der Ankunft in das ge⸗ meinſame, eigends erbetene Schlafgemach, dem Bruder zu, welcher, ſtatt, ihm gleich, Anſtalt zur Entkleidung 300 zu machen, mit gefurchter Stirn das Zimmer auf und nieder ſchritt und die kräftigen Arme feſt um die ſtark⸗ gewölbte Bruſt gefaltet hatte, als bedürfe er des äußern Drucks, um die inneren rebelliſchen Gewalten zu bän⸗ digen. Soll ich den Pagen rufen, Bruder Georg? begann er, nachdem er eine Weile betrachtend und ſich verwun⸗ dernd, geſeſſen. Das Böübchen ſcheint ſein Amt heute vergeſſen zu haben, und Du ſäumeſt, zu befehlen, und vergiſſeſt ebenfalls, daß der ſonſt ſo ſplendide Amtmann uns gar feine und kurze Kerzen mitgegeben, und daß der Roſt dort am Kamine kaum noch funkelnde Kohlen zeigt, und die Wärme treulos bald durch den Rauchfang von uns entfliehen wird. Alles das treibt uns, in das wär⸗ mende Aſyl dieſer mächtigen Daunenbetten zu flüchten.— Der Angeredete hatte ſich alſo in die Schlinge ſeiner eigenen Gedanken verwickelt, daß er, wie ein angerufe⸗ ner Nachtwandler, bei des Bruders erſten Worten zu⸗ ſammenfuhr, dann aber mit ironiſchem Lächeln, im Selbſtſpott, das lichtbraune kurze Haar von der großen Stirn in die Höhe ſtrich, die Arme aus ihrem Verſchling finken ließ, und mit dem offenen, einnehmenden Blick des großen Auges, welcher ihm eigen war und Arm und Reich bei dem erſten Anſchauen für ihn einnahm, vor dem Lieblingsbruder ſtehen blieb.. Haſt auch Du, mein blonder Burſch, die Fahne ſen⸗ ken müſſen vor dem Ungethüm des Wetters? fragte er mit gutmüthigem Tone. Du wirſt heute Dich ſchon ein⸗ mal ſelbſt bedienen, denn ich habe den armen, erfrorenen Melzing längſt zu Bette geſchickt; es war mir nun ein⸗ mal nicht möglich, noch länger fremde Geſichter um mich zu ſehen.— ——— 301 Wie biſt Du denn ſo ſonderbar? fragte Johann. Warſt Du doch den ganzen Abend lang nicht der offene, freiſinnige Georg. Hat des Vetters Verzogenheit, oder des rohen Streithorſters Ungezogenheit Dich getroffen, ohne daß ich's gemerkt?— Nichts davon, fiel Georg mit größerer Lebendigkeit ihm in die Rede. Weit mehr, als dieſe beiden Unrechts aufſtellen können, wäre heute von mir unempfunden ge⸗ blieben. Johann, ſetzte er haſtig hinzu und legte die Hand auf das ſeidene Scheitelhaar des Jünglings, die älteſte Tann iſt eine treffliche Jungfrau; ſah ich doch nie ein Mädchen oder Weib, die ich beim erſten Anblicke eines braven Mannes, ja des beſten deutſchen Kriegs⸗ mannes würdiger gehalten. Erſtaunt erhob der blonde Jüngling ſchnell ſeine Au⸗ gen zu dem Redenden, als wolle er nach dem Ernſt oder Scherz der unerwarteten Rede forſchen. Die Tann? fragte er zurück. Ich ſah ſie kaum im Mondlichte und bei den rauchenden Kienſpähnen, und überdem hatte die kranke Muhme mein ganzes Herz gewonnen. Und wo haſt Du denn ihre Trefflichkeit ſo beſonders entdecken können?— Gott ſegne dieſen Abend! entgegnete Georg feierlich. Thäte er's nicht, ſo wäre mir beſſer geweſen, der Dä⸗ nenkönig hätte mir ſchon das verſprochene Reiterregiment geſchenkt und eine ſchwediſche Kugel mich in der erſten Attake getroffen. Johann, die Tann muß meiner Söhne Mutter ſein, oder ich werde nie in Liebe einem Weibe dieſe Rechte bieten.— Erſchrocken ſprang Johannes auf und drückte ängſtlich die tapfere Rechte des Bruders zwiſchen ſeinen weichen Händen. Bruder, Bruder! rief er aus, bedenke Dich! 302 Du, der Beſonnenſte von uns, wie kommſt Du zu der ſeltſamen Aufwallung? Die Tann ſcheint ſo jung.— unſer Geſchlecht bedarf friſcher Blüte, ſoll es nicht erlöſchen! fiel Georg ein.— Die von Tann zählen ſich zu den älteſten Familien; aber der Leo war unſer Ahn, die Guelfen trugen die Kaiſerkrone, unter Europa's Königstöchtern ſuchten ſie oft ihre Herzoginnen, erwiderte Johann mit ſtärkerm Accent.— Ich bin der Jüngere, antwortete Georg mit Ent⸗ ſchloſſenheit; des Vaters Herzogshut wird nie auf mich kommen. Laß den Auguſt, den Friedrich für das Lüne⸗ burger Haus die Sorge tragen; ſie haben ſich mit Schwert und Geiſt verſucht in der Welt, lieben den Prunk und können in den fürſtlichen Schlöſſern ihr Adlerneſt bauen. Ich will ein wackerer Soldat bleiben mein Lebenlang, und darum bedarf ich eines beſonderen Weibes, wie ich ſie nirgends fand in den Königsſälen und unter dem ſei⸗ denen Baldachin. Ein Soldatenweib muß ich haben, meine Wunden zu binden, meine Winterquartiere zu Pa⸗ radieſen zu machen, und wird dieſe nicht eine ſolche, ſo iſt mein Auge blind geboren, und ich habe nichts gelernt von der Seelenſprache im Antlitz unter den Menſchen.— Und wie kam das ſo auf einmal, wie Blitz vom Himmel? fragte kopfſchüttelnd Johann.— Es ſoll ja das Beſte ſo kommen, unerwartet, ſegnend und heilig, antwortete Georg mit einer edlen Andacht im gehobenen Auge. Und ich empfinde, es iſt etwas recht Gutes und Wohlthätiges über mich gekommen, denn wenn auch mein Herz unruhiger ſchlägt, wenn es auch vor meiner Stirn hängt, gleich einer grauen Wolke, und es faſt ſo in meiner Seele iſt, wie damals als der —B— 303 erſte Gram mein Herz drückte, als der zehnjährige Knabe zu des Vaters Sarge geführt wurde, ſo fühle ich mich doch gehobener, kräftiger, erfriſcht in des Lebens Tie⸗ fen, und die innere Stimme ruft mir zu: Von heute an begann Dein rechtes Daſein!— Die graue Wolke iſt Dein Gewiſſen, verſetzte Jo⸗ hann; ſie iſt die erſte Spur des Wetters, welches Du ſelbſt über Dich heraufbeſchwören willſt. Was wird Bruder Ernſt ſprechen? Wirſt Du dem Kranken, ſchwer Beladenen neue Bürde aufzulegen wagen? O Bruder, laß uns dieſe Jagd aufgeben, laß uns morgen in der. Frühe fort! Mit Dir ziehe ich in den Schwedenkrieg, und Du wirſt vergeſſen, was wie ein Schatten an Dir hinflog, und Dich mit dem ſchwachen Netz der fliegenden Heidſpinne umwob.— Georg ſah dem Beſorgten recht traulich in das runde, ſeelenvolle Auge, lächelte dazu und ſchüttelte leicht den Kopf. Erſt lag es ſchwer auf mir, ſprach er; nun Du ſolches Gewicht paran hängſt, ſcheint mir Alles feder⸗ leicht geworden. Darum beruhige Dich; Georg von Lüneburg wird nichts thun, was er nicht vor dem alten Ritterwappen ſeines Hauſes vertreten könnte; er wird nie der Judas ſein im brüderlichen Kreiſe, der den Frie⸗ den und die heilige Bruderliebe verräth. Aber die Dame habe ich getauſcht von heute an; Victoria hieß ſie ſonſt;z das Bild der Herrlichen flog auf meine Fahne; jetzt ſoll eine Eleonora den Platz einnehmen, und ich hoffe, die wird mich noch ſchönere Wege führen.— Beide Brüder umfaßten ſich zärtlich und lang und ſuchten dann, ohne weitern Wortwechſel, ihre Betten; aber Beide floh der Schlaf, Beide riefen ſich mehrmals an in der Nacht, wenn der Wind, der ſich im Schloßhofe 304 fing, die Fenſter ſchüttelte und in den Winkeln und Wöl⸗ bungen heulte. So ſchlummerten ſie am Morgen über Gewohnheit lang, und das muntere Hornlied der Jägers⸗ leute weckte erſt die Trägen. Herzog Georg kleidete ſich nach Soldatenweiſe ſchnell und ohne Hülfe an, griff nach dem Federhute und eilte, ohne den Mantel über den Reitkoller zu werfen, durch den langen Gang des Flügels, die Stiege hinab, wo die mittlere Pforte zum Schloßhofe ſich öffnete. Er hatte oben keinen Blick zum Fenſter gethan, denn nur ein ein⸗ ziger Gedanke beſchäftigte ihn. Deſto überraſchter war er, als er jetzt in das Freie, in das geräumige Viereck des innern Hofes trat und der heiterſte Himmel ihn an⸗ lachte, die helle Frühlingsſonne von den hohen Pilaren und blanken Steinwänden der Burg zurückſtrahlte, und eine friſche, reine Luft ſeine Bruſt erquickte. Er ſtand eine Weile, verwundert über den plötzlichen Wetterwech⸗ ſel, der auf Gebirgshöhen nicht ungewöhnlich iſt; dann erinnerte er ſich aber deſſen, was ihn herab getrieben, und trat hinaus an den Kreis, den die Jagdbuben mit ihren Bügelhörnern geſchloſſen, und der von mehren Förſtern der Gegend befehligt worden, um den Herr⸗ ſchaften das Vorſpiel der Tagesluſt zu bereiten. Wackere Freunde, ſagte Herzog Georg mit gütigem Tone, euer Wille iſt gut, und ihr blaſet ein treffliches Horn, wodurch ein ächtes Weidmannsherz weit aufge⸗ ſchloſſen wird und ſehnſüchtig hinausgezogen zum Tannen⸗ buſch, wo der Hirſch ſteht, und zum Bruch, wo der Kei⸗ ler wühlt. Aber man hat euch nicht geſagt, wie eine Kranke im Schloſſe liegt, deren Morgenſchlummer Eure Muſik ſtören möchte. Darum ſpart eure Lungen bis wir im Thale ſind; nehmet einen Morgenimbiß unten beim — 305 Schenkwirth auf Herzog Georgs Rechnung. Wir laſſen Pferde zäumen und ſind ohne Säumniß bald mit euch.— Die blaſenden Jäger ſchwiegen reſpektvoll, aber von dem Fenſter des ſüdlichen Flügels klang ſogleich Prinz Ulrichs Stimme antwortend herab. Guten Morgen, Vet⸗ ter! rief der junge Fürſt muthwillig herunter. Haben wir Hofleute einmal dem wachſamen Kriegsmanne die Stunde abgewonnen, und ſind wir ihm in das Feld ge⸗ rückt? Kommet nur herauf, wollet Ihr es ſo ſchön haben, wie wir. Die hochwürdige Tante iſt wohl auf für ihren Zuſtand, längſt wach und erwartet uns. Und die Spiel⸗ leute da ſollt Ihr nicht irre machen; die Tante hat be⸗ fohlen, den Vorſaal und die Fenſter hier zu öffnen, damit ſie die ſchöne Muſika deutlicher hören könne. Darum auf, ihr grünröckigen Burſchen, fangt nur wieder an und ſingt das beſtellte Lied dazu!— Herzog Georg ſah verwundert zu dem ſchreienden Vetter hinauf; als er aber neben ihm am Fenſter die beiden Fräulein von Tann erkannte, da kam ein Unmuth in ſeine Seele, ſeine gebräunten Wangen überflog eine Glut, die er ſelbſt fühlte, und darum raſch in Scham über den Burghof hin zu der Pforte ſchritt, um ſein in Eiferſucht geröthet Angeſicht vor den Leuten in Sicher⸗ heit zu bringen, wo ihm aber unerwartet der Herr von Streithorſt entgegen trat. Wiſſen's Eure Gnaden ſchon? fragte der Ritter mit unfreundlichem Tone. Ja, ich ſchaue den Groll darob auf Euren dunkeln Wangen. Und was ſoll ich wiſſen? fragte der Herzog mit wach⸗ ſendem Unmuth zurück.— Nun, daß die Jagd abbeſtellt worden, entgegnete Herr Jvachim, daß dieſe Nacht ein Eilbote ankam von Blumenhagen. 1V. 20 ——————.— 306 Goslar, wo der regierende Herr ſchon angelangt war, jedoch geſtern ſpät zurückgegangen nach Wolfenbüttel. Schade! Schade! Die edlen Herren werden ſich alle är⸗ gern, wie Ihr, denn der Winter ging leicht und ohne Härte vorüber und magerte das Wild nicht ab, und wie der Förſter ſagt, ſtehen ſtarke Bachen in Unzahl im Re⸗ vier umher und verwüſten die Saat. Das wäre ein ächt fürſtlich Gaudium geworden, und der Himmel machte gin gutes Geſicht dazu, daß man einmal die ſtrengen Jagdgeſetze zur Seite warf, wenn des Bauern Noth da⸗ für ſprach. Jetzt mögen die ſchwarzen Beſtien in den Aeckern hauſen wie Pandur und Kroat; die Junker, die ſich auf die ungewöhnliche Spätjagd freueten, da den Vaſallen ſchon ſeit ein paar Monaten das Waldthor zugeſchloſſen, mögen nach Hauſe reiten, und wir— nun wir haben die Heilige im Haus und können das Ka⸗ ſteien und die Betſtunde zur Abwechslung probiren.— Ereifert Euch nicht, Herr Joachim, antwortete der Herzog finſtern Auges; Ihr ſeid ja Eures Herrn rechte Hand, wie man ſagt. Grollet Ihr wirklich mehr der armen Bauern wegen, als um Eurer Luſt willen, ſo gebt Befehl, daß dieſe verſammelten Jagdleute ein Duz⸗ zend Bachen abfangen zu Nutz des Saatlandes, und Euer Herr wird nichts dagegen einzuwenden haben. Was aber unſere Muhme, die Frau Aebtiſſin anbelangt, ſo wünſchen wir Eurer Zunge in Zukunft einen tüchtigen Zaum, wenn Ihr von der achtbaren Dame ſprecht, und Euch um das gute Wetter unſerer fernern Gewogenheit zu thun ſein möchte.— Er ging zu dem Damenflügel hinauf, von des Streit⸗ horſters hämiſchen Blicken begleitet; die Jäger aber hatten mit Augen, in denen die Freude über den Anblick des — ——. 307 mannlichen, im Lande wohl berufenen Prinzen unverkenn⸗ bar geweſen, auf die beiden Herren geſehen, und ſtimm⸗ ten jetzt das beſtellte Jägerlied an, zu dem ein alter Forſtmann, mit einem ächt ehrlichen Harzmanns⸗Geſicht, auf welchem treuer Muth den Hauptcharakter zu formen pflegt, eifrig mit ſeinem Weidmeſſer den Takt ſchlug. Diana ruft, das Hüſthorn ſchallt Durch Berg und Thal umher. Schon klafft der Rüden Giergeheul; Auf, wack're Jäger greift in Eil⸗ Zu Jagdgeſchoß und Wehr! Wieg' immer, fauler Städter, dich In deinem ſeid'nen Flaum! Der Wald iſt unſer Luſtrevier; Mit Hörnerſchall begrüßen wir Aurora's gold'nen Saum. Der Jäger führt den beſten Krieg, Den erſten in der Welt; Wenn nicht der wack're Jäger wär', Regierte Wolf und Sau und Bär Im Walde und im Feld. Drum hält ſich auch der Jägersmann Dem größten König gleich. Der Sieg iſt ſein bei Frau und Maid, Und zeigt ſich nur das grüne Kleid, Sind alle Herzen weich. Die Damen am Fenſter hatten mit ſolcher Aufmerk⸗ ſamkeit dem alten Jägerliede zugehört, daß ſie nicht be⸗ merkten, wie der Herzog leiſe in den Vorſaal getreten und ſich längſt hinter ihnen befand. Und das Lied, von jungen und kraftvollen Männerſtimmen geſungen, hallte auch höchſt melodiſch zu einer muthig⸗einfachen Weiſe in dem von Gebäuden umſchloſſenen Hofe, dem feſte —— 308 Steinmauern überall einen Wiederklang gaben, und mußte ſelbſt dem Damenohr wohl thun, wenn ſie auch bislang durch ſüße Zither⸗ und Harfenklänge verwöhnt worden. Als der Geſang jetzt zu Ende, wandten ſich Alle vom Fenſter ab und Herzog Georg ſah mit heimlichem Ver⸗ gnügen den Wiederſchein ſeiner Wangenglut auf dem lieblichen Antlitz der älteren Tann, als ſie das edel⸗ſtolze Auge des hohen Mannes feſt auf ſich geheftet, ja faſt in ihrem Anblick verſunken fand. Prinz Ulrichs Redſeligkeit half über die Verlegenheit des Moments hinweg. Habt Ihr zugehorcht? fragte er lebhaft, und habt Ihr auch bemerkt, Vetter, wie die Fräulein dem Liede unſerer Schützen ihren Beifall gaben? Dem Jäger ver⸗ ſpricht es den Sieg vor dem Kriegsmanne, und da gibt es uns, die wir noch nie die Waffen auf eine menſch⸗ liche Bruſt gerichtet, den Muth, trotz Eurer ſieggewohn⸗ ten Nähe, um die Huld der Damen zu werben, und Ihr möget Euch vorſehen, denn das Lächeln der Frauen zu dem Liede des Weidmanns ſchlug den Soldaten ſchon halb aus dem Felde.— Der Prinz in guter Laune, entgegnete Georg, zu den Fräulein gewandt, und in ſichtlich erzwunger Artigkeit, und die zarten Frauen möchten vielleicht ſeiner Anfech⸗ tung ein Recht geben, denn das Wort Krieg klingt nicht fein, und Gott bewahre jedes weibliche Weſen vor ſei⸗ ner Nähe.— Ach ja! fiel Pauline ihm raſch in die Rede; als die Darmſtädter aus Ungarn zurückkamen und an des Va⸗ ters Taſel von ihren Waffenthaten erzählten, iſt mir ſelbſt vor der Erzählung oft ſolche Furcht gekommen, daß ich das ſchönſte Gericht im Stich und aus dem Saale ſchlich.— 309 Nicht alle Feinde find, wie der ungläubige Türke, eine Geißel Gottes, lächelte Georg; es gibt auch edle Gegner, mit denen ſich's gut ſicht, wenn Schickſal und Ehre ruft, und es das Recht oder das Vaterland gilt.— Ich war damals auch noch eine gar kleine Maid und würde jetzt nicht flüchten, wenn Ihr uns erzähltet! er⸗ widerte das Fräulein beſchämt.— Sonderbar iſt's, ſagte da Eleonora, mein Geſchmack war von jeher ein anderer. Die Mährchen und Spuk⸗ geſchichten der Kammerfrau ſchläferten mich ein; wenn aber der Vater den Brüdern alte Kriegsgeſchichten er⸗ zählte, und wie ein König gegen den Feind ſeines Volks ausrückte und tapfer ſtritt, und mitten in ſeinen Ritter⸗ thaten fiel, da konnte ich weinen die ganze Nacht, und konnte ſelbſt mit dem Schickſal grollen und fragen: warum es ſolch einen edlen Mann habe untergehen laſſen?— Georgs Blick wurde heller bei des jungen Fräuleins wackerer Rede, doch die Zofe unterbrach das Geſpräch, und lud alle zur Aebtiſſin, welche ſchon die bekannten Stimmen im Vorſaale vernommen hatte. Die ehrwür⸗ dige Domina ſaß im großen Sorgenſtuhle des Amt⸗ manns, zart gekleidet in Weiß und Schwarz, in die klöſterlichen Farben, welche die Reſte ehemaliger Schön⸗ heit in ihr hoben und einnehmender und rührender machten. Sie trug den Arm im Verbande, doch Hei⸗ terkeit auf dem Antlitze, deſſen höhere Röthe freilich von dem Kundigen mehr auf Rechnung krankhafter Auf⸗ regung, als auf natürliches Wohlbefinden geſchoben werden mußte. Mit jener Engelsmilde in Auge und Stimme, die jedem weiblichen Weſen den höchſten Reiz gibt, reichte ſie dem Herzoge die linke Hand entgegen, und dankte ihm für ſeine Aufmerkſamkeit, von der ihr 310 ſchon die Zofe berichtet. Wir ſchliefen nicht viel, ſprach ſie, und das Hörnerlied kam uns wie eine liebe Er⸗ quickung, denn es erinnerte uns an ſchöne Tage, welche längſt verronnen, wo auch wir in lieber Jagdgenoſſen⸗ ſchaft die Berge durchſtrichen, und manch freudenvollen Traum von Zukunft und Lebensglück in der jungen Seele aufteimen ſahen. Ihr gedachtet bei dem erſten Tone des Jagdhornes nicht an die Luſt, zu der es rief, Ihr ge⸗ dachtet an die kranke Baſe. O, ich erkannte ein Herz darin, eine Geſinnung, wie ich ſie früher fand bei Euren lieben Verwandten; den Vater, die älteren Brü⸗ der meine ich, und Ihr ſeid mir daher augenblicks ſo theuer geworden, wie jene Geſpielen meiner Jugend es geweſen.— Georg bückte ſich auf die feine, durchſichtig⸗weiſe Hand, ſie zu küſſen, denn eine Ehrfurcht, mit einem Gefühle beklemmender Unheimlichkeit gemiſcht, wuchs in ſeinem Gemüthe, je mehr er die Muhme anſah und ſie reden hörte. Das Auge der Prinzeſſin weilte in Schwer⸗ muth auf ihm, und doch mit Vergnügen. Wir bedauern, fuhr ſie dann mit einem Seufzer, ſich ſelbſt erweckend, fort, daß unſer Herr Bruder die Verluſtigung abſagen ließ, zu der unſer Neffe Euch geladen. Der Herzog wußte Euer Hierſein nicht, obwohl es uns aufgefallen, daß er dem Prinzen und ſeinen Edeln die Jagdfreude verboten, ohne den Grund zu nennen. Aber darum ſollt Ihr nicht ohne Unterhaltung bleiben, nicht an die⸗ ſes Steinneſt gefeſſelt werden, weil die Tante unpaß iſt, ſondern Ihr möget alles thun, in der heutigen Sonne die geſtrige Unglücksnacht zu vergeſſen. Ich bin von den Herzbergern umgeben, den guten, treuen Dienern unſeres Hauſes. Darum ſollt Ihr eine Luſtpartie 311 machen in das ſchöne Siberthal; Euer Bruder, der re⸗ gierende Herzog Ernſt, liebt dieſe Gegend beſonders. Führet die Fräulein von Tann hinunter; man darf ſo wackeren Händen ſelbſt die liebſten Kleinode vertrauen; Prinz Ulrich wird ſeines Vaters Platz verſehen und den verſammelten Rittern ſtatt der Jagd eine Tafelfreude berei⸗ ten, wozu das Forſthaus im Thale nach dem Ritte durch die friſche Märzluft den angenehmſten Ort darbeut. Mit der Würde, als wäre ſie die Landesmutter, ſprach die Prinzeß dieſe Wünſche aus, und alle nahmen ſie wie Befehle auf; in den Augen der Mädchen lachte der Vorſchmack des Vergnügens, und Ulrich ſprang fort, ſogleich die Anſtalten zu treffen. Auch Herzog Georg empfahl ſich, doch die Domina winkte und hielt ſeine Hand feſt. Noch ein Dankbarer wünſcht ſein volles Herz zu erleichtern, ehe Ihr ſcheidet!— ſagte ſie; und aus dem Nebenzimmer trat der Junker Bodendeich, und ging mit thränendem Auge auf den Herzog zu und bog ſeine Knie vor ihm und ſtammelte mit gefalteten Händen: Eure Gnaden retteten mein Leben; die Zunge iſt arm und ſcheu, indem ſie Dank ſagt, aber was Ihr rettetet, gehört von geſtern Euch. Möge Gott Euer Haupt be⸗ wahren vor aller Gefahr! Schickte die Vorſicht jedoch dergleichen, o, dann ruft mich, und ich biete meinen Kopf gern zur Rettung.— Der Herzog warf einen düſteren Blick auf den wirklich ſchönen, jungen Mann, dem die Thräntk über eine Wange von Milch und Blut herabſtrömten; ſeine Stirn runzelte ſich, er hob ſein Auge flüchtig zu Fräulein Eleonoren und ſprach mit Härte im Tone: Ihr bringt den Dank an den unrech⸗ ten Altar, Stallmeiſter! Dort vor dem Fräulein müßt Ihr knien; ich that nur als ritterlicher Knecht, was ſie 312 gebot; darum weihet ihr Euer Haupt als ein getreuer Page; wir wollen das unſrige mit Gott ſchon ſelbſten zu ſchützen wiſſen.— So neigte er ſich und ging. Was ſollte das? fragte Eleonore. Nicht wahr, Mut⸗ ter, das ließ ihm gar nicht hübſch, und war nicht in der rechten Weiſe?— Er iſt ein Lüneburger, entgegnete die Domina; über⸗ all zur Edelthat bereit, wie zum gewohnten Athemzuge, haſſen ſie Schmeichelrede und Dankſagung, und entwei⸗ chen ihr gern, weil ſie dem großen Herzen, das fühlt, es habe nicht mehr als Recht gethan, läſtig iſt.— Fräulein Eleonore aber ſchüttelte ihr Köpfchen und flüſterte liſtig vor ſich hin, mit einem mitleidigen Blicke auf den beſtürzten Junker Bodendeich: Wenn er oft ſo wäre, könnte ich ihm nicht mehr ſo gut ſein. Aber wer weiß, welche andere Urſache ihn plötzlich ſo hart und unfreundlich machte, daß er den gewöhnlichen Männern ähnlich ward, unter denen er geſtern ſo beſonders ſchien, und von ihnen abſtach, wie die Edeltanne vom Wach⸗ holdergeſträuch.— Die Herren im Schloſſe hatten ſich zum Luſtritt gerü⸗ ſtet, und auch den Edelleuten, die ſich unten in den Gaſt⸗ höfen Herzbergs einquartirt hatten, war die Einladung dazu geworden. Nur der Ritter Streithorſt wünſchte von der Theilnahme entlaſſen zu werden, welche Bitte Prinz Ulrich gern gewährte, indem er ihn beſtimmte, von der Burg nach dem Forſthauſe die nöthigen Leute, Geräth⸗ ſchaften und Lebensmittel zu ſenden, um dort den Gäſten ein ländliches Frühmahl geben zu können. Ein Jagdhorn rief die Herrſchaften zum Abmarſche, und der Zug ſetzte —— — w—————— —B 313 ſich bald in Bewegung. Man hatte beſchloſſen, die Zel⸗ ter und Roſſe erſt unten am Rande des Felſens zu be⸗ ſteigen, weil der Ritt, den gewöhnlichen Burgweg hin⸗ unter, wirklich die Hälfte der Reiter und Roſſe in Gefahr ſetzen konnte, und bei den vielen fremden Thieren dieſe Gefahr gemehrt werden mußte. Die große, bequeme Stein⸗ treppe wurde der Damen wegen erwählt, uns die beiden Lüneburger Herzöge, als die Vornehmſten und als Fremde zugleich, bekamen das willkommene Amt, die Führer der beiden Fräulein von Tann zu werden. Der alte Förſter eröffnete den Zug mit einem Chor blaſender Jagdbuben; dann folgten die Stallmeiſter, dann die Eigenthümer der nächſten Rittergüter; dieſen nach ſchritten die Hof⸗ cavaliere von Kramm und von Schlitz und Herr Mar⸗ guard von Hodenberg mit dem Prinzen Ulrich, und den Beſchluß machte Herzog Johann mit der üppig blühen⸗ den Pauline und Herzog Georg mit dem ſchlanken Fräu⸗ lein Eleonora. Der Zug ging vom Hofe lehn hinab, zuerſt durch die beiden gewaltigen Burgthore, deren eiſen⸗ beſchlagene Pforten dem mächtigſten Feinde Halt gebieten mußten. Zwiſchen ſtarken Mauern, aus lauter runden Kieſeln zuſammengekittet, welche Herzog Georg mit be⸗ ſonderer Aufmerkſamkeit betrachtete, kam man alsdann auf den Turnierplan, welcher, mit Kies beſtreut und mit Schattenbäumen umpflanzt, zu ritterlicher Uebung einlud. Links führte hier der bequemere Fußpfad an dem Burggarten hin auf die Steige von faſt dreihun⸗ dert Stufen, die zwiſchen alten Bäumen und wildem Unterbuſch an Felſenwand und tiefe Schlucht hingelegt, zwar nicht ohne Ermüdung, doch mit Sicherheit bis zum Fuße des majeſtätiſchen Felſens hinunter trug, der ſich ſo einzeln und ſchroff liber das Thal erhob. 314 Durch den ſchmalen Raum und die langſamere Be⸗ wegung des Hinabſteigens zögerte jetzt der Marſch des Zuges, und es gab hinten einen Stillſtand. Iſt es den Damen nicht entgegen, ſo treten wir ein Weilchen hier hinein, begann Herzog Johann, mit ga⸗ kanter Aufmerkſamkeit auf das Gatterthürchen des Burg⸗ gartens deutend. Die Ausſicht, welche durch die Baum⸗ zweige ſich öffnet, ſcheint des Beſchauens werth, und die Beſichtigung, wie abſichtlich gethan, nimmt den Schein der Abhängigkeit im Harren auf unſere trägen Vortreter von uns, der mir immer etwas Unleidliches hat. Die Damen gaben dem Rathe Beifall, und man trat in den Garten, der auf einer Abdachung des Ber⸗ ges im natürlichen Gehölz angelegt worden, ſich dicht unter den Schutzmauern der Burg hinzog, und im Som⸗ mer von fern wie ein grüner Kranz ließ, der die Silber⸗ krone des Schloſſes auf ſeinen Schlingzweigen trug. Der Garten lobte des Amtmanns Geſchmack; ihm mangelten hohe, edle Schattenbäume nicht, Schlangenpfade wan⸗ den ſich durch dichtes Blütengebüſch, mit Moos umlegte Hügel waren zu Blumenbeeten gebildet; aber das Alles hatte noch das Winterkleid an, trug keine Zier und kei⸗ nen Feſtſchmuck; kaum liebäugelten an der braunen Rinde einiger Frühhölzer die dickgeſchwollenen, glänzenden grü⸗ nen Blätterknospen mit der erſten Frühlingsſonne, und auf dem Mooſe hatte ſich nur hie und da eine Primel oder ein Duftveilchen aus dem Mutterbett in die Friſche gewagt, ſich auf den krauſen Moospelz verlaſſend, den ihm die Wärterin umgelegt. Welch ein ſchöner Platz! rief Eleonore aus, dicht an die Befriedigung tretend, über welche man ſteil an einer rauhen Bergwand hinabſah, wo leicht begraſete Plätze 315 mit großen, an den Tag hervorſpringenden Felsſtücken wechſelten. Wie lieb muß es ſich hier weilen, wenn dieſe alte Linde ihr breites Sammetlaub zum Schirme wölbet über dieſen runden Steintiſch und den traulichen Sitz! Wie freundlich liegen unten die vielen, vielen Häuſer, in der Tiefe klein und zierlich anzuſchauen wie ein Weihnachtsgarten zum Spielzeug der Kinder! Wie ſchäumt das Waſſer im Rade der Mühle! Und nun dort das weite Thal, wo die Sonne ſo unbeſchreiblich ſchön von den Millionen Bachkieſeln zurückſtrahlt, die den un⸗ überſehbaren Grund bedecken, und zwiſchen denen der kleine Hirt ſeine dickwolligen Schafe weidet.— Laſſet Euer ſcharfes Auge weiter fliegen, fiel Herzog Georg ein. Gönnet auch den herrlichen Höhen einen Blick, welche das Thal einſchließen; ſehet, wie der braune Urwald, noch mit der weißen Winterhaube auf ſeinem Scheitel, ſich zum ſtolzen Hintergrunde zuſammenſchleußt, und wie aus ihm hervor ſich die blaue Schlange der Siber drängt, und dann zu unſern Füßen in vielfachen Ringen ihre kleinen Wellen über den ebenen Kiesgrund hinwälzt.— Das die Siber? fragte das Fräulein erſtaunt; der⸗ ſelbe Fluß, der geſtern mit Rieſenarmen nach unſerem Leben griff, und deſſen labyrinthiſche Aermchen heute der Hirt durchwadet?— Es iſt ſo, antwortete Georg; das Flüßchen iſt das Wunder der Gegend; wenn der Brockengeiſt zürnet, ſeine Wolken zuſammenballt und Thränenſtröme des In⸗ grimms über die värtigen Wangen gießt, ſo wird das Bächlein ein Strom, ſteigt auf bis unter jene lange, hohe Brücke, und macht das Thal zum See. Eine Nacht des Friedens und der Wetterruhe, und das Waſſer 316 verrinnt, daß man nicht weiß, wer es trinkt, welches unterirdiſche Meer es einſchluckt. Der Amtmann erzählte mir bei dem Nachteſſen davon.— Alles mahnt mich hier an die Heimath, verſetzte Eleonora. Ein Bergſchloß meines Vaters gibt eine ähn⸗ liche Ausſicht auf den Speſſart und den Odenwald, und ſieh nur, Pauline, hängt nicht da am Riedgraſe die hellgebänderte, braune Weinbergsſchnecke2 Kreucht nicht dort wieder eine im Sande? Habt ihr Thierchen euch ſo früh aus dem Lager gemacht? Aber das deutet auf frühen und warmen Sommer. Und wie kommen die Thiere hier auf die kalte Höhe, wo keine Traube reifen mag? Auch ſie erinnern mich an die Heimath, an die Kinderſpiele, denn dieſe großen, blanken Schalen ſam⸗ melten wir und machten uns Putz daraus und nutzten ſie als Spielgeräth.— Der Herzog Georg betrachtete die Schnecken ſo nach⸗ denkend, daß es ſeiner Gefährtin auffiel und ſie ihr Auge fragend auf das ſeine richtete. Auch ich ſah dieſe friedfertigen Thierchen in den üp⸗ pigen Traubenbergen des Rheins, ſagte er; aber das iſt es nicht, was in dieſem Augenblicke meine Theil⸗ nahme für Eure Schützlinge weckte. Was mir beifiel, hat einen tieferen Sinn, obgleich ich bis jetzt es nur für Wahnwitzrede und ſinnloſes Truggeſchwätz gehalten.— Ihr weckt die Neugier, ſtatt ſie zu ſtillen, entgegnete lebhaft Eleonore.— Ihr werdet lachen, vielleicht mich mit verlachen, fuhr Georg fort, und beinahe lache ich ſchon jetzt ſelbſt über mein gutes Gedächtniß, das, wie es oft geſchieht auf Erden, den Unſinn behielt, indeß es manches Beſſere im Leben verlor. Nahe meiner Geburtsſtadt liegt eine — 317 wüſte Heide, kein Baum grünet dort auf Meilenweite, kein Acker trägt Frucht, kein Waſſer quillt und ſegnet den Boden; nur hie und da findet man eine einzelne Stroh⸗ hütte, worin ein armſeliger Bauer mit ſeinen kleinen braunwolligen Schafen lebt, für die er, gleich dem Araber der Wüſte, Ziſternen grahen muß. Das rothe Heideblümlein und der verkrüppelte Wachholderſtrauch ſind die einzigen Zierden dieſer Wüſtenei, die noch grau⸗ licher wird durch die großen Opferſteine und Hünengrä⸗ ber, welche man darin antrifft, und um welche Nachts der Aberglaube die den blutlechzenden Göttern Geſchlach⸗ teten tanzen ſieht. Eine Fuchsjagd hatte mich vor Jah⸗ ren tief in die Steppe gelockt; ich hatte im Nebel Ge⸗ fährten und Pfad verloren, mußte den Stand der Sonne zum Steuermann nehmen, bis ich auf einem von jenen ungeheuren Opferſteinen eine menſchliche Geſtalt zu er⸗ kennen glaubte, und darum eiligſt auch mein Pferd dorthin ſpornte. Das gute Roß ſcheute ſich, als es dicht hinan kam, und ich ſelbſt empfand faſt ein Gefühl von Ab⸗ ſcheu, als ich das ſchmutzige, hexenartige Weib in der Nähe erblickte, das an dem Rieſenſteine kauerte und ₰ ihr braunes Wollvieh zu achten ſchien.— Gut, daß die Sonne ſtrahlt, fiel Pauline ein; v kelte ſchon die Mitternacht, könntet Ihr uns fürchten machen.— Die Alte ſah mich mit den rothgeränderten Augen ſtarr an, als ich ihr die herriſche Frage nach der Straße that, erzählte der Herzog weiter.„Deine Straße iſt breit und führt durch vieler Herren Länder,“ antwortete ſie mir mit heiſcherer Stimme;„aber ſie bringt Dich zu einem guten, ſichern Fleck, wo Dir ſo wohl ſein wird, wie uns hier in der bratenden Mittagsſonne.“ 318 Biſt Du unſinnig, Mutter, erwiderte ich rauh, oder treibſt Du Spott mit Verirrten? Antworte deutlich und wie ſichs gebührt meiner Frage.— Da lachte ſie widrig auf und ſang mit einer ſeltſamen, wirren Melodie: Wo die Kieſel aus dem Thal Auf der Bergesſpitze werden zu Mauer und Saal; Wo das Schneckenhaus aus warmem Land Sich findet auf eiſiger Felſenwand, Wo mit den ſtarken Hörnern der Stier Oeffnet dem Waſſer die grüne Thür, Daß es die ſchöne Wieſe verzehrt, Da bau Dir Dein Haus und halt' es werth; Da wirſt Du pflanzen eine Königseiche, Daß ſie weit über Land und Meere reiche. Verſäum' es nicht, findeſt Du den Ort;— Das Glück iſt flüchtig, läßt man es fort. Ein ſeltſames Zauberlied! rief Fräulein Eleonore, und man ſah an dem Wogen des zarten Buſens unter dem Leibpelze, wie ihre Seele bewegt worden.— WMir klangs ebenfalls wunderbar, antwortete der Her⸗ zog, und ich warf der häßlichen Sängerin einen Harz⸗ gulden zu, damit ſie den Vers mir wiederholen mußte. Sie that es, aber nicht ſingend, ſondern in einem eben ſo ſeltſamen, einförmigen Predigertone. Dann nickte ſie grinſend und ſprach vertraulich:„Und nun, Herzogsſöhn⸗ lein, reite dort hinüber, wo das große Weihenpaar mit den langen Fittichen weite Kringeln zieht, gerade aus geht dort der Weg nach Haus.“— Ich ritt, neu bewegt, weil das Weib mich nannte, davon, offen geſtanden, weil mir das längere Bleiben in der Oede mit ſolch ge⸗ ſpenſtiſcher Nachbarſchaft drückend ſchien; aber wahrlich, bis heute gedachte ich kaum der tollen Prophetin wieder.— Ich errathe Deine Gedanken, ſiel Herzog Johann ein; heute, da Du hier oben die Herzberger Mauern 319 ſaheſt, zu denen der Waldbach ſeine Kieſel gab, da Dir hier, auf dem kalten Fels, dem Brecher des Winter⸗ ſturms, die Weinbergsſchnecke begegnet, ſo denkſt Du an den Hausbau und die Hexe. Wenn der Reichstag uns das Grubenhagen zuſpräche, könnte wahrlich Wirklichkeit daraus werden; Bruder Ernſt würde Dir dieſe Reſidenz nicht verſagen.— Ich träumte nicht ſo weit hinaus, verſetzte Georg, mit einem faſt ſchwermüthigen Tone, nur das wunder⸗ bare Zuſammentreffen mit der Muhme und dieſen Da⸗ men hier oben—— Er ſchwieg, denn er wurde ſelbſt betroffen über den Gedanken, dem er ſo dreiſt Worte leihen wollte. Da tönte Prinz Ulrichs Stimme tief vom Fuße des Felſens herauf, nur eben noch verſtändlich.— Wollt Ihr herab, Ihr böſen Vettern, rief der Muth⸗ willige. Die Schönheit iſt ein erquicklich Gemeingut, gleich der Gottesſonne, und Ihr habt kein Vorrecht, allein im Lichte zu walten, und uns, wie Sünder, die ſein nicht werth ſind, im Dunkeln hier unten zu laſſen. Nicht Euch allein vertrauete die Tante ihre Kleinodien an, und führt Ihr unſerem Heerhaufen nicht ſofort die Königinnen als Oriflammen zu, ſo laſſe ich Sturm blaſen und berenne in ernſter Fehde Eure Verſchanzung.— Die Beſatzung ergibt ſich ſolch furchtbarer Armee vor dem Sturme! rief Johann hinab, und ließ Pauli⸗ nens Tüchlein über den Bergrand wehen; als aber Georg mit Elevnoren dem vorangehenden Paare nach⸗ ſtieg, und, weil die Stufen der Steintreppe hie und da zerfallen oder ſchlüpfrig waren, der Herzog des Fräu⸗ leins Hand genommen, um ihren Gang zu ſichern, da flüſterte er warm und heimlich zu der Nachbarin: Mein Fräulein, wenn ein Mann, ehrlich und adelig, Eure 4 320 Schönheit gern zu einer beſondern Lebensſonne erkieſen möchte, würdet Ihr willig die Eitelkeit, als Gemeingut angebetet zu werden, opfern, und vielleicht in einem eben ſo abgeſchloſſenen, einſamen Raume, als dieſes Schloß über uns iſt, fern von Hof und Welt leben mögen, um dem Manne, deſſen Welt Ihr wäret, alles Glück der Welt in ſein Haus züu tragen?— Eleonore erröthete bis zu Hals und Buſen hinab, aber ſchnell beſonnen antwortete ſie: Eure Frage bauet ſich auf Unmöglichkeiten, denn wie vermöchte dieſe meine enge Hand das Glück der Welt in ſich zu tragen; doch meine ich, mit ehrlichen Freunden wäre ſolch eine feſte Burg kein verabſcheuungswürdiger Aufenthalt.— Herzog Georg blickte ſie durchdringend an, und wagte es, die zarte Hand zu drücken. Er hätte gern mehr ge⸗ redet, aber der flinke Prinz ſprang mit weiten Sätzen unermüdet die Stiege wieder heran, und trieb mit ga⸗ lanten Worten die Damen, der Ritter Sehnſucht nicht länger zu foltern, und ſich als Dianens ſchönere Schwe⸗ ſtern an die Spitze der Jäger zu ſetzen. Eine gar ſtattliche Kavalkade bildete ſich jetzt unten am Fuße des Schloßberges, und das muntere Hörner⸗ lied, das ihr voran tönte, rief die Einwohner des volk⸗ reichen Fleckens aus jedem Winkel, aus jeder Fabrik und Werkſtatt herbei, und die Gebirgsbewohner weideten ſich mit ſichtlicher Luſt an der ſelten geſehenen Herrlichkeit. Vor den übrigen leuchtete aber das letzte Paar Jeder⸗ mann in die Augen; ſaß doch auch Fräulein Eleonore im dunkelgrünen Leibpelze ſo kunſtgerecht auf dem weiß⸗ geborenen Prachtgaule, der wegen ſeiner Sicherheit für 321 den gealterten Landesherrn beſtimmt geweſen, und ſtand doch dem kraftvoll gegliederten, hochgewachſenen Herzog Georg der ſtahlgraue Wappenrock mit dem breiten Beſatz von dunkelm Purpurſammet ſo ſchön, und ſah doch ſein kriegeriſches Antlitz mit den Feueraugen ſo heldenmüthig unter dem ſchwarzen Sammetbarett, das die Form einer römiſchen Mauerkrone hatte und von einem vollen Strauß⸗ federbuſch umfloſſen war, hervor, daß mehre der braun⸗ gelben Fuhrleute und Arbeiter, welche aus höherer Berg⸗ gegend ſtammten, laut ihm ihr heimathliches: Glück auft entgegen riefen, eine ihm fremdartige Begrüßung, die er in ſeiner zeitigen Stimmung, worin nichts alltäglich ſcheinen konnte, abergläubiſch als Himmelswort und gute Vorbedeutung aufnahm. Der Förſter führte den Zug rechts durch den Flügel des Ortes, bog dann links gegen das Gebirge zu, wo die Straße ſich zwiſchen den Flecken und die faſt unüber⸗ ſehbare grüne Aue legte, und die Augen ſich letzen durf⸗ ten an dem erquicklichen Farbenſpiele des Frühlings, und ſich üben konnten in der nebelfreien Ferne bis zu den langſam aufſteigenden Höhen, deren erſte Kuppe das graue Grafenſchloß, der Scharzfels genannt, ſo merk⸗ würdig für den Hiſtoriker macht, wie die daſelbſt im Geſtein verſteckten Höhlen voll verſteinerter Knochen ur⸗ weltlicher Rieſenthiere die Forſchung des Naturkundigen in Anſpruch nehmen. Dicht an dem kleinen Landſee, der Jües benamſet, von dem man ſagt, daß er mitten grundlos ſei und dort die Rudera einer verſunkenen Burg bedecke, ritt unſere Geſellſchaft hin, und bald ſchienen dann die Hö⸗ hen und Klippenſpitzen ſich ihnen entgegen zu bewegen; immer deutlicher wurde der Tannenwald, bis ſie am Blumenhagen. WW. 24 ——— 322 Eingang des Siberthales ſich plötzlich wie umringt von den Waldgruppen und Felſenkuppen fanden, und die koloſſale Geſtaltung dieſer wilden Natur, welche in der frühen Jahreszeit noch nicht durch die Weiche des Laub⸗ holzes geſänftigt wurde, wenn auch das Immergrün der Nadelhölzer ihr den Schein des Sommerkleides ge⸗ währte, die noch nicht daran gewöhnten Herzen anfangs beklemmte und zuſammendrückte, obgleich ſich ſpäter der Geiſt daran erheben und erſtarken mußte. Zur linken Seite der Fahrſtraße ſtieg das rothe Ge⸗ ſtein gerade auf, gleich einer ſenkrecht gehauenen Wand, bog ſich dann zum Gebirg hinüber, und trug des Ur⸗ waldes Wurzeln, welche, gleich braunen Rieſenſchlan⸗ gen, ſich ſelbſt durchwanden und umklammerten. Zur rechten Hand ſtrömte das Waldwaſſer berghernieder, klar bis zum Kieſelgrunde, hier geräuſchvoller durch enges Bett ſich zwängend und Waſſerfälle bildend, dort im breiten Raume ſich verflächend, zum kleinen See aus⸗ tretend auf den Raſenplatz, welchen niedriger Tannen⸗ buſch einkreiſete, wie zum verſchämten Nymphen⸗Bade. Und jenſeits des Waſſers ſtiegen dann die mächtigen Felſen hinan, ein zahlloſes Heer ſchlanker Edeltannen tragend, die, den Wolken näher, immer kleiner für das Menſchenauge wurden, als wenn der Himmel, der ganz oben auf dem aobgeſchnittenen geradlinigen Gipfel zu ruhen ſchien, ſie drücke und niederzwänge. Jeden Augen⸗ blick änderte ſich die Scene; jede Biegung der Stein⸗ ſtraße öffnete eine neue, möglichſt ſchönere Anſicht. Zuerſt erſchien die ſteile Wand, wie abgeſchnitten, hangend in der Luft mit dem Prunkkranze des herrlichſten Ge⸗ hölzes bedeckt; kaum ſchien es glaublich, daß ein Men⸗ ſchenfuß ſich hinaufwagen möchte, und doch ſtiegen an 323 ſchönen Sommerabenden voftmals auf ſteilem Schlangen⸗ pfade dort fröhliche Geſellſchaften hinauf, und feierten am Rande der Felswand in reinerer Luft geſellige Feſte. Der breite rothe Sol und der zugeſpitzte Langfasz zeigten ſich dann als Vorwächter der geheimnißvollen Gebirgswelt, und ganz im Hintergrunde legte das Knollen⸗Paar ſeinen breiten Felſenrücken gerade vor den Pfad, zwei grimmigen Winterbären gleich im ſchil⸗ lernden Sonnenlichte, welche auf der Schwelle des ty⸗ ranniſchen Brockenkönigs dräuend Schildwacht hielten und den Eintritt wehrten. Freier ward der Geiſt, leichter die Bruſt bei jedem Schritte, den die Roſſe tiefer in die Waldung thaten; im feinern, duftigern Blau glänzte der Himmel; wie ein Labetrank im Mittag ſtrömte die friſche Zugluft durch die Schluchten zwiſchen den einzel⸗ nen Kuppen und Spitzen herein, und der Hörnerklang, der, im vielfachen Echo fortgetragen, lieblicher zurück⸗ kam, und fern zu einem geiſtigen Sang verſchmolz, machte das Gemüth weich und weckte ein unbeſchreib⸗ liches Verlangen; ſchläft doch in dem Waldhorne die Muſik der Sehnſucht, und zieht ſein Klang doch immer das Herz fort wie zu einer Ferne, wo das Jeale wohnt und die Wünſche ihr Ziel finden dürften!