3 — .* . ⁰ der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen⸗ B— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und Teſebedingungen. 1. Ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ fangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. * 2 esepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 2 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei veſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mi.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mt.— Pf. Auswärtige Abonnenten haben für Hin- und Zuräckſendung 6. Schadenersatz. 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Schwerer und ſchwerer athmete die kranke Alte; die Bruſt beſaß nicht mehr die Kraft, wiederum auszu⸗ ſtoßen die eingeſogene Luft; ein tiefer Seufzer half dann zuweilen dazu und klang hohl wieder von der dünnen Lehmwand der Hütte, in welcher man den Todtenwurm durch die Stille deutlich picken hörte, durch die Kirchenſtille, welche das Sterbebette einer frommen Greiſin wie mit einer heiligen Oſterfeier umgab. Neben — dem kargen Bett ſaßen zwei junge Leute auf grobge⸗ ſchnitzten Schemeln wortarm ſich gegenüber; beide blü⸗ hende Bilder der Jugend, denen man anſah, daß der Anblick des Todes ſie erſchütterte, da ſie in ihrer Kraft nicht begreifen konnten, wie Sterben im Raume der Möglichkeit liegen könne. Der junge Burſch war eine Muſterform der Männlichkeit in ihrer unverdorbenſten Natur. Selbſt in den dürftigen Kleidern eines Knechtes fiel der hohe ſchlanke Wuchs angenehm in das Auge, muskelvoll waren die nackten Arme, die Geſichtszüge ſcharf, das Auge, trotz der hellen Bläue, voll Glanz, und das blonde Haar kräuſelte ſich rund um eine ge⸗ wölbte Stirn, auf der nichts von Knechtſchaft zu leſen war, und welche jetzt düſtere Falten bedeckten, die dem Blicke unter der zuſammengezo enen Augenbraune einen Ausdruck von zürnender Heftigkeit gaben, der fürchten machen konnte. Aber keinem Menſchen galt dieſer Ausdruck von verſchloſſenem Ingrimm, er galt dem Schickſale, welches dem ſchlanken Nis Ipſen jetzt das Letzte und Liebſte zu nehmen drohete, das durch die Bande des Blutes auf Erden ihm verbunden geweſen: die liebe Mutter, für welche er ſo ſchwer gearbeitet, für die er das Wenige geſpart, was der Dienſt auf dem Edelhofe des Herrn von Bombel ihm eintrug, und mit der er die höchſte Wolluſt der Dankbarkeit und der Wiederver⸗ geltung verlieren ſollte. Hima! ſagte er mit dumpfer Stimme zu der feinen Dirne, welche ihm gegenüber ſaß und der Kranken die trockenen Lippen aus dem irdenen Milchnapf feuchtete; Hima, laß ſie ruhen! Sie wird auf Erden kein Gericht mehr mit Vergnügen koſten, das du ihr bereiteteſt, ſich nicht mehr erquicken mit dem Weine, den ich ihr Sonn⸗ tags einſchenkte. Dieſe Freude iſt nun auch geweſen, und mit ihr das Beſte fort aus meinem Leben, und ich möchte morgen zu den Werbern gehen, und gegen den Landesfeind treten, der über das Meer kam.— Nicht alſo, Nis! entgegnete die Dirne im Tone ſanften Vorwurfs, indem ſie die langen, flachsgelben Haarflechten, die ihr bei dem Riederbeugen über das Geſicht gefallen waren, zurückſtrich und ihre frommen Augen recht lieb und ſchmerzlich zu ihm aufſchlug. Wenn die Mutter Dich ſo wild reden hörte, gewiß ihr würde der Tod ſchwerer werden. Nein, Du mußt nicht ſo hef⸗ tig ſein überall, hier am wenigſten, wo Du lernen könnteſt, wie ſichs mit einem guten Gewiſſen und dem Erlöſer im Herzen ſo leicht und ſo ſanft der letzten Stunde entgegenſieht.— Ja, ja! antwortete Nis, Du und die Mutter, ihr zwei ſeid ganz anders wie das gewöhnliche Menſchenvolk. Wenn ich zwiſchen euch ſaß, ſo war ich immer auch beſſer als ſonſt, und das Blut floß mir ruhig und ſtill. Aber draußen, wenn ich ſehe, wie der Arme ſich plagt und nichts hat davon, nicht einmal ein weiches Bett und einen Feſttagsrock, wie die Böſen obenauf ſind und die Schlechten vom Schweiße der Guten zehren: da faßt mich oft ein Höllengeiſt, und ich möchte Jedweden anfallen und würgen, der Frohn und Demuth verlangt, weil ſein Vater ihm ein Schloß nachließ, und der doch oft da ein Schlangenneſt trägt, wo unter dem Kittel ein ehrlich Herz gegen die Lumpen klopft.— Gedenke unſeres Schloßherrn, Nis! fiel das Mädchen ein; macht er nicht Vieles gut, was Seinesgleichen Unſeresgleichen thaten? Iſt er je hart geweſen gegen Dich und mich? Welcher Andere würde Dir und mir erlauben, Tage lang hier die Mutter zu pflegen, indeß er ſelber unſere Dienſte im Schloſſe entbehrt?— Er iſt ein weißer Rabe unter den Millionen ſchwar⸗ zen, antwortete der Knecht. Da fühlt man die Knecht⸗ ſchaft kaum, ſo ſtrenge er iſt und ſo ernſt er auf die Ordnung hält; ja wenn nur die Menſchlichkeit daneben ſitzt, thut beides wohl, da ohne beides kein Regiment beſtehen kann. Wenn ich mir zuweilen träumend oder betend den Herrgott denken will, und das Bild vom jüngſten Gericht in der Kirche zu Claurzbull mir vor Augen ſteht, vor dem ich zum erſten Male zum Gottes⸗ tiſche ging, ſo verwandelt ſich das Geſicht des Todten⸗ richters jedes Mal in das Antlitz unſeres alten Edel⸗ herrn, ſchaut freundlich aus den weißen Locken mit klaren Augen herunter, und ich bete dann herzlicher und ſpreche:„Du ewiger Vater kannſt nur ein Urtheil ausſprechen über Alle, und das lautet: Gnade!“— Sündige nicht! ſagte das Mädchen ängſtlich. Den Schöpfer mit einem Menſchenbilde zuſammenſtellen, dünkt mir ein böſer Frevel.— Der Menſch hat Sinne und lebt durch ſie das eigent⸗ liche Leben, ſo ſprach der ehrwürdige Klas oftmals, antwortete Nis. Kann es den Allmächtigen beleidigen, wenn der Sinn ſich von ihm ein Bild ſchaffen möchte, um ihn näher und deutlicher zu haben? Kann es das höchſte Weſen beleidigen, wenn der Menſch zu ſolchem Bilde die liebſten Züge nimmt, welche ihm auf Erden lebten? Auch dein Bild, Hima, ſehe ich zu Zeiten, und es iſt der Johannes, welcher mit zur Rechten ſitzet im Himmel, und oft ruft das Bild und winket in ferne Wüſten mich und ſpricht: Nis Jpſen, mache dich auf, denn hier iſt nicht dein Platz!— Du biſt gar ein ſonderbarer Menſch, erwiderte das Mädchen ſcheu. Wenn man Dich nicht kennte und wüßte, wie gut Du ſein kannſt, ſollte man ängſtlich bei Dir werden. Jetzt ſo heftig und tobend wie ein junger Stier auf der Maſch, und dann wiederum ſo tiefſinnig wie der mondſüchtige Schäfer zu Richelsbol. Aber das macht der alte Prediger zu Rodenäs, bei dem Du den erſten Dienſt hatteſt; der ſoll auch Geſpenſter haben ſehen können, ſoll ein Sonntagskind geweſen ſein, ſoll gewußt haben die Stürme wegzuſchwören und mit dem Haſelſtecken Gold und Waſſer auszufinden.— Sprich mit Ehrfurcht von Abel Klas, fiel Nis ein. Dem frommen Manne danke ich Vieles; Manches hat er mich gelehrt, das freilich dem Knechte nichts nutzet und ihm ſogar die Knechtſchaft ſchwerer macht: aber er meinte es gut, und Friede ſei ſeiner Aſche. Und was nennſt Du tiefſinnig ſein? Iſt denn der Menſch ein * 7 Thier, das dem Wolfe ſtill hält, wenn er in die Hürde bricht, oder der Metzgerhand, die es zur Schlachtbank ſchleift? Es iſt mir als ſei ich nicht geboren zum Still⸗ halten, und darum leide ich das Schimpfwort des Ver⸗ walters nicht, und der Stock des Großknechts darf ſich gegen mich nicht heben.— Auch thut das ja Keiner mehr, ſeit Beide dich grim⸗ mig ſahen wie den Nordweſtſturm, wenn er die Fluten gegen die Klippen peitſcht, ſetzte ſchnell Hima hinzu, weil ſie die rothen Scheine fürchtete, die ſchon an des Burſchen braunen Wangen bis zu der Stirne hinauf⸗ liefen. Auch hat Dich ja der Edelherr frei gemacht vom niedern Dienſt, und Du darfſt nur ſeine Leibthiere warten.— Und wer war der Engel, der zwiſchen mich trat und den guten Herrn, gegen den ſelbſt meine Hitze losbrach, als der Großknecht die Peitſche nach mir geſchwungen? fragte Nis plötzlich ſanft wie ein Kind. Warſt Du es nicht, die alles gut machte und verſöhnte? War es nicht Deine Stimme, die mich ſtumm machte, weil ſie mir immer klingt als käme ſie gerade aus dem Himmel zu mir herunter? Und biſt Du der Mutter nicht auch ein Engel geweſen im böſen Krankenbett, auf das ſie ſo plötzlich das Alter niederwarf? O daß Deine Pflege ſo ohne Lohn bleiben wird, daß Du nie mehr die Freude haben wirſt, ſie herauszuführen in die Sonne, und daß ich ſo arm ſein muß, Dir nichts vergelten zu können, was Du an der fremden Greiſin gethan!— Ich dachte an meine Mutter, die fern in Flensberg wohnt, und der ich keinen Beiſtand leiſten kann, wenn ſie ſchwach wird, ſagte das Mädchen. Ach! iſt denn nicht jeder gute Greis ein Vater für alle gute Burſche, ⸗— 7——————— 8 und jede gebrechliche Alte eine Mutter der guten Mäd⸗ chen? Leihet nicht jeder Gute gern dem Alter den Arm zur Stütze, weil er der Eltern dabei gedenkt und des vierten Gebots? Haben ſie doch uns geführt, als wir ſchwache Küchlein waren ohne Kraft und Verſtand. Und mir könnte die Vorſicht keinen reichern Schatz im Leben geben, ſiel Nis mit feurigen Wangen ein, als wenn mir erlaubt wurde, Dich zu führen, Dich zu ſchützen, bis ſie uns beide in ein Grab legten. Zuge⸗ than wareſt Du mir ja immer; daß Du es redlich und ſo recht vom Herzen mit mir meinſt, haſt Du bewieſen in der Pflege meiner Mutter. So frage ich Dich in dieſer ſchweren Stunde: willſt Du es halten mit mir treu und feſt? Willſt Du mein ſein und bleiben, und theilen Noth und Arbeit mit mir für immerdar? Sprich, Hima, denn ich bevarf eines Nothankers in dieſer Minute, wo der Sturm mir das Heiligſte zerſtört.— Braucht es denn da der Frage noch? ſprach Hima frei von der Seele her und reichte ihm die Hand. Mäd⸗ chen wählen nur einmal und halten feſt bei dem Er⸗ wählten aus; aber ihr Burſchen ſeid unſtetes Volk, ziehet von Ort zu Ort und wechſelt wo ihr hinkommt und euch ein freches Auge verlockt.— Denke das nicht von mir, ſprach Nis und drückte ihre Hand feſt gegen ſeine Bruſt. So wabr ich meine Mutter liebe wie ein guter Sohn, ſo wahr ihre Scheide⸗ ſtunde mir den größten Schmerz bringen wird, ſo wahr ich ihren Segen hoffe verdient zu haben durch Wandel und chriſtliches Herz: ſo gewiß will ich keiner andern Dirne je ſo die Hand drücken, und keine andere ſoll meinen Trauring am Finger zeigen.— Amen! ſagte eine dumpfe Geiſterſtimme, und Beide 9 fuhren erſchrocken auseinander. Es war die Mutter. Ihr Athem tönte wieder leicht und frei; über das bleiche, hagere Antlitz flog eine milde Roſenfarbe, und ihre Augen ſtanden weit offen und glänzten ſo klar und über⸗ irdiſch, als hätten ſie ſchon in das Reich der Seligen hinübergeſchaut. Zur Verwunderung der Kinder richtete ſie ſich ohne Hülfe raſch auf im Bett, faltete die dürren Hände zum Gebet zuſammen und ſah dann mehre Male von dem Sohne auf das Mädchen und wiederum von ihr auf ihn. Haltet zuſammen, flüſterte ſie kaum hörbar, haltet zuſammen wie ein lebendig Herz! Was Gott band, kön⸗ nen Menſchen nicht trennen. Es iſt ſo hell um mich her; alles ſchimmert wie Silber und ich ſehe Viele, Viele in glänzenden Kleidern.— Wer gutgerathene Kinder nach⸗ läßt, ſtirbt einen leichten Tod.— Sehet! da flattern Fahnen, und Trommeln wirbeln zu eurer Hochzeit. O wie prachtvoll die Schiffe über die See hingleiten und donnern, donnern, daß die Deiche erzittern! Wie Du ſo groß biſt, Nis! aber der Federhut ſchattet Dein Geſicht, daß ich es nicht mehr erkennen kann. O warum wird es jetzt ſo dunkel auf einmal? Iſt das das Ster⸗ ben?— RNis und Hima! Kommt näher heran; ich ſehe euch ja nicht mehr.— Haltet feſt, feſt, recht feſt!—— Sie breitete beide Arme nach ihnen aus; langſam ſank ſie auf das Lager zurück, ihre Augen ſchloſſen ſich müde, und das letzte Wort verklang fein und ſcharf wie der Ton einer zerſprungenen Saite. Mutter! Mutter! rief der Sohn und warf ſich lang über die Todte hin. O gehet doch nicht! verlaßt Eure Kinder nicht! oder nehmet uns mit Euch zu den Voran⸗ gegangenen, zu den Glücklichen, die Euch nun ewig ————.———————— 10 haben!— Wie ſinneberaubt ſank ſein Haupt neben das erkaltete der Todten, und das Mädchen ſaß ſchluchzend am Bett und umſchlang den geliebten Jüngling mit bebenden Armen. Da fielen einige Gewehrſchüſſe in der Nähe, und kriegeriſche Hornmuſik drang von fernher herüber. Die fremdartigen Töne erweckten den Mann aus ſeiner Geiſtes⸗ ohnmacht.— Das iſt Schwedenvolk! rief er, wie von innerer Wuth gepackt. Kommen ſie, meiner Mutter Sterbeſtunde zu ſtören? Aber zittere nicht, Du meine Liebe, mein letzter Schatz! Dein Nis iſt ja da, und weder Dich noch die Heilige da ſoll irgend eine böſe Hand berührrn. Heftig wurde jetzt gegen die Hausthür geſchlagen und ſchwediſche Flüche erklangen auf dem kleinen Hof⸗ raum. RNis trat raſch hinaus auf den Vorplatz, und die Dirne folgte ihm mit der Lampe, indem ſie kaum Athem zu ſchöpfen wagte vor Angſt. Aufgemacht, Bauer! rief es draußen mit grober Stimme. Oder ſollen unſere Kolben deine Thür zu Splittern ſchlagen? Nis ſchob den Riegel zurück und zog die obere Hälfte der Pforte auf, vor welcher mehre ſchwediſche Muske⸗ tiere ſichtbar wurden. Gehet weiter, Ihr Herren! ſagte er mit feſter Stimme zu ihnen, hier iſt kein Raum zum Quartier: denn eine Leiche liegt in dem einzigen Bett dieſer Hütte. Biſt Du toll? fragte einer der Schweden zurück. Meinſt Du, däniſcher Narr, Dein Mährchen möchte uns abweiſen? Wir ſind marode vom Marſche durch euren tiefen Boden. Die Lebenden wiſſen wir aus den 11 Betten zu werfen, ſo werden wir mit einem Todten nicht viele Umſtände machen. Nis hatte eine Steinhacke ergriffen und ſtellte mitten vor dem Eingange ſich feſt in ſeiner Kraftgeſtalt und mit dem glühenden, verſtörten Geſichte, ſelbſt den be⸗ wehrten Kriegern eine augenblickliche Furcht einflößend. — Wagt es! rief er wie mit ſchallender Stimme der Schlacht. Wer einen Fuß über dieſe Schwelle ſetzt, der hat zum letzten Male die Blechkappe auf einem heilen Schädel getragen! Die Soldaten brachen in wilde Schimpfreden aus und ſchlugen ihre Flinten auf den Verwegenen an. Da erhob Hima ein Zetergeſchrei und ſtürzte vor dem Ein⸗ gange in die Knie, zugleich die Mündungen der Feuer⸗ röhre in die Höhe ſchlagend. Barmherzigkeit! ſchrie ſie. Es iſt ja ſelbſt ein Kranker, der nicht weiß, was er thut, und der im Fieber tobt!— Ein alter Hauptmann trat von ihrem Geſchrei herbeigezogen ſchnell heran und ſprach: was geht hier vor? Musketiere, keine Gewalt⸗ thätigkeit! Ihr kennt des Königs ſtrenge Ordre.— Man will uns nicht aufnehmen, murrte ein Schwede, und der miſtige Burſche dort drohet einem Soldaten. Wer läßt ſich ſo etwas gefallen im Feindeslande?— Mädchen, was ſoll's? fragte der Hauptmann barſch.— Herr, wir ſind Dienſtboten vom nächſten Edelhofe, antwortete das zagende Mädchen haſtig; in dieſer Hütte iſt nur ein Stübchen, und da drin liegt die eben ver⸗ ſchiedene Mutter und iſt noch nicht einmal kalt gewor⸗ den, und die da wollen die Todte aus dem Bette wer⸗ fen, und dieſer hier iſt der Sohn der Todten.— Unmenſchen! rief der Offizier vorwurfsvoll aus. Fort, ſucht euch ein anderes Quartier! Dieſes Neſt iſt — 2 — ohnehin kaum mehr als eine Hundehütte. Schließet nur feſt die Thür, Jungfrau, und wachet bei der Mutter. Mein Fourier ſoll ſorgen, daß Ihr bis zum Tage unge⸗ ſtört verbleibt. Freundlich nickte er der Dirne zu und ging weiter. Hima aber befolgte ſchnell den Rath, ſchob den Riegel wieder vor und verrammelte die Hinter⸗ thür zum Gärtchen. In ernſten Gedanken daſtehend hatte Nis das Alles angehört und angeſehen. Die Hacke hatte er ſinken laſſen und ſtand jetzt geſtützt auf ſie. Und wer von uns ſchützte nun die theure Leiche vor Mißhandlung? wer rettete mein Leben zugleich? fragte er milde und faſt mit Beſchämung. Nicht dieſer ſtarke Arm that es, nicht dieſes Eiſen, ſondern Du und Deine unwiderſtehliche Stimme. O wo gibts einen Lohn auf Erden, das Alles gut zu machen?— Hima legte ſich einen Augenblick ſtill an ſeine Bruſt, dann zog ſie ihn mit ſich zurück in das Stübchen, und Beide ſetzten ſich ſtillſchweigend neben der Leiche nieder. Mehre Tage waren dahingeſchlichen, wie die Stun⸗ den des Schmerzes immer langſamer vorüberſchleichen als die Stunden der Freude, damit der Menſch nicht übermüthig ſich überhebe und den Weltenherrn vergeſſe, und die Armſeligkeit der Erde, welche nur eine Geſellen⸗ wanderung darbeut, die bis zur Meiſterkiſte führt und darüber hinweg durch Finſterniſſe zur Vollendung. Die gute Mutter lag längſt, von den Windeln des Leilachs umwickelt und ſicher vor den Stürmen der Erdenwelt in der ſchwarzen Wiege, die den Menſchen zum letzten Schlafe einſchaukelt, wie es die weiße Wiege that für den erſten Schlummer. Der gelbe Sand der „ — 13 Nordſeeküſte und ihre bunten Uferkieſel bedeckten die ge⸗ liebte Todte; die ſchaumbedeckten Wellen murmelten an den uferdämmen ihr den Grabgeſang, und die Seemöve in ihrem weiß und ſchwarz gemengten Trauerkleide flatterte wie ein trauernder Dämon kreiſchend um den Hügel, den Nis Jpſen mit dem grünſten Raſen zu be⸗ kleiden bemüht geweſen. Der Schmerz des treuen Soh⸗ nes war ſcheinbar ruhiger geworden, ſcheinbar nur: denn nach innen geworfen hatte er ſich zuſammengeballt wie eine Rieſenſchlange, hauchte Gift durch das ganze junge Weſen, verdüſterte die reine, freie Seele und ließ das klare Auge alles Aeußere wie durch graue Schleier erblicken. O, dem Herzen welches gute Eltern verlor, fehlt ja jedes Band an die Vergangenheit; wie ein ſchwankender Baum ohne Stütze ſteht es in der Gegen⸗ wart, und die Zukunft iſt ihm werthloſer, weil die Augen derer nicht mehr freundlich zuſchauen, deren Mit⸗ freude, deren Lob dem Kinde das Beſte iſt an jedem Glücksfall und an jeder gelungenen That. Nur wenn Nis Ipſen im Schloſſe Bombel die ſchöne Hima ſah, wenn ein Viertelſtündchen der Ruhe ihm vergönnt wurde, und er dann mit ihr im Baumgarten oder in der Geſindeſtube zuſammentraf, ſo wich der düſtere Gram auf eine Weile von dem friſchen Geſichte, das der Schmerz mit recht tiefen Marken bezeichnet und wirklich entſtellt hatte. Das fromme Mädchen theilte ſeinen Kummer um die Mutter und hatte noch einen zweiten dabei, die Sorge nämlich um den Geliebten, deſſen Geſicht ihr zu deutlich ſeinen innern Zuſtand ver⸗ rieth. Mit der milden Zärtlichkeit, die nur in einem wahrhaft liebenden Weibe wohnt, mit all den kleinen unſchuldigen Freuden, die eine fromme Liebe ſchenken 14 darf, umſpann ſie ſein Weſen, wo ſich nur die Gelegen⸗ heit darbot: denn Ipſens Gemüthsart kennend, fürchtete ſie irgend einen Zufall, der all den Ingrimm ſeiner Seele nach außen entladen möchte, wie die Berſerker⸗ wuth der Nordländer, verderblich für einen Jeden, den ſie traf, verderblich für den, aus deſſen Buſen ſie Flam⸗ men blitzte. Nur mit dem Mitleidsblicke ſchweſterlicher Theilnahme tröſtete ſie, nur mit dem Händedrucke der Liebe; denn ſie wußte wohl, daß ein großer Schmerz ſich in ſich ſelbſt verzehren muß wie Heclas Glut, die kein Wolkenbruch erlöſcht, und das ſtarke Herzen nur aus ſich ſelbſt den rechten Troſt zu nehmen haben. Und ihre kluge Behandlung des Geliebten hatte die heilſamſte Wirkung. Der Jüngling ſchien ſich zu ermannen und ſeiner unmännlichen Geſunkenheit zu ſchämen; ſie fand ihn nicht mehr Abends auf dem mütterlichen Grabe, wo er gar ſeltſame Geſpräche geführt mit den vorbei⸗ ſchießenden Seemöven, als hielte er ſie für die Geiſter ſeiner frühgeſtorbenen Geſchwiſter; ſie ſah ihn, ſich der angeſtrengteſten Arbeit hingeben, und wenn er dann er⸗ ermattet zu ihr trat, ſie ihm den Schweiß von der großen Stirne trocknete, ſo fühlte ſie an ſeinem heißen Kuſſe, daß das Leben ihm wieder werth geworden, und daß die Jugend den Sieg gewonnen, daß das Blut wie⸗ der kräftig und feurig in ihm rolle, und daß der Geiſt ſich losgerungen aus den Feſſeln entnervender und zehren⸗ der Melancholie. Die ſchöne Hima freuete ſich daran und hoffte auf eine heitere Zukunft, da der weißlockige Edelherr die Zuneigung ſeiner beiden Lieblingsdiener, die, eben weil ſie ſchuldlos war, ſich nicht in die Nacht verbarg oder durch Diebeszeichen verſtändigte, mit Ver⸗ gnügen zu ſehen ſchien; ſie machte, wie die Frauen gerne 15 thun, weite Pläne für die Folgezeit. Ein Häuschen ihnen vom Herrn geſchenkt, eine kleine Heerde auf dem Anger dabei, ſie beide als geſunde kräftige Eheleute arbeitend von früh bis Nachts, eile Wiege mit Nis Ebenbilde drin, das waren die Hauptbilder in den Träumen der Jungfrau, und ſie war überglücklich unter dieſer leichten, flüchtigen Geſellſchaft. Das ſchwediſche Heer, welches einen Einfall in das Dänenland gemacht hatte; war indeß immer weiter fortgeſchritten. Jenes kleine Streifcorps, welches die Sterbeſtunde der Frau Ipſen auf ſo rohe Weiſe ſtörte, wurde erſetzt durch eine nachrückende Hauptbrigade; in der Stadt Tunder ſchlug der kühne General Stenbock ſein Hauptquartier auf, und ſein Leibregiment wagte ſogar den kleinen Meerbuſen zu überſchreiten, in welchen die Widaw und der Brefluß ſich ergießen; ſchwediſche Völker beſetzten die kleine Inſel Avenborg und weideten ihre nordiſchen Roſſe auf den Wieſen der Halbinſel Horsbulher. Auch die freundliche Ruhe, die der Gutsherr von Bombel ſeit Jahren durch Ordnung und Liebe um ſich zu verbreiten gewußt und die ſeinen Edelhof allen Gäſten werth machte, wurde durch den Aufenthalt der feindlichen Völker geſtört, die zu⸗ und abzogen, bis ein ſchwediſcher Reiteroffizier für länger ſein Quartier im Schloſſe nahm. Lieutenant Steinſtröm gehörte zu den jungen Helden, welche, wenn ihr erſter Feldzug zufällig mit dem augen⸗ blicklichen Siegesglück ihres Feldherrn zuſammentraf, ſich ſelber einen großen Antheil des Triumphes zuſchrei⸗ ben und ſich von da an für unüberwindlich halten. Der junge Mann war von der Natur nicht ſtiefmütter⸗ lich behandelt, ſein Wuchs ſchlank und hoch wie die Tannen Dalekarliens, und ſeine Kameraden fanden in ſeinem Antlitz eine auffallende Aehnlichkeit mit den Zügen des tapfern Königs Karl; ſein rundes Auge lag unter der ſchroff aufſteigenden Stirn weit vor wie jenes des königlichen Kriegers, und wie dieſer pflegte er gar öfters das kurzgeſchnittene Blondhaar ſteif hinauf von der Stirn zu ſtreichen. Nur in einem Punkte wich des Lieutenants Neigung gar ſehr von dem tapfern Monarchen ab: denn Steinſtröm liebte die Weiber ſo ſehr wie ſeinen licht⸗ braunen Normann und hielt, ſeit er Helm und Achſel⸗ band trug, alle Schönen der Erde für ſeine gewiſſe Beute. Nothwendig mußte zu Bombel ſchon in den erſten Tagen ihn die Langeweile mächtig plagen, denn es gab da weder eine ſchöne Wirthin, noch friſche Fräu⸗ leins, und des Edelmannes Geſpräch fiel ſehr einſilbig aus, theils weil der brave Däne wenig Freude an ſeinem ſtolzen Gaſte hatte, theils weil die Erfahrung ihm Vorſicht anbefahl im Umgange mit einem jungen Sauſewinde, der zu den Bedrückern des Vaterlandes gehörte. Die ſchleichende Zeit bewog den Junker, ſich herunter zu laſſen von dem gewohnten Olymp und wie ein grie⸗ chiſcher Gott unter den hirtlichen Arkadierinnen ſich um⸗ zuſehen, da keine ebenbürtige Göttin ihm begegnen wollte. Seine Blicke fielen auf Hima, und bei genauerer Be⸗ trachtung wunderte er ſich, wie ſo viele Jugendblüten, ſo viel Reiz ihn nicht ſchon längſt als Kenner angezogen hatten. Die unverdorbene Jungfrau bemerkte nicht, wie der Schwede alle ihre Bewegungen und Schritte beachtete, wie, wenn ſie die Tafel abräumte, ſein bren⸗ nendes Auge an ihren blühenden Wangen ſog wie Mit⸗ tagsglut an der friſchen Roſe, und wie er jede Gelegenheit 17 aufſuchte, ihr in den Schloßgängen zu begegnen. Sie kannte nichts von dem, was die verſtohlenen An⸗ deutungen enthielten, die der Schwede im Vorbeigehen flüſterte, und mit denen er zedes Mädchen in Stockholm ſofort roth gemacht haben würde; ſie verſtand ſeine Sprache nur zur Hälſte; ſo ging ſie unſchuldig und ſorglos neben dem Verſucher hin, entflammte aber ge⸗ rade dadurch ſeine verwegenen Wünſche mit jedem Tage mehr. Wohl bemerkt hatte der Lieutenant die Stunde, wo Hima täglich ſeine Zimmer aufzuräumen pflegte, eine Stunde, die ihn gewöhnlich zu militäriſchen Pflichten abrief, und welche ſie wahrſcheinlich darum zu dieſer Dienſtpflicht auserleſen hatte. Abſichtlich kürzte er eines Nachmittags ſeine Geſchäfte ab und ſprengte mit erhitz⸗ tem Geſichte und aufgeregter Phantaſie zurück zum Schloſſe. Das Geſchick ſchien ihm günſtig: die Thore des Edelhofes ſtanden geöffnet; der Hof war menſchen⸗ leer und das Innere des Gebändes ſchien ausgeſtorben. In ſeinem Kabinet hielt der Edelherr die Ruhe nach der Mittagstafel; die Diener waren in den Nebengebäuden beſchäftigt, die Knechte auf Feld und Wieſe bei der Arbeit. Durch leiſern Auftritt das Geklirr der Sporen auf den breiten Steintreppen und in den hallenden Gängen vermeidend, gelangte er zu der Thür ſeines Zimmers, ſtieß raſch ſie auf und ſah mit Entzücken darin Hima aufräumend und ordnend, erhobener die Roſen ihrer Wangen gefärbt durch Arbeit und Mittags⸗ ſchwüle, enthüllter den lockenden Reiz ihres Körpers in der leichtern Haustracht für ſolche Arbeiten. Verwundert ſchaute das Mädchen auf ihn, wie er haſtig den losge⸗ ſchnallten Pallaſch auf den Tiſch warf, die Blechhaube Blumenhagen. II. 2 von dem blonden Haar riß und mit funkelnden Augen auf ſie zutrat. Iſt Daphne endlich allein einmal, iſt mein kleiner Abgott endlich einmal einſam für mich? rief der junge Heros, indem er ſeine Arme ausbreitete, und als ſie der umhalſung auswich, ſeine Hand um das weiße Fleiſch ihres nackten Armes ſchlug und mit dreiſter Gewalt ſie zu ſich zog. Nun, was ſtarreſt du mich ſo groß an mit den herr⸗ lichen Augen, die mild und ſcharf ſind zugleich wie Taube und Aar? fragte er, als ſie ſich loszumachen ſuchte und ihr Geſicht die höchſte Verwunderung über den unvermutheten Angriff ausdrückte. Glaubſt du, Soldaten beſtänden aus gleichem Eiſen wie ihr Küraß und könnten die Schönheit ſehen ohne Wallung? Dann haſt Du geirrt! Schöne Feindinnen ſind die reichſte Beute des Kriegsmannes, und ihr ſüßer Kuß gibt dem Klugen höheren Preis, als das welke Lorbeerblatt.— Hima trat ohne Antwort, aber mit einem Blicke voll Furcht von ihm weg der Thür zu. Er ſprang ihr vor⸗ aus und ſchob entſchloſſen den Nachtriegel vor.— Du fürchteſt den Herrn oder gar den Liebhaber? fragte der kecke Lieutenant weiter. Zage nicht deßhalb; der Alte ſchläft im Polſterſtuhle und das Schloß iſt öde wie eine verfallene Geiſterkapelle, wir allein ſind wach und leben⸗ dig und nichts ſteht unſerm Glück im Wege. Wirf dich ohne Scheu in meine Arme! Ich nehme Dich mit bei dem Abmarſche, und jenſeits der See ſollſt Du eine ſchwediſche Dame werden: denn ſolch ein ſchönes Kind, ſolch eine Edelgeſtalt paßt nicht in die grobe Tracht der Hausmagd, und Sünde wärs für jeden gefühlvollen Junker, Dich darin zu laſſen.— 19 Hima hatte ſein Geſchnatter angehört mit immer mehr erbleichenden Wangen; als er jetzt aber kühner auf ſie eindrang, flammte die Glut der Scham und des Zornes zugleich über ihr Geſicht. Zurück! rief ſie mit heller Stimme. Der Herr hat ehrlicher Eltern Tochter vor ſich, und läßt er den thörichten Spaß nicht, ſo rufe ich das Haus wach, und die Folgen mag dann der Herr ſich ſelbſt zuſchreiben.— Sperrſt Du Dich, kleine Kokette? lachte der Junker. Weißt auch Du ſchon, daß geraubte Frucht am ſüßeſten ſchmeckt und die Wehr den Sieg vergnüglicher macht? Ziere Dich nur immerhin, ich will thun, als glaubte ich daran, und Dir die Küſſe, nach denen Deine rothen Lip⸗ pen ſo lüſtern ſind, aufdringen. Mit kräftigen Armen umfing er ſie jetzt, riß ſie an ſeine Bruſt, und das Mädchen fühlte am Drange des Blutes, welches gewaltſam gegen ihr Herz hinſtrömte, daß ſie einer Ohnmacht nahe und dann verloren ſei. In einem lauten Schrei machte ſich ihre Angſt Luft; aber der Stürmer kehrte ſich nicht daran, und ſchon fühlte ſie ſeine Küſſe und den ſtechenden Zwickelbart auf ihrer Stirn, ihrem Nacken und den Wangen, die im doppel⸗ ten Feuer der Scham und der Verzweiflung erglüheten. Ein Retter kam unverhofft und auf dem unbetretenſten Wege. Nis Ipſen hatte nach dem Mittagsmahle das alte Leibroß ſeines Herrn, welches krank geworden, auf dem grünen Anger hinter dem Schloßgarten ſpazieren geführt. Der gute Holſteiner ward müde durch die erzwungene Promenade, ſtreckte ſich in das hohe Gras und ſog mit den weiten Nüſtern wollüſtig den erquicklichen Dunſt der rothen Kleeblüten ein. Nis ſah dem alten Wulf 20 eine Weile zu; dann dachte er an ſeine Hima, und wie es jetzt vielleicht erlaubt ſei ein Stündchen mit ihr zu verkoſen. So ſtreichelte er dem Thiere noch einige Male den blanken Hals und ſchlenderte dann durch den Garten, als den nächſten Weg, dem weißen hohen Hauſe zu. Wie erſchrack er aber, als aus den obern Fenſtern des langen Flügels plötzlich Hima's Angſtſtimme deutlich ertönte! Sollte den Edelherrn ein Unglück betroffen haben? Aber die offenen Fenſter über ihm gehörten ja zu der Behau⸗ ſung des einquartierten Schweden. Ein furchtbarer Ge⸗ danke ergriff die Seele des jähzornigen Jünglings. Viel zu weit war der Weg am Schloßflügel hinab zum Thore des Hauptgebäudes. Ein gebrechliches Spalier an der Wand trug grüne Weinranken, welche jedoch noch nie in der nordiſchen Sonne ſüße Frucht gebracht. Eine willkommene Leiter erſchien ihm jetzt das nutzlos grüne Gegitter. Leicht wie ein ſteigender Falk ſchwang er ſich am Ge⸗ länder empor; es brach nicht unter der rüſtigen Geſtalt; die ſtarke Hand erfaßte das Fenſter, noch ein Schwung und er ſaß auf dem Rande des offenen Fenſters. Was er ſah, war kein Anblick für einen Bräutigam. In halber Ohnmacht ſank Hima eben auf einem Seſſel nieder, und der fremde, gewaltthätige Mann hatte ſie im Arme und drückte ſeine Lippen begierig auf ihren nach Luft lechzenden Mund und ihren entblößten Hals. Wildlodernd, in furchtbar erwachtem Grimme ſprang Nis vollends in das Zimmer hinein; ein Griff entblößte den eigenen Pallafch des Feindes, den die Begier blind— und taub gemacht; ein Stoß rannte die breite Klinge von der Seite mitten durch des Schweden Leib, daß er ſogleich mit einem Todesächzen neben dem Stuhle nie⸗ derſtürzte, das Mädchen mit ſeinem innerſten Blute 21 überſpritzte und in wenigen Minuten mit ſchmerzlich verzerrtem Antlitze ſeine Seele verhauchte. Mit wilder Angſt hatte indeß Ris die Geliebte zu ſich hergeriſſen, als wollte er ſich überzeugen, daß ſie noch lebend, noch ſein, noch ganz ihm angehörig ſei. Bleicher wie der Ermordete am Boden, hing die zit⸗ ternde Dirne an ſeinem Halſe und ſtammelte mit Ent⸗ ſetzen: Nis! Nis! was haſt Du gethan?— Dich gerettet und Deine Ehre! Dich und mich gerächt, wie es dem Manne geziemt! antwortete Ris mit furchtbarer Kälte. Das ganze Schleswig hätte er verheeren mögen, ich konnt's nicht hindern und hätte ſtill drein geſehen: aber Dich ſchmachvoll antaſten, das durfte Keiner, ſo lange ich Athem hole, am wenigſten ſolch ein flachsbärtiger Schwedenſohn.— Aber nun? was nun? Du biſt verloren und ich bin es mit Dir! jammerte ſie.— Da überfiel auch ihn, wie ein Gewitter im Walde den Verlaſſenen, das volle Bewußtſein der blutigen That; alle Folgen, die ſich daran knüpfen mußten, ſtie⸗ gen plötzlich auf vor ihm, und bleich wie des Mädchens Wangen wurde auch ſein Geſicht, und von einem unge⸗ heuren Schmerze ergriffen umklammerte er die Liebliche feſter und feſter, als wollte der Tod ſie ihm jetzt ſofort entreißen zur rächenden Strafe. Indem klopfte es draußen; des Edelherrn Stimme wurde vernehmbar, und Hima öffnete die Zimmerthür von innen. Das Entſetzen faßte auch den beſonnenen Baron, als er den Offizier in ſeinem Blute erblickte. Mit jener Kälte, welche die Ergebung in das härteſte Schickſal bei ſolchen Begegniſſen auch den Verzweifeln⸗ den aufdrängt, wandte ſich Nis an den guten Herrn: —— 22 Richtet nicht ſchnell, Herr! ſagte er mit dumpftö⸗ nender Stimme. Ich bin der Mörder, aber mich ge⸗ reut die That nicht einmal. Der blonde Bube war des Landes Feind und der Schänder meiner Liebe. Gott hat ihn geſchlagen durch meine Hand, und ſeine Menſchen mögen jetzt machen mit mir, was ihnen gut dünkt; ich ſtehe furchtlos vor ihren Ketten und Henkersbeilen.— O helft, rettet, gnädiger, guter Herr! bat Hima und warf ſich auf die Knie vor dem Edelmanne. Er konnte wahrlich nicht anders, und der da war ein Böſe⸗ wicht. Um meinetwillen hat der Nis das gethan, und ich würde nie wieder ruhig auf Erden, träfe ihn um mich ſolch gräßliches Verderben.— Der alte Baron ſtand einen Augenblick ſich beſinnend und die Augen ſtarr auf den Leichnam geheftet. Ich ſah das kommen, ſprach er wie in ſich hinein; dieſe jetzt gebrochenen Augen verriethen die Begier unverſteckt. Du hätteſt beſſer gethan, Nis, ſetzte er dann hinzu, wenn Du die Kraft Deiner nervigen Arme an ihln verſucht und ſeinen Stahl ungezückt in der Scheide gelaſſen hätteſt. O Dein heißes Blut, das den Verſtand über⸗ ſtrömt, hat uns alle in die bedenklichſte Lage verſetzt; Dein Leben, des Mädchens Glück, mein Vermögen, alles das ſteht auf dem Spiele durch den einzigen wilden Griff an dieſes Degengefäß.— Hima ſchluchzte; Nis ſenkte ſein Haupt; der Greis nur hob den ſchneeweißen Apoſtelkopf mit jedem Augenblicke höher. Was hilft das Zagen? ſprach er darauf ermuthigt. Im Sturm und Schiffbruch bedarf es der höchſten Geiſtesſtärke. Bis zum Abende läßt ſich der Mord verbergen. Du mußt fort auf der Stelle, dann können wir uns vielleicht ſicher ſtellen.— 23 Fort ſoll er? kreiſchte Hima und umklammerte ihn mit Todesangſt.— Der gnädige Herr iſt gütig wie der Himmel, ent⸗ gegnete Jpſen. Ja, ich muß fort, aber zage nicht darum. Wir ſehen uns wieder, und wo Dein Ris auch ſein mag, Du biſt immer dicht neben ihm.— Die Jungfrau ließ die Arme ſchlaff an ihrem ſchlan⸗ ken Leibe niederfallen, und ihr Kopf ſank in Troſt⸗ loſigkeit herab auf die Bruſt. Eilig trieb jetzt der Baron Beide aus dem blutbefleckten Zimmer, das er feſt verſchloß und den Schlüſſel zu ſich ſteckte. Mit ſich nahm er ſie in ſein Kabinet. Hier übergab er dem Jünglinge eine gefüllte Börſe, ſchrieb ihm einen Brief auf Hamburg und befahl ihm ein Pferd ſeines Marſtalls zu ſatteln und augenblicks damit die vorgeſchriebene Marſchronte zu verfolgen. Faſt aufgelöſet in Schmerz hing Hima an dem verſtummten Lieblinge. Sanft machte der Edelherr ihre erſtarrten Arme los. Willſt Du ihn tödten, der für Dich ſich mit Blut befleckt hat? fragte er eindringlich. Willſt Du ihn fallen ſehen unter den Bajonettſtichen der erbitterten Soldaten, oder hinſchlep⸗ pen zum Schaffot, zum ſchimpflichern Sündertode? Ich will Dir Vater ſein; in allem Uebrigen wende Dich zu Deinem Gott; fromme Bitten erhört er gern, und ich kenne Dich, Du biſt rein wie ſeine Himmelsbürger. Ihr werdet euch wiederſehen, und wäre es auch erſt auf meinem bemooſeten Grabhügel. Nis riß ſich los; er preßte ihre Hand mit der Linken an ſein Herz, mit der rechten deutete er ſprachlos zum Himmel und ſtürzte die Schloßtreppen hinunter. Bald ſahen ſie ihn auf dem brauſenden Hengſte vom Hofe ſprengen. 24 Der Baron ſchöpfte freier Athem und dachte jetzt auch an ſich und ſeine arme Hima. Im Schloſſe konnte für ſie keine Sicherheit ſein, wenn der Mord unter den Kriegskameraden des Lieutenants kund wurde. Er ſelbſt rief einen Knecht vom Felde, ließ den Wagen fertig machen und ſeine Koſtbarkeiten, den kleinen Familien⸗ ſchatz und das baare Geld einpacken. So fuhr er mit dem Mädchen vom Schloſſe ab, den Weg zu Lande nach der Stadt Tunder einſchlagend, wo er in der be⸗ kannten Rechtlichkeit des Generals Stenbock bei offenem Berichte der unglückſeligen Begebenheit Schutz und Ge⸗ rechtigkeit zu finden hoffte. Plötzlicher Wechſel des Schickſals greift heftig ein in die Räder der geiſtigen Maſchine, die Menſch ſich nennt, oftmals verderblich und zerſtörend; nur wenige Natu⸗ ren ertragen unverletzt den Uebergang von Freude zu Leid, von Ruhe zur Verwirrung, vom Glück zum Elende ohne harte Folgen, dem ruſſiſchen Krieger gleich, der aus dem Schwitzbade hervorſtürzend die dampfenden Glieder in dem Schneewaſſer des winterlichen Fluſſes mit Wolluſt abkühlt. Auch Nis Ipſen hatte eine ſolche unverwüſtliche Natur, und als er erſt einige Meilen auf ſeinem hochwerfenden Gaule hingetrabt war, erhielt ſein ſtarkes Gemüth die Feſtigkeit wieder, welche in jener Stunde voll Leidenſchaft und vorſchneller That die Wir⸗ bel des heißen Blutes erſchüttert hatten. Seine fromme Hand befleckte Menſchenblut: das war ſein erſter Gedanke, als jetzt ſein ſchnaufender Hengſt mächtig hinſchritt auf den ihm bekannten Richtwegen durch die fetten Maſch⸗ wieſen Schleswigs Aber dieſer Gedanke, wenn er auch 25 Schauder erregte, warf keinen Scorpion in ſein Ge⸗ wiſſen. War der Ermordete doch ein Feind des Königs, ein Gewaltthätiger, ein Unſchuldsräuber geweſen: ſo kam ihm ſeine That vor wie ein Gottesblitz, der den böſen Saulus mitten in der Unthat niedergeſchlagen. Sein zweiter Gedanke traf des guten Herrn und ſeiner ſchuldloſen Braut Verhängniß. Was konnten die ſchwe⸗ diſchen Reiter in ihrer erſten Wuth nicht alles an ihnen verüben! Faſt hätte er den Zügel ſeines Pferdes zurück⸗ gewendet, als ſeiner Phantaſie die Bilder von Miß⸗ handlung und Brand vorübergezogen, die ſich an dieſen Gedanken reiheten. Helfen, ſchirmen konnte er freilich nicht, aber rächen doch und mit ihnen in der Wehr untergehen.— Da ſah er von der mit Birken bewach⸗ ſenen Höhe, über welche er hinritt, fern eine Schwa⸗ dron Dragoner aus einem Dorfe hervorrücken, ſah die wehende Standarte, die blinkenden Waffen, hörte den ſchmetternden Trompetenſtoß. Ketten, Kerker, Hohn und Henkerbeil ſtanden ihm plötzlich vor Augen, und der mächtigſte aller Thiertriebe, der Trieb der Selbſterhal⸗ tung, flammte auch in ihm auf, und der Inſtinkt unter⸗ jochte alle Gefühle. Er drückte dem Hengſte feſt die Ferſen ein und ſetzte raſtlos ſeine Flucht fort, bis er in den Grenzen des Hamburger Gebietes ſich ſicher glauben durfte. Die freie gewaltige Hanſeſtadt nahm den Flüchtling auf; doch fand er keinen Vertrauten, keinen Rathgeber in ihr, denn der Senator, an den der Brief des Ba⸗ rons gerichtet war, hatte die Stadt verlaſſen, und die Furcht hielt Ris ab, einem Andern ſein blutiges Geheimniß anzuvertrauen. Er verkaufte ſein Roß und wanderte umher in den endloſen Straßen und an den 26 geräuſchvollen Landungsplätzen. Das große Leben des Welthandels that ſich vor ihm auf: er ſah die reichbe⸗ ladenen Schiffe auf dem majeſtätiſchen Elbſtrome herauf⸗ ſchwimmen, ſah ſie ankern und hörte das muthvolle Jauchzen der kühnen Seefahrer. Wunderſame Ideen wurden in ihm wach: er träumte ſich unter jene Glücks⸗ ritter, von denen er manche in ſtattlichen Kleidern lan⸗ den und von bettelhaften Angehörigen empfangen ſah; auch er wollte ſo einmal wiederkommen, oder— nimmer, das gelobte er ſich; aber ſeine Sehnſucht nach dem Auslaufen zur Glücksfahrt wurde nicht in Erfüllung gebracht, denn widrige Witterung hielt alle beladene Kauffahrer im Hafen zurück. Da hörte er eines Morgens, als er betrübt und tiefſinnig über den Fiſchmarkt wan⸗ derte, zwei derbe Schifferfrauen ganz laut ſeine Geſchichte beſprechen; mit grellaufgetragenen Farben beſchrieb man die Mordſcene, lobte mit derben Beinamen den Burſchen, welcher den rieſenhohen, langbärtigen Hünen aus Schwedens Gebirgen mit der Eichkeule erſchlagen haben ſollte; erzählte, wie die feindlichen Soldaten das Schloß geplündert und angezündet hätten, indeß durch die An⸗ kunft ihres Generals an der Ausführung ihrer Rache⸗ pläne gehindert worden wären, und wünſchte dem braven Dänen glückliche Reiſe über die Elbe, ehe ihn die Nachforſchung ſelbſt in der freien Reichsſtadt aus⸗ finden möchte. Mit Schreck hörte Nis Ipſen die Fiſch⸗ weibergeſchichte, worin er ſelbſt die Hauptrolle ſpielte. Er nahm die Warnung als Himmelsſtimme auf, ſchnürte ſein Bündel und pilgerte mit ihm auf dem Rücken ſchon Mittags weiter, den nächſten Weg durch das Weſtphalen⸗ land der Stadt zu, wo er am leichteſten ſeiner Wünſche Erfüllung zu finden vermeinte. N Auf der langen Reiſe ſtieß unſerm Wanderer kein Abenteuer auf, welches Einfluß auf ſein Schickſal haben konnte. Er erreichte Amſterdam, ging aber auch hier in der Irre umher, wie am Elbufer, denn unbekannt mit dem wüſtſcheinenden, lärmenden Leben, in das er mitten hineingerieth, blieb ihm die Scheu unüberwind⸗ bar, von der jeder Neuling in dem Gewühle einer ſolchen Weltſtadt befangen werden muß. Aus der Treck⸗ ſchüte, die ihn hergebracht, war er geſtiegen, hatte in dem Kanalhauſe mäßig geſpeist, dann die Stadt be⸗ wundernd durchſtrichen, und ſah ſich bei der Dämmerung nach einer Herberge um, die für ihn paſſen möchte; denn alle die großen Gaſthöfe mit den goldenen Aus⸗ hängeſchilden ſchienen ihm zu prächtig für Seinesgleichen, und er wagte nicht auf die blankgewaſchenen Vorplätze mit ſeinem beſchmutzten Schuhwerke zu treten. Als er ſich ſo verlegen in der Gegend des Hafens umſah und unentſchloſſen daſtand, traf ein Frauenzimmer auf ihn in netter, reinlicher Tracht, von ſchlankem Wuchs und artigen Manieren. Wie ſie im Vorbeigehen ihm ſo freundlich in die Augen ſchauete, gemahnte ihn der Blick wie aus Hima's Augen, obgleich er ſich geſtehen mußte, Hima habe ſelbſt ihm nie ſo dreiſt unter den Hut geſehen. Doch die freundliche Erinnerung gab ihm Muth, und er redete die Dirne an und fragte nach einem Gaſthauſe für Leute wie er. Mein Herr iſt fremd hier? fragte ſie zutraulich zu⸗ rück. Wel, Ihm ſoll gedient werden, wie Er beliebt, ſetzte ſie ſoſort freundlicher noch hinzu. Da drüben das Häuschen mit der rothen Wand iſt meinem Vetter zu eigen, iſt eine Schenkwirthſchaft für Schifferskeute, und will mein Herr vorlieb nehmen, ſo wird er willkommen S.—.——— 28 ſein.— Ris dankte herzlich und nahm ſogleich die Ein⸗ ladung an, und das Mädchen ſchwatzte im Fortgehen ſp traulich mit ihm, als wäre ſie ſeine Schweſter, legte treuherzig ihre Hand auf ſeinen Arm, ließ ſich von ihm über eine ſchlechte Stelle am Kanal tragen und ſchlang dabei ihre runden Arme ſo feſt um ſeinen Hals, daß ihm ſeltſam warm wurde, und wußte ihm dabei zugleich durch ihr kindiſches Geſchwätz einen Dheil ſeiner Lebensverhältniſſe, vorzüglich ſeine Vorſätze für die Zukunft, abzulocken. Es läßt ſich denken, wie wohl es einem jungen unbeholfenen Menſchen thun muß, wenn er mitten im Getümmel der Welt, das ihm fremd iſt und welches fremd an ihm wegtobt, ein Geſchöpf findet, das ihn theilnehmend begrüßt, das da fragt und ant⸗ wortet, wo ſo lange mitten im Gedränge der Tauſende leere Wüſte für ihn war. So erging es auch dem Nis Ipſen mit ſeiner Unbekannten, und als er jetzt in den menſchenvollen Saal trat und die wilden, ſonnverbrann⸗ ten Geſichter ſeiner Führerin auswichen, auch ihm Jedermann mit ſtarrem Betrachten Platz machte, da fühlte er eine Verpflichtung gegen dieſe Ariadne, welche ſein Geſpräch zu ihr mit höherer Freundlichkeit würzte, als bisher ihm ſein Seelenzuſtand erlaubt hatte, irgend Jemanden auf der Reiſe durch die fremden Länder dar⸗ zulegen. Im Grunde des großen Zimmers führte die Circe ihren Ulyß zu einem gedeckten Tiſchlein, und auf einen Wink von ihr trug ein ſtämmiger rauher Mann einem grämlichen, unraſirten und ungewaſchenen SAngeſicht ein Abendbrod und einen Wein herbei, wie Nis heute noch zu finden nimmer gehofft hatte. Die Dirne plapperte nur wenige Worte mit dem mürriſchen Aufwärter, auf welche ein bedeutſames Kopfnicken von 2W dieſem zu antworten ſchien; dann war ſie wieder an des Jünglings Seite, und legte vor und ſchenkte ein, als wenn ſie heute nur zu dieſem Dienſte angeſtellt worden. Dem unerfahrenen, unverdorbenen Jünglinge mußte die Aufmerkſamkeit des nettgekleideten und ge⸗ wandten Dämchens ſehr wohl thun, und er bekam durch ihr. Benehmen einen hohen Begriff von den gaſtlichen Tugenden der Holländerinnen, und betrachtete das blü⸗ hende, ſchelmiſche Geſicht mit immer ſteigender Theilnahme. Ein neuer Ankömmling zog indeß ſeine Augen von ihr ab. Ein mannhafter Seemann war es, breitſchul⸗ terig und mit rieſigen Gliedmaßen. Sein ſchwarzes Wamms war von feinem Tuche und mit Silberlitzen geziert; weite Beinkleider von feines Leinwand und ein ſcharlachenes Weſtchen mit blauer Schärpe gegürtet, verkündete den Vornehmern unter den rohen Gäſten dieſer Schenke; ein buntes Seidentuch hing locker an dem nervigen, nackten Halſe, und das ſchwarze, ver⸗ wilderte Haar deckte ein großrändiger Hut mit einer ſilbernen Troddelſchnur umwickelt. Mit Reſpekt wich man ihm aus überall, wo er gleichſam die Geſellſchaft controlirend von Tiſche zu Tiſche ſchritt, bis er einige Schritte von Ipſens Seſſel Halt machte. Mit wahren Habichtsaugen betrachtete er den Fremdling über der Geiernaſe weg, wie ein Räuber die gewonnene Geld⸗ börſe mit den Augen wiegt; geſchwinder warf er den Tabak im weitgeſpaltenen Munde, der mit vorragenden gelbgebeizten Zähnen einem Haifiſchrachen ähnelte, hin und her, trat dann mit grinſender Freundlichkeit näher und kniff frech das Mädchen in die vollen Wangen. Der Neid muß es dir laſſen, Martha, kein Tuneſer kommt dir gleich, und wenn er auf dem Topmaſte zwei 30— goldene Halbmonde führte! redete er ſie an mit einer tiefen, aber rauhklingenden Stimme. Ihr ſeid guten Humors, Kapitän, antwortete das Mädchen, nicht ohne einen Anflug von Verlegenheit. Wayrſcheinlich hat Euch der Genever heute beſonders geſchmeckt, oder die Würfel ſind im Kaffeehaus immer mit dem großen Paſch gefallen, daß Ihr flötet wis die Bootsmannspfeife und nicht brummet wie gewöhnlich. Potz Wallfiſch und Nordkaper! entgegnete der Khi⸗ tän. Schweige mir von dem langweiligen S auf dem Feſten! Uebermorgen knarrt die Ankerwitde, und ich möchte alle Royalſegel über das Bramſegel ſetzen, um wieder in das Salzwaſſer zu kommen. Bei Eurem Süßwaſſer wird man in einer Nachtwache zu einem Bärenhäuter und lumpigen Beutelſchneider, der nicht das aufgedrehte modernde alte Tau werth iſt, mit welchem man ihn an die Raaen aufknüpft. Willſt du mit, Meisje? Potz Wallfiſch! du biſt mehr werth als der geſchickteſte Harpunierer und der verwegenſte Enterer. Meisje, du biſt die kluchtigſte Fiſchreuſe im ganzen Nie⸗ derlande, und haſt heute einen Stör eingefangen, der dir mit einer Schürze voller Stüber nicht bezahlt wer⸗ den kann.— Jan Krye, ſprach das Mädchen wie beleidigt, Ihr ſeid ſtachlicher wenn Ihr Spaß macht, als wenn Ihr die rauhe Seite nach außen gekehrt.— Da gehts mir wie dem gefurchten Finnfiſche, der mich zum Matador machte, lachte der Mann mit dem Haifiſchrachen: ſo eine Beſtie iſt nie gefährlicher, als wenn ſie mit dem Schwanze, der vom Steuerbord zum Backbord reicht, ſchelmiſche Spielereien treibt und aus der Naſe einige Tonnen Waſſer in die Nebelluft hinauf ſpritzt.— W*** — 7 — ð 7 31 Das Mädchen nahm haſtig die Flaſche vom Tiſche und ſprang fort, ſie neu füllen zu laſſen. Mit Ver⸗ wunderung und Aerger hatte Nis das kurze Geſpräch angehört, das ihm Räthſel enthielt, und wollte eben als Ritter ſeiner Wirthin, die er beleidigt glaubte, mit dem Kapitän Jan ein Wortgefecht beginnen, da entſtand am andern Ende des Saales, wo viele Matroſen einen Würfeltiſch umgaben, ein gewaltiger Lärm. Schimpf⸗ rebln tobten, geballte Fäuſte erhoben ſich, Meſſer blitz⸗ tem, und die ganze Geſellſchaft drängte ſich dem ernſt⸗ lichen Streite zu; mit ihr auch der Kapitän, deſſen Stimme und ſein: Potz Wallfiſch und Nordkaper! don⸗ nernd wie Wogenſchlag an das Klippenriff durch das Getümmel drang, welches von dem Dampfe der zuſam⸗ mengedrängten Tabakſchmaucher mit undurchſichtigen grauen Wolken umſchleiert wurde. In dieſem Augenblicke bemerkte der zuſchauende Nis, wie ein junger, ſchlanker Mann mit auffallend bleichem Geſicht und verſtörten Mienen an den Wänden des Saales herſchlüpfte und ſich ſchnell neben ihm auf den Seſſel ſetzte, den das Mädchen kaum verlaſſen hatte. Fremder Herr! flüſterte der Mann mit bebender Angſtſtimme. Ihr ſitzet da ſo ruhig und dreiſt? Daß Ihr nicht zu dieſem Geſindel gehört, verſtand ich aus einigen Aeußerungen der Andern, als die Dirne Euch wie im Schlepptau hereinbrachte. Wißt Ihr denn etwa nicht, wo Ihr Euch befindet? In einer guten Schenke, meine ich, antwortete Nis aufhorchend. Rührige Leute, reinliche Schüſſeln, wenn ſie auch die Zeche vielleicht doppelt kreiden.— Hole der Teufel Wirth und Schüſſeln! fiel der Bleiche ein. Hier bezahlt Leib und Seele, und das — 32 Schlafgeld wird einem glühend auf den Rücken gebrannt. Ihr ſeid ein Opfer wie ich. Im Tanzzelte draußen haben ſie mich berauſcht gemacht und dann hereingeſchleppt mit dem Dunkelwerden; als ich auf der Bank ausge⸗ ſchlafen, ſah ich ſofort, in welcher Spelunke mich das Schickſal abgeſetzt. Euch hat die Buhldirne hereingelockt mit ihren Bathſebasaugen, aber Ihr werdet die Davids⸗ ſchwäche ſo theuer bezahlen müſſen, als ich meine nvachi⸗ tiſche Sünde.— Nis Geſicht glühete hoch auf wie ein Leuchtfeuer in Scham bei den Worten des Unbekannten, und die Nähe des Mädchens ſchien ihm ſchon eine Todſünde, gegen ſeine Hima begangen. Mit Abſcheu fragte er ſchnell: und wer ſind denn dieſe Menſchen eigentlich und womit bedrohet man uns?— Und das ahnet Ihr noch nicht? ſtaunte der junge Mann. Seid Ihr denn ſo ganz fremd, daß Ihr dieſen Schlag Menſchen nicht ſofort an den Federn erkanntet? Was werden die gelacht haben, daß ſolch ſtarkes Manns⸗ bild wie ein Stier am Seile gutwillig in den Staäll gebracht ward!— Verdammt ſei ſolch Lachen! fuhr Nis in die Höhe, und die Adern ſeiner Stirn ſchwollen dick auf. Zeiget mir den Lacher, und er ſoll nur noch einmal ſein Geſicht verzerren, und, beim Himmel! ohne ſolche Luſt! Ruhig! bat der Bleiche. Noch zanken ſie um einige Stüber und beachten uns nicht. Die Zeit iſt koſtbar. Höret und zittert wie ich!— Damit hat's Zeit, aber redet nur! murrte Nis in ſich hinein.— Unter Seelenverkäufer und Fleiſchmäkler ſind wir gerathen, flüſterte der Andere, unter eine Rotte Korah, y ——— — 8 7 u— S„ ir h, 33 welche Handel treibt mit Menſchenleibern, ehe ſie todt find. In der Nacht werden ſie uns geknebelt auf ihr Schiff bringen, in den Raum einpökeln wie Heringe, und jenſeit des Meeres im fremden Welttheile zu gifti⸗ ger Bergmannsarbeit oder in eine heiße Zuckerplantage verſchachern zu ewigem Sklavenleben. O Tauſende jun⸗ ger fremder Leute ſind ſchon von den hölliſchen Jägern ſo im Garne gefangen worden wie wir, und Keiner hat ſein Vaterland wieder geſehen. Und das duldet man? fragte Nis heftig. Wer ſieht es? erwiderte der Andere. Wo kein Klä⸗ ger, iſt auch kein Richter; die Nacht birgt die Schelmen⸗ arbeit der Böſewichter, und mancher ſogenannte ehrliche Holländer mag ſeine Procente ziehen von dieſer Specu⸗ lation und Zwangsanleihe. So dulden wir es doch nicht, warf Nis empört ein. Was können wir gegen die Maſſe wilder Kerle? fragte der Mann verzweiflungsvoll. Ich ergab mich ſchon in mein Schickſal, aber Eure hochgewachſene Ge⸗ ſtalt, Euer dreiſtes, kühnes Weſen erfüllte mich mit einer Ahnung von Hoffnung in meiner Troſtloſigkeit. Wiſſet Ihr Rath und Hülfe, ſo eilet damit; ſinnet nach, wenn nur das Leben herauskommt, mag es auch Beulen und Blut koſten. Was noch ſinnen und bedenken? ſprach Nis ent⸗ ſchloſſen, indem er aufſtand, das größte der Tiſchmeſſer ergriff und unter ſein Wamms nahm. Der Augenblick ſcheint der rechte; haltet Euch nur dicht an meiner lin⸗ ken Seite. Der Bleiche packte ſich krampfhaft feſt an Ipſens Aermel, welcher ſofort mit feſten Schritten hinter den Zankenden weg der Stubenthür zuſchritt. Schon hatte Blumenhagen. II. 3 34 er die Klinke in der Hand, als ein kleiner bucklicher Matroſe, der dicht an der Thür auf einem Schemel wahrſcheinlich als Wache ſaß und ebenfalls ſich dem Streite zugekehrt hatte, bei dem Geräuſche plötzlich den Kopf wandte. So wie er die Flüchtlinge erblickte, warf er ſeinen kurzen Pfeifenſtummel zur Erde, ſprang mit ſeiner Kugelgeſtalt vor die Pforte, und ſein Geſchrei: „Verrath! die Rekruten brechen durch! Hülfe, ihr Fiſchadler!“ zog alle Geſichter herum, und brachte die nächſte Reihe der Seeleute in plötzliche Sturmbewegung. Nis' Umſicht erſah ſogleich die wachſende Gefahr; ein Blick durch den Saal entdeckte nahe hinter ihm an der Seitenwand ein niedriges Fenſter, deſſen Flügel wegen des Tabaksqualms aufgeſperrt ſtanden. Entſchloſſen packte er ſeinen Unglücksgefährten, ſchleppte ihn zum Fenſter und warf ihn unſanft über den Bord der Fen⸗ ſterbank auf die Straße hinaus; dann drehete er ſich ſchnell gegen die Feinde um, deren Gebrüll ſchon dicht an ihm tönte und von deren Händen er ſich ſchon be⸗ rührt fühlte. Einige Meſſerſtöße, welche trafen und durch das Unerwartete doppelt ſchreckten, ſtäubten die nächſten Verfolger aus einander; und als jetzt der rie⸗ ſige Kapitän Jan Krye nach ihm die langen Fäuſte aus⸗ ſtreckte, ſtürzte Nis auf ihn los, warf mit herkuliſcher Kraft den Ueberraſchten hinten über auf ſeine Schiffer, die wie bei dem Falle eines Hauptmaſtes unter der großen Maſſe zu Boden kollerten, und im erſten freien Angenblicke ſchwang er ſich nun auf den Fenſterrand und ſprang in die Straße hinunter. Draußen war er; vergebens ſchaute er ſich aber nach dem geretteten Genoſſen um, deſſen Leitung bei der Un⸗ kunde der Gegend ihm ſo nöthig war; der Feigling +——„—+—— e — „——— — S+—„ — S u w S 35 hatte ſich undankbar längſt aus dem Staube gemacht. Die Verfolger ſchlugen nach wiedergewonnener Beſin⸗ nung den erſten Weg ein, der ihnen offen ſtand. Zu demſelben Fenſter hinaus wälzte ſich Feind auf Feind, und nur in ſchnellſter Flucht aufs Gerathewohl in die Nacht hinein ſah Ipſen vollendete Rettung. Bald war der flinke Läufer aus einer engen Gaſſe auf eine breite Stadtſtraße gekommen; aber dicht hinter ſich hörte er die Sprünge und die Stimmen der gleich gewandten Kaper; der Weg lief gerade aus an einem breiten Kanale hin, und der Mond beleuchtete faſt mit Tages⸗ klarheit die unabſehbare Fläche. Schon gab ſich Nis faſt verloren und ballte die Fäuſte zur Wehr, da ſah er im Hinlaufen an einer Stelle auf der andern Seite des Kanals eine Treppe, die in der Steinwand zum Waſſer hinabführte und zum Anlegen der Treckſchüte beſtimmt war, ſah jenſeits die Pforte eines großen Gebäudes oſfen und Leute mit Licht auf der Vorhalle im Abſchiednehmen begriffen. Mit einem Sprunge war er im Waſſer, ſchwamm über den Kanal, ſprang die Stiege hinauf und drängte ſich in die Hausthür, welche ein Diener eben wieder ſchließen wollte. Die Leute drinnen taumelten vor ſeiner Heftig⸗ keit erſchrocken zurück; ein Lakai ließ Licht und Leuchter fallen, und ein bejahrter Holländer in buntblumigem Schlafrocke und runder Perrüke rief zurücktretend mit einer Sprachrohrſtimme:„Jungens, an die Segel! der Feind iſt auf dem Deck!“— Nis, ſeine Verfolger nicht vergeſſend, riegelte mit Bedacht die Pforte innerhalb zu, dann trat er athemlos auf den weichenden Haus⸗ herrn zu. Fürchtet nichts! ſagte er mit halber Stimme, die von kurzen Athemzügen unterbrochen wurde, und legte dabei die Rechte betheuernd auf die Herzensgegend. Ich bringe kein Unheil, aber mich verfolgt das Unglück. Ich ſuche Schutz bei Euch, wenn Ihr ein Chriſt ſeid.— Furcht kennt der Seekapitän Barenz eben nicht, ant⸗ wortete der alte Herr, der ſich ſchnell vom erſten Schreck erholt hatte. Aber was ſolls mit dem ſpäten Einbruch? Fremde gehören in das Wirthshaus zum Mogul, und das liegt hundert Schritte am Kanal hinauf.— Ich bin ſehr fremd und ſehr verlaſſen! ſtammelte Nis. Gebt mir nur für die Nacht Sicherheit und ein Strohbund im Winkel. Seelenverkäufer hatten mich, verfolgen mich, bedrohen mein Leben und meine Freiheit zur Schande jedes ehrlichen Niederländers. Habt Ihr Kinder, Herr, ſo denkt Euch, wenn eines derſelben auch einmal in ſolche Klauen geriethe.— Der Teufel auch, rief der Alte, das will ich bleiben laſſen. Solch Volk iſt wie ein Meerſtrudel: was der einmal erwiſcht, das zieht er hinunter mit Kiel und Maſt, mit Mann und Maus. Ihr müßt derbe Sehnen haben und ein entſchloſſener Geſell ſein, daß Ihr ſol⸗ chem Geſindel entrinnen konntet, wenn es Euch einmal im Schlepptau gehabt, ſetzte er hinzu, indem er mit Wohl⸗ gefallen des Jünglings Geſtalt zu muſtern ſchien. Nun, Toms, verwahre die Thür! Klaas, trockne den Waſſer⸗ mann ein bischen, laß ihm die Schuhe ausziehen und vringe ihn hinauf; da ſoll er mir erzählen, wie ſich das alles begab.— Die Diener gehorchten, indeß der See⸗ kapitän die breite Treppe voran ſtieg mit einem recht wohlgefälligen Geſicht, dem man die Neugier abmerken konnte, welche guten alten Leuten eigen zu ſein pflegt. — 37 In ein wohlmöblirtes Zimmer wurde unſer Däne geführt, dem an Staat wie an Bequemlichkeit nichts abging. Auf einem mit Landcharten belegten Tiſche dampfte behaglich die filberne Theemaſchine; hinter der⸗ ſelben hielt der Hausherr ſeinen Lehnſtuhl inne, und Jpſen mußte ſich auf ſeinen Wink dicht zu ihm ſetzen. Er ſchenkte ihm ein von dem warmen, duftigen Tranke, und legte ihm ein geröſtet Semmelſchnittchen dazu; dann begann er ein ächt militäriſches Examen, deſſen Fort⸗ ſetzung ihm jedoch der offenherzige Jüngling erſparte. Mit der Argloſigkeit und dem Freimuthe, der in reinen Seelen wohnt, erzählte ihm Nis ſeinen ganzen Lebens⸗ lauf, verſchwieg dem ehrwürdigen Seemanne nichts als ſein Verhältniß zu der ſchönen Hima. Die erſte ſchuld⸗ loſe Liebe ſcheint dem Liebenden immer eine heilige My⸗ ſterie und das kleinſte verrathende Wort ein Frevel gegen ſie, eine Läſterung und ein Kirchenraub. Als Nis des Todestages der Mutter erwähnte und ihm dabei die Stimme brach und die Augen überfloſſen, nickte der Alte gerührt mit dem Haupte und ſagte: Brav! Dein Geſicht lügt nicht, Du führſt offene Flagge und biſt ein guter Junge. Wer die Eltern ehrt, dem wird's wohl ergehen.— Als Nis den Schwedenmord erzählte, bei wel⸗ cher Gelegenheit er Hima als ſeine Baſe aufführte, ſchlug Herr Barenz derb auf den Tiſch, daß die Tonpfeife in Stücken brach, und ſagte: Gut gemacht, tapferer Däne! Hätt's auch nicht gelitten, wenn ſo ein Königsknecht in meinem Hühnerſtalle gekräht!— Als aber Nis den Kapitän Jan Krye nannte, da ſchob Herr Barenz die Stutzperrüke auf ſeinem Kahlkopfe rund um und fluchte mit faltiger dräuender Stirne: Hole der Schwarze ſolch einen Kapitän! doch der Rattenkönig in Amerika heißt 38 ja auch ein König.— Sorge ferner nicht, mein Junge, ſetzte er dann milde hinzu. Du biſt ſtark von Leibe, brav von Gemüth, wie fürs Meer geſchaffen, und wer weiß, was in Dir ſteckt. Laß mich nur machen. Ueber⸗ morgen legt mein Fregattſchiff, der Kranich, aus; wir convoyiren eine Kauffahrteiflotte nach Oſtindien, da kannſt Du's mit verſuchen, und Kapitän Barenz wird ſchon ausfinden, was an Dir iſt, wenn es nur erſt auf der Waſſerſtraße fortgeht und du das Schaukeln gewohnt biſt. Die Equipage findet ſich, doch mußt Du dienen von unten auf; denn wer nicht zuerſt das Tanzen auf den Raaen und Maſtleitern gelernt hat, nicht ein Dutzend Stürme und einige Schiffbrüche mitmachte, wird nie ein tüchtiger Steuermann, der das Rad zu drehen verſteht.— Mit Innigkeit dankte Nis dem gutmüthigen Alten, und er durfte ſein Geſchick jetzt wieder preiſen; denn wie einem Geſtrandeten das ſichere Dach des Küſten⸗ dorfes wohlthut, ſo wurde ihm der Aufenthalt in des Seekapitäns Hauſe mit jeder Stunde ein ſchönerer Glücks⸗ hafen. Die anſtändigſte Matroſenkleidung ward ihm geſchafft; dem Bett und der Tafel fehlte nichts; und die Gattin, ſowie die fünfzehnjährige Tochter des Herrn Barenz blickten mit mehr als gewöhnlicher Theilnahme auf ihn, wenn er im Dienſte des neuen Herrn eine Be⸗ ſtellung im Damenzimmer zu machen hatte, woran er merkte, daß der Herr ihnen ſeine Schickſale nicht ver⸗ ſchwiegen haben mußte. Zum öftern fuhr er jetzt mit dem Kapitän im Hafen umher; wo die Schiffe zur Ab⸗ fahrt gerüſtet und befrachtet wurden, und der Alte gab ſich ſelbſt die Mühe, ihn zu den erſten Geſchäften auf dem wachſamen Kranich einzuweihen, und ſchien wahre — 39 Vaterfreude an ſeiner Gewandtheit und Lernbegier zu haben. Bald kam der Abſchiedstag. Madame Barenz weinte zum hundertſten Male wie das erſte Mal; die helläugige, vollgebauete Alida ſchluchzte ſo arg, wie es der auf⸗ merkſame Nis nie von dem ſtutznaſigen, ſchelmiſchen Mamſellchen erwartet hatte; und als ſie zum Kanal hinabſtiegen, faßte ſie des Burſchen Hand und ſprach zu ihm: Nis, pflege Er den Vater, wenn er krank werden ſollte, tret' Er vor ihn, gibt's ein Unglück mit fremden Schiffen, und vergeß Er ihn nicht im Sturme.— So wahr ein Gott iſt, ſchwur Nis erwärmt von dem Ver⸗ trauen des niedlichen Kindes: erſt werde ich an den Herrn denken, dann an mich! Iſt er doch mein Vater geworden, ohne daß ich bis jetzt den Titel Sohn ver⸗ dient hätte.— Das Boot nahm ſie auf, man fuhr aus dem Hafen durch das T und paſſirte bald den Texel. Eine neue Welt erſchloß ſich jetzt dem jungen Manne. Wohl hatte er von den vaterländiſchen Küſten oft hin⸗ aus geſehen auf die ſtürmende Nordſee, hatte Segler vorbeifliegen ſehen vor dem Winde, hatte Schiffbrüchige gerettet mit eigener Gefahr, hatte an ſtillen Sommer⸗ abenden ſich gebadet im Meerwaſſer und die Glieder geſchaukelt auf dem ſalzigen Wogenbette. Aber dieſes war doch etwas ganz Anderes. Als er dahinſchwamm auf dem herrlichen, hochmaſtigen Fahrzeuge, das mit den weißen Segeln und bunten Wimpeln einer Braut glich in Schleier⸗ und Bänderſchmuck, als die Kanonen donnerten zum Abſchiedsgruße, als nach des Bootsmanns Pfeife ſeine Kameraden auf⸗ und abflogen an den Segel⸗ . 5 * 40 ſtangen, als des Kapitäns Sprachrohr das Gewühl der Kauf⸗ fahrer in Ordnung brachte, als wären alle die ſchweren Schiffe lebendige, gehorſame Kreaturen: da erſchien ihm das Leben zur See als etwas recht Großes und Majeſtä⸗ tiſches, und er fühlte in ſich, jetzt erſt ſei er in ſeinem Berufe. Als ſie darauf den Kanal durchſegelt waren und das atlantiſche Weltmeer ſie aufnahm, alles Küſten⸗ land aus ihren Blicken verſchwand, der blaue Himmel und das grüne Meer ſie einſchloß, ſtrahlende Fiſche, tanzende Delphine und tauſend andere wunderbar ge⸗ ſtaltete Seegeſchöpfe das Schiff umgaben: da ſtand Nis oft auf dem Hinterdeck und ſtarrte hinüber nach Nord⸗ oſt, und gedachte derer, die er dorten verlaſſen. Denket mein, flüſterte er dann der ſtrömenden Luft entgegen, wie ich eurer gedenken werde, und wenn dieſe endloſe Flut bis zur Ewigkeit ſich hindehnte. Aber ſo ſollt ihr den armen Nis nicht wieder ſehen, und müßte er dort in Süden bei den Schwarzen begraben werden.— Träume von den Goldſchätzen des Oſtens zogen dann durch des Jünglings Seele, wie ſie wohl jedem jungen Seefahrer kommen, aber das Geſchick hatte etwas ganz Anderes mit ihm beſchloſſen. Gleich in den erſten Tagen fand unſer Held einen Freund, der die Mühen und Hoffnungen des neuen Le⸗ bens mit ihm theilte. Bei einer Parade der Seeſoldaten auf dem Oberdeck fiel ihm in Reih und Glied ein ſchlanker Marinier auf, deſſen Geſicht ihm bekannte Züge trug, und der mit ſchamrothen Wangen und geſenkten Augen die Aufmerkſamkeit bemerkte, mit welcher Nis ihn im Auge feſthielt. Als die Glieder ſich auflöſeten, ging Nis auf den Mann zu und faßte den Ausweichenden feſt an der Patrontaſche. Du biſt es wirklich, Unglücks⸗ —— 41 kamerad? Alſo auch Du gerettet? Herzlich freut mich's. Aber warum willſt Du mich nicht kennen? Biſt Du bös, weil ich Dich dazumal ſo grob zum Fenſter hinaus ſpedirte?— Der junge Mann, denn es war der Bleiche aus der Menſchenmäkler⸗Herberge, drehete ſich jetzt raſch um und faßte ſtürmiſch Jpſens Hand zum Drucke. Ich ſchämte mich, weil ich damals feigherzig nur an mich dachte, ſagte er leiſe, und vor Scham konnte ich nicht zum Danken kommen.— Was danken, was ſchämen? entgegnete der Däne treuherzig. Es war ganz gut, daß Du davongelaufen; ich hätte ſonſt auch an Dich denken müſſen, und für mich hatte ich eben Fäuſte und Muth genug.— Bottemar, ſo hieß der Soldat, war ein Kaufmanns⸗ ſohn aus Flandern. Seine Familie verarmte durch be⸗ betrügliche Bankerotte Anderer, und auch er war vom Schickſale auf ſich ſelbſt geſtellt, und ſuchte in der über⸗ ſeeiſchen Welt, was das Vaterland ihm verweigerte. Die engſte Freundſchaft ſchloß ihn von dieſer Stunde an den kühnen Matroſen; und da er jetzt allgemein ſeine Geſchichte mit demſelben erzählte, ſo bekam Nis dadurch einen Ruf und eine Achtung bei ſeinen ältern Seegefährten, die ihm unter den rauhen Genoſſen höchſt vortheilhaft war und vornehmlich den Neid über die Vorliebe des Seekapitäns beſchwichtigte. Auch einen andern Nutzen zog er von Bottemars Freundſchaft; denn der Soldat war ein trefflicher Rechner, und ſein Unter⸗ richt weihete Jpſen in die Hauptkunſt des kaufmänni⸗ ſchen Lebens bis zur Vollkommenheit ein. Auf der andern Seite benutzte der alte Barenz jede Windſtille und jeden ruhigen Tag, um ſeinen Zögling, der ihm durch Fleiß 42 und Rechtlichkeit und unverhehlte Sohnesliebe immer lieber wurde, in allem zu unterweiſen und auszubilden, was zum tüchtigen Seemann gehört. Die Geheimniſſe der Sternkunde, Strich⸗ und Peil⸗Compaſſe, der Na⸗ del, des Log⸗Dreiecks thaten ſich auf vor ihm; er lernte die runde Charte und den Quadranten gebrauchen, er⸗ fuhr was zur Takelage und Signalkunſt nöthig, wie man den Abdrift und den Curs zeichnet; und die Herr⸗ ſchaft des Steuers über widerwärtige Strömung, die Liſt, den Wind im Segelwerke zu fangen, und die Rie⸗ ſen der Luft zum Menſchendienſte zu zwingen,— dies alles blieb gar bald dem aufmerkſamen Jünglinge kein Räthſel mehr. Es läßt ſich denken, daß Jahre darauf hingingen, bevor Nis Ipſen alle dieſe Theile der Seewiſſenſchaft ſo inne hatte, daß ſein Kapitän ihm die Selbſtſtändig⸗ keit als Seemann zuerkennen durfte. Aber war die Anſtrengung des Lehrers eine außergewöhnliche, ſo war es noch mehr der Fleiß und das Faſſungsvermögen des Schülers, und es bewies ſich an ihm, daß die Allge⸗ rechtigkeit der Vorſehung ihr höchſtes geiſtiges Erbtheil ohne Vorliebe austheilt, und geiſtige Fähigkeit nicht an Geburt, Stand und feinere Organiſation gebunden iſt, wenn nur das Schickſal die Keime in das Sonnenlicht und die Sommerwärme bringt, die zu ihrer Entwicke⸗ lung nothwendig werden. Unſer junger Schiffer hatte am Cap der Hoffnung und in Oſtindien eine geraume Zeit verlebt, deren ge⸗ wöhnlichen Tagelauf zu berichten uns Raum und Zweck dieſer Blätter verbietet. Enger hatte ſich mit jedem Monate das Band zwiſchen ihm und ſeinem Wohlthäter verſchlungen; manche Gefahr hatten ſie zuſammen —— e—— — — — 43 beſtanden auf der Elephantenjagd im Kaffernlande, der Tigerhetze am Ganges und auf den Sandbänken an der Küſte Koromandel. Nis hatte ſich überall ſo beſonnen wie muthig gezeigt, und ſeine gereiftern Kenntniſſe ließen ihn nach und nach vom Unter⸗ zum Ober⸗Bootsmann und Segelmeiſter ſteigen, da eine Epidemie des heißen Klimas viele Leute des Schiffs hinraffte; und bei der Abfahrt von Negapatnam war er durch die Fürſorge ſeines zweiten Vaters bereits in die Rolle der Offiziere eingetragen.— Glücklich ſchien die Heimfahrt ſchon ihrem Ende ent⸗ gegen zu eilen. Kapitän Barenz ſah vom Hinterdeck mit ſeinem jungen Freunde dem Sonnenuntergange zu und zeigte ihm die Azoren, deren Pico am Horizonte zu ihrer Linken ſich wie ein ungeheurer Kegel, glühend in den rothen Abendſtrahlen, erhob. Die Habichtsinſeln nennt ſich jener Haufen grauer Vulkanenklippen, ſagte er zu ſeinem Schüler; auf der Herfahrt ſegelten wir nächtlich und mehre Knoten rechts vorüber. Die pör⸗ tugieſiſchen Habichte haben dieſe Eilande wiedergetauft; denn ſie gehörten eigentlich uns, den frühern Entdeckern, und ſollten die flamändiſchen heißen. Der Südoſt treibt unſern Curs näher hinan als ich wünſchte, und wir werden dort vielleicht morgen den Wein von Fayal koſten, wenn das Wetter ſich hält dieſe Nacht. Doch täuſchen mich die altersſchwachen Sinne nicht, ſo gibt es Sturm vor Mitternacht, und dann gebe Gott, daß unſer Kiel nicht mit jenen Korallenriffen Bekanntſchaft macht.— Und wirklich bemerkte jetzt auch Jpſen, daß ein ſeltſam geſtaltetes Dunſtmeer, wie ein Schleier vom Ocean aufſteigend, die ſinkende Sonne aufnahm. Sonder⸗ bar wogten die Wellen, als würden ſie von unterſeeiſchen Mächten gepeitſcht; bald ging dieſer Tanz in ein ängſt⸗ lich Gedräng über, ſie fingen an, wie der Schiffer ſpricht, hohl zu gehen und brachen ſich dumpf am Back⸗ bord des Schiffes. Zugleich ſtieg vor dem Winde am Horizonte ein ſchwarzer Wolkenberg empor in ſchweren Kugelgeſtaltungen, die ſich über einander legten, wie der Zeugmeiſter im Waffenhauſe die ſchweren Bomben zu ordnen pflegt, und dicht über dem Waſſerſpiegel ward in der dunklen Wolke ein glänzend weißer Streifen ſicht⸗ bar, der Gürtel des zürnenden Aeolus. Das Sprachrohr des Kapitäns ertheilte ſogleich weitſchallend über die Flottille die nöthigen Befehle, und überall auf den Felucken, Jachten und Gallionen flogen die Seeleute Maſt⸗hinan, die großen Segel wurden eingerefft, die Luken geſchloſſen, die Laternen befeſtigt und die Poſten verdoppelt. Windgallen ſtrichen jetzt über die Flut, immer hohler wälzten ſich die Wogen, und mit der Nacht kam auch der wüthende Orkan, wie ihn der Führer vorausgeſagt. Es war das erſte Mal, daß Ipſen dieſer ſchrecklichen Naturerſcheinung Stand hielt, aber nichts deſtoweniger zeigte ſich auch hier ſeine Unerſchrockenheit; am Sterne war er ſtets dem alten Barenz zur Seite, trat ſelbſt an die Spille, munterte die Verzagten auf, lobte die Thätigen und griff ſelbſt an den Tau, wo die Mannſchaft ſchläfrig zauderte. Schrecklich tobte der Orkan, und mancher der ſchwächern Kauffahrer ging verloren. Das ſtarke Fregattſchiff ſelbſt hatte einen beſchädigten Beſanmaſt, und als das ex ſehnte Morgenlicht die wieder beruhigte Flut vergoldeke, wurde der Verluſt in den ſchwimmenden Trümmern ——— —— S—— —— S X — 45 ſichtbar, und die Perrüke des Kapitäns drehte ſich von einem Ohre zum andern, den Seelenſturm ſignaliſirend, den der betrübte Anblick in ihm erregte. Da rief es vom Maſtkorbe herab:„Vier Segel links vor dem Winde! Schießluken offen! Blutflagge!“ Der Kapitän legte ſogleich das Fernrohr an das Auge. Das ſind Flibuſtier! rief er nach einigen Minu⸗ ten raſch und aufglühend. Die Meergeier wollen von unſerni Unglücke Profit machen.— Schallend tönte dann ſein Sprachrohr vom Hinter⸗ deck: Alle Mannſchaft auf's Oberdeck! die Brummer in Ordnung, Lieutenant! Segel aufgeſetzt! die Prinzen⸗ flagge auf den Topmaſt, daß ſie Reſpekt bekommen und uns nicht für ihren Erbfeind, den Espagnol anſehen!— Sofort ertönten die Pfeifen der Bootsmänner; die Marinenoffiziere riefen zu den Waffen und die Trommeln raſſelten dumpf unter den Raaen hin, die überall von kühnen Matroſen beklettert wurden. Alles Befohlene ward mit ſo großer Schnelligkeit als Ordnung vollführt, aber die Heranſegelnden ſchienen ſich nicht irre machen zu laſſen.— Des Kapitän Barenz Auge hatte ſich nicht getäuſcht. Vier bewaffnete Schoner ſchoſſen mit auf⸗ geſchwellten Segeln vor dem Winde heran; ſie waren nicht groß, aber gut beſetzt, und Verdecke und Bucht⸗ ſpitzen wimmelten von wilden Geſtalten. Sofort flatterte die Lvoſungsflagge an der Beſansſtange der Fregatte, und zwei Signalſchüſſe riefen die Kauffahrer unter ihre Kanonen. Wie Küchlein um die Gluckhenne ſammelten ſich dieſe um den Kranich, auf welchem der Kapitän Steuer und Segel in Thätigkeit ſetzte, den Angreifenden den Wind abzugewinnen. Morgan! Morgan! erſcholl jetzt das Feldgeſchrei von ——————— 46 dem größten der Kaperſchiffe, und: Tod oder Sieg! antwortete der rauhe Ruf vom Bord der drei andern Segler; zugleich verſchwanden die rothen Flaggen der Maſtbäume, und ſchwarze Trauerflaggen mit einem ſchimmernden koloſſalen Schädelbilde erſchienen ſtatt jener, und züngelten im Windſtoße graulich herüber. Unter das holländiſche Schiffsvolk ſchien ein plötzlicher Schrecken zu fahren bei dem Schlachtrufe und dem ſchwar⸗ zen Signale. Morgan iſt es, der ſchreckliche Räuberfürſt! flüſterte Barenz ſeinem Lieutenant Jpſen zu. Porto Bello, Maracaibo und Panama haben ſeine Blutfauſt gefühlt. Siehſt du, wie die Mariniers feig daſtehen, wie ihre Glieder ſchlottern, wie ſelbſt der älteſte Matroſe das Tau verliert bei dem Namen des Unerbittlichen. Wir müſſen ſie ſchnell beſchäftigen, ſonſt ſind ſie und wir ver⸗ loren.— Wir haben den Wind, donnerte ſein Sprach⸗ rohr wieder; Bramſegel eingerefft! Kanonen fertig, Soldaten, geladen das Gewehr! Pelotonfeuer, wenn das Steuerbord dran liegt! Nis flog ſelbſt vom Hinterdeck, die Befehle voll⸗ führen zu laſſen und die Kiſten mit Piſtolen und Säbeln auf dem Verdecke zu öffnen. Dicht heran kamen jetzt die zwei ſtärkſten der Fahr⸗ zeuge, indeſſen das kleinere Paar ſich ſogleich rechts und links wandte, um die Kauffahrteiſchiffe, die ſich theils zur Vertheidigung, theils zur Flucht anſchickten, zu nehmen. Da donnerten die Feuerſchlünde der Fregatte mit einer vollen Lage, die freilich die Takelage der Feinde wacker zerriß, indeß das Gebrüll der Wüthenden jenſeits nur noch lauter erweckte. Nur mit Grundſchüſſen er⸗ widerten die Stücke der Kaper, und mit ihren großen —„„——————— —————— S S c—— 8„ — 47 Flinten, die zweilöthige Kugeln ſchoſſen, trafen ſie man⸗ chen braven Niederländer und räumten in den geſchloſſenen Gliedern der Soldaten auf. Wie ſie aus den Dampf⸗ wolken hervor jetzt näher ſchwammen, ward ihr Anblick immer furchtbarer. Hochgewachſene, faſt koloſſale Men⸗ ſchengeſtalten zeigten ſich, braungebrannte Geſichter, aus⸗ getrocknet durch Hiſpaniolas ſengenden Mittag, aber mit ſcharfen Zügen und brennenden, großen Augen. Ihr Anzug, der in rothgefärbten Hemden und Leinen⸗ hoſen beſtand, machte ſie noch grauenvoller; das wirre Haar deckte ein grober Filzhut; am ſchwarzen Leibriemen hing Säbel und Meſſer; mit Streifen von Schweins⸗ haut waren die Füße umwickelt, indeß die nackten Waden und Arme rieſige Muskeln ſehen ließen. So erſchien der Feind, an dem Ris ſeine erſte Kriegsthat verſuchen ſollte; furchtbare Gegner, gleich den wilden Stieren, an denen in der Heimath ſie ihre Jugendkräfte zu üben pflegten, deren rohes Mark ihre Lieblingskoſt war, und denen ſie an thieriſcher Wuth und Grauſamkeit, wie bekannt, nichts nachgaben. Mit unglaublicher Dreiſtigkeit ließen ſich die See⸗ räuber nicht auf Geſchützgefecht ein, ſondern wagten, vielleicht durch die Anſicht der Fregatte, der der Sturm einen Maſt gebrochen, verleitet, den Angriff ſofort in eine Enterung zu verwandeln. Als Ipſen ſah, wie ein großer, hagerer Mann, der ſich durch einen Federbuſch am Hute auszeichnete, die Enterhaken und Balken zurecht legen ließ, warf er ſich ſofort mit einem halben Dutzend Braver an die Stelle des Bords, mit blankem Säbel den Uebergang zu wehren. Des Kapitäns Stimme rief ihn zu ſich. Laß ſie gewähren! ſprach der Alte mit Ruhe und unerſchüttertem Muthe. Die Hälfte der Mann⸗ 48 ſchaft an das Backbord, die kleinere Gallione abzu⸗ wehren! Liegen die Haken, dann wir ſelbſt alle über die Brücke und auf des Feindes Grund und Boden den Krieg geſpielt! Haben meine Jungen an den wilden Malaien in Aſien ihre derben Knochen verſucht, werden ſie doch auch wohl mit dieſen ausgedörrten weſtindiſchen Stockfiſchen fertig werden. Das Selbſtvertrauen des Cointngeter ſchien durch die ganze Mannſchaft wie ein elektriſcher Funke hinzu⸗ ſchlagen: denn ein Hurrah antwortete ihm. Kaum lag die Enterbrücke, an die ſich die Flibuſtier herandrängten, ſo entſtand ein plötzliches Leben unter den Holländern, die bisher ſteif dageſtanden und geregelt gefeuert hat⸗ ten; alle Flinten und Piſtolen brannten los, ein Kar⸗ tätſchenſchuß räumte vorweg, dann ſtürzten in einem Keile, ſchneller als die ſtutzenden Feinde, die Kinder des Kranichs auf die Balken, Barenz und Ipſen an ihrer Spitze; Säbel und Kolbe begannen ihr Werk, und auf dem Deck der Bukanier entſpann ſich jetzt der fürchter⸗ lichſte Einzelkampf, aus dem kein Entrinnen möglich war, weil die ſchäumende See mit ihren grundloſen Tiefen Tapfere und Feige gleich eng umſchlang. Die Holländer waren an Mannſchaft den bukaniſchen Horden gewachſen, ſie hatten die Ueberraſchung des Angriffs voraus, die oft ſchon große Schlachten entſchied, wenn auch dagegen die Seeräuber an Gliederſtärke und Kampf⸗ gewohnheit bedeutende Vorzüge beſaßen. Nis zeigte ſich ſeines Lehrers würdig. Ein Schuß hatte ihm die Schläfe geſtreift, er achtete das rinnende Blut nicht, und dem Kapitän voran ſprang er der Erſte auf das feindliche Deck, warf mit dem kurzen Säbel alles aus einander, und tämpfte rechts hin, wo er am Federbuſch 49 den wilden Morgan zu entdecken wähnte, indeß Herr Barenz links Platz gewann, von den beſten ſeiner Leute umringt, die mit ihren Leibern überall den hoch⸗ geehrten Führer deckten und Wunder der Tapferkeit an den Tagylegten.— Wie zwei Tigerkater auf dem heißen Sande Bengalens ſich anfallen mit Kralle und Zahn um die ſchöngefleckte Buhlin, ſo warfen ſich Jpſen und Morgan, der Kaperhauptmann, gegen einander, und vor den weitausholenden Hieben der kurzen, krummen Säbel wurde ein Raum um dieſe Beiden, und mancher Bu⸗ kanier, mancher Holländer drängte weniger den Gegner, verſäumte die eigene Deckung, um einen Blick der Neugier und Angſt auf den Kampf dieſer Beiden zu werfen, die als die Stärkſten und Tapferſten augen⸗ ſcheinlich im Gedränge leuchteten, und von denen die Entſcheidung des Gefechts abzuhängen ſchien. Lange blieb der Sieg zweifelhaft; der Flibuſtier ſchäumte und ſtieß Flüche und Schimpfreden bei jedem Schlage des Säbels hervor; zugleich führte er nach Räuberſitte in ſeiner linken Fauſt das breite Meſſer und gebrauchte es zu Stich und Parade gegen das bartloſe Seekalb, wie er ſchalt; ſo wurde ſein Angriff ein zweifacher, und Nis fühlte ſich mehrfach wund, und der Gedanke, be⸗ ſiegt zu werden von einem Ehrloſen, trieb all ſein Blnt heiß wie Höllenfeuer zum Herzen. Seine ganze nordiſche Hünenkraft ſammelte er zu einem Schlage; der Hieb ſaß, der ſcharfe Stahl fuhr durch des Flibuſtiers breiten Hut und ſpaltete ſein Kreuzeiſen, zerſplitterte freilich ſelbſt klingend daran, zerſchnitt aber mit der untern Hälfte die Stirn des Feindes, daß ſein Blut über das Geſicht ſtrömte, indeß er ſelbſt von der gewaltigen Wucht des Schlages rücklings über gegen die Planken Blumenhagen. II. 4 „. 4 50 ſtürzte. Sein Fall war das Signal zu einem allge⸗ meinen Wehgeheule, und man ſah augenblicklich auf dieſer Seite eine Menge der Flibuſtier hinabſpringen in das beiher ſchwimmende Schaluppchen, den Tau kappen, und in Flucht ihr Schiff und den Sieg aufgeben. Nis bückte ſich nach des Gefallenen eigenem Säbel, um ihm den ſichern Todesſtoß zu geben; da hörte er des alten Barenz Stimme nicht weit von ſich mit einem ſonder⸗ baren Tone, der wohl nicht wie Angſt, doch wie in Erſchöpfung und Athemloſigkeit erklang. Er ſah zur Seite und erblickte den Alten ſofort, den ein breitſchult⸗ riger Gegner gar hart bedrängte. Nis ſcharfes Auge erkannte in dem Ungetüm ſogleich den Kapitän Jan Krye, der noch grimmiger ausſah in der Bukaniertracht, und den ſein Lieblingsfluch:„Potz Wallfiſch und Nord⸗ kaper! Keinen Pardon Dir, du toller Perrükenkopf!“ noch deutlicher verrieth. Jan Krye's breite Tatze hatte den Seekapitän an der Kehle gepackt, und ihn würgend zückte er zugleich den langen Dolch gegen den Greis. Wie Gedankenflug riß Ipſen dem nächſten Holländer die Flinte aus der Hand, ſprang hinter den Seelenmäkler, und indem jener zuſtieß, traf ſchräg von oben geführt der Lauf des Gewehrs ſo mächtig über ſeinen Rückgrat hin, daß er wie ein vom Wetterſtrahle Getroffener zu⸗ ſammenſank, und aus dem breiten Haifiſchrachen das rothe Blut im Strome das Deck begoß.„Revanche für Amſterdam, du Räuber und Spion zugleich!“ rief Nis dabei. Der Dolchſtoß hatte nur die Schulter des Alten geſtreift, und tief Athem ſchöpfend lehnte er jetzt an des Jünglings Bruſt. Zugleich verkündete der Siegesruf der Holländer das gewonnene Schiff; nur einzelne verzweifelte Bukanier wehrten ſich noch, wie 51 Wölfe von einer Kuppel Hunde umſtellt, an den Maſt⸗ bäumen; aber ein blutbedeckter Mann ſchwankte hinter den Gruppen weg, an der Gallerie ſich ſtützend, nahm eine brennende Lunte auf, die verloren am Boden lag neben dem todten Kanonier, und ſchlüpfte über die Leichen und Trümmer zur Treppe, und auf ihr hinab zu dem innern Raume, nach der Seite der Pulverkam⸗ mer hin. Nis bemerkte es; denn ſein Auge war heute überall; der Blutende dünkte ihm das Geſpenſt des gefallenen Morgan; mit Seeräubermanier durch die Erzählungen der Genoſſen bekannt, errieth er des Fein⸗ des gräßliche Abſicht und ſtürzte ſich dem wilden Haupt⸗ manne nach. Ihn zu erreichen war unmöglich; der Raum war dunkel, die Stiege dem Fremden unbekannt, ſchon vielleicht die Pulverkammer nahe, da ſchoß er mit dem Gürtelterzerol blind den Schritten nach in die Dämmerung hinunter, und ein dumpfes Schmerzgeſchrei und ein ſchwerer Fall verſicherten ihn, daß er getroffen. Er wollte vollends hinabſteigen durch den Pulverrauch, als er mit dem Verhallen des Knalles ein Geſchrei vernahm, welches aus der nahen Kajüte zu dringen ſchien und ſeine Schritte feſſelte. Das waren nicht die heiſeren Stimmen bukaniſcher Kehlen; einigen Marine⸗ ſoldaten, die dem Schuſſe nachgefolgt waren, rief er zu, den Körper des geſchoſſenen Feindes aufzuſuchen; er ſelbſt trat die Kajütenthür, die verſperrt war, ein, und ſtand wie verſteinert bei dem unerwarteten Anblicke, der ſich ihm darbot. Zwei Frauen lagen im Winkel des Zimmers, zu⸗ ſammengepreßt durch Todesangſt. Die Kleider von beiden waren europäiſch, doch in Unordnung; ihr dunk⸗ les Haar hing gelöſet in Flechten um Nacken und Bruſt bis zum Boden hin. Die eine, von majeſtätiſcher Form und feinen Geſichtszügen, ließ durch den koſtbaren Shawl und die Atlas⸗Mantilla, mit welcher ſie die nackten Schultern zu verhüllen ſuchte, auf Rang und Stand ſchließen, die zweite ſchien eine Dienerin; auch hielt ſie in demüthiger Stellung auf die Knie geſenkt mit nackten Armen die geliebte Gebieterin augſtvoll umſchloſſen. Aus großen, ſchwarzen Augen ſtarrten beide den Ein⸗ tretenden an; als ſie aber ſeine fremde Tracht erkannten, ging ihre Furcht in lauter Freude über.— Seid Ihr Frauen der Flibuſtier, ſo heulet und jammert, ſprach Nis. Seid Ihr aber entführte Opfer ihrer Wildheit, ſo jubelt mit uns; denn die Tyrannen ſind vernichtet. Mit der Glut des Entzückens auf dem Angeſichte erhob ſich die Donna, ſtieß die Dienerin zur Seite und trat mit dem Anſtand einer Fürſtin Ipſen entgegen. Freiheit auf dem Schaffot der Ehre! Rettungsruf in der Verzweiflung! rief ſie in portugieſiſcher Sprache. O Ihr ſeid ein Sanct Michael, den mir die Mutter der Gnade geſendet hat!— Sie bog das Knie wie zum Niederfallen und griff mit der zarten Hand nach der blutbefleckten Rechten des Jünglings, ſie an den Mund zu drücken. Nis hinderte ſie an beidem. Da fiel ſie in Erſchöpfung, durch den raſchen Schickſalswechſel ergrif⸗ fen, an den hohen Jüngling hin, der ſie in den Armen auffing. Wunderſam ward dem ſchlachterhitzten Manne zu Muthe, als er der herrlichen Fremnden Herzſchlag fühlte an ſeinem Herzen, ihr ſchöner Kopf an ſeiner Schulter lag und das Schneelicht ihres Nackens blendend in ſeine Augen ſtrahlte. Verwirrt drückte er ſie einen Augenblick feſt an ſich, dann ermannte er ſich ſchnell, trug die Ohnmächtige auf die Kajütenbank und rief 53 die im Winkel laut betende Dienerin zu ihrer Hülfe her Der alte Barenz und ſeine Leute drängten ſich jetzt herunter in die Kajüte. Seelenjunge! rief der Kapitän und umhalſete herzhaft den Geliebten und in kindiſcher Freude. Du biſt ein Cortez an Tapferkeit und ein Co⸗ lomb an Umſicht; das Größte muß dir gelingen. Laß mich ſorgen; beim heiligen Niclas, du ſollſt nicht um⸗ ſonſt dem alten Martin das Leben gerettet haben. Und der Morgan iſt es wirklich, den du gerichtet haſt. Sein Kopf iſt ſchon herunter vom Rumpfe und ſoll in dem beſten Fäßchen Jamaica⸗Rum die Reiſe mitmachen. Glaube mir, dieſes bärtige Haupt kann dir ſeine katho⸗ liſche Majeſtät und alle Seemächte mit ihm durch eine Tonne Goldes nicht theuer genug bezahlen. Aber nun wieder raſch zum Dienſte! Die Gefangenen ohne Gnade an die Raaen aufgeknüpft; das Deck gereinigt und alle Segel geſtellt zum Hafen von Terceira! Der Gouver⸗ neur von Angra wird uns die Herſtellung der Takelage auf ſeiner Rhede nicht verweigern, wenn wir einen ſolchen Talisman wie den Morganskopf vorzuzeigen haben.— Die Donna fuhr bei der letzten Rede des Seekapitäns aus ihrer Ohnmachtslage in die Höhe. Nach Angra ſteuert Ihr? fragte ſie. Ich verſpreche Euch dort alles, was Ihr begehren möget. Don Hen⸗ riquez de Mello, der Gouverneur, iſt mein Oheim; zu ihm ging meine Fahrt von Liſſabon, als die Barbaren unſer Schiff nahmen, die Männer mordeten und das Fahrzeug, nachdem es geplündert, in Brand ſteckten. O wozu war ich aufbehalten, wenn Eure tapfere Hand mich nicht erlöſete! Aber der Gouverneur kann beloh⸗ nen und ich kann belohnen.— Ein Blick von ihr auf —— 54 den ſchmucken Nis verrieth dem alten, ſchlauen See⸗ mann den Sinn dieſer feurigen Anrede. Nun, ſagte er lächelnd, der Teufelsburſche hat am Ende noch eine beſſere Beute gemacht als den Räuberkopf zuſammt dem guten Schoner, eine Andromeda, die dem Seedrachen⸗ würger nichts verweigern wird. Wohl bekomm's dem Verdienten! Die Flottille ſammelte ſich jetzt wieder um das er⸗ probte Schutzſchiff, das ſtolzer ſeine weißen Segel alle entfaltete, wie ein Schwan die Fittige aufbläht, wenn er den Gegner von ſeinem Neſte trieb. Die zweite Gallione der Flibuſtier war durch die Batterie der Fre⸗ gatte in den Grund geſchoſſen und mit Mann und Maus verſunken; die beiden andern Fahrzeuge, von einigen vewehrten Kauffahrern abgehalten, hatten, nachdem ihr Admiralſchiff die Flagge geſtrichen, Rettung in der Flucht gefunden. Als die Execution der gefangenen Räuber vollzogen worden, beſetzte man das erbeutete Schiff mit holländiſchen Matroſen und Nis Ipſen bekam das Commando. Es führte zwanzig Kanonen, war ein trefflicher Segler und voll geſtohlener Schätze. Mit vollen Segeln begann dann der Triumphzug, gerade den Azoren zu, die mit ihren gaſtlichen Küſten den Ermüde⸗ ten zu winken ſchienen. Das Kaſtell von Angra erwiderte die Signale der Holländer und ſchickte augenblicklich ein Wachtſchiff und einen Lootſen heraus. Mit dieſem fuhr eine Barke zum Hafen zurück, in welcher Nis Ipſen als Botſchafter an den Gouverneur ſich befand. Don Henriquez de Mello erſchien, ein hagerer, ſtolzer, finſterer Portugieſe, der 55 mit abſtoßender Gravität die Fremden empfing und ihr billiges Geſuch mit ſichtlichem Widerwillen vernahm. Auswahl unter den Gütern, welche die Holländer führ⸗ ten, freier Markt in Betreff der Bedürfniſſe ſeiner Inſel, ſollten die Bedingungen werden, welchen die Erlaubniß zum Ankern der Schiffe des Küſtenvolkes, das er nicht beſonders zu achten ſchien, folgen könnte. Da trat Donna Ines, die im Männermantel und Schifferhute mit dem Gedräng der Seeleute in den Audienzſaal des Oheims gekommen war, hervor, warf die verſteckenden Hüllen ab und ihre Erſcheinung, ihre kurze Erzählung, ihre Hindeutung auf den jungen Seemann, dem ſie ihre Befreiung zu verdanken glaubte, wandelten in wenigen Minuten den ſtarren Gouverneur zu dem zuvorkommend⸗ ſten Freunde unſerer Holländer. Die Bittſteller wurden jetzt zu willkommenen Gäſten, der herriſche Forderer zum dankbarſten Wirthe; ſeine Befehle flogen von Poſten zu Poſten, die beſte Aufnahme den Rettern ſeines ge⸗ liebten Bruderkindes zu bereiten, Wein und friſche Früchte trug man ihnen zu, und daß Nis die Hauptrolle bei dieſen Freudenfeſten ſpielte, verſtand ſich. Der Be⸗ zwinger des auch hier gefürchteten Morgan, der von dieſen Portugieſen dicht neben den Satanas rangirt worden, wurde zu Angra ein Gegenſtand allgemeinſter Neugierde und Bewunderung, und jeder Hauswirth eiferte ihn zu bewirthen und mit Geſchenken zu über⸗ häufen. Aber mehr als alle war es Donna Ines, die unverhehlt dem Jünglinge ihre Theilnahme zu erkennen gab, ſchleierlos und ohne Scheu, ſo wie man auf dem Altar der Gottheit das Dankopfer darlegt. Es fehlte ihr nicht an Gelegenheit, ihm nahe zu ſein, denn Kapi⸗ tän Barenz und Lieutenant Ipſen aßen täglich im * .——————— 56 Schloſſe des Gouverneurs, und ſie nahm ſich außerdem häufig Gelegenheit, mit ihrer Bona die merkwürdigen vulkaniſchen Gebirgsgegenden der Inſel zu beſchauen, und nebenbei auf der Rhede vorzuſprechen und ihre lie⸗ ben Holländer bei der Schiffsarbeit zu begrüßen. Die Art indeß, mit welcher Ris ihre ſichtliche Zuneigung aufnahm, konnte die feurige Portugieſin unmöglich be⸗ friedigen. Oft ſah ſie freilich ſeine Wangen aufglühen, wenn ſie ihre kleine Hand auf ſeinen Arm legte, ſah, wie dann ein Feuerblitz aus ſeinem Auge in das ihrige ſchlug; aber gleich darauf war er wieder der unterthä⸗ nige, ſchlichte, demüthige Seemann, welcher ſich die Rettung eines Fräuleins aus ſo edlem Hauſe als Ehre und Glückszufall, nicht aber als Verdienſt anrechnete. Unabhängig und ſich ſelbſt überlaſſen, erwählte ſie die entſcheidendſte Maßregel, da ihre Liebesflamme überdies durch die Nachricht der baldigen Abfahrt der Flottille bis zu zehrender Feuersbrunſt angefacht wurde. Da ſie als eine Freundin jeder merkwürdigen Naturerſcheinung bekannt war, ſiel es Niemanden auf, daß die Donna das rauheſte Felſenthal der Inſel, von den Bewohnern das Fegefeuer genannt, beſuchen wollte; eben ſo wenig, daß ſie den tapfern Dänen und ſeine Waffe ſich erbat, ſie dahin zu begleiten, da Schlangen und wildes Ge⸗ thier, ja ſelbſt böſes Geſindel jene Gegend unſicher machten. Nis konnte den Ritterdienſt nicht abſagen, und nach der Sieſta ritten die Dame und ihr Mädchen auf ſpaniſchen Eſeln, welche ein Knabe führte, und die zu⸗ gleich ein Körbchen mit Fayalwein und Melonen trugen, aus Angra, von ihrem rüſtigen Knappen begleitet, der mit Büchſe und kurzem Schiffsdegen bewaffnet war. Auf Nis Ipſen, deſſen Phantaſie unter ſeinen Geiſtes⸗ —— — — — 0 57 kräften von jeher vorwaltete, machte dieſer romantiſche Zug einen beſondern Eindruck, und in der erſten Stunde ſchon verlor ſich vieles von ſeinem gewöhnlichen ver⸗ ſchloſſenen Weſen. Und welcher Jüngling hätte ſich nicht erhoben und erwärmt gefühlt bei der Hingebung des ſchönſten und edelſten Weſens unter den Töchtern des reichen Südlandes? Wen hätte ein ſolches Vertrauen nicht aus der Bahn geriſſen, die ein ſtrenges Studium tiefſter Wiſſenſchaft und ein unerſchütterliches Pflichtgefühl ihm bis dahin vorgezeichnet? Am Rande der rauhen Gebirgsmaſſen, die das innerſte des vulkaniſchen Inſelkegels bildeten, blieben die folgſamen Thiere nebſt dem Knaben und der Bona zurück, und Ines und ihr Geleiter ſetzten die Wande⸗ rung allein fort. Die Mühſeligkeit blieb nicht ohne Lohn. Das Gebirg, aus ſeltſamem, durch Feuer ver⸗ ſchmolzenem Mineral gebildet, mit Klüften und Vor⸗ ſprüngen von wunderſamer Form, hier in bunter mit gelbem Schwefel gemiſchter Lava ſchimmernd, dort mit ſonnbeſpiegelten Kryſtallen glänzend, am Saume von koloſſalen, bizarr geſtalteten Gewächſen der heißern Zone bewachſen, die Ausſichten von den Klippen über die Weinberge, Weizenfelder und Zuckerpflanzungen hinweg auf den unermeßlichen Ocean gewährte dem Auge ein ſeltenes Vergnügen, aber ſchadete, ohne daß ſie es ahnete, der Abſicht der liebenden Dame; denn in Nis ſtiegen Erinnerungen an ſeine ſchleswigſchen Küſten auf, und die Vergleichung ſeiner Nordſeeſcenen mit dieſen farbenvollen Südpanoramen machte ihn plötzlich ſtumm und nachdenkend. Ines bemerkte dieſes und trat ſofort den Rückmarſch an. Dicht an dem ausgebrannten großen Krater, den man das Fegefeuer hieß, fanden ſie ein ———F—— 58 Felſengewölbe, das die Natur in der Form einer kleinen Kapelle gebildet hatte. Der obere Theil einer Klippe formte ein Dach auf zwei Pfeilern ruhend; drinnen gaben rauhe, mit kurzem Mooſe bemattete Steinblöcke bequeme Sitze; die ſtechende Sonne drang nicht hinein, und der ſtachlige Cactus und die weißbeſprenkelte Aloe umzogen die Grotte überall mit ihren rieſigen, dräuen⸗ den Saftblättern als Wächter, und zierten ſie zugleich mit ihren Prachtblumen, welche ſich dort als blutrothe Federbüſche, hier als bunte Kirchenkerzen geſtalteten. Donna Ines warf ſich erſchöpft auf den Moosſitz und lüftete ihren weiten Staubſchleier; Nis nahm ſeinen Platz neben ihr auf einem niedrigern Felsblocke und legte Büchſe und Strohhut an die Steinwand. Der Augenblick, welcher entſcheiden ſollte, war gekommen: das fühlte Ines, und ſtolz allen Umſchweif, jede liſtige Einkleidung verſchmähend, nahm ſie nach einigen Minu⸗ ten der Erholung des Jünglings Hand und ſah ihn mit dem dunkeln Auge ſo ſprechend an, daß jedes Männer⸗ hirn ſicher Gefahr gelitten hätte in dieſem Sonnenſtiche. Nis, ſprach ſie ſanft, iſt es denn wahr? Wollt Ihr fahren, wenn wieder die Sonne alſo zum Ocean nie⸗ dertaucht?