₰ 6 1 2 3 4 F—c.——————————— Leihbiblivthek. dentſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 3. Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und Teſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 4 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mk.— f. „ 5 ²*, 7 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Die afrikaniſche Mittagsglut hatte nachgelaſſen; ein kühlender Nordwind beſtrich die tuneſiſche Küſte, be⸗ wegte die Wimpel auf den Gezelten des franzöſiſchen Lagers und erquickte Mann und Roß. Von frommem Wahn erglüht hatte der neunte Lud⸗ wig, ſpäter der Heilige benannt, noch einmal den Kern der Ritterſchaft aller rechtgläubigen Völker an der bar⸗ bariſchen Küſte ausgeſchifft, um an den Ungläubigen Rache zu nehmen für vergoſſenes Chriſtenblut, um miß⸗ handelte Brüder aus ewigen Ketten zu löſen, und dazu beizutragen, das geweihete Land, wo der Erlöſer ge⸗ wandelt und gepredigt und den Opfertod gefunden, den grauſamen Händen der Chriſtenfeinde zu entreißen. Mit großen Hoffnungen betrat Frankreichs König, umgeben von ſeinen drei Söhnen und den Edelſten ſeines Reichs, dieſes fremde Land. Wohl folgte ihm ein zahlreiches und tapferes Kriegsheer, doch hatte der alte fromme Fürſt nicht geglaubt, hier die Waffen zu gebrauchen. Längſt ſchon waren geheime Botſchafter zwiſchen Paris und Tunis gewechſelt worden. Der islamitiſche König, der dieſen reichen Staat der Mauren beherrſchte, hatte im Geheim ihn ſeiner Freundſchaft verſichern laſſen, in ihm. die Meinung erweckt, er ſei ein Freund des chriſtlichen Glaubens, und würde gern ſich als ein öffentlicher An⸗ hänger deſſelben erklären, wenn dieſer Uebertritt in hundert mauriſche Jünglinge hatten tollkühn die Wälle 4 Sicherheit geſchehen könne, und er die Rache des tyran⸗ niſchen Sultans von Egypten, des damaligen Ober⸗ hauptes der Moslemins, nicht zu fürchten habe. Das Erſcheinen einer europäiſchen Heeresmacht, ſo meinte König Ludwig, genüge hiezu; eine Vereinigung mit den Kriegern von Tunis, die Hülfe der überfüllten Schatz⸗ kammern der mauriſchen Fürſten, ſchien dann die Be⸗ zwingung des Gewalthabers zu Babylon gewiß zu machen, und mit dem Sturze des Sultans und der treuloſen Emire und Mamelucken Egyptens, denen über⸗ dies Frankreich aus früherm unglücklichen Kriegszuge eine Züchtigung ſchuldete, leuchtete klar und das fromme Herz zu jugendlicher Entzückung entflammend dem alten Könige die völlige Freiheit Paläſtina's und die beſeli⸗ gende Erfüllung ſeiner Gelübde entgegen. Von den Ufern Sardiniens, aus Cagliari's Hafen, war die chriſtliche Flotte gleich einem reinen, ruhigen Schwanenzuge herangeſegelt und hatte ungeſtört eine Inſel nahe der Küſte betreten; doch kein Freundesgruß begrüßte ſie; die Küſte ſelbſt erſchien baldigſt mit Tur⸗ banen und mauriſchen Helmen beſäet, wenn auch der Widerſtand nicht von Dauer war; arabiſche Reiterſchaa⸗ ren ſprengten gegen die vorausgeſchickten Heerhaufen, es galt Krieg, den Blutkampf des alten, unauslöſchlichen Fanatismus, und Karthago mit ſeiner Veſte mußte ge⸗ wonnen werden, um dem Frankenheere einen Anlehne⸗ punkt zu ſichern, und ward nach blutigem Sturme ge⸗ nommen. Für den König, für die Prinzen, für die Fürſtinnen und Ritterfrauen, die ſich nach der Sitte jener Zeit dem Kriegeszuge angeſchloſſen, fanden ſich bequeme Wohnungen in der eroberten Stadt; einige — 5 zu vertheidigen verſucht und lagen hingeſchlachtet auf der freiwillig erkohrenen Todesſtätte; was ſich von den Bewohnern nicht glücklich durch die Katakomben geflüch⸗ tet, wurde in den Kellergewölben und Ziſternen aufge⸗ ſucht, und durch Flamme und Schwert getödtet. Aber wenig half dieſer Triumph, wenn er auch den gemeinen Krieger williger machte, indem er ihm leichte Erobe⸗ rungsträume vorgaukelte. Der größte Theil des Heeres mußte ein weites Lager beziehen und wurde den gefähr⸗ lichen Einflüſſen des fremden Himmels blosgeſtellt; ein breiter Graben mußte dieſes Lager ſichern gegen die zwar nicht ernſten und andauernden, aber hitzigen und oft wiederholten Anfälle des Feindes, bei denen man einigemale den König der Mauren ſelbſt bemerkt zu haben glaubte, und Tunis, die Königsſtadt der Un⸗ gläubigen, die man für ſchlecht befeſtigt gehalten, lag im Angeſicht des Heeres als ein wohlverwahrter, ſtreng bewachter Platz, und die Wurfmaſchinen ſeiner Wälle ſchleuderten zerſchmetternde Felsmaſſen und brennenden Sand zwiſchen die Krieger des Kreuzes. Vergebens er⸗ wartete man den Feind in ſeiner gewöhnlichen Unbe⸗ ſonnenheit auf dem freien Felde erſcheinen zu ſehen; nur wenn die franzöſiſchen Krieger ſich gierig nach Beute und in kleinen Haufen vom Lager entfernten und die menſchenleeren Dörfer durchſtreiften, ſahen ſie ſich plötzlich von blutdürſtigen, ungeſtümen Feindeshaufen umringt, die geſpenſtiſch kamen und ſchwanden, ohne daß man wußte woher und wohin, doch nur Wenigen vergönnten, zu ihren Fahnen zu kehren und von dem Tode der Gefährten Kunde zu geben. Auch Tunis mußte belagert und erſtürmt werden; doch König Ludwig war alt und bedächtig geworden; der Held von Damiette ——— 6 und Babylon hielt es in ſeiner Milde und Menſchlich⸗ keit für unrecht, ſeine Völker zu opfern ohne völlige Gewißheit des Sieges, und er beſchloß deßhalb die An⸗ kunft ſeines Bruders, des Königs von Sicilien, zu er⸗ warten. Manches Feldherrn kluges Zaudern gewann ihm den immergrünen Lorbeer, doch in dieſer Lage und auf dieſem Kampfplatze mußte jede Zögerung Ver⸗ derben bringen. Der müßige Krieger ward nachläſſig und ausſchweifend; die ſengende Sonne des Auguſtmon⸗ des ſog die Kraft aus den Gliedern der abendländiſchen Mannen; es gebrach an friſcher Frucht und erquickender Koſt, es fehlte an ſüßem Waſſer für dieſe Tauſende, denn die wenigen Bäche des Landes waren ausgetrocknet, und die Flüſſe nur ſeichte Schlammwäſſer geworden; und die Kriegspeſt ſchlich ſich in das Heer von Gezelt zu Gezelt und zehntete die tapfern Schaaren auf furchtbare Weiſe. Der Cardinallegat Albano fiel ihr zum Opfer; der junge Graf von Nevers, Ludwigs Lieblingsſohn, ſtarb in den Armen des gebeugten Vaters, und der alte König ſelbſt fühlte das Gift der tödtenden Seuche in ſeinen Gebeinen, lag in ſeinem Gemach mit frommer Ergebung betend für das Heil ſeiner Krieger und ſeines Volks, ſchrieb wie ein ſcheidender Weltweiſer für ſeinen älteſten Prinzen eine Geſetztafel für gute Könige nieder, und verſammelte um ſein mit Aſche beſtreutes Schmer⸗ zensbett täglich die erfahrenſten ſeiner Heerführer und Ritter, und gab ihnen mit der ruhigen Beſonnenheit eines ſterbenden Gerechten Rath und Befehle.—— Mittag war vorüber, ein milderes Wehen der Luft verkündete den erquickenden, doch für den geſchwächten, ausgetrockneten Körper nicht minder gefährlichen Abend. Fern vom Lager am Rande des langſam zum Meere 7 ſchleichenden Mesherda lagerte die Vorhut unter Dattel⸗ bäumen und ſchattenden Zedern. Ihre Führer, einige Dutzend junger Ritter verſchiedener Nationen, ſaßen verſammelt in einer großen Laubhütte, die mit den Zweigen der ſüdlichen Eiche, deren ſüße Früchte auch dein Menſchen ſchmecken, bedeckt worden. Die lebens⸗ muthigen, meiſt jungen Kriegsleute ſchienen leichten Sin⸗ nes ſich zu mühen, Alles zu vergeſſen, was hinter ihnen lag, und nahe vor der Todespforte ihre Anſprüche an das Leben und ſeine Genüſſe zwiefach geltend zu machen. Zitherſchläger und Pfeifer muſizirten in einem Winkel und ließen gar luſtige Weiſen und wilde Tanzmuſiken hören. Pagen und Diener ſchleppten leckere Schüſſeln aus der Feldküche und mächtige Kannen ſüßen Weines heran, die man zuvor im ſeichten Flußbett gekühlt. Alles ſcherzte und lachte durcheinander, als gäbe es ein königliches Wiegenfeſt im Schloſſe zu Paris oder den Ritterſchlag eines Prinzen von Navarra; ein Proven⸗ Lale ſpielte den Poſſenreißer, und ein junger Caſtilianer verſuchte mit einer nymphenhaft gekleideten fahrenden Frau einige Sprünge des Fandango auszuführen, ſank aber bald mit ſeiner Tänzerin in Schweiß gebadet und erſchöpft auf die rauhe Holzbank. Auch dergleichen, gar ſinnig alſo betitelte Perſonen hatten ſich unter die Kreuz⸗ fahrer des frommen Königs gemiſcht und blieben unent⸗ deckt, weil Fürſtenfrauen und Ritterdamen in großer Anzahl ihre Eheherrn begleiteten, und ſie als Weiber der Knechte und Nichten der Lagerköche im Mantel der Ehrbarkeit ſich verſteckt zu halten vermochten.— „Es geht nicht mit dem Tanze, und der Wein gießt Feuer zum Feuer;“ rief wild der ſchwarzbärtige Briſ⸗ ſac.„Verdammtes Land! wo der Schlaf das einzige — 8 Vergnügen iſt, und wo man nur im Traume lieben und trinken darf, will man das Mark in den Gebeinen be⸗ halten.“— Hinter dem beſetzten Tiſche erſcholl das Gelächter des kleinen, immer gleichmüthigen Guillaume von Fieües. „Warum ſchluckteſt du mit der Gier des Schakals vom Seefiſche und dem Schildkrötenbraten?“ lachte er.„Je⸗ nes macht Durſt, dieſes weckt verpönte Lüſte. Mach's wie ich, Pierre; dieſes zarte Kaninchenfleiſch, die friſche Feige dazu und Zitronenwaſſer mildern das heiße Blut und ſind Geduldsarzneien, die uns vor Allen nöthig.“— „Strohkopf!“ ſchalt der erhitzte Briſſac.„Beim Saint Denis, wir ſtiegen nicht zu Aiguesmortes in das Schiff, um hier als Säuglinge an den Ammenbrüſten der Mohrinnen zu trinken.“— „O lägen wir in weichen Windeln und würden von feinen Händen geſchaukelt, Herr Bruder!“ ſeufzte kopf⸗ ſchüttelnd der kleine Ritter.„Ich habe weder das lecke, ſchwankende Schiff, noch dieſen großen Kirchhof ſo an⸗ genehm gefunden wie den Polſterſtuhl im Mutterſchloß daheim, und möchte uns dein heiliger Denis recht bal⸗ digſt wieder dahin führen.“— „Krächze nicht am Tage, du Eule!“ ſchrie unwirſch der Schwarzkopf.„Die Zither her! Singen kann man doch auf dieſem Mauritius⸗Roſt. Reihe um gehe die Zither, jeder ſinge, wonach ſein Herz am glühendſten ſich ſehnet, und verdammt ſei die ausgetrocknete Kehle, die nicht wenigſtens ein Couplet am Altare der gemeinſa⸗ men Luſt opfert!“— Die Zither ward gebracht, und nach der Reihe ſan⸗ gen die Junker. Manch Schelmliedlein erklang, manch Verslein, das die Nacht bedurft, um die Schamröthe 7 des Sängers zu bergen, hätte er noch zu erröthen ver⸗ mocht. Dieſer beſchrieb die Reize ſeiner Schönen von der Fußſpitze hinauf bis zur gefärbten Augenbraune; jener die Myſterien ſeiner Schäferſtunde; der Provengale parodirte mit ſündhaftem Witz eine Legende; der Spa⸗ nier ſang eine frevelhafte Canzone an eine Nonne, ja die leichtfertigſten miſchten ſogar das Lob der Gräuel und Laſter jener ſittenloſen Zeit unverſchämt zu dem Klange des beleidigten Saitenſpiels. Jetzt kam die Reihe an einen jugendlichen Kriegs⸗ mann, der bisher im Geſpräch mit einem ältlichen Tempelherrn und einem bartloſen Schotten am Rande des Gewühls geſeſſen, und nur zuweilen einen ernſten Blick auf das bacchantiſche Getümmel geworfen hatte. Der Ritter zeichnete ſich aus im Kreiſe der Uebrigen durch das lange, flachsblonde Haar, das über ſeinen nervigten Nacken herabfloß, durch die weiße Hautfarbe ſeines Geſichts und das hellblaue Auge, wie auch durch die einfache, enge Tracht von feinem Hirſchleder, deren einziger Schmuck in einem dunkelrothen Schwertgurt beſtand. Er nahm die Zither und fuhr mit der weißen Hand durch die Saiten, als Ritter Briſſac aufſprang und raſch zu ihm trat. „Mit Verlaub, Herr Kuno von Gruben, ein Wort zuvor!“ rief er mit ſpöttiſch verzogenem Munde.„Oft hat uns auf dem Schiffsdeck euer Geſang gemartert von den Tannenbäumen und den Schneefeldern, von dem Hexenberge, wo der Teufel in der Mainacht Sabbath hält, und von euren alten, grämlichen Herzögen, die droben im kleinen Ohrwinkel Europa's wohnen, in Steinlöchern hauſen, auf dem Eiſe fechten und gegen die Nordbären zu Felde ziehen oder ihren tugendſamen 10 Hausmüttern gemüthlich und faullenzend zuſchauen, wenn ſie die Spindel drehen und Mehlbrei kochen. Noch ge⸗ ſtern ſaßet ihr an der Meeresküſte und jammertet ein ſolches Miserere me Pomine voller Molltöne in die Winde hinaus. Seid heute gefällig; wählt ein Lied, das zu der Geſellſchaft paßt. Wir kennen Eure Eisfelder nicht, wiſſen nichts von Euren eiſernen Prinzen auf der Bärenhaut. Schüttelt den kalten Schnee einmal von den Schultern, und ſingt von Eurem Geſpons, wär's auch eine halberfrorene, wachsbleiche Ziegenhirtin; ſingt wie man galant thut bei Euch, weihet den Vers Eurer Geliebten.“— „Ich habe nur Eine!“ antwortete der Deutſche ruhig. „Ihr Name?“— „Mein Vaterland!“—„Vaterland!“ ſprach ſpöttelnd der Schwarzbart nach.„Nennt's nicht Land; mein Ritterlehen nimmt einen größern Fleck auf der Land⸗ 5 charte weg.“ „Und doch gebar's Männer in Fülle, deren Gleichen Ihr mühſam zuſammenleſen möchtet in Eurem Frankreich 1 und der ganzeu Welt!“ entgegnete kalt Ritter Kuno. 6„Habt Ihr nichts gehört von dem Hermannswalde, an 3 deſſen Eichen die Gebeine der römiſchen Legionen bleich⸗ ten; nichts von dem Könige im Bärenfell, der Eurem 3 großen Karl am längſten den blutigen Weg vertrat; nichts von dem nordiſchen Löwen, den ein Kaiſer auf den 3 i Knien um ſeine Freundſchaft bat? Wollet Ihr zuhören der Mähr davon; ſie muß einem ritterlichen Ohre beſ⸗ ſer klingen, als die ſchale Buhlerei, welche Eure Poeten— vom Rhein bis zur Seine mit allen ſieben Todſünden treiben.“ „Langweilt uns nicht, Herr Kuno,“ unterbrach ihn 11 Briſſac ungeduldig.„Die geſchmeidigen Damen von Paris, die runden Mädchen von Bearne mit dem kleinen Schwarzflaum über den Lippen fanden Wohlbehagen an Eurer Geſtalt und Euren Kornblumenaugen. Zeigt, daß Ihr die Gunſt verdientet. Verziehet nur einen Augen⸗ blick; bei der heiligen Genoveva, ich ſetze Eurem Lied das würdigſte Thema und komme Eurer Phantaſie zu Hülfe.“— Er wandte ſich zu dem Gedräng der Geſellſchaft, und der Tempelherr nahm das Wort.„Ihr ſprecht ſo ernſt für Euer Geburtsland, Herr Kuno,“ ſprach er mit Freund⸗ lichkeit,„und doch, wenn mir von Euch und Euren Schickſalen das Wahre berichtet ward, habet Ihr nicht eben große Urſache, Eure Heimath zu lieben, wo man Euch nicht mit beſonders weichen Händen ſchmeichelte.“— „Man ſprach nicht Lüge zu Euch, Herr von Wieſe⸗ male;“ antwortete der Deutſche.„Mein Vater war der Felonie angeklagt und Albrecht der braunſchweiger Her⸗ zog nahm uns alles Erbgut. Aber iſt der Herzog, ſind ſeine Richter mein Vaterland? Sprachen ſie gerecht oder ungerecht, was verſchuldete dabei mein Vaterland?— Ich mußte fremden Ritterdienſt ſuchen, doch die Seele blieb auf den Bergen, wo ich geboren. Und nun der Sänger, der Dichter gar, der nichts gemein hat mit den irdiſchen Gebrechen der Eitelkeiten, mit der kalten Ge⸗ ſetztafel, mit dem geſtickten Wappenrock und der roſten⸗ den Ordenskette, wovon könnte er zuerſt, wovon lieber, wovon anders ſingen, als von der Flur, auf der ſeine Wiege ſtand und wo das Grab ſeiner Mutter iſt, wo er Beſcheid weiß wie in ſeinem Schlafgemach, und Tags wie Nachts auf keiner Straße irrt und jeden Baum kennt, und Sitte und Gebrauch ihm mitgehört. Wehe dem Menſchen, der ſein Heimathland, und wär's die kleinſte Kreideinſel der Oſtſee vder ein einſamer Wieſen⸗ fleck in dürrer Haidewüſte, nicht höher hält als irgend ein Paradies der Erde! Wer könnte an des Untreuen Treue glauben, der nicht dankbar das Neſt vor allem geliebt, das ihm Schutz gab, als er ein nacktes Vöglein war? Herr Komthur, ich möchte nicht mit einem ſolchen aus einem Becher trinken. Nur Thoren können drum den Sänger tadeln, der ſein Heimathland im Geſang zu verherrlichen ſtrebt, und thäten's Alle, denen der Himmel des Sanges Weihe gab, es würde ein ſchöner Kranz werden, dem nirgend die ſchönſte Blume der Poeterei, die Wahrheit, mangelte, und das heilige Harfenſpiel würde nicht durch derlei Klingklang, wie wir eben zu hören bekamen, ſchändlich beſudelt werden. Iſt doch auch keine Gegend der Erde ohne eigenthümliche Reize; die Tugenden und Laſter wachſen in jedem Menſchenacker, und ein jeder Menſchenſtamm hat ſeine Großthaten, wenn ſie auch nicht immer gleichen Lärm gemacht.“— Der Tempelherr drückte traulich des Deutſchen Hand, der ſchottiſche Ritter aber ſagte mit Hitze:„Laßt Euch nicht irre machen, Kamerad! Beim Sankt Jakob, ich habe immer gern zugehorcht, wenn Ihr vom Hochgebirg und dem Edelhirſch und der Jagd auf rother Haide ſan⸗ get, und ſelbſt die beſten Sackpfeifer unſers Hochlandes darob vergeſſen. Und will der ſchwarzhaarige Fant Euch necken, vertraut auf mich und mein Eiſen. Wir Zwei fegen ſchon den ganzen Saal rein, als wär's eine Fuchshatz.“ Der franzöſiſche Ritter hatte ſich bereits wieder in ihrer Nähe eingefunden und zog ein Frauenzimmer, ge⸗ ſchmückt gleich einer Prinzeſſin, mit ſich heran, welches nur mit Sträuben ihm folgte. „Alſo in Wahrheit, mein froſtiger Deutſchmann, weder Schönheit, noch Liebe rührte jemals Euer Herz, und Ihr zoget wie ein Ritter ohne Blut durch die Welt?“ begann er mit Hohnlächeln.„Kein Pfand einer heißen Abendſtunde zierte je Euren Helm; keine Schleife, kein Knieband lag verſtohlen unter Eurem Bruſtwamms, und kein roſiger Damenmund diktirte Euch die Deviſe auf Eurem Turnierſchilde?“— „Es iſt wie Ihr ſprachet, Herr;“ antwortete Kuno halb ernſt, halb launig.„In unſerm Nordlande weilet der Knabe unter des Vaters oder des alten Dieners ſcharfem Auge, bis ihm der Flaum am Kinn keimt. Dann gehört der Tag dem Waffenſpiele und der Jagd⸗ übung bis zur Ermüdung, die jeden böſen Traum, jede ungebührliche Sehnſucht erſtickt. Erſt dann, wenn er die goldenen Sporen empfing und Schloßherr geworden, ſchauet ſich der Ritter um nach einer Hausfrau, die über Heerd und Geſinde Herrin ſei, und— Ihr wer⸗ det's ſchwer glauben mögen!— die Ehrbarkeit gilt dabei als höchſte Schönheit.“ „Aber Ihr zoget früh aus dem nordiſchen Stein⸗ hauſe,“ fiel Briſſac ein;„im Südlande verdientet Ihr die Ritterſporen, und beim Teufel! Ihr ſeid doch ein tüchtiger Mann Männern gegenüber; ich ſah's zu Paris in der Turnſchule, wie auf dieſer Küſte im Sarazenen⸗ kampf; wie werdet Ihr denn den Mann Spaniens und Frankreichs ſchönen Weibern gegenüber verſteckt gehalien haben?“—— „Ihr fraget wie ein Beichtiger, Herr Pierre, und vergeßt, daß Fuchs und Hirſch, Stier und Roß, Falk und Spatz jedes ſeine eigene Natur bekam, die es treibt und hindert, wie's ihr eigen iſt. Die Weiber, 14 die ich ſah, geſielen mir eben nicht und glichen nicht ¹ den Schönheitsbildern in meiner Seele. Hinter den ge⸗ malten Wangen mühſam die Unſchuld zu ſuchen, ſchien mir gar läſtig. Der Mantel und der Gürtel von Gold ſicherte mich nicht unter beiden eine Schweſter des Ordens zu finden, der dem Ribalden⸗König wöchentlich zween Sols Buße zu zahlen hat; ich ſah Prinzeſſinnen wegen Treubruch vor Gericht ſtehen, und die Könige 1 in der Noth, eigene Geſetzbücher ſchmieden zu laſſen, um Frauenzucht, das Idol, vor dem der Mann anbetet, an der Kette zu führen, damit auf Frankreichs Stamm⸗ bäumen nicht überall falſche Pfropfreiſer erwüchſen. Sehet, Herr, ſo kam's, daß Weiberſchöne mir nur zum bunten, üppigen Wandbilde ward, gut zum Betrachten, übel für den Beſitzer, der einen Neid auf fremde Augen in ſich trägt. Eure Damen lieben nur ſich, nichts Anderes; ihnen iſt die Tugend und Zucht ein Putzſtück, das ſie für ein reicheres Kleinod hingeben würden. Mein Wort darauf, Herr, finde ich je ein Weib, das nicht ſich allein liebt, das die Zucht für das edelſte Juwel hält, dann will ich Euch zum Brautwerber bitten, und Ihr ſollt keinen froſtigen Bräutigam fin⸗ pi „Auf deinen Kopf, du deutſcher Bär, den Schimpf zurück, den du allen Frauen der Welt angethan! Frankreichs ganze Ritterſchaft haſt du gekränkt in deinem k Geckenwort, uns Alle, und ſind dir deine geſunden Glieder lieb, ſo thue Buße zur Stelle wie ein heucheln⸗- ——— —— —— der Gottesläugner. Und du mußt, du ſollſt die Buße thun, die ich dir auflege als dein übergnädiger Biſchof.“ — So ſchrie der Pariſer, indem er das Mädchen raſch hervorriß und vor den Deutſchen ſiellte.„Züchtige ihn, Beatrice, übe den Zauber deiner Augen, du köſt⸗ lichſte unter allen Töchtern Cataloniens, welche je die Pyrenäen überſtiegen, um dem Siegeszuge des Liebes⸗ gottes zu folgen. Was ſagſt du, Eismenſch, zu dieſer lieblichen Kaſtanie an der Bay von Roſis gewachſen? Thauet dein Blut auf, und zuckt dein Gehirn?“— Er riß dem Mädchen den Seidenkragen vom Nacken und zog die Schmucknadel von der Scheitel, ſo Haß alles reiche Haar der Spanierin über den weißen Nacken und Buſen herniederrauſchte wie eine dunkle Nachtwolke, die ſich auf ein weißes Blüthenfeld legt.— Singe, Barbar, ſinge glühend und laut! Der fruchtbar machende Saint Guigelot und Sancta Barbara, die Patronin der Kreiſenden, mögen dir helfen! Beſinge dieſes Meiſterſtück vom Füßchen hinauf bis zum Grüb⸗ chen des Kinns; wir erlaſſen dir kein Plätzchen, was irgend des Lobes werth.“— Der Deutſche ſprang raſch und mit ſolcher Heftigkeit auf, daß der Franzos ſammt dem Weibe zurückwich. Er warf die Zither zornglühend auf den Boden und rief:„Schande dem Edelmann, der ſolches einem Chri⸗ ſtenritter anmuthet! Doppelſchande dem, der gehorchen möchte!“— „Ein Affe!“ kreiſchte zugleich die Spanierin, mit den Geberden höchſten Schreckes.„Ein großer Affe! Tödtet ihn, ehe er beißt.“— „Wo da? Wo der Affe?“ riefen herbeiſpringend mehrere Junker ihr nach.„Armbrüſte her und auf zur Jagd!“— Alles ſchaute dahin, wohin die flüchtende Spanierin gedeutet, und wirklich ſah man in einer Wandöffnung hinter dem Sitze des deutſchen Ritters einen ſchwarzen Kopf, ſah Zähne von Elfenbein und weitſchimmerndes Augenweiß. Briſſac ſprang jedoch ſogleich gegen den Platz und zerrte eine junge Mohrin hervor und riß ſie mitten in die Laubhütte, wo die ſchlanke Schwarze bebend ſtand, und durch ihren ſchönen Wuchs und das Ebenmaas ihrer Glieder, das nur durch einen leichten weißen neberwurf kaum verſchleiert wurde, die Blicke aller lüſternen Geſellen auf ſich zog. „Sehet hier, ihr Herren,“ rief Briſſac frech lachend, „die ſchwarze Venus unſers Karthäuſermönchs! Sehet hier den Abgott, vor dem er kniet und opfert! Selbſt Iſabella von Frankreich, unſere ſchöne Kronprinzeß, darf mit ſolcher Göttin nicht ſtreiten um den goldenen Apfel. Kniet ſchnell, ihr Grafen und Barone von Paris, und huldigt dieſer Cypris aus Ebenholz, und bittet das Unrecht ab, das wir unſerm Nordländer angethan.“— Die Mohrin war in die Knie geſunken, ihre Hände lagen gekreuzt auf der Bruſt, ihre funkelnden Augen hingen an dem deutſchen Ritter und ihre hochrothen Lippen bewegten ſich, als wollten ſie reden. Ritter Kuno jedoch trat mit Haſt gegen ſie, und ſeine Hand warf die Kniende rücklings zu Boden.„Wer rief dich, du ſchwarze Hündin?“ donnerte ſein Zornwort.„Hinaus, willſt du meinen Fuß nicht fühlen und meine Peitſche!“ — Die Schwarze ſchlüpfte ſchlangenſchnell am Boden zwiſchen den Beinen der herandrängenden Junker fort, Kuno drehte ſich aber jetzt zu ſeinem Gegner und faßte ihn feſt am Arme.„Elender Spötter,“ ſagte er mit fliegendem Athem,„du trägſt ein Ritterkleid, darum muß man dir die Ehre anthun, dich ritterlich zu behan⸗ deln. Hinaus mit mir in den nächſten Buſch! Einer 17 von unſern Köpfen wird dem Muſelmanne mit keinem Goldſtück bezahlt werden.“— „Man nennt mich den Langdegen von Bretagne,“ entgegnete der Franzos mit ſtolzen, faſt verächtlichen Blicken;„vergißt du das, Flachskopf? Beim Sanct Denis, dein Hals wird meiner Klinge nicht zu hoch ſitzen.— „Bedenkt des Königs Geſetz!“ mahnte der Templer. „Zweikampf iſt nur erlaubt mit Roß und Rüſtung und vor dem Marſchall. Der Beſiegte, ſei er todt oder nur verwundet, faulet am Galgen. Machet gut, Briſſac, bittet ab die Sünde des Bechers! Mein wackerer Kum⸗ pan wird verſöhnlich ſein.“ Briſſac ſtand unentſchloſſen, aber die übrigen Junker hatten ſchon ſämmtlich nach den Schwertern und Feder⸗ mützen gegriffen, und tobten durch einander:„Hinaus zum Olivenwalde! Rache für die Damen! Deutſches Blut zur Sühne für unſern Pierre!“— In dieſem Sturmmoment theilte ſich das Gedränge der Dienerſchaft am Eingange und zwei hochgewachſene Männer in fürſtlicher Tracht wurden ſichtbar. Man erkannte in ihnen den jungen Grafen von Artvis und ſeinen Ohm, den ſtrengen, allgefürchteten Herzog von Burgund. „Was gibt's hier, meine Herren?“ rief der lebhafte Graf.„Eine Zechcompagnie, Muſik und Rauſch und Streitlärm obendrein? Sind das die Paladins von Frankreich und Navarra, die mit mir zogen, um den Tod meines Vaters an den treuloſen Heiden zu rächen? Wollet ihr durch euer ſündhaftes Treiben noch größere Noth, vom ſtrafenden Himmel noch größere Plagen auf die Häupter eurer Brüder herablocken? Vergaßet ihr, Blumenhagen. I. 2 18 daß das rothe Kreuz auf euren Schultern glänzt, und daß der Mameluck von ſeinem Thurme mit Habichts⸗ augen auf uns niederblickt? Auf des Prinzen Befehl beſuchten wir die Poſten; die Wachen ſchliefen und kein Ritter weckte ſie.“— „Wer ſind die Hauptleute?“ zürnte des alten Her⸗ zogs tiefe Stimme.„La Marche, Briſſac, Seaur und Mirepoix, ihr werdet morgen vor dem Kriegsrathe ſtehen und Rechenſchaft zu geben haben. Schmach über die Leichtfertigen, die hier den Lüſten fröhnten, indeß die Trauerfahne in dem Lager weht. Wohl dem from⸗ men Ludwig, daß er nicht mehr gezwungen, mit wundem Gemüth euch zu richten. Fühlt euren Frevel im zer⸗ knirſchten Herzen, denn der König iſt vor einer Stunde in Gott verſchieden.“— Eine Grabesſtille erfüllte den Raum und als der Herzog bei ſeinen letzten Worten ſein kahles Haupt ent⸗ blößte, thaten Alle deßgleichen, und man ſah nur er⸗ blichene Geſichter und zu Boden geſenkte Augen. Da tönte des wilden Gilles de Maillis lautſchallende Stimme hinten aus dem Gedräng.„Der König von Frankreich ſtirbt nicht;“ rief er.„Ludwig iſt todt, es lebe der König, es lebe Philipp der kühne Prinz, der Freund ſeiner Ritterſchaft.“— „Es lebe der König!“ ſprach auch der Herzog, in⸗ dem er ſein Haupt bedeckte und einen düſtern Blick über den Kreis der Nachſchreier hingleiten ließ.„Der Him⸗ mel gebe ihm eine glorreiche Regierung wie ſeinem Vater, und weniger des Kummers und der Sorge! Auf eure Poſten, meine Herren! König Philipp befiehlt's und ordert ſtrenge Wache, damit die Trauerpoſt nicht zu 19 früh in die Veſte des Sarazenen dringe, und ihn locke, den Schrecken des Heeres zu benutzen.“— Die Fürſten gingen und die Laubhütte entleerte ſich ſchnell, nur Briſſae näherte ſich im Fortgehen nochmals dem Ritter Kuno und ſagte:„Bis morgen alſo, mein Herr von Gruben, und wenn's euch beliebt im Lager und vor dem Marſchall! Prinz Philipp wird gern zu⸗ ſchauen, wenn man zur Ehre ſeiner Königin und ihrer Damen einen frechen Beleidiger züchtigt.“— Der Deutſche hatte ſich erſchöpft von Grimm auf ſeinen alten Platz geſetzt, und der Tempelritter wandte ſich zu ihm.„Es iſt ein rohes Völkchen, dieſe Pariſer, obgleich ſie ſich mit ihrer Sitte und Courtviſie überall zu brüſten mühen. Trinkt nicht den Wein ſo haſtig, junger Freund, und legt es nicht zu ſchwer aufs Herz, was hier geſchehen. Franzöſiſch Blut bewahrt nicht leicht die Zunge und mit ein paar Fleiſchriſſen wird morgen Alles ins Gleichgewicht kommen. Mich ruft die Pflicht an das Leichenbett des frommen Ludwigs und zu dem jungen Könige. Möge ihm Gott vergön⸗ nen, das verwaiste Heer glücklich zu ſeinem Lande zurück⸗ zuführen. Doch ſprecht zuvor, wie war das mit der Mohrin, und wie kam die Ungläubige in Eure Nähe und Ihr in ein Verhältniß, das den Hohn dieſer Jun⸗ ker wecken konnte?“— „Die Geſchichte iſt alltäglich,“ antwortete Kuno fin⸗ ſter;„nur ein Wespenſtachel mochte ſich an ihr üben. Es begab ſich kurz nach unſerer Ankunft. Mit Speer und Armbruſt gerüſtet, jagten wir fern vom Lager nach einer Hyäne, die Nachts unſern Roſſen nachgeſtellt. In den Ruinen des alten Karthago hatten wir ihre Fährte entdeckt und umſtellten den Platz, und unſere Hunde 20 kläfften zwiſchen dem Geſtein. Ich ging allein, vorſich⸗ tig und aufmerkſam. Da flog durch das Geſträuch die ſchwarze Dirne, wie die Schwalbe vor dem Winde ſchießt, und ehe ich mich beſonnen, lag ſie erſchöpft und athemlos vor meinen Füßen.„Schütze mich, weißer Geiſt,““ ſtammelte ſie mit Tönen, die jedes Menſchenherz verſtehen mußte,„denn Azrail, der Todesengel, iſt dicht an meiner Ferſe!““ Kaum hatte ſie ſo gerufen, ſo ſchnob auch ſchon ein Roß mir nahe, und ein gelber Sarazen mit glühendem, verzerrtem Antlitz warf ſich aus dem Sattel und ſprang auf uns heran.„„Laß ſie, Chriſt!““ brüllte er;„„Sekina iſt meine Sklavin, du haſt kein Recht an ſie, du müßteſt denn den theuren Kaufpreis zahlen mit der Waffe oder dem Blut!““— Ich ſtand noch überraſcht und unentſchloſſen, doch die Dirne hatte ſich wieder aufgerafft und flog gegen die Trümmer hin. Ihr nach ſtürzte ſich der grimme Wür⸗ ger; ſchon hatte er ſie erreicht, ſchon die Ohnmächtige gepackt am gelben Halsringe, ſchon ſchwang der Blut⸗ gierige ſeinen Jataghan über ihrem Haupte, da ſchnarrte meine Armbruſt, und der Eiſenbolzen ſaß in ſeiner dicht⸗ behaarten Bruſt. Wie ich's gethan, warum ich's gethan, wußte ich nicht, aber das ſchwarze Kind wand ſich im Staube vor mir, und küßte meinen Stiefel und meine Knie, und mir fiel bei, wie ſie verſtoßen ſei und allein und heimathlos gleich mir, und ich konnte nicht anders als mild und tröſtend zu ihr ſprechen. Die Jagdgeſellen kamen zurück. In ihrer Glaubenswuth wollten ſie die Heidin opfern, ſtatt der Hyäne ſie zum Wild für ihre Bolzen hetzen. Ich wehrte dem mit Wort und Fauſt, verſprach eine Chriſtin aus ihr zu machen, und rettete ſo zum zweiten Male dieſe Unglückſelige. Die Geſchichte 21 lief durchs Lager. Der Cardinallegat ſelber, in den Sprachen des Orients erfahren, übernahm, die Heidin zu bekehren, ſie ward getauft und eine freie Chriſtin. Seit⸗ dem wohnt ſie bei den Weibern der Knechte; doch ver⸗ läßt ſie am Tage nie mein Gezelt und ſorgt mit meinem Diener um die Wette für meinen Bedarf und Nothdurft, als trüge ſie den Ring der Sklavin noch und habe nur den Herrn vertauſcht. Da wißt Ihr nun die große Hi⸗ ſtorie von der Venus von Ebenholz, welche meine Decken ſäubert und meine Mäntel ausſtäubt.“— „Aergert Euch nicht weiter darob, mein lieber, guter Freund!“ ſagte der Tempelherr, indem Beide das Laub⸗ haus verließen.„Verkannte Gutthat iſt nichts neues auf unſerer Pilgerbahn und bei unſerer gebrechlichen Reiſegeſellſchaft. Der Schlechte tarirt den Beſſern nur nach ſich und hängt ihm die eigenen Makel auf, ſich zum Troſte. O wäre doch der Undank ſo ſelten, die Dank⸗ barkeit ſo heiß und opferreich unter den Chriſtenvölkern, wie man ſie bei dieſen heidniſchen Kindern der Wüſte nicht ſelten antrifft. Der Verkehr meiner Ordensbrüder in dieſen Ländern hat ſolcher Beiſpiele die Menge ans Licht gebracht, und ſie dürften nicht unnütz prangen als Muſterbilder in den Glaubensbüchern der Chriſtenheit. Wo der Menſch noch der Natur am nächſten ſteht, da ſpricht ſich das natürliche Gefühl auch am reinſten und wärmſten aus; was die Civiliſation Zucht und Sitte nennt, iſt oft nur eine weiße Wachslarve vor einem zerfetzten Antlitz, ein glänzender Marmor über Moder und verweſeten Gebeinen.“— Sie waren herausgetreten in die friſche Nacht, da vemerkte der Templer eine dunkle Geſtalt, die niederge⸗ kauert unter einer Dattelpalme ſaß, jetzt ſich erhob und 22 gebeugt und ſcheu ihnen näherte.„Da iſt Eure Venus;“ ſagte er lächelnd, indem er dem Deutſchen zum Abſchiede die Rechte reichte;„fahret ſäuberlich mit ihr, und ſtra⸗ fet nicht zu hart an der Elenden, was Andere verſchul⸗ deten.“— Er ſchlug den Weg zum Lager ein, und Kuno trat auf die Mohrin zu.„Was thuſt du noch hier, Sekina?“ fragte er ernſt, doch ohne Härte.„Haſt du noch nicht genug an dem beſchimpfenden Auftritte, daß du Nachts wie ein fahrendes Weibsbild noch immer die Ge⸗ büſche durchſchleichſt?