— Auf das letzte Paar unſeres Reiterzuges wirkte alles eben Beſchriebene heute beſonders mächtig. Die Menſchen⸗ ſeele iſt kein todter Thon, der ſich von der Natur ihre Formen eindrücken läßt, geduldig ſie forttragend, wie die äußere Gewalt ſie gab; nein! der Geiſt iſt ſchaffend, wie die Natur; mit ihr ſich gattend, trägt das Kind die Züge beider Eltern, und die Stimmung des Geiſtes gibt ihm den Hauptcharakter. Das kühne, jugendliche Weſen Eleonorens, auf klarem Verſtande und reinem Sinne erwachſen, löſete ſich allmälig aus den Ketten, welche ſchüchterne Jungfräulichkeit und höfiſcher Zwang bisher um ſie geſchlungen hatten. Mit jedem neuen Blicke, der die Herrlichkeiten der feſſelloſen, ungebändigten Natur begierig einſog, wurde ihr Auge klarer, dreiſter, ihre Haltung freier, ihre Rede ungezwungener und vertrau⸗ licher. Zum erſten Male in ihrem Leben ſah ſie ſich unbewacht von der Duenna und quälenden Dienerſchaft; ſie dünkte ſich die Königin dieſes muntern Völkchens, denn der, welcher als der Gebieter aller dieſer geboren ſchien, in deſſen Auge die Götterflamme leuchtete, deſſen Schwert nicht wie eine ſpielende Zierde, ſondern wie ein erprobtes Symbol der Männerkraft an der kräftigen Hüfte ſchimmerte, ritt neben ihr ehrfurchtsvoll und in demüthiger Aufmerkſamkeit, auf ihren Wunſch und Wil⸗ len horchend. Es war der ſchlanken Jungfrau, als wäre heute ihr Krönungsfeſt, und man führe ſie unter Volks⸗ jubel durch ihr prangendes Reich, und im jugendlichen Uebermuthe gab ſie ſich ganz dem glänzenden Traume hin. O ſeliger Moment, der jeder edeln weiblichen Seele erſcheint, wenn ein Würdiger zuerſt vor ſie hin tritt mit der ſtumm⸗beredten Werbung im glühenden Auge! Seliger Moment, in deſſen Frühlingsſtrahle der Blumenkelch ſich aufthut im wunderſamſten Reiz, und der die Schönheit mit blendendem Himmelglanze um⸗ gibt!— Herzog Georg ſah und hörte mit Erſtaunen, wie ſeine Nachbarin langſam die Verpuppung durchbrach, und ihr Geiſt die farbigſten Papillonsflügel entfaltete. Sein Auge hing mit Entzücken an der lieblichen Geſtalt, die mit jeder Minute ſich freier und kräftiger bewegte; mit Wonne horchte er auf ihre Erzählungen vom 325 Vaterlande, wie ſie das ſchöne Rheinland mit dieſen Gegenden verglich, und jedem ſein Lob ſo verſtändig zumaß; wie ſie des Bergadlers Flug bewunderte, der über der höchſten Steinkuppe ſtolz hinzog, ein König der Lüfte; wie ſie ſich kindlich ergötzte über ein Rudel ſchlan⸗ ken Hochwildes, welches auf einem beſonnten Abhange lagerte, zwar mit vorgeſtreckten Köpfen auf den Hörner⸗ klang horchte, jedoch nicht zu dem Dickicht floh, als wüßte es, daß die Jahreszeit ihm Schutz gewähre vor dem tödtenden Jagdgewehre. Aber ihre vertraulichere Hingebung weckte anch ſein Vertrauen. Als wäre ſie ſchon ſein eigen, ſo dreiſt und ohne Frage faßte er den langflatternden Prunkzaum des Schimmels, und zog ihn näher zu ſeinem Hengſte, als die Straße durch eine ſeichte Stelle der Siber führte; und als ſie ſich über das bunte Kieſelgeröll und die blauen Schlackenbrocken, mit denen es untermengt war, freute, ſtieg er ab und ſuchte ihr die glänzendſten der Steine aus dem Waſſer, und nahm die verlorene Stange eines Edelhirſches aus dem Buſch, und brachte ihr das krausgewundene Ge⸗ hörn, als Andenken an das Thal und den ſchönen Mor⸗ gen; und als ſie raſch über einen Steg ſprengte, deſſen Balkenwerk morſch und zerbrechlich ließ, machte er ihr bittere Vorwürfe, die ſie lächelnd anhörte und ein Nicht⸗ wiederthun bei ähnlicher Gelegenheit gelobte. Georg fühlte ſich ſo überglücklich, daß die Zeit un⸗ bemerkt ihre rauſchenden Fittiche über ihn geſchwungen hatte, daß er erſchrack, als er erkannte, der Reiterzug habe ſchon das ganze Thal hin und zurück durchſchritten, und man halte vor dem Forſthauſe, am Eingang deſ⸗ ſelben, wo Prinz Ulrich, ſchon dem Sattel entſprun⸗ gen, im Gatterthore lebhaft fragte, ob die Tafel bereitet 326 ſei und der geweckte Appetit die gewünſchten Leckerbiſſen finden möchte? Von ihrem Ritter aus den Bügeln ihres Pferdchens gehoben, folgte die ſcheue, ſchmiegſame Pauline ohne Aufenthalt der Einladung zu dem mit großen Hirſchge⸗ weihen geſchmückten Saale des Forſthauſes; die dreiſtere, eigenwillige Eleonora aber ſprach ihre Abneigung frei aus, mit dem durch den Ritt bewegten Blute ſogleich in die, nach Harzſitte tüchtig geheizten Zimmer zu tre⸗ ten, ſondern zog es vor, zuerſt einige Gänge durch den Garten zu machen, der, niedlich angelegt, ihr umſichti⸗ ges Auge angezogen. Daß ihr fürſtlicher Begleiter dem Wunſche nicht widerſprach, läßt ſich aus ſeiner Stim⸗ mung erklären, ja er ſchöpfte daraus eine Hoffnung, die er kaum zu hegen gewagt. Der Augenblick des Al⸗ leinſeins mit der Auserwählten fiel unerwartet in ſein Leben hinein, und der Herzog, als Soldat immer aus⸗ gezeichnet durch raſchen Entſchluß, beſtimmte ſich ſogleich, dieſe Gunſt des Zufalls zu benutzen, die ihm ein Wink des Himmels zu ſein ſchien. Das ſchöne Paar durch⸗ ſchritt ſchweigend und allein dre Länge des Gartens, denn ſelbſt der Stallmeiſter war reſpektvoll an der Gatterthür zurück geblieben, und an einem Hügel angekommen, der, von jungen Tannen zu einer natürlichen Laube ge⸗ wandelt, ſich über die Luſtgänge erhob, ſtieg Eleonora raſch die kleine Anhöhe hinauf und trat an den Ausſchnitt der grünen Tarushecke, von wo man das Herzberger Thal und die Burg, welche es begrenzte und beherrſchte, zu überſehen vermochte. Gedankenvoll ſtand die hohe Jungfrau, und ihr großes Auge, die dunkeln, breiten Bögen herabgezogen, ſtarrte auf das gewaltige Gemäuer, das, wie ein Adlerneſt auf die Felſenſpitze gebauet, der 327 Kühnheit und Kraft des Erbauers eine Lobrede hielt, und Flecken und Thal als Schirmvogt zu bewahren ſchien. Verzeiht, mein Fräulein, begann der Herzog, nach⸗ dem er das ſchöne Mädchen eine Weile betrachtet hatte, daß ich die Audienz, die Ihr Euch ſelbſt zu geben ſcheint, verwegen unterbreche; aber ich meine, wie unſere See⸗ len ſich heute und geſtern gar oft zu begegnen ſchienen, ſo könnte dieſe Begegnung auch jetzt wieder ſtatt haben, und ich bin zu ſtolz auf das, um mich nicht darob ins Klare zu ſetzen.— Wie meint das mein Prinz? fragte das Fräulein, faſt erſchreckt aus ihren Gedanken auffahrend.— Euer Auge hing ſo feſt an jenem Schloſſe, fuhr Georg fort, doch kann es nicht der Bau ſein, oder der Berg, der ihn trägt, was Eure Seele dort weilend hält. Keine italieniſche Meiſterkunſt wurde dort ver⸗ ſchwendet; nur die Feſtigkeit der mannlichen Altvordern, ihr unerſchütterlicher Sinn ſpricht uns an aus ſolchen Ueberbleibſeln ihrer Zeit, und ein weiblich Gemüth hat keine Gedanken für das. Ich meine, weil mir dieſes graue Grafenſchloß, das ich geſtern zum erſten Male betrat, ſo plötzlich und ſo wunderbar lieb und theuer geworden, ſo möchte das auch vielleicht bei Euch der Fall ſein, und bei dem Ritter Georg! es könnte mir nichts Angenehmeres im Leben begegnen, als wenn Ihr Ja zu der Frage antwortetet.— Eleonora lächelte. Eure Frage iſt ſeltſam, entgeg⸗ nete ſie; muß doch jenes Schloß meine Seele an ſich binden, da es den Körper binden wird auf Tage, viel⸗ leicht gar auf Wochen, da die Freundin der Mutter, ja meine zweite Mutter, dort krank liegt, und ſtatt des er⸗ wünſchten, ſtillen Kloſters das ſturmumdräuete lebenvolle 328 Ritterhaus ſie und uns gezwungen beherbergen ſoll. Der Gedanke an die Kranke drängt mich von Prinz Ul⸗ richs Gelage hinweg, und wahrlich, hätte die Aebtiſſin nicht befohlen, hätte ich nicht vermuthet, ſie wünſche einen einſamen Tag, würde meine Laune dieſen Luſtritt nicht zugegeben haben.— Ihr weicht mir aus! verſetzte eifrig und ernſt der Herzog. O thut das nicht, Eleonora. Der Menſch ſoll die Stunde haſchen, die ihm der Himmel ſchickt zur That, zur Entſcheidung. Ein verlorener Augenblick iſt gar oft ein verlorenes Leben. Mein alter Kriegsmeiſter ſagte das oft; meinte der ſpaniſche Oberſt das auch in anderm Sinn, und bezog er es auch nur auf Waffen⸗ that und Siegesruhm; Eleonora, der Soldat hält die Stunde hoch, iſt doch vielleicht die nächſte nicht mehr ſein; der Soldat kennt keine verblümte Höflingsſprache, die zum Ziele kreucht. Ehrlich und wahr geht er gerade aus auf Feind und Freund. Eleonora, glaubt mir, zum erſten Male im Leben dachte ich geſtern daran, daß es ein höheres Glück geben könne, als den Waffenruhm. Darum laßt mich fragen, wie ein offener und eyrlicher Mann, antwortet mir, wie eine wahrhafte und deutſche Jungfrau, könnet Ihr mir zugethan ſein in warmer Neigung? ſeid Ihr mir ſchon jetzt nicht abhold, und darf ich werben um Eure ſchöne Hand bei den Ver⸗ wandten?— Das Fräulein ſchien nicht betroffen, noch gar erſchreckt bei dem raſchen Worte. Ihr Blick tauchte feſt in ſein glühendes Auge; doch trat ſie einen Schritt zurück. Mein Herr Herzog, ſagte ſie gedehnt, Ihr ehret mich und mein Haus, aber—— Keine Sorge, fiel raſch Georg ihr in die Rede; ich bin frei, nicht gebunden durch Regentenpflicht und Etikette; als jüngerer Prinz feſſeln mich keine Pflichten.— Eleonora's Geſicht drückte Ver⸗ wunderung aus. Ich ſtehe allein, ohne Verwandte in dieſem Augenblicke, ſprach ſie, und wäre nicht Eurer und Eures Stammes ſchon oft und ehrenvoll unter den Meinigen gedacht worden, müßte das Mädchen ſich fürch⸗ ten vor ſolch raſchem, faſt kriegeriſchem Angriffe. Doch will ich antworten, wie ſich's geziemt und wie mir er⸗ laubt, vergönnet Ihr mir vorher eine Frage.— Tauſende, entgegnete haſtig der Herzog; wenn nur die Antwort nicht zu viel der ſchönen, unerſetzlichen Zeit nähme.— Warum, mein Herzog, konntet Ihr ſo hart ſein ge⸗ gen den armen Bodendeich? fragte das Fräulein da mit vorwurfsvollen Blicken. Männer Härte und Jähzorn ſei das Folterbett der Ehe⸗ frauen, von dem nur der Tod die erſehnte Erlöſung bringe. Redet mir wahr, Herzog Georg; war dieſe Härte nur flüchtiger Schatten, oder dunkelnde Farbe an Euch? Ach! Euer Bild erſchien ſehr entſtellt in jener Stunde.— Eleonore, entgegnete der Herzog hoch bewegt, und ergriff ihre Hand mit Feuer, laßt mich dienen um Eu⸗ ren Beſitz drei Knappenjahre, prüfet mich, forſchet nach mir bei Jedermann, und dann urtheilt ſelbſt. Ich ſchäme mich jener Wallung und ihres Urſprungs. Doch traget Ihr ſelbſt die Schuld, und verzeihet vielleicht darum Euer Beſitz wurde mein brennendſter Wunſch, mein reichſtes Ziel; Gift trug der Gevanke, ein Anderer könne in Eurer Gunſt mir zuvor gekommen ſein, könne den beſten Theil ſchon davon getragen haben; Ihr ängſtigtet Euch ſo lebhaft um den Verunglückten, deſto leichter. 329 Ich habe ſagen hören, der 330 Ihr goſſet ſo viel der himmliſchen Milde aus Eurem Blicke auf ihn, als Ihr ſeinem ſtummen Danke Worte gabt.— War er nicht ein Menſch, als ſein Leben gefährdet wurde? verſetzte Eleonora faſt zürnend. Iſt er nicht mein treuer Cavalier, mein aufmerkſamſter Diener?— Euer Cavalier? fragte Georg ſtutzig.— Oder viel⸗ mehr der Prinzeſſin Dorothea, verbeſſerte Eleonora. Nein, nein, ich ſollte jetzt nicht antworten, ſollte ſtra⸗ fend verſtummen, weil Ihr ſo Unwürdiges dachtet.— Unwürdiges? fragte der Herzog, immer mehr ſein Erſtaunen im Geſicht zeigend. Iſt er nicht edler Geburt? Aber Ihr ſolltet nur verſtummen, und Ihr möget nicht, ſetzte er ſchnell hinzu, weil er Menſchenſtimmen im Garten hörte. Eleonora, laſſet uns nicht ſo aus dieſer Stunde ſcheiden.— Er bog ſein Knie vor dem Mädchen, und ſie, über⸗ raſcht von dem Ausdrucke, der das ſchöne, edle Männer⸗ geſicht überflog, im Gemiſch von Demuth und kühnem Verlangen, reichte ihm beide Hände, und ſprach leiſe dazu: Thut, was Euch das Herz befiehlt; redet mit Eurer ehrwürdigen Muhme. Ich werde mich prüfen, ob ich mich würdig achten darf, eines ſolchen Mannes Ge⸗ fährtin zu ſein.— Der Herzog ſprang auf, ſie in ſeine Arme zu ſchlie⸗ ßen, aber ſchon trat Prinz Ulrich durch das Tannenge⸗ büſch, und Georgs Auge allein durfte Eleonoren den Dank ausſprechen für die Seligkeit, mit der ihr Ge⸗ ſtändniß ihn überſchüttet.— Vetter, was ſagt Ihr dazu? rief der Prinz, faſt athemlos heraneilend. Von hier müßt Ihr es ja noch früher erſchaut haben, als wir aus den Fenſtern des ———— ——— 331 Saales. Hat Euren Pagen die Tarantel geſtochen, daß er ſolch tolles Zeug angibt, oder will er uns mit einem Faſtnachts⸗Hanswurſt überraſchen?— Wovon redet Ihr? fragte der Herzog aufhorchend.— Schaut nur hinaus, fuhr der Prinz fort. Iſt es nicht Euer Page, der Melzing, der dort auf dem ſtör⸗ riſchen Maulthiere heranſprengt, als gält's, das jüngſte Gericht anzuſagen. Der Kramm, welcher am Fenſter ſtand, erkannte ihn zuerſt am Scharlachjäckchen. Aber er wird in einem ſchönen Feſtkleide zu uns kommen, denn das alte geſpornte Thier ſchlug dort im Sumpfloch mit ihm nieder, daß wir meinten, der junge Bileam habe nebſt ſeinem Eſelein das Genick gebrochen.— Narrethei und Poſſen ſind das nicht, verſetzte der Herzog ernſt; der Melzing iſt Zucht gewohnt, und in meinem Dienſt iſt derlei ungeduldet. Laßt uns zur Pforte eilen, denn eine innere Stimme ſagt mir, daß nur etwas gar Abſonderliches den braven Knaben auf den Rücken einer ſolchen Schimpfmähre ſetzen konnte.— Mit weiten Schritten verließ der Herzog den Platz, nachdem er noch einen Blick, der Vergebung bat, auf das Fräulein geworfen, und bald ſtand er vor dem weißen Gatterthore, wo eben der bleiche Page mit be⸗ ſchmutztem Prunkwammſe auf dem dürren, ſpindelbeinigen Maulthiere anlangte, das an jedem rauhen Haare einen Schweißtropfen trug und aus den weiten Naslöchern heiße Athemzüge blies, als wäre der Tod ihm auf der Zunge. Ohne auf das Gelächter der Stallbedienten und Jäger zu achten, das den poſſierlichen Reiter empfing, ſprang der Page aus dem harten Sattel, und legte die Hand auf die Bruſt, um die athemloſe Lunge zu unterſtützen, die ihm den Dienſt vor dem Herrn verſagte. 332 Melzing! was ſoll die Kinderei? fragte der Herzog ſtrenge. Haſt Du mich dergleichen je dulden ſehen, und ſchämſt Du Dich nicht vor Deines Vaters Wappenſchilde?— Gnaden, ſtammelte der Knabe, es fand ſich keine Mähre mehr in des Amtmanns Stall, als das ehrliche alte Thier, und her mußte ich zu Euch. Meine kleine Perſerin hatte ich für das Fräulein Tann hergeben müſſen, und die Roſſe des Herrn von Wobersnau ſind ſo abge⸗ trieben vom Eilritt, daß ſie den Berg nicht wieder herun⸗ ter gemacht hätten.— Wobersnau, Ahrend von Wobersnau? ſhr der Her⸗ zog ſtutzend auf. Was trieb ihn hieher? Was will er?— Ach! Herr! antwortete der Page betrübt, die ſchwarze Schärpe ſteht dem Ritter gar traurig, und er bringt eine Unglückspoſt von Celle, und hat einen Brief an Euch. O, erſchreckt nur nicht, denn der regierende Herr iſt ge⸗ ſtorben, und kommt nur gleich mit, denn auch die ehr⸗ würdige Frau auf dem Schloſſe liegt im Sterben, ſeit ſie die böſe Kunde erfuhr.— Bruder Ernſt! der liebe, gute Bruder! ſchrie Herzog Johann, und der Jüngling warf ſich mit ſtürzenden Thränen, die er nicht barg, an des Bruders Bruſt, wel⸗ cher mit weitaufgeriſſenen Augen und immer bleicher wer⸗ dendem Antlitze den Unglücksboten anſtarrte. Aber ein weiblicher Klageruf im Garten, den ein gleiches Echo vom Saalfenſter beantwortete, erweckte den mannlichen Georg ſogleich aus der erſten Erſtarrung des Schreckens. Muth und Stärke, du treues Herz! rief er, indem er ſeinen bärtigen Mund auf die Stirn des jammernden Bruders preßte: wir wollen hinauf, und ſelbſt hören aus dem Munde des Wobersnau, was der Herr der Welt über uns verhängte.— So machte er ſich los aus der 333 brüderlichen Umarmung, befahl die Pferde und ſprengte bald in geſtrecktem Roßlauf über die Kieſel der Straße dem Schloßberge zu. Der Sturm, der in des Herzogs Bruſt ſo plötzlich wach geworden und das ſüße Stillleben, dem er ſich heute hingegeben, ſo ſchnell vernichtet hatte, kam an den Tag in ſeinem Ritte. Der ſchnaubende Spanier wurde mehrmals den nächſten Weg durch Sumpf und Untiefe gehetzt; er mußte durch den Rand des Sees, durch den flacheren Theil des Jües hindurch, da der bogenförmige Uferweg dem Reiter zu weit ſchien, und kaum hielt den ſauſenden Ritt der ſteile Burgpfad auf. Doch das heiße Stöhnen des Thieres brachte den Herzog zur Beſinnung und als er das treffliche Roß behutſam hinauf geführt, es ein weniges verſchnaufen laſſen auf dem Turnierplatze, und jetzt durch die Thore trabte, hörte er mit Verwun⸗ derung ſchon Hufſchläge hinter ſich, und ſiehe! Fräulein Eleonora und ihr Stallmeiſter langten ebenfalls an, und waren ſeinem Ritte auf Sturmesfittichen gefolgt. Wohl⸗ thätig wurde ſeinem Schmerze dieſe Erſcheinung und dieſe Nähe, und als er ſie von dem dampfenden Schimmel hob, preßte er die Athemloſe feſt an ſein Herz und ſah ihr mit einem Blicke voll Liebe und Schmerz in das ge⸗ trübte Auge. Um Gott, Herrin, rief er aus, wie folgtet Ihr mir nach, und wie konntet Ihr Euer Leben wagen?— Wolltet Ihr nicht theilen Alles mit mir von heut' an? fragte ſie zurück. Euch rief der Schmerz, mich rief die Pflicht, denn die Mutter ringt mit dem Tode.— Feſt drückte Georg die Hand der Herrlichen. 334 So thue jeder von uns, was das Schickſal und die Pflicht gebeut! antwortete er, und leitete ſie an die Pforte, wo der Herr von Streithorſt mit lauernden Blicken zu warten ſchien und das Fräulein empfing. Er ſelbſt ging dann zum andern Flügel, in den Ritterſaal, da Ritter Joachim ihm auf ſeine Frage verkündet, wie dort der Abgeſandte der Herrſchaften warte.— Im unbefiederten ſchwarzen Helme und Bruſtſtück, die Schulter umſchlungen von der breiten Trauerſchärpe, trat Ritter Ahrend von Wobersnau dem Bruder ſeines Herrn entgegen und reichte ihm ohne Worte, mit trauriger Miene den Brief des Her⸗ zogs Chriſtian. Georg empfing ebenſo das Schreiben, und las es langſam und mit tiefer Erſchütterung. So iſt es wahr, ſagte er dann vor ſich hin; vor drei Tagen iſt er verſchieden, der väterliche Freund, unſerer Jugend treuer Führer, und die Welt iſt um einen Edeln ärmer. Starb er ſanft? rief ihn der Herr ohne Kampf, wie er es verdient?— Schmerzlos, ruhig und in Ergebenheit! antwortete der ſchwarze Ritter. Mein gnädiger Herr, durch Eure von Euch voran und nach Haus geſchickten Ritter von Eurer Reiſe nach Herzberg benachrichtiget, ſandte mich ſofort, Euch zu laden zum hohen Begräbniß. Andere Boten gingen zum Herrn Friedrich nach Bremen und zum Herrn Auguſt nach Ratzeburg.— Bereitet Alles zur Abreiſe! befahl der Herzog. In wenigen Stunden brechen wir auf; Bruder Chriſtians Wille muß uns Befehl ſein. Aber wie kam die Bot⸗ ſchaft ſogleich in das Gemach der kranken Muhme? Wer beging die Unbeſonnenheit? Und wie konnte ſolche Er⸗ ſchütterung bei der Verwandten eintreten dadurch? Denn man ſagte, ſie ſei dem Tode nahe.— „— „— ————————— 335 Der Herr von Wobersnau kniff die Augen geheim⸗ nißvoll zuſammen, und der breite Schnauzbart ſtieg an der gebogenen Naſe empor; mit halb enthülltem Spöt⸗ teln fragte er dann: Eure Gnaden ahnen das nicht? Doch nein! Ihr waret in jener Zeit zu Jena mit den Golz und Eſtorf. Der entſchlafene Herr war ein treuer Freund der Prinzeſſin Dorothea, und hätten die Zwi⸗ ſchenträger nicht ihr böſes Spiel getrieben, wäre die ehrwürdige Domina ſicher unſere erlauchte Herzogin ge⸗ worden. So aber wollte der Herzog zu Wolfenbüttel ſeine Schweſter nicht dem Vetter geben, der ihm niema⸗ len Freund geweſen, der ſeiner rebelliſchen Stadt Braun⸗ ſchweig Hülfe geſendet und den Herzog Auguſt ſelbſt zum Entſatze geſchickt, der vor Kaiſer und Reich ihm das Fürſtenthum Grubenhagen beſtritt, und auf den er da⸗ rum den glühendſten Haß geworfen. Es waren böſe Tage damals im Schloſſe Cell, des Herzogs Krankheit begann von jener Zeit, und die Prinzeſſin mag auch ſeit⸗ dem keine Roſentage weiter gehabt haben.— Armer Bruder, ärmere Muhme! ſeufzte Georg vor ſich hin. Aber wie konntet Ihr, der ſolches wußte, die abſcheuliche Grauſamkeit begehen, dieſer Schmerzensfrau, dieſer Mater dolorosa, das neue Schwert in die wunde Bruſt zu ſtoßen 2— Nicht ich! verſetzte der Ritter erſchrocken; daß mich Gott bewahre! Herr von Streithorſt war es, der, als er kaum mit mir geſprochen, hinauf ſprang, und mit gewohnter Rauhheit das Grauſame ausſprach. Man will ja ſagen, er ſei einer der Rathgeber zu Wolfenbüttel geweſen, die des Herrn Zorn zu Flammen angeblaſen; ja, mehr, man glaubte, der Hochmüthige habe ſelbſt verwegene Abſichten auf die Prinzeſſin gehabt.— „ „ 336 Schweigt, Herr Ritter! ſiel der Herzog empört ein. Solche grauſe Anklage der Unmenſchlichkeit und des Haſ⸗ ſes mag unſer verwundetes Herz heute nicht aufnehmen. Geht und beſorgt unſere Befehle.— Nicht lange blieb der Herzog allein, denn die ande⸗ ren Prinzen und ihr Gefolge langten baldigſt im Schloſſe an. Alle ſchienen von dem unerwarteten Schlage getrof⸗ fen; die herzoglichen Brüder ſchloſſen ſich ein zur geheimen Zwieſprache; die Dienerſchaft ſchlich an einander hin, that vorſichtig, was ihr betreff der Reiſe geboten, und flüßerte nur zuſammen, denn die Aebtiſſin ſollte wirklich ſehr krank ſein; Prinz Ulrich war recht unmuthig und beſtellte gleich⸗ falls auf den morgenden Taß ſeine Heimkehr; nur Herr Joachim von Streithorſt ging mit triumphirender Miene durch die Säle und Gallerien, und ſein düſteres, ſtolzes Auge ſchien beſonders eine nicht gewöhnliche Aufmerkſam⸗ keit auf Alles zu richten, was zwiſchen den einzelnen Grup⸗ pen der im Schloſſe verſammelten Fremden vorfiel. Nach einer Stunde etwa, als ſchon die Roſſe der Lü⸗ neburger Prinzen aus den Ställen gezogen waren, wurde der Herr von Wobersnau zur Frau Aebtiſſin ntboten. Er fand die Domina auf dem Ruhebett, ſichtlich fieber⸗ haft, matt und erſchöpft, jedoch gefaßt und mit dem Ausdrucke frommer Ergebung im bleichen Antlitze. Sie ſandte bei des Ritters Eintritte die beiden Fräulein ſammt der Zofe hinweg und winkte dann den ſcheu daſtehenden Mann zu ihrem Lager. Verlegen bat der Trauerbote um die Verzeihung der Dulderin, indem ohne ſeine Schuld ihr die Nachricht unvorbereitet zugetragen; er verſicherte, ihren Aufenthalt im Schloſſe nicht gewußt zu paben, obgleich er beauftragt worden, auch ſie in Gan⸗ dersheim Namens ſeines Herrn zu begrüßen. 337 Milde hörte Frau Dorothea ihn an und ſammelte gleichſam während ſeiner höflichen Entſchuldigungsreden Kraft zu dem, was ſie mit dem Manne reden mußte. Wir erriethen ſchon den Zuſammenhang, begann ſie dann, und es bedarf darum Eurer Vertheidigung nicht. Dis Zunge, welche dieſen neuen Schlangenbiß gegen uns gerichtet, kannte die weichſte Stelle unſeres Herzens, und wir hoffen, ſie habe tief genug getroffen, um kei⸗ nen neuen Angriff nöthig zu haben. Saget Eurem edeln Hezrn, deſſen Vertrauter Ihr ſeid, wir dankten ihm für die treue Freundſchaft, und er möge unſer Andenken hegen, ſollten wir auch nimmer freundliches Wort mit ihm tauſchen können.“ Soget ihm, wir hätten ſeine Aufträge ſchweſterlich erfüllt. Landgraf Ludwig iſt Her⸗ zog Chriſtians Wünſchen geneigt, die Landgräfin, unſere treueſte Freundin, hat der Tochter Geſchick in unſere Hände gelegt, und das Darmſtädter Fürſtenhaus findet ſich geehrt durch eine Verbindung mit dem Hauſe von Lüneburg. Freilich werden die traurigen Umſtände Zö⸗ gerung befehlen; der edle Chriſtian mag mir darüber ſeine Willensmeigung anher ſenden; drängt ihn dazu, Herr Ahrend, denn wer weiß, was der Herr über uns verhängt hat, und wie lange wir noch freundſchaftlich zu wirken vermögen für den Lieblingsplan, die Herzen, welche uns hienieden die liebſten waren, durch enge Bande zu vereinigen. Nehmt dieſe goldene Kapſel für den Herzog; ſie enthält das Bild der Braut. Leget ſie getreulich in die Hand Eures Herrn. Mit beklommenem Athem hielt die Leidende einige Augenblicke inne, indeß der Ritter die Kapſel nahm und auf ſeiner Bruſt verbarg. Und jetzt noch eine Bitte! begann die Aebtiſſin wieder, kämpfend mit tiefen, Blumenhagen. 1V. 22 72 338 unverholenen Seelenſchmerzen. Nehmt für Euch dieſe Goldkette, gelobt mir dafür den letzten Liebesdienſt. Ihr waret eingeweiht in die Trauergeſchichte unſerer Herzen, darum darf das Weib zu Euch ſprechen, wie zu einem Freunde. Hier dieſes Seidentüchlein enthält die welken Reſte eines Roſenkranzes, den ich getragen an dem Tage, wo ich zum letzten Male in des ſelig Entſchlafe⸗ nen Nähe weilte, es enthält das Haar, welches man am Tage meiner Einkleidung von meinem Haupte ſchnitt; leget es heimlich in den Sarg des Herzogs; es ſind die Reſte meines irdiſchen Lebens, ſie mögen bei dem herr⸗ lichen Freunde ſchlummern, bis auch ich gerufen werde zu einem heiligeren Wiederſehen. O meine Seele war ja immerfort bei ihm in frommer Treue, und iſt ſchon jetzt vei ihm, wenn auch der zerbrochene Leib die nach Frei⸗ heit ſich Sehnende für wenige Tage noch feſſelt. Und nun geht, geht eilig, und vollbringt getreu, was wir Euch aufgaben.— Sie ſank wie ohnmächtig in die Kiſſen zurück, ihre Stimme brach unter Thränen, und der Herr von Wo⸗ bersnau neigte ſich erſchüttert vor der Schmerzgeborenen und verließ mit leiſem Schritte das Gemach. Im Vorſaale ſtieß der von Streithorſt auf ihn. Habt Ihr fromme Audienz gehabt? fragte er mit rüdem, frechem Tone; und wie befindet ſich die Hoheit auf das kalte Schreckensbad?— Ihr habt nicht gut gethan, die oft Gekränkte und Hoffnungsloſe neu zu verwunden, entgegnete Ahrend vorwurfsvoll. Was ſoll die nutzloſe Rache; hat doch der Himmel, wenn Ihr irgend beleidigt worden, genug⸗ ſam geſtrafet!— Oho! rief Joachim mit wildem Blicke. Was kommt — — 339 Euch an, Herr Ahrend, daß Ihr mich meiſtern wollet, der Euch kennt durch und durch, und wie durch Spinn⸗ web in Eure Seele ſchauet? Weiß ich doch, wie Euer Säckel ſich füllet auf Koſten der gar ehrlichen Herzöge, denen ihr dienet, und wie Ihr gegen Euren Eid mit unſerem Herrn zu Wolfenbüttel verkehrt. Hütet Euch, daß Euer Hofdegen nicht mit meinem Schwerte in Be⸗ rührung komme oder ich den Schutzverſpruch zerreiße, der Euch von mir geworden, falls dort Euer Antheil an unſerm neuen Münzverkehr, den die Narren Kippen und Wippen ſchelten, kund werden möchte. Das Kippen könnte bei Euch ſonſt zum Fallen werden, ehe denn Ihrs vermeintet.— Ein Bild der Furcht ſtand augenblicks der Angeredete da und ſuchte ſeinem Geſichte die möglichſte Unterthänig⸗ keit aufzudrücken. Mich dauert der Anblick, ſagte er ſcheu; ſie iſt ein Frauenbild, und die Männerhand ſollte ſich nicht an ihr vergreifen; naget doch der Todeswurm ſichtlich an ihr.— Laut lachte da Streithorſt auf. Weiberleben iſt zäh wie Weidenbaſt, verſetzte er hart, und ſelbſt im Grabe würde ich ſie haſſen, die meine Werbung verächtlich ab⸗ ſtieß, weil ich Vaſall hieß, da ich mich doch den Herrn ihres gebietenden Bruders fühlte. Aber geſtehet, was triebt Ihr im Geheimzimmer der frommen Frau? Ich weiß durch meine Kreaturen, ſie wirbt Freunde für das Lüneburger Haus zum Beiſtande gegen uns; ſie will den Erbprinzen vermählen mit einem Fürſtenhauſe, das Anſehen hat beim Reich, um Lüneburg zu heben zu Wolfenbüttels Sinken und Schaden.— Kaum konnte Ritter Ahrend ſein Erſchrecken verber⸗ gen. Nun ja, ſtotterte er, es gilt die reiche Darm⸗ 340 ſtädterin; aber die Trauer wird das in weites Feld ver⸗ rücken. Mir gab ſie nur einen Gruß an den Erbherzog mit, einen Gruß in den Sarg des ſeligen Herrn.— Er ſagt kein: Dank' Euch! mehr heraus. Pah! Darum kann mich ſolche Thorheit nicht weiter ärgern, ſtieß Joachim hervor. Aber bringt auch meinen Gruß Eurem Herrn und meldet ihm eine wichtige Neuigkeit, die ich ſelbſt ſo eben klar empfangen.— Und die wäre? fiel der Wobersnauer neugierig ein.— Sahet Ihr die Dame, welche vorhin mit dem Herrn Georg geritten kam? fuhr von Streithorſt fort. Die auf dem Schimmel meine ich; ich ſah Euch ja droben lauern am Saalfenſter. Es iſt ein Fräulein von Tann, und ſo wahr meine Augen gute Jägeraugen ſind, und meine Sinne alle friſch und geſund, Euer Herzog Georg iſt dieſer jungen Tann ſo gewogen, daß er ſie eheſtens in Euren fürſtlichen Garten verſetzen wird, thut der regierende Herr nicht einen Einſpruch gegen dieſe ſoge⸗ nannte Entweihung ſeines fürſtlich⸗heiligen Stammbau⸗ mes. Meldet Herrn Chriſtian das, und laſſet mich Theil haben an ſeinem gerechten Danke; und damit Gott befohlen, denn ich höre die Stiefel der Prinzen, und der Herr Lieutenant des tapfern Spinola beliebt einen Ton zu gebrauchen, den in einem Schloſſe des Wolfenbüttlers ein Streithorſt nicht zum zweiten Male hören dürfte, ohne an das Schwert zu ſchlagen, womit unſerer Herrſchaft denn doch nicht gedient ſein möchte. Gott befohlen, und gutes Geſchäft nochmals. So ging er mit einem Lachen, das in Zweifel ließ, ob Hohn oder Grimm es geboren, die Seitentreppe hinunter, indeß Herzog Georg im Hauptgange herankam, und dem Ritter Ahrend befahl, zu dem Vorgemach der 341 Damen ſich zu verfügen, und um die Erlaubniß für einen Abſchiedsbeſuch zu bitten. In den Armen der beiden Fräulein fand der Herzog die Domina, und ein rührendes Bild kindlicher Angſt und Liebe wurde ihm enthüllt. Doch bei ſeinem An⸗ blick ſchien Schmerz und Krampf der Kranken ſich zu lindern, und ſie begrüßte ihn mit freundlichen Augen. Er ſprach ſein Bedauern aus, ſeine Theilnahme, klagte, daß er die Freundin ſeines Geſchlechtes verlaſſen müſſe. Mit Liebe weilte ſie auf ſeinen von Schmerz entſtellten edlen Zügen. Reiſet mit Gott, ſagte ſie, und erzeigt dem theuern Todten die letzte Liebe. Ich bin bei den getreuen Unterthanen meines Bruders, bin in den Ar⸗ men zweier zärtlichen Töchter. O ſehet, ſo ſorgt der Herr der Welten auch für ſein verlaſſenſtes Geſchöpf und ſetzt ihm zu rechter Zeit die Stützen zur Seite, wenn ſie Noth thun. Auch Euch ſandte er mir, daß Euer Bild mich ſtärke und tröſte; ſeid Ihr doch jetzt, in Eurer bleichen, thränenreichen Rührung, dem Abgeſchie⸗ denen, der, wie ich, zum Dulden geboren, noch ähn⸗ licher als vorhin, da Ihr in Blüte und Heldenkraft uns aus dem Waſſer rettetet. Ach! da in der Nacht rief die Stimme aus der Tiefe; ich kannte ſie wohl und fürchtete mich nicht, und wäre ihr gern gefolgt. Aber der Wille des Herrn geſchehe!— Der Herzog bat, ſie möchte ſich ſchonen und die trüben Gedanken vermeiden.— Das ſchadet nicht und tödtet nicht, erwiderte ſie; das iſt das Oel auf meine Lebensflamme, die heilige, fromme Erinnerung, welche auch das klöſterliche Ge⸗ lübde nicht befehdet, denn an ſie knüpft ſich ſo eng der Glaube der Unſterblichkeit, und ſie iſt eine Religion des . 342 Herzens, die von keinem Zweifel getrübt wird und von keinem Unglauben beſchmutzt. O, wohl dem Erdenbür⸗ ger, welcher ein Band ſchloß, das, rein wie das Licht der Sonne und unverlöſchlich wie ihr Strahl, Farbe und Kraft behält das irdiſche Leben hindurch und hin⸗ über in ein überirdiſches! Wohl ihm, denn ihm ward das höchſte Gut auf Erden, ſelbſt dann, wenn er frem⸗ den Augen äls ein Verlaſſener und mit der Welt Zer⸗ ſpaltener und vom Glück Verſtoßener erſchien.— Wohl ihm! flüſterte Georg, und ſein Feuerblick traf die Geliebte. Herzog Johann trat jetzt ein mit dem Wobersnau; der Aeltere machte ihm Platz, empfahl ſich, und Fräulein Eleonore benutzte den freien Augen⸗ blick, ihm das Geleit bis auf den Vorſaal zu geben. Haſtig faßte Georg dort ihre Rechte. Gütige Herrin, ſprach er mit einer ſichtlichen Freude, die den ſchönen Mann für ein weibliches Weſen gerade jetzt unwiderſtehlich machen mußte, weil ſie, mit dem vorherrſchenden Schmerz in ihm gemiſcht, die Helden⸗ geſtalt kindlich weich machte; gütige Herrin, ſo erfüllt Ihr meinen letzten, unausgeſprochenen Wunſch, und gebt mir dadurch das köſtliche Pfand mit hinein in die Nacht der Trennung.— Reiſet und vergeßt uns nicht! flüſterte Eleonore, und ihr Geſicht wurde das liebliche Bild der Roſe, in deren Kelch die Perle des Thautropfens ſchwimmt.— Vergeſſen? fragte er heftig zurück. Wie ich nimmer meinen Gott vergeſſen kann und den Himmel des from⸗ men Chriſten und die Rittertugend, ſo kann mir auch nur mit der Zerſtörung meiner Seele das Gedächtniß an geſtern und heute entſchwinden. Ja, in dieſer ſchwimmenden Thräne ſchimmert mein Glück und der — 343 Segen meiner Zukunft. Ich darf werben um Euch, darf Euch bieten das geringe Glück, welches in meiner Wiege lag. Iſt es kein fürſtlicher Thron, ſo iſt es ein Thron von häuslichen Freuden umringt, an welchem ächte Männertreue kniet, und der Einen, der Einzigen, der allein Geliebten huldigt. Sehet dieſen Ring; auf den weißen, felſenharten Topas grub ein italteniſcher Künſtler mein Wappen. Nehmt ihn ats ſind meiner Treue; gebt mir dafür das ſchwarze Kreuzlein von Eu⸗ rer Bruſt. Herzog Georg gelobt bei dieſem heiligen Zeichen, ewig das Kreuz der Entſagung durch das Leben zu tragen, würdet Ihr ihm entriſſen, oder verſagte des Schickſals Zorn ihm Euren Beſitz! Eleonora, was ge⸗ lobt Ihr Eurem Getreuen dagegen?— Darf die Jungfrau Gelübde thun, da ſie unfrei die Tochter edler Eltern iſt? fragte das Fräulein mit Be⸗ klemmung. Aber Euer Bild hegen in Dankbarkeit, wie das des Lebensretters, und ihm freundlich zugethan ſein, wie die kranke Dorothea es that mit dem Freunde,— ach! in ihrer Marterſtunde geſtand ſie uns offen, welch ein Dolch ſie traf!— ja, das darf ich verſprechen, das würde ich gehalten haben, hättet Ihr auch kein Gelübde verlangt.— Sie tauſchten Ring und Kreuz. Es ſind die Zeichen des Bundes ohne Ende, geheiligt durch frommen Schmerz! rief Georg. Dieſe Reiſe zu den Brüdern wird ſchnell unſer Schickſal entſcheiden. Recht bald ſehet Ihr mich ſelbſt wieder.— Georg, ſprach ſie da, fortgeriſſen von dem drängen⸗ den Gehalt der Stunde, Ihr ſeid ſo ſicher, ſo gewiß! Wenn Ihr mit dieſem Ringe mir die Dornenkrone ge⸗ bracht hättet, die Dorothea's Stirn blutig drückte; wenn 344 Ihr nie wiederkehren dürftet; wenn einſt ein Trauerbote zu mir käme, wie heute zu ihr! O, was haben wir gethan daß wir ſo kindiſch ſchnell, ſo unvorſichtig zu⸗ ſammentraten!— Gott war dabei! Gott walte ob uns! antwortete der Herzog mit muthvoller Zuverſicht; und in ſeine Arme faßte er die Schwankende, und drückte ſeinen Mund auf ihre Stirn, ihre Wangen und ihre Lippen. Dieſer Kuß heiligt mir dieſes Haus für immer, ſetzte er glühend hinzu, und ich meine, alle die Fülle von Angſt und Entzücken, Trauer und Seligkeit, die dieſe eine Tages⸗ ſonne beſchien, könne von der Vorſehung nicht bedeu⸗ tungslos auf uns herabgeſenkt ſein, und es müſſe ſich viel Schönes und Großes an dieſen Tag und Mieſen Ort knüpfen, und der ſchnellen, geheimnißreichen Saat müſſe eine lange, goldene Ernte folgen.— Man kam; Herzog Johann und ſein Geleit trat ein; noch einmal drückte Georg Eleonorens Hand gegen ſeine klopfende Bruſt, dann ſchied er ſchnell, und bald hörte man im Schloßhofe die Roſſe ſchnauben, bald tönten laut die Hufe der enteilenden Pferde auf dem Fflaſter, bis ihr Schlag dumpfer und dumpfer klang unter den Bogengängen der Warten und Thore, und zuletzt tiefe Stille folgte. Einſam ſtand Eleonora im öden Vor⸗ ſaale; ein Fieberſchauer fuhr durch ihre Bruſt. Wirſt du ihn wieder ſenden, Vater der Seligkeit? fragte ſie leiſe. Oder haſt du all mein Lebensglück in dieſen kur⸗ zen Traum gedrängt?— Die gefalteten Hände hob ſie zum Himmel auf, hüllte dann ſchnell ihr Geſicht in den Schleier, und floh zu dem Bett der mütterlichen Freun⸗ din, bei der ſie die heftigſte Fieberglut nach allen dieſen Anſtrengungen ausgebrochen fand, und wo ihr eigener 345 Schmerz in der Sorge um den fremden den beſten Bal⸗ ſam fand und die frömmſte aller Zerſtreuungen. Die Stadt Celle, die freundliche Reſidenz der Lüne⸗ burger Herzöge, ſchon damals, wie jetzt noch, ausge⸗ zeichnet durch beſondere Geiſtesbildung ihrer Bewohner und feineres Leben der Geſelligkeit, erſchien ſtill und leer für die Fremden, welche nach und nach in ihre Thore ritten, um an der Begräbnißfeier des verſtorbenen Re⸗ genten Theil zu nehmen. Man fühlte, es ſtände hier nicht bloß der Leichnam eines Fürſten auf der Bahre, und die Poſaunen ſeiner Grabmuſik mahnten nur an die Vergänglichkeit alles irdiſchen Glanzes; nein, man fühlte an der ſtummen Trauer des Volks, daß ein treuer Lan⸗ desvater geſchieden war, daß die langſamen Glocken⸗ ſchläge von den Kirchthürmen die klagenden Zeugen ver⸗ waiſeter Unterthanen waren, daß die feierliche Muſik, die alle Stunde von den Ringmauern der Herzogsburg die Melodie eines frommen Kirchenliedes ertönen ließ, wiederklang aus dem Herzen jedes Lüneburgers, mochte ein Palaſt oder eine Strohhütte ſein eigen ſein. Früh war es Nacht geworden, und das langſame Trauergeläut von den Thürmen tönte feierlicher noch durch das Dunkel, und eindringlicher zu dem Herzen. Ein einſamer Mann, deſſen rüſtiger Gang und edle Haltung einen Mann von Stande verrieth, ſchritt von der Zugbrücke der Burg in die Stadt herab. Ein dunk⸗ ler, langer Mantel verhüllte ihn ganz, nur unten blitz⸗ ten die filbernen Sporen hervor und klirrten bei jedem Schritte auf dem leeren Straßenpflaſter; oben ſah man den breiten Hut mit ſchwarzen Federn, doch ſaß derſelbe 346 ſo tief in die Stirn gerückt, daß kaum ein heller Streif des Geſichtes ſichtbar blieb. Der Mann ging raſch durch die Stadt bis zum Thore, dort weilte er einen Augen⸗ blick vor der erleuchteten Pforte eines Hauſes, deſſen buntes Gaſtſchild eine Herberge verrieth, dann trat er raſch hinein, fragte einen Aufwärter nach dem Amt⸗ mann aus Ebſtorf, und ſchritt dann, wie gut bekannt mit der Gelegenheit, über die Flur tief im Hauſe ge⸗ rade auf das Zimmer zu, deſſen Nummer der Diener genannt, horchte einige Minuten, und da es ſtill blieb darin, trat er ohne Anmeldung oder Klopfen in die Thür deſſelben hinein. Ein kleiner, ältlicher Mann erhob ſich ſogleich vom Lehnſeſſel und kam ihm ehrerbietig entgegen; ein Frauen⸗ zimmer aber, durch ſchönen Wuchs, ein feines Geſicht und wunderſames kaſtanienbraunes Haar, das in vollen Locken ihre Bruſt und den enthüllten Nacken umflog, ausgezeichnet, ſprang von der andern Seite dem Alten voraus, und warf ſich dem Eintretenden ſo heftig an den Hals, daß ihm der Mantel von den Schultern fiel, und die hohe, faſt koloſſale Geſtalt, vom feinſten Trauer⸗ anzuge umgeben und mit breiter franzöſiſcher Ritterkette an der Bruſt geſchmückt, plötzlich enthüllt daſtand. Sieht Er, Vater, rief die Liebestrunkene, daß Er nicht Recht hatte, zuſammt dem böſen Verleumder. So heftig wie mein lieber Herr im Zorn iſt, ſo fromm iſt er und ehrlich in der Freundſchaft, und wird nie Eide brechen, oder mit dem Glück ſeiner Auserwählten ein Spiel treiben, das ihr ein Grabesſprung würde.— Was ſpricht meine Ilſa ſo hochtrabende Sprüche wie die Prinzeß im traurigen italiſchen Komödienſpiel? fragte der hohe Mann verwundert. Ich freuete mich ———————.— ————— — 347 Deines Boten, eilte ſogleich heimlich her zu Dir wenn auch an dieſem Abende nur Augenblicke mir übrig ſind für meine liebe Beſonderin, und dachte, Du wollteſt Deinem Gemahl einen Troſt bringen bei ſeiner Trauer am Sarge des Bruders. Nun haſt Du, ſtatt des ge⸗ wohntes Scherzwortes, Vorwurfsſpruch an den Vater, und vielleicht iſt gar auch für mich eine Lektion aufge⸗ ſparet?