„ — — — Leihbibliothet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Ednard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und Zeſebedingungen 1. oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. Lesepreis. Bei Rückgabe eines gelie henen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. eines Buches, eine dem Werthe veſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 M 5 bf 2 Wi.— Pf. 3 6 5. Auswärtige Ponnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der auf ihre gig genen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für be ſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ loren e oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Srſast des Ganzen verpflichtet. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Fe eiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 3. Caution. Unhekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme — — 44 Blumenhagen's ſämmtliche Schriften. . 7 2 * W. Blumenhagen's — y— 6 ſämmtliche Schriften. Zweite verbeſſerte Auflage in 16 Bänden mit 17 Stahlſtichen. Pritter Zand. — 0—0— Stuttgart: Scheible, Rieger« Sattler. 18413. Inhalt: Der Hageſtolz„ Die Heilquelle. Treue gewinnt„ Prinz und Kramer als Nebenbuhler Der Egoiſt 5. Graf Herrmann„„ Die verderbliche Begegnung. Der Hageſtolz. — Skizzirte Gruppe aus einem Sittengemälde der neueſten Zeit. Blumenhagen. III. 1 Lieb und Grab Sind verwandt.— Grab ſpricht nicht, Lieb' ſpricht nicht; Beide ſind am tiefſten doch.——— 2 Wunder über Wunder! Sehe ich denn wahrlich recht? Sie hier auf der Ecke der Terraſſe wie eine verlorene Schildwache, mein lieber, freundlicher Whiſt⸗Kamerad von geſtern? Bei dem großen Chriſtopher, dem Schutz⸗ patron dieſes Paradieſes, ſei's geſchworen, hätte ich den engliſchen General oder den türkiſchen Großvezier hier gefunden, kaum würde mein Erſtaunen größer geweſen ſein. Was machen Sie denn hier zur frühen Mittags⸗ ſtunde und in großer Parüre, geputzt wie ein neuver⸗ jüngter Adon? Haben Sie Feſttag, oder wollen Sie im Schloſſe für eine ſchöne Wittwe einen Fußfall thun?— So redete mit ſichtlich mühſam unterdrücktem Spott⸗ lachen ein wohlgewachſener Mann in der blendendweißen Uniform der Gardegrenadiere, indem er die Hände auf das Kaffetiſchchen ſtützte und das bärtige Haupt mit der gewaltigen Bärenmütze neugierig, als trauete er den eigenen Augen nicht, hinabneigte, einen ältlichen Herrn an, welcher erſchrocken über den plötzlichen Anruf vom Rücken her, die goldrändige Kaffeetaſſe faſt aus den Fin⸗ gern gleiten ließ, jedoch das bösverzogene, runde An⸗ geſicht, welches auf Wange und Naſe mehre dunkele Kupferflecken trug, ſchnell wieder in die gewohnten freundlichen Falten legte, als ſeine enggeſpaltenen, blin⸗ zenden Augen durch die grünen Brillengläſer den An⸗ rufer erkannt hatten. Hätten Sie mich doch faſt erſchreckt, verehrter Herr Graf, antwortete er dann, den feinen Hut rückend und die Glatze enthüllend, welche nicht ganz von dem ſorg⸗ fältig hinaufgeſtriegelten graumelirten Haare maskirt wurde; Sie thaten doppelt Sünde; zuerſt einen Sturm auf meine Geſundheit, denn Schreck iſt Gift, und Kühl⸗ pulver trägt man nicht als Antidotum in der Weſten⸗ taſche; und zweitens, weil Sie mir ein koſtbares Ge⸗ dankenballet durch ihr kriegeriſches Werda zerriſſen. Was ich da mache, ſehen Sie ja; ich trinke den lieben, jung⸗ machenden Mockatrank, und— warte.— Verzeihung für die Sünden, Väterchen! lachte der Gardiſt fort, und warf ſich nachläſſig auf einen Garten⸗ ſtuhl. Aber ich wette, ich errathe das Thema des Ge⸗ dankenballets.— Da müßten Sie ein größerer Zauberer ſein, als der berüchtigte Merlin, entgegnete kopfſchüttelnd der Rath, indeß ſeine Augen dennoch feſter und lauernder das Geſicht der Offiziers betrachteten.— Und wie könnte es anders ſein? fuhr der Graf fort. Sie ſind der reichſte Junggeſell in unſerer Reſidenz; ſchuldenfreie Güter in der Zeit der Schwindelei und der Weltbanquerotte gelten gleich indiſchen Raritäten; wohl conſervirt darf ſich der Herr von Heiligenſtein neben jeden Dreißiger als Nebenbuhler ſtellen. Am Hofe 5 bekannt als kluger, umſichtiger Geſchäftsmann, in jeder Schublade prolongirte Wechſelchen auf die höchſten Hof⸗ beamten, ja vielleicht auf die Majeſtät ſelbſt, kann es Ihnen nicht fehlen bis zu den Stufen des Thrones zu ſteigen, wenn Sie nur wollen. Setze ich nun erwägend hinzu, daß der Herr von Heiligenſtein Genüge zu haben ſcheint am Präfekturrath, da er längſt Staatsrath ſein könnte, daß er ſein ſtilles Häuschen in der Altſtadt be⸗ wohnt, und es nicht der Mühe werth hält in der Belle⸗ Vue⸗Straße die ſchönſte Ausſicht auf die himmliſche Au ſich zu erkaufen, daß er nur an höchſten Feſttagen bei Hofe, oder, wie geſtern, bei dem Miniſter erſcheint, weder auf dem Caſino noch auf Horns Kaffeehauſe, noch in Rodemunds Champagnerkabinetten zu finden iſt; ad⸗ dire ich den Sitz hier auf der Terraſſe, das himmelblau geſtickte Kleid, die Wangen voll Frühlingsglut dazu, ſo iſt das Facit ſo kinderleicht zu finden, daß ein wohler⸗ fahrner Gardekapitän ſich beinahe ſchämen muß, es aus⸗ zuſprechen.— Sie ſind herrlich im Zuge, Herr Graf, nickte gut⸗ müthig der Rathz der Champagner im Schloſſe macht dem Mundſchenken Ehre. Schade, daß dieſes Kartät⸗ ſchenfeuer nicht gegen eine Mädchenbatterie praſſelte; Alle hätten Chamade geſchlagen. Aber aus ſeltſamlicher Neubegier möchte der Rath, deſſen Klugheit Sie eben viel zu hoch anſchlugen, wohl wiſſen, wie das Facit Ihres Exempels erklänge.— Iſt nicht heute das ſchönſte Feſt des Jahres, wo der junge Sommer ſeinen Einzug hält? Hat nicht der Früh⸗ ling, wie ein emſiger Herold die Blumenteppiche vor dem Herzenskönige ausgebreitet, und ſelbſt die Weih⸗ rauchskelche der Roſe ihm früh aufgeſchloſſen? Leben wir nicht im Monate der Sehnſucht, der Liebe und der Schä⸗ ferſtunden? Die Sonne umſpinnt mit einem Goldnetze den Wald und die Gebüſche, und treibt das ſchmachtende Wild in die Schatten. Heute ſpringen alle Waſſerkünſte, heute gibt es im Schloſſe Theater und Souper. Von Fremden wimmelt die Stadt Kaſſel; Alles, was einen Bratenrock und einen Pariſer Shawl beſitzt, geht und fährt hinauf zum Luſtſchloſſe, zu ſehen und geſehen zu werden. Und der Herr von Heiligenſtein hat ſein Gabel⸗ frühſtück ſchnell verſpeiſet, ſitzet wie ein Muſterherr am Wege, und hält große Parade. Bürgermädchen und Edelfräulein wird mit kundigem Auge geprüft vom zierlichen Schuh bis zum Federhute, und Vivat der Glücklichen unter den Tauſenden, welcher der gediegene Freiersmann mit ſeinem Schnupftuche den Aviſobrief zu einem Himmelreiche auf Erden entgegen wirft.— Der Präfekturrath hatte zuerſt mit freundlichem Lä⸗ cheln der pathetiſch geſprochenen Peroration zugehorcht, am Schluſſe war er jedoch immer ernſthafter geworden. Mein Herr Graf von Halm, ſagte er jetzt faſt ſpitzig und beleidigt dem Tone der Antwort nach, geruhen Sie einen hochgräflichen Scherz zu treiben mit einem geal⸗ terten Junggeſellen oder Hageſtolz, ſo wird Ihr Unter⸗ thänigſter gern ſtill halten, denn Seinesgleichen müſſen gar oft ſich zur Zielſcheibe des Witzes der jungen Brauſe⸗ köpfe hergeben, die auf der Fahrt den beſten Wind und des Compaß Warnung noch nicht erkannten. Sollte je⸗ doch Ernſt in Ihren Worten vorwalten, ſo muß ich erklären, daß Hochdieſelben, obgleich wohlbeſtallter Kapi⸗ tän der Grenadiere und als eifriger Nimrod bekannt, dieſes Mal weit bei der Scheibe vorbei geſchoſſen.— Der Graf ſah den Rath, ſtutzig ob des Tones, ſcharf —₰ —— an, dann reichte er ihm treuherzig die Hand und ver⸗ ſetzte mit Gutmüthigkeit: Doch nicht übel genommen, mein guter Freund? Ich kann mir nun einmal Ihre wohlarrondirte Geſtalt, Ihr lebensmuthiges Auge, Ihre ſorgenfreie Exiſtenz nicht mit dem Hageſtolz zuſammen⸗ reimen. In Komödien und Romanen wird ſo ein Weſen immer lang und hager, gelb und ausgetrocknet wie eine egyptiſche Mumie vor Neid und Mißgunſt, zerfallen mit. ſich und der Welt geſchildert, und bei dem heiligen Hu⸗ bertus, Sie tragen keinen Zug von einer Veſtalin oder einem Trappiſten im Antlitz, und hätten ſie wirklich den Schauereid einer ewigen Einſamkeit für Tiſch und Bett geſchworen, ſo müßte ich Sie, trotz Ihres heiligen Fa⸗ miliennamens, für einen geheimen Wildſchütz halten, und würde mir ein Vergnügen daraus machen, Sie bei der Fräulein Guſtel oder einem Souper⸗fin der Theater⸗ prinzeß auf der Frankfurter Straße einzuführen, wo der Harpokrates, der Gott der Verſchwiegenheit, ſo ſtrenges Regiment führt, wie in einer Roſenkreuzer⸗Loge. Pfui, Graf! fiel der Rath ſich ſchüttelnd ein. Die Theaterdame bringt mich auf die beſte Entgegnung. Die ganze Welt iſt eine Komödie; alle Menſchen ſind Ko⸗ mödianten; Jeder ſpielt ſeine einſtudirte Rolle, mehr oder minder gut und ſchlecht; und die Beſten unter dem miſerabeln Menſchengeſchlechte ſind noch diejenigen, die mit ſich ſelbſt Komödie ſpielen, ohne es zu wiſſen. Wenn man denn ſo ein halb Jahrhundert mitgemacht hat, ſo hat man Zeit gehabt, ſolch Unweſen zu erkennen, und iſt zu gratuliren, kam man frühzeitig genug zur Erkenntniß, ehe denn es zu ſpät ward. Das Ich iſt die Hauptſache in dieſem jämmerlichen Erdenleben; wer über ſich hinausſchaut, iſt ein Narr, denn am Grabhügel —————— 8 dankt es ihm Niemand, wird ihm auch ein Grabſtein geſetzt mit den brillanteſten Lobſprüchen. Spiegeln Sie ſich an meinem Muſterbilde, wertheſter Graf, es wird Sie nicht gereuen, wenn Sie einen Silberſchnitt am Haar ſpüren. Mich weckt kein Kindergeplärr aus dem beſten Schlafe; mich ſtört keine Weiberlaune in meinem Willen, mich macht keine Weiberthräne zu einem Mar⸗ zipanmännlein, der die Schlafmütze als Schandzeichen ſtatt der Maſtbaums⸗Flagge tragen muß. Ich halte mein Geld zuſammen, damit es reicht bis zum Methuſalems⸗ Alter, aber ich pflege Leib und Gaumen, und es würde mich freuen, wenn mit dem letzten Lebenstage meines hundertſten Jahres auch der letzte Thaler verzehrt würde, und die lachenden Erben weinende würden, weil ſie die Kiſten leer fänden und die Begräbnißkoſten ehrenhalber tragen müßten; und, offen geſtanden, wäre ich der König oder Dictator eines ſo abgeſchloſſenen Reiches wie das Paraguay des Doctors Francia, ich würde Todesſtrafe auf das Heirathen ſetzen, denn ohne dieſe einfältige Ge⸗ wohnheit gäbe es kein Uebel in der Welt, und der iſrae⸗ litiſche Geſetzgeber hat mit ſeinem Unglücksapfel, der von der Teufelsſchlange und dem liſtigen Weibsbilde zum Manne kam und ihm den Tod brachte, fein und weiſe nur meine Anſicht ſymboliſiren wollen. Was Teufel, Herr Rath, lachte der Graf, man müßte Sie als Mörder ohne Gleichen anklagen; denn Sie haben das Attentat im Kopfe, das ganze Menſchen⸗ geſchlecht ausſterben zu machen.— Beſſer todt als auf der Galeere! erwiderte Herr von Heiligenſtern ernſthaft. Sehen Sie einmal hinunter auf die Straße. Was fährt da herauf in der Equipage mit den vier Mohrenköpfen, ſo ſtolz und in ſolchem ₰ — ₰. J. Fluge, daß das Gedräng der geſchmückten Wanderer kaum Zeit hat, rechts und links in die Feldflur zu ſpringen, um der Räderung zu entgehen?— Das iſt General Fingato's Phaeton, verſetzte der Kapitän, und bei dem Sonnengott! der Grand⸗Ecuyer macht ſeinem Poſten Ehre. Aber wer iſt die ſchlanke Dame neben ihm, welche die großen Rollaugen ſo bren⸗ nend und ſiegesgewiß herumwirft, und den Marmornacken ſo ſtolz hinten überbeugt, als hätte die Majeſtät ſelbſt ſchon ihr Füßchen geküßt?— Das iſt der Beleg Numero Eins zu meiner Relation, ſagte der Rath kalt und mit hämiſch aufgeworfenem Munde. Bemerken Sie gefälligſt die Mannsperſon, welche auf dem Goldfuchſe hintendrein trabt; man ſollte ſie für den demüthigen Reitknecht halten. Dieſer ſtatt⸗ liche Mann in den beſten Jahren mit dem braunen Lockenkopfe und dem Apollowuchs iſt der Herr von Heißen⸗ ſtamm. Seine Güter liegen nachbarlich an den meinigen, und da ich die Prinzen als Gouverneur auf die Univer⸗ ſität zu führen die Ehre hatte, war auch er mein fleißiger Schüler und gutherziger Zögling. Armer Fritz, wie biſt Du bleich geworden, und wie hat die Omphale dem Alciden das Löwenfell abgeſchwatzt! Die Dame neben dem General iſt die Frau Ludovica von Heißenſtamm. Eine Ehe aus purer Inclination, und die Dame im franzöſiſchen Phaeton! Nun der erfahrene Herr Graf Adolphus von Halm wird das Facit dieſes Exempels ohne Euclid oder⸗Rechentabelle zu finden wiſſen. Der Herr iſt mir nicht unbekannt, antwortete der Grenadier. Bei dem letzten Herbſtmanöver, welches das Schloß Heißenſtamm berührte, wurde auch ich vom Baron zu einer herrlichen Jagd geladen. General 10 Fingato lag dort im Quartier, und der ſchwarzköpfige Italiener hat gezeigt, daß er ſchweres wie leichtes Geſchütz meiſterlich gegen den Feind zu führen verſteht. Armer Baron, wo ſo ein Held Breſche geſchoſſen, hält ſich die Feſtung nicht lange!— Aber ſehen Sie dal Ja, ich glaube, daß Sie ein unverbeſſerlicher Hageſtolz und eisherziger Weiberfeind ſind, mein Herr Rath, denn ſonſt hätten Sie längſt bemerkt, wie aus jener eben an⸗ gekommenen Wiener⸗Chaiſe gar zwei Damen mit Hand und Auge Ihnen zuwinken. Oder hatte ich doch Recht, haben Sie ſich ein Rendezvous im Schenkel des Herkules oder auf der einſamen Löwenburg beſtellt, und waren abſichtlich blind, weil ich Ihnen als Störenfried zur Seite ſtand?— Der Präfekturrath erhob ſich mit Gemächlichkeit aus den engen Gitterlehnen des weißen Gartenſtuhls, die ihn feſtzuhalten droheten, und muſterte durch die Brille das Menſchengewühl und Roßgedräng, welches ſich vor den Pforten der gegenüberliegenden Schenke mit jeder Minute durch neue Ankömmlinge vergrößerte. Sie hatten dieſes Mal nicht ganz Unrecht, lieber Graf, ſagte er ſpöttiſch; die telegraphiſchen Damen⸗ Manöver gelten wirklich mir, und das Rendezvous iſt auch nicht ohne. Ich bin ein offenherziger Patron, und will Sie zu meinem Herzensvertrauten machen, damit Sie meiner Reputation bei Ihren geehrten Kriegskame⸗ raden keinen Schaden zufügen. Die Hauptperſon in jenem Wagen iſt meine zärtlichſt geliebte Schweſter, Madame Blank ſchlechtweg, auch ſo eine Märtyrin des löblichen Eheſtandes. Der Mann war ein nobler Ban⸗ quier, ſchwindelte, wollte Kaiſer und Könige in ſeinem Hauptbuche haben, Partauz machte er Concurs, und — C 1 — 11 noch ſchlimmer, legte ſich hin und ſtarb, und ließ meiner Großmuth die liebe Wittwe übrig. Da kommen ſie denn von Frankfurt, wollen das Feſt mitmachen, den Jung⸗ geſellen ſtreicheln, daß er ein Röllchen Goldſtücke zu Putz und Firlefanz hergibt, und beiher vielleicht einen Irrenhauskandidaten fiſchen. Der Hageſtolz, wenn auch ihr Spott, macht gute Miene zum böſen Spiel, iſt groß⸗ müthig jauf acht Tage, doch läßt er ſich nicht aus dem alten gutbefahrenen Gleiſe ſtoßen. Darum habe ich früh, wie alle Sonntag bei mir nach alter guter deutſcher Sitte geſchieht, allein getafelt, bin allein mit meinem Daniel heraufkutſchirt, und habe mich in der Einſamkeit mit Armerſünder⸗Reſignation auf die Folterſtunden prä⸗ parirt, welche mir als Cicerone zwiſchen den Herrlich⸗ keiten dieſes ſogenannten Paradieſes zugemeſſen werden dürften.— Sie ſind ein entſetzlicher Menſch, ein wahrer Lapp⸗ länder. Sehen Sie nur, wie die junge Dame aufſteht und Ihnen den beſten Sitz zurecht macht, wie ſie ſo kindlich bittend herüberblickt. Eine impoſante, prächtige Nymphengeſtalt! Und das friſche, unſchuldige, apfelrunde Geſicht! und die Kindlichkeit und Demuth in der Hal⸗ tung! Sie ſind beneidenswerth, und die Fortuna iſt ſtockblind, daß ſie ſolche Pretioſen in die Nähe und Berüh⸗ rung eines gleichfalls Stockblinden zu bringen vermag.— Sachte, mein glühender Enthuſiaſt! Die da iſt ge⸗ rade der Hauptanſtoß, der Wermuthstropfen im unwill⸗ kommenen Becher. Eine Art Nichte, und doch keine; ein adoptirtes Kind der kinderliebenden, ſentimentalen Schweſter. Und was ſo ein tunges Auge Verſchönerungs⸗ gläſer trägt! Den impoſanten Wuchs nennt unſer Einer maſſiv, das Apfelgeſicht ſcheint uns eine ächt ſchweizeriſche ———— —————— 12 Alpen⸗Natur auszuſprechen, und was die kindliche De⸗ muth und ſittſame Scheu betrifft, ſo möchte nähere Bekanntſchaft: Gänschen! Gänschen! hinterdrein rufen. Aber ihr jugendlichen Ritter ſeid alle über einen Leiſten geſchlagen, denn der blondköpfige Herr, welcher den Rückſitz einnimmt und die bunten Sonnenſchirme hütet, als wären es Königsſcepter, hat eben ſolche Vexiraugen wie Sie, ſchwört wie Sie auf die Schönheit und Tugend der Mamſell Emma, und bombardirt mich mit tollhãus⸗ leriſchen Eheprojekten. Er iſt mein Neffe, trägt meinen ehrlichen Namen, hat alle Anlage dazu mein Ebenbild zu werden, und ſtand hoch bei mir darum. Der Burſche hatte ſogar auf der Univerſität mit mehren Kameraden ſich das Wort gegeben, als Junggeſell zu ſterben. O kennte ich den Profeſſor, aus deſſen Hörſaale ſolche Weisheit in die Wildſänge fuhr, meine beſte Tabatiere ſchickte ich dem Ehrenmanne! Aber Jugend hat nicht Tugend. Die langen Flachsflechten der Emma haben ihn eingeſponnen wie mit Kreuzſpinnenfäden, und wäre das Dämchen etwas weniger ein Gänschen, ſo daß ſie zu⸗ griffe, ehe der Aal entſchlüpft, wäre ſie nicht ſo gorb⸗ unverſtändig, den windigen Burſchen ſchmachten zu laſſen, und ſchenkte mir dadurch Troſt und Hoffnung, ich könnte verweifeln, und mein Geld und Gut dem Armenhauſe vermachen.— Morgen die Fortſetzung, fiel Graf Halm ein; kom⸗ men Sie auf das Kaffeehaus am Königsplatze, dort will ich Ihrer weiſen Vorleſung ein Dutzend geduldige Zu⸗ hörer zuſammen trommeln. Jetzt fort, Herr Rath, daß Ihre Unhöflichkeit nicht auf mich fällt, denn die Damen warten voll Ungeduld, und mein Seregant⸗Major ſcheint dort an der Linde einen Rapport für mich zu haben.— P. E P⸗ 13 Der Graf empfahl ſich, und der Präfekturrath ſetzte ſich gleichfalls in Bewegung, doch mit aller Langſamkeit, welche ſeiner Stimmung zuſagte, und ärgerlicher als zuvor bei jedem Schritte, den er auf die Gefahr ge⸗ quetſcht oder gerädert zu werden über die Heerſtraße hin thun mußte, obgleich die Fußgänger ſeiner Kleidung und ſeinem Ordenskreuze jede Ehre erzeigten, und ſo viel als möglich ihm durchhalfen. Sitzen geblieben! rief er mürriſch und hart zu dem Wagen hinauf, von welchem ihm Liebesblicke entgegen glänzten und Liebesworte in dreifacher Melodie entgegen tönten. Ich befinde mich bequemer allein, und kutſchire gebührend voran. Daniel, hübſch vorſichtig gefahren, mitten im Wege geblieben, fremde Räder reſpektirt, die Abſchüſſe vermieden im Holz, von den Eckſteinen auf der Schlangenſtraße oben weit abgebogen; damit kein Unglück geſchieht.— Hm! murrte der Kutſcher. So was muß der Herr Rath einen ungewaſchenen und unbärtigen Poſtillon hören laſſen, aber keinen grauköpfigen Kutſcher damit vor aller Welt blamiren! Iſt ja nicht das erſte Mal, daß wir hinauf machen, und die Braunen haben ihre zwölf Jahre faſt doppelt.— Nur ſtill, alter Brummer, fiel der Rath begütigend ein, indem er ſich mit Beſchwerden in ſein Schneckenhaus heben ließ; Du bleibſt ein Grobian dein Lebenlang, und könnteſt vor der ganzen Reſidenz deinen gütigen Herrn proſtituiren. 2. Wer einmal einen ſolchen Feſttag auf der Wilhelms⸗ pöhe, die leider in der Zeit dieſer Erzählung einen für 14 deutſche Herzen verhaßten Namen trug, mitfeiern durfte, dem wird die Erinnerung daran nie entſchwinden, und würde er alt wie Methuſalem. Rirgend vielleicht in Deutſchland hat Natur und Kunſt ſich ſo ſchweſterlich vereinigt, mit dem höchſten Sinnenzauber das Menſchen⸗ gemüth zu vergnügen; und wie die Stadt Kaſſel, trotz aller größern Reſidenzen, bei dem Fremden den Gedanken ſofort klar werden läßt: Du biſt in einer Fürſten⸗ ſtadt! ſo muß man ſich in den Luſtgebüſchen der Wil⸗ helmshöhe zuflüſtern: Hier iſt oder war der Sitz einer Königin der Herzen, ein Hof der alten, edlen Minne!—— Das Luſtſchloß mit ſeinen Flügeln im edelſten Style erbaut, damals jedoch durch die faſt abgeſchmackte chineſiſche Glasgallerie entſtellt, welche der reine Kunſtgeſchmack des rechtmäßigen Herrſchers ſpäterhin wieder zertrümmern ließ, wurde umdrängt von einem bunten Heer neugieri⸗ ger Schauer, die der Prunk der franzöſiſchen Tafel und die Muſikchöre der Garden angelockt und feſthielt. Die üppigen Gebüſche und Laubgänge höher hinauf füllten ſinnige Spaziergänger aller Stände. An dem See, der die berühmte Fontaine umſchließt, ruheten feſtlich geklei⸗ dete Familien, die Blicke hinauf gewandt zu den gran⸗ diöſen Kaskaden, die kaum ihres Gleichen haben, und auf deren Gipfel das Oetogon, ein merkwürdiger Thurmbau, den Hercules trägt, welcher ungeheuer wie ein rhodiſcher Koloß in das Land ſchauet, und ein Denk⸗ mal der Kühnheit ſeines Erbauers bleibt, da fünf Per⸗ ſonen Platz in ſeiner Keule haben, und die wundervolle Ausſicht in eine der ſchönſten Fluren Deutſchlands zu⸗ gleich genießen können. Auf der ſchneckenförmigen Fahrſtraße, die im Zickzack — — — bequem und ſicher zu der höchſten Spitze des Berges führt und von dem reichſten Laubgehölz beſchattet wird, indeß baſaltiſches Säulengeſtein, hie und da an den Tag brechend, ſie durch romantiſche Zuthat verſchönert, fuhr eine lange Reihe von Equipagen, eine dicht hinter der andern, eine prunkender als die andere, hinauf, als gelte es eine Feſtfahrt zu einer Königskrönung. Auch des Präfekturraths Schneckenhaus und der ſimple Wagen ſeiner Verwandten rollte langſam hinauf im Zuge, und glücklich kam man auf die Fläche des Gebirges, wo die Wahl ſchwer wird für das Auge, ſich der ſchweizeriſchen natürlichen Gebirgsfläche oben zuzuwenden, oder ſich von jener verführeriſchen Anſicht der Prunkthäler, worin Luſt⸗ ſchloß und Reſidenz die Hauptpunkte bilden, und von allem Sinnenreiz umgeben ſind, mit denen der Verſucher verlocken kann, magnetiſch feſſeln zu laſſen.— Herr Antonius von Heiligenſtein hatte in ſeinem ein⸗ ſamen Aufenthalte Muße gehabt, ſein ungewöhnlich auf⸗ geregtes Gemüth zu beruhigen. Es war ihm ſo weit gelungen, daß er, in ſein Schickſal ſich fügend, die Ver⸗ wandten ganz freundlich dort oben empfing, und bei der Geſprächigkeit, die ihm eigenthümlich, ſich ſo weit ver⸗ locken ließ, mehr um ſich als ſie der Langweile zu ent⸗ reißen, ihnen die Maſſe des Sehenswürdigen, welche die Phantaſie berauſchte und das Auge blendete, einzeln zu benennen und zu erklären, ſie hinauf zu führen in den ſogenannten Winterkaſten, was ihm freilich man⸗ chen Schweißtropfen koſtete, und mit ihnen dann die Pansgrotte zu betreten, da die Zeit gekommen war, in welcher auf dieſem Hauptpunkte die Waſſerkünſte ihren Anfang zu nehmen pflegten. Die horchende Schweſter und die ſtille Emma zur Seite, ſtand er vor der Statue des Pan, über deren am Knochenfraße ſichtlich leidende Schenkel ſein Sarkasmus ſich ohne Zartgefühl in Gegen⸗ wart der Damen ergoß, und demonſtrirte, wie der Hauptwaſſerbehälter des ganzen Kunſtwerks ſich im Thurme ob ihnen befände, prophezeihete, wo zuerſt aus den Tritonshörnen und Muſcheln ſich die Springſtrahlen zeigen würden, und machte ſeine Gäſte voraus aufmerk⸗ ſam auf das wunderſame Orgelſpiel, das wie ein Nixen⸗ geſang unſichtbar ſich hören laſſen werde, und ſeinen Urſprung nur dem todten Waſſer verdanke. Andächtig hörte der Demonſtration des vornehmen Ordensherrn ein Kreis geputzter Landdirnen zu, und bald ſchloß ſich auch hier ein ehrſamer Bürgersmann, dort ein Paar hohnlächelnder Studenten dem Zirkel an, und ein Ge⸗ ſpann ſabbathsmäßig geſchmückter Meſchores ſperrte die Mäuler auf, dem Profeſſor von ferne horchend, da der Reſpekt ihnen die zu große Annäherung verbot. Die Prophezeihung des feuernaſigen Demonſtrators beſtätigte ſich; der Brunnenmeiſter ſah nach der Uhr und drehete ſeine geheimen Schlüſſel, und ſiehe, die todte Grotte wurde lebenvoll; zwei ſchöne und reichſprudelnde Kryſtall⸗ quellen öffneten ſich zu den Füßen des Waldgottes, und zugleich erklang die geheime Muſica in wunderſamen Tönen, wie ſie keines der hundertfältigen Inſtrumente hervorbringt, welche Menſchenkunſt erfand, und trium⸗ phirend ſtand unſer Präfekturrath, und ſchaute auf die Geſichter ſeiner Umgebung, die mit den Farben der Ver⸗ wunderung und ſtiller Ueberraſchung bemalt waren. Armer, glückſeliger Hageſtolz, Dein böſer Dämon ſchwirrte über Dir mit den grauen Fledermausflügeln, und Du Bedächtiger hörteſt in Deiner ſelbſtgefälligen Geſchwätzigkeit nicht das Rauſchen der Unglücksfittiche! 17 — Vor der Grotte hatten ſich mehre Geſellſchaften ein⸗ gefunden, welche die Unzahl der Equipagen herauf⸗ gebracht. Auch die Baronin Heißenſtamm war ange⸗ kommen, hatte mit dem Italiener das Octogon beſtiegen, indeß ihr triſter Gemahl zurückgeblieben an dem Gelän⸗ der der Steintreppe, welche zur Seite der Kaskaden auf 800 Stufen zum Schloſſe hinabführt, lehnte und ge⸗ dankenlos in die buntbewegte Tiefe ſtarrte. Der galante General trat mit der ſtolzen Dame jetzt an den Rand der Grotte, verſagte jedoch den Eintritt, indem er ihr das Geheimniß der Vexirfontainen beſchrieb, mit deren Schreck⸗ und Kältungsbade ſelbſt in unzarter Leichtfertig⸗ keit der corſicaniſche Urſurpator einſt ſeine edle Gemah⸗ lin nicht verſchonte. Die Grotte war ziemlich von Men⸗ ſchen gefüllt, die Schadenfreude der Dame wurde wach, und der gefällige General winkte die Frau des Waſſer⸗ tnechts zu ſich und gab ihr geheime Befehle. Die Ge⸗ horſame nahm das Trinkgeld, und der Schreckensact fiel über die Unbedachten mit der Schnelle des Erd⸗ bebens. Auch über Dich, armer Präfekturrath, ohne Schonung Deines Alters und Deiner Würde!— Diejenigen unter den Neugierigen, welche den beiden Eingängen der Grotte innen zunächſt ſtanden, vernahmen auf einmal hinter ſich ein ſeltſames Geziſch, wie die gereizte Schlange es von ſich haucht. Mit Schrecken erkannten ſie die Urſache; zwei ſcharfe Waſſerſtrahlen ſtiegen nämlich perpendiculär auf jeder Schwelle in die Höhe; ein anderes Paar ſchoß horizontal aus den Ein⸗ gangspfeilern hervor, und bildete, mit den erſtern ſich treuzend, ein Waſſernetz, welches die Grotte völlig ver⸗ ſchloß. Nur einige der Nächſten wagten beſonnen und glücklich den Sprung in das Freie, die verdutzte Maſſe Blumenhagen, III. 2 18 drängte erſchrocken gegen den Hintergrund. Aber wie ward den Eingeſperrten, als jetzt wie durch Spuk und Zauberſpiel neckender und heimtückiſcher Gnomen überall ſich Erde und Wand zu öffnen ſchienen, aus jedem Winkel, jeder Spalte des Steinbodens zahlloſe Sprudel ziſchten, ſpritzten, goſſen, und nirgend ein trocken Ver⸗ ſteck Rettung bot, und ſo eine egyptiſche Waſſertaufe, oder noch eine noachitiſche Sündflut über die Betroffenen hereinbrach. Die Zuſchauer außen ſahen das ſte Scha mſpiel, einem Orgien⸗Tanze pon wüt n und berauſchten h atin e⸗ J deſter r Beweglicht eit flogen die Acteure des Poſſ und her; 6 fuchengen Studioſen enen Bauerdir in die Arme; die rann den r eiſche jungen Iſra aſſers, ſtießen auf der ſich durchkreuzenden Flucht gleich feindlichen Böcken gegeneinander, gleiteten aus vom harten Stoße auf dem naſſen Ge eſte ein, wälzten ſich auf beſchmutztem Boden. Erſt nach mehren ſchrecklichen Angſtminuten ge⸗ lang es Allen, in das 5 Freie zu kommen, wo die helle Sommerſonne nun den Schaden der durchnäßten Kleider und die zerſtörten Sonntags⸗Phyſiognomien recht ſichtbar machte, und wo der Spott und das Gelächter der Schaden⸗ frohen— und leider locht d eMeß rzahl gern über der⸗ gleichen— ſie empfing, unte r dene en die lebhafte Frau p p o liten, Hauptfeinde 16 von Heißenſtamm am Arme ihres ſchwarzlockichten Dämons, des Anſtifters dieſes ls, nicht zurückblieb⸗ Die Muſenſöhne machten ein Renomiſtengeſicht und ſachten lauter mit als Alle; die Bauerdirnen ſchlichen mit hoch⸗ rothen Wangen zur Sei einige kleine Bürgermädchen beweinten laut das neue Halstuch und das verdorbene Hutband; die ruinirten Zierbengel von Jeruſalem flüchteten 19 in die Gebüſche; aber am jammervollſten zeigte ſich die Figur des Präfekturraths, der bei ſeiner Unbeholfenheit das ganze Wetter mitten im Gewühl der Unglücks⸗ gefährten hatte aushalten müſſen, von ihnen wie ein Ballon hin und her geſchleudert worden, und jetzt keuchend, mit blaurothem, heißem Wuthgeſicht, triefend vom Hute bis zum Schuh wie ein apportirender Pudel⸗ hund aus dem unfreiwilligen Douchebade hervortaumelte. Sein Neffe, nicht ganz ſo begoſſen wie er, unterſtützte ihn ſofort, und ſeine beiden Geſellſchafterinnen, beide leichenbleich, doch zu ſeinen Erſtaunen ganz trocken und uubenot, ſchonten feinen Battiſttü cher nicht, dem Unglücksmanne Geſicht und Kopf und Hände zu trocknen, und mit zarten Händen die Fluten von ſeinen Schul⸗ tern und Armen zu ſtreichen. Ein beſonderer Glückszufall hatte Madame Blank und ihre Emma gerettet. Der vollblütigen Frau war die Luft in der Grotte zu kühl und feucht geworden, und gerade vor dem Ausbruche der Saraſtroiſchen Waſſer⸗ probe trat ſie aus der Grotte hervor. Auf eine andere, gewaltſamere Weiſe wurde Fräulein Emma dem Platz⸗ regen entzogen. Der Baron von Heißenſtamm erwachte aus ſeinem ieffinne, als ſeine Gemahlin in ſeiner Nähe die wohl⸗ klingende Stimme hören ließ. Wohl bekannt mit den Geheimniſſen dieſer Waſſerkunſt, ahnete er die Abſicht des Generals; ſein dunkeles Auge fiel mitleidig auf die Grotte, und er beſann ſich, ob er nicht ſofort das War⸗ nungswort hineinrufen und das Werk der Schadenfreude zerſtören ſollte. Da erblickte er Emma's s ausgezeichnete Geſtalt mitten in dem dunkeln Gedräng, wie ſie daſtand, den Blick auf den prahlenden Oheim gerichtet, ſo ſchön Ti —l im überreichen blonden Lockenhaare und mit dem alabaſter⸗ gleichen vollen Nacken, auf dem linken Arme das azur⸗ blaue Putztuch tragend, mit Grazie wie die Palla der Römerin, und in der Linken den großen feinen Schäfer⸗ hut haltend, leicht gleich einer arkadiſchen Braut. Die impoſante Geſtalt mit dem Charakter der Beſcheidenheit und der Kindlichkeit in Haltung und allen Zügen machte einen ſo ſchnellen, wie wunderbaren Eindruck auf ihn, vielleicht gerade durch den Gegenſatz von Figur und Geſichtsausdruck, der ihm alles Blut auf die Wangen trieb. Der Warnungsruf erſtarb auf ſeinem Munde, aber heftig, als gelte es ein Menſchenleben oder irgend ein Heldenſtück, ſtürzte er in die Grotte, umfaßte gewalt⸗ ſam das tödtlicherſchrockene, laut aufſchreiende Mädchen, und trug ſie mehr als daß er ſie führte, mit aufgebo⸗ tener Manneskraft und Windeseile, obgleich ſchon die naſſen Nixenarme auf der Schwelle nach ihm griffen, glücklich in das Freie hinaus. Wie ſinnlos lag Emma eine Minute lang draußen in ſeinem Arme, der ſie nur zögernd losließ, und ſtarrte wie eine Träumende mit den großen, runden Augen in ſeine brennenden Blicke, in der betroffenen Seele nach Rath ſuchend, welche Wehr ſie ſolcher unſittlichen Gewaltthat entgegen ſetzen könne, bis auch der beſorgt herantretenden Mutter Hand ſie ergriff, und das losbrechende Unwetter im Felſendunkel jetzt ihr plötzlich klar machte, welchem Un⸗ fall ſie entriſſen worden, und daß ſie ſtatt Schmähungen Dankworte dem unbekannten Retter zu ſpenden ſchuldete. — Aber nur ihr Auge vermochte zu danken, und Madame Blank mußte den Dolmetſcher machen, und ergoß ſich an ihrer Statt in Exclamationen über das entſetzliche Verderben, welches über das Spitzenkleid und den neuen 11 u — — ü 21 Shawl hätte hereinbrechen können, und wie die neu⸗ modige Friſur ruinirt worden wäre, und wie man nach dem Schreckensereigniß hätte nicht unverſpottet durch das Menſchenheer zu Haus kommen können. Wie er⸗ ſchrack jedoch die unausſprechlichen und unendlichen Dank Ausſpendende; als jetzt der beſpritzte Neffe und der trie⸗ fende Bruder vor ihr ſtanden, als welche beide von ihr vergeſſen worden; aber die im Zungenſpiel geübte Frau blieb im Zuge, und die Dankrede ging jetzt ohne An⸗ ſtoß in eine Klagerede über.— Zur Hölle mit dem Satan, der das angeſtiftet! fluchte der naſſe Präfekturrath mit zuſammen gebiſſenen Zähnen, indem ſein dampfen⸗ des Geſicht zugleich von ihm in die Falten eines ſardo⸗ niſchen Lachens gezwungen wurde, und, um die lachen⸗ den Zuſchauer zu täuſchen, er gleich hinterdrein ein: Ha! Ha! Ha! das iſt eine pudelnärriſche Geſchichte! laut hervorſtieß. Armer Herr Rath! jammerte Emma mit einem wahr⸗ haften Thränengeſicht. Alter Freund! Muß unſer erſtes Begegnen ſeit ſo langer Zeit ſo ein beklagenswerthes ſein? ſetzte der Baron von Heißenſtamm hinzu. Bei allen Teufeln, Herr Fritz, Er iſt mir auch der rechte Freund! flüſterte der Rath wieder. Konnte Er den Schnabel nicht aufthun, und mit Mund und Hand den Präceptor retten von ſolchem Seandal ſtatt der Nymphe, die ſich ſelbſt wohl auf flüchtigen Füßen ſalvirt haben würde? Die Weiber beplatſchen ſich ja von Mor⸗ gen bis Abend mit Mandelwaſſer und kölniſchem Spirit, und haben nicht Kopfgicht und Bruſtkatarrh zu riskiren, weil ihre Nudität der Luft gewohnt iſt. Das bischen elenden Flitterſtaat hätte ich gern bezahlt. Es iſt eine Schande, daß die Regierung ſolchen Unfug duldet und für ſolch beſtochenen Brunnenknecht nicht ein eigener Galgen auf dem Haupte des Hercules ſteht. Und wüßte ich den Anſtifter, bei der heiligen Nemeſis——!— Er verſtummte, und ging wieder in ſein krampfhaftes Lachen über, denn zu ihm trat der General Fingato mit ſeiner Dame, die das Kichern kaum maskiren konnte, und ſprach in gebrochenem Deutſch ſein Bedauern aus, daß gerade ſolch ein venerirter Ehrenmann von dem Spaße, mit welchem man eigentlich nur niedrige Crea⸗ turen aus dem Plebs abzuſtrafen gemeint, leichtfinnig mitgetroffen. Der Präfekturrath ſtarrte einen Augen⸗ blick nur die lachende Dame an, aber ſein Blick war ein Klapperſchlangenblick und das tödtlichſte Gift dieſes furchtbaren Thieres gährte darin. Ganz recht, Excellenz, ſagte er dann leichthin, ein Spaß, ſo iſt der rechte Titel; welcher Junggeſell fände ſich nicht geehrt, einer Dame zum Spaß zu dienen. Dazu ſind wir ja in der Welt, Excellenz, Sie wie ich! So ein Bagatell von einem Bade iſt erquicklich an ſolch heißem Tage, und ſchlägt das junge Blut und den Wein⸗ rauſch nieder. Werde nicht ſäumen, wenn Gelegenheit zu ſolchen Späßen vielleicht mehr ſich bieten möchte. Aber, Pardon, meine Herrſchaften, im Wagen liegt der Mantel, ſchnell zurück zur Stadt gefahren, umgezogen, und wieder hier, ehe die Luſtbarkeit zu Ende.— Wir fahren mit! fiel Madame Blank ein.— Ja, wir begleiten Sie, Herr Rath, ſetzte Emma hinzu. Für uns iſt doch der Feſttag ganz verdorben.— Ihr bleibt, entgegnete mit finſterm Geſicht der alte Herr und ſtampfte dazu den Boden mit ungewohnter Heftigkeit. Soll noch mehr Aufſehen und Spott werden um die niedliche Badinage? Mein Herr Nefſe wird Euch 23 führen an meiner Statt, kann ſeinen Frack in der Sonne trocknen, oder in den Augenſtr rahlen der Demoiſelle. Ich fahre allein;— ſo vdr ehte er ſich fort und ſchritt haſtig ſeinem Wägelchen zu. Baron Fritz wollte ſein Wort an die Damen richten, ſie zu ſeiner Geſellſchaft einzuladen, aber der junge Heiligenſtein warf ihm einen feindſeligen Blick zu, und 1 5 bemächtigte ſich mit unverhehlter Haſt der Arme ſeiner Gefährtinnen. Zugleich winkte Frau von Heißenſtamm gebieteriſch den Gemahl zu ſich, der ſich indeß noch die Zeit nahm, den weinenden, durchnäßten Bürgertöchtern einige Thaler zuzuſt ecken als Erſatz für die verderbten Seidenbänder, wodurch ihre Thränen auch ſogleich geran⸗ nen und ta Sie ſind ja ungewöhnlich lebhaft und beweglich heute, nein lieber Freund! ſo empfing ihn die Baronin in fran⸗ zſſcher Zunge, indem ſie zu der Steintreppe traten. Ihre Wangen brennen, Ihre Augen ſchwimmen, hüten Sie ſich vor einem Fehltritte auf dieſer ſchwindelreichen Reiſe.— Ich könnte die Warnung zurückgeben, wenn ich Retour⸗ chaiſen liebte! antwortete haſtig und veuiſch der Baron. Es gibt Stützen, welche morſch ſind, ſo 1 naſtbaumſtark ſie ſcheinen, und welche den Fall des ris Gelehnten verſchlimmern und härter machen.— Wie kamen Sie, kalter Herr, denn dazu, dieſe maſt⸗ baumgleiche Dame aus dem Waſſer zu holen? fragte ſie ſchnell weiter, die Replik über! pringend. Der roth⸗ glühenden Schweizermagd würde der kleine Platzregen nicht geſchadet haben, und unſer Verngügen wäre um das Doppelte erhöht worden.— Sie wiſſen, ich ſtöre kein Vergnügen, enigegnete ütz 8 U 24 Herr von Heißenſtamm ſpitz, indeß liebe ich auch kein Vergnügen auf Koſten Anderer.— Herr Baron ſind Philoſoph, lächelte der General, welcher einen Theil des Wechſeldialogs verſtanden hatte; aber Philoſophie iſt ein Grauen der Damen. Laſſen Sie den Herrn Gemahl nur einige Jahre in unſere Schule, meine ſchöne Gnädige, und aus dem finſtern Nimrod wird ein brillanter Amadis werden. Aber wir verſäumen die Fontaine; beflügeln wir darum gefälligſt die Schritte.— Gewandt endete ſo der kühne Eroberer ein Geſpräch, das ſeinen Wünſchen nicht zuſagte, da es gleich einem Orkane ſein Roſenfeſt zerſtören konnte, und führte ſeine leichtfüßige Aſpaſia behutſam die Treppe hinab, zu deren Seite jetzt ſchon das breite Silberband des Bergwaſſers rauſchend herabſchoß, auf jedem Abſatze in einem kleinen Baſſin anhielt, ſich ſammelte, überſchwoll, eine neue Kaskade erſchuf, und ſo den majeſtätiſchen Waſſerfall mit jeder Minute verlängerte und das Bild koloſſaler machte. Mit dem Gefühle eines Gefangenen und vom grauſamen Amerikaner dem Tode Geweiheten folgte der Baron; ſein Blut war in ſolcher Wallung, daß er mehrmals das hohe Geländer erfaſſen mußte. Er ſah nicht, was neben ihm geſchah, er hörte nicht die unge⸗ heuern, endlos⸗eintönigen Poſaunentöne des waſſerſpeien⸗ den Centauren, vor welchen die zartnervige Baronin ſich die Ohren zuhielt. Wie ein Blitzſtrahl von blauem Himmel war Emma's Bild in ſeine Seele gekommen, erſchütternd, bezwingend, zernichtend. Nie hatte irgend eine Geſtalt ſolchen Eindruck auf ihn gemacht, und das einzige Wort der Hetzlichkeit von ihr gehört, hatte, ob⸗ gleich es dem alten Hageſtolz galt, ihm, wie er glaubte, den ganzen Charakter, das ganze Gemüth des Mädchens F 25 entfaltet. Da ſah er nun tief unten ſchon das blaue Band ihres Sommerhutes flattern, und lag er auch wie der Edelfalk an der unzerbrechlichen Kette des grauſamen Falkoniers, ſo drückte ihn doch die Blendhaube nicht, er durfte die Blicke fliegen laſſen, ſeine Seele durfte der Gefundenen nachſchweben, und daran erlabte er ſich. War ihm doch, als ſei er plötzlich von ſchwerer Krank⸗ heit geſundet; er fühlte das träg geweſene Blut jung und heiß pulſiren; wie mit Adlerfittichen hob ihn die Phantaſie vom Boden, auf dem er gekrochen. Er tau⸗ melte mit Augen, welche weder Weg noch Gefährten beachteten, weiter; nur ihr Bild, das eine Bild, das dem Leben wieder Werth gab, ſchwebte ihm voran; er legte ſeine rechte zitternde Hand auf ſeinen linken Arm, wo ihr warmer Leib geruhet, er küßte verſtohlen mit einem Wahnſinnseifer ſeine eigene Hand, welche ihren runden, friſchen, nackten Arm berührt hatte, und es däuchte ihm, als ziehe ein erquicklicher und zugleich be⸗ täubender ſüßer Duft von der Hand in ſeine Sinne. Aber zu der Wahnſinnluſt ſollte bald die überwiegende Pein ſich geſellen. Unten im Park mehrte ſich der Men⸗ ſchenknäuel bis zum Ungeheuren, und nicht lange, ſo war das himmelfarbene Tuch, der himmelfarbene Wim⸗ pel verſchwunden. O ſchreckliches Gefühl, kriechen zu müſſen mit Schneckenſchritten, wo der Flug der Schwalbe ihm nicht genügt hätte! Schrecklicher, wie ihm in der Nacht, welche nach Emma's Verſchwinden auf ſeinen Geiſt herabſank, klar wurde, daß er ja doch ewig von ihr getrennt bleiben müſſe, daß ein unüberſpringbarer Schlund zwiſchen ihnen ſei, daß er ſie, die Fremde, vielleicht nimmer wieder ſähe.— Die Geſellſchaft, welche ihn in Ketten nachſchleppte, und welche nach und nach durch mehre Bekannte des Generals vermehrt worden, die wie ein ſauſender Bie⸗ nenſchwarm um die Königin brauſeten„betrat jetzt das Dickicht des ſchönen Waldes, und die Kühle deſſelben führte Beſonnenheit und Manneskraft wieder zurück in das erſchütterte Gemüth des Finſtern. Er ſtand mit den Gefährten vor dem Steinhöferſchen Waſſerfalle, der über künſtliche Baſaltblöcke herabſtürzt, und gedachte der Zer⸗ ſplitterung ſeiner Jugendkraft und ſeines Lebensmuthes an den Klippen der Weiberlaune; er ſchritt über die ſchwankende Teufelsbrücke, und ſah mit düſtern Blicken und finſteren Gedanken in die Schlucht hinab, worin der in Giſcht und Schaum verſpritzte Sturzbach hohle Schauer⸗ töne gebar, welche wie Höllenklagen der Verdammten zu ihm heraufſprachen; er ſchlich an dem römiſchen Aquäduct hinab, der ihn an ſeine freien, heitern Reiſen durch das klaſſiſche Wunderland Italia erinnerte, und ihm unwillkürlich Göthe's:„Dahin, dahin möcht' ich mit Dir!“ auf die brennenden Lippen lockte. Da ſchoß ein Sonnenſtrahl in ſeine Augen; ja, ſie war es! Auf dem ſchmalen Damme am See ſtand ſie, und fütterte die zahmen Schwäne mit dem Kuchen, den ihr der glück⸗ liche Begleiter reichte; die weißen Thiere hoben ſich faſt auf das Ufer, und drückten die gelben Schnäbel und den ſchlanken Hals an das Knie der Dame, da däuchte ihm, ſie ſähe herüber zu ihm, und ſtände in derſelben Ver⸗ geſſenheit, die ihn umgarnt hielt, eine Minute lang, und ihr Blick ſchien zu ſprechen, zu fragen:„Warum biſt Du ſo fern? warum kommſt Du nicht herab zu mir?“— Sein Auge umzog ein Silberflor, wie mit eiskalter Kralle faßte es nach ſeinem Herzen; als es wieder hell wurde, war ſie fort, und nirgend konnte er r 27 ſie ſpäter wieder finden; unter der Menſchenmaſſe am See, welche den ungeheuern Waſſerſchleier, der baum⸗ hoch vom Aquäduct herabrauſchte, und den Wunderſtrahl der großen Fontaine, welche wenig ihres Gleichen hat, mit Jubel fallen und ſteigen ſah, ſuchte er ihre Farbe, die Farbe der reinen Herzenstreue umſonſt.—— Der General verſchaffte als Maitre de Plaiſir ſeiner Dame und als Großwürdenträger des Herrſchers ihnen eine Loge des fürſtlichen Theaters. Baron Heißenſtamm ließ ſich auch dahin mitſchleifen wie ein geduldiger Ga⸗ leerenfklav. Der feurige Italiener hätte nöthig gehabt, ſeine candirten Giftworte der Nachbarin ſo be⸗ hutſam und leiſe zuzuſtellen; der Gemahl, den ihn der Anſtand fürchten ließ, hatte nicht Auge und Ohr, denn er lebte in einer fernen Welt, und wenn auf Augen⸗ blicke die Vertraulichkeit des kecken Paars ihn erregte, ſo ſprach heute eine innere Gewiſſensſtimme: nicht, Sünder! biſt Du ſeit einer Stunde beſſer als dieſer Don Juan? Und iſt nicht Wunſch und Sehnſucht eben ſo der Strafe verfallen wie das Wagſtück und die That, wenn es das Wort der heiligen Treue gilt?“— 3. In einem kleinen, aber netten und bequemen Hauſe r Altſtadt, nicht fern vom Schloſſe der tapfern alten n ſaß am folgenden Morgen der Präfektur⸗ rath in ſeinem altväterlichen Backenlehnſtuhle. Die kegel⸗ förmige Hausmütze von grauem Filz deckte den Globus ſeines ſchweren Hauptes; ein großblumiger Schlafrock von der dunkeln Farbe der Eſſigroſe umgab ſeinen wohl⸗ gepflegten Leib, eine mächtige ſcharlachrothe Wollbinde verſteckte Hals und Kinn; vor ihm ſtand auf dem 28 Tiſchchen der dunkele Theetopf, aus dem der heiße Dampf der Hollunderblüte duftete, und mit triefender Stirn und brodelnden Wangen blies der edle Herr aus ſchwarz⸗ angelaufener Thonpfeife mächtige Tabaksringel in die Luft, indeß die kurzen Beine auf dem Tabourett ruheten, und ſeine verdüſterten Augen ein Hausbuch durchliefen, das ihm ſo eben die vor ihm ſtehende Frau Sabel ge⸗ gereicht hatte. In dieſer Perſon, einem Muſterbilde der comman⸗ direnden Haushälterin, war die Harmonie mit dem Ge⸗ bieter nicht zu verkennen; das Kuglige des Körpers, die Farbentinte des aufgeblaſenen Geſichts, ſelbſt die kleinen, ſarkaſtiſchen Blinzaugen trugen das Gepräge der Seelen⸗ Verwandtſchaft, nur lag in den Zügen eine kalte, bos⸗ hafte. Ruhe da, wo in dem Geſichte des Herrn von Heiligenſtein das heftige, ſchwer bezwungene Tempera⸗ ment durchzuckte und pulſirte. Das Zimmer war ge⸗ räumig und bequem wie der unmoderne Sopha und die gelbbeſchlagenen Lehnſtühle, aber es wurde beengt bis zur Aengſtlichkeit durch beſtäubte Bücherſchränke, den un⸗ geheuren Schreibtiſch, die auf dem Boden herumgewor⸗ fenen Folianten und Aktenſtöße, ebenfalls von jähriger Staubaſche geheiligt. Zwei gealterte Mopshunde murrten ſich an neben einer Milchſchale, und ließen die rothen Zungen aus dem ſchiefen Negermaule hängen; eine ge⸗ mäſtete Ziperkatze ſchlief auf dem Coder Napoleon, und auf der Fenſterbank jagten ſich in einem Drahtbauer ein Dutzend weißer Mäuschen, die der Geſchmack des Herrn durch die engliſirende Scheere in Miniatur⸗Kaninchen verwandelt hatte, mit widrigem Gequik auf und ab, indeß dicht daneben ein podagriſtiſcher Dompfaff die Me⸗ lodie des:„Freut Euch des Lebens!“ zu pfeifen verſuchte, —Z 29 aber immer im zweiten Takte ſtecken blieb, und geduldig von vorn die erlernte Weiſe wiederum anhub. Frau Sabel, begann jetzt der Rath mit ſchnarrender Stimme, das Monatsbuch ſchließt ſich wieder mit einem enormen Facit, und ſieht eher dem Sündenbuche eines zum Banquerotte galoppirenden Saufängers ähnlich, als dem Wirthſchafts⸗Manual eines ehrſamen Junggeſellen. Den Hafer muß der Daniel ſelbſt verſpeiſet haben, denn vier Courierpferde müßten zu Pfingſtochſen werden bei ſolchem Futter; mit dem Aniſett und Pomeranzen könnte man den Durſt einer Poſtillonsgurgel bezwingen, und für theuern Kaffee und gebutterte Morgenſtütchen iſt auch ein Erkleckliches berechnet.— Wie, mein Herr Rath, fiel kreiſchend und mit omi⸗ nöſer Zungenfertigkeit die Frau Sabel ein, ſingen Sie ſchon wieder das alte Lied? Glauben Sie, man betrügt Sie, oder lebt auf Ihre Koſten herrlich und in Freuden wie der reiche Mann im Evangelio? Den Finger ſchnitte ſich eine fromme Chriſtin, wie unſereins iſt, ab, ehe er aus einer Eins eine Vier machte, und wer bei Ihnen, wie es die ſchlechte Sorte von Meinesgleichen zu thun pflegt, einen Marktpfennig machen wollte, müßte früh aufſtehen. Zichorien und Runkelrüben ſind meiner Ge⸗ ſundheit zuwider, und was hätte eine Frau wie ich, die ihr ganzes Leben einem undankbaren Herrn geopfert und vor der Zeit alt geworden, wenn ſie mit dem Kaffee nicht Sorge und böſe Gedanken vertreiben dürfte? Auch der Daniel iſt ein ehrlicher alter Burſch, und was kann er dafür, daß die Pferde ſchlucken wie der Vielfraß und doch nicht anſetzen, weil ſie alt ſind wie Abraham und Sarah; und daß der arme Daniel ſeinen Aerger und den Spott hinuntertrinkt, weil er in ſeiner abgetragenen 30 Hampelmanns⸗Livree und ſeinem altmodiſchen Treſſenhute immer der Faſtnachtsnarr ſeiner geputzten Kameraden iſt, kann ein Menſch, der Gerechtigkeit im Leibe hat, ihm auch nicht verargen. Und partvutement herausgeſagt, wenn der Herr Rath noch einmal ſolche Melodie wieder anfangen, ſo werden wir Beide zum Hauſe hinausgehen, und der Herr mag ſich andere Blitzableiter ſuchen, wenn ihn die Weltkinder geärgert haben wie geſtern.— Halt Er an! rief der Alte und die Ader auf der tin ſc aulichte. Hat die u S Schwertzunge 2 vermag?— Geh Sie neinetn Namen, wenn Sie einen beſſern Platz zu findet Hat mich doch ſchon oft gereut, daß ich nichz zum Ent⸗ ſchluſſe kam, und das arme Jettchen ſitzen ließ und mein Gewiſſen belaſtete. Die böſen Zeiten der Putzſucht und Actäonsſorge wären jetzt längſt vorüber, und ich hätte im Alter eine treue, gutmüthige Pflegerin, und keine Cadmäiſche Drachenſaat wäre mir aufgewachſen im Lie⸗ besfelde.— du mein Herrgott! jammerte Frau Sabel mit ver⸗ iSten i cht 1 anderer Stimme, indem ſie mit den rundet beide Augen drückte, um den wider⸗ ſpenſtige 3. e aſſer zu entlocken, weil ſie wußte, daß mit dem Herrn nicht gut kramen war, wenn dieſe Gedanken in ihm Ein Drache wird man geſchimpft für übernatürliche Treue und Ergebung. Ja, damals war der gnädige Herr guch ein Anderer, als er Trudchen t Frau Sabel brummte. 31 nich chen 6 rief, un — H F liebes Der „1 tterpüppchen i ch freuen auf z der Fl 's ja noch verſu err kan 1 ln, und würde nn keine ſterhändchen Lti G 1 um, die ſi Alaba nm op er h Lo dart 2 ng, u Enn hiU tec — drehe Ler ber be⸗ — — — — — 8 C e im an der 1 — H ruhe un 1 1 , mit! hie ſch — 32 Salve, Baron Fritz, et iterum salve! Gedenkt man endlich einmal des alten bemooſeten Freundes?— em⸗ pfing der Rath den Gaſt, ſich ſchwerfällig erhebend und ihm entgegen tretend.— Ruhig geblieben, ehrlicher Freund! entgegnete Herr von Heißenſtamm, ſchob den Rath wieder in ſeinen Stuhl und ſetzte ſich ohne Umſtände auf den nächſten Seſſel. Ich komme zu fragen, ob der Unfall keine böſen Folgen nachließ 2— Wir ſind von alter Generation, lächelte der Rath, die Augen neugierig forſchend auf des Barons Geſicht werfend; ſo alten Eichenbäumen thut ein ſtürmiſcher Platzregen nichts, und ein kleines Diaphoreticum macht die Abſichten der Malice zu nichte. Wie befindet ſich Dero höchſtvenerirte Frau Gemahlin?— Still, ſtill, alter, treuer Rathsherr und Beichtvater aus einer beſſern Zeit! entgegnete der Baron finſter und ſeufzend, und ſtrich ſich das dunkele Ringelhaar von der Stirn. Seit geſtern trifft mich der Scorpionenſtich nicht mehr, den Sie mir eben zugedacht. Ja, ohne Vor⸗ rede,— was ſollte ſie vor ſolch ſcharfen Argusaugen! — Ich komme wie ein Verzweifelter, doch auch wie ein Entſchloſſener, bis zum Tode Reſignirter zu Ihnen. Freund, der des leichtſinnigen Telemachs treuer Mentor ſo oft geweſen, geben Sie mir Hülfe, Troſt. Wer iſt die Jungfrau, die geſtern mit Ihnen war am Hercules? Wie heißt ſie? Iſt ſie hier, iſt ſie fort? Schnelle Ant⸗ wort; wurde doch jede Minute dieſer einen Nacht mir zur Marterſtunde? Ei, ei! Wie das gährt und ſprudelt, ſprach der Alte kaltblütig. Ganz wie vor zehn Jahren. Hätte ich doch gedacht, die kluge Frau Baronin habe den Wildfang in —— ———————————— — —— 1 33 ihren Ketten lammeszahm gemacht; und das Gerücht beſtätigte meine Meinung überall. Und was würde die Gnädige ſagen, erführe ſie, daß ihr bis zum Tode ge⸗ treuer Orpheus nach fremden Jungfrauen ſich zu erkun⸗ digen kühn genug ſei! Quält den Gequälten nicht noch mehr, antwortete der Baron. Glaubt mir, ich habe geduldet ohne Murren, bin fromm geweſen und treu wie ein Knabe, der eben vom Gottestiſch kam. Ich habe im Fegefeuer weiblicher Laune, in der Hölle weiblicher Herrſchſucht Jahre lang gelebt und nicht gezuckt, noch eine unnütze Klage verloren. Aber ſeit geſtern wurde mein blindes Auge hell, ſeit geſtern ſcheint mir meine Geduld Selbſtmord, ſeit geſtern fühlte ich meine Ketten fallen, und muß die Freiheit nutzen.— Aber wie iſt mir denn? fragte der Rath mit unver⸗ borgener Schadenfreude. Heirathete man denn nicht aus Inklination? Hielt nicht Amor Hymens Fackel bei dem Glücksgange?— Ja, Ludovica war ſchön, verſetzte der Baron ſchwer⸗ müthig. Eitelkeit ließ mich um den vielgeſuchten Preis ringen. Ich hoffte die Liebe ſollte hervorzaubern, was ich an ihr vermißte, die Erziehung des Mannes ſollte die Mängel beſſern, das Fehlende aus dem Keime bocken. Leider endete der Traum in finſterer, hoffnungsloſer Nacht. Ja, ich bin das gequälteſte Weſen, das hoffnungsloſeſte im Reiche der Athmenden. Mein Ja gebiert ihr Nein; ihre Putzmacherin wird freundlicher empfangen als ich; ein Ball, obgleich ſchon mehre Male der Zerſtörer ihrer Geſundheit, gilt ihr mehr als die höchſte Freude der Häuslichkeit; das Schmeichelwort eines Gecken wiegt mehr bei ihr als mein Freundesrath, als meine ernſte Blumenhagen. MI. 3 —— 34 Bitte. Das kann nicht ſo bleiben, das ſoll nicht. Seit geſtern bin ich entſchloſſen.— Ha! Ha! Ha! lachte der Rath mit vollen Backen. Weiber erziehen! Weiber beſſern! Der Tauſendkünſtler ſoll noch geboren werden. Wachs ſind ſie von außen, aber will man an ihnen formen, ſtößt der Griffel auf rauhes, hartes Urgeſtein, alt wie die Zeit der Mutter Eva, und bricht. Armer Narr, haſt auch Du Dich nicht warnen laſſen wollen im großen Narrenhauſe, und mit klugen, offenen Augen! Aber wie kommſt Du vom Lande gerade hieher mitten in die offene Pandora⸗Büchſe? Hier iſt keine Bußſchule für ſolche Frauen; und wenn Deine Gnädigſte hier die Schwanenfittiche verſengt, ſo biſt Du ſelbſt Schuld, denn wer hieß Dich, ſie ſo nahe an die helle Feuerlohe führen.— Meine Güter zu verkaufen, kam ich zur Reſidenz, entgegnete Herr von Heißenſtamm; ich wollte fort aus dem Lande, wo die fremde Ueberſchwemmung alles Deutſche zu begraben droht. Aber hier gingen mir die Augen auf. Was ich geahnet, doch nicht geglaubt, nicht glauben gewollt, wurde mir hier klar wie blendend Sonnenlicht. Sie iſt mein nicht werth, und darum iſt das Band zerriſſen, ſoll zerriſſen werden ohne Säumen. Ich ſchwankte in der Wahl der Mittel; ich wollte die Ehre derjenigen ſchonen, die meinen Namen trug. Auch dazu ſollt Ihr mir rathen als kluger Anwalt, denn bei mir ſteht es, jeden Augenblick den Beweis mit Händen zu greifen. Aber ſeit geſtern ſcheint mir das Aeußerſte ein Muß, eine Pflicht gegen mich ſelbſt. Und darum ſchnell, endet die Folter; wer war die Dame, die Euch ſo kindlichlieb geleiten wollte?— Sünder! Sünder! lachte der Rath. Will Andere —————————— —„— r„— — 35 ſtrafen und geht ſelbſt den Diebesweg. Und welch einen Spektakel ſo ein Weibernarr macht um ein Geheimniß, das für den Thorſchreiber und Marqueur nichts Geheimes hat. Die übergeſunde Demoiſelle, die man meint, iſt eine Art von Nichtchen zu mir, nennt ſich Emma Blank, wohnet zu Frankfurt, und wird noch einige Wochen mit der Mama auf des Ohms Taſche liegen. Alſo rechtsum gemacht, abmarſchirt, denn bei des vormaligen Präcep⸗ tors Nichte wird der Herr doch keine Boccaziſche Novelle probiren wollen, und gegen ſo etwas werden hiemit auch alle möglichen Rechtsmittel eingelegt.— Ihre Nichte? Emma, Ihre Nichte? rief außer ſich vor Freude der Baron und machte Miene, dem Rath an den Hals zu ſpringen. O, ſo iſt ſie gar Ihr eigen! So liegt es ja an Ihnen, Glück zu geben und das Schickſal Ihres einſtigen fleißigen, folgſamen Lieblings zu verſöhnen. War ich denn je ein Wüſtling und Ver⸗ führer? Und müßte vor dieſem Veſtalen⸗Antlitze nicht ein Voltaire oder Mirabeau entwaffnet und beſchämt daſtehen?— Geht mir mit den Veſtalinnen des neunzehneen Jahr⸗ hunderts, grinſete der Onkel; ſind auch die Aepfel friſch und roth, drinnen im Kernhaus krümmt ſich der Wurm des Evengelüſtes. Und Er iſt mir ein wahrer Super⸗ lativ aller Narren; ſitzet noch in der Fuchsfalle, die ihm die Glieder quetſchte und die Freiheit beſchnitt, und ſehnt ſich ſchon nach einem zweiten Gefängniß, als wenn es im Bicétre viel anders ausſähe als in der weiland Baſtille. Und meint Er, die veſtaliſche Prieſterin werde Gefallen finden an der Bewerbung eines Menſchen wie Er, der fremde Ketten trägt?— Ich will ja keine Liebe, keine Hoffnung, erwiderte der Baron, ich verlange ja nichts, als in ihrer Nähe ſein zu dürfen, mich erſtärken zu dürfen am Licht ihrer Augen, mir Glauben zurückgewinnen zu dürfen aus dem Heiligthum ihrer Unſchuldszüge. Heiligenſtein, Sie ſollen mein Vormund, mein Vater ſein, ich der offene, folg⸗ ſame Knabe; Sie ſollen löſen und binden; ſollen mein Schickſalsgott werden, dem ich mich ganz hingebe. Kann ich denn mehr thun, mehr geloben?— Der Präfekturrath blies dicke Tabackswolken in die Luft und ſah eine kleine Weile vor ſich hin. Fritz, ſagte er dann gedehnt und mit zuſammengekniffenen Augen, das Löſewerk wird mir Luſt ſein, denn der Frau Baronin habe ich ein Paroli zu biegen; aber das mit dem Binde⸗ werk iſt eine famöſe Propoſition und mir zuwider wie gelbes Fieber und Peſt. Heute Abend wollen wir Thee trinken bei der Madame Blank. Aber Ehrenwort zuvor, nichts paſſirt zwiſchen Euch und der Demoiſelle, wovon ich nicht ſofort den Rapport erhielte. Das iſt Conditio sine qua non.— Iſt es Verbrechen, die heiligſten Myſterien zu ver⸗ rathen, ſo verzeihe mir Mutter Venus; das Verbrechen wird ja zum höchſten Opfer in ihrem Dienſt, und ich kann nicht anders, entgegnete der Baron. Hand und Wort, ich beichte, und o! wenn ich nur erſt etwas zu beichten hätte.— Alſo Topp! ſchmunzelte der Alte. Solche Pinſeleien und Seufzerduetten werden meinem Ohre neu ſein und zu lachen bringen, wenn mir die Geduld nicht etwa ausgeht. Und nun: Adieu, Baron! Ich muß zum Präfekt, denn bei dem Geſtrengen gilt Katarrh und Bruſtweh.— Der heißblütige Edelmann umarmte den Alten ſtür⸗ miſch, und brauſete zum Zimmer und zum Hauſe hinaus. —— 1 7 65 Mit den hämiſchen Mienen eines Satyrs und dem Grin⸗ ſen eines Fauns ſchauete der Präfekturrath eine ganze Weile auf die Thür, durch die der offenherzige Zögling verſchwunden war; dann klopfte er bedächtig die Pfeife aus und wandelte einige Male in dem ſchmalen, unbe⸗ ſetzten Mitteltheile ſeines Zimmers auf und ab. Ja, ja! Die Roulettkugel fällt für mich; die böſe Weiber⸗Sept, noir, inpair et manque! Alle die bleichen Glücksritter verlieren, und ich allein ziehe ein, ſagte er halblaut, indem er vor dem Dompfaff und dem Käfig der Kakerlaken des Mäuſegeſchlechts am Fenſter ſtill ſtand. Ein Meiſterſtück geräth mir ſo leicht, mühelos und unverdient, wie dem Barthold Schwarz die Pulver⸗ erfindung und dem Amerigo die Taufe eines Welttheils. Der Vogelſteller ſitzt ſicher im Buſch, pfeift nicht einmal, zieht nur ein wenig am Netz, und ein Dutzend eitler Finken und brünſtiger Wachtelhähnchen ſitzen im Garne.— Numero Eins: Rache an der gnädigen Frau; der Handel mit dem General wird Landesgeſpräch, ihre Ehre leidet Schiffbruch, ſie verliert den wackern Mann, muß ſich mit dem kleinen Erbe behelfen, das langt nicht aus, da geht's immer tiefer bergab in Sumpf und Moor, ein ſchimpflicher Mätreſſenſtand iſt das unſelige Ende.— Zweitens: Dem malitiöſen Italiener, dem frechen Spöt⸗ ter, wird die Wilddieberei gelegt, er hat's wenigſtens nicht mehr ſo bequem, und muß ſich's etwas koſten laſſen. — Zum Dritten: Gelingt dem tollen Heißenſtamm die Werbung um den Tugendſpiegel nicht, ſo iſt er gerettet, gelsſet aus ſchimpflichen Ketten, ein Feind der Weiber mehr auf unſerer Seite. Gewinnt er die ſittſame Jungfrau leicht, ſo gibt das viertens eine tüchtige, wirkſame Cur für meinen Dummkopf von Neffen, die ihn radikal 38 heilen ſoll vom Liebesfieber, und jedenfalls wird meiner ehrſamen Frau Schweſter dann der Staar geſtochen; ſie verſtößt das Schooßtöchterchen, und mir kommt eine fremde, unwillkommene Laſt von der Taſche. Mir ſum⸗ ſet's im Capitolio wie einem Romanſchreiber von all den hohen Phantaſien und all den herrlichen Möglich⸗ keiten, welche ſich an dieſen Schickſalsmorgen hängen können, und ich möchte mein Vivat hoch auf den Schloß⸗ platz hinausſchreien.— Ja, du alter Kollege im Bauer, du Muſter eines Junggeſellen, lebſt du nicht gut, ſpei⸗ ſeſt deinen Zucker in Frieden und pfeifſt dein: Freut euch des Lebens, wie es deine Vettern, die Gimpel im Walde nicht können!— Aber ihr weißes verliebtes Mäuſepack ſollt fort, ihr ſchändet die Stube eines ehr⸗ baren und keuſchen Abſthenius. Und iſt da nicht ſchon wieder ein junges Brutpaar ans Licht gekommen, und ſteckt die ſchlangengleichen, nackten widrigen Schwänzlein durchs Gitter.— Er haſchte den Mauſeſchwanz, griff die Scheere, und kühn und ſicher wie der erſte Pariſer Operateur knippte er den gehaßten Ueberſchuß ab.— Schnipps, lachte er dazu, da iſt der Engländer fertig! Frau Baronin, der alte Hageſtolz führt ein ſcharfes In⸗ ſtrument und füchtet ſelbſt ein Tröpfchen Blutes nicht. O, dürfte er nur mit einem ſolchen Scheerenſchnitt alle Ehecontracte der ganzen Narrenwelt durchſchneiden. Aber ſieh da, dort ſtolzirt der Herr Neffe über den Platz. Komm er nur herauf, Mosje Georg, er muß ſogleich aus dem Wege, könnte mir ſonſt mit ſeiner Liebesmanier das ganze Plänchen zu Waſſer machen. Unten ſteht ſchon des Verwalters Pferd; er ſoll ſogleich auf die Güter, nothwendige Durchſicht der Rechnungen des neuen Baues, neuer Contractabſchluß; mich hält Amt und Krankſein ——————————— — — 3—1— 39 ab. So iſt er acht Tage fern, und bis dahin ſprang die Mine mit der ganzen Geſellſchaft in die Luft. Er wird winſeln, ſich ſträuben; aber hilft nichts, der Onkel donnert, er kennt den Zeus, reiſet auf Hoffnung, oder bekommt weder Dirne noch Erbſchaft, und damit Punktum.— 4. Mehrere Tage waren verlaufen. Georg von Heiligen⸗ ſtein hatte, wenn auch im höchſten Unmuthe, dem Be⸗ fehle des gefürchteten Onkels gehorchen und die Reiſe nach den mehre Tagereiſen entfernten Gütern antreten müſſen. Der einſame Ritt des jungen Hitzkopfes ver⸗ mehrte die Gährung in ſeinem Blute, ſtatt ſie nach des wohlweiſen Ohms Meinung zu mindern; hatte doch Emma's Auge und Mund auch nicht den kleinſten Troſt ihm mitgegeben in ſeine Verbannung, und allen geringen Gewinn ſeiner emſigen Werbung mußte ja dieſe Unter⸗ brechung zu nichte machen. Dem alten Herrn Antonius von Heiligenſtein kamen indeß nicht geringere Qual⸗ ſtunden. Obgleich ſeine Furcht vor Krankheit und Tod alle Mittel der Vorbauung gebraucht, ſo erſchien doch das gefürchtete Erkältungsfieberchen in Folge des Sturz⸗ vades in der Panshöhle, und ſein Groll auf die Urheber des Unfalls ſtieg mit jeder Stunde, welche ihn an Bett und Zimmer feſſelte, und er ſcheuchte hartſinnig ſelbſt die Tröſterinnen und Zeitvertreiberinnen hinweg, zu denen Madame Blank und ihr Pflegkind ſich in ſorgender Liebe erboten. Der Herr von Heißenſtamm ließ ſich nicht plicken, das Beichtkind blieb aus, obgleich der Mentor trotz Hüſteln und Fröſteln ſein Verſprechen gehalten, ihn dort eingeführt, und mit einer Mephiſtopheles⸗Freude be⸗ merkt hatte, welch glühende Aurora auf Emma's Wangen ——.——— 40 ſtieg bei dem Eintritt des ſchönen Fremden, und wie ſchnell er als beredter, warmer Erzähler, feiner Schmeich⸗ ler und Virtuos der Muſik die Mutter für ſich gewonnen zu haben ſchien. So von Neugier und Rachdurſt zu⸗ gleich gemartert, vertrieb der arme Hageſtolz ſich die Zeit mit Katze und Mops, und zankte dermaßen mit Schreiber, Haushälterin und Kutſcher, daß auch dieſe kaum ſeine Schwelle zu betreten wagten. Um nur einen Troſt zu haben, entwarf er einen Uriasbrief an die Baronin, ein Giftblätichen, worin er als Anonymus ſie warnte vor dem Verluſt des Gemahls, ſie aufmerkſam machte auf die neueſte Galanterie deſſelben; indeß, wie der Erguß ſeiner Galle und Laune ſein Inneres gekühlt und beruhigt hatte, fand er ſelbſt die Abſendung des böſen Briefleins zu voreilig und übereilt, und verſchloß es im Schreibepulte bis zu gelegener Stunde.— Eine kühle Sommernacht erfriſchte die Reſidenz, ver⸗ trieb die dumpfige Schwüle, mit welcher der heiße Tag die engern Gaſſen der alten Stadt gefüllt hatte, und beſprengte das ſtaubige Pflaſter mit leichtem Sprühregen, daß die zierlich und gleichförmig behauenen Baſaltſteine wie ein Moſaik⸗Eſtrich glänzten im eifernden Scheine der Laternen unten und der Sterne oben am leicht⸗ bewölkten Himmel. Der Präfekturrath war, wenn auch ſchon Recon⸗ valescent und fieberfrei, wie der Haushahn mit ſinken⸗ der Sonne ins Bett geſtiegen, doch von ärgerlichem Gedankenſpiel beunruhigt ſpät eingeſchlafen. Kaum mochte Mitternacht vorüber ſein, da erweckte ihn ſchon wieder ein fremdes Getöſe. Sein Lämpchen brannte düſter hinter dem Schirme; ſein Leibmops ſchnarchte auf dem Fußende des Bettes; in ſeinem Kämmerchen weilte die f c S ——— 9 S c—„— c— —. — e vie en u⸗ die nit eſe en ie ſie m ie lt es oß nd 41 Stille des Gottesfriedens; aber ein unheimlicher Lärm ſchien draußen in der Stadt bald minder bald mehr die Nacht zu ſtören. Er horchte ängſtlich; ja das war der langſam ſchaurig ſchrillende Klang der Thurmglocke, welche Noth verkündet; das war der gräßliche Wächter⸗ ruf, der zur Bürgerhülfe fordert; dieſes Rädergeraſſel, von murrenden Menſchenſtimmen begleitet, konnte nichts anders ſein als Getöſe der Spritzenleute, welche die Rettungsmaſchinen dicht unter ſeinem Fenſter hinſchoben. Der Athem ſtand ihm ſtill; er faßte mit der Rechten die Silberglocke auf ſeinem Nachttiſche und ließ ſie erklingen lange und immer ſtärker, Niemand hörte. Mit der Linken griff er den Schellenzug, der über ſeinem Bette hin, und läutete mächtig, daß die Hausglocke auf dem Gange mit Sturmklang tönte, und der Hund bellend von der Decke ſprang gegen die Thür zu, und das Geheul ſeines Kameraden im Zimmer ihm antwortete. Feuersnoth war da; ſicher in ſeinem eigenen Hauſe; ſeine Leute waren geflüchtet; er war verlaſſen, in Gefahr lebendig gebraten zu werden. Dieſe Gedanken bemächtigten ſich ſeiner wie Furien, und ließen ihn Krankheit, Bequemlichkeit, Unbe⸗ hülflichkeit vergeſſen. Er ſchleuderte Glöcklein und Deck⸗ bett in das Zimmer, ſprang wie ein Voltigeur über den hohen Bettrand, fuhr in den polniſchen Schafpelz und ſtolperte in das Zimmer hinein und gegen das Fenſter über Schemel und Folianten hinweg. Die Gaſſe erſchien gefüllt mit erſchrockenen Menſchen, welche hin und her ſtürmten und mit den Feuereimern heranſtürzten; Mili⸗ tärpoſten ſammelten ſich auf dem Platze gegenüber; Mordio und Hülfsruf ſchallte überall, und als er das Fenſter aufſtieß, ſah er den Feuerſchein ganz nahe zur Seite, und ein Regen von kniſternden Funken und ſchwarzen 42 Aſchenflocken ſprühete über die Nachbarhäuſer heran. Zit⸗ ternd ſchloß er den Sekretär auf, faßte haſtig das blecherne Käſtchen, worin Gold und Staatspapiere ver⸗ wahrt lagen, und mühſam die theure Laſt und das Lämp⸗ chen tragend, wankte er, mit halberſtickter Stimme nach dem Daniel und der Haushälterin ſchreiend, hinaus auf ſeine Hausflur. Wie ſtieg ſein Schreck, als er das Haus leer und wie ausgeſtorben fand, und alle Thüren offen, den Silber⸗ ſchrank im Gaſtzimmer leer, den Leinenſchrein auf dem Gange ausgeräumt, ſelbſt die Hauspforte weit aufgeſperrt, als wäre eine Räuberbande eingebrochen und hätte nach ihrer Weiſe rein gemacht. Die Feuersnoth war nicht im Hauſe, das ward ihm klar, und ſo ſenkte ſich die Schale der Angſt, und die Schale des Zorns ſtieg dagegen hoch und höher, als er verlaſſen in ſeiner Pforte ſtand und ſein komiſcher Ruf nach der Frau Sabel den Spott des Pöbels erweckte, der an den hohen Stufen ſeiner Thürtreppe vorübereilte und ihm ein Echo von Verhöhnungsreden der niedrigſten Sprachſchule zurückſchenkte. Nahe war der Erſchöpfte und von Grimm faſt Erſtickte dem Zuſammenſinken, da kamen ezwei Frauenzimmer, von einem Manne ge⸗ führt, im Eilſchritte über den Platz, erſtiegen ſchnell ſeine hohe Treppe, und von den Armen der Schweſter fühlte ſich der Präfekturrath zärtlich und recht kräftig unterſtützt. Armer Bruder, jammerte Madame Blank, was ſicht Dich an, ſo im Nachtrock und der dünnen Schlafhaube und noch halb krank Dich der kühlen Nachtluft aus⸗ zuſetzen? Wie Du ausſiehſt vom Schreck? Und wo find Deine Leute, daß die Unvernünftigen das zugaben?— Das Hintergebäude unſeres Gaſthofes ſteht in Flammen; ——— S 6,0 43 aber kaum hatten wir mit des Barons Hülfe unſere Koffer gefüllt und in Sicherheit gebracht, ſo dachten wir an Dich und eilten zu Dir.— Hättet den Plunder brennen laſſen ſollen! hättet gleich herſpringen ſollen! ſtammelte der Rath verwirrt. Ich bin geplündert, bin beſtohlen; eilt den Dieben nach, holet die Polizei, daß die Spitzbuben eingefangen wer⸗ den, daß ich meine Rache kühlen darf.— Erſtaunt wechſelten Madame Blank und der Baron Heißenſtamm furchtſame Blicke, denn ſie meinten, der Alte ſpreche im Fieber; da ſprang ein junger, ſchmaler Mann, der Schreiber des Raths, die Stufen hinauf, und erkundigte ſich reſpektvoll, ob er die Akten einpacken ſolle, und ob der gnädige Herr ſich nicht auf die Prä⸗ fektur verfügen wolle, wo die Herren Räthe ſchon ſämmt⸗ lich verſammelt ſeien. Was Präfektur, was Akten! wüthete der Alte. Schaffe Er mir die Polizei, Regenfuß! Stürze Er, fliege Er mit den Blauröcken herum, Er kennt ja die Sabel und den Daniel, fange Er die heilloſen Schurken, die mich geplündert haben, verſpreche Er eine Hand voll Franken ich muß die Teufel baumeln ſehen.— Die Madame Sabel und den Kutſcher? fragte ſtutzig der Schreiber. Ei, die getreuen Menſchen ſitzen in der Kirchthür, und haben Alles dort hineingerettet mit ſorg⸗ ſamer Eile, und bewachen das ſchöne Gut wie Ketten⸗ hunde vor den Diebesfingern der Vagabunden und des Bettelvolks.— Dem Präfekturrath ſanken die Arme am Leibe herab. O die Schändlichen! ſeufzte er aus tiefer Bruſt. Das todte Gut ſalvirten ſie für ſich, und mich wollten ſie verbrennen laſſen.— —————————— 44 Ruhig, alter Freund! tröſtete da des Barons ſichere Stimme. Laſſen Sie ſich hinaufführen; nehmen Sie die Hülfe der Damen an. Bei den guten Löſchanſtalten dürfen Sie für Ihr Haus keine Sorge mehr tragen. Ich ſelbſt eile mit dem Mosje Regenfuß zur Kirche, wo⸗ hin auch mein Reitknecht die Koffer der Damen ſchaffen ließ. Auf dem Platze dort ſah ich einen Bekannten, den Kapitän Halm vor ſeinen Grenadieren. Er ſoll mir einige Leute mitgeben, zur Bewachung Ihrer Effekten, und mein Befehl ſoll alsdann ſogleich Ihre Dienerſchaft zu Ihnen zurückrufen.— Aber lieber Baron, fiel Madame Blank ein, Sie opfern ſich für uns. Nicht einmal einen Ueberrock, nicht einmal die Halsbinde haben Sie umgelegt, als Sie ſo menſchlich der verlaſſenen neuen Bekannten gedachten. Und die Regennacht iſt ſo rauh. Emma! Was ſtehſt Du da wie eine Bildſäule und gaffſt mit den ſchläfrigen Augen! Geſchwind lege dem Baron Dein ſeiden Tuch um; der wackere Freund ſoll ſich keine Krankheit holen um unſertwillen. Emma ſchien aus ſtillen Gedanken aufgeſchreckt zu werden, doch gehorſam nahm ſie das blaue Tüchelchen vom Nacken, und ſchlang es mit hohem Erröthen um den Hals des Barons, der ſtill hielt wie ein Kind, und mit blinkenden Augen und einem tiefen Athemzuge die zarten Finger an ſeinem Geſicht fühlte, wie ſie zitternd und faſt ungeſchickt den Knoten ſchlangen auf ſeiner Bruſt. Leicht und ſchnell drückte er einen Kuß auf die liebe Hand, ehe ſie ihr Werk vollendet hatte, und flog dann davon. Der Alte hatte ſcharf zugeſchaut, ließ ſich aber dann beruhigt auf ſein Zimmer führen, und man ſah es ihm — 45 an, wie es ihm wohl that, als das ſtille Mädchen, plötzlich rührig geworden, hin und her eilte, um ihm den Ruheplatz im Sopha recht bequem zu machen, als die beſonnene Schweſter ſelbſt zur Küche eilte, für Thee und Labung zu ſorgen.— Nach einem ſtillen Halb⸗ ſtündchen ſchien völlige Ebbe in ſeinem Gemüth zu ſein; aber eine neue ſchlimmere Springflut dräuete, als jetzt die gellende Stimme der Frau Sabel im Hauſe ſich hören ließ, und trotz ſeinem Gegenſchrei:„Hinaus! hinaus! mir aus den Augen!“ die kecke Hausregentin hereindrang, und mit einem unaufhaltbaren Wortſturze ihre Treue rühmte, und wie ſie in heiligem Eifer des geliebten Herrn beſte Effekten gerettet und in Gottes Schutz gebracht.— Schöne Fidelitas! rief er, als der Sprecherin der Athem ausging, und die Pauſe befahl. Schöne Liebe und Sorgfalt, die den kranken Herrn beinahe zum Schmorbraten gebracht hätte oder wenigſtens zum Fang⸗ ball der gottesläſterlichen Plebejer. Hinaus aus dem Hauſe, und das ſogleich! Gehe Sie ins Spital zu ihrer rothäugigen Baſe, und der Daniel kann ſich's verſuchen bei den groben Sappeurs, mit denen er Brüderſchaft trank. So wahr ich Heiligenſtein heiße, finde ich euch mit dem Morgen noch unter meinem Dache, ſo laſſe ich euch aufs Caſtell ſetzen! Lohn und Koſt für ein Jahr könnt ihr von dem Regenfuß abholen laſſen. Frau Sabel wollte repliziren, indeß Madame Blank beſchwichtigte ſie, vertröſtete ſie auf morgen, wo Alles ſich ruhiger machen würde, und ſchob die Beſtürzte, die jetzt in lauten Jammer ausbrach, zur Thür hinaus. 5. Dieſer ſtürmiſchen Nacht folgte ein recht friedlicher Morgen. Der choleriſche Rath bereuete zum erſten Male die vulkaniſchen Auswürfe ſeiner Heftigkeit nicht, und nahm nichts von dem zurück, was er ausgeſprochen, wie ſonſt ſeine Gewohnheit war. Seine Dienerſchaft durfte nicht wieder ins Haus; Madame Blank und Emma mußten die Zimmer des untern Geſchoſſes beziehen, wo der Neffe logirt geweſen, und er übergab ſelbſt mit Feierlichkeit die Schlüſſelbunde der Schweſter, welche dieſen Beweis brüderlichen Vertrauens, den erſten ſeit Jahren, mit unverhehlter Freude und thränenreicher Dankbarkeit ent⸗ gegennahm. Als der Baron Fritz am Morgen zurückkam, ſich nach dem Befinden der Familie zu erkundigen, fand er den Alten in guter Laune allein, doch bemerkte er in ſeinen Geſichtszügen eine Veränderung; ſtatt des Sarkas⸗ mus und kalten Hohns lag eine Unruhe zwiſchen den Falten der runden Hängbacken, und in den Runzeln der kahlen Stirn lebte eine Bewegung, die wie flüchtiger Wolkenzug ſtürmiſches Walten der Seele anzudeuten ſchien. Sie kommen gerade recht, Baron, ſagte der Rath; mit Ihnen waren meine Morgengedanken beſchäftigt. Platz genommen, und ſogleich gebeichtet. Heißt das Wort gehalten wie ein Edelmann? Sie ſind ſehr vertraut ge⸗ worden mit der Madame Blank und mit noch Jemanden. Ja, ja, einen alten Fuchs prellt kein ſo junger Jäger, wie Sie ſind; ich hatt's weg, gleich bei der Halstuchs⸗ Operation. Nun, friſch erzählt, reinen Wein eingeſchenkt, nichts verſchwiegen, umſtändliche Relation wie vor dem Criminalrichter, ſonſt ſchlage ich Lärm, und jage auch Sie als einen Wilddieb aus meinem Burgbanne.— 7 1 — 47 Dem Herrn von Heißenſtamm ſtieg die Glut auf die Wangen, doch faßte er ſich ſchnell und nahm Platz bei dem Hausherrn. Sie ſind mein Gott geworden, Freund, begann er nach einem tiefen Athemzuge, und nur mit dem Leben wird mein Dank aufhören. Aber was ſoll ich beichten? Das ſchöne Ziel, auf welches das Streben meiner Seele gerichtet iſt, nach welchem ich ruhelos ringen muß, und wenn der Tod in grauſigſter Geſtalt mir den Weg hemmte, das ſchöne Ziel ſcheint mir ſo fern zu liegen, als da⸗ mals, wie ſie mir die Bahn eröffneten.— Welches mir beinahe wie ein dummer Streich erſcheinen möchte! murrte der Rath in ſich.— O Freund, fuhr der Baron fort, welch ein Weſen iſt dieſe Emma. Eine Perle in verſchloſſener Muſchel, birgt ſie das Köſtlichſte der Welt, und bewahrt es dem Glücklichſten, der die Tiefe des Meeres nicht ſcheut, ſich's zu gewinnen. Wie ein nächtiger, verſchleierter Himmel trägt ſie tauſend Goldſterne in der Bruſt, welche, wenn ſie langſam aufgehen vor den Blicken des Anbetenden, einer glänzender als der andere, die Augen blenden, daß man ſie unwillkürlich zuſchleußt, um die gewonnenen lieben Bilder feſtzuhalten als ewiges Eigenthum. Dieſe einfache, unſcheinbare, demüthige Stille, welche ihr Weſen bezeichnet, iſt ein Tempelteppich vor dem Heiligſten, iſt ein Unſchuldsſchleier, und wer ihn wegräumen dürfte, würde den Zaubergürtel der Venus darunter finden, der die rechte Schönheit umſchließt und ihr den Sieg ſchenkt über alle Schweſtern. O welch wahres Gefühl ohne Empfindelei, welche Wärme des Herzens ohne Raketen⸗ feuer, welche Reinheit des Sinnes ohne Ziererei, welch klares Urtheil, welch richtiger Verſtand ohne Prunk des 48 Zungenſpiels und der Witziagd, und welche Grazie ohne Gefallſucht! Ja, mein theurer Mentor, das iſt ein Weib, die das Füllhorn des Glücks für einen Mann trägt, welcher ſie verſteht, und alle Eventöchter, die bis dahin mir auf der Lebensſtraße begegneten, ſind Nebelſchatten in meinem Gedächtniß geworden, ſeit dieſe Lichtgeſtalt erſchien!— Und das Alles hat man in den wenigen Tagen aus⸗ ſtudirt und zur Gewißheit gebracht? fragte der Alte. Ihr müßt verteufelt ſichere Fühlhörner tragen, mein Fritzchen, oder die Unſchuldsſchleier und Gürtel der Dame müßten beſonders leicht gelüftet werden können. Aber laßt den langweiligen pvetiſchen Krimskrams; kommt auf den Grund, und erzählt mir, was Ihr mit dem Weibsvolke getrieben, und wie weit die Laufgräben Eurer Liebe vor⸗ gerückt. Oder iſt wohl gar ſchon Breſche geſchoſſen, und weht die weiße Fahne über dem Herzkaſtell?— Der Baron ſenkte die Augen und ſein Geſicht ver⸗ düſterte ſich. Wie geſagt, was kann ich erzählen? ſprach er leiſer. Sie ſind ein Hageſtolz, und das Sanſerit der Liebe bleibt Ihnen unleſerlich. Und ſelbſt das Wenige von meiner Herzensgeſchichte, was ſich vielleicht in Worte überſetzen oder ſich malen ließe dem fremden Auge, dieſes Wenige Ihnen zu vertrauen, ſcheint mir ein Majeſtäts⸗ verbrechen, die unverzeihlichſte Sünde gegen das liebe Mädchen, wie gegen mich ſelbſt.— Ehrenwort! Ehrenwort! kreiſchte der Rath höhniſch, Oder ſoll ich die Damen heute Nachmittag zurückſchicken nach der freien Reichsſtadt?— Es wäre vielleicht gut, flöhe ſie fort aus dieſer peſt⸗ vollen Stadt, fiel der Baron ein, ich würde dann alle Feſſeln abſtreifen, ihr nacheilen wie ihr Schatten, und — w i n 49 zufrieden ſein, dürfte mein Fuß in die Spur des ihrigen treten ein ganzes Leben lang. Aber Sie halten mich feſt am unſinnigſten Verſprechen, und der Quäler ſoll be⸗ friedigt werden.— Seit ich über die heilige Schwelle durfte, duldete meine Seele keinen Gedanken, kein Ge⸗ fühl, welche nicht Bezug auf Emma hatten; ihr Bild ſtand mit dem erſten Morgenſtrahle vor dem Erwachenden, ihr Bild ging mit dem Schläfer zur Ruhe und blieb ge⸗ treulich neben ihm und wohnte in ſeinem Traumbau. Eine ſtechende Ungeduld peitſchte mich den Tag hindurch, bis die Stunde kam, wo ich bei ihr ſein durfte; dann wurde es ſtill in mir, ſo freundlich⸗mild, ſo zufrieden, wie ich es als Knabe war, der keine Sorge hatte und jeden Wunſch durch Elternliebe erfüllt ſah. Lange blieb mir Emma ein Räthſel, eine verſchloſſene Tulpe; ſchwei⸗ gend nahm ſie wie ein Götterbild, was meine Rede ſchmeichelnd und huldigend ihr ſpendete, ſelten kam nur eine ruhige Antwort, die nichts verrieth oder enthüllte, und hätte nicht ihr Taubenauge zuweilen durch einen unwillkürlichen Seelenblick ihre Theilnahme verrathen, wenn ich erzählte, wie ich unter die Banditen in den Abruzzen gerathen oder von dem Schiffbruche an der ſardiniſchen Küſte, ſo würde ich verzweifelt ſein, würde die Werbung aufgegeben haben in den erſten Tagen. Nur die Unterſtützung der Madame Blank half meiner Hoffnung auf.— Ueber die vermaledeite Natur, murmelte der Zuhörer. Wenn ſie jung ſind, laſſen ſie ſich heirathen, wenn ſie alt werden, iſt Verheirathen ihre Lieblingsprofeſſion.— Vorgeſtern war es, im Augarten, ſetzte Herr von Heißenſtamm ſeine Erzählung fort, da brach der erſte Sonnenſtrahl mir durch die Räthſelnacht. Ich hatte die Blumenhagen. II. 4 Damen hinausgeführt, und wir fanden in dem paradie⸗ ſiſchen Parke viel Geſellſchaft: Fremde und Einheimiſche, die ſich, von gleicher Luſt bewegt, bald enger zuſammen⸗ ſchloſſen, ſo daß es zuletzt ließ, als habe eine verab⸗ redete Feſtfeier, nicht der Zufall uns zuſammengebracht. Unter den ſchönen Linden ſaßen wir im Kreiſe, umduftet von dem aromatiſchen Aushauch der wunderſamen Stau⸗ den fremder Zonen, mit welchen der Gärtner den Platz umſtellt. Man gab Charaden auf, tanzte auf dem ſeide⸗ nen Raſen nach der Flöte und Violine eines vagirenden Muſikantenpaars, und ein junger Kaſſelaner trug aus dem Gärtnerhauſe eine Harfe herbei, ſang einige komi⸗ ſche Canzonetten, und forderte dann die Frauenzimmer guf, einen muſikaliſchen Wettſtreit zu halten. Mehre folgten dem Aufrufe und ließen ſich in hochſentimentalen oder deklamatoriſchen Sangſtücken hören, bei welchen ihre Triumphblicke ſchon vor dem Schlußaccorde zum Applaus diktatoriſch aufzufordern ſchienen. Emma hatte ſtill geſeſſen und freundlich zugehorcht. Doch die Eitel⸗ keit der Mutter zog auch ſie heran, und die Harfe wurde trotz ihrer beſcheidenen Weigerung ihr faſt gewaltſam von dem jungen Volke in die Arme gedrückt. Singe das Vergißmeinnicht, mein Lieblingsſtück, ſagte Madame Blank. — Lieber die Abendempfindung, fiel raſch und erröthend Emma ein, es iſt ja auch von Mozart.— O nur nichts Tragiſches, nichts, worin vom Sterben vorkommt. Das kann ja Niemanden behagen und iſt lang aus der Mode, ſprach eine gezierte Staatsräthin, die nächſte Nachbarin meiner Huldin.— Mozarts Vergißmeinnicht, ich bitte darum! ſetzte die Mutter betont hinzu. Emma's Auge üverzog ſich mit einem Trauerflore, aber ſie neigte ge⸗ horſam das ſchöne Haupt, ſchien einen Widerwillen im ts as in tte ge e⸗ Gemüth mit Kraft niederzukämpfen, räludirte mit ge⸗ wandten Fingern, und ſtrömte dann aus freier Bruſt die herrlichen Klänge der meiſtervollen Melodie hinaus in die horchenden Lüfte, mit einem Schmelz und einem Ausdrucke, welcher jedes Geflüſter in der Geſellſchaft verſtummen machte, und jeden Athemzug anhielt. Ihre Stimme, ein herrlicher Alt, trug den ſeltenſten Zauber in ſich, den Zauber der Unſchuld und Natur, dem jede Kunſt erliegt, und ihre Geſichtszüge, ihre Haltung har⸗ monirten mit dem Geſang, und ließen erkennen, ſie ſänge nicht, um gehört zu werden, nicht, um Jemand zu gewinnen, nein, ſie ſänge, wie der echte Künſtler thut, um der Muſik willen und weil ein inneres Muß ihn drängt gleich dem Vogel im Bergholz. Wie ſie ſchloß, brachen die Herren los in einen wahren Complimenten⸗ ſturm, der die Gefeierte kaum zu erfreuen, mehr zu be⸗ ängſtigen ſchien. Ich hatte durch meinen Burſchen einen mächtigen Blumenſtrauß aus der Orangerie holen laſſen, der zur Vertheilung unter die anweſenden Schönen be⸗ ſtimmt geweſen. Jetzt im Taumel des Entzückens, auf⸗ geregt durch die Verlegenheit, in welcher ich meine Königin mitten im Gedränge der lobhudelnden Chevaliers erblickte, drängte ich mich vor, und legte den rieſigen Duftſtrauß in Emma's Schvoß. Im Tone des Humors, der mir zum Schleier meines hochaufgeregten Gemüths dienen mußte, perorirte ich zugleich etwa folgendermaßen: Höchſtverehrte Geſellſchaft! Als Führer dieſes jungen Fräuleins, deren Beſcheidenheit in ſolcher Weihrauchs⸗ wolke faſt dem Erſticken nahe iſt, wird es mir zur Schul⸗ digkeit, ihr verſchämtes Verſtummen zu überſetzen. Sie fühlt, wie ſehr ſie an Kunſtfertigkeit den Nachtigallskeh⸗ len ihrer Vorgängerinnen weichen muß, und ſchiebt die S 52 Ohrentäuſchung, die ihr ſolchen Beifall erwarb, nur dar⸗ auf, daß ſie Mozart ſang. Und darum lege ich auch die fremdländiſchen Frühlingsblüten, welche die Muſen die⸗ ſes cypriſchen Abendes krönen ſollten, in die Hand der Sängerin des Meiſters Mozart, und bitte ſie, dieſelben an ihre Schweſtern in Apollo zu vertheilen.— Bravo! lachte der Alte. So gedrechſelt und verwor⸗ ren geſprochen wie ein Mimus, der ſich für den Vorruf bedankt. Aber du erzählſt breit und langweilig, wie eine engliſche Romanen⸗Miß. Wann kommt denn das Rechte und Wichtige.— Ich habe Ihnen keinen Mord⸗ und Jammer⸗Roman zu erzählen, noch aus einer Criminalakte zu referiren, antwortete empfindlich der Baron. Ungern nur laſſe ich Sie zuſchauen, wie eine verſchloſſene Lilie ſich entfaltete von dem erſten Sonnenſtrahle, der durch das Dickicht drang, wohin ſie gegen ihre Natur gerathen war. Sie haben mich gezwungen dazu, ein ſtilles Seelenleben dem Faunusblick bloß zu geben, und mir iſt es recht, wenn Sie mich der Pflicht entheben.— Fortgefahren! ſprach der Rath diktatoriſch. Ihr ſeid Inquiſit, ich der Richter. Was that Eure ſtumme Fee mit dem Rieſenſtrauße? Sie ſteckte ihn ſicher wie einen bäuriſchen Hochzeitbuſch an die eigene Bruſt.— Sie vertheilte die Blumen mit Anſtand und Artig⸗ keit, entgegnete der Baron, weiter erzählend. Für ſich behielt ſie nur ein Röschen und ein Myrtenreis, und ihr Auge hob ſich nicht zu mir, ſo daß mich der Zweifel plagte, wie ſie meinen thörichten Spruch aufgenommen. Die übrigen Damen ſchienen jedoch das Vorgefallene trotz der Blumenſpende nicht vergeſſen zu können; der freundliche Ton der Geſelligkeit verſtummte, und man 53 brach auf, um noch vor dem Einbruch des Abends die Menagerie und das Marmorbad zu beſehen. Der Zug wandelte Paar auf Paar vorweg; Emma zögerte, viel⸗ leicht abſichtlich, und ſo ward ich ihr Führer, und wir gingen zuletzt. O Freund, dieſer Gang entſchied über das Glück oder Unglück zweier guten Weſen.— Kommts endlich? gähnte der Rath. Aber es war ja Tag, und ſolche Spitzbübereien ſind ſonſt lichtſcheue Vögel.— Die reine fromme Liebe ſpielt kein Verſtecken, und wenn ſie es muß, um nicht mißdeutet zu werden, ſo drückt ſie ſich ſelbſt ſchmerzlich wund durch die eiſerne Maske.— Ihr Arm lag leicht in meinem Arm; ſie ſchauete vor ſich hin, nieder auf den Sandweg, und mein Herz hämmerte hörbar unter meinem Kleide, denn keine Situation meines reichen Lebens hatte mich befan⸗ gener geſehen, als dieſe Stellung meiner wortarmen Königin gegenüber.— Haben Sie meine tollen Reden übelgedeutet und ſind ſie gekränkt dadurch, daß ich Ihnen den verdienten und von allen übrigen Männern zuer⸗ kannten Preis beſtritt? fragte ich endlich.— Mit ver⸗ wundertem Blick ſchauete ſie auf zu mir. Uebel gedeutet 2 fragte ſie halblaut zurück. Ich verſtand Sie ja wohl, und bin Ihnen wiederum Dank ſchuldig. Sie retteten mich ja ſchon aus zwei böſen Verlegenheiten.— Du lügſt, Baron, fuhr der Rath auf; oder Du biſt ein Hexenmeiſter. Für ſo viele Worte hat das Mädchen weder Zunge noch Athem genug.— Der Mädchen Zungen ſind alle wohl gelöſet, ant⸗ wortete Baron Fritz, aber nicht alle wiſſen wie Emma die Schätze der Empfindung in der Truhe des Herzens zu bewahren unter dem Schlüſſel der Zunge, um ſie 54 nur dem zu ſpenden, der ihrer werth iſt. Unſere Em⸗ ma weiß zu reden, aber ihre Worke ſind nicht die zer⸗ ſpringenden Perlen des ewig ſprudelnden Waſſerfalls; nein, ſie ſind den echten Perlen gleich, welche den Ken⸗ ner entzücken und den Finder zum Cröſus machen. Wir ſprachen dann von Muſik, von Harfenſpiel, und ich that die dreiſte Frage: Warum ſie das Vergißmeinnicht un⸗ gern geſungen?— Ich meine, ſagte ſie leiſer, ſolche Gedichte müſſe man nicht vor Fremden ſingen; beſonders gezieme das dem Mädchen nicht, und mir iſt immer da⸗ bei zu Muth, als wenn ich in einer großen Geſellſchaft ohne das gehörige Kleid aufzutreten gezwungen wäre. Vor der Tante ſinge ich dergleichen Lieder oft, am lieb⸗ ſten mir aber allein; auch ſingt ſichs da anders und beſſer, und meine Harfe iſt ja auch meine beſte Freundin und einzige Vertraute, denn wir führen in unſerer lärmvollen Stadt ein recht ſtilles Frauenleben.— Wür⸗ den Sie gezögert haben, in meiner Gegenwart allein Mozarts Seelenlied zu ſingen? fragte ich erregt und haſtig.— Vielleicht, vielleicht auch nicht! antwortete ſie mit einem Anſtrich von Schalkheit, den ich nie in ihr geſucht.— Und wenn ich um die Stelle würbe, welche bisher die todte beneidenswerthe Harfe einnahm, wenn ich fragte: darf ich der Freund und Vertraute werden? — Meine Harfe iſt geduldig, iſt fromm, tönt nur her⸗ aus, was ich hineintrage, ſchweigt mit mir, lacht mit mir, trauert mit mir. Ach! das würde für ein lebendig Weſen eine gar böſe Aufgabe werden, eine ſolche Ver⸗ traute zu erſetzen.— Ich verſtummte, denn das klang wie ein Korb aus feinſtem Baſt geflochten, und zum Glück traten wir gleich darauf durch das Gatterthor der Fa⸗ ſanerie, und das Gewimmel des ſeltenen und buntfarbigen ———————— 55 Federviehs umgab uns. Emma fütterte die feinen Ge⸗ ſchöpfe aus der Hand, und hatte beſonders Gefallen an einem kecken Silberfaſan, der ſich an ihre Füße drückte, und dreiſt nach dem blanken Stoff ihres Schuhs pickte. Ich erzählte jetzt von meinem Stammgute in den Ber⸗ gen, und wie dort ein gleicher Federhof auf die freund⸗ liche Pflegerin warte, und der Jungfrau Phantaſie blieb nicht ohne Aufregung, ſie horchte aufmerkſamer und ver⸗ fiel dann in träumeriſches Sinnen.— Aber von der Pfauenhenne auf dem Stammgute, von der Baronin, erzählet Ihr wohl nichts, mein ſauberer Patron? fragte der Präfekturrath ſpöttiſch.— Grauſamer Plagegeiſt, antwortete Herr von Heißen⸗ ſtamm, wer denkt mitten im Roſenmonate an Eiszapfen und Schneebahn!