“— „O Herr,“ entgegnete die Schwarze,„was hatte die arme Sekina dir gethan, daß du zum erſten Male deine ſtrafende Hand an ſie legteſt, wie mein böſer Herr zu Byrſa es that? O Herr, du wareſt nicht du, als du dieſe Bruſt ſchlugeſt, und der Stachel des Dornes wird ewig ſitzen in Sekina's Herzen. Ich kam nur daher vom Lager, um dir die ſchlimme Botſchaft zu melden, daß der Todesengel den alten König ergriffen und ihm die Krone von der Scheitel geſtoßen, denn der Konrad durfte nicht von dem kranken Rappen. Als ich dich aber ſuchte bei der Vorhut, und mein Auge nach dir umſah im Ge⸗ büſch, und mein Ohr nach dir horchte guf der Ebene, da trugen die Lüfte ſeltſame Klänge zu mir. Sekina's Ohr iſt gewöhnt, das heiſere Geheul des Leoparden zu hören weit über den Sand der Wüſte hin, und ſie er⸗ kennt das Geſchwirr der kurzen Fittiche des Straußes, ehe ihr Auge den Stolz der Wüſte zu ſehen vermag. Es iſt nicht ſicher in dieſer Gegend. Es war wie leich⸗ ter Hufſchlag der Pferde und wie Geſchwirr der Fähn⸗ lein, welche die Spitzen der arabiſchen Lanzen ſchmücken. Ehe die Sterne hell hervortreten am Himmel werden eure Feinde da ſein. Darum, Herr, komm' mit mir zum 23 ſichern Lager. Hier iſt dein Helm und dein Schild; du hatteſt ſie bei dem Wachtpoſten abgelegt, ich trug ſie mit mir hieher, damit du ſicher gingeſt nach den Wällen dei⸗ ner Brüder.“— „Ein Ueberfall?“ rief Kuno lebhaft,„und du warn⸗ teſt die Poſten nicht?“— „Ich that's, doch ſie verlachten die Tochter der Wüſte, und auch du ſelbſt wollteſt ja die Warnerin nicht anhö⸗ ren;“ antwortete die Mohrin. „Schnell denn zu den Reitern! was ſoll mir Helm und Schild, du kindiſche Närrin? Mein Pferd hätteſt du bringen ſollen von den Wachtpfählen, ſchneller wäre ich dann zur Stelle. Mach' dich auf und eile du zurück zum Lager, und ſtelle dich als wäreſt du eine Botin von mir, und ſende uns das nächſte Reiterpiket, die Esca⸗ dron de Carcaſſone zum Succurs.“— Er warf das Baxrett ihr hin und ſich die Stahlhaube aufs Haupt, und ohne zurück zu ſchauen, eilte er mit raſchen Schritten der Gegend zu, wo er den Stand der äußerſten Wachtpoſten wußte.— Bald hatte er die Gegend erreicht, einen breiten Wie⸗ ſenplan, wo das Gras und Kraut hoch und friſch ſtand, weil eine Anzahl breitgipflichter Eichen einzeln ihn be⸗ ſchattete, und ein kleiner Bach ihn bewäſſerte. Er wandte ſich dahin, wo die Roſſe gekoppelt an langer Pfahlreihe auf gutem Weideplatze lagerten; aber die Thiere ſchnoben und ſtampften ungewöhnlich, und einige Hengſte wieher⸗ Wen laut⸗und ſtreitſüchtig in die Nacht hinauf; ſtutzend horchte er einen Augenblick; ein Wehegeheul traf ſein Ohr, ein leiſes Gemurmel zugleich, als wenn ein Ge⸗ witterwind die ſchwarze Wolke, die ihm an der Ferſe nachzieht, verkündend durch die Baumgipfel ſtreicht.— — 24 „Wachen, auf aus Ruh! Ritter des Kreuzes, zum Schwert! Der Feind iſt uns dicht an der Stirn!“ ſo donnerte ſeine hallende Stimme durch die Nacht, und überall ward es auch ſofort lebendig um ihn. Das Fuß⸗ volk war ſchnell auf dem Platze; die Spießträger drängten ſich, ihr Viereck zu formen; die Schützen ſprangen durch den Buſch, und man hörte die Sehnen der Armbrüſte knarren und die Bolzen im Köcher raſſeln; auch die Reiter liefen zu ihren unruhigen Thieren, und Pierre von Briſſac, der ebenfalls heranſchritt, hemmte ſei⸗ nen Fuß, als er den deutſchen Ritter erkannte, der ſeinem Roſſe den Zügel überzuwerfen bemüht war, und ſprach:„Seid Ihr's, der wie mit der Poſaune des Weltgerichts uns aufſchreit? Wo iſt der Feind? Neckte Euch wiederum der Hexenſpuk Eurer Heimath? Oder tanzet Ihr in den Träumen eines Nachtwandlers? Ich ſehe nichts, höre nichts, und beſchritt noch eben die Poſten.“— Kuno wollte antworten, doch es bedurfte ſeiner Worte nicht; was geſchah, antwortete ſchneller und anſchaulicher, als der ſcheltende Franzos es gewünſcht. Ein plötzliches Rauſchen wie Waſſerſturz und Wolkenbruch erhob ſich ringsum; die lichteren Räume zwiſchen den Bäumen wurden verfinſtert, und es blitzte und zuckte lebendig in dieſer Finſterniß: dann ſchnob es heran und dunkele Thiergeſtalten brachen hervor, vorn und zur Seite; dumpf und verhalten vernahm das Ohr den grauſen Feldruf: Gott iſt Gott! Allah al Allah! die Parole des Mords, und auch das tapferſte Frankenherz mußte erbeben.— Es war ein Ueberfall der Afrikaner, und ſie waren durch die Dämmerung herangeflogen in bedeutender Zahl auf den windſchnellen Pferden und hatten die Poſten nieder⸗ 25 geritten. Ehe die Reiter in den Sätteln ſaßen, fühlten ſie ſchon die krummen Damaszener im Nacken, den kur⸗ zen Speer im Rücken; ehe das Fußvolk eine feſte Linie gebildet, wüthete ſchon der Maure und der Araber mit⸗ ten zwiſchen ihm, und warf auch die Kräftigſten mit dem gewandten Roß auseinander. Die chriſtlichen Krie⸗ ger ſtellten ſich, wie's traf, einzeln und in kleinen Rot⸗ ten zur Wehr, drängten den Rücken an die dicken Baum⸗ ſtämme, wo ſie ſolche erreichen konnten, hingen und klammerten ſich verzweifelnd ſelbſt an die Mähnen und Sättel der Feinde, um eine Stütze zu gewinnen für den Dolchſtoß und Fauſtſchlag, aber der Kampf blieb zu un⸗ gleich, der Vortheil der Angreifer, ihre Ueberzahl zu groß, und ein guter Soldatentod erſchien als letzte ein⸗ zige Hoffnung. Der deutſche Ritter Kuno, ſchnell das Gewicht des Augenblicks überſchauend hatte den Zügel ſeines Roſſes fahren laſſen, hatte glücklich das Schwert blank gemacht, und ſtürzte ſich dorthin, wo er den anſehnlichſten Haufen der fränkiſchen Lanzenknechte im unſichern Halblichte er⸗ kannt, in der Abſicht, ſie in Ordnung zu ſtellen und an ihrer Spitze ritterlich zu retten, was zu retten ſei. Doch kaum war er bei den Waffenbrüdern, ſo brauſete eine neue Reiterwolke auf ihn ein, und nicht mehr Zeit ward ihm vergönnt, als zwei Schwertſtöße zu thun, ſo fühlte er ſich geworfen, geſtoßen, getreten, gequetſcht vom Reiteranlauf; er taumelte; Streithämmer, ſcharfe Klin⸗ gen ſchlugen auf ſeinen Stahlhut, wie Donnerſturm ſau⸗ ſete es durch ſein Gehirn, und er ſtürzte nieder mit ſchnellverlöſchenden Sinnen, als hätte ihn ein Wetter⸗ ſtrahl vom zürnenden Himmel tödlich getroffen.—— — 26 Hell ſtrahlte die große, rothglühende eben aufgegan⸗ gene Mondesſcheibe in Oſten, und ſchoß ihr Licht unter den Gipfeln der Eichen hin und beleuchtete klar und faſt mit Tagesſchein den blutigen Wieſenplan. Langſam er⸗ wachte Kuno, wie aus einem ſchweren und unerquicklichen Schlafe. Alle ſeine Glieder ſchmerzten, und eine eiſige Kälte hauſete in dem Mark ſeiner Knochen, als wäre der Tod ſchon Herr geworden in ihnen; aber auf ihm lag es ſchwer und heiß und beengend, wie er ſich erin⸗ nerte aus der Knabenzeit, wenn der Alp Nachts den vollblütigen Burſchen nach einer tüchtigen Abendmahlzeit gedrückt. Allmälig öffnete er die Augen, doch das Mondlicht blendete, und er vermochte nicht zu erkennen. Er regte die Arme und umfaßte, was ihn preßte, um ſich von der Laſt zu befreien, und ſeine kalte Hand fühlte warmes und ſammtweiches Fleiſch und menſchliche Glied⸗ maßen. Doch ſogleich ward ihm die Bruſt frei, und als er mit einem tiefen Athemzuge ſich jetzt aufrecht ſetzte, kniete die Mohrin neben ihn, ſtarrte ihn mit weitoffenen Augen an, und breitete dann mit einem Jubelſchrei die Arme aus gegen den Mond. „Wie kommſt du hieher, Anna?“ fragte er matt und leiſe. „O Herr, ſo zürneſt du nicht mehr,“ rief das ſchwarze Mädchen;„denn du nennſt mich wieder bei meinem neuen Namen, den mir der freundliche Chriſten⸗ prieſter gegeben! Aber wie iſt mir denn? Du lebſt wirklich, und Sekina hatte ſich zu dir gebettet, um dir nachzufolgen über die Brücke des Paradieſes.“— Kuno verſuchte ſich ganz aufzurichten, doch vermochte er's nicht.—„Wo ſind wir und was geſchah mit mir?“ fragte er ſich beſinnend und umherſchauend; aber — 27 ſchaudernd kehrte ſein Blick von der Runde zurück und haf⸗ tete an Sekina's leuchtenden Augäpfeln. Die Leichen ſeiner Gefährten bedeckten rundum den Boden, faſt alle nackend, der Waffen und Kleider beraubt, Alle gräßlich verſtüm⸗ melt, blutbeſtrömte Leiber ohne Köpfe, und nur drei Schritte von ihm ſtreckte ſich im hellſten Mondlicht, kenntlich am Scharlachwamms mit gelben Bienen be⸗ ſtickt, der Rumpf des trotzigen Bretagners Briſſac. „Ach! Herr!“ ſeufzte das ſchwarze Mädchen;„die Schutzgeiſter deines Volkes haben geſchlafen, und die ſchwarzen Jins, ja der böſe Eblis ſelbſt kamen mit dem Abende und ſchritten über dieſen Ort. Sie haben den wüthigen Bey und ſeine ſchnellen Reiter herbeigerufen zum blutigen Dienſte, und der unbarmherzige Todesengel hat mit ſeinem Meſſer die Seelen aller deiner tapfern Freunde von ihren Leibern getrennt. O warum ſtießeſt du die arme Sekina von dir, als ſie dir Warnung zu bringen gedachte? Das heiße Getränk, was der Pro⸗ phet verboten, hatte die Sinne deiner Brüder betäubt, und darum ſind ſie nun ganz ſtill geworden, und werden dich nicht mehr erzürnen, die ſchwache Sekina nicht mehr reißen und ſtoßen, und nicht mehr trinken aus dem ge⸗ fährlichen Becher.“ Ein Grauen rieſelte über des Ritters Haut.„Doch wie ward ich erhalten, Anna, warum theilte ich nicht das Lvos dieſer Unglückſeligen?“ fragte er. Das Mädchen ſenkte furchtſam die Augen.„Du mußt nicht zürnen, lieber Herr,“ flüſterte ſie mit Aengſtlichkeit, „daß deine Magd nicht that, wie du befohlen. Aber bei deinem und meinem Gott! ſie konnte nicht gehorchen und hätte deine Hand ſie zur Stelle mit dem Tode geſtraft. Ich folgte dir von fern; ich ſah die braunen Söhne des 28 Geſetzes heranſtürmen, eine Heerde hungriger Hunde, die verzehrt, was vor ihren Zahn kommt; ich ſah dich fallen in das Gras und ſprang durch Pferde und Reiter her⸗ zu, dir beizuſtehen. Aber du lageſt leblos; dein warmer Athem berührte meine Wange nicht; mein Mund ſuchte vergebens dir Leben einzuhauchen; dein Auge öffnete ſich nicht meinem Schmerzensruf. Und als ich umherſchauete, lagen die Krieger mit dem rothen Kreuze alle hinge⸗ ſchlachtet auf dem Graſe, und die Söhne des Islams beraubten ſie ihrer Kleider und ſetzten den Todten ihre Meſſer an die Kehle. Da ſtieg eine ungeheure Angſt hinauf bis in Sekina's Herz, und es war, als käme auch mir der Tod in dem Gedanken, du würdeſt beſchimpft daliegen ohne Decke für den Schakal und die Hyäne, und ſie würden dein bockigtes liebes Haupt forttragen auf ihrem Speere zum Spott und zur Freude der Wei⸗ ber in der Stadt des braunen Königs. Und ich— o verzeihe, Herr, deiner Magd, daß ſie ſich ſolches unter⸗ ſtanden!— und ich warf mich auf dich und ſtreckte mich lang aus, und bedeckte dich mit meinem Leibe im hohen Graſe. Und mein Schutzgeiſt ſtand neben mir und blendete die Mörder, daß ſie mich halten mußten für ein Mohrenkind, das unter den Hufen ihrer Pferde den Tod gefunden. Als aber die Liſt gelungen, als ſie aufbrachen mit ihrer fürchterlichen Beute beladen, und des Führers Befehl ſie zum ſchnellen Abmarſch mahnte, weil er die geflüchteten Chriſten fürchtete und die Rächer vom Lager her durch ſie geweckt, da überfiel mich die plötzliche Todesſtille, wie ein neuer bezwingender Feind; dein kalter Leib machte auch mein Blut erſtarren, und ich lag faſt ſinnlos wie du, und mag wohl nur kurz vor dir durch das heilende Licht des Mondes 29 erwacht ſein, das auch dich mit neuem Leben durch⸗ ſtrömte.“— „So danke ich dir Leben und Ehre, und du haſt im Uebermaas vergolten und wett gemacht, was du mir als höchſte Wohlthat angerechnet.“— Der Ritter nahm dabei unwillkürlich ihre Hand und vrückte ſie herzlich. „Wie konnte die ſchwache Sekina dein Leben zu ſchützen gedenken unter dem Regen von Stahl der grau⸗ ſamen, mitleidsloſen Männer?“ entgegnete ſie.„Das Weib iſt nur in Schwäche und bei den Völkern der heißen Sonne nur zur Dienſtbarkeit geboren, und manche Stämme unſers Glaubens in Oſten begraben die Töchter lebendig auf dem Berge Abn Dalama, wenn nicht ein Reicher zwei tüchtige Kameele für das wimmernde Neu⸗ geborne bietet. Als Gott die Weiber des heißen Landes ſchuf, traf ſein Blick der Verachtung und des Mitleids die Geſchaffenen. Ja, wäre Sekina ein Knabe, ſie würde mit dir gerannt ſein zur Schlacht, und hätte vor dir geſtanden als dein Schild und als deines Haup⸗ tes Eiſenſchirm. So wollte ſie nur den todten Herrn vor Schimpf bewahren und mit ihm ſterben, wie das treue Roß, das neben dem Gebieter im Sande der Wüſte verdürſtet.“— Gedankenvoll ſtarrte der Ritter auf ſie hinab, und mit einem unbeſchreiblichen Ausdrucke blickten der Schwar⸗ zen funkelnde Augen zu ihm auf, als wollte ſie leſen, was in der Seele des Schweigenden vorging.— Ein Geräuſch ganz in ihrer Nähe ſchreckte Beide auf; ein dunkler Schatten trat um den Baumſtamm vor das Mondlicht, und ein reichgekleideter Tuneſer ſtand dicht vor ihnen. „Iſt noch Lebendiges an dieſer Stätte, wo der 30 ſchwarze Würgengel Saab Al Gaſſani der Schnitter geweſen?“ fragte der Fremde, und ſeinen Säbel vor⸗ ſtreckend, ſetzte er mit Haſt hinzu:„ Ergib dich, Chriſt, denn deine letzte Stunde iſt gekommen!“— Der deutſche Ritter hatte ſich gewaltſam vom Bo⸗ den aufgerichtet, doch ſchwankte er und mußte ſich ſtützen an der rauhen Rinde des Baumes; doch zwiſchen ihm und dem Feinde lag ſchon die Schwarze auf den Knien im Graſe. „Höre mich,“ kreiſchte ſie mit den ſchneidenden Tö⸗ nen der Todesangſt,„höre mich, Sohn einer rechtgläu⸗ bigen Mutter, ehe denn dein Schwert ſchneidet! Schone, o ſchone dieſes Mannes! Gedenke an die Stunde des letzten Gerichts, wo auch dir bläſet der Engel Iſrafil die Drommete der Beſtürzung. Dein Feind iſt ein Kranker, ein Sterbender. Weſſen Hand die Schwachen ſchlägt, den wird richten die Wage Mihrs, und der ungeſtüme Suruſch wird ihn von der Brücke Al Sirat hinunterſtürzen, daß er nimmer ſchauet den Garten der Glückſeligkeit und die Mädchen mit den großen Augen im Al Jannat.“— „Was bettelſt du, ſündige Dirne, um das Leben eines Feindes des Propheten?“ fragte erſtaunt der Tu⸗ neſer.„Biſt du eine Abtrünnige und fürchteſt nicht die ſiebente Hölle, zu welcher Vanaud⸗Rezads glühende Hand die Heuchler ſchleudert?“— „Glaube mir,“ fuhr Sekina fort und ihr Athem flog in ſteigender Angſt,„dieſer Mann iſt ein Gerechter unter den Ungerechten und Verdammten. Er hat mein Leben, das Leben einer Gläubigen gerettet aus der Hand der Mordſüchtigen; er hat ohne Kaufpreis und Lohn die Kette von meinem Halſe genommen, und mich frei und 31 feſſellos auf die Weide geſandt, als wäre ich eine Saiba, eine Kameelkuh, die ihm zehn blanke Kälber geſchenkt; er hat mich gefüttert und getränkt, und mich gehalten gleich der Tochter ſeiner Mutter, da ich doch ein Ab⸗ ſcheu war vor den Blicken ſeines Volkes. O darum muß ich betteln vor deinem Knie, bis du mein Leben für das ſeine genommen! Sohn des Islams, ſei ein Gerechter, damit du koſten mögeſt im Paradieſe den Trank aus dem Teiche des Propheten, welcher friſcher und kühler iſt als der Schnee, ſüßer als Honig, milder als Milchrahm und wohlriechender als der Biſam, und wer ihn getrunken, dürſtet nimmer.“— „Predigſt du doch gleich einem Marabut und Aus⸗ leger des Geſetzes!“ entgegnete der Moslemin lächelnd, und mit Stolz ſetzte er hinzu:„Ich ward geboren aus dem Stamme Azd, dem edelſten Arabiens; ich bin der Nächſte nach dem Herrſcher dieſes Landes, denn mein Bruder Omar Ebn Thabet befiehlt in Tunis, und Mu⸗ lay Moſtanca Al Azdi hob noch nie ſeinen Stahl über dem Haupte eines Wehrloſen.“ „O möge dich ſegnen der Hauch des großen Prophe⸗ ten, daß Krankheit und Tod keine Gewalt über dich haben, und mögeſt du ohne Schmerz von der Erde ſcheiden und ewig ruhen im Schatten des Baumes Tuba, des Baumes der Seligkeit!“ lallte das Mädchen er⸗ ſchöpft. „Zage nicht, Franke!“ ſprach der Tuneſer jetzt zu dem Ritter gewandt.„Ich haſſe die Tapfern deines Volkes nicht, und ich erkannte dich ſchon an deinen ge⸗ bleichten Locken. Wir ſind uns begegnet im Gefecht unter den Wällen Karthago's, als die Feiglinge aus Weſten ihre Gezelte mit tiefen Gräben zu ſichern ge⸗ dachten, und du lenkteſt dein Roß und ſchwangeſt dein Schwert gleich einem Sohne des glücklichen Landes. Du mußt mir folgen, aber ich will deine Wunden verbin⸗ den laſſen, und dein Leben ſoll geſichert ſein in Mulay's Hauſe, das ſchwöre ich dir bei meinem Barte.“— Er faßte ſich an ſein Kinn, als eine Trompete fern, aber deutlich erklang.„Ha,“ fuhr er auf,„es nahen Reiter deines Volkes, welche kommen, die Leichen ihrer Brüder zu holen, denen Saab's Sichel die Köpfe genommen. Auſef, die Pferde herbei! Wir ſind die letzten auf dem nächtigen Felde, und müſſen die Thore der Stadt ge⸗ winnen, ehe man uns den Weg verlegt.“— Ritter Kuno's Bruſt ſchwoll hoch bei den Tönen der fernen Kriegsmuſik; mit Entſetzen durchfuhr ſeine Phan⸗ taſie der Gedanke, ein Gefangener, ein Sklav zu wer⸗ den; er blickte mit heißer Sehnſucht nach dem nackten Schwerte, was nicht weit von ihm am Boden funkelte; er wollte danach greifen, aber ſeine Glieder verſagten ihm jeden Dienſt. Indeſſen hatten ſich vier Bewaffnete auf des Tuneſers Ruf mit den Pferden genähert; Se⸗ kina ergriff des Ritters Hand, drückte ſie feſt und ſah ihn dabei bittend und ſchmerzlich an. Er gedachte des Auges ſeiner Mutter, welches alſo gar oft den Trotz des Knaben beſchworen. Geduldig und in Ergebung ließ er ſich auf eines der Roſſe heben, die Mohrin ſchwang ſich behende hinter den Sattel eines Reiters, und nachdem auch Mulay ſeinen lichtbraunen Hengſt beſtiegen und lächelnd noch einen kühnen, ſpöttiſchen Blick nach der Gegend geſendet, von woher die Trom⸗ petenſtöße nur langſam ſich zu nähern ſchienen, flog der Reitertrupp leicht und faſt geräuſchlos unter den 33 Bäumen hin, und hinaus und hinweg über die mond⸗ helle Ebene.— Freiheit des Willens iſt das höchſte Gut aller den⸗ kenden Weſen, ohne ſie keine Großthat, keine Tugend möglich, und keine Glückſeligkeit vorhanden. Die Gnade des Himmels milderte in den erſten Wochen nach jenem Schauerabende den Zuſtand des jungen deutſchen Hel⸗ denblutes, dem dieſer höchſte Schatz durch fremde Schuld verloren gegangen. Die Folgen ſeines Sturzes unter die Hufe der feindlichen Reiterei brachen hervor; er war nicht Herr ſeiner Glieder, und heftige Fieber ver⸗ löſchten ſeine Gedanken. In den lichten Augenblicken, die je zuweilen die Finſterniß ſeines Geiſtes wie Mond⸗ licht in ſchwarzen Nachtwolken unterbrachen, ſah er die dunkle Geſtalt ſeiner Freundin Sekina weinend an ſei⸗ nem weichen Bette ſitzen, aber er vermochte nicht zu reden mit ihr; auch glaubte er den kleinen Guillaume von Fiennes einigemale am Fuße ſeines Bettes zu er⸗ kennen, auch einen Mann mit langem weißen Bruſtbarte, der ihm kühle Tränke einflößte, imgleichen den Feind, der ihn hieher geſchleppt, mit dem edeln gebräunten Antlitze und der gebogenen Naſe über kurzgeſchnittenem ſchwarzen Barthaar. Aber dieſe Bilder wurden immer wieder verlöſcht durch die grauſen Träume von den blutigen Köpfen ſeiner Waffenbrüder, die er bei ſeinem Einzuge in die Stadt im Scheine rothglühender Pech⸗ pfannen aufgeſteckt geſehen über dem Thore der Mauren⸗ ſtadt, durch das Bild des heißblütigen Briſſac, der in voller Rüſtung und doch kopflos zum Zweikampfe auf Tod und Leben vor dem Marſchall gegen ihn anritth Blumenhagen. I. 3 34 durch das Geſpenſt des alten Königs Ludwig, das an ſein Lager trat, ihn mit eiskalter Hand berührte, und mit hohler Stimme befahl, ihm in das Grabgewölbe der Kirche von Saint Denis zu Paris nachzufolgen.— Ein tiefer, todesähnlicher Schlaf, der einige Tage aus⸗ dauerte, ſteckte endlich nach mehren bangen Wochen ſeiner Krankheit ein Ziel, und eines Morgens erwachte Ritter Kuno mit hellen Sinnen, heiter und geſtärkt, als wäre die letzte Vergangenheit nur ein Traum geweſen, und blickte mit klaren Augen auf ſeine Umgebungen. Mit Erſtaunen fand er ſich auf einer gar bequemen Ruheſtatt; ein geräumiges, luftiges und hochgewölbtes Gemach umgab ihn; koſtbares Geräth und Geſchirr ſtand neben ſeinem Lager, und die Mohrin Sekina kniete neben ſeinen Polſtern, küßte ihm die Hände und lachte durch Thränen. Er ſetzte ſich ohne Mühe auf, und ſeine erſte Frage war:„Wo ſind wir, Anna? Und wie ſteht es um das Chriſtenheer?“— „O Heil mir, daß ich dieſen Morgen ſah!“ rief die Schwarze mit zum Himmel ausgebreiteten Armen.„Er⸗ kennſt du denn wirklich deine Sklavin? Iſt es deine lebendige Stimme, die wie Saitenklang mein Herz be⸗ rührt? Lebt mein Erretter, mein freundlicher Herr, und ſtrahlt das Frühlingslicht der Geneſung aus deinen hellen Augen?“— Der Ritter ſchaute ſie und ſich und Alles um ihnen rinige Augenblicke an, und ſeine Erinnerung erwachte jetzt licht und deutlich. Düſter faltete ſich ſeine weiße Stirn.„Wir ſind in Tunis!“ ſagte er halblaut.„Ich weiß, wir find Gefangene, Knechte der Feinde des Glau⸗ bens. Es iſt mir, als wäre das ſchon lange geweſen; 35 darum ſprich, Anna, ſage zuerſt, wie ſteht es im Lager des Königs?“— Die Mohrin ſeufzte, doch antwortete ſie gehorſam: „An demſelben Abende, an dem der König ſtarb und der Leichtſinn deiner Gefährten dich in die Hände der Mauren warf, landeten die Sicilianer in der Bucht, und belebten den geſunkenen Muth deiner Glaubens⸗ brüder.“ „Und was that Karl von Anjou?“ fragte der Ritter lebhaft.„Wanken die Steinwälle von Tunis noch nicht unter ſeinen Mauerbrechern? Leuchtet dieſes Morgenroth noch nicht zur Erlöſung und zur Rache dem tapferſten Fürſten der Chriſtenheit?“— „Das Kreuzesheer hat die verpeſtete Küſte verlaſſen und bedrängt die Stadt; doch ohne Frucht war bisher ihre heiße Arbeit. Viel des Blutes iſt in den Stürmen gefloſſen und viele der Mütter weinen um ihre Gebo⸗ renen. Die ſchlauen Krieger aus dem Lande Italia haben einem Heerhaufen, der ſich hinaus gewagt, den Rückweg verſchloſſen, und wenn man vom Thurme hin⸗ abſchauet, ſiehet man in Weſten noch den Sand bedeckt mit zahlloſen, unbegrabenen Leichen, über denen die Züge gieriger Raubvögel flattern. Ein anderes Mal zog ein mauriſches Geſchwader aus den Thoren und verſuchte auf Omars Befehl die Chriſten in die Gebirge zu locken. Doch der fremde König erkannte die Liſt, ehe ſie ge⸗ lungen, und umſtellte die Berge und verſchloß die Zu⸗ gänge, bis dein König herangezogen mit allen ſeinen Rittern und Schützen. Keiner der Streiter Arabiens und Mauritaniens kam zur Stadt zurück, der Durſt und Hunger trieb ſie in das Schwert der Chriſten, und von Tunis Wällen ſah man alle Dörfer des Gebirges in 36 Flammen leuchten eine ganze Nacht hindurch, und am Morgen zogen die Franken jubelnd an der Stadt vorbei, und der ſtolze Omar wüthete, wie er ihre ſchmetternden Trompeten hörte, und die Züge der Rinder und Kameele überblickte, die man zwiſchen den Schaaren der Chriſten vorübertrieb.“— „Und ich war nicht dabei und lag hier, der Schat⸗ ten eines Mannes!“ rief der Ritter mit Heftigkeit und Ingrimm. „Sie tödteten die Wehrloſen und ſchonten nicht die Mütter der Säuglinge; nein, Sekina's Erlöſer hätte dort nimmer eine Freude ſeines Schwertes und eine Blume ſeines Muthes gefunden!“ entgegnete die Mohrin mit dreiſtem Vorwurfe. Kuno ſchwieg, und betrachtete das Mädchen genauer. Er bemerkte, daß ſie ihre Tracht verändert, das leichte und armſelige Gewand der Sklavin abgelegt hatte, daß ſie die Kleider der mauriſchen Frauen trug, ja von den feinen Stoffen der höhern Klaſſen, und daß auch der Schmuck der blanken Armſpangen ihr nicht fehlte und des werthvollen Stirnreifes, welcher höher ſchimmernd die rabenſchwarzen, glänzenden Locken durchzog. Er ſprach ſeine Verwunderung aus, und Sekina ergriff mit beiden Händen ſeine Rechte und ihre beweglichen Ge⸗ ſichtszüge drückten eine tiefe Erſchütterung der Seele aus. „Herr,“ antwortete ſie mit bebender Stimme,„du mußt nicht zürnen, wenn deine Magd dir bekennet, daß in den Tagen deiner Nacht ſie ein Sonnenſtrahl traf, daß in den Stunden des Leidens um dich ſie ein Becher der Freude erquickte und ſtark machte zur Ausdauer an deinem Schmerzenslager. Sekina wanderte allein durch die große Welt, ohne ein Weſen, das die Natur ihr zur 37 Stütze geſchaffen, ohne ein Herz, das ihr Empfinden be⸗ gleitet und mitgefühlt; ſie ging heimathlos auf den Straßen der Fremde und konnte nirgend ſagen, dieſe Erde iſt das Eigenthum meines Vaters, dieſes Gezelt von der Haut des Kameels genähet iſt mein eigen Dach, dieſes blanke Rind habe ich großgezogen auf eigener Weide. Ein Lichtſtrahl ſchoß vom Mittag her auf meine Scheitel, und es ward hell und anders.“ Der Ritter hatte mit immer wachſender Aufmerk⸗ ſamkeit zugehorcht; ein eigenes, bislang ihm unbekann⸗ tes Gefühl drückte ſein Herz, er wagte die Schwarze nicht zu unterbrechen, und als er jetzt mit Haſt hervor⸗ ſtieß:„Anna, Sekina, was geſchah mit dir?“— und ſein ſcharfes Auge die Antwort voraus von ihrem hoch⸗ rothen Munde rauben zu wollen ſchien, da rauſchte der bunte Teppich, welcher den Eingang verhing, und Mu⸗ lay Al Azdi, der Maurenprinz, trat in das Gemach. Die Schwarze verſchloß die ſchon geöffneten Lippen, ſprang auf und beugte ſich mit über die Bruſt gekreuz⸗ ten Armen. Der Maure winkte ihr gebieteriſch zu, und ſie neigte ſich tiefer und ließ die Männer allein. Ein Schimmer unverhehlter Freude überflog die ernſten Züge des ſchwarzbärtigen Muſelmannes, indem der ſchlankge⸗ wachſene Krieger ſich dem Bett des Ritters näherte. Er kreuzte ſein Knie und ſetzte ſich auf das Polſter, auf dem ſo eben die Mohrin gekniet, und betrachtete den Ritter ſcharf und genau mit den großen, funkelnden Augen. „Der Sohn der geheimen Kunſt, Mervan, der Arzt, trug keine Lüge auf der Zunge;“ ſprach er.„Seine Weisheit verkündete geſtern, du bedürfteſt ſein nicht mehr, Chriſt; der geſegnete Schlummer, den der gute Geiſt denen ſendet, die reines Gewiſſens ſind, würde dir 38 Geneſung geben, und du würdeſt erwachen als ein Starker und Geſunder. Dein Auge iſt hell wie der Morgen⸗ himmel; deine Wange geröthet gleich der Frühlings⸗ knospe am Pfirſichbaum; du biſt geneſen, und Mulay's Seele iſt mit Freude erfüllt.“— „Ich danke dir, Fürſt;“ antwortete Kuno verſtimmt durch die Störung ſeines Zwieſprachs mit der Schwar⸗ zen;„obgleich mir dein Gruß wunderbar klingt, weil deſſen Mund Gnade ſpricht, deſſen Hand ſich unbarm⸗ herzig hob zum Verderben deſſelben Gegenſtandes.“— „Franke, du irreſt dich in mir;“ entgegnete der Maurenfürſt.„Dieſelbe Wolke, welche zerſtörende Blitze wirft, iſt gefüllet mit dem Regen, der die dürre Flur tränkt und die matten Pilger erquickt. Ich bin ein Freund des Chriſtenvolkes; die Mutter, welche mich ge⸗ bar, war in deinem Glauben getauft, ehe ſie mein Vater kaufte auf dem Markte von Babylon.— Haſt du nie gehort,“ fuhr er nach einer Pauſe fort,„von den Boten, die aus dem Lande der Mauren kamen an den Hof des Königs Ludwig, und den Zweig des Oelbaumes hin und zurück trugen? Es waren meine Boten, und ſie trugen gleich der verſchwiegenen Brieftaube meine Wünſche über das Meer. Damals lebte mein Vater noch, ich hieß der Liebling ſeiner Augen, und ſein Wort hatte mir oftmals verſprochen, ich ſollte erben ſeine Krone und dieſes Reich, wenn ihn der Todesengel abgerufen. Die Stunde, welche die Seele von dem Körper trennt, kam unerwartet, als er noch ſtand in voller Kraft über den Scheiteln ſeiner Knechte gleich der Zeder auf den Gip⸗ feln des Gebirges. Ich führte gerade einen Theil ſeines Heeres gegen die Widerſpenſtigen und Ungehorſamen im Dattellande. Mein älterer Bruder Omar Ebn Thabet, 2 39 den eine andere Mutter im Schvos getragen, ſtand an der Leiche des Vaters, ſein Honigwort gewann die Rei⸗ chen und Gewaltigen in der Königsſtadt, und als ich zurücktehrte, ſaß er auf des Vaters Throne, und ich mußte mich in den Staub werfen vor dem Herriſchen gleich dem unterſten ſeiner Knechte.“ Die dunkeln Augen des Mauren funkelten gleich auf⸗ glühenden Kohlen, durch die der Wind fährt, und ſeine edeln Züge entſtellte der Grimm, indem er wiederum eine Weile in Schweigen verſank. „Du verſtehſt mich Chriſt,“ begann er dann wieder, „dein düſteres Verſtummen ſpricht es aus ohne Ton, und du gehörſt ja zu den Mächtigen deines Volkes. Ich muß unterthänig ſein, wo ich zu befehlen beſtimmt; meines Bruders Stimme gebot meinem Fuß, daß er gehe hiehin, dorthin; meines Bruders Ruf gebot meinem Schwert, daß es tödte oder beſchirme. O hättet ihr läſſigen Fran⸗ ken nicht ſo lange gezögert, ehe ihr das Schiff beſtieget und landetet im Hafen von Conah! Viele eurer Brüder wandelten dann noch unter dem Schatten der Bäume und freueten ſich des kühlen Abendwindes, die jetzt mo⸗ dern auf den dürren Feldern. Die Hand der Freund⸗ ſchaft würde deinen König empfangen haben, ehe denn der giftige Hauch der Peſt ſein weißes Haupt in den Staub gelegt.“— „Und was ſchwebt jetzt um die Seele Mulay's, des kühnen Prinzen?“ fragte Kuno geſpannt. „Mulay hoffte auf die Tapferkeit deiner Waffenbrü⸗ der und auf die Stärke ihrer ritterlichen Schwerter; aber ſie ſind gekommen mit den Fittichen des gelähmten Adlers und mit den ſtumpfen Krallen des gealterten Löwen.“ Er blickte tiefſinnig an den Boden, doch raſch 40 dann aufſtehend und mit Herrſcheraugen rund umſchauend ſetzte er hinzu:„Ich harrte deiner Geneſung wie der Pilger hoffend ſich ſehnt nach dem Brunnen der Haſe. Leben, Freiheit und reicher Lohn aus Mulay's Schatzge⸗ wölbe ſind dir gewiß, wirſt du ein Freund ſein des Chriſtenfreundes und deine Kraft ſeinem Dienſte leihen. Böſe Genien, dunkelwangige Jins umflattern das Haus Omars, des Tyranniſchen; die Untreue geht auf aus dem Felde, welches Hartherzigkeit beſäete; hinter dem Schmeichelworte der Freunde des Unzuverläſſigen lauert die geſpaltene Zunge der tödtenden Schlange; und außen dicht an den Thoren der Königsſtadt tönt hell der⸗ Schildſchlag des kampfluſtigen Beherrſchers der italiſchen Inſel, und Mulay's Ohr horcht mit Luſt den Klängen, die ihm willkommen ſind.— Schone dich, Chriſt; ſtärke deinen Leib mit der beſten Koſt des Hauſes, denn nur im geſunden Leib kann die Seele mächtig wirken. In wenigen Tagen wirſt du von mir hören, denn ich werde dein bedürfen hier in der Stadt oder auch im Lager des Siciliers, und bis dahin erhelle deinen Sinn, und treibe Spiel und Scherz mit dem Geſellen, den ich dir mitgebracht.“— Er grüßte freundlich mit der Hand zum Abſchiede, und als er den Teppich des Einganges gehoben, ergriff er einen Menſchen, der außen geſtanden, und ſchleuderte ihn mit muthwilliger Kraft in das Gemach. Es war der kleine Guillaume von Fiennes, der mit kahlgeſchore⸗ nem Haupte und in ſeltſamer Bekleidung ſich ſchwindelnd im Zimmer umherdrehete, als er jedoch feſten Stand gewonnen, ſogleich zu dem Deutſchen lief und ihm beide Hände entgegen ſtreckte. „Geſegnet ſei die heilige Genoveva,“ rief er kläglich, 41 „daß ſie uns wieder zuſammengebracht; ſelbander hat jede Noth nur halbes Gewicht, und auch die ewige Todesfurcht unter dieſen braunen und ſchwarzen Ge⸗ ſchöpfen, welche wie Menſchen ausſehen, aber nie lächeln und vergnügt ſind, wird leichter, ſeit mir dein chriſtlich Antlitz gegenüberſteht, Kamerad.“— „Und wie kamet Ihr hieher, Ritter Guillaume?“ fragte Kuno neugierig. „Buße, lauter Buße für unſere Sünden, für die Fre⸗ vel am Vorabende des Sanct Bartholomäustages und in der Todesſtunde des heiligen Ludwig! o kein ſpani⸗ ſcher Inquiſitor verſteht es ſo gut, Sünder zur Reue zu bringen als hier dieſe Herren mit den kupfernen Geſich⸗ tern. In der Unglücksnacht am Fluſſe Mesherda dachte ich als ein kluger Cavalier mein Leben dem Könige und dem Heile der Chriſtenheit zu ſalviren, denn ich ſah ſo⸗ gleich, daß wir Eins gegen Zehn ſtanden, und ſolch Rechenexempel macht eine tapfere Retirade zur Pflicht jedes vernünftigen Kriegers. Ueberdem hatten wir et⸗ was zu ſtark getafelt, um bequem fechten zu können, und ich gab demnach meinen kurzen Beinen kein Pardon, um recht ſchnell den Waffenbrüdern die ſchwergerüſteten Escadrons de Chalons und de Beauvais zu Hülfe zu rufen. Aber der Weindunſt und das Abendlicht verwirr⸗ ten meine Sinne; ich lief wie ein angeſchoſſener Hirſch, doch ich fand kein Lager; und als der Mond aufging, merkte ich, daß ich ſtatt nach Oſt nach Weſt meine Re⸗ tirade gemacht, und mich in einem Dorfe befand, deſſen ganze ſchmutzige Gemeinde mich augenblicks umzingelt hatte, und mit Prügeln und Fäuſten meinen lieben Leib bearbeitete. Helm und Schwert hatte ich verloren, konnte alſo ihnen nichts von franzöſiſcher Turnkunſt zu koſten 42 geben, und mußte ſtill halten wie ein armer Sünder, dem der Gerichtsfrohn das Addiren auf eigenem Rücken lehrt.“— „Armer Guillaume!“ lächelte Kuno. „O es war eine Pönitenz zum Erbarmen!“ ſeufzte Fiennes.