— Nein, nein! verſetzte Frau Ilſa heftig. Du biſt mein treuer, herrlicher Auguſt, und ich ſchäme mich zuweilen des Götzendienſtes, den ich mit Deinem Bilde treibe; doch der Schöpfer vergibt die überſchwengliche Liebe, die er mit dem Herzen erſchuf. Ich fürchte mich auch nicht mehr, ſeit Du da biſt, und Alles, wovon der Vater murrte, iſt vergeſſen, und ich freue mich ſelbſt über die finſtere Tracht, in der Du kameſt, die Dir ſo gut ſteht, und die ſtechenden Augen und das Heldengeſicht ſo mild und ſanft macht. Herzog Auguſt, denn er war es, ſetzte ſich und zog das geliebte Weib auf ſeine Knie und koſete zärtlich mit ihr, indeß der grauhaarige Vater mit wehmüthigen Bli⸗ cken da ſtand, und Worte zu ſuchen ſchien für das, was ſein Herz drückte. Nun, mein ehrlicher Schmidchen, ſagte der Herzog endlich, ſein unruhiges Trippeln und Seufzen bemer⸗ kend, ſo trage Er vor, was den räthſelhaften Empfang erklären möchte. Sei es, was es ſei, es iſt voraus wohl aufgenommen, denn es brachte mir unerwartet mein ſchönes, liebes Weiblein in die Arme, die ich traurend zu Ebſtorf glaubte, und in nächſter Woche kaum zu beſuchen vermocht. Der Alte bückte ſich tief und hielt einen langen Vortrag 348 Finſterniß zu tragen. voll juriſtiſcher Conſtructionen und lateiniſcher Flos⸗ keln. Er deducirte, wie er nicht ermangelt, im Reſpekt und Vertrauen auf ſeines Herrn Herzog Wilhelms beſten Sohn, ſeine Zuſtimmung zu dem heimlichen Ehebünd⸗ niſſe mit ſeiner einzigen Tochter, der gegenwärtigen Ilſa, zu geben, und wie ſolches Vertrauen bis jetzt kei⸗ neswegs fleckig geworden, und er ſich gleichſam ver⸗ jünget in dem ſichtlichen Glücke ſeines Kindes. hätten ſich einige kurioſe Zufälligkeiten ſeit Kurzem vor⸗ gefunden, die das Vaterherz in die Preſſe genommen, und pflichtgemäß ſchleunigſte Erörterung mit dem gnä⸗ digſten Schwiegerſohne gefordert. Hoher von Adel, der Herr von und zu Wobersnau, bei ihm eingeſprochen, oft und öfter, habe ein Ange auf die liebe Ilſa geworfen, und um ihre Hand geworben in Zucht und Ehren. Die Partie habe ſich nicht ohne Grund von der Hand weiſen laſſen, da der Freiersmann ein Mächtiger im Lande und, ſo zu ſagen, des gnädigen Erbprinzen zweites Ich geweſen. Darum habe man mit leeren Vorwänden den Werber hinzuhalten nicht erman⸗ gelt, bis man des gnädigen Schwiegerſohnes Meinung eingeholet, und da der Herr von Wobersnau zufällig für gewiß erzählet, daß eine hohe Vermählung von dem Regierenden für Einen der durchlauchtigen Brüder im Werke, und bei neugieriger Anfrage, faſt deutlich auf den gnädigen Herrn Auguſtus angeſpielet, ſo ſei das Herzlein der anweſenden Ilſa in ſolche Perturbation ge⸗ rathen, daß dem bekümmerten Vater derſelben nichts übrig geblieben, als ſofort ſeinen Wagen beſpannen und anhero fahren zu laſſen, um ſchleuniges Licht in ſothane Es ſei nämlich ein Mit leichtem Lächeln hatte Herr Auguſt bis dahin 349 die endloſen Perioden des ſchwer athmenden Amtmanns angehört, und nur zuweilen ſeinem Schooßkinde auf die vollen Wangen geklopft, oder ſeinen bärtigen Mund in ihre Locken gedrückt, indeß ſie ſtill und ſchmiegſam ihn feſt umhalſet hielt. Jetzt aber ſetzte er mit einem lau⸗ ten Lachen die Liebliche von ſeinem Schooße, trat feſt auf und ſtellte ſich mit vorgeſtreckten Armen vor dem erſchrocken zurückſchreitenden Prediger hin. Wofür hält Er mich, Vater? ſprach er mit ſeiner tiefen Stimme. Warum ſaalbadert Er mir den tollen Sermon daher, und ſtiehlt mir die kurzen Minuten, die mein Weibchen mir vorplaudern ſollte? Meinet Er, ich habe in Frankreich unter dem Anhalt Pariſer Leichtfer⸗ tigkeit gelernet, oder ſei gar in Ungarn bei den türki⸗ ſchen Feinden zum heidniſchen Glauben übergetreten, und habe nicht Genüge mehr an einem Ehegeſpons? Er iſt ein alter Träumer, und muß von dem Töchterlein den Glauben lernen auf ein ehrlich Geſicht und Auge, durch das ein deutſches Auge ſich verkündet. Ilſa iſt mein Weib, und keine Kaiſerstochter könnte ſie verdrängen von meiner Bruſt.— Sieht Er, Vater! jauchzte die Frau. Aber vergib ihm, mein lieber Herr; er meinte es gut, wenn er auch mich faſt ſelbſt zum Zweifel verführte.— Er ſoll ſeinen Willen haben, fuhr Herr Auguſt fort; kein Wobersnau ſoll ferner mehr wagen, leichtfertige Augen auf mein Geſpons zu richten. Ich will meine Blume ſo hoch ſetzen, daß auch nicht ein Duft davon ſolchen armſeligen Geſellen zu Theil werden könnte; das ſchwöre ich Ihm bei meiner Ehre und dieſem lieben Haupte!— Ein raſſelndes Getös ließ ſich plötzlich hören an dem Laden, welcher außen das Fenſter verſchloß. Alle ſtutzten, 350 horchten, und der Alte ward todesbleich. Ein Spion! ſtammelte er; ein horchender Feind!— Das Haus iſt voll von Fremden, entgegnete der Herzog beruhigend, aber leiſer. Was haben die Meinigen zu fürchten, beſchützt durch den Adlerhorſt, der nahe liegt, beſchirmt von meinen Flügeln? Morgen ſoll meine Ilſa droben ſein auf der Burg, und von meinen Schwe⸗ ſtern ſchweſterlich umarmt werden. Das war mein Ent⸗ ſchluß, als ich Eure Ankunft vernahm. Die Stunde der Trauer macht gute Herzen gerechter, und läßt dem Vor⸗ urtheil weniger Raum. Morgen, nach der Beſtattung, ſende ich den Boten, der Euch hinauf führt. Dann kaufe ich von den Brüdern mit meinem Erbgolde und der ungariſchen Beute das ſchöne Wathlingen für meine liebe Beſonderin, tauſche den Herzogshut mit dem blanken Silberhelme, nenne mich den erſten Soldaten des Va⸗ terlandes, und ziehe ein Heldengeſchlecht groß, das dem Fürſtenthume Lüneburg vielleicht dereinſt nützlicher werden ſoll, als ich es ihm geworden wäre, hätte ich den liebeleeren Thron beſtiegen.— Die ſchöne Frau Ilſa flog an des Vaters Hals, und herzte ihm alle Falten und Runzeln vom Geſicht; der Herzog nahm ſie aber nochmals in ſeine Arme, ſah ihr mit dem Ausdruck des glücklichſten Beſitzes in das Auge, und ſprach: ſchaffe Dir ein fürſtliches Trauerkleid, denn morgen gehörſt Du auch vor der Welt zu Vater Wil⸗ helms Familie! und nahm Abſchied, den die Glühende in Liebe verlängerte, bis er ſich losriß und, geſegnet von Beiden, Zimmer und Haus verließ. Dunkler noch war die Nacht geworden; nur aus ein⸗ zelnen Häuſern der reichen Cellenſer fielen von den obern Fenſtern zuweilen Lichtſtreifen über die Gaſſe, die aber 351 für den Wandelnden nur Blendung gaben, ſtatt gehoff⸗ ter Erleuchtung ſeines Weges. Der Herzog hüllte ſich vor dem Nachtwinde, der ſtreng durch die geraden Stra⸗ ßen zog, dichter in den Mantel, und ſchritt ſcharf zu, obgleich es ihm däuchte, als höre er nicht fern hinter ſich männliche Tritte. Da blitzte es auf in der Nacht, und ein Piſtolenſchuß fiel, und das Blei ziſchte dicht ne⸗ ben ſeinem Hute vorüber. Herr Auguſt ſchrack zwar zu⸗ ſammen, wie das Unerwartete auch den Kräftigſten er⸗ ſchüttert, aber ſchnell beſonnen, ſchlug er den Mantel zurück und griff nach dem Degen. Da fuhr eine dunkle Geſtalt auf ihn ein, er ſah eine Klinge blitzen vor ſeinen Augen, bückte ſeinen Nacken jedoch ſo gewandt und er⸗ fahren im tückiſchen Waffenſpiele, daß der feindliche Stahl über ſeinem Nacken hinziſchte, die Ecke eihes Steinhauſes traf und in klingenden Stücken über ihn her und auf dem Straßenpflaſter nieder ſplitterte. Verruchter Meu⸗ chelmörder! donnerte der Herzog mit ſeiner Kriegsſtimme. Welch ein Bube trachtet in Friedenszeit nach Fürſten⸗ mord?— Mit dem blanken Degen in der Rechten und mit vorgreifender Linken ſtürzte er dem ſchwarzen Feinde kühn entgegen; aber dieſer ſchien, von der Stimme ge⸗ ſchlagen, in den Boden zu verſinken, und als der Ange⸗ fallene nach ihm griff, raffte der Schattenmann ſich auf, huſchte zur Seite, und war windesſchnell von der Nacht verſchlungen. Fenſter gingen auf, Thüren erklangen über⸗ all; der Schuß lockte die Einwohner heraus. Beſonnen griff der Herzog nach dem Degengefäß, was am Boden blinkte, und welches der Feind im Erſchrecken hingewor⸗ fen. Raſch barg er es unter dem Mantel, kämpfte Zorn und Schreck nieder, und entfernte ſich eiligſt dem Schloſſe zu, um dem Tumulte vorzubeugen, den ſeine erkannte 352 Gegenwart erregen mußte, und der an dieſem Trauer⸗ abende ihm ſelbſt am ärgerlichſten, ſeiner eigenen Stim⸗ mung am widerwärtigſten geweſen wäre. In derſelben Stunde ſaß droben auf dem Herzogs⸗ ſchloſſe einſam und allein in ſeinem Geheimzimmer der Herzog Chriſtian, nach des regierenden Bruders Tode jetzt der Senior unter den Söhnen Wilhelms von Lüne⸗ burg, und der Erbe ſeines ſchönen Landes. Eine tiefe Stille herrſchte in der weiten Burg, obgleich alle Haupt⸗ gänge und Vorhallen hell erleuchtet waren; ſah man einzelne Perſonen die Steigen heraufſchreiten, ſo ſchienen dieſe eher Spukgeſtalten zu ſein, als Lebendige, denn der Anzug eines Jeden trug die Farbe der Nacht, und ihre Schritte tönten nicht auf den mit ſchwarzen Decken be⸗ legten Parkets, und ſelbſt die Leibwachen an den Pfor⸗ ten ähnelten verſteinerten Koloſſen, und rührten weder Glieder noch Gewehr. Zwei Wachskerzen brannten auf Chriſtians Tiſche, doch erleuchteten ſie nur trüb das hohe Zimmer. Der Erbherzog, ein Vierziger, von mittlerer Statur, einem edlen, doch bleichen Geſicht, deſſen reicher Bart und dunk⸗ les Haar ſchon hie und da den Silberſchnitt des nahen⸗ den Herbſtes zeigte, ſaß in Trauerkleidern, nachdenkend in dem Lehnſtuhl zurückgelehnt am Tiſche. In ſeiner Hand hielt er die geöffnete goldene Kapſel, welche die Aebtiſſin von Gandersheim geſandt, und dann und wann näherte er das Kleinod dem Lichte, und betrachtete das feine Bild, welches in dem Goldei verborgen ſchimmerte. Du hatteſt es gut gemeint, edle Freundin, ſprach er vor ſich hin, ſeinen Gedanken Worte gebend; da Dir 353 nicht vergönnt wurde, ſelbſt die Mutter eines neuen Für⸗ ſtenhauſes zu werden, wollteſt Du doch das edelſte Reis dem geliebten Baume einimpfen, das Kind Deiner Buſen⸗ freundin, von Dir gepflegt und erzogen, getränkt mit Deiner Großherzigkeit, genährt mit Deinem Hochſinn, und darum das Abbild Deiner Tugenden. Du ſandteſt das ſchöne Geheimniß in derſelben Kapſel, in welcher Du einſt das Bild Deines treuen Freundes erhielteſt, und welches nur Er und Du und ich zu öffnen wußten. Mir ſollte es das Glück des Lebens bringen, Du Wohl⸗ thätige, und, bei dem Himmel! lügt dieſes Bild nicht, ſind dieſe Züge der Seele Abdruck, ſo war Deine Wahl die würdigſte, denn was im Weibe Köſtliches und Schö⸗ nes zu erblühen vermag, verſprechen dieſe Formen. Aber dieſes Bild trägt die erſten halbgeöffneten Knospen der Jugend, und Du haſt vergeſſen, daß Freund Chriſtian lange nicht vor Dir ſtand, und Zeit und Gebrechlichkeit viel an ihm änderten. Ich würde zagen, ſollte ich frei⸗ willig und räuberiſch dieſe Roſe an meine Bruſt zwingen, und der ſchlafende Bruder hat es wohl gemacht, daß er mir die Wahl erſparte, und in Gottes Hand legte, was menſchlicher Vorwitz mißſtalten konnte. Gebeut das Schick⸗ ſal, nun dann iſt Chriſtians Herz vielleicht noch warm genug, dieſe Knoſpe vor dem Froſt zu wahren, Chri⸗ ſtians Herz vielleicht reich genug, einer ſolchen Jungfrau ein Loos zu bereiten, mit dem ſie zufrieden wäre, wenn auch ein jüngerer Bruder ihr ein ſchimmernderes Glück entgegen tragen möchte. Schweigen und Hoffen! So wollen wir's halten bis zum Ende!— Leiſe öffnete ſich die Thür, und Ritter Ahrend von Wobersnau trat ein, erhitzt, mit gerötheten Augen und hochathmender Bruſt. Kommſt Du endlich, Ahrend? fragte der Herzog ohne Blumenhagen. IV. 23 354 Groll. Die beſtimmte Stunde lief ſchon hinab. Ent⸗ ſchuldige Dich nicht. Ich weiß ſchon und vergebe gern. Dein geröthet Geſicht, Dein ſchwimmend Auge ſind Deine Verräther, hätte auch nicht der Commandant mir die Ankunft des ehrlichen Amtmanns von Ebſtorf pflichtgemäß vor Nacht gemeldet. Du wareſt bei der Braut. Dir ſtarb kein Bruder, und Dein Herr müßte nicht menſch⸗ lich empfinden, wollte er zürnen, daß Du Dir einen Labetrunk nahmſt, um auszudauern in der Trauernacht, welche mit ihm zu durchwachen Dein Dienſt befiehlt. Iſt alles bereitet und ſind die Prinzen verſammelt?— Sie ſind es, bis auf den Herzog Auguſt, fürſtliche Gnaden, antwortete Ritter Ahrend, ſich ſammelnd und feſtere Stellung erzwingend. Iſt der Brief hinein? fragte der Herzog weiter. Der Kanzler trug ihn nach Befehl hinüber, und als ich flüchtig den Saal durchſchritt, hatten die Herzöge ihn bereits erbrochen und laſen das Blatt, antwortete der Gefragte. So reiche mir Mantel und Hut, befahl Chriſtian, indem er aufſtand. Warum zögerſt Du? ſetzte er hinzu, den Ritter ſchärfer betrachtend. Wohin ſtarrt Dein Auge, als ſäheſt Du ſchreckende Erſcheinungen? Aha! Es iſt auf dem Tiſche das Bild, das Dich ſo anzieht. Hüte Dich, zu tief in dieſe funkelnden Augen zu blicken, Deine Ebſtorferin möchte neben ihnen den Preis verlieren. Und dieſes Bild umſchloß die Kapſel dort, welche ich hertrug? fragte Ahrend haſtig und ſeine Augen dreiſt dem Elfenbein nähernd. Und dieſes Bild iſt das Con⸗ terfei der erkornen Braut meines gnädigen Herrn? fragte er eben ſo weiter, als der Herzog milde mit dem Haupte nickte. O dann wäre Schweigen Verbrechen! Dann iſt 355 Reden FPflicht, die ein Unheil und eine grimme Zwietracht im Keime erſticken möchte.— Betroffen ſah in ihn der Herzog an, und ſprach ge⸗ ſpannt: Unheil? Zwietracht? Gott ſchütze dieſe Burg vor ſolchen Schlangen!— Es waltet kein Zweifel ob, ſtieß Herr Ahrend hervor, mit einer Lebhaftigkeit, durch welche faſt eine verſtohlene Schadenfreude klang. Die Dame, welche dieſes Abbild repräſentirt, die meines Herzogs hohe Gemahlin werden ſollte, befindet ſich zu Herzberg im Gefolge der Prinzeſſin von Wolfenbüttel, und—— doch die Zunge verſagt mir faſt den Dienſt, da ihr Wort meines Herzogs Herz verwunden dürfte,— Herzog Georg ſchien dort mit ihr genauer bekannt, als gut ſein möchte, und der Abſchied, bei welchem mein Blick ſie überraſchte, glich dem Schei⸗ den zweier Liebesleute wie ein Taubenei dem andern.— Der Herzog ſtutzte, ſein Blick wurde düſter, und er ſchlug die Augen einige Augenblicke, wie ſinnend, zum Boden. Du kannſt Dich irren, ſagte er dann langſam; er war nur kurze Zeit zu Herzberg, Du warſt noch kürzere Stunden dort, und konnteſt nicht viel beobachten. Galanterie und Herzlichkeit führen verſchiedene Sie⸗ gelringe, antwortete Ahrend erregt. Auch der von Streit⸗ horſt machte mich aufmerkſam darauf und ſpöttelte darob.— Des Herzogs Geſicht überzog Zornröthe. Du hätteſt dem groben, bäuriſchen Geſellen den Spott bezahlen ſol⸗ len mit ritterlicher Münze! erwiderte er mit Hitze; doch ſchnell wieder beſonnen, winkte er, nahm Mantel und Federhut aus des Ritters Hand, und verließ das Gemach. Verwundert über den geringen Eindruck, den die wichtige Botſchaft auf den Gebieter gemacht, bewegter 356 noch über das Räthſel mit dem Bildniß, folgte der Rit⸗ ter dem Herzoge durch die Burg, und öffnete dann ihm die Flügelpforte des Ritterſaales. Schwarz behangen waren die hohen Wände, Trauerflöre verhüllten die Helme, Harniſche und bunten Schilde an den Pfeilern, und von ſtrahlenden Kandelabern umringt, erhob ſich in Mitten der geräumigen Halle das Trauergerüſt, auf welchen der wie Silber glänzende Sarg des erblichenen Herzogs ge⸗ ſetzt worden. Der Deckel war vom Sarge abgenommen. Einbalſamirt lag die Fürſtenleiche da, mit dem unent⸗ ſtellten, alabaſterbleichen Antlitz, bedeckt mit Purpur und Hermelin, auf dem die wachsbleichen, feinen Hände ſicht⸗ bar waren. Schwert und Zepter hatte man zu den Füßen hingelegt, und am Kopfende des Sarges prangte auf weißem Sammetkiſſen die herzogliche Krone. Rund um den Sarg ſtanden bereits die fünf Brüder, und hin⸗ gen mit Kummerblicken an dem Schlummernden; Her⸗ zog Georg ſchien beſonders traurig und bewegt; Herzog Auguſt las noch an dem Briefe, und auch ſein Geſicht drückte Unruhe und Beſtürzung aus, die jedoch, als er zum Schluſſe gekommen, dem Ausdrucke der Entſchloſſen⸗ heit wich, welche immer ein Haupt⸗Charakerzug ſeines Antlitzes zu ſein pflegte. Der Erbherzog ging rund um den Sarg, und reichte, ohne Anrede, jedem der Brüder die Rechte. Zuerſt dem ſtarken Auguſt, der ſie heftig drückte, reden wollte, doch mit einem Blick auf die Leiche verſtummte; dann dem ſchlanken Friedrich, der ſeine einzeln rollenden Thränen nicht verbarg; dann dem fromm⸗ blickenden Magnus, dann dem mannlichen Georg, der das Kreuz ſeines Degens zwiſchen den Händen hielt, als hätte er eben ſein Gebet vor der Schlacht gehalten, und zuletzt dem zarten Johannes, der ſich ihm laut ſchluchzend 357 an die Bruſt warf. Den Brief den er aus Auguſtus Hand genommen, hoch haltend, ſtellte ſich Chriſtian alsdann oben hin neben das Kopfende des Katafalks, winkte den wacht⸗ habenden Gardeoffizieren, den Junkern und der Diener⸗ ſchaft, die an den Wänden gereihet ſtanden, und als Alle langſam und ſchleichend den Ritterſaal verlaſſen hatten, und die geſchloſſene Flügelthür die ſechs herzoglichen Brü⸗ der von den übrigen Trauernden ſchied, ſammelte er ſich gewaltſam zu der Rede, die ihm Pflicht geworden. Ihr habt das Schreiben geleſen, meine Brüder, ſo begann er feierlich, das dieſer liebe Todte an uns ge⸗ richtet, und in welchem ſeine große Seele, ſchon halb verklärt, ihre ganze Größe noch einmal entfaltete, in welchem ſein edles Herz noch einmal und zuletzt ſich öff⸗ nete, um uns die grenzenloſe Liebe zu zeigen, mit der auch im Kampfe des Todes er uns Alle umfing. Zwei Tage vor ſeinem Ende beſchrieb ſeine zitternde Hand dieſes Blatt; in der Stunde des Scheidens legte er es in meine Hand; aber es iſt nichts ganz Neues, was er uns anbefiehlt; aus Vaters Wilhelms Geiſte entſprang die Idee, die uns darum heiliger ſein muß. Mit uns beiden Aelteſten beſprach ſchon Er ſich darüber, jedoch waret Ihr, Georg und Johannes bei des Vaters Tode zu unmündige Knaben, um mit Euch berathen zu kön⸗ nen, und ohne euern Willen zu verfügen, ſchien uns Aelteren ungerecht und gewaltthätig. Jetzt ſtehen wir Alle da als Männer, Alle bekannt mit dem Leben, alle ſchon geprüft im Schickſalswetter. Jetzt iſt der günſtige Zeitpunkt gekommen; die weit Zerſtreucten ſtehen geſam⸗ melt an heiliger Stätte, und der Blick auf dieſes er⸗ ſtarrte Angeſicht des Bruders, der ſein ganzes, von Krankheit des Leibes und von Seelenkummer gar oft 358 gemartertes Leben ſeinen Fürſtenpflichten widmete, erin⸗ nere uns an die Pflicht, welche unſer Stand uns auf⸗ erlegt, ſei uns ein Muſterbild und rufe uns zu, daß wir Welfen heißen und dem älteſten Herrſcherhauſe des deut⸗ ſchen Reichs angehören. Was bedarf es hier langer Rede und Mahnung! Ernſt, der Bekenner, war unſer Großvater, und wir ſind Wilhelms Söhne und wiſſen, daß des Vaters Gemüth nur darum erkrankte, weil der Verfall der braunſchweigiſchen Häuſer wie ein Wurm an ſeinem Herzen nagte, und die Unmöglichkeit, das ge⸗ wünſchte Glück ſeinen Unterthanen wieder zu geben, der Krebs ſeiner Seele war. Ehret den Vater, Brüder, in⸗ dem ihr ſeinen Wünſchen Erfüllung gebt. Laſſet mich den Inhalt des Briefes, des Teſtamentes dieſes Schlum⸗ mernden, kurz wiederholen. Die Söhne des Löwen wur⸗ den ſchwach, weil ihrer zu viele waren; das Reich des Löwen wurde ohnmächtig durch Verſplitterung unter ſeine Erben. Laſſet uns ein Beiſpiel geben für alle künftigen Söhne des Welfenſtammes. Laſſet uns wenigſtens thun, was in unſerer Macht ſtehet dabei. Freiwillig wollen wir ein Hausgeſetz entwerfen, daß nimmer wieder getheilt werden, daß jeder kom⸗ mende Zuwachs von Land mit unſerm Lüneburg ver⸗ einigt bleiben ſolle auf ewige Zeiten, und um unſere Nachkommen vor Verführung zu ſichern, laſſet uns looſen, damit nur Einer der Stammvater des neuen Hauſes werde, nur Einer ſich ebenbürtig vermählen dürfe, wenn auch die Succeſſionsrechte der Erſtgeburt dadurch keines⸗ weges beeinträchtigt werden ſollen. Ein tiefes Schweigen folgte auf die kräftig geſpro⸗ chene Rede des geehrten Seniors der Familie. Herzog Auguſt nahm zuerſt dann das Wort. Ich ſtimme zul 1 359 ſagte er mit Haſt; ſei es, wie der Vater wünſchte und der Bruder Ernſt gut hieß. Ich ſtimme zu, indem ich entſage.— Entſagen? fragte Chriſtian ſtreng. Wollteſt Du ver⸗ ſchmähen, wozu der Herr der Heerſchaaren Dich gerufen? Möchteſt Du Dich ſelbſt der großen Ehre entkleiden, der Stammvater eines neuen Welfenhauſes zu ſein? Möch⸗ teſt Du ſelbſt das edle Blut verläugnen, das aus Leo's Adern in die Deinen überfloß?— Auguſt ſchwieg mit düſtern Blicken, aber Georg trat jetzt mit feſten Schrit⸗ ten zu dem Sprecher, und faßte mit beiden Händen ſeine Rechte und blickte bittend in das ernſte Antlitz. Bruder, ſagte er mit bebender, an ihm ungewohnter Stimme, erlaß auch mir die Looſung. Ich bin ein Kriegs⸗ mann; Regiment und Hausweſen paſſen nicht für das unſtete Leben, dem ich mich ergab. Laß mich kämpfen für Lüneburgs Ruhm und Größe, ſtelle mich als Wäch⸗ ter an die Grenzen. Ich darf nicht lvoſen, ſo wahr ich ein Welfenfürſt heiße!— Herzog Chriſtian ſchaute gerührt in die großen um⸗ düſterten Augen des bewegten mächtigen Mannes. War ich nicht an Vaters Statt der Führer Deiner Jugend? fragte er. Habe ich Dein Vertrauen nicht verdient von lange her? Warum willſt Du mich trügen in dieſer feierlichen Stunde, und warum gebrauchſt Du die Sol⸗ datenehre zum Deckmantel für eine Schwäche, die an dieſer heiligen Stätte Verbrechen iſt? Opfer verlangt der Fürſt von ſeinem niedrigſten Vaſallen in ſchwerer Zeit; ſoll denn der Fürſt ein Opfer ſcheuen für Land und Volk, welche er von Gott empfing? Nicht ich bin es, der räth und fordert. Der ſchlafende Bruder hier fragt euch durch meinen Mund: Wollet ihr das 360 Hausgeſetz bekräftigen? Wollet ihr looſen und wie deutſche Rittersleute und Fürſtenſöhne befolgen, was das Loos befahl 2— Georg ſtand erſchüttert, zerſchmettert faſt, doch ſprach er mit den fünf Brüdern, wenn auch leiſer als ſie: Wir wollen! Wir geloben!— Feierlich trat jetzt Herzog Chriſtian zu einem Seiten⸗ tiſche, deckte ein golddurchwirktes Scharlachtuch auf, und enthüllte einen Goldhelm, welcher umgeſtürzt dort ver⸗ hüllt gelegen. Es iſt ein Familien⸗Kleinod, der Helm Heinrichs des Löwen, welchen er trug im Kriege gegen die Ungläubi⸗ gen, ſagte er; ſechs ſilberne Kugeln birgt dieſer Helm, eine davon iſt vergoldet. Wer dieſe zieht, iſt der neue Vater des Hauſes Lüneburg. In silentio et spe! Gott führe unſere Hände.— Bedächtig griff er in den Helm, nahm eine Kugel und hielt ſie verborgen in der Hand, und die Brüder folgten nacheinander ſeinem Beiſpiele. Habt ihr Alle euer Theil? fragte Chriſtian nochmals, indem er den Helm ſchüttelte. Nein! fuhr er alsdann zornig auf, es klingt noch eine Kugel darin. Welcher von euch hinter⸗ ging uns? Wer war der Falſche? Wer iſt der Kir⸗ chenſchänder, der Beleidiger dieſer heiligen Leiche? Wahre Dein Wort! entgegnete heftig Herzog Auguſt. Niemand darf mir Falſchheit vorwerfen. Ich looſete nicht, weil ich nicht betrügen wollte. Eure Looſung ſoll mein Loos en ſcheiden. Ich looſete nicht, weil ich keine Landesmutter auf des Vaters Thron ſetzen kann, weil ich vermählt bin ſeit zwei Monden ſchon. Ein wilder Ingrimm entſtellte Chriſtians edle Züge. Vermählt? ohne des Regierenden Wiſſen und Zuſtimmung. 361 Brüder, werdet ihr dulden dieſe Kränkung der Fami⸗ lienrechte 2— Da ſtürzte der zarte Johannes ſich ängſtlich zwiſchen die beiden Streiterhitzten und griff kühn in das goldene Gefäß des Schickſals. Um des ewigen Verſöhners Willen, keinen Bruderzwiſt, den nie geſehenen im Welfenhauſe! Keine Zwietracht in dieſer Stunde und an dieſem gelieb⸗ ten Sarge! Ich ziehe für den Bruder Auguſt. Hier iſt ſeine Kugel. Sehet, ſie iſt weiß, iſt unvergoldet, und er iſt entlaſſen ſeiner Pflichten vurch Gottes Fügung. Beide Brüder traten beſchämt zurück vor der Un⸗ ſchuldsſtimme des zarten Jünglings, beide nahmen ihn, vom Gefühl gedrängt in ihre Arme, und aus ſeinen Armen geleiteten ſie, von ihm gepreßt, einander an die Bruſt, und hrelten äch lange reuig umfaßt. Mit einem tiefen, ſeufzergleichen Athemzuge trat Chriſtian dann zu⸗ rück zum Sarge, und Alle folgten ihm in die Nähe der leuchtenden Kandelaber. Nach ſeinem Aufrufe öff⸗ neten die Brüder zugleich die Hände und zeigten die Kugeln. Die vergoldete glänzte zwiſchen Georgs Fin⸗ gern, und eine gleichſinnige Freude lächelte auf allen Geſichtern, als ſie ihn umarmten und ihm Glück wünſch⸗ ten. Bleich, aber ernſt, ſtand der mannliche junge Fürſt in den Umhalſungen ſeiner Lieben, eine tief⸗dunkle Wolke zog auf ſeine große Stirn, und er ging mit geſenktem Haupte näher zu der Leiche und legte ſeine heiße Rechte auf die eiſig⸗kalte des Todten. Du rufſt mich auf, edler Dulder! ſagte er halblaut; Dulder mit der zerfleiſchten Bruſt, an deren unheilbaren Wunde Du langſam verbluteteſt! Erſt ſpät erkannte ich Dein räthſelhaftes Leid und konnte Dir nicht tragen helfen. Aber was Du konnteſt, kann auch ich. Die 362 Stimme aus Deinem Grabe ſoll mir Befehl ſein, und ſollte ich verbluten wie Du. Gold gibſt Du mir für Liebe; aber das war von jeher das Schickſal unſeres Standes. Fahre hin, du ſchöner Traum! O ihre klare Engelſeele ahnete, was uns bevorſtand, ſie wußte pro⸗ phetiſch, daß Du unſer Glück mit in Dein Grab nahmſt; ſo nimm auch dieſe Unglückskugel mit hinunter, die zu heiß in meinen Fingern glüht. Er ließ die Goldkugel zwiſchen das Lailach fallen, fühlte ſich aber zugleich von Chriſtians Armen umfaßt. Entſagung lohnet ſich, ſprach der Erbherzog mit feuch⸗ ten Augen, hier oder drüben. Ich kenne Dein Herz, Georg; und laß mich ſorgen; dieſe Schickſalskugel wird Dir nimmer zum ſchwarzen Lebenslooſe werden.— Georg ſah verwundert auf, ſchüttelte jedoch ſchwermüthig das Haupt, indem der Bruder ihn verließ und die Edeln des Landes in den Saal rief, ihnen das Geſchehene zu verkünden. Der zehnte Apriltag des Jahres 1611 brach an, und eine ſchöne Frühlingsſonne ging über der Stadt auf, welche in letzter Mitternacht durch die feierliche Beſtat⸗ tung ihres geliebten Fürſten den großen Verluſt noch einmal empfunden. Die letzte Erdenherrlichkeit hatte treue Bruderliebe in vollem Maße um die geliebten Reſte des Entſchlafenen verbreitet. Wie die Mitternachts⸗ glocke ertönte, ſchloſſen ſechszehn Junker den fürſtlichen Sarg, befeſtigten den Herzogshut und das Schwert dar⸗ auf, bedeckten ihn mit dem ſchwarzen Sammettuche, worauf ein Kreuz in Silber geſticket, und trugen ihn zum Schloßhofe hinab, wo zahlloſe Haufen traurender 2 363 Bürgersleute in ehrfurchtsvoller Stille ſich bei dem Klange der Kirchenglocken verſammelt hatten. Eine Leibcompag⸗ nie zu Roß öffnete den Zug unter dumpfem Paukenwir⸗ bel; dann folgten, geführt von dem Futtermarſchall und Hoffourier, die fürſtliche Dienerſchaft, die Hofbeamten, die Magiſtratsperſonen und geiſtlichen Herren. Drei adelige Oberſten traten als Marſchälle dem Leichenwa⸗ gen voraus, welcher von acht Hengſten, mit ſchwarzem Tuch und Silberſtoffen behangen, gezogen wurde. Acht Cavaliere führten die Trauerpferde, zehn andere trugen einen Baldachin über dem Sarge und ſechzehn Offiziere folgten dem Wagen, jeder eines der fürſtlichen Wappen emporhaltend. Fünfzig Pagen von edler Geburt um⸗ ringten den Zug mit brennenden Fackeln. Alsdann ſah man, wiederum von drei Marſchällen angeführt, die Schleppenträger und die Jägermeiſter der Herzöge, denen dieſe ſelbſt in ſechs Trauerkaroſſen nachfuhren, und den Schluß machte die Trabanten⸗Garde zu Fuß mit nieder⸗ wärts getragenen Hellebarden. So ging der lange Zug unter Paukenwirbel und ernſtem Trompetenklange, von zahlloſen Bürgern begleitet, zu der Stadtkirche, wo ein großes Caſtrum Doloris den Sarg aufnahm, ein feier⸗ licher Gottesdienſt gehalten wurde und wo der General⸗ Superintendent Johannes Arndt eine Leichenrede hielt, mit dem Titel: Gwelfiſcher Schwanengeſang und Ehren letzter Nachklang, und zuletzt der Begräbnißthaler mit Bildniß und dem Wahlſpruch: In Deo spes mea! ver⸗ theilt wurde. Mit durchwachten Geſichtern, auf denen der Eindruck des tiefſten Kummers noch nicht verwiſcht war, ver⸗ ſammelten ſich am Morgen die Herzöge bei ihrem Ael⸗ teſten. In dem Beiſein der angeſehenſten Edelleute na % 364 der Kanzler das Dokument über jenes merkwürdige Haus⸗ geſetz auf, welches die Brüder am Sarge Erneſti errich⸗ tet hatten, welches einzig war und blieb in der Geſchichte deutſcher Fürſtenhäuſer, welches mit Erſtaunen das ganze gleichzeitige Europa als ein kaum glaubliches Opfer, von fürſtlicher Großherzigkeit der Eigenliebe und Selbſt⸗ ſucht gebracht, betrachtete, und welches der türkiſche Ge⸗ ſandte zu Paris ein Wunder der menſchlichen Natur be⸗ titelte, und zugleich laut den Wunſch ausſprach, ein ſolches Fürſtengeſchlecht von Angeſicht zu Angeſicht kennen zu lernen, und wenn es am Nordpole wohnte. Unter⸗ deß die anderen Prinzen unterſchrieben und unterſiegel⸗ ten, war Herzog Chriſtian dem Bruder Auguſt in das Geheimzimmer geſolgt; beide kamen bald zurück, und der Erſtere entließ jetzt die Verſammlung und behielt, außer ſeinem Cavalier, nur den Herzog Georg bei ſich, den er jedoch ebenfalls in ſein Kabinet treten ließ, und darnach dieſes verſchloß. Mit furchtvarem Ernſt trat er dann auf den erbleichenden Wobersnau zu und zog zu⸗ gleich ein Degengefäß ohne Klinge unter dem Fürſten⸗ mantel hervor. Nehmt zurück, was Euer eigen iſt, ſprach er mit ſtrengem Tone, was ich mit Schauder erkannte, da es einſt mein war. Ich mag meinen Diener nicht auf dem Hochgericht ſehen; ich will an blinde Eiferſucht glauben! darum reitet noch in dieſer Stunde über die Grenzpfähle unſeres Landes hinaus; in der nächſten iſt Euer Kopf dem Geſetz verfallen. Wortlos warf ſich der Ritter auf die Knie.— Er⸗ kennet die Größe unſerer Gnade, fuhr der Herzog em⸗ pört auf, wie er es ſab, und entweiht die Milve nicht durch eine fruchtloſe, tollhäusleriſche Bitte. Müßte ich 365 3 ahnen, daß Ihr gewußt, auf wen Ihr Euer Schwert gezückt, käme mir ein Zweifel daran, daß Euer Gehirn von unſinniger Leidenſchaft verrückt geweſen, ſo könnte nichts Euren Hals vor dem Nachrichter ſchützen. Fliehet, und werft Euch dem Streithorſt in die Arme, mit dem Ihr eine ſo genauere Compagnie zu führen ſcheint, als uns zuſtändig geſchienen.— Er verließ den Knieenden; dieſer aber erwachte, ſo wie der Fürſt verſchwunden, plötzlich aus ſeiner Zerſchmetterungsſtellung, ſah mit hämiſchen Blicken umher, und verließ dann eilfertig Zimmer und Schloß. Im Kabinette ſtellte ſich indeß der Erbherzog mit den hellblauen Augen voll Huld, welche ſeines Charakters Signalfahne heißen konnte, vor den Bruder hin und faßte den Verdüſterten und Gedankenvollen an beiden Händen an. Du biſt der Auserwählte unter uns, ſagte er mild, erkoren, den ſchönſten Zweig des alten Baumes Braun⸗ ſchweig zu pflegen und ihm neue Blüten zu entlocken. Ich werde ein unfruchtbarer Baum bleiben, und der Schatten und Schirm, den ich gab, wird vergeſſen wer⸗ den, ſo bald der Lebensſturm den Gipfel brach. Und doch ſtehſt Du da, wie ein Karthäuſer, Du, ſonſt der frohſinnigſte unter den Brüdern, das munterſte Solda⸗ tenherz, das von keiner Sorge wußte, und kein Mor⸗ — gen bedachte. Grämet ſich Dein Freiſinn, daß Du Wei⸗ verketten tragen ſollſt und zum Joche der Ehe verdammt wurdeſt?— Stutzend ob des launigen Tones des ſonſt ſo ern⸗ ſten, eben noch in Betrübniß verſunkenen Bruders, blickte Georg forſchend in die Augen des Redenden, fand aber nichts darin, als das gewohnte Licht der Güte und * 366 Brudertreue, das ihm ſolch Räthſel nicht entſchleiern konnte.— Es hat Zeit damit, ſagte er bedeutſam, die Pflicht drängt nicht, bis ich die Dreißiger überſchritten, und gern träte ich einem der Brüder das Recht ab, ſollte einer früher gewählt, früher gefunden haben. Mich zieht die Bellona hinauf zum Nord nach dem Dänen⸗ könige, und wahrlich, nur Deines Wortes Gewalt und das Schlummergeſicht des edlen Erneſtus wirkten wie Zauber auf mich, daß ich ſtill hielt, wie ein unmündig Kind, und dem Schickſale nachgab.— Chriſtians Blick wechſelte die Laune mit ernſtem Vorwurf. Nicht ſo! Setze Dich nicht ſelbſt herab, denn ich er⸗ kenne Dich klarer, als Du Dich ſelbſt erkenneſt! ſprach er kräftig. Ich weiß, gerade Du haſt mehr geopfert, als wir Alle; aber die Fortuna war dieſes Mal nicht blind, wie gewöhnlich, und den Würdigſten, den Kräf⸗ tigſten machte ſie zu ihrem Lieblinge. Vor dem künf⸗ tigen Stammherrn darf der Regent kein Geheimniß haben; als der künftige Stammherr mußt Du Theil nehmen an allen Regierungs⸗Sorgen und Freuden. So wiſſe, der Auguſt hat treffliche Mähr mitgebracht vom Kaiſerhofe. Grubenhagen wird unſer, die Entſcheidung iſt nahe, und ich meine, der Stammherr könne ſich als Gouverneur des wackern Fürſtenthums üben für ſein künftig Amt, und er wird es gern thun, liegt doch das ſtattliche Schloß Herzberg darin, wie ein Juwel auf der Spitze der Krone.— Was willſt Du damit? fragte Prinz Georg geſpannt und in lebhafter, kaum unterdrückter Bewegung. Auch ich habe mein Opfer gelegt auf den Altar der Vaterlandsliebe, fuhr Chriſtian fort, wieder ruhiger und freundlicher. Faſt verlobt ſchon muß ich jetzt dem Cölibat 367 ſchwören, und als ein einſamer Junggeſell leben und ſterben. Schau her, ob die Erkorene nicht werth ge⸗ weſen, die Mutter Celliſcher Herzöge zu werden.— Er nahm die goldene Kapſel vom Tiſch, öffnete ſie durch verſteckten Federdruck, und reichte ſie dem Bruder. Einen Blick nur warf Georg auf das Bild, dann fuhr Feuer⸗ glut auf ſein Geſicht, und entſetzt rief er aus: Dieſe? Und dieſe Deine Braut? Biſt Du ein böſer, quälender Zauberer?— Eleonora von Darmſtadt, fuhr Chriſtian fort, des trefflichen Landgrafen Ludwig von Heſſen, den der Bei⸗ name des Getreuen ziert, herrliches Kind war mir be⸗ ſtimmt, ohne daß die unſchuldige Jungfrau darum wußte. Ich ſollte ſie ſehen im Gandersheimer Kloſter, ehe ich entſchied. Nun iſt das anders geworden, und ich bitte Dich um den kleinen Bruderdienſt, hinüber zu ziehen nach Herzberg, wo die fromme Aebtiſſin noch krank liegt,“ und ihr einen Brief hin zu tragen, der das geheim ge⸗ knüpfte Band wiederum auflöſe. Oder wirſt Du mir den Dienſt und Botenritt verweigern, zu dem ich nur den Vertrauteſten gebrauchen kann?— Wild ausbrechendes Leben zeigte ſich jetzt an dem ganzen Georg. Hell funkelnden Auges umſchlang er ſtürmiſch den Bruder, und preßte wieder und wieder Lippe an Lippe. Bruder, Wohlthäter, beſeligender Bote von Gott! rief er, wie außer ſich. Verſtehe ich Dich recht, ſo biſt Du mein zweiter Vater geworden, der mir den Tod vom Herzen riß, und die Seligkeit an ſeine Stelle legte. O ſprich, iſt es— bin ich—— Werde ein Glücklicher! verſetzte der Regent, indem er das Haupt des Erſchöpften an ſeine Bruſt legte und mit der Segenshand berührte. Das Glück künftiger 368 Geſchlechter liegt auf dieſem Scheitel. Der Ewige ſchwebe über ihm, und ſchirme Deine Enkel und Urenkel, und mache ſie groß und herrlich, und Deiner würdig, daß ihres Ahnherrn Name noch in der ſpäteſten Zeit zur Bezeichnung des Edelſten und Erhabenſten erklingt. Ich entſage!— Und ein gerührter Himmelsbote hörte das Wort, und trug es hinauf vor den Thron des Ewigen, und der unſichtbare Herrſcher der Geiſterwelt lächelte Erfüllung. Mehre Wochen ſchlichen mit Schneckenſchritt hinab für das ungeſtüm wallende Blut, für die wachſende Ungeduld des liebenden Mannes, welcher der Held dieſer Blätter wurde. Er mußte ausharren, durfte nicht Brief noch Boten abſenden, dieſe Geduldsprobe legte ihm der Senior des Hauſes auf. Doch endlich war alles abgeſchloſſen unter den Brüdern, was der Wechſel der Regierung nöthig ge⸗ macht: Herzog Chriſtian hatte ſich am 15ten April mit Fürſtenhut und Hermelin bekleiden laſſen, und endlich die goldene Kapſel und den verſprochenen Brief an den Bruder ausgeliefert. Es war acht Tage nach dem heiligen Auferſtehungs⸗ feſte, da zog wiederum ein Haufen ritterlicher Reiter dem Schloſſe Herzberg zu, jedoch dieſes Mal aus einer andern Himmelsgegend und auf einer andern Straße, als im Anfange dieſer Erzählung. Herzog Georg ritt voran mit ſeinem vertrauten Hodenberg, ſein Stallmeiſter und einige Reiſige folgten. Die Sonne neigte ihren goldenen Wagen ſchon dem weſtlichen Nachtquartier zu, als ſie auf der Steinſtraße, die von der alten Stadt Oſterode durch die Berge führt, hinauf zogen. Eine 369 ſtille, kindliche Zufriedenheit hatte der Prinz auf der ganzen Reiſe gezeigt, hatte mit dem von Hodenberg traulich geplaudert über die Pläne der Zukunft, hatte offen geäußert, wie er wohl wohnen möchte in dieſen herrlichen Bergen und unter dieſem ehrlichen, ächtdeut⸗ ſchen Volksſtamme, hatte den Begleiter voraus ſcherzend zum Droſten vom Oſterode ernannt, damit der Edelfalk ſein Neſt nicht weit von dem Horſt des Adlers bauen könne; und nie erinnerte ſich Herr Marquard das ſonſt durch das Soldatenleben an ernſte Verſchloſſenheit gewöhnte Herz ſeines Gebieters ſo aufgeſchloſſen, ſo mittheilend gefunden zu haben. Er ſchrieb es dem pracht⸗ vollen Frühlingshimmel zu, dem Duft der friſchen Wie⸗ ſenteppiche, dem erquicklichen Aushauche der Stauden und Bäume, die, außergewöhnlich früh der Haft des milden Winters entlaſſen, ſchon im kleinen, krauſen Laube grünten, das durch ſeine feine Farbe dem Auge ſo wohl that. Jetzt aber, da ſie auf der kahlen Höhe an den breiten Teichen hinritten, und der letzte Wald, durch welchen ſie mußten, ſein Gewölbe öffnete, um ſie aufzunehmen, da verſtummte auf einmal des Herzogs Zunge; man bemerkte, wie er unruhig hinüber ſah, wenn die ſeltſam geſtalteten Gipfel der Höhen eine Aus⸗ ſicht gen Süden gewährten, wie er oftmals verſuchte, ſein gutes Roß auf der furchtbaren, durch Kieſelgeröll faſt ungangbaren Straße zum Trabe zu zwingen, und ärgerlich die Stirn runzelte, wenn Mitleid mit dem edlen Thiere und die Unmöglichkeit ihn zwang, den Zü⸗ gel anzuziehen und die Sporen ruhen zu laſſen. Herr Marquard fragte beſcheiden, doch der Herzog antwortete räthſelhaft: Kriegskamerad, haben wir Beide je Sieg gerufen, wenn wir auch ſchon die Wachtfeuer des Feindes Blumenhagen. W. 24 370 vor unſerer Linie flackern ſahen? Ein Schritt vom Ziele iſt ſo gut, als noch gar nicht ausgelaufen. Mor⸗ gen ſollſt Du hören, und vielleicht die Freude theilen. Heute laß uns eilen, denn die Sonne verläßt uns ſchon, in deren Scheine mir ſo beſonders wohl war, und die ſchaurige Dämmerung dieſes Waldes wirkt beklemmend auf mich, und erinnert mich an die ſchwarze Nacht, wo wir den Bruder einſenkten. Menſchenleben und Men⸗ ſchenglück hängt an ſeidenen Fäden; die kleinſte Ferne iſt ein Abgrund zwiſchen zwei befreundeten Weſen, denn ſie hindert Schutz und Beſitz, wenn auch die Seelen noch ſo getreu und allgegenwärtig beiſammen lebten, über die Ferne hin. Wer ſagt mir, ob ich Alles finde, wie ich es verließ? Die tückiſchen Geiſter dieſer Silberberge guälen mich mit Furcht, ſeit ich das Reich berührte, welches ſie bewachen. Darum vorwärts; Auge in Auge wird der Feind vor uns entweichen.— Marquard ſchwieg, da er ſeinen Herrn gleich nach dieſem Ausbruche ſeiner Empfindung wieder in tiefe Gedanken verſinken ſah. In einer offenern und ausgehauenern Gegend des Holzes, wo zwei Straßen ſich kreuzten, erſchienen den Reiſenden jetzt mehre anſehnliche Gebäude, in denen Lichter flimmerten. Es war eine herrſchaftliche Ziegelei, und ſie bogen auf das erſte Haus los, um die ermüde⸗ ten Roſſe durch einen Trank für die letzte Stunde des Weges zu ſtärken. Näherkommend hörten ſie mit Ver⸗ wunderung das Schnauben und Stampfen mehrer Pferde, vernahmen Waffengeraſſel und ſcheltende Stim⸗ men, und der Herzog hielt in einiger Entfernung an, ſaß ab, mahnte den Hodenberger, daſſelbe zu thun, und befahl dem Gefolge, vorſichtig und langſam ihnen nach⸗ zukommen. Eine weibliche Geſtalt flüchtete in demſelben 371 Augenblicke vom Hauſe her im Halbdunkel über den Weg, und erſchrack bis zum Verſtummen, als die Män⸗ ner ihr plötzlich den Weg vertraten, und ſie ſich von ihnen feſtgehalten fühlte.— Wer biſt Du? Wohin willſt Du? Und was für Kriegsvolk treibt ſolch Gelärm dort im Hauſe? fragte der Herzog ſtreng.