— Meine ſchöne Gefährtin ward im⸗ mer ſtiller und nachſinniger, jemehr ich jetzt das geöffnete Kapitel fortſetzte, vom Stammgute auf meine Jugend⸗ zeit in jenen Bergen kam, und die Jünglingsträume, die Manneshoffnungen ihr enthüllte, die ich einſt in jenen Thälern und auf jenen ſchönen Höhen gehegt, ehe mich das Schickſal auf das ſturmbewegte Meer des Welt⸗ lebens geworfen. Ich war im Zuge, und plapperte fort durch die Alleen hin, bis wir im herrlichen Marmorbade ſtanden, das Halbdunkel der hohen Rotunde wie mit einem Zauber uns umfing, die kühle Luft des Gewölbes dabei erquickend und die gedrückten Herzen löſend auf unſere heißen Wangen fiel, und die Meiſterwerke plaſti⸗ ſcher Bildnerei, die üppigen Götter⸗ und Nymphengeſtal⸗ ten von allen Wänden her unſere Bewunderung in Anſpruch nahmen, und unſere Phantaſie in Ovids Liebes⸗ reich und in die Gegenden des Hrients und ſeiner ewigen Frühlinge verſetzte. Ich erklärte ihr die Basrelifs der 56 Wände, und vertiefte mich in die griechiſche Mythe der ſchönen Thisbe, der Babylonierin, deren geheimes Liebes⸗ glück durch das Schickſal in gemeinſamen Tod verwandelt wurde, und deren Blut die Beeren des Maulbeerbaums an Ninus Grabmahle roth färbte für immer. Indeß war es einigen der zärtlichen Damen zu kühl geworden in der Marmorrotunde; nach und nach hatten, von ihnen gelockt, Alle das Bad geräumt und waren hinaus unter die Orangenbäume getreten, und jetzt warf ein Zugwind die Pforte zu, und ich war eingeſchloſſen mit der Ange⸗ beteten. Emma eilte ſogleich zur Thür und klopfte und rief, und die Schließerin raſſelte auch übermäßig eilig mit dem Schlüſſelbunde. Ich aber umfaßte dreiſt das liebliche Mädchen, auf deren Geſicht eine ſeltſame Glut emporgeſtiegen. Fürchtet Emma den Mann, der ſie hoch⸗ hält wie ſeines Lebens guten Genius, der ſein wahres Leben in ihr wiederfand, dem es ſchwer werden würde, ja unmöglich, ohne ihren Beſitz das armſelige Daſein weiter zu tragen? ſo fragte ich heftig und dringend, und neigte mich gegen ſie. Sie hob das Geſicht zu mir auf, groß leuchtete mich ihr Augenpaar an, ich zog ſie her zu mir, und mein Mund hing auf ihren warmgeſchwolle⸗ nen Lippen; wie es gekommen, weiß ich nicht, aber ich fühlte, ſie gab den Kuß zurück, und zögernd, widerſtrebend ſchieden ihre Lippen, als jetzt das Tageslicht durch die geöffnete Pforte einſtrömte. O verzieht nur Euer Ge⸗ ſicht ſo hämiſch wie Ihr wollt: dieſer Kuß war ein Engelgruß, der mich rein machte und mir Seligkeit ver⸗ ſprach; die Erinnerung an dieſen Kuß nimmt mir kein Haß, keine Eiferſucht, und ein wüſtes Methuſalemsleben hindurch könnte ich von dem erquickenden Gedanken zeh⸗ ren,„dieſe Minute habe ich doch wirklich gelebt!“ Und * — — —— 57 wie war Emma ſo anders ſeitdem! Nicht wie die Ge⸗ liebte, aber wie die Schweſter lebte ſie mir gegenüber. O ich verſtand ſie wohl, ein Mädchen wie ſie iſt gebun⸗ den durch dieſen Kuß wie durch Eid und Altargelübde! Ein Mädchen wie Emma kann nur einem Einzigen einen ſolchen Kuß geben, und darum bin ich geduldig, wenn auch weiter kein Pfand des Beſitzes mein ward ſeitdem; darf ich doch auch keines fordern, ſo lange meine Frei⸗ heit Ketten trägt. Aber ſie liebt mich, ſie liebt mich gewiß; das Erkennen der Liebe iſt der erſte Keim zur Gegenliebe; und Emma hat mich erkannt und ver⸗ ſtanden.— Ha! Ha! Ha! lachte der gelangweilte Zuhörer auf. Habe ich denn nun nicht Recht? ſind die Menſchenkinder nicht alle Betrüger, Komödianten, Poeten, Taſchenſpie⸗ ler? Einer betrügt den Andern, und Alle betrügen ſich ſelbſt. Das Mädchen hat Ihn erkannt und verſtanden? Ja, wenn ſie das hätte, ſo wäre Er längſt mit Blame zur Thür hinausgeſchickt. Und Er ſelbſt liebt ewig, kann ſein Daſein ohne ſie nicht tragen; hat Er das nicht ſei⸗ ner Baronin auch vorgeſeufzt, und wenn Er wirklich das Unglück hätte, die Zweite zu bekommen, würde Er nach drei Jahren nicht daſſelbe vor einer Dritten ſeufzen? — Alles Muß iſt eine unerträgliche Kette für einen Mann von Kopf und Herz; nur Schlafmützen paſſen zum Kin⸗ derwiegen und Schleppentragen. Darum thuſt Du, liebes Fritzchen, recht wohl daran, Dich von der Juno, die Dich tyhranniſirt, loszumachen; aber ſei nun auch ge⸗ ſcheit, gib auch die Venus auf, der Liebeshandel hat ſchon recht ſchäferlich ennuyant angefangen, und wird mit jedem Schritt ſchläfriger werden. Bleibe du ledig 58 wie ich, und laß uns dann zuſammen noch ein recht luſtig Stück in die Welt hineinleben.— Sie wollen mich prüfen, Heiligenſtein! fuhr der Ba⸗ ron abgewendet auf; aber Sie finden eine Neigung, welche ſo feſt als rein iſt und darum jeden Angriff ab⸗ ſchlägt. Der Entſchloſſene iſtzimmer unbeſiegbar. Horch, da erklingt Emma's Harfenſpiel; alſo haben Sie die Blanks im Hauſe behalten? O das haben Sie vortreff⸗ lich gemacht, Sie herrliches Onkelchen; nun hat meine Seele nicht mehr zu fürchten, daß, ehe meine Fittiche losgebunden ſind, ein anderer Tauber mir das Weib⸗ lein verlockt, denn Sie ſind ja ein berüchtigter Feind aller Hochzeiten, und Niemand wagt ſich mit verpönten Heirathsgedanken an ihr leeres Guckucksneſt. Adio, mein göttlicher Wohlthäter, ich muß aus den Augen dieſer Harfenſchlägerin Muth holen, ehe die Furien mich wie⸗ der in ihre Schlangenringel nehmen.— Der Baron eilte hinab; der Alte blieb aber noch eine geraume Weile nachſinnend auf ſeinem Platze. Sie hat den Murner ſo gut gekämmt, nicht einmal hat er gemurrt, und die Zemire ſprang ihr ſo vertraulich in den Schooß, als gehörte ſie längſt zum Hauſe, und wie wacker hat ſie den Maſernkopf geſtopft, und wie ver⸗ ſtändig die Fidibus gedreht; ſagte er zu ſich ſelbſt in Abſätzen. Nein, Barönchen, das junge Ding ſcheint mir doch zu gut, von ihm angeführt zu werden; man kennt das, und mit ſeiner Scheidung ſteht es noch weit im Felde, denn wenn er auch will und der neue Coder das leichter macht, und nicht eine Unzahl der causarum bedarf, wer ſagt mir, ob die Madame den bequemen Sündenmantel miſſen mag?— Nein, mein Gewiſſen leidet den Jungfrauenraub nicht, wenn ich auch das — 9 die ff⸗ che nd en in ſer e⸗ um en en 59 Weibsvolk haſſe, und darum fort mit dem Briefe zu der Frau von Heißenſtamm. Mag es darunter und dar⸗ über gehen; Pilatus wäſcht ſeine Hände, und der Vor⸗ theil bleibt immer auf meiner Seite, daß mein Neffe von ſeiner Liebe zu dem charmanten Aeffchen total curirt ſein muß, wenn ich ihm von dem ſtummen Kuſſe im Marmor⸗ bade referire. 6. Die Erde iſt ein Reich der Zwietracht; wie die Ele⸗ mente auf ihr und um ihr in ſtetem Kampfe bleiben, ſo ſtehen auch ihre Bewohner immer ſtreitfertig gegen ein⸗ ander, und das Leben der meiſten Menſchen iſt nur ein Ringen und Kämpfen mit dem Nachbar um Raum und Beſitz, wenn auch nicht immer der Streit hörbar wird, wenn die Gewalt auch nicht immer im Sturmgeläute ihre Beſtrebungen zeigt, wenn auch die Waffe des Kriegs oftmals unſichtbar ſchneidet, aber deſto ſicherer alsdann verwundet und tödtet. Nur ſeltene Erſcheinungen ſind jene Menſchen des Friedens und der Duldung, welche wie ein balſamhauchender Duftſtrauch jeden, der ſich ihnen naht, in die wohlthuende Betäubung des Gemüths ein⸗ wickeln, die von ihnen ausgeht, welche einen ſtrengbe⸗ grenzten Kreis um ſich zogen mit geiſtiger Gewalt, in dem der Gottesfriede herrſchen muß, welche geübt in Bezwingung der Leidenſchaften, durch verſtändige Ent⸗ ſagung zufrieden geworden, die Weisheit fanden und in ihr die Liebe und die Geduld. Wie die Gruppen klaſſiſcher Götterbilder ſtarr und weiß herabſchauen von den erſchütterten Tempeltrümmern auf das in Mord⸗ bränden lodernde, vom Kinderblut entſetzlicher rauchende Hellas, ſo ſtehen jene ſeltenen Menſchen des Friedens im Gedräng der Erdbürger, und ſchütteln die palmbekränzten Häupter, und ihr einziges Leid, die einzige Störung ihres Glückes iſt, daß nicht Alle die Seligkeit haben, die ihr Theil ward, daß nicht Alle mit allen Kräften danach ringen, dieſe Seligkeit zu gewinnen, und ſie feſt zu halten wie das höchſte Juwel aus der himmliſchen Vatererbſchaft.— Alle Zwietracht iſt bös, verletzt ſelbſt den Zuſchauenden; aber die entſetzlichſte iſt die Zwie⸗ tracht im Ehebunde, denn ſie wühlt wie ein wahnſinniger Selbſtmörder mit hundert Dolchen im eigenen Leibe, zerfetzt und zerfleiſcht, martert und entſtellt bis zur Scheußlichkeit und—— tödtet langſam nur. Zwie⸗ tracht im Ehebunde iſt wie der Sturm atheiſtiſcher Trun⸗ kenbolde und Sabbathsſchänder in das Gotteshaus, in welchem eben ein heiliger Lehrer das Geheimniß der Ver⸗ ſöhnung enthüllt; Zwietracht unter Gatten iſt wie der mitternächtige Einbruch verworfenen Raubgeſindels in das Heiligthum, wie ihr frecher Diebesgriff nach den hochgeweiheten Gefäßen.—— Kurz nach der Zeit des Mittagsmahls trat der Ba⸗ ron von Heißenſtamm mit glühenden Augen, gefurchter Stirn und unverſteckter Gemüthserregung in das Ge⸗ heimzimmer ſeiner ſchlanken junoniſchen Gemahlin, wel⸗ che noch im Morgenhabite auf der Ottomane ruhete, und durch den Eintritt des Gemahls weder Füßchen noch Arm aus der bequemen läſſigen Lage bringen ließ. Bin ich denn nicht einmal mehr ein Schattenherr in meinem Hauſe? fragte er, vom Weine wie vom Zorne erhitzt. Was ſoll ſolch Benehmen, Ludovica? Warum kam die Dame des Hauſes nicht zur Tafel? Warum wurde mir wenigſtens nicht zuvor davon geſagt?— Es war Ihre Geſellſchaft, antwortete die Dame ſpitzigz ich hatte Niemanden geladen, war auch nicht befragt. 8 1 61 Und wer verbürgt mir, daß die Geſellſchaft, in welcher der Baron ſich gefällt, auch mir angenehm und anſtändig ſein möchte?— Der Graf Halm und der würtembergiſche Oberſt und der däniſche Dichter ſind da geweſen, ſiel der Baron ein mit Haſt, Niemand, deſſen mein Namen ſich zu ſchämen hätte, Niemand, dem der Deutſche nur mit Widerwillen Gaſtrecht zugeſteht.— Deutſche Bären alſo? verſetzte die Gnädige. Da habe ich wohlgethan, fern zu bleiben; da wird in Gegen⸗ wart der Damen getrunken, bis die Sinne hin ſind und das grobe Witzwort, obgleich kalt und ohne Zündfeuer wie das Gefrorne auf der Tafel, die zarten Confitur⸗ tempel des Kochs zerbläſet. Der gehaßte Engländer, der übrigens ſich wenig genirt, trinkt doch erſt dann, wenn Dame und Tiſchtuch ſich empfahl, und der galante muſterhafte Franzos trinkt nur Waſſer zum Wein gleich dem feinen Griechen, ſo lange er irgend die Nähe eines Frauenzimmers fürchten darf.— Hätte ich die franzöſiſchen Großwürdenträger geladen, ſo wären Sie gewiß erſchienen, die Honneurs zu machen und ſich machen zu laſſen! ſprach der Herr.— Vielleicht! antwortete ſie ſpöttiſch lächelnd, indem ſie ein aufgebrochenes Briefchen, welches auf dem runden Tiſchchen am Sopha lag, und längſt des Barons Augen auf ſich gezogen, tändelnd zwiſchen den Fingerſpitzen umherdrehete.— Aber ich ſchickte dreimal, ich befahl, fuhr der Ge⸗ mahl hitziger empor. Iſt denn alle Scheu und Weib⸗ lichkeit, jede Sitte von Ihnen gewichen, daß Sie mir ſo dreiſt zu trotzen wagen? Sonſt ſuchten Sie doch noch eine Entſchuldigung für Ihren Eigenſinn; jetzt tritt er mir nackt und dadurch wahrlich zwiefach häßlich ent⸗ gegen.— Die Baronin warf den Mund bis zum Ausdruck der Verächtlichkeit. Häßlich? fragte ſie. Was gilt Ihr Ur⸗ theil? Sie ſind kein Prinz Paris, denn Sie haben gerade in dieſen letzten Tagen Ihrem Geſchmack die größte Bettiſe gemacht. Aber eine Entſchuldigung wol⸗ len Sie. Da iſt ſie im Tuche; der Ball im Schloſſe am heißen Abende hat mich angegriffen, ich habe Blut 1 gehuſtet.— Ludovica! rief Baron Fritz entſetzt und mitleidig aus, von widerſtrebenden Gewalten hin⸗ und zurückge⸗ zogen. Sie ſind eine Wahnwitzige, die den Vormund 3 bedarf. Warum erfuhr ich den böſen Zufall nicht ſo⸗ gleich? Ich hätte die Gäſte abgeſagt. Warum iſt der Arzt noch nicht da?— Laſſen Sie das Komödienſpiel gut ſein, Heißen⸗ ſtamm, lächelte die Dame, und ihre Blicke ſtachen; des Königs Arzt beſuchte mich längſt, und das bischen Blut hat nichts zu bedeuten, und gibt dem Herzen Luft und Kühlung. O der Ball verdiente ſolch kleines Opfer; der König ſelbſt ſprach und tanzte mit mir. Und wo waren Sie indeß, Sie armſeliger Menſch, der nicht weiß, was ſchön und groß iſt, und der den Lebensgenuß auf Vieh⸗ weiden und in Schafhürden ſucht. Haben Sie vielleicht ein armes Lämmchen getröſtet?— Der Baron kannte ſich kaum mehr in dem Aufkochen des durch leichtſinnige Spötterei, durch herzloſen Hohn entzündeten Herzblutes. Madame, ſagte er hart, ich ver⸗ vitte dieſen Ton; haben Sie auch längſt vergeſſen, daß Sie freiwillige Gelübde gegen mich übernahmen, hat auch die egyptiſche Knechtſchaft des Vaterlandes unter — ut nd en as h⸗ cht en hn er⸗ aß hat 63 tauſend Plagen auch die größte gebracht, den Verluſt der ſo lang geprieſenen Schamhaftigkeit und Zucht der deutſchen Weiber, ſo bin ich doch nicht geſonnen, in meinem Hauſe die altdeutſche Sitte des Herrnrechts ab⸗ kommen zu laſſen. Ich verbiete Ihnen von heute an allen Umgang mit den galanten Pariſerinnen; Gleich und Gleich geſellt ſich leicht, daher wuchſen die Be⸗ kanntſchaften gleich den Giftpilzen in einer Nacht; ich verbiete die Toilettenbeſuche, von denen ich gehört; deutſche Frauen ſollen ihr Negligèé nur weiß und fein halten vor des Mannes Augen. Ich verbiete den fran⸗ zöſiſchen Doctor, und werde ſogleich nach einem andern ſenden. Wird einer dieſer Befehle übertreten, ſo reiſen Sie zur Stunde zurück auf das Waldſchloß, wo mir die Hut meiner Ehre leichter werden möchte.— Die Gnädige richtete ſich halb auf in der Ottomane, ſtützte den ſchlanken Leib auf den linken Arm, und ſah mit durchbohrenden Blicken einige Sekunden ſtarr in des Mannes Augen. Wie er tobt, der Tyrann der Schö⸗ pfung, hob ſie dann an mit eiſigem Tone; ich verbiete, ich drohe, ich zertrümmere, das iſt Donner auf Donner in ſteigender Potenz. Aber betrachten ſie dieſes Brief⸗ chen, mein tobender Nero; es iſt klein, zart, mit golde⸗ nem Schnitt und Miniaturbuchſtaben, und dieſes unbe⸗ deutende Papierchen iſt ein feuriges Schwert für mich gegen Sie, und mit dem Ablaßbrieflein in der Hand ſpotte ich aller Ihrer vulkaniſchen Worte.— Dieſes Billet? rief der Baron empört. Und Sie wagen mir mit dem kBillet-doux eines Adorateurs zu drohen? Sie verlaſſen ſich unverſchämt genug auf die Vertheidigung des frechen Amants gegen den Ehegatten? Her damit! Nur ſolcher Zeugen bedarfs, um meinen 64 Wünſchen die Krone zu bringen.— Er nahm haſtig das Papier aus der Hand der Dame und riß es von einander, indem ſie mit ſchadenfrohen Zügen im Geſicht ſich wieder bequem zurücklegte in die Kiſſen, und behag⸗ lich aus dem Kryſtallbecher die kühlende Tiſane ſchlürfte. Heißenſtamm las und erſtarrte. Das Billet war der Verrätherbrief des Präfekturraths; das Billet enthüllte ſchamlos ſein heiligſtes Geheimniß, wurde beglaubigt durch die Anführung der Scenen auf der Wilhelmshöhe und im Augarten, warnte die Baronin, hetzte ſie auf zu ernſtem Einſchritt rechtmäßiger Eiferſucht; die Unter⸗ ſchrift des Schreibens fehlte, das Sigel trug nur einen Oblatenſtempel.— Jammermann! Wie er daſteht der Herr der Schö⸗ pfung, nachgepfuſcht dem Ebenbilde des Paradieſes! höhnte die Baronin. Und was ſagen Sie zu dem Ro⸗ mänchen?— Schändliche Verleumdung! Die Polizei ſoll den Pas⸗ quillanten erforſchen! Wir müſſen eine Prämie ausgelo⸗ ben! ſtotterte er, unter dem Flackerfeuer falſchen Zornes die rothe Flagge der Beſchämung verbergend.— Ungeübter Lügner! fiel ſie ein. Auch in der kleinſten Hofkunſt ſind Sie doch ein Landjunker geblieben. Kom⸗ men Sie her, Fritz, geben Sie das Billet, verbrennen Sie es; wir wollen Frieden machen, und auf ſo ver⸗ nünftige Bedingungen, wie ſie nur je der große Kaiſer ſtipulirte. Ich bekenne, ſeit dem Tage, wo Sie mir den reichen Hochzeitſchmuck ſchenkten, haben Sie mir keine ſolche Freude gemacht als heute durch den Inhalt dieſes Billets. Sie gaben mir dadurch einen Freiheitsbrief, und glauben Sie mir, ich werde ihn benutzen. Die Flitter⸗ wochen liegen hinter uns, der ſchäferliche Liebestraum — — à 65 iſt verſchwunden; Sie haben andere Freuden lieb, andere Sehnſuchten als ich, ſo laſſen Sie uns klug neben ein⸗ ander hergehen, ohne uns je zu berühren; lernen Sie die Anſtandsrolle ein vor der Welt, dann werden wir, jeder ſeinen Weg verfolgend, ungekränkt durch den An⸗ dern, unſern Reichthum genießen im Schatten eines ewi⸗ gen Hausfriedens.— Entſetzlich! fuhr der Baron empor. Welch ein Ge⸗ müth enthüllen Sie mir. Ich glaubte, nur Leichtſinn und Gefallſucht wären die böſen Geiſter meiner Ehe geworden, aber eine hölliſche Furie hat ſich in mein Bett gedrängt. So hören Sie denn; ja, ich bekenne mich ſchuldig zu Allem, was der ſchändliche Brief enthält! ich fordere Sie auf, es zu nutzen für Ihre Freiheit; ich will opfern von meinem Vermögen, ſo viel ich muß. Kein Preis iſt mir zu hoch, um aus dieſem glühenden Netze zu kommen, worin die Ehre Aſche werden muß, und das der Wahnſinn umſchwirrt. Aber nur bald ſtel⸗ len Sie mich als Sünder dem Gerichte dar.— O mit nichten, mein armer Adamsenkel, fiel die Baronin ein, deren Kälte durch die tief gekränkte Eitel⸗ keit jetzt auch in heiße Bitterkeit ſich zu wandeln begann. Es bedurfte Ihres Bekenntniſſes gar nicht, denn meine Leute folgten allen Ihren Schritten, und wenn auch der mürriſche Mann den Diener bezahlt, für die ſchöne freundliche Frau opfert er doch den Herrn. Wollte ich die Geſchichte benützen, hätte ichs ohne Ihren Willen ge⸗ konnt, aber das ſagt mir doch nicht zu. Warum ſollte ich Ihres Namens und Ihres Reichthums entſagen? Ja, wenn gewiſſe Verhältniſſe anders lägen. Warum ſollte ich mich der Spötterei der gebildeten Welt ausſetzen, wenn ich auftrete als eine eiferſüchtige Närrin, die ſo wenig Blumenhagen. 1II. 5 66 über ein ungebildetes Stolz und Selbſtgefühl beſäße, ſich ängſtigen zu kön⸗ Gänschen, über eine Bürgerdirne nen, und ſie als eine Nebenbuhlerin betrachten zu mögen. Nein, mein theurer Fritz, ſo tief werden Sie mich nie herunterziehen, und wenn Sie ſelbſt auch noch tiefer her⸗ abſtiegen, und der Hirtendirne Ihres Dorfes am Heu⸗ ſchober ein Rendezvous zuſagten.— Fort! fort von hier, ſoll der Verſtand mein bleiben! raſete der Baron auf. Aber es wäre Glück, wenn der Wahnwitz das Gehirn des Elenden zerrüttete, den das Schickſal verdammte, langſam auf ſolchem Laurentius⸗ Roſt verzehrt zu werden. Lachen Sie nur, Madame, ich werde Mittel finden, dieſen Uebermuth zu bändi⸗ gen, und fände ich keine, ſo ſahen Sie mich zum letzten Male.— Adieu pour toujours! das heißt bis zum Souper! rief ſie laut lachend dem Fortſtürzenden nach, der wie von Furien gepeitſcht durch die Säle und über die Stei⸗ gen hinabflog, und erſt draußen im Wehen der Abend⸗ luft, und als das Schloß mit ſeinen grauen Mauern vor ihm aufſtieg, Beſinnung wieder erhielt, und Be⸗ ſchlüſſe für ſeine Zukunft zu faſſen im Stande war. — „. Der Unſchuld, mit dem Himmelsſtempel des Friedens auf dem Angeſichte, iſt eine geheime Gewalt gegeben, vor welcher auch das verwildertſte Männerherz nicht be⸗ ſteht. Darum ſenkt ſich mitten in der Aufregung der Siegesluſt, mitten im Blutrauſche der Mordluſt, mitten im Gräueljubel der Plünderung des Kriegers Schwert, wenn ihm ein Kind die Händchen entgegenhebt, und mit den Taubenaugen bittet, und nur der Abſchaum der ns en, be⸗ der ten ert, mit 67 Menſchheit, nur entartete Nationen entehren den Krieg und den Kriegerſtand durch Kindermord und Jungfrauen⸗ ſchmach, und verdienen nicht, daß man ein Kriegsrecht gegen ſie anerkennt, da der Kampf mit ihnen keine Ehre bringt, und nur dem Vertilgungskampfe gleicht, den man gegen die Unthiere der Wälder unternimmt. Aber mehr noch als des Kindes Unſchuldsantlitz wirkt ein Blick auf die reine fleckenloſe Geliebte; er iſt ein Spiegelblick, der uns in Reue über die eigenen Flecken erſchüttert; er iſt ein Blick aus einer wüſten Nacht in ein Morgen⸗ roth, deſſen Goldlicht alle böſe Träume zu einem Still⸗ leben umwandelt, welches nur durch die einzige Sehnſucht velebt und auch wohl geplagt wird, daß es nimmer ein Ende nehmen möchte. Herr von Heißenſtamm flüchtete zu dem einzigen Ort, wo er ein Aſyl zu finden hoffen konnte vor den Verfolgungen der Furien, die ſich an ſeine Schritte gehangen. Es war das Stübchen, wo Madame Blank und ihre Emma bei dem Scheine der Aſtrallampe durch das Erſchaffen feiner weiblichen Kunſt⸗ werke, gleich der Penelope und Arachne, den langen Abend hintrieben. Wie ein Engel mit dem Feuerſchwert, der an der Paradieſespforte ſein ſchreckliches Zurück! ruft, ſo erſchien ihm Emma's Bild im erſten Augenblicke, als ſie im weißen Hauskleide ſich zu ſeiner Begrüßung er⸗ hob. War er ſelbſt denn nicht ein Sünder, ein Lügner und Betrüger? Durfte er in Zornglut wüthen über fremde Schuld, die gegen ihn begangen 2 Hatte ſein Vergehen vielleicht auch den Urſprung aus einer fremden Sünde genommen, und wäre nicht geworden ohne ſie; —mindert das die Schuld?— Das fragte er ſich bei dem zweiten Blick auf die Jungfrau; aber nicht mehr wie der ſtrafende Engel des Gerich ts ſtand ſie jetzt ihm gegenüber 68 nein! der eine Moment der Reue in ſeinem Herzen hatte auch die Umgebung in ſeinen Augen gewandelt. Emma war zum Friedensboten geworden, der ihn fort⸗ winkte aus der langen Hölle zu dem einſamen Eilande der Liebe. Mit langen Blicken ſah er auf die Geliebte, und wenn ihr Anblick auch ſein Blut nicht kühlte, ſo wirkte er doch ſo beſänftigend auf ſein empörtes Gemüth, daß er Faſſung gewann, Platz nahm neben den Freun⸗ dinnen, obgleich ſeine Frage: Ob er angenehm ſei? Ob fie ſein gedacht ſeit geſtern? bebend von den heißen Lippen kam.— Sorgſam ſah das Mädchen in ſein ent⸗ ſtelltes Antlitz, aber die Madame fragte ängſtlich und neugierig. Es iſt nichts mehr von den Geſpenſtern vorhanden, ſeit ich Ihre Schwelle überſchritt, liebe Freundin, ſagte er zu der Mutter. Und was wars auch? Nicht ohne Riß und Wunde erringt man das Höchſte, nicht ohne Opfer die Krone des Lebens. Emma iſt Schuld, daß mich der Sturm der Zweifel umherwirft, daß meine Seele ſchwindelnd, wie der Schwimmer zwiſchen Stru⸗ deln, umhertreibt und die rechte Bahn verlor. O ſpräche dieſe verſchloſſene Lippe das rechte Wort, würde der ſeligſte Friede mit der feſteſten Entſchloſſenheit aus Emma's Zü⸗ gen in die meinigen übergehen.— Und welches Wort ſollte Emma ſprechen? fragte Madame Blank geſpannt. Mädchen dürfen nur antwor⸗ ten; die Blume muß warten, bis ihre Farbe oder ihr Duft eine Hand zu ihr heranlockt.— Habe ich denn nicht gefragt mit Auge, Mund und ſtiller Schwermuth, ſprach der Baron ſchwärmeriſch. Gab es, ſeit ich Emma ſah, einen Ort auf Erden, wo ich Ruhe gehabt hätte außer dem Fleckchen neben ihr? 1 69 Lag nicht die ganze Freude meines Tages in die Stunde eingeſchloſſen, wo ich hier ihr gegenüber ſein durfte, und war nicht der übrige Theil des Tages wüſt und freu⸗ denlos, und ſeufzte ich nicht die Nacht herauf, wo ich doch ohne Störung mit Emma's Bilde allein ſein konnte. O nur neben Emma lebte ich ſeit jenem ſchönen Feſte der Maien; von ihr fern blieb mir nur ein Pflanzen⸗ daſein ohne Sonne, und der traurige Strauch wandte ſich ſtets nach dem Oſten, wo ſie nicht für ihn glänzte. Und hat das Emma nicht Alles gehört von meinem drei⸗ ſten Munde, geſehen in meinem Auge und in den Kum⸗ merzügen des blaſſen Geſichts, und doch hat ſie der deutlichen Frage keine Antwort geſchenkt?— Mit einem ſchwimmenden Blick ſah Emma zu dem Sprecher auf; es lag Vorwurf darin, aber zugleich auch ſchon die Vergebung. Die Fragen waren undeutlich, ſagte ſie halblaut und darum vielleicht die Antwort ſchon viel zu beredt.— Emma, rief Baron Fritz, darf ich glauben, feſthal⸗ ten, jauchzen? O wenn Sie wüßten, was Sie verſöh⸗ nen, gut machen, welche tiefe Wunden verbinden und heilen für immer; wie Sie ein langes, geheimes, nie ausgeklagtes Unglück verwiſchen und in Glück wandeln; wie Sie eine Seele retten von Verzweiflung und Läſte⸗ rung. Aber Ihnen ſoll dafür vergolten werden; wie eine Königin will ich Sie durchs Leben tragen; jeden Wunſch will ich am Morgen dieſem Ange entwenden, und gelang mir die Erfüllung, Abends aus dieſem Agge allein meinen Lohn empfangen. Wir wollen keine Welt kennen außer uns, und die Welt ſoll uns nicht kennen. D Emma, welch eine Zukunft ſchimmert und funkelt mir entgegen! aber wirſt Du ſie auch mögen, wie ich ſie 70 ſehe? Wirſt Du nichts beſitzen, nichts kennen wollen als mich, den Mann Deines Herzens und Deiner Liebe 2 Er hatte ſich ſtürmiſch neben dem Mädchen niederge⸗ worfen, hatte ihre beiden Hände ergriffen, und preßte wie ein Wüthender ſeinen Mund wieder und wieder auf den Sammetarm, und Emma, obgleich überraſcht und erſtaunt, wehrte ihm nicht, und ihre Finger drückten ver⸗ ſtändlich die ſeinigen. Gemach, mein Herr, ſprach aber die Madame Blank dazwiſchen, verſchüchtern Sie mir das arme Mädchen nicht mit ſo ſonderbarem und ungewohntem Angriff. Wie kommen Sie mir denn vor, und welche Bedeutung blickt aus ſolchen Räthſelreden? Nun ja, Emma liebt Sie, Emma hat in mein Mutterherz ihr Geſtändniß ge⸗ legt, aber meine Tochter will zart angefaßt ſein; Ihre Haſt könnte meinem zarten Pflegling weh thun; ſehen Sie nur, wie das Blut ihre Wangen erhitzt.— Iſt es wahr? rief der Baron mit ungekühlter Heftig⸗ keit dazwiſchen; Emma, log die Mutter nicht, ſpottet die kalte Frau nicht meiner Fieberglut? So gäbe es noch eine Verſöhnung zwiſchen mir und dem Schickſale? Ja, Du biſt wahrhaft wie Dein Auge! Dir iſt das Wort heilig, darum ſprichſt Du ſo ſelten. Emma, darum nur ein Wort, und die Gewißheit wird mich zum zahmen Knaben machen, der Deinem Lenkſeile folgen wird ge⸗ duldig wie der Löwe dem Amor.— Die Mutter lügt nie! flüſterte Emma, und mit einem Jubelruf drängte der Baron die herangetretene Madame Blank zurück, umſchlang mit beiden Armen das Mädchen, und zog ſie feſt an ſein Herz, als käme jetzt erſt ihm die Angſt, er könne die kaum Gewonnene verlieren. Und nahe ſchwebte auch ſchon die Nemeſis, die keine Sünde nk en ng e⸗ re en ig⸗ die och Ja, ort nur nen ge⸗ em me en, ihm Und 71 unbeſtraft läßt. Eine Männerfauſt ſchlug draußen feſt auf die Thürklinke, und herein ſtürmte der junge Georg von Heiligenſtein mit einem wahren Kannibalengeſicht und zorngeballten Händen, und vom wildeſten Grimme ſo ergriffen, daß er, der Damen uneingedenk, ohne Ein⸗ trittswort auf den Baron zuſprang, und mit dem gewal⸗ tigen Arme eines zornigen Polyphemes ihn fortriß vom Herzen der Geliebten. Nicht der Zufall war Schuld an der unerwarteten Störung, ſondern der böſe Dämon unſerer Geſchichte, der neidiſche Hageſtolz, trug auch dieſen Herzensmord auf ſeiner ſchlangenkalten Bruſt. Wohl hatte er beim Beginn ſeiner Abendpromenade den Baron in das Haus ſchlüpfen ſehen, und mit hämiſcher Luſt in dem ganzen Weſen deſſelben die Wirkung ſeines Urias⸗Briefes zu er⸗ kennen geglaubt. Mit innerm Kitzel ſetzte er ſeinen Weg fort zum Frankfurter Thor hinaus, erſtaunte jedoch nicht wenig, als ihm dort ſein ferngeglaubter Reffe auf ſchweiß⸗ bedeckter Roſinante im Mondlicht entgegentrabte. Mit einer Stentorſtimme rief er den erſchrockenen Jüngling an, und das ſpaniſche Rohr wie ein Regimentstambour durch die Luft ſchwingend, trat er vor den ſchwerathmen⸗ den Gaul, und fragte nach der Urſache ſolches Ungehor⸗ ſams und ſolch eigenmächtiger Rückreiſe. Der junge Heiligenſtein verhehlte dem gefürchteten Familienhäupt⸗ linge die Wahrheit nicht. Die Geſchäfte waren befohlenermaßen abgemacht, ſtot⸗ terte er; die unſichere dunkle Nachricht von der Feuers⸗ brunſt in der Straße, wo mein geliebter Okel wohnt, ſetzte mich in Schrecken, und, gnädigſter Onkel, auch das Herz wurde gezogen wie vom nordiſchen Magnet⸗ berg; ich konnte nicht mehr in ſolch ſibiriſcher Verbannung 72 leben, mußte wieder in die Stadt, wo die liebe Cou⸗ ſine iſt.— Ich will vergeben, wenn Du thuſt, was ich jetzt befehle, antwortete der Rath. Du reiteſt durch die Ne⸗ bengaſſe in mein Hinterhaus, ſtallſt das Pferd ein ohne Lärm, und gehſt mit leiſem Schritte zu Deiner Stube. Die Tante wohnt dort ſeit dem Feuer. Horche immer ein wenig, mein Söhnchen; ſie werden gewiß von Dir reden, und wenn Dir auch ſo ein Gefühl aus Norden und Sibirien über den Rücken rieſeln möchte, es wird Dir gut thun, ich wette.— Sie wohnen bei uns? Ich werde ſie überraſchen, und in der Ueberraſchung erkennen, ob ihr Herz nach mir ſchlug, rief der getäuſchte Neffe. Dank, lieber Ohm, da iſt kein Angſtfroſt zu fürchten, denn ich fühle jetzt ſchon ſpaniſche Hitze im Geſicht.— Möge ſie in ſpaniſche Eiferſucht ausblaſen und Dich zotal kuriren; flüſterte der Alte dem Reiter nach, und marſchirte dann langſam ebenfalls nach der Stadt zurück, um ſeinen Antheil an dem Luſtſpiele nicht zu verlieren, was er ſo klüglich componirt und eingeleitet zu haben vermeinte. So bildete ſich der Einbruch in das friedliche Ge⸗ mach der Frauenzimmer, der dieſe mit Entſetzen erfüllte, da ſie einen entſprungenen Tollen bei ſich wähnten, ehe ſie den Vetter in dem Unverſchämten erkannten. Der kräftige Baron hatte gewandt den überraſchten Anfall abgeſchüttelt, aber nun ſeinerſeits den Feind ſo feſt an beiden Armen gepackt, daß er wie ein mit Zentnerketten Beladener regungslos Rede ſtehen mußte. Unſinniger Menſch, daß Dich meine Hand nicht er⸗ droſſelt, verdankſt Du der Gegenwart dieſer Damen; ch d ck, en te, he er 73 ſtieß Heißenſtamm ergrimmt heraus. Aber jetzt bekenne augenblicks, biſt Du Mörder, Räuber oder Tollhäusler, damit ich die ehrloſe Hand, die mich betaſtete, nach der Weiſe beſtrafe, wie es ihrem Gewerb zukommt.— Sehen Sie denn nicht, Baron, es iſt ja mein Neffe, kreiſchte die Madame Blank; ein dummer Spaß von Dir, Georg, den ich dem Onkel ſogleich erzählen werde.— Nun, beim Himmel, der Spaß möchte zu grimmem Ernſte werden! murmelte der erſtaunte Baron, indem er ſeinen Gefangeuen losließ. Dieſer aber rollte die Augen noch glühender, und warf die Arme wie unſinnig umher, ehe er Sprache und Athem finden konnte.— Iſt denn die Welt wirklich nur ein Tummelplatz der Schlechtigkeit, wie ſie der Onkel nennt? ſprach er mit greller ſchrillender Stimme auf die Tante hinein. Kup⸗ pelt die Ehrbarkeit, und iſt die Tugend nichts als Mas⸗ kenkleid und Theaterflitter? Wie es möglich, Tante, wie konnten Sie ſolchen Skandal zulaſſen? O dürfte ich Ohr und Auge für Lügner erklären, mein Glück, mein Glaube wäre zu retten; aber beide hat dieſe Minute für immerdar zertrümmert.— Armer Junge, tröſtete die Tante, alſo die Eifer⸗ ſucht?— Was Eiferſucht? tobte der Junker fort. Verachtung hat die Eiferſucht nie zur Schweſter. Daß die bleiche Dame, die dort wortlos wie ein Steinbild ſteht, ſpröde that gegen mich, mußte ich dulden; aber daß ſie meiner Tante Tochter heißt, daß ſie unter meiner Tante Na⸗ men und vor ihren Augen ihre Ehre ſelbſt mit Füßen tritt, dulde ich nicht, und auch der Ohm wirds nicht dulden.— Herr von Heiligenſtein, rief der Baron, wahren Sie 74 Ihre Zunge; kein Edelmann hört ſolche Läſterung ohne Blutdurſt.— Sind Sie ein Edelmann? lachte ſchallend der Jüng⸗ lgin. Nun, beim Teufel, dann wollen wir unſern Na⸗ men in die Auction ſchicken, um ihn ſchnell und wohlfeil los zu werden. Ja, es wird mir Licht; ſo nur konnte das ſich geſtalten; Er allein iſt der Böſewicht; dieſe, die Tante, das ſtille Mädchen ſind betrogen worden. Rein, Ihr wißt nicht, Ihr könnt nicht wiſſen, daß Die⸗ ſer da verheirathet, daß er ein Ehemann iſt! Wie ein Blitzſtrahl aus reinem Himmel traf der Schlag. Unmöglich! ſchrie die Mutter und warf einen raſchen durchdringenden Blick auf den Baron. Emma aber, die bleich und bebend bis jetzt Zuſchauerin der Scene geweſen war, that einen einzigen lauten Kreiſch, der aber alles Entſetzliche enthielt, was über ſie herein⸗ vrach, und und wie der Klang eines gebrochenen Herzens der Hörer Mark erſchütterte; dann ſank ſie zurück in den Sopha, und ſchlug beide Hände vor das leichenweiße Angeſicht. Wie außer ſich warf der Baron ſich ihr zu Füßen: Emma, rief er mit Todesangſt, richte nicht jetzt; höre, ſtirb nicht, ehe Du mich gehört. Ja, es halten mich Bande, aber die Zeit der Löſung iſt nahe; und nur Dir lebe ich, nur Dich liebe ich; zuerſt mußte ich Deiner Liebe gewiß ſein, nicht früher konnte ich Dir enthüllen, was unſerm Glück im Wege lag.— Fort! Fort! Abſcheulicher! ſtammelte das Mädchen und wand ſich wie in Todeskrämpfen. Da riß ſich der Baron empor, und faßte gewaltthätig des Junkers Hand.— Knabe, donnerte er, Du haſt zerriſſen, was mitten im Sturme der Welt ſich wie durch Wunder und Gnade — —— 3 n er rs en de 75 des Schöpfers gebaut; Du haſt einen Schiffbrüchigen von dem Brette geſtoßen, auf dem er zum Lande ſchwamm. Aber du ſollſt den Judas⸗Schilling nicht einſtreichen mit hämiſcher Freude. Du biſt Edelmann; hinaus zur Stunde nach Schaumburgs Gartenſalon; hinaus und Piſtolen, Degen und Sekundanten geſucht. Biſt Du mit dem Glockenſchlag Zehn nicht dort, ſo laſſe ich Deinen Na⸗ men an alle Schandſäulen Niederſachſens nageln, und ſuche Dich mit dem Schwerte bis in die Hölle.— Einen Blick voll Verzweiflung warf er noch auf das Mädchen. Nein, nein, ich war Dein nicht unwerth, und that ich Sünde an Dir, ſoll mein Blut ſie zahlen!— Mit dieſem Ausruf riß er die Thür auf, und beide Strei⸗ ter ſtürmten der Hausthür zu, denn auch dem jungen Heiligenſtein war der Ausruf zum Duell in ſeiner Stim⸗ mung das Willkommenſte, und er hatte mit Geberden und einzelnen Worten ſeine Zuſtimmung deutlich gezeigt. In der Hauspforte ließ der Baron des Junkers Hand, rief nochmals: Punkt zehn Uhr bei Schaumburg! und ſprang links die hohe Treppe zur Straße hinab. Wohl ſah er im Halblichte, daß dem Junker, der rechts hinab⸗ bog, eine menſchliche Figur entgegentrat, daß Beide heftig zuſammenſtießen; wohl hörte er einen harten Schlag auf das Pflaſter, aber ſein erhitztes Gemüth konnte jetzt nichts kümmern als der Ruf nach Blut, die wilde Sehnſucht nach dem rettenden Tode in Rache, und ſo ſtürzte er fort über den Platz ſeiner Woh⸗ nung zu. 8. Vor dem kleinen Palaſte auf der Bellevue⸗Straße, den der Herr von Heißenſtamm für ſeinen Aufenthalt zu 76 Kaſſel gemiethet, hemmte ſich der Eilſchritt des Barons auf einige Sekunden. Es war ihm, als träte eine gei⸗ ſtige dunkele Geſtalt rieſengroß zwiſchen ihn und die Pforte, und murmelte ſchauerlich:„Geh nicht weiter! drin iſt die Hölle!“— Er ſah hinauf; die Zimmer ſeiner Gemahlin waren hell, viel Bewegung ſchien oben, flüch⸗ tig tanzten Lichter und Schatten hin und her; die Fenſter des Flügels, den er bewohnte, waren ſchwarz und ſtill. — Wahres Bild unſeres Ehelebens, flüſterte er zu ſich hinein. Hier der lodernde Vulkan, Flamme und Rauch und Gepraſſel; dort die ſchwarze ausgebrannte Lava. O möchte noch heut' das letzte Fünkchen zertreten werden! — Sie wird plötzlich geſund geworden ſein, wird zur völligen Herſtellung ſich den Tanzmeiſter und ein Fran⸗ gaiſen⸗Quartett haben bitten laſſen, und verflüchtet ſo den Eindruck meines ernſten Wortes.— Kalt, ja faſt ſpöttelnd ſprach er das, und ging von der Pforte zum Thorwege, den er offen fand und ſo ſeinem Wunſche gemäß zu einer engen Hinterſtiege ge⸗ langen konnte, welche ihn, ohne das Innere der Haus⸗ flur zu berühren, an ſein eigenes Zimmer führte. Er ſchloß auf, machte Licht durch das electriſche Feuerzeug, und zog den Glockenzug. Niemand kam, er ſchellte zwei⸗, drei Male, immer ſtärker und länger. Endlich ging die Thür auf, aber nicht ſein Kammerdiener, ſondern der junge Jokey der Baronin ſtand vor ihm, kreideweißen Antlitzes, mit verlängerten ſtarren Geſichtszügen, als ſähe er in dem Herrn eine geſpenſtige Erſcheinung. Wo ſteckt Karl? Wo der Jäger? zürnte der Baron ihm entgegen. Habt ihr Alle den Reſpekt verloren, ihr Schurken! Hinunter, Du Mondſüchtigen, ſie ſollen ron en, 77 tommen; der Jäger ſoll die Piſtolen und Ladezeug mit⸗ bringen.— Ach! ſtammelte der Burſch, der Herr Kammerdiener und der Jäger Konrad ſuchen ja Euer Gnaden ſchon eine Stunde lang in der Stadt. Ja, es iſt ein grau⸗ ſamliches, recht unglückliches Unglück; aber der Herr Baron darf keinem von uns darüber zu Leibe gehen, weder mit Stock noch Piſtolen; wir find Alle wahrhaftig unſchuldig wie ein neugeboren Kind, und haben alle Doktors zuſammengerufen, und gerade jetzt erſt gingen ſie alle vier fort, und ſagten: es ſei gar nichts zu machen. — Der Baron horchte auf.— Von welchem Unglücke ſprichſt Du? fragte er mit Ernſt.— So wiſſen Sie es nicht? entgegnete der Jokey er⸗ ſchrocken. Und ſahen doch ſchon ſo blaß und bedonnert aus. Ja, wir Alle waren faſt des Todes, als Mosje Florentin zu der Frau Baron geſprungen kam, und mit Heulen und Wehklagen erzählte, wie ſein Herr, die Excellenz, der Herr General Fingato, im königlichen Stalle von einem Zeugſchmied erſchoſſen ſei, mauſetodt, aus purer Eiferſucht; Le Sage heißt der Böſewicht, und wird doch auch wieder daran müſſen.— Todt der General? fiel heftig der Baron ein. Und meine Frau?— Erzähle aus, bleicher Bote.— Ach! du mein Gott! heulte der Burſch. Die gnädige Frau that einen Schrei, der einem das Herz umwendete. Ja, die Excellenz war auch immer die Unterthänigkeit ſelbſt gegen die Frau Baronin. Dann ſprang ſie auf, lief mit dem Sacktuch vor dem Geſicht in der Stube herum, und mit Einemmale ſank ſie in den blauen Lehn⸗ ſtuhl, die Backen wurden bleich wie Leinwand, aber das 78 klare rothe Blut ſtürzte aus dem Munde auf den Fuß⸗ boden hin. Wir halfen, wir liefen nach dem Doktor, aber ſie war hin, mauſetodt wie der General, das ha⸗ ben eben die Herren erklärt, die ſie über eine Stunde lang gebürſtet und gewaſchen hatten.— Todt? Sie und Er? Gottes Gericht, und gerade jetzt? murmelte der Baron vor ſich hin. Ja, ich ſehe die Wetterwolke am Himmel; dort zieht ſie noch, ſchwarz trägt ſie noch mehr der tödtenden Blitze in ſich; noch einer wird herabfahren, mich treffen, und ſie treffen die Unſchuld, die Reinheit, welche nichts that, als daß ſie einen Unglücksgebornen liebte. Leuchte vor, Burſch, ich will zu der Baronin! Der zitternde Knabe, welcher mit verſteinertem Ge⸗ ſichte zugehört, und nach dem Fenſter geſchauet hatte, um das Gewitter und den Wetterſtrahl zu ſuchen, ſchoß bei dem Befehl zuſammen, als hätte ihn wirklich ein Blitz getroffen, nahm aber ſchnell das Licht, und ging dem Herrn voran.— In dem Gemache ſeiner Frau an⸗ gekommen, herrſchte der Baron die Dienerſchaft hin⸗ aus, dann nahm er die Kerze, trat zum Bett und ließ den Schein auf das blaſſe erſtarrte Geſicht der Todten fallen, die mit geſchloſſenen Augen, am Lailach herab⸗ abhangendem Haar und lang ausgeſtreckten Armen dalag, und auf deren Fingern noch der koſtbare Brillantring blitzte, wie zum Spott der zerſtörten und für immer erloſchenen Herrlichkeit. Den Baron ſchüttelte ein innerer Fieberfroſt; ſeine wildentſtellten Züge wurden ſanfter; Mitleid und Trauer nahmen den Platz des Haſſes und der Verzweiflung ein. Arme Selbſtzerſtörerin, ſagte er, ſo iſt die große Komödie nun zu Ende, und Du liegſt da wie der — —— 8— 3* 79 Warnungsſtein des eigenen Uebermuths. War es denn nicht auch die Liebe, welche uns zu einander zog? Tauſch⸗ ten wir nicht Wort und Ring der Liebe?— Nein, nein, rief er dann plötzlich und wandte ſich entſetzt vom Bett, es war nicht die Liebe, es war ein Blendwerk vom Geiſte der Lüge und zum Verderben erſchaffen, und es hat ſeinen Zweck erfüllt, es hat uns Beide zernichtet. Aber wohl uns Beiden, die Galeerenkette iſt geſprengt, an der wir Beide gingen in gräßlich⸗enger Geſellſchaft; Du wirſt nicht mehr den Scorpion eiſiger Gleichgültigkeit auf mein Herz ſetzen, wirſt nicht mehr mit weiblicher Tyrannei das Mannes⸗ herz empören, nicht mehr mit der eigenwilligen Herrſch⸗ ſucht das ſchöne Ebenbild entſtellen, was Dir der Schöpfer von ſich ſelbſt aufdrückte. Wer Dich jetzt ſieht, kann nicht glauben, daß dieſe milde Geſtalt den Teufel eines Man⸗ nes beherbergt, kann nicht glauben, daß ein Laſter Dir den Tod gab.— Er ſtellte das Licht hin, und ſchritt mehre Male unruhig im Zimmer hin und her. Aber wie iſt es denn mit mir von jetzt an? fragte er lauter. Iſt nicht meine Kette gebrochen von Gottes Hand? Kann ich mit langem Athemzuge rufen: Du biſt frei? Du darfſt wieder auftreten wie ein Mann ohne Scham, ohne Furcht vor Schergen und Spion; du darfſt wieder ringen nach der Krone des Glücks! Soll ich ein Dankgebet richten an das erlöſende Schickſal? — O verſtumme, Sohn der Sünde! Dein Jubel iſt entſetzlich; jene bleiche Menſchenmaske klagt auch dich an. Warum riſſeſt du ſie leichtſinnig an dich ohne Prüfung? Warum ſetzteſt du Härte gegen Härte, und warſt Eis gegen Eis? Geduld, Ernſt und ächte Liebe hätten auch dieſe Unglückſelige vielleicht auf die rechte Bahn geführt. Und iſt dein Jubel nicht das Vivat 80 eines Trunkenbolds? Iſt Emma nicht verloren? Nein ſie würde vergeben; die wahre Liebe vergibt Alles; aber der Tod wird heute noch auch zwiſchen dieſen Bund treten, weil der Schierling der Sünde von mir zu dem Kranze eingebunden wurde. Ich fühle ſchon das Blei des tollen Vetters in meiner Bruſt, und vielleicht gut ſo, denn es könnte ſonſt noch weit Schlimmeres aus dieſer Cadmusſaat ſich geſpenſtiſch erheben. Fort, fort, zum Kampfe, ehe dieſe Leiche ſich aufrichtet, und mich wiederum einzwängt in ihre kalten Arme. Soll es ge⸗ ſtorben ſein, ſo ſei es wenigſtens um die Geliebte, und in einem Traume von Glück. Er ging zur Thür, doch vor ihm wurde dieſe raſch eröffnet, und ſein Kammerdiener reichte ihm einen Brief, den ein eilfertiger Reiter ſo eben am Eingange des Ho⸗ tels abgegeben hatte.— Der Baron erbrach das Siegel und las mit Erſtaunen folgende Zeilen:— —„Ihr frevelhaftes Eindrängen in eine glückliche und friedensſtille Familie hat das gräßlichſte Unheil an⸗ geſtiftet. Die Lüge, mit der Sie die Tugend beleidigten und umgarnten, iſt zum Morde gewachſen. Mein guter Ohm, mein väterlicher Wohlthäter iſt durch mich ge⸗ mordet. Als Ihre Wildheit mich fortriß zum Hauſe hin⸗ aus, ſtieß ich auf ihn, ich warf ihn rücklings die hohe Stiege hinab, daß ſein Haupt auf dem FPflaſter zer⸗ ſchellte. Blaß, mit blutigem Haar liegt der Gemordete vor mir, der durch mich Gemordete, dem er zweiter Vater war; die Tante iſt außer ſich und ſpricht den Fluch über Sie und mich, die unſchuldige Emma liegt in Todesfiebern. Zuviel iſt das für mein Auge und mein Herz; eilen Sie hin, Sie Unmenſchlicher, vielleicht wiſſen Sie dergleichen leichten Sinnes zu ertragen. Ich komme 81 nicht zum Duell; meine Seele iſt belaſtet genug; ich überlaſſe Sie den Rachegöttinnen und Ihrem eigenen Gewiſſen. Mein Weg geht hinaus in die Welt, über das Meer; wo werde ich dieſen Abend vergeſſen lernen? Im Tode vielleicht, den ich ſuchen muß, und der mir allein Ruhe verſpricht und Löſung des Zwieſpalts in meiner Seele. Eine Hölle iſt in mir, dem Schuldloſen, dem Fortgeriſſenen; wie muß Ihnen ſein, dem Verbrecher, dem Urheber dieſer Frevel? Ja, ich habe Ihnen keine Verwünſchung zuzurufen, denn die Furie muß längſt in Ihrem Herzen wohnen. Georg von Heiligenſtein.—“ Immer tiefer hinab! So iſts recht. Du ſchwarze Macht der Erde! knirſchte der Baron, indem er das Billet zerdrückte. Auch ſie noch todt, dann wäre das Spektakel vollſtändig, und man erführe hier ſchon, wie einem ewig Verdammten zu Muthe ſei.— Er gab dem Kammerdiener die nöthigen Befehle wegen der Leiche, und verließ dann entſchloſſen ſein Haus. 9. Recht hatte er geahnet, denn noch Böſeres wartete auf ihn, als er mit Beben die Wohnung des Präfektur⸗ raths zu betreten wagte. Er fand die Madame Blank in dem untern Zimmer, wo der Unglücksakt ſeinen An⸗ fang genommen. Er hatte eine heftig erregte Mutter erwartet, er hatte ſich gefaßt gemacht, auf eine Flut von Verwünſchungen und Vorwürfen, hatte die mildeſten Reden der Beſänftigung, die triftigſten Entſchuldigungs⸗ gründe ſich voraus zur Wehr in dem Gedächtniß geſam⸗ melt, aber er bedurfte ihrer nicht. Die arme Frau, deren Verſtandesmaaß nicht groß genug gemeſſen für ſolche Ereigniſſe, die ihr bisher ganz Fß der Grenze Blumenhagen. II. — 82 der Möglichkeit gelegen, war zernichtet, gebrochen, und ſah in ihm, den ſie hätte haſſen müſſen, einen Stab, einen Retter, einen Engel. Mit verwirrten Worten er⸗ fuhr er von ihr, daß der Rath wirklich in Todesgefahr ſei, daß eine arge Gehirnverletzung in Folge des Sturzes ſtatt habe, daß er ſich unter den Werkzeugen der Wund⸗ ärzte befinde: aber das Erſchütternſte kam nach. Baron, ſagte ſie, mögen Sie ſchlecht ſein oder gut, Sie haben Emma geliebt warm und mehr als gut; o ſo ſchaffen Sie mir das Mädchen wieder! denn ſie iſt fort, und Niemand weiß wohin, und das Entſetzlichſte aller Bilder ſteht vor meinen Augen, und lähmt meine Glieder bis zum Tode.— Wie eine Marmorſäule ſtand der Baron, nur ſeine beiden Hände griffen nach dem eigenen Herzen, welches wie mit ſcharfen und glühenden Krallen gepackt wurde. Er wollte reden, fragen, die Zunge war ihm ſteif und hart und bewegungslos im Munde; gewaltſam mußte die Seele den erſtarrten Körper aufreizen, fortſtoßen, es gelang ihm, und obgleich die Glieder ihm den Dienſt verſagten, die Gebeine unter ihm zu brechen ſchienen, und er mehr wankte als ging, ſo kam er doch auf die Straße, und von der Nachtluft erfriſcht, ſtürzte er fort, und der Name:„Emma!“ klang von ſeinem Munde wie der Ruf eines Schiffbrüchigen laut und ſchneidend in das Dunkel hinaus.— Von Gaſſe lief er zu Gaſſe, von Platz zu Platz;„Emma! Emma!“ klang überall ſein Verzweiflungsruf; wandernde Zunftgeſellen ſpotteten ihm nach; ſtutzige Wachtpoſten riefen Drohworte hinter ihm her, und das neunfache Echo des Königsplatzes trieb ſeine Angſt bis zum Wahnſinn hinauf, denn es däuchte ihm, als höhnten ihn aus jedem Winkel der Fürſt der 83 Hölle und ſeine Verdammten. Er ſtand am Spring⸗ brunnen einen Augenblick, um Athem zu ſchöpfen; ſein Hut war verloren, der Schweiß triefte an Haar und Geſicht herab, und doch war die Stirn kalt wie Eis. Da brachte das Plätſchern der Fontaine einen Gedanken in ſein Gehirn, der ſeiner trocknen Lippe den furchtbarſten Angſtſchrei entriß, den vielleicht je ein Sterblicher in Todesnoth ausgeſtoßen. Er raffte ſich von Neuem auf, ſein einförmiger Ruf tönte von Neuem durch die Nacht und er eilte in die Gegend des Schloſſes und den Ufern der Fulda zu. Da ſah ſein flimmerndes Auge dicht vor ſich einen Mann im hellen Ueberrock und der Bären⸗ mütze; ein weißgekleidetes hochgewachſenes Frauenzimmer wurde von ihm mit Sorgſamkeit geführt. Emma! rief der Baron, und ſtürzte in die Kniee vor der weiblichen Ge⸗ ſtalt; ſie machte eine Bewegung, als wollte ſie fliehen, doch ihre Kraft verließ ſie früher, und ſinnlos ſank ſie herab auf des Mannes Schulter und in ſeine Arme.— Heißenſtamm, Sie ſind es? fragte der Grenadier. Und Sie kennen dieſe unglückliche Perſon?— Ob ich ſie kenne, Halm? ſtammelte der Baron; v wo fanden Sie die Arme? Ewig werde ich dieſer Wohl⸗ that Schuldner bleiben. Sie entreißen mich einer Verlegenheit, antwortete Graf Adolph; denn ich wußte nirgend hin mit ihr, und konnte ihr kein zuſammenhängendes Wort abzwingen, ſeitdem ich ſie von der Unglücksthat abhielt.— Unglücksthat? fragte mit Entſetzen der Baron.— Ja, ja, verſicherte der Kapitän, es war nichts Ge⸗ ringeres als ein Sprung aus dem Leben, den die junge Dame beabſichtigte. Als ich meine Runde am Schloſſe machte, ſchimmerte mir auf der Terraſſe, dicht neben der 84 Treppe, welche zum Fluſſe tief hinabführt, dieſes weiße Kleid entgegen. Neugierig ging ich und behutſam näher, finde ein Weib knieend am Boden, ein lautgeſprochenes Angſtgebet verrieth mir den Zuſtand ihres Gemüths und ihren gräßlichen Vorſatz. Als ſie mich erblickte, ſprang ſie auf, und ſtürzte der Treppe zu und wahrlich, ich kann es Glück nennen, daß ich ſie feſthielt, und nicht mit ihr den böſen Sturz in die Tiefe machen mußte. Auf alle meine Reden und Fragen antwortete ſie ſeitdem nichts, ließ ſich führen wie ein Opferlamm; auf mein Wohin? erklang mir ein eintöniges:„Aus der Welt,“ und ſo veſchloß ich die Unbekannte zu meiner Schweſter zu brin⸗ gen, und dann über ſie Forſchungen anzuſtellen.— Sie iſt meine nächſte Verwandte, Graf! rief der Baron. Die Schweſter meiner Seele, die Freundin mei⸗ ner Herzens. Morgen ſollen Sie Alles wiſſen, Alles er⸗ fahren. Jetzt ſchaffen Sie nur einen Fiaker; dort um die Ecke ſah ich mehre halten.— Der Grenadierkapitän ſprang fort, und der Baron bedeckte indeſſen Emma's Mund mit heißen Küſſen, bis er ihr Erwachen empfand, bis ihr Auge durch das Halb⸗ dunkel ihn anglänzte.— Emma! ſprach er mit ſchmerzlichem Tone und tiefſter Empfindung. Emma, was wollteſt Du thun? Welches ungeheure Leid wollteſt Du auf die Bruſt Deines Ge⸗ liebten werfen?— Sie ſah ihn ſcheu an, dann ſammelte ſich nach und nach ihre Beſinnung. Du hatteſt mich ja betrogen, Fritz, ſagte ſie halblaut, und da war ja nichts mehr für mich zu thun in der Welt, und kein Platz mehr da für mich unter dem Himmel. Und laß mich, laß mich! Du darſſt mich ja nicht umfangen, Du gehörſt einer Andern, und ——— 85 konnteſt meine Einfalt belügen, die nie ein Wort von der Ari gehört hatte, wie Du es ſprachſt. O das war eine ſchwere Schuld!— Emma! beſchwor der Baron mit Innigkeit und Angſt, vertraue mir nur jetzt, und zerreiße nicht den letzten Faden noch, an dem mein und Dein Glück flattert. Nein, ich laſſe Dich nicht, und ſollte der Mann mit Gewalt⸗ that die Liebe zwingen müſſen! Nein, ich log Dir nicht; meine endloſe reine Liebe war nicht Lüge, nicht Trug der Verführung; was ich Dir verſchwieg, mußte ich Dir verſchweigen, weil ich Dich liebte. Aber, ſo wahr ich einen Gott glaube, der das Entſetzliche verhinderte und wieder Licht werden ließ in meiner furchtbarſten Nacht, ich bin frei und feſſellos in dieſem Augenblicke; das heiligſte Band ſoll uns binden offen vor der Welt; Niemand hat mehr ein Anrecht an mich; Alles löſete die Unglücksſtunde, und ſchuf uns ein neues Leben, wie das Erdbeben in Zerſtörung neue Länder aus dem Meere hebt! Du wirſt mein ſein, ich Dein bis zum Grabe, eine Seele, ein Leib, wir unſere alleinige Welt, und kein Kümmerniß um die feindliche Fremde außer uns! Aber Emma muß Ihrem Geliebten glauben, bis er ihr Ueberzeugung geben kann.— Das Mädchen ſah wie eine Verwirrte auf den Knien⸗ den herab. Fritz, ſagte ſie ſeufzend, o könnteſt Du jetzt lügen und in dieſem ſchweren Augenblicke, ſo hätteſt Du keinen Theil an Gott, und der letzte Betrug an einer Verlaſſenen würde ſündlicher ſein vor des Himmels Au⸗ gen wie der erſte.— Schwüre ſind ſchon oft gebrochen, und nichts, was entweihet werden kann, genügt in dieſem Augenblicke, entgegnete er. Mädchen, horche auf meine Stimme, 86 6 horche dann auf Dein eigen Herz. O Du, die ich zuerſt geliebt, denn all meiner Sinne Haſchen und Ergötzen von vorhin war Knabentand!— O Du, die ich liebe mit unbändiger, mich faſt ſelbſt erdrückender Leidenſchaft, tönt denn meine Stimme Dir mit dem Klange der Lüge? Emma, und was klingt herauf in Deiner Bruſt? O Mädchen, in dieſer entſetzlichen Stunde, wo der Gedanke eines Doppelmordes über Deine Unſchuldsſeele kam, ſprich mir das Verſöhnungswort: Liebſt Du mich noch? Wirſt Du mich ferner lieben?— Emma's Haupt ſank nieder an das ſeinige. Hat es Dir denn der ſündige Wahn⸗ witz nicht ausgeſprochen, Du unerſättlicher Mann, fragte ſie halblaut. Grab und Liebe ſtehen ſich nah, beide ſind ſtill und ſüß verlockend, beide reichen ſich die Hand zur Hülfe in Noth. Ich konnte nicht auf Erden ſein ohne Deine Liebe; haſt Du das nicht verſtanden aus meinem gottesläſterlichen Thun? So nimm mich denn feſt, ich will ja nichts als Dich, aber bring mich weg von hier, ſieh, ſchon ſehen die Menſchen auf uns, und ſammeln ſich.— Wohin willſt Du? Zu des Oheims Hauſe? fragte der Baron, als jetzt auch der Miethwagen heranraſſelte.— Nein! Nein! rief Emma mit Haſt. Ich kann Nie⸗ manden wieder vor Augen treten, den ich vordem gekannt. Ich habe Alle aufgegeben in jener ſchrecklichen Stunde, und nur Dir kann ich ohne Scham in das Auge ſehen. Ach, ich war Deine Sklavin von jener erſten Berührung an auf dem Berge; mache denn mit mir was Du willſt; ſein und leben ohne Dich könnt' ich nicht; ſo führe mich fort in Wüſte und Wildniß, aber nur weg von hier, weit⸗ hin, wo Niemand mich kennt und mich ſieht als Du.— Der Baron hob ſie in den Wagen, und brachte ſie in ſeine Wohnung. Dort erfuhr ſie den Zuſammenhang der 87 traurigen Verhältniſſe, und wenn auch Schauder ſie mehr⸗ mals dürchrieſelte, das arme verlaſſene, mit der Welt unbekannte, zum erſten Male liebende Mädchen hatte keine Wahl mehr, mußte vergeben, wo ſie ein beſtochener Rich⸗ ter war, denn die Sünde, welche geſchehen, war ja um ſie geſchehen, und erhob ſie über die entſeelte Beleidigte. Der Baron ſchrieb einen Beruhigungsbrief an Madame Blank, machte den Grafen Halm zum verſchwiegenen Vettrauten, und legte die Beſorgung aller nöthigen Ver⸗ änſtaltungen in ſeine Hände. In der Mitternachtsſtunde fuhr ſein Reiſewagen aus dem Thorwege, und er ent⸗ führte ſeine Emma aus der Reſidenz in die ſtillen ſichern Wälder, welche ſein Stam chloß umgaben, welche der Verführung keinen Zugang eßen, und in denen das un⸗ verdorbene Gemüth nicht durch die Eitelkeit und Gefall⸗ ſucht und das Beiſpiel leichtſinniger Schweſtern verlockt werden konnte.—— Der Raum, welcher dem Zeichner dieſer Skizze ein⸗ geräumt wurde, erlaubt keine weitere Ausführung des gewählten Gegenſtandes; vielleicht dürfte die Neugierde der geehrten Leſer an einem andern Orte und zu einer andern Zeit weitere Befriediguug finden. Um aber der Romanze den gehörigen Schluß zu geben, wollen wir zuletzt noch einen Brief vorlegen, der ſechs Jahre nach jenem Unglückstage den Weg vom Schloſſe Heißenſtamm nach der Königsſtadt Berlin nahm, und dort den Empfän⸗ ger nicht wenig überraſchte.— Baron Fritz von Heißenſtamm an den kriegsgefangenen Kapitän der franzöſiſchen Lanciers, Georg von Heiligenſtern zu Berlin. Leſen Sie ohne Haß und Unwillen dieſes Blatt, mein 88 lieber Vetter, wenn auch der unterſchriebene Namt Sie an eine verhängnißreiche ſchwere, Leidensſtunde Krinnern möchte. Ihr Schreiben iſt glücklich auf⸗Heiligenſtein an⸗ gekommen, und die Familie, erfreuet den lang Verſchol⸗ lenen wieder zu haben, hat mich erwählt, Ihnen die nöthigen Wechſel zu überſenden und Sie aufzufordern, ſobald es möglich iſt, in unſere Arme zueilen. Herzlich wünſche ich Ihnen Glück zu der Rettung aus Rußlands Schneewüſten und dem Eiswaſſer der Bereſina; daß däs ernſte Kriegshandwerk, daß die großen mitdurchfochtenen Weltbegebenheiten den zündbaren, brauſenden Knaben zum ernſten Manne gewandelt haben, bezeugt Ihr eignes Schreiben. Wir begegnetenhns einſt, lieber Kapitän, in einer Leidenſchaft, das muß uns fernerhin nicht zu Fein⸗ den, ſondern zu echten Freunden machen; war doch der Gegenſtand, um den wir warben, würdig des⸗ edelſten Strebens, ein Preis, für den kein Opfer zu groß blieb. Ich wurde der Glücklicheße, aber darum muß Georg nicht grollen; der Zufall ſprach vielleicht für den weniger Würdigen, aber erkannt habe ich die hohe unverdiente Gunſt, und bei dem Himmel, ich habe Alles gethan um ſie zu verdienen, und das Weſen zufrieden zu machen, durch welches mir ein neuer Schöpfungstag geboren ward. Sie müſſen eine kurze Aufklärung erwarten. Da iſt ſie. In jener Stunde, wo Ihr unbedachtes Wort einen Sturin heraufbeſchwor, der unſer Aller Untergang hätte werden können, in jener Stunde hatte ſchon der Tod mich frei gemacht und meine Hand für Emma gelöſet. Der Sturz, den unſere Raſerei veranlaßte, brachte den Prä⸗ fekturrath dem Grabe nahe, und nur die Trepanation rettete ſein Leben, das jedoch durch die Unvorſichtigkeit der guten Madame Blank faſt zum zweiten Male gefährdet 89 wurde Kaum war nämlich der Rath wieder aus ſeinem Todesſchlafe zur Beſinnung gekommen, kaum hegten die Wundärzte einige Hoffnung, ſo nutzte die vom Gewiſſen gemarterte gutherzige Frau den erſten einſamen Augen⸗ blick, um dem Kranken zu entdecken, daß ihre vermeinte Adoptivtochter, meine Emma, ſeine Tochter ſei, das Kind ihrer Jugendfreundin, Henriette von Teufen, welche der Hartherzige verführt und dem Elende preisgegeben. Im Blank'ſchen Hauſe hatte die unglückliche Mutter ein Aſhl der Freundſchaft, ein Verſteck für ihre Ehre, und als der Gram ſie getödtet, das Kind die herzigſte Pfle⸗ gerin gefunden. Auf den Rath wirkte dieſe für jeden Andern zermalmende Nachricht nicht ſchädlich. Freilich ſank er eine Weile in Bewußtloſigkeit zurück, und ſang wieder jene ſchrillenden Triller unter den Eistüchern ſei- nes Scheitels, die bei ſolchen Kranken zum Grauſen der Wärter oft erklingen, aber bald kehrte der vorige Nach⸗ laß zurück, er ließ ſich gern von der neuen Tochter vor⸗ plappern, fragte nach mir und—— genaß. Emma war indeß von mir aus dieſen ſtürmiſchen Brandungen geborgen worden, und wohnte zu Heißenſtamm in dem Hauſe meines ehrwürdigen Predigers, in der Geſellſchaft der redlichen und geiſtreichen Frau deſſelben, die Zeit erwartend, wo die Sitte unſere Vereinigung erlaubte. Das war ſeit der Stunde der Vergebung die einzige For⸗ derung geweſen, welche die ſtille Jungfrau mir gethan. O Kapitän, welch einen Schatz hatte ich gefunden! Was umſchloß dieſe dichte Kokosſchale für Lieblichkeit und Er⸗ zuickliches!— Unergründlich iſt die Tiefe dieſes Gemüths wie die blaue Weltſee, welche in ruhiger Unermeßlichkeit vor uns wallt, das ſchöne Bild der Ewigkeit. Welche Gefühlsglut flog mir enigegen, wie ein Frühlingsathem 90 wärmend und belebeud, als meine Liebe den Schnee der Kinderſcheu geſprengt hatte, der ihre Schranken geworden! Welch heftige Innigkeit der Neigung, welche Feſtigkeit des Willens, welches klare Verſtandsurtheil überraſchte mich! Jeder Tag entwickelte vor meiney Augen eine neue Blüte, und ich pries den Herrn, und weihete mich und mein ganzes Leden dem Dienſte der Lieblichen, welche als mein Genius erſchien, als ich an Abgründen ſtand und in undurchdringlicher Nacht wanderte.— Ich ritt nach Kaſſel, und verſöhnte mich mit Alleh; nur Sie wurden von Allen vermißt, und ſtörten unſer Friedensfeſt durch einen unerfüllten Wunſch, der darum ein Schmerz werden mußte. Der Präfekturrath beſtand darauf, daß Emma nicht wiſſen ſollte, wer ihr Vater ſei, aber er ſetzte ſie zu ſeiner Haupterbin ein, und dar⸗ um fand ich es nothwendig, Ihrer Verſchwiegenheit dieſes Geheimniß zu vertrauen, da Sie einſt der beſtimmte Univerſalerbe waren, obgleich auch noch jetzt Sie keine Klage über des Alten Teſtament rufen dürfen, da es Sie reich bedenkt, und Sie auch mit uns zufrieden ſein ſollet. Der Alte wollte mir eine große Predigt halten, aber ſchon in dem Eingange machte ihm ſein böſes Gewiſſen die Controverſe; denn er ſelbſt, in ſeinem Hageſtolzen⸗ Eifer hatte den Ingenieur geſpielt und die Pulvermine angelegt, die uns beinahe ſämmtlich in die Luft geſprengt; das hatten mir indeß die Umſtände und der Zufall ver⸗ rathen. So trieb ich ihn ſelbſt in die Enge, bis er Chamade ſchlug und nichts mehr gegen meine Verbin⸗ dung mit der lieblichen Emma einwenden konnte. Die Folgen ſeiner gefährlichen Kopfkrankheit bewwogen ihn, Poſten und Reſidenz aufzugeben, aber wir konnten ihn nicht dahin bringen, bei uns auf Schloß Heißenſtamm 91 ſein Quartier aufzuſchlagen.„Muß ich mich nicht ſchä⸗ men über den einzigen dummen Streich meines Lebens, ſobald ich die Emma anſehe?“ ſagte er mürriſch.„Und das Kindergequarr würde mich in drei Monaten unter die Erde bringen!“— So hat er ſeine alte Wirthſchaft wiederum angefangen, nur auf eine andere Manier, aber zuvor, durch Schaden gewarnt, abgeſchworen, ſich je wieder in Liebes⸗ oder Heiraths ⸗Affairen zu mengen. Stadt der Frau Sabel commandirt ihn jetzt ein alter Invalide, den er als Factotum zu ſich genommen, der mit ihm den Weinkeller leer macht und mit ihm auf die Weiber ſchilt und auf die tolle Gewohnheit des Hei⸗ rathens. Dabei treibt er in ſeinen Holzungen die Vo⸗ gelſtellerei im Großen, zerſtört alle Vogelneſter, weil er das verliebte Schlagen der Männchen nicht leiden kann, und deßwegen ziehen ſich die klugen Sangvögel alle zu meinen Buchhainen herüber, wo ein Glücklicher ſie hegt mit ihrer Brut und in ihre Mailieder einſtimmt. Emma ſchenkte mir vier Kinder, worunter ein Zwillingspaar frommer und ſanfter Mädchen, wie die Mutter iſt. Wenn ich dieſe rothbackigen ſorgenloſen Kleinen anſehe, und mit einem Erziehungsplane für ſie mich beſchäftige, dann ſteht, wie mit großen Buchſtaben auf den ſchwarzblauen Gewitterhimmel geſchrieben, die Geſchichte meiner Lebens⸗ tage mir vor Augen, und ich mache die Moral derſelben zu der Baſis meines Gebäudes für die Zukunft der Kin⸗ der. Laß die Leidenſchaften nicht wachſen in Dir, denn ehe Du es meineſt, ſchießen ſie auf zu Rieſen und wer⸗ den Deine Herrn, Deine Gewaltiger, denen Du erliegſt. Mäßige Deine Wünſche, und lerne ſie früh beſiegen oder voch der Prüfung Deiner Vernunft unterordnen, dann gehſt Du geduldig und ſtill durch die Wetter des Lebens, 92 und ſie berühren Dich nicht. Halte dich an dich ſelbſt, lebe nach Innen, dann bleibſt Du reich für Dich und Andere und wenn die Welt Dich auch bettelarm hielte; Schildkröte und Schnecken waren bei den Alten die Bil⸗ der weiblicher Häuslichkeit, und die Alten wußten ſinnig zu ſymboliſiren. O Vetter! der ewigen Gerechtigkeit nach hätte der Roman meines Lebens ſchrecklich enden müſſen, aber um der einen Friedlichen und Gerechten willen wurden die Frevler verſchont.— Kommen Sie bald zu uns, Kapitän; ruhen Sie aus bei uns von dem furchtbarſten aller Feldzüge, und theilen Sie unſer Friedensglück. Sie haben das Mädchen ge⸗ liebt, die Frau werden Sie anbeten, wie ich es thue, und Ihre Huldigung wird mir keine Eiferſucht wecken, ſondern Freude geben, denn Emma iſt wahrhaft, und jeder Zweifel an ihr würde mir ein Verbrechen dünken. Aber wenn Sie ſich eine Gattin wählen, Kapitän, ſo fliehen Sie die plappernden, witzelnden, tanzenden und trillernden Mädchen der Welt; bleiben Sie Ihrem erſten Geſchmack getreu, ſuchen Sie die Stille, Schweigſame; unzugänglich für den Verſucher, vergeudet ſie nichts von dem, was Natur ihr mitgab, und ihre Liebe wohnt auf einem Eilande mitten im Meer, und nur der erſte Ent⸗ decker wird ihr einziger und ewiger Herr, und gibt ihr den Namen und den Platz im Leben.— „ 2 — — 8 — — — — ₰ — õn Nobelle. Zwei Jahre ſchon ruhete mein Vater in unſerer Fa⸗ miliengruft zu Ottershain. Ich hatte ihm meinen Thrä⸗ nenzoll gebracht, obgleich er ſich unmittelbar wenig im Leben um mich gekümmert, da ihn ſein hoher Staatspoſten völlig dem Familienleben entfremdete. Von meinem neunten Jahre an wurde ich auf einer Ritterakademie echt junkerhaft erzogen, trat im ſechszehnten als Cornett in ein Kavallerie⸗Regiment der Provinz, focht die Völ⸗ kerkriege durch, und ſtand jetzt, ſechsundzwanzig Jahre alt, wegen einer ſchweren, jedoch gut geheilten Wunde an der Schulter, mit dem Titel Major, entlaſſen, frei und geſund in der Welt; mein Spiegel und die Augen der Damen nannten mich einen wohlgebauten angeneh⸗ men Mann, den die gebräunte Hautfarbe und das blitzende Augenpaar über dem dunkelen Barte gefährlich mache; der Tod meines Vaters, den ich ſeit meines Militär⸗ dienſtes nur jährlich einmal, während der großen Muſter⸗ zeit, geſehen, machte mich zu einem der reichſten Cavaliere des Königreichs, und ſo fühlte ich, des lockern und wüſten Junkerlebens müde, zu dem mich ſo nur Langweile und Beiſpiel hingeriſſen, daß ich alles in der Welt beſaß, was man Glücksgut zu nennen pflegt, einen Gegen⸗ ſtand ausgenommen, nach deſſen Beſitz die jungen Män⸗ ner alle mit Jagdhitze und leichtſinniger Opferung zu 96 ringen pflegen, und den gar viele, wenn ſie ihn mühſam gewannen, gern wieder zu dem niedrigſten Preiſe los⸗ ſchlügen, wäre es überall, wie in dem überfreien Eng⸗ land, anſtändig, die Dame des Hauſes an dem Leitſeile auf den Taubenmarkt zu führen und mit einem kurioſen Liebhaber um die arme verſtoßene Gluckhenne zu feilſchen. —„Wer ein Weib nimmt, thut wohl; wer's nicht, thut beſſer!“ ſchreibt der alte Sirach. Mir ſchien es übermüthig, beſſer thun zu wollen, als Vater und Groß⸗ vater gethan hatten, und ich beſchloß gleich ihnen, mit dem wohlgethan mich zu befriedigen, da überdem die Pflicht auf meinen Schultern laſtete, das alte Haus der Ottershainer, deſſen letzter und einziger Sproß ich war, der Welt zu erhalten, die es vormals oft gebraucht, und wie aus den eigenhändig geſchriebenen, höchſt glaubwür⸗ digen Memviren meiner Vorväter zu unumſtößlicher Ge⸗ wißheit ward, ohne ſie längſt aus ihrer Bahn gewichen und zu Trümmern gegangen ſein möchte. Es war daher beſchloſſen, den ſchönen Sommer ohne Aufſchub zu benutzen, und förmlich auf die Brautſchau zu reiſen, wie es die alten Ritter wohlbedacht gethan, da überdies die Fräulein meiner Nachbarſchaft, und die Töchter des kleinen Städtchens, an deſſen Kleefelder meine Güter grenzten, mir keine Amanda nach meinem Sinne zu zeigen hatten, und ich gar zu genau mit ihren kleinen und großen Aventuren durch wechſelſeitige Schmähſucht, dem Erbgebrechen der Eventöchter, bekannt geworden. Ich hatte mir, wie jeder in meiner Lage zu thun pflegt, ein Ideal entworfen; zum Ablaſſen konnte man ja im⸗ mer ſich verſtehen. Ich verlangte keine Göttin von Knidos⸗ weder Pallas noch Juno; aber angenehm mußte ihr Aeuße⸗ res ſein, Harmonie in ihren Formen herrſchen, die Sphäre 87 überall, jedoch mit Maaß vorwalten; verſtändig ſollte ſie ſein, ohne Schlauheit, gebildet ohne Prunkſucht, vor allem aber mußte das Herz den ſchärſſten Goldſtrich halten, die Kindlichkeit durfte nirgend fehlen, denn ſie iſt ja der eigentliche Gürtel der Aphrodite. Wer ſucht, findet ſelten, dem Sprichwort zum Trotze, und ſchon hatte ich ganz Süddeutſchland durchzogen, in jeder Haupt⸗ ſtadt, an jedem Badeorte meine ſcharfen Augen bis zum Blindſein aufgeriſſen, war von vielen Schönheiten an⸗ gezogen und abgeſtoßen faſt ärgerlich auf die Heimreiſe bedacht geweſen; da traf mich ein lieber Kriegskamerad in H..„und beredete mich leicht, den letzten Sommermonat annoch in dem Bade zu P... zu verſchwelgen, wohin er durch ein Familien⸗Geſchäft gerufen wurde. Kapitän Claypole war ein Engländer, trug aber nur die Hoch⸗ herzigkeit, den unerſchütterlichſten Muth, den offenen Sinn und den freiſten Anſtand als Hauptzüge ſeiner Lands⸗ leute in ſich und an ſich, hatte ihnen aber ihren ab⸗ ſtoßenden Nationalſtolz, ihre Ungeſelligkeit, ihren Froſt gegen Fremde, und ihre Steifheit im Aeußern gelaſſen, ohne ſein Theil von dieſem Volksſtempel für ſich mit auf den Continent zu nehmen. In Paris beſtanden wir manch gefährliches, manch ſcherzhaftes Abenteuer mitein⸗ ander, ſtanden wie Kaſtor und Pollux beiſammen in Noth und Luſt, und freueten uns jetzt der Gunſt des Schickſals, das uns vergönnte, wenigſtens auf eine kurze Zeit die zerriſſenen Lebensfäden wieder zuſammenknüpfen zu können. Wir kamen an in dem ſchönen Thale, das die Wun⸗ derquellen birgt, an denen einſt die geſchlagenen Römer ihre Wunden banden, und die ermatteten Glieder durch deutſchen Stahltrank zu einer neuen Hermannsſchlacht Blumenhagen. II. 7 98 erſtarkten und vorbereiteten. Die klaſſiſche Gegend, welche ich zum erſten Male betrat, wirkte erhebend auf meinen geſpannten Geiſt, und als wir den ſteilen Berg im Zickzack langſam herabfuhren, und die ſchönen wal⸗ digen Höhen ringsum ſich vor mir ausbreiteten, die alten dunkeln Alleen zu winken ſchienen, das freund⸗ liche Städchen zu uns herauf lachte, da däuchte es mir, als wehe in der kühlen duftreichen erquicklichen Abendluft der Hauch eines verwandten Weſens zu mir her, und ein mildes Willkommen flüſtre aus den Lindengipfeln herauf.—— Mein Freund bezog mit ſeiner glänzenden Equipage das große Badehaus; ich blieb, meinem Plane getreu, ein ſtiller Diogenes zu ſein, der unbeachtet ſuchen wollte, und quartirte mich zur Seite des Prachtgebäudes in das kleine Häuschen eines wortarmen Quäkers ein, wo Nie⸗ mand einen lebeluſtigen freiwerberiſchen Major vermuthen konnte, und wo ich nach Gefallen rechts die einſamſte Promenade und die Wildniß des Bomberges für meine finſtere Eremiten⸗Laune zu wählen, eben ſo ſchnell aber links meine Menſchenliebe in das Gedräng der bunten Brunnenwelt zu ſetzen vermochte. Die erſte Frühpromenade brach mir keine Roſen, und ließ mich kühl, wie der Auguſtmorgen ſelber war. Die Geſellſchaft erſchien ſo zahlreich wie brillant; ein aus⸗ wärtiges Fürſtenhaus hatte einen Kreis ihm untergebe⸗ ner Edelleute um ſich geſammelt, und bildete mit dieſem das glänzende Centrum der Saiſon. Einige reizende Polinnen blendeten die Männerwelt; mich nicht, denn ihre Augen prunkten mit Feldherrn⸗Erfahrung, und wer ſagte mir, wie Mancher aus ihrem zarten Seidenſchuh ſich ſchon einen Rauſch getragen. Was ſonſt vom ſchönen ————„ 8 4 99 Evengeſchlechte in der großen Allee, gehüllt in Seide⸗ oberrock ä la Türk, oder ſchmiegſam umſchloſſen vom feinen weißen Morgenkleide, das den Anſchauer ſelbſt frieren macht, oder veſtaliſch eingemummt in Schleier und Shawl, mit dem goldberandeten Henkelgläschen am zarten Finger, hinab und herauf ſpazierte, erſchuf zwar in lockenden Wechſelbildern den ſchönſten und gefährlich⸗ ſten Guckkaſten für ein junges Männerauge, aber ich hatte die Abendfahrten der blitzäugigen Neapolitanerin⸗ nen im Corſo, ich hatte die Sonntags⸗Cavalkaden der Pariſerinnen mit ihren Danaengeſtalten und Ledaköpf⸗ chen geſehen, und war abgeſtumpft für den eiteln Sin⸗ nenreiz, den nur die Form erregt, vorzüglich da, wo ſie wie auf dem Modenmarkte in ſichtlich ſich überbieten wollenden Varietäten zur Schau ſteht oder geht, tanzt oder in ſchmachtender Nymphenlage zu ruhen ſcheint. Ich kam mit kühlen Wangen und ganz normal ſchla⸗ gendem Herzen von der erſten Waſſerpromenade heim, und beſchloß nur drei Tage P. s wohlthätiger Dryas meine Huldigung zu zeigen, denn ſchon dieſer erſte Tag hatte mir kund gethan, daß man in norddeutſchen Bädern die Hauptwürze des Badelebens nicht antrifft. Und was könnte auch für den geſchwächten Leib und die kranke Seele wohlthuender wirken, als das freundliche zwang⸗ loſe Familienleben, welches ſo vielen Heilquellen den Wunderring magnetiſcher Anziehung gibt, ſo daß Man⸗ cher, der ſie einmal beſuchte, für das ganze Leben ſie nicht mehr miſſen kann, und ſo wie die Roſen blühen, hingezogen wird, in dem lieben Felſenthale für das kommende Jahr ſich die Erquickung und nachwirkende Erinnerung zu kaufen. Hier hatte ich das nicht gefunden. Die Silberbäche der Geſelligkeit ſammelten ſich hier in 100 keinem gemeinſamen Baſſin; einzeln vergeudeten ſie ihre Wellen in kleinen, faſt heimlichen Zirkeln, abgeſchieden ſaßen und gingen Stände und Landsmannſchaften; dieſe geſchiedenen flüſternden Haufen, beſchattet von den dunkeln Laubgängen, gaben dem Leben einen myſteriös⸗ſchauer⸗ lichen Anſtrich, und ich wünſchte mich fort in der erſten Stunde, und blieb nur der ſchönen Natur wegen, die mich entſchädigen ſollte, fand ich auch als einſamer Wanderer keine menſchliche Staffage, zwiſchen den wild aufſtrebenden Höhen und Schluchten. Claypole holte mich ab zur Tabled'hote im Kaffee⸗ hauſe. Ihr müßt mir nicht grollen, Freund, ſagte er im Hingehen, daß ich dieſe erſten Tage mein Leben von Euch trenne. Verwandte, die nicht eben Günſtlinge des Schickſals ſind, ſuchte ich hier, fand ſie, jedoch in einer Lage, die meines Beiſtandes mehr wie je bedürftig iſt. Vielleicht bedarf ich ſogar Eurer Unterſtützung, denn die Situation iſt wahrlich ſo drückend und beängſtigend, daß ſelbſt ein altengliſch Gemüth den Muth verlieren könnte.— Rechnet auf mich, antwortete ich, gebraucht mich wie Ihr möget, Börſe, Fauſt, Leib und Seele ſtehen für den Waffenfreund zu Dienſt.— Nur die Seele möchte ich in Anſpruch nehmen, ent⸗ gegnete er, denn geiſtiges Leid kann nur durch geiſtige Kraft bezwungen werden.— Er ſchwieg, in trübe Gedanken verſunken, und meine Achtung für ſeinen erprobten Charakter bezwang die er⸗ wachende Neugier; ich folgte ihm ſchweigend durch die Schatten der Brunnen⸗Allee, in der die gellende Glocke die Sehnſüchtigen zum Tafelgenuß aus allen pier Welt⸗ gegenden zuſammen läutete. 101 Die Tafel in dem freundlichen Saale war wohlbe⸗ ſetzt, aber meine trübe Bemerkung im Freien wiederholte ſich hier zwiſchen den geſchloſſenen Wänden noch ſprechen⸗ der. Keine allgemeine Unterhaltung belebte die Tiſch⸗ freuden; die lieblichen, geſchmackvoll geputzten Damen ſaßen wie Schaugerichte da; man flüſterte zu Zwei und Drei, und die Trompeten des Muſikchors ſprachen über⸗ laut für Alle, da ſogar ein genialer Vorredner zu man⸗ geln ſchien, der durch allgemein anſprechende Toaſte die, aus allen Ländern Europa's zuſammengewehte Geſell⸗ ſchaft in einem Gefühle hätte verknüpfen und dadurch die erſtarrten Zungen entzaubern mögen.— Auch hier, wo ich es am wenigſten erwartet, überkroch mich ſchon die Unbehaglichkeit mit erkältenden Schlangenringeln, und ich glaubte an den leckern Forellen und dem ſchmackhaf⸗ ten Wildbraten den einzigen Erſatz ſuchen zu müſſen, als nicht fern von mir zwei Tiſchgenoſſen mein Ohr durch eine pikante Unterhaltung anlockten, und bald darauf auch mein Auge feſſelten. Nach befriedigtem Appetit ſchien der Wein ihre Lippen entfeſſelt zu haben, kräftig und laut führten ſie ihr Wort, und mit aufmerkſamen lächelnden Zügen horchten ihre Nachbarn auf die Spre⸗ cher. Ohne Widerſpruch waren ſie die älteſten der Gäſte, und deſto verwunderter betrachtete ich das ſeltſame Paar. Beide waren weit über das Alter der Liebe hinaus, und mein Nachbar, ein gefälliger Jägersmann aus der Nähe, taxirte den einen als einen Neunziger, den andern als einen Achtundachtziger, und betheuerte mir Ungläubigen die Wahrheit ſeiner Abſchätzung, indem ſie ſchon ſeit zehn Jahren jeden Sommer am Brunnen unter die merkwürdigſten Gäſten gezählt worden, unter dem Bei⸗ namen der alten luſtigen Dioskuren gekannt und allgemein 102 geachtet wären, und, trotz ihres verſchiedenen Standes, ein Muſter treuer Freundſchaft ſtets dargeboten hätten. Man ſah ſie nur zuſammen, ſie kamen wie ein Kranich⸗ paar an demſelben Tage, zogen ab an demſelben Mor⸗ gen. Trotz ihres Alters belebten dieſe Neſtoren jede Geſellſchaft durch gute Laune und gehaltreiches Geſpräch, und Magiſter Nathaniel Froſt nannte er den älteren⸗ Hauptmann von Grünefeld den jüngern dieſer Senioren der Brunnentrinker. Meine Aufmerkſamkeit wuchs bei dem Berichte, und mit ſchärferen Blicken betrachtete ich die beiden wunderbaren Langleber. Der Neunziger war ein langer hagerer Greis. Sein Haupt erſchien faſt kahl, einem Winteracker gleich, nur am Rande ſproßten wenige ſchneeweiße Haarhalme. Sein Geſicht hatte einen höchſt merkwürdigen Charakter. Die hohe Stirn, bedeckt von tiefen Falten, erzählte von einem Schickſalswetter, das dieſe Furchen aufgewühlt, und als Rarben ſeines Zornes nachgelaſſen. Die Augen, rund und groß, aber in tiefen Höhlen und unter breiten gebleichten Braunen liegend, funkelten wie im Zorn und Hohn zugleich über die Thorheiten und Laſter, die ſie geſehen. Der übrige Theil des Geſichtes aber, die edelgeformte RNaſe, die leichtgefurchte Wange, der angenehme Mund, trugen einen Ausdruck der Freundlichkeit und des Wohlwollens in ſich, die durch ihren Contraſt mit den Nachbarzügen das ganze Antlitz wirklich räthſelhaft machten. Die feinſte und reinlichſte Wäſche, ſo ſelten im Greiſenalter, ein bis zum Halſe feſtgeknöpfter ſchwarzer Oberrock vom feinſten Tuche, aus dem ſchöngeformte weiße Hände her⸗ vorſchaueten, denen ſelbſt die zarte Manſchette nicht fehlte, machten die Geſtalt noch angenehmer, und Sprache, Ge⸗ ſten und Benehmen verriethen den Mann von Bildung, 103 wenn auch der gebogene Rücken und ein leichtes Zittern der Glieder und des Kopfs, den Reſpekt mit dem leiſen Gefühlshauch des Mitleids miſchte. Der militäriſche Veteran hingegen gefiel durch ein echt deutſches gut⸗ müthiges Geſicht. Das Alter hatte die germaniſche Derbheit des Baues noch nicht gänzlich verzehrt. Da graue Haar bedeckte ſchlicht Scheitel und Stirne, und wurde hinten von einem ſchwarzen Bändchen zuſammen gehalten. Die Uniform aus den Zeiten des großen Brennen⸗Königs war reinlich, ja faſt elegant, trotz des veralteten Schnitts, und der Mann trug den Ausdruck eines geſunden wackern Invaliden, welcher weiß, was er gethan, und freundlich auf ſeinen Lorbeeren aus⸗ ruht.— Das Tiſchgeſpräch drehte ſich um einen glänzenden Ball, den geſtern die loyale fürſtliche Familie auf ihrem romantiſchen Ritterſchlößchen der gebildeten Brunnenge⸗ ſellſchaft, ohne Frage nach Stammbaum und vermoder⸗ ten Ahnenleib, gegeben hatte, und die Tanzwuth unſerer jungen Weit war die Zielſcheibe der Sprecher geworden. Tadle mir keiner dieſe Tanzfeſte, ſagte ein Arzt, welcher ein recht menſchenfreundliches Geſicht von der Natur als Paßbrief ſeines Berufs bekommen; auch die⸗ ſes Delirium unſerer Zeitgenoſſen gehört unter die Räder der großen Weltenuhr, wenn man auch nach altem Sprichworte von denen, die daran leiden, argwöhnen möchte, ſie wären durchs Mühlrad gekommen. Die kul⸗ tivirte Erde iſt überfüllt, die Menſchen wandern aus, um nicht zu verhungern, Frieden herrſcht, ſeit der irdi⸗ ſche Mars verſchwand, die aufkeimenden Blattern ver⸗ ſcheuchte eine Kuh, Belladonna⸗Tröpfchen machen ſtichfeſt gegen das Scharlach, die feinen Schwefelblüten ſind ein 104 Schild in der Maſernpeſt, das Chininum vertreibt das Wechſelfieber in ſo vielen Tagen, wie man ſonſt Wochen bedurfte, den froſtigen Gaſt zu erorciren; wo ſollte die wuchernde Menſchheit Felder finden für Weizen und Kar⸗ toffeln, wenn nicht die Vorſehung dieſes Tanzfieber in die jungen Weſen geſchickt, dieſes ſüß ſchmeckende be⸗ rauſchende Gift, das beſſer aufräumt, wie Napoleons Kartätſchenfeuer, das ganze Generationen in den blühen⸗ den künftigen Müttern ſchlachtet, und keine Species der Krankheiten ausſterben läßt! So ein Ball iſt der goldene Ernteacker der Doktoren, und ohne dergleichen Schlacht⸗ felder würden Doktordiplome wohlfeil werden, oder gar bald zum Fidibus dienen müſſen.— Einen ſcharfen Blick warf der achtundachtzigjährige Hauptmann auf den Redner, und unterbrach ihn dann mit einer ernſten ſonoren Baßſtimme: Wer Ihre Men⸗ ſchenliebe und Uneigennützigkeit nicht kennte, Herr Hof⸗ rath, entgegnete er, der ſollte eine Neroſeele hinter dieſen Worten vermuthen; aber wir verſtehen Ihre Iro⸗ nie, und bei Marlborough's Manen! Sie haben Recht. Wenn ich ſo betrachtend neben einer Tanzkolonne ſitze, und ſehe dieſe flüchtigen, Augen blendenden Wirbel, höre dann das keuchende Athmen der armen Geſchöpfchen neben mir, ſehe wie auf den runden Roſenwangen Glut und Bläſſe wechſeln, wie die Stirne trieft und die Haar⸗ ringeln ſchlicht werden, wie der Buſen wallt unter dem engen Schnürleibchen, da zuckt meine Hand, und ich möchte ſolch armes leichtſinniges Dingelchen fortreißen, zum Bett der troſtloſen Lungenkranken, für die Sie vor⸗ geſtern die Kollekte ſammelten. Gott verzeihe mir das Wort! Aber mir kommt ſolch raſende Cavalkade ſtets vor, wie eine Galoppade, bei welcher der Satan Vortänzer iſt, 105 und weil ihm in unſerer altklugen aufgeklärten Zeit die Gewalt über die Seelen genommen wurde, jetzt die Lei⸗ ber dem Grabe zupeitſcht, um ſie in ſeiner Schadenfreude wenigſtens um alle Erdenfreuden zu betrügen. Wäre ich ein König, ich ließe den Muſikanten hängen, der zu ſol⸗ chem Sturmlauf die kannibaliſche Wirbelwind⸗Muſik auf⸗ ſpielte, und die Mütter ins Drillhäuschen ſtecken, welche ihre mühſam aufgeſäugten Puppen ſolche Bacchanalien erlaubten, um ſich zu den Kindesmörderinnen zu rangiren! Wie ſich der junge Herr Kapitän ereifert! fiel der neunzigjährige Magiſter ſeinem Nachbarn in das Wort. Sollte man nicht glauben, er habe auf dem geſtrigen Ball für die koſtbare Geſundheit einer heißgeliebten Adorata zu zittern gehabt. Und ich wette mein letztes Haar, als Fähndrich iſt er der flüchtigſte Tänzer gewe⸗ ſen, und hat ſelbſt den letzten Pas des Großvatertanzes, auch Kehraus genannt, nicht verfehlt. Guter Freund, es iſt die erſte Regel menſchlicher Gerechtigkeit, was wir ſelbſt genoſſen auch Andern zu gönnen, und unſern Neid zu unterdrücken, wenn uns ein ſteifgeſchloſſenes Knie die Luſt der Jugend verſagt.— Ja, wir tanzten auch, verſetzte der Hauptmann, aber wie tanzten wir? Die zierliche Menuet ließ das Blut ruhig, und gab dem Auge Gelegenheit, die Grazie der Tänzerin zu bewundern, der ſanfte Dreiachteltakt der Anglaiſe ſchadete keiner Lunge, und im langſamen an⸗ ſtändigen Dreher fand die ſittige Galanterie und zar⸗ teſte Courtoiſie ihr Feld im iſolirten Zwieſprach mit der visher von fern angebeteten Göttin, und manches Ehe⸗ band knüpfte den erſten Knoten auf ſolchen Feſten. Jetzt tollt das alles durcheinander ohne Grazie und Reiz, zum Geſpräch fehlt Zeit und Athem, auf Ermüdung, Betäubung 106 iſt alles abgeſehen, und weder Amor noch Hymen kann Präſes bei ſolchen Feten bleiben, höchſtens ſchwingt Sinn⸗ lichkeit und Verführung ihre Mordfackel über dieſe Or⸗ gien, und ſteckt die durchſichtigen Florkleider in Brand. Wohl mir, daß mein Schickſal mich zum Junggeſellen⸗ ſtande ſtempelte, denn hätte ich Töchter und ein Weib, die an der Tanzmanie krank wären, ich ſchlachtete ſie lieber wie Agamemnon mit eigener Hand und auf's ſchnellſte, als daß ich ſie zu einem langſam gebratenen Molochsopfer werden ließe, und zuſähe, wie ſie ſich ſelbſt auf dem ſchmerzlichen Laurentiusroſt betteten.— Man verſchütte das Kind nicht mit dem Bade, ſprach der Neunziger. Die Tanzluſt liegt in der menſchlichen Natur, beſonders in der weiblichen. Wo hat die Jung⸗ frau beſſer Gelegenheit, alle Schönheiten, die ihr gege⸗ ben, zu entfalten, als im Tanze? Wo läßt ſich jede Gemüthsbewegung, jede Leidenſchaft lebendiger und ſorg⸗ loſer ausdrücken, als im Tanze? Wo fällt allein die Feſſel von den zarten Gliedern des ſchönen Geſchlechts, wo ſind ſie, die wir, mögen wir uns auch der höchſten Aufklärung rühmen, noch immer als Sklavinnen be⸗ trachten und behandeln, wo ſind ſie anders frei, als auf dem Tanzplatze? Hier darf das Auge dreiſt dem Auge des geliebten Tänzers begegnen; hier darf die Hand leiſe geſtehen, was der Mund nicht zu ſagen wagt; hier darf ſich die Schwache ſanft an den Starken ſchmiegen, dem ſie ſich gern unterthänig geben möchte für immer. Ich betrachte mir immer ſolch ein Feſt, wie das geſtrige, als ein geweihtes Tempelfeſt der Göttin auf Cypros und Amathunt, und ſehe ich ein ſolch ſeliges Pärchen an mir hinſchweben, das hier im Angeſicht grämlicher Baſen ſich unterhalten darf in der miſteriöſen Sprache der Finger 107 und Blicke, ſo flüſtere ich ein ſtilles:„Glück auf!“ hin⸗ terdrein. Nur die Liebe erfand den Tanz, und zwar die weibliche. In der zarteſten, Entſchuldigung würdigſten, Koketterie ſuchte das unbedachte Mädchen den ſtolzen Mann auf die Schönheit ihrer Glieder aufmerkſam zu machen, ſuchte ſeiner wilden Kraft in der Grazie ein Gegengewicht zu geben, ſuchte ihn zu feſſeln durch die Schlingen des Sinnenrauſches. So tanzte die Iſraelitin bei dem Laubhüttenfeſt, und der herriſche Sohn Davids fand Gefallen an ihr; ſo tanzt die Griechin im Angeſicht der Olympiſchen Sieger, und der eherne Roßbändiger theilte ſeinen Lorbeer mit ihr. Und wer darf tadeln, was die Natur befiehlt?„Das Weib lebt nur, wenn es liebt,“ ſagt irgendwo ein Philoſoph und Menſchenkenner, „es findet ſich erſt, wenn es ſich in einen Mann verliert.“ Leer geboren wird das Herz der Frauen, nur das Bild des geliebten Mannes nimmt den offenen Raum ein. Das Weib hingegen muß eine Welt aus dem Herzen des Mannes verdrängen, will es herrſchen darin; und wer kann darum grollen, wenn es alles, ſelbſt das eigne Leben wagt, um zu leben?— Alles hatte dem kurioſen Greiſe ſchweigend zugehört. Seine Stimme war klangvoll und ſtark, ſein etwas fremdartiger Accent machte, was er ſagte, weit intereſ⸗ ſanter, der Ausdruck trug eine gemiſchte Farbe von Ge⸗ fühl und Spott, und es blieb räthſelhaft, ob Ueberzeu⸗ gung oder Sarkasmus in ſeinen Worten vorgewaltet. Der Herr Bruder hat ſeinen guten Tag, begann da der Achtundachtziger wieder; er gefällt ſich in Paradoxen, iſt aber trotz aller ſeiner Logik diesmal von der Klinge geſprungen. Nicht der Tanz, ſondern die Tanzwuth, die Tarantelſeuche dieſer Zeit, dieſe Baſeler Todtentänze, 108 waren die Scheiben, nach denen wir ſchoſſen. Und magſt Du, verehrter Nathaniel, nach Deiner gewohnten Weiſe Dich auch wiederum zu einem ſiegreichen Verfechter des ſchwachen gebrechlichen Geſchlechts mit Glück aufgewor⸗ fen haben, im Gefecht haſt du dennoch Blößen gegeben, und dem Feinde den Ort verrathen, wo er Breſche zu ſchießen vermag. Weibliche Koketterie, Gefallſucht ſind, wie Du ſelbſt geſtehſt, die Hebel der trunsparenten Sprin⸗ gerinnen. Wir alle geben Dir Recht, aber das bricht vor dieſem ſtrengen ehrſamen Männergericht dem Tanze das weiße Todesſtäbchen; denn welcher Papa oder Ehe⸗ mann erinnerte ſich nicht ſofort der Putzſucht, die mit der Tanzwuth gewachſen iſt, und nach Dir dieſelben Quellen haben muß! Zu meiner Zeit tanzten die Mägd⸗ lein ſittig und ſchüchtern im weißen Waſchkleide, das nymphenhaft die feinen Formen züchtig umgab, jetzt ſiehſt Du nur Atlas und Flor in den Kolonnen, üppige Blumen, Straußfedern, Diademe und Goldreife darüber, man glaubt in einen Kongreß von Kaiſerinnen und Königin⸗ nen gerathen zu ſein, jede will die Nachbarin überſchim⸗ mern, das Zeter der armen Hausväter wird überhört, und wie manches Dämchen mag ihr ganzes künftiges Lebensglück einem ungeliebten Manne opfern, um nur durch ihn, gleich der Schweſter, in einem Perlenſchmucke, oder einer Seidenſchleppe prunken zu können, und das iſt ärger, als wenn ſie den eigenen Leib auf dem Schei⸗ terhaufen des geliebten Gatten, gleich der Oſtindierin, dem Feuertode hingibt.— Auf dem Geſichte des Neunzigers ging eine merk⸗ würdige Veränderung vor. Der finſtere Obertheil deſ⸗ ſelben gewann den Sieg über die freundliche Unter⸗ hälfte, die Augen ſchoſſen einen ſchnellen Blitz gegen den 109 Hauptmann, und in die Stimme legte ſich Härte und verhaltener Ingrimm. Was willſt Du junger Gelb⸗ ſchnabel mitreden, wenn alte Leute ſprechen? fragte er den Achtundachtziger mit lächelnd verzogenem Munde, und ſichtlich erzwungenem Humor. Werde erſt ſo alt wie ich, ſieh Dich um in der Welt, ein Säkul lang, wie ich, und dann mäkele über die Natur und den Men⸗ ſchen, wenn Du kannſt. Verſtändigen Leuten ſind die zierlich geputzten Schönen immer angenehmer geweſen, als die Nachläſſigen im zerfetzten Hausrock und wirren Nachthaar. Die ſchlanke Tahitin putzt mit bunten See⸗ muſchelkränzen ihre runde Bruſt, und wirkt ſich zierliche Papierbaſtmatten zum Gürtel der elaſtiſchen Hüften, wenn ſie zum Tanze geht; das Tula⸗Mädchen am Se⸗ negal kränzt ihr ſchwarzglänzend Haar mit dem Gefieder des apfelgrünen Papagai's, und bedeckt den ebenholz⸗ farbenen Buſen mit einem Schultermantel von glänzend weißen Straußfedern; die Urbraſilianerin tättowirte ſich unter Schmerzen Arm und Schenkel mit Arabesken, und ſammelte ſich zur Halskrauſe die fliegenden Edelſteine der Luft, die ſchillernden Kolibris. Ihr jungen mürri⸗ ſchen Pädagogen werdet nicht ändern, was ſeit Eva's Feigenblatte in den Tiefen der weiblichen Natur waltet und regiert. Für jetzt wünſche ich jedoch eine geſegnete Mahlzeit, denn mein Mittagsſchläfchen lockt mich, was ebenfalls mein junger Nachbar tadeln wird, da ſeine rüſtige Leibesconſtitution lieber im Freien verdaut.— So ſtand er auf, nickte dem Hauptmann wieder recht freundlich zu, und ſchritt an ſeinem Rohrſtabe ganz rüſtig hinter den Stühlen der Geſellſchaft fort, wo überall grüßende Bewegungen ihn begleiteten.— Der alte Herr hatte mich ganz beſonders angezogen, 110 denn alles an ihm ſchien mir ungewöhnlich. Die Tiſch⸗ nachbarn brachen nach und nach auf, ich hielt bei dem Reſt der Flaſche den achtundachtzigjährigen Gelbſchnabel feſt und der Gernſprechende ließ ſich leicht feſthalten. Meine Uniform, mein Orden verriethen ihm, daß ich ſeines Standes ſei, und ſeiner Kameradſchaft vielleicht nicht unwerth; ſo entſpann ſich ſchnell unter uns ein trauliches Verhältniß; ich wagte über ſeinen Nachbar Erkundigung einzuziehen, und er verſprach mir Befrie⸗ digung meiner Neugier, ſobald wir unten beſchattet von den alten Linden der großen Alle unſern Mokkatrank mit⸗ einander ſchlürfen würden.— Es iſt immer angenehm, begann er, als wir auf einer bequemen Bank und etwas entfernt von den Kaffee⸗ zirkeln der Damen ſaßen, immer erfreulich, wenn Jemand offen ſeinen Antheil und die erregte Aufmerkſamkeit aus⸗ ſpricht, welche durch die erſte Begegnung meines alten Freundes und Wallfahrtskameraden in ihm geboren wur⸗ den. Es iſt mir eine Entſchuldigung deſſelben Gefühls in mir, das mich vor einigen zwanzig Jahren den Spöttereien meiner Kriegsgefährten ausſetzte, als ich in H. g dieſen ſeltſamen grauen Schwan antraf, magne⸗ tiſch von ſeiner Originalität angezogen wurde und mit ihm gar bald den Freundſchaftsbund bis zum Grabe ab⸗ ſchloß. Der Sonderling iſt in meinem Nathaniel nicht zu verkennen, Härte und Güte ſind in ihm dicht neben⸗ einander gebettet, wie der Kieſel im Thon. Er liebt die Menſchen nicht, aber liebt die Menſchheit. Ein faſt übermenſchlicher Schatz von Kenntniſſen iſt in ihm be⸗ graben. Gleich dem ewigen Juden weiß er von der ganzen Welt; er iſt in Petersburg zu Hauſe wie in Madrid, ſah in Stambul Griechen ſpießen, und in London — 8 1 —— 8 111 Highwayman hängen, aß mit den Kamſchadalen Bären⸗ braten, und mit der Königin von Owaihi Brodfrucht und Kokosmilch, fror am Nordpol und briet ſich in Bra⸗ ſiliens Schmelzſonne. Wenn auch jetzt unter der Fahne des beſcheidenen Magiſtertitels marſchirend, läßt ſein ganzes Weſen, und ſeine Art zu thun, vermuthen, daß er früher in glänzenden Verhältniſſen gelebt habe, und ſeine Geburt ihn zu einem brillantern Auftreten in der Welt berechtigt haben möchte. Vielleicht gehört er zu den kühnen Spekulanten Oſtindiens, vielleicht war er ein großer Naturſorſcher, Cvoks oder Banks Gefährte; lei⸗ ſen Anklängen nach, die er jedoch ſelten in ſeine Ge⸗ ſpräche miſcht, muß er ein reiches Ingendleben ſein genannt haben, ein Leben, was auch wohl nicht ganz frei von den kleinen Sünden des Leichtſinns und ihren Narben blieb.