„Der frömmſte Pater hat nicht ſo viel Geißel⸗ ſtriemen in einem ganzen Jahre aufzuweiſen, als meinen Rücken in einer Stunde zur bunten Landcharte wandel⸗ ten. Dazu riß man mir jedes Kleidungsſtück ab, daß ich beſchämt daſtand wie Adam nach dem Falle, und die Weiber ſchoren mir die herrlichen geſalbten Locken ab, mit denen ſo manches edle Fräulein in den Gärten der Loire getändelt. Am Morgen trieb man mich dann gleich einem fetten Hammel gebunden zur Stadt, und es würde auch wohl zum Schlachten gekommen ſein, wäre uns nicht der große braune Prinz begegnet, dem auch du zugehörſt, und hätte er mich nicht für eine Handvoll Silbermünzen als einen faſt ſchon gar geklopften, tar⸗ tariſchen Braten dem Tigervolke abgeſchachert. Ach! Freund, in der Fremde werden die dümmſten Knaben klug. Als wir uns das rothe Kreuz auf die Schulter nähen ließen, prahlten wir mit Todesverachtung, und thaten, als wäre das Leben eine blanke Spielmarke. Was gibts denn noch für Gut und Fröhlichkeit ohne das Leben? Der Frinz hat mich da in allerlei Trödelzeug geſteckt, das einigen Dutzenden chriſtlicher Schächer gehört haben mag, und ich gleiche eher einem Pariſer Faſtnachtsnarren als einem Edelherrn des königlichen Hofes von Navarra; ich habe nichts genoſſen ſeit jenem ſchönen Abende als Gerſtenbrod und Bohnen, die Lieblingsgerichte der Sancta Genoveva, wie unſere frommen Väter verſichern, und dennoch ſind mir dieſe traurigen langen Tage in einer 43 Art Zufriedenheit vorüber gezogen, denn das Leben ſchien mir doch unbefährdet, und wer lebt, hofft auch und darf wünſchen, und beſcheidene Wünſche ſoll der Himmel hören.“— „Du durfteſt umhergehen, ſehen, hören; haſt du Hoffnung gewonnen auf baldige Freiheit für uns? Denn ſeit ich den Fiebertraum von meinem Geiſt verſcheucht fühle, denke ich nur das, und Jeder, der die goldenen Sporen trug, kann in ſolcher Lage keinen zweiten Ge⸗ danken hegen.“— „Freiheit? Flucht aus Tunis 2“ entgegnete bedäch⸗ tig Fiennes auf die haſtige Frage.„Wenn wir die Hälfte des Mantels hätten vom Biſchof Martin, die er dem Bettler gab, und die heilige Hülle uns unſichtbar machte, dann vielleicht! Jedes Auge in Tunis iſt für uns ein Katzenauge, das die Maus hütet im grauſamen Spiele, und mit jedem Tage werden der Augen mehr. ſeit König Karl von Anjou das Kriegesſpiel ernſter treibt. Noch geſtern war der Platz, wo die Badſtuben ſtehen, überfüllt mit neuangekommenen Schaaren aus dem Süden und Oſten, die König Omar zu ſich befeh⸗ ligt. Die Sklavenwärter ſprachen unter ſich, dieſe neuen Kriegsleute und ihre fürſtlichen Führer ſeien mehr gegen den innern Feind als den äußern berufen. Der König ſoll dem Bruder nicht trauen, der durch mildere Gemüthsart unter den Feldherrn ſich manchen Freund gewonnen. Was nutzt uns ſolcher Zwiſt; wir bleiben vorerſt arme Knechte mit ſtolzen Herzen und hochmüthi⸗ gen Träumen, und wechſeln höchſtens dabei die Herren. Dir möchte das freilich noch weniger behagen als mir, denn wie ich jetzt erſt bemerke, biſt du auch hier ein Fortunatus geweſen, und ich glaube wirklich, die Hexen⸗ 44 frauen, in deren Bergen du geboren, ſind dir getreulich auf Bock und Beſenſtiel nachgeritten bis in die Bucht von Karthago. Weiche Polſter und feine Decken lagen unter dir, indeß man mich auf halbverrottete Schaffelle bettete; und du haſt des Prinzen Küchenzettel mit ihm getheilt nach der Weiſe fränkiſcher Küchenmeiſter. O erlaube mir eine Recreation!“— Er kauerte ſich haſtig nieder, und mit einer Begier, die dem Deutſchen Freude machte, verſchluckte er alle Erfriſchungen und Getränke, welche neben Kuno's Bett ſich vorfanden, und mit Mühe entriß ihm der Ritter ein Fläſchchen, das ſeinem Aeußern nach die Arznei enthielt, welcher Kuno ſeine Geſundheit verdankte.— Die Geſellſchaft des Waffenbruders, wenn er auch früher nicht Kuno's Liebling geweſen, erheiterte und zerſtreute den Geneſenen; er verließ ſein Lager und trat von ihm geführt an das Fenſter und ſog als höchſte Luſt eines Erſtandenen das milde Wehen der freibeweg⸗ ten Luft ein in ſeine Bruſt. Das Schloß Mulay's lag auf einer Höhe dicht am See von Tunis. Unten ſah er das Treiben des Schiffervolks; fern erkannte er die weißen Segel, ja die flatternden Wimpel der Lands⸗ leute; er glaubte, ihre Kriegeshörner hören zu können; er ſeufzte nach den Flügeln des vorüberſchießenden Fal⸗ ken, er konnte nicht weg vom Fleck, immer forſchend im innerſten Geiſte nach einer Möglichkeit der Befreiung, und ſaß noch als der Abend kam.— Ein neuer Beſuch erſchien ihm mit der der Jahres⸗ zeit zufolge ſchon früher eintretenden Dämmerung. Die Mohrin Sekina trat ein und mit ihr ein fremder Mann im mauriſchen Waffenſchmuck. Der Fremde war ein Schwarzer von hagerer, aber muskelvoller Hochgeſtalt, wie ſie das innerſte Afrika gebiert; ein mauriſcher Helm beſchattete ſeine dunkle Stirn, und ein feines Gewebe von Silberketten bildete eine Art Panzer, der ſein Bruſt⸗ wamms und auch ſeine nackten Schenkel und Waden dicht überſpann. Mit einer widerwärtigen Empfindung er⸗ widerte Kuno des Fremden Gruß, und als die Mohrin dieſen an der Hand näher führte, ſagte er mit dumpfer Stimme, in welcher jene Empfindung vorklang:„Du bringſt mir den Bräutigam, Sekina? Warum? Dir ward die Freiheit gegeben, es bedarf deßhalb meiner Zuſtimmung nicht, und ich ſelbſt bin ein Sklav und be⸗ ſitze nichts, und nur eine leere Hand kommt zu deiner Brauttafel.“— Verwundert blickte ihn das Mädchen an, als höre ſie noch die Stimme ſeiner Krankheit; der Mohr aber ſprach:„Weißer Mann, Saab al Gaſſani kommt dir Dank zu bringen. Muß er auch gleich dir die Luft eines fremden Landes athmen, ſo iſt er doch nicht ohne Gewalt und Anſehen in dieſer Stadt, denn der mächtige König Omar Ebn Thabet, der Mond ſeines Volkes und der Löwe des Krieges, hat ihn mit Gnade betrachtet, und ihn gemacht zum Führer ſeiner ſchwarzen Reiter, deren viele Hunderte den Staub des Feldes zu Wolken aufſtampfen. Verachte darum nicht Saab's Dienſt und Saab's Freundſchaft. Sein Wort hat guten Klang vor den Ohren der Fürſten und ſeine Hand zittert nicht, wenn die Drommete ſchmettert. Krieger des kalten Landes, du haſt Mitleid gehabt mit dem Kinde der heißen Berge, das man durch die große Wüſte zur Sklaverei geſchleift. Saab, Sekina's Bruder, wird deinen Namen in ſeinem Herzen tragen, ſo lange ſeines Blutes Strom aus dieſem Herzen quillt.“ 46 „Dein Bruder!“ rief der überraſchte Ritter. „Ja, Herr,“ antwortete die Mohrin,„mein Bruder, den mir der gute Geiſt entgegen ſchickte, als wir ſeiner vielleicht am meiſten bedurften. Sekina erzählte dir nie von ihrer Heimath, nie von ihren Eltern und ihrem Volke, ſie meinte, es gezieme der Dienerin nicht, zu prunken mit dem, was in den Nebelnächten ferner Zeit unter⸗ gegangen und was verloren worden für immer. Du und deine Freunde hätten ſie der Lüge zeihen können, und ſie mochte immer wahrhaft ſcheinen vor den Augen ihres geliebten Herrn.“— „Sie lügt nicht, Chriſt,“ ſiel der Mohr ein,„wenn ſie ſpricht, die Väter Saab's und Sekina's waren ge⸗ waltig im Lande des Mittags, das man Sudan nennt. Die zahlloſen Stämme des Reiches Afnu gehorchten ihnen, und ſie ſaßen zu Gericht in den Thoren Kaſch⸗ na's, und das Volk warf ſich vor ihnen tief in den Staub. Es geſchah im blutigen Kampfe mit den flüch⸗ tigen Söhnen der großen Wüſte, daß die nackten Schaa⸗ ren einen Ort überfielen, wohin ſich die Frauen des Herrſchers von Afnu begeben. Saab zählte zwölf Früh⸗ linge, Sekina hatte neun Male die Ananas goldig wer⸗ den ſehen auf ihrem Schwerterthrone. Man band den jungen Leopard und beugte die kleine Palme in die Ketten der Schmach und ſchleppte uns fort weithin durch das Sandmeer und an die Küſten des großen Waſſers, das die Welten ſcheidet. Auf dem Markte zu Tripolis feilſchte man um uns wie um den höckerigten Dromedar und das nach der Mutter blökende Lamm. Zwei verſchiedene Herren kauften uns, und das wim⸗ mernde Mädchen riß man aus den Armen des um ſich ſchlagenden Bruders. Saab ſah die kleine Sekina nicht 47 wieder, obgleich ſie in demſelben Lande gelebt und nicht gar fern von einander. Aber hier führte der Geiſt ihrer Mutter ſie wieder zuſammen und ſie erkannten ſich an dem Bilde des Pfeils, das der Sklavenhändler ihnen auf den Arm gebrannt, und die Jungfrau lag in den Armen des Bruders, der ein Mann geworden, und mit Freude die Tochter ſeines Vaters in ſeinen Armen herzte.“— Der Mohr umfaßte das ſich an ihn ſchmiegende Mädchen, und ſeine wilden Züge überflog die Milde der Wehmuth und die funkelnden Augen ſchwammen in Lie⸗ bestropfen.„Weißer Krieger,“ rief er mit gehobener Stimme,„nimm die Hand des dankbaren Saab's. Der Erbe von Afnu meinet, es müſſe die Zeit nicht fern ſein, wo ihm die Götter vergönnten, die Schweſter zurück zu führen zu den Palmenwäldern des großen Fluſſes, und willſt du ihm folgen, ſo ſoll kein Platz zu hoch ſein, auf den er nicht den Fuß des Beſchützers der Schweſter zu ſtellen verſpräche.“— Der Deutſche nahm die Hand des Mohren, und während ſich die neuen Freunde in traulichen Zwieſprach vertieften, und auch Sekina von den Erinnerungen ihrer Kindheit dem forſchenden Freunde vorplauderte, tanzte der kleine Fiennes im Zimmer umher, pfiff den fränki⸗ ſchen Fahnenmarſch, näherte ſich zuletzt dem Ohre des Ritters und flüſterte:„Freund, bitte den Prinzen, daß er mich bei dir läßt als Wächter deines Nachtlämpchens, denn du biſt ein Elfenkind und ich ſchwöre auf die Macht deiner Hexen. Was du vorhin am Fenſter gewünſcht, haben ſie ſchon hergezaubert, und unſer neuer Freund, dieſer Sanct Georg aus ſchwarzem Marmor gemeißelt, — 48 ſieht aus, als würde er ſchon für ein Schiff und eine Leiter Sorge tragen.“— Die Hoffnung, die herzigſte Freundin der Erdenkin⸗ der, hatte nun freilich ihre grüne Fahne ausgeſteckt, aber nur in trüber Ferne und für die Sehnſucht gar zu hoch. In langen, ſchleichenden Tagen verblaßte der er⸗ quickende, tröſtende Schimmer wieder, und ein düſterer Mißmuth wurzelte immer umgreifender in Kuno's Her⸗ zen. Er verſchmähte im Schmerzgefühl ſeiner Geſund⸗ heit ſelbſt die ſcheinbaren Freiheiten, welche ihm des Gebieters Gunſt bewilligte; er beſuchte die Laubengänge des Gartens nicht, ſaß gleich einem gelähmten und ge⸗ blendeten Falken in ſeinem Käfig, trübem Sinnen, dem zerſtörendſten Gifte der Seelenkraft, ſich hingebend, ſelten nur ein wenig aufgeregt durch der Mohrin ſparſame Beſuche, die mit einer beſondern und räthſelhaften Scheu vermied, von des Bruders Verheißungen und Plänen zu reden. „Der ſchwarze Mars war ein Prahlhans wie alle Morgenländer,“ murrte Fiennes ſchon;„und wenn dieſe Langweiligkeit nicht bald zu Ende geht, ſo mag's mir Saint Denis verzeihen, wenn ich dieſe Erbärmlich⸗ keit mit der muſelmänniſchen Grandezza vertauſche, und den Turban auf mein kurzes Haar kneten laſſe. Wir ſollten's Beide thun und je eher je lieber; es gibt man⸗ chen Portugaleſen und Italiener von gutem Geſchlecht unter den Tuneſen, reichgewordene Glücksritter, angeſe⸗ hene Offiziere, und ob im Barett oder Turban, man kann ja inwendig glauben, was man will, und beten, zu wem man will.“— 49 Des deutſchen Ritters ernſte Blicke machten den klei⸗ nen Plauderer freilich augenblicklich verſtummen, aber kam die Gelegenheit, ſtimmte er dennoch ſeine Melodie von Neuem an, als gedächte er des Tropfenfalls, der auch den Fels durchlöchert. Eines Abends ging es gar geräuſchvoll in Mulay's Palaſte zu, man ſchrie und lärmte in den Höfen; es lief und trabte in den ſtillen Gallerien, und Lichterglanz ſchimmerte in den Fenſtern und Gärten. Der auf Kundſchaft fortgegangene Fran⸗ zos berichtete, König Omar ſei mit ſeinem Harem und ſeinem ganzen Hofſtaate zum Beſuch bei dem Bruder angelangt; die Hausdienerſchaft ſpräche von einer Ver⸗ ſöhnung zwiſchen den Brüdern, und Mulay beſtrebe ſich der Ehre dieſes Beſuchs auf die glänzendſte Weiſe zu begegnen. Der kleine Ritter ſetzte hinzu, auch ſie Beide würden am Feſte Theil nehmen, denn, wie ihm der Hofmeiſter des Palaſtes verſichert, Omar ſei neugierig geworden auf die beiden Chriſtenritter, die der Bruder beſitze, und Omars Frauen hätten ſich als beſondere Gunſt erbeten, den Schwertmann aus dem Eislande beſchauen zu dürfen, deſſen Haut ſo weiß ſein ſolle wie die gerupfte Bruſt eines Perlhuhns und ſein Haar ſo lang und hellfarbig wie der Stoff, aus dem man die Schiffsſegel webt. Kuno fuhr anfangs unwillig auf und zürnte über dieſe Ausſtellung wie eines Wunderthiers; als aber der Prinz ihn beſchickte, gedachte er der Wohl⸗ thaten deſſelben, der Stunden, die er ihm durch klugen Zwieſprach und das Schachſpiel angenehm gemacht, und er folgte dem Ceremonienmeiſter, welcher beiden Gefan⸗ genen einen Sitz in einem Vorgemache anwies, von wo man die Feſtlichkeiten bequem überſehen konnte. Alles, was vrientaliſche Feſte ſchmückt, zierte vuch dieſe 4 Blumenhagen. I. Feier, lärmende Muſik und Tanz der jüngſten Sklavin⸗ nen, Mährchenerzähler und über alle Möglichkeiten flie⸗ gende Lobredner, Ueberfluß der köſtlichen Schüſſeln und Vergeudung der reichſten Geſchenke an die Gäſte. König Omar überbot ſich ſelbſt in Gnade und brüderlicher Zärtlichkeit, bis ſeine Geſprächigkeit in einem ſchlaf⸗ ſüchtigen Gähnen zu verlöſchen drohte, und er ſeinen Frauen, die, an den Wänden gelagert, dem Mahle zugeſehen und ſich unter dem Schleier mit Confect und ſüßen Syrupen zur Genüge gefüttert hatten, den Wink zum Aufbruche gab. Schwarze Knaben leuchteten vor, der ſchwarze Oberſt Saab trug ſeinem Gebieter Säbel und Schild voran, der König ging an des Bruders Seite dem Eingange zu, und Paarweiſe folgten die Frauen des Herrſchers. In dieſem Augenblicke ſah Kuno die Mohrin Sekina plötzlich an ſeiner Seite. Sie drückte leiſe ſeinen Arm, ſah bittend zu ihm auf und flüſterte:„Freund, bezwinge dein ritterlich Gemüth! Sei ſanft, wie das Lamm der Hirſchkuh, und beuge dich vor dem Gewaltigen, in deſ⸗ ſen Hand dich der Chriſtengott gegeben nach ſeinem un⸗ erforſchlichen Rathſchluß! Saab, der dir ſo wohl will, läßt dich warnen, und Sekina bittet, damit dein Stolz nicht verderbe, was nur durch die Wunder des Himmels gerettet worden.“— Omar ſchritt jetzt heran und Mulay deutete auf die Chriſten, die von ihrem Sitz ſich erhoben hatten. Omars Blick fiel zuerſt auf die Mohrin.„Was thut das ſchwarze Kind des Südens in der Geſellſchaft dieſer Ungläubigen, auf deren hündiſcher Scheitel der Fluch des großen Pro⸗ pheten haftet?“ fragte er.„Oder iſt es eine Sklavin deines Hauſes Mulay, und hat dein Scharfſinn ſie — = e * Xv 1ð 1— 51 neben die Verhaßten geſtellt, damit die farbeloſe Häßlich⸗ keit derſelben noch deutlicher an den Tag träte?“— Saab, der Oberſt der Reiter, wandte ſich gegen den Herrſcher, beugte ſeinen Nacken tief und antwortete: „Sohn des Lichtes, das im Oſten ſeinen Quell hat, Schwert des Islams, welches zwei Schneiden zeigt und in demantener Scheide ruhet, deines Knechtes Stirn be⸗ rührt deine Sohle, und er geußt vor dir aus die Schale ſeiner Dankbarkeit, da die Sterne deiner Augen gnädig geblickt auf Saabs Schweſter, einſt eine Sklavin, wie er, doch ſeit kurzer Zeit wieder die freie Tochter aus dem edelſten Stamme von Kaſchna, und, ſeit ſie von dem Bruder wiedergefunden, unter dem Schutze deines Daches und in der Wohnung, welche Omars Gunſt ſei⸗ nem Knechte Saab geöffnet.“— „Wie kam ſie in Mulay's Haus?“ fragte ſchneller der König. „Sekina hatte lange gelebt in der Nacht der Knecht⸗ ſchaft; dein Knecht vergönnte ihr von Ferne zu ſchauen die lang entbehrte Pracht eines königlichen Feſtes. Sie kam mit den Dienerinnen deiner Frauen! und folgte der Spur, die dein Mantel im Staube nachließ.“— Omars Auge funkelte höher, wie eine dunkele Abend⸗ wolke am Saume des Himmels ſich leichter Blitze ent⸗ lädt.„Der Gott der Gläubigen hat deiner Schweſter im Uebermaaße geſpendet, was dem Auge der Männer wohlgefällt. Der Hauch meiner Gnade hat dich groß gemacht, tapferer Saab; dein Stahl verſchont nicht im kindiſchen Mitleid den Nacken der Feinde des heiligen Gottes, die der Herr in deine Hand gegeben. Du ſollſt noch höher wachſen im Lichte der Liebe deines Gebieters. Es fehlt unter meinen Frauen eine le Tochter aus — — den Völkern, deren Sammethaut die Natur dunkel ge⸗ färbt, gleich dem Marmor von Memphis, aus dem die Heiden ihre Götzenbilder baueten. Morgen erſcheine die ſchöne Sekina vor Omars Angeſichte, und kredenze ihm die Schale und die Schüſſel.“— Die Mohrin bebte zuſammen vor dem Worte des Gebieters, und als ſei ſie durchſchüttert von der Gnade des Königs beugte ſich ihre ſchlanke Geſtalt faſt bis zum Boden.— Verächtlich weilte alsdann das tiefliegende glimmende Auge des Maurenkönigs nur einen Augenblick auf dem erbebenden, gebeugten Fiennes; länger be⸗ trachtete er den Deutſchen, deſſen Blick dem Seinen nicht auswich. Er ſtrich ſich durch den reichen, blaugefärbten Bart und ſagte:„Wer möchte dich neiden, daß du die bleiche Blume in deinen Garten ſetzteſt, Mulay Moſtanca! Es iſt eine dürre Sonnenwende, welcher der Mittags⸗ ſtrahl die Farbe genommen. Nicht zwei Beutel gebe ich für die nutzloſe Seltenheit. Aber des Sklaven ſchlanker Hals iſt von der Natur für den Damaszener geſchaffen, und du wirſt Freude haben, erprobſt du daran einmal im Zorne eine neue Klinge.“— Eine Reihe blendender Zähne wurden zwiſchen ſeinem Barte ſichtbar, ſcharf und dräuend, wie das Gebiß des Raubthiers, als er ſo redend weiter ging. Der Deutſche ballte die Fauſt, aber er fühlte den Druck von der ängſtlichen Hand der Mohrin und ſchwieg.— Die Weiber des Königs folgten nun und verweilten paarweiſe und kicherten heimlich unter den Schleiern. Ungeduldig beſchloß Kuno bereits der ſchimpflichen Beſchauung ein Ende zu machen, da ſtand das letzte Paar der Frauen vor ihm, und die, welche ihm zunächſt war, fiel ihm auf durch den ausge⸗ zeichneten Wuchs, der nichts von der hochgeſchätzten b— 53 afrikaniſchen Wohlbeleibtheit hatte, und durch die beſondere Unruhe, welche ſich in den Bewegungen ihrer Hülle und ihres Oberkleides verrieth, und gegen die ſteife Pagoden⸗ gleiche Haltung ihrer Gefährtinnen auf das grellſte ab⸗ ſtach. Ihre Nachbarin ging, doch ſie verweilte noch; das Oberkleid ſchlug ſich zur Seite, und ließ den Tan⸗ nenwuchs unter dem ſcharlachrothen reichgeſtickten Bruſt⸗ latz und dem koſtbaren Steingurt erkennen, und enthüllte bis zum zierlichſten Fuße hinab das nackte Bein, das nur bis zum Knie durch das azurblaue, ſeidene Beinkleid bedeckt ward, und indem ſie von ihrer Bruſt eine blitzende Steinnadel löſete und vor die Füße des Ritters fallen ließ, ſchlüpfte durch die Beugung des Armes auch der Schleier zur Seite und ein Geſicht ſchimmerte zwiſchen der Florſpalte in ſo zarter, edler Form, mit ſolch friſchen Jugendblüten bedeckt und von ſo ſeelenvollem Lichter⸗ glanze belebt, daß der ernſte, erzürnte Ritter in ſeiner abgewandten Stellung gehemmt blieb, und er, als Schleier und Kleid längſt in die alte Ordnung gefallen, und der Zug ſchon fern im Eingange ſich verloren, noch auf der Geſtalt, die ihn beſchloß, ſein Auge unbewußt haften ließ. „Wer war dies Weib, der keine gleicht auf Erden?“ fragte er aus ſeinem Gedankenmeere auftauchend. „Ayeſcha iſt es, die reizendſte unter den Frauen des Königs;“ antwortete Sekina mit geſenktem Blicke.„Sie trägt den Namen der jüngſten Frau des großen Prophe⸗ ten nach Verdienſt, auch iſt ſie eine Emirs⸗Tochter aus dem Lande der Perſer, und ſtolz und kühn gleich den Jünglingen ihres tapfern Volkes.“— „Schade, daß ſolche Lilie verduftet in den Kerker⸗ mauern dieſes olivenfarbigen Wüthrichs!“ ſprach der Ritter vor ſich hin. ———————— 6 — 13 3 11 11 1 54 „Schön iſt nicht immer gut;“ ſeufzte das Mädchen. „Auch die Blätter der Lilie trifft der Regen und das ſchmutzige Inſekt. Sekina muß fürchten, die reizende Ayeſcha frevele an den Geboten der Schrift, und treuloſe Wünſche erhöben den verwegenen Schlangenkopf unter ihrem ſchwanenweißen Buſen.“— „Treulos? Iſt ſie doch ein Weib!“ erwiderte finſter der Deutſche, und als die Mohrin ihm die koſtbare Nadel, welche ſie vom Boden aufgehoben, reichen wollte, ſchob er ihre Hand zurück und ſetzte mit Härte hinzu:„Was ſoll mir der Weiberputz? Trage ihn zurück an die, welche ihn verlor.“— „Die Steine ſind von unſchätzbarem Werthe,“ fiel die Mohrin ein;„erſt am heutigen Morgen ſandte ſie der König der ſchönen Ayeſcha, und ſie muß einen großen Freundesdienſt von dir erkaufen wollen, daß ſie ſolch Gnadenpfand unbeſonnen dir zuwarf. Nimm das Ge⸗ ſchenk, o Herr, vielleicht reicht es hin, dir die Freiheit zu kaufen.“ „Das gute Schwert und keine falſche Weiberhand muß eines Ritters Kette brechen,“ antwortete Kuno un⸗ freundlich.„Schmücke dich damit, du Königstochter von Afnu, und erſcheine morgen alſo vor dem Beherrſcher der Mauren. Wird Omars Auge dieſen Demantſtern erkennen, ſo fällt die ſchöne Aheſcha, und deine gefähr⸗ lichſte Nebenbuhlerin hat dir den Platz geräumt.“— Die Mohrin bedeckte ihre Augen mit der Hand und ging langſam durch die Gallerie hinaus. Nicht lange darauf kam Mulay zurück von der Pforte des Hauſes. Sein Geſicht glänzte von Freude und 55 Triumph, er ſchickte den franzöſiſchen Ritter fort, und nahm den Deutſchen mit in ſein Geheimzimmer. „Omar Ebn Thabet war gnädig und mild wie der Frühlingswind,“ ſagte der Prinz ſpöttiſch, indem er ſich zu Kuno's Verwunderung ohne Hülfe der Diener ent⸗ kleidete.„Der Tiger barg die Krallen in weicher Wolle. Er hat ja gut getafelt, und viel des ſüßen Sherbets getrunken und wird feſt ſchlafen. Mulay gönnt ihm die Ruhe.“— Er nahm einen dunkeln Kaftan, einen Turban und ein Türkenſchwert und reichte ſie dem Ritter.„Kann ich bauen auf deine Treue, auf deine ſtarke Fauſt, wenn die Noth ſie forderte?“ fragte er. „Mein Beſchirmer kann mir vertrauen!“ antwortete Kuno, indem er ſich bekleidete, und mit einem nie em⸗ pfundenen Hochgefühle den Griff der Waffe faßte, als ſollte er ſie ſogleich zücken auf den feindſeligen König, gegen den ein grimmer Haß plötzlich in ſeinem Herzen wach geworden.. „Bemerkteſt du die jüngſte der Frauen des Königs?“ plauderte der Prinz fort, indem er eine leichte arabiſche Reitertracht anlegte, einen kurzen Bruſtharniſch von Stahl⸗ drähten umſchnallte und ſich mit Handſchar und Meſſer bewaffnete.„Ayeſcha heißt die Palme im Thal, deren Zweige vom ſüßeſten Honig träufeln. O Ayeſcha iſt ſchön wie eine Hur al Oyun des Paradieſes!“— „Der Neid deines Volkes verhüllt die Reize der Frauen mit undurchdringlichen Tüchern; wer vermöchte in ſolcher Mummerei die Häßliche und die Schöne zu unterſcheiden;“ entgegnete Kuno ausweichend. Der Prinz löſchte die Lampe, nachdem er die Thür verſchloſſen, und durch ein Nebengemach mußte ihm der 56 Ritter folgen, und eine Seitenthür des Schloſſes brachte Beide ins Freie. Die Regenzeit hatte ſchon ihren Anfang genommen, und die ſtaubigen Straßen von Tunis waren feucht und ſchmutzig, und grauſe, rieſig geſtaltete Wolken jagte der Seewind an dem beſternten Himmel vorüber. Nach einem beſchwerlichen Marſche durch viele Gaſſen klopfte Mulay an einem kleinen Hauſe, und als ſie eingelaſſen, erkannte Kuno in dem Beſitzer, der ſie empfing, den weißbärtigen Arzt, der ihn in ſeiner Krankheit bedient hatte.„Weiſer Hakim,“ ſprach der Prinz, „haben meine Befehle nicht geſchlafen in deinem Ohre? Haſt du das Pulver bereitet, in welchem der ſüße Schlummer wohnet?“— Der Arzt trat zu ſeinem Schranke und ſuchte ein verſiegeltes Päckchen hervor. „Mich dauert das ſchöne Thier,“ ſagte Mulay leicht⸗ hin, indem er die Gabe im Gürtel barg;„es war mein Leibroß und diente mir treu in manchem böſen Kampfe, und es trug ſeinen Namen: der ſcharfe Pfeil! nach ſeinen Tugenden. Aber die Lanzenſpitzen der Chri⸗ ſten haben es gelähmt, du nannteſt es ſelbſt unheilbar; ſo mag ich nicht, daß mein treuer Schlachtkumpan im Alter verfallen ſoll unedelem Dienſte. Meine Hand ſoll ihm ſelbſt den Tod geben, den ſchnellſten und ſchmerzloſe⸗ ſten. Deine Gabe iſt doch ſtark genug, daß ſie zum Getränke gemiſcht augenblicks das Leben zerſtört?“— Als der Arzt die Verſicherung gegeben, bemerkte man ein hämiſches Lächeln auf Mulay's Lippen; er winkte dem Alten gnädig zu und verließ das Haus. Sie gingen jetzt weiter, bis die Thürme und Mauern des königlichen Schloſſes wie ein dunkeles Gebirg vor 57 ihnen aufgeſtiegen. Sie umkreiſeten den rieſigen Bau, bis ſie an ein Pförtchen in der Steinwand gelangten, in welchem ein einzelner Vermummter lehnte. Der Deutſche faßte des Prinzen Arm.„Willſt du dich wa⸗ gen in das Haus deines Bruders ohne ſeinen Willen?“ fragte er warnend.„Wir ſind nur zwei zwiſchen ſeinen zahlloſen Leibwächtern.“— „Mulay iſt der Sohn einer klugen Mutter;“ ant⸗ wortete der Prinz.„Der Weg, den wir wandeln, wird leer ſein und ſicher. Gold lähmte die Zungen und legte dichte Binden um die Augen der Laurer. Die Liebe ebnete die Bahn und das Licht einer Krone winkt an ihrem Ende. Doch hegſt du Furcht in deiner Bruſt, Franke, ſo harre außen meiner Rückkehr.“— Er trat durch die enge Pforte, ziſchelte mit dem Wächter, und der Chriſtenritter folgte ihm ohne weitere Erklärung durch ſchmale Gänge in das Innere des düſtern, menſchenleeren Gebäudes. „Hier harre ſtill und aufmerkſam,“ befahl der Prinz, als ſie bis in eine Säulenhalle gekommen, die nur matt von einer einzelnen Glaskugel am Gewölb beleuchtet wurde.„Halte deinen Stahl bereit, und wo ſich ein menſchliches Weſen nahet, da ſtoße es nieder ohne Frage. Für mich ſorge nicht, ich kehre nach kurzer Friſt, und du träume indeß von der Freiheit, die du dir auf dieſem Poſten vielleicht blutlos gewinnen möchteſt.“— Der ſtumme Vermummte öffnete mit Vorſicht eine hohe Thür und Beide verſchwanden. Lange ſchon hatte Kuno geſtanden, ſchweigſam und unbeweglich wie die Pfeiler des düſtern Gewölbes. 58 Nichts regte ſich in ſeiner Nähe, nicht das kleinſte Ge⸗ räuſch traf ſein lauſchendes Ohr, es war als hielte er die Leichenwacht in einer Fürſtengruft. Das trübe, ein⸗ ſame Halbdunkel beſchwor düſtere Gedanken herauf aus ſeiner langſam athmenden, gepreßten Bruſt, denn er erinnerte ſich nicht, irgendwo auf ſeinen abenteuerlichen Fahrten einen ſo verlaſſenen Poſten gehabt zu haben. Seine Phantaſie verſuchte ſich die Möglichkeiten der Gründe dieſes räthſelhaften Nachtbeſuches auszubilden. Sollte ein heimliches Wageſtück gegen das Leben des Königs im Werke ſein, und er als Theilnehmer dieſes Verbrechens hier Wacht halten? Lieber wäre ihm ein offener, tollkühner Angriff auf die ſchwarzen Wächter des Tyrannen geweſen. Aber er verſcheuchte ſofort ſelber den Argwohn. Der kluge Mulay würde ſich nicht ohne bedeutendere Bedeckung in ſolch ein gefährliches Unternehmen geſtürzt haben. „Ein Sinnentaumel! Eine Weiber⸗Verlockung!“ ſo flüſterte er zu ſich ſelbſt.„Jenſeits und diesſeits des Meeres iſt der Menſch derſelbe; Falſchheit und Treu⸗ bruch ſind ſeine Erbſünde, von der er ſich vergebens rein zu waſchen beſtrebt.“— Mit einer bittern Empfin⸗ dung dachte er der Mohrin; doch reute es ihm, daß er die treue Dirne, die ihm das Leben gerettet, ſo hart von ſich geſtoßen, da er ſie, wenn Omars Harem ſie umſchloſſen, wohl nimmer wieder zu ſehen bekam.— Horch! Da klangen Stimmen, mehre, viele laut und heftig! War das nicht wie Mulay's Ton, wenn er die Sklaven ſchalt? Brüllte es da nicht dumpf, wie der hungrige Löwe brüllt, wenn er die verſchloſſenen Woh⸗ nungen der Landleute umſchleicht? Und jetzt klang das nicht wie Weibergekreiſch, welches die höchſte Todesnoth 59 auspreßt?— Er ſtand einige Augenblicke unentſchloſſen; Mulay's Befehle hatten dieſen Fall nicht berührt; doch als der Lärm kein Ende nahm, ſondern immer wuchs hinan bis zum wilden Kriegsgeheul, ſo ſtieß er raſch die Pforte auf, und trat über die Schwelle. Ein grauſenvolles Bild traf ſeine Augen. Er ſtand in einem dunkeln Vorſaale, aber die im Streit auf Leben und Töd herabgeriſſenen Teppiche des breiten Aus⸗ ganges ihm gegenüber vergönnten, in ein zweites hell⸗ erleuchtetes Prunkgemach zu ſchauen, das der Schauplatz der gräßlichen Blutſcene geworden. Omars Geſtalt, deſſen bärtiges, hochglühendes Geſicht zu einer Tiger⸗ maske verzerrt erſchien, und der hoch von einer ſichern Tribüne herab Worte des Grimmes und der höchſten Wuth ſchleuderte, wurde zuerſt Kuno's geblendetem Auge deutlich. Unten tobte wildbewegter Todesſtreit. Er ſah ein Weib unter den Händen mehrer Schwarzen ſich winden, welche ſie mit Seilen umſchnürten und eine weite dunkle Hülle über ſie zu ſchlingen bemüht waren. Er erkannte den Prinzen Mulay, der entwaffnet und in die Knie geſunken mit einem Haufen ſtarker Männer kämpfte, ſeine blutigen Hände mächtig gebrauchte, aber dem man jetzt hinterrücks eine Schnur um den Hals warf und ihn erbarmungslos niederriß. Das dumpfe Jammergeheul des Weibes, das grauſe Geſtöhn des jungen Fürſten durchſchnitt ſeine Seele, er vergaß Ort und Lage und ſich ſelbſt, und hob ſeinen nackten Säbel, um vorzuſtürzen und Mulay's Rettung zu verſuchen. Da fühlte er ſich plötzlich im Nacken ge⸗ faßt wie mit der Gewalt des niederſchmetternden Orkans, ſein Turban entfiel ihm, ſein verſtecktes blondes Haar rollte ihm in das Geſicht, die Worte:„Verräther, ——————— ———————— B— 60 Königsmörder fahre zur Hölle!“ klangen in ſein Ohr, und als er ſich mit Anſtrengung zur Wehr wendete, ſtand des Mohren Saab rieſige Geſtalt ihm gegenüber, und ein gezückter Dolch blitzte vor ſeinen Augen. Doch ſein Entſetzen ſchien ſich dem Gegner mitzu⸗ theilen, ſo wie dieſer ihn erkannt hatte. Die Hand mit dem Dolche fuhr neben ihm hin und der Mohr rief mit gedämpfter, bebender Stimme:„Chriſt, was thuſt du im Hauſe des Mordes?“— und ohne ihn loszulaſſen ſetzte Saab ſchnell hinzu:„ Unglücklicher, der Engel des Verderbens ſchwebt über dir, wenn man dich geſehen. Fort, Freund Sekina's, ſo lange ihr Blutgeſchäft Jene blind hält.“— Der Mohr preßte ihm den entfallenen Bund wiederum auf das Haar, und mit übermenſch⸗ licher Stärke ſchob und trug er den Ritter vor ſich hin, leicht und ſchnell wie das Krokodil ein im Schilf ge⸗ raubtes Kind zum flutenden Strome trägt. Durch Säulenhallen, über lange Gänge ging die Flucht; endlich ſtieß des Mohren Fuß eine Thür auf, und den Ritter in dieſelbe, und er ſah Sekina vor ſich, die bei einem Lämpchen ein Pilgerbündel zu binden be⸗ ſchäftigt war.„Tochter Kaſchna's,“ ſtöhnte der Mohr, „rette deinen Erlöſer, denn der Todesengel iſt dicht an ſeiner Ferſe, und des Königs Würger zucken die Meſſer nach ihm. Flüchte mit ihm hinaus in den Kiosk an der großen Ziſterne, und harre allda, bis Saab's Stimme in deinen Ohren lebt.“— Wie der Sturmſtoß kommt und geht, war der Mohr hinweg; die erſchreckte Mohrin aber gehorſamte mit Haſt dem Worte des Bruders, ſchloß ihren Reiſeſack, und die Bürde unter dem Arme, reichte ſie dem Ritter die Rechte und führte ihn fort aus dem Hauſe des Schreckens. 61 Von den breiten Säulen des Luſthauſes verſteckt, durch ſein buntes Zeltdach beſchützt, ſaß das Paar der Flüchtlinge auf den kalten Marmorſtufen, von feindſeliger Nacht umgeben, und nicht fern von ihnen lag die große Ziſterne, ſchon durch die Regenzeit bis zum Rande ge⸗ füllt, ein ſtill ſtehendes Waſſer, ſchwärzer ſelbſt als die Nacht, anzuſehen wie der gierig geöffnete Rachen eines endloſen Abgrundes, der das Böſeſte birgt. Kuno hatte auf dem Schlangenpfade durch die dichten Gebüſche des Gartens der fragenden Gefährtin die Schauergeſchichte dieſer Nacht erzählt; jetzt ſaß er ſtumm und in ſich ver⸗ ſunken auf dem kältenden Steine und es war winterlich kalt auch in ſeinem Geiſt und Gemüth geworden.— Der großmüthige Mulay war erwürgt, ſein Beſchützer todt; was konnte ſein warten als gleiches elendes Ende oder die beſchimpfendſte Knechtſchaft? Alle Blüten des Ruhms, welche ſeine Vergangenheit ihm gezeigt, hingen welk und gebrochen, und der weite Raum der Zukunft dräuete leer und düſter, und es ſchien ihm, als ſtände er auf einem einzelnen Fels ſeines vaterländiſchen Ge⸗ birges und umgeben vom weißen Leichentuche eines mannshohen Schneefeldes, nirgends eine Spur, die zu Menſchen führte, keine Hoffnung als auf ein froſti⸗ ges, einſames Verlöſchen, und er zürnte faſt innerlich mit dem Mohren, der ihn einem ſchnellen, ritterlichen Tode entriſſen. Die Mohrin ſaß eine Stufe tiefer, doch legte ſie jetzt ihren Arm und ihren Kopf auf ſein Knie, weckte ihn dadurch aus ſeinen Träumen und erinnerte ihn, daß er eine Gefährtin habe. „Was verweilſt du noch, thörigte Dirne, zur Seite eines Geächteten, den der Himmel verließ, nachdem ihn ein kurzes Morgenroth getäuſcht?“ fragte der finſtere Mann.