— Thut mir kein Leid, jammerte die Dirne; bin nur die Magd, und kenne die wilden Geſellen nicht, die ſich ſchon ein paar Tage lang bei uns herumgetrieben. Ge⸗ hört Ihr aber nicht zu ihnen, o, ſo eilet hinein, und rettet den jungen, hübſchen Menſchen, den ſie eben herein gebracht; er blutet ſchon, und ich glaube, ſie wollen ihm an das Leben.— Der Herzog ließ das Weib ſogleich entſpringen, und ſchritt mit eiligem Fuß dem Gebäude zu. Einige Be⸗ waffnete ſtanden nicht weit von der Pforte im hitzigen Geſpräch, achteten aber ihrer nicht, weil ſie die Kom⸗ menden wahrſcheinlich für ihre Geſellen hielten. Die Hausflur war leer, und der Herzog trat ohne Zaudern an die Zimmerthür, welche halb offen ſtand, und weilte dort, mit Vorſicht überſchauend, was drinnen ſich begab. Mit Verwunderung ſah er einen unbewaffneten Burſchen am Boden liegen, unter den Händen zweier bärtiger Männer, die beſchäftigt waren, ſeine Glieder mit Stri⸗ cken zu knebeln. Der Liegende bat jammernd, klagte über Gewaltthätigkeit, und beſchwor ſeine Unſchuld. Zwei andere Männer, ritterlichen Anſehens und in ſchwarzes Eiſen verharniſcht, ja ſogar mit herabgelaſſenem Halb⸗ viſir, ſchalten und tobten in wüſten Flüchen, und der Größere ſchwang dabei ſein breites Schwert dräuend über dem Haupte des Gefangenen. 372 Ein Spion biſt Du, der unſer Werk in der letzten Stunde zunichte machen will! Aber ſolcher Vorwitz ſoll Dir zum ſauern Trunk werden, Du Weiberknecht und Schleppenträger! rief der Eine.— Meineſt Du, wir wüßten nicht, welch ein Turtel⸗ täubchen Du bedienſt da oben in dem Steinneſte? fragte höhniſch der Zweite. Für ein Spatzenweiblein will ſie gehalten ſein; mir haben aber wohl erkannt, welches Geblüts ſie iſt, und welch lecker Gericht die Alte für gewiſſe Mäuler, die wir nicht ausſtehen können, aufbe⸗ wahrt. Ihr zum Trotz wollen wir das weiße Mäus⸗ chen fiſchen für unſern Herrn, und, damit Du es weißt, zum Aerger bei Deinem Hinſcheiden, noch heute holen wir die flügge Brut aus dem RNeſte und fiſchen ſie gewiſſen hochfahrenden Leckermäulern vor dem ſtolzen Schnabel weg, treten als Retter auf bei der Entführten, und geleiten ſie zu unſerm Jungherrn, dem ſie wohl gefiel, und der ſich zur raſchen Werbung ſchon verſtehen wird, wenn die erſten Akte der Komödie gut geſpielt wurden. Und dann Vivat die Rache, und gute Nacht Lüneburg!— Ich verſtehe euch nicht, ihr gewaltigen Herren! wimmerte der Gebundene. Möget ihr thun, was ihr könnet; ich wußte ja nichts von euch, und ritt nur im Dienſt meiner Herrin.— Du haſt ausgedient, brüllte der Größere. Hebt ihn auf, Klaus! Hinaus mit ihm, und knüpft ihn auf an den erſten Eichbaum. Wenn er ausgeſparrlt, wird ſich ſchon ein alter Schacht finden, worein ſein Leichnam die Auferſtehung erwarten mag.— Um Jeſu willen! ſchrie der Gefangene laut auf. Schonet mein junges Leben! Ich ſterbe unſchuldig, wollte ———————— — 373 Niemanden Leid thun, und ſuchte nur Namens meiner Herrin den edlen Herzog Georg auf, der hier in der Ziegelei weilen ſollte, und von dem ein Brieflein zu uns kam.— Und Du haſt ihn zu rechter Zeit gefunden! rief mit einer Schlachtſtimme der Herzog, indem er die Thür vollends aufriß, und mit klirrendem Gewaltſchritt in das Zimmer trat. Der Lüneburger oder ſein Geiſt! ſchrie angſtvoll der Schlankere der Schwarzgeharniſchten und flüchtete an die Wand zurück. Strauchdiebe und Mordgeſellen! donnerte der Herzog und griff an das Schwert. Was treibt ihr für Schand⸗ that hier im Verſteck? In die Knie mit euch, und Re⸗ chenſchaft für die Gräuelthat, die euer eigen Schand⸗ wort verrieth!— Schwert heraus, Kameraden! knirſchte da der koloſ⸗ ſale Schwarze, und hob die Klinge zum Angriff. Das Rachewerk wird vollſtändig durch guten Zufall. Schlagt den Prahler nieder! Ward der feindliche Habicht lahm, iſt die Taube deſto ſicherer unſer.— Der Schlankere fiel ihm erſchrocken in den Arm. Es iſt der Herzog ſelbſt, flüſterte er bebend, und ſicher kam er nicht ohne Geleit. Mißlingt der Streich, ſo ſind wir Alle verloren.— Sein Zuſpruch ſchien nicht ohne Er⸗ folg, denn der Reiſige ließ die Klinge ſinken, beſann ſich einen Augenblick, ſtürzte dann plötzlich vorwärts, warf mit unerwartetem Stoße den Prinzen und ſeinen Freund zur Seite, und verſchwand durch die Thür. Im nämlichen Augenblicke hatte der Andere das nächſte Fen⸗ ſter aufgeſtoßen und war gewandt hinaus geſprungen, und als die beiden erſchreckten Knechte ihrem Herrn 374 eilfertig durch die Thür folgen wollten, der Hodenberger, der ſich wieder aufgerafft, Anſtalt machte, ihnen den Weg zu vertreten, rief der Herzog: Laß die Schurken! Das Mißlingen ihres Bubenſtücks iſt Strafe genug, und ſie entlaufen dem Galgen nicht.— Beide eilten jetzt zu dem Armen, der am Boden lag, und riſſen ſeine Bande los, da ſie mit Entſetzen den jungen Oswald von Bo⸗ dendeich, den Cavalier des Fräuleins von Tann, in ihm erkannten. Seid Ihr denn immer mein Schutzgott? ſtammelte der Jüngling, Georgs Knie umklammernd. Der Him⸗ mel hat Euch herbei geführt durch ſeinen getreueſten En⸗ gel. Aber auch mich hat er durch eine prophetiſche Stimme Euch entgegen geriſſen, und mich Todesangſt leiden laſ⸗ ſen, um eine Unthat zu Schanden zu machen.— Der Herzog nahm den Erſchöpften auf in ſeine ſtar⸗ ken Arme, und trug ihn zu einem Seſſel und flößte ihm ſelbſt Wein aus einem der daſtehenden Becher ein, indeß der Stallmeiſter eintrat, und die für ihn räthſelhafte Flucht der verkappten Reitersleute anſagte, welche ver⸗ ſchwunden waren, als hätte ſie der Wald verſchlungen. Erkannteſt Du die Stimmen nicht? fragte Georg den Hodenberger. Der zitternde Schurke erinnerte mich mit ſeinen Bebetönen an den ſchleichenden Ahrend.— Und ich möchte das Heil meiner Seele verwetten, die hölliſche Hünengeſtalt hätte mit des Streithorſtes Stimme gebrüllt, wenn auch das ſchwarze Viſir die Töne dämpfte, antwortete Herr Marquard.— Aber erzähle, bat ſchmeichelnd der Herzog den ſchwa⸗ chen Jüngling, löſe die Grauen, welche mich wie in Feuerkrallen gepackt halten.— Wo ſoll ich anfangen, wie ſoll ich ſelbſt klar machen, — — ——— —— ——— —— 375 verſetzte der junge Bodendeich, was mir trotz dem eben Erlebten unglaublich bleibt und wie eine Sängermähr im Gehirn nachſummt? Habt Geduld, Gnaden, wenn ich wie ein Weib berichte, und nicht wie ein gewandter Knapp, der Botenreiten gewohnt iſt.— Ohne Vorrede! Laß die Zunge nur los, armer Burſch! befahl der ungeduldige Prinz. Als Ihr fortgezogen, begann der Erzählende, ver⸗ ließen auch die von Wolfenbüttel bald das Schloß, und wir blieben allein in dem weitläufigen, verödeten Ge⸗ bäu. Die Hochwürdige Frau ward nun erſt recht un⸗ paß; der Arm heilte wohl, aber ein inneres Fieber griff nach dem Daſein. Alle zitterten für ſie, und von Gan⸗ dersheim und Einbeck mußten gelahrte Aerzte herbei, deren Kunſt das Leben zu friſten verſtand. Die weiſen Herren fanden viel Wunderſames in der Krankheit, und däuchte es uns recht ſchauerlich, wenn ſie manches Mal mit offenen Augen im Bett aufrecht ſaß, und Geſpräche mit todten Perſonen führte, oder fromme Reden hielt, die ſo erſchütternd wie rührend klangen, und bei denen ſie wie eine verklärte Heilige ließ. Ich trieb mich auf den nächſten Bergen und in des Amtmanns braver Fa⸗ milie herum, lehrte die rüſtigen Buben reiten und fech⸗ ten, und hörte denn da bei Tiſch gar oft, daß Vögte und Feldhüter manchen Bericht einbrachten, wie ſich in den Gehölzen beſonders viel Geſindel und fremde Rei⸗ tersleute ſehen ließen, und in den Waldſchenken Händel und nächtliches Unweſen trieben, und in den Dörfern auch zuweilen gar neugierig nach dem Schloſſe und ſei⸗ nen Bewohnern Frage gethan. Der geſtrenge Herr Amt⸗ mann runzelte dabei oftmals die Stirn, und wie ich ſelbſt einmal in ſternheller Nacht aus meinem Fenſter 376 in das ſchaurig⸗weite Thal geſchaut, und an dem lehn⸗ anſteigenden Schloßberge einige dunkle Geſtalten erblickt, die zwiſchen den krummen Steineichen und niederm Ge⸗ büſch herauf ſtiegen bis zu der Wehrmauer, und auf meinen Anruf keine Antwort gaben, da begann mir die Sache ſelbſt bedenklich zu werden; ich hielt Schwert und Piſtol nächtlicher Weiſe parat, und ſteckte, beſorgt für meine edlen Damen, dem Pförtner Haſſepaß manchen Silberpfennig zu, damit er emſig ſein ſolle im Verſchluß der Thore und ihrer Nebenpförtlein. Aber es blieb ruhig und begab ſich nichts, und die Langweile fing an, mich baß zu plagen in den alten Steingewölben, die Abends in ihrer Menſchenleere mir wie ein verwünſchtes Geiſterhaus vorkamen.— Ihr habt recht geſprochen vorhin, fiel der Hodenber⸗ ger ein. Eure Zunge iſt unter den Weibern etwas wei⸗ biſch geworden. Eilet zur Hauptſache, Ihr ſehet ja die Unruhe des Herrn.— Es wird kommen, daß der Durchlaucht die Augen groß werden vor Erſtaunen, entgegnete der Junker. Mein gnädigſtes Fräulein hatte recht fromm und magd⸗ lich am Bett der Hochwürdigen gewaltet; durch den An⸗ blick des argen Leides mochte ſie auch wohl tief gerührt worden ſein, denn ſie verlor gar viel von ihrer Mun⸗ terkeit und ſtand öfters recht ſchwermüthig an den Fen⸗ ſtern und ſchauete in das Wetter hinaus, was wir zu Hauſe nie an ihr gewohnt geweſen. Geſtern rief ſie mich allein auf den Vorſaal, als ich gekommen, wie gewöhn⸗ lich, um nach dem Befinden und den Befehlen der Herr⸗ ſchaft zu fragen; ihr Antlitz war hoch geröthet, und ſie trug den Ausdruck großer Unruhe noch deutlicher im Auge, wie Ihr, gnädigſter Herr, ihn jetzt zu erkennen ———— 377 gebt.„Bodendeich,“ ſagte ſie gütig,„mein Vater liebt Euch unter den Pagen beſonders, Ihr habt es durch ein treues Gemüth verdient, und dem Herzog von Lüneburg ſeid Ihr ewig als Eurem Lebensretter verpflichtet. Wer⸗ det Ihr verſchwiegen bewahren, was ich Euch mitzuthei⸗ len nothgedrungen bin, da mir jeder Andere, vielleicht paſſendere Vertraute mangelt?“— Ihr könnt ſelbſt den⸗ ken, was ich gelobte, wie geehrt ich mich fühlte, denn das gnädigſte Fräulein iſt ein Muſter der Tugend und der Gütigkeit. Da zog ſie denn ein Brieflein herfür, das ihr ſo eben eine Bauerndirne mit Heimlichkeit zu⸗ geſteckt, die mit Viktualien und friſchen Holzblümlein handelnd auf das Schloß gekommen. Der Brief trug Eure Unterſchrift, gnädigſter Herr Herzog, und auf dem Pettſchaft war ein Sanct Georg mit dem Lindwurme zu ſchauen.— Und was enthielt der Uriasbrief? rief der Herzog heftig aus. Mein Herz zittert, es zu hören.— Im Briefe ſtand manches zarte Wort, antwortete der Junker, vieles mir Unverſtändliche, von Familienzwiſt und Hinderniß und Trennung. Die Hauptſache aber war, daß Eure Gnaden berichteten, wie Ihr nicht weit von der Burg in dieſer Ziegelei heimlich Quartier ge⸗ nommen, wie Ihr wichtige Dinge mit dem Fräulein im Geheim zu bereden hättet, wie Ihr heute um die neunte Abendſtunde allein eintreffen würdet an dem gro⸗ ßen, weißen Felsſteine, der außerhalb des Burgthores liegt, auf dem Leichenwege an dem Winkel der Straße, von wo man herabſehen kann über das ganze Oertlein Herzberg hinweg. Ihr batet das Fräulein recht beſchwö⸗ rend, dort allein zu erſcheinen; Euer Glück wie das Ihrige befehle den ungewöhnlichen Schritt.— 378 Teufel! rief der Herzog. Welches Bubenſtück konnte geſchehen, hätte Gott nicht geſorgt.— Alſo Ihr ſchriebt den Brief nicht? ſtammelte Os⸗ wald erſchrocken.— Nicht eine Zeile, antwortete der Herzog; wie hätte ich der ehrſamen Jungfrau ſolche Unbill zumuthen mögen.— Das ſprach das Fräulein ebenfalls, erwiderte der junge Cavalier; ſie meinte, Herzog Georg bedürfe des Verſtecks und heimlicher Verkappung nicht; obgleich ſie irre geworden durch die Beſchreibung der Bauerndirne, die gar wohl auf Euch und Eure Geſtaltung gepaßt. Sie bat mich, ihr zu dienen, und ich war ſogleich be⸗ reit, mit einigen Reitern vom Amte das Holz zu rekog⸗ nosciren und Nachricht zu bringen.„Nein,“ ſprach ſie klug,„kommt der Brief von dem edeln Herrn, deſſen Namen er trägt, ſo muß was höchſt Wichtiges ihn be⸗ ſtimmen, und Ungehorſam würde ihn beleidigen.“— Nun, antwortete ich raſch, ſo reite ich allein ihm entge⸗ gen in der Dämmerung; der Wege bin ich längſt kundig durch tägliche Ausflüge. Ein Jägerhorn nehme ich mit mir, und verſchmäht der edle Herr mein Geleit nicht, ſo gebe ich am Berge das Zeichen durch dreimaligen Jagdruf auf dem Horne und Ihr könnet dann ſicher zum weißen Steine herabkommen.—„Brav,“ ſprach ſie freudig, ich werde die beſtimmte Stunde in dem Hauſe des Pförtners erwarten, und verſchmäht der Herzog Dein Geleit, ſo bitte nur, daß er Dich voranſendet und mir dabei ein gewiſſes Kreuzlein ſchickt zum Zeichen; dann werde ich kommen, wohin er befehlen möchte und gern mein Schickſal ſeiner Hochherzigkeit anvertrauen.“— Ich ritt muthig in der Dämmerung aus, und ahnete nichts Böſes, denn mich begeiſterte die Freude, Euch zu dienen. 379 Selbſt als ich im Holze mehren verwegenen Reitern begegnete, achtete ich es nicht, ſie für die Eurigen hal⸗ tend. Als ich aber zuletzt hier in der Nähe Einem der⸗ ſelben die Frage that nach Euch und Eurem Aufenthalte, da hielt der rieſenſtartke Mann mich feſt, eine Meute rauher Burſchen fielen mich an, und nach kurzer Wehr ward ich vom Pferde geriſſen, hieher geſchleppt, und kamet Ihr nicht, wäre die arme Seele ſicherlich ſchon dem Himmelreiche näher als der Erde.— Ingrimmig ballte der Herzog die Fäuſte und ſchritt unter heftigen Zornworten durch das Zimmer. Gott iſt ſtark in den Schwachen, ſagte er, denn ohne des treuen, bartloſen Burſchen unbedachten Ritt hätte der Ueberfall uns nicht herangelockt und in die Geheimniſſe der Böſe⸗ wichter eingeweiht, und, wenn auch nicht heute, hätten ſie doch unſere Sicherheit ſpäter zur Ausführung des Schelmenſtücks benutzen mögen. Aber Deiner Treue ſoll der Lohn nicht mangeln, Du bleicher, guter Menſch, und iſt es Dir recht, ſo ſollſt Du mein Knapp werden, und ich will einen Ritter aus Dir erziehen, wie die Zeit erheiſcht.— Dann befahl er haſtigen Aufbruch, indem die Furcht ihm kam, auch noch jetzt möchten die verwegenen Böſewichter ihren Anſchlag, den deutlich ge⸗ nug die eigene Rede verrathen, zu vollführen ſuchen. Das Pferd des von Bodendeich war fort, verlaufen, oder von den Wegelagerern mitgenommen; ſein Jäger⸗ horn fand ſich vor der Pforte des Hauſes wieder. Auf die breite Croupe des Pferdes von einem der Reiſigen wurde der Junker gehoben, und mit Eile trabte der Reitertrupp auf den gebahnten Waldwegen dem Ziele ihrer Reiſe zu, weit voraus ihnen Allen der erhitzte Herzog. 380 Der Himmel war wolkenfrei, die Sterne leuchteten. Bald hob ſich das alte Schloß groß und düſter aus dem Nebelſchleier der umnachteten Gegend. Am Rande des Burgberges, der auf dieſer Seite lehn anſteigt, fand das nachkommende Gefolge den Herzog haltend und ſchon abgeſeſſen. Er befahl Allen, hier zu weilen, und der Junker Bodendeich mußte drei Male ſein Jagdhorn tönen laſſen, welches lieblich rufend hinaufklang und deſſen Schall von dem alten Felſen in milderer Antwort wieder⸗ hallte. Dann ſtieg Georg ſelbſt einſam und langſam hinauf. Der weiße Stein ſchimmerte, aber ſchöner für Georgs Augen glänzte ein weißer Schleier daneben, und mit haſtigen Schritten war er da und umfing die ſchlanke, liebliche Frauengeſtalt, und preßte die Duldſame unge⸗ ſtüm an ſeine breite Bruſt. Ja, Du biſt die Meine! rief er mit der Glut des Entzückens. Deine Augen lo⸗ gen nicht, Dein Herz hielt das Gelübde. Wie Du mich werth hielteſt, davon haben, gegen ihren Willen, die Böſewichter ſelbſt mir den Beweis bereitet.— Ich bin eine gehorſame Magd, wie ſich's geziemt vor dem Herrn, antwortete Eleonore; mein Freund konnte mich zu nichts verleiten wollen, was meine Ehre ge⸗ fährdet, die er ſo feſt mit der ſeinigen verknüpfte.— Du haſt meinen Sinn erkannt durch Deinen Zweifel am Briefe, ſprach Georg feuriger noch. O komm ſchnell in die Burg; vielleicht bringe ich auch für Dich Freude und Lohn mit mir, Du liebe Herrin, wenn Du anders mir alſo zugethan biſt, wie ich in meinem Glückstaumel zu glauben verführt worden.— In die Burg? fragte ſtaunend das Fräulein. Wollte mein Freund nicht in Geheim— Komm nur, komm nur! rief Georg. Dieſer weiße Stein da iſt uns freilich ein Freudenſtein geworden, und ſoll ſo heißen für ewige Zeit. Aber mich ſchauert doch in ſeiner Nähe, wenn ich bedenke, daß er ein Schreckensſtein werden konnte, ohne das Walten der Vorſicht. Komm nur zur Tante; dort ſoll ſich Dir Alles enträthſeln.— Mit ſeiner hallenden Stimme rief er ſein: Herauf, Kameraden! in das Feld hinunter, und dann trug er mehr, als daß er ſie führte, die Geliebte zu den grauen Burgmauern hinauf.— Der vorſichtige Pförtner ließ das edle Paar nur durch das kleine Nacht⸗ pförtlein im großen Thorflügel herein, und als Elevnora vor ihm über das hohe Fußbrett geſchlüpft war, und er ihr unbequem und gebückt nachſtieg, ſprach er: das iſt ein ächtes Bild des ſchmalen und unwegſamen Pfades zur Seligkeit. Wer da regieren will, der ſoll auch das Gehorchen gelernt haben. Wir wollen darum in Demuth uns beugen; jenſeits liegt ja der Himmel!— In der Burg angekommen, ſuchten ſie Jemand zur Meldung, denn wenn auch die Hochwürdige in der Ge⸗ neſung ſtand, mochten die Vorſichtigen ſie doch Abends nicht mit unerwarteter Neuigkeit überraſchen. Fräulein Pauline von Tann hatte ſchon die Geſpielin vermißt und geſucht, und übernahm gern die Freudenpoſt, denn durch die Geſpräche im Schloß waren auch die Frauen⸗ zimmer beunruhigt worden, und hatten ſich längſt einen männlichen Beſchützer gewünſcht. Indeß ſie meldete, ſtand Georg mit der Geliebten auf der nämlichen Stelle im Saale, wo ſie Ring und Kreuz getauſcht, und mit Entſetzen hörte Eleonora die Mähr von dem Abenteuer des Briefes und den muthmaßlichen Zuſammenhang des Anſchlags gegen ihre Freiheit und ihr Glück. Da wan⸗ delte Georgen der Vorwitz an, ſie zu fragen, warum 382 ſie Namen und Stand vor ihm verborgen und ihn, wenn auch ſchuldlos, getäuſcht; als er ihr aber in der Kerzen⸗ helle in die klaren, ſchönen Augen ſah, konnte er nicht die Worte finden dazu, und ſchalt ſich innerlich, daß er nicht genug habe an ſeinem Glücke und es ſelbſt zu trüben bereit geweſen. Fräulein Pauline führte ſie jetzt zur Aebtiſſin, welche ſie im Lehnſeſſel empfing, bleicher noch geworden und hagerer, aber dadurch einer liebenden, von Sorge um der Kinder bekümmerten Mutter noch ähnlicher. Georg reichte ihr das Sendſchreiben vom Herzog Chriſtian, nebſt der goldenen Kapſel, und ſie las mit Bedacht den Brief, und ſchwere Thränen perlten bei dem Leſen über ihre Wangen herab. Eleonora, ſprach ſie dann, mühſam ſich zuſammen⸗ nehmend, Du haſt einen edlen Bräutigam verloren, von dem Du nichts wußteſt. Du biſt eine verſchmähte Braut, und Dein Beſtimmter ſchickt Dir in dieſer Kapſel Dein Bild zurück. Doch ſteht Dir eine Weiberrache zu, und ich darf Dir frei geben, es einem Andern zu ſchen⸗ ken, den Du der großen Gabe würdig halten möchteſt. Meine Eleonora kann ſich nur dem Geprüften verſchen⸗ ken, und Vater Ludwig und die Mutter haben mir ihr Elternrecht abgetreten.— Herzog Georg hatte ſchon das Knie gebogen und ſah bittend zu dem Fräulein auf. Und raſch nahm Eleonora die Goldkapſel aus der Hand der Hochwürdigen und legte ſie ſchnell und hocherröthend in des Erwählten Hand, der ſie ungeſtüm zu ſich niederzog. Auf beider Knieenden Häupter drückte da die bleiche Fürſtin ihre zarten Hände.— Gott mit euch! ſprach ſie leiſe und mit abgebrochener 383 und bebender Stimme. Bleibt euch getreu! das iſt mein Segen. Die Treue iſt das Höchſte im Erdenleben. Wer⸗ det reich an dieſem Glück! Mein Theil am Erdenglück und das eines verklärten Dulders lege ich zu dem euri⸗ gen als Segensgabe.— Und das junge Paar preßte in unendlicher Seligkeit die Lippen auf die ſegnenden Hände, und umſchlang ſie dann knieend zum feſten Bündniß in der Stellung der Frömmigkeit und Demuth, die ihren Bund und ihr künftiges Sein bezeichneten in muſterhaf⸗ tem Eheleben. Dem Glücklichen iſt die Nacht mit ihrem Friedens⸗ ſchlummer und ihren Paradieſesträumen nur eine kurze Pauſe des Feſtlebens, eine Erholung, damit das Herz die fortgehende Freude zu tragen vermöge. Wer eine ſolche Zeit ſein nannte,— und bejammernswürdig iſt der Sterbliche, dem im Erdenleben nie ein ſolcher Maien⸗ tag den jungen Roſenſtrauß darbot!— empfindet mit, was ſie empfanden, und was nicht Wort, nicht Lauten⸗ ton, nicht blühendes Dichterbild verdeutlichen kann.—— Am andern Morgen führte Georg die ſchöne Herrin wiederum zu dem weißen Steine, der noch jetzt, nach Jahrhunderten, den Namen des Freudenſteines oder des Fräuleinſteines bei dem Volke trägt. Wo er zuerſt den Vollbeſitz der Geliebten empfunden, da wollte er auch mit ihr ſich ausſprechen über die Pläne ſeiner Zukunft, die Werbung bei den Eltern, und Alles, was jetzt als nöthig erſchien. Als er jedoch mit trunkenen Blicken in die ſonnbeleuchtete herrliche Gegend hinabſah, bemerkte er am Fuße des Berges, da, wo er vor weni⸗ gen Wochen bei ſeiner Anweſenheit zwiſchen den netten 384 Häuſern eine große Wieſe geſehen zu haben glaubte, jetzt einen klaren, kleinen See, der mit ſeiner ſchönen Silberfläche der Sonne einen blanken Spiegel darbot. Er fragte, und hörte verwundert Eleonorens Erzählung von der ſeltſamen Verwandlung. Als am zweiten Oſtertage, der Landesfitte gemäß, die jungen Burſchen ſich zum Ballſpiel auf der Wieſen⸗ fläche verſammelt hatten, in den Leinengezelten, die man rundum aufgeſchlagen, die Mädchen des Ortes zum Zu⸗ ſchauen, zu Tänzen und Kuchenſchmauſe ſich im Sonntags⸗ ſtaate eingefunden, hier der große, bunte Ballon ſchon hin und her flog, dort rüſtige Harzjünglinge ihre Kunſt und Körperkraft im Ringerkampfe verſuchten, wurde das fröhliche Spiel unerwartet durch ein ſo gefährliches, wie wunderbares Ereigniß zu Ende gebracht. Die beiden Fräulein ſpazierten, mit der Familie des Amtmanns, ebenfalls aus der Burg bis zu dem weißen Steine, da von hier der Herabblick auf den Luſtplatz beſonders rei⸗ zend und ganz geſichert war, und wurden ſo Augenzeugen der merkwürdigſten Begebenheit. Ein mächtiger, faſt ungeheuter ſchwarzer Ochs nämlich, der zu dem reichen Viehſtande der herrſchaftlichen Meierei gehörte, war von der Frühlingsluft alſo aufgereizt worden, daß er den Sinn für Unterthänigkeit verloren und ſeinen feſten Stall durch⸗ brochen hatte. Die Ungeſchicktheit und das Geſchrei der ihn durch den Ort verfolgenden Knechte verwandelte ſein wildes Weſen zuletzt in Tollheit, und ſo erſchien das rieſige Geſchöpf plötzlich auf dem grünen Platze der Freude, und der furchtbare Störenfried verſetzte natürlich die ganze Geſellſchaft in tödtliches Erſchrecken. Die Weiber und Mädchen flüchteten im gefährlichſten Gedräng, wo⸗ bei mancher böſe Fall geſchah und manches Röckchen 385 zerriß, in die nächſten Höfe, hinter die Zäune oder auf die ſteilen Höhen; doch die kühnern jungen Burſchen hemm⸗ ten bald ihre erſte Flucht, bewaffneten ſich mit jedem waffenähnlichen Werkzeuge, das nahe lag, ſammelten ſich im Halbkreiſe am Rande der Wieſe, und bereiteten ſich muthig, dem ſchwarzen, vierbeinigen Dämon, der in hölliſcher Wildheit ſie vom Feſte vertrieben, ihr Paradies wiederum abzukämpfen. Ihre Streitluſt wurde zu ſtarr⸗ blickender Verwunderung. Der tollſinnige Stier küm⸗ merte ſich nicht um das Menſchenvolk; im Zirkel tobte er mit wüthendem Gebrüll auf dem gewonnenen Sie⸗ gesplatz umher, und wetzte ſeine langen Hörner an den nächſten Baumſtämmen, indem er heiße Dampfwolken aus den weitoffenen Nüſtern von ſich blies. Mitten auf der Wieſe hielt er dann ſeinen Lauf an, ſenkte das breite Haupt, riß, mit den gewaltigen Füßen ſcharrend, den Raſen auf und ſtieß die Hörner tief in den Boden. Wü⸗ thender durch den Widerſtand, den daliegendes Geſtein ſeiner Gewalt entgegenſetzte, ließ er nicht nach, zu wüh⸗ len, und Stein und Erde in die Luft zu ſchleudern, bis auf einmal vor ihm aus dem aufgebrochenen Boden ein dicker Waſſerſtrahl emporſchoß, mehre Fuß hoch ſich zu einem ſprudelnden Springbrunnen hob, und in kurzer Zeit das trockene Erdreich um den Befreier mit rauſchen⸗ den Fluten bedeckte. Das Thier ſtand anfangs verdutzt, dann ſchlürfte es aus dem Sprudel mit gierigen Lippen, und wie das Waſſer umher größer ward, zog es ſich langſam zurück, gleichſam beſänftigt durch den Zauber⸗ trank der erlöſeten Najade, bis zu dem Rande der Wieſe, und ließ ſich dort geduldig fangen und feſſeln. Doch das Feſt war verdorben, das Freudenreich zer⸗ ſtört für immer, denn der mächtige Sprudel blieb Blumenhagen, 1V. 25 386 unerſchöpft, der neue Quell hörte nicht auf, zu fließen, ſo daß er in wenigen Tagen die grüne Tiefe gänzlich aus⸗ gefüllt hatte, und die nächſten Bewohner ſchon die Si⸗ cherheit ihrer Grundſtücke gefährdet glaubten. Da be⸗ merkte man, daß das Waſſer ſich einen Ausgang geſchaffen, ſo räthſelhaft und außerordentlich wie ſein Eingang. Es hatte ſich eine Schlucht geöffnet dicht unter dem Schloß⸗ berge, und ſo wenig man weiß, von wannen es kam, ſo wenig weiß man, wohin es geht, und ſchon iſt dieſe neue Merkwürdigkeit der Gegend von den Herzbergern der Ochſenpfuhl benamſet worden, und ſie gehen ſchon an ihm vorüber, als hätte der wunderbare Teich längſt ihnen angehört.— So ſchloß das Fräulein ihre Mähr, und ſah fragend auf den Bräutigam, was Er zu dem Ereigniß ſagen möchte. Herzog Georg blickte nachſinnend zu dem Waſ⸗ ſerſpiegel hinab. Gibt es denn geheime Gewalten? hat die Natur unſichtbare Diener? und war dieſes wilde Thier Einer ihrer dienſtbaren Knechte? fragte er ſich ſelbſt halblaut. Wo mit den ſtarken Hörnern der Stier Heffnet dem Waſſer die grüne Thür, Daß es die ſchöne Wieſe verzehrt, Da bau Dir Dein Haus und halt' es werth; Da wirſt Du pflanzen eine Königseiche, Daß ſie weit über Land und Meere reiche. Verſäum es nicht, findeſt Du den Ort; Das Gläck iſt flüchtig, läßt man es fort.— Sang das Hexenweib nicht ſo, fragte Eleonora mit bleich gewordenen Wangen.— Alſo klang ihr Spruch, antwortete Georg, und wahr⸗ lich, hat nur der Zufall Kieſel und Schneckenhaus und Stier zuſammen gewürfelt, wie es ein gutes Chriſtenkind 387 glauben muß, ſo that er es in gar neckiſcher Laune, und ſeltſamer konnte nichts im Leben uns begegnen. Muß die Vernunft auch das anſcheinend Wunderbare nicht zu hoch halten, ſo wollen wir das Herz doch an ſeine Be⸗ deutſamkeit glauben laſſen, und das Schickſalspfand auf künftige Glückſeligkeit nicht wegwerfen.— Und wie meint mein lieber Herr das ſo eigentlich? fragte die Jungfrau aufmerkſam.— In nächſter Zeit wird dieſes Fürſtenthum unſerm Hauſe abgetreten werden, antwortete der Herzog, und ſchon beſtimmte der Bruder mir die Verwaltung. Und wenn dann Ludwig der Getreue dieſe weiche Hand mir ſegnend gibt zum Bunde ewiger Liebestreue, an wel⸗ chem Orte könnte ich den Thron des Glückes lieber auf⸗ ſchlagen, als hier, wo die Unglücksnacht mir die reinſte Sonne gebar, wo ich meine Eleonora fand, und wo ihr großes Herz ſich mir erſchloß, wo die Ahnung eines höhern, edlern Lebenszweckes zum erſten Male in meine Seele trat! Oder wäre meiner Erwählten dieſe Höhe zu rauh, und würde ſie erſchreckt von den ſturmumrauſch⸗ ten Kuppen des nahliegenden Urgebirges?— Dein für immer! klang der Schwur im Herzen, ver⸗ ſetzte die Prinzeſſin ſich an ihn ſchmiegend. Wo Du biſt, wird Eleonora immer ihre Heimath finden und nichts vermiſſen. Und haſt Du Dir doch das vermeinte Kleinod aus dem Schiffbruch gerettet, und es iſt Dir als Strand⸗ gut für ewig verfallen.— Der Herzog umſchlang ſie inniglich, und Er hielt Wort und Sie hielt Wort, und auch das Schickſal wurde mit ſeinem Prophetenſpruche nicht zum Lügner. Als die Succeſſionsſtreitigkeiten mit Wolfenbüttel beendigt worden, als ein frommer Ehebund Herzog Georg und die edle 388 Prinzeſſin von Heſſen vereinigt hatte, nahmen beide ihre Reſidenz zu Schloß Herzberg, und es wurde die Wiege der Kinder Georgs, und das reiche Haus ſeiner Fami⸗ lienfreuden, bis er 1634 die Regierung des Fürſtenthums Calenberg antrat, welches durch Friedrich Ulrichs Tod dem Hauſe Lüneburg zugefallen und ſeinen Sitz nach der anſehnlichen Stadt Hannover verlegte, wo auf die Plätze des Barfüßerkloſters und Beghinenthurmes das Reſidenzſchloß und das Zeughaus von ihm erbaut wur⸗ den, die noch jetzt als Denkmale ſeiner glücklichen Re⸗ gierung vorhanden ſind. Unter ſeinen Söhnen, den gerechten Chriſtian Lud⸗ wig, dem geiſtreichen und tapfern Georg Wilhelm, dem Ligentlichen Ebenbilde des herrlichen Vaters, und dem wißbegierigen, ehrliebenden Johann Friedrich, erhob ſich das Werk, deſſen Grund der Vater gelegt, in immer wachſendem Glanze, die Brandſtätten eines dreißigjäh⸗ rigen, gräuelvollen Krieges verſchwanden nach und nach, die entkräfteten, verarmten Unterthanen empfanden das Glück des Friedens und der Sicherheit; unter trefflichen Räthen, wir nennen nur einen Ludolf Hugo, einen Otto Grote, Bülow und Witzendorf, hob ſich Kredit und Moralität in den verwilderten Fürſtenthümern; doch Ernſt Auguſten, dem jüngſten von Georgs Söhnen, war es vorbehalten, dem Bau die Krone aufzuſetzen, wie an ſein Haus von der Vorſehung die Fortdauer des glorreichen Welfenſtammes geknüpft wurde. Mit Recht der Weiſe genannt, ſann er mit ſeiner Gemahlin So⸗ phia, der berühmten Freundin des gelahrten Leibnitz, nur darauf, die Größe des Hannoverſchen Fürſtenhauſes neu zu erſchaffen, und es gelang ihm unter der faſt ſicht⸗ baren Segenshand einer ewigen Vorſicht; der Kurhut 389 wurde der Vorläufer der brittiſchen Königskrone, welche ſeinem erhabenen Sohne, Georg dem Erſten, auf das würdige Haupt geſetzt wurde. So wuchs die Königseiche, vom Herzoge Georg für den Enkel gepflanzt, und iſt ein Zwillingsbaum gewor⸗ den, deſſen vollgrünender, ſchattenreicher Wipfel die ge⸗ ſunde, unverwüſtliche Wurzel verkündet, und unter deſſen ſchützenden Zweigen zwei Brüdervölker lagern. Merk⸗ würdig, ja heilig, möchten wir ſagen, bleibt darum für jeden Hannoveraner Schloß Herzberg, als die Gottbe⸗ wachte Wiege des Glückes zweier Völker, und der For⸗ ſcher und Freund der Geſchichte findet dort reiche Ernte für ſeine Lieblingsneigungen. Ziemlich wohl erhalten für ihr Alter, zeigt die Burg manches Denkmal der Glanz⸗ zeit und ihrer unvergeßlichen Bewohner; die Wappen über dem alten Thore, die Namenszüge Chriſtian Lud⸗ wigs und Johann Friedrichs erinnern an jene edlen Re⸗ genten, welche das Schloß ausbaueten, und denen der merkwürdige, in der Form einer orientaliſchen Moſchee weithin ſchimmernde Schloßthurm ſein Daſein verdankt. Die Bartholomäi⸗Kirche des Orts enthält mehre Epi⸗ taphien der fürſtlichen Familie, der Prinzeſſin Magda⸗ lena, der älteſten Tochter Herzog Georgs und der Prin⸗ zeſſin Dorothea, der Zwillingsſchweſter Ernſt Auguſts. Auch findet ſich eine alte Inſchrift an der Orgel, welche erzählt, wie Philipp der Zweite, welcher gleichfalls zu Herzberg reſidirte, Anno 1596 mit ihr die Gemeinde Herzbergs beſchenkt. Im Gewölbe derſelben Kirche find zwei Särge aufbehalten, wirkliche Kunſtwerke damaliger Zeit. Die ehrwürdigen Ueberbleibſel zweier Söhne des erſten Kurfürſten ruhen darin. Der eine, Prinz Chri⸗ ſtian, blieb im ſpaniſchen Erbfolgekriege im Jahr 1703 390 als kaiſerlicher Obriſtwachtmeiſter bei Elchingen, unweit Ulm; ſein Pferd wurde beim Uebergange in der Donau erſchoſſen, und er ertrank. Der andere, Prinz Friedrich Auguſt, fiel 1691 als Generalmajor in Siebenbürgen, als er gegen die Türken einen Paß forcirte. Er ſoll ohne Kopf in dem feſtverſchloſſenen und unverſehrten Sarge ruhen. Was kann der Romantiker Beſſeres und Wohlthätige⸗ res thun, als daß er, indem er ſeiner Mitwelt Ver⸗ gnügen zu verſchaffen verſucht, ſie an heilige Stätten führt, wo der Quell ihres Glücks entſprang, daß er ſolchen Stätten ihre unveräußerliche Heiligkeit zu erhal⸗ ten ſucht, und die Andacht auffriſchte, welche die beglück⸗ ten Nachkommen für ſie hegen müſſen?— Vermochten wir das, ſo haben wir unſern Zweck erreicht, und füh⸗ ren vielleicht unſere Hörer und Leſer ſpäterhin noch ein⸗ mal auf die prangenden Gebirgshöhen zurück, und zeigen ihnen den Stammherrn des jüngeren Lüneburgiſchen Hau⸗ ſes in ſeinen ſpätern Lebensperioden, die überreich wa⸗ ren an ausgezeichneten Thaten kriegeriſcher Tapferkeit und ächter Fürſtengröße. 5 Dan Gewiſſen. — Wirf den Betteljuden zum Hauſe hinaus, Fritz! Schon eine Viertelſtunde ſteht das hungrige Todtengeſicht auf dem Vorplatze, glotzt nach dem Tiſche herein und putzet mit dem langen Graubarte mir die Scheiben der Glasthür ſchmutzig. Hinaus aus dem Hauſe mit dem Geſicht, das meinen Gäſten den Appetit verderben möchte. — So commandirte Herr Petrus, der reiche Beſitzer der größten Reſtauration in einer großen Stadt Deutſch⸗ lands, aus dem Hintergrunde des Salons voller Wohl⸗ gerüche hinter ſeinem gefüllten Büffet hervor, indem er zugleich den Reſt eines Auſternpaſtetleins hinunterwürgte, und mit einem Glaſe Madeira den leckern Biſſen nachſpülte. Der flinke Marqueur, dem das rauhe Befehlswort galt, that aber, als höre er nicht leiſe, und ließ ſich nicht abhalten, die dampfende weite Bouillontaſſe und die Schüſſel mit gepfeffertem Beefſteaks, die er in den Händen trug, zu dem mächtigen, runden Mahagony⸗ Tiſche weiter zu transportiren, um den in der Mitte des Salons ein Zirkel von Gäſten aller Stände verſam⸗ melt ſaß, die mit Ungeduld ihre ſchon ein Dutzend Mal laut gerufenen Aufforderungen nach Wein und Torten, Chokolade und Harlequinade, Liqueur und Butterbrod in mancherlei zürnenden Tenor⸗ und Baßſtimmen concer- tando wiederholten. 394 Die Geſellſchaft an der runden Tafel beſtand aus lauter lebensluſtigen Einwohnern der Stadt, die ſich den höhern und gebildeten Klaſſen zuzählten, lauter Be⸗ kannte, die gewohnt waren, ſich um die Frühſtückszeit bei dem Herrn Petrus einzufinden, theils um ſich nach ſchon halbvollbrachtem Morgengeſchäft zu reſtauriren, theils ſich auf die Arbeiten und Anſtrengungen, die ihrer in den Gerichtshöfen und Regierungskollegien warteten, zu bereiten, und mittelbar durch Verſorgung des Haupt⸗ magazins alles Lebens das Hirn und die ihm einwoh⸗ nenden Geiſter zu ſtärken. Mehre der Sitzenden wendeten die Köpfe bei dem Zornſpruche des Herrn Petrus nach den Thürfenſtern, dreheten bei der Unbedeutſamkeit des erblickten Gegen⸗ ſtandes aber ſofort ſich wieder in die alte Stellung, und nur der Bibliothekar Smellie, ein anſehnlicher Mann, im dunkeln Oberrocke und mit einem Catogeſicht, ſchüt⸗ telte das Haupt unwillig und ſagte: Welches Gelärm um nichts! Gönnt doch dem Alten die ſinnliche Ergötzlichkeit, die Eure reiche Bude ihm darbeut. Schickt ihm einen Groſchen hinaus und verdient Euch einen Gotteslohn.— Petrus will ſich den Geruch vom Braten bezahlen laſ⸗ ſen, wie der Speiſewirth im türkiſchen Mährchen, lachte der kleine Poſtſekretarius Bevret, die ſcharfen Augen ver⸗ ſchmitzt zuſammenkneifend; aber der Haupmann Zechius, deſſen wohlarrondirter Leibesgeſtalt man die ſchweren Feld⸗ züge nicht anſah, die er mitgemacht, fiel mit ſeiner freund⸗ lichen Stimme dazwiſchen und rief dem Burſchen mit der grünen Schürze zu: Trage dem Alten draußen ein vol⸗ les Glas hinaus, auf meine Rechnung, aber etwas recht Scharfes und Bitteres, der böſe Septembertag liegt dem Graubarte in den Knochen; ein Glas Miaulis oder 395 Cochrane! Das hohle Geſicht muß in Feuer verſetzt werden, und wer mitten im Magazine hochlebt, muß einer verhungerten Garniſon aushelfen. Auf meine Rech⸗ nung einen großen Miaulis; hörſt Du, Fritz?— Der flinke Marqueur ſprang zum Büffet, indeß ſein Herr ſich brummend in das Kabinet zurückzog, und die Geſellſchaft fuhr in dem Geſpräch fort, aus dem iht Wirth ſie ſo ungeſchickt geriſſen hatte. Was nützen Ihnen nun die vielen Duodezbüchelchen? fragte der Bibliothekar, indem er das anſehnliche Kinn auf ſeinen langen Rohrſtock ſtützte und die heiße Bouil⸗ lon zu ſchlürfen begann. Taſchenbücher und nichts als Taſchenbücher! Theurer Einband, theure Küpferchen, theuer Goldſchnitt! Wenn nur die ſchönen Götterna⸗ men, die auf den Titeln prangen, auch den Inhalt göttlich zu zaubern verſtänden; aber die prometheusſche Himmelsglut mangelt; Waſſer, Waſſer tragen die Poe⸗ ten in den kleinen Goldeimern herzu, als wenn ſie es für Pflicht hielten, das wärmende Gottesfeuer der Literatur des vorigen Säculs bis auf das letzte Fünkchen auszu⸗ wäſſern.— Omnia mea mecum porto! war des alten Weiſen Grundſatz, entgegnete der junge Doctor Matheſeos Chou⸗ land. Unſer Zeitalter darf nicht geſcholten werden; es iſt ächt phyloſophiſch; es reducirt Alles auf die kleinſte Zahl. Das Punktum iſt die Mutter aller Figuren; man übt ſich, in allen Dingen den weiſen Satz zu befolgen; die ganze Garderobe auf dem philoſophiſchen Leichname, die ganze Kaſſe im von Perlen geſtrickten Miniaturgeld⸗ beutel, die ganze Bibliothek in der Buſentaſche. Wer kann übel finden, was ſo bequem als weiſe iſt?— Leichte Weisheit, leichte Waare! brummte der Biblio⸗ 396 thekar fort. Unbärtige Gelehrte, kecke Recenſenten ohne Baſis und logiſche Unterlage! Kein Foliant mehr im Buchladen, welcher caſauboniſches Sitzfleiſch forderte! Lauter Duodezwerkchen von Duodezmännern im Sprunge angefertigt, aber auch eben ſo ſchnell vergeſſen und zu Makulatur verbraucht. Schauen Sie nur dort hin auf das Büffet; der Ballen Papier dort, beſtimmt zu Fetzen verbraucht zu werden, in welchen große Leckermäuler die fetten Obſtkuchen zu Hauſe tragen für ihre kleinen, leckeren Meerkatzen, ſpricht das Urtheil laut aus und zeigt die waltende Nemeſis unverhüllt.— Geſtrenger Herr Richter! Vergeſſen Sie das suum cuique nicht in Ihrem bibliothekariſchen Zorne! ant⸗ wortete in ein wenig geziertem Dialekte ein junger Mann, mit einem heitern und angenehmen Geſicht, vor dem ein hoher Stapel eleganter Taſchenbücher lag, de⸗ ren hochrothe und ſchneeweiße Prachtkleider mit goldener Verbrämung aus dem lockern Druckpapier, mit dem ſie der vorſichtige Buchhändler umwickelt hatte, hervorblitz⸗ ten. Unſere junge Welt hat mehr zu thun, als auf ge⸗ brechlichen, ſchmalen Bücherleitern die hohe Feſtung Ihrer Repoſitorien zu erſteigen, und aus beſtaubten, zentner⸗ ſchweren Pergamentbänden Weisheit und Vergnügen müh⸗ ſam heraus zu klauben. Wir haben in einer Zeit gelebt, deren Gehalt Alles überbot, was man in einer bände⸗ reichen Weltgeſchichte leſen kann, wir haben eine Zeit mitgemacht, deren wichtigſte Lehre war, daß man raſch leben, raſch das Leben genießen muß, weil es häufig damit aus iſt, ehe man die Hand umdreht. Unſer Zeit⸗ alter iſt nicht langweilig genug für langweilige Gelehr⸗ ſamkeit; im Spielen lernen, mit dem Gelehrten ſpielen; ſich vergnügen und Andere ergötzen, das 397 iſt unſere freundliche Philoſophie, und darum paſſen dieſe niedlichen Büchelchen zu uns.— Ich widerſpreche Ihrem Selbſtpasquill nicht, mein hochvenerirter Herr Kammerjunker von Deventer! lächelte Herr Smellie. Man bäckt die Auſter in Paſtetchen, wie unſer Herr Petrus, weil das Aufmachen der harten Schalen beſchwerlich iſt und die galanten Fingerchen verwunden könnte. O geht mir doch mit Eurem Kries⸗ kram! Ich möchte nicht einmal eine träge Verdauungs⸗ ſtunde an ſolche Lektüre verſchwenden.