— Wie? fragte ich verwundert, Sie wandern an dreißig Jahre mit dieſem Ihrem Patroklus durchs Leben, und wiſſen nicht mehr von ihm? Rechte Freundſchaft iſt doch ſonſt mittheilend und findet ein Vergnügen darin, mit dem verwandten Herzen Erlebtes noch einmal zu durch⸗ leben, glaubt eine Pflicht darin, dem erkannten Freunde jede Falte des Herzens, jedes Blatt im Buche des Lebens zu enthüllen.— Aber echte Freundſchaft ſpionirt nie in den geheimen Winkeln des liebgewonnenen Gemüths, antwortete Haupt⸗ mann Grünefeld, und die Geheimniſſe des Freundes ſind ihm heilige Myſterien. Mein Nathaniel kam als ent⸗ laſſener und wohlpenſionirter Mentor eines nordiſchen Kronprinzen in die Stadt meines damaligen Aufenthaltes; wie ich hatte er die Lebensmühen abgeworfen; wie ich ſuchte er Ruhe, lebte wie ich in der Erinnerung; das 112 drängte uns allmälig zuſammen; Lebensanſicht, Lebens⸗ weiſe harmonirten, und ſo entſtand unſre treue Brüder⸗ ſchaft nach dem ſechzigſten Jahre, obgleich die Pſychologen den Satz vertheidigen, jenſeits der Dreißiger würde keine innige Freundſchaft unter den Menſchen mehr abgeſchloſ⸗ ſen. Längſt hatte mein offenes Gemüth und meine red⸗ ſelige Zunge ihm mein ganzes Leben dargelegt, und er kannte mich von Erz an bis zum ausgefederten Hahnen⸗ alter. Nur Bruchſtücke, Reiſeabenteuer, Schilderungen ferner Welttheile hatte ich dagegen eingetauſcht, und dieſe Verſchloſſenheit, die ich für Mißtrauen hielt, erkaltete mich wirklich ein wenig. Er bemerkte die Verſtimmung, und wählte den erſten einſamen Abend zur Verſöhnungs⸗ ſtunde.—„Hauptmann,“ ſagte er, als wir auf einer klei⸗ nen Anhöhe unter einer Linde, am Uufer des Fluſſes, das gewöhnliche Ziel unſerer Abendpromenade, ſaßen,„Du biſt ein wackerer alter Degen, aber die Neugierde Deiner Großmama hat der Druck der Kriegsſchärpe nicht ganz erdrücken können. Neugier zehrt aus, wie die trockene Sandluft der Wüſte, und damit der liebe Freund mir nicht an der Dürre ſtirbt, will ich Dir geben, was ich zu geben vermag. Forderſt Du mehr, ſo ſteckt ein Wei⸗ berleib in deinem rothen Sparterrocke.— Der Menſch, der hier neben dir ſitzt, muß unter einem Geſtirn gebo⸗ ren ſein, welches kein Herſchel auffand, denn er lebte ein doppeltes Leben, und der Tag ſeines fünfzigſten Ge⸗ burtstags wurde der Tag ſeines Begräbniſſes und ſeiner Wiedergeburt. Du wirſt noch nie erfahren haben, daß ein Kindlein etwas von dem erzählen konnte, was mit ſeinem Keime vorging, ehe die Wehmutter ihm die Zunge gelöſet; und kommt es auch manchesmal der Menſchen⸗ ſeele vor, als habe ſie früher und in anderer Geſtalt, 1 113 von dem Datum ihres Taufſcheines auf Erden gewaltet, wiſſe ſchon Manches, was andre ſchwer erlernen müſſen, worauf ſich die Lehre der Seelenwanderung baſirt hat, und was die ſchnelle Entwicklung manches Talents ver⸗ ſtändlich machen könnte, ſo ſind das Alles doch nur dunkle Ahnungen, die der neue Körper, wie ein dicker Nebel undeutlich macht. Auch mir dünkt, ich habe fünf⸗ zig Jahre verlebt, ehe mein jetziges Leben begann, aber das iſt wie düſtre Ahnung, und ich ſelbſt mag mir nicht Rechenſchaft darüber geben. Was die Erinnerung mir ließ, ſollſt Du erfahren.“— Der Hauptmann machte eine Pauſe, und leerte ſeine Bechertaſſe, indeſſen ſeines ge⸗ ſpannten, höchſt aufmerkſamen Zuhörers Auge nicht von ſeinen Lippen wich.— Bis jetzt, begann der Erzähler wieder, habe ich meinen Nathaniel redend eingeführt, denn dieſe mir unvergeßliche Erklärung würde, in der dritten Perſon nachgeſprochen, ſeltſam geklungen haben. Jetzt aber kann ich mit eigener Zunge fortfahren. In England, und zwar nahe bei der ungeheuern Stadt des Weltmarktes, begann meines Freundes ſogenanntes neues Leben. Er hatte ein Duell gehabt, und ſein jun⸗ ger waffenkundiger Gegner bohrte ihm ſeinen Stahl ſo geſchickt in den Leib, daß er für todt auf dem Platze liegen blieb. Man fand ihn, ein Chirurg verband ſeine Wunde, mußte ihn aber für verendet erklärt haben, denn man legte ſeinen Leichnam in ein Gartenhaus, um am andern Morgen methodiſch zerſchnitten, und von den Todtenrichtern beſichtigt zu werden. In der Nacht bekam der Verwundete ſeine Beſinnung wieder, denn nur der enorme Blutverluſt hatte ihn in eine Todesohnmacht ge⸗ worfen; er ſchlug die Augen auf, fühlte den Froſt der Entkräftung auf der Haut, und ſeine Glieder widerſtrebten Blumenhagen. III. 8 114 in allgemeiner Lähmung dem Willen. Er wandte die Blicke umher, und fand ſich nicht allein. Durch einen erbrochenen Fenſterladen ſchimmerten die Sterne. Drei dunkele Geſtalten bewegten ſich in dem Gartenhäuschen; einer der Männer, deren Geſichter halb vermummt waren, und deren Anzug den niedrigſten Stand bezeichnete, be⸗ beleuchteten ihn mit einer großen Laterne.— „Goddam! ſprach er halblaut. Es iſt ein gut Stück Fleiſch, lang von Knochen, und weiß von Haut, wie eine Miß. Der Doktor muß wenigſtens zehn Pfund da⸗ für zahlen.“ „Wovon die Hälfte mir zukömmt, murrte eine Baß⸗ ſtimme dem ängſtlich Horchenden zu Füßen, denn hätte ich nicht gerade hier ſpät über die Zeit im Taglohn ge⸗ arbeitet, als der Kaſtellan den Erſtochenen fand, ſo hätte Keiner von euch eine Spur von der Beute bekommen, die uns wie vom Himmel geſchickt wird, und um die wir keine Kirchenthür zu ſprengen, keinen Sandhügel aufzu⸗ wühlen und keinen Sarg zu öffnen nöthig gehabt.“ „Black hat Recht, flüſterte der Dritte; dieſer ſteht auf wie von ſelbſt; wir helfen ihm nur das Logis verändern; kein Conſtable darf uns deßhalb an dem Kragen faſſen und wir können des leichenſüchtigen Doktors blankes Geld dieſes Mal ohne Galgenfurcht einſtreichen. Her mit den Stricken, Jack, und mit dem Sacke! Iſt der Behälter zu kurz, ſo ſchneiden wir, wie bei dem letzten Dragoner, die Knie durch und den Kopf herunter; bleibt nur der Rumpf zuſammen, iſt der Maſter Smith auch zufrieden.“ Was der Liegende bei dieſem Geſpräche empfand, läßt ſich denken. Er ſah ſich in den Händen jener ver⸗ rufenen Auferſtehungsmänner, welche die Wißbegier der Anatomen zu den kühnſten Leichendieben gemacht hatte. ——— S 2— i 115 Er fühlte ſchon das Seeirſealpet in ſeinem Fleiſche, und war ſich, ſelbſt wenn er Lebenszeichen von ſich gab, der Gefahr bewußt, von dieſen gierigen Raben ohne Barm⸗ herzigkeit, aus Gewinnſucht zur wirklichen Leiche gemacht zu werden. Doch die Zeit zur Ueberlegung ward ihm verſagt, denn ſchon that ſich der furchtbare Sack auf⸗ und der Baſſiſt zog ſein langes Meſſer aus dem Leder⸗ gurt. Die drängende Angſt des Augenblicks gab dem Schwachen volles Leben und die nöthige Kraft zurück. Gewaltſam richtete er ſich auf, indem er zugleich mit der rechten Hand den Arm packte, welcher die Laterne hielt. „Wer ruft die Todten?“ donnerte er mit möglichſt an⸗ geſtrengter Stimme.„Den Teufel habt ihr geweckt, und eure Seelen gehören ihm und der Hölle!“ Das Waogeſtück dieſer kühnen Beſchwörung wurde ein Glückswurf für den Beſchwörer. Der Aberglaube, wel⸗ cher den gemeinen Mann jenes aufgeklärten Inſelvolkes beſonders beherrſcht, indem jenes große Volk nur zwei ſtreng verſchiedene Menſchenklaſſen darbietet, Reiche und Arme, Söhne des hellſten Lichts, und Sklaven der dicht⸗ ſten Finſterniß, verfehlte ſeinen Einfluß nicht. Wie vom Blitz berührt ſanken die Arme der Kraftmänner, und die beiden unprivilegirten Todtengräber, welche ſich frei fühlten, voltigirten in nächſter Minute durch das offene Fenſter und man hörte deren Trab der Flucht auf den feſten Kieswegen des Parks. Der feſtgehaltene Later⸗ nenträger ſank langſam, mit todtbleichem Antlitz und ſchlaffen Gliedmaßen in die Knie, und Nathaniel hatte Zeit ſich feſtzuſetzen auf dem Lager, was ihn trug, um mit der Linken das blanke Meſſer zu erfaſſen, das der flüchtige Kannibal auf das Stroh geworfen.—„Verruchter 116 Menſchendieb,“ redete er den Knieenden hart an,„ihr habt mir an den Hals wollen; jetzt iſt jedoch dein Leben in meiner Hand, und es koſtet mir einen Hülfsruf, ſo biſt du zum Galgen fertig.“ „Gnade, honorabler Sir!“ ſtammelte der Bleiche.„Wir find keine Mörder, und hätten wir gewußt, daß Eure Herrlichkeit noch ſo feſt zugreifen könnten, der Teufel ſelbſt hätte uns nicht vermocht, Euren ſanften Schlaf zu ſtören. Gnade, Mylord; daheim hungern acht ſchreiende Buben!“ „Wohl, ſprach Nathaniel entſchloſſen und aufſtehend, jedoch ohne den Zitternden loszulaſſen. Thuſt du nach meinem Befehl, ſo ſoll dir dieſe Nacht die zehn Pfund einbringen, ohne Sünde, und obendrein darfſt du die Summe dann nicht einmal theilen mit deinen feigherzi⸗ gen Kameraden.“ „Befehlt über Leib und Seele, antwortete der Nacht⸗ ſohn, indem Freude, und durch ſie Leben in ihm er⸗ wachte.“ „Du gibſt mir deinen Mantel,“ fuhr Nathaniel fort; „du führſt mich heimlich aus dieſem Park auf dem Schleich⸗ wege, der euch herein ließ, zum Schloſſe des Lords War⸗ wick, es iſt nur eine kleine Meile von hier. Sind wir dort, erhältſt du deinen Lohn, und gehſt frei zu deinen Kindern.“ Der Menſchendieb verſprach alles, ließ ſich jedoch des Sirs Ehrenwort geben, daß ihm am Ziele nichts Böſes geſchehen ſollte. Eilfertig hüllte er dann den faſt Ent⸗ kleideten in ſeine groben Hüllen, half ihm zum Fenſter hinaus, leitete ihn durch Buſch und Hecken, und trug den bald Ermatteten die Hälfte des Weges bis zu dem be⸗ ſtimmten Landhauſe. Nathaniel, der intimſte Freund des 117 Lords, kannte hier jeden Zugang; es gelang ihm, ohne von der Dienerſchaft bemerkt zu werden, durch eine Hin⸗ terpforte zu einem Flügel zu kommen, wo der Lord ſich meiſtens des Nachts mit wiſſenſchaftlicher Lektüre zu be⸗ ſchäftigen pflegte; er fand den erſtaunten Freund wach und allein, der Führer wurde abgelohnt und entlaſſen, und von dem ſorgſamen Engländer erquickt, bekam der Gerettete Kraft, die ſeltſamen Schickſale dieſes Tags zu erzählen. Lord Warwick ſtaunte, aber ſeine Verwunde⸗ rung ſtieg, als er den Entſchluß vernahm, der bei ſeinem Freunde auf dieſem wunderſamen Nachtmarſche erzeugt worden, und völlige unumſtößliche Feſtigkeit gewonnen hatte. Nathaniel beſchloß nämlich todt zu bleiben, und ſein fünfzigſtes Geburtsfeſt, welches er morgen bege⸗ hen ſollte, nicht mehr zu feiern.„Das Leben, welches ich bis hieher führte, iſt abgeſchloſſen,“ ſprach er.„Ich fühle, es iſt ein verfehltes geweſen. Ueberall, wo ich Liebe gab, erndete ich Haß; wo ich wohlthun wollte, ſäete ich Gram und Elend; die tiefen Blicke, welche ich in die Werkſtätten der Natur warf, lehrten mich die Erbärmlichkeit des menſchlichen Dünkels kennen, und machten mir allen Flitterprunk der Erde zuwider. Ich will todt ſein, um den Reſt meines Lebens als freier Menſch zu durchleben. Namen und Stand bleiben be⸗ graben. Vielleicht gelingt mir's, auf dieſe Weiſe ſpät das Glück zu finden, welches ich zu haſchen ſuchte, und welches bis jetzt wie ein trügeriſches Irrlicht vor mir floh, und mich ſo oft in Untiefen verlockte.“— Alle Ueber⸗ redung des Lords blieb fruchtlos, und die Originalität der Idee gewann bald des Britten Phantaſie für ſich. Heimlich wurde Nathaniel auf dem Schloſſe geheilt; ein Theil ſeines Vermögens war in des Lords Bereich, und 118 wurde durch dieſen eingezogen; mit Empfehlungsſchreiben verſehen, unter ſeinem jetzigen Namen, reiſete Nathaniel nach dem Norden Europa's, und widmete ſich den Stu⸗ dien, die ihm früher lieb geweſen. So ward er zu dem Mentor eines fürſtlichen Sprößlings erkoren, bildete denſelben zu einem wackern Volksvater, und verſöhnt mit dem Leben durch dieſen ſchönen Lebenszweck, lebt er jetzt heiter und herzensleicht, und erwartet in friedlicher Seelenruhe die große Ordre, die ihn zu einem neuen Feldzuge in unbekannten Territorien abrufen möchte.— Seltſam! rief jetzt der Major lebhaft aus, als der Hauptmann pauſirte, und ſich athemſchöpfend auf die Bank zurücklehnte. Und in den langen Jahren führte kein unbedachtes entſchlüpftes Wort des Räthſelhaften Sie auf eine Muthmaßung? Was kann er geweſen ſein? Vielleicht ein verfolgtes Parlamentsglied von der Oppo⸗ ſitionsſeite? So nur ließe ſich ein politiſches Duell im fünfzigſten Jahre erklären; doch ſchlägt ſich der Britte nur auf Piſtolen.— Das iſt ſein Geheimniß, erwiderte der Hauptmann ernſt, und mit verfinſterten Blicken. Er wird es hier Niemanden mehr entſchleiern, denn er ſchwieg gegen mich, und ich meine, droben vor dem allwiſſenden Gerichts⸗ herrn möchte er ſchon zu reden wiſſen. Uebrigens ver⸗ bürge ich mit meiner Soldatenehre, daß keine Blutſchuld an den Fingern klebt, denn alles Leben iſt ihm heilig, er geht dem Goldkäfer aus dem Wege, der vor ihm hinkreucht, und tritt auf keinen Ameiſenhaufen.— Geſellſchaft näherte ſich jetzt ihrem Platze, der Haupt⸗ mann lenkte das Geſpräch auf gleichgültige Tages⸗ neuigkeiten, dann ſchieden die neuen Bekannten, und der Major erbat ſich von dem Alten die Erlaubniß zu 119 fernerem Umgange, die der treuherzige Invalide lihm mit einem deutſchen Händedruck zugeſtand. Es iſt ein höchſt unangenehmes Gefühl, ſan einem fremden Orte fremd zu ſein, und je volkreicher derſelbe, veſto unerträglicher wird die Empfindung. Ich beneidete jede Gruppe von Spaziergängern, welche an mir im Zwieſprach, und von der lachenden Fröhlichkeit enger Freundſchaft belebt, vorüberſtrich; ich miſchte mich unter die dichteſten Zirkel, und drängte mich in das Gewühl, welches die Charybdis und Seylla der Spieltiſche um⸗ gab. Kalte Achtung erwies man überall meiner geehrten Uniform, doch meine eigene Düſternheit war vielleicht Schuld, daß man mir nirgend entgegen kam. Clay⸗ pole ließ ſich nur auf Augenblicke ſehen, und ichz fing ſchon an mich zu einem Einſiedlerleben in dem Häuschen, was ich bewohnte, zu rüſten, und zu Buch und Schreib⸗ pult meine Zuflucht zu nehmen. Vergebens ſuchte, mir gegenüber, im Flügel des Badehauſes, eine ſchlanke pol⸗ niſche Gräfin meine Augen anzulocken, indem ſich die üppige Bathſeba ſo nahe dem Fenſter als möglich aus und an putzte; vergebens liebäugelte ihre ſchönere Iris, mit dem Strickſtrumpf auf der Thorbank ſitzend, nach dem ſtillen Cavalier; unbeachtet zog eine ganze Karavane griechiſch gebauter Halbgöttinnen, jede gar romantiſch einen blanken Eſel reitend, in verführeriſcher Haltung, die gar bequem war, um ohne Unſittlichkeit die Vorzüge einer Venuskallipyga leuchten zu laſſen, und unter dem großen ſpaniſchen Sommerhute einladend zu mir herauf⸗ ſchielend, nach den Höhen des Bomberges hinauf. Aus dem Feuermanne war ein Eismeer geworden; ich konnte 120 mir ſelbſt nicht Rechenſchaft geben, warum.— Wie be⸗ kannt, wird es als die größte Sünde eines Brunnen⸗ gaſtes angeſehen, wenn er nicht mit dem erſten Lächeln des Tages die weichen Federbetten verläßt, und trotz Nebelluft und Morgenkälte der Brunnenymphe ſein Opfer bringt, indem er ſich dem Zuge der Gläubigen anſchließt, die in ernſter eleufiniſcher Ordnung unter den Linden zur Quelle hinauf und von ihr herabwallt. Ich achtete der Sünde nicht, ſchlief und träumte auf meinem Ruhe⸗ bettchen, und beſah mir die komiſchen Morgengänger aus meinem Fenſterchen. Schon einigemal waren mir auf dieſem Poſten zwei weibliche Weſen aufgefallen, welche ſich gleich mir von dem Gedräng zu iſoliren ſchienen. Spät trafen ſie am Brunnenhäuschen ein, und wanderten beſtändig die Sei⸗ tenallee entlang, die an meines Quäkers Hütte vorüber führte. Die Eine ſchien eine ältliche Dame, deren Gang und Haltung Kränklichkeit andeutete, die Zweite jünger, und von regelmäßiger jugendlicher Form, führte ſorgſam die Begleiterin. Die Aeltere trug ſich ſchwarz, die Jüngere weiß; Schleier nach der bekannten Büſte der Veſtalin gelegt, deckten in gleich verſchiedenen Farben Haar und Hals, und gaben Beiden etwas Heimliches und Beſonderes. Da ſie bisher immer ihre Geſichter zufällig von meiner Warte abgewandt hatten, ſo weckten ſie zwie⸗ fach meine Neugier, und als ich ſie eines Morgens wieder heran wallen ſah, warf ich mich in Oberrock und Mütze, entſchloſſen, auch die Geſichtszüge der Jüngern kennen zu lernen, und zu erfahren, ob ſie mit dem feinen Fuße, und der nach allen Regeln der Schönheit geformten Taille und Hüfte in Harmonie ſtänden.— Dreiſt trat ich den nonnenhaften Pilgerinnen dicht an meinem Hauſe ent⸗ — u 121 gegen, aber beſtraft für meine Unart wich ich ſogleich zur Wand zurück, denn der Blick eines Auges hatte mich getroffen, und in ihm ein ganzer Strafſermon, wie ihn nur die wohlgelöſete Zunge einer ſchlagfertigen Berline⸗ rin binnen einer gedehnten Viertelſtunde abzufeuern ver⸗ mocht hätte. Ich hatte nichts geſehen, als dieſes große, runde, azurblaue Auge, das mich einen Unverſchämten geſcholten, nicht mit dem niederſchlagenden Blitz der Italienerin, nicht mit dem kecken Hohn der Pariſerin, nein, mit der Seelenſprache der Unſchuld, die, wenn ſie befährdet wird, die heilige Himmelswaffe gegen den Lüſtling ohne eigenes Bewußtſein führt, und nie den Sieg verliert. Wie ein Schulknabe ſtand ich da, doch unwiderſtehlich zog es mich den Pilgerinnen nach, und wirklich beklommen, mich hinter den Stämmen der alten Bäume hinſchmiegend, folgte ich langſam. Am Ende dieſer Allee liegt ein kleines Gebüſch; es begrenzt einen Teich, und in ſeinen Niſchen iſt hie und da eine Bank zur Bequemlichkeit des Philoſophen, des Miſanthropen und des unglücklichen Liebhabers hingeſtellt. Auf einem ſolchen Sitze hatten ſich meine Damen niedergelaſſen, und ein dichter Haſelbuſch diente mir als Schanzkorb, hinter dem ich ohne Gefahr meinen Feind recognosciren konnte. Bleich und verhärmt erſchien das Geſicht der ſchwarzen Dame, tiefer Kummer hatte ſie vor der Zeit gealtert, ſchwermüthig ſtarrte das matte Auge in die ziehenden Wolken, als wenn es hinter ihnen das Land des verlorenen Friedens ſuchen möchte. Mit allen Roſen der Jugend prangte dagegen das Antlitz der weißen Dame, und wenn auch der plaſtiſche Künſtler ſie gerade nicht zum Modell ſeiner Helena oder Adriadne gewählt haben würde, ſo mußten doch dieſe Züge durch ihre 122 liebliche Regelmäßigkeit jeden Mann anſprechen, und die Zauber der harmloſeſten Kindlichkeit lagen um den nied⸗ lichen Mund ſo rein und friſch, wie die Thauperlen auf den Blättern der eben entfalteten Roſe, und was das neidiſche Spitzentuch von den übrigen Herrlichkeiten, mit denen der Schöpfer ſein liebſtes Werk beſchenkte, ſchauen ließ, war hinreichend, den anſpruchvollſten Mann zufrie⸗ den zu ſtellen, denn ich, der langjährige Makler und Fleckenfinder, fühlte mich ſo ziemlich befriedigt. Ich ſtand ſo nahe in meinem Verſteck, daß ich das Geſpräch der Sitzenden wenigſtens theilweiſe vernehmen konnte, und mit Freudeu und Schrecken zugleich entdeckte ich, daß meine Wenigkeit die Hauptverhandlung zwiſchen Mutter und Tochter, denn dafür erkannte ich ſie in den erſten Worten, abgab. Sie redeten Franzöſiſch, jedoch in fremdartigem Dialekte. Läugne nicht, Aloyſe, ſagte die Aeltere mit ſtrengem Ausdruck: Dein Blick fiel dreiſt auf des fremden Mannes Geſicht, und Deine Wangen glühten gleich darauf, wie die einer ertappten Sünderin. Das behutſame, verſtän⸗ dige und ſittige Mädchen muß vor allem ihre Augen wahren, und über ihren Blick die ſchärfſte Wache halten. Das Auge iſt das Fenſter der Seele, und ward jenes erſt dem ſchlauen Verführer geöffnet, ſo iſt dieſe gar leicht ſeine Beute. Du kennſt das Geſchlecht der Männer nur aus Büchern. Glaube meiner ſchmerzlichen Erfahrung. Sie ſind alle ſtolz und eitel, und da alte und neue Ge⸗ ſetbücher nur von Männern geſchrieben wurden, ſo dünken ſie ſich Herrn der Schöpfung, und uns nur als untergeordnete Weſen, ihnen zum Dienſt oder zum Ver⸗ gnügen geſchaffen. Ruht unſer Auge nur eine Minute auf Einem von ihnen, kehrt es ein, zwei Male zu ihm 123 hin, ſo glaubt der betrachtete Geck ſich geliebt, adorirt, und die Schauende erobert und ihm leibeigen, und ſie vleibt nicht länger ſicher vor ſeiner Anmaßung, ſeinem dreiſten Herandrängen, und ſeinen unſittlichen Befeh⸗ vungen. Ich hatte zwei Freier im Leben. Den Erſten achtete ich hoch wegen ſeiner Rechtlichkeit, ſeines hohen Verſtandes wegen, und um ſeiner oft erprobten Herzens⸗ güte willen. Er beſtach meine ſchwache Mutter durch dieſe Vorzüge, er beſtach meine Eitelkeit durch reiche Geſchenke, durch die Ausſicht auf eine glanzvolle Zukunft. Ich täuſchte ihn und mich ſelbſt, und ſein Verhältniß zu mir nahm ein ſchauervolles Ende. Deinen Vater liebte ich mit unausſprechlicher Zuneigung, und opferte ihm alle übrigen Pflichten. Bin ich glücklich geworden durch ihn? Du biſt alt genug, Dir die Frage ſelbſt zu beant⸗ worten. O! Aloyſe, darum zittere ich, wenn ein Mann Deine Aufmerkſamkeit erregt, darum bebe ich vor dem Augenblicke, wo Du mir Dein erwachtes Gefühl ent⸗ decken möchteſt, und ſähe Dich lieber im Nonnenſchleier, da ich dann mein letztes, geliebtes Kind gerettet wüßte vor allen Feindſeligkeiten des irdiſchen Daſeins.— Die Tochter ſchmiegte ſich zärtlich an die keifende Mutter, aber auf ihrem Geſichtchen wurde ein Zug von Schalkhaftigkeit bemerkbar, der es noch Kiedlicher machte. Der arme Papa iſt beſtändig krank, und darum finſter und launig, antwortete ſie. Aber nicht alle Männer ſind geplagt wie er, und plagen darum ihre Verwandten wieder. Du arme Mama haſt viel zu tragen, und trägſt mit Engelsgeduld, und Deine Aloyſe wird Dir tragen helfen, ſo lange ihr Gott das Leben läßt.— Sie beugte das Köpfchen auf der Mutter welke Hand, und dieſe legte ihr die andere auf den Scheitel. 124 Gutes Kind, ſprach ſie bewegt; ach, möchte ich Dich glücklich ſehen, dann trüge ich leichter, was mir vielleicht als Strafe geſchickt wurde für eine willenlos getheilte Schuld!— Aber Mama, wahrlich wie Du es meinſt, habe ich den Fremden nicht angeſehen, fiel die Jüngere ein. Nein, bös war ich auf ihn, weil ich weiß, daß ſein Nachſchauen vom Fenſter geſtern und vorgeſtern Dich geärgert hatte, bös, weil er ſo keck und unſchicklich uns den Weg ver⸗ trat. Und ich wette, mein Blick hat ihm ſo tüchtig ge⸗ ſagt, was er wiſſen ſollte, daß er nie wieder uns beläſtigen wird, denn er ſah ganz verſtändig aus, und nicht ſo windig und unzart wie die Zierherren in Karls⸗ bad, noch ſo maſſiv zutölpelnd wie die Engländer in Baden.— Die Mutter warf einen ſcharfen Blick auf die Toch⸗ ter, ein Seufzer hob ſich aus ihrer Bruſt; die Bemer⸗ kung des Mädchens ſchien ihr Unruhe zu machen, ſie brach das Geſpräch ab, forderte ein Buch von der Klei⸗ nen, und vertiefte ſich in daſſelbe. Gereizt von dem Gehörten verließ ich leiſe mein Verſteck, und umſchlich das Rondell bis zur gegenüberliegenden Seite des Teichs, wo ich freier das von der Sonne beleuchtete Antlitz meiner Lieblingin, denn dazu hatte ich und meine ge⸗ ſchmeichelte Eitelkeit ſie wirklich zur Stelle erhoben, betrachten konnte. Bald ſtand Aloyſe auf, brach einige Grasblumen am Gebüſch, pflückte Schilfſtengel und machte Kettchen da⸗ von, nahm dann, gelangweilt, ihren zierlichen Strickkober, trat mit ihm zum Weiher, und fütterte mit den Weiß⸗ brodbrocken, die er enthielt, die glänzenden Fiſchchen, welche ſich bald, wie dieſer Liebesgaben gewöhnt, vor ich ht te 6 125 dem Platze, wo ſie ſtand, verſammelten, im Sonnen⸗ ſtrahle auf dem trüben Teichwaſſer funkelnd umher⸗ ſchoſſen, plätſcherten, und oft wie in Freudenſprüngen ſich über das Waſſer emporſchnellten. Da hörte ich einen plötzlichen Schrei des Mädchens, und zugleich ein ſtarkes Geräuſch im Teich. Sie hatte die Brodbrocken weithin ſchleudern wollen, um auch die fernſten ſcheuen Gäſte zu befriedigen, ihr Finger war in das Band des Kobers gerathen, und hatte dieſen vom Arme fortgeſchleudert, und das geliebte Putzſtück ſchwamm gleich einer kleinen Arche unerreichbar mitten im Waſſerſpiegel. Ihr Schmer⸗ zensgeſicht, ihre ausgeſtreckten weißen Hände machten mich mein nöthiges Incognito vergeſſen, ich trat hinter der alten krummen Eiche hervor, die mich verborgen, und ſah mich nach einem Mittel um, das verlorene Gut aus dem Schiffbruch zu erretten. Mein Pudel war raſcher als ich. Das treue Thier hatte durch die ſtrengen Brunnenregeln gelitten, und halbe Tage Stubenarreſt gehabt. Durch das ungeſchloſſene Fenſter war er heute dem Herrn nachvoltigirt, und ſtill und dicht hinter mir herſchleichend, unbemerkt geblieben. Der Fall des Kobers hatte jedoch ſein Kunſtgenie erweckt; im Enthuſiasm, ſein Talent zu zeigen, vergaß er Stock und Zorn des Herrn, ſprang raſch vom Ufer, ſchwamm zierlich durch die Waſ⸗ ſerlinſen, faßte zart den Ring des Damenſchmucks mit den Zähnen, und legte in wenigen Sekunden mir den befährdeten Schatz zu Füßen. Daß mich nach jenem zufällig belauſchten Geſpräch die nöthige Zurückbringung des geretteten Geheimkäſtchens in eine Art Verlegenheit ſetzte, bedarf keiner Verſicherung; dieſe Verlegenheit machte aber wirklich bitteren Gefühlen Platz, indem ich den Halbzirkel des Teiches langſam umſchritt, und dabei 126 überſann, mit welchen Worten ich die Rückgabe am paſſendſten begleiten möchte. Die ſchöne Aloyſe nämlich that dem Nahenden keinen Schritt entgegen, ſondern zog ſich vielmehr mit ſichtlicher Scheu, ja mit dem Aus⸗ druck des Widerwillens langſam zurück, bis ſie zur Seite der Mutter, ja faſt hinter der Lehne ihres Sitzes ſich befand. Mit bis zum Unmuth geſteigerter Empfindlich⸗ keit begrüßte ich die ſchwarze Dame, und das Käſtchen neben ihr auf die Bank legend, ſagte ich in franzöſiſcher Sprache und mit der Betonung ſakraſtiſcher Galanterie: Verzeihung, meine Damen, daß ein Mann ſich in die Nähe der Feindinnen ſeines Geſchlechts wagt, aber mein Pudel aportirt nur ſeinem Herrn, doch die Hand, welche den Schatz zurückliefert, iſt die Hand eines deutſchen Soldaten, unbefleckt von Verführung und Gewaltthat, und das Herz über der Hand hat den Würdigen des ſchönen Geſchlechts nie die gebührende Achtung und Huldigung verſagt.— Die Bläſſe der Mutter wurde noch fahler, und das Geſicht der Tochter dagegen wie mit dem glühendſten Morgenroth übergoſſen. Ohne ihre Antwort abzuwarten, verbeugte ich mich nochmals, und ging ohne Rückblick. Ich hatte mich wirklich geärgert, das fühlte ich an meiner Erhitzung, an meiner Unbehaglichkeit. In mo⸗ nologiſchen Grollworten über die bizarren Mütter, und die der Natur entgegenſtrebende Philoſophie aller ver⸗ blüheten, von Neid und fruchtloſer Sehnſucht beſeſſenen Weiber, ließ ich meinem Zorne freien Lauf„ aber das kleine Amorsköpfchen mit den Taubenaugen tauchte immer vor meiner Phantaſie auf, und die paar Redens⸗ m E — 127 cirten von ihren zarten Lippen, welche wie zu meinem Lobe geklungen hatten, tönten immer vor meinen Ohren. Zuletzt ſchalt ich ſelbſt meine Unart, durch die mir aller Verkehr mit der geheimnißvollen Veſtalin abgeſchnitten worden, und ich empfand, wie alle Nachkommen des erſten Menſchenpaares, daß die verbotene, die nicht zu gewinnende Frucht am meiſten die Begierde anlockt. Förperliche Ermüdung iſt das beſte Remedium geiſtiger Krankheit, dachte ich, und ſo verließ ich Haus, Brunnen und Stadt, kletterte durch Steinbrüche und Felſen, ſtreifte durch die Thäler, beſtieg die Berge, ergötzte mich an den herrlichen Ausſichten vom Königsberge, opferte dem Andenken des großen Heldenkönigs ein Stündchen bei ſeinem Denkmale, und ſchlenderte dann die Waldſtraße nach dem Friedensthale hinüber. Ermüdet ſaß ich auf den Wurzeln einer alten Hochbuche dort, wo die Straße im ſcharfen Winkel ſich hinabbeugt zu dem Sitze der Heinen Colonie von fleißigen Methodiſten, und weidete mein Auge an dem Anblick des lieblichen Thales, in welches ſich die beſcheidene Emmer hinſchleicht, und deſſen fruchtbare Fluren im Kreiſe der von ſchwarzen Hohlwegen durchbrochenen ſchaurigen Berghöhe die wildbewegte Phan⸗ taſie zu der weichen Empfindung des ſtillen Friedens, der Arbeitsluſt, ihrer Freude und Segnungen herabzu⸗ ziehen ſo ganz geeignet ſind. Ich wünſchte mir, der glückliche und glückverbreitende, unbefehdete, unabhängige Fürſt dieſes ſchönen Ländchens zu ſein, und hatte alle die düſtern Träume des letzten Morgens vergeſſen.— Da fuhr eine offene Kaleſche langſam den Berg herauf, und als ſie näher kam, erkannte mein geübtes Jägerauge ſogleich die beiden Männerfeindinnen vom Teiche darin, und mit ihnen war eine Mannsperſon, die 128 auch eben nicht menſchenfreundlich und anziehend ausſahr. Trotz des warmen Tages, war der dürre Körper in einen Oberrock von hellem Zeuge eingeknöpft; der Mann mußte eine anſehnliche Länge haben, denn er ragte einen Kopf hoch über die Damen weg, und dieſen Kopf be⸗ deckte ein großer ſilberweißer Hut, unter dem ein ver⸗ gelbtes, faſt mumiengleiches Antlitz zu ſehen, mit hohlen Wangen, tiefliegenden doch ſcharfen Augen, entſtellt durch einen buſchigten ſchwarz und weiß geſprengelten Bart. Ich mußte mir geſtehen, die Eltern meiner Aloyſe, ſo nannte ich ſie ſpöttelnd in dieſem Selbſtgeſtändniſſe, waren nicht beſonders liebenswürdig. Man hatte mich paſſirt, ohne mich zu bemerken, denn Aller Augen rich⸗ teten ſich auf das ſchöne Thal. Jetzt hielt der Kutſcher an der Stelle, wo man, der Gefahr des nahen Abſchuſſes wegen, gewöhnlich auszuſteigen pflegt, der Bediente ſprang raſch vom Kutſchbocke und hob die Damen heraus, der Herr aber ſtellte ſich hoch in dem Wagen auf, geſtikulirte heftig mit den Händen, lachte ſo laut, daß der übeltö⸗ nende Hall davon bis zu mir herauf klang, ſchien ihrer Furcht zu ſpotten, und ſetzte ſich dann wieder auf ſeinen Sitz. Aloyſe ſtieg ſogleich wieder in den Wagen, und nahm Platz neben ihm; der Schlag fiel zu, man fuhr weiter, und die Mutter ſchlich, vom Diener geſtützt, langſam hinten nach. Mit beſonderer Empfindung ſah ich die Scene an. Der tolle Starrſinn des Vaters empörte mich; der Ent⸗ ſchluß der Tochter, die ihn nicht verlaſſen wollte, ihre gehorſame Fügung in ſeinen Willen, weckte aufs Neue die faſt entſchlummerte Theilnahme an dem liebenswür⸗ digen Weſen, und das Seltſame, was die ganze Familie an ſich zu tragen ſchien, ſtachelte meine Neubegier. Dazu 129 kam eine plötzliche Furcht, das herausgeforderte Schick⸗ ſal möchte hier ſeine Macht über den hochmüthigen Menſchen augenblicklich beweiſen; ich bebte wirklich, wie die Kaleſche um den Winkel bog, und die kräftigen jun⸗ gen Rappen ſchnoben, und die ſtarken Hälſe hoben; ich wäre faſt hinzugeeilt, hätte ſie gefaßt und geleitet, wenn nicht die Sorge, ſie ſcheu zu machen, mich gehalten; aber das eherne Fatum hatte ſeine nachſichtige Laune, das Fuhrwerk gleitete ungefährdet die ſteile Straße hinab, und freier Athem ſchöpfend, erhob ich mich von meiner Baumwurzel, und ſtieg durch den ſchönen Buchwald auf ſchmalem Fußſteige über die Höhe; ſo an der Rückſeite mich dem Friedensthale nähernd, wohin mich eine ge⸗ heime Stimme zu rufen ſchien. Das Gaſthaus liegt vorn in der Colonie; hinter ihm erhebt ſich ein niedlicher Blumengarten terraſſenförmig am Berge, und Laub⸗ gänge und dicht umbuſchte Sitzplätze verbinden ihn mit den Holzungen. Als ich in dieſen herab kam, ſah ich mich vergebens nach der Geſellſchaft um. Sie hatten die Beſichtigung der Colonie wahrſcheinlich zuerſt vorge⸗ nommen, und in einer ſtillen Winkellaube zog ich mein Buch hervor, und vertiefte mich im Leſen, wenn auch oft geſtört durch fremde Gedanken, die mein Auge hin⸗ unter zogen auf Garten und Gehöft, und mich auf das Geräuſch der fleißigen Meſſerſchmiede im Thale horchen ließen.— Stimmen in fremder Mundart tönten unter mir. Der lange hagere Mann guälte ſich am Arm der Dame die Terraſſe herauf, Aloyſe weilte mit einem freundlichen Quäkermädchen bei den Blumenbeeten, und ließ ſich ein Sträuschen binden. In einer Gatterlaube, dicht unter meinem Sitze, nahm das finſtere Ehepaar Platz, und Blumenhagen. III. 9 130 ein ſeltſames Ungefähr machte mich heute zum zweiten Male zum Behorcher, da mir doch ſonſt nichts ſo wider⸗ wärtig geweſen war, als dieſe Falſchheit am Menſchen. Ermüdet, ſehr aufgeregt, was die krankhaft geröthe⸗ ten hohlen Wängen verriethen, ſetzte ſich der Herr, und ließ ſeine Blicke, in denen jenes abſchreckende Feuer leuchtet, das man in den Augen der Wahnwitzigen in Paroxysmen ihrer traurigen Krankheit bemerkt, über die rothen Dächer der kleinen Häuſer hin und herrollen. Widerſprich mir nicht, Charlotte! ſprach er heftig, abgeſtoßen und mit heißerer Stimme. Dieſes Mal wird Euch die alte Melodie Eurer Jammerleier, die ich täg⸗ lich hören muß, nichts helfen. Ich habe mich von Euch durch die halbe Welt ſchleppen laſſen, doch nirgends iſt es anders geworden mit mir. Den Scorpion in meiner Seele treibt kein Doctor und kein Bad heraus, er ver⸗ ſengt nicht unter dem Aequator und erfriert nicht am Nordpole. Ich gehe nicht weiter, ich bleibe hier, unter dieſen wortarmen ſtillen Menſchen, die nicht fragen, nicht quälen, und Jeden treiben laſſen, was und wie er es will. Der ſchwarze Dämon, der mich durchs Leben hetzt und auf meinem Nacken ſitzt, flüſtert mir zu, gleich dem Geiſte, der dieſe Zitterer zur rechten Zeit beredt macht: hier iſt dein Leidensziel, und als wir geſtern den kleinen Friedhof dieſer Stillen beſahen, den grünen trau⸗ rigen Anker ohne Prunkſteine und lügenhafte Sarkophage von finſtern Hecken umfaßt, ſagte ich mir ſelbſt, dieſes iſt ein Ort, wo Maximilian von Ghiſteller ſchlafen darf, ein düſterer, unbeſuchter, armſeliger Platz, wo ſein Gedächtniß verliſcht, und endlich verwiſcht wird. Widerſprecht nicht, Charlotte! Noch heute ſchließe ich es ab mit dem Vorſteher dieſer Gemeinde. Der Vetter iſt 131 zur rechten Stunde angekommen, er kann Euer Reiſe⸗ marſchall werden. Ich bleibe hier, ſo wahr dieſe meine ſchuldbefleckte verfluchte Hand ſeit vierzig Jahren von keiner Sonne beſchienen wurde. Er hob dabei ſeinen Arm gegen den Himmel, und ich ſah ſeine Rechte von einem ſchwarzen Handſchuh be⸗ deckt, der bei dem Abſtande gegen die hellfarbige Klei⸗ dung mich an Götz von Berlichingens eiſernen Arm erinnerte. Aber, Baron, ſagte die ſchwarze Dame mit wehmüthi⸗ ger Stimme, wenn auch jede Spur von Zuneigung gegen mich in Eurem Herzen erſtarb, weil Ihr ungerecht mich als die Quelle Eures Unglücks anſehet, werdet Ihr Euch von der ſchuldloſen Aloyſe trennen können, werdet Ihr die Tochter, welche Euch ſo unausſprechlich liebt, durch ewige Trennung verwunden können! werdet Ihr die Pflege des lieben Kindes miſſen können für immer? — Eine Art von convulſiviſchem Zucken bewegte die Glieder und die Geſichtsmuskeln des Mannes.— Ich muß! Ich muß! kreiſchte er. Der ſchwarze Geiſt ſpricht mir's warnend in das Ohr. Bleibt ſie in meiner Nähe, wird ſie untergehen, wie ihre kräftigen Brüder, ihre zarten Schweſtern. Eben darum müßt ihr fort von mir. Meine Nähe iſt Gift, mein Hauch iſt Tod.— Und doch locktet Ihr ſie noch eben in die Gefahr an dem Abgrunde der Straße! entgegnete die Dame vor⸗ wurfsvoll.— Es war meine letzte Frage an das Schickſal und die tückiſchen Erdenmächte, antwortete mit Haſt der Herr. Ich dachte mir, ſie und ich müßten hinab in derſelben Minute, und die lange Strafe hätte ein Ende. Es ſtand nicht ſo im großen Buche des Weltrichters, und das hat 132 meinen Entſchluß feſtgeſtellt. Ihr reiſet morgen, ich bleibe. Sie iſt gehorſam, ſie wird vergeſſen, denn was vergißt ein Weiberherz nicht, und ich will vergeſſen ſein, todt vor dem Tode, der mich flieht.— Und ich ſtehe wie eine Unglücksniete in Deinem Le⸗ ben? klagte die Dame leiſe weinend. Die Stunden in Grenvil⸗Houſe, und was ich Dir dort opferte, ſind längſt vergeſſen.— Welchen Namen wagſt Du auszuſprechen? fuhr der Mann auf in wirklichem Zorne. Willſt Du das blutige Geſpenſt hier am Tage heraufcitiren, daß ſein entſetz⸗ licher Anblick uns vernichte?— Charlotte, ſetzte er mild hinzu, und wie gebrochen durch die Anſtrengung des Zorn⸗ worts; o! wir haben jene ſchöne Stunden zu theuer bezahlt, wir ſind betrogen worden vom Schickſal, denn ſelbſt den Labetrunk der jugendlichen Erinnerung ver⸗ kaufte es uns mit Schierlingsſaft verfälſcht. Auswendig lernen kann der Menſch Alles, aber was er weiß ver⸗ geſſen, das iſt nicht in ſeiner Macht, und kein Arzt kann das Gedächtniß reinigen von ſeinem Ausſatze! Sagt nicht ſo der deutſche Meiſterſänger? O wer doch vergeſſen könnte. Aber alle Heilbrunnen der Erde ſind kein heilen⸗ der Lethe. Der Körper des Schuldigen ſiechet hin, doch das Schuldbewußtſein iſt ein unerſchöpfliches Oel, durch das der Geiſt immer lichter brennt und in der zerbroche⸗ nen Lampe immer grauſiger fackelt.— Maximilian, laß mich's zum tauſendſten Male wie⸗ derholen, antwortete die Frau: war es denn Schuld? Gingſt Du denn auf Mord aus mit frecher Hand? Kannſt Du Dir zurechnen, was der Zufall that?— Zufall! lachte der Mann wieder auf mit ſeinem ent⸗ ſetzlichen Lachen. Es gibt keinen Zufall. Weiberſeelen 133 tröſten ſich mit dem Harlekin. Waren wir nicht in einem Frevel begriffen, einem Frevel, den Deiner Mutter Ei⸗ telkeit, Deine leichtſinnige Schwäche, mein Uebermuth herbeigeführt? Zufall könnte der Allgerechte ſo nicht ſtrafen. In der Strafe erkenne ich die Größe meines Verbrechens. Als wir flohen durch die Nebel des See⸗ geſtades, von dem blutigen Schatten verfolgt, fühlten wir da nicht das peitſchende Flammenſchwert? An jedem Leichenbett des kalten Kindes, empfanden wir da nicht die unverſöhnte Richterhand? Als der Feind das Vater⸗ ſchloß niederbrannte und die Schwerter und Lanzen der wilden Fremdlinge über uns zuckten und blinkten, ſahen wir nicht da das ewige Gericht? Kain und ich! Heilig⸗ thumsſchänder! Kirchenräuber! Auch das Jenſeits wird keine Vergebung haben für ſie, und das iſt fürchterlich!— Wir haben gebüßt, entgegnete die Dame mit gefal⸗ teten Händen und dem Blicke einer demüthigen Magdalena zum Himmel an; alle Freuden des Lebens haben wir büßend dargebracht. Und droben regiert die Liebe und das Mitleid. Möge unſer vergeudet Glück auf das Haupt des letzten und liebſten Kindes als Erbtheil ſich herab⸗ ſenken, dann habe ich gern geduldet. Und möge Dir Gott nie die Ungerechtigkeit anrechnen gegen die unglück⸗ liche Gefährtin Deines Lebens, die ohne Schuld mit Dir trug, und geduldig alle Geſpenſternächte Deines Wahn⸗ ſinns mit Dir durchwanderte.— Wahnſinn! wer ſo weit wäre, beklagte ſich nicht mehr, murmelte der Mann mit eiſiger Kälte, und wandte ſich un⸗ willig von ihr und ſtarrte in die düſtern Gebüſche hinein.— Mit beklommener Bruſt und angehaltenem Athem hatte ich dieſes eheliche Duo angehört, und war der Vertraute räthſelhaft grauenvoller Familiengeheimniſſe 134 geworden, ein Vertrauen, welches mich ängſtigte. Jetzt hörte ich raſchen Hufſchlag auf der Straße und ſah die ſchönen Blutroſſe des Kapitän Claypole am Gartengatter herabtraben. Vorſichtig verließ ich den Heckengang, um durch des Freundes muntern Zwieſprach die Erinnerung an das Gehörte zu verlöſchen, aber mit Verwunderung mußte ich ſchauen, wie der Engländer, kaum abgeſtiegen, dem Blumen brechenden Mädchen ein vertrautes Gruß⸗ wort über die Hecken rief, ſchnell bei ihr an den Beeten ſtand, und Hand in Hand mit ihr zu den Eltern herauf⸗ kam. Eine unangenehme Glut, die ich nicht Eiferſucht nennen mochte, ſtieg in mir empor, doch des Huſaren ſcharfes Auge hatte auch mich bald gefunden, wie ich unentſchloſſen auf dem Fußſteige am Walde da ſtand; freundlich rief er mich an, kam mir entgegen, und führte mich zu der ſeltſamen Geſellſchaft, die er mir als ſeine nächſten Blutsfreunde vorſtellte. Die Begrüßung war förmlich und ceremoniös, als geſchähe ſie im Palaſte von Sanct James ſelbſt, die Damen ignorirten meine frühere Bekanntſchaft, und ich folgte ſchuldbewußt ihrem Bei⸗ ſpiele; das Geſpräch, zu dem der Freiherr von Ghiſteller kein Wort hergab, wurde faſt allein von dem lebhaften Kapitän unterhalten; die Damen drängten bald zur Rückfahrt, und Freund Bevil bot mir das Pferd ſeines Jokeys an, welcher den Platz hinter der Chaiſe dafür beſetzte. Kaum war die traurige Familie abgefahren, ſo fuhr Claypole mit Lebendigkeit auf mich ein. Wie iſt mir denn, Kamerad? fragte er, das große offene Auge ſcharf forſchend auf mich haltend. Seid Ihr denn heute nicht derſelbe mehr? So wortarm und ſcheu habe ich meinen George noch nicht gekannt, und ſolltet Ihr überall in 135 Damennähe ſolch einen ſtummen hölzernen Ritter ſpie⸗ len, ſo iſt es kein Wunder, wenn Eure Brautſchau immer nur Schau bleibt. Oder war vielleicht dieſe Be⸗ kanntſchaft keine neue mehr? Wohl bemerkte ich, daß das Geſicht meines armen Bäschen wie in lichter Feuer⸗ lohe anbrannte, als ihr in den Bereich ihrer ſchönen Augen tratet.— Vor dem Freunde Hehl zu haben mit den Ereigniſſen dieſes Tages, hielt ich für ein Vergehen und nicht zu verzeihende Falſchheit. Ich erzählte ihm die Begegnung, erzählte ihm die zufällige Einweihung in den Seelenzu⸗ ſtand ſeiner Verwandten, verſchwieg ihm ſogar die kei⸗ mende Empfindung von Theilnahme und Zuneigung nicht, welche Aloyſens Erſcheinung in meinem, bis jetzt ver⸗ ſchloſſenen Herzen geweckt hatte. Er wurde ernſt, aber nicht unfreundſich. Laßt uns auf die Sättel ſteigen, entgegnete er; ent⸗ hüllte Euch der Zufall ſchon ſo Vieles, ſo wäre es Thor⸗ heit Euch den Reſt vorzuenthalten, der in dem Herzen des Freundes George gewiß ein eben ſo geheimes Aſyl finden wird, als in dem meinigen. Wir wollen Schritt vor Schritt dem Wagen durch den langen Waldweg folgen, und ehe wir die Doppelalle erreichen, wird meine Erzählung Euch befriedigt haben.— Der Freiherr Maximilian von Ghiſteller, ſo erzählte er, ſtammt aus einem alten Geſchlechte, deſſen Beſitzun⸗ gen in den reichen Provinzen Flanderns liegen. An der Maas thront ihr Stammſchloß, doch auch an der Sam⸗ bre und jenſeits auf franzöſiſchem Boden beſitzen ſie bedeutende Güter. Des Genannten Vater begleitete mehre bedeutende Poſten ſeines Vaterlandes, war Wittwer und lebte nur ſeinen Staatspflichten, den Wiſſenſchaften und 136 dem einzigen Sohne. Da brach die Pariſer Revolution aus, und ſtreckte gar bald ihre blutbefleckten Arme hin⸗ aus über die Grenzen bis in das Rachbarland. Durch dieſes bedeutungsſchwere Ereigniß kam der erſte Zwie⸗ ſpalt zwiſchen Vater und Sohn. Jener, ein ernſter Fünfziger, wie alle verſtändigen Alten an dem ſichern Alten klebend, eben erſt zurückgekehrt von einer überſeei⸗ ſchen Reiſe zu den indiſchen reichen Colonien, fand ſeinen Sohn ſchon verwickelt in die Netze der Neuerer, berauſcht von dem Traume der Weltfreiheit, und entſchloſſen, für die franzöſiſche Sache Blut und Leben zu wagen. Ver⸗ trauend auf ſein väterliches Anſehen, verſuchte der Vater den Liebling aus ſeinem Irrthum zu wecken, doch der Thatendurſt des zwanzigjährigen Jünglings, doppelt ent⸗ glüht durch das Andenken ſeines Ahnherrn Peter von Ghiſteller, der ſich unter Moritz von Oranien ausgezeich⸗ net, war nicht zu bändigen; er fühlte den Beruf in ſich, auch ein Held zu werden, wie Jener; von dem lockenden Bilde des Kriegerruhms verlockt, vergaß er zum erſten⸗ male Gehorſam und Sohnespflicht, entwich dem väter⸗ lichen Hauſe, und ſchloß ſich den wilden Freiheitskämpfen an. Der Krieg überſchwemmte bald die Riederlande und die deutſchen und engliſchen Heere, welche zur Ver⸗ theidigung der Legitimität und alten Ordnung heran⸗ gezogen waren, wurden von den ſtürmiſch ſich heran⸗ wälzenden Volksmaſſen zurückgedrängt. Der ältere Frei⸗ herr von Ghiſteller, im Zorne über des Sohnes verhaßte Wahl, empört durch die Verheerung ſeiner ſchönen Hei⸗ math, raffte einen großen Theil ſeines beweglichen Ver⸗ mögens zuſammen, emigrirte nach Deutſchland, und ging, da auch hier die Ruhe geſtört worden, nach dem unbezwinglichen England hinüber. 137 Der Heldenlauf des Herrn Maximilian hatte jedoch eine unverhofft ſchnelle Endſchaft genommen. Tapfer, ja tollkühn faſt bei einer der letzten Affairen mit den retirirenden Truppen Albions vordringend, wurde er von dieſen gefangen, und mußte verzweifelnd die unfreiwillige Reiſe über das Meer mitmachen, um dort das langwei⸗ lige Leben eines Kriegsgefangenen, den bei der Lage dieſes Krieges keine Ausſicht auf baldige Auswechſelung tröſten konnte, mitzuleben. Doch ſeine qualvolle Situa⸗ tion wurde nach kurzer Zeit beſſer, als die ſeiner Mit⸗ kämpfer. Da es ſich erwies, daß er nicht zu den ver⸗ wilderten Söhnen Frankreichs gehörte, ſo erlöſete ihn die milde feindliche Regierung bald von dem ſchrecklichen Gefängniſſe der Blockſchiffe; Bekannte ſeines Volks, welche er drüben fand, verſahen ihn mit dem Bedürftigen, und es fehlte ſeiner Freiheit nichts, als die Erlaubniß, dieſe ihm verhaßten Küſten zu verlaſſen. Da machte er die Bekanntſchaft meiner Tante, der Miß Charlotte Grenvil, und verſöhnte ſich durch ſie mit ihrem Vaterlande. Mi⸗ ſtreß Grenvil war die Wittwe eines Seeoffiziers, der in der tapfern Vertheidigung einer königlichen Fregatte den ruhmvollen Tod ſeines Berufs gefunden. Der Ge⸗ bliebene hinterließ ihr kein Vermögen, aber was der Staat ihr gab, reichte zu, das einzige Kind anſtändig zu erziehen, und ein reicher Verwandter räumte ihr überdies in der Nähe der Hauptſtadt einen kleinen Land⸗ ſitz als lebenslängliche Wohnung ein. Aber die Miſtreß Grenvil konnte die geräuſchvollen Freuden ihres früheren Wohnorts, einer lebhaften Küſtenſtadt, nicht vergeſſen. Sie hatte dort eines der erſten Häuſer gemacht, Geſell⸗ ſchaften gegeben und beſucht. Jetzt ſollte die noch ganz lebhafte anſehnliche Frau in einem alten unbequemen 138 Schloſſe und einem öden Garten ein Einſiedlerleben führen, ſollte die bunte Welt vergeſſen, und ſich von ihr als vergeſſen betrachten! Sie ſelbſt hatte vielleicht die Hoffnung noch nicht aufgegeben, durch einen neuen Her⸗ zensbund einen neuen Ehrenplatz auf Erden einzunehmen; und wie ſollte ſich für ihre ſechzehnjährige Charlotte der gewünſchte Mann finden? Mit Betrübniß ſah ſie die Reize des Töchterchens mit jedem Tage mehr ſich ent⸗ falten, und was kann auf Erden ein eitles Mutter herz mit größerm Grame füllen, als der Anblick eines auf⸗ geblühten vergötterten Kindes, dem die Huldigung der jungen Männer mangelt, und die das Schickſal der Roſe zu erwarten hat, welche im Winkel des Gartens, von neidiſchem Gebüſch verſteckt, unbewundert und ungepflückt welkt und zerfällt?— Gegen den Willen des alten, von Spleen und Lebensſättigung geplagten Lords, der ehe⸗ dem der erſte Fuchsjäger von Altengland geweſen war, und jetzt gern für einen Weiſen, einen Tiefdenker, einen Staatenverbeſſerer gelten wollte, beſuchte die Miſtreß mit ihrer Charlotte heimlich die Hahnenkämpfe und Wettrennen, wagte ſich ſogar in die Theater der Haupt⸗ ſtadt, und hier fanden ſich in dem brüllenden Gedräng der durch ein ausgebrochenes Feuer wild gewordenen Volksmenge der junge Niederländer und die ſchöne Brit⸗ tin; er half ihnen aus der Gefahr, zertreten zu werden, ſchaffte die Kutſche, fühlte auf ſeinem Rückſitze den ent⸗ zückenden Händedruck der Dankbarkeit, und auf dieſer engen, ſtillen, dunklen Bühne brach eine verſteckte Feuers⸗ brunſt aus, welche werthvollere Schätze verzehrte, als das niedergebrannte Coventgarden-Theater umſchloſſen hatte. Die Mutter ſchien vernarrt in den jungen Frem⸗ den, der ſo ſchmiegſam, ſo gefällig, ſo gehorſam, ſo — 3 en hr ie 139 geſprächig ſich zeigte, Tugenden, welche die Engländerin noch nie an einem Mannsbilde zu erkennen Gelegenheit gehabt, ja durch die Erfahrungen aller Groß- und Urgroßmütter Britanniens beſtärkt, dem männlichen Ge⸗ ſchlecht überall ermangelnd geglaubt hatte. Lieutenant Ghiſteller ward bald wie Kind im Hauſe, kam und ging wenn er wollte; er wurde zur nothwendigen Tagesge⸗ wohnheit, und blieb er aus, ſchien die Miſtreß ſich mehr zu grämen, fragte die Miſtreß mehr nach ihm, als die ſechzehnjährige Miß. Doch die Scene ändert ſich, als die freundliche Mama die beiden jungen Leute, bei denen die Natur, die Tyrannin aller Weſen, ihre Rechte ge⸗ übt, die ſich gefunden, ſich wechſelſeitig verſchenkt hatten, in der düſtern Liguſterlaube des Parks in einen Kuß verſchmolzen fand, welcher nicht allein ſich, ſondern durch ſeine Dauer und Traulichkeit alle ihm voran geborenen ſüßen Geſchwiſter verrieth. Die Miſtriß ſchalt nicht, zürnte nicht, aber ſie ward trübſinnig, wortarm, und ließ das ſehnſüchtige Liebespaar ferner nicht aus den Augen. Maximilians heftige Gemüthsart ertrag dieſe Windſtille mitten aus dem Meere, das ihn nach dem glücklichen Atlantis ſeines Lebens zu tragen verſprochen, nicht lange. Er ſelbſt ſprach die Mama darauf an, und das, was ihm dieſe offen erklärte, blies ſeine Glut zu zerſtörender Lohe empor. Die ſechzehnjährige Charlotte war nicht mehr frei; ſchon ſeit einem Jahre gehörten die Anſprüche auf ihre Hand und ihr Herz einem Manne, den freilich fremder Wille ihr gewählt hatte. Ein Bu⸗ ſenfreund des reichen Vetters, reich wie er, eine Art Nabob aus Indien, war von ihm beſtimmt worden, die kleine Charlotte zu beglücken, und für ſeine Juwelen den Gürtel der Cypris einzutauſchen. Baronet Rappart 140 zeigte ſich als ein angenehmer liebenswerther Freier; wenn auch über die Blütenjahre hinaus, hatte er dennoch Eigenſchaften genug, die einem beſcheidenen Mädchen einen Bund mit ihm wünſchenswerth machen durften, vor allem eine ſichtliche Charakterfeſtigkeit, eine ernſte Würde, welche weibliches Vertrauen weckt, doch bei ſon⸗ ſtiger Milde und Güte im Umgange ein Etwas im Blicke und im Ton der Stimme, das keinen Widerſpruch leidet, ſich Willen und Meinung der Geſellſchaft unterwirft, und den Beſitzer über ſeine Umgebungen erhebt. Doch gerade dieſes Letztere wirkte auf die kleine Charlotte abſchreckend, wenn ſie auch in ihrer kindlichen Befangenheit ſich ge⸗ horſam und ohne Widerwort in die Verbindung mit dem wackern Sir gefügt hatte. Sie kannte ja die Liebe nicht, ſie dachte nur an die Beſtimmung ihres Geſchlechts, einem Manne Hausfrau zu werden; ſie träumte ſich das Glück als das höchſte, Herrin eines eigenen prachtvollen Ritterſitzes zu ſein, eine freie Gebieterin zahlreicher Die⸗ nerſchaft, und die reichen Geſchenke des Werbers beſtachen die Jungfrau, wie ſie längſt die Eitelkeit der Mutter beſtochen hatten. Die Bekanntſchaft mit dem jungen Niederländer hatte alle dieſe ruhigen Verhältniſſe zerriſſen. Das Herz, und der allmächtige Impuls der erſten Liebe riß das Mädchen fort, und die Scheu, den geliebten Jüngling zu betrüben, bewog ſie, ihm dasjenige zu verſchweigen, was er in erſter Stunde der Traulichkeit von ihr hätte erfahren ſollen. Der Lord machte mit dem Baronet gerade in dieſer Zeit eine Reiſe in die ſchotti⸗ ſchen Hochlande, um dort einige feilſtehende Güter für den Bräutigam zu kaufen, da der eigene Geſchmack deſ⸗ ſelben gerade dorthin ſein neues Paradies zu verſetzen wünſchte. Die Reiſe ſollte mehre Monate dauern, bei hen en, ſte n⸗ icke et, de d, e⸗ ht, 141 der Rückkehr der beiden Freunde alsdann aber auch ſo⸗ fort die glänzende Hochzeit gefeiert werden. Daß dieſer ernſte Termin jetzt ſchon ſehr nahe lag, hatte die liebe⸗ trunkene Jungfrau vergeſſen, und die Mutter erinnerte ſie jetzt auf die härteſte Weiſe daran, und warf ſie zu⸗ gleich mit dem Geliebten, dem ſie den eben erzählten Aufſchluß gab, aus dem Himmel herab in eine nächtige, ſengende Hölle. Der feurige ungeſtüme Marx hatte für dieſen Zuſtand nicht die nöthige Ergebung. Was iſt der Liebe unmöglich? Wo gibt es auf Erden Schranken und Grenzen, die von ihr nicht umgeworfen und übermüthig überſprungen würden? Die Gefahr iſt ihr ein Sporn, die Unmöglichkeit kein Wort für ſie.— Da die Miſtreß Grenvil ſich nicht rühren ließ durch Bitte, Fußfall und Thränen, da ihrem Mutterauge das ſichere Glück des Kindes an der Seite des feſtſtehenden, anſäſſigen Mannes lieber blieb, als der lockere Bund mit einem flüchtigen, kriegsgefangenen Ausländer; da ſie mit der Erinnerung an das treugegebene unablösbare Wort, des Britten unantaſtbares Heiligthum, jeden Verſuch der beredenden Liebe zurückwies, ſo faßte der junge Freiherr ganz im Charakter des Kriegers der Revolution, welche damals jeder Ordnung ſpottete, den raſcheſten und durchgreifend⸗ ſten Entſchluß. Sein Gold beſtach die Kammerfrau; Briefe voll heißer Thränen, voll verwegner Plane flogen hin und herüber; die Entbehrungen des Tags, wo die ſtrengſte Förmlichkeit und kühle Begegn ung die Wachſam⸗ keit der Mutter einſchläferten, wurden erſetzt durch nächt⸗ liche Zuſammenkünfte im Pavillon des Parks; Anſtalten zur heimlichen Flucht wurden begonnen; die Reiſen zur Küſte, welche der junge Mann deßwegen thun mußte, wiegten die Aufſeherin völlig ein, und manche Zufällig⸗ 142 keiten, welche den kecken Plan begünſtigten, beglückten die Liebenden in der Hoffnung auf baldigen ungeſtörten Beſitz, und den Triumph eines ſchwer gewonnenen Da⸗ ſeins voll endloſer Seligkeit. Da erſchienen unerwartet früh Briefe des Bräutigams; er war ſchon in der Nähe, beſtimmte den Tag ſeiner Rückkehr, ſprach die Hoffnung auf den Beſitz der Miß mit herziger Freude aus, em⸗ pfahl Eile in jeder Veranſtaltung zum Hochzeitfeſte und zur ſchnellſten Abfahrt nach dem feſtlichen Tage zu dem Hochlande, wo er ſein Glück ungeſtört von dem Gedräng der Welt zu genießen gedachte. Dieſe Briefe machten das zagende, bisher noch unentſchloſſene Mädchen zur Heldin; ſie ſelbſt trieb den Geliebten an, ihre Seelen⸗ angſt zu beenden, und die Nacht zur Flucht wurde feſt⸗ geſetzt. Die Natur ſchien den Liebenden günſtig, denn ein trüber wolkenreicher Himmel bedeckte den Park. Maxi⸗ milian fand ſich gegen Abend an dem äußerſten Ende des Gartens mit einer wohlbeſpannten Kaleſche ein, nur von einem erprobten Diener begleitet. Eine weite Haide breitete ſich hier vor dem Garten aus, und auf ſeiner Mauer ſtand ein Luſthäuschen, welches ein Fenſter zum Genuß der ſchönen Ausſicht in den freien Jagdraum hatte. Mit Beſorgniß bemerkte der Jüngling einen dunkel ge⸗ kleideten Mann, der zwei Male die Gegend paſſirte, ſein leichtes Fuhrwerk zu betrachten ſchien, dann aber auf der weiten, mit niederm Gebüſch durchbrochenen Fläche ver⸗ ſchwand. Er fürchtete in ihm einen Spion der Gauner⸗ bande zu erkennen, die damals Londons Umgegend beun⸗ ruhigte; doch wohlbewaffnet mit Degen und Schießgewehr beſorgte er nur eine mögliche Beunruhigung des lieben Mädchens, oder einen Aufenthalt ſeiner Reiſe. Mit Hülfe v 143 ſeines Dieners erſtieg er leicht das Fenſter, trat aus dem Luſthäuschen in den öden Park, gelangte vorſichtig an die Terraſſe, welche das Hauptgebäude umgab, fand hier ſchon die zitternde Geliebte, ermuthigte ſie durch eine feurige Umarmung und neue Liebesſchwüre, und führte ſie alsdann, die düſterſten Schatten der alten Bäume als hüllende Schleier auswählend, dem Ziele entgegen. Faſt war der geräumige Park paſſirt, es mußte nur noch bis zur Mauer eine lichte Stelle überſchritten wer⸗ den, die noch dazu dem Schimmer des Mondes ausgeſetzt war, welcher zwar jetzt von dichtem Wettergewölk ver⸗ deckt wurde und ſchon ſeinem Untergange nahe ſtand. Flüchtig ſchritt das junge Paar über den Wieſenplatz, aber wie ein dicht vor ihnen niederſchmetternder Donner⸗ ſchlag erſchütterte ſie der dumpfe Ruf:„Halt, Ihr Ehr⸗ loſen!“ mit dem ein Mann ſie anſprach, der plötzlich, wie aus der Erde emporwachſend, ihnen den Weg ver⸗ trat, und aus ſeinem dunkeln Manteln ihnen einen blan⸗ ken Degen entgegen hielt. Miß Charlotte ſchrie mit Entſetzen:„Wir ſind verloren, Max. Er iſt es! Er ſelbſt, der mich Dir rauben will auf immer!“— Der junge Freiherr ſah einen Augenblick nur auf den ſchwar⸗ zen Feind, einen Augenblick nur auf die Geliebte, welche mit einer Ohnmacht kämpfend in die Knie geſunken war, dann riß auch er den Degen aus der Scheide, und mit dem wilden Ausrufe:„Mir aus dem Wege, Ränber meines Glücks! Nur für einen von uns iſt Platz auf der Erde!“ ſtürzte er ſich, angreifend, auf den Gegner. Der ſchwarze Mann ſchien zu wanken bei der Stimme Ton, er wich, ſich vertheidigend, einen Schritt zurück, aber ſchon war es geſchehen, von Maximilians Degen durchbohrt, ſank er zu Boden. Das Alles geſchah in der 144 Zeit weniger Sekunden, und der junge Niederländer mußte alle ſeine Kraft zuſammen nehmen, ſeine Beſinnung zu finden, und ſeine Gedanken, die wie empörte Sklaven in ihrem Kerker ſein Gehirn beſtürmten, zu ordnen. Von dem erlegten Gegner weg wandte er ſich zu der Gelieb⸗ ten, um ihr beizuſtehen, aber wie ward ihm, als der Niedergeworfene ſich eine Minute lang vom Raſen er⸗ hob, auf den Arm geſtützt ihm das Geſicht zukehrte und mit einer halberloſchenen, doch nur zu wohlbekannten Stimme ihm zurief:„Max! Max! Du haſt wie ein ge⸗ lernter Bandit wohl getroffen! Ich danke Dir für die Erlöſung!“ Gleich dem Rufe Gottes, welcher den flüchtigen Kain vertrieb, ſtand der Jüngling ſtarr und wie zur Eisſäule gewandelt. Sein brennendes Auge irrte in den Baum⸗ gipfeln auf den Gebüſchen umher, als ſuche er dort den Mund, welcher ihn eben ſo ſchrecklich angerufen. Mit convulſiviſchem Zucken in allen Gliedern trat er dann haſtig zu dem am Boden liegenden Gegner, und beugte ſich halb zu ihm, ſein Geſicht zu betrachten. Ein ſtarrer langgeſtreckter Leichnam lag vor ihm, das Geſicht bleich, das Auge geſchloſſen, der Mund, welcher eben geſprochen, halb geöffnet im letzten Athemzuge. Jetzt brach das Mondlicht durch eine Spalte der ſchwarzen Wolken, und warf ſeinen Strahl gerade auf das Angeſicht des Todten, einer Fackel gleich, mit welcher der Strafengel des ewi⸗ gen Gerichts dem Verbrecher ſeine Sünde zeigt! Einen ſeltſamen kreiſchenden Schrei, wie der vom Geſchoß des Jägers in hoher Luft unerwartet getroffene, ſich ſicher glaubende Adler ausſtößt, hörte man durch die Nacht klingen, mit gebrochener Gliederkraft ſank Maximilian zuſammen, der Getödtete war—— ſein Vater.— 145 Wie lange er ſo gelegen, wußte er nicht; als er erwachte, kniete Charlotte neben ihm, jammernd, weinend, verzwei⸗ felnd um ihn. Er raffte ſich auf, alles war dunkel, der Mond verſchwunden; die kühle Nachtluft gab ihm ſchnell die Beſinnung zurück. Fort! fort! ſtöhnte er, ſich ge⸗ waltſam erhebend, zog das Mädchen mit ſich, ohne Rückblick, half ihr hinab vom Fenſter des Luſthauſes, ſprang nach, warf ſich mit der theuer erkauften Braut in den Wagen, und peitſchte die Pferde raſtlos dem rettenden Meere zu.— Wider Erwarten ging die Flucht von der Küſte un⸗ befährdet von ſtatten; der gewonnene ſchwediſche Kapitän nahm ſie an einer unbeſuchten Ufergegend in ſein Boot und ſetzte ſie glücklich in Holland von ſeinem Kauffahrer wiederum aus. Die Zerrüttung im Gemüth des Frei⸗ herrn hatte ihn auf der Reiſe an jeder thätigen Mit⸗ wirkung gehindert; zum Glück kannte ſein treuer Diener Verhältniſſe und Plan, und beſorgte das Nothwendige. Miß Charlotte ſchrieb ſeine Seelenpein auf die Furcht um ſie, auf den unglücklichen Zweikampf, war ihr doch ſelbſt die Trennung von der Mutter ſo ſchmerzlich ge⸗ weſen, und ſie ſuchte möglichſt durch liebevollſte Zärtlich⸗ keit ſeine düſtern Gedanken zu vertreiben. Sie wußte nicht, daß ſie einen Vatermörder küßte; denn erſt ſpät, nach langen Trauer⸗ und Unglücksjahren, entdeckte ihr der Gatte, in einer Stunde harten Unmuths, was ſie ihn gekoſtet. Nur wenn ſie von ihrem Grame ſprach, bei der Erinnerung an die verlaſſene Mutter, ſo fuhr er auf und rief mit feindſeligem Tone: Wir haben beide das Glück theuer erkauft, aber Dein Opfer iſt ein Zwerg gegen das meine: das Ehrenwort des Kriegers habe ich gebrochen, und heiliges Blut beſudelt meine Hand! Deine Blumenhagen. HI. 10 146 Mutter lebt, und wenn unſere Briefe ſie erreichen, wird ſie ſich freuen, wie alle Mütter, daß ihr Kind den Ge⸗ liebten bekam und eine Dame geworden.— Das junge Weſen, eingeſchüchtert durch ſein furchtbares Auffahren, fragte dann nicht weiter, und trug ihren Gram allein; und ſelbſt die phantaſtiſche Verhüllung der rechten Hand ihres Gemahls, die er Tag und Nacht mit einem ſchwarzen Handſchuh bedeckt ließ, wagte ſie, obgleich ſie ihr grauen⸗ voll erſchien, ferner nicht zu beſtreiten. Angekommen im Vaterlande, ehrenvoll aufgenommen von ſeinen Landsleuten, machte die Finſterniß in Maxens Seele nach und nach einer ſtillen Dämmerung Platz; er nahm Beſitz von den Gütern ſeiner Familie, da die Emigration des Vaters alle Rechte deſſelben verlöſcht hatte; er trat mit erhöhetem Range in die Armee, und focht die Schlachten ſeines Volks mit. Aber hier zeigte ſich ſchon die Nemeſis an ſeiner Ferſe. Wenn er auch nicht den Tod wünſchte und ſuchte, ſo focht er doch mit der übermüthigen, an Verzweiflung grenzenden Kühnheit, welche man ſo oft an Menſchen fand, deren Seele be⸗ laſtet war durch eigene Schuld. Der Tod verſchonte ihn, aber aus jedem Treffen trug er eine ſchwere Wunde heim, und ſein Leib ward eine Gedächtnißtafel der Kriegs⸗ geſchichte ſeiner Zeit. Geſchwächt, zerrüttet mußte er ſich endlich auf ſein Schloß zurück ziehen, zur Freude dieſer Gattin, die ihn bis dahin nur in kurzen Zwiſchenräumen der Waffenruhe beſeſſen hatte. Aber die rächenden Mächte ließen ihn auch hier nicht los. Miſtreß Grenvil hatte, nachdem ſie den Aufenthalt der Tochter erfahren, die erſte Gelegenheit benutzt, zu dem Feſtlande herzuſchiffen. Sie vergab den unbeſonnenen Kindern die Flucht; aber ihre Erzählung von jenem Schreckensmorgen, wo ſie den 147 Verluſt der Tochter entdeckt, wo man den getödteten Bräutigam im Park gefunden, riß alle halbvernarbten Wunden des Freiherrn wieder auf, vergewiſſerte ihn von ſeiner Frevelthat, und weckte die alten Furien in ſeinem Innern. Miſtreß Grenvil war an demſelben Morgen nach London gefahren, theils um der Tochter Spur zu verfolgen, theils dem Orte zu entfliehen, der ihr ſolche Schrecken gebracht, und ſie war ſeitdem nicht nach jenem Landſitze zurückgekehrt, hatte in der Hauptſtadt auf Nach⸗ richt von der Tochter geharrt, und war in dieſem Glauben nicht getäuſcht worden. Charlotte hatte die Mutter, und an ihrer Seite ertrug ſich der Mißmuth, die Menſchen⸗ ſcheu, welche Maximilian ſeitdem neu befallen, leichter; er liebte ſie ja heiß und treu, das bewieſen ihr tauſend Zeugniſſe, und für ein Weib gibt es ja keinen größern Troſt und heilendere Beruhigung in jeder Bedrängniß des Lebens, als das Vertrauen auf den Geliebten; doch die Arme, welche das Schickſal an einen Verlorenen gekettet, ſollte nicht lange in dieſem ſüßen Schlummer der Hoff⸗ nung weilen. Acht Kinder gebar ſie dem Gatten, doch alle bis auf die Jüngſte ſtarben in erſter Jugendblüte, und bei jedem neuen Sarge eines lieben Kindes ſtand der Freiherr zerſchmetterter, verzweifelnder, und forderte vom Himmel mit wilden Worten das Ende ſeiner lang⸗ ſamen Folter, ſchnelle Zernichtung und nicht dieſe dauernde, unerträgliche Zerfleiſchung. Sein Lebensüberdruß wuchs von Tage zu Tage, der Gedanke, den Vater, den Wohl⸗ thäter ſeiner Jugend, erſchlagen zu haben, erkältete alle ſeine Gefühle, jede Theilnahme am Leben und ſeinen Freuden immer mehr, und erhärtete Herz und Gehirn; er ſah die Welt und das Leben immer nächtiger und feindſeliger an, und als der neue Krieg einen großen 148 Theil ſeiner Güter zerſtörte, als Neid und Verleumdung am mächtigen Throne ſeines neuen Herrn ihm bittere Stunden erſchuf, da zog er mit Weib und Kind in die Fremde hinaus, ſuchte unſtät in allen Gegenden Euro⸗ pa's Zerſtreuung, Heilung, Vergeſſenheit, und fand ſie nirgend, wurde härter, unerträglicher mit jedem Tage, ſelbſt gegen ſeine Lieben, und ließ ſie die Hölle mit em⸗ pfinden, die in ſeiner Seele ihren Sitz genommen, und deren Flammen ihn von innen aus langſam, aber ſicher verzehrten.— Mit geſpannter Aufmerkſamkeit und hoher Theilnahme hörte ich dieſe tragiſche Biographie eines Unglücklichen von dem lebhaft erzählenden Freunde, und meine Em⸗ pfindungen für die holde Aloyſe gewannen dadurch einen neuen Grund höherer Theilnahme, denn ſie litt ja ſo geduldig, ſie trug unverſchuldet des Vaters Verbrechen, und ein ſchnell in meiner Phantaſie emporſteigender Traum zeigte mir in meiner eigenen Perſon den Erlöſer der leidenden Jungfrau, den Verſöhner ihres herben Geſchicks, der durch ſeine Hand, wie ein Perſeus, dieſe Andromeda von Felſenriff und Drachen frei machte, jedoch durch eine Hand ohne Schwert, nur mit dem Zauberringe des ſüßeſten Verlöbniſſes bewehrt. Ich verhehlte Claypolen meine feſter gewordene Ab⸗ ſicht nicht; ich beſchloß meine Werbung zu verfolgen, da die Entdeckung, welche er in des Mädchens Augen und in ihrem veränderten Benehmen ſeit meinem Erſcheinen gemacht haben wollte, mich ermuthigen durften, und der offene Bevil verſprach mir Beiſtand, wogegen ich meine achtſamſte Mitwirkung gelobte, um den traurigen Zuſtand ſeiner gequälten Tante und ihres halbverrückten Gemahls erträglicher zu machen. 149 Mehre Tage waren verfloſſen, und nicht ohne Frucht geweſen, wenigſtens nicht ohne Blüte, die ſolche ver⸗ ſprach. Bevil, der Tante Liebling und vom Freiherrn von Ghiſteller geachtet, hatte mich eingeführt, und mein vorſichtiges Benehmen meine neue Stellung befeſtigt. Ich fügte mich in den Vater, ſchalt mit ihm auf das Menſchengeſchlecht und das Erdenleben, hörte ſeine ſelbſt guälenden Monologe geduldig an, zerſtreute ihn durch Erzählungen der letzten gewichtvollen Feldzüge und mei⸗ ner eigenen Kriegsthaten, und ſchien ihm gar ſchnell ein unentbehrlicher Genoß geworden. Ich erwarb mir der Mutter Vertrauen durch ernſte Aufmerkſamkeit und ſittiges Betragen, und las mit jedem Morgen neu und klarer in Aloyſens Augen, daß ſie, als gehorſame Nach⸗ folgerin ihrer Mutter, Geſchmack und Freude an meiner Geſellſchaft gewann. Da erſchien iener Abend, der in ſeiner ſchrecklichen Kataſtrophe unvergeßlich mit allen ſeinen Grauen vor meiner Seele bleiben wird, und wenn mit meinem Friede⸗ und Freudeleben das Schickſal ein Methuſalemsalter zu verknüpfen geneigt ſein ſollte. Wir hatten ſämmtlich am Morgen der Laune des Kranken gehuldigt, waren mit ihm zur Quäkerkirche gegangen, hatten den trübſeligen lautloſen Gottesdienſt mitgemacht, denn der Zufall bewirkte, daß in keinen der Anweſenden der Geiſt der Begeiſterung fuhr, und kein Redner aus dem Stegreif die geſpenſtige, beängſtende Stille dieſer ſeltſamen Gemeinde unterbrach. Auf unſern Freiherrn hatte dieſer Zufall widerwärtigen Einfluß gehabt; er ſchrieb ſich ſelbſt in quälender Ein⸗ bildung die Schuld davon zu;z meinte, ſeine verbreche⸗ riſche Gegenwart habe gewirkt auf die Frommen, obgleich 150 ſie ihn nicht kannten, habe das Kainszeichen in ſeinem Antlitz die ſonſt beredten Zungen gelähmt. Eine auffal⸗ lende Unruhe ſeines ganzen Weſens machte uns beſorgt; Fieberglut flog zuweilen über ſeine bleichen Wangen, und er verſchmähete Nahrung und Geſpräch. Gegen Abend ſchien er ruhiger, und ſeine Vernunft hatte ſicht⸗ lich den Sieg über die Phantaſie davon getragen. Mit milderer Stimme als man an ihm gewohnt, forderte er uns zu einem Spaziergange in den nördlichen Gärten und Feldern auf, und ſchritt raſcher wie ſonſt an meinem Arme der Geſellſchaft voran. Wir berührten das einfache Gebäude der Quäkerkirche, und ich bemerkte, wie er einen düſtern kummervollen Blick auf die verſchloſſene Thür warf. An dem unregelmäßigen Hagen, der den Friedhof der Gemeinde umgibt, hielt er einige Minuten an und ſchauete durch eine Lücke der Weißdornbüſche ſehnſüchtig auf den erhabenen, unregelmäßigen, grünbewachſenen Raum. Es ſind nur Wenige, die da ſchlafen, ſagte er halb⸗ laut und wehmüthig zu mir, aber ſie haben einfach und unberührt von der Welt und ihren Gräueln nebeneinander im kleinen Thale gelebt; haben wenige Wünſche, wenige Bedürfniſſe gehabt, und darum hatte die Sünde keine Gewalt über ſie; das brüderliche Du und gleiche Ge⸗ ſinnung verknüpften ſie feſt von der Wiege bis zum Grabe.— Ob ſie jetzt auch wohl noch wiſſen von ihrem Erdenleben? ſetzte er dann in Aufregung und mit ſchär⸗ ferem Tone hinzu. Ob ſie erkennen, wie glücklich ſie waren in ihren engen Räumen und einfachem Leben? Ob ſie dem Herrn der Welten auch wohl ſo recht danken dafür, wie ſie müßten und ſollten?— Die glückliche Forelle ſpielt im klaren Bach ſo leicht ihr Leben hin, der Wallfiſch im großen Weltmeer zerſtört, wird verfolgt 151 vom Speere des Harpuniers, und verblutet ſich langſam, von ſeiner Rieſenkraft unglücklich begünſtigt.— Ohne Antwort zu erwarten, machte er ſich los von meinem Arme, und ſchritt langſam, mit geſenktem Haupte, vor uns hin durch die Gartenhecken. Traurig ſah Alopſe mich an, ich antwortete ihr durch einen Blick voll Mit⸗ gefühl, nahm ihre Hand, und zum erſten Male fühlte ich ihren Gegendruck. Das Leid bindet verwandte Seelen ſchneller und feſter als die Freude, trotz ihrer rauſchenden Trunkenheit.— Wir kamen jetzt am Baſſin des Sauerbrunnens vor⸗ über, in die Gegend der Dunſthöhle, dieſer merkwürdigen Naturerſcheinung, dieſer mörderiſchen Luftquelle, die, wenn auch in ihrer Umgebung und Geſtaltung nicht ſo ſchreckensvoll als die berühmte Grotte del Cane, doch ähnliche Erſcheinungen darbietet. Zwiſchen Luſtgebüſchen ſenkt ſich ein mit friſchem Raſen bekleideter Erdtrichter terraſſenförmig in einem Halbzirkel hinab zu der um⸗ mauerten Grotte, in welcher das kohlenſaure Gas zu Tage quillt, dem kein lebendes Geſchöpf ſich eintaucht, ohne von dem Hauche des verderbenbrütenden Erdgno⸗ men, welcher hier ſeinen unterirdiſchen Thron gebauet, mit den Feſſeln der Ohnmacht umgarnt, und, wird die ſchnellſte Rettung verſäumt, ſchmerzlos und raſch getödtet zu werden. Der Freiherr ſetzte ſich ermüdet auf einen der Sitze am Rande des Erdtrichters, und wir nahmen Platz neben ihm. Seit einiger Zeit, da mehre Unglücksfälle die Auf⸗ merkſamkeit des menſchenfreundlichen Fürſtenhauſes erregt hatten, wurden zwei Wächter bei der gefährlichen Grotte angeſtellt. In einem Käfig hatten dieſe beſtändig einige Dohlen und Elſtern bereit, um für den neugierigen 152 Fremden an dieſen armen Opferthieren die ſchädliche Wirkung der Luftquelle zu erproben. Unſere Erſcheinung erweckte in dieſen Hütern an den Pforten des Tartarus ſogleich die Begier nach einem Trinkgelde, und ſie war⸗ fen den ſchwarzen Vogel in den Schlund, zogen ihn nach einigen Minuten ſcheintodt hervor, legten ihn auf den Raſen, wo das Thierchen ſich langſam wieder erholte, mühſam vom Rücken auf die Beine ſich wälzte, und dann in ſichtlicher Furcht, und begleitet von dem rohen Ge⸗ lächter ſeiner Peiniger, zu ſeinem Käfig zurückhüpfte. Die Damen hatten ſich mit dem Ausdruck des Mitleids abgewandt, der Freiherr aber ſtarrte mit vorliegenden Augen das unerwartete Spektakel an, wandte ſich dann lebhaft zu mir, und ſagte: Ein ſolcher Schlund iſt ein wahres Paradies für alle Müden und Abgehetzten. Wo könnte es eine ſchnellere und ſanftere Erlöſung geben, als hier? Und man thut Unrecht, einen ſolchen Platz zu bewachen und zu verſchließen. Wer zu verlieren hat, wird nie einen ſolchen Sprung aus dem Leben wagen, und die Freiheit, ſich von der unerträglichen Galeeren⸗ kette des Schickſals zu löſen, dürfte man nach dem Naturgeſetz Niemanden grauſamlich verkümmern.— In dieſem Augenblick erklang eine ſonore Stimme hinter dem nächſten Gebüſch, und zog, als ſchon gehört, meine Sinne auf ſich. Auch der Freiherr war aufmerk⸗ ſam geworden, und horchte mit geſpannten Geſichtszügen, und ich wurde beſorgt, ſeine heutige milde Stimmung möchte plötzlich zerſtört werden, wenn er an dieſem, ſonſt ſo unbeſuchten Platze, von fremder Geſellſchaft beläſtigt würde. Doch beruhigte ich mich ſogleich, da ich in den ſich nähernden Menſchen die beiden alten Kameraden auf der Erdenpilgerfahrt, den Neunziger und Achtundachtziger —,— ————— 153 von der Tafel im Kaffeehauſe erkannte, die langſam am Rande des Erdfalls zu uns heran wandelten. Nutzloſe Quälerei lebender Geſchöpfe bleibt ein Laſter, ſagte der Magiſter Froſt, und wenn Dein in Schlacht⸗ gemetzel verwilderter Sinn auch noch ſo viele Trugſchlüſſe mir entgegenwirft. Der Menſch maßet ſich ſchon genug Gewalt an über die armen Geſchöpfe, die er zum Lecker⸗ biſſen ſeiner Zunge geſchaffen glaubt; nutzlos ſoll er teines quälen, und die Wirkung der tödtenden Luft be⸗ weiſet der verlöſchende Feuerbrand ſo gut, wie der ver⸗ zuckende Vogel. Morgen werde ich vor dem Fürſten ein Oratio gegen den Catilina da unten für die armen Vögel halten, und Ihr Blutſäufer ſollt Euch über den Erfolg gallengelb ärgern.— Im launigen Gelächter trat jetzt der Hauptmann Grünefeld dicht mit dem ciceroniſchen Advokaten der Thier⸗ geſchlechter zu uns hin, und ich erhob mich, die beiden merkwürdigen Greiſe, welche ich der gefundenen nieder⸗ ländiſchen Familie wegen bisher verſäumt hatte, zu be⸗ willkommen. Aber wie erſtaunte ich, als ſich der Freiherr raſcher wie ich erhob, und mit Haſt ihnen einen Schritt entgegentrat. Mein Blick fiel auf ſein Geſicht, und mit Entſetzen erfüllte mich die plötzliche Veränderung, die ich dort entdeckte. Das wenige dünne Haar auf ſeinem Scheitel hatte ſich ſichtlich emporgeſträubt, ſeine Augen ſchienen über das Doppelte vergrößert zu ſein, und fun⸗ kelten mit einem geſpenſtiſchen Glanze, kreideweiß waren ſeine Wangen, und die bläulichten Lippen zitterten heftig; beide Arme ſtreckte er wie beſchwörend dem Magiſter entgegen. Kommſt Du ſelbſt, mich zu rufen zum letzten Gericht? rief er aus, mit bebenden hohlen Tönen. Ja, Du biſt 154 es, Vater Nathaniel! So ſchleudere mich nur ſchnell hinunter in den Eingang der Hölle, die ſich dort unten aufthut! Wohl mir, wenn die Buße hier auf Erden endlich zu Ende geht, denn die künftige kann nicht viel Schrecklicheres bringen für mich.— Ich blickte entſetzt umher, denn ich glaubte den völlig ausgebrochenen Wahnwitz zu hören; aber auch das Ant⸗ litz der Freifrau war faſt eben ſo bleich geworden, und auch ſie ſtarrte mit weit aufgeriſſenen Augen meinen Neunziger an. Der Greis ſchien erſchüttert, er wandte ſein Antlitz ab, ſtützte ſich auf die Schulter des Hauptmanns, und ſchien ſich mit möglichſter Eile entfernen zu wollen. Da ſchwankte der Freiherr mit Anſtrengung auf ihn zu, faßte krampfhaft die Schultern des Alten, und ſank mit ſchlot⸗ ternden Knieen an ihm hin, ſo daß wir, Claypole und ich, zuſprangen, damit nicht beide zu Boden ſtürzen möchten. Er lebt! Vater Nathaniel lebt! ſchrie der Freiherr mit heller, wunderbar klingender Stimme. O, geſchehen denn Wunder auf Erden noch?— Es iſt ſo.— Ich halte ihn ſelbſt lebend.— So bin ich erlöſet; ſo iſt meine Hand nicht befleckt vom Vatermord.— Er riß den ſchwarzen Handſchuh heftig von den Fingern.— Sie darf wieder ſich zum Himmel ausſtrecken. Aber wie iſt denn das? Warum mußte ich denn ſo lange büßen? Charlotte! Aloyſe! jubelt, betet, haſſet mich nicht mehr, ich bin verſöhnt mit Gott und der Welt; ich bin kein Mörder! Feſt umklammerte ſein Arm den Greis, und ſein Haupt ſank nieder auf die Bruſt deſſelben. Maximilian, mein Sohn Max, ſagte der Alte mit matter Stimme, aber tiefem Gefühle, war ich aufbe⸗ halten, Dich ſo zu finden, was nie mehr geſchehen ſollte?— — — 155 Scheu hatte ſich auch die Mutter genähert. Reſpekt und Unwille kämpften ſichtlich in ihrem Weſen, und zeigten ſich in Bewegung und Stimmung. Aber warum hießet Ihr denn todt, Sir? fragte ſie auf Engliſch. Warum barget Ihr Euch und Euer Leben, und ftürztet uns alle dadurch in ſo tiefes Leid und ſo langes Unglück?— Ich glaubte Euer Glück geſichert, ſtammelte der alte Baron, geſichert durch mein Verlöſchen. Ich glaubte mich leicht vergeſſen von Euch im Weltgedränge.— Vergißt ſich denn Vatermord ſo leicht, wie ein Blu⸗ menraub? O Ihr habt Euren Sohn nie gekannt und ſchlecht gehalten, ohne Grund! entgegnete die Freifrau ernſt, und faſt mit Härte. Der Hauptmann unterſtützte den wankenden Greis; wir fühlten aber den Freiherrn unter unſern Händen zuſammenbrechen, ſein Haupt hob ſich nicht wieder, ſein Athem war erloſchen, und als wir ihn von dem Vater löſeten und zur Steinbank trugen, lag er mit gebroche⸗ nen Augen in unſern Armen, der Schreck der Freude hatte den durch lange Seelenqual Geſchwächten getödtet. Der Menſch lebt mehr ein geiſtiges Leben als ein thieriſches, mögen auch die philoſophiſchen Timonen, die es in jedem Zeitalter gab, ihn noch ſo inhuman und durch noch ſo viele Trugſchlüſſe und Erfahrungszeugniſſe in ein Glied mit ſeinen vierbeinigen Erdenkameraden zu rangiren verſuchen. Fremdes Seelenleid wirkt gewal⸗ tiger auf ihn, wie das Anſchauen körperlichen Elends. Das empfand ich ebenfalls an jenem Schreckensabende. In der Mitte meines braven Regiments ſtürmte ich einſt 156 eine Höhe hinan, auf der eine furchtbare Batterie ihre Höllenflammen gegen uns herabließ. Zwei Drittheile der wackern Zeltgefährten lagen zerſchmettert, zerriſſen auf der Haide; Jammergeheul und Fluchwort hallten in herzzerſchneidenden Tönen zu uns herauf, als wir die Feuerſchlünde zum Schweigen gebracht; die treueſten Freunde ſah ich auf dem gräßlichen Golgatha in mar⸗ tervollſter Pein verbluten; aber dieſe unvergeßliche Gräuel⸗ ſcene erſchütterte mich weniger tief, als das ſtumme Bild, welches am Rande der Dunſthöhle meine Augen ver⸗ wundete und durch ſie bis in die Seele den Dolch hin⸗ einſtieß. Wie ich mir den Marius denke auf den Ruinen der großen Stadt, ſo ſaß der alte Baron Nathaniel am äußerſten Ende der Bank, auf welche wir den Leichnam ſeines Sohnes gelegt. Das Feuer ſeiner Blicke war er⸗ loſchen, die gerunzelte Wange fahl geworden, doch der ſtarke Geiſt, der einem Jahrhundert voll Entſagung Stand gehalten, hielt auch jetzt noch den Körper aufrecht, und lang und ſtarr ſaß er da, den Blick auf den Sohn ge⸗ richtet, und der Hauptmann hatte nur die Hand an das ſchneeumlockte edle Haupt gelegt, das zu wanken ſchien in dieſem unerwarteten Sturmſtoße. Aloyſe umſchlang den Vater mit ihren Armen, verſuchte mit grellen Jam⸗ mertönen die entflohene Seele zurückzurufen, mit warmen heftigen Küſſen den Entſchlummerten zu erwecken. Zu den Füßen des Todten knieete die Mutter, preßte ſeine kalte Hand zwiſchen ihren zuckenden Fingern und kämpfte mit einer Ohnmacht. Claypole hatte ſeine Arme um ſie gelegt, und mir, als dem einzigen Freien, lag es darum ob, die ſchwere Pflicht zu erfüllen, und beſonnen zu beſorgen, was die Nothwendigkeit verlangte. Zum Glück fiel mir bei, daß das Haus, welches die Familie — 157 vbewohnte, einen Garten hatte, deſſen Hinterthür ſich in der Nähe des nicht weit entfernten Sauerbrunnens öffnete. Ich ſprang davon und befehligte Diener und Träger. Es war ein Trauerzug ohne Gleichen; einen Todten und drei Todtkranke hatten wir heimzubringen; mir fiel die liebe Aloyſe zu, und mein überwallend Herz muß in dem drückenden Augenblicke recht kräftige und herzige Worte zu dem halbvernichteten Mädchen geredet haben, denn die nächſten Tage bewieſen mir, daß ſie den Mann in mir achten gelernt, und den ernſten Freund in der Noth in mir erkannt zu haben meinte. Auch der alte Baron blieb bei den wiedergefundenen Verwandten, und ſollte nicht mehr von ihnen ſcheiden. Als ich ihn am Morgen des anderen Tages wiederſah, erſchrack ich über die mit ihm vorgegangene Veränderung. In der einen Nacht war er zu einem abgelebten todtmüden Greiſe ge⸗ worden, und ſein hippokratiſches Geſicht ſagte an, daß ſeine Lebensuhr dem Stillſtande nahe ſei. Von dem Hauptmann und mir ließ er ſich in das Zimmer führen, wo des Sohnes Leiche lag. Lange ſaß er dort neben dem Lager des Schlafenden, betrachtete das hagere, ſchmerzgefurchte Antlitz deſſelben, und legte ſeine dürre Hand mehrmals auf die Stirn und die Bruſt des Leichnams. Er wird mich verklagen, ſprach er halblaut in ſich hinein, aber ich komme nach und werde mich zu entſchul⸗ digen wiſſen, und er ſoll erkennen, daß ich ſein Unglück nicht wollte, nicht die lange Qual auf ihn zu laden gedachte, die ich in dem Gemüth des leichtſinnigen, ſei⸗ nem Vater oft entfremdeten Jünglings nicht möglich wähnte. Ja, des Himmels Gerichtsboten gehen ſchon 158 auf Erden um, und hauen des Vehmgedings Zeichen in die Thore der Sündigen. Den armen Max haben ſie lange gemartert, bis er die Heilquelle fand, mich traf ihr Anruf dicht vor dem Abmarſche, und gar gnädig, denn auch meine Schuld war groß, da ich in Menſchen⸗ haß und Unmuth nur mein gedachte, und vierzig Jahre, wie ein leichtſinniger Knabe, mich von dem entäußerte, was die Natur in der Wiege ſchon in mein Pflichtbuch geſchrieben.— Nach einer Weile winkte er uns, ihn fortzuführen; auf Wiederſehen! murmelte er noch dem Todten zu; dort oben werden wir Zeit haben, nachzu⸗ holen, warum wir Beide uns hierunten beſtahlen!— Wir hatten Mühe, den Kraftloſen zurück in ſein Kabi⸗ net zu bringen. Als ich Tags darauf wieder zum Frühbeſuch im Lei⸗ denshauſe erſchien, kam mir der greiſe Hauptmann Grünefeld ſchon in der Pforte entgegen. Sein Auge blickte trüb, aber ſeine Haltung war feſt, und er drückte mir kräftig die Rechte. Mein alter Nebenmann iſt in dieſer Nacht aufge⸗ brochen, wie's ihm die große Ordre befahl, ſagte er mit dumpfhallender Stimme; Gott geleite ihn auf dem Marſche, und beſcheere ihm gute Quartiere, wie er ver⸗ dient hat durch ſeinen braven, menſchlichen Dienſt in der Erdencampagne. Auch ich muß jetzt die Bagage packen, und ſatteln laſſen, denn kommt der alte Kamerad oben an, und erzählt, daß hier unten noch ſo einer her⸗ umflankirt, der eben nichts mehr zu thun hat, wird auch mir bald die Reveille tönen und zum Aufbruch geblaſen werden.— Er ſchied mit ernſter Freundlichkeit, und ging langſam die Gaſſe hinab.— 159 Schwere Geſchäfte hatte ich jetzt mit dem Freunde aus England zu theilen, aber der böſeſte Theil, die Tröſtung der beiden verlaſſenen Damen, gelang wider Erwarten. Die weibliche Natur, von früh an das Dulden und Fügen gewöhnt, bengt ſich dem Orkane, der ſchlanken, geſchmeidigen Birke gleich, und richtet ſich, thränenträufelnd, leiſe wieder auf, wenn des Wetters Wuth nachließ. Glücklichere Weſen, als wir ſtarren, erzgehärteten Männer, in euren leichtfließenden Thränen tragt ihr den Heilbalſam für die tiefſten Wunden in Euch ſelber!— Als das Thal mit ſeinen Heilquellen hinter uns lag, und uns jeder Tag näher den ſchönen Niederlanden ent⸗ gegen führte, wo die Mutter in dem ſtillen Eigenthume Raſt nach einem ruheloſen, wirren Leben ſuchen wollte, rötheten ſich auch Aloyſens Wangen wieder, und ihre ſchönen Augen bekamen den einſtigen Glanz, ihr Weſen die alte liebenswerthe Kindlichkeit zurück. Was ſich dort an den freundlichen Ufern der Maas ferner begab, iſt kein Räthſel, das einen Oedipus bedürfte. Meine traute Gattin, meine liebe, immer noch liebliche Aloyſe, ſitzt neben mir, indem ich meine wunderbare Reiſe zur Heil⸗ quelle niederſchreibe, ſie aufzeichne als Warnungstafel für meinen Erſtgeborenen, der mit den Zügen des un⸗ glücklichen Großvaters auch ſeinen Eigenwillen erbte⸗ und mir deßhalb Sorge macht. Doch der Friede, welcher die Heimath beglückt, ſicherte auch der Laren heilige Altäre; kein politiſcher Fanatismus entzündet mehr das Innere der Familien mit der Mordfackel und hetzt die Söhne gegen den Vater. Aber doch ſoll mein Nathaniel das Schickſal ſeiner Voreltern leſen, ſehen, am nahen Beiſpiele, wie ſich der Frevel rächt, der das heiligſte 160 Bündniß der Natur, das Band zwiſchen Eltern und Kindern zu verletzen wagt, wie es geſtraft wird mit der höchſten Buße, und von väterlicher Strenge, ohne Starrfinn gezügelt und gelenkt, wird ſich die Sorge zerſtreuen, welche durch die Erinnerungen an jene Schreckenstage in Aloyſens bekümmertem Mutterherzen ſich eingeniſtet. MI. — — — — 8 *2 S Se — 22 — Hiſtoriſche Erzählung. Blumenhagen. III. Das erſte Frühlicht bemühete ſich, die dichten Nebel zu bezwingen, welche ſich auf die reichen flandriſchen Felder gelegt, aber ein feuchter Weſtwind ſetzte ſich dem Siege der roſenfingerigen Aurora entgegen und wälzte immer friſche Nebelballen von dem Meere in das Land hinein. Während dieſes Kampfes zwiſchen Licht und Fin⸗ ſterniß, der als das ſprechendſte Bild des Zuſtandes und der Bedrängniſſe jener damals ſo unglücklichen Provinzen gelten konnte, fuhr ein kleiner Nachen pfeilſchnell auf einem der Kanäle herauf, welche die Arme des Fluſſes Lys verbanden, und ihn zur Handelsſtraße zwiſchen den fleißigen und berühmten Städten Courtroy, Gent, Brügge, Oſtende und Nieuport machten. Nur zwei Perſonen ſaßen in dem ſchwachen Fahrzeuge: vorn der ſtämmige Schiffer und der Herr des Bootes, die mächtige Stoßſtange in den Händen, hinten ein blutjunger Menſch, der das Schiffs⸗ ruder regierte, jedoch alſo, daß er mehr guten Willen als Kraft dabei zeigte.— Lege nur an, Klaas, ſagte der Jüngere jetzt, das Ruder erſchöpft in den Raum des Nachens werfend, wir ſind weit genug hinter dem Lagerplatze, und der Tag bricht an.— 164 Wie Ihr wollt, antwortete der finſtre Fährmann; mir iſt es ſonſt um ein Hundert Fäden mehr oder min⸗ der nicht zu thun, wenn Eure Sicherheit dadurch feſter geſtellt wird.— Er ſtieß dabei ſeine Stange tief ein an der Spitze des Kahns, und ſchwenkte ihn geſchickt gegen den Rand des Kanals, trat mit der Kette in den Hän⸗ den ans Land, und zog das leichte Fahrzeug dicht an das Ufer. Mit flüchtigem Schritt folgte ihm ſein jun⸗ ger Begleiter und ſprang ſchnell bei ihm weg aus dem ſchwankenden Boote, nahm ſein ſchwarzes Barett ab, ſchlenkerte die Nebeltropfen davon, ſtrich ſich mit den Händen über das kurzgeſchnittene ſchlichte Blondhaar, und ſchauete ſich dann bedächtig in der Gegend umher. Der Schiffer hatte unterdeß ein kleines, aber nicht leichtes Ränzelchen aus dem Schiffe getragen, welches der junge Menſch ungeduldig ergriff, und ſich über die Schultern warf, wobei ihm der finſtere Seemann Hülfe leiſtete. Und Ihr wollt wirklich Eure Reiſe jetzt ſo ganz allein weiter machen? fragte er mit dem Tone treuher⸗ ziger Beſorgniß. Bedenkt Ihr denn nicht die Kriegszeit und das wilde Volk, das allenthalben umherliegt, und das in Mord und Brand und Plünderung und allen Gräueln der Hölle ſeine Luſt ſucht? Wenn Euch kein Engel ſchirmt, werdet Ihr nicht hindurch kommen.— Ich will nicht hindurch, ich will mitten unter ſie; ich muß, Klaas, und bei dem Worte fällt alles Bedenken wie der Nebel dort vor uns. Kümmere Dich nicht um mich; fahre eilig heim, daß man Dich ſelbſt nicht be⸗ fährdet; grüße die Schweſter Martha und ſage ihr, ſie ſolle den kleinen Wilhelm gut halten und wahren wie ihren Augapfel. Und da nimm deinen verſprochenen Lohn und fahre mit Gott.— — 165 Der Schiffer beſah das große Silberſtück, was ihm gereicht worden, mit ſeltſamen Blicken, und barg es dann in der innerſten Taſche ſeines breiten Ledergurts. Ich danke! Da ſollen's die rauhbärtigen Welſchen nicht fin⸗ den, und wenn ihre Donnerbüchſen mir auch auf der Rückfahrt ein Halt commandirten. Nun reiſet unter des Himmels Schirm; hätte der Prinz Moritz unter ſeinem Heeresbann lauter ſo muthige Herzen, wie Ihr eines tragt, bei dem Sankt Peter! binnen Mondenfriſt leckerte keine ſpaniſche Zunge mehr nach einem niederländiſchen Seefiſch, und all dieſe welſchen Ochſenknochen bleichten wie Stockfiſchgräten an unſern Kanälen.— Er drückte dem Gefährten nochmals derb die Hand, ſtieg dann in den Nachen und fuhr eiligſt den Kanal hinab, dahin von wo er gekommen. Man ſah dem jungen Manne, welcher am Lande zurückblieb, eine tiefe innere Bewegung an. So lange die geradlinichte Richtung des Kanals das Schiffchen ſichtbar bleiben ließ, blickte er ihm mit geſenktem Haupte nach; da es jetzt aber in einer Beugung verſchwand, holte er einen tiefen Athemzug, erhob dann ſein blühen⸗ des, faſt noch knabenhaftes Geſicht und die lichtblauen Augen darin zu der Gegend auf, wo die mächtige Feſtung und Hafenſtadt Oſtende aus den ſinkenden Morgennebeln hervorſtieg; ſein Blick und ſeine Züge nahmen eine Keck⸗ heit und Entſchloſſenheit an, die kaum hinein paßten, und den kleinen kurzen Degen bequemer ſchnallend, das verſchobene braune Schooßwamms in Ordnung ziehend, griff er den hingeworfenen Reiſeſtock vom Boden auf, und ſchritt mit munterem Fuße vorwärts durch die feuchte Flur, deren ſchwerer Boden den Marſch eben nicht be⸗ günſtigte. 