— Der Kapitän hat die Ordre erlaſſen, antwortete Nis mit geſenkten Augen, wir ſind fertig, und die Pflicht ruft.— Und Ihr könnt fahren? fragte ſie heftig. Ihr, meine ich, auch Ihr könnt dieſe Küſte laſſen, und auf ewig? Muß ich doch! antwortete Nis mit halber Stimme in ſich hinein. Aber Dankbarkeit wird unſere Erinne⸗ rung feſſeln, und will es Gott, ſegelt Nis Jpſen Angra künftig nimmer fremd vorbei, legt bei den Wohlthätern e r—— 8— e 8 5 —— 59 an, oder grüßet doch, kann er nicht mehr thun, mit Wimpel, Kanonenſchuß und Herz herüber.— Alſo wenn Ihr nicht müßtet? fragte Ines weiter, und ſtrahlender wurden ihre Blicke, und höher hob ſich die ſchöne Nymphenbruſt. Mann des Muthes und der Kraft, ſetzte ſie hinzu, die ewige Vorſicht hat Dich zu mir geführt wie durch ein Wunder der heiligen Zeit, Als ich mich längſt abgefunden hatte mit dem Erden⸗ leben, als ich das Seidenband der Mantilla ſchon ge⸗ wunden hatte zur erdroſſelnden Schnur, der einzigen denkbaren Retterin der Frauenehre: da warf mich des Himmels Hand an Deine breite Bruſt wie eine Braut an die Bruſt des Bräutigams. Was ich bin und blieb, bin ich durch Dich, bin ich von dort an Dir bis zur Todesölung. Warum ſollte ich es nicht ausſprechen hier in dieſer todten Einſamkeit, was ich ausrufen möchte durch alle vier Welttheile? Mein Dank iſt Liebe, wie meine Liebe Dank iſt; und wer dürfte mich tadeln? Sollte mein Auge Dich nicht mehr ſehen, mein Ohr nicht mehr hören Deine liebe Stimme, ſo wäre auch mein Glück verblichen, und das Leben böte mir weder Frucht noch Blumen; der Tag wäre mir dann Nacht und das Kloſter die einzige Zuflucht, da mir dort doch die einzige Freude bliebe, ungeſtört mit Deinem Bilde liebkoſen zu dürfen.— Donna, unterbrach ſie der Lieutenant erſchreckt durch die Heftigkeit ihrer Rede, wie möget Ihr alſo des Him⸗ mels ſpotten? Wie möget Ihr alſo alle Anſprüche ver⸗ geſſen, welche die Welt an Euch machen darf, und Eure Jugend und Schönheit an die Welt? Aber warum frage ich? Muß doch alles dies nur ein Scherz ſein, den Ihr mit Eurem Diener treiben dürft.— 60 Ein Scherz? rief die Portugieſin wie außer ſich. O Nis, das Wort iſt ein Giftſtilet in dieſer Minute; und Du magſt zu dem Meuchlerſtoße Deine Hand bieten? Scherz? O dann iſt jede Legende der Heiligen Lüge, dann hat kein Apoſtel Wahrheit gepredigt!— In wahn⸗ ſinniger Heftigkeit umfing ſie mit ihren runden Armen ſeine Schultern; ihre brennenden Lippen preßte ſie auf ſeine bärtige Wange und in ſeine Augen und ſo ſank ſie in langſamer Erſchöpfung neben dem Nordländer hin, der in Erſtaunen erſtarrt wie ein Steinbild daſaß und keine ihrer Liebkoſungen erwiderte, bis ſie vor ihm auf den Boden kniete, und ihre ſchönen Arme, herabgeglitten von ſeinem Halſe, jetzt ſeine Hüften umfingen. Mann, ſagte ſie leiſe, ich liebe Dich; Du biſt meine erſte, meine letzte Liebe! Wirſt Du ein Wort des Lebens ſprechen oder ein Todesurtheil? Sprechen mußt Du ja jetzt wohl einmal.— Die hohe, herrliche Südländerin gab in dieſem Augenblicke das ſchönſte Bild, das je einen Mann zu verführen, von Männeraugen geſchaut werden konnte. Jede der reichen, üppigen Formen ihres ſchönen Leibes ſprang mit höherm Reiz hervor, die Wange glühte wie ein Frühhimmel, der den lieblichſten Maientag verſpricht, des weißen Buſens Wölbung ſchlug gegen das dunkle Seidenkleid wie ein bewegter Silberſee an braune Ufer, die Lippe ſchwoll gewölbter und halb geöffnet den reinen Schmelz der Perlenzähne enthüllend dem Kuſſe entgegen, ſelbſt das kaſtanienbraune Haarge⸗ lock ſchien höher zu glänzen, und das große Glutauge umfloß eine milde Feuchtigkeit, noch nicht Thräne, nur Thau der Wehmuth und Sehnſucht. So lag ſie vor dem kräftigen Jünglinge, und ſeine Pulſe klopften ſtärker —0 — ——,—— nd 61 und ſein Athem wurde kürzer, und er fühlte das Fege⸗ feuer, in das er unbedacht geſchritten. Steht auf, Donna! ſtöhnte er hervor. Ihr ver⸗ geßt, was ich bin, und bedenkt noch weniger, was Ihr ſeid.— Was wäre ich ohne Dich? fragte ſie ſchwermüthig, ohne ihre Stellung zu verändern. Eine Entehrte viel⸗ leicht längſt ſchon, eine ewig verdammte Selbſtmörderin dann, oder im glücklichſten Falle die elende Frau eines gemeinen Stierjägers von Tortuga. Daß ich noch Ines bin, die freie, unbefleckte Ines, iſt Dein Werk. Weſſen Stand iſt drum der höhere? Ich bin Geſchöpf, Du biſt Schöpfer.— Aber Euer Ohm, der ſtolze Don, der Ritter? ſiel Ipſen ein, faſt ſinnverwirrt durch das Feuer einer Lei⸗ denſchaft, die er im Norden nie ſo geſehen, nie in einer Weiberbruſt alſo für möglich gehalten.— Mein Oheim iſt gut, ich bin ſein Abgott, ſeiner Familie letzter Blütenzweig; meinem Retter kann er nichts verſagen, verſetzte ſie in freudiger Bewegung.— Aber mein Glaube? Ich achte den Papſt und Eure Prieſter nicht, ſprach der Jüngling feſt.— Einen Augenblick erſchrack das Mädchen, dann ſtarrte ſie vor ſich hin mit den ſeelenvollen Augen und flüſterte leiſe und heimlicher: ſollte Ines Liebe nicht werth ſein, daß ein Mann darum zurückkehrte zur alleinſeligma⸗ chenden Kirche? Sollte die Freiheit ihres Beſitzes nicht die Freiheit erſetzen, die ihr in eurer Lehre zu haben glaubt? Sollte Dir der Zwang des Prieſters nicht lieb werden, deſſen Segen Dir Ines zum Eigenthum gibt? O Liebe iſt auch Religion und vielleicht die wahre.— Aber nicht doch, fuhr ſie raſcher fort, da ſie ſah, wie 62 der Mann das Haupt ſchüttelte und ſie ſein Gefühl verletzt fürchtete, nicht doch! Du glaubſt an meinen Gott und übſt die Tugend. Bleibe was Du warſt; Ines wird mit Dir ziehen in welches Land Du willſt. Was hat die Liebe mit dem Stuhle zu Rom zu ſchaffen? Der Pater Inquiſitor kennt die Liebe nicht, er darf ja nicht Gatte ſein. Du haſt Recht, ſo geht es nicht; denn Du wäreſt kein ganzer Mann, hielteſt Du nicht an dem Glauben Deiner Eltern. Alſo fort von hier, nach Batavia, zum Cap, nach Deiner Nordſee, hinauf zum Eispol, alles iſt mir recht. Ohne Dich ſah mich mein Oheim ſo nicht wieder; mag er ſich beruhigen, wenn er mich dereinſt glücklich weiß an Deinem ehrlichen Herzen. Schaff' mir Kleider, als Schiffscadet reiſe ich mit euch.— Donna, Ihr quält mich wie Euch, rief mit ſchmerz⸗ lichem Tone der Däne, und fuhr mit der Hand wie verzweifelnd über ſeine heiße Stirn und durch ſein wirres Blondhaar. Ihr ſeid ſchön, gut, liebenswerth, des beſten Mannes der Erde würdig. Aber dennoch— O hätte ich Euch nie geſehen, oder ſtände ich alt, graülockig und häßlich vor Euch!— dennoch darf ich nimmer meine Hand ausſtrecken nach Eurem Liebesringe.— Und warum nicht? fragte überraſcht und faſt zürnend die Dame, und bog ihr herrlich Haupt auf dem ſchlanken Halſe zurück wie der Schwan, wenn ſich ein Feind ihm nähert.— Ein ſtrenger Ernſt verfinſterte Jpſens Züge. Weil dieſe Hand nicht mehr mein iſt, ſprach er eintönig aber feſt, weil eine nordiſche Jungfrau meine Schwüre hörte. Seid Ihr auch eine Königin gegen die arme, verlaſſene Magd, ſo bleibt dem Manne dennoch keine Wahl mehr: denn ich wäre noch weniger ein ganzer Mann, wie Ihr —„——„—„— —„—„—. — ie e ne r: hr 63 meintet, könnte Reichthum, Rang und höherer Reiz mich dem erſten Eidſchwure entfremden.— Mit Anſtren⸗ gung hatte der Mann das hervorgebracht, aber die Wirkung ſeiner Worte ſetzte ihn in Erſtaunen. Alle Roſen auf den Wangen der Donna Ines erblichen plötz⸗ lich, ihr Körper ſchwankte, ſo daß er die Arme aus⸗ ſtreckte, ſie zu ſtützen; dann warf ſie aber auf einmal ſeine Hände zurück, ſtand hoch und ſtark vor ihm da, ein wilder Geiſt fuhr über ihre zuſammengezogenen Augenbraunen hin, die Blicke funkelten, und ihre rechte Hand faßte den Griff eines kleinen Dolchs, den ſie nach Landesſitte im Buſen trug.— Wie heißt ſie? Wo wohnt die Feindin, die Verwünſchte, die——? Da ſanken ihre Arme nieder, alle ihre Züge bekamen die erſte Kindlichkeit und Güte zurück, der Mund zuckte ſchmerzlich, die Augen floſſen in Thränen über, und raſch warf ſie den großen Schleier verhüllend über ihre ganze Geſtalt.— Komm, mein lieber, guter Freund! ſagte ſie milde mit bebenden Tönen, mich friert im Fegefeuer. Tief ſteht ſchon die Sonne, und die Nacht wird ſchnell heraufkommen, die Nacht, die lange, ewige Nacht!— Langſam ſchritt ſie ſo aus dem Felſengewölbe und ging, ohne ſich umzuſehen, den rauhen Pfad hinab der Gegend zu, wo ihre Diener warteten. Nis hörte die tiefen Seufzer der Voranſchreitenden, und wie ein Fieberkranker, der den erſten Schritt vom Sterbelager hinaus in die Luft wagte, ſchwankte er ihr nach, fröſtelnd in dem kühlen Meerwinde, zerriſſen in ſeinem Innern, unzufrieden faſt mit ſich ſelbſt, und doch wie zur Selbſt⸗ ermannung ſich immer leiſe zuſprechend: es muß ja ſo ſein! Gute Hima, ich konnte Dich nicht opfern; Du haſt nichts als die Hoffnung und mich; dieſer bleibt vieles auch ohne mich. Tugend ohne Prüfung, Tugend ohne Opfer iſt keine Tugend: denn ihr mangelt die Erkenntniß und das Leben. Wir glauben nur an bewieſene Tapferkeit; Nonnen und Anachoreten könnten ſonſt als Muſter der Tugend ge⸗ prieſen werden. Auch unſerm Helden koſtete ſeine Red⸗ lichkeit Kampf und Schmerz. Seine blühenden Wangen waren erblichen nach ſchlafloſer Nacht; ſein Herz klopfte heftiger als im Sturme, als im Gefechte mit dem See⸗ räuber, da er die Fregatte mit hergeſtelltem Maſtbaume, geputzt wie eine jungfräuliche Braut des Neptunus unter ihren weißen Segeln und flatternden Fahnen und Wim⸗ peln am Ausgange des Hafens ſich ſchaukeln ſah. Mit freudigem Eifer arbeiteten ſeine Gefährten rührig auf der Rhede, das Nöthige in die Schaluppen und Boote zu fördern; Jedermann drängte ſich in geräuſchvoller Lebendigkeit; zum erſten Male ſtand er müßig, gelähmt, erſchlafft, und ſtarrte mit todten Augen auf die bekannte, ihm ſonſt ſo liebe Geſchäftigkeit. Biſt Du in Krankheit gefallen, mein Junge? fragte Kapitän Barenz, der im Staatskleide herantrat, ihn abzuholen zum Abſchiedsbeſuche bei dem Gouverneur. Du ſiehſt aus, als thät' es Dir Noth, vor Verbaaſtheit die Hängmatte zu ſuchen. Komm nur mit; das Früh⸗ ſtück hat gefehlt, ein Gläschen Oporto im Schloſſe wird Dich kuriren.— Ris antwortete nur durch einen ſchwe⸗ ren Athemzug, und faſt mit Widerwillen folgte er dem Alten in das Fort und zu dem Prunkſaale des Portu⸗ gieſen. Auf dem vergelbten, ausdrucksloſen Geſichte des ſtolzen Don Henriquez lag dennoch heute eine Wolke, und die Adlernaſe hielt nicht den Strich des Hochmuths feſt, in dem der Chriſtenritter ſie ſonſt zu tragen pflegte. Das aufgetragene Frühmahl war fürſtlich, und keiner der holländiſchen Seeoffiziere ſtand ohne ein Geſchenk von ſeinem Stuhle auf. Als der Abſchied mit Ehr⸗ erbietung von der einen Seite, mit beſonderer Herab⸗ laſſung von der andern genommen war und die Fremden der Saalthür zuſchritten, ergriff Don Henriquez Jpſens Hand und führte ihn zurück in ein Seitenkabinet, wo Ines ſchwarz gekleidet in einem Fenſter lehnte. Mein Freund, ſagte der Chriſtritter, ſo mild wie ſeine Commandoſtimme ſich nur herabſenken konnte, was Du an meinem Hauſe gethan, bezahlt kein Gold und kein Geſtein aus Braſiliens Demantfeldern. Haſt Du einen Wunſch, mein Sohn, ſo ſprich ihn aus, und bei Portugals Krone ſchwöre ich, ihn zu erfüllen. Donna Ines zitterte augenſcheinlich zuſammen und warf fragende Feuerblicke auf den Jüngling. Was könnte ich niedrig Geborener mehr wünſchen, als ich empfing? antwortete der Lieutenant beſcheiden und den finſtern Blick zum Boden ſenkend. FPflicht iſt nicht Lohnes werth, und Güte und Liebe gaben mir mehr, als meine Verwegenheit je hätte fordern dürfen. Angra's Andenken wird mir folgen zu beiden Polen und in jeden Erdwinkel, wohin mich das Schickſal verſchlägt. Der Gouverneur ſchien einen Augenblick unentſchloſſen, dann trat er raſch näher und legte ſeine dürre Hand auf Ipſens Schulter.— Du biſt kein Holländer, ſagte er, ich vernahm das aus des Kapitäns Munde;z es könnte Dir gleich ſein, welcher Macht Du dienteſt, da Du der Heimath doch entfremdet biſt. Mein Biſchof iſt Blumenhagen. 11. 5 —————— 66 ein gelehrter Herr; geh zu ihm, er wird Dich rein waſchen von der Ketzerei Eurer Länder; dann bleibe zu Angra; Don Mello gilt genug, ſo weit Portugals Fah⸗ nen wehen, um ſeinen Schützling hoch zu ſtellen und feſt zu machen, und Du ſollſt einen Pfleger an mir finden, der den Vater überbietet. Hohe Glut ſtieg auf Ipſens Geſicht; er beugte ſeine Stirne auf des Portugieſen Hand. Herr, ſagte er halb⸗ laut in Rührung, Eure Güte macht mich ſtolz zum erſten Male im Leben. Denkt Euch an meine Stelle und ſprecht alsdann: würdet Ihr den Glauben laſſen, in dem Eure Eltern glücklich waren, von dem Ihr bis⸗ her Seligkeit hofftet, nicht um irdiſch Gut, denn davon kann hier die Rede nicht ſein, würdet Ihr den Glauben laſſen um Freundſchaft und Liebe?— Der Portugieſe warf einen durchdringenden Blick auf den Jüngling; dann entgegnete er langſamer und ernſter noch: wußte ich doch, daß auch die Ketzerei ihre Schwärmer hat. So reiſe denn glücklich, und wenn Du einmal, was die Heiligen verhüten mögen, Noth leideſt, verſtoßen und verkannt biſt, dann denke an die Azoren, denke, daß im atlantiſchen Ocean eine neue Heimath Dir blüht, ein Aſyl Dir offen ſteht, ſo lange Don Mello's Augen ſich nicht ſchloſſen.— Eine Rührung ſchien den ſtolzen Don bemeiſtern zu wollen, deren er ſich ſchämte; ſo entwich er nach einem feſten Handdrucke faſt flüchtig aus dem Kabinette.— Wie ein verurtheilter Sünder ſtand Ipſen feſtgewurzelt auf der Stelle, wo ihn der Gouverneur verlaſſen hatte; er wagte die Augen nicht aufzuſchlagen, wagte kaum zu athmen: denn mit zerfleiſchtem Herzen hatte er den An⸗ theil wohl bemerkt, den Donna Ines durch Geberde und —, „ —— —— —„„ — ——+—— —3 — 67 Blick an dem Geſpräche genommen. Wie er fortkommen ſollte von dieſem Platze, wußte er nicht; Donna Ines half ihm dazu. Mit heftigen, unjungfräulichen Schritten näherte ſie ſich ihm. Er fühlte ihre warmen Hände auf ſeinen Schultern, die durch das Nankinkleid brannten, als wollten ſie Feuermale ihm eindrücken. Harter, herzloſer Menſch! rief ſie mit ſchneidenden Tönen. Nichts kann Dich rühren, nichts Deine nor⸗ diſche Eisſeele ſchmelzen. Kalt zerreißeſt Du ein Band, das Gott ſelbſt geknüpft hatte in ſeiner heiligſten Schöpfer⸗ ſtunde. Geh denn, ſcheide auf ewig; prahle unter Dei⸗ nen rauhen Gefährten damit, daß ein portugieſiſcher Grand ſich herabließ, Dich zu bitten; höhne im Arme Deines eiskalten Mädchens die Portugieſin, die ihre Sittſamkeit in Liebe verlor, Dir bot, was kein Weib anbeut, und in ewiger Scham von heute an die Sünde ihrer enthüllten Leidenſchaft in einem dichten Schleier büßt, den niemals ein Männerauge durchdringen ſoll. Der Triumph darüber ſei Dir Lohn für Deine Wohl⸗ that; Du biſt unmenſchlich genug, ſolchen Lohn für den höchſten zu halten.— Stürmiſch wollte ſie das Zimmer verlaſſen, da flüſterte der Jüngling in ſchmerzlicher Ver⸗ wirrung: Nein! Nein! Gott des Himmels, habe ich denn ſolche Beſchimpfung verdient?— Ines Fuß ſtand gefeſſelt; wie durch ein Zauberwort gewandelt, wandte ſie ſich um zu ihm. Nein! rief ſie außer ſich, Nis, Du biſt ein edler, ein göttlicher Menſch! Groß und liebenswerth biſt Du in Deiner Strenge und Härte. Lieben werde ich Dich, lieben, wenn Du auch Unheil über mein Haupt heraufführteſt und mein Leben in der Blüte zerknickteſt. O es muß etwas Höheres geben als die Befriedigung der Leidenſchaft, als den 68 Rauſch der Sinne! In dieſem Augenblick ahne ich's, und werde es nun ewig fühlen in Entſagung.— So umſchlang ſie ihn mit der ausgelaſſenſten Heftigkeit; er fühlte eine Sekunde lang ihren hochwallenden Buſen an ſeiner Bruſt, fühlte ihre warmen, ſüßen Lippen an ſeinem Munde. Sei glücklich! ſtammelte ſie, und war verſchwunden.— Wie Nis aus dem Kaſtell, wie er an Bord des Kranichs gekommen war, wußte er nicht. Im hinterſten Winkel der Kajüte erweckte ihn des Kapitäns Barenz Stimme, als ſie ſchon längſt auf offener See trieben und ein friſcher Südweſt die Segel aufblies. Iſt es ernſt mit Deiner Krankheit? fragte beſorgt der Alte. Du ſiehſt flau, und ich muß den Schiffsdoctor herabkommen laſſen.— Laßt mich nur, Vater, antwortete Nis. Die Luft auf den heißen Klippen und die träge Schwelgerei hat mir den Kopf beladen; einige Tage im Meere, und ich werde der Alte ſein.— Gut denn, entgegnete der Kapitän. Die Katholikin mag Dir warm gemacht haben. Ich merkte ſo etwas, und der ſtolze Herr fragte nicht umſonſt ſo genau nach Dir. Du biſt auch da beſtanden wie ein Ehrenmann; denn unter die mönchiſchen Fratzen taugt ſolch ein ehrlich Gemüth nimmer recht. Vielleicht gibt es anderswo Erſatz, denn der alte Martin hat auch ſein Herz an der rechten Stelle.— Er rief dann hinauf zum Deck, und ein Matroſe brachte eine feine Kiſte von Zedernholz herunter, an welcher der Mann ſchwer zu tragen ſchien. Das da iſt für Dich, ſagte Herr Barenz. Der Gouver⸗ ueur hat es nachgeſchickt mit dem Looſenboote, das uns durch die Bänke führte.— 69 Oeffnet nur, Vater! entgegnete Ris ſtumpfſinnig.— Der Alte nahm den Schlüſſel aus der verſiegelten Adreſſe und öffnete das Käſtchen. Blitz und Sturm! rief er. Das iſt keine böſe Mitgift. Eine wohlgeputzte Geſellſchaft von blanken Regalen und doppelten Gold⸗ tronen, alle wie eben unter dem Münzbengel heraus⸗ genommen. Und ſieh da! oben darauf ein rothes Schmuck⸗ futteral voll blendender Steine aus Braſiliens Minen. Eine feine Hand hat die Inſchrift gezeichnet: für die holde Braut des edeln Nis Ipſen, am Hochzeitstage zu tragen.— Nun undankbar ſind dieſe Katholiſchen nicht geweſen, und ich gratulire, denn Du kannſt derlei brauchen unter den Amſterdamer Großmäulern.— Verwahrt's! ſtürmte Nis hervor aus der vollen Bruſt; ich mag es nicht ſehen, denn Thränen und Herz⸗ blut kleben daran.— So ſtürzte er hinaus auf das Verdeck, klomm den Maſt hinauf und warf ſich in den höchſten Korb, wo ihn keine Menſchenſtimme erreichte uhd ſtören konnte in dem wilden Schmerze, der ihn ergriffen.— Ein närriſcher Junge! murmelte der Seekapitän vor ſich hin. Iſt er doch überall anders wie die übrigen Menſchenkinder. Blut und Thränen? Wie meint er das? Nun ja, es mag viel Beutegut drunter ſein, und die Sklaven, welche in der Bergnacht arbeiten, mögen dabei nicht gelacht haben. Aber das drückt doch ſein Gewiſſen nicht. Er hat's redlich verdient, als er den Morgan niederſchlug.— —————————— Ohne Unfälle und vom Wetter begünſtigt, vollendete die Flotille ihre Heimreiſe und wurde mit dem Jubel 70 ihrer Landsleute empfangen, da ſchon eine Woche vorher eine Jacht, welche bei dem Angriſſe der Flibuſtier, miß⸗ trauend dem Schutze des Kranichs, allein die Flucht ergriffen, im Hafen angekommen war und den Verluſt der Oſtindienfahrer durch Sturm und Seeräuber ver⸗ tündet hatte. Der Kopitän Barenz übergab ſeinem Oberlieutenant Jpſen, denn dieſen Dienſt hatte er pro⸗ viſoriſch vertreten, ſeit im Kampfe bei den Azoren mehre Offiziere erſchoſſen worden, das Commando und landete in der Schaluppe, begleitet von Bottemar, dem ſeine Kenntniſſe bereits in der Marine ebenfalls zum Offizier geholfen. Nachdem der alte Seeheld ſich mit ſeiner Familie geherzt, war ſein erſter Gang zu der Admiraliät, Bericht von ſeiner Reiſe und den Abenteuern derſelben abzuſtatten; daß darin die Verdienſte des jungen Jpſen beſonders geprieſen wurden, war natürlich; denn jeder Menſch iſt ſtolz auf ſein Werk, und Martin Barenz konnte ſich füglich rühmen, der holländiſchen Seemacht dieſen hoffnungsvollen Seemann zugeführt und erzogen zu haben. Nis hielt indeß auf ſeinem einſamen Schiffe Ab⸗ rechnung mit ſeinem Herzen. Anfangs wollte das ver⸗ führeriſche Bild der Donna Ines gar nicht von dem Plätzchen weichen, wo es ſich eingeniſtet hatte. Der Ehrgeiz machte dem Herzen bittere Vorwürfe über weg⸗ geſtoßenes Glück und muthwillige Spielerei mit dem lächelnden Schickſale, das ſo leicht die Laune wechſelt. Wenn das Mädchen zu Bombel ihm nun untreu ge⸗ worden, wenn es vielleicht längſt einen reichen Bauers⸗ ſohn gefreit, deren mehre um ſie geworben, wenn es gar längſt todt neben der Mutter ſchlief den ewigen Schlum⸗ mer?— Da war es ihm in der Sternennacht, die er —————— — 1 auf dem Hinterdeck zubrachte, als wenn auf dem leichten Silbergewölk, das von Norden herflog, Hima's liebliche Geſtalt herſchwebte in all ihrer Friſche und Schönheit und Unſchuld. Vorwurfsvoll ſchien ihr Blauauge auf ihn herab zu blicken, als wollte es fragen: kannſt Du zweifeln an mir? Hat die ſterbende Mutter nicht unſern Schwur gehört und geſegnet? Auch den im Meere Ver⸗ ſunkenen würde ich im jungfräulichen Schmerz beweinen, bis mich der Tod mit ihm vermählte.— Was war die flammende Leidenſchaft der Portugieſin gegen ſolch ein rührendes Liebesbild? Was galt die kecke, ſchleierloſe Glut der hohen Donna neben der ver⸗ ſchämten, von Unſchuld geſchmückten Treue des Kindes der Natur? Was die heftige, rachſüchtige, abergläubige Südländerin neben der Tochter ſeines Vaterlandes, fromm, feſt und mild zugleich wie das Land, das ſie gebar?— Einig mit ſich ſelbſt, gereinigt von der Sünde des Wankelmuths, der in ſeiner Lage vielleicht zu ver⸗ geben war, wieder der einſtige muthvolle und entſchloſſene Mann, fand ihn das Frühroth; und wie mit dem Strich der Hand Nis den Nebelthau von der Stirn und aus den Locken ſtreifte, verwiſchte er auch das Gedächtniß der Abenteuer auf den vulkaniſchen Inſeln, daß ſie nur noch in ſeiner Erinnerung ſtehen blieben wie Träume, mit denen eine Fiebernacht den Kranken gequält. Auch er wurde jetzt in die große Stadt berufen und der Admiralität vorgeführt. Die Hochmögenden Herrn beſchenkten ihn mit einer goldenen Ehrenkette, und da ſein Examen ihre Erwartung überbot, gaben ihm die Generalſtaaten ſofort das Commando eines eigenen Schiffes;„die Jungfrau von Dort“ wurde ihm anver⸗ traut, und wie die Liebe abergläubiſch iſt, ſah er in dem Namen ſeines ſtattlichen Fahrzeugs den Wink des Schickſals, der ihn zum Vertrauen aufrief. Doch in ſeines Pflegevaters Hauſe ſollte er einen neuen Kampf beſtehen. Die niedliche Alida empfing den Retter des geliebten Vaters mit mehr als gewöhnlichem Dankgefühle. In ſeine Arme warf ſich vor den Augen der Eltern das vollkommen aufgeblühte Weſen, und ihre Küſſe waren überſchweſterlich. Ihr habt Wort gehalten, Nis! rief ſie. Ihr lieber, guter Menſch! ohne Euch hätten ſie den Vater längſt verſenket in die kalte, tiefe Waſſerflut. O das wird Alida Euch nie vergeſſen, und nach den Beiden da ſeid Ihr Alida's Liebſtes geworden auf Erden.— Tief in den Spiegel der hellen Augen blickte Nis und ſah hindurch in die reine Kindesſeele, wie man im Süd⸗ meere bei Windſtille bis auf den tiefſten Grund ſchauen kann, und das edle rothe Korall, den bunten Nautilus und die ſchneeweiße Argo drunten zu erkennen vermag. Aber zugleich bemerkte er auch die finſtere Wolke, die ſich auf des ſchlanken Bottemars Antlitz legte, der mit ihm eingetreten war und an der Thür Zeuge des warmen Empfanges ſein mußte. Mit brüderlicher Wärme be⸗ gegnete er der überſchwenglichen Anhänglichkeit der jungen Holländerin; ſeine Beſonnenheit führte die junge Dirne zurück in die Schranken der Sitte, aber ihm entging ebenfalls dabei die Spur von Schmerz nicht, welche ſein Kaltſinn den Zügen des Kinderköpfchens zum erſten Male im fröhlichen Leben aufdrückte. Eine intereſſante Beobachtung bot dem Pſychologen die Weiſe dar, mit welcher Alida bei dem Willkommensfeſte, dem alle Ver⸗ wandte der Familie Barenz beiwohnten, ihre Erkennt⸗ lichkeit gegen den Schutzengel des Vaters an den Tag 73 zu legen ſuchte; wie ſie es einzurichten wußte, daß er trotz den alten Gebräuchen vor hochweiſen Vettern den Ehrenplatz bekam; wie ſie den Seſſel ihm gerade gegen⸗ über für ſich zu gewinnen wußte, wie ſie verſtohlen die Diener anwies, ihm das ſchönſte Stück der koſtbaren Ananas, die ſchönſte Hälfte des ſeltenen Fiſches zuzu⸗ tragen; wie ſie am Schluſſe der Tafel, wo ſie mit der Harfe einen fröhlichen Rundgeſang begleitete und vorſang, an ihn nur die Worte der Freude und des Willkommens apoſtrophirte und dann beſorgt auf den Vater ſchauete, und ihm in das Ohr flüſterte: Lieb Väterchen, Du wareſt aber auch mit gemeint.— Der Alte verſtand der Tochter Herz, und vom feu⸗ rigen Teresweine erhitzt, nahm der gerade Mann ſogleich die Zeit wahr, und in den hohen Taxusgängen des Gartens, die, von der Scheere gezwungen, wunderbare Thiere und Phantaſiegeſtalten darſtellten, enterte er nach aufgehobener Tafel den Jüngling, der die Einſamkeit geſucht hatte, und begann als ein ächter Seeheld ohne Vorrede die Hauptattake. Herr Commandant, ſprach er gravitätiſch, Ihr wur⸗ det nun ſelbſtſtändig; die Jungfrau mit ihren blanken Kanonen wird Euch gehorchen, und von heute an ſeid Ihr eine Reſpektsperſon und mir ein wackerer Kamerad geworden. Darf Euer alter Lehrer Euch noch einen Rath geben und eine Bitte darüber an Euch wagen, geſtrenger Herr?— Selbſt als Scherz iſt das Wort bitter, Vater, ant⸗ wortete Nis ſtutzend. Sollte mein unverdientes Glück mich des traulichen Du von Euch berauben, bei dem Himmel, dann wollte ich lieber zum Matroſenkittel zurückkehren, als mit Goldkette und Ehrenkleide prunken.— 74 Zum Teufel, fluchte der Alte, ſei nur nicht ſo deſpe⸗ rat und hitzig und nimm die Freudenſalven nicht für ſcharfe Lage. Wer kann ſtolzer auf Dich ſehen als Martin Barenz, wer Dich lieber haben? Eine ausge⸗ nommen, und davon ſoll eben die Rede ſein. Sieh, Nis, Du haſt jetzt Dein erſtes Anker an der Goldküſte ausgeworfen: denn wen die Hochmögenden einmal ſo in das Auge gefaßt haben wie Dich, dem iſt leicht ſein Horoſtkop zu ſtellen und ſein Curs zu berechnen. Man wird Dich gebrauchen, Dich hinausſchicken in alle Meere, Dich hinſtellen, wo es am kitzlichſten hergeht, und wo man einen Kerl von derbem Schrot bedarf, der dreißig geladenen Brummern ohne Blinken in die eiſernen Rachen ſieht.— Das ſoll man auch, fiel Nis raſch ein, und ich denke, Ihr ſollet nimmer mit Eurer Empfehlung Unehre ernten— Du biſt ein Feuerkopf, fuhr Herr Barenz fort, Du wirſt wagen überall und im Wageſtück Dich verderben; darum muß Dein Schiff Ballaſt haben, daß es nicht zu leicht über die See fleugt, ſondern hübſch bedächtig und langſam ſegelt, und ein Stoß aus dem Windloche es nicht ſo leicht auf die Seite legt. Hat der Seemann etwas Liebes daheim, ſo ſchont er ſich und ſein Fahr⸗ zeug, denkt an die Küſte hinter ihm, verthut nicht flott ſein Priſengeld, geht nicht in wilden Gelüſten der frem⸗ den Städte zu Grunde, und wird dem Vaterlande erſt dadurch ein wahrhaft tüchtiger Diener, weil das Vater⸗ land ſein beſtes Kapital verwahrt und ihm die Zinſen zahlt, wenn er von der Reiſe kommt.— Was meinet Ihr damit? fragte Ipſen geſpannt; denn Euer Schuß brennt lange vor.— —*— — 6—„ 7 — Sollſt hören, mein Junge! lächelte Barenz treuher⸗ zig. Die Katholiſche haſt Du verſchmäht, ich weiß es recht gut, und es taugte auch das vornehme, fremde Blut nicht zu Deiner Schlichtheit und Deinem Gerad⸗ ſinn. Aber ich weiß eine andere Hausfrau für Dich, die daheim zuſammenhält, was Du draußen erwirbſt, die Dich feſſelt an die feſte Erde, auf die wir doch ein⸗ mal gehören, wenn uns der Seedienſt auch gleichſam zu den Amphibien, Schildkröten und Krokodillen rangirt. Wen könnte ich lieber ganz Sohn nennen, wem mein Hab und Gut lieber zuwenden als Dir? Darum— — thu mir den Gefallen, Nis, und heirathe ſtracks mein Töchterchen, meine Alida, denn daß ſie Dich mag, hätte ein Einäugiger ſehen können.— Betroffen ſtand Nis eine Minute, dann umfaßte er den Alten mit ernſter Heftigkeit und drückte den Taumelnden mit Inbrunſt an ſein Herz. Kapitän, ſagte er herzlich, Euer Wort ehret mich höher als die Würden, welche die Staaten mir ſchenk⸗ ten. Es iſt ein Dank, den Ihr mir ſo eben gabet, wie ihn der Himmel nur Auserwählten gibt; aber— o fraget nicht weiter! Ich kann nicht heirathen, weder die Donna noch Euer liebes Mädchen, weder Katholikin noch Otaheiterin. Dürfte ich, ſo würde ich mein Glück darin ſuchen, ſelbſt ohne Liebe Eure gute Alida glücklich zu machen, und ich wäre Mann dazu in Treue und Redlichkeit.— Nicht heirathen? murrte der Alte erſtaunt, und ſein Geſicht wurde ſo lang und weiß wie ein niedergelaſſenes Segel, und ſeine Perrüke drehete ſich von einem Ohr zum andern. Dir fehlt doch nichts dazu. Oder gar ſchon verplempert? Habe doch nichts davon gemerkt zu 76 Batavia oder in der Capſtaet.— Hm! Recht iſt mir's nicht, ſetzte er dann ſich beſinnend hinzu, und es verdirbt mir ſo einen Hauptplan für meine Invalidenzeit, die baldigſt angehen wird. Jedoch Du biſt ein ächter See⸗ mann geworden, der immer weiß, was er will und keines Vormundes bedarf. Es bleibt darum beim Alten unter uns. Vergiß, was ich gebeten, und komm zurück zur Flaſchenbatterie, denn ich fühle, ich muß noch einen Vogel abſchießen, damit ich Muth bekomme, zwei Augen zu trocknen, die wohl ein Weilchen Regenwetter behalten werden.— In ſich brummend wandte ſich der Greis in einen Seitengang, und Ris faltete ſeine Hände in einander, und ſah in tiefen Gedanken dem väterlichen Freunde nach, deſſen Liebe ihn ſo hoch erhob, und dem er vielleicht den ſchönſten Wunſch ſeines Alters ſo eben im grünenden Keime zerknickt hatte. Da ſtürzte hinter der Taxuswand ein anderer Freund hervor mit rothen Wangen und ſchwimmenden Augen und verzückten Geſichtszügen, und umhalſete ihn mit Wahnſinnsglut mehre Male in ſeltſamer Sprachloſig⸗ feit. Es war Bottemar. Freund, rief er dann, als er Athem gewonnen, Du retteſt mich und meine Seele zum zweiten Male vom Verderben. O vergib, daß ich horchte; ich merkte am Geſichte des Kapitäns ſeine Ab⸗ ſicht, und mußte ſofort mein Schickſal kennen. Nach Java wäre ich zurückgeſegelt und hätte nie wieder Europa's Küſte geſehen.— Ich verſtehe Dich nicht, antwortete Nis, und auch Dir mag der Feres den Kopf ein wenig ſchwerer gemacht haben.— Daß Du mich nicht verſtehſt, erwiderte Bottemar feurig, das iſt eben mein Glück, obgleich ich nicht 1 begreife, wie ein ſolcher Flammengeiſt eiskalt ſein kann wie ein Robbe, wenn eine Alida ihm lächelt.— Aha! verſetzte Nis. Bläſet der Wind daher? Sitzet da die Schaluppe auf der Sanddüne? Glück zu! Nun ich werde Dir nicht ſchaden, ſondern bugſiren helfen mit Eifer.— Und ich haßte Dich wirklich einige Minuten lang, neidete, verwünſchte Deinen Glücksſtern, fiel Bottemar ein. Wie konnte ich das? O verzeihe mir! Sah ich doch Dein Handeln, ſeit Du mich damals frei machteſt, ſah ich doch, daß alles, was Du thateſt, nur für Andere war. Wann wirſt Du einmal anfangen für Dich ſelbſt zu wirken und Dir ſelbſt einen Preis zu gewinnen?— Nis deutete mit der Rechten himmelan; der da weiß die Zeit! ſagte er feierlich. Aber wenn ſie kommt einmal, bei dieſer Soune, dann ſollſt Du Theil haben an der Freude und ſollſt der Herold werden, der meinem Glücks⸗ zuge voranſchreitet.— Die Ordre der Admiralität rangirte bald darauf „die Jungfrau von Dort“ zu einer Escadre, die einige hundert Oſtindienfahrer bedecken ſollte, und das kam dem Commandant Ipſen ſehr gelegen. Sein Geiſt be⸗ durfte Zerſtreuung in nützlicher Thätigkeit, und Alida's trübe Augen, ihr ſcheues Benehmen gegen ihn, riß alte Wunden in ſeinem Herzen wieder blutig. Er ſprach noch mit dem braven Seekapitän Barenz über Bottemars Wünſche, und der Alte ſchien nicht abgeneigt, denn auch dieſer hatte ſich durch Kenntniſſe und Muth von unten herauf gearbeitet, wie der Kapitän einſt ſelbſt gethan. —————— 78 Die Jungſrau lichtete die Anker; Jungfrauenthränen floſſen ihr nach in das hohe Meer.—— Wir müſſen jetzt den Zeitraum mehrer Jahre über⸗ ſpringen, weil es unſere Abſicht nicht ſein kann, die Chronik der niederländiſchen Seekriege auszuſchreiben. Nur was unmittelbar unſern Helden angeht, haben wir im Auszuge zu berichten. Die Escadre, mit welcher Nis ſegelte, fand auf den oſtindiſchen Inſeln große Un⸗ ruhe. Mit den Waffen in der Hand waren die ein⸗ geborenen Fürſten aufgeſtanden, um das Joch der frem⸗ den Abendländer abzuſchütteln; und der Generalſtatthalter zu Batavia bot alle ihm mögliche Gewalt auf, ſein Reg'ment vor Schaden zu bewahren, daher ihm die Seemacht aus Europa als ſehr willkommen erſchien. Der König von Makaſſar, Paducca Siri Sultan, war die Seele des Aufſtandes, und ſein Sohn Crain Birey hatte an der Spitze der tapfern Makaſſaren bereits des Schadens genug gethan, die Riederlaſſungen zerſtört, die Holländer als Sklaven in das innere Land geſchleppt, die Bewaffneten grauſam niedergemetzelt. Ein Feldzug auf Celebes wurde ohne Aufſchub begonnen, und hier war es, wo Ipſen ſeine angeborenen und erworbenen Fähigkeiten im ſchönſten Lichte geltend machte. Jeder Bericht des Admirals Speelmann trug des jungen Man⸗ nes Namen obenan; hier hatte er dem Feind einige Dutzend ſeiner Prauwen in den Grund gebohrt oder genommen; da hatte er ſein Fort auf Gliſſon ruinirt, in der Hauptſchlacht am Holze Batta⸗Batta ſelbſt die Landungstruppen commandirt, und die neuerzwungene Unterwerfung der indiſchen Könige war beſonders durch des jungen Helden Unterſtützung und umſichtige Be⸗ nutzung jeder Siegesgelegenheit gelungen. Die oſtindiſche 79 Compagnie und die Staaten ſelbſt bezeigten ſich nicht undankbar für ſolche Dienſte.— Bald nachher brach der Seekrieg mit England und Frankreich aus. Unter den berühmteſten der niederländiſchen Admiräle foͤcht Nis auch dieſen ſchweren Kampf mit durch, hielt die wichtigſten Poſten in mancher heißen Schlacht beſetzt, und mit Ehre beſetzt, ſtieg von Stufe zu Stufe, führte in der letzten Action im Kanal als Schvot by Nacht ſein Siebzigkanonenſchiff, genant das Einhorn, gegen die Victory vom rothen Geſchwader, brachte ihre Flagge zum Streichen und kehrte, als der Friede geſchloſſen, als Viceadmiral auf dem Elephanten nach Holland zurück. Der alte Martin Barenz war der Erſte, der ſeinen Zögling auf dem Feſten begrüßte, mit wahrhaft väter⸗ licher Freude in die Arme ſchloß und nicht aufhören konnte mit kindiſchem Vergnügen den ſtattlichen, aus⸗ gebildeten Mann in ſeiner ehrenvollen Uniform randum zu beſchauen. Ihr habt einen guten, feſten Frieden erfochten, ſprach der Alte dann, und wir wollen ihn zuſammen genießen. Aber wo und wie? Wirſt Du Dir jetzt endlich ein feſtes Reſt bauen? denn daß Du es gründen kannſt auf Gold⸗ barren, tapezieren mit Caſchemir-Shawls und decken mit Zimmtrinde, weiß ich vom Schatzmeiſter der Admira⸗ lität. Und das Hühnchen hinein darfſt Du Dir ausſuchen in den älteſten Schlöſſern Hollands.— Ihr ſollt mein Baumeiſter werden, antwortete Nis freundlich. Habt Ihr doch alles gegründet, was feſt⸗ ſteht in meinem Leben; ſollet nun auch den Wimpel ſtecken auf das Orlogſchiff meines Glücks, zu dem Ihr den Kiel legtet; dazu auch in den tiefſten Raum meines Herzens ſchauen und endlich erfahren, warum ich das einzige Mal in meinem Leben den Vater kränken, ihm ſeinen beſten Wunſch verſagen mußte, wenn ich es auch mit Wehmuth that.— In des Seekapitäns Hände legte er Vollmacht und Wechſel, und nach dem Graven⸗ haag reiſete der Alte, ein Haus zu kaufen und einzu⸗ richten, ſo ſtattlich, wie es dort nur zu erhandeln wäre. Ein zweites Geſchäft machte Ipſen alsdann mit ſeinem Bottemar ab. Hauptmann, ſprach er, ich verſprach Dir einſt, Dich zum Herold meines Glückstages zu machen. So ſei jetzt die Schwalbe, welche mir den Frühling bringt. Eine wohleingerichtete Jacht liegt bereit. Schiffe Dich ein darauf mit einem halben Dutzend wackerer Begleiter; ſegle gen Norden durch das deutſche Meer, ſteuere durch die weſtlichen Sandbänke Südjütlands, und lande in dem ſchleswigiſchen Meerbuſen, wo Du die Thürme der Stadt Tundern erblickſt. Auf der Halb⸗ inſel, wo man Frieſiſch ſpricht und die Horsbulher ge⸗ nannt iſt, ſuche ein Mädchen, welches den Namen dieſer Adreſſe trägt; begrüße die Jungfrau als meine Braut, gib ihr dieſen Brief und führe ſie her in Deines Freun⸗ des Arme.— Das war alſo Dein Geheimniß? das machte Deine Laune ſo eſſigſauer und miſchte Wermuth in jeden Feſt⸗ trank, der Dir geboten wurde? fragte Bottemar. Und kein Vertrauen öffnete den verſiegelten Mund, wenn wir bei Windſtillen vom Deck in den grünen Meeresſpiegel ſahen und den Tanz der Delphine betrachteten? Du biſt ein gar ſeltener Menſch! Mir wäre das Herz zerſprun⸗ gen, hätte ich nicht reden dürfen von dem Mädchen meiner Seele; und ob ich ſo lange Jahre hindurch ihr treu geblieben, iſt ebenfalls eine Frage ohne Antwort. Wayrlich, das gewohnte Du der Brüderſchaft wird mir 81 ſchwer zu Dir, und ein drückender Reſpekt faßt mich Dir gegenüber, ſeit Du das Räthſel Deines Grames aufgelöſet.— Allein getragen habe ich faſt alles, was ſchwer war in meinem Leben, entgegnete der Viceadmiral ſinnend; ich hielt dafür, das paſſe dem Manne. Der Liebe gött⸗ liches Geheimniß ſchien mir ſo heilig, daß das Wort davon mir Befleckung däuchte und Frevel. Sie allein, meine Hima, half mir einſt eine ſchwere Lebensſtunde tragen, aber dafür ſoll ſie auch alles theilen, was das Schickſal mir gewährte, wenn—— ſie noch lebt.— Und das weißt Du nicht einmal? ſtaunte Botte⸗ mar.— Eile! eile! fiel der Viceadmiral ihm ergriffen in das Wort. Sie muß noch leben; denn ſonſt wäre all mein Ruhm und Glanz ein Hohn des Himmels, ein Spott meiner, und ſo hämiſch ſind die Unſichtbaren nicht.— Hauptmann Bottemar ſtrebte, ſeinem Auftrage Ehre zu machen. Die netteſten ſeiner Kameraden lud er zu der Luſtreiſe ein, bei der des Admirals Börſe für jede Bequemlichkeit geſorgt hatte. Das elegant gebaute Jachtſchiff flog vor dem Winde um die weſtlichen Küſten, ſah bald das Dänenland und landete im fremden Hafen. Der Edelhof zu Bombel wurde erkundet, und Bottemar, an der Spitze ſeiner Gefährten in ihren beſten Unifor⸗ men, trat den Geſandtſchaftsmarſch dahin an. Der junge Edelmann, welcher nach des vorigen Be⸗ ſitzers Tode als nächſter Vetter die Belehnung bekommen, ſann umſonſt, ſich eines Fräulein Hima Gokkinga zu erinnern, das vormals auf dem Schloſſe gewohnt haben Blumenhagen. H. 6 82 könne und deſſen Name die Aufſchrift des Briefes trug. Da trat ein eisgrauer Ochſenknecht hinzu und ſagte reſpektvoll: Mit Verlaub, meine fremden Herren, ich diene bereits dreißig Jahre zu Bombel und habe nie ein Edelfräulein des Namens ſich in den großen Sälen ver⸗ luſtieren geſehen; aber vor ein zehner Jahren diente eine brave Magd bei dem ſeligen Herrn, welche Hima gerufen wurde, ein frommes, hübſches Dirnlein, und die iſt nach Emerleſt gezogen mit dem kleinen Vermächt⸗ niſſe, welches ihr des gnädigen Herrn Teſtament aus⸗ warf, und ſoll dort Wirthſchafterin ſein auf dem Her⸗ renhofe.— Die holländiſchen Offiziere ſahen ſich unter einander verwundert an; der junge däniſche Edelmann lächelte, bot aber mit nordiſcher Gaſtlichkeit Pferde und Wagen dar, die Fremden zu dem Orte ihrer Beſtim⸗ mung zu führen, ein Anerbieten, welches mit Dank an⸗ genommen wurde. Zu Emerleſt auf dem Herrenhofe ſaß, von der Abend⸗ ſonne beſchienen, ein ſtilles Frauenbild unter dem Schat⸗ ten der Linde und klöppelte emſig an ihrem Tiſche feine Spitzen der Art, wodurch die Stadt Tundern berühmt iſt im Dänenlande. Sie ſang dazu ein leiſes Lied, das wie eine isländiſche Grabmelodie klang, mit einer melo⸗ diſch weichen, höchſt angenehmen Stimme. Schlank war ihr Leib gleich der Fichte am Seegeſtade, das Augen⸗ paar groß und hell wie der Abendhimmel über dem Meere; aber die Jugendfriſche ſchien von der Zeit ver⸗ wiſcht durch einen Kummer, der von innen zehrte wie der Schmerz um Unerſetzliches, und ſchwarze Träuer⸗ tracht machte die blaſſe Wange bläſſer noch und den marmorweißen Arm noch weißer. Mit Erſtaunen ſah ſie die fremden Offiziere in den weißen Uniformen in — 83 das Hofthor ſchreiten, und eine alte Erinnerung ſchien Furcht in ihr zu erwecken: denn ſie ſtand ſchnell auf, warf die Klöppel durch einander und drehte ſich ſo raſch dem Hauſe zu, daß die langen und reichen Haarflechten über die ſchlanken Schultern hinabrollten. Bottemar ſtand geſchwindfüßig neben ihr, grüßte freundlich und ſprach: Verehrte Frau, könnet Ihr uns nicht Nachricht geben, wo wir eine Jungfrau finden, die ſich Hima Gokkinga nennt und hier zu Emerleſt wohnen ſoll?— Mit ſteigendem Erſtaunen verweilte die Angeredete und ſagte beſcheiden: Ihr thut mir zu viele Ehre; keine Hausfrau bin ich, nur die Schlüſſelmagd vom Hofe; aber Hima bin ich getauft und Chriſt Gokkinga hieß mein Vater.— Sie iſt gefunden! jubelte Bottemar, und er und ſeine Gefährten ſtellten ſich in militäriſche Ordnung, zogen die Federhüte ab und neigten ſich tief vor der er⸗ röthenden Jungfrau. Fräulein Hima, begann der Haupt⸗ mann feierlich ſeinen Spruch, wir kommen fernher über das Meer als Abgeſandte zu Euch. Der Herr Vice⸗ admiral im Dienſte der vereinigten Niederlande ſendet uns zu Euch mit Gruß und Bitte, und ſo Ihr einge⸗ denk wäret Eures gegebenen Wortes, ſo ſollen wir Euch geleiten zu ihm nach der berühmten Stadt Gravenhaag als ſeine ehrſame Braut, wo er indeſſen alles bereiten wird, Euch zu empfangen als ſein liebes Ehgemahl.— Erſchrocken, ſtutzig, ſchwankenden Leibes und erſchüt⸗ terter Seele ſah Hima einen Augenblick die Gäſte an. Spottet Ihr Herrn? fragte ſie mit bebender Stimme. Doch nein, verzeihet! Ihr habt nicht ſolch ſpaßiges An⸗ ſehen. Aber ich hörte wohl unrecht? Wer ſchickte Euch zu einer armen, verlaſſenen Magd?— Nis Ipſen heißt unſer verehrter Admiral, und hier iſt zur Beglaubigung ſein Brief an Euch; antwortete Bottemar.— Er lebt! rief Hima mit einem ſeelenvollen Blick zum Himmel; aber zugleich wurde ſir wieder todesbleich und mußte ſich anhalten am Pfeiler der Pforte. Mit der Linken wehrte ſie den dargebotenen Brief zurück und mit zitternder Stimme ſagte ſie: Leſet Ihr, Ihr Geſandter des Himmels in Menſchengeſtalt, leſet Ihr, mein Auge deckt ein Flor, und die Freude, welche es mir innen ſo hell macht, dunkelt mir die ganze Welt, die ſchon lange mir trüb und freudenleer geworden.— Bottemar verneigte ſich bejahend, brach das große Sigel, deſſen Wappen eine Furka und einen Kranich in ſich trug, und las mit lauter Stimme den lakoniſchen Inhalt des Schreibens: „Meine Hima,“— alſo lautete das Blatt,—„wenn Du noch ſo geſinnet biſt, wie Du es einſtens wareſt, ſo komm zu mir nach dem Haag und werde meine liebe Frau. Ich bin jetzt holländiſcher Admiral, doch immer noch Nis Ipſen, Dein ſtets getreuer Bräutigam.“— Nur einzelne Laute der Freude konnte Hima hervor⸗ bringen, ihr ganzes Weſen ſchien im Aufruhr, ſie riß den Brief an ſich, bedeckte ihn mit Küſſen, begoß ihn mit Thränen, und die harten Kriegsleute ſtanden gerührt vor dem Bilde einer frommen Freude und einer unbe⸗ fleckten Liebe. Wo iſt das Schiff? rief ſie dann in ſeliger Trunken⸗ heit. Admiral? Nicht wahr, der hat zu befehlen über Viele? Und ich bin ſeine Braut! So befehle ich, legt die Ruder aus: denn zur Stunde müſſen wir hinüber⸗ fahren. Ach! ich glaubte ihn längſt todt unter den in m ſo be er iß hn gt e 85 Menſchen, den böſen, früh ermordet oder im frem⸗ den Krankenhauſe geſtorben, weil ich ſo gar nichts von ihm hörte. Und nun hat er Wort gehalten und gedenkt der armen Magd im hohen Stande. O Du guter, lie⸗ ber Menſch, wie es keinen mehr gibt auf Erden.— Einen getreuern wenigſtens unter den Männern zu finden möchte ſchwer ſein, fiel Bottemar ein und ich ſetze an die Wette darauf mein Portépée und meinen Ring⸗ kragen. Und Gott ſegne die Treue, denn wo ſie weilet, breitet ſie Glück aus über die Menſchen und löſet die Unwetter auf in Himmelsthau; auch ich habe das durch ihn erfahren.— Die Abreiſe der Glücklichen ward ſchon auf den fol⸗ genden Tag feſtgeſetzt; ihr Köfferchen war bald gepackt, und die Theilnahme, welche die Herrſchaft zu Emerleſt bei ihrem unverhofften Glücke und ihrem Verluſte ver⸗ ſchiedenartig, doch gleich belobend, zu erkennen gab, beurkundete den Werth der braven Schleswigerin vor den Holländern. Mit Ehrerbietung führten ſie die im⸗ mer noch wie im Traume Wandelnde in die Jacht, wo alles zu ihrem Dienſte aufgeboten wurde; und keine Königsbraut kann mit höherem Triumphe eingeholt wer⸗ den, als der war, mit dem Bottemar die Geliebte ſeines Erretters und edeln Freundes durch das deutſche Meer der nordiſchen Heimath entführte. Aber immer beklommener wurde die Bruſt der Jung⸗ frau, immer höher ihr Herzſchlag mit jeder Stunde, welche das leichte Schiff auf der blitzenden Waſſerſtraße zurücklegte. Jetzt fuhren ſie in die Rhede und in den niederländiſchen Hafen ein; majeſtätiſche Seepaläſte um⸗ ringten ſie; Leben und Tumult umgab die Jacht; Böte ſchoſſen an ihnen hin mit ſingenden Matroſen; unter 86 Jubelgeſchrei lud man dort die Schätze eines Oſtindien⸗ fahrers aus, und vom Deck des koloſſalen Elephanten begrüßte mit einem donnernden Hurrah die Mannſchaft das bekannte Jachtſchiff des verehrten Admirals. In einer grünbemalten Barke ruderten ſechs neugekleidete Matroſen dann die Braut durch die breiten Kanäle in die Stadt hinein, und vor einem ſtattlichen Hauſe, deſ⸗ ſen Portal und Vorhalle mit den ſchönſten Blumen der Harlemer Gärten geſchmückt wie ein Tempel der Flora glänzte, empfing ſie der alte Kapitän Barenz und um⸗ halſete ſie herzlich.— Dem Vater vom Hauſe müſſet Ihr ſchon einen Kuß erlauben, liebes Fräulein aus der Fremde, ſagte er dazu, habe ich doch die Hochzeit aus⸗ gerichtet und darum ein Recht darauf. Und, ſetzte er ſcherzhaft dräuend hinzu, ſeid Ihr mir doch auch ein Erſatzgeld ſchuldig, weil Ihr meiner Alida die reichſte Priſe dicht vor dem Schuſſe weggekapert. Aber ſeit⸗ dem ich in dieſe großen blauen Augen geſehen, nimmt's mich nicht Wunder mehr; unter ſolcher Prinzen⸗Flagge ſteuert's ſich treu und ſicher an den verführeriſchen Küſten der Barbarei herum.— Hima verſtand den Scherz des Greiſes nicht; ihre Phantaſie war mit andern Bildern beſchäftigt, und willenlos ließ ſie ſich von ihm und dem Hauptmanne die breite Stiege hinaufführen bis zu der Flügelpforte des Prunkſaales, welche auffliegend ihr den Viceadmi⸗ ral in Mitten einer geputzten Geſellſchaft beiderlei Ge⸗ ſchlechtes zeigte. Stattlich ſtand der hochgewachſene Nis Jpſen da im vollen Staate ſeines Standes. Die feine Seeuniform, auf den Schultern und an den bauſchigen Aermeln reich mit Golde geſtickt, gab ihm das Anſehen eines Fürſten; am breiten, von edlen Metallen über⸗ S 87 ladenen Bandelier hing das gewaltige Schwert, und auf dem geſcheitelten, lang und dick herabwallenden Blondhaare thronte der breitränderige Kaſtorhut mit dem flatternden Straußfederbuſche, den eine Schleife von edeln Smaragden und glühenden Hyaeinthen feſt⸗ hielt. Des Mannes Augen funkelten in Freude und Liebesglut; Hima ſtand zagend, wie geblendet von ſei⸗ nem Anblicke, und verneigte ſich tief vor ihm. Er aber ſchritt auf ſie zu, riß ſie in ſeine Arme und an ſein Herz mit der alten Liebesglut, und unter ſeinen Lieb⸗ koſungen ergriff ſie die Beſinnungsloſigkeit des Entzückens, aus der ſeine Zärtlichkeit ſie wiederum erweckte. O biſt Du es denn? fragte ſie hundert Male. Biſt Du derſelbe Nis, der am Tage des Schreckens auf dem Hengſte des alten Herrn von dem Bombel'ſchen Hofe ſprengte? Biſt Du mein RNis, der gute, wilde Nis, den ich ſo lieb hatte immer, und der mich ſo lieb hatte, als ich eine Magd war in der Heimath?— Bin es! antwortete Nis mit Würde und Innigkeit zugleich. Bin vom Knechte ein Herr geworden, und will Dich nun zur Herrin machen in meinem Reiche: denn fromme Treue iſt Königin überall, mag ſie eine Goldkrone tragen oder die Haube der Hirtin. Hier meine Braut, Ihr werthen Damen und Herren, Hima Gokkinga, meine Landsmännin und morgen Admiralin Ipſen.— Die Glückwünſche der Geſellſchaft erſchallten rund um, nur ein Paar Augen blieben trübe und ein Paar Lippen ſtumm unter den Gäſten. Alida trauerte im neu gefriſchten Leide. Hima aber lag in der Seligkeit des höchſten Erdenglücks an des Geliebten Bruſt wie ein Unſchuldskind am Buſen der Mutter, dem Borne 88 aller ſeiner Luſt, ohne Sehnſucht und in der ſtillen Wolluſt des Beſitzes alles Gewünſchten. Am Bord des Elephanten wurde die Hochzeit des Seehelden gebührend gefeiert. Muſik tönte von den Gallerien ringsum; Laubgewinde und Blütenkränze umſchlangen die Raagen und Maſten und Geſimſe; in ſtreng gehaltenen Pauſen ſalutirten einzelne Kanonen⸗ ſchüſſe, und Wimpel und Fahnen flatterten und wogten in der Morgenluft. Als die Trauung vollzogen worden, und alle Gäſte der trefflich beſetzten Tafel zuſtrömten, ſaß die Braut, geſchmückt mit den Koſtbarkeiten beider Indien und dem Diamantenſchmucke der Portugieſin, an des hohen Bräutigams Seite in der einſamen Ka⸗ jüte, ſich erholend von den angreifenden Eindrücken der wichtigen Stunde. So iſt es denn kein Traum mehr! flüſterte ſie zärt⸗ lich. So ſind wir denn nun wieder ein Weſen geworden wie einſt, wo Dein Gedanke immer dem meinigen be⸗ gegnete und Dein Wille nur dem meinen voranging! Aber, Nis, gedenkſt Du auch der Mutter und ihres prophetiſchen Spruches in jener Nacht, wo die Schweden einbrachen? O welche fromme Frau muß ſie geweſen ſein, daß ihr Geiſt ſo weit in die Ferne ſah! Hörſt Du, Nis, die Kanonen donnern, die Fahnen flattern, und Du da vor mir im Heldenſchmucke, ſo groß geworden, gelobt und geliebt von Allen! Nein, kein Weib der Erde kann glücklicher ſein als Deine ſchwer geprüfte Hima. O mag der Mutter Segen uns ferner begleiten, wie er es that bisher! Zu wünſchen haben wir nichts mehr; aber fromm und dankbar genießen, mittheilen dem Nächſten, helfen den Armen und Elenden, damit wollen wir zu verdienen ſuchen, was der Himmel 89 uns ſchenkte, und nie den Kittel und die Haube ver⸗ geſſen! Amen! ſprach Ris, und faltete andächtig die Hände, der alte Barenz aber trat in die Kajütenthür, einen mächtigen Silberpokal haltend in beiden Händen. Admiral, rief er erhitzt und hoch fröhlich, noch iſt die Sonne nicht in das ſchwellende Bett hinabgeſtiegen, und bis dahin gehört Ihr und die Braut unſer. Ihr waret ein Muſter ſtummer Geduld, ſo geduldet Euch jetzt auch noch ein Weilchen. Wir trinken auf das Wohl des treueſten von allen Männern ſeit Adams Apfelbiſſe und wünſchen, daß ſein Muſterbild die Alten bekehre und die Jungen zum Nacheifer ſporne! Vivat und Tuſch!— Die Pauken wirbelten; auf dem Deck klang das Hurrah in das Klirren der Gläſer. Alida aber ſah fragend den Hauptmann Bottemar an, und er mußte ein recht bündiges Verſprechen in die Hand ſeiner ſchönen Nachbarin abgelegt haben; denn noch ehe der Tanz be⸗ gann, erklärte der alte Kapitän die Beiden für Verlobte, und der entzückte Hauptmann rief Wein⸗ und Liebe⸗ glühend in des Admirals Armen: Nis! das haben wir Beide nicht geträumt in der Baracke der Menſchenmäk⸗ ler, wo uns das Schickſal wie einen Unglückspaſch zu⸗ ſammenwürfelte und Deine Rieſenarme mich zum Fenſter hinaus ſpedirten! II. S — S 6 8 — — = 8 — Sd Hiſtoriſche Erzählung. 1. Die Zeit des Morgengottesdienſtes und Hochamts nahete; aber nicht die Feierſtille eines Sonntags lagerte über der Stadt, ſondern ihre vier Hauptſtraßen füllte ein Gewimmel fröhlicher Menſchen, die nicht von der religiöſen Stimmung bewegt ſchienen, welche der Ruhe⸗ tag nach ſchwerer Wochenarbeit in dem roheſten Gemüth zu erwecken pflegt. Im feſtlichen Putze ſah man Ritter und Bürgersmann, Magd und Herrin zu dem Markt⸗ platze eilen, und obgleich Andachtsbücher in den Händen der Meiſten glänzten, ſo verrieth doch das Geſchnatter der mit einander Wandelnden und die leuchtenden, frei herumvagirenden Blicke der Meiſten, daß Neubegier, Eitelkeit, Hochmuth und andere unrühmliche Leidenſchaf⸗ ten das einzige heilige Gefühl vertrieben hatten, das. auf ſolchem Gange in eines Jeden Suſß allein wohnen und gebieten ſollte.—— Die äußerſten Gegenden der Stadt waren deſto ein⸗ ſamer und unbeſuchter; nur ein einzelner Mann kam langſam auf dem öſtlichen niedern Schutzwalle daher, oft gedankenvoll ſtill ſtehend, die Umgegend zu betrachten oder einen ſcharfen Blick über die Stadt hin funkeln zu laſſen, bis er zuletzt an einem höhern Platze ſtehen blieb, wo ein bedeutender Haufen ſchöner, wohlbehauener Steine geſchichtet lag, und wo er ſich auf das Piedeſtal 94 eines koloſſalen Pfeilers lehnte. Der Mann paßte weder zu dieſer Stadt, noch zu den in dunkele Farben und nach deutſchem Schnitt gekleideten Einwohnern derſelben, das that ſich kund auf den erſten Blick. Fremd war an ihm Geſtalt und Tracht. Seine Körpergröße war über⸗ gewöhnlich, ſein Gliederbau nicht kraftlos, doch ausge⸗ dörrt von heißerer Sonne. Sein langes Geſicht, voll ſcharf markirter Züge und Linien, trug die braungelben Tinten des Südens, ein ſchwarzes Augenpaar funkelte darin, und das kurzgeſchnittene Haar, der krauſe Bart, der Kinn und Wangen umgab, hatte die Farbe des Rabenſittigs. Je dunkler aber das Kolorit war, wel⸗ ches die unbekleideten Theile ſeines Körpers zeigten, deſto greller und auffallender war ſein Anzug. Ein Barret von milchweißem Sammet mit gleichfarbiger, am Ohr herabhängender Straußenfeder deckte ſein Schwarzhaar; ein orientaliſch Gewand von ſchneeweißem, feinſtem Lei⸗ nen umgab weitfaltig ſeinen Leib, über den Hüften gegürtet mit einem Silberringe, von dem ein mächtiges Schwert getragen wurde; ein Mantel von demſelben Stoffe und derſelben Farbe, doch linkerſeits mit einem rothen wollenen Kreuz geſchmückt, floß von ſeinen Schul⸗ tern nieder; von gelbem Saffian waren die Stiefel und mit dem goldenen Schmucke ritterlicher Sporen verſehen. Otto von Alzeia hieß der Mann; Comthur des Templer⸗ ordens und Großviſitator von Allemannien ließ er ſich betiteln. Lange ſtand der ritterliche Herr alſo und muſterte genan die Umgebungen, und ſeine Mienen drückten bald Ver⸗ gnügen, bald Unwillen aus; doch zuletzt glühete ſein Auge gleich einem Leuchtfeuer, auf Berggipfeln entzündet, um einen Sieg zu feiern, und eine Seele blickte hinter dem Auge 95 hervor, in welcher eine Kühnheit lebte, die an dem Projekt einer Welteroberung nicht erzitterte, und ein Stolz zu⸗ gleich, der Kaiſern und Königen den Platz nicht gönnte. Die Stadt war an dieſer öſtlichen Seite faſt noch offen und unbewehrt; nur ein ſchmaler Graben, von dem Waſſer der Bäche des nahen Waldes gefüllt, und ein niedriger Aufwurf zeichnete ihre Grenze; aber ſchon hatte man ſtellenweiſe dem Graben die gehörige Breite gegeben, feindlichen Anlauf abzuwehren; ſchon erhob ſich zwiſchen ihm und dem Walle die friſche, weiße Mauer von feſten Geſteinen, die, wenn auch nur erſt halb voll⸗ endet, durch ihre Stärke und Breite die künftige Er⸗ füllung ihrer Beſtimmung verſprach, und das Funda⸗ ment einer mächtigen Warte ſtieg bereits über den Boden empor und deutete durch ſeine Umriſſe an, daß unter ihm, beſchützt durch ſein Gewölbe, ein wohlbe⸗ wahrtes Thor von dieſer Seite den Feind abweiſen und ausſchließen ſollte, wie ſchon längere Zeit ähnliche Wehr die Süd⸗ und Weſtſeite der Stadt beſchirmt hatte. Der Hochpunkt, auf dem der Fremdling ſeinen Stand ge⸗ nommen, ließ eine freie Ausſicht über die Stadt zu; man erblickte manch ſtattlich Gebäude mit hoch empor⸗ ſtrebenden ſpitzen Giebeln, aber ohne geregelte Ordnung reihete ſich Haus an Haus; klein und groß⸗, winkelicht, mit entſtellendem Ausbau verſehen, von einzelnen Baum⸗ gipfeln überſchattet, Holzſchindel⸗ und Schieferdach neben⸗ einander, ſo bot der Ort keinen angenehmen Anblick, ſondern bewies, daß in den anderthalben Jahrhunderten, welche er vielleicht zählen mochte, nur Zufall und RNoth⸗ bedarf für ſeine Vergrößerung gewirkt hatten. Der ſchönſte Schmuck chriſtlicher Städte, die himmelanſtrebenden Thürme, fehlten ihm gänzlich, nur hie und da ſtiegen 96 die armſeligen Spitzen zwergiger Kapellenthürme kaum über die Giebel hervor, in ihrem durchſichtigen Gebälk ein Glöckchen ſchützend. Deſto mehr wurde das Auge augenblicks gefeſſelt durch ein ungeheures Gebäude, wel⸗ ches mitten aus dem ungeregelten Häuſerneſte ſich erhob, und über ihnen ſtand in ſeinen koloſſalen Formen, einem Rieſen ähnlich, der ein unterjochtes Pygmäenvolk be⸗ herrſcht und ſchon durch den Anblick ſeines furchtbar⸗ gewaltigen Leibes im Zaume hält. Augenſcheinlich war das Gebäude neu und erſt jetzt vollendet; das ſpitzem⸗ porlaufende, ein ganzes Viertheil des Stadtraumes einnehmende Dach glänzte von unbeſchmutzten rothen Hohlziegeln, und auf beiden Endgiebeln deſſelben prunk⸗ ten die gigantiſchen Kränze der auf ihr Werk eiteln Baumeiſter, aus mächtigen Tannenzweigen geflochten, und mit unzähligen bunten Bandſchleifen ſtatt der Blu⸗ men durchwunden, die in ſolcher Höhe doch kein menſch⸗ lich Auge erkannt haben würde, und aus der Mitte jedes Kranzes ſtieg ein glänzend roth bemaltes koloſſales Kreuz zum Himmel auf, und eben der Anblick dieſer Symbole ſchien auf des Comthurs Antlitz den innern Triumph ans Licht gelockt zu haben. Daß jenes große Gebäude eine kirchliche Beſtimmung habe, deutete ſeine Lage von Weſt nach Oſt ſchon an, mehr aber noch der begonnene Thurm an ſeiner Abendſeite, deſſen Viereck von weißen Quaderſteinen faſt ſchon die Spitze des Kirch⸗ dachs erreicht hatte, und durch ſeinen Umfang auf den kühnen Bauplan, welchen man für ſeine Höhe entworfen, ſchließen ließ.— Der Templer betrachtete Alles dieſes genau und lange, dann wickelte er ſich dichter in ſeinen Leinenmantel, denn die Frühluft des Septembermorgens zog kühl über den — n e, un en 97 Wall, und er war im Begriff, die Holztreppe, welche zu dem Schutzdamme heraufführte, hinab zu ſteigen, als mehre Stimmen ſeine Aufmerkſamkeit erregten. Mit Eilſchritten näherten ſich zwei jüngere Männer gleich ihm in der Tracht des Ordens auf Cypern, und ihnen folgte ein Dritter im grauen feinen Bürgerkleide, doch ebenfalls mit einem Degen umgürtet, und in kecker jugendlich edler Haltung den Rittersleuten nicht nach⸗ ſtehend.— Gelobt ſei Er! rief der erſte der jungen Temp⸗ ler, der eine ächt deutſche ehrliche Phyſiognomie trug und den die Ueberfälle germaniſcher Geſundheit keuchen machte, und In Ewigkeit antwortete ernſt der Com⸗ thur. Wir ſuchten Euch in Eurem Quartier, ehrwür⸗ diger Herr! ſprach haſtig dann der zweite mit fremd⸗ ländiſcher Zunge, doch feiner Manier, indem er die rechte Hand wie begrüßend auf ſein Herz legte. Wer konnte glauben, daß Ihr nach der ſchnellen Reiſe und nächtiger Ankunft ſo früh das Bett verlaſſen und Euch der kühlen Morgenluft ausſetzen würdet. Verzeiht, Euer Würden, daß wir die Schuldigkeit verfehlt, doch Zufall, nicht der Wille ſündigte.— Ihr ſeid entſchuldigt, gibt's auch keinen Zufall in unſerer Ordenslehre! antwortete lächelnd der Comthur. Der Herr Ritter Foulques de Trezy feierte ſicher ſeinen Sabbathsabend in angenehmer Compagnie, und da träumt ſichs luſtig bis zur Mitternacht und ſchläft ſichs feſt bis zu des Tages Anbruch.— Ohne die Antwort zu erwarten, wandte er ſich dann mit ernſtem Geſicht zu dem im grauen Mantel und deutete mit der Rechten auf die neue Mauer am Graben. Thiederieus, ſprach er finſtern Blicks, ich hätte Euch gehorſamer und raſcher Blumenhagen. IHI. 8 98 geglaubt. Nicht weit genug gediehen iſt das Werk; dieſe Mauern überſpringt ein Remus noch mit ſeinem Stecken. Warum ſtehen ſie nicht ſchon dräuend und ſchützend da? Ich meine doch, der Säckel blieb Euch ſchwer gefüllt für ſolchen Zweck, und wie der Orden reich belohnt, verlangt er auch Fleiß und Gehorſam.— Die Kirche iſt vollendet, antwortete der Angeredete mit reſpektvoller Miene. Der greiſe eigenſinnige Archi⸗ tekt aus Köln, dem Ihr den erſten Hammer vertraut, wollte das Hauptwerk zuerſt vollendet wiſſen, auch der Conſul drängte und der Arbeiter waren nicht da in Ueberzahl. Aber Ihr ſehet das Material, ſchön und be⸗ hauen liegt es ſchon herangefahren im Ueberfluß; zwei kurze Monden noch, und der ſteinerne Kranz umgibt dieſe Stadt ſo feſt wie nur irgend eine Wehr Seines⸗ gleichen in Deutſchland.— Was Kirche, was Conſul! entgegnete ſtreng der Comthur. Ich befahl, erſt die Mauer und dann das Gotteshaus. Acht Wochen ſind gar lange Friſt; was kann ſich nicht in ihnen umgeſtalten? Der Winter nahet, mit ihm kehrt gewiß manch Hinderniß. Noch einmal ſage ich's, bietet auf, was Euch an Mitteln zur Hand iſt, werbet ganze Dorfſchaften zum Tagelohn, ſparet nicht Fleiß noch Geld, macht die Nacht zum Arbeits⸗ tage. Die ſchönſte Kette aus dem Ordensſchatz hätte ich Euch beſcheert, wäre mein Auge an dieſem Morgen durch Eure Mauer behindert worden, jene grüne Heide und den buntſchattirten Herbſtwald zu erſchauen.— Ich meinte Lob zu ernten und Ihr ſcheltet mich! ſagte der junge Baumeiſter Thiedericus empfindlich.— Wer unſerm Orden dient, der muß nicht meinen, fiel ſtreng Herr von Alzeia ihm in das Wort. Ihr ſeid — 99 nur Blätter, Zweige an der edlen Palme; das Mark allein, das unſichtbare, treibt die Frucht zum Lichte. Gehorſam ziemt ſo dem Ritter wie dem Servienten; die Meinung kommt von Oben; der Kopf nur denkt für die Glieder; das merkt Euch pon jetzt an für immer⸗ dar.— Aber Ihr dürft ihm nicht zürnen, Ehrwürdiger, ſprach freundlich der Blühendſte unter den Anweſenden. Ihr ſolltet nur erſt das Gotteshaus ſehen, das er erbauet, das himmelhohe Gewölbe auf der rieſigen Pfeilerallee, und den ſchimmernden Hochaltar voll goldener Bilder, und die ſchönen Statuen des Sanct Georgs mit dem Lindwurm und dem Templerſchilde außen über der Thurm⸗ thür und gegenüber den Sanct Jacobus mit dem Anker und bedeutſam die Hand legend auf die Bruſt zum ge⸗ heimen Bundesgruß; wenn ich mir die Bilder anſehe, iſt mir's immer, als ſähe ich in jenem Euer eigenes leibhaftes Conterfei, und in dieſem den ehrwürdigen Großprior von Flandern, Don Sacg, der mir die Weihe gab. Gehe ich über den Markt, muß ich anhalten und hinauf ſchauen und kann von den lieben Bildern nicht fortkommen.— Daran thatet auch Ihr nicht gut, Herr Gottfried von Salza, entgegnete der Comthur; ernſt und ſtill ſoll der Templer ſeine Wege gehen, den Blick geſenkt, nicht gaffen, nirgend ſäumen. Wollet Ihr das Volk durch Euer Begaffen aufmerkſam machen auf Dinge, die nur uns bedeutſam ſind? Ich merke, daß es hohe Zeit war, die Viſitation des Tempelhofs zum See zu enden, und ſchnell von Worms zurück zu kehren. Ihr Ritter ſolltet doch verſtanden haben, was unſere Oberen uns vertrauten, als man uns in dieſes wüſte Land geſendet. Aber Eure — 100 Sinnen ſind Tyrannen Eures Geiſtes, Ihr lebt nach Außen, nicht nach Innen; und ich darf Euch eben nicht beloben im Kapitel.— Auch Ritter Salza ſchwieg beſtürzt, doch der Fran⸗ zoſe unterbrach leichtfertig und dreiſt den Strafſermon und mit der Hand nach dem Walle jenſeit des Thores deutend rief er: Schauet nur hin, da kommt der größere Sünder vor dieſem Eurem Gericht und will ſich auch ſein Theilchen Buße holen. Der Conſul iſt es, Herr Volkmar von Goddenſtadt, und mit ihm nahet ſeine ſchwarze Heerde, die nachſpringt überall, wenn nur der Bock voran den Sprung gewagt.— Der Comthur warf einen ſeltſamen Blick auf den Jüngling, der theils ſeinen Vorwitz beſchwichtigen ſollte, theils aber auch eine Ueberraſchung über den zweideuti⸗ gen Sinn ſeines Spottwortes zu erkennen gab; dann nahm er, ſoviel es ſeine gewohnte Würde zuließ, eine argloſe Freundlichkeit in ſeine Mienen auf und ſtieg raſch die Walltreppe hinunter, dem Conſul entgegen kommend, der ihn mit deutſchem Handſchlage und ſicht⸗ licher Freundlichkeit empfing. Herr Volkmar von Goddenſtadt konnte als Muſter⸗ bild eines Patriziers damaliger Zeit gelten. Man ſah ſeinem ſtattlichen Aeußern die Zufriedenheit über das Loos an, welches ihm der Himmel beſcheert. Wohlge⸗ ſtaltet, in Fülle geſparter und gepflegter Leibeskraft trat er rüſtig auf, trotz der weißgelben gebleichten Locken, die ſchlicht und lang von dem Scheitel auf ſeine Schultern herabhingen. Der Stolz, der Erſte ſeiner Stadt zu ſein, ſprach ſich laut aus im Tragen des ſchweren Hauptes, im runden Auge unter den buſchich⸗ ten, gerunzelten Augenbrauen, im überladenen Prunk — ft 101 der reichen Bürgertracht, dem pelzverbrämten Aermel⸗ mantel und den goldenen Kniebändern, und den gold⸗ durchwirkten Schleifen des puffigen Wammſes und dem mit unzähligen Kettchen von gleichem Metalle durch⸗ flochtenen Barret. Ja es hing ſogar der Duſing an ſeinem fleiſchigten Halſe, die ſchwere Silberſchnur mit kleinen Schellen beſetzt, die bei jedem Schritte die An⸗ kunft des Vornehmen klingend meldeten, ein Putz, der damals nur von Königen und Fürſten getragen zu werden pflegte.— Vertraulich preßte er die Hand des vornehmen Ordensherrn, und leicht, doch mit der Gra⸗ vität ſeines Standes redete er zu ihm wie zu einem alten Bekannten. Zum zweiten Male in unſerm Weich⸗ bilde willkommen, Ihr Freund dieſer Stadt, und gleich⸗ ſam ihr Bonifacius! ſprach er mit ſchallender Stimme, welche die Geſundheit ſeiner ſechzigjährigen Bruſt ver⸗ kündete. Mit tiefgefühltem Schmerze haben wir Eure Abweſenheit bemerkt, und längſt mit gewaltigſter Sehn⸗ ſucht Eurer Wiederkehr geharrt. Maßen wir denn auch heute früh, als ſo eben der Stadtknecht uns Eure nächtliche Ankunft vermeldet, uns ohne Aufſchub in das Feſtkleid geworfen, das gehörige Geleit anhero geladen und mit ihm zu der Platea fabrorum uns begeben haben, zu dem Euren höchſt ehrwürdigen Ordensbrüdern daſelbſt ad terminationem eingeräumten Hauſe, wie ſie bislang nur den fratribus ordinis Augustinorum, Carmelitarum et Paulinorum von unſerer guten Stadt bewilligt worden. Ihr fandet ſelbiges Haus hoffentlich wohl eingerichtet, denn auch das feingeſchnitzte Bildniß Eures Ordenspatrons, des St. Georgii iſt supra por- tam nicht vergeſſen worden, und ſoll bedeuten den feſten Bund zu Schutz und Trutz, den die Famuli et Burgenses — ————— 102 Hanoverenses geſchloſſen von jetzt an bis auf ewige Zeit mit den Rittern des rothen Kreuzes. Aber Ihr ſeid ein wachtſamer Hahn und ſattelt mit der Sonne, denn die daſtehenden Herrn Equites verkündeten uns des Ehrwürdigſten frühe Ausflucht auf die Ringwälle unſerer Stadt, und mit ihnen eilten wir zu der Valva lapidea, theilten uns triegsliſtig daſelbſt und umgingen die Stadt links und rechts, um den Geſuchten nicht zu verfehlen, und ihm gebührend den Willkommensgruß zu ſprechen im Namen der ganzen Civitas, welches hier⸗ mit denn herzlich und reſpektvoll geſchiehet.— Lächelnd hatte der Herr von Alzeia zugehört und ſein Auge wohlgefällig auf den trotz ihrer Fleiſchfülle ſehr beweglichen Zügen des Redners umherlaufen laſſen. Zuviel der Bemühung um einen Gaſt, entgegnete er jetzt mit Höflichkeit, der nicht kam, um zu prunken und zu beläſtigen, ſondern nach Freundes Weiſe zu nützen und zu ſchaffen. Hätte ich gewußt, daß Ihr heute ein großes Feſt begehen würdet, bei dem Eure Perſon be⸗ ſonders in Anſpruch genommen werden muß, würde ich in einer Landherberge verweilet und meine Ankunft bis morgen verſchoben haben.— Mit nichten, fiel haſtig der Conſul ein, hätte als⸗ dann doch die Krone dem Feſte gefehlt. Ja, wir weihen heute das erſte Gotteshaus, welches unſrer Stadt würdig zu den Wolken hinanſtieg und über den Kapellen suncti Aegidii und sancti Spiritus ſich erhebt wie eine Zeder des Libanon über dem Wachholdergeſträuch. Eure goldenen Vorſchüſſe haben uns in den Stand geſetzt, dieſer Stadt eine ſolche Zierde zu geben, damit ſie nicht mehr zurückſtehe vor den Nachbarſtädten Brunsvic, Eimbeck und Göttingen, die bislang verächtlich auf ſie — — e t, ie c, ie 103 herabgeblickt; Ihr habt uns die kundigen Bauherren mitgebracht und empfohlen, und ſo als zwiefacher Bo⸗ nifacius Euch dargethan. Ich werde darum ſchuldigſt bei der großen Feier Euch meinen Ehrenplatz einräumen und lade Euch an meiner Seite einzutreten in den Dom, daß der Plebs, welcher ſich bereits im Heiligthume ver⸗ ſammelte, erkenne, wer ihm wohlgethan.— Nicht alſo, antwortete der Comthur mit verfinſterter Stirn, die alte Sitte bleibe unverletzt; Demuth iſt unſer Gelübd; der Orden des Tempels liebt die Oeffent⸗ lichkeit ſeiner guten Thaten nirgend. Habt Ihr jedoch auch erfüllt die Bedingniſſe, die man Euch auferlegte?— Vollkommenſtermaßen! fuhr der Conſul lebhaft auf. Der Kapellanus Eures Ordens, Magiſter Henricus, iſt inſtallirt als Prieſter der neuen Pfarre und wird zur Stunde ſein heiliges Amt beginnen; die wohlverſchloſ⸗ ſene Kapelle zur Feier Eurer Myſterie ſteht in Norden an den Dom gebauet mit allem Bedarf und den be⸗ ſtellten Gewölben darunter, aus welchen ein ſicherer Mauergang unter der Straße hinführt in Euer Termi⸗ nationshaus; die Schlüſſel dazu ſind bereits dem da⸗ ſtehenden Herrn aus Frankreich zu Händen geliefert und Niemand ſoll Euch ſtören in Eurem Schalten und Walten in dieſen Euch zu Recht und Gebrauch gegebe⸗ nen Territorien.— Kopfnickend dankte der Comthur, nahm den alten Herrn bei der Rechten und leitete ihn die Walltreppe hinauf, dann langſam mit ihm auf der Erhöhung fort⸗ ſchreitend in der offenen Abſicht, aus dem ſie umſte⸗ henden Kreiſe der Senatoren und aus dem Bereich der Ohren derſelben zu entrinnen. Mein Herr Conſul, flüſterte der Templer im Fortgehen mit ſcharfem Tone, 104 Euer Haar iſt weiß, aber Euer Gemüth ſcheint nicht mit gealtert, denn Ihr taumelt annoch im Irrgarten der Eitelkeit. Hochſtellen wollt Ihr Euch, in ſchweren Kampf gehen, um eine Krone zu gewinnen und Euren Namen unſterblich zu machen, und verſäumt den Panzer anzulegen und das Schwert zu ziehen. Als Prunkſtück Eurer Stadt habt Ihr die Kirche hingeſtellt, und den Harniſch der Stadt, die Mauern, verſäumt. Unſer Pact klang anders, und laßt Ihr die nöthige Vorſicht aus, ſo wäſcht mein Orden ſeine Hände, ich ſattele meinen Hengſt, und Ihr möget ſelbſt ſehen, wie Ihr zum Ziel Eurer Wünſche gelangt.— Des Conſuls vom rothen Adernetz dunkelſcheinend Geſicht erblich merklich und ſeine Unterkinnlade ſank wie in Lähmung zur Bruſt hinab. Ihr erſchreckt mich, ehr⸗ würdiger Herr! ſtotterte er. Im Reiche waret Ihr; habt Ihr böſe Botſchaft mitgebracht?— Ihr verdientet ſie von mir zu hören, fuhr der Com⸗ thur mit Strenge fort; denn wer bei einem großen Unternehmen den Augenblick, ja ſelbſt Stunde und Tag und Woche vernachläſſigt, iſt der Gunſt des Schickſals unwürdig. Jedoch Euer Glück begünſtigt Euch unver⸗ dient. Herzog Otto hat ſein Land vergeſſen und ſchar⸗ wenzelt am Throne der Kaiſer. Wie er den hochſeligen Rudolph in die Ferſen trat, ſo iſt er jetzt des Naſſauers. Schatten und banquettirt an kaiſerlicher Tafel, und verſucht beiher die unbezahlten 3000 Mark zum Braut⸗ ſchatz ſeiner Wittelsbacherin einzutreiben. Doch zu Weih⸗ nacht wird er heimkommen und dann gnade Gott Euch und Eurer Stadt, habt Ihr bis da Euch nicht hinter ein Bollwerk verſchanzt, an dem ſeine Mannen ſich die Köpfe zerſtoßen.— 105 Ihr ängſtet mich, Herr Ritter, ſiel der Alte ein, aber binnen vier Wochen ſoll unſer Reſt ſo feſt werden, daß alle braunſchweigiſchen Löwen ſich die ſcharfen Klauen daran ſtumpfen müſſen. Ihr ſehet, das Mate⸗ rial liegt bereit; morgen läßt die hohe Obrigkeit alle Bürger und Dörfler zum Schanzen auftreiben, ſei es mit Güte oder mit Gewalt. Wie aber wird des Kaiſers Majeſtät zu unſerm Werke ſchauen, wenn der Herzog ihm ſo zu ſagen im Schooße ſitzt?— Das war meine Sorge, entgegnete der Templer ſtolz, und ich habe mein Theil klüglicher vollbracht als Ihr weiſe Rathsherren das Eure. Kaiſer Rudolph ſchon haßte den Uebermuth der kleinen Reichsfürſten und des Adels; zerſtörte er doch im Jahre Neunzig mehr als ſiebzig Raubſchlöſſer tückiſcher Vaſallen, um den geſunkenen Reſpekt des kaiſerlichen Zepters die alte Gloria zu er⸗ ringen. Adolph von Naſſau befolgt dieſelben Grundſätze. Auch ihm iſt der Hochmuth der Reichsfürſten ein Dorn im Auge, da er bemerkt, wie ſchon manche derſelben ſich von ihm wenden, und heimlich mit ſeinem Neben⸗ buhler und Erzfeind, Albrecht, verkehren. Nur in den großen Städten ſieht auch er Anhalt und Schutz, und begünſtigt ſie überall gegen die Fürſten und den Adel. Gebt Eurer Stadt die Kraft der Selbſtvertheidigung, dann ſtehe ich dafür, daß Kaiſers Majeſtät die Adlers⸗ flügel über Euch ausbreitet, zur freien Stadt des Reichs Euch erhebt, und wenn die Hanſa Euch alsdann auf⸗ nimmt in ihren mächtigen Bund, ſo möchte ich ſehen, wie der kleine Lüneburger ſein uſurpirtes Recht auf Euch behaupten möchte, wie er das goldene Blatt in der Chronik Hannovers, auf dem der edle Name Volkmar von Goddenſtadt verzeichnet prangt, wieder ausreißen, 106 und die Unſterblichkeit zernichten könnte, mit der Eure Kühnheit dieſen Namen für ewig gekrönet.— Nicht mir, ſondern Euch, tapferer Kreuzesheld, ge⸗ bühret dieſes Blatt und ſeine Krone, antwortete mit hochmüthiger Miene und beſcheidenem Tone der bürger⸗ liche Edelmann. Ihr wecktet den Funken in meiner Bruſt, Ihr blieſet ihn zur Flamme an, und mein ſei die Sorge am Tage des Triumphs, Eurem Namen den verdienten Platz zu geben. Ha! Jugendblut ſiedet in meinen Adern, wenn ich der Stunde gedenke, wo alle dieſe Junker, die mit Verachtung auf unſre alten Fa⸗ milien herabſehen, welche mit ihren Raufdegen bis in unſer Weichbild zu ſtoßen wagen, welche Handel und Verkehr ſtören in ungerecht beſchützter Freiheit, abplatzen von unſern Mauern und unſere Armbrüſter ihnen das ſcharfe Eiſen nachſenden in den flüchtigen Nacken, wo unſere Reiter ſie verfolgen werden mit ſchneidender Klinge bis an die Zugbrücken ihrer Geierneſter. Sie haben vergeſſen, daß wir ſo edel ſind wie ſie, daß wir von jenen auserleſenen Kriegern abſtammen, die der große Heinrich, genannt der Finkler, aus ſeinen beſten Mannen erwählte und in die Städte und Ortſchaften vertheilte, um gleich einzelnen Rolanden mit rieſiger Ge⸗ ſtalt und unbezwinglicher Fauſt die Schwachen zu ſchirmen gegen die räuberiſchen Ungarn, die bis Magdeburg und Bremen das Reich verwüſtet, wie auch gegen das nor⸗ diſche barbariſche Heidenvolk. Sie haben vergeſſen, daß der große Heinrich dieſe unſere Ahnen höher und edler achtete als ſeinen übrigen Adel, trug er noch ſo prun⸗ kende Geſchlechtsnamen und Reichstitel. Die Zeit iſt kommen, dieſem Junkernvolke das Gedächtniß zu ſchärfen, und wir wollen nicht ſäumen, ſolche Zeit zu nutzen.— — — 107 Thut das, Herr Conſil, ſagte der Comthur ſtill⸗ ſtehend und mit leichtem Hohn die Oberlippe aufwerfend, thut das ſchnell; denn kehrt der Herzog und findet dieſes ohne ſein Willen und Wiſſen erbauete Mauerwerk un⸗ vollendet, ſo ſtehe ich nicht dafür, daß Ihr ſtatt einer Stadt mit Mauern, Mauern ohne eine Stadt erblicken möchtet, wenn er Euch die Augen läßt zu ſolch trau⸗ rigem Anblicke. Doch werdet nicht entmuthigt durch ſolch ſchaurig Bild, das ich nur zum Sporn Euch hinſtellte. Urſer ehrwürdigſter Großprior von Oberdeutſchland, der Wildgraf Friedrich, läßt Euch grüßen; ſeine Freunde, die Markgrafen von Brandenburg, ſind gewonnen für Euch; iſt Euer Plan gereift bis zu ſichtlicher Sicherheit, könnt Ihr darauf rechnen, daß von Berlin eine Hülfs⸗ macht Euch zu Gebote ſteht, die Euch ſchirmen wird, bis Ihr Zeit gewonnen, ein eigen Söldnerheer ins offene Feld zu ſtellen und Brunsvic die Hand zu reichen zum auch dorten längſt vorbereiteten Freiheitskampfe. Aber die Kapellenglöckchen rühren allzumal ihre Züng⸗ lein und laden Euch zur Feier; und ſtehen wir hier nicht am kleinen Thor, das zu dem menſchenreichen, ob⸗ gleich engen Quartier führt, welches man den Wulfes⸗ horn benennt? Möge Euch die ſtämmige, treuherzige Menſchenart, die drinnen wohnet, eine tüchtige Meute Wolfshunde liefern, wenn Ihr das Horn blaſet zur Löwenhatz. Für jetzt bitte ich Euch, mein geſchätzter Freund, hinabzuſteigen durch dieſes Pförtlein, welches den nächſten Weg zum Dome darbeut! Nehmt meinen deutſchen Ritter mit nebſt dem Baumeiſter, daß ſie uns demnächſt Bericht erſtatten mögen von dem Glanz Eurer Feier. Wir lieben, dem Gelübd des Ordens gehorſam, nicht mit ſolch vornehmem Geleit, gleich einem Triumphator 108 durch die Gaſſen zu ziehen, und werden unſern ein⸗ ſamlichen Spaziergang fortſetzen. Auf den Abend warten wir Euch ſelbſt auf nach Gebühr in Eurem rühmlichſt bekannten Familienhauſe auf der Burgſtraße.— Leicht grüßend ſchied der Weißmantel, und mit dem Franzmanne weiter gehend auf dem Walle, ließ er den Conſul ſtehen, dem dieſer kurze herriſche Abſchied doch faſt die Laune verdarb. Er blieb eine Sekunde wie verdutzt, dann wandte er ſich nach ſeinem Gefolge um, und ſah mit Verwunderung ſeinen Neffen, den Raths⸗ herrn Helmold von Steenbeck dicht hinter ſich weilen, wie er in Gedanken vertieft auf den neuen Mauergrund drunten zu ſchauen ſchien. Was ſtarrſt Du gleich einem Geiſterſeher in den Graben hinab? fragte der Alte barſch. Willſt Du die Neugier damit bemänteln, die Dich ohne mein Erlaub in die Nähe unſeres Zwieſprachs trieb?— Der junge, anſehnliche Mann erhob mit einem Seufzer ſein Antlitz und ſah dem geſtrengen Ohm feſt in die Augen. Ich betrachtete mir da unten das dunkle Blut an dem weißen Geſtein, entgegnete er finſter. Ihr wißt Herr Ohm, geſtern zerquetſchte dort das Quaderſtück, aus dem geriſſenen Windſeil niederſtürzend, den einzigen Sohn der Wittwe aus der Grüttemecker Straße. Das war unſchuldiges Blut. Ich wünſche, daß dieſer Bau kein weniger ſchuldloſes koſte.— Poſſen! fuhr der Conſul auf. Seit Du Bräutigam biſt, wurdeſt Du ein Finſterling, und was andere Bur⸗ ſchen kühn macht und leichtfertig, machte Dich zaghaft und wortarm. Du ſollſt der Erſte ſein, der vor unſerm neuen Hochaltar den Ehrenring tauſcht; ich werde der Muhme Winthem ſagen, daß ſie den Mahlſchatz eiliger 109 fertig mache. Dann kann die ſchöne, vernünftige Domi⸗ cilla Dir das verrückte Hirn wieder zurecht rücken.— Herr Helmold wurde roth wie eine Jungfrau, der man vom Myrtenkranze ſpricht, und die ſichtliche Ver⸗ legenheit zu bergen, trat er mit Heftigkeit zu dem Alten und ergriff ſeine Hand. Ohm, ſagte er ſehr bewegt, ich liebe Euch wie meinen Vater. Hört Sohnes Rath. Laßt ab von dieſem fremden Südmanne, deſſen Geſicht ich nicht ohne inneres Grauen anſchauen kann, weil es mir wie die höhniſche Maske eines Teufels vorkommt, der aus ſeinem Höllenſchlunde aufſtieg, uns und unſere Stadt zu verderben. O laßt ab von ihm! Verſchreibt ihm nicht Euer Herzblut. Er hält den Pact nicht. Was ich zufällig hörte von Eurem Geſpräch, hat mir das Haar empor getrieben und den Herzſchlag ſtehen gemacht.— Warum horchte der Naſeweis? entgegnete der Conſul zornig. Aber ich hoffe, er wird ein Schloß an ſeinen Mund legen, bis ich den Schlüſſel gebrauche, denn ich meine, der alte Goddenſtadt hat den Ruhm im ganzen Weichbild, daß er nichts unternommen, was er nicht zweimal bedacht.— Aber Euer Lehenseid, Huldigung und Bürgerpflicht! ſtotterte der Betroffene ſchüchtern.— Des Herzogs Schirmeid iſt nicht weniger werth, ant⸗ wortete heftig der Bürgerfürſt; Bruch um Bruch; Untreue um Untreue; der Hund beißt in den Stock, der ihn ſchlägt; der Stier wirft den Schlachter mit ſtarkem Horne in die Luft, wenn er vom Seil ſich löſen konnte; widerrechtlichem Willen darf der Bürger Widerſtand entgegenſetzen, das lehrt das Naturgeſetz, das eher galt als Einer befahl und der Andere gehorchte. Von dem Neffen erwartete ich ſolchen Knabenzweifel am letzten, 11⁰ denn wenn ich für die Glorie der Familie mich ſelbſt einſetze, ſteigt er mit ohne Gefahr des Einſatzes, und darf lüſtern und bequem die Aepfel vom Baume pflücken, den wir im Mittagsſchweiß mit wunder Hand in den harten, ſteinigten Boden pflanzten. Schnäble Du Dich mit Deiner Spazin, bis auch Du zum Denken reif wirſt.— So drehete er ſich übermüthig von dem jungen Manne, ſtieg herab zu dem Pförtlein und ſchritt vor ſeinem ſtatt⸗ lichen Geleite her durch die düſtern Gäßleins, deren Bewohner, breitſchulterige Brauknechte, ſchmutzige Tage⸗ löhner und dürre Stadtſöldner mit Weib und ſchreienden Kindern an die niedern Thüren eilten, die unerwartete Ehre eines ſolchen Zuges in ihrem Quartier anzuſtau⸗ nen und den höchſten Herren der Stadt ihren Reſpekt durch unbeholfene Bücklinge zu bezeugen. Der Comthur ſetzte indeß ſtillſinnend in Begleitung des Ritters Foulques ſeinen Marſch fort. Aber ſagt mir nur, ehrwürdiger Herr, nahm der lebhafte Franzoſe nach einigen Schritten das Geſpräch auf, wie könnet Ihr nur Plaiſir daran haben, mit die⸗ ſen ſteifen Gecken zu ſchnacken, die mir mit ihrem Truthans⸗Uebermuthe und ihrer Bocksgleichen Gravidität in den wenigen Monden meines Hierſeins ſchon ſo arge Langeweile gemacht haben, daß ich ſelbſt unſere ſchwarze Pönitenzkammer dem Aufenthalt in dieſer Bärenhöhle vorgezogen haben würde.— Nun, ſchmucke Bärinnen gibt's doch genug in dieſer Höhle, antwortete lächelnd der Comthur, und Ritter Trezy liebte immer derlei Jagd.— Warum nicht, entgegnete der junge Franzmann leicht; der allzu ſtrenge Großmeiſter iſt ja fern, und mein 11¹ gnädiger Gönner erlaubt gerecht der Jugend Scherz und Freude, wenn nur der Anſtand und die Ordensehre nicht dabei auf dem Wurfbrett ſteht. Aber glaubt mir, dieſe ſchmucken Bärinnen ſind gar brunmiſcher Art, wiſſen die ſcharfen Tätzlein zu gebrauchen, und es ge⸗ lingt nicht leicht, ſie glatt zu lecken und zum Tanze ab⸗ zurichten. Doch wenn wir nach Zerſtreuung haſchen, was bindet Euch, Ehrwürdiger, an dieſes finſtere Neſt? Warum verſchwendet Ihr den ſchönen Ordensſchatz an dieſe eiteln Städter? Warum zwiſchen dieſen düſtern Giebelhäuſern ein theures Hoſpiz errichten, da freund⸗ lichere längſt im luftigen hellen Berlin, im lebevollen Hamburg, im glanzerfüllten Hildesheim gewonnen wurden?— Der Comthur ſtand ſtill, wandte ſein ſprechendes Antlitz gegen den Jüngling und ſah ihn mit leuchtenden Augen an. Du haſt mehr Geiſt empfangen wie die An⸗ dern, ſagte er ernſt, darum zog ich Dich auf zu mir und werde Dich gebrauchen und erheben. Deine Leicht⸗ . fertigkeit ſtieß mich nicht ab, denn Du kannſt ernſt ſein, . beſonnen, brav wie ein Leu in ernſter Stunde. Ahneſt Du denn nichts, und ſaheſt meinem Walten ſo lange t ſchon zu?— Haſt Du die Krone vergeſſen und die e goldenen Ketten und das Kreuz, die Deine zitternde e Hand in der Nacht der Prüfung zu Boden warf, und e die Du mit der Ferſe trateſt? Der Orden hat ſeine indheit, ſeine Jünglingsjahre vollendet. Er iſt ein 2 Mann geworden, und ehe ſein drittes Säcul zu Ende er läuft, wird die Welt erkennen, daß und wie er es ge⸗ worden. Das Kind weilet ſchüchtern in der Heimath; 6 der Mann ſchweift hinaus; die Welt iſt ſein, und was in er von ihr ſich erobern kann, das faßt ſein kühner Arm. — 112 Unſer Schloß auf Cypern iſt zu klein geworden zur Reſidenz des ſtarken Rieſenbundes; weilt auch das Haupt noch an der lieben Wiege, wo es geboren, ſeine Arme greifen aus, umkreiſen herrſchend bald die Welt und ſchon erzittern Thron und Prieſterſtab vor ſeinen ehernen Händen und bereuen zu ſpät, daß ſie des Tempels Söhne aufgepflegt und ſelbſt bewaffnet. Seitdem der Tempel eine Burg geworden, möchten ſie ſo Burg als Tempel in den Sand vergraben, auf dem die erſten Neun in roſtigen Waffen für die Pilger fochten. Wer weiß, wie bald die Zeit kommt, wo ſie aufſtehen, die Gewaltigen der Erde, und an den heiligen Säulen rütteln. Darum ſorget der Zeit und dem Weltgeiſt voraus der Bundesgeiſt und bauet ſich an in allen Erd⸗ winkeln, ſetzet ſich feſt in dem Herzen jedes Landes, da⸗ mit wenn Drach und Tiger aufbrechen aus ihren Lagern, Netz und Falle geſtellt ſind, die Lanzenſpitze ſcharf iſt und glatt der Schild, damit wenn der Feind heraus⸗ traben will nach Außen, er im eigenen Innern den Gegner hat, der ihn mit Ketten fängt und hält, damit wenn ſie die Tempelburg zu zertrümmern ausziehen, die ganze Welt des Ordens Tempel iſt, der Azur des Him⸗ mels ſein Dach, die Pole ſeine Wände, und Thron und Kirche ſelbſt ſeine Pfeiler, und ſie zagend abſtehen von der Unmöglichkeit und ſelber ſich beugen, und den Rit⸗ tern des rothen Kreuzes die Weltherrſchaft laſſen, und den Völkern die Freiheit, die wir ihnen bereiten. Ge⸗ wonnen haben wir dem Orden wiederum ein kleines Heer, denn dieſe Stadt iſt mein von heute an und über ihr prangt unſer Siegeszeichen. Muß ſie ſich auch reinigen vielleicht in Flammen und Blut, unſer iſt ſie und kein Schwert tilgt die Saat, die wir tief in das 113 ſichere Land geſtreut. Verſtehſt Du nun das Bild der Feuertaufe, Trezy?— Aus Blut und Dunkel ſproßt Erlöſung! antwortete Foulques mit einem Schelmengeſichte. Und ſtreben die Sonnenwend des edeln Stolzes, die Roſe der Freude, die Palme der Wohlthat dem Himmelslichte zu, ihre Wurzeln bleiben in der Erde und bedürfen der⸗ ſelben.— Noch ein Jahrhundert ſchenke uns der Weltenmeiſter, ſetzte der Comthur mit Wallung hinzu, dann ſind wir an dem vorgezeichneten Ziele und die Völker ſuchen ihre Fürſten nur unter den Geweihten. Darum iſt aber . Noth, daß nirgend ruhe die Arbeit und täglich der Bau ſich hebe. Legen wir auch unbemerkt nur Stein zu . Stein, ſo wächſet die Mauer unſichtbar, doch feſter fort als dieſe weiße Wand dort unten. Solch neuen rohen ſt Bauſtein fand ich auf der Reiſe, und wir wollen nicht ⸗ ſäumen, mit Kitt und Kelle ihn zu binden. Junker n Herrmann von Daſſel iſt es, ein Feuerkopf, geboren in it dieſer Stadt und ihrer Edeln einer, darum zwiefach ie willkommen. Mit Thiedericus, dem wiſſenden Servien⸗ — ten, ſind unſer Neun in dieſem Orient, und ſo fehlt zur d Aufnahme nichts und morgen Nacht ſchon ſei das Werk n gethan. Die Kapelle am Dom iſt fertig; ſorget, daß t⸗ mit dem Dunkel der Tempel bereitet werde. Bauet auf nd den blauen Altar und hängt das Bild des Sanct Georg e⸗ darüber. Stellet die Schüſſel hinauf mit den Füßen es des Drachen und dem blutigen Johannishaupte darin. er Bekleidet die Gruft mit feuerfarbenen Decken und rücket ch den Sarg zurecht. Schlag Mitternacht wollen wir zum ſie erſten Male Herrſcherrecht üben auf dieſem Boden.— Blumenhagen. I.. 8 ————— 114 2. Freundlich wärmend beleuchtete die Sonne vom weſt⸗ lichen Himmel her den arbeitsfreien Montag, und die Bürgerſchaft, welche geſtern die frohe Weihe ihrer neuen Hauptkirche fromm und ernſt gefeiert hatte, zog jetzt in lauter Freude hinaus über die Brücke des Leineſtroms, außer den dumpfen Beſchränkungen der hochgiebelichten Gebäude im Freien ein weltliches Nachfeſt zu begehen. Weſtlich von der Stadt erhob ſich damals eine anſehn⸗ liche Höhe, jetzt noch in der Neuſtadt durch den Namen des Berges bezeichnet, auf der ein alterthümliches Schloß dräuete, und bis an den Grenzfluß ſeine Mauergänge und Thürme hinabſchob. Ehemals hatten es die Grafen von Rothen beſeſſen und dort ihr Grafending gehalten. Späterhin occupirten es die Landesherrn und ſetzten einen Gograf oder Stadtvogt hinauf, der das Borglehn von der Stadt zu erheben beſtellt wurde, auch als Präfekt und Advokatus über die Gerechtſame des Fürſten zu wachen beſtimmt Bar. Das Schloß, einſt unter dem Wappen der drei Lilien ein ſtattlicher Grafenſitz, zerfiel, ſeit ſeine Warten mit dem Löwen geziert ſtanden, und die einſame Wohnung eines Caſtellans und einiger Dutzende ausgedienter Reiſigen geworden, und ſein ſtolzer Name Löwenrode, ſpäter Lauenrode, jagte den Bürgern kein Furcht mehr ein, wenn ſie auch die grauen verfallenen Mauern und geborſtenen Thürme der Zwingburg mit Abſcheu und Widerwillen betrachteten. Der abendliche Abhang des Berges nach dem Flüßchen Himena zu war ſogar von ihnen zu einem Luſtplatze umgewandelt worden, ein üppiger Baumgarten bot dem Spaziergänger Schatten dar und ſchloß ſich an das as 115 alte gräfliche Moſthaus an, wo es Wein und Bier und Leckerbiſſen gab für den Schmecker und Durſtigen; ein freundlicher Roſengarten dehnte ſich bis zum Fluſſe hinab, mit grünen Raſenplätzen und verſteckenden Lauben geſchmückt; am herrſchaftlichen Fiſchteiche ſtand auf einer mit Grand bedeckten Fläche der Pagagvienbaum, der Schießplatz, wo ſich die jungen Bürger in dem Ge⸗ brauch der Armbruſt und des ſchweren Wurfpfeils, wie auch im Ringen, Schleudern und im Wettlaufe zu üben pflegten, und zugleich lagen hier die zwölf richterlichen Dingſteine, wo in den Sommertagen der Senat mit Zuziehung des herzoglichen Vogts zu Recht ſaß und ſchwere Sachen verhandelte.— Dieſer Luſtplatz war jetzt das Ziel der auswandern⸗ den Städter, die mit den geſchmückten Weibern und Jungfrauen raſch dem Freudenorte zuſchritten, um unter den grünen Baumgipfeln einen guten Sitz für Ruhe und Leibespflege zu gewinnen und der reizenden Ausſicht auf Berg und Wald genießen zu töngen, die das ſinkende Jahr ihnen bald zu verſchließen drälleten.—— In einer der äußerſten Lauben des Roſengartens, die hochgewölbt ſich nur nach dem Waſſer und gegen das weite Ackerfeld öffnete, ſaß hinter dem runden Stein⸗ tiſche ein einſames, anſtändig gekleidetes Frauenpaar, Frau Gertrudis von Daſſel mit ihrem Töchterchen, Juditha genannt. An der Mutter konnte ſelbſt der leicht Befriedigte ſicherlich nichts Liebenswerthes finden, im Gegentheil fühlten ſich die Meiſten abgeſtoßen durch ihr Geſicht, das einem Acker der Leidenſchaften glich, wenn auch die meiſten derſelben ausgebrannt waren und nur ihre ſcharfe Runenſchrift nachgelaſſen hatten. Dieſe For⸗ men konnten vielleicht einmal ganz hübſch geweſen ſein, 1¹6 aber der innere Menſch hatte ſie ſelbſt verdorben, und jetzt funkelte in dem runden, übergroßen Eulenauge nur Tücke und Neid; Hohn und Haß verzog die gebogene Naſe und den bleichen ſchmalen Mund, und die düſtere Wittwentracht mit dem tief herunter ragenden Stirnlatz und den breiten Ohrenklappen, die bis an das Kinn ſteif aufragende dunkele Tracht vollendete das Bild einer menſchenfeindlichen Zauberſchweſter, und unwillkürlich wich man der großen, dürren Frauengeſtalt aus, wenn ſie mit faſt männlichem Schritte durch die Gaſſen ging. Das Töchterchen bildete den Gegenſatz der Mutter; ſchlank und leicht beweglich, jedoch nicht ohne Jugend⸗ fülle, mit muthwilligem, frei umherblickendem Blauauge unter hellem Lockenreichthume, mit dem lächelnauf⸗ geworfenen Mündlein und dem kecken Stutznäschen die Männer herausfordernd, ſah man ſie gern, trat gern in ihre Fußſtapfen und fühlte Luſt, die Herausforderung anzunehmen, weil neben der Keckheit die Freundlichkeit und der Evenblick keine gar zu ſtrenge Wehr verſprach.— Frau Gertrudis ſtierte finſter in das Feld hinaus; Fräulein Juditha dagegen rückte oft auf ihrer harten Bank, und blinzelte links und rechts durch die Zweige der ſchon halb entblätterten Laube nach den Gegenden, von woher Tanzmuſik, Geſang und Geſchrei der fröh⸗ lichen Jugend und der bemooſeten Zechbrüder erſcholl. Drehe nur Dein weißes Hälschen, arme Turteltaube, begann die Wittfrau; Dein Täubert iſt gar nachläſſig und vergißt ſein Verſprechen und läßt uns hier allein ſitzen zum Spott der Ausgelaſſenen. Oder iſt das leicht⸗ ſinnige Fräulein wiederum ſelber Schuld daran 2 Hat ſie vielleicht mit dem eiteln Trotzköpfchen, wie ſchon oft, neue Fehde angeſtiftet?— ————* ig ein a ft, 117 Gewiß nicht, Mütterchen; antwortete Juditha ſchnell. Aber der Helmold wird ja täglich finſterer und zählt mir die Worte zu, und quält mich täglich mehr mit Grill und launiger Eiferſucht. Und, Mütterchen, wäre es nicht Euer feſter Wille, mich zu Frau von Steenbeck zu machen, ich hätte den geſtrengen Herrn längſt auf⸗ gegeben; macht er doch keinen Ernſt, ſich mir ganz zu ſchenken, und ſo lieb wie vordem kann ich ihn auch nicht mehr haben, und meine oft, ich hätte mich dazumal ge⸗ täuſcht, und der Reſpekt vor ihm habe mir wie Liebe gegolten.— Albernes Kind, murrte die Alte, iſt doch der Reſpekt zur Ehe für eine Jungfrau die Hauptſache und allgenü⸗ gend zum Glück. Die Liebe iſt wie jene Spätroſe dort am Heck, die erſte Winternacht macht ſie ſchwarz und welk; aber die Achtung vor dem Geſpons und die Sicher⸗ heit des Auskommens ſind Anker und Tau für ein weib⸗ liches Lebensſchiff, das ohne ſie auf dem Meere umher⸗ treibt, dem Corſar zur Beute oder der Sandbank Raub. In Haß würde ſich meine Affenliebe zu Dir verwandeln, ſtörte Deine Thorheit meine Pläne für Dein Glück. Iſt denn der Herr Helmold nicht ein ſtattlicher Mann, wenn er auch über die erſten Blütenjahre hinweg ſchritt? Sein Haus iſt das reichſte der Stadt; ſtirbt der alte Ohm, fehlt ihm die Conſuls⸗Stelle ſicher nicht, und ich ſehe meine Juditha auf dem höchſten Platze bei dem Ehrenſchmauſe, dann will ich gern mein gequältes müdes Haupt niederlegen zum Nimmererwachen.