— Wieder ungerecht! antwortete der Kammerjunker kopf⸗ ſchüttelnd. Sie ſitzen mitten im Rohr, da iſt gut Pfei⸗ fen ſchneiden. Von einer Million königlicher Bücher umringt, deren Katalog Ihnen das Auffinden des Lecker⸗ biſſens, nachdem ihr geiſtiger Gaumen gerade lechzet, leicht macht, mangelt es Ihrer Seele nie an Speiſe und Trank. Aber wir, und Tauſende mit uns, ſehen wie ein Tantalus die vergoldeten Thürflügel an, die nur zweimal die Woche ſich dem Profanen öffnen. Wir müſſen die Sehnſucht nach den goldenen Aepfeln der Atlantis ſtillen mit den ſüßen Pflaumen, die auf unſerm Lebensfluß herabſchwimmen, und die ein günſti⸗ ger Herbſtwind von den reichgefüllten Bäumen fleißiger Gärtner in den Strom ſchüttelte. Ja, wenn ſo ein Herzog von Northumberland oder von Devonſhire den achten Theil ſeiner ungezählten Jahresrevenüen einem güterloſen Literaten von ſeinem Albion zukommen ließe, da könnte man ſich ebenfalls ein Athenäum erbauen und die liebe Geſellſchaft alter und neuer Claſſiker um ſich verſammeln. Aber ſo!— Und Volksſtimme iſt Gottes Stimme. Wer ſehnt ſich nicht nach dieſen lieben, bunt⸗ geflügelten Herbſtſchmetterlingen? Fräulein und Zofe, — 398 Junker und Bürger, Greis und Primanus kaufen und ſchlingen die ſüße Koſt. Selbſt mancher Zunftgeſell überreicht am Chriſtabende ſeiner kräftig gegliederten Köchin ein ſolch zartes Pfand der Anhänglichkeit, wie wir kürzlich in einer Recenſion der Clauren'ſchen Blüm⸗ chen als Thatſache geleſen haben.— Der ſtechende Furien⸗Chorus der Tragödie bleibt. Die goldene Aetas der Geiſter iſt zu Ende! ſeufzte Herr Smellie, die geleerte Taſſe etwas hart auf den Tiſch ſetzend. Es iſt aus damit! Alles aus! Alles aus!— Alles aus! tönte plötzlich ein Echo dieſe Worte wie vom Himmel herab oder aus dem Boden heraus, mit einer Stimme, die ſchauervoll und widrig zugleich dem Tone einer zerſprungenen, kreiſchenden Glocke gleich kam. Alle ſahen ſich wie erſchrocken um, den Urheber des Aus⸗ rufs zu erforſchen, aber Niemand entdeckte ſich als ſol⸗ cher; denn einige fremde Gäſte an den kleinen Tiſchen in den Winkeln hatten voll Andacht das ſteinerne Antlitz in die neueſten Zeitungen verſteckt, oder ſich in noch heiligerer Appetitsandacht über die Teller des dampfen⸗ den Gabelfrühſtücks gebückt.— Der Kammerjunker war zu ſehr durch ſein Lieblings⸗ thema erregt worden, als daß er hingehört. Nicht aus iſt das geiſtige Leben, ſondern es geht gerade erſt recht an, antwortete er ohne Pauſe. Eben die wohlfeilen Duodezausgaben der beliebteſten Schriftſteller, über wel⸗ che unſere Gelehrten ex professo Gallenfieber bekom⸗ men, ſind die Mittel, unter allen Ständen, geringen und unbemittelten, das Gnadenlicht höherer Geiſtesbil⸗ dung zu verbreiten. Nicht eine eitle und geizige Prie⸗ ſterkaſte wird die Schätze mehr in kalte und unzugäng⸗ liche Pyramiden vergraben können; das ganze Volk wird 399 Theil daran haben, und geiſtiger Veredlung entgegen ſtreben dürfen. Wie nützt nicht beſonders die hiſtoriſche Novelle, vornehmlich wenn der Novelliſt die Geſchichte ſeines Vaterlandes im Auge behält? Spielend lernen die Damen und der Bürger die wichtigſten Thaten ihrer Voreltern kennen, die Geſchichte ihrer Fürſtenhäuſer er⸗ ſchließt ſich ihnen, und die Anhänglichkeit an den edlen, hohen Stamm, der ſie regiert, an das Land, das ſie gebar, wird dadurch lebendiger werden und inniger.— Gehen Sie mir doch gerade mit dieſen Baſtardroma⸗ nen! rief Herr Smellie erhitzter wie vorher. Heilige Klio, verhülle Dein ernſtes Haupt! Hiſtorie in Roma⸗ nen! Helden und Weiſe in Komödiantenputze! Ana⸗ chronismen auf jeder Seite, eine neue Chronologie, nach der Laune und dem Nothbedarf der Poetenſchaar geformt! Es macht mich immer lachen, wenn ich neben ſo einem alten Königsbilde der Weltgeſchichte ein Phan⸗ taſie⸗Jünkerchen des modernen Romantikers erſcheinen ſehe, das mit Jenem umgeht, als hätte es wirklich ne⸗ ben ihm gelebt; der Obelisk von Jahrtauſenden und ſein luftiger Schatten neben ihm.— Der Schatten gleicht ſeinem Körper, entgegnete der Vertheidiger; das Bild iſt nicht ſo uneben und beleidi⸗ gend, wie Sie meinen. Iſt nur der hiſtoriſche Hinter⸗ grund richtig gezeichnet, das Coſtüm und die Weiſe der Zeit getroffen, die Hauptbegebenheit der Geſchichte nach⸗ erzählt, ſo liegt gerade das Verdienſt des Dichters in der geſchickten Lebendigmachung der Nebenperſonen und Umgebungen, und er erſetzt die Ungerechtigkeit der kah⸗ len Hiſtorie, die nur Hauptnamen aufzeichnete und die Mitwirkenden dem Grabesmoder der Vergeſſenheit über⸗ ließ. Der zu früh entſchlafene Van der Velde, Scctt, „ . 400 Fouquè, Cooper und Weisflog mögen Ihnen die ſchwere Sünde vergeben!— Und hiſtoriſche Novelle! Unſinn faſt in der Zuſam⸗ menſetzung, fuhr der Bibliothekar fort. Ein ältes Neues! Was iſt eine Novelle? Kein Aeſthetiker, kein Novelliſt ſelbſt hat mir eine befriedigende Definition davon gege⸗ ben, obgleich das Geſchlecht dieſer Dichtungen jetzt wie das Eintagsfliegenheer am Strome uns überſchüttet und ſein Name Legion iſt, gleich dem Teufelsgeſchlechte der Gergeſener Heerde.— Der Kammerjunker ſann eine Weile, aber der mun⸗ ere Poſtſekretär nahm das Wort mit Begier. Novelle? fragte ew Novella, Novelletta heißt Zeitung, neue Nachricht, Novellista ein Zeitungsſchreiber, und kann Jemand Anſpruch auf den Titel machen, ſo ſind wir es, welche wöchentliche Novellen anfertigen.— Bitte recht ſehr um Entſchuldigung, rief der alte Advokat Saxtorph ihm in die muntere Rede; die Novellen gehören in unſer juriſtiſches Reich, ſie machen einen Theil des Corporis juris aus, und man nennt alſo im jure romano nach⸗ trägliche Geſetze, welche dem juſtinianiſchen Code ange⸗ hängt wurden, und demnach und ergebener Maßen—— Novellen? fiel der Kammerjunker von Deventer ſchnell ein, um der bekannten Endloſigkeit der Perorationen des Juriſten ein ſchnelles Ende zu ſetzen. Novelle heißt in dem Sinne der neueſten Schule eine kleine Erzählung im romantiſchen Style, ſelbſt Heinſius definirt ſie ſo.— Eine erbauliche Definition! lächelte der Bibliothekar. Weit wie die Welt, aber unbeſtimmter wie Kometen⸗ lauf.— Der Deutſche hat den Namen geborgt, aber das Weſen nicht mit ergriffen, meinte der Doktor Matheſeos 401 Choulant. Florians Novellen geben das Charakterbild; kleine Erzählungen, leicht gewebt, überall Anmuth und Wohlklang darin. Sitten, Charaktere ſkizzirt, ſcharf, doch nur im Umriſſe, aber deſto wahrer und anſpre⸗ chender.— Jedoch ohne alle Energie, entgegnete der Kammer⸗ junker hitzig. Wo iſt in Ihrem Florian die Glut der Leidenſchaft, die ergreifende Sonnenwärme des Gefühls? Aber da iſt der Aſſeſſor gekommen; er iſt ſelbſt ein glück⸗ licher und beliebter Novelliſt, laßt ihn entſcheiden.— Man wandte ſich zu zwei neuen Gäſten, einem arti⸗ gen Manne von mittlern Jahren im ſchlichten, bürger⸗ lichen Anzuge, der mit einem Militär unbemerkt eingk⸗ treten war und am Büfſet ſeine Beſtellungen machte. Nun? fragte Herr Smellie, als der Aſſeſſor mit linde ſpöttelnder Miene zum Tiſche trat, und Alle horch⸗ ten auf den bewährten Richter.— Die Entſcheidung iſt nicht leicht, ſagte der Aſſeſſor Clarus lächelnd, doch will ich gern meine Meinung ſo ſcharfen Kritikern darlegen, wenn auch Ihresgleichen zuweilen gar unfein mit mir umſprangen und mich faſt ſcheu machen ſollten. Ich hörte Ihren Streit von An⸗ fang an, und kann darum kürzer ſein, da manches Wort darin nicht eben unrecht klang, wenn auch nicht das Geforderte erſchöpfte. Der Sinn des Wortes No⸗ velle muß uns leiten. Der Inhalt der Novelle muß neu ſein; die Form muß klein, zart und niedlich ſein, denn das Wort klingt wie ein Diminutivum; eben deßhalb muß auch Florians Anmuth und Wohlklang darin vorwalten, und der Pinſel, welcher die nöthigen Charaktere zeichnet, muß ein feiner und flüchtiger Pinſel ſein; doch die Hauptſache iſt: die Novelle muß auch Blumenhagen. IV. 26 5 „ — 402 neu bleiben für ewige Zeiten, ſie muß ihre Wirkung auf Geiſt und Herz nicht verlieren, nicht verlieren kön⸗ nen, und wenn ſie ſilbernes und goldenes Jubiläum, ja eine Säkularfeier erlebt hätte. Und darum möchte ich nur diejenige kleine, romantiſche Dichtung Novelle nennen, in welcher der Dichter uns ein Seelenleben malte in ſeinen feinen Lichtern und leichten Schatten, denn einem ſolchen Bilde bleibt die Neuheit ſchon ſeiner Natur nach, und der Jammer einer verlaſſenen Ariadne, die Trauer eines verkannten Scipio, der Gram einer königlichen Luiſe über das zerfleiſchte Vaterland, die Ausdauer kindlicher Treue, der Triumph unerſchütter⸗ licher Gattenliebe, können nachgefühlt werden von den Menſchen der fernſten Jahrhunderte. Mag dieſes hin⸗ gemalte Seelenleben ein hiſtoriſch⸗antikes oder modernes Gewand tragen, mag das Gedicht idyliſch oder tragiſch gehalten ſein und enden, das thut nichts zur Sache; und um das Geſagte ſchließend mit Beiſpielen zu bele⸗ gen und zu erläutern, ſo wage ich zu bemerken, daß ich Tiecks vielgeprieſenes Dichterleben, welches der ele⸗ gante Recenſent einen Edelſtein der Literatur, ein Bild des ächten Dichtergeiſtes nennt, nicht Novelle tituliren möchte; dafür iſt der Eingang zu breit und philoſophiſch räſonnirend, mehre der Hauptperſonen ſind mir zu kör⸗ perlich⸗maſſiv, und die Scenen im Hauſe der Phryne ſind mir zu unzart, und ſolche Trauben für meinen Gaum zu fleckicht. Eben ſo wenig halte ich Fouqus's Scipionengruft für eine ächte Novelle; ſie enthält mehr Schickſalslaune und Spiel als Seelenſpiegel, wenn g Vaterlandsliebe in ihr der Hebel und Zirkelpunkt der Dreizehnte jedoch vom genialen Wilhelm Müller, und Prätzels Glöcknerin ſind mir wahre Novellen, denn ———— — 403 ſie ſind nicht allein neu, ſondern müſſen neu bleiben für alle Zeiten.— Herr Smellie ſchüttelte unmerklich das Haupt. Es iſt eine Definition, ſprach er ironiſch, aber doch ſo eine, die nach neuer Schule ſchmeckt, nicht lakoniſch, kurz und ſaftvoll genug; die alten Scholiaſten hätten ſie nicht paſſiren laſſen.— R Indem ſchlug die große Wanduhr Elf, und die Mehr⸗ zahl der Gäſte rückte die Stühle, griff zum Hute und Stocke und verließ den Salon, von den verſchiedenar⸗ tigſten Geſchäften fortgerufen; nur der Kammerjunker blieb an der runden Tafel, und der Aſſeſſor mit ſei⸗ nem militäriſchen Freunde nahmen zwei der verlaſſenen Plätze ein. Sie ſind zurückgekommen, Herr Lieutenant? redete der Kammerjunker den Letztern an, der ſeiner Uniform nach zu dem wackern und nützlichen Korps der Land⸗ dragoner gehörte. Wie ſteht es um Ihren polniſchen Flüchtling? Haben Sie ſeine Spur gefunden? Haben Sie den Thronbeſtürmer eingeholt, und Ihr treu⸗deut⸗ ſches Schwert an den Nacken des Verräthers gelegt?— Ich bin nicht ſo glücklich geweſen, entgegnete der Offizier mit zweideutigem Ausdrucke. Die Nürnberger hängen Keinen, deſſen Hals nicht ihr iſt. Spur von ihm hatten wir bis an die Grenzen, aber dort hörte unſere Pflicht auf; der Fuchs war in ein fremdes Jagd⸗ revier hinübergeſtrichen, und darum ſicher vor unſern Kugeln. Doch große Herren haben lange Hände.— Und das iſt mir lieb um Freund Steins willen, ſetzte eifrig der Aſſeſſor hinzu; deutſche Kriegsmänner paſſen nicht zu Schergen. Ich haſſe die Anſtifter der neuen Schauergeſchichte, die über Europas Norden das Unheil 2. * 404 hätte bringen können, das den Süden dreißig Jahre lang zur Wildniß voll Mord und Schrecken umwandelte; aber wie viele Verführte, wie viele Leichtſinnige mögen dort wiederum die Höllenfrevel einzelner Teufel bezahlen müſ⸗ ſen! Vielleicht gehörte der junge Pole zu dieſen, wenig⸗ ſtens ſprach ſeine Geſtalt und ſein freies Benehmen für 11 ihn, und ſo bedeckte die Vorſicht ſeine Flucht gütig mit egyptiſcher Finſterniß.— Ich bin ſelbſt Deiner Meinung, Carus, antwortete 6 der Offizier, ein Verbrecher dieſer Art treibt ſich nicht ſo frei und ſorglos umher, wie der Graf mehre Wochen in unſern Gaſthöfen verlebte, und darum habe ich mei⸗ nem Schecken auch eben nicht gar ſtrenge Sporen auf. dieſem Ritte gezeigt, und mich und unſer Land wenig⸗ ſtens frei davon gehalten, einen Unſchuldigen für Knute und ſibiriſche Hölle ausgeliefert zu haben.— 6 Was wird das Mitleid nützen? ſagte Carus. Schul⸗ dig oder ſchuldlos, er wird mit büßen müſſen; denn ſolcher Frevel will höchſte Strenge, daß das Volk er⸗ ſchüttert ſteht, wie an dem Bluthügel der tauſend Stre⸗ litzen und vor des koloſſalen Peters Richtbeile, und für Jahrhunderte ſelbſt den Gedanken der Wiederholung ſol⸗ cher Thaten nicht zu hegen wagt.— Um Verzeihung, meine Herren, tönte da eine ſelt⸗* ſam⸗fremdartige Stimme neben der Tafel, und lockte die Augen der drei Freunde zur Seite. Der Sprecher war Einer der Fremden, die vorher unbeachtet an den Sei⸗ tentiſchen geſeſſen, und den Ausländer erkannte man ſo⸗ fort an dem Accente der Rede, wie auch an den fremd⸗ artigen Geſichtszügen. Der Mann war klein, ſchwächlicher Geſtalt, hager und bleich; ſeine Geſichtszüge hatten eine auffallende Schärfe, beſonders groß erſchien die Raub⸗ ————— 1 „ 405 vogelnaſe, und die großen Augen, ſeltſam hellfarbig in ihren tiefen Gruben glänzend, zeichneten ſich durch einen ſcheuen und unruhigen Blick aus, welcher zuweilen bis zum Schielen die Axen derſelben verrück Dünnes Blondhaar deckte den faſt kahlen Scheitel, Sprache ziterte, und die Worte wurden abgeſtoßen, indeß feine Tracht und Wäſche, ſowie Benehmen und Ausdruck einen Mann der höheren Stände und von beſter Erziehung charaktrriſirten. Um Verzeihung, wiederholte der Fremdling; Sie re⸗ deten von einem Herrn aus dem Polenlande, der ſich hier aufhielt. Darf man es wagen, nach dem Namen deſſelben zu fragen, und wohin er ſeine Reiſe nahm?— Die Sacht iſt kein Geheimniß, antwortete der Aſſeſſor höflich, der Fremde iſt hier in allen erſten Zirkeln er⸗ ſchienen, und nannte ſich Graf Solikow.— Solikow? Srlikow? wiederholte ſtammelnd der Fra⸗ ger, und die Zunge ſchien ihm den Dienſt zu verſagen, daß er kaum ein: Und wohin? hinzuzuſetzen vermochte. Das Wohin? wird künftig nicht mehr in dem Willen des Unglücklichen ſtehen, entgegnete Lieutenant Stein kräftig, denn Kaiſer Nuolaus von Rußland wird ihm den Reiſepaß ſchreiben laſſen. Obgleich glücklich meinen Dragonern entronnen, wurde der Unvorſichtige dennoch im Sachſenlande verhaftet, wie die Zeitungen aus Leip⸗ zig berichten.— Verhaftet? In Leipzig? lallte der fremde Herr, und eine zuckende Bewegung verzerrte ſein Geſicht und wan⸗ delte ſeine Züge bis zum Entſetzlichen um. So iſt es aus, vs6 Kontchilos! Alles aus! kreiſchte er faſt ohne Athem. Pauls Geiſt ruft es laut: Alles aus, und die Stunde des Jammers iſt da.— 406 Einer Ohnmacht nahe ſahen die Erſchrockenen den ſchwachen Mann taumeln, und auf den nächſten Seſſel ſinken mit brechenden Augen. Sie ſprangen alle auf zur Hülfleiſtung, aber mit neuer Verwunderung erblickten ſie den bärtigen Menſchen von draußen, den Herr Pet⸗ rus früherhin für einen Betteljuden gehalten, wie mit einem Zauberſchlage hin zu den Füßen des Kranken ge⸗ worfen, wie er mit den langen, dürren Händen den Schwachen unterſtützte, indem er mit einer Jammer⸗ ſtimme, in der die höchſte Ehrfurcht und Liebe durch⸗ klang, eintönig in ruſſiſcher Sprache murmelte: Armer Herr, nestschastnoy gospodin, nicht ſterben hier! Armer Herr, brabrost, Muth haben im fremden Lande!— Der bleiche Fremde erholte ſich, ermannte ſich mit Anſtrengung, und ſchnell Hut und Stock erfaſſend, wankte er, auf die Schultern des bärtigen Alten geſtützt, eine undeutliche Entſchuldigung gegen die Geſellſchaft ſtam⸗ melnd, aus dem Salon und zum Hauſe des Herrn Pet⸗ rus hinaus.— Das Trio der Zurückbleibenden ſah ſich eine Weile wortlos an, dann ſprang zuerſt der Offizier vom Seſſel auf und griff nach Säbel und Mütze. Soll mich der Schwarze haben, fluchte er beftig, wenn der blaſſe alte Knecht nicht ein Kumpan des Grafen Solikow iſt, und vielleicht ein ärgerer Sünder als Jener war, denn das Schurkengepräge blickte blank und ſcharf mit dem Wappen des böſen Gewiſſens aus allen ſeinen Verzerrungen vor.— Der Aſſeſſor Carus faßte raſch nach dem Arme des aufgeregten Freundes. Was willſt Du thun, wackerer Junge? fragte er mit Vorwurf. Willſt Du ein Ange⸗ ber werden, oder iſt ein Steckbrief in Deiner Taſche, der auf die ſeltſame Jammerfigur paßt, und hat Dein E ——— 407 Oberſt Dir die Ordre gegeben, auf dieſen flüchtigen, federloſen Reiher zu ſtoßen?— Das Weſen unſeres Dienſtes iſt weit, des Staates Sicherheit uns anvertraut, erwiderte der Lieutenant ſchwankend.— 4 Dieſer ſtöret keine Sicherheit mehr, antworkete Ca⸗ rus) wenigſtens nicht die unſrige, denn die norddeutſche Ehrlichkeit iſt für Illuminaten und Jeſuiten immer zu derb und hausbacken geweſen. Und ich müßte nicht den Lavater ſtudirt haben, nicht ein Stückchen Poet ſein, wenn ich mich irrte. Glaube mir, war Jener das, wo⸗ für wir ihn hielten, ſo hat ihn die Nemeſis ſchon in ihrem Rachen und würgt an ihm, wie die Boa am zappelnden Kaninchen. Laßt ihn laufen, er entläuft ſich ſelbſt nicht. Aber ein merkwürdiges Figürchen bleibt mir der Fremdling, und er müßte eine treffliche, pikante Perſon in einer Novelle abgeben, der die von mir vor⸗ hin leichtfertig und aberwitzig entworfene Definition kei⸗ neswegs mangeln ſollte.— Sollte es Dir möglich ſein, in dem kleinen Ereig? niß Stoff genug zu finden, William? lächelte der Kam⸗ merjunker zweifelnd.— Warum nicht? antwortete der Aſſeſſor. Je weniger der hiſtoriſche Kern, deſto leichter die Arbeit; iſt doch alsdann der Raum für die Phantaſie endlos, und die Wirkſamkeit unbeengt durch Schranken und Mauerwerk, und vor den pedantiſchen Befehdungen des Herrn Smellie und ſeiner ernſten Collegen ſicher. Die Idee weckt meine poetiſche Begier, und wenn Ihr dem Dichter mit einem Dutzend Flaſchen Zweiundzwanziger aus dem Hofkeller nachhelft, ſo mache ich mich verbindlich, uns Alle als mitſpielende Perſonen in meine Novelle hinzuſtellen.— 408 Die Idee iſt herrlich, William! rief der Kammer⸗ junker in die Hände klatſchend aus. Führe ſie durch, und mein Onkel, der Marſchall, ſoll den Wein liefern. Aber verſchiebe das Werk bis übermorgen, und vergiß den morgenden Ritt nicht; des Onkels Stichſchimmel iſt ſchon für Dich beſtellt worden.— Der Marqueur brachte die beſtellten Gerichte,/ die Letztgekommenen fielen mit jugendlichem Appetit dorüber her, und Herr von Deventer, die ſpritzende Brühe der Gerichte ſcheuend, packte ſeine koſtbaren Taſchenbücher zuſammen und ließ die Schmecker allein. Der prachtvollſte Herbſttag mühete ſich, ſeinen ältern ſommerlichen Brüdern den Rang und das Lob der Erd⸗ bewohner abzugewinnen, und nicht ohne Glück blieb ſein erfreulich Wagſtück. War die Morgenluft auch kalt, ſo ſtrahlte doch die Sonne rein und wärmend vom wolken⸗ freien Himmel, und hatte ſchon die Feuchtigkeit der Re⸗ gentage aufgeſogen; Straßen und Feldpfad waren trocken und eben, und die krauſen Herbſtblätter der Gebüſche und Bäume täuſchten die Wanderer mit ihren gelbgrü⸗ nen Farben über die Nähe der traurigen Jahreszeit, ob⸗ gleich ſie keinen vollen Schatten mehr geben konnten, den der Menſch aber auch nicht mehr bedurfte und ſu⸗ chen mochte. Auf einer Meile weit um der Stadt ſah man die leeren Feldfluren bis zu den ausgedehnten Holzungen hinauf von ſtädtiſchen Menſchen belebt, welche ſtatt des Pflügers und des Hirten heute die Staffage der lieblichen Landſchaft ausmachten, und auf den Fuß⸗ ſteigen und Chauſſeen hin und her wandelten, oder an den Hügeln vertheilt in Gruppen ſtanden und ſaßen, hier ——— 409 mit Fernröhren und Handgläſern neugierig die Ferne durchmuſterten, oder, geduldiger das kommende Schau⸗ ſpiel erwartend, aus dem Reiſekorbe der ſorgſamen Haus⸗ mutter mit kalter Küche ſich nach der frühen Fußwande⸗ rung erquickten und aus der Feldflaſche die morgendliche Nüchternheit und den Eindruck der böſen Frühluft zu vertzeiben ſuchten. Und was hatte alle dieſe ſtädtiſchen Fleißigen und Faullenzer aus Werkſtatt und von der Bä⸗ renhaut in das Freie gelockt?— Eine militäriſche Feſt⸗ lichkeit that dieſe Wunder; ein großes Herbſtmanöver bewegte die Unbeweglichſten, und das Spiel des Krieges anzuſchauen, wurde der Erwerb verſäumt, wurde die Trägheit überwunden, obgleich der Krieg dem Bürger das ſchrecklichſte Wort der Sprache war, und in bürger⸗ lichen Convivien über nichts ſo bitter gemurrt wurde, als über die Summen, welche die ſtattliche Armee des Fürſten dem Lande koſtete, indeß man vergaß, daß dieſe Armee dem Bürger noch vor Kurzem Freiheit und Ei⸗ genthum mit geopfertem Blut und Leben wiedergewon⸗ nen hatte.— Unter den Equipagen und Reiterhaufen, die beque⸗ mer als das Volk im Felde dem kriegeriſchen Schau⸗ ſpiele zueilten, welches auf mehre Meilen hin einen förmlichen Operationsplan ausführen ſollte, fanden ſich auch der Kammerjunker von Deventer und der Aſſeſſor Carus, und beide ſpornten ihre ſtattlichen Roſſe, um dem Getümmel voraus zu kommen, und in der Nähe die Bewegungen der vaterländiſchen ſtattlichen Diviſio⸗ nen anzuſchauen, welche in zwei Heerhaufen getheilt, Angreifer und Vertheidiger vorſtellen mußten, und an jedem Gebirgspaſſe und jeder zu defendirenden Höhe Bilder des gräßlichſten Schauerſpiels darzuſtellen hatten. 410 Im leichten Trabe und unter traulichen Geſprächen ka⸗ men ſie bald in den Bezirk der dichten Holzungen, horch⸗ ten aber umſonſt auf das Knallen der Schießgewehre oder das dumpfe Gebrumm der Kanonen, welches ihnen Wegweiſer ſein ſollte, zu der mit jeder Stunde ſich ver⸗ änderten Stellung des geſuchten Corps. Da trafen ſie vor der Pforte der Waldſchenke den Lieutenant Stein, der ſeine Gigantenglieder auf die Steinbank unter einer Linde hingeſtreckt, und mit wieherndem Gelächter die Bekannten empfing. Morgenſtunde macht flinke Hand! rief er nach ſeiner gewohnten Weiſe die alten guten Sprüchwörter parodi⸗ rend. Und ihr Langeſchläfer ſeid wirklich ſchon aus den Federn? Und Se. Excellenz, der Herr Junker, fürchten den Schnupfen nicht? Nun, willkommen im Grünen, wir ſalutiren freundlichſt mit Herz, Hand und Säbel!— Iſt das Manöver in der Nähe? Wo ſind die Regi⸗ menter, wo ihr Staab? fragte der Aſſeſſor vom Pferde herab. Es iſt ſpaßhaft, daß man ſolch ein zahllos Corps wie eine Reichsarmee ſuchen muß am hellen, lich⸗ ten Tage.— Abgeſeſſen! commandirte der Lieutenant. Kluge Hüh⸗ ner legen auch Eier! Wäret ihr ein Stündchen früher aufgeſtanden, hättet ihr ſchauen können, wie die Flachs⸗ häuſer Brücke von den Grenadieren gar magnifique for⸗ cirt wurde; die Affaire koſtete bedeutendes Blut, ein geſcheuchtes Reh ſtürzte in den Graben und brach das Genicke, drei Haſen wurden erſchlagen mit den tapfern Kolben, und eine Marketenderin zuſammt ihrem Korbe von den Küraſſieren übergeritten und mit blutender Naſe auf den Sand geſetzt. Die Truppen ruhen jetzt dort hinter dem Fuhrenkamp von den Beſchwerden der ————— 411 Sturmſtunde, aber in wenigen Minuten wird Retirade und Verfolgung weiter gehen, und dort der Berg des heiligen Thomas unter gräßlichem Kartätſchenfeuer ge⸗ nommen werden.— Gut, daß man den Ausgang voraus weiß bei dieſem Schlachtgetümmel, lächelte der Kammerjunker. Aber wie kommen Sie denn hieher? Sind Sie vielleicht mit der Marketenderin zugleich wund geworden?— Nicht doch, entgegnete der Lieutenant. Mein wohl⸗ weiſer Hans hatte die Feldflaſche vergeſſen. Mich dür⸗ ſtete, und darum ſuchte ich hier das Hauptquartier. Ein Vogel in der Hand iſt beſſer, als zwei in der Taſche; der Spirit in des Waldwirths Flaſchen iſt zwar nur ein gemeiner Gaſt, aber beſſer denn gar keiner.— Einige ferne Schüſſe erregten die Aufmerkſamkeit der Freunde. Es geht los; aber zum Laufen hilft nicht ſchnell ſein, rief Stein, darum reitet nur voran; mein Scheck käuet noch an ſeinem Schwarzbrod; doch hole ich Euch bald ein.— Die Freunde trabten gemächlich der Gegend zu, von wo das Büchſenfeuer erſchallte, und wohin ſich mit ihnen mehre Trupps Reiter und ein Dutzend eleganter Ka⸗ roſſen wandten, in welchen ſogar manche geputzte Städ⸗ terin ſich ſehen ließ, und den Beweis gab, daß die Neugierde der Eventöchter ſelbſt die Feuerſcheu zu beſie⸗ gen verſteht. Sieh da, das ſeltſame Fuhrwerk! ſprach Herr von Deventer, zur Seite in den Wald deutend. Was tra⸗ gen und ziehen kann, hat heute aus dem Stroh gemußt. Die ſteifeſte Roſinante ſieht man unter dem lateiniſchen Sonntagsreiter bocken, und knarrende Kutſchen, welche ſchon drei Menſchengeſchlechter in ſich aufnahmen, tragen 412 den Pfarrer von Grünau nebſt Familie zu dem grünen Theater. Hogarth und Wouvermann könnten zur Stunde ihre Mappen mit köſtlichen Skizzen füllen.— Freund, antwortete raſch der Aſſeſſor, das iſt keines Landpfarrers Kaleſche, noch eines Pächters Geſpann. Schau nur die kleinen, muthigen Braunen, wie ſie die mageren Glieder regen auf dem rauhen Holzwege; be⸗ merke nur die ellenlangen, flatternden Mähnen und das ausländiſche Kumpengeſchirr. Beim Himmel, dieſes Vögelchen gehört in meine Novelle, denn der Fuhrmann im polniſchen braunen Kaftan und breiten Ledergurt, mit dem breitrandigen Hute und Zottenbarte iſt leib⸗ haftig unſer Leibeigener von geſtern; Pelzröcke ſchimmern aus dem Wagengrunde, ein Weiberkopf dazwiſchen; gib acht, das Geſchichtchen wird intereſſanter, als wir geſtern bei dem Auſternteller des Herrn Petrus gedacht.— Neugierig ſah jetzt auch Herr von Deventer ſchärfer zur Seite, und als er die Beſchreibung ſeines Gefähr⸗ ten beſtätigt fand, hielten Beide wie verabredet die Zügel an, ließen den langſam fahrenden Wagen voran und vor ſich vorüberkommen, und durch den ſchnellen Blick hinein wurde ihre Neubegier alſo ſtimulirt, daß ſie, das Manöver für den Augenblick vergeſſend, im Schritte der leichten Kutſche folgten, die jetzt auf der breiteren Waldſtraße derſelben Richtung nach, welche die Freunde ſich beſtimmt, hinauf rollte.— Erkannteſt Du den Fremden? fragte Carus haſtig. Solch' ein Geſicht vergißt ein Romantiker nie wieder, und wenn auch der dunkelgrüne Pelzrock mit ſeinem dich⸗ ten Fuchsrauchwerk es noch tiefer verhüllt gehalten.— Aber das Dämchen neben ihm? fiel der Kammer⸗ junker ein. Ein intereſſantes Geſicht, blaß, aber hübſch, ———,——— 413 mit einer Leidensmiene, die auf Herzensfang ausging. Vornehm ſind ſie, der feine, himmelblaue Oberrock mit koſtbarem Zobel beſetzt, und das goldbetroddelte Sammt⸗ mützchen der Dame paſſen kaum zu dem gemeinen Fuhr⸗ werke.— Was ſo ein Junker nicht gleich Alles wittert! lachte der Aſſeſſor. Ich hatte wie ein treuer Portraitmaler nur des alten Weißkopf und ſein ſeltſam Blickſpiel im Auge.— Unter ſolchen Geſprächen ſetzten ſie ihren Ritt ſo dicht als möglich hinter dem Wagen fort, und horchten mitunter wie ein verlorener Wachtpoſten bei Nacht, ob ſie nicht von dem, was drinnen geredet wurde, eine Aufklärung über die Reiſenden erfangen möchten; jedoch hinderte das Geräuſch der Radfelgen und Pferdehufe auf der harten Steinſtraße jedes Verſtehen, und nur einzelne laute Ausrufungen in wildfremder Sprache ſchlu⸗ gen dann und wann an ihr Ohr und ſpornten ihre Auf⸗ merkſamkeit noch höher.— Der Dichter, der ſeiner Na⸗ tur nach manche höhere und finſtere Macht des Himmels und der Erde zu beſchwören vermag, der dem Geſchlechte der Runen und Druden, Hexenmeiſter und Schatzgräber verwandt iſt, da er den Gedankenſchatz der Seele mit ſeiner Allraunswurzel zu enthüllen verſteht, und in den Mantel des Doktor Fauſt gewickelt, das einſamſte Selbſt⸗ geſpräch der unbeſorgten Menſchenkinder belauſchen muß, der Dichter will ſeinen lieben Leſerinnen die Qual der beiden vorwitzigen Reſidenzſtädter erſparen, und nöthigt ſie, mit ihm Platz zu nehmen auf dem Rückſitze der Kaleſche, wo ſie, wenn auch beengt, wie in Vater Noahs Arche, deutlich hören können, was die ſeltſamen Reiſen⸗ den verhandelten, wobei er ſich zuletzt denen, welche die 414 rauhtönende Sprache des Nordens nicht verſtehen möch⸗ ten, gern als Drogoman oder Dollmetſcher anbietet, und das Honorar für dieſen Liebesdienſt ihrer Güte und Freundlichkeit anheimſtellt.—— Die Reiſenden im Wagen beſtanden wirklich aus je⸗ nem Manne, deſſen charakteriſtiſches Aeußere ſchon im Salon des Herrn Petrus beſchrieben worden, und aus einem jungen Frauenzimmer, deſſen Weſen zu dem al⸗ ten Herrn wie die Geſtaltung der weißen Lilie zu der wuchernden Diſtel zu paſſen ſchien. Die Dame mochte kaum das vierte Luſtrum der Lebensjahre erreicht haben, doch war die ſchöne Frührothsfarbe jener ſorgloſen Zeit faſt ſchon von den jugendlich⸗vollen Wangen verwiſcht, und zwei feine Grübchen, die jede Bewegung des lieb⸗ lichen Mundes ſichtbar machte, wurden durch die feine Bläſſe, welche ſie umgab, noch anziehender, da ſie be⸗ wieſen, daß nicht Körperleid, ſondern Schickſal und Seelengram dieſe zarten Roſenkelche der Maienfarben beraubt haben mußten. Ihr Geſicht hatte ſonſt nichts Ausgezeichnetes, trug aber einen eigenen Charakter von Seelenadel, geiſtiger Schärfe und Feſtigkeit, mit ſchwär⸗ meriſcher Schwermuth gemiſcht, welche Letztere beſonders durch das große, runde Auge ausgeſprochen ward, das mattblau gefärbt, von langen Wimpern beſchattet, wie mit einem träumeriſchen Nebel bedeckt, die Kurzſichtige verrieth, dadurch aber zugleich den Anflug von Leicht⸗ fertigkeit und Sarcasm verwiſchte, den ſonſt das ein wenig geſtutzte Näschen und das üppig geründete Lip⸗ penpaar, Charakterzüge ihrer Nation, dem Geſichte auf⸗ zuprägen vermocht hätten. Die Dame war dabei von ſchlanker Geſtalt, mittlerer Größe, Arm und Hand, Hals und Bruſt fein und wohl geformt, nur trug ſie den —.——— ——— ———————————— 41⁵ Nacken und das Köpfchen, welches reiche hellbraune Flech⸗ ten zierten, etwas vorgebogen, und auch dieſes Zeichen der Trauer erhöhete ihren Liebreiz für den empfindenden Betrachter. Warum martern Sie mich ſeit geſtern mit neuen Schrecken? ſprach die Dame, von Mitleid und Furcht zugleich bewegt. Warum dieſe ſonderbare Bewegung in Ihnen ſeit geſtern? Warum die ſchleunige, übereilte Ab⸗ reiſe, da wir doch in der Stadt, die wir verließen, ſo wichtige Briefe zu erwarten hatten? Warum dieſe plötz⸗ liche, lähmende Erſchütterung, ſeit wir heute vor dem Schloſſe Ihres Jugendfreundes die Nachricht ſeines Ab⸗ lebens empfingen? Konnten wir denn nicht dort verwei⸗ len? Hätte uns die Edelfrau nicht ſicher wohl aufge⸗ nommen und uns Rath ertheilen können in unſerer Lage? Warum befahlen Sie die ſchnelle Abfahrt in wirk⸗ lich ſchrecklichen Tönen, als man uns am Schloßthore das Ende des Gutsherrn berichtete, und der treue Die⸗ ner ſein weinendes: Es iſt ſchon längſt aus mit dem guten Manne! hervorſtammelte. O mein Vater, Sie ver⸗ bergen mir doch nicht etwas Schrecklicheres, als ich ſchon erfahren? Oeffnen Sie mir Ihre Bruſt, erleichtern Sie Ihr Gemüth. Habe ich doch Ihnen bewieſen, daß ich werth war Ihres Vertrauens und Ihrer Liebe, und fühle ich doch lebendig, daß nur etwas Entſetzliches Ihre ſtarre Feſtigkeit, Ihren unerſchütterlichen Sinn ſo gebrochen und gelähmt haben kann.— Der Alte rollte ſeine Augen, die vorher ſtarr in den Wald geblickt hatten, auf eine widrige, Schauer erre⸗ gende Weiſe und zuckte mehre Male mit den Lippen, ohne ſeine Stellung im Winkel des Wagens zu ändern, oder ein Glied zu rühren. Willſt Du mich quälen? 416 ſchnarrte er alsdann mit kurzen Athemzügen. Ja, die⸗ ſer deutſche Graf war meine beſte Hoffnung. Er galt bei ſeinem Fürſten, ihm wäre es leicht geworden, un⸗ ſere Flucht zu ſichern. Er iſt todt; er iſt blind geweſen lange Jahre. Sagte nicht ſo der Diener? Und ſeine Hände waren doch rein geblieben, kein Blut, kein To⸗ desſchweiß hatte ihn befleckt. Und doch blind geworden? Ja, die Augen, welche das gräßliche Bild der Gorgone angeſchauet, mußten das Licht und die Sonne verlaſ⸗ ſen. Aber frage nicht, Kathinka, ich will, ich will nicht gefragt ſein, und die Tochter ſoll nur antworten, wenn ich frage.— In Kathinka's Augen drängten ſich ein paar ſchmerz⸗ liche Thränen hervor, ſie bog ihr Geſicht ſchweigend nieder auf des Vaters kalte Hand und drückte einen Kuß darauf, um den ſchweren, vorwurfsvollen Seufzer zu erſticken, der ſich ihrer Bruſt entwand. Der Alte ſah milder auf ſie herunter und legte ſeine Hand an ihren Nacken. Du kränkſt Dich, weil ich hart bin? fragte er weicher. Ich weiß, was Du ſagen kannſt. Aber mein Schickſal mußte mich zu Stahl wandeln, und es hört noch nicht auf mit den ſtreckenden Hammerſchlägen, und gönnet mir nicht einmal das ruhige Sterbelager im Va⸗ terlande, das dem deutſchen Grafen wurde. Du hätteſt mich allein reiſen laſſen ſollen. Du hatteſt nichts zu fürchten; Du konnteſt Deinen Glanzplatz behalten in der Reſidenz als die Braut des Unbeſcholtenen, des weich⸗ lichen Götzendieners, der nicht ſein Leben um höchſte Zwecke einzuſetzen wagte.— Vater, reden Sie von Alexiew? fiel Kathinka er⸗ ſtaunt ein. Nein, Sie reden nicht von ihm. Rettete ſein Brief an uns doch Ihnen Leben und Freiheit.— 417 Er war unter den Helden des Senatplatzes und würgte die Bundesbrüder! entgegnete der Alte mit heftig kreiſchender Stimme und Ingrimm in jedem Geſichtszuge. Sein Warnungsbrief galt nur der Braut und ihrem be⸗ fährdeten Erbe, welches von dem überwieſenen Hochver⸗ räther an den Kaiſer verfallen wäre. Aber Du ſollſt nicht um ihn weinen; er verdient keine Kathinka; auch Er iſt ein Schurke, ein Sklav und Serge der Gewalt⸗ thätigen. Er war vor uns in der Stadt, die wir ver⸗ ließen, er iſt fortgereiſet von da. Gewiß reuete ihn der Warnungsbrief, der nur den Vater entfernen ſollte, da ihm ſo unverhofft auch die Braut dadurch entführt wor⸗ den; gewiß verfolgt er unſere Spur als getreuer Fang⸗ hund ſeines Herrn; um die Tochter wieder zu erlangen, lieferte er auch den Vater dafür aufs Schaffot. Wäre es anders, warum hätte er ſonſt nicht da auf uns ge⸗ wartet, wo wir Briefe von ihm empfangen ſollten? Und das Gerücht von ſeiner Gefangenſchaft im Sachſenlande kann nicht wahr ſein, iſt nur ein Trugſpiel, uns viel⸗ leicht ſicherer in die Falle zu locken. Die Züge und die ganze Geſtalt des Mädchens ver⸗ wandelten ſich ſtufenweiſe bei der langen abgebrochenen Rede des Vaters. Zuerſt flog eine glühende Lebendigkeit durch alle ihre Züge; aber immer ſtarrer und kälter und leichenähnlicher wurde ihr ganzer Körper; die Finger weitgeſtreckt, die Arme ſteif erhebend, ſtammelte ſie end⸗ lich mit einer Stimme, die dem Grabe anzugehören ſchien: Vater! Vater! Und davon erfuhr ich nichts? Und er gefangen? So iſt Alles hin, und es geht zu Ende mit uns, und jetzt mit mir.— Wie ſterbend ſank ſie in die Kiſſen des Wagens und erſchlafft fiel ihr Haupt an die Seitenlehne des Verdecks. Blumenhagen. IW. 27 418 Ja, ja! Dieſes Land brachte mir nie Gutes! Von Deutſchen kam mein Unglück immer. Nicht nach Weſten, ſondern nach Süden, zu Perſern und Moslemins hätten wir flüchten müſſen! ſprach der Alte vor ſich hin, in⸗ dem er ein goldenes Flacon hervorſuchte und ſich beſchäf⸗ tigte, die entflohenen Lebensgeiſter der Tochter wieder zu wecken. Ein Büchſenſchuß, der jetzt ganz nahe im Gebüſch knallte, erweckte die Sinnloſe, ſchien aber den Vater mit einem ähnlichen Zuſtande zu bedrohen. Hoch auf fuhr er vom Sitze, und mit geiſterblaſſem Geſicht ſich auf die Schultern des Kutſchers ſtützend, lehnte er ſich weit hin⸗ aus, indem er mit den rollenden Augen die ganze Ge⸗ gend durchſpähete. Sie ſind da! ſtieß er heraus mit verhaltener Stimme, die Rächer ſind da. Peitſche auf die Pferde, Stenko, und rette Deinen Herrn! Sieh dort am Berge die Lan⸗ zenſpitzen der Koſaken und dort auf der Straße die Helme der kaiſerlichen Gardereiter. Stenko, abgelenkt, hier rechts hinein in den Waldberg, peitſche die Thiere durch das Dickicht! Ich ſtoße Dir den Dolch in den Rücken, wenn Du mich nicht aus dem Bereich der Feinde bringſt. Der bärtige Kutſcher, geängſtigt durch die plötzlichen Zornworte ſeines Herrn, verwirrt gemacht durch mehre Schüſſe, die im Wald laut wurden, und denen fernher eine volle Salve Gewehrfeuer zu antworten ſchien, zog zitternd die Zügel herum, und die gehorſamen Thiere riſſen den Wagen in einen Hohlweg hinein, der mit Rollgeſtein bedeckt und dicken Eichwurzeln bewachſen, keine Rettung oder glückliche Fahrt, ſondern das halsbrechendſte Unglück zu verſprechen ſchien. Die beiden Freunde, der Aſſeſſor und der Kammer⸗ —— —— 419 junker, ſahen ſich mit Erſtaunen an, als die Kutſche, der ſie gefolgt waren, ſo plötzlich von der ſichern Straße abbog, und die gewandten Gäule im geſtreckten Trabe ihre Laſt wunderbar ſchnell auf dem ungangbarſten Holz⸗ wege fortriſſen. Sie hatten die Schreiworte des Reiſen⸗ den vernommen und vermutheten dadurch um ſo mehr, daß eine plötzliche Wildheit der Thiere, erregt durch die Schüſſe der tiraillirenden Jäger des Manövers, Schuld an dem Ereigniſſe ſei; Beide ſetzten die Sporen ein und ſprengten ebenfalls den Hohlweg hinab, um wenig⸗ ſtens bei dem wahrſcheinlichen Unglück ſofort als Helfer zur Hand zu ſein. Sie hatten ſich geirrt, denn ohne Unfall, ohne Radbruch und Sturz paſſirte der Wagen den böſen Paß, und erreichte glücklich ein kleines enges Wieſenthal, wo ein Steinkohlenſchacht ſich öffnete, und das kleine Schutzhaus der ſchwarzen Bergleute, von einem niedern Dornzaune umgeben, ſich den Blicken darbot. Aber größere Verwunderung ſollte unſere jungen Freunde auf ihren dampfenden Roſſen erfaſſen. Als der Wagen dem kleinen Bergwerke nahe vor⸗ überfuhr, zeigte ſich am Ende des Thales ein Commando blauer Huſaren, welches eine in das Manöver eingrei⸗ fende Ordre auszuführen erſchien, und befehligt war, die feindlichen Scharfſchützen, wenn ſie aus dem Gehölz auf die Ebene gehetzt worden, abzuſchneiden und wo möglich einzufangen. Kaum erblickte der fremde Reiſende vor ſich auf dem gewählten Fluchtwege die Pelzmützen und blanken Säbel, ſo ſchrie er mit gellenden Tönen: Es iſt aus! der Eber iſt umſtellt! Keine Rettung! Aber lieber in den ſchwarzen Höllenſchlund, als in die Klauen der Tyrannenfreunde!