166 Schon war er ſo ein Halbſtündchen gewandelt und hatte oftmals einige Minuten geraſtet und ſich ſcharf umgeſehen, ob er nirgends ein Soldatenpiquet oder ſonſt etwas Gefährliches gewahren möchte, da traf ſein Fuß⸗ pfad auf die Landſtraße, und ſofort zogen auch mehre Stimmen und ein nahes Geräuſch ſeine Aufmerkſamkeit auf ſich. Zwar hatte er ſich getäuſcht in der Zahl der Redenden, aber deſto erwünſchter kam ihm die Begeg⸗ nung, als er bemerkte, daß nur ein altes holländiſches Weib mit zwei Eſeln die einſame Straße belebte, und indem ſie zwiſchen den Körben des einen der geduldigen Thiere thronte, das zweite mit Peitſche und ewig reger und grobſcheltender Zunge vor ſich hertrieb, ihren Zorn⸗ monolog unermüdet fortſetzte, den nur dann und wann die Thiere mit ihrem weithallenden gellenden Geſchrei beantworteten. Gerade auf ſie zu marſchirte der junge Wanderer, und mit dem freundlichen Gruße: Gottes beſten Segen zur Morgenfahrt, Mütterchen! redete er ſie an, und ſetzte zugleich die Frage hinzu: Führt dieſe Straße in das Lager der Erzherzoglichen?— Das Weib maß ihn von dem Scheitel bis zur Sohle, ehe ſie antwortete. Sie hielt ihre trägen Thiere an und ſchlug ihr maſſives Bein mit dem rothen Wollſtrumpf über den dicken Hals des Grauchens, ſich bequem nach der Seite hinſetzend, wo der Wanderer ſtand. Du mußt weit herkommen, Bürſchchen, murrte ſie, mit neugierigen Augen und das gelbe, runzelvolle Ge⸗ ſicht vorſtreckend, daß Du den Platz nicht kennſt, wo vald ein Jahr ſchon die Donnerbüchſen ſtehen, die von der armen Stadt am Meere faſt kein Dach mehr ganz gelaſſen. Sie und ihre Kanoniere haben ſich ja in den 167 Sand gebohrt, wie die großen Seemuſcheln, und werden da wohl bis zum jüngſten Gerichte wurzeln, wenn der große Gott ſie nicht früher herauspeitſcht. Was willſt Du aber im Lager des Erzherzogs? Scheinſt ſchmucker Leute Kind; fein brabanter Tuch auf dem Leibe, ein An⸗ geſicht wie Milch und Blut, keinen grimmigen Knebel⸗ bart über dem gierigen Haifiſchmaule; was willſt Du unter den wilden Eſpagnols und den breitſchulterigen Deutſchen? Sag mir's dreiſt; ich bin ein gutes flammän⸗ diſches Blut und kann Dir vielleicht zu Rathe ſtehen, wenn Du ſo etwas bedarfſt.— Der junge Menſch warf einen ſcharfen Blick auf die Redſelige, dann antwortete er aber ohne Zögerung: Ich bin guter Leute Kind aus Echternach, ſagte er offen⸗ herzig, aus dem Luxemburg, wo die ſchöne Moſel fließt und der Ardennerwald ſchattet. Franz Arlon iſt mein Name, bin eine Waiſe, alle Blutsfreunde ſind todt, keiner hat mir etwas nachgelaſſen, und ſo will ich's unter den Soldaten verſuchen, denn mein letzter Meiſter ſagte immer, in dieſer Zeit könne nur der Kriegsſtand reich machen, und der kleinſte könnte groß werden unter der Muskete.— Die Alte zog eine finſtere Miene. Du ein Soldat? lachte ſie hämiſch. Nun großen Schaden werden Dei⸗ nesgleichen den Niederländern nicht bringen, denn Du ſiehſt nicht aus, als wenn du voran ſein würdeſt zum Brennen, Sengen und Plündern, wenn die Trommel Sturm ſchlägt. Deine kleine Kinderhand wird Jahre gebrauchen, um hart zu werden und die Partiſane in eine Menſchenbruſt ſtoßen zu können mit der Macht eines geſchickten Harpunierers. Aber Du ſprichſt mir ſo 168 Flammändiſch, daß ich Dich einen Lügner heißen würde, ſähe nicht Dein Auge ſo gut und dreiſt zu mir auf.— Mein Vater war ein Waldvogt in den Ardennen, fiel der junge Menſch raſch ein, und ſandte mich früh nach Breda zu ſeinem Bruder in die Tuchfabrik, weil ich ihm zu ſchwach ſchien für ſein Geſchäft. Als aber die Mutter und Brüder alle hingeſtorben, nahm er vor drei Jahren mich wieder zu ſich, damit er etwas Liebes um ſich hätte.— Da hat er Dich wohl als Wickelkind zu der Fabrik geſchickt? verſetzte die Holländerin.— Was meinet Ihr denn, daß Ihr mich höhnet? ent⸗ gegnete Franz Arlon mit ſichtlichem Aerger. Fünfund⸗ zwanzig bin ich paſſirt am Oſtertage, und ich denke, da bin ich wohl alt genug zum Heirathen wie zum Darein⸗ ſchlagen. Glaubt Ihr's nicht, könnt Ihr nachſchlagen laſſen im großen Kirchenbuche zu Echternach, und wollt Ihr mir nicht freundlichere Antwort geben, werde ich meinen Weg ſchon ſelber finden, denn irrt mich's nicht, ſo höre ich von dort her, wo die beiden grauen Thürne durch den Nebel ſtechen, eine Trompete, und die wird mich zu einer Geſellſchaft rufen, die mir beſſer anſteht als die Eurige.— Nu, nu, wie das gährt und brauſet, ſagte die Alte; ich merke, Du trägſt doch ſo eine Art winziges Solda⸗ tenherzchen unter dem Rocke und wirſt einen gelehrigen Schüler unter die ſpaniſchen Zelte mitbringen. Du dauerſt mich, blutjunges Bürſchchen, und Dein Milch⸗ geſichtchen gefiel mir, darum fragte ich wie der blutgierige caſtiliſche Wachtmeiſter. Ich möchte Dich und Dein Ge⸗ wiſſen gerettet haben, denn du ſcheinſt nicht zu wiſſen, wie es in Flandern zugeht und wie deine künftigen Kameraden — —— — 169 die Wirthſchaft führen. Jeder trägt ſeine Haut zu Markte, und willſt Du's nicht anders, kann mir's ſchon recht ſein. Trabe nur bei meinen Eſeln her, ich will Dich hinbrin⸗ gen, wo du finden kannſt, was du ſuchſt.— Aber wer ſeid Ihr denn, Mütterchen, und was treibt Ihr ſo früh?— Wer ich bin? fragte die Alte mit komiſchem Dünkel. Frau Barbara nennt man mich im Lager und jeder Schnurrbart macht mir ſeinen Reverenz, ſei er Küraſſie⸗ rer, Schütz oder Arkebuſier. Ich bin die Fiſchlieferantin Seiner Excellenz des kaiſerlichen Generals Grafen Buc⸗ quoy von Longueval, und mein Mann hat das größte Marketenderzelt im ſpaniſchen Lager. Du hätteſt recht klug gethan, nicht ſo oben hinaus mich anzurennen, denn ehe Du Dienſt erhältſt bei den mißtrauiſchen Welſchen, wirſt Du ſcharfe Muſterung paſſiren müſſen, und die Protektion der Frau Barbara möchte Dir eben nicht ſchädlich geweſen ſein.— Der junge Arlon reichte ihr ſchnell ſeine Hand hin⸗ auf zu ihrem duftenden Throne. Nicht bös, Mütterchen! ſprach er herzlich. Kann's nicht läugnen, daß mir bang iſt vor den Eiſenfreſſern, von denen ich manch entſetzlich Stückchen unterwegs gehört. Hätte ich gewußt, daß Ihr eine ſo wichtige Perſon geweſen, würde ich demüthiger zu Euch geſprochen haben. Aber nehmt das einem jun⸗ gen Naſeweis nicht übel, dem die Soldatenträume vor⸗ aus den Kopf verdrehet. Sehet ich habe des Vaters Häuschen verkauft und den Kaufſchilling im Ränzel ge⸗ borgen. Kann ich auf Eure Protektion bauen, ſo dürft Ihr auf einen blanken Dank rechnen, der eine ſolche Ladung, wie Eure Körbe dort enthalten, wohl bezahlen möchte.— 170 Du biſt ein honettes ehrliches Blut! entgegnete die Alte ſchmunzelnd. Ich las es Dir von Anfang herein auf dem niedlichen Geſicht. Nun die Barbara iſt nicht bös, obgleich mein alter Stockfiſch mich zuweilen eine beißige Schiffsratte ſchilt. Das junge Volk, wozu Du gehörſt, iſt immer zufrieden mit mir geweſen. Und ſo marſchire nur vorwärts; ich will Dich ſchon unter⸗ bringen, und wenn auch der eaſtiliſche Bär ſeine Zähne und Tatzen weiſen ſollte.— Mit ihrer kurzen Peitſche knallte ſie durch die Mor⸗ genluft. Das Eſelpaar ſetzte ſich gehorſam in Marſch, und redſelig dem jungen Franz gute Rathſchläge und Warnungen einprägend, blieb ſie ihm zur Seite, und dieſer horchte mit geduldiger Aufmerkſamkeit auf Alles, was ſie über die Manier und die Wirthſchaft der Kriegs⸗ leute ihm mit unermüdlicher Suade vorzuplaudern ſich abmühete. Wenn der Krieg der erſten Jahre des ſiebenzehnten Jahrhunderts in den unglücklichen belgiſchen Provinzen auch nicht ganz den Charakter jener Unmenſchlichkeit und Vernichtung trug, die früherhin der Würgengel ſeiner Zeit, der berüchtigte Alba, ſeinen Feldzügen gegen den tapfern Wilhelm von Oranien aufgedrückt hatte, ſo be⸗ fanden ſich doch noch viele Soldaten aus jener Gräuel⸗ ſchule unter dem Heere, welche nicht vergeſſen konnten, daß man ihnen gelehrt, die Ketzer wären dem Raubthiere gleich, ihre Vertilgung Verdienſt vor Gott, und die ketze⸗ riſchen Rebellen müßten ausgerottet werden bis zur Wurzel als doppelte Verbrecher. Der eiſerne Philipp von Spa⸗ nien ſchlief im Eskurial, nachdem an dem ſiebenjährigen 171 Wüthrich Gottes Richterhand ſich durch ein martervolles Ende verſichtbart hatte. Ein erſchöpftes verſchuldetes Land hinterließ der reichſte Monarch ſeines Jahrhunderts dem ſchwachen Sohne, und die ungeheuern Anſtrengun⸗ gen gegen die ſtandhaften Niederländer hatte keinen Ge⸗ winn gebracht, und mit bitterm Ingrimm mußte der wilde Greis ſich zum Verſuch bequemen, die reichen bel⸗ giſchen Provinzen dadurch für Spanien zu erhalten, daß er ſie dem Gemahl ſeiner Tochter, dem Erzherzog Al⸗ brecht, zur Mitgift gab. Aber auch dieſer feine Kunſtgriff der Politik ſchlug fehl. Mordſchwert, Kriegsfackel, Hen⸗ kersbeil und Scheiterhaufen hatten den Sinn für Frei⸗ heit, den erwachten jungen Löwen nicht in die Kette gebeugt; er hatte einmal ſeine Kraft erkannt, und ſpot⸗ tete jetzt der Liſt. Schimpflich ſchien es dem Belgier, in dem mit dem Blute der Väter überſättigten Vater⸗ lande das Panier der gewonnenen Freiheit wieder zer⸗ brechen und fremde Fahnen über ihm aufrichten zu ſollen. Lieber wollte der freie Bürger untergehen wie die Väter, und hatte Wilhelm von Oranien einem Philipp und ſei⸗ nem Toledo widerſtanden, ſo war ſein Sohn Moritz der Mann darnach, dem Heere eines Albrechts Schranken zu ſtellen. Freilich wechſelte das Kriegsglück lange; freilich wiederholten ſich die Gräuel und das Blutvergießen, und Städte ſanken abermals in Aſche, und ganze Provinzen wurden des Verderbens Raub; aber endlich ſiegte die Standhaftigkeit, welche kein Opfer geſcheut, und Spa⸗ nien mußte durch einen zwölffährigen Waffenſtillſtand die junge Republik anerkennen, ſo ſehr es ſich auch ſträubte. Gerade jetzt hatte das ſpaniſche Heer große Vortheile errungen, und lagerte im verheerten Lande, um die 172 Meeresfeſtung Oſtende zu zwingen, auf deren Beſitz der General Graf Bucquoy von Longueval beſondern Werth legte, da er als geborner Niederländer wußte, wie wich⸗ tig ihr Gewinn durch ihre Lage und Verkehr zur See für ſeinen Feldzug werden mußte.— Als unſer junger Rekrut mit ſeiner wohlberittenen Führerin einige Zeit fortgezogen, hielt ſie wiederum auf einer Höhe einen Augenblick an, und deutete mit der dürren Mumienhand auf einen Platz zur Seite der Straße. Was ſiehſt Du da, mein Bürſchchen? fragte ſie. Franz ſchauete neugierig hinüber.— Ein großer Brandplatz ſcheint da zu liegen, antwor⸗ tete er; Schutt und ſchwarzes Balkenwerk thürmt ſich in Haufen, kein Grashalm wächst rundum.— Schau Dir's genau an, fuhr Frau Barbara eintönig fort; dort ſtand vor ſechs Monden noch ein ſtattliches Dorf; es wohnten viel ehrlicher Leute gute Kinder darin. Auch ein lieb Bäschen von mir ſaß da in feſter Hütte mit einem Halbdutzend Küchlein. Der große Gott hat ſie gnädig alle hingenommen in ſein Freudenreich zu der⸗ ſelben Stunde. Siehſt Du auch die weißen Gebeine ſchimmern in der ſchwarzen Aſche? Unbegraben liegt da manches Chriſtenkind. Wer ſie hätte in treuer Frömmig⸗ keit und Chriſtenpflicht mit Erde bedecken wollen, hätte ſich ſelbſt ſein Grab gegraben, ſo lange der Spanier in der Nähe lagert. Nun, der große Gott wird ſchon ihre Knochen bewahren bis zum letzten Tage, damit Jeder das Seine wieder finden mag. Jener alte Steinklumpen da vor uns mit den drei grauen Thürmen war damals ein ſtattlich Ritterſchloß; der Herr war beim Heere des Naſſauers, die Frau und ihr Söhnlein daheim. Als die Dörfler da unten den Geſang der Männer im Feuerofen —— 173 anſtimmten, mußte die Edelfrau mitſingen ohne Gnade; auch das hohe Schloß fraß die Flamme, und das Weib mit dem Söhnlein des rebelliſchen Ritters warf ſich ſelbſt zum Fenſter hinaus in das Feuermeer, um größern Martern zu entgehen und wenigſtens die Ehre rein zu brennen. Schauderſt Du mein Söhnchen? So etwas mußt Du gewohnt werden, willſt Du der ſpaniſchen Muskete Ehre machen.— Sie kniff die Augen feſt zuſammen, zuckte einige Male mit dem aufgeworfenen Munde, wie Jemand, der das Heulen verhindern will an ſich ſelbſt, drehete das Geſicht unter dem großen Filzhute nach der andern Seite und ſpornte ihr Thier mit grauſamer Heftigkeit weiter. Mit erblichenen Wangen folgte ihr der junge Arlon, aber ſeine Knie bebten und er mußte ſich auf ſeinen Stab lehnen, um nicht zuſammenzuſinken, als er jetzt plötzlich dicht neben ſich auf einer Sandfläche ein Dutzend menſchlicher Leichname erblickte, nackt hinge⸗ worfen, gräßlich verſtümmelt, durch zahlloſe Wunden gemordet, aus denen das Blut noch friſch zu quellen ſchien. Barbara! rief er mit letzter Kraft und letztem Athem: wer ſind dieſe, und warum ſchlachtete man ſie ſo grauſamlich?— Darüber darfſt Du Dich weder wundern noch be⸗ ſonders entſetzen, antwortete die alte Fiſcherin kalt. Die ſind den guten Soldatentod geſtorben und in ihrem Be⸗ ruf geblieben. Es waren Reiter vom Regiment Solms, hatten ſich zu weit heran gewagt zur Rekognoscirung, wurden abgeſchnitten und nach Kriegsweiſe bezahlt, weil ſie ſich zu lange gewehrt!— Soldaten! ſeufzte Arlon aus banger Bruſt. Gott⸗ lob!— 174 Aber willſt Du ein beſſer Muſterbild für Dein künf⸗ tiges Leben und ein Meiſterſtück Deiner lieben künftigen Kameraden Dir in die Seele drücken, ſo wirf Deine Augen links auf den Kanal, fuhr Frau Barbara fort, ſeinen Stoßſeufzer überhörend. Es war ein ſchmuckes Weibchen, das da ohne Kopf im Graſe liegt; ſie kam betteln in dem Gezelte, aber man hielt ſie für einen Spion und zu den Solmſern gehörig, und ſie mußte ſchwer büßen, ehe ihr der Caſtilianer den Genickfang gab. Da liegt nun der weiße Leib zum Spott in Gottes Sonnenlichte, und ich muß nur meinen Mann ſtacheln, ſobald ich hinein komme, daß er den Knecht hinaus ſchickt und ſie eingraben läßt, damit das junge Volk nicht neue Schimpfirung mit dem Unglückskinde beginnt, wenn ſie vom Appell und der Muſterung zurückkommen. Und, daß Gott erbarm! Da ſchwimmt ja auch noch der unſchuldige Wurm am Stricke im Waſſer, mit dem ſie Fiſchen geſpielt! Gott vergebe allen Sündern! Laßt uns fortmachen, mir wird ſelbſt unheimlich zu Muth an der Stelle, obgleich ich ſolcherlei Späße faſt täglich geſehen und mitgetanzt.— Aber der junge Wanderer ſtand ſtarr wie eine We⸗ gesſäule und konnte den Blick nicht von dem Kanal fortziehen, und von den weißen beſchimpften Körpern des Weibes und ihres Säuglings. Dann ſchlug er plötzlich ſeine naſſen Augen zum Himmel auf, ſank in die Knie und faltete beide Hände mit Heftigkeit. Biſt Du toll! ſchrie die Alte. Wenn Dich ſo Einer vom Lager ſieht, iſt's aus mit Deiner Anſtellung, denn das Beten iſt aus der Mode gekommen; das ſparen ſie bis zur Heimkehr in ihre Heimath, da ſie meinen, nur über ihrem Spa⸗ nien ſei der Gott zu finden. Auf, mein Bürſchchen, Du 175 kommſt mir faſt ſelbſt verdächtig vor, und wir müſſen in meinem Schenkſtübchen geheim ein Wörtchen darüber abſprechen.— Sie warf dabei einen ſo ſtechenden und gar beſondern Blick auf den jungen Menſchen, daß dieſer ſich beſinnend mit Anſtrengung erhob, und fortgehend mit bebender Stimme ſagte: Seid nicht ungehalten, Mutter! Ich ſprach nur ein Gebet für die arme Seele, wie es bei uns Sitte iſt in den Ardennen, wenn wir einen Verunglückten im Walde finden. Ich muß der⸗ gleichen Anblicke wohl gewohnt werden, und es iſt auch recht gut, daß Ihr mich darauf ſtießet, da wir noch allein waren. Ich werde mich nun deſto beſſer zuſam⸗ men nehmen inmitten Eurer Eiſenfreſſer und Blutſäufer.— Die Alte nickte beifällig und ſie zogen weiter und näherten ſich dem Feldlager vollends. Im weiten und breiten Kreiſe dehnte ſich das Lager des Erzherzogs und ſchloß die Feſtung Oſtende von der Landſeite auf das engſte ein. Jenſeits hörte man das Beginnen der neuen Kanonade, welche ſchon Monden lang fortgeſetzt nur in der nächtlichen Ruhezeit ihre zer⸗ ſtörenden Donner ſchweigen ließ. Trommeln und Trom⸗ peten klangen luſtig im Innern der weißen Binnenſtadt; doch an ihrer Rückſeite, an welcher die Frau Barbara jetzt ihre grauen Thiere hintrieb, herrſchte eine ernſte Ruhe, obgleich auch hier die Umſicht des Feldherrn krie⸗ geriſche Anſtalten zur Genüge getroffen hatte, um jedem Ueberfall im Rücken vorzubeugen, und hohe Redouten mit Verderben dräuendem Geſchütz und wachſamen Sol⸗ daten beſetzt, die ſtürmenden Vordermänner vor jeder Störung in ihren Vernichtungswerken zu ſchützen. Die Fiſchlieferantin bog auf einen Eingang zu, der zwiſchen zweien dieſer mächtigen Schanzen ſich öffnete, 176 doch ſofort trat auch hinter den Schanzkörben ein paar bärtiger Hellebardierer ihr entgegen. Es waren Au⸗ ſtrier; der Eine drehete, ſo wie er die Alte erblickte, wieder um und ſetzte ſich in die alte faule Ruheſtellung, die er vorher gehabt; der Zweite aber trat dem Eſel mit einem donnernden: Wer da? in den Weg und ſpannte ſeine Hellebarde wie einen Schlagbaum vor die Bruſt des vierfüßigen Laſtträgers. Alberner Kärnther, was ſoll der Spaß? fragte die Alte zornig und mit einer Hexenmiene. Willſt Du mir mein Thier ſcheu machen? Nimm Dich in Acht; noch heute ſchicke ich Dir meinen Tobias mit ſeinem Kreide⸗ brett in Dein Zelt, und zahlſt Du nicht bis Sonnen⸗ untergang die ſechzig Kreuzer, die Du ſchuldeſt, ſoll Dein Herr Hauptmann von Schellenberg Deine nimmerſatte Gurgel kennen lernen.— War ein Wienerl Scherz, Mütterchen! lachte der Soldat, jedoch glühte ſein Geſicht dabei auf, als habe er den Teufel erblickt. Wirſt doch halter nicht, Bärbelche? Hab' ja manchen Wochenſold in Deinen Säckel gebracht. Reite nur immer durch auf Deinem Paradegaul, wir kennen Dich all; nur der bunte Fiſch, der neben Deinen Körben herſpaziert, rief mich heran, und ich muß dem Dienſte nach fragen, ob er ein Hecht, ein Stör oder gar ein Wallfiſch iſt?— Narr! entgegnete Frau Barbara. Hat ja nicht Schwanz, nicht Floſſen. Wiſch Dir den Schlaf aus den Augen; wirſt dann ein junges Menſchenkind erkennen, das Herrn Tobias Vetter zu ſein die Ehre hat, und den ich mir zur Hülfe in der Bude mitgebracht, weil Euch Saufängern ein aufwartend Weibsbild nichts nützt, und Ihr die Käthe und Marie täglich abwendiger und 177 poffärtiger macht. Der Burſch iſt aber gar hochmüthig und möchte lieber Euer Kriegskleid anziehen, als die Schürze vorbinden und den Genever einmeſſen. Nun, Herr Tobias wird ihm ſchon den Kopf zurecht rücken. Du ein kaiſerlicher Soldat werden? fragte höhniſch der Lellebardierer. Schaffe Dir erſt ungariſche Schultern und einen böhmiſchen Bart. Die runden Beine ſtehen Dir ſo knickbeinig wie einem Schneidergeſellen; kannſt Dich melden bei dem Regimentsſchneider; die Wämmſer hat der Winter abgeriſſen und er hat ſolche Bügelhelden vonnöthen. Im ganzen Lager möchte kein Kamerad Dich zum weinerlichen Zeltgenoſſen nehmen. Paſſirt, Frau Barbara, mit Eurem Hering, und ſagt dem Herrn To⸗ bias, er möge ſeinen Stock nicht ſchonen, dem hochmü⸗ thigen Fant ſeine Tollheitsteufel auszutreiben.— Unmuthig wendete er ſich ab und ließ den Eingang frei. Franz Arlon hatte nicht gemuckſet trotz des belei⸗ digenden Empfangs; mit blaſſem Geſicht faßte er jetzt des vordern Eſels Zaum und führte ihn, der alten Rei⸗ terin folgend, hinter den Zelten hin, von manchem der Krieger angegafft, welche Waffenſtücke putzten, Waſſer für ihre Roſſe herbeiſchafften, oder ſich noch in dem ge⸗ öffneten Zelte auf ihrem Strohlager wälzten.— Erſt dann verlor ſich die Bläſſe ſeines Antlitzes und die Scheu ſeines Blicks, als das anſehnliche Bretterhaus ſeiner Beſchützerin ihn aufgenommen, der Herr Tobias, durch ein paar Antrittsworte ſeiner Frau beſchwichtigt, die breite Hand dem Ankömmling recht treuherzig darbot, ihm ein Glas Pitermann aus dem großen Bierfaß zapfte mit eigener Hand und ihm ein Ruhelager in einem kleinen Verſchlage anwies, bis er ſich mit der Frau beſprochen und für ſeine weitere Anſtellung beredet haben würde. Blumenhagen. III. 12 178 Kaum war die enge Thür des Kabinettchens hinter dem jungen Menſchen zugefallen, ſo lief ſein Blick vor⸗ ſichtig rund um an den Wänden, dann warf er ſich heftig neben dem Bettchen in die Knie und hob mit dem Ausdruck der innigſten Frömmigkeit ſeine Hände empor. Bis hieher haſt Du mich geführt, großer Gott der Gnade! ſtammelte er. Nimm dafür den heißeſten Dank Deines unglücklichen Geſchöpfs, das darin eine Ver⸗ heißung lieſet, Du würdeſt ſein Unglück, ſeine Prüfungs⸗ zeit bald gnädiglich zu Ende bringen. Du haſt mich die Schrecken ſehen laſſen, die mir dräuen, um mich zu erſtärken in meinem Vorhaben, und ich bin ſtark gewor⸗ den in der Erſtarrung des Grauens und dem Fieberfroſte des Entſetzens. O wache über meinem Haupte mit all⸗ gütiger Hand; denn was ich begann, iſt ja gut und dein Wort trieb mich dazu, und Deine Lehre machte mir's zu einer heiligen Pflicht. Und ſollte ich dennoch unter⸗ gehen, ehe ich mein Werk vollendet, o ſo gib mir einen ſchnellen Tod und laß die Marter nicht grauenvoller ſein, als eine Menſchenbruſt ſie zu tragen vermag.— Geſtärkt und entſchloſſen ſtand er auf, legte ſein Ränzel ſorgſam unter das Bett, warf Barett und Ober⸗ kleid ab, ſtreckte ſich auf das ärmliche Ruhelager und ſchloß die Augen, wohl nicht zum Schlafe, doch zur Er⸗ holung in leiblicher und geiſtiger Ermüdung.— Die Mittagszeit näherte ſich, da trat Herr Tobias in das Bretterkämmerchen und weckte den Ankömmling zum neuen Geſchäft, ihm zugleich Mütze, Kamiſol und Schurz aufs Bett werfend. Zieh dieſe Montur an, ſprach er freundlich dazu, ſie paßt beſſer zu dem, was Du ſein willſt, 179 als das feine Amſterdamer Tüchel Deines Rocks. Und was die Barbara mir erzählt, läßt mich vermuthen, Dir möchte an einem ſtrengen Examen nicht beſonders gelegen ſein.— Wie meint Ihr das, Herr? fragte Franz beſtürzt; der Zweck meiner Herreiſe iſt klar und meine Lebensgeſchichte ſo einfach, daß ſie kein Licht ſcheut.— Aber doch vielleicht die Fackeln und Brände der Inquiſi⸗ tion, entgegnete verſchmitzt der Marketender. Ich will nichts wiſſen, nichts fragen. Frau Barbara wird ſchon mit Dir zurecht kommen. Aber Du kannſt Dir Glück wünſchen, in ihre Hände gefallen zu ſein, denn Dein Auftritt hier wäre einer ſpaniſchen Habichtsnaſe ſicher verdächtig geworden. Ich bin ein alter Fuchs und treibe mich ſeit einem Jahre unter dieſem Geſindel herum, und habe mich auf die Geſichter verſtehen gelernt, und aus Deinen feinen, glatten Zügen, ſo unſchuldig ſie laſſen, ſpringt mir belgiſche Liſt und proteſtantiſche Wagigkeit ſo hell ins Auge, daß ich meine ganze Habe verwetten wollte, Du ſprengteſt lieber mit einer Zündmine dieſe ganze Armee in die Luft, als daß Du Theil haben möchteſt an ihren Unthaten.— Ihr wollt mich verſuchen, ausforſchen, antwortete Franz; ſparet die Mühe, Euer Senkblei findet keine Tiefe; ich bin ſo flach wie die Sandbank, ohne Fahrwaſſer und was die Frau von mir erfuhr, iſt Alles, was ich ſelbſt weiß von mir.— Auf ſo einer Sandbank iſt ſchon mancher Dreimaſter geſcheitert und wenn er auch Admiralflagge trug, lachte Herr To⸗ bias. Nun werde nur nicht roth wie Blut, Bürſchchen. Du biſt in ehrlichen Händen, und ſollſt noch heute davon überzeugt werden. Aber ſchnell in die Kleider und heraus ins Gezelt. Es iſt heute Morgens eine neue Breſche geſchoſſen und der General wird einen Sturm auf die 180 Nacht probiren. Möchte er nicht beſſer ausfallen, wie der vorige, wo er einige Dutzend ſeiner Beſten ſitzen ließ, welche die braven Oſtender am andern Morgen hoch auf dem Walle aufknüpften. Der Anblick trieb den Spaniern die Galle in den Magen und wir haben nie eine ſolche Quantität Genever verſchenkt als an dem Tage. Ich habe auf morgen ſchon ein neues Fäßchen zurecht gerückt und die Fiſche doppelt geſalzen. Die Kriegsleute haben aber des Sturms wegen nur kurze Friſt zum Zehren und Zechen, und darum gibts doppelt zu thun. Spute Dich und hilf; das Zelt ſitzt ſchon voll hungriger Maulthiertreiber; die Schützen werden bald nachkommen, und Du mußt ſchnell den Gäſten be⸗ kannt und ſie Deiner gewohnt werden, ſonſt möchten unſere Plane dürres Gras treiben.— Der Geſchwätzige verſchwand und ließ den jungen angenommenen Vetter in tiefen Gedanken zurück. Was ſollte er denken von ſolch ſeltſamer Aufnahme? Legte man ihm Fallen, oder meinten ſeine Beſchützer es ehrlich mit ihm? Ihre Aeußerungen waren zu offen, zu nieder⸗ ländiſch und patriotiſch, als daß er an eine Falſchheit denken durfte. Und doch wurde ihm gerade dieſe ſchnelle Offenherzigkeit am meiſten verdächtig, da ſie gegen ihn, den Fremden, von Menſchen, welche mitten im feindlichen Heere und von dieſem lebten, höchſt voreilig und unbe⸗ ſonnen erſcheinen mußten.— Gefaßt und entſchloſſen, ſeine erſte Rolle recht feſt zu halten, trat Arlon in das weite Zelt, und trieb ſich bald rührig unter den Gäſten umher, die bis jetzt mei⸗ ſtentheils aus ſchmutzigen Packknechten und Eſeltreibern beſtanden, welche von ihren Krügen und Zwiebeltellern zwar neugierig über die neue Erſcheinung aufſchauten, 181 jedoch, einige unzarte Witzworte über das bartloſe Knäb⸗ chen abgerechnet, ſich bald nicht weiter um ihn beküm⸗ merten. Aber näher der Schenkbude hatten ſich jetzt ein Halbdutzend ſpaniſcher Soldaten um den runden Eßtiſch geſetzt; Frau Barbara ſchüſſelte ihnen auf und rief den Franz zu ihrer Hülfe in dieſen noblern Theil ihres Wirthſchaftsgebäudes. Die meiſten der braungebrannten Krieger waren leichte Reiter vom cataloniſchen Regiment, ſchmucke Männer, denen die hellgrüne Tracht ſchön ließ und welche die Blechkappen zur Seite gelegt hatten und durch die bunten Seidennetze, mit welchen ſie das dunkle Haar zuſammenhielten, einen ſonderbar gemiſchten Cha⸗ rakter von arkadiſcher Hirtlichkeit und ſpaniſchem Krieger⸗ ernſt in ihren Geſtaltungen darboten. Mitten unter ihnen ſaß ein andaluſiſcher Scharfſchütz, im kurzen Kleide von arabiſchem Zuſchnitt und aus einem feinen Zeug verfer⸗ tigt, das durch blaue und rothe Streifen auf braunem Grunde ſein Koſtüm noch auffallender dem afrikaniſchen ähnlich machte. Auch trug er im breiten Gurt den krummen Dolch des Mauren, und um ſein ſchwarzes, langgelocktes Haar wand ſich ein Tuch turbanartig von einer ſchreiend rothen Scharlachfarbe. Die romantiſche Figur fiel ſofort dam jungen Diener auf, und gleich⸗ zeitig hefteten ſich auch die ſchwarzen, funkelnden Augen des Andaluſiers auf ihn, und die ſchnelle Sprache, welche ihn vor ſeinen ernſten Kameraden auszeichnete, nahm den Neuling ohne Aufſchub in Anſpruch.— Iſt das der Couſin, von dem Ihr erzählt, Seora Barbara? fragte er lebhaft. Ihr habt keinen übeln Guſto, Mamachen, und Señor Tobias muß blind ſein, wie der Papa ſeines Namensvetters war. Schenk mir ein, Franzesko, ſo heißt Du ja wohl? So wahr meine Mutter ſich im Guadalquivir die ſchwarzen Augen aus⸗ gewaſchen, als ſie zur Hochzeit ging, ich ſah im ganzen Nordland noch kein ſolch Raphaelgeſicht, wie Dir die Gnade Gottes gab. Deine Lippen ſind rund und ſüß wie die Trauben von Teres; Deine Augen glänzen wie die Cyanenblume in den Feldern von Cazala, und wä⸗ reſt Du dort geboren, würden die frommen Padres Dich längſt zu ihrem Novizen geworben haben, denn Deine Schönheit wäre zu verlockend für die Kinder der Welt.— Erröthend goß Franz den Becher des ſpöttelnden Südländers voll bis zum Ueberfließen und ſagte: danke Euch für das Lob; bei meinen Schweſtern wäre es am beſſeren Platze geweſen.— Haſt Du Schweſtern, Franzesko? fragte der Anda⸗ luſier, indem er raſch des Sträubenden Hand ergriff und ihn zuͤ ſich zog. Wo hauſen ſie? Wo blüht ihre duftende Roſe? Erzähle! Sie ſind Dir ähnlich, machen wir ohne Zaudern einen Streifzug und holen die Edel⸗ Murre nicht, Seßora Barbara, der ſchmucke Burſch ſoll nicht ſchenken und dienen, er ſoll hier unter uns ſitzen und trinken mit Sampedro Baſte⸗ lica de Marbella, und ziehſt Du ihm dafür eine ſaure Fratze, haſt Du alle Andaluſier zu Todfeinden Deines Schenktiſches. Du biſt eine Stiefmutter für den Burſchen geworden, wirb Dir krummbeinige Dickbäuche zu Auf⸗ wärtern, wie Euer ſchlechtes Land ſie zu Hunderten ge⸗ biert; dieſen da hätteſt Du als Pagen der Infantin präſentiren ſollen; ſie liebt die Blondköpfe und würde ſchnell einen Mandolinenſchläger aus ihm gemacht haben, wie ihn ſelbſt das ſtolze Sevilla nicht aufzuweiſen ver⸗ ſteine ins Lager. möchte. Franz ſchien Anfangs erſchreckt über die feurige 183 Apoſtrophe des Fremdlings, aber beſonnen ergriff er ſchnell die Gunſt des Augenblicks und ſetzte ſich feſt und dreiſt an des Andaluſiers Seite. Ihr ehrt mich hoch, edler Herr, ſagte er heiter. Jedoch ſchimpft Ihr mich zugleich. Meint Ihr, ein Sohn des Ardenner Wald⸗ gebirges habe nur Finger zum Saitenſpiele, und könne Luſt daran finden, ein müßiges Pagenleben unter dem Weibsvolk zu wünſchen? Der heilige Paulus möge mich vor ſolchem Schlemmerleben bewahren. Ich möchte ein Kriegsmann werden wie Er; habe auch auf den Edel⸗ hirſch und den wundwüthigen Eber mein Gewehr oft verſucht, und dieſe Baſe glaubt nur, ich ſei noch zu jung, um mich ſchon ſolch tapferem Volke zuzugeſellen, ſonſt hätte mein Wunſch mir längſt die ehrenvolle Blech⸗ kappe der Schützen auf das Haar gepreßt.— Du biſt eine Blume Deines Landes! fiel der wein⸗ heiße Spanier ihm in die Rede. Hand darauf, ich werbe Dich zum Schützen; Du thuſt einige Scharfſchüſſe vor dem Capitano, und ich ſtehe für Deine Aufnahme. Aber Zeltkamerad mußt Du mir werden, denn mich zieht eine Freundſchaft zu Dir, die mir ſelbſt ein Räthſel iſt.— Du biſt ein Narr, murrte ein alter Catalonier mit ſeinem Sarras raſſelnd, und träumſt, als lägeſt Du unter den Weinſtöcken von Malaga. Beſſer thäteſt Du, an einen Ablaßbrief für Deine Sünden zu denken, denn Dein Regiment ſoll im Sturm zur Nacht voran, und da möchte die Zeltkameradſchaft vor dem Anfang ihr Ende bekommen, denn Dein Rekrut ſieht beim Sankt Jago von Compoſtella nicht darnach aus, als wenn er ſein erſtes Kriegsſtück in einer Breſche verſuchen möchte.— Glaubt Ihr, der krauſe Bart und die Stirnrunzeln machten den Helden aus? fragte Franz empfindlich. 184 Wollte ich prahlen, könnte ich Euch ein Heldenſtück er⸗ zählen, zu dem ihr alle vielleicht den Muth nicht gehabt, und das der junge Luxemburger beſtanden. Wohl be⸗ ſcheide ich mich, daß zum Sturm der General nur die Auserleſenſten herausruft; aller Anfang iſt ſchwierig, und ich weiß, daß der Rekrut nur die Bagage und die Gefangenen bewachen darf, aber fragt nach einem Jahre zu, und Franz Arlon wird dem edlen Grafen von Lon⸗ gueval nicht mehr unbekannt ſein.— Verſtändig geſprochen! rief der Andaluſier aus und umhalſete den Nachbar zärtlicher als dieſem lieb ſchien. Du haſt ein ächtes Soldatenherz, Franzesko. Aber frei⸗ lich wird Dich der Exerciermeiſter erſt hetzen müſſen, und das iſt ein langweilig Tagewerk, faſt noch langweiliger als das Schildwachſtehen vor des Oberſten Quartier oder gar vor einer Armenſünderklauſe. Noch geſtern hatte ich den Dienſt in den grauen Thürmen dort, und mit zwei Piaſtern hätte ich gern die Nacht abgekauft⸗ Für den frohherzigen Andaluſier wird es immer eine Tortur bleiben, ſtundenlang durch die Todtenſtille das Geſeufz und Gejammer anhören zu müſſen. Es iſt ein Fegfeuer, in welches der General nur die ſteinernen Caſtilier ſchicken ſollte, die keine Miene verziehen, und wenn auch die Blitzeslohe ihren Katerbart verſengt.— In den grauen Thürmen? fragte neugierig der junge Menſch. Sitzen Gefangene in den alten Steinen, an denen ich vorbeimarſchirte, die wie Eulenneſter laſſen und kein Obdach zu verſprechen ſcheinen?— Das Rattenneſt iſt faſt leer geworden, antwortete der Andaluſier, denn der General hat die meiſten der Rebellen und Ketzerbrut zur Hölle ſchicken laſſen, damit ſie uns nicht zu viel Proviant koſten möchten. Aber eine 185 armſelige Rotte Oſtender ſitzet noch darin und harret auf den Spruch, und ſie plärren und beten, daß der Schild⸗ wacht die Ohren ſo lang werden müſſen wie einem aſtu⸗ riſchen Eſel. Es ſind die holländiſchen Schiffer und Steuerleute, die vor drei Tagen auf dem Kanal zur Nachtzeit Brodkorn in die Feſtung ſchmuggeln wollten, da der Engländer zur See den Paß verlegte, und da es mangelt in der Stadt. Kühne Burſchen waren's, wehr⸗ ten ſich ſogar mit ihren kurzen Meſſern gegen uns Schützen, die wir wachſam ihr Werk verdarben. Ich war ſelbſt dabei. Der eine beſonders machte uns viel zu ſchaffen, ein ſtämmiger Burſch, hätte den Matador im Stierge⸗ fecht machen können. Die Kolbe ſchlug ihn nieder, und ſeine Bruſtknochen fühlen noch das Eichenholz von Loja. Aber arm wie die Mäuſe im Dome von Sevilla waren die Hunde; dieſes blanke Kreuzchen allein fand ich auf des Feindes Bruſt, und es iſt nicht einmal Gold, ſon⸗ dern Silber vergoldet. Wenn ſo ein Schiffsknecht einen Spanier plündert, wird ihm mehr Lohn beſcheeret unter dem Seidenwamms„uls wir an dieſen zehn Waſſerratzen unter ihren groben Kitteln gefunden. Franz Arlon hatte mit hochklopfender Bruſt zuge⸗ hört. Spielend drehte er das Kreuzchen zwiſchen den Fingern umher, und ſagte mit merklich beklemmtem Athem: Der Schmuck iſt hübſch, was gilt er Euch, Don Sampedro?— Hängſt Du, junger Fant, an ſolch eitlem Putz? lachte der Schütz. Behalt's immerhin mir zum Anden⸗ ken und als Handgeld auf die Zeltktameradſchaft. Aber beichten ſollſt Du uns dafür Dein Heldenſtück, von dem Du vorhin prahlteſt, wenn wir morgen wiederum hier Deinen Genever koſten. Die Trommel ſchlägt ſchon 186 Allarm! Putze Deine Jagdbüchſe bis dahin, Kamerad, da⸗ mit ich morgen durch den ſchönen Rekruten Ehre einlege. — Taumelnd riß er ſich vom Sitze, umhalſete den jungen Luxemburger, und marſchirte dann mit ſeinen Genoſſen zu der Taberne hinaus. Mit einem ſchmerzlichen Blicke ſah ihnen Franz Arlon nach. Alſo krank, verwundet, vielleicht tödtlich krank, er, der beſte Freund? ſeufzte er mit naß werdenden Augen. Und ich drückte die Hand, welche ihn ſchlug, und durfte nicht rächend mit dem nächſten Meſſer nach dem Feinde ſtoßen?— Innig preßte er dann das kleine Kreuz an ſeine Lippen. Dich habe ich gerettet aus frechen Händen! flüſterte er mit Triumph. Dich ſchickt mir der allgütige Gott, als Zeichen ſeiner Gunſt. Ja, ich werde es Dir wiederbringen, das Pfand der Treue, ich werde Dich finden, ſehen, retten; von dieſer Stunde an iſt mein Vertrauen felſenfeſt, und kein Zweifel wird mich irr fühen und ſchwankend machen.— Er verbarg raſch das ſchimmernde Kleinod auf der Bruſt, und räumte dann mit Haſt die Flaſchen und Schüſſeln fort, da er die forſchende Herrin der Taberne in ſeiner Nähe bemerkt. Der Nachmittag ging faſt müßig hin. Die nach der Stadt gelegenen Schanzen führten ihre donnernde Sprache, welche klang, wie die Gerichtspoſaune des jüngſten Ta⸗ ges, ununterbrochen fort, indeß von den dicken Pulver⸗ wolken verſchleiert auf den Sammelplätzen mitten im Lager ſich die leichten Truppen ordneten, Munition und Sturmgeräth unter ihnen vertheilt wurde, und die Ober⸗ ſten nicht von ihnen wichen, um durch Beiſpiel und 187 kräftige Rede den in der langen Belagerung ſchon ſchwäch⸗ lich gewordenen Muth neu zu beleben. Herr Tobias ſaß auf der Bank vor ſeinem Bretter⸗ hauſe, und ſah finſter dem bunten Getümmel zu, berech⸗ nend, wie mancher Stüber ihm dadurch verloren ging, da bei ſolcher Gelegenheit nur dann und wann ein kecker durſtiger Burſch ſich aus den Reihen zu ſtehlen wagte, um im Fluge die Kehle anzufeuchten. Er bemerkte den jungen Luxemburger, der an der Stange lehnte, welche den Eingang trug, und mit hochglühenden Wangen auf die kriegeriſchen Anſtalten blickte. Herriſch winkte er ihn zu ſich her, und ſah ihm forſchend tief und lange in die Augen. Dir gefällt das Spiel nicht ſonderlich, zu dem man dort die Karten miſcht? ſprach er halb fragend, halb verſichernd.— Und warum nicht? fragte Franz zurück mit gezwun⸗ genem Lächeln. Ich ſchaue mir es an, damit ich lerne, wie ich's bald mitſpielen muß. Und ärgert mich etwas dabei, ſo iſt's der Gedanke, daß ich noch Zuſchauer bin. Mit Heftigkeit ergriff der Marketender ſeine Hand und zoög ihn näher zu ſich. Burſche, ſagte er mit nie⸗ dergedrückter Stimme, ich hab's mit Freuden geſehen, wie Du die ſpaniſchen Eſel betrogſt und mit glatten Worten einlullteſt. Die ſtolzen Mantelträger ſpeiſen Diſteln für Salat, und Deine Klugheit, die man in ſolch jungem Fleiſch nicht vermuthen ſollte, hat mich hin⸗ ter meinen Fäſſer hoch ergötzt. Aber mich mußt Du nicht betrügen wollen, denn daß Du gut oraniſch biſt, und nicht um einer tauben Nuß willen Dich in's Lager zu praktiziren gewußt, hatte ich in erſter Stunde weg.— Was denkt Ihr? fiel mit Haſt und ſichtlichem Er⸗ ſchrecken ihm Arlon in das Wort. Meine Abſicht ſprach 45 188 ich der Frau Barbara klar aus, und ich bin ſicher ſo gut ſpaniſch geſinnt, wie Ihr.— Da ſprichſt Du ein Wort voll Wahrheit, lachte To⸗ bias verſtohlen, denn ich bin ein Brabanter, und wie wir ſeit Jahren von dieſen fremden Sohlen getreten wer⸗ den, vergißt ſich nicht. Was ſollen wir Hehl haben gegen⸗ einander, da wir mitſammen doppelt wirken können. Du kennſt ſo gut wie wir den Herrn von Odyk und den Kanzler zu Mörs, und biſt wohl gar von ihnen geſendet, die viertauſend Holländer⸗Gulden zu verdienen, da uns die Furcht zu ſaumſelig machte. Topp, wir theilen; Du führſt den Streich, wir geben Dir Rath und Schutz; beides möchte Dir ſo werth ſein wie die That, willſt Du Dein blondes Köpfchen nicht auf einem Zeltpfahle aus⸗ bluten ſehen.— Ich verſtehe Euch wahrlich nicht, Herr! verſetzte Franz verwundert.— Stell Dich nur ſo oder nicht, fuhr der Riederländer gelaſſen fort, mir kann's gleich ſein. Ich habe Vertrauen zu Dir gefaßt, und darf es ſchon wagen, denn es koſtet mir ja nur einen Wink Dich zu verderben. Du biſt in meiner Hand, und die Katholiſchen halten mich für ſo rechtgläubig, daß ein Gelbſchnabel Deiner Art mich nicht aus dem Sattel werfen kann. Zu zweien Malen ſchon haben die Spaniſchen Meuchelmörder gegen unſern edlen Statthalter ausgeſandt; glücklich entging er zu Maſtrich und Herzogenbuſch dem Mordgewehr, glücklicher als ſein Vater, der große Wilhelm, den der ſchlechte Burgunder zu Delft erſchoß. Aber die Freunde des hochmögenden Herrn meinen, man müßte den niederträchtigen Feind durch ſeine eigenen Waffen ſchlagen, und ich meine, ſie haben Recht dabei, und da zur Zeit die Spaniſchen nur 189 zwei tüchtige Feldherren beſitzen, den Spinola und den Bucquoy, und wenn der Commandoſtab dieſer ſtolzen Ritter des güldenen Vließes ſtatt in ihrer Hand auf dem Sargdeckel läge, der ganze Feldzug von ſelbſt ſeine End⸗ ſchaft erreichen würde, ſo haben die klugen Herren zu Brüſſel beſagtes nettes Sümmchen im Geheim ausgelobt für den patriotiſchen Scharfſchützen, der dieſe wilden Keiler auf den Sand zu legen wagte. Du biſt ein Jä⸗ gersſohn und führſt deine Büchſe ſicher, wie Du dem Andaluſier verſprochen. Was meinſt Du? Solch ein Kernſchuß in die rechte Scheibe macht ſich bezahlt, und wir beide befänden uns gut dabei.— Einen Meuchelmörder wollt Ihr aus mir machen? entgegnete Franz mit Abſcheu.— Biſt Du ein Krämerſohn, der dem Nachbar nichts gönnt? fragte Herr Tobias die Stirn runzelnd. Ich habe Dich durchſchaut und deßhalb ziere dich weiter nicht. Sieh dahin! da zeigt ſich Dir die ſtattliche vergoldete Scheibe, auf welche Dein Kernſchuß gehört. Jener lange Mann mit der blutrothen Schmarre auf der linken Wange, der im weißen Sammetmantel und mit dem hellblauen Federſtutz auf dem ſpaniſchen Spitzhute ſeinen ſchwarzen andaluſiſchen Hengſt am Regiment Zamora hinabſpornt, das iſt der Graf von Longueval. Fluch ihm, deſſen Väter niederländiſche Freiherren waren, und der ſich von Kindheit an die welſchen Tyrannen verkaufte und jetzt ſich nicht ſchämt, die Erde, in der ſeine Mütter ſchlafen, zu verderben und mit neuen Gräueln zu beflecken. Hätte ich gelernt das Rohr zu richten, ſein Hengſt trüge ihn längſt nicht mehr, und wäre längſt ſchon als florbehan⸗ genes Trauerroß ſeinem Sarge gefolgt. Es wird wenige Mühe koſten, Dich in ſeine Dienſte zu bringen, denn meine Barbara hat ſich bei ſeinem Haushofmeiſter und Mundkoch eingeſchmeichelt, und er hat doch noch ſo viel flandriſch Blut in ſeinen Adern, daß er nicht gerne ſpa⸗ niſche Diener um ſich hat. Dann wird Dir's leicht werden, die rechte Stunde auszuſuchen, und handelſt Du nicht ohne mein Wiſſen und Rath, ſo ſchaffe ich Dich nach der tapferen That für's Vaterland unbefährdet aus dem Lager und bewahre Dir den Preis bis zum Wie⸗ derſehen. Die Herrn zu Mörs ſind uns ſicher wie ein Amſterdamer Haus, und die blanken Harniſchmänner lie⸗ gen abgezählt.— Du ſtehſt in Gedanken? Ueberlege Dir's. Einem guten Schützen koſtet's nur einen Finger⸗ druck, und bei der gelben Flagge der Freiheit, einem Niederländer muß die Hand weniger zittern, wenn er auf ſolch einen Freiheitsmörder zielt, als wenn er auf den tollen Wolf anlegt, der ſeine Schafsheerde um⸗ ſchleicht. Beſchlaf Dir's, Vetterchen! Morgen früh hol' ich die Antwort, und ich denke, ich leſe ſie ſchon auf Deinem verſchmitzten Schelmengeſichte.— Er ſchüttelte derb dem jungen vor Staunen verſtumm⸗ ten Menſchen die Hand, und wackelte auf ſeinen krum⸗ men überfleiſchigen Beinen in ſein Haus zurück. Selbſt dieſer ächtbataviſche Handdruck konnte Franz nicht aus den Gedanken wecken, welche wie ein undurchſichtiger dumpfer Nebel ihn rundum befangen hielten. Er beſah wie ein Träumer ſeine Hände und ſprach in ſich hinein: Sind denn dieſe wie Mörderfäuſte geſtaltet? Wohnet denn irgend ein blutgieriger Zug auf meiner Stirn? Leben zu retten, Leben zu ſichern, kam ich herein, nicht es zu tödten. Aber in ein unzerreißbar Netz bin ich ge⸗ rathen. Und doch, wenn ich durch den geizigen Meuchler in die Nähe des Generals mich bringen ließe? Bitten 191 will ich ja, höchſtens die Liſt zum Rettungsboote gebrau⸗ chen; Mord iſt mir abſcheulich, lieber ſelbſt untergehen, als morden.— Platz da! rief eine herriſche tiefe Stimme, und der junge Arlon fuhr erſchrocken zuſammen, und ſein Schreck verdoppelte ſich, als er den Herrn der Baßſtimme ange⸗ ſehen. Es war ein Caſtilianer; der große weiße Mantel bezeichnete ihn deutlich genug. Faſt lederbraun ſchien das benarbte Geſicht mit der Raubvogelnaſe darin, und war von ſchwarzem blankem Haar wild umhangen, an das ſich ein wüſter ungeheurer Bart von der Farbe des Ebenholzes, wie Unterbuſch an den Wald ihn fortſetzend legte. Die Geſtalt war rieſig lang, aber dürr und aus⸗ getrocknet. Dräuend hob ſich der Helm der Küraßreiter, von blutrother Roßmähne umflattert, auf dem grimmi⸗ gen Haupte, und der Bruſtpanzer von ſchwarzem Leder ſchien die Farbe des Herzens anzudeuten, das unter ihm hämmerte. Es gibt menſchliche Phyſiognomien, welche auf den erſten Anblick abſtoßen, weil ihr hölliſches Innere in deutlichen Lettern auf ihren Geſichtszügen abgedruckt zu leſen iſt. Eine ſolche ſah Franz vor ſich, und er fühlte ſich mit Entſetzen bewußt, daß ſein böſer Engel vor ihm hingetreten ſei. Nun wird's? donnerte der Caſtilier, mit den wild⸗ funkelnden tiefliegenden Satansaugen ihn durchbohrend, als er wie eine Bildſäule mitten im Eingange weilte, und erſt jetzt bei der Wiederholung des Befehls zur Seite wich. Immer noch im Gehen den Blick zur Seite auf den jungen Burſchen gerichtet, ſchritt der Küraſſier gra⸗ vitätiſch in das Marketender⸗Zelt, wo ihm ſogleich die 492 Frau Barbara, flinker wie gewöhnlich, entgegen ſpa⸗ zierte.— Traget auf, Frau; Zwiebelſalat, Oliven und ein Fläſchchen Manchawein, herrſchte er mit ſtolzem Tone der Alten zu, indem er den Mantel auf eine Bank fal⸗ len ließ und ſich ſelbſt ſteif auf einen Seſſel pflanzte. Bei dem Sankt Jakob, der Tag iſt heiß wie in den Alpuxarras, und Ihr Faulenzer ſorgt nicht einmal für Eiswaſſer, das am Ebro der elendeſte Maulthiertreiber trinkt.— Der Abendwind von der See wird ſchon kühlen, Herr Wachtmeiſter, ſchmunzelte Frau Barbara, indem ſie dem Luxemburger heimlich zuwinkte, die Beſtellung eilig bei ihrem Eheherrn zu beſorgen. Habt wohl wieder einen ſauern Tag gehabt, denn nach dem Herrn General liegt ja alle Laſt auf Euresgleichen.— Richtig geſprochen, Frau Barbara! entgegnete der Reiter, ſich in die Bruſt werfend; könnet auch ſagen, gleich dem Generaliſſimo, denn er ſteckt auf der Charte mit Stecknadeln im Kühlen ab, was wir draußen in der Mittagsglut exekutiren müſſen. Heute jedoch ging's noch. Die Excellenz ſchonet den edlen Caſtilianer für die Feld⸗ ſchlacht, wo er Männer bedarf, welche dem großen Cid Ehre machen; zu ſo einem lumpigen Nachtſturm ſucht er das leichte Geſindel von den Küſtenprovinzen aus, das zu nichts taugt als eine Breſche zu ſtopfen, oder einen Graben zu füllen. Mich hat der Marſch in die alten Thürme müd gemacht. Es iſt eine Hitze in dem Stein⸗ neſt, wie in den Felſenlöchern der Morena. Habe die Sünder muſtern müſſen und abzählen, die dort verdiente Ketten tragen, damit die Excellenz weiß, wie viel Por⸗ tionen der Ketzer Sie für die Feſttage zum Ruhm der ——— 193 unbefleckten Jungfrau und uns zum Luſtſchauſpiel abzu⸗ ſchlachten hat.— Dem jungen Arlon zitterten die Teller, welche er herbeitrug, in den Händen. Nun, was ſtarrt der Maulaff? fragte der Wachtmeiſter. Wer iſt der Menſch, was ſtand er da vorhin Schildwacht am Zelt, mu⸗ ſterte die Truppen, und ſprach von Untergehen und Mord. Seiner Sprache nach iſt er ein Belgier, und was thut er hier, wo wir ihn zum erſten Male erblicken. Mit geläufiger Zunge raſſelte die ganze Erzählung von den blauen Lippen der Fiſchlieferantin, gerade ſo, wie ſie Franz Arlon ihr am Morgen vorgetragen; aber der Spanier ſchien dadurch nur aufmerkſamer und auf⸗ geregter zu werden. Habt Ihr ihn gemeldet bei dem Quartiermeiſter, habt Ihr ihn examiniren laſſen vom Profoß? fragte er unwillig, und als ſie verneinte, ſetzte er grimmig hinzu: An der Kärnther Schanz ſeid Ihr einpaſſirt. Ja, die deutſchen Bullochſen lernen den Dienſt nicht, und wenn ſie Jahre lang die Lektion mit dem Stock empfangen. Gratulirt Euch, Frau Barbara, daß Ihr in meiner Gunſt ſteht, ſonſt könnte die Geſchichte Euch Euren ganzen Kram und vie lleicht gar den fetten Hals koſten.— Noch ein Fläſchchen Madrider Beſten! rief Frau Barbara rückwärts und flüſterte zugleich: Ich wiſche die Kreide von der Tafel, Herr Wachtmeiſter, ſobald der Tobias den Rücken kehrt.— Der Trank iſt gut, verſetzte der Reitersmann mit Grandezza, und ihr ſeid eine kluge Wirthsfrau. Aber Ordnung iſt das Rad der Welt, und im Dienſte verſteht Herkulius de Toroſillas keinen Scherz. Ernſt zog er ſeine Brieftaſche hervor und begann ein quälendes Verhör mit dem jungen Luxemburger, ſchrieb Blumenhagen. III. 13 194 ſeine Ausſagen umſtändlich nieder, ſchien befriedigt, denn er ſprach am Schluß der Ingquiſition: Morgen bringt Ihr den Burſchen in mein Gezelt, bis dahin haftet Herr Tobias mit ſeinem Kopfe für ihn. Sichtlich leichter athmend ſetzte ſich die Marketenderin traulich neben dem Herkulius; Franz Arlon hätte ſich dagegen gern davon gemacht, aber die rollenden Augen des Caſtilianers, die ihn immer noch zu beachten ſchie⸗ nen, hielten ihn feſt am Platze, ſo wie der Blick der giftigen Klapperſchlange das Vögelchen auf dem Zweige feſthält, bis es ſelbſt in der Trunkenheit der Furcht her⸗ abflattert zu dem gierigen Rachen des Unthieres. Dank ſei dem Herrn General, begann Frau Barbara, um die Seele des braunen Rieſen auf eine andere Bahn zu lenken, Dank dem verſtändigen Herrn, daß er Euch, einen ſo edlen Hidalgo, und Eure Kameraden, die Blu⸗ men und Kronen des Heeres, zu ſchätzen weiß und nicht dem nächtlichen Spiele preisgibt, wo Keiner ſieht, wo⸗ hin er ſchießt oder ſchlägt. In ſolchem Geſpenſterſpuke iſt Niemand ſicher ſelbſt vor dem Degen des beſten Freundes, und für den beſten Gaſt meiner geringen Boutike habe ich gezittert ſeit ich von der neuen Attake gehört.— Der Küraſſier ſtrich ihr mit der breiten Hand tölpiſch über das runzelvolle Geſicht. Schade, bei meinem Schwert, daß Ihr nicht vor dreißig Jahren meine gute Wirthin waret, erwiderte er, das böſe Compliment mit einem widerwärtigen Blick begleitend, der faſt höhniſch über die eckichten Formen der Alten hinabglitt. Aber zu zittern hattet Ihr nicht; das Heiligenbild auf meiner Bruſt und die geweihte Klinge brachte mich unverletzt aus zweiund⸗ vreißig Schlachten. Habt Ihr Luſt zu zittern, ſo möget 195 Ihr es für Eure Landsleute thun, die Schelme im Thurm, denn die meiſten davon verſpeiſen heute ihr letztes Abend⸗ brod.— Iſt der Blutbefehl ausgefertigt? fragte Frau Bar⸗ bara neugierig. Will der General aufräumen, und ſollen Alle daran? Gott ſei ihnen gnädig, aber der Tod wird ihnen nicht unwillkommen ſein, denn ihr Kerkermeiſter könnte füglich bei meinem Tobias das Bewirthen lernen; er füttert ſie nur, um den Appetit zu reizen und nicht um zu ſättigen; er weckt ſie ſechsmal zur Nacht, damit der Schlaf ihnen keine Wohlthat bringt; das Waſſer ſalzt er, damit es Durſt gibt, ſtatt ihn zu löſchen, und unſer Pudel hat eine beſſere Streu als ſeine Pflegkinder. — Der Wachtmeiſter lachte recht ingrimmig. Ja, Freund Hannibal iſt ein Prachtkerl und verſteht ſeine Funktion, ſprach er freundlicher. So ein Ketzer iſt weniger wie Euer Hund, und plagt er ſie hier tüchtig ab, kommen ſie früher zur Buße oder gar zur Bekeh⸗ rung, und er ſparet ihnen einige tauſend Höllenjahre. Doch mit dem Blutbefehl iſt's leider noch nicht ſo weit Mein Herr Oberſt ſchickte mich nur zur Inſpektion hin⸗ auf, um die ſieben Gebrechlichſten und Aelteſten auszu⸗ leſen, die an einem großen Galgen baumeln ſollen, zur Revange für die ſieben braven Schützen, welche die verfluchten Oſtender in voriger Woche auf ihren Wällen uns zu Trotz und Hohn gehängt. Das übrige Pack, an denen ich noch geſunde Gliedmaßen gefunden, wird auf die Galeeren geſchmiedet und hat die Gnade, ſo lange ihnen Gott das Leben friſtet, zur Beſinnung kommen zu können. Haſtig ſetzte der Grimmige jedoch jetzt das Glas aus der harten Hand, und ſprang ſo raſch auf, daß ſein 196 Stoß faſt die Marketenderin zu Boden geworfen hätte. Was iſt mir das? rief er mit einer Poſaunenſtimme. Warum wird der Knabe bleich wie ein Leichentuch? Warum zittert er wie das Laub der Eſpe?— Franz, geh hinein! Der kalte Nachtmarſch hat ihn krank gemacht; antwortete die Marketenderin haſtig.— Nichts da; hier geblieben! donnerte der Küraſſier fort, indem ſeine Fauſt den jungen Menſchen bei dem Bruſtwamms ergriff. Der Zuckermann kämpft mit einer Ohnmacht. Liegen ihm die Oſtender Schurken ſo ſehr am Herzen? War er mir doch gleich verdächtig. Ja, Herkulius de Toroſillas hat ein Adlerauge, das durch Mantel und Fleiſch gerade in die Seele ſieht. Was trägt er da unter der Chupa? Bei dem heiligen Jakob eine Faxa von Orangefarbe. Nun, er hat den Gurt ſich ſelbſt zum Strick mitgebracht, denn ſo wahr mein Vater ein Caſtilier war, dieſer Galgenvogel iſt ein vraniſcher Spion, und was er vorhin von Morden ſprach, hat eine ſchlimme Bedeutung. Redet nicht, bittet nicht; wohl Euch, ſeid auch Ihr von dem falſchen Vetter betrogen worden, und laget nicht mit ihm unter derſelben Capa. Herein ihr dort, Scharfſchützen vom Regiment Zamora! Mit dieſem ohne Aufſchub in das alte Schloß! Der Hannibal ſoll ihn mit Ketten knebeln von Zentnerlaſt. Ich ſelbſt bringe in's Hauptquartier den Rapport von der entdeckten Unthat. Vergebens ſuchten Herr Tobias und ſeine Ehehälfte den wilderregten Orkan zu beſchwören; ſie mußten ihren armen Franz, der ſtumm wie ein Opferlamm ſich in ſein Schickſal zu ergeben ſchien, fortſchleifen ſehen, und das ſchuldbewußte Ehepaar ſprach zu einander in heimlichen Winken die Gewiſſensangſt aus, welche über ſie kam in dem Bewußtſein, wie ſie dem Gefangenen unvorſichtig 197 mehr anvertraut hatten, als für ihre eigene Sicherheit gut ſein konnte. Die ſchrecklichſte Nacht ſeines Lebens hatte Franz Ar⸗ lon in dem engen Kerkerloche des Thurmes zugebracht. Die Ketten drückten ſeine Glieder nicht ſo ſchwer, als das Andenken an das, was er aus dem Munde ſeines Verderbers vernommen hatte. Was half ihm jetzt ſein Wageſtück, ſein ſchöngeträumter Rettungsplan? Seinen beſten einzigen Freund wußte er dem Tode verfallen, und er ſelbſt hatte ſich muthwillig in denſelben Schlund ge⸗ ſtürzt, der Jenen ſchon verſchlungen. Aber das reuete ihn keine Minute; doch deſto gräßlicher wurde ihm die Hoffnungsloſigkeit, welche ihm Geſellſchafterin geworden. — O es iſt das marterndſte aller Gefühle, ein geliebtes Weſen dem Untergang nahe zu wiſſen, und nichts zu vermögen, um Hülfe zu geben, ſelbſt die höchſten Opfer, Blut und Leben, fruchtlos niedergelegt zu haben auf dem kalten Altare des ehernen Fatums, das ſie in un⸗ erbittlicher Unbarmherzigkeit verſchmähete. Dieſelben Kerkermauern umſchloſſen ihn und ſeinen Herrmann, und dennoch blieb er getrennt von ihm wie vorhin. Was er gewünſcht als Gunſt, was Ziel ſeiner Sehnſucht geweſen, wurde ihm jetzt Qual, denn ſeine Hände waren gefeſſelt. Er horchte durch die nächtliche Stille auf jedes Geräuſch, jeden Klageton, in dem er die Stimme des geliebten Freundes zu entdecken wähnte. Aber nur Eulengekreiſch hörte er, nur die rauhen fremd⸗ ländiſchen Ausrufsworte der Schildwachen, nur fernhin wildes Kriegsgetös und den dumpfen Hall der Donner⸗ büchſen und Gewehre. Seine Folter verdoppelte ſich dadurch denn auch dort, wo die Sturmtrommel raſſelte, war Liebes in höchſter Gefahr. Inbrünſtig betete er, aber mitten im Gebete fiel ihm bei, wie mancher wohl auf derſelben Stelle knieend ſich die Hände wund gerungen, und doch ſich keine Rettung vom entſetzlichſten Tode er⸗ betet haben möchte. Er gedachte des Weibes und ihres Säuglings, die er am Kanale geſehen, und Verzweiflung ergriff ihn, welche jedoch in ihrer eigenen Heftigkeit ſich zuletzt verzehrte und ſich in einen Thränenſtrom auflöſete, welcher ihn erweichte und in ſtiller Mattigkeit und dem Gefühl der Schwäche ſein Vertrauen auf den ſtarken Gott, der die Gnade iſt und die Barmherzigkeit, neu erweckte. Kaum dämmerte der Tag durch das kleine Luftloch hoch über ſeinem Strohlager, ſo hörte er Männertritte in den Gängen und das Geraſſel der Schlüſſel des Ker⸗ kermeiſters. Das Licht fiel blendend in die geöffnete Thür, jedoch die Angſt machte die Sinne des Gefangenen ſcharf und ſtark, und er erkannte die beiden Geſtalten in der Oeff⸗ nung ſogleich. Der eine war der berüchtigte Hannibal, den der Caſtilianer trefflich abconterfeit hatte, von Wuchs der krummen Steineiche gleich, mit einem Angeſicht, das durch Blatterngift zerfetzt, mit der breiten Plattnaſe, den rothumrandeten Augen und von wüſtem dicken Fuchs⸗ filz umgeben, eher dem Kopf einer grimmigen Hyäne als eines Menſchen ähnelte; die andere Geſtalt gehörte einem alten langgewachſenen, würdevollen Ordensgeiſtlichen, der nach ſeiner Tracht ſich zu der berühmten Geſellſchaft Jeſu zählte. Das iſt der zuletzt gelieferte Malefikant, kreiſchte der grimme Hannibal, reſpektvoll vor dem Diener der Kirche 199 ſtehend; freilich ein junges Blut, aber alt in der Sünde, wie der Unteroffizier ſagte, der ihn eingefangen. Wir wollen ſogleich ſein Herz erforſchen, ſprach der Jeſuit und ſetzte befehlend hinzu: Laßt uns allein mit ihm! Schließt die Thür und wartet meiner in der Gallerie!— Aber er iſt noch nicht im Verhör geweſen, und der Wachtmeiſter Herkulius machte mich verantwortlich, bis dahin Niemanden in ſeine Nähe zu laſſen, entgegnete der Kerkermeiſter freilich devot, aber doch im Tone ſeines Amtes. Der Geiſtliche ſah ihm groß und ſtolz in die blinzenden Augen. Seid Ihr noch ſchlaftrunken und kennt mich nicht mehr? fragte er hart und gebieteriſch. Ich nenne mich Bonifacius und bin der Beichtvater Seiner Excellenz des Herrn Carolus Buonaventura Grafen von Longue⸗ val. Wo ich auftrete, da ſtehe ich im Namen Gottes und des Generaliſſimus. Gehe augenblicks hinaus, Du Sohle am Fuße Deines gebietenden Herrn, und frage nicht weiter, oder mein Zorn wird einen mächtigeren Zorn wecken, der Dich verderben möchte, ehe die Stunde verlief. Der grimme Hannibal beugte ſich ohne Gegenrede zuſammen wie das Schilfrohr vor dem Streichwinde, und die Pforte fiel leiſe hinter dem rücklings davon Schleichenden zu. Franz hatte ſich indeß mühſam in ſeinen Ketten von der dünnen Streu erhoben, war einige Schritte vorgetreten und ſtand in der Mitte des kleinen Gemachs, mit gefalteten Händen, die matten Augen zu der würdigen Geſtalt des Dieners Gottes flehend erhoben, und das Licht, das von dem Luftloche gerade auf ihn fiel und nur ſeinen Kopf erleuchtete, ſchuf ein Bild des bitterſten Schmerzes und der rührendſten Kindlichkeit aus ſeiner Geſtalt, die auf den Jeſuiten, der ihn feſt mit 200 den großen Augen betrachtete, einen ſichtlichen Eindruck zu machen ſchien. Wir haben uns früh aufgemacht, begann er mit ern⸗ ſter Stimme, um die Bitte einer rechtgläubigen Frau zu erfüllen, die in der Nacht an unſer Lager trat, und mit innigſter Seelenangſt uns beſchwor, ihren jungen unſchuldig verhafteten Vetter zu erretten von böſer Be⸗ drängniß. Wir ſind daher gekommen, weil unſere Pflicht befiehlt, ohne Säumniß der Unſchuld beizuſtehen. Aber das, was wir eben von dem Hannibalo vernommen, klingt ſchlimmer als die Vertheidigungsrede der zungen⸗ fertigen Frau Barbara, und wenn auch Deine Jugend uns beſtechen möchte, ſo können wir doch Kraft unſeres Standes zu viele Tigerherzen im Lammspelze, als daß wir ohne die ſtrengſte Forſchung unſern Beiſtand ver⸗ geuden dürften. Im Namen des Ewigen, des Unbeſtech⸗ lichen, des Allwiſſenden fordern wir Dich darum auf, rede die Wahrheit zu uns, verbirg uns keine Falte Dei⸗ nes Herzens. Gott ſieht Dich! Rede frei vor ſeinem Diener! Reue verſöhnt die Kirche, und wäreſt Du ſelber ein tückiſcher Heuchler, ein gedungener Meuchelmörder; die verführte Jugend findet in ſich ſelbſt eine Entſchul⸗ digung, und der Himmel vergönnte Dir alsdann noch eine geraume Zeit zur Buße.— Die ernſte, ſtrenge, aber wohlklingende Stimme des weißhaarigen Ordensmannes tönte dem Kettenträger wie eine Engelsſtimme aus den Wolken. Eine Freudenröthe ſtieg auf ſeine glatten Wangen, ſein Auge belebte ſich und mit heftiger Bewegung warf er ſich zu den Füßen des Jeſuiten hin.* Nein, ehrwürdiger Vater, rief er, Ihr ſehet keinen Verbrecher vor Euch, der Euren wie des Himmels Zorn 201 verdiente, keinen, der Eurer Hülfe unwürdig wäre. O Ihr erſcheinet mir in der Verzweiflung und Hülfsloſig⸗ keit wie die ſichtbare Gotteshand, die mich zu halten am Pfuhle des Verderbens ſich aus dem blauen Himmel hernieder ſtreckt. Euer ehrwürdiger Stand weckt das chriſtliche Zutrauen; Eure Geſtalt mahnt mich an den Vater und fordert mich zum kindlichen Glauben auf. Alles iſt mir verloren; Ihr ſeid vielleicht mein Rettungs⸗ boot im Schiffbruch des Lebens. Nein, ich bin kein Verbrecher, wenn ich auch durch dieſes Kleid zu täuſchen verſuchte; ich bin nichts als ein recht unglückliches We⸗ ſen, vielleicht das unglücklichſte; denn ich bin gefangen in dieſem Lager, wo Ihr ſelbſt viel des Gräuelvollen geſehen, ich bin allein, verlaſſen, jeder Rohheit hinge⸗ geben, und— o mein ehrwürdiger Vater!— ich bin ein unglückliches Weib.— In Scham hatte die Beichtende ihr Geſicht in die Hände verborgen, der Jeſuit trat ſtutzend einen Schritt zurück, aber ſogleich auch wiederum vorwärts, dichter an die Kniende und ſie mitleidsvoll an den Schultern faſſend. Stehe auf, mein Sohn, meine Tochter wollte ich ſagen! ſprach er haſtig. Sprich leiſer zu mir, und fahre mit Eile fort in Deinem Bekenntniſſe, die Zeit verläuft, man könnte uns ſtören, und ich meine, Du müßteſt viel auf Deinem ſchwachen Herzen haben, das Du hinüber wälzen möchteſt auf das meinige. Wer biſt Du? Wo kommſt Du her? Was ſoll die gefährliche Verkleidung? Was willſt Du in dieſem Lager, das Lamm unter Wöl⸗ fen und vor des Löwen Höhle? O der große Prophet Daniel war ſicherer mitten unter den brüllenden Raub⸗ thieren, als eine Suſanne unter dieſer Rotte Korah, die kaum noch Prieſterwort im Zügel hält. Sehr beſondere 202 Dinge müſſen Dich zu ſolchem Schritt gedrängt haben, denn Du ſprichſt klug und nicht wie ein Weib von ge⸗ meinem Stande, und darum mußteſt Du wiſſen, welch Entſetzliches Dich an dieſem Orte bedräuete.— Die Gefangene ſetzte ſich ermattet auf den Stein, an den ihre Kette geſchmiedet war, und erzählte langſam und oft durch Schwäche unterbrochen. Ich heiße Katha⸗ rina, ſagte ſie, und bin eine Bürgerin der Stadt Oſtende, die ſeit langen Monden von den Erzherzoglichen geängſtet wird. Mein Mann heißt Herrmann und iſt Schiffsoffizier im Dienſte der Generalſtaaten. O ehrwürdiger Vater, ein Mann, wie es in ſeinem Stande wenige gibt! Ge⸗ ehrt von ſeinen Vorgeſetzten, geachtet von ſeinen Nach⸗ barn, ohne die rauhen Sitte ſeiner Kameraden, ein Kind von Herzen, ein treuer, zärtlicher Freund ſeines Weibes! O Katharina war die glücklichſte Frau in ganz Flandern, ehe der Spanier dieſen Krieg wie eine Höllen⸗ geißel aufs Neue über das arme, kaum von alter Noth geheilte Land hereinbrachte. Der Mangel herrſchte furcht⸗ par in der Feſtung. Die ekelhafteſte Nahrung erzeugte Krankheit und Tod. Der Commandant ſuchte jedes Mittel auf, um ſeine treuen Bürger zu retten; doch Wenige hatten den Muth, das Leben für die Landsleute zu wagen. Furchtlos und wagig, wenn es die Pflicht und die Ehre galt, hatte mein Herrmann zu dreien Malen ſich erdreiſtet, mit einer kleinen Zahl gleichgeſinnter Gefährten auf den tiefen Kanälen im nächtlichen Nebel der Stadt Brodkorn zuzuführen; zweimale gelang die Edelthat, das dritte Mal mißglückte das Wageſtück, und in dieſem, demſelben Thurme mit uns liegt er gefangen, verwundet, zum Tode beſtimmt, vielleicht ſchon in dieſem Frühlicht ermordet.— 203 Die Stimme verſagte ihr; der Ordensmann legte ihr aber ſchnell die weiche Hand auf die Stirn und ver⸗ ſetzte mit Haſt: Sei ſtark, Tochter, und ende Deine Erzählung. Ich kenne den Mann, Herrmann iſt ſein Name; ich habe ihm Troſt gebracht, er iſt faſt geneſen; noch geſtern ſah ich ihn, und er ſprach mit mir von Dir, von ſeiner geliebten Gattin; auch iſt ſein Todes⸗ urtheil noch nicht geſprochen, denn Niemand erfährt des Generals Willen früher denn ich, ſein Beichtiger.— Heftig haſchte Katharina die ſegnende Hand und preßte ſie inbrünſtig mehre Male an ihren Mund. O Du heilige Hand, rief ſie, die gewiß die ſeine gedrückt, ſein gelieb⸗ tes Haupt geſegnet hat wie das meine! O Du bringſt Balſam auf das blutende Herz und ſtellſt den Glauben feſt an die ewige Allgüte!— So hört denn aus, mein Vater!— Einer der Schiffer, ſo der Gefangenſchaft ent⸗ gangen, war durch den Kanal geſchwommen, und brachte die Schreckenspoſt in die Stadt. Mein Entſchluß ſtand in der erſten Minute geboren vor mir. Zum Manne gehört das Weib. Ohne ihn iſt ſie ein elend Weſen, das nur ein unvollkommen Daſein durchathmet. Schwur und Treugelübd banden mich; wo hätte ich da noch eine Wahl gehabt? Meine Verwandten wollten mich zurück⸗ halten, ſie malten mir die ſcheußlichen Mißhandlungen mit den grellſten Farben, welche die Niederländerinnen von den barmherzigkeitsloſen Südvölkern erduldet hätten, ich ſchwankte nicht. Eine unſichtbare Hand riß mich fort, kein Schlaf ſank auf mein Auge, keine Ruhe ſenkte Er⸗ guickung auf Seele und Leib, bis ich außerhalb der Stadt mich ſah und meinen Pilgerpfad zu ihm beginnen konnte.— Und was ſanneſt und wollteſt Du denn ſo eigentlich, meine muthige Tochter? fragte der Jeſuit bewegt.— 204 Alles, was ich beſaß, Alles, was mir Gottes Huld geſchenkt, Kleinodien und Silber und Putzgewänder ver⸗ kaufte ich. In meinem Ränzel unter dem Bett des Marketenders liegt eine anſehnliche Summe; einige Edelſteine von hohem Werth ſind hier verborgen in mei⸗ ner Halskrauſe; dieſer Gürtel iſt mit Dukaten gefüttert. Verſuchen wollte ich zuerſt bei den deutſchen Soldaten, bei denen die Habſucht mehr wiegen ſoll als der Haß und die Grauſamkeit, ob nicht Beſtechung und Liſt mei⸗ nen Herrmann heimlich löſen möchte; gelang das nicht, dachte ich mich dem General zu Füßen zu werfen, ihm mein Geheimniß zu entdecken und alle meine Habe ihm als Ranzion anzubieten. Schlug auch dieſes fehl, ſo hoffte ich doch auf die Vergünſtigung, Ketten und Gefäng⸗ niß, Marter und Tod meines Eheherrn theilen zu dürfen; und könnet Ihr, ehrwürdiger Vater, nichts thun zu un⸗ ſerer Retiung, für dieſen Wunſch werdet Ihr gewiß die Gnade auch des grauſamſten Machthabers ſtimmen dür⸗ fen, und das iſt es, was von Eurem Herzen die unglück⸗ lichſte aller Frauen in dteſem Augenblicke erbettelt.— Ihr Kopf ſank ermattet im tiefſten Schmerz auf die klopfende Bruſt, und der Jeſuit ſah lange mit Rührung auf ſie nieder. Der Herr iſt groß in den Schwachen! Er ſenkt die Kraft des Adlers in den Buſen der Taube, und den Muth des Löwen in das Herz des Lammes! ſagte er wie zu ſich ſelbſt. Und wie lange wareſt Du verheirathet? fragte er dann.— Drei Jahre! ſtammelte Katharina. — Und der Himmel ſegnete Eure Ehe nicht?— Heftig hob die Gefangene das Geſicht zur Decke empor. Einen Knaben, der kaum lallet, ließ ich daheim bei der Schweſter!— Mutter biſt Du, und verließeſt Dein Kind? 205 fragte der Prieſter ſtutzig.— Was iſt das Kind gegen den Vater? entgegnete mit heftiger Bewegung die Frau. Was iſt das Kind ohne den Vater? O mein kleiner, ſüßer Wilhelm! Der Abſchied von ihm zerriß mein Herz, aber ich mußte hinaus, ſein zarter Mund, der immer den Vater rief und von ihm plapperte, forderte mich ja ſelbſt auf zu dem Rettungswege, und, heiliger Mann, liebte nicht der Erlöſer die Kleinen, die Unmündigen, und ſtehen ſie nicht unter ſeinem beſonderen Schutze?— Und was wird aus Deinem Söhnlein werden, wenn Du dem Vater in das Unglück folgſt, wenn dann die Stadt im Sturm genommen wird, und keine getreue Henne das Küchlein ſchirmt? fragte der greiſe Ordens⸗ mann mit Feuer, welches auf die Wangen Katharinens den Wiederſchein des Entſetzens warf. Sie faltete aber ſogleich die Hände wieder und preßte beide ſo gegen ihren Buſen. Gott iſt über dem armen Wurme; dann würde auch die Mutter ihn nicht ſchützen können gegen die wuthent⸗ brannten Kinderſchlächter und hätte nur im Anblick ſeines Jammertodes die ganze Hölle ohne Sünde empfunden. Aber nein, ſetzte ſie dann feſt hinzu, indem ſie mit Kraft von dem Steinſitze aufſtand, Oſtende wird nicht fallen, der tapfere Commandant hat auf die Hoſtie geſchworen, nicht lebend dieſen Edelſtein Flanderns an die ſpaniſche Krone heften zu ſehen, und Euer Herr hat gefühlt, wie er Wort hält. Vorgeſtern iſt trotz der Waſſerſperre eine Flottille in den Hafen gelaufen, die Proviant für viele Monate brachte, und den geſunkenen Muth der Hollän⸗ der zu friſchen Flammen aufblies. O wären die Schiffe nur eine Woche früher eingetroffen, ſo hätte mein Herr⸗ mann nicht nöthig gehabt, ſein Leben einzuſetzen für die Hungernden! Aber die neue Stärke der Stadt ſtellte meinen Entſchluß feſter, ich küßte mein Kind, und ſuchte den Mann.— Der Ordensmann faßte die kleine Hand des tapferen Weibes und drückte ſie mit väterlicher Herzlichkeit. Ka⸗ tharina Herrmann, ſagte er, Du ſollſt Dich in mir nicht getäuſcht haben. Zwar iſt dieſer Tag ſchlecht ge⸗ wählt für Deine Wünſche, denn der Angriff auf die Feſte iſt mißlungen, Hunderte der Spanier liegen blutend unter Euren Mauern, und das iſt keine gute Stunde, um einem ehrgeizigen Feldherrn das Herz zu rühren. Ich will Dir wenig Hoffnung machen, denn die getäuſchte wühlt nur tiefer die alten Wunden auf. Aber der be⸗ ſcheidenſte und ſchwerſte Deiner Wünſche ſoll erfüllt werden, Du arme, fromme Leidträgerin, und fiele Deine Stadt, ſo gelobe ich, mit Gottes Beiſtande der Schutz, der Voater Deines Knaben zu werden, und ihn groß zu ziehen in unſerm Collegio, wo er beten ſoll für ſeine Mutter, und ſtark werden im Erdenſchickſal durch ihr Beiſpiel.— Ergriffen, ſchluchzend warf ſich Katharina vor dem Mönche in den Staub und küßte ſein Gewand. Verrathe Dich nicht vor der Zeit! flüſterte er, und klopfte an die Pforte und trat zu dem öffnenden Kerkermeiſter hinaus. Nimm dieſem Gefangenen die Eiſen ab; es iſt ein Irrthum mit ihm, und ich werde, ſobald ich aus dem Hoſpitale zurückgehe, ſelbſt der Exellenza davon Bericht abſtatten.— Der rothhaarigte Hannibal glotzte verwundert den Befehlenden an. Wenn aber nun der wüthige Caſtilianer kommt und ihn zum Prozeß führen will? fragte er ſchüchtern. Mit dem Eiſenfreſſer von Toroſillas iſt 207 wahrlich nicht zu ſcherzen, vorzüglich wenn ihm der un⸗ gewohnte Genever zum Frühſtück im Kopfe ſpukt.— Darum ſoll er auch dieſen unſchuldigen Knaben nicht mehr finden, fiel raſch der Pater ein. Er iſt ein Schütz⸗ ling der Kirche und der heiligen Jungfrau, nnd bei Deiner Seligkeit verpflichte ich Dich, ihn ſicher zu ſtellen vor jeder Mißhandlung, ja jedem menſchlichen Auge. Sprich, ich habe ihn mit mir geführt gerade zum Gene⸗ raliſſimo, und ihn unſichtbar zu machen, ſo ſchließe flugs die Schlöſſer der Ketten auf und führe ihn auf Num⸗ mero ſieben, wo der Oſtender Lootſe ſitzt; der Mann iſt ſchwer krank, und Du ſpareſt dadurch die Mühe der Bedienung. Folge ohne Murren, Freund Hannibal, Du weißt, wer mit Dir geſprochen, und biſt ein frommer Sohn Deines Vaters.— Mit einem ermuthigenden Blick auf die Gefangene und mit einer ſegenſpendenden Bewegung der Rechten ſchritt der Jeſuit im Gange hinab; halb eingeſchüchtert, halb ingrimmig murrte jedoch Herr Hannibal, indem er die Schlüſſel zu den Feſſeln langſam in ſeinem Bunde aufſuchte. Viel Aufhebens um ſo ein bartloſes Bübchen, das kaum der Mühe des Genickfanges werth wäre. Aber das iſt gewiß, zum Cardinal Großingquiſitor taugte der Herr Pater Bonifacio nimmermehr, und will er da hinauf, muß er ſich zuerſt ſelber das weiche Fell abſen⸗ gen und das Herz hart ſchmoren. Und wie der helden⸗ herzige Graf ſolch einen Feldpater ausgewählt, könnte Einem faſt noch wunderbarer dünken wie die fromme Hiſtorie von Bileams Eſelin, die mit einer Menſchen⸗ zunge ſprach.— 208 In Mitten des erzherzoglichen Feldlagers erhob ſich ein ungeheures Gezelt von ausgezeichneter Pracht und von koſtbaren Gedecken erbaut, eher einem luftigen, phantaſtiſchen Sommerſchloſſe als der Wohnung eines Kriegers ähnlich. Ein weiter Sandplatz umgab daſſelbe und ſonderte es ab von den niedern Leinenhäuſern der Soldateska. Vor ſeinem Eingange hatte man eine große Waffentrophäe erbaut; ein Kranz von Fahnen und Stan⸗ darten ſchmückte ſie; wohlgeordnet ſah man daneben mehre Haufen eiſerner Kugeln und bunt aufgethürmter Trommeln; weiter vor ſchreckte eine Reihe blanker Feld⸗ ſtücke vom größten Kaliber, doch augenſcheinlich hier mehr zum Prunk, als zum Schutz aufgefahren, und auf den vergoldeten Knäufen des Gezeltes wehten in bunten Seidenwimpeln die Wappen des Hauſes Oeſterreich und der Krone Spaniens. Es war die Behauſung des Feld⸗ herrn, des Grafen Bucquoy von Longueval; und vor ihr hielten zwei baumlange Navarreſen in ihren Schar⸗ lachröcken Wacht, und die gekreuzten Partiſanen der beiden unbeweglichen Leibgardiſten deuteten an, daß der General für Niemanden zu ſprechen ſei. Flüchtigern Schrittes, als die gewohnte Würde ſeines Standes erlaubte, kam der Bruder Bonifacius über den Waffenplatz daher. Die hochgewölbte kahle Stirn war trotz des kühlen Morgenwindes mit Schweißperlen be⸗ deckt, und ſeine Geſichtszüge, ſonſt ein Sitz des Friedens und der frommen Gemüthsruhe, die aus dem Bewußt⸗ ſein eines ſichern, gottgefälligen Wandels entſpringt, konnte die beſondere Bewegung ſeiner Seele nicht ganz verbergen. Der weißhaarige Jeſuit hatte ſich in den Baracken, welche man an die Mauern des eingeäſcherten Ritter⸗ 209 ſchloſſes gelehnt, und zum Lazareth für die Verwundeten erbaut, länger aufgehalten als er früher beabſichtigt; war doch ſein Troſtſpruch und jede Pflicht ſeines Amtes durch die im nächtlichen Mauerſturm Beſchädigten und Zerſchlagenen heute beſonders in Anſpruch genommen worden. Als er dann die grauen Ruinen verließ und durch das Lager hinſchritt, mußte ihm mancherlei Unge⸗ wöhnliches Unruhe erwecken. Trotz der eben gehabten Anſtrengung der Mehrzahl dieſer lagernden Regimenter begegnete ihm ein Corps andaluſiſcher Scharfſchützen und ihnen folgte eine Eskadron der eaſtiliſchen Küraſſiere und beide marſchirten in der Richtung nach den grauen Thürmen. Zwiſchen den Zeltreihen fand er die halbent⸗ kleideten Soldaten in kleinen Rotten verſammelt, trotz der kurzen Ruhe munter, geſprächig, wie auf ein Feſt ſich freuend; und als er jetzt vor der Fronte nach der Stadt zu einen koloſſalen Galgen erblickte, an welchem noch die deutſchen Zimmerleute hämmerten, aber ſchon auf ſeine Hauptbalken zwei rothe Blutfahnen gepflanzt hatten, welche ſchauriger Weiſe in der ziehenden Herbſt⸗ luft flatterten, und ihre Zungen gegen die Feſtung aus⸗ ſtreckten, da klopfte ſein Herz ſchneller und länger, und er fing an, ſein Zaudern und ſeine Verſäumniß zu ſchel⸗ ten, und verdoppelte den Geſchwindmarſch der alternden Glieder. Die Leibwächter vom Regiment Navarra ſahen ſich verwundert untereinander an, als der Ordensmann, ohne an ihre ſprechende Stellung ſich irgend zu kehren, auf ſie zutrat, ohne einen Blick auf ſie, ohne Wort und Frage flink über ihr dräuendes Partiſanenkreuz hinweg⸗ ſtieg, und mit kühner Hand die Decke des Eingangs zu lüften wagte; aber die Ehrfurcht vor dem Diener der Kirche und ſein bekanntes Anſehen bei dem General Blumenhagen. MI. 210 hielten ſie ab, irgend einen Einſpruch zu thun, oder ihn zu hindern. Einſam in dem halblichten Kriegsgemach lag der Graf Bonaventura auf ſeinem Feldbette. Es war ein ſtattlicher Mann, finſter und nicht ſchön ſchien ſein An⸗ geſicht, aber ein edler Charakter ſprach aus ihm, und die tiefe Narbe, die ein holländiſcher Reiter ihm bei Emmerich hineingezeichnet, drückte ein Heldenſiegel darauf. Halb entkleidet lag er, erſchöpft, mit erhitzten Wangen und verbundenem Arme auf dem Lager; er hatte ſelbſt den Angriff gegen die Stadt geleitet, und die fernhin treffende Kugel eines flandriſchen Arkebuſſierers hatte ſeine Schulter geſtreift. Zornig fuhr er empor, da er das Geräuſch des Ein⸗ tretenden vernahm; als er jedoch die Geſtalt des Paters erkannte, legte er ſich beſänftigt wieder in die vorige Stellung und nickte dem Näherkommenden ganz freund⸗ lich mit dem bärtigen Haupte zu. Haben ſie Euch aufgejagt vom Bett und geſchickt, meine letzte Beichte zu empfangen? fragte er mit bitterm Tone. Es ſieht den Feiglingen ähnlich, die, kaum von meiner Verwundung hörend, alle gewonnenen Vortheile aufgaben und ſich von den erſtiegenen Wällen werfen ließen, als hätte Gottes Blitz ſie gelähmt. O Jammer über unſere Zeit und ihr entartet Menſchengeſchlecht!— Zur Beichte und Todesbereitung iſt es zu früh, denn meine Wunde iſt nur ein elender Fleiſchriß, guter Boni⸗ faz; aber vorleſen ſollet Ihr mir aus Euren griechiſchen Geſchichtsbüchern, vorleſen von jenen ächten Söhnen des Mars, die, wenn ihr Führer fiel, ſeinen Sturz rächten im Blute der Feinde, ihm Todtenopfer ſchlachteten ohne Zahl, bis ihr letzter Mann an der Leiche des Feldherrn 211 gefallen, und die nicht wie dieſe jämmerlichen Söldner mit einem Weibergeheul dem Feinde erzählen, daß ſie nur dann ihre Pflicht thun, wenn der Treiber mit dem ſpitzigen Degen ſie vorwärts hetzet.— Die Kriegeskunſt hat ſich geändert, antwortete der Jeſuit, mit forſchenden Augen im Geſicht des Zürnenden leſend; nicht der Heldenruhm iſt jetzt das Panier des einzelnen Soldaten wie ehemals, ſein Name verliert ſich in der Maſſe, focht er auch noch ſo tapfer; der Feldherr allein iſt die Seele des Heeres, er allein gewinnt die Ehre, ihn allein nennt die Siegspoſaune der Fama; darum erlahmt der gliederreiche Leib des Heerbanns, ſieht er das Haupt nicht mehr über ſich walten; für den General und durch ihn belebt ſetzt er Blut und Leben ein; ohne ihn überläßt er ſich den thieriſchen Inſtinkten, der Furcht für ſein Leben und der angebornen Trägheit. Du weißt das ſo gut als ich, mein tapferer Sohn, und mich wundert Deine Entrüſtung über ſo alltägliche Er⸗ ſcheinungen.— Der Graf ſetzte ſich aufrecht auf dem Feldbette und ſtützte ſein Haupt mit dem Arme auf den Rand des kleinen Feldtiſches. Bonifaz, ſagte er zutraulich, Du kennſt mein Innerſtes, Du biſt der Vertraute meiner Plane; was bedarf es darum der Ermahnung, da Du wohl begreifſt, daß ich dem tiefern innern Groll Luft ſchaffen, ihm einen Ableiter geben möchte durch den Zorn auf etwas Aeußeres. Der wohlberechnete Sturm iſt wiederum mißlungen. Dieſe Schiffsratzen ſind hartnäckig und feſt, und vertheidigen ihre Löcher wie der Bär ſeine Höhle.— Und ſollten ſie nicht? fragte der Jeſuit lächelnd. Sie ſetzen nur Alles an Alles, und liegt das nicht in 22 der Natur? Sie kennen zu gut den ſpaniſchen Soldaten, wenn er eine Feindesſtadt ſtürmend genommen; ihre Mütter erzählten ihnen von Albas Gnadenſprüchen, und die Gräber Egmonts und Horns ſind Wallfahrtsſtätten in dieſem Lande geblieben.— Sie werden mich zwingen, aufzutreten wie jener herzloſe Toledo, unterbrach ihn Bucguoy, denn ſie ver⸗ ſchmäheten ja jedes Gnadenwort und jede Kapitulation.— Würdeſt Du Dein Schloß zu Vaux einem Fremden öffnen und einräumen, ſo lange deine Jäger ſein Thor zu ſchützen vermöchten? fragte der Jeſuit wiederum.— Wie biſt Du heut? antwortete der General unwirſch,— indem er mit Heftigkeit aufſtand und den Ordensmann mit ſeinem Feuerblick von der Tonſur bis zur Ferſe maß. Willſt Du des Freundes ſpotten, ſo hüte Dich, denn heute könnte ich ſelbſt die Freundſchaft auf eine flatternde Mine werfen. Ich muß dieſes Oſtende haben, bald, recht bald, oder ich werfe mich ſelbſt in ſeine Gräben und laſſe von meinen Arkebuſierern die Mauern über mein eigen Haupt zuſammenſprengen. Du weißt, der Spinola iſt unterwegs. Soll dieſes Schooßkind des Glücks, dieſer eitle Genueſer, dieſer hochfahrende Marcheſe, dieſer geizige, knickernde Rechenmeiſter, der dem Philipp im Schooſe ſitzt, weil er dem Soldaten abknappt zum Beſten des Staatsſchatzes, was er kann, ſoll dieſer Fremde, auf den ich eiferſüchtiger bin, als auf den Buhlen meines Weibes, ſoll er mir wiederum den Ruhm nehmen, den ich mühſam bis zum bekränzten Ziele ge⸗ trieben, ſoll er ſich die Krone auf ſeinen ſchwarzen Rabenkopf ſetzen, um die wir unſer beſtes Blut vergeu⸗ den?— Nein, ehe er die flandriſchen Grenzen berührt, ehe er den Commandoſtab aus dieſer meiner Hand nimmt, 213 muß dieſe Stadt mein ſein, oder ich müßte das eigene Schwert gegen meine empörte Bruſt wenden.— Es iſt ein Größerer als wir Alle über uns, ent⸗ gegnete Bonifacius feierlich, über der Hütte wie über dem Königsthrone, über dem Schäfer und ſeiner ſtillen Hürde wie über dem lärmvollen Schlachtfelde waltet ſeine Hand; nur ſein Wille geſchieht, und Menſchentrotz iſt vor ihm der armſelige Hauch eines Lüftchens, der ſich an einem Felſen bricht, welcher ſeit dem Schöpfungs⸗ tage unerſchüttert ſtand.— Unwillig wandte ſich der Feldherr von ihm. Ich bin nicht unfromm, murrte er; ich danke dem Herrn der Welten mit Inbrunſt für alle die Gnaden, welche er auf mein Haupt geſenkt; ich empfinde, daß ich ihrer nicht immer würdig war; aber in dieſem Augenblicke mußt Du irdiſcheres Oel in die Flut gießen, welche überwallend, zerſtörend gegen meine Rippen ſchlägt.— Die Religion iſt das höchſte Mittel, Seelenſtürme zu ſänftigen, verſetzte der Jeſuit ſtreng; ſie iſt überall an ihrem Platze, und nur der ſie verſchmäht, wirft ſelbſt ihre ſichere Wirkung von ſich.— Der Graf that, als hätte er den Verweis überhört, indem er raſch einige Gänge durch den Zeltraum hin und zurück machte. Aber ich will dieſe Wälle vernichten, ſagte er wie im Selbſtgeſpräch, und trotzen ſie dem Mauerbrecher und dem Eiſenball, ſoll ſie die Furcht und der Schrecken de⸗ moliren; ich will von den beiden Albas, den Boſſü und den Requeſenius lernen, und ſind die Belgier den Hunden gleich, die nur durch die Geißel zahm werden und den Vorſchlag der Güte und Vernunft verſchmähen, ſo ſollen ſie behandelt werden von heut an wie das unvernünftige Geſchöpf, das zum Sklavendienſt des Menſchen erſchaffen wurde.— Der Jüngling Bonaventura ſchauderte ſchon vor Toledo's Thaten! ſprach ernſt der Beichtiger.— Er ſchlachtete achtzehntauſend Niederländer, ich will nur mit ſieben dieſer Aufrührer den Anfang machen, fiel der Graf, ſich ſelbſt erhitzend, ihm in das Wort. Die Oſtender ſelbſt haben mir das Beiſpiel gegeben. Edelmüthig ſchwankte ich noch in der Vergeltung, ich wollte mich nicht in der Nachahmung ihrer Grauſamkeit erniedrigen. Aber ſie zwingen mich; über tauſend meiner beſten Soldaten liegen an ihren Wällen, und mein edler Contelmi, mein unerſchrockener Caracena verbluteten in dieſer Nacht. Morgen unternehme ich den neuen Sturm und die Deutſchen ſollen voran in die Breſche; iſt ihr Anlauf auch weniger feurig, ſo verdampft die aufgeweckte Flamme doch nicht ſo leicht, und ſie ſtehen feſt, wo ſie einmal Fuß gefaßt. Und damit der Oſtender Comman⸗ dant erfährt, welch ein Schickſal ihn und ſeine Tollköpfe erwartet, ſo laſſe ich in dieſer Stunde noch ein Spek⸗ takel vor ſeinen Augen aufführen, woran er ſich ſpiegeln ſoll bis zur Blindheit. Unter den gefangenen Schiffs⸗ leuten ſind mehre von Stande, reiche Bürger der Feſtung; für ſieben von ihnen iſt ſchon der Galgen gebautz ver⸗ ſtümmelt, enthauptet, ſollen ihre blutigen Leichname vor der Lagerfront dräuen, und eine Bußrede an die Lands⸗ leute auf den Wällen halten, bei welcher ihre ſteinernen Herzen brechen müſſen.— Der Jeſuit ſchüttelte langſam ſein kahles Haupt und ſetzte ſich wie ermüdet auf einen Feldſtuhl. Thue was Du willſt, ſprach er kalt, aber vergiß nicht den kommen⸗ den Tag, wo Dein Blut ruhiger fließen wird, und meide 215 die That, welcher die Reue nachſchleichen möchte. Du ſelbſt ſtrafteſt die barbariſchen Dragoner, welche vor⸗ geſtern, ehe Du es hindern konnteſt, an den Solmſern ihre Racheſucht geübt. Was ſoll dein Kriegsgericht über die Gräuelthäter ſprechen, wenn Du Dich ſelbſt zu ihnen hinabſetzeſt?— Ich habe den Grafen von Longueval für ſtärker gehalten und nicht geglaubt, ein Unfall könnte ihn ſo leicht aus ſeiner Straße ſtoßen. Iſt doch das Unglück die eigentliche Probierwage, auf welcher das Schickſal Seelengröße und Heldenſtärke wägt, und ich ſchäme mich, daß gerade in dieſer Stunde ein ſchwaches gebrechliches Weib meinen edelſten Freund, meinen Zög⸗ ling, meinen Helden beſchämen mußte.— Ein Weib? fragte Bucquoy ſtutzend, und hielt ſeinen raſchen Gang an vor dem Jeſuiten. Ein Weib, und jetzt und hier im Lager?— Der Bruder Bonifaz erzählte jetzt ruhig und ſchein⸗ bar kühlen Blutes das Abenteuer, welches er in den grauen Thürmen beſtanden, verſchwieg nicht eine Silbe von Katharinens Bekenntniß und ihren Schickſalen, ihren Planen, ihren Hoffnungen, malte lebendig ihre Ju⸗ gend und Schönheit, geſtand ſogar den eigenmächtigen Schritt, ſie in das Gefängniß ihres Ehemannes gelaſſen zu haben. Siehe, General, ſetzte er am Schluſſe hinzu, das nenne ich Seelengröße und Herzensſtärke. Als ihr gan⸗ zes Lebensglück zuſammenſtürzte, winſelte ſie nicht, raſete ſie nicht; beſonnen ſuchte ſie zu retten, was verloren ſchien, überlegte klüglich die Mittel, das Schickſal zu veſchwören, hielt den edlen Entſchluß feſt, ließ ſich nicht davon abwendig machen durch das Wimmern des un⸗ mündigen Kindes, durch die Bilder des Schreckentodes, 216 der ihr träuete, opferte Jugend und Schönheit der Pflicht. Schade, daß ihr die Heldenthat, welche manchen Krieger, ſo hoch er ſich brüſten mag, beſchämen konnte, mißlang. Schade, daß Du den Blutbefehl für den Gatten dieſer Heldin ſchon ausgefertigt, daß er vielleicht ſchon voll⸗ zogen wurde. Ich dachte mir den Ausgang ganz anders. Ich malte mir, als ich von dem Thurme zu Deinem Zelt herabſtieg, eine Freudenſcene vor, in welcher mein Bonaventura eine herrliche Figur geſpielt und den größ⸗ ten Theil des Vergnügens ſich vorweg genommen. Aber nun iſt das nicht möglich, die Oſtender müſſen hangen und ich habe nur zu bitten, daß Du das arme junge Weib ohne Mißhandlung fortziehen läßt als Wittwe zu ihrem Söhnlein, damit ſie ihm die Botſchaft bringe, daß er heute eine Waiſe wurde.— Der General hatte ohne Unterbrechung zugehört; ge⸗ ſpannt ſchien dabei ſein ganzes Weſen, und die Schluß⸗ rede des Paters verfinſterte ſein Antlitz immer mehr. Jetzt fuhr er plötzlich lebhaft empor. Ein ächtes Sol⸗ datenweib! rief er aus und ſeine großen Augen blitzten den Jeſuiten an. Wäre ſie edeln Blutes, ich tauſchte meine Hyazintha ohne Zaudern, welche von meinem Stiefelſchritt Hirnweh bekommt und den Geruch meines Säbelkoppels nicht verträgt. Und ihr Eheherr heißt Herrmann, der einzige, der ſich zur Wehr ſetzte und ſchwer bleſſirt ward. Wahrlich es lohnet ſich der Mühe, ſolch eine Amazone von Angeſicht zu Angeſicht zu ſchauen. Er wandte ſich raſch und ging gegen das Innere des Gezeltes. Cordua! rief er, einen Seidenteppich hebend, und der ſchlaftrunkene Adjutant taumelte vom Lager auf und ſtand ſogleich vor ihm. Hier iſt mein Siegelring! Eilet ohne Verzug zum Schloſſe, die Hinrichtung ſoll ——— ————₰—— ——— ————————— — W7 verſchöben werden. Den jungen Menſchen, welchen Ihr im Kerker des Oſtender Offiziers, Herrmann genannt, findet, führt zu mir. Sorget, daß keine rohe Hand, kein ſchimpfend Wort ihn berühre auf dem Marſche durch's Lager, bei meiner Ungnade. Aber eilet im Sturmlaufe, denn ich ſandte Spanier, und dieſe ſind nirgend geſchäf⸗ tiger als bei ſolchem Auftrage. Der Bruder Bonifacius war raſch und mit verklär⸗ tem Geſicht aufgeſtanden. Er ergriff Bucquoy's Hand und drückte ſie heftig an ſeine Bruſt. Deine Wunde kann von dieſem Augenblicke an nicht mehr ſchmerzen, denn Du haſt ſelbſt den rechten Balſam für ſie gefunden! rief er gerührt. Aber erlaube, daß ich auch meinen Theil Lohnes vorweg nehme. Wer der Verzweiflung als ein Engel erſcheinen darf, fühlt den Himmel ſelbſt in größerer Wolluſt, als die, zu denen er ihn brachte. Graf Cordua, nehmt mich mit. Auf ſolchem Wege geht der Prieſter gern an des Kriegers Arm, und Ihr ſollt über das Alter meiner Füße nicht zu klagen haben. Der Meiſter Hannibal führte unterdeß mürriſch ſeinen Gefangenen aus dem weſtlichen Thurme des Schloſſes hinab über den Hof, der voller Bleſſirte lag, zu der Pforte des Thurmes in Oſten. Die Feldſcherer und Wärter der Kranken ſahen verwundert dem ſchönen ver⸗ meinten Jünglinge nach, der mit geſenktem Kopfe und gefalteten Händen dem grimmigen Rothkopfe geduldig und einem Opferlamme ähnlich folgte, und mancher, der die Härte des Spaniers kannte, rief ihm ein Wort des Bedauerns zu. Eine Windelſteige ſtieg der murrende Schlachter hin⸗ auf, ſchloß eine niedrige Eiſenthür auf und trat voran in das Steingemach, indeß Katharina mit bebenden Gliedern in dem Pförtchen weilte. Das Gemach hatte ein großes vergittertes Fenſter nach Oſten, und die Mor⸗ genſonne ſtrahlte recht freundlich hinein und fiel gerade auf ein hölzern Bett mit Stroh bedeckt, auf welchem ein wohlgebauter Mann zu ſchlummern ſchien. Ein Waſſer⸗ krug und eine Schale mit magerer Suppe ſtand auf dem Boden; die ſchweren Eiſenſchellen lagen locker da⸗ neben, denn da der Gefangene an beiden Armen ver⸗ wundet worden, hatte man nur eine leichte Kette an ſeinen Fuß geheftet und die übrigen auf ſeine Geneſung verſparet, doch nicht fortgenommen, um durch ihren quä⸗ lenden Anblick ihm immer friſch das Loos vor den Augen zu laſſen, was ſeiner wartete. Bei dem Geräuſch der Pforte drehete der Ruhende ſein Geſicht der Thür zu, und zeigte bleiche, von Krankheit und Gram entſtellte Wangen und ein mattes Auge, welches trüb die Schwer⸗ muth ausſprach, die in den charaktervollen Zügen nur zu deutlich Herrſchaft genommen. Sieh nicht ſo finſter und feindſelig zu mir her, ſprach rauh der Wärter; ich bringe nichts Böſes, ſondern Ge⸗ ſellſchaft für Deine Einſamkeit, ein junges Plappermaul, das Dir die Stunden verſchwatzen kann.— Was ſoll's? antwortete der Gefangene eintönig, Gu⸗ tes kann von dir nicht kommen. Deinen Spott verachte ich. Geſellſchaft iſt mir verhaßt; weiß ich doch, was meiner wartet, und was Du mir bringſt, möchte mir eine Geſellſchaft verſcheuchen, die immer bei mir iſt, und mir ohne Euren giftigen Willen die treueſte Unterhal⸗ tung gibt.— 219 Du meinſt die böſen Ratten, verſetzte höhniſch Han⸗ nibal. Eure gute Koſt lockt ſie herein. Freilich mußt Du beſonders von dem Ungeziefer leiden, da Du nicht Hände haſt, die zudringlichen Gäſte abzutreiben. Aber warum wehrteſt Du, armſeliger Wicht, Dich auch ſo toll gegen die unbezwingliche Soldateska des großen Königs? Freue Dich darum des Kameraden; er iſt flink und kann an Deinem Bett vom Abend bis Morgen große Jagd halten auf das edle Wildpret.— Der Gefangene richtete ſich auf vom Stroh und faßte den Kerkermeiſter feſt ins Auge. Du biſt ein harter Mann, ſagte er, und doch muß ich eine Bitte an Dich thun. Willſt Du mir eine Frage wahr beantworten?— Wenn ich darf, warum nicht? entgegnete der Wärter.