— Ja, wäre es ſo weit! ſeufzte das Töchterchen mit einem Blicke in die Wolken, worin das Irrlicht der Eitelkeit funkelte. Aber er hat ja die Braut, und macht gar keine Anſtalt, den Verlöbnißring entzwei zu brechen. 118 Das iſt mir nun einmal nicht recht, und ich begreife nicht, wie Ihr ihn geduldet und ſeiner Neigung ge⸗ ſchmeichelt habt, die Ihr doch ſonſt ſo geſtreng ſeid. Um den Freier durftet Ihr nicht bangen; es iſt mancher edle, junge Burſch in unſerer Stadt, der zu unſerm Fenſter aufblickt und Eure Juditha gern zum Reigen fordert. Der grüne Kranz denke ich, würde mir doch nicht aus⸗ geblieben ſein.— Die Frau Gertrudis warf einen ſtechenden, forſchen⸗ den Blick auf die Tochter. Ich will nicht hoffen, daß Du Gegenliebe herab vom Fenſter ſandteſt, entgegnete ſie mit Aufwallung; denn ich könnte Dir ſelbſt das Meſſer in das Herz graben, fände ich einen ſolchen Stein in meinem Wege. Wiſſe denn, nicht Dein Glück und Deine Ehre allein ließ mich ſolchen Bund wünſchen, auch die Rache hatte ihr Theil daran; und ſpäte Rache wird immer ſüßer, wie dem lange Faſtenden der erſte Biſſen.— Das Fräulein ſtarrte verwundert in der Mutter funkelnden Augſtern. Saheſt Du das ſtolze Weib mit ihrem aufgeputzten, ſteifen Döckchen? fuhr ſie fort, immer mehr ſich erhitzend. Die Winthem meine ich, mit ihrer Domieilla, die vor uns heraufſchritten in den Baum⸗ garten an des alten Conſuls Arme. Ich wurde als ein armes Fräulein im Stifte erzogen, denn mein Vater war ein jüngerer Sohn und ohne Lehn und Beſitz lebte er von dem Schwerte und ſchlief auf dem Schilde. Heinrich von Winthem liebte mich, und ich war ihm wohlgeneigt. Da lockte das kecke Fräulein von Hanenſee den Wankelmüthigen in ihr Netz, und ich mußte vom Vater gezwungen die zitternde Hand einem Manne geben, der mir widerwärtig blieb, der ſein Vermögen verpraßte, 119 und der mir kaum ſo viel nachließ, daß die frühe Wittwe ihr Kind erziehen konnte, wie es der Name er⸗ heiſchte. Aber das Schickſal hat es wett gemacht. Als ich den erſehnten Schwiegerſohn der Stolzen zum erſten Mal zu meines Mädchens Füßen knien ſah, da kam ſeit zwanzig Jahren der erſte Sonnenblick in mein Leben, und alle die hochmüthigen Blicke, die meine Feindin mir ſeit Jahren zugeworfen, wo ſie die arme Wittfrau fand auf ihrem goldenen Wege, ſind vergeſſen und bezahlt in der nahen Stunde, wo mein Kind dem Bräutigam, der ihre Cilla verſchmähete, vor dem Altar die Hand gibt, und in der ihrem geliebten Aeffchen der Ver⸗ ſchmähung wegen das Herz bricht.— Nun begreife ich Vieles, flüſterte Juditha mit faſt erſchrockenem Geſichte, aber bang und ſchwer wird mir jetzt, bänger noch wie ſonſt, ſündhafter ſcheint mir das Beginnen, und der Gedanke, Eurer Rache zu dienen, füllt meine Bruſt mit den ſchwärzeſten Ahnungen.— Stolz mußt Du werden, fiel die Alte mit Strenge ein, Du kannſt der Mutter Liebe ja vergelten; als Rach⸗ engel für ihr zerfleiſchtes Herz kannſt Du gut machen, was ſie Dir gethan von der Wiege an. Welcher Toch⸗ tr brachte das Geſchick ein ſchöneres Loos?— Aber kläre Dein Geſichtchen auf; ziehe Dein Mündlein in häteres Lächeln, denn ich ſehe Deinen Künftigen durch dit Hecken ſteigen, und ſein Argusauge ſucht ſchon von fem überall mein ſchönes Kind.— Das erfahrne Auge der Mutter hatte recht geſehen, dem wenige Minuten nachher kam mit Eilſchritten, emfg umherſpähend, Herr Helmold von Steenbeck die Höhe herab, und bald ſtand er vor der Laube und trat mit liebeglühendem Geſicht zu der Geliebten herein. 120 Endlich! ſtammelte er und preßte die kleine Hand gegen ſeine Bruſt. O ich dachte wohl, meine Treue würde ſich aus dem Gedräng der Gaffer in das einſamſte Verſteck geflüchtet haben, bis ich ſie zu ſchirmen erſchien. Dank Dir, Du Lieblichſte, kann ich auch ſolche Zartheit nimmer genug lohnen mit allem, was armes Herz und reiche Erde darbeut.— Eure heiße Sehnſucht nahm ſich Zeit! antwortete Frau Gertrudis ſcharf, doch mit gezwungener Freund⸗ lichkeit. Verzeiht, Mutter! ſagte innig der edelgeſtaltete Mann. Der Ohm gab ein großes Mittagsmahl des Feiertags wegen und den fremden Kreuzrittern zu Ehren. Da wurde lang getafelt, und als ich dann zu Eurem Hauſe eilte, fand ich das ſüße Neſt ſchon leer, und mit be⸗ klemmter Bruſt flog ich den lieben Vögelchen nach ins Freie, ein bischen grollend zwar, daß ſie nicht auf mein Geleit gewartet.— Ihr ſaßet mit den Tempelherren zu Tiſche, mit den ſeltſamen Weißmänteln? fragte das Fräulein raſch. Spei⸗ ſen denn die wie Unſersgleichen? Da war der ſchlanke Meiſter auch dabei, der Herr Thiedericus von Hildeſen von dem die Leute reden, weil er den Kirchbau ſo wohl vollführt hat, und immer fröhlich iſt und jedem Kinge zugethan.— Finſterniß legte ſich auf des Rathsherrn Stirn und ſtutzig antwortete er mit Stolz: Handwerker ſitzen niht mit den Edeln an einem Tiſche, und der Servent pflegt dem Ordensritter die Sporen an und abzuſchnalen. Was iſt's jedoch mit dem? Wie kennſt Du, Mädcoen, dieſen dunkeln Namen?— Juditha erröthete, aber ſchnell gefaßt entgegnete ſie: ————„ 121 Wie ſollt ich nicht? Wohnt er doch gerad uns gegen⸗ über; läuft aus und ein, früh und ſpät, wie es die Arbeit fordert, und hat er nichts am Markt zu thun, ſitzt er im untern Ausbau und malt ſeine Riſſe und Pläne für den Senat und die Stadt. Da fragte die Mädchenneugier dann einmal nach, wie der Fleißige heißt und was er treibt, denn Spindel und Webetiſch beſchäftigen den Geiſt nicht alſo wie Euch, Ihr klugen Herren, das Regieren und das Amt.— Gemahnt Ihr mich doch faſt wie der eiferſüchtige Mohr in der alten Ballade, welche der Venetianer am Jahrmarkt vor den Häuſern ableierte, fiel die Mutter ſpöttiſch ein. Mein Kind liebt Euch nur gar zu treu und mehr als mir lieb, und wollt Ihr etwa den Othello aus dem italiſchen Liede ſpielen, ſo werde ich mein Mädchen vor Eurer barbariſchen Liebe ſchützen müſſen.— Nicht doch, Mutter! unterbrach ſie der Rathsherr. Ich weiß, was ich habe an meiner Ditha. Ihre Liebe iſt treu wie Sonnenlicht, ziehen auch Wolken an ihr hin, ſie blieb wie ſie war, und tritt immer gleich rein aus dem Nebel. Auch iſt der Herr von Steenbeck ſich ſeines Werthes zu wohl bewußt, als daß er vor ſolcher⸗ lei Nebenbuhlern beben könnte. Und Ditha ſelbſt weiß, was und wie ich bin; ſie kennt den Gram, den ich trage um ſie, die Opfer, die ich bringe und vergißt das nimmer, auch wenn ich fern bin.— All der Gram, all das Leid könnte ein Ende haben, wenn Ihr Ernſt machtet, und Eurer Liebe Falkenflügel anlegtet, entgegnete Frau Gertrudis. Brecht das Band ſchnell, das doch einmal gebrochen ſein muß, wollt Ihr nicht Spott und Unglück und böſen Leumund über die Geliebte bringen. Aber Ihr ſeid dennoch mit allen 122 Männern nach einer Form gegoſſen, wenn Ihr auch von Allen einer der wohlgerathenſten ſein möget. Ihr ſchwankt in Eitelkeit und Begier wie ein Herkules am Scheidewege; Ihr fürchtet den Herrn Ohm und möchtet ſein Erbe nicht miſſen. Die Herrn der Schöpfung maßen ſich ja höhere Weisheit an und herrſchen darum über uns arme Eventöchter. So ſinnet nun ohne Säu⸗ men aus, was zum Ziele führen mag ohne Verluſt der Glücksgüter oder der Gnade Eures conſulariſchen Ty⸗ rannen.— Vernachläſſige ich denn noch nicht genug die gehaßte Verlobte, um ſie zum Bruch zu bewegen? fragte Herr Helmold empfindlich.— Sie wird nicht brechen; die liſtige Mutter wird den fetten Fiſch nicht aus dem Netze laſſen, denn ſie ver⸗ ſtand von früh auf das Fiſcherhandwerk, höhnte die Alte.— Wohl denn, Ditha, fuhr der gedrängte Mann mit düſterm Grimme empor vom Platz neben der Jungfrau, den er zärtlich beſetzt, ſo ſei Ehre und Erbſchaft hinge⸗ worfen, die beide mit Geduld und Gottvertrauen zu erhalten geweſen. Noch in dieſer Nacht ſattle ich Hengſt, Zelter und Saumroß. Fort mit Dir ziehe ich aus Stadt und Land, ſei es zu Heiden oder Mongolen. Von dem Schwert will ich leben wie mein Ahnherr, und mein theures Weib ernähren durch das Schwert, damit die ſtrenge Frau da an die Wahrhaftigkeit meiner Liebe glauben lernt.— Fort in die Fremde? ſtammelte die Jungfrau er⸗ ſchrocken. Durch Wetter und Nacht zu wildfremden Menſchen? Nein, Helmold, das iſt Euer Ernſt nicht, das werdet Ihr von dem ſittigen, furchtſamen Mädchen nicht verlangen.— 123 Wo Dein Geſpons neben Dir iſt, da wird von Dir keine Zucht verletzt, antwortete der Aufgeregte. Mir haſt Du Liebe geſchenkt, mir Treue gelobt. Mein Wille muß Dein Geſetz ſein. Und mich grauet dieſe Stadt an; ſchon ſeit mehren Wochen iſt mir, als wären all die weißen Häuſer mit Trauerlaken behangen, und das wimmernde Todtenglöckchen tönt Tags und Nachts vor meinen Ohren, und eine Stimme flüſtert ewig dazwiſchen: Fort! Fort! Rette Dich und Deine Liebe.— Ihr ſeid gar vollblütig, Steenbeck, unterbrach die Mutter die für ihre Pläne zu heiß gewordene Unterhal⸗ tung. Geht morgen zum Bader, und kommt dann zu weiſerer Berathung in der Dämmerung zu uns. Auch ich muß Eure Wallung für Scherz halten; denn wie könnt Ihr das Lieblingskind reißen wollen von der Mutterbruſt! Wie könntet Ihr wähnen, die Mutter würde ſtill darein ſchauen? Von dem jungen Baume, den man jahrelang zärtlich gepflegt, will man auch Blüte und Frucht ſchauen.— Helmold wollte bitter antworten, doch ein ſich nä⸗ hernder Haufe junger Edelinge ſtörte ihn, und die Gefährten verlaſſend, trat Junker Herrman von Daſſel und der Ritter Foulques de Trezy in die Laube. Der Erſtere, ein ſchlanker Jüngling, trotzigen Soldatenſtolz auf dem braungefärbten Geſicht, das eine Schmarre aus den Fehden des Naſſauers nicht entſtellte, ſah verwundert und eben nicht erfreut auf die Geſellſchaft. Hier im Verſteck findet man Euch, Mutter und Schweſter? fragte er ſcharf. Wunderſam! Und wunderſamer noch Eure Begleitung, ein Bräutigam, deſſen engelſchönes Bräutlein verlaſſen im Moſthauſe ſitzt und das Köpfchen hängt. Macht das ſchnell gut, Herr Senator; denn 124 bei des Kaiſers Zwickelbarte, ich nehme ſonſt Euren Platz ein, und ſo wahr ich den Degen gewandt führe wie Ihr die Feder, Eure ganze ſieife blutſcheue Bürger⸗ militz, deren frommer Commandant, wie ich höre, Ihr zu ſein die Ehre habt, ſollte mich dann nicht von dem beneidenswerthen Platze vertreiben.— Wer weiß, Junker, antwortete Steenbeck mit ſtolzer Niene, ob man es der Mühe werth hielte, mit ſolchen gewichtigen Anſtalten Euch zu beläſtigen. Derlei Platz muß ſich ſelbſt vertheidigen wie eine gute Feſtung, ſonſt gilt er dem Beſitzer nichts. Uebrigens verſichere ich Euch, der Degen des Bürgerhauptmanns iſt nicht roſtig, und leichtlich flinker aus der Scheide wie das blutbegoſſene Schwert des Wegelagerers und Stegreifritters.— Höflich miſchte ſich der Templer in den erwachenden Streit. Der Stadtknecht Grob ſucht Euch ſchon lang, verehrter Gönnersmann, ſagte er zu dem Rathsherrn. Es muß Eil haben, darum ſäumt nicht, Euch zu zeigen.— Die rothe Wange des Herrn Steenbeck erblich ein wenig, denn ſchuldbewußt fürchtete er den Conſul. Einen glühenden, innigen Blick warf er noch auf das Mädchen, dann verließ er die Laube. Bringſt Du den alten Hitzkopf wieder mit? murrte Frau Gertrudis unwillig. Und auch die ſinnloſe Liebe zu der Feindin Deiner Mutter und Deines Hauſes iſt nicht abgekühlt in der Kriegesluft, und Du ſchämſt Dich nicht, Deinen Schimpf ſelbſt in der Leute Mäuler zu bringen durch Deine noch ſinnloſere Eiferſucht?— Finſter ſah der Sohn auf den Boden. Die Frau von Winthem hat mich abgewieſen, ſprach er feindlichen Tones und wie halb in ſeine finſtere Seele hinein, aber die ſchöne Domicilla nicht, wahrlich nicht; und wäre Euer Fluch nicht dazwiſchen getreten, hätte ſich wohl Alles noch gut geſtaltet. Ein Männerherz liebt nicht wie Weiber lieben, die heute das Veilchen, morgen die Roſe an ihren wankelmüthigen Buſen pflanzen. Erz iſt die Männerbruſt; was in ſie gegraben, ſteht in Erz da bis zum Weltgericht. Bis Ihr mir das Todtenhemde an⸗ thut, werde ich Domicillen lieben! Aber ſorget nicht, daß ich ein ungehorſamer Sohn ſein könnte; baldigſt vergrabe ich ſelbſt dieſes Herz unter eine Decke, die keine Liebe herein und hinaus läßt. Doch der eitele Geck ärgert mich, der ſeines Glücks nicht würdig iſt und es hochmüthig annimmt wie eine Gabe, die dem Raths⸗ verwandten gleich einem Tribute gebührt. Er ſoll ſie lieben, ehren, achten, wie ſie es verdient, oder ich werde als ſchwarzer Geiſt auf ſeine Ferſen treten. Er ſchar⸗ wenzelt, wie ich vernahm, um die Schweſter; leidet das nicht, Mutter, oder der Sohn möchte des Vaters Schwert vom Nagel nehmen, und einem Würgengel gleich an des Hauſes Pforte Wache thun. Mutter, mich dünkt, Ihr denkt nur an Euch und Eure Rach⸗ ſucht; Mutter, vergeßt nicht, daß ſie Euch beide Kinder koſten konnte.— Auch hier trat der gewandte Franzmann ins Mittel; er bat, den ſchönen Feſttag nicht zu verderben durch eiteln Wortkampf, erzählte von dem Gedränge um den Schieß⸗ platz, von den Scherzen vor den Spielbuden und der bunten Geſellſchaft des Tanzſaals im Moſthauſe, und lud das Fräulein ein, in ſeinem Geleite Theil zu nehmen an den Freuden des Tages und das Licht ihrer Schön⸗ heit nicht ferner im Dunkel zu verſtecken. Das geſchmei⸗ chelte Mädchen hörte ſichtlich gern die Einladung, und 126 Mutter und Bruder folgten langſam im ernſteſten Ge⸗ ſpräch, durch das die Frau Gertrudis den Sohn zu beſchwichtigen und für ihre Entwürfe mit Frauenliſt zu gewinnen trachtete. 3. Die Botſchaft vom ſuchenden Stadtknecht war keine Erfindung des Templers geweſen. Der Herr von Steen⸗ beck traf den Mann und vernahm von ihm des Ohms Befehl, ſich ſofort in den alten Ritterſaal des Schloſſes zu begeben, wo der Conſul eine geheime Verſammlung ſeiner Vertrauten veranſtaltet hatte, indem gerade dieſer Ort ihm der ſicherſte dafür geſchienen, wenn er auch zum fürſtlichen Territorio gehörte. Niemand argwöhnte hier die Feinde des herzoglichen Hauſes; der Caſtellan und Stadtvogt, Kono von Homeringen, ein ſiebenzig⸗ jähriger Greis, lag ſchwer krank und war ein Freund und Intimus des Herrn von Goddenſtadt. Verdacht wie Gefahr gab es an dieſem Orte nicht, denn ſelbſt die invalide Mannſchaft taumelte ſich außer der Veſte zwi⸗ ſchen den Bürgern herum, und die Wächter auf dem Walle lehnten auf ihren Hellebarden und ſchauten neu⸗ gierig in das Getümmel des Baumgartens hinab, und überdies waren ſolche Verſammlungen nichts Ungewöhn⸗ liches, da alle Landgerichtsſachen, in denen der Gograf oder Präfekt Kono den Vorſitz führte, an der Burg und bei ſchlechtem Wetter in der Burg gehalten wurden. Als Helmold durch die öden Schloßgänge eilte, die ſchon vom abendlichen Halbdunkel beſchleiert lagen, hörte er ſchon ſern das Gemurmel im Ritterſaale, aber eine vunkle Geſtalt ſchwebte vor ihm hin, er rief ſie an, einen der Patrizier oder Vertraueten des Raths in ihr i 127 wähnend, doch ſie ſchwebte der Pforte des Saales vor⸗ bei, ſchien am Ende des Ganges höher und höher zu wachſen bis in's Ungeheuere, und verſchwand dann in der Thür zur Sanct⸗Gallen⸗Kapelle, die er ihr nach⸗ tretend, doch feſt verſchloſſen fand. Der Conſul ſaß bereits an der alterthümlichen ſchwer⸗ vergoldeten Rittertafel zu oberſt, und auf den rothbe⸗ volſterten Bänken hatten einige dreißig der anſehnlichſten Bürger Sitz genommen, unter ihnen der Magiſter Ei⸗ vium Heinrich von Bredeleghe, und die Rathsmänner Konrad vom Empne, Johannes Rodemann, Daniel Bronecke und Diedrich Kluchling; ingleichen der reiche Vorſtand der Kaufmannsinnung und Wandſchneider Jo⸗ hannes de Delghen, der weitberühmte Braumeiſter Til⸗ larppe und Albert Schathorſt, der erſte Waffenſchmied der ſächſiſchen Gauen, deſſen feine Panzerhemden von Kaiſern und Königen des Auslandes getragen wurden. Verwundert über die eigene Zuſammenſtellung dieſer Männer, von denen kaum ein Viertheil zur gewohnten Sitzung dieſes Ranges gehörten, nahm Herr von Steen⸗ beck ſeinen Platz und wartete geſpannt auf des Präſi⸗ denten Vortrag, beunruhigt durch die ſorgſame Ver⸗ ſchließung der Saalthüren, die genaue Zählung der Anweſenden, welche der Conſul ſelbſt beſorgte, ehe denn er ſprach, wie beſonders durch den Eid, den Jeder nach⸗ ſprechen mußte, vor Jedermänniglich das heute Beſpro⸗ chene geheim zu halten.— Aber im Innerſten bewegt ward der ſchon im Gemüth ſo gedrückte junge Ehrenmann durch das, was er von dem Senior ſeiner Familie hören mußte. o Herr Volkmar von Goddenſtadt begann ſeinen wohl⸗ ausgearbeiteten Sermon durch eine breite Schilderung — 128 des traurigen Zuſtandes der Stadt Hannover im Ver⸗ gleich der Schweſterſtädte des gemeinſamen Vaterlandes. Er rühmte die Zeit, wie Herzog Heinrich der Löwe die Stadt zu Ehren gebracht, befeſtiget und ihr Privilegien ertheilt. Er berührte mit Ingrimm, wie die Nachfolger des großen Herzogs Hannover vernachläſſigt, niederge⸗ drückt und nicht einmal geſchützt gegen die Befehdungen und Eingriffe der nächſthauſenden Rittersleute; wie man in der Theilung des Landes nach Otto des Knaben Tode ungefragt die Stadt losgeriſſen vom Hauptſtamme des Fürſtenhauſes, von dem großen Albrecht, und ſie ſchwachen Prinzen zugetheilt, die ſich ſelbſt kaum zu ſchützen vermöchten. Die Zeit iſt gekommen, ihr wackern Mitbürger, ſprach er mit Feuer und erhobener Stimme, wo wir mit Kraft und Muth gut machen können, was das Schickſal und die Lammsgeduld unſerer Altvordern verdarb. Unſer eingebildeter Herr kümmert ſich nicht um ſein Land und weilet fern in Schlemmerei und Hof⸗ dienſt. Haben ſich die großen Städte Hammenborch und Lübeck nicht frei gemacht vom Drucke des däniſchen Woldemars? Hat ſich Brunsvic nicht Eigenrecht und Privilegien erworben durch langen Kampf und Wider⸗ ſtand? Warum ſollte nicht unſere geliebte Vaterſtadt ſo gut wie jene Schweſterſtädte ein reicher Stapelplatz wer⸗ den können für die Schätze der Venetianer und Genneſer, der Holländer und Franzoſen?— Es gilt nur einen muthigen Entſchluß, und dieſen ſehe ich leuchten aus allen Augen der hier Verſammelten. Fertig ſind in wenigen Wochen die Mauern und neuen Warten Han⸗ novers zu Trutz und Schutz. Heimlich geworben ſind Fußvolk und Reiter genugſam zur Vertheidigung, wohl⸗ geübt in jeder Waffe iſt der junge Kern der Bürgerſchaft. 5— Darlehn an klingender Münze bietet uns der reiche Orden des Tempels für geringe Einräumungen. Die Brandenburger, die drei Städte der Hanſe ſtehen zur Hülfe bereit mit Mann und Roß, und die alten Ver⸗ träge mit Hammenborch, Bremen, Hildenſen und Celle ſind neu beſtätigt und verbrieft worden. Kein Zeitpunkt könnte günſtiger ſein zu gewichtiger Mannesthat, zum Gewinnen der Freiheit für ewig. Wer ſolchen Moment vorüber gehen ließe, verlöſchte ſelber ſeinen Namen auf der Geſchichtstafel; wer ſich ſelber ſchirmen kann und verſäumt es im trägen Stumpfſinne, bewirft ſich ſelbſt mit unauslöſchlichem Schimpf bei Mitwelt und Nach⸗ kommen. Darum auf, meine wackern Mitbürger, ſchlagt die Hände zuſammen zum Freiheitsbunde für Stadt und Kind und Kindeskind; werbet unter Euern Nachbarn die Bündner und feuert ſie an zu gleichem Eifer. Wenn unſere Mauern erſtanden ſind, ſei dieſes Schloß der erſte Triumphplatz unſerer Thaten; leicht iſt es ge⸗ wonnen, denn der Wächter ſind wenige, der Caſtellan iſt altersſchwach. Der Zwingherr verſchwinde, die Zwing⸗ burg werde geſchmückt mit dem grünen Kleeblattsſchilde, eine Schutzburg für die liebe Stadt und ein Bürge ewiger Freiheit für die Söhne Hannovers!— Ein lauter Beifallsruf ſcholl dem erhitzten Redner zu. Alle ſprachen durch einander lange Zeit, Jeder von den künftigen Vortheilen ſeines Standes, und zuletzt, getrieben vom Vorſitzer, ſchlugen alle derb die Hände in einander, doch die Kette war nicht geſchloſſen, denn ein Glied blieb getrennt von ihr, Helmold von Steen⸗ beck ſtand mit geſenktem Haupte und niederhangenden Armen allein am Ende der Tafel. Was ſoll's? fuhr da zornig der Conſul empor. Blumenhagen II. 9 130 Träumt der Neffe, oder will der junge Fant, den ich nur zum Rathe rief, weil ich ihn ehre als Sohn, die Väter der Stadt meiſtern? Bei meinem Zorne, das könnte mein eigenes Schwert gegen ihn wenden! Beſcheiden hob der Angerufene das blaſſe Geſicht und ſah wehmüthig faſt den Oheim an. Rechnet es der Jugend zu, ſagte er mit bebender Stimme, verehrter Ohm, wenn ſie zaget vor dem furchtbaren Bilde, das Ihr ſo kühnlich dieſen achtbaren Männern vorgehalten. Ihr wollt, ein zweiter Simſon, umſtürzen den alten Tempelbau, ohne Furcht, daß er Euch mit erſchlüge. Ihr wollt uralte Verträge, wollt die bemooſete Geſetz⸗ tafel zertrümmern und mit Füßen treten. Thut nicht ſolch raſche That, ich beſchwöre Euch! Ich ſehe Brand und Mord ſchreiten durch die friedlichen Gaſſen; ich ſehe gewürgt daliegen Mütter und Säuglinge; ich ſehe das wankelmüthige Volk, zuerſt erregt durch den Reiz der gelöſeten Ketten, abfallen von Euch in Furcht und Schrecken; ich ſehe Euch verflucht und beſchimpft von dem Undank und der Gewalt. Krieg zwiſchen Bürger und Fürſt iſt Krieg der Söhne mit dem Vater, iſt ge⸗ ſtempelt mit dem Siegel des höchſten Verbrechens, iſt gleich der Gottesläſterung und Kirchenſchändung. Be⸗ feſtigt Eure Stadt, bewehrt Euch zum Schutz Eurer Gerechtſame; dürfet Ihr auch das freilich nicht ohne den Willen des Herrn, ich ſtimme dazu, denn ſchwere Zeit heiſcht ſchwere Hülfe. Aber alsdann beſchickt den Her⸗ zog, bittet ihn um die alte Gunſt, heiſcht von ihm, was Euch mangelt; er ſoll mild ſein und gerecht; den Empörern wird ſein Schwert dräuen, die Bitte der Kinder wird er gütig hören und gerecht bewilligen.— Mit Heftigkeit ſprang der Conſul vom Seſſel auf, 131 ſein Ingrimm ſuchte nach Worten, er eilte einer Seiten⸗ thür zu, riß ſie auf und führte aus dem Kloſett einen bleichen Mann herein, der dort verſteckt geſtanden und in einen zerriſſenen Mantel gehüllt und ſeltſam geputzt erſchien mit einem großen Hute, deſſen Rand mit Pfen⸗ nigen benähet war, das Aufruhrszeichen der Städter als Spott auf die Goldborten an den Hüten der Edlen.— Kennt Ihr dieſen Aechter? fragte Herr Volkmar die Staunenden. Es iſt der braunſchweigiſche Worthalter Hans Drake, ein redender lebendiger Zeuge der väter⸗ lichen Milde dieſes herzoglichen Geſchlechts. Sage es doch, Du alter, unglücklicher Freund, wie es Deinen Landsleuten erging, als ſie Recht ſuchten vor dem Throne. Erzähle ihm doch von den zehn Gildemeiſtern, die der väterliche Fürſt an das ſchändliche Holz hing und den Raben auftiſchte, weil ſie für die Freiheit des Volkes geſprochen. Erzähle ihm doch von dem neunzigjährigen Dietrich von Alefeld, dem man aus beſonderer Milde das ſchneeweiße Haupt abſchlug, weil ſeine ehrwürdigen Gebeine zu ſchwach waren, die Henkersleiter zu er⸗ ſteigen.— Ihr Schickſal ſollte Euch zagen machen! fiel entſetzt der junge Rathsherr ein.— Zagen? rief bitter der geächtete Worthalter. Aus ihrem Blute wächſet die Palme. Bin ich auch dankbar für Eure Gaſtlichkeit, ſo weiß ich doch, ich werde nicht lang Euch belaſten dürfen, denn ſchon iſt, wie hier, auch in meiner Stadt die Grube gegraben für die grau⸗ ſamen Löwen, und Hirt und Hund ſind bereit, das Lamm zu retten aus ihren Rachen und fürderhin die Heerde zu ſichern vor ihrer gierigen Liebe. In wenigen Wochen ruft mich die Stimme des Triumphs zurück auf ₰ 132 unſere Wälle, aber nicht mit Worten wird der Drake dann fechten gegen den dräuenden Feind, als ein ge⸗ panzerter Drache wird er ſtehen gegenüber dem blut⸗ dürſtigen Leuen und jede Kralle wird ihm zum Schwerte wachſen. In den Leibern ihrer Leibeigenen mögen ſie wüthen! wir ſind freigeborene Bürger; edel wie ſie, ſtärker wie ſie, iſt Eintracht unſer Feldgeſchrei. Knaben zagen, Weiber zaudern. Deutſche Männer rufen:„Nie⸗ der mit dem Zwingherrn! Blut und Leben für Stadt und Bürgerfreiheit!“— Die meiſten der Verſammelten ſchrien tobend nach, da geſchah ein gewaltiger Schlag, als wenn die Decken geborſten, das ungeheure herzogliche Wappenſchild ſtürzte hoch herab, und das in zwei Hälften zerbrochene Eiſen⸗ blech erklang ſchrillernd auf dem Gypsboden und ſprang bis dicht zu der Tafel; zugleich tönte fern ein dumpfes, ſchauerliches langgezogenes: Wehe! hoch von der Decke her und verlor ſich, einer Geiſterſtimme gleich, immer weiter wie in entfernte Schloßräume.— Zuerſt ſchuf der tödtliche Schreck Verſteinerung und Grabesſtille, dann wurden die Leichengeſichter wie krampf⸗ haft verzerrt, die Füße bewegten ſich ſcheu wie zur Flucht, und mit Flüſterworten ſprachen die Meiſten ſich zu, um des Nachbars antwortende Stimme Muth zu dem erſten Fluchtſchritte zu bekommen.— Es war der Burggeiſt, der alte Graf von Ripen, der hier im Saal erwürgt worden! ſtammelte mit ſchweißbedeckter Stirn der Kaufherr Delghen und faßte wider Gewohnheit brü⸗ derlich des Waffenſchmieds harte Hand.— Uebele, böſe, bedenkliche Omina! ſprach leiſe der Feuerdirector Kluchting.— Verrätherei! rief lauter der derbe Schathorſt. Hor⸗ 133 chende Aufpaſſer! Man muß die Burg durchſuchen und ſie ohne Säumniß packen und unſchädlich machen.— Jede dieſer drei Anſichten war hinreichend, die Herzen klopfen zu machen, zuſammen erſchütterten ſie die guten Bürgersleute dermaßen, daß mehre von ihnen kraft⸗ arm und der Ohnmacht nahe auf die Bänke ſanken und ſogar ein Pärchen der ſtattlichen Herrn unter den be⸗ hangenen Tiſch verſchwanden. Der alte Conſul jedoch ſchritt mit ſtarkem Fuße und furchtloſer Geberde an den Zagenden vorüber gerade auf die Thronwand zu und beſtieg die Tribune. Die getäfelte alte Wand iſt gebor⸗ ſten; das war das ganze Geſpenſt, vor dem ergrauete Stadtmänner zittern! ſagte er ſpöttiſch. Verrath iſt unmöglich; nur die Gallen⸗Kapelle ſtößt hier an den Saal, und die iſt verſchloſſen, ich unterſuchte ſelbſt ihre Pforte.— Die zerbrochenen Schildſtücke aufhebend und hoch gegen die Verſammlung haltend, ſetzte er dann mit glühender Begeiſterung hinzu: aber das Omen wollen wir annehmen, denn es ſpricht ein guter Geiſt daraus zu uns. Geſpalten der Braunſchweiger Schild, zerriſſen ihr Wappen! Eine geheime Macht hat uns vorgethan, was wir nachthun ſollen. So geht denn, meine Freunde, und bereitet vor, was wir beſchloſſen, und ſeid gewapp⸗ net, wenn die Stunde kommt. Zeiget ein heiteres, ruhi⸗ ges Geſicht über dem bewegten Herzen, und werbt und bearbeitet die Nachbarn und Zunftgenoſſen für unſere Pläne. Ihr, Herr vom Empne, führt Euren Gaſt, den verfolgten Worthalter vorſichtig zurück in Euer Haus; paarweiſe und ohne Aufſehen werden, wir andern das Schloß verlaſſen; aber unſere Herzen bleiben beiſammen und unſer Erkennungswort bleibt:„Mit Gott, Einer für Alle und Alle für Einen!“— 134 Man gab ſich deutſcher Sitte nach die Hände, Manche thaten es mit beſonderer Eilfertigkeit, welche verrieth, daß der Befehl zum Abmarſch aus dem verrufenen Ge⸗ bäude vor gänzlich eingetretener Dunkelheit ihnen beſon⸗ ders angenehm erklungen. Als die Letzten blieben der Conſul und ſein Neffe, und dieſer fühlte im Gehen mit Schreck den quetſchenden Griff der breiten Hand des Ohms an ſeiner Schulter. Läßt Er ſich meinen nächſten Verwandten ſchelten, ſetzte dieſer heftig der Handgreif⸗ lichkeit hinzu, bankettirt Er auf mein Erbtheil los, will mein Nachfolger werden im Reichthume und Amte, Er junger Gelbſchnabel, und wagt durch meine Anſchläge zu ſchlagen und die wohlbearbeiteten Lockhämmel der löblichen Bürgerſchaft von meinem Wege abzulenken? Wäre ich nicht vernarrt in Seine Perſon und hielte das Gedächtniß der treuen Schweſter ſo hoch, ich würfe Ihn in die Raths⸗Hechte oder gar in die Büttelei bei Waſſer und Brod, damit Er Reſpekt bekäme vor Seinem Wohl⸗ thäter und das grauſe Loch ihm Klugheit predigte. Jetzt viſitire Er mit mir nochmals die Kapellenthür, und dann ſcheere Er ſich zu Seiner Braut; taugt er doch zu nichts, als einer klugen Hausfrau Pantoffelknecht zu werden.— Tief verletzt im innerſten Gemüth, kämpfte Helmold dennoch den Groll hinunter, folgte dem Ohm zur Ka⸗ pelle, und, da dort nichts Verdächtiges ſich vorfand, durch die finſtern Gänge zu dem Zimmer des Stadt⸗ vogts, zu einem Beſuche, der die gehaltene Geheim⸗ ſitzung maskiren ſollte. Der greiſe Gograf lag auf dem Schragen, und neben dem Bette ſaß der Capellanus Eckhardt, ein dürrer Prieſter von kleiner Geſtalt mit dunkeln, ſcharfblitzenden 135 Augen und war, wie es ſchien, mit Schreiberei be⸗ ſchäftiget. Iſt es Ernſt, alter Degenknauf, fragte traulich ſcher⸗ zend der Conſul. Willſt Du ſatteln laſſen, und haſt wohl gar den heiligen Mann herbeſchieden, Deinen letzten Willen zu vernehmen 2— Nein, mein gar lieber Freund, erwiderte der greiſe Burgmann und reichte die dürre Hand hin; noch ſchmeckt der Malvaſier, der Kopf iſt freiß aber die Glieder ſind rebelliſch und danken ab, darum will ich mir den Sohn, der bei dem gnädigen Herzog in Dienſten ſteht, anhero berufen, daß er die Aufſicht über die läſſigen Wappner führe an meiner Statt, und der gütige Capellan leiht mir die Feder zu dieſem Herrufe.— Der Conſul warf einen argwöhniſchen Blick nach dem Prieſter und fragte dann ſchnell: Wie iſts mit dem Schloß⸗ geiſte, Gevattersmann? Iſt die Mähre wahr, daß er wieder umgeht und tobt, ſobald es dunkelt?— Die Wächter ſind Haſen, und wollen nicht mehr Runde gehen im nördlichen Flügel, lächelte der kranke Greis; zöge die ſcharfe Luft nur nicht ſo arg durch die mürben Mauern und zerriſſenen Thüren, ich ſtände ſelbſt dort eine Nacht Schildwacht, denn mir iſt nie der Spuk ſchreckend begegnet.— Ihr ſeid ein frommer Mann, Herr Kono, ſprach der Capellan mit eintöniger Stimme, indem er vom Perga⸗ ment die Augen halb erhob und unter der buſchigen Braune blitzen ließ; ſolch ein Poltergeiſt ſcheuet das chriſtliche Herz, und hat keine Gewalt über die Redli⸗ chen; die Unchriſtlichen und Heimtückiſchen aber ängſtiget und züchtigt ſolches Höllengeſpenſt mit Luſt, denn ſie ſind Seinesgleichen, und gleich ihm der Hölle verfallen.— — eere— xxce 1 136 Der Conſul drehete dem Bußprediger den Rücken zu und unterhielt ſich leiſer mit dem Caſtellan über ſeinen Zuſtand und die neueſten Stadtbegebenheiten. Traulich nickte indeß der Capellan von Sanct Gallen dem jungen, traurigen Rathsherrn zu und fragte nach ſeiner baldi⸗ gen Hochzeit, und erwähnte ſchmeichelnd, wie er gehofft, den Eheſegen auf ihn und ſein Geſpons herabzubeten, wie jedoch jetzt ſicher der neuinſtallirte Prediger zu Sanct Georg dieſe Ehre davon tragen werde.— Seid Ihr neidiſch, Capellan, daß man Euch nicht erwählt zu der erſten Kanzel unſerer Stadt? fuhr da der Conſul herum mit einem Hohngeſicht. Euch ſetzte der Herzog ein und ſein Säckel zahlt Euch. Der Fürſt liebt Schmeichler und Glattzüngler auch im Prieſter⸗ kleide; die Bürgerſchaft will ernſte, ſcharfe Wahrheits⸗ prediger, die Niemanden fürchten als den, der den Geiſt tödten kann mit dem Leibe zugleich.— Der Capellan verzog keine Miene ſeines Antlitzes. Die Feder zuſpitzend und dicht zur Ampel haltend, ſagte er gleichgültig: Jedem das Recht, das ihm von Gott gegeben. Unſer Reich iſt nicht von dieſer Welt, und in Dom oder Kapelle iſt der Altar ein gleiches Heiligthum!— Stehet dem Euren pflichtſchuldigſt vor, und betet Eures Herrn Schuld hinweg, denn je höher der Platz, je verführeriſcher die Sünde! entgegnete Herr von God⸗ denſtadt, indem er das Zimmer verließ. Amen! ſprach der Prieſter ihm nach, aber als der junge Rathsherr höflicher Abſchied nahm, fühlte er ſeine Hand von der des Capellans beſonders warm und feſt gedrückt und ein Blick aus den Feueraugen deſſelben glühte ihn an, deſſen Blitz in ſeine Seele fuhr und ihn unruhig machte. Zwei gar verſchiedene Verwandte, ſagte Magiſter 137 Eckhardt, als ſie fort waren. Der eine aufgeblaſen, ſich brüſtend nach Pfauenart, hart und unhöflich; der andere ſanft und weich, redlich und gerecht.— Auch der Alte iſt brav, fiel vorwurfsvoll Herr Kono ihm ins Wort; iſt mein Jugendgenoß und ich mag ihn nicht geſcholten wiſſen. Sein Amt iſt ſchwer; er führt es lange mit Kraft, und was er ſich vielleicht davon angewöhnt, gehört nothwendig zu dem Verkehr mit Wi⸗ derſpenſtigen, mit Rechthabern und ſchlechtem Geſindel. — Aber Ihr ſchreibt heute recht ſäumig und könntet die paar Zeilen an den Sohn längſt zu Ende gebracht haben.— Ich ſchnörkele die Buchſtaben wie ſichs gebührt, ent⸗ gegnete der Prieſter lächelnd und wie im Scherz; könnte mein Schreibſel doch gar wohl durch Euren Chriſtopho⸗ rus vor des gnädigen Herzogs Augen gerathen, und ſo muß es dem Fertiger Ehre machen. Soll ich ſiegeln?— Legt das Wachs darauf, und ſendet noch vor Nacht den Reiter fort damit, ſagte treuherzig der Kranke; er hat einen weiten Wig, muß den reiſenden Herrn vielleicht ſuchen von Stadt zu Stadt, und mich quält ſeit Mittags ein beſonderes Bangen und eine Art von Todesahnung, die mich nicht verlaſſen möchte, bis ich den Chriſtoph neben meinem Bett ſehe, damit er den Dienſt, den der Gnädige mir vertrauet, vollauf erfüllen könnte, wie es die Vor⸗ ſchrift fordert.— Der Capellanus nickte ſtill, doch bedeutſam mit dem Kopfe, nahm Wachs und Siegelring zur Hand, aber der ſtumpfaugige Gograf ſah nicht, daß er zwei Schrei⸗ ben, die er gleichzeitig vollendet hatte, zuſammen falzte, beide in einander ſchob, und mit Vorſicht durch ein großes Siegel verſchloß. 138 4. Mit ſehr gedrücktem Gemüthe und einer argen See⸗ lenverfinſterung verließ Helmold von Steenbeck die alte Burg und trat in das Freie hinaus, wo ſich ihm gar widerwärtig der wüſte Lärm entgegen warf, der in viel⸗ fachen Modulationen aus jedem Winkel des Luſtplatzes erklang, und ſich hier auf der Höhe des Schloßthors in ein unangenehmes Hummelgeſums zuſammen ſchmolz. Selbſt der Lampenglanz, welcher aus den Gebüſchen des Roſengartens, aus den Buden des Spielplatzes herauf⸗ ſtrahlte, war ihm unangenehm; tiefe Nacht und Sturm drüber wäre ihm recht geweſen, und der klare Himmel, an welchem ſchon hie und da die blanken Sternlein ſichtbar wurden, ſchien ihm Spott der Natur über ſeine Armſeligkeit. Er fühlte ſich als ein kräftiger Mann; dem dreißigſten Geburtstag nahe, früh durch ernſte Le⸗ benslage aus dem Jünglingsleichtſinn zu Mäßigkeit und geſetztem Wandel geführt, glaubte er Anſpruch zu haben auf Selbſtſtändigkeit und Achtung ſeiner Mitbürger, und vor den Beſten derſelben war er heute vom herriſchen Ohm geſcholten wie ein Knabe, ſpäter behandelt wie ein Sklav. Freilich hatte der Conſul ihn als Waiſe in ein gemächlich Daſein verſetzt, hatte ihn als Sohn gehal⸗ ten, hatte vertrauend auf ſeinen frühgereiften Geiſt, auf ſeinen geſetzten, durch Entbehrungen ernſt gewordenen Charakter ihn Theil nehmen laſſen an den geheimſten Verhandlungen der Familie, Kaſſa und Truhe hatte ihm jederzeit offen geſtanden, er hatte ihn zum Director ſei⸗ nes weiten Kornhandels gemacht, durch den die ſchweren Aehren des Leinegaues auf großen Kähnen hinabgeſchafft wurden bis zu den Küſten der Nordſee und von da nach überſeeiſchen Ländern. Aber hatte er nicht dieſes Ver⸗ 139 trauen voll erfüllt? Hatte er nicht mit Umſicht und ſtrenger Arbeit die Vorliebe des reichen und bequemen Verwandten bezahlt mit hohem Zins?— Doch mehr als die verletzte Ehrliebe quälte überdies heute beſonders eine andere Leidenſchaft ſein Herz. Schon als Kind, und ehe ſie durch die heilige Firmelung den Uebertritt in den Kreis der Jungfrauen gethan, hatte er die liebliche Juditha von Daſſel mit Wohlgefallen betrachtet und gern mit der Kleinen gekoſet, die mit der Natürlichkeit und dem unbefangenen Sinn des Kindes ſeine kleinen Geſchenke, Spielkram und Näſchereien an ihrer Pforte empfing, und ohne Weigerung das ver⸗ langte Küßchen dafür austauſchte. Eine lange Reiſe in des Ohms Geſchäften unterbrach dieſe argloſe Spielerei, und als er heimkam, überhäufte ihn der Conſul mit Wohlwollen, verſchaffte ihm die Stelle des Rathsver⸗ wandten, führte ihn in das Haus der hochblühenden Domicilla von Winthem, und bald darauf hörte er bei einem glänzenden Gaſtmahle im Trinkſpruche des Ohms ſich und die edelſte der hannoverſchen Fräulein als Bräu⸗ tigam und Braut der Geſellſchaft verkünden. Helmold war einer von jenen Menſchen, die durch die untergeordnete Stellung, in welche ſie früh das Schickſal warf, den Muth verlieren, einen eigenen Wil⸗ len zu haben, die, wenn auch immer gepeinigt durch das Bewußtſein eigener Kraft, wenn auch im Beſitz des Gefühls für Recht und Wahrheit, für Großthat und Selbſt⸗ erhebung, dennoch verdammt ſind, Werkzeuge und Maſchi⸗ nen in den Händen Anderer zu bleiben, weil die gewohnte Zaghaftigkeit ſie ewig den rechten, unwiederbringlichen Augenblick zu Losreißung und zum Selbſthandeln ver⸗ ſäumen läßt, weil ſie ſchwanken und wählen, bis es S „ —— *—— te tee 140 keine Wahl mehr gibt für ſie. Helmold hatte ſich Alles gefallen laſſen, ſeine Eitelkeit wurde ſogar geſchmeichelt durch des Ohms Fürſorge. Da ließ ihn das ſchwarze Schickſal Judithen wieder erblicken, und ſeine Ruhe ging zu Grabe für immer. Das Kind, welches einſt ſeine Freundſchaft gewann, war wie durch Zauber die rei⸗ zendſte Jungfrau geworden, und die räthſelhafte Zunei⸗ gung, welche er für die Kleine gefühlt, that ſich ihm ſelbſt jetzt als brennendſte, begierigſte Liebe kund, da er die üppige Fülle des Mägdleins vor ſich ſah, die aus den grünen Knospenblättern vollfarbig ſich drängende Roſe, das feurig blinkende, verheißende Auge, den zart⸗ aufgeſchloſſenen reinen Mund, der höhern Genuß ver⸗ ſprach, als jene kalten, flüchtigen Kindesküſſe, die er ehedem der Duldſamen geraubt. Wie ſtürmte es aber in ſeiner Bruſt, als er unverhofft dieſelbe Traulichkeit, dieſelbe Unbefangenheit bei der Jungfrau fand, welche ihm das Kind ſo lieb gemacht. Ohne eigentliche Wer⸗ bung ſah er Judithen ſein, wie ſie es vorhin geweſen; ſie weigerte ihm nicht den lieblichen Mund, ſondern freuete ſich, daß der lang Entbehrte ſie nicht vergeſſen. In der Unbedachtſamkeit der erſten Leidenſchaft, die ge⸗ rade in ſolch ſklaviſchem, unterjochtem Weſen, wie er eines war, die mordbrenneriſche Glut des entfeſſelten Negers zu haben pflegt, vergaß er ſeine Verhältniſſe und drängte ſich unbedacht in das Haus der Geliebten. Auch hier fand er kein Hinderniß; die Mutter begünſtigte ſeine Abſichten, freilich blieb ihm das Hauptmotiv ihrer Duldſamkeit, ihrer ſcheinbaren Blindheit unbekannt. Er wurde Hausfreund, faſt Herr im fremden Eigenthume, jeder Abend bot ihm dort ungeſtörte Erholung nach voll⸗ brachtem Tagewerke; er ſchien der Gott der beiden weib⸗ 1 — 141 lichen Weſen; ohne Ziererei nahm man die Gaben, welche er zur Verſchönerung des Lebens ſeiner Juditha, zu bequemerer Geſtaltung des Hausweſens der Mutter darbrachte, und des Mädchens wärmſte Zärtlichkeit lohnte ihm für ſeine Opfer. Aber aus ſeinem eigenen Charak⸗ ter gebaren ſich baldigſt düſternde Schatten dieſes Licht⸗ himmels. Wenn er ſeine Glücksſtunden und ihren reichen Gehalt daheim und einſam zergliederte, ſo wollte es ihm bedünken, als ſei nicht die gleiche Leidenſchaft in des Mädchens Herzen, wie er ſie empfand, der Quell ſeiner berauſchenden Genüſſe. Was ſie ihm gab, ge⸗ währte, duldete von ihm, ſchien ihm nicht verſagt und nur gegeben aus Unerfahrenheit und unbewußtem, all⸗ gemeinem dunkeln Trieb des räthſelvollen Lebensalters, in das die Geliebte eben getreten. Er war der erſte Mann, der ſie begehrte; ſie wurde durch alte Gewohn⸗ heit an ihn geknüpft. Keiner als Er hatte ſich mit werbendem Schmeichelwort an ſie gedrängt, ſie hatte ihn nicht wählend geſucht, ſondern gefunden; all die Zeichen tiefer Leidenſchaft, die nagende Sehnſucht, den Gram, wenn Entbehrung Noth wurde, die Sorge für unge⸗ ſtörten Beſitz, den Jubel bei dem Kommen, das Weh beim Scheiden, alle dieſe Dornen an der Liebesroſe fand er nicht in Judithen; gleichmüthig, heiter, ſorgenfrei und muthwillig blieb ſie ihm gegenüber immerdar; ihre Zärtlichkeit glich dem Spiele des fröhlichen Lammes auf ſicherm Wieſenplan und ihre Hingebung dem Gehorſam der orientaliſchen Sultanin; ſie ſtörte ſeinen Rauſch nicht, aber ſie theilte ihn nicht, und ſo fühlte er mitten im Glücke ſich unglücklich. Mit Schauder dachte er an den Augenblick, wo ſie erwachen könnte aus dem träu⸗ meriſchen Taumel, wo das Bild eines Andern ſie 62 142 erglühen machen, das Wort eines Andern ſie von ihm locken könnte. Jeder Blick, den ſie auf einen Jüngling warf, machte ſein Innerſtes erbeben und trieb den Schweiß der tiefſten Herzensangſt auf ſeine Stirn. Er bewachte ſie mit den Augen der quälendſten Eiferſucht, die ihn ſelbſt aufrieb, weil er ſein Verhältniß vor ſo vielen Augen verbergen mußte, weil er deßhalb die Geliebte ſich ſo oft ſelbſt überlaſſen mußte, und weil er nicht den Muth beſaß durch freie Sprengung ſeiner Ketten oder durch Flucht mit ihr oder ſchnellen, heimlichen Ehebund ſich das Gut für ewig zu ſichern, ohne das ihm das Leben weiter zu leben unmöglich ſchien. Und eben ſeine übergroße Sorge, die offene, unbedachte Aeußerung ſei⸗ ner Furcht ſchien ſeit einiger Zeit bös auf die Jungfrau gewirkt, ſie vielleicht auf die ſchädlichſte Weiſe über ihr wunderbares Verhältniß aufgeklärt zu haben. Mit Schrecken vermißte er bei ihr die vorige Offenheit, den kindlichen Muthwillen; ſtiller wie ſonſt lag ſie in ſeinen Armen, und die Theilnahme an ſeinen Liebkoſungen hatte mehr als vormals noch den Charakter erzwungener Dul⸗ dung bekommen, und das getrübte Auge des Mädchens ſprach verſchwiegene Gedanken aus. Beſorgt, das un⸗ entbehrliche Glück zu verlieren, wollte er nun ſchnell die Verſäumniß nachholen; hundert raſche, undurchdachte, wilde Pläne ſprach er aus und die Mutter ſpornte ihn zur Ausführung, doch Juditha ſelbſt legte ihm jetzt Hin⸗ derniſſe entgegen, ihr Eigenſinn ſtörte ſeine ſchönſten Stunden, und er ſelbſt gerieth dadurch in eine geiſtige Verwirrung, die vom giftigſten, wenn auch bis dahin unbegründeten Argwohne vergrößert, ihm die Tage oft einem ſengenden Fegefeuer ähnlich ſein ließ. 143 Und ſeit geſtern hatte das boshafte Geſchick zu der innern Selbſtqual eine äußere, neue Folter gebracht. Der Bruder Judithens kehrte unerwartet aus der Fremde in das väterliche Haus zurück. Der junge Daſſel, be⸗ kannt in der Vaterſtadt als ein zügelloſer, jähzorniger Wildfang, ſtand feindlich dem Herrn von Steenbeck gegenüber, ſeit dieſer als Rathsmann, durch unfrei⸗ willigen Zufall, ſein Richter geworden, und ihn wegen muthwilliger Raſerei in den Gaſſen und wegen mit mehren gleichen Spießgeſellen verübter Pertubation ſitti⸗ ger Bürgersleute nach dem 37ſten Artikel der Vogtei⸗ Geſetze zum Arreſt auf der Burg verdammen mußte. Im gekränkten Ehrgeiz verließ damals der geſtrafte Jüngling die Vaterſtadt und zog zu einem fernwohnenden Vetter, doch hatte Steenbeck genügende Zeugniſſe durch Boten und Briefe an die Daſſels, daß Herrmann ihm jene Strenge nicht vergeſſen, daß der Beleidigte nach Vergeltung dürſte, und ſeine Begegnung im Roſen⸗ garten gab ihm heute die klarſte Verſicherung davon. So lange der Bruder blieb, mußte ihm ja nun ſein Paradies verſchloſſen ſein, jeder Weg zu der Holden ſchien verſperrt, ein um ſo unerträglicher Gedanke, weil der gewandte Rathsmann keinen Rath, ihn zu ver⸗ treiben, wußte.—— In ſolchen trüben Betrachtungen ſtieg Helmold den Berg hinab, ungewiß, wohin er ſich wenden ſollte. Für die Geſellſchaft der ſteifen, ungeliebten Braut und ihrer ceremoniöſen Mutter taugte er weniger denn je, und ſeine Juditha noch anzutreffen blieb ihm unglaub⸗ lich; das treue Mädchen und die beſonnene, ihm ſo ge⸗ wogene, ſeine Ruhe ſtets in Augen haltende Frau Ger⸗ trudis hatten gewiß längſt das Getümmel verlaſſen, 4A 144 welches ſie ihm gehäſſig wußten, ſaßen ſicher lange ſchon im Stübchen zu Hauſe, und trauerten um den gewohnten Geſellſchafter, der ihnen ſo manchen langen Abend verkürzt hatte im wechſelſeitigen Austauſch der geheimſten Gedanken und Empfindungen.— Der Baumgarten ſtand leer; die Menge hatte ſich vor dem kühlen Abend in die Buden und zum Moſthaus geflüchtet. Ein Stadtknecht, dem Rathsmanne vertraut und an ihn durch Wohlthat gebunden, wandelte unter den Bäumen, nach Pflicht auf Ordnung und Ruhe zu halten. Ihn ſprach der bewegte Mann an und fragte zuerſt nach der Braut, zuletzt nach der Angebeteten. Die Winthems wandelten zur Stadt zurück, ſobald der Conſul ſie verlaſſen, aber mit Schrecken erfuhr er, daß die Frau von Daſſel den Freudenplatz noch nicht geräumt, daß ſie mit dem Junker und dem Templer noch jüngſt in den Alleen ſich gezeigt, daß das ſchöne Fräulein ſehr heiter geſchienen und mit den Rittern oft hoch auf gelacht habe, und daß die ganze Compagnie höchſtwahrſcheinlich ſich anjetzo im Saale des Moſthauſes befinde, wo die junge Welt der höheren Stände zu einem Tanzfeſte verſammelt war. Das Blut kochte in Hel⸗ molds Adern, er mußte ſich ſelbſt überzeugen und ließ ohne Gegenwort den Hiobsboten ſtehen. Bald war er am Moſthaus, aber der Eingang des Saales wurde belagert von einem eingepreßten Haufen des Volks, das im Zuſchauen der Verluſtirung ſeiner reichen, hoch⸗ geputzten Mitbürgerinnen ſeine Luſt fand. Er eilte immer erhitzter an allen Fenſtern des Gebäudes umher, aber auch dieſe hatte ein Kreis Neugieriger, drei Mann hoch, umzogen, die Dirnen erhoben ſich auf den Armen ihrer ſtämmigen Liebhaber, die Kinder ſtanden auf den Schultern +—— ——— — 145 der Mütter, und kein Blick in die überfüllte Halle ward ihm vergönnt, nur die Federn und Barette der Tänzer, die Blumenkränze in den Scheitellocken der Tänzerinnen flogen an ſeinen brennenden Augen vorüber wie Wolken im Sturmwinde. Er kannte des Hauſes Einrichtung und mit geballten Fäuſten eilte er zu dem Hintergrunde deſſelben, ſchlüpfte durch Küche und Schenk⸗ kammer und gelangte ſchnell auf die Tribüne, wo die Spielleute und Pfeifer ihre Plätze hatten, und zu der von da eine enge Stiege hinaufführte. Schweiß be⸗ deckte ſeine Stirn, der blaue Buſch an ſeinem Barett hing zerknickt, ſeinem Mantel war ein guter Theil der Stickerei zerriſſen auf dem engen Wege, durch ſein un⸗ vorſichtiges Fortſchreiten im Dunkel, er dachte nicht daran. Jetzt ſtand er hinter der Reihe der lang gewachſenen Muſikanten, die rauſchende Muſik der ſchreienden Pfeifen, der dumpftönenden Poſaunen betäubte ſein Ohr, der grelle Lichterglanz blendete ſein Auge, aufziehende Staub⸗ wolken droheten ſeine beklemmte Bruſt vollends zu er⸗ ſticken, und doch ſchien auch hier ſein Wunſch ohne Erfüllung zu bleiben, bis er am Ende der Gallerie den buckligen, zwergig gebauten Stadtpauker erblickte, der kaum über ſeinen Keſſelpauken hervorragte und nur durch die langen Polypenarme, welche die Wirbel, ſo er auf den Kalbsfellen ſchlug, in der Luft kunſtgerecht wieder⸗ holten, der Welt unter ihm ſichtbar ward. Hinter dem kleinen Aeſop nahm der Rathsmann ſeinen Stand, und als ſein Auge ſich nach und nach an die Helle gewöhnt, ſuchte er mit Falkengier hinter den Staubwolken, wonach das Herz verlangte. Frau Ger⸗ trudis ward zuerſt von ihm ausgefunden. Auf dem Hochſitze ſaß ſie mit mehren Edelfrauen im lebhaften Blumenhagen. 11. 10 146 Geſchwätz, abgewendet das Geſicht von dem Tummel⸗ platze der Jugend. Sorgloſe Mütter! knirſchte Herr Helmold. Genug iſt's, wenn ihr nur dabei ſeid, ob ihr auch wißt, daß Wolf und Fuchs euer Schäſchen in den Klauen trägt und ihr Verführungswort ein Stück⸗ chen Unſchuld nach dem andern von dem ſorgloſen Lämm⸗ chen reißt.— Doch ſeine Zunge erſtarrte, das Entſetzen rieſelte eiſig an ſeinem Rücken hinab, als er jetzt Judithen plötzlich erblickte, ſeine Juditha, welche mitten im raſenden Wirbeltanze in den Armen eines Mannes ſich drehete. Er ſah nur zu deutlich von oben, wie ihr Ge⸗ ſicht glühete in bacchantiſcher Luſt. Schmiegſam gleich der Bachweide lehnte ſie an dem Führer, dreiſt und ver⸗ traulich wechſelte ſie mit ihm das leichte Wort, ohne Scheu ſtrahlte ihr Auge zu ihm empor; und wer war denn der Verhaßte?— Scharf ſchauete er hinab, und meinte Hexenſpuk und Walpurgistraum täuſchten ſeine Sinne. Den Baumeiſter Thiedericus, den Fremdling, den die ſtolzen Ordensritter mitgebracht, erkannte er in dem Tänzer. Er mußte ſich geſtehen, der Mann war ſchöner als er ihn in flüchtigem Anſchauen bis jetzt ge⸗ funden. Schlank von Geſtalt, zierlich geputzt im licht⸗ grauen anſchließenden Kleide mit ſeidenen Puffen von Purpurfarbe, zeigte er im Tanze die Schmiegſamkeit des Franzoſen mit dem Anſtande und Ausdruck des Spaniers verbunden, die langen dunkeln Locken flogen um einen nervichten Hals, das blühendſte Roth der Wangen hob das gebräunte jugendliche Angeſicht, und ein ſchwarzes Feuerauge funkelte mit ſtolzem Glanze, dem Auge des Edelhirſches gleich, wenn er hoch über den Unterbuſch daher fleucht, hernieder auf die liebliche Nymphe, deren Leib ſein kraftvoller Arm eng umfaßt hielt, und deren — 147 fleine Hand in ſeiner Linken ruhete. Helmold wollte aufſchreien, aber ſeine Lippen waren kalt und ſtarr, und jetzt ſtand plötzlich die Hälfte der Colonne feſt, und das Paar, welches er mit Geierblicken verſchlang, hielt dicht unter ſeinem Wächterplatze an. Lang ſtreckte er den Kopf hinüber und quetſchte den Zwerg dermaßen, daß er ſich unwillig wandte, jedoch bei dem Erkennen des hohen Stadtherrn ſich faſt unter ſeine Pauken drückte, und nur mit der einen freien Hand den nöthigen Baß durch Einzelſchläge der Muſik zukommen ließ. Der junge Thiedericus wußte auch die Pauſe mit orientaliſcher Lebhaftigkeit zu benutzen. Wie ſtrömte der Quell der Beredſamkett von ſeinen aufgeworfenen, fri⸗ ſchen Lippen! Die verdammte Bärenmuſik ließ keine Silbe erhorchen. Er ſchien zu bitten; ſie ſchien zu ver⸗ ſagen, aber ihr Blick widerſprach dem abſchlagenden Wort. Jetzt zog der Baumeiſter eine goldene, zart⸗ geformte Roſe aus ſeinem Bruſtkoller; Helmold erkannte darin einen der Preiſe, welche bei dem heutigen Spiele dem beſten Armbruſtſchützen ertheilt worden; der Glück⸗ liche reichte ſie der Jungfrau und—— ſie nahm ſie, ſie verbarg ſie auf dem ungetreuen, hochklopfenden Buſen. Das wurde zu viel für ein Herz, wie es in Hel⸗ molds Bruſt ſchlug; der verſteckte Zuſchauer wollte ein Zornwort hinabſchreien, wollte über die Keſſelpauken und die Schutzwand hinabſpringen, aber alle Glieder verſagten ihm den Dienſt, ein tödtender Schwindel umfing ſein Gehirn, Alles drehete ſich um ihn wie er⸗ drückender Geſpenſtertanz, ſeine Fauſt quetſchte im Be⸗ mühen ſich zu ſtützen die Pauke ein, dann raffte er ſich mit letzter Kraft auf, taumelte zurück, hinunter, aus dem Moſthaus, hinab zwiſchen die Bäume; er ſah einen 148 weißen Steinſitz vor ſich, von der plötzlich auf die er⸗ hitzte Bruſt niederfallenden Nachtkälte ergriffen, ſuchte er den Ruhepunkt zu erreichen, doch die Glieder brachen unter ihm ein, und er ſank in halber Sinnloſigkeit dicht dabei an dem Stamme einer dicken Linde in das Gras, und ſein Auge wurde finſterer als die ſtille Nacht, welche um ihn lag.— Aber der Wermuthskelch des Armen hielt noch die bitterſten Hefen in ſich, das hämiſche Fatum wollte ihm auch dieſe nicht erſparen; Alles, was er im Leben ſich gewonnen geglaubt, ſollte an dieſem einen Unglückstage ihm unrettbar verloren gehen.— Ein nahes Geräuſch erweckte ihn aus ſeiner Betäu⸗ bung, eine bekannte Stimme klang in ſein Ohr, ein Liebespaar ließ ſich nieder auf der Steinbank; es war der kühne Baumeiſter, der, mit dem Gebäude ſo gut wie Helmold bekannt, durch ein Seitenpförtchen die liebe, im Doppelrauſch glühende Tänzerin dem Bereiche der Mutter und der Horcher ſo liſtig als glücklich entführt hatte. O mein Himmel! flüſterte ängſtlich die liebegirrende Taube, was wagen wir! Wenn man uns vermißte, ver⸗ folgte, ich wäre verloren, Ehre und alles Glück zertre⸗ ten mir für immer.— Was fürchteſt Du, Herrliche? fragte der Stürmer zurück, ſie inbrünſtig an ſich reißend. Die Mutter iſt gefeſſelt; den ungeliebten, eiferſüchtigen Sultan bindet die Gerichtsſitzung im Schloſſe, Ritter Trezy verrieth mir's freundſchaftlich. Nur Minuten lang will ich ſchwel⸗ gen in Deinem Beſitz, der mich Königen, ja Göttern gleich ſtellt. Nicht die Nachtluft ſoll meine Prinzeſſin ſchädlich zu lang berühren, aber meine unerſättliche 149 Sehnſucht mußte in Deiner ungeſtörten Nähe ſich ſtillen, ſonſt wäre ſie wie in heißer Wüſte verdürſtet.— Heftig küßte er hierbei die Jungfrau, bis ſie das Geſicht ver⸗ ſagend ihm entzog und mit der weißen Hand ihn zurück drängte. Wilder Menſch, klagte ſie, willſt Du mich wieder ängſtigen mit Deiner ſtürmiſchen Unbeſonnenheit? O Du weißt, wie ich Dich liebe, habe ich doch auch Niemanden geliebt auf der Welt wie Dich, haſt Du doch zuerſt mich die ſüße Liebe gelehrt, die ich nicht kannte zuvor. Aber habe Genüge daran, denn was willſt Du mehr, als ich Dir ſpendete? Willſt Du, daß ich zerfallen ſoll mit Mutter und Bruder und allen Bekannten um Dei⸗ netwillen? Ach! das iſt Schatten neben meinem Licht, das iſt tiefer Gram neben meiner Freude, daß Niemand ſchauen darf unter den Schleier unſeres Bündniſſes, daß ich den Geliebten nicht triumphirend mein nennen darf vor der Welt.— Du ſollſt ihn ohne Scheu umhalſen, Dein nennen am hellen Mittag, aber vor einer ſchönern, herrlichern Welt, fiel hochaufwallend der Mann ihr in die Klage. Fern auf der Sonneninſel, wo kein Winter iſt, wo kein Neid wohnt, kein Rang ſcheidet, dort im Schatten der Rieſenpalme, dort in der cypriſchen Jasminlaube von Orangeblütenduft umwogt, von immerblühenden Roſen umkränzt ſoll meine Ditha als Königin walten. Dein Geſpons iſt nicht arm, nicht ſo unſcheinbar wie er hier läßt in Eurem armſeligen Lande voll buntausſtaffirter Puppen und geckiſcher Stadtrichter. Dort iſt ein ſchönes Eigenthum mein, dort hält ein Marſchall mich wie ſei⸗ nen Sohn, und die Freunde meinen, ſein Teſtament würde mich ſicherlich einſetzen in den gebührenden Rang 150 und Namen. Bald iſt unſer Werk bei Euch vollendet, bald reiſet der Comthur und ich mit ihm, dann folgt in Knabentracht auf bequemem Zelter Ditha dem Freunde, läßt jede Sorge in dieſen traurigen Mauern und flieht an der Liebe Hand zum Lande der Freiheit, wo die Freude immer lacht gleich dem unbewölkten Sonnen⸗ himmel, wo das Glück ungeſucht herabſinkt auf das un⸗ befangene Herz, gleich dem Reichthume, den die Natur dort ungefordert ſchenkt, ohne Mühe und Tageslaſt, eine Ernte ohne Saat.— Ach! wäre morgen ſchon der Tag! ſeufzte das Mäd⸗ chen ſich an den feurigen Redner ſchmiegend, der ſie feſter noch an ſich zog. Aengſtige Dich nicht, Du ſchöne Taube! ſtammelte er aus blutvoller Bruſt. Dein Gatte umſchwebt ja im⸗ mer Dein Neſt, und iſt Dir nahe bei Tag und Nacht. Aus Nacht zum Licht! iſt unſer Schildſpruch. Er ſei auch der Deine. Und biſt Du doch muthvoller als Deine Schweſtern; weiß ich doch, daß Du mich liebſt heiß und ganz, ſeit ich weiß, daß Du keine Furcht haſt, wenn es die Liebe gilt. Kamſt Du doch durch die Mitternacht herab aus dem warmen Bett zum heimlichen Thorwege, ſpielteſt ſelbſt kühn den Spuk in der Geſpenſterſtunde und machteſt Deinem Lieblinge die düſtere Halle zum Aphroditentempel. Morgen eine Stunde vor Mitter⸗ nacht ſoll wiederum ſchlagen die Stunde der Seligkeit; nicht wahr, meine Königin?— Der Bruder iſt da, ſeine Roſſe füllen den Platz! entgegnete die Jungfrau das Häuptlein ſchüttelnd.— Morgen zieht er mit Mann und Pack hinüber in das Sanct Georgen⸗Haus, verſetzte beſtimmt der Drängende. Frei iſt dann wiederum Weg und Thor, und wenn Dein 151 quälender, ſteifer Werber längſt auf ſeinem Pfühl träumt vom Glück ſeines Pfauenſtolzes, lacht der arme Meiſter über den Ritter an der warmen Bruſt ſeiner Schwänin und tauſcht mit keinem Kalifen des Orients.— Herr Helmold lag wie auf der Folter ausgeſpannt während dieſes Zwieſprachs. In allen Gliedern fühlte er das Zucken der Wuth, das wilde Leben der Rach⸗ ſucht, und doch vermochte er nicht Finger noch Fuß zu regen, lag wie eingeſchnürt in den Banden des Schreckens und der Verzweiflung. Jetzt aber, als neue Küſſe liſpel⸗ ten, riß er mit Gewalt ſich auf, faßte mit der Hand den Griff des Dolchs, welcher nach der Weiſe ſeines Standes am Gürtel hing, und taumelte mit dem ſchril⸗ lenden, heiſer⸗gellenden Aufſchrei: Schändliche Höllen⸗ brut! gegen den Sitz hinan. Hell kreiſchte das Mädchen, als hätte ſie eine Geiſter⸗ ſtimme gehört, doch der Buhle faßte ſie ſchnell in ſeine Arme und riß ſie fort durch das Dunkel der Gebüſche zum Hauſe zurück. Der von Innen aus zernichtete Rathsherr aber ſank mit völlig durch die letzte Anſtren⸗ gung zerſtörter Kraft wiederum ſinnlos zur Erde, und wurde erſt gegen die Zeit des Frühlichts von den Stadt⸗ dienern und Burgwächtern in ſeinem traurigen Zuſtande gefunden. Heftig fiebernd, von der Nachtkälte faſt er⸗ ſtarrt, verworrenen Sinnes, Niemanden erkennend, in wüſten Raſereien ſeinen Seelenzuſtand ausſchreiend, wurde er von den Getreuen nach ſeiner Wohnung gebracht. 5. Mehre Wochen zählte man ſchon nach jenem Feſte; die Verhältniſſe in Hannover hatten ſich immer erwünſchter für die Pläne des alten Conſuls geſtaltet, und er ließ 152 ſich nichts verdrießen, was ihnen förderlich ſein konnte. Viel ſah man den edeln Herrn in den kleinſten Quar⸗ tieren der Stadt; er trat hinein in die Buden der Bierſeller und Höker und fragte nach Abſatz und Ver⸗ dienſt, und freuete ſich des Gewinnſtes; er ſchickte Geld und Labung zu den Kranken; die Geſchworenen durften nicht ſtreng ſein gegen kleine Zuchtſünden, und der Ma⸗ giſter Civium prüfte Maaß und Gewicht mit weniger ſcharfem Auge. Der niedere Bürgerſtand ſah mit immer größerer Anhänglichkeit auf den ſtattlichen Herrn; man nannte ihn ſchon Volksvater, Freiheitsſchenker, und be⸗ reits ſprachen die keckſten Vorredner in Buden und Schenkſtätten laut von dem bevorſtehenden Glück, und von dem nahen Glanze der freien Vaterſtadt. Der Ma⸗ giſter Henricus predigte in dem neuen Dome über ähn⸗ liche Themate, ſchalt auf Fürſtenſtolz und Adelsraubſucht in dem derbſten Style ſeiner Zeit, fachte mit jedem Tage das glimmende Feuer in dem Plebs höher an durch Schilderung natürlichen Menſchenrechts im Gegenſatz zu tyranniſcher, widernatürlicher Unterjochung. So berei⸗ tete ſich der Hauptact immer deutlicher vor; dabei wuchſen die Stadtmauern täglich höher; in die Thore zogen täglich neue Söldner; die gelben, Zigeuner⸗gleichen Waldſchmiede brachten aus den Holzungen, wo ihre Eſſen dampften, täglich neues Rüſtzeug und Eiſenwerk zum Stadtzeughauſe, und ſelbſt die verſchloſſenen Temp⸗ ler traten mehr öffentlich auf und verhüllten ihren Ver⸗ kehr mit dem Senate nicht länger. Mittags am Aſten September 1292 ſah man den Conſul und die erſten Rathsherren, begleitet von dem Ordenscomthur und ſeinen Rittern, heranwandeln vom Goddenſtadt'ſchen Hauſe an der Burgſtraße, von wo den 153 Erſten der Stadt die Geringern abgeholet, und im feierlichen Zuge durch das Gäßlein der Krämer zum Rathhauſe ſchreiten, wo öffentlich in Gegenwart der Gilden und Zünfte das Schutz- und Trutzbündniß zwi⸗ ſchen der Civitas und dem Orden abgeſchloſſen werden ſollte, und wo man die künftige Freiheitsurkunde gegen den Herzog von Brunsvic⸗Lüneborch verleſen und die Verhandlung durch Wechſeleide beſchwören wollte. Als der Zug auf dem Marktplatz ankam, ſtutzte der Conſul. Mitten auf dem weiten Raume fand ſich ein großer, länglicht⸗viereckichter Haufen von gelbem Sande vor, an ſeinem öſtlichen Ende lag auf ihm ein koloſſa⸗ ler, wohlbehauener Würfel aus weißem Sandſteine mit einigen fremdartigen Ziffern behauen; der Zweig eines Dornſtrauchs und einige halbvermoderte Menſchenknochen fanden ſich daneben am Boden. Was ſoll und deutet das? fragte er den Herrn von Bredeleghe, der ihm zunächſt ging. Die Bauleute haben ihre Hütte abgebrochen, ant⸗ wortete der Magiſter Civium, indem der Winter vor der Thür, wo die Arbeit ruhet, und weil der Thurm⸗ bau durch Euer Geſtrengen aufgeſchoben, bis der Käm⸗ merei Säckel wiederum gefüllt ſein möchte. Des naſſen Sommers wegen hatten ſie den Grund des großen Bretterhauſes mit Uferſand überſtreuet, und was da ſonſt noch ſtehen und liegen geblieben, gehört vielleicht zu dem vergeſſenen Krimskram dieſer die Geheimniß⸗ krämerei beſonders liebenden Zünftler. Ihr kennet ja ſelbſt, edler Herd, ihre lächerlichen und ſeltſamen Ge⸗ bräuche.— So! So! murrte Herr Volkmar in ſeinen Bart, betrachtete noch einmal gedankenvoll den Platz und ging 154 vorüber. Auch der Comthur hatte ernſt ſein düſteres, rollendes Auge auf den Raum geheftet, und wandte den Feuerblick alsdann fragend rückwärts auf ſein Gefolge. Flink ſprang ſogleich der junge Baumeiſter Thiedericus heran und drängte ſich flüſternd an ſeine Seite. iriacus, der alte Meiſter, ſprach er ſchnell und leiſe, hat in letzter Hochmitternacht die Kerzen gelöſcht, die Loge gedeckt und die Geſellen entlaſſen. Mit dem erſten Tageslicht iſt er zur nahen Biſchofsſtadt abgereiſet, und mir hat er anbefohlen, Euch den Gruß der nur uns vekannten Zahl zu überbringen. Er baue nur Häuſer für den Ueberirdiſchen, ſprach der greiſe Schwärmer mit düſtern Blicken, als ich ihn an Euren Unwillen er⸗ innerte, wenn er ungefragt die verſammelten freien Architekten entließe; zu irdiſchem Werke könntet Ihr unreine Hände gebrauchen. Er ließe Euch zugleich ver⸗ warnen, vor dem Regen Eurem Leibroſſe neue Hufen aufſchlagen zu laſſen. Seine Sohlen wären ſtark und dicht, und er nutze ſie, wie der Geiſt ihm eingegeben.— Wahnwitziger Graukopf! zürnte der Comthur mit Hohnlächeln. Sein Anſehen, ſein Ruhm unter Seines⸗ gleichen ſchützt ihn und er pocht darauf. Meinet er, der Stamm der Ceder könne der Zweige nicht entbehren? Werden ſie wild und ſaugen zu viel am Mark, hauet der Gärtner ſie ab mit mitleidsloſem Beile.— Der Baumeiſter ſtutzte und das Gefühl tiefer Belei⸗ digung malte ſich in ſeinen Zügen. Der Ordensherr kümmerte ſich nicht darum und folgte dem Zuge weiter zu den Flügelpforten des Stadthauſes. Die neugierigen Volkshaufen, welche den Zug be⸗ gleitet, hatten ſich ſchon wieder verlaufen, als an der Kirche herab ein bleicher Mann in ſchwarzer Tracht — — 1 — —„ P ht 155 langſam daher kam. Helmold von Steenbeck war es, der junge, unglückliche Rathsherr. Tödtlich krank hatte er eine Woche lang darnieder⸗ gelegen, doch Jugend und geſparte Kraft trieben den Freund Holzmaier von ſeinem einſamen Schragen; am ſiebenten Tage brach ſich die Gewalt der Krankheit, und mit dem kehrenden Geiſteslichte kam auch die körperliche Geneſung zurück. Aber als ein ganz anderer erſtand der Mann von ſeinem Schmerzesbett. Betrogene Liebe, durch Falſchheit belohnte Treue, gebrochener Glaube an den heiligſten Bund der Herzen, mit unmenſchlichem Undank belohnte Opfer ſind Nattern, die ihre Giftzähne ſo tief in die Menſchenſeele eindrücken, daß das ganze Weſen vergiftet bleibt für ewig. Von dem Ohm tyran⸗ niſirt und verächtlich behandelt, von der Geliebten be⸗ trogen und verworfen, war die Welt ihm ein finſterer Kerker geworden, das Leben ihm geworden eine preſſende, unerträgliche Laſt. Eine nagende, ungeheure Feindſelig⸗ keit gegen alles Lebende hatte ſich in ſein Gemüth ge⸗ niſtet; ſeine ſonſtige Gutmüthigkeit, ſein ſchwacher, füg⸗ ſamer Sinn waren vertilgt bis auf den letzten Keim; er haßte den herriſchen Verwandten, weil er die Kette des Brautſtandes um ihn gelegt, die ihn von ſeinem Glück zurückgeriſſen; er grollte gegen die Mutter, weil ſie ſein Kleinod ſo ſchlecht bewacht; er fluchte der Ge⸗ liebten, die ihn mit der Schminke der Kindlichkeit und Unerfahrenheit ſo ungeheuer, ſo fürchterlich getäuſcht, die mit dem Nonnenſchleier der Unſchuld ihre buhleriſchen Lüſte verhüllt, die ſeines Angedenkens nicht einmal werth geblieben, die ihn um jede Seligkeit, ſelbſt um die kleinſte Hoffnung hienieden und jenſeits betrogen hatte. Er fühlte ſich allein, ganz allein in der WVelt, 156 allein im Gedräng der Millionen Geſchaffener, das fürchterlichſte Bewußtſein im denkenden Weſen!— und er konnte nicht ſterben, der Tod floh ihn, ſo oft er ihn auch in ſeiner Krankheit angebetet, und Selbſtmord ver⸗ bot ihm die heilige Religion, die von früh an in ſeine Bruſt gelegt worden.— Der Unglückliche hatte dieſe lange Zeit in ſeinem düſtern Kloſet geſeſſen, nur mit den hohnlachenden Geſpenſtern ſeiner Erinnerungen in grauenhafter Geſellſchaft. Heute trieb ihn der dringende Befehl des Conſuls, im Pleno des Rathes nicht zu fehlen, heraus, denn die Gewohnheit übte dennoch ihre alte Gewalt über den Schwachen aus. Als er ſo mit den Blicken am Boden haftend daher ſchlich, ſchritt haſtig ein Mann in ſeinen Weg, und er erkannte in ihm den Jugendfreund, den reichen Wechsler Boldowinus Unzel, von deſſen hochbegüterter Familie ſogar eine Gaſſe der Stadt die Unzelinger⸗Straße ge⸗ nannt wurde, bis ſie ſpäter den Namen der Selewinder⸗ Straße bekam. Mit Unruhe und erhitztem Geſicht vertrat ihm der Wechsler den Weg und ergriff heftig ſeine Hand. Wohin gehſt Du, Helmold? fragte der Freund. Ich ſuchte Dich in Deiner Wohnung, um gar Wichtiges zu bereden. Deines Dieners Wort leitete mich auf Deine Spur, und glücklich, daß ich Dich fand. Komm mit mir; mein gewichtiges Geſchäft erlaubt keine Säumniß.— Was iſt denn wichtig noch auf Erden? antwortete faſt tonlos der bleiche Mann. Aber Du wareſt immer ein guter, treuer Menſch; Abends will ich gern mit Dir reden, und Dir rathen, wenn ich kann, und wenn die Sache Dein Wohl betrifft. Geht ſie mich an, ſo laß ſie fallen. An mir iſt nichts mehr zu beſſern oder gut zu machen. Alle, Alle haben mich ja fallen laſſen.— ie aß ut 157 Menſch! Mann, was iſt aus Dir geworden und was mit Dir geſchehen? ſtaunte entſetzt der tiefbewegte Freund.— Ein entwurzelter Baum, entgegnete ſchmerzlich weich Helmold von Steenbeck, am Wege liegend, der Ver⸗ nichtung Raub, ein Spott der Bettelbuben. Aber laß mich jetzt, ich muß auf das Theatrum, der Rath iſt verſammelt, und iſt das Herz des Menſchen auch zu Aſche und Kohle gebrannt, der Bürger ſoll bis zum letzten Athemzuge ſeine Pflicht thun.— Ein guter Bürger biſt Du, und willſt doch dahin, wo die erſte Bürgerpflicht verletzt wird, wo man Bürger⸗ elend bereitet? fragte Boldowinus mit Heftigkeit. Nein, Du weißt nicht, was dort geſchieht, ich leſe es in dem Staunen Deiner trüben Augen. Was hältſt Du für die erſte Pflicht des Bürgers, Helmold?— Treue der Vaterſtadt, Treue dem Landesherrn, den Gott ſetzte und der ſie beſchützt, Treue jedem geleiſteten Gelübde, ſei es Handſchlag oder Eidſchwur! entgegnete Steenbeck mit Aufwallung und Feſtigkeit.— Dann wirſt Du nicht hinauf gehen, wo die Frem⸗ den und der eitle, in Stolz berauſchte Conſul alle dieſe Pflichten unter die Sohle ſtampfen, fuhr mit Erhitzung Unzel fort. Rebellion iſt auf ihren Zungen, und ſie wiſſen ſelbſt nicht, was ſie thun. Dem Pöbel die Ketten nehmen, heißt Tiger und Hyäne aus dem Käfig laſſen. Sie wollen im Eigennutz ſich groß machen und werden ſich verderben; der Lüneburger und ſeine Verbündeten werden brechen ihren ſchwachen Thron, und das wäre die gelindeſte Strafe für ſie, aber das Volk ſelbſt wird ſie ſtürzen und zerſtampfen, wenn es ſich betrogen ſieht mit dieſem unreifen Freiheitswahne. Brunsvics Exempel 158 ſollte die Thoren verwarnen. Nein, ich laſſe Dich nicht hinauf, denn ich liebe Dich und Deine Ehre! Du wirſt gezwungen den Rebelleneid ſchwören müſſen, oder ſie würden den Widerſpenſtigen einkerkern bis nach voll⸗ führter That. Nein, müßte ich Dich zwingen, ſo würde ich in Freundespflicht es thun. Mein wackerer Helmold ſoll nicht Theil haben an dem heraufbeſchworenen Ge⸗ ſpenſt des blutigen Bürgerkrieges, nicht Theil haben an der Sünde des Mordbrandes, der über unſere Stadt kommen wird. Deine Kränklichkeit muß Dich bei dem Ohm entſchuldigen, und ich führe Dich zu meinem Hauſe, wo Du finden ſollſt, was Du nicht erwarteſt, wo Du einen beſſeren Sitz einnehmen kannſt, als Dein Ohm Dir zugedacht.— Freundlich nahm er den Erſchrockenen und Verwirr⸗ ten an den Arm und leitete ihn langſam um die Kirche hin zu der Unzelinger Gaſſe, und Helmold ließ ſich zie⸗ hen wie ein Kind; nur als ſein mattes Auge hinüber⸗ ſtreifte über den Hökenmarkt und er Judithens Fenſter erblickte, überzog eine flüchtige Glut ſeine Wangen; Gottes Fluch über die verwünſchten Templer, die mit den Seelen Handel treiben, murmelte er und ſchritt ſchneller und kraftvoller weiter. Im Hauſe des reichen Wechslers angekommen, fand er zu ſeiner Verwunderung das Geheimzimmer deſſelben nicht leer zum verheißenen ſtillen Zwieſprach; drei Fremde waren dort; in dem Einen erkannte Helmold ſofort den Capellanus Eckhard von St. Gallen, die andern ſchienen zwei Kriegsleute, in das grobe Wamms der Söldner gekleidet, ſcharf bewehrt und das Angeſicht mit wild⸗ gewachſenen Bärten beſchattet. Der Capellan ſaß am Tiſche, Briefſchaften vor ſich; der eine Kriegsmann ſiegelte 159 mit großen Wappen die Papiere. Der andere, anſchei⸗ nend der Jüngere, lag nachläſſig hingeſtreckt im großen Lehnſeſſel des Hausherrn, das lange Schwert zwiſchen den Knieen und ſah mit ſtrengem, finſtern Blick auf die Eintretenden, ohne zum Willkomm ein Glied zu rühren. Glück auf zum neuen Leben! rief der kleine Prieſter, hinter dem Tiſche mit kurzen Schritten hervorkommend und Helmolden die Hände reichend. Seid mir gegrüßt unter den Geſunden! Wär's doch wahrlich Schade ge⸗ weſen, wenn Honovers wackerſter Senator des Fiebers Raub geworden wäre, und noch dazu an einem ſo jäm⸗ merlichen Gift hätte erbleichen müſſen, am Biß der tollen Füchſe, die ſich am Löwenroder Berg ihren ſtinkenden Bau gegraben.— Wie wißt Ihr, frommer Herr? fragte Helmold be⸗ troffen.— Erlaubt! ſprach Boldowin zu dem im Lehnſeſſel ge⸗ neigt, indem er dem jungen Rathsmanne einen Stuhl unterſchob.— Der Herr, welcher der Allwiſſende iſt, leitet ſeine Diener auf die Fährte der Böſen, damit ihre Anſchläge zu nichte gehen und hr Hochmuth gezüchtigt werde, fuhr der Capellanus fort. Ich war ein unſichtbarer Beiſitzer der verruchten Verſammlung und ſpielte den Burggeiſt ſie zu verwarnen. Aber ſie haben nicht hören wollen, ſo müſſen ſie fühlen; dem verſtockten Sünder wird nicht Vergebung, und Feuer und Schneide ſollen ſein Gewiſ⸗ ſen wecken, daß die Seele nicht verderbe zuſammt dem Leibe.— Der Kriegsmann im Seſſel raſſelte mit ſeinen Waf⸗ fen und verzerrte ingrimmig den bartbedeckten Mund, als der Prieſter alſo geredet. 160 So habt Ihr dem geſtrengen Herzog Anzeige gemacht? fiel der Senator ängſtlich ein. Habt ſeinen Zorn herauf⸗ gelockt zum ſchmetternden Ungewitter für dieſe gute Stadt, und werdet den Guten, den Verführten mit dem Böſen verderben? O mein Herr Gott, welche Schrecken müſſen ſich anjetzo gebären, und welch Ende wird kommen! Habt Ihr das auch bedacht, frommer Vater?— Fluch und Tod über die, welche das böſe Wetter heranlockten, den Tod durch die Sünde! entgegnete hef⸗ tig der Capellan. Aber nur ſie ſollen büßen, wenn auch ſchauerlich und nach übervollem Maaße der Ge⸗ rechtigkeit.— Der Wechsler winkte dem Prieſter mit den Augen und bog ſich freundlich zu dem Freunde, deſſen Kopf geſenkt hing und der den Boden anſtarrte. Daß das Verderben nicht den Schuldloſen mit betreffe, darum eben ſind wir hier zuſammen, darum habe ich auch Dich herbeigerufen, ſagte er mit mildem Tone. Die Guten und Getreuen haben ebenfalls ihren Bund geſchloſſen gegen die Abgefallenen, und wahrlich die beſten Männer ſind dabei. Die Brüder von Rinteln ſtehen uns zu, Herrmann und Adolph, die Vettern von Stein⸗ hauß, der weiſe Senior Meiger, der Türk und die Seldenbutts reichten uns die treuen Hände. Den Krieg vermeiden, Blut ſchonen, die Friedenshäuſer der Bürger ſichern, Frauen und Töchter vor Schimpf und Unbill wahren, das ſind unſere Entſchlüſſe, und darum gedenken wir vor dem Ausbruche der Rebellion den geheimen Brand zu erſticken. Der erlauchte Herzog iſt nahe; er kennt alle ſeine Getreuen, auch Du biſt genannt vor ſeinen Ohren unter ihnen. Heute ſchon kamen ſeine Reiter zur Nienburg an, und noch in dieſer Nacht müſſen 161 ſie zum Schirm und Schutz der Redlichen die Stadt beſetzen.— Ohne Blutvergießen wollt Ihr wirken, antwortete kopfſchüttelnd der Senator. Wie ſollte das angehen 2 Die Mauern ſind faſt vollendet; die Quartiere liegen voll Söldnern, welche den Kampf verſtehen; die Ordens⸗ ritter ſind kriegskundige Führer; alle Thore und Warten ſind ſcharf beſetzt. Ihr werdet das Pflaſter der Gaſſen mit Blut und Hirn beſprengen und die Märkte mit Lei⸗ chen anfüllen.— Darum eben riefen wir Dich, fiel Boldowin mit Ausdruck ein, denn Du nur kannſt den Kampf enden, ehe denn er begann. Biſt Du nicht Commandant der Miliz, müſſen Deine Compagnien nicht zur Stelle ſein, wenn Du rufſt; kannſt Du nicht die Wachen von den Thoren ziehen, und mit ihnen die Führer und Rädels⸗ männer umſtellen und einfangen? Sind die Söldner ohne Haupt, verlaufen ſie ſich wie Schafe, wenn der Wolf einbricht, und Hirt und Hund fern ſchlafen.— Aber mein Bürgereid? fragte Helmold ſcharf und mit innerer Unruhe.— Du ſchworſt ihn in des Conſuls Hand Deinem Her⸗ zoge! ſagte Unzel ſchnell.— Und ich löſe ihn Dir und nehme einen neuen und reinern von Dir in meine eigene Hand! tönte da die dumpfe Stimme des Wappners im Lehnſeſſel und mit Hoheit trat er vor den Sitzenden hin.— Ihr ſeid? ſtammelte Helmold in banger Ahnung ſich vom Sitz aufreißend.— Otto, Dein Herzog und Dir gnädig gewogen! ſprach der Kriegsmann fort und legte die Rechte auf des Zit⸗ ternden Schulter. Blumenhagen. IM. 11 162 um Gott! Ihr waget Euch? ſtotterte der Raths⸗ mann, indem er das Knie bog vor dem hochgewachſenen, in ſeiner Erregung und ſeinem Zorn wie ein Rachengel leuchtenden Fürſten.— Was wagen? fuhr der Herzog mit lauter Hohnlache auf, und ſtieß hart mit der klingenden Schwertſcheide den Boden. Bin ich denn hier nicht in meinem Hauſe, und ſoll der Mann zagen in ſeiner eigenen Kammer? Mei⸗ nen Vater Johannes trugen ſeine Unterthanen meilen⸗ weit zu Grabe; was habe denn ich gethan, daß ich nicht an gleiche Treue und Liebe glauben dürfte? Warum ſeid Ihr, wackerer Junker, nicht zu mir gekommen? Unter meinen Lüneburgern hättet Ihr Euch ein ſtärkeres Herz gewonnen. Ich und mein tapferer Schwager, der Oldenburger dort, haben uns mit dem ſtarken Eiſen ſchon aus einigen fünfzig Lauenburgern heraus gehauen, und ſollten uns vor den Partiſanen der eigenen Lehns⸗ leute fürchten?— Gnade! bat da der Junker von Steenbeck. Es iſt mein Ohm, mein Wohlthäter, der als ein Verführter an der Spitze der Meuterei ſich findet. Soll ich ſelbſt die Hand heben ihn zu verberben, ihn, der mich erzog, kleidete, ernährte?— Der Herzog ſah finſter auf den ſchönen, bleichen Mann, in deſſen Augen die reine, treue, vom Unglück tief geſchlagene Seele ſchwamm. Steht auf, mein Getreuer! ſagte er dann mit wei⸗ chern Tönen. Beugt ſich der Conſul vor mir in Reue, wie Ihr jetzt thatet aus Liebe zu dem Thörichten, bei meinem Wappen! ſo ſoll ihm ein verzeihender, gnä⸗ diger Fürſt gegenüber ſtehen. Ich weiß Alles; die Ritter des rothen Kreuzes ſind die Hetzer der Unter⸗ — —— 163 thanen gegen die angeborenen Herren, ſie ſind die Hum⸗ meln, welche ſich einniſten in jeden fleißigen Bienenſtock. Auf ihrem Haupte brenne das Feuer meiner Rache. Fanget mir ſie ein, laſſet keinen von ihnen entkommen, und die Strafe, die ich über ſie verfügen werde, ſoll meinem Zorne genügen, und meine verleiteten Landes⸗ kinder ſollen ihre Buße in dem Schauder finden, dieſe Strafe anſehen zu müſſen.— Nach Mitternacht ſammeln wir uns im Hauſe des Adolphs von Rinteln, beſtimmte Boldowinus; von da ziehen wir aus; Du befehligſt die Wachen und die Mi⸗ liz uns zu icter dann kannſt Du heimgehen und auf dem weichen Bett den Ausgang erwarten. Wir umzin⸗ geln das neue Ordenshaus und fangen die Ritter. Das Uebrige wird der erlauchte Herr mit ſeinen Reitern vollführen.— Und ich gebe das Zeichen mit dem Glöckchen der Sanct⸗Gallen⸗Kapelle zur Frühmette läutend; ſetzte der Capellan hinzu.— Nein! rief da Helmold von Steenbeck, ſich mit auf⸗ fallender Erhitzung aus ſeiner geſunkenen Haltung in Manneskraft erhebend; nicht ruhen will ich auf dem Schragen, wenn es gilt, dem geehrten Landesherrn Bürgertreue und männlichen Sinn zu beweiſen. Ich habe ſein Herzogswort für des reuigen Ohms Leben. Es gilt den Sturz der Templer, der teufliſchen Verführer! So werde ich ſelbſt die Wappner befehligen, und wenn ſie knir⸗ ſchen in meinen Banden, vielleicht neuen Lebensmuth, wenigſtens die letzte Freude meines Daſeins gewinnen. 6. Eine Nebelnacht, wie ſie die Jahrzeit mitbrachte, 164 deckte die Stadt. Die erſten Stunden des fünfundzwan⸗ zigſten Septembers des Jahres Chriſti 1292 waren ver⸗ ronnen, und fern vom Berge klang fein und wimmernd das Kapellenglöckchen. Wohlbewaffnet trafen Helmold und Boldowin bei den ritterlichen Brüdern von Rinteln ein, und der erſtere trieb mit beſonderer Haſt zum Be⸗ ginnen des Werkes. Der Ritter Adolph ließ ſich nur noch von ſeinem Diener Johannes das feine Panzer⸗ hemd über das Wamms werfen, dann verließ das Dop⸗ pelpaar der jungen muthigen Männer das Haus und trat in die finſtern, todten Gaſſen hinaus. Der Diener blieb in der Hauspforte und horchte auf die Schritte der ſich eilig Entfernenden. Als Alles wie⸗ derum ſtill geworden, verlebendigte ſich die dürre, lange Geſtalt des ſtummen Knechts. Was war mir denn das? fragte er ſich ſelbſt. Zum Tanzgelag oder Schmauſe pflegt man nicht nach Mitternacht zu gehen, noch weni⸗ ger im Eiſenhelme und mit dem Schlachtſchwerte. Der bleiche Senator ſprach von dem Ordenscomthur, bei dem mein Zwillingsbruder Stalldienſt nahm, und ſeine Mie⸗ nen dazu ſahen recht furios und erſchrecklich aus. Soll⸗ ten ſie einen Mordanſchlag gegen die fremden Herren im Sinne haben? Und mein armer unſchuldiger Andreas käme mit in die Patſche? Nein, ich wäre ein gar zu ſchlechter Bruder, verwarnte ich den Armen nicht. Ich wecke ihn und nehme ihn mit in mein Bett. Gibt es nichts, ſo ſpringt er früh wieder hinaus, und weder ſein noch mein Herr erfahren davon.— Eilig ſtolperte er durch das Dunkel, und ſuchte das Ziel, das er ſich geſteckt.—— Die vier getreuen Söhne Honovers waren indeß auch nicht ſäumig geweſen. Der Herr von Steenbeck 165 weckte zuerſt die Korporale und ließ durch ſie die Miliz aus ihren Wohnungen in den kleinen Quartieren auf den Markt beſcheiden. Dann gingen die Junker von Thor zu Thore, zogen die Wachen an ſich und ließen an jeder Warte nur zwei Wächter in den aufgeſchloſſe⸗ nen Pforten, die jeden, der die Parole ſpräche: Freunde des Geſetzes! einzulaſſen befehligt wurden. Auf dem Marktplatz trafen dann alle wieder zuſammen, ordneten dort die vorgefundene Stadtmiliz zu den mitgebrachten Mauerwächtern, und führten ohne Geräuſch den ganzen Trupp zu dem Hauſe, welches von den Ordensrittern in Beſitz genommen war. Helmold von Steenbeck ſchritt vor dem Zuge; er fühlte das Klopfen aller Pulſe; das bis dahin ihm ſo fremde Gefühl ſchadenfroher Rachluſt hatte ſein ganzes Weſen ergriffen, und erſetzte in höch⸗ ſter Anſtrengung der Nerven die Kraft, welche die Krankheit entriſſen. In der Stille wurde das Haus förmlich umſittt und als der Kreis dicht geſchloſſen worden, gingen die vier Anführer an der Spitze eines auserwählten Trupps näher hinan, ſchnell den Thorweg zu ſprengen und die Feinde in ihren Betten zu überraſchen. Aber mit Er⸗ ſtaunen ſchaueten ſie ſich unter einander an, als ſie die Thorflügel unverſchloſſen fanden, als ſie Geräuſch und Roſſesſtampfen in der Tiefe des Hofes hörten und ihre Augen dunkele Menſchengeſtalten erblickten, die ſich mit Windlichtern in unverkennbarer Unruhe hin und wieder bewegten. Sie ſind verwarnt! flüſterte Herrmann von Rinteln. Aber wir kamen glücklich früh genug, die verrätheriſche Warnung zu nichte zu machen.— Wappner, die Partiſanen geſenkt! commandirte 166 Steenbeck, indem er ſein Schwert zog und das Barret feſt ins Geſicht drückte. Laßt keinen lebend hindurch, bei eurem Bürgereide, der heraus zu brechen verſuchen ſollte.— Mit einem Fauſtſchlage warf er jetzt beide Thorflügel vollends auseinander und trat in das düſtere Gewölbe, in welchem ſchon die dumpfhallenden Tritte mehrer Roſſe hörbar wurden, die langſam vom Hofe herankamen. Der Commandant faßte ſogleich Poſto mitten im Wege und ſtreckte ſein Schwert voraus. Halt da! rief er mit kräf⸗ tiger Stimme. Im Namen des Herzogs Otto von Lüne⸗ borch gebe ſich gefangen, wer in dieſem Hauſe athmet. Denke Keiner an Entrinnen, denn hundert ſcharfe Eiſen bedräuen den Ausgang. Wer ſein Leben liebt, ſtrecke die Waffen und ergebe ſich der Gnade des Herzogs.— Die Roſſe wurden von den Reitern angehalten. Ver⸗ flucht! tönte des Ritters Trezy feine Stimme. Die bürgerlichen Hatzhunde ſind eilfertiger geweſen als wir, und heulen draußen und zeigen das ſcharfe Gebiß. Com⸗ thur, was zu thun?— Löwen auf die Hunde! donnerte da des Comthurs Stimme. Alle zu Roß! Schwerter vor! Sporen in den Wanſt! Bauch zur Erde hindurch! Es gilt die rit⸗ terliche Freiheit und die Ehre des rothen Kreuzes.— Ein verworrenes Geräuſch von Waffenklang und Stimmengemurmel tönte im Hofe einige Augenblicke, dann brauſete gewaltiger Roſſesſturz aus dem Gewölbe hervor. Die weißen Geſtalten hoch auf den ſchnauben⸗ den Hengſten brachen unaufhaltſam heraus aus der dun⸗ keln Halle, erſchienen draußen im Halblichte der Nacht, fuhren, wie ein Sturmſtoß den Eichwald niederwirft, ein in den Kreis der Miliz, die Partiſanen krachten auf 167 den Harniſchen, die Schwerter blitzten, ziſchten rechts und links wie Blitze nieder, und durch die Stürzenden gewann der wilde Comthur auf ſeinem ſchlagenden ver⸗ wundeten Hengſte Raum und ſpornte das herrliche Thier, ſo wie er Luft fühlte, ohne umzuſehen die Marktſtraße hinab, dem nächſten Stadtthore zu; die meiſten ſeiner Ritter theilten ſein Glück und folgten dem Klange ſei⸗ ner Hufe. Betäubt ſtanden die ſtädtiſchen Edeln und riefen die verſprengte Miliz zum Standhalten auf und trieben ſie zur Verfolgnug der Flüchtigen mit Wort und Klinge. Aber wer konnte die ſchnellen Roſſe einholen in düſterer Nacht? Boldowinus eilte beſonnen in das Haus, ließ feſt nehmen, was er noch im Hofe und in den Ställen von Ordensgeſinde mit Fluchtanſtalten beſchäftigt vor⸗ fand, mit den erbeuteten Windlichtern eilte er dann zu dem Platze des ſchnell beendigten Kampfes zurück und erhellte die Straße. Der Gewinn war nicht genügend. Zwei Templer wälzten ſich, von den Partiſanen der Wächter durchſtoßen, ſterbend im Blute; den wüthenden Junker Herrmann von Daſſel hatten zwei herkuliſche Armbrüſtler vom verwundeten Gaule geriſſen und hielten den Brüllenden mit nervichten Fäuſten gefeſſelt; der Bau⸗ meiſter Thiedericus ward geknebelt vom Hofe herge⸗ ſchleppt, mit ihm der bebende Magiſter Henricus und der heulende Knecht des Junkers von Rinteln. Doch der Verluſt wurde ſchmerzlich zugleich beleuchtet, denn acht brave Bürger ſtöhnten ſchwer getroffen liegend auf dem Pflaſter, und mitten im Thorwege fanden die Freunde mit Entſetzen den ſchon entſeelten Helmold von Steen⸗ beck; durch ein breites Ritterſchwert war ihm mit furcht⸗ barem Todesſchlage der Schädel bis zum Auge geſpalten, 168 und die Hufe der über ihn hin ſtürzenden Streitroſſe hatten ſeinen Körper zerſchlagen und zerfetzt auf eine ſchauervolle Weiſe. Beſtürzt ſtanden die Gefährten bei dem Anblicke, der noch grauenvoller wurde im ungewiſ⸗ ſen Lichte der flackernden Fackeln; eine augenblickliche Todesſtille entſtand, das tiefe, ſchmerzliche Gefühl an⸗ deutend, welches jede Bruſt ergriffen; alle Häupter er⸗ ſchienen entblöst, auch die rauheſten Hände zum Gebet gefaltet; da ſchmetterten fern, dann näher und jetzt überall die Heerestrompeten der eingedrungenen Panzer⸗ reiter des Herzogs, und die wilden Kriegstöne weckten die Erſtarrten und riefen ſie fort zu dem Rächer und Gewalthaber, welcher ihrer Botſchaft und ihres Armes wartete. — Wenn die ſchrecklichſte Naturerſcheinung, die einzige, bei der nicht an Flucht und Entkommen zu denken iſt, wenn ein gewaltiges Erdbeben eine friedliche Stadt aus dem Schlafe weckt,— die ſchwankenden Betten ſtoßen die Schläfer aus, ſie flüchten hinaus aus den krachen⸗ den, ungetreuen Wänden; die Thurmglocken tönen von ſelbſt; Mauern und Dächer praſſeln nieder, die hohen Kirchen berſten, die Thürme ſtürzen ein, nirgends ein Zufluchtsort, denn auch der Grund birſt und öffnet ver⸗ ſchlingende Abgründe, und Flammen und Rauch, er⸗ ſtickende Schwefeldämpfe und ſiedendes Waſſer quellen hervor aus dem geöffneten Rachen der Unterwelt!— ja wenn dieſes furchtbarſte aller Ereigniſſe einer Stadt Verderben und Vernichtung dräuet, kann der Schrecken kaum größer ſein, als der war, welcher am genannten Septembermorgen die ſchlafenden Bürger aus ihren Betten 169 riß und zu den Fenſtern trieb. Dichter Nebel deckte die Straßen und hielt den Tag zurück; am düſtern Himmel jagte ein erwachter Sturm ſchwarze, grauenhafte Rirſen⸗ wolken vorüber, von ſelbſt klangen die Glocken der offe⸗ nen Kapellthürmchen im Windſtoße und unten war die ganze Stadt voll fremdartigen Gelärms, Trompeten⸗ ſchmettern, Roßgetrappel und Geklirr der Harniſche und Gürtelketten. Ueberall ſah der ängſtlich lauſchende Bür⸗ ger dichte Reiterhaufen, halb nur erkennbar und darum ſchreckendräuender hin und her ziehen und halten auf den Plätzen und an den Ecken der Gaſſen; Thüren wurden eingeſchlagen, dumpfe Fluchworte ſchallten fern⸗ her, Geſchrei und Gewinſel ſchien zu antworten, und wagte ein kühner Hausvater zur Beruhigung ſeiner Fa⸗ milie ſich aus ſeiner Thür, ſchreckten ſogleich Donner⸗ worte der bärtigen fremden Panzerträger und ihrr ge⸗ ſchwungenen Schwertklingen ihn hinein zu ſeinem Heerde. Endlich erſchien der von Angſt und Sorgen herauf⸗ gebetete, ſchleichende Tag. Hoffnung und Vertrauen kam mit ihm in die eingeſchüchterten Bürgersleute; einzeln trieb die Neugier ſie aus ihren Spelunken; Nach⸗ bar trat zum Nachbar; dreiſter geworden durch die Geſellſchaft wagte man ſich weiter, und die nächtliche Beunruhigung ſchien aufgehört zu haben, das erſte Unge⸗ witter hatte ſich der tödtlichen Blitze entladen, aber auf all den erblichenen Geſichtern war deutlich die Spannung der Furcht zu finden und bei ihr das Bewußtſein, daß die eingetretene ſcheinbare Ruhe noch manches Furchtba⸗ rere bergen möchte und in jedem Augenblicke ein neuer Ausbruch des Zerſtörenden dräue. Kein freier Raum war in der Stadt, den 6— fremde Kriegsleute beſetzt hielten, theils hoch auf 17⁰ mächtigen Roſſen, theils abgeſeſſen auf die baumlangen Speere gelehnt. Alle trugen die Feldbinden des Lüneburgers, und von den braungelben, vielbenarbten Geſichtern las man deutlich die Charakterzüge damaliger Kriegsleute, den Morddurſt, die Gier nach Plünderung, Raub und Mordbrand. Der Herzog iſt da und mit ihm ſein Zorn auf die Stadt. Er wird ſie ſeinen Rotten preisgeben. Der hohe Rath iſt die Nacht aus den Häuſern geriſſen worden und liegt in Ketten in den Kerkern des Stadthauſes und in den Verließen des Schloſſes. Entkommen ſind durch's offene Thor die Ordensherren, auch mehre ſchuldige Edelherren über die Mauer geſprungen und in das Bi⸗ ſchofsland geflüchtet. Der wüthende Herzog ſitzt ſchon zu Gericht auf dem Rathſaal.— So flüſterte Einer dem Andern zu, und doch beſiegte die Neubegier unwider⸗ ſtehlich ihre Seelenangſt; zum Marktplatz ſchlichen ſcheu die Bürgersleute, und wer dort das Haus eines Be⸗ kannten wußte, ſchlüpfte hinein, am Fenſter oder vor der Dachluke einen ſicheren Schauplatz zu finden. Aber was man dort erblickte, mußte die Beunruhigung nur ſteigern. Das ſogenannte Speelhus, ein großer Vor⸗ bau des damaligen alten Rathhauſes, auf welchem alle bürgerlichen Hochzeiten, Banketts und Tanzfeſte gefeiert wurden, und das ſich mit einer freien Tribüne gegen den Markt öffnete, zeigte ſich von mehren blankbepan⸗ zerten Trabanten bewacht, welche breite Steitärte in den Fäuſten trugen; von dem Geländer wehete die große Leibfahne des Herzogs mit dem blauen Löwen im gelben Schilde und dem ſpringenden weißen Roſſe an der ge⸗ krönten Säule. Den gelben Sandplatz, den Nachlaß der Bauleute, umſtand eine doppelte Reihe finſterer 171 Hellebardierer, und rund um die Mitte des Marktes ſchloß ſich ein Reiterkreis mit gezückten langen Schwer⸗ tern; doch am gewaltigſten ſchüttelten die Glieder der Schuldbewußten ein Blick auf die ſteinerne Laube, den bekannten Platz des Halsgerichtes, denn der gefürchtete Meiſter Peter lehnte an dem runden Pfeiler in ſeinen ſchwarzen Mantel gehüllt, unter dem das ſchwere Beil hervorblinkte, und die gefühlloſen Gehülfen ſeines Ge⸗ werbes weilten mit ihren entmenſchten Geſichtern hinter ihm.— Der Herzog Otto von Lüneburg befand ſich wirklich ſchon oben auf dem ſogenannten Theatro, dem Sitzungs⸗ ſaale des Senats, aber nicht mehr in dem ſchlechten Wammſe des Söldners, ſondern den gekrönten Helm auf den dunkeln Locken tragend und über der ſchweren Silberrüſtung mit dem Fürſtenmantel von Goldbrokat geputzt. Nicht ſitzend, ſondern ſtehend lehnte er am grünen Tiſche, die Seripturen und dicken Geſetzbücher lagen herabgeworfen unordentlich am Boden, und an ihrer Statt hatte er ſein blitzendes Schwert dräuend auf die Tafel gelegt. Vor ihm ſtanden gebückt und unter⸗ thänig die treugebliebenen Vorſtände der Bürgerſchaft und Zünfte, Boldowinus Unzel, Herr Meiger und die von Rinteln an ihrer Spitze, und an ihrem Flügel der Capellanus Eckhardt, der ſie geſammelt und eingeführt. Eure Stadt verdiente eine derbere Züchtigung, fuhr der Erzürnte in ſener Rede fort, die mit einigen nieder⸗ ſchmetternden Fluchworten begonnen hatte; denn Niemand Meinesgleichen würde es ungewöhnlich finden, wenn ich eure Häuſer der Erde gleich machte, damit kein Enkel den Platz mehr erkenne, wo rebelliſche Mordpläne der Aufrührer gegen ihren Fürſten gebrütet wurden. Die 172 Frömmigkeit habt ihr zur Larve gebraucht, ihr Gott⸗ loſen, und unter dem Vorwande kirchlicher Bauten ohne unſer Wiſſen und Willen Mauern errichtet uns zum Trotz und gegen unſere Hoheitsrechte. Verrätheriſch habt ihr unſer Schloß Löwenrode mit einem Ueberfalle be⸗ droht, die eigene Veſte gegen uns zu beſetzen. Einem fremdländiſchen, uns verhaßten Orden habt ihr Raum gegeben und Wohnung in der Stadt; habt flüchtige Majeſtätsverbrecher, die dem Zorne unſeres geliebten und verehrten Vetters entronnen, bei euch beherberget und geſpeiſet und ihre Weiterflucht begünſtigt. Ueberge⸗ nug der Verbrechen, von denen jedes den Tod herauf peſchwört! Aber hat uns Gottes Hand herbeigeführt zu rechter Zeit, zu fangen die Strafbaren und ſie zu Schan⸗ den zu machen, ſo hat uns Gottes Licht auch zugleich erkennen laſſen die Getreuen und Standhaften, und um der wenigen Gerechten willen wollen wir Gnade für Recht verhängen, und wollen ſchonen die Verführten und weniger Befleckten. Man beliebt uns den Quaden oder Strengen zu ſchelten, doch wir wollen beweiſen, daß wir Milde zu der Strenge zu miſchen wiſſen. Eure Beſchwerden haben wir geleſen und beachtet; wohl denn, ihr ſollt eure Mauern feſt machen, und die Burgritter der Nachbarſchaft ſollen auf unſern Befehl euch durch Brief und Siegel zuſchwören, abzuſtehen von aller fer⸗ neren Moleſtie der Saumroſſe, Güterfuhren, Aecker und Heerden; aber unſere Krieger ſollen bleiben innerhalb eurer Stadt, und ihnen ſoll die Bewahrung eurer Warten vertrauet ſein. Eure Bürger ſollen hinauf in das Schloß, was ihr Fürwitz als Beſitzthum begehrte, aber gleich Fröhnern ſollen ſie es neu aufbauen und wehrhaft machen, und die von Alten, die von Reden 173 und von Hanenſee ſollen oben am Berge ſitzen und ihr ſollet ihnen doppelt Borchlehn zahlen und ſie ſollen als Kaſtellani wachen über eure Treue, und Herr Ludolph von Eſcher ſoll als Gograf eurem Gerichtsbanne vor⸗ walten. Eure Privilegien wollen wir neu beſiegeln, aber Habe und Gut, Bewegliches wie Unbewegliches derer, die dem Blutbann verfielen oder durch Flucht ſich unſerer Gerechtigkeit entzogen, ſoll unſerm herzoglichen Schatze verfallen ſein jetzt und für immer. Aufgelöſet iſt durch uns, in der Kraft und Gewalt, die uns Gott verliehen, euer Senat und was mit ihm zu Rathe ſaß: wir befehligen euch, eine neue Obrigkeit zu erwählen für dieſe Stadt ohne Aufſchub und unter unſern Augen, und hoffen, eure Wahl werde ſolche treffen, die unſers Vertrauens ſich würdig machten und uns Bürgſchaft leiſten mögen für eure künftige Treue und den Gehor⸗ ſam und Frieden dieſer unſerer Stadt. Und ſo bleiben wir euch bis auf weiteres gewogen und entlaſſen euch als euer gnädigſter Herzog.