„Stoß mich hinaus aus dieſem Gefängniß; bin ich im Freien, wird der Inſtinkt mich weiter treiben, der dem Raubthier hilft im Kreiſe mordſüchtiger Jäger. Gehe zurück in deine ſichere Kammer, verſcherze nicht Glück und Lebensluſt, die dein warten, aus thörichtem Mitleid um einen Ausgeſtoßenen, einen, der weniger iſt als ein Bettler. Fänden uns Omars Auflaurer hier zuſammen, würdeſt du das Schickſal der untreuen Per⸗ ſerin theilen müſſen.“— „Der Samum des Unglücks hat uns überfallen,“ antwortete die Mohrin leiſe;„doch der giftige Wind geht vorüber, und der Herr der Welt ſteckte auch ihm ſein Ziel. Harre in Geduld, bis Saab's Stimme in den Gebüſchen laut wird.“— „Was kann der Diener gehen den Zorn des Herrn? Und wo iſt ein Winkel in Tunis, der dem tauſendäugi⸗ gen Gebieter feiger Knechte dunkel bliebe?“— „Saab Al Gaſſani iſt ſtark und klug und kühn. Sekina vertraut auf ihn, wie auf den Stern, der nie ſeinen Platz verläßt und in jeder Nacht gleich golden leuchtet. Und käme die böſe Stunde,“ ſetzte ſie noch leiſer und kaum hörbar hinzu,„ſo ſtirbt die Tochter Kaſchna's mit dir, vor dir und zu deinen Füßen.“ Der Ritter ſchwieg, aber unwillkürlich legte ſich ſeine Hand auf ihre Scheitel.— Die Stunden ſchienen end⸗ los. Endlich zog Geräuſch zu ihnen heran, ein Wind⸗ licht flackerte, aber es naheten Mehre, und der Ritter ſtand auf und ergriff den Säbel, und die bebende Mohrin kniete vor ihm und umſchlang ſeine Hüften. Vier Män⸗ ner kamen und trugen eine dunkle Bürde. Die Trä⸗ ger waren leichenſtill, aber aus ihrer Mitte tönte ein 63 ſchwaches Gewimmer. Sie traten zu der Ziſterne, ein dumpfer Schlag traf und bewegte die Waſſerfläche, dann gingen die Männer, ſtumm, wie ſie gekommen, doch ohne ihre Laſt. „Arme Ayeſcha!“ ſeufzte die Mohrin.— „Sie war ein reizvoll Bild auf verdorbene Lein⸗ wand gemalt mit giftiger Farbe;“ ſprach der Ritter. „Armer Mulay, den das bunte Gemälde verlockte vom Wege der Pflicht! Aber laß uns gehen; es iſt mir, als würde ſie uns ſonſt nachziehen in ihr entſetzenvolles Grab.“— Männertritte knirſchten auf dem Kieſe des Pfades. Saab ſtand vor ihnen, mit ihnen ein Zweiter. Der Mohr lauſchte einen Augenblick, rings umher blickend mit dem beweglichen, ſelbſt durch die Nacht ſchimmern⸗ den Augenſterne. „Kais,“ ſprach er dann mit verhaltener Stimme zu ſeinem Begleiter,„du ſetzeſt deine Seele ein für dieſes Mannes Heil und Leben. Reicher Lohn oder Tod liegt in den Wagſchalen deines Schickſals, und du ken⸗ neſt Saab Al Gaſſani, den ſie den ſchwarzen Schnitter nennen. Dieſer Schlüſſel öffnet dir die Mauerpforte, dieſen Ring zeigſt du meinem Schiffer am Hafen, und geleiteſt in meiner Barke den Fremdling über den See bis zum Geſtade, wo die Chriſten lagern. Du ver⸗ läſſeſt ſeine Schulter nicht früher, bis ſein Fuß das Land betreten.“— „Lebe wohl, Freund,“ ſagte er dann zu dem Ritter gekehrt;„Saab's Dank iſt arm, er vermag nicht zu thun, was er gethan, wäreſt du mit ihm gereiſet durch die große Wüſte zu dem Goldlande ſeiner Väter. Sekina, nimm Abſchied von deinem Retter und ſegne ſeine Schritte. Die weißen Geiſter ſchweben überall über dem Haupte des Gerechten.“— „Nicht alſo, Sohn meines Vaters,“ fiel die Mohrin haſtig ein.„Könnte das dankbare Herz deiner Schweſter Ruhe finden, ehe ſie nicht den Freund jenſeits des Ab⸗ grundes geſehen, aus dem die Gefahr nach ihm greift? Erlaube, daß ich Kais begleite und der Wächter ſeiner Treue ſei.“— Heftig warf ſie ſich dann in des Bruders Arme, und ſetzte bewegt hinzu:„O edler Saab, nimm meinen Dank, daß du Sekina's Seele durchſchaut und gethan, was die Schwache nicht vermochte. Du haſt es der Tochter deiner Mutter, deines Vaters gethan, und zwiefach werden ihre Hände dich ſegnen, wenn du ſie wiederſiehſt.“ Der Mohr widerſetzte ſich ihrer Bitte nicht und ge⸗ leitete ſie bis zur Gränze des Schloſſes.— Die Stadt lag noch im tiefſten Schlafe, nur die herrenloſen Hunde, die nach Futter ſuchten, bläfften ſie an. Bald waren ſie an der niedern Mauer des Hafens, der Spiegel des Sees lag unter ihnen, und freiere Athemzüge that der Ritter, indem ſeine Augen den fernen, ſchwarzen Streif erblick⸗ ten, das Rettungsbord, wo Freiheit und Ehre ſein warteten. „Was deutet der rothe Schein dort zur Seite?“ fragte Kuno, indeß der Führer an einer Hütte klopfte. —„Das iſt Brand in Mulay's Hauſe,“ antwortete das Mädchen;„die Verderber ſind noch immer in unſerer Nähe. O laß uns beten zu dem Chriſtengott; das tiefe Waſſer da unten iſt getreuer als dieſe Erde.“— Eine große umgeworfene Tonne bewegte ſich jetzt dicht neben ihnen, und eine menſchliche Geſtalt kroch vor ihnen am Boden her. Das Mädchen that einen 65 Angſtſchrei, des Ritters Fauſt packte jedoch ſogleich das Nachtgeſpenſt. „Ja, faſſe mich nur derb, halte mich feſt, denn ich laſſe dich nie mehr und umſchlinge dich wie ein Polyp, und wenn du mir Glied für Glied zerſchnitteſt!“ erklang die klägliche Stimme des kleinen Fiennes, indem er ſich zum Staunen ſeiner Bekannten vom ſchmutzigen Boden erhob. Der Deutſche umfaßte ihn herzlich, obgleich er ſich eines Lächelns über die beſudelte Jammergeſtalt, welche von der Laterne des Schiffers beleuchtet wurde, nicht erwehren konnte. „Getroſt Guillaume!“ ſagte er,„Sanct Martin, der Patron der Schmauſer iſt ein großer Schutzheiliger; er führte dich im rechten Augenblicke herbei um die Rettung zu theilen. Aber wie kameſt du in den Fiſchkorb, den du früherhin lieber leer gemacht als gefüllt?“— „Rettung! Der Geiſt des heiligen Königs wäre ver⸗ ſöhnt?“ jauchzte Fiennes und ſeine kleine, gedrückte Fi⸗ gur dehnte ſich lang aus.„O ich wußte wohl, daß nur der Talisman, den du trägſt, uns Hülfe bringen konnte, und ich habe dich ſchon längſt für einen der Knappen Rolands gehalten, über deren Zauberkunſt ſelbſt der Tod keine Macht hat. In unſerm Hauſe gings abſcheulich zu; arabiſche Wüthriche brachen ein; des Prinzen Diener liegen im Blute, ſeine Frauen ſind erwürgt, Alles zer⸗ riſſen und zerſchlagen, und:„Im Namen des Königs!“ prahlten die Rieſen, wenn ſie ein neues Schlachtopfer niederſchlugen. O es iſt doch gar nichts Chriſtliches unter dem Heidenvolke! Ich ſchlüpfte behend hinaus; mein Herz wollte brechen, in meinem Hirn raſſelte eine Mühle, und als ich das Waſſer ſah, kam mir der Ge⸗ danke, meine Pariſer Schwimmkunſt zu verſuchen. Eure Blumenhagen I. 5 ——————— —— — 66 Annäherung trieb mich in das naſſe Gefäß, bis ich deine Stimme erkannte, die mir wie eine Jubeltrompete klang, die zu einer Königstafel einlädt.“— Der Schiffer hatte indeß die Barke gelöſet und Kais rief zur Abfahrt.„Nur einen Augenblick noch!“ ſagte Sekina und trat in die Hütte, und mit Verwunderung ſahen die Ritter ſie bald wieder in der Tracht eines mauriſchen Knaben erſcheinen und ohne Erklärung ihnen voran die Hafentreppe hinabſpringen. 5 7 Wer könnte die gewaltigſten und tiefſten Empfin⸗ dungen in Worte überſetzen, deren Glut nur derjenige zu meſſen verſteht, dem ſie ſelbſt einmal die Bruſt hoben und das Herz bis zum Zerſpringen gegen ſeine Wände preßten! Ihr Söhne des Kriegs, ihr, die ihr in den ſpa⸗ niſchen Gebirgsſchluchten, in den ruſſiſchen Steppen, auf deutſcher und franzöſiſcher Erde, am Balkan und in Griechenlands verwüſteten Paradieſen in ähnlicher Lage geweſen, und dem Tode und fremder Gewalt euch ver⸗ fallen gefühlt, nur ihr könnet nachempfinden, was die Herzen in der tuneſiſchen Barke ſtürmiſch bewegte!— Hin ſchwamm das ſichere Boot auf der ſchweigſamen, getreuen Waſſerfläche, und ihre krauſen Wellen, als wollte der See ein deutliches Freundſchaftszeichen geben, ſchlu⸗ gen plätſchernd am Bord hinauf und öffneten nachgiebig vor dem Schnabel die Silberbahn. Die Männer mühe⸗ ten ſich Alle an den Rudern, und der kleine Fiennes ar⸗ beitete ſchweißbegoſſen und vergaß ſeine naſſe Bekleidung. Hätte der immer wachſende Brand in dem Uferſchloſſe ſie nicht an die Macht des grauſamen Feindes erinnert, welcher auch über das Waſſer hin noch nach ihnen 67 greifen konnte, ſie würden kindiſche Jubellieder angeſtimmt haben. Nur Sekina ſaß ſtill im Vordertheile, das Ge⸗ ſicht zur Stadt gewandt; doch was in ihrer Seele vor⸗ ging, was ihre getrübten Augen ſprachen, verſchleierte die Dämmerung. Jetzt erkannten ſie ſchon das Geſträuch am dunkeln Ufer, jetzt drehete der Schiffer am Steuer die Barke zur Seite, jetzt ſtieß ihre Spitze gegen den Boden, und die Chriſten warfen die Ruder fort und ſtanden mit einem Sprunge am Lande. Der kleine Fiennes kniete ſogleich im Schilfgraſe und betete laut, und richtete ſeinen Dank⸗ ſpruch an den Geiſt des frommen Königs, daß er ihnen endlich die Frevel in ſeiner Todesſtunde vergeben.— Kunv breitete ſtehend die Arme gegen den nördlichen Himmel aus, doch ſein Gefühl hatte nicht Worte; er war wieder der Freie, der Starke, war wieder ſein eigen. Da wurde ſeine Hand feſt gefaßt und der Mohrenknabe ſtand neben ihm und ein plötzliches Weh im Innern zerriß ſeine Andacht und ſeine Freude.—„Sekina,“ ſagte er mit gedämpfter Stimme,„ſo iſt die Stunde da, die uns trennen muß, uns, die ſo Manches theilten und mit einander duldeten.— Die Vorſehung bindet und ſcheidet, der ohnmächtige Menſch darf nicht murren und muß der heiligen Macht ſich unterwerfen. Schnell ſei der Riß; der raſche Schnitt iſt weniger ſchmerzlich. Danke deinem Bruder, dir ſpreche ich kein Wort des Dankes, aber wohin mich auch der Sturm des Lebens werfen mag, das edle Mädchen von Tunis wird in mei⸗ ner Seele wohnen, ſo lange als ich athme.“— Die Mohrin preßte ſich feſter an des Ritters Schul⸗ ter.„Steigt herein, Herrin,“ erklang Kais Stimme im Boot;„ſäumet nicht, denn ſchon wird es lichter am * 68 Aufgange, und wir müſſen heim ſein, ehe der erſte Pfeil der Sonne über das Waſſer ſtreift.“— „Kais,“ antwortete das Mädchen mit feſter Stimme, „greife zum Ruder und ſchwimme zurück. Grüße den tapfern Saab und ſage ihm, die Tochter des Mittags werde nie wieder die Gaſſen von Tunis betreten, werde nicht mit ihm ziehen auf dem Rücken des ſchnellen Roſſes zu der geliebten Heimath. Sprich zu ihm, er möge mit naſſem Auge und ohne Zorn der armen Sekina gedenken, die, ſo lange ſie Luft athmet, trauern wird um den kaum gefundenen und wieder verlorenen Bruder, welche jedoch der Stimme des großen Geiſtes folgen muß, der kein Sterblicher Widerſtand zu leiſten vermag, und welche ſie — hinwegruft.“— „Mädchen,“ rief Ritter Kuno im höchſten Erſtaunen, „welch ein Wahnwitz ergreift deine Sinne! Du könnteſt von dir ſtoßen den geliebten Bruder? Du könnteſt die Pracht des Königsſchloſſes, den Rang der Frauen des Maurenfürſten, die ſchwelgeriſchen Genüſſe, welche dir der mächtige Omar beut, leichtſinnig von dir werfen? Allen Anſprüchen auf Ehre, auf Erdenfreude könnteſt du entſagen, und eine Heimathloſe, eine Verachtete ſein wollen unter fremdem Volke, deſſen freventlichen Stachel du zur Genüge gefühlt? Bedenke dich, verirrtes Kind, und zerſtöre den Wahn, der dich betrügt.“— „Verſtoße mich nicht, o Herr!“ bat die Mohrin mit Inbrunſt, indem ſie die Hände demüthig kreuzte über der hochſchwellenden Bruſt und ihre naſſen Augen zu ihm aufſchlug.„Wären die blutigen Ereigniſſe der letzten Nacht auch nicht gekommen, dennoch würde Sekina nicht mehr die ſchwere Luft der Königsſtadt einathmen, würde nicht mehr im Hauſe ihres Bruders zu finden ſein. Ihre „ 69 Flucht war bereitet, dieſe Knabentracht ſollte die Sucher ablenken von der Spur, die ihr Fuß zurückließ. Der Durſt und der brennende Sand der großen Wüſte, ſelbſt des erſtickenden Samums Leichentuch ſchien ihr weniger grauſenvoll als der Damaſtteppich des Königs und ſeine fürſtliche Gnade. Sekina wollte hinauspilgern in die Welt, vertrauend auf die Liebe deines Gottes, von der du ihr gelehrt, daß ſie ohne Ende ſei und unermeß⸗ lich, und auch den Wurm und die Lilie des Feldes be⸗ hüte. Nur daß du ſie ſo hart entlaſſen, daß kein Wort des Abſchieds von deinem Munde ſie geleitete in die weite Einſamkeit ihrer Flucht, das wurde der tief wun⸗ dende Dorn ihres Vorſatzes. Doch dein Bild ging neben ihr als ein treuer Geleitsmann durch Wüſte, Noth und Todesſchrecken. Das Schickſal führte die arme Flücht⸗ lingin wieder zu dir, in derſelben Stunde, wo ſeines Zornes Schale ſengende Flammen über diejenigen aus⸗ goß, welche weniger rein ſich zu einander geneigt. O Herr, darum verſtoß mich nicht!“ „Weib! Das hätteſt du gekonnt, hätteſt du gewollt?“ ſtaunte Kuno mit ſtarrem Auge ſie betrachtend. „Sekina's glücklichſte Tage waren die, wo ſie dir diente und um dich walten durfte unter dem Leinendache deines Gezeltes; es waren die Tage, wo ihr Herz keinen Wunſch hegte und kein Sehnen ſie marterte. Mein Leben iſt nur ein Leben in deiner Nähe. Du biſt die Sonne, ohne deren Licht die Blume welken würde und ſterben. Wirſt du mich verſtoßen, mich tödten, mich, der du Leben und Freiheit gabſt?— Ich bin eine Chriſtin, ich trat zu deinem Glauben über, weil du ein Chriſt wareſt, weil in meiner Seele eine helle Stimme ſprach: der Glaube der dich ſolchen Edelmuth gelehrt, müßte der 70 rechte ſein!— Darf der Chriſt die chriſtliche Schweſter laſſen unter den Bekennern der falſchen Lehre? O weiſe mich nicht von dir, laß mich deine Magd ſein, wie ich es war; Entſagung nannte der weiſe Prieſter, der mich taufte, die erſte Tugend der Chriſten; Sekina bedarf wenig, und ihr Leben wird dir weder Laſt bringen noch Sorge.“— Heftig drückte der Ritter das Mädchen an ſeine Bruſt und in ſich hinein ſprach er:„So gäbe es Liebe und Treue und Tugend dennoch unter einer weiblichen Bruſt? Briſſac, warum dörrt dein Schädel auf dem Thor von Tunis? Dieſe Stunde hätte dir Antwort gegeben ohne Rüſtzeug und Marſchall.— Ja, du bleibſt bei mir, Anna!“ rief er laut.„So lange Kuno ath⸗ met, haſt du einen treuen Schützer und Freund! Stoße ab vom Lande, Tuneſer, und erzähle deinem Herrn, was du hörteſt und ſaheſt, und grüße ihn von dem Bruder.“— Nochmals umſchlang er das Mädchen feſt wie ein ſchwergewonnenes Eigenthum, und ſie drückte ſich heiß athmend und laut weinend in ſeine Arme. Gleich einer Wunderlegende durchlief die Mähr von der Rettung zweier Kreuzesbrüder durch einen Mohren⸗ knaben das Lager der Chriſten, und bald machte die vergrößernde, lügenhafte Fama den ſchwarzen Buben zu dem Sohne eines arabiſchen Zauberers, zu dem Ab⸗ kömmling eines der heiligen drei Könige, welche einſt der Stern zur Krippe des Heilandes führte. Der kleine Beſchwörer ſollte die Ritter mit unbefeuchteten Sohlen über den Spiegel des Sees geleitet haben, und die 71 Feuersbrunſt, welche man Nachts am Rande der Stadt bemerkt, hielt man für den mitternächtigen Geiſterheerd, von welchem die Zauberthat ausgegangen, und Alles ſtrömte herzu, Fürſt und Ritter, Soldat und Knecht, die Geretteten freudig zu begrüßen, und den kleinen Magier mit Scheu von fern zu beſchauen. Ritter Kuno ſuchte zuerſt ſein Gezelt auf, er ſehnte ſich nach ſeinen Waffen und Roſſen; aber der Platz ſtand leer, ſein Knecht Konrad war auf einem ſiciliſchen Schiffe mit allen Habſeligkeiten zurück nach Europa gereist, um die Nachricht von ſeinem Tode und die kleine Erbſchaft den Verwandten zu überbringen. „Dein Freund ſteht als ein Bettler unter ſeinem Volke,“ ſagte Kuno zu ſeiner Freundin,„und du erfährſt in erſter Stunde, welch ſchlechten Tauſch du gethan. Wir werden bei dem edlen Wiſemale, dem Komthur, zu Borg gehen müſſen, damit wir doch wenigſtens in einem roſtigen Eiſenſtuck und auf einem abgetriebenen Pack⸗ pferde vor den Königen unſere Parade zu machen ver⸗ mögen.“— Schlau lächelte Sekina und zog aus ihrem Gürtd die wohlverwahrte Schmucknadel der unglücklichen Aheſchr hervor.„Trotz und Hochmuth ſind nicht immer an ihrm Platze,“ verſetzte ſie.„Aus dieſen Edelſteinen des braunen Königs wird ein fürſtlich geſchmückter Held erwachen, und der Wüthrich Omar ſoll ſelber das köſt⸗ liche Shwert bezahlen, deſſen Blitz künftig Todesfurcht wirft iber ſein zaghaftes Herz. Laß mich nur zwei Steinchn brechen aus dieſer Blume und ſie zum Ver⸗ kauf in die Wohnung der fränkiſchen Königinnen tragen. Von den Erlös wird Kuno ſich waffnen und ſchmücken können geich einem Herzoge, und was übrig bleibt reicht hin, dich mit einem kleinen Reiterheere zu umgeben, willſt du weilen auf dieſer Küſte; reicht hin, ein be⸗ manntes Schiff dir als Eigenthum zu erſtehen, willſt du Ruhe ſuchen nach ſo viel Noth im Lande deiner Väter.“— Kuno verſtand den nicht ausgeſprochenen Wunſch und die Beſorgniß der weiblichen Seele, aber zu keinem der beiden letzten Vorſchläge fühlte er ſich vorerſt bewogen. Die Könige ließen ihn zu ſich fordern, von ihm zu er⸗ forſchen, wie es ſtände in Tunis und was von ſeinen Erfahrungen ihnen von Nutzen ſein könnte, denn ein entſcheidender Hauptſturm auf die Maurenſtadt war für die nächſten Tage beſchloſſen. Der Anfang der Regen⸗ zeit drängte zu dieſem Entſchluſſe, denn nicht weniger als die tödtende Sommerhitze konnte dieſe Jahreszeit dem Kreuzesheere verderblich werden, gewann man ihm nicht zuvor ein ſicheres Obdach und feſtes Quartier, wie es die mit Vorräthen und Reichthümern überladene Siadt verſprach. Auch konnten die winterlichen Meeresſtüeme ſpäterhin eine nöthige Abfahrt gefährden. Dieſer Lor⸗ ſatz, mit welchem ihm das Vertrauen der Fürſten be⸗ kannt gemacht, beſchleunigte des deutſchen Ritters Ent⸗ ſchluß. Aheſcha's Juwel hatte ihm verſchafft, was der Cavalier bedurfte, und Abends trug einer der von ihm neu geworbenen Knechte den vollſtändigen Anzug einer europäiſchen Edelfrau in das Haus zu Karthago, wel⸗ ches König Philipp ihm ſtatt ſeines verlorenen Gzeltes angewieſen, und erbat ſich Namens ſeines Herrn dafür die Kleider des Mohrenknaben. Mit Beklemmunz legte Sekina die fremde Tracht an, um dem geliebten Herrn zu gehorſamen, doch zögerte ſie durch eine innere räth⸗ ſelhafte Angſt gebunden ſo ſehr bei dem Geſchäſt, daß ſie es kaum vollendet hatte, als der Ritter ſchon bei ihr 73 eintrat, in deſſen Begleitung ſie den Tempelherrn und den Riter von Fiennes mit Verwunderung erkannte. Kuno führte ſie hinaus in die Nacht, und ſie fragte nicht. Man trat ein in die Moſchee, welche Frankreichs König zu ſeinem Bethauſe hatte einrichten laſſen, und ſie fragte nicht. Am Hochaltare brannten die heiligen Ker⸗ zen, die Chorknaben knieten auf den Stufen und ſchwan⸗ gen Rauchbecken, im vollen Ornat ſtand der Kaplan des Königs Ludwig, der greiſe Prieſter Pierre de Condè vor dem Heiligthume, und ſie fragte nicht, und gedachte nur jenes Augenblicks, wo ſie einſt vor dem ehrwürdi⸗ gen Cardinallegaten geſtanden und ihr chriſtliches Glau⸗ bensbekenntniß beſchworen, und war in dem Wahne, ſie würde zu einem Dankfeſt geführt, welches nach dem Gebrauche ihrer Religion die Ritter für ihre Rettung zu begehen verpflichtet. Als aber der Kaplan nicht ohne einen Blick des Erſtaunens fragte:„Junker Kuno von Gruben, dieſe wollet Ihr haben zu Eurem chriſtlichen Ehegemahl?“— da zuckte es durch ihre Glieder wie Blitzesſchlag, und mit weit geöffneten Augen ſtarrte ſie den Ritter an, der ſchon ſein Knie auf das Polſter ihr zur Linken gebogen. Kuno antwortete ernſt:„Bindet, hochwürdiger Herr, mit dem ewigen Bande des Sakra⸗ mentes, was Gott längſt verbunden. Die hier gegen⸗ wärtige Braut, Fräulein Anna von Sudan, iſt eine ſo gute Chriſtin wie Ihr und ich, und ihre Seele iſt ſo weiß, wie irgend eine in der ganzen Chriſtenheit.“— Ein tiefer, hörbarer Athemzug quoll aus des Mädchens Bruſt, ſie lehnte ſich knieend an den entſchloſſenen Freund, ihre Augenlieder ſenkten ſich plötzlich zu während der Ceremonie, doch zeugten die Perlen, die über die dun⸗ keln Wangen rollten, als der Prieſter ihre und des — SSle enege———— 74 Ritters Hand mit der heiligen Schnur umwand, von der gewaltigen Bewegung ihres Gemüths, und als der heilige Act vollendet und die Zeugen herantraten, warf ſie ſich an des Gatten Herz und ſchluchzte:„Freund, was haſt du gethan? Hielteſt du denn das Kind des Mittags ſolcher Ehre und ſolches Glückes werth? Und wird nimmer der Giftpfeil der Reue dein Herz treffen und Sekina's Herz zugleich, und beide tödten langſam und ſchmerzlich?“— Kuno ſprach nur ihren Namen, aber mit einem Tone, der alle ihre Sorgniß verſcheuchte; der kleine Ritter Guillaume aber ſagte in Fröhlichkeit:„Du haſt klug und recht gethan, Kamerad! Bei der Sancta Genoveva, ich werde noch manchen braven Gaul zu Schanden jagen, ehe ich ein chriſtlich Fräulein finde, das für mich ſolche Liebesproben beſteht; und da ich dein edles Gemahl nicht auch heirathen kann, ſo werde ich, ihr zu Ehre und Preis, von heute an ihre Farben in meiner Feldbinde tragen, ſchwarz und roth, denn ihre ſchönen Lippen riefen uns ja das Himmelswort Freiheit, und mein Wappen ſei fortan ein Segelkahn und zeige zwei Mohrenknäbchen als Schildhalter.“—— Indeß alſo zwei verwandte Herzen, deren Wiegen ſo fern von einander geſtanden, ſtill aber glücklich das ſchönſte Feſt begingen, das Menſchen feiern können, traf man außen die Vorkehrungen zu einem Tage der Ver⸗ nichtung und des Völkermordes. Mit Beben hörte die wie im Traume einer himmliſchen Seligkeit ſchlummernde Sekina die Töne der Kriegshörner, aber was ihr der —— ————— 75 Himmel geſchenkt, war ſo unbegreiflich, ſo überſchwäng⸗ lich, daß ihr dieſer Schatten dazu gehörig erſchien, und in Ergebung murrte ſie nicht. Doch die Anſtalten zu Schlacht und Sturm wurden auf eine nimmer erwar⸗ tete Art unterbrochen. Mit dem erſten Grauen des trüben Tages öffneten ſich die Thore von Tunis, nicht um eine gerüſtete Todescohorte auszulaſſen; nein, weiße Fahnen wehten einem Friedenszuge voran, und Palm⸗ zweige trugen die Hände der Geſandten, welche Omar zu den chriſtlichen Königen ſchickte. Mit höchſtem Er⸗ ſtaunen hörten die Könige die Vorſchläge, welche der unbeugſame Maurenfürſt ihnen antrug, und deren Er⸗ füllung er durch den feierlichſten Schwur zu beſiegeln verſprach. Alle Chriſten, die im Maurenlande ſich ge⸗ fangen befanden, ſollten frei werden; alle Chriſten, die in Omars Reich verbleiben wollten, ſollten geſchützt ſein für Leben und Güter; der chriſtliche Gottesdienſt und die chriſtlichen Prieſter ſollten unmittelbar unter dem Schirm des Königs von Tunis ſtehen für ewige Zeiten; geöffnet ſollte werden der Hafen von Tunis dem Han⸗ del der Franken, und der Zoll auf die Waaren des Abendlandes ſollte herabgeſetzt werden; Omar wollte die Koſten des Krieges zahlen an Philipp von Frank⸗ reich, und zwar die Hälfte derſelben ſogleich, und der Stolze machte ſich außerdem ſogar verbindlich, fünf⸗ zehn Jahre hindurch einen jährlichen Tribut von zwan⸗ zigtauſend Goldſtücken dem Könige von Sicilien zu ent⸗ richten.— Selbſt das ſeltenſte Schlachtenglück hätte kaum einen vortheilhaftern Friedensſchluß herbeizuführen, kaum die⸗ ſen Kreuzzug glorreicher zu enden vermocht, und die Fürſten des Heeres zögerten darum nicht, eilig nach der 76 Palme zu greifen, obgleich ihnen räthſelhaft blieb, auf welchem Grunde ſie ſo raſch und üppig erwachſen. Philipp ſehnte ſich zurück nach Frankreich, um ſeine neue Krone zu empfangen, und der ehrgeizige Karl von Anjou, zufrieden mit dem neugefüllten Schatze, gab willig einen ungewiſſen Waffenruhm auf für den neuen, ſchnell gekeimten Plan, den größten Theil des Kreuz⸗ heeres für ſich zu gewinnen und mit ihm einen aben⸗ teuerlichen Zug nach Conſtantinopolis zu thun und nach der Kaiſerkrone des Michael Paleologus zu greifen. Nur ein einziger Kreuzritter im Lager vor Tunis wußte um die Urſache dieſes ſonderbaren, plötzlichen Friedens⸗ ſchluſſes. Ein Begleiter der Geſandten ſuchte ihn auf und überlieferte ihm ein Pergament. Saab ſchrieb an Sekina in den Ziffern ihrer Heimath:„Friede ſei mit der Schweſter Saab's! Meine Seele haßt das fremde Volk, welches raubſüchtig ſeinen eiſernen Fuß auf eine Erde ſetzte, die ihm nicht eigen iſt, und den Frieden derjenigen zertritt, die niemalen zu ihm kamen, ſeine Häuſer zu zerbrechen und ſeine Ernten zu verſengen. Saab's Seele haßt die Chriſten; aber den helllockigten Freund Sekina's liebt Saab. Der weiße Geiſt gab dir ein, daß du dich aufmachteſt aus der Stadt, wo der Mord raſet und die Flamme frißt. Der mächtige Omar zittert um ſeiner Krone willen, denn die Freunde Mulay Moſtanca's ſind gegen ihn in Waffen, und ihrer ſind wie Sand der Küſte und wie Blätter des Waldes. Möge der weiße Krieger die Tochter des Mittags gut halten und weich betten, dann wird ihn Saab's Hand mild begrüßen, wenn ihre Wege ſich wieder begegnen auf der großen Reiſe durch die Thäler und Berge des Lebens.“— 77 Der Friede ward raſch geſchloſſen und beſchworen, und die beiden Flotten wurden aufs eiligſte zur Abfahrt ausgerüſtet. Da erſchienen Segel in Nordweſt; Eng⸗ lands Farben wehten von den Maſten; die Flotte Königs Heinrich des Dritten näherte ſich, und Eduard, der kampf⸗ luſtige Königsſohn, begrüßte die befreundeten Herrſcher, denen er friſche, wohlgerüſtete Kriegsmacht zur Hülfe brachte. Unwillig hörte er von dem getroffenen Ver⸗ gleiche und der aufgehobenen Fehde, und ſetzte ſogleich ſeine Fahrt fort, um in Saint⸗Jean d'Aere zu landen, und durch Mitwirkung im Kampfe auf Paläſtina's hei⸗ liger Erde ſein Gelübde dem rothen Kreuze zu erfül⸗ len.— Die Flotten Frankreichs und Siciliens verließen am 17. November 1270 die Küſten der Barbarei, und der Hafen von Trapani auf Sicilien ward zum Vereini⸗ gungs⸗ und Landungsplatze der zahlloſen Fahrzeuge be⸗ ſtimmt. Einen gar betrübten Anblick gewährte das große Leichenſchiff, welches inmitten der franzöſiſchen Segler ſchwamm, und deſſen ſchwarzfarbige Segel und Trauerftaggen den ungeheuern und gar ſtattlichen Kriegs⸗ zug beſchatteten. Die Reſte des frommen Königs Lud⸗ wig, ſeines Sohnes, des jungen Prinzen von Nevers, die Leichen des Cardinals, des Grafen von Eu, des jeruſalemitiſchen Königsſohnes, des Miniſters von Nemour und vieler anderer Vornehmen und Edeln ließ König Philipp über das Meer führen, um in chriſtlicher Erde ihnen eine würdige Ruheſtatt zu geben. Mit noch größe⸗ rer Wehmuth würde der junge Regent dieſe Opfer einer irre geleiteten Religioſität betrachtet haben, hätte er ahnen können, daß er vor ſeinem Einzuge in Paris auch noch die Leiche ſeiner Gemahlin, der ſchönen Iſabelle, 78 welche durch einen Sturz mit dem Pferde umkam, würde zu dieſer traurigen Geſellſchaft legen müſſen.— Die Schiffe der Sicilianer landeten zuerſt und unter günſtigem Winde zu Trapani; gleich nach ihnen erreich⸗ ten die Fahrzeuge, auf denen ſich die Herrſcher von Frankreich und Navarra befanden, den Hafen, und der übrige Theil der Flotte befand ſich Abends ſchon im Angeſicht des Landes. Da erhob ſich ein plötzlicher Sturm, welcher zum Orkan heranwuchs, und deſſen unwiderſtehliche Wuth aller Anſtrengung ungeachtet dicht am Ziele den größten Theil der Schiffe vernichtete. Achtzehn große Segler und eine bedeutende Anzahl klei⸗ nerer Fahrzeuge ſahen die Gelandeten mit allem, was ſich auf ihnen befand, von den Tiefen des Meeres ver⸗ ſchlungen werden. Der kleine Ritter Fiennes wollte auf dem Schiffe, auf welchem ſich die Ritter der franzöſiſchen Zunge des Tempelbundes unter dem Commando des Comthurs von Wiſemale verſammelt hatten, noch nahe vor dem Ausbruche des Unwetters den deutſchen Ritter Kuno und ſeine Mohrin in der Nähe des großen Maſtes geſehen haben, wie ſie dem Lande zuwinkten; der Sturm brach bald nachher den Maſt, und das Schiff trieb ſegel⸗ los vor dem Winde in das ungeſtüme, hochauftobende Meer hinaus.—— Es begab ſich einige vierzig Jahre ſpäter, daß Prinz Heinrich, aus dem Stamme der braunſchweigiſchen Her⸗ zoge, deſſen Vater auf dem Schloſſe Grubenhagen Hof hielt, eine Reiſe nach dem Morgenlande unternahm, um ſeine Schweſter Adelheid, die unter dem Namen Irene die Gemahlin des griechiſchen Kaiſers Andronicus geworden, 29 zu beſuchen, und um das ſchöne Griechenland und Palä⸗ ſtina und die heiligen, durch den Fuß des Heilands für ewig geweihten Stätten kennen zu lernen. Auch an der Inſel Cypern landete der junge Fürſt, durchſtreifte von Nicoſia aus die Gegenden, beſtieg den alten Götterberg Olympos und beſah ſich die Tempel⸗ ruinen der paphiſchen Göttin. Da wurde ſeine Auf⸗ merkſamkeit durch ein ſtattliches Landhaus am Fuße des Monte Croce gefeſſelt, deſſen Bauart der Landesſitte fremd war und ſich der deutſchen Weiſe näherte. Eine Menge munterer und geſunder Buben ſpielten auf dem blumenreichen Wieſenraume und ſie übten ſich im Wett⸗ laufe und im Ringen und dem Gebrauche der gräciſchen Wurfſcheibe, und gar unterſchieden ſchien die körperliche Bildung der Knaben von der der übrigen Bewohner dieſer Gegend, denn die Mehrzahl trug helles Haar bei tiefdunkeln Augen. Der Prinz ritt mit ſeinem Geleite näher, eine Erfriſchung zu begehren; aber er erſtaunte noch mehr, als er unter den Weinlauben des Vorhofes zwei kräftige Männer antraf mit denſelben Chäraeter⸗ zügen des Nordlandes, von denen der Eine ſogar licht⸗ blaue Augen bei einer tiefgebräunten Geſichtsfarbe auf⸗ ſchlug. Der älteſte der Männer arbeitete an einem Waffenſtück; der jüngere ſchlug die Saiten des Barbitos und war bemüht, einer dunkellockigten Jungfrau ein Lied zu lehren, und dieſes Lied war ein ächt deutſches Lied und wurde ſogar in der Mundart geſungen, welche man in der Heimath des Prinzen ſprach. Höchlich verwun⸗ dert hielt der horchende Prinz den Zügel an, da trat ein hochgewachſener Greis im Silberhaare und in deutſcher Tracht aus der Pforte; als er aber den Namen des fremden Herrn vernommen, verdüſterte ſich des Greiſes 80 mildes Angeſicht, er ging zurück in das Haus, ließ dem Prinzen Weizenbrod und Salz als das Zeichen der Gaſtlichkeit reichen, ihn und ſeine Hofherrn mit Wein und Früchten bewirthen, zeiste ſich aber nicht wieder vor ihren Augen. Auf des Prinzen Frage bekam er nur die ungenü⸗ gende Antwort: daß der Familienname dieſes zahlreichen, blühenden Stammes Baratron heiße, daß der Groß⸗ vater fern aus dem Abendlande und ſeine Gattin eine Königstochter aus dem Süden geweſen ſei. Eines der kleineren Mädchen geleitete die Fremden auch zu der Grabſtätte der erſt vor wenigen Jahren vom Leben ge⸗ ſchiedenen Stammmutter. Ein Tempelbruchſtück, ein bunter Marmor mit antiker Bildhauerarbeit, worin eine ſchwarze, liegende Taube hervortrat, deckte das Grab, und eine ſehr alte Myrthe beſchattete es mit ihrem knorrigen Gezweig, zwiſchen deſſen dunkelgrünem Laube eben zahlloſe Blütenperlen ſich hervordrängten. Der Prinz erquickte ſich ohne es zu wiſſen auf der Schwelle ſeines geächteten Vaſallen, und ſtand an dem Grabhügel der Mohrin von Tunis. „ — — — S = 8 — 8 v Hiſtoriſcher Roman. Blumenhagen. I. —„O Thoren, die nach anderm Glücke rennen!— Zwei Herzen, die ſich finden und erkennen, Vier Lippen aneinander feſtgeſogen, Vier Arme, die ſich wonnevoll umſtricken, Was And'res braucht's zum ſeligſten Entzücken?“— v. Zedlitz⸗ Die ſchönſte Zeit des Jahres hatte die uralte Mutter der Städte, die heilige Roma, mit dem prachtvollen Nachthimmel bedeckt, der nur in jenen paradieſiſchen Südländern die Mitternächte ſchmückt und ihren Reiz über den Glanz des Tages ſetzt, ſo daß der Menſch ſeine liebſten Vergnügungen nur unter ihrer Herrſchaft ſucht, und für ihre finſtern Stunden aufzuſparen ge⸗ wohnt iſt. Dunkelſchwarz, doch wolkenlos, hing das große Gewölbe über den Paläſten und koloſſalen Dom⸗ kuppeln; aber dieſes Schwarz war nicht undurchdring⸗ lich, ſondern ſchien ſich dem Auge, das ſtarr hinaufſah, zu öffnen, und den Blick in unergründliche Tiefen drin⸗ gen zu laſſen, bis der Aufblickende der Ewigkeit gedachte und ſchauernd vor der Unermeßlichkeit, die ſich ihm aufgethan, die Augenlieder zuſchloß. Goldener, glän⸗ zender blickten überall die ungezählten Schaaren der Sterne, als hätten ſie ſich weiter geöffnet über dem Paradieſe Europa's, und ſchöſſen in ungerechter Vor⸗ liebe leuchtender ihre Strahlen auf das heilige Land hinab. Der Junitag war nicht ſo ſchwül geweſen, daß er die Geſchöpfe erſchöpft hätte; die Nachtluft hatte nur diejenige Kühle, welche als heilende Erfriſchung der Menſchenbruſt wohlthut. Jene peſthauchende Dünſte der ſpätern Monate vergifteten noch nicht die engen Quar⸗ tiere, ſondern wie aus den Füllhörnern der Flora und Pomona verſchwenderiſch ergoſſen, ſtrömten Duftwolken von Roſenbeeten und Jasmingebüſchen und Orangewäld⸗ chen der Gärten mit dem Windzuge aus Oſten über die Stadt, und vollendeten den Wundereindruck, den eine ſolche Nacht auf die Fremdlinge aus Norden machen mußte, deren ſich gerade dazumal, als man ſchrieb 1455, eine beſondere Anzahl in der Gegend des geſegneten Roms befand.