— Ich hörte ſchießen die ganze Nacht, fuhr der Gefan⸗ gene lebhafter fort; es war nach Weſten hin. O hätte mein Kerker ſein Gitterloch dort hinüber, könnte ich Oſtende's Thürme ſehen, meine Haft würde mir weit leidlicher ſcheinen! Sage mir, Menſch von Stein, iſt etwas gegen die Stadt unternommen? Du bringſt Gefangene herein, und da gegen Eure Weiſe Du ſie paarweiſe zuſammenſchließeſt, müſſen viel neue Unglücks⸗ gefährten gefangen ſein. Sprich, hat die Stadt ein Un⸗ glück getroffen, iſt ſie über? O ſtehe nicht da wie ein Fels und hefte ſo ſtarr Deine Mordbrands⸗Augen auf mich.— Narr! antwortete Hannibal. Wäre das Lumpenneſt unſer, würde ich Dir's ohne Frage erzählen, um Dein ſtolzes Herz zu demüthigen. Doch die Breſche iſt ſo groß wie das Sonnenthor zu Madrid, und die Garde des Buen⸗Retiro könnte in Front hindurchreiten. Ging es heute nicht mit dem Sturm, wird's morgen gelingen, 220 denn die Excellenza will nicht eher wieder ſpeiſen, bis ſie die Tafel auf Eurem Markt gedeckt.— O mein armes Weib, mein armes Kind! ſeufzte der Gefangene und drehte ſein Geſicht wieder der Wand zu. Hannibal wandte ſich zu ſeinem ſtummen Gefährten. Nur ganz herein! rief er barſch. Seht zu, wie Ihr mit dem trotzigen Brummbär auskommt. Ich meine, der alte Pater hat Euch eben keine beſondere Wohlthat er⸗ zeigt, als er Euch dieſen Käfig anweiſen ließ. Mit einem giftigen Rückblick auf den Liegenden ſchob er ſich zum engen Eingang hinaus und warf unwillig die Thür in das Schloß. Einige Minuten ſtand Katharina noch an die feuchte Wand gelehnt. Was in ihrer Seele vorging, war un⸗ beſchreiblich. Freude und Schmerz umarmten ſich in ihr geſchwiſterlich. Sie mußte zu dem Geliebten, und doch fürchtete ſie für den Kranken, dem die plötzliche Ueber⸗ raſchung ſchaden konnte. Wie meiſtens blieb jedoch auch in ihr das Herz Meiſter der Vernunft, und mit Augen, die in Liebesthränen überfloſſen, mit vorgeſtreckten Armen und hingebeugtem Leibe hauchte ſie den Namen:„Herr⸗ mann! Mein Herrmann!“ über die bebenden Lippen! Der Kranke fuhr heftig erſchrocken im Bett empor, und ſtarrte mit glühenden Augen nach ihr hin. Wer ruft mit dieſer Stimme? fragte er heftig. Iſt es ihr Geiſt? Nein, das find ihre Augen, ihre Züge. O ver⸗ ſchwinde, geſpenſtiges Bild! Wäre das wirklich meine Katharina, ſo hätte mir Gott das Schwerſte von Allem, was ich duldete, bis jetzt aufgeſpart, und ich wüßte die gräßliche Steigerung meiner Qual nicht zu ertragen.— Herrmann, ſagte Katharina wehmüthig, empfängſt Du alſo und ohne Freude Dein Weib?— 221 So iſt die Stadt erobert; ſo iſt mein kleiner Wil⸗ helm erwürgt von den Unmenſchen, und Du kommſt, meinen Todesgang zu theilen? fragte der Schiffsoffizier weiter.— Die Stadt wird ſich nicht ergeben, und unſer Wilhelm lebt in dem Schutz der Schweſter Martha, antwortete Katharina muthig.— Unnatürliche Mutter, Du konnteſt Dein Kind ver⸗ laſſen!— Der Vater aller Unmündigen wacht über ihm. Um für den Knaben den irdiſchen Vater zu retten, betrat ich den Weg der Gefahr. Gottes Stimme rief in meiner Bruſt. Ich trage all unſer Gut bei mir. Beſtechung gelingt vielleicht, oder man gibt Dich für gutes Löſegeld frei. Ohne mein Wogſtück wareſt Du jedenfalls ver⸗ loren, darum ſchwankte ich nicht. Kann ich denn ohne Dich leben und athmen? Deine Liebe brachte mir des Lebens erſtes Glück; wie ſollte ich denn gezögert haben, mein Leben an dieſes Glück zu ſetzen? Und mißlang die That, konnte ich Dir doch Troſt bringen, Dich halten an meiner Bruſt, mit Dir theilen Alles, was die Wüthriche Dir aufgebürdet.— Es iſt mißlungen, denn Du biſt gefangen, dem Tode verfallen gleich mir, erwiderte Herrmann mit mildern Tönen, aber immer mehr verdüſtertem Antlitz.— Nein! Nein! rief heftig das ſchöne Weib, die Arme nach der Morgenſonne ausbreitend. Nein, der dieſes wärmende Strahlenlicht ausgoß, kann nicht untergehen laſſen, was unverſchuldet leidet.— Sie flog auf ihn zu und umſchlang ihn mit heftigſter Inbrunſt. Ich habe Dich wieder an meinem Herzen; o das iſt mir ein hohes Gnadenzeichen, welches die Allmacht ſchickte. Der rothköpfige Wärter wird beſtechlich ſein. Einem Prieſter habe ich mich entdeckt und der verſprach mir Hülfe, und daß ich zu Dir kam, iſt ein Unterpfand von ihm, was mir Vertrauen einflößt. Herrmann, hoffe, glaube! Die Liebe iſt Troſt in jedem Jammer, und ſoll es geſtorben ſein, ſo ſtirbt es ſich ſo leicht und ſchön, und auch die Marterſtunde wird zu Ende gehen, und wenn wir vor dem Sterben zuſammen beten, daß es dem kleinen Wil⸗ helm beſſer gehen möge wie ſeinen unglücklichen Eltern, ſo wird ein Engel das Zwillingsflehen hinauftragen zu dem Throne der Allbarmherzigkeit, und der Segen der Erhörung muß ſich auf das liebe kleine Köpfchen ſenken.— Der Gefangene legte ſeinen rechten Arm, deſſen Wun⸗ den die leichtern waren, um das liebe Geſchöpf, das an ſeinem Strohlager in die Knie geſunken war, und ſah mit ſchmerzlichen Blicken auf ſie hinab. Katharina, ſagte er mit Wehmuth, mir ſchwindelt vor Deinem Muthe und Deiner Entſchloſſenheit. Den bitterſten Kelch haſt Du mir gebracht, und doch muß ich Dich bewundern und kann Dir nicht zürnen darüber. O welch eine Krone der Weiber des Niederlandes wurde mein, und ich habe ſie nicht erkannt, und da ich ſie erkannte, konnte ich ſie nicht mehr triumphirend der Welt zeigen, denn es war in ihrer und meiner letzten Stunde. Täuſche Dich nicht! Ich bin verloren; Hannibals Hohnrede hat mir's längſt verrathen, und auch Du biſt nun mit verloren. Wie kannſt Du glauben zu beſtechen oder zu löſen? Was Du an Gold und Kleinodien bei dir tragen magſt, iſt ja der Raub der Böſen, ſobald ſie Dich getödtet haben. Und wenn ſie Dein Geſchlecht erkannten? Du kennſt dieſe Spanier nicht. Schrecklich! Schrecklich! Der Gedanke 223 daran iſt mehr als Foltertod und wird mich wahnwitzig machen.— Katharina lächelte ſtill und zog ein Kryſtall⸗ fläſchchen aus einer verſteckten Buſentaſche. Glaubſt Du, eine Soldatenfrau hätte ſich unſinnig und ohne Waffe in die Schlacht geſtürzt? fragte ſie mit feſter Stimme. Dieſe Phiole füllte mir der Apotheker, Dein Bruder Raimond. Mit dieſem Fläſchchen bin ich frei mitten unter einer Tigerheerde, und Dein treues Weib hat le⸗ bend keinen Schimpf zu fürchten.— Der gefangene Herrmann zog ſie feſter an ſich und drückte ſeinen bleichen Mund lange auf ihre Stirn. Mein Muth war geſunken, welk geworden durch Ent⸗ behrung, Schmerz und Gram, ſagte er dann. Du haſt ihn erſtärkt, Katharina, wunderbar aufgerichtet in dieſer kurzen Stunde. Seit ich Dich an meiner Seite fühle, iſt mir, als dürfte ich hoffen, als könnte das Unglück nicht über den Zauberkreis, den Du um mich gezogen. Ich bin wieder der Mann geworden, der ich war, und mit Dir rufe ich: komme was da wrill, breche der Sturm herein, wir ſtehen und fallen zuſammen, und auch die Marterſtunde wird leicht und ſchön vorüber gehen.— Aber als hätte ſein Wort das Gewitter aufgerufen und herangezogen, ſo ward plötzlich die Stille, die bis jetzt im Thurme geherrſcht, durch ein gewaltiges und immer ſteigendes Gelärm unterbrochen. Harte Tritte ſchallten, Gewehre klirrten, wilde Stimmen riefen durch⸗ einander. Näher und näher kam der Tumult, und wie die ſteigenden Wellen der Meeresflut ſchwoll das Ge⸗ brauſe zu ihnen herauf. Vor der Pforte des Gemachs langte jetzt es an, die Schlüſſel raſſelten in den Schlöſſern, 224 und Herrmann ſprang, ſeine Schwäche vergeſſend, vom Lager auf, und trat vor das bebende Weib. Eine Menge bärtiger Köpfe wurde ſogleich im Ein⸗ gange ſichtbar. Der hagere Profoß der Armee trat voran mit dem Hannibal herein, und mehre Soldaten drängten ſich neugierig ihnen nach. Paul Herrmann, Schiffslieutenant der ſogenannten Generalſtaaten, auf verrätheriſcher That gefangen, als er den Rebellen Proviant zuführte? fragte mit ſteifer Haltung der Profoß, indem er mit Baſiliskenaugen den Gefangenen maß.— Es iſt derſelbe! Ein ſtummer Trotzkopf! verſetzte der Wärter, als der Seelieutenant ſchwieg und in feſter Haltung dem Profoß ſeine feindſeligen Blicke zurückgab. Dieſer zog jetzt ſein Papier hervor, ſchauete hinein und ſprach langſam und mit verächtlicher Miene: Numero Eins! Iſt ſofort vor die Front zu führen und ſoll auf Orvre Seiner Excellenza, des Herrn Commandirenden, Grafen Bucquoy von Longueval mit dem Beile enthaup⸗ tet, und ſodann ſein Leichnam an den Galgen geknüpft werden, Andern zum Exempel und ſich zur verdienten Strafe, und das von Rechts wegen. Einen lauten Angſtſchrei ſtieß Katharina aus, flog vom Boden auf zu ihrem Eheherrn, und umſchlang ihn mit beiden Armen.— Katharina! Was haſt Du gethan? rief Herrmann erſchüttert und wie außer ſich.— Der caſtilianiſche Wachtmeiſter Herkulius drängte ſich ſogleich vor, und warf ſeine gierigen Rabenblicke auf die unvermuthete Erſcheinung. Was ſoll mir das? fuhr er mit rauhem Tone den Hannibal an. Iſt das nicht mein Spion, den ich in Ketten legen ließ? Wie kommt der hier 225 herein zu dem Oſtender? Naſen und Ohren koſtet Dir das, Du vermaledeieter Fuchskopf.— Doch von der andern Seite trat eben ſo flink Sam⸗ pedro, der nette andaluſiſche Schütz, heran und ſtellte ſich keck dem Caſtilier in den Weg. Was, Spion? rief er mit Feueraugen, die über das ſchöne Weib hinrollten. Du hörſt es ja, Katharina heißt ſie, und iſt eine Donna Katharina, und bei meiner Kugelbüchſe, die ſchönſte Katharina, die mir je begegnet. Ich habe das erſte Recht auf ſie, denn Zeltkameradſchaft hatte ich ſchon geſtern mit ihr geſchloſſen. Die Catalonier zeugen mir's. Mir unbewußt ſah mein Schützenblick durch Capa und Armilla und witterte die Basquina darunter. Führe Du, alter Bocksbart, Deinen Todeskandidaten hinweg; von dem Weibe ſteht nichts in der Ordre da, und ich nehme ſie wie mein wiedergefundenes Eigenthum, und wer mir in den Weg tritt, der hat mein Blei im Her⸗ zen, ſo wahr König Philipp mein Herr iſt und ich ein Spanier. Er ſchlug ſeine kurze Büchſe an auf den zurückfah⸗ renden Küraſſierer und knatterte am Hahn. Aber mehre der Soldaten warfen ſich dazwiſchen, und mit Entſetzen ſah der flammländiſche Schiffslieutenant zahlloſe Augen gierig funkelnd auf ſein liebes Weib gerichtet und viele rohe Hände nach ihr greifen. Mit Verzweiflungswuth faßte er mit der ſchwachen Rechten nach dem ſchweren Waſſerkruge und ſchwang das Gefäß durch die Luft. Zurück, ihr Unthiere! rief er mit kräftiger Stimme. Ueber meinen Leichnam nur geht der Weg zu dieſem edlen Weibe, und wer ſie antaſtet wird keinen heilen Hirnkaſten heimtragen!— Iſt denn kein Edelmann da, Blumenhagen. III. 15 kein Kapitano, der eigene Ehre achtet im Schutz der fremden? ſetzte er erſchöpft hinzu. Die Tobenden waren alle einen Augenblick zurück⸗ gewichen vor der männlichen Geſtalt und ſeiner drohenden Bewegung. Aber heftiger brach nach einer kleinen Weile ihr Sturm auf's Neue los, und ein allgemeines Hohn⸗ gelächter kündete dem Verzweifelten ſein Schickſal an. — Schieß den tollen Hund durch den Kopf, Schütz! ſchrie ein Catalonier. Um das ſchöne Weibel wollen wir dann ſchon fertig werden.— Alle drängten wieder vor, und Kolbe, Partiſane und Schwert fuhr auf den Niederländer toddrohend heran, und Katharina ſchrie: O laßt mich zuerſt morden! wollte ihn umhalſen, ſank aber ſchwach an ihm hinab und umklammerte halb ohn⸗ mächtig ſeine Knie, indeß er furchtlos den Todesſtoß er⸗ wartete. Da ſcholl aus dem Gange herein das„Halt“ einer edlen und kräftigen Stimme. Im Namen der Infantin und des Erzherzogs! tönte es. Wer unterfängt ſich die Kriegsgefangenen zu moleſtiren und die Wehrloſen mit Waffen zu bedräuen?— Der junge Graf von Cordua in ſeiner glänzenden Kriegstracht ward ſichtbar, hinter ihm der Beichtvater des Feldherrn, und der Soldatenhaufe wich erſchreckt zu beiden Seiten aus, richtete ſich in militäriſcher Ordnung an den Wänden und ließ den beiden Himmelsboten Raum zum Eintritt. Der Geſandte des Befehlshabers wendete ſich zuerſt in ſtolzer Hochſtellung an den Profoß und zeigte ihm Bucquoy's Siegelring. Die Ordre iſt annullirt, ſprach er befehlend, die Hinrichtung aufgeſchoben. Traget Sorge, Saixas, daß die Exekutionstruppen das Schloß verlaſſen — — 227 und in ihre Quartiere rücken. Jede Mißhandlung der Gefangenen würde ſtreng geahndet werden.— Wo iſt die ſchöne Dame, welche ich augenblicklich zu dem General geleiten ſoll? fragte er dann mit ſanfterer Stimme den Pater, indem ſein Auge neugierig den Kerker zu durchſuchen ſchien.— Jene arme Kniende iſt's; in der Maske des Jüng⸗ lings verbarg ſie das muthige Frauenherz, antwortete der Jeſuit.— Folget mir unverweilet, edle Frau! redete vortre⸗ tend Cordua die Zagende an. Die Laune der Großen iſt wandelbar, und man muß den Sonnenblick benutzen, den ſo leicht neue Wolken verdrängen. Zögert darum nicht; der General ſelbſt will Euch ſehen, ſprechen, und wie ich ihn kenne, wird in dieſer Stunde und in ſeiner Aufregung ein Wort von Euch vielleicht Euer trauriges Loos in Glück und Sicherheit verwandeln.— Er ſtreckte den Arm aus, Katharina vom Boden zu erheben, aber Herrmann ſtellte ſich vor ſein Weib, und hob mit dräuen⸗ der Geberde den Arm. Zurück! rief er mit Wildheit im Ton und Blicke. Taſtet mein Heiligthum nicht an. O ich kenne dieſe Gnade Eurer Fürſten und Gewaltherren. Wir mögen um ſolchen Preis das Glück der Schande nicht. Führt uns vereint zum Tode, dazu habt Ihr Gewalt. Zu trennen und zu entzweien, was Gott für ewig ver⸗ knüpfte, dafür fehlt Euch die Macht, und wir wollen Euch ein Beiſpiel geben, das Eure Ohnmacht Euch be⸗ weiſen mag.— Der Bruder Bonifaz faßte den Arm des Erhitzten und drückte ihn ſanft aus der feindſeligen Bewegung nieder. Wackerer Mann, ſagte er vorwurfsvoll, doch 228 mild zugleich, ſtöret nicht Gottes Vorſehung, Sie in wunderbarſter Führung mit der Hand des Retters ſo ſichtlich über Euch aus ihren Himmeln greift. Mordet nicht mit Euch zugleich dieſes unglückliche Weib, das als ein Muſter der Treue und Seelenſtärke all ihre höchſten Güter eingeſetzt hat als ein Opfer für Euch. Laßt Euren Engel walten; ſein reiner weißer Fittich trug ihn in Eure Nacht; er wird Euch hinaustragen in das Licht des Friedens. So wahr ich ein Diener bin des ewigen Gottes, Euer Weib ſoll unbefährdet rückkehren von die⸗ ſem verhängnißvollen Gange. Meiner Seele Heil ſetze ich Euch zum Pfande, und Ihr werdet dem hohen Manne, der ſie zu ſich forderte, eine Beleidigung voran abzu⸗ bitten haben, die Ihr nur ausſtoßen konntet, weil Ihr ihn nie geſehen von Angeſicht zu Angeſicht. Herrmann ſtand unſchlüſſig, aber Katharina faßte ihn entſchloſſen in ihre Arme und drückte einen glühen⸗ den Kuß auf ſeine bleichen Wangen. Vergißt Du das Fläſchchen? flüſterte ſie bedeutend. Und ging ich nicht ſchon frei durch dieſes Lager und unter dieſen Kriegs⸗ männern? ſetzte ſie lauter hinzu. Nimm dieſes goldene Kreuz zurück, einſt das erſte Geſchenk meiner Liebe. Ich rettete es aus Feindeshand, ich gebe Dir's zum zweiten Male als heiliges Pfand meiner ewigen Treue. Lege es wieder auf dein zweifelnd Herz, daß ſein Zauber neuen Glauben wecke darin an Gott und mich. Was auch verhängt ſein mag über uns, Schlimmeres kann uns nicht kommen, als dieſe Stunde anſagte. Darum gehe ich mit Gott, und mein Herz ſagt mir, wir ſehen uns wieder. Inbrünſtig umarmte ſie den Gemahl, er preßte ſie faſt wie verzweifelnd an ſich, dann ließ er ſie, drückte 229 das Kreuzchen an ſeine Lippen, und ſchwankte zu ſeinem Lager. Katharina warf noch einen Blick auf ihn, in welchem alle Empfindungen ſchimmerten, die in dieſem Momente in ihrer Seele kämpfen mußten, dann folgte ſie raſch dem Grafen Cordua, und der Ordensmann ſprach zu dem Gefangenen, bevor er ſchied: Vertraue auf den Herrn! denn der Herr bewahrt die Seelen ſei⸗ ner Heiligen, und kann ſie erretten aus der Hand der Gottloſen. Auch den gemeinſten unkultivirteſten, roheſten Krieger, ſei er der Sohn der arabiſchen Steppe oder des ameri⸗ kaniſchen Rieſenwaldes, oder der verwöhnte, verzogene, von allem Menſchlichen entkleidete Sohn des Krieges ſelbſt, ſetzt Etwas in Reſpekt und zwingt ihm natürliche Be⸗ wunderung und rauhausgeſprochene Huldigung ab, es iſt die Todesverachtung, die freiwillige, die unbedingte und unerſchütterte. Sie iſt die höchſte Tugend, wie die höchſte Nothwendigkeit des Kriegerſtandes. Der Tapfere ehrt ſich ſelbſt durch die Huldigung, die er einem ver⸗ wandten Gemüth darbringt; der, dem nur Sold oder Zwang das Soldatenkleid anzog, beneidet die Größe, die ihm fehlt und von der er weiß, daß er ohne ſie nicht frei zu wirken vermag in ſeinem Beruf, und beugt ſich darum vor ihr wie vor etwas Göttlichem, daß er vergebens ſich wünſchen muß.— Deßhalb begeiſterte die Gegenwart der verbündeten Herrſcher die Kämpfer des deutſchen Freiheitskrieges und machte ſie unüberwindlich; deßhalb erwarb ſich der Heldengreis Blücher den Namen eines Soldatenvaters; darum ſind Braunſchweigs Volks⸗ ſtämme ſo ſtolz auf die Geſchichte ihrer Herzöge; darum 230 machten Frankreichs Legionen ſich beinahe zu Herren des Welttheils, der ſie geboren.—— Das auseinander laufende Exekutions⸗Commando verbreitete ſchnell die ſeltſame Mähr von dem weiblichen Helden im ganzen Lager. Jeder, den nicht der Dienſt band, lief herzu, die kühne Niederländerin zu ſehen, die mehr gewagt, als einer der in Schlachten grau ge⸗ wordenen Reiter. Daß die Herrin zugleich den Schön⸗ heitsgürtel der Venus trug, weckte alle Sinne der rohen Soldaten, und der ſtarre Deutſche konnte nicht unter⸗ laſſen, ihr ein Glück zu, Du ſchmuckes Weibel! nach⸗ zurufen; mancher arragoniſche Jüngling ſprach ihr eine Strophe aus einem Romanzo oder Canzianero, in freudig⸗ ernſt klingenden Redondillas nach, und den Gang, den ſie zwiſchen dem Heldenjüngling und dem Gottesmanne durchs weite Lager thun mußte, glich einem Triumph⸗ zuge, denn immer größer wuchs ihr Geleite, und die Stimmen, welche aus dieſen freiwilligen Garden tönten, ermuthigten die Gebeugte und ſtärkten ihre Seele für den wichtigen Augenblick, der ihr Glück auf dem ſchwa⸗ chen ephemeren Fittig trug.—— Als Graf Cordua mit ihr an den freien Platz ge⸗ kommen, der das Hauptquartier bildete, machte die Soldatenmaſſe Halt und ſchuf einen neugierigen, doch plötzlich ſtill werdenden Zirkel; die Nähe des tapfern, aber geſtrengen Feldherrn, die Erwartung, was von ihm geſchehen würde, hielt die bewegten Schaaren gefeſſelt. Aber ſelbſt der Graf Cordua erſtaunte, als er, dicht bei dem Gezelt angelangt, den Eingang deſſelben weit ge⸗ öffnet erblickte, und ſofort den General im glänzendſten Schmucke ſeiner Würde und in ungewöhnlich lebhafter Be⸗ wegung auf den freien Platz heraustreten ſah. Katharina 231 warf kaum einen ſcheuen Blick auf den hochgewachſenen goldſtrahlenden Mann; ihre Zunge verſagte ihr den Dienſt, ſie ſank in die Knie, und nur das Wörtchen „Gnade!“ jedoch in den Seelentönen der tiefſten Em⸗ pfindung ausgerufen, klang von ihren zarten Lippen zu ihm hinauf. Bucquoy's Feuerauge ruhete einige Au⸗ genblicke muſternd auf ihrem lieblichen Geſichte, dann trat er ihr näher, und hob ſie mit eigener Hand vom Boden auf. Erhebt Euch, meine kleine Landsmännin, ſagte er faſt leichtfertig; eine ſo unerſchrockene Heldin, wie Ihr, darf nicht vor Ihresgleichen im Sande liegen. An meine Seite gehört Ihr, die Ihr ſo ſchön als muthig ſeid, und hätte mir das Geſchick den prangendſten Sieg be⸗ ſcheeret, bei dem Herrn des Himmels, meine Freude könnte nicht größer ſein, als da es mich jetzt beſtimmt, die ſchwarzen Geiſter Eures Lebens zu beſchwören, und Euch auf den Platz zu ſtellen, welcher Euch gebührt. Der Pater hat mir Alles berichtet. Ihr bittet für das Leben Eures Ehemannes; die Huldgöttin flehet für den rauhen herzloſen Sohn Neptuns. Nein, Eure Liebe hat ſich verirrt; wie kann ſie haften an dem harten Schiffer, der ſie nimmer verſteht? Das Schickſal hat es beſſer mit Euch gemeint. Jene Oſtender ſind nun einmal un⸗ rettbar dem Tode verfallen. Wie kann der General ſein Wort zurücknehmen? Aber umhüllt Euch immerhin mit dem ſchwarzen Schleier der Wittwe; er muß nur Eurer Schönheit zur hebenden Folie dienen. Aber die Thränen ſollen ihn nicht näſſen, denn ich, Graf Bonaventura, des mächtigſten Königs General, biete Euch mein Herz und meine Hand an hier vor den tauſend Zeugen aus mei⸗ nem Heere; theilt meinen Rang, meinen Stand, meinen Ruhm. Klugheit iſt eine Schweſter des Muthes; Eure Augen ſind ſcharf und feuervoll; die edlere Liebe ruft Euch von der Sandküſte der Gemeinheit in den Orange⸗ wald der Hoheit. So kann Euch die Wahl nicht ſchwer fallen, und Euer nächſtes Wort wird mir meinen Ge⸗ winnſt verkünden, für den ich ſelbſt Oſtende, Eure Vater⸗ ſtadt, hingeben könnte.— Katharina hatte den feurig Redenden mit Bewegung, dann mit wachſendem Erſtaunen, dann mit dem Erbeben des heftigſten Schreckens angehört. Ihre Glieder ſchwank⸗ ten, Todesbläſſe überzog ihr Geſicht; ſie zog heftig ihre Hand aus der Rechten des Feldherrn und wich mit deutlichen Zeichen des Abſcheues von ihm zurück. Alſo nur zu Spott und Schimpf führtet Ihr mich hieher 2 Armer Mann, der die Treue nicht kennt und die Liebe beſtechlich glaubt, ich bedaure Euch! Laßt mich zurück⸗ bringen zu dem einzigen Freund meiner Seele, gebt mir den Tod an ſeiner Seite, und ich will die Beleidigung verzeihen, die Ihr mir makelloſen Frau ſo öffentlich auf das Haupt ſchleudert, und werde ſie mit einem Gebet für Euch vergelten.— Sie war im Begriff, niederzufinken, und faßte im Wanken nach dem Giftfläſchchen in ihrem Buſen, da trat Bruder Bonifaz zu ihr und fing ſie in ſeinen Armen auf. Muthig, meine Tochter! rief er. Verzage nicht, ich ſtehe Dir zur Seite und ſchirme Dich mit geweihter Hand. Nein, nicht im Ernſt konnte Graf Longueval Dir ſolch ehrloſen Antrag thun; würde er doch ſonſt dem gemeinſten Schütz in ſeinem Lager nachſtehen müſſen, der Dir ſeinen Bewunderungszoll ſo laut gebracht. Nur eine Prüfung war es, die ſein Zweifel an weiblicher Größe und Tugend und Feſtigkeit ihm einhauchen mochte. ——˖———— — — 233 Sieh nur hin, wie mild und gnädig er zu Dir herſchaut. Aber zögere nicht länger, General, Deine grauſame Härte auszuglätten, oder ich müßte Dich bis jetzt ver⸗ kannt haben, und würde einen Dionys in Dir finden, der mit einer Titusmaske mich bislang gar ſchändlich hintergangen hätte.— Ja, Katharina, der heilige Mann, dem Du Deine Rettung allein zu danken haſt, hat Recht in ſeinem ge⸗ ſtrengen Wort! erwiderte der General mit ernſter Würde. Meine Probe war grauſam, aber ich konnte der Wolluſt nicht entſagen, Dich auf einer Höhe zu ſchauen, wo ich noch keine Deines Geſchlechts gefunden. Ich beneide Deinen Gatten, doch er ſoll frei ſein, wie Du ſelbſt, und was Du mitgebracht an Gold und Pretioſen, ſollſt Du unverkürzt wieder mit Dir nehmen in Deine Hei⸗ math. Doch darfſt Du nicht zurück nach Oſtende; weder Deinen Herrmann noch Dich mag ich mir gegenüber wiſſen unter meinen Widerſachern. Ein Trompeter ge⸗ leite Dich an das Stadtthor, damit man Dir Dein Söhnlein liefere. Dann ſoll Dich und die Deinigen Graf Cordua führen bis an die Maas, wo des Naſ⸗ ſauers Heer ſich gelagert. Gedenke meiner im Frieden Deines Glücks; ich werde Deiner nicht vergeſſen, und mir iſt, als würde Dein Name in fernen Jahrhunderten noch neben dem meinigen von den Belgiern genannt wer⸗ den, und ich meine wohl, beide nicht ohne Achtung.— Katharina warf ſich wieder vor ihm nieder und faßte ſeine Hand, ſie zu küſſen, als er ſie aber auf's Neue erhob, und unter dem Zujauchzen der Soldaten ihr einen väterlichen Kuß auf die Stirn drückte, flüſterte ſie mit ſtammelnder Stimme: Danken kann ich nicht, hochherzi⸗ ger Herr! Aber auch die Maus nützte dem Löwen, darum achtet die Warnung, die ich Euch zum Abſchiede ſpreche. Entfernet alle Niederländer aus Eurer Umge⸗ bung, aus Eurem Lager! Alle! Alle! Es iſt ein Preis von viertauſend Gulden auf Euer Leben geboten, und der Holländer liebt das Geld, denn feil iſt ihm gar Vieles.— Der General erſchrack einen Augenblick, dann ſagte er ſpöttiſch: Die Orangenmänner ſind Knicker und ver⸗ ſtehen ſich nicht auf ſolche Waare. Ein Lumpenpreis für ſolch ein Gut. Dächte ich doch, ich wäre dem Krämer⸗ volke theurer erſchienen. Aber wer? fragte er heftig.— Ehret mich, indem Ihr mich nicht zur Verrätherin macht; antwortete Katharina feſt. Glaubt mir und fol⸗ get meinem herzlichen Rathe, ſetzte ſie ſanft und beſorgt bittend hinzu. Da entſtand eine Bewegung unter dem nächſten Schü⸗ tzenhaufen, und ein Menſch machte ſich heftig Platz und drängte ſich keck heran bis dicht zu dem Grafen von Lon⸗ gueval. Es war Herr Tobias, der Marketender. Kriechend beugte er ſich vor dem Feldherrn und ſtieß faſt athemlos ſeine Rede heraus. Excellenza hat Gnade ausgeſprochen, ſtotterte er mit auffallender Aengſtlichkeit, hat Schutz angedeihen laſſen, wo Undank und Meuchelmord aufgehen werden über der Gnadenſaat. Trauet dieſem jungen Schelme nicht; ein Drache hauſet hinter dem Knabengeſicht. Auch mich hat der Gauner betrogen, da er ſich als ein Vetter meines Weibes bei mir einſchlich. Er hat der Orangefarbe ver⸗ ſchworen Leib und Seele; er iſt ein fanatiſcher Meuchler, der es auf der Excellenz Leben gemünzt, um zu Mörs viertauſend Gulden zu verdienen.— Der Graf zuckte merklich zuſammen und eine dunkle —— 235 Glut röthete ſeine Wangen. Alſo Du weißt um das Geheimniß? ſprach er, den Marketender bei der Schulter faſſend und ihn mit durchbohrenden Blicken anblitzend. Und dieſer Knabe beichtete Dir ſein Mordgeheimniß 2— Leibgardiſten, ſetzte er zornig hinzu, als Tobias grinſend nickte, knebelt mir dieſen Böſewicht! Seine Seelenangſt und ſein Gewiſſen hat den tückiſchen Wolf ſelber in die Falle gelockt.— Nicht Du, Katharina, ſondern Gott ſelbſt, der zürnende Richter, machte dieſen Buben mir kund, ſagte er dann noch zu der Erſchrockenen. Und ſiehſt Du, holde Heldin, daß wir Beide Begünſtigte des Himmels ſind, und ſeinen Schild über uns wiſſen und heute wirklich geſehen, wie er goldig leuchtet gleich dem Sonnenſtrahl? Ja, meine Freundin, der edle Helden⸗ muth geht durch tauſend Tode unter Gottes Schutz, denn vdas Bewußtſein iſt ſein Talismann. Erlöſe jetzt Deinen Gatten und bringe ihm Bucquoy's Gruß. Meine beſten Roſſe ſollen Eure Reiſe beſchleunigen, und Bonaventura wird dieſen Tag nicht unter ſeine verlorenen rechnen dürfen.— Katharina faltete die zarten Hände und hob ſie der ſtrahlenden Morgenſonne entgegen; Frater Bonifacius aber legte ſeine Hand ſegnend auf ihr blondes Haupt, und der Kreis der rohen Krieger feierte den Augenblick der Andacht mit in tiefer Stille. IV. Nebenbuhler. Eine hiſtoriſche Novellette. 1— — — 6 — — — S — 2. Seit Menſchengedenken hatte man in dem Hafen⸗ quartiere der däniſchen Stadt Helſingver keine ſolche Lebendigkeit geſehen. Weder die erfreuliche Ankunft einer indiſchen Handelsflotte, noch die ſchreckende Erſcheinung eines engliſchen Kriegsgeſchwaders hätte die thätigen Einwohner in einem größeren Gewühle an die Küſte locken können, wo ihr geräuſchvolles Gedränge ſie einem Bienenſchwarme ähnlich machte, der im warmen Sonnen⸗ ſcheine vor dem Eingange ſeines Korbes geſammelt ſchwärmt, mehr ſich zu erluſtigen als einzutragen. Bür⸗ gersleute jedes Alters und Geſchlechts ſtanden überall dicht gruppirt und mit ihren beſſeren Anzügen angethan; halbtrunkene Matroſen und maſſive Kriegsleute ſprengten manche dieſer Haufen durch ſcharfſtoßende Ellenbögen und gottloſes Fluchwort, und gewannen ſich die beſſere Ausſicht und den bequemern Platz auf unmanierliche Weiſe; jeder Haufen aufgeklaftertes Schiffbauholz, jeder koloſſale Waarenballen, jede mächtige Tonne war zur Tribune geworden für eine wildlärmende Bubenſchaar; ſelbſt die Hafenbrücke, freilich zu allen Tagen vom Früh⸗ linge bis zum Herbſte lebendig durch Kaufleute, Schreiber und Bootsmänner, die begierig den ankernden Schiffen entgegen eilten, wurde heute durch eine bunte Menſchen⸗ maſſe beſchweret, zwiſchen denen die rothen Trabanten 240 mit ihren Hellebarden kaum eine enge Straße offen zu erhalten vermochten, obgleich ihre bärtigen Geſichter die grimmigſten Bärengrimaſſen nachbildeten, und ihre ſchwer⸗ geſohlten Schuhe manchen zarten Zuſchauerfuß mit Vor⸗ bedacht quetſchten. Alle dieſe tauſend und wieder tauſend Augen aber ſchienen, mitten zwiſchen Zank und Stoß und Neid, einig in dem Ziele, welches ſie ſuchten; denn alle waren nach der geſchloſſenen Außenrhede des Hafens gerichtet, wo das äußerſte Werk, die Drei⸗Kronen⸗Batterie, ſo eben mit weithin über das Waſſer rollendem Donner der Kanonen ſalutirte, und jede Aufmerkſamkeit noch ſtärker ſpannte, wenn auch die weißen, dicht zuſammengeballten Rauchwolken auf eine Weile jede Ausſicht wie mit einem rollenden Vorhange verſperrten.— Ein ſchöner Apriltag begünſtigte gegen die Gewohn⸗ heit dieſes wetterwendiſchen und launiſchen Monats die feſtliche Stunde. Wenn auch ſchon in ihrer Bahn bis zum Weſten fortgerückt, ſchickte doch die Sonne noch ihre ſchrägen Strahlen recht wärmend herab, und umgab die Stadt und die ſchöne Anhöhe voll braunen Eichenwaldes neben ihr, und das Schloß Marienlyſt auf fteiler Höhe der Vorſtadt mit einem Feuerſcheine, und wandelte den gekrümmten breiten Schlangenpfad, der zu dieſem Luſt⸗ ſchloſſe hinan führte, in eine goldene, ſich ſcheinbar auf⸗ und niederringelnde Schlange. Gegen Norden erhob ſich die mächtige Feſtung Kron⸗ vorg, das furchtbare Bollwerk und der treue Schlüſſel des Sundes, und die gothiſchen Thürme des Schloſſes, des Wittwenſitzes der Gemahlin des jüngſt entſchlafenen Königs Friedrich, ſchaueten majeſtätiſch über die Wälle und Mauern herab. Doch den ſchönſten Anblick gewährte ——————— — 2 241 der Sund; ſeine trotzenden Wellen glichen im Sonnen⸗ ſtrahle einer unendlichen Fläche geſchmolzener Brillanten, und an ſeinem jenſeitigen Geſtade ſtand die ſchwediſche Stadt Helſingborg mit ihren wiederſpiegelnden vielen Fenſtern wie in lodernder Feuerbrunſt, und bildete den prachtvollſten Hintergrund.— Es war aber auch nichts Gewöhnliches, wodurch die arbeitſamen Einwohner von Helſingoer von ihren Werk⸗ ſtätten fortgelockt worden, um Naturſchönheiten mit Muße zu betrachten, an denen ſie täglich ohne Beachtung vor⸗ übergegangen ſein mochten. Hatte doch in dieſen Augen⸗ blicken die gewohnte Umgebung für ſie eine bei weitem höhere Bedeutung. Der Kronprinz Chriſtian, ſeines Namens der Vierte, hatte vor zwei Jahren die ererbte Krone Dänemarks auf ſein Haupt geſetzt und ſeine Reſidenz in der Königsſtadt Kiöbenhavn bezogen; die königliche Wittwe aber wählte ſeitdem das Schloß Kronborg zum ſtillen Sitze ihrer Trauer, und wurde mit ihren lieblichen Töchtern der Schutzgeiſt des nördlichen Seelands, die Mutter der Armen, die Fürſprecherin der Verwaiſeten und Verfolgten bei ihrem jugendlich heftigen Sohne, und die ſtörriſchen nordiſchen Landleute, die rohen Seefahrer, von Leibei⸗ genſchaft und hartem, gefährlichem Broderwerb gleich ſchwer belaſtet, beteten die Würdigſte bald an als eine Gottgeſandte, und obgleich ſchon zum Lutherthum Be⸗ kehrte nannten ſie ihre Königin nur die Heilige oder ihre himmliſche Schutzpatronin. Und um das älteſte, zarte Kind dieſer Verehrten hatte um die letzte Weihnachtszeit des Jahrs 1589 ein deutſcher Herzog geworben, und die Mutter, wie der königliche Bruder hatten die Werbung eines Fürſten, wie Heinrich Julius von Wolfenbüttel Blumenhagen. III. 16 war, der in dem berühmten Stamme der Guelphen ſeine Ahnen fand, von dem die Fama, trotz ſeiner Jugend, nur Ehrenwerthes erzählte, und dem ſelbſt der Kaiſer und das katholiſche Reich Achtung, ja Zutrauen nicht verweigern konnte, nicht zurück gewieſen. An dem heiligen Auferſtehungsfeſte dieſes Jahres 1590 ſollte der junge Bräutigam die ſiebzehnjährige Braut aus den getreuen Mutterhänden empfangen. Schon ſammelten ſich die vornehmen Gäſte und Verwandte zur Vermäh⸗ lungsfeier, und wohnten zum Theile in den ſtattlichſten Häuſern von Helſingoer, da Kronborgs Schloß zu eng für ſie geworden. Schon war durch einen Schnellſegler die frohe Botſchaft eingegangen, der junge Herzog habe mit ſeinem Gefolge zu Kiel das ſchöne Fregattſchiff, die Sirene, beſtiegen. Heute ſollte der Erwartete, vom getreuen Sund getragen, bei der liebenswürdigen Braut anlangen, heute zum erſten Male den niegeſehenen Rei⸗ zen huldigen, und Herzog Ulrich von Mecklenburg, der Braut Großvater, hatte eine Luſtfahrt aller verſammelten hohen Gäſte, dem erſehnten Braunſchweiger entgegen, veranſtaltet. Der Himmel begünſtigte die Fahrt und der Sund warf kaum Wellen auf; überall ſprangen in Früh⸗ lingsluſt goldene und ſilberne Fiſche an den drei Luſt⸗ varken auf, welche Mittags mit ſchöner Laſt beſchweret den Hafen von Helſingoer verließen; und eben die Rück⸗ kunft dieſer flachen, geräumigen Böte war es, welche ganz Helſingoer an die Hafenbrücke lockte; Neugier war es, die Fremden, vor Allen aber den von Wolfenbüttel zu ſehen, dem man das Kleinod nicht gönnte, welches er aus Dänemark als Eigenthum führen ſollte, gehörte er doch zu den Deutſchen, und von jeher liebte der Däne die Deutſchen nicht beſonders.— — Das Ebenerzählte konnte man, breiter und vielſeitiger ausgeſprochen, in dem Gemurre und Geſchnatter des Volksgedränges überall erfahren, denn es war das Tages⸗ geſpräch; und da das Menſchengewühl mit jeder Viertel⸗ ſtunde ſich mehrte, kamen auch mit jeder neue Sprecher, neue Hörer, und brachten neue Meinungen und An⸗ ſichten mit. Zwiſchen dem dichteſten Gedränge, nahe bei dem Anfange der Hafenbrücke, bemerkte man zwei Männer, welche mit großer Geduld ſich bis dahin durch den Menſchenknäuel gewunden hatten. Sie waren beide faſt gleicher und mittlerer Größe, aber in der Form ſo ver⸗ ſchieden wie im Alter. Der Vordere, der das Amt des Platzmachers übernommen zu haben ſchien, und ſich auch gar wohl dazu eignete, hatte eine wohlgerundete Leibes⸗ geſtalt und ſein Knochengerüſt ſchien von Natur derb geſchaffen, doch durch Gewohnheitsarbeit annoch erſtarktz es herrſchte viel Bewegung in ihm, und ſein helles Auge fuhr unſtet, jedoch aufmerkſam über alle Gegenſtände hin; der braune Stoff ſeiner Kleidung durfte nicht fein genannt werden, aber ſie trug das Gepräge der Recht⸗ lichkeit; am Halſe prangte ein Tuch von ſcheinend rother Farbe, und auf dem Haare, welches ſchon mit Silber⸗ ſtreifen glänzte, ſaß die Mütze von Seehundsfell, zu verwegen faſt für die Jahre des Beſitzers, über einem runden, freundlichen Geſichte. Der Zweite und ſich dicht hinter Jenem haltende trug die Kennzeichen des friſcheſten Mannesalters auf der rothen Wange, im Strahlenlichte des großen Auges, und am üppig hängenden, künſtlich gelockten Blondhaare. Wuchs und Geſichtszüge konnten wohlgebildet heißen; der Anzug hatte Modeſchnitt, wenn auch jeder Prunk fehlte, feines Aachener Tuch erkannte 244 man daran auf den erſten Blick, gleichfarbige, etwas dunklere Puffen fehlten nicht, und die Halskrauſe war zartgefaltet und weiß; zierlicher Bart am Kinn und über den Lippen verrieth den wohlhabenden Bürgersſohn vom Stande, und die Römernaſe gab dem Antlitz einen Aus⸗ druck von Stolz und Schärfe, welche aber durch den aufgeworfenen Mund, der das Lächeln gewohnt ſchien, zu Humor verwandelt wurden, und den Stempel eines witzigen Geiſtes trugen, in dem Klugheit regierte und den Hang zu Spott und Sarkasmus meiſterte. Die beiden Verbündeten ſchlugen ſich glücklich über den Platz, und zwiſchen ihnen und der äußerſten, einige Fuß hohen Sicherheitsmauer befand ſich nur noch eine Menſchenwand; dieſe ſchien jedoch furchtbarer als der ganze durchbrochene Wall, denn ſie beſtand aus einem Haufen lärmender Schiffsleute, unter denen einige baum⸗ lange Norweger vorragten, und jede Ausſicht unmöglich machten. Was bislang gewonnen, ſchien darum unnütz gewonnen, aber der rührige Alte im braunen Wammſe zagte nicht am halben Werke, wo hundert Andere ſcheu die Geduldsprüfung ertragen hätten; denn wer fühlte nicht Reſpekt vor einer Compagnie Matroſen, wenn ſie am Lande ſind und in der Strandtaberne die lang ver⸗ mißte Pflege ſich zu gut kommen laſſen?— Ein bischen Bord, gute Jungens! rief er dreiſt mit einer ſcharfklingenden Stimme, und ſchob zugleich ſich zwiſchen ein Paar der langen Männer ſo mächtig hinein, daß, ſo wie ein guter Keil den Baum von oben bis unten ſpaltet, der ganze Haufen auseinander platzte, und auch der Fernſte den elektriſchen Stoß empfand. Potz, Seeteufel und Waſſerhoſe! Iſt die Landratze toll? Nieder mit dem Grobian! Setzt ihn auf den Sand! — 245 Laßt ihn kielholen, ſo ſchrien ein Dutzend rauhe Stim⸗ men, und wie offene Haifiſchrachen wandten ſich eine Menge rothglühender Geſichter zähnfletſchend zurück, und gleich einem zackichten Klippenriff erſchienen die gehobenen Fäuſte über der Maſſe. Nu, nu, Jungens! lachte der Alte. Geht einmal wieder die See hohl und bläst der Wind heiß aus Süd⸗ Süd⸗Weſt? Ich ſitze zwar jetzo nicht am Strichcompaß und führe weder Log noch Pfeife; aber vergeßt Ihr den Reſpekt, ſo laſſe ich ein Stückchen vom Kabeltau bringen. — Jürchtet Euch nicht vor dieſen Eisbären, ehrſamer Freund, ſetzte er hinzu, nach ſeinem jungen Begleiter ſich wendend. Die Burſchen haben ein Weniges Wein⸗ dunſt vor den Augen und ſehen nicht gut. Tretet nur dreiſt mit vor, Herr Frank, es iſt faſt Keiner darunter der mit dem Steuermann Steen Hwidkilde nicht außer⸗ halb des Kattegats geweſen, und die meiſten haben von mir unter der Linie die Neptunustaufe empfangen.— Die geballten Fäuſte hatten ſich unterdeß alle fried⸗ lich geöffnet und griffen an Hüte und Mützen. Guten Abend, Vater Steen! Platz für den Steuermann der Najade! murmelte es von beiden Seiten; als aber der Jüngere dreiſt nachſchritt, und die Grüße mit einem Griffe an den feinen, breitrandigen Filzhut erwiderte, traf ſein Auge doch auf manches hämiſch⸗finſtere Geſicht, und einige eiſenſtarke Schultern rückten beim Durchlaſſen nicht eben zu ſanft an ihm vorüber. Nun, habe ich Wort gehalten? fragte der Steuer⸗ mann, als ſie jetzt dicht an der Hafenbrücke, als die Vorderſten, ſtanden, die freie Ausſicht auf Rhede und Sund ihnen geöffnet ward, und Beide jetzt Muße hatten und bequemen Poſten, um Athem zu ſchöpfen und ſich 246 den Schweiß von Stirn und Hals zu trocknen. Habe ich Euch nicht ohne Windroſe auf dem nächſten Cours durch Untiefe und Sandbänke an das Land bugſirt?— Wäret Ihr ein paar Stündchen früher angelangt, hätten wir es freilich bequemer haben, und in meinem eigenen Luſtboote mit hinaus fahren können auf die Bräutigams⸗ ſchau. Müſſet nun ſo vorlieb nehmen, und werdet den verehrten Herrn von Coning, der Euch mir empfahl, verſichern, daß ein Geleitsbrief von ihm des alten Hwid⸗ kildens Herz und Haus öffnet, und der Steuermann nie vergißt, was an Reſpekt dem Herrn Viceadmiral zu Kiöbenhavn gebührt.— Werde es gehörigen Orts zu rühmen wiſſen, ant⸗ wortete der Graurock; und ſolltet Ihr einmal zur Meſſe⸗ zeit nach Frankfurt kommen, oder gar auf eine Kaiſer⸗ wahl, ſoll Euch nichts verſchloſſen bleiben vom hohen Römer an bis zur niedrigſten Pfefferkuchenkiſte. Aber, ſetzte er herriſcher und verdüſtert hinzu, warum ſteigen wir nicht dort hinauf? Die Menſchen auf der Brücke haben den Anblick näher.— Nicht doch, entgegnete der Steuermann, überlaßt die Sorge mir. Ihr ſollt die Herrſchaften ſo dicht an Eurem Bogſpread vorbeiſegeln ſehen, daß Euch Angſt vor dem neberſegeln kommen wird. Wir liegen unter dem Winde; dieſen Cours muß das Geſchwader nehmen, denn es ſteuert ja nach Marienlyſt, wo man den Bräutigam durch gute däniſche Arzenei von der Seekrankheit kuriren wird. Bleibt nur immer hier ſtehen, feſt wie ein Fock⸗ maſt, dort oben trampeln und knurren die Gardiſten, und ein Seemann hat von Natur eine Averſion gegen das Soldatenvolk, wie der Seehund gegen den Land⸗ hund.— 247 Fürchtet Ihr Euch, Herr Steen? lächelte der Graue. Hätte ich nur meinen Bürgerdegen zur Hand, ſollte kein Zahn von da Euch den bunten Zwickelſtrumpf verletzen.— Fürchten? murrte faſt unwillig der Alte. Wer das Meer und den Orkan nicht fürchtete, was ſind vor dem menſchliche Gliederpuppen und ihre Haſelſtecken? Und ſo ein ſtählerner Zahnſtocher in eines Kaufmanns Hand hat ſeit hundert Jahren viel vom Kredit verloren.— Er hätte das Lieblingskapitel weiter ausgeführt, wenn nicht eine plötzliche Unruhe rund umher ſeine Aufmerk⸗ ſamkeit in Anſpruch genommen. Das eintönige Geſumms im Volke nämlich verwandelte ſich jetzt in lautes Ge⸗ braus, wie es der Bienenſchwarm hören läßt, ſobald ſich eine rothbraune Hummel oder eine tigerfarbige Weſpe als ungebetner Gaſt eingefunden, oder, beſſer paſſend für Zeit und Ort, wenn ſich die Königin des Schwarmes in der Nähe des Ausganges ſehen läßt und die Arbeitsbiene ihre Flucht fürchtet. Die Drei⸗Kanonen⸗ Batterie ließ ihre Kanonen ſchweigen und ein friſcher Nordweſt trieb die weißen Dampfwolken ſchnell nach der Schwedenküſte hinüber und reinigte den Waſſerſpiegel. Das Wachtſchiff unter der Feſtung Kronborg beantwortete jetzt den Ruf der Batterie, und unter den fernher brum⸗ menden Donnerſchlägen zeigte ſich vor dem Hafen die zurückkehrende Luſtflotille. Ein Boot voll fröhlicher Muſik ruderte voran, dann folgten die flachen Barken, von der däniſchen Flagge überweht und mit Gezelten von grüner Seide bedeckt; hinterdrein ſchwamm eine Unzahl kleiner Fahrzeuge voller Bürgersleute, welche mit hinausgefahren, und zwei große auf der Rhede feſt geankerte Kauffahrer ließen alle ihre Wimpeln flattern, und die Mannſchaft be⸗ grüßte die Luſtfahrer mit rauſchenden Seemannsgrüßen.— Der alte Steen ſtellte ſich hoch auf die Zehen, und ſchauete mit an die Stirn gelegtem Handſchirm ſcharf und geſpannt über die See hinaus. Curios das! ſprach er laut vor ſich hin. Auf See⸗ manns Parole, es läßt ſich kein Wimpel oder Maſt von der Sirene erſchauen, und ſo ein Fregattſchiff kann doch nicht untertauchen wie eine Eidergans, oder an der Küſte hinſchleichen wie ein Piratenboot. Was gilt die Wette, der Herr Bräutigam iſt ein fauler Patron nach deutſcher Art, und hat einen Raſttag gemacht auf Falſter oder Moen, und das arme Bräutchen muß die Sehnſucht heimtragen, und hat den Seeflug umſonſt gethan.— Faul nennt die Deutſchen nicht, aber bedächtig ſind ſie, antwortete der Graue. Und iſt doch ſo ein Sprung in eine unbekannte Brautkammer gar gut einer Speku⸗ lation nach dem Goldlande zu vergleichen; Mann und Maus geht hundert Male verloren, ehe einmal ein großes Loos den Spekulanten vor Bankerot bewahrt.— Habt Ihr junges Blut ſchon ſo böſe Erfahrungen gemacht? lächelte der Alte.— Ich bin Wittwer, antwortete der Jüngere, und ſanft ruhe meine Dorothea. Sie war eine ächte Gottesgabe. Jedoch würde ich ſchwer an den zweiten Handel gehen.— Unterdeß hatte man die Prunkbarken gelandet; die hohen Perſonen ſtiegen aus und ſchritten paarweiſe mit edlem, feierlichem Anſtande über die Hafenbrücke durch das in Ehrfurcht Platz machende Volk. Iſt das die Braut? fragte haſtig Herr Frank, als das erſte Paar vorüber ſchritt. Meinet Ihr die Dame mit dem ſchwarzbraunen Lockenköpfchen, entgegnete Steen, die der alte Herr mit dem aſchgrauen Knebelbart führt? Ihr verſteht Euch noch ————— gar ſchlecht auf die Menſchengeſichter, denn ſo munter und naſeweis pflegt keine Braut vor der Menge ihr Lärvchen zu zeigen. Nein, dieſe iſt nur das fröhliche Fräulein Clara aus Pommern, und ihr ehrwürdiger Führer iſt Herzog ulrich von Mecklenburg, der Braut Großvater, ein trefflicher Herr und ein Familienpapa wie unſer Eins.— Nun denn, ſo iſts die zweite, das blonde Kind im weißen Atlaskleide? fragte der junge Graurock unge⸗ duldiger. Wiederum ein Waſſerſchuß! lachte der Alte. Das iſt unſere fromme Guſtel, der Braut Schweſter am Arme des Pommernfürſten. Aber dort ſchauet die dritte im ſchwarzen Sammet mit der Brüſſeler Haube auf dem lichtbraunen Haar. Erkennt man doch an den niederge⸗ ſchlagenen Taubenaugen und dem kurzgehaltenen Gange und der feinen Geſichtsbläſſe, daß das Herzchen von Ungewißheit gedrückt wird, und grollt ob der getäuſchten Erwartung, gleich dem Schiffer, wenn er eine tiefſtrei⸗ fende Wolke für eine Küſte anſah. Der Groll ſcheint nicht arg, antwortete Herr Frank; lächelt ſie doch ganz freundlich zu den Reden, die der ſchlanke Herr im ſchwarzen Barett und Scharlachrocke an ſie richtet.— Wer kann's ihr übel deuten? verſetzte der Steuer⸗ mann. Warum iſt der Bräutigam ſo träge wie ein Winterbär, und fliegt nicht mit den Flügeln des Fiſch⸗ adlers? Das zarte Fräulein iſt freilich in gefährlichen Händen, denn König Jakob aus Schottland iſt ein ge⸗ wandter Prinz, liebt die Frauen und verſteht mit der Liſt des Schmeichelworts die weiblichen Hafenketten zu ſprengen. Ueberdem iſt er ein kluger, gelahrter Herr, den jedoch ſein Studiren nicht zum Tuckmäuſer machte, und der galant iſt bis zur Verſchwendung; darf er doch auch nicht an den Boden des Säckels und der Geldtruhe denken, ſeit die engliſche Eliſabeth ihn zum Erben ihres Reichs und zu ihrem Thronfolger beſtimmen ließ.— Da kann man vielleicht einen Handel machen mit ihm, ſprach Herr Frank; denn die Schmuckkäſtchen, die ich bei mir führe, fordern einen ſchweren Säckel als Gegengewicht, und wir wollen einmal ſehen, ob nicht der deutſche Juwelier die Edinburger und Londoner Krämer, den Herrn König mit eingerechnet, durch ſeine feine Arbeit zur Verwunderung bringt. Vielleicht erhan⸗ delt der galante Prinz für die Prinzeß Braut mein beſtes Stück, und ich wette, wir verſetzen ihm einen Kauf⸗ mannshieb, ohne daß er ſichs verſieht.— Hütet Euch, mein ehrſamer Freund! antwortete Steen. Die Schotten ſind ſchlau, wie die Füchſe ihrer Haiden, und die Engländer verſtehen ſich auf Stein und Gold, und überdem warne ich Euch, denn die däniſchen Geſetze laſſen nicht mit ſich ſpaßen.— Sehet mich nicht für einen Schwindler an, lächelte der Frankfurter. Wir Reichsſtädter halten auf Ehre im Handel, und dem netten Geſichtchen der Fräulein Braut zu gefallen, könnte ich ſelbſt ein gutes Stück um billigern Preis losſchlagen, als es meine Lagerzeichen erlauben, obgleich es mir nicht gefallen will, daß eine Braut ſich erlaubt, ſolche Ohrenflüſterei mit einem verrufenen Fremd⸗ ling zu treiben.— Müßt das nicht taxiren nach unſerm Schiffsbuche, erwiderte Steen. Iſt doch ſo ein Prinzeßchen übel daran. Großvater und Bruder ſchlagen ſie los an den Werber, den ſie nicht ſah, nicht kannte, und ſie muß die Katze im — 251 Sacke kaufen, ein Handel, den Euresgleichen beſonders verpönen würde.— Recht habt Ihr, ſeufzte der junge Mann; und wir wollen darin das Fürſtenleben nicht beneiden. Es iſt ein Blindekuh⸗Spiel, wobei es oft ſehr harte Purzelbäume gibt.— Der Zug der geputzten Geſellſchaft war unterdeß faſt vorübergegangen, als ein Geſchrei im Haufen ſelbſt auf eine neue Weiſe die Achtſamkeit des Volks und unſerer Zuſchauer von dem genoſſenen Anblicke zu der Waſſer⸗ ſeite hinablockte. Nicht weniger groß als am Lande unter den ſicherſtehenden Bürgern, hatte ſich das Gedränge der Schaluppen und Böte im Hafen gehäuft, ſeitdem das Luſtgeſchwader eingelaufen. Einige hundert Barken kamen hinterdrein geſchwommen, überfüllt von Familien aus Helſingver, die alle den heißen Wunſch im Herzen trugen, jetzt ſo ſchnell als möglich das Land zu gewinnen, um ihre unerſättliche Neugier auch dort zu befriedigen, und im Schloſſe Marienlyſt die Feierlichkeiten der offenen Fürſtentafel nicht zu verſäumen. Wie bei einem vene⸗ tianiſchen Gondelierſtechen ſuchten daher die Ruderer Einer dem Andern den Vorlauf abzugewinnen und die verſprochenen Trankgelder zu verdienen. So kam es, daß ein kleineres Fahrzeug durch den gewaltigen Stoß eines größeren Bootes umgeſtürzt wurde, und ein halbes Dutzend Menſchen nicht allein in das Waſſer geworfen, ſondern auch der Gefahr ausgeſetzt wurden, durch die Rachkommenden überſegelt zu werden. Verdammte Wirthſchaft! fluchte der Steuermann der Najade. Stripſen müßte man die Trunkenbolde, die bei vollem Lichte der Tageslaterne das fremde Bord nicht reſpektiren.— 252 Der junge Kaufmann aber ſprang, ohne weiter des fürſtlichen Zuges zu gedenken, der ihm doch beſondere Theilnahme abgewonnen zu haben ſchien, auf die niedere Mauer, zog ein Beutelchen aus dem Gurte hervor nnd rief, das ſchwere Säckchen hochhaltend: Brave Dänen, mir nach! Wer Einen dieſer Menſchen herausbringt, hat Theil an dieſem!— So warf er ſich hinab zum Waſſer⸗ rande, löſete mit ſtarker Hand das Seil eines feſtlie⸗ genden Lootſenkahns und war Augenblicks im Vordertheile deſſelben. Vier der langen Norweger folgten ihm, und lenkten ſo gewandt als ſchnell das Kanot zu dem Un⸗ glücksplatze, wo der Schrecken Raum gemacht und die Böte auseinander getrieben.— Nicht lange, ſo hatte man die von der tückiſchen Seenixe ergriffenen Opfer glücklich an Bord, und als ein vom Wellenſchlage fortgeriſſenes Kind in größerer Weite auftauchte, ſtürzte der Kaufmann ohne langes Bedenken ſich ſelbſt in die Flut, und ſo geſchickt, als hätte er vom Knabenalter an den Seedienſt getrieben, ſchwamm er zur Stelle, ergriff das kleine Weſen, ſtieß es vor ſich hin und brachte es bis zu ſeinem Kahne, wo eine heulende Mutter es aufnahm und in ihren Armen zum Leben erweckte. Unter dem weittönenden Hurrah der Zuſchauer ruderte dann das Rettungsboot zurück, und der Matroſenhaufe am Ufer empfing Herrn Frank jetzt mit ganz andern Geſichtern und Augen als vorher. Ihr wäret würdig, ein däniſcher Marinier zu heißen, ſprach Herr Steen, indem er mit der breiten Hand das Waſſer von Bruſt und Schultern des jungen Kaufmanns ſtrich, und könntet mich mit dem feſten Lande verſöhnen, worauf Ihr gewachſen, und wo der Schofel und der Schacher und die Selbſtſucht die Götzen des Tages ſind.— Nach Hauſe, gute Leute! rief jedoch unbekümmert der Belobte den Geretteten zu, die lihn umſtanden und Dank⸗ worte ſuchten. Nach Hauſe, in andere Kleider und warme Betten, vorzüglich das Püppchen da, dem das lange Blondhaar wie Pferdemähnen am Nacken hängk Und Ihr, brave Kameraden, nehmt Euer Theil wohlverdient und verzehrt's mit Gott.— Der alte Steuermann riß ihm den Beutel aus der Hand, den er den Schiffern zuwerfen wollte.— Jungens! Wer von euch ließe ſich ſo ein Bagatell von Alltagsdienſte bezahlen? fragte er finſter. Ein däniſcher Schiffsmann mauſchelt nicht mit ſeinem Leben, noch weniger mit fremden. Nehmt's zurück, mein deut⸗ ſcher Freund, denn ich weiß, Keiner wird die Hand darnach ſtrecken. Die Matroſen nickten wohlgefällig zu dem Lobſpruche des Alten; der Kaufmann aber machte ein unwilliges Geſicht, ſchob den dargebotenen Säckel zurück und ſagte hart: Bei mir im Vaterlande heißt der höchſte Spruch: Ein Mann ein Wort! und unſere Ehre darf ſich immer mit der Eurigen in Reih und Glied ſtellen. Die arm⸗ ſelige Handvoll Silbers iſt verſprochen und verdient; thut Ihr meinetwegen damit, was Ihr gut haltet, und ſeid Ihr ſolche Paradiesvögel, daß Ihr des Blanken nicht mehr bedürft, ſo werft in den Sund, was keinen Herrn hat. Mir thut indeß ein trockenes Wamms und ein warmes Kamin Noth, und Eure Verrücktheit ſoll mir kein Inſelfieber zuziehen.— So drehete er ſich ſtolz hinweg und ſchritt langſam an der Hafenmauer hinunter. Der Steuermann murrte in ſich hinein: Was doch ſo ein Handelsherr hochmüthige Rede zu führen weiß und die Naſe aufwirft, als hätte er die Perlen ſelbſt 254 gefiſcht, und den Pfeffer ſelbſt geſammelt, den andere Leute ihm mit Lebensgefahr in ſein ſicher Magazin bringen ihm zum Profit und hundert vom Hundert!— Er öffnete jedoch das feingenähete, hirſchlederne Säckchen, und die Matroſen begrüßten mit einem freundlichen Ha! die funkelneuen, hellblinkenden Silbergulden, welche in die breite Hand des Steuermanns der Najade rollten. Schöne Münze! rief dieſer und ließ ſie klingen in der Hand. Der Herr Frank führt wohl gar ſelbſt einen Prägeſtock. Sieh Eins, wie ſich der wilde Mann ſpreizt und breitbeinig ſteht wie ein Kapitän auf ſeinem Deck. Mit dem Tannenbaume in der Fauſt macht er wahrlich ſich eben ſo keck, als der deutſche junge Brummbär da zur Stadt marſchirt. Nun, Burſchen, jeder ſoll ein ſolches Stück haben zum Andenken an den ſchönen Tag, und das Uebrige bleibt für die Wittwen der verunglückten Kameraden von der Hoffnung, die an den Isländer Eisbergen unterging. Ich werde die Gabe bei dem Admiralitätsamte niederlegen und ſprechen, Ihr hättet den Samariterpfennig geopfert.— Unter einem rauhen Lebehoch vertheilte Herr Steen das Verſprochene, verbarg dann ſorgfältig den Reſt in ſeinem Gurte und folgte mit Anſtrengung ſeinem jungen Freunde, der am Eingange der Hafenſtraße, vom Ge⸗ dränge des fortſtrömenden und ihm nachſchreienden Volkes gehalten, auf ihn zu warten ſchien. In der Herberge zum gefleckten Mohr ſaß um eben dieſe Stunde ein paar der Gäſte, von denen wegen der Hafennähe das wohlberufene Gaſthaus immer überfüllt war, einſam im untern Zimmer am runden Tiſche, der Eine mit einer kleinen Mahlzeit den bellenden Magen beſchwichtigend, der Andere aus einem grünen Römer den guten Traubenſaft langſam und bedächtig ſchlürfend, und jede Pauſe zu einem Zwieſprache mit ſeinem Gegen⸗ über nützend, der ihm Theilnahme abgewonnen zu haben ſchien, obgleich dieſem die leckere Schüſſel des Mohren⸗ wirths für jetzt ſichtlich lieber blieb, als der heiterſte Gedankenwechſel und Worttauſch. Vom Mutterfäßchen ein Maaß und zwei Becher da⸗ zu, Frau Bille! tönte da eine tiefe Stimme auf dem Vorplatze, und in die geöffnete Thür ſchritt Steen Hwid⸗ kilde, weitaustretend mit den etwas gekrümmten Beinen, in das Zimmer und näherte ſich ſogleich dreiſt und mit ſcharfem Auge die Gäſte obſervirend der runden Tafel. Sieh da, ſo fleißig? fragte er, dem Trinker die breite Hand auf die Schultern legend. Ihr ſeid ein Muſter von Gleichmuth, denn ich wette, daß zur Stunde kein Ausländer in ganz Helſingver ſeine Kajüte lieber hat als den Sturm des luſttrunkenen Dänenvolks in freier Luft. Warum folget Ihr uns nicht und theiltet mit Eurem neugierigen und hitzigen Reiſekumpan Freude und Noth?— Ein Kaufmann, mein Herr Däne, antwortete der Angeredete höflich, muß zuvor dreimal ſein Geſchäft bedenken, ehe er denn einmal ſich und ſeinem Sinn Audienz gibt. Mein Gefährte hat gut thun, denn er trägt als Juwelier alle ſeine Schätze in kleinen, winzi⸗ gen Kiſten mit ſich und bedarf nur aufzuſchließen, um die geblendeten Augen der Käufer anzulocken. Ich als ein Seidenhändler habe einen Ausſtellungsplatz nöthig, der groß und weit genug iſt, die Herrlichkeit meiner Fabrikate in das rechte Licht zu bringen, daß ſie wohl⸗ 256 geordnet in allen Farben und Brechungen des Regen⸗ bogens die Blicke der Damen heranfordern und die Wahl ſchwer machen.— Und Ihr thatet dazu? verſetzte neugierig der Steuer⸗ mann. Freilich! Und die Zeit verzinſete ſich, entgegnete eifrig der Seidenhändler. Indeß Ihr im Volksgewühl die Stunden vergeudet, führte mich ein Mäkler auf Schloß Kronborg, und mit Schrecken fand ich die Hallen an der Mauer des Schloßhofes rundum ſchon mit Kramladen angefüllt, und konnte vom geizigen Burgvogte nur mit Mühe und für doppeltes Stellgeld die Erlaubniß ge⸗ winnen, unter dem Dache des Portals morgenden Tages auf einer Tafel die Waaren auszuſtellen, die mit der Frühe mein Karren hinauffahren ſoll. Herr Frank wird mir die größere Hälfte der Buße erſetzen müſſen, damit ich zugebe, daß er ein Winkelchen meines Kauftiſches für ſeinen blanken Kram benutzen möchte, denn auch ihm wird es unerwartet ſein, wie hier im hohen Norden eine Herzogshochzeit gleich einem Magnetberge die Kauf⸗ leute aller Welt herangezogen hat.— Eine Königshochzeit iſt es, mein ungalanter Herr Deutſchmann, fuhr jetzt der andere Gaſt in die Höhe, indem er das Kopfſtück eines großen Seefiſches, das er eben zu ſkelettiren bemüht geweſen, in die duftende Brühe zurückfallen ließ. Ich denke, König Chriſtians Schweſter iſt mehr geeignet, dem Feſte ſeinen Titel zu geben, als der Bräutigam, von deſſen Daſein und Herzogshute man vielleicht ſeit heute zum erſten Male im Dänenlande Kunde erhielt.— Wie ein Däne geſprochen, Kornet Ranzow, ſiel der Steuermann der Najade ein, und obendrein wie ein 257 junger Ritter, der die Zierde ſeines Vaterlandes nicht ohne Murren verliert! Indeß der Bräutigam lacht Eures Unmuths, und hat der Herr Gott doch in ſeiner Gerech⸗ tigkeit auch bei derlei Ereigniſſen den hohen Häuptern die Mahnung gelaſſen, daß ihr Fleiſch und Blut vom Erdenkloſſe ſtammt wie das anderer ehrlicher Adamskin⸗ der; das neugeborne Fürſtenkind ſchreiet ſo gut nach Milch und Wärme wie der Bettlerbalg; der eingeſchlafene Königsgreis ſetzt ſo wenig die gierigen Würmer in Re⸗ ſpekt, als ſein Wrack gewordener Roßknecht, und die Kaiſerprinzeß, welche mit ihres Vaters Schreiber zum Altare trat, wie die Bücher ſagen, wurde Frau Schrei⸗ berin oder Madame Eginhard, trotz ihrer ſeligen Ahnen und ihres Vaters Diadem. Darum laßt den unnützen Streit und ſaget mir lieber, was Euch von der Reſidenz hieher und dazu in den gefleckten Mohren bringt. Daß Ihr einen ſcharfen Ritt gemacht habt, ſieht Jedermann an Eurem beſchmutzten Rennthierkoller, an den Kurier⸗ ſtiefeln, den wirren Haaren und dem erhitzten Angeſicht, und vor Allem an dem guten Appetit, den Ihr mitge⸗ bracht. Aber ich dächte doch, ein königlicher Gardiſt, der eine wichtige Botſchaft brachte, hätte nicht verſäumen ſollen, auf Marienlyſt die Kleider zu wechſeln und an der Fürſtentafel ſeinen feinern Lohn zu ſuchen.— Sollte ich ſcharwenzeln bei Koch und Kellner um ein Stück Braten und ein Glas Madeira? fragte der Kor⸗ net zurück. Da kennt Ihr den Ranzow ſchlecht, Pa⸗ pachen. Hätte der alte Herr aus Mecklenburg nicht die unnütze Waſſerreiſe gemacht, ſo würde der Reiter vor dem Leſen der Depeſche ſeine ſtaubige Lunge haben rein ſpülen müſſen, denn der Alte weiß Leben und Dienſt zu ſchätzen. So gab ich meinen Brief an den Marſchall Blumenhagen, III. 17 258 ab und eilte in das bekannte Quartier, wo ich Kame⸗ raden zu finden hoffte, die leider Alle unter den Waffen ſein mußten des läſtigen fremden Freiers wegen, indeß ich an dem ehrſamen Frankfurter Herrn eine Geſellſchaft fand, in der die Minuten wie Sekunden flogen.— Der Kaufmann ſtand auf und verneigte ſich ſpaßhaft, der Steuermann aber nahm, ohne die Unſchicklichkeit zu fühlen, raſch den leeren Seſſel, und mit aufgeſtützten Ellenbogen fragte er drängend: Aber die Depeſche? Könntet Ihr nichts von ihrem Inhalte guten Freunden vertrauen?— Wie könnte man alten, verſchwiegenen Ehrenmännern eine ſolche Bitte ungewährt laſſen? verſetzte lachend der Junker. Was der große Brief anſagt, hätte auch allen⸗ falls meine Zunge mitbringen können ohne die Verſchwen⸗ dung von Pergament und Siegelwachs. Der liebe Bräutigam aus Süden langte glücklich verpackt geſtern Abends in der Königsſtadt an; aber die ſalzige Seeluft hatte dem gelehrten Schloßherrn nicht beſonders behagt, und doppelte Eiderdaunenpfühle werden dem froſtigen Herzogsmann erſt die Hochzeitstemperatur wieder geben müſſen, denn er hat in Kiöbenhavn Raſttag gemacht und ſeinen Einzug im Brautmutterhauſe bis morgen Mittags verſchoben. Das iſt die hohe, weltbewegende Neuigkeit, um derenwillen ein Ranzow ſich beinahe den Seitenſtich und die Lungenſucht an den Hals reiten mußte; wäre es doch immer früh genug geweſen, der läſſige Herzog hätte ſie morgen ſelbſt anher ſpedirt.— Reſpekt, Ihr Herren, vor einem deutſchen Fürſten, dem Ihr die Schuhſchleifen küſſen würdet, kenntet Ihr ihn, wie ich ihn kenne! ſprach da mit ernſter Miene der Seidenhändler zwiſchen das Dänenpaar hinein, und die — 259 beiden Seeländer ſahen verwundert auf nach dem derben Ein ſprecher. Hoho! So hitzig, Herr Reichsbürger? fragte Steen ſpöttelnd. Ihr Großſtädter ſeid doch ſonſt eben nicht bei der Hand, wenn es das Lob eines deutſchen Reichsfürſten gilt, und wir Normännner haben uns oft über die klei⸗ nen Scharmützel ergötzt, welche die Fuchsheerde mit dem Löwen führte.— Ganz recht, er ſtammt von dem Löwen, aber er hat mehr als den Muth von dem gewaltigen Ahn ererbt, entgegnete der Kaufmann kälter und im Gleiſe der Be⸗ ſonnenheit.— Ja, ja, fiel der Kornet ein, wir wiſſen ſchon, die ehrlichen Bürgertugenden machen Euch zu ſeinem Anbeter. Glaubt Ihr denn, wir Nordländer hätten ſo eiſige Her⸗ zen, daß wir theilnahmlos und mit dem kalten Auge des Seefiſches die Schickſale unſeres Königshauſes anſtarrten 2 Seit der Werbung des deutſchen Herzogs war nur Er das Tagsgeſpräch im Palaſt und in der Hütte. Alles, was von ihm erkundet werden konnte, wurde erforſcht und nacherzählt; und wir kennen ihn, als wäre er in dem Seegraſe unſerer Küſten groß geworden.— Und was ſpricht Eure Islandsſage denn von ihm 2 fragte der Kaufmann ſpöttiſch.— Daß er kein Skioldinger iſt, antwortete wegwerfend der Kornet, und daß er nimmer das Schwert des ge⸗ waltigen Swens oder die Streitkolbe Kanuts ſchwingen wird in ſeiner machtloſen Hand. Seine Rüſtkammer iſt die Bibliothek, Bücher und Pergament ſind ſeine Waffen; 260 häßlichen Schüſſeln ähnlich, auf denen der Koch den Eberkopf zur Tafel bringt. Er ſchmälert des Adels Rechte, disputirt mit den Jeſuiten und läßt zur Kurz⸗ weil Hexen verbrennen. Das königliche Fräulein wird ſich höchlich erfreuen, wenn ſie ſtatt der erwarteten Tur⸗ niere den Richtplatz ihrer neuen Reſidenz erblickt mit ſeinem Walde von ſchwarzen Brandpfählen, zu denen ja vor Kurzem ein Richter von Halberſtadt die eigene Frau geführt haben ſoll. Und erſetzte noch ein ſtattlicher Trinkſaal die übrigen Mängel! Wie kann ein Däne den Herrn lieben, der die herrlichſte Gottesgabe verſchmähet, den glücklichen Trunkenbold beſtraft, ſo daß ſeine Hof⸗ herren ſtatt zum Weinkeller in die Apotheke ſchlüpfen müſſen, um durch ſüßen Spiritus die verſagte natürliche Labung zu erſetzen? Wehe dem von uns, der erwählt werden könnte, ſeine geliebte Prinzeß in ſolch eine klö⸗ ſterliche Schulſtube zu geleiten!— Ihr ſprächet anders, edler Junker, entgegnete der Kaufmann kopfſchüttelnd, wäret Ihr mit mir zur letzten Braunſchweiger Meſſe gereiſet, hättet die neuen Gebäude von Marmor und Alabaſter geſehen, mit blankem Schiefer gedeckt, die wahrlich neben Eurem Königsſchloſſe prangen dürften, hättet mit mir den Paradeplatz beſucht, wo auf Euresgleichen mehr der Luſt wartete, als ein Handels⸗ mann dort finden konnte. Wohl dem Braunſchweiger Erblande, daß Heinrich Julius und ſein Vater das Da⸗ heimſein mehr liebten als ihre tapfern Ahnen; manche weitklaffende Wunde ihrer Städte iſt durch ſie vernarbt; und ſähet Ihr das Kriegsvolk der Braunſchweiger, alle Rotten gleich gekleidet in die Farbe ihrer Fahne, alle gleich bewehrt mit den herrlichen Feuerröhren aus der Fabrik zu Gittelde, die ſchwarze Reiterfronte mit den blanken Sturmhauben, und den Herzog jeden Worgen Muſterung halten, Ihr würdet Wunder ſchreien über das Zauberding Montur, das noch nicht geſehen in Europa, würdet Euch glücklich ſchätzen, unter dem Herrn zu die⸗ nen, der zuerſt den eigentlichen Soldatenſtand erzeugte, der ſein Volk nicht zur Miethe für fremde Händel gibt, ſondern es für heiligere Zwecke bewahrt, für den einzigen und eigentlichen, für die Vertheidigung des Vaterlandes.— Den Anker auf den Grund! rief der Steuermann lachend. Die Friedensflagge aufgehiſſet, Ihr ſeht, das feindliche Feuer iſt ſtumm geworden, und unſer junger Kriegsheld ſchauet nachdenkend in die Schüſſel. Aber wie kommt Ihr, gar lieber Mann vom Nährſtande, dazu, der Soldateske ein Loblied zu fertigen? Erzählt uns lieber, ob der Braunſchweiger wirklich ſolch ein Wundermenſch iſt, wie die Fama ihn auspoſaunt, von dem man glauben ſollte, eine Alrune ſei ſeine Amme geweſen und der Gott Bragur habe ihm als Mentor gedient.— Der Kaufmann ſetzte ſich ernſthaft und leerte ſeinen Römer, wie es ſchien nicht ohne Grollen. Er iſt kein Hexenmeiſter, ab er ein weiſer Fürſt, dem kein Laſter ſeiner Zeit anklebt, ſprach er mit Nachdruck. Und wenn er auch keinen Ruhm darin ſucht, den Gegner unter den Tiſch zu trinken, oder mit ihm einen tollen Blutgang auf der gefrornen Bahn des Sees zu verſuchen, ſo möchten ſeine fürſtlichen Eigenſchaften ihn dennoch ſelbſt der Kaiſerkrone würdig machen, die ſein Vorfahr getragen. Er liebt die Wiſſenſchaft; Juſtinian und die Pandekten zieht er allen Turnierſpielen und Ballfeſten vor, denn er meint, der Fürſt müſſe vor Allem das Recht kennen, das er üben ſoll. Im zehnten Jahre wurde er ſchon erſter Rektor der neuen Juliusſchule zu Helmſtädt 262 und ſprach Lateiniſch wie der beſte Profeſſor; im drei⸗ zehnten machte man ihn zum Biſchof von Halberſtadt und Kaiſers Majeſtät gab ihm veniam aetatis, wie man es nennt, Selbſtſtändigkeit und Majorennität; was für ein Mann jetzt im fünf und zwanzigſten aus ihm geworden, möget Ihr ſelbſt mit Eurem ſchlichten Seemannsverſtande Euch vormalen.— Herr Steen ſchüttelte den Kopf. Da möchte ich den⸗ noch faſt mich dem Junker Ranzow zugeſellen, ſagte er; eine ſolche Treibhausfrucht welkt ſchnell ab, und das gelahrte und mürriſche Wunderkind möchte der Braut weniger behagen als ſeinen Profeſſoren und der kaiſer⸗ lichen Majeſtät.— Wettet nicht darauf! verſetzte der Kaufmann. So gelahrt der Heinrich, ſo munter iſt er auch, ſchreibt Komödien und Verſe und liebt den Schwank ſo arg, daß ich nicht dafür ſtehe, ſeine Laune wird ganz Däne⸗ mark in Bewegung ſetzen.— Der Kornet ſtand raſch auf und ſchob etwas unſanft Schüſſel und Becher zur Seite. Mein Herr Kramer, ſprach er gezogen, wenn Ihr nach Eures Standes Gewohnheit glaubt, für aufſchnei⸗ deriſche Preiſung gläubige Ohren zu finden, ſo irrt Ihr trotz unſerer bisherigen Langmuth. Der Herr ſpaßet mit uns, Vater Steen; hättet Ihr gleich mir den belobten Herzog von Angeſicht zu Angeſicht geſehen, Ihr würdet überzeugt ſein, daß ſowohl der hochherrliche General, den mir der Herr Kaufmann aufſchwatzen wollte, wie der ſchwankluſtige Prinz, den er Euch zu Gefallen vom Stapel ließ, verdorbene Waare und faule Fiſche ge⸗ weſen ſind.— Ihr habt den Braunſchweiger geſehen? O ich bitte Euch, ſprecht, wie ſieht das fürſtliche Herrlein aus? fragte da plötzlich eine fremde Stimme zwiſchen die Sprecher hin, ſo daß alle drei ſich faſt erſchreckt dem Tone zuwendeten. Ei ſieh da, Herr Frank! Schon in anderer Takelage und ſchon das Salzwaſſer aus dem Raume gepumpt? ſprach der Steuermann freundlich. Ihr ſahet und hörtet ja nicht vor Kampfglut, mein Kumpan erhitzte ſich bis zum Zerſpringen im Fürſten⸗ lobe, wie es ſich für einen Reichsſtädter kaum geziemen möchte, antwortete Herr Frank. Ich erwärmte mich in⸗ deß dort beim flackernden Kamine, aber bitte jetzt den edeln Herrn Offizier nochmals, mir den erwarteten Freiersmann zu beſchreiben, wenn er ihn anders wirklich ſah, denn ſeit unſerer Hafenpromenade iſt mir dieſe Hochzeitfeier merkwürdiger geworden, als ich auf der Herfahrt vermeinte.— Ob ich ihn geſehen? fragte der Kornet wie beleidigt. Ehe ich abritt, ſah ich die fremden Perſonen nach Schloß Jägerpreis zum Könige reiten, ihm ihre Aufwartung zu machen, und der Fürſt iſt für Meinesgleichen leichtlich zu unterſcheiden unter ſeiner Dienerſchaft. Trug ihn doch dazu ein Leibhengſt unſerer Majeſtät. Aber der kleine unterſetzte Herr mit der Stutznaſe und den dürren Schenkeln hätte beſſer gethan, er wäre aus den Bügeln geblieben und hätte nach neuer Mode ſich eine Staats⸗ karoſſe erbeten; er führte den Zügel ſo ſchlecht und machte ſolche grämliche Grimaſſe, daß weder vom Soldaten, noch ſpaßhaften Prinzen aus ihm etwas vorleuchtete.— Trefflich, rief Herr Frank und ſchritt lachend im Zim⸗ mer umher. Ganz wie ich gewünſcht! Tauſend Dank, Herr Offizier, für das vollkommene Portrait. 264 Der Kornet machte ſeine Hünengeſtalt noch länger und ſchauete verdutzt dem Lacher nach. Was ſoll das unſchickliche Gelächter, mein Herr? fragte er geſpannt. Ich will hoffen, daß es weder mich noch die hohen Perſonen trifft, von denen die Rede war.— Bleibt ganz ruhig, antwortete der junge Juwelier; meine Fröhlichkeit hat nur mit mir zu thun und trifft kein anderes Haupt. Sehet, Freund Steen zeigte mir die Braut, und beim Himmel! ich fand ſie ſo liebens⸗ werth in Schönheit und Kindlichkeit, daß ich keinem Manne auf Erden ihre Zuneigung gönne, und wäre er des deutſchen Kaiſers Sohn oder gar ein Abkömmling Eurer nordiſchen Götter. Mein Gedanke wollte in Eifer⸗ ſucht grollen gegen den glücklichen Bräutigam, Eure komiſche Beſchreibung von ihm hat aber mein Eiferſuchts⸗ fieber bis zum Grunde kurirt, denn der, den Ihr beſchreibt, kann von einer Eliſabeth nicht geliebt werden, und mein Nebenbuhler iſt nicht fürchterlich mehr.— Der Kornet maß den jungen Fremdling vom Kopf bis zur Sohle, nahm ſein langes Schwert vom Winkel her und befeſtigte es in den Gürtelhaken. Wenn man von Sr. Majeſtät, unſers königlichen Herrn, Fräulein Schweſter in Gegenwart eines Gardiſten ſpricht, ſagte er mit Stolz, ſo ſei man künftig vorſich⸗ tiger im Reſpekt, man möchte ſonſt nicht ohne Züchtigung abkommen. Das Unanſtändige ſolcher Geſellſchaft haben wir zu ſpät erkannt, dürfen uns aber dabei beruhigen, denn Wahnwitzige und Tollhäusler ſind Kranke, die nicht beleidigen können, und denen auch der Ritter Mitleid ſchenkt.— Er wollte der Thür zugehen, jedoch Herr Frank ſtellte ſich ihm keck in den Weg und ſprach: Mein Herr Gardiſt, „————— —„————— 265 wenn hier irgend im Reſpekt gefehlet wurde, ſo gabt Ihr ſelbſt das Beiſpiel, und was die Prinzeß mir an gnädiger Strafe zudiktiren möchte, würdet Ihr im zwie⸗ fachen Maaße von dem ungnädigen Herzoge mit der Stutznaſe und den dürren Schenkeln empfangen, könnten wir unſere deutſche Natur bis zur Angeberei herabwür⸗ digen. Was übrigens die Züchtigung betrifft, ſo hoffe ich, wird ſich nach abgemachtem Handelsgeſchäft eine Zeit finden, wo der Frankfurter Euer Quartier aufſuchen möchte, Euch den hier vor zwei ehrſamen Zeugen aus⸗ geſtellten Wechſel zu präſentiren, den Ihr ſicher honoriren werdet wie ein Edelmann. Bis dahin ſteht Ihr auf der Debet⸗Colonne meines Hauptbuches.— Der Kornet ſah höhniſch auf Herrn Frank herab. Ihr ſeid ein unverſchämter Witzbold, entgegnete er, werdet jedoch Meinesgleichen nie dahin treiben, Goldmünzen gegen Euer Kupfergeld im Spiele zu wagen. Zeigt mir ein Wappenſchild, worin nichts von Elle und Wagſchale vorkommt, und mein Wechſel ſoll gelten. Bis dahin guten Schacher, Herr Bürger. Er trat ab mit glühen⸗ dem Zorngeſicht, indeß der Juwelier umher ging, und ſich vor Lachen die Weichen hielt, bis der Steuermann aufſtand und kopfſchüttelnd ſich ihm entgegenſtellte. Der Seemann liebt den kecken Jugendmuth, ſagte er mit einem ehrlichen Mentortone, doch bis zum Ueber⸗ muth getrieben, mißfällt er dem Alter. Ueberdem iſt der Herr von Ranzow ein trefflicher Junker, voll Edelſinnes, und gilt den hohen Herrſchaften, wo er Euch den Markt verderben dürfte, wenn er von Euren Thorheiten und Schwankworten, die einem ehrbaren Handelsmanne Bal⸗ laſt ſind, etwas an das Land ſetzte.— Thorheiten, Vater Steen? fragte Frank wie verwundert 266 zurück. Warum ſollte ich nicht ausſprechen, daß der Anblick des Dänenfräuleins mich entzückt hat, daß ihr liebes Bild ſich abdrückte in meinem Herzen, und daß ich auf meinen ſchelmiſchen Kameraden Caspari bitter bös wurde, als er meinem herzoglichen Nebenbuhler eine Lobrede hielt, ſo hitzig und pomphaft wie ſie aus dem Munde eines Reichsſtädters wohl nie einem Fürſtenſohne gehalten worden. Sorget nicht und behaltet die Vor⸗ würfe auf der Zunge, altér Freund. Auch Fürſtentöchter haben Fleiſch und Blut, und keine Königin wird unge⸗ halten werden, wenn ihre Reize einem Bettler das Ge⸗ hirn verwirren, und daß ich ſo dreiſt ausſprach, was ich empfand, iſt einmal deutſche Weiſe und deutſcher Frei⸗ muth; beſonders dünken wir Reichsſtädter uns Königen gleich, und machen im Umgange nicht viel Unterſchied, ob ein Hut, eine Krone oder eine Biſchofsmütze vor uns ſteht.— Der Alte murmelte in den grauen Bart, doch der junge Juwelier ſtreichelte ihm die runzelvolle Wange, und zog zugleich ein Päckchen aus dem Buſen, wickelte es behutſam auf und ließ eine blanke Goldkette ſehen von trefflicher Arbeit. Ihr habt mir einen frohen Abend erſchaffen, ſprach er heiter fort, und da möchte ich danken. Unter meinen Waaren fand ich dieſes Kleinod, und ich dächte, es paßte vielleicht für den Hals Eurer Frau oder Tochter, und nahm es darum bei dem Kleiderwechſel mit herab. Nehmt es von mir. An dem Häkchen ſollte noch eine gute Me⸗ daille hangen, aber die hat ſich verpackt, und ich liefere ſie morgen nach.— Herr Frank, Ihr müßt meinen, ein däniſcher Steuer⸗ mann zöge Admiralsſold, oder treibe Kaperei, wenn er 267 in See ſticht, verſetzte der Alte, die blinkende Kette in der rauhen Hand wiegend. Das iſt ein Schmuck für eine Ritterdame und zu prächtig als Sonntagsputz für meine Martha.— Silber übergoldet! lachte der Kaufmann. Stecket ſie ein, wir wollen um den Preis ſchon fertig werden. Und jetzt den Wirth herein, die beſte Mahlzeit und der feu⸗ rigſte Trunk muß unſer Waſſerabenteuer und das hitzige Diſpüt mit dem Junker von Seeland unſchädlich machen.— Die Aufwärter flogen durch das Zimmer; der Steuer⸗ mann der Najade ſchüttelte aber wiederum das Haupt, indem er die Kette ſorgſam einſchlug und beiſteckte. Ihr wollet mich zum Verſchwender machen, mich blenden durch den Glanz, der nur zu Viele in die Hölle lockte. Nun anſehn kann mein Töchterlein einmal das Pracht⸗ ſtück und die Augen daran weiden, aber der Wolfenbüttler Herr müßte eine gewaltig große Hand voll Goldſtücke für mich haben, wenn ich ihn und die neue Gemahlin auf der Najade heimgefahren, ſonſt möchte doch unſer Handel nicht zum Abſchluſſe kommen. Die runde Tafel ward raſch gedeckt, Schüſſeln und Becher klangen, und traulich ließ ſich das Kleeblatt der Gäſte zum Schmauſe nieder.— Der folgende Tag begann mit einem heitern Morgen, der ſchon früh ſich den gewöhnlichen Nebelſchleiern dieſer Jahrszeit entwand, und der Schloßhof in der Feſtung Kronborg ſah im reinen Sonnenlichte dem Jahrmarkte einer großen Handelsſtadt ähnlicher, als dem feſten Zwinger einer unbezwungenen Burg, die als Schlüſſel des Sundes gelten durfte. Rundum, dem ſtattlichen Gebäude gegenüber, 268 bildete eine bunte Reihe von Krambuden aller Art einen Halbkreis; Natur und Kunſt hatte darin ihre geſchmack⸗ vollſten Erzeugniſſe ausgeſtellt, und eine Unzahl Käufer und Zuſchauer jedes Geſchlechts und Standes füllten den Raum vor den reichausſtaffirten Buden, und Neugierde und Neid eiferten mit der Eitelkeit und Prunkſucht, die im Stande waren, manche ſeltene Waare, wenn auch unter der Qual der Wahl, als theuer bezahltes Eigen⸗ thum fortzutragen. Nicht fern von dem Eingange zum Schloſſe fand man auch die beiden zuletzt angelangten Frankfurter, und ſchien auch ihr Tiſch nur klein, ihr Vorrath gering, ſo waren dagegen ihre Waaren ſo ausgeſucht und geſchmack⸗ voll, daß die Mehrzahl der Vornehmern gar bald auf⸗ merkſam wurde, und bei ihnen länger verweilte. Beide junge Männer hatten ſich heute anſtändig in Schwarz gekleidet, ihre Krauſen waren ſchneeweiß und fein gefal⸗ tet, und zierliche Silberdegen, wie ihr Stand ſie damals trug, blitzten an ihren Hüften. Auch Jakob, der Schottenkönig, ſtreifte nach ſeiner Lieblingsweiſe unter dem Volke umher, fand mit geübtem Auge bald die ſchönſten Seeländerinnen unter dem Ge⸗ dränge aus, und gab ſeiner Galanterie und Verſchwen⸗ dungsſucht ein Feſt, indem er bald dieſer ſchelmiſchen Bürgertochter, bald jenem ſchmachtenden, hochbuſigen Fräulein ein erſehntes Angebinde aus den geöffneten Schatzkammern der Modegöttin reichte. Die beiden Ge⸗ fährten Caspari und Frank wurden auch von ihm beſucht, und unbedungen mußte jener hier ein Seidentuch oder ein Spitzenhäubchen, dieſer dort eine Armſpange oder ein Paar Ohrgehänge verabreichen, die des Königs Ca⸗ valier ſofort aus vollem Säckel bezahlte. —————————————————————— 269 Aber Herr Frank hatte von geſtern her den Erben des großen Inſelreichs nicht vergeſſen; er beugte ſich ehrerbietig vor dem Freigebigen, und bat um die Er⸗ laubniß, den Kennerblicken des Königs einen Schatz vorlegen zu dürfen, der das Beſte enthalte, was ſein heimiſches Lager darbiete, und den er nur mit hergebracht, um ihn vor den höchſten Augen zu eröffnen, da nur für ſolche die Natur dieſe Wunder gebildet, nur vor ſolchen der Künſtler mit Luſt und der Anerkennung gewiß ſeine Meiſterſtücke darlege. Der Schottenfürſt gab ſeine Zu⸗ ſtimmung, und der Juwelier hob vom Grunde ſeiner Kiſte eine Art Schatoulle vom feinſten Ebenholze hervor, und öffnete behutſam das ſtarke vergoldete Schlößchen. Und er hatte nicht zuviel verſprochen, denn der kleine Raum enthielt den Schmuck einer Fee oder Meerkönigin, und das Auge wich vor der plötzlichen Blendung zurück. Nichts fehlte, was eine Kaiſerin zu ihrer Toilette be⸗ durft hätte; da war das Diadem von Brillantblumen, das Ohrgehänge und das Halsband von reinen Perlen mit bunten Edelſteinen gemiſcht, Buſenſpange, Gürtel⸗ ſchloß und Armband durften nicht geſucht werden, und eine Sammlung köſtlicher Fingerreife und Buſenſchleifen, worin Demant, Rubin und Smaragd um die Wette blitzten, machten die Auswahl ſchwierig, und Alles lag zierlich in feine Sammtkäſtchen geordnet, roth, blau und weiß von Farbe, je nachdem der Schmuck den Hin⸗ tergrund zur höheren Hervorhebung verlangte. Der ſchottiſche Prinz ſchien entzückt, und als er aufſah und auf dem Altane des Schloſſes die Prinzeſſinnen erblickte, welche ſo eben herausgetreten waren, um ſich an dem Volksgedränge im ſchönen Morgenlichte zu vergnügen, winkte er hinauf, deutete auf das blitzende Käſtchen, und 270 ſandte, kundig des Weiberſinnes und darum das hellere Leuchten der Mädchenaugen richtig deutend, ſeinen Ca⸗ valier ſchnell hinauf, um die Erlaubniß zu holen, mit dem Kaufmanne in dem Zimmer der Fürſtinnen erſcheinen zu dürfen.— Der Abgeſandte kehrte bald mit einer gewünſchten Antwort zurück, und der Juwelier Frank erhielt die Weiſung, benebſt ſeinen Schätzen ſofort dem vergnügten Könige in das Innere des Schloſſes zu fol⸗ gen, ein Befehl, der das Aufſehen der Nächſtſtehenden, beſonders den Neid der nachbarlichen Kaufleute erweckte.— Vorſichtig trug der Kramer ſeine Schatoulle die breiten Windelſtiegen hinauf, und wie es ſich gebührte, im Vorzimmer weilend, ſetzte er die theure Laſt auf ein Tiſchchen und öffnete, und mühete ſich, den Kleinodien den rechten Platz und das rechte Licht zu geben, um ſeinen Handel ſo vortheilhaft wie möglich einzuleiten. Der König eilte in die Zimmer der Fräulein, aber aus einer Nebenthür trat der ehrwürdige Herzog Ulrich, und verweilte am Tiſche, und ſah gutmüthig den Bemühungen und der Emſigkeit des jungen Kaufmanns zu. Ihr verſteht Euer Gewerbe, begann der Großvater des nordiſchen Herrſcherhauſes nach einigen Minuten, man erkennt es an der geſchickten Hand und dem geübten Auge. Wir ehren den Handelsſtand; er iſt nach dem Landwirthe die gediegenſte Säule des Staatshaushaltes. Aber der Kaufmann muß nicht allein ſich als den Spe⸗ diteur der Produkte fremder Welttheile betrachten, nicht als das belaſtete Saumroß, das mühſelig⸗mürriſch ſeinen Weg macht, nein, ſeine Waare muß ihm lieb ſein, wie dem Vater der Kreis jungfräulicher Töchter, die er hegt und pflegt und bewacht und herausputzt für den Freiers⸗ mann; ſo wirkt Ihr auf den Geſchmack der Nation, auf 271 den Sinn für das Schöne, der die Baſis iſt aller Ci⸗ viliſation, und Euer Vortheil hält alsdann gleichen Schritt mit dem Vortheile des Volkes, und jeder um⸗ ſichtige Fürſt wird Euch begünſtigen, wo er es vermag.— Nicht alle Durchlauchtigen denken wie Eure Gnaden! antwortete Herr Frank ſcheu, jedoch mit verſchmitzten Seitenblicken.— Und warum? verſetzte der Herzog. Weil die Mehr⸗ zahl Euresgleichen jüdiſchen Wucher dem ehrlichen Er⸗ werbe vorzieht, weil Ihr nur Eurem Egoismus opfert und die Würde Eures Standes verkennt. Ihr habt das vorzüglichere Gewerb erwählt. Der Juwelier geht mit zu edeln Gegenſtänden um, und muß veredelt werden unter Seinesgleichen durch die Gewohnheit. Das Köſt⸗ lichſte, was die Natur gebar, die edlen Metalle, die herrliche Sippſchaft der wunderſamen Geſteine, die Perle, das reinſte Kind des Oceans, die geronnene Thräne der Liebesgöttin, ſind in Euren Händen, und Euer eigener Nutzen, ja Eure Ehre erheiſcht, daß Ihr das Falſche haſſet. Ich möchte Euch darum den Adel der Kaufmann⸗ ſchaft nennen, und habe immer mit Vergnügen und Vorgunſt Euer Gewerbe betrachtet.— Sähen alle hohen Herrſchaften mit den Augen und der Seele von Euer Gnaden auf uns, würden wir mehr leiſten, und das Handwerk würde überall Kunſt ſein wie es ſollte, antwortete der Juwelier dreiſter. Arbeiten wir doch ja eigentlich für die Feſttage der Menſchen. Denn erinnert nicht dieſes Steinband an die Krönung einer Königin? Spricht nicht dieſes Herz von Feueropal, worin der reine Rubin wie ein friſcher Blutstropfen glänzt, Lieb in aller ihrer Glut und ihrer Hingebung bis in den Tod?2 Steht nicht mit dieſen Kränzchen von 272 Smaragd und Demanttafeln die blühende Braut vor unſerer Phantaſie? Und ſind nicht alle die Steine da, wie ſie im erſten und dritten Waſſer glänzen, in ihrer Farbenmiſchung, ſelbſt die geringern mit ihren Knoten, Aeſten, Federn, Aſche⸗ und Stroh⸗Makeln Bilder des Menſchenlebens? Und wenn wir den Stein anhauchen, daß er trübe wird, und ſeinen Werth daran erkennen, ob er ſchneller oder langſamer wieder Feuer und Glanz erhält, muß uns das nicht an die Schickſalsprüfungen erinnern, wo nur das ächte und reine Gemüth von kei⸗ nem giftigen Anhauche die himmliſche Natur verliert?— Der alte Herzog hatte mit ſichtlicher Verwunderung der feurigen Peroration des Bürgermannes zugehört, jetzt trat er raſch einen Schritt näher, und die Hand auf den Arm des verſtummenden jungen Mannes legend, ſagte er ſchnell: Seid Ihr nicht der Fremdling, der geſtern mit eigener Gefahr im Hafen dreien däniſchen Familien das Leben erhielt? Ja, ja, Ihr ſeid es! Ich erinnere mich Eurer, man hat uns von Euch erzählt, Prinzeß Eliſabeth ſprach den ganzen Abend von Euch, und unſer königlicher Enkel wird nicht verſäumen, zu lohnen, was Ihr ſeinen Kindern gethan. Ja, ich befehle Euch, dieſe Inſel nicht zu verlaſſen, ohne Euch bei mir zu verabſchieden; im Gewühle der bevorſtehenden Feſte ſoll das Menſchlichſte nicht vergeſſen werden, das alle Königspracht verdunkelt. Ihr verſprecht mir den Zu⸗ ſpruch.— Der Juwelier verneigte ſich ehrfurchtsvoll, doch ſeine Antwort verhallte in dem Getümmel, welches durch den Eintritt der Damen entſtand, die im Geleite des ſchotti⸗ ſchen Königs durch die Flügelthüren herein rauſchten, und den Tiſch des Juwelenhändlers neugierig umdrängten. O ſeht dieſen großen Schmetterling! rief frohlockend die blonde Clara von Pommern aus. Lebt er nicht mit ſeinen bunten Pfauenaugen? Man wird verführt, das rothe Käſichen zuzuſchlagen, damit das ſeltene Thierchen nicht davon fleugt. O den muß der Vater ſehen, und ſeinem Clärchen kaufen, daß ſie ihn im Haare trägt als Wappenbild ihrer Fröhlichkeit.— Oder vielmehr um die duftende Roſe zu bezeichnen, die auch den flüchtigſten Schmetterling anzieht und feſt⸗ hält, und auf ihre Stacheln ſpießt, daß er das Flattern verlernt und im ſüßeſten Tode verblutet, antwortete König Jakob galant.— Wie obſcheulich! entgegnete das muntere Fräulein. Seht Ihr Blut an mir, oder iſt mein Auge ſo mord⸗ luſtig? Und Ihr ſelbſt, trägt Eure Hand ſchon einen Nadelriß, den ſie vielleicht zu mancher Zeit verdient hätte als Rachemal für mein Geſchlecht, deſſen Verſpötter Ihr ſein ſollt?— Verleumdung! antwortete der König. Niemand auf Erden war dem ganzen ſchönen Geſchlechte getreuer, denn ich. Aber ſehet, wie die fromme Auguſta das Crucifix mit Edelſteinen beſetzt betrachtet, und der Himmel aus ihrem Auge einem zweiten Himmel zu begegnen ſcheint, wie unſere Eliſabeth dagegen das koſtbare Diadem in dem weißen Händchen wiegt! Und wahrlich dieſer Schmuck iſt ſo herrlich gearbeitet, daß ich behaupten möchte, ſelbſt meine prunkſüchtige Baſe von England trug kein ſchöne⸗ res Putzſtück auf ihrer männlich⸗gefalteten Königsſtirn.— Wir Mädchen ſind nun einmal ſo ſchwach, das In⸗ nerſte unſerer Herzen, wie Blumen ihren Kelch der Sonne, zu öffnen, ſelbſt wenn Schmetterlinge neugierig flattern und verletzende Bienen ſummen, ſagte Clara ſchelmiſch. Blumenhagen. III. 18 274 Meine beiden Geſpielinnen geben in der Wahl der Ge⸗ ſchmeide ihre Seelenſtimmung kund, und die Wünſche beider ſind gleich fromm und rein, und der feinſte Spötter muß hier die Zunge feſſeln.— Der herzogliche ehrwürd ige Großvater trat jetzt zwi⸗ ſchen ſeine beiden Enkelinnen. Schauet euch ſatt, liebe Kinder, ſprach er treuherzig, und dann wählt euch, was der Sinn begehren möchte. Der ſchöne Tag hat mich mit der Hoffnung auf ſeine nahe Freudenſtunden alſo erwärmt, daß ihr auf des Großvaters Säckel hin immer ein bischen verſchwenden dürft. Ueberdem wird der junge Kaufmann gerechte Preiſe machen, iſt er doch der Waſſerſpringer im Hafen von geſtern, welcher ein Dänen⸗ kind der Seenire entriß, und darum dürft ihr bei ihm nicht zu arg feilſchen.— Prinzeß Eliſabeth ſchlug raſch das runde ſeelenvolle Taubenauge auf, ließ die Hand mit dem funkelnden Diadem ſinken, und warf auf den Juwelier einen Blick voll Ueberraſchung, der von einem brennenden Gegen⸗ blicke des hochglühenden jungen Mannes faſt zurückge⸗ wieſen wurde. aber der Großvater fröhlicher hinzu⸗ ſetzte: und wählt et lange nach Weiber Weiſe, liebe Kinder; Jede nehme ein Prachtſtück auf meinen Credit, und dann ſetzet euch ſchnell aus den Morgenkleidern in den vollen Staat; muß ich doch ſelbſt davon, als Braut⸗ vater Anordnungen zu treffen, da der letzte Eilbote von der Hauptſtadt verkündete, daß der Bräutigam in weni⸗ gen Stunden einreiten werde.— Als aber bei dieſen Worten ein ſeltſames ſchmerz⸗ liches: Schon! wie ein Sterbeſeufzer aus der Bruſt des Kaufmanns erklang, da hob die Prinzeß den geſenkten Blick nochmals und ſchärfer und verwunderter zu dem 275 Fremdlinge empor, an welchem jetzt die Reihe war, das Bewußtſein ſeiner Unbeſonnenheit durch zum Boden ge⸗ ſenkte Augen zu bekennen und zu beſtrafen. Herzog Ulrich hatte ſich entfernt, und Frinzeß Au⸗ guſta that jetzt den Vorſchlag, die gewählten Pretioſen der durch Unpäßlichkeit an ihr Kloſett gebundenen könig⸗ lichen Mutter hinein zu tragen, und mit ihr ſich über die Wahl zu berathen; und Fräulein Clara ſtimmte mit Feuer dem Vorſchlage bei, da ſie ihren Vater, den Pom⸗ mernherzog, drinnen wußte, und auch ihm die Goldſtücke für ein Lieblingsſtück abzuſchmeicheln gedachte, und König Jakob belud ſich ſogleich galant mit einem Halbdutzend Sammtkiſtchen, nickte dem Kramer ein vornehmes:„Ich ſage gut für Alles!“ zu, und folgte den beiden voran⸗ hüpfenden Dämchen nach, die den Schmetterling und das Cruzifix in höchſt eigenen Handen zur Königin ent⸗ führten. Die Frinzeſſin Braut blieb allein in dem Saale, denn die dienſthabenden Hofherren hatte der Mecklenburger Herzog mit ſich genommen, und ſie ſchien die Unſchicklichkeit nicht zu bemerken, denn tief in Ge⸗ danken verſunken drehete ſie das koſtbare Diadem zwi⸗ ſchen den feinen Fingen, und ſchien jeden Edelſtein der ſtrengſten Prüfung zu unterwerfen. Der Herr Frank ſchauete mit ſichtlicher Aufregung des Gemüths rund im Saale umher, ſein Kopf erhob ſich kecker, ſein Auge blitzte heller und ſeine Geſtalt ſchien zu wachſen, als er jetzt hinter ſeinem Tiſchchen her⸗ vortrat, und ſich der Prinzeß Eliſabeth mit Ehrfurcht, jedoch ohne Schüchternheit, welche ihr Rang gebot, näherte. Und Euer Gnaden allein finden nichts von meinem Eigenthume würdig, geehrt und beneidet zu werden, 276 indem es eine Schönheit zieren dürfte, die es nicht zu erhöhen vermöchte? fragte der junge Mann mit Aus⸗ druck.— Weiß ich doch nicht, was ich wählen ſollte, was ich wählen dürfte, entgegnete Eliſabeth; kenne ich doch den Geſchmack meines künftigen Herrn noch nicht; weiß ich doch nicht, ob er an ſeiner Dame das goldbeſchwerte Seiden⸗ kleid oder die ſchlichte Haustracht vorziehen möchte.— Muß er doch beides überſehen, kann er doch beider nicht gedenken, wenn er Euch beſitzen darf, erwiderte halblaut der kühne Mann, und die Prinzeß zuckte zurück mit der Bewegung, als hätte ihr zarter Fuß einen ſpitzen Kieſel berührt, ihr Auge dunkelte ſich, aber ihre Wange wurde von einer friſchen Roſenglut beflogen.