— Tief beugten ſich die Vorſtände der Bürgerſchaft; gedemüthiget, doch mit weniger klopfenden Herzen zogen ſie vom Saale hinab, und der erhitzte Fürſt trat einige Minuten hinaus auf die Tribüne, ſah mit gedankenvol⸗ lem, düſterm Blick eine Weile auf den Platz und die Sandſtelle und das Volksgewimmel am Rande der Häu⸗ ſer hinab, dann ging er entſchloſſen zurück, nahm ſeine alte Stellung ein, und winkte einem ſeiner Reiter. Und bald darauf erſchien ein neuer Zug vor ihm, erkie⸗ ſen aus Bewohnern dieſer Stadt, jedoch von ganz anderm Charakter und in betrübterem Aufzuge. Von Bewaff⸗ neten umkreiſet, mit auf den Rücken gebundenen Händen, nur halbbekleidet, wie man ſie aus den Betten geriſſen 174 oder im Hauſe gefunden, traten langſam die Häupter der Rebellion herein, der alte Conſul an ihrer Spitze. Achtunddreißig waren der Gefangenen, den templariſchen Prieſter und den Knecht des Junkers von Rinteln mit eingerechnet. Eine dunkelrothe Glut gleich dem Wiederſcheine einer Feuersbrunſt am Nachthimmel ſtieg auf Herzog Otto's Geſicht, und zu zweien Malen ging er raſſelnd in ſeinem Waffenſchmucke mit heftigen, ſchallenden Schritten an der langen Reihe herab, und ſein Auge ſchoß Blitze bei der Tod verkündenden Muſterung. Feſt wurzelte ſein Eiſenfuß dann vor dem Conſul Goddenſtadt, der zwar blaß und hohläugig vom nächtlichen Schreck, jedoch in ungebeugter Stellung vor ihm ſtand und furchtlos den Blick des erbitterten Herrſchers erwiderte. Du wareſt dabei, toller Graukopf, fuhr der Fürſt ihn an, dabei, als die Stadt uns die Huldigung brachte; Deine Hand ſchwur für Alle uns den Bürgereid, und Dein Gewiſſen erbebte nicht, als dieſelbe Hand den Brand des Aufruhrs entzündete, ihn zu ſchleudern gegen unſern Thron, gegen unſere geheiligte Fürſtenſtirn.— Wo iſt der Aufruhr? fragte muthvoll der Conſul zurück. Welche Glocke dieſer Stadt hat Sturm geläutet? Wie heißt der Bürger, der einen lüneburgiſchen Wapp⸗ ner niederſchlug oder einen der löblichen Ritter, die uns Brod und Erwerb ungeſtraft verkümmerten, mit dem ſcharfen Bolzen vom ſtolzen Roſſe ſchoß?— Im Gottes⸗ frieden ſchlief die Stadt. Eure Reiter ſind es, die den Tumult hereinbrachten und die bürgerliche Sicherheit mit Füßen traten. Iſt hier von Aufruhr die Rede, ſo ſeid Ihr ſelbſt der Aufrührer, und der Allmächtige wird zu Gericht ſitzen über Euch und uns.— ———— 175 Zum grimmen Hohnlachen verzerrte ſich des Herzogs Mund. Brav geantwortet, alter Sünder! ſagte er ver⸗ ächtlich. Du ſpielſt die Rolle des dünkelvollen Gaſſen⸗ ritters gut bis zum Ende. Du möchteſt mir die Mühe machen, euch noch einmal vorzuerzählen die Unzahl eurer Verbrechen. Euer Gewiſſen mag ſie euch nennen, längſt hat meine Seele ſich daran geſättigt, und es gilt hier nur die Sühne und Vertilgung durch gerechte Buße.— Ich bin aus edlem Blute, antwortete kalt Herr Volk⸗ mar; der Braunſchweiger Blut iſt kaum reiner und adeliger. Meine ritterlichen Hände ſind gebunden durch Eure Schergen. Ihr habt mit der Liſt des Fuchſes Euch eingeſchlichen in unſer Eigenthum; das Schwert der Ge⸗ walt liegt dort hingeworfen auf der Tafel des Geſetzes; thut was Euch beliebt, aber bedenkt, daß vor des Kai⸗ ſers Throne auch Ihr Rechenſchaft zu geben habt, und als Lehnsmann das deutſche Reich auch Euch für Unbill zu ſtrafen vermag.— Mahnt ihr mich an kaiſerliches Exempel? fuhr der Herzog auf. Wiſſet ihr nicht, daß ich vor kaum dreien Jahren zu Erfurt dabei ſtand, als unſers kaiſerlichen Großvaters Majeſtät gleiche Verbrechen gegen ſeine Krone ohne Aufſchub ſühnen ließ durch die Vernichtung der Verbrecher? Ihr ſollt erfahren, daß ich, wenn auch jung, ſolche Beiſpiele achte, und ſolchen Mordbrand, wie ihr entzündet, zu löſchen weiß mit dem rechten Waſſer. Der Duſing, den Dein Hochmuth nach Fürſten⸗ Weiſe zu tragen ſich erdreiſtete, ſoll Dir zum Galgen⸗ ſtricke werden, an dem Du erſticken magſt gleich dem gemeinſten Gaudiebe.— Wir fürchten uns nicht vor denen, die nur den Leib tödten; antwortete ernſt der alte Ritter. Nur Gerech⸗ 176 tigkeit fordern wir und nicht den übereilten Spruch der Willkür. Unbill allein haben wir abwenden wollen. Als Vätern dieſer Stadt blieb unſere höchſte Pflicht: Erhal⸗ tung der Privilegien und Sicherung des Eigenthums. Mochten wir ſtehen am Ziel oder fallen vor dem Sturme ungerechter Gewalt, pro libertate Civitatis geſchah das Eine, geſchieht das Andere, und unſer Gedächtniß mußte geehrt werden im Siege wie im Sturze. Wo ſind die Beweiſe gegen uns? Wo iſt der Kläger, der es wagt, ſich mit einer Beſchuldigung ſolcher Schmach würdig uns gegenüber zu ſtellen?— Der Herzog warf einen ſcharfen, durchdringenden Blick auf den kühnen Sprecher. Ihr habt rebelliſche Satzung in meinem eigenen Ritterſaale gehalten, ſprach er langſam und gedehnt; der Geiſt jener alten Veſte ſtand unter euch, und hinterbrachte mir jedes meuchleri⸗ ſche Wort. Aber auch lebende Zeugen bekannten auf Euch. Euer eigener Neffe, Helmold von Steenbeck, läugnete euer Verbrechen nicht ab.— Alle Geſichter der Gefeſſelten wurden bleich wie der Wandbalk, nur des Conſuls Wangen färbten ſich dunkel⸗ roth und mit der Aufwallung des heftigſten Ingrimms rief er: Führt mir den heuchleriſchen Buben vor; ſtellt mir ihn gegenüber, daß er im Blick des Wohlthäters, der die Schlange am Buſen wärmte, zuſammenſinke, und widerrufe, was er gelogen.— Mit Haſt trat der Fürſt zu einer Bahre, welche zur Seite ſtand, und riß das deckende Lailach herunter, und enthüllte den blutbedeckten Leichnam des jungen Senators, deſſen rothe Todeswunden weit aufklafften. Da habt ihr ihn! donnerte er mit wildeſter Heftig⸗ keit. Iſt dieſer treue Zeuge auch ſtumm geworden, ſein 177 geſchlagener, entſeelter Leib ſpricht lauter gegen euch, als irgend ein lebendiger Kläger gekonnt. Er ſtarb den ſchönen Tod der Bürgertreue, und ihr ſeid ſein Mörder. Für Dein Leben, Du unbußfertiger Sünder, bat er knieend. Ich ſagte es zu, wenn ich den Reuigen gefunden. Aber Dein teufliſcher Hochmuth war jener frommen Gnaden⸗ bitte unwerth. So habe, was Du Dir bereitet. Führt ſie hinab, und thut nach meinem Befehle.— Abwandte ſich der Zornglühende, und wollte den Saal verlaſſen. Der Conſul ſagte kein Wort ferner; ſein Antlitz war bleich geworden wie das eines Todten, ſein Kopf ſank gegen die Bruſt und er ſchloß in tiefſter Seelenerſchütterung die Augen. Aber in den Haufen der Uebrigen kam eine wirrre Lebendigkeit. Der Knecht Johannes ſank heulend in die Kniee. Nur ein Leibeigener bin ich und Eures Zornes unwerth, hohe Gnaden! jam⸗ merte er. Uebergebt mich der Stachelgeißel meines Herrn, aber ſchenkt mir den Kopf.— Deine Untreue entzog mir die beſten Opfer meines Gerichts und koſtete dieſem Edeln das Leben. Büße Deine Dummheit, Du elender Wurm! ſprach verach⸗ tungsvoll Herr Otto.— Magiſter Heinrich und der Templer von Daſſel dräng⸗ ten ſich jetzt hervor mit trotzigen Geberden. Ihr könnt uns nicht richten, ſchrie der Erſte, nur unſer Ordens⸗ meiſter und der Papſt ſtehen ob uns als Herrn über Leben und Tod.— Als ich dieſes Kreuz an meine Bruſt nahm, hörte ich auf, der Unterthan irgend eines welt⸗ lichen Herrn zu ſeinz rief der Zweite. Wagt es nicht vieſes geweihte Zeichen zu beſchimpfen, und zittert vor der Rache des heiligen Bundes!— Mitleidig wandte ſich der Fürſt noch einmal zurück. Blumenhagen. II. 12 3 178 Aufruhrprediger und Du unmündiger, verwahrloſeter Knabe! Kennt ihr den Leuen, deſſen Gebrüll in euren Sandwüſten jedes Menſchenherz erbeben macht, ſei es Ritter oder Hirt? Kennt ihr den Heldenvater, der den Löwen zwang und ihn mit ſich führte am Leitſeil wie einen demüthigen Hund? Den Urenkel des Löwenfängers ſeht ihr vor euch, und ihr wähnet, er könne das Gezücht der Füchſe und Schlangen fürchten? Obriſt! Laßt die eigenen Glocken ihres ſtolzen Doms die Muſik machen zu dem letzten Tanze dieſer Hochmüthigen! Hinab zum Tode mit ihnen, denn ihr Trotz zertritt jedes Fünkchen des Mitleids.— Schnell entfernte er ſich durch die Pforte, welche zum Innern des Hauſes führte, und ſeine gereizten Vaſallen vollführten mit blutgieriger Haſt, was der Herr geboten. Der einzelne Mord mitten in einer Stadt, aus Raub⸗ luſt oder in trunkener Leidenſchaftlichkeit gethan, erſchüt⸗ tert ſchon das Gemüth des ſtillen Bürgers; wie mußte das blutige Schauſpiel, welches jetzt begann, auf die Tauſende wirken, die wehrlos und verzagt ſtumme Zu⸗ ſchauer der fürchterlichen Rache werden mußten, welche Fürſtengrimm vollführen ließ! Herab führen ſah man gleich gemeinen Dieben die Vornehmſten und Reichſten der Stadt zu dem Sandboden auf dem Marktplatze. Alle knieten nieder und der Magiſter Henricus betete laut für Alle. Dann ſchleppte man ſie einzeln zu dem Steinblocke, auf dem das Gebetbuch des wahrſagenden Meiſters Ziriacus gelegen, wenn der Fromme ſeine Geſellen zur Morgenandacht vor der gefährlichen Tages⸗ arbeit verſammelte. Als das Haupt des Conſuls zuerſt fiel unter dem Beile des Nachrichters, entſtand plötzlich in der Grabesſtille ein wildes Geſchrei des Volks und eine heftige toſende Bewegung gegen die Mitte des ——, 179 Marktes; aber die bärtigen Reiter klirrten bedeutſam mit den Schwertern, und ließen die Streithengſte ſtam⸗ pfen und ſich dichter ſchließen, und die alte Erſtarrung des Entſetzens kam über das Volk zurück, die Ver⸗ ſteinerung des Meduſenhauptes, als jetzt die Feldtrom⸗ veten ſchmetterten, indeß ein Hellebardierer den zuckenden Kopf auf ſeine Partiſane pflanzte, und den langen Schaft in den Boden ſtieß. Der Magiſter Civium trat dann auf den Blutplatz und erlitt die gleiche Schmach; nach ihm Alle die, welche bei der Bürgerverſammlung auf Löwenrode zugegen geweſen und ſchon genannt wurden, mit ihnen zuletzt auch die gefangenen Ordensverwandten und der Leibeigene. Als achtunddreißig Leichname am Boden lagen, achtunddreißig blutträufelnde Häupter vom hohen Speergatter ſchauerlich niederſahen auf den roth⸗ gefärbten Stein, da ſchloß die Scene ein donnernder Hurrahruf der rohen Kriegsmänner. Gleichen Richter⸗ tod allen Verräthern und Rebellen! rief die weittönende Schreckensſtimme des befehlenden Obriſten, und ſchüchterte jedes Wort des Unwillens und der Trauer von den Lippen der Bürger tief in die verſchloſſene Bruſt hinunter.—— 8. Doch der ſchwarze Geiſt dieſes Tages war noch nicht ganz verſöhnt; die große, an das Licht getretene öffent⸗ liche Untreue des Verſtandes und der Ehrſucht hatte ihre Strafe gelitten und Jammer und Trauer in die meiſten Familien gebracht; die geheime, verſteckte Sünde, die ungeſehene Untreue des Herzens und der Liebe ſollte auch gebüßt ſein, ehe noch dieſe blutige Sonne hinter die Berge ſank. Der nächtliche Lärm in der Stadt hatte auch das 180 Daſſelſche Haus geweckt; da aber der Sohn mit dem Knechte lange ſchon gegenüber im Ordenshauſe Wohnung genommen, und Frau und Fräulein nur mit einer alten Magd beiſammen waren, ſo mußten ſie Unruhe und Sorge bezwingen, denn die durch die Straßen ſprengen⸗ den Reiter erlaubten der weiblichen Furcht keine Eröff⸗ nung des Hauſes, und die unbeſtimmten Nachrichten, die der Zwieſprach vom Fenſter aus mit gleichgeängſteten Nachbarsleuten ihnen zuführte, dienten nicht dazu, die Aufregung ihrer Gemüther zu ſänftigen. Juditha fühlte ſich vor Allen beunruhigt. Die Magd hatte ſie aus dem Schlafe gerufen; bei dem düſtern Lampenſchimmer der Nacht ſchien das Haus noch öder als ſonſt, draußen raſete Sturm am Himmel, dräuendes Menſchengetümmel auf Erden, ſie wußte ſich in einen gefährlichen, geheimen Liebeshandel verſtrickt; der edle Mann, der ihr zugethan geweſen mit ächtem Freundes⸗ ſinne, lag krank durch ihre Schuld, und die ſchönen Abende, die ſeine Geſellſchaft ſonſt beflügelt, waren arm geworden und langweilig, ſeit er ſich nicht ſehen laſſen. Für ein ungewiſſes, trügeriſches Glück hatte ſie den wohlthuenden, ſichern Beſitz hingegeben; Alles das wurde ihr klarer als je zuvor in den trägen, ſchleichenden Stunden dieſer Schauernacht, und ihr ſchlummerndes Gewiſſen wachte auf, und vermehrte die Qualen der Ungewißheit. Beſondere Ereigniſſe mußten in der Stadt obwalten, und doch erſchien weder der Bruder noch der Geliebte zum Schutz der einſamen Frauen. Wäre Hel⸗ mold von Steenbeck noch der Freund des Hauſes ge⸗ weſen, längſt hätte er ſich gezeigt, das wußte ſie ja durch die Erfahrung, bei vorigem Feuerlärm oder Hagel⸗ ſchlag oder ſonſtigen plötzlich ſchreckenden Ereigniſſen. — w 181 Mit ſolcherlei Gedanken ſich ſelbſt marternd, lief ſie von Fenſter zu Fenſter, bis die Nacht in Dämmerung verſchmolz und dieſe dem Tageslicht endlich Raum machte. Der erſte Blick auf das Sanct Georgs Haus gegenüber brachte jetzt auch nichts Erfreuliches. Kein menſchlich Weſen zeigte ſich an den Fenſtern; der Geliebte fehlte zum gewohnten Morgengruß; dagegen ſtanden Pforte und Thor weit offen, und vor dem Hauſe lag ein todtes Roß, und hingeworfene Waffenſtücke, und zerbrochene Speere deuteten auf einen ſchweren Kampf, den der Platz geſehen. Die alte Magd mußte hinüber, nach dem Bruder zu forſchen und ihn herzurufen. Die lahme Iris brachte nichts zurück, als die Nachricht, daß die Templer einen grimmen Streit mit der Bürgerſchaft gehabt und ſämmtlich mit ihrem Comthur in der Nacht die Stadt verlaſſen hätten. Bleich ſaß das Fräulein neben der ſcheltenden Mutter, deren Zorn den Wildfang von Sohn traf, weil er die Mutter vergeſſen und wie⸗ der ohne Abſchied, wie ſchon vormals, geſchieden war. Bange Stunden verliefen wiederum, und zu dem Groll der Frau Gertrudis miſchte ſich eben ſo herb, wenn auch wortlos, der Tochter Gram über den treulos ge⸗ flohenen Herzensmann.— Da tönte das Armenſünderglöcklein von der Kirche her; vom Markte herab ſtrömende Menſchenhaufen ſchrieen Zeter, und einzelne Worte, die zu dem Mädchen herauf⸗ ſchallten, deuteten auf etwas Ungeheures, und die Horchende hörte Namen nennen, welche ihr die liebſten geweſen im Leben. Die namenloſe Angſt ihres gepreßten Herzens nahm ihr die Beſinnung, ſie konnte nicht länger bleiben in den beengenden Wänden, unbemerkt entſchlüpfte ſie der Mutter, eilte durch Hof und Thorweg hinaus, und 182 wagte, Sitte und Jungfrauenzucht vergeſſend, ſich in das Gewühl der menſchenvollen Gaſſen. Sie kam zum Markt⸗ platze, aber dichter, undurchdringlicher ward hier das Gewühl; unverzagt drückte ſie ſich langſam vorwärts; Keiner ſchien ſie zu beachten, Jeder war mit wichtigern Gegenſtänden beſchäftigt. Jetzt hatte ſie ſich bis zur Mitte des Platzes vorgeſchoben, durch eine Lücke der in Er⸗ ſtarrung Gaffenden trat ſie hinaus und—— das Gräß⸗ lichſte, was ihrem Auge je im Leben erſcheinen konnte, ſtand vor ihr da. Auf dem nächſten Speere blutete noch der warme Kopf des Bruders, dicht daneben ſchauete des ſchönen Thiedericus bleiches Haupt in ſchmerzlicher Verzerrung der geliebten Züge zu ihr hernieder. Sie wähnte, ein böſer Traum äffe ſie, und drückte die Augen⸗ lieder feſt zu; als ſie aber zum zweiten Male die Augen aufſchlug, das Schreckensbild noch auf derſelben Stelle dräuete, da that ſie einen gellenden Schrei und ſank ſinnlos mitten im Volke nieder.— Mitleidige Bürger hatten die Unglückliche aufgehoben und in das nächſte Haus getragen. Als ſie auf einem weichen Bette ſich wieder fühlte und ihr Bewußtſein zurückkam, ſah ſie eine Magd mit ihrer Erweckung be⸗ ſchäftigt, unt eine junge Edle mit angenehmen, bekannten Geſichtszügen ſaß neben ihr, drehete einen Roſenkranz von Korallen zwiſchen den weißen Fingern, und hatte mitleidig und ſchmerzlich die getrübten großen Augen auf ſie geheftet. Hole Wein, Henrica, ſagte die Sitzende zu der Magd; die Kranke bedarf der Stärkung! und die Magd ver⸗ ließ ſogleich gehorſam das Kloſet.— Wo bin ich? Und was geſchah mit mir? fragte wild umherſehend die Erwachte, indem ſie ſich vom Bett empor hob.— 183 Mild reichte ihr die Fremde die Hand, ſie aufzurichten, und jetzt erkannte ſie mit Erſtaunen in derſelben Domieilla, das Fräulein von Winthem. Armes Mädchen, redete die vermeinte Feindin ſie an mit den ſanfteſten Tönen des Mitgefühls, wie muß uns das Schickſal erſt jetzt in ſo harter Stunde zuſammen führen, uns, die wir doch ſchon längſt zuſammen gehört hätten! An einem Tage haben wir das Liebſte ver⸗ loren, und leer iſt die Welt für uns geworden, ſo leer, daß wir nur auf Drüben hoffen dürfen, und nur der ſeligmachende Glaube uns tröſten kann. Ja, Du allein wirſt mich verſtehen, wie ich Dich verſtehe, und willſt Du, ſo wollen wir von jetzt an nie mehr uns trennen, wollen weinen mitſammen, wollen beten und das Ge⸗ dächniß der Verlorenen feiern, bis der Engel zum Wieder⸗ ſehen hinüber winkt.— Langſam ſtand Juditha auf, die ſtarren Augen feſt auf die ſchwärmende Rednerin gerichtet. Wie meint Ihr das? Wovon ſprecht Ihr? fragte ſie mit irren Mienen. Seid Ihr denn nicht das Fräu⸗ lein von Winthem, Helmolds Braut, die Tochter der ſtolzen Frau Mechthildis?— Mutter Mechthild büßt ſchon in harter Krämpfen des Schreckens! jammerte Domicilla. O wären dieſe harten Mütter nicht zwiſchen uns getreten, wie glücklich hätten wir alle ſein mögen! Ja, ſtaune mich nicht ſo an, Du geliebte Schweſter; ich wußte ja Alles, kannte die Liebe des ehrlichen Helmold zu Dir, und hoffte, der Kluge würde ſeine Feſſeln zu löſen wiſſen ohne Auf⸗ ſehen, und mich zugleich frei machen, denn ich liebte ja Deinen Bruder Herrmann mit erſter, unlöſchbarer Zu⸗ neigung. Nun iſt mein heißgeliebter Buhle in ſein eigen 184 Verderben gerannt und als Schlachtopfer des Fürſten⸗ grimms gefallen, und Dein Helmold liegt erſchlagen von den Schwertern der Templer, und unerweckbar iſt Dein Lieber ſo wie der Meine. O wir ſind beide ein Paar arme, unglückliche Mädchen!— Helmold? Auch Er dahin, der Treue, Schuldloſe? Entſetzlich! und er durch mich?— ſo rief Juditha heftig und faßte ſich in das lange, losgegangene Flechtenhaar mit Wahnſinnsgeberden.— Sie ſagen, er ſtarb einen ſchönen Ehrentod! Doch das iſt ein leidiger Troſt und erweckt ihn nicht! entgeg⸗ nete Domicilla, den lieblichen, frommen Madonnenkopf ſenkend und die Thränenaugen in das Tüchlein bergend. — Eine ſchwere, ſtille Pauſe unterbrach den ſchmerz⸗ lichen Zwieſprach. Juditha war in die Kniee geſunken, und hatte das Geſicht tief in die Decken des Bettes gedrückt; jetzt raffte ſie ſich mit Heftigkeit auf, ſtieß das Fräulein gewaltſam zurück und ſtürmte aus dem Zimmer, aus dem Hauſe. Domicilla rief ihr nach, flog ihr nach, ſchickte ihr nach, doch ſie war im Volke längſt verſchwunden.— Am Abend zogen die Fiſcher weit unter der Stadt den ſchönen Leichnam der Unglücklichen aus den trüben, unheimlichen Wogen des Leineſtroms. Wie eine Niobe ſteinern, ſtumm und klaglos ſaß Mutter Gertrudis drei Tage lang zwiſchen den Särgen ihrer Kinder, und wollte die Opfer ihrer weiblichen Rachſucht nicht von ſich laſſen. Gewaltſam mußte man ſie von ihnen trennen, aber der Augenblick, wo man die Leichen ſtill und im Abenddunkel forttrug, wurde auch der letzte ihres geiſtigen Lebens, und ſie ſtarb nach Jahren erſt in dem Irrenkämmerchen des Kloſters der barmherzigen Beginnen⸗Schweſtern.—— MI. — — — — — — — ſH Noverle. 8 die heiße Probe. Ein kapitales Stück, ein Mordbock, dem Du das Blei auf's Blatt geſetzt, Vetter Schmutzleder; feiſt wie eine Weihnachtsſau! Probiere einmal! Dem hat die gute Eichelmaſt geſchmeckt; der Kerl wiegt ſeine vierzig Pfunde, und unſer Windeckenwirth zahlt ſeine blanken drei Thaler dafür ohne lange Mauſchelei. Nun, da iſt wieder auf eine Woche für uns geſorgt, und die Weiber können aufs Feſt Brätzeln einmengen und die Kaffeekan⸗ nen blank ſcheuern.— So jubilirte mitten im Dickichte des S. ger Waldes ein kurzer, ſtämmiger Kerl, und verzerrte ſein vergelbtes, trockenes Antlitz zu einem Larvenbilde, von dem Niemand gewußt, ob es Freude oder Grimm aus⸗ drücke, hätte der gräßliche Lacher nicht zugleich mit unverkennbarem Gaudium in allen Bewegungen einen geſchoſſtnen Rehbock an den Läufen gegen den Mond aufgehoben, der freundlich und ruhig vom wolkenfreien Himmel durch die kahlen Baumgipfel herabblickte, und die dünne Schneedecke auf dem Waldmooſe und an der Nordſeite der rauhen Eichenſtämme mit einem leuchten⸗ den Silberſcheine überzog. Hatte ſcharf hingehalten, antwortete der Angeredete mit einer heiſern Baßſtimme aus einer langen, dürren Geſtalt hervor; und der Herrgott ſchickte ſeine Mondla⸗ terne gerade zur rechten Zeit, als wenn er ſagen wollte, v 2 ———— 188 er habe das Wild nicht allein für die großen Herren, ſondern auch für unſer Eins in die Welt geſetzt, wie Jeder glauben muß, der nicht als Strohkopf auf die Welt kam. Haben wir doch auch Kraut und Korn ge⸗ ng in den letzten Wochen in die Luft verpufft und ohne Gewinn, ſeit der neue Grünrock drüben am Berge ſtatt des alten bequemen Faulenzers in das Regiment kam, und es fehlte nichts, als daß er den Forſtmeiſter perſua⸗ dirte, uns eine Compagnie Musketiere in Haus und Betten zu legen, um unſerer freien Hantirung ein Ende zu machen. Iſt man doch keinen Abend ſicher vor einem Ueberfalle der Vögte und Amtsdiener, die nach der Büchſe und dem Pulverhorne ſpüren, und die rothen Naſen in alle Winkel drücken und nach Wildgeruch und Schweißdunſt wittern.— Hole den Grünrock und alle Seinesgleichen der Schwarze! fluchte der Kurze. Mag er mir nicht begeg⸗ nen, wenn ich die Kugelbüchſe im Arm habe! Da ſollen wir ackern und ſäen und mit dem Eierkorbe zur Stadt wandern, einige blinde Groſchen in das Haus zu holen. Ja, für wen beſtellen wir das magere Steinland? Die Bache mit ihrer Friſchlingstrift wühlt in einer Nacht das Kartoffelnfeld zu Brei; der Rammler frißt uns den Kohl, der Faſan den Weizen, und der Fuchs holt uns das letzte Gakelhuhn vom Hofe. Warten ſollen wir in Geduld, bis es den Herren auf den Schlöſſern und in der Stadt bequem iſt, ein großes Luſtjagen zu halten, ſollen verhungern bis dahin mit Weib und Kind. Ja, proſit die Mahlzeit! Es lebe die Freijagd! Einem ehr⸗ lichen Kerl juckt der Zeigefinger, ſieht er eine Fährte auf ſeinem Felde, und gäb's nicht Frieden, läge nicht in jedem Flecken ein Soldatentrupp und wäre das Karren⸗ 189 ſchieben nicht ſo vertrackt langweilig, morgendes Tages wollten wir frank und keck zu Maſſe in den Wald zie⸗ hen, und bei dem Schwarzen! die Grünröcke in Reſpekt bringen, daß ſie auf drei Winter lang vor uns ausreißen ſollten, wie wir jetzt vor ihnen.— Was hilft der Schnack? entgegnete der Lange unge⸗ duldig. Das Salbadern macht fromme Wünſche nicht lebendig; die Welt ſteht einmal kopfunters, und wir zwei Beiden werden ihr nicht auf die Beine helfen. Hilf mir lieber den Bock auf die Schultern; denn das thut jetzt vor Allem Noth; trage die Büchſen in die hohle Eiche am Steinſchlund und mache, daß wir nach Hauſe kommen, ſonſt kapert uns noch ſo ein Grüner den Braten weg, wie am Sonntag; von dem Schuſſe des Förſters müſſen Dir noch einige Körner in der Wade jucken.— Der Kurze biß die Zähne in ſeine aufgeſtülpten Lip⸗ pen, indem er die Läufe des Wildes mit einer Hanfleine zuſammenſchnürte, und die Beute behutſam dem Gefähr⸗ ten über den gebeugten Nacken hing. Fürchtet ſich das Haſenherz, das zuerſt Reißaus nahm? murrte er mit Hohn. Brauchſt heute Deine Waden nicht beſonders anzuſtrengen, denn der Cantorsburſch jagt drunten am Haidbruch, und ſeine Schüſſe hatten ſchon alle die Grünen vom Schloſſe allarmirt und dorthin gelockt, ehe wir die Pelzkappe vom Nagel nahmen und die Talglappen geſtrichen hatten. Das iſt mir ein gan⸗ zer Burſch, der Cantorsbube, der fürchtet die ganze fürſtliche Jagdmeute nicht mehr als ein Rudel Damwild, und hat dem Prinzen letzthin ſeinen beſten Schweißhund mir nichts dir nichts weggeputzt, weil die Beſtie vor ſeinem Verſtecke anſchlug. Haben ſie ihn doch auch von 190 der Schule gejagt, weil er über alle hergewachſen war, und ſeinen Spaß mit ihnen trieb. Nun jagt er wie wir auf freie Hand, und der Teufelskerl muß bei der erſten Zeche mit mir Kameradſchaft trinken.— Plaudere allein mit dem Monde und komm bald nach, ſagte der Lange; ich marſchire ab. Man muß den Teufel nicht an die Wand malen, ſonſt iſt er da. Halte Dich immer rechts am Landwehrgraben, warnte der Andere den langſam unter ſeiner Bürde Fortſchrei⸗ tenden; das Eis iſt noch nicht feſt, und weder Hund noch Mann wagt ſich hinüber. Am Föhrenkamp weißt Du den Schluchterweg, und ſtreiche zuvor mit dem Tan⸗ nenbuſch den Schnee rundum vom Boden, daß Deine breiten Patſchen nichts verrathen. Ich kreuze links durch das Feld und komme über den Berg in das Haus her⸗ unter, und daß die Frau die Suppe warm hält und im Ofen nachſchürt.— Vetter Schmutzleder war längſt zwiſchen dem geſpen⸗ ſtergleichen Hochholze verſchwunden, und ſein College im verbotenen Waidwerke weilte noch immer auf dem lichteren Waldplatze und putzte mit ſeiner Pelzmütze die losgeſchoſſene Büchſe des Nachbarn rein, und ſäuberte ſorgſam Schloß und Hahn. Dann brummte er halblaut ein plattes Trinklied, ergriff ſein eigenes Gewehr, das an einer Buche lehnte, und wollte ſich zum Abmarſch rüſten, indem er beide Gewehre über die Schulter hing, als er ſich beſann, ſtill ſtand, nochmals zurückkam, und ſich bemühte die Schneeſtelle, welche von dem Schweiße des Rehbocks beſudelt war, mit den groben Randſchuhen auszutilgen. In dieſem Augenblicke ſchnoberte ein großer Hund durch den Buſch, that einen gewaltigen Satz her⸗ aus, ſtellte den Freiſchützen und ſchlug mit hallender 191 Stimme an. Ein Schreck ſchlug wie ein Blitz durch die kurze Geſtalt des Sohnes der Finſterniß, aber raſch beſonnen riß er die Büchſe von der Schulter, ſchleuderte die ungeladene gegen des Hundes Kopf, daß dieſer heu⸗ lend zurück ſprang, warf ſich auf das eine Knie, ſpannte den knatternden Hahn, und ſchlug feſt die Büchſe dahin an, von wo der Angriff des Thiers gekommen. Kaum war das geſchehen, ſo trat auch ſchon der Förſter des Reviers, ein kräftiger Mann, mit erhitztem Angeſichte und die geſpannte Jagdflinte in der Hand, aus dem Dickicht, und mit freudigem Herzen erſah er die lang⸗ geſuchte Beute dicht vor ſich auf dem Schnee vom hellen Mondlichte beleuchtet, und ohne Macht, dem Rächer und ſeinem Rohre zu entwiſchen. Hab ich Dich endlich, Du Habicht in meinem Tau⸗ benhauſe? rief er mit weitſchallender kräftiger Mannes⸗ ſtimme. Er ſelbſt iſt es, Herr Kriſtel Rothhahn, der ſich rühmt, noch nie einen Schuß umſonſt gethan zu haben? Nun der Schuß, der hier gefallen, ſoll Sein letzter ge⸗ weſen ſein, und da iſt ja auch der leuchtende Schweiß⸗ fleck auf dem Schnee, und der Jagdfrevel iſt dieſes Mal nicht abzuläugnen. Die Büchſe her, das Wild abgelie⸗ fert, und marſch mit mir auf den Amthof!—. Der kurze Kriſtel blieb ohne Bewegung in ſeiner vorigen Stellung. Herr Förſter, rufen Sie meinen Namen nicht noch einmal ſo laut, ſagte er barſch mit feſter Stimme. Ich warne Sie, wir ſind hier zu zwei und meine Kugel ſitzt im Laufe.— Der Förſter hob unwillig die Flinte in die Höhe. Kerl, ſprach er zornglühend, glaubſt Du, ein Jäger fürchte ſolchen Schnapphahn? die Büchſe herunter vom Backen, oder meine Paläſter lehren Dich Reſpekt.— 192 Herr Förſter, entgegnete der Kniende kaltblütig, Sie und ich haben Weib und Kind. Sie ſitzen im Warmen, die Meinen hungern; machen Sie linksum und vergeſſen Sie, daß der Mond mich beſchien.— Verdammte Beſtie! fluchte da der furchtloſe Jägers⸗ mann. Hörſt Du nicht meine Leute pfeifen am Berge? Pluto, Haſſan, drauf. Willſt Du nicht gehorchen, ſo ſollſt Du fühlen.— Er warf die Flinte ſchnell an die Schulter, aber ehe ſeine Hand abdrückte, blitzte ſchon das Pulver auf von der Pfanne des Feindes, der Knall donnerte durch den Wald und zehn Echos hallten ihn ſchauerlich zurück. Mit einem ſtöhnenden Sterbelaut ſtürzte der Förſter vorn über und wälzte ſich herum auf den Rücken, und zeigte dem rächenden Himmel die tiefe Todeswunde, aus der mit dem ſpritzenden Herzblute ſein Leben entrann. Wohl bekomm's, geſtrenger Herr Förſtersmann! lachte der Kriſtel laut auf, erhob ſich vom Knie und warf mit geſtrecktem Halſe einen ſcharfen Blick nach dem Röcheln⸗ den hinüber. Er nennt meinen Namen nicht vor dem Gericht! ſetzte er kopfnickend hinzu, raffte das Büchſen⸗ paar zuſammen und floh den ſchmalen Bergpfad hinab, daß ſeine Sprünge laut dröhnten auf dem gefrorenen Boden. Pluto, der Hund, ſchnupperte einige Sekunden um den gefallenen Herrn, leckte ihm die erſtarrende Hand und die blutende Bruſt und das kalt werdende Antlitz; dann faßte er mit dem ſcharfen Gebiſſe den Rock des Sterbenden und zupfte heftig, als wollte er ihn er⸗ wecken und zum Aufſtehen helfen; als aber die Mühe fruchtlos war, ſchien ein Rachgedanke vom Himmel in der trüben Seele des Thieres erweckt zu werden; es ließ das Kleid fahren, drehete den zottigen Kopf noch 193 einmal zu dem Herrn, ſchlug hell und ängſtlich an und verfolgte dann den flüchtigen Mörder in langen Sätzen und mit blöckenden Zähnen den Berg hinunter. Eine Schauerſtille legte ſich einige Minuten lang über die blutbefleckte Gebirgsgegend; nur ein nächtli⸗ cher Wind machte ſich plötzlich auf und ſauſete ſtoßweiſe durch das kahle Gehölz, wie eine unwillige Geiſter⸗ ſtimme, die das verborgene Verbrechen zu verrathen und Helfer zu rufen bemüht war. Da brach es durch den dürren Unterbuſch, erſt fern, dann immer näher, und ein neuer Waidgenoß trat hervor in die Mondhelle und ſah ſich nach allen Seiten mit Unruhe und ſuchender Beſorgniß um. Hier muß es geweſen ſein, wenn der Nachklang des Echos nicht trog; ſprach zu ſich ſelbſt der jugendlich⸗ſchlanke Mann, der im netten Jagdanzuge, im grünen Mützchen, gewärmt durch einen kurzen Flaus⸗ rock und hochreichende graue Gamaſchen, die Flinte in der Hand ſich durch das Holz drängte und die rauhe Jagdtaſche, worin ein Häschen blutete, aus dem feſt⸗ haltenden Hülſengeſträuch los machte. Hier klaffte der Hund, hier ſchoß man, und hier müſſen Jäger ſein, die mein Halloh zu mir locken wird.— Er ſah ſich rund⸗ um, und gewahrte mit Schrecken und Erſtaunen den Sterbenden am Boden. Mein Herrgott, ein verunglückter Waidmann! ſchrie er auf, warf die Flinte hin und kniete neben dem Zuckenden nieder, der gerade ſeine letzten Athemzüge von ſich ſtieß. Erholt Euch! rief der Fremde voll Angſt, die das menchlichſte Mitgefühl in ſein Herz geworfen hatte.— Sprechet, was geſchah, und wo kann ich Hülfe ſuchen?— aber der Förſter kehrte nur einen Blumenhagen. II. 13 194 Augenblick noch die erſtarrten, gläſernen Augen zu ihm her, dann zuckte ſein Mund und er ſtreckte ſich lang in den Schnee hin in letzter Bewegung. Der Fremde riß ihm die Kleider auf, ſtopfte ſein weißes Schnupftuch auf die tiefe, vom ſtarrenden Blute umquollene Wunde; wie verwirrt durch das Ereigniß ballte er den dünnen Schnee zuſammen und rieb damit die Stirn und Schläfe des Todten; ja zuletzt zog er ſein Feldfläſchchen hervor und mühte ſich, die letzten Tropfen Conjacs, welche es um⸗ ſchloß, in den Mund des Erblichenen zu flößen. War es denn noch nicht genug, ſeufzte er dabei, daß ich allein und verirrt war in der kalten Nacht und in der frem⸗ den Gegend? Muß nun noch ein Verblutender mein grauſiger Geſellſchafter werden, ohne daß ich weiß, wo⸗ hin mit ihm, und gebannt wie durch Fluch an ſeinen kalten Leib, den ich doch ohne Unmenſchlichkeit nicht ver⸗ laſſen darf und kann?— Da wurde es lebendig hinter ihm; Pluto ſprang den Berg herauf und fuhr bellend heran, als er den Unbe⸗ kannten neben dem Herrn erblickte, und mit Eilſchritten folgte dem Hunde ein Haufen Menſchen, deren Lippen Flüche und Zornworte entſtrömten. Ein alter grauhaa⸗ riger Jagdgeſell trat zuerſt herüber über den Bergrand, eilte über den Blutplatz, ſchlug die Hände über dem Haupte zuſammen und drehte ſich dann wieder zu den Begleitern zurück. Herauf, Geſellen! rief er, das Un⸗ glück iſt da, wie mir es ſchwanete, als der Schuß fiel, der Pluto ohne Herrn anſprang, und der Böſewicht, den er verfolgte, uns in das Garn lief. Waldner iſt er⸗ ſchlagen und liegt hier in ſeinem Blute.— Der alte Graukopf ſchwankte wie ein Trunkenbold, und faßte zur Stütze den Aſt einer Buche, ein jüngerer Geſell aber 195 ſtürzte ſofort bei ihm weg auf den Fremden zu, den der Alte im täuſchenden Mondlichte überſehen, und der ſich jetzt erfreut über die unerwarteten Helfer vom Boden und der Seite des Erſchoſſenen erhob, doch mit Verwun⸗ derung ſich ſelbſt gewaltthätig ergriffen und feſtgehalten fühlte. Zwei Vögel auf einen Schuß, brüllte der junge Jagdbub, ihn mit wilder Kraft zu Boden reißend und ſeine Gurgel guetſchend; ſo haben wir den Helfershelfer und Raubgenoſſen nun auch, der frech genug war, ſich nicht genügen zu laſſen am Leben des braven Herrn, und um die Leiche zu plündern ſich aufhielt und ver⸗ ſäumte. Beſtien, ihr ſollt eurem Lohne nicht entgehen, und ich will euch ein Jubellied ſingen, wenn der Mei⸗ ſter Kopfab euch eine Spanne kürzer macht.— Der Fremde hatte ſich indeß von der Ueberraſchung des un⸗ vermutheten Angriffs erholt, und ſtärker als ſein Gegner den Angriff abgeſchüttelt, ſtand wieder auf den Füßen, wurde aber von drei neuen Feinden feſtgehalten, und konnte in ihrem Wuthgebrüll, in das der Hund über⸗ dem hineinbellte, nicht zu Worte kommen. Er iſt wirklich todt! ſprach jetzt der Graukopf, wel⸗ cher ſich indeſſen an der Leiche des Förſters beſchäftigt hatte. Hebt ihn auf, Burſchen, und traget ihn hinein; laßt mir aber ja die Böſewichter nicht entwiſchen, da⸗ mit die Herrſchaft ein Beiſpiel ſtatuiren kann ohne glei⸗ chen.— Ihr ſcheint ein alter, verſtändiger Mann, ſagte da der Fremde, nachdem die wildbewegten Menſchen, die ſich ſeiner bemächtigt, durch den Ausſpruch des Grau⸗ kopfs und einen Blick auf die Leiche ihres Anführers einen Augenblick ſtill geworden waren; ſo leidet nicht, 196 daß man mich mißhandelt und mit Verbrechern verwech⸗ ſelt, deren Treiben mir fremd iſt. Ich bin ein preußi⸗ ſcher Edelmann, ein Gaſt des Herrn von Otterßen und bei einer Jagdpartie deſſelben von der Geſellſchaft ab⸗ gekommen, verirrt und wie es ſcheint auf ein fremdes Revier gerathen.— Ein Edelmann, und hier bei dem Ermordeten? fragte ungläubig der alte Jäger. Der Herr von Otterßen iſt ein zu vorſichtiger Gaſtfreund, als daß er in ſolchem Gebirg einen Fremden ohne ſeinen beſten Jäger anſtellen ſollte.— Glaubt dem Schurken nicht, ſpricht er auch fein und verſtändig wie ein Buch! fiel ein rauhſprechen⸗ der Jäger dazwiſchen. Ich müßte nicht Augen und Ohren haben, wenn das da nicht der Cantorsſohn aus Wölfen iſt, der ärgſte Wilddieb im ganzen S ger Holze. Der iſt ein ſtudirter Burſch, trägt feine Lappen am Leibe; an Verwegenheit und Gaunerei im diebiſchen Waidwerk kommt ihm jedoch keiner gleich, ſelbſt der Kriſtel nicht, der den Schwarzen nicht fürchtet. Hervor mit Dir, Mordkerl! ſetzte er hinzu, den Kriſtel, den einige Andere des Haufens mit geknebelten Händen im Hinter⸗ grunde bewacht hielten, und den der Hund des Förſters immer knurrend umkreiſete und ihn zuweilen mit den ſcharfen Zähnen in die Waden faßte, heranreißend, und dann mit geballter Fauſt vorſtoßend. Sprich, iſt das nicht Dein Kamerad und Mitſchuldiger?— Der kurze Rothhahn, deſſen Larvenantlitz bleich war wie der Todte im Schnee, fletſchte die Zähne und ſchielte aus dem ſtruppigen Haare hervor einen Augenblick den Fremden an. Ja wohl! murmelte er. Was hilft's läugnen, mit gefangen mit gehangen. Kameraden — ——— 197 theilen Leid und Freud, und Cantors Fritz läßt keinen Geſellen im Stich.— Schaut mich doch an, erwiderte der Fremde mit Unwillen; ſehe ich denn aus wie ein Genoß dieſes hä- miſchen, boshaften Verbrechers, der teufliſch genug iſt, einen Theil ſeiner Schuld auf mich werfen zu wollen? Meine Flinte iſt in des Alten Hand; unterſucht ſie, ſie iſt geladen und nur mit Schrot. Wie könnte ich denn der Mörder ſein? Ich wollte helfen, retten, als ich den Blutenden fand, und frohlockte euch wie Freunden ent⸗ gegen, und hätte ſolche Mißhandlung, die mir zum erſten Male im Leben wird, nie erwartet.— Sprich Du wie ein Profeſſor, Du lügſt Dich nicht los! kreiſchte der rauhe Jäger ihm zu. Der Kriſtel hat auf Dich bekannt, und mehr bedarf's nicht, um Dich in den Thurm und ins Halsgericht zu bringen. Der Ge⸗ richtshalter wird ſchon den Cantorsburſchen, Wildſchützen und Mordgeſellen aus Dir heraus inquiriren, und dar⸗ um nur fort ohne Federleſen und Säumniß!— Alle Gegenrede des Fremden blieb vergeblich, und verhallte in dem Gelärm zwölf durcheinander tobender derber Jagdſtimmen; ſo ergab er ſich in ſein Schickſal, das nur durch die Nachbarſchaft des geknebelten Mörders, der ihm zunächſt zwiſchen den triumphirenden Jagdge⸗ ſellen ging, etwas höchſt Widerwärtiges in ſich trug. Das letzte Paar der grünen Burſchen hob den Leichnam des Förſters auf und folgte den Uebrigen mit der trau⸗ rigen Bürde, und den Schluß machte der alte Grankopf, welcher die fremden Flinten trug, und an deſſen Seite der gewaltige Hatzhund mit hängendem Schweife und ge⸗ ſenktem Kopfe durch den Wald ſchlich.—— 198 Ein heiterer Wintermorgen beleuchtete die wirklich ausgezeichnet ſchöne Gegend, und gab ihr durch ſein blaſſeres Sonnenlicht und ſein eiſiges Kleid die kräftige⸗ ren nordiſchen Reize, in denen die ſchroffen Felsmaſſen, die uralten, himmelhohen Baumgruppen, die unbelaubt wie dunkele Kirchenpfeiler den Himmelsdom zu ſtützen ſchienen, die ſchwarzen Fichtenhaufen, die von fern wie finſtere im Froſtwetter zuſammen gekauerte Rieſengeſtal⸗ ten über den alten Steinbrüchen und Untiefen zu lagern ſchienen, ſich zwiefach anziehend für das Auge des Freun⸗ des gewaltiger Naturſcenen geſtalteten. Zur Sänfti⸗ gung des ſchroffen Eindrucks diente indeß das freundliche Bergſchlößchen, welches das Centrum des Bildes ein⸗ nahm, in einer Senkung des Gebirgs erbaut war, und mit hochgelb gefärbten Wänden und blanken Spiegel⸗ fenſtern und hellgrünen Gitterläden weit über die ganze Gegend herſchimmerte. Einen alten Thurm und graue Mauern mit eichenen Thoren hatte der Erbauer freilich als zur Sicherheit taugliche, ja in dieſer Gegend höchſt nöthige Umgebungen von den Reſten einer alten Ritter⸗ burg ſtehen laſſen; aber der graue Thurm lag an der äußerſten Seite, faſt vom Walde, der ihn einſchloß, verſteckt, und die Mauern umkreiſeten das auf der run⸗ den Hügelkuppe höher liegende Schloß am tiefſten Zir⸗ kelſchnitte der Kegelerhöhung, und ſie verbargen nichts von dem Hauptgebäude, ſo daß die Bewohner keinen Punkt der Ausſicht in das Land verloren, und das Schloß dem Wanderer wie ein freies, anmuthiges Landhaus am Berge zu hangen ſchien, in welchem weder Furcht noch Mißtrauen wohnen könnte, und das nur Vergnügen und Menſchlichkeit ſich zum Neſt gewählt. Auch verdienten die Bewohner dieſen Glauben; wenigſtens ſchuf die 199 anmuthige Geſtalt der Frau von Waiz, welche im netten, ihren ſchlanken Wuchs nur verſchönernden Morgenkleide eben jetzt am Fenſter weilte, und ſich den ſchönen Mor⸗ gen betrachtete, und hinter ihr Fräulein Jucunda von Rolf, die jüngere Schweſter der Gutsbeſitzerin, die durch ihre zarten, aber ſehr ebenmäßigen Formen, für das Amt der Hebe, das ſie eben bei Ordnung des Frühſtücks verwaltete, ganz geſchaffen erſchien, ein ſo niedliches und einladendes Bild, wie es wohl kein Suchender in dieſer rauhen Gegend und hier um dieſe Jahreszeit zu finden geglaubt hätte.— Der Onkel verweilt ungewöhnlich lange, ſagte das Fräulein, mit ſcheuen Fingern den heißen Deckel der ſilbernen Filtrirmaſchine lüftend und den aromatiſchen Duft des klaren Mockatrankes mit Lüſternheit einathmend. Sollte er unpäßlich geworden ſein? Doch dann hätte er längſt geſchickt; ſchmeckt ihm doch ſein Morgenpfeifchen nur, wenn mein feines Fingerchen die ſchmutzigen Blät⸗ ter eingeſtopft und ich ihm den Fidibus am Wachsſtock angezündet.— Der alte Gebhard ging vorhin über den Hof nach dem Flügel hinauf, antwortete die Baronin Amelie, und wird den Oberſten während des Ankleidens mit einer Jagdgeſchichte ohne Ende gefeſſelt haben. Zog doch das ganze wilde Heer geſtern Abends wieder hinaus in den Forſt, und der Onkel ſchien große Luſt zu haben, die trübſelige Nachtpartie mitzumachen, hätte er nicht den gefallenen Schnee und den ſtrengen Ausſpruch des Leib⸗ medicus gefürchtet, daß trotz der dreijährigen wunder⸗ thätigen Linnéiſchen Erdbeernkur bei der geringſten Feuch⸗ tung der Sohlen der alte Feind aus dem rruſſiſchen Feldzuge, genannt Podagra, wieder anrücken werde.— 200 Wären wir nur erſt wieder in der Reſidenz! ſeufzte Jucunda, und tauchte einige Semmelbrocken in die Milch und ſteckte ſie den ſchreienden Kanarienvögeln durchs Git⸗ ter, die der bekannten Wohlthäterin dafür in das weiße Händchen pickten. Machſt Du mir Vorwürfe, fragte getroffen Amelie, daß ich Dich mitzog, als der eigenſinnige Ohm darauf beſtand, an Ort und Stelle die Angelegenheiten der Erbſchaft meines ſeligen Hausherrn in Ordnung zu brin⸗ gen, und meine Revenüen feſtzuſtellen, und den nahe wohnenden Vettern ihre Mannslehne und Legate auszu⸗ liefern?— Jucunda drehete ſich mit einem Walzerpas ſchnell von den Sangvögeln zur Schweſter, legte ihren runden Arm um der ſchönen Wittwe ſchlanken Leib, und leicht ſich etwas zu der Hochgewachſenen erhebend, preßte ſie einen warmen Schweſterkuß auf den ſchmollenden Mund derſelben. Könnteſt Du ſein ohne mich oder ich leben ohne Dich? fragte ſie ſchalkhaft. Hat man uns nicht gar oft ſpöttiſch das ſchweſterliche Liebespaar getauft? Und ſpielteſt Du auf dem letzten Karneval nicht im ſtattlichen Jagdrocke Deines ſeligen Eheherrn meinen Liebhaber ſo täuſchend, wie ich Deine ſchäferliche Do⸗ rilis, daß am Tage darauf mir die ganze Reſidenz zu dem unbekannten Bräutigam gratulirte? Und ſind es nicht achtzehn Jahre, nämlich am nächſten Sonntag, wo wir meinen Geburtstag hoch aber jammervoll einſamlich und langweilig in dieſer Wildniß feiern werden, daß wir Alles theilen, wie wir das erſte Zuckerplätzchen theilten, welches meine Amme mir darbot. Freilich haſt Du, wie Du Dir damals die Hälfte des dem paſſiven Kindlein beſtimmten Bisquitkuchens gewaltſam zueigneteſt, 2 2 201 auch ſpäter den Herrn von Waiz an Dich geriſſen, und mir mein Theil an ihm nicht zugeſtanden; aber ich bleibe darum doch Deine treue Jucunda, und wüßte keinen Platz in der Welt als neben Dir, und könnte ſelbſt die Seufzer und Anbetungs⸗Adreſſe meines Liebhabers Dir zur Hälfte adreſſiren ohne Eigennutz und Eiferſucht.— Schäckerin! lächelte Amelie, mit dem Finger die ge⸗ ſchwätzigen Lippen ſchlagend. Was Du ſagſt, iſt ein Beweis, daß noch nicht der Rechte bei Dir angeklopft. Wenn er kommt, wollen wir ſehen, wie du die Prüfung beſtehſt.— Fräulein Jueunda fühlte ihr Geſicht ein wenig heißer werden, als es zuvor geweſen, und die roſenfarbene Signalflagge auf den Wangen als Verrätherin fürch⸗ tend, ſchwebte ſie in den neueſten Ecoſſaiſenpas der Re⸗ ſidenz hin und her über die glatten Parquets, indem ſie den Rücken weislich der Schweſter zuwandte, trillerte dazu: Es ſingt ein Vöglein witt, witt, witt! Komm mit! Komm mit! hielt dann mit flüchtigem Athem am runden Mahagoni⸗Tiſche ſtill, und ſtellte die buntbemal⸗ ten Pariſertaſſen in Reihe und Glied— Nimm Platz, Amelie! ſagte ſie, den kleinen Mund wie ſchmollend aufgeworfen. Ich trinke, denn iſt der Onkel ungalant genug uns verwaiſete Prinzeſſinnen war⸗ ten zu laſſen, ſo dürfen wir auch den Reſpekt vergeſſen, und ihn des hohen Vergnügens der erſten gemeinſamen Taſſe berauben. Ich dürſte nach dem warmen Labe⸗ trunke mehr als nach dem Becher voll Ananas⸗Eiſe aus des unverwüſtlichen, tanzluſtigen Majors galanten Hän⸗ den. Iſt doch auch unſer jungfräuliches Schlafgemach droben ein wahres Sibirien, und der grobe Nord hat dieſe Nacht das Dach geſchüttelt, und in den nahen 202 Bäumen gekracht, daß ich die Poſaune des Weltunter⸗ ganges zu hören glaubte, und nichts träumte, als von Raub⸗ und Mordgeſchichten, durchgegangenen Pferden und Kirchhöfen mit geſpaltenen Gräberhügeln und dar⸗ aus hervorſteigenden Gerippen.— Wie ein kleines Murmelthier mußt Du geſchlafen und auch den Sturm geträumt haben! lachte die Frei⸗ frau. Die Nacht war ſtill und der Mond ſchien hell durch die eisbeblümten Fenſter— Aber mich ſtörte eine ungewöhnliche Unruhe im Schloßhofe; die Thorflügel knarrten noch ſpät mehre Male; Hundegebell und rauhes Stimmengemurmel beunruhigte mich, und wäre meine alte Sophie nicht geſtern krank zu Bett gegangen, und hätte der Lärm nicht bald ein Ende genommen, ſo würde ich Sturm geläutet haben, Einbruch oder Feuersnoth vermuthend.— Die Jagdleute werden ſpät zurückgekehrt ſein, ent⸗ gegnete Jucunda, ihr Täßchen ſchlürfend; die rohen, blutdürſtigen Geſellen kehren ſich nicht an die feinere Natur und die Schlafluſt ihres Nächſten. Stampfte uns doch auch Dein lieber, galanter Seliger manches Mal mit ſeinen derben Jagdſohlen aus dem erſten Schlafe, und ſeine geliebten ſchmutzigen Saufinder durf⸗ ten Dir manchen ächten Teppich verderben.— Ich träumte von einem ruhigern Winter, verſetzte Ame⸗ lie, Arm und Lockenhaupt auf das Fenſtergeſimſe ſtützend; ich wollte hier der Erinnerung leben und einen Plan für die Zukunft im traulichen Abendkreiſe entwerfen. Aber die Männer ſind ſich alle gleich, und kaum hat der gichtbrüchige Ohm den Wald wieder geſehen und ein Jagdhorn gehört, ſo iſt auch die alte Sündenluſt wieder in ihm lebendig geworden. Aber tröſte Dich, Jucunda; P 7 203 ſpäteſtens in drei Wochen ſitzen wir wieder in der war⸗ men Loge unſeres Opernhauſes, und hören nur den Zauberſpektakel der Armida, nur Webers Jägerlieder und den Schuß, welcher den ſchönen Jaromir verwundet.— Aber ſieh da den Onkel! ſetzte ſie ſchneller hinzu. Er ſtürmt über den Hof, als wäre er ein herviſcher Fähndrich, der die Fahne gegen eine Batterie trägt, und ficht dem alten Gebhard Befehle mit beiden Armen zu, als hätte er ſeine Grenadiere noch hinter ſich und riefe ſie mit einem Vorwärts zum Bajonettſturm.— Beide Damen nahmen raſch im Sopha FPlatz, um durch verſtellte übele Laune dem Oberſten die Säumniß entgelten zu laſſen, aber ſie kamen nicht zu ihrer weib⸗ lichen Komödie. Der alte Podagriſt trat wenige Minuten darauf mit ſolcher Haſt und ſo kräftigen Schritten in den Salon, und ſein Antlitz hatte in jeder Runzel und Krieges⸗ ſchmarre der dräuenden Glut ſo viele, daß beide Frauen⸗ zimmer ihre Rolle vergaßen, ihm mit geſtopfter Pfeife und voller Taſſe entgegen traten, um nur ſchnell ihre Neugierde, die erſte Weibertugend, befriedigt zu ſehen, da das ganze Benehmen des Greiſes etwas Ungewöhn⸗ liches ankündigte.— Guten Morgen, Kinder! Guten Morgen! ſtieß der Eintretende haſtig heraus, die weiße Pfeife zurückwei⸗ ſend und mit Eile zu der präſentirten Taſſe greifend. Danke ſchön, Jucundchen! Habe nicht Zeit, muß bis nachher verſpart werden.— Und ſo ſchlürfte er in einem Zuge den ſchwarzen Mockatrank hinunter und griff nach der Curacao⸗Flaſche und dem Kryſtallgläschen, um den gewohnten Morgenzug darauf zu ſetzen. Aber was haben Sie denn, Onkel? Was iſt geſchehen? 204 Sie ängſten uns! ſtammelten die Schweſtern harmoniſch ihm zu.— Vertrackte Hiſtorien! antwortete der Alte, die Hände zornig ballend um Flaſche und Glas, daß das letztere klirrend brach in der rauhen Soldatenhand. Schreckens⸗ geſchichten, wie man ſie kaum im Felde unter Guerillas und Baſchkiren erlebt. Füſilirt müßten die Schurken werden oder aufgeknüpft an dem erſten Weidenaſte! Wäre ich Herr im Lande, die ganzen Spitzbubendörfer ließe ich demoliren, die Mannsbilder über die Klinge ſpringen und das Frauenvolk benebſt der jungen Brut ſchickte ich in das Spinnhaus und auf die Tretemühle, damit jeder ehrliche Mann ſicher bliebe auf ſeinem Berufswege.— Aber was gab es denn? fragte die Freifrau beſorg⸗ ter, aber auch mit dem Ernſt ihres Platzes im Schloſſe. Ihre fürchterlichen Ausrufungen löſen uns keine Räthſel, und ich möchte doch erfahren, warum mein gewaltiger Herr Ohm meinen armen Unterthanen an den Hals möchte mit wahrem Kannibalengrimme.— Der alte Kriegsmann verſchnaufte ſich, zog die brei⸗ ten grauen Augenbraunen höher gegen die gerunzelte kahle Stirn hinauf und ſprach langſamer und wie ver⸗ wundert: Alſo ihr wiſſet noch nichts? Man rapportirte Dir nichts, Amelie? Nun freilich, die Geſchichte kam immer noch reichlich früh zu Damenohren, und der alte Gebhard hatte Takt genug, mir zuerſt Meldung zu thun, damit ich eure weichen Herzen vorbereiten konnte und euch die Ohnmacht erſparen. So hört denn! Die Wild⸗ diebe haben wieder im Forſte gewirthſchaftet, die braven Jäger haben Jagd auf ſie gemacht, und zwei ſolche Beſtien im Garne gefangen. Aber der wackere Wald⸗ ner hat die Pflicht mit dem Leben bezahlt und einer (5 (5 205 der Höllenhunde hat den Tapfern mauſetodt geſchoſ⸗ ſen.— Beide Schweſtern thaten einen grellen Schrei und ſanken auf Seſſel und Sopha. Onkel! rief Amelie, es iſt ein Mährchen, der Geb⸗ hard hat geflunkert, und Sie haben übertrieben, um uns zu ängſtigen.— Geh hinunter zur großen Dreſchtenne, da liegt die Leiche im gefrornen Blute! brummte der Alte vor ſich hin. Und die beiden Mörder werden ſogleich aus dem Thurme zur Amtsſtube geführt werden, wo der Gerichts⸗ halter ſchon wartet.— Es iſt entſetzlich! Mord in unſerer Nähe! zürnte die Schloßfrau, die feinen Hände ringend.— Die arme Förſterin und ihre kleinen, vaterloſen Waiſen! jam⸗ merte Jucunda, das Tuch vor die thränenvollen Augen drückend.— Jammert und tröſtet und helft dort, wo es Noth thut, ſprach der Onkel ernſt; ich weiß, das werdet ihr guten Seelen ohne mich. Ich will indeß Kriegsrecht halten über die gräulichen Unmenſchen, und werde den vorſichtigen Herrn Gerichtshalter ſchon zu ſtimuliren und ihm nachzuhelfen wiſſen, daß er mit ſeinen gewiſſenhaf⸗ ten Clauſeln und modernen Naturrechtsfloskeln mir die Schurken nicht aus dem Netze läßt. Schaut her, Kin⸗ der! Da führt man die Galgenkandidaten eben über den Hof. Der kugelrunde Bärenkerl iſt der wahrſcheinliche Mörder, ein verwegener Menſch, als hätte er bei den kaiſerlichen Rothmänteln gedient; ſieht aus, als ſchnitte er Gurgeln ab zum Frühſtück. Und der andere tannen⸗ ſchlanke Windhund iſt ein noch gefährlicherer Gauner, ein vagabondirender Student, der an keinen Teufel 206 glaubt, ſelbſt des Samiels Rolle ſpielt, und liſtig und gewandt ſein ſoll wie ein franzöſiſcher Spion. Er wäre die Nacht durch eine ſupperfeine Liſt entwiſcht, wenn nicht der Gebhard zugegen geweſen, und hätte nicht ſein Kamerad auf ihn ausgeſagt und ihn als ſeinen Mord⸗ geſellen genaunt.— Ich mag die Schrecklichen nicht ſehen! Sie würden in allen meinen künftigen Träumen erſcheinen, ſeufzte Jucunda, und drückte ihre Augen in die Polſter. Eine gräßliche Phyſiognomie! ſprach Amelie, die ſtarren Blicke vom Fenſter herabgerichtet. Seine Thaten ſtehen auf ſeinem Geſichte, und wie frech und höhniſch er auf die Wachen blickt und wie grimmig er die Zähne in den Strick drücket, der ſeine Fäuſte zuſammenquetſcht. Aber ſein Kamerad theilt ſein wildrohes Aeußere nicht, und geht gar anſtändig auf dem gefährlichen Gange, der über ſein Leben entſcheiden ſoll. Da dreht er ſich in der Pforte um; er ſieht herauf; er ſcheint zu uns zu ſprechen, doch die Jäger reißen ihn fort. Bei dem Himmel! Onkel, dieſes Geſicht iſt mir ſchon irgendwo begegnet.— Kann ſein! brummte der Oberſt. Solche Gaudiebe drängen ſich zu Allen, wo ſie Hoffnung haben etwas zu ſchnabuliren. Auf der Promenade zur Förſterei oder auf der Morgenfahrt hat ihm vielleicht Dein Demant⸗ ring oder Deine Goldkette in die lüſternen Diebesaugen geflimmert. Ich marſchire gegen den Feind und will ihm ſchon einheizen.— So nahm er ſeine Fuchspelz⸗ mütze, die Pfeife und ſeinen Krückſtock und humpelte langſamer als er gekommen zum Salon hinaus, und ließ die Damen allein mit ihren bedrückten Herzen und bewegter Seele, deren trauriges Geſpräch ſich ſofort ——— 9 ————5 207 dahin richtete, wie man auf die zarteſte und beſte Weiſe der guten Förſtersfrau das ungeheure Unglück vorbringen und für ſie und ihre Kleinen Sorge tragen wolle.— Einige Zeit verrann unter Ausrufungen und Seuf⸗ zern, mit welchen die beiden Schweſtern ihren Empfin⸗ dungen wechſelſeitig Luft zu machen verſuchten. Als der erſte Schreck und das erſte Grauen der Weiblichkeit vorüber war, entſtand aus den Exclamationen ein nütz⸗ licheres Geſpräch; Amelie ging an ihre Schatulle und legte einige Röllchen daraus zur Hand, doch Jucunda ſchüttelte das braungelockte Köpfchen und' fragte: Kannſt Du das Leben bezahlen und die Liebe des Ehegatten? Wird ſolch eine vornehme Abfindung nicht die Frau hart verletzen in ihrer erſten ſchrecklichen Jammerſtunde? Wirſt Du ihr dadurch nicht mehr noch verdeutlichen, lebhafter ſie daran erinnern, daß ſie den Ernährer ver⸗ lor und mit ihren Kindern eine Bettlerin iſt?— Amelie warf verſtimmt die Geldrollen zur Seite. Aber wie ſoll ich's beſſer machen? verſetzte ſie. Bin ich ein Gott und kann ich Todte erwecken, oder das Herz der Waldner in Kieſelfels verwandeln, daß es kalt und hart wird für die herbe Schickung? Rathe, Du zarter Mentor, ich will Deiner Weisheit folgen.— Dein Wille iſt gut, nur die Art nicht die rechte, antwortete Jucunda. Sprich der Förſterin Dein Beileid aus, ſorge für ein anſtändiges Begräbniß des Unglück⸗ lichen; Beides wird wohlthätig auf die Frau wirken. Verſprich ihr Hülfe, aber zeige ihr Dein kaltes Gold nicht, ſo lange ſie noch am offenen Sarge weinet, und alle ihre Erdenſchätze von ihm umſchloſſen und eingekerkert 208 wähnt. Und vor Allem muß ſie fort von hier; jeder Baum, jede Felsecke muß ihr hier ſchrecklich werden für die Folge. Nimm ſie mit ihrem Töchterchen in Dein Haus als Aufſeherin oder was Du willſt, oder gib ihr den ruhigen Platz auf Deinem Luſtgarten in der Reſi⸗ denz, thue den Sohn in eine Lehranſtalt; und das Alles langſam und ohne Eil nach einander, dann wirſt Du ihren Schmerz allmälig abſtumpfen durch neue Lebens⸗ bilder, neue Einrichtung, neue Umgebung; denn den Schmerz ſelbſt kann nur ein Höherer ihr entführen, der ihn zuließ, und einen ſichern Arzt befehligt, den wir Zeit nennen, und deſſen Kur ſelten ihre Wirkung verfehlt.— Du ſollſt Recht haben, ſprach die Freifrau; ich war zerſtört im Innern, meine Gedankeu wirbelten im Kopfe, ſeit der Onkel uns ſo ſoldatiſch vorbereitet ſeine Jam⸗ mergeſchichte vor die Füße warf. Aber eines meiner Gefühle hat Deine Schilderung des Bedürfniſſes der armen Wittwe mir klar gemacht; auch meines Bleibens iſt hier nicht; aus jedem Dickicht, aus jedem Steinbruch werde ich von jetzt an die Kugel der Mörder ziſchen hören, und ſo lieb mir in den Sommertagen dieſe wild⸗ romantiſche Gegend war, ſo werde ich mich doch nie wieder herſehnen, und ich will dem Oberſten auftragen, das Gut auf lange zu verpachten oder irgend einen Tauſch mit den Vettern abzureden.— Jucunda ſchlug den Arm um die Schweſter. Amelie ſagte ſie lebhaft, wie oft ſchon trafen ſich Zwillingsge⸗ fühle in unſern Herzen. O ſchon wie wir einfuhren in dieſe Berge, wie der Sturm die Zweige der alten Eichen auf das Verdeck unſeres Wagens herabwarf, wie bei dem Herauffahren mitten im Schloßthore die beiden erſten Pferde ſtürzten, und die Koleſche faſt rücklings bergunter 209 gerollt wäre, wie der ſcharfe Schnee bei dem Ausſteigen uns in die Augen fuhr, als wolle er uns warnend den Eintritt verwehren, ſchon da durck ſchlich mich eine wider⸗ wärtige Empfindung; ich wünſchte mich weit, weit hin⸗ weg von hier, ohne mir den Grund dafür angeben zu können, denn ich war ja bei Dir; und dieſe Empfindung verſtärkte ſich mit jedem Tage, wenn ich ſie auch Dei⸗ netwegen verhehlte. Die finſtern, furchtbaren Gewalten, die in dieſen Wäldern hauſen, waren es, deren Stimme ich hörte, die mich warnten, forttrieben. Ein Unglück, ein blutiges Geſpenſt iſt uns ſchon entgegen getreten; ich bin ein Sonntagskind und weiß, es folgen mehre. Laß uns davon, morgen, heute ſchon! Mag der Onkel, wenn ihn die rauhe Luſt hält, allein den Krieg im Walde und die Inquiſition der Schrecklichen führen, da der Gedanke, mit ihnen in einer Ringmauer weilen zu müſſen, mir ſchon Fieberfroſt in die Glieder wirft.— Deine Furcht iſt anſteckend! rief Amelie aus, indem ſie raſch ſich vom Sopha erhob. Komm, laß uns gleich zu den Koffern gehen; ich klingele der Sophie und wenn der Oberſt von ſeinem Blutgerichte heimkehrt, trifft er uns im Reiſeoberrocke und aller Widerſpruch wird durch die raſche, unwiderrufliche That zu Schanden.— Der alte, weißköpfige Gebhard unterbrach die feurige Peroration der Frau von Waiz, indem er mit ſichtbar verlegener Miene eintrat, und einige Augenblicke an der Thür verweilte. Ein neues Unglück? fragte Jucunda ängſtlich, vom weichen Sitze ſpringend. Sprich es aus, weißer Rabe! Haben die Wilddiebe den Onkel erdroſſelt?— Um Gotteswillen, gnädiges Fräulein, entgegnete der alie Schloßverwalter, davor möge uns der Himmel Blumenhagen. II. 14 210 bewahren! Der gnädige Herr läßt nur anfragen, ob er die Inquiſition ſoll hier herauf transportiren laſſen, oder ob die gnädige Frau Baronin von der Güte ſein wolle, ſich zur Gerichtsſtube herunter zu bemühen?— Was? rief die Freifrau. Ich hinunter? Was habe ich mit den Mördern zu ſchaffen?— Nicht hier herauf! um keinen Preis herauf! ſchrie außer ſich Fräulein Jucunda dazwiſchen. Ich ſtürbe ſo⸗ fort am Herzkrampfe, wenn einer der Verruchten mich ins Auge faßte.— Es iſt ein ſonderlicher Caſus, wie der Herr Gerichts⸗ halter es nennt, dabei, fuhr der alte Gebhard eintönig fort, ohne von den Ausrufungen und Schreckensgeſichtern der Damen Notiz zu nehmen. Der Kriſtel nämlich, der muthmaßliche, ja gewiſſe Mörder des armen Waldner, bleibt freilich dabei, der mit ihm Arretirte ſei der ver⸗ rufene Cantorsſohn und ſein Kumpan im Handwerk; jedoch der Andere behauptet mit zornigen Worten, er habe nie mit ſolchem Geſindel Gemeinſchaft gehabt, ſei weder ein Wilddieb noch dienender Jäger, ſondern ein freier Edelmann und reicher Gutsherr aus der Mark, und die Dame, welche er hier am Fenſter geſehen, kenne ihn genau und werde für ihn Zeugniß geben.— Sonderbar! ſagte Amelie nachdenkend. Ich kannte das Geſicht. Aber wo ſoll ich's hinbringen?— Ob er die gnädige Frau oder das Fräulein meinte, wiſſen wir nicht, entgegnete der Alte. Indeß könnten ja Beide den Menſchen in Augenſchein nehmen, meinte der gnädige Herr. Laſſen ſich aber die gnädige Frau nicht in das Bockshorn jagen. Solch ein vertrackter Kerl iſt dreiſt genug, ſich für einen Prinzen auszugeben, wenn er den Hals retten kann, und hofft auf das Mitleid der 211 gnädigen Herrſchaften, wenn er den Strick ſo nahe ſieht. Der Cantorsſohn iſt ein verlaufener Studiergeſell, und als wir mit dem ſeligen Herrn zu Jena Studirens halber uns aufhielten, haben wir das Völkchen kennen lernen, immer oben hinaus, niemals in Verlegenheit, für jede Bedrängniß einen Witz, nicht luſtiger als wenn kein Groſchen im Beutel war, nicht übermüthiger als wenn die Pedellen ihnen an den Kragen wollten; ſetzten das Leben daran, wenn ſie Einer ſchief angeſehen, oder ihnen auf einen Nieſer ein lachendes Proſit gerufen; dreſchten auf einander ein mit blanken Klingen, als ſchlügen ſie Federball zum Zeitvertreib, und thaten überall als wären ſie die Könige hier unten, und nicht Obrig⸗ keit und Gericht über ihnen. Und ſo Einer ſoll der Cantorsſohn auch geweſen ſein; darum rathe ich zur Vorſicht, und mag ihn die Frau Baronin nur ſofort mit einem verächtlichen, kurzen: Ich kenne Dich nicht, Du Judas! abzufertigen belieben. Und das iſt ſo meine unmaßgebliche Meinung.— Die Frau von Waiz hatte indeß nachdenkend und an den Kaffeetiſch gelehnt geſtanden; jetzt richtete ſie ſich raſch empor und ſagte entſchloſſen: Geh Er voran, Gebhard. Ich folge Ihm auf dem Fuße.— Jucunda warf ſich ihr in den Weg. Schweſter! was willſt Du thun? rief ſie ängſtlich. Menge Dich nicht in ſolche grauenvolle Geſchichten. Ich zittere, denke ich Dich dieſen Verbrechern gegenüber.— Könnte nicht ein Unſchuldiger leiden für fremde Schuld? fragte Amelie ernſt zurück. Ich bin hier die Herrin, und bin daher es Jedem ſchuldig, Gerechtigkeit zu gewähren, koſte es mir, was es wolle. Und Du, närriſches Kind, ſetzte ſie lächelnd hinzu, meine Jäger 212 und die Schloßleute werden jedes Haar auf meinem Kopfe ſchon zu bewahren wiſſe.— Alles in Ordnung, gnädige Frau! ſprach Gebhard ernſthaft dazwiſchen. Vier Mann mit ſcharfgeladenem Gewehr und ſechs Knechte mit ſchweren Partiſanen aus der Rüſtkammer im alten Thurm; auch ſteht des Ge⸗ richtshalters breiter Tiſch wie eine Grenzmauer dazwi⸗ ſchen, und die Wache wird den Inquiſiten ſchon das Voltigiren verbieten.— Die Baronin lächelte noch ſichtlicher über des Alten Troſtworte. Da ſiehſt Du ja meine Sicherheit! ſagte ſie, nickte der Schweſter traulich zu, und folgte dem Getreuen, indeß Jucunda die zarten Hände faltete, und mit tragiſchen Schritten und Geberden ihre Unruhe vom kalten Fenſter zum knatternden Ofen hin und her trug, und vergebens den gelben Kanarienhähnchen Stillſchwei⸗ gen zuheiſchte, welche mit gellendem Geſange zwiſchen die Seufzer und Ausrufungen der Einſamen ſchmetterten, daß es in ihrem Köpfchen immer wirrer wurde, und ſie die Schelle ziehen mußte, von der alten Kammerfrau eine Sauvegarde ihres bangen Herzens zu gewinnen. Unten in der Gerichtsſtube ſah man indeß eine ſtumme Scene, die ſich des Meiſtergriffels eines Hogarth oder Ramberg und der beſchreibenden Feder eines Lichtenberg würdig gruppirt hatte. Der alte Oberſt von Rolf ſaß mitten hinter dem Tiſche; in der ſeltſamſten Verlegen⸗ heit verzog ſich ſein narbenvolles und gefurchtes Ange⸗ ſicht und wechſelte in jeder Minute zweimal die Phyſio⸗ gnomie, wie die Wolke, um welche zwei Strichwinde kämpfen. Er konnte es nicht zum Zorngeſicht bringen; 213 die Eismaske eines kalten, unerſchütterten Stoikers war eben ſo wenig nach dem Vorgefallenen zu gewinnen; ſo ſuchte er wenigſtens den Reſpekt vor den Bauern und Bedienten zu erhalten, indem er die Flagge des Stolzes und den fahlen Wimpel der Verachtung aufzuziehen ſich beſtrebte, was dem jovialen, ehrwürdigen Kriegsmann am wenigſten gut gelingen konnte, und aus der langen weißen Tabakspfeife blies er dabei ſo entſetzliche Wolken, als wolle er abſichtlich ſich und ſeine Unbeſtimmtheit in myſtiſche Nebel verbergen. Der kleine, ſpindeldürre Ge⸗ richtshalter ſaß dem Herrn zur Seite; ſeine rothe, etwas lang gerathene Naſe glühte an dem mehlfarbenen Antlitze wie ein Leuchtfeuer auf einer nordiſchen Kreideklippe; er ſchwitzte große Tropfen an Stirne und Kinn, zerſchnitt und zerkäuete ein Dutzend Federn, und brummte ſeinem hohen Nachbar von Zeit zu Zeit einige lateiniſche Flos⸗ keln zu, die derſelbe nicht verſtand und darum uner⸗ widert ließ. Jenſeits des breiten, grünen Tiſches ſah man die beiden Gefangenen; der Eine, ein ſchlanker, junger Mann ſtand in einer edeln Stellung frei mit untergeſchlagenen Armen, ſah bald ſeine Richter mit ſcharfem, ſarkaſtiſchem Lächeln an, bald flog ſein großes Auge ungeduldig der Thür zu, und ſeine ganze Haltung trug wirklich etwas Edles an ſich, das mit ſeinen Aus⸗ ſagen verbunden den alten Oberſten ſtutzig machen mußte. Der Andere, der kurze Kriſtel, ſaß dagegen auf der Armenſünderbank, hatte gemächlich ſeine ſchweren Fäuſte auf die derben Knie ausgebreitet, und lächelte ebenfalls, aber höhniſch, ja ſelbſt teufliſch, indeß der Kreis der bewaffneten Wächter ſich in dem Hintergrunde gleich ſteinernen Puppen ausbreitete, von denen keine mit den Augen zu blinzeln wagte, noch ſich unterſtand, durch 214 ein Räuſpern die feierliche Stille der Erwartung zu unterbrechen, welche der erſte Akt des Verhörs über dieſe Halle gezaubert hatte, die ſonſt nur lärmevolle Dispüte der prozeſſirenden Bauern zu hören gewohnt war. Der Oberſt begann nämlich nach ſeiner Weiſe den Gerichtsakt mit einigen derben Flüchen und einer donnern⸗ den Strafpredigt an die Malifikanten, und ließ den jüngern derſelben, der mit höflicher Verbeugung eine Anrede an ihn verſucht, nicht zu Worte kommen. Als jedoch die Commandoſtimme ſich erſchöpfte, und der Ge⸗ richtshalter mit bedächtlichen Schnarrtönen die Pauſe wahrnahm, ſein Amt mit gehöriger Würde und allen formellen Erforderniſſen zu beginnen, durchriß dem Un⸗ willigen ſofort der vermeintliche Kamerad des Kriſtel die erſte peinliche Frage, indem er gegen jede weitere Procedur proteſtirte, und ſich ſtreng alle fernere, wört⸗ liche wie thätliche Mißhandlungen verbat, durch den nahe hauſenden Herrn von Otterßen ſeine Perſon und ſeinen Stand legitimiren zu laſſen verhieß, und mit ernſter Heftigkeit verlangte, ſogleich aus dieſer ſchändenden Ge⸗ ſellſchaft und von dieſem beſchimpfenden Platze entlaſſen zu werden. Ein wilder Tumult wurde durch dieſe kate⸗ goriſche, ſchnell geſprochene Rede erweckt. Die Jäger erhoben alle zugleich nochmals ihre Anklage. Er iſt bei der Leiche geweſen, war blutbefleckt, hatte geladen Ge⸗ wehr und Wild im Holſter auf fremdem Reviere, und der Kriſtel ſelbſt bezeugt, daß er geholfen. So raſſelten ſechs rauhe Stimmen durch einander, und der Ingquiſit Rothhahn, den die Verwirrung ſichtlich zu ergötzen ſchien, brummte dazwiſchen: Ja, er war dabei! Mitgefangen, mitgehangen! Obgleich wir Beide ſo unſchuldig ſind wie ein ungeborenes Kuhkalb!— Da drehte ſich der Unbe⸗ 215 kannte plötzlich mit edlem Unwillen gegen die Schreier, ſeine Augen blitzten, und ſein Gebot zu ſchweigen hatte ſo etwas Edles und Hohes, daß ſelbſt auf der hitzigen Jagdleute Lippen das fluchende Anklagewort erſtarb. Als er ſich dann, die gewonnene Pauſe verſtändig nutzend, wieder zum Tiſche wandte und in den vollen Tönen und dem kräftigen Ausdrucke der engliſchen Sprache ſein Wort an den Oberſten richtete, verſchüchterte der fremde Klang das drohende Volk hinter ihm, und der Alte horchte ſtutzig der bekannten, lieben Mundart. Mein Herr, ſagte der Fremde, was mir bis jetzt geſchah, habe ich dem Schickſale und einer böſen Laune des Zufalls zugerechnet. Bis jetzt ſind auch Sie ent⸗ ſchuldigt durch die ſeltſamen Umſtände, welche mich in ſolche Lage verſetzten. Wollen Sie aber fernerhin Cavaliers⸗ Parole nicht achten, und meine Rechtfertigung durch den genannten Freund nicht erwarten, ſo werde ich die Sache ernſter nehmen als bisher, werde bei meinem Könige die ſtrengſte Genugthuung verlangen für das Geſchehene, und von Ihnen, mein Herr, die Statisfak⸗ tion begehren, die unter Edelleuten üblich iſt; denn auch ich führte eine Compagnie freiwilliger Jäger bei Leipzig gegen den gemeinſamen Weltfeind, und verſtehe mich auf jede Waffe, die Sie wählen könnten.— Der alte Kiegsmann ſah den Sprecher mit immer größer werdenden Augen an, dann ſtotterte er, ſich unzäh⸗ lige Male den ſilberweißen Knebelbart ſtreichend, Sie wären— Er iſt— daraus werde der Beelzebub klug! Sind Sie ein Herr von— ſo kann ich Sie doch— beim Teufel! nicht wieder in den Thurm ſtecken laſſen! und iſt Er ein Spitzbube, wozu die Leute dort und ſein Kamerad da auf dem Sünderſchemel Ihn machen wollen, 216 ſo kann ich Ihn doch nicht in das Herrenzimmer führen und mit ſchönen Redensarten und einer Flaſche Wein trak⸗ tiren, bis mein Bote den Herrn von Otterßen beſtimmt, ſich zu uns herüber zu bemühen im Schneewetter!— Der Fremde ſchüttelte etwas ſpöttelnd den Kopf und verzog dann ſeinen angenehmen Mund zu einem recht freundlichen Lächeln. Es macht mir beſonders Freude, ſagte er artig, Sie aus einer ſo furchtbaren Wahl ziehen zu können. Vielleicht läßt ſich ein näherer Zeuge finden, deſſen Güte mich aus dieſer Löwengrube erlöſen möchte. Irrte ich nicht, ſo ſah ich oben an einem Fenſter dieſes Schloſſes eine Dame, deren Bekanntſchaft ich mich rüh⸗ men darf, und deren ſchönes Herz gewiß mit Vergnügen einen Unſchuldigen aus ſchweren Banden los ſpricht.— Frau von Waiz? ſtieß der Oberſt erſtaunt hervor. Ganz recht! Alſo täuſchte das Auge mich nicht? fiel der Fremde mit ſichtbarer Freude und glänzenden Augen ein. Darf ich bitten, die Gnädige zu beſtimmen?— Der Alte winkte den Schloßverwalter zu ſich heran und gab ihm heimliche Befehle, die derſelbe mit mürriſchen Blicken auf den Inquiſiten zu beantworten ſchien, obgleich er ſofort abmarſchirte, des Herrn Willen zu vollziehen. Herr, ſagte der Oberſt noch, treiben Sie oder treibt Er ſein Spiel mit uns, ſo ſoll man an mich gedenken! Der Thurm hat noch ſchlechtere Quartiere unter der Erde, wo kein Sonnenlicht die Fahne ausſteckt und wohin kein Erdenſchall hinabreicht und käme er aus dem Rachen eines zwei und dreißig Pfündners.— Ich hatte genug an der Bekanntſchaft mit meinem gaſtlichen Quartiere der letzten Nacht, und werde Sie nicht noch mehr inkommodiren, verſetzte der Bedrohte mit einer leichten Verneigung, und nun entſtand die ſeltſame Generalpauſe, die wir im Anfange dieſes Kapitel⸗ chens zu beſchreiben verſuchten.— Schritte tönten auf den Quaderplatten der Schloß⸗ flur; der greiſe Gebhard öffnete reſpektvoll die Flügel der Thür, und herein trat ſcheu, jedoch ihren Muth und ihre Hoheit herauf zwingend zur ſtolzen Haltung des edlen Körperwuchſes und des ſchönen Kopfes, die Baronin Amelie. Einen raſchen Schritt that ſogleich der Fremde näher zum Tiſche; der Freifrau erblichenes Geſicht deckte aber augenblicklich eine hohe Röthe, und mit einem laut⸗ gerufenen Ach! ſtützte ſie ihre weiße Hand auf des alten Dieners Schulter.— Gnädige Frau! ſprach der Unbekannte, ſich mit dem Tone der großen Welt zu ihr wendend. Zürnen Sie nicht, daß ich als ein ſo dreiſter Gaſt mich bei Ihnen ein⸗ dränge, daß ich ſchon wieder Ihrer Verzeihung für meine verwegenen Bitten bedarf. Dieſes Mal dürfen Sie jedoch nicht mich, ſondern das Fatum anklagen, welches uns arme Menſchenkinder oft bei dem Schopf nimmt und hinführt, wo man uns nicht erwartet hätte.— Onkel, was haben Sie gethan! ſtieß da die Baronin tief Athem ſchöpfend heraus. O Herr von Despen, wie iſt das geſchehen? Wie war das möglich? Und wie iſt das irgend gut zu machen?— Alſo iſt der Herr?— ſtotterte der Oberſt mit einem verſteinerten Geſicht. Freilich! antwortete zürnend die Baronin. Haupt⸗ mann von Despen, Freund und Begleiter des Geſandten an unſerem Hofe. Onkel, das hat Ihr wilder, unruhi⸗ ger Geiſt gemacht; nun ſorgen Sie auch allein, wie das gut zu machen, denn ich kenne keinen Erſatz für ſolchen Mißgriff.— 218 Der Herr von Despen ſchob raſch und zum Schreck des zitternden Gerichtshalters den ſchweren Sitzungstiſch mit Leichtigkeit zur Seite, eilte zu der Freifrau und die Hand der immer mehr Erröthenden warm an ſeinen Mund preſſend, entgegnete er galant und zart: Was wäre gut zu machen? Daß ich eine Nacht im kalten Bivouak zubrachte? Der Zufall hat wie mein beſter Freund geſorgt, denn er führte mich auf die ſonderbarſte Art unerwartet der Verſchwundenen zu, und erfüllte Wünſche, die ich kaum zu hegen gewagt haben würde. Ihr Thurm geſtaltet ſich mir zur ſchwarzen Vorhalle, ohne die der Geprüfte nicht zum Tempel gelangen darf; und wenn ich in letzter Nacht die alten Steinwände mit Zornesworten und bittern Monologen beleidigte, ſo iſt nur die Stockfinſterniß des menſchlichen Gemüths daran Schuld, die mich nicht ahnen ließ, daß ich in denſelben Ringmauern verſchloſſen gehalten wurde, die das Kleinod mit mir umgaben, welches ich am Höchſten auf Erden verehre. Und wenn Sie meine unerwartete Anweſenheit mit einem freundlichen Blicke begrüßen, ſo hat der Herr Oberſt meinen beſten Dank, nimmer aber meinen Un⸗ willen zu erwarten.— Und Amelie blickte recht freund⸗ lich.— Verdammte Geſchichte! murmelte der Oberſt in⸗ deß dazwiſchen. Aber die vertrackten Burſchen haben alle Schuld. Konntet ihr denn die Augen nicht aufthun, ihr blinden Maulwürfe, und zuſehen, wen ihr vor euch hattet? He! Bomben und Küraß! Ein Edelmann iſt doch von einem Galhgenſtrick zu unterſcheiden auf den erſten Blick. Und den ſataniſchen Lügenteufel werft mir bei Waſſer und Kommisbrod in den Thurm, und ſchließt ihn krumm wie einen Trommelreif. Morgen kann der Gerichtshalter ſein Heil mit ihm verſuchen. Ihr aber, 219 laßt euch in zwei Stunden nicht vor mir ſehen, oder ich möchte vor Grimm nach der Fuchtel greifen und——— Einen alten gedienten Offizier in ſolche Verlegenheit und Scham zu bringen! Bomben und Küraß, es iſt zum Teufelholen!— Was können die braven Leute dafür? fiel der Haupt⸗ mann ihm in die ungeſalzene Apoſtrophe. Wir Adams⸗ ſöhne bringen das Standeszeichen nicht mit auf die Welt, und die Liebe zu dem armen Förſter hatte ſie entrüſtet und verwirrt. Sie thaten ihre Pflicht, und jeder Gutsherr müßte ſich freuen, ſo eifrige und raſche Diener zu haben. Da, Jagdgeſellen, theilt den Inhalt dieſer Börſe unter euch, und wer hinüber nach Otterßen marſchirt und dem Kammerherrn von mir und meinem Hierſein Nachricht bringt, bekommt ein Goldſtück außer ſeinem Theil.— Die Jäger ſahen ſich verblüfft unter einander an; der Oberſt murmelte ihnen noch einige Scheltworte zu, und folgte dann der Baronin, die ſchon dem ſchönen Ausländer ihren Arm gereicht, und ihn mit der lieben Vertraulichkeit in die herrſchaftlichen Zimmer hinauf genöthigt hatte, mit der die Damen ſelbſt die größte Beleidigung und die bitterſte Kränkung in der Männer⸗ ſeele bis auf die kleinſte Spur auszutilgen wiſſen.— Durch die ſeltſamliche Verwechſelung und Voreilig⸗ keit der Dienſtboten nahm von Stund an das Leben der Schloßherrſchaft eine ganz andere Richtung. Fräulein Jucunda that einen gewaltigen Schrei, als die Schweſter am Arme des nicht gerade ſauber gekleideten Frem⸗ den in der Zimmerthür ſich zeigte; nachdem ſie aber 220 gleichfalls den wohlbekannten und galanten Hauptmann in ihm erkannte, der als ein Schmuck jeder Aſſemblée der Reſidenzſtädter gegolten und mit beſonderer Auszeichnung ſich um die Gunſt Ameliens bemühet hatte, ſo verwandelte ſich auch ihre Furcht in unverhehlte Freude, und dem Herrn von Despen wurde der Hochgenuß, ſich von zwei der lieblichſten Damen um die Wette bemitleidet, um die Wette mit allen Erquickungen zum Erſatz für die ausgeſtandenen Beſchwerden bedient zu ſehen. Er ver⸗ ſicherte unzählige Male, daß er gern einen Monat hin⸗ durch ſolche kalte und grauſige Thurmnächte ertragen möchte, folgte jeder ſolchen Nacht ein ſolcher ſeliger Morgen nach. Auch der alte Herr von Rolf, den ſonſt nicht leicht etwas aus dem Gleiſe warf, und der ſeiner Bequemlichkeit ſelten ein Opfer brachte, war im Bewußt⸗ ſein, einem Fremden Unrecht gethan zu haben, auffallend beweglich geworden; er ruhete nicht, bis er dem Herrn von Despen als Arznei gegen den ſchädlichen Nacht⸗ froſt ein Fläſchchen Tokayer eingenöthigt, bis der Gaſt verſprochen, als Beweis, daß er nicht grolle, eine volle Woche auf dem Schloſſe zu verweilen; er ruhete nicht, bis er den Fremden zum Verdruſſe der Damen hinüber auf ſeinen Flügel, deſſen Zimmer die bequemſten und wärmſten im Schloſſe waren, transportirt hatte, wo er wie der zärtlichſte Vater um ihn ſorgte, ihn in die Pelzſtiefeln und den wattirten Schlafrock hüllte und zum Erholungsſchlafe auf das weichſte aller Ruhsbetten im Lande perſuadirte. Herr von Despen mußte ſich die Sorgfalt gefallen laſſen, obgleich ſie ihm ein Opfer und eine Entbehrung ſchien, da der Oberſt mit militäriſchen Schwüren verſicherte, er würde ſonſt an ſeiner Ver⸗ zeihung zweifeln! Nahm der junge, feurige Hauptmann .———— —,———— 22⁴ in ſeinen Arreſt doch ſchöne Traumbilder mit, und die Hoffnung auf reichbekränzte Tage und Stunden voll Entzückung und Seligkeit. Der Oberſt, welcher weislich das Logis ſeines Ge⸗ fangenen verſchloß, hielt jetzt geheimen Rath mit den Nichten, und verſchaffte ſich Aufklärung über den Gaſt, den er nicht gekannt haben konnte, da die Garniſon ſeines Regiments an der äußerſten Grenze des Landes lag, und er im letzten Halbjahre die Reſidenz nicht beſucht hatte. Daß an das Packen der Koffer und die Abreiſe der Damen ferner nicht gedacht wurde, läßt ſich denken, und als Mittags der Herr von Otterßen mit ſeinen Söhnen eintraf, und höflichſt der Frau von Waiz die Rechte auf den lieben Gaſt abtrat, auch der preußiſche Dragoner mit dem Gepäcke ſeines Hauptmanns ein⸗ gezogen war, und dieſer in ſeiner ſtattlichen Uniform im Salon erſchien, da glich das Leben von geſtern dem von heute wie Winternacht und Frühlingstag, und es würde der gehabten Schrecken, des armen Ermordeten und des ruchloſen Verbrechers ſchon bei dem Deſert nicht mehr gedacht worden ſein, hätte Fräulein Jucunda, wenn Jemand aus der Geſellſchaft ſie über ihre Wort⸗ kargheit, ihre auf den gemalten Porcellanteller geſenkten Blicke und ihr tiefſinniges Weſen befragte, nicht die Erſchütterung durch die geſtrige Geſchichte als Vorwand und Entſchuldigung ihres Benehmens gebraucht. Die Baronin dagegen ſchien von Allen die Fröhlichſte und Glücklichſte. Sie bot Alles auf, was von Geiſt und geſelliger Ausbildung ihr zu Gebot ſtand, um den böſen Eindruck des Vorgegangenen im Gemüthe ihres edlen Gaſtes zu vertilgen, und daß ihr Werk völlig gelang, litt keinen Zweifel. Hoch aufgeregt, mit glühenden 222 Wangen und glänzenden Blicken ſaß der Hauptmann neben der junoniſchen, herrlichen Frau; ihr Witzwort lockte das Seine, ihre zuvorkommende Artigkeit wurde von ſeinen dankbaren Erwiderungen übertroffen, und der Oberſt ſchmunzelte und wisperte heimlich mit dem Kammer⸗ herrn, und trank mehre Male myſteriöſe Incognitogeſund⸗ heiten mit demſelben, deren Deutung vergebens die übrige Geſellſchaft verlangte, obgleich ſeine auf das Hauptpaar geſchoſſenen Jubelblicke die Löſung ſeiner verhehlten Toaſts nicht ſchwer machten.— So von allen Bewohnern des Schloſſes aufs Freund⸗ lichſte behandelt, mußte der Fremde bald heimiſch wer⸗ den, und in wenigen Tagen war aus dem Umgange alles Fremdartige entwichen; der Galanterie und dem geſuchten Compliment machte Vertraulichkeit und herz⸗ liches Geſpräch ein Ende, Verhältniſſe wie zwiſchen Vater und Sohn, Bruder und Schweſtern ſchienen Alle zu verknüpfen, und ſelbſt die ganze Dienerſchaft, da ſie bemerkte, daß der fremde, ſchöne Offizier keinem ent⸗ gelten ließ, was man an ihm geſündigt, widmete vom Stallbuben bis zum Leibjäger dem Gaſte ihre beſten Dienſte. Schlichen vorher den Damen die Tage mit Schneckenlangſamkeit, und fürchteten ſie vorher die Abende, durch die das Schauerliche der rauhen Gegend und die Stürme, welche die Fenſter graulich klirren machten und oft die Wände des Schloſſes erſchütterten, doppelt unan⸗ genehm und ſchrecklich wurden, ſo flog dagegen ſeit des Hauptmanns Ankunft Tag und Abend; man ſcherzte, man erzählte, tauſchte Lebensanſichten und Erinnerungen aus, man kritiſirte die Hauptſtadt und ihre Bewohner, der Herr von Despen las vor, Amelie ſchlug mit der Virtuoſität einer Cäcilia den Flügel, Jucunda ſang 223 lieblich wie eine Sonntag zur Laute, und dem Onkel zu Liebe wurde zuletzt auch der Karte gedacht, und die Miſeres und gewagten Whiſts des gefälligen Boſtons gaben Gelegenheit zu manchem deutungsreichen Scherz⸗ worte und zu mancher allegoriſchen Phraſe, die den kleinen, ſchelmiſchen Liebesgott zum Dolmetſcher bedurfte. So ſchön indeß die Verhältniſſe unſerer Geſellſchaft ſich Anfangs geſtaltet hatten, ſo wurde doch bald unter den lieblichen Schweſtern eine Ungewißheit ſichtbar, die mit jedem Tage mehr die friedliche Einigkeit und ſtille Eintracht dieſes Zirkels zu befährden drohete. Der Hauptmann hatte natürlich Anfangs alle Apoſtrophen ſeiner Hochachtung und Anbetung an die gebietende Frau des Schloſſes gerichtet, und in Ameliens liebebedürftigem Herzen die Hoffnungen, welche die Huldigungen des geiſt⸗ reichen und gebildeten jungen Kriegers ſchon in den bunten Kreiſen der Reſidenzſtädter erregt, neu ange⸗ facht und faſt in Gewißheit verwandelt, er würde der Mann werden, der die Leere ihres Herzens auszufüllen vermöchte. Seitdem der ſchöne Held aber ein Mitglied der Familie geworden, ſchien ſeine Huldigung ſich ziem⸗ lich gleichmäßig zwiſchen beiden Schweſtern zu vertheilen. Freilich blieb Amelien der Vorzug, faſt ausſchließlich das Hauptgeſpräch mit ihm zu führen, nur von ihr wurde der Hauptton der Unterhaltung angegeben, nur mit ihr umſtändlich diſputirt. Sie war Wittwe, Jueunda Jungfrau; der junge Mann wagte in freierer Sprache mit ihr zu verhandeln, und ſelbſt der ernſte oder weniger zarte Gegenſtand verſchloß ihr gegenüber ihm nicht den beredten Mund; auch jene kleinen Liebkoſungen und küh⸗ nen Zärtlichkeiten, die ein abgeſchloſſenes Leben erlaubt und zur Gewohnheit macht, den traulichen Druck der 224 Hand, den Kuß auf den ſchöngewölbten Arm, das Spiel mit der flatternden Locke erlaubte der iunge Mann ſich vorzugsweiſe bei der Baronin, jedoch ertappte die kluge Weltfrau ihn oft bei ſeltſamen Blicken, die tiefſinnig auf der jungfräulichen Schweſter ruhten, wenn dieſe abgeſondert und ſchweigſam ihre feine Handſtickerei am Fenſter trieb, und ſie bemerkte mit Verdruß, wie der Herr von Despen, wenn Jucunda Tiedge's Roſenlied: „An Alexis ſend' ich Dich!“ zu Himmels wunderſamer Begleitung ſang, mit beſondrer Aufregung horchte, und die Stelle vom Kuſſe mit halbaufgeſchloſſenem Munde ihm jedes Mal hohe Glut auf die bärtigen Wangen jagte, ſie bemerkte mit ſteigendem Mißmuth, wie der Hauptmann, wenn die zarte Sängerin mit ungewohntem Pathos Körners treuen Tod nach Giulianis impoſanter Muſik vortrug, das:„blieb er doch treu bis in den Tod!“ mit glühender Augenſprache und mit einer bedeutungs⸗ vollen Bewegung der rechten Hand nach dem Herzen be⸗ gleitete, und was das Schlimmſte war, meiſtens nur in ſolchen Momenten, wo er ſich unbeachtet wähnte.— Ameliens freies Gemüth, die Ungebundenheit, welche ihr die frühern Lebenslagen erlaubt hatten, duldete keine Ungewißheit, und in der nächſten Stunde, wo vor dem Schlafengehen kein fremdes Ohr den Zwieſprach der Schweſtern belauſchen konnte, ergriff ſie die Gelegen⸗ heit, Jucundens Herz zu erforſchen. Zart nach Frauen⸗ weiſe, doch im Tone des innigen Vertrauens, das unter ſolchen Schweſtern durch nichts getilgt, oder nur ver⸗ düſtert werden kann, lenkte ſie bei dem Entkleiden das Geſpräch auf den lieben Gaſt, erzählte offen jede kleine, doch bedeutſame Annäherung deſſelben, ergoß ſich zu einem Lobe in feuervolle Ausrufungen, und warf die 225 Aeußerung hin, daß ſie ihn ſchon früher in dem jede Traulichkeit ſtörenden Leben der Reſidenz der Auszeich⸗ nung würdig gehalten, daß ſie aber jetzt, nachdem ſie ihn und ſeinen Werth im engern Familienleben näher und klarer erkannt, ihn für den einzigen Mann hielte, dem ſie nochmals ihre Freiheit zu opfern vermöchte, ohne vor künftiger Reue zu erzittern. Fräulein Jucunda hatte ohne Erwiderung den langen Wortſchwall der ge⸗ ſchwätzigen Schweſter angehört; nur bemerkte die Ba⸗ ronin bei mancher Aeußerung, daß die Zarte von leich⸗ tem Froſt erſchüttert ſchien, und die Löſung des glatten Schnürbandes wollte den feinen Händen heute gar nicht gelingen, ſondern der eben mühſam gelöſete Knoten verſchlang ſich wie durch neckiſchen Gnomenzauber immer zu einem neuen und unauflöslichern, und unwillig zerriß die kleine Dame zuletzt mit Gewalt das Band, obgleich ſie ihren Fingern weh dabei that, und die gedrückten ſchnell im Schmerz zwiſchen die roſigen Lippen brachte. Amelie, ſchon vom ſchimmernd weißen Nachtkleide um⸗ geben, ſchlich unbemerkt hinter ſie und faßte die Ueber⸗ raſchte und laut Aufkreiſchende hinterrücks in ihre Arme. Iſt Dir die kleine Zunge lahm geworden? fragte ſie im Tone des Scherzes. Haſt Du keine Theilnahme für die Herzensſache Deiner Amoroſa, nicht einmal ein liebes Spottwort über Ameliens Schwäche, die kaum einige Monate von der Wittwentracht befreiet, ſchon eines neuen Myrtenkranzes gedenkt? Schilt mich! Lache über mich! muß ich doch ſonſt wähnen, mein Leichtſinn ſei Dir verächtlich, oder dieſer Adolph meiner ſo unwerth und Dir ſo gleichgültig, daß Du ihn nimmer als Schwager und Blutsfreund begrüßen könnteſt.— Blumenhagen. II. 15 226 Jucunda drehete ſich raſch her zu ihr, ließ Schnur und Korſett fallen, und die Schweſter mit Heftigkeit umhalſend, preßte ſie ihr glühendes Geſicht ſo feſt an den Hals der Quälerin, daß dieſe das fieberhafte Klopfen des jungfräulichen Herzens eben ſo deutlich fühlte, als das ihres eigenen. Die Sophie hat den Ofen ſchlecht beſorgt, fuhr die Baronin fort. Du friereſt, armes Mädchen, oder Du fieberſt gar, denn Wangen und Buſen glühen zum An⸗ brennen. Schnell das wärmende Jäckchen um, dann unter das Federbett, und die Sophie ſoll Thee und Wärmflaſche beſorgen.— Jucunda hob ihre Augen zu der Baronin empor, flüſterte halb zürnend halb bittend: Amelie! Liebloſe Amelie! und ließ ohne Scheu zwei Thränen ſehen, die ſich einzeln und langſam unter den ſchönen Wimpern hervorſtahlen und die Wangen hinabrannen, als wollten ſie die Glut löſchen, durch die ſie geboren waren. Alſo hatte ich recht und ſah recht? fragte die Frei⸗ frau, indem ſie die Schweſter plötzlich losließ, und mit raſchen Schritten von ihr weg und einige Male hin und zurück durch das Zimmer ging. So hat der Zauberer auch Dein Herz gefangen, und macht als ein zweiter Rinaldini unerſättlich überall Unglückliche? So wäre er wohl gar haſſenswerth, verachtungswerth, eine häßliche männliche Kokette, ein eitler Narciß, der in jedem Weiberauge den Spiegel ſeiner Narrheit ſucht? O ſprich offen, wie ich war, drängte er in der Reſidenz ſchon ſich auch zu Dir? Hat er ſich Dir erklärt? War ich das Ziel Eures Spottes? Du mußt bekennen. Ich will Alles wiſſen; dieſe Stunde ſoll entſcheiden, und mein Herz iſt kein ſo armſelig und ſchwächliches Ding, daß 227 es nicht ſiegen könnte über ein flüchtiges Gefühl und eine Sinnenblendung.— Die edle Frau hatte ſich ſelbſt im Reden faſt zum Zorn hinauf geſprochen; ihre letzten Worte trugen wirk⸗ lich ungewöhnliche Härte in ſich, und haſtig drehete ſie ſich mit einer beinahe feindſeligen Miene und Bewegung der Schweſter zu. Aber ein Blick auf die holdſelige Geſpielin entwaffnete ſie und machte ſie in Schreck und Scham erröthen. Jucunda ſtand da ein Bild der Un⸗ ſchuld und Kindlichkeit; ein weißes Shawltuch hatte ſie ſchnell ergriffen und ſich wie in Furcht hinein gewickelt; die lichtbraunen, früher gelöſeten langen Locken waren von dem Scheitel auf Nacken und Schulter herab gefal⸗ len; mit über die Bruſt gekreuzten nackten Armen ſtand ſie da wie die Statue einer jugendlichen Veſtalin, ihr Mund ſagte nichts, aber Geſicht und Blicke, die ſie feſt auf die Schweſter gerichtet hielt, und welche Verwun⸗ derung, tiefes Weh und bange Trauer zu künden ſchienen, ſprachen verſtändlicher als laute Worte. Amelie flog zu ihr, umfing ſie wieder und drückte einen feſten Kuß auf den kleinen Mund. O was that ich? rief ſie im Selbſtvorwurfe. Aber Du mußt mir vergeben. Liebe und Ungewißheit machten mich verwirrt und uneinig mit mir ſelbſt, und Böſeres kann Nieman⸗ dem begegnen. O ſo ſprich doch! Seid ihr einig? Iſt Adolph der Deine? Bei dem Himmel und unſerer Schweſtertreue, ich werde mich eures Glückes freuen und mich beſcheiden.— Ich ſprach den Hauptmann nie allein, nie ohne Deine Gegenwart, flüſterte Jucunda, und verſchämt ſetzte ſie hinzu: daß er ein Mann iſt, den man gern ſieht, und der ohne Mühe darum und ohne Bittwort ſich das fremde — 228 Herz zu gewinnen weiß, haſt Du ziemlich deutlich ſo eben ſelbſt ausgeſprochen.— Du liebſt ihn alſo, und ich liebe ihn, entgegnete die Baronin gefaßt. Daran iſt nichts wunderbar, begegneten ſich doch unſere Neigungen faſt überall, iſt doch unſer Geſchmack derſelbe geweſen von früh auf, und ſind wir doch wie aus einem Stoffe, und vielleicht durch eine getheilte Seele belebt. Aber weder der junge Herr, noch ſelbſt das Schickſal ſoll den Willen haben, Uneinig⸗ keit und Mißtrauen zwiſchen uns zu werfen; kein heſpe⸗ riſcher Apfel ſoll uns entzweien, noch weniger ein ſchmachtender Paris, und wenn er tauſendmal ſchöner wäre als der trojaniſche Weiberentführer. Wir wollen einen Bund gegen ihn machen, wie er vielleicht einzig iſt bis jetzt in der Hiſtorie des Weibergeſchlechts, und wie ihn der eitle Herr Adolph nimmer erwartet. Laß uns ruhig unſern Gang fortgehen wie bisher, aber be⸗ hutſam wachen über uns. Jeden Abend geben wir uns hier Rechenſchaft, freimüthig und ehrlich wie vor dem eigenen Gewiſſen. Liebt er Eine von uns wahrhaft und feſt, bewährt er die treue Neigung durch ſichere Probe, ſo ſoll die Andere als treue Freundin ſich mühen, das Glück der Schweſter zu fördern und zu befeſtigen. Will der verwegene Kriegsheld aber nach Art ſeiner Kamera⸗ den nur tändeln, und zum Dank für die freundliche Aufnahme zerriſſene und verſpottete Herzen nachlaſſen als verrätheriſcher Flüchtling, ſo ſoll er ſein Spiel ver⸗ rathen finden und Bete ſetzen. Schlag ein, Gefährtin in Leid und Freude, in Gram und Luſt, in Liebeswonne und Liebesnoth, Eine für die Andere, und Keine für ſich allein! Schlag ein zum Bunde auf Kampf und Tod!— Es wird nicht leicht ſein, das Alles zu halten! 229 ſeufzte Fräulein Jucunda. Und was Dein Mund ſo keck verſpricht, könnte bitterern Kampf koſten als der ſein möchte, zu welchem der vermeinte Gegner uns fordert. Und Amelie, ſetzte ſie gefühlvoll hinzu, ich meine, der Hauptmann verdiene den Argwohn nicht, mit dem Du ihn befleckeſt; er ſcheint mir ehrlicher als ſein Geſchlecht gewöhnlich, und hat er für Eine von uns ein Herz, ſo wird er's offen ſagen wie ein deutſcher Mann, ohne der Zweiten weh zu thun.— Er war in Paris, als Sieger in Paris, und könnte gelernt haben vom Ausländer und Dein Vertrauen ver⸗ ſpotten! Indeß wir ſind gerüſtet und ſchlagen Hand in Hand auf Leben und Tod wie ſeine Lützowſche Jagd.— Beide Schweſtern legten ihre Hände zuſammen und jede preßte mit der Rechten die Linke der Andern an die glühende Bruſt; dann ſchlüpften Beide unter die Decken, und als Amelie den ſilbernen Dämpfer über das Nacht⸗ licht fallen ließ, gaben ſich Beide lieben Träumen hin und entſchliefen, von ſchönen Bildern eingelullt, bald zu einem feſtern Schlafe, als ſeit der Anweſenheit des ge⸗ fährlichen Gaſtes unter dem grünen, ſeidenen Baldachin ihrer heiligen und unentweiheten Lagerſtätten ſie beglückt hatte. Nach mehren ſchönen Tagen, wo unbekümmert um Froſt und Winterſturm die Freude ſich im Schlößchen ein warmes Reſt gebauet, kam nun auch ein trüber Morgen, an dem durch das Begräbniß des Förſters Waldner dem leichten Sinn der jungen Leute ein Me⸗ mento geſtellt wurde, das wenigſtens auf einige Stunden ein ſchwarzes Flortuch über den Blütenkranz ihres Lebens 230 breitete, und ihren Blick von den irdiſchen Lüſten und. Vergnügungen hinweg auf das unausweichbare Ziel, auf den kalten Grabhügel und weiter in die graue, un⸗ abſehbare Wüſte der Ewigkeit lenkte, vor der ſelbſt der Denker und gefaßte Stoiker mit einem grauſigen Wahn⸗ ſinnsgefühle daſteht.— Die Damen legten mit naſſen Augen einen Kranz von künſtlichen Blumen, die bei manchem glänzenden Hoffeſte die ſchönen Lockenköpfe geſchmückt hatten, auf das ſchwarze letzte Haus des ehrlichen Dieners, und Alles, was zum Schloſſe gehörte, ſelbſt der alte Oberſt, voran vom Hauptmann geführt, folgte der Bahre zum Gottesacker des nahen Kirchdorfes, dem in ſeinem Be⸗ rufe ſo brav als ſchändlich Gefallenen die ſogenannte letzte Ehre zu erweiſen, die man in den meiſten Fällen die letzte Liebe nennen dürfte, da dieſe gar oft mit be⸗ graben wird, und der Oberſt ließ von ſechs Jägern eine dreifache Salve über dem offenen Grabe feuern, um dem Ruhenden gleich einem gebliebenen Kriegskameraden ſeine militäriſche Achtung zu bezeugen. Waidwerk und Kriegs⸗ leben ſind brüderlich verwandt, ſagte er wie entſchuldi⸗ gend zu ſeinem Begleiter; beide fordern Männer, bilden Männer, bewähren den Mann, und wer keines von ihnen geübt oder wenigſtens als Knabe ſich ſehnend hinein geträumt, der gehört zur Großmutter hinter den Ofen oder an die Kunkel und das Weiberrad.