— Düſterer als die freien Plätze lag die Strada nmuova da; aber vor dem größten der mit antikem Säulen⸗ werke faſt überladenen Steinhäuſer, welche dieſe Straße auszeichneten, wurde die Einſamkeit der Gegend durch die Anſtalten zu einer nächtigen Fahrt unterbrochen. Eine Sänfte, mit reicher Vergoldung geziert, und von zwei Maulthieren getragen, deren Scharlachdecken bis zum Boden reichten, und welche die Silberſchellen an den ſchwarzen Federbüſchen auf ihrer Stirn durch das muthige Schütteln der Köpfe in der friſchen Nachtluft immerwährend erklingen ließen, hielt vor dem Portale des Palaſtes. Der Führer ſtand marſchfertig bei dem vordern Thiere, und zwei junge Fackelträger beeilten ſich zur Seite im Porticus, der eine das Fackelnpaar heller lodern zu machen, der andere die Sandalen feſter an die nackten muskelreichen Beine zu ſchnüren. Durch den offenen hohen Bogen der Pforte ſah man auf den weiten Vorplatz, deſſen Wände aus hellem polirten Marmor glänzten, und welcher volle Beleuchtung hatte, die — V— 85 mehre große Statuen ſichtbar machte, unter denen ſich geſchäftige Dienerſchaft tummelte. Der Gegenſatz dieſes lärmvollen Getreibes fand ſich auf der entgegengeſetzten Häuſerreihe der Strada nuova. Vor einem dunkeln Hauſe, halb bedeckt von einem un⸗ geheuren Pfeiler, der den Balkon trug, ſtand eine ein⸗ ſame Mannesgeſtalt feſt, aber doch von innerer Unruhe bewegt, welches bemerkbar wurde durch das oftmalige Wechſeln der Arme, die den mit veilchenblauem Sammt beſetzten Mantel hoch um Schultern und Geſicht zu hüllen bemühet waren. Ueberhaupt trug der Mann nichts an ſich, was italiſch ſchien. Der dunkle Mantel hing lang und ſchwer herab um Hüſte und Knie, und hatte Schlitzärmel; das Barett war groß und aufge⸗ pufft, und ſtatt der Straußenfeder, oder dem leichten Reiherbuſch, womit der römiſche Ritter ſich gern putzte, wehete ein weißer, künſtlich gearbeiteter und in Silber gefaßter Fittich zur Seite herab, der völlig einem Flügel des Edelfalken nachgebildet worden. Dazu ließ der Mantel bei dem öftern Wechſel ſeiner Lage einen, wenn auch leicht gearbeiteten, doch zu dieſer Jahres- und Ta⸗ geszeit im Römerlande ſelten getragenen Bruſtpanzer ſehen, und zuweilen raſſelte ſogar ein gewichtiges Schwert am Pfeiler, und der Kettengurt, in dem es hing, er⸗ klang wie ein fernes Glöckchen einer Ermitage durch die Mitternacht. Das Treiben auf dem Vorplatz des Palaſtes wurde jetzt lebendiger. Mehre Diener mit Windlichtern traten in die Pforte, bildeten eine Hecke, und durch ſie hin ſchwebte von einem ältlichen Ritters⸗ manne geführt eine Dame, nahete der Sänfte, und ſtieg durch die Thür, welche der Führer der Thiere ge⸗ öffnet, hinein. Mehre junge hochgeſchmückte Junker folgten ihr, und ſchienen an der Sänfte zu verweilen, um ihre Befehle zu vernehmen. In dieſem Augenblicke ereignete ſich auf der andern finſtern Seite der Straße etwas ganz Beſonderes, was dem unberufenen Schauer höchſt räthſelhaft erſcheinen mußte. Die dunkle fremdländiſche Geſtalt an dem Pfei⸗ ler nämlich ſchritt plötzlich mit Heftigkeit aus ihrem Verſteck hervor. Mantel und Schwert waren vorſichtig erhoben und gegen den Leib gepreßt. So trat ſie bis dicht an die Sänfte, und ſiehe! aus dem Fenſter der⸗ ſelben kam ein Arm hervor, und eine zarte Hand, mit dem feinen ſchimmernden Handſchuh bedeckt, auf dem mehre Edelſteine blitzten, ſtreckte ſich aus, und der fremdländiſche Nachtwandler ergriff mit Haſt die Damen⸗ hand, drückte mit heißer Begier ſeine Lippen darauf, und alſobald ſprang er wieder zurück über die Straße hin und eilte mit faſt ungeheuern Geſpenſterſchritten fort an der andern Häuſerreihe, deren Schatten ihn verdeckte, und verſchwand an dem nahen Springbrun⸗ nen.— Seine Eile ſchien in dieſem Augenblicke unnöthig, denn der ältere Römer gebot indeß den Fackelträgern vorzuleuchten, und ſetzte ſich in Marſch; der Führer der Maulthiere hatte zu thun mit dem Schließen der Sänf⸗ tenthür, nahm dann den Zaum und trieb ſeine geduldi⸗ gen Träger zur Arbeit, und die drei Junker legten eitel nochmals Mantel und Kragen zurecht, drückten die leich⸗ ten Sammethütchen auf die glattgeſtrichenen Haarlocken, und ordneten ſich mit Umſtändlichkeit, von mehren Dienern umringt, einen ſtattlichen Zug hinter der Sänfte zu bilden.— Dennoch hatte der Nachtwanderer geſcheit gethan, daß er nach ſeinem heimlichen Liebesraube „— 87 ſchnell die Gegend des Raubes verlaſſen. Kaum war der Zug am Ende der Gaſſe, kaum war das Licht der Fackeln am Rande der hohen Kirche verſchwunden und von ihren majeſtätiſchen Vorſprüngen und Kapellen ver⸗ ſchlungen, ſo traten zwei Geſtalten aus dem Portale und ſchritten mit wilder Begier über die Straße zu dem Pfeiler des gegenüberliegenden Hauſes. Der Erſte, deſſen unbekleidete Arme an die Stärke des Stiers er⸗ innerten, durchgriff mit dieſen den langen Pfeilergang, und ließ keinen Winkel undurchſucht. Der Andere, höher, aber ſchmaler geſtaltet, ſtand indeß ſprungfertig auf der Mitte der Straße, bereit, gleich einem geübten Wind⸗ hunde, das vom Jäger aufgejagte Wild zu faſſen oder auf der Flucht zu verfolgen. „Bei dem heiligen Lazaro! er iſt fort, und wir waren langſame Marmotten,“ ſprach ingrimmig Jener, indem er von der fruchtloſen Forſchung zurückkam. „Sicher iſt's ein Spion geweſen von einer Banditen⸗ rotte, denn ich ſah zu deutlich vom Dache dort, wie er ſich bei jedem Aufflackern der Fackel, gleich der Wildkatz vor dem Sonnenblinkeln erſchreckt, in ſeine Nacht zu⸗ rückzog, wie er dann, von dem Juwelenſchmuck der Signora angelockt, ſich bis nahe zur Sänfte heran⸗ wagte, aber ſchnell wie ein ſchüchternes Kaninchen den dunkeln Bau ſuchte. Auch ſeine Waffen blinkten deut⸗ lich genug. Höre, Tommaſo, das Ding iſt unheimlich. Treue Diener warten nicht auf des Herrn Befehl zum Dienſte; darum laß uns in die Eisbude des Vetters Nicaſio gehen, ſie liegt nicht fern vom Palazzo der Martelli, und wir ſind bei der Heimkehr der Herrſchaft zur Hand.“— Er wickelte ſich dabei feſter in ſeinen braunen Tuchlappen, der ihm als Mantel diente, zupfte ſich das rothe Netz zurecht, welches in ſeinen ſchwarzen Ringellocken hing, fühlte nach dem Dolch im Gurte, und zog alsdann ſeinen Gefährtih derſelben Richtung nach, die früherhin der Zug der Edelleute genommen.— Dieſer Zug befand ſich ſchon in der Mitte der Strada ſaera, und hier am Ziele. Ein weites Gebäude, mehr einer kleinen Burg als dem Hauſe einer Stadt ähnlich, ſchien in dieſer Nacht alles Leben aus dieſem Quartiere der Stadt an ſich gelockt zu haben. Nicht allein, daß alle Fenſter und Gallerien innen hell erleuchtet waren, und in beiden Flügeln zwei rauſchende Muſikchöre, von Flöten und Hörnern, Trompeten und Keſſelpauken zu⸗ ſammengeſetzt, ſich antworteten und ablöſeten, nein, auch außen, wo ſechs mächtige Pechkränze auf großen Pfan⸗ nen brannten, und ihr rothes unheimliches Licht bald von dickem Dampfe verſchleiert über die Straße goſſen, hatte ſich das Volk in Menge verſammelt, und Alt und Jung, Bürgersmann und Bettelgeſindel umlagerten die Thüren, um die Gäſte ankommen, oder droben vor dem Fenſter vorbeiſpazieren zu ſehen, und vier Hellebardierer mit bärtigen Geſichtern hatten Mühe, den Raum unter den Pechkränzen rein zu halten und mußten manchen Maledetto, Balordo oder Stivnaccio ungerächt aus den frechen Mäulern des Pöbelhaufens hinnehmen.— Die Sänfte nahte jetzt und hielt. Der Alte, es war der Marcheſe di Dragonite, öffnete ſelbſt das Thürchen, und alle die Dränger wichen vor dem geehrten Nobile zurück; ein lautes harmoniſches Ah! der Verwunderung und des Wohlgefallens tönte aber aus dem Menſchen⸗ ballen, als jetzt die Tochter deſſelben, die geprieſene Chiara, in den vollen Schein der Flammen trat, und wie eine Sonne, wenn plötzlich das Nebeltuch der Nacht — 89 vor ihr herabſinkt, durch ihre Schönheit das Blut der erregbaren Südländer erhitzte und ihre warmen Sinne bewegte. Und Chiaxa durfte die Huldigung annehmen, denn ſie war ſchön vor vielen ihrer Schweſtern. Der Wuchs einer Juno mit Aphrodite's Fülle geeint, Athe⸗ ne's kluges Feuerauge unter feinen Schattenbögen und der weißeſten Stirn, die charaktervollen Züge der Rö⸗ merin, jedoch ohne Schärfe und entſtellende Härten, glänzendes Haar im üppigſten Reichthume, den Fitti⸗ chen des Rabens ähnlich an Farbe und Seidenweiche, Hände fein wie die Bildwerke aus dem zartkörnigſten Alabaſter, alle dieſe Reize vereinten ſich in ihr zum Entzücken und Schmerz der Männerwelt, da jeder Blick auch den Wunſch des Beſitzes wecken mußte, und es hätte nicht des weißen Atlaskleides mit Blaupurpur verbrämt, nicht der reichen veilchenfarbigen Steine in Haar und Ohren und auf der hohen Schwanenbruſt bedurft, denn auch in dem ärmlichen Gewande der Obſthändlerin, die das Wunderbild anſtarrte, als ſei eine Göttin des Alterthums oder eine Heilige der neuern Zeit ihr erſchienen, mußte dieſe Geſtalt daſſelbe Auf⸗ ſehen wecken, und dieſelben Triumphe ohne Kampf, ja ohne Willen erringen. Chiara ſchlug leicht mit der Hand den langen Schleier vom Geſicht, einen Blick warf ſie rundum über die wie Steinbilder ſie umſtehende Menge, der Ernſt auf ihrem Geſicht wich einem zufriedenen Lächeln, und raſch ſchritt ſie dann an des Vaters Hand in das Prachthaus des Conte Martello, wo ein rauſchender Muſiktuſch und ein lärmendes Viva! ſie ſchon in der Vorhalle empfing. Auch die begleitenden Cavaliere ſchritten nach, doch weilten zwei derſelben unter dem Portale, und warfen 90 ſo ſcharfe, wie feindſelige Blicke rings in den Volksgrup⸗ pen umher, obgleich man den ſuchenden Augen anſah, daß ſie ohne Befriedigung zurückkehrten.— Haſt du es geſehen, Selva? fragte haſtig der Stattlichſte von Beiden, indem ſeine ſchwarzen Augen immer noch in der Gegend umherrollten, obgleich das Flackerlicht der Pechpfannen ſie blendete und alle Mühe vergebens machte. Bei meinem Gott! was war das? Wie kam die kalte Signora zu dieſer Bewegung? Ich fühle mein heißes Blut ſtechen durch Fingerſpitzen und Lippen und Augen, denke ich mir noch einmal dieſen ſuchenden Blick, wie er ausſtrahlte und wie er triumphi⸗ rend zurückkam.— Schon drei Tage trug der Himmel eine eigene Farbe, antwortete der Andere, deſſen zierlichen Wuchs gegen die derbe Ritterlichkeit des Erſten grell abſtach; ein heller Morgen hat oft einen trüben Abend, und Frauengeſichter ändern ſich wie die Luftbäche, ſobald das rechte Wetter kommt. Du ſollteſt das wiſſen, Tafano, du vielgereiſeter Frauendiener.— Haſt du vergeſſen, von wem wir reden? fiel un⸗ willig der Erſtere ein. Donna Chiara di Dragonite paßt nicht in Maas und Elle anderer Weiber. Wie die jungfräuliche, ſtolze, kalte Minerva ſtand ſie unter uns, und wir mußten uns Glück wünſchen, wurde uns er⸗ laubt, bei den ſtrengen Panathenäen dieſer kriegeriſchen Göttin Prieſterdienſt zu verwalten. War dieſes olympi⸗ ſche Antlitz nicht immer daſſelbe? Haſt du je, brachteſt du ihr deine Huldigung beim Frühroth oder im Monden⸗ licht, dieſe Züge anders geſehen? Als hätte Phidias dieſes Meiſterbild in Marmor von Paros gehauen, ſo ſtand ſie zwiſchen uns, und wir Alle wußten nichts von ——,— 94 Neid und Eiferſucht, denn Keiner unter uns war glück⸗ licher als ſein Nächſter, und unſer Werben um dieſe Chiara wurde zum Sprichwort unter den Römern, denn in ganz Italien hatte man das Unerhörte nicht erlebt, daß zwanzig Werber knieten vor derſelben Schön⸗ heit, und Keiner blutig lag in den Gaſſen, Keiner den Andern haßte, ſondern Alle geduldig, wie die knienden Büßer zu Loretto neben einander im Staube kauerten und vergebens auf einen Blick dieſes eisgefrornen Göt⸗ terauges hofften. Seit einer Woche hat ſich mancher Zug im Antlitz dieſer herrlichen Statue geändert; es iſt ein Leben auf dieſe glatte Stirn gekommen, das mich wild macht, wie den dalmatiſchen Stier. Ich ſtehe unter euch ihr am nächſten als Vetter und als Günſtling des Vaters; darum muß ich für uns Alle wachen, denn wir ſind in dieſer Sache ſo lange Verbündete, bis Einer durch ſein aufgehendes Glück der allgemeine Feind geworden. Gnade Gott dem Pygmalion, der dieſes Steinbild belebte, wenn Giulio Tafano ihn an⸗ ſichtig wird!— Du glaubſt alſo wirklich? ſprach ſtutzig und mit ſichtbar ängſtlicher Wallung der Signor Selva. Es iſt unmöglich; eher rückt der Veſuv zur Engelsburg.— Gift ſei mir der Falerner, den ich heute trinken werde! ſchwur Tafano mit hochrothem Antlitz, indem er mit beiden Händen den feinen Scharlachmantel heftig über die Bruſt zuſammenzog; wenn nicht ein Männer⸗ kopf ſchuld war an dieſer ſeltſamen Pantomime unſerer Königin, und wären dieſe ſchmutzigen Hunde nicht ſo unverſchämt in ihrem Andrängen, mein Schlachtauge ſollte ihn längſt herausgefunden haben in ſeinem jäm⸗ merlichen Verſteck. Aber bei dem heiligen Kreuz, ich 92 finde ihn; er iſt Keiner von den Unſern, ſonſt ſtände er im Licht mit uns; vielleicht ein ſo ſchmachtendes Milch⸗ geſicht, die Laute im Arm, mit einer Mädchenſtimme und frommgn Augen; unſere Römerinnen lieben ſolche ſeltene Goldfiſche. O komme meine Fauſt nur ſeiner Scheitel nahe, ſo ſoll kein Mondlicht mehr ſeine Seufzer beleuchten.— Meine Verehrten, kreiſchte eine heiſere Stimme zwiſchen ihnen hinein; habt ihr den Starrkrampf be⸗ kommen in der Nachtkühle, daß ihr alle Pflichten ver⸗ geßt? Die Signora wartet an der Saalthür und kann nicht eintreten ohne das gewohnte Gefolge, und ihr plappert hier und beſchaut den Pöbel. Oder präparirt ihr euch auf das geheime Geſchäft der heutigen Mitter⸗ nacht? Ich meine, dazu wäre beſſer Platz in den Kabi⸗ nettchen der Martelli's, als hier, wo deutſche Bären⸗ ohren mit in dem Volksgedräng horchen dürften.— Freund Gobba trifft immer den Venuswurf, lachte Tafano laut auf. Dafür iſt er aber auch ein halber Gelehrter und ein halber Prieſter, hat zwei Cardinäle zu Vormündern, und würde nach der dreifachen Krone ringen dürfen, wäre nicht durch der Amme Verſehen ſeine rechte Schulter etwas hügelichter geworden als die linke. Ja, Freund, wir riefen den deutſchen Auerochſen eben ein berduto in die Nacht hinaus; holet es wieder, wenn Ihr fürchtet, ſie möchten aufbrechen gegen uns aus ihrem Lager.— Lachend nahm er ſo den Selva am Arm und ſchritt eilig in den Palaſt, indeß der ſchwarzgekleidete kleine Gobba den verbildeten Rücken im Unwillen noch mehr krümmte, und mit Kopfſchütteln und einer frommen Mit⸗ leidsmiene nachtrippelte, welche auf Geduld und ihre 93 Gewohnheitslaſten hindeutete, die jedoch auch einen Anflug von dem Bewußtſein hatte, er fühle ſich geiſtig dieſen kräftigen Rittern gewachſen, wenn ſie auch hochmüthig ſeiner Gebrechlichkeit hohnlachten, wie der Löwe der Maus, ehe er im Netze ſaß.— Doch hatte kein Irrthum die Italiener befangen, und ihre Aeußerungen waren Be⸗ weiſe ihres Scharfſinns und Scharfblickes, charakteriſtiſche Naturgaben dieſer Nation, vorzüglich dann, wenn Eiferſucht und Liebe dieſe Vorzüge zur Thätigkeit rufen. Derſelbe junge Nachtwandler, der vorhin den Handkuß ſo flüchtig zu entwenden wußte, hatte ſich auch hier wieder einge⸗ funden. Hinter zwei neugierigen Obſtweibern ſtand er, und hatte, um weniger bemerkt zu ſein, das Barret mit dem ſcheinenden Falkenfittich vom Haupte genommen und unter dem ſchwarzblauen Mantel verborgen. Die römi⸗ ſchen Frauen fühlten ſich gedrängt und beunruhigt durch den neuen Hinternachbar, dem die innere Bewegung des Blutes keine ſtatuengleiche, regungsloſe Haltung zuließ. Mit böſen Geſichtern dreheten ſich die Weiber rückwärts und öffneten ſchon den Mund, um einen heißen Lavaſtrom gewohnter Zornworte auf den Ruheſtörer auszugießen; als ſie aber ſtatt des erwarteten gelben Geſichts eines Löhners, Hirten oder Wappners, in ein edles, feinfarbi⸗ ges Antlitz ſchauten, das, von lichtbraunen, langgelockten, glänzenden, ſchlichtgeſcheitelten Haaren umhangen, vom hellfarbigen kleinen Bart geziert, über welchen Jugend⸗ roſen, durch tiefe Empfindung höher gefärbt, in erſter Maienglut ſchimmerten, auf jedes Weiberherz, wie viel⸗ mehr auf ein Herz mit ſüdlichem Blute gefüllt, einen angenehmen Eindruck machen mußte, als die großen blauen Augen, für die Römerin eine Seltenheit, bit⸗ tend und fordernd zugleich ihren ſchwarzen Feuerſternen —— — begegneten, da ſtießen ſie ein: Cristo benedetto! hervor, und ſetzten leiſer: Oh che nel soggetto! hinzu, den Druck des jungen Drängers jetzt ohne Widerwillen er⸗ tragend.— Der junge Mann hatte ſeinen Zweck erreicht. Chiara's Flammenblick glühete eine kurze, aber heilige Sekunde auf ſeinem Geſichte; er ſog ihre Schönheit ein in ſeine Seele mit einer Anſtrengung des Auges, die in Blen⸗ dung überging. So wie ſich die Sonne aber von ihm wandte, tauchte er klüglich nieder zur Seite hinter den Rücken eines ungeheuern Kerls, der wie der rhodiſche Hafenkvloß geſpreizt im erſten Glied der Volksmaſſe ſtand, und, ſich nach hinten wiegend, die trefflichſte Barriere bildete, um die anlangenden Herrſchaften vor Befleckung und Gedränge der Schmutzmenſchen aus den kleinen Quartieren zu ſchützen. So blieb der Mann mit dem Falkenfittich beſchattet, als die römiſchen Junker nach ihm ausſahen, und leiſe ſich aus dem Bereich der rothen Flackerſtrahlen der Pechpfannen ſtehlend, war er bald ganz dem Gedräng und der Gegend fern, und lehnte am Piedeſtal des Veſpaſianiſchen Koloſſes, den ſchweren Mantel lüftend, und Hals und Wangen dem friſchen Luftzug darbietend, der zwiſchen den Hügeln der Stadt aus Morgen herfuhr. Wie von der Südluft entzündet und beängſtet, warf er dann mit Haſt Barret und Hand⸗ ſchuh zur Erde, ſetzte ſich in Erſchöpfung auf einen der großen Schutzſteine des alten Denkmals, und drückte die heißen Hände und die brennende Stirn gegen den kalten Porphyr.— Iſt es denn möglich? rief er in die einſame Nacht hinein, ſein ſchönes ſchwärmeriſchglühendes Auge auf das Sternbild der Krone gerichtet, das beſonders glänzend am ——— Sceche 95 Himmel vor ihm ſtand. Heribert, würdeſt du es glauben, hätteſt du es nicht ſelbſt ſchauen müſſen mit dem ſchaurigen Entſetzen des Miſſethäters, vor dem das weiße Stäbchen des Schöffen zerbrochen auf den rothen Sand fällt? Chiara, dieſes Weib ohne Gleichen, eine Heiligengeſtalt im Kreiſe der Menſchen, vor deren kaltem Ernſt jeder irdiſche Ge⸗ danke in den Staub ſinkt, verzagend, reuig, zitternd und anbetend; Chiara, im einſamen Laubdach der Orangen⸗ von erſter, einziger Liebe erglüht, eine Salamanderin, deren Sonnenglut in ungekannte, ungeahndete Himmel verſetzt, Chiara, meine Chiara eine Lügnerin!— Wie ſprach der ſanftgeſchwollene Mund noch geſtern:„du wirſt meine Welt ſein von jetzt an, denn du haſt mich zuerſt gelehrt, daß die Welt ſchön iſt. Ich bin dein Weib; ohne dich eine Wittwe für immer. Chiara hat keine Freude mehr, als dir gegenüber, Chiara kein Feſt mehr, als in der Einſamkeit mit deiner Liebe oder dir ſelbſt!“ — Sprach nicht alſo dieſer Mund, und leuchtete nicht das Auge dabei, wie der Arcturus meiner Heimath, und drückten nicht die weichen Finger dabei dieſe ſchwieligte Schwerthand, daß der Druck heiß heraufzuckte bis in das Herz hinein?— Und heut, da ich heranfliege, Verbot und Gefahr nicht achte, Leben und Ehre wage um ſie, da muß ich ſie hinziehen ſehen, umringt, geleitet von dieſen verhaßten Schwarzköpfen, hinziehen ſehen zu einem nächtlichen Feſte, wo der feurige Wein, der üppige Tanz Siciliens das Blut erhitzt und die Sinne verlocket, wo dieſe Fante ihr nahe ſein dürfen, ſie berühren dürfen in dreiſter Entweihung, wo ſie vielleicht, vom ſüdlichen, bilderreichen, poetiſchen Schmeichelworte umgaukelt, ſpot⸗ tend der offenen, ſchlichten Seelenſprache des ſchwäbiſchen Jünglings gedenkt. Und ich dulde das, ſtürze nicht 96 zwiſchen den feigen Haufen, reiße mein Eigenthum her⸗ aus, oder verblute in der Vertheidigung meines Rechts zu den Füßen der Wortbrüchigen, ſtörend ihre Freude und endend dieſe Qual?— Er faßte den Schwertgriff und riß den breiten Stahl halb aus der Scheide. Aber eben ſo ſchnell ließ er auch wieder die Waffe fahren, und ſein unbedecktes Haupt bog ſich zum Boden, und ſank in die offene Hand, deren Arm ſich auf das Knie geſtützt. Ungenügſamer, was forderſt du? Gottloſer, wie haſt du geläſtert? flüſterte er ſcheu in ſich hinein. Iſt denn das Glück, das wie vom Himmel auf dich herab⸗ ſank, wirklich ſo ungeheuer, daß es deine Sinne verwirrt und deinen Verſtand zerſtiebt hat? Dieſes Weſen, das wie eine unantaſtbare Königin unter ſchauernden Sklaven daſteht, wie eine verklärte Himmelsbürgerin, die einem rohen Hirtenvolke das Heiligſte verkündigend niederſtieg, dieſes Weſen hat das Engelgewand fallen laſſen vor dir, hat ſich verkörpert, um dir zu ſagen: Ich liebe dich und bringe dir Glück!— Was willſt du denn mehr noch, Unerſättlicher? Und warum läſterſt du ihre Tugend, ihr Wort, ihren Schwur? War es nicht der lautere Ton der ſtolzen Unſchuld, mit dem ſie ſprach: du biſt meine erſte Liebe, du wirſt meine letzte Liebe werden; nie hat ein Mann ein Liebeszeichen von Chiara's Hand empfangen, den Segenskuß der Mutter haſt du in den Kuß der Liebe auf Chiaras Lippen verwandelt! Plau⸗ derte ſie nicht ſo, die Hohe, Herrliche, gleich dem tän⸗ delnden Kinde, das mit dem kleinen Gefährten Braut⸗ ſtand ſpielt? Und warum zweifelſt du denn und tobſt? Sie ſelbſt wird dir ſagen, warum ſie alſo that, und ihr Wort wird dich beſchämen. Und kam nicht ihre Hand — r aus der Sänfte dir entgegen, ſobald ihr Auge dich im Dunkel gefunden? Gab ihr Auge dir nicht an der Pforte noch den Schwur: Mag ich ſein wo ich will, meine Seele iſt bei dir!—?— So jubele, und zage nicht, junges Blut! Trink dich ſatt aus dem Becher, den das Schickſal dir bot, und ſtelle alles Uebrige dem alten Gotte anheim, der, wie über der Heimath grauen Burgen, auch über dieſen heidniſchen Tempeln waltet, die ſeinem Apoſtel zur heiligen Wohnung dienen mußten, als ſittlichſter Triumph des Chriſtenreichs. Konnte das geſchehen, wie vielmehr kann das Schickſal die prunkende Römerin zur ſchlichten Burgfrau des deutſchen Kämpen umwandeln! Wieder nahm er das Hingeworfene, und ſtand raſch auf und ſtellte ſich feſt, indem ſein Auge über den wei⸗ ten Platz weg in die Straße ſtarrte, von wo die rau⸗ ſchende Feſtmuſik dumpf herüber ſchallte. Sie iſt in dem Gewühl, die Herrin der Herzen, die Königin der Feier, fuhr er ſanfter fort; aber ſie gedenkt mein, ſo wahr ich eine Seligkeit glaube dort oben, wo die gol⸗ dene Sternenkrone ewig funkelt. Und begann der Vor⸗ ſchmack dieſer Seligkeit nicht ſchon jetzt? Spricht nicht aus Allem, was dieſe Tage mir brachten, eine räthſel⸗ hafte, aber heilige, beglückende Myſterie mich an? Der erſte Deutſche bin ich, der dieſe Stadt des Segens be⸗ treten durfte; nie geahnete, unglaubliche Herrlichkeit empfing mich; Roma's höchſtes Kleinod, die Wunder⸗ blume dieſes Zauberlandes wurde mein Eigenthum uner⸗ ſtritten, eine Weihnachtsgabe von der Hand des unſicht⸗ baren Wohlthäters mir gereicht. So ſei auch würdig der beſondern Gabe, Heribert; wirf weg den Neid und die Eiferſucht und jede Furcht; ſchreite ſtolz über die Blumenhagen I. 2 98 Erde und durch deine Brüder hin, welche keines Blickes von einer Chiara würdig geachtet werden; rufe dir im⸗ mer zu vom Frühroth bis zum Frühroth: Chiara iſt dein! Und du biſt ein ſimpler Schwabenmann, und ſie b dürfte wählen unter den Fürſten, vor denen deine Lanze ſich ſenkt.— In dieſen Reden ging der junge Mann über den Platz auf ein Bretterhaus zu, das mit Laubgewinden behan⸗ gen, und deſſen Eingang mit bunten Lampen geziert war. Eine Laute tönte in dem kleinen Saale von einem Improviſator geſchlagen; Männer von verſchiedenen Stän⸗ den ſaßen geſchieden und gruppirt, hier im lieben Nichts⸗ thun verſunken, horchend ohne Aufmerkſamkeit und Ver⸗ ſtehen, dort im heftigen, halbverhaltenen Geſpräch, nach Sitte ihres lebhaften Volkes die wohlklingende, volle Sprache mit den deutlichſten Geſten begleitend. Es war d die berühmte Eisbude des Nicaſiv an der Via ſacra, der Erquickungsort der Römer bei Tag und Nacht. Ritter Heribert trat hinein, und ſetzte ſich dicht am Eingange zum erſten leeren Tiſchchen, forderte von dem ſogleich neben ihm ſtehenden kerzendürren Herrn der Bude beſten Wein und Eiswaſſer, und verſank dann in jene Träu⸗ merei, welche die ſtille Begleiterin der erſten Liebe iſt, welche welkende Blüten hegt und wieder belebt, und * ſterbende Erinnerungen mit dem Frühlingsathem der Hoffnung auferweckt. Vom guten Tranke erquickt ſank ſeine Stirn in die linke Hand, und er vergaß baldigſt wo er ſei, und es war ihm, als ſtände er drüben im Palaſte der Martelli, mit den Augen der Ehrfurcht und 1 Liebe ſeine Chiara bewachend, und mit dem Gefühl des . höchſten Triumphs ihre Reize muſternd, von denen er ſich Herr nennen durfte.— — —— — 89 Zu Anfang blieb der junge Fremdling unbemerkt. Der Gegenſtand, um welchen ſich das Hauptgeſpräch der Verſammelten drehete, feſſelte die Theilnahme ſo ſehr, daß von dem Tiſche, wo Kaufherren und Stadtbeamte ihre Erfriſchungen ſchlürften, bis zu den Winkeln, wo die Thürſteher und Leibdiener der Cardinäle und Nobilen horchten, jedes Ohr dahin gerichtet wurde, wo ein kühner Sprecher dieſe Tagesbotſchaft lauter abhandelte. Man lebte nämlich in dem merkwürdigen Jahre 1155, und Friedrich der Erſte, genannt der Rothbart, Herzog von Schwaben und der zweite Hohenſtaufen, dem man die deutſche Königskrone aufgeſetzt, befand ſich ſchon neun Monate mit ſeinem Heere in den italiſchen Marken, hatte, zur Befeſtigung ſeiner Macht in Italien, Mailand, Chiari, Aſta und Tortona gezüchtigt, ſich zu Pavia mit der lombardiſchen Krone geſchmückt, und näherte ſich jetzt auf ſeinem mühſeligen und langwierigen Römerzuge von Bologna her der heiligen Stadt, um hier den Haupt⸗ zweck deſſelben zu erreichen, die Salbung und Krönung der Kaiſer aus den Händen des heiligen Vaters zu em⸗ pfangen, welche ſein Vorgänger hatte entbehren müſſen. Aber auch noch in der Nähe des Zieles ſollte dieſer aus⸗ gezeichnete Fürſt jene Hinderniſſe nicht vermiſſen, die dem Manne von Geiſt und Kraft nicht unwillkommen ſind, da ſie ihm das Errungene werth machen, und ihm Gelegenheit geben, alle Blüten ſeiner Vorzüge zu ent⸗ wickeln. Und gerade für Friedrich Barbaroſſa, der durch Stolz und Herrſchſucht ſeine Tapferkeit, ſeine Entſchloſ⸗ ſenheit, mochte die Sonne ihm leuchten oder Nacht den Lebenshimmel dunkeln, ſeine hohe Geiſtesbildung und die Weihe eines freigebigen Herzens beſchattete, gerade für ihn waren ſolche Wälle und Schranken im Wege erfreu⸗ 100 lich, weil ſie ihm erlaubten, nach dem Gewinn und der Beſiegung höher aufzutreten, und ohne Scheu und Ver⸗ ſchleierung auszuſprechen, was ſein heftiges und zorn⸗ glühendes Gemüth befahl. Adrian der Vierte trug da⸗ mals die dreifache Krone und den Fiſcherring Petri, ein Engländer, der Sohn eines Ackermannes, und darum ungeübt in dem italiſchen Ränkeſpiel, aber ſo derb und kräftig in ſeinen Handlungen wie rechtſchaffen in ſeiner Denkart. Doch ſolche ſtrenge Grundſätze, ſolch unbeug⸗ ſamer Charakter ſagte den hochmüthigen Römern nicht zu; verwöhnt durch Adrians Vorgänger wollten ſie ſeiner Sittenverbeſſerung, ſeinem feſten Regimente mit Trotz begegnen; ein förmlicher Aufſtand, die Ermordung eines Cardinals, gaben dem Pabſte ein vollgültiges Recht zu höchſter Strenge: er ſprach den Bann über die Römer aus, zog fort aus Roma's Mauern, und reſidirte zu Nepi.— Männer wie Friedrich und Adrian, beide feſten Charakters und auf ihre Gerechtſame beſtehend mit eiſer⸗ nem Sinne, aber auch beide, der Erſtere wenigſtens noch dazumal, ehrend das Recht des Andern, und die Recht⸗ lichkeit für den heiligſten und herrlichſten Edelſtein der Kronen achtend, mußten bald einig und befreundet wer⸗ den, wenn auch anfangs kleine Mißverſtändniſſe und die feine Sitte des deutſchen Herrn gegenüber der Derbheit des Prieſterfürſten von brittiſcher Abkunft das gewünſchte Vertrauen nur langſam wachſen ließ. Zu Sutri ſchloſ⸗ ſen ſie ein feſtes Freundſchaftsbündniß, und in der Mitte des deutſchen Heeres—— merkwürdiges und einziges Meteor am italiſchen Himmel!— zog ein Pabſt die Straße nach Rom hinan, durch deutſche Schwerter ſich den alten Thron wieder feſtzuſtellen, durch deutſche Eiſen⸗ fäuſte die verwirrten Gehirne des römiſchen Adels wieder p W 101 zurecht zu rütteln, mit dem Willen, einem deutſchen Fürſtenhaupte die römiſche Kaiſerkrone aufzuſetzen, ohne Herr der Peterskirche zu ſein, wo allein ſolche Feier be⸗ gangen werden konnte. Aber der heilige Vater mochte einer ſolchen Leibwache wohl mehr vertrauen als den Hellebardierern ſeiner Vorgänger; führte doch der ſechs⸗ undzwanzigjährige Braunſchweiger, Herzog Heinrich, die Vorhut, welche faſt ſo ſtark und wohl gerüſtet da⸗ herzog als das ganze übrige kaiſerliche Heer; wurde vieſer Herzog Heinrich doch ſchon dem jungen Leu an Muth und Stärke verglichen, obgleich er erſt ſpäterhin ſich den Beinamen des Löwen von ſeiner Mitwelt er⸗ rang, und hatte doch König Friedrich durch die Zurück⸗ gabe des Herzogthums Baiern ſo eben ſich in dieſem kühnen Kriegsjünglinge den treueſten und dankbarſten Freund und Vaſallen gewonnen.— Nur wenige Stunden von der Hauptſtadt Italiens, oder vielmehr der Hauptſtadt des chriſtlichen Erdbodens, hatte der braunſchweigiſche Fürſt ſchon ſeit einigen Tagen ſein Lager aufgeſchlagen, und erwartete das übrige Heer, deſſen Troß und ſchwer bewegliche Bagage durch böſe Wege aufgehalten worden. Aber nicht müßig lag der Kriegserfahrene in dieſer trägen Zeit, und wenn auch die Römer keine Ahnung davon gewannen, die beſten ſeiner Ritter durchforſchten die Gegend und ſammelten manche Kunde, welche in der Zeit möglicher Gefahr nützlich werden konnte.—— Alle dieſe Tagesneuigkeiten dienten als ſchwere Zu⸗ koſt, um das ſchlaffe Eiswaſſer und die dünne Limonade Rieaſio's ſchmackhafter zu machen; waren es doch auch in der Chronik der göttlichen Stadt unerhörte Begeben⸗ heiten, und konnte doch ſelbſt der achtzigjährige Zizzania, 102 der berühmteſte aller Traumdeuter und Arkanenhändler, nichts Aehnliches in ſeinem überfüllten Gedächtniſſe fin⸗ den, und wagte ſelbſt nicht durch ſeine geheimen Künſte den Ausgang zu erforſchen, ſondern verharrte in der Mitte ſeiner horchenden Gläubigen in einem düſtern Stillſchweigen, welches, gleich einem verderbendräuenden Gewitter, die ſchweren Köpfe noch tiefer ſenkte.— Ein junger braungelber Menſch, nett gekleidet in ſchwefelgelbe feine Tracht, und das Mützchen mit einem grasgrünen Prunkbuſch ſtolz geziert, trat jetzt aus dem Innern des Hauſes und den Familienzimmern des Wir⸗ thes mitten unter die ſumſenden und murrenden Gäſte, und ſeine Erſcheinung erregte allgemeinen Aufſtand. Segretario Gazza viva! rief ein runder Oelhänd⸗ ler, der, einer im Sonnenbrand ſchwitzenden Olive gleich, bis jetzt das Hauptwort geführt. Der kommt wie ein Bote vom Himmel, der bringt den friſchen Trank direkt von der OQuelle. Heraus, Herzens⸗Gazza mit deiner Gazetta! Ich ſehe dir's im ſchwarzen Funkelaug', du haſt etwas Treffliches im Sack für uns.— Der junge Ankömmling ſah ſpöttiſch lächelnd in dem Kreiſe umher, deſſen Mittelpunkt er geworden, und immer heller klärte ſich ſein Geſicht auf, bis es wie im vollen Sonnenlicht glänzte, und ein ſchallendes Gelächter ſeines Mundes die Geſellſchaft ſtutzig zurückſcheuchte. Bei dem goldenen Hammer der Martelli! ſprach er dann launig; ihr ſeid ein rares Völkchen, für das ſich's der Mühe nicht lohnen möchte, Nachts ohne Fackel durch die holperichten Straßen zu ſteigen, und vom be⸗ ſetzten kühlen Schenktiſche des Governatore in eure dun⸗ ſtige Spelunke zu ſchlüpfen. So wahr der Veſuv kein geſchmolzenes Gold, ſondern nur ſtinkende Lavabäche — 5 — 103 ausſtrömen läßt, ſo wahr gleicht ihr Alle in dieſer Mi⸗ nute einem neugierigen Affenvolke mit ſo komiſchen Ge⸗ ſichtern, als man ſie irgend nur in einem afrikaniſchen Küſtenwäldchen finden möchte. Und ſolchen Fratzen zu gefallen ſoll die rechte Hand eures Generaloberſten, welcher wacht wenn ihr ſchnarcht, und ſchlägt wenn ihr faulbettet, euch zur klatſchenden Zunge werden, die euer Weibergemüth zum Schlummer einplaudert, und ihr hätſchelt darum und ruft Viva wie ein ungewaſchener Bub um ein Tellerchen Macaroni bettelt, und kommt der edle Gazza einmal in eure Boutiken und erzeigt euch die Ehre ſeinen Amtsdurſt bei euch löſchen zu wollen, und hofft eure Erkenntlichkeit in Lacrimä Chriſti oder wenigſtens einen andern edeln Tropfen verwandelt, ſo wird er mit Toscanerausbruch letzter Klaſſe traktirt, zu dem er den Sallat roh eſſen darf.