— Dem Stirnbande da in Eurer Hand ſchien das Glück Eures Beifalls theilhaft geworden, fuhr der Kaufmann klüglich einlenkend fort. Es iſt das köſtlichſte Stück meines Ladens, das Lieblingskind meiner Kunſt, doch eben deßhalb möchte ich mit Euch darum kaufſchlagen, denn Ihr allein wäret der Käufer, in deſſen Händen ich das Kleinod ohne Schmerz zurück ließe.— Die Prinzeß ſchien befangen von dem Tone, den ſie aus ſolchem Munde vielleicht zum erſten Male vernahm. Es iſt von ſchöner Arbeit und ehret den Meiſter, ant⸗ wortete ſie verlegen, und der Preis wird darum nicht gering ſein. Die Herzogin darf nicht verſchwenden gleich einer Königin oder Kaiſerstochter. Doch nennt den Preis, daß mein Gelüſt verſtummt vor der ungeheuren Summe, ehe denn es unüberwindlich wird.— Mit plötzlicher heftiger Bewegung trat der Kauf⸗ mann noch einen Schritt näher, und ſeine Hand ſtreckte ——————— ſich dreiſt aus nach der Damenhand, welche das Dia⸗ dem hielt. Prinzeß, ſagte er mit Haſt, der Werth dieſer Steine iſt ſogar dem Juwelier faſt unſchätzbar. Aber wo fände ſich ſelbſt am Kaiſerhofe eine edle Stirn, die es würdi⸗ ger trüge als die Eure. Schuf die Natur in der ge⸗ heimnißreichen Werkſtatt einen ſolchen Demant nur einmal, ſo ſchuf ſie auch keine zweite Eliſabeth. Ja, der Preis iſt hoch, keine Königin kann ihn mir zahlen, alle Fürſten des Erdbodens brächten ihn jetzt nicht mehr aus ihren Schatzkammern zuſammen. Ihr allein vermöget zu zah⸗ len, was ich fordere, und Keine außer Euch. Eliſabeth, das Kleinod iſt Euer, wir wollen leichtlich darum zu⸗ recht kommen; ein Blick der Huld aus Eurem Himmels⸗ auge, ein Druck der Neigung von dieſer Seidenhand, ein Liebeskuß von Euren warmen Lippen, und ich gehe als der glücklichſte und reichſte Handelsmann hinweg.— Mit immer ſteigendem Feuer hatte der junge Mann das geſprochen, hatte ſein Knie dabei auf den Teppich gebeugt, und verwegen der Prinzeſſin Hand ergriffen. Wie erſtarrt durch das Ueberraſchende, ſtand das könig⸗ liche Fräulein eine Minute lang, und ſah in das glühende Antlitz des Knienden, dann zuckte der Schrecken durch die zarte Geſtalt, ihr Geſicht wurde bleich und wie mar⸗ morkalt, ſie ließ das Diadem fallen, riß heftig ihre Hand los, und entfernte ſich mit Haſt aus dem Zimmer. Langſam erhob ſich Herr Frank von den Knien, ſeine Augen ſahen voll Ausdruck der flüchtenden Daphne nach, ſeine runden Lippen aber warfen ſich unter dem kleinen Stutzbarte auf in einer Weiſe, die ſo gut ein Schmollen wie einen feinen Spott andeuten konnte. Aber nicht lange blieb der kecke Deutſche in ſeiner 278 ruhigen Stellung mit auf den Tiſch geſtützter Hand ſei⸗ nem Sinnen überlaſſen, denn unter Geraſſel flog die Flügelthür auf, durch welche ſo eben die Huldgöttin da⸗ von geſchwebt war, und ein Chorus bewehrter hochge⸗ ſtalteter Männer, der Schottenkönig an ihrer Spitze, rauſchte im Geklirr der Sporen und Schwertſcheiden herein zu ihm, und Aller Augen glüheten feindſelig ihn an, und die Bewegung Aller ſchien feindlich gegen ihn gerichtet. Unglückſeliger Menſch, was haſt Du gethan? Welch eine indiſche Sonne hat Dein Gehirn verſengt, welcher Teufel Dich beſeſſen, daß Du, Elender, es wagen konn⸗ teſt, das königliche Blut der edelſten Maid des Nordens durch ſolch ungeheuren Schimpf zu beleidigen? ſo ſtürmte der hitzige König auf ihn ein, und ſein gebräuntes Ge⸗ ſicht, in eine zernichtende Gorgonenmaske gewandelt, glühete dicht vor dem verlaſſenen und verlorenen Bür⸗ gersmanne. Aber geſteigerter dräuete der Grimm, ver⸗ nichtender wurde der Blick des heißblütigen Schotten, als der Angeſchriene bewegungslos in ſeiner Stellung blieb, und vor dem königlichen Zorne nicht zuſammen⸗ ſank in die ſtlaviſche Stellung der Reue und der Gna⸗ denbitte. Im Gegentheile, ein ironiſches Lächeln dämmerte auf an den Wangen des Kaufmanns, und er ſchüttelte wie in Verwunderung den blonden Lockenkopf.— Nein, ſagte er milde und mit Anſtand, der edle Jakob von Schottland wird mir kein ſo ungnädiger Richter ſein, und ſein Urtheil wird nicht ſo grimmvoll tönen, wie ſein Geſicht läßt. Wer kennt mehr als er die Ge⸗ walt weiblicher Reize? Wer erfuhr mehr als er, daß die Schönheit ſo wenig Erbtheil eines Standes iſt, wie die Liebe Schranken kennt, welche Menſchen baueten? ———— 279 Hirtenmaid, Bürgerstochter und Prinzeß feiern gleiche Triumphe, ſind ſie an Reiz gleich hoch begabt.— Junger bürgerlicher Fant, willſt Du durch Spötterei Dein Verbrechen erhöhen? erwiderte der König ſcharf und mit verbiſſenen Lippen. Wäre dein Urtheil auf mei⸗ nem Munde und hätteſt Du zu Edinburgh alſo die Ma⸗ jeſtät beleidigt, ich ließe Dich von meinen Stallbuben nackt durch ganz Lothian peitſchen und dann zu Leith im angebohrten Kahne dem Ocean preisgeben.— Ein tiefer Ernſt und faſt ein Zug von Wildheit blitzte über des Kaufmanns Geſicht. Peitſchen? fragte er. Mich peitſchen, mich den freien Mann und—— Mit Heftig⸗ keit riß er den feinen Degen, der an ſeiner Hüfte hing, halb aus der Scheide.— Königsmord! ſchrien einige Hofherren, der Schottenfürſt ſelbſt aber wich bebend zu⸗ rück, alle Farbe floh von ſeinen braunen Wangen, er taumelte in einen Seſſel, bedeckte die Augen mit der Hand, und kreiſchte mit heller Stimme: Fort mit ihm! In den Thurm mit ihm! Ja, peitſchen ſoll man ihn, und alle freien Reichsſtädte ſollen das freie Zuſehen! haben.— Und ſchon hatten der Graf Antonius von Oldenburg und der Herr von Ranzow ſich des übermüthigen Frank⸗ furters bemeiſtert, dem ebenfalls jetzt der Muth ver⸗ dampft ſchien, da er ſich die Wehr von der Seite reißen ließ. Ja, in den Thurm mit ihm, rief der männliche Oldenburger und zog die breiten Augenbraunen dicht zu⸗ ſammen; zwiefache Strafe wartet auf ſein zwiefaches Majeſtätsverbrechen. Schnell die Hartſchiere herein von der Wacht, daß der Wahnwitzige das Schloß nicht län⸗ ger beflecke. Er ſoll die Feſte des heutigen Tages nicht ſtören; Keiner ſpreche heute von ſeiner Unthat, aber 280 morgen mag der braunſchweigiſche Löwenprinz ſelbſt über ihn aburtheln, und mit Blut die angetaſtete Ehre ſühnen.— An der Außenpforte zeigten ſich die Hellebardiere und der Gardeoffizier zog etwas unſanft ſeinen Gefangenen ihnen entgegen, da traten die drei fürſtlichen Fräuleins wieder in den Saal, und ihre Stimme vernehmend, wandte ſich der Juwelier, machte ſich mit Kraft los von der rauhen Hand des Kornets, und ſchien den Damen bittend entgegen treten zu wollen; aber ſein Entſchluß wandelte ſich ſo ſchnell, als er entſtanden; mit einem ſcharfen Blicke auf Prinzeß Eliſabeth ſagte er faſt mit Humor: Deutſche Liebe verzweifelt nicht ſo leicht, und deutſcher Glaube hofft auf ein Wiederſehen! ſo verneigte er ſich mit Anſtand, und ging furchtlos, von der Tra⸗ bantenrotte umſchloſſen, durch die Gallerie hinaus.— Und was haſt Du nun gemacht, böſes Mühmchen? grollte Fräulein Clara, den wackern jungen Mann in Ketten gebracht, und uns um den lieben Handel betrübt. Und was iſt ſein Verbrechen? Daß er Dich ſchön fand, und verrückt genug war, es Dir zu geſtehen. Ich wollte, er hätte an mich ſein Geſtändmß gerichtet, ich würde ihn einen Narren genannt haben, aber eben nicht böſe darum geworden ſein.— Eliſabeth lehnte wie zerſtört im Innern ihr Köpfchen an die Schulter der ſchlanken Auguſta. Durfte ich an⸗ ders? fragte ſie leiſe. Bin ich denn noch mein, und gehört meine Ehre nicht dem Verlobten? O es iſt mir gar leid wegen ſeiner geſtrigen Edelthat.— Grämet Euch nicht darum! verſetzte der König Jakob nach einem vollen Athemzuge, mit dem er ſich vom Seſſel erhob; der Menſch iſt ein Tollhäusler, das trieb ihn — 281 geſtern in die See und heute auf die Knie. Hätte er nicht den fatalen Degen gezogen, ich hätte ihn mit einem derben Schreck entwiſchen laſſen; aber ſo muß er wenig⸗ ſtens in ein Krankenhaus, und Euer Herzog wird meinen Rath annehmen, und ihn in einer ſichern Zelle verſorgen und unſchädlich machen. Indeß hatte ſich durch die Hofherren, welche bei dem Anblick des bloßen Degens ſofort nach Hülfe und Wachen geſprungen waren, das Gerücht des Geſchehenen auf den Schwalbenflügeln der Fama ſchnell im Schloſſe, ja ſogar hinaus auf die offenen Plätze verbreitet, und als man den Gefangenen herabführte, trat ihm ängſtlich ſein Ge⸗ fährte, der Seidenhändler, entgegen. Was hat ſich zugetragen, mein lieber Herr, und was ſoll dieſer Mummenſchanz? fragte er ſo erſtaunt, wie erſchrocken.— Mummenſchanz, meinſt Du, mein Guter? antwor⸗ tete Herr Frank. Schau nur auf meine Begleitung; der pure Ernſt thront auf dieſen Bärten und dieſen Lan⸗ zenſpitzen.— Aber Ihr werdet doch nicht? fuhr der Andere haſti⸗ ger fort. Soll Eure Ehre und Euer Name ſo gefährdet werden? Ich will hinauf zu der Königin Mutter, zu dem Großvater.— Ruhig, mein guter Freund, entgegnete der Juwelier ſtreng. Es war ein toller Streich, und der Lohn dafür konnte nicht ausbleiben. Doch wird es nicht an den Hals gehen, und was ich zu wagen hatte, wußte ich ja. — So nickte er freundlich, und ging weiter, indeß der Reiſekumpan verwirrt daſtand, nicht wußte, was er 282 thun ſollte, und ſelbſt ſeine Seidenbude und das Ge⸗ dräng der Käufer bei ihr ohne Acht ließ. Die Wache führte ihren Gefangenen durch die bedeckten Gänge, welche das Schloß umgaben, zu der Wachtſtube der Trabanten, und ließ ihn dort in guter Aufſicht, bis man den Pförtner des Thurmes aufgefunden, der wohl des Feſttages wegen und um der wunderſamen Meſſe willen, die zum erſten Male unter dieſen grauen Stein⸗ mauern Statt hatte, nicht ſogleich auf ſeinem Poſten er⸗ ſchien. Schon ein Halbſtündchen mochte er hier auf der harten Holzbank geſeſſen haben, die Arme auf ſeine Knie geſtützt, und von den ſtummen Rieſenwächtern neugierig begafft, da trat der Kornet von Ranzow ein, und mit ihm der alte Steuermann der Najade. Freund, muß ich Euch hier finden, und hat alle War⸗ nung an Euch nichts gefruchtet? Klippe und Riff hatte ich Euch geſtern vorgezeichnet; aber die Jugend achtet nicht auf die Tonnen vor der Untiefe, und nun ſitzet Ihr auf der Sandbank, und es wird ſchwer halten, Euch flott zu machen. Gebe Gott nur, daß Ihr mit einem Leck davon kommt, und nicht als Wrack im Sturmſtoße zu Grunde geht;— ſo klagte der gutmüthige Alte und reichte beide Hände dem Kaufmanne entgegen.— Wer nicht hört, wird fühlen müſſen, fiel der Herr von Ranzow ein. Als ich von Züchtigung ſprach für ſolchen Muthwillen, ſchluget Ihr um wie die getretene Schlange. Ohne meine Hand iſt die Strafe dem Frevel gefolgt. Ihr könnt auf das Aeußerſte gefaßt ſein, denn zwei gekrönte Häupter werden ihren Grimm an Euch kühlen wollen.— Auch der mannliche Schottenprinz, der vor meinem Galanteriedegen in Ohnmacht ſank gleich einem Mädchen, 283 dem ein kalter Froſch bei der Abendpromenade auf den Fuß hüpfte? fragte Herr Frank ohne aufzuſtehen.— Da ſieht man, wie bewandert der Bürgersmann in dem Leben der hohen Herrſchaften iſt, und ſich doch ſo leichtfertig zwiſchen ſie drängen möchte, entgegnete der Offizier. Wem wäre es fremd von uns, daß der edle Jakob keine nackte Klinge ſehen kann, weil ſeine Mutter, die herrliche Stuart, ihn unter dem Herzen trug, als der Sänger Rizzio zu ihren Füßen gemordet wurde? Was kann er für die myſteriöſen Geſetze der Natur?— Da ſeid Ihr mein Sachwalter, ohne es zu wollen, ſprach der Kaufmann und erhob ſich mit Haſt. Konnte denn ich anders, da die Natur und ihr geheimer Zwang mich trieb? Wie der Degen ihn zittern machte, ſo machte mich die Schönheit muthig und verwegen, und römiſche und griechiſche Poeten, franzöſiſche Troubadurs und deut⸗ ſche Meiſterſänger haben meine Natur immer für die natürlichſte erklärt.— Beginnt den Streit von geſtern nicht auf's Neue, ſiel der Steuermann ängſtlich ein, das müßte nur die Havarie vermehren. Stellt Euren Uebermuth nicht auf die Spitze, mein deutſcher Freund. Der Herr von Ran⸗ zow iſt edelmüthiger als Ihr wähnt. Er hat Euer unge⸗ ziemendes Benehmen von geſtern vergeſſen, der gebundene Feind iſt ihm kein Feind mehr, und durch ſeine Güte fand ich Eingang zu Euch, indem ich einige wichtige Worte mit Euch in's Geheim zu reden habe.— Ich danke dem Herrn, als wenn er mir etwas Nütz⸗ liches bereitet, antwortete Herr Frank höflich. Und welches Geheimniß käme durch Euch zu mir?— Der Steuermann zog den Gefangenen näher zur Wand, indeß der Kornet die beiden anweſenden Helle⸗ 284 bardierer durch Fragen beſchäftigte. Eure Lage iſt ge⸗ fährlicher, als Eure Laune und Euer Gleichmuth zu glauben ſcheint, flüſterte der alte Hwidkilde. Ihr ſeid im rauhen Nordlande, wo die Geſetze ſcharf ſind wie die Scheren des Strandes. Ich möchte ſelbſt Euren Kopf nicht veraſſekuriren, wenn die Hoheiten neben der rothen Fahne des Rechts nicht den weißen Gnadenwimpel aufhiſſen. Dieſerhalb war ich eilig zur Hand mit der Nothſchaluppe. Ihr habt Dänenleben gerettet, darum darf in Dänemark Euer Leben nicht Schiffbruch leiden. So meinte auch der alte Herzog von Mecklenburg, vor dem ich meine Nothſchüſſe that, obgleich auch er höchlich erzürnt worden. Geht nur geduldig in den Thurm. Abends holet der vorſichtige Steen Euch mit des Her⸗ zogs vertrauteſtem Cavalier aus dem Eulenloche, und unter dem Jubiliren der Feſtgäſte werden wir Euch ſchon im Schlepptau zum Hafen bugſiren können. Glücklicher⸗ weiſe lichtet mit dem Tage ein Lübecker Kauffahrer die Anker, auf ihm ſollt Ihr Eure Prätioſen und auch meine Goldkette finden, und ſo, denke ich, ſchmuggeln wir Euch als unverſteuerte Waare in Ballaſt hinaus, dahin, wo Euch Licht und Leben ſicher iſt.— Alſo mit der Nacht? entgegnete Frank komiſch ſeuf⸗ zend. Das iſt etwas lang für junges Blut und ſprin⸗ gende Muskeln, und ich werde Zeit haben, nützliche Betrachtungen anzuſtellen.— Thut das; vielleicht iſt das das erſte Mal, denn Ihr habt von der Uebung darin nichts ſehen laſſen, antwor⸗ tete trocken der Steuermann der Najade. Und nehmet jetzt Euren wilden Sinn zuſammen, denn dort kommt der Hauptmann und der Thurmwart, Euch finſterer zu logiren, als Ihr im gefleckten Mohren wohntet.— Der Junker von Ranzow wendete ſich jetzt ſchnell zu ihnen her. Kühlet Euch ab, Herr Juwelier, Ihr werdet den beſten Platz dazu finden, ſagte er, doch mehr in Scherz als Spott. Das Sundwaſſer ſpült doch herauf an die Mauern, die Euer Geheimzimmer ſein werden!— Beide machten den eintretenden finſtern Führern Platz, und nicht lange darauf ſchloß ſich die Pforte des grauen Thurmes vor dem feinen Reichsſtädter, und wenige Mi⸗ nuten ſpäter fiel das Eiſenthürchen einer kühlen Zelle hinter ihm zu, die durch ein einziges Gatterloch ſo viel Licht bekam, um einem lebeluſtigen Geſellen den famoſen Unterſchied zwiſchen geſtern und heute klar zu machen und ihn erkennen zu laſſen, daß der leichte Sinn, wenn er zum Leichtſinn wird, auch das reinſte Gemüth und beſte Herz in gar peinliche Situationen verſetzen kann. Bis zum Mittage war der Tag vorgerückt. Eilboten meldeten den herannahenden Zug der ſehnlichſt erwarteten Fremdlinge, die aus fernem Lande kamen, hier ihrer neuen Fürſtin zu huldigen, und mit jeder Stunde ward das ungewohnte Getümmel in der grauen, vordem ſo einſamen Meeresburg lärmender. Ein vom platten Lande zuſammengezogenes Regiment Fußvolk rückte mit flat⸗ ternden Fahnen in die Feſtung und beſetzte unter Trom⸗ melſchall die Thore und Baſtionen in langen Reihen bis zum Schloſſe hinauf. Den Hof der Burg füllte ein Fähn⸗ lein der ſeeländiſchen Leibgarde, ausgezeichnet durch die weitſcheinenden rothen Feldbinden und die blanken Pickel⸗ hauben, und an dem Portale des Schloſſes, welches mit großen Tannenzweigen zu einer Laube umgeſchaffen wor⸗ den, worin ſtatt der fehlenden Blumen Fähnlein Kller * 286 Farben, bunte Wimpel, Wappenſchilde und blanke Rüſt⸗ ſtücke der Ritterzeit ſchimmerten, paradirte die norwegiſche Trabantenrotte, grimmige Burſchen, lang und ſtämmig wie die Maſttanne ihres Vaterlandes, grimmiger unter dem blutrothen Federwald, der von ihren Schweizerhüten herabhing; und gleich einer Wallfahrtskaravane nach dem heiligen Mekka ſah man die Bürger von Helſingoer und die Landleute und Fiſcher des mächtigen Eilandes ſich durch die Thore und über die Zugbrücken drängen, und jedes unbeſetzte Plätzchen einnehmend, da ihnen der Mit⸗ telweg zum Schloſſe geſperrt war, den man mit weißem Kiesſande befahren, und mit feinen Fichtenzweigen überall beſtreuet hatte, damit der Bräutigam die Straße zur Braut freundlich finde, und ſein Fuß nirgend durch einen ominöſen Anſtoß erſchreckt werde. Im Prunkſaale verſammelte ſich jetzt die königliche Familie von Dänemark mit ihren Verwandten und Gä⸗ ſten; weit geöffnet ſtanden die Flügelthüren und in der Vorhalle drängten ſich an den Wänden und in den Fen⸗ ſtervertie fungen die vornehmern Offiziere und Hofherren, und auf den Gallerien erblickte man die bedeutendern und reichern Männer der Bürgerſchaft, des Seedienſtes und der Zünfte und Gilden, denen der ferne Platz durch die Huld der Königin Mutter vergönnt worden, um Keinen auszuſchließen von der Feierlichkeit, welche die Theilnahme des ganzen Inſelreichs erwecken mußte. Auf jedem Geſicht las man die Neugierde und Erwartung, jedes Herz klopfte mächtiger, aber eines vor Allen. Prinzeß Elifabeth ſtand mit der Schweſter am Fenſter;z die Reizbarkeit des Gemüths, die bei jeder Braut natür⸗ lich iſt, war durch den unangenehmen Vorfall dieſes Morgens ſehr erhöht worden; ſie ſchien unruhig und zerſtreuet, und die ſchalkhafte Clara aus Pommern be⸗ mühte ſich vergebens, durch manchen heitern Einfall, durch manch ſtechendes Witzwort die böſe Laune, die das liebe Geſichtchen entſtellte, wegzutändeln. Eine hohe Glut fuhr jetzt an den Lilienwangen der Braut empor, als die Kanonen ihre Donner von ſich warfen, als das Glockengeläut der Thürme in der nahen Stadt mit ſchö⸗ nem Einklange den Einzug der fremden Hoheit meldeten, als das Klirren der Waffen, Trompetengeſchmetter und plötzlich laut werdender Jubel der Menge draußen den wichtigen Augenblick anſagten, wo ſie Eigenthum eines fremden niegeſehenen Mannes werden ſollte, den Augen⸗ blick, der für ihre ganze Zukunft entſchied. Mit Heftig⸗ keit umfaßte ſie die fromme Schweſter, deren Antlitz wie ein lebendiges Gebet ausſah, und flüſterte: Auguſte, o wie beneidenswerth iſt die Bürgerstochter! Sie hat nicht zu zittern in ſolcher Stunde, denn der, welcher ihr entgegentritt, iſt der Mann ihres Herzens und ihrer Wahl.— Denk an die Herzogskrone und die Huldigung zweier Völker, verſetzte ſchnell das frohe Clärchen, die den lau⸗ ten Seufzer gehört hatte; das Bürgerkind hat dafür auch nicht die himmliſche Ueberraſchung, welche Dir bevor⸗ ſteht, denn log das Gerücht nicht, ſo iſt der Gemahl meiner Betty würdig, und die Bilder ſeines Geſchlechts, die ich in Deutſchland ſah, zeigten mir lauter mannliche und angenehme Männer.— Die Braut legte ihre Hand bedeutend auf das Herz, und folgte dann dem Winke des geliebten Großvaters, der ſie zu ihrem Ehrenplatze neben die königliche Mutter rief. Und der Zug langte an auf dem Schloßhofe mit⸗ ten durch das endloſe Hurrahrufen des Volks und der 288 Soldatenreihen. Zuerſt ſah man den Herold des Herzogs, in die braunſchweigiſchen Farben gekleidet, auf einem weißen Roſſe; das Wappenſchild ſeines Herrn trug er am linken Arme und in der rechten Hand den mächtigen, vergoldeten Stab ſeines friedlichen Amtes. Hinter ihm folgten ſechs Trompeter, die aus ihren Silberinſtrumenten eine Jubelmelodie hervorzulocken wußten, bei der man vergaß, welcher ernſten Beſtimmung ſie gewöhnlich dienſt⸗ bar geweſen. Eine Compagnie Wolfenbüttler Panzer⸗ männer trabte dieſen nach; alle waren gleich gekleidet in ſchwarze Wappenröcke mit Trippärmeln, blanke Stahl⸗ helme und Bruſteiſen, ausgeſuchte Kriegsleute, die von dem Volke, aus dem ſie ſtammten, eine wackere Probe gaben. Dann kam der Kern des Zuges, die Begleitung des Herzogs, Ritter und Hofherren, von denen jeder den andern an Prunk zu überbieten ſuchte, und den Beſchluß machte ein Fähnlein Wolfenbüttler Fußvolks, alle gleich in Hellblau gekleidet mit flatternder Fahne, die in ihrem Lande durch den beſondern kriegeriſchen Hornmarſch ſo⸗ gleich als die Blankenburger Schützen auch von dem Blinden erkannt wären.— Der Fremde im Mohren war doch kein completer Windſack, als er dieſe deutſche Soldateske mit vollen Backen hervorſtrich, ſprach der Kornet von Ranzow zu ſeinem Nachbar in der Fenſterbrüſtung des Vorſaales. Die bärtigen Angeſichter haben alle einen Familienzug und halten ſich geſchloſſen wie Brüder, und ihr Ritt⸗ meiſter muß Zügel und Schenkelſchluß verſtehen, denn ſie ſitzen auf den geliehenen Hengſten unſerer Roßgarde, als hätten ſie die wilden Thiere Monate lang in der geſchloſſenen Reitbahn getummelt.— Und ſchau nur dieſe Blauen, antwortete der Hauptmann von Coning. Sie marſchiren im Feſtzuge und ſind in Kiöbenhavn tüchtig traktirt worden, aber ſieht man einen Wankenden unter ihnen? Oder zieht die ſchreiende Luſtig⸗ keit des Pöbels nur eines dieſer braunen Geſichter ab⸗ wärts? Bei dem Nordſtern! Ich ſah ſolche Soldaten noch nicht; und fünfzigtauſend ſolcher Wildfänge könnten jeden Thron unſicher machen; rücken ſie doch auf unſere Ehrenpforte an mit Ernſt und Kraftbewegung, als ginge es los auf die donnernde Chriſtiansredoute?— Du kamſt erſt Nachts mit der Leibgarde herüber, fuhr Ranzow fort; ſo lernteſt Du geſtern vielleicht noch mehre der Herren kennen in der Reſidenz.— Ich hatte Dienſt zu Jägerpreis, antwortete der An⸗ dere, wo die Fremden dem Könige aufwarteten, weil er wegen des Sturzes auf der Jagd noch das Zimmer hütet. Der Herzog war nicht dabei, denn er kam ſee⸗ krank aus der Fregatte. Schau, der zu rechts, welcher unſers Herrn Jagdroß, den flüchtigen Schecken, reitet, iſt der braunſchweigiſche Statthalter Wolf Graf zu Stol⸗ berg, ein kraftvoller Mann mit einem Römergeſicht. Der ältere Herr dicht hinter ihm, mit dem gefürchteten Antlitz und langem ſchwarzen Haar, nennt ſich Melchior von Stockhauſen und wird Großvogt titulirt, und der junge Wildfang daneben, der den armen Grauſchimmel ſo eitel zu courbetiren reizt, iſt Einer von Hoim, des Herzogs Stallmeiſter. Die mittelſte Figur im Zuge macht jedoch der achtbare Herr, welcher jetzt eben zum Portale herbiegt, als wenn er nicht früh genug wieder aus dem Sattel kommen könnte; es iſt der hochgelahrte Kanzler Mutzellin, des Herzogs Sprecher und erſter Rath; man ſieht der Stutznaſe die Weisheit ab, und merkt dem Sitze an, daß er den Präſidentenſtuhl lieber reitet, als das Blumenhagen. III. 19 290 geduldige lichtbraune Mutterpferd, welches des Königs gefälliger und vorſichtiger Marſchall ihm auswählte.— Der Kanzellarius? lachte der Kornet laut auf. Nun dem habe ich in meiner Einfalt geſtern die Ehre ange⸗ than, ihn für die Hoheit ſelbſt zu halten. Alſo wird der Herzog jener ſchlanke Mann ſein auf dem Goldfuchſe in weißen Sammet gekleidet, der den breitrandigen Feder⸗ hut trägt und mit der mächtigen ſpaniſchen Bruſtkette prunkt? Von Allen iſt er der angenehmſte und wirft ſeine Blicke herzoglich keck zu den Fenſtern hinauf, und wird unſerm Prinzeßchen ſchon anſtehen.— Er iſt es, denn dieſen ſah ich geſtern nicht unter den Fremden, entgegnete der Herr von Coning. Aber die Reiter ſchwenken, und die Herrſchaften ſteigen ab an der großen Treppe. Gehen wir an unſere Plätze zum Empfang. Der Herzog uUlrich von Mecklenburg ſchritt indeß durch den Vorſaal bis zur Gallerie, und erwartete da, von zwei Kammerherren begleitet, die Ankunft der Frem⸗ den, welche von zwei andern edeln Würdeträgern unten empfangen worden, und jetzt durch die Reihen der gaf⸗ fenden Zuſchauer herauf ſchritten. Vier Pagen traten voran, dann der Herold, dann die däniſchen Edeln; alle dieſe nahmen ihre Stellen ehrfurchtsvoll zu beiden Sei⸗ ten, und ließen den drei Vornehmſten des Zuges Raum, ſich dem Mecklenburger zu nähern, dem der Herr im weißen Sammetkleide, mit Freimuth ſeinen ältern Ge⸗ leitsherren vorſchreitend, auch ſogleich gegenüber trat. Beide Theile verneigten ſich nach Sitte, aber der Braut Großvater, von des Augenblicks hoher Bedeutung er⸗ griffen, vergaß ſogleich die ſteife Zucht der Zeit, und ſeine Rechte nach deutſcher Weiſe ausſtreckend, ſprach er: 291 Willkommen auf däniſchem Boden und im Schloſſe Kronborg, mein lieber, ſehnlichſt erwarteter Herr! Wohl uns, daß Ihr ſo ſchnell geneſen.— Der Angeſprochene ſah lächelnd auf ſeinen Begleiter. Wüßte ich doch nicht, daß Einer von uns von Krankheit ergriffen geweſen, ſagte er leichthin. Aber die Sehnſucht plagt uns, unſere neue Herrin zu ſchauen von Angeſicht zu Angeſicht. Und meinen Euer Gnaden dieſe Krankheit, ſo liegt es ja nur an Euch, uns recht ſchnell davon zu heilen.— Dieſes ſprechend legte er leicht ſeine Hand in die Dargebotene und mit Freudenglut auf dem Greiſenantlitz leitete Her⸗ zog Ulrich die Gäſte weiter durch die Flügelthüren des Prunkſaals, und die Anweſenden in der Vorhalle dräng⸗ ten ſich dem Zuge nach, untermiſcht von Manchem aus der Gallerie, der durch ſein anſtändiges Bürgerkleid die Aufſicht der Trabanten getäuſcht hatte und im Getümmel eingeſchlüpft war. Alle hohen Anweſenden erhoben ſich und bildeten den glänzendſten Zirkel, nur die Königin ſaß, und Prinzeß Eliſabeth zitterte ſichtlich neben ihr, als ſie den erſten, einzigen Blick auf den Eingeführten gewagt.— Ein Augenblick der Erwartung, von tiefer Stille angeſagt, folgte, doch der Kanzler Mutzellin, ſeines Amtes gewär⸗ tig, trat ſogleich einen Schritt vor und beugte tief ſein Haupt, beide Hände alsdann, worin er das ſchwarze Sammtbarett knetete, über das runde Bäuchlein gefaltet. Auf beſondern Befehl Seiner Gnaden, unſeres durch⸗ lauchtigſten Herzogs von Braunſchweig aus dem Hauſe Wolfenbüttel, begann er mit ſteifer Würde, ſind wir eingezogen, wie es Gebrauch, in dieſes königliche Haus von Dänemark, und treten ehrfurchtsvoll vor dieſe Ho⸗ heiten, im Namen der braunſchweigiſchen Erblande, im 292 Namen unſerer edeln Ritterſchaft und der drei Stände, unſere ehrfurchtsvolle Huldigung der künftigen Gemahlin unſeres geliebten Herrn darzubringen. Heil unſerer neuen Herzogin! Heil dem Tage, deſſen Sonne den glücklichſten Bund beſcheint! Heil den beiden hohen Häuſern, die über das ungetreue Meer hin ſich von heute an in ewiger Treue die Hände reichen! Möge es beiden gleich erſprieß⸗ lich ſein und der Segen von oben nimmer eine Endſchaft nehmen!— Heil! dreimal Heil! rief das ganze braunſchweigiſche Comitat, und Alle entblößten die Häupter, Alle knieten nieder und erhoben wie ſchwörend die Hände. Auch der edle Herr im weißen Sammetkleide hatte gar zierlich ſeine Knie gebogen, doch alſobald trat der Herzog Ulrich auf ihn zu und hob ihn mit Zärtlichkeit vom Boden auf. Nicht alſo, mein durchlauchtigſter Enkel, ſagte er ſcherzend; die Welfenprinzen ſind als galante Ritter bekannt, aber hegt dieſe Stellung, bis Ihr zu zwei ſeid mit der Braut im Geheimzimmer. Die nordi⸗ ſchen Frauen ſind an Gehorſam und Demuth gewöhnt; ſie ſehen den Gemahl am liebſten hoch zu Roß und im Waffenputz ſtolz daſtehend. Nicht im erſten Augenblick des Willkommens müßt Ihr ſie uns verderben wollen.— Der Emporgehobene ſah den ehrwürdigen Sprecher ſtaunend an, und dieſes Erſtaunen wuchs, als der Groß⸗ vater jetzt die Prinzeſſin Eliſabeth vorführte, die ſehr bleich ließ und eine Spur von Verfinſterung der Seele noch immer über den Augen trug; als er die Hand des königlichen Fräuleins in die des fremden Herrn legte, und mit Innigkeit ſprach: Nehmet, was Euch zu eigen werden ſoll von dieſer Stunde an! Ich bringe ſie Euch ———————— 293 an Vaters Statt, führt ſie zur Mutter, daß dieſe den Segen für Beide auf Euch bringe.— Mit Reſpekt drückte der Angeredete ſeinen Mund auf die weißen Finger der Prinzeß, dann ließ er aber ſchnell das Händchen fahren, und ſtrich ſich, als wollte er ein Traumbild verjagen, über Stirn und durch die großen, klaren Augen. Hohe Ehre, die mir geworden, ſagte er mit edelm Tone, daß ich der Erſte gewürdigt worden, meiner Fürſtin Hand zu berühren; aber fern ſei mir als ein Rebell zu nehmen, was einem Höhern und Beſſern gebührt. Wie iſt mir denn, und warum ſtarrt man mich ſo wunderbar an, als ſpräche ich Räthſelſprüche? Ich bin Ernſt Graf von Hohnſtein, General Seiner Durch⸗ laucht unſers Herzogs, und mit ſeiner beſondern Gnade und Zuneigung beehrt. Aber wo iſt Seine Gnaden, und warum meidet ſein Auge die treueſten ſeiner Diener? Ein plötzlicher Aufruhr kam in die ganze Verſamm⸗ lung. Er iſt es nicht? fragte die Braut ſchnell mit zweideutigem Klange, und trat erſchreckt an den Stuhl ihrer Mutter zurück. Ihr ſeid nicht der Herzog? fragte Herzog Ulrich mit finſterm Auge. Und der Herzog iſt nicht mit Euch? Und wo iſt er denn?— Unſer Gnädigſter verließ ſchon geſtern die Königs⸗ ſtadt, nahm der Kanzler das Wort, nachdem er den heutigen Einzug angeordnet und befohlen. In Helſingoer wollten die Hoheit ſich uns anſchließen; da wir Dieſelben jedoch nicht am beſtimmten Orte trafen, glaubten wir Dero Entſchluß geändert, dieſelben ſchon anweſend, und ſetzten ohne den erlauchten Herrn unſere Reiſe fort.— Aber wo kann er weilen? fragte der Mecklenburger ſtutzig und faſt erzürnt. Herzog Heinrich Julius liebt den Schwank, fiel ſchnell Graf Hohnſtein ein; den Ruf 294 ſeiner ernſten Gelahrtheit mag er ſelbſt gern zu Schan⸗ den machen durch Neckerei und unſchuldig Spiel, und auf dem Karneval zu Braunſchweig führte er oft die ſeltſamſte Maske auf das herrlichſte durch. Ich wette, er iſt unter uns und wird uns die ſpaßigſte Ueberraſchung bereiten, und gibt ihm doch die jetzige Faſtenzeit den nächſten Anlaß dazu.— Aller Augen flogen jetzt ſuchend im Saale umher, doch alle kehrten unbefriedigt zurück; da ſprang der leb⸗ hafte Graf auf einen ſchlichtgekleideten jungen Mann zu, der an dem Pfeiler der Thür zur Vorhalle lehnte und durch die rieſige Geſtalt des Kornets von Ranzow faſt verdeckt wurde. Der Herzog iſt nicht weit, denn da iſt ſein Marſchalk! rief er freudig. Franz, wie kommſt Du in das ehrbare Zeug?— Wo habt Ihr den Herrn? fragte der Stolberger ernſthafter. Ihr reiſetet mit ihm, Herr von Rheden; ſprecht ſchnell, wo weilet er, und iſt ihm etwa ein Unglück zugeſtoßen?— Bei allen Bockpfeifern Schottlands, rief der König Jakob aus, indem er neugierig hervortrat, das iſt ja der Seidenhändler von geſtern, bei dem wir im Schloß⸗ hofe zu Markte gingen.— Der Marſchalk aber ſchritt aus ſeinem Verſteck her⸗ vor, und vor dem alten Mecklenburger ſich beugend, ſagte er mit komiſchem Ernſte: Ihr ſelbſt ſeid Schuld, gnädigſter Herr, daß der hohe Bräutigam nicht da iſt, wo er am liebſten ſein möchte. Ihr ſelbſt habt ihn fort⸗ geſchickt von da, wo ihn ſein Herz feſtband; Ihr ſelbſt wolltet ihn heute Nachts durch den ehrlichen Steuer⸗ mann dahin zurückſpediren, von wo er kam. Habt die Güte, mir einen Freipaß zu geben für den armen Ju⸗ welier Frank, der im Thurme an entſetzlicher Lgngweile 295 laboriren wird, und ich bringe augenblicks den geliebten Herrn zur Stelle.— Wie? Der Bräutigam im Gefängniſſe? ſchrie der Greis auf, und ein allgemeiner Tumult entſtand, woraus man nur zuweilen die Ausrufungen: Der Herzog im Thurm! Der Kramer ein Fürſt! Was wird daraus werden? auftauchen hörte. Aber die Braut war in ihren Seſſel geſunken. Das iſt gar zu arg! ſtammelte ſie, und ihr Buſen hob ſich im heftigen Zwieſpalt der Gefühle. Das Pommerfräulein umfaßte ſie ſchalkhaft. Biſt Du bös darauf, daß der verwegene Nebenbuhler ſich in den wirklichen Liebhaber verwandelte? Ich glaub's Dir nicht. Der feurige Spruch hatte das Herz berührt. Wareſt Du doch gar zu mitleidig und voll Reue über den vor⸗ eiligen Zorn, und Mitleid und Liebe ſind nahverwandte Baſen.— Ohne weiteres war unterdeß der Herzog Ulrich ſelbſt hinab geeilt, den Gefangenen aus ſeinem ungeſchmückten Quartiere heraufzuholen. Als er mit dem Braunſchweiger Fürſten zurückkam, und beide halb ernſtlich, halb lachend ſich wechſelſeitig um Vergebung baten, ſprang ihnen der umſichtige Marſchalk Franz von Rheden auf der Gallerie in den Weg. Er hatte ſchnell aus ſeiner Seidenbude die dort verwahrten herzoglichen Kleidungsſtücke herbeigeholt. Laßt mich den Kramer von Euch ſtreifen, edler Herr! ſprach er, und legte um die Schultern ſeines Herrn den Hermelinmantel, drückte den herzoglichen Hut mit der Demantenſchnalle auf die blonde Lockenfülle des Lächeln⸗ den und gürtete den Staatsdegen um die fürſtliche Hüfte. So mit den Zeichen ſeiner Würde umgeben, ſchritt der froyſinnige Prinz in die Verſammlung, deren vornehmſte Mitglieder in Verlegenheit ſtanden, wie ſie den beleidigten 296 Gaſt, der ihnen jetzt doppelt liebenswürdig erſchien, empfangen ſollten. Seine fröhliche Weiſe ſtellte aber gar leicht die nöthige Stimmung wieder her. Zuerſt ging er zur Königin Mutter, und ſein Knie kindlich vor ihr beugend, ſagte er mit Ehrfurcht: Von Euch habe ich Verzeihung zu erbitten, hochgeehrte Frau, daß ich wie ein thörichter Fant in Eurem ernſten Hauſe erſchien, das Ceremoniel Eures Hofes beleidigte und Eure feſtlichen Anordnungen zerſtörte. Vergebt dem ju⸗ gendlichen Uebermuthe, den der erſte kleine Schritt zu weit fortriß. Unwiderſtehlich verlockte mich die Begier, die ſchöne Auserwählte zu ſehen, ehe ſie die Zwangfeſſel der Nothwendigkeit trug, ehe das Schickſal ihr die Maske vorgedrückt hatte, welche die Braut dem Bräutigam ent⸗ gegen zu tragen ſich verpflichtet glauben konnte. Frei⸗ willig habe ich die Strafe dieſes Uebermuths mir ſelbſt auferlegt, und der reuige Sünder hat gebüßt.— Dann trat er zu der Prinzeß Eliſabeth, welche die leuchtenden Augen vor ſeinem glänzenden Triumphator⸗ blicke niederſchlug. Meine Strafe wäre hart geweſen, ſagte er mit Innigkeit, hätte ich Euer liebes Bild nicht mitgenommen in den grauſenvollen Thurm am Meere. Werdet Ihr ſchmollen, daß Eure Schönheit den Mann fortriß zum tollſten Streiche ſeines Lebens? Reicht mir verſöhnt die ſchöne Hand, daß ich Ehrbarkeit hinein ge⸗ lobe von nun an bis zum Grabe. Es müßte denn ſein, daß meine Eliſabeth den frohſinnigen, ſchwankluſtigen Gemahl angenehmer fände, als den ernſten Prorektor der Julius⸗Univerſität, und mich eiferſüchtig machte auf den Juwelier, der ſich unterſtand, als mein eifer⸗ ſüchtiger Nebenbuhler aufzutreten.— Aber die Probe war doch zu arg! entgegnete die —— Prinzeß mit Vorwurf. Probe? fragte der Herzog beſtürzt zurück. Wer konnte an Probe oder Prüfung denken? Dann hätte ich beleidigt bis zur Unverſöhnlichkeit, und glaubtet Ihr daran nur eine Sekunde lang, ſo würde meine gute Laune ein Jahr lang zum Mißmuthe ver⸗ welken. Sein wahrhaftes Gefühl ſprach Euer Bräutigam aus in der erſten Minute, wo er unbehorcht in Eurer Nähe ſtand, und wäret Ihr nicht ſo zephyrleicht entflo⸗ hen, und wären die heftigen Herren nicht dazwiſchen geſtürzt, hätte die Maske gleich fallen ſollen, ehe Euer Zorn ſeinen Wipfel erreicht.— Aber wer hätte den Enkel des Löwenherzogs unter dieſer natürlichen Manier des Bürgers geſucht? fiel der Schottenkönig ein, um auch zur Sühne zu kommen. Wir deutſche Fürſten halten darauf, die gute Bürger⸗ ſitte von Grund aus kennen zu lernen, antwortete der Braunſchweiger. Wie Bagdads Kalif miſchen wir uns gern unter unſer Volk, und meinen, wir ſind nirgend beſſer als in ſeiner Mitte. Ich habe den Degen auf Eure Majeſtät gezogen, aber wenn ich Euch vertraue, daß Degen und Mann gleich ungeſchliffen waren, ſo werdet Ihr den Angriff für eine Faſtnachtspoſſe halten, wie ſie es war. Wollet Ihr meiner offenen Erklärung eine gleiche, der ſchottiſchen Peitſche wegen, entgegen tragen, ſo habt die Güte im Namen des unglücklichen Juweliers die Pretioſen zu vertheilen, welche in Eurem Gewahrſamkeit geblieben; was jede Dame gewählt, ſei ihr eigen als Sühnungspfand unſerer Sünden.— Zum Großvater gewandt, ſetzte er dann leiſer hinzu: Einen Nutzen gab mir dennoch der Schwank, mein vä⸗ terlicher Freund; gewann ich doch die Ueberzeugung, daß mein Erbprinz dereinſt nicht in Ohnmacht ſinken wird, —— 298 wenn er ein bloßes Schwert erblickt, denn ſeine Mutter wird keinen Sänger zu ihren Füßen dulden.— Die Vornehmen des Reichs drängten ſich jetzt heran, ihre Glückwünſche darzubringen, und wie es ſchien, gingen die Wünſche vom Herzen, ſah man doch der geliebten Königstochter an, daß ſie Gefallen fand an dem Manne, der ihr ohne Wahl wie vom Himmel zugefallen. Unter den Letzten kam auch der Herr von Ranzow und ſtam⸗ melte Entſchuldigungen. Seht Ihr nun, junger, muthiger Rittersmann, unterbrach ihn der Herzog, daß ich Euch ein Wappen entgegen trage, worin nichts von Elle und Wagſchale vorkommt. Aber der Löwe ſteht darin, und der iſt groß⸗ müthig. Indeß tröſtet Euch; ich glaube, ich hätte wohl eben ſo geredet und gethan, hätte mir ein Unbekannter die Perle meines Vaterlandes entführen wollen.— Die fröhliche Laune der Schloßgeſellſchaft verbreitete ſich hinab bis in die Außenhöfe, und mit dem Volks⸗ finne amalgamirt artete ſie dort bald in die wildeſte Luſtigkeit aus, und die Seeländer, ſtürmiſch brüllend gleich dem Orkan ihrer Meere, verlangten das Braut⸗ paar zu ſehen. Gern gab der fremde Fürſt der ſchmeichel⸗ haften Gewalt nach, und führte ſeine Verlobte hinab unter das grüne Portal, wo der tobende Jubel zwar den Ohren weh that, aber dem Herzen nicht unangenehm ſein konnte. Da ſah er den alten Steen Hwidkilde unter den Vorderſten, und ſchnell auf ihn zutretend, reichte er ihm beide Hände, ſchüttelte ſie, und zog dann aus dem Gürtel eine ſchwere Goldmünze, und bot ſie dem Ueber⸗ raſchten dar. Da iſt die Medaille zu Deiner Halskette, mein alter, treuer Freund, ſprach er dazu. Es iſt das Bild eines —. Glücklichen, trage es mir zum Gedächtniß. Leider gibt es an den Grenzen meines Landes keine ſtürmiſche See, ſonſt ſollteſt Du mein Großadmiral werden, und mit Deinen Norwegern von geſtern meine Flotille ausrüſten.— Bis zu den Wolken ſchwoll das Vivatrufen der Menge, und begleitete das ſchöne junge Paar, als ſie längſt das geſchmückte Portal verlaſſen hatten.— Am 19. April, am heiligen Oſtertage, fand die Ver⸗ mählung und das fürſtliche Beilager ſtatt, und im Juni erfolgte die Heimfahrt der Neuvermählten in des Herzogs Erblande, von welcher der Steuermann der Najade keine geringe Ladung zurückbrachte, denn er ſteuerte bald nach⸗ her ſein Töchterchen mit dem beſten Freigute auf See⸗ land aus. Daß der kluge Heinricus Julius auch von dem Strome der Prachtliebe ſeines Zeitalters fortgeriſſen wurde, bewies die Weiſe, wie er ſeine Eliſabeth ein⸗ führte in ihr neues Reich. Ein vergoldeter Wagen, mit köſtlichen Schimmeln beſpannt, trug die Herzogin von der Landesgrenze zu ihrem Schloſſe; die Fuhrleute waren in rothe Seide gekleidet und ſtrotzten von goldenem und ſilbernem Beſatz. Alle Ritter des Landes zogen ihr ent⸗ gegen, jeder mit einer Rotte geſchmückter Spießbuben in krauſen Wappenröcken und blanken Stahlrüſtungen, und ſelbſt die Städte ſandten jede ihr Comitat, wie denn die Chronik erzählte, daß allein die Stadt Hannover zu dieſem Ehrentage dreißig wohlgerüſtete Trabanten geſtellet. Statt der ſonſtigen Turniere und Ringelrennen wurde vor Wolfenbüttel ein koſtbares Feuerwerk abge⸗ brannt, wobei zwei künſtlich verfertigte Schiffe, der Heimath der Gefeierten zu Ehren, ein Seegefecht nach⸗ bildeten, an ſechszehntauſend Schüſſe gaben und alsdann 300 mit ſchmetterndem Gekrach in die Luft flogen. An ſieben⸗ tauſend Pferde ſollen dazumal an dem Herzogsſchloſſe verſammelt geweſen, und die Feſttafel ſoll durch fünfzig fürſtliche Perſonen und tauſend und fünfzig vom Adel geziert worden ſein. Eine große Medaille, welche der glückliche Gatte in jener Zeit aus dem edeln Metalle ſeiner Harzgebirge ſchlagen ließ, iſt noch vorhanden, und die Inſchrift derſelben wurde durch ſeine muſterhafte und mit elf Erben geſegnete Ehe wahr gemacht; ſie lautete: Concordiae aeviternae!— Die Schlacht bei Dennewitz war geſchlagen, und ihr Ausgang hatte einen neuen Beweis gegeben, daß die goldenen Adler Napoleons nicht mehr die Lieblingsſigna der Siegesgöttin geblieben. Berlin jauchzte; Städter und Landvolk ſtrömten aus Mauern und Hütten, Theil zu nehmen am Siegesjubel, und die geſchlagenen Legio⸗ nen des tapferen Marſchalls Ney flohen, in zwei Kolon⸗ nen geſpalten, dem Elbſtrome zu, Anhalt und Schutz zu finden bei dem Hauptcorps ihres unerſchütterlichen Feldherrn. Der kurze Septembertag überließ ſchon die blutigen Felder der verſchleierten Nacht, da ritt ein Reiteroffizier querfeldein über die holperichten Stoppelfelder, ſein todt⸗ müdes Roß durch Sporn und Zügel und fremdartig, je⸗ doch wohlklingenden ſchmeichelnden Anruf mit aller An⸗ ſtrengung weiter treibend. Er gehörte ſeiner Uniform nach zu den grünen Dragonern des franzöſiſchen Heeres; ſein Regiment hatte unter Guelleminot den Angriff auf das Centrum der Preußen ausführen helfen, durch den der Sieg für die Feinde Deutſchlands faſt gewonnen worden; nach Borſtels Eintreffen, nach dem entſcheidenden An⸗ marſche der ruſſiſchen und ſchwediſchen Hülfsvölker, war 304 auch er mit fortgeriſſen worden in den wirren Knäuel der Flüchtigen, war verſprengt worden vom Regimente; hatte, den Schimpf der Gefangenſchaft mehrials den Tod fürchtend, ſich durchgeſchlagen durch einen Pulk blutdür⸗ ſtiger Koſaken, war ſpäter, da er die günſtige Richtung der Fluchtſtraße verloren, unter einen Haufen wüthender Bauern gerathen, deren Senſen und Heugabeln ſeinem braven Thiere manche Wunde geriſſen, und ſtreifte jetzt ſchon lange und immer verzweifelnder in der täuſchenden Dämmerung umher, beſtändig horchend auf ein rettendes Feldſignal, das ihm die Nähe ſeiner Kriegskameraden verkünden möchte, aber auch immer ſeine Flucht auf's Gerathewohl fortſetzend in der unbekannten Gegend.— Der Herbſtwind ſauſete über die Stoppeln, warf ihm den ſchwarzen Roßſchweif, den er am Helme trug, in die Augen, kühlte jedoch zugleich ſein ſchweißbedecktes Angeſicht; da glaubte er Kriegstöne nicht fern von ſich zu hören, und hielt, freundlicher Hoffnung ſich hingebend, ſein ſchnaubendes Thier an, um zu horchen. Doch mit Entſetzen unterſchied er durch den ſauſenden Wind das wüthige Feldgeſchrei der nordiſchen Reiterhorden, von denen er ſich ſchon weit entfernt geglaubt, und auf's Neue drückte er die Sporen mitleidslos in des ſtöhnenden Thieres Weichen, und trabte über den Acker den dunkeln vor ihm erſcheinenden Gegenſtänden zu, in welchen er einen ſchirmenden Wald zu erkennen vermeinte. Ein tiefer Graben hielt ihn auf am Rande des Fel⸗ des, und ſein Auge ſah weder ein Ende deſſelben, noch eine Brücke in der Nähe. Entſchloſſen zwang er ſein Roß zum oft gemachten Sprunge; das Thier erhob ſich in letzter Kraft, glücklich fühlte der Reiter unter ſich den jenſeitigen Boden, aber da brach der treue Gefährte unter ihm ein, ſein Sturz ſchleuderte den Herrn weit in den Sand hinweg, und als dieſer ſich aufgerafft, ſah er ſeinen Liebling in Todeszuckungen ſich wälzen, und keine Aufmunterung, keine Nachhülfe vermochte die er⸗ loſchene Lebenskraft des armen Geſchöpfs wiederum auf⸗ zuwecken. Poveretto Corsaro! rief der Reiter traurig aus; Infelice Alessandro! ſetzte er ſeufzend hinzu, indem er den kleinen Mantelſack von dem Rücken des verendeten Gauls losriß und zugleich ſeine Augen umherſchweifen ließ mit den triſten Empfindungen eines Schiffers, dem nach grauſenvollem Schiffbruch das Rettungsbrett und in ihin die letzte Hoffnung aus den erlahmten Händen glitt. Nicht an dem Rande einer Holzung fand ſich der junge Krieger, wie er geglaubt, ſondern die dunkeln Hütten eines Dorfs erkannte er im Dämmerlicht, und ſein Sturz hatte ihn dicht vor die Thür des erſten Häus⸗ chens deſſelben geſchleudert. Ehe er noch Zeit hatte zu überlegen, welche Maß⸗ regel er als die vortheilhafteſte für ſich ergreifen könnte, knarrte das Pförtchen, öffnete ſich und eine Weiberſtimme fragte heraus: Iſt Er endlich wieder da, Vater? Und wie konnte Er mich bis in die Nacht allein laſſen? Und hat gewißlich doch nichts erwiſcht von der Bagage und auch keinen Franzoſen todt gemacht? Der ſcharfe Blick des Italieners faßte ſogleich die ſchmächtige Geſtalt des jungen Mädchens auf, welches ſprach, er ſah neben ihr hin den menſchenleeren Vorplatz, der von einer Lampe auf dem Herde erleuchtet wurde; und ſchnell entſchloſſen, da er, der deutſchen Sprache ziemlich mächtig, das Wort allein nicht überhört hatte, trat er auf das ſchreiende Mädchen los, ſchob ſie vor Blumenhagen. III. 20 306 fich in die Hütte und ſchlug das Pförtchen hinter ſich ins Schloß. Um der Mutter Gottes Willen, ſtill! rief der Dra⸗ goner, zugleich den Mantelſack hinwerfend und eine heftige Bewegung gegen die Dirne machend. Barmher⸗ zigkeit! jammerte das bleiche Kind in die Knie ſinkend; nicht Schuld ſind wir, daß der Vater und die Burſchen ausgegangen auf die Franzoſenjagd.— Der Offizier ſetzte ſich auf einen Schemel, der ihm nahe ſtand, denn er konnte ſeiner Schwäche nicht mehr Herr werden. Steh auf, liebes Kind! ſagte er, ſo mild es ihm möglich. Nicht Du bedarfſt meiner Barmherzig⸗ keit, aber ich der Deinigen. Wenn Du einen Bruder haſt oder einen Bräutigam bei den Truppen Deines Königs, ſo gedenke derſelben, denke, daß ſie verwunggt, flüchtig, verlaſſen von aller Hülfe ſein können, wie ich, und daß nur Gott durch gute Menſchen ſie, vielleicht in dieſer ſelbigen Stunde, zu retten vermag.— Das Mädchen ſah ihm ſtaunend ins Geſicht und er⸗ hob ſich langſam von den Knien. Ich Ihn retten 2 fragte ſie. Und verwundet iſt Er? Ja wahrlich, da läuft ihm das Blut am Backen herab, und er iſt bleich wie einer, der im Todtenhemde liegt.— Gib mir einen Trunk, ſchnell! denn mir iſt, als faßte mich der Tod und riſſe mich zu Deinen Füßen nieder, ſtammelte der Kriegsmann, indem er das ſchwindelnde Haupt an die Wand ſtützte. Das Mädchen ſprang fort und brachte den Waſſerkrug, und unterdeß der junge Jtaliener trank, ſchleppte ſie Schüſſel und Flaſche aus dem Schrank herbei, und ſchien über der ſchönſten Em⸗ pfindung in der Menſchenbruſt, dem Mitleid, alle Ver⸗ hältniſſe vergeſſen zu haben. Aleſſandro, erquickt durch ———— 307 den friſchen Trunk, lehnte Alles ab, löſete ſeinen zer⸗ hauenen Helm und bat um ein Tuch, die tiefe Hiebwunde, welche ſtark blutete, zu binden, wobei ihm die Dirne freundliche Hülfe leiſtete; auch ſeinen rechten Arm hatte ein Streifſchuß getroffen, doch er achtete den Schmerz nicht, da die Blutung ſchon ſtand, und warf dem Mädchen jetzt ſeine Börſe hin, ſie um ein Pferd bittend aus des Vaters Stalle und den Weg nach Wittenberg bei ihr erkundend. Mit Schrecken hörte er, daß kein Thier im ganzen Dorfe vorhanden, da auch das letzte Geſpann zur Kriegsfuhr genommen; eben ſo wenig wußte die Dirne von der Gegend etwas über eine Wegſtunde hinaus. So bin ich hin! rief der Italiener verzweifelnd aus. Durch die Nacht zu marſchiren iſt mir unmöglich, denn meine letzte Kraft iſt fort. Koſaken oder Bauern werden mich morden; aber wie ein Soldat will ich enden.— Mit Mühe zog er den Säbel aus der blanken Scheide, ſetzte ſich feſter und ſtarrte, das Mädchen nicht mehr beachtend, in den düſtern Lampenſchein, und ſtieß in ſeiner Mutterſprache Verwünſchungen und Klagen aus, deren Wohlklang die Bäuerin beſonders aufzuregen ſchien, und denen ſie mit wachſender Verwunderung zuhorchte. Plötzlich ſich beſinnend, trat ſie dann wieder dicht zu ihm und faßte ſeine linke Hand, dem blitzenden Gewehr ausweichend. Wehren wollte Er ſich allein? fragte ſie ängſtlich. Und mir wohl gar den Vater todt machen? Nein, das darf Er nicht, das ſoll Er nicht, und von Gott iſt mir ein Einfall gekommen, der Ihm ſicher hilft, wenn Ihn ſeine Füße nur noch hundert Schritte weit tragen.— Heftig aufwallend forſchte der Krieger. Da erzählte ſie, daß im Dorfe ein Edelhof ſei, welchen ein Herr 308 bewohne, dem Niemand beſonders gewogen ſei, weil man glaube, er ſei nicht gut deutſch geſinnt. Sie er⸗ zählte weiter, daß des Offiziers fremde Sprache ſie ge⸗ rade an den Edelhof erinnert, indem ſie oft gehört, wie die Herrin und das Fräulein dieſelbe Sprache geſprochen, und darum vielleicht aus demſelben Lande ſein müßten, woher der Fremde ſtamme. Sie verſprach, ihn zu dem Herrnhauſe zu geleiten, wo ihn wenigſtens eine größere Sicherheit erwarte als hier in der offenen Hütte und an der vielbetretenen Straße. Lebhaft ergriff der Offizier die Rettungsidee, und ſeine Kräfte ſchienen ſchon durch die Hoffnung neu erfriſcht. Das Mädchen warf den Mantelſack hinter den Viehſtand und verſprach, ihn auf den Heuboden nachher ſchon zu verſtecken, bis er ihn ab⸗ holen ließe. Hörſt Du von meinem Tode, ſo iſt Alles Dein, und Du biſt meine Erbin! ſprach Aleſſandro, und ſo wankte er, auf die kleine Führerin geſtützt, in die Nacht hinaus und belehrte ſie auf dem kurzen, doch müh⸗ ſamen Wege, wie ſie zu ſprechen gegen ihre zurückkeh⸗ renden Verwandten und Nachbarn, welche das todte Pferd mit ſeinem bekannten Gezäum zu Nachforſchungen reizen mußte. Der geſtürzte Franzoſe ſollte ihre Thür erbrochen haben, ſie ſollte geflüchtet ſein durch Hof und Gärtchen; ſo war auch ihre Abweſenheit entſchuldigt, wenn etwa der Vater früher als ſie heimgekommen; und zuletzt malte der Italiener ihr aus ſeiner blühenden Phantaſie in dem fabelhaften franzöſiſchen Wütherich ein bocksbärtiges und koloſſales Ungeheuer vor, daß ſie bei der Beſchreibung ſchaudernd ſich dicht an ihn drängte⸗ jedoch getreulich verhieß, als den falſchen Ritter des gefallenen Streitroſſes zu beſchreiben. 309 Der Edelhof ward, wenn auch mühſam, von dem ſeltſamen Paare erreicht, bei dem in friedlicherer Zeit die nachbarliche Verleumdung ein weit anderes Verhält⸗ niß gemuthmaßt haben würde, denn der ſchlanke Krieger lehnte ſich im langſamen Marſche gar vertraulich auf des Mädchens Schulter, und die herzlichſte Zärtlichkeit konnte keine ſorgſamere Führerin bilden, als ſie es zu ſein ſich bemühete. Ein weißes Gebäude von bedeutender Größe ſchimmerte durch das Dunkel, aber Grabesſtille herrſchte rundum, keine Menſchenſeele gab ein Zeichen des Daſeins um daſſelbe und in ihm, und kein Licht⸗ ſchimmer lockte gaſtlich in den Fenſtern.— Die Herr⸗ ſchaft wird geflüchtet ſein vor dem Kriegsgebraus und das gehoffte Aſol bleibt mir verſchloſſen, ſprach Aleſſan⸗ dro kleinmüthig, indem er ſich, ſchwer Athem holend, an die Thürpfoſte lehnte. Aber mag es ſein, weiter vermag ich nicht; zeig mir den Weg in den Garten, in ſeinem Verſteck will ich mich ins Grüne legen auf das letzte Bett; unbeſchimpft wird man meinen Leichnam finden, und die Hand der Landsmännin wird ihn heimlich mit frem⸗ der Erde bedecken.— Die Dirne ſchüttelte ihr Köpfchen und faßte den wohlbekannten Glockenring. Hell klang die Schelle im Hauſe, bald näherten ſich Schritte, eine dumpfe Stimme fragte, und als die kleine Bäuerin ſich genannt, wurden die Riegel fortgeſchoben und ein Weiß⸗ kopf mit einem Lichte ward ſichtbar. Was führt Dich ſo ſpät heran, Trude? Schickt Dich der Vater Schlick mit böſer Poſt? fragte der Alte; als er aber den fremden Soldaten ſah, fuhr er zwei Schritte zurück, trat aber ſogleich wieder vor, um die Thür zu ſchließen, woran er jedoch durch des Italieners Eintritt gehindert wurde, der ſeine letzte Gliederkraft aufbot, die 310 Pforte vollends auf und den Alten zurückzudrängen und ſich mitten auf den geräumigen Vorraum des Hauſes zu verſetzen. Sei kein Barbar! ſtieß er zugleich hervor, und zwar in ſeiner vaterländiſchen Sprache. Gewähre dem Sterbenden eine Ruheſtatt. Melde mich eiligſt bei Deiner Signora; ſie wird weniger ungaſtlich ſein als Du, altes Eiſenherz!— Die Stimme, die Worte machten den alten Diener ſtutzig; mit großen Augen ſtarrte er zugleich in das Geſicht des Fremden, doch mit Entſetzen ſah er jetzt die ſchwarzen glühenden Augen des Kriegers ſich ſchließen, ſah den hochgewachſenen Mann ſchwanken, taumeln, und im Geraſſel ſeiner Waffen auf das Eſtrich niederſtürzen. Er ſtirbt, aber ich habe ihn nicht umgebracht! ſchrie das Mädchen, floh ins Freie hinaus und warf die Thür ins Schloß, der Alte aber ſtand unentſchloſſen und un⸗ beweglich im Schreck und ſchaute ſich ängſtlich nach Hülfe um. Da erſchien im Hintergrunde ein weiblich Weſen, das der Italiener, wenn ihm die Ohnmacht nicht alle Sinne verſchloſſen gehalten, gewißlich für ſeinen Schutzgeiſt genommen, der niedergeſchwebt, ihn von der Ervenkette zu löſen und ſeinen Himmeln zuzuführen. Ein weißes Nachtkleid umflatterte den Nymphenwuchs der ſchnell Heraneilenden, die ſchwarzen Locken umflogen aufgelöſet den vollen Hals und die blitzenden Augen, Nacht und Licht in ſich einend, ſahen lebhaft fragend umher, ehe noch der harmoniſche Ton des zartgewölbten Mundes nach dem angſtweckenden Gelärm geforſcht. Iſt der Unglückliche todt? fragte ſie mitleidig, der zitternden Hand des erzählenden Alten das Licht entreißend und niederleuchtend. So rühre Dich doch, Du alte Schnecke und hilf ihm.— 311 Das iſt ein franzöſiſch Kleid, antwortete der Diener, obgleich der wilde Menſch gut römiſch ſprach, und das mit ſo vernehmlicher Commandoſtimme, daß er wohl nicht todt ſein kann. Aber der Herr hat ſtreng verboten, Niemanden aufzunehmen, ehe er heimgekehrt. Kennt Ihr nicht ſeinen Zorn, Signora? Beſſer, wir ſchleifen ihn auf die Straße und überlaſſen ihn ſeinem Schickſale.— Tigerherz! ſchalt die Dame. Das Schickſal hat ihn hieher geworfen, darum ſind wir entſchuldigt. Er iſt ein Landsmann, ſcheint ſo jung noch, blutig iſt das blaſſe Angeſicht, und dieſe kalte Hand hat ſicher tapfer manche Schlacht gefochten unter den Augen des größten Helden der Zeit. Auf mich die Schuld, Pietro! Ruf' die Mägde; iſt er todtwund und verloren, ſoll doch Chriſtenhand ihn weich betten, und wir wollen unſer Gewiſſen frei halten von jeder Schuld verſäumter Menſchlichkeit.—— Wie war dem jungen Krieger, als er nach mehren Stunden ſeine völlige Beſinnung wieder erhielt, als er ſich auf einem bequemen Lager halb entkleidet fand, ſeine Wunden wohl verbunden ſah, ein freundliches, kleines Gemach ihn umgab, und er jetzt, als die Augen völlige Sehkraft gewonnen, neben dem alten Weißkopf, den er wieder erkannte, das ſchöne Bild einer weiblichen Hel⸗ ferin erblickte, das ihn an die idealiſchen Geſtalten auf den Gemälden römiſcher Meiſter erinnerte, und deßgleichen er nie in der Wirklichkeit gefunden zu haben vermeinte, obgleich er ſeit drei Jahren dem kaiſerlichen Eroberer in alle Gegenden Europa's gefolgt. Wie war ihm, als jetzt der ſchöne Kopf mit dem Antlitz einer Himmels⸗ bürgerin ſich zu ihm neigte, mit den harmoniſchen Klän⸗ gen der Heimath ihn milde anſprach und den Silber⸗ becher mit dem Erguickungs trank ſelbſt zu ſeinen heißen 312 ausgetrockneten Lippen führte?— Madonna! nur konnte er lallen, dann faßte ihn wieder die unüberwindliche Mü⸗ digkeit, ſeine Augen ſchloſſen ſich wieder, aber das Bild ging mit hinüber in ſeine Träume, und die vorher ſo ſehr entſtellten Züge des Verbluteten nahmen eine Lieb⸗ lichkeit an, welche ſeine beiden Pfleger mit ſtummem Anſtaunen bewunderten und dabei untereinander Blicke wechſelten, welche noch eine andere räthſelhaftere Bedeu⸗ tung zu haben ſchienen. Die launigſte aller Damen blieb von je die Dame Fortuna; ſo gern ſie ihre Gunſt dem Unwürdigſten zu⸗ zutheilen pflegt und die müßigen Drohnen im menſch⸗ lichen Bienenſtocke, welche nichts zu thun wiſſen, als ihren Bauch zu füttern und ihrer Luſt nachzugehen, mit ihren reichſten Gaben überſchüttet, ſo oft knüpft ſie auch an die höchſte Noth eines Ehrenmannes eine wahrhaft zauberiſche Erlöſung von jedem Drangſal, ſo als thäte ſie auch das nur in eigenwilliger Laune, und nur, um ihre Allgewalt zu beweiſen. Unſer Held war in den nächſten beiden Tagen wie aus dem Fegefeuer mitten in das Reich der Seligkeit verſetzt, obgleich ſein fieberhafter Zuſtand jhn nicht im⸗ mer klar erkennen ließ, wie ſeine Pfleger ſich um ihn kümmerten. Der alte Pietro beſorgte ſeine Wunden gleich dem erfahrenſten Chirurg, und Donna Laura ſaß manches Stündchen neben ſeinem Lager und plauderte, wenn lichte Intervallen es unſchädlich machten, mit ihm in ſeiner lieben Mutterſprache und von ſeinem ſchönen Vaterlande, obgleich ſie zu ihrem Leidweſen wenig davon kannte, da ſie ſchon als Kind mit ihrer Tante zu 313 dem rauhen Norden fortgeriſſen worden. Aleſſandro's Lebenslauf war ihr bald kund geworden. Bis zum Jüng⸗ lingsalter hatten enge Kloſtermauern in Roms Nähe ihn eingezwängt und eine ſtrenge Disciplin all ſein jugend⸗ liches Streben gefeſſelt. Ein Verwandter, eine gewich⸗ tige Perſon, denn er hatte das Amt eines Cameriere, zu deutſch Kammerdieners, bei ſeiner päpſtlichen Heilig⸗ keit, nahm ihn aus der Zelle, weil die frommen Väter auch nicht die kleinſte Spur von klöſterlichem Beruf in ihm entdecken konnten, und bald nachher trat er in den Ehrenpoſten eines päpſtlichen Leibgardiſten, und fühlte ſich glücklich unter dem befiederten Hute und mit der Hellebarde in der Hand. Doch als Napoleons kecke Rechte auch das Oberhaupt der Kirche anzutaſten wagte, als das Heer ſeiner Waglinge, ſeine heroiſch geſtalteten Paladine, die tapfern und zugleich galanten Ritter ſeiner Tafelrunde auch den klaſſiſchen Boden ſiegreich betraten, da verlockte den eiteln, ruhmdürſtenden Jüngling der Glanz und das triumphirende Wort dieſer Rolande und Lancelotts des neuen Zeitalters, er entwich der Aufſicht ſeines alten Wohlthäters und tauſchte den frommen Wachtdienſt mit dem Feldlager, und ſeine geiſtige Bil⸗ dung, ſeine körperlichen Vorzüge, vor allem ſeine Brav⸗ heit in den heißen Schlachten bei Smolensk und an der Moskwa und in den ſchimpflichen Tagen bei Kaluga und bei Smorgonie, wo er in des kühnen, romantiſch⸗ritter⸗ lichen Mürats Nähe focht, hatten ihm die Auszeichnung verſchafft, kaum in das Alter des Mannes getreten, ſchon den Poſten eines Kapitäns in einem der ſchönſten Regi⸗ menter des Kaiſers zu beſitzen, den neugehofften Sieges⸗ flug mit dem goldbefier rten Adler zu beginnen, jedoch auch jetzt vor ihm zu pfinden, daß ſein Weltregiment 314 ſich zu Ende neigte, und der Sieg treulos ſich andere Günſtlinge geſucht.— Die ſchöne Laura machte ihn dagegen mit ihren Um⸗ gebungen bekannt. Der Herr von Reeks, den ſie von früh an Vater zu nennen gewöhnt worden, und welcher der Eigenthümer dieſes Gütchens hieß, hatte nach langen Reiſen durch die ſchönſten Theile der Erde, wenn auch ein Süddeutſcher von Geburt, ſich in dieſer nordiſchen Ebene angeſiedelt. Er war reich, anſehnlich vom Aeußern, ſchon ein Sechziger, liebte das Leben und ſeine Wohl⸗ behaglichkeit, und obgleich ſein Wohnplatz abſichtlich in der Abgeſchiedenheit gewählt war, um ſeiner Freiheit von keinem ſtädtiſchen Zwange Abbruch gethan zu ſehen, ſo mangelte der Einrichtung ſeiner Häuslichkeit nichts, was das Daſein freundlich zu geſtalten vermochte. Seine Gattin, Laura's Tante, nannte das ſchöne und kunſtreiche Florenz ihre Vaterſtadt, und hatte dort auf der letzten Reiſe des deutſchen Edelmannes mit ihm den ewigen Bund der Ehe geſchloſſen, und im Gehorſam einer guten Ehefrau ihr herrliches Vaterland ſeinetwillen aufgegeben. Die kleine Laura, eine ihr blutsverwandte Waiſe, wurde von ihr mütterlich erzogen, und der nordiſche Himmel hatte der Entfaltung dieſer Knospe aus Süden nicht geſchadet, was Aleſſandro bei jedem neuen Blicke mehr empfand; jedoch zog eine innere Stimme die Jungfrau mit immer wachſenderem Heimweh zu den kaum gekann⸗ ten Fluren, und dieſes krankhafte Sehnen, welches mit der Unmöglichkeit zu ringen ſchien, hale wohl den be⸗ deutendſten Einfluß auf die unbedachtſame Aufnahme des feindlichen jungen Kriegers gehabt, ſo wie ſie vernommen, daß auch er im Schoße der geliebten Italia geboren.— Zwar dachte Laura oft mit Bangen an die Rückkehr 315 des Herrn von Reeks, jedoch überließ ſie ſich den ſchönen, wohlthuenden Empfindungen der Barmherzigkeit und des Mitleids gern, je mehr ihr Schützling in ſeinen Ge⸗ ſprächen Geſinnungen und Gefühle entwickelte, die ihn des Schutzes würdig zu machen ſchienen, und ſie bemerkte das Sumſen der kleinen gefährlichen Biene nicht im ge⸗ öffneten Blumenkelche, bis der Stachel ſie ſchon getroffen, weil das mit Honig gemiſchte Gift ſelbſt den linden Schmerz verſüßte.—— Am dritten Tage fuhr die Kaleſche des Edelherrn auf den Hof, und mit klopfender Bruſt empfing die ſchöne Laura ihre Pflegeeltern im Frauengemach, da Pietro, wie ſie wußte, den Herrn bei der Ankunft vermieden, und ihr die Ankündigung des Vorgefallenen als der Schuldigen überlaſſen hatte. Herr von Reeks war, wie geſagt, ein Sechziger, ſeine Geſtalt anſehnlich und ſein Körper wohl gepflegt, ohne Uebermaß zu zeigen; auch ſein Angeſicht trug noch die Spuren einſtiger männlicher Schönheit, doch zugleich auch die Zeichen frühen Lebensgenuſſes; die vollen, et⸗ was hängenden Backen waren bleich, hundert Fältchen umkränzten die tiefen, matten Augen und der nackte glän⸗ zende Scheitel wurde von ſparſamen, lichtbraunen Haaren umkreiſet. Bequem ließ er ſich von Pietro den Reiſerock abziehen und pflanzte ſich dann behaglich in den hochge⸗ polſterten Armſeſſel und in die Nähe des warmen Ofens. Da wären wir wieder, unbefährdet und geſund, ſagte er woh ig lächelnd und ſich dehnend im Stuhle. Gibt's doch in der ganzen Reſidenz kein Plätzchen, das mir lieber als dieſes; ſprichſt Du nicht auch ſo, An⸗ tonia?— Die Edelfrau, eine volle, üppige Geſtalt, wohl ——— 316 geſchont, und noch den ausgebildeten, glühenden Cha⸗ rakter ihrer Heimath in lebhafter Bewegung und im Feuerblicke des ſchwarzen Auges ausſprechend, nickte leicht mit dem braungelockten Haupte unter den Dienſtleiſtungen der gefälligen Laura, und erwiderte lächelnd: Wer möchte Dir nicht Recht geben, mein lieber Freund, wenn von Lebensgenuß die Rede iſt. Du haſt das Leben ſtu⸗ dirt, und wer unzufrieden bleibt, wo Du zufrieden biſt, verdient nicht zu leben. Du verſprachſt mir viel, als Du mich fortlockteſt aus dem großen Garten Europa's, Du verſprachſt mir ein Daſein im ewigen Sonnenſchein, und Du haſt es gehalten, denn ſelbſt in dieſen ſandigen Ebenen weißt Du jeden Tag mit Blumen zu zieren; aber zum erſten Male muß ich Dich doch eines Truges zeihen, denn Du verſprachſt mir, in der Reſidenz den Triumphzug des franzöſiſchen Marſchalls als Haupter⸗ götzlichkeit, doch habe ich nichts von dem Prachtſpektakel geſehen, ſondern das Miſere eines Zuges von Wägen mit jammernden Bleſſirten beladen, war das einzige be⸗ ſondere Schauſpiel, was dieſe kühle Reiſe gewährte.— Der Hausherr warf einen ſtechenden Blick auf die ſpöttelnde Frau, jedoch verſchluckte er die bittere Gegen⸗ rede und verſetzte ruhig: Aerger verdirbt die Zunge und vergiftet Mahl und Becher. Willſt Du Dich rächen für die erzwungene Fahrt, ſo verfehlt Dein Pfeil ſein Ziel. Alcibiades von Reeks ärgert ſich nie; er hat als Jüng⸗ ling von ſeinem berühmten Namensvetter zu leben gelernt, und wird bis zum Grabe Epicurs weiſen Lehren huldigen. Für mich bin ich da, ich mir der Liebſte; wie könnte mir denn ein Menſch auf der Welt, ſei er König oder Kaiſer, ſo viel gelten, daß ich ihm den Gefallen thäte, mich ſelbſtmörderiſch über ihn zu quälen? Auch darin biſt Du meine gelehrige Schülerin geweſen, Antonia, und darfſt mir dankbar ſein, denn die Schule iſt Dir ſichtlich wohl bekommen. Unſere Reiſe zur Stadt war wohl berechnet. Die Schlacht in der Nähe ſchien unvermeidlich; hieß die Herrſchaft im Dorfe verreiſet, blieb Thür und Fenſter⸗ laden feſt verſchloſſen, wurde der Anlauf durchziehender Militärs vermieden, der Marodeur abgehalten; die Sieger hatten nicht Zeit ſich aufzuhalten mit Thürerbrechen, die Flüchtigen noch weniger, und wäre der höchſtmögliche Unglücksfall einer Plünderung paſſirt, hätte ich uns doch den quälendſten Zuſtand des Stillhaltens und Zuſchauens erſpart. Lobeſt Du jetzt meine Weisheit?— Und dieſe Vorſtellung trugſt Du in der Seele, und konnteſt die arme Laura zurück laſſen? fragte die Edel⸗ frau vorwurfsvoll. Einer mußte bleiben, entgegnete Herr von Reeks gleichmüthig; konnten doch ſonſt die Domeſtiken ſelbſt die Plünderer ſpielen, und Pietro iſt zu alt, zu ſteif und blind zum Gouverneur. Lauretta iſt klug, umſichtig, und ſo unnütz und ſchädlich vielleicht ihre Geſellſchaft für uns in der Reſidenz geweſen, da ihre nette Figur nur die Aufmerkſamkeit der Lecker und Stutzer auf uns gezogen hätte, ſo nützlich konnte ſie hier werden im Noth⸗ fall; o ſo ein bärtiger Bramarbas von Huſarenoberſt wird zum Lämmchen, tritt ihm im Quartier eine ſolche Amathuſia entgegen. Ich kenne das.— Antonia umſchlang das Mädchen feſt und ſagte un⸗ willig: Deine Selbſtſucht macht mich zum erſten Male ſchaudern. Armes Täubchen, konnte ich Dich in ſolcher ungeahneten Gefahr laſſen?— Poſſen! lachte Herr von Reeks. Die Folgen ſtempeln jede That; glückliche Rebellen werden Helden der Menſchheit 318 genannt, unglückliche ſchleppt man zum Schaffot als Miſſethäter. Der Erfolg macht mich zum weiſen Manne; wir haben keine Sorge und Qual gehabt, und hier iſt Alles beim Alten, nicht einmal ein Seſſel von der ge⸗ wohnten Stelle gerückt. Dank ſei es dem Himmel!— Und doch möchte der Vater dieſes einzige Mal im Irrthum ſein, fiel jetzt Laura ſchüchtern ein. Gewalt iſt zwar uns nicht geſchehen, aber dem Hauſe. Der alte Pietro war ein ſchlechter, gebrechlicher Leib⸗ wächter, und der eingebrochene Feind ſchläft noch unter unſerm Dache.— Feind? fuhr der Hausherr empor, und Schreck und Zorn flog zugleich über ſein ſich röthendes Geſicht. Ein⸗ quartirung? Und man raportirte mir das nicht ohne Aufſchub?— Laura erzählte kurz und wahrhaft das Ereigniß, und die Herrin nickte wohlgefällig ihr zu, und, zu ihrem Manne gewendet, ſagte ſie dann mit milder Stimme: Ich hätte es wie ſie gemacht, Alcibiades. Ein junger, blutender Held des großen Titan, dazu ein verſchlagener, ſchiffbrüchiger Sohn der herrlichen Roma, o auch Du hätteſt ihm das ſchönſte Bett Deines Hauſes gegeben, und ſelbſt ſeine Wunden gewaſchen mit Deinem edelſten Wein.— Herr von Reeks ſtand da in ſichtlicher Verlegenheit, unſchlüſſig kämpfend, wie man ihn ſelten zu ſehen gewöhnt. Bös, bös! ſtieß er vor ſich heraus, indem er, ohne die Frauenzimmer anzuſehen, im Zimmer umher ging. Ein Franzos in meinem Hauſe und die Franzoſen ge⸗ ſchlagen! Kömmt's an den Tag, ſetzt das raſende Volk mir den rothen Hahn aufs Dach, und hätte man ihn ausliefern wollen, müßte es früher geſchehen ſein. Iſt 319 denn kein Mann ſo klug, daß ihn nicht Weiberwitz ins Verderben brächte?— Mann, fuhr Antonia heftig auf, Du könnteſt den Flüchtling der Bauernwuth übergeben wollen? Du, ein Verehrer Napoleons, ſeinen braven Krieger ſtoßen ins Verderben? Du, der Gatte einer Italienerin, den Rö⸗ mer morden? Nein, nein, das Gaſtrecht ſoll an meinem Herde nicht verletzt werden; der heilige Bonifaz ſchütze mich vor ſolcher Gräuelthat.— Nun, nun, murrte der Herr nachgiebig, wer denkt an ſo Böſes? Aber ſich ſelbſt ſoll man zuerſt bedenken, und recht iſt mir die Sache nicht, trotz Deiner italiſchen Poeſie. Ich habe mir aus dem reichen Lande das Schönſte mitgenommen, ſetzte er halb ſchmeichelnd, halb mürriſch hinzu, was es außerdem noch hat, mag es behalten, und das, was es mir noch ferner ſchenken wollte, iſt meinen Wünſchen völlig ſo fremd, wie ſeine Bravos und die unſaubern Betten ſeiner Gaſthäuſer.— Die ſchöne, ſchweigſame Laura ging jetzt zu ihm, leiſe und ſchleichend, und legte ihm, wie er da am Fenſter ſtand und in das Herbſtwetter hinausſah, ihren runden Arm um die Schultern. Sagte der caro Papa nicht vorhin, er könne ſich nicht ärgern? fragte ſie ſchelmiſch. Kein Menſch auf Erden würde dieſen Triumph feiern? Und nun wollte das Väterchen der armſeligen Laurette ohne ihr Wollen ſolch böſes Recht einräumen? Nein, Papa ärgert ſich nicht. Käme etwas Uebels heraus, wird's Laura vertreten, ſelbſt vor dem Könige, der ja als ein Muſter der chriſtlichen Barmherzigkeit geprieſen wird. Und, Väterchen, offen muß ich's bekennen, eine Haupturſache meines Mitleids für den armen Fremdling warſt Du ſelbſt, denn der ſchöne Unglückliche hat eine 320 auffallende Aehnlichkeit mit Dir, und mein ſchnelles Vor⸗ gefühl für ihn wird mir erſt klar, ſeit ich Dich wieder geſehen. Und den, der auch nur einen Zug vom Ant⸗ litze meines größten Wohlthäters trug, den hätte Laura in die kalte Nacht hinaus werfen ſollen, wie der eiſige Pietro rieth?— Der geſchmeichelte Hausherr wandte freundlich ſein Haupt und begegnete mit ſeinem Munde Laura's Kuſſe, welcher ihm mehr innere Empfindung zu wecken ſchien, als ein Pflegetochterkuß gewöhnlich thut und thun ſoll. Er murrte nicht weiter, und ſeine immer gleichmüthige Laune kehrte bald, doch berieth er ſich ſofort mit den Seinen über die Zukunft und ſtellte als Bedingniß der Verzeihung die größte Verheimlichung des Fremdlings feſt. Auf die wenigen Domeſtiken konnte man ſich ver⸗ laſſen, denn die milde Behandlung der Herrſchaft, das Wohlleben im Hauſe, banden ſie mit leichten aber feſten Ketten. Der Fremde ſollte als ein Gefangener leben in ſeinem Verſteck und nur vom alten Pietro bedient werden; Herr von Reeks wollte ihn nicht ſehen; Antonien und ſelbſt der Samariterin, der er ſein Leben ſchuldete, wurde ebenfalls der Zutritt ſtreng unterſagt. Der Kaiſer der Welt ſteht im Herzen Deutſchlands in Mitte ſeiner Legionen, und ſcheint in den Kampf gehen zu wollen mit allen Völkern zugleich, ſetzte zum Schluß der Befehlende hinzu. Die Sonne von Auſterlitz wird ihm nochmals aufgehen, und ſeine alte Freundin, die Göttin des Sieges, wird über ihn walten und der Welt zeigen, daß ſie ihren Liebling nur Prüfungen beſtehen ließ, ihn nur ein Weilchen in Nacht und Ungewißheit warf, um ihn deſto höher zu heben, deſto glänzender als den hinzuſtellen, dem Gott die Erde ſchenkte als ſein 321 Eigenthum. Und dann— nun, Laurettchen, wer weiß, welchen Nutzen und Ruhm uns alsdann Dein heimlich Geretteter bringen könnte; wenigſtens würde er die beſte Sauvegarde werden für unſer Schlößchen, wenn ſeine rächenden Kameraden zu uns herüber ſtreiften. Du biſt ein gar geſcheiter Mann, mio Caro, ſetzte Dame Antonia als Refrain zu ſeiner Hymne hinzu; und ich glaube feſt, wenn die Welt in Stücken ginge, und Dein Schlößchen allein verſchont bliebe, Du ſtimmteſt ein Luſtlied an, weil Niemand übrig geblieben, der Dich zu inkommodiren vermöchte.— Der arme Kranke verſpürte gar bald auf eine be⸗ trübende Weiſe die Folgen dieſes Familienrathes. Nur ſein einſilbiger Eliasrabe beſuchte ſein Verſteck. Die erſten Tage hielt er ſich ſtill, von der Hoffnung getröſtet, daß die nächſte Stunde ihm in Lauren die Freude wie⸗ derbringen würde, welche ihm Wundweh und Fieber, Ruhmdurſt und Kriegerehre vergeſſen gemacht. Es fiet ihm auf, daß ſein weißköpfiger Krankenwärter die Ein⸗ gangsthür feſt verſchloß und durch ein Tapetenpförtchen zu ihm kam; da der Alte jedoch ihm die Rückkehr des Hausbeſitzers und dieſe Maßregel als Befehl deſſelben, zur Sicherheit des Fremden gegeben, ankündigte, ſo achtete er weiter nicht darauf, und erwartete den Beſuch ſeines Wohlthäters. Er täuſchte ſich auch hier, die Stun⸗ den ſchlichen hin, die Tage verrannen, und ſeine Ein⸗ ſamkeit fing an ihm unerträglich zu werden. Ein eigenes Zartgefühl, von dem er ſich keine Rechenſchaft zu geben wußte, hatte ihn bis jetzt abgehalten, bei dem ernſten, mürriſchen Diener nach Lauren zu fragen, aber die Blumenhagen. II. 21 322 Qual, das reine, liebliche Antlitz ſeines Lebensengels, ſeiner Heiligen, denn ſo betrachtete ſie der ſchwärmeriſche Südländer, nicht mehr zu erblicken, wie verſtoßen zu ſein von ihr, ſiegte über ſeine Verſchloſſenheit, er glaubte ſie krank oder in die Ferne gereiſet ohne Abſchied, und ſo kam die Frage nach ihr über ſeine Lippen. Der Herr hat's verboten! war die lakoniſche Erwiderung des gleichmüthigen Dieners, und wie ein eiſiger Nord fuhr das Wort durch alle Gebeine des Mannes. Sie konnte dem unbarmherzigen Befehle Genüge leiſten, ſie konnte ihren Pflegling vergeſſen, da es ihr doch nicht ſchwer werden dürfte, unbeachtet zu ihm zu gelangen, wenn ſelbſt auch mit Pietro's Vorwiſſen?— So war alſo ihre Theilnahme nichts geweſen als ein flüchtiges Auf⸗ glühen, ihr herziges Wort zu ihm nichts als ein Kind der Langweile, ein Nothbedarf ihrer Einſamkeit; ihr ſprechender Feuerblick wann ſie kam, ihr ſanfter Hand⸗ druck wann ſie ſchied, nichts als eine weibliche Spielerei mit ihm? Er tobte auf, und der ſchroffe Gegenſatz ihres Benehmens machte ihm nun erſt klar, daß die Leiden⸗ ſchaft, vor welcher ihn ſein ernſtes Leben bis daher be⸗ hütet, jetzt als böſeſter Feind in ſein Herz gezogen und ſich mit ſeinem Schickſale verbunden, ſeine unglückliche Lage bis zur Unerträglichkeit zu ſteigern. Seine Jugend⸗ kraft hatte die drohende Gefahr beſeitigt, ſeine Wunden heilten, ſein Fieber war kaum merkbar mehr; fort von hier trieb ihn der finſtere Geiſt, der ſeit Laura's Ent⸗ fernung über ihn gekommen, und er bat Pietro, den Herrn zu ihm zu laden, damit er über die ſicherſte Weiſe ſeiner Abreiſe mit ihm zu Rathe ginge. Capitano muß ſich gedulden; wird jetzt nicht gehen; die ruſſiſche Re⸗ ſerve zieht vorbei, könnte Euch und uns Gefahr bringen! 323 — antwortete der Greis in ſeiner trockenen Manier. Aleſſandro wüthete gegen ſein Verhängniß. Er unter⸗ ſuchte ſeinen Kerker. Das Fenſter des kleinen Gemachs ging nach einem öden Nebenhofe, ein eiſernes Gitter ſicherte es von außen. Er prüfte die äußere Thür und das geheime Pförtchen, beide waren feſt verſchloſſen. So blieb ſein Wille gebunden, er war der Gefangene unbekannter, kaltſinniger, feindlicher Menſchen, von denen er nicht wußte, was ſie über ihn beſchloſſen haben könnten. Widriger als die Mönchszelle, worin der Knabe ſtreng gehalten, dünkte ihm jetzt ſein Aſyl, und der Entſchluß reifte in ihm, ſein Leben an ſeine Freiheit zu ſetzen. Er kleidete ſich völlig an, legte ſeinen blanken Säbel zur Hand und erwartete die Dämmerung, wo Pietro ihm die Abendkoſt zu bringen pflegte, entſchloſſen, den Alten zu überwältigen, zu binden, ja nöthigenfalls niederzuſtoßen, und auf dem geheimen Wege, der den Wärter zu ihm ließ, die Flucht zu ſuchen. Man hatte ihm Feuerzeug gelaſſen, ſelbſt bei früh einbrechender Nacht ſich Licht zu machen, doch ſein Vorhaben erfüllte ihn mit Empfindun⸗ gen, die das Dunkel gern hatten, ja er ärgerte ſich, daß der Mond gerade heute ſeinem Fenſter gegenüber ſtehen mußte, und die trüben veralteten Scheiben eine unſichere Helle durchließen. Vor keiner Schlacht hatte ſein Herz ſo gepocht wie jetzt, als er da ſaß und die Minuten zählte; und als ein Geräuſch die Grabesſtille unterbrach, der Horchende deutliche, hinter der Wand nahende Tritte vernahm, der äußere Riegel vorgeſchoben wurde, da rieſelte es kalt hin über ſeinen Rücken.— Der Alte hatte ihm wohlgethan.— Wenn er ſich nun zur Wehre ſetzte, ihn zum Aeußerſten zwang?— Aber er biß die Zähne zuſammen und faßte krampfhaft nach ſeiner Waffe. Das 324 Pförtchen öffnete ſich, man trat ein, doch ſein vortreten⸗ der Fuß blieb feſtgebannt, ſein ausgreifender Arm ſank erlahmt, denn ein weißes, ſchimmerndes Gewand leuchtete ihm ins glühende Auge, und das Mondlicht ließ ihn Laura's Geſtalt, Laura's Züge erkennen.— Eine kurze Pauſe trat ein, denn auch das Fräulein war erſtaunt, weil ſie ihren Kranken, den ſie noch im Bett geglaubt, im Waffenputz, in einer Fechterſtellung und ohne Licht vorfand. Da kam die Bewegung des vollen, aufgereg⸗ teſten Lebens in den Italiener. Mit wilder Heftigkeit nahete er ſich ihr, warf ſich vor ihr hin in die Knie und umfaßte ihren Körper mit dreiſten, ſie feſt heranziehenden Armen. Laura, mein Schutzgeiſt, meine Erlöſerin, Du biſt da, wirklich Du ſelbſt? ich habe Dich, ich halte Dich, und nun iſt Alles wieder gut, das Blut im heißen Ge⸗ hirn fließt wieder ſanft wie die ſommerliche Tiber, die Drachenbrut in mir krallt nicht mehr, der Blutdurſt iſt erloſchen; wie ein Kind liege ich vor Euch am Boden und bitte ab, Euch und dem Gotte der Barmherzigkeit, die Ungeduld, das Mißtrauen, die Knabenwuth, die wie Unkraut mein beſſeres Gefühl überwachſen, und will nun gern bleiben und Euer Gefangener ſein, da die Sonne meiner Seele wieder in meinen Kerker ſtrahlt. Laura's Ohr horchte Anfangs mit Vergnügen den Tönen, die ihr ſo neu wie angenehm erklangen, aber bald ängſtlich werdend durch die wachſende Heftigkeit ſeiner Worte, fiel ſie ein und ſagte unruhig: Ihr phan⸗ taſirt im Fieber, Kapitän! Laßt mich frei, laßt mich Licht machen!— Sogleich löſeten ſich Aleſſandro's Arme, er ſprang auf und trat einen Schritt von der Jungfrau zurück.— 325 Fürchtet nichts, angebetete Signora, erwiderte er ernſt und mit erzwungener Ruhe; wahre Liebe iſt der Achtung Kind und ſelbſt der ſtrengſte Wächter weiblicher Ehre. O laßt das Licht; die vertrauliche Luna zeigt mir Euer Bild ſo geiſtig ſchön, ſo ſilbern verſchleiert, wie ich es ſah in den Träumen dieſer endloſen Tage. Ich fühle mich geneſen, ſeit Ihr wieder vor mir ſtehet. Aber, grauſame Armida, wie konnteſt Du auf den wun⸗ den Rinaldo Deine ſchärfſte Waffe zücken, da er ohn⸗ mächtig lag und ohne Wehr? Laura, wie konntet Ihr mich verlaſſen, da Ihr wußtet, daß Ihr mir ſo unent⸗ behrlich geworden wie das Licht der Blume, wie der Gottesodem jeder Menſchenbruſt? O was hätte aus mir werden können, was hätte ich thun können, hätte Euer Mitleid Euch wenige Stunden ſpäter an mich erinnert?— Mit der glühenden Beredſamkeit ſchilderte er ihr jetzt ſeinen Zuſtand in den letzten Tagen, ſprach ohne Scheu in der harmoniſchen Sprache ſeiner Heimath ſein Gefühl aus, ſeine Sehnſucht, ſein Weh, und erzählte ihr zuletzt ſeinen Entſchluß und ſeine gewaltthätige Abſicht auf den alten Pietro. Unbeſonnener, wilder Menſch! fuhr ſie auf;z in welche furchtbare Lage hättet Ihr gerade jetzt Euch und uns geſtürzt. Ein ruſſiſches Reſervekorps trifft noch heute ein; der Commandeur wird in unſerm Hauſe Quartier nehmen. Ich ſelbſt mußte darum Euch warnen, Euch ſehen vorher, trotz des Verbotes meines Pflegevaters; eine innere Angſt zwang mich, und ein Geſchäft im Dorfe, das den Pietro eben entfernt hielt, bot mir die günſtige, flüchtige Gelegenheit. Um Euretwillen, um uns, um mich ſelbſt beſchwöre ich Euch, legt Eurem heftigen Gemüth Feſſeln an, ſeid nicht undankbar gegen 326 die, welche Euch wohl wollen. Ihr ſollt oft von mir hören, ich ſelbſt werde kommen, oder ein Zettelchen unter Eurer Schüſſel wird Euch Botſchaft geben, nur um Ge⸗ duld bittet Euch eine Freundin, die jeden Abend für Euch betet, und dem Himmel vertrauet, der dieſe Verwirrung löſen wird uns allen zum Heil.— Die ſchöne Sprecherin hatte ſich bei dieſer Beſchwö⸗ rung ihm genähert, ja ſeine Hand ergriffen. Feſt hielt der Mann dieſe weiche Hand und legte ſeinen Arm ſanft um des herrlichen Mädchens Wuchs. Warum beſchwöret mich Laura ſo ängſtlich und ſchwer? fragte er mit milder Stimme. Mein Daſein iſt ein auf Euren Pfad geworfenes Lorbeerblatt, geſegnet, wenn der Fuß der Königin es zertritt. Ich bin ein Kind vor Euch, und Euer Athemzug kann mir Befehle geben. Und Laura — o werft dieſe Blütenkrone in mein Dornenfeld!— Laura, nicht wahr, auch Ihr entbehrtet mich, auch Eure Seele rang nach mir, lebte bei mir, öfter als im Abend⸗ gebet, immer und immer? Gottes Hand führte mich aus Rom, daß ich im kalten Norden die Zwillingsſeele fände, die heſperiſche Goldfrucht, die man gewaltſam meiner Heimath entführt, daß ich ſie zurücktrüge, glücklicher als der Götterſohn Herakles. Gottes Hand warf mich aus der Schlacht gerade hin vor Eure Füße. O er iſt dabei wenn Sperlinge fallen; ſollte dieſes ſeltſame Finden zweier verſtoßener Kinder Italiens nicht Plan ſeiner Vaterweisheit geweſen ſein? Laura, meine Laura, ja ich fühl's an dem Zittern Eurer Hand, mein Gedanke begegnet dem Eurigen, mein Gefühl dem Eurigen! War⸗ um wäret Ihr ſonſt gekommen, was hätte Euch der Fremdling gekümmert? Wußtet Ihr ihn doch gepfleg und geſpeiſet und im ſichern Verſteck! O Laura, nenne 327 Dich mein, und ich bin ein Gott in meinem Kerker, und tauſchte ihn nicht, wenn der große Kaiſer mich riefe zu ſeinem Marſchallsſtabe! O ſprich das eine Wort: Du weißt, was es mir gelten muß; iſt es doch Stern in meiner Nacht, Balſam meiner Wunde, Lebenstroſt bis zum Grabe. Und feſter hielt er das Mädchen umfaßt, und ſie fühlte ſein hochpochendes Herz an ihrer vollen Bruſt, fühlte ſeinen brennenden Mund auf ihren zart geſchwellten Lippen, und wehrte nicht, und erwiderte, was er nahm und gab. O was habt Ihr aus mir gemacht, Aleſſandro! ſeufzte ſie dann, ſich gewaltſam zuſammen nehmend.— Haſt Du keinen andern Ton für mich, Laura, keinen herzigern Klang tief aus der Seele heraus? ſtammelte er ſchwerathmend.— Lebe wohl, mein Aleſſandro! rief ſie da, ſich ſchnell aus den Schlingen ſeiner Umarmung löſend. Die Zeit iſt um! Verſchwiegenheit und Vertrauen!— Er haſchte nach ihr, aber fort war ſie durch das Pförtchen, und er hörte nur den Riegel fallen und das Rauſchen ihres Gewandes noch hoch hinauf im dunkeln Geheimgange. Beide Hände drückte er gegen ſeine Bruſt, den Sturm in ihr zu bezwingen, und warf ſich dann erſchöpft auf ſein Lager. Wie hatte die kurze Minute ſein Leben und ihn verwandelt! Aus einem Verzweifelnden war ein Se⸗ liger geworden; Hölle hatte mit Himmel gewechſelt, und welch ein reiner, wolkenloſer Himmel! Nur an einen⸗ Moment ſeines Lebens erinnerte er ſich, der ihm ähn⸗ lichen Wechſel gebracht. Damals, als er in Ruſſias Schnee⸗ feldern die langen Tage wüthenden Kampfes gegen den erbarmungsloſen Feind, die längeren Nächte gräßlicher 328 Erſchöpfung und furchtbarer Entbehrung mitgemacht, als er in der heiligen Schaar mit dem Feldherrn an der Bereſina ſich durchgeſchlagen durch die eigenen Kamera⸗ den, als er, die entſetzliche Brücke hinter ſich, zum erſten Male unter einem ſichern Dache in ein warmes Bett ſich hingeſtreckt,— da hatte ähnliche Wolluſt ſeine Seele erhoben; doch damals hatte ſie ihn nur körperlich berührt, jetzt war ſein ganzes Weſen, Leib und Seele gleich von ihr entzückt und beſeliget worden. Allen jenen Hochträu⸗ men jugendlicher erſter Liebe gab er ſich hin; Zeit, Ort, Stand, alle Lebensverhältniſſe ſanken in die Nebel der Vergangenheit, Laura ſein, Laura an ſeiner Bruſt, blieb ſein feſter unlöſchlicher Gedanke, ein erobertes König⸗ reich hätte ihn nicht ſtolzer, nicht glücklicher gemacht. Und ſolche Minuten ſind ja die zeugenden Triumphſäulen jener Leidenſchaft, welche vom erſten Menſchen bis zum letzten die Herrſcherin der Erdenkinder genannt werden wird. Kaiſer und Helden, Weltbezwinger und Prieſter der Weis⸗ heit ſind ihr unterthan geweſen, ihr, deren olympiſcher Donnerkeil ein Blick des ſanfteſten Auges iſt, und die zu Feſſeln des trotzigſten Mannes die zarteſten Finger des ſchwächſten Weſens gebraucht. Pietro trat ein mit dem Speiſekorbe, entzündete ver⸗ wundert die Kerze, fragte beſorgt um den Kranken, erhielt aber nur lakoniſche Antworten. Widerwärtig erſcheint ja nach dem erſten Kuſſe dem Glücklichen Alles, was die ſüßeſte Nachempfindung ſtört, und der Körper verliert ſeine Herrſchaft, und jeder irdiſche Genuß ſcheint ent⸗ behrlich für immerdar. Beglückende unbezahlbare Mo⸗ mente! Schwebten ſie nur über uns auf unermüdlichen Adlerflügeln und nicht auf gebrechlichen Schmetterlings⸗ fittichen, deren Kraft eine kalte Nacht ertödtet!— Laura's Botſchaft hatte Wahrheit verkündet. Ein ruſſiſches Corps quartirte ſich ein in das Dorf, und Ge⸗ neral Solomka nahm Beſitz von den beſten Zimmern im Hauſe des Herrn von Reeks. Die Frauen ſchauderten, als ſie den nordiſchen, in Schlachten früh gealterten Kriegsmann eintreten ſahen, mit dem graugemiſchten wilden Bart, dem von Narben zerfetzten Antlitz, wie er herriſch auftrat, und die feſte muskelvolle, über gewöhn⸗ liche Mannesgröße herausragende Geſtalt und die kleinen blitzenden Augen jedem Widerſtreben Verderben zu dräuen ſchienen. Der General grüßte nachläſſig die Frauen, firirte mit einem langen Blick den Hausherrn, fragte nach ſeinem Quartiere, und ließ ſich Glühwein und ein frugales Nachteſſen hinaufbeſtellen. Bisher hatten des Edelmanns ſelbſtſüchtige Maßregeln, bei denen er kein Geld ſchonte, weil es ſeine Bequemlichkeit galt, jede be⸗ läſtigende Einquartirung abgehalten, da das Dorf fern von der gewöhnlichen Militärſtraße lag. Deſto größer wurde die Beunruhigung aller Hausgenoſſen durch das ungewohnte Getreibe im Hauſe, und die Galanterie der ritterlichen Adjutanten konnte den Frauen die geheimen Schauder nicht vertreiben, als der Tag die neuen Gäſte beleuchtete. Das eingerückte Corps gehörte zu der letzten Verſtärkung, welche Benningſen dem Hauptheere nach⸗ führte. Es befanden ſich unter ihnen die Mannſchaften des öſtlichen Aſiens, die rohen Söhne der tartariſchen Stämme von China's Grenzen, Geſtalten, die in ihren rauhen Thierfellen und in ihrer nomadiſchen Bewaffnung und mit ihren bocksbärtigen, entmenſchten Geſichtern kaum der Jetztzeit anzugehören ſchienen. Das Entſetzen der Dörfler wuchs, als der ſtrenge General am nächſten Morgen ſofort einige der Baſchkiren, welche auf dem 330 Marſche bei Plünderung und Mißhandlung der Land⸗ leute betroffen worden, ohne Gnade an eine alte Weide aufknüpfen ließ, und ein halbes Dutzend ſeiner Füſeliere auf dem Reekiſchen Hofe eine unbarmherzige Züchtigung wegen ähnlicher Disciplinarſünden erdulden mußten. Herr von Reeks trippelte unruhig im Hauſe umher, bleich wie ein Geſpenſt, mit ſcheuen Augen, und flüſterte jedem der Seinen zu: Muth, Kinder! Es iſt ein Ueber⸗ gang. Vier Tage iſt keine Ewigkeit! Thut ihnen nur Alles zu Willen; beſſer die Haut hingegeben als den Leib! Mit Furcht kamen die Damen zur Mittagstafel entfernten ſich ſobald es die Schicklichkeit erlaubte, und nachdem der General auch ſeine Offiziere mit neuen Or⸗ dern fortgeſendet, befand ſich der Wirth mit dem furcht⸗ baren ungebetenen Gaſte, dem der feurige Oportowein immer beſſer zu munden ſchien, in peinlicher Lage allein. Mit Befremden bemerkte Herr von Reeks jedoch, daß ſein Geſellſchafter, ſobald er die Offiziere wie die Die⸗ nerſchaft entfernt ſah, in ſeinem Weſen und Ton eine auffallende Aenderung vornahm, und aus jenem die ſteife und befehleriſche Kriegerhaltung, aus dieſem alles Barſche und Abſtoßende verſchwunden waren. General Solomka ſchenkte die Becher voll, ſeine Augen glimmten ſo freund⸗ lich als möglich, ſein aufgeworfener Mund verzog ſich zu einem wirklichen Lächeln, und das Glas hebend und gegen das des Wirthes anſtoßend, rief er mit jugend⸗ licher Munterkeit: Unſere alten ſchönen Zeiten und die herrlichen Römerinnen! Stoß an, Du graugewordener Alcibiades, Du Sieger über alle Herzen!— Herr von Reeks ſtieß ſchüchtern an, ſchauete aber zugleich mit offe⸗ nem Munde in das Geſicht ſeines Mittrinkers, das ſich aus der Höllenlarve eines finſtern Attila in das Antlitz 331 eines muthwilligen Anakreons verwandelt zu haben ſchien. Staunſt Du, grauer Schwan? fragte der General, nach⸗ dem er das Glas bis zur Nagelprobe geleert. Der ver⸗ teufelte Schlachtengott muß doch mein Antlitz barbariſch mitgenommen haben, daß ein alter Genoß in Venere et Baccho keinen Zug mehr an Ort und Stelle findet. Fuimus Troes! Fuit lium, wo wir Abends unter den Balkonen in der Strada felice klimperten, oder uns in der Nacht mit den römiſchen Krautjunkern rauften. Du hießeſt freilich damals Baron von Grilling, und ich nannte mich Staroſt Watzelwick. Ohne Abrede hatten wir Beide dieſelbe Vorſicht gebraucht, denn die Urſachen, warum Unſersgleichen die ſchöne Italia beſuchten, for⸗ derten ſolche klügliche Maßregel, im Fall einmal böſe Dämonen das wagige Spiel verdarben; doch Dich er⸗ kannte ich, wenn auch ein Viertel⸗Säkulum zwiſchen uns getreten, auf den erſten Blick, und ich ſchwieg nur aus Diskretion, weil ich nicht wiſſen konnte, wie weit Deine Damen in Deine frühere Geſchichte eingeweihet waren.— Paul von Watzelwick! ſtotterte der Hausherr. Wahr⸗ lich jetzt dämmert Dein Bild vor mir auf, immer lichter und lichter.— Darum die Masken herunter, die Hände ineinander! fuhr fröhlich Solomka fort. Wer weiß, wie bald meine Gebeine auf irgend einem Blachfelde bleichen, darum freut mich dieſe Stunde gar ſehr, und wir wollen ſie der Erinnerung weihen ohne Störung.— Der Erinnerung! flüſterte halblaut Herr von Reeks, indem er neu die Gläſer füllte, obgleich ich nur Deine Erinnerungen mit dem Trinkſpruche begrüßen ſollte, denn meine Gegenwart iſt mir mehr werth, als alle die tollen 332 Kreuz⸗ und OQuerzüge jener Zeit, ſetzte er gefaßter hinzu.