— So that er einen unvermutheten Sprung hoch vom Rande der Kutſche über den niedern 420 Zaun weg gegen den ſchwarzen, gähnenden Schacht hin, ſo ſchnell und gewandt, daß die kaum aus der Ohn⸗ macht gehobene Tochter vergebens nach ihm griff, und mit einem Angſtruf wieder zurückſank, der Kutſcher aber nur ein ruſſiſches Stoßgebet ihm nachmurmeln konnte. Der Aſſeſſor ſprang ſogleich vom Sattel, ließ den Zü⸗ gel fahren und ſtürzte ihm nach, doch ehe der Fremde den Schacht erreichte, ſchlug er zu Boden gegen die Balkenumkleidung des Schlundes, und Carus fand ihn mit blutender Stirn, blaurothem Antlitz, hervorgequol⸗ lenem Auge und röchelndem Athem im Waldgraſe lie⸗ gen, und mühete ſich vergebens ihn aufzurichten. Zu⸗ fällig, wie erwünſcht, ſammelte ſich gerade in dieſer Minute ein Haupttheil der exerzirenden Truppen in der Nähe dieſes Ortes; die Garden mit ihren Bärenmützen zogen vorüber, und der Feldarzt, welcher ihnen folgte, ließ ſich leicht erbitten, dem vom Schlagfluſſe getroffe⸗ nen Reiſenden eine Ader zu öffnen und ihm Beiſtand zu leiſten. Die auffallende Gruppe am Bergwerke, wie das reiſende Frauenzimmer in der fremdartigen Kaleſche um welche der gleichfalls abgeſeſſene Herr von Deventer ſich bemühete, und ſie von dem Herausſpringen zum Vater abzuhalten ſuchte, lockten die Blicke der ſchlanken Grenadieroffiziere aus den Reihen herüber; indeß durfte, von der Tyrannin Subordination unter der Fahne ge⸗ feſſelt, keiner ſeine Neugierde befriedigen. Als aber jetzt der Stab herantrabte, und mehre der jungen Adju⸗ tanten von allen Waffengattungen ſich dem Wagen nä⸗ herten, den Kammerjunker fragten, und einige Miene machten, in den Verſchluß des Zaunes zu dem Arzte zu dringen, da wickelte der bärtige Kutſcher ſchnell die Zügel ſeiner rauchenden Thiere um die Lehne des Bockes, 421 — ſprang herab und warf ſich in dem engen Dorneingang auf die Knie, zückte mit dräuenden Geberden ein großes Meſſer gegen Jeden, der ſich näherte, indem er zugleich furchtbar klingende, unverſtändliche Töne ausſtieß, die bald dem Geziſch des zornigen Gänſerichs, bald dem dumpfen Gebell eines heißeren Kettenhundes glichen. Das ſonderbare Bild zog die Aufmerkſamkeit aller Her⸗ ankommenden auf ſich, und auch der junge Fürſt, ein hochgeſtalteter, edelgebildeter Mann im beſten Lebens⸗ alter, ſpornte ſein Roß heran und ſaß mit Mehren ſeines Gefolges ab, die Urſache des Vorfalls, der ſeinen Zug aufhielt, zu erforſchen, der er ein geſchehenes Un⸗ glück in Folge der Militärübungen vermuthete. Lieute⸗ nant Stein, der bekannt mit dem Gange der Märſche des Corps auf kürzerm Fußwege zur Stelle gelangt, ſprengte im Dienſteifer ſofort heran, zog den Säbel und befahl dräuend dem bärtigen Wächter am Zaune, ſich zu entfernen und dem Prinzen zu weichen. Wie der treue Leibeigene, der mit dem Leibe noch immer den Zugang zu ſeinem Herrn deckte, das Wort Prinz hörte, und den großen Ordensſtern funkeln ſah, ſo zuckte ein tiefer Schmerz über ſein runzelvolles Geſicht, aber au⸗ genblicks nahmen tiefe Ehrfurcht, ja faſt thieriſche Scheu die Herrſchaft über alle ſeine Mienen und Bewegungen, er barg das Meſſer und zog ſich langſam hinter die Zaunwand zurück. Der Prinz trat mit Haſt zu dem Kranken, und Mitleid und Menſchlichkeit glänzte in ſeinen reinen und edlen Augen; doch kaum hatte er einen Blick auf den Fremden geworfen, ſo wurde ſein blühend Angeſicht bleich, eine recht finſtere Wolke faltete ſeine hellen Augenbrauen. Fürſt Taſchwill! rief er mit dem Ausdruck des höchſten 422 Erſtaunens und Entſetzens zugleich, welcher böſe Geiſt treibt Sie von Petersburg in unſere Lande? Ha, ich erinnere mich! ſetzte er mit plötzlichem Beſinnen hinzu, indem er einen Blick voll Zorn auf den Liegenden warf, der mit kehrendem Bewußtſein, jedoch noch immer von dem Wahnſinn umflort, der ihn zu all dieſem unſinnigen Benehmen getrieben hatte, nur die Worte: Degen oder Bajonett! Nur keine Knute und keinen Strang! mehre Male kaum hörbar ſtammelte. Unglücklicher Menſch, ich errathe den Grund Ihres Hierſeins und dieſes Zu⸗ ſtandes!— Er winkte raſch den Landdragoneroffizier zu ſich her und flüſterte demſelben einige Worte in das Ohr. Da lag die ſchöne Kathinka zu den Füßen des Befehlenden. Durchlaucht, flehte ſie wie eine Verzweifelnde, ver⸗ ſagen Sie Ihren Schutz nicht dem unglücklichſten, ge⸗ quälteſten Weſen in der Schöpfung. Sie gaben in un⸗ ſerer Kaiſerſtadt ſo viele Beweiſe der Menſchlichkeit und ſtellten Ihr Andenken feſt unter unſern Landsleuten; o ſein Sie auch hier menſchlich, und nehmen Sie die Schutz⸗ Loſen unter Ihren Fürſtenmantel.— Stehen Sie auf, Fürſtin! antwortete der Prinz ha⸗ ſtig und ſehr milde, bei mir fleht kein Unglücklicher umſonſt, und der Schuldloſe iſt meines Schutzes voraus gewiß.— Das Mädchen ergriff ſeine Hand und ver⸗ ſuchte ihre Lippen darauf zu preſſen. Stehen Sie auf, rief er nochmals, ſie vom Boden erhebend. Die Prin⸗ zeſſin iſt in der Nähe, dem Kriegsſpiele zuzuſehen; un⸗ ſere Equipage wird Sie aufnehmen und zur Stadt füh⸗ ren. Für das Schickſal Ihres Vaters werde ich die nöthigen Befehle ertheilen.— Nein, nein! rief Kathinka heftig. Nichts trennt mich 423 von ihm; für ihn nur habe ich zu leben, und theilen werde ich Alles, was ihm der Himmel auferlegt.— Sie ſtürzte hin zu dem Kranken und kniete zu ihm, und legte ihr thränennaſſes Geſicht an ſeine Bruſt. Der Himmel oder die Hölle! ſprach der Prinz leiſe bei ſich ſelbſt, als der nahe Donner des Geſchützes ihn erinnerte, wie ſeine Anweſenheit und ſein Commando nöthig ſei bei dem Geſchäft des Tages.— Erlauben Sie, Durchlauchtigſter Herr, daß die Fremden nach dem nahen Gute meiner Tante gebracht werden dürfen? fragte der Herr von Deventer mit reſpektvoller Annäherung. Der Arzt ſcheint ſehr beſorgt für das Leben des Verwundeten, und der Zuſtand der Dame fordert ſicher ſchnelle Be⸗ ruhigung.— Führen Sie Beide hin, entgegnete der Prinz, ſeinen Hengſt beſteigend, Sie werden dort weiter von mir hören. Herr Lieutenant Stein, es bleibt bei der Ordre.—— Was befahl Prinz Eduard? fragte der Aſſeſſor mit Haſt und Aengſtlichkeit, als das Getümmel ſich ziemlich verlaufen hatte, und die Reiter in den Holzwegen ver⸗ ſchwanden. Sollſt Du ihn verhaften?— Das nicht, antwortete Stein bedenklich, aber ich ſoll den Herrn nicht aus den Augen laſſen. Wenn dem Storch zu wohl wird, läuft er Schlittſchuh. Ich hab's voraus geſagt; die Krähe erkennt man an den Federn, und der Krug ohne Henkel geht nicht mehr zum Waſſer.— Beruhigen Sie ſich, tröſtete der Aſſeſſor die junge Fürſtin, die wieder aufſchrie in Jammer bei des Lieute⸗ nannts Worten; Sie ſind in dem Schutze deutſcher Männer, und kindliche Treue, wie ſie in Ihnen wohnet, ruft uns Alle zur Hülfe auf.— Alſo nach Sibirien? murrte mit tiefem Ingrimm 424 und Furcht zugleich der bärtige Kutſcher, als man ihm befahl, den Herrn in den Wagen zu tragen und Alle Hand anlegten.— Wäreſt Du dahin ſpaziert durch Schnee und Eis, Du tolles Thier, entgegnete der Lieutenant, und hätteſt nicht hier durch Dein Meſſer und Geheul die Achtſamkeit der Durchlaucht auf Dich und Deinen Herrn gelockt! Aber der Eſel iſt ja ein jämmerlicher Lautenſchläger, und Deine Paukenmuſik hat das Wetter herangezogen.— Der Fürſt Taſchwill und ſeine Tochter wurden in dem ruſſiſchen Fuhrwerke fortgeſchafft, der Feldarzt nahm Platz ihnen gegenüber, und der Lieutenant trabte als Wegweiſer voran, während die beiden Freunde den Zug beſchloſſen. Der Aſſeſſor ſagte aber im Aufſteigen zum Herrn von Deventer mit trüben Augen: Freund, unſere Novelle bleibt nicht rein; der Stoff ſcheint ſehr ſchwer⸗ müthig zu werden, und ich fürchte, er iſt zu eiſern und maſſiv und unbeugſam für eine Aufgabe, wie die unſe⸗ rige war.— Das erwähnte Landhaus der Tante lag in einer ſchönen Fläche des reichen Fruchtthales, welches ſich an die lind⸗abſteigenden Eichenwälder lehnte, und die freund⸗ liche Außenſeite der Gebäude lud ſchon von weitem her jeden Fremdling ein, indem es die Eigenthümlichkeit der Bewohner deutlich ausſprach. Die Herrin des Schlöß⸗ chens, eine bejahrte Wittwe, war eine jener Matronen, von denen ſich unter den deutſchen Edelfrauen ſo manches Muſterbild auffinden läßt. Eine würdevolle Geſtalt, ein Geſicht voll Güte und voll Hochſinn, welches Ehr⸗ furcht und kindliches Vertrauen bei Jedermann erweckte, 425 ein prunkloſes ſchwarzes Wittwenkleid, das in ſeiner züchtigen und kleidſamen Form, verbunden mit der ſchneeweißen Halskrauſe und dem glänzenden Spitzen⸗ häubchen auf den reinen Sinn der Dame deutete, Alles das einete ſich in ihr und an ihr zu einem vollendeten Bilde der deutſchen Familienmutter, und ſie war es für ihre Verwandten, wie für die Unterthanen ihres kleinen Reichs. Die vorſichtigen Freunde ſahen ſich wohl vor, und machten ihr keine der böſen Vermuthungen kund, die ſich über den Fremden aufgedrängt hatten, denn ge⸗ rade der reinſte und mildeſte Sinn ſpricht leicht am här⸗ teſten ab über Begebenheiten und Thaten, die ihn ſeiner Natur nach nie berühren konnten; ſo empfing die Ma⸗ trone den Fürſten und ſeine Tochter wie Unglückliche, de⸗ nen der Zufall in der Fremde hart mitgeſpielt, und des Vaters Kopfwunde entfernte jeden Verdacht der böſern Wirklichkeit, ja ſelbſt der Landdragoner⸗Offizier erſchien ihr nur als ein Vollſtrecker der Sorgfalt des verehrten Prinzen, die ihr als ein Beweis der Achtungswürdigkeit der Reiſenden galt, und ihre Aufmerkſamkeit noch er⸗ höhete. Bald war Fürſt Taſchwill in ein freundliches Zim⸗ mer gebettet; die Freunde verabredeten ſich, wechſelnd bei ihm Wache zu halten, da die wirklich erkrankte Tochter in einem Nebenzimmer unter der Obhut der Baronin verblieb. Bei all den Einrichtungen hatte der Abend mit ſeinen frühen Dämmerſtunden ſich herange⸗ macht, und eine tiefe Stille herrſchte im ganzen Gebäude, die nur für die Freunde etwas Beklommenes mitbrachte, weil ſie die nächſte Entwickelung der Schickſale dieſer Perſonen zu fürchten hatten, von denen die eine ihr beſonderes Intereſſe gewinnen mußte, und durch ihre 426 Nähe den unwillkürlichen Abſcheu vor der andern mil⸗ derte. Der Fürſt lag ſchweigend auf ſeinem Ruhebett; man hatte ihn verbunden, ein Kühltrank war ihm gereicht, und ſeine Beſinnung und volle Seelenkraft war zurück⸗ gekehrt. Mit ſtarren Augen muſterte er die Umgebungen und murmelte zuweilen fremde Worte vor ſich hin, doch lag Faſſung, Entſchloſſenheit, ja völlige Reſignation in ſeinem Benehmen. Der Aſſeſſor, welcher in einer Spät⸗ ſtunde allein bei ihm ſaß, ſuchte durch milde Anreden oft die quälende Verſchloſſenheit des unfreiwilligen Ga⸗ ſtes zu löſen, aber es gelang ihm nicht, wenn auch der Fremde ihm zuweilen mit einem warmen Händedrucke für ſeine Bemühung zu danken ſchien, wobei die Todes⸗ kälte der dürren Finger des Fürſten jedesmal den jungen Mann durchſchauerte. Der bärtige Leibeigene ſchlich jetzt in das Zimmer, ſah ſich vorſichtig um, und näherte ſich dann mit gebo⸗ genem Haupte und gekreuzten Armen dem Bette, bog das Knie und küßte ehrfurchtsvoll die Decke. Was willſt Du, Stenko? flüſterte der Fürſt mit mat⸗ ter Stimme. Gospodin, antwortete der Alte ruſſiſch, faſt eben ſo leiſe, iſt es denn vorbei, und ſollen wir nicht weiter? Ich meine, es wäre hier nicht Alles, wie es ſein ſollte.— Und warum meinſt Du das? Gebricht Dir's an Etwas? fragte der Herr. Nicht doch, entgegnete leb⸗ hafter der Knecht; die guten Thiere ſtehen bis an den Bauch im Stroh, wie es nur in Kurland wachſen kann, und ſie thun ſich zu Gute an dem blanken Hafer, der dem vom Kaukaſus den Preis hält. Auch mich hat man voll gefüttert mit guter Suppe und heißem Wolka. 427 Aber, Herr, da unten im Stalle ſind zwei Reiterpferde angekommen und zwei Dragoner, ſo lang, wie ſie der gnädigſte Kaiſer kaum in ſeinem Palaſte hat, ſchauten mich grimmig an, und ich habe ausgewittert, wie der eine mit dem ſchweren Sarras unter dem Arme immer um das Gehöft herumwandert trotz des kalten Windes, und der andere indeß im Stalle ſich zu ſchaffen macht, als hielte er Wacht auf des Gnädigen Thiere, und wie ſie ſich ſtündlich ablöſen in dem Geſchäft.— Geh' nur hinab, Stenko! erwiderte der Kranke. Lege Dich in das Stroh zu den treuen Thieren und ſchlafe aus zum erſten Male ſeit Monden. Es iſt Alles gut und wird gut zu Ende gehen.— Der hohläugige Alte ſah ungläubig auf den Herrn, dann küßte er nochmals das Betttuch, zog ein kleines, metallenes Schutzheiligen⸗ bild aus dem Bruſtwammſe, und kopfſchüttelnd das Auge darauf gerichtet, ſchlich er, wie er gekommen, zum Zim⸗ mer hinaus. Es ſind Soldaten unten angekommen, begann da der Fürſt mit Faſſung und Gleichmuth, ich bin verhaf⸗ tet, man wird mich fangen und ausliefern. Aber ich fühle es in Hirn und Bruſt, ein höherer Richter erſpart mir die Reiſe in die Bergwerke von Tobolsk.— Es werden einquartirte Reiter ſein, fiel ihm der Aſſeſſor verlegen in das Wort. Die meiſten Truppen des Fürſtenthums ſind zu herbſtlichen Uebungen in dieſer Gegend zuſammengezogen.— Alſo das war der Gegenſtand meiner Angſt? ſprach der Kranke vor ſich hin. Ohne Grund trieb mein eige⸗ ner Wahnwitz mich in das Verderben, und ich ſelbſt mußte mein Verräther werden? Aber gut ſo, gut ſo! es mußte ein Ende nehmen; hatte doch dieſe enge Bruſt 428 keinen Raum mehr für die Flammen darin. Junger Mann, fuhr er dann mit Feſtigkeit fort, Ihre milden, freundlichen Reden, wie ich Sie zum erſten Male ſah an dem Unglücksmorgen in der Stadt, rufen mein Ver⸗ trauen auf. Da nehmen Sie, was Niemand bei mir finden darf. Morgen möchte es zu ſpät werden dazu. Dieſes Taſchenbuch enthält die Geheimniſſe meines Le⸗ bens; eine unerklärbare Empfindung hindert mich, dieſe Blätter zu vernichten. Es enthält zugleich werthvolle Papiere, welche wenigſtens die erſte Noth meines un⸗ glücklichen Kindes mildern mögen. Hegen Sie Alles, leſen Sie, vertilgen Sie, was Sie finden; Ihr Geſicht ſpricht mir den Eid des Nicht⸗Mißbrauchs vor der Ent⸗ ſcheidung meines Schickſals aus.— Der Aſſeſſor nahm das Taſchenbuch, das von bedeu⸗ tender Größe war, und welches der Fürſt aus einer in ſeiner großen Pelzmütze verborgenen Taſche hervorholte. Mein Kind! ſeufzte der Gebende alsdann, indem er ſich erſchöpft zurücklehnte. Sie iſt das Opferlamm, welches ich ſchlachtete. Ihr Körper, ihr Gemüth wird die Schre⸗ cken dieſes Tages nicht ertragen, ſie wird hingehen vor mir, und gräßlich allein werde ich enden müſſen.— Noch nicht ausgeſprochen hatte der Unglückſelige, da öffnete ſich geräuſchlos die Seitenthür, und leiſe und langſam trat Kathinka mit ſuchenden, beſorgten Blicken in das Gemach. Sie ſchien wohl und erſtarkt, und ihre Geſtalt, von den beſchwerenden Reiſekleidern befreit, hatte dadurch an Lieblichkeit gewonnen, wenn auch im⸗ mer noch ihre Haltung vorn übergebogen, wie ein Bild der Schwermuth blieb, und in ihrem umſchleierten Auge man den Glanz der Jugend vermißte. So wie ſie näher trat und den Vater ſcheinbar wohl im Bette aufrecht — * 429 ſitzen ſah, verklärten ſich ihre Züge, ſie kam beſchleunig⸗ ten Schrittes näher; ſie beugte ſich, nahm ſeine Rechte zwiſchen ihre beiden Hände und drückte ſie zu wiederhol⸗ ten Malen an ihren Mund. Der Fürſt ſah forſchend in ihr Geſicht. Wie iſt Dir, Kathinka? fragte er finſter, und ſein Mund ſchien zu beben. Gut, recht gut, ant⸗ wortete ſie feſt, Sie ſind ja nicht mehr in des Todes Armen, und gute Menſchen umgeben uns.— Du täuſcheſt Dich, Kind, fuhr er fort, mit gleich ſcharf klingenden Tönen, dieſe freundliche Ruhe iſt ein Blumenraſen über meinem Grabe. Haſt Du vergeſſen, was geſchah? Gedenkeſt Du nicht, was geſchehen wird? — Das Mädchen ſchien zu zittern. Wir haben viel ge⸗ tragen, entgegnete ſie, was noch übrig iſt, wird ſich auch tragen laſſen, und ſoll uns eben ſo ſtark finden, wie bisher.— Mädchen, rief da der Alte mit Heftigkeit, warum biſt Du mir nicht Sohn geworden? Du hätteſt mich ſicherer gerettet, als dieſer ſchwankende Solikow, der nicht einmal Wort hielt, wo er es konnte ohne Gefahr, der durch das Zögern ſeiner Boten uns in dieſe Noth warf. Weniger verweilet, hätte uns längſt das freie Schiff über die Meere getragen, hin, wo keine Scher⸗ gen dräuen.— Eine feine Roſenglut beflog die Wangen der Fürſtin. Vater, ſchelten Sie nicht, ſagte ſie, nennen Sie ihn nicht mehr. Ich habe ihn ja aufgegeben in jener Schreckens⸗ nacht. Er iſt nicht mehr da für mich ſeitdem. Nur die Nachricht, daß auch ihn unſer Schickſal getroffen haben könnte, erſchütterte mich heute morgen. Aber es iſt ja nicht möglich. Wie käme er hieher? Wie konnte des Kaiſers Günſtling Verfölgung treffen? Es iſt eine Lüge 430 des Gerüchts, eine Verwechslung des Namens auf der fremden Zunge. Darum ſchweigen wir von ihm, wie von einem Todten.— Ihre Stimme ſchwankte und ver⸗ lor ſich faſt bei der vorher raſch geſtoßenen Rede. Du biſt meine ſtarke Tochter, und ich erhebe mich auch jetzt an dieſer Stütze, ſprach der Kranke. Aber haſt Du auch ganz überſehen, was die nächſten Tage bringen werden? daß man mich verhaften wird, iſt ge⸗ wiß, daß man den Geneſenen ſeiner Regierung auslie⸗ fern wird bei den Geſetzen der Fürſtenallianz unſerer Zeit, eben ſo ſicher. Dürfte auch mein Leben geſchont werden, ſo kann Verbannung in das Land des Eiſes und das Reich kalter, langſamer Tode mein Loos wer⸗ den. Adel und Gut iſt jedenfalls verloren, Du wirſt als eine Bettlerin unter Fremden fern vom Vaterlande leben müſſen, und das iſt die gräßlichſte Henkersqual, die mir bevorſteht.— Verwundert ſah Kathinka auf den Vater, und ihre trüben Augen leuchteten. Vater, ſagte ſie, ich habe nimmer Ihre Verſtoßung verdient, und Sie werden mein guter Vater bleiben, war ich doch ſtets Ihre gute Tochter. Was iſt Adel und Gut? Habe ich denn nicht das Höchſte gern gege⸗ ben, um Sie nicht miſſen zu dürfen? Mein Platz im Leben iſt an Ihrer Seite, und in der Kibitka auf den Eisfluren werden Sie Ihre Tochter neben ſich behalten, müßte ich doch ſonſt meinen Vater grauſam ſchelten, und glauben, ich ſei ein böſes Kind geweſen, und er habe Enterbung und Verſtoßung über mich ausgeſprochen.— Leiſe weinend beugte ſie ſich auf des Kranken Kiſſen; dieſer aber umfaßte ſie mit Anſtrengung und heftiger Bewegung. Diutſcher Mann! rief er, und ſeine häßlichen Ge⸗ 431 6 ſichtszüge bekamen durch die Empfindung, die in ihnen auflebte, einen unerwarteten Reiz; deutſcher Mann, bin ich arm und verworfen? Nein, ich kann nicht ſo ſchul⸗ dig ſein, als die Menſchen ſprechen, wie käme ſonſt dieſer Engel zu mir, wie könnte ſonſt dieſer Engel ſo treu beharren an meinem Herzen?— Tröſten Sie ſich Beide, antwortete der Aſſeſſor und trat bewegt ihnen näher. Ihre Sache liegt vielleicht nicht ſo ſchlimm als ſie träumen. Wohl läßt ſich Man⸗ ches mildern, ausgleichen, wenigſtens aufhalten, und der Augenblick iſt oft ein Zauberer, der Nacht zu Tage macht. Mein Vater iſt Geheimerath; des Kammer⸗ junkers Brüder ſtehen hoch im Staate und am Throne. Wir werden ſie aufbieten, und mit hohem Schwure be⸗ theure ich bei dieſem heiligen Altarbilde der Tochterliebe, die Fürſtin ſoll an mir den Bruder, den Schützer finden auf Tod und Leben, wenn ſie den deutſchen Mann des hohen Amtes würdig halten möchte.— Einen Blick voll Milde ließ Kathinka auf dem Jüng⸗ linge ruhen, deſſen angenehmes Aeußere in dieſer Er⸗ glühung wirklich ſchön erſchien, der Kranke aber reichte ihm die Hand und ſagte mit dumpfen Tönen: Sie ver⸗ dient es! Ob ich's verdiene? Aber die böſen Geiſter in mir find ſtill geworden; Trotz und Zagen ſchlafen, und das deutet auf ein gutes Ende.— Mehre Tage verliefen. Die Freunde, obgleich von ihren Geſchäften zur Stadt gefordert, verſäumten den⸗ noch keinen Abend auf dem Landhauſe ſich einzufinden. Des Kranken Zuſtand ſchien bedenklicher zu werden; fie⸗ berhafte Bewegungen, mit einer zunehmenden Schwäche 432 verknüpft, machten dem Arzte Sorge, und heftige Ge⸗ müthswallungen, die auf Stunden kehrten, wenn er ein⸗ ſam ſeinen Gedanken überlaſſen geweſen, zehrten wie ein heimlich Feuer an ihm. Die Fürſtin Kathinka entwickelte unterdeſſen eine ſolche Fülle von tiefer Empfindung und liebeswerthen Eigenſchaften in dieſen auf die Spitze ge⸗ ſtellten Schickſalstagen vor Allen, die ſie beachten konn⸗ ten, daß die alte Baronin ſie wie eine Tochter lieb gewann, und der Kammerjunker wie der Aſſeſſor bald ſich mißtrauiſch betrachteten, indem Jeder von ihnen in dem Andern einen Nebenbuhler bei der frömmſten und ehrfurchtvollſten Werbung zu fürchten begann, ſo daß William Carus ſogar einſt, als er vom Schlößchen ſchied, dem ihn begleitenden Freunde zum Abſchiede zu⸗ rief: Adolph, wahre Dich und Dein Thun! Wir Beide könnten ſonſt die Haupthelden unſerer Novelle werden, und wie Iſidor und der unbrüderliche Staroſt um dieſe herrliche Olga bluten müſſen.— Der Aſſeſſor hatte bis da das geheimnißvolle Taſchen⸗ buch in ſeinem Schreibbüreau ſtreng verſchloſſen gehal⸗ ten; an dieſem Abende aber trieb ihn neben der Neu⸗ gierde ein quälendes Gefühl, es hervor zu ſuchen. Er mußte den Vater des Mädchens kennen, das ſo einen fremdartigen, nie zuvor im Treiben der galanten Welt empfundenen Eindruck auf ihn gemacht hatte; er mußte mehr von ihr, von dieſem Solikow wiſſen, deſſen Ge⸗ ſtalt in ſeinem Gedächtniſſe nur zu getreu bewahrt ſtand, und den er ſeit Kurzem faſt wie ſeinen ärgſten Feind betrachtete. Hatte der Fürſt doch ihm Freiheit gegeben, zu ſchalten mit dem Inhalte des Buchs nach Gutdünken; ſo öffnete er denn in ſtiller, geheimer Mitternachtſtunde das Silberſchloß, nahm die fein und enge beſchriebenen 433 2 Blätter heraus, und las die in franzöſiſcher Sprache ge⸗ geſchriebenen Memoiren, die wir dem Leſer nur in Kürze und im Auszug mittheilen dürfen.— Fürſt Ighor Taſchwill wurde in der reichſten und ſtolzeſten Familie Rußlands geboren; denn ſein Stamm glaubte ſich berechtigt, ſeine Ahnen in dem graueſten Alterthum des Volks ſuchen zu dürfen, zählte ſelbſt die älteſten Czaren zu ſeinen Vätern, und führte Wladimir den Großen und ſeine zwölf Söhne, wie auch Jurge, den Erbauer Moskaus, in ſeinen Geſchlechtsregiſtern auf. Das Erbe des Fürſten Ighor, der frühe ſeine Eltern verlor, war unermeßlich, die Menge ſeiner Leibeigenen unzählbar, und ſich ſelbſt überlaſſen, wuchs der junge Fürſt auf in dem verführeriſchen Glanze orientaliſcher Unbeſchränktheit, die unter nordiſchem Klima ſeinem Cha⸗ rakter neben der Genußſucht und ungezügeltem Leicht⸗ ſinne auch die Feuerzeichen des rauheſten Eigenwillens, des roheſten Trotzes, des unbändigſten Jähzorns auf⸗ drückte. Der Aufenthalt am Hofe der Kaiſerin Katharina, das Leben in dem ungeheuren Petersburg eignete ſich ganz dazu, in dem zwanzigjährigen Jünglinge die angebore⸗ nen wie anerzogenen Untugenden zu entwickeln, obgleich die Schärfe und Lebhaftigkeit ſeines Geiſtes ihn antrieb, mit unermüdlicher Wißbegierde alle die Gelegenheiten zu benutzen, die ihm die Weltſtadt zur Erweiterung ſeiner Kenntniſſe und Verfeinerung ſeiner geiſtigen Bildung dar⸗ bot, und ſo fand ſich bei ihm die ſeltene Erſcheinung, daß man denſelben Jüngling tagelang zwiſchen ernſten Lehrern und wiſſenſchaftlichen Büchern beſchäftigt fand, der doch bei jedem nächtlichen Freudengelage zugegen war, mit Witz und ſcharfen Sarkasmen die Geſellſchaft belebte, Blumenhagen. 1V. 28 134 dem übervollen Becher zugethan ſchien, und in mancher Mitternacht einige Tauſende ſeiner Bauern in einem Wurfe der tollen Spielwuth opferte. Trotz ſeiner unan⸗ ſehnlichen Figur, trotz ſeiner unſchönen Geſichtsbildung, trotz ſeines leichtſinnigen Lebenswandels zog der junge Mann durch ſeine beſſeren Eigenſchaften die Aufmerkſam⸗ keit Potemkins des Tauriers, des berühmten Staats⸗ mannes jener Zeit, auf ſich, und durch Rang und Reich⸗ thum unterſtützt, ſah er die Bahn der Ehre aufgeſchloſſen, und ſtieg in dem Heere der Kaiſerin von einem Poſten zum andern raſch hinauf. Da berührte das Schickſal zum erſten Male mit eiſerner Fauſt ſein Haupt und gab ſeinem Daſein die fürchterliche Richtung. Unter dem Gefolge, welches den Großfürſten Paul und ſeine Gemahlin auf der Reiſe durch Deutſchland und Frankreich begleitete, befand ſich auch Ighor Taſch⸗ will und mit ihm der jüngere Fürſt Werkinskoy, der ihm durch gleichen Rang, gleiche Neigungen und Gewohn⸗ heiten längſt befreundet geworden. Eine ſchöne Polin von Stande reiſete unter den Damen der Großfürſtin, und Fürſt Werkinskoh hatte ſchon in der ruſſiſchen Haupt⸗ ſtadt Fräulein Sophia mit warmem Intereſſe angeſchauet, ſeine Hoffnung war durch die feueraugige Polin nicht zu Boden geſchlagen worden, und die ſtrenge Sittlichkeit der Großfürſtin, die aus ihrem deutſchen Vaterlande eine ſtrengere Etiquette und eine ernſtere Lebensweiſe, als man an dem freien Hofe der Kaiſerin gewohnt war, mit⸗ gebracht hatte, führte zu Gatſchina, wohin des Groß⸗ fürſten Hofhaltung in faſt unkaiſerlicher Beſchränkung von der Mutter, die ihn nicht liebte, verwieſen worden, un⸗ überſteigliche Mauern zwiſchen dem Fürſten und der Ge⸗ liebten auf. Die gemeinſame Reiſe bot freiere Gelegen⸗ — 435 heit, und hatte Werkinskoy früherhin ſeinen Gram und heftigen Groll über die Verhätniſſe ſeines Herzens in Taſchwills vertrauten Buſen gelegt, ſo mußte dieſer auch jetzt ſeine Freude theilen über jede noch ſo kleinliche Glücksgabe, die ihm die Liebe zuwarf, und Taſchwill, wenn ihm auch die Liebe bislang nur in ihren unzar⸗ tern Empfindungen bekannt geworden, vergnügte ſich wie ein getreuer Pylades an den Entzückungen des Buſen⸗ freundes. Man kam nach Paris; die Feſte der ſchönen Köni⸗ gin Frankreichs öffneten den jungen reizbaren Nord⸗ ländern ihre Himmel, und verlockten auch die Helviſe aus dem Polenlande, ihrem ſchmachtenden Abälard Be⸗ weiſe der glühendſten Zuneigung zu geben. Auf einem großen Ballfeſte zu Trianon, wo die reichſten Genüſſe wechſelten, wo im Gedränge der zahlloſen Gäſte der ſtille Freudenrauſch verknüpfter Seelen unbemerkter blei⸗ ben konnte, wagte Fräulein Sophia in der Nähe des Tanzſaales, in einem jener verſteckten Laubzimmer, wo jede Umgebung, der in Dämmerung gehüllte Glanz der Geräthſchaften, balſamiſche Wohlgerüche, Teppiche und Ottomanen, Blumenduft und Kühle, die Sinne zu er⸗ regen und zu erdreiſten wußten, und welche die böſen Zungen der Pariſer nur zu ſehr zum Nachtheile der Königin in Bewegung ſetzten, ihrem Anbeter ein Stell⸗ dichein zu geben, und unbemerkt trat die ſcheue Liebe in dieſen Tempel der verſtohlenen Zärtlichkeit. Doch zwei wildglühenden Augen war die Entfernung des ſchö⸗ nen Paars nicht unbemerkt geblieben. Der Großfürſt ſelbſt überraſchte die Unbedachten. Spion der Kaiſerin! Mein Herz ſollt Ihr wenigſtens nicht ungeſtraft verra⸗ then und betrügen!— rief er eindringend. In rauher 435 Sitte, die ihm eigen, wenn er zürnte oder leidenſchaft⸗ lich erregt war, riß er die Polin aus Werkinskoys Armen und ſchleuderte das Weib unzart dem Tanzſaale zu, ein Schlag ſeiner mächtigen Fauſt traf das Antlitz des erſtarrt ſtehenden Fürſten, und als Taſchwill, der ahnungsvoll dem Herrn gefolgt, herbeiſtürzte, und em⸗ pört über die ſchändende Gewaltthat die Hand unwill⸗ kürlich an den Degen legte, fiel auch ihn der zornige Löwe an, riß ihm mit unwiderſtehlicher Stärke die eherne Waffe von der Seite, zerſplitterte ſie an dem Parket des Gemachs, und zwang die im Innern zer⸗ nichteten Jünglinge, vor ſeinem zerſtörenden nordiſchen Ingrimm ſich durch die Flucht zu retten. Ob eigene geheime Leidenſchaft und ihre Eiferſucht den Großfürſten damals bewegt und zu dem Aeußerſten gereizt, ob die Polin eine verſchmitzte Eva geweſen, die den Baum der Erkenntniß nicht geſcheuet und gleich der Omphale den Herkules nicht gefürchtet, blieb den Freun⸗ den ein Räthſel für immer, denn in derſelben Nacht wurde ihnen der Befehl, nach Petersburg zurück zu keh⸗ ren; aber Fräulein Sophia kam bei der Wiederkehr des hohen Paares nicht heim und blieb für ſie verſchwunden. Welche Empfindungen in den beiden fürſtlichen Jünglin⸗ gen die Herrſchaft gewannen, ſobald ihre Beſinnung zu⸗ rückgekehrt, läßt ſich errathen. Wenn auch ſolche Er⸗ gigniſſe an nordiſchen Fürſtenhöfen der Vorzeit nicht zu den ungewöhnlichſten gehörten, wenn auch Peters des Großen ſpaniſches Rohr noch in ruſſiſchen Volkserzäh⸗ lungen nicht vergeſſen war, ſo hatte die neuere Zeit ſolche Begegnung doch ſelten gemacht, und die Bruſt des freien Bojaren konnte nur in Rachedurſt und Blutgier athmen nach ſolcher Geſchichte, hatte er auch gegen 437 ſeinen Leibeigenen Grauſameres ſich täglich zu ſchulden kommen laſſen. Beide Freunde ſchlugen in einem Ge⸗ danken ſich begegnend in derſelben Nacht die Hände zu⸗ ſammen, hoben die Rechte mit ausgeſtreckten Fingern gegen den Sternenhimmel empor, und fielen dann zähn⸗ knirſchend, erhitzt von Champagnerglut und vulkaniſch verhehlter Rachgier ſich in die Arme. Nimmer wird das vergeſſen, und wenn ein Methu⸗ ſulems Alter dazwiſchen läge! rief Werkinskoy. Das wäre ein Czar für uns? fragte Taſchwill höhniſch. Die Knute und Sibirien würden dann Ordensſchlag und Krongeſchenk. Nimmer ſoll er die alte Krone zu Mos⸗ kau fühlen auf dem Scheitel, oder Ighors Hand müßte lahm werden vor der Zeit!— Schweigen aber nicht vergeſſen! knirſchte Werkinskoy, und biß die eigene Hand wie der gekettete Tiger, daß das Blut ſeine Finger überſtrömte. Blutig? Schon jetzt? fragte er mit den Geberden des Wahnwitzes. Aber es iſt das rechte nicht, und die befleckte kann ſich nur wieder rein waſchen in einem andern Blute.— Sie reiſeten, doch das einſame Beiſammenſein im Wagen ließ die Vorſätze, welche ſie im erſten Grimm gefaßt, durch ſtete Geſpräche über den einen Gegenſtand immer tiefer wurzeln; indeß legten die Weltbegebenhei⸗ ten ihnen einen Zaum anz denn in den nächſten Jahren mußten die drei Betheiligten getrennt leben, der Groß⸗ fürſt machte den Feldzug in Finnland mit, Taſchwill wurde zu der Armee beordert, welche die Türken be⸗ kriegte, wohnte der Erſtürmung Oczakows bei und er⸗ kämpfte ſich Orden und Ehrenſtellen, und Werkinskoy erhielt eine geheime Miſſion nach Warſchau, um die Be⸗ fitznahme und Zerſtückelung Polens vorzubereiten. 438 Katharina ſtarb; Paul wurde Selbſtbeherrſcher aller Reuſſen. Aber bald merkten die beiden Fürſten, daß der Kaiſer ein eben ſo gutes Gedächtniß habe als ſie. Vergebens hielten Beide um die Erlaubniß an, nach Petersburg zu kommen, vergebens bewarben ſie ſich um Aemter, die ſie in die Nähe des Hofes führen mußten. Werkinskoy band eine höhere Anſtellung bei dem polni⸗ ſchen Gouvernement nur noch feſter, und Taſchwill mußte mit ſeinem Corps zu Suwarows Heerhaufen ſtoßen, focht die Siegesſchlachten mit bei Caſſano und bei Novi, mußte aber auch die furchtbare Niederlage bei Zürich anſchauen, wo er durch ſchnelle Herbeiführung einer Batterie leichten Geſchützes eine ſtarke Abtheilung der Reitergarde dem Verderben entzog, und einem jungen Offizier derſelben, Namens Gardanow, das Leben per⸗ ſönlich rettete, da franzöſiſche Chaſſeurs ihn ſchon um⸗ ringt hatten, und der von da an ihm feſt befreundet blieb. Suwarow ehrte Fürſt Taſchwills Kenntniſſe, ſeine Umſicht, ſeinen Muth, und ließ ihn bis zum Ge⸗ neralmajor der Artillerie hinaufſteigen. Aber welche Wuth faßte den Fürſten wie mit Tigerkrallen, als die in der Hauptſtadt gedruckten Armeeberichte ihm vor die Augen kamen, und er weder ſeine Theilnahme an den gewonnenen wie verlorenen Schlachten, keinen der ein⸗ zelnen, jedoch wichtigen Dienſte, die von ihm im Laufe des Feldzugs geleiſtet worden, ja ſelbſt nicht einmal die Erhöhung ſeines Ranges öffentlich bekannt gemacht las, als er noch dazu erfuhr, der Kaiſer habe aus den Be⸗ richten des Feldmarſchalls eigenhändig ſeinen Namen geſtrichen. Siedendes Blut im Herzen, Hölle im Gehirn, nahm Ighor auf lange Zeit Urlaub, der ihm vom Feldmar⸗ ſchall ſowohl des Friedens wegen, als auch in Rückſicht 439 auf manche empfangene Wunde nicht verweigert wurde⸗ Was hat der Soldat, der ſein höchſtes Gut, ſein Leben, wagt gegen den tauſendarmigen Tod der Schlacht, für einen andern Erſatz, für einen anderen Lohn, als die Ehre? Wer ihm dieſes Ideal zertrümmert, wer dem Tapfern dieſen Lohn vorenthält, muß ihm als ſein ärg⸗ ſter Feind, als der Verderber ſeines Glücks, ja ſeiner ganzen Exiſtenz erſcheinen.— So dachte Taſchwill, und eine lange Reiſe in ſeinen weitläufigen Beſitzungen, von denen manche in den entfernteſten Provinzen lagen, konnten den Gedanken nicht ertödten, konnten ſeinen Unmuth nicht herabſtimmen. Nur ein Troſt trat ihm überall entgegen. Ueberall fand er das Volk unruhig und in ſtiller Gährung, das Militär murrte, die Boja⸗ ren und Großen des Reichs fand er fluchend auf ihren Gütern. Durch den Druck, unter welchem des Kaiſers Jugend gehalten wurde, war ſein Gemüth gereizt, verdüſtert, argwöhniſch und hart geworden, und die Herzlichkeit, die Gerechtigkeitsliebe, die Feſtigkeit des Charakters, welche er in den erſten Jahren ſeiner Herrſchaft gezeigt, verſchwanden mit jedem Tage mehr von ihm. Seine Politik ſchwankte im Sturme ſeines Mißtrauens; ſein Bücherverbot, die Vertreibung des unglücklichen acht⸗ zehnten Ludwigs, den Rußland gaſifrei aufgenommen hatte, empörte die Gemüther; ſein ſtrenges Hofceremo⸗ niel, ſeine Kleiderordnung, ſeine ſeltſame Kriegserklä⸗ rung an Spanien, ſeine ritterhafte Herausforderung aller Fürſten Europa's wurden Gegenſtände des Spottes, und die düſtere Fühlloſigkeit, mit welcher er in ſeiner Fami⸗ lie den Herrn ſpielte, zog auch Diejenigen von ihm ab, die Gelegenheit gehabt hatten, manche ſeiner beſſeren 440 Regenteneigenſchaften zu erkennen. Ueberall fand Taſch⸗ will Unzufriedenheit, man flüſterte ſchon hie und da von dem Schickſale des dritten Peters, und der Fürſt, im Herzen frohlockend, verſchob jetzt ſeine Reiſe zur Haupt⸗ ſtadt nicht länger, da er überdies die Nachricht bekom⸗ men, daß mehre ſeiner Vorgänger in der Armee den Platz geräumt hätten, und der Beſchluß in ihm feſt ge⸗ worden, muthig von ſeinem Herrſcher ſelbſt zu fordern, was ihm gebührte. Eine dumpfe, ſchwüle Stille lag über der Hauptſtadt; kein freies Geſpräch belebte die Geſellſchaften; die Straßen, wenn auch voll Menſchen, ſchienen Spaziergänge für Stumme oder Kranke zu ſeinz man erkannte den Sitz des Argwohns bei dem erſten Ausgange. Taſchwill fuhr zu dem Michaelowspalaſte und ſtarrte mit Schaudern das unförmliche Steinge⸗ bäude an, welches mit Baſteien umgeben, von Kanonen beſchützt, mit Soldaten gefüllt, eher einer belagerten Burg, als dem Palaſte eines Volksvaters glich, und als Denkmal des Argwohns und der Furcht ſeines Er⸗ bauers daſtand. Garganow, der Adjutant der Garde, fiel im Vorzimmer erfreut ſeinem Lebensretter in die Arme, und der Fürſt ſah dieſe Begegnung als gute Vor⸗ bedeutung an. Er ward gemeldet, und nicht lange, ſo trat der Kaiſer, eben vom Morgenritte zurückgekommen, haſtig und mit ſichtlicher Erhitzung in den Saal. Fürft Ishor kämpfte den alten Groll in die Bruſt hinab, mit Ruhe machte er ſeinen Vortrag, milderte ſeine Klagen, und berief ſich auf des Marſchalls Zeugniſſe, bat um die ihm gebührende Dienſterhöhung, und reichte dem Kaiſer ehrfurchtsvoll ſeinen ausgeführten Vortrag ſchrift⸗ lich dar. Paul hatte ihn ſchweigend angehört, doch ſeine Feuerblicke ſo wild auf ihm umherirren laſſen, daß der 441 Adjutant ſich ſcheu zur Thür gezogen. Haſtig nahm er jetzt das Papier und zerriß es mit Grimm in viele Stücke. Taſchwill? fragte er höhniſch. Ja, ich kenne das widerwärtige Geſicht noch zu genau. Ihr gehörtet zu den Spionen der Kaiſerin, zu den Wächtern meiner ſchimpflichen Jugend. Viel zu viel der Ehre empfingt Ihr für ſolche Dienſte. Wer den Heuchler und Horcher machte, ſchimpft meine Armee, ich kann Euch nicht ge⸗ brauchen, Ihr ſeid für ewig aus meinem Dienſte ent⸗ laſſen, und findet man Euch nach dreien Tagen noch in meiner Reſidenz, ſo werde ich Euch durch den Henker Eurer gnädigen Kaiſerin nachſenden laſſen, und Ihr könnet Ihr nach alter Gewohnheit die Thaten ihres Sohns berichten.— Einen durchbohrenden Blick warf der Souverain nochmals auf den Fürſten, ſchleuverte ihm die Papiere vor die Füße und verließ das Zimmer. Taſchwill ſtand erſtarrt, gelähmt an“ Leib und Seele, ſeine Hände waren geballt, ſeine Zähne knirſchten auf einander, aber alle Macht über ſeine Glieder ſchien ihm entriſſen, und er würde lange in der Stellung einer Statue verweilt haben, hätte nicht Garganow ihn um⸗ faßt, erweckt und ſtützend aus dem Saale geleitet. Von der friſchen Märzluft angeweht, wollte der Beleidigte losbrechen, aber der Adjutant legte ihm raſch die Hand auf den Mund, indem er überall umſchauend flüſterte: Still hier, um unſeres Lebens willen! Aber heute Abend ſollt Ihr von mir hören, und ich komme und führe Euch zu Freunden!— Taſchwill warf ſich erſchöpft in ſeinen Wagen. Richt weit war er gefahren, ſo hemmte ein Auflauf ſeine Schritte. Ein Commando Soldaten führte mehre Menſchen zur Hauptwache. Staunend ſah Ighor auf 442 die Gefangenen; er konnte nicht irren, ſprang aus dem Wagen und drängte ſich durch das Gewühl. Seine Uniform machte ihm Raum, der Offizier der Wache ſalutirte, und vor ihm ſtand als Gefangener ſein Bu⸗ ſenfreund, Fürſt Werkinskoy. Auch Du? rief er außer ſich, doch ſchnell beſonnen fragte er den Offizier nach der Urſache dieſer ſeltſamen Verhaftung. Der Herr hat die kaiſerliche Kleiderordnung übertreten, antwortete der Soldat; der runde Hut, die franzöſiſche Tracht haben den Zorn Seiner Majeſtät erregt, und der Kerker iſt ge⸗ linde Buße für ſolchen Frevel.— Ein feiner Zug von Spott um den Mund des Offiziers ſchien die Worte zu begleiten; Taſchwill griff aber heftig des Freundes Rechte, ſie ſprachen nichts, aber ihre Augen verſtanden ſich, als ſie ſcheiden mußten. Werkinskoys Reiſe nach Petersburg hatte nicht ſo ſchuldloſe Zwecke gehabt, als die des Fürſten Ighor. Längſt ſchon hatte die Großen der Hauptſtadt ein gehei⸗ mer Plan beſchäftigt, und der verwegene Mann wurde durch ſeine Freunde zur Ausführung geladen. Unglück⸗ licherweiſe traf der Monarch bei ſeinem Morgenritte vor dem Thore auf die Equipage des Ankommenden. Die Tracht der Leute des Fürſten zog die Blicke des Kaiſers auf ſich, der mit Knute und Gefängniß das Tragen jeder demokratiſchen Kleidung, wie ſein Franzoſenhaß den Schnitt der neuen Welt benannte, verpönt hatte. Eigenhändig ſchlug er Werkinkoys Kutſcher den runden Livreehut vom Kopfe, und als er den Herrn ähnlich koſtümirt fand, mußten auf der Stelle einige Offiziere ſeines Gefolges die Verhaftung des Erſtaunten betreiben, der ſich glücklich ſchätzen mußte, daß der erzürnte Kaiſer ſich ſeines Geſichts und Namens nicht erinnerte. 443 Die verhängnißvolle Nacht des 23ſten Märztages 1801 begann. Kaum hatte ihr ſchwarzer Mantel die Kaiſer⸗ ſtadt eingehüllt, ſo erſchien auch Garganow in dem Quar⸗ tiere des Fürſten Taſchwill und führte ihn mit ſich fort. Tief verhüllt in ihre Pelze durchwanderten ſie die leeren Gaſſen, bis ſie an den Palaſt des Generals Talizin ge⸗ Langten, der dunkel und wie ein Todtenhaus vor ihnen dalag. Mit Verwunderung ſah der Fürſt ſeinen bis jetzt wortarmen Führer eine kleine Seitenthüre öffnen, in welche nach einer gegebenen Loſung ein rieſenhafter ſchwarzer Wächter ſie einließ. Aber ſein Erſtaunen wuchs zur höchſten Ueberraſchung, als bald darauf eine große Flügelthür aufgethan ward, und der blendendſte Lichtſchimmer ihm ins Auge fiel, von langer, reichbe⸗ ſetzter Tafel ihm der Duft warmer, köſtlicher Getränke entgegenquoll und die glänzendſte Männergeſellſchaft ihm mit frohem Gruße entgegenſtrömte. Er erkannte den berühmten Platow⸗Subow, den Oberſt Sartarinow, den Fürſten Seriatin, und an ſechzig gleich vornehme Edelleute, von denen die Hälfte wenigſtens ſchon durch gemeinſchaftliche Kriegsgefahren mit ihm verbrüdert wa⸗ ren; aber die freudigſte Begegnung überraſchte ihn, als aus dem Gedränge der Erhitzten Fürſt Werkinskoy ihm mit dampfendem Becher entgegentrat, ſeinen Hals um⸗ ſchlang und ihm ein: Tod dem Tyrannen! im heißen Bechergruße zubrachte. Was Taſchwill hier in der er⸗ ſten Viertelſtunde erfuhr, war hinreichend, ſeine wilde⸗ ſten Wünſche zu beſchwichtigen, war Balſam auf die lang blutenden, freſſenden Wunden ſeiner Ehre. Alle Verſammelten glaubten ſo wie er beleidigt zu ſein durch kaiſerlichen Jähzorn oder Ungerechtigkeit, alle beſeelte glei⸗ cher Rachedurſt. Die Krone muß von ſeinem Haupte! 444 das blieb der einzige, zwanzig Mal wiederholte Toaſt der glühenden Trinker, mit jedem neuen Becher lauter und dreiſter ausgerufen. Paul hatte ſelbſt die Kataſtrophe ſeines Lebens ſchnel⸗ ler herbeigeführt. Schon lange fürchtete man für die Großfürſten und die Kaiſerin, denn der Plan ſeiner mißtrauiſchen Seele, die Gemahlin in der entſetzlichen Wüſte Kolmagons, ſeine Söhne auf Schlüſſelburg ge⸗ fangen zu ſetzen, war nicht unbekannt geblieben, da des Kaiſers Geliebte, die Frau von Gagarin, vielleicht für ſich ſelbſt bei dem Ausbruch der Volkswuth nach ſolcher Gewaltthat zitternd, die warnende Verrätherin gewor⸗ den war. Paul mußte den Thron verlieren, das war beſchloſſen, und die heutige Nacht hatte man zu dem Wageſtücke feſtgeſetzt, da des Kaiſers Worte gegen die Geliebte: Es ſei jetzt Zeit, ſeinen großen Streich aus⸗ zuführen! jeden Aufſchub gefährlich machen konnten. Die Verſchworenen waren verſammelt, aber ihre Ausführer fehlten noch, der Graf Pahlen und der deutſche Gene⸗ ral***. Als nun eine Stunde nach der andern ver⸗ rann, ſah man bärtige Geſichter bleich werden, und der leiſe Ausruf: Es muß verrathen ſein! und: Wir find verloren! klang von mancher bleichen Lippe. Mitternacht ſchlug vom nächſten Thurme, und mit dem letzten Schlage öffnete ſich die Flügelthür, und die beiden lang Erwarteten traten mit ernſten Geſichtern in den Saal und begrüßten feierlich die Aufſtürmenden, von denen Viele den in der Bangigkeit getrunkenen Rauſch nun in Wuthwort und Jubel verſtrömten. Graf Pahlen gebot Stille, zog den Degen und ſagte ernſt: Die Stunde iſt da, meine Herren! Sind Sie Alle noch entſchloſſen?