— Und was ſoll die kurioſe Oration von eurer Geſtren⸗ gen, welche dem ſtechenden Balg eines Zaunigels ähn⸗ licher iſt als freundlichem Lammsfelle, wie man es guten Bekannten mitbringt? fragte barſch ein derber Kerl im leinenen Kittel, den ein breiter Lederriem umgürtete, in welchem ein verdächtiges Doppelpaar ſcheidenloſer Dolche verborgen war. Was es ſoll? entgegnete der Segretario ſtolz; euch ſagen, daß ihr Römer, obgleich ihr ſelbſt euch das Welt⸗ volk nennt, mit all eurem Stolz eine jammervolle Menſchenrage ſeid, aufbrauſend, als wolltet ihr eine ganze Schöpfung mit den Zähnen zerfetzen; doch läuft man mit dem Hut im Maule auf den Kettenhund zu, ſenkt er den Schweif und ſucht heulend die ſichere Hütte. Wie ihr hörtet von dem Falle der mailändiſchen Städte, da ſchwuret ihr, kein deutſcher Stiefel ſollte über die erſte 104 römiſche Hermesſäule hereinſchreiten. Jetzt, ſeitdem einige Dutzend deutſche Harniſche nicht fern von der Stadt Quartier nahmen, ſteckt ihr die Köpfe einer unter des andern Bauch wie eine Schafheerde, wenn's gewit⸗ tert. Und ſelbſt das Beſte an euch, die Liſt und Ver⸗ ſchmitztheit, geht unter in eurem Geiz und eurer Geld⸗ gier; denn als ihr heute früh eure Deputirten zum Governatore ſchicktet, Rath zu holen, und der kluge Herr euch lächelnd rieth, alle Goldketten, die auf den Buſenwämſern eurer Frauen tanzen, hinauszuſenden und die Nordbären damit zu bändigen, da ſchluget ihr ein Zetergeſchrei auf, und wolltet lieber ſterben unter euren vom deutſchen Erdbeben eingeſchlagenen Mauern.— Gazza, murrte der Mann im Kittel, indem er an den Dolch faßte, ſieh dich vor! Auch unter Freunden hat die Geduld eine Grenze, und du möchteſt den freien Römern eben ſo verdächtig werden wie dein Herr und der Governatore, der zum Schimpf des edlen Hauſes der Martelli heute, wo ganz Rom bewegt auf die näch⸗ ſten Tage ſieht, einen Feſtball gibt, als ſpotte er der gemeinſamen Unruhe, und freue ſich dieſer vermaledeieten Fremdlinge.— Maulwürfe! lachte laut der Schreiber; grabt nur in eurem Erdreich, und drückt die Augen zu, wenn die Sonne blendet. Was rufſt du dein Maledetto über Leute, die du nicht zu wägen verſtehſt, du Muſterbild der römiſchen Soldateska? Ich war heut im Lager, zu erkunden, wann die Majeſtät eintreffe. Das ſind Ehrenmänner, welche Ehrenmänner zu behandeln wiſſen. So bin ich noch an keinem Cardinalstiſche traktirt worden, und ein junger Fürſt, ein Zwilling vom Apoll und Mars verſchmolzen, ließ mir eine Fauſt voll Gold⸗ ——— 6 6 — —,— 105 ſtücke durch ſeinen Ritter reichen, ſo blank und ſchwer, wie mein Säckel ſie noch nie umſchloſſen. Und möchte dir noch einmal ein Schandwort über meinen Gebieter auf die verwegene Zunge kommen, ſo wahre deine trockene Gurgel vor dem Schnellgalgen; ich bin nicht immer ſo geduldig, dergleichen Mehlthau ohne Groll von dem Mantel zu ſtreichen. Aber damit ihr ahnet, wie ſchwach eure Verſtandeskräfte, und zu welcher Claſſe von Geſchöpfen ihr zu zählen ſeid, will ich nur noch eine Frage an euch thun. Wenn nun der kluge Gover⸗ natore dieſes Feſt gegeben, um alle Edlen und Oberſten ohne Aufſehen in ſeinem Hauſe zu verſammeln? Wenn nun, indeß die Keſſelpauken wirbeln, die Becher klingen und klappern, und die reizende Chiara di Dragonite mit ihren Schweſtern die' windbeuteligen Policinellos feſthält, im Geheimzimmer die Alten und Kräftigen das Wohl Roma's beriethen, und wie man dieſe Gewitter fruchtbar mache, ohne daß ihr Blitz zünde und verheere, wenn ſo das, worüber ihr grollt und ſpottet, die Mut⸗ ter eures Heils würde, und hinter der Arlequinosmaske ein ſinniger Arzt verſteckt geweſen, wo wolltet ihr Scham genug kaufen, um die Reue zu zeigen, welche euch Noth thäte?— Der Sprecher ſchwieg mit verächtlicher Miene und einem Blicke, welcher noch hinzu ſetzte:„Ich ſagte mehr als genug für euch!“ und auf der Ferſe ſich leicht um⸗ drehend begehrte er Eingemachtes von dem Wirth; aber am entgegengeſetzten Ende der Bude hatte ſeine Oration ernſtere Folgen gehabt als bei ſeinen nächſten Zuhö⸗ rern, die ſich jetzt verlegen angafften und bedeutend zunickten. Der deutſche Ritter im Winkel am Eingange hatte ſich wenig um das Geſchnatter der Geſellſchaft beküm⸗ mert, und ſaß da einſam und iſolirt im Getümmel wie ein Schiffbrüchiger und Verſchlagener auf nacktem Koral⸗ lenriff vom Geklatſch und Gemurr der brandenden Meereswellen umgeben. Sein Barret und ſeine Hand⸗ ſchuhe lagen neben ihm auf der Bank; ſein Mantel, über die linke Schulter gezogen, verhüllte ihn beinahe gänzlich. Des Schreibers Eintritt, der faſt mit dem ſeinen gleichzeitig kam, zog jede mögliche Aufmerkſamkeit von ihm; aber auch dieſer Act erregte ihn nicht, konnte er doch, trotz ſeiner Kenntniß der Römerſprache, die platte Redeweiſe dieſer Menſchenklaſſen und manchen fremdartigen Dialekt nicht verſtehen. Als aber der aufgeblaſene Wicht mit dem grünen Hahnſchweif Chiara's Namen nannte, zuckte es wie ein elektriſcher Schlag durch des Ritters Gebein; ſein Kopf hob ſich raſch, ſein Mantel ſank von Nacken und Schulter, und er ſtieß einen lauten Ton aus der Bruſt hervor, der dem unar⸗ tikulirten Hugh der nordamerikaniſchen Wilden glich, dem rohen Laut des Erſtaunens, Aufmerkens, der War⸗ nung und der Freude zugleich. Die fortgeſetzte Rede Gazza's erſchlaffte jedoch ſeine Anſpannung wieder, denn ſein Gemüth konnte in dieſer Nacht nur eine Theil⸗ nahme haben, und blieb todt für jeden andern Reiz des Lebens, und ſein Lockenkopf lag bald wieder feſt in der Hand, und ſeine Seele umgarnte der Traumgott aufs Neue, wie er es zuvor gethan. Aber alles das war nicht unbeachtet geblieben. Jene beiden Männer, welche ſchon bei dem Handkuß an der Sänfte feindliche Abſich⸗ ten auf den deutſchen Abenteurer geäußert, ſaßen ihm hier als die Nächſten, und ſein Aufruf zog ihre dunklen Augen nach ihm herum, und italiſche Neugierde wie 5 5 107 italiſches Mißtrauen brannten aus den tiefliegenden Leuchtkugeln zu ihm hinüber. Doch blieb bei dem einen der frechen Beſchauer, jenem Minotaur im braunen Um⸗ wurf und mit dem blutrothen Haarnetz, die Betrachtung nicht lange in den Grenzen der Ruhe und der Schick⸗ lichkeit. Der Blick, welcher anfangs ohne beſondern Ausdruck des Fremden Geſtalt gemuſtert, wurde ſtarrer, feſter, glühender, und haftete ſichtbar auf der Hand deſſelben, die mit geſpreizten Fingern dem ſchönen ritter⸗ lichen Haupte zur Stütze diente. Gierig, feindſelig wie Tigerkrallen ſtreckten ſich jetzt die gebräunten Fäuſte aus; der nervichte Hals verlängerte ſich, und mit vorgeboge⸗ nem Kopfe rückte der Italiener auf der Wandbank leiſe und langſam dem Ritter näher. Plötzlich wandte er ſich dann zurück zu ſeinem hagern Begleiter, und ein Heer von Leidenſchaften ſchien wie zuckende Blitze ſeines Ge⸗ ſichts markirte Züge zu beherrſchen und in wechſelnde Larvenformen umzubilden. Tommaſo, flüſterte er mit bezwungener Heftigkeit, biſt du blind, oder erkennſt du den Raub wie ich? Schau den Zeigefinger an, der ſich über die glatte Stirn legt, als wollte er ſich in die Haarringel verſtecken, die ſich vom Scheitel herabſchlängelt. Beim Sanct Lazaro und der unbefleckten Empfängniß! wir kennen dieſen Ring; iſt es doch kein Monat, daß ich dem Haushof⸗ meiſter das Schatzkäſtchen der Familie habe aufputzen helfen. Weil des Steinſchneiders Einfall ſo albern war, einen Löwen von einem Knaben reiten zu laſſen, fiel das Kleinod mir auf, und die glänzende Einfaſſung von Rubinen ſetzt mich außer Zweifel.— Bei den elftauſend Jungfrauen! Du ſiehſt recht, Toro, ſtotterte erſchrocken der Andere; unſer edler Herr 108 trug den Ring noch vor ſechs Monaten am Begräbniß⸗ mahle der Frau; ich hielt ja den grünen Glaspokal, gegen den er mit eben dem Steine ſo heftig ſchlug, daß ein Sprung hineinkam, und die Hälfte des Weins über des Ritters de Torre weißes Sammtkleid ſpritzte. Aber vorſichtig, Toro; der Dieb ſcheint kein gemeiner Strauch⸗ held und hat gute Waffen.— Was Vorſicht, du Schleicher! rief laut der grimme Römer; wo ich mein Eigenthum finde, da nehm' ichs.— Und aufſpringend ſchlug ſeine Fauſt auf den Tiſch, daß der Becher des deutſchen Ritters klang, und er ſelbſt unangenehm erweckt aus ſeinen Gedanken emporgerufen ward. Wie kommt der Ring meines Herrn an Euren Fin⸗ ger, Geſell? fragte der Angreifer mit Heftigkeit. Mit gutem Recht kann er nicht an Eurem Knöchelchen hän⸗ gen, denn er gehörte noch kürzlich zu den beſten Schätzen der Dragonites und lag bei ihren Kleinodien; und dieſe meine rechte Hand ſoll zu ſchwarzer Lava verbrennen, wenn ich zugebe als ein treuer Diener, daß Ihr dieſe Bude verlaßt, ehe Ihr nicht eine genügende Rechenſchaft oder das Kleinod ſelbſt zurückgegeben habt.— Der Ritter war hoch aufgefahren bei dem erſten Wort. Jetzt warf er ſeinen Mantel zurück, drückte das Barret aufs Haupt, und griff an das Schwert, jedoch ohne die Klinge bloß zu machen. Weißt du, mit wem du ſprichſt, wüthiger Menſch? fragte er mit ſtolzem Grimm und verdüſterten Blicken, und die Hand mit Haſt und ſichtlicher Beſtürzung in den Handſchuh bergend. Ich will deinen ſchwachen Augen, die dir Trug brachten, die Beleidigung nicht anrechnen, 4 ——— —— 109 welche dir ſonſt zu Tod werden müßte! ſetzte er ver⸗ ächtlich hinzu. Ein Fremder in Kriegeswaffen? Ein Tedesko mit dem Schwert?— Er hat Alles gehört, was wir be⸗ riethen! Er iſt ein Spion des Königs! ſo murmelte und ziſchte es jetzt ringsum, und Alle drängten ſich mit feindſeligen Mienen heran. Beim Hammer! rief der Segretario; es iſt der Ritter des Herzogs, der meine Hand mit Gold gefüllt. Wahret Euch, edler Herr! Ihr ſeid in einen wüthigen Bienenſtock gerathen, deſſen Honig vergiftet iſt.— Nieder mit dem Spion, mit dem Diebe! Ich allein will ihn richten! ſchrie Torv wüthig, zuckte das Stilett und ſtürzte vor. Alle waren nur zu gut mit der unge⸗ heuern Kraft dieſes Schildträgers des alten Marcheſe bekannt, wie auch mit der berüchtigten Fertigkeit deſſel⸗ ben in aller Waffenführung. Alle wurden darum vor Schrecken und Erwartung ſtumm, denn den Beſonnenern ſtanden doch ſofort die Folgen ſolcher übereilten Frevel⸗ that vor Augen. Aber Alle wurden faſt Steinbildern gleich über den Ausgang. Einen leichten feinen Klang hörte man, wie wenn die Spitze des Stiletts eben den blanken Bruſtpanzer des Angegriffenen berührt hätte. Dann ſah man, wie der Deutſche in wundergleicher Gewandtheit und Kraft zugleich mit der Rechten den Dolch gefaßt und der Hand des Römers entwandt, mit der Linken aber ihn ſelbſt an der Gurgel packte, nieder⸗ ſtürzte, ſo daß ſein Haupt dröhnend die Platte des Tiſches berührte, und jetzt einen Stoß auf ihn führte, von dem ein Jeder glauben mußte, er habe durch beide Schläfe hindurch, wie Jael der Keniterin Nagel den Siſſera, den Feind auf das eichene Brett genagelt. 110 Dann griff der Jüngling wieder ſein eigen Schwert auf, und es vor ſich hinhaltend rief er im edlen Unwillen: „Heran, ihr Ellenjunker, Federritter, Banditen und Leibeigene, welches Gelichters und von welcher Brut ihr ſein möget! Wer einen Schritt mir nachzuthun wagt, dem werde ich eine Lektion über Gaſtfreundſchaft geben, die ihm auf immer verleiden ſoll, dieſer deutſchen Tugend in ſeinem Schelmenlande geſpottet zu haben.“— Raſch zog er ſich zurück, erreichte die Thüre, dräuete gleich einem zürnenden Mars noch einmal, und verſchwand dann wie ein aufgelöstes Nebelbild im Schatten der Nacht, die draußen waltete. Mit ſeinem Verſchwinden kam in den eingeſchüchter⸗ ten Haufen wieder Leben und Lebensmuth. Tommaſo und einige ſeiner Freunde ſtürzten zuerſt auf den Tiſch zu, an welchem Toro's Haupt feſtgeheftet war, und an welchem der Starke, einem gefeſſelten Prometheus ähn⸗ lich, mit allen herkuliſchen Gliedern rang und zuckte wie in letzten Todeswindungen. Mit Erſtaunen ſahen ſie jedoch weder Blut noch Wunde; der deutſche Ritter hatte ſo geſchickt den Dolch zu führen gewußt, daß der Stahl, ohne den Kopf zu verletzen, durch die Schlingen des Netzes und durch die dicken Flechten des ſtruppigen Schwarzhaars durchgefahren war; zugleich hatte ſeine gewaltige Fauſt das Eiſen ſo tief in das Eichenbrett getrieben, daß die vereinte Kraft mehrer Römer das Stilett nicht bewegen, viel weniger ausziehen konnte. Man mußte das Kopfnetz zerſchneiden und Toro's Haar⸗ flechten auflöſen, um den ſeltſam Gefangenen frei zu machen. Die erſte Bewegung des wüthigen, ſchäumen⸗ den Menſchen beſtand in einem Griffe nach der Waffe; aber auch ſeiner Rieſenkraft wich der Dolch nicht, ſondern 44¹ die Klinge brach klirrend am Hefte; der Wilde warf das nutzloſe Gewehr zu Boden, und krallte die Finger wie der Tiger ſeine Klauen.„Hinaus! Alle hinaus!“ kreiſchte er.„Blut für den Schimpf und die Gewalt! Er kann nicht fort. Alle Thore ſind geſchloſſen. Wer ein römiſch Herz und eine Römerehre hegt, hilft den Schänder des Drachenwappens, den Dieb des Ringes fangen.“— Er ſtürzte zur Thüre; da breitete ihm der alte Ziz⸗ zania die dürren Arme entgegen, und bleich wie ein Todter, doch mit ſeltſam leuchtenden Hohlaugen, wehrte der Greis den Ausgang. Unſinnige, rief er dumpf wie aus tiefem Gewölb des Todes herauf, und doch lauter als man je ſeine Stimme ſchallen gehört, wollt ihr euren Engel opfern? Ich war im Geiſt mitten in der Sonne Gottes, und ihr rötheſter Strahl beſchien den Fremdling. Und ſiehe! er ward ein Erzengel gleich dem Michael, und flammende Locken umflatterten ſein Haupt, welches leuchtete wie eine Feuerſäule des Kraters, und ungeheure Fittiche wuchſen aus ſeinen nackten Schultern, und er führte das zweiſchneidige Schwert des Herrn, und ſchwang es in⸗ grimmig über euren Köpfen, ihr Ungläubigen.— Und da hörte ich hinter mir eine gewaltige Stimme gleich einer Poſaune, welche ſprach:„Dieſer wird die Ehre retten meiner heiligen Stadt, und wird den Schimpf von ihr nehmen, den ihre Söhne bereitet haben, und wird meine heiligen Häuſer bewahren vor dem Unter⸗ gange, und wird ſeinen eigenen Namen verherrlichen für Jahrhunderte.“— Die Menge ſtand ſtutzig und verdutzt, nur Toro wollte den Arm ausſtrecken, das Hinderniß aus dem 112 Wege zu räumen; da zackte ein glühender Blitz gleich einer Rieſenſchlange draußen durch die Nacht, ein furcht⸗ barer Wetterſchlag folgte ſogleich, der Greis ſchien wie Elias von Flammen umhüllt hinaus geriſſen, die Bude wankte und Alles ſtürzte zu Boden auf die Knie, und zitternde Gebete tönten in der Halle des Vergnügens. Der deutſche Junker hatte indeß unverweilt ſeine triumphirende Flucht fortgeſetzt, ſchnell ſich hinter dem Amphitheater des Titus verborgen, und da er keine Schritte der Verfolger hörte, den weſtlichen Sternen entgegen ſeinen Rückzug begonnen. Freilich warf er einen ſchmerzlichen Blick nach der Gegend hin, wo der hellere Schein durch die ſchauerlich finſter gewordene Nacht den Palaſt der Martells andeutete, aber ſeine Vernunft blieb Herr des Gefühls, und vorſichtig durch⸗ ſchritt er die menſchenleeren Gaſſen, obgleich mit jener Anſtrengung des auf der Gebirgsjagd geübten Ortſinns; und hätten die lohenden Blitze nicht dann und wann blendend hellen Tag gemacht, er würde kaum über die Tiberbrücke und zum Janiculus ſich hingefunden haben. An der hohen Mauer, welche den Hügel umfing, tappte er hinab, bis er zu einer Stelle kam, wo kürzlich durch ein Erdbeben ein Theil der Steinwand eingeſtürzt; die Trägheit und Nachläſſigkeit der Einwohner hatte dieſe bedeutende Lücke ihrer ſtädtiſchen Schutzwehr noch un⸗ ausgefüllt gelaſſen. Der Ritter horchte und verwunderte ſich, weil draußen ein Geſpräch zwiſchen mehren Men⸗ ſchen ſtattzuhaben ſchien; doch ohne Furcht ſchlug er drei Mal mit ſeinem Schwertknopf gegen den Bruſt⸗ harniſch, und ein ähnliches Zeichen klang ſogleich — 8 ie te ie n⸗ 113 auswendig von einem deutlichen Freudenrufe begleitet. Eili⸗ ger ſtieg er über die Trümmer der Steine hinaus, und ſtand bald neben ſeinem Pagen, der zwei gute Roſſe hielt, ſah aber verwundert noch einen Reiter an dieſem heimlichen Platze, in welchem er bei einem neuen Blitz⸗ ſtrahle ſofort den alten Knappen ſeines Waffenmeiſters und Zeltkameraden, des Eßlingers, erkannte, der, ſo wie des Ritters bekannte Stimme klang, ohne Säum⸗ niß aus dem Sattel ſprang. Wohl Euch, Herr von Dalberg, ſprach der Knappe mit Haſt, daß ihr kommt, ehe die Nacht zu Ende. Herr Georg läßt grüßen und ſchickt Euch ſeinen beſten Renner, und Ihr möchtet ſogleich aufſitzen und zum Lager kehren. Die königliche Majeſtät wird mit dem Morgen anlangen, und darum ſoll der erſte Sonnen⸗ ſtrahl alle Mannſchaft gewaffnet und aufgeſtellt treffen, und Herr Georg erinnert Euch an des heißblütigen Herzogs Gebot, nach welchem kein Ritter zur Nachtzeit das Lager verlaſſen ſoll.— Georg meint's gut, und hat dieſes Mal wohlgethan, dich ſo in das Blaue gegen Fei und Spuk zu ſenden, entgegnete der Ritter faſt launig; jedoch hätte der Zu⸗ fall nicht hämiſch und freundlich zugleich mit uns ge⸗ wirthſchaftet, bei dem Hakenkreuz meines Schildes! Du hätteſt die Sonne auf deinem blauen Buſch ſchillern ſehen können, ehe mich ein Gedanke an eines Herzogs Willen von da vertrieben haben würde, wo ich leider nicht mehr bin.— So beſtieg er gewandt das hohe Thier, und ſprengte auf dem Felde fort durch das Dunkel zur nahen Straße. Gemächlicher folgten die Diener.— Die kurze Sommer⸗ nacht ging ſchon zu Ende, ehe der Weg zum Lager des Blumenhagen. I. 8 114 braunſchweigiſchen Herzogs zurückgelegt, und ſchon ſäumte der erſte helle Streif den Horizont, als Heribert von Dalberg an den friſch aufgeworfenen Wällen leicht hin⸗ trabend die wohlbekannte Einfahrt erreichte, wo die Zelte ſeiner ſchwäbiſchen Waffenbrüder ſtanden. Noch herrſchte tiefe Stille überall; nur das Schnauben der Streitroſſe, welche in langen Reihen hinter den Ge⸗ zelten ſtanden, und die friſche, haſtig eingeſchlürfte Morgenluft wiederum ausſtießen, unterbrach den Gottes⸗ frieden, der dem nahen Sonnenaufgang voranging. Aber vor einem der erſten und anſehnlichſten Leinenhäuſer, das eine hohe dunkle Cypreſſe überbauete, ging ein ältlicher, dichtbärtiger Rittersmann auf und nieder, feſt in ſeinen feuergelben Mantel gewickelt; ſeine Augen ſchaueten finſter unter den ſchwarzen Augbrauen hervor und wie ſuchend über den niedern Wall hinaus, und wie im Un⸗ willen griff er zuweilen nach dem Silberbecher, der auf einem kleinen Feldtiſche vor dem Zelte ſtand, und that einen tüchtigen Zug daraus. Der Reiſige, der müd am Walleinſchnitt auf ſeiner Lanze lehnte, rief den Ritter Heribert an; halblaut gab dieſer das Feldgeſchrei: Scharf Welfenſchwert! und trabte hin, wo ihm mit erheitertem Geſicht ſein Zelt⸗ genoß, Georg von Eßlingen, entgegen ſchritt. Dank meinem Schutzpatron! rief der bärtige Mann. Läge ein Lindwurm im Blute vor meinen Füßen, würde meine Freude nicht größer ſein, als da ich dir ins Ge⸗ ſicht ſehe, du leichtfertiger Partiſan. Laß nur den heißen Hans ſpringen, er findet ſchon ſeinen Platz an der Zeltlinie, und komm, ſetz' dich nieder hier auf den Feld⸗ ſchemel und trink zum Imbiß; fiehſt du doch bleich und verſtört aus vom wilden Nachtritt.— 115 Der Jüngere that ohne Einſpruch, was der Freund geboten, und wie eine Amme den Säugling, hätſchelte der Aeltere den ſchönen Jüngling, half ihm aus den Bügeln, führte ihn zum Seſſel, ſtrich ihm die feuchten Locken zurück zum Nacken, nahm ihm Schwert und Mantel ab, und rückte ſich dann einen zweiten Seſſel aus dem Zelte recht nahe zu ihm. Siehſt du nun, Heribert, was werden kann aus ſolcher Abenteurerei? ſprach er dann im ſorgſamſten, väterlichſten Tone. Kamſt du nun am hellen Tage heim wie geſtern und vorgeſtern, und fandeſt alle Reiter vollgewappnet in Linie, oder den König wohl gar ſchon eingeritten, mit welcher ſchamglühenden Wange hätteſt du dem Feldherrn begegnen müſſen? Nein es iſt nichts mit ſolchen Narreteidingen; und wie du, der ehrbare Junker, dazu kommſt, gemahnet mich gleich einem Ammenmährchen. Ja die ſchwüle italiſche Luft iſt ge⸗ fährlich für deutſche Lungen. Ich weiß davon zu ſingen, wie ich herüber war vor etwa zehn oder fünfzehn Jahren mit dem alten Kämmerer von Worms; und darum drang ich ſo in dich, mich zum Vertrauten deiner Geheimniſſe zu machen, und Glück genug, daß ich aus dem halsſtarrigen Eiſenſinn wenigſtens die Stelle her⸗ ausbekam, wo der Himmelsſtürmer den Weg in die Stadt gefunden, in welcher auf derſelben Bruſt Kreuz und Stilett neben einander ſchläft, und es eine Kunſt bleibt, auszumitteln, ob es Gruß oder Fluch iſt, was einem ſo ein gelbes Geſicht von ausgedörrter Lippe ent⸗ gegenmurmelt.— Der junge Rittersmann hatte ſich alle Freundſchafts⸗ dienſte des ältern wohlgefallen laſſen, er trank und aß ein Weniges, indeß dieſer plauderte; dann aber legte 116 er ſich zurück an die mächtige Zeltſtange, die den Ein⸗ gang ſtützte, und die Hand dem Waſſenbruder traulich bietend, ſah er dem Freunde recht lieb und freundlich in die ſchwarzen Augen. Wohl, Georg, haſt du Recht mit deinem Warnen und Mahnen, das ich bislang für großväterlichen Aber⸗ witz gehalten, begann er. Oft habe ich's gehört in Sang und Gedicht, daß die Jugend ob der Liebe die Freundſchaft hintanſetzt, und doch der Freundſchaft in der Liebe vielleicht am Erſten bedarf, weil die Freund⸗ ſchaft denkt und wacht, wenn die Liebe trunken iſt oder ſelig müde, und weil die Liebe und die Freundſchaft ſo eigentlich nur Eines ſind, Eines mit zwei Namen, Liebe die knospende Blume, Freundſchaft der volle Kelch mit der anſetzenden Frucht. Jetzo habe ich's an mir ſelbſt unverhofft erfahren, will aber den Fehler wieder gut machen ſo ſchnell ich's kann, weil mich die heutige Nacht ſehr derb vermahnte, daß man recht ein Geck iſt, wenn man zu Eines in die Gefahr tritt voll prahlender Eitelkeit, da man zu Zwei ſicher gehen könnte und außer aller Gefahr.— Der Aeltere drückte des Dalbergs Hand, jedoch ohne ihn durch ein Wort zu unterbrechen, weil ſeiner Neu⸗ gier dadurch ein Aufenthalt gelegt werden konnte. Du weißt wie wir zu Worms lebten, ernſt und ſtreng in des Kämmerers Hauſe, fuhr Heribert fort; du warſt ja der Meiſter aller der jungen Wildfänge, welche der reiche, kinderloſe Ohm dort um ſich ſammelte, ſeinem Alter Leben und Prunk beizufügen. Du zogſt mich vor aus Allen, du kannteſt mein Herz, meine Wünſche, meine Gedanken; doch das wußteſt du nicht, daß mich eine glühende Sehnſucht ergriff, wenn wir —— — 117 Buben unten an der Abendtafel ſtumm und horchend ſaßen, und der Ohm und der Großkomthur und des Biſchofs Oberſtrittmeiſter oben bei den vollen Bechern von dem Lande Italien und ihren Römerzügen erzählten. Das Land der goldenen Aepfel und weißen Götterbilder und flammenden Berge ſchien mir das Paradies der Erde, und wenn der ſonſt ſo bleiche und hohläugige Pfalzgraf ſeine Einkehr hielt, und bei dem ſechsten Pokal jedesmal mit Rubinglut auf den Wangen und ſeltſam funkelnden Augen die warmen Frauen jenſeit der Alpen leben ließ, und von den helllockichten Venetianerinnen und den ſchwarzen Karfunkelaugen der Neapolitanerin⸗ nen erzählte und kein Ende finden konnte, da wurde mir's eng unter dem Hirſchkoller, und ich ſtahl mich vom Tiſch und hetzte die Rüden durch den kalten Abend im Felde. Sieh, Georg, dieſe unnennbare Sehnſucht wuchs mit jedem Neujahre; aber es war mir zugleich, als ſei ein Geheimniß dabei, von dem ich nicht plaudern dürfte, und ſelbſt als die Schwabenritter alle aufge⸗ boten wurden zu dieſem Kaiſerzuge, wußte ich mein klopfend Herz in Bande zu ſchlagen, daß es nichts ver⸗ rieth von ſeiner jauchzenden Luſt, obgleich es faſt den Panzer zerſprengte, und den Tag kaum erwarten konnte, wo das Heerhorn nach Oſten rief, und in den Ebenen Augsburgs ſich die Wappner ſammelten, welche erwählt waren, die öden Ufer des Lechs mit dem gelobten Lande am Po und an der Tiber vergleichen zu dürfen. So wie ich hat Keiner von uns von der letzten Alpenhöhe herab die Herrlichkeit der Thäler angeſtaunt, die mit dem Prachtmantel des Herbſtes umhüllt ſich ausbreiteten vor dem trunkenen Auge. Keiner von Euch hat ſo glutvoll ſein:„Sei gegrüßt, du Wunderland!“ den 2 118 fremden Fluren hinabgerufen. War es mir doch, als ſtüſterten und ſängen mir viele Stimmen heimlich her⸗ auf:„Komm herab, Heribert! wir haben lang, lang ſchon auf dich gewartet.“— Aber die Sehnſucht und Hoffnungsluſt wurde gewaltig eingeſchüchtert und matt gemacht durch den Winter und des Frühlings Feldzug. Nichts von dem Geträumtep trat mir entgegen. Viel lieber war mir der Krieg ge⸗ weſen mit den grauſamen, blutgierigen Götzendienern im Wendenlande, oder mit den waffenkundigen Polen in ihren gefährlichen Bärenwäldern, als dieſe ewigen Be⸗ lagerungen, dieſes träge Liegen hinter Wall und Schanz⸗ korb, wo der Mauerbrecher und das Wurfgeräth die Stelle des Schwertes und der Lanze vertrat. Und wo blieb das im Traum geſehene Paradies? Ein Wetter empfing uns, ärger wie die Regenmonde am Neckar⸗ ſtrom; unergründliche Wege quälten unſere braven Streitroſſe gleich den Moorbrüchen des Frieſenvolks, und keine Burg öffnete ein gaſtlich Thor dem Erſchöpften und bot Stärkung im Becher und auf der Fleiſchſchüſſel; elende Herbergen voll peinigenden Ungeziefers und widri⸗ ger Koſt bleiben unſere Zuflucht, und über Alles ekelten mich die Menſchen an, gelbgedörrtes Geſindel, Tücke und Hinterliſt in kohlenglühenden Augen, Schadenfreude auf der ſchmalen Lippe, hinter der die glänzenden Weiß⸗ zähne des Raubthiers dräueten, Mordluſt ohne Tapfer⸗ keit, Waffenkunde ohne Muth, Kampfluſt im Dunkel, gleich dem Wolf und der Eule. Wären alle meine heimlichen: Gott verdamm's! zu glühenden Erdbeben geworden, die ganze Italia läge im Golf verſunken.— Nun, nun! lachte der Eßlinger. Komm zu dir, Freundchen, und lege bei Seite, was ich ſo gut erlebt, 1¹9 wie du, wenn auch geduldiger. Du wollteſt Vertrauen geben und Geheimniſſe aufdecken. Bislang harre ich jedoch umſonſt auf etwas Neues, und die Sonne wird bald dir in den Becher ſcheinen.— Und nun gar die Frauen und Jungfrauen! murrte der Dalberger fort, ſein Haupt auf die Hand ſtützend, und vor ſich in das Gras ſtarrend. Alle, die ich ſah eim lombardiſchen Reich, ſchienen mir nicht werth, daß ein deutſcher Rittersmann ſeinem Gaule den Sattel auf⸗ legte und vor das Thor von Worms einen Abendritt machte, obgleich unſere Junker vor Luſt über ihre ſchnellen Eroberungen bei den heißblütigen Puppen faſt ihren deutſchen Mutterwitz einbüßten, und mancher die blank⸗ äugige Mutter ſammt ihren drei vollbuſigen Fräuleins gern zugleich gefreit hätte. Mein Herz zog ſich zuſammen wie der Igel, und wurde eiſiger denn zuvor; und als wir am Po auf den ronkaliſchen Feldern Halt machten, und die Vaſallen zur Lehnwache bei dem Königsſchilde aufgerufen wurden, und Friedrich Ehre gab und nahm nach Verdienſt, da ſchwand die letzte Spur des italiſchen Minnetraums, und ich gelobte mir, die Ehre allein ſollte meine Braut ſein, und mit Blut und Leben wollte ich um ihre Gunſt buhlen ſo lange, bis mir der König das Wappen mit einer neuen Zier geſchmückt, die meinen Namen brächte auf die Enkel und Enkelskinder. Da rückten wir vor Tortona. Herzog Heinrich führte uns zum Sturme, die Vorſtädte wurden unſer, und— dein muthiger Heribert ward ein Gefangener, ein Sklav gerade da, als der Herzog den Beſchämten ſeinen Junkern als ihr Muſter und ihren künftigen Hauptmann vor⸗ ſtellte, gerade da, als wir Alle ſiegestrunken auf den 120 eingeäſcherten Häuſern und zertrümmerten Außenwerken ein Jubilo in die Lüfte ſchrien.— Vor Tortona? fragte der Eßlinger erſtaunt. Da gab uns doch kein Weib ein Luſtſpiel zu ſehen; du möchteſt denn die Thürmerfrau meinen, die, als der Widder die Warte einwarf, oben von der Zinne im Nachthabit einen ſpectakuloſen Flug herab in unſere Laufgräben und auf die vorgehaltenen Spieße der Bohemen machte. Aber löſe, löſe ſchneller darum, denn das Räthſel wird mir immer dunkler und grauenhafter.— Du weißt, daß die Stadt nichts von Kapitulation hören wollte, fuhr Heribert feuriger fort; du weißt, daß der König darauf ſchwur, die rebelliſche nicht zu züchtt⸗ gen allein, ſondern zu vernichten; du weißt, daß er deßhalb durch einen Herold den Wappnern auf den Wällen verkünden ließ, wie er jedem Fremden oder Aus⸗ länder, der ſich zufällig in der Stadt befinden möchte, freien Abzug erlaube, auch jeder gehorſame oder fried⸗ liebende Bürger zwei Tage Zeit habe, mit ſo viel Habe, als ſeine Schultern tragen möchten, die zum Untergange verdammte Stadt zu verlaſſen; aber was für mich dieſe Heroldsſtimme wie eine Schöpfungspoſaune an das Licht rief, weißt du nicht, denn mir war, als dürfte ich keinem lebenden Weſen vertrauen, was ich im Herzen trug ſeit⸗ dem. Die Vorhut hatte ich am Thore, welches nach Süden ſich öffnet, und auf der Straße nach Parma tummelte ich mein geſchecktes Thier in der Morgenſonne, von einem kleinen Schwabenhäuflein begleitet, mit dem ich den gewöhnlichen Umſichtsritt in meinem Revier gemacht. Da zeigte ſich im Feſtungsthore ein ſtattlicher Reiterhaufen, und dreiſt herausrückend auf die Straße gewahrten wir zwei Gepanzerte von ritterlichem Anſehen, 121 welchen drei Knechte folgten, die in ihrer Mitte eine Dame ſchützten, die einen ſchöngeputzten Zelter ritt, jedoch vom Scheitel bis zum Knie von einem blendend⸗ weißen Schleier verhüllt erſchien. Voraus ritt ein Knabe als Page gekleidet, eine ſilberne Trompete um die Schultern gehangen und in der Rechten ein weißes Friedensfähnlein tragend. Verwundert und voll Neu⸗ begier ſahen wir dem Zuge entgegen, der etwa zwanzig Pferdelängen von uns Halt machte, und den kleinen Herold vorausſandte. Richt Lombarden, nicht Unter⸗ thanen des Königs waren dieſe Reiter, ſo verkündete die Kinderſtimme, ſondern freie Römer, die in einem ver⸗ waͤndten Hauſe das Oſterfeſt und eine Hochzeit zu feiern nach Tortona gekommen waren, durch unſere unerwartete Einſchließung und unfeinen Sturm in ihren Feſten geſtört worden, und jetzt, des Königs Aufruf benutzend, die ungefährdete Heimreiſe wünſchten. Eine ſeltſame Laune und beſondere Waffenluſt ſtieg in mir auf bei der Bot⸗ ſchaft, und ich ließ mir von einem Reiter die Lanze geben, ließ meinen Scheck ſeine Künſte machen bis zu den Fremden, und ſenkte grüßend meine Wehr vor ihnen. „Da ſei Gott vor,“ redete ich freundlichſt,„daß ein deutſcher Rittersmann ſeines Fürſten Wort nicht in Ehren hielte zu jeder Zeit, und vor Allem, wenn es Damen⸗ ſchutz gilt, wo ſich für zarten und getreuen Dienſt die liebliche Roſe in den dunklen Lorbeer flechten möchte. Jedoch vermeine ich, wenn ſich wackere Rittersleute begegnen, ſei es wo es ſei, ſollten ſie nicht an einander vorüber ziehen, ohne ſich ein Zeichen der Achtung er⸗ wieſen zu haben; geht doch kein Pilger an dem andern hin auf fremder Straße, ohne ſein:„Gegrüßt ſei Chriſt!“ 122 fährt doch kein Fiſcher dem fremden Boot vorüber, ohne ein:„Gute Fahrt!“ zu rufen.“— Ein wohlgewachſener Reiter trieb ſogleich ſeinen Goldfuchs näher zu, und das Viſier lüftend, wobei der feine Scharlachmantel zurückfiel und eine reich mit Silberblumen ausgelegte Stahlrüſtung zeigte, fragte er mit hochgeſpannten Geſichtszügen:„Wie meint Ihr das, mein verehrter deutſcher Hauptmann?“— „Ihr ſcheint mich längſt verſtanden zu haben,“entgegnete ich lächelnd, mein edler römiſcher Herr; denn wenn Rheinſtrom und Tiberfluß zuſammenſtießen, würden ſie nicht ihre ſchönen Wellen gegen einander thürmen, ſich zum Gruß und gegenſeitiger Ehre? So meine ich denn, Römer und Deutſcher, die ſich ſo zufällig ganz in Waffen fänden, könnten wohl einen Lanzenritt mit einander machen auf dem ſchönen Raſen dort, aber nur zu Spiel und Schimpf, ohne Erhitzung und Haß; und wer den Andern obſiegt, hätte alsbald das Recht zu fordern ein Angedenken, ein Helmkleinod oder ein Rüſtſtück, oder was ſonſt in der Macht zu geben ſtände dem Gegen⸗ part.“— Des Römers Antlitz wurde hochroth, und ſeine ſtäm⸗ mige Lanze vom Rücken nach vorn ſchwingend und in den Bügel ſtellend, ſprach er mit Haſt:„Bei Sankt Paul! Ihr ſeid ein junger Schwertmann, ſo heißblütig, als wäre Eure Wiege nicht im deutſchen Eiſe eingefroren geweſen. Und damit Ihr, kühner Partiſan, wiſſen mögt, wer Euch römiſche Waffenführung gezeigt, und wem Ihr unterlegen, ſo wißt: Giulio Tafano ſprengt gegen Euch, ein römiſcher Ritter, deſſen Familie nur eine ältere und erlauchtere erkennt im ganzen Kirchenſtaate.