— Als man heimgekehrt vom ernſten Gange, waren die Damen unſichtbar, verſchloſſen auf ihren Zimmern; der Oberſt fühlte nach dem ſauren Marſche das Bedürf⸗ niß der Ruhe, das ganze Schloß ſchien ausgeſtorben, und Herr von Despen, von Langeweile und Unruhe wechſelnd gepeinigt, griff zu ſeiner Jagdmütze, gürtete —— 231 ſich mit dem Waidmeſſer, warf die Büchſe über die Schulter und verließ das Schloß. Ein dicker Nebel hatte die Frühſtunden trüb und un⸗ freundlich gemacht; jetzt hing er als Rauhfroſt in glän⸗ zenden weißen Zacken und Nadeln an allen Baumäſten; die Sonne ſtrahlte vom blauen Himmel herab und ihr Wiederſchein auf der Schneedecke des Bodens blendete ſtechend das Auge, dagegen beleuchtete ſie höchſt maleriſch den Wald, welcher voll und dicht wie durch Elfenzauber mit ſeltſamem weißem Laube geſchmückt ſchien. Der Hauptmann ſtieg langſam die Höhe hinunter, dann ſtand er ſinnend ſtill und ſein Auge hing an dem Schloſſe, das in der herrlichen Winterlandſchaft ſtill und öde und abgeſchloſſen wie ein Feenſitz und Zauberſchloß des Mährchens vor ihm lag. Nicht die ſchönen Bewohnerinnen jenes Hauſes hatten in dieſen Tagen allein einen ſchwe⸗ ren Kampf mit ſich ſelbſt beſtanden; auch in des Haupt⸗ manns Seele und Gemüth ſtritten Gedanken und Empfindungen, und das Böſeſte war, daß ſie ihm wie verlarvte ſchwarze Ritter erſchienen, denen er nicht unter das Viſir ſehen durfte, und die gleich ſarazeniſchen Streitern mit Sichelſchwertern und Dolchwürfeu ihn anfielen, mit unbekannten und ungewohnten Waffen, gegen die er keine Vertheidigung wußte. Schon in den geräuſchvollen Zirkeln der Reſidenz hatte er ſich durch das liebenswürdige Schweſterpaar wunderſam angezogen gefühlt, und der glänzenden, durch Figur, Toalente, Grazie, Geiſt und Witz ſchimmernden Baronin ſeine reſpektvolle Huldigung, ja Anbetung gewidmet. Seit er im Schloſſe Waizhauſen weilen durfte, war der kalte Reſpekt in ſeiner Huldigung theilweiſe vertraulicherer An⸗ neigung gewichen; Begünſtigungen waren ihm geworden, ——— ———————— 232 die Hoffnung lachte ihm zu; aber Gunſt und Zukunfts⸗ bild befriedigten ihn nicht, beſänftigten ſeine Wal⸗ lungen nicht, ſondern je deutlicher ſie aus der Ver⸗ hüllung auftauchten, deſto ſtärker fühlte er ſeine Seele beunruhigt und unerklärlich beängſtigt. In der Reſidenz hatte er ſich gleich dem Edelhirſch von einem hohen, jedoch weiten Flatternetze umſtellt gefühlt; zu Waizhau⸗ ſen war das enge Schlagnetz für die hochſteigende Lerche und ſchnellfüßige Wachtel auf ihn gefallen, es drückte, beängſtigte den vergebens Flatternden, und er war irre, welche der beiden Jägerinnen eigentlich den geſchickten Finklerzug gethan und ſein Gefängniß erſchaffen. Hatte Amelie ſein Auge geblendet, ſeinen Geiſt gewonnen, ſo fühlte er ſein Gemüth nicht weniger bewegt durch Ju⸗ cundens zarten Sinn, ihr reges Gefühl, ihr verſtändiges häusliches Treiben und Wirken. Beide konnten einen Mann ſeiner Art beglücken; beide beſaßen Alles, was der Weltmann draußen gern bewundert und an der Geliebten bewundern läßt; Beide beſaßen aber auch Alles, was die Eremitenklauſe zum Paradieſe, das Haus des die Welt fliehenden Familienvaters zum Tempel des ſchönſten Glückes zu weihen vermag, und wenn Amelie vielleicht für das erſtere ein Uebergewicht, Jucunda im letztern die reichere zu ſein ſchien, die Wagſchale für Beide ergab gerade deßhalb dem Hauptmann ein Gleich⸗ gewicht. Er wurde irr an ſich ſelbſt; ſchlimmer als Tantalus ſah er die Goldäpfel über ſich hangen, denn er durfte, er konnte ſie erhaſchen; aber er wußte nicht, welcher für ihn der Zauberapfel der Seligkeit ſein möchte. Seine Beklommenheit zu ſteigern mußte er in den letzten Tagen bemerken, daß beide Schweſtern ihr Benehmen gegen ihn geändert hatten, daß die Leichtigkeit ihres 233 Umganges zu einer gewiſſen Befangenheit erſtarrt war, die ihn oft verlegen machte und ſeine vorige Freiheit gleichfalls beſchränkte, und da nun die morgendliche Leichenfeier auch in ihm wie in jedem guten Menſchen, eine ernſtere Stimmung weckte und den Blick von außen nach innen richtete, ſo hielt er jetzt mit der Vergangen⸗ heit eine Muſterung, entwarf von ihr aus den Plan ſeiner wahrſcheinlichen Zukunft, nahm das alte philoſo⸗ phiſche Thema: Erkenne Dich ſelbſt! zu ſeiner Gedanken⸗ predigt, und da er einſah, daß er trotz dieſer Hausmittel auf keine Weiſe zum Entſchluß und zur Wahl gelangen konnte, ſo zerriß er im raſchen, aufwallenden Ungeſtüm den gordiſchen Knoten und beſchloß, lieber zu fliehen, als eines der ſchönen Herzen zu verletzen oder ſich ſelbſt einer ſpätern Reue preis zu geben.— Der Entſchluß, wie er einmal feſt ſtand, gab ihm die alte Feſtigkeit, die ehemalige Beſonnenheit zurück, und ſcheinbar zufrieden mit ſich ſelbſt wie mit der Welt, ſetzte er mit raſchem Schritt ſeinen Weg über die Schnee⸗ decke fort, und wandte ſich dem Holze zu, als ihn der Anblick des Förſterhauſes mit den beſchneieten Hirſchge⸗ weihen am Giebel plötzlich ſtutzen machte und ſeinen Gedanken eine andere Richtung gab. Da drinnen weinte eine Verlaſſene, trauerten Waiſen, welche ihren Verluſt noch nicht einmal zu erkennen vermochten, und von die⸗ ſem Bilde bewegt, faßte er in ſeine Taſchen, und als er die wohlgefüllte Börſe nicht vermißte, trat er ent⸗ ſchloſſen in das Haus, wo ihm der rauhe Plutv ent⸗ gegenfuhr, doch ſchnell, als erkennte ſein Inſtinkt den Freund, ſeinen lauten Anſchlag in ſchmiegſames Murren und ſeine Angriffsſtellung in freundliches Wedeln ver⸗ wandelte. Der Hauptmann trat in das Zimmer, wo 234 die Förſterin im ſchwarzen Trauerkleide ſaß, den Säug⸗ ling im Schooße trug, und mit der rechten Hand ihren Knaben umfaßt hielt, welcher verwundert und die blaſſe Mutter anſchauend an ihrem Knie ſtand. Ein Andachts⸗ buch lag vor der Frau auf dem Tiſche aufgeſchlagen, und die weißen Blätter hatten große, feuchte Flecken von heißen Thränentropfen. Der Hauptmann ging er⸗ ſchüttert zu der Gruppe und legte ſeine Hand auf das blonde Haupt des Kleinen. Ihr weinet und betet fromme Frau! ſprach er ſanft. Wohl Euch! Gott gab Euch die beſte Tröſterin in Eurem Unglücke.— Die Förſterin ſah mit großen Augen zu ihm auf. Irre ich, ſagte ſie ſcheu, oder ſind Sie der fremde Offizier vom Schloſſe, der für den Mörder meines Waldner gehalten wurde?— Ich bin's! antwortete der Hauptmann. Aber reißt Eure Gedanken fort von dem unglückſeligen Ereigniß. Vertrauet auf Gott, und erhaltet Euch Euren Kleinen.— Das will, das muß ich! antwortete die Frau mit Ergebung. Aber, ſetzte ſie wärmer hinzu, war es nicht Ihre, nicht dieſe Hand, die meinem Waldner zu Hülfe eilte, die von ſeinem warmen Blute bedeckt wurde, die ihm vielleicht die Augen zudrückte? Ach! Ich war nicht bei ihm, ich konnte ſeinen letzten Seufzer nicht einſaugen. O erlauben Sie mir dieſe heilige Hand. Und mit der Verzückung einer Wahnwitzigen riß ſie ſeine Hand zu ſich und drückte ſchmerzlich⸗heiße Küſſe darauf und näßte ſie mit Thränen. Der Hauptmann fühlte ſich mehr ergriffen, als für ſeinen eigenen, kaum be⸗ ruhigten Seelenzuſtand gut war. Eure Kinder! ſtotterte er betroffen. Zwingt Euch, nehmet den Schmerz —— 235 gefangen. Ich hätte ſo gern den armen Waldner gerettet, aber ich kam zu ſpät und Gott wollte es ſo. Doch wendet Euch zu mir, wenn es fehlt; den kleinen Blond⸗ kopf ſchickt mir, wenn er Eurer Pflege miſſen kann.— Raſch ſich losmachend, küßte er des Knaben Stirn, legte ſeine Börſe auf den Tiſch und verließ das kleine Ge⸗ mach, wo gefaltete Hände ſich hinter ihm zum Himmel erhoben. Er war erhitzt als er in die Thür trat, aber höhere Glut ſtieg auf ſeine Wangen, als er nicht weit vom Hauſe eine weibliche Geſtalt erblickte, die ebenfalls die Hütte der Trauer zu ihrem Ziele erwählt zu haben ſchien. Er konnte nicht irren, es war Fräulein Jucunda, obgleich es ihm räthſelhaft däuchte, wie die Zarte ſich im Froſt und ohne Begleitung in dieſe gefährliche Wildniß wagen mochte. In ihren grauen Mantel gehüllt, Nacken und Hals vom Zobelkragen geſchützt, das mit Pelz ver⸗ brämte Mützchen auf dem Haare, das weiße Tüchlein vor dem feinen Geſichte, wandelte das Fräulein mit leichtem Eilſchritt den glatten Pfad herab, und ihr klei⸗ ner Fuß ließ kaum einen Eindruck auf der gefrorenen Schneedecke zurück. Der Hauptmann barg ſich ſchnell hinter einem Vorſprunge des Feuerheerdes, und bemerkte hier ungeſehen, wie das Fräulein in die Hausthür trat, mit dem Tuche den Rauchfroſt vvn dem Pelzkragen ſchlug, und dann ſich wie eine Bekannte in das Zimmer zu der Förſterin begab. Vorſichtig verließ er ſein Ver⸗ ſteck und näherte ſich der Stubenthüre, in welcher ein ſchmales Fenſterchen ihm den Hineinblick erlaubte. Wie klopfte ſein Herz, als er die Liebliche neben der Witt⸗ frau ſitzen ſah gleich dem tröſtenden Engel des Lichts, der herabſtieg, den Jammer mit dem Kelche der himm⸗ liſchen Liebe zu erquicken. Er konnte das ganze 236 Geſpräch nicht vernehmen, aber er verſtand der einzelnen Redeſätze genug, um die milde Weiſe zu erkennen, die aus dem Herzen der Freundlichen in das Herz der Lei⸗ denden ſtrömte und den herben, tödtenden Schmerz in Wehmuth und Ergebung auflöſete. Jucunda predigte nicht von Schickſalsfügung, von unerforſchlichem Ein⸗ greifen der Vorſehung, verlangte nicht Faſſung und Stärke von der Gebeugten; nein! ſie ſchilderte laut die Vorzüge des Verlorenen, lobte ſeine Tugenden, die ſein Angedenken bei Jedermann erhalten würden, ſie malte die Größe des Verluſtes lebendig aus, und als die Thränen der Wittwe ſtrömten, da weinte ſie mit, da nahm ſie den Säugling ſelbſt auf den Schooß, herzte das Kind und gelobte der Mutter Freundſchaft, Rath und Hülfe. Herr von Despen ſtand beſchämt und ſcham⸗ roth da, indem er deſſen gedachte, was er an derſelben Stelle geſagt und gethan. Und wie erſchrack er, als Jucunda jetzt ſeine Börſe erblickte, nahm und den In⸗ halt prüfte. Er verging in den unangenehmſten Gefüh⸗ len, denn er bemerkte an den Geſtikulationen der redſe⸗ ligen Frau, daß ſie von ihm erzählte, und das Fräulein konnte ja ſeine Börſe leicht wieder erkennen, da er das Goldnetz oft in ihrer Gegenwart gebraucht hatte. Und ſie hatte es erkannt; er ſah ihr Geſicht mit hoher Röthe beflogen, ſah wie ſie zuerſt über das Kind gebeugt, die Börſe leicht an ihre Lippen drückte, wie ſie ſpäter die Goldſtücke auf den Tiſch ſchüttete, das Netz aber in ihrem Buſen verbarg. Wie Schuppen fiel es von ſeinen Augen, er zitterte, er glühete wechſelndg und kaum hatte er in ſeiner Verwirrung Zeit, ſeinen Sthlupfwinkel wie⸗ der zu gewinnen, als das Fräulein von Rolf heraus trat und die Förſterei verließ. Tief Athem ſchöpfend 237 machte er ſich nach einer Weile bereit, der Dame von ferne zu folgen; er trat aus der Pforte, jedoch auf dem freien Wege zum Schloſſe war nirgend die Geſuchte zu finden, ein Oberon ſchien ſie entführt zu haben; da wandte er ſein Auge in Beſorgniß rund um in der Ge⸗ gend, und erblickte gerade noch den Zipfel ihres fliegen⸗ den Mantels mitten im Holzwege, der tiefer in das Gebirg hinein führte. Was wollte ſie dort, was ſuchte ſie da? Entſchloſſen folgte er ihrer Spur im dünnen Schnee, und des Förſters rieſiger Hatzhund Pluto ſchritt wedelnd ihm nach.— Der unebene, beſchwerliche Weg führte weithin in eine Waldecke hinauf, dann wieder herab auf nicht min⸗ der gefährlichem, blankem Fußpfade zu einem elenden Dörfchen, das in einem Keſſel der Felſengruppen lag, und an der erſten ſchmutzigen Strohhütte deſſelben en⸗ dete der ſaure Marſch des Fräuleins. Sie ſtand, ſich erholend, einige Augenblicke, ſah umher, wie es ſchien nicht ohne Aengſtlichkeit, und ſchlüpfte dann durch das niedere Pförtchen in die Hütte der Armuth. Der Haupt⸗ mann nahm einen kleinen Umweg und gelangte bald, ebenfalls von Neugierde getrieben, zu dem Gehöft, ſtieg durch einen zerbrochenen Zaun und näherte ſich einer Hinterthür, deren oberer Theil halb geöffnet war, um dem Rauche des Heerdes einen Ausweg zu bahnen, und ihm ſo den Einblick auf den ſchwarzen, nur halb erhell⸗ ten Vorplatz erlaubte. Auf dem Heerde kniſterte ein Feuer von dürrem Reiſig unter dem dunkeln Hangkeſſel, daneben kauerte auf einem Schemel eine hagere Weibs⸗ geſtalt, Macbtths Herenmutter nicht unähnlich, und ein halbes Dutzend Kinder mit borſtighängenden Haaren und ſchmutzigen Geſichtern wälzten ſich und kraulten auf dem 238 Lehmboden, gierige Blicke auf den Keſſel gerichtet und einem Haufen jener widrigen Erdgnomen gleichend, die im Gebirge den Wanderer höhnen, verlocken und in Gefahr bringen. Mutter und Kinder waren höchſt ärm⸗ lich gekleidet, und ihre Blöße wurde kaum durch die Lumpen bedeckt. Fräulein Jucunda ſtand vor der Gruppe; der Feuerſchein erleuchtete deutlich ihre angenehmen Ge⸗ ſichtszüge, auf welchen Staunen über den Anblick, innere Erſchütterung und Mitleid nicht zu verkennen waren. Die Frau ſtarrte mit thieriſchen Glasaugen neugierig zu dem Fräulein auf, erhob ſich dann träge vom Schemel und trat ihr näher. Ihre lange, doch gebückte, ausgemer⸗ gelte Geſtalt wurde jetzt erſt recht ſichtbar; die weißen Zähne, welche ſie beim Sprechen zeigte, gaben dem vergelbten Angeſichte mit ſtarken Backenknochen und von ſchweifigem, langem Rabenhaar umhangen, etwas Ent⸗ ſetzliches, und der rothe Wollrock, das ſchwarze an dem Halſe feſtgeknotete Tuch, das die Bruſt nicht ganz be⸗ deckte, machten das Bild ſo grauſig grell, daß der Haupt⸗ mann die Büchſe von der Schulter nahm und ſich gefaßt hielt, ſofort einzutreten, wenn ſeiner Dame die feind⸗ liche Geſtalt noch einen Schritt näher zu treten wagen ſollte. Aber er hörte, und verhielt ſich ſtill. Wie es geht? fragte die Frau, wahrſcheinlich als Entgegnung auf des Fräuleins Anrede. Wer fragt da⸗ nach? Wen kann's kümmern? Freilich ſchlecht genug, denn die letzten Erdäpfel ſchmoren im Topfe, und das letzte Brod iſt angeſchnitten. Mag's ſein! ſetzte ſie mit furchtbaren Grimaſſen hinzu. Wer ſie erſchaffen hat, kann für die Würmer ſorgen. Wäre der Waldteich nicht hart und voll Eis, ich würfe ſie eins hinter dem andern hinein, und mich zuletzt.— ——————————————— 239 Rothhahnin, denkt Sie denn nicht an Gott? fiel Ju⸗ cunda mit Entſetzen ein, und wich etwas zurück.— Wer im Vollen ſitzet, hat Zeit dazu, antwortete die Frau mürriſch, wir kommen vor Hunger und Sorge nicht daran. Unſer Eines iſt elend Pack in der Welt, um das der Herrgott ſich wenig kümmern mag; denn thäte er's, und hätte der Paſtor recht, ſo wär's ihm ja ein Leichtes, entweder der Noth ein Ende zu machen oder mit dem Dachbalken uns Allen das Genick zu brechen, Eines ſo gut wie das Andere.— Frau, antwortete das Fräulein, ſich zuſammenneh⸗ mend, Sie iſt doch confirmirt, doch getrauet, iſt zu Gottes Tiſche gegangen, hat die Kleinen da zur Taufe getragen; denkt Sie denn nicht mehr, wie Ihr damals zu Muthe war und hat Sie Alles vergeſſen, was der Paſtor damals ſagte, was Sie gelobte, was Sie fühlte, und wodurch Sie erſtarkt wurde und Muth gewann für das ſauere Leben?— Die Frau hing den Kopf und ſtarrte den Lehmboden an. Ja, ſagte ſie leiſer, vordem war Manches anders; da freute man ſich manches Mal, wenn die Jungen recht lärmten, oder wenn man zum Pfingſtbiere ging. Damals waren wir junges, tolles Volk, und glaubten an Nar⸗ renpoſſen und nahmen die Arbeit leicht. Aber der Krieg fraß uns und die Nachbarn aus. Die Männer wurden hart und lernten von den Soldaten. Da wurde das bischen Verdienſt verzehrt und vertrunken, und fand man zu Hauſe nichts mehr, ſo mußte die Frau es büßen, und was ſonſt von uns erbeten wurde, ſollte der Prügel erzwingen. Wer's nicht ſelbſt erlebt hat, kennt ſolche Jammerwirthſchaft nicht, und ſteht das Paradies da oben offen, ſo gehen ſolche Frauen wie wir gewiß voran 240 hinein, denn wir haben die Hölle lang genug gekannt hier unten, und die Männer dürfen uns ſchon einmal ablöſen.— Aber konntet Ihr denn nicht rathen und bitten? fragte Jucunda. Ein gutes Wort findet guten Platz, und eine gute, brave Frau, von ihren Kindern umgeben, vermag viel über ihren Mann. Gab es denn nicht Arbeit bei dem Holzfällen und Flößen für euch? Konntet ihr euch nicht an den Schloßverwalter wenden, die Noth klagen und Dienſt ſuchen?— Kriſtel Rothhahn und im Tagelohn gehen und bei der Livrée betteln? lachte die Frau laut auf, daß es bis zum Hahnbalken ſchallte. Kennt Ihr den Hochmuths⸗ narren nicht? Dick that er darauf, daß er einmal Leib⸗ jäger bei einem Ungarherrn geweſen; verwünſchte die Thorheit, hier in meiner Eltern Hof gefreit zu haben; ſtolzirte mit ſeinem Gewehr herum; lag Tags bei der Flaſche und der verdammten Karte und dem Würfel⸗ brette, und Nachts— nun das Frölen weiß ja, warum der Narr im Thurm ſitzt. Wäre er klug geweſen, wie die Andern, ſo wäre er leiſer aufgetreten, hätte ſeine Sau und ſein Häschen hübſch im Stillen über die Grenze gebracht. Aber da hatte er immer das große Maul offen, prahlte mit ſeinem Schuß, höhnte die Jäger überall, und that, als wäre er Herr im Reviere und jene die Diebe. Nun, er hat's weg, und der Krug geht ſo lange zu Waſſer, bis er bricht. Vor dem Kar⸗ renſchieben und dem Spinnhauſe hat ſich der Pinſel im⸗ mer gefürchtet, jetzt ſitzt er krumm geſchloſſen, fühlt wie's uns that, wenn er in der Schenke flott lebte und wir kaum die Waſſerſuppe daheim hatten, und wenn ſie ihn einen Kopf kürzer machen, ſo iſts recht; warum hat 241 er nicht vorbedacht, was er that, und das fünfte Gebot vergeſſen.— Aber Frau, entgegnete das Fräulein ſchaudernd, wie kann Sie ſolche Reden führen? Iſt der Mann doch der Vater Ihrer Kinder und Ihr Hausherr. Wer auf Gott vertraut, den verläßt der Allgütige nicht. Ich bin die Schweſter der Schloßfrau; man hat ſich nach Ihr er⸗ kundigt und erfahren, daß ſie ehedem ein ſittiges und fleißiges Mädchen geweſen. Komm Sie aufs Schloß; wir wollen mit dem Gerichtshalter überlegen, was für Sie geſchehen kann; und fordern die Geſetze die äußerſte Buße, ſo muß Sie fort von hier, die Kleinen dürfen nichts erfahren von der Unthat und dem Schickſal des Vaters, daß nicht Scham und Beiſpiel ſie verderbe, daß ſie gute Menſchen werden, und durch rechtliches und redliches Leben die Unthaten des Vaters verſöhnen und vergeſſen machen. Wir ſind nicht ſo hart, als Ihr glaubt; wir halten auf das Recht, aber wir vergeben chriſtlich unſern Feinden.— Mit Wärme und herzlicher Ergießung alſo ſprechend, zog das Fräulein ihr Arbeitskörbchen unter dem Mantel hervor, legte ſechs harte Gulden auf den Rand des Heerdes, und theilte Semmel und Kuchen unter die Kinder aus, die, ſich vom Boden aufraffend, haſtig zu⸗ griffen, und die Wohlthäterin umdrängend, mit neidi⸗ ſchen Blicken jedes leckere Schnittchen verfolgten, das ſie einem andern zuſteckte. Die Frau ſtand einige Sekun⸗ den wie verſteinert; dann thaueten die harten wider⸗ wärtigen Geſichtszüge auf in Freude und Wehmuth zugleich, ſie warf ſich auf die Knie und küßte den Man⸗ telſaum Jucundens mit Heftigkeit. Stehe Sie auf! rief die Umdrängte mit Aengſtlichkeit. Vertraue Sie auf Blumenhagen. II. 16 242 Gott, ſuche Sie bei dem Prediger Troſt, erziehe Sie Ihre Kinder zu guten Menſchen, dann wird und ſoll die Hülfe nicht ausbleiben.— Der Hauptmann wollte hervorſpringen; es drängte ihn, ſich dem Engel gleichfalls zu Füßen zu werfen, und ebenfalls von ihm Glück für ſich zu erflehen, da machte ihn ein Lärm an der Hausthür ſtutzig und er ließ das Pförtchen, welches ihn barg, uneröffnet. Zwei Männer traten in das Haus, und ſtanden eine Minute lang im Eingange wie verwundert über die unerwartete Scene am Feuerheerde. Beide waren gemeines Schlages und roher Natur, das zeigte Geberde und Kleidung; der eine, lang und dürr, aber von grobem Knochenbau, hatte ein verſchmitztes Fuchsgeſicht unter der Pelzmütze; der Andere, jünger und nicht ſo ſteif und hölzern, als ſein Kamerad, war gut gewachſen, bewegte ſich leichter und anſtändiger, aber alle Laſter hatten ihre Marken auf ſein bleiches und hohläugiges Angeſicht gedrückt, und der mächtige kohlſchwarze Bart an den Wangen und unter dem Kinne gab ſeinen Zügen den Charakter der Verwe⸗ genheit, die nichts fürchtet und überall bedroht. Beide trugen derbe Knittel in den Fäuſten. Was flennet Sie und winſelt am Boden, Baſe? fragte der erſtere mit derben Schritten näher tretend. Bettelt Sie etwa für des Kriſtels Leben? Denn die 3 Madam iſt vom Schloſſe, ich kenne ſie wohl. Schäme Sie ſich, der Kriſtel hat nichts verbrochen, es kann ihm nichts bewieſen werden; und Ihr Flennen und Jammern könnten die Gewaltsherren als Zeugniß und Eingeſtänd⸗ niß nehmen, und ſie ſelbſt brächte ſo den Mann an den Strick.— Vetter Schmutzleder, fiel die Frau heftig ein, indem 243 ſie vom Boden aufſprang, bekümmere Er ſich um ſeine Sachen. Das Fräulein iſt wie ein Engel vom Himmel gekommen, und hat mich und die Würmer verſorgt. Er hätte uns ruhig verhungern laſſen; denn Er hat ja ſelbſt nichts und trägt Alles, wie der Kriſtel, in die Gurgel.— Der Lange machte den dünnen Hals noch länger, als er das blanke Geld auf dem Heerde ſah. Sieh Eins! Blanke Münze! ſtieß er mit Gier heraus. Judas⸗Silber iſt es. Da ſchicken ſie die Spione vom Schloſſe, und wollen das elende Weib beſtechen, daß es den Mann verräth und falſch Zeugniß führt, und noch Andere in den Thurm ſchwatzt, wie ſie es gern hätten. Her mit dem Bettel!— Er haſchte mit der großen Hand nach dem Gelde, aber die Frau war flinker, als er, und ſtrich die Gulden ſchnell zuſammen, und verbarg ſie in ihrer großen Gür⸗ teltaſche. Sprech Er, was Er will! das iſt mein und den Kindern, und daran hat Er nicht einer Tabakspriſe Werth zu theilen.— Was ſchnackt Sie! rief der Mann wüthend. Wer hat hier je was zu theilen gehabt? Was wäre denn in Ihrer Bettelhütte je zu theilen geweſen? Nehme Sie Ihr Wort in Acht, oder, Baſe, mein Stecken möchte Ihr das Reden verwehren.— Ich will ſprechen, und ſo lang und grob Er iſt, ſoll ſein Groß maul mir's nicht wehren, entgegnete die Frau und faßte ein langes Meſſer vom Heerde. Ich will los von euch, und nichts mehr mit euch zu ſchaffen haben. Seid ihr doch Schuld mit euren ſchönen Gleisnerworten an allem Unglücke. Ihr habt den Kriſtel verführt, und 244 nun er in der Patſche ſteckt, laßt ihr ihn ſitzen, und zieht den Fuchskopf ſauber aus der Falle.— Der Lange und ſein Gefährte hatten indeß gar ſelt⸗ ſame Blicke gewechſelt. Was meint Ihr, Herr Fritz? fragte der Schmutzleder nun, ſeine blinzelnden Augen liſtig auf das Fräulein richtend.— Ich verſtehe Dich, Kamerad, antwortete der Andere mit feinerem Dialekte. Kriegsliſt gilt überall im Felde, und wir ſind im Kriegsſtande. Meine Gnädige, ſetzte er dann mit geziertem Anſtande hinzu, indem er ſich an Jucunden wandte, Sie haben ſich auf ein feindliches Terrain gewagt, und nicht klug daran gethan. Unſer bravſter Kamerad und Verwandter wird im Schloſſe feſtgehalten ohne Fug und Recht, und mit Waſſer und Brod traktirt, weil er nicht bekennen will, was er nicht gethan hat. Man kennt ſchon die Manier, wie die Herren vom Gericht in ſo einen Halbverhungerten, Ver⸗ wirrten und Geängſtigten alle Verbrechen hinein inqui⸗ riren, die ſie heraus haben wollen. Wer kann es uns verdenken, daß wir die Geiſel in unſerm Lager behalten, die uns in die Arme lief?— Wie meinet Er das? fragte das Fräulein beſtürzt, und zog ſich hinter die bewaffnete Frau zurück. Ich ver⸗ ſtehe Ihn nicht, und kenne Ihn eben ſo wenig.— Raſche Bekanntſchaft wird oft liebe Bekanntſchaft, verſetzte der junge Menſch mit einem Teufelslächeln. Wir behalten die Dame für den Vetter im Thurm, und liefern ſie nicht eher aus, bis er die Freiheit und den Paß über die Grenze erhalten hat.— Seid ihr wahnwitzig? ſtammelte das Fräulein. Was that ich euch? Was habe ich mit den Gerichten zu ſchaffen, die Jenen richten werden nach dem Geſetz? 245 Wolltet ihr euch ebenfalls in das Verderben bringen, und die Schloßjäger, die mich bald ſuchen würden, euch auf den Hals ziehen?— Sie kennt den S.. ger Wald nicht; ſpöttelte der Lange; da gibts Klüfte und Felslöcher, die noch keine Jägernaſe ausgewittert hat. Da kann ſie lange ver⸗ ſchollen ſitzen, wie's uns beliebt, ehe man ihre Fährte wittert; und käm's zum Aergſten, macht man ſie kalt; ihr Fähnchen, und was ſie um und an hat, und das Körbchen, worin wohl noch mehre Brüderchen der blan⸗ ken Gulden ſich bergen mögen, iſt ſchon einer Sünde und eines Meſſerſtichs werth.— Jucunda ſchrie laut auf. Wagts nicht! Gott ſiehts! ſtieß ſie heraus, und die Frau zuckte mit dem Meſſer nach dem Jungen, der mit ſpöttiſcher Freundlichkeit ſich herandrängte, und nach des Fräuleins Arme griff. Das Körbel muß wenigſtens viſitirt werden! rief der Lange, und ſchlug mit dem Knittel die Baſe auf den Arm, daß ihr das Meſſer entfiel. Da hielt ſich der Herr von Despen nicht länger, ſtieß die Pforte auf, und trat mit geſpannter Büchſe ein, indeß der Pluto vorſprang und mit gefletſchten Zähnen ſich wie zum Anſprunge vor die Böſewichter ſetzte.— Adolph! Adolph, rief Fräulein Jucunda mit Freude und Angſt, und ſank von der Frau unterſtützt auf den Schemel. Hinaus, ihr Schurken, augenblicks hinaus, donnerte der Hauptmann, oder, ſo wahr ein Gott iſt, meine Kugel fährt dem Nächſten durchs Gehirn, daß er nie mehr die Sonne leuchten ſieht.— Der Lange zog ſich ſogleich zur Pforte zurück— mit weiten Rückſchritten, doch eben ſo langſam von dem Hatz⸗ hunde verfolgt, der des gewohnten Jagdrufes horchte, 246 um den gerechten Anfall zu thun. Der Jüngere aber hielt den Knittel vor zur Parade des Schuſſes wie ein Rappier, und ſagte höflich: Nichts vor ungut, mein Herr! Scherz iſt erlaubt, und war auch der Scherz für das Dämchen ein bischen derb, ſo leuchtet's doch klar ein, daß wir nichts ſo Tolles wagen konnten, ſondern nur ein bischen Angſt machen wollten.— Man kennt euch, zürnte der Hauptmann zurück; des Förſters Blut beweiſet, was ihr zu wagen im Stande ſeid. Hinaus, ſage ich nochmals, oder mein Blei ſparet euch den Weg.— Nur nicht ſo gar grimmig, antwortete der Feindliche kaltblütig; bedenke der Herr, daß nicht jede Büchſe los⸗ brennt und nicht jeder Schuß trifft. Wir ſind zu zwei, und wollten wir Ernſt machen, und wären wir, wofür uns der Herr nimmt, ſo möchte von ihm nicht gar viel wieder zum Hauſe hinausſpazieren.— Er hob dabei dräuend die Keule auf und winkte dem Langen, und da der Hauptmann mit ſteigendem Grimme anſchlug, ſo ſtürzte das Fräulein plötzlich zwiſchen die Streiter in die Mitte und ſchrie: Um Gott! Adolph! Kein Blut um mich!— In dieſem kritiſchen Augenblicke hörte man fern draußen ein Jägerhorn, und die wilden Gäſte erſchracken ſicht⸗ lich. Der Lange war ſogleich draußen, der Junge machte einen komiſchen Reverenz und ſetzte ebenfalls über die Schwelle, wobei der Biß des jetzt laut anſchlagenden Plutos ihn ſtreifte, deſſen Verfolgung beide Flüchtlinge nur mühſam durch ihre Knittel hinderten, bis ihn ein Jagdpfiff, der außerhalb der Hütte klang, weglockte. Der Hauptmann hatte ſein Gewehr hingeworfen, und hielt das erſchöpfte Fräulein in ſeinen Armen, jetzt ihr— 3 247 Vorwürfe über ihre Unbeſonnenheit machend, jetzt den Himmel preiſend, der ihn zu ihrem Retter erſehen und heute ſichtlich dazu aufgerufen. Jucunda ſagte nichts, aber ihre Augen ruhten in ſeinen Blicken, und ſie ſchien ſich an ſeiner Bruſt ſehr wohl zu befinden, denn ſie machte keine Bewegung, ſich aus ſeiner Umſchlingung loszuwinden. Die Frau mahnte jedoch voll Angſt an den Rückmarſch. Sie kennen das Volk nicht, warnte ſie; ich werde genug auszuſtehen haben an Schimpfreden und harten Püffen, wenn der Schmutzleder wiederkehrt. Doch wir ſind's gewohnt; aber der Vetter könnte ſeine Genoſſenſchaft aufbieten und Ihnen im Hohlwege den Paß verrennen, oder der freche Fritz aus Wölfen könnte gar die Flinte holen, und vom Berge herab dem Herrn heiß auf den Pelz brennen. Darum hinaus, und der Herrgott bringe ſie glücklich heim.— Und in all das Unheil hat mein Unbedacht uns ge⸗ ſtürzt, jammerte Jucunda, und ich könnte Schuld wer⸗ den an Ihrem Verderben! O warum ging ich ſelbſt? Warum ſchickte ich die Sophie nicht?— Dann wäre mir ja das ſchöne Bild der Samariterin entzogen worden! antwortete der Hauptmann. Aber brechen wir auf! Fürchten wir auch die Elenden nicht, als tapfere Kriegsleute, ſo iſt das Geleit einer ſo muth⸗ vollen Amazone ein zu glänzender Auftrag des großen Weltengenerals, als daß wir irgend eine Vorſicht ver⸗ ſäumen dürften. Er bot dem Fräulein den Arm; die Frau küßte noch⸗ mals den Mantel der Dame, und drängte die Kinder heran mit ſchmutzigen Händen ihr Kußfinger nachzuwerfen, da kläffte Waldner's Hund und erſchien wedelnd in der Hausthür, das Waldhorn klang ganz nahe, der alte 248 Gebhard zeigte ſich mit zwei wohlbewaffneten Grün⸗ röcken, und Jucundens Angſt löſete ſich in frohe Sicher⸗ heit auf, da ſie von den Jägern mit einem lauten Hurrah begrüßt wurde. Amelie hatte die Schweſter vermißt, hatte ſie bei dem Onkel ſuchen laſſen; da ſie aber dort und nirgend im Schloſſe ſich fand, und der Dragoner des Haupt⸗ manns, welcher die Pferde ausgeritten, ſie im Schneefelde draußen geſehen haben wollte, ſo wurde die Beſorgniß der Baronin ſo groß, daß ſie alle männlichen Diener ausſandte, das Schweſterchen heimzuholen, und der Oberſt ſpöttelte dieſes Mal nicht nach ſeiner gewohnten Weiſe über die Weiberfurcht, ſondern theilte ſie zur Hälfte, weil man ihm ſo eben einen mächtigen Drohbrief ein⸗ geliefert, an alle Schloßbewohner, Herren und Diener adreſſirt, der während des Begräbniſſes mit beiſpiel⸗ loſer Dreiſtigkeit an den Hauptthorweg angenagelt wor⸗ den, und der in ruchloſen Worten das Leben aller Schloß⸗ bewohner bedräuete, wenn man nicht dem Ingquiſiten Kriſtel Rothhahn Gelegenheit zum Entwiſchen verſchaffen würde.— Die Baronin flog den Ankommenden ſchon im Vor⸗ zimmer entgegen; als ſie aber den Begleiter der Schwe⸗ ſter erkannte, ſtockte ihr flüchtiger Fuß, eine hohe Wallung zeigte ſich auf ihrem Geſichte, und ein Anflug von Bitter⸗ keit entſtellten ihre ſchönen Züge? Mit dem Herrn Hauptmann? fragte ſie gezogen. O da hätten wir die Angſt ſparen können, und ſo ein tapferer Ritter machte das ausgeſandte Geleit unnütz.— Jucunda warf ſich in die Arme der Schweſter und Wäre der Frevel nicht zu entſetzlich, ich ſelbſt würde entgegnete: Dank Deiner Liebe, Du Getreueſte! Ohne Deine Vorſorge wäre ich und mein Beſchützer dennoch vielleicht verloren geweſen.— Alſo Gefahr? Du und Er in Gefahr? rief Amelie erſchreckt, und Herzensgüte und Schweſterliebe nahmen wieder den gewohnten Platz im Anlitze und gaben ihr den hohen Reiz zurück, der den Herrn von Despen ſofort wieder in die alte Unentſchloſſenheit warf, obgleich er völlig entſchloſſen den Rückweg zum Schloſſe vollen⸗ det hatte, wenn auch die Jagdbegleitung das Geſpräch zwiſchen ihm und ſeiner Dame ſehr einſilbig gemacht. Der Oberſt, welcher eben die Kanonade ſeiner Vorwürfe auf die unbeſonnene Nichte loslaſſen wollte, behielt ebenfalls den erſten Schuß im Munde, da er von Ge⸗ fahr hörte, und als Jucunda jetzt erzählte, fluchte er alle Wetter der Erde und des Himmels auf die Schur⸗ ken, und wollte ſogleich Befehl ertheilen, die Frau Rothhahn als muthmaßliche Herbergerin der Rotte Korah, und den Vetter Schmutzleder und den Mosje Fritz aus Wölfen eingefangen und in den Thurm zu ihrem Spieß⸗ geſellen werfen zu laſſen. Nicht doch, Herr Onkel! ſprach da die Baronin mit der Würde, welche ihr ſo wohl ſtand. Laſſen Sie uns die Unglückſeligen nicht aufs Aeußerſte treiben; wir möchten ſonſt das Verderben ſelbſt auf unſer Haupt lenken. Erlauben Sie, daß ich, ſo lange ich hier weile und das ſoll wahrlich nicht lange dauern, das Herren⸗ recht übe, das mir zuſteht.— Sorgen Sie, daß ſo bald als möglich der Inguiſit zur nächſten Stadt trans⸗ portirt werde, denn Er iſt der Magnet für die Eiſen⸗ herzen, Er das Eiſen, das die Blitzſtrahlen zu uns zieht. 250 ſein Gefängniß öffnen, denn es peinigt mich, mit dem Böſen länger unter einem Dache zu ſein.— Komm Schweſter, Du bedarfſt Erholung, ſetzte ſie dann flüſternd hinzu. Alſo war die Promenade nicht verabredet und nichts gab ſeine Wahl, ſeines Herzens Entſcheidung Dir kund?— Kein Wort! Kein Händedruck! flüſterte Jucunda zu⸗ rück. Aber ich! Der Schreck, das Entſetzen machte mich vielleicht unvorſichtig! ſetzte ſie erröthend noch leiſer hinzu.— Und dennoch ſprach der ſtumme räthſelhafte Amadis nicht? antwortete die Baronin lebhafter. Deſto beſſer! Deſto ſchlimmer, wollte ich ſagen, nun bleibt uns doch des Räthſels Spaß noch länger.— Auf Wiederſehen, lieber Hauptmann, Dank für das Rettungsſtück! Sie wiſſen, wir Schweſtern ſind wie Zwillingsblumen, was der Einen Gutes geſchieht, fühlt die Andere mit glei⸗ chem Herzensgefühl.— So freundlich nickend verließ ſie mit der Schweſter das Vorgemach. Ueber das Weibsvolk! brach da der Oberſt los, der mit offenem Munde den Redeſchwall der Nichte ange⸗ hört hatte. Herrenrecht! Ja, das Dämchen zeigt ihre Talente dafür. Die Hundsfötter unverfolgt laſſen, dem Mordbuben das Entſpringen erleichtern, Fortreiſen zur Stunde aus Furcht vor ſolchem Geſindel? Iſt das nicht um gleich das Podagra, das Chiragra und den Blut⸗ ſchlag zugleich zu bekommen? Es iſt eine Beleidigung für die ſchöne Mauer, die Schloß Waizhauſen umgibt; es iſt Beleidigung für mich, den tapfern Commandanten dieſer Feſtung; es iſt Beleidigung für Sie, Herr von Despen, der Sie doch auch zur Garniſon gehören. Aber Sie hören ja nicht? Hat die Weibercourage Sie angeſteckt? —— 251 ſetzte er hinzu, den Hauptmann am Arme ſchüttelnd, der die ganze Zeit mit ſtarrblickenden Augen und auf ſeine Büchſe gelehnt dageſtanden hatte. Die Frau von Waiz hat vollkommen Recht, ant⸗ wortete der Angeredete aus ſeinem Sinnen erwachend. Auch ich muß fort; ſchon zu lange beläſtigte ich dieſes Haus, und der Geſandte wird meine Dienſte vermiſſen. Heute noch muß ich ſcheiden.— Der alte Oberſt machte große Augen. Ei! Ei! Wie iſt mir das? fragte er langſam. Den Alten wollt Ihr alle allein laſſen; da kann er lang⸗ weilig ſein Pfeifchen dampfen, die Hunde füttern, und mit dem Gebhard Damenſpiel ziehen. Nun, reiſet nur! Dann kann ich todtſchießen und hängen laſſen, wie mir's beliebt.— Nicht böſe werden, mein lieber trefflicher Wirth! fiel der Hauptmann ein. Glauben Sie, auf Ehre, ich muß von hier, ſoll ich ehrlich bleiben und die Kraft des Man⸗ nes behalten.— Aha! Dachte ich's nicht! lachte der Alte pfiffig. Sie haben auch Damenſpiel gewagt, und der Feind hat zwei Damen gegen Sie in's Feld geſtellt. Wir ſind dabei ge⸗ weſen, auf den Hofparquets zu Hauſe, wie im Bivouak. Ja, ſo ein Kreuzfener wie bei der Jenaer Schnecke nimmt verteufelt mit. Trinken Sie täglich drei Flaſchen Hoch⸗ heimer mehr, und laufen Sie ſich ſechs Stunden müde auf der Jagd; das war ehedem mein Recept gegen der⸗ gleichen Fieber. Hab's freilich davon in den Beinen, aber das Herz iſt geſund geblieben. Doch ſo eilig braucht der moderne Joſeph nicht zu flüchten. Die Damen reiſen heute nicht, morgen nicht, denn Juecundens acht⸗ zehnten Geburtstag wird man nicht unterwegs feiern 252 wollen, das wäre entſetzlich und würde ein Flecken in der Chronik der ehrſamen Herrn von Waiz und Rolf.— Jucundens Geburtstag? fiel mit Feuer der Haupt⸗ mann ein.— Iſt morgen, und mein Feſt arrangirt, das ich mir zu ſtören nicht erlaube, entgegnete der Oberſt, klopfte ſeine Pfeife auf, ſah den Gaſt mit ſpöttiſchen Blicken an und entfernte ſich ſchmunzelnd. Der Haupt⸗ mann ſtand noch eine Weile, er ſchien zu ſchwanken, ob er nicht in das Damenzimmer eilen müßte, ſein ſeltſames ſtummes Benehmen wieder gut zu machen. Aber er fühlte, daß er bei ſeiner Stimmung nur mehr verder⸗ ben als heilen würde, und ſo ſtieg auch er zu dem Flügel hinüber, ſchrieb eilig ein Briefchen, und ſandte damit den Dragoner fort nach Otterßen. Der Sonntag erſchien und mit ihm das Wiegenfeſt des lieblichen Fräuleins, deſſen Ankunft freilich das Schickſal mit einer freundlichern Zeit hätte begrüßen können, damit ihr Bettchen durch die bunten Kinder der Flora geſchmückt worden, denen Jucunda an Friſche, Wohlgeſtalt und beſcheidenem Reiz ſo ähnlich war. Schneegeſtöber machte den Wintertag noch unfreundlicher, aber trotz dem ließ der Onkel Jäger und Hausgeſinde in voller Livrèe im Schloßhofe paradiren; ein wohl⸗ klingendes Morgenlied weckte die Damen mit harmoni⸗ ſchen Hörnerklängen aus dem Schlafe, und eine Freuden⸗ ſalve, von einigen alten Böllern verſtärkt, machte alle Echo's des Gebirges lebendig, und das Vivatrufen der Dienerſchaft tönte weit in das Thal hinunter, und man hörte ihm an, daß es nicht allein beſtellt war, ſondern von Herzen kam, und waos ſelten iſt, die willkommene Erlaubniß dazu den Schreiern eben ſo viel Vergnügen gab, wie der Herrſchaft, welche die Huldigung empfing. Die überraſchte Jucunda nahm die Glückwünſche der Verwandten mit Rührung an, und beſtaunte die reichen Geſchenke, welche Schweſter und Ohm mit liebender Vorſorge längſt aus der Reſidenz mitgebracht, durch die ſie ſo manchen eiteln Wunſch befriedigt ſah, den nur die aufmerkſamſte und zarteſte Zuneigung ſich in das Ge⸗ dächtniß geſchrieben haben konnte. Aber Ameliens acht⸗ ſames Auge vermißte an der Kleinen die gewohnte leichtfertige Fröhlichkeit, mit welcher ſie ſonſt empfing und dankte, und als jetzt zuletzt der Hauptmann reſpekt⸗ voll heran trat, und einen ſeltenen Blumenſtrauß, worin unter blühenden Myrten und weitduftendem Heliotrop eine volle Roſe ſchimmerte, und den ſein Dragoner ge⸗ ſtern aus den berühmten Otterßer Treibhäuſern herbei⸗ geholt hatte, ihr mit der freundlichen, einfachen Bitte um Entſchuldigung für die Dreiſtigkeit der fremden Hand, die ihn darbot, und der geringfügigen Gabe überreichte, da konnte Jucunda die innere Bewegung nicht länger bergen: Thränen floſſen aus den ſchönen Augen, nur ihr Händedruck dankte dem Manne, der ihr nicht mehr fremd war, und der die Thränen, welche auf ſeiner Roſe wie helle Thautropfen glänzten, als eine finſtere Vorbedeutung anſah, die ihn in ſeinem Entſchluſſe be⸗ ſtärkte. Auch Amelie mußte ihre Augen trocknen, und ihre Hand preßte das klopfende Herz, in welchem die ſtumme Scene einen Schmerz eindrückte, deſſen ſie früher ſich nie und in keiner beengenden Lebenslage bewußt geweſen war. Der Oberſt ging dazwiſchen herum, kämpfend mit der Rührung, die der alte Kriegsknecht für ſchimpflich hielt, ſang ſein gewohntes Hageſtolzenlied 254 her auf das Evengeſchlecht, welches Alles verwäſſern müßte, ſich nicht freuen und grämen könnte, ohne den unerſchöpflichen Thränenkrug umzuſtürzen und Schuld wäre, daß es auch unter dem ſtarken Männergeſchlechte ſo viele Haſenherzen und weinerliche Poeten und Tragö⸗ dienſchreiber gäbe, und drückte dabei Allen die Hände und küßte mit Herzlichkeit die Stirnen der ſchönen Schweſtern. Zu bald jedoch wurde das ſtille Feſt der verwandten Seelen unterbrochen, denn eine Reiſekaleſche nach der andern rollte auf den Hof, und jede lud die geputzte Familie eines benachbarten Gutsbeſitzers aus, die heim⸗ lich vom Onkel geladen worden, den Ehrentag ſeines Lieblings mit begehen zu helfen. Die Prachtſäle wurden aufgethan; bald füllte ſie ein reicher Kreis jubelnder Bekannten, Jucunda wurde als Königin des Tages von Allen begrüßt und gefeiert, und in den Vorſälen dräng⸗ ten ſich die bunten Livréen der Fremden und halfen den Dienern des Hauſes in der üppigen Bewirthung, welche der Oberſt, der ſo gut einer Tafel vorzuſtehen verſtand, wie er ehedem ſeine Grenadiere ins Feuer geführt, ohne Wiſſen der Frauen des Schloſſes einzurichten gewußt hatte.— Frühſtück, Muſik, Spiel füllte den Vormittag, eine weitduftende Tafel, wohlbepflanzt für Schmecker und Durſtige, lud dann die Gäſte zu ſich, und nach deutſcher Weiſe wurde ein Mittagsmahl gehalten, und nicht nach neuerer Sitte ein Mittelding zwiſchen Vesper und Nachteſſen, da der Oberſt ein erklärter Feind der Gal⸗ lomanie und Anglomanie war, und jeder von Gott ge⸗ ſtellten Tageszeit ihr altes, vernünftiges Recht angedeihen ließ. Fräulein Jucunda ſaß zwiſchen den Vornehmſten der Gäſte, der Wirth nahm den Platz am Ende der Tafel für ſich, und die Herrin des Schloſſes zur Seite des Hauptmanns ſorgte am andern Flügel für Ordnung und Freude. Da hörte man mitten in der Luſt in der Nähe des Schloſſes zwei ſtarke Schüſſe fallen, und Alle ſahen neugierig auf, und vermutheten eine neue kriege⸗ riſche Ueberraſchung, indem ſie des Onkels Vorliebe für dergleichen kannten. Doch der Oberſt ſelbſt machte ein Zorngeſicht und ſah mit Grimm auf einen jungen Die⸗ ner, der am Fenſter ſeinen Poſten inne hielt. Hat der Haſenfuß ſchon das Zeichen gegeben? rief er. Und wir ſind noch bei der Mittelſchüſſel? Verzei⸗ hung, meine Hochgeehrten: die Salve ſollte die Braten⸗ geſundheit begleiten; aber meine Artillerie beſteht aus Rekruten, und ſolches Volk feuert meiſt zu hitzig und zur Unzeit.— Man lachte, der Diener trat aber hinter den Stuhl des zürnenden Herrn, betheuerte ſeine Un⸗ ſchuld und meinte, die Schüſſe wären auch nicht auf der Seite gefallen, wo die Böller aufgeſtellt, ſondern außer⸗ halb der Ringmauer und in der Nähe des grauen Thurmes. Der Oberſt wurde aufmerkſam und ſandte den Burſchen auf Erkundigung, jedoch, ehe derſelbe noch zurückkam, erſchien der greiſe Gebhard fern in der Saal⸗ thür, und ſein entſtelltes Geſicht und der heimliche Wink den er verſtohlen dem Herrn gab, lockte dieſen, ſobald es ohne Aufſehen geſchehen konnte, von der Tafel weg in den Vorſaal. Aber dem ſcharfen Auge der Baronin war die Erſcheinung des alten Schloßverwalters nicht entgangen, und ſie bat leiſe ihren Nachbar, dem Onkel zu folgen, und ohne Störung der Geſellſchaft ihr Nach⸗ richt zu bringen, wenn ein Unglück geſchehen ſei. Der Hauptmann fand den Oberſten nicht mehr im Schloſſe, und die Leute auf dem Hofe wieſen ihn mit 256 bleichen Geſichtern zum Thurme hin. In der Vorhalle zur grauen Warte ſtand der Onkel zwiſchen einigen Dienern, und der Pförtner ſaß vor ihm erſchöpft, wachs⸗ bleich vom Schreck, einige zerbrochene Schüſſeln mit verſchütteten Speiſen lagen am Boden und das mächtige Schlüſſelbund dabei. Der Pförtner erzählte abgebrochen und zitternd das Ereigniß, das ihn in einen ſolchen Zuſtand zu verſetzen vermochte.— Die Baronin, in ihrer Freude ächt weiblich auch der Verlaſſenen und Leidenden gedenkend, hatte eine Menge armer Häuslinge, vorzüglich Wittwen und Waiſen, in einem Nebengebäude ſpeiſen laſſen, was ſie den Gottes⸗ dienſt des Freudentags nannte, und der Schloßpförtner erhielt den Befehl, ebenfalls dem Inguiſiten heute ein warmes Eſſen und ein Fläſchchen Wein zu reichen. Mit ſeiner wohlſchmeckenden Ladung ging derſelbe zum Thurm, nicht ganz zufrieden mit dem Auftrage, da er wie alles Hausgeſinde den tödtlichſten Haß auf den Mörder des redlichen Waldner geworfen. Als er durch die Vorhalle ſchlich, hörte er außerhalb des Schloſſes rufen. Er horchte und vernahm mehre Male die Worte: Vater Kriſtel! Vater Kriſtel!— Stutzig trat er zu dem wei⸗ ten Luftloch der Halle, und ſah hinab in die abſchüſſige Tiefe, welche hier die Mauern umgab. Aber nicht von drunten kam der Ruf, ſondern von der jenſeitigen Höhe, wo auf einer ſchmalen Felsplatte, die aus der Tannen⸗ wildniß vorſprang, des Inquiſiten älteſtes Söhnlein ſtand, und mit dem Winde deutlich herüber ſchrie. Bald hörte der Pförtner auch neben ſich Rothhahns Stimme, der an das Eiſengitter ſeines Gefängniſſes getreten war und durch das offene Fenſter des Buben Ruf beantwor⸗ tete, und nach der Mutter fragte, und welche Botſchaft der Vetter ſchicke? Der Pförtner horchte begieriger, um vielleicht ein ſchädliches Geheimniß zu erſpähen, da blitzte es auf in dem Tannendickicht, und dicht nach einander fielen zwei ſcharfe Schüſſe aus dem Holze her⸗ über; eine Kugel hörte der Pförtner dicht neben ſeinem Kopfe an die Thurmmauer prallen, und zugleich vernahm er im Innern des Gefängniſſes einen ſtarken Fall und ein ſchauerliches Wehgeſtön. Die Teller und die Flaſche entfielen ſeinen Händen, haſtig griff er zu den Schlüſſeln und öffnete den Kerker. Was er ſah, was ihn nieder⸗ warf, ſahen jetzt mit Entſetzen auch der Oberſt und der Hauptmann, die, wie er hier einen Augenblick tief Athem holend inne hielt, ſogleich zu der mächtigen Thüre eilten und ſie völlig aufriſſen. Der Mörder Waldners lag entſeelt am Boden; ein Meiſterſchuß hatte ihm die Kugel durch das Auge gejagt und ſein Gehirn zerriſſen. Sein Anblick war gräßlich, und die Thäter ließen ſich leicht errathen; die eigenen Genoſſen ſeines wilden Lebens hatten ſich ſicher ſtellen wollen gegen ſeinen möglichen Verrath, hatten durch das eigene Kind den verloren Gegebenen an das Fenſter ge⸗ lockt und glücklich getroffen, und durch ein neues Bubenſtück die Theilnahme am alten begraben. Der Oberſt gebot mit Strenge, das Ereigniß geheim zu halten, wenigſtens für heute, damit ſeinem Jucundchen nicht der beſte Tag im Jahre verdorben würde. Der Teufel hat ſeinen Braten; einerlei ſo oder ſo, und uns wird Koſtgeld erſpart, ſprach er. Laßt die Beſtie, wie ſie da liegt im Zwinger, ſchließt zu, ſeine Unthaten lei⸗ ſten ihm Geſellſchaft genug.— Aber fort ſollen mir die Frauen, ich halte ſie nicht mehr, ſetzte er im Zurückgehen zu dem Hauptmann hinzu; ſie haben ſchon gepackt, ſie Blumenhagen. 1I. 47 258 wollen morgen zur Reſidenz, und ich treibe ſie nun ſelbſt; der Henker könnte ſonſt noch ein wahres Malheur her⸗ beiführen, wobei wir nicht ſo ruhige Zuſchauer ſein möchten. Folgen Sie als fahrender Ritter der Kutſche, ſchützen Sie, ſchmeicheln Sie den Damen das Angeden⸗ ken an dieſe rauhen Tage fort. Ich werde mir vom General der nächſten Stadt eine Compagnie leichter Schützen erbitten, und Krieg führen mit dieſen Guerillas, bis der letzte der Schurken an der Eiche baumelt, und der alte Offizier ſich um die Landesruhe den Bürgerorden verdient hat, welcher mir eben ſo werth iſt, als das Kreuz hier im Knopfloche.— Auch mich ängſtet eine geiſtige Stimme, die mir ein ewiges: Fort von hier! zuflüſtert, antwortete Herr von Despen. Ich reite noch heute nach Otterßen, meine Sachen dort zuſammen zu packen; morgen mit dem Frühlichte werde ich kehren, und die Garde der Damen bilden.— Beide traten in den Saal zurück, wo man dennoch ihre Abweſenheit bemerkt, und neubegierig fragte. Doch der Oberſt nahm ſich zuſammen. Einer meiner Vierund⸗ ſechzigpfünder ſprang, ſagte er lächelnd, und ein Ar⸗ tilleriſt hat ſich dabei den kleinſten Finger verwundet. — Jucunda ſeufzte: doch ein Unglück an meinem Feſte! Mir lag's den ganzen Morgen ſchwer auf dem Herzen. Aber es iſt doch nichts Gefährliches?— Auf Ehre, ver⸗ ſetzte der Onkel ernſt, der Schaden iſt nicht eine Steck⸗ nadel werth, und Keiner von uns hat darum zu ſorgen oder ſich zu grämen.— Alle beruhigten ſich, nur Amelie ließ ſich nach einer Weile von dem Hauptmann leiſen Bericht abſtatten, hielt ſich brav im Erſchrecken, flüſterte: Nur nichts davon an die Schweſter! Aber fort, fort, 259 und das morgen! Solche Kugeln könnten andere Ziele finden, und ſchwarze Geiſter treiben uns gleich der Thekla vom väterlichen Schloſſe.— Die Tafel wurde ungeſtört bis zum Deſert rein ge⸗ macht, und die Böller im Schloßhofe donnerten ſtattlich und in gehöriger Ordnung zu den letzten Toaſts des Feſtgebers. Als aber die Stühle gerückt waren, die luſtige und erhitzte Geſellſchaft ſich in den Zimmern ver⸗ theilte, kam durch die fremde Dienerſchaft das Gerücht des blutigen Ereigniſſes zu Dieſem und Jenem; man ſteckte die Köpfe zuſammen, man flüſterte, und kaum brach die Dämmerung ein, ſo ließen die Gäſte nach und nach ihre Wagen vorfahren; die böſen Wege, die rauhe Nacht gab Vorwände, denen ſich nicht widerſprechen ließ, und bald waren die vier einheimiſchen Perſonen allein in dem Prunkſaale, wo die Stille zu der nachge⸗ laſſenen Unordnung grell abſtach und keinen angenehmen Eindruck machte. Der Oberſt kündigte ohne Einleitung den Nichten an, daß er ihrer morgenden Abreiſe nichts mehr entgegen ſetzen wolle, und er einen doppelten Grund habe, jetzt ſelbſt darauf zu dringen; als kundiger Jagdgeſell verkündete er nämlich baldiges Thauwetter, welches die ſchönen Wege verderben und grundlos machen möchte; und durch die nöthige Abreiſe des Herrn von Despen gewönnen die Damen eine ſichere Eskorte und einen Reiſemarſchall an ſeiner Statt in den Gaſthöfen und durch die unheimlichen Spätſtunden. Reiſen Sie mit, beſter Oheim! fiel die Baronin in ſeine Demon⸗ ſtration; es ängſtet mich, Sie hier allein zu laſſen.— Silentium! winkte heimlich der Alte. Ich muß bleiben, bis die Geſchäfte beendet ſind. Wie würden die Lehens⸗ vettern lachen, wenn ſie einträfen, und den alten Kriegs⸗ 260 knecht auf der Flucht fänden vor einem Haufen nichts⸗ nutziger Bettler und einer Compagnie hungriger Bauern⸗ bengel!— Aber wer wird Sie pflegen, wer die Pfeife und den Kaffee beſorgen? ſchmeichelte Jucunda, ſich an ihn ſchmiegend. Und wenn nun gar der böſe Gaſt, das Podagra, einzöge, wer wickelte dann das kranke Bein, wer läſe Ihnen vor, oder fänge Ihnen die Schmerzen fort?— Niemand als Du, Herzenspuppe, antwortcee freundlich der Graukopf, und ſollte ich Dich mit Extra⸗ poſt von der Königsſtadt holen laſſen. Iſt es doch nur eine ſtarke Tagereiſe, und darum müßt Ihr morgen mit dem erſten Sonnenſtrahle auf und davon, daß die Nacht Euch in den Thoren der Reſidenz trifft, wo Ihr des heutigen Feſtes Nachfeier halten möget, und wer weiß, welche ſchönere Feiertage noch.— Der Nachſatz machte drei Perſonen erröthen und ver⸗ ſtummen, und Alle drei beeilten ſich, ihre Verlegenheit durch Geſchäftigkeit zu maskiren; der Hauptmann ging, die Pferde zu beſtellen und den Mantelſack zu ſchnallen; die Damen eilten mit der Kammerfrau, die Koffer, Ki⸗ ſten und Schachteln zu füllen; Alles das wurde in und auf den Reiſewagen gepackt, der in der verſchloſſenen Remiſe Morgens dann nur der Vorſpann bedurfte, und Fräulein Jucunda brachte ſogar noch die meſſingenen Käfiche mit den kleinen Sangvögeln zum Onkel auf den Flügel hinüber, empfahl die Lieblinge ſeiner Fürſorge, und er mußte verſprechen, ſeine Rückreiſe auf mildes Wetter zu verſchieben, die Käfiche ja mit ſichern Bändern am Verdeck des Wagens in die Schwebe zu hängen, und unterwegs das friſche Waſſer in den Futterungsquartieren nicht zu vergeſſen. Ein ſtilles Nachtmahl vereinigte dann die Freunde zuletzt, man plauderte bis in die Nacht 261 hinein, und der Hauptmann beſtieg ſpät ſein Roß, be⸗ ruhigte die Beſorgniß der Damen, indem er des hellen Schneelichtes und der Kunde ſeines wackern Dragoners erwähnte, der faſt täglich den Weg zwiſchen Waizhauſen und Otterßen gemacht, und verſprach mit der Morgen⸗ röthe in dem nächſten Dorfe an der Landſtraße die Ka⸗ leſche der Baronin zu erwarten. Auf Wiederſehen! ſprach der Oberſt noch auf der Schloßtreppe. Seltſame Begebenheiten haben unſere Bekanntſchaft herbeigeführt, aber ſo jung ſie iſt, ſo feſt dünkt ſie mir, und wer weiß, was ich Neues in der Hauptſtadt vorfinde, wenn ich nachkomme. So oder ſo! Alles iſt mir recht, und die Verwandtſchaft mit einem Ehrenmanne ehret, komme ſie woher und wodurch ſie wolle.— Der Hauptmann drückte dem ehrlichen Greiſe feſt und deutſch die Hand, ſchwang ſich in den Sattel, blickte noch einmal zu den erleuchteten Fenſtern hinauf, an welchen ſich Schatten bewegten, die ſein Herz lauter pochen machten, und trabte durch das Hofthor, das hinter ihm von dem Pförtner verſchloſſen wurde.— Die breite Sichel des abnehmenden Mondes ging gerade auf über dem öſtlichen Bergrücken, als die beiden Reiter in den Wald hinein trabten, durch den der Weg führte. Die Nacht war recht ſtill, und glich in ihrem weißen Kleide einer frommen Mutter, die an dem Bettchen ihrer ſchlummernden Kinder Wache hält, und den feſten Schlaf der Lieblinge belauſcht. Kein Wind regte ſich, die Kälte hatte ſich bedeutend gemildert, und dem erhitzten jungen Manne ſchien die Luft erquickend 262 und freundlich. Kaum zwei Stunden lag Otterßen ent⸗ fernt, woſelbſt man ihn der Abrede gemäß erwartete; ſo ließ er ſein Pferd Schritt gehen auf dem glatten Bergpfade, überließ ſich ſeinen lieben und doch beun⸗ ruhigenden Träumereien, die ihn oft bewegten, den Kopf nach dem Orte, von welchem er ſich entfernte, zurück zu drehen, denn ſeit das Hofthor hinter ſeinem Dragoner geknarrt hatte, dünkte es ihm, als zöge eine unſichtbare Hand ihn zurück, als hätte er bleiben müſſen; und er ſchalt ſich, daß er nicht geblieben, da er ſeine Effekten eben ſo gut durch des Kammerherrn Fürſorge hätte nach⸗ geſchickt erhalten können. Der bärtige Dragoner wunderte ſich über des Herrn Schweigſamkeit, da dieſer doch ſonſt beim Nachtritte gern zu plaudern pflegte, und heute nicht einmal brennenden Zunder für die Pfeife von ihm verlangt hatte. Da er aber gewöhnt war, nicht einzu⸗ reden oder zu fragen, machte er ſich ſein kurzes Feld⸗ pfeifchen zurecht, dampfte tüchtig in die friſche Luft hinein, und ſang mit halber Stimme dazu ein Liedchen aus der alten lieben Kriegeszeit.— So waren die Reiter eine Stunde fortgeritten, wa⸗ ren ſchon auf dem Otterßer Reviere angelangt, und die Berge ſenkten ſich mälig hinab, und gaben freiere Aus⸗ ſicht in die blendende Mondſcheinlandſchaft. Da gewahrte der Hauptmann vor ſich auf dem Waldpfade einen ſchwarzen, beweglichen Schatten, und erkannte bald eine menſchliche Geſtalt, die ſtill ſtand, zurück ſah und dann ihren Lauf zu beſchleunigen ſchien. Neugierig, den ſpäten Wanderer in ſo unheimlicher Gegend kennen zu lernen, gab er dem Pferde die Sporen, und gelangte ſo leicht und ſo ſchnell auf dem weichen Schneeboden hinter die nächtige Frau, denn eine Weibsgeſtalt war's, 263 daß dieſe mit einem Schrei zur Seite ſprang, und einige Scheltworte über die Unvorſichtigkeit murmelte. Wohin ſo ſpät, Mutter? fragte Herr von Despen, indem er durch den freundlichen Ton den Schreck gut zu machen gedachte. Ich denke, wir haben einen Weg, und da iſt Ihr das Geleit in dem häßlichen Holze viel⸗ leicht willkommen.— Die Frau horchte hoch auf nach ſeiner Stimme, und trat dann dreiſt vor das Pferd, und ſchauete ſcharf for⸗ ſchend in des Reiters Geſicht. Sie ſchickt der Herrgott ſelbſt, ſagte ſie dann mit Haſt und Freude aus der engen Bruſt herauf. Ja, Sie ſind der Herr, der mit dem Schloßfrölen in unſerm Hofe war, und mit dem der Vetter und der Cantors⸗ Fritz Streit anfing.— Ich bin derſelbe, antwortete der Hauptmann auf⸗ merkſam. Aber warum freut Euch das? und was wollt Ihr, fern von Euren Kleinen, hier bei Nacht und Froſt im Walde?— Gut machen möchte ich, was die gnädige Herrſchaft an mir, der armen Sündnerin, gethan! ſtöhnte das Weib hervor. O will der Herr ſchreckliches Unglück ver⸗ hüten, ſo kehre Er auf der Stelle um, und reite nach Waizhauſen zurück ſchnell wie der Wind; Er möchte ſonſt zu ſpät kommen.— Um Gotteswillen, Frau, iſt Sie wahnwitzig! rief Herr von Despen aus, und es war ihm, als wenn ein Siedkeſſel voll heißen Waſſers über ſeine Schultern aus⸗ gegoſſen werde. Rede Sie, was kann geſchehen ſein? Vor einer Stunde etwa verließ ich ja erſt das Schloß.— Noch iſt nichts geſchehen; aber es wird geſchehen, ſobald die Mitternacht da iſt, verſetzte die Frau. O Er 264 kennt die nicht, wie ſie haſſen und Gottes und aller Menſchen ſpotten, und wie ſie lachen über Galgen und Rad. Darf doch ſelbſt unſer frommer Herr Paſtor ſich nicht unterſtehen, in der Kirche von den Sünden ſeiner Beichtkinder zu predigen, will er nicht den rothen Hahn auf ſeinem Dache fürchten. Meinen Kriſtel haben ſie im Thurme erſchoſſen, und unſer kleiner Heinrich hat den Böſewichtern dazu dienen müſſen in ſeiner Unſchuld. Ich weiß es recht gut; der Saufaus, der Vetter, hat mir's im Rauſche geplaudert. Und daher weiß ich auch, wie ſie die Weiber heute in das Schloß geſchickt, in Lum⸗ pen geſteckt, und blind und lahm gemacht, und haben ſich füttern laſſen mit den Bettlern, und zum Lohn für die Gutthat haben ſie in dem Gewühle der Fremden Pech und Schwefel in die Keller geſteckt, wo die Küche iſt und der große Torfvorrath liegt, und der Zündfaden iſt glücklich über die Mauer geworfen und reicht inwen⸗ dig bis in die Gatterlöcher hinunter. Und ſobald es Mitternacht iſt, ſoll der Spektakel los gehen, und das Schloß zur Rache um den Kriſtel in Feuer auffackeln. Ich ſchalt die Böſewichter und drohete, hinauf zu der Herrſchaft zu laufen; da bewachten ſie mich bis zur Nacht, aber ich bin ihnen davon geſprungen durch den Stall, und Gott ſei meinen Kleinen gnädig! Nach Otterßen wollte ich und Hülfe holen, denn die Wege zum Schloſſe halten die Nachtſchützen, wie ſie ſich nennen, alle beſetzt.— Der Hauptmann horchte unbeweglich, als hätte das Entſetzen ihn entgeiſtigt auf die Worte des Weibes; ſeine Augen ſtarrten ſtier auf die hagere Geſtalt, die im dunkeln Kleide einer Alrune glich, die ihn höhnen und verlocken wollte. Jetzt, da ſie athemlos inne hielt, 265 und er die eintönige Jammermelodie nicht mehr klingen hörte, kam wie durch elektriſchen Schlag mit einem Male zuckendes Leben in ſeine Glieder Fort, rief er, eile nach Otterßen, Du Unglückskrähe; ſchrei Alle aus den Federn und führe ſie zu Hülfe heran. Ich fliege, wohin mich Gott ruft.— Er drehete das Pferd, und im ſtärkſten Trabe ſtrich das geſpornte Thier über denſelben Pfad hin, den es ſo eben erſt zurückgelegt. Der Dragoner folgte, ſo ſchnell ſein bepackter Rapp vermochte, und die Frau verſchwand zwiſchen den Gebüſchen in der entgegengeſetzten Richtung. Wie der fleiſchloſe, entſetzliche Küraſſier in Bürgers Leonore im ſauſenden Galopp ſeinen geſpenſtigen Gaul durch die Mitternacht hetzte, alſo trieb unſer nächtiger Reiter ſein Roß über die Waldhügel und Bergkuppen hinauf und hinab, Hitze und Angſtglut auf Stirn und Wangen, Todeskälte in den Gebeinen, und von Ent⸗ ſetzen gepeitſcht, als verfolge ihn jener bräutliche Knochen⸗ mann. Nur auf den kahlen Spitzen, wo ſich eine Aus⸗ ſicht nach der Gegend des Schloſſes darbot, hielt er verſchnaufend zuweilen, und blickte mit angeſtrengten Augen hinüber, ob nicht ſchon eine empor zückende Flamme ihm das grauſe Unglück verkündete. Die Ge⸗ gend lag friedlich vor ihm, und das dampfende ſchnau⸗ bende Thier, das ſich wie in Verwunderung über die ungewohnte Grauſamkeit ſeines Gebieters ſchüttelte und heiße Dämpfe aus den Nüſtern hervorſtieß, mußte weiter auf halsgefährlicher Fahrt, von Gerte und Sporn getrieben. Es ſchlug Mitternacht von einem Kirchthurme im Thale, und die hellen ſchrillernden Glockenklänge tönten 266 dem Hauptmann wie Leichengeläut. Jetzt ſenkte ſich die Straße herab vom Walde, und in einem Bogen durch die ebene Ackerflur dem Schloſſe zu. Einzelne dunkele Geſtalten bewegten ſich auf dem Schneefelde hie und dort hin und her, grauenvoller, weil die Nacht und Ferne ſie unkenntlich machte; da fiel ein Schuß und noch einer, und beide Kugeln ziſchten dicht an dem Reiter⸗ paare vorüber. Dort lag Waizhauſen frei auf der Höhe im Mondlichte, und eine Rauchwolke ſchien ſich aus dem Gemäuer herauf zu wälzen, und der Weſtwind trug ſchon ſtinkende Dämpfe herüber. Ja es war! Der Heran⸗ ſprengende vernahm ſchon verworrene Stimmen, und jetzt erklang die Hofglocke zum Morgen⸗ und Vesper⸗Geläut für Diener und Arbeiter beſtimmt, und ihr ſchnelles, weit hinaus ſchreiendes Geklingel rief um Hülfe, und ſagte die Angſt des Läutenden an. Das Hofthor fanden die Reiter ſchon aufgeſperrt; Zofe und Jäger und Geſinde rannten halb bekleidet durch einander, jedes ſein Päckchen oder Kiſtchen im Arme; hier riß eine Magd die Stallpforten auf, das liebe Vieh, ihre tägliche Geſellſchaft, zu retten; dort zog ein Knecht die Pferde, ſeine Lieblinge, aus dem Marſtalle; überall Verwirrung, Geſchrei, und nirgends Befehl und Ordnung, denn der Oberſt ſtand am offenen Fenſter des Schloßflügels und ſchrie nach dem Gebhard, der ihm die Beinbekleidung und die Stiefeln anziehen ſollte.— Ein Blick auf das Corps de Logis verrieth dem Hauptmanne die Furchtbarkeit der Gefahr, und gab ihm die Beſonnenheit und Kraft zurück, welche ihn in ſo mancher Nothſtunde des Kriegerlebens vor ſeinen tapfern Kameraden ausgezeichnet hatte. Dicke Dampfwolken drangen aus jeder Oeffnung des Unterhauſes hervor, 267 und deuteten den verzehrenden Brand an, der in den Souterrains herrſchte und ſchon das Erdgeſchoß ergriffen haben mußte, denn durch die offene Hausthür, aus wel⸗ cher ſich mehre Dienſtboten geflüchtet hatten, ſah man im Hintergrunde des weiten Vorplatzes zuweilen eine rothe Flamme aufzüngeln und dann wieder im ungeheuren Qualm verſchwinden. Der Hauptmann ſprang ſchnell aus dem Sattel, und ſein Commandowort verſammelte ſogleich alle Verwirrten um ihn. Wo iſt das Fräulein und die Baronin? fragte er zuerſt. Ein Angſtruf der weiblichen Dienerſchaft be⸗ antwortete ſeine Frage auf ſchreckliche Weiſe, und ver⸗ rieth ihre Vergeßlichkeit und Untreue; aber deutlicher noch antwortete jetzt ein Geſchrei vom Fenſter des obern Stocks, wo ſo eben noch das Nachtlämpchen ſo friedlich hinter den Gardinen geflackert hatte. Durch den Rauch erblickte man die weißen Nachtkleider der verzweifelnden Damen. Ruhig einen Augenblick! Keine Unbeſonnenheit be⸗ gangen! Ich bin ſogleich oben bei Ihnen! rief Herr von Despen in die Luft. Jakob, hinauf zum alten Herrn! commandirte er dann mit fliegender Stimme. Gebhard, die Schloßſpritze aus dem Schoppen, Leute zum Wald⸗ teiche hinab; das Eis aufgehauen; Waſſer durch die Weiber herauf! Chriſtoph, herrſchte er zuletzt noch ſeinem Dragoner zu, laß die Pferde laufen; ſchaffe die Noth⸗ leiter heran; ich ſah ſie an der Stallwand hangen; eilig werft ſie zu dem Fenſter hinauf. Dann riß er einem der herausgezogenen Schloßgäule die wollenen Nachtdecken vom Rücken, wälzte ſie durch den Schnee, warf ſie um Schultern und Kopf, und ſtürzte gerade in das Schloß hinein, mitten durch Flammen und Dampf wie ein 268 furchtloſer Tamino, vom Angſtgeſchrei aller Zuſchauer begleitet. Glücklich gelangte er über die Treppe, deren brennendes Gebälk unter ihm krachte und einbrach; glück⸗ lich erreichte er den oberſten Stock des Gebäudes; glücklich führte ihn der beſonnene Sinn durch die dampf⸗ erfüllte Gallerie zu dem Schlafzimmer der Baronin, deſſen Thür er aufſtieß, doch raſch wieder hinter ſich ſchloß. Amelie flog ihm leichenblaß und bebend ent⸗ gegen, und fiel erſchöpft in ſeine Arme. Sie ſind da? Adolph, treueſter Freund! ſtammelte ſie. O iſt denn Rettung und Flucht noch möglich?— Wir wollten hinunter; Rauch und Flamme ſchreckten uns zurück.— Muth! Muth und Beſonnenheit! rief der Hauptmann ihr zu. Aber wo iſt Jucunda?— Der Schreck warf ſie nieder, tödtete ſie vielleicht! jammerte Amelie. Der Retter warf einen wilden Blick durch das Gemach und ſah die ſchöne Jungfrau wie leblos am Boden liegen neben dem Bett. Er ſtürzte hin zu ihr. Sie lebt, ſie iſt nur ohnmächtig! rief er und war in demſelben Augen⸗ blicke ſchon am Fenſter, deſſen Rahmen er mit herkuliſcher Fauſt faßte, erſchütterte und mit allen Flügeln gebrochen hinauswarf. Die Leiter ſteht, ſie reicht herauf, jauchzte er zurück und ſchlang ein abgeriſſenes Gardinenband um die höchſte Stufe und knotete dieſes dann mit größter Eile um einen mächtigen Schrank. Baronin, voran, ohne Furcht und Zögern hinab! drängte er jetzt. Der Weg iſt feſt und ſicher, ſo lange die Flammen nicht aus den untern Fenſtern brechen. Nur ſorgſam den Fuß von Sproſſe zu Sproſſe geſetzt, und immer die eine Hand wechſelnd feſt am Holze. Ich? Da hinab und allein? ſtieß die Freifrau entſetzt 269 hervor und trat vom Fenſter zurück. Mir ſchwindelt ſchon vor dem Gedanken der Tiefe und des Schwankens; der Rauch würde mich ſinnlos machen; und die Leute unten und das Rachtkleid! Nein, lieber verbrennen.— Nun denn nur eine Minute Geduld! entgegnete der Hauptmann unwillig. Ich komme ſogleich zurück und hole auch Sie.— Mit Erſtaunen ſah die Baronin ihn die ohnmächtige Jueunda auffaſſen, auf das Fenſterbett ſetzen, mit übermenſchlicher Kraft halten und ſich zugleich auf die Leiter ſchwingen, dann das zarte Mädchen auf ſeine Schulter legen, ein Herkules mit der ſchönen Dejanira, und langſam und mit ruhiger Dreiſtigkeit ihn unter ſeiner Bürde hinabgleiten. Ein ſchneidender Schmerz fuhr durch Amelie heiß aus dem Herzen herauf; doch der Schmerz weckte Lebensverachtung, und durch dieſen Ent⸗ ſchluß. Sie griff ein Putzband vom Toilettiſche und knüpfte das Kleid über den Knieen zuſammen, dann ließ ſie ſich zum Fenſter hinaus auf die Rettungsleiter und folgte vorſichtig und eben ſo glücklich wie er, dem Be⸗ freier aus Todesnoth. Als der Hauptmann im Erdgeſchoß des ſichern Flü⸗ gels die Ohnmächtige niederſetzte, als ſeine Bemühung um ſie ſchnell gelang, als friſche Luft und Nachtkälte ihr die Beſinnung wiedergaben, und er ſie jetzt mit einem Kuß auf die Stirn aus den Armen ließ, mit Erſchrecken ſich der Baronin erinnerte und hin wollte, ſein Leben nochmals für die Pflicht zu wagen, da ſtand Amelie ſchon neben ihm, umfaßte ihn mit ihren Armen, drückte einen feſten Kuß auf des Ueberraſchten, des Verſtummen⸗ den Lippen, und ſagte dazu im mildeſten Tone und mit naſſen Augen: Herzensdank dem Retter meiner geliebten Schweſter, auch meinem Retter, denn ohne Sie gab 270 es für uns keinen Weg aus dem gräßlichen Feuergrabe. — Verzeihung! ſtammelte er. Sie war die Befährdetſte; als ein Bild des Todes lag ſie da, hülflos, erſtickt in nächſter Minute. Sie kannte ich als die Stärkere, die Muthigere.— Das Fräulein reichte ihm beide Hände vom niederen Sitze herauf. Alſo Sie kamen, Sie trugen mich durch die Luft? fragte ſie und des Lebens Farbe flog wieder ſtrahlend auf ihr Geſicht. Es war mir wie im Traume ſo; ich hörte Ihre Stimme; ich fühlte Ihre Arme, aber der Schrecken lag auf meinem Scheitel ſchwer, recht ſchwer, und wie im Nebel ſah ich Alles.— Der Hauptmann bog ſein Knie und preßte ihre kleinen Hände an ſeine Lippen. Da drückte ſich des bärtigen Dragoners Kopf zwiſchen der Thür durch und er fragte mit grober Stimme: Herr Hauptmann, ſoll niedergeriſſen werden oder nicht? Die Zimmerleute ſind da mit Haken und Beil und beſtehen darauf, um die Seitengebäude zu ſalviren.— Aus dem überirdiſchen Traumlande, in welches die Liebesworte der beiden Huldinnen den jungen Mann getragen hatten, riß ihn gewaltſam der Ruf des derben Soldaten hernieder. Hinaus eilte er auf den Hof, wo der Oberſt zwar angekommen und den Befehlshaber ſpielte, Alles aber doch noch nicht den rechten Zug hatte, und mehr Maulwerk als Handwerk geübt wurde. Dem flinken Helfer, der eben ſein Meiſterſtück auf der Leiter vor Aller Augen gemacht hatte, folgte und gehorchte Jedermann gern mit Luſt und Eifer; ſo kam der Waſ⸗ ſerzug vom Waldteiche und die Spritze in Gang, ſo ſchmiſſen die Zimmerleute aus den nächſten Dörfern glücklich diejenigen Theile des Gebäudes nieder, welche das Schloß mit den Seitenflügeln verbanden, und als —— 27½ jetzt immer mehr Helfer von den nahen Gütern und Kirchſpielen herbeiſtrömten, ſo ward man gegen Morgen des Feuers gänzlich Herr, und die verwachten, todtblaſ⸗ ſen, erfrorenen Arbeiter durften ſich in den Hallen um die großen Oefen ſammeln, wo Amelie allen Vorrath von Erquickungen, der ſich noch vorfand, unter die wackern Landleute vertheilen ließ, welche ſich ſo vor⸗ theilhaft und ſcharf von den bösartigen Bewohnern der innern kleinen Gebirgsdörfer unterſchieden. Mit dem Anbruche des Tages ſaßen die Damen ſchon in dem Reiſewagen, welcher unverſehrt mit der Päckerei im Schoppen bewahrt geblieben, und fuhren nach Ot⸗ terßen, wo der Kammerherr die Freifrau gaſtlich empfing, und mit Bedauern über ihren Schreck und Verluſt ſich zur Ehre rechnete, ſie eine Weile zu bewirthen, bis ſie verfügt, was das unerwartete Ereigniß nöthig machte. Man fand auch da die Frau des Kriſtel Rothhahn, deren Kinder der Kammerherr in ſeinem Wagen aus dem Walddorfe holen ließ, und welcher die Baronin ver⸗ ſprach, ſie ſolle nicht wieder zurück, ſondern man werde ihr ein kleines Beſitzthum auf fernen Gütern geben, wo ſie ohne Berührung der verwilderten Vettern und Nach⸗ barn durch gute Erziehung ihrer Kinder das Verbrechen des Mannes wieder gut machen könne. Gegen Abend kam auch der Oberſt und der Haupt⸗ mann nach Otterßen, und der Alte meinte launig, der Schaden ſei mit einigen lumpigen tauſend Thalern wie⸗ der zu repariren, und ſeine beiden Hauptkapitale habe der treue Freund aus dem Bankerott gerettet, und da das Gold jetzt die Feuerprobe beſtanden, ſo hoffe er ſie recht bald zu noch höhern Zinſen anzulegen.— Da trat Amelie hervor, faßte Jucundens Hand und führte ſie dem Hauptmanne zu. Bruder Adolph, ſprach ſie mit Rührung, Du haſt ſie Dir gewonnen mitten aus dem Schlunde der Hölle heraus. Sie iſt Dein; ich kenne ihr Herz ſchon längſt, und mein Glück wird wachſen mit dem Eurigen.— Baronin! Amelie! rief der Hauptmann überraſcht. Iſt denn das Alles wahr und möglich? Und ſo ſchnell und gegen alle Hoffnung!— Er preßte die liebliche, lächelnde und erröthende Jucunda feſt an ſeine breite Bruſt.— Wäret ihr Herren offen und deutſch, wie eure Vor⸗ väter, ſchmollte die Baronin da, und tändeltet ihr und ſchmeicheltet ihr nicht in böſer Angewöhnung um jede erträgliche Frau und jedes aufblühende Mädchen, ſo würde es manche verſeufzte und verſpielte Stunde weni⸗ ger geben, und manches Paar würde früher und feſter und dauernder glücklich ſein. So aber verſchafft euer Flatterſinn und eure Galanterie manche Feuersbrunſt, die zu löſchen nicht in eurer Macht ſteht, und bei der nur Gott und eine geſunde, gediegene Vernunft helfen können.— Aber was iſt denn das? fragte der Oberſt neugierig. Wie hat ſich denn das ſo ſchnell gemacht? Ich dachte Sanz andere Die Baronin legte dem alten Schwätzer ihr Händ⸗ chen auf den Mund. Still, Onkelchen! ſagte ſie. Fra⸗ gen Sie nicht, ſondern ſegnen Sie und gratuliren Sie⸗ Der neue Herr Bruder hat die gefährliche Feuerprobe überſtanden, und durch ſie iſt das böſe Räthſel gelöſet worden, das drei gute Menſchen plagte. Und wäre ich verſengt und verletzt darum, nur nicht ganz zu Kohlen gebrannt, ich hätte mich doch gefreuet.— 273 Schweſter! entgegnete zärtlich da die glückliche Ju⸗ cunda. Ewig treu! Ewig unzertrennlich!— Das weiß ich nicht, verſetzte die Baronin, und das leichte Weh ſchimmerte noch durch das Scherzwort. Es könnte wieder Feuer ausbrechen und dann hätte ich Nie⸗ mand, der mich durch den Rauch trüge.— Amelie! bat der Hauptmannn gekränkt.— Der Oberſt fuhr aber dazwiſchen und ſagte: Laßt mich die Einrichtung treffen. Jucundchen bekommt mein Gut Rolowſen an der Elbe zur Ausſteuer; von da iſt es nicht weit bis zu des Hauptmanns Beſitzung. Wäh⸗ rend des Sommers leben wir Alle auf Rolowſen; in der Ebene hauſen keine Wilddiebe ſo gefährlicher Art, ſondern die Freiſchützen ſind dort manierlich und ſchießen nur mit ſüßen Pfeilen, und gibt es da Feuer, ſo iſt der Strom dicht am Hauſe; im Winter ziehen wir zur Reſidenz, wo die Löſchanſtalten vorzüglich ſind und alle Arten von Feuersbrünſten die nöthigen Hülfsmittel fin⸗ den. Iſt es nach Wunſche und hat man nichts zu er⸗ innern?— Amelie ſchüttelte heimlich das Köpfchen, aber Niemand hat erfahren, was ſie eigentlich damit ſagen wollte und dabei fühlte. Das junge Paar umhalſete den Onkel mit Herzlichkeit, und der Alte warnte: Halt ihn feſt, Jucundchen! Er hat eine flinke Zunge und machte mir genug zu ſchaffen, als ich ihn wie einen Gefangenen im Verhör hatte. Und wurde er nicht auf fremdem Revier ertappt in der böſen Nacht, wo der gute Waldner ſtarb? Hüte Dich, Mädchen! Er iſt ein Kriegsmann, und draußen lernt man das Raſchen, wenn der wilde Pulk von Stadt zu Stadt und von Land zu Land zieht.— Jucunda ſah den Geliebten beſorgt an, er aber legte Blumenhagen. II. 18 274 die Hand betheuernd auf das Herz. Fürchtet Jucunda den Schützenrock, ſprach er mit Treuherzigkeit, ſo ziehe ich ihn aus und werde ein ſtiller Hausvater und Land⸗ mann, und beackere die Weizenfelder, die früher ſo oft meines Roſſes Huf niedertreten mußte. Das Soldatenkleid drückt ſo in Friedenszeit uns und Andere. Draußen iſt Friede durch Gottes Hülfe und der braven Deutſchen Eintracht, und daß unter Juecundens Dache ewiger Friede bleibe, ſei meine heiligſte und einzigſte Sorge.— Wäre ich ein Feldprediger, müßte ich: Amen! ſagen, ſo ſpreche ich nur ungeiſtlich: Gott helf! nickte der Oberſt zu dem Gelübde, und was dieſem Gotthelf! in den nächſten Monaten folgte, weiß der Leſer ſo gut wie der Erzähler, der darum mit einem wohlgemeinten Amen die Feder ausſpritzt, und jedem Leſer wünſcht, daß er ſo wacker wie unſer Held die Feuerprobe beſtehe, und jeder Leſerin, daß ſie ſich eines Freundes erfreuen möge, der wie Jucundens Liebling in Noth und Tod nicht an ſich denkt.— Erzählung. S — — 8 8S — S — 8 Eine hiſtoriſche In der alten und berühmten Stadt Braunſchweig fiel im Anfange des ſechszehnten Jahrhunderts jedem Rei⸗ ſenden, der durch die düſtere Wölbung des wohlverwahr⸗ ten Petrithors einzog, ſofort ein ſtattliches Gebäude in die Augen, das dicht unter den hohen Wall gebaut, als die Zierde der Beckenwerperſtraße, dem Fremdling ein Bild des Wohlſtandes und des Geſchmacks der Braun⸗ ſchweiger Bürgerſchaft in die Seele drückte. Breit und behaglich dehnte ſich die Fronte des Hauſes mit weithin glänzendem, ſilberweißem Kalke beworfen. Es hatte ſchon ein zweites Stockwerk, eine Seltenheit in damaliger Zett, und himmelan thürmten ſich die treppenförmigen Giebel von grün und braun glaſirten Backſteinen, ſo bunt als kühn in die Luft geſtellt. Auch an kunſtreicher Bildhauerarbeit mangelte es nirgend; wohlbeleibte Ka⸗ ryatiden, welche an Fülle der Bruſt und Wangen ächt deutſche Phyſiognomien trugen, ſtützten die keckgewölbten Fenſter; ein paar koloſſale Tritonen mit mächtigen ge⸗ ringelten Drachenſchwänzen hielten Wache auf dem Dach⸗ ſtuhle; in den Wandfeldern des Erdgeſchoſſes ſah man kunſtreich gefertigte Bibelbilder, Adam und Eva am Baume der Erkenntniß, Simſon den Löwenzwinger, die ſtämmige Judith mit dem grinſenden Haupte des Holo⸗ fernes, den langen Goliath und den kleinen David; aber den größten Fleiß hatte der Bildhauer der weiten 278 Pforte zugewandt, denn zwei grauſige Waldmänner, nackt und zottig, mit entwurzelten Fichten in den Hän⸗ den, hielten dort Schildwach, zu ihren Füßen dräueten grimmige Hetzhunde, gleichſam den Feind und Frevler zurückſchreckend von dem wirthlichen Eingange, indeß mitten über dem Portale ein großer geflügelter Engels⸗ kopf mit runden Glanzaugen und wohlgenährten Backen und lächelndem Munde unter Steingehängen, die Blu⸗ men und Aepfel und Trauben nachbildeten, den Gaſt und Freund der Famile einzuladen ſchien, von dem innern Reichthum zu zehren, und am Wohlſtande der Bewohner Theil zu nehmen. Doch ſo ſchmuckvoll und beſchauenswerth die Außen⸗ ſeite dieſes Hauſes auch war, an der ein Kunſtfreund wohl mehre Tage ſich zu erluſtigen und zu unterhalten vermochte, ſo blieb doch das Auge der erſchöpften Rei⸗ ſenden ſelten lang darauf haften, ſondern wurde nach einem flüchtigen Ueberblicke magnetiſcher angezogen durch die lange weiße Stange, mit der vergoldeten Pfeilſpitze, die über der Hauspforte weit in die Straße hervor⸗ ragte, und die einen großen und laubreichen Eichenkranz an ihrer Spitze trug, benebſt dem Rückgrat eines Meer⸗ fiſches an einem Kettchen hangend, zum Zeichen, daß hier das kräftigſte Getränk des Landes, die edle braune Mumme, in beſter Qualität zu finden ſei, die, ohne ſauer zu werden, ſelbſt den Aequator paſſiren durfte.— Dieſes Haus nebſt all den langen Wirthſchaftsge⸗ bäuden, die das große Viereck des dahinter liegenden Hofes einſchloſſen, gehörte dem achtbaren Rathsmanne, Bürger und Brauer Klaus Nettebeck, deſſen Name wohl⸗ klang im ganzen Gebiet der Stadt Braunſchweig, deſſen Stimme ſowohl im öffentlichen Bürgerſpruche wie in —— 279 heimlicher Rückſprache zu zwei und drei großes Gewicht hatte, und den ſelbſt die Räthe und Vögte an Herzogs Heinrich des Jüngern Hofe zu Wolfenbüttel, wo nicht viel Gutes von der Stadt Braunſchweig geredet ward, den ehrlichſten und zahmſten unter den biſſigen Braun⸗ ſchweiger Packern zu nennen beliebten.— Im untern Geſchoß des Nettebeck'ſchen Gaſthauſes war ein gewaltiges Gedräng und Getreibe; der Ge⸗ meinſaal wie die vornehmere Gaſtſtube hatten keinen un⸗ beſetzten Tiſch; Bürger und Kriegsvolk tranken aus weiten Gläſern das ſüße, honigartige Mummenbier, jene mit ſtummer Zunge, aber weit offenen Ohren, denn das eben eingerückte Soldatenvolk, mit bunten Feldbinden geziert, und mit grünen Maienbüſchen auf den Pickel⸗ hauben, hatte Stoff genug zum Erzählen für hundert ſolche Abende mitgebracht aus der jüngſt beendigten Fehde mit den rebelliſchen Bauern und ihrem verrückten Generale, dem berüchtigten Thomes Münzer, der allen Fürſten den Tod geſchworen, aber ſelber zuerſt ſeinen Kopf auf den Block legen mußte. Indeß es nun unten ſummte wie in einem verſtörten Bienenkorbe, in deſſen Eingangsloch die feindlichen Hummeln und Weſpen drangen, im Hofraume die beſtaubten Roſſe ſich drängten und ſchlugen, dort die ſchweißbedeckten Kellner und Mägde mit Schüſſeln und Flaſchen hin und her ſtürzten, hier ein Dutzend Knechte die langen Steintröge mit friſchem Quellwaſſer füllten, und Hafer ausmaßen, und Heu und Stroh von den Böden herabwarfen, war es deſto ſtiller in den Zimmern des obern Stocks, die theils zum eige⸗ nen Bedarf des reichen Wirthes, theils zur Bequemlich⸗ keit vornehmer Gäſte mit dem beſten Geräth des Hau⸗ ſes aufgeputzt in langer Reihe hell und geräumig die 280 Gallerie, von der man in den innern Hausraum hinab⸗ ſehen konnte, umgaben. In einem die er Vorderzimmer, in welchem Spindel und Webeſtuhl die Beſitzerinnen andeuteten, waltete ein heimliches Halbdunkel; die langen grünen Fenſtervor⸗ hänge von feinem Wollzeuge waren herabgelaſſen, und die Abendſonne ließ durch die dichten Decken nur gerade ſo viele von ihren ſchrägen Lichtſtrahlen ein, daß man die Umgebungen zu unterſcheiden vermochte. Das Zim⸗ mer ſchien auf den erſten Hereinblick leer, denn Kirchen⸗ ſtille herrſchte darin, kein Geräuſch verrieth ein lebendes Geſchöpf. Horchte man aber länger, ſo hörte man zu Zeiten einen leiſen Ton in der Nähe des einen Fenſters, der wie ein verſtohlner Seufzer klang aus zarter Mäd⸗ chenbruſt, und folgte das Auge dem Laut, ſo ſah es etwas, was Niemand ungern zu ſehen pflegt. Juſtina, die Tochter des Rathsmanns Nettebeck ſaß auf dem fein⸗ geſchnitzten Schemel in dem Ausſprung, welchen die Fenſterwölbung bildete. Der grüne, faltige Vorhang umwallte ſie wie lange Schwertblätter die weiße, ſchim⸗ mernde Lilienblume umgeben; das feine Händchen hatte nur eine ſchmale Falte des Teppichs verſchoben, um für ihr lichtblaues Auge Raum zu gewinnen, aber der be⸗ gierige Sonnenſtrahl drang ein in die Breſche, und erhellte verrätheriſch das liebliche Geſicht, das auf den zarteſten Zügen Unſchuld und Frömmigkeit ſo deutlich geſchrieben trug, wie die Schöpferhand der Natur nur irgend deutlich zeichnen konnte. Juſtina war kaum achtzehn Jahre alt geworden, aber ſie galt für die reizendſte der Töchter des ſtolzen Braun⸗ ſchweigs; war auch manches ſchöne Stadtkind prunken⸗ der an Hoheit der Geſtalt und Ueppigkeit der Formen, 281 und dem Auge auffallender durch brennend Auge und dunkelere Färbung der Lockenfülle und des Wangenroths, Juſtina Rettebeck, die zartgebante, ſchlanke, blonde Jungfrau, in ihrem hellgrauen Hauskleide mit ſchwarzen Schnürchen beſetzt, das dicht wie der Netzpanzer des berühmten Waffenſchmieds den Leib umſchloß, ohne zu beengen und ſeine natürliche Schönheit zu entſtellen, in ihrem Sammetmützchen mit feiner Spitze beſetzt, die dem Reichthume der ſeidenen Locken keine feſte Schleuſe war, die Lichtfarbe der an dem Nacken herabhangenden Flechten hob, und die Regelmäßigkeit der dichten Augen⸗ braunen erſt recht ſichtbar machte, Juſtina hatte bei jedem Bürgerfeſte die gewandteſten und beſten der jungen Bür⸗ ger zu Tänzern, und ſelbſt die älteſten Patrizier, ſelbſt die Edelherren der an den Stadtgrenzen liegenden Schlöſ⸗ ſer zogen keine krauſe Stirne, ſahen ſie ihre Söhne der tugendſamen und reichen Juſtina Nettebeck recht fleißig den Hof machen.— Aber eben dieſe gefeierte Juſtina ſaß jetzt heimlich am Vorhange, ſeufzte, lugte⸗ hindurch auf die Gaſſe und ſeufzte wieder, und ihr Geſichtchen ſah mehr einer Sancta virgo dolorosa ähnlich, als irgend einer Danae, Hebe oder andern triumphirenden Frauengeſtalt, welche deutſche und italieniſche Maler dazumal erſchufen, und mit dem herrlichſten Farbenſpiele auf die Wände der Großen zau⸗ berten, und die Phantaſie der jungen und alten Män⸗ nerwelt damit erhitzten und alſo verwöhnten, daß den minder ſchönen Damen kein Gefallen dadurch geſchehen konnte.. Mit einem höchſt wichtigen Gegenſtande mußten die Augen der zarten Juſtina beſchäftigt ſein, denn ſie hörte und bemerkte mit den nach außen gerichteten, ſcharfen 282 Sinnen nicht, wie ihre Stiefmutter, die ehrſame Frau Nettebeck, die Thür des Kloſetts eben nicht zu ſanft er⸗ öffnete, mit blitzenden Augen rund um im Zimmer ſuchte, und als ſie den Verſteck der Jungfrau ausgewit⸗ tert, über den glatten Gypeseſtrich heran ſchritt, mit einer Bewegung in den ſcharfen Geſichtszügen und Glied⸗ maßen, die gerade keinen freundlichen Zuſpruch verſprachen. Da erſt, als die langfingerige Hand der Matrone aus dem weiten Aermel des ſchwarzen Hauskleides ſich her⸗ vor dehnte, und nicht gar zu ſanft die feine Schulter der Jungfrau berührte, fuhr wie vom Blitz getroffen das Mädchen herum, und gleich der aus dem ſchattigen Blät⸗ terbett gebrochenen Roſe, glühte das ganze Geſicht in vollem Purpur, und die Augen, welche zuerſt die Stö⸗ rerin verwundert angeſtarrt, ſenkten ſich erlöſchend zum Boden nieder.— Alſo hier ſitzt die Jungfer Nettebeck? brauſete die Matrone los, mit einer kreiſchenden Stimme, die bis zu dem Thürmer des Petrithurms durch die Lüfte drang. Indeß Jeder, der zwei Füße und ein Paar Arme vom Schöpfer empfing, im Hauſe ohne Ruh und Raſt ſich anſtrengt, und ſelbſt der Hausherr Hand anlegt, faulenzt die träge Dirne im Prunkzimmer, ſtellt ſich zur Schau gleich einer Edeldame ans offene Fenſter, und nimmt die Scharwenzelei der vorüber reitenden Prunkjunker gnädiglich in Empfang? Iſt das erhört im Rettebeckſchen Hauſe, wo Frau Potentia das Regiment führt? Wer eſſen will, ſoll arbeiten; das ſpricht der Herr zu Herr⸗ ſchaft und Magd. Und indeß die Jungfer hier ſeufzt und liebäugelt, ſind Keller und Küche Freigut, und der Knecht bringt die Flaſche abſeits, und die Magd die ſchmackhafteſte Schlackwurſt.— 283 Zürnt nicht, fiel Juſtina in den Stromſturz der mütterlichen Rede, mir wurde unwohl in der räucherigen Küche, und ich ſetzte mich zum friſchen, reinen Luftzug, den Schwindel zu vertreiben.— Schwindel? fragte die Matrone heftig. Ja, der mag zum öftern in dem verrückten Gehirnchen Einkehr halten, und der Vater ſollte ihn mit Birkenzweigen aus⸗ treiben. Doch die Küche der Frau Nettebeck iſt die beſte in der Stadt, und die feinſte Naſe vom Wolfenbüttler Damenflügel riecht kein Wölkchen von Rauch darin. Aber laßt einmal ſehen Jungfrau, welch friſcher Luftzug das breſthafte Püppchen kuriren ſollte.— Sie riß mit Haſt den grünen Vorhang zurück, daß die vergoldeten Ringlein auf der metallenen Gardinenſtange rafſelten und klangen.— Dacht ich's doch! da ſchauet ſie hinaus auf den Rade⸗ und Bäckerklind, und weidet ſich an den Junkern, die ihre Hengſte probiren. Richtig, da iſt der eitle Herr Barner mitten drin, und ſtolzirt auf dem Schecken, und bemüht ſich den Hals zu brechen, weil er das Jungferchen am Fenſter erblickt hat. Bräche der Geck ihn doch, damit Ruhe würde im Hauſe, denn mit ihm iſt der böſe Feind eingezogen, vor dem Gottes Gnade uns bewahren möge.— Mutter, welch ein Wort! Möge Euer guter Engel den Wunſch vernichten, ehe er die Wolken erreicht. Oder, Mutter, verſteht Ihr ſchwarze Kunſt und Hexenſpruch? Gräßlich, der Schecke wird wild, er ſteigt, er ſtürzt, er ſchlägt über! Um Jeſu willen, Euer Wort hat ihn ge⸗ tödtet.— Alſo ſchrie das geängſtigte Mädchen, und beugte das Köpfchen tief nieder gegen die Knie, und verdeckte mit beiden Händen die Augen, um das Gräß⸗ lichſte nicht anzuſehen, was dennoch die ſchöpferiſche 284 Phantaſie mit den blutigſten Farben augenblicklich auch vor die geſchloſſenen Augen zauberte zur Qual der from⸗ men Seele. Frau Nettebeck lachte laut auf. So iſt es doch? rief ſie triumphirend und zürnend zugleich. So hat das ſchweigſame Nonnenherz mit Gewalt gebeichtet, was es der Mutter nicht vertrauen wollte!— Fürchtet nichts für den edeln Schalksknecht, den Ihr zu Eurem Herrn gemacht, der iſt leicht wie eine Flaumfeder ſeines Barrets und ohne Gewicht wie der Säckel, den ihm ſein Vater nachließ. Der Junker Fle⸗ derwiſch von Windſack ſteht zu gleichen Füßen dort auf dem Pflaſter des Bäckerklinds, und nur der Schecke wälzt ſich am Boden, dem er früh genug vom Sattel ſprang. Blickt nur auf, und tröſtet das gebrochene Herzlein. Aber dem Herrn Vater werde ich Bericht abſtatten, ſetzte ſie mit ſteigender Stimme hinzu, und ihn bitten, mir das Haus zu bewahren, daß kein Unheil und Makel hinein komme, und die Familie vor der Kirchenbuße und dem Sünderlicht bewahrt werde, deſſen liebliches, blaues Flämmchen mein Lebenslicht verlöſchen würde für immerdar.— Potentia! Potentia! tönte die tiefe Stimme des Herrn Nettebecks hinter der Keifenden. Gewitter paſſen nicht zu dem ſchönen Maiabende und der Fröhlichkeit im Hauſe. Haſt Du vergeſſen, daß ich ſo oftmalen bat, Du möchteſt die Stiefmutter nicht ſo laut ſpielen vor Stadt und Leuten, und das gute Gerücht Dir bewahren vor Nachbarn und desgleichen?— Der Frau Potentia rubinrothe Wange wurde gelb⸗ bleich wie der Weintopas ihres Halsſchmucks, als ſie des Eheherrns Stimme ſo dicht am Ohre vernahm, denn Klaus Nettebeck war geſtrenger Herr im Hauſe, ſo mild 285 und menſchenfreundlich auch ſeine Seele ſchien gegen Verwandte und Fremdlinge. Aber weiblicher Zorn iſt ein ſtürmend Meer, das ſich weder durch ein Oelfaß noch einen Runenſpruch augenblicks beruhigen läßt. Mein gut Gerücht iſt ein feſter Thurm, den kein Läſtermaul umbläst, entgegnete ſie, wenn auch mit etwas gemäßigter Stimme. Mein Geſchlecht gilt in der wackern Stadt Hannover unter den Beſten, und mein tapferer Bruder dient als Hauptmann in des Kaiſers Heere, und iſt hochangeſchrieben bei dem herzoglichen Feldoberſten von Bourbon, der ihn nur den unerſchrockenen Peter von Hannover kzu nennen beliebt. Darum meine ich, der Herr Klaus habe mich nicht erwählt zur Hausmagd oder Beſchließerin in ſeiner Wirthſchaft, ſondern zur Mit⸗ agentin in ſeiner Herrſchaft, die ſeine Ehre bewahren und vermehren helfe, und darum ſchon ein Wort reden darf, wenn ein unbeſonnenes und unverſtändiges Töchterchen nicht thut, was Sitte und Zucht gebietet.— Und was geſchah denn ſo Arges in meinem Hauſe, lächelte Herr Klaus, daß meiner Potentia Haupt darob erzittert wie die grüne Spitze des Andreasthurms im Nordwinde?— Schauet nur zum Fenſter hinaus, grollte die Ma⸗ trone, da ſteht der böſe Feind in der ſchlanken Geſtalt des Klaus Barner, und hat die hölliſchen Feueraugen gerade jetzt herauf gerichtet auf Eure Giebel, auf die er den rothen Hahn ſetzen möchte.— Mein Pathe iſt kein Mordbrenner, antwortete Herr Nettebeck, wenn auch vom Vater her zuweilen ſo ein kleines Höllenfeuer in ihm kniſtert.— Freumlicher ſetzte er dann hinzu, indem er zugleich die weinende Juſtina, die ihr Haupt an ſeine breite Bruſt gelegt, feſt an ſich 286 drückte: Mütterchen, ſteige hinab, und ſchicke mir heim⸗ lich den Chriſtoph nach dem Stadthauſe, und laß den Webel bitten, mir zwei Mann Wacht, doch ohne Helle⸗ barden, in das Haus zu ſenden, es ſpukt unten in dem Gemeinzimmer, und könnte blutige Köpfe geben; doch möchte ich das Aufſehen meiden, und darum nicht ſelbſt dem Knechte Befehl geben. Gehe Du, Mütterchen, und richte mir das fein und verſtändig aus, wie Du Alles zu thun pflegſt.— Frau Potentia, geſchmeichelt, und gewöhnt, nach deutſcher Frauen Weiſe, jedem Befehle des Eheherrn ſich ſchmiegſam zu fügen, verließ das Zimmer, und Juſtina verbarg nach ihrer Entfernung nicht mehr die Bedrängniß ihres Gemüths, und ſchluchzte laut in des Vaters Armen.— Kopf auf, Mädchen! rief da der kräftige, heitere Alte. Gottes beſtes Geſchöpf ſoll nicht den Kopf gegen den Boden hängen, wo böſe Dünſte weilen und Wurm und Schlange und ſchlimmes Gezücht kreucht; himmelan gehört das Menſchenauge, da ſoll es das Licht ſuchen und die Wahrheit und den Glauben. Wer mir nicht mehr dort hinaufblicken mag, dem traue ich nicht mehr, und dahin wird's mit meiner Juſta nicht kommen, von der ich mir noch mehr Freude verſpreche, als von unſerm wackern Buben, dem Juſt, der Dich wieder grüßen läßt von Nürnberg her, wo der große Küfnermeiſter gar wohl mit ihm zufrieden iſt.— Er iſt glücklich, ſeufzte Juſtina, ihre Zähren mit dem Schürztuche abtrocknend, er kann ſchwärmen, wandern durch Feld und Flur bis—— Juſta, fiel der Vater ernſtihr ins Wort, welch ſündhaf⸗ ter Spruch wollte da ohne Aceiſe das Mundthor paſſiren? 287 Möchteſt Du verlaſſen Vater und Mutter, und hinaus ſchwärmen, wohl gar mitten in das Kriegesleben, und in das Gezelt des Buhlen? Pfui über ſolch unmagd⸗ lichen Gedanken!— Nein, ich dachte das nicht, ſprach raſcher und be⸗ theuernd das Mädchen, aber mein Kopf iſt ſo wirr und ſchwer ſeit heute Mittags, und wie ein Eiſenhammer klopft's in der Bruſt. Scht, Vater, fuhr ſie traulicher fort und drückte die aufflammende Wange an den breiten Sammetkragen auf des Vaters braunem Hausmantel, Euch kann ich Alles ſagen, was da in mir lebt und drückt und nagt. Saget ſelbſt, hat ſich der Klaus, ich meine den Junker Barner, hat er ſich nicht benommen—— Wie ein Bräutigam? fiel ihr der lächelnde Vater in das ſtockende Wort. Wie ein Courtiſan, Liebhaber, Geſpons; das meinſt Du doch? Und ich muß darauf antworten: Beinahe! Wenigſtens war der Schein einer Wirklichkeit ſehr ähnlich.— Schein, ſprecht Ihr? entgegnete erſchrocken Juſtina. War das Schein, daß er immer und immer nur mir folgte, dort am Scheibenſchießen oder hier auf der Weihnachtsmeſſe, oder da am Pfingſtbankett? War es Schein, daß er jeden Abend kam, und ſittig ſeinen Stuhl neben den meinen rückte, und indeß ich die Spindel drehte, mir erzählte vom Heſſenlande, wo er bei der Baſe groß wuchs, da ihm die Mutter früh geſtorben, oder mir vorlas aus der Poſtille und dem Legendenbuche, oder aus eurer geſchriebenen Stadtchronik? Vater, als der Brand war am Hagenmarkte, und Ihr die Kinder des Wächters Kahle heimbrachtet, und ich mich mühete, die Kleinen zu wärmen und zu ätzen, hat er mich da nicht in Eurer Gegenwart an ſeine breite Bruſt gedrückt, 288 und geſagt: Ich ſei die beſte Magd unter der Sonne, und der Herzog ſei glücklich und beneidenswerth, der mich zu ſeiner Herzogin machte? Und zuletzt noch vor ſeiner Reiſe in das Brandenburger Land, hat er nicht mit Lebensgefahr mein Spitzhündlein aus der Oker ge⸗ holt, in die der kleine Arlequino getaumelt war, als ihm des Nachbars, des Schlachtermeiſters ungeſchlachteter Hatzhund auf den Hals fiel?— Ja, meine Juſta, antwortete der alte Nettebeck mit Humor und derſelben Treuherzigkeit, mit der das gute Kind geſprochen; das Alles hat er gethan, und weit mehr noch; er hat Deine waſſerblaue Schleife öffentlich getragen am Barret; er hat mich hundertmal Väterchen genannt, und fünfzigmal, wenn ſein Säckel Ebbe hatte, meinen vollen Beutel in Anſpruch genommen, wie ein ächter Sohn: die Pfannekuchen und die gebackenen Eier aus Deiner Pfanne, die Bratwurſt, die ihm meine Juſta vorgeſetzt, haben ihm geſchmeckt immerdar, als wär's das leckerſte Herreneſſen, und guter Appetit dem Liebchen gegenüber ſoll das ſicherſte Prüfungsmittel eines heiß⸗ herzigen, deutſchen Liebhabers ſein.