— 445 Ein allgemeiner Ausruf bejahete die Frage, und eine Menge blanker Waffen blitzten durch den Kerzenſchimmer. So theilen Sie ſich und folgen Sie mir und dem Gene⸗ rale. Das Regiment Semonowsky hat die Palaſtwache, ſein Commandeur iſt hier zugegen und der Zugang iſt uns offen. Arkamakow, Sie ſind unſer Cicerone.— Eines noch zuvor! fiel da der General dem Freunde in die Rede. Die Großfürſten wiſſen um unſer Unterneh⸗ men. Sie billigen die Gefangennehmung des Kaiſers, doch ſoll Niemand die Hand legen an des Kaiſers geheiligte Perſon. Sie ſind Ehrenmänner und meiſt Soldaten, meine Bundesbrüder, und ſo wird der erſte Befehl unſeres neuen Monarchen Jedem von uns heilig ſein.— Man gab mir freie Hand unter dieſer Bedingung, ſetzte Pahlen mit Nachdruck hinzu, der Wagen iſt be⸗ reit, den Kaiſer auf das Fort zu führen, den unverletz⸗ ten, denn darauf gab ich mein Ehrenwort! Und ſomit marſch, meine braven Patrioten! Alexander, der Ge⸗ liebte, iſt die Parole.— Man brach auf, aber zuvor hatte Taſchwill im Kreiſe umhergeblickt; er hatte mehre Geſichter bei den Worten des Generals höhniſch ſich verzerren ſehen; ſo umſchlang er heftig ſeinen Freund Werkinskoy, fragte leiſe: wird er zum Wagen kommen, oder erſparen wir ihm die böſe Reiſe? Und als dieſer mit einem unverſtändlichen Aus⸗ rufe des Grimmes antwortete, ſchlugen beide ihre Sä⸗ bel zuſammen und folgtem dem Trupp, der ſchon mit plötzlichem Schweigen und in der ſchauerlichen Stille rines Leichenzuges auf die Straße ſtrömte, als die Letz⸗ ten, aber auch als die Entſchloſſenſten.— Ohne Aufenthalt und Aufſehen kam die fürchterliche Legion an den Michaelowspalaſt und wurde von den — — 446 wachhaltenden Offizieren des Regiments Semonowsky eingelaſſen. Graf Pahlen nahm die Hälfte der Ver⸗ ſchwornen unter ſein Commando und beſetzte mit ihnen alle Ausgänge, beſonders die große Steintreppe des Schloſſes. Die ſchwächere Hälfte, welche jedoch aus den Kühnſten und Verwegenſten beſtand, ſchloß ſich an Su⸗ bow und den General, und Arkamakow, als Adjutant des Kaiſers mit dem Innern des Palaſtes genau be⸗ kannt, führte den Verderben brütenden Trupp auf einer verborgenen Stiege in das weite Gebäude hinauf. Nur das trübe, grünliche Licht einiger großen Laternen be⸗ leuchtete unvollkommen die langen Gallerien, durch wel⸗ che der Zug ging, geräuſchlos und heimlich, wie die giftige Schlange ſich fortbewegt und ihren Raub zu über⸗ raſchen ſucht. Da erſcholl plötzlich und unerwartet das lauthallende Wer da? einer wachſamen Schildwacht. Dreißig Herzen ſtanden in dem Momente ſtill, und drei⸗ ßig bärtige Geſichter wurden todesbleich. Der General ſchritt ſchnell hin zu dem Soldaten. Schweige, Unbe⸗ ſonnener, flüſterte er zornig. Siehſt Du nicht, wohin unſer Weg geht?— Der Grenadier, ſchnell gefaßt, wie in einer Ahnung des Künftigen, rief liſtig: Patrouille vorbei!— Und gedeckt durch den gewohnten Nachtruf rückten die Heimlichen, einer Rotte ſpukender Grabbe⸗ wohner gleich, weiter in den grauen Gängen, und gelangten unangefochten vor die verſchloſſene Pforte des kaiſerlichen Vorzimmers. Arkamakow pochte behutſam an, und bald wurde ſein Pochen von innen erwidert. Wer klopft? fragte Pauls alter Kammerdiener. Adjutant Arkamakow! ant⸗ wortete der Klopfer draußen. Laß mich ein, ich habe wichtigen Rapport zu bringen!— um Mitternacht? 447 fragte der Diener. Was ſoll's zu ſolcher Zeit? Der Herr ſchläft und Niemand darf eingelaſſen werden.— Stärker ſchlugen die Herzen derer, die draußen wa⸗ ren, denn Paul konnte erwachen, bei jedem Aufenthalt durch die bekannten Geheimthüren ſeines Gemachs ent⸗ fliehen, und Aller Leben ſtand dann auf dem Spiele. Der kluge Adjutant half in dieſem entſcheidenden Mo⸗ mente. Biſt Du ein Narr, alter Schläfer? fragte er launig. Träumſt Du noch von Mitternacht? Sechs Uhr Morgens iſt's, und läßt Du mich nicht ein, ſo falle des Kaiſers Zorn bei der Säumniß auf Dein Haupt.— Die Schlüſſel klirrten drinnen, und Alle faßten feſter die bloßen Schwerter. Jetzt bewegte ſich der Flügel, ein gewaltſamer Druck der Vorderſten ſprengte ihn weit auf, und ein Dutzend der Bewaffneten füllte im Sprunge das Zimmer. Gelähmt vom Schreck ſtürzte der Kam⸗ merdiener rückwärts gegen die Wand, fiel in die Knie, und ſchlug, als hätte er ein rieſiges Geſpenſt vor ſich, heilige Kreuze über ſeine Bruſt und über ſeine Stirn. Aber Einer des wachhaltenden Huſaren⸗Paars erhaſchte ſeinen Säbel vom Seſſel, rief: Hochverrath! und warf, kühn die krumme Klinge ſchwingend, ſeine junge Bruſt den Feinden entgegen. Umſonſt war ſein muthvolles Opfer; Taſchwill und Werkinskoy ſtürzten vor, und der Erſtere ſtieß dem jungen Krieger den ſcharfen Degen mit ſolcher Wuth von der Seite in die Bruſt, daß der Stahl im Körper des Stürzenden zerbrach, deſſen Blut die Hand des Stoßenden heiß übergoß und ſeine Kleider beſpritzte. Indeß dieſes in der Schnelle des Augenblicks vorgegangen, hatten die beſonnenen Anführer ſchon das Schlafzimmer des unglücklichen Herrſchers betreten. Eine 1448 Rachtlampe brannte düſter; der Kaiſer, von dem Lärm erwacht, hatte ſein Schlafkleid übergeworfen und ſuchte Schutz durch einen Bettſchirm zu gewinnen. Im Namen des Kaiſers Alexander! Sire! Sie ſind unſer Gefangener! ſprach Subow, ſich ihm nähernd.— Weſſen Gefangener, Ihr Tolldreiſten? entgegnete Paul, trat mit Kraft hervor und warf ſeinen Blick auf den Degen, welcher an ſeinem Bette hing. Da er aber mehre der Vorſchworenen blank bewaffnet in die Thür der Kammer ſich drängen ſah, ſo verließ ihn die Gei⸗ ſtesgegenwart, und mit ſichtlicher Angſt rief er: Män⸗ ner, was habe ich euch gethan?— Oberſt Sartarinow drängte ſich vor und brüllte mit furchtbar rollenden Au⸗ gen: Uns tyranniſirt ſeit vier Jahren! Das ſoll zu Ende ſein!— Fieberſchauer ſchienen den Monarchen zu durchſchütteln, und nur einzelne Ausrufungen waren ſeine Antwort. Unterdeſſen wurden die Huſaren im Vorzimmer be⸗ zwungen, der Kammerdiener gebunden; Werkinskoy ſchlang ein Tuch um ſeinen von dem Getödteten ver⸗ wundeten Kopf, und Taſchwill wiſchte ſich das Blut, welches ihn beſpritzt, aus den brennenden Augen; da traf ſie der erſte laute Zornruf des Kaiſers. Wie der afrikaniſche Löwe, ſobald er Blut geleckt, ergriffen wird von unbezähmtem Durſte nach Zerfleiſchung und Sätti⸗ gung im Leben des ſchwächern Wildes, ſo raſete auch in Fürſt Ighors innerſtem Gemüth die Mordflamme auf, als er aus der rothgefärbten Hand den zerbroche⸗ nen Degen ſchleuderte, und die Stimme Pauls die Er⸗ innerungen ſeiner letzten Zuſammenkunft mit demſelben anfriſchte. Hörſt Du, er lebt noch! rief er wuthknir⸗ ſchend, riß ſich die Seidenſchärpe von den Hüften, faßte 449 den Arm des Fürſten Werkinskoy, und beide machten ſich Platz durch die Verſchworenen und drängten ſich in das Schlafgemach. Tyrann! Kennſt Du mich? Auch meine Zeit iſt da! ſtammelte Taſchwill, fiel wie ein wüthender Stier den Kaiſer an und verſetzte ihm einen furchtbaren Fauſtſchlag, der ihn taumeln machte. Kein Blut, Ka⸗ meraden! mahnte der erſchreckte General. Kein Blut! brüllte mit höhniſcher Lache Werkinskoy. Aber Fauſt um Fauſt und Schlag um Schlag!— Mit dem Degen ſchlug Gradanow die Lampe und den Bettſchirm um, und vier raſende Männer riſſen den verlaſſenen Monarchen zu Boden, deſſen Kräfte ſich in der Todesangſt zu doppeln ſchienen. Vergebens ſuchte der deutſche General die Un⸗ that zu hindern, vergebens rief er den Wüthenden ihr Verſprechen zu. Er hörte das Aechzen des Bezwunge⸗ nen, er hörte im Dunkeln die röchelnde Stimme des Gewürgten, wie er bat: Verſchonet mich! Laßt mich beten zuvor! wie er zuletzt mit dem Sterbeworte: So iſt es aus! So iſt Alles aus! vss Kontchilos! vesmou Konets! den Gewaltthätigen erlag. Der General eilte hinaus nach Licht, aber die Flamme der Kerze zeigte dem Zurückkehrenden nur Pauls Leichnam, blutend im Geſicht, mit der Schärpe, welche die Farben ſeines eigenen Hee⸗ res trug, erdroſſelt; und der erſchütterte bleiche Deutſche ſtand wie erſtarrt vor dem Todten, der noch geſtern eine halbe Welt durch ſein Zornwort zittern machte, und jetzt machtlos dalag, dem gräßlichſten Geſchick verfallen. Die Mörder verſchwanden, ſobald das Licht ihre finſtere That beſchien, und der General konnte nur noch dem Leich⸗ name die Aufmerkſamkeit widmen, die der empfindende Menſch jedem Todten gewährt; er ließ ihn auf das Bett legen und beorderte den Haupmann Malkon mit dreißig Blumenhagen. IV. 29 1450 Gardiſten, die Halle des Mordes Jedermann zu ver⸗ ſchließen. Mit Verzweiflung hörten die Großfürſten den un⸗ glücklichen Ausgang des Unternehmens, und Pauls Kron⸗ erbe brach in laute Klagen aus, verwünſchte dieſe ſchreck⸗ lichſte aller Nächte, und überſtrömte den Grafen Pahlen mit den bitterſten Vorwürfen. Aber die Nothwendigkeit forderte; in derſelben Kutſche, die den Ermordeten hatte zur Feſtung führen ſollen, fuhr Alexander zum Winter⸗ palaſte, von zwei Regimentern ſeiner Garden begleitet, und nahm den Schwur der Würdeträger des weiten Rußlands, den Schwur ſeiner Generäle für ſich und ſeine Krone an.— Die Rachſucht war geſtillt und der Zweck der ſchwar⸗ zen Nachtthat erreicht. Der neue Monarch, bald vom freier athmenden Volke mit dem Namen des Allgeliebten begrüßt, machte durch Milde, Edelmuth und Gerechtig⸗ keit die harten Jahre der Regierung ſeines Vorgängers vergeſſen; Rußland nahm wieder den hohen Platz ein, der ihm gebührte im Fürſtenrathe Europa's; der alte Ruhm ſeiner Heere tönte wieder wie einſt in Nord und Süd; aber gerade die, welche durch Schauerthaten dieſe Aenderung herbeigeführt, harrten vergebens auf die be⸗ lohnenden Früchte ihrer entſetzlichen Saat. Wenn auch der neue Regent die Ereigniſſe jener Nacht mit einem undurchdringlichen Schleier zu verbergen ſuchte, wenn auch kein weltliches Gericht die Rächerhand ausſtreckte nach jenen Mordbefleckten, ſo ſchlich dennoch die langſame marternde Strafe ihren Schritten nach. Allmälig ent⸗ fernte der Kaiſer die Verſchworenen von ſeinem Hofe; die Militärs bekamen Poſten bei den fernſten ſibiriſchen Militärſtativnen des endloſen Rußlands; ſelbſt Graf 451 ⸗ Pahlen, der im thörichten Uebermuthe ſich dem jungen Kaiſer unentbehrlich glaubte, verlor durch Trotz ſeine Würden und ward nach Riga verwieſen; Werkinskoy ſtarb nicht lange darauf an den Folgen ſeiner Kopf⸗ wunde, und Fürſt Taſchwill erfuhr mit Schrecken, wie ſeine durch Paul verfügte Entlaſſung nicht zurückgenom⸗ men wurde..— Einen furchtbaren Eindruck hatte jene Nacht auch auf die Hauptperſon der Kataſtrophe, auf den Fürſten Ighor gemacht; er war ja ein Menſch, und nicht ungerächt begeht der Menſch das Unmenſchliche. Alles, was früher in ihm getobt hatte, was mit zehrenden Flammen ihn jahrelang gemartert hatte, was in ſeinem ganzen Weſen die Stelle des Lebenshauches eingenommen, was als Ziel und brennender Wunſch ſeine Entſchlüſſe beſtimmt und ſich untergeordnet hatte, alles das war, wie er am nächſten Mittage aus dem Rauſche erwachte, mit der Erfüllung verloſchen, ausgebrannt; todt, erſtorben war's in Gemüth und Seele, und die Erinnerung erſetzte nichts von dem entwichenen Leben, ſondern rief nur gräßliche Geſpenſter aus der hohlen Tiefe des leeren Herzens her⸗ auf. So ſteht der ausgebrannte Vulkan; ausgeſprengt ſind die Höhlen, welche verzehrende Glutſtröme und rol⸗ lende Donnerſtimmen verbargen; der Krater gähnt wie ein leeres Grab, graues Geſtein, ſchmutzige Lava und todte Aſche find die Kleider des formloſen Bergunge⸗ heuers; doch der Wanderer flieht die unfruchtbare und unheimliche Stelle, die Schrecken, die von ihr ausgin⸗ gen, nie vergeſſend, und neue Gefahr ewig fort fürch⸗ tend von dem verrätheriſch⸗feindlichen Boden.— Taſchwill beſchwichtigte die ſtrafende Stimme, indem er ſich ſelbſt Rächer der Menſchheit, Befreier des Vater⸗ 452 landes nannte, aber ſein neuer Groll mußte auch ein Ziel haben, und er warf den Haß, der ihm Gewohnheit, geworden, auf ſein Vaterland, auf ſein Volk, auf den ganzen Herrſcherſtamm, dem er gedient zu haben ver⸗ meinte. Er verließ Rußland und beſuchte die größten Städte Deutſchlands, in den Zerſtreuungen der großen Welt, in den ſinnlichen Genüſſen des Leichtſinns Arznei ſuchend für ſeinen kranken Geiſt. Das Uebermaaß be⸗ wirkte den natürlichen Widerwillen; ſeinen Körper fühlte er geſchwächt, ſein Geiſt hatte nichts gewonnen, als er mit dem Winter zu der ruſſiſchen Hauptſtadt kehrte. Da ſchien ihm das Schickſal zum erſten Male zu lächeln ſeit lange, der Gott ſchien gnädig verſöhnt. Alexanders Regententugenden, ſeine Geiſtesbildung und Aufklärung hatte viele Ausländer nach Rußland gezogen, die durch Wiſſenſchaft und Talente in den weiten Räumen dieſes Reichs belohnendere Plätze für ihren Fleiß fanden, als in der überfüllten Heimath. Eine deutſche Familie von gutem Adel war unter dieſen Ankömmlingen, und ein Fräulein derſelben, ſchön, ſanft und gut, rührte des Fürſten Herz, nahm ſeine Werbung als Fingerzeig des Himmels an, da Taſchwills Reichthümer ihre güterloſen Eltern von der Ausſicht auf ein freudenloſes Alter voll Entbehrungen befreiete, und verlobte ſich ihm. Die Wir⸗ kung, die eine ſchöne weibliche Seele auch auf das roheſte Männerherz nimmer verfehlt, zeigte ſich auch bei dem Fürſten; er ſah das Leben von mildern, freundlichern Seiten zum erſten Male, und ward darum ſelbſt milder und freundlicher. Auf einem der Güter Taſchwills, das nicht weit von der Hauptſtadt entfernt lag, und an die Domainen der Kaiſerin Mutter ſtieß, ſollte die Ver⸗ mählung im Frühlinge gefeiert werden. Die reichſten 453 Familien der Umgegend waren geladen, alle verwandte Bojaren zugegen, und gegen Mittag ging der Zug zu einer alten, beſonders heilig gehaltenen Kirche, die auf der Grenze zwiſchen Ighors Beſitzungen und den Kron⸗ gütern ihr bemoſetes, altergraues Steingebäude erhob, und bei den Landleuten vorzüglich eines Bildes wegen beſucht wurde, das die Prieſter auf eine wunderbare Weiſe erhalten haben wollten. Schallende Hornmuſik der Dienerſchaft eröffnete den langen Zug; ruſſiſche Volks⸗ lieder tönten mit ihren nationellen Melodien aus dem geputzten Haufen der Unterthanen, die den Zug beſchloſ⸗ ſen, bis die weite Kirche alle aufnahm in ihr heiliges Gewölbe, Alles, reich und arm, jung und alt, jetzt in die Knie fiel, und mit geſenktem Haupte in tiefer Stille den Gott anbetete, deſſen Abbild auf dem weißbehange⸗ nen einfachen Altare ſilberrein zwiſchen hohen Kerzen am Kreuze glänzte, neben welchem ein weißbärtiger, ſtein⸗ alter Prieſter eintönig, aber mit reiner Stimme die Weihgebete abſang, die fernher durch die endlos ſchei⸗ nende Halle, wie eine Stimme vom Himmel den im Staube Liegenden erſchallten. Die Cerenomie ging vor⸗ über, das Brautpaar wechſelte die Ringe; der Prieſter ſetzte jedem die Krone auf, mit welcher auf dem Haupte ſie dreimal um den Altar gingen, er las das Evange⸗ lium in ſlavoniſcher Sprache, und ließ beide aus dem ſilbernen Becken den heiligen Wein trinken; als aber der Protopope jetzt den Schlußſegen ſprach, erhob Fürſt Ighor ſein Auge von der roſenwangigen Eulalia zu dem Prieſter, und von dieſem hinauf zu der Altarwand, auf welche die Mittagsſonne durch die wolkenhohe Fenſter gerade ihren hellſten Strahl fallen ließ. Und ſo bleibet getren eurem Verſprechen, der Kirche und eurem Gotte, 454 ſprach der Geißliche, daß ihr mit freier Bruſt erſcheinen könnet vor dem Richter, wenn die Himmel in Feuer vergehen, wenn die Erden in Trümmer zerfallen, und der Herr der Heerſchaaren im Donner ruft: Her zu mir, ihr Beſtandenen, denn auf Erden iſt es aus mit euch. — WVie ein ſengender, zerſchmetternder Blitzſtrahl fiel es nieder auf Taſchwills Haupt; ſein erhobenes Auge traf das Bild an der Kirchwand, das in koloſſalen Geſtalten die Steinigung des heiligen Stephanus darſtellte; der blutende, niedergeworfene Gläubige trug wohlbekannte Züge, furchtbar fletſchend verzerrten ſich die Geſichter der ihn mordenden Kriegsknechte, und darunter ſtand in großen deutlichen Buchſtaben: Gott wird Pauls Mörder finden und beſtrafen! Starr wurden Ighors Blicke, und Kälte rieſelte an ſeinen Gebeinen herab. Die Figuren des Bildes ſchienen ſich zu beleben, der heilige Stepha⸗ nus erhob ſich mit zornigen Geberden und dräuender Hand, und ſchien herabſteigen zu wollen von der Wand. Verräther, wer that mir das? kreiſchte der Fürſt zum Entſetzen der Umſtehenden, und mit brechender Stimme ſetzte er hinzu: Es iſt aus, aus mit uns! und ſank ohn⸗ mächtig in die Arme der erſchrockenen Braut und der herzuſpringenden Vettern. Obgleich die Urſache dieſer Störung eines ſo hohen Feſtes den Meiſten der Gegenwärtigen unenträthſelt blieb, ſo hatte das geſt dennoch ſelbſt dadurch für die Haupt⸗ perſon die Weihe verloren, auch dieſer Kranz war zer⸗ riſſen, eben ſo wie ihm die Krone der Ehre zertrümmert worden, und auch die Liebe drückte nur Dornen auf ſein der Hölle verfallenes Haupt. Der alte Dämon nahm wieder Platz in ſeiner Bruſt; Groll gegen die Welt, Jähzorn und Mißtrauen beherrſchten den Elenden, und 455 die Erinnerung zu beſchwichtigen, den Klang der Ster⸗ beworte Pauls, die er ſeitdem immer neben ſich klingen hörte, zu vertilgen, durften wiederum Jagd, Würfel und Weinbecher Herrn der Stunden werden. Das Elend zu ſteigern, mußte Taſchwill durch Zufall, durch den falſch adreſſirten Brief einer Schweſter ſeiner Gemahlin erfah⸗ ren, wie eine frühere Liebe zu einem deutſchen Edel⸗ manne Eulaliens Herz gebunden, und wie ſie dem Glücke der Eltern ihre Hand fromm und duldend zum Opfer gebracht. Beleidigung ſchien dem Fürſten ſolches Opfer; Eiferſucht, in ſolch einem Gemüth Furiennatter, bemäch⸗ tigte ſich ſeiner; die Qual, mit der ihn unſichtbare Mächte ſtraften, warf er wie ein ſengender Brennſpiegel zurück auf ein unſchuldig Herz, und als nach einem freuden⸗ leeren Jahre die Fürſtin einer Tochter genaß, fehlte dem erſchöpften Körper die Stärke, einem andern Leben Nah⸗ rungsquell zu ſein, und wenige Wochen nach Kathinka's Geburt, begrub man Eulalien in jener Kirche, in wel⸗ cher einſt die böſe Laune des Schickſals die Unſchuld an das Verbrechen kettete.— Wir müſſen jetzt zehn Jahre und mehr überſpringen, da ſelbſt in dem Taſchenbuche des Fürſten dieſe Zeit nur durch menſchenfeindliche Betrachtungen, durch Excla⸗ mationen über Menſchenbeſtimmung, Weltregiment, Völ⸗ kerglück, bezeichnet worden, welche beweiſen, daß der Fürſt von der Langeweile getrieben, ohne Wahl die Werke jener Schriftſteller verſchlungen, welche ſich ver⸗ maßen, mit dem Gänſekiel eine neue Weltordnung er⸗ ſchaffen zu wollen, und denſelben Gänſekiel für ein Zep⸗ ter hielten, weil er einmal das Capitol, den Sitz des Regiments, gerettet hatte. Aber zwiſchen dieſen langweiligen Excerpten und 456 unverdaulichen Commentationen des Taſchenbuchs, ſprang für den Leſer doch hie und da eine kleine Notiz hin⸗ durch, die von Intereſſe war, weil ſie Vatergefühle aus⸗ ſprach, und das Töchterchen betraf, wie es heranwuchs, gut und ſchön ward gleich der Mutter! und wie der entſchlummerte Ehrgeiz des Vaters durch den Anblick der Tochter allmälig wieder erwachte. Der Fürſt hatte ſei⸗ nen Wohnort auf den einſamen Gütern mit der Stadt Moskau vertauſcht; er fand hier den ruſſiſchen National⸗ charakter am unverwiſchteſten erhalten, er traf hier eine Menge der begütertſten Familien des Landes, die unab⸗ hängiger vom Hofe leben wollten; Beides paßte für ſei⸗ nen unveränderlichen Sinn, Beides für die Erziehung der Tochter, wie für die Pläne, die ſeine raſtloſe Seele in Bezug auf ſein zehnjähriges Kind träumte. Der ei⸗ gene Palaſt, den Taſchwill in dem Stadttheile Kitai⸗ Politik mit all ihren fratzigen Baſtardkindern, die ſie in ihrer Raſezeit mit dem rothmützigen Jacobiner, mit dem Cromwellſchen Bootsknecht, mit dem ſtumpfköpfigen deut⸗ ſchen Zinngießer erzeugt, nahm Sitz und Stimme ein bei den Verſammlungeu im Taſchwillſchen Palaſte. Doch Napoleons Feldfeuer räucherten das Eulenneſt aus; ſein unbedachter Zug nach Rußland verſprengte die Clubbi⸗ ſten; aber der große Wendepunkt im Leben dieſes xer⸗ res erſchien von den Feuerſäulen des ungeheuern Mos⸗ kaus beleuchtet, und auch das Schickſal unſres Helden wurde dadurch auf eine neue Bahn geſtoßen. Fürſt Ig⸗ hor war in Moskau geblieben, gehörte er doch zu jenen ———————————— —— 457 Unzufriedenen, denen jede Aenderung der Regierung eine Beſſerung ſcheint, gehörte er doch zu den Götzendienern, die in der Geißel der Zeit einen Weltfürſten, einen Re⸗ formator und Beglücker der Menſchheit zu ſehen glaub⸗ ten, weil ſie ihn nur von ferne betrachtet hatten. Die Erkenntniß kam als Buße eilig heran. Moskau ſtand in Flammen, Mord und Plünderung wütheten in den Gaſſen, ſprengten die Hauspforten, und der Frevelmuth entmenſchter Wüthrige feierte Bacchanalien auf den Sär⸗ gen der Grüfte und ſchonte kein heimliches Verſteck. Ig⸗ hor hatte mit ſeiner Tochter zur Zuflucht ein ſicheres Gewölbe in der Tiefe ſeines Hauſes erwählt; zufällig war der Sohn ſeines Nachbars, der, ſeit ſein Vater ei⸗ nen großen Poſten in Petersburg angetreten, täglich der Spielgefährte der kleinen Kathinka geweſen im Taſch⸗ will'ſchen Palaſte, als der Lärm ausbrach, und als die brüllenden Mordbrenner auch in Kitaigorod und die Slo⸗ boden ihre Pechkränze warfen, und die Flamme ſchon aus den nächſten Holzhäuſern ſchlug, riß der Fürſt das Kinderpaar zu ſich; ſchon donnerten die Kolbenſtöße der verfolgenden Chaſſeurs an ſein Thor, aber glücklich ka⸗ men die Drei in ihren Schlupfwinkel. Eine furchtbare Nacht wurde durchwacht; über ihnen krachten die fal⸗ lenden Balken, donnerten die einſtürzenden Wände nie⸗ der; heißer Rauch drang durch die Luftlöcher des Ge⸗ wölbes herein. Stumm ſaß der reiche Bojar auf einer Kiſte, Kathinka lag in ſeinem Schvoße und weinte bit⸗ terlich, der zwölfjährige Aleriew kniete vor Beiden auf dem Steinboden, ſtreichelte zu Zeiten den Arm des Mädchens und bat ſie leiſe, nicht mehr zu weinen, Gott und der Kaiſer würden ſchon helfen. Die fürchterliche Nacht ging hin, aber das ſchwache Dämmerlicht, das 458 durch die Luftlöcher des Gewölbes hereinfiel, konnte nicht tröſten, denn der Lärm droben wurde nur noch lauter und ſchauerlicher; Wehgeheul miſchte ſich mit Trommel⸗ ſchlägen, mit dem dumpfen Ruf der Kriegshörner, und Flintenſchüſſe knallten dazwiſchen. Vater, mich hungert ſo! jammerte da die Kleine. Mein Mund iſt heiß; warum bringt der Sokol uns die Frühſtückskanne noch nicht?— Ighor ſeufzte und verſuchte das Kind zu be⸗ ſchwichtigen, welches aber immer von Neuem klagte, und um Milch und Thee und Semmel bat. Da ver⸗ mißte der Fürſt plötzlich in dem Halbdunkel den kleinen Solikow und rief mit verhaltener Stimme dem Knaben; aber er rief vergebens, und ſeine Angſt wuchs mit jeder Viertelſtuude, da er fürchten mußte, auch ihn habe der Hunger gefoltert, fortgetrieben, und in kindiſcher Unbe⸗ ſonnenheit möchte von ihm dem Feinde der Zugang ver⸗ rathen werden. Nach einer ſchrecklichen Stunde erſchien Licht am Ende der unterirdiſchen Gänge; Ighor griff nach den Piſtolen, die er mit herabgenommen, aber ein Lämpchen kam näher, der Knabe eilte dem Scheine voran, und einen Krug mit Milch der Kleinen reichend, jubelte er: Trinke, Thinka; Alexiew mußte lange ſu⸗ chen, ſonſt wäre er ſchneller wieder herabgekommen.— Die Leuchte trug Stenko, ein Knecht des Fürſten, und im Arme deſſelben hing ein Korb mit Lebensmitteln. Auch dieſer Getreue hatte den Herrn geſucht, ſeine Stirn blutete von einem Säbelhiebe, den er im Ge⸗ wühl erhalten, doch ohne den Knaben, welchen er durch die Brandruinen und über die glühenden Kohlenhaufen klettern ſah, würde er nimmer den Verſteck gefunden haben. Alexiew hatte Brandflecken an ſeinem Leibpelze, ſein Haar war verſengt, ſeine Hände geſchwärzt, aber 459 der kleine Held achtete die Brandwunden nicht, ſondern ſah lächelnd zu, wie Kathinka ſo gierig trank, und hüpfte fröhlich umher, und jauchzte: Die kleine Thinka durſtet nicht mehr, und der Alexiew hat ihr den Krug gebracht!— Auch dieſe Schreckenstage nahmen ein Ende; die Feinde flohen durch Rußlands Schneewüſten, vom rächen⸗ den Nord und ſeinen wuthempörten, eiſernen Söhnen zugleich verfolgt und geſchlachtet; der tapfere Kutuſow und die einrückenden Landsleute befreiten Moskau, und die geretteten Einwohner der alten Stadt verließen das heilige Feuermeer, den rauchenden Altar der Vaterlands⸗ liebe, und ſuchten verwandte Ortſchaften zum Unterkom⸗ men für den Winter. Taſchwill reiste nach Petersburg, aber zwiſchen den beiden Kindern hatte jene Nacht einen feſten Bund erſchaffen, ſie waren unzertrennlich, ſie hat⸗ ten nur einen Willen, eine Empfindung, und der Fürſt ſah dieſe Erſcheinung nicht ungern, da Solikows Vater einen hohen Poſten inne hielt, und durch die Verbindung mit dem Sohne des geehrten Staatsmannes auch Taſch⸗ wills Haus zu dem einſtigen Glanze ſich vielleicht zu erheben vermochte. Mehre Jahre gingen vorüber; Alexiew reifte zum ſtattlichen Jünglinge, der an Sittlichkeit, wie an ge⸗ ſchonter Jugendkraft vor allen Söhnen Petersburgs ſich auszeichnete; Kathinka blühte auf zur reizvollen Jung⸗ frau; aus der kindlichen Neigung ward eine innige, feſte, vertrauende Liebe, welche in dem Segen der Väter mit den Blütenkränzen keuſcher Freude ſich ſchmückte, und deren anſpruchloſe, in ſich ſelbſt abgeſchloſſene Reinheit nur Glück verſprechen konnte. Da regte ſich wieder der alte Dämon über Fürſt Ighors Haupte; die ſchwarzen, 460 rieſigen Flügel rauſchten aufs Neue Verderben, und die innere Warnung verſchmähend horchte Taſchwill den be⸗ kannten Stimmen. Wer dem Verbrechen verfiel, ißt unerrettbar; das Bewußtſein der Schuld reizt ihn zu neuer Sünde; ergriff den verwegenen Schwimmer ein⸗ mal der charybdiſche Strudel, ringt er nimmer ſich los, und den, der den Himmel ſelbſt verſchloß, zieht allmä⸗ lig die Hölle zu ſich. Mit unverwelklichen Lorbeern gekrönt, kehrten die ruſſiſchen Heerhaufen aus Frankreichs Provinzen zurück, aber mancher unter den jüngern Kriegshelden brachte das Gift fremder Meinung, mißverſtandene Begriffe von Freiheit und Recht aus der Stadt mit heim, in welcher noch die Brandſtoffe der zerſtörenden Revolution nicht ganz getilgt waren, und, wenn auch halb erſtickt und zu Boden getreten, der alte Drache mit den gebrochenen Gliedern zuckte und im Dunkeln ziſchend geiferte. Die Idee der Weltverbeſſerung glühte in manchem Gemüth, und mancher vom Glücke gediegener Waffenthat be⸗ rauſcht, glaubte, weil ihm das Unglaubliche gelungen, weil er Theil gehabt am größten Werke der Zeit, ſo ſei er nun auch zum Höchſten, zum Weltverbeſſerer, zum Völkerbeglücker berufen. Das bunte, phantaſtiſch⸗ nutzloſe Spiel der Pariſer geheimen Orden hatte gefal⸗ len, man ſetzte es im Norden fort unter dem prunken⸗ den Titel eines Bundes der Vaterlandsliebe; aber die nordiſche Gemüthskraft, die nordiſche Kühnheit ſchob der Tändelei bald ernſtere und verbrecheriſche Zwecke unter. Auch das Beſte auf Erden entgeht dem Tadel nicht; auch das Fleckenloſeſte wird angehaucht von der Miß⸗ gunſt und dem Neide der Schlechtern. Die Neuerun⸗ gen, die der Kaiſer zum Heile ſeines Volkes begonnen, — 461 fanden ihre Feinde; das neue Geſetzbuch wurde trotz der Weisheit und Milde, welche in ihm herrſchte, gemiß⸗ billigt, weil es nicht das alte der Väter war; die Aufhebung der Leibeigenſchaft, die der menſchliche Mo⸗ narch beſchloß, erzürnte manche der Großen, die dadurch ihr altes Recht und ihren Reichthum geſchmälert fanden; manche Begünſtigung, welche der Gerechte ſeinen ver⸗ armten polniſchen Provinzen zuwandte, wurde von den Verleumdern benutzt, die Rotte der Unzufriedenen zu mehren; man ſprengte das abgeſchmackte Gerücht aus, der Kaiſer wolle Polen herſtellen, ſeine Reſidenz nach Warſchau verlegen, und Rußland, das er nicht liebe, der Anarchie preisgeben; Gerüchte, die in den Schwin⸗ delköpfen und Ruheſtörern, in den ſtolzen Söhnen Ruſ⸗ ſias, den Verächtern des polniſchen Namens, furchtbare Gährungen erregten. Leider befanden ſich unter den ſchwarzen Brüdern, geweihten Männern und dirigirenden Bojaren des Schreckensbundes auch mehre Verwandte des alten Für⸗ ſten Taſchwill. Der Oberſt von Poſtel war ein Bluts⸗ verwandter der Fürſtin Eulalie; Fürſt Schakowskoy, den die Bündner ſelbſt den Tiger nannten, gehörte zu Ighors Familie; dieſe kannten ſeinen Antheil an jener gräßlichen Kataſtrophe, die Pauls Entthronung und ſeinen Tod herbeiführte; ſo richteten ſie auch jetzt ihre Augen auf ihn, den ſchon Befleckten, und verführt vom neu erweck⸗ ten Ehrgeize, alle die Zurückſetzungen, welche er vom Kaiſerhauſe erfahren, ſich wieder vorzählend, in dem Sturze der ganzen Herrſcherfamilie die ſchwindelbringende Hoffnung erblickend, vielleicht gar auf ſeinem Haupte die Krone der Czaren fühlen zu können, oder doch wenig⸗ ſtens, als einem der älteſten Geſchlechter entſprungen, 1462 einen Haupttheil des Regiments zu bekommen, ließ der graue Fürſt ſich fortreißen, und zu einem der Direktoren oder Alten des Bundes ernennen. Unter den Verſchworenen, die ſich von da an oft im Taſchwillſchen Hauſe einfanden, drängte ſich vorzüglich Capitän Jakuchkine an den Fürſten, und wußte ihn durch Geſpräche, die dem Ehrgeize und den Leidenſchaf⸗ ten des Alten ſchmeichelten, zu gewinnen. Kräftig ge⸗ baut, durch Entſchloſſenheit bei ſeinen Kriegsgefährten geachtet, kühn im Wort, dreiſter in der That, gehörte er zu den Haupthelden der Verſchwörung, zu jener ver⸗ lorenen Cohorte, die ſich eidlich verbunden hatte, wenn die Direktoren den Zeitpunkt erwählt, den Angriff auf das Leben des Kaiſers zu vollführen. Aber Jakuch⸗ kine wurde noch durch etwas Anderes zu dem Fürſten Ighor gezogen. Er hatte Kathinka geſehen, und die wüthendſte Leidenſchaft für die Liebliche hatte ſich des tollkühnen Kriegers bemächtigt. Doch vergebens warb er um die edle Jungfrau, vergebens bot er jede Aufmerk⸗ ſamkeit, die nur ein Liebender der Geliebten ſichtbar machen kann, auf, Kathinka's Neigung zu ſich herüber zu locken; gleichgültig hörte ſie auf ſeine Schmeicheleien; ſeine dreiſten Annäherungen wies ſie mit jener Würde zurück, die das reine Weib zur Bezwingerin des rohe⸗ ſten Wüſtlings macht, und verzweifelnd, da er nicht haſſen konnte, was er einmal geliebt, da jede Hoffnung endlich zerfloß, bot er ſich freiwillig dem Bunde an, allein den ßürſtenmord zu vollführen, und war ent⸗ ſchloſſen, dann ſich durch Selbſtmord der ſchimpfenden Strafe zu entziehen, und die Brüder vor jedem Verrath der menſchlichen Schwäche auf der Folter zu ſichern. So ſtanden die Sachen, als das unerwartete Ende 463 Alexanders zu Tarangow den Entwürfen der Verſchwo⸗ renen eine andere Richtung gab. Die Thronbeſteigung des Kaiſers Nikolaus lieh ihren blutdürſtigen Geſinnun⸗ gen den neuen Vorwand; ſie blendeten das Volk und die verleiteten Soldaten durch die Rechte des Ceſare⸗ witſch Conſtantin auf die Krone, und trunken von dem 18 Anhange, den dieſe Idee unter den höchſten Perſonen 18 des Civil⸗ und Militärſtandes ihnen gewann, wagten 16 ſie den großen Schlag auszuführen, der die ganze kai⸗ ſerliche Familie an einem Tage vernichten ſollte. Jener 27ſte December des Jahres 1825 ſteht noch zu lebendig in der Erinnerung der Zeitgenoſſen, und der Novelliſt hätte kein Verdienſt bei Wiederaufzählung ſeiner einzelnen Begebenheiten. Mit Befremdung und 11 Beſorgniß bemerkte Kathinka, wie der alte Vater unge⸗ wöhnlich früh in vollen Winterkleidern im Saale, welcher nach der Hauptſtraße ſeine Spiegelfenſter hatte, erſchien, und in ſchweigender Unruhe mit langen Schritten die blanken Parquets abmaß, wie er kaum vom Frühſtück etwas koſtete, dann ſich den Seſſel zum Fenſter rückte und in den Froſthimmel hinausſtarrte. Aber ihre Be⸗ ſorgniß ſtieg mit jeder Stunde, denn mit Verwunderung ſah ſie in Zwiſchenräumen einzelne Militärperſonen, doch in Civilkleidern ohne irgend ein Abzeichen ihres Ran⸗ ges, oder in weite Pelze verhüllt, bei dem Vater ein⸗ 16 treffen, aber nach einem kurzen Geſpräche, das ſie von z des jungen Solkows Lehrſtunden her, denen ſie in frü⸗ herer, ſchöner Zeit oft beigewohnt, für lateiniſch oder griechiſch erkannte, ſich eiligſt wieder entfernen, und des Alten Augen wurden nach jeder neuen Botſchaft leuch⸗ tender. Wie aber der Lärm auf den Straßen ſich mit jeder Stunde zu mehren ſchien, wie ganze Rotten 464 trunkenen Pöbels mit Gebrüll vorbeiſtürmten, wie mehre Corps Soldaten mit fliegenden Fahnen, und dem lauten Rufe: Es lebe der Kaiſer Conſtantin! vorüber mar⸗ ſchirten, und der alte Fürſt im Zimmer den Ruf jubelnd nachrief, wie er befahl, Säbel und Piſtolen zu bringen, und die Waffen neben ſich auf den Tiſch legte, auch dem Stenko und noch einigen Dienern des Hauſes Gold⸗ ſtücke in die Hand drückte, ſie nach dem Platze vor dem Senatspalaſte ſandte, und ihnen mit einer Sentor⸗ ſtimme befahl, ſeine Ordre zu erfüllen, da brach ihre Geduld, und ſie fragte in ſcheuer Beſorgniß nach der Bedeutung aller dieſer Anſtalten. Der Fürſt ſah ſie groß an. Es wird heute eine Krone verſpielt, ſprach er bedeutend, und wer ein Loos hat zu der kaiſerlichen Lotterie, der kann gewinnen, ehe denn die Nacht kommt. Großfürſt Nikolaus hat die Kaiſerkrone angenommen, ſetzte er ſich beſinnend hinzu; er läßt ſich an dieſem Morgen von ſeinen Garden hul⸗ digen. Wohl bekomm's ihm!— Vater, Sie täuſchen mich! rief das Mädchen. Meine Ahnung ſagt, es iſt etwas Schreckliches in der Stadt; ich zittere vor dieſen Tönen, welche aus den Gaſſen zu uns heraufſteigen, und auch Solikow läßt ſich heute nicht ſehen.— Solikow? fragte der Alte mit plötzlich verfinſtertem Geſicht. Der Dienſt wird ihn binden. Doch Weiber ſitzen nicht im Reichsrathe, darum geh in Dein Zimmer, nimm das Mittagsbrod, mir ſoll der Sokol kalte Küche und Conjac herauftragen.— Kathinka wußte, daß der Vater keinen Widerſpruch litt, ſobald ſein Antlitz dieſe Sturmfahne aufgezogen hatte; ſie faltete ihre Hände, ſchlich in ihr Kloſett, und —— 465 betete inbrünſtig zu dem kleinen ſilbernen Heiligenbilde, das über ihrem Arbeitstiſche an der Wand hing. Aber der Tag ging hin, die Dunkelheit brach ein und das Getümmel in der Stadt nahm kein Ende; Straße auf und ab zogen brüllende Trunkenbolde, gräß⸗ liche Flüche drangen zu Kathinka's Ohren herauf und Geklirr der Waffen, und das Feldgeſchrei des Aufruhrs: Wolnoot ili smeert Freiheit oder Tod! das im Munde des Pöbels dem friedlichen Bürger ſein Schickſal kün⸗ dete, und wie eine Schlaglawine über ſein Haupt Ver⸗ derben dräuend herabdonnerte. Als aber die einbrechende, frühe Winternacht Alles grauenhafter geſtaltete, als Schlo⸗ ßenſchauer an der Fürſtin Fenſter ſchlugen, und nieder⸗ rauſchende Schneewolken wie Geſpenſtergeſtalten flüchtig an den Scheiben hinſauſeten, als ſie jetzt von dem na⸗ hen Senatsplatze einzelne Schüſſe, dann ganze Muske⸗ tenſalven, zuletzt gar Kanonenfeuer hörte, da war ihr Bleiben in der Einſamkeit nicht länger; ſie flog über die Gänge, und als ſie den Vater noch immer im Saale in geſteigerter Unruhe fand, fiel ſie zu ſeinen Füßen hin, umfing krampfig ſeine Knie, und forderte von ihm Schutz gegen die Quälgeiſter in ihrer eigenen Bruſt.— Thörin, rief der Fürſt zornig, indem er ſie vom Boden erhob und nicht zu ſanft in einen Seſſel ſetzte, eine ächte Ruſſin muß Freude haben an dieſem Getüm⸗ mel. Solche Freudenfeuer tönen Luſt und Triumph zu uns herüber. Es gilt jetzt! Und endlich haben die Zö⸗ gerer Ernſt gemacht.— Da hallten auf den Stiegen draußen harte Tritte, die Thür des Saales flog auf, und herein ſtürzte der Hauptmann Jakuſchkine. Sein Geſicht war furchtbar entſtellt; Schweiß bedeckte ſeine dampfende Stirn, indeß Blumenhagen. 1V. 30 466 die Haare ſchlicht und naß um die Schläfe flatterten, ſein Anzug hing zerfetzt, ſeine Linke blutete ſtark und in der Rechten hielt er eine Piſtole. Das Spiel iſt verloren, kreiſchte ſeine heiſere Stimme dem Fürſten zu, der bleich und ſtarr wie ein Steinbild ihn muſterte. Die Schurken haben nicht Stich gehalten, Nikolaus führte ſelbſt die Grenadiere von Pawlovs ge⸗ gen das Regiment Moskau, und Euer lieber Major hieb zuerſt an der Spitze der Garde auf uns ein. Aber am Boden liegt Gouverneur Miloradowitſch von mei⸗ ner Kugel, und hätte der Schnee die Zündpfanne nicht naß gemacht, blutete auch der verwünſchte Solikow ne⸗ ben ihm. Seht Euch vor, Papa; mein Plan iſt fertig. Adio, mein Bräutchen, auf gute Höllenfahrt!— So ſtürzte der Wilde zurück über die Schwelle, und draußen auf dem Vorplatze knallte der Piſtolenſchuß, mit dem der Frevler ſein Gehirn zerſchmetterte. Halb ſinnlos fiel Kathinka dem Vater in die Arme, der ſie feſt wie in einer tödtenden Verzweiflung um⸗ ſchlang, und dabei wortlos in die Sternlichter des gro⸗ ßen Kronleuchters ſtarrte. Athemlos keuchte jetzt der alte Stenko heran, ein ungeſiegelter Brief war in ſeinen Händen, den er, nach Luft ſchnaufend, darreichte. Herr! ſtotterte er, nehmt ſchnell! Das iſt für Euch! Die Rei⸗ ter hauen das Volk in Stücken. Der Major ſah mich, als ich aus dem Gedränge floh, ſein Roß holte mich ein, er trieb mich fort nach ſeiner Wohnung, gab mir das da, und warf ſich wieder auf ſeinen Gaul.— Von ihm? fuhr der Fürſt Ighor auf aus ſeiner Er⸗ ſtarrung. Von Solikow, von dem Verräther will ich nichts berühren, nichts leſen.— Mit Haſt entriß Kathinka das Blatt den Händen des 6p 467 Knechtes und las mit gebrochener Stimme laut.—„Ret⸗ ten Sie ſich, Vater,“ ſprach der Brief,„retten Sie Kopf und Ehre! Ihr Name iſt ſchon genannt von den gefan⸗ genen Bündnern. Wenige Minuten ſind noch übrig. Fort über die Grenze, fort, ſo weit als möglich! In Berlin oder der Hauptſtadt des. ſchen Landes er⸗ warten Sie Nachricht von mir. Sorgen Sie nicht um Ihre ſchuldloſe, herrliche Tochter. Sie ſteht in meinem Schutze, in dem Schutze meines Vaters. Einliegender Paß auf den Namen meines Onkels ſichert Ihre Flucht. Aber ſchnell fort, jede Sekunde iſt ein Leben werth!— Alexiew Solikow.“— Vater, fliehen Sie, folgen Sie dem Braven! ſetzte das Mädchen in Todesangſt hinzu. Nein, er iſt kein Verräther; er hat uns nicht vergeſſen.— Der Vater fort, entgegnete Taſchwill höhniſch, in heftiger Bewegung, der alte Vater fort, und auf ewig, und die Tochter hier und die Güter ſein! Junger Burſche, Du könnteſt Dich verrechnet haben; Virginius ſtieß das Meſſer in die Bruſt der ehrloſen Tochter, und Pompejus durchbohrte ſich mit dem Schwert, als der Nebenbuhler geſiegt. So etwas könnte auch geſchehen.