“ „Kommt Ihr ins Schwabenland, edler Tafano,“ 123 entgegnete ich, indem ich mein Pferd herumwarf der Wieſe zu,„ſo fragt nach den Burgen derer von Dalberg. Der Name klingt weitum und gut unter Groß und Gering, und gaſtlich wird der Dalberger Thor Euch aufnehmen, und bei dem köſtlichſten Rheinweinbecher wird man Euch das in Ehren gehaltene Kleinod vorweiſen, welches ich in dieſer Morgenſtunde von Euch mir zu erringen gedenke.“— Der Römer ſtieß nur noch einen dumpfen Ton her⸗ vor, der faſt wie ein Zornfluch klang, dann ſpornte auch er ſein Roß zum Grünen, und wir ritten gegen einander an. Bald entſchieden war das Ding; er führte einen gerechten Stoß, aber ſeine Eiſenſpitze glitt ab auf der blanken Spitzwölbung meines Bruſtpanzers, indeß meine Lanze ſich feſtſetzte zwiſchen den Blumenſchnörkeln ſeines Schulterſtücks, und er recht zierlich auf den Anger her⸗ abglitt, ohne weitere Beſchädigung, als ein paar Gras⸗ flecken, welche ſein Mäntelchen bekam, und eine geknickte Feder auf ſeinem Helmkamme. Ich war ſchnell herab und half ihm auf; er ſprach aber kein Wort zu meinem launigen Höflichkeitsſermon, ſondern machte ſich ſogleich daran, ſeinen Fuchs wieder zu fangen. Es galt nun, meinen Preis zu fordern; aber indem ich wählen wollte, ſchoß mir ein Gedanke aus dem Hirn, dem ich nicht zu widerſtehen vermochte.— Meine Helmkette löſend und die Stahlhaube vom Kopf nehmend, trat ich zu dem fremden Reitertrupp der ferne haltend ſeine Theilnahme an unſerm Kampfe deutlich und laut an den Tag gelegt. An den Zelter der Dame trat ich hin und ehrſam ver⸗ neigte ich mich.„Hohe Signora,“ ſprach ich ehrerbietig, „Ihr waret unſere Kampfrichterin, und wißt, was zu fordern mir des Schickſals Gunſt erlaubte. Aber ich 124 verzichte auf das reichſte Kleinod, welches ich vom Schmuck dieſer edlen Herren davon tragen dürfte, und erbitte mir eine Gunſt von Euch, welche mir höhere Freude bringen möchte als Perl und Demant. Hoch⸗ geprieſen wurden von fahrenden Sängern und Kriegs⸗ leuten die Frauen Eurer Stadt; aber noch war es mir nicht vergönnt, das Antlitz einer Tochter der erſten Stadt der Erde zu ſchauen. Wollt Ihr mir jetzt, wenn Ihr keine Braut Chriſti ſeid, oder ſonſt ein Gelübd Euch bindet, die Gunſt erzeigen, nur eines Augenblickes Dauer die Wolke Eures Schleiers mir zu enthüllen, ſo iſt der Kampfpreis reich bezahlt und Euer Weg ſteht offen.“— Thörichter Fant! rief der Eßlinger, du hätteſt dir den Fuchs nehmen ſollen: gewiß neapolitaniſch Blut, und dein Scheck hat ja doch von der Winterkampagne Galle und Spath. Wenn ſie nun den Schleier hob, und eine vertrocknete Großmama oder ein gelbes Zigeunerbild glotzte dich an? Es wäre deiner Thorheit recht ge⸗ ſchehen.— Der Rothmantel hätte mir bald den Spaß verdorben, ganz in deinem Sinne, entgegnete Heribert, denn er näherte ſich haſtig, und meinte, nur an ihn habe ich Anſpruch, und ſein Streitroß, ja ſeine Silberrüſtung, möge ich fordern, jedoch die Signora unbeleidigt laſſen; anders müſſe er ſonſt auf Ernſt und Schwertkampf be⸗ ſtehen. Da erklang aber eine Stimme, wie Glocken⸗ geläut rein und mild unter dem Schleier hervor:„Wie kann beleidigen, was ſchmeichelt?“ fragte die Dame, ich möchte ſagen ſchelmiſch und mit leichtem Spott. „Es thut Euch weh, Giulio, daß dem deutſchen Herrn mein ſchlechtes Angeſicht werther ſcheint als Ihr mit nlhe 125 Roß und Waffenputz. Aber ich gehöre ja auch zu ſeinem Gegenpart, und nehme keinen Anſtand uns auszulöſen, wäre es auch nur aus Eitelkeit, um unter euch ſtolzen Männern den Ruhm zu behaupten, uns mit aus dieſem Jammer geholfen zu haben, oder aus Schadenfreude, dieſem jungen, neugierigen Fremdlinge einen Poſſen zu ſpielen mit meinem Alltagsgeſicht. Denn wahrlich, wohl⸗ feilerer Turneipreis iſt noch nirgend gezahlt worden und kein Sieger ſo mit ſolch unächtem Dank betrogen worden.“— So hob ſie den Schleier, und—— ich ſtand mit weitoffenen Augen ſtarr wie ein Marmorbild.— War's eine rothaugige Hexe? fragte Eßlingen.— Es war kein Weib, ſagte der Dalberger, die Hand aufs Herz drückend, mit faſt erſtorbener Stimme, denn nie hat einen Mann aus einem Weiberantlitze ein ſolcher Him⸗ mel angeſtrahlt; nie hat ohne Worte eine Seele zu einer andern Seele ſo deutlich und klar aus dem Feuerſpiegel eines Auges geſprochen und Evangelien verkündet; nie haben menſchliche Züge ſich alſo zu einem Kranze der Unſchuld und Geiſtesgröße zugleich verflochten. Gottes Ebenbild! das war mein einziger Gedanke; das dachte ich noch, als der neidiſche Römer den mürriſchen Befehl zum Aufbruch gab, als ſie dahin trabten, und der Staub der Straße ſie zu verhüllen drohete. Noch einmal hatte ſie zurückgeblickt, ehe ſie den Schleier fallen ließ, und dieſer Blick zog mich ihr nach mit zauberiſcher Gewalt, und ſtürmiſch ſaß ich auf und gebot ein donnernd Marſch, und folgte den Römern ſo weit meine Dienſtpflicht es erlaubte, ſo daß die haſenhaften Rittersleute ſich in Ga⸗ lopp ſetzten, weil ſie wohl in meinem unerwarteten Nachritte eine feindliche Verfolgung oder andere Abſicht wähnen mochten.— 126 Aber Monden liegen zwiſchen damals und jetzt, un⸗ terbrach der Freund den feurigen Erzähler; du kameſt ſeitdem nicht aus meiner Nähe; du wareſt dabei, als Tortona in Trümmern zerfiel, du feierteſt die lombar⸗ diſche Krönung mit uns zu Pavia und das geſt der grünen Maien zu Bologna, und ich bemerkte keine Ver⸗ änderung an dir, als daß du mehr in den Becher ſtarr⸗ teſt mit düſtern Augen, als ihn zum Munde brachteſt, und daß du den Seſſel an der Tafel rückteſt und davon gingeſt, wenn unſere Junker ſich ihre Liebesabenteuer erzählten. Selbſt das Pfingſtfeſt hatte deine Zunge nicht gelöſet; denn nicht einmal in der lieben Mutterſprache erzählteſt du mir von dem, was dein Herz mißtrauiſch barg.— Und weiß ich doch nicht, ob es nicht ſündhaft iſt, daß ich jetzt die Zunge zügellos ließ, ſagte Heribert mit dumpfem Tone; aber das Herz mußte Luft haben, und ſeit dieſer Nacht iſt mir ein Grauen gekommen, das mir faſt eine Todesmahnung dünkt, und vor dem Ende ſoll ja ein guter Chriſt ſein Haus beſtellen, und alle Pflich⸗ ten gegen Freund und Feind in Ordnung bringen. Sieh, das habe ich denn gethan, und es bedarf nun weiter nichts, als daß ich dich noch an das ſchlanke Gärtnermädchen erinnere, welches in den acht Tagen, die wir hier lagern, jeden Morgen unſere Zelte beſuchte, und in ihren weißen Körben die ſchönſten Früchte herbei⸗ trug. Mir brachte ſie die Paradiesäpfel, mir die ge⸗ heimnißvolle Botſchaft der Liebe, mir die Ladung zu Götternächten. Von ihr erfuhr ich jenen Weg durch die gebrochene Mauer, den du kennſt, von dem ich dir ſprach; von ihr geleitet, fand ich mich durch ein düſteres Laby⸗ rinth zur Göttin, und ſie iſt noch immer die getrene —— 127 Noahstaube, die hin und zurück den grünen Zweig der Hoffnung und der Freude trägt.— Und deine Zärtliche heißt? fragte mit Haſt der Eß⸗ linger. Verwegener! fuhr der Dalberger auf, meinſt du, ich ſelbſt wagte ihren Namen laut auszuſprechen, obgleich er ewig im Herzen wiederklingt? Sie iſt eine der Edel⸗ ſten in jener Stadt, deren gewaltige Zinnen und Thür⸗ me dort der erſte Strahl des Phöbos beleuchtet. Heil dem Geſchlecht der Dalberge, wenn ſie ihm eine neue Stammmutter würde! Aber ihre Liebe iſt ein Kind des Augenblicks geweſen, wie die meinige; ihre Liebe hat rieſenſtark und in gewaltiger Sehnſucht alle Schranken durchbrochen, und nicht geſäumt Glück zu geben und zu nehmen, weil die Fortuna ein flatterndes und leichtſinniges Kind iſt. Aber das ſollt ihr Kalten und Alltäglichen nicht beſpötteln, ehe ich nicht meine Schwertſpitze durch jedes ſolches Spottwort ſtoßen darf; und— mehr wie das! Sie gebot Schweigen, und nur ein Bube oder ein Narr lohnt Seligkeit mit Undank.— Heribert, mich bangt ſchaudernd um dich, entgegnete Ritter Georg kopfſchüttelnd. Wohl dir, daß der König nahet, daß der neue Zwieſpalt zwiſchen ihm und dem heiligen Vater, der den Marſch des Heeres zu Viterbo aufhielt, geendet iſt, daß der Fürſt ſich dazu verſtand, des ſtolzen Prieſters Bügel zu halten; römiſche Dolche möchten dich ſonſt bügellos machen, du blinder girrender Täuber, ehe du eine Ahnung vom hinterliſtigen Jäger hätteſt. Und wohl auch mir; denn ſeit du erzählt, habe ich nicht eher Ruhe, bis ich mit dir einziehen darf in die Stadt deines Geheimniſſes, und wenn die Nacht dir deinen Schatten raubt, werde ich dein Schatten werden —— 128 von heut an, du magſt dich dabei geberden ſammt deiner Signora, wie ihr wollt.— Heribert ſtarrte ſchwermüthig hinüber auf die Kuppel der Peterskirche, die jetzt eben in vollem Glanze aus der Dämmerung tauchte. Und was fürchteſt du denn? fragte er ſchwermüthig. Und ſenkte man mich dort in die weiten Gewölbe und zerbräche mein Kreuzesſchild über dem Schläfer, o! auch der Todte müßte ſelig da⸗ liegen. Was er beſaß, ginge ja mit ihm als unverletz⸗ liches Eigenthum, die Erinnerungsträume ſeiner genoſ⸗ ſenen Seligkeiten begleiteten ſeine Seele gleich freund⸗ lichen Engeln; und, Georg, iſt's nicht die Erinnerung allein, die wir von allen Lebensgütern unſer nennen dürfen?— Lärmtrompeten klangen hier und drüben im Lager. Raſch ſtanden die Ritter auf, drückten ſich die Hände, und eilten, wohin die Dienſtpflicht ſie rief. Stattlich prunkte die lange Linie der Reiterſchaaren auf der Ebene, und die klarſte Sonne ſchuf ein blenden⸗ des Wechſelſpiel der mannigfaltigſten Farbenmiſchungen, indem ſie die blanken Metalle der verſchieden geformten und gefärbten Rüſtungen, als: eiſenſchwarz, ſtahlblau, ſilbern und golden, die grell gemalten Wappenbilder der Schilde und die bunten über den Scheiteln und an den Schultern hinabwogenden Helmbüſche und Federwolken beſtrahlte. Der größte Theil dieſer Schaaren waren Herzog Heinrichs Vaſallen, der Kern der Mannen des Baiern⸗ und Sachſenlandes mit den Schwaben vereint, die Blüte der Junker vom Harzwalde bis zum Rhein, eine Reiterei, welche an Zahl der des Kaiſerheeres faſt 129 gleich kam, an trefflicher Haltung und Bewaffnung ſie bei weitem übertraf. Die Edelſten, welche, durch Rang der Kriegsthat ausgezeichnet, von dem Führer ein Com⸗ mando erhalten hatten, hielten vor den ihnen zugetheil⸗ ten Schaaren, dem Fahnenträger und Trompeter zur Seite, und der edle Fürſt von Braunſchweig ritt, von ſeinen Oberſten begleitet, unter dem Geſchmetter der Kriegsinſtrumente an der Linie hinab, und überall em⸗ pfingen die Reiterkolonnen den geehrten jungen Feldherrn mit freudigem Waffengetöſe; galt er doch als beſter Reiter, Schütz und Schwertmann unter allen; hielt er doch mit dem gemeinen Reiter aus im mühſeligſten Kriegszuge wie in der Hitze des Kampfes, fragte er doch nicht nach Schlaf, Ruheſtätte oder Tafel, wenn es Noth war, wach und thätig zu bleiben, und liebte er doch immerdar nur das Recht und die Kraft für das Recht. Als der Herzog zum Platze kam, wo Heribert von Dalberg auf ſeinem Scheck in ernſter Stellung neben ſeinem Fähnlein hielt, wandte er plötzlich den ſchönen braunen Hengſt und ritt dicht an den ſtutzenden Ritters⸗ mann. Wie iſt's mit dir, Dalberg? fragte er, die Lippen wie im leichten Spott aufwerfend und mit dem großen ſchwarzen Augenpaare den jungen Mann faſ⸗ ſend, als wollte er in die Tiefe ſeiner Seele dringen. Mein Held von Tortona, warum ſenkſt du den Kopf, als ſei die Eiſenhaube dem müden Nacken zu ſchwer? Warum iſt dein Geſicht ſo bleich, und warum ſind die Augen ſo matt und erloſchen, als hätteſt du die Nacht überwacht und wäreſt noch in den geſtrigen Kleidern?— Mein edler Herr! ſtammelte Heribert erſchrocken, und Blumenhagen. I. 9 —— 130 faßte mit der Schwerthand unwillkührlich nach der Herzgegend.— Sitzt da die Wunde? fiel der Herzog ein. Heribert, ſei auf deiner Hut. Du biſt nicht an dem frommen Elbſtrom, wo die Maid klöſterlich lebt auf ihrer Väter⸗ burg. Frauengunſt, Einem geſchenkt und dem Einzigen, iſt das Höchſte, das Heiligſte; Frauengunſt, Mehren, auch nur dem Zweiten, zugleich gegeben, wird zum Gemeinſten, und ſchändet ſie und ihn; das darf mir keiner meiner Junker hier vergeſſen, damit ich ſie heim⸗ bringe aus dem Lande der Ueppigkeit und der Circen und Sirenen ohne Makel. Rede nicht; ich weiß Alles, was du ſagen willſt in der Glut, die über deine Wan⸗ gen hinauffliegt. Siehſt du, ſetzte er ernſter hinzu, in⸗ dem er ſeine dunklen reichfliegenden Locken mit der Hand durchſtrich, da hängt noch Morgenthau im Haar. Auch der Heinrich reitet zuweilen früh und ſieht nach ſeinen Wachen; und hätte ein gewiſſer Hauptmann nicht ein ſo bedeutendes Sümmchen ritterlicher Tugenden bei mir gut geſchrieben, ſo müßte dieſer Gewiſſe für heut Nacht auf die ſchwarze Tafel und büßen, indeß die Kameraden Feſttag hielten. Gute Beſſerung, Heribert! ſchloß er, nochmals ihn anblitzend aus der herrlichen Nacht des Auges, und indem er gegen einen fernen Hügel hin den Fürſtenhut mit der roth und weißen Feder geſchmückt ſchwenkte, rief er lauter:„Dort flattert König Fried⸗ richs gelbe Seidenfahne. Lanze und Schwerter hoch! Es lebe der königliche Herr, der Geachtetſte und Tapferſte der Hohenſtaufen!“— Aller Blicke wandten ſich zu der Höhe, auf welcher rauſchende Kriegsmuſik ertönte, und der Vortrab des Heeres, immer wachſend, ſichtbar ward, und lauter Jubel füllte die Ebene, denn Friedrichs 131 Ankunft verſprach Allen die Erfüllung ihres höchſten Wun⸗ ſches, den Einzug in die Stadt Rom und ſchwelgeriſche Ruhetage nach Kampf und Entbehrung.— Freudig begrüßten ſich die Truppen, die in der ge⸗ meinſamen Ertragung langer Mühſeligkeiten, in der Bezwingung der größten Hinderniſſe die innigſte Kame⸗ radſchaft geſchloſſen hatten, und es ſchien, als wäre beiden Theilen die Trennung ein langer quälender Zeit⸗ raum geweſen, und ein allgemeines Bankett verherrlichte die Wiedervereinigung. Wie verwunderten ſich jedoch die höchſten Herrſchaften, als das reiche Mahl, welches in Mitten eines duftenden Orangenwäldchens angerichtet worden, durch Hauptleute der Außenpoſten unterbrochen ward, welche eine Geſandtſchaft der Stadt Rom anmel⸗ deten, die von Wichtigkeit ſein mußte, da die trägen Italier den ſchwülen Tag und die Caldana der nahen Mittagsſtunden nicht geſcheuet hatten. Der lebhafte Friedrich ſprang ſogleich von der Tafel auf, ſtrich ſich den üppigen Rothbart glatt, und wandte ſich lächelnd zum heiligen Vater, der den Ehrenplatz ihm zur Rechten einnahm. Wie ſoll ich die reuigen Kinder eurer Santitä aufnehmen? fragte er launig. Soll ich ſie zur Buße verdammen im Aſchenſack, oder ſoll ich ſie zu unſerm Mahle laden wie den verlornen Sohn im Evangelio, daß ſie am Verſöhnungsbecher die Träber vergeſſen, welche die Gebannten genießen mußten?— vosträ Maestä kennt dieſe wahrlich Verlornen nicht, antwortete Adrian ernſt, Unwillen und Schmerz auf dem bleichen Antlitz. Schickte ſich dergleichen für das Haupt der Chriſtenheit, ſo möchte ich meine Tiara wet⸗ ten gegen Eure Königskrone, Ihr kehrt nicht mit dieſen Mienen des Scherzes zurück, habt Ihr dieſen Ueber⸗ müthigen die unverdiente Gunſt erzeugt, ſie anzu⸗ hören.— Der deutſche König winkte ſeinen Fürſten und edel⸗ ſten Ritter zu ſich. Am Eingange des Wäldchens, von ihnen umringt, empfing er auf einem vergoldeten Seſſel ſtatt des Scepters das mächtige Schwert in der Hand, die Botſchafter, und ſchon ihr Auftritt bewahrheitete den Argwohn des geiſtlichen Oberherrn. Uebermäßig geputzt in Gold und Geſtein, kriegeriſch gerüſtet zugleich, als ſollte ihr Aeußeres voraus ihre Geſinnung verkünden, zogen die Geſandten des Senats und der Bürgerſchaft heran, und nichts weniger als Demuth oder Bitte ſprach mitten im fremden Heere ihre Haltung und ihre kecke Geberde. Von ſeinem Rap⸗ pen, den eine Purpurdecke ſchmückte, ſtieg der ältliche Führer des Zuges; das hochgelbe Wappenkleid mit dem geſtickten Drachen auf der Bruſt gab ihm das Anſehen eines Boten des Krieges, und ohne Kniebeugung näherte er ſich mit ſeinem Gefolge dem königlichen Herrn. Nach einer leichten Begrüßung wie Gleicher zum Gleichen winkte er einem Herolde, und dieſer that den Deutſchen mit erhobener Stimme kund, welches Standes und Na⸗ mens die Geſandtſchafter ſeien, und vergaß keinen ihrer langen pomphaften Titel und Geſchlechtsbenennungen. Wie erſchrack da Heribert von Dalberg, als in dem graulockichten Herrn mit dem Drachenbilde der Marcheſe di Dragonite, der Generaloberſt der römiſchen Stadt⸗ macht, genannt wurde, als der Vater ſeiner Geliebten dicht vor ihm ſtand, und mit dem eingefallenen, aber immer noch ſengenden Auge die deutſchen Kämpfer der Reihe nach, gleichſam herausfordernd, muſterte. Die ehrwürdige, wirklich herviſche Geſtalt machte 133 einen tiefen, ſeltſamen Eindruck auf ihn; in den ge⸗ alterten Zügen erkannte er eine Aehnlichkeit mit dem gefundenen Ideale ſeiner Liebe, und zum erſten Male fühlte er ſein ehrliches deutſches Herz hochklopfend wie in Scham und faſt im Unrechtsgefühle, denn eine grell⸗ ſchillernde Stimme ſchien hinter ihm zu flüſtern: Dal⸗ berg, in dieſes Mannes Haus biſt du eingebrochen um Mitternacht, und er weiß nichts davon; dieſes Mannes ſchönſten Schatz haſt du dir eigen gemacht, und er weiß nichts davon; dieſes Mannes Kind iſt dir anvermählt, und er weiß nichts davon— und die Töne dieſer Stimme drückten ſo hart auf des ſtarken Jünglings Kraft, daß er ſich hinter den Herzog Henrikus zurückzog, ſeine hoch⸗ glühenden Wangen und ſeine bebenden Glieder zu bergen. Der alte Colonello trat jetzt vor und hielt eine Rede voll Pomp und Feuer, die ſo merkwürdig in ihrer Art war, daß die Geſchichtſchreiber ſie aufzubewahren Anlaß fanden. Des Pabſtes mit keiner Silbe erwähnend, er⸗ klärte er, daß die Römer verwundert durch die Fama erfahren, wie der deutſche König ihre Grenzen über⸗ ſchritten, in der Abſicht, ſich nach ſeiner Vorgänger Weiſe die Kaiſerkrone im Sanct Petersdome aufſetzen zu laſſen. Wohl hätten die Römer erwarten dürfen, daß Friedrichs Geſandte ihnen das Begehr des fremden Fürſten kund gethan, denn ohne ihre Gunſt und Zu⸗ ſtimmung möchte ſeinem Wunſche die Erfüllung man⸗ geln; doch achtend das alte Herkommen, achtend das Geſchlecht der Hohenſtaufen und des Bittenden Würde und geprieſene Fürſtentugend, kämen ſie freundlich dem Fremden entgegen, und würden gern ſeine Wünſche krönen, wenn er dagegen die Bedingungen durch ſein Königswort zu erfüllen verhieße, welche die Stadt Rom 134 und ihr Senat ihm vorzulegen gedrungen ſeien. Zuerſt müſſe er nach alter Sitte einziehen in Purpur und auf goldenem Wagen des Triumphators, beſiegte Könige und die Schätze unterjochter Völker mit ſich führend, denn Roma's Thore wären gewohnt, nur vor dem gol⸗ denen Lorbeer ſich zu öffnen. Dann müſſe er die Stadt für den Mittelpunkt der Welt, für die Königin Euro⸗ pa's erklären, ſich zum Schirmvogt derſelben gegen Jedermann, ſelbſt den von ihnen ausgeſtoßenen Pabſt, ausrufen, ihre Privilegien gegen männiglich zu verthei⸗ digen beſchwören, und dem Senat nach altem Gebrauch fünfzehntauſend Mark Silber zahlen, als einen geringen Tribut für die Ehre, die ihm Roma gewähren würde. Nur nach Erfüllung dieſer Vorſchriften könne dem in Deutſchland Gekrönten die römiſche Kaiſerkrone aus den Händen des römiſchen Senats zu Theile werden.— Ruhig hatte der König Friedrich den langen Sermon angehört; mit Ingrimm auf den bärtigen Geſichtern ſchaueten die empörten Fürſten auf ihren Herrn, und der junge Welfenherzog raſſelte ungeduldig und hörbar mit ſeinem mächtigen Schwerte in der Scheide, und der grimmige, leicht gereizte Wittelsbacher trat mit ge⸗ ballter Fauſt einen Schritt aus dem Kreiſe, und ſchien mit ſeinem Eiſenhandſchuh dem frechen Redner die Ant⸗ wort derb und fühlbar geben zu wollen. Aber Friedrich zog ihn raſch zurück, und vom Seſſel ſich erhebend, trat er mit lautem Gelächter dicht zu dem ſtutzenden Römer⸗ oberſt, und dann ſeine Hand nehmend und traulich ſchüttelnd, ſprach er mit lebhaftem Humor: Can che abhain non morde mai! Ein bellender Hund beißet nicht, ſagt ener Volkswort.— Ihr habt eure Rolle gut geſpielt, alter Freund, und wäret ihr ein Druſus oder 135 Scipio, und Roms alte Legionen ſtänden mit ihren Adlern hinter Euch, dann hätte ſolche Oration ſich trefflich ausgenommen. So gemahnt ſie uns, wie ein Pergament an eurem Pasquino angeheftet, euch ſelbſt zum Spott, denn die Forderung paßt zu dem Fordern⸗ den wie ein Königsmantel auf die Schultern eines Winzers, oder wie das rieſige Eiſenzeug, das mein Wittelsbacher trägt, auf den Leib des Edelknäbchens, das dort euren Rappen am Zügel hält. Kehret zu eurer Stadt, ſetzte er dann mit Würde und ernſter Miene hinzu, indem ſeine Stimme zugleich wie ein Kriegscommando klang, bereitet Teppiche und ſchmückt Thor und Straßen. Denn Friedrich, der deutſche Kö⸗ nig, wird euch die Ehre gewähren, zu raſten in euren Mauern und zu trinken aus euren Bechern. Friedrich, der deutſche König, wird euren Oberherrn zurückführen zu euch, daß das Heil wiederkehre euch und euren Kindern, daß der Bannfluch von eurem Haupte genommen werde, und eure Kirchen wieder ge⸗ öffnet ſtehen der rechten Lehre, und vertrieben bleiben der gottläſternde Arnold von Brescia und die ketzeriſchen Irrlehrer, denen ihr euer Ohr geöffnet. Eilet und be⸗ reitet, was ich geboten, gewöhnt euer Knie ſich zu beu⸗ gen in den Staub, oder Friedrich wird euer Lehrer ſein, ſo wahr dieſer mein Bart mein iſt und ich euch jetzt ungekränkt für euer lächerlichfreches Wort in Gna⸗ den entlaſſe.— So drehete er, ſich den Rothbart ſtrei⸗ hend, den Römern den Rücken, und lud ſeine Ritter zur Rückkehr an die ohne Noth unterbrochene Tafel. Ihren Ingrimm verbeißend, doch Tücke im Herzen, ver⸗ lichen die Römer ihr Lager; ſchon jetzt würde ihr Un⸗ mith bis zur Wuth emporgebracht ſein, hätten ſie jedes „ 136 ſchmähende Witzwort verſtehen können, welches der ge⸗ meine deutſche Kriegsmann, der Zeuge dieſer tragikomi⸗ ſchen Audienz geweſen, ihnen in ſeiner derben Volks⸗ weiſe mit auf den Weg gegeben. Aber der umſichtige König nahm im Herzen dieſes Ereigniß nicht ſo leicht als auf der Zunge, denn er kannte die feuerwerfenden Gemüther der römiſchen Pa⸗ trizier, den Hochmuth und Dünkel der Senatoren, wußte die Kraft zu ſchätzen, mit der die Maſſe eines ſolchen Volks, gehetzt und geſpornt von ehrſüchtigen Treibern, auch den thörigten Willen durchzuſetzen verſucht. Schon während der Tafel nahmen Friedrich und Adrian die nöthige Abrede; und als die Tageshitze der Abendkühle Raum gegeben, brach das ganze Heer auf, legte raſch die wenigen Stunden zurück, und lagerte ſich mit ſin⸗ kender Sonne in weitem Halbkreiſe nicht fern von den' Mauern der heiligen Stadt. Aber noch weit größere Ueberraſchung wartete auf die Einwohner derſelben, welche die unerwartete Erſcheinung anſtaunten, und in ſchnell zuſammengerufenen Verſammlungen, böſe An⸗ ſchläge ausſpannen, alle möglichen Unternehmungen die⸗ ſer verhaßten Fremdlinge dennoch zu Schanden zu ma⸗ chen. Auch der Pabſt hatte noch ſeine Anhänger in der Stadt, und gerade jener Theil der römiſchen Kriegs⸗ macht, welche in der Citta Leonina, in welcher ſich auf dem vaticaniſchen Berge die Peterskirche erhebt, ſein Standquartier hatte, war ihm ergeben geblieben, und ſtand durch Botſchafter in heimlicher Verbindung mit ihm. Als jetzt die Stille der Nacht ſich legte auf Lard und Stadt, als die wildbewegten Römer den trä en 3 6 137 Deutſchen im Schlafe glaubten in ſeinem von Wacht⸗ feuern umſtellten Lager, da brach der Presbhter⸗Cardi⸗ nal Octavianus ſelbſt als Botſchafter des Pabſtes auf, und beſprach ſich an dem goldenen Thore mit dem Ca⸗ pitano der Beſatzung, und um Mitternacht folgten tauſend auserleſene leichtgepanzerte Krieger der Eminenz, durchſchritten ohne Kriegsmuſik und Waffenlärm die ihnen aufgeſchloſſene Porta, und beſetzten die Leoniſche Vor⸗ ſtadt, den Vatican und die Umgegend der Peterskirche, und als ſchnellſchreitende Boten die gelungene Einnahme in das Lager berichtet, bereitete ſich der König, in Be⸗ gleitung des geiſtlichen Oberhauptes der Chriſtenheit, mit dem früheſten des nächſten Tages, es war der 18te des Junimondes, zur Krönung ſelbſt den Einzug zu halten, übergab dieſerhalb dem braunſchweigiſchen Herzog das Commando des Lagers, und erkor ſich die tapferſten Ritterſchaaren als Geleit zur Kirche. Mit Sorge hatte Georg von Eßlingen bemerkt, wie in den Dämmerſchatten das ſchlanke Gärtnermädchen ſich wiederum im Schwabenlager eingefunden und mit ſeltener Schlauheit den jungen Dalberg ſofort ausge⸗ kundſchaftet hatte. Auch waren es nicht ſüße Pomeran⸗ zen allein geweſen, welche die Noahstaube gebracht, denn Heribert trug den Ausdruck der Unruhe, der Be⸗ ſorgniß im Geſicht, und als die meiſten der Kameraden längſt Zelt und Bärendecke geſucht, wandelte er noch draußen umher, oder ſaß auf dem Stamm der gefällten Steineiche und ſtarrte in das kniſternde Wachtfeuer. Mit Erſchrecken ſah ihn jetzt der ſorgige Freund nach den Sternen blicken, und alsdann mit Eile den Mantel nehmen und das Schwert befeſtigen. Wohin? fragte er. Zu ihr! antwortete Heribert. Vergißt du, daß unſer Fähnlein mit zum Kirchengeleit erleſen wurde?— Ich bin zurück bis da; und wäre ich's nicht, kann der Vetter meine volle Rüſtung, Buſch, Schild und Schecken nehmen: Du führſt mit ihm die Junker, und Niemand wird mich vermiſſen.— Und ver⸗ ſprachſt du nicht Vorſicht? Gedenkſt du nicht, daß ge⸗ rade heute dieſe Römer Alles doppelt haſſen und befein⸗ den müſſen, was deutſche Zunge redet?— Sie rief, ſie bat, ſie befahl! entgegnete Heribert mit Glut und tiefem Gefühl. Wo wäre da Wahl und Bedenken? Nur eine Stunde muß ich hin, und es ſoll das letztemal ſein ohne dich; morgen ſind wir ja Herren der Stadt; morgen vielleicht werden dieſe ſtolzen Männer verſöhnt ſein mit dem Pabſt, dem Kaiſer und uns, und dann wird dein Dalberg keinen Schleichweg mehr gehen, ſon⸗ dern für ſeine Liebe ſich Brautwerber ſuchen unter den Fürſten, die ihn lieben.— Ehe Georg noch eine Antwort fand, war der Jüngling ſchon über die Wachtfeuer hinaus, im Schatten verſchwunden, und der Freund konnte ihm nur noch ein herzliches Gebet nachſenden. Die Nacht war ſternenklar, ohne Luftzug, kaum kühler als der geſunkene Tag, aber doch erquicklich der Menſchenbruſt, und aus den Gehölzen der Villen und Gärten quollen Duftwolken, welche erfriſchten und be⸗ rauſchten. Nachdem der junge Abenteurer eine Zeitlang durch das Feld fortgewandert; ſchien das Dunkel vor ſeinen Augen immer lichter zu werden, ſo daß er, be⸗ ſorgt über die verrätheriſche Helle bei ſeinem geheimen Gange, weiter ſchritt. Nicht lange, ſo ſah er neben ſich düſtere Maſſen wie dicke Nebelwolken ſich lautlos fortwälzen; es waren die tauſend Wappner, welche das ℳ „—— 139 Heiligthum beſetzen ſollten. Indeß ſie links zum vati⸗ caniſchen Hügel marſchirten, ſchwenkte er ſich rechts zum Janiculus, ſtreifte an dem Garten des Domitius hin, und ſtand bald an der Mauerlücke, welche, mehr als die Mauerſpalte des Piramus, ſeiner Liebe Vorſchub geleiſtet. Mit klopfendem Herzen, nicht ſo vorſichtig als ſonſt, ſtieg er über die Trümmer, und als ein Stein unter ſeinen Füßen rollte, und er den Fall zu hindern an einen Vorſprung der Mauer griff, wich die Hand⸗ habe, und ein bedeutendes Stir“ der morſchen Wand praſſelte herab und warf ihn Kieder. Er raffte ſich auf und fühlte ſich nirgend beſchädigt oder wund, jedoch drückte das böſe Omen auf ſein Gemüth, und beklom⸗ mener ſchritt er weiter. Die Stadt lag wie eine düſtere Katakombe um ihn, nirgend regte ſich ein Leben, als hätte des Königs Zornwort alle Einwohner früh in ihre Zellen geſchüchtert. Kein Wächter begegnete ihm auf den Tiberbrücken, kein menſchlicher Nachtvogel ſchwirrte durch die Bögen des Aquadukts oder den Portikus. So berührte er die Strada nuova, betrat ſie jedoch nicht, ſondern in einem weiten Bogen umging er ihre Paläſte, bis er einem großen, mit hohem Gehäge umgebenen Park gegenüberſtand, in deſſen Tiefe man das ausge⸗ zeichnete Haus der Familie Dragonite gleich einem dun⸗ keln Felsgipfel emporſteigen ſah. Ein Ruinenhaufen lag hier, einſt zu einem der prächtigſten Waſſerwerke gehörig, welche nicht allein die Prachtliebe der römiſchen Herrſcher verewigten, ſondern auch herrliche Zeugniſſe väterlicher Fürſorge blieben. Trotz der verheerenden Zeit und der Nachläſſigkeit der Nachkommen that ein Theil des Wer⸗ kes noch ſeine Pflicht, und aus dem Rachen eines ge⸗ waltigen Greifs ſtrömte ein friſcher Waſſerſtrahl, der fern von Rom ſeinen Urſprung gefunden, in einen zer⸗ ſpaltenen Marmorkorb, welcher die friſche Gabe der Natur als ein ungetreuer Haushälter durchließ, daß der flüſſige Kriſtall, ſtatt zum Trank und Bade zu dienen, den Boden feuchtete und den Weg ſumpfig machte. Hier ſtand Heribert, holte tiefer Athem, ſchöpfte mit der Hand und erfriſchte Mund und Augen, und ihm ſelbſt ſchien es wunderbar, wie er bei der nie zuvor gekannten Verwirrung ſeiner Sinne heute in den vielfachen Gaſſen ohne die Führerin, welche ihm in den erſten Nächten freundliches Geleit gegeben, den Weg ſo bald gefunden. Wie ward dem bewegten und ſchon ſo aufgeregten Jünglinge aber, als er jetzt die benäßten Augenlieder aufſchlug, und dicht vor ihm, nur durch den ſprudelnden Waſſerſtrahl von ihm geſchieden, eine menſchliche Geſtalt erblickte, von der er nicht wußte, ob ſie der Erde oder dem Todtenreich angehörig. Ein helles weites Gewand ſchimmerte durch das Dunkel und verdeckte des Leibes Form, aber ein leichenbleicher faſt kahler Schädel ſtarrte mit hohlen Augen herüber, und ein langer dürrer Arm war mit zum Himmel gehobener Hand gegen ihn aus⸗ geſtreckt. Halt an, Mann der Nacht, und geh nicht weiter! ſprach zugleich eine dumpfe Stimme. Der Weg, den du gingeſt, iſt nicht der Weg zum Glück!— Biſt du ein Bote von ihr? fragte Heribert haſtig und wich zurück. Keinem diene ich, der von Erde iſt und zu Erde wird, antwortete die Geſtalt; ich bin ein Bote des Un⸗ fichtbaren ſeit hundert Jahren und darüber, und ſpreche zu dir: Kehre um! Ich ſehe deine Hände roth vom lieben Blute und dein Herz ſchwarz umflort; darum 141 lege ich mich in den Weg wie ein Felsſtück und wehre dir den Gang, denn ich liebe die Tapfern.— Alſo nicht von ihr? fragte der junge Mann mit Heftigkeit, indem er raſch das Schwert entblößte. Alſo ein Verräther und Verräthers Geſell. Alt oder jung, um ihretwillen mußt du hinfahren!— Er führte einen gewaltigen Streich mit der Klinge nach der hellen Geſtalt, aber mit Entſetzen fühlte er, daß er nichts getroffen als den Waſſerſtrahl, deſſen zer⸗ ſtäubte Tropfen wie lauter ſcharfe Eisſtacheln ihn be⸗ ſpritzten. Der nächtige Warner war verſchwunden, und hohl hallte es wie aus dem Innern der Ruine:„Ziz⸗ zania hat geſprochen; wehe dem, der taube Ohren hatte!“— Dalberg ſtand erſchüttert und ſchwankte, was er thun mochte; da ſiel ſein Auge auf den fernen dunkeln Palaſt; und als er in dem letzten Fenſter des vorſprin⸗ genden Eckthürmchens ein Licht erblickte, das Zeichen, welches die Sicherheit der Stunde andeutete, ſo vergaß er ſchnell jede Angſt und die Wunderbarkeit des Ereig⸗ niſſes, und ging, noch einmal zuvor ſein Auge rund umherwerfend, vorwärts, wohin die Liebe ihn rief. Die Villa war mit einer niedern Mauer von Feld⸗ ſteinen eingefaßt; dahinter erhoben ſich aber dichte Hecken von Tamarisken, Lerchenbäumen, Taxus und vielfachen Stachelgewächſen, natürliche Schutzmauern, durch ihre Dicke und Schärfe undurchdringlich; aber wohl kannte der Jüngling den Platz, wo einige vertrocknete Stauden Raum gaben für einen ſchlanken Räuber, und ihn ein⸗ ließen in das fremde Eigenthum. Die wohlbekannten Gebüſche nahmen den kühnen Deutſchen auf; dort ſtand der weiße Fechter auf hohem 142 Piedeſtale und diente ihm zum Leuchtthurme; da ragten drei hohe altrömiſche Säulen in die Luft gleich Schiffs⸗ maſten, und trugen ein Stück eines Schwibbogens; rechts erkannte er die Gruppe von Feigenbäumen, links breitete ſich die rieſige Kaſtanie aus, und dicht hinter ihr ſchimmerte die kleine Halle von pariſchem Marmor, der Ueberreſt eines verfallenen Tempels der Luna, welche für ihn die Wiege ſeines Glücks, ſein irdiſches Elyſium geworden, ſeitdem er dort in Chiara's Armen empfun⸗ den hatte, wie Liebe gibt und wie Liebe vergißt. Bebend trat er hinan mit verhaltenem Athem, im Bangen der Ungewißheit, ob die Erwartete ſchon da oder nicht; da erkannte er die ſchlanke Frauengeſtalt, wie ſie ſaß auf der umgeſtürzten Säule und ihr ſchwarzes Gewand Schatten warf auf das weiße Geſtein, und er ſtürzte vor ihr nieder in das hohe Gras und preßte ſeine Stirn auf ihre Knie, bis ſie mit den ſchöngewölbten Armen ihn umfing und ſeinen Kopf mit der zarten Hand erhob, und ſelbſt das ſchöne Haupt zu ihm niederſenkte, mit einem ſeelenvollen langen Kuſſe ihn willkommen zu heißen. Herz von meinem Herzen, ſprach ſie dann mit der ſanfteſten Stimme, wie Dichterträume ſie den Engeln beilegen, die zu Menſchen reden, zürneſt du noch?