— Laß mich nicht Dein Feind werden in der Erken⸗ nungsſtunde! fuhr der General auf. Bei des großen Peters Manen, ich hätte eigentlich noch ein böſes Stück mit Dir auszufechten. Denk an die ſchöne köſtliche Fio⸗ retta! hätteſt Du ihr Andenken ganz aus Deinem Herzen geworfen, ſo wäreſt Du nicht den Tropfen dieſes laben⸗ den Nektars werth, der hier am Boden meines Glaſes blinkt! Du wareſt der pfiffigſte Geſell unter uns Allen; indeß wir die ſchlanke Lilie uns geneigt zu machen ſuch⸗ ten durch Glanz und ritterlichen Prunk und üppiges Feſtgelag und heimliche Notturnos, ſchlich der Heuchler ſich frömmelnd und ſittig bei der Mutter ein, langweilte ſich unermüdet mit der gutmüthigen Schwätzerin, und ſchnappte uns ſo den ſchönen Biſſen dicht vor dem Munde fort.— Alcibiades, fügte er dann ernſter hinzu, und ſtrich ſich den dicken Knebelbart, Du ſpielteſt damals dennoch ein gefährlich Spiel. Ich hatte die ſchöne renn⸗ thieräugige Fiorette wahrhaft geliebt, nicht mit den Sinnen allein, ſondern ſo recht aus der Seele heraus. Meine Piſtolen waren ſchon für Dich geladen, und nur als ich hörte, daß Du, Epikuräer, gegen alles Ver⸗ muthen redlichen Ernſt gemacht, und das Mädchen zum Altare geführt, da ſchoß ich, ihr Glück wünſchend, meine Piſtolen in die Luft, beſtellte die Maulthiere, und zog zurück zu meinem Nordlande. Doch meine nicht, daß ich ſie bald vergeſſen in dem bunten Freudenjubel der Kaiſerſtadt. Sie war zu lieb, zu gut. Mehre Jahre lang mußte mir mein römiſcher Wirth Bericht erſtatten. Sie hatte Dich beſchenkt mit zwei Knaben und einem Mägdlein, ihr lebtet in guter Ehe, und ſo dachte ich— 333 Baſta! Wohl bekomm's ihm und ihr! und marſchirte mit meinem Regimente an die perſiſche Grenze. Aber wie iſt's geworden mit ihr, wo ſind Deine Kinder? Du haſt eine andre Gattin; ſo ſchläft ſie unter dem Raſen⸗ hügel, das weiche Herz ſo weich und kindlich wie Sam⸗ metmoos?— Herr von Reeks ſtützte den Kopf, und ſah düſter in den Becher. Sie iſt todt, Alles todt. Die böſen Fieber rafften ſie hin in wenigen Monaten! ſprach er leiſe, wie in ſich hinein.— Sanfte Ruh und fröhlich Wiederſehen! erwiderte der Ruſſe in demſelben Tone. Sieht ſie von oben herab, ſo kennt ſie uns jetzt, und weiß, daß in dem rauhen Pelze des Nordländers, den ſie oft wie einen tollen Bär mit Scheu betrachtete, ein ehrliches, ſie hochachtendes Herz ſchlug.— Und Du wurdeſt wieder der Alte! ſetzte er nach einer Pauſe heiterer hinzu. Du dachteſt an dich, warfſt den Trauerflor in den Tiberſtrom, und ſuchteſt Dir ein an⸗ deres Lieb und ein ander Elyſium. Höchſt vernünftig und zu preiſen iſt der, welchen die Natur mit ſolch kur⸗ zem Gedächtniß beſchenkte. Je älter man wird, je mehr ſcheint uns die Welt ein großes Narrenhaus, wo der ſich am beſten befindet, der als der klügſte Narr die Narrheiten der übrigen für ſich zu nutzen verſteht. Du haſt es verſtanden und ich gratulire. Dein Weibchen iſt eine üppige volle Roſe; Deinem Hauſe fehlt keine Be⸗ quemlichkeit, und hacken dieſes Mal die drei ſchwarzen Adler dem gelben Geier die Augen aus, und erfechten der Welt den erſehnten Frieden, ſo biſt du ſicher, bis an Dein ſelig Ende in dieſem verſteckten Neſte Deiner alten 334 Göttin, der Gegenwart, noch manches Speiſe⸗ und Trankopfer zu bringen.— Dein Spott iſt zu gutmüthig, um mich zu treffen, unterbrach der Hausherr den redſeligen Soldaten, in welchem der Wein zu ſpuken begann; und wer lebt mehr in der Gegenwart und nimmt ſich Alles heute vorweg, ohne Sorge um worgen, als gerade das Kriegsvolk, unter dem Du ein Großer geworden? Wir wollen leben wir und unſer Heute! Wer weiß, ob morgen noch irgend Jemand der Mühe werth hält, nach unſerm Namen zu fragen.— Die beiden Zecher ließen die Gläſer klingen, indeß verfehlte Herr von Reeks ſeinen Zweck, den Gene⸗ ral von einem ihn ſichtlich peinlichen Zwieſprach abzu⸗ lenken. Kaum hatte der friſche Trank den gewaltigen Schnautzbart paſſirt, ſo war der ſtörrige Inquiſitor auch wiederum in dem alten Geleiſe.— Unſere Namen! holte er mechaniſch nach, was iſt auch ſo ein Name, den der Zufall erſchuf, wenn nur unſere Thaten nach uns zu leben verdienen? Verdammt, daß die Geſchichte unſerer Zeit der wahrhaft großen Namen ſo viele aufzuzeichnen findet, daß für uns kleine Lichter kein Plätzchen auf ihrer Tafel übrig bleibt. So⸗ lomka klingt wohl, und ſo lange ruſſiſche Männer den Namen trugen, hängt unbefleckte Ehre daran. Doch die Fortuna war, was mich betrifft, dem wohllautenden Na⸗ men nicht günſtig. Bei Auſterlitz traf mich eine Kugel, und ließ mich Gefangener werden. Bei Moſaisk hieben Mürats verzweifelnde Reiter mich mitten in meinem Siegesfluge zuſammen, daß man lange Mühe hatte mich wieder zum menſchlichen Bilde zurecht zu flicken; und zum Schmerzenslohn dafür commandire ich jetzt die Re⸗ ſerve als kaum Geneſener, und indeß vielleicht ein 335 Glücklicherer den berüchtigten Welteroberer ſelbſt ſich zum ewigen Ruhme vom Schimmel wirft, muß ich mich ab⸗ quälen, die thieriſche Tartarenhorde mit dem Kantſchu zu bändigen.— Träume nicht ſchwarz, Paul, fiel der Edelmann ſpöt⸗ tiſch ein; der, den Du werfen möchteſt, iſt ſtichfeſt; den wirft und fängt Niemand, weder Du noch ein Glück⸗ licherer. Die Sonne von Auſterlitz kann ſich dunkeln, aber nie untergehen.— Ei! Ei! rief der General, und faßte mit ſeinem Blitzauge den Erſchreckenden feſt. So ſpricht ein Deutſch⸗ mann vom Verderben ſeines Volkes? Höre, jetzt fällt mir bei, daß ich in Mähren zufällig vom Herrn von Grilling hörte, er habe um ſeiner Anhänglichkeit an den Frankenkaiſer willen die öſterreichiſchen Staaten mit dem Rücken anſehen müſſen. Wie heißt Du denn eigentlich vom Vater her, Grilling oder Reeks? Der alte Freund muß doch wiſſen, welches Maske iſt, welches Geſicht iſt am Freunde.— Grilling hieß mein Vater, Reeks iſt das Geſchlecht meiner Mutter; antwortete der Edelmann mit finſterm Geſicht. Jugendliche Unbeſonnenheit, welche das Wort nicht wägt, verwickelte mich in die elende Geſchichte, welche die Klatſchſucht der Zeit als wichtig ausſchrie. Wäre Hochverrath dabei geweſen, würde man mir nicht Raum gegeben haben, meine ſchönen Güter in Münze zu wandeln und mich in einem andern Lande anzufiedeln, wo mir's beſſer gefiel.— Glaub's, glaub's Dir auf's Wort! lachte der Ruſſe. Deinesgleichen ſind ſchlecht zu gebrauchen bei einer Con⸗ ſpiration oder dergleichen halsbrechenden Anſchlägen. Du liebteſt immer Dich ſelbſt vor Allen, und die Egoiſten 336 waren immer die friedlichſten und ruhigſten Bürger, wenn man ihnen nur den Suppennapf und das weiche Bett nicht nahm, und ihre Haut nicht verſengte.— Herr von Reeks, durch den Wein erhitzt wie ſein Geſellſchafter, machte Miene, den derben Spott ernſthaf⸗ ter als bisher abzuſchlagen, doch man verlangte draußen nach dem General, und Solomka ſchlug, indem er ſchwer⸗ fällig ſich erhob, den Freund kräftig auf die Schulter und ſprach herzlich dazu: Nichts übel genommen, Du glücklicher Alcibiades! Du kannſt nun Sieſta halten bei Deiner trauten Aſpaſia; mich plagt der Dienſt bis die Knochen brechen. Dank für fröhliche Bewirthung und die ſchöne Erinnerungsſtunde. Abends plaudern wir wie⸗ der von der Strada felice und der lieben Fioretta.— Er ging, und Herr von Reeks blieb in tiefen Ge⸗ danken an der leeren Tafel ſitzend zurück. Der Rapport, welchen ein Koſakenoffizier dem Ge⸗ nerale gebracht, regte bald darauf die ganze Hausge⸗ noſſenſchaft an, und wirkte auf Einige derſelben gleich einem Blitzſtrahle, der aus blauem Himmel zuckt. In einer der ſchlechteſten Hütten des Dorfes hatten die Sol⸗ daten ein elegantes Pferdegezeug gefunden, welches einem Offizier des franzöſiſchen Heeres zugehört haben mußte. Der Bauer wollte es ſammt dem todten Roſſe auf dem Acker getroffen haben. Später kam ein Baſchkiren⸗Pulk dem Haupteorps nachgezogen, und da das Dorf völlig belegt war, quartirten ſich einige von dieſen Söhnen der Steppe auf eigene Fauſt in den Stall deſſelben Bauern⸗ hauſes, wühlten ſich, nach Nomadenſitte, tief in den Heu⸗ vorrath, und fanden dort einen Mantelſack, der nach ————— —„ 337 ſeinem Schnallenwerke jenem Pferdegeſchirr zuzugehören ſchien. Der Koſakenoffizier glaubte einem Meuchelmorde, den das Bauernvolk an dem vornehmen Franzoſen began⸗ gen, auf der Spur zu ſein, und im ritterlichen Edel⸗ muthe, der bei den unverdorbenen Naturkindern ſich oft neben der Wildheit findet, ließ er die Bauern binden und zuſammt den gefundenen Sachen zum Commandeur transportiren. Wie erſchracken Laura und Pietro und das ehrſame Hausherrnpaar, als ſie in den Gefangenen den Vater Schlick und ſeine Trude erkannten, als ſie vernahmen, daß das Mädchen ſich im Verhöre durch das Mährchen, welches ihr Aleſſandro für den Vater eingelernt, und das ſie auch hier anfangs verſuchte, ſogleich feſt ſprach, da der Mantelſack nicht hinein paßte; als ſie vernahmen, daß ſie vom Donnerworte des furchtbaren General er⸗ ſchüttert, den größten Theil der Wahrheit bekannt, ſogar von der feſtgeſetzten Abholung des Mantelſackes Erwäh⸗ nung gethan, ja bebend geſtanden, daß der Flüchtling den Weg zum Edelhofe eingeſchlagen. Der General ließ die Landleute zurück in ihre Hütte bringen und dort ſtreng bewachen, augenblicks darauf aber den Herrn von Reeks auf ſein Zimmer bitten. Mit innerem Erbeben hörte dieſer, den Pietro ſchon von dem drohenden Er⸗ eigniß in Kenntniß geſetzt, die Erzählung des aufgereg⸗ ten Kriegers an, und mußte ſich arg zuſammen nehmen, ſeine Faſſung zu behalten und den Unwiſſenden zu ſpielen. Wer heimlich einen Feind verbirgt, der zum Spion werden kann, oder noch Gefährlicheres im Rücken der Armee anzuſpinnen vermöchte, iſt mehr unſer Feind als der Gegner, welcher uns mit den Waffen in der Hand nach dem Leben trachtet; der Verberger iſt jedenfalls Blumenhagen. III. 22 338 dem ſtrengſten Kriegsgericht verfallen, und ſeine Strafe unabbittlich, denn es gilt das Glück des Feldzuges, wo die kleinſte Verrätherei oft ein ſchwer Gewicht in die Siegeswagſchale zu werfen vermag; ſo endete Solomka, heftig ſprechend, die ängſtliche Unterredung. Ich werde das ganze Dorf, auch Dein Haus genau durchſuchen laſſen müſſen, denn weit kann der Flüchtling nicht ge⸗ kommen ſein; die Dirne nannte ihn ſchwer bleſſirt, und er wollte dieſen Mantelſack abfordern laſſen. Doch Du darfſt nicht ſo verſtört dazu ſchauen, Alcibiades! ſetzte er freundlich hinzu, dem Edelmann die Hand drückend; wie könnte Dein Haus mein Verdacht treffen? Du biſt viel zu umſichtig, kennſt Welt und Krieg, und, verzeih das Wort, fürchteſt auch zuviel für Dich und kannſt Dich überall zu wenig vergeſſen, um eines Fremden willen Dein Lebensglück auf's Hazardſpiel zu ſetzen.— Du kennſt mich, Paul, faſt wie ich mich ſelbſt, er⸗ widerte Reeks, indem er krampfhaft haſtig den Handdruck erwiderte. Alterirt mich der beſondere Caſus, ſo iſt das nur aus Mitgefühl. Die Betheiligten arbeiteten oft bei mir im Taglohn, und hätte ein anderer Dörfler den Flüchtigen, den Verwundeten aus Mitleid oder von goldenen Verheißungen verführt, verborgen gehalten, müßte auch der uns dauern. Mein Haus mag durch⸗ ſucht werden; der alte Pietro mag alle Schlüſſel zuſam⸗ men bringen.— Ich habe hier meinen Sitz, antwortete der General; unter meinen Augen kann kein Verrath verſchleiert liegen. Empfiehl mich den Damen, und verſichere ſie, daß die Unterſuchung ihrer Geheimgemächer mit größter Deli⸗ kateſſe vorgenommen werden wird. Heute noch laſſe ich d. „—„—„ r †. F 8 S 8 5 339 das Dorf durchſuchen, morgen ſoll dies Haus daran kommen, hörſt Du, Freund Alcibiades, morgen.— Herr von Reeks verließ mit ſcheinbarem Gleichmuthe den ihm jetzt ſo ſchrecklichen Gaſt, aber im verſchloſſenen Zimmer der Frauen brach der innere Sturm ſeines Ge⸗ müthes an's Licht. Er wüthete gegen Alle, beſonders gegen die arme Laura, und wurde in ſeinem ſelbſtſüchti⸗ gen Zorne ſo hart, daß die milde Samariterin in heiße Thränen ausbrach und ſchluchzend ſich in dem fernſten Winkel des Zimmers verbarg. Er muß fort aus dem Hauſe, fort, ſobald der Abend dunkelt! tobte Herr von Reeks eifrig gegen Frau und vertrauten Diener. Mögen die Koſaken ihn ſpießen, die Jäger ihn jagen wie ein Wild; unter meinem Dache dulde ich ihn keine Nacht mehr. Iſt er draußen, wird er ja wohl ſo dankbar ſein, als Bezahlung der Pflege und guten Bewirthung ſein bisheriges Quartier zu ver⸗ ſchweigen. Was kümmert mich überhaupt der Menſch? Ich weiß nichts von ihm, ich habe ihn nicht geſehen, nicht gefüttert, und das Beſte wäre, ich ginge ſtracks zu dem wilden Bär und überlieferte ihm den Gefangenen und das unvorſichtige Ding dort zugleich, daß er ſie vor ein Kriegsgericht ſtellen könnte und mit ihr machen, was ihm beliebt.— Alcibiades, ſagte da Antonia mit faſt verächtlichem Tone, biſt Du ein Knabe, dem die Angſt vor der Ruthe den Kopf verrückte? Ich habe Dich ſchwach geſehen, aber ſo kindiſch ſchaue ich Dich nur mit Unwillen. Was geſchehen, iſt nicht zu ändern. Fort muß der arme Landsmann; aber wie das geſchehen ſoll und kann, am zuträglichſten für ihn und uns, das bedarf ruhiger Ueber⸗ legung, und wird nicht durch unnützen Wortſchwall und 340 Zorn ohne Grund erſchaffen. Es iſt für ein Weib der betrübendſte Anblick, einen Mann, den ſie liebt, von aller Männlichkeit entblößt zu ſehen.— Herr von Reeks verſtummte, biß die Lippen zuſam⸗ men und ſchritt im Zimmer auf und ab, mit dem alten Pietro gar beſondere Blicke wechſelnd. Ja, ſagte er dann auf einmal in völlig geändertem Tone, Du biſt ein ſcharfer, doch wahrhafter Kritikus, Antonia. Aber du haſt Recht, die ſchroffe Lage erfordert raſche Mittel, kalte Beſonnenheit. Den giftigen Schatz hinaus zu transportiren, möchte mißlich ſein, denn die nordiſchen Wächter laufen ab und zu bis in die Nacht hinein. Sieh in dem Weinkeller nach, Pietro, vielleicht findet ſich dort ein ſtilles Winkelchen für ihn. Morgen! ſagte der General. Einen verdammten, heimtückiſch⸗ freundſchaftlichen Accent legte er auf das: Morgen! Was geſchehen ſoll, muß dieſe Nacht geſchehen, und Antonia, Du ſollſt erfahren, daß ich ein Mann bin, und mich und Euch zu ſchützen vermag vor jedem einbrechen⸗ den Unheile.— Er ging mit Pietro, Laura aber ſprang aus ihrem Winkelchen auf mit todtblaſſem entſtelltem Antlitz und warf ſich wie eine Verfolgte an Antonia's Bruſt, die erſchreckt ſie zu beruhigen ſuchte, aber die Urſache ihres gxaltirten Zuſtandes vergebens zu erforſchen ſtrebte. Von allen Bewohnern des Schlößchens ſah gerade der, welcher durch die Bewegung in demſelben hätte am meiſten beunruhigt werden müſſen, mit dem größten Seelenfrieden der Nacht entgegen, ohne Ahnung, daß das nächſte Morgenroth über ſein Schickſal, über ſein ee— 341 Leben ſogar vielleicht entſchied. Aleſſandro hatte durch Lauras Fürſorge Bücher, ja ſelbſt Zeitungsblätter be⸗ kommen, und dieſe letztern waren ihm jetzt beſonders wrichtig, denn an ſeines Kaiſers Sieg hing ja auch ſeine en Erlöſung, der alte Glanz empfing ihn alsdann, und ſeine Ehre konnte er dann mit der ſo raſch, ſo ſeltſam m gewonnenen Lieblingin theilen. s, Der Alte brachte durch den geheimen Gang das rt Abendbrod, flüſterte ſcheu und empfahl die ſtrengſte tz Stille, frühes Schlafengehen, und ſetzte als Siegel auf ie ſeinen Rath das Gebot der Signora ſelbſt. Aleſſandro ht hörte kaum auf ſein leiſes Geſchwätz, denn ſeine Finger bt hatten unter der Schüſſel ſchon das feſtgeklebte Briefchen aufgefunden, und da Pietro ſich heute auffallend emſig ⸗ nmitt dem Aufräumen des Stübchens und dem Zuſam⸗ menpacken der umhergeworfenen Kleidungsſtücke zu thun d machte, ſo war das Zettelchen baldigſt gelöſet und heim⸗ d lich auf dem Herzen verborgen. Mit Haſt genoß der jee Mann ſei Mahl, nippte nur von dem Becher, klagte über Schmerz der Wunde, über Müdigkeit, be⸗ m merkte nicht die düſtern ſtarren Blicken, mit denen die d hohlen Augen des Greiſes auf ihm hafteten, und ſprang ie fröhlich auf, als der Wärter mit dem Geſchirr wieder daon geſchlichen. Die ſtille Einſamkeit entzückte ihn jetzt, ſo oft er ſie beklagt, Sie war ja heute bei ihm, Laura's Wort, ihre Seelenſprache; ein feſtes Pfand ihrer Liebe hielt er in den Hände, preßte es in unzähliger de Wiederholung an Herz und Lippe.— Mehre Male las m er, ehe ſeine erhitzten Augen Sinn aus der zarten Hand⸗ eſchrift zu finden vermochten. Laura ſchrieb Folgendes: 1—„Bebend und in Verzweiflungsnoth ſpreche ich zu in Dir, mein unglücklicher Freund!— Der Feind iſt auf 342 Deiner Spur; Du biſt verloren, findet Dich der nächſte Morgen noch unter dieſem Dache! und eine furchtbare Ahnung ſagt mir, nicht allein der grimmige Nordländer bedräuet Dich, nein! noch eine andere Gefahr ſchwebt über Dir, eine ſo entſetzliche, daß mein Mund ſie nicht auszuſprechen, meine Einbildungskraft ſie kaum nachzu⸗ bilden vermag. O Aleſſandro, dein Schickſal, mein Schickſal iſt grauſam, und womit verdienteſt Du ſeinen Zorn, womit ich dieſe unbeſchreibliche Seelenqual?— Aber nicht klagen, ſondern handeln ſoll die Liebe, und Laura wird des tapfern Mannes ſich werth zeigen. Bis Mitternacht zechen die Verfolger, dann feſſelt ſie der feſte Schlaf, und ſelbſt die Schildwache ſchnarcht— ich weiß es!— auf ihrem Mantel. Bleibe wach, mein Theurer; löſche das Licht und ſei bereit. Eine Stunde nach Mitternacht öffnet meine Hand die vordere Thür Deines Gefängniſſes, nachdem ich viermal leiſe geklopft. Folge mir dann ſtill und ohne Wort. Selbſt führt Dich die Geliebte durch eine Seitenpforte zum Garten. Im verſteckten Pavillon liegt ſchon bereit eine Bauerntracht, ein Paß für einen Boten, und was Du ſonſt zur Flucht bedarfſt. Der Gott der Barmherzigkeit wird Dich dann weiter ſchirmen auf den Wegen der Gefahr, die Du ein⸗ ſam, aber vom inbrünſtigen Gebet Deiner Laura um⸗ ſchwebt, betreten mußt. Mißglückt die Rettung, dann ſterben wir zuſammen. Laura liebt nur Einmal, aber ſo, wie man in unſerer Heimath liebt.“— Wie ein Steinbild ſaß der junge Italiener, als er geleſen, und immer las er wieder und trauete ſeinen Augen nicht. Fort ſollte er? So nahe die Scheideſtunde, der Abſchied vielleicht auf ewig? Sein Herz widerſtrebte, doch ſeine Phantaſie dachte an ſeine gefangenen Kameraden ———— — — — 343 in Sibiriens Eiswüſten, an die Reiſe zum lebendigen Tode, die ihm bevorſtand. Räthſel blieb ihm Laura's zweite Gefahr; doch beſchloß er, der Liebe gehorſam zu folgen, der heißen treuen Liebe, welche ſich in jedem Worte des Brieſchens ſo tröſtend für ihn ausſprach. Er kleidete ſich, wobei er mit Verwunderung bemerkte, daß der alte Pietro ſeinen Säbel, die einzige Waffe, welche ihm geblieben, tief unter ſeinen Mantel und ſeine Uni⸗ formſtücke verpackt hatte. Bald darauf löſchte er auch das Licht, und ſetzte ſich dann in einen Lehnſtuhl neben dem Fenſter, wo er am Tage ſeinen bequemen Platz zu haben pflegte, wenn er las oder auf die Töne und das Geräuſch der Außenwelt horchte und in ſeiner Entbeh⸗ rung ſo oft Vergnügen an dem fernen Geſange der Bauernknechte oder dem Klange kriegeriſcher Muſik der durchziehenden Heerhaufen gefunden hatte.— Die Stunden ſchlichen hin; trotz ſeiner Spannung erwehrte er ſich kaum des Schlafes und hatte doch nur vom Weine gekoſtet, weil Laura's Brief ſein Blut ſo hoch wallen gemacht. Der Todtenwurm pochte in der Wand; die flüchtige Maus nagte knaspernd im Fußboden. Es mußte bald Mitternacht ſein, da rief nahes Geräuſch ſeine Sinne wach. Aber das kam nicht heran von der Hausflur und der äußern Thür. Hinter dem geheimen Tapetenpfhrtchen regte ſich's und der Riegel wurde be⸗ hutſam fortgeſchoben, und ein leiſer Schritt tönte her⸗ einwärts. Aleſſandro wollte ſchon ſich erheben, Laura's Name trat ſchon auf ſeinen Mund, da gedachte er des Briefes, des Klopfens, ihres Gebotes, und lauſchend weilte er in hoher Spannung, den Ruf der Liebe er⸗ wartend. Der heimliche Beſucher verweilte einige Se⸗ kunden, dann ging er ſchnell zu dem Bett, und eine 344 kräftige Hand ſchien auf die Kiſſen zu ſchlagen. Wieder folgte eine Pauſe.— Er iſt hin!— Gott verzeih's! Ich konnte nicht anders! murmelte eine fremde tiefe, ſchaurigklingende Stimme, die des Italieners Herz ge⸗ frieren machte; dann tönten die Schritte zur vorderen Thür, mit ſicherer Hand ſchloß der Nachtwandler auf und ging hinaus, ohne die Thür wiederum hinter ſich zu ſchließen.— Was war das? War Laura's Plan entdeckt, vereitelt? Gewaltſam riß ſich Aleſſandro empor, faßte ſeinen Säbel und trat entſchloſſen, das Räthſel zu löſen, dem geſpenſtigen Beſuche in die Fußſtapfen; da hörte er den fernen Anruf der ruſſiſchen Schildwache auf der Flur, die Antwort einer andern dumpfen Stimme und beſonnen ging er zurück in ſein Zimmer und ver⸗ ſchloß die Thür durch den inneren Riegel. Mit unſicherer Hand machte er Licht, aber Entſetzen ergriff ſein ganzes Weſen, als er das Bett beleuchtete. Ein blankes Stillet ſtack in dem Kiſſen, und das zerriſſene Zeug verrieth, daß er zu dreien Malen den Mordſtoß dahin geführt, wo man ihn vom Schlaf gefeſſelt liegen geglaubt.— Wahrſagende Sibylle, rief er mit klangloſer Stimme, war das Dein Räthſel und Deine Ahnung? Sein Haar ſträubte ſich, kalt rieſelte es über ſeinen Nacken hinab. Meuchelmord! ſchrien geiſtige Stimmen ihm ins Ohr, und er riß den Dolch aus dem Bett und ſtürzte fort durch die offenſtehende Tapetenthür, willenlos weggeriſſen aus dem dräuenden Ort, ohne Bedacht, ohne Vorſatz, faſt ſo ſinnlos, als hätte er das Haupt der Gorgone erblickt. Im engen Gange, wo hinein er gerieth, traf er nach wenigen Fluchtſchritten auf eine Thür, die der Lage nach ins Freie führen mußte, aber verſchloſſen war. Von da — 2 N neeeeee 345 hatte der Gang ein Knie, und dieſer endete an einer ſchmalen Treppe, die aufwärts lief. Er flog hinan, eine neue Thür oben gab nach, er trat hindurch und ſchloß ſie hinter ſich. Wie ein Träumender ſtand er, nachdem er ſich umgeſehen. In der Mitte einer kleinen Kapelle befand er ſich, Kuppel und ſchlanke Säulen fehlten nicht, der Altar prangte himmelblau bekleidet, das Cruziſix ſchimmerte am heiligen Orte. Es hielt ihn feſt, es zog ihn mächtig, hinzuſtürzen, ſeine Knie zu beugen vor dem Heiligſten, hier ſeines Schickſals Ausgang zu erwarten; da däuchte ihm, Geräuſch zu hören hinter der Wand, durch die er gekommen, und der Inſtinkt der Selbſter⸗ haltung trieb ihn weiter. Ein großer Prunkſaal nahm ihn jetzt auf, der Blumenduft des Vaterlandes wehete ihn ſchmeichleriſch an, in antiken Vaſen blüheten Roſen und Jasmin und die Goldfrucht der Orange glühete im dunkelen Laube; weiche Teppiche machten ſeinen Eintritt unhörbar; Laura! rief er halblaut, denn es war ihm, als müßte ſie hier verweilen, da fiel ſein Blick an die Prachtwand, wo lebensgroße Bilder hingen, und er ſah ſein eigen Bild von der Wand herabſchauen, lächelnd und jugendlich in bürgerlicher eleganter Tracht. Seine Sinne verwirrten ſich immer mehr. Spott der Hölle ſchien ihn zu umdrängen, und weiter floh er in ein neues Gemach. Ein weicher Divan, mit rothem Atlas bezogen, hielt mitten im Zimmer ſeinen Schritt auf, und ermattet ſank er hinauf und ſchloß einen Augenblick die Augen. Als er ſie jetzt wieder öffnete und das Licht, welches er trug, zugleich in die Höhe hielt, erblickte er plötzlich ſich ſelbſt in unzähliger Wiederholung aus den blanken Spiegelwänden, die ihn umgaben, hervortretend. Mit neuem Entſetzen erſüllte ihn ſein bleiches Angeſicht, 1 3 3 346 das ihn geſpenſtig anſtarrte, wohin er ſich drehete; näher glaubte er wiederum die Verfolger zu hören, hier war kein Verſteck möglich, jede Wand verrieth ihn, ſo ſprang er zur Thür, doch kaum hatte er ſie aufgeriſſen, ſo löſchte der kalte Luftzug ſein Licht, der Leuchter entfiel ihm, und tiefes Dunkel hüllte ihn ein. Da kam die erſte Beſinnung zurück in ſeine Seele, er gedachte wieder des Briefes von ſeiner Laura, hinab wollte er, die Schildwacht niederſtoßen und das Freie, vielleicht den Garten, den Pavillon gewinnen. Vorwärts ſtürmte er dem Luftzuge folgend, der ihm die Steige vermuthen ließ, da rannte er heftig an einen feſten Gegenſtand, der dem Gewichte ſeines Körpers nachgab, eine Thür flog auf, mit Mühe hielt er ſich aufrecht, und fand ſich in einem Zimmer, welches hell erleuchtet und bewohnt erſchien.—— Der General Solomka ſaß allein in ſpäter Nacht⸗ ſtunde an ſeinem Tiſche, neben ihm lag geöffnet der gefundene Mantelſack und der Inhalt deſſelben war vor ihm ausgebreitet und ſchien ihn mit hohem Intereſſe er⸗ füllt zu haben, denn er ſtudirte emſig in den vorgefun⸗ denen Papieren. Das Erſchrecken gehörte eben nicht zu den Fehlern des alten Kriegsmannes, aber ſtutzig fuhr er empor bei dem Einbruche des unverhofften Störers und griff nach den naheliegenden Terzerolen. Und was er ſah, hätte auch den Bravſten in ſolcher Stunde mit Grauen erfüllen können. Nicht einem Lebenden, ſondern dem umgehenden Geſpenſte eines gefallenen Kriegers glich der junge Italiener mit ſeinem fahlen Todtengeſichte, mit der weißen Stirnbinde, die unter dem Helme hervor⸗ ſchimmerte, in dem dunkeln Kriegskleide und mit dem blanken Dolch in der Rechten. Schnell ſeine Faſſung 347 gewinnend und die Wahrheit errathend, trat der General einen Schritt zurück, und den Hahn des Gewehrs ſpan⸗ nend, rief er mit wilder Stimme: Meuchler, Du biſt viel zu langſam! Eine Bewegung noch und ich ſchieße Dich nieder! Nimm Pardon, oder Du wirſt unrettbar verloren ſein!— So wie die Worte, welche in franzöſiſcher Sprache geſprochen wurden, verklungen waren, hatte auch der Italiener ſeine völlige Faſſung wieder gewonnen. Kein Mörder, ſagte er mit ruhiger Haltung, indem er das Stillet fallen ließ, ein Verfolgter bin ich, der lieber ſich in Soldatenhand geben will, als von geheimen Feinden ſich ſchlachten laſſen, dem gebundenen Stiere gleich.— Wer ſeid Ihr? Euer Name? fragte der General, verwundert über die unverhoffte Anſprache.— Aleſſandro Stella, Kapitän bei dem erſten der Dra⸗ gons in des Kaiſers großer Armee! antwortete der Ita⸗ liener mit militäriſcher Haltung.— So iſt dieſes hier Euer Eigenthum, der Mantelſack, die Brieftaſche? fragte mit ſichtlicher Bewegung So⸗ lomka.— Aleſſandro trat raſch zum Tiſche und faßte ein Mi⸗ niaturbild, das der General gerade in Händen gehabt, als er eingetreten. O meine Mutter! rief er ſchmerzlich. So lange wareſt Du fern von meinem Herzen, und in Dir verlor ich meine Schutzheilige.— Fioretta Stella! ſprach der Ruſſe halblaut nach. Sie war ein ſchöner Stern am ſchönſten Himmel!— Sah Euch Jemand eintreten zu mir? fragte er dann wieder mit Haſt. Als aber der Kapitän verneinte, ging er eiligſt zur Thür, verriegelte ſie, und führte ſelbſt dann den ſtaunenden Jüngling zum Armſeſſel.— 348 Setzet Euch, trinket aus dem Glaſe da, ſagte der bärtige Mann mit freundlicher Milde und merklich inne⸗ rer Unruhe. Ihr ſcheint ermattet, ſeid verwundet. Stärket Euch und vertrauet mir. Wir müſſen ohne Aufſchub ge⸗ nau mit einander bekannt werden, und ſeid Ihr mein Gefangener geworden, möchtet Ihr Euch morgen viel⸗ leicht Glück dazu wünſchen.— Nachdem der Dragoner ſich erholt und erquickt, wobei ihm der ſo rauh ausſehende Ruſſe ſelbſt bediente und ihm den ſchweren Helm vom Haupte nahm, ſetzte ſich Solomka neben ihn und ſah ihn mit kindlicher Gut⸗ müthigkeit in das Angeſicht. Ich ſuche bekannte liebe Züge, ſagte er zu dem jungen Manne, deſſen Verwun⸗ derung mit jedem Augenblicke ſtieg, der ſich aber gern der Gegenwart hingab, da ſie ſo unerwartet freundlich ihm entgegen trat. Das große ſchwarze Feuerauge iſt von ihr und die freie weiße Stirn und das feine Kinn, ob gleich der kleine Bart bei Euch das Grübchen darin be⸗ deckt. Das Uebrige habt Ihr vom Vater.— So kanntet Ihr Beide? fuhr Aleſſandro auf.— Still, junger Freund, antwortete Solomka. Ein Gefangener hat nichts zu fragen, und Eure Geduld wird noch manche Probe beſtehen müſſen; doch verſpreche ich dem Gehorſam einen Lohn, den Ihr ſelbſt mit Eurer italieniſchen Phantaſie nicht erträumen möchtet. Jetzt erzählt mir offen und wahr, Alles, was mit Euch vor⸗ ging nach dem Treffen mit den Allürten bis zu dieſer Mitternacht.— Aleſſandro berichtete ohne Umſchweife, nur als er zu dem Briefe der ſchönen Laura kam, verwickelte er ſich, denn er verſuchte ſein Geheimniß zu umgehen und den alten Pietro in Laura's Stelle einzuſchieben.— 349 Halt da! rief der General ſogleich und ſchoß finſtere Blicke auf den ſtutzenden Jüngling. Da liegt eine Mine, die Ihr mir maskiren wollt. Ich kenne den Weißkopf von Rom her; er war der ſervilſte Knecht ſeines Herrn, Spion, Kuppler, Schildwacht, Bravo, wie es der Herr befahl. Beim Soanct Georg! Der Herr hätte Euch lie⸗ ber kalt gemacht, als in der Beförderung Eurer Flucht ſein eigen Leben auf's Spiel geſetzt, und der alte Knecht hätte nimmer gewagt, ohne ſeines Herrn Willen Euch aus dem Käfich zu helfen.— Vertrauet mir ganz, ſetzte er gütiger hinzu, ſchauet auf das Bild Eurer Mutter und denkt, ſie frage Euch durch meinen Mund. Und bei dem Gott der Schickſale, wenn Himmelsbürger einwir⸗ ten können auf das Loos ihrer zurückgelaſſenen Lieblinge, ſo hat Fioretta uns Beide eben ſo abenteuerlich zuſammen getrieben.— Aleſſandro fuhr zuſammen bei der erſten Hälfte der Anrede, aus der ihn ein prophetiſcher Geiſt anzuſprechen ſchien, der Schluß aber wirkte ſo allgewaltig auf ihn ein, die impoſante Geſtalt des alten Kriegers, ſein feſtes und doch ſo mildes Weſen ergriff ihn ſo unwiderſtehlich, daß er, wenn auch mit beklommener Bruſt, dem neuen Freunde nicht das Geringſte, auch Laura's Geſtändniß und ihr Geheimniß nicht verbarg. Der General las den Brief ſelbſt, und mit Feuer im Blick murmelte er: Italiſch Weiberblut! Auch im Nor⸗ den verläugnet ſich's nicht! Wacker Mädchen! Eine tüch⸗ tige Soldatenbraut!— Als aber der Erzählende den Nachtbeſuch ſchilderte, und der Dolch im Bette an die Reihe kam, da ſprang er in furchtbarer Erſchütterung vom Seſſel auf und ſein Antlitz erhielt eine entſtellende Wildheit. Scheuſal! rief er. Er ſelbſt oder ſein Diener, 350 einerlei, das Verbrechen iſt daſſelbe!— Gott iſt groß, und überall dabei, ſetzte er hinzu, indem er ſich wie ab⸗ geſpannt wiederum in den Stuhl fallen ließ; mitten im Gewühl des Krieges hat er mir ſein Richteramt aufer⸗ legt, und ich will richten in Liebe, verdiente auch der Sünder härtere Strafe, als ich ihm zu bereiten im Sinne habe.— Noch mußte ihm Aleſſandro ſeinen völligen früheren Lebenslauf erzählen, wobei der General ſehr nachdenkend wurde und oft den Kopf ſchüttelte.— Freund! ſprach er dann, zum erſten Male in ſeinem Leben thut Paul Solomka etwas, das nicht ganz mit ſeinem militäriſchen Pflichtbuche übereinkommen möchte. Aber er thut es an Fioretta's Sohne. Vieles liegt noch dunkel vor wir, was hell werden muß, und bis da bleibſt Du verſchwunden allen Lebenden, ſelbſt Deiner Laura, und biſt ein gehorſames Kind meines Willens; darauf Dein Ehrenwort!— Aleſſandro ſchlug ein in die dargebotene Hand, und der General zog ihn zu ſich und preßte ihn feſt an ſein Herz. O deine Mutter hätte doch vielleicht beſſer gethan, ſie wäre dem rauhen Nordländer in ſeine Eisfelder ge⸗ folgt! flüſterte er mit feuchten Augen, geleitete dann mit väterlicher Sorgfalt den Kapitän in die Kammer und ließ den Fiebernden das eigene Bett einnehmen. Er ſelbſt ſaß noch lange am Tiſche, bald das Miniaturge⸗ mälde betrachtend, bald in der Brieftaſche blätternd, welche Aleſſandro's Tagebuch und einige Briefe enthielt, die Aleſſandro, weil ſie von der Mutter geſchrieben, heimlich dem Schreibpult des Oheims in Rom entwandt hatte. Du ſollſt zufrieden ſein, murmelte er dazu, und — —————. u 351 ſollſt von oben freundlicher dem Paul zuwinken, als Du je hier unten auf dieſer Sündenwelt gethan.— Von den übrigen Hauptperſonen unſerer Erzählung hatten dreie die verhängnißvolle Nacht in noch bei wei⸗ tem größerer Aufregung zugebracht als die neuen Freunde, welche wir eben belauſchten. Herr von Reeks faßte wirklich in der ſelbſtſüchtigen Qual und Furcht vor der Entdeckung des feindlichen Saldaten in ſeinem Hauſe, den grauſamen Entſchluß, durch einen Mord ſich von dieſer Sorge zu befreien. Das Leben des Franzoſen war ja überdem verfallen; ob er hier ſtarb oder in Sibiriens Wüſten. Die Feigheit jedoch, welche meiſt mit dem Egvismus Hand in Hand geht, ließ den Herrn dieſen Liebesdienſt vom Knechte fordern, doch mit unge⸗ wohnter Hartnäckigkeit ſchützte Pietro ſein Alter und ſeine zitternde Hand vor, und da der Wärter ſeinem Gaſte einen Schlaftrunk in den Wein gemiſcht, da außerdem der Herr ſich ſein Opfer wundkrank und todtſchwach dachte, ſo ergriff er ſelbſt das römiſche Stilet, und voll⸗ zog ſeinen Vorſatz auf die erzählte Weiſe. Auf der un⸗ tern Hausflur ſollte ihn Pietro erwarten: Beide wollten dann vereint den Todten durch die geheime Thür zum Garten tragen, ihn dort einſcharren, und alle Spuren ſeines Daſeins vertilgen. Die Schildwacht war von Pietro tüchtig mit heißem Getränke bedient worden, je⸗ doch fand ſie der Edelmann noch wach, als er den Diener zu rufen über die Flur ging, und die Zögerung, welche dadurch entſtand, wurde der Flucht Aleſſandro's günſtig. Wie erfrorene Menſchenbilder ſtanden die beiden heim⸗ lichen Miſſethäter mit der Blendlaterne vor dem Bette 352 des Italieners. Das Lager erſchien unberührt; kein Blutfleck zeugte von der vermeintlichen That; keine Spur fand ſich von dem feindlichen Gaſte als ſein Säbel, der am Boden mitten im Zimmer lag. Die Männer der Nacht ſahen ſich an und entſetzten ſich Einer vor des Andern Sterbegeſicht. Mit klappernden Zähnen riß der Herr dem Alten die Blendlaterne aus der Hand, durch⸗ ſuchte das Zimmer, den geheimen Gang, den Vorplatz, die Gallerie; der Feind ſeiner Ruhe war verſchwunden, alle Thüren nach Außen fanden ſich feſt verſchloſſen. Wo⸗ hin war er gekommen? Wo hielt er ſich verborgen? Was konnte morgen daraus für Unheil hervorgehen, vorzüglich wenn der Mordanſchlag von ihm beachtet und verrathen wurde?— Herr von Reeks ſchüttelte ſich wie im Fieberfroſte, als er der Bauern gedachte, die er, wie Schlachtvieh geknebelt, von den Koſaken hatte zu dem grimmigen General treiben ſehen. Doch was konnten ſie thun, als Beide ſo ſtill als möglich ihre Ruheſtätten ſuchen, die jedoch Beiden heute dem heißen Marterbette des heiligen Laurentius zu ähneln ſchienen.— Aber eine Unſchuldige, die ſchöne Laura, theilte mit den nach Verdienſt gepeinigten Unmenſchen die arge Folter. Spät hatte ſie noch in der Hauskapelle gebetet, hatte ſich dann von der mütterlichen Herrin entfernt und auf ihrem Zimmer Börſe, Speiſeſack und den durch eine Dienerin auf einen Boten verſchafften Geleitsbrief zuſammen ge⸗ legt. Als ſie mit dem Hauptſchlüſſel ſich der Thüre des verſteckten Aufenthaltes ihres Geliebten näherte, ſah ſie dieſelbe bereits geöffnet und Lichtſchimmer innerhalb. Eine furchtbare Ahnung überfiel ihr Herz, ſie wäre beinahe zu Boden geſunken. Hinein wollte ſie, ihn ſchützen, ihn retten, aber ſie konnte nicht vorwärts, nicht zurück; ihre Glieder ſchienen von der Froſthand des Todes berührt. Da hörte ſie Stimmen und horchte in höchſter Spannung. Halt ein mit Suchen! ſagte der Edelmann; alle Mühe iſt umſonſt. Auch oben iſt er nicht, nicht in der Kapelle, nicht in dem rothen Saale. Ich durchſtörte jeden Winkel. An Zauberung könnte ich glauben, und daß er ſich un⸗ „ſichtbar gemacht und in ein Mäuſeloch gekrochen.— Viel⸗ leicht hat ihn der Schwarze geholt, antwortete Pietro's bebende Stimme. In dem franzöſiſchen Heere ſollen viele Gottesläſterer und Abtrünnige ſein, und ſolche haben meiſtens Verkehr mit der Hölle, die ſie ſtichfeſt und ſchußfrei macht.— Dummkopf! brummte der Herr. Mir nachgeſchlichen muß er ſein, als ich die Thür hinter mir unverſchloſſen ließ. Aber iſt er die ſchlafende Schild⸗ wache glücklich paſſirt, oder liegt er noch im Hauſe auf der Lauer und hat meine eigene Waffe mitgenommen, ſich an mir ſelbſt nach römiſcher Art zu rächen?— Er kann's nicht wagen! Setzte er doch ſelbſt ſein Leben ein! antwortete Pietro. Er wird hinaus ſein, und dann glückliche Reiſe! Hat er ſich ſelbſt auf die Beine gemacht, ſo ſpart er uns die Prozeſſion und den Stein auf's Ge⸗ wiſſen.— Das Geſpräch wurde jetzt unverſtändlich, und als die Männer ſich der Thür zu nähern ſchienen, huſchte die Jungfrau behutſam vor ihnen auf, ſah über das Geländer der Gallerie hinab, wie ſie, den Wohnzimmern des Hausherrn zu, mit eiligen Schritten durchs Dunkel eilten, und begab ſich, nachdem ſie noch eine Weile ge⸗ lauſcht, mit höchſt bewegtem Gemüth in ihr Kämmer⸗ lein. Was ſie dort empfand, wie ſie gequält ward durch die Ungewißheit über das Schickſal ihres Schützlings, wie ihre Phantaſie ihr die gräßlichſten Möglichkeiten vor⸗ malte, wie ſie mit offenen Augen unausgekleidet da lag Blumenhagen. III. 23 354 auf ihrem Bette, auffuhr bei jedem Geräuſch in Nähe und Ferne, Säbelgeklirr, Kampfgeräuſch, Todesröcheln zu vernehmen glaubte, kann nur ein Herz nachempfinden, das einmal in gleichem Maße um ein geliebtes Weſen zagte, kann nur eine Einbildungskraft nachzeichnen, welche ähnliche Schreckensträume in einer ähnlichen Nacht be⸗ reits einmal ſelbſt gebar.—— Allen genannten Perſonen kam der Tag erwünſcht, denn wenn das Morgenlicht ſich zeigt, iſt jedem gedrück⸗ ten Gemüthe die Laſt minder fühlbar, und dieſe Erfah⸗ rung ſollte uns glauben machen, während der Nacht hätten wirklich boshafte irdiſche Gnomen Gewalt über den Menſchen, über dieſes Zwitterweſen, welches mitten inne zwiſchen Erde und Himmel lebt, und dieſe hämiſchen Erdgeiſter ſchlüpften ſcheu in ihre Spelunken, ſobald der erſte Lichtſtrahl wie ein überirdiſcher Freund den ſchwachen Adamskindern zu Hülfe käme. Nachdem General Solomka früh wie immer die Rap⸗ porte ſeiner Offiziere empfangen, begab er ſich in vollem Kriegerſchmuck zu dem Zimmer der Edelfrau, wo er die Familie um dieſe Zeit verſammelt hoffte. Er irrte ſich nicht. Herr von Reeks hatte ſo eben mit dreiſter Stirn Antonien und ſeiner ſchönen Pflegetochter angezeigt, wie es ihm geglückt, die Flucht des franzöſiſchen Dragoners zu bewerkſtelligen, doch hatte ihn der feſte ſtrafende Blick der bleichen Laura mitten in ſeinem Mährchen faſt ſtocken gemacht. Als der General mit ernſtem Antlitz und ge⸗ runzelter Stirn eintrat, ſchlich Pietro ſich hinter ihm fort aus dem Zimmer. Solomka's Auge ruhete bei ſeinen entſchuldigenden Eingangsworten mit räthſelhaftem Aus⸗ drucke auf des Hausherrn Geſicht, was dieſen bis ins Innerſte erbeben machte, als aber der Ruſſe ſich alsdann zu den Damen wandte und auf Laura's Wangen die deutlichen Spuren der Jammernacht erkannte, verſchmolz ſein Ernſt zu eben der väterlichen Milde, die auf Aleſ⸗ ſandro ſo unwiderſtehlich gewirkt hatte. Freundlich be⸗ richtete der Krieger, daß die geſtrige Nachforſchung ohne Reſultat geblieben, daß er darum die Bauern freige⸗ laſſen, daß jetzt noch die Unterſuchung des Schlößchens nöthig, jedoch nur der Form wegen, da er überzeugt ſei, ſeine Adjutanten würden den Feind auch hier vergebens ſuchen. Der auffallende Accent, den er auf die letztere Aeußerung legte, befremdete Herrn von Reeks wie die ſchöne Laura, wenn auch Beide in verſchiedener Weiſe. Jener meinte Spott darin zu hören, dieſe bemerkte etwas Myſteriöſes in der ganzen Art, wie der graubärtige Sol⸗ dat ſich zeigte, und beachtete geſpannter ſein ferneres Benehmen. Der Edelmann nahm mit Haſt einen Brief vom Tiſche und präſentirte denſelben offen ſeinem Gaſte. Du biſt Herr in meinem Hauſe, Paul, ſagte er dazu mit nicht ganz feſter Stimme. Meine Antonia wird Dir alle Schlüſſel liefern, und mein Kammerdiener Dich in alle Zimmer des Hauſes begleiten. Mich ſelbſt ruft ein dringendes Geſchäft in die Hauptſtadt. Mein Geſchäfts⸗ führer daſelbſt ſchreibt hier von einem wunderbaren, mich betreffenden Rechtsfalle, welcher meine perſönliche Gegen⸗ wart erfordere. Er drängt mich zur ſchnellſten Reiſe, und da er nichts weiter von der Sache ſelbſt berichtet, ſo iſt die Neugierde zu entſchuldigen, die mich ohne Auf⸗ ſchub hintreibt, und mich bewog, die Reiſekaleſche bereits in Ordnung zu ſetzen.— Auf des Generals Geſicht zeigte ſich ein blitzgleiches Zucken, welches einen herriſchen Gegenbefehl erwarten ließ; doch mit Gedankenſchnelle änderte ſich ſein Mienen⸗ 356 ſpiel, und wie mit leichtem Spotte ſprach er gutmüthig lächelnd: Verläßt der Schäfer jetzt ſeine Lämmer, wird der Wolf ihn nicht halten. Aber kehre bald, Alcibiades, denn beim Sankt Georg! werde ich einen ganzen Tag lang gewohnt, mich als den Haushahn in Deinem ſchö⸗ nen Hofe zu betrachten, möchte die alte italiſche Glut in mir erwachen, und im lieben Beſitz ich dem Zurück⸗ kehrenden ſein eigen Thor verſchließen.— Herr von Reeks empfahl ſich mit erleichterter Bruſt ohne Zögerung; Signora Antonia ſuchte auf des Gene⸗ rals Bitte im Nebenzimmer die Schlüſſel zuſammen; der General aber näherte ſich der ſchönen Laura, die ſtumm am Fenſter geſeſſen, legte ſeine Hand auf den Seſſel ihres Stuhles, und flüſterte zu ihr hinabgebogen in italiſcher Mundart: Mein liebes Kind, auch für Euch habe ich eine gute Nachricht. Der Bote, den Ihr um Mitternacht fortſchicktet, hat den ſicherſten Ort erpeicht, um Euren Wünſchen Genüge zu thun. Sorget darum nicht um ihn, ſolltet Ihr auch einige Zeit nichts von ihm hören; Euer Gebet, das mit ihm zog, wurde zum Mi⸗ nervenſchild für ihn. Der alte Soldat liebt die tapfern Frauen, welche in Noth das Handeln dem Klagen vor⸗ ziehen, und hätte ich einen Sohn, Ihr müßtet meine Tochter werden. Laura's Herz ſtand ſtill bei den räthſelhaften und ihr doch nur zu verſtändlichen Worten, und faſſungslos ſuchte ſie nach einer Antwort; doch als ſie es wagte, den ge⸗ fürchteten Sprecher anzublicken, fand ſie ſein widerwär⸗ tiges häßliches Geſicht von einem ſo angenehmen Ausdruck belebt, daß ſie ſich zur Frage ermannte; Antonia trat ein, und der Finger, welchen der General bedeutungsvoll auf ſeinen Mund legte, tödtete das Wort auf ihren 357 Roſenlippen, doch fühlte ſie ein neues Leben in ihren Adern, fühlte das heiße Blut auf ihren Wangen, und machte ſich abgewandt an den Blumen auf dem Fenſter⸗ brett zu ſchaffen, um die Aufmerkſamkeit der Pflegemutter nicht zu erwecken, der ſie, bei allem Vertrauen zu ihr, doch in dieſer Angelegenheit nicht zu antworten gewußt. Herr von Reeks war abgefahren. Der General folgte geduldig in Begleitung eines ſeiner Offiziere dem alten Pietro durch alle Winkel und Gemächer des Schlößchens, durch die weitläufigen Böden und feſtgewölbten Keller, und vereitelte die unverkennbare Abſicht des alten Fuch⸗ ſes, ihn zu ermüden. Als ſie ganz zuletzt an dem Zimmer ſtanden, welches ſich Solomka aus Aleſſandro's Erzäh⸗ lung wohl gemerkt, ſandte der General den Offizier mit einem Auftrage fort, und trat mit dem Kaſtellan allein in das merkwürdige Gemach. Die wenigen Möbeln waren aufgeräumt; das Bett wie ungebraucht mit einer grünen Seidendecke überbreitet. Hier wohnt für gewöhnlich Niemand, ſagte Pietro, indem er aus ſeinen grauen Augen einen ſchielenden Seitenblick auf den General ſendete. Kommt der Con⸗ ſulent des Herrn aus der Stadt, logirt er hier. Er liebt dieſen geräuſchloſen verwahrten Platz, wenn er des Herrn Rechnungsbücher durchſieht, und die mitgebrachten Geldſummen pflegt der vorſichtige alte Herr dort im Schreibpulte zu verwahren, bis er ſie abgeliefert und Quittung empfangen.— Der General zog die Thür hinter ſich zu, ſah ſich dann mit großen, wie Feuer ſprühenden Augen im Zimmer 358 um, trat zum Bett und riß mit raſcher Hand die Sei⸗ dendecke herab. Du lügſt, alter Rabe, ſprach er mit einer Heftigkeit, welche den Weißkopf durch das Unvermuthete in ihr zwei⸗ fach erbeben machte; das Zimmer war bewohnt, noch geſtern bewohnt; lehre mich erfährnen Quartiermacher dergleichen verkennen. Meine Sinne ſind ſcharf wie des Rennthiers Naſe, welche das Moos tief unter der Schnee⸗ kruſte wittert. Noch nicht vier und zwanzig Stunden ſind's, da ſchlief ein Menſch in dieſen Kiſſen.— Der Weißkopf antwortete nicht, ſondern ſchüttelte nur das Haupt, und ließ ſeine Augen ſcheu am Boden um⸗ her laufen. Wirſt Du reden, oder ſoll meine Fauſt Dir die Zunge löſen? donnerte der Ruſſe los.— Excellenza, ſtotterte der Greis, findet Ihr Luſt dar⸗ an, den treuen Diener eines achtbaren deutſchen Edel⸗ manns auf die Probe zu ſtellen? Ich bin nur der Diener, und kann auf ſolche ſchwere Worte nichts antworten. Wäre aber der gnädige Herr zugegen—— So würde der Feigling zittern wie Du, fiel rauh der alte Krieger ein, und faßte den Greis feſt an der Schulter. An ſich nur denkt er wie Du; für ſein träges, unnützes, in Schlemmerei und Wollüſten ſtinkend gewor⸗ denes Daſein opfert er Redlichkeit, Ehre, Tugend, ja ſelbſt ſeinen Gott und Seligkeit. Aber mir ahnet, daß er nur der Schüler, Du greiſer Sünder aber ſein Lehrer biſt, und darum fing ich bei Dir an, und Gott ſei Dir gnädig, verſuchſt Du mich zu betrügen. Haſt Du gehört von den wahrſagenden, wiſſenden Weibern in dem Nord⸗ lande? Meine Amme war eine ſolche, und vererbte mir ihre Wiſſenſchaft. Oeffne Deine Ohren und überzeuge — 359 Dich!— In dieſem Bette ſchlief ein Franzos. Ich wittere ſeine Fährte wie der ächzende Spürhund den Fuchs riecht. Ihr habt ihn umgebracht, Dein Herr oder Du ſelbſt. Schau hier im Bettleinen die Riſſe, welche ein italiſches Banditenmeſſer ſchnitt. Willſt Du noch mehr Zeugniß von meiner geheimen Kunſt?— Der Er⸗ mordete iſt in meinem Gewahrſam, aber ich bin noch unſchlüſſig, was ich thun ſoll mit den Meuchlern, die jeder Kriegsmann tödtlich haßt, wenn ſie auch ſeinen Feind erſchlugen. Alles iſt in meinem Beſitz, ſein Man⸗ telſack, ſeine Papiere, mit ihnen auch euer Stilett, das gegen Euch zeugen wird; nur ſein Säbel fehlt, des unglücklichen Mannes Ehrenwaffe, die eure bleiche Furcht verborgen hat, und die fordere ich von Dir.— Des Greiſes halberloſchene Augen hatten mit dem Ausdrucke eines Sterbenden während dieſer eindring⸗ lichen Anrede an dem Munde des Ruſſen gehangen, jetzt ſank der gebrechliche Körper zuſammen, und traf glücklicher Weiſe einen Seſſel, der dicht hinter ihm ſtand. Ihr ſeid kein Menſch, Excellenza! ſtammelte er. Und wißt Ihr Alles, ſo bedarf's ja keiner Beichte mehr. Der Säbel liegt in meinem Bettſtroh. Aber bei allen Heili⸗ gen ſchwöre ich, kein Blut iſt vor meinen Augen gefloſ⸗ fen, keinen rothen Fleck hat dieſe Hand vertilgt, und iſt die That geſchehen, ſo müßt Ihr allein den Herrn darum inquiriren, der mehr davon weiß als der gehorchende Knecht.— Solomka zog die Hand von dem Schwachen zurück, und ließ ihm einige Zeit, ſich zu erholen. Dann zog er das Miniaturbild hervor, und hielt es Pietro dicht vor die trüben Augen. Wer iſt dieſe? fragte er ſcharf.— 360 Ein bekanntes Geſicht, antwortete der Alte, den Blick langſam und ſcheu erhebend. Ich muß das Frauenzimmer ſchon irgendwo geſehen haben.— Schurke! fuhr der General wiederum auf. Grillings Vertrauter ſollte die ſchöne Fioretta vergeſſen haben? Bebe, alter Sündenknecht, und denke an das jüngſte Gericht! Der, zu deſſen Mord Du halſſt, war der Sohn dieſes armen Weibes, und ſo hat der Vater den Dolch gegen das Herz des Sohnes gebraucht.— Der Alte ſchoß zuſammen wie vom elektriſchen Schlage getroffen, und nur ein dumpfes Stöhnen ſchwoll aus ſei⸗ ner Bruſt herauf. Aber, ſtotterte er dann mit mühſam erweckter Beſonnenheit, woher kennt Excellenza die Frau und den Sohn?— Meine Augen ſind nicht verdorben im faulen Droh⸗ nenleben, wie die eurigen, entgegnete Solomka. Hättet ihr das Leben nicht abgeſchäumt vor der Zeit, und euch alt gemacht, ehe die Natur gewollt, ſo würdet ihr den Paul Watzelwick in mir erkannt haben, ſo wie ich das Haus betrat. Erbleichſt Du, Alter? Ja, Du ſelbſt haſt oft die Fackel vor mir hergetragen, wenn wir aus der Spelunke des ſaubern Salcedo heimkehrten, Du ſelbſt haſt manchen Dukaten aus meiner Hand apportirt wie ein gieriger Hund, wenn wir am grünen Tiſche die Treue der Glücksgöttin erprobten, und als uns bei der Villa Ludoviſi das Banditenpack auf den Hals kam, rettete Dich ein ſicherer Stoß dieſer Fauſt von dem un⸗ geſchlachten braunen Halunken, deſſen breite Finger ſchon die genaueſte Bekanntſchaft mit Deiner Gurgel gemacht hatten.— Signor Paolo? ſtammelte Pietro, und dieſe neue Entdeckung ſchien ſeiner letzten Kraft das Garaus gemacht ——— 361 zu haben. Der Zuſtand des Greiſes erweckte das Mit⸗ leid des Generals, denn er ſah ein, daß er für ſeinen Plan genug gethan. Er faßte ihn unter die Arme und ſetzte ihn feſt und bequem in den Lehnſtuhl, ja er holte ſogar ein Kiſſen vom Bett und legte es ihm unter das ſchwankende weißlockige Haupt. Einen zweiten Seſſel ſchob er dann heran und ließ ſich dicht vor dem Erſtaun⸗ ten nieder. Freund Pietro, ſagte er mit ganz veränder⸗ tem Tone und gütigem Blick, obgleich ich Dich für einen großen Sünder zu halten verführt bin, ſo lähmt Dein Silberhaar meinen Arm, und ich fühle mich nicht be⸗ rufen, die Strafe, die Du verdienen magſt, voreilig zu vollziehen, da Dein Alter Dich gar bald vor einen höhern und weiſern Richter ſtellen wird. Ich verſpreche Dir Gnade und Schonung jeder Art, wenn Du wahr⸗ haft beantworteſt, was ich Dich fragen werde. Dein Herr war von jeher ein leichter Patron wie alle Selbſt⸗ ſüchtigen, die das jeſuitiſche Motto: der Zweck heiligt das Mittel! als Schilddeviſe tragen, und auf deren Lebensfahne das Wörtlein: Ich! ſtatt des Kreuzes oder der Kaiſerziffer prangt. Ich will glauben, Du habeſt aus knechtiſcher Gewohnheit auch da noch ſeinen böſen Einfällen gehorcht, als Dein Silberhaar Dich an Reue, Buße und Bekehrung erinnern mußte. Auch er ſoll beſſer wegkommen, als er verdienen möchte, weil bei mir ein Engel, der ihm unverdient geneigt war, Fürſprache ein⸗ legt— Fioretta!— Du verſtehſt mich, alter Spürhund, der das ſchöne Wild ſeinem Herrn in das Netz trieb. Herr Alcibiades belog mich, als er mir erzählte, das arme Weib und ihre Kinder hätte zuſammt das böſe Fieber hingerafft. Erzähle Du mir jetzt die Wahrheit ohne Hehl. Wirſt auch Du es wagen mir Mährchen 11 — 362 aufzuheften, ſo wiſſe, ich habe todte und lebendige Zeu⸗ gen, Dich auf der Stelle Lügen zu ſtrafen. Denke nur an dieſes Bild, das Du anſtarrteſt wie eine geſpenſtiſche Erſcheinung! Fließt Dein Wort wahr und rein wie ein Bergquell von Deinen Lippen, ſo haſt Du mein Ehren⸗ wort, daß nicht ein Haar Deines weißen Bartes beleidigt werden ſoll, daß Dir und Deinem Herrn vielleicht ein glücklicheres Daſein, wenn ihr nämlich Gewiſſensfrieden und Gutmachen nöthig achtet zum Lebensheil, aus Deiner Beichte erwachſen möchte.— Der Alte zögerte nur eine kleine Weile wie es ſchien, um ſich zu erholen und vollen Athem zu gewinnen, dann begann er ſich dem Willen des Mächtigen zu fügen, dem er nun einmal nicht vermögend war zu entrinnen. Was er langſam und umſtändlich dem geſpannt horchenden General beichtete, geben wir kurz und gedrängt dem Leſer wieder, da Greiſe eben nicht die unterhaltendſten Erzähler ſind. Nachdem Alcibiades von Grilling ſich durch prieſter⸗ liches Band den Beſitz der ſchönen Signora Stella ge⸗ ſichert hatte, bezog er, ſich allen ſeinen vorigen leicht⸗ fertigen Conſorten entziehend, ein freundliches Landhaus in der Nachbarſchaft der Villa Corſini. Die Ausſicht auf die ſchönſte Landſchaft erhöhete den Reiz der mit Ueberlegung erwählten Wohnung, deren Abgeſchiedenheit durch die üppige Natur des Ortes und durch die Be⸗ quemlichkeit der innern Einrichtung überwogen wurde. Das junge Paar durchlebte ein ſehr glückliches Jahr; Fioretta gebar Zwillingsſöhne, und der epikuräiſche Sinn des deutſchen Edelherrn ſchien wunderbarer Weiſe vom Vatergefühl gänzlich beſiegt, und durch der trefflichen 363 Gattin häusliche Tugenden ſelbſt bis auf den Keim verwiſcht zu ſein, ſo daß Pietro, der den Herrn ſeit ſeiner Ankunft in Rom bedient, das ſtille Leben und die Ent⸗ behrung mancher früheren Sporteln überdrüſſig wurde und ſchon entſchloſſen war, ſich einen andern Platz zu ſuchen, der ſeinem gewohnten Treiben mehr zuſagen möchte. Da beſchenkte im zweiten Jahre Fioretta den Gemahl mit einem Töchterchen, und das kleine Ebenbild der Mutter ſchien die ſchönſten Blüten derſelben für ſich mitgenommen zu haben. Fioretta kränkelte, verlor Fülle und Jugendreiz, und was bei einem gefühlvollen Gatten Schmerz und geſteigerte Liebe hätte erwecken müſſen, gebar bei dem ſelbſtſüchtigen Alcibiades Kälte, Mißmuth und Ueberdruß. Nach und nach entfremdete er ſich vom Hauſe, wo er nur Klagen fand, und Roms genußreiche Zirkel ſahen ihn zuweilen, dann öfter, zuletzt täglich wieder unter ſich. Tiefer Gram mehrte Fioretta's Kränk⸗ lichkeit, und als Pietro eines Morgens ſeinen Gebieter mit der Trauerpoſt, welche ihn zum Wittwer machte, erweckte, war ein tiefer freier Athemzug das einzige Zeichen von Mitgefühl, welches der Herr ihn ſehen ließ. Unmenſchlich! unterbrach der General den Erzähler. So ſtarb das ſchönſte beſte Weib der Erde, ohne daß eine Liebeshand ſie pflegte, ein liebender Mund ihren letzten, heiligen Athemzug aufküßte? O Schickſal, deine Wege ſind räthſelhaft! Aber warum, alter Menſch, zittert Deine Stimme, warum ſchleicht Dein Auge ſo ſcheu über den Boden hin? Laß mich nicht ahnen, was mich zur Tigerwuth empören könnte! Und es drängt ſich mir auf, ich muß das Gräßlichſte ausſprechen. Ihr Schurken habt der kranken Natur nachgeholfen, ſie ſtarb früher als ſie Gott rief?— 364 Ich weiß von nichts, beim zürnenden Sankt Peter! ſtieß der Greis mit ſichtbarem Schauder hervor. Aber damals dünkte mir ſelbſt die Sache nicht richtig; der Herr beſchleunigte die Beerdigung; er floh die Villa, und trieb ſich, wie früher, in lärmenden Geſellſchaften umher. Bald ſchien ihm auch ſogar das ſchöne Land ver⸗ haßt. Aber Gott verzeihe jedem Chriſten ſolchen ſündigen Argwohn; ich, damals noch ein kräftiger lebensluſtiger Mann, vergaß gar bald die ſchwarzen Gedanken, die mir der böſe Feind gebracht.— Der General zog die düſtern Augbrauen zuſammen und ſeine Rechte ballte ſich, doch bezwang er den Grimm und nickte dem Alten den Befehl zu, in ſeiner Geſchichte fortzufahren. Nachdem der Entſchluß, Italien zu verlaſſen, bei dem Herrn von Grilling feſt geworden, blieb die Berück⸗ ſichtigung ſeiner Kinder ihm ein quälendes Hinderniß. Er knüpfte Unterhandlungen deßfalls mit einem Ver⸗ wandten Fioretta's an, welcher in päpſtlichen Dienſten ſtand, und der ihm befreundete Beichtvater ſeiner geſtor⸗ benen Gattin bot die beſchenkte Hand dazu. Ein Augu⸗ ſtinerkloſter nahm die Zwillingsbrüder, ein Nonnenkloſter die kleine Waiſe auf; eine vorausbezahlte Summe und das verbriefte Verſprechen anſehnlicher Koßtgelder hob jede Schwierigkeit, und Herr von Grilling reiſete zurück in ſein Vaterland mit leichter Bruſt, und wie früher nur durch die Sorge um ſein vergöttertes Ich beſchäftigt. Seine Vorliebe für das phantaſtiſche Weltregiment Na⸗ poleons, ſeine offene Lobpreiſung der Thaten des unbe⸗ zwinglichen Helden der Zeit zog die Aufmerkſamkeit der wachſamen und ſtrengen Regierung ſeiner Heimath auf 365 ſich, man argwöhnte, daß er bei dem neu ausgebroche⸗ nen Kriege unpatriotiſchen Verbindungen angehörte, doch von Freunden gewarnt, kam er den ihn bedrohenden Verfolgungen zuvor, verwandelte Alles, was er beſaß, zu Golde, legte ſeinen väterlichen Namen ab, taufte ſich nach ſeiner Mutter um, und floh nach dem geliebten Italien zurück, jedoch mit Vermeidung aller jener Mar⸗ ken, wo er früher bekannt geweſen. Leichtfertig warf er das Gedächtniß ſeiner Vergangenheit von ſich, kümmerte ſich ferner nicht um die, welche Vaterpflicht von ihm zu fordern hatten, beſchwichtigte ſein Gewiſſen mit der Ausrede, daß ſie durch ihren wohlhabenden Verwandten wohl verſorgt ſein würden, freuete ſich in ſeiner Selbſt⸗ ſucht der Entäußerung jeder Lebenslaſt, und gab ſich ſeinen alten Lebensweiſen völlig wieder hin. Da traf ihn in Florenz zum zweiten Male Cupido's Pfeil, und der Widerhaken ſaß abermals ſo feſt, daß er, da die Künſte der Verführung bei der wohlerzogenen und klugen, im Wittwenſtande lebenden Antonia zu Schanden wur⸗ den, nochmals die liebe Freiheit um ihren Beſitz opfern mußte. Und noch größere Opfer brachte ungewohnter Weiſe der Sinnenmenſch dieſes Mal ſich ſelbſt und ſei⸗ nem Sinnenfeſt. Antonia ſtammte aus vornehmem Ge⸗ ſchlecht, die ſchnell und geheim vollzogene Verbindung mit der Liebeglühenden gab ihn der Verfolgung eines rachedürſtenden jungen Verwandten preis; er ſah ſich gezwungen, denſelben auf italiſche Manier bei Seite zu ſchaffen, ſah ſich gezwungen, ſeine Ariadne, nebſt ihrem Tochterchen, bei Nacht und Nebel wie ein irrender Ritter zu entführen, und ſich im nordiſchen Deutſchland ein Aſyl zu ſuchen, wo er denn auch ſeitdem völlig unbe⸗ fehdet und im ruhigen Genuß eines faſt ſybaritiſchen 366 Lebens ſich glücklich gefühlt. Seiner Abgöttin, der Selbſt⸗ ſucht, hat er jedoch auch hier den Dienſt nicht aufge⸗ kündigt, und bewährte es dadurch, daß er die Gattin vermocht, die ſchöne Laura als ihr Kind zu verläugnen, damit er durch keine Pflichten an die Kleine ſich jemals verbunden und beſchränkt finden dürfte.— Als der erſchöpfte Greis ſeinen gedehnten Bericht zu Ende gebracht, ſaß der General eine Weile in tiefes Nachdenken verſunken, zu großer Qual des ängſtlich har⸗ renden Pietrv. Plötzlich aufbrechend, befahl er dann im rauhen Tone die ſtrengſte Verſchwiegenheit über das Ge⸗ ſtändniß und alles Vorgefallene, geleitete den Alten zu ſeiner Kammer, wo er Aleſſandro's Schwert in Empfang nahm, begab ſich darauf zur Herrin des Schloſſes, ihr mit freundlicher Entſchuldigung die Schlüſſel wieder zuſtellend, und verſchloß ſich zuletzt in ſeine Zimmer, um mit dem Gefangenen, welcher ihm lieb geworden wie ein Sohn, eine ernſte Berathung zu beginnen. Es wird jetzt nöthig ſein, daß wir den Ort, wo die Hauptſcenen unſerer Erzählung ſpielten, auf eine kurze Weile verlaſſen, um einer Perſon, auf welche wir be⸗ ſondere Aufmerkſamkeit zu richten haben, bei ihrer Schnell⸗ reiſe zur Reſidenz zu folgen. Der Brief, welchen Herr von Reeks von ſeinem Conſulenten erhalten, ſprach von einer Gefahr, die der Ehre wie dem Vermögen ſei⸗ nes Mäcenas drohe, und nach einer ſolchen Botſchaft mußte ein Mann, wie der, den die Warnung anging, ſich Schwalbenflügel wünſchen, um auf das Schnellſte ſich einer martervollen Ungewißheit zu entreißen. Der Con⸗ 367 ſulent ſetzte in der erſten Viertelſtunde dem Erſchrockenen das dräu ende Ereigniß auseinander. So iſt die Saat der böſen That, daß ſie, wenn auch lange ihre Keime im düſtern Boden ſchlummerten, plötz⸗ lich und meiſtens gerade in einer Zeitperiode hervorbricht, wo der nächtliche Säemann des hölliſchen Samens mit eingeſchläfertem Gewiſſen ihn längſt verdorrt und ver⸗ ſtäubt geglaubt. Die Hand des unſichtbaren Richters findet den Frevler, ob auch ſpät, zur Schärfung ſeiner Strafe, wann ihn die Feuerſchrift an der Wand mitten im ſchwelgeriſchen Freudenmahle trifft, und doppelte Schrecken den Unbereiteten erfaſſen. In der Reſidenz war ein junges Paar angekommen, begleitet von einem graubärtigen Ordensgeiſtlichen, und hatte ſich ſogleich mit einer Klage an einen der höchſten Gerichtshöfe gewandt. Carlo und Viola Stella nannten ſie ſich, und wenn wir uns an Pietro's Beichte erinnern, ſo kennen wir ihre Schickſale und die Anſprüche, welche ſie zu machen verſuchten. Der päpſtliche Cammeriere hatte die jungfräuliche Viola, welche ein Ebenbild ihrer Mutter geworden, zu ſich genommen, um ihrer Pflege zu genießen. Carlo, Aleſſandro's Zwillingsbruder, ſtu⸗ dirte Theologie und, begünſtigt durch einige Cardinäle, hatte er ſich bis zum Abbate gehoben. Da ſtarb der alte Kammerdiener Seiner Heiligkeit, und die Papiere deſſelben gaben dem feurigen, ehrgeizigen Carlo Aufklä⸗ rung über ſeine Abkunft und die Räthſel ſeiner Jugend, Dinge, die der Stolz des alten Römers ihm und der Schweſter bisher ſtreng verborgen gehalten. Einen deut⸗ ſchen Edelmann, reich an Gütern, durfte er Vater nen⸗ nen; der Rachlaß des Großohms fiel nicht anſehnlich aus; ſo beſchloß er, ohne Verzug mit der Schweſter den 368 unbekannten Vater und ſein Stammſchloß aufzuſuchen, überzeugt in jugendlicher Eitelkeit, ein Blick auf ihn und die blühende Viola würde jeden Mann, ſei er Graf oder Fürſt, ſtolz machen auf ſein Vaterrecht. Der Pater Auguſtin, welcher die Eltern einſt getrauet, ſpäter die Erziehung der Kinder Fioretta's geleitet, entſchloß ſich als lebender Zeuge die weite Reiſe mitzumachen, und ſeine Erfahrung hatte keines der Dokumente einzupacken vergeſſen, welche der wichtige Zweck der Reiſe forderte. Sie kamen nach Mähren, ſtanden aber hier ſtatt am erwünſchten Ziele an einer düſtern Schlucht, die ihnen jeden weitern Pfad unſicher machte, Herr von Grilling ſchien verſchwunden aus der Welt, und Niemand wußte von ihm. Der weiße Pater rieth zur Rückreiſe und ging zu einem der angeſehenſten Wechsler der mähriſchen Stadt, die nöthigen Reiſemittel ſich zu verſchaffen. Zu⸗ fällig erwähnte er dort der Verhältniſſe ſeiner lieben Zöglinge, deren Aeußeres bereits die Aufmerkſamkeit der dortigen jungen Welt auf ſich gezogen. Der Banquier war ein junger Mann, welcher kürzlich das Geſchäft ſeines verſtorbenen Vaters angetreten hatte. Er ſtutzte bei den erwähnten Namen, ſchlug nach in ſeinen Büchern, und zeigte mit Freude dem Pater die ſichere Spur in einem Augenblicke, wo alle Hoffnung aufgegeben worden. Des Banquiers Vater ſtand früher in genauer Verbindung mit dem Grilling'ſchen Geſchlecht, er hatte den Verkauf der Güter des Herrn Alcibiades beſorgt, hatte ſein Ver⸗ mögen lange in Händen gehabt, und ihm auf ſeinen Irrfahrten die nöthigen Wechſel nachgeſchickt. Briefe er⸗ wähnten die Namensveränderung, ja die am jüngſten datirten Zuſchriften gaben den Ort an, wo Herr Grilling⸗ Reeks ſich angekauft und häuslich niedergelaſſen. Den 369 jungen Wechsler band weder Schwur noch Verſprechen, und er ließ ſich ſofort bereit finden, die genannte wichtige Correſpondenz dem jungen Telemach, der die Irrfahrt nach dem verſchollenen Vater unternommen, auszuliefern. Das fremde Dreiblatt war nun da; die von Rom mit⸗ gebrachten offenen Empfehlungsbriefe, wenn auch für einen andern Hof beſtimmt, verſchafften ihnen Zutritt und Glauben bei dem Präſidenten des Gerichtshofes, an den ſie ſich wandten, theils um feſte Nachricht von dem Vater zu erhalten, theils Schutz in ihrer Angelegenheit ohne Zaudern zu gewinnen.— So lag die Sache, als Herr von Reeks ſelbſt ein⸗ traf, und dieſe Schreckenspoſt, dieſen Anruf der ewigen Gerechtigkeit mit ſträubendem Haar vernahm. Er begab ſich ſogleich ſelbſt zum Miniſter, fand jedoch ſtatt Troſt bei dem ernſten Staatsmanne ſtechenden Vorwurf. In ſeiner unbeſonnenen Hitze hatte er um Schutz gegen ein paar Betrüger gebeten, die ſeinen guten Namen zu be⸗ ſchmutzen wagten, und hergekommen, ihn auf die ver⸗ ſchmitzteſte und frechſte Weiſe um einen Theil ſeines Vermögens zu bringen. Er hatte auf eine leichtfertige Art mit Achſelzucken erwähnt, daß er freilich auf ſeinen Reiſen in Italien manche ſchöne Dame gekannt, doch dadurch den Sprößlingen ſolcher Abenteuerinnen unmög⸗ lich ein Anrecht auf die Ehre und die Güter eines ver⸗ lockten deutſchen Edelmanns werden dürfte, da ſonſt das halbe Erbe des deutſchen Adels in italieniſche uneben⸗ bürtige Hände fallen möchte. Der Miniſter antwortete auf die ſchlecht gewählte Witzelei mit einem gar finſtern Blicke: Sie ſuchen Schirm und Hülfe bei einer Regierung, ſprach der Ehrenmann, der Sie ſich nicht beſonders günſtig bekannt machten. In Blumenhagen. MII. 24 370 einer Zeit, wo Jedermann, vom Fürſten bis zum Aerm⸗ ſten hinab, wetteiferte, deutſchen Patriotismus zu beur⸗ kunden, gaben Sie kein Zeichen deſſelben. Sie haben keinen freiwilligen Streiter geſtellt, Ihr Name ſteht auf keiner Liſte unter den guten Staatsbürgern, welche für das Vaterland ſo bedeutende Opfer brachten. Aber ab⸗ geſehen davon muß die Art, wie Sie, ein deutſcher Edel⸗ mann, in dieſer Sache vor mir auftraten, mir eine ſeltſame Meinung von Ihrem Charakter aufdrängen. Sie beflecken Ihre Kinder ſelbſt durch den Schimpfnamen Baſtarde, und doch ſah ich das Atteſt. der Vermählung der Mutter dieſer Verwaiſeten, doch ſtand der Prieſter ſelbſt vor mir, der Ihren Bund geſchloſſen. Es kann Ihren Verhältniſſen vielleicht nicht ganz gemäß ſein, Ihre Familie vermehrt zu ſehen, aber werfen Sie zuerſt ihre Augen auf das junge Paar, welches Sie um den väterlichen Segen anſpricht, und ich wette, dieſe unna⸗ türliche Abneigung wird ſchnell aus Ihrer Bruſt ver⸗ ſchwinden. Ja, mein Herr von Reeks, noch heute werde ich eine ſolche Zuſammenkunft in dieſem meinem Hauſe veranſtalten, und ich bin Ihrer mildern Gefinnung gewiß und überzeugt, beide Parteien werden in ſchönſter Ver⸗ ſöhnung keines Schutzes der Regierung, den Beide an⸗ riefen, bedürfen.— Herr von Reeks wurde durch das Beſtimmte in dieſer Strafrede des hohen Staatsmannes ſo außer Faſſung gebracht, daß er jede Entgegnung ſchuldig blieb. Erhitzt, erbittert zuletzt durch den plötzlichen Groll des Schickſals, das ihn wie ein angeſchoſſenes Wild ſeit geſtern grauſam zu hetzen ſchien, kam er wiederum zu ſeinem Anwalt zu⸗ rück. Er beſchwor dieſen, Alles aufzubieten, die ver⸗ haßten zudringlichen Erbdränger von ihm und ſeinem 371 Hauſe entfernt zu halten, und zur Rückreiſe nach Rom zu beſtimmen, er wollte ſie nicht ſehen, nichts weiter von ihnen hören, und ſollte auch ein Drittheil ſeines Vermögens daran gewandt werden müſſen. Ohne den Unwillen des Miniſters und ſeinen Befehl zu achten, warf er ſich wieder in den Wagen, und trieb den Kut⸗ ſcher, ohne Schonung der Pferde, ganz gegen ſeine vorige bequeme Gewohnheit zu reiſen, im Fluge die Rückfahrt zu ſeinem ſichern Schlößchen zu vollbringen.—— General Solomka bemühete ſich unterdeſſen, ſeinem Wirthe ein Feſt zu bereiten, obgleich er tief in ſeinem biedern Junggeſellenherzen empfand, daß derſelbe kaum einer ſolchen Feſtſtunde werth ſei. Er kämpfte indeß allen Groll, den die geſtrigen abenteuerlichen Ereigniſſe und heute früh Pietro's Geſtändniſſe in ihm aufgeregt, wenn auch mühſam, nieder, verſchwieg dem wackern Aleſ⸗ ſandro die Entdeckungen, welche ihn gegen den wieder⸗ gefundenen Vater erbittern konnten, und entſchuldigte ſelbſt den Angriff mit dem Dolche, indem er dem Jüng⸗ linge den verweichlichten ſelbſtſüchtigen Charakter des Vaters als Ausrede der in der Noth des Augenblicks geborenen Frevelthat vorzumalen verſuchte. Je mehr die Offenheit und Milde, die ſorgſame umſichtige Freundlich⸗ keit des Nordländers mit ſeinem ſchreckbaren abſtoßenden Aeußern contraſtirte, deſto mehr ſah der junge Römer in ſeinem Retter eine ungewöhnliche, faſt überirdiſche Er⸗ ſcheinung, einen Geſandten vom Himmel, und gab ſich im kindlichſten Gehorſam allen ſeinen Anordnungen hin. Der General ließ ſich aus der Garderobe des Edelmanns einen vollſtändigen Anzug von der Hausfrau erbitten, wo möglich aus ſeiner früheren Zeit, und meldete ſich, nebſt einem Gaſte, bei den Damen zum Mittagsmahle an, die zwiſchen ihm und Herrn von Reeks gewechſelten Abſchiedsreden als Vorwand gebrauchend. Antonia fügte ſich gern, denn des Generals Benehmen hatte alle Wolken ihrer Furcht zerſtreut. Der ſchwarze Anzug des Herrn von Reeks paßte dem Dragoner wunderbarer Weiſe, und nachdem er dem Befehle ſeines Retters gemäß Stutz⸗ und Schnautzbärtchen der Nothwendigkeit geopfert, konnte man höchſtens in ſeiner Haltung noch einen Anflug des Militäriſchen bemerken. Die Tafel war nach dem Wunſche des Generals zu vier Couverts ſervirt, die Dame er⸗ wartete mit leichtem Herzen die Gäſte, die arme Laura ſaß dagegen trübſinnig am Fenſter und blickte über die herbſtlich⸗öden Felder hinüber, auf denen einige Koſaken⸗ pulks zu militäriſchen Uebungen aufmarſchirt waren; die blumenloſen und wüſten waren ihrer Zukunft ähnlich. Mit einem Schauder gedachte ſie des fernen verlaſſenen, heißgeliebten Flüchtlings, da zog ein Ruf des Erſtaunens von Antonia's Lippen ihren ſchönen ſchwarzlockigen Kopf herum, und ein lauter Schrei des Schrecks und des Ent⸗ zückens zugleich miſchte ſich von ihrem Munde mit dem der Mutter. Warum erſchrickt meine Gnädige? fragte der Gene⸗ ral. Iſt ihr mein Gaſt nicht angenehm?— Antonia verneigte ſich mit Kopfſchütteln. Aber Herr General, flüſterte ſie dem Nähertretenden traulich zu, Sie ſind ja, wie ich hörte, ein Jugendfreund meines Herrn. Erkannten Sie denn nicht ſein Ebenbild? Ich glaubte ſeinen Geiſt verjüngt und in einſtiger Blüte vor mir zu ſehen.— 373 Aleſſandro Stella, ein junger römiſcher Maler! ent⸗ gegnete Solomka mit bedeutungsvoller Betonung und einem leichten Lächeln. Er ward im Schickſalsſturm zum Norden verſchlagen, ſuchte vergebens hier Ideale zu einer Juno und Hebe, die er zu einem beſtellten Ge⸗ mälde bedarf, welches den Triumph des loſen Amors vorſtellen ſoll, und ich verſprach ihm Originale, welche ſeine Copie ſo ſchwer erreichen möchte, als ſie ſeine Phantaſie jederzeit überbieten würde.— Antonia verbeugte ſich ſichtlich geſchmeichelt, obgleich ihr großes Auge noch immer mit Verwunderung auf den ſtumm und befangen daſtehenden jungen Mann haften geblieben. Aber wie ſtutzte ſie, als ſie Laura's Stimme hinter ſich noch einmal aufjauchzen hörte, als das ſonſt ſo züchtige Mädchen an ihr vorüber flog, ſich an des Fremden Bruſt warf, ihn mit ihren Armen ohne Scheu umfaßte und feſthielt, obgleich der Gegenſtand ihres Ent⸗ zückens mit ſichtlicher Verlegenheit ihre Liebkoſungen nur halb erwiderte. Aleſſandro! Mein Aleſſandro! rief das Mädchen zu⸗ gleich wie außer ſich. Du lebſt! Du biſt nicht verloren! Der Mann, der Dich hieher gebracht, kann Dich nur gerettet wiſſen wollen. O ſo höre es denn die ganze Welt, daß ich eine ganze Nacht im Todeskampfe lag um Dich, daß keine Macht mich wiederum jetzt aus Deinen Armen treibt, daß ich Alles theile mit Dir, ſei es Glück oder Grab!— Bravo! rief der General.— Meine Laura! antwortete jetzt der Römer mit glei⸗ chem Feuer, wenn auch noch mit verhaltener Stimme. Meine hochherzige Retterin! Denn ohne Deine Warnung ſchliefe ich lange ſchon und tief und unbekannt!— 374 Aber, Mädchen, hat ein Wahnſinn Dich—— fuhr Antonia empor.— Sie dürfen nicht zürnen, Signora, fiel raſch der General ein, es iſt doch Ihres Alcibiades Ebenbild, und vor achtzehn Jahren ſpielten Sie dieſelbe Scene vielleicht, wenn auch in einer anderen Landſchaft.— Es iſt ja der Landsmann, Mutter, unſer Römer, der Dragoner! ſtammelte Laura, das ſchöne glühende Geſicht rückwärts wendend, ohne ihre Liebesarme von dem Lieb⸗ linge zu löſen.— Und noch mehr als Landsmann, ohne die feſſelnde Schlinge der ſchönen Laura ſchon Ihnen angehörig, fiel der General ein, indem er der Edelfrau Erſchrecken und ihren furchtſamen Schnellblick auf ſich ſelbſt bemerkte. Aber auseinander, Ihr tollen Kinder! befahl er dann. Ich höre die Schritte des Dieners, der die Suppe ſer⸗ virt. Hinter der Serviette werden ſich die Räthſel gleich den Deviſen der Bonbons ſpielend löſen laſſen.— Man nahm Platz, und in den Pauſen des Mahles enthüllte Solomka ſeiner Nachbarin ein Gemälde, was zwar viel Schatten trug für ſie, da ihres Gatten Schwei⸗ gen über eine ſo wichtige Vergangenheit ſie arg beleidi⸗ gen mußte; da der klugen Weltfrau jedoch ſogleich beifiel, was aus dieſer Begebenheit hätte entſtehen können, wenn nicht das Schickſal gerade dem General die Hauptrolle darin zugetheilt, ſo fand ſich ihr weiblich Herz ſchnell in die neue Situation, und ſie begrüßte den jungen hübſchen Mann mit Herzlichkeit und Handdruck über die Tafel hin als neuen Verwandten. Glücklich fühlten ſich Laura und Aleſſandro, wie ſich ſelten Kinder der Erde fühlen; ihre Hände ruheten feſt in einander, ihre Augen ſuchten nur immerfort die Seele des Andern im Auge 375 des Andern; ſie ſprachen nicht, weil im Uebermaß der Gefühle Keines laut werden konnte vor dem Andern, ſie hörten nicht, denn die Außenwelt war ihnen vergeſſenes Land, unberührt blieben ihre Teller, und ſie nippten ſelbſt nur von des Glaſes Rande, wenn der General ſeine launigen Toaſts ausbrachte, obgleich dieſe meiſtens ihr Verhältniß nahe berührten.— Bis zur Dämmerung zog ſich das nach Sitte der höheren Stände ſpät begonnene Mittagsmahl hin, und der General, durch den feinen Wein, wie auch durch die kluge Fügſamkeit der Herrin bei einer Umwälzung ihrer häuslichen Verhältniſſe, die manche andere Ehefrau nicht ſo leutſelig begrüßt haben würde, in frohe Laune ver⸗ ſetzt, wünſchte den Herrn von Reeks herbei, um ſein gutes Werk ganz gekrönt zu ſehen. Zu früh ward er erhört. Ein Gelärm auf dem Hofe unterbrach ſein wünſchend Wort, und Antonia ſagte lebhaft: Ihr Wunſch kam von Herzen; das iſt unſer Wagen, ich höre des Kutſchers Ruf.— Sie eilte zum Fenſter:— Ich irrte nicht, er iſt es ſelbſt und bringt Gäſte mit.— Aber weh uns! Joſeph und Maria! Es iſt ein Unglück! Man trägt ihn aus dem Wagen! Ich höre ſeine jammernde Stimme! Sie eilte in höchſter Angſt aus dem Zimmer, die Uebrigen folgten ihr ſogleich, und Aleſſandro kam gerade in dem Moment unten ihr nach, wo ſie bei dem Anblicke ihres Gemahls ohnmächtig zuſammenſank, und vermochte kaum noch, ſie durch ſeine ſchnelle Unterſtützung vor einem ſchweren Falle zu bewahren. Auch der General ſtand verſtummt vor dem Anblick, der ſich ihm darbot, denn von mehreren Soldaten getragen, ſah er den äch⸗ zenden Hausherrn in Bandagen und Tücher gewickelt, 376 und ein ruſſiſcher Feldarzt unterſtützte den Kopf des Ver⸗ unglückten, deſſen kahler Scheitel von Fflaſtern bedeckt, und deſſen Geſicht vom Blut und von Beulen faſt bis zur Unkenntlichkeit entſtellt war. Die milde Züchtigung, die der General dem Uebel⸗ thäter zugedacht, war von dem ſtrengen unſichtbaren Richter zu leicht befunden worden. Das ewige Auge, welchem die tiefſte Seele offen liegt, hatte ihn unver⸗ beſſerlich erkannt; er hatte an dem Heiligſten gefrevelt, und ſo folgte der letzten von ihm böslich zurückgeſtoßenen Mahnung ohne Aufſchub das ſchauerlichſte Gericht, ihm zu gerechter Strafe, ähnlichen Frevlern zur Warnung. Schon hatte Herr von Reeks den größten Theil ſei⸗ ner Fahrt zurückgelegt, da traf ſein Wagen auf mehrere kleine Abtheilungen des ruſſiſchen Corps, die zur Uebung einige kriegeriſche Manövers ausführten. Erhitzt von den im einſamen Wagen weiter geſponnenen ärgerlichen Ge⸗ danken, von innerm geheimen Groll, von quälender Sorge über den Ausgang der böſen Geſchichte, ſah der Kurz⸗ ſichtige in den verſchiedenen Soldatenhaufen, die gegen einander operirten, wirkliche Streiter, und glaubte die Franzoſen neu vorgerückt und im Angriff auf das Re⸗ ſervecorps der Alliirten. Er trieb den Kutſcher zum ſchnellſten Fahren, und dieſer peitſchte toll auf das Ge⸗ ſpann. Schüſſe fielen rechts und links im nahen Felde, Waffen klirrten, ein Pulk Koſaken ſtob in geſtreckter Karriere mit gefällten Speeren quer über die Straße, dicht vor dem Wagen vorüber, die ſtutzigen Pferde wur⸗ den ſcheu, der Kutſcher verlor, ſelbſt erſchrocken, die Zügel, und die wildgewordenen kräftigen Thiere gingen mit der Kaleſche durch. Den Herrn von Reeks verließ ſeine Beſonnenheit, er ſtieß den Schlag auf und wagte 377 den Rettungsſprung. Da faßte ihn des Racheengels unſichtbare Fauſt. Der Mantel des Unbehülflichen blieb im Rade hängen, er wurde fortgeſchleift, neben dem Wagen, unter den Rädern, und als die kecken Schützen die Pferde griffen und zwangen, fand man deren Herrn mit zerbrochenen Gliedern, zerſchlagenem Haupte, einem zerſchmetterten blutbedeckten Leichnam ähnlich, im Sande des Ackers. In demſelben Zimmer, auf demſelben Bett, welches Aleſſandro inne gehabt, lag der Elende, und ſein Be⸗ wußtſein war zurückgekehrt zur Verlängerung ſeiner Strafe, er erkannte die Umherſtehenden, er hörte, wie der Wundarzt, vom General befragt, achſelzuckend jede Hoffnung der Rettung verneinte, und dieſer ſchreckliche Spruch weckte alle ſeine Lebensgeiſter noch einmal. Nein! Nein! kreiſchte er ſich aufrichtend und faßte krampfhaft feſt die Arme derer, die ihm zunächſt ſtanden. Rein, ich will nicht ſterben, ich kann nicht ſterben; ich habe hier noch zu thun, und nirgends anders!— Solomka trat ihm näher mit Mitleid in allen Ge⸗ ſichtszügen. Armer beklagenswerther Freund! Müſſen wir ſo uns wiederſehen?— Nicht beklagen! ſchrie der Edelmann. Ich brauche kein Mitleid. Aerzte will ich aus der Reſidenz; ich will ſie bezahlen königlich, ich kann ſie bezahlen; den Pfuſcher dort ſchafft mir aus den Augen in des Teufels Namen.— Menſch! Denke an Gott! rief empört der General. Freund Alcibiades, ſetzte er jedoch ſogleich milder hinzu, hier ſchickt der Himmel Dir Troſt in Deiner ſchweren Stunde; erkenne Deinen Sohn Aleſſandro, ein braver tapferer Junge! Deine Familie iſt nicht verlaſſen, denn er wird ihr Schützer ſein.— 378 Ich habe keinen Sohn, ich will keinen Sohn! Ich kann das Meinige ſelbſt ſchützen! wüthete der Kranke fort. Alles Betrüger, Alles gegen mich verſchworen. Und da— da— mein böſeſter Teufel, der mich abfordert!— Sein ausgeſtreckter Arm zeigte gegen die Thür, und als man hinſah, ſtand der alte Pietro im weißen Nachtkleide dort, hielt die hohlliegenden trüben Augen ſtarr auf ſeinen Herrn gerichtet, und glich mit ſeiner dürren Geſtalt und in ſeiner unbeweglichen Stel⸗ lung völlig dem Geſpenſte eines Begrabenen. Gottes Gericht! klang mit hohlem Schauertone von den farbe⸗ loſen Lippen des Greiſes, dann verſchwand er, und willenlos fuhr der Ausruf: Fioretta! von Solomka's Munde. Fioretta! ſtöhnte der Edelmann zuſammen⸗ zuckend nach und ſank langſam zurück; ſein Murmeln ging in ein rauhes heiſeres Geheul über, ſeine Augen hafteten ſtarr und wild und feindſelig auf dem General, dann wurde ſein Geſicht plötzlich kreideweiß, er zuckte noch einige Male heftig, und— hatte ausgeathmet. Das Entſetzen und die tiefe ihm folgende Erſchütte⸗ rung hielt die Bewohner des Hauſes in der nächſten Nacht abgeſondert von einander. Laura war mit der todtkranken Mutter beſchäftigt; der General hatte mit dem höchſt aufgeregten, faſt verzweifelnden Jüngling zu thun, der in ſeiner jugendlichen Wallung ſich ſelbſt und ſeine Eindrängung als die Urſache alles dieſes Schreck⸗ lichen zu ſehen glaubte, und Verwünſchungen gegen ſich ſelbſt ausſtieß. Erſt gegen Morgen gelang es ihm, die Vernunft wieder in dem erſchütterten jungen Mann zu 379 erwecken, und er mutzte die neu erfolgte Abſpannung deſſelben, als treuer Freund der Familie, das Nothwen⸗ dige ſeiner Aufſicht zu unterwerfen. Wie er dieſerhalb nach dem alten Pietro ſandte, fand man den Greis todt auf ſeinem Bett. Ob die Natur in Folge der tödtenden Eindrücke der letzten Tage ihr Recht auf ihn geltend gemacht, ob er ſelbſt ſein Ende beſchleunigt, blieb in der Verwirrung unaufgeklärt. Als am Abende der Leichnam des Herrn von Reeks geſäubert und anſtändig gekleidet auf einem Ruhebette im untern Saale aufgeſtellt worden und Aleſſandro an des Generals Hand den Todten nochmals beſuchte, um an des liebloſen, zu ſpät gefundenen Vaters Leiche ein Gebet für die Ruhe ſeiner Seele zu ſprechen und von ſeiner Hülle Abſchied zu nehmen, traten drei fremde Geſtalten in die offene Saalthür, ein ernſter Jüng⸗ ling, eine ſchlanke Jungfrau und ein prieſterlich geklei⸗ deter Greis. Aleſſandro wandte unwillig ſein bleiches Angeſicht gegen die Störer, bei dem Geräuſch, das ihren Eintritt ver⸗ rieth. Viola! Carlo! tönte da von ſeinen Lippen, und die Geſchwiſter eilten näher und empfingen ihn mit dem Ausruf: Bruder! in welchem eben ſo viel von Ueber⸗ raſchung als von innigſter Herzlichkeit erklang. Was wollt ihr? Was führte euch gerade jetzt hie⸗ her? fragte Aleſſandro mit beklommenem Herzen, das Gewicht des Augenblicks voraus empfindend.— Wir ſuchen den Vater; entgegnete Viola mit ſchmei⸗ chelnder, ſanfter Stimme. Man befahl uns ihm nach⸗ zureiſen, und Deine Schweſter wird knien vor ihm und bitten und nicht aufſtehen, bis er uns Alle geſegnet.— 380 Du biſt hier, biſt bei ihm, ſetzte Carlo mit heiterem Ernſt hinzu, ſo bedarf es der Bitte unſerer Schweſter wohl nicht mehr, ſo iſt der harte Mann ſchon ver⸗ ſöhnt durch Dich, und verſagt uns ein Recht nicht mehr, das der Himmel uns gab, eine Liebe nicht mehr, ohne welche uns das Leben ſo arm blieb. O Du wareſt im⸗ mer der Klügſte von uns, der Kräftigſte. Darum wareſt Du auch jetzt der Glücklichſte und haſt vor uns den Vater gefunden.— Ein finſterer Geiſt kam über den Bruder und er faßte raſch beide Geſchwiſter und drehete ſich gegen das Leichenbett. Ja, ich fand ihn zuerſt, ſagte er im tiefſten Schmerzgefühl, ſehet hin, das iſt unſer Vater!— Beide ſchrien auf und bargen ihre Augen an ſeiner ſtarken Bruſt, und er ſchlang die Arme um ſie und preßte ſie gewaltſam feſt an ſein lautpochendes Herz. Das iſt Herr Alcibiades von Grilling? fragte Pater Auguſtin den General, der mit düſtern Blicken die Trauer⸗ gruppe betrachtete, und als Solomka eine bejahende Bewegung machte, trat der Ordensbruder näher hinzu und ſah lange ſtarr auf den Todten. Ich hätte ihn nicht erkannt, ſagte er dann wie im Selbſtgeſpräch. Als ich die heilige Schnur um ſeine Hand und die Hand der ſchönen Fioretta legte, war er ein anderer; als ich mit dem geweihten Waſſer die Häupter ſeiner Kinder netzte, war er ein anderer. Reich konnte er ſein, wie Keiner auf Erden, denn was der edle Menſch für des Lebens höchſte Güter hält, hatte ihm der Segen des Ewigen vollauf gegeben; aber ſein Herz hing an der Erde und ihren traurigen Genüſſen, er liebte nur ſich, darum ward er früh getrennt von ſeinen Götzen und wiegt keine lächelnden Enkel auf dem Knie, und wird fürderhin 381 nichts mehr genießen von der irdiſchen Frucht, weil ſie ihm die köſtlichſte geſchienen. Gott ſei ſeiner Seele gnädig!— Amen! ſprach des Generals tiefe Stimme, und er ſchlug das Segenskreuz dem Geiſtlichen nach. Antonia genaß langſam von einer ſchweren Krankheit, und nur die kindliche Aufmerkſamkeit des ſchönen Dop⸗ pelpaars, welches ihr Bett umgab, machte ihr grauſes Schickſal nach und nach der Leidenden erträglich, und knüpfte ein neues Band zwiſchen ihr und dem Leben. Den General Solomka hatte ſeine Pflicht fortgerufen! er ſchied freundlich von den Freunden auf Wiederſehen, und beim Abſchiede äußerte er frei den Wunſch, wenn der Völkerkampf zu Ende, mit ihnen eine Familie zu bilden und von ihnen Allen als Vater aufgenommen zu werden. Bald jedoch kam die Trauerpoſt zu den Bewoh⸗ nern des Schlößchens, daß er in Leipzigs Ebenen den Ehrentod gefunden mit den Tauſenden der braven Käm⸗ pfer für Nationen⸗Freiheit. Neu erſchüttert durch den unvermutheten Schlag, beſchloſſen die Kinder Italiens einſtimmig, ein Land zu verlaſſen, wo ſie von ſo trauri⸗ gen Erinnerungen umdrängt wurden. Sie machten das Erbe des Herrn von Reeks zu Gelde und zogen, nach⸗ dem Aleſſandro's und Laura's Bündniß durch kirchlichen Segen geheiligt worden und der Krieg ſich fortgewälzt hatte in das Land, welches ihn geboren, mit der Mutter in das ſchöne Vaterland zurück.—— Auf dem Friedhofe des Dörfchens ſteht das Marmor⸗ denkmal, welches die verwaiſeten Kinder dem herzloſen Vater hatten errichten laſſen. Sein Name glänzt darauf 382 in goldenen Ziffern, aber keine Liebesthräne benetzte den prunkenden Stein; die daran vorüber gehen, kennen den nicht, der darunter ſchläft oder haben ihn längſt vergeſ⸗ ſen; allein liegt er, wie er allein ſtand mitten im üppig blühenden Leben, weil ſeine Selbſtſucht allein ſtehen wollte. VI. Graf BHerrmann. Hinterlaſſene Novelle aus früherer Zeit. —— Ja, ich will mir ſelber trauen, und von dem ſchönſten Herzen ſogar die Freundſchaft fordern, und ihm doch die Liebe laſſen. Jean Paul. Das Zeichen. Warum irren wir aber nun ſchon über eine Stunde durch die kleinſten ſchmutzigſten Gaſſen? fragte der Mal⸗ teſer den jungen Graf Herrmann, als ſie eben in einen der verdächtigſten Winkel der Reſidenzſtadt traten. Wenn ich Sie nicht kennte, ſo würde ich Sie für einen Libertin der erſten Gattung halten. Ich dächte, wir endeten jetzt unſere Streiferei.— Nicht doch, fiel Herrmann ein, unmöglich könnte ich den ſchönen ſternhellen Abend im Zimmer zubringen.— So ſuchen wir wenigſtens die hellen Straßen, er⸗ widerte der Malteſer, wo wir Hals und Glieder nicht wagen. Ich bin in den zwei zurückgelegten Dekaten meines Lebens wahrlich nicht ſo viel geſtolpert als in den zwei Stunden dieſer abenteuerlichen Wanderung.— Wirklich, Ritter? fragte ſchalkhaft der Graf. Da ſind Sie ſehr glücklich, denn mein Leben war ein dauern⸗ des Stolpern, und ich nannte dies Straucheln und Wie⸗ derſtraucheln gerade Leben.— Sie fielen doch aber nicht? lächelte der Malteſer.— Zuweilen, erwiderte Herrmann, aber ſtets weich an den Buſen der Liebe.— Faſt ſollten Sie mich nun glauben machen, drohte der Ritter, Sie ſtolperten auch jetzt, um ſo zu fallen.— Blumenhagen. III. 25 386 Da würd' ich doch dieſe Gaſſen nicht ſuchen, unter⸗ brach ihn Herrmann lachend; denn wenn wir hier auch weich fielen, fielen wir doch ſicher verdammt ſchmutzig. —— Ich bin ſeit vier Tagen erſt wieder von meinen Reiſen zurück, und bin der kleinen Abenteuer ſo gewohnt geworden, daß es mich jetzt drängt und treibt, auch hier ſie zu ſuchen. Sonderbar genug, daß ich nun ſchon drei Abende umher irre, und mir nichts aufſtieß, als eine Bataille unter Berauſchten, wo ich den Friedensrichter ſpielte; ein Mann, der ſeine Frau zum Hauſe hinaus⸗ warf, weil er, zu früh aus der Schenke heimkehrend, ſie in eines Andern Armen fand, und Freudendirnen, die, wie der Verſucher in der Wüſte zu dem Nachtwandler t. en und mir Paradieſesſeligkeiten verhießen, wo ich Neſſeln und Dornen zu fürchten hatte.— Heute werden Sie eben ſo unbefriedigt heimkehren.— Wer weiß! Mir ahnet ein Scherz und darum machen Sie ſich nur immer gefaßt, vor Mitternacht micht zu Ruhe zu kommen.— Das wird denn nicht lang' mehr ſein— wir haben nur noch Minuten bis zur Geiſterſtunde.— Schon? ſtaunte der Graf; wir begannen die Wande⸗ rung zu ſpät.— Und was wird Gräfin Luiſe ſagen? fragte der Ritter, nach einer Pauſe. Wird ſie dieſe nächtlichen Wanderungen nicht anders deuten, als Sie wünſchen möchten?... Wenn ſie mir wohl will, wenn nicht bloß meine Geſtalt, ſondern auch mein Charakter ſie zu mir zog (und ſie hatte ja Zeit genug, vor meinen Reiſen den offnen Jüngling zu durchſchauen), ſo kann ſie meine Aus⸗ flüge nicht übel deuten.—— 387 Hören Sie, da ſchlägt es Mitternacht vom Antoni⸗ thurm.—— Indem rauſchte ein Fenſter über ihnen. Schnell drückte der Graf den Ritter in einen nahen Winkel und trat dann weiter hinaus auf die Gaſſe, ein weißes Tuch wehte vom Fenſter. Still, Ritter! flüſterte Herrmann; ſicher das Zeichen zu einer Schäferſtunde. Ich muß mir einen Scherz bereiten.— Er zog gleichfalls ſein Ta ſchentuch und winkte damit Biſt Du es, Anton? fragte eine weiche, feine Stimme. Sie ſchläft, komm herauf.— Das Fenſter ſchloß ſich. Viktoria! rief der Graf freudig dem Ritter entgenen, ein mitternächtliches Abenteuer! Schnell, folgen ie mir.— Was iſt es denn? ſagte finſter der Malteſer. Eine Luſtdirne, die wir um die erwartete Freude bringen⸗ Graf, Sie ſollten über ſolche Schwelle den Fuß nie ſetzen! Und überdem laufen wir Gefahr—— Ein Ritter von Malta, lächelte Herrmann, und ſpricht von Gefahr! Ich muß wenigſtens die weiche me⸗ lodiſche Stimme näher hören.— Leiſe öffnete der Graf die Thür; kopfſchüttelnd folgte ihm der Malteſer in den engen dunkeln Vorplatz. Die Weinende. Ich erwartete Dich heute ſo früh nicht, flüſterte die weiche Stimme oben an der niedrigen engen Treppe dem Grafen entgegen, dem Jakob's Himmelsleiter einfiel, als er ſeine Knie erſchlaffen fühlte. Eine weiche Hand kam ihm entgegen; warm fühlte er die ſeinige gedrückt und ſich über einen dunkeln Gang gezogen. Jetzt führte ihn 388 ſeine Leiterin durch eine niedre Thür in ein kleines Stüb⸗ chen, von einem dunkel brennenden Lämpchen erleuchtet, wandte dann freundlich ihr Auge auf ihn, ſchrie auf, ſtieß ihn, ſich losmachend, zurück, und floh in den fernſten Winkel des Zimmers. Gott! was ſuchen Sie hier? fragte ſie bebend.— Was ich fand, antwortete Herrmann, ein warmes liebes Mädchen.— Gehen Sie! rief das Mädchen mit ſtarrem Blicke auf ihn. Sie irren ſich, wenn Sie glauben... Ich glaube nichts, als daß Du ſchön biſt und mir werth ſcheinſt, das Bleiben auf die Gefahr zu wagen, von dem erwarteten Liebhaber ein böſes Geſicht zu be⸗ kommen.— Wenn er jetzt käme, jammerte ſie, ſeine Hitze.. Fürchte nichts! fiel Herrmann ein und näherte ſich ihr; Du biſt in meinem Schutze.