— Er griff nach den Waffen, aber Kathinka fiel ihm in ſeine ausgeſtreckten Arme. Vater, rief ſie wie außer ſich, denken Sie an Gott! Weiß ich gleich nicht, was geſchehen, ſo müſſen Sie doch fort. Er ſchrieb es ja. Wir müſſen fort, ich mit Ihnen, und ginge die Fahrt nach Tobolsk oder in die Bergwerke Kolyiwans. Wo könnte die Tochter ſein, als bei dem Vater? Und hier in dieſem ſchrecklichen Momente meines Lebens entſage ich der Liebe und jedem Glücke, wenn ich dadurch Ihre Rettung erkaufen kann. Vater, unglücklicher Vater, wie . 468 könnte Dich Deine Tochter verlaſſen.— Sie ſant erſchöpft an ſeine Bruſt, und aufthauend aus dem ſtarren Froſte des Schreckens und der Verzweiflung gab der Fürſt jetzt ſeine Befehle. Bald war das Nöthige gepackt, der leichte Jagdwagen rollte aus dem Hofe, und ehe noch der Tu⸗ mult der Empörung, die jedes Herz erſchüttert hatte, in der Kaiſerſtadt ſo ganz geſtillt worden, daß man an Thorſperren und Verfolgungsbefehle der Flüchtigen hätte denken können, rollte ſchon das leichte Fuhrwerk mit dem zerknirſchten Vater und der getreuen Tochter in Windeseile über die ſchneebedeckte Landſtraße dem retten⸗ den Süden zu.— Kathinka's Seelenzuſtand in dieſen Augenblicken ſpot⸗ tete jeder Beſchreibung, und die Feder des kühnſten Pſychologen würde unvermögend ſein, ihn in ſeinen tiefen Schattirungen, ſeinen ſcharfen, ſchneidenden Zü⸗ gen hinzumalen. Ihr war, als ſei ſie geſtorben, das ſchöne Leben läge hinter ihr zerſtört mit der lieben Erde durch ein feuriges Meteor; auf einem Eisfelde eines leeren Planeten ſei ſie erwacht aus dem großen Grabe, und zu einem öden, traurigen Daſein verdammt wor⸗ den für fremde Schuld. Das Opferwort der Liebe, am Altare der Kindespflicht ausgeſprochen, die grauſige Er⸗ ſchütterung, als ſie auf dem Vorplatze dem gräßlich zerſchmetterten Körper des Hauptmanns begegnen mußte, hatte ihr ganzes Weſen gewandelt, zerdrückt. Sie fühlte nicht die grimme Kälte der Winternacht, in ihr war es kälter und ſtarrer geworden, ſie fühlte ſich gelöſet von der Liebe und mit ihr vom Leben, ſie war dem eiſernen Schickſal, dem Tode verfallen; und was hatte ſie ge⸗ than, was hatte jener edle Jüngling gethan, den ſie kannte wie einen Reinen und Fleckenloſen unter den 469 Befleckten und Sündigen? Jeder Werſt, den die fliegen⸗ den, unverwüſtlichen Pferde durchtrabten, entführte ſie weiter fort von ihrem Paradieſe, von den Schätzen ihres Herzens, und—— ohne Heimkehr, ohne Hoffnung des Wiederſehens, das ſtand klar und feſt wie Steinſchrift vor ihrem innern Auge. Der Fürſt ſaß ſchweigend im Wagenwinkel, ſein einzelner Ausruf, mit dem er den Kutſcher trieb, tönte hart und barſch durch die Nacht; Kathinka hörte in dieſen Tönen die Prophezeihung einer harten Zukunft. Unausgeſetzt durch Tag und Nacht eil⸗ ten die Flüchtigen der Grenze zu, kaum den Roſſen dann und wann einige Stunden Ruhe gönnend, kaum den Menſchen die nöthige Erquickung erlaubend. Ihrer Sicherheit wegen mußte die Landſtraße bald verlaſſen werden, aber Stenko kannte die Waldwege des Landes genau und der Fürſt konnte ihm vertrauen. Auch die Fürſtin gewann bald die Feſtigkeit wieder, die ihrem Charakter eigen war; die Reizbarkeit ihrer Nerven hatte ſich abgeſtumpft an den Eindrücken der Schreckensſtunden, die Seele behielt den Sieg über den zarten Körper, und alle Tugenden der Kindesliebe entfalteten ſich an ihr in der Sorgfalt für den Vater. Sie ertrug die Beſchwer⸗ den des Wegs, der Jahreszeit ohne Murren; ſie hörte das nächtliche Geheul der wüthenden Wölfe, die den Wagen verfolgten, und die der Vater oft durch Piſtolen⸗ ſchüſſe verjagen mußte, ohne Furcht; ſie ſchlief in den unreinlichen polniſchen Judenſchenken ohne Klage, und als der Wagen zerbrach, als der verwundete Vater in Nacht und Eis lag in der Wildniß des unwirthbaren Holzes, trug ſie ſtark mit Stenko's Hülfe den Fürſten in das nächſte Grenzdorf, führte ſelbſt die erkauften Helfer an das Holz zurück, die Gepäcke und Pferde zu ſichern.— 470 Auf einem ſchlechten Fuhrwerke, welches Stenko für den zerſchellten Jagdwagen erhandelt, ſetzte man dann die Flucht fort durch das deutſche Land, bis Berlin er⸗ reicht war. Aber die Unruhe, die in Taſchwills Buſen den Furienplatz genommen, trieb den Fürſten von da; er wollte dem rettenden Weltmeer näher ſein, glaubte ſich in dem.. ſchen Lande, das geringere Verbin⸗ dung mit Rußland hatte, ſicherer. Da faßte den ge⸗ brechlichen Leib des Greiſes eine Krankheit; dieſe hielt ihn in einer kleinen Landſtadt lange Monate feſt, und der Körper, der ausgeſtandenen Entbehrungen ungewohnt, der Geiſt, durch ſich ſelbſt gemartert, ſchien der Auflö⸗ ſung nahe. Furchtbare Nächte durchwachte Kathinka am Lager des Unglücklichen. Blut und Mord ſtand in den Fieberbildern ſeiner Träume; ſchreckliche Geiſtergeſtalten walteten dräuend an ſeinem Bett; man mußte jedes ſcharfe Inſtrument entfernen, da Ighor nach Meſſer und Nadel haſchte, um Erlöſung zu finden, und das Grauen⸗ wort vsömou Konets! tönte in hohlen Tönen der Höl⸗ lenewigkeit von den blaſſen verzerrten Lippen des Ge⸗ peinigten. Aber ſeine Strafzeit ging noch nicht zu Ende; nicht hier hatte die Vorſicht ſein Ziel geſteckt. Die Pflege der getreuen Tochter half der nordiſchen Natur nach, der Fürſt genaß allmälig, doch ſo wie ſeine Kräfte ſich mehrten, fand ſich eine ſeltſame Umwandlung in ſeinem Gemüthe ein. Der Menſch, welcher dem Tode Trotz geboten in zwanzig Schlachten, der die höchſten Güter des Lebens mehre Male geſetzt an ſeine Rachgier, der ſeinen graueu Kopf nicht hoch gehalten, als der Ehr⸗ geiz ihn verlockte, der in ſeinem Fieberwüthen den Tod von eigener Hand als Befreiung ſuchte, derſelbe Menſch wurde jetzt der jammervollſte Sklave der Todesfurcht, 471 jedes rauſchende Blatt machte ihn zittern, jedes fremde Geſicht ſchien ihm die Larve eines Verfolgers; in ſeiner Krankheit hatte er tief in das offene Grab geblickt, und jetzt ſah er nichts um ſich als Gräber, für ſeinen zer⸗ riſſenen, gemordeten Leib gegraben.— Kathinka mußte nachgeben und die Reiſe mit ihm fortſetzen; als ſie aber die. ſchen Grenzen hinter ſich hatten, wagte Taſchwill doch nicht, die beſtimmte Stadt zu wählen; unter einem franzöſiſchen Namen lebte er mehrere Tage ſchon auf einem nahen Dorfe, eilte jeden Morgen mit ſeinem Leibeigenen in die Thore, auf der Poſt nach Briefen zu forſchen, und ein ſolcher Morgen war es, an dem wir ihn in dem beſuchten Hauſe des Herrn Petrus antrafen, wo ihn der unwider⸗ ſtehliche Drang, aus den Tagesblättern Nachricht vom Vaterlande und den Schickſalen der Bundesbrüder zu ſuchen, auf eine Stunde ſeine Vorſicht und Furcht ver⸗ geſſen machte. Alſo lautete die Aufklärung, welche der Aſſeſſor Carus in einer langen Nacht durch das Taſchenbuch des Fremden erhielt, und die eine Reihe ſo merkwürdiger Begebenheiten vor ihm entfaltete, daß er, wenn auch vom Grauen der Mitternachtsſtunde oftmals befangen, ſich obigen Auszug davon machte, der freilich nicht den Charakter der Rache und des Haſſes an ſich trug, wel⸗ cher aus jeder Zeile der Originalſchrift athmete, und deſſen Lücken er erſt ſpäterhin durch die Erzählungen der unglücklichen Fürſtin Kathinka ausfüllen konnte. Erſchöpft von dem Wechſelſpiele der Empfindungen des Abſcheues gegen den Frevler, der Anbetung gegen 472 die Dulderin, die als das Muſterbild einer guten Toch⸗ ter glänzte, legte er ſich einige Stunden nieder; aber der Schlaf floh ihn oder quälte mit ſchrecklichen Träu⸗ men ſeine überfüllte Phantaſie, und am Morgen wurde er ſogar vom Schlummer geſpenſtig aufgeriſſen, indem er ſeinen Namen von einer fremden Stimme auf eine gar ſchauerliche Weiſe gerufen glaubte. Ruhelos auch dann noch, als der freundliche Herbſttag in ſeine Fenſter blickte, und den nächtlichen Spuk von ſeinen trüben Au⸗ gen wegſcheuchte, ließ er ſich ein Pferd holen und beſchloß den gewohnten Ritt nach dem Landhauſe der Baronin. Aber immer gelinder fühlte der Gaul Sporn und Zügel des Reiters, je näher derſelbe der Gegend kam, zu wel⸗ cher ihn das Herz zog. Grauen und Entſetzen packte ihn, wenn er ſich dachte, daß er den Fürſten Taſchwill wie⸗ derſehen ſollte; das ohnehin widerwärtige Geſicht des Alten erſchien ſeiner Einbildungskraft wie eine Teufels⸗ fratze, und es war ihm, als wenn die Nähe deſſelben auch ihm nur Schrecken, Mord und Verderben bringen oder bereiten könnte. Faſt abſichtlos wählte er die wei⸗ teſten Feldpfade und Holzwege, und ſo geſchah es, daß er, da er am Mittage ausgeritten, erſt mit der frühen Dämmerung eintraf, und ſein Pferd ſogleich vorn am Stalle dem noch immer Wacht haltenden Landdragoner abgeben konnte, ohne von den Hausbewohnern bemerkt zu ſein. Langſam ging er über den Hof in die offene Pforte des Gebäudes, und ſtieg mit bedrücktem Herzen die breite Hauptſtiege hinauf, als eine dunkle, zuſammen⸗ gedrückte Geſtalt die Stufen ihm entgegen herabſchlich, mit der einen Hand ſich am Geländer ſtützend, mit der andern den weiten Leibmantel um Kopf und Bruſt,zu⸗ — — ——— —— 473 ſammenhaltend, indem zugleich aus dieſer Verhüllung ſonderbare Töne, die jetzt wie ein hohles Schluchzen, jetzt wie das verhaltene Gebrüll eines wilden, unbändi⸗ gen Thieres ließen, zu des Aſſeſſors Ohre kamen. Eine ſchnell erweckte heiße Angſt ſtieg in Herrn Carus aufz er ergriff den Herabſchleichenden, riß ihm die Hülle ab, und erkannte bei dem Scheine der Kugelleuchte, die an der Wand brannte, den Knecht Stenko, welcher ihn mit den hohlen gläſernen Augen einer Leiche anglotzte. Ein unglück? rief Carus zurückfahrend. Sprich, Menſch, was iſt der Fürſtin zugeſtoßen! Ich zittere! Rede, Du ſteinerner Gaſt, oder—— Er erhob unwillkürlich die Reitgerte, doch der Leibeigene beugte ſogleich den Nacken, zog ſich ſcheu an das Geländer, und ſtotterte: Armer Herr! Bednoy gospodin!— Hat den Herrn da verlangt; aber der Herr war fort; weit weg, nicht da! Bednoy gospodin!— Führe mich zum Fürſten, raſch ohne Zö⸗ gern! ſprach der Aſſeſſor heftig. Ich werde ihm mein Verſprechen halten, ſollte er auch nimmer die Hülfe eines Redlichen verdienen.— Der Knecht ſchritt langſam voran, öffnete das Zim⸗ mer, und trat mit einem hohlen Seufzer über die Schwelle. Was ſah der Nahtretende? Das Gemach war ausgeräumt; alle die kleinen utenſilien, welche die Edelfrau zur Bequemlichkeit des Kranken herangeſchafft, fehlten, die Seſſel am Bette, der Tiſch mit Arzneien und Labetränken war fort, das Bett ſtand einſam, zu⸗ gedeckt, und vom ſchwarzen Träger herab beleuchtete ein dreiarmiger Silberleuchter das ſchaurigleere und ſtille Gemach. Als aber jetzt Stenko das weiße Tuch vom Bette zog, und dazu murrte: Nichts mehr zu helfen! Armer Herr iſt hin!— als er dabei in die Knie ſank, 474 und ſein dumpfes Geheul von Neuem begann, da blieb dem Jünglinge der Herzſchlag ſtehen in der beklommenen Bruſt. Ja, der Fürſt Ighor lag vor ihm todt, kalt und ſtarr; die nur halb von den Liedern bedeckten furchtbaren Augen ſtarrten nichtsſagend zu ihm auf, die Lippen halb geöffnet, waren dunkelblau gefärbt, und einzelne trockene Blutſpuren dunkelten das weiße Kinn. Schnell und un⸗ vermuthet hatte die Hand pes ewigen Rächers den Schul⸗ digen ergriffen. Fürſt Taſchwills Fieberzuſtand war von manchen hel⸗ len Intervallen unterbrochen worden, und in dieſen hatte ſeine gequälte Seele ſtets nach Zerſtreuung gehaſcht, die, wenn die Stadtfreunde fehlten, die ſorgſame Edelfrau immer durch franzöſiſche und deutſche Lektüre aus ihrer Hausbibliothek herzuſchaffen bemüht geweſen, wobei ſie ſelbſt und Kathinka abwechſelnd die Vorleſerinnen ge⸗ macht. Oft hatte der Kranke auch Zeitungen begehrt, doch die umſichtige Tochter, welche ſelbſt jedes Buch vor⸗ her durchſah, hatte die unbefangene Baronin ſtets durch kleine Liſten vermocht, dem Vater die Forderung unge⸗ währt zu laſſen. Am jungen Morgen, als die Tochter nach mancher durchwachten Nacht noch ſchlief, Stenko bei dem Herrn gewacht, ſandte er früh den alten Knecht nach der muntern Herrin des Hauſes, die neueſten Zei⸗ tungen zu fordern, welche die Baronin auch ohne Arg auslieferte. Mit Haſt blätterte der Fürſt in dem anſehn⸗ lichen Stoße der Tagesblätter herum, ergriff dann plötz⸗ lich eines derſelben, und las mit ſteigender, in ſeinem Antlitz immer ſichtbarer werdenden Bewegung. Es war ein Blatt vom Auguſtmonate, welches das Urtheil des Petersburger Gerichtshofes über die Verſchwörer enthielt, und die Vollziehung des Urtheils an den fünf Hauptver⸗ — — 475 brechern verkündete. Das Geſicht des Leſenden färbte ſich mit immer dunklerer Röthe, ſo wie er weiter las. Entſetzlich! ſtöhnte er in kurzen Abſätzen. Zum Vier⸗ theilen verdammt? Zu hart! Sie vertheidigten nur des Ceſarewitſch Rechte!— Die kaiſerliche Gnade wird ein⸗ treten.— Nein! ſchrie er dann auf einmal laut auf: Gehängt auf der Citadelle! Apoſtol, Kahowsky und auch Oberſt Peſtel!— Er ſank in die Kiſſen zurück und den Arm ſtarr und weit von ſich ſtreckend, fiel das Unglücks⸗ blatt aus der gelähmten Hand auf das Haupt des knieen⸗ den, erſchrockenen Dieners. Aſſeſſor! Carus! Carus! Herbei zu Hülfe! ſchrie er dann in kreiſchenden Tönen; die Augen quollen geröthet hervor; vss Kontchilos! ſtotterte die lahme Zunge; Stenko hielt eine Leiche in ſeinen Armen, und fühlte ſeine Hand vom heißen Blute überfloſſen, das aus dem Munde des leiſe Zuckenden ſtrömte.— Wohl Dir! ſprach der Aſſeſſor ernſt. Gott hat Dich gnädig gerichtet. Möge der Ewige die Marter Dir an⸗ rechnen, die Du hier unten in Deinem eigenen Herzen trugſt, und Dir den Himmel ſeiner Vergebung nicht ver⸗ ſchließen!— So vrückte er dem Todten ſanft die Augen zu, indeß der alte Stenko ihm die linke Hand mit har⸗ ten, ſtechenden Küſſen überdeckte, und dazu ſchluchzte: Guter Mann! Lieber Deutſchmann! Herr war nicht ganz bös, und der frommen Gnädigen Gebet wird ſchon helfen!— Da erinnerte ſich der Aſſeſſor der unglück⸗ lichen Kathinka, und raſch verließ er das Todtenzimmer, und rief nach der Dienerſchaft, von denen ihn einer ſo⸗ gleich nach dem entfernteſten Wohngemach der Baronin begleitete. Eine Verzweifelnde, eine Jammernde hatte ſein fürchtend 476 Herz erwartet; er fand eine ſtille Trauernde, voll Er⸗ gebung in die Fügung der ewigen Vorſicht, heldenmüthig tragend die Dornenkrone des Schickſals, des unaus⸗ weichlichen. Mit einem Blicke, der ſteinerne Herzen ge⸗ ſchmolzen im Witgefühl, reichte ſie ihm die feine Hand entgegen, und eine leichte Röthe flog über die leidenvolle Wange. Da iſt er! ſagte ſie mit einem Tone des Ver⸗ trauens zu der Edelfrau, die betrübt neben ihr ſaß. Ihn rief der Vater zuletzt, und er verläßt uns nicht, bis es vollendet ſein wird.— Arme Fürſtin! entgegnete der Aſſeſſor mit Herzlichkeit, indem er die dargereichte Hand an ſeine Bruſt preßte. Ich habe ihn geſehen. Er ſteht jetzt über dem Leid und der Erde, und der Tod hat wie ein vorſichtiger Freund ihm Alles erſpart, was ſein Schickſal noch härter und qualvoller hätte machen können.— Was der Himmel verhängt, iſt gut! antwortete Ka⸗ thinka, das Köpfchen demüthig niederſenkend zu dem ängſtlich ſchlagenden Buſen. Seine liebſten Kinder züchtigt ja der unſichtbare Vater, damit ſie über das Irdiſche nicht das. Ewige vergeſſen ſollen. Er iſt heim⸗ gegangen ohne Prieſtergruß, ohne den heiligen Löffel voll Wein und Brod, ohne die ſtärkende Salbung ge⸗ weihten Oels; aber Oel und Wein ſind ja der Erde gehörig, und ihre Wirkung iſt nur für hier. Auch mein wird der Ewige gedenken in den Tagen meines Jam⸗ mers; er wird die Waiſe, die Bettlerin auf fremdem Boden, die Verſtoßene, fern von der Heimath nicht ver⸗ laſſen; ſchickte er mir doch ſeine Engel ſichtlich, hier die Mutter, und da den Freund.— Weinend reichte ſie Bei⸗ den die Hände.— 477 Meine Tochter für immer! ſprach die Baronin. Keine Beſſere konnte mir das Schickſal zuführen.— Und Sie ſind nicht verſtoßen, nicht verarmt! ſetzte William ſchnell hinzu. Streng iſt Ihr Kaiſer geweſen, doch nur gegen die Schuldigen, und ſein erſter Urtheils⸗ ſpruch iſt ein Denkmal ſeines Edelmuthes und ſeiner Geiſtesgröße geworden. Keine Makel ſoll haften an den Nachgebliebenen der Empörer, ihr Adel bleibt unbefleckt, ihr Vermögen ungekränkt, und überdies iſt in keiner Akte der Unterſuchung der Name des Fürſten Taſchwill ge⸗. nannt worden.— Eine milde Freundlichkeit dämmerte auf in den Trauerzügen Kathinka's, wie ein einzeln Sternlicht durch die ſchweren, langſam ziehenden Wolken einer Wetter⸗ nacht ſchimmert. Bote des Troſtes! ſagte ſie; ſo iſt die Ehre gerettet und das Vaterland. Aber doch müßt ihr mich behalten, ihr Freundlichen, auf lange, auf immer vielleicht! ſetzte ſie mit einem Seufzer hinzu. Es muß ja noch Vieles klarer werden, ehe die geſchüch⸗ terte Taube ſich hinauswagen darf in die feindliche Welt.— Die alte Baronin umfing das liebe Mädchen mit warmen Zuſicherungen ihrer Mutterliebe, und der Aſſeſ⸗ ſor flüſterte wie zu ſich: Bleibe nur und ziehe nimmer von hinnen! Glücklich, wer Dich zu binden wüßte in der neuen Heimath, daß Du nie mehr der alten ge⸗ dächteſt!— Es begab ſich einige Tage ſpäter, daß am Morgen ein hochgewachſener junger Mann von auffallendem Aeußern in den Salon des Herrn Petrus eintrat und 478 in franzöſiſcher Sprache ein Frühſtück begehrte. Die Augen aller Gäſte wandten ſich dem Fremden zu, der ſich ſofort an einem Seitentiſchlein niederließ und vor ſich hin auf den Boden ſtarrte, oder mit ſeinem großen zottigen Windhunde ſpielte, und jedes Auge fand Wohl⸗ gefallen an dem Angeſchaueten. Der Fremde war nicht bloß ein beſonders ſchöner Mann, ſondern er hatte et⸗ was ausgezeichnet Edles in Phyſiognomie und Haltung, was durch den lauchgrünen, goldbeſchnürten Polenrock, die vierkantige Scharlachmütze, den gekräuſelten feinen Schnauzbart und das bockige kurze Blondhaar, über⸗ haupt durch den militäriſchen Anſtrich noch gehoben wurde, und durch eine blaſſe Farbe, die jedoch nichts Krankhaftes hatte, wie durch eine unverkennbare Schwer⸗ muth, die Stirn und Blick beherrſchte, an Intereſſe ge⸗ wann. Es ſchien anfangs, als ſuche das Auge des Fremden in dem Kreiſe der Gäſte nach irgend einem Bekannten, da es aber vergebens von der Irrfahrt zu⸗ rückkehrte, ſenkte es ſich wieder zum Boden, und der junge Mann ſaß in ſich ſelbſt verſunken, und bekümmerte ſich weiter nicht um das verworrene Geräuſch der Spre⸗ chenden, das dem Geſums in einem Bienenkorbe ähnlich war und die Sinne betäubte. Der Lieutenant Stein ſaß ihm zunächſt mit einigen Kameraden um einen großen Tiſch geſammelt, und ihr Geſpräch, welches halblaut geführt wurde, ſchien einen intereſſanten Gegenſtand zum Zirkelpunkte zu haben. Es iſt Tollheit, ſagte der Eine von ihnen, der heiße Sommer hat dem braven Jungen das Hirn verſengt. Schade um den fröhlichen Geſellſchafter.— Du haſt Recht, Bruder Röderer, entgegnete ein Zweiter; es muß Krankheit ſein, ein Geſchwür an der Zirbeldrüſe. Sturzbad und Aderlaß iſt ihm nöthig. So ein kluger, feiner Burſche, ein Verſpötter der Liebe, obgleich er ſie in ſeinen Romänchen recht zart und warm zu ſchildern wußte, und nun gar eine Fürſtin, eine Prinzeß aus Kamtſchatka! Ein bürgerlicher Aſſeſſor freit um ſolch edel Blut in unſern Zeiten, und glaubt, hoffen zu dürfen? Der Menſch muß unter die ruſſiſche Eispumpe.— Der Geheimerath nimmt es ſehr ernſt, antwortete Stein, und hat mir beſtimmte Aufträge zur Rückſprache mit ihm gegeben, gut Wort findet gutes Ohr! Sein Neffe verſäumt ſeitdem alle Dienſtpflichten; ſeine Schrif⸗ ten für den Fürſten oder ſeine Proklamationen an die Unterthanen ſind poetiſche Exercitia. Wie man ſich bet⸗ tet, ſo liegt man! Das Ei will klüger ſein, als ſein Fabrikant! Der alte Familienpatriarch, Ihr kennt ſei⸗ nen Eigenſinn, hat er einmal einen feſten Willen auf⸗ gezogen, wird Gewalt gebrauchen, wenn es Noth thut. Und hier thut's Noth; denn iſt die Neigung ſelbſt einem Tollhäuslerſpuk ähnlich, ſo möchte die Verwandtſchaft mit einem Rebellen und Kronenräuber für den alten, ſtrengbürgerlichen Geheimenrath, der die Unterthanentreue dicht bei dem Gehorſam gegen Gott ſtellt, das Gräß⸗ lichſte ſein, was ſein Dienſtjubiläum beflecken könnte. Und ſeit das politiſche Journal Pauls des Kaiſers Sterbeſcenen offen erzählte, iſt der Name Taſchwill ver⸗ flucht und klingt ihm mit dem Namen Satanas egal.— Der junge Fremde war ſchon eine Weile aufmerk⸗ ſam geworden, jetzt fuhr er wild empor, und that einen ſtarken Schlag der Fauſt auf die Lehne des Stuhls, den Lieutenant Stein mit dem Rücken ihm zugewandt beſetzt heilt. Taſchwill! rief er erglühend. Wer ſchimpft den Namen? Wer wagt in meiner Gegenwart die Familie verflucht zu nennen? Lügner, Verleumder, Meuchler nenne ich den Schimpfredner. Ich bin, wie Sie, Mili⸗ tär, mein vielwiſſender Herr, bin Major im Dienſte Seiner Majeſtät des Kaiſers von Rußland, und Sie werden darum wiſſen, was zwiſchen uns ſtatt haben muß.— Stutzig war der Lieutenant aufgeſprungen, hatte ſich zu dem Angreifer gekehrt und ſeine Angriffsworte ange⸗ hört. Mit einem leichten Lächeln auf den runden fri⸗ ſchen Wangen maß er jetzt die ganze Geſtalt des Frem⸗ den, nahm dann Dienſtmütze und Säbel vom Tiſch, und erſuchte den Feindſeligen höflich, ihm in das Neben⸗ zimmer zu folgen. Die Geſellſchaft verſtummte, ſtarrte die Beiden an, wie ſie neben einander durch den Salon ſchritten, aber Keiner hatte Luſt, oder fühlte ſich berufen, in ſo ernſter Sache einzuſchreiten, oder gar neugierig nachzugehen. Im leeren Nebengemach legte der Drago⸗ ner harmlos ſeine Waffen nieder und ſteellte ſich unbe⸗ fangen vor den Fremden, der mit blitzenden Augen ſei⸗ nem ſeltſamen Benehmen zuſah. Herr Major, begann der Lieutenant, die Arme zu⸗ ſammenſchlagend, in ruhiger Stellung, Sie haben mich gefordert; ſcharfe Zähne beißen gern, und ein braver Soldat ſchlägt ſolch ſeltenes Feſt nicht aus in Friedens⸗ zeiten. Indeß wiſſen Sie auch aus dem Militärregle⸗ ment, daß Arreſtanten ſich nicht ſchlagen dürfen.— Was ſoll die Ausflucht? fuhr der Major auf. Kom⸗ men Sie vors Thor, wir holen Degen und Piſtolen aus meinem Hotel. Sie tragen Waffen, und ſind alſo nicht Arreſtant.— Aber Sie, mein Herr Graf Solikow! ſiel feſt und 481 ernſt der Lieutenant ein. Schon ſeit Wochen trage ich vie Ordre zu Ihrer Verhaftung in meiner Brieftaſche; die Perſon paßt genau, und ſo bitte ich, ohne Wider⸗ rede mir zu der Commandantur zu folgen.— Halt! fiel der Graf ein, und ein Hohnlächeln verzog die bär⸗ tige Lippe. Ich verſtehe Ihren Irrthum, aber durch dieſe Schlupfthüre entkommen Sie meiner Klinge nicht, mein feiner, gewandter Herr Dragoner.— Er zog ein Por⸗ tefeuille heraus und nahm einige Papiere hervor, die er dem Lieutenant aufgeſchlagen hinhielt. Hier, ſehen der Herr meinen Freiheitspaß. Nur ein Mißverſtändniß machte mich meiner Regierung verdächtig, da ich mich rühmen darf, der treueſte Unterthan meines hohen Souveräns zu ſein. Beachten Sie gefälligſt Unterſchrift und Datum dices Schreibens. Kaiſerliche Hand und kleines Kabi⸗ netſiegel! Belobung meines Benehmens am 27. Dezem⸗ ber, verheißene Dienſterhöhung und Wladimir⸗Orden. Sind Sie Ihres Irrthums überwieſen?— Achtſam las der Lieutenant die Papiere. Mit Ruhe gab er ſie dann dem Beſitzer zurück. Verzeihen Sie, Herr Major, ſprach er mit höflicher Kopfneigung; hier meine Ordre entſchuldigt mein Benehmen. Jetzt ſtehe ich Ihnen zu Dienſte und werde in einer Stunde an dem Ge⸗ hölz vor dem Elsbethsthore mit meinem Sekundanten eintreffen. Die Wahl der Waffen überlaſſe ich Ihnen.— Piſtolen und zu Pferde! erwiderte der Graf, pfiff ſeinem Windhunde und verließ das Haus. Auch der Lieutenant Stein ſchickte ſich an, ſeine Einrichtungen zu treffen. Den Ochſen faßt man bei den Hörnern, den Menſchen bei dem Wort! murrte er in ſich, indem er die Straße hinſchritt, und in Gedanken die Zahl ſeiner Specialen durchlief, einen Sekundanten zu erkieſen. Blumenhagen. IV. 31 — — Da trabte der Aſſeſſor Carus zu Pferde auf dem Steinpflaſter her. Mit einem Satze war der Lieutenant über dem Rinnſteine und trat ihm in den Weg. Halt Patron! rief er launig, Du kommſt mir gerade recht; ein Geſcheiter ſchlägt zwei Fliegen mit einem Sch lage. Rechts um, und auf der Stelle mit mir nach meinem Quartiere. Pro Primo habe ich dort eine Adreſſe abzugeben von der Excellenz, dem Onkel Gehei⸗ menrath, der dem Herrn Neffen das Reiten verbietet bei höchſter Ungnade, weil eines Aſſeſſors Zügel ſeit dem erſten Seribenten Moſes her die Schreibfeder, und ſein Sattel die Sekretärpritſche ſein ſoll. Pro Sekundo mußt Du auf der Stelle mich als Sekundant bedienen; Du weißt, ich habe für einen ähnlichen Dienſt noch Re⸗ vange von Dir zu heiſchen. Alſo rechts um!— Aber mit wem? Warum und wo? fragte William, dem bei dem Namen des gefürchteten Ohms alles Blut aus dem Geſicht, bei der Erwähnung des Duells alles Blut wiederum in das Geſicht getreten war. Das er⸗ fährſt Du an Ort und Stelle, Du ſchmachtender Ama⸗ dis! rief der Lieutenant, und ſchon ging er im Sturm⸗ ſchritte weiter; Carus mußte geduldig umlenken, und ritt langſam und bedenklich dem Erhitzten nach vor das Quartier. Bald zog man den Scheck aus dem Thor⸗ wege mit den blanken Piſtolen in den Halftern; der Dragoner ſaß auf, und im Trabe ging es aus dem Thore, ohne daß der Aſſeſſor, den der faule Miethgaul zwang, hinter dem Freunde zu bleiben, eine Rede oder ein Aufklärungswort erlangen konnte. Das Hölzchen wurde bald erreicht, und auf der weiten Heide daneben fanden ſich die Gegner ſchon. Mit Erſtaunen erkannte Carus den Fremden und ſtieß betroffen den lauten „ 483 Ausruf: Graf Solikow? Sie hier? hervor, den der Graf mit einer freundlichen Begrüßung und der Erklärung erwiderte, wie er ſich freue, neben ſeinem Feinde einen alten Bekannten und wackern Ehrenmann zu treffen. Der Begleiter des Grafen, ein ruſſiſcher Gardeoffizier von herkuliſcher Geſtalt, der durch die weiße Prachtuniform, den goldenen Helm, wie durch den Ernſt ſeines bär⸗ tigen Geſichts imponirte, maß ſchon die acht Pferde⸗ längen ab, die Solikow zur Schußweite beſtimmte, und zeigte dabei in den Wendungen und Paraden ſeines Schlachtroſſes den trefflichen Reiter. Man ſetzte ſich feſt in den Sätteln, zog die Piſtolen, ſpannte die Hähne und erwartete das Zeichen, um zugleich loszubrennen. Unter dem Aſſeſſor brannte in dieſen wenigen Minu⸗ ten der Sattel wie ein Laurentiusroſt. Sein glücklicher Nebenbuhler, den er am Nordpol glaubte, ſtand plötz⸗ lich vor ihm, und wie Seifenblaſen zerplatzten alle ſeine Knabenträume und poetiſchen Hoffnungen, wenn er bei Kathinka erſchien. Aber er kannte auch des Lieutenants Stein fertige Sicherheit im Piſtolenſchießen, wußte, daß er das Pique⸗As zwiſchen den Fingern ſeines Reitknechts traf, und eben dieſelbe Minute, die ihm das höchſte Glück zu rauben beſtimmt ſchien, konnte ihn auf ewig von dem Nebenbuhler frei machen. Angſtſchweiß perlte ihm auf der Stirn; er zögerte, er ſchwankte; da dachte er ſich Kathinka's Duldergeſtalt, dachte ſich ihr Opfer, und der beſſere Menſch ſiegte in ihm. Er gab raſch ſeinem Gaule die Sporen, ſprengte mitten zwiſchen die verwunderten Duellanten und ließ ſich durch das don⸗ nernde Fluchwort des herkuliſchen Gardiſten nicht ſchrecken, deſſen blankes Schwert ihm dräuete. Halt! rief er mit bebender Stimme; das Duell kann 484 nicht ſein, oder Lieutenant Stein müßte mir ſeinen Plat erlauben.— Und warum nicht ſein? hallten drei erbitterte Stim⸗ men.— Wos iſt der Grund des Blutkampfes? fragte haſtiger noch der Störer.— Was kümmert's Sie? ent⸗ gegnete der Graf. Doch um dieſe läſtige Unterbrechung zu kürzen: Der Herr dort hat den Fürſten Taſchwill ge⸗ ſcholten den Namen dieſer mir theuern Familie leicht⸗ ſinnig und trügeriſch beſchimpft.— Alſo ſind Sie der Forderer? fiel William freudig ein. Fürſt Taſchwill iſt todt, der Name Taſchwill iſt erloſchen. Wollen Sie ſich ſchlagen auf dem zerbroche⸗ nen Schilde eines Gerichteten? Sie ſelbſt wiſſen, ob der Name ſo ganz fleckenrein war, ob mein Freund ihm ſo ganz Unrecht that. Und was von dem Namen noch übrig, dieſes Reine, Hohe, Göttliche, werden Sie ſelbſt ja bald mit einem edlerern Namen taufen, und die Herrliche würde ſich entſetzen, wüßte ſie, wie man auf's Neue ihr Lebensglück leichtſinnig zu vernichten droht, wie ihr Geliebter ſelbſt ſie um Vergütung, um den Lohn ihres herrlichen Märtyrerthums bringen möchte, um die ſchöne Verſöhnung mit ihrem überharten Schick⸗ ſale.— Menſch, was ſprichſt Du? was weißt Du? Wo iſt Kathinka?— ſchrie außer ſich Graf Solikow, indem ein Beben alle ſeine Glieder durchlief. In zwei Stunden kann die Hohe in Ihren Armen liegen, antwortete Carus mit niegefühlter Zufriedenheit im Herzen. Fürſt Ighor ſtarb vor drei Tagen, ich wurde ſein Vertrauter, drückte ſein Auge zu, alle ſeine Geheimniſſe ſind in meinem Beſitze, und ich denke: der Richter drüben hat ihn gnädig gerichtet.— ———— — 485 Der Graf ſchoß ſeine Piſtole in die Luft. Verſöh⸗ nung, Herr Lieutenant! rief er; ich verzeihe und nehme jedes harte Wort zurück. Nein, jetzt iſt nicht Zeit zu ſterben, und nie iſt mir ein Menſch im Leben ſo ſicht⸗ bar als Engel erſchienen, wie dieſer Freund und Vikto⸗ rias⸗Bote.— Gut Wort findet guten Ort! murmelte Stein gut⸗ müthig und brannte ſeine Kugel in den feuchten Raſen hinab. Alle verſtändigten ſich ſchnell, und die feindliche Schaar, wie durch Wunderwerk zu Bekannten und Ver⸗ trauten gewandelt, trabte durch das Feld um die Stadt hin, ſo ſchleunigſt als die Pferde möglich machten, das Landhaus der Baronin zu erreichen. Sind wir noch immer nicht da? fragte nach jeder zurückgelegten Viertelſtunde der Graf mit ſteigender Un⸗ geduld; als aber endlich der Aſſeſſor auf die rothen Dächer des Schlößchens zeigte und ſeufzend ein Dort! hervorbrachte, da rief Solikow das ruſſiſche Jubelwort? Ura! Dra! und ſeinem Engländer die Sporen eindrü⸗ ckend, flog er querfeldein und würde allein angelangt ſein, hätte das ſchnaubende Roß nicht bei einem gewal⸗ tigen Satze über einen Grenzgraben einen Sturz gethan, der, wenn auch ohne Folgen für Reiter und Pferd, doch den hitzigen Polen zwang, das erſchöpfte Thier zu ſchonen und den Begleitern Zeit zur Nachfolge zu geben. Beſorgt für die reizende, wenn auch ihm verlorene Ka⸗ thinka, ſchlug William vor, allein voran zu traben und die Fürſtin vorzubereiten; doch Graf Aleriew ſchüttelte verneinend das Lockenhaupt. Ich kenne meine Braut, ſagte er triumphirend; der zarte Leib birgt eine Helden⸗ 486 ſeele. Zierpuppen fallen in Ohnmacht, wenn der Ge⸗ liebte unverhofft erſcheint; die nordiſche Jungfrau ſtreckt ihm die treue Hand entgegen und ruft ihr Willkommen, ihr Pabro paschalowat! mit kräftigem Entzücken!— Dennoch drängte ſich der Aſſeſſor bei dem Eintritte voran in das Zimmer, und es glückte ihm, der Ge⸗ ſellſchaft, die aus der Baronin, der Fürſtin, dem Kam⸗ merjunker und dem Doktor Oſiander, dem Arzte des Verblichenen, beſtand, die Heroldsworte: Ein lieber Gaſt aus Petersburg! zuzurufen. Kathinka erhob ſich ſchnell aus dem Kreiſe der Tröſter; ihre lilienweißen Wangen überflog eine ungewohnte Glut, ſie ſchien im Innerſten erſchüttert, doch weder erſchreckt noch gepreßt. Sie trat feſt auf den Grafen zu, auf den ihr Anblick, ihr Trauer⸗ geſicht ſo gewirkt, daß er wie eine Statue mit herab⸗ hängenden Armen am Eingang ſtehen geblieben. An ſeine kräftige Geſtalt ſchmiegte ſich das Mädchen, wie die Weinranke ſich klammert an den feſten Stab, und ſo hielten ſie ſich lange ſchweigend umfaßt. Kathinka, ſagte er da mit tiefem Athemzuge, ſo bin ich wieder bei Dir? Und Du konnteſt fliehen ohne Abſchied?— Ich war zuerſt Tochter, antwortete ſie kräftig, und Er war ſchwach, in Gefahr und— allein. O Alexiew, was haben wir gelitten; aber er leidet nicht mehr, und ſchläft feſt und tief.— Sie drückte das Geſicht in ſeinen Buſen.— Gönne ihm die Ruhe, entgegnete der Graf mit tie⸗ fem Gefühle; kein Sterblicher bedurfte ihrer ſo wie er. Gott iſt barmherzig, und wir wollen treu ſein und uns rein halten bei ſolch großer Warnung.— Sprich nicht ſein Urtheil, ſagte ſie da mit weitoffenem Blick auf den Geliebten, auch wir ſind Menſchen, und die Todten — — 487 ſollen ruhen.— Ihm fehlte eine Kathinka zu Schutz und Führung, fiel der junge Krieger voll Feuer ein; der Engel fehlte auf ſeinem Wege, und ohne den ſtrauchelt *3 der Beſte.— Feſter ward ihre Umarmung, und die achtſame Baronin, die ſich von allen Anweſenden am beſten auf das Menſchenherz verſtand, winkte unbemerkt den Männern zu; leiſe ſtahl ſich Einer nach dem Andern aus dem Zimmer, und die Glücklichen blieben allein. Aus der erſten Stunde ihres wiedergewonnenen Glücks wollen wir nur dem Leſer verrathen, was zur Ent⸗ wickelung unſerer Erzählung nöthig wurde. Am Tage nach jener ſchrecklichen Nacht hatte der Major, ſobald der Dienſt ihn frei ließ, ſeine Kathinka aufgeſucht. Mit Entſetzen ſah er den blutigen Leichnam, hörte die Ab⸗ reiſe der Geliebten; ohne Bedenken meldete er dem Va⸗ A⸗ ter den Vorgang, und folgte ſogleich der Spur der Flüchtlinge, um jedes Loos mit ihnen zu theilen. Er verlor aber bald die Richtung, weil Stenko nur ihm bekannte Abwege genommen, und da er auch in Berlin nichts von ihnen erfuhr, ſo durchirrte er ganz Deutſch⸗ land, und die Verzweiflung ergriff ihn bei dem Gedan⸗ ken, daß der trotzige, felſenfeſte Greis, nur ſich ſelbſt vertrauend, über das Weltmeer geflohen ſei, und das Opfer der Tochter durch des Vaters Härte ein ewiges geworden wäre für dieſe Erde. Indeſſen hatte man in Petersburg Taſchwills Palaſt durchſucht und jenen War⸗ nungsbrief gefunden, der Kathinka's zitternden Händen entfallen war. Durch ſeine Flucht und das Blatt wurde der Major der Theilnahme des Mordbundes verdächtig, und ſein Vater ſelbſt drang bei dem Kaiſer auf ſeine *5 Verfolgung, ließ ſich ſelbſt als Arreſtant bewachen, bis die Gerechtigkeit des Gerichtshofes die Unſchuld Beider 488 erkannt haben würde. So geſchah des jungen Solikows Verhaftung, der aber ſchnell der Befreiungsbrief folgte, deſſen Ueberbringung ein theurer Freund übernahm, und den der Troſt begleitete, daß des alten Taſchwills Name in den Verſchwörungsakten nicht vorgekommen, vielleicht weil die meiſten der Verſchwörer die Namen der Direk⸗ toren nicht kannten, vielleicht, weil die Wiſſenden, wenn auch ſelbſt verloren, Ehrfurcht hatten vor dem greiſen Haupte des Fürſten. Der befreiete Graf ſetzte nun mit Haſt ſeine Forſchungen fort, und bald glückte es ihm, eine Spur zu finden, welche, wie wir geſehen, auch die rechte war.— Sie hatten ſich gefunden, hielten ſich Umſchlungen feſt und ewig. Der Gedanke, Der holde, freundliche, beglückte ſie, Daß über uns in unermeßnen Höh'n Der Liebe Kranz aus funkelnden Geſtirnen, Da wir erſt wurden, ſchon geflochten ward.—— Die vier Männer ſaßen unterdeß in des Kammer⸗ junkers Zimmer, wo die umſichtige Schloßherrin ſogleich ein leckeres Mahl hatte auftragen laſſen, um das ihr ſo lieb gewordene Fremdenpaar auf die beſte Weiſe vor jeder Störung zu ſichern. Als der Herr von Deventer den Siegelkork von der langhalſigen Flaſche alten Schloß⸗ weins gelöſet, und dem ernſt daſitzenden Aſſeſſor einge⸗ ſchenkt, ſprach er, den Freund mit Bedeutung in das Auge faſſend: Nun, William, die Novelle iſt fertig, und ihr Ausgang erfreulicher als irgend ein Prophet vermuthen konnte. Wann hältſt Du Dein Verſprechen und ſchreibſt ſie nieder?— Sie iſt fertig, antwortete Carus finſter, doch paßt —— lachte nicht mehr, aber trank auch. Da nahm der Dok⸗ 489 ſie nicht ganz in meine Definition, und ich habe den Geſchmack an ihr verloren.— Fürchteſt Du vielleicht die mürriſchen Kritiker? lächelte der Kammerjunker, die, ſtatt daß ſie ſonſt an Deinen hiſtoriſchen Erzählungen zu viel Erfindung tadelten, die⸗ ſes Mal über das Gegentheil mäkeln möchten? Oder ſcheuſt Du Dich, weil das Hiſtoriſche davon zu neu iſt und doch Lebende unſanft berühren dürfte?— Nicht das iſt's, entgegnete William, nachdem er mit Haſt und gleichſam als Arzenei gegen ſeine innerſte Er⸗ kältung, ſich ſelbſt bedienend, zwei volle Römer des Feuerweins hinabgeſtürzt; was das politiſche Journal und die Aarauer Blätter frank und nackt der Welt zu leſen geben, darf, gemildert und umſchleiert dazu, un⸗ getadelt im Reich der Novelliſtik erſcheinen; auch kennſt Du wie ich aus der Revue encyclopédique den Aus⸗ ſpruch des Kaiſers Alexander an den ängſtlichen Hiſtorio⸗ graphen. Schreibt, ſprach er, ich will, daß mein Volk die Geſchichte ſeines Landes kenne.— Nun was hindert dann? fragte der Edelmann lachend. Du lachſt die Grillen fort, ich trinke! antwortete William. Aber uns Beiden geht Beides nicht von Her⸗ zen, und ich werde nicht ſchreiben, weil wir Beide doch gar zu armſelige und bemitleidungswürdige Figuren in der Novelle präſentiren würden.— Herr von Deventer tor Oſiander das Wort. Ich weiß, warum es ſich handelt, ſagte er freundlich, denn der gnädige Herr haben geplaudert. In den Abend⸗ ſtunden, wo die Meiſten ihre Zeit der Karte opfern oder ſich Indigeſtionen an der Tafel gewinnen, pflege auch ich mit der Muſe zu tändeln, und zuweilen war die 490 Dame mir nicht unhold. Vertrauen Sie mir den Stoff und die Papiere, ich lege das vollendete Werkchen ge⸗ pührend Ihnen vor, ehe es vom Stapel läuft, und Sie pollen ſelbſt ſein erſter Kritiker werden.— Fremde Roſinen ſchmecken wohlfeil, mein hochge⸗ lahrter Herr Stabsmedicus! Die beſte Novelle bleibt mir für jetzt die Schüſſel mit Neunaugen hier vor uns! murmelte der Lieutenant, den das Geſpräch zu lang⸗ weilen ſchien.— Aber die Namen, Doktor? fragte der Kammerjunker. Und die Individualitäten? Und die Nöthigen alle finden, wie dieſe maskiren?— Ein berühmter Fürſt Primas in der Literatur ſagte: Die Perſonen des Romans ſollen nicht bloß teufliſch vder göttlich vollkommen und mit nichts zu vergleichen. ſein: nein, ſie müſſen vielmehr durch ihre auffallende— Aehnlichkeit mit lebenden Individuen wahr und anziehend werden. Und Name iſt Klang, ſoll nichts bedeuten, noch vorher verrathen; in den Fehler des Gegentheils ver⸗ fallen nur die Stümper. Laſſen Sie ſehen.— Der Dokior fühlte bei dieſen Worten an ſeine Taſche, und. zog ein Büchelchen hervor.— Was Teufel, rief der Kammerjunker, nachdem er das Buch durchblättert, was ſoll der Katalog einer ärzt⸗ lichen Bibliothek? Sie wollen doch uns Alle nicht mit den barbariſchen Namen dieſer alten und neuen Geburts⸗ helfer taufen?— Und warum nicht? lachte der Doktor. Mancher dieſer Namen da iſt ſogar ſprechender als er— ſollte, und manchen Poeten unſerer Zeit ſieht man es in ihren frühreifen oder verrenkten Werken an, daß ſie wohl eines tüchtigen Accoucheurs bedurft hätten in der Kreißeſtunde.— — 491 Nun denn, ſprach der Kammerjunker; machen Sie Ihr Meiſterſtück in der poetiſchen Fakultät, vergeſſen Sie aber auch nicht, dem getreuen Stenko ein Denkmal zu ſetzen, das ihm gebühren möchte. Der graue Sklave be⸗ ſchämte manchen Freigeborenen. Er verſchmähete, ſeit des Herrn Tode jede Speiſe, ließ ſelbſt den beliebten Wotka unangerührt. Täglich einmal, aber immer bleicher und hohläugiger, ſchlich er zu der Fürſtin und preßte einen Kuß auf ihren Aermel. Heute ſtreuete er ſeinen Pferden ein hohes Strohbett unter, füllte ihre Krippen recht voll und ſtreichelte ſie lange. Eine Stunde ſpäter fand man den Graubart todt auf dem Kirchhofe des Dorfs am friſchen Grabhügel des Fürſten liegen. Daß getreuen Thieren ſo etwas Menſchliches begegnete, las ich oft, doch dieſes Mal war es ein Menſch, freilich auch von der tiefſten und ungebildetſten Race!— Alle verſtummten; nur William flüſterte leiſe in ſein Glas hinein: Auch die Todten ſollen leben!— 7 ² 8 . . — 3 8 * *„ „ „ 1 4 4 6 *— „ — — — 2 * —— — . „ — 7 — 4 Sl 1 3. —*. *