— Vater, auch Du ſpotteſt, und ſaheſt immer in mein unverſchloſſenes Herz! jammerte die Jungfrau. Und Herr Nettebeck legte die Hand unter das feine Kinn der Toch⸗ ter, und hob ihr Geſicht auf gegen ſich. Väterlicher Spott gegen kindliches Vertrauen wäre ein zweiſchneidiges Meſſer, das ihn ſelbſt mit dem Kinde zugleich wund ſchnitte, entgegnete er ernſthaft. Nur einen Stab wollte ich aufrichten an der ſinkenden Blume, damit ſie nicht wie eine Liebeſieche erſcheine vor fremden Augen, ſondern wie ihre braunſchweigiſchen Mütter ſtark ſich zeige, wenn der Feind donnert an Thor und Wall, — — 289 und die Dachgipfel wanken. Du liebſt den Klaus, und ich ſelbſt träumte einmal ſo ein Stückchen von Deinen Träumen. Der Kern des Burſchen iſt gut, aber, viel rauhe Schlacke ſitzt noch umher, und an die Ecken hat ſich draußen im fremden Lande unter dem Kriegs⸗ volke mancher Flitter angeſetzt, der mir nicht lieb iſt, und mich beſorglich macht. Er iſt Dir ein guter Freund, ein treuer Bruder; habe jetzt Genüge daran; Männer⸗ liebe will langſam reifen; läßt man ihr nicht Zeit, ſo nährt die künſtliche Sonne in der raſch reifenden Frucht den Wurm, der ſie früh vernichtet. Laß ihn die Hörner ablaufen im Saus und Braus der Welt, deſto milder iſt nachher der Eheherr, und erkennt demnächſt deſtomehr, was ein Weib werth iſt, die wie die Schnecke ihr Haus nicht verläßt, und Unſchuld und Zucht nicht preis gab im Laſterleben der frechen Zeit. Er iſt ritterlich geboren; des Bürgers Tochter darf ſich ihm nicht nachwerfen; tauſchet doch der Nettebeck auch mit keinem biſchöflichen Lehnsſaſſen. Dem Gotte droben ſtelle Dein Lebensglück anheim, da liegt's am beſten aufgehoben, und hier unten laß den Vater ſorgen.— Aber begrüßen hätte er mich, hätte er uns doch können im erſten Augenblicke der Heimkehr aus ſolch ge⸗ fährlicher Fehde, ſeufzte Juſtina; haſt Du auch eine Entſchuldigung für dieſe Liebloſigkeit?— Herr Nettebeck zuckte die Achſeln; da ward auf der Gallerie eine Stimme laut, welche des Mädchens Herz erbeben machte, und gleich darauf wurde die Thür mit Haſt aufgeſtoßen, und Klaus Barner ſelbſt trat freudigen Geſichts und in leb⸗ hafter Bewegung herein.— Der Junker war einer von den Menſchen, die Jedermann mit Freude anſieht, ſelbſt Blumenhagen. I. 19 290 der, welcher nicht beſitzt, was ihnen die Natur in reichem Maaße zutheilte, Geſundheit und Kraft. Er gehörte nicht zu jenen Geſtalten, welche die Dichter hoch, edel, königlich nennen; ohne daß das Ebenmaaß verletzt wurde und die jugendliche Schlankheit litt, ſah man ſeinem ganzen Körper den feſtgedrängten, ſaftreichen Bau der Muskelfaſern an; Bruſt und Schultern waren breit und gewölbt, die Züge des Geſichts hätten keinen Bildhauer und Liebhaber der Antike verleitet, ſie in Stein zu ver⸗ ewigen, doch waren ſie regelmäßig, angenehm, und um den ſchöngewölbten Mund wohnte Güte und Freundlich⸗ keit, und über recht friſch gefärbten Wangen ſtrahlte ein Paar dunkler Augen, die Geiſt und Lebensmuth aus⸗ ſprachen; etwas hochgezogene, nicht gar große Augen⸗ braunen an einer freien, großen Stirn gaben dem Geſicht einen beſondern Ausdruck von Kühnheit oder Keck⸗ heit; ein eben keimender, feiner Schnauzbart und kurz⸗ gehaltenes, am Nacken lockichtes Braunhaar paßten wohl dazu, und der gelbe, dichtanſchließende Anzug vom fein⸗ ſten Hirſchleder, am Halſe mit köſtlichem Spitzkragen umrandet, von der gelben Feldbinde, welche mit Silber⸗ fäden durchwirkt worden, umſchloſſen, der metallene, am ſpitzzulaufenden Schirme mit vergoldetem und ver⸗ ſilbertem Laubwerke gezierte Turnierhut, an welchem kein Federprunk, ſondern nur ein grüner Maibuſch ſtack, vollendeten die Figur eines jungen Kriegers, der zu ſeiner Zeit paßte, wo Ritterlichkeit mit galanter Sitte gepaart und mit Wiſſenſchaft verſchwiſtert ging, und wo die drängenden Weltbegebenheiten wohl die ſtarke Fauſt, aber mit ihr auch den prüfenden Geiſt, den geübten Ver⸗ ſtand und die ſichtende Vernunft bedurften.— Freimüthig und freundlich trat der Junker auf die ———————— — 291 Beiden zu, und ſtreckte der Tochter wie dem Vater ſeine Hände entgegen. Glück herein, Ihr lieben, lieben Leute! rief er dazu, und ſeine Augen hafteten mit unverkennbarer Zuneigung auf dem zarten Geſichte der Jungfrau, die bei ſeinem erſten Worte Alles vergeſſen zu haben ſchien, was ſie früher bekümmert hatte. Da iſt der Klaus wieder ganz⸗ beinig und unverſehrt; die tollen Bauern haben ihn weder zerdroſchen, noch auf der Miſtforke geſpießt, und das Alles habe ich ſicher dem Gebete meines frommen Mühmchens zu verdanken gehabt. Nicht wahr, Juſta? Ihr habt recht fleißig mein gedacht, und wenn der ſcharfe Oſt die knospenden Bäumchen Eures Gartens ſchüttelte, und hie und da einen Blumenzweig brach, Euch des ehrlichen Klaus erinnert, den draußen der Kriegsſturm ſchüttelte, und um deſſen Nacken die derben Flegel und knotigen Zaunpfähle der verrückten Ochſen⸗ treiber eine gefährliche Klopffechterei trieben? Aber es war nicht ſo toll, als es ausſah im Anfange. Einzelne Haufen der Rebellen hielten wacker Stand, und machten uns zu ſchaffen; als es aber zu offener Schlacht kam, und unſer Herr und der Sachſenherzog Georg und der Landgraf Philipp ihre wohlgerüſteten Schaaren bei Frankenhauſen aufmarſchiren ließen, und die Trommeln und Trompeten durch das Regenwetter tönten, als zöge das jüngſte Gericht heran, da ſtimmten die Bauern einen Kirchengeſang an, drängten ſich zuſammen wie die Schafe, wenn's donnert, und ihr Lockhammel, der wahnwitzige Thomas, der ſich berufen glaubte, die Fürſten der Erde zu ſchlachten wegen ihrer Gottloſigkeit, hielt einen Sermon an ſeine zerlumpten Helden, worin er verſprach, alle Kugeln der Feinde in ſeinen Aermel aufzufangen. Nun, 292 er ward ſelbſt gefangen, und iſt zu Mühlhauſen abge⸗ than; indeß koſtet mir die Fehde meinen guten ſchwarzen Mecklenburger, und ich habe mir eben den köſtlichen Schecken vom Roßtäuſcher Simon Fink erſtanden, und bitte Euch, gar lieber Herr Pathe, mir die fünfzig Gul⸗ den vorzuſchießen, die das Prachtthierlein koſtet.— Wie das geht und ſprudelt und ohne Ende plappert, wie die Stampfmühle auf dem Bruch, entgegnete Herr Nettebeck. Der Oſtwind im Felde hat Deiner Kehle nicht geſchadet, und die Zunge hat keine Wunde heim⸗ gebracht. Die Erzählung Deines Feldzuges und Deiner Wunderthaten kannſt Du auf das Nachteſſen verſparen, und daß Du ſo damit zur Thür herein fällſt, kommt mir vor wie eine Art von böſen Gewiſſen. Kann man doch nicht zu Wort kommen vor dem Junkerchen, und wenn man auch die ſchärfſte Buß⸗ und Strafpredigt ſelbander ausſtudirt hätte.— Strafpredigt? Ihr und Mühmchen Juſta an mich? fragte Klaus erſtaunt.— Verdienſt Du ſie nicht? fragte der Alte. Haſt Du draußen alle Schicklichkeit, alle Herzigkeit verlernt, und biſt ein Bauer worden wie des Thomas Leibgardiſten waren? Kommt daher und herein getrabt in ſeines Pathen Hof auf einer abgetriebenen Mähre, die an allen Gliedern zittert, als der Junker den Zügel anzieht. Auf die Halbmeiſterei mit dem Skelett! herrſchte er dem Knechte zu, der frägt, ob er das arme Thier in den Herrnſtall führen ſoll. Ich und Frau Nettebeck und die Juſta ſtehen auf dem Vorplatze, und haben die Arme ſchon aufgethan,— nicht wahr, Juſta, ſechs Arme hatten ſich weit ausgebreitet, oder hingen die der Frau Nettebeck, oder gar die Deinigen an der Schürze herab? 293 — Da erblickt Herr Klaus den Roßtäuſcher Fink und deſſen Schecken; ein Sprung, und er iſt auf dem Thiere, ſchreiet, handelt, ſprengt hinaus auf den Bäckerklind, und der Pathe und das Mühmchen müſſen warten auf den Gruß und den Kuß, bs es dem jungen Herrn ge⸗ fällig iſt, und eine elende Mähre iſt ihm lieber, wie ſeine Blutsfreunde, denen das herzige Willkommenswort im Munde indeß zu Eis gefror.— Eine hohe Röthe überlief das Geſicht des Junkers und erhob ihre friſche Farbe noch, da er ſah, wie Juſtina die Augenbraunen in Falten zog, und heimlich zu den Worten des Vaters nickte. Er trat der Jungfrau einen Schritt näher, nahm ihre Hand in die ſeine, und drückte ſie recht herzig und inniglich an ſeine hochathmende Bruſt. Juſta, Mühmchen, Schweſterchen, wie, Ihr habt nicht mitgebrummt, wie der Vater mich zu quälen verſichert! ſprach er recht treuherzig dazu. So ein Auge wie das Eure, hell und klar wie das Waſſer des Springquells, ſo ein Mund wie der Eure, eine ſüßgeſpaltene Herzkirſche, iſt nur geſchaffen, Liebe und Glück, Gnade und Ver⸗ gebung allen Erdenſöhnen zu verkünden. Laßt Gnade vor Recht ergehen, Juſta, und ſchenkt auch mir, dem argen Sünder, der ſeine grobe Zucht bereut, Verzeihung, und nehmt den Bußpfennig, welchen ich meiner Schutz⸗ heiligen opfere.— Zierlich bog der kräftige Jüngling das Knie, und überreichte dem Mädchen ein Kleinod, welches er unter dem Bruſtkoller hervorzog, und welches in einer Schnur von bunten Achatperlen beſtand, jede in einen goldenen Blütenkelch gefaßt, am Ende mit einem goldenen Schloſſe verſehen, und in der Mitte ein ſchweres goldenes Herz⸗ chen tragend, welches dick und gewölbt gearbeitet und 294 mit feinſter Gravirung verſehen, das Gediegene und Zarte der damals ſehr geprieſenen Nürnberger Goldſchmieds⸗ kunſt vereinte. Das Geſicht der Jungfrau verklärte ſich bis in ein anmuthiges Lächeln, und das Goldherz⸗ chen zwiſchen den Fingern faſſend, und ſchalkhaft faſt dem Vater entgegen hebend, ſprach ihre Miene deutlich, was ihr noch immer verſtummter Mund verſchwieg. Drückt nur an der Spitze, ſetzte Klaus hinzu, und es legt ſich euch offen dar, und findet ihr in dem Herz⸗ chen nichts, ſo kommt's ja nur auf Euch an, hinein zu legen, was Ihr mögt und wünſchet. Es war vielleicht das einzige Beuteſtück, das von dem ganzen Heere dieſem armſeligen Lumpenfeinde abgenommen ward, aber nicht darum ſoll es allein Juſta werth halten, ſondern vielmehr, weil Klaus Barners Leben in derſelben Stunde ſchier verloren ging, wo er dieſe Beute für ſeine Juſta gewann.— Euer Leben! ſtammelte die Jungfrau mit einem Aus⸗ drucke, der Jedem verſtändlich und auf den der Junker ſtolz ſein konnte, wenn er aufgemerkt hätte, und Vater Nettebeck ſprach, ſchnell die Erbleichende in die Arme faſſend: Was erſchrickſt Du? Er ſteht ja heil vor uns, und das junge Blut legt ſeiner erſten Heldenthat gern Gewicht zu. Nun erzähle nur, ehe es ihr und Dir ſelbſt das Herz abdrückt.— Am vierten Tage war es, entgegnete Klaus, ſeitdem wir zum Fürſtenheere geſtoßen, das die Bauernvölker in kleinen Haufen jede Nacht ſchreiend umkreiſeten, wie Hunde den murrenden Eber umblaffen, der feſt im Moor liegt, und dem noch nicht Zeit dünkt, die weißen Hau⸗ zähne zu gebrauchen, da loderte plötzlich zur Seite des Lagers ein ſtattlicher Ritterſitz auf. Wir auf von Streu — 295 und Decke, warfen nur den Helm aufs Haupt, nahmen das Schwert zur Hand, und ſo das Roß von der Leine und hinaus der Gegend zu. Unſer war etwa nur ein Dutzend, wie wir im Forttraben bei dem ſchwachen Sternlicht erkannten, doch nicht weit vom Lager brau⸗ ſeten über das Feld her drei Reiter an uns heran, und der Erſte rief mit einer wohlklingenden Baßſtimme; Brav, Geſellen, ſo mag ich's leiden im Kriegsleben! Laßt die Andern nur erſt die Schlafhauben abſetzen, und ſich mit Mantel und Küraß verwahren, als wären ſie Kindbettsfrauen, wir ſind genug zu löſchen, was da brennt, mit Blut zu löſchen, und kommen ſie nach, haben wir den Ruhm und ſie die Schande der Faulen!— Es war Herzog Heinrich ſelbſt, und vor uns hin ſprengte er, und wir mit den Sporen im Fleiſch der Thiere ihm nach durch das junge Saatfeld der Feuersbrunſt ent⸗ gegen. Richtig waren die Rebellen dort in Arbeit; durch Verrath hatten ſie ein Schloß überrumpelt, grauſam gemordet den Herrn und ſein Gemahl und Kind, und ließen in Feuer aufgehen, was ſie nicht forttragen konn⸗ ten. Nun, wie der Würgengel Iſraels kamen wir über ſie, und zuerſt ſtob die Bagage auseinander, wie Spreu auf der Wurftenne, wenn der Zugwind durchs Thor einfährt. Bald aber gelangten Einige zur Beſinnung, ſchämten ſich der Flucht vor einer Handvoll Reitern, und mit den großen Kuhhörnern blieſen ſie recht ſchauer⸗ liche Nothrüfe durch das Feld. Heida, war's doch, als wenn der Höllenfürſt auf dem Blocksberge alle ſeine Genoſſen zum Mainachtstanze zuſammengeblaſen hätte; aus der Erde, aus Buſch und Steinſchlund erwuchſen um uns eine Unzahl ſchwarzer Geſtalten, und bald fühl⸗ ten wir ihre Eichkeulen auf Schenkeln und Schultern. 296 Der tollkühne Herzog, in ungeſtümer Tapferkeit und Siegesluſt, die ſchon Manchem ſeines Geſchlechtes das Leben koſtete, hieb wacker vorweg, um ſich aus dem Menſchenwalde heraus zu ſchlagen, aber bald hatte der Troß ſeines Hengſtes Zügel gefaßt, und ein Rieſenkerl aus dem Geſindel ſchwang die Miſtgabel zum Todesſtoße. Bei der eben aufſchimmernden Morgenröthe ſah ich die Noth, und warf meinen Mecklenburger, der mich ſchon zu dreien Malen aus dem Gedränge geſchlagen hatte, mitten zwiſchen die Bauern, und des blutgierigen Hünen Zackengabel fuhr meinem braven Thiere durch den Hals, daß das Blut die weißen Kittel der Mordbuben über⸗ ſpritzte. Mein Schwert ſauſete zugleich von oben drein, dann war ich friſch herunter vom ſtrauchelnden Gaule, und meine derbe Fauſt packte den Rieſen und warf ihn zu Boden. Die Gefahr des Augenblicks war vorüber, aber nichts wäre gewonnen geweſen, hätten nicht in der⸗ ſelben Minute die heſſiſchen Trompeter ihr wildes Trara dicht hinter uns geblaſen, vor denen die Hunde zerſto⸗ ben, als hörten ſie Joſuas Kriegstrompeten vor Jericho. Der Kampf war aus, aber das Morgenlicht beſchien mein treues Roß, das verblutend im friſchen Korngras ſich wälzte, ich ſelbſt ſah, vom Kothe und Blute be⸗ ſchmutzt, einem türkiſchen Schlachter ähnlicher, wie einem deutſchen Knappen, und voll Ingrimm knebelte ich mit dem Steigbügelriemen meinen bäuriſchen Rieſen zuſam⸗ men und ſchleppte ihn wie ein Schlachtvieh vom Lager.— Halt ein, Klaus, fiel der Hausherr ein, ſiehſt Du denn nicht in Deiner heroiſchen Eitelkeit, wie das Mäd⸗ chen da vor Graus und Abſcheu mit einer Ohnmacht kämpft? Erzähl' uns lieber ſofort den Schluß, wie ſchwer die Gnadenkette wog, welche Dir der Herzog 297 umhing, und wie hoch der Kaſſenſchein ſich belief, den er Dir auf ſeinen Spezial, den Saldern zu Green, aus⸗ geſtellt, damit Du ein Roß einhandeln mögeſt für das verlorene.— Die Röthe auf Junker Barners gebräuntem Antlitze wurde wiederum etwas ſichtlicher. Was Kette und Geld! rief er mit erzwungener Laune. Er ſoll mir mehr zah⸗ len für die Nacht, und darum gerade mußte ich eiligſt den Scheck erſtehen, ehe mir ein anderer Reitersmann ihn wegſchnappte, und darum ſollt Ihr die fünfzig Gold⸗ ſtücke loszahlen. Als ich mit dem menſchlichen Stier ins Lager marſchirte, und meine Zeltgenoſſen die ſelt⸗ ſame Beute lachend umſtanden, traf der Herzog, der . ſchon abgeſeſſen war, und die Compagnien zu viſitiren kam, auf uns.„Du biſt der Mann von dieſer Nacht, ſprach er mit rauher Freundlichkeit, und führeſt für Deine Jahre eine ſichere Klinge. Eine Gnade haſt Du zu gut bei mir, wenn wir wieder daheim ſind. Welches Stammes biſt Du?“— Klaus Barner auf Steinbrück, antwortete ich.„Barner auf Steinbrück?“ ſprach er nach, und ſein Blick ſchien ſich zu verfinſtern wie der Mond hinter dem Gewitter.„Laß den Mordbuben abthun, und melde Dich zur Zeit!“ ſetzte er noch hinzu und ging weiter.— Ja, abthun! das iſt ſein Lieblingswort, redete der alte Nettebeck wie vor ſich hin, Klaus aber fuhr leb⸗ hafter fort: Seht, Pathe, nun ſind die Troths mit ein⸗ geritten in Braunſchweig, die beiden Adams und der Tilen, um Nichte und Schweſter in Wolfenbüttel zu ſehen, ehe ſie wieder heimreiten von dem Zuge gegen die Bauern auf ihre Lande. Ihr wißt, daß ich bei ihnen zu Schwebke Jahrelang lebte, das Waffenwerk zu 298 erlernen, und der jüngere Adam mein herzigſter Freund iſt. Die wollen mich nun einführen zu Wolfenbüttel, und da will ich den Herzog bitten um Ritterſchlag und Sporen, ihn bitten, daß er mich neu belehne mit mei⸗ nem Steinbrück, wo ſeit der biſchöflichen Fehde annoch ſein Vogt ſitzt, und dann ſollt Ihr ſehen mit Freude im Auge, was der wilde Klaus für ein muſterhafter Haus⸗ herr und Krautritter werden wird, und Muhme Juſta und die ehrſame Frau Nettebeck werden mir den Gefal⸗ len thun, meinen Haushalt ſo trefflich einzurichten, wie der Eure allen Braunſchweigern vorleuchtet.— Juſtina ſenkte verſchämt das helle Auge, und ihr Buſenlatz ſtieg ſichtlich auf und nieder über dem Herz⸗ chen. Herr Nettebeck ſchüttelte den Kopf und anwortete: Viele Seifenblaſen ſpielen ſchön regenbogenfarbig; gebs Gott, daß nicht die Mehrzahl im Winde ſpringt. Nun freilich, der Scheck muß Dein ſein, aber ob ich Halb⸗ part ſein mag bei dem, was Du Dir damit erreiteſt, will ich Dir ſagen, wenn Du heimkehrſt.— Ein tobender Lärm im Unterhauſe unterbrach den vertraulichen Zwieſprach, und alle Drei eilten auf die Gallerie hinaus, von wo man den ganzen Vorplatz überſehen konnte. Dachte ich's doch, rief Herr Nettebeck, und Frau Potentia hat ſicher verſäumt, nach dem Stadthauſe zu ſchicken.— Der Vorplatz war gefüllt mit Leuten aus allen Ständen. Man ſah alle Zunftgenoſſen der Stadt mit den Kriegsleuten gemiſcht, und alle ſchrien durch einander und bemühten ſich, dem Nachbar den Preis der ſtärkern Stimme abzugewinnen. Das Centrum des Gedränges aber waren drei Menſchen, auf welche man einſchlug und einſtieß von allen Seiten, und die ſich 299 wie Kräuſel rundum dreheten, um den Angriff auf allen Seiten abzuwehren und überall die empfangenen Püffe redlich wiederzuzahlen. Nehmt ſie feſt, auf mein Wort, ich kenne ſie, rief eine Rabenſtimme aus dem Munde eines langen Mannes ohne Oberkleid im Getümmel; Wolfenbüttler Spione ſind's, Ränkemacher und Straßen⸗ lagerer; Lorenz Weiland iſt's und Hans Koch, der dabei war, als die elf goslariſchen Feldhüter am Steinfelde erſchlagen wurden, und der die Schmelzhütte zerſtören half. Ich bin ja von Goslar und muß den Erzfeind doch kennen.— Und der Dritte iſt der Holzförſter Steiding, der ſelbſt nach mir losbrannte, als ich auf Braunſchweiger Grenze Hopfenſtangen ſchlug für meinen Garten, rief ein zweiter vierſchrötiger Bürgersmann. Ein Tutti ſtimmte ein: Zum Büttel mit ihnen! Wollen ſpioniren und an⸗ bringen beim Herzog! Wollen unſer Recht beſtreiten und die freie Stadt zur Fürſtenſtadt machen und bringen durch Untreue und Zwietracht unter des tyranniſchen Herrn Gewalt! Reißt ihnen die Kleider ab! Peitſcht ſie durch die Gaſſen! Hinaus die Kukuksbrut aus dem Neſte!— Vergebens müheten ſich Nettebeck und Barner von oben herab die Schreienden und doppelt Trunkenen zu beruhigen. Niemand hörte auf ſie, und der Harzburger Förſter lag ſchon unter den Füßen der Menge; da faßte der Junker einen raſchen Entſchluß. Mit der rechten Fauſt das Geländer der Gallerie, welches aus ſtarkem Eichenholze geſchnitzt war, umfaſſend, ſchwang er ſich gewandt hinüber, und mit der Fußſpitze eben ein Pünkt⸗ chen Grund faſſend auf dem untern Rande des gedrehe⸗ ten Gatters, ſchwebte er dicht über den erhitzten Köpfen, 300 und mit einer Donnerſtimme rief er von oben hinunter: Platz da, wer Kopf und Knochen lieb hat!— Die rauhe Stimme voll Warnung drehete plötzlich alle Geſichter nach oben, und vom natürlichen Inſtinkt getrieben wich Jeder der fallenden Maſſe aus, drängte zurück ſo mäch⸗ tig, daß die am fernſten Tobenden an die Wände ge⸗ klemmt kreitſchten und nach Athem ſchrieen, oder über die erhöheten Schwellen der Gaſtſtuben hinſchlugen und gleich geſchmeidigen Aalen ſich durch einander am Boden wälzten. Klaus Barner benutzte den unter ihm leer ge⸗ wordenen Raum und ſprang hinab.— Nun was wollt ihr? rief er unten mit Lebendigkeit und dem Lächeln des Spotts auf der Lippe. Warum ſchrieet ihr ſo jammervoll um Hülfe? Brennt's irgend⸗ wo? Wer ſchlägt euch? Der Klaus ſteht jedem Braun⸗ ſchweiger bei in der Noth!— Erhitzt drängten ſich der lange und der dicke Streithahn wieder zu ihm heran. Seid Ihr toll geworden, Junker? fragte unwillig der Feiſte, daß Ihr wie ein Mehlſack auf uns herabplumpt, und unſern Köpfen den Eiſenbeſchlag Eurer Stiefeletten zu koſten geben wollt?— Gericht wollten wir halten über ein Kleeblatt weißer Schelme von der Wolfenbütt⸗ ler Burg, ſetzte der Lange hinzu, und dazu bedurften wir weder Euch, noch ſonſt einen von der Junkerſchaft.— Wollt ihr Wölfe zerfetzen, iſt der Bär und ſeine Tatzen euch nicht ohne Nutz, antwortete Klaus lachend. Aber die Bürgerſchaft hält ihre Wroge und ihr Bruch⸗ gericht verſtändig und ſittig, und nicht wie lärmende Zunftgeſellen. Und wo ſind denn die armen Sünder, über die ihr das weiße Stäbchen brachet?— Alles ſah ſich rund um, aber von den drei Befeindeten war kein Glied mehr auf dem Vorplatze zu ſehen; ves Barners 301 Sprung klüglich benutzend hatten ſie ſich durch das Ge⸗ dränge Raum gemacht, und waren unſichtbar geworden. Verdammt! ſchrie die Menge neu aufbrauſend. Werft euch auf die Pferde! Nach und ſchließt das Thor! Das hat der biſchöfliche Junker Schuld; haltet euch an den, wenn ſie fort ſind. Er trägt die Wolfenbüttler Feld⸗ binde auch; er ſoll die Schurken wieder ſchaffen!— So umtobte der grimmige Haufe den jungen Kriegsmann, der feſt im Gebell der Hunde ſtand wie der braune Zottelbär, den er im Wappen trug, und mit kaltem Spottgeſichte hie und da mit flacher Hand zurückſtieß, was ihm zu nahe kam. Doch wäre der Streit ſicher ernſtlicher geworden, und die holde Juſta oben rang ſchon die Hände, und ſtieß manchen leiſen Angſtſchrei aus, da traten drei Hellebardierer in die Hausthür. Im Namen des hohen Senats und der Herren Bürgermeiſter Friede und Ruh hier bei Pön an Leib und Gut! tönte eine Baßſtimme durch das Gekreiſch, und ſofort kam Jedermann zur Beſinnung und ſchlich in die Zimmer zu ſeinem Mummenglaſe zurück, und Klaus Barner trat durch eine Seitenthür in ein beſſeres Zimmer, wo um die Tafel ein Kreis edeler, alter Herren ſaß, die dem Getümmel wohl zugehorcht, aber es nicht gewürdigt hatten, darum ein Glied zu rühren, und ihren Becher zu verlaſſen.— Mit Freimuth trat Junker Klaus an den Tiſch und reichte Jedem die Hand, die ihm zwar nach deutſcher Weiſe nicht verweigert, aber von Mehren doch mit ſichtlicher Zögerung und finſtern Blicken ge⸗ geben wurde. Willkommen ihr alten Landsleute und Vettern! ſprach Klaus dazu. Welcher freundliche Windſtoß hat euch Alle ſo auf einmal in dieſes gaſtliche Haus gewehet, wo ihr 302 ſo ernſt den Freudentiſch umkreiſet, als wolltet ihr Reichs⸗ tag halten? Herr Hennig Rauſcheplatte von Winzen⸗ burg, Herr Seifried Schenk von Schlagen, Herr Aswin von Portfeld willkommen! Sieh da, auch der Herr von Rutenberg und Herr Cord von Damm! Wayrlich, ſollte des Kaiſers Aufgebot zur Stunde anlangen, er fände hier ſogleich genug der tapfern Männer, ſeine Leibwacht mit ritterlichen Oberſten zu verſorgen.— Ihr ſeid ſehr heiterer Laune, mein Herr von Stein⸗ brück, antwortete Hennig Rauſcheplatte; der Wein, den Ihr mit dem Wolfenbüttler aus einer Feldflaſche ge⸗ trunken, ſcheint Euch wohl gemundet zu haben, und die Feldbinde des wortbrüchigen Herzogs hält Euren Ma⸗ gen ſo warm, daß Ihr, wie der Straußvogel Kieſel⸗ ſteine der Wüſte, alle Beleidigungen, an die Eure wüſte Burg Euch erinnern ſollte, ſchleunigſt verſchluckt und glücklich verdauet hat. Wohl bekomm's dem Junker!— Laßt ihn in Ruh! ſiel der Herr von Rutenberg ein und lachte dazu, daß das. Gebälk des Zimmers erdröhnte; laß ihm die Freude über den ruhmvollen, herrlichen Feldzug. Einen Wagen voll Heugabeln hat er erbeutet, ein Dutzend Strohkränze ſchmücken ſein Haupt und ein paar fette Mühlenſchweine ſind an ſeines Streitroſſes Schweif gebunden; ſolche Beute iſt eine ſtattliche Zu⸗ buß für die zwanzigtauſend Gulden Tribut, die er dafür zahlen muß gleich uns, daß der Wolf ſeinen Vater todt biß, und des Wolfes Büttel noch ſitzt als Frohnvogt auf ſeinem Erbe.— Mit Verlaub, Ihr Herren, entgegnete Klaus, einen Schritt vom Tiſche tretend, iſt es ſeit Kurzem unter uns Stiftsrittern Mode worden, den Pilgergruß: Der Herr ſei mit Dir! durch einen Fauſtſchlag auf's Ohr zu 303 vergelten? Oder ſucht Ihr Händel an dem Barner, ſo werft den Handſchuh auf den Eſtrich, aber ſtichilirt nicht wie ein Federfuchſer aus der Reichskanzlei.— Da trat der tannenlange Schenk hinter der Tafel hervor, ſtellte ſich dicht vor den Junker, ſah ihn mit den runden, großen Falkenaugen einen Augenblick durchdringend an, und legte ihm die ſchwere Rechte auf die Achſel. Und Du erräthſt nicht, was unſern Groll erweckte, Junker von Steinbrück? fragte er mit tiefer Stimme, wie aus einem Grabgewölb herauf. Haſt Du den Matthiastag vergeſſen, den wir ſchon zum vierten Male als einen Faſt- und Bußtag begingen? Soll ich Dich erinnern an die kalte Februarsnacht, wo Deines Vaters Blut ſo heiß auf der Klinge dieſes Herzogs ziſchte? Wo dieſer Herzog mit ſeinem Eiſenſtiefel das Blechſchild mit dem Bärenwappen höhnend durchtrat, und dazu ſprach: So ſoll Jedem geſchehen, der es mit Heinrichs Feinden hält! Haſt Du das ſobald vergeſſen, daß Du in des Mörders und Ehrenſchänders Feldbinde einher ſtolzirſt, und Miene machſt, den Schranzen ſeines Hofes Dich zuzugeſellen?— Junker Klaus hatte mit verdüſterten Blicken zugehört. Ich werde das nie vergeſſen, mein zorniger Herr Vetter, antwortete er jetzt, obgleich ich dazumal kaum dem Zuchtmeiſter entnommen, eben erſt zu Gottes Tiſche gelangt, und vom Vater ſelig zu den Troths und der Baſe auf Schwebke geſendet war; aber ich betrachte die traurige Geſchichte, wie jeder rechtliche Rittersmann im Reiche ſie betrachten muß. War es denn nicht eine gute Fehde, die der Herzog mit dem Biſchof und ſeinen Vaſallen focht? War es nicht am hellen Tage, als er mit fliegenden Fahnen vor den Hundsrück zog und den Meiſebuck mit ſeinen Karthaunen 304 ängſtigte? Schimpf und Hohn nicht auf den Heinrich, ſondern auf den Hildesheimer, der ſeinen Edelleuten nicht einen Weihwedel zu Hülfe ſchickte, ſondern vom Lauenſteine wie ein Haſe vor den Löwen floh, Kapitel und Biſchofsſtab im Stiche ließ und aus dem Lande ritt, nachdem er dem Bisthum neun Städte und zwei⸗ undzwanzig Schlöſſer hatte nehmen laſſen.— Seltſame Blutrache, fiel Aswin von Portfeld ein, der Sohn predigt als Defenſor für den Mörder des Vaters, und wäſcht ihm das Blut von der grimmen Hand.— Mit faſt verächtlichem Blick wendete ſich der kühne Junker zu dem neuen Angreifer. Ihr, Herr Aswin, habt Euer Woldenberg ohne Schwertſchlag übergeben, ſagte er ſcharf, und der faulen Metze Brummen nicht zu hören begehrt. Mein Vater iſt eines ſchönen Todes geſtorben in wackerer, männlichſter Vertheidigung ſeines Thores, iſt gefallen von edler Hand, die ſchon als Kna⸗ benhand mit dem alten Heinrich die Frieſen züchtigte, und ich finde nichts als eine Schickung darin, die dem Herzog in Steinbrücks Thore eben ſo gut hätte das Leben koſten können, hätte mein Vater einen glücklichern Degen geführt. Ward doch dem alten Heinrich vor Leerort an der Ems der Kopf weggeſchoſſen, und Nie⸗ manden kam es in den Sinn, den braven Arquebuſier zu verklagen, der ſeine Karthaune ſo gut geſtellt.— Der alte Herr war ein ſtrenger General, aber er achtete Ritter und Geiſtlichkeit, entgegnete der von Port⸗ feld; brummte und bellte der alte Wolf auch oftmals recht grämlich, er trug ſtumpſe Zähne im Rachen; dieſer junge Wolf beißet dagegen ſcharf, und wird uns alle zerfetzen, macht man nicht große Treibjagd auf ihn.— 305 Bleibt zu Hauſe! lachte der Rutenberg dazwiſchen. Eure Bolzen ſind zu ſtumpf für die Haut des Wolfen⸗ büttlers; der hat einen Pakt mit dem Vater Lucifer ge⸗ macht und iſt unverwundbar; ſah ich doch ſelbſt, als ich letzthin im Schloſſe war, und wegen Burg Rute unter⸗ handelte, wie der Hoffourier eine alte Hexe in Heinrichs Geheimzimmer einführte, welche ausſah, als käme ſie eben auf dem Beſenſtiele vom Blocksberger Satanstanze. Die lange Mettel von Gandersheim nannte man die gelbgebrannte Hopfenſtange, aber an des Satans Hofe mag ſie einen andern Namen führen, und es iſt eine ſchöne Compagnie für einen Braunſchweiger Herzog, mit ſolchen zu verkehren.— Der Wein ſpukt aus Euch, antwortete Barner halb unwillig, halb ſpöttelnd, ſonſt könnten vernünftige Her⸗ ren nicht ſo aberwitzig faſeln. Iſt's nicht gerecht, daß der Herzog jedem, auch den häßlichſten und ärmſten ſeiner Unterthanen die gnädige Audienz nicht verweigert? Habt Ihr den Teufel ſchon geſehen, Herr Seifried? Ich glaube ihn nicht, bis er mich mit ſeinem Bockshorn ſichtlich geſtoßen. Und daß Herr Heinrich ein frommer Mann iſt, wohl frömmer als wir Alle, obſchon wir uns ehedem biſchöfliche Lehnsmänner nannten, davon bin ich ſelbſt Zeuge und mit mir der ganze Heereshaufe, der ſo eben in das Land zurückkam.— Hat er ſich etwa die Tonſur ſchneiden laſſen? fragte Rauſcheplatte, und hat den armen, hingemetzelten Bauern die Beichte gehört, und ihnen Abſolution und letzte Oe⸗ lung gegeben?— Faſt habt Ihr's errathen, Herr Ritter! erwiderte Klaus; denn als der Thomas Münzer juſtifizirt wurde zu Mühlhauſen, überfiel den tollen Prahler eine ſolche Blumenhagen. 1. 20 306 elende Todesfurcht, daß er ſchon am Blocke knieend, kein betend Wort zu finden vermochte. Auch der Prieſter ſtand verſtummt und leichenbleich, und ſtarrte das blanke Beil in des Nachrichters Hand an, ſtatt ſeine Pflicht zu thun. Da trat der Herzog auf den gelben Sand, drückte kräftig des armen Sünders Hände zum Falten zuſam⸗ men, und ſprach ihm mit lauter und ſo eindringlicher Stimme die Artikel des chriſtlichen Glaubens vor, daß auch dem verwogenſten der Soldateske im Kreiſe das Herz ſchlug und die Augen übergingen vor Andacht und Erſchütterung. Wer ſo offen und wahrhaft die Regung der frommen Empfindung darlegen kann und mag, iſt kein Böſer, und viel weniger noch ein Läſterer und Teufelsgevatter.— Sehr herzoglich! rief der Rutenberg. Er präparirt ſich ſicher ſchon, die hildesheimiſche Biſchofsmütze mit der Herzogskrone zu verſchmelzen, und Ihr reiſet gewiß jetzt zu ihm, das Meſſeleſen zu lernen und um eine Domherrnſtelle anzuhalten?— Spöttelt nur, antwortete der Junker; Ihr Alle wer⸗ det zur Erkenntniß kommen, und ſpäter thun, was ich früh zu thun für gut finde. Mein Vater ruht im ſtillen Todtenhauſe; Zornwort und Rachſchwert können ihn nicht erwecken; aber wohl ſcheint es mir Pflicht, die Ehre und den Glanz ſeines Stammes zu erhalten; und darum will ich morgen nach dem Wolfenbüttler Schloſſe, und den Heinrich bitten, mich wiederum einzuſetzen auf Burg Steinbrück, und den Vogt herauszuziehen. Die Fehde, welche der Biſchof begann, iſt entſchieden, der Kaiſer hat geſprochen, und wir ſind jetzt Vaſallen des Braunſchweigers, und ich habe dem neuen Herrn ſchon Merkzeichen vor die Augen geſtellt, daß ein deutſcher 307 Edelherr Pflicht und Wort erfüllt, wenn es ihm auch eben nicht angenehm ſein möchte. Die Steinberge, Al⸗ ten, Schwichelt und Reden ziehen morgen eben deßhalb an den Hof, um Haus Waldenſtein, Coldingen, die Lauenburg und die Pappenburg wieder zu erlangen, und der ehrſame Adam von Troth, der geſammt ſeiner Nichte, dem Hoffräulein, in großer Gunſt ſteht bei der gnädigen Herrſchaft, hat das Amt des Vermittlers über⸗ nommen. Seid geſcheit, Ihr Herren, folgt dem Rath des Jüngſten unter Euch; ſattelt Euren Prunkgaul, legt das Feſtwamms an und zieht morgen mit hinüber, daß wir Hildesheimer Rittersmänner wieder dieſelbe glänzende Tafelrunde bilden können, wie einſt, als mein guter Vater an Eurer Spitze ſaß. Ich meine, Herzog Heinrich würde uns ein beſſerer Präſident ſein, als ehe⸗ dem der Pfaff, der in der Noth die lange Dalmatika unter die Arme zog, und mit weiten Sprüngen ſein Land verließ.— Die Ritter zogen grämliche Geſichter und ſahen ſich untereinander an, als ob ſie ſich befragen wollten, wer zuerſt dem kühnen Jünglinge die Zunge durch eine Ge⸗ waltthat lähmen ſollte. Der tannenlange Schenk aber reichte, ohne ſein hageres Geſicht zu verziehen, dem Junker die derbe Hand hin und ſprach: Klaus, Du thuſt einen unnützen Metzgersgang; Deine Gründe ſind nicht ohne, wenn ſie auch Keinem von uns anſtehen möchten. Du ſchaueſt in das freundliche Leben hinein, wir ſchauen hinaus aus dem abgeernteten und öden. Verſuch's, ich aber biete Dir zur Wette alle meine Anſprüche auf Schladen gegen Deinen Anſpruch auf Steinbrück, Du kehrſt nicht heim, wie Du gingeſt, und ſprichſt über⸗ morgen anders.— 308 Die Wette gilt! rief Klaus und ſchlug feſt in die Hand des ehrlichen Vetters. Kräftig ſchüttelte der wackere Schenk ihm die Rechte, ſah ihn mit verdüſterten, trüben Augen an und ſetzte hinzu: Aber denke an den alten Meiſebuck vom Hundesrück. Erinnere Dich, wie der jähzornige Heinrich das ſtrenge Mahnwort rächte, das der wackere Greis ihm in den Bart warf, als der Vogt eingeſetzt wurde in ſeine zertrümmerte Burg. Seinen Schild ließ er zerbrechen durch Henkershand, die Wolfen⸗ büttler Schergen verfolgten ihn von Dorf zu Dorf, daß er landesflüchtig werden mußte, und draußen an den Grenzen betteln geht. Laß den Dolch Deines Vaters, den ich in Deinem Gürtel ſehe, nie von der Hand; denn wer in das Lager des Wolfs zu gehen wagt, muß überall Klauen und Zähne fürchten.— Mit Gott und einer guten Sache fürchtet ein Barner ſelbſt des Teufels Hölle nicht! erwiderte Junker Klaus, grüßte anſtändig die Sitzenden und verließ das Zimmer. Grollt nicht, ſprach Schenk, indem er ſich wieder zum Becher ſetzte. Das junge Blut rollt friſcher und feuriger. Er geht, ſich die Hörner ſtumpf zu ſtoßen, und wird kehren gewitzigt und geprüft, und der Unſrige werden. Und bin ich auch kein Prophet, ſo möchte ich doch weiſſagen von dieſem Sohne Hans Barners, daß er ein Rächer unſer Aller geweſen ſei, ehe denn zehnmal die Sonne ihren Jahreslauf gehalten.— Einer der ſchönſten Frühlingstage beleuchtete die ſtattlichen Thürme Braunſchweigs, und ſtrahlte von den grünen, blanken Flieſen der hohen Giebelhäuſer wieder. Obgleich es noch früh Morgens war, ſtand doch Herr 309 Nettebeck mit ſeinem Töchterchen ſchon in der Pforte ſeines Hauſes und ſah ſtill darein, wie die Knechte mit den ſchönen Roſſen ihrer Herren umgingen, die geſattelt auf der Straße dem friſchen Morgenwinde entgegen ſchnoben. Jetzt führte Junker Barners Leibbube den kraftvollen Schecken vorſichtig durch das Hofthor, damit er nicht dieſes, gleich der Stallthür, in noch ungebän⸗ digtem Jugendmuthe zerſchlüge, und wenige Minuten ſpäter kam der Junker durch das Haus und umfaßte Vater und Tochter von hinterrücks. Nun mit Gott! ſagte er recht lebensfroh und leicht. In acht Tagen ſprech' ich wieder vor. Bleibt geſund bis da und ſchickt mir eure guten Wünſche nach, daß ich mit Ehren wieder auf euren Stadtwällen ſpazieren darf, und das Mühmchen Gelegenheit hat, ihr Verſprechen wegen des Steinbrücker Haushalts zu erfüllen.— So drückte er dem Rathsmanne die Hand, küßte das Mäd⸗ chen auf die Stirn, ſchwang ſich auf den Schecken und ſprengte die breite Straße hinab, den Reitern nach, die ſchon vor ihm aufgeſeſſen waren, und über den Markt dem Aegidienthore, welches jetzt Auguſtthor benannt iſt, zuritten. Juſta drückte ſich mit ungewöhnlicher Heftigkeit in des Vaters Arme, und über das weiße Geſicht flog ein fieberhaftes Roth bis an die feuchten Augen hinauf. Es iſt aus, es iſt vorüber! flüſterte ſie ſchmerzlich, doch auch mit Fieberhaſt in der Stimme. Er liebt mich nicht und wird mich nimmermehr lieben. Vater, er reitet zu einem andern Glück. Als er ſich bog, den Steigbügel zu ordnen, blickte ein ſilberumſtickter Damen⸗ handſchuh aus ſeinem Bruſtkoller. Und, Vater, warum war er denn ſo lieb und freundlich, und warf damit den Brand in mein ſtilles, unbewachtes Herz? Oder ſind 310 die Männer alle ſo?— Und wie ſoll das nun werden mit mir? Du haſt einen treuen Vater, Juſta, entgegnete der Alte treuherzig, doch war auch ſeine freie Stirn faltiger wie gewöhnlich; darum darfſt Du nicht verzweifeln an der Zukunft. Hätte er nichts geſehen als die Thürme von Steinbrück und die Thore von Braunſchweig, ſo wäre er vielleicht geblieben was er ſonſt war, der ehr⸗ liche, hochherzige Bube. Die prunkenden Herren von Troth haben ihn in das Weltleben geriſſen, er ſchwimmt in dem Strudel und Gott mag ihm die Sinne bewahren, daß er nicht untergeht im Wirbelſchlunde. Ob er aber ſo wiederkehrt, daß er meiner Juſta würdig geblieben, ob ich ihm meine Juſta geben dürfte, wenn er anders wiederkehrte, das iſt die Frage, und das kümmert mich mehr als ſein leichtfertiger, herzloſer Abſchied; und wahr⸗ lich, ich wollte, ich ſähe ihn lieber nie mehr durch das Stadtthor einreiten.— Mit geſenktem Haupte ging der Vater in ſein Haus zurück. Juſtina aber legte beide ausgebreitete Hände gekreuzt auf ihre klopfende Bruſt und ſagte leiſe: Nein, Vater, er muß zurückkommen! Wo ſollte Juſta im Leben ſein, wenn er nicht mit darin wäre und ihr angehörte? Mag er nur zurückkommen, und wenn Juſta ihm auch viel, recht viel zu vergeben hätte. Vergab denn der Herr am Kreuze nicht Allen und Alles? Käme er nur wieder und zu mir; Vergebung und Troſt ſollte er finden an dieſem Herzen, und mein Gebet ſollte alle die Sünden ſeines Weltlebens weg⸗ waſchen, vor denen der böſe Vater mich plötzlich ſo unnenbar bang gemacht hat.— Sie ſeufzte tief auf und ſchlich dann in ihr halbverdüſtertes Kloſett zur Spindel. 311 In ganz anderer Stimmung trabte indeß unſer Junker Barner durch die ſchöne Flur, welche ſich zwiſchen Braun⸗ ſchweig und Wolfenbüttel ausſpannt. Sein Schecke, ein noch nicht lange eingefangener Sennerhengſt, welcher kaum die erſte Reitſchule durchgemacht hatte, gab dem geübten Reiter viel zu thun; aber einige derbe Sporn⸗ Lektionen und das ſchwere Gebiß des Ritterzeuges zähmten das ſchäumende, heiße Thier, obgleich durch die Unruhe deſſelben der Junker ſich gezwungen ſah, eine Strecke hinter ſeinen Gefährten zurück zu bleiben. Die Herren von Schwichelt und Reden waren zu den Troths ge⸗ ſtoßen, und im Geſpräch über die gefährlichen Ereig⸗ niſſe der letzten Jahre, die Stiftsfehde, den Bauern⸗ krieg, die Fortſchritte der Reformation des kühnen Auguſtiner⸗Mönchs von Wittenberg, deſſen Lehre ſich gerade jetzt ſchnell durch ganz Norddeutſchland bis zum Sunde hinauf verbreitete, vergaßen die Ritter ihren jungen Freund, der mit ſeinem Roſſe und dem getreuen Waffenträger bald allein blieb. Die Saatfelder ſtanden in vollem Hoffnungsgrün; in großen Sträußen dufteten weiße und blaue Feldblumen am grünen Aufwurf der Aecker; die Sonne ſah ſo lieb herab, und ein lauer Windzug kühlte ihren goldenen Strahl. Doch nicht allein das Roß machte unſern Junker heiß; was in ſeinem Herzen ſich umtrieb, goß mehren Brennſtoff in ſein Blut als Sonnenglut und Reiterarbeit. Nicht allein der Entſcheidung über ſeine ritterliche Ehre, über Namen und Gut der Ahnherren ritt er entgegen; nein, einen höhern Schatz hoffte er an des Herzogs Hofe zu erheben, ehe dieſe Morgenſonne nach ſchönem Tagewerke die Kühle der Nacht ſuchen würde. Und dazu hatte das Geſchwätz ſeines ehrlichen 312 Leibbuben bei dem Ankleiden eine dritte Beſorgniß in ſeine Seele geworfen. Die Liebe der frommen Juſtina war nicht ſo unbe⸗ merkt geblieben, als ſie vermeinte. Mehr als in unſerer Zeit gehörte dazumal das Geſinde der Familie zu, und langjährige Dienſtboten genoſſen nach Verdienſt das Vertrauen der Herrſchaft, daß ſie leider jetzt bei der in ſogenannter Aufklärung verwilderten Lebensart in den erſten Monaten zu verſcherzen pflegen. So hatte die heftige und etwas plauderhafte Frau Nettebeck ihrer ge⸗ treuen Magd manches Mal das Herz ausgeſchüttet, und dieſe war eine Halbſchweſter des Barnerſchen Knechts und glaubte vielleicht Gutes zu ſtiften durch leiſe An⸗ deutungen, von denen ſie wußte, daß ſie dem jungen Herrn nicht unberichtet bleiben würden. Wie Schuppen war es bei des Knechts Geplapper von des Junkers Augen gefallen; er gedachte, wie Juſtina früherhin leb⸗ haftern Eindruck auf ihn gemacht; ſein Gewiſſen warf ihm vor, daß er durch zweideutige und oft zu warme, herzige Worte Schuld ſein möchte an dem Irrthum der Jungfrau, ja er mußte ſich ſelbſt geſtehen, daß ihre Hoffnung nicht immer Irrthum geweſen, daß er ſelbſt manches Mal mit ähnlichen Wünſchen ſchlafen gegangen. Vom Erkerſtübchen, in dem er die Nacht zugebracht, hatte er in ihr Kloſett geblickt, ſie beten geſehen, und das blaſſe ſchöne Antlitz, das Auge durch eine ſtille Thräne getrübt, mit dem ſie darauf an das Fenſter ge⸗ treten, und das ihn geſpornt, ſo eiligen und eben nicht ſchicklichen Abſchied von den älteſten und theuerſten Freun⸗ den zu nehmen, wollte ſich jetzt gar nicht aus ſeiner Phantaſie verdrängen laſſen, obgleich er ſehr bemüht war, ein glänzenderes Schimmerbild, das ſeit lange 313 alle ſeine Sinne gefangen hielt, an deſſen Stelle zu bringen. So war der erſte Theil des Weges durch die flache Feldflur gemacht, über welche oft mit ſchweren Athem⸗ zügen der ſcharfe Blick des Jägers hinweg flüchtete, und das ferne Harzgebirge und ſeinen Brockenkegel aus den Morgennebeln herausſuchte. Das ärmliche Dörfchen Melmerode hatten ſie paſſirt, und das Lächeln⸗Holz zog ſich jetzt in ſchmalen Streifen am Wege hin, und im Schatten der Birken und Buchen, deren junges Laub an Duft und Farbe wetteiferte, ward auch des Reiters Bruſt leichter und freier, obgleich die niederhangenden Baum⸗ zweige gar oft ſeinen ſcheuen Schecken beunruhigten und zu falſchen Tritten oder ſtörrigen Seitenmanövern bewogen. Plötzlich aber that das Roß einen furchtbaren Seiten⸗ ſatz, drehete ſich im Zügel gezwängt wie ein Kräuſel im Kreiſe um, und ſtieg dann ſo hoch auf, daß der Sattelgurt platzte und Junker Klaus nur durch einen geſchickten Sprung unverletzt zur Erde kam, und alle ſeine Armeskraft anwenden mußte, um das wild gewor⸗ dene, tobende Thier im Zügel zu halten. Die Urſache dieſes übeln Ereigniſſes brauchte der zornig umher⸗ blickende Reiter nicht weit zu ſuchen. Eine menſchliche Figur, die wahrſcheinlich am Rande eines Holzgrabens, der hier den Weg verſchmälerte, und hinter einem dichten Vorſprung von niederm Dornbuſch geruhet hatte, war aufgeſtanden und hatte dem Schecken den Weg vertreten. Als das Roß beruhigt war und der Knecht half, den Fehler wieder gut zu machen, wandte ſich Klaus heftig gegen den Störenfried, welcher noch immer ſeinen Platz nicht verließ; aber ein Blick auf denſelben erſchütterte — den Junker faſt ſo arg, wie es vorher ſeinem Hengſte 314 geſchehen war. Die Figur zeigte einen kerzenlangen ausgedörrten Mann, der den Rücken etwas gebogen trug durch Alter und Lebenslaſt; die braungeſengten und mit Dornwunden zerfetzten Füße gingen nackt auf ſchmu⸗ tzigen Sandalen; um den Körper hing ein grober Tuch⸗ mantel von Kapuzinerzeuge, und ein großer Filzhut, fleckigt und nicht ohne Riſſe, deckte das Haupt. Das Geſicht lag im Verſteck eines furchtbaren, ungekämmten Graubarts, der die nackte, braune Bruſt faſt ganz über⸗ deckte, und nur ein Paar runde, hohle Augen ſehen ließ, deren Blicke jedoch einen entſetzlichen Ausdruck hatten, daß ſie wirken mußten auf jedes ſtille Menſchenherz wie ein Dutzend Satanslarven. Des Junkers Zornwort er⸗ ſtarb auf der Zunge, und ſein ausgeſtreckter Arm er⸗ ſtarrte wie ein Wegweiſer. Wie wurde ihm aber, als der hagere, braune Mann jetzt den dürren Arm mit dem knotigen Reiſeſtab erhob, die ſtarr auf ihn gerichteten Feuerräder der Augen gräßlicher noch rollten, und aus dem zahnloſen Munde Töne hervorſtiegen, ſtark wie Poſaunenruf und hohl wie Wiederhall aus einer geöff⸗ neten Leichengruft. Sohn des ſchändlich gemordeten Hans Barner, ſo ſprach die ſteinerne Menſchengeſtalt, zieheſt Du nach der Nebucadnezars⸗Stadt, Roſen zu brechen oder den Götzen Bell zu ſtürzen, wie Daniel that?— Kehre um, das Schickſal warnt Dich durch mich. In Deiner Roſe naget der Giftwurm. Willſt Du ſie beſprengen mit Deinem Herzblute, daß Er ſich in doppelter Wolluſt mäſtet?— Klaus fühlte ſein Haar ſich ſträubend erheben unter dem Blechhute. Um Gott! ſtieß er hervor. Ihr wagt Euch—2 Drohend ſchüttelte die hagere Geſtalt das Haupt, ſo daß der Name, den der Junker ausſprechen wollte, auf ſeiner erkalteten Lippe feſtfror. Die Luft um jenen Steinbau athmet auf Stunden⸗Weite Verrath, fiel zornig der Fremde ein. Ich bin ein Begrabener, rufſt Du den Namen, den ich einſt trug, ſo wühlen die Schergen meinen Grabhügel auf. Klaus, ich warne dich noch⸗ mals. Reite nicht in das Neſt des Grimmigen; was Du dort holen magſt, iſt Gift für den Sohn des Stein⸗ brückers.— Noch einmal ſchoß er das ganze Feuer ſeines Auges auf den Junker hin, dann ſchritt er mit großen Geiſterſchritten ohne Rückblick auf einem Seiten⸗ pfade des Holzes fort in den verſteckenden Buſch hinein. Gedankenvoll ſah der Junker ihm nach, dann ſtrich er ſich raſch über die Stirn, murmelte: Auch Er gehört zu den Andern! beſtieg langſam den wieder befeſtigten Sattel, und ſcharf die Zügel anziehend ſetzte er im Schritt des Hengſtes ſeinen Weg fort, den freien Blick nicht mehr auf die Reize der Natur werfend, ſondern mit dem Auge am blanken Stirnſchilde ſeines Pferdes haftend, denn die Sprüche des hagern Propheten ent⸗ hielten genug, Verwunderung höchſter Art und böſe Be⸗ ſorgniß in einem jungen, ſtürmiſchen Gemüthe zu er⸗ wecken.— Das Lächeln⸗Holz nahm jetzt ein Ende; Wolfenbüttel mit ſeinen hohen Wällen und ſeinem wohl⸗ befeſtigten Schloſſe erhob ſich vor ihnen; die Höhen der Aſſe ragten hinter der Stadt empor, und die Reiter empfing der freie Plan, den jetzo Gärten und Luſt⸗ ſchlöſſer bedecken, welcher dazumal aber ein großes, grü⸗ nendes Wieſenfeld war, deſſen Fläche hie und da von einer Gruppe junger Birken, oder von einem einzelnen alten Eichbaum, unter dem der Hirt Mittagsruhe zu halten pflegte, unterbrochen wurde. Die freiere Ausſicht 316 weckte den Junker aus ſeinem düſtern Gedankenſpiele; er ſah fern, ſchon der Stadt nahe, die Federbüſche der Gefährten wehen, und wollte ſein Roß in Galopp ſetzen, ſie einzuholen, als ein Schreckensruf auf der Wieſe ſeine Aufmerkſamkeit anzog.— Das erſte, was dem Aufblickenden auf der Haide⸗ wieſe in die Augen fiel, war ein Schäfer, der mit ent⸗ blößtem Kopfe, mit berganſtehendem Scheitelhaare und weggeworfenen Hirtenſtabe, Verzweiflung in jedem Zuge, mit hochgeworfenen Armen, und dem Angſtrufe: Hülfe! Hülfe! der tolle Wolf! O meine Thiere! der tolle Wolf! zu Hülfe! vom fernen Anger heran ſtürzte. Hinter ihm folgte ein großer, ſchwarzer Hirtenhund, dem ebenfalls das rauhe Zottenhaar ſich ſträubte, der heißen Angſt⸗ athem aus beiden RNaſenlöchern bließ, zwar zuweilen ſtill ſtand, und zurückgewendet ein hohles Gebell tönen ließ, dann aber ſofort wieder den gehobenen Wedel⸗ ſchweif ſenkte, und in raſchen Sprüngen dem flüchtigen Herrn nachfolgte. Weiter hinaus erblickte man die arme Schafheerde, die gedrängt wie eine Schwadron in den Feind ſetzender weißer Reiter nach einer andern Seite galoppirte, man hörte das heiſere Angſtgeblöck der alten Böcke, die nach ihren Schützern ſchrieen; man hörte das helle Geſchrei der kleinen, zarten Lämmer, die zu⸗ rückgelaſſen die Mutter riefen, und des Junkers ſchar⸗ fes Auge ſah mehre der armen Thiere blutend und halb⸗ zerriſſen auf dem Anger zucken, aber den blutgierigen Feind ſah er nirgend. Da ſchlug ein menſchliches Schreckens⸗ geſchrei an ſein Ohr, das aus einer Gegend zu kommen ſchien, die von einer Reihe Weidenbäume verdeckt wurde, welche am Rande eines Feldgrabens üppig erwuchſen. Ohne Beſinnen ließ der kühne Jüngling dem Schecken 317 die Sporn fühlen; in wenigen Sekunden war er am Graben, und da das Weidenſtrüpp den Sprung des Pferdes unmöglich machte, ſo warf er ſich raſch aus dem Sattel, ließ das Thier frei, und arbeitete ſich glücklich durch den Graben hindurch. Welch eine Scene that ſich hier dem Erſtaunenden auf! Zwei Frauen und ein Paar Hofdiener erblickte er eben ſo flüchtig wie vorhin den armſeligen Hirten; aber dicht vor ihm lag eine ältere Dame in Ohnmacht hingeſunken auf dem Raſen, und eine jüngere, die Barner auf den erſten Blick am goldgelben Lockenhaare erkannte, hatte ſich über die Herrin geworfen, und ſtieß aus beklommener Bruſt ein herzzerſchneidendes Angſtgeſtöhn hervor. Mit Haſt warf Klaus die Augen umher, indem nach Gewohnheit des Kriegsmannes bei einem Ueberfalle er zugleich Schwert und Dolch mit beiden Händen faßte und aus den Schei⸗ den riß. Und es war Zeit zur Wehr, denn im Trabe ſchoß der grimmige Wolf gerade dem Platze zu; ein zerriſſenes Lamm, welches das Unthier im Rachen trug, ſchleuderte es fort, und mit weit offenem Rachen, deſſen weiße Zähne noch ſchauriger glänzten, da die vorge⸗ ſtreckte Zunge von friſchem Blute dampfte, warf es ſich gegen den Junker, in welchem es den Verderber erkannt hatte. Der Anfall war furchtbar; doch der Nothaugen⸗ blick erhöht Kraft und Gewandtheit. Mit dem Eiſen⸗ korbe des Schwertes fing der ſtarke Mann das Gebiß des⸗Wolfes auf, und obgleich erſchüttert von dem An⸗ ſprung des Raubthieres und von dem Griffe ſeiner ge⸗ waltigen Tatzen, glückte es ihm mit der Linken, den kurzen Dolch tief in die Gurgel zu ſtoßen, ſo daß der Feind nach einigen heftigen und krampfigen Biſſen auf das Eiſengitter zur Seite taumelte, und der Junker 318 ihm nun freier den Stoß aufs Leben in den zottigen Wanſt verſetzen konnte. Alles das war mit Gedankenſchnelle vollführt wor⸗ den, aber nicht ohne Opfer. Zerfetzt und blutbegoſſen lag Barners braunſchweigiſche Feldbinde an der Erde, der Korb ſeines Schwertes hing zerbrochen, und die Fangzähne des wilden Thieres waren durch Korb und Handſchuh gedrungen, und die Rechte des männlichen Jägers blutete heftig. All deſſen nicht achtend wandte der Sieger ſich ſofort zu den geretteten Damen. Es war Maria von Württemberg, des Herzogs Gemahl, und ihr erſtes Hoffräulein, und mit aufglühenden Blicken bog der Jüngling ſein Knie in das Gras, legte leicht und ehrfurchtsvoll ſeinen Arm um des Fräuleins Leib und ſprach: Erholet Euch, theure Eva! der Wolf iſt todt, und Ihr ſeid außer Gefahr! Daß ich auserſehen wurde, ſo die Stunde des Wiederſehens zu feiern, iſt das reichſte Geſchenk des himmliſchen Vaters, und ich achte mich dadurch gleich einem Erwählten, dem das Höchſte gelingen muß im Leben!— Das Fräulein horchte auf bei der Stimme, ſah mit Blicken, aus denen Sinnenſtörung ſprach, um ſich, und als ſie das todte, zuckende Unthier erblickte, ſprang ſie auf mit neuen Schreckensgeberden, und flüchtete hin⸗ ter die ohnmächtig daliegende Gebieterin. Der Wolf iſt todt! Er würgt nicht mehr! ſprach Klaus, vom Knie ſich erhebend. Aber ſpringt der Fürſtin bei, mein Fräu⸗ lein! Ich darf ſie nicht anrühren, denn meine Hände ſind blutig.— Die Hofdame ermuthigte ſich, einen flüch⸗ tigen Blick warf ſie auf des Retters Geſtalt, bei dem ihr erblichenes Geſicht von einer hohen Röthe beflogen ward, dann kniete ſie raſch zur Herzogin hin und erhob S 8 n 319 den Kopf der Herrin zu ihrer ſchlagenden Bruſt hinauf, mit dem Arme ſie eng umfangend. Junker Barner, Ihr ſeid vom Himmel nieder ge⸗ kommen! ſtammelte ſie dabei ohne ihn anzuſehen. Wie wird Heinrich Euch danken.— Was iſt Heinrichs Dank gegen das Gefühl, Eva's Leben geſchützt zu haben? ſagte Klaus innig zurück. Fräulein, ich kann Eure zarte Hand nicht verlangen zum Willkommen, denn die meine blutet. Aber darf Euer Lichtauge nicht ſprechen:„Klaus, ſei mir ge⸗ grüßt?“— Ihr blutet? rief Eva in immer wachſender Verwir⸗ rung. Und die Herzogin ſtirbt hier. Ruft doch um Beiſtand; eilt zur Stadt und holet Helfende. Was wird der Herzog ſagen!— Klaus ſeufzte tief aus der vollen Bruſt, aber gehor⸗ ſam griff er die zerriſſene Feldbinde auf, winkte damit durch die Luft, und ließ ſeine mächtige Stimme der Stadt zu erſchallen. Die beiden Hofbedienten hatten auf der Flucht zurückblickend den Kampf zwiſchen Mann und Wolf geſehen, und waren wie verſteinerte Bilder ſtehen geblieben. Hatten ſie die kränkelnde Herzogin auf ihrer täglichen Morgenpromenade in der Gefahr wie ächte Hofſchranzen verlaſſen, ſo weckte des Junkers Ruf jedoch alle Dienſtpflicht wieder in ihnen zum Bewußtſein, und eilig kamen ſie herbei, nahmen die leidende Fürſtin auf ihre Arme, und trugen ſie zur Stadt. Wir ſehen uns im Schloſſe! ſprach die Hofdame ſchnell, und folgte den Trägern nach einem ſcheuen Scheidegruße, den ſie dem tapfern Jünglinge gab. Da ſtand Barner verlaſſen neben dem blutenden Raubthiere, und ſetzte mechaniſch ihm den Fuß auf den Wanſt, und ſein Geſicht verzog ſich zu 320 einem ſeltſamen Lächeln, als er die Ferſe mehre Male hart in die Weichen des erlegten Wildes drückte, und er bemerkte nicht, wie ihm ſein Leibbube den wieder gefan⸗ genen Schecken vorführte, die Zügel kunſtgerecht legte und den Steigbügel zum Aufſteigen feſthielt. Das Fräu⸗ lein hatte nicht einmal ſeine Begleitung erbeten nach einem ſolchen Augenblicke; ihr Auge hatte nicht einen Blick, wie er ſonſt Tauſende gewohnt worden auf ihres Oheims Burg, belohnend auf ihn gerichtet; der Name Heinrich war ſo dreiſt über ihre Lippen gegangen, ſo ohne Ehrfurcht und ſtrenge Hofſitte;— das Alles kreuzte ſich wie eine Blitzſchlacht am dunkeln Himmel ſeiner Seele.— Glück auf, wackerer Jagdgeſell! tönte da eine Baß⸗ ſtimme neben ihm. Ihr ſeid ein Glückskind, und immer zur rechten Zeit am Flatze, geſtern bei Nettebecks wie hier in der Wolfsſpur, der wir vergebens die ganze Nacht nachgegangen. Seid Ihr auch in des Herzogs Jagdrecht gefallen, auf das er ſtreng hält, ich denke, er belohnt Euch heute mit dem halben Fürſtenthume, ſo wie ich Euch lohnen möchte mit der Hälfte der Habe für die geſtrige Rettung aus den Fäuſten der groben Braun⸗ ſchweiger. Gott vergelt's, doch im Leben vergißt kein ehrlicher Mann ſolche brave Stückchen.— Raſch ſah Barner auf, und erkannte den Holzförſter Steiding. Sie iſt gut getroffen die Beſtie, antwortete er mit finſterer Stirn und gedämpfter Stimme. Wo Bär und Wolf zuſammentreffen da muß immer eines ins Gras beißen. Guten Morgen, Förſter!— So wickelte er die Feldbinde feſt um die zerfleiſchten Finger, warf ſich auf ſeinen Hengſt, und ſprengte im Galopp zur Straße zurück. 321 Seltſam! ſagte der Jäger. Der ſcheint eben nicht Freude zu haben am Glücksfall und an ſeiner wackeren Mannesthat, mit der unſer Einer ſich den Hut voller Harzgülden hätte verdienen können. Friſch Burſchen, packt die ſchwere Beſtie aufz wir wollen den Wolfen⸗ büttlern einen Jubel bereiten, und dem Junker ein Zeug⸗ niß nachtragen, das vor dem ſtrengen Herrn Herzog gültig ſein wird, ſo ſehr er auch den Hildesheimern gram iſt.— Die Jagdbuben beluden ſich mit dem Wolfe und folgten langſam den Uebrigen zur Stadt, und in der Gegend des Schreckens blieb Niemand zurück, als der Hirt, der ſeine zerriſſenen Thierchen beweinte.— Aber deſto lärmender wurde der Morgen hinter den hohen Wällen der Herzogsſtadt. Schrecken hatte zuerſt das Gerücht von der Erſcheinung des Wolfes verbreitet, und kein Bürger wagte Kinder und Geſinde hinaus zu ſenden auf Wieſe oder Gartenfeld. Der Großvogt, Herr Balthaſar von Stechaw, welcher die Herzogin auf dem vom Arzte befohlenen Frühſpaziergange wußte, ſandte ſogleich einige Hellebardierer in Begleitung der fürſt⸗ lichen Sänfte ab, die aber für das möglich geweſene Un⸗ glück zu ſpät kamen, und erſt nahe am Schlagbaume der Stadt die Herzogin aufnehmen konnten. Von hier verbreitete ſich wie ein Lauffeuer die fröhliche Jägermähr durch die Gaſſen, und als Klaus Barner hereinſprengte, empfing ihn der Jubel des Bürgervolks, der ihn bis zur Herberg begleitete und nur durch die Ankunft des er⸗ legten Unthiers unterbrochen wurde, dem natürlich, als der Hauptperſon des merkwürdigen Tages, Jung und Alt zuſtrömte, und mit Schauder begann man jetzt die Blumenhagen. II. 2¹ 322 ungewöhnliche Größe des wilden Geſchöpfs anzuſtaunen, auszumeſſen und zu beſprechen. Der Herzog ſchickte ſei⸗ nen Großvogt und den Rath von Saldern, um den ge⸗ bührenden Dank abzuſtatten, eine Gelegenheit, welche die bei dem Junker Barner verſammelten Rittersleute nicht vorübergehen ließen, um die gewünſchte Audienz zu erbitten, welche ihnen auch ſogleich vor der Mittags⸗ ſtunde bewilligt wurde. Sogar der Wundarzt vom Schloſſe erſchien in des Junkers Gemach, aber die Hand war ſchon von dem erfahrnen Waffenträger beſorgt und gut verbunden, und nur der Kühltrank, den in einer Kryſtallflaſche der Aeskulap überreichte, und dabei be⸗ merkte, daß unter der Aufſicht der herzigen Fürſtin die Hoffräulein ihn mit zarten Händen ſelbſt bereitet, war willkommen, obgleich er die kühlende Wirkung bei dem haſtig trinkenden Junker nicht bewähren wollte.— Das menſchliche Gemüth iſt ein ſeltſamlich Ding. Es kann viel, gar viel ertragen; die furchtbarſten Ein⸗ wirkungen zerſtören es nicht, der Kampf der ſchmerz⸗ lichſten Empfindungen zerreißt es nicht, und wie ein elaſtiſcher Spielball von derben Fäuſten geſchlagen immer ſeine Form behält, bleibt auch das Menſchengemüth daſſelbe, und erträgt die zahlloſen Sturmſtunden eines ganzen Menſchenlebens, und die Zeit nimmt ihm ſogar nach und nach die kleinſten Eindrücke ſchmerzhafter Er⸗ innerung wieder. Nur eines iſt ihm verderblich, der Uebergang von Extrem zu Extreme; aus dem Feuer in das Eis geworfen wird es hart für immer, an beiden Polen zugleich geſchlagen wird es mißgeſtaltet für im⸗ mer.— Im jugendlichen Freimuthe glücklich, ſeiner Wünſche Nichterfüllung unmöglich glaubend nach Knaben⸗ Weiſe, hatte Klaus Barner dieſe Fahrt begonnen. Vor 323 einem Jahre etwa traf er auf dem Schloſſe des Kur⸗ fürſtlich⸗Brandenburgiſchen Marſchalls von Troth, des Oheims ſeiner Freunde Adam und Tilen, die ſchöne Schweſter derſelben, das Hoffräulein der Herzogin Ma⸗ ria, die, ſo wie er, zum Sommerbeſuch bei den Bluts⸗ freunden gaſtirte. Eva war gewachſen wie die freiſte⸗ hende Tanne des Gebirgs; Friſche der Geſundheit, leichtes Blut und aufgeweckter Sinn trieb bei der kaum in das Jungfrauenalter Getretenen alle Reize ihres Geſchlechts in Ueppigkeit an das Licht, wie Maienſonne und Früh⸗ regen den Roſenſtrauch in einer Nacht mit hochfärbig geöffneten Knospen bedeckt. Man konnte nicht wegſehen von ihrem Bilde im Ahnenſaale des Oheims, wo ſie ſaß im Amazonenkleide und rauhhaarige, hochbeinige Wind⸗ hunde ſtreichelte, das blitzende hellbraune Auge auf die ſchönen Thiere geſenkt, welche der Jägerin ſchmeichelnd die rauhen Schnauzen in den Schooß drückten, in vor⸗ gebeugter Stellung die Fülle der üppigſten Bruſt ent⸗ hüllend, auf welcher goldgelbe Locken in ſeltener Schön⸗ heit ſich ſchlängelten, als wollten ſie eiferfüchtig dem kecken Schauer das Schönſte in der Natur verſchleiern, und das ewige, verlockende Lächeln auf dem kleinen ge⸗ wölbten Munde, der dadurch zum Falkengarn wurde für das freieſte und roheſte Männerherz. So wie der Ma⸗ ler ſie gemalt, ſo hatte ſie Klaus Barner zuerſt wirklich bei dem Jagdfeſte des Marſchalls erblickt, und der erſte Blick koſtete ihm die Freiheit des wilden heißblutigen Herzens. Die feine Galanterie ihres Geſprächs, der leichte, witzelnde Hofton ihrer Unterhaltung machte ihn vollends zu ihrem Knechte, und täglicher Huldigung ge⸗ wohnt, mißſiel der ſchönen Eva der Sieg über den ſtattlichen, unverdorbenen Sohn der Natur nicht; ſie 324 gab ihm manches Pfand der Frauengunſt, ja der Ab⸗ ſchiedskuß brannte feſter und wärmer auf ſeinen Lippen, als die deutſche Sitte, zu der ſich ſchon manches über⸗ rheiniſche Uebel geſellt, erlaubte. Sein Streben, das bis dahin noch kein eigentliches Ziel gehabt, nahm von damals an eine beſtimmte Richtung; um Eva von Troth ſchloß er ſich an des Herzog Heinrichs Heerbann, um Eva von Troth ſchien es ihm nicht entehrend, von dem Sieger die neue Belehnung ſeiner ererbten Güter zu erbitten, um Eva von Troth war ſelbſt der Hof zu Wolfenbüttel, den alle Hildesheimiſchen Ritter wie das Fegefeuer haßten, ihm der geſchmückte Turnierplan, der ihn mit der Hoffnung anlockte, dort den höchſten Preis des Lebens zu erringen.— Das gefährliche Zuſammentreffen dieſes Morgens konnte als glücklichſte Vorbedeutung erſcheinen, aber Eva's Benehmen zerriß ſchnell den Kranz, welchen das Schickſal dem Jünglinge zu reichen ſchien; es war plötz⸗ lich eine Säure in ſeine Laune gekommen, und mit kalter Bitterkeit nahm er die Glückwünſche der Gefähr⸗ ten auf, und ſäuberte kaum ſeinen Anzug in ſo weit, daß er damit anſtändig in der Audienz des Herzogs er⸗ ſcheinen durfte. Der alte Marſchall Hans von Steinberg, welcher ſchon dem dritten Herzog diente, führte die Ritter und Junker in den Prunkſaal, und der hitzige, raſtloſe Fürſt ließ die Vaſallen nicht lange auf ſich warten, ſondern traf gleich nach ihnen, die kleinen Prinzen Viktor und Magnus an der Hand, durch die entgegengeſetzte Flügel⸗ thür ein, die ein Paar lange Hellebardierer beſetzt hiel⸗ ten. Herzog Heinrich war im ſchönſten Mannesalter, und fehlte auch ſeinem Aeußern Manches zum Ideal der 325 Männerſchönheit, ſo machte doch ſein wohlgeſtalteter Kör⸗ per, der von Kraft, Geſundheit und Lebensluſt ſtrotzte, einen angenehmen Eindruck auf jedes Auge. In kurzen natürlichen Locken umflog das lichtbraune Haar eine etwas zu nackte Stirn, die trotz der Jugend ſchon durch das Kriegesleben ſcharf gerunzelt worden; der krauſe Bart, den der Herzog mit beſonderer Eitelkeit pflegte, und welcher ihm ſpäter den Beinamen gab, erhob das Herriſche ſeiner Züge und ſeiner ritterlichen Figur, und der Blick ſeines blauen Auges hatte ein ſolches Feuer und ſolche Schärfe im Zorn wie in der Gnade, daß ein Unterthan nicht leicht den dreiſten zweiten Blick hinein wagte. Unbewaffnet, ungeputzt trat er im leichten, grau⸗ tuchenen Hauskleide mit hellblauem Ueberfall, dicht vor die Reihe der Gäſte, die das eine Knie gebogen hielten und mit geſenktem Haupte den Ueberwinder begrüßten. Kommt ihr endlich einmal durch das Schloßthor des Wolfenbüttlers, ihr neuen, ſtarrköpfigen Vaſallen, und gedenkt eurer Pflichten gegen mich, der euch aus Knechten der Glatzköpfe zu wackern Fürſtendienern gemacht hat, und ohne den ihr nicht viel bleiben würdet im Kreiſe der deutſchen Edelleute? So redete er ſie an mit einem Ton aus ſpöttiſcher Laune und Groll gemiſcht. Mich will bedünken, der Tauſch müſſe euch höchlichſt freuen, denn wo zeigt ein deutſcher Gau einen Herrn, dem ein ächter Rittersmann mit mehr Eifer dienen möchte als dem Heinrich von Braunſchweig? Wo die rothen Schwer⸗ ter des Wolfenbüttlers leuchten wie Blitze am Wetter⸗ himmel, da wahret Kurfürſt und Kaiſer ſelbſt das Haupt, und ich denke, was der Leo beſaß, und was ihm höſiſche Buben abzwackten gegen Recht und Reichs⸗ geſetz, läßt ſich wieder gewinnen, wird der Mann dazu 326 geboren, und auf die Stirn jedes Welfenprinzen paßt die Kaiſerkrone ſo gut wie auf den Scheitel eines Otto und Rudolph. Nun willkommen darum, Ihr Herren! Zu ſolchen Thaten gebraucht man Männerarme, und daß Ihr ritterliche Arbeit dem faulen Leben vorzieht, bezeugt Ihr, da Ihr zu dem Heinrich einrittet.— Kurd von Alten, den man zum Sprecher erwählt, trug jetzt in gedrängten Worten das Anliegen der Ritter vor, bat um neue Belehnung, Einſetzung in ihr Eigen⸗ thum, und Entfernung der Vögte und der militäriſchen Bequartierung aus den eroberten Schlöſſern. Der Herzog hörte geduldig zu, aber als Herr Kurd zu Ende war, kam wiederum das ſeltſame zweideutige Lächeln auf ſein Geſicht, das ihm zur Angewohnheit geworden. Und wer gibt mir Bürgſchaft für Euren guten Wil⸗ len? fragte er. Meine Karthaunen, die faule Metz, der grimmige Leu und der ſcharfe Falk ſind ſchwer zu be⸗ wegende Hülfstruppen, und ich möchte ſie nicht ſobald wieder marſchiren laſſen. Noch habt Ihr nicht Alles bezahlt, was ich verlangt als Erſatz der Koſten, die mir der Biſchof gemacht, und Heinrichs Wort ſteht ſo un⸗ widerruflich, wie die Bullen des heiligen Vaters in Rom. Zahlt die Rückſtände, und Ihr ſollt den Herzog nicht unbillig finden.— Er ging nun an der ſtattlichen Männerreihe hinab, und fragte Jedweden nach Namen und Lebensverhält⸗ niſſen. Klaus Barner ſtand als Jüngſter zuletzt, und da der Herzog zu ihm kam, ſchien er ſichtbar betroffen, ließ die Kinder von der Hand, und trat mit dem Aus⸗ rufe: Steinbrück, auch Du hier? einen Schritt zurück. Prinz Viktor aber ſprang lebhaft vor und ſteckte ſeine 327 kleine Hand dem Junker entgegen. Vater, rief der Knabe, das iſt der Mann, der den böſen Wolf todt gemacht. Behalte den Mann hier, Vater, dann beißt die Mutter und uns kein ſolches Thier mehr. Der Steiding hat mir den Wolf gezeigt, und auch den Mann, wie er auf das Schloß ging. Bitte ihn, daß er mich lehrt, wie man die Wölfe tödtet, denn er muß es beſſer verſtehen als Alle, da der Förſter ſelbſt ſagt, er hätte ſich ſo nicht gewagt und wenn es um ſein eigen Kind geweſen.— Heinrich hatte indeß den Junker feſt ins Auge gefaßt, der jedoch den blitzenden Blick ohne Zucken der Augenwimpern ertrug und erwiderte. Plötzlich zog er den vortretenden Knaben zurück und ſagte heftig: Dein Gewand iſt blutig, Du trägſt den Dolch im Gurt; Barner, warum kommſt Du alſo vor Deinen Herrn?— Der Dolch war des Vaters Wehr, und ich ſchwur, ſie nie von mir zu thun, antwortete Klaus mit kaltem Ernſt; und dieſe Blutflecken am Wamms ſind Herzblut der Beſtie, aus deren Zähnen ich die Eurigen rettete.— Ich weiß, weiß, ſfiel der Herzog ein. Und ich bin Dein Schuldner darum.— Ihr haſſet meines Vaters Andenken noch im Tode, fuhr der Junker fort, ohne ſich irre machen zu laſſen; der Tapfere ſollte des Tapfern Andenken ehren. Den Sohn habt Ihr nicht zu fürchten, vornehmlich jetzt nicht, denn ſeht, da liegt noch das ſchwarze Pflaſter über der linken Hand und hält jene Wunde zu, die des tollen Bauersmannes Senſe mir in der Nacht vor Franken⸗ hauſen ſchnitt, und die Rechte iſt ſeit heute unbrauchbar für lange Zeit, denn der tolle Wolf ſchlug ſeine ſchärf⸗ ſten Zähne hindurch, und der Bär iſt darum ein Lamm geworden für jetzt.— 328 Der Herzog warf einen finſtern Blick auf die herge⸗ zeigten Hände; dann entgegnete er haſtiger: Ich haßte Deinen Vater, weil er Schuld, daß meine braven Us⸗ lars vor Peine hingemetzelt wurden, und das Schickſal hat ihn ernten laſſen, was er ſäete. Du biſt ein guter Degen, aber Du verkehrſt mit den rebelliſchen Braun⸗ ſchweigern, und die ſollen die Erſten ſein, welche Hein⸗ richs Fauſt züchtigen muß. Ich werde ihren großen und kleinen Brief zu Lumpen machen, und ihren Schutzpa⸗ tron, den heiligen Autor zuſammt ſeinem Silberſarge eigenhändig aus ihrer Kirche auf mein Schloß tragen, wenn ſie nicht das aufrühreriſche Herz beſſern, das ſchwöre ich bei meinem Barte! Ihre vierzehn Bürger⸗ meiſter ſoll ein Schwertſchlag zu ruhigen Männern machen, und riefen alle fünf Weichbilder und die ganze Hanſe ihr Jodute!* durch die Welt; und die ketzeriſchen Prediger Kruſe, Winkler und Bugenhagen will ich kreu⸗ zigen auf der Spitze der Aſſe zum ſchauerlichen Beiſpiele für alle Kirchenſchänder. Willſt Du dem Heinrich ange⸗ hören, Barner, ſo muß Dein Fuß nie mehr durch das Aegidienthor zurückſchreiten.— Barners Haltung blieb unverändert bei dem barſchen Spruche. Ich habe Blutsfreunde dort, erwiderte er ruhig, doch kümmert den ſtiftiſchen Edelmann ſweder das lärmende Gebell der Bürgerſippſchaft, noch der freche Gottesſpott der Ketzerbrut. Es liegt an Euch, mich feſtzuknüpfen an dieſes Schloß für ewig. Ich bin ver⸗ armt durch Euch und Eure Kriegsleute, die mein Schloß einäſcherten, und jedes Familienkleinod im Ranzen fort⸗ ſchleppten. Gebet mir Steinbrück zurück, erlaßt mir die * Ein Nothruf und Feldgeſchrei der Sachſen. 329 Kriegsſteuer und würdigt mich des Ritterſchlages von Eurer tapfern, edeln Hand. Geehrt und würdig ſoll Heinrich mich dann finden in der vorderſten Reihe ſeines Heeres, ſtets bereit, ſedem ſeiner Feinde die Bruſt gleich einem erzenen Schilde vorzuwerfen; geehrt und würdig werde ich ihn dann um das Höchſte bitten, was mir ein Menſch gewähren kann, und ſagt er es zu, ſo bin ich ſein mit Seele und Leib bis zum Grabe.— Der Herzog ſah ihn mit großen Augen verwundert an. Du forderſt wie ein Barner, ſagte er: der Bär iſt unerſättlich, und die geheime Bitte könnte gar meinen Herzogshut treffen. Doch ich liebe die Kühnheit, und nur der ſich fühlt, wagt in drei Worten ſolche Anſprüche. Ich will's überlegen bis morgen, denn unſere Herzogin iſt krank, und bei dem Ritterſchlage eines ſolch galanten Junkers dürfen doch die Damen nicht fehlen, denen er ſolchen Ritterdienſt erwies. Ich hoffe mein Gemahl und ich zahlen Dir morgen die Schuld nach Kräften ab. Bis dahin ſeid Ihr entlaſſen, meine Herren.— Auf Barners finſteres Geſicht war eine Freudenglut hinan geſtiegen aus dem klopfenden Herzen, und er ver⸗ neigte ſich tief vor dem gnädigen Herzog. Prinz Viktor hatte bis dahin an dem Griffe des Dolchs geſpielt, und immer freundlich zu dem Sprechenden aufgeblickt. Du bleibſt bei uns, flüſterte der Knabe jetzt, als der Vater fortging, die Mutter ſoll den Vater bitten und das Fräulein Eva auch; der wird es nimmer verſagen. Und dann nimmſt Du mich mit auf die Jagd an der Aſſeburg, und zeigſt mir, wie man die Wölfe todt macht.— Barner legte die Hand auf den ſchönen Blondkopf des Kleinen; er ahnete nicht, daß es kein Segensdruck 330 wurde, ſondern daß dieſe Hand einſt in der Mordſchlacht dem lieben Haupte Tod und Verderben zu bringen be⸗ ſtimmt war. Der alte Marſchall von Steinberg ließ die ritterlichen Gäſte zur Tafel laden, da der Hof wegen der Unpäß⸗ lichkeit Marias nicht offen ſpeiſete. Klaus Barner blieb daheim in der Herberg, ſein Gemüth ſtimmte nicht zu einem Zechgelag, und ſeine Gedanken leiſteten ihm bis zum Abend die beſte Geſellſchaft, wo ihm Tilen von Troth, der Eva jüngſter Bruder, einen Beſuch verſprochen. Der Freund hielt dem Freunde Wort, wenn auch die Zeit bis zu ſeiner Ankunft für den Harrenden die drei⸗ fache Länge anderer Tage gehabt hatte. Durch eine Seitenpforte führte Troth den Steinbrücker Junker in das Schloß, Beide wanden ſich ſchmale Treppen hinauf, eine Gallerie durchſtrich man ohne Geräuſch, der kecke Tilen ſtieß ein Spitzthürchen auf und Beide ſtanden in dem Geheimzimmer des Fräuleins Eva. Welch ein Ueberfall! rief ſie erſchrocken, aus dem ſammetnen Faulſtuhle aufſpringend.— Es ſind Auxiliar⸗ truppen und gute Freunde, lachte der Bruder laut, die der Feſtung Proviant bringen, und welche die Garniſon mit Trompetentuſch empfangen muß. Welch ein Brü⸗ derchen haſt Du Schweſter! Kaum hört er, daß Du Dich langweilſt, weil die Herzogin alle Damen fort⸗ ſchickte, ſo bringt er Dir galant das liebſte Spielwerk, bei dem die Zeit Dir galoppiren wird, als hätte ſie des Oheims Windhunde vorgeſpannt. Nun, nur herein, Freund Barner! Es ſteht kein Engel mit dem Schwerte vor dem Paradieſe, nur die Eva ſitzt einſam und ſchmach⸗ tend unter dem Baume der Erkenntniß, und harrt mit 331 Sehnſucht auf den thörichten Freund, der ihr die Hälfte des heilloſen Apfels abnimmt.— Unartiger, unbeſonnener Menſch! zürnte Eva, und Verlegenheit miſchte ſich zu dem Unmuthe, als jetzt Klaus vortrat und ſie ehrfurchtsvoll, doch glühenden Blicks be⸗ grüßte. Schelten thut mich der Oheim genug, und darum ritt ich nicht ein in das Wolfenbüttler Thor. Ich kehre wieder, wenn der da für beſſere Laune geſorgt hat. So ſpöttelte Ritter Tilen, ſprang durch die Thür zurück, und warf ſie hinter ſich in das Schloß. Da ſtand nun Barner in ſeinem Himmel und zagte. Ueberraſcht war er von Evas Anblick, konnte doch die Mutter der Menſchen am Tage des Apfelbiſſes nicht ſchöner, nicht verlockender geweſen ſein als das Fräulein heute. Ein dunkelgrünes Seidenkleid umſchloß, nach damaliger Mode, ihren Leib ſo eng, daß nicht eine Wölbung der ſchönen Form dem Auge verloren ging. Die Bruſt war entblößt bis zu Schultern und Nacken, und nur eine ſchwarze Korallenſchnur warf leichten Schatten auf die Fülle von Licht; das gelöſete Goldhaar wurde nur durch eine reiche Schmucknadel am Scheitel feſtgehalten, und über das Alles herrſchte, hervorgebracht durch die halbverhangenen blauen Fenſtervorhänge, im geſchmackvoll aufgeputzten Zimmer ein Dämmerlicht, das wie eine kluge Kupplerin die Reize der Freundin halb beſchattete und geſcheit auch der Phantaſie zu thun ließ; und durch die Spalten einer feuerfarbenen Gardine ſah man in einem Kabinette unter einem großen Kruzifix das weißſchimmernde Jungfrauenbett, Heilig⸗ thum vom Heiligſten bewacht. Klaus geſtand ſich, daß er noch nie ein Weib reizender, noch nie eine Umgebung verführeriſcher geſehen hätte, und mit innerem Beben 332 und den Feuertanz der Blutwellen in allen ſeinen Adern fühlend, trat er ihrem Seſſel näher. Auf Evas ſonſt ſo freundlichem Mund wollte ſich ein bitteres Gefühl feſtſetzen gleich dem grauen Abendſphinx, der rothe Knospen umſchwirrt; ſie hob ſchon die weiße Hand mit blitzenden Armbändern und Ringen bewaffnet, um den Einbruch in ihr heimliches Kloſett durch den Befehl zum Fortgehen zu ſtrafen, als ſie aber das dun⸗ kele Auge voll Heimlichkeit auf den männlichen Jüngling heftete, der in ſo demüthig bittender Stellung vor ihr ſtand, da vergaß ſie ihren Entſchluß, und bedeckte mit der ſtrafenden Hand die eigenen Augen. Dreiſter trat der Junker heran, zog die Hand der Dame von ihrem Antlitz, und preßte den heißeſten Kuß auf die zarten Finger. Nein, Eva, entzieht mir den Blick des Auges nicht in dem die heiligſte Seligkeit wohnet, aus dem die Hoff⸗ nung darauf mir ehedem leuchtete, ſprach er mit ernſten, aber wohlklingend gehobenen Tönen. Werft den räthſel⸗ vollen Schleier von Eurer Seele, und ſeid mir wieder die engelgleiche Huldin, die mit dem Zauber ihres Him⸗ mels mein Leben weihete, und Bedeutung in mein arm⸗ ſeliges Daſein trug.— Barner, welch ein böſer Geiſt führte Euch hieher, hieher zu mir? fragte Eva, ihm mit ſtarren Blicken feſt in die treuherzigen Augen ſchauend, und zugleich den ſchwerſten Seufzer aus der vollen Bruſt herauf hebend, mit ſichtlicher Anſtrengung des beängſtigten Gemüths. Fraget Ihr noch? antwortete er mit Verwunderung. Der Strichvogel zieht ja willenlos der Sonne nach, und verläßt Neſt und Heimath, ſobald ſie zum Süden ſich wendet. Winter und ewiger Froſt iſt für mich, wo ich 333 Euch vermiſſe, und die ſechs Monden ſeit dem Abſchieds⸗ morgen zu Schwebke ſind mir wie Methuſalems⸗Jahre hinabgeſchlichen. Eva, Ihr habt mein Bekenntniß. Mild und freundlich hörtet Ihr es an unter den weißen, ver⸗ ſchwiegenen Hangbirken am Elbufer; ich durfte dieſen weichen Handſchuh nehmen im Ringeltanze und ihn legen gleich einem Talismane auf die begehrende Bruſt, deren wilde Sehnſucht, deren quälende Wünſche nur ſeine Nähe, gleich dem Geduldstranke des Arztes, ſtiller machte; Eva, ich durfte Euch meine Eva nennen, und Ihr zürntet nicht. O warum ſoll ich, da die Hoffnung lacht, da der Zufall ſelbſt ſo viel that, mir alle Pfade des Glücks gangbar zu machen, warum ſoll ich die böſen Knappenjahre nochmals beginnen, Eurer Laune und der jungfräulichen Eitelkeit zu opfern?— Glaubt das nicht, Junker! rief Eva erhitzt. O der Zufall verlockt Euch mit rothen Glücksbeeren in die Falle wie den unvorſichtigen Waldvogel. Eilet hinweg, denn ich ahne ſchreckliche Dinge und Verderben für Euch und mich!— Mit Befremdung trat der Junker zurück. Seid Ihr krank vom morgendlichen Erſchreckniß? fragte er beſorgt. Wo iſt hier Gefahr? Wo Verderben? Ich rettete den Herzog aus dem Schlachtgedräng; als ich Euer Leben beſchützte dem Unthiere gegenüber, ſicherte ich auch das Leben der Herzogin. Mein Kopf muß an dieſem Hofe ein Gaſt ſein, ſo heilig wie die Monſtranz der Schloß⸗ kapelle, und hätte Heinrich mit einem hundertfachen Eide meinem Geſchlechte einen ewigen Haß geſchworen.— Er wird Euch haſſen, verfolgen, mehr als den Vater; er wird dürſten nach Eurem Blute, wenn er erfährt— — ſtieß die Dame haſtig hervor. 334 Ihr ſprecht ſinnloſe Worte, meine Eva! fiel Barner ein. Seine Gnade iſt mein, vor ſechs ritterlichen Zeugen hatte er ſie mir zugeſichert heute noch. Einſetzen wird er mich in Burg und Gut, den Ritterſchlag ſoll ich em⸗ pfangen von ſeinem Degen, morgen darf ich auftreten als Werber um Eva's Hand, und der Einwilligung der Herzogin bin ich ſicher; Euer Oheim hat der Anfrage nichts entgegen geſtellt, nur gefordert, was morgen mir der Fürſt bewilligen wird, und Eure Brüder haben mich längſt mit innigſter Bruderliebe umfangen. O meine Eva! rief er heftiger und warf ſich neben ihr hin auf die Knie, ziere Dich nicht, von falſcher Scham gebunden. Es iſt kein lügenhafter Schranz, der Dir Herz und Hand beut; Du darfſt dem deutſchen, ehrlichen Manne ver⸗ trauen, der Dich auf den Händen tragen wird wie ein ſchwer errungenes Heiligthum, der mit Dir theilen wird, was das Leben beut, aufſuchen wird für Dich jede Freudenblume des Lebens auch vom tödtlichſten Abgrunde, der mit ſeinem Herzblute ſelbſt Dich tränken würde, dürſtete Dein liebeathmender Mund in der Wüſte. O ſtarre nicht ſo ſeltſam nach jener Wand, als ſtiegen Geſpenſter auf vor Dir! Schau hernieder in mein Auge; hier blicket Dir Liebe und Treue und Vertrauen ohne Falſch, und mein Wort erklingt Dir mit der Wahrheit des Knaben, der an jenem Abende unter den Birken zum erſten Male fühlte, daß er Mann ſei und wür⸗ dig werden könnte, nach dem Höchſten zu ringen, und Anſpruch zu machen auf Dich, die ſchönſte Deiner Schweſtern, ſo weit die deutſche Zunge redet.— O daß ich nie wieder geſchieden wäre von des guten Oheims ſtillem Schlößchen! ſeufzte Eva, wie in einem Traume verſunken und drückte leiſe wie willenlos des — 2 S zc) S—— c„—„ S S — N—— W 1 8 8 — v* F — 335 Junkers Hand, die wiederum die ihrige umfaßt hielt, doch blieb ihr Auge ſarr auf die Wand gerichtet, und mechaniſch folgte der Junker ihrem Blicke. Ein lebens⸗ großes Bild Heinrich des Löwen hing da; der tapfere Ahn der Welfen ſtand darauf gemalt in würdevoller Stellung, das bunte Fürſtenkleid bedeckte die eiſernen Glieder, der hellgrüne Mantel hing tief herab von den breiten Schultern, ein glänzender Perlengurt umſchloß den Leib, das gerade, alterthümliche Schwert trug der Held entblößt in der Rechten, und mit ruhigem Ernſte ſchien ſein Auge unter dem ſchlichten Haare herabzu⸗ blicken auf das bewegte Paar. Jener ehrwürdige Kreuzfahrer ſegnete jedes gute Bündniß, und half allen, die es ehrlich meinten; ſagte der Junker. Und warum biſt Du nicht hier ſo frei, wie Du dorten wareſt? Bin ich nicht neben Dir? Sind nicht Dein Ohm da und Deine Brüder? O beichte mir, Heißgeliebte, was Dein ganzes Weſen alſo gewandelt hat, daß mir die Freimüthige ein verſchloſſener Schrein ward, und die kindlich⸗Heitere ein düſterer Räthſelſpruch.— Horch! flüſterte ſie und ſchrack zuſammen, ohne ſeine Rede zu beachten; da ergriff den Jüngling die Glut der Erinnerung, und der Rechte ſich bewußt, die ſie ihm einſt eingeräumt, wagte er das Ja, was ſie nicht im Worte geben wollte, von der Jungfrau in der Erwiderung ſeiner Liebkoſung zu gewinnen. Eva! rief er aus, es iſt Alles ſtill und heimlich hier, nur die Liebe iſt mit uns, und beut uns die Schale ihrer Seligkeit. Eva, Du kannſt nicht ungeſchehen machen, was geſchah, Du kannſt nicht widerrufen, was Du gewährteſt; o neige Dein ſchönes Haupt zu mir herab und ſchließe laut und für ewig den Bund, den unſere Seelen ſchweigend und 336 ſcheu ſchon längſt beſchworen. Die Zeit, die dazwiſchen lag, verſchwinde wie ein böſer Traum, und was Dich hier ängſtigt, verfliegt ja zu Rauch, ſobald ich Dich hinaus führen darf in die herrliche Flur, die mein freies Steinbrück umgibt.— Halb erhob er ſich vom Knie zu ihr, und umfaßte ihren ſchlanken Leib kühn und liebeheiß, ſeine Küſſe bedeckten ihren marmorkalten Arm, ihre nackte Schulter drückten ſich in ihre Locken, und das Fräulein, in ſeine Taumel geriſſen, wie vom Strudel ſeiner Leidenſchaft mit ergriffen, bog vergeſſend den ſchönen Kopf rückwärts über die Seſſellehne, und der ſchönſte Mund gab ſich hin zum ſüßeſten Genuſſe; da krachte es furchtbar hinter ihnen, und das hohe ſchwere Bild Leos wurde herein geſtürzt in das Gemach, und aus der Oeffnung einer heimlichen Thür trat Herzog Heinrich raſch herein in leichter Seidentracht, aber mit dräuenden Blicken und geballter Fauſt. Wer bricht räuberiſch in die Geheimzimmer meines Schloſſes und beleidigt die Damen der Herzogin? ſtieß der Herzog heraus in gewaltigen Tönen, die den Sturm ſeiner Leidenſchaft verkündeten. Tod und Verderbeu bei meinem Barte! Ich laſſe den frechen Schänder durch meine Stallbuben peitſchen vom Schloſſe bis in das Okerwaſſer, daß er im Drillhäuschen ſein toll Gelüſt kühle und mit dem Leben bezahle.— Barner hatte die Dame aus den Armen gelaſſen, und als wäre der Geiſt eines Begrabenen vor ihm auf⸗ geſtiegen um Mitternacht, ſo ſtand er erſtarrt und er⸗ blichen, und ſah bald auf den Herzog, bald auf das durch Heinrichs Jähzorn verrathene Geheimniß des ver⸗ borgenen Pförtleins, und Züge, wie ſie auf den Geſich⸗ tern der Wahnſinnigen ſich auszupreſſen pflegen durch den 337 Streit der verworrenen Gedanken, zuckten über ſein Antlitz. Des Fürſten ſchändender Spruch belebte den erkalteten Körper wieder, mit der Linken faßte er den gekrümmten Griff des Sarazenendolchs und ein gellendes Gelächter drang aus ſeinen zuckenden Lippen und hallte grauenvoll von den getäfelten Wänden wieder. Wolf! Wolf! knirſchte er zwiſchen den Zähnen her⸗ vor. Biſt du wieder auferſtanden aus dem blutigen Graſe, und ſoll mein Eiſen nochmals kühlen deinen gie⸗ rigen Uebermuth? Fort, fort, ſag' ich! Bleibe zurück von meinem Lämmlein, denn der Bär iſt ein gar guter Jäger, und milden Liebestod gibt er lieber ſelbſt der Geliebten, als daß er ſie ließe in den Zähnen des ge⸗ häſſigen Unthiers.— Er hatte die verbundene Rechte ausgeſtreckt nach dem Fräulein, welches bis dahin wie ein Marmorbild geſeſſen. Mit dem Geſchrei: Er will mich morden! Schütze mich, mein Heinrich! ſprang Eva jetzt empor und flüchtete an des Herzogs Bruſt, der ſie mit dem linken Arme um- fing, indem er die rechte Fauſt drohend gegen den Junker aufhob. Dein Glück, frecher Bube! tobte der Fürſt, daß ich mein Schwert nicht trage; nicht einen Augenblick ſollte Deine Kühnheit ihren Frevel überleben, und ich hätte Dich längſt dem Vater nachgeſchickt zur Hölle.— Barners Auge rollte furchtbar über des Herzogs Ge⸗ ſtalt hin, als wollte er mit dem Zauber der Klapper⸗ ſchlange das Opfer einfangen in ſeinen Mordkreis. Langſam zog er den Dolch aus dem Gürtel und mur⸗ melte unverſtändliche Worte. Da ſchrie Eva laut auf, und den Herzog mit dem ſchöneg Körper deckend, rief ſie in Angſtſtößen: Klaus, ein Meuchelmörder! Der edle Blumenhagen. II. 22 338 Barner auf dem Schaffot! Nein! Nein! Bei dem Schat⸗ ten Eures Vaters, bei Eurer verzweifelnden Liebe! Fort! Fliehet von hier ſchnell und unbefleckt!— Barner ſtutzte und ließ die Hand mit der Waffe ſinken. Voll Hohn und Verachtung blickte er auf die Zagende. Alter Rabe am Walde, ſagte er dumpf, Du haſt recht prophezeiht. Das Paradies iſt vollſtändig, die Eva mit der Schlange fehlt nicht, und die Schlange ſpricht ſo klug wie ihr Vater der Teufel. Dank Euch, mein edler Herzog, daß Ihr ſelbſt mir die Fackel hieltet, damit ich nicht dem Schächer Adam gleich wurde, der fremde Sünde auf ſich lud, und mit Schweiß und Blut bezahlte. Aber wir ſehen uns wieder, Herzog! Zittern ſoll der mächtige Welfenfürſt, wenn er ſich herauswagt aus ſeinen Wällen; in jedem Gebüſch ſoll er die Armbruſt des armſeligen Barners knarren hören; der Name Barner ſoll ihm klingen wie Todespoſt am Gelag, auf der Jagdbahn und in der Kriegsſchlacht; Barner ſoll der Würgengel heißen für das ganze Geſchlecht des verhaßten Heinrichs, und wenn der Tyrann röchelnd endet auf dem Blutplan, wird Barners Gelächter ihm das Gericht der Verdamm⸗ ten verkünden, das ſeiner wartet.— So ſtürzte er hinaus zum Zimmer und brauſete wie ein Orkan durch die Schloßgänge, zum Schrecken der Hofdiener und Hellebardierer, auf die er traf, und von denen keiner den Wolfeszwinger aufzuhalten wagte. Laut weinend lag Eva an des Herzogs Bruſt.— Biſt auch Du eine Verrätherin? fragte Heinrich mit Ingrimm, der geſteigert war, weil ſein Jähzorn keinen Ausbruch gehabt. Sind dieſe Thränen Zeugen der Liebe für den tückiſchen, dräuenden Buben?— Eva ſah vorwurfsvoll zu ihm empor. 339 Gibſt Du ſolchen Lohn des Argwohns dem Weibe, welches Dir Alles opferte, das um Dich zerfallen iſt mit der Welt und ihrem Gotte, und nimmermehr rück⸗ wärts kann aus dem Netze, in welches Dein Schmeichel⸗ wort ſie verlockte? ſagte ſie traurig. Dieſer Barner war ein ehrlicherer Werber als Du, und hätte mich zu einer ehrenvollen und beglückten Hausfrau gemacht. Das iſt nun hin für immer. Deine Eva ſieht mit Grauen ihre heiße, hingebende ſündige Liebe zu Dirzbelohnt mit dem gräßlichſten Hohne der Velt, mit derz tödtenden Kirchenbuße der harten Prieſter, denn das, was ewig verborgen bleiben mußte, wie die Schrecken der Ver⸗ weſung, hat Dein Unbedacht, Deine voreilige Eiferſucht ſelbſt an den Tag gebracht, und Deine Eva wird nun das Ziel werden der ſpottenden Finger und der Schimpf⸗ reden des gemeinſten Weibes in Deinem Herzogthume. O Heinrich, ſchirme mich, rette mich, oder gib der Ge⸗ liebten den Tod von lieber Hand!— Der Herzog umſchlang ſie heftig und küßte mit In⸗ brunſt die ſchöne Sünderin. Ruhig, Du Schönſte unter den Erdenfrauen! erwiderte er, ſie beſchwichtigend. Iſt denn Heinrich ein ſo gebrechlicher Zwerg, oder ein ſo armſeliger Welfenfürſt, daß er ſein höchſtes Kleinod nicht zu ſchützen wüßte gegen Schickſalsſturm und Menſchen⸗ haß? Die Zunge dieſes eitlen Junkers läßt ſich ſtumm machen; aber die Herzogin ſcheint voll Argwohns, und der kurfürſtliche Hofmarſchall, Dein Ohm, bittet als ein ſchlauer Fuchs um Entlaſſung der Nichte aus unſerm Hofdienſte, und läßt das Projekt einer Heirath mit ſei⸗ nem Lieblinge nicht undeutlich vorſchimmern. Heinrich, dann bin ich verloren! ſchrie das Fräulein auf. Wo dann verbergen den Schimpf und die Heim⸗ 340 lichkeit? O bliebeſt nur Du mir, den ich abgöttiſch an⸗ bete in ſeiner Größe und Männlichkeit, dann wollte ich der Welt entſagen, wollte verſchwinden aus ihrer Mitte, in dem Geißelgewölb eines Kloſters, in einer Felshöhle des Gebirgs, ſelbſt in einer Todtengruft wohnen mit meiner Liebe, und wenn auch kein Strahl der verrathen⸗ den Sonne je wieder die Reize meines Leibes, welche Du ſo hoch ſtellſt, beleuchten dürfte.— Mit hell auf⸗ leuchtenden Blicken ſah der Herzog in ihr Auge. Das wollteſt Du? Das könnteſt Du? fragte er haſtig. Nun dann ſind wir geborgen, wir und die Seligkeit, die Dein Beſitz meinem rauhen, freudloſen Daſein gebracht. Laß mich ſorgen! Bald biſt Du gerettet. Und Heinrichs ſcharfes Schwert denkt das alte Erbe ſich wieder zu ge⸗ winnen und es zu theilen mit ſeiner Eva und den Kin⸗ dern ſeiner beſten Liebe.— Indeß die ſündige Heimlichkeit ſo im Glücke einer ſichern Zukunft ſchwelgte, trieb eine Kainsqual das Opfer ihres Verbrechens von Ort zu Ort in quälendſter Unruh. Hinaus aus der Stadt war Barner geflohen, die ödeſten Felder durchſtrich er, die Gebirgsſchluchten der Aſſe hör⸗ ten die Ausbrüche ſeines Grimms, und in den Ruinen der Aſſeburg ſtand er und ſchwur in die Gipfel der alten Eichen hinauf: Was Du malteſt auf Dein Schlacht⸗ ſchild, gefallener Aechter, wie der Wolf den ſtolzen Löwen würgte, das will ich wahr machen bei meines Vaters Blute und bei meiner zertretenen Liebe!—— Als der Junker in der Dämmerung ermattet und abgeſpannt zurückkehrte in die Herberg der Ritter, die ihn mit Verwunderung vermißt hatten, trat ihm ſchon auf dem Vorplatze Lorenz Weiland, der Diener des Raths Saldern geheimnißvoll entgegen und zog ihn 341 abſeits. Ich bin Euch Dank, ja vielleicht mein Leben ſchuldig von Nettebecks Hauſe her, flüſterte der Alte, und wir gemeinen Leute vergeſſen ſolchen Dienſt nicht ſo leicht wie die hohen Herrſchaften. Darum will ich wett machen durch ſchnellen und guten Rath. Der Her⸗ zog wüthet auf Euch, weiß auch Niemand warum. Ich erhorchte ſeinen Zwieſprach mit meinem Herrn. Sattelt raſch Euer Roß, ehe die Nacht kommt und man die Thore ſperrt, denn es iſt der Geheimbefehl gegeben, Euch in der Stille und ohne Aufſehen aufzuheben, ſo⸗ bald die Stadt ſchläft und Ihr Euer einſam Lager be⸗ ſtiegt.— Barner drückte ohne Worte dem ehrlichen Alten die Hand, ſchritt in die Gaſtſtube, bog ſich zu Tilen von Troth hinab und raunte ihm in's Ohr: Rette Deine Schweſter, denn ſie ſteht am Rande des Höllenſchlundes, und jeder neue Morgen kann ihr die ewige Verdammniß bringen.— So verließ er eiligſt die erſtaunten Kampf⸗ genoſſen, und die Nacht fand ihn ſchon fern von Wolfen⸗ büttel und im lautloſen, ſchauervollen Gebirg, auf deſſen unbetretenſtem Waldpfade er mit ſeinem getreuen Leib⸗ knecht ohne Plan und Ziel fortzog. Der Menſch verſchmerzt gar Vieles, und die Zeit iſt der wunderthätige Arzt, der die böſeſten und ſchmerzlich⸗ ſten Gebrechen des Gemüthes heilet durch langſam wir⸗ kende, aber untrügliche Mittel. Wir verlieren das Liebſte und verzweifeln im erſten Momente an den Felſen der Unwiederbringlichkeit, und der Selbſtmord raunt ſein grauſiges Verführungswort dicht an unſerm Ohre; aber Tag um Tag rollt an uns hin, und mit jeder neuen Aurora wird die Empfindung linder, und wandelt ſich 342 unmerklich bis zu jener Wehmuth, die gern mit den wel⸗ ken Blumenkronen der Erinnerung ſpielt. Das Schickſal raubt das mühſam erworbene Vermögen; wir verſchmer⸗ zen das Verlorene, und ſetzen Doppelkraft an den neuen Gewinn. In Aſche liegt das Haus; wir bauen mit muthiger Hoffnung das neue Dach auf der Unglücksſtelle. Nur eine Wunde verſpottet Arzt und Verband: ver⸗ ſchmähete und betrogene Liebe ſchlägt ſie; wie an dem vom Blitz getroffenen Gliede bleibt die Lähmung, die ſie dem Geiſte bringt, unheilbar, und wird ein zehren⸗ der Krebs der Seele. Warf aber der Betrug zugleich Entehrung auf den Abgott, vor dem der Menſch kniete, muß er verachten, wo er liebte, dann faßt ihn der zwie⸗ fache Fieberkampf, ſaugt das Mark aus ſeinen Gebeinen, trocknet ſeine Nerven aus, und der Unglückliche liegt auf dem rauhen Boden eines Vulkans, der Himmel drückt ſchwer und ſchwarz herab, als drohete er Ein⸗ ſturz, der ſichere Grund erbebt, und der Untergang ſchwebt auf jeder nächſten Minute.— Es war einige Monden ſpäter, als ein Mönch, den ein Chorknabe begleitete, welcher die Heiligthümer der Kirche trug, von einem Sterbenden zurückkam, und durch den Gebirgspfad, der den nächſten Weg zu ſeinem Klo⸗ ſter in der Stadt Gandersheim darbot, herab wandelte. Weit aus ſchritt des Kloſterbruders dürre, faſt rieſige Geſtalt, ſo daß der Knabe ihm keuchend nachtrabte, und in der Schwüle des Sommerabends tief nach Luft ſchöpfte, indeß der ausgetrocknete Gebieter die heiße Kapuze über den Kopf gezogen trug, ſo daß ſie Stirn und Auge faſt verhüllte, und nur dem wohlgekämmten Silberbarte Raum ließ, in ſeinen ehrwürdigen Wellen bis zum wei⸗ ßen Strickgürtel herab zu ſtrömen. Bei einer Bengung 343 des Fußpfads, wo ſchon der Abhang der Höhe den Blick auf die Stadt Gandersheim zuließ, und die ſpitzen Dächer des Kloſters und des Schloſſes dem Wandernden die nahe Erquickung verſprachen, hemmte plötzlich ein unver⸗ mutheter Anblick die Schritte des Eilenden. Dicht vor ihm über den Wurzeln einer Tanne lag eine menſchliche Geſtalt, ob todt oder ſchlafend ließ ſich nicht entſcheiden, denn mit dem Geſicht gegen den Moosboden gekehrt, hatte der Liegende das Haupt auf die gekreuzten Arme gedrückt; der Anzug war ritterlich, jedoch ſchmucklos und nicht ſauber gehalten; eine blanke Klinge lag über den Wurzeln, und von dem Wiehern eines Hengſtes gelockt ſah der Mönch nicht fern auf einem offenen Platze zwei erhitzte Roſſe von einem Knechte gehalten. Er bog ſich nieder und berührte leiſe des Liegenden Schulter. Verzeiht, daß ich ſtöre, ſprach er mit tiefen, aber gaſtfreundlichen Tönen, Ihr habt keinen guten Platz ge⸗ wählt, fremder Herr, zur Nachtruh. Die giftige Ameiſe lebt hier in großen Heerden, und manche gefährliche Natter ziſcht im Abendthaue durch das dürre Moos. Gefällt's Euch, ſo bietet mein Prior gaſtlich gern Nacht⸗ mahl und Bett dem Fremdlinge. Mit rauher und haſtiger Bewegung wandte ſich der Liegende um, erhob ſich auf dem Arme und ſtarrte mit großen Augen zu dem unbe⸗ rufenen Erwecker auf. Beide erſchracken, denn Beide er⸗ kannten, wen ſie hier nicht ſuchten. Bei der heiligen Mutter! Junker Barner, was willſt Du hier im öden Waldrevier? fragte der Mönch, ergriffen von dem Anblicke des faſt unkenntlichen, hager und bleich ausſehenden Jünglings. Willſt Du wieder prophezeihen, Geſpenſt des alten Meiſebuck? fragte der Junker zurück. O Du biſt ein 344 trefflicher Jeremias, und Deine Wahrſagungen treffen wie ein dreiſchneidig Stilet. Aber ſpare die Mühe, weiſſageſt Du mir auch den Uhtergang der Welt und den letzten Tag, ich bin ein Todter wie Du, und mich macht nichts mehr erzittern.— Der Mönch kniete mitleidig zu dem Jüngling nieder. Trinkt aus meiner Reiſeflaſche, ſagte er, es iſt Kräuterwein, und Ihr ſeht aus, als be⸗ dürftet Ihr des Arztes. Aber was konnte den Mann ſo beugen und zerknicken wie ein gebrechlich Schilfrohr? Der Mann hat die Hoffnung der Rache als Labungs⸗ becher, wo das Weib hoffnungslos und kleinmüthig ver⸗ zweifelt.