— Fürchte ich denn für mich? ſagte ſie und hob die hellen Augen zur ſchmutzigen Decke des Zimmers auf. Für ihn fürcht' ich, denn Sie könnten Beleidigungen von ihm rächen wollen. Gott! wenn Sie ein Menſch ſind, ſo gehen Sie ſchnell... Der Malteſer trat jetzt in's Zimmer. Noch Jemand? jammerte ſie und ſchluchzte laut: ich bin verloren!... Sie ſtützte die Arme auf den Tiſch und verhüllte laut weinend ihr Geſicht auf ihnen. Der Malteſer und der Graf ſahen einander ver⸗ wundert an. Der ſchlanke Wuchs, die feine Haut der Arme, die zarte Ausſprache, die ſchwarzen vollen Haare des Mädchens, das Reinliche, Nette ihrer armſeligen Kleidung, machte Herrmann warm,— und er umfaßte die Weinende. 389 Warum dies Weinen? fragte er mit ſeiner milden ſchmeichelnden Stimme. Ich bin, beim Himmel! nicht das, Mädchen, wofür Du mich hältſt. Zufall führte mich zu Dir; aber biſt Du nicht das, was ich wähnte, ſo wird meine Hand Dich nimmer entweihen.— Seine ſanfte Stimme, der Ausdruck von Wahrheit, womit er ſprach, ſchien in des Mädchens Herz zu drin⸗ gen. Sie heftete ihre naſſen großen Augen auf ſein Geſicht, in dem das Mitleiden unverkennbar ſtrahlte, und ſagte leiſe: Belogen Sie mich nicht, ſo beweiſen Sie mir es dadurch, daß Sie mich verlaſſen.— Du biſt nicht glücklich? ſprach ſanfter noch der Graf, und Dein ganzes Weſen überzeugt mich, Du wurdeſt nicht geboren, in einem ſolchen Hauſe, in einer ſolchen Gegend der Stadt zu wohnen. Vertraue Dich mir! Ich bin reich— er warf eine volle Börſe auf den Tiſch— laß mich Dein Engel ſein.— Raſch fuhr ſie auf, ergriff die Börſe und drang ſie ihm wieder auf. Um Gottes willen nicht das! rief ſie flehend, wir ſind arm, meine Mutter iſt alt und krank, aber ſo lange ich Hände und Arme habe, kann ich nicht Almoſen nehmen.— Eine kranke Mutter! rief der Graf mit hoher Theil⸗ nahme; was arbeiteſt Du für ſie? Sein Auge durchlief das Stübchen und fand auf dem Tiſche ein Päckchen ge⸗ nähter Tücher. Dies? fragte er raſch und griff nach dem Päckchen. Ich bin der Käufer.— Jetzt fiel des Mädchens Blick auf den Malteſer, deſſen Mantel auseinander gefallen war. Sie wurde bleich, wie die Wand, und Herrmann, der es bemerkte, ſah bald ſie, bald den Ritter an, welcher ſie genau zu betrachten ſchien. 390 Jetzt müſſen Sie gehen, ſprach ſie mit unruhigen unſteten Blicken zum Grafen. Ihr Begleiter ſtraft Ihre Worte Lügen. Geben Sie mir meine Tücher zurück.— Der Graf war von ihrer heftigen Bewegung ergrif⸗ fen. Ich will gehen, aber die Tücher bleiben mein. Er warf einige Goldſtücke auf den Tiſch, drückte des Mäd⸗ chens Hand, und zog den Malteſer durch den Gang die Treppe hinab.— Kennen Sie das Mädchen? fragte er unten den Ritter.— Mir iſt, als hätt' ich ſie geſehen,— aber vergebens frage ich mich, wo? war des Malteſers Antwort.— Ich muß mehr von ihr wiſſen! ſagte der Graf, barg die Tücher unter ſeinen Mantel, und ſchweipend gingen ſie nach Herrmann's Wohnung. Das Gold. Stumm ſaßen die beiden Abenteurer gegen einander über, und der Punſchnapf ſtieß immer kleinere Wolken von ſich. Herrmann hatte ſeine Börſe vor ſich auf den Tiſch ausgeſchüttet, und legte gedankenvoll ein Goldſtück an das andere. Sonderbar! unterbrach dann der Ritter die Stille, mein Gedächtniß verläßt mich diesmal ganz. Geſehen habe ich dieſe großen ſchwarzen Augen ſchon irgendwo, das iſt gewiß; früher muß es geweſen ſein— früher, als mich der Krieg auf unſere Inſel rief.— Sie ſchienen ihr bekannt, ſagte Herrmann mit einer ſehr zweideutigen Betonung. Des Malteſers Augen blitzten ihn an. Der Sinn, den Ihr Ton und Ihre Miene auf dieſe vier Worte legen, beim Himmel! Graf, er fordert Blut!— 391 Mäßig, Ritter! unterbrach ihn der junge Graf. Konnte ſolcher Sinn mein Ernſt ſein?— Mein Leben iſt rein, ohne Flecken, fuhr ruhiger der Malteſer fort, denn ich lernte früh meine Leidenſchaften beherrſchen. Das unentweihte Kreuz drückt meine Bruſt nicht.— Mir iſt ſeltſam zu Muthe, begann dann wieder der Graf und füllte das faſt erkaltete Getränk in die Gläſer. Es treibt ſich mir im Sinne umher und wogt mir in der Bruſt. Ich glaube, wahrlich, des Mädchens Blick hat mich gefangen.— Gräfin Luiſe lebe! lächelte der Ritter und hob das Glas.— Zuvor die ſchwarzlockichte Unbekannte, künftige Gräfin Tanner! entgegnete Herrmann.— Sie raſen! fuhr der Ritter auf.— Wenn auch jetzt noch Scherz, ſagte der Graf, ſo könnte doch vollkommener Ernſt daraus werden. Sie glauben nicht, wie dieſe Geſtalt auf mich gewirkt hat. Ich werde erfahren, wo, was und wie ſie iſt, und der Zufall und des ſchönen Weſens Lippen ſollen beſtimmen.— Sie ſind ein reizbarer Abenteurer! erwiderte der Malteſer und leerte ſein Glas. Was wetten wir? über⸗ morgen haben Sie, zu Luiſens Füßen, die ganze Anek⸗ dote vergeſſen.— Sie würden die Wette verlieren, ſagte ernſt und warm der Graf. Hab' ich nicht ein theures Angeden⸗ ken 2...(Er deutete auf die Goldſtücke). Heilig ſoll mir dies Gold ſein, das jene ſtolze ſchöne Hand zurück⸗ wies und berührte! Nimmer ſoll es verſchwelgt werden, nie in unreine Hände kommen. Zu einer Kette will ich es aufreihen laſſen, und in mein Kabinet neben mein 392 Bett hängen. Keimt je eine unedle Begierde in mir, wag' ich, einen Finger nach einer Unſchuld auszuſtrecken, ſo wird ein Blick auf den goldenen Kranz meine Wangen mit Schamröthe malen, und ſchaudernd werd' ich die Unſchuld fliehen, unentweiht laſſen.— Herrmann! rief der Ritter innig und reichte ihm die Hand. Aber was würde der Hof, was der Cirkel Ihrer Bekannten ſagen, begann er wieder, wenn Sie neben das große Wappen der Grafen Tanner ein leeres Schild ſetzen müßten?— Den Kranz von Goldſtücken würd' ich in's Schild ſetzen laſſen, erwiderte Herrmann, und wehe dem, der des Wappens Adel nicht anerkennen wollte! Die Liebe. Der Ritter hatte eine vierzehntägige Reiſe machen müſſen. Als er zurück kehrte, war ſein erſter Gang zu Graf Tanner's Wohnung. Er hörte Herrmann laut in ſeinem Kabinette reden, und ſtand lauſchend im Zim⸗ mer ſtill. Ja, ſagte der Graf mit bebender Stimme, ich fühle die Liebe in meiner Bruſt! Ich fühle ſie glühen, glühen vergebens... Doch wer wüßte, was noch endlich Reich⸗ thum, Ueberredung und Gelegenheit mir gewährten 2... Pfui, Herrmann! Meine Liebe ſoll keine verderbende Flamme ſein— Segen ſoll ſie geben der, die ſie ver⸗ ſchmähte!——— Wie ſteht's? fragte der Malteſer eintretend.— Schlimm! antwortete der Graf; vor wenig Stunden bekam ich den förmlichſten Korb.— Die Gräfin——2 fiel der Ritter ein.— ————— —m——————— 393 Unſere Unbekannte——! lächelte Herrmann. Sie will nicht das Wappen neben das meinige ſetzen.— Sie hätte wirklich——* ſtaunte der Ritter; o er⸗ zählen Sie!... Erzählen 2.. Nein, ich bin nicht in der Laune; auf ein anderes Mal das Weitläufigere. Hören Sie in der Kürze. Am Morgen nach jener abenteuerlichen Nacht mußten alle meine Leute auf's Spioniren. Mein Jean mußte ihr Haus bewachen, Valentin ſich an die Nach⸗ barn drängen. Da erfuhr ich dann ihr ſtilles einge⸗ ſchränktes Leben. Niemand ging zu ihnen, als ein ärmlich gekleideter junger Menſch. Die Nachbarn kannten ſie kaum, und wußten nichts, als daß ſie vor einigen Monaten hieher gezogen waren. Nun ging ich ſelbſt wieder hin, und zwar am Tage. Mädchen und Mutter waren erſchrocken— doch gab ſich das. Ich ſprach herz⸗ lich mit ihnen, und bot ihnen nochmals meine Hülfe an. Beide ſchlugen ſie aus; ich brachte die Tochter doch aber dahin, kleine Arbeiten für mich zu übernehmen. Täglich war ich eine Stunde da, gewann täglich Henriettens Vertrauen mehr, wurde aber auch täglich wärmer für ſie eingenommen. Kein Wort, keine Berührung hatte ihr mein Gefühl geäußert. Von ihrer Herzensgüte, ihrer Bildung, ihrem Verſtande, ihren dunkeln Augen hinge⸗ riſſen, trat ich heute frei vor ſie hin, und bat ſie um ihre Hand. Sie ſtaunte. Ich nannte ihr meinen Fami⸗ liennamen, entdeckte ihr meinen Stand, ſchilderte ihr meine Unabhängigkeit, als der letzte einzige Sprößling eines großen Hauſes. Sanft weinend reichte ſie mir die Hand.„Sie haben mein Wohlwollen, meine höchſte Dankbarkeit ſich erworben,“ ſagte ſie melodiſch,„indem Sie dieſem Herzen den Glauben an die Menſchheit wieder ———— 394 gaben. Ihr Anerbieten iſt ſo, daß ich nur mit Schmerz Sie betrüben kann. Kommen Sie heute Abend wieder — Sie ſollen unſere Geſchichte wiſſen.“— Ich ging vor einer Stunde hin, hörte ihre Geſchichte, wurde wärmer an ihrer Seite, küßte ihre weiße zarte Hand ehrfurchts⸗ voller, als ich je die Hand einer Fürſtin küßte, und ging—— mit einem Korbe.— Und die Geſchichte——? fragte neugierig der Mal⸗ teſer.— Beſuchen Sie mich morgen auf meinem Weinberge! erwiderte ihm Herrmann. Der Weinberg. Der Ritter fand am andern Morgen den Grafen unter einer Menge von Arbeitern aller Art, die das kleine Wohnhaus, welches am Rande des Weinberges ſtand, in Ordnung brachten. Beide grüßten ſich freund⸗ lich, und in den hellen Augen des Jünglings las der Ritter, was er vorhatte. Herrmann nahm ſchweigend des Malteſers Hand, und führte ihn im Hauſe umher. Jedes Zimmer war nett aufgeputzt und mit guten, je⸗ doch nicht koſtbaren Möbeln verſehen. Die Küche blinkte von neuem Zinngeräthe; in dem nahen Stalle brumm⸗ ten einige milchreiche glänzende Kühe, und neben ihnen meckerte eine ſäugende Ziege. Nur ein kleines Stübchen war mehr geputzt, als die übrigen; Blumen dufteten in den Fenſtern, rothe Vorhänge brachen das Licht, das durch die mit Weinlaub umrankten Oeffnungen fiel; ein geſchmackvoller weicher Sopha lud ein, und auf den Tiſchen lag, ausgekramt, wie am Chriſtabend, Leinen⸗ und andere Zeuge die Menge. Hier ſoll meiner zuweilen ein warmes Herz gedenken! 395 ſagte leiſe der Graf, trat dann hinaus in den Garten, und ſtill folgte ihm der Malteſer bis zum Abhange des Berges. Zwei alte Linden beſchatteten hier einen kleinen Kreis von Ruheplätzen; unten wogte der breite Fluß langſam hinab, mit Fiſcherkähnen beſäet; rechts lachte dem Auge die blühendſte Aue, von kleinen Hainen durch⸗ brochen, bis zu den fernen Bergen hin, und links prangte die ſtolze Reſidenz, mit ihren hohen glänzenden Paläſten. Herrmann ſetzte ſich in den Lindenſchatten, und ſah mit glanzvollen Augen in das Thal hinab. Hier ſaß ich ſo oft, ſagte er mit frohem Lächeln, wenn das Gewirre eines Maskenballs, wenn durchſchwärmte Nächte mich ſtumpf gemacht hatten für jedes liebe Gefühl; dann weckte der Blick in dieſe Paradieſesflur meine alten Em⸗ pfindungen wieder. Bald werd' ich nun hier ſitzen mit noch ſüßeren Gefühlen, mit einem Himmel in der Bruſt. Ritter!— er warf ſich ihm an die Bruſt— o es iſt eine beſeligende Empfindung, wieder gut zu machen, was das Laſter Anderer vernichtete!— Herrmann! entgegnete der Ritter mit einem biedern Händedruck, Welt und Beiſpiel haben Dich nicht verdor⸗ ben, wie ich fürchtete; Du biſt der warme herzliche, brave Herrmann noch, der Du wareſt, als wir noch hölzerne Schwerter ſchwangen und tannene Roſſe bändigten. Laß uns den Bund der Kinderjahre erneuen— laß uns das trauliche„Du“ jener ſchönen Zeit wieder tauſchen!— Du greifſt in meine Wünſche! antwortete der junge Graf herzlich, und beide lagerten ſich auf den kühlen Sitzen.— Du ſollſt Henriettens kurze, aber trübe Geſchichte jetzt erfahren, begann nun Herrmann; Du kannſt mir 396 vielleicht Aufſchluß über den Theil derſelben geben, den der Edelmuth des Mädchens dunkel ließ. Henriettens Vater war ein wohlhabender Kaufmann in einer fernen Landſtadt, deren Name ſie mir verſchwieg. In der Ruhe eines kleinen Familienkreiſes, unter den ſorgſamen Augen einer zärtlichen gebildeten Mutter wurde Henriette das ſchöne ſanfte, verſtändige Geſchöpf, das ich in ihr fand. Sie hatte vierzehn Jahre erreicht, als ihr Vater einen entfernten Verwandten, eine Waiſe, in ſein Haus nahm. Anton war zwei Jahre älter als Henriette, und ein ſtil⸗ ler guter, fleißiger Jüngling. Seine Güte zog das Mädchen hin zu dem Vetter; ein Jahre langer Umgang ſchuf innige Freundſchaft unter ihnen, und aus der Freund⸗ ſchaft wurde bald eine ſanfte herzliche Liebe. Die Mutter ſah dieſe Neigung nicht ungern, und der Vater wurde durch Antons Fleiß und ſeine Talente ſo für ihn einge⸗ nommen, daß er einen frühern Plan aufgab und die Wahl ſeiner Henriette billigte.— In ſtiller Glückſelig⸗ keit ſchwanden ihre Tage, bis das Schickſal Unkraut zwiſchen den Weizen ſäete. Ein junger reicher Wüſtling kam in jener Landſtadt an, ſah Henrietten, indem er Geſchäfte mit ihrem Vater hatte, und ſeine Begierden erwachten.— Das unerfahrene Mädchen fühlte ſich ge⸗ ſchmeichelt durch die Neigung eines ſo angeſehenen Herrn, arglos nahete ſie ſich ihm, bis der Verwegene, am ſchönen Ziele ſich glaubend, dem bebenden Mädchen nur zu deutlich ſeine Abſichten enthüllte. Mit Verachtung und Abſcheu wand ſie ſich aus ſeinen Armen, ſtieß ſeine glänzenden Verſprechungen zurück, und verbannte ihn von ſich auf immer. Rache kochte in des Wüſtlings Her⸗ zen. Er wußte, Henriettens Vater ſtand mißlich, denn zwei bedeutende Spekulationen waren ihm verunglückt. 397 Mit teuflicher Freude kaufte er nun alle Wechſel des geſunkenen Kaufmannes an ſich, ſo viel er ihrer nur auftreiben konnte, und ſchrieb dann an Henriette ein Billet, worin er ihr zeigte, wie das Wohl, die Ehre ihres Vaters in ſeiner Hand läge, und ihr überließ, durch ihre Schande die Schande des Vaters abzuwenden. — Das Mädchen, voll der reinſten Glut für Tugend und Unſchuld, aber auch voll der wärmſten Kindesliebe ſchwankte bebend. Sie flehte den Buben ſchriftlich um Gnade an, ihre Thränen benetzten das Papier; er lachte höhniſch— und ſie wählte, ſchrieb ihm mit dem Stolz der Unſchuld, daß ſie ihn verachte, haſſe. Wüthend macht er ſeine Wechſel geltend, und des Kaufmanns Haus fällt; der Kaufmann verſchwindet, vom Gefühl ſeiner Schande gejagt; man vermuthet, daß er ſeinem Leben in einem nahen Strom ein Ende gemacht habe. Dies wurde zur Gewißheit, da kurz darauf in einem tiefer liegenden Dorfe ein Leichnam im Strome gefunden wurde. Der Unglückliche ließ Mutter und Tochter in Verzweiflung. Ihr Vermögen ward eingezogen, Haus und Garten verkauft, und als Bettler verließen ſie die Vaterſtadt. Feſt ſich an ſie ſchließend, wanderte der treue Anton mit ihnen. Sie kamen bis in die Reſidenz; hier wurde die Mutter krank, und ſie konnten nicht wei⸗ ter. Von dem Reſte ihrer Habſeligkeiten mietheten ſie jenes Häuschens. Anton trat als Gärtner beim fürſt⸗ lichen Garten ein, da er den ehrlichen Obergartenmeiſter durch die Mittheilung ſeines Schickſals gerührt hatte und er Kenntniß von der Gärtnerei beſaß; zugleich ſchrieb er für Geld ab, und mit ihm ernährte Hen⸗ riette durch Näherei die kranke Mutter, wenn auch nur kümmerlich.—— 398 So ſchloß das ſchöne blaſſe Mädchen, endete der junge Graf die Erzählung, und meine Augen wurden naß. Ich fragte nach dem treuen Anton und hörte, daß am Tage ſeine Arbeiten ihn feſſelten, und er nur des Nachts zu der Geliebten kommen dürfe. Ein Plan entſtand in meiner Seele, zu vergüten die Härte des Schickſals. Beſchämt war ich, daß der mächtige Bube meines Standes geweſen war.— Die Geſchichte iſt, antwortete der Malteſer, wenn auch gerade nicht ungewöhnlich, doch empörend genug. Aber vergebens ſinne ich nach, ob eine ſolche Begebenheit unter meinen Augen ſich zutrug.. Ich wünſchte durch dich, entgeguete der Graf, dem Buben auf die Spur zu kommen, und Gottes Hand zu Ruhig! warnte der Ritter mit ernſtem Auge; glaubſt Du, daß ihn des ewigen Rächers Arm nicht finden wird? Daß das edle Mädchen Dir des Buben Namen verſchwieg, iſt die ſchönſte Perle in dem Diadem ihrer Reinheit. Als der Graf am Abende wieder zu Henriettens Wohnung eilte, fand er ſelbſt Anton, den das Mädchen auf Herrmann's ſchriftliche Bitte geholt hatte. Gut, daß Sie meiner Bitte nachgaben, redete freund⸗ lich der junge Graf ihn an, der Geliebte, der Sohn muß zugegen ſein, bei dem, was ich Ihnen zu ſagen habe. Hören Sie mich ruhig, ohne Unterbrechung, an. Vier⸗ zehn Tage lang, wie auch Anton wiſſen wird aus Hen⸗ riettens Erzählung, war ich täglich in dieſem Zimmer, ſah ihre Lage, wurde hingeriſſen von der Duldung, mit 399 der Mutter und Tochter ſie trug, ward gerührt durch die Anſtrengung, mit der dies theure Mädchen die un⸗ gewohnte Arbeit that, und ich kann dem Drange meines Herzens nicht widerſtehen, zu ändern, was zu ändern ich vermag. Laßt mich ausreden. Ja, ich liebte Hen⸗ rietten— mit reiner Glut werde ich ſtets ihr reines Bild in der Bruſt tragen; und bei dem ewigen Herr⸗ ſcher über uns ſchwöre ich Euch, mein Abſicht iſt rein, wie der helle Himmel; kein arger Gedanke kann in mei⸗ nem Herzen Raum finden— ich würde ihn ſelbſt an meinem Leben ſtrafen!— Sein Geſicht glänzte, indem er dieſe Worte ſprach, und wie ein überirdiſches Weſen trat er zwiſchen das Mädchen und den Geliebten. Laßt mich Euer Bruder ſein! ſprach er, gerührt, mit weicher Stimme. Sehet in mir einen Boten der Vorſehung, und legt Euer künftiges Schickſal in meine Hände!— Ich kenne Sie, Herr Graf, fiel Anton ein, ſchon lange als einen edlen Mann. Ich weiß, daß Sie auch, durch Reiſen entfernt, nicht inne hielten, wohlzuthun, wie Sie es bei Ihrem Hierſein thaten; ich kenne manche gerettete Familie, die Ihren Namen ſtets zuerſt im Ge⸗ bete nennt. Aber— ſo lange mein Arm Geliebte und Mutter ernähren kann— verzeihen Sie mir... ich kann nicht vom Mitleide eines Fremden leben, meine Ge⸗ liebte davon nicht ernährt wiſſen.— Junger Mann, ſagte der Graf heftig, das iſt Stolz, unverzeihlicher, eigenſinniger Stolz! Trotze nicht auf Deine Jugendkraft— entehre nicht den Namen der ſchön⸗ ſten menſchlichſten Gefühle, des Mitleids und der Dank⸗ barkeit! Was wäre die Menſchenwelt ohne dieſe Empfin⸗ dungen, die Herz an Herz knüpfen? Eine Horde Tiger, die ſich ſelbſt verderben würden. Ihr denkt euch, bei —————— ——— —— —— 3 400 dem mißbrauchten Worte, das Gefühl des Stolzen, mit dem er dem Bettelnden ſein Goldſtück hinwirft. Ohne jenes wahrhafte Gefühl wird jeder Schmerz Verzweif⸗ lung werden. Trotze nicht auf Deine Jugendkraft, Jüng⸗ ling! Wenn Dich Krankheit auf das Lager würfe— was ſollte dann aus dieſen Beiden werden? Und wenn Du auch ſtets Deine Kräfte behielteſt, würde Dich denn nicht die immer mehr erbleichende Wange, das ver⸗ löſchende Auge der Geliebten mahnen, daß Dein Trotz es war, der die reine Hand des freundlichen Retters von ſich wies? Und eure kranke Mutter... Cer zeigte auf die weinende Alte, die in dem zerriſſenen Lehnſtuhle lag) wird ſie noch lange dieſe Lage zu dulden vermögen? Wird an ihrem Sarge Deine Reue nicht erwachen?— Der Graf ſchwieg, erſchöpft. Laut weinend fiel das ſchöne Mädchen in des geliebten erblaſſenden Antons Arme. Hinter ſie trat der Graf, legte ſeine Hände auf die Stirn der Liebenden, und ſagte leiſe: Nein! Ich bin euch kein Fremder, denn unſere Herzen ſind verwandt. Ich verſtehe eure Blicke ihr wollt mir das Bruder⸗ recht übertragen. Er ſchlang beide Arme um die Lieben⸗ den, und drückte ſeine Lippen auf des weinenden Jüng⸗ lings, auf des ſchluchzenden Mädchens Mund. Ich bin eine Waiſe, fuhr Herrmann fort, ich kann euch nur Erdengüter geben, und ihr gebt mir dafür Bruder, Schweſter, Mutter! Wer von uns iſt dem An⸗ dern ſchuldig?— Er zog ſie hin zu dem Krankenſeſſel der Mutter, beugte ſich über die Alte, und mit ihren ſchwachen Ar⸗ men umfaßte, wortlos, dieſe die drei Knieenden. Die Blatternarben. Sonderbare Empfindung, die ich da in mir entdeckte! rief der Graf kopfſchüttelnd aus, als er in der Nacht von einem Hoffeſte zurückkehrte, bei dem er zugegen ſein mußte, ſo ſehr ihm auch dieſe ceremoniöſen Feſte zuwider waren. Er ſtand, in der prächtigen Uniform des Hofes, dem großen Spiegel in ſeinem Kabinette gegenüber, in dem ihm ſeine jugendliche, wahrhaft ſchöne Geſtalt durch den Glanz zweier Wachskerzen ſich zeigte. Ich, der unter den Schönſten der Reſidenz nur wäh⸗ len darf, fuhr er fort, dem alle Blicke begehrend zu⸗ fliegen, den die reizendſten Weiber Italiens mit ſüßen lockenden Billets, mit Winken beſtürmten; ich, den man laut den ſchönſten Blondin des Hofes nennt— ich ſollte 3 dieſen Anton, mit ſeinem blaſſen, von Blatterngift zer⸗ riſſenen Geſicht beneiden! 1 Bewegt ſchritt er das Zimmer auf und ab, und warf ſich endlich, ſinnend, in das Sopha. Ja, bei Gott! fuhr er wieder auf, ich würde mit ihm tauſchen, auf der Stelle tauſchen Geſtalt, Rang, Reichthum! Er blieb vor dem blinkenden Kryſtalle ſtehen, und blickte mit ernſtem Auge ſeinen Abdruck an. Was biſt du dann nütze, Jugendblüte auf der Wange, Körper⸗ ſchönheit, wenn du nicht einmal in dem Herzen eines ſchwachen Weibes immer zu ſiegen vermagſt! Aber was thue ich? fuhr er dann erſchreckend auf. Sind dieſe Worte, dieſe Vergleichungen nicht ſchon Ver⸗ gehungen? Brech' ich durch ſie nicht das Heiligſte meiner Gelübde?— Fort damit! Auch beneiden darf ich, will ich den Glücklichen nicht... Ach! wie oft werd' ich ihn Blumenhagen. III. 26 402 in ihrem Arm ſehen, wie oft ihre zarten Lippen an ſei⸗ ner benarbten Wange hängend erblicken! Schnell riß er den Kranz von Goldſtücken, der neben ſeinem Lager hing, herab und drückte ihn an die Lippen. Komm, du lieber Talismann, ſagte er mit naſſen Au⸗ gen, du, mein Roſenkranz, den in der Hand ich mit dem Ewigen künftig reden werde. Komm' ſei du mein Ret⸗ ter, mein Troſt! Uebermorgen, ſprach er dann, raſch die glänzenden Kleider abwerfend, übermorgen bitte ich die Gräfin Luiſe um ihre Hand. Die Trauung. Am Eingange des Weinberges erwartete Herrmann die Geretteten. Nicht wahr, ſagte er mild zu dem alten Prediger, der neben ihm ſtand, Glückliche ſehen, iſt das höchſte Glück!— Und Glückliche machen, antwortete der Greis, deſſen Zögling Herrmann war, der Schlüſſel zu dem irdiſchen Himmel, an deſſen Ende ſich der Eingang in die dun⸗ keln Fluren der Vergeltung zeigt und öffnet!— Des Grafen Wagen rollte heran, und der Prediger ging in das Haus zurück. Freudig hob Herrmann die zitternde Henriette aus dem Wagen, nach ihr die wei⸗ nende Mutter, die die Freude ſtark gemacht hatte. Er führte beide durch den Weinberg zum Hauſe, aus einem Gemache in das andere. Als er vor dem niedlichen Zimmerchen ſtand, das Henriettens Zimmer werden ſollte, drückte er dem liebenden Paare die Hand und ſagte: Was ihr ſahet, iſt euer Eigenthum! Pflegt hier eurer Mutter, und denkt meiner, eures Bruders!— Si wollten reden, und Henriette drückte ihre Lippen auf ſeine Hand;— aber„Still!“ rief er und öffnete die letzte Thür. Im geſchmückten Stübchen ſtand am klei⸗ nen Tiſche der Prediger im Ornate, ihm zur Seite der Malteſer. Trauen Sie! ſprach der Graf, reichte ihm die fürſtliche Erlaubniß, und führte die Staunenden zu dem Prediger. Der Greis ſprach Worte des ſchönſten Segens über die Glücklichen, und Graf Herrmann drückte, indem Henriette leiſe ihr„Ja“ ſprach, ſein glühendes Geſicht, von einem unnennbaren Gefühle ergriffen, an des Mal⸗ teſers Bruſt. Der Prediger endete— die Liebenden ſanken ſich in die Arme; dann flog das Mädchen, mit einem Blicke, in dem ihre ganze Seligkeit ſich abdrückte, an des Gra⸗ fen Herz. Ihr Dank war ſtumm, aber ihre Lip⸗ pen brannten auf ſeinem Munde heißer, als es ihm gut war. Langſam nur erholten ſich Alle von dem holden Tau⸗ mel, der ſich ihrer, wenn auch auf manchfache Art, be⸗ mächtigt hatte. Die beiden Liebenden ſtanden im Winkel des Zimmers, und hielten ſich feſt umrankt: ſo umklam⸗ mert der Schiffer den Baum am Ufer, und wähnt ſich noch im ſchwankenden Nachen auf ſtürmender Flut.— Die Mutter ſaß, leiſe weinend, im Sopha; ihre Kinder, ihre Lieblinge, die für ſie ſich geopfert hatten, ſah ſie glücklich.— Der alte Prediger gedachte des Hochzeits⸗ tages ſeiner Tochter, die kürzlich im erſten Wochenbette das ſüßeſte Gefühl des Weibes mit dem Leben hatte erkaufen müſſen. Seine Hände falteten ſich und leiſe flüſterte er: Von dir herab kommt alle Gabe, gute und böſe, Leid und Freude! Und du macheſt Alles wohl!— 404 Stumm lehnte der Malteſer im belaubten Fenſter, auf ſeinen Degen geſtützt, und den ernſten Blick auf ſein Ordenskreuz, das ihm der Gattin Stelle vertreten, an ſeinem Herzen ruhen mußte, geheftet.— Herrmann war hinausgeeilt und hatte ſich unter den beiden Linden nie⸗ dergeworfen; er blickte in die Landſchaft hinaus und liſpelte: Ruhig, klopfende Bruſt!—— RNach und nach fanden ſich Alle, gefaßt und beruhigt, auf dem mit Re⸗ benwänden eingeſchloſſenen Achteck vor der Pforte des freundlichen Hauſes ein, wo ein frugales Mahl ihnen winkte. Herrmann führte jetzt den Malteſer zu Henrietten. Ich wünſchte, Schweſter, Du würdeſt auch dem Freunde Freundin! ſagte er bittend.— Wen Sie, Graf, ſagte ſie mild, mir zuführen, der muß der Freundſchaft werth ſein. Ich beleidigte Sie, Herr Ritter;— die Erinnerung an die Geſellſchaft, in der ich Sie einſt ſah, ließ mich ſo unartig ſein.... Beim Himmel! fuhr der Ritter auf, jetzt wird es mir hell; Sie wohnten im Römerthal? O der Bube!... Rede!. Seinen Namen! rief mit blitzendem Auge⸗ Herrmann.— Henriettens Auge ſah bittend den Malte⸗ ſer an.— Nein! ſagte er, ſich faſſend, zum Grafen. Du kennſt den Niedrigen, aber er iſt unter Deiner Rache. Sein Namen geht nicht über meine Lippen. Genug ſei Dir die Verſicherung, daß er weder im Kreiſe Deiner Freunde, noch der meinen iſt.— Toleranz. Graf Tanner fuhr zu dem Palais der Gräfin Luiſe. Seufzend hatte er zuvor noch einmal die Kette der 405 Goldſtücke angeſehen, ſich Muth zu holen für ſeinen Vorſatz. Er fand Geſellſchaft bei ihr im Gartenſalon, und unwirſch über die Vereitlung ſeiner Abſicht trat er ein. Auffallend froſtig empfing ihn die Gräfin, ſo daß die Geſellſchaft, die nicht gewohnt war, den ſchönen Herr⸗ mann ſo empfangen zu ſehen, aufſtaunte. Verwundert blickte er ihr in das ſtolze Auge, und miſchte ſich dann in die Gruppen der Geſellſchaft. Als der Abend nahte, zerſtreute ſich der Cirkel in die verſchiedenen Partien des Gartens, und der Graf durch⸗ ſchlich, unmuthig, und mit der Auflöſung dieſes Räthſels beſchäftigt, die Pappelgänge. Am Ende eines derſelben ſtieß er auf Gräfin Luiſe. Aufklärung erbitt' ich von Ihnen, Gräfin, ſprach er, raſch auf ſie zutretend. Warum behandeln Sie mich ſo ungewöhnlich?— Nach Verdienſt! lächelte ſie höhniſch. Strafend fiel ſein entglühender Blick auf ſie. Sie hatten ja geſtern wohl ein Liebesfeſt? fuhr ſie ſpöttelnd fort. Eine Interims⸗Hochzeit Ihrer Auser⸗ wählten! Ich hörte ſchon lange davon, und heute Morgen ſtieg ich denn doch aus Neugierde auf meiner Spazierfahrt an dem merkwürdigen Weinberge aus, und beſah mir die Holde. Ihre Wahl iſt nicht übel, Herr Graf; nur ſcheint ſie doch ſchon ein bischen verbraucht. Und der ſogenannte Ehemann iſt ein Bild der Toleranz.— Sie lachte laut.— In mir ſehen Sie das Bild der Toleranz, ſagte der Graf wallend, da ich nicht vergeſſe, daß ein Weib mir gegenüber ſteht.— Er verbeugte ſich und ging ſchnell, mit bitterm Groll im Herzen. 406 Das Pettſchaft. Wochen waren verſtrichen, und der Graf war täglich Zeuge von dem Glücke, das ſein Werk war. Durch Gewöhnen dachte er die Empfindungen zu bannen, die ihn noch immer peinigten, wenn das holde Weib, deren Wangen am milden Strahle der reinen ehelichen Glut wieder aufblühten, mit freundlichem Zutrauen ihn em⸗ pfing, mit Schweſterliebe ſich an ihn ſchmiegte. Der Graf war neunzehnjährig, hatte ſeine Kraft nicht im Schvoße der Luſt verſchwelgt; Erziehung, Stand und Reiſen hatten ſeine Sinne empfänglicher gemacht; ein wenig Schwärmerei machte das Abenteuerliche für ihn höchſt anziehend. Daher war es nicht zu verwundern, daß die reizende, ſanfte, kluge Henriette einen Eindruck in ſeiner Bruſt zurückgelaſſen hatte, den er vergebens zu tilgen bemüht war. Leidenſchaft und Tugendſinn kämpften in ihm. Gern ſtahl er ſich, wenn Henriette Abends mit ihrer Arbeit unter den Linden ſaß, Anton noch im Weinberge ſein Weſen trieb, in des kleinen Zimmerchens Dämmerung, warf ſich in das Sopha, wo das ſchöne Weib geſeſſen, und träumte ſie neben ſich als die Seine. Als er einſt ſo das Stübchen betrat, ſah er auf dem Tiſche eine Menge Briefe verſtreut. Abſichtslos las er die Aufſchriften. Ein großes mächtiges Pettſchaft ſchim⸗ merte unter dem Haufen auf einem zerknitterten Cou⸗ verte. Neugierig zog er es hervor, beſah es und ſtaunte — ein Mauerthor mit drei Sonnen.. der Gräfin Luiſe Siegel, das Wappen der Grafen von Thoren.— Was hatte die Gräfin Henrietten zu ſchreiben?— Er riß den Umſchlag ab und las: 407 ——„Sie haben mich von ſich verbannt, holde Henriette, und ich leſe Verachtung und Haß in Ihren Augen. Vergebens ſuchte ich Sie, ſeit einer Woche, auf dem Badgarten, vergebens im Wilhelmshaine, wo ich ſonſt ſo oft Sie traf. Ich glühe für Sie, und die Er⸗ innerung an jenen Moment, wo Sie grauſam mir den Becher der Luſt von den Lippen riſſen, deſſen Nektar ich ſchon koſtete, läßt nicht zu, einen Plan aufzugeben, an den mein Erdenglück gebunden iſt. Wozu Verſtellung, da Ihr helles Auge gewiß den ſchönen Plan durchſchaute! Sie ſind verſtändig genug, die kleinen kleinlichen Geſetze des Prieſterthums zu erkennen. Werden Sie mein! Flüchten Sie mit mir zu einem ſtillen einſamen, lieb⸗ lichen Landhauſe, wo nur die Liebe Geſetze vorſchreiben darf, nur ſie Herrſcherin, ſanfte Herrſcherin iſt!—— Sollten Sie nicht das kluge glühende Mädchen ſein, für die ich Sie nahm,— ſollten auch Sie dem Irr⸗ wahn von Unſchuld und dem Schattenbilde von Tugend huldigen, ſo wiſſen Sie hiemit, daß eine ſolche Anzahl Wechſel auf Ihres Vaters Haus in meiner Brieftafel ruhen, daß es mich nur wenige Worte koſten wird, den Fall Ihres Hauſes zu bewirken. Sie haben die Wahl zwiſchen Schande und Liebe, und ich hoffe, Henriette wird wählen, wie es Klugheit heiſcht und mein Herz wünſcht. Der Ihrige Heinrich Graf von Thoren.“ Erbitiert drückte Herrmann den Brief zuſammen und verbarg ihn auf ſeiner Bruſt. Ha! So kenn' ich dich denn! rief er mit funkeln⸗ dem Auge. Doch der Malteſer hat Recht— du biſt unter meiner Rache; aber fühlen ſollſt du deine Schänd⸗ 408 lichkeit, ſehen, wie deine Büberei vom Schickſale ver⸗ eitelt wurde. Der Held. Es war Maskenball.— Gedrängt voll war der ſchön geſchmückte Saal. Nach rauſchender Muſik wälzten eine Menge der anziehendſten Maskengruppen ſich durch die weite Halle. An dem Pfeiler der fürſtlichen Loge lehnte eine auffallende Maske im ſchwarzen griechiſchen Ge⸗ wande, mit Dolch, Giftbecher, Geißel und blutigem Gürtel. Die Göttin der Vergeltung, die furchtbare Ne⸗ meſis erkannte man in ihr an ihren Attributen. Eine leichte ſchlanke Sylphide, von dünnem Flornebel um⸗ woben, roſenfarbne Flügel an den Schultern und mit Blumen umwunden, Blumen tragend, ſchwebte an der ernſten überweiblichen Rachegöttin vorüber. Weg aus dem Kreiſe des Frohſinns, Ernſte! lispelte die Sylphide; oder hülle wenigſtens deine Schrecken ein. Sie ſchlang ein Roſengewinde durch die Geißel, um⸗ kränzte den Giftbecher und Dolch. Deine Roſen ſtumpfen den Stahl nicht! erwiderte dumpf die Göttin der Ver⸗ geltung. Die Sylphide hüpfte weiter. Ein römiſcher Heros, im goldenen Harniſch und Helm, mit einem wogenden Federwalde bedeckt und von dem purpurnen Kriegsmantel umwallt, trat der Schwebenden in den Weg. Schöne Flüchtige, ſprach er mit blitzenden Augen, Du beſtreueſt Alles mit Frühlingskindern— lohne auch die Tapferkeit!— Starr ſah ihn die Sylphide an,—— dann hing ſie ihm ſchnell über den ausgeſtreckten Arm einen Kranz von Diſteln. Du lohnſt ſonderbar! rief der Held unwirſch.— 409 Jedem das Seine! ſprach die Splphide im Davon⸗ ſchweben,— und ihre Stimme ſchien des Römers Sinne aufglühen zu machen. Raſch drängte er ſich ihr nach. Ein altdeutſcher Vehmritter trat jetzt zu der Ne⸗ meſis; ſie reichten ſich die Hand und folgten dem römi⸗ ſchen Heros. Die Sylphide war unterdeſſen in ein leeres Neben⸗ zimmer geflattert; raſch trat gleich nach ihr der Römer herein. Weiter entkommſt Du mir nicht, Schnelle, Luftige! rief er und umfaßte ſie. Du mußt mich beſſer lohnen, denn vorhin!— Stumm wand ſich die Sylphide los, feſter umrankte ſie des Kriegers ſtarker Arm. Da entfil ihm die Maske — es war Graf Heinrich von Thoren. Gleiches zu Gleichem, ſchönes Weſen! rief er erhitzt vom Ringen. Jetzt muß ich auch dein Geſicht ſehen; und iſt es nur halb ſo reizend wie dein Körper, ſo bin ich Dein auf immer! Indem er nun der Wehrenden nach der Maske griff, fühlte er ſich beim Arm gefaßt, und als er ſich wandte, ſtand der Vehmſchöppe hinter ihm. Du biſt verfehmt! ſprach der Vermummte mit hohler Stimme; Du kämpfteſt, bevor man Gottesfrieden aus⸗ läutete. Hier iſt die Ladung. Wehe! Wehe! Wehe! Er hielt ihm ein Papier entgegen.— Was ſoll die Poſſe? fragte ergriffen Graf Hein⸗ rich. Er nahm das Papier, trat zu einem Wandleuchter und las: „Sie haben mich von ſich verbannt, holde Hen⸗ zite, Er ſtockte, ſeine Handſchrift erkennend, und ſchrie wild auf: Tod und Hölle! Was iſt das?— 41⁰ Die nahende Hand der vergeltenden Nemeſis! ſprach eine ernſte Stimme neben ihm, und mit aufgehobenem Dolch ſah er die furchtbare Göttin. Er verſtummte. Unterdeſſen war ein Sylphe erſchienen und hatte ſich traulich an die Seite der Sylphide geſtellt, die ihn zärtlich umfaßte. Frevler! ſprach die Rachegöttin mit ſteigender treffender Stimme zum Grafen. Milde nur ſtraft Dich die Rächerin, indem ſie Dir zeigt, daß Dein ruchloſes Bemühen fruchtlos war, und die, welche Du verderben wollteſt, glücklich iſt im Schvoße des Wohl⸗ ſtandes und im Arm der Liebe.—— Die Maske der Sylphide löste ſich, und Henriettens Augen glänzten zürnend den betroffenen Grafen an. Doch bald ermannte er ſich; wüthend fuhr er auf, indem er den befiederten Helm von der glühenden Stirn riß: Unglaubliche Ver⸗ wegenheit! Entſetzliche Beſchimpfung! Heda, Wache!— Halt! Ruhe! gebot die Göttin und faßte ihn, riß dann ſich die Maske ab, und Herrmann's zorniges Ge⸗ ſicht enthüllte ſich.— Ich bin es, Graf! Was iſt Ihr Begehr? fragte er ernſt und blitzenden Auges.— Genugthuung! ſtammelte betreten Graf Thoren.— Die ſoll Ihnen werden! entgegnete Herrmann.— Und das auf der Stelle! fiel der Malteſer ein, der ſich aus der Vermummung des Vehmrichters los gewickelt hatte. Es iſt Mondſchein und der fürſtliche Garten jetzt menſchenleer. Degen und Piſtolen finden wir in meinem nahen Logis.— Schön! fügte Herrman hinzu. Kommen Sie, Graf! Bei dieſen Worten faßte er des Verwirrten Hand.— Nicht doch! ſtammelte der Heros und machte ſich los. Es hat Zeit! Ich werde ſchon zu Ihnen ſenden. 411 — Fort war er, und hatte ſeinen goldenen Helm im Stiche gelaſſen.— Ja wohl hat es Zeit, lachte der Malteſer ihm nach, mein tapferer gekrönter Held!— Der Bettler. Nein! ich nutze hier nicht länger, ſagte Herrmann finſter zu dem Malteſer. Sie ſaßen am Weinberge und ſahen dem Sinken der Sonne nach. Ich habe zu heftige Leidenſchaften; fuhr er fort, die möchten verder⸗ ben, was ich gut gemacht habe. Ich muß fort von hier, in andere Umgebungen.— Eine armſelige Geſtalt wand ſich am Abhange herauf und bat um Almoſen; es war ein lahmgeſchoſſener Sol⸗ dat auf Krücken. Elend und Leid hatten ſich in ſein Geſicht getheilt. Woher, Alter? fragte der Graf, die Börſe ziehend.— Vom Felde der Rache, antwortete zitternd der Bettler, und hoffentlich bald hinaus aus der Welt! Ich verließ Weib und Kind im Unglücke, und ſteckte mich aus Ver⸗ zweiflung in den Rock da. Die erſte Kanonenkugel traf, und rächte meine armen Verlaſſenen.— Henriette wandelte jetzt aus dem Weinberge zu ihren lieben Gäſten her. Weiblichen Händen ſteht das Wohl⸗ thun ſo ſchön, rief der junge Graf ihr entgegen, ſpeiſen Sie doch dieſen Hungrigen!— Henriette näherte ſich dem Bettler, warf einen mit⸗ leidigen Blick auf ihn, und ſank laut ſchreiend in Herr⸗ mann's Arme. Was iſt Ihnen? fragte dieſer ſchnell und angſtvoll.— Barmherziger Gott! ſtammelte ſie, es iſt mein Vater!. Der alte Mann war in de Knie geſunken; mit 412 ſtarrem Blick hob er beide Hände auf und rief gebrochen: Henriette? Ja, ſie iſt es, meine Henriette! Ohnmächtig ſank er nieder.— Anton und die Mutter waren durch das Geſchrei her⸗ beigelockt worden; auch ſie erkannten mit dem Ruf des Schmerzes ſogleich den Unglücklichen. Man hob ihn auf und trug ihn in das Wohnhaus. Als er wieder zu ſich gebracht war und entkleidet auf dem Bette lag, mit be⸗ benden Lippen betete, während Weib und Kinder emſig ſich um ihn bemüheten— da zog der Graf den Malte⸗ ſer aus dem Zimmer. Vollſtändig iſt nun ihr Glück, ſprach er und um⸗ ſchlang den Freund. Du reiſeſt morgen, um Deine Inſel wieder erobern zu helfen? Ich reiſe mit Dir, Bruder— ich nehme das Kreuz!... Der Ritter zog ihn an ſein Herz. Henriette iſt meine Erbin, wenn ich falle! flüſterte Herrmann, und legte ſeine heiße Stirn auf des Freundes Schulter. VII. Die verderbliche Vegegnung. Novelle. Der Sommer war unbeſtändig, boshaft neckend, lau⸗ nig, als wäre die Zeituhr im April ſtehen geblieben. Mancher Tag trug alle vier Jahreszeiten in ſich; ein anderer verſetzte in die todbringende afrikaniſche Regen⸗ zeit, und ſah man auch den Himmel ſich Abends ein⸗ mal von ſchwerem Mantel entkleiden und jedes leichte Schleiertuch abwerfen, als wolle er eintauchen in den Silberſee des Mondlichtes und im erquickenden Bade ſeine miſanthropiſche Kränklichkeit abwaſchen, über Nacht zog er das alte graue Hexenkleid wieder an, und ver⸗ ſperrte am Morgen gleich einem eiferſüchtigen Moslemin die roſenfingrige Aurora wiederum hinter Gitter und Gardine. Die Jugend kümmert ſich nicht eben viel um Wetter und äußere Kleinigkeiten, im Gegentheile iſt ihr der Widerſtand ein willkommener Sporn, denn ſie übt gern und oft, muthwillig ſogar, die vergeudete und un⸗ geprüfte Kraft; aber in den Wünſchen eines Reiſenden ſpielt der klare und freundliche Himmel die Hauptrolle, und Freund Adelbert und ich wandelten bereits mehre Monate am Reiſeſtabe und im Staubhemde durch das ſüdliche Deutſchland. Eine Liebhaberei muß jeder Menſch haben, ſie iſt die beſte Geſellſchafterin in unausgefüllten 416 leeren Stunden; und wer hätte dieſe nicht? Sammelte jener Lord die traurigen Halsbänder gehangener Delin⸗ quenten, verſchwendete jener Belgier ſein Vermögen in verbrauchten Flaſchenpfröpfen, ein ſo voluminöſer wie trauriger Nachlaß ſeiner Agnaten, ſo lag in ihren Narr⸗ heiten dennoch etwas rein Menſchliches. Auch uns reizten Liebhabereien zu der mühevollen Wanderung, wenn ſolche auch nicht gerade zu den thörichten gezählt werden konn⸗ ten. Adelbert war Architekt aus Leidenſchaft, nicht um des Brodes willen; Alles, was von alterthümlichen Bau⸗ werken ſich im Vaterlande fand, mußte er kennen, ſelbſt beſchauen, in ſein Album eintragen, und wie natürlich zog dieſe Neigung eine Menge Nebenzweige in ihre Grenzen, und ſeine Zimmer daheim glichen einer Trö⸗ delbude, worin jeder Raum mit dem Inhalte verſunkener Hünengräber, mit Todtenurnen, erloſchenen Wappen⸗ ſchildern, verroſteten Waffen und Roßſchmuck, oder mit den Raritäten alter Kapellen, mit Altarleuchtern, Säu⸗ lenknöpfen, zerbrochenen Heiligenbildern, geborſtenen Po⸗ kalen und heidniſchen Götzenfratzen gefüllt und verbaut erſchien. Ich hatte dagegen keinen Sinn für Menſchen⸗ werk, und nur was Gottes Schöpferhand gemacht, lockte mir Bewunderung ab und reizte mich zum Streben nach ſeinem Beſitz, obgleich mit nicht weniger Begierde und vielleicht in oft gleich barocker und verſchwenderiſcher Leidenſchaft. Wir ſtritten auch nicht ſelten über dieſen Gegenſtand, und wenn ich ſeine theure Trödelbude, in welcher Staubdecke und Spinngewebe, als zum Aufputz gehörig, nicht fehlten, meinen Sarkasmen zur Zielſcheibe geſetzt, ſo mußten meine zarten Schmetterlinge und mon⸗ ſtröſen Inſekten auf ihren dünnen Spießen, meine ſaubern Erzſtufen und Kryſtalldruſen, meine Mammuthsgebeine 417 und Bärenkinnladen ſcharfe Angriffe dulden. Einen gräß⸗ lichen Todtengräber und grauſamen Meuchler nannte er mich, der in der Anbetung der Natur den eigenen Götzen zerſtöre und opfere, und in äffiſcher Liebe das Geliebte tödte um ſeinen Leichnam bewahren zu dürfen; doch blieb trotz dieſer öftern Befeindungen unſerer Liebhabereien die feſtgeſchloſſene Freundſchaft unverletzt, und wechſelſeitige Freude gewährte es uns, konnte ich ihm ein antikes Rüſt⸗ ſtück oder ein vergelbtes Pergament mit dem Grundriß eines Münſters, oder konnte er mir eine ſeltene Conchylie oder ein neuentdecktes Foſſil in heimlichem Kauf erſtehen, und bei der gemeinſamen Mittagstafel unter mein Gedeck verbergen. Solche Aufmerkſamkeiten gehörten zu unſern höchſten und reinſten Lebensfreuden, und wer ihre Ein⸗ wirkung erkannt, durfte uns immer deßhalb ein wenig beneiden. Unſere Reiſe hing mit dieſen Liebhabereien zuſam⸗ men; Adelbert beſah ſich die herrlichen ſüddeutſchen Bau⸗ werke, ſtudirte beiher auch den rieſigen Zweigwuchs der Urwälder und die koloſſale Formation der Felſen und Firnen, denen die gothiſche Baukunſt ihre kühnſten Ideen entwendet, ich ſammelte dagegen beſcheiden im Buſch und Sumpf zarte Landſchnecken und Muſcheln der ſüßen Wäſſer; uns Beiden war aber dabei das unſichere Som⸗ merwetter gleichermaßen ungünſtig und hinderlich. Bis in das ſchöne Land ob der Ens waren wir hin⸗ auf gepilgert; jubelnd hatte Freund Adelbert den Trüm⸗ merboden der altrömiſchen Juvavia begrüßt, hatte Hohen⸗ ſalzburz, das eiſerne Diadem des Mönchsberges, die köſtlichen erzbiſchöflichen Marmorbrunnen, die prachtvolle Kathedrale, das Felſenhaus des heiligen Marzinius und das ſtupefacirende Sigismundusthor angeſtaunt und in Blumenhagen. III. 27 418 ſeine Mappe getragen, hatte im alten Amphitheater und auf dem römiſchen Moſaikboden in toller Luſt gar mo⸗ derne Tanzpas ausgeführt, und ſeine Börſe für blinde Münzen und einige zerbrochene Ringelchen, die einſt durch die Hände römiſcher Stallbuben gegangen oder den gelben Hals einer ſabiniſchen Marketenderin geziert haben mochten, derb zur Ader gelaſſen; mich hatte die Klos⸗ heim'ſche Faſanerie und die reiche Vögelſammlung auf Schloß Leopoldskrone angenehm beſchäftigt, und einzelne Ausflüge in die grandiöſen Tauern oder Alpen Salz⸗ burgs hatten meine Glieder fürs Erſte hinreichend ab⸗ gemüdet. Der geiſtig und körperlich vollauf geſunde treudeutſche Volksſtamm gefiel uns, die ſchönen Fiſche und das ſaftige Obſt und die ſchmackhafte Fleiſchkoſt des Landes, zuſammt ſeinem erquicklichen Cider, behagten uns; das Wetter mußte doch endlich einmal einen be⸗ ſtändigen und männlichen Charakter gewinnen, denn alles Irdiſche, gut und bös, ſchön und häßlich, hat ja ein Ende, der triftigſte Troſt in allen Widerwärtigkeiten; ſo beſchloſſen wir, dieſen Zeitpunkt in einem bequemen und zugleich intereſſanten Aſyl abzuwarten, waren wir beide doch ſo glücklich, weder an der zugemeſſenen Zeit, noch in der verdrießlichen Beſchränkung des Jahrgeldes eine zurückziehende Kette oder eine treibende Geißel finden zu müſſen.— Ich hatte eine Erſcheinung, rief Adelbert eines Mor⸗ gens muthwillig aus, einen Nachtbeſuch von einer über⸗ irdiſchen Frau, deren Befehl allen unſeren Sorgen und jeder Wahl ein Ende ſetzt. Nach Gaſtein, Freund in das feenhafte Wildbad müſſen wir. Es ſoll Greiſe verjüngen, Matronen in jugendliche Bräute verwandeln, wie leichtlich wird daher die friſche Gebirgs⸗Nymphe 419 zwei jungen Pilgern die verlorne Kraft der Sehnen zu erſetzen vermögen. Die Wolken jagen vor dem Winde, deſſen warmer Hauch den feuchten Boden trocknet; der Poſtweg und die Fürſtenſtraße ſind wohlgepflegte Pfade, wie ich mir habe ſagen laſſen. Unterwegs gibt es römi⸗ ſche Leichenſteine, egyptiſche Altäre, ein Götzenſchloß, heidniſche Löcher, den rieſigen Schreckofen, wo Höllen⸗ hunde den Goldſchatz hüten, und alle dergleichen Herr⸗ lichkeiten, und Du darfſt rechts und links nur die Hand ausſtrecken um die köſtlichen Geſteine beizuſtecken, wenn nur Dein Reiſeſack Raum genug darbeut. Für dieſe zwei Tagemärſche wird noch Mark genug in unſern Ge⸗ beinen ſein, und ich meine die Erinnerung an unſern genialen Seume, an das Muſterbild aller deutſchen Fuß⸗ gänger, wird uns im Nothfall die Sporen einſetzen.— Wir in ein Bad, in das vornehme Getreibe der Reichen und in dieſem Aufzuge? fragte ich kopfſchüttelnd. Lieber hinauf zu einer Sennhütte, um bei dem gaſtlichen Schoſſer und der ſchmucken Sennerin uns mit der natür⸗ lichſten Koſt wiederum auffüttern zu laſſen.— Sorge nicht, lachte Adelbert; weislich habe ich er⸗ ſpionirt, was zu wiſſen nöthig. Es gibt dort oben weder ſteife Polonaiſen, noch bachantiſche Galoppaden, weder verlockende Circen noch Corſaren am grünen Tiſche oder Roulett. Die ſtolze Nymphe von Gaſtein verſchmäht es, durch dergleichen Mittel die heurigen Gäſte für die nächſtjährige Kur vorzubereiten und feſt zu halten. Sie läßt ſogar nur frugal und ſokratiſch die Tafel ſerviren und ihr Weinlager ſoll nicht verführeriſch ſein. Da⸗ gegen bedienen die netteſten Aelplerinnen den Gaſt und kein ſpitzbübiſcher Kellner moleſtirt ihn. Auf!— nach Gaſtein, mein Freund! Die Nymphe ſelbſt iſt mir 420 erſchienen, und ihre Einladung abzulehnen, wäre höchſt ungalant. Wir treten als ſchlichte Weltbürger auf, ohne Namen und Rang, und das iſt der beſte Paſſepartout um überall willkommen oder wenigſtens unbeachtet ſich ein⸗ zuführen.— Ich fand mich leicht darein, und wir wanderten muthig an der Salza hin, und ſie überſchreitend in dem Gaſteinerthale hinauf. Nirgends erſtarkt der geſunkene Menſchengeiſt ſo leicht und ſchnell, als in Mitten einer großartigen Natur. Man gedenkt der Körperſchwäche nicht, von den gigantiſchen Gebilden umgeben, und ſchämt ſich, ſie zu äußern, ſieht man ein Menſchenvolk, das nichts Rieſiges, nichts Her⸗ kuliſches voraus hat, ſolcher feindſeligen ſtarren Heimath den Bedarf abgewinnen, und heiter und glücklich neben zermalmenden Bergfällen und verſchüttenden Lavinen, neben überſchäumenden Wildſeen und verheerenden Wald⸗ ſtrömen ihr Leben fortſpinnen. Mit innerem Schauer paſſirten wir das Felſenthor der Klamme mit ſeinen ſchroffen Wänden und gierigen Schlünden, blickten entzückt auf die ſammetgrünen Mat⸗ ten ringsum und die hüpfenden Silberbäche, die mit ihrem funkelnden Netze wie reichſte Stickerei den Atlas⸗ mantel durchweben, ſchaueten andachtsvoll auf zu den wolkenhohen Tauern und ſchneebedeckten Kogln, zu dieſen ſolzen ewigen Pfeilern einer ungeheuren Kirche, auf denen das azurblaue Himmelsgewölbe zu ruhen ſcheint, und ſtanden erſchüttert an den ſchäumenden und ſpritzen⸗ den Katarakten der wilden Ache, die wie eine jugendlich übermüthige Amazonenfürſtin ſtolz auf ihre Schatzkam⸗ mern, in denen ſie Gold und Silber zu Hauf bewahrt, ſtolzer auf ihren weißen freien Nacken, der kein Joch — * 421 duldet, ihr Gebiet durchrauſcht. Der romantiſche Bade⸗ ort, eingeklemmt zwiſchen dem Felſenbau und düſtern Tannenwalde, gleich einem Adlerneſt hangend in wun⸗ derbarer Weiſe am ſcheinbar gefährlichſten Platze und gerade über des Bergfluſſes wildeſtem Niederſturz, den ewig dauernden Achefall, nahm uns auf, und ſein erſtes Anſchauen überzeugte uns, daß ſein Beſuch der Mühſe⸗ ligkeiten werth, durch die wir zu ihm gelangt. Das Bad erſchien trotz des unſichern Sommerwetters zahlreich beſucht, doch blieb uns im Straubingergaſthaus noch die Wahl zwiſchen der Hühnerſtube und der Haſen⸗ kammer. Wir wählten die letztere wegen der Ausſicht auf den brauſenden Katarakt, aber die bequeme wohn⸗ liche Einrichtung, die dienſtfertige Freundlichkeit der Haus⸗ genoſſen, ſo abſtechend gegen manche berühmte Badewirth⸗ ſchaft im deutſchen Reich, wurde überboten von einem Funde, den wir ſofort an der erſten Mittagstafel thaten, wo aus dem buntſcheckigen Gedräng der heranſtrömenden Hungrigen, in welchem jedes Land ſeine Repräſentanten hatte, und aus dem Bienenſchwarmgemurmel unzähliger Sprachen und Mundarten uns ein bekannter Liebeston erklang, ein bekanntes Geſicht uns anlächelte, und wir in dem Tiſchnachbar den hochherzigen Eugen, den Uni⸗ verſitätsfreund von Heidelbergs Hochſchule her erkannten und umhalſen durften. Werthvoll iſt Freundeszuſpruch überall, aber in der Fremde iſt er ein unbezahlbarer Schatz, ein Oaſenquell im Sande der Wüſte. Eugen war nicht zum erſten Male hier, er war der Geleits⸗ mann eines ehrwürdigen Oheims, der das Leben ſo lieb gewonnen, daß er willig der Bergnymphe ſeinen jähr⸗ lichen Tribut zahlte, um über Königs David Siebenzig noch einige Zahlen zu erhandeln. Alles Fremde verſchwand 422 für uns von jetzt an, Eugen wurde unſer Guide, unſer Finanzminiſter, unſer geheimer Rath. Heimiſch im Ge⸗ ſellſchaftskreiſe vom Converſationsplatze bis in das Com⸗ munbad voll ſcherzender weißbehemdeter Prieſter- und Elfengeſtalten, bald auch heimlich vom Paraplui und der Gloriette, bis in das große grüne Naßfeld mit ſeinem zauberhaften Schleierfall und ſeinem dämoniſch gräßlichen Keſſelfall und zum Ankogl, dem Kaiſer der Gaſteiner Tauern, hinauf, lebten wir uns ſo behaglich in dieſes uns durch ſeine ſtrenge Regel und ſittige Bürgerwirth⸗ ſchaft neue Badeleben hinein, daß wir bald Weiter⸗ marſch, Reiſeplan und Abſchied völlig vergeſſen hatten. Ueberdies wurde ja jede unbeſchäftigte Stunde durch die ausgetauſchten und im Wechſelgeſpräch neu gefärbten Erinnerungen aus der ſchönſten Zeit, die dem Menſchen hienieden geſchenkt wird, aus der Zeit der Freiheit, Sorgloſigkeit und der trügeriſch ſchimmernden Hoffnun⸗ gen verſchönert.— Das Wetter war klar und ſonnig geworden und eines Nachmittags ſaßen Eugen und ich, getrennt von der übrigen Geſellſchaft, unter den Schattenbäumen der ſchö⸗ nen Anlagen an welche die Kunſt nur vorſichtig und ſchonend die Hand gelegt, die Natur nur bequem ge⸗ macht, ihr aber nicht ſchroff entgegengewirkt, wie ſie überall zu Werk gehen ſollte. Aus dem Spiegelzimmer tönten ächt Salzburgiſche Nationallieder der Dienerſchaft zu uns herüber, doch durch die Ferne ſammt dem ſie unterbrechenden Scherzgelächter gedämpft, ſtörten ſie nicht. Wir malten Pläne für unſere Zukunft aus und tauſchten Rathſchläge darüber ein, da trat raſch und mit erhitzten Wangen Adelbert zu uns, und nahm mit Haſt den leeren Platz. Er hatte, ſo wie oft, ſeit früh ſchon einſiedleriſche — 4N 423 Ausflüge gemacht, die Tafel darum verſäumt, und wir fragten beſorgt nach der Urſache ſeiner ungewöhnlichen Aufregung. Mir iſt die Fee erſchienen, leibhaft und in irdiſcher Geſtalt, dieſelbe, welche in der Salzburger Wirthshaus⸗ kammer mich durch einen Traum hieher gelockt, ſagte er bewegt. Du kennſt alle Gäſte des Bades, Eugen, ſprich, wer iſt ſie, was iſt ſie, mit welchem Namen darf man ſie anrufen?— Die dunkele Frage macht die Antwort ſchwieriger als jene Räthſellöſung des Oedipus, antwortete Eugen lächelnd. Indeſſen, geht anders Deine Erſcheinung auf wirklichen Damenfüßchen, iſt ſie nicht aus Nebel zuſam⸗ men gehaucht, ſondern von gutem Fleiſch und Blut, ſo wird jeder Gaſteiner ſie Dir nennen können, ſobald Du ſie vernünftig und ordentlich beſchreibſt. Verſteckens ſpielt ſich in dieſem engen Platz nicht leicht, und meines guten alten Onkels Hauptplaiſir iſt die einſtige Gewohnheit geblieben, jede angekommene Fremdlingin mit polizeilicher Aufmerkſamkeit durchzuſchauen und was irgend Merk⸗ würdiges an ihr auf die galanteſte Art für ſein Reiſe⸗ journal herauszulocken.— Adelbert holte tief Athem und ſammelte ſeine Befin⸗ nung. Das uralte Kirchlein zu Sankt Nikolaus oben am Berge hatte mich zu einem heimlichen Stelldichein verlockt, ſprach er bedächtiger, indem er das lange ſchlichte Lockenhaar von der heißen Stirn zur Seite ſtrich. Ich ſtudirte ſtundenlang die gothiſchen Zierrathen die vielen Grabmäler und Denkſteine, das Bild der bärtigen Bergknappen unter dem Kreuz, das Conterfei des Hoferſchen Ehepaars, jetzt noch intereſſanter durch die Berühmtheit eines ihrer Nachkommen geworden, 424 wandelte dann durch das Gräberfeld, mit Recht der Friedhof von Europa genannt, da hier ſo manche neben einander ſchlafen, deren Wiege viele hundert Meilen aus einander geſtanden, und beſtieg zuletzt den Kirch⸗ thurm, wo die alte Todtenglocke meine ernſte Stimmung durch ihre einfache aber erhebende Inſchrift: Gottes Wort bleibt ewig! nicht minderte, aber heiliger machte. Ermüdet ſuchte ich zuletzt den Ruheplatz vor dem Kirch⸗ lein, der mich ſchon bei dem Kommen freundlich ange⸗ ſprochen, mit dem Drange die finſtern Gedanken durch einen Blick in die köſtliche Umſicht abzuſpülen, und den alten Lebensmuth wieder aufzurichten. Der Platz am vorübertanzenden Silberbächlein und unter der morſchen Ulme war gegen meine Erwartung beſetzt.— Beglückt,— Verwegener! Du überraſchteſt wohl gar die Gaſteiner Bergnymphe im Morgenbade? fiel Eugen ſcherzend ihm in das Wort. Adelbert hörte nicht.— Ein Kind, etwa vierjährig, ein Mägdlein, niedlich wie ein flügelloſer Engel, friſch wie Milch und Blut, als wäre ſie ein Kind dieſes Thales, fuhr er fort, hüpfte am ſeichten Waſſer umher, brach Grasblümchen und ſammelte vom ſeidengrünen Fadenmooſe, und trug raſt⸗ los ihren Fund in den Schvoß eines Frauenzimmers, die abgewendet von mir unter dem alten Ulmenbaum ſaß. Nichts ſah ich von ihr als eine Fülle ächtgermaniſchen goldblonden Haares, auf dem die Sonnenſtrahlen ſpielten, als wollten ſie ſich, angelockt von dem ähnlichen Glanz, mit ihm verſchmelzen, und das in reichen Flechten über das Trauerkleid bis zum Graſe herabfiel. Der ſchwarze Strohhut mit dem Schleier lag neben ihr, aber eine weiße Hand ward mir ſichtbar, die mit mechaniſcher Be⸗ wegung langſam und in kleinen Pauſen die geſammelten —— Schätze der unermüdlichen Kleinen grauſam in den Bach warf, der ſeinen Raub eilfertig forttrug. Eine lange Weile ſtand ich und ſah dem ſeltſamen Spiele zu; da es iedoch kein Ende nahm, trat ich vorſichtig, wenn auch ungeduldig, näher.— Ich bewundere die Geduld des kleinen Engels, ſagte ich leichthin wie im Scherz, der in das leere Faß der Danaiden ſchöpft. Die frühe Uebung muß, wenn auch ein wenig hart, doch erſprießlich werden, denn die Ge⸗ duld iſt der treuſte Genius im böſen Leben, und die Beſtändigkeit bei nutzloſen Mühen führt in dieſer Welt voll Hinderniß und Undank doch vielleicht am erſten zum Ziele.— Das Kind, dem ich ſo redend die Hand auf das lichtbraune Lockenköpfchen gelegt, ſah verwundert, doch freimüthig zu mir auf, und reichte mir die eben gebrochenen Blümchen. Die Dame aber drehete bei dem Klang meines erſten Wortes, ohne ſichtbares Erſchrecken, das Geſicht zu mir, und ſtand wie von Federkraft ge⸗ hoben, augenblicks hochaufgerichtet mir gegenüber. Der Eindruck, den dieſes Geſicht, dieſe Geſtalt auf mich machte, war ſo unbegreiflich tief, wie ſchlagend. Nie begegneten mir ſolche Formen im Künſtlerleben und nie wurde das ſcharfſuchende Künſtlerauge von ſolch einer Studie gefeſſelt. Der Wuchs von mittler Höhe war ſo regelrecht und harmoniſch, wie ihn irgend Mutter Natur erſchuf, Ebenmaaß überall, Zartheit in Hand und Fuß, und das Schlanke, Ideale nirgend durch Mangel der Fülle entſtellt. Ich ſah eine Geſtalt, bei welcher man ſogleich an Sylphidentanz auf Frühlingsmatten denken mußte. Aber größer noch war der magiſche Eindruck, welchen das Antlitz der Huldin auf mich machte. Denkt euch eine zarte Büſte, farblos wie aus blendendſtem, 426 feinſtem Alabaſter gemeißelt, der ſchönſten Antike ähnelnd, in dieſen Zügen aber ein Schmerzenszug, der ſtereotyp geworden, doch dem Reiz keinen Abbruch that, ſondern ihn erhöhete; eine jugendliche Niobe, welche ein ewiges unheilbares Weh kühn und kräftig durch die Welt trägt, und zwiefach das Herz anzieht, weil klar in ihren Zügen ſteht, daß wer ſie zu lieben kühn genug, unbefriedigt lieben muß, bis der Tod ruft. Ich erſchrack und ver⸗ ſtummte.— Da faßte ſie meinen Blick mit dem großen eiſigkalten, dunkeln Auge auf, und ſprach mit einer Stimme voll Wohlklang, aber gedämpft durch eine be⸗ laſtete Bruſt: Ich bewundere nichts im Leben, als daß der Menſch dem Menſchen es ſo ſchwer macht, allein zu ſein!— Beſtürzt über die bittere, nicht erwartete Un⸗ höflichkeit trat ich zurück von ihr, und ſie nahm mit der Rechten den Hut, faßte mit der Linken das Kind, und ging gemeſſenen Schrittes den Berghang hinunter. Eine innere, mir ſonſt ganz fremde Aergerlichkeit hinderte mich, ihr zu folgen. Ich ſaß lange am alten Ulmbaume, und ſtarrte in den Bach hinein, an deſſen Rande die Strudel noch mit einigen der Grasblumen ſpielten, welche ſie hineingeworfen. Ich ſuchte mich zu zerſtreuen, in⸗ dem ich die Scene in meine Mappe zu tragen wagte, aber ſobald ſie fertig vor mir ſaß auf dem weißen Blatte hier, wurde die erſte Glut friſch angefacht, und ich flog auf, ſuchte, forſchte raſtlos, fand aber nichts mehr von ihr in der Gegend, und eilte zu euch nach Auskunft, denn ich muß ſie wiederſehen und ſie fragen: Warum ſie von allen Weibern die Einzige gegen alle Natur das Recht begehrt, allein zu ſein?— Er hatte ſeine Mappe vor uns auf den Tiſch ge⸗ breitet; Eugen, deſſen Geſicht während der Erzählung — — 427 immer ernſter geworden, ſchaute jedoch gar nicht ein⸗ mal auf die feine Zeichnung, ſondern antwortete mit Kopfſchütteln: Hat es wirklich in Dir gezündet, iſt Deine Aufregung mehr als momentane Wallung des Blutes und Rauſch der Sinne, ſo bedaure ich Dich. Armer Adelbert, Deine Schöne iſt ein Noli me tangere, ein Giftbaum, in deſſen Duft der Tod wohnt und der die ganze Flur abwelkt, die ihn umgibt.— Du kennſt ſie? O ſprich! rief Adelbert haſtig und mit funkelnden Augen. Iſt ſie doch meine Landsmännin; in St.„meinem Geburtsorte, ſtand auch ihre Wiege. Verwundert traf ich ſie hier im verſteckteſten Weltwinkel, der trotz ſeiner Wildheit für das wunde Gewiſſen zu friſch und ſchön, für das Unglück immer noch zu lebhaſt iſt, und fragte mich: Was will ſie hier?— Was will ſie hier? fiel Adelbert lebhaft dazwiſchen. Die dürre verwelkte Roſe blüht wieder friſch auf, wenn ſie in Gaſteins heißes Quellbad getaucht wird. Doch das kann ſie nicht wünſchen. Friſches Roth auf dieſe Alabaſterwange gelegt, würde ihre Schönheit verderben, unverantwortlicher Raub werden am höchſten unwider⸗ ſtehlichſten Zauberreiz.— Du loderſt, Freund, in Mord⸗ brandsflammen! ſprach Eugen, noch ernſter. Aber das Unglück wird Dir heilig ſein, und Dich ſo wie den Ge⸗ genſtand Deiner Glut vor Deinen Thorheiten bewahren. Und wahrlich, ſchuldig oder unſchuldig, ſie iſt eine der unglücklichſten Töchter der Eva.— Du wrillſt löſchen und ſchütteſt Oel in den Brand, entgegnete der Glühende. Iſt ſie eine Andromeda, mit Ketten des goldenen Mammon an einen kalten menſch⸗ lichen Fels geſchmiedet und vom Drachen bewacht, ſo fühle ich mich Perſeus genug, den Drachen zu tödten 428 und die Ketten zu ſprengen. Tödtete das Gift der Con⸗ venienz ihre Seele und machte ſie zur wandernden Leiche, ich reiße ſie gleich dem Orpheus aus dem Orkus, und wecke ſie mit Liebesklängen zum Leben. Iſt ſie arm, beraubt, verfolgt, verbannt, ich will im Bergwerk für ſie ſtlaviſch arbeiten, ich will in den böhmiſchen Wäldern für ſie rauben, will ſie ſchirmen mit dem letzten Tropfen Herzblut, will ſie über den Ocean tragen in eine neue unantaſtbare Heimath! Was will ſie hier, frägſt Du, nicht krank und ſo ſchön, nicht alt, ſondern in Jugend⸗ kraft und kühn wie eine Amazonenkönigin? Siehſt Du nicht ein, daß gerade darin der höhere Schickſalsruf zu erkennen iſt? An feinen Fäden hängen ſchwere Gewichte! ſpricht unſer Schiller. Warum mußte ich ſie finden, dort finden an dem ſeltſamſten Platze, allein finden von uns? Der Anfang muß zu einem Schluſſe führen, und ich bin durch jenen zauberhaften Augenblick gereizt genug, mich zu ihm hin zu kämpfen.— Setze Dich, und höre zu in Ruhe und Geduld, ant⸗ wortete Eugen. Selbſt der neugierige alte Onkel nahete ſich ihr nicht mehr, ſeit er ihre Geſchichte gehört, und ließ ſie ruhig im kleinen Häuschen die Einſiedlerin ſpie⸗ len, wo ſie fern vom Geräuſch der Badegäſte bei einem ehrlichen Hirten wohnt, die Bäder nur vor Tage beſucht, und jede Gemeinſchaft mit den Gäſten meidet. Das Warum ſagt Dir vielleicht meine Erzählung.— Wir horchten ohne Unterbrechung ſeinen Worten. Ein Stündchen etwa von unſerer Reſidenz liegt ein Edelhof, denen von Andorn gehörig, mit ſeinem Kirchdorf als eine der anmuthigſten Partien unſerer ebenen Gegend bekannt. Azelia war das einzige Kind des Beſitzers, und der Ruf ihrer Schöne lockte die jungen Reſidenzſtädter ——, — 429 mehr zu Ausflügen in jenes Thal, als die Annehmlich⸗ keiten, welche ein dortiges Kaffeehaus ausbot. Azeliens Erziehung mag nicht die geregeltſte geweſen ſein; ihr Vater, ein redlicher, deutſcher Landwirth, hielt Pflug und Jochſtier höher als Federhut, Degenquaſte und Ordens⸗ kreuz, die Mama dagegen trieb Abgötterei mit dem Kinde ihres Herzens, prunkte mit ihr, wo ſich Gelegenheit dar⸗ bot, und durch die Einladungen der ſchmachtenden Adone, welche nach Andorn wallfahrteten, bewogen, wagte ſie ſich mit dem goldlockichten Fräulein, ſobald dieſe nur den Kinderſchuhen entwachſen, in die glatten Salons der Hauptſtadt, und war baldigſt darin ſo heimiſch, daß die treuen Rappen des duldſamen Gutsherrn ſelbſt in der ſchwärzeſten Mitternacht mit ihrer ſylphidenartig geputz⸗ ten ſüßen Laſt den Rückweg ohne des ſchlaftrunkenen Kutſchers Leitſeil zu finden wußten. Die ſchöne Frauen⸗ welt blieb nicht lange ruhig dabei; riß doch das rei⸗ zende Landmädchen mit feenhaftem Zauber in kurzer Zeit Alles, was der Eroberung werth ſchien, an ſich, erhoh ſich gleich einer Armida zur Königin jedes Feſtes, zer⸗ ſchnitt Liebesbande, die man für die Ewigkeit geknüpft glaubte, ſchuf ſelbſt die zärtlichſten Ehemänner in mür⸗ riſche zerſtreute Träumer um, und drohete als der furcht⸗ barſte Uſurpator die mühſamſten Eroberungen, die ſicherſten Kronen, die goldigſten Triumphe zu nichte zu machen, und für ſich allein in Anſpruch zu nehmen. Die unerhörteſte unglaublichſte Conſpiration, Einigkeit der Damenzirkel gegen die eine Feindin trat ans Licht, das Kleinfeuer der Läſterung knatterte, die Verleumdung ließ ihr grobes Geſchütz ſpielen, der Spott ſchoß ſeine Brandraketen, die Verlockung grub ihre Minen, doch Azelia ſchritt ruhig durch das Getümmel, und jede Maskerade, jede Soirée, 430 jeder Ball hatte für ſie eine neue Sonne von Auſterlitz. Niemand konnte ihren Ruf antaſten, nicht Mann und Weib einen Beweis gegen ſie ins Licht ſtellen, froh und frei ſchritt ſie durch das gefährliche Terrain, achtete nicht des Wespenſchwarms, lächelte, neckte, beglückte mit Blick und Hand, ohne daß je irgend einer der Nachtfalter, welche die Sonnenwende umſchwärmten, ſich eines Vor⸗ zugs, eines wirklichen Geſchenks zu rühmen vermochte. War die Dame des Thals wirklich ſo rein und kalt wie der Bach, der durch ihre Wieſen ſpielte? freute ſie ſich in kindlicher Unbefangenheit des Vergnügens um des Ver⸗ gnügens willen? oder war ſie eine feine Schelmin, welche, was ſie vorgab, in tiefes Dunkel zu hüllen, den Be⸗ ſchenkten mit furchtbarem Eid zu binden wußte, daß er im Glück, berauſcht von Luſt und Entzücken, die Rolle des Entbehrenden fortſpielen mußte? Niemand konnte das ergründen.— Zwei Jahre dauerte das Tändelſpiel; aber aus der Liebhaber⸗ und Schmeichler⸗Cohorte hatten ſich ernſte Werber vorgedrängt, Ehrenmänner, die ſich nicht mit einer Bandſchleife oder einem Blütenſtengel zufrieden ſtellen ließen, und Azeliens Stellung in der Reſidenzwelt ward dadurch unſicherer. Schon murmelte das Damen⸗ chor von mehren Abweiſungen und ſchrieb an jeden ge⸗ flochtenen Korb das rothe Brandmal: Kokette; da über⸗ raſchte einen Feſtkreis die unerwartete Erklärung von Azeliens Brautſtande. Victorin von Horſten, ein hoch⸗ herziger junger Kriegsmann, meines Bruders, des locke⸗ ren Huſars, Intimus und Schlachtgefährte, Rittmeiſter gleich ihm, hatte den Sieg errungen, die ſtolze freiſinnige Atalante gefangen im kecken Reiterarm, und auffallend raſch nach dem Verlöbniß war der Tag der Vermählung angeſetzt, auffallender noch und ärgerlich für die jetzt 431 wiederum plötzlich verſöhnte Damenwelt ſollte nach Aze⸗ liens eigenſinnigem Wunſche das hohe Feſt ohne Prunk und Gelag ländlich und ſtill in ihrem Thale begangen werden.— Ein wüſtes Gelärm in der Nähe ſtörte und unter⸗ brach gerade hier den Erzähler, nach Art der verſchmitz⸗ ten Buchhändler, die mitten in höchſter Spannung den erſten Theil eines Werkes zu ſchließen pflegen. Die un⸗ gewohnte Erſcheinung zog auch uns aus unſerer Laube und durchſchritt unſre Neubegier. Der Unfug ging von einem Tiſche aus, an dem ſich nicht weit von uns ein zahlreicher Kreis von Badegäſten verſammelt hatte. Ein heftiger Wortwechſel, aus dem ſogar fremdländiſche Fluch⸗ worte hervorſprühten, hatte einen allgemeinen Aufſtand bewirkt, und man ſah die Häupter der Saiſon, die ehr⸗ würdigen Grauen, mit Geſtikulation und Wort ſich ein⸗ drängen und Frieden gebieten. Die erſte Geſtalt, die ſich aus dem Knäuel löſete, ſchritt gerade auf uns zu. Es war ein kräftiger Mann, uns Allen fremd, der Torſo eines Herkules, ein Schlachtgeſicht voll friſchrother Nar⸗ ben und vom braunen Buſchbart wild umkränzt, dazu ein rüſtiger Invalide, denn ſein rechter Aermel hing leer aufgeknüpft an dem beſchnürten, fremdartig geſchnittenen Oberrocke, und eine hochrothe Palikarenmütze ſaß ver⸗ wegen auf rabenſchwarzen Locken. Mit Mienen des Un⸗ willens und feſten trotzigen Schritten ging er an uns vorüber dem Logierhauſe zu. Ihm folgte wattſchelnden Ganges ſogleich der wohlbehägliche rundbäuchige Onkel unſeres Eugens, mühete ſich, doch vergebens, nachzukom⸗ men, und hielt athemſchöpfend bei uns an. Unerhört, ſo lange im Achenfall die erſte Badewanne geſcheuert 432 worden! ſtöhnte der Alte, indem er das grüne Sammet⸗ käppchen auf dem blanken Schädel umherſchob.— Hat Jemand Sie beleidigt, theuerſter Ohm, ſo ſoll ſogleich Nicht mich, uns Alle, die freien Tauern, das Hei⸗ ligthum! unterbrach der Weißkopf ihn. Iſt es nicht ein Kriminalverbrechen gegen alles Geſetz, hier dem Himmel ſo nahe, im freien Wald mit miſerabelm politiſchem Zankwort die herrliche Kur zu ſtören, die Wirkung der heilenden Ratur zu unterbrechen, nach Gottes ſegnender Hand gleichſam durch Zurückſchiebung der koſtbaren Ge⸗ neſung zu ſchlagen? Das iſt Friedensbruch, Giftmiſcherei, Todtſchlag, Kirchenraub zugleich, und muß eclatant ge⸗ züchtigt werden.— Und wer wagte das Entſetzliche? fragte Eugen mit theatraliſchem Pathos.— Wer anders als der rabiate Engländer, der jeden Tag einen neuen Feind ſucht, weil Niemand mit ihm wetten und boxen will, es hier keine halsbrechende Fuchshetzen und Pferderennen gibt, und ſein Spleen trotz ſeiner Maſtbaumfigur der Herrlichkeit immer mehr über den Kopf wächst. Ein köſtlicher charmanter Menſch, ein Philhellene, der die Miaulis und Kolokotronis Zeltka⸗ meraden nennen darf, kommt da eben an, um unſern Kreis zu verherrlichen; der herrlichſte Gewinn für unſere ſinnigen Abendfeſte, der einen unerſchöpflichen Quell von Abenteuern und Kriegsmährchen verſprach, eine lebendige Tauſend und Eine Nacht; und kaum hat er den Fuß aus dem Bügel geſetzt, ſo empfängt ihn der bartloſe kreidige Lord von Bulldog mit einem iriſchen Bull auf das tapfere Griechenvolk, das er lumpige Rebellen und eine Räuberbrut nennt, indeß er ihre türkiſchen Schlächter 433 und Henker von der himmliſchen Gerechtigkeit beſtellte Strafengel ſolcher Corſaren und diebiſchen Faullenzer betitelt. Aber ſo iſt dieſe Nation, welche nur ſich ſelbſt anbetet und vergöttert. Von Freiheit prahlt ſie, und nur im bepuderten Haarbeutel und verſchnittenen Fran⸗ zenrocke wagt ſie ſich ihren Königen zu nähern; von Gleichheit und Menſchenrecht verorirt ſie mit bombaſti⸗ ſchen Phraſen, und nirgends gibt es ſo viel Elend und ſo viele Hungerleider. Hat ſie wirklich die Freiheit in ihre Kreidefelſen gebannt, ſo verſchließt ſie dieſelbe gar tief, wie der Geizhals ſein Gold, gönnt ſie neidiſch kei⸗ nem Andern, und ihr ewiges Liebesbündniß mit dem Chriſtenfeinde iſt die größte politiſche Inconſequenz, welche die Welt ſah ſeit dem erſten Duell zwiſchen Kain und Abel. Auf dieſe Anthropoliten wirkte nicht einmal das Beiſpiel ihres hochherzigen freiſinnigen Königs William, der als Großadmiral dem kühnen Codrington beim Ab⸗ ſchiede vor ſeiner Fahrt nach Navarin nachrief: 6o it, Ned!— was in der Boxerſprache ſo viel bedeutet, als: Schlag zu, Eduardchen!— ein ſchwer gewichtig Wort, deſſen Zauber wie ein Nornenruf die muſelmänniſchen Dreimaſter in die Luft ſchickte.— Onkelchen, unterbrach Eugen den Keuchenden, ver⸗ fallen Sie nicht ſelber in die Sünde, die Sie ſtrafen wollen. Statt zu politiſiren, ſagen Sie uns lieber, ob ein Duell Statt haben wird. Sicherlich, denn wie käme Lord und Palikare anders auseinander! Das wird Epoche machen in Gaſtein, die Nymphe wird zum erſten WMale Trauer anlegen, der Schnee der Firnen wird ſich ſchwarz färben, die Achenfälle werden elegiſch heulen.— Das darf nicht ſein, ſolche Schande darf den Lebens⸗ vrunn nicht treffen, rief erſchreckt und ſich aufraffend der Blumenhagen. II. 28 434 Alte. Der Philhellene muß beruhigt werden, der Inſel⸗ ſohn muß fort, ehe dieſe Sonne ſinkt. Mögen ſie ſich ſchießen, umbringen in jedem andern Winkel der ſchönen Gotteserde, nur nicht hier. Das Ehrengericht der Alten wird ſolchen Gräuel nicht zugeben; und ihr naſeweiſen Plapperer haltet mich hier noch auf und ſtöret mich in meiner Pflichterfüllung.— Schwankend und ſtöhnend ſtolperte der gutmüthige Greis dem Einarmigen nach; Eugen aber rieth, eben⸗ falls das Freie zu verlaſſen, da der Rumor in der Ge⸗ ſellſchaft, die ſchon gleich einem geſtörten Bienenſchwarme uns zu umſumſen begann, die Fortſetzung ſeiner Erzäh⸗ lung unmöglich machte. Wir folgten ihm zu ſeinem Logis, trafen dort ein Fläſchchen edeln Johannisberger, den der Onkel ſich zum Schlaftrunk beſtimmt, lagerten uns neben die vaterländiſchen Nektarbecher, und horchten in der ſichern Klauſe den Worten des Freundes, auf den Ausgang einer Erzählung geſpannt, deren mildklingen⸗ der Prologus den tragiſchen Stoff nicht verrieth, der nach aller Wahrſcheinlichkeit ſich doch in ihr entwickeln mußte.— Am Abend vor dem Hochzeittage, ſo begann Eugen wiederum, ſaß der Huſar, mein Bruder nämlich, mit mehren Kameraden in einem Weinhauſe, und zu ihnen hatte ſich ein Waffenbruder geſellt, der mehre Monate auf Urlaub in der Fremde geweſen, und ſo eben erſt in die Garniſon zurückgekehrt war. Hektor von Kettenbruch galt für einen Achill im Heere, gleichfalls für den wage⸗ halſigſten Jägersmann auf dem Felde der Ehre wie der Liebe. Fröhlich und wohlgemuth horchte man auf den Bericht ſeiner jüngſten Abenteuer, auf den ſcharfen Witz, mit dem er die Gebrechen des eben beſchaueten Auslandes 435 geißelte, und die Becher kreiſeten immer lebhafter und der feurige Burgunder ſchminkte die bärtigen Wangen immer dunkler. Da erwähnte einer der Zecher des mor⸗ genden Feſttages und ſpöttelte über Viktorins Schwäche, der um der Braut willen heute zum erſten Male den täglichen Kreis der Freunde vergeſſen. Hektor fragte neugierig aufhorchend, doch als man den Namen der Braut genannt, ſtarrte er den Sprecher wie mit Tiger⸗ augen an, und mein Bruder bemerkte, daß er das Glas in der Fauſt zu Scherben zerdrückte. Ein wüſtes Ge⸗ lächter quoll dann aus ſeinem Munde und er rief, das innere Toben zu maskiren:„Wieder ein Abtrünniger unter uns, wieder ein Weiberknecht mehr unter dem Küraß, ein Herkules am Spinnrocken. Wäre ich zur Stelle geweſen, der Viktorin würde brüderlichen Rath nicht verſchmäht haben.“— In dieſem Augenblicke fühlte mein Bruder den ſanften Druck einer Hand auf ſeiner Achſel, und als er den Kopf wandte, ſtand der eben ein⸗ getretene Rittmeiſter hinter ihm, ſprach jedoch durch eine Geberde den Wunſch aus, noch unbemerkt zu bleiben. Hektor ſchien auch den Ankömmling nicht bemerkt zu haben. Er wickelte die blutende Hand geſchickt in ſein Taſchentuch, füllte ſich ein anderes Glas, und brachte mit wilder Lebhaftigkeit einen Toaſt auf das Brautvaar aus. Nachdem er dann nur einige Sekunden lang ſtarr in das leere Glas geblickt, ſprach er mit ſeltſam dumpf⸗ klingender Stimme:„Der Viktorin war auch im Felde ein Glückskind. Hatte er die Vorwacht, alsbald gab es auch ein brillantes Nachtgefecht; ſprengte ein wagehalſi⸗ ger Adjutant oder Oberſt herausfordernd vor die feind⸗ liche Fronte, ſo traf immer ihn der Zufall, den Goliath auf den Sand ſetzen zu dürfen, und retirirte der Feind, 436 ſo ſtieß ſeine Schwadron ſicherlich auf eine Kriegskaſſe, oder auf den Marſtall, oder die Karoſſe eines Marſchalls. Zetzt fiſcht er auch den Junkern der Reſidenz ihren Ab⸗ gott hinweg. Fräulein Azelia iſt eine ſeltene Blume, ſelten wie ihr Name im Kirchenbuche. Aber auch ich fand einſt fern und draußen eine Azelia. Mag's ihm beſſer gehen, wie mir mit Jener. Noch gedenke ich mit froher Erinnerung des ſtillen Pavillons, von einer Oran⸗ gerie umduftet, der hochrothen Ottomane, auf welcher ein geſtickter Mohrenprinz prangte; im Winkel drohete vom Poſtamente eine Statue der Flora, als ſpräche ſie: Brich meine Blumen nicht, der Dorn ſticht! Ein düſte⸗ rer Kaſtanienbaum verdeckte ein Fenſterchen, welches nach außen in die freie Flur ging, eine Breſche, gefährlicher als der Kanonen⸗beſpickte Montmartre. Ja, wer von uns hätte damals einen Sprung in die Batterie, einen Dornbuſch oder einen wachthaltenden Mohrenprinzen ge⸗ ſcheut! Meine Donna glich einer Fee, denn ſie verſtand nicht allein mit den Männerherzen umzuſpringen, wie mit den Klöpfeln der Spitzenweberei, die ihre Lieblings⸗ arbeit war, ſondern ſie wußte ſich auch jede Stunde zu verwandeln, jetzt in eine ſchmachtende und duldſame Schäferin, dann in eine dräuende zornglühende Ama⸗ zone, heute in die feurigſte Waldnymphe, morgen in die kalte abſtoßende Prüde, und ſo immerdar neu zu bleiben und räthſelhaft. Und wer löſet nicht gern Räth⸗ ſel? Wen reizt nicht die Unergründlichkeit, der Wider⸗ ſtand, die Maske? Die Zauberin trug überdies das Zeichen ihrer engliſchen oder hölliſchen Gewalt an ſich, ſie war ſtigmatiſirt gleich den Eleven des famoſen Pa⸗ ters Dirrak, aber von der Hand der Natur, drei gold⸗ farbige Sternchen brannten nicht weit vom Herzen auf 4 — — 2. 6 437 der Lilienbruſt.“— Mein Bruder fühlte des Rittmeiſters Hand ſich krampfigt um ſeine Schulter klemmen, indeß Kettenbruch ſein neugefülltes Glas in einem Zuge leerte. „Und warum flohet Ihr die intereſſante Zauberin, um die wir Euch Alle beneiden möchten?“ fragte ein flaum⸗ bärtiger Kornet.„Warum brachtet Ihr ſie nicht mit aus der Fremde in die Heimath als eine gute Beute?“— „Das will ich Euch enträthſeln, mein Freundchen,“ ant⸗ wortete der hämiſche Hektor.„Ich ſah im Schatten des Kaſtanienbaumes noch einige andere von meiner Circe Verhexte den Eingang des Labyrinths erſteigen, wozu ich allein den Ariadnefaden zu haben wähnte, und deßhalb nahm ich mir Ulyſſes Beiſpiel zum Muſter, und floh das gefährliche Eiland.“— Mit Ausgelaſſenheit ſtimmte er dann ein bekanntes Reiterlied an, und ſtieß bei dem beliebten Refrain mit den Nachbarn an. Der Rittmeiſter Horſten ging in dieſem Augenblicke um den Tiſch, und hielt dem wüſten Uhlan ſein Glas entgegen.„Auch Du da, Herr Bruder?“ ſprach Hektor leichthin.„Wir tranken ſchon vorhin auf Dein Glück und das große Loos, was Du gewonnen.“—„Ich hörte es und danke!“ ſprach Horſten ernſt; die Gläſer klangen melodiſch zuſammen, aber die Augen, deren Blicke ſich ſtechend trafen, blitzten ſo diaboliſch, daß meinem Bruder das Herz in der Bruſt erbebte vor der Ahnung, die durch ſein Gehirn flog.— Auch ich ahne, errathe! ſtieß Adelbert hervor. O die Hölle über den teufliſchen Plapperer!— Am Morgen darauf fuhr Viktorin mit meinem Bru⸗ der zum Landgute der Brauteltern. Schön und heiter trat ihnen die Braut im Atlaskleide und dem Myrten⸗ kranze entgegen! Viktorin umfing ſie mit Heftigkeit, doch nur einen Augenblick; darnach aber hatte Azelia ſeinen 438 Ernſt, ſeine Kälte zu tadeln, bis er mit dem Ausrufe: „Gehen wir denn nicht der ernſteſten Stunde unſeres Lebens entgegen, Du wie ich?“ ihren Vorwürfen ein Ende ſtellte, und ſie ſelbſt in ein Gedankennetz verwickelte. Mein Bruder wagte den ſchweigenden Freund nicht zu erforſchen, aber er verſicherte mir, niemals mit ſchauri⸗ gern Empfindungen einem heiligen Akte dieſer Art, der ſonſt von milder Freude überſchimmert zu erſcheinen pflegt, beigewohnt zu haben. Die Trauung geſchah in der Dorfkapelle; nach ihr küßte der Rittmeiſter die junge Frau feſt und herzlich, wandte ſich dann aber von der Verwunderten, und winkte dem Freunde zu einer Seiten⸗ thür. Außen fanden ſie ihre geſattelten Roſſe, und im Trabe ging es einem nahen Steinbruche zu. Sie ſaßen ab, der Reitknecht nahm auf Befehl des Rittmeiſters die Piſtolen aus den Halftern und voran, feſt und ruhig ſchritt Viktorin in die tiefe düſtere Schlucht. Schon fan⸗ den ſie dort Hektoren und ſeinen Begleiter. Kein Wort unterbrach die gewöhnlichen Vorkehrungen; Beide ſchoſſen zugleich, und mein Bruder hielt den braven Horſten, von Hektors ſicherer Kugel durchs Herz getroffen, wenige Minuten nachher todt in ſeinen Armen. Kettenbruch ſprengte über die Grenze, und man ſah nie wieder etwas von ihm, und Azelie, die an einem Tage Braut, Ver⸗ mählte und Wittwe geweſen, erſchien nie mehr in den Cirkeln der feinen Welt.— Wir ſaßen Alle eine Weile verſtummt; Adelbert raffte ſich zuerſt aus ſeiner Gedankennacht empor. Ein ſchwarzes Gemälde, ein ächter Höllen⸗Breugel!— Aber das Kind, die rofige Kleine? ſetzte er raſch hinzu.— Ich weiß nichts darüber zu ſagen; antwortete Eugen; denn ich verließ zu derſelben Zeit die Stadt.— Und Du glaubſt durch Deine Trauermähr die Herr⸗ liche mit einer Mauer für mich umzogen zu haben? fuhr Adelbert fort. Sie iſt ein Schickſalsopfer, eine ſchuld⸗ los Gemarterte, eine in glühende Lava Verſunkene. Und welcher Kampf galt den klaſſiſchen Helden höher, als der mit dem grauen unerbittlichen Fatum, dem rie⸗ ſigen Geſpenſt des unausweichlichen Zufalls? Sie muß erlöſet werden, die Lebendigbegrabene muß hervorgegra⸗ ben werden; o war's mir doch immer, als wäre ich zu einem ganz beſondern heimlichen einzigen Zwecke in dieſe Wildniß geſchleudert worden.— Eugen ſtand vom Seſſel auf. Verſuche Dein Heil, mein junger Ritter, ſagte er lächelnd; aber klage nicht, wenn Du erfroren oder todtwund gleich den Rolanden Napoleons von der Ritterfahrt nach den nordiſchen Eis⸗ feldern heim kommſt, Du biſt gewarnt, und die Uhr von Gaſtein ſchlug neun, zu welcher Stunde alle getreuen Gaſteiner das Bette ſuchen.— Am folgenden Morgen deckten ſchwarze Gewitterwol⸗ ken den ganzen Himmel und bannten die furchtſamen Badegäſte in ihre Zellen, da die Entladung ſolcher Wetter in dieſen Bergthälern von einer ſuperlativen Furchtbarkeit begleitet zu ſein pflegt. Ein gefälliger Wind erhob ſich jedoch und auf ſeinen Fittichen kutſchir⸗ ten die dunkeln Koloſſe ſämmtlich ins höhere Gebirg hinauf, und nur an dem Schwellen und heftigeren Rau⸗ ſchen des Fluſſes bemerkte man, daß ſie ſich an den hohen Firnen gebrochen und entladen haben mußten. Der Nach⸗ mittag wurde heiter und wolkenfrei; Eugen wurde durch kinvliche Pflicht an das Bett des erkrankten Oheims ge⸗ feſſelt, der die geſtrige ungewohnte Alteration nicht über⸗ winden und den zähen Engländer nicht verdauen konnte; 440 Adelbert lief ſeinem Ideale nach, und ich nahm meine Verlaſſenheit wahr, mich in Berg und Buſch nach Ra⸗ turſchätzen umzuſchauen. Vom Schloſſe ſtieg ich zum Schloßfelſen hinauf und höher in die wildeſte Partie von ganz Gaſtein, nicht mit Unrecht: Auf der Schreck genannt. Vor mir her ſah ich einen Mann ſteigen, in welchem ich ſogleich den Pa⸗ likarenhauptmann erkannte. Auf der Schreckbrücke verweilte er, und ſtand betrachtend lange am Geländer. Die ſchauervolle Schlucht unter ihm, das betäubende Toſen und Brüllen der über die Felszacken herausbrechen⸗ den Ache, der Dampf und Giſcht der weithin Alles in einen kochenden Dunſtſchleier hüllt, ein wahres Höllen⸗ bild, mochte auch den Vielgereiſeten im Staunen gefeſſelt halten, und er gedachte vielleicht bei dem Grauſen, wel⸗ ches der wüſte Kampf der Elemente erregt, an den Gräuel, durch welche er in den vielbeſungenen griechiſchen Fel⸗ dern hatte wandeln müſſen. Später ſah ich ihn noch einmal höher hinauf am gefährlichſten Platze der Gegend, wo am äußerſten Saume des Abgrunds zwei alte Fichten ſtehen, Zwillingsbäume aus einer Wurzel entſproſſen, welche die hohen Gipfel in friſcher Bergluft wiegen, in⸗ deß die tiefern dunkeln Zweige ſich hinabtauchen in das weiße Schaumbad, das aus der Schlucht emporſpritzt und zu den Regenbögen, die als Verſöhnungs⸗ und Frie⸗ densbild ſchillernd die Spritzwolken überbauen. Er hielt ſich mit kühnem Arm an dem Fichtenſtamme und beugte ſich weit hinüber nach den Grauen der Tiefe, ſo daß ich ſchwindelte beim Anſchauen der übermüthigen Verwegen⸗ heit.— Mein Weg führte mich von ihm ab durch Gebüſch und Holz in die Nähe der Felshöhe, welche die Sonnenwende heißt, und nicht fern von der Straße 441 hinter der Echobank beſchäftigte ich mich, von einem alten Baumſtamme ein Neſtchen Clauſilien auszunehmen, eine Familie jener kleinen zarten Schraubenſchneckchen, die geſellig unter dem Mooſe zu wohnen pflegen. Ein Geräuſch erregte meine Aufmerkſamkeit in der grabes⸗ ſtillen menſchenleeren Gegend; ich ſchaute umher und mein Grieche ſaß auf der Echobank. Ich packte bereits meine Schächtelchen ein, um ihn anzureden, da hüpfte ein liebliches Mägdlein aus nahem Buſch, ſtand einige Augenblicke überraſcht in der Nähe des fremden Mannes, ließ ſich aber bald durch ſeinen Anruf und ſein Schmei⸗ chelwort heranlocken. Der bärtige Palikar zog ſie in ein Geſpräch und die Kleine ſchien daran Wohlgefallen zu finden. Meine Neugier wurde wach. Wie mwochte dieſer wüſte narbigte Kriegsgeſell ſich zu der natürlichen Kindlichkeit herabſtimmen können, welche allein der Kin⸗ der Vertrauen augenblicks gewinnt?— Behutſam trat ich unter den Bäumen ganz nahe hinzu. Der Palikar hielt die Kleine zwiſchen ſeinen Knieen und ſtreichelte mit der linken Hand ihre Locken. Du wohneſt wohl hier in der Wildniß, Du kleines ſüßes Engelchen, um die Menſchen, die ſich hier herauf verirren, vom Schreck und Grauſen zu erlöſen?— fragte er, als ich ſo dicht hinangekommen, daß ich Worte verſtand.— Wir wohnen dort unten, ich und die Mutter bei einem guten Manne, der viele Schafe und weiße Lämmchen in die Wieſe treibt, ſagte die Kleine.— Und wie heißt Deine glückliche Mutter, Du ſüßes Herz? fragte er ſchmeichelnd.— Ich rufe ſie Mama, antwortete das Kind; aber ſie heißt auch Azelia.— Azelia! rief der Mann mit einer Schlachtſtimme und ſprang auf, doch faßte er die erſchreckte Kleine ſogleich wieder an ihrer Hand, und ſchmeichelte ihr von Neuem, aber ich bemerkte deutlich, daß ſein Arm zitterte.— Eine dritte Perſon kam jetzt hinzu. Ein Frauenzim⸗ mer ſchritt aus dem Gebüſch, und auf den erſten Blick erkannte ich Adelberts Unbekannte.— Er hatte ſie aus⸗ gemalt wie ein guter Maler, etwas verſchönt und durch den Farbenſchmelz idealiſirt, aber in den Grundzügen 442 treu und wahrhaft. Die Dame ging haſtig auf die Bank zu, ihr Kind fortzunehmen, doch einen Schritt vom Ziele ſtarrte ihr Fuß, Blick und Züge bekamen einen wirklich entſetzlichen Ausdruck, und ſie hob beide Hände abwehrend wie vor einer feindſeligen Erſcheinung. Hektor! rief ſie dann mit einer ſchneidenden Stimme. Und Sie leben noch? Sie können noch leben?— Der rieſige Mann ſchien wie entnervt vor ihrem Anblicke und konnte ſich nicht vom Sitz erheben. Aze⸗ lia, ſagte er mit einer Stimme, ſchwach wie ein leiſe erſterbendes Echo, Azelia, Du biſt es ſelbſt! So bin ich endlich am Ziele nach monatelangem Suchen und in der Verzweiflung einer ſchon gänzlich verſunkenen Hoffnung.— Azelia's Antlitz hatte die eiſigkalten Marmorzüge wie⸗ derum angenommen. Hoffen? entgegnete ſie mit bitter⸗ ſtem Hohn. Kann ein Menſch hoffen, der jede fremde Hoffnung zertrat! Weichen Sie aus meinem Wege, wenn noch irgend etwas Menſchliches in Ihnen geblie⸗ ben. Wir dürfen uns nie mehr begegnen; dieſe Gnade glaubte ich durch meinen Jammer vom Himmel erkauft zu haben.— Gibt es denn keine Verſöhnung für das, was der Menſch in Raſerei, in der Verblendung der glühendſten Leidenſchaft, der marterndſten Eiferſucht gefrevelt? fragte er mit bebenden Tönen.— Ich bin heimathlos geworden, antwortete ſie mit grauenvoller Ruhe, mir iſt keine Familie, kein befreun⸗ detes Weſen geblieben. Die Hölle in der Bruſt ſchleiche ich durch die Welt, heute hier, morgen da, fremde Ge⸗ ſichter, unbekannte Orte, verſteckte Winkel ſuchend. Und wer war es, der mich ſo in Scham und Reue durch die Welt gepeieht und blutige Schatten an meine Ferſen ehetzt?— 5 Der Mann hob den Stumpf ſeines verkrüppelten Arms. Das Schickſal zerſtörte, was die Unglücksthat vollbracht, ſagte er wie bittend.— Warum die Zunge nicht auch! fiel ſie ein mit Tiger⸗ blicken. Sie redet noch, ſchwatzt noch, die Schändliche; ſie meuchelt noch, die Schamloſe, die Undankbare!— — 443 Mit Wuth faßte ſie das Kind, und ſuchte es von ihm zu löſen. Laß mein letztes Gut, Mörder, blutiger Mörder! betaſte den reinen Engel nicht, dem Du Ehre und Glück genommen, ehe es die Sonne ſah.— Soll das engelgleiche Kind keinen Vater haben 2 fragte er ermattet.— Lieber keinen, als einen niederträchtigen, der ſich ſelber gebrandmarkt, rief ſie gleich einer Furie. Fort! Laß das Kind! Und naheſt Du wieder mir, bei Deiner und meiner Verdammniß, ſo tödtet daſſelbe Meſſer mich und das Kind.— Erſchlafft, wie vernichtet, ſank der Mann zuſammen und bedeckte ſein Geſicht mit der Hand. Azelia flog wie vom Winde getragen mit der Kleinen die Höhe hinunter. Ich ſchlich mich zwiſchen den alten Waldbäumen hinweg; wie hätte ich jetzt mit dem Zerſchmetterten zuſammen⸗ ſtoßen mögen.— Kaum war ich erſchüttert und mit den widerwärtig⸗ ſten Empfindungen in Gaſtein eingetroffen und hatte den Freunden die ſeltſame feindſelige Begegnung, der beiden Hauptperſonen in Eugens Erzählung berichtet, wobei Adelbert in eine neue Wallung gerieth, und ſich ver⸗ ſchwor, der Ritter und Rächer der Dame zu werden, ſo verbreitete ſich ein dumpfes Gerücht durch die Cirkel der Geſellſchaft. Ein Unglücksfall hatte ſich ereignet. Berg⸗ knappen wollten bei ihrem Heimgange geſehen haben, wie oben auf der Schreck in der Nähe jener Zwillings⸗ fichten ein Menſch in den Abgrund geglitten ſei. Die Nacht verſchleierte die Entwicklung des düſtern Räthſels. Aber früh am nächſten Tage fand man den Verun⸗ glückten. Die hochgeſchwollene Ache hatte ihn tief im Thale auf eine Matte ausgeworfen; es war der grie⸗ chiſche Hauptmann, und mit Grauen und Rührung zu⸗ gleich betrachteten wir den rieſigen Leichnam des Mannes, der ſich durch wilde Türkenſchlachten gekämpft, um im entlegenſten Orte ſeines deutſchen Vaterlandes in Schmach und Verzweiflung zu ſterben. Eugen drückte bedeutungsvoll den Finger auf ſeinen Mund, wir verſtanden ihn, kein Menſch erfuhr, was 444 der Zufall mir vertraut hatte. Oben auf der Echobank fanden die Nachſuchenden des Philhellenen Brieftaſche. Ein beſchriebenes Blatt darin nannte die Tochter Aze⸗ liens von Horſten als die Erbin ſeines Nachlaſſes, ſei⸗ ner Beſitzungen in der Heimath. Man ſuchte auf unſere Veranlaſſung nach der fremden Dame, doch ſie hatte in der Nacht das Wildbad verlaſſen, und blieb ver⸗ ſchwunden.—— Die verſtörte Badegeſellſchaft trat zuſammen, um dem verunglückten Fremden eine ehrenvolle Todtenfeier zu veranſtalten. Oben auf dem Friedhofe von Eu⸗ ropa ward er mit anſehnlichem Gefolge beſtattet. Auch zu einem Denkmale ſchoß man zuſammen und Adelbert bekam von Eugens Onkel den Auftrag, die Ausführung zu beſorgen. Der ſchauervolle Tod des Palikaren hatte den Freund umgewandelt, er war ſtill und verſchloſſen geworden, und entzog ſich der Aufforderung nicht; und als Eugen fragte: War das der beſondere heimliche Zweck vielleicht, zu dem Du in dieſe Wildniß geſchleu⸗ dert worden? ſetzte er ſich zu ſeinem Zeichnenbrett und entgegnete: Was iſt Haß, was iſt Liebe?— Das iſt wie Tag und Nacht, wo die eine aufhört, beginnt die andere, ſie verlaufen in einander, wie meine Farben, aber beider Urſache, die Sonne, iſt dieſelbe wie das Menſchenherz.— Ich haßte dieſen Hektor als einen Verräther am Heiligſten, am Moyſterium der Weiblichkeit, ich liebte dieſe Azelia, als ein Opfer des Undanks. Jetzt dünkt mich faſt, ich liebe den Büßenden und haſſe die Unver⸗ ſöhnliche. Seltſamer Wankelmuth! Auch ſie hat doch geliebt, was ſie jetzt tödtlich haſſet. So iſt Alles unbeſtändig hier unter, und der arme Menſch darf ja auf nichts Hoffnungen bauen, da er nicht einmal ſich ſelber ver⸗ trauen kann. Das ſoll mein Denkſtein ausſprechen.— Vielleicht wird Azelia von einer mildern Empfindung dereinſt zu dieſem düſtern Platz zurück getrieben, und ver⸗ ſöhnt ſich an meinem Steine mit Hektors Schatten. —0— ——— —— ₰ Fr