— Ich ſah dein düſteres Auge und die Stirn voll Gram vergangene Nacht im Scheine der Fackeln, und dieſes vorwurfsvolle Geſicht iſt ſeitdem meine einzige und marternde Geſellſchaft geweſen. Wareſt du bös, daß ich ſo bald mein Verſprechen brach? O mein ſüßes Leben, glaube mir, ich konnte nicht anders.— Der Jüngling legte leicht ſeine beiden Hände an ihre Wangen, als wollte er die Flucht des ſchönen Köpſchens hindern. 143 Chiara's Liebe zu mir iſt wie die Gnade der Mutter Gottes, ſagte er ſchwermüthig, aber inniglich; wie könnte ich zürnen? Gabſt du doch das Verſprechen, ohne daß ich's gefordert, und mein Schmerz war nur eine ſtille Wehmuth, war nur wie der umflorte Gramesblick auf eines Freundes Todtenhügel.— Still, ſtill, meine Seele, ſprich nicht von ſo finſtern Dingen! fiel die Signora ein; mein Gemüth iſt genug⸗ ſam bedrückt und geängſtet. Weiß ich doch gar wohl, was dich quälte und ängſtete. Mehr als die Eiferſucht des liebenden Herzens marterte dich der erſte Flecken, den du an deinem Mädchen fandeſt, der erſte Schatten in ihrer Seele. Du dachteſt an Leichtſinn, Gefallſucht, Vergnügungsſucht; aber das war es nicht, mein Freund. Chiara mußte zu jenem Feſte deinetwegen.— Meinetwegen? fragte Heribert aufmerkſam und ver⸗ wundert.— Ja wohl, mein Edelſtein! antwortete ſie traulich. Du böſer Prediger haſt in wenig Tagen deine ſchwache Chiara zu einer Abtrünnigen gemacht; ſie iſt nur noch eine halbe Römerin, und die ganze Herzensſeite iſt ſo deutſch geworden, daß ſie ihren Spiegel ſcheut, weil ſie ein blaues Auge und goldene Locken auf dieſer abtrün⸗ nigen Seite fürchten muß.— O wäreſt du ganz eine Deutſche, du Huldin und Königin meines Herzens! ſeufzte Heribert. Trügeſt du doch ſchon den deutſchen Namen und das Kleid der deut⸗ ſchen Burgfrau! Vermählt und getrennt, blutsverwandt und fremd, haben und nichts beſitzen, das iſt Himmel und Hölle in Zwillingsgeſtalt, und für die leidenſchaft⸗ liche Mannesbruſt kaum erträglich, und nur die Hoff⸗ nung, daß ſolches Wechſelleben in Eis und Südglut 144 bald ein Ende nehmen müſſe, macht geduldig. Aber wie kommt das in Verbindung mit dem nächtigen Feſte, das mich folterte wie ein tückiſcher Marterknecht, das ich nicht ertragen hätte, wäre nicht der heimliche Handkuß wie ein geheimer Zauber gekommen und hätte meine ſturmwogende Seele in Banden gehalten. O mein ſüßes Lieb, löſe das Räthſel!— Meineſt du, liebetrunkener Adon, alle Kinder dieſes Landes wären mit Eurer Ankunft ſo zufrieden wie die wahnumfangene Thörin, die furchtlos und kindiſch in den Armen des Fremdlings liegt, weil du der erſte Mann warſt, der mich empfinden ließ, daß ich ein Weib ſei? fragte Chiata ernſter, aber doch immer im Ausdruck innigſter Hingebung. Glaubſt du, die hunderttauſend heißblütigen Männer, welche in den Mauern der mäch⸗ tigen Hügelſtadt athmen, würden geduldig anſehen, wie ein fremder König, gleich dem Totilla, und fremde Kriegerſchaaren, ähnlich den verwüſtenden Gothen, ein⸗ ritten in ihre Thore, ſie vertrieben von Tafel und Bett, ihnen Geſetze ſchrieben mit der Schwertſpitze, und ihnen den Herrn zurückbrächten, den ſie haßten und der ſie haßt, den ſie ausgeſtoßen und der den Bannfluch auf ſie geſchleudert? Ich hörte viel erzählen von euch Deut⸗ ſchen, wie ihr Feinde ſein könnet ohne Haß und Rach⸗ gier und ohne Mordſucht, wie ihr in der Leidenſchaft den Zügel der Vernunft ſelten verliert, wie ihr gut⸗ müthig ſeid und ſelbſt dem Todfeind gaſtlich Quartier nicht verſagt. Ich hielt das für ſpottende Mähr; aber ſeit du ſo kühn und vertrauend durch Roma's düſtere Gaſſen zu deiner Lieben kamſt, glaube ich daran, und ſolch muthig Vertrauen hat mein Vertrauen zu dir aufs Höchſte geſteigert.— —— S 145 Ich hörte heute früh die trotzige Stimme Roms, ich hörte ſie aus deines Vaters Munde, Chiara, und Muth und Vertrauen brach, und mit klopfenden Pulſen habe ich in dieſer Nacht den Weg gemacht, den ich ſonſt wie ein berauſchter Winzerbub durchſprang, unterbrach fie Heribert. Nun ſo ahneſt du gewiß, was ich dir zu entdecken habe, entgegnete Chiara. Was jene Geſandtſchaft kecklich ausſprach, wurde auf dem Feſte der Martellis verhan⸗ delt. Ich fürchtete mehr als das, fürchtete Ueberfall und Mord, und entzog mich daher der bacchantiſchen Nacht⸗ feier nicht, weil ich nicht früh genug erfahren konnte, welches Unheil für die Fremden erſonnen werden dürfte. War doch meine Seele im Lager der Fremdlinge, konnte doch jeder Mordſtreich mich ſelber treffen in dir!— Und iſt nicht die Ahnung Wahrheit geworden? Eiligſt rief Antonia dich heut zu mir, weil das Verderben bereitet iſt für euch. Morgen, wenn die heiße Tageszeit euch hinſtrecken wird auf eure Decken, wenn ihr den Italier nach ſeiner Sitte verſchloſſen glaubt im kühlen Steinge⸗ mach, dann wird die ganze Macht Roms herausbrechen, euer Lager zu überfallen, und die verwegenen Cavaliere haben geſchworen, kein deutſches Herz ſoll Gnade finden vor ihrem Dolch, kein Bote heimkommen, zu berichten in Deutſchland, wo die Grabhügel der Ritter des hoch⸗ müthigen Friedrichs ſich aufgethürmt. Männer dürfen viel ſprechen, noch Mehres denken; aber mir ſtieg ſchon oft die Röthe der Furcht auf die Wange, wenn ich den heiligen Vater vertrieben dachte durch die Meinigen; es war mir wie ein Bruſtſchlag des Kindes gegen den Vater; o mehr! es war mir wie ein Scheltwort gegen Gott, deſſen Stellvertreter er iſt. Und nun dieſer Blumenhagen. I. 10 Ueberfall ohne Krieg, der Mord aller dieſer Unſchuldigen! Nein, Chiara thut gut, wenn ſie dich bittet, zeige dei⸗ nen Fürſten an, was gegen ſie im Werke; dann wird ihre Wachſamkeit die That verhindern, dann werden die Römer den Frevel nicht wagen, und das Verderben gewendet bleiben von euch, wie von uns.— Ja, du biſt erkoren zum Engel meines Lebens! beſeligend, bewachend, rettend ſtehſt du über meinem Scheitel! brach der Jüngling ſchwärmeriſch aus. Ja, du weiße Taube im Neſte der Falken, deine Unſchuld wird den Mord in Frieden wandeln und den Verrath in Freundſchaft und wir werden erſehen ſein, das glückliche Sinnbild zu werden des Bundes zwiſchen Rom und Germanien. In deinem Sinne werde ich handeln, werde nicht aufhetzen das deutſche Heer gegen deine Landsleute, nur warnen meinen König, meinen Herzog. Wenn dann die Deinen von ihren Mauern und Thürmen morgen das Kriegsvolk vor dem Lager in eherner Linie erſchauen, ausgerückt wie zur Heeresſchau, werden ſie den ſtürmiſchen Ausfall nicht wagen, werden ſich hinge⸗ ben dem Schickſal, dem der Sterbliche nicht widerſtehen kann, und wir werden die Verſöhner ſein, und dadurch bei den himmliſchen Mächten und den irdiſchen Menſchen verſöhnen, Alle verſöhnen, welche dieſe Heimlichkeit viel⸗ leicht beleidigen möchte. Er hatte ſich vom Knie erhoben, an ihre Seite ge⸗ ſetzt, und beide umfaßten ſich jetzt ſo eng und feſt, als wäre Weltuntergang vor der Thür, und ſie wollten ſich halten und behalten trotz der Zerſtörung alles Geſchaffenen. Eine lange Stille folgte; nur zuweilen gab die innige Berührung der Lippen einen Ton wie ein fallender Waſſertropfen, nur zuweilen zog ein tiefer Athemzug, 147 faſt einem Seufzer gleich, durch die ſchwüle Luft. Da erklang fern vom Hauſe her ein langhallender Accord eines Saitenſpiels, und Chiara wand ſich raſch aus der Umſchlingung des in Liebestrunkenheit tauben und faſt ſinneloſen Jünglings. Antonia's Zeichen klang, flüſterte ſie mit ängſtlicher Zunge. Sie ſind ſchon zu Hauſe, der Vater oder die Vettern; ſie werden früh die Ruhe ſuchen, ſich zu ſtärken für den morgenden Streit. Eile hinweg und ſei vor⸗ ſichtig, ſei klug und mache das Werk des Haſſes zu Schanden.— Sie drängte ihn fort von ihrer hochwallenden Bruſt, von ihren Lippen; aber er kehrte immer wieder, und jedem letzten Kuß folgte die Bitte um noch einen letzten, bis ſie ſich losmachte in Angſt und Sorge um den Sorgloſen, und wie ein flüchtiges Reh durch die Ge⸗ büſche zum Palaſte floh.— Der ächten Liebe, die wie ein Feuer vom Himmel fällt, von welcher das ganze Weſen des Menſchen, Leib und Seele, Geiſt und Gemüth ergriffen wurde, gegen die keine Wehr hilft und kein Widerſtand, ihr iſt jedes Trennen eine Art von Sterben, der kleinſte Raum, welcher vom geliebten Gegenſtande ſcheidet, ein großes Grab, ein Abgrund tief und ſchwarz, die Zeit fern von ihm gelebt eine ſchleichende Ewigkeit, ein krankes, träges Vegetiren ohne Lebensmuth und Lebensfreude. Der Liebe Streben, ihr Zweck, ihre Vollendung iſt innigſte Verei⸗ nigung, Verſchmelzung zwei verwandter, räthſelhaft von der Natur geſchiedener Weſen zu Einem, daß ſie ein Ganzes werden, ſchaffend alsdann gleich dem geſchlechts⸗ loſen Schöpfer.— Das dachte und empfand Heribert, als er allein ſtand in der lautloſen Nacht, über ihm die rieſigen Arme der Kaſtanie ſich ausbreiteten, als hielte die ſchwarzverſchleierte Mutter Natur den Sohn, dem ſie eben ihre höchſte Weihe gab, der ihr darum gerade jetzt der Liebſte war, ſchützend und geborgen umfangen unter den gewaltigen Fittichen. Seine Pulſe klopften faſt hör⸗ bar; die Hände, die er ausſtreckte nach der fliehenden Geliebten, ſchienen Feuerfunken auszuſtrömen; es ſchien ihm, als dürfte er nicht fort, als müſſe er nach, als ſei er durch ſie gehörig zu dieſem fremden Stamme, dieſes Haus ſeine Heimath, die ihn nicht ausſtoßen dürfe, ww Jeder ihn aufnehmen müſſe wie einen lieben Sohn der Familie. Da däuchte ihn, als trüge der Weſtwind einen Trompetenſtoß fern her aus dem Lager, und der kriege⸗ riſche Klang erinnerte ihn an die herbe Wirklichkeit, an den nächſten Morgen, der wichtige Ereigniſſe in ſeinem Schooße barg; er gedachte ſeiner Pflicht, ſeines Ver⸗ ſprechens, und riß ſich gewaltſam auf aus ſeiner Träu⸗ merei, zu thun was dem Mann und dem deutſchen Krieger zukam. Vorſichtig tappte er fort bis zu der Tamariskenwand, bis zu der offenen Stelle, welche ihm den Ausgang erlaubte. Ohne Hinderniß ſchritt er über das niedergetretene Strauchwerk, hob ſich kräftig auf die niedere Mauer, und that von ihr raſch den Sprung in die trockene Niederung, welche hinter der Mauer von einem ehemaligen zugeſchlämmten Graben zurückgeblieben. Aber wie erſchrack er, als er, ſtatt ſich draußen völlig frei zu fühlen, ſich im Gegentheile plötzlich auf eine beſondere und unerklärbare Weiſe von unſichtbaren Mäch⸗ ten beengt und gefeſſelt fühlte, als er im nächſten be⸗ ſonnenern Augenblicke empfand, daß Netz und Schlinge 149 ihn umfing, daß ſtarke Seile, von geheimer Kraft ange⸗ zogen, ihn immer enger einſchnürten, und, ſchneller als ſein Gedanke das Schreckliche dachte, alle ſeine Glieder unbeweglich in Banden lagen, und er wie ein nächtiger Wolf im aufgeſtellten Eiſen des Jägers gefangen war. Einen wilden heftigen Schrei ſtieß er aus; da fühlte er eine rauhe große Hand ſich auf ſeinen Mund preſſen, mehre Menſchen packten ihn mit grober Gewalt, das Licht einer Blendlaterne blitzte blendend in ſeine Augen, und finſtere furchtbare Männergeſtalten umringten ihn mit hohlem Gelächter. Beim Sanct Lazaro! meine Ahnung täuſchte nicht, rief eine tiefe Stimme, die ihm nur zu bekannt war; es iſt der Gauner aus Nicaſio's Bude, der ſpionirende Tedesko. Viva mein prophetiſcher Geiſt, der mir nicht Ruhe ließ, ſeit es dunkelte! Tommaſo, juble! Wie ſchwer wird der Herr und der feuerſprühende Cavalier Giulio uns das Silber zuwägen! Her dein Meſſer; wir wollen ſogleich der Eule den Kopf herunterſchneiden, daß das Unthier nicht noch einmal unſerm Netze ent⸗ flattert.— Sorge nicht, Toro, fiel der Zweite ein; ich habe meinem Leibjägerrock Ehre gemacht und die Schlingen ſo gelegt, daß er nicht heraus kann, und hätte er Ele⸗ phantengliedmaßen. Aber lebendig muß er bleiben. Sprach nicht der junge Herr, als wir ihm Alles aus voriger Nacht berichteten:„Bringt ihn mir, daß er mir Rede gibt, was ihn an die Sänfte lockte und wie der Ring an ſeine Hand kam.“ Setzte er nicht noch hinzu:„Ein Dieb ſtellt ſich nicht mit dem Raube ans Licht unter Menſchen. O wär's nur ein Dieb! ich wollte ihm den Ring ſchenken und den Hals dazu.“— Sagte er nicht ſo? 150 Albernes Wort, wie's die jungen Leute faſeln, ent⸗ gegnete der Erſte, indem er noch einen Strick um die Bruſt des Gefangenen warf, der ſeinen Arm wie ſchar⸗ fes Eiſen ſchnitt. Aber du haſt Recht; gehorchen muß der Diener, und ich will meine Fauſt ſo feſt an ſeinen Nacken legen, daß ſie immer bereit ſein ſoll, ihm den Genickfang zu geben. Die Nebelkappe über ſeinen Kopf, und dann packt an, ihr Faulen, und tragt das Windel⸗ kind hinein, von wo er als ein recht ſtiller Mann wie⸗ der zurückkommen möchte.— Der lange dürre Tommaſo warf eine Art Sack über Heriberts Haupt, den der plötzliche Ueberfall und das Entſetzen ſtumm gemacht hatte, und der nur noch, als er nach Hülfe einen Blick in die Nacht warf, in der Ferne neben dem plätſchernden Brunnen dieſelbe Todtengeſtalt zu erblicken glaubte, welche ihn vordem gewarnt, und über welche gerade ein Strahl der Laterne hinzitterte. Die Lage des tapfern Reiterhauptmanns war ſo unglücklich wie nur irgend eine einem Menſchgebornen vom hämiſchen Schickſale bereitet werden konnte. Ein dem Tode verfallenes Opfer ſchien er gewiß, vielleicht eines martervollen, aber eines entehrenden zugleich; das blieb die höchſte Folter. Wie Stahl aus Glut in Waſſer getaucht erhärtet, wie ein Glied aus Ofenhitze in Schnee gerathen augenblicks erſtarrt und abſtirbt, ſo wirkte auch dieſer jähe Wechſel von Seligkeit und Elend auf Leib und Seele, und ſtarr wie eine Mumie, gedankenlos, faſt ohne Athem und Pulsſchlag ſchleppten ihren Fang die barbariſchen Knechte davon. Kaum empfand er, —— 151 daß man mit ihm einen weiten Kreis beſchrieb, daß dann eine Pforte durchſchritten wurde, die dem Klange nach aus Metall beſtand, und eng ſein mußte, weil die Träger ihn niederlegten und nur zwei derſelben ihn am Fuß und Kopf gefaßt hindurch zogen. Er vernahm dann, wie man einen Boten zur Anmeldung abſandte. Licht⸗ ſchein ſchimmerte durch ſeine Falkenhaube, hoͤhe Steigen trug man ihn hinauf, legte ihn wiederum eine Weile auf kältenden Steinboden, und als der Bote einen Befehl zurückgebracht, öffneten geräuſchvoll ſich Thüren vor ihm, durch welche man ihn wiederum fortſchleifte, bis heller Glanz ihn zu umgeben ſchien und eine Menge Stimmen ihn empfingen. Bindet den Scelerato los und ſtellt ihn aufrecht! befahl da eine ſonore Männerſtimme, welche er auch ſchon vernommen, und er fühlte wie man die Seile be⸗ hutſam löſete, ihn zugleich aller Waffen beraubte, dann ihn aufrecht, jedoch an den Armen feſtgepackt, hin⸗ pflanzte und die Kappe langſam von ſeinem Kopfe zog. Hüte dich, irgend ein Glied zu regen, oder mein Meſſer fährt dir durchs Genick und erſpart dir den zweiten Verſuch, flüſterte zugleich eine grimmige Zunge dicht in ſein Ohr, und als er, über das Dutzwort empört, ver⸗ ächtlich zur Seite ſah, blickten die Tigeraugen des ſchwarzumringelten Mörderkopfes ihn an, den er in der Eisbude unter ſeiner Fauſt gehabt. Halbgeblendet, ſchwankend in der Haltung ſah er jetzt um ſich. Eine weite Halle, von Marmorſäulen getragen, mit Prunk geſchmückt umgab ihn. Vor ihm auf einem mit Seiden⸗ decken belegten Divan, über welchem ein großes Panner von Silberſtoff mit einem Drachenkopfe in der Mitte hing, ſaß der Generaloberſt di Dragonite, und ein halbes 152 Dutzend bewaffneter Edelleute ſtanden rechts und links neben dem Familienhäuptling, deſſen charaktervolles Heldengeſicht Zorn und Neubegier ausdrückte, und deſſen funkelndes Augenpaar unter den buſchigen dunklen Braunen feſt auf ihn gerichtet war. „Das iſt kein Banditengeſicht und keine Diebeshand, Toro!“ rief einer der jungen Cavaliere vorlaut, in welchem Heribert auf der Stelle jenen Ritter im Scharlachmantel wiederfand, der auf den Wieſen von Piemont mit ihm ſich gemeſſen.„Bei dem Schilde des Mars! das iſt der verwegene Raufbold, der vor den Thoren Tortona's uns räuberiſch anfiel, und damals ſchon Zucht und Sitte verletzend, unſer Haus und Wappen beleidigte. Sprecht ſein Urtheil ſchnell, verehrter Ohm,“ ſetzte er hitziger hinzu,„laßt ihn zum Tode führen, denn es bedarf keines Verhörs mehr: dort wollte er unſern Namen beſchimpfen, hier als ſchleichender Spion unſern morgenden Anſchlag uns zum Verderben erfokſchen.“— Der Generaloberſt kümmerte ſich um die Exklamatio⸗ nen des erhitzten Cavaliers gar wenig. Sein Feuerblick maß jetzt den Gefangenen vom Scheitel bis zur Sohle. „Junger Fremdling,“ ſprach er dann mit Ernſt,„Eure Außenſeite, Geſicht und Tracht paſſen nicht wohl zu dem Wege, auf dem man Euch fand, noch zu dem Gewerb, welches man Euch aufbürdet. Sprecht, wer ſeid Ihr* Welches iſt euer Name und Euer Stand?“— Heribert legte die Hand auf den Mund und ſchüttelte mit ſchwermüthiger Geberde das Haupt. „Ihr wollt Beides bergen?“ fragte der Marcheſe weiter. „Ich thäte wohl das Nämliche an Eurer Statt, denn Familienehre iſt dem Manne das Höchſte, und iſt Euer Stamm ein edler Baum, möchten die Euren ſich nicht 153 geehrt fühlen durch die Banden dort zu euren Füßen, und die Stellung, in welche Eure Verwegenheit Euch brachte. Namenloſer, ſo ſagt denn: was wolltet Ihr innerhalb der Mauern meiner Villa? Welche meiner Hausleute waren die Ungetreuen, die Euch den Schleich⸗ weg verriethen? Wie kommt der verlorne Ring aus meinem Familienſchatze an Eure Hand?“— Heribert ſchlug die Augen zu Boden und regte kein Glied. Da ſtand der Heldengreis in heftiger Bewegung von ſeinem Seſſel auf, und trat ihm einige Schritte näher, und ſeine Augen funkelten fürchterlich, wie Raubaugen des gierigen Leuen aus dem gebräunten Antlitze hervor.— „Junger Menſch,“ ſprach er mit gehobener Simme,„wandle die Güte in mir und das freundliche Gefühl, welches deine adelige Geſtalt in mir erregte, nicht muthwillig um zu deinem Verderben durch froſtgeborne Halsſtar⸗ rigkeit.“— Heribert bedeckte ſein Geſicht einen Augenblick mit beiden Händen, dann erhob er die Rechte mit ausgeſtreck⸗ ten Fingern, wie zum Schwur in die Höhe und ſchlug die großen ſprechenden Augen ſchwärmeriſch zur Decke des Gemachs empor.—„In den Tod mit dem beiſpiel⸗ los frechen Spötter!“ riefen die jungen Römer alle, und er fühlte die Schneide von Toro's Meſſer an ſeinem Nacken. „Ha! laß mich nicht ahnen, daß der Gedanke Wahr⸗ heit in ſich tragen könnte, der jetzt mein Gehirn entzündet,“ unterbrach die Schreier der Oberſt mit ſteigender Heftig⸗ keit.„Glaubſt du, ich könnte dich nicht zur Rede zwingen? O ſchüttele nicht deinen Kopf ſo muthig, jammervoller Thor! Ich kann dich werfen unter das Bleidach meines Hauſes, wo die Mittagshitze deine Glieder ausdörrt, 154 dein Gehirn vertrocknet, und entſetzlicher Durſt dich Bittworte lehren würde. Ich kann im ſiedenden Oel⸗ keſſel dich baden, kann deine Glieder mit glühenden Eiſen zerfleiſchen laſſen, bis du Worte lernſt. Niemand weiß von dir, als hier meine Vettern, Vaſallen und Leibknechte. Was hindert mich, dich auszutilgen aus den Lebendigen durch den martervollſten Tod? Aber ich habe dich längſt erkannt; du ſtandeſt unter den Fürſten, als dein eitler König mit Worten der Verachtung und des Hohns unſerer gerechten und friedlichen Anforderung begegnete. Aus Achtung für deinen Rang und deine Jugend gewähre ich dir eine Bedenkzeit, bis die Sonne wieder leuchtet. Nutze die Friſt, ſonſt ſchwöre ich dir bei meinem Wappen, das ſo alt iſt, wie die heilige Stadt, wenn das Verderben, welches deines Herrſchers Hochmuth deinem Volke bereitet hat, über deine Lands⸗. leute herabgekommen, ſollen die Flüchtigen dich zuerſt hangen ſehen im ſchimpflichſten Todesbilde auf den Mauern des unbezwinglichen Roms, und deinem Stamme erzählen von deiner Schande, wenn ſie heimgekommen. Führt ihn in den ſchwarzen Thurm!“ ſetzte er, ſich zornig abwendend hinzu:„doch zuvor entreißt ihm den Ring.“— Heribert wehrte ſich mit allen Kräften der Jugend, aber die Gewalt der Männer machte ſeine Hände lahm; er fühlte das liebe Kleinod, welches ihm Chiara in der erſten Stunde des Beſitzes als Gedächtnißzeichen gereicht, herabgeriſſen von der gequetſchten Linken, und erſchöpft, ohnmächtig durch die Wehr ſank er nieder zwiſchen ſeinen Henkern—— Erſt in tiefer Dunkelheit und auf feuchtem Boden liegend kam er zu voller Beſinnung. Welche Empfindungen 155 wurden in ihm wach, als die ſchrecklichen Traum⸗ bilder, mit denen er ſich umgeben glaubte, nach und nach ſich auflöſeten, und es ihm Gewißheit wurde, er habe ſein volles Bewußtſein, und Alles das ſei wirklich mit ihm vorgegangen! Entſetzen rieſelte durch ſeine Gebeine; er dachte an den Morgen und was an ihm für die Seinen, für ſeine Brüder, für ſeinen geliebten König bereitet werden ſollte. Da faßte die Hand, welche krampfig nach dem Herzen griff, um verzweifelnd im eigenen Fleiſche zu wüthen, das kleine Kreuz, die ge⸗ weihete Reliquie, welche ihm die fromme Mutter mit⸗ gegeben, und plötzlich kam ſtille Ergebung, Demuth vor dem Rathſchluß des Unſichtbaren in ſeine Seele. Er betete innig, und erſtarkt legte er ſich dann an die Mauer mit dem heißen Lockenhaupte, und rief Chiara's liebes Bild herauf vor ſeine Seele, und die Erinnerungen alle, welche an ihre Geſtalt ſich knüpfen mußten. Was iſt es denn ſo Arges? fragte er ſich. Die Blume öffnet einen Tag lang ihren farbigen Kelch der Sonne, und wenn ſie ſich ſattgetrunken an den himmliſchen Strahlen, ſo ſenkt ſie das Haupt und welkt ab. O! ich habe einen langen Tag vollgeſogen das himmliſche Licht, ich habe das Höchſte gekoſtet, was die Erde beut, und mag der ewige Schlaf kommen, ich nehme Träume mit hinein für eine Ewigkeit reich, und mein Gedächtniß, wenn auch nicht an Ehrenſäulen, ſo lebt es doch in einem edlen Herzen fort; ich lebe ewig in ihr, wenn ſie auch erſt dort oben erfährt, warum ihr Getreuer nicht wiederkam, ſeine Braut zu fordern von dem tyranniſchen Vater.“ Chiara's Namen ſeufzte er dann leiſe wieder und wieder, und verſank in jenes wehmüthigwohlthätige Sinnen, welches der freundliche Begleiter einſamer Liebe 156 iſt, und Balſam in die Wunden der Trennung zu gießen pflegt. Indeß dieſes Alles vorging, hatte die ſchöne Chiara nicht viel weniger ſcharf den Dornenkranz des Lebens zum erſten Male im Leben gefühlt. Auf der Terraſſe am Palaſte hielt ſie den flüchtigen Daphnenſchritt an, und horchte, ob das beſtimmte Zeichen des unbefährdet voll⸗ brachten Rückzuges des geliebten Mannes, der dreimalige hellklingende Schlag ſeines Schwertes gegen die kupferne Röhre des Waſſerwerkes, erklänge. Sie horchte ver⸗ gebens, und Unruhe bemächtigte ſich ihres Gemüths. Sie wollte ſchon zurückeilen zum Tempel der Luna, da hörte ſie des Vaters ſtrenge befehlende Stimme im Hauſe, und die Vernunft zwang ſie, eilig durch die kleine Seiten⸗ thür hinauf in ihre Zimmer zu flüchten. Kaum ſaß ſie dort mit heißen Wangen und pochendem Herzen auf dem Ruhebett, ſo trat der Vater ein, und ſie zagte vor ſeinem forſchenden Auge. Zerſtreut und kaum einen Blick auf ſie richtend, befahl er mit kaltem Tone, daß ſie ihre Frauen zu ſich rufen und mit ihnen die Nachtmahlzeit auf ihrem Zimmer einnehmen möchte.„Kurz iſt die Nacht, bald tagt der Morgen, und wir bedürfen Stär⸗ kung für das Werk der Rache!“ ſetzte er hinzu, in⸗ dem er ſie auf die blütenweiße Stirn küßte und dann verließ.— Zum erſten Male fiel der Jungfrau da auf das Herz, daß ſie dem Vater verſchuldet ſei, daß dieſem Verſtänd⸗ niß, in welches die Trunkenheit der erſten Liebe die heißblütige Tochter des Südlandes geriſſen, dern Segen des Vaters mangele. Früh hatte Chiara die Mutter 157 verloren; unter männlicher Umgebung hatte die eigene Kraft ſich ſchneller entwickelt, aber in der gewonnenen Selbſtſtändigkeit war die Weiblichkeit der Scheu und Demuth, ihrer ſchönſten Blüten, beraubt worden; ver⸗ ſchloſſen hatte ſich das Gemüth den Verwandten; der eitle Geiſt hatte ſich ſelbſt genug zu ſein geglaubt; Eigen⸗ wille und ſelbſtſüchtiger Freiſinn wurden in ihr geboren, beide gaben ihr den Reiz einer Götterjungfrau, einer Artemis oder Athene, beide aber zerſtörten jetzt den ſo langbewahrten Frieden ihrer Seele. Des Vaters Anblick in dieſer Stunde hatte ſie ſchuld⸗ bewußt gemacht; die Sorge um den Liebling brach ihre Amazonenkraft, und daß ſie kein Mittel wußte, dieſe Aengſtlichkeit zu mildern, keines, dieſe Ungewißheit zu nichte zu machen, wandelte bei ihrem Charakter das Bangen zur Folter; ſie hätte das Kühnſte. nicht geſcheuet, doch die einzige Vertraute, Antonia, war ſchon zur Wohnung des Gärtners gegangen, und mit Zwang weilte ſie darum nur kurze Zeit bei ihren Frauen, warf ſich dann einige Minuten im Geheimzimmer vor den Betaltar, und legte ſich unentkleidet auf das Bett, geſtört durch die Schritte der Gewappneten, die dumpf aus den Hallen herübertönten, durch quälende Träume geweckt aus dem Morgenſchlummer, und mit dem erſten Früh⸗ roth wieder wach in unerklärbarer Beklemmung. Wie ſtieg dieſe aber, als es wach geworden im Hauſe, und Antonia früher wie ſonſt die Blumenſträuche herauf trug, die Zimmer der Gebieterin za zieren, und ihr zugleich mit verſtörtem Geſicht einen Brief reichte, den man ihr mit Tagesanbruch in das Fenſter der Hütte geworfen. Bebend brach ſie das himmelblaue Siegel voll wunderbarer Charaktere; Todeskälte überlief ſie, als ſie den Inhalt 158 des Blattes geleſen und wieder geleſen, denn ihre wirren Sinne wehrten ſich, ihn zu verſtehen. Alſo lauteten die Worte: —„Römerin, du haſt mit dem Feinde verkehrt, das rächen die Götter. Willſt du den Bräutigam wieder ſehen, ſo ſuche ihn im ſchwarzen Otternthurme, jener blutbefleckten Höhle der geheimen Sünden deines Stammes. Weisheit warnte vergebens; die Jugend ſpottete der Er⸗ fahrung. Wohl dir, welche die verlockende Epa war, findeſt du einen Lebendigen zu erretten; wohl dir, muß dein frevelndes Herz nicht brechen über dem zerfleiſchten Herzen eines jungen verführten Heldenſohnes. Der alte Zizzania.“ — Gazza! Gazza! ſchrie ſie athemlos mit letzter Kraft, und das erſchrockene Blumenmädchen ſprang da⸗ von, dem Befehle der Signora Folge zu leiſten.— Der Geheimſchreiber Gazza war Chiara's Milchbruder, der Sohn eines armen Sbirren, mit ihr erzogen, früher der Page des kleinen Mädchens, das den wilden Buben von mancher Strafe gerettet, ſpäter von dem Marcheſe wegen ſeiner Anhänglichkeit zu ſeinem bedeutenden Poſten erhoben worden, jetzt ein gutmüthiger, wenn auch etwas eitler Jüngling, Chiaren zugethan, wie alles Haus⸗ geſinde, jedoch mehr noch als die übrigen Alle durch Dankbarkeit und Gewohnheit aus der glücklichen Kin⸗ derzeit. Der junge Schreiber, heute ebenfalls früh auf in Geſchäften des Herrn, eilte ſchnell herbei auf den Ruf der Dienerin der ſtolzeſten ſchönſten Signora Roms, welche ſo ſelten die männliche Dienerſchaft eines Befehls oder eines Auftrags werth hielt; aber ſeine freudige Erhitzung, auf der Wange und im Auge ſichtbar, wandelte — 159 ſich augenblicks in die blaſſen Farben des Schreckens, als Chiara mit ſichtlicher Zerſtörung ihres Weſens vom Ruhebett auffuhr, ihm entgegenſchwankte und mit bleichen Lippen ſtammelnd ihm die haſtigen Fragen entgegen warf: „Iſt es wahr, Gazza? Wo iſt er? Lebt er noch im Thurme? Habt ihr ihn ſchon gemordet?“ Wie von Gottes ſtrafender Hand getroffen und ge⸗ lähmt ſtand er, und fragte zitternd zurück: Ihr wiſſet davon, Herrin? Wie wiſſet Ihr davon? Wer brachte Euch das gegen des Herrn Gebot? Mit einem lauten Schrei taumelte Chiara zurück; raſch aber von der Wichtigkeit des Augenblicks erſtarkt, raffte ſie ſich wieder empor, ſtürzte auf den Verwirrten zu, und packte ſeine Arme mit der Wuth einer Eumenide. Sprich, Unglücksrabe! ſchrie ſie. Iſt er todt? Sagſt du ja, ſo möge nie deine Zunge wieder ein Wort ge⸗ bären, denn ſie müßte tödten, wie die Gorgone.— Er lebt! ſtotterte Gazza. Aber er wird des Abends Kühle nicht wieder empfinden, denn er ſchweigt, wie ein Todter.— Er lebt! Er iſt treu und ſtumm! jubelte da mit ſeltſamem Wechſel die Jungfrau, und Roſenglut trat auf ihr Geſicht, Himmelslicht in ihres großen Auges Finſter⸗ niß. Auf denn, Gazza! Er muß frei ſein, frei ſein in nächſter Stunde. Du kannſt das, du biſt Herr aller Schlüſſel und Pforten. Er muß frei ſein, Gasza; hörſt du? Chiara ſagt das.— Aber, Signora, des Marcheſe Zorn! Und was liegt Euch an des Feindes Leben? Und wie wäre hin⸗ auszukommen bei dem Tumult im Hauſe.? fragte er angſtvoll. Page, gehorche deiner Dame! Es iſt die That eines Cavaliers, zu der man dich aufruft! rief ſie da befehlend und ſchmeichelnd zugleich, und der ergriffene Mann warf ſich vor ihr auf die Knie und küßte heftig die dargebotene zarte Hand.—„Er ſoll leben, und ſollte Gazza ſtatt ſeiner im Thurme verbluten!“ ſagte er mit Feuer und eilte davon. Da löste ſich auch die krampfige Gewalt, mit welcher Chiara's Seele den ſchwachen Körper bezwungen; gänzlich gebrochen, wie“ zernichtet ſank die Jungfrau auf die Teppiche, und eine Thränenflut überſchwemmte die Blüten des lieblichſten Angeſichts.—— Es gibt einen Freund im Unglück, der, wie ein Erz⸗ engel, eine Kindergeſtalt hat, aber ein Flammenſchwert führt, und ſo Muth und Vertrauen in die ſchwarze Stunde bringt; ſein Name iſt Ergebung. In den ſchwarzen Todesthurm, in welchen kein Tagesſtrahl fiel, in welchem eine Grabesſtille herrſchte, als ſei er ein Grab und ſein Bewohner ein lebendig Begrabener, wo nur ſcheues Ungeziefer raſſelnd durch das modernde halb⸗ faule Strohlager ſtrich, eine gräßliche Geſellſchaft, die daran mahnte, daß man verſtoßen ſei aus dem Leben des Lichts, verlaſſen von allen fröhlichen Kindern des Lichts, in dieſen ſchwarzen Thurm hatte ſich der Erzengel herabgeſenkt, und ſtand neben dem vergeſſenen Heribert. Ergebung und Erinnerung waren bei ihm lange Stunden hindurch, und ſie halfen ſeinem Geiſte auf, und der feurigkühne Jüngling wurde ein kaltentſchloſſener Mann. Endlich raſſelten Schlöſſer und Eiſenthüren. Toro, der wilde Henker, ſtand vor ihm und fragte rauh, ob er ſich beſonnen, ob er Rede geben wollte auf die Fragen 161 des Herrn?— Der Junker antwortete nicht und wandte ſein Geſicht ab von den blutgierigen Augen des Mord⸗ ſüchtigen.„Soll ich den Pater ſchicken?“ grinſete der Unmenſch,„Sanct Peter möchte Euch ſonſt den Eintritt weigern in die Himmelsthür.“— Der deutſche Jüngling faltete unwillkürlich die Hände, und erbost durch den Starrfinn ſchlug der Frager die Thür zu, und ließ ihn wieder in ſeiner Finſterniß. Nicht lange darauf hörte er ein neues Geräuſch, und zwar über ſich an der Decke des Kerkers. Er erſchrack. Wollte man etwa das Gewölbe einbrechen, und ihn ſo, ohne daß eine Hand ſchuldig und blutbefleckt werden möchte, begraben im ſtürzenden Geſtein?— Aber nein! Eine Fallthür öffnete ſich oben, Licht des Tages ſtrahlte blendend ein, und ein freundlicher Männerkopf ward ſichtbar, und eine milde Stimme fragte ängſtlich:„Deut⸗ ſcher Herr, iſt noch Athem in Euch und Stimme?“— Heribert antwortete, da ward eine Leiter heruntergelaſſen, und mit vorſichtiger Eilfertigkeit ſtieg der Schreiber Gazza herab.„Signora di Dragonite ſendet mich,“ flüſterte der Bote des Himmels;„Signora läßt Euch grüßen, und gebeut Euch Eile und Vertrauen!“— Chiara! lallte Heribert mit Entzücken. Ja, die Liebe konnte mich nicht verlaſſen!— Aber mit Verwunderung ſah er wie Gazza ein Feuer⸗ becken trug voll glimmender Kohlen, wie er Aſche um⸗ herſtreute, die Kohlen an den Boden warf und einige Leinenlumpen auf ſie.„Fürchtet nichts,“ ſprach er dazu; „das Feuer ſoll uns nicht ſchaden, der Rauch uns nicht erſticken. Kein Menſch darf den Verdacht der Entführung auf ſich laden, denn die Rache der Dragonite's würde ihn fürchterlich treffen. Der Satan ſelbſt muß Euch Blumenhagen I. 11 162 davon getragen haben