— Ich ein Rohr, ich zerknickt? fragte Barner mit wil⸗ dem Gelächter. Unſterblich bin ich wie mein Haß. Deine Worte ſaugen kein Blut, Du ausgetrockneter Ritters⸗ mann in der Mönchskapuze; aber ſieh mein Eiſen da, das wacht an den Grenzſchluchten, und wenn der Wolf durchzieht nach Süden, ſo wird es ihn leicht machen von ſeinem heißen rothen Safte, und dem Lande die Reiſekoſten dieſes Kaiſerzuges erſparen.— Der alte Meiſebuck ſchlug die Kappe ganz zurück von ſeinem Geſichte, und zeigte eine höhniſche Freund⸗ lichkeit in allen Zügen, welche den Junker befremdete. Du lauerſt auf den Feind? fragte der Mönch, und be⸗ wegte das Haupt hin und her. Schlechter Jäger, kannſt Du keine Fährte mehr finden mit den liebeblinden Augen? Schon vor zwei Wochen war der Heinrich bei dem Amtmanne auf der Staufenburg, und iſt längſt hinunter gezogen ins Reich und zur heiligen Roma.— Mit Haſt ſtürmte Klaus empor, griff nach dem Schwerte und rief: den Schecken heran, Konrad! Ich bin des Herzogs Schatten, und darf nicht laſſen von 345 ſeinen Fußſtapfen. Nur eines noch, Du grämlicher Alter! Sage mir, wie wußteſt Du, was im Wolfen⸗ büttler Schloſſe vorging? Enthülle mir's, dann ziehe ich hinab, und räche den Vater und Dich und mich und Sie!— Der Mönch ſtreckte den langen Arm aus, und faßte den Unruhigen feſt, und zog ihn mächtig zu ſich hinab, daß Beide neben einander ſaßen auf der hohen Wurzelbank. Die Reiſe iſt weit, ruhe noch ein wenig, denn ich habe Dir ein luſtig Mährlein zu erzählen, das Dein ſtürmend Blut kühlen wird wie der Zitronentrank und das Eiswaſſer des Landes, zu dem Du ziehen willſt.— Der mildere Ton des alten, häſſigen Greiſes weckte die Neugier des ſtutzigen Kriegsmannes, und er wehrte nicht der Gewalt, mit welcher der Mönch ihn feſthielt. Du frägſt, wie ich wiſſen konnte, welche Teufelei man brütete im Herzogsſchloſſe? begann er mit einer Eiſeskälte, die jedes ſeiner Worte ſpitz machte und ſte⸗ chend gleich Winterſchloſſen. Wie der Heinrich Dir die Jugendblüte zerſchlug, ſo hat er mir das ganze, lange mühevolle Leben zertreten in einer Nacht, und das iſt mehr und unerſetzlicher. Das Kloſter dort unten ward mein Aſyl, und als die Schergen mich im Nachbarlande ſuchten, weihete mein Freund, der Prior, das geächtete Haupt mit den höchſten Weihen des Himmels, und gab mir das doppelte Recht, den Sünder zu verfolgen und zu verderben. Der Beichtſtuhl in der Schloßkapelle ver⸗ rieth uns die neuen Frevel des Verführers, denn das Weib ſündigt leicht und gern, aber es bereut auch ſchnell und ſucht in Buße das Gewiſſen zu ſänftigen. Nicht aufhalten ſollte Dich mein Spruch im Lächeln⸗Holze, ſondern anſpornen ſollte er Dich mit des Argwohns 346 Stachel, und ich hoffte Deines Vaters Dolch mit dem Herzblute ſeines Mörders gefärbt zu ſehen in gerechter Blutrache. Aber der weichherzige, liebeſieche Junker weinte in der Wildniß, und hielt Faſttage, um die Sünde der Geliebten dem Himmel abzukaufen.— Klaus zuckte unwillig auf. Erzähle Dein Mährchen oder laß mich von Dir! ſiel er zähneknirſchend ein. Meine Rache iſt die des Löwen, Bruſt gegen Bruſt. Löwen und Schlangen haben nichts gemein; weißt Du das nicht, herzloſer Pfaff?— Halte nur ſtill, Knäbchen! lächelte der Mönch. Es kommt etwas, das Dich ſtill machen wird wie Deinen Vater, oder Schlangengift in des Löwen Zahn gießen muß, daß er im Dunkeln beißt, wo er Feindesfleiſch wittert. Du wareſt mir verſchwunden, da mußte ich andere Auxilien ſuchen, und ein Brief an den branden⸗ burgiſchen Hofmarſchall verfehlte ſeinen Zweck nicht, und warf die verheerende Mordfackel in das buhleriſche Bett des Herzogs.— Aufmerkſamer horchte Barner.— Der alte Meiſebuck fuhr fort. Von dem ehrbaren Onkel ſtreng angeſprochen, von der argwöhniſchen Herzogin ins Verhör genommen, wußte der liebestrunkene Heinrich keine Liſt, keine fuchsſchlaue Rettung mehr; unwillig ließ er ſein Täubchen im Stiche, und zog aus von dem Schloſſe, wo ſie nicht weilen ſollte, und ſucht jetzt Zer⸗ ſtreuung bei den gefälligen Damen der Kaiſerſtadt. Ma⸗ ria von Württemberg benutzte die Abweſenheit des hefti⸗ gen Herrn, und ſendete Fräulein Eva in dem Geleit einiger Wehrleute von Wolfenbüttel fort, und entließ ſie für immer aus ihrem Hofdienſte.— Und wo iſt ſie hin? welchen Weg nahm ihr Wagen? fiel Klaus erhitzt ihm in die trockene Erzählung. Das * ——„ 347 Land iſt voll Geſindel und von ausgetretenem Soldaten⸗ volke durchſtrichen. Sie hat keinen tapfern Schützer.— Und der möchteſt Du ſein, Wahnwitziger? fragte der Barfüßermönch verächtlich. Steht es ſo mit Deiner Männerſtärke, dann hat Gott mehr als wohlgethan. Sei ruhig; Dein Abgott, Deine Eva iſt in ſicherem Schutze; kein Wegelagerer, ſelbſt kein Heinrich darf ihre Sicherheit befährden, und willſt Du mit ihr liebkoſen, ſteht zu ihr der Weg Dir allezeit offen.— Ende, Du kalter Henkersknecht! zürnte der Junker.— Vor drei Tagen langte Abends der Wagen an mit dem ſchönen Zankapfel, und fuhr ein in das alte Gan⸗ dersheimer Schloß, wo der Kuchelſchreiber Chriſtopher ihr ein Nachtlager bereitet. Wenige Stunden nachher kam die lange Mettel, welche im Schloſſe aufwartet, zum Amtmann Scharfenſtein, der ſchwer krank darnie⸗ der liegt, und bei dem ich tröſtend weilte, und verkün⸗ dete klagend, wie das Fräulein plötzlich ſchwer erkrankt ſei und nach der alten Dankwerth verlange, der Mut⸗ ter des Staufenburger Amtmanns, die weit berühmt durch ihre Heilkunde ſich gerade bei dem Scharfenſteine aufhielt, um für ſeine Geneſung zu wirken. Die Dank⸗ werth packte ihren Medieinkaſten auf die Schultern der Bäuerin, die ſie zu begleiten pflegt, und ging hinauf in das alte Steinneſt und kam nicht wieder.— Und Eva? Eva? rief Klaus aufſpringend. Haſt Du von den Weibern und alten Schachteln, die Du nann⸗ teſt, das Erzählen gelernt?— Es handelt ſich ja um Dein Liebchen, wie kann da die Mähr Dir zu lange dünken? entgegnete der dürre Mönch ſpöttiſch. Am andern Morgen ſchickte mich der Hoch⸗ würdige aus dem Kloſter hinauf, der Günſtlingin des 348 gefürchteten Herzogs Erfriſchungen und Arznei und den Kloſterarzt anzubieten; aber heulendes Weibervolk em⸗ pfing mich, und der Kuchelſchreiber rief mir mit einem Angſitgeſchrei entgegen, daß es die gräßliche Peſtilenz geweſen, die das Fräulein in das Haus getragen, und öffnete nur halb das Zimmer, und ich ſah ſie liegen auf dem Stroh, bleich wie die Sünde, aber fromm wie die Kinder, ohne Schmuck im leinenen Kleide, und die ver⸗ führeriſchen Augen mit dem Schweißtüchlein bedeckt für immer.— Wie ein angeſchoſſener Eber fuhr der Junker aus ſeiner geſpannten Haltung auf und faßte mit beiden Händen des Mönches Bruſtkleid. Lügner, giftiger Mähr⸗ chenfabrikant! ſchrie er wie ein Raſender; wo haſt Du meine Eva? wo iſt meine Eva?— Todt! Begraben! Rechte mit Gott, welcher der All⸗ weiſe iſt! antwortete der Meiſebuck mit klangloſer und dumpfer Stimme. Und wie erlahmend ließen die ſtarken Hände des Jünglings den Mönch, und er wankte einige Schritte, und ſtürzte dann lang und ſchwer auf den Steinboden nieder. Die hartherzigen Züge im faltigen Geſicht des Erzählers veränderten ſich nicht, nur heller funkelten die tiefliegenden Augen, und er ſprach: Was ficht Dich an? War ſie Dir doch immer verloren; und es kann Dir Troſt ſein, daß ſie jetzt, Keiner beſitzt, daß auch der ſtolze Feind jammern muß wie Du, und ſein Uebermuth das ſchnellſte Gericht empfing. Auf das Grab war noch kein Sterblicher eiferſüchtig. In einem doppelten Sargkaſten hat der Chriſtopher die Verführe⸗ rin verwahrt, deren Apfel nun Niemanden mehr ver⸗ locken wird. In ſtattlicher Prozeſſion, von den Schülern begleitet, iſt ſie getragen zu der Barfüßerkirche, Seelen⸗ — — S c u — 349 meſſen und Vigilien ſollen ihre Seele löſen, und heute Abend werden die Sacra für ſie gehalten in der Kapelle des Schloſſes, wo ich nicht fehlen darf. Gott ſei ihrer armen Seele gnädig!— Mit Verwundernng ſah Meiſebuck jetzt, wie Klaus Barner vom Boden aufſprang, zwar Anfangs taumelnd, aber mit jeder Minute feſter unter den Tannen hin und her ſchritt, gekreuzt die Arme, geſenkten Hauptes, und der Stachelzweige nicht achtend, die den Wandelnden ſchlugen und verletzten. Auf einmal trat er wieder hin vor den Mönch; auf ſein ſonnverbranntes, farbloſes Geſicht war eine Fieberglut geſtiegen, und mit beiden Armen umfaßte er den verwunderten Greis. Waffengeſell meines Vaters, mein erſter Lehrer, mein Freund, mein Teufel, ſprach er mit verhaltener Stimme, Du haſt mich mit Schlangen gegeißelt und mit Scor⸗ pionen gezüchtigt, willſt Du mir jetzt auch eine Liebe erzeigen?— Außer einem diene ich Allen, und Dir vor Allen! antwortete der Barfüßer.— Führe mich zu Eva's Sarge! Laß ſie mich ſehen! ſtieß der Junker faſt athemlos hervor.— Sie ſtarb an der Peſt; Gifthauch iſt die Luft um ihre Leiche; decken wir den Stein vom Brunnen, weht der Tod uns an aus der Tiefe, erwiderte Meiſebuck. — Fürchten wir beide den Tod? fragte Barner mit eis⸗ kaltem Hohne. Menſch, ſetzte er dann heftig wieder und glühenden Blicks hinzu, es iſt die letzte Bitte, die ich einem Menſchen thun werde in dieſem Leben; kannſt Du ſie mir verſagen, und nenneſt Dich Menſch?— Du willſt Dich tödten bei ihr? fragte der Mönch lauernd.— Ich bin ein katholiſcher Chriſt, antwortete 350 Barner ernſt. Ich will nur Abſchied nehmen von meiner Liebe, und meinen Racheſchwur ſchwören in ihre kalte Hand.— Sei um Mitternacht auf dem Barfüßerkirch⸗ hofe! antwortete da raſch der Alte und rief den Chorknaben, der fern im Graſe geruht; ein Freudenzug ſtrahlte im Antlitze des Junkers, und Beide verließen den Platz ohne Abſchiedsgruß. Eine der ſchwärzeſten Nächte hing über der Stadt Gandersheim, als Klaus Barner die niedern Mauern des Barfüßerkirchhofs überſtieg, und ſich nahe dem Thore der grauen Kirche auf einen Leichenſtein nieder⸗ ſetzte. Eine ungeheure Wetterwolke verdeckte den ganzen Himmel und ließ kein Sternlicht durch, und ein kalter Kräuſelwind raſſelte in den Winkeln des Gebäudes, und erkältete den Mann der Nacht mit Fieberſchauern, gegen die er ſich vergebens mit ſeinem Reitermantel zu ſchützen ſuchte. Klaus überdachte ſein ganzes Leben, und die Wagſchale des Böſen trug ſchwerer Gewicht als des Angenehmen, und es ſchien ihm wohlthätig, wenn es noch zu Ende ginge in dieſer Nacht. Mit Wehmuth dachte er auch ſeiner Verwandten und Freunde, und die gekränkte Juſtina ſtand ebenfalls in ſeinen Träumen, und er bat ihr ſein Unrecht ab, und nahm Abſchied von ihr wie ein Sterbender. Ein helles Wetterleuchten ſpielte jetzt am Horizont und weckte den düſtern Träumer, dann ſchlug die Uhr im Kloſter langſam und raſſelnd Mitter⸗ nacht, und mit dem letzten Schlage trat aus dem ſchwarzen Gräberfelde der lange Mönch vor den Junker hin, als wüchſe er heraus aus dem Reiche der Todten. Biſt Du noch entſchloſſen, den gefährlichen Gang zu z — 351 thun? fragte Meiſebucks widerliche Stimme, indem er die Blendlaterne aufſchob, und durch das grüne Glas den ſcharfen Strahl auf Barners Geſicht fallen ließ. Reuet Dich Dein Verſprechen, alter Nachtvogel? fiel haſtig der Junker ein. O wenn nur noch ein Reſt⸗ chen von Menſchlichem in Dir waltet, ſo nimm Dein Wort nicht zurück!— Der Mönch Martin hat nicht vergeſſen, was einſt der Ritter gelobte, als er die Sporen empfing, antwor⸗ tete der Barfüßer. Herzog Heinrich freilich wird Freude haben, wenn er hört, daß ſeine beiden ärgſten Feinde wahnwitzig genug waren, ſich den Tod zu holen aus dem Sarge ſeiner Sünderin, aber Du willſt es, und ich halte mein Verſprechen.— Er drehete ſich zur Kirchthür und ſchloß ſie auf mit dem ſchweren Schlüſſel. Sie traten hinein in die kühle Vorhalle des Gotteshauſes, aber nicht in die Kirche ſchritt der kundige Führer, ſondern durch lange Seiten⸗ gänge, deren Wände mit Grabmälern und Marterzeichen aller Art bedeckt waren, mußte ihm der Junker folgen, dem es oft däuchte, als ginge der lange, hagere Tod ſelbſt, in das rauhe Kleid der Entſagung vermummt, vor ihm auf, und leite ihn mit einem bleichen Irrlicht zur tröſtenden Ruheſtätte. Eine hewundene, holperichte Steintreppe ſtiegen ſie dann hinab, und eine große Eiſenthür ſchloß der Mönch auf, und vor ihnen that ſich das Schlafgemach der Vollendeten auf, lange Reihen ſchwarzer Särge zeigten ſich, moderige Luft zog ihnen entgegen und eine ſchauerliche Stille umfing die am Eingange Verweilenden. Gib mir jetzt das Licht, bat der Steinbrücker; ich finde den neuen Sarg ſchon und Du harrſt indeß hier im friſchen Windzuge.— 352 Meinſt Du, der Meiſebuck fürchte etwas, was Du nicht fürchteſt? entgegnete hart und unwirſch der Alte. Der Geier von Hundsrück iſt nimmer einem Kampfge⸗ ſellen in der Gefahr von der Seite gewichen.— Wieder voran ſchritt er durch die traurige Kolonne, und hielt endlich ſtill auf einem räumigen Platze, wo auf einer friſchgemauerten Unterlage der neue, glänzende Sarg ſchimmerte, und noch mit welken Kränzen behangen und mit geknickten Blumen umſtreut ſtand. Erſchüttert bis in das innerſte Mark mußte der Junker ſich niederſetzen auf den nächſten Sarg, und ſah mit entwichener Kraft unthätig zu, wie der Mönch die Laterne öffnete und auf ein Pfeilergeſimms ſtellte, dann allerlei mitgebrachtes Werkzeug hervorzog, und geſchickt die Schrauben des Sarges löſete. Hell ſtrahlte die Wachskerze von der Höhe, und als Bruder Martin nun den ſchweren Deckel allein mit wunderbarer Leichtigkeit herabgeſchoben, ſprang der Junker mit einem Schrei auf, ſchwankte zu ihm, und hielt ſich feſt an ſeinen Schultern. Sie iſt es! rief er mit abgeſtoßenen Tönen. Was das Herz nicht glauben wollte, ſieht das Auge. O ſo iſt denn das Schönſte aus dem Leben geſtohlen, und die Erde hat ihren Kö⸗ nigsſchmuck verloren, und das reiche Grab wird zum verlockenden Paradieſe! O ſieh hin, wie der Würger ſie entſtellt hat; wie wachsbleich iſt die roſige Wange; die Augenſterne leuchten nicht mehr; nur das Myrtenreiß lebt noch fort in ihren Locken, und die todte Natur wi⸗ derſteht länger dem Hauche der Verweſung als das ſtolze menſchliche Weſen. O ich will mich auf Deinen erbliche⸗ nen Mund werfen, und mein Lebenshauch ſoll heiß und ſtürmiſch eine neue Seele für die Entflohene Dir einhau⸗ chen, daß Du erſtehſt und ich für Dich ſchlafe auf ewig.— 353 Der Leidende machte eine heftige Bewegung gegen die Leiche, der Mönch hielt ihn aber feſt am Arme. Bedenkt, was Ihr thut, Freund! ſprach er warnend. Zwar merke ich nichts von böſen Dünſten und Leichen⸗ duft, aber ſehet nur die ſchwarzen Flecken auf den weißen Händen, die unter dem Lailach hervor ſchauen. Ueberdem war es ja des Heinrichs Geliebte und nicht Eure Buhlin; und ob die Todte den Myrtenkranz, den man ihr mitgab, verdiente, kann nur der Richter droben entſcheiden, der in jeden dichtverhangenen Winkel blickt, und vor deſſen Auge die Nacht mit ihren Heimlichkeiten zu lichtem Tage wird.— Läſtere nicht, Unmenſch! rief heftiger noch der Jun⸗ ker, und machte ſich gewaltſam los von dem Begleiter. Der Tod reinigt die Befleckteſten; und nein! nein! ſo tief fallen die Engel nicht. Mein iſt ſie, meine jung⸗ fräuliche Braut, und der Tod, der ſie ſchied von dem ver⸗ führeriſchen Sünder, hat ſie mir vermählt für immer.— Mit der rechten Hand ſich, indem er noch ſprach, ganz losmachend durch einen heftigen Stoß, that er einen Schritt gegen die Todte, legte ſeine Linke auf ihre Schulter und bog ſich, ſeinen Mund mit dem ihrigen zu vereinigen. Aber ſeine eigene haſtige Bewegung und die Gegenkraft des Mönchs, der ihn wieder zu erfaſſen bemüht geweſen, hatte ſeinem Schritt ein Schwanken gegeben; er taumelte, glitt aus, und der natürliche Inſtinkt zwang ihn, ſich mit der Linken feſter auf die ſchöne Bruſt zu ſtützen, als Ehrfurcht und Zartgefühl ihm erlaubt hätte. Und ſchauerliches Ereigniß! Der kalte Körper wich dem Drucke der Hand, Bruſt und Hals brach ein, und der ſchöne Kopf, gelöſet vom Rumpfe, rollte vom weißen Hauptkiſſen herab, als wollte er, Blumenhagen. II. 23 . 354 neu zum Leben erweckt, die Beleidigung der frechen Be⸗ taſtung rächen am Frevler. Entſetzliches Blendwerk! ſchrie der Junker. Teufliſcher Höllenſpuk!— und ſeine Knie brachen ein, und am Sargrande ſich haltend, ſank er auf das Geſtell des Katafalks. Der beſonnene Meiſebuck nahm raſch die La⸗ terne vom Geſims und beleuchtete näher die ſeltſame Scenerie. Hölle und Beelzebub! fluchte er, den Prieſter vergeſſend, im erwachenden Ingrimm. Das iſt eine wunderſame Peſtkrankheit, welche den Leib morſch macht und zu Lumpenflickwerk, und die Glieder in Wachs ver⸗ wandelt. Seht da, den ſchönen Kopf! der italiſche Meiſter hat ihn wacker modellirt. Aſche und Stroh ſtatt menſchlicher Eingeweide; und dieſe ſchwarzen Peſtflecken haben ihren Urſprung aus dem Dintenfaſſe des vertrack⸗ ten Kuchelſchreibers genommen.— Sein Antlitz verzog ſich bis zu der Larve eines böſen Geiſtes, indem er den Inhalt des Sarges ſo auseinander riß, und ſeine Hal⸗ tung und die Bewegung ſeiner Arme nahmen die Geſtaltung eines Ringkämpfers an, der zugleich das Ritterliche wie das Prieſterliche einwohnte. Heinrich, Beelzebubs leiblicher Sohn, ſprach er mit geballter Fauſt, dieſen Theaterſpuk ſollſt Du furchtbar bezahlen. Fluch Dir, der Du alle Sacra, Miſſa und Vigilias beſchimpf⸗ teſt, und das geweihte Waſſer an einer Puppe Deiner betrügeriſchen Kunſt zu verſchwenden wagteſt. Du haſt Dich ſelbſt geliefert in des Feindes Hand; vor Papſt und Kaiſer ſchlägt Dich ſolche Anklage zu Tode, und verſtoßen aus jeder Gemeinde ſollſt Du, gottloſer Nebu⸗ kadnezar, bei dem brünſtigen Stier in der Wildniß Ge⸗ ſellſchaft ſuchen, dem Deine Unthat und wilde Begier Dich gleich geſtellt!— Aber wo iſt ſie hin, die verſchmitzte 355 Buhlin, das Ebenbild dieſer begrabenen und hochgefeier⸗ ten Marionette? ſetzte der Erhitzte hinzu, indem er ſich zu Barner wandte, welcher während dieſes Auftritts ſich langſam aufgerichtet, und mit ſtierem Blicke, wortlos dem Treiben des Greiſes zugeſehen hatte. Im Schloſſe kann ſie nicht geblieben ſein, denn alle Zimmer ſind dort aufgeſperrt und durchräuchert worden mit Wachholder und Myrrhendampf, und ſelbſt der gottloſe Chriſtophel, der Direktor der Komödie, iſt ausgezogen, um der fin⸗ girten Peſtilenz zu entfliehen.— Auf den Junker hatte dies unerwartete Ereigniß ge⸗ rade entgegengeſetzt gewirkt. Hatte die Beleidigung der Kirche den Mönch erhitzt bis zur tollen Jünglingsglut, ſo hatte der Betrug, mit dem die Geliebte im Einver⸗ ſtändniß ſein mußte, Barnern erkältet und ihm volle Beſinnung zurück gegeben. So wird das rothglühende Eiſen, wenn es das Waſſer berührt, mit einer weißen Eishaut bedeckt, dann unſcheinbar ſchmutzig, aber hart wie der Kieſelfels. Männlich trat Junker Klaus heran und warf mit dem Fußtritt die Lumpen und Grabgewänder zur Seite. Wo ſie ſein mag, frägſt Du, alter Fuchs? erwiderte er mit eiſigem Antlitze. Auf der Staufenburg iſt ſie, darauf verwette ich das Heil meiner Seele. War doch der Herzog jüngſt in dem Neſte, und ſpielte doch die Mutter des Amtmanns bei dem luſtigen Todtſchlage die erſte Rolle. Für die Welt ſoll Heinrichs Geliebte ge⸗ ſtorben ſein, damit der Lüſterne allein und ungeſtört in ihrem Beſitze zu ſchwelgen vermag. Daß ſie damit zufrieden war, das iſt das Gräßlichſte bei der Sache. Aber ich will hinauf, ich will die dichten Schleier reißen von dieſer Unthat, daß ſie aufſchrecken ſollen aus ihrer 356 vermeinten Sicherheit wie die Verbrecher, wenn die Poſaune des jüngſten Tages bläſ't, daß ſie nackt daſtehen ſollen vor ganz Deutſchland in ihrer Schande, wie das erſte Menſchenpaar vor dem Flammenſchwerte des Engels am Paradieſesthor.— Der Mönch wollte reden. Sagt mir nichts, Frater Martin, fuhr ſchnell der Junker fort. Ich bedarf von heute an keinen Genoſſen mehr bei mei⸗ nem Rachewerke. Mein, mein allein gehört dieſer Kampf! War doch die Geſtohlene meine Braut durch Handſchlag, Liebeswort und Kuß, und wäre ich ein Fant geweſen, hätte ich mit ihrem Liebeszeichen prahlen dürfen ſelbſt auf dem prunkendſten Turnierplan und vor des Kaiſers Majeſtät. Aber ich will auswetzen den Schimpf wie ein grimmiger Bär, trage ich auch auf dieſem Gange viel⸗ leicht zum letzten Male das Wappenſchild meiner Väter. Und darum, Herr Meiſebuck, packt dieſen Plunder wieder in den ſtummen Sarg, verſchließt die Gruft, und gebt mir den Handſchlag darauf, nicht zu reden von den Geheimniſſen dieſer Mitternacht. Eure Kirche kann keinen beſſern Ausfechter finden als den Klaus Barner in ſolcher Beleidigung und Fehde, und erſt, wenn Ihr hört, der Barner ſei wirklich begraben worden, dann erlaube ich Euch, Euer Wort als gelöſet zu betrachten, und dann möget Ihr die Sturmglocke Eures Kloſters läuten, und Klage, Fluch und Kirchenbann ſchreien über dieſes Wol⸗ fenbüttlers Haupt.— Mit Erſtaunen hatte der lange Mönch zugehört; war er ergriffen von der plötzlichen Veränderung des jungen Mannes oder von dem Ernſte der Worte, von denen jedes wie ein Dolchſtoß klang, genug er ſchlug ein, und leiſtete das Gelübde des Schweigens. —————— ————— ———————— ———— Es konnte in dem ganzen Braunſchweigiſchen Erblande kein Ort ſchicklicher und bequemer liegen als die Staufen⸗ burg, um ein Geheimniß ſolcher Art, wie das vorliegende, der Welt zu verdecken, und der Erfolg beſtätigte die Klugheit der Wahl, denn trotz der im Volke ſchleichenden Kunde von dem der Kirche geſpielten Betruge, trotz den eiferſüchtigen Nachforſchungen der Herzogin, trotz der ſpätern Klage vor Kaiſer und Reich abſeiten der Städte Braunſchweig und Goslar, trotz der Anklage ſelbſt der Blutsverwandten der verſchwundenen Hofdame, blieben die Myſterien der Staufenburg in düſtere Wolken ge⸗ hüllt und undurchdringliches Räthſel, bis im Alter Hein⸗ rich ſelbſt, getrieben durch die Vorliebe für den Sohn ſeiner Liebe, den jungen Eitel Heinrich von Kirchberg, den er vom Papſte legitimiren ließ, den Schleier ſeiner Jugendſchuld lüftete. Seit die Staufenburg aus einer Ritterburg zu einer herzoglichen Domaine geworden war, lebte nur der Amtmann mit wenigen Dienern in dem alten Steinhauſe; die Zugänge wurden nicht geräumt und verwuchſen bald zu rauhen Holzwegen, keine Heer⸗ ſtraße führte vorbei, und die Nähe der Stadt Ganders⸗ heim ſchadete nicht, denn im Schloſſe war kein gaſtlich Quartier für Fremde, der Amtmann ein unfreundlicher Junggeſell, auf Leben und Tod ſeinem Herrn ergeben, und das einzige Prunkzimmer in der Burg verſchloſſen für den Landesherrn, der auf der Jagd hier zuweilen abtrat; dagegen gab die nahe geiſtliche Stadt Gelegen⸗ heit, ohne Aufſehen die nöthigen Bequemlichkeiten leicht und einzeln zu dem Verſteck der ſeltenſten Märtyrerin verſchwiegener Liebe zu ſchaffen.— Der Tag hatte ſich kaum aus dem Mantel ſeiner düſtern Kerkermeiſterin losgewickelt, ſo umkreiſete Klaus 358 Barner, der ſchlafloſe Unglücksſohn, auch ſchon die brüchigen, grauen Mauern der Staufenburg, mit ein⸗ gefallenem, trübglimmendem Auge ihre Thore und Warten muſternd, die mehr ein Aſyl des Menſchenhaſſes oder der Raubgier, die am Tage ſchläft und des Nachts auf die Arbeit geht, als der Zufluchtsort des ſchönſten Frauen⸗ bildes im deutſchen Reiche zu ſein ſchienen. Nichts regte ſich im alten Steinbau, nicht einmal ein Hund ſchlug an oder ſteckte, den Fremden witternd, den rauhen Kopf durch die Spalten der bemooſeten Thorflügel. Die Sonne fiel ſchon weniger ſchräg durch die Windlücken der Holzung, und an der hintern Mauer, welche den verwilderten Schloßgarten umzäunte, lehnte der Junker im Reitermantel und der Reitermütze, ohne Wehr, den Dolch im Gurt ausgenommen, an einem epheuumwickel⸗ ten Buchſtamme, und die trägen unerquickten Glieder fingen an, dem ruheloſen Geiſte den Dienſt zu verſagen, und ſeine Seele verſank in jene böſe Träumerei, die gleich giftigen Nebeln alle Gedanken tödtet, dem Schlum⸗ mer ähnelt, aber nicht erquickt, ſondern nur mehr er⸗ mattet und die letzten Kräfte verzehrt. Da riß ihn ein Geräuſch empor, und nicht fern von ihm raſſelte ein Schloß, eine kleine Thür in der Mauer kreiſchte in den roſtigen Angeln, und ein Bauerweib trat heraus in das Gehölz, und ſchien arg zu erſchrecken, als ſie an dieſem einſamen Platze den unberufenen Lauſcher erblickte. Alle Seelenkräfte wurden wieder rege in dem Junker, das ſichtliche Erbleichen der Frau wurde ihm Zeuge ihrer Mitwiſſenſchaft, er ſchlug dichter den Mantel um ſeinen Leib und trat dreiſt und raſch auf die Bäuerin zu, ehe ſie den Verſuch, hinter die Mauer zurück zu ſchlüpfen, vollführen konnte. 359 Du biſt aus der Burg; Du weißt darum, redete er keck die Erſchrockene an. Dein und mein Glück iſt es, daß wir uns treffen, denn ich habe geheime Botſchaft von dem Herzoge an das Fräulein.— Welches Fräulein? Ihr kennet?—— ſtammelte die Frau. Des Herzogs Vertrauteſter wird doch um den luſtig⸗ ſten aller Herzogsſtreiche wiſſen! erwiderte Klaus und zwang ſich zu einem Lachen, mit dem er auf eine gräß⸗ liche Weiſe ſein eigenes tiefes Weh verhöhnte. Ich kenne den gnädigen Herrn außen und innen; ich ſelbſt habe den ſpaßigen Mummenſchanz eingefädelt, und habt Ihr dazu geholfen, ſo thut Ihr wohl, Euch an mich zu halten, denn durch meine Hand werden die Belohnungen des Allergnädigſten ſpazieren, und Ihr könnt ſie vergrößern, ſobald Ihr mich recht ſchnell zu dem Fräulein bringt, da meine Liebespoſt ſo heimlich iſt, daß ſelbſt der Amt⸗ mann im Schloſſe nichts davon erwittern ſoll.— Barners Treuherzigkeit zog auch die Schleuſen der Bäuerin auf. Nun da ſeid Ihr gerade vor die rechte Pforte gekommen, ſagte ſie im platten Dialekte und mit plötzlicher Freundlichkeit; ich bin ja die Kippenbergiſche, und in meines Mädels Mieder und Wollrock iſt das engelſchöne gnädige Frölen von Ganderſen herſpaziert, und ich habe ſie bei Nachtſchlafender Zeit hieher gebracht, und habe keinen Währwolf und keine Hexen gefürchtet. Das ſagt nur Alles dem hohen gnädigen Herrn. Und Ihr hättet den lieben Herrn nur mitbringen ſollen, denn das Frölen ſpricht kein Wort, ſeit ſie hier iſt, und ſtöhnt und hat kein Auge zugethan; der Herr ſollte ſie ſchon tröſten. Und jetzt iſt ſie früh in den Garten herab ge⸗ ſchlichen, und ſitzt am Fiſchteiche da hinten, und hat 360 mich abgeſchickt zu kundſchaften, ob Alles zu Ganderſen gut abgegangen; und Ihr könnt herein ungeſehen, denn der Amtmann liegt noch auf dem Ohr zuſammt der Frau Dankwertſche.— So führt mich ein, und ſchließt dieſes Pförtchen nicht, damit ich eben ſo heimlich wieder davon gehen mag;— befahl der Junker, deſſen Unmuth doppelt wiederum auf⸗ kochte bei des Weibes breiten Worten, und der ſein Ge⸗ ſicht darum ſo tief wie möglich in den Mantel verbarg. Die Bäuerin ging voran und er folgte durch den Ge⸗ müſegarten bis an ein wild verwachſenes Gebüſch, das einen halbausgetrockneten Fiſchteich umgab, wo er am Eingange des gekrümmten Weges verweilend mit ſchar⸗ fem Auge die Geſtalt der verwünſchten Prinzeß dieſes Zauberſchloſſes, wie ſie da ſaß auf einer alten Stein⸗ bank unter dunkeln Fliederbüſchen, ungeſehen erkannte. Und er, der erzittern machen wollte, erbebte ſelbſt vor dem Anblicke, der ſo himmelweit verſchieden war von der letzten Stunde, in welcher er vor dieſer verlockenden Eva geſtanden. Das kleidſame Hausgewand einer Ritters⸗ frau fügte heute zur Schönheit die Züchtigkeit, und ver⸗ doppelte den Reiz. Kunſtreich gefertigt beſtand Evas Anzug heute aus einem Frauenkleide von lauter breiten Streifen eines ſchwarzen Gezeugs feiner Art, ſeltſam zuſammengefügt, ſo daß zwiſchen jeder Falte hellröthliche Seide matt vorſchimmerte; eine Unzahl kleiner Stein⸗ knöpfe ſtrahlte wie Sterne auf den dunkeln Streifen; züchtig verhüllte das faltenreiche Gewand die Bruſt bis zum Kinn hinauf, und mit höherm Schmelz leuchtete die klare durchſichtige Haut des lieblichen Geſichts über der ſchwarzen Spitzenkrauſe, wie eine Lilienglocke im dun⸗ keln Körbchen ſich wiegend; das goldgelbe Haar war 9 361 aufgewunden, und ein blaues, ſchmales Seidenband feſſelte ſeine Fülle in dicken Flechten am Scheitel; und ſelbſt die Mattigkeit im hellbraunen Auge, der Zug von Schwer⸗ muth um den zartgewölbten Mund mehrte das Anziehende der regelrechten feinen Züge dieſer Omphale, die dem wilden Herkules von Braunſchweig die Keule entwunden hatte. Eva war heute nicht die üppige Tänzerin am Hoffeſte, ſie war die ehrſame Schloßfrau, die keuſche, einſame Dame der Burg, und ſo mußte ſie für die Stim⸗ mung des Jünglings zwiefach verletzend auftreten.— Barner hörte nicht, in welcher Form die Frau ſeine Ankunft meldete, aber mit ſtillem Ergrimmen mußte er ſehen, wie das Fräulein aus ihrer ſchwermüthigen Träu⸗ merei auffuhr, wie die Verfinſterung aus ihrem Geſichte wich, wie ſie mit dem Ausrufe: Von ihm! Von ihm! Wo iſt der Mann?— aufſprang, und mit flüchtigem Schritte der Frau voran auf ihn zueilte. Langſam ließ er den Mantelzipfel ſinken vom Geſicht, und wie Loths Salzſäule erſtarrt ſtand die Dame. Doch hatte ſie von der Mutter Eva mehr als den Namen, und raſch das Rettende und einzig Taugliche für den Moment erwählend, rief ſie mit bebender Stimme: Geh' nur Kippenbergen, und richte meinen Auftrag aus; mit dieſem Boten habe ich allein zu reden.— Ohne Argwohn ſchritt die Bauers⸗ frau den Weg zum Pförtchen hin, und Beide ſtanden allein im Hainbuchgebüſch ſich gegenüber.— Barner! rief ſie da auf, und ſichtlich klopfte ihr Herz und das Blut ſtieg in die Adern der Bruſt und des Kopfs bis zum Zerſpringen. Barner! Seid Ihr es, oder iſt es Euer Geiſt, der rachedurſtig vor mir auf⸗ ſteigt. Barner, wie war es möglich, wie habt Ihr mich hier gefunden?— 362 Der Mann ließ den ſtarren Geiſterblick nicht von ihr und faſt tonlos antwortete er ohne ein Glied zu bewegen: Ich ſuchte Euch, wo ich Euch nicht finden konnte, und fand Euch, wo ich nicht ſuchen ſollte; hinab ſtieg ich in Eure Gruft, mir den Tod zu holen aus Eurer Umar⸗ mung; aber der Tod iſt ſo grauſam wie das Menſchen⸗ geſchlecht, denn nicht er umfaßte mich wohlthätig, ſon⸗ dern ſtatt ſeiner packte mich die ewige Verzweiflung.— So waret Ihr in der Kirche? So wißt und ſahet Ihr Alles? ſchrie das Fräulein und rang die Hände. O dann iſt auch Alles verloren.— Was war noch zu verlieren? fuhr der Junker fort mit kalter Härte. Die Ehre, der Frauenruf, die Selig⸗ keit hattet Ihr begraben laſſen mit Eurem Afterbilde. O daß ich das nicht vergeſſen kann, daß dieſe Wahrheit mir Geſellſchaft bleiben wird vis zur letzten Stunde! Eva, Eva, wie konntet Ihr alſo freveln an Gott, an Euch und den Menſchen?— Richtet menſchlich, da auch Ihr Menſch ſeid! fiel das Fräulein ihm in die Rede mit geſammelter Beſinnung. Ihr waret ein edler Mann, Barner, und ich zählte Euch zu meinen beſten Freunden. Mein Schickſal, mein Lebens⸗ loos liegt jetzt in Eurer Hand. Tretet auf und verkün⸗ det die ſeltſame Mähr dem Volke; werfet den zerſtörenden Brand in das eheliche Bett Eures Herzogs, tödtet die wackere, kranke Herzogin, reißt das Mädchen, das Ihr zu lieben vorgabt, heraus auf Gaſſe und Markt, ſtellet ſie an den Pranger neben die gemeine Luſtdirne, führt ſie ans Kirchenthor und laßt ſie hinknieen mit nackten Füßen und zerfetztem Schleier, und das Licht der Buße halten zum Spotte der Fiſchweiber und Gaſſenbuben. Der edle Mann hat ja dann volle, herrliche Rache, der —„ 1„— 363 beleidigte Liebhaber kann alsdann ſchwelgen im Anblicke der zertretenen Spröden, die ihn verſchmähete.— Barner ſchüttelte unwillig das Haupt. Nein, Eva, nicht darum trat ich in dieſen Zingel, erwiderte er mit düſtern Blicken. Ließe ſich Liebe zwingen, ſo hätte der ſtarke Barner ſie gezwungen ſeit der fürchterlichen Stunde zu Wolfenbüttel. Was der Mann nicht konnte, wie ſollte das vom ſchwachen Weibe gefordert werden?— Dieſer Heinrich verſtand das Wort der Verführung ge⸗ wandter zu handhaben als der ſchlichte Burgjunker, und in ſeinem Hermelinmantel prunkend, geziert mit den Trophäen des Waffenruhms, mußte es ihm leicht werden, das armſelige Bild des erbeloſen Jünglings aus Eurem Herzen zu ſtoßen. Der Traum meiner Liebe iſt aus, ich werde nie mehr lieben, und meine Anſprüche liegen ver⸗ ſchloſſen und ewig begraben wie Eure Schuld im leeren Sarge der Barfüßerkirche. Nicht vor Euch zu betteln kam ich her, nein, weit Höheres, eine drängendere Pflicht peitſchte mich bis zur Pforte der Staufenburg. Eva, es iſt der Bruder, es iſt der treueſte Freund, der jetzt zu Euch redet. Eva, Du haſt Deine Ehre ſelbſt zer⸗ treten für immer; Eva, Du haſt Dich ſelbſt gemordet mitten in der ſchönſten Zeit Deiner Jugend und Deines Glanzes; o ewig müſſen Deutſchlands Jünglinge be⸗ weinen, was in Dir verloren ging. Aber das iſt hin, es handelt ſich nur noch um das Heiligere. Eva, wie kannſt Du vor Gott beſtehen, wie kannſt Du beten, ſeit Du einzogſt in dieſe Höhle des Verbrechens. Du haſt gefrevelt an dem Heiligſten; Tugend und Unſchuld haſt Du zum Spiel des Laſters leichtfertig hingeſchenkt; v5 Altar haſt Du die Monſtranz geſtohlen; Kirchenraub und Kirchenſchändung ſind die Verbrechen, mit denen 364 Dich die Welt und der ewige Richter ſtempelt. O Eva es gilt Deine Seele. Du haſt mir das höchſte Erden⸗ glück verſagt, verweigere mir nicht den Ruhm, Deine Seele, Deine Seligkeit gerettet zu haben!— Und was ſoll ich thun? jammerte Eva.— Mir folgen ſogleich! erwiderte Klaus haſtig und faßte ihre Hand. Fliehen mit mir aus dieſem Orte der Schande, dieſer Heimath des Laſters! Niemand wacht, Niemand verräth die Flucht. Auf meinem Roſſe führe ich Dich, theure Ver⸗ irrte, fort in ein fernes, fremdes Land; der heilige Vater entſündigt Dich, und ein Kloſter nimmt Dich auf zur Buße und zur Wettmachung der ſchweren Schuld durch gute Thaten. Eva, folge dem treuen Bruder! Es iſt des Himmels Stimme, die Dich ruft, und auch Er, der Verführer, der Schuldigſte, der Mörder Deiner Ehre hat, dann ſeine Strafe, wenn er getrieben von ſeiner zuchtloſen Begier herfliegt, und ſein Opfer nicht findet, und umſonſt in allen Welttheilen die Verlorene ſucht. Auch er büßt dann ab, bekehrt ſich vielleicht; denn welche Sünde vergäbe die unermeßliche Gnade des Allbarmherzigen nicht!— Das Fräulein zitterte, und wurde wechſelnd bleich und roth im Antlitz. Ich kann nicht, ich kann nicht! ſtammelte ſie. Ich liebe ihn, liebe ſeine Fürſtengröße, ſeine Tapferkeit, ſeinen Stolz, liebe Alles, was Andere an ihm haſſen. Liebe iſt nicht Sünde, denn der Gott droben warf ſie in das Menſchenherz. Ich habe ihm geopfert Ehre und Leben. Nur für ihn bin ich noch auf der Welt, das Geſpenſt, der Schatten, das unſichtbare Echo der ſtolzen, geprieſenen Eva von Troth. Um ihn habe ich betrogen Bruder und Welt und Kirche. Ich —————— 365 kann nicht laſſen von ihm, nicht auch ihn betrügen, und Schuld löſchen in neuer Schuld.— Heftig warf Barner ihre Hand zurück. Nun, ſo fahre denn hin, Du Kind des Verderbens! rief er aus mit furchtbarer Stimme. So ſei denn Fehde zwiſchen mir und ihm und Dir, zwiſchen Himmel und Hölle ewi⸗ ger Krieg! Aufrufen will ich Kaiſer und Papſt gegen Euch! Der zertretene Barner ſoll den ſtolzen Heinrich und ſeine Buhlin klein machen vor ganz Deutſchland. Mit Deinem Ohm und Deinen Brüdern werde ich die Thore dieſer Burg ſprengen, und gewaltthätig gegen Deinen Willen Deine Seele retten aus dem Abgrunde; mit dieſem Dolche will ich Deines Verderbers Blut ſuchen überall, und ohne Raſt nach ſeinem Leben ringen, bis er gebüßt hat vor mir im Sande, das ſchwöre ich, ſo wahr—— Schreiend flog Eva auf ihn zu, und bedeckte mit ihrer zarten Hand feſt ſeinen zuckenden Mund. Schwöre nicht, Klaus! rief ſie. Dein Schwur würgt mich zuerſt. Schwöre nicht, bei dem Andenken Deines Vaters, bei Deinem Edelmuthe, bei Allem, was Dir heilig hier und dort, ſprich den gräßlichen Eid nicht aus.— Ich habe geſchworen in der Gruft, antwortete der Mann mit blitzendem Auge, ich habe hundert Mal ge⸗ ſchworen in geheimen Gedanken dieſer letzten Nächte, den Dolch meines Vaters in ſein falſches Herz zu tau⸗ chen, und die Barner brachen nie ihr Gelübde.— Er zog den blanken Stahl hervor und ließ die Mor⸗ genſonne darauf funkeln. Was hat er mir nicht Alles gethan? ſprach er dumpf in ſich hinein. Den Vater ge⸗ mordet, mein Erbe geraubt, meine Ehre zertreten, meine Liebe geſtohlen und entehrt; nur das Leben hat er mir 366 gelaſſen zu ſeinem Verderben, und das Gewicht ſeiner Beleidigungen ſchnellt meinen Haß ſo hoch auf, daß er wie ein rieſiges Ungethüm Erde und Himmel berührt, und endlos iſt wie die Ewigkeit. Was zögert darum meine Hand? Habe ich ihn nicht hier, kann ich doch ſein Herz tödtlich verwunden, indem ich ſein Liebſtes kalt mache mit dieſem Eiſen. Und rette ich nicht auch ſo ihre Seele vom höchſten Verderben?— Mit wahn⸗ ſinnigen Geberden ſtand er da, die funkelnden Augen auf das Weib geheftet; Eva aber warf ſich vor ihm nieder in die Knie.— Tödte mich, wenn du Blut begehreſt!— rief ſie mit ausgebreiteten Armen. Aber entſage Deinem furchtbaren Gelübde.— So wiſſe denn, nicht ehrlos ſchloß Eva von Troth dieſen Bund. Ein Frieſter hat des Herzogs linke Hand in meine getraut, und der Kirche Segen unſer Geheimniß geheiligt; unter dieſem Herzen regt ſich das Kind der verborgenſten Liebe. Nun zucke den Dolch, tödte die Unſchuld in mir, oder tödte mir den Gatten, und dann gehe hin, und rühme Dich, Du habeſt mich geliebt, und habeſt Dich gerächt wie jeder wahnwitzige Bräutigam.— Erſchüttert ſtand Barner. Glaubſt Du, det Fürſt könne allmächtig den Frevel verlöſchen durch ſeinen Ge⸗ waltſpruch, wenn auch mehre Seinesgleichen alſo vor⸗ thaten? fragte er. Glaubſt Du, der Mönch könne den Diebſtahl heiligen, den Du an Deiner Wohlthäterin, der Herzogin, begingſt?— Gott iſt gnädig! ſtammelte Eva in höchſter Aufrei⸗ zung aller Gefühle. So höre denn, Du Folterer, was ich mir ſelbſt nicht geſtehen darf; höre vollkommen aus der Beichte des Weibes, das Dein Mitleid, Dein 367 Erbarmen bedarf! Wäre Heinrich mir nie begegnet, ſo hätte ich Dich allein geliebt; aber Du trateſt zu ſpät in meinen Weg. Höre, Barner, Dich liebe ich noch, und Du ſtehſt neben meinem Gatten wie ſein Feind in mei⸗ nem Herzen, und zerfallen mit mir ſelbſt, zerſtört in meinem Innerſten bedarf es Deiner Rache nicht, denn meine Einſamkeiten rächen Dich mehr als Menſchenfol⸗ tern vermögen.— Starr ſtand Barner da, ſein bleiches Geſicht wurde todtweiß, und ſeine Augen erloſchen faſt. Der Dolch entfiel ſeiner Fauſt. Hege den Mordſtahl, vernichte ihn, an ihn iſt mein Schwur gebunden und ſein Leben, ſtieß er halblaut hervor. So lange der Dolch in Deinen Händen iſt, bleibt der Herzog ſicher.— In ſeinen Mantel wickelte er ſich mit Haſt, und ſchwankte dem Pförtchen zu; Eva von Troth aber er⸗ griff mit gleicher Haſtigkeit den Dolch, warf dem Jüng⸗ linge einen ſchmerzlichen Blick nach, und flüchtete wie verfolgt zum Schloſſe hinauf.— Wir müſſen den Leſer am Schluſſe dieſer Geſchichte nochmals auf den Schauplatz zurückführen, auf welchem wir zuerſt mit ihm zuſammentrafen. Im Hofe des Rathsherrn Nettebeck führte der Leibbube wiederum den dampfenden Schecken umher, dem man die äußerſte Er⸗ müdung, und nichts mehr von ſeinem ehemaligen Ueber⸗ muthe anſah. Tiefe Stille herrſchte im Hauſe, denn es war Sonntag, und die einzelnen Glockentöne von den Thürmen Braunſchweigs ſagten an, daß die Prediger mit dem Segen des Herrn die frommen Bürger entlaſſen hatten. Auch die Familie Nettebeck kam heim vom 368— Kirchengange, und Juſtina jauchzte laut auf, als ſie den Schecken erkannte.— Wie ſieht das Thier aus, Konrad, ſprach der ihr nach⸗ tretende Bürgersmann, es iſt eine Sünde und Schande, alſo Gottes Geſchöpfe zu traktiren, oder habt Ihr Ku⸗ rier geritten vom Kaiſerhofe, und bringt der Stadt das Edikt der Glaubensfreiheit? Und wo iſt Dein Ritter?— Tretet nur hinein, mein wackerer Herr, und ſehet ſelbſt! antwortete der Bub mit Thränen in den Augen. Gott ſei geſegnet, daß wir hier ſind, und die Faſttage und Mordritte ein Ende haben. Aber geht nur hinein, der Junker bedarf Eurer mehr als der Scheck und ich.— In höchſter Spannung ſchritt Herr Nettebeck durch das Haus in das Zimmer, und als die Jungfrau mit ihm eintrat und den Junker Barner erblickte, wurde ihr voriger Jubelruf ein Schmerzgeſchrei, und ſie tau⸗ melte auf den Liebling zu, und ſank in die Knie neben den Lehnſeſſel, auf dem er ruhete, entſtellt, bleich wie eine Leiche, und ſo kraftlos, daß er vergebens eine Be⸗ wegung machte, aufzuſtehen, und den lieben Wirthen entgegen zu treten. Um Jeſus, was iſt geſchehen, mit Euch? jammerte Juſta, ſeine kalte Hand ergreifend, und in ihre beiden Hände zuſammendrückend.— Ich bin wieder hier, erwiderte Barner mit zitternder, ſchwacher Stimme; alles iſt vorüber, und ich bin wohl, und der Geiſt iſt heiter und hat überwunden. O Vater, wie haſt Du recht geweiſſagt! Draußen auf der ſchrof⸗ fen, kalten Höhe ſuchte ich das Glück, und es lag mir ſo nah. Nehmet ihr mich denn wieder auf? Wirſt Du vergeben, Juſta? O ich habe ſchwer gefrevelt an euch Allen!— ——— 369 Die Jungfrau drückte ihren Mund heftig auf ſeine Hand und in Thränen ſchluchzend ſtammelte ſie: Was könnte ich Dir nachtragen?— Aber was thateſt Du denn? Und warum biſt Du ſo verändert? Und welche Krankheit hat Deine Stärke gebrochen bis ſo weit?— Die Krankheit iſt vorüber, antwortete Klaus; Du wirſt mein Arzt ſein, und Ihr, Vater, ſollet mich in ein neues Leben einführen. Ich entſage dem Ritterthume und all ſeinem Prunke für immer; nimmer verlaſſe ich euer Braunſchweig wieder, und dieſe freie Stadt ſoll den treueſten Bürger an mir finden. Gebet mir einen Platz unter euren Büchſenſchützen oder laßt mich ein Reiterpiket hinausführen gegen den Bürgerfeind; Braun⸗ ſchweigs Fahne in meiner Linken wird das Schwert in der Rechten unüberwindlich machen, und wenn der Wol⸗ fenbüttler käme mit all ſeinen weißen Panzermännern. Gib acht, Heinrich! wahre dein Haupt! Blinkt auch der Dolch des alten Hans nicht mehr, Barners Schwert iſt es, was nimmer in der Scheide ruhen wird, bis er Alles wett gemacht hat.— Vater, er ſtirbt! ſchrie Juſtina aufſpringend. Seine Lippen werden bleich, ſein Auge ſchließt ſich, ſein Haupt ſinkt. Er ſtirbt, Vater! O ſo helft doch Eurer Juſta, daß ihr Herz nicht mit dem ſeinigen bricht!—. Er wird erwachen; entgegnete der Alte, indem er dem Ohnmächtigen beiſtand. Gottes Wege ſind wunder⸗ bar, aber ſie führen alle zum Frieden. Er iſt durch eine ſchwere Schule gegangen, ich weiß davon; aber auch er wird es überſtehen, und die Welt wird ihm wieder hell werden, und ich und meine Juſta wollen treulich helfen dazu; denn die Noth ruft die wahren Freunde, die er geſucht, wo nur Schein und Maske Blumenhagen. II. 24 . 370 wandeln; und Verirrte auf die gerade Bahn führen iſt die ſchönſte Chriſtenpflicht, und lohnt mit den Zinſen der dankbaren Liebe.— Täuſchet mich nicht, mein Vater! entgegnete die Jungfrau mit finkender Stimme. Er iſt todt und wird todt bleiben. Die böſen Menſchen draußen haben ſein Herz zerbrochen. O wäre er bei uns geblieben! Juſta würde ihm doch die böſe, bunte Welt vergeſſen gemacht haben. Aber ſo iſt er hin, und Alles hin, und Gott ſei ſeiner Seele gnädig, die wohl gefehlt haben mag, aber nie gottlos war. Juſta's Leben wird ein langes Gebet für ihn werden am Marienaltar zu Kloſter Steterburg, bis der himmliſche Vater gnadenvoll auch ſie dahin ruft, wo die Böſen nicht ſind, nichtſtören, nicht haſſen und verderben.— Ihre Knie brachen ein, ſie betete halblaut zu den Füßen des erkalteten Lieblings, und der Vater bog ſich innig betrübt über die beiden verlornen Kinder.— * . — — — — S Der Sturm tobte aus Oſt über das Meer daher und peitſchte die ſchäumenden Wogen hoch hinauf an die Küſten der Inſel Seeland. Schaurig klang das hohle Aechzen der Brandung durch den Abend gleich dem Ver⸗ zweiflungsgeheul einer Sklavenhorde, die der zornige Herr züchtigt mit der Fauſt von Erz. Der Mond ſchim⸗ merte zuweilen zwiſchen dem fliegenden Gewölk hindurch, und beleuchtete die hohen Steingruppen der Reſidenz, die auf der platten Fläche in ihrer koloſſalen Schatten⸗ geſtalt ſich einem Gebirg ähnlich aus dem Nebelſchleier erhob, der ſie wie mit einem traurenden Wittwenkleide bedeckt hielt. Fern auf der See erkannte man die La⸗ ternen der rieſigen Kriegsſchiffe, ſchwankend im Winde, doch wie Angelſterne feſt und trotzend dem tobenden Elemente. Am Lande machte der helle Nachtgefährt zu⸗ weilen eine mächtige Batterie ſichtbar, ſpiegelte ſich auf dem blanken Metallrücken der Geſchütze, und ließ die ſcharlachrothen Kriegsröcke ihrer Wachen erkennen, welche in fremdländiſcher Sprache ſich anriefen, oder auch ein wildes Kriegslied, gleichſam dem Himmel zum Trotz, in das Geheul des Windes hinauf ſchrien. Nicht fern vom Ufer lag ein Fiſcherdorf; Lichter ſchimmerten in den ärmlichen Hütten, aber keine Men⸗ ſchenſeele bewegte ſich zwiſchen den niedern Wohnungen. Nur in der Nähe des letzten Strohdaches ſtand auf einer 374 kleinen Erdhöhe ein einzelner Mann feſt und hoch wie ein Maſt, mit untergeſchlagenen Armen in ſich gedrängt des Wetters ſpottend, und die Augen ſtarr auf die nahe Straße gerichtet, welche ſich an der Batterie zum Dörfchen durch die Sandfläche herabzog. Der Mann war kein Bewohner dieſer Strohhütten, die Kleidung verrieth's. Ein dunkler Oberrock deckte ſeine kräftige Geſtalt; auf⸗ geknöpft, flatternd im Winde, ließ das Oberkleid einen breiten Gürtel ſehen, der ein Paar Terzerole barg, und an dem der kurze Degen der Seeleute befeſtigt hing: ein großer Hut, tief in das Geſicht gedrückt, verdeckte die Geſichtszüge des Mannes zur Hälfte, doch blieb ein buſchigter Bart ſichtbar, der ein bleiches gefurchtes Ant⸗ litz umkreiſete. Der Mann ſtand lange unbeweglich auf derſelben Stelle, aber ſein Geiſt ſchien fern von dem Orte, wo er ſtand; denn er rührte weder Kopf noch Glied, ſelbſt dann nicht, als auf dem Meere einige Kanonenſchüſſe donnerten, die Befehlsſignale für die Flotte oder Noth⸗ zeichen einzelner Schiffe ſein mochten. Von der nächſten Hütte her bewegte ſich jetzt etwas gegen die Höhe herauf. Eine weibliche Geſtalt näherte ſich und kam langſamer, ſcheuen Schrittes durch den Abendnebel gegen das Ufer her, und drehete ihr Geſicht, ſuchend bald hier, bald dorthin. Ein weißer Schleier war dicht um ihr jugendliches Geſicht geknüpft, feſt zog ſie den hellgrauen Mantel zum Schutz gegen das unge⸗ ſtüme Wetter um den ſchlanken Leib. Mit verdoppelten Schritten aber eilte ſie zu dem Manne, als ſie ihn im ungewiſſen Mondlichte ausgefunden und erkannt hatte. Warum verweilen Sie ſo lange in der böſen Nacht? fragte ſie mit einer ſanftklingenden Stimme, in welcher — —— — —.———————...— ——————————— 375 Sorge und Scheu hörbar wurden. Warum ängſtigen Sie mich mit jeder Stunde mehr und bedrücken immer neu mein ſchwaches Gemüth? Kommen Sie mit mir hinein in das warme Zimmer und zum Licht, Vater! Obgleich ſie mich Ihres einſtigen Zutrauens nicht mehr werth zu halten ſcheinen, obgleich ich nicht weiß, was Sie ſeit Kurzem ſo furchtbar ſeltſam verwandelt hat, ſo fühle ich doch, der Aufenthalt in ſolcher Nacht iſt Ihrem Körper wie Ihrer Seelenſtimmung gleich ſchädlich.— Der Mann wandte ſich unwillig und mit heftiger Bewegung gegen die Sprechende. Was willſt Du? Wer rief Dich? fragte er rauh und herriſch. Geh zu⸗ rück zum Ofen. Iß und trink, ich habe keinen Hunger. Die Neugier und die Frageluſt der Weiber ärgern im⸗ merdar den Mann, und ich dulde ſie nicht an Dir, das weißt Du.— Wie können Sie Neugier ſchelten, was tiefe Beküm⸗ merniß kindlicher Liebe iſt? entgegnete die Tochter. O Ihre Egwia wäre ein ſchlechtes Kind, könnte ſie ruhig anſehen, wie der finſtere Geiſt immer gewaltiger ſich ihres Vaters bemächtigt, wie er Sie um ihren Schlaf, um jede Ruhe beſtiehlt; wie er ſelbſt die Vaterſorgfalt, die Zärtlichkeit, welche Sie Ihrer Egwia ſchenkten, gänzlich zu vernichten dräuet. Nannten Sie mich nicht oft Ihre ſtarke, beſonnene Tochter? Warum ſoll ich jetzt nicht mein Theil der Laſt mittragen, welche den Vater bedrückt, ſo ſchwer bedrückt, daß ich zittere, ſie möchte ihn erdrücken?— Erdrücken? lachte grimmig der Mann auf. Hemmo Blodhand hat auf dem ſtarken Herzen andere Laſten getragen, als dieſe da, denn ſeit langen Jahren hilft ihm die Freude endlichen Triumphs die Bürde heben, welche das Schickſal ſchickt.— 376 Wunderbare Freude muß das ſein, da ſie das Herz verſchließt und die Augen bis zur Furchtbarkeit verfin⸗ ſtert, ſeufzte das Mädchen. Ja, ich ſah ſo etwas an Ihnen, aber auch das blieb mir ein düſteres Räthſel. Als die furchtbaren, mitleidsloſen Feinde unſere Stadt zerſtörten, als die gräßlichen Donner Tag und Nacht den Erdboden erſchütterten, die zerſchmetternden Bomben durch die Lüfte rauſchten, die fürchterlichen Feuerraketen ziſchten, feſthafteten an Haus und Thurm, und unlöſch⸗ bare Brunſt entflammten, da erkannte ich eine Freude auf Ihrem Geſichte, die mich beben machte. Ueberall tönte Jammer und Nothgeſchrei; zerriſſene Leichen der Bürger, der Weiber, der Kinder lagen in den Straßen, kein Dach, keine Mauer bot Sicherheit, es war das Angſtleben in einer lodernden Hölle, Sie allein gingen mit eiſiger Ruhe und Todesverachtung zwiſchen der Zer⸗ ſtörung, und als die ſchöne Frauenkirche zuſammenſtürzte, als der grauſe Brand die Aſchbergſchen und Holkſchen Paläſte am großen Platze fraß, da hörte ich Sie lachen; o Vater, ein Lachen, das ich nie vergeſſen werde, ſo lange ich athme.— Habe ich gelacht? rief der Mann wild. Ja, ja! Emwald und Mathilde! rief es damals in meinem Innern. Die Flamme hat endlich den blutbegoſſenen Schauerplatz rein gebrannt, der fünf und dreißig Jahre meine Sohlen mit Schlangenzungen gewundet, wenn ich über ihn hinſchritt. Es iſt eine ſchreckliche Sache, daß der Menſch nicht vergeſſen kann und ſein Gedächt⸗ niß ihm getreuer iſt als er ſich ſelbſt, als die Menſchen ihm, und als er wünſchen darf.— Ihre Rede iſt mir Räthſelwort, verſetzte Egwia, gleichwie es mir Räthſel bleibt, daß Sie bei der — — — ——————— Zertrümmerung unſerer Königsſtadt durch den ungerechten Feind, welcher ſich übermüthig ſeiner Macht bediente, ruhig in den wankenden Mauern blieben, und jetzt die Stadt verließen, da der Friede gewonnen, da die Ca⸗ pitulation abgeſchloſſen und das liebe Vaterland bald von den gehaßten Fremdlingen befreit ſein wird.— Ungerechte Feinde? fragte der finſtere Hemmo. Ein Weib ſieht nicht weiter als ihr Buſentuch reicht. Aber der über den Wolken, über den Völkern, über den Königen, jener große Donnerer ſchauet durch die Welten und über die Welten hinaus; in ſeiner Zeitrechnung ſind dreißig Jahre ein Angenwink, und ſeine Strafe kommt, dünkt ſie dem Erdenwurme auch ſpät und ſchleichend, glaubt der Erdenwurm in ſeiner Faulthiersnatur ſich auch längſt ſicher vor der verſchobenen Rache. Sie haben gezittert, ſie ſind in den Staub gebeugt, dieſe Grau⸗ ſamen, die ſich unerreichbar, unverwundbar hielten gleich den Göttern und Aſen ihrer Voreltern. Britten und Hannoveraner haben dieſe goldbedeckten Götzen in den Staub geworfen; es fehlte nichts als das Feldgeſchrei: Mathilde! das ſie hätten hören müſſen in dem Donner jeder Kanone, in dem Geziſch jedes Congreveſchen Feuer⸗ pfeils; und der, welcher allein im Dänenreiche die an⸗ gebetete Engländerin nicht vergaß, den man darum mit Füßen trat, daß der Soldat ſich elenden Krämern zum Führer ihrer jämmerlichen Kauffahrer verdingen mußte, eben der hat ſeinen Dornſtrauch mitten in die Ruthe gebunden, und als die Stolzen winſelten unter ihr, hat er ihnen die Parole der Rache: Mathilde und Emwald! in das Ohr geſchrien.— Von wem ſprechen Sie, Vater? ſtammelte das Mädchen furchtſam. Kommen Sie mit in das Haus. Der 378 Wind ſtreicht ſo rauh über den Hügel, Sie ſind krank, Sie könnten kränker werden.— Still, Dirne! rief Hemmo heftig. Hörteſt Du nicht eine bekannte Stimme durch den Sturm?— Be⸗ wegt trat er vorwärts, ſich nicht weiter um die Tochter kümmernd. Und ſeine ſcharfen Sinne hatten ihn nicht getäuſcht. In der Nähe der Batterie vernahm man den Anruf der Wachen, mehre Stimmen ſprachen, und bald trabten zwei Reiter die Straße her und näherten ſich der Erhöhung, wo Hemmo mit ſichtlicher Gemüthsbe⸗ wegung ſie zu erwarten ſchien. Folkerts! rief er mit lauter, freudiger Stimme, als der erſte der Reiter ihm auf Pferdelänge nahe kam, ja, Du biſt es, braver Menſch. Du biſt raſch, wenn die* Freundſchaft fordert. Nur herab vom Gaule und folge mir in ſicheres Verſteck. Aber Du biſt nicht allein?— Ein treuer Gefährt, antwortete der Angerufene, in⸗ dem er vom Pferde ſtieg; durch die feindlichen Schaaren reitet ſich's im Dunkel beſſer zu Zwei. Nur voran, Kapitän; das Pferd iſt ſcheu im Halblichte.— Herr Hemmo drückte ihm die Hand, drehete ſich dann raſch und ſchritt den Weg zu den Hütten hinunter. Egwia aber trat ſcheu und flüchtig den Angekommenen näher und flüſterte: Folkerts, Sie kommen zu uns? O ſagen Sie, was macht Kronſciold? Fragen Sie ihn ſelbſt, Fräulein, entgegnete eben ſo leiſe der Gefragte, denn hinter uns ſteigt er eben aus den Bügeln.— O mein Gott! was wird das werden? ſtammelte das Mädchen, und eilte dem Vater nach, und hing ſich an ſeinen Arm, und verſchleierte ihr Zittern und ihre 3 Gemüthsbewegung mit einer Klage über das böſe Wetter. ——— ———— „ ——————— 379 Man war in der Fiſcherhütte angekommen, das locker⸗ gebaute Neſt war leer bis auf ein altes taubes Weib, welches am Heerde ſaß, und für die am Meere bei den Kähnen und Netzen beſchäftigten Hausgenoſſen das Nacht⸗ eſſen bereitete. In der engen Stube ſchritt der Kapitän Blodhand unruhig auf und nieder, und horchte wie die angekommenen Reiter vor der Thür ihre Pferde feſt⸗ machten. Egwia hatte ſich erſchöpft im Winkel auf einen Schemel geſetzt. Endlich traten die beiden Fremden ein, nahmen ihre Hüte ab und lüfteten die großen Reit⸗. . mäntel. Beide waren junge, wohlgebildete Männer,. beide gleich ſchlank und hochgewachſen, beide ächt nor⸗ „ diſche edle Phyſiognomien, blauängig und blond, doch trug der Eine dunkele, aber feine Bürgertracht, der An⸗ dere dagegen die Uniform des Vaterlandes. So wie der matte Schein des einzigen Lämpchens 3 die Geſtalten der Fremden ganz beleuchtet hatte, fuhr Kapitän Hemmo mit wildem Fluche auf, dunkele Glut flog über ſein gelbes, faltiges Geſicht, ſeine Augen roll⸗ ten, und er griff an das Terzerol im Gurt. Egwia und Folkerts, ſo hieß der Mann in Bürgertracht, ſprangen gleichzeitig hinzu und faßten den zuckenden Arm des Mordſüchtigen. Was wollen Sie thun, um Gotteswillen, Vater! ſchrie das Mädchen. Keine Unbeſonnenheit, alter Freund! rief der junge Mann zugleich. Laßt mich los, tobte der Kapitän, oder ſo wahr ich Blodhand heiße, ich färbe meine Hände mit dem Blute von Euch Allen. Zugleich bewegte er ſeine Arme mit ſo gewaltiger Heftigkeit, daß ſowohl das Mädchen wie der junge Mann weit von ihm weggeſchleudert wurden. Der Mann in Uniform, dem des Zornigen Angriff zu gelten ſchien, trat, indeß jene 380 bleich und bebend ſich wieder aufrafften, mit Ruhe vor den Kapitän und achtete die Mündungen der Terzerole nicht, welche dieſer auf ihn richtete. Was zageſt Du, Oluf? Was bewegt Sie alſo, mein werthes Fräulein? ſagte er mit leichtem Tone. Kapitän Hemmo erkannte ſeinen vormaligen Hausgenoſſen nicht bei dem trüben Schimmer der Lampe, und ſein Angriff galt nur der Uniform. Wie könnte er in Frerich Kronſciold einen Feind vermuthen?— Der Kapitän war überraſcht vom Tone, der ihm entgegen klang und ließ die Hände ſinken, obgleich ſein tiefliegendes, düſteres Auge jede Bewegung des Redenden beachtete. Wer rief Dich, Frerich? fragte er grollend. Was haſt Du hier zu thun, was außerhalb Kopenhagens Wällen?— Folkerts trat heran. Auf meine Bitte ritt er mit, verſetzte er. Ihr wißt, wir theilten von jeher Alles; Kinderſpiele, Schule, Jünglingstollheiten, Reiſe, Freude und Leid blieb uns gemein; wir lebten nur ein Leben, Ihr habt es ja ſelbſt erfahren in den letzten Jahren, welche wir mit Euch unter einem Dache ver⸗ brachten; ja auch das Herz war nur eins, ſetzte er ſeufzend und mit einem Blicke auf Egwia hinzu; und was oftmalen ſonſt ſelbſt unter Brüdern den blutigſten Zwieſpalt zu erwecken verſtand, verknüpfte uns nur feſter.— Was kümmert mich Eure tolle Freundſchaft! entgeg⸗ nete Blodhand kalt, indem er ſich niederſetzte und die Terzerole vor ſich auf den Tiſch warf. Ich rief nur Dich, und mein Brief ſagte Dir deutlich genug, daß ich nur Dich wollte und keinen fremden Zeugen.— Eben dieſer Brief, Eure ſchnelle Abreiſe, Alles das beunruhigte uns Beide ſo arg, daß wir ſelbſt bei der ——— 381 erſten Kunde von Euch in einem Entſchluſſe die Pferde ſatteln ließen, ſagte Folkerts.— Wir und immer wir! fiel der Kapitän höhniſch lachend ein. Ich meine denn doch, zu dem, was ich mit Dir vorhatte, wirſt Du an Deinem Ich Genüge haben müſſen. Aber gut, gut! Haſt Du den Zeugen mitgebracht, ſo iſt es nicht meine Schuld, wenn er etwas anhört, was nicht nach ſeinem Geſchmacke ſein möchte, noch für die Farben paßt, welche er am Hute und auf den Schultern trägt.— Kronſciold trat dicht an den Tiſch und zu den Sitzenden. Vater Hemmo, ſprach er mit traurigem, aber nicht minder herzlichem Tone, es ſcheint, als wolltet Ihr mich mit Abſicht kränken. Wie ich's verſchuldete, bleibt mir räthſelhaft. Ihr waret uns Beiden ſcheinbar gleich zugethan. Ihr nahmet Achtung und Liebe von uns, als kämen ſie aus den Herzen Eurer Söhne. Ihr gabet uns Rath, Lehre, Unterricht zurück gleich einem Vater. Da entdeckte ſich's, daß wir Beide Eure Egwia liebten; da entdeckte ſich's, daß Ihr meinem Oluf den Vorzug gabet, und zwar aus dem räthſelhaften Grunde, weil er den Kaufmannsſtand erwählt und nicht wie ich dem Könige, Eurem Könige, diente; da entdeckte ſich's, daß Egwia mir gewonnen war, daß ihre ſchuldloſe Zuneigung, ihr Vertrauen mir die Hoffnung auf ein Glück zuſagte, für das mir alle Erdenſchätze zu klein däuchten. Alles das geſchah ohne Heimlichkeit, ohne Scheu oder Schleier, Ange in Auge, Mund gegen Mund, offen von uns Allen Vieren verhandelt, ſo bald es zur Sprache gekommen und an das Licht getreten. Warum ſie mir den Vorzug gab vor meinem Oluf, blieb auch mir ein Räthſel, denn Keiner weiß ſo als ich, wie hoch er über mir ſteht in allen Tugenden des Mannes, in allen Vorzügen, die 382 zu dem Beſitze einer Egwia würdig machen, und hätte ich ſeine Werbung geahnet, dieſes Herz würde verſchloſſen geblieben ſein gleich einem Grabe, dieſe Zunge hätte ich ſelbſt früher zerbiſſen, ehe ſie die Werbung zu Euch ge⸗ ſprochen. Aber es war geſchehen, Ihr hattet meine Bitte angehört; von Euch hörte ich, wie Ihr Folkerts Neigung erkannt, und ihm in Eurer leider zu verſchloſſenen Seele die Hand der Tochter zugeſprochen. Ihr zürntet, und verſagtet; ich trat zerſchmettert, hoffnungslos zurück, und warb nicht weiter um die Geliebte, und machte ſelbſt dem Freunde Raum. Konnte ich dafür, daß Egwias Liebe mir ſo unverdient und in ſolcher Fülle geworden, daß ſie mein Opfer verſchmähete, und das zarteſte, liebe⸗ vollſte Kind zum erſten Male dem Vater ihren Gehorſam verſagte? Ihr Widerſtand, ich läugne es nicht, wurde ein Stern in der finſtern Nacht, in die ich verſtoßen worden; aber ich that nichts, ihn zu reizen oder zu ſtärken, ſo wahr ich ein Mann von Ehre bin und mit Ehre dieſen Säbel trage. Warum warfet Ihr denn ſeitdem Euren Zorn, Euren Haß auf mich? Warum ward ich ausgeworfen aus Eurem Vaterherzen? Weil ich liebte, was Euch angehörig? Weil ich durch das innigſte Band mit Euch verknüpft zu ſein wünſchte? Nein, das konnte den gerechten, verſtändigen Hemmo nicht zu ſolchem Wechſel ſeiner Neigung bewegen. Und wenn Folkerts Bitte zu dieſem Ritt mich ſofort aufriß, wenn Sorge um die geliebte Egwia mein erſter Gedanke dabei war, ſo blieb doch der nächſte Wunſch zugleich, Euch dringend zu fragen, warum Ihr ſo plötzlich Euch von mir gewendet, und warum Ihr ſelbſt in der letzten grauſen Bedrängniß unſerer Stadt, die Dienſte, den Schutz, den ich Euch bot, ſo hart und lieblos von Euch ſtießet.— „„„— Schutz? verſetzte der Kapitän, indem er verächtlich Kronſciold vom Scheitel bis zur Sohle maß. Zum Schutz war Hemmo Blodhand ſich immer ſelbſt genug, und es ſoll Euch zur Stunde klar werden, daß er ganz andere Schirmer hatte als Euresgleichen. Es iſt wahr, ich muß mich ſelbſt verlachen, daß ich einen Verräther in Euch zu bekämpfen mich rüſtete, als ich Eure Uniform ſo unerwartet mir gegenüber ſah. Es ſtiegen Erinnerungen in mir auf, ferne Bilder, die meine Vernunft packten, daß ſie den Dienſt verſagte. Was kann König Chriſtian und ſeine in Ketten gelegte Garde mir thun hinter den Geſchützwällen, welche Ihr paſſirtet, und der Oberſt im nahen Schloß Sorgenfrei würde jedes Haar auf meinem Haupte zu rächen wiſſen. Kennt Ihr ſolche Papiere? Er breitete zugleich mehre Schriften auf dem Tiſche aus, und Folkerts bückte ſich zur Lampe.— Das iſt ein Schutz⸗ brief des engliſchen Miniſters, und dieſes iſt ein Offiziers⸗ Patent für Euch! ſagte er erſtaunt, als er die Blätter durchgeſehen.— Ihr, Kapitän Blodhand, Ihr ein Däne, im Dienſte der Verheerer des Vaterlandes? rief Kronſciold ſogleich mit ſichtlichem Entſetzen. Ja, mein Lieutenantchen, verſetzte der Kapitän mit Spott; ja Dein Buſenfreund ſah recht, und ich ſagte Dir ja vorher, daß Du der unberufene Zeuge von Dingen ſein würdeſt, die dem jungen, weichherzigen Püppchen Geſpenſter dünken möchten. Setzet Euch und höret zu, ſtill und ohne Unterbrechung, fuhr er ernſter und in einem befehlenden Tone fort. Ich muß auf's Schloß Sorgenfrei; doch die engliſchen Herrn tafeln ſpät zu Mittag und trinken bis in die Nacht auf der grünen Decke. Bis dahin ſollet Ihr Aufklärung haben, denn es drängt mich, ſie Euch zu geben, damit Ihr nichts 384 Böſeres vom Kapitän Hemmo denkt, als wirklich da war; ich will ſie Euch geben, da es den Abſchied gilt für das ganze Leben oder wohl gar für ewig, wie mans nennt in der gewöhnlichen Menſchenſprache.— Abſchied? Für ewig? hallte es nach im Schreck von allen drei jungen Leuten; doch der Kapitän winkte her⸗ riſch und dräuend mit der Hand, und Alle ſchwiegen. Egwia drückte ſich tiefer in den Winkel, ihre naſſen Augen zu bergen; Folkerts ſetzte ſich an den Tiſch mit furcht⸗ ſamem Ausdrucke in allen Zügen; Lieutenant Kronſciold aber blieb mitten im Zimmer ſtehen, auf ſeinen Degen geſtützt, und ſeine Augen fielen bald finſter auf den Sprecher, bald mit ſanftem Licht der Zärtlichkeit auf das durch die Schatten der Hütte verborgene Mädchen. Ihr Alle waret noch nicht geboren, begann der Kapi⸗ tän, da ſah Eure Geburtsſtadt einen Tag, der in der Geſchichte der Völker für Dänemark eben ſo blutroth verzeichnet bleiben wird, wie die Bluthochzeit für die Frankreicher und König Karls Mord für die Britten. Den 28. April 1772 meine ich, den Tag, wo Brandt und Struenſee Hand und Kopf auf den Blutblock legten. Als ein Kindermährchen werden Euch die Wärterinnen davon erzählt, und Euch vielleicht mit den Geſpenſtern der Volkstyrannen und Hochverräther zu Bett geſcheucht haben, um auch Euch den Haß einzuimpfen, welcher Mode geworden, da ihn eine Königin trug. Nichts da⸗ von; was helfen Advokaten für Ermordete, die Welt⸗ geſchichte iſt das Weltgericht und ein unbeſtechliches. Königin Mathilde war eine liebenswürdige Frau, viel zu gut und ſanft und menſchlich für einen Thron auf Erden; Struenſee mag immer ein ſtolzer Schwärmer geweſen ſein, welchen ſein Glück zum Uebermuthe 385 drängte; Emwald von Brandt jedoch war der beſte Menſch, als Mann ſo liebenswerth wie Mathilde als Weib und— mein Buſenfreund von früh an, wie Du, Folkerts, jenen Königsknecht da Freund titulirſt. Alle dieſe drei Genannten ſtanden auf dem Gipfel des Glücks, waren durch die Bande der feſteſten, bewährteſten Achtung und Zuneigung gegenſeitig verknüpft, hatten ſich vereinet, ein Volk glücklich zu machen, ſahen ſorglos und zufrieden auf die keimende Saat und träumten von fröhlicher Ernte. Da ſenkte ſich die fürchterliche ſchwarze Nacht des ſiebenzehnten Jänners erdrückend auf ſie herab, und das folgende Morgenroth fand ſie alle in Haft und Ker⸗ ker, die Königin entehrt durch den eigenen Gatten und ſeine Mutter, die Vertrauten als Hochverräther in Ket⸗ ten und dem Henkertode unerrettbar beſtimmt. Und ich ſah das Alles, und war nur ein ohnmächtiger, einzelnet Menſch und konnte nicht retten.— Der Kapitän biß die Zähne zuſammen und ſchwieg eine Weile. Folkerts war aufgeſprungen und hielt den Lieutenant ſchmerzlich umfaßt. Nach kurzer Pauſe fuhr Hemmo Blodhand fort: Ich diente damals als ein junger Mann unter den dreihundert Dragonern, welche Struenſee an die Stelle der abgedankten Leibgarde geſetzt hatte. Durch Brandts Freundſchaft hatte ich eine Kapitäns⸗Stelle bekommen, und ſein Vertrauen, ſein hoher Poſten am Hofe gab mir die Ausſicht auf eine glänzendere Zukunft. Ich unternahm es in erſter Aufwallung, die Kameraden zu einem Rettungsverſuch zu reizen, aber ich fand feige, vom jähen Schreck verſchüchtert Gemüther; ich wagte ſelbſt mit wenigen Verbündeten einen Anſchlag für die Freiheit der engliſchen Prinzeß, aber die Kronenburg Blumenhagen. II. 25 386 wurde zu wohl bewacht von Julianens Trabanten. Wie ich den Bluttag überlebte, wo es mich hindrängte auf den Richtplatz, weil mir des Freundes Tod eine Unmög⸗ lichkeit ſchien, weil ich mit Sicherheit auf das wehende Gnadentuch wartete und der Erſte ſein wollte, den par⸗ donirten Freund vom Schaffot zu tragen, wo ich ſtatt deſſen ſein warmes, hellrothes Blut ſpritzen ſehen mußte aus dem zerriſſenen Armſtumpf des bleichen, ſchönen Mannes, wo ich ſein theures blutträufelndes Haupt, ſeine weiße Hand, welche meine Hand ſo oft gedrückt, mißhandeln ſehen mußte durch den rauhen Henker, wie ich die Stunde überlebte, begreife ich noch heute nicht. Starr wie ein lebendiger Leichnam hatte ich anfangs geſtanden, dann war ich ohnmächtig niedergeſunken mitten zwiſchen dem jauchzenden Volke. Mein wackerer Reitknecht hatte mich mühſam aus der Gefahr gerettet, zertreten zu werden.— Es war geſchehen, Todte ließen ſich nicht lebendig machen, und ich mußte mir Glück wünſchen, daß man mich für zu armſelig anſah, für zu unbedeutend, um auch mich gleich dem Sturz und an⸗ dern Freunden der Gerichteten in daſſelbe Verderben zu ziehen. Ein finſterer Tiefſinn ergriff meinen Geiſt, das Bild jener Mordſcene ſtand Tages und Nachts vor mir, Emwalds letzter Blick, ſein in Höllenſchmerz verzogenes Antlitz verfolgte mich, und wird mich verfolgen, bis auch mein Todesſchmerz vorüber ging. Ich floh in das Ausland, ich durchſtrich Länder und Meere, ich kehrte zurück, gefaßter, kälter im Aeußern, aber eben ſo zer⸗ riſſen, ſo empört im Innern als ich vor Jahren abge⸗ reiſet. Mit Schaudern betrat ich den däniſchen Boden, mit Entſetzen meine blutbefleckte Vaterſtadt; ich fühlte klar, ich haßte das Land, die Stadt, ich haßte mit 387 unauslöſchlichem Grimm jeden Dänen, der die Gräuel⸗ that angeſehen und geduldet, aber ich mußte leben, den größten Theil meines kleinen Vermögens hatten meine Reiſen verzehrt; was übrig geblieben, reichte nicht zu, mein Daſein ſicher zu ſtellen. Ich bewarb mich um eine Anſtellung; wohl mir, hätte ich's nicht verſucht, denn nun erinnerte man ſich erſt meiner frühern Verhältniſſe, jener verhaßten Dragoner Struenſee's, und überall ab⸗ gewieſen, zurückgeſtoßen, mußte ich mir Glück wünſchen, daß ich ohne Ketten den Küſten Danias Adio ſagen durfte. Deine Mutter, Egwia, feſſelte mich allein noch an das Vaterland; der Bund, den wir ſchon damals geſchloſſen, zog mich von langen Seereiſen zurück nach der Heimath; ich fand Vieles umgeſtaltet, war vergeſſen wie Mathilde und ihre Freunde, durfte wagen meinen Kopf in der Reſidenz unbefährdet zu tragen, und zog es vor, im Vaterlande einem geringern Stande anzu⸗ gehören, als Geburt und Jugendleben mir verheißen, nur um Deiner Mutter Treue und Wort zu halten. Aber wenn ich die Schiffe der goldſchweren ſtolzen Kauf⸗ leute führte durch die Meere als ihr erſter Knecht, da wuchs mein Grimm wie die Welle vor dem Winde, ich fluchte hinein in den Orkan und meine Seele ſchäumte in Haß wie die Brandung am dräuenden Cap Horn. Da kam ich nach London, hörte von dem Zuge der Britten gegen das Dänenland, und ich geſtehe, und ich würde es dem Könige in das Angeſicht geſtehen: ich jauchzte, denn Emwalds Verderber ſollten gedemüthigt werden.— Er hielt inne und ſeine bleichen Zuhörer ſahen ſich ſchüchtern unter einander an. Kapitän, fragte da Kronſciold ſcheu und leiſe, Ihr habt doch nicht... 2 Man 388 forſchte geſtern in der Stadt ſtreng nach Euch; man ſprach von verrätheriſchen Angaben; der engliſche Staats⸗ ſekretär ſoll die genaueſten Karten von der Küſte See⸗ lands gehabt haben, ſoll den Umfang unſerer Marine, die reichen Vorräthe unſerer Pack⸗ und Waffenhäuſer bis auf das ſchlechteſte Blockſchiff und die kleinſte Segeltuch⸗ kiſte gekannt haben, und von brittiſchen Offizieren ſelbſt ſoll im trunkenen Muthe der Verräther der Schiffs⸗ und Marine⸗Liſten, der Karten und Vorräthe genannt, und dieſer Treuloſe ſoll— ein Däne geweſen ſein.— Kapitän Blodhand warf einen langen furchtbaren Blick auf den Lieutenant, der dieſen auch ſofort verſtum⸗ men machte. Die rechte Hand auf das Terzerol gelegt, ſtand er langſam von ſeinem Seſſel auf. Junger Menſch, ſagte er mit tiefer Stimme, wäge Deine Worte beſſer, ſonſt möchte Dir ein Eiſen oder Blei die Zunge lähmen, ehe Dein blondumlocktes Puppengeſicht ſich einen grauen Silberrand verdienen konnte. Doch was habe ich mit Dir zu ſchaffen; Du biſt ein gedemüthigter Kriegs⸗ gefangener der Nation, deren rothe Schärpe ich künftig tragen werde. Die Ueberwundenen ſind dem Staube gleich unter dem Fuße des Siegers. Aber grüße Deine Landsleute von mir und ſprich zu ihnen: Wäre der ver⸗ achtete Blodhand Admiral Gambir oder Lord Catheart geweſen, ſo würde man künftig nicht mehr von Kopen⸗ hagen ſprechen, ſondern nur von dem grauſen Grab⸗ hügel Emwalds von Brandt, der aus den Trümmern fürſtlicher Schlöſſer und ſtolzer Kirchen und den Gebeinen ſpeichelleckender Satelliten zuſammen gehäuft worden.— Der Grimm auf des Kapitäns Geſicht verzog ſich als⸗ dann zur höhniſchen Freundlichkeit. Du biſt einmal hier als ungebetener Gaſt, ſetzte er hinzu; nun ſo will ich 389 Dich denn als gaſtlicher Däne noch einmak bzwirther auf däniſchem Boden. Oluf Folkerts, Du liebß mein Kind und ich habe es Dir zugeſagt, wenn Du auch in ſeltſamer Affenliebe zum Freunde da bisher mein Ge⸗ ſchenk zurück wieſeſt. Ich gehe jetzt nach Sorgenfrei, beſpreche mich mit dem Oberſt über die Abfahrt. Dort werde ich den engliſchen Feldprediger finden, und wenn ich Dir den Rump ſende, folgſt Du ihm mit Egwia und dem Herrn Lieutenant, der ſich zum Zeugen Eurer nächtlichen Feſtſtunde herbeigedrängt. Vor Mitternacht iſt Egwia Dein Weib, Oluf; ich mag die ſchwache Dirne nicht in das Kriegerleben hinein reißen, nicht unter das fremde Volk, bei dem ich künftig leben, in deſſen über⸗ ſeeiſchen Reichen ich vielleicht bald mein Ziel finden werde. Aber das ſchwöre ich Dir, weigerſt Du Dich, ſie vor meiner Abreiſe als Deine Gattin zu umhalſen, ſo wahr ich Blodhand heiße, dann folgt ſie mir und nie ſiehſt Du ſie wieder. Du kennſt den Kapitän Hemmo und ſeinen eiſernen Sinn.— Mit dieſen Worten ergriff er ſeine Terzerole, ſteckte ſie in den Gurt, und ſchritt zum Zimmer hinaus, noch einen verächtlichen Blick auf den erſchüttert daſtehenden Lieutenant werfend, und draußen mit hallender Stimme ſeinen Diener Rump zur Begleitung commandirend. Einige Minuten blieben die drei Zurückgelaſſenen betäubt und bewegungslos auf ihren Plätzen, wie Menſchen, zwiſchen denen ein Wetterſtrahl niederfuhr. Kronſciold regte ſich zuerſt, und wie aus tiefem, ſchwe⸗ ren Traum erwachend, raffte er ſich empor, eilte zu Egwia und ſtürzte ſich ihr zu Füßen hin. —— 390 Iſt es denn möglich, kann es denn ſein, kann ein Gott der Liebe zerreißen laſſen durch grauſame, eherne Hand, was er ſelbſt verknüpfte? fragte er heftig, indem er des Mädchens zarte Hände mit Ungeſtüm faßte und mit Küſſen bedeckte. Nein, nein, es iſt nur eine Prü⸗ fung der ewigen Vorſicht; ſie wird uns feſt und treu finden, und dieſe ſchwarze Nacht wird hell werden, ehe wir es vermuthen.— Hoffe nichts, Frerich! entgegnete das Mädchen kla⸗ gend. Ich kenne den Vater, und ſo iſt meine Hoff⸗ nung ausgelöſcht für immer. O endloſer Jammer, daß ich es ſelbſt ausſprechen muß! Wir werden uns trennen, trennen für dieſes Leben, müſſen für hier verzichten und auf ein beſſeres Daſein uns vertröſten.— Nein, Nein! rief Kronſciold heftig, indem er auf⸗ ſprang. Ich kann kein Leben denken ohne Dich! Ich würde dem Schiffe, das Dich forttrüge, nachſtürzen, ſein Bord umklammern, und nicht laſſen, bis man mit ſcharfen Säbelhieben meine Hände trennte von den fürch⸗ terlichen, räuberiſchen Brettern. Aber warum zaudern wir, und beſinnen uns lange? ſetzte er mit funkelnden Augen und entſchloſſener Stellung hinzu. Kapitän Blod⸗ hand iſt ein Landesverräther; er ſelbſt geſtand es laut und klar. Er darf Kopenhagen nicht wieder betreten, ohne den Kopf zu wagen, und gegen den Verräther, gegen den Falſchen iſt unehrlich Spiel erlaubt. Was zaudern wir? Er ſelbſt hat uns angedeutet, was wir thun ſollen, er ſelbſt uns getrieben, das letzte, das ein⸗ zige Rettungsmittel zu benutzen. Unſere geſattelten Pferde ſtehen an der Thür; Egwia ſchwingt ſich hinter mich hinauf, in einem Stündchen ſind wir in Kopenha⸗ gens Mauern, wohin die blutige Hand nicht reicht, wo 1 —,———————— 391 uns der König ſelbſt ſchirmen wird, höret er, was uns zu ſolcher Flucht verleitete. Und, Egwia, nicht wahr, Du biſt überzeugt, daß Deines Frerichs Arm Dich ſiche⸗ rer ſchützt, als der Arm dieſes Rachſüchtigen, daß Deine Ehre, Deine Zukunft an Deines Frerichs Herzen ge⸗ ſicherter iſt, als auf den Raubzügen, zu welchen dieſer Knecht des kriegesluſtigen Inſelvolks Dich mitſchleppen will?— Egwia entzog raſch ihre Hand der ſeinigen und warf einen Blick auf den erhitzten Jüngling, in welchem Un⸗ wille und Schmerz ſichtlich kämpften. Kronſciold, wohin verirrte ſich Deine reine Seele? ſagte ſie mit Vorwurf. O es wird mir Mühe koſten zu vergeſſen, was Dein 6 Mund ſo eben im Wahnwitz ausſprach! Aber dieſer 31 Wahnwitz iſt Kind Deiner Liebe zu mir, darum muß 6 ich verzeihen, und will Dich nicht ſchelten deßhalb. Die 4 Schimpfreden, mit welchen Du den Vater befleckteſt, treffen ſie nicht auch der Tochter Herz, und hat dieſer unglückliche, von Geſpenſtern und wilden Traumbildern gemarterte Mann noch ein anderes Weſen, das ihm an⸗ gehört, das ihn ans Leben knüpft, als dieſe Tochter? Komm zurück von Deiner Verirrung; nannteſt Du doch ſelbſt in Deiner erhitzten Stimmung Deinen Vorſchlag ein unehrlich Spiel, und ſo ſtrafte Dein reines Gemüth. ſelbſt fofort die Verirrung Deiner Phantaſie. Nein, Egwia kann dem Geliebten treu bleiben, und ſtürmte ein endloſes Meer zwiſchen ihm und ihr, aber ihre Ehre . gibt ſie ihm nicht preis, ihre erſten Pflichten wirft ſie nicht von ſich um ihn, Gottes Gebote tritt ſie nicht mit Füßen um ihn; wie könnte ſonſt der Geliebte ihr glau⸗ 1 ben, ihr vertrauen, ſie ſeiner Achtung würdig halten. Ja, ſterben kann Egwia um Dich, aber nicht Unrecht 392 thun und gälte es ihr höchſtes, ihr einziges Erden⸗ glück!— Sie wandte ſich bekümmert weg von dem bleichen Jüngling, der ſein Geſicht in Scham und Verzweiflung mit beiden Händen bedeckte. Eine tiefe Pauſe trat wie⸗ derum ein, dann fuhr Kronſciold zum zweiten Male ſtürmiſch guf, wie der Orkan, der ebenfalls wie zum Ausruhen ſeine Pauſen hält; doch Folkerts war jetzt der Gegenſtand, dem ſein Sturmſtoß galt. Oluf, und Du? ſprach er mit Haſt. Fällſt auch Du von mir ab und läßſt mich allein wie den Ausgeſetzten auf wüſter Inſel? Du hörteſt und ſitzeſt da theilnahmlos, und redeſt nichts? Oder hat Dir der Vorſchlag des Kapitäns gefallen? Hat das unerwartete Glücksloos, das Dir beſtimmt ward, Dich berauſcht, habe ich mit der Geliebten auch den Freund verloren? Was ſinneſt Du? Rede, um Got⸗ tes, um meiner Ruhe Willen, ſprich: Was wirſt Du thun?— Oluf hatte bislang in tiefe Gedanken verſunken ge⸗ ſeſſen und den Kopf auf den Arm geſtützt. Langſam hob er jetzt ſein Geſicht zu dem Freunde empor. Was ich thun werde? fragte er kalt und finſter. Was ich muß und was das Schickſal fordert.— Menſch, Freund, Bruder! rief Kronſciold wie außer ſich. Willſt Du ein Kain werden oder mich zum Kain machen? Willſt Du ſie heirathen?— Sie will mich ja nicht; das weißt Du längſt! ant⸗ wortete Oluf eintönig.— Und wenn der Vater ſie zwingt? Du hörſt ja, wie ſie gehorſam iſt!— fuhr Frerich auf ihn ein. Zwingen kann kein Menſch den andern, antwortete Folkerts mit gehobener, faſt feierlicher Stimme; Seele ——— ——————————————— — 393 und Herz find frei auch im gefeſſelten Körper, und wer ſich ſelbſt getreu iſt, den verführt kein Schrecken, keine Drohung, keine berauſchende Verlockung.— Egwia wandte ſich raſch und legte ergriffen ihre Hand auf Folkerts Arm. Ihr habt mich verſtanden, Oluf! ſagte ſie raſch. O ſagt das noch einmal dieſem da, der mich nicht mehr kennet, und von allen denen, die auf dieſer Erde athmen, mich am meiſten und beſten kennen ſollte.— Zuſammen ſchrack der Lieutenant und ſein großes Auge irrte unſtet von der Geliebten zum Freunde, und wiederum von ihm zu ihr. Mit aufglühendem Geſicht umfaßte er dann feſt das weinende Mädchen und drückte ſie heftig an ſich und preßte ſeine heiße Stirn in ihr blondes Haar.— O ſei menſchlich, Egwia! Sei nicht grauſam gleich Deinem Vater! ſprach er mit bebender Stimme. Kennſt Du eine gräßlichere Lage als die, in welche mich das Schickſal verſtieß? Meine Liebe zu Dir hat ſich meines ganzen Weſens bemächtigt, iſt mir un⸗ entbehrlich geworden wie Licht und Luft, iſt mir Blut geworden und Gedanke. Ohne Deine Liebe, ohne Dich zu leben iſt für mich eine Unmöglichkeit. Deine Gegen⸗ liebe gab mir die Hoffnung eines Himmels auf Erden. Nun ſoll ich Dich verlieren ſo oder. ſo, an den Glück⸗ lichern, der Dich vielleicht glücklich machen kann, wie ich es gethan hätte, oder an die Ferne, an die uner⸗ reichbare Ferne, in eine Welt Dich geworfen ſehen, wo ich Dich umſonſt ſuchen würde, und ſchwämme ich Dei⸗ nem Schiffe nach wie ein getreuer Hund. Du würdeſt mir treu ſein, o ich weiß es, ich glaube es, aber Du würdeſt vergehen wie ich in zehrender Trennung, und mein gedrücktes Herz belüde ſich dann mit noch größerer ——————— ———————— ——— 394 Laſt, mit dem Bewußtſein, die Schuld Deiner vergeu⸗ deten Jugend, Deines verlorenen Glücks zu tragen. O welche grauſe Wahl, die vor mir liegt! Und nun zürneſt Du gar! O vergibt denn die Liebe nicht, was doch nur um ſie und durch ſie der Wahnwitzige ſprach und that!— Egwia drückte ſich dichter an ſein Herz und umſchlang ihn leidenſchaftlich mit beiden Armen. O ſie vergibt, Frerich! rief ſie innig. Aber ſei ſtark und richte Dich auf. Wende Dich zum Himmel, denn wo Menſchenhülfe verläßt, kann nur Gott retten; und hier unten finde ich keine Rettung mehr.— Und doch vielleicht! fiel da Folkerts ihr mit tiefem, ernſtem Tone in die Rede, und ſtand raſch auf von ſeinem Seſſel. Frerich, ſprach er ſich nähernd, wir ſind Jahre lang wie Zwillingsbrüder nebeneinander gegangen, wir haben das Leben getheilt mit einander, nichts ge⸗ habt ohne einander, unſere Gefühle begegneten ſich überall, ſelbſt auf dem höchſten Gipfel, den das Ge⸗ müth erfliegt, ſelbſt in der Liebe. Vertrauen ohne Grenzen, ohne Maaß! war unſer Lvoſungswort. Gilt das noch, gilt das bis zum Grabe, ſo iſt Hülfe für euch in meiner Hand.— Sprich! antwortete Kronſeciold haſtig, mit den Augen ſtarr an den Lippen des Freundes hangend.— Ihr kennt des Kapitäns unbezähmbaren Eigenſinn, fuhr Oluf fort; an Einſpruch, an Aufſchub iſt da nicht zu denken. Soll Dir die Geliebte, ſollſt Du ihr ge⸗ rettet ſein, muß man ſeinem Willen ſchmeicheln und das übrige der Vorſicht anvertrauen, die gute Menſchen ſelten verläßt. Wenn er den Rump ſendet, werde ich allein aufs Schloß gehen; ich werde ihm ſagen, daß wir, Egwia und ich, uns ſeinem Willen fügen, daß Du verzweifelnd nach Kopenhagen zurück geflohen. Zugleich werde ich ihm jedoch erklären, daß ich ſeine Egwia zu hoch hielte, um ſie gezwungen und als Gunſt des drän⸗ genden, gewaltthätigen Augenblicks zu meinem Eigen⸗ thume zu machen; werde ich ihm erklären, daß ich gleich ihm Dänemark verlaſſen will, daß ich mich entſchloſſen, mit ihm zu meinem Bruder nach London zu reiſen, daß ich dort hoffe, Dein Bild in Egwia's Herzen zu ver⸗ löſchen und die Werbung meiner opfernden Liebe gekrönt zu ſehen. Er wird, er muß einwilligen, und Egwia iſt Dir erhalten.— Und was dann? fragte Kronſciold gedehnt, indem er mit einem ſeltſamen, funkelnden Blick feſt in Olufs klare Augen ſah. Du reiſeſt mit Egwia, ich bleibe hier. Du ſonneſt Dich an ihrem Auge, ich erſtarre im ein⸗ ſamen Froſt. Was dann? frage ich nochmals.— Deine Seele glimmt in Deinem Blick, Frerich, ant⸗ wortete Oluf wehmüthig; aber was ich in ihr erkenne, verwundet mich recht ſchmerzlich. Mißtrauen heißt die rothfunkelnde Flamme, die in Deinem Augenſterne blitzt. War unſere Freundſchaft denn ein Komödienſpiel, daß der Freund Schein glaubt und Maske fürchtet bei dem Freunde? O dann will ich wenigſtens Dir nicht mehr als ein Widerſacher, als eine Klippe Deiner Fahrt gegenüber ſtehen! Dann reite ich ſofort nach der Stadt zurück, verſchwinde aus Hemmo's Augen, und Du magſt dann ſelbſt zuſehen, wie Du mit ihm überein kommſt; ich bin dann wenigſtens nicht Schuld, wenn er Deine Geliebte über das Meer führt, und Du vergebens in den ſchweigenden Wellen eine Spur von ihr ſuchſt.— Nein, in meines Kronſciolds Bruſt kann kein Miß⸗ trauen gegen den edlen Freund wurzeln, fiel Egwia ein; 396 Oluf ſprach nur nicht aus, der Schlußſtein ſeines Plans iſt uns noch unbekannt. Ich kenne Frerichs Gefühl für den Freund; es gab eine Zeit, wo ich ſogar eiferſüchtig war auf den Freund; aber eben deßhalb faſſe ich ver⸗ trauend Folkerts rettende Hand und ſehe in ihm den Engel unſerer Liebe.— Kronſciold konnte nicht reden, aber er umarmte mit Gefühl den Freund. Den Schlußſtein würde Frerich ſelbſt finden, verſetzte dieſer, hätte Leidenſchaft und Schmerz nicht ſeinen Geiſt verwirrt und gefeſſelt. Dänemark wird leider langen Frieden haben, denn dieſer Raubzug hat es in Ohnmacht geworfen. Sobald als thunlich, fordert Frerich Urlaub, und ſeine Fahrt geht gerade nach England, wo er in jeder Küſtenſtadt Adreſſen von uns treffen ſoll. Er eilet uns nach, ſchließt ſich wieder an uns, und die Vorſehung wird den Sonnentag herauf führen, an welchem mit des Freundes Glück auch mein neues Glück beginnt. Mein Vermögen, mein Haus, das ich dem Vetter an⸗ vertrauen werde, ſoll ihm die Mittel zu dieſer Reiſe geben. Hoffnung und Treue! ſei unſre Parole. Ein Augenblick kann die Schickſale eines Welttheils umwan⸗ deln, wie viel mehr die eines Menſchenpaars.— Kronſciold ſtand einige Minuten tiefſinnig und be⸗ ſchämt da, dann erhob er das düſtere Geſicht, ſeufzte tief aus voller Bruſt und ergriff des Freundes Hand. Ja, Du biſt edler, biſt beſſer wie ich, ſagte er mit gepreßter Stimme; ich geſtehe es vor dem Mädchen, deſſen Schirmer Du werden ſollſt, geſtehe es, auf die Gefahr hin, daß ihre Augen über Deinen Werth auf⸗ gehen, und ſie erfährt, wie Du mehr giltſt, als ich. Aber ſie miſſen! Sie fern wiſſen! Mich nicht täglich laben können an ihrem lieblichen Antlitz! Nicht täglich ———— 397 mir Muth und Troſt holen können aus ihren reinen Augen! Sieh, ich kann den Gedanken nicht tragen, wie wird mich die Wirklichkeit zermalmen! Du konn⸗ teſt ſie aufgeben, o darum habe ich ſie mehr geliebt als Du ſie liebteſt, und das wird Egwia nicht vergeſſen, wenn— ſie fern iſt.— Freund und Geliebte umfaßten den gebeugten Jüng⸗ ling jetzt zugleich und hielten ihn in ihren Armen auf⸗ recht. Ich entſagte um des Freundes willen keinem Andern hätte ich den Vorrang ſo willig geräumt, verſetzte Oluf. — Ferne ſind wir nie! rief Egwia. Wie kann Menſchen⸗ wille, wie kann Raum und Zeit Seelen trennen?— Kronſeiold erhob ſich mit Kraft. Gut, ſagte er, ich will mich der Nothwendigkeit fügen. Ich will der Geliebten den Mann zeigen, ich will nicht weinen wie ein Kind, dem man die Puppe nimmt. Ich nehme Dein Opfer an, Oluf! ſetzte er feierlich hinzu. Aber ich vergelte das Opfer mit dem höchſten Vertrauen, das ein Menſch dem andern zeigen kann. Oluf, o halte im Auge, was ich Dir übergebe! Es iſt mein höchſter Schatz, iſt meine Seligkeit; mein Ich ſelbſt, meine Re⸗ ligion, mein Glaube! O hüte den Schatz! Setze Blut und Leben ein für das Kleinod, wie ich es gethan haben würde!— Ich folge euch mit größter Eile; und ver⸗ ſchwändet Ihr mir im Gedränge der Völker, ich würde euch ſuchen bis zu den beiden Polen, und zuletzt an ihren Eisklippen verzweifelnd und mit einem Fluche auf getäuſchtes Vertrauen meinen Kopf zerſchmettern. Gehe jetzt zum Schloſſe, ich weile bei meiner Egwia, bis Du gekehrt und Nachricht bringſt.— Egwia ſah ihm betrübt in die Augen. Nein, mein Frerich! entgegnete ſie herzlich. O verzeih 398 dem Mädchen, das Dich innig, treu bis zum Tode liebt, daß ſie heute jeden Wunſch Dir verſagen muß, wenn auch ihr Herz blutet in der Verſagung. Wie un⸗ ſere Lage liegt, darf ich nicht allein bleiben mit Dir, wollen wir Folkerts großmüthigen Plan nicht vor ſeiner Ausführung zu nichte machen. Der Diener könnte kehren, die Fiſcher könnten plaudern, der Vater ſelbſt könnte mit dem Freunde heimkommen. O der Argwohn und das Mißtrauen ſind ſo feſte Gäſte in ſeiner Bruſt geworden, daß die kleinſte Ahnung eines Einverſtändniſſes zwiſchen uns Dreien und einer Abrede ihn zu den gewaltthätigſten Maßregeln führen möchte. Reite zugleich mit Folkerts von hier, begleite ihn bis Sorgenfrei und kehre dann zur Stadt zurück.— Scheiden! rief Frerich heftig. Scheiden jetzt ſchon, und wer ſagt mir, wann ein Wiederſehen kommen wird?— Scheiden, ja, antwortete Egwia feſt; aber nicht zum Abſchiede. Ich ſchwöre Dir's, Frerich, keine Ge⸗ walt bringt mich zum Schiffe, ehe ich Dich nochmals geſehen, und der Freund wird auch ſorgen, dieſe letzte Freude auf Seelands Boden uns zu bereiten.— Gib mir von Deiner Kraft! rief Kronſciold und riß ſie an ſeine Bruſt. O ich weiß, Du liebſt mich, wie ich Dich liebe; warum drückt mich denn daſſelbe Gefühl ſo tief in den Staub, das Dich ſo herrlich erhebt!— In einer langen, enggeſchlungenen Umarmung, in endloſen, heißen Küſſen hielten ſie ſich, bis Folkerts, der ſie allein gelaſſen, außen bei den Roſſen rief, und der Lieutenant ſich heftig losriß und aus der Hütte ſtürzte. Da verließ auch die erzwungene Stärke das ſchöne Mädchen, und in tiefer Abſpannung ſank ſie neben dem Seſſel in die Knie, ſtützte die gefalteten Hände auf das — ſo weit ſeine ſtummen Sprüche für Menſchenaugen 399 harte Brett, legte das liebliche Haupt darauf und betete vor dem Gott der Liebe und dem Vater der Guten um eine milde Auflöſung ſolch böſen Schickſalsknotens. Der 18. Oktober 1807, der Tag der Einſchiffung der engliſchen Landtruppen, welche an zwanzigtauſend Mann ſtark waren, kam heran. Freude und neues Leid brachte der Tag dem Dänenvolke. Freilich hatten ſie ſich ſelbſt dieſes Nationalunglück zugezogen, freilich hät⸗ ten ſie es abwenden können, hätte ihnen die Ehre etwas weniger hoch gegolten. Die erſte Seemacht Europa's forderte ihre Flotte, nicht um ſie ſich anzueignen, ſondern nur um ſie in Obhut zu nehmen, damit der große Welt⸗ verheerer, der Attila ſeiner Zeit, dieſe treffliche Schiffs⸗ macht nicht zwänge, ihm dienſtbar zu werden und ſeiner Eroberungsſucht eine ſtarke Hülfe zu bringen. England verlangte dieſes Pfand der Völkerfreundſchaft, und da es Britannia war, die erſte Königin des Ozeans, ſo verlor die Gewährung des ſtrengen Verlangens das Entehrende. Dänemark ſchätzte ſeine eigene Kraft zu hoch, und erfuhr jetzt zu ſpät, daß ſeine Gegner mit dem Willen die Vollgewalt beſaßen, das zu vollziehen in höchſter Strenge, was die Nothwendigkeit zu gebieten ſchien. Das Urtheil von ganz Europa tadelte den in ſchauerlichſtem Umfang ausgeführten Entſchluß, doch nur Wenige mögen tief genug eingeweiht geweſen ſein in die Myſterien der Politik, um gerecht die Wage geführt zu haben in ſolch ſchwerer Sache, und nur der große, un⸗ ſichtbare Weltregent iſt der competente Richter über den Königen und über den Völkern, und er hat entſchieden, 400 ſichtbar werden können. Zerfleiſchen mußte es freilich jedes Dänenherz, wenn der Patriot nach dem fürcht⸗ barſten Bombardement ſeiner Königsſtadt, nach der Zertrümmerung des ſchönſten Theiles ſeines geliebten Kopenhagens, jetzt die höchſte Zierde ſeines Landes, den Kern der Kraft ſeines Volkes, die treffliche Flotte weg⸗ führen ſah an fremde Ufer und unter fremder Flagge; wenn der feindliche Admiral nicht genug daran hatte, den Baum auszureißen, ſondern auch jeden jungen Schößling, ſeden Kern vernichtete; wenn die plündernde Feindeshand alle Vorrathshäuſer, gefüllt mit dem doppel⸗ ten Bedarf an Segelwerk, Tauen und Ankern, ausräumte bis auf die Oefen und Eiſenthüren; wenn die rührige Matroſenſchaar alles Bauholz, hinreichend, eine ganze Flotte neu zu vollenden, hinwegſchleppte; aber England war von je gewohnt, nichts halb zu thun, und es hatte einen neuen Lehrer bekommen an dem Götzen, vor dem damals faſt ganz Eurvpa in Furcht die Knie gebeugt.—— Hluf Folkerts ritt an jenem Abende mit beklommenem Herzen zum Schloſſe Sorgenfrei. Er kannte des Ka⸗ pitäns Scharfblick und ſein argwöhniſches Gemüth zur Genüge, um beide zu fürchten. Beſchäftigt mit großen Plänen für ſeine Zukunft blieb Blodhand blind, als Oluf ihm ſeinen Entſchluß entdeckte, ja er ſchien ſogar über die Abänderung ſeines Entwurfs erfreut zu ſein. Seine Tochter blieb bei ihm; der junge Mann, dem er beſonders zugethan war, den er ſich zum Sohne ge⸗ wählt, verließ gleich ihm das Vaterland, welches er haßte; Oluf trennte ſich von dem Freunde, der Blod⸗ hand widerwärtig geworden; Folkerts Vermögen ver⸗ ſprach ihm in dem Inſellande, wo Gold und Reichthum adelte und die Seele des Lebens blieb, glänzenden S— — ——————————— 401 Auftritt und feſtere Sicherſtellung; Alles das ſchnell über⸗ ſchauend, umhalſete er mit Feuer den jungen, betroffenen Mann, lobte ſeine Anhänglichkeit, und eilte dafür zu wirken, daß der Mitfahrt ſeiner beiden Söhne, denn Egwia ſollte in Männerkleidung die Reiſe machen, nichts in den Weg gelegt werden möchte. Der humane, nur ſeinen Dienſt im Auge haltende Oberſt der Engländer willigte gern in des neugeworbenen, kundigen, wohl⸗ empfohlenen Kriegskameraden Wünſche, da überdem die⸗ ſer die Söhne als Rekruten der deutſchen Legion des 1 Königs einzuſchreiben verhieß, und Blodhand und Fol⸗ 1 kerts beſchäftigten ſich von da an mit nichts, als den ſchleunigſten Anſtalten zur Abfahrt, wie ſie Beiden ihre verſchiedene Lage vorſchrieb.— Der beſtimmte Morgen leuchtete; das rothe Bataillon brach aus der Gegend von Sorgenfrei auf und marſchirte nach dem fernen Küſtenplatze, wo die Sanmlung der Truppen zur Ein⸗ 3 ſchiffung befohlen worden. Blodhand ritt mit den Offi⸗ zieren, Oluf und Egwia folgten dem Corps auf einem ſ Wagen. Angelangt auf der weiten Küſtenfläche empfing ſie 1 das impoſanteſte Schauſpiel, welches vielleicht je auf dieſem Meere geſehen worden. So nahe den Ufern als 1 möglich lag die engliſche Flotte, an fünfhundert Fahrzeuge ſtark, in einem großen Halbzirkel da, eine mächtige Waſſerſtadt, mit tauſend Maſten in die Wolken reichend, geſchmückt mit zahlloſen Flaggen und buntfarbigen Wim⸗ peln wie zu einem Feſte, umwallt von glänzend weißen Segeln gleich mächtigen Flügeln der Siegesgöttin, be⸗ 1 deckt mit einem Gewühl von Menſchen, die von fern 1 geſchäftigen Ameiſen glichen. Am weiteſten in See la⸗ gen die ſtolzen Kriegsſchiffe mit dreifachen dräuenden 3 Blumenhagen. 1l. 26 402 Geſchützreihen; in ihrem Halbkreiſe ſah man näher dem Strande die Fregatten und Briggs, ſchlanker gebauet, leichter beweglich, doch nicht weniger ſtattlich, ein flüch⸗ tiges, gefährliches Schützencorps zwiſchen den ſchweren Panzern, dieſen gar oft den Sieg erleichternd oder wohl gar die Krone der Victoria vor der Hand entreißend; zunächſt dem Lande, mitten in den ſchützenden Zirkeln ſchaukelten ſich die wehrloſern Transportſchiffe, zur Auf⸗ nahme der Landarmee beſtimmt, und zahlloſe Barken und Schaluppen abſendend, um ihre lebendige Ladung abzuholen. Doch nicht weniger ergreifend war das Schauſpiel, welches ſich am Lande dem Auge darbot. Von allen Seiten bewegten ſich die Bataillons und Regimenter heran in blitzenden Waffen und unter den weißen Fahnen des großbritanniſchen Herrſcherhauſes; angelangt am Küſtenplatze bildeten ſich geſchloſſene Maſſen, weitſchimmernd durch die Scharlachfarbe der Kriegskleider und von den furchtbaren Reihen der gewal⸗ tigen Geſchütze durchbrochen. Roſſe ſchnoben und wie⸗ herten, Gewehre klirrten, Commandoworte ſchallten; dazwiſchen tönte Kriegsmuſik, raſſelte Trommelſchlag, riefen die Hörner der leichten Schützen, und die fernher tönenden Sprachröhre der Schiffsoffiziere ſchienen als ein Echo zu antworten. Zahlloſe Volkshaufen nahmen den Hintergrund dieſes kriegeriſchen Theaters ein; dem aufmerkſamen Pſychologen wurden ſie ein Studium der Leidenſchaften; Haß und Freude, Ingrimm und Gram malte ſich auf den Geſichtern; hier herrſchte tiefe Ver⸗ ſchloſſenheit, das Schweigen unausſprechbarer Verzweif⸗ lung; dort rollte das Murren des verhaltenen Zornes durch die Reihen, halblaute Schmähworte wurden ver⸗ ſtändlich; doch Erinnerung und Furcht hielten in der ———˖—— 403 Gegenwart der ſchlagfertigen Armee das dräuende Weiter der Volkswuth ab, ſich ſeiner Blitze zu entladen.—— Aengſtlich ſaß die männlich maskirte Egwia auf ihrem Fuhrwerk und drückte ſich immer feſter an ihren Begleiter, deſſen Blicke in der Ferne umherirrten und zu ſuchen ſchienen. Kapitän Blodhand kam jetzt zum Wagen heran, bedeutete Folkerts den Platz, wohin er ſich zur Einſchiffung zu verfügen habe, und eilte dann dem Strande zu, um ſelbſt die nöthigen Vorbereitungen zu beſorgen. Kaum war er entfernt, ſo näherte ſich mit haſtigen Schritten ein junger Matroſe dem Platze, und Egwia erkannte mit dem Scharfblicke der Liebe ſogleich in ihm den Freund ihres Herzens. Egwia! rief Kronſciold. So iſt der Schreckensmo⸗ ment da! Zum letzten Male ſoll ich in das Auge blicken, das der freundliche Stern meines Glücks war.— Nicht zum letzten Male, antwortete das Mädchen, ihm die Hand reichend; Hoffnung, Treue, Wiederſehen müſſen die Engel dieſer ſchweren Stunde ſein. O Fre⸗ rich, häufe nicht die Laſt, welche meine Seele drückt, durch Klage und böſe Ahnung. Glaube mir, ſeit dieſes wildbewegte Getümmel rauher Männer mich umgibt, iſt die ſtarke Egwia ein zaghaft Kind geworden, und ich möchte herab in Deine Arme ſpringen, und mit Dir flüchten zu dem fernſten Küſtendorfe, um dieſen dräuen⸗ den Schaaren zu entkommen.— Thue das! rief Kronſciold. Fort mit mir! Ich ſchütze Dich mit meiner Bruſt und mit dem Blute meines Herzens.— Thörichte Kinder! ſchalt Oluf ernſt. Wollt ihr durch die Unſinnsthat des Augenblicks die ſchöne Zukunft 404 verderben? Drückt euch die Hände! erneuet noch ein⸗ mal Euer Gelübd, dann ſcheidet in Vertrauen und mit Seelenkraft, denn ſchon ſehe ich den Kapitän kehren, der mit dem Oberſt nur kurz geſprochen.— Aber die armen Leidenden hatten keine Worte für dieſe Minute; nur ihre Hände umſchlangen ſich feſter und feſter; ihre Augen hingen an einander, als ſollten die Blicke in einander verglühen. Thränen rannen über des Mädchens Wangen, da riß Frerich ſich los, haſchte das Tuch, welches die Geliebte an das naſſe Geſicht gedrückt, und ſtürzte fort; ein lauter Schrei tönte von Egwia's Lippen, ſie barg das ganze Haupt in den Mantel und — das Schickſal hatte die Mauer der Trennung herauf⸗ gezogen zwiſchen zwei engverknüpften, ſeelenverwandten, guten Menſchen. Die Einſchiffung wurde vollzogen. Folkerts mußte die Freundin in das Boot und aus dem Boote auf das Transportſchiff tragen, welches ein tüchtiges Fahrzeug ſchien, den Namen Cäſar Auguſtus führte, und ehedem als Fregattſchiff in Englands Marine gedient hatte. Der entſchloſſene Mann, den Freundſchaft und Liebe vermocht hatten, mit Hintanſetzung aller ſeiner bürger⸗ lichen Verhältniſſe ein nicht geringes Opfer zu bringen, um die immer noch ſtill geliebte Jungfrau dem Freunde wo möglich zu erhalten und für ihn zu beſchirmen, kam in eine nicht kleine Verlegenheit, als er ſich jetzt am Bord des Cäſar Auguſtus ſah. Die engliſche Flotte ſegelte nicht ſogleich ab, ſondern blieb noch drei Tage lang im Sunde, theils mit den Anſtalten zur Rückreiſe beſchäftigt, theils günſtigen Wind erwartend. Dieſe drei ———— 405 Tage ſpannten Folkerts Seelenkräfte aufs Höchſte an. Ganz unerwartet war die geiſtesſtarke Egwia ſo ſchwach und ſichtlich ſeelenkrank geworden, daß Oluf jeden Au⸗ genblick die Zerſtörung ſeines ganzen Plans fürchten mußte. Mit bleichen Wangen ſaß ſie auf dem Deck am Geländer des Backbords, und war von dem erſten Mor⸗ genlicht bis Nachts nicht wegzubringen von dem FPlatze, mochten die Matroſen auch noch ſo brittiſch-grob auf den Knaben fluchen, der ihnen im Wege ſaß, und die Stöße nicht achtete, welche er durch vorbeigeſchleppte Rahen oder geſchleuderte Tau⸗Enden empfing. Wie das Steinbild einer Niobe, der das Geſchick ihr Liebſtes ge⸗ raubt, ſaß ſie da, vom Jammer faſt vernichtet, oft ſtar⸗ ren Blickes, oft in Thränen ſchwimmend, und vergebens verſchwendete der Freund jedes mögliche Wort des Tro⸗ ſtes, jede Appellation an die Vernunft, jedes Troſt⸗ und Hoffnungsbild an die in Schmerz Befangene. Ohne Antwort ſaß ſie da, den Blick auf den Platz am Strande gerichtet, wo ſie in das Boot geſtiegen, und der flache Sandfleck gab ihrem Gram leider jeden Tag zu mehren Malen neue Nahrung, denn man ſah oftmals dort ein weißes Tüchlein flattern an hoher Stange, und dann ſtürzten Egwia's Zähren reichlicher, dann ſtreckte ſie die Arme aus, als wollte ſie ſich herunterſtürzen vom Bord, dann lallte ſie Kronſciolds Namen in gebrochenen Tönen. Jaget den Knaben wieder hinüber, Kapitän! ſpöttelte der Commandant des Schiffs, den finſtern Blodhand auf die Schulter klopfend. Er hat ſichtlich ſchon das Heimweh, ehe die Reiſe begann, und Ihr werdet wie eine Amme und Wartfrau an ihm zu hätſcheln und zu pflegen haben, bevor wir die Themſe ſehen und an Altenglands weißen Küſten Anker werfen.— 406 Blodhand ſchalt dann grimmig auf das arme Mäd⸗ chen hinein, und Folkerts hatte die größte Mühe, den alten Stürmer zu beſänftigen, mehr noch die höhnenden Matroſen und Soldaten von einer neugierigen Annähe⸗ rung abzuhalten, welche Egwia's Geſchlecht und ihre Verkleidung ſo leicht hätte verrathen können. Endlich am 21. Oktober donnerten die Signalſchüſſe vom Admiralsſchiffe; die befehlenden Wimpel flogen an den Maſten wechſelnd auf und nieder, die Sprachröhren tönten dumpf über die Wellen, und ein plötzliches großes Leben begann alle dieſe ſtillgelegenen Fahrzeuge in Be⸗ wegung zu bringen. Am Strande wehete das weiße Tuch und wurde heftig an der Stange geſchwungen, dann fiel es plötzlich zu Boden, und Egwia that einen Schrei, warf ſich ungeſtüm in des Vaters Arme, und floh dann die Schiffstreppe hinab in das Innere der Kajüte, wo ſie ſich einſchloß. Laßt ſie gewähren, bat Folkerts den zürnenden Vater. Ein Herz wie das Eurer Tochter gibt nicht leicht auf, was ſie einmal erwählt. Thäte ſie's, dürfte Kapitän Hemmo ſie nicht ſeine Tochter nennen. Aber weil ſie es iſt, wird ſie auch erſtarken, und ſich bald zurecht finden. Die Zeit, die Aenderung ihrer Umgebung, wird die gewohnte Wirkung nicht verfehlen.— Blodhand beruhigte ſich, und die neue Bekanntſchaft, welche er mit dem Führer des Cäſar Auguſtus abge⸗ ſchloſſen, in welchem er einen Mann gefunden, der ziemlich gleichen Sinnes mit ihm war und von ähnlichen Leiden⸗ ſchaften, wie er beſaß, unterjocht wurde, ließ ihn bald die genauere Beachtung ſeiner Reiſegefährten vergeſſen. Die Flotte begrüßte die ſchwediſche Küſte mit ehren⸗ den Salutſalven, und verließ alsdann glücklich den ——— 407 Sund. Als der Cäſar im Angeſichte der Reſidenz da⸗ hin ſchwamm, ſtand Hemmo Blodhand am Bogſpreat und ſtreckte die dräuende Fauſt gegen das Ufer. Adio! du grauſer Blutplatz, rief er mit wilder Geberde. Mathilde von England und Emwald Brandt ſchweben als freundliche Geiſter über deinen gebrochenen Thür⸗ men, und winken uns ein dankend: Fahre wohl!— Dem Zuge einer rieſigen Schwanenfamilie ähnlich, die von kalter Küſte entflieht und mit ausgeſpanntem Schnee⸗ gefieder die blaue Flut durchfährt, um für die kalte Winterszeit ſchönere Eilande zu ſuchen, ſo ſegelte das ſtattliche Geſchwader durch den Ocean, und hatte der Unerfahrene Anfangs mit Furcht und hochſträubendem Haare das Gedräng der Fahrzeuge betrachtet, wo jede Berührung, jede falſche Wendung Untergang dräuen mußte, ſo ſtieg ſeine Bewunderung, ſeine ſtille Hoch⸗ achtung, je mehr er die Ordnung erkannte, in welcher dieſe ungeheure Maſſe todter Maſchinen, von menſchlicher Vernunft und ſtrenger Subordination gelenkt, ſo leicht und geregelt die bahnloſe Waſſerfläche durchſchnitt, als fände jedes einzelne Schiff mitten in den Wellen die Schnur gelegt, der es zu folgen hätte, um ſein Ziel ſicher zu erreichen. Als die heimiſchen Füſten verſchwunden waren, als nur Waſſer und Himmel die Fahrenden umgab, ſchien der gewaltige Eindruck auch auf Egwia's Gemüth zu wirken; der Nothwendigkeit ſich unterordnend, hörte ſie wieder auf Olufs Vorſpiegelungen künftiger Freudentage, horchte gern auf ſeine Erzählungen von Frerichs früherm Leben, weinte ſtill, wenn Folkerts mit warmen Farben des Freundes Lage ſchilderte, der verlaſſener geblieben als ſie beide, und der in ſich allein Troſt und Muth 408 fuchen müßte. Sich vergeſſend gedachte ſie jetzt nur des Geliebten und ihr ganzes Benehmen ward beſonnener und geregelter. Er ſoll ſeine Egwia finden, wie er ſie verließ! flüſterte ſie, dem Freunde die Hand drückend.“ Ja, Oluf, treue Liebe iſt das Höchſte hier unten auf Erden, denn ſie iſt mächtiger als Gewalt und Grab, und darf aller Widerſacher ſpotten, weil ſie vom Himmel ſtammt und das Himmliſche im ſchwachen Erdenweſen bezeugt und ausſpricht.— Folkerts beſtärkte ſie in ihrem Muthe, und ließ ſich ein in ihre lieben Schwärmereien, gewann ſo ſtündlich mehr ihr Vertrauen und das wohlthätige Bewußtſein, daß ſie ihr Schickſal in ſeine Hand gelegt, wie in die Hand eines zärtlichen und kräftigen Bruders.— Die erſten drei Tage der Fahrt wurden vom Wetter beſonders begünſtigt, und der friſcheſte Nordoſt blies aus vollen Backen in die brittiſchen Segel. Glücklich hatte die Flotte das Kattegat verlaſſen, war ohne Ge⸗ fährde die dräuende Spitze des Skagershorn und die norwegiſchen Felſenriffe von Lindernas vorüber gefahren, und ſchwamm jetzt auf dem breiten Spiegel des deutſchen Meeres hin, welches mit Unrecht gemeiniglich die Nord⸗ ſee genannt wird. Weniger ſorgſam beachteten die See⸗ leute und Schiffscommandanten Cours und Steuer, denn was konnte in dieſem bekannten Gewäſſer ihnen zuſtoßen, und das Admiralſchiff, von einem Gambir geführt, ſicherte die Fahrt, und es bedurfte nichts als ihm Folge zu leiſten; ſo richtet das Rudel der Edelhirſche nur die glänzenden Augen auf den kräftigen Althirſch, beachtet ſein hohes, vielendiges Geweih, horcht auf 409 ſeinen Ruf, und überläßt es vertrauend dem Erfahrenen, für ſichere Weide und gutes Lager zu ſorgen. Am dritten Tage der Fahrt gewahrten die Seeleute manche Anzeigen der Aenderung des Wetters; Wolken thürmten ſich ſeltſam geſtaltet am Horizonte, die Wellen gingen höher und zeigten glänzende Schaumkronen auf ihren Gipfeln, der Wind ſchwankte hin und her, jedoch⸗ ſah man keine ſicheren Kennzeichen eines nahenden Un⸗ wetters. Egwia bewohnte mit dem Vater eine Kajüte; daneben ſchlief Folkerts mit dem Pay⸗Maſter des Ba⸗ taillons in einem kleinern Gemach, und alle Viere ſaßen Abends zuſammen bei einer Bowle warmen Punſch, und der Maſter des Schiffs kam zuletzt auch noch hinzu, und theilte die Unterhaltung der Geſellſchaft. Goddam! rief der derbe Britte. Das heiße ich fahren! Habt Ihr die Knoten gezählt an der Logleine, Blod⸗ hand? Ja, ja, Ihr däniſchen Amphibien erfahrt nun auch einmal, wie man unter brittiſchen Flaggen ſegelt, und wie die Meer⸗gebornen Söhne Neptuns ihre Mutter zu ſtreicheln verſtehen. Es lebe das grüne Waſſer! Wer's nie geſchmeckt, darf ſich nicht einen Mann ſchelten taſſen Einen großen Tummler des heißen Getränks goß der übermüthige Vorredner dabei in ſeine weite Kehle hinab. Nun, nun, Herr Kamerad, antwortete Hemmo mit Laune, macht nur aus Eurem Mäulchen keinen Pott⸗ fiſchrachen, der eine ganze Themſe zu den Wolken ſpritzt. Auch wir haben das Cap Horn umſegelt, und dieſe Spazierfahrt iſt kaum Redens werth. Zu dem ſüßen Brau hier iſt nicht viel des grünen Waſſers gekommen, und er ſchmeckt Euch doch. Gott bewahre Jeden für 410 einen ſolchen Zug aus dem ſalzigen Becher, wie Ihr ihn eben aus dem ſüßen gethan.— Wohl recht! entgegnete der Britte mit grellem Ge⸗ lächter. Ich habe auch einmal auf einem Stück Maſt von der geſcheiterten Helena die Brandung von Tenerif⸗ fa's Korallenſpitzen durchflogen, und mich dabei im Salzwaſſer ſo ſatt getrunken, daß es mir noch auf der Zunge brennt. Auswendig und unter dem Kiel iſt's ein köſtlich Element, aber inwendig taugt's für kein Men⸗ ſchenkind.— Es iſt doch nichts Gefährliches nahe? fragte Egwia mit bleichen Wangen. Oft hörte ich ſagen, der kühne Seemann gedächte niemals ſeiner Schiffbrüche, als wenn er ein ähnliches Unheil vor Augen ſähe, ſo wie der Landbewohner meiſtens nur des Todes gedenkt, wenn er einen ſchwarzen Sarg in die offene Gruft ſenken ſieht.— Bürſchchen, antwortete ſpöttiſch der Schiffsmaſter, wie würde es um Dich ſtehen, wenn Du einmal mit der Windsbraut den unwillkommenen Wirbelwalzer tan⸗ zen müßteſt, da Du ſchon von dem Schattenworte einer Havarie blaß wurdeſt? Bis Dir der Bart wuchs, wirſt Du noch Mancherlei erleben, von dem hinter dem Ofen der Großmama kein Lied geſungen wurde. Aber Ihr könnt ruhig ſein. Die Leuchte des Admiralſchiffs iſt ein Pharus, dem man ſicher nachſteuert, wie der Herbſtzug der Kraniche dem vorſegelnden Reſtor, und ſind nur die Steuerleute frei von heißem Geiſte und halten die Au⸗ gen feſt auf das Nachthaus und den Strichcompaß darinnen, ſo fährt jedes Schiff neben einander hin auf eigener, unberührter Linie, und der Abdrift des Kiels wird leicht verbeſſert. Wenn der Wind nicht zu ſtark nach Nord hält, ſehen wir morgen ſchon Altenglands 411 Küſten, und Eure Angſt vor dem Naſſen kann ſich durch einen Blick auf das Feſte kuriren. Legt Euch ſchlafen ohne Furcht; der Oberſt hat ſchon ſeinen Schlaftrunk hinter, die Soldaten ſchnarchen in ihren Kojen, ich werde nur noch die Poſten viſitiren und dann ein Gleiches thun. Maſter Williams hat ſeit Jahren das Glück am Bord, und die falſchen Meergeiſter huſchen wie flüchtige Waſſerhoſen an ſeinem Backbord vorbei, ohne Schade⸗ zu thun.— Er hob den gefüllten Becher wiederum und brachte ihn an die blaulichten Lippen. Aber noch hatte kein Tropfen ſeinen Mund berührt, ſo tönte ein ſo fürchter⸗ licher Krach, als wenn der geborſtene Himmel über ihn herabpraſſelte, und zugleich wurde wie von einer unſicht⸗ baren Gewalt die ganze Geſellſchaft zu Boden geſtürzt, und fand ſich nach einer augenblicklichen Sinnloſigkeit auf der Seitenwand der Kajüte mitten zwiſchen den Tiſchen und Seſſeln, Gläſern und flackernden Lichtern liegend. Gott verdamme mich! ſchrie der Kapitän, indem er mit Händen und Beinen ſparlte, wir ſind verloren! Das Schiff liegt auf der Seite und iſt überſegelt.— Kronſeiold! rief Egwia mit gefalteten Händen und wie im Sterbeſeufzer. Folkerts aber umfaßte ſie kräftig und haſchte zugleich das Licht. In derſelben Minute aber fühlten ſie das Schiff hinwiederum ſich bewegen und zwar aufwärts, und zugleich rutſchten Alle von der Seitenwand mit den Möbeln und Geräthſchaften zugleich auf den Fußboden der Kajüte zurück; aber ein gräßliches Geräuſch, ähnlich den Tönen, mit denen ein furchtbarer Windſtoß die rieſigen Zweige des Waldes durchfährt und ſeine höchſten Eichen niederſtürzt, hallte über ihnen hin, und vermehrte das Entſetzen. 412 Der Cäſar ſteht wieder! rief der Schiffsmaſter. Ob er aber nicht in Fetzen zergangen, wollen wir ſehen ohne Verzug. Beſonnen, und ſo freiſinnig, als wäre nichts Beſon⸗ deres geſchehen, raffte der Britte ſich empor und ſprang durch die Kajütenthür und die Stiege hinan, und ſogleich hörte man auch oben ſein Donnerwort: Alle zu Hauf! Leuchten auf's Deck! das Gemurmel der Wellen über⸗ tönen. Blodhand folgte ſofort dem Kapitän, und die bebende Egwia ließ ſich von Folkerts ohne Weigernng ebenfalls hinauf führen, denn unten allein zu bleiben in Geſell⸗ ſchaft namenloſer Angſt und Ungewißheit vermochte ſie nicht. Die Nacht war zwar dunkel, doch der Schein des Meeres leuchtete genug, um ſogleich die Größe des Unglücks aufzufaſſen, und die ſchnell entzündeten Laternen vergewiſſerten mit jedem Augenblick mehr, was geſchehen. Dicht am Bord des Cäſars wurde eine ſchwarze, unge⸗ heure Maſſe ſichtbar, die ſich bald hob, bald ſenkte, und im Aufſteigen das Fahrzeug zu erdrücken ſchien. Ein großes Kriegsſchiff, falſch geſteuert, war mit ſeinem Vordertheil in den Bauch des Transportſchiffes gefahren, hatte es eingedrückt und umgeworfen. Der gute Bau des Cäſars und ein glücklicher Wellenſchlag half dem⸗ ſelben zwar ſofort zur Aufrichtung, aber ſeine zwei Hauptmaſten brachen durch die furchtbare Erſchütterung wie morſches Holz, ſtürzten durch den Schwung bei der Erhebung des Fahrzeuges hinüber auf das Kriegsſchiff, und die Takellage beider Schiffe, Rahen, Taue und Segelwerk wickelten ſich unauflöslich in einander, und verknüpften beide Fahrzeuge mit zahlloſen Unglücksknoten. Jeder, der eine Einſicht von Schiffsbau und Seefahrt ——— Sb— N l v u 413 hat, kennt das Fürchterliche und Zerſtörende eines ſolchen Unfalls, bei dem das kleinere der verknüpften Schiffe meiſtens immer unrettbar verloren gehen muß. Eine furchtbare Verwirrung ward Anfangs daher auf beiden Schiffen ſichtbar; hundert Stimmen ſchrieen, kreiſchten, fluchten; die auf⸗ und niederſteigende Bewegung der Fahrzeuge war mit einem andauernden Gekrach der ein⸗ zelnen Schiffstheile verbunden; hier riß ein Segel mit dem eigenen, kreiſchenden Tone; dort ſprang ein Tau mit dem Hall einer gelöſeten Kanone: hier brach eine Segelſtange und praſſelte auf das Deck. Aber ſchnell kam Ordnung in die ſchreienden, unerwartet aus der Sicherheit des Schlafs zum Dienſte geweckten Menſchen, und die Subordination bewährte ihre Trefflichkeit und ihren Nutzen nach wenigen Minuten der Unordnung. Das Commando der Offiziere ſcheuchte die Soldaten unter das Deck zurück. Das Sprachrohr der Kapitäne, die Pfeifen der Bootsleute rief die Seeleute an ihre Poſten. Laternen erhellten ſchnell die Verdecke, Enterhaken raſſel⸗ ten, Beile dröhnten, und zahlloſe Arme wurden ange⸗ ſtrengt, das verflochtene Segelwerk zu zerſtören, Maſte und Rahen zu kappen, und auf die ſchnellſte Weiſe die gefährlichen Feſſeln zu ſprengen, und beide Schiffe frei zu machen, ehe denn es zu ſpät würde. Unſere drei Dänen befanden ſich indeſſen mitten in dem Getümmel der hin und her ſtürzenden Seeleute, hielten ſich jedoch ſo nahe als möglich bei dem Schiff⸗ maſter, um ſein Benehmen als den Barometer ihrer Gefahr zu betrachten. Egwia hing, mit ihrer Schwäche kämpfend, in krampfhafter Bewegung an Folkerts feſt, der ſeinen linken Arm um ſie geſchlungen hatte; Blod⸗ hand ſtand unbeweglich, das funkelnde Auge ſtarr auf 414 den Platz der Gefahr gerichtet.— Der Teufel hat dieſes Eheband geknüpft! fluchte der Engländer jetzt, indem er die geballten Fäuſte wie ein Paukenſchläger durch die Lüfte warf. Hätte es ein Pfaff gethan, hielte es nicht ſo lange. Die große Beſtie wird mein armes Fregattchen in Fetzen zerreißen, ehe die Scheidungsakte vollzogen iſt. — Blodhand wandte ſich raſch zu den jungen Leuten. Kinder, ſagte er halblaut, thut daſſelbe, was ihr mich thun ſeht. Bleiben wir hier, ſo ſind wir in weni⸗ gen Minuten eine Speiſe der Fiſche. Schauet nur hin; ſo wie die Arbeiter einen Theil der Takellage loshauen, bekommt das Kriegsſchiff ſtärkere Bewegung, und ſteigt auf jeder neuen Welle eine Elle höher hinauf. Nicht lange, ſo wird ſein Kiel ſich auf unſer Deck ſetzen, und, wie des Wallfiſches Schweif das Boot des Harpuniers, mit einem Schlage uns ſo tief unter ſich drücken, daß kein Stück vom Cäſar und kein Athem auf ihm von dem Morgen beleuchtet werden möchte.— Gott wird helfen, antwortete Oluf, den Eindruck der Worte auf das Mädchen, den er in ihrem fieber⸗ haften Erbeben und der Eiskälte ihrer Hände merkte, zu mildern. Es ſind engliſche Seeleute, auf die man bauen kann, und die für ihr eigen Leben das Unmögliche oft ſchon möglich machten. Und höret nur, das Geräuſch der reißenden Taue ſingt uns ein Hoffnungslied.— Schöne Hoffnung! verſetzte Blodhand und knirſchte mit den Zähnen. Glaube mir, das iſt das Hohngelächter meines böſen Dämons, der mir die Ausſicht auf das neu gewonnene Glück beneidet. Aber ich will ihn zwin⸗ gen, ſo wahr ich Hemmo heiße. Schau, da ſpringen wieder einige der Mannſchaft von uns hinüber auf das Bord des Kriegsſchiffs. Glück zu, wackere Jungens! 415 Ihr zeigt uns den Weg. Paß auf, Folkerts, ſo wie des Cäſars Deck wieder aufſteigt über das Deck des Feindes, ſo wirf Dich mit dem Mädchen hinüber. Aber raſch und ſtark, und den Augenblick nicht verſäumt. Egwia, ſei wie ein Mannz es gilt das Leben. Heida, das war ein Krach, da nahm der Dreidecker ein Dutzend Planken und die ganze Gallerie mit. Mir nach, Kinder, ich ſpringe voran.— Er trat dicht an den Rand des Decks, die nächſte Welle hob das Transportſchiff, und er ſprang, und ver⸗ ſchwand in dem Dunkel. Oluf hatte mit der Rieſenkraft ſeiner Jugend das Mädchen auf ſeine Schulter gehoben, und war entſchloſſen, ſich dem Kapitän nachzuſtürzen, aber ein ſeltſam⸗ſchauerliches Wehgeheul ſchlug an ſein Ohr. Vater! Vater! kreiſchte zugleich das Mädchen, und ſich mit dem Oberleibe ihres Körpers zurückwerfend, riß ihre Schwere den Jüngling mit ſich rücklings zu Boden, und kaum behielt er Beſonnenheit und Stärke genug, durch eine raſche Wendung den Fall der Jung⸗ frau auf das Deck unſchädlich zu machen. Ein wildes Hurrah erſchallte in dieſem Augenblicke von unzähligen Stimmen; das letzte Tauwerk war gekappt, noch einen heftigen Stoß gab der freigewordene Dreidecker ſeinem verwundeten Sklaven, und ſchleuderte ihn damit weit von ſich weg in die Meeresfläche hinaus. Bis da hatte man kaum eine Menſchenſtimme vernommen, Furcht und Anſtrengung hielten jeden Mund geſchloſſen, jetzt wurden plötzlich wieder hundert Zungen wach, und alle ſprachen in der Muſik der Fröhlichkeit, und die Commandoworte der Schiffsoffiziere verloren den dumpfen Schall der Verzweiflung und erklangen hell und lebhaft, und in alter Sicherheit. 416 Egwia lag ſinnlos zu Folkerts Füßen. Als er ſich überzeugt, daß das Schiff ſich auf dem Waſſer hielt, keine Bewegung ein Sinken kündete, raffte er die ſchöne Laſt wieder auf und trug ſie in die Kajüte hinunter, und mühete ſich an ihrem Lager lange Stunden, ſie zu erwecken, zu beruhigen, und den wüſten Träumen ihrer kranken Phantaſie, in denen der Erwachten Geiſt umher irrte, durch Troſtworte ein Ziel zu ſetzen. Erſchöpft ſchlief ſie endlich ein, und Folkerts ſtieg auf das Ver⸗ deck, im erſten Morgenlichte das ganze Unheil, welches die tückiſche Nacht gebracht, zu erfahren. Schon fand er den Schiffskapitän in voller Thätigkeit, obgleich etwas angetrunken, wie es der Seemann nennt. Die Verwü⸗ ſtung ſchien bedeutend. Die ganze ſchöne Ordnung des kunſtreichen Schiffbaues, der geſtern noch durch Zweck⸗ mäßigkeit wie Eleganz ein Gegenſtand der Bewunderung des Laien geweſen, bot jetzt den Anblick eines wirren Chaos dar. Die beiden Hauptmaſten fehlten, nur ihre zerſplitterten Grundſtämme zeigten die Stellen an, wo ſie ſich ſtolz in die Lüfte erhoben hatten, und um die⸗ ſelben lagen in ungeordneten Haufen die Reſte und Trümmer der Rahen, Spieren, Taue und Segel. Aber der Vordermaſt ſtand unbeſchädigt, und ſchon bemühten ſich die flinken Matroſen, ſo viele Segel an ihm beizu⸗ ſetzen, als er nur zu tragen im Stande, und ihre Mühe ſchien nicht ohne Lohn, denn der Cäſar ſegelte regel⸗ mäßig, und wenn auch vielleicht aus ſeiner Ordnung etwas mehr in die Hinterglieder des Geſchwaders zurück⸗ gekommen, fand er ſich doch noch inmitten der Flotte, und je heller der Tag in Oſten heraufſtieg, deſto mehr der befreundeten Fahrzeuge ſah man rundum auftauchen aus den Nebeln der Waſſerfläche. 417 Folkerts ſchöpfte den erſten freien Athemzug, und näherte ſich dem Kapitän, der an der Backbordsſeite ſtand und mit dem deutſchen Oberſt ſich beſprach. Seid Ihr noch da? fragte er ſpöttiſch, als er den Dänen er⸗ blickte; ich dachte, Ihr hättet auch einen Salto⸗Mortale vollführt, und Euer Mißtrauen auf Maſter Williams hätte Euch ebenfalls zum Deſerteur gemacht.— Iſt Euer Schiff gerettet, und werdet Ihr am Bord bleiben und denkt uns glücklich an das Land zu bringen? fragte Oluf haſtig. Ein Schiffsmann verläßt ſein Haus nicht ſo leicht⸗ fertig wie Ihr Dänen Eure Heimath! entgegnete der Engländer mit einem Blicke, der faſt verächtlich ſchien. Der böſe Inflexible hat uns zwar den Bauch eingedrückt, daß die Eingeweide geplatzt ſind und drei Kanonen einen unwillkommenen praſſelnden Beſuch im Raume machten; wie der Herr Oberſt mir jedoch ſo eben ſagt, iſt kein Mann unten zu Schaden gekommen, und das deutet auf des Himmels Schutz. Schon iſt der Bauch reparirt, die Gallerie wieder hergeſtellt, und wenn auch als ein Invalide, hoffen wir dennoch Abends die Küſte zu ſehen. — Ein Ruf aus der Ferne über das Waſſer her unter⸗ brach das Geſpräch. Hai da! Kapitän von dem Transportſchiff! klang eine dumpfe Stimme, und man ſah ein Kriegsſchiff ſich nähern und erkannte den Commandanten auf dem Vorder⸗ theile. Der Schiffsmaſter ſprang auf den Spillenkopf und antwortete durch ſein Sprachrohr. Habt Ihr Unterwaſſer? fragte es herüber. Soll Euch der Inflexible in's Schlepptau nehmen, oder wie ſegelt Ihr?— Es geht, wie's kann! antwortete Williams lakoniſch Blumenhagen. II. 27 418 Wir kommen fort, beſſer als ſich nach ſolch einem der⸗ ben Abendgruße hoffen ließ. Mit den paar ungerupften Schwanenflügeln denke ich vor Abend in den erſten eng⸗ liſchen Hafen einzulaufen. Gott verhüte Sturm, denn alsdann würden wir viel Waſſer ſaufen müſſen.— Ich laſſe Euch die Brigg zur Seite, Maſter! ver⸗ ſetzte der Commandant des Dreideckers. Habt Ihr Noth, kann ſie Euch aufnehmen.— Mit dem Hute winkte er einen Gruß, und bald ſah man das Kriegsſchiff mehre Segel beiſetzen und aus der Nähe des Cäſars enteilen. Raſch faßte Oluf des Ka⸗ pitäns Arm. Ruft noch einmal, bat er ſchnell und drängend. Fragt nach der Mannſchaft, welche ſich hin⸗ über gerettet, als die Schiffe zuſammen hingen. Ruft Herrn Blodhand auf das Deck; daß ich Befehle vom Vater erhalte. Mit großaufgeriſſenen Augen ſtarrte der Schiffsmaſter ihn an. Dann ſprang er herab von ſeinem Poſten, packte hart die Hand des jungen Mannes und zog ihn dicht an das Bord des beſchädigten Schiffs. Du biſt klüger geweſen, Burſch, als der Alte, ſagte er hart. Ich ſah ihn wohl ſpringen und rief ihm einen Narren nach, und hätte ihn gern feſtgepackt, denn er war eine gute Gurgel und ein tüchtiger Seemann. Aber jeder Hahn hat nur Courage auf eigenem Miſt, und darum lief ihm mit der Geduld auch der Muth davon. Du dauerſt mich, Burſch, denn von dem Blodhand wird kein Menſchenauge mehr wieder erblicken, als Du dort am Rumpfe ſiehſt. Ein Fetzen ſeines Oberrocks flatterte heute morgen noch an jener Rahe; ſiehe, dort ſteckt noch ſeine Mütze in der Spalte der geborſtenen Planke und das Stückchen Hirn daneben mag ihm wohl gehört —— 419 haben. Die Haſen, welche ſprangen, ſind von den beiden Schiffen wie ein Plumppudding zuſammengequetſcht worden.— Mit Entſetzen ſchlug Oluf die Hände zuſammen. Gräßliches, ſchnelles Gericht der ewigen Vorſicht! ſtam⸗ melte er. Egwia! O du arme Egwia! ſetzte er aber ſogleich erſchüttert und leiſer hinzu.— Für einen Mann, der wirklich ein Mann iſt, wird es leicht, einer langſam herannahenden Gefahr zu begeg⸗ nen, oder ſich einem Angriffe, den er kommen ſieht, mit Sicherheit zu ſtellen; aber die ächte Probe beſonnenen Muths, den Goldſtrich gereifter Vernunft beſteht nur der, welcher in dem plötzlich und unerwartet herein⸗ brechenden Sturmſtoß des Schickſals Kopf und Herz gleich frei und wirkſam behält, und ſich und die Seinigen in dem verzweifelten Augenblick zu ſchirmen verſteht. Oluf Folkerts beſtand jetzt dieſe Probe. Er mußte hinab zu der Freundin. Vorher ſog er die friſche Früh⸗ luft mit vollen Athemzügen ein, um ſeinen beklommenen Herzſchlag zu beruhigen; alle Gewalt, welche die Seele über den Körper beſitzt, bot er auf, ſeinem Geſichte jeden Ausdruck des Schreckens und der Sorge zu benehmen, und ſo trat er in die Kajüte, wo das Mädchen bleich auf dem Bett ſaß, und ihn ſogleich mit der Frage nach dem Vater bedrohete. Er beruhigte ſie über den Zuſtand des Schiffes, und indem er die Schilderung des Unfalls und des Glücks dabei gefliſſentlich in die Breite zog, gewann er die nöthige Faſſung vollends, und erzählte ihr mit anſcheinender Ruhe, daß man auf dem Kriegs⸗ ſchiffe mehre Offiziere geſehen, welche mit dem Vater 420 denſelben Rettungsweg verſucht, daß man ihn darunter erkannt zu haben glaube, und daß man, ſobald die See weniger hoch ginge und die Annäherung der Schiffe er⸗ laube, gewißlich von ihm Nachricht erhalten werde. Egwia verſank in tiefe Gedanken, die er zu ſtören vermied, bis ſie mit der Frage: Wo ſoll ich aber jetzt bleiben? ſeinen Gedanken begegnete. Bei dem Freunde, bei dem Bruder, antwortete er raſch. Ich verlaſſe Sie nicht mehr. Jedoch ſoll die nöthige Geſellſchafterin nicht fehlen, damit in der Rechenſchaft vor dem fernen Freunde nichts mangele, und Egwia's heilige Ehre ohne einen Schatten des Verdachts ihm entgegen leuchte. Erlaubt es die Schweſter, ſo vertraue ich dem deutſchen Oberſt⸗ lieutenant unſer Geheimniß; er wird die Frau eines ſeiner Soldaten uns zur Geſellſchaft geben, bis Englands Hafen aus dieſer peinlichen Lage erlöſet.— Egwia reichte dem Freunde die Hand. Folkerts, ſagte ſie mit Herzlich⸗ keit, ich habe Ihnen wehe gethan und Sie ſammeln feurige Kohlen auf mein Haupt. Sie verſtehen dieſes Herz ſo ganz; aber wie ſollten Sie nicht? Sie ſind ja der Zwillingsbruder des Mannes, dem ich angehöre bis zum Tode, Sie ſind ſein anderes Ich, und nach ihm mir das befreundetſte Weſen auf der Welt. Thun Sie, was Sie für uns am Beſten halten.— Eine ſchmerzliche Freude zog durch des jungen Man⸗ nes Bruſt; er preßte die dargebotene Hand feſt an ſeine Lippen, und vollzog ſogleich ſeinen Auftrag, dem der edle Commandant der Truppen mit Theilnahme ſchnellſter Bewilligung entgegen kam. Mit einer Sehnſucht, als warte dort ſein eigenes, höchſtes Glück auf ihn, ſtarrte der Däne, als er die Wärterin bei der Geliebten wußte, dann den Tag über ———————— 421 vom Vordertheil des Cäſars nach Weſten hinaus, und begrüßte den dunkeln Strich, der ihm die erſehnte Küſte zu ſein ſchien, mit Jauchzen. Aber ſeine treue Hoffnung ſollte zerrinuen, und ſeine Prüfung war noch nicht zu Ende. In der nächſten Nacht weckte ihn die ungewöhnliche Bewegung des Schiffs; er hörte ſofort Gelärm des Schiffsvolks über ſich, und überzeugte ſich bald, daß ein wilder Sturm im Anzuge ſei, und neue, größere Gefahr den ihm vertraueten Schatz nochmals bedräue. Und es war ſo. Der Wind hatte ſich umgeſetzt und ſtürmte aus Weſt ihnen entgegen. Schwarz hing die Nacht herab, rieſige Wolken rauſchten in furchtbaren, wunderlichen, immer ſich wandelnden Geſtaltungen heran und jede brachte einen Sturmſtoß mit, der das Schiff zu brechen ſchien. Die gepeitſchten Wellen ſtiegen him⸗ melan, hoben das gebrechliche Fahrzeug jetzt auf ihre Gipfel und ſtürzten ſich in nächſter Minute mit ihm in den ſchwärzeſten Waſſerſchlund. Das Schiffsvolk ſchien verzagt, denn die gewohnten Mittel zur Hülfe mangelten. Der Schiffsmaſter ſprach in ſeiner Verzweiflung der Flaſche zu, und gab nur dann und wann den Befehl, Nothſchüſſe abzufeuern. In dieſer wüſten Unordnung brach der Morgen an, doch ſein erſehntes Licht vergrößerte nur die Schrecken, indem es enthüllte, was die Nacht mitleidig verſchleiert hatte. Allein fand ſich der Cäſar auf dem Meere, alle Gefährten verſchwunden, kein Segel des engliſchen Geſchwaders war mehr zu ſehen. Düſter hing der Himmel und ſchwer über dem Waſſer, und der Sturm tobte mit jeder Stunde furchtbarer. Es! gehört die reiche Phantaſie und die Erfahrung des treff⸗ lichen Cooper dazu, ſolche Schreckensſcenen mit den Farben der Natur auszumalen. Wir würden ihn zu * 422 copiren haben und doch weit hinter ihm bleiben, wollten wir den Verſuch wagen. Drei lange Tage blieb die Lage unſerer Freunde dieſelbe. Jeder Augenblick ſchien die Vernichtung heran zu tragen. Der einzige Maſt war ebenfalls unnütz ge⸗ worden, denn die Wellen hatten das neugezimmerte Nothbord bald zertrümmert und die Takellage zerriſſen. Die zerknickten Planken ließen das Waſſer ein, und die wildbrauſenden Wogen ſchlugen über das Schiff und drangen in ſeine Räume. Der trunkene Kapitän und ſeine verzagten Matroſen ſahen läſſig dem Schauſpiele zu, das der erzürnte Himmel mit ihrem Fahrzeuge trieb, und nur die Beſonnenheit des deutſchen Commandanten und eines engliſchen Schiffsoffiziers, der als Paſſagier im Cäſar ſich befand, hielt den raſchen Untergang deſſel⸗ ben auf, indem beide die Landſoldaten an die Pumpen beorderten und ſogar in Keſſeln und Feldgeräth das Waſſer ausſchöpfen ließen, bei welcher ungewohnten Ar⸗ beit die braven Krieger ihre Folgſamkeit und erprobte Gemüthsruhe in der Gefahr neu bewährten, obgleich ſie manchen Kamerad über Bord taumeln und unter die ſchäumenden Waſſerberge unrettbar verſinken ſahen. Trauriger noch blieb die Lage der in die Kajüten eingeſperrten Reiſenden. Wie Bilder des Todes ſaßen ſie auf ihren Lagerſtätten, feſt angeklammert an die Tragpfeiler des Gemachs, deſſen Boden mit Waſſer be⸗ deckt war, in welchem Koffer und Geräth, und zerſchmet⸗ tertes Geſchirr hin und her rollten, und jeden Schritt gefährlich machten. Folkerts Auge haftete beſtändig auf der Geſtalt der ſchönen Freundin. Ein furchtbarer Schmerz ergriff ihn, wenn er die Lage des zarten We⸗ ſens bedäͤchte, das ſo plötzlich durch den Wahnſinn des —————————— —— 2.— —————————— 423 Vaters aus dem glücklichſten Frieden hinaus geriſſen worden, unter rohem Schiffsvolke aller gewohnten Be⸗ quemlichkeiten entbehrte, und dem grauſenvollſten Tode verfallen ſchien, wenn Gottes allmächtige Hand ſie nicht ſchirmte. Eine recht tiefe Wehmuth erwachte in ihm, wenn er die holde Geſtalt, ſeine erſte einzige Liebe, an⸗ ſah, wie ſie oft das große Unſchuldsauge auf ihn richtete, und dann mit duldender Ergebung die Hände zum Gebet faltete. Nein! nein! flüſterte er dann leiſe vor ſich hin, ſie kann nicht verloren ſein! Der Schöpfer kann ſein ſchönſtes, ſein unſchuldigſtes Geſchöpf nicht verderben wollen!— An ſich dachte er gar nicht, ſeine Opferung fiel ihm nicht einen Augenblick bei; aber Kronſciolds bleiches Bild trat oft vor ſeine Seele, und dann ſeufzte er tief, und flüſterte in ſich: Armer Freund! Wie wirſt du leben können, wenn das Meer die Geliebte und den Bruder zugleich verſchlang, und du ſo allein bleibſt in der frem⸗ den, falſchen Welt?— So waren die drei ſchrecklich langen Tage verlaufen. Niemand wußte, in welcher Weltgegend das Schiff um⸗ hertrieb, denn kein Sonnenblick ließ am Tage, kein Stern in der Nacht den Gebrauch der Schiffsinſtrumente zu. Wie der ergrimmte Leu mit dem gefangenen Wild grau⸗ ſam ſpielt, ehe er es zerreißt, ſo warf das große Unge⸗ heuer, Meer genannt, das Wrack des Cäſars umher, als ergötze es ſich an ſeinem ſichern Raube, und jede Nacht, die ſich auf den Ozean herab ſenkte, machte die Schrecken ärger, wenn ſie auch die nahen Todesſchlünde verſchleierte, weil ſie die ſchwarze Ahnung mitbrachte, ſie werde die letzte Nacht ſein für alle die vielen 424 verlaſſenen Lebendigen, und ihnen allen werde kein neues Morgenroth tagen.— Plötzlich gegen den vierten Morgen erſchütterte das Schiff ein heftiger Stoß und ſein Kiel ſtand ſogleich wie eine Mauer feſt und das ganze Gebäude bewegte ſich kaum noch, und ſein Wirbeltanz ward auf einmal in ein mildes Schwanken verwandelt. In die halb⸗ todten Leichengeſtalten der Mannſchaft kam ein neues Leben. Es iſt kein Felſenriff! Wir ſitzen auf einer großen Sandbank! rief der Führer, nachdem er das Senkblei geworfen. Der erſte Tagesblick muß uns eine Küſte zeigen.— Jeder Hoffnungsſchein wird im Unglück zur Sonne; in der Wüſte iſt der Waſſertropfen mehr als Wein; der verzweifelnde Schwimmer greift nach dem Halme, der ihm ein Seil der Rettung dünkt.— Ein Jauchzen tönte durch alle Räume, und Jeder vergaß, daß der nächſte Wellenſtoß deſto gewiſſer das feſtſtehende Fahrzeug in Trümmer zerſchlagen konnte. Alle eilten auf das Deck und ſtarrten durch das Dunkel hinaus; Keiner konnte den Augenblick erwarten, wo er das rettende Geſtade begrüßen möchte. Da dämmerte es, und vor ihnen erſchien eine feſte Küſte, und Alle hoben die Hände zum Himmel und die wilden Seemänner ließen ihr ſchallendes Hurrah ertönen, als wären ſie eines Sieges über die Elemente gewiß. Auch Egwia befand ſich, auf Folkerts Arm geſtützt, oben zwiſchen dem Gedräng; mitten in dem wilden Gelärm ſank ſie auf die Knie, und ihr Auge zu dem Himmel gerichtet rief ſie laut: Gott der Gnade, Du haſt Deines Kindes Gebet erhört! O Du biſt groß über den Schwachen! Du prüfeſt und züchtigſt, die Dich nicht erkannten, aber Du verſtößt die Deinen nicht, und über —————. —— ——— 425 den Verlaſſenen ſchwebt deine Hand! Dank dem Herrn, der groß iſt in ſeinem Schrecken und im Sturme ſpricht: Ihr ſeid nichts ohne mich!— Alle ſahen erſtaunt auf den hübſchen Knaben, und die rauhen Seemänner wur⸗ den ſtill, und es war, als ſei Egwia der Prieſter der wilden Horde und habe Alle in den Tempel der Andacht gerufen. Aber wo ſind wir? fragte nach einer Weile der Oberſtlieutenant. Das ſcheinen nicht engliſche Ufer, und wer von uns kennt dieſe Gegend?— Seht Ihr die vielen Windmühlen nicht, über welche der Morgennebel ſich aufrollt? entgegnete Folkerts raſch. Das iſt holländiſche Erde, oder mich müßte mein Auge trügen.— Auf Ehre! Ihr ſehet ſcharf, junger Freund, verſetzte der Oberſtlieutenant mit finſterer Stirn. Alſo Feindes Strand? Was iſt da zu thun? Das Leben könnte ge⸗ rettet ſein, doch Kriegsgefangenſchaft iſt nicht minder böſes Schickſal. Ihr Herren Schiffsoffiziere hieher; ſammelt Euch, und ſprecht, ob das Schiff zu löſen. Iſt es noch tauglich, die Fahrt nach der Heimath zu wagen, wenn der ſchon mildere Sturm ſich gelegt?— Alle Steuerleute, Bootsmänner und Offiziere dräng⸗ ten ſich auf dieſen Ruf um den Commandanten, Egwia aber umfaßte Folkerts mit Heftigkeit und ſprach haſtig: Oluf, ſprich mit ihnen! Ich beſchwöre Dich bei allem was Menſchen Heiliges und Theures haben, bei Freund⸗ ſchaft und Liebe! Sprich mit ihnen, berede ſie! Deine lieben Worte können ja das Schlimmſte im Herzen be⸗ ſchwören und ſtill machen.— Und was ſoll ich ſprechen unter dieſen Erfahrenen und Umſichtigen? fragte Folkerts zurück, tief ergriffen 426 von der Traulichkeit des Mädchens und der Harmonie des ſchweſterlichen Du's, das er zuerſt gehört. Sie ſollen ſich nicht verführen laſſen vom trügeriſchen Wetter, vom Ehrgeiz und Männermuthe; antwortete Egwia mit ſteigender Heftigkeit. Sie ſollen Gott nicht verſuchen. Thäten ſie es, ich würde nicht Theil haben an dem Uebermuthe, ich würde mich vom Bord in die Wellen ſtürzen und mich von der Flut todt oder lebend an den Strand ſpülen laſſen.— Ruhig, meine Freundin! bat Oluf, ihre Hand faſſenv. Der Freund, der jetzt auch Vatersſtelle einnimmt, wird nie mehr dieſes geliebte Leben dem Hazardſpiele des Schiffers überlaſſen. Fahren die Kecken, ſo darf man uns das kleine Boot nicht weigern, und dieſe Arme ru⸗ dern alsdann das geborgene Kleinod zum ſichern Hafen. — Eswia legte ihre heiße Stirn an ſeine Bruſt; ſtür⸗ miſch klopfte ſein Herz, er kämpfte, ob er ſie nicht um⸗ ſchlingen, ſie zum erſten und einzigen Male feſt an ſein opferndes Herz preſſen ſollte, aber da war ihm, als flüſterte der Wind Kronſciolds Namen, und er ſelbſt hob durch eine ſanfte Bewegung die gefährliche Stel⸗ lung auf. Egwia hatte ſich vergebens geängſtet. Die Offiziere waren nicht ſo leichtſinnig, für das Fantom der Ehre das Leben mehrer hundert Krieger auf's Spiel zu ſetzen. Obgleich der geworfene Anker das Schiff ſicherte, ob⸗ gleich die Arbeit der Soldaten es faſt vom Unterwaſſer befreiet, obgleich der Sturm nachließ und der Wind ſich nach Oſt zu wenden begann, beſchloß dennoch die Mehr⸗ zahl derſelben zu landen und ſich in die Nothwendigkeit zu fügen. Vom Strande war indeß die fremde Erſcheinung — 427 bemerkt worden, und nicht lange dauerte es, ſo ſahen die Engländer einige Reitertrupps hin und her ſprengen; bald erſchien im ſchnellen Anmarſch ein Corps leichter Artillerie, wandte das Geſchütz, Blitz und Dampf ging dem Donner vorher, die Kugel ſchlug vor dem Cäſar nieder, eine zweite ſauſete bogenförmig über ihn hin, eine dritte fuhr als Kernſchuß dicht über das Verdeck und berührte beinahe den einzigen Maſt. Dieſe derbe Sprache wohl verſtehend, hißte man ſogleich ein weißes Tuch als Ergebungs⸗Signal an einer Nothſtange auf und die feindliche Begrüßung nahm ein Ende. Man bemerkte jetzt, daß Wachpikets den Strand beſetzten, daß Böte herbeigeſchafft wurden; aber die See ging noch immer zu hoch, um Hülfe vom Lande aus erwarten zu können. So ſenkte ſich auch dieſer Tag wieder in den Schvoß der Nacht und löſete ſein Verſprechen nicht bei den Hoffenden aus. Der Oberſtlieutenant ſaß mit ſeinen Offizieren in der großen Kajüte. Ernſt herrſchte in dem Geſpräche der Kriegsmänner, es galt ja die wichtigſten Intereſſen des Soldatenlebens; da wurde die Thür mit Haſt geöffnet, und Egwia trat blaß und mit kurzem Athem zwiſchen die Männer. Rettet Euch, rettet uns! rief ſie und ſank in einen Seſſel. Was hat Sie neuerdings ſo erſchüttert? fragte der hochgewachſene Commandant, indem er ſich ihr mit Ehrfurcht näherte. Sorgen Sie nicht mehr, arme Miß! Der nächſte Tag ſchon wird Ihrem qual⸗ vollen Zuſtande ein Ziel ſetzen.— Miß? flüſterten die Krieger und ſahen erſtaunt auf den vermeinten Knaben. Nein! rief ſie, alle Kraft zuſammen nehmend. Wir 428 ſind verloren, ehe der Tag anbricht. Oben ſaß ich am Maſt, beſchattet durch ihn, und ſah mit Schmerz, wie der Abend das Sehnſuchtsland immer mehr verſchlang und endlich ganz verhüllte. In bange Ahnungen ver⸗ ſunken konnte ich nicht von dem finſtern Platze. Da um⸗ gab mich Geräuſch, dunkele Geſtalten ſammelten ſich, ich erkannte an den Stimmen die Matroſen des Schiffs. Sie hielten Rath miteinander, Anfangs ſtill, dann immer heftiger ſich beſprechend. Der Steuermann war unter ihnen. Feſt ſteht ihr Entſchluß, ſich nicht dem gehaßten Feinde zu ergeben. Um Mitternacht wollen ſie das Anker kappen und das von der Flut ſchon frei gemachte Schiff wieder in das Meer ſteuern; gelänge dieſer Entwurf aber nicht, ſo ſchwuren einige Raſende, den Cäſar eher in die Luft zu ſprengen als ihn und ſich in franzöſiſche Gewalt zu überliefern.— Alle Geſichter waren während der kurzen, aber ge⸗ wichtigen Erzählung erblichen, nur der rieſige Führer ſtand unerſchrocken, dankte dem Mädchen, die er den Schutzengel ſeiner Fahne nannte, und gab ſogleich die nöthigen Ordres. In aller Stille ward ein Unteroffizier mit einer ſtarken Wache auf das Vordertheil beordert; die Treppe, welche zur Pulverkammer führte, ebenfalls beſetzt, und im Raum ein Theil der Mannſchaft ſchlag⸗ fertig gemacht. So erwartete man mit Beſorgniß die entſcheidende Stunde. Doch auch der Feind am Ufer vermehrte die Unruhe, denn ſein Geſchütz begann, ſobald es ganz finſter ge⸗ worden, wiederum die gefährliche Sprache und ſchwieg erſt dann, als man den Maſt und das Deck mit Laternen behangen hatte. Schweigen herrſchte jetzt überall, und nur das 429 Geklatſch der Wellen an den Schiffswänden tönte ein⸗ förmig aus der Tiefe herauf. Da näherte ſich ein ſchwarzer Haufen dem Bogſpreat und bei dem Dämmerlicht der Leuchte ward die derbe Geſtalt des Steuermanns, der ein blankes Beil auf der Schulter trug, an der Spitze ſeiner Geſellen ſichtbar.— Wer da? rief der Unteroffi⸗ zier.— Goddam! Was frägſt Du, deutſcher Tölpel? antwortete rauh der Seemann. Ich bin's, der Schiffs⸗ offizier, der nach dem Anker zu ſehen hat. Kümmere Du Dich um Deine Landböcke, wir führen kein Bajonett und gehorchen keiner Trommel.— Zurück! herrſchte ihm der bärtige Soldat zu. Niemand ſoll an den Bogſpreat, ſo ſagt meine Ordre.— Ein furchtbares Gebrüll der Matroſen tönte zur Antwort und der wilde Steuermann hob das Beil. Da zogen die Soldaten die verborgen gehaltenen Waffen hervor, und die Mündungen der Gewehre ſchreckten die tobenden Schiffsleute zurück. Vater Tim, jetzt gilt's! rief da eine dumpfſchallende Baßſtimme. Wollen die Landhämmel nicht mit uns ſchwimmen, ſo ſollen ſie fliegen lernen.— Der Sprecher riß zugleich die nächſte Laterne vom Haken und ſtürzte damit der Schiffstreppe zu. Aber wie ward ihm, als auch da ihm ein ſtämmiger Krieger den Weg vertrat, und als er durch wollte, ihn mitſammt ſeiner Leuchte niederſchlug und viele Hände ihn faßten und knebelten. In demſelben Augenblick raſ⸗ ſelte Trommelſchlag im Raume, das ganze Deck war lebendig, überall ſtiegen bewehrte Soldaten herauf, und der hohe Commandant trat ſelbſt furchtlos zwiſchen die Meuterer. Was wollt ihr? Wißt ihr, was Inſubordination heißt? Und wollt ihr koſten, wie feſt eine hanfene —— ——————— — Schnur drückt und eine Segelſtange hält? fragte er hart und ernſt. Wir wollen unſere Pflicht thun, entgegnete der Steuermann barſch. Das Schiff iſt uns anvertrauet vom Großadmiral. Ihm nur haben wir Rechenſchaft zu geben, und ein ächter Britte ſtirbt lieber, als daß er ſeine Freiheit jenen franzöſiſchen Dogs zur Beute gibt.— Euer Schiff iſt hin, fiel ihm der Commandant in die Sturmrede. Ihr habt eure Pflicht gethan, ſeid vernünftige Männer geweſen bis heut. Wie könnt ihr eure Belohnung kürzen wollen durch meuteriſchen An⸗ ſchlag?— Schöne Belohnung! war die ſpöttiſche Antwort. Eingepökelt werden wie die ſchwarzen Sklaven auf ein ſtinkendes Blockſchiff! Faule Fiſche ſpeiſen und ſchimme⸗ ligen Zwieback! O wir kennen das ſo ziemlich, als hätten wir's mitgemacht.— Laßt mich ſorgen, entgegnete gutmüthig der Offizier. Wir ſind nicht im Felde gefangen; das Unglück ehrt der Feind. Ich ſtehe euch für gute Behandlung und baldige Auswechſelung.— Und wer beſiegelt Euer Verſprechen, Sir? fragte höhniſch der Steuermann. Und gäben es uns die blauen Schurken am Lande verbrieft, wer bürgt für ſie, die dem eigenen Könige nicht Wort gehalten? Wir ſtechen in See, ſo wahr ich meiner Mutter Sohn bin, und alle Eure feigen Bajonette ſollen uns nicht hindern.— Er machte zugleich eine heftige Bewegung, um durch die Wachen zum Anker zu kommen; da packte ihn mit Her⸗ kuleskraft der hochgewachſene Anführer. So will ich Dir zeigen, wer hier zu gebieten hat! rief er zugleich mit 431 einer Schlachtſtimme. Burſchen, ſchießt jeden Schurken nieder, der nicht ſogleich das Deck räumt.— Die Gewehre klirrten, die Hähne knarrten und eine Todtenſtille trat ein, während welcher langſam der Haufe der Meuterer ſich verdünnte und ein Matroſe nach dem andern unſichtbar wurde. Die Mannſchaft blieb die Nacht unter den Waffen und am Morgen erſchien ein Boot mit dem feindlichen Oberſt, der den Engländern und Deutſchen zugeſtand, was ſie beſcheiden bedingten, und die Anſtalten zur Ausſchiffung leitete. Mit dem erſten Boot landete Egwia, von Folkerts begleitet; der Commandant hatte als Lohn für die Retterin dieſe Vergünſtigung veranſtaltet. Wie eine Trunkene ſtand das Mädchen auf dem feſten Strande und ſtarrte die Fiſcherhütten des Dorfes Tor⸗Hayden wie eine Wahnwitzige an. Wir ſind auf Seeland! rief ſie. Das iſt das Häuschen, wo ich zuletzt in ſeinen Armen lag. O eile, Folkerts, er muß darin ſein, er wird ſogleich aus der Thür tre⸗ ten! O eile hin, rufe ihn her. In meinen Füßen iſt Blei, und ich kann nicht weiter.— Sinnlos ſank ſie auf den Muſchelſand, und Oluf rief ſchnell ihr einige der neugierig verſammelten Fiſcherfrauen zu Hülfe.— Die Ausſchiffung ging übrigens glücklich von Statten, und ſelbſt die grimmigen Matroſen wurden heiter und ſangen ihr: Rule Britannia! auf dem feindlichen Boden wie eine wunderliche Parodie ihres Geſchicks, als ſie den Rückblich zum Abſchied auf ihren Cäſar gewendet, und das verlaſſene Schiff, da kaum das letzte Boot mit dem Reſt der Leute am Geſtade war, von der Flut ergriffen ſich zur Seite legte, und dann langſam in die Tiefe des Meeres verſank. Ein wehmüthiges Fare well! riefen 3 2 —————————————— ——— 432 die wilden Seelen hinüber und winkten mit ihren Mützen und Tüchern, wie man Abſchied nimmt von einem lieben Blutsfreunde; viele Augen wurden feucht, welche der Anblick des tiefſten menſchlichen Elends trocken gelaſſen; hier fielen ſich Todfeinde um den Hals, dort ſprachen die niedrigern Gemüther mit Haſt der Flaſche zu, um den Schmerz zu erſäufen; und dann traten ſie ihren Marſch geduldiger an, der zuerſt nach dem Orte Sche⸗ velingen und von da nach der holländiſchen Stadt Haag von dem feindlichen Oberſt, der ihnen die Waffen abge⸗ nommen, dirigirt wurde. In einem kleinen Gaſthofe, der jedoch in einem der ſchönſten Quartiere der Hauptſtadt von Südholland lag, ſaß ein junger, anſehnlicher und fein gekleideter Mann am Fenſter der gemeinſamen Gaſtſtube, und ſchauete ſchwermüthigen Geſichts in das kalte Novemberwetter hinaus, welches in feinen Schneeflocken ſich niederließ und die Fenſter ſchon am Rande mit zierlichen Eis⸗ blümchen umſäumte. Der Wirth, Herr Jocondus, ein wohlgerundeter Holländer, trat in ſeinem braunen Rocke und der runden Perrüke und den über die Knie gezogenen und da mit ſchwarzen Sammetbändern feſtgeſchnallten, lichtblauen Strümpfen zu dem Gaſte und machte ihm ſein ſteifes Compliment, welches Jener nachläſſig erwiderte. Mein Herr, redete der Wirth zum Gaſte, Wagen und Pferde ſind in den beſten Stall gebracht, den je ein holländiſcher Beſen ſcheuerte, und das Zimmerchen wird ſogleich gewärmt ſein. Glühwein und Theekanne ſind ſchon parat, und der Herr darf nur befehlen, ob hier 433 am Tiſchchen oder oben im Stübchen ſervirt werden ſoll.— Oben, oben, Herr Wirth! antwortete der Fremde. Es hat nicht Eil.— Nicht Eil? fragte Herr Jocondus verwundert. Und doch ſind der Herr in dem Mordwetter gefahren, daß den Gäulen der Silberſchaum auf den Naſen zu Kryſtall gefroren. Mein Herr hat vielleicht eilige Geſchäfte am Hofe Seiner Majeſtät, oder ſetzt einem Banguerotteur nach, der mit voller Brieftaſche ſich auf die Schuh ge⸗ macht. Ja, es iſt ſchwere Zeit, und der ehrliche Mann hat ſeine Noth, in dem Schurkengedräng fortzukommen. Keines von Beiden! antwortete der Fremde barſch und mit finſterm Blick auf den Neugierigen. Aber ſagt mir doch, ſetzte er raſcher hinzu, welch ſchönes Gebäude iſt das, da ſchräg gegenüber? Wohnt dort der Kriegs⸗ miniſter oder ein General? Ich ſah rothe Uniformen an den Fenſtern, vielleicht Schweizer von Napoleons Armee. Auch iſt viel Gelauf und Lärmen auf dem Vorplatz.— O nicht doch, der Herr ſind im Irrthum; verſetzte der Wirth und warf den runden Mund noch dicker auf. Es iſt nur ein Gaſthaus wie das meine, aber viel Prunk von außen deutet nicht immer auf Gold in der Taſche. Ohne Ruhm zu melden, es wird mein Herr ſo gut bei mir aufgehoben ſein wie drüben. Freilich nennt ſich mein Haus nur zum ſilbernen Schlüſſel, jenes führt das ſtolze Schild zum Parliamente von England, aber der Lärm darin iſt gewöhnlich ſo arg wie in der Nähe der Wollſäcke des Oberhauſes und ſcheucht die Gäſte. Seid vier Wochen ſchon liegt das ganze Haus voll kriegsge⸗ fangener engliſcher Offiziere; die Herren verzehren tüchtig, ſind aber grob wie Laſtträger und zechen bis in die Nacht Blumenhagen. II. 28 434 hinein. Einer der Inſulaner hat ſeine Frau bei ſich, ein hübſches, bleiches Weibchen, die faſt ein Monat lang todtkrank lag. Meine Sempronia war mehrmals dort, und rühmte den Mann, der ſich arg gegrämt um das Weiblein, das ihre Treue zu ihm, und daß ſie ihn in der Kriegsnoth nicht verließ, ſo arg zu büßen gehabt. Wie das arme Frauchen davon gekommen und daß das wilde Gebraus über und unter ihr ſie nicht in die kalte Erde gebracht, iſt ein Wunder Gottes.— Hat's denn eine Schlacht in der Nähe gegeben? fragte der Fremde weiter. Die Zeitung ſagte nirgend davon.— Das eben nicht; antwortete der Wirth. Aber die kecken Inſulaner verſuchen jederzeit unſern Küſten Uebels zu thun, und da mögen die Rothröcke ſich wohl zu weit gewagt haben, und ſind in die Mausfalle gerathen. Ja, ja, die Küſtenſperre iſt gewaltiglich, und die franzöſiſchen Soldaten ſind flink wie die Waſſerhunde.— So gibt es wohl von hier keine Gelegenheit nach England hinüber zu kommen? fragte der Gaſt weiter, mit langſamer, faſt ſcheuer Ausſprache und dem Wirth ſtreng in die Augen blickend. Herr Jocondus zog ein ſchlau Geſicht und in ſeine kugelichte Geſtalt kam eine beſondere Lebhaftigkeit. Hab's gleich gewittert, fiel er ein. Der Herr kamen von Nord, dahin reichte die Adlerskralle noch nicht. Sprache und Geſicht ſagte mir's zur Stelle, daß der Herr nichts mit dem Welttyrannen zu ſchaffen hat. Ja, nach England zu kommen, iſt ſchwer, ſelten gelingts. Doch glaub's der Herr nur, wir Holländer ſehen lieber brittiſche Wimpel in unſern Häfen, als dieſe Raubvögel, die Handel und Wandel ſcheuchen, wo ſie hinkommen. ——————— — 435 Einen König haben wir bekommen, wie die Fröſche den Storch in der Fabel. Er will gefuttert ſein mit unſerm Blut; die hochmögenden Generalſtaaten nährten ſich ohne uns. Ja, nach England! Wer hinüber fliegen könnte wie der Zugvogel! Zu der glücklichen Küſte iſt dem Napoleon der Weg verſperrt wie uns.— Die Smugler allein, welche ſofort wittern, wenn ein engländiſch Schiff in der Nähe fährt, könnten einem ehrlichen Manne hin⸗ über helfen. Ich habe ſelbſt einen Bruder in Schevel⸗ lingen, ein Stündchen von Grafenhaag; war einſt ein ſtattlicher Shiffer, jetzt ſitzt er auf dem Trockenen, haßt die Blauröcke und wagt manches Mal ein feines Stückchen. Wenn der Herr befehlen—— Still für jetzt, mein Freund! fiel der Fremde haſtig ein, indem er aufſtand. Dos Stübchen oben wird warm ſein. Wir ſprechen nachher dason, und finde ich in Euch einen biedern Altholländer, ſollt Ihr in mir den Dankbaren erkennen, der gern treue Dienſte mit blanker Münze belohnt.— So nahm er den Hut und verließ das Zimmer, der Wirth aber ſchlug ein fröhlich Knipschen hinter ihm her und nickte bedeutend mit dem dicken Kopfe. Am Morgen darauf ritt derſelbe Fremde fern von Haag an der flachen Küſte des Meeres auf und nieder, und hielt zuweilen, und blickte recht ſehnſüchtig auf die grünen, mild an den Strand ſchlagenden Wogen hinaus. Ein älterlicher Mann in Schiffertracht trat bald darauf zu ihm, und beide redeten viel mit einander, wobei der zuletzt gekommene oftmals ſorgſam, doch ohne Furcht, das Auge über die flache Landgegend ſtreifen ließ. Der Morgen war friſch, aber rein; der Himmel ſtill, und —— 436 der Dampf aus des Schiffers Tabackspfeife ſtieg in leichten Ringeln gerade in die Höhe. Euer Gnaden können mir vertrauen, ſagte er derber, feſter Stimme. Wir lieben den Verdienſt und das Geld, aber wir ſind ehrlich im Handel. Wer uns kauft, wird nie betrogen, den Ruf haben unſere Aelter⸗ väter auf die Enkel vererbt. Mein Bruder iſt zwar ein Schenkwirth, und Seinesgleichen ſind, was die Kreide betrifft, eben nicht im beſten Geruch, aber ehrlich hält er, was er zugeſagt. Sie haben nichts zu fürchten. Wagen und Pferd wird er Ihnen bezahlen, die übrige Bagage ſchaffe ich Abends hinüber, ſo wahr mir die Orangeflagge lieber iſt als der dreifarbige Wimpel.— Ich muß von hier und wehrien alle Meerungeheuer mir den Eingang in ihr Reich, entgegnete der Fremde. Ich vertraue Euch und ſchenke gern meine Equipage für die Hülfe Euch und dem Herrn Jocondus. Aber wo iſt das Schiff, von dem Ihr ſpracht? Ich ſchaue nichts wie Himmel und Meer.— Glaub's wohl! Dazu gehören geübte Augen, lachte der Schiffer. Heftet nur den Blick dorthin, wo die Möve eben jetzt hin und herſchießt und ſich Fiſche fängt. Etwas rechts ragt's hinauf wie dünne Kiele vom ſchwarzen Rabenfittich. Es iſt ein Seidenhändler und er lavirt ſchon dort ſeit geſtern Abend. Wenn der Kaiſer ſeinen Douanen unſere Augen ſtatt Brillen einſetzen könnte, müßten wir noch armſeligere Bettler werden. Aber ſo ſchütteln wir dennoch manchen Apfel vom verdorrten Baume, und dieſe Mitternacht tauſcht unſer kühnes Scha⸗ luppchen Euch aus gegen einige Ballen, die uns vielleicht für den Winter ſorgenlos machen. Ihr müßt nur die rechte Stunde nicht verfehlen. 437 Glaube mir, ich werde die Viertel des Glockenthurms zählen bis dahin, ſeufzte der Fremde und drehte das langmähnige Roß zum Fiſcherdorfe, welches ſie bald erreichten. Der Schiffer flüſterte ſeinem Gönner noch einige Warnungen zu und nannte ihm die Parole der Smugler, und verſchwand dann in der erſten Hütten⸗ thür. Sinnend ſetzte der Andere ſeinen Weg fort und muthig wiehernd ſchritt das Pferd über die leichte Schnee⸗ decke hin. Der Weg vom Dorfe Tor⸗Hayden war menſchenleer. Der früh eingetretene Winter machte die einförmige Londſchaft noch gehaltloſer und kahler, nur die hollän⸗ diſchen Windmühlen mit ihren geſpreizten durchſichtigen Geſtalten bewegten flink ihre Flügel im Winde und ſchenkten der Gegend einen Trugſchein von Lebendigkeit. Ein einzelner Mann kam jetzt langſam auf der be⸗ ſchneieten Straße dem Reiter von Schevelingen entgegen. Ein blauer Mantel verhüllte den Fußgänger; die Pelz⸗ mütze verdeckte faſt das ganze Geſicht, doch ließ ſie eine ſchwarze Seidenbinde erkennen, welche um die Stirn gelegt worden; übrigens war der Mann von ungewöhn⸗ lich hohem Wuchſe, und ſein Gang, ſeine Haltung deutete auf keinen ſchlechten Stand. Der Fußgänger näherte ſich dem Reiter bis auf wenige Schritte, da blieb er aber plötzlich mitten im Wege ſtehen und ſeine Augen blitzten aus ihrer Verhül⸗ lung den Fremden an. Kronſciold! rief er dann mit lautſchallender Stimme. Iſt es kein Traum? Und welcher böſe Dämon führt Dich hieher?— Vater Hemmo! rief der Reiter in freudigem Erſchrecken zurück, ſprang aus den Bügeln, und umfaßte, ohne ſich 438 um das Pferd weiter zu kümmern, ungeſtüm den ſtarr in der Straße Stehenden. Seid Ihr es denn wirklich? ſetzte er lebhaft hinzu. Bin ich nicht der Narr meiner Sinne? O welch ein glücklicher Zufall! Hier finde ich Euch und wähnte Euch fern jenſeits des Meeres. Darum drängte es mich ſo arg; darum trieben mich finſtere Geiſter immer dräuender und ungeſtümer aus Kopen⸗ hagen, darum hetzte ich meinen Kutſcher ohne Schonung bis zu dieſer Küſte. O Vater, Ihr glaubt nicht an die Heiligkeit der Liebe; Ihr wolltet trennen, was Gott verband. Sehet Ihr nicht in dieſer Verkettung die Wal⸗ tung und den deutlichen Willen der Vorſehung? O Ihr müßt ſehen, oder Eure Seele kennt kein Licht und glaubt an keine Vorſehung! Wo iſt meine Egwia? Ich will ja wie Ihr die Heimath meiden, will ſie haſſen wie Ihr, will als Euer Knecht mich an Eure Sohlen hängen, nur gebt mir meine Egwia. Da allein, wo ſie iſt, habe ich ein Vaterland, ohne ſie wurde es eine Wüſte. O auch ſie muß unglücklich ſein, wie Frerich es war. Hemmo, Euer Geſicht iſt voll milderer Züge. Euer Auge blickt nicht mehr ſo gehäſſig als damals auf Seelands Küſten. Gebt mir das Mädchen, weigert ſie mir nicht länger. Ihr könnt ja einen getreuen Sohn gewinnen, und möchtet im Gegentheil ſonſt auch eine Tochter verlieren.— Ohne ſich zu bewegen hatte Kapitän Blodhand die lange ſtürmiſche Anrede des jungen Mannes angehört, aber der Trübſinn, welcher ſichtlich in ſeinen Mienen vorwaltete, hatte immer mehr einen ſchmerzlichen Cha⸗ rakter angenommen, und ſeine rothumkreiſeten, düſtern Augen ſtarrten feucht werdend in Kronſciolds ſchwär⸗ meriſch leuchtendem Blicke. Egwia? Ja, ſie war mein gutes Kind! verſetzte er — ——————— 439 „ mit einem tiefen, hohltönenden Seufzer und ſchlug den Mantel von einander und drückte die Fauſt gegen die Stelle des Herzens, als wollte er da inwendig einen Sturm niederſchlagen. Gott grüße Dich, Landsmann in der Fremde! Biſt du auch immer eine Art liebeſiecher Jammermann geweſen, und haſt deßhalb mir eben nicht beſonders gefallen, ſo paſſeſt Du doch jetzt deßwegen gut zu mir, denn den Saulus hat Gottes Hand ſchwer berührt, und es fehlt wenig daran, daß er ein Paulus werde.— Um des Himmels willen! Wo iſt Egwia? fragte Kronſciold, und die Ahnung, welche in ihm aufſtieg, blies alles Feuer von ſeinen jungen Wangen und in ſeinen blauen Augen aus.— Der Cäſar liegt im Grunde der Nordſee, antwortete Blodhand mit furchtbar eintöniger Stimme. Ein größe⸗ rer Auguſtus hat ihn zuſammengeſchmettert. Ich, der ich vielleicht der Schuldbeladenſte war an ſeinem Bord, rettete mich auf den gewaltigen Inflexible, doch mit einer Kopfwunde, die mich ſinnlos niederwarf, daß man mich vom Bord in die Kajüte tragen mußte. Aber auch dem Unbeugſamen halfen ſeine drei Decke nichts. Auch ihn faßte die Fauſt des unſichtbaren Rächers, und der Orkan deſſelben zerbrach ihn wie morſches Schilfrohr, und warf mich, den Einzigen, auf einem dünnen Ret⸗ tungsbrett mit zerſchellten, blutigen Gliedmaßen an das Ufer von Harlem. Tod wäre zu geringe Strafe gewe⸗ ſen; ich bin aufbehalten für höhere Pein. Allein ſein in der Welt mit dem Bewußtſein, das Liebſte in das Verderben geriſſen zu haben, Kronſciold, das iſt mehr als Menſchengericht, und Emwalds Schmerzenstod bleibt ein Kinderſpiel dagegen.— 440 Kronſciold faßte mit jugendlicher Heftigkeit den Alten an beiden Schultern feſt und fragte nochmals: Wo iſt Eure, meine Egwia?— Tief begraben unter den Wellen, antwortete Blod⸗ hand mit hohlem Tone, nicht ich, nicht Du, nur der ſcharfzahnige Hai wird ſie finden.— Einen Augenblick ſtand Kronſciold wie zu einer Bild⸗ ſäule geworden, dann ſtieß er den Kapitän gewaltig zu⸗ rück, daß er taumelte, und that einen furchtbaren Schrei und ſchlug beide Hände vor ſein erblichenes Geſicht. Aber ſogleich kam wieder eine wilde Lebendigkeit in den jungen Mann. Du biſt ihr Mörder, ihr ſchändlicher, verruchter Mörder! ſchrie er gleich einem Wahnwitzigen. Von Dir fordere ich meine Egwia, meine Braut, den Engel, den Du zum Verderben ſchleifteſt! Nein, ſie war Deine Tochter nicht. Wie kann das reine Lamm in des Tigers Bett gerathen? Ja, verdammt mußt Du Dich fühlen, verdammt biſt Du, auf Dein Geſicht ſind alle Marken der Hölle gezeichnet. Aber kann ich genug daran haben? Mein Erdenglück haſt Du geſtohlen, und ja, ich darf es ſtolz ausſprechen, auch Egwia's Erdenglück war durch Deine Rachſucht zerträmmert. Und was haſt Du Dir ſelbſt geraubt? Welch eine Tochter war ſie! Ihre kind⸗ liche Pflicht hielt ſelbſt gegen die glühendſte Liebe Stand, und das iſt ſelten wie Phönir und Karfunkelſtein. Und welch ein Sohn wäre ich Dir geworden! Trotz Deiner Härte, trotz Deines eiſigen Kaltſinns ehrte ich Dich, liebte ich Dich. O du wareſt ja Egwia's Vater, und ich wollte von Dir des Lebens ſchönſte Krone erbitten. Jenſeits wird Dich ein furchtbarer Gerichtsherr verur⸗ theilen, aber hier unten darfſt Du auch nicht ungerichtet —.———— 441 bleiben, und ich fühle mich berufen, als der Rächer Deiner Unthat aufzutreten. Sterben ſollſt Du, ſterben von meiner Hand, Kindermörder, Vaterlandsverräther, Teufel meines Lebens, Du entgehſt mir nicht mehr.— Kapitän Blodhand hatte ohne eine Miene zu ver⸗ ziehen den feindlichen Zuſpruch ausgehalten. Mit ſelt⸗ ſam kaltem Blicke betrachtete er jetzt den Jüngling, der erſchöpft und athemlos einhielt und deſſen Glieder zu⸗ ſammen zu brechen droheten. Junger Menſch, ſprach er dann mit ruhigem Tone, Du haſt ſchwere Worte geſprochen. Aber Du haſt mein unglückliches Kind wahrhaft geliebt, Du haſt ſie geliebt wie ich, das hat Deine Wuth mir verrathen. Glaubſt Du, Hemmo Blodhand fürchtete den Tod? Armer Prah⸗ ler, ich habe nichts mehr auf der Welt zu thun; ich habe keine Liebe mehr, und auch mein Haß iſt erloſchen in der Flut, die mein Liebſtes verſchlang. Schade, daß Du Deinen Degen nicht an der Hüfte trägſt; ich würde die nackte Bruſt Dir willig darbieten zum erlöſenden Stoße. Aber wir ſind beide Soldaten, darum laß uns die Sache beenden, wie Ehrenmänner ſo etwas abzu⸗ thun pflegen. Du haſt Schimpfworte hören laſſen, welche nur ein Piſtolenſchuß ſtumm macht. Wo ſoll ich mich ſtellen? Wo wirſt Du zu finden Kin?— Der Lieutenant fühlte ſich erſchüttert vom Tone und dem Inhalte der Rede des Alten. Er holte tief Athem und preßte die kalte Hand mehre Mal gegen die heiße Stirn und die brennenden Angenhöhlen. Nachmittags, zwei Uhr, in der Stadt Haag, im Gaſthof zum ſilber⸗ nen Schlüſſel, auf dem Zimmer Nummer acht! ſtieß er hervor, und der Kapitän nickte ernſt, ſagte: Ich werde Dich treffen, darum Adio bis dahin! und ſchritt in 442 ſeinen Mantel gewickelt mit geſetzter Haltung an ihm vorbei dem Dorfe zu.— Mit geſenktem Haupte ſah ihm Kronſciold nach; Sie iſt hin! O möchte er mich bald ihr nachſenden! ſeufzte er und ging langſam zu ſeinem Pferde, welches wenige Schritte von ihm Halt gemacht, und ungeduldig im Schnee ſcharrte. Er ſetzte ſich auf, und trabte in verworrenen Gedanken und wie zernichtet an Leib und Seele die Straße hinauf, welche zur Stadt ſich zog. In dem Parliamente von England ſaß an dieſem Morgen die ſchöne Egwia am warmen Ofen und theilte heute zum erſten Male ſeit einem Monate die Frühſtücks⸗ ſtunde mit ihrem Freunde. Die Jugend hatte das böſe Nervenfieber bezwungen; zwar etwas hagerer und blei⸗ cher geworden, war ihr doch der Reiz geblieben, den die Natur bei der Wiege geſchenkt, und die zur Lilie gewandelte Roſe durfte darum nicht mit dem Schickſale ſchmollen, hing doch des treuen Olufs Blick in ſtiller Anbetung in ihren verfeinerten Zügen und ſie durfte in dieſem Spiegel leſen, daß die Todeskrankheit ihr den Gürtel der Cypriſchen Göttin wohl gelaſſen. Mit unverhehlter Freude bereitete ſie für den Freund die Semmelſchnittchen und den Thee und die Eier und reichte ihm mehre Male die durchſichtige Alabaſterhand hinüber, die er ſanft an ſeine Lippen drückte. Sei heiter, Sluf, ſprach ſie dazu, wir feiern ja mein Geneſungsfeſt; Du wareſt mir mehr als Arzt und Heil⸗ kraut, darum biſt Du des Feſtes König und mußt mir ein königlich Geſicht dazu mitbringen.— Glaubt Egwia, ich freue mich nicht? fragte er mild 443 zurück. Wenn die Erde einen Wieterſchein der Himmels⸗ ſreude tragen kann, ſo glüht nieſer heute in meiner Bruſt. Aber meine Seele ſchwebt in ferner Weite und ich vermiſſe die Gäſte, welche dieſes Feſt feiern würden wie ich und theilen würden meine Seligkeit.— Du meinſt den Vater umd Frerich, entgegnete das Mädchen, und um ihr helles Auge legte ſich ein Wölk⸗ chen. Freilich wird der Vater ſich härmen und küm⸗ mern, aber das Gewühl der Londoner Welt muß ihn zerſtreuen, er wird im neuen Wirkungskreiſe ſich an⸗ ſtrengen, den beſten, ſicherſten Platz für ſich zu gewin⸗ nen, und der Kriegsminiſter hat Dir ja verſprochen, auf dem erſten Schiff, welches abgehen darf, uns den FPlatz zu gewähren, da unſere Papiere ihm Genüge thaten, und von den Kriegsgeſangenen ſchieden.— Aber Frerich? fragte Folkerts geſpannt. Sollen wir ihn nicht erwarten? Egwia zog die Oberlippe auf, wie die Weiber thun, wenn ſie einen Groll nicht ausſprechen, aber andeuten wollen, und warf haſtig eine Unzahl Zuckerbrocken in die vor ihr ſtehende Taſſe. Lreutenant Kwonſciold ſitzt ruhig auf ſeinem feſten Seeland, und erwartet die beſſere Zeit, ſagte ſie wie vor ſich hin. Haſt Du nicht geſagt, Du hätteſt ihm ge⸗ ſchrieben, ſogleich nach unſerer Ankunft? ſetzte ſie leb⸗ hafter hinzu, und ſchlug die Augen feuervoll zu Oluf auf. Es iſt ziemlich lange her, und nicht Er, nicht einmal ein Brief von ihm kam zurück. Die Männer ſind Freunde der Gegenwart; der bequeme Beſitz feſſelt ſie und ihre Träume und Wünſche reichen nicht darüber hin, und ihre Beſtändigkeit ſoll leichtlich an den Mauern, die das Schickſal zieht, matt werden und erkalten. Wir Weiber bauen dagegen gern in der Zukunft; unſer 444 Gefühl erſtarkt ſich an der Schwierigkeit; die Hoffnung iſt uns eine ſchweſterliche Föttin; die Geduld ſteht uns zur Seite, und hält unſere Treue aufrecht. O ſieh nicht ſo finſter auf mich herüber, Folkerts! Dich traf mein Wort nicht, Dich konnte ich nicht meinen. Du haſt die höchſte Probe der Freundſchaft beſtanden; bis zum Grabe muß Egwia Dir dankbar bleiben, denn ohne Dich hätte das Grab ſie längſt in ſeinem kalten Kerker aufgenommen.— Frerich würde daſſelbe, würde mehr gethan haben als ich, entgegnete Folkerts ernſt; er hätte die Gefahr mit den Kränzen der Liebe umhangen und verſteckt; er hätte kein Troſtwort, keinen Aufruf zur ſtarken Beſon⸗ nenheit bedurft; ſein Kuß, ſeine Umarmung würde alle Angſt, jeden Schmerz von Egwia genommen haben. Wüßte er, was uns traf, er würde mich beneiden um die Gunſt, welche die Vorſicht mir zuwarf.— Das Mädchen ſchüttelte leicht den Kopf. Du nimmſt den Mantel der Beſcheidenheit um, mein Freund, ſoagte ſie ſchlau, obgleich er Dich drückt und beengt. O verbirg mir nichts mehr! Wie Du mich in der Hütte des Ab⸗ ſchieds beſſer erkannteſt als er, ſo habe auch ich Dich erkannt in den Stunden der Lebensnoth. Ja ich liebte Kronſciold, ich verſtieß Dich um ihn; o ich fühle das Dir gethane Weh jetzt ſchmerzlich nach und mir zur Strafe. Ernſter iſt das Leben vor mich hingetreten in dem großen Waſſergraben, aus dem die Ungeheuer der verborgenſten Tiefe die feuchten Krallen nach uns aus⸗ ſtreckten. Die Schwärmerei der Liebe iſt ein ſchöner Blumengarten, aber das Fruchtfeld des Lebens gehört ihr nicht und ihre Blüten ſind Sommerkinder, welche den Winter ohne Zierde laſſen. Folkerts, wenn Kron⸗ ſeiold nicht bald erſcheint, ſo halte ich ſein Band gelöſet, 445 ſo bin ich entſchloſſen ohne ihn zu reiſen;— ſo wollen wir zum Vater;— und dort— ich war dem Vater nur ein einziges Mal ungehorſam, und des Himmels Strafruthe züchtige das ungehorſame Kind furchtbar und warnend.— Sie hatte die letzten Reden ſcheu, abgeſtoßen und mit halber Stimme geſprochen; bewegt ſtand ſie jetzt auf und that einige leichte Gänge an den Fenſtern hin, als beachte ſie die Witterung. Erſtaunt hatte Folkerts ihr zugehorcht, ſein Auge flammte einen Augenblick auf wie ein Wetterleuchten am blauen Horizonte, doch ſchnell verfinſterte ſich wiederum ſein Blick, und er wiſchte mit dem Tuche heftig über ſein Geſicht, als wollte er die auflodernde Glut, die er auf den Wangen empfand, verlöſchen. Zum Vater? lallte er ſchmerzlich; die Reiſe iſt weit und ſchwer.— Sei es; antwortete Egwia, ſich raſch zu ihm wendend und ihr Geſicht unenthüllt ihm bietend, auf dem junge Roſen der tiefſten Empfindung glüheten und deſſen Augen eine Innigkeit des Gefühls ausſprachen, in der eine be⸗ ſeligende Hoffnung für den Mann ſchlummerte, welchem ſie galt. Sei es, von Dir begleitet habe ich keine Furcht mehr. O ich habe empfunden, was das Weib iſt ohne den wahren Mann, und was dieſer gilt, wenn die Prüfung ihn wiegt.— Egwia zürnet auf ihren Geliebten, verſetzte Oluf, ſie ſtreng fixirend, und der arme Frerich ſitzt vielleicht eben jetzt vom tiefſten Gram gefoltert, und der Gram wird ein zwiefacher, weil er an keinem Freundſchafts⸗ herzen ſich ergießen kann. Ich ſchrieb geſtern den zweiten Brief; die Kriegszeit kann den erſten gehindert haben, 446 ſeine Beſtimmung zu finden. Und wer ſteht uns dafür, daß der glühendliebende Mann in ſeiner Verzweiflung nicht das erſte, beſte Schiff, welches von Kopenhagen nach London auslief, beſtieg; daß er uns nachſegelte ohne Verzug. Vielleicht war es ein ſchlechter, gebrech⸗ licher Kauffahrer, der dem Sturme nicht gewachſen, den unſer Cäſar aushielt; vielleicht faßte auch ihn der Orkan, warf ihn auf Klippen oder Sandbank; vielleicht ging das Fahrzeug unter mit Mann und Maus; vielleicht ſchläft der arme, treue Frerich längſt unter den Wogen, und ſein Geiſt umſchwebt uns und trauert tief, daß das Mädchen ſeiner erſten, heiligen Liebe ſo leicht zweifelte an ſeinem Herzen, ſo leicht im kindiſchen Groll ihn vergaß.— O Gott des Himmels! rief Egwia mit Entſetzen. Welch ein Bild malt Ihr vor mir aus, Grauſamer? Oder iſt es Wahrheit? Habt Ihr Nachricht? Frerich, Frerich! Ja, ich fühle ſeinen Geiſterhauch. O warum ward ich denn gerettet? Warum ließet Ihr mich nicht zu ihm, in ſeine Arme hinunter? Meine Errettung war ja eine Sünde und ich kann ſie Euch nicht mehr danken. Kraftlos ſank ſie in einen Seſſel, aber ſchon war Oluf aufgeſprungen und hielt ſie in ſeinen Armen. Ermannt Euch, liebe Freundin, ſprach er freundlich. Nein, Frerich lebt und wird bald in ſeinen Armen Euch Vergeſſenheit alles Beſtandenen ſchenken. Sehet Ihr, wie Ihr Euch täuſchtet? Wie Ihr mich täuſchen wolltet im kleinlichen Unmuthe Eurer Weiblichkeit? Mein Leben iſt abgeſchloſſen; es gehört der Freundſchaft. Verzeihet die kleine Rache dem in ſeinem Buſenfreunde mit Be⸗ leidigten. Egwia, wir wollen treu ſein uns wie ihm. O die Treue, die opfernde, iſt der reinſte, hellſte Stern 447 über und in dem Menſchen, und ſein ſtilles Licht lohnt, wie nichts außer ihm lohnen kann, denn es ſtrahlt Zu⸗ friedenheit und Frieden in die Seele deſſen, der ſein Auge darauf feſthält.— Du biſt ein großer Menſch, Oluf! flüſterte die Jung⸗ frau ſcheu, und verdeckte beſchämt ihr thränennaſſes An⸗ geſicht. Folkerts preßte ihre Hand feſt an ſeinen Mund und antwortete bewegt: Nicht groß, aber feſt wie ein Mann ſein ſoll. O glaubt mir, nur ihm gönne ich dieſe Hand und das Herz, dem ſie gehört; nur ihm, weil ich weiß, daß er beide verdient.— Man klopfte an der Thür, und er verließ in weicher Rührung die Weinende. Auf dem Vorplatze traf Folkerts einen engliſchen Unteroffizier, welcher ihn unverzüglich zu dem Oberſt⸗ lieutenant lud. Er folgte neugierig der Ladung, und der Commandant trat ihm freundlich mit einem offenen Briefe in der Hand entgegen. Verzeiht, mein Freund, ſagte der ſtattliche Mann, daß ich Euch aus ſchönſter Geſellſchaft lockte; mir iſt ein wunderliches Schreiben zugegangen aus dem Gaſthof drüben; da Ihr ein Däne ſeid, ſo wird es Intereſſe für Euch haben, denn der Schreiber iſt Euer Landsmann.— Folkerts warf nur einen Blick auf den Brief, und freudige Glut bedeckte ſeine Wangen. Er iſt da, rief er wie außer ſich, mein Frerich Kronſciold iſt da. Es iſt ſeine Hand. Er hat uns gefunden, und das Schick⸗ ſal hört endlich auf uns zu ſchlagen. Ihr kennt alſo den Brieſſteller? verſetzte der brittiſche Offizier. Der Name trifft zu. Aber von Euch ſteht ————— — ———————,ÜYÜYÜ“ ⸗ 448 nichts darin, und Euer Jauchzen paßt gar nicht zu dem ernſthaften Inhalte. Leſet nur, mein junger Freund. Folkerts las mit Eile Folgendes: —„Kriegsmänner ſind ſich überall Kameraden, mögen ſie auch verſchiedene Farbe und Schärpe tragen; Degen und Ehre verbrüdern ſie unter jeder Zone. War ſich auch Britte und Däne noch kürzlich feind, ſo hegt doch der Letztere zu dem Erſteren das Vertrauen, daß der Engländer einem däniſchen Gardeoffizier den brüderlichen Beiſtand in einer Ehrenſache nicht verweigern wird. Hier in der Fremde allein ſtehend möchte ich einen Zeu⸗ gen meines Ehrentodes nicht gerne entbehren. Ich bitte deßhalb den achtbaren Sir, in deſſen Hand dieſes Blatt gelangt, mich ſogleich mit ſeinem Beſuch zu erfreuen, und mir Rath und ehrlichen Beiſtand zu ſchenken. Der Zweikampf muß noch heute vor ſich gehen, und da ich erſt geſtern zu Haag eingetroffen, fehlt mir die Kenntniß eines ſchicklichen Ortes für das ernſte Waffenſpiel.“ Frerich Kronſciold, Lieutenant in der Reitergarde S. M. v. Dänemark. Wie betäubt ſtarrte Oluf auf das düſtere Blatt. Nun? fragte der Oberſtlieutenant. Wollt Ihr mir fol⸗ „gen zu dem jungen Helden im ſilbernen Schlüſſel? Der ufwärter von dort hatte die Ordre, den Brief in die Hand des erſten engliſchen Offiziers zu legen, der im Parliamente ihm begegnen würde. Mich traf das Lvos, und ich werde die Aufforderung nicht zurückweiſen, da der Fremde unſerer Uniform eine Ehre erzeigte, indem er ſie zu ſeinem Schutze aufrief, ſtatt einen Holländer oder Franzoſen zum Sekundanten zu erkieſen. Ihr thut Recht daran, entgegnete Oluf haſtig; Euer Degen wird keine Schande haben in dieſer Sache. — 449 Kronſciold iſt ein Ehrenmann; aber ich muß Euch Geſell⸗ ſchaft leiſten, denn er iſt mein Herzensfreund, mein Bruder. Dunkele Räthſel enthält der Brief. Frerich weiß nichts von uns, das iſt klar. Aber wie kam er denn nach Haag? Und mit wem will er ſich ſchlagen? Und ſchlagen darf er ſich nicht, ſein Leben iſt heilig, unverletzbar, ſein Tod wäre in dieſem Augenblicke das Gräßlichſte, was ſich ereignen könnte. Iſt der Zweikampf nothwendig, ſo werde ich ſelbſt für ihn eintreten, und er wird mir den Tauſch nicht weigern, nenne ich ihm nur einen Namen.— Das Alles wird ſich machen, enträthſeln, wenn wir ſogleich ſelbſt hinüber gehen; ich weiß die Nummer, antwortete der Oberſtlieutenant und griff zum Hute. Folkerts folgte ihm ohne Verzug, doch mit hochklopfen⸗ dem Herzen.— Im ſilbernen Schlüſſel kramte in demſelben Augen⸗ blick der Lieutenant Kronſciold zwiſchen ſeinen Effekten, verſchloß Koffer und Mantelſack, ſiegelte Papiere, und reichte eines der Pakete einer Gerichtsperſon, die daſſelbe nebſt dem zugleich offerirten Goldſtück reſpektvoll empfing und ſich alsdann empfahl. So jung mein Herr iſt, ſo vorſichtig iſt v ſprach der Wirth Jocondus; das iſt lobensw th wenn der Herr, wie ich meine, ein Kaufmahn iſt muß das Haus deſſelben auf gar feſten Füßen Eine Seefahrt bleibt immer ein kitzlich Ding, vorzüg⸗ lich bei jetziger Jahreszeit, und wer ſein Haus vorher veſtellt, thut klug daran, denn ein Schiff iſt ein dünnes Brett im Sturm, und in der jüngſten Zeit ſind gar viele, die vergnügt aus dem Hafen fuhren, in recht trauriger Geſtalt an unſere Küſten geſpült worden.— Blumenhagen. II. 29 45⁰ Kronſciold ſeufzte tief und hob die traurigen Blicke zur Decke des Zimmers auf. Ja wohl! antwortete er halblaut; und ſie wird nie wieder lächeln, was ihr ſo lieblich ſtand, und womit ſie ſo hoch beglücken konnte. Meine Sachen laſſe ich Euch in Verwahr, fuhr er als⸗ dann gefaßter fort; hört Ihr, daß mich ein Unglücks⸗ fall betroffen, ſo ſorgt dafür, daß mein Teſtament ge⸗ öffnet werde. Dieſer verſiegelte Brief gibt Euch für den Fall die nähere Inſtruktion. Auch Euer iſt gedacht und Ihr werdet für Eure Mühwaltung Euch hinlänglich belohnt finden.— Und wann wird mein Herr reiſen? fragte Herr Jocondus mit einem tiefen Bücklinge. Hat mein Bru⸗ der die Sorge auf ſich genommen?2— Alles iſt beſtellt, antwortete Frerich zerſtreut; noch heute trete ich den Weg an zu ihr.— Der Herr kann ſich auf uns verlaſſen, entgegnete der Wirth mit Verwunderung und wachſender Neugier. Auch der Brief iſt beſorgt zum Parliament, und irre ich nicht, ſo bringen dort zwei engliſche Herrn ſelbſt die Antwort, denn ſie ſchreiten gerade auf unſer Haus her⸗ über. Sei der Herr nur vorſichtig in dem, was Er den Inſulanern vertrauen möchte; Kriegsgefangene be⸗ nutzen oft fremde Verlegenheit, um ſich den eigenen Platz beſſer zu geſtalten. Vertraue der Herr nur ganz meinem Bruder. Der verſteht ſein Gewerb, hat er doch noch vor wenigen Wochen ſich zuerſt mit ſeinem Boot trotz der hohen See an das engliſche Schiff gewagt, das bei Tor⸗Hayden auf der Sandbank unterging. Es kam vom Kopenhagner Zuge, und die beiden Offiziere, welche eben in das Haus traten, waren mit darauf. Der Eine ſoll kein Engländer, ſondern ein gefangener Däne ſein, —,— 45¹ den ſie zuſammt ſeiner jungen Frau als Geißel mit⸗ ſchleppen; es iſt derſelbe, von dem ich dem Herrn geſtern erzählte.— Wie war das? Was ſagſt Du, Menſch? fuhr Kron⸗ ſciold heftig auf; doch ehe Herr Jocondus Zeit zur Ant⸗ wort fand, öffnete ſich die Zimmerthür und der Oberſt⸗ lieutenant mit Folkerts traten ein. Als wäre ein Geſpenſt im Leichentuche vor ihm aus der Erde geſtiegen, ſo ſtand Kronſciold da, einer Bild⸗ ſäule gleich, mit entſtellten Geſichtszügen, das Entſetzen ausgedrückt auf ſeiner ganzen Geſtalt. Folkerts blieb einen Augenblick, ebenfalls erſchrocken über das Ausſehen des Freundes, dann breitete er die Arme aus und rief lebhaft: Frerich, Du biſt's? O nun iſt Alles gut. O komm an das Herz Deines Bruders.— Er ſchritt ſchnell dem Freunde entgegen, dieſer aber machte eine abwehrende, gehäſſige Bewegung und ſprang hinter den Tiſch, eine der dort liegenden Piſtolen er⸗ greifend und ſie geſpannt gegen Oluf hebend. Verräther! Räuber meiner Seligkeit! ſtieß er mit halber Stimme und mit bebenden Lippen hervor. Kommſt Du mein zu ſpotten? Nimm das Gewehr, ziele wie ich, raſch, raſch, denn dieſe Minute iſt entſetzlich und möchte mich tödten,, ehe ich auf den Erzfeind, den be⸗ trügeriſchen Sohn der Hölle, den Racheſchuß abdrücken könnte. Wo iſt meine Egwia? Wo haſt Du das an⸗ vertraute Kleinod? Egwia iſt Dein Weib; ich weiß alles, der hämiſche Zufall verrieth mir das ſchwarze Geheim⸗ niß. In der Bedrängniß wurde das ſchwache Geſchöpf überredet, gezwungen. Mich den Thoren ließ man daheim mit wohlerfundenem Mährchen. Nimm das Gewehr, oder ich ſchieße Dich nieder wie einen Straßenräuber.— 452 Kronſciold, biſt Du wahnwitzig, krank? rief Oluf mit warmer Beſorgniß. Kennſt Du mich denn nicht 2 Denkſt Du denn nicht an Egwia?— Ja, ja, ich denke! ſtammelte Frerich und ſein Ge⸗ ſicht ward noch bleicher und alle ſeine Glieder bebten fieberhaft. Ja, Egwia hat Dich gewählt, Du biſt ihr Gatte, ich beraubte ſie, träfe meine Kugel Dein Herz. Nein, das kann Kronſciold nicht; aber Platz machen kann er um Egwia's willen, und wird ihrem Glück nicht länger im Wege ſein.— Schnell wandte er die Mündung des Gewehrs gegen ſich ſelbſt und drückte ſie gegen ſeine Stirn. Aber eben ſo ſchnell hatte der Engländer die Hand des jungen Mannes gefaßt und die Piſtole, ehe er abdrücken konnte, aus den zitternden Fingern gewunden. Kamerad, das iſt keine⸗Ehrenthat! ſagte er zugleich hart und zürnend. Dazu habe ich Euch nicht gerufen, Sir! ſtotterte der Lieutenant zugleich matt heraus und ſank erſchöpft in einen Seſſel. Und das iſt Alles kein Traum? fragte Folkerts da mit wehmüthiger Stimme, indem er beide Arme um die Schultern des Freundes legte, der einer Ohnmacht nahe ſchien. Frerich, habe ich das verdient um Dich? Und ſtand keine feſtere Bürgſchaft für mich in Deinem Her⸗ zen?— O der Gram der Trennung muß arg an dem armen Verwaiſeten geriſſen haben, daß Du zweifeln konnteſt an dem heiligſten Bunde, zweifeln an mir und Deiner Geliebten. Komm zu Dir, Bruder, beſinne Dich. Egwia iſt Dein wie ſonſt. Egwia iſt hier und erwartet Dich mit liebender Sehnſucht. Komm und ſieh ſie ſelbſt, und geneſe an ihrer fleckenloſen Bruſt. Starr und noch immer ungläubig richtete Kronſciold 453 ſein Geſicht und die faſt erloſchenen Augen zu ihm empor. So iſt ſie nicht Dein Weib? fragte er langſam und ſchwach.— Keine Folter hätte mich zu ſolcher Untreue und Uebel⸗ that gezwungen! entgegnete Folkerts feſt.— O Gott! Wie war mir denn? Und welche Raben⸗ ſtimme erzählte mir denn die grauſige Geſchichte? fragte Frerich wie in ſich hinein. Aber ich glaubte es, ich konnte es glauben! O das iſt entſetzlich! Verlaß mich, Oluf, ich bin ja Dein nicht werth, bin ihrer nicht mehr werth, denn ich konnte ja zweifeln. Wie kann ich auf⸗ ſehen zu Dir? Wie kannſt Du mir verzeihen? O laß mich, daß ich allein vergehe in meiner Scham!— Folkerts zog ihn empor zu ſich vom Seſſel und preßte ihn feſt an ſeine Bruſt. Weißt Du noch, wie Du vor Jahren krank lageſt am böſen Schiffsfieber? ſagte er recht herzlich. Du tobteſt damals, ſchlugſt meine Hand fort mit der Arznei, ſchalteſt mich hart in Deinen Fieber⸗ raſereien. Wurde ich damals hart an Dir? Minderte ſich meine Sorgfalt? Oder wuchs ſie nicht vielmehr nach jedem ſolchen Sturme? Sieh, mein Frerich, heute wareſt Du noch ſchwerer krank; das Uebel hatte nicht den Körper, ſondern die Seele ergriffen. Sollte der Freund denn nun weniger Geduld, weniger Nachſicht haben wie damals?— O komm zu Egwia! rief da Kronſciold ſich erman⸗ nend und mit leuchtenden Blicken. Dort allein kann ich Dich belohnen für Deinen Edelmuth; ich weiß ja, wenn Du mich glücklich ſiehſt, biſt Du auch glücklich.— Sir, ſetzte er dann, ſich zu dem engliſchen Offizier wendend, mit erhobener Stimme hinzu und wieder ſeine ſtolze Haltung annnehmend, die dem ſchönen Mann ſo 454 wohl ſtand, Sie ſind plötzlich aus einem Fremden unſer Vertrauter geworden, und Ihre Achtung für mich hat vielleicht einen Augenblick geſchwankt bei meinem Be⸗ nehmen. Sie werden unſere Verhältniſſe bald ganz kennen lernen, und dann weniger hart den jugendlichen Brauſekopf beurtheilen, denn auch Sie waren jung und Ihr Auge ſpricht von reichen Erinnerungen. Das haben Sie aber ſicher ſchon jetzt erkannt, daß dieſer hier in unſerem Bunde der höhere iſt, und kennen Sie erſt ſein Opfer ganz, werden Sie ihn betrachten wie ein über⸗ menſchlich Weſen und mich um ſeine Liebe beneiden.— Ihr Bekenntniß zeugt, daß Sie ſeines Opfers werth ſind, erwiderte der Oberſtlieutenant, und ich meine, die Größe dieſes Opfers wäre mir nicht ganz fremd geblie⸗ ben, und ich möchte wie der Tyrann von Syracus wünſchen, der Dritte in Eurem Bunde zu ſein.— Er hätte daſſelbe für mich gethan! rief Folkerts, und ſah mit wahrhaftem Entzücken in des Freundes Geſicht. Aber Egwia! fiel dieſer ein, und alle drei verließen auf dieſen Ruf Zimmer und Haus, und der Herr Jocon⸗ dus, der mit weit offenem Munde das Alles angehört, und jetzt unruhig ſeine Perrüke von einem Ohr zum andern ſchob, blieb zu ſeiner Betrübniß allein in ſeinem Stübchen.— Weit voran eilte Kronſciold über die Straße, und nur Folkerts Nachruf: Sie war krank; ſie wird erſchrecken! zähmte ſeinen Lauf. Oluf trat zuerſt in das Zimmer, aber Egwia hatte kaum ſein erhitztes Antlitz geſehen, ſo rief ſie: Er iſt da! Er iſt angekommen! Wo weilt er noch? und ihr Ausruf erſtickte auf Folkerts Munde alle Einleitungsworte, welche er im Hergehen ausgeſonnen. Er machte dem Freunde Platz und Kronſciold ſtürzte zu den Füßen der Geliebten hin, und ſie zog ihn auf an ihre Bruſt, an ihren Mund, und achtete die Gegen⸗ wart des fremden Zeugen nicht. So iſt Alles überſtanden! das Schickſal endlich ver⸗ ſöhnt! ſprach Frerich wie außer ſich. Ich habe Dich wieder und keine menſchliche Gewalt trennt mich nun mehr von Dir. O wir haben ein unbeſonnenes Spiel geſpielt; ſo wie wir jetzt uns halten, hätten wir uns umſchließen müſſen dort auf vaterländiſchem Boden; des Vaters Zorn, des Vaters Härte würde zerronnen ſein an unſerer Feſtigkeit.— O warum rufſt Du neue Geſpenſter herauf in dieſer Stunde? antwortete Egwia, trüb ſich ſeiner Umarmung entziehend. Warum bei dem Wiederfinden ſchon das Bild der neuen Trennung wie den Geier zwiſchen die Tauben werfend? Aber er wird jammern, der arme Vater; er wird die Tochter verloren glauben, wird glücklich ſein, wenn er ſie wieder hat, und in dieſer erſten Stunde des Glücks wird der Tochter Bitte keine harte Antwort bekommen. Laß uns reiſen, ihn ſuchen, ſchnell hinüber eilen zum freien Inſellande. Er haßte nur Dein Kleid, Deinen Stand; Dich ſelbſt kann er nicht haſſen, denn Du biſt gut und wirſt ihm der beſte Sohn werden.— Quält Euch nicht, fiel Folkerts ihr in das Wort, indem er herantrat; der Vater trennt Eure Liebe nicht mehr. In dem Lande, wo er weilt, fallen die irdiſchen Schwächen ab, und ich bin überzeugt, ſein Segen ruht über Euch, da er erkannt, daß nur durch dieſen ſeine liebe Tochter wahrhaftes Glück gewinnen konnte.— Kronſciold ſprang lebhaft auf und griff nach ſeinem 456 Hute. Ja, meine Egwia, ſagte er, Oluf hat Recht. Der Vater iſt umgewandelt; das Unglück hat auch ſeine Härte geſchmolzen. Gut, daß Du mich erinnerſt, Freund; ich gehe ihn aufzuſuchen, ihn zu verſöhnen. Wenn ich ihm zurufe: Egwia lebt! Egwia wurde durch ein Wun⸗ der gerettet! ſo wird er dem Ueberbringer dieſer Liebes⸗ poſt den höchſten Lohn nicht verſagen, und fordert er auch dieſe Egwia ſelbſt.— Wohin willſt Du? fragte Folkerts, ihn feſthaltend und ſchwankend, auf welche Weiſe er die traurige Bot⸗ ſchaft, die ihm auf den Lippen ſchwebte, die jetzt geſagt werden mußte, am wenigſten verwundend für die Freun⸗ din ausſprechen ſollte. Wohin? antwortete Frerich. Nun, Du weißt ja um meine Ehrenſache. Mein Gegner wird nicht lange auf ſich warten laſſen.— Du kennſt den Hemmo Blodhand recht, tönte da eine tiefe Stimme in der Zimmerthür. Bei einem Ehren⸗ gang war er ſtets zur rechten Zeit am Platze.— Alle wandten ſich dem Tone zu, und der Kapitän, welcher ſchon längſt in der offengelaſſenen Thür Zeuge der Scene geweſen war, trat jetzt in ſeinen Mantel gewickelt vollends in das Zimmer. Folkerts ſtand wie verſteinert; Ihr lebt? hallte von ſeinen bleichen Lippen. Egwia flog jedoch dem Vater entgegen, klammerte ſich an ſeine Bruſt, und der lange finſtere Mann ſchlug ſeine Arme krampfhaft um ihren ſchlanken Leib, als wollte er ſie zerdrücken, und dicke Thränen perlten über ſein braunes Geſicht in den dichten Bart hinab. Eine ſtille Pauſe folgte, keiner der Zu⸗ ſchauer wagte ein ſtörend Wort, Jeder war ängſtlich geſpannt auf das, was jetzt kommen würde; hing doch für Alle die ernſte Entſcheidung an des Vaters erſtem Worte. Blodhand erhob ſein Geſicht aus den Locken des Mädchens, in denen er die naſſen Augen verſteckt ge⸗ halten. Mit ſcharfem Blicke ſah er zuerſt auf den zagen⸗ den Kronſciold. Nun, mein Lieutenant? fragte er mit Ironie in Blick und Ton. Wo iſt der Platz zum Duell? Wann werdet Ihr Eure Kugel dem Kindesmörder durch das eherne Herz jagen?— Ihr waret ſein Gegner? fragte Folkerts voll Ent⸗ ſetzen und wachſender Angſt. Euch hat er gefordert, Euch, den Vater ſeiner Geliebten?— Das Geſicht des Kapitäns verlor langſam ſein finſteres Anſehen, und ganz ungewöhnliche, freundliche Lichtblicke ſtrahlten aus ſeinen tiefen Augen. Ja, ja, ſagte er, wie ſcherzend faſt, der junge Bär wollte mir an das Leben; aber ich muß geſtehen, er iſt mir nie ſo liebens⸗ würdig vorgekommen als eben in dem Augenblicke, wo er ſich mir recht furchtbar und gehäſſig zeigen wollte. Oluf, Du ſelbſt biſt Schuld, wenn ich Dir wortbrüchig werde, denn Du entſagteſt ja vorhin ſchon, und ſegneteſt an meiner Statt. Du haſt mir das Kind bewahrt, ſie iſt Dein doppeltes Eigenthum geworden, und ich darf nicht zurückfordern, was Du verſchenkteſt.— Vater! ſtammelte Kronſciold. Verſtehe ich Euch recht, darf ich Euch nennen wie mein Herz gewünſcht von lange ſchon?— Aber nicht zurück zu der ſchauervollen Stadt voll blutiger Geiſter, entgegnete ernſt und ſchauernd der Alte. Ueber das Meer zum Aſyl der Menſchenwürde und Geiſtesfreiheit.— Frerich trat heftig heran, umſchlang Vater und Toch⸗ ter und drückte ſein Geſicht feſt auf des Kapitäns Schul⸗ ter. Wohin Du willſt! rief er. Nur wo ſie iſt, findet Kronſciold die Heimath, alſo rief mein Gott mir zu, als ich recht elend und recht allein ſtand.— Aber wie wird es mit Dir, mein armer, beraubter, verwaiſeter Oluf? fragte Blodhand da voll Mitleid und ſichtlicher Liebe. Folkerts ſchlang ſeinen Arm um des Freundes Nacken und reichte die Rechte mit männlichem Ernſt dem Kapitän. Verwaiſet? ſagte er vorwurfsvoll und ſah mit in⸗ nigſter Theilnahme auf Egwia und ihren Geliebten. O der iſt nicht arm, der in einen ſolchen Himmel ſchauen, und dann zu ſich ſprechen darf, ich habe Theil daran, und war der Gärtner dabei, und Freundſchaft wird mirs lohnen mein Lebenlang, denn ſie erkannte mich und daß ich ihrer werth geblieben, ſo ſchwer auch die Prüfung war.— Kronſciold und Egwia ließen ſich und umfaßten ihn zugleich, und mit einer Thräne im Auge preßte er die Glücklichen an ſich, die er gemacht. ————— 3 — — — — „ * . „ ** 1 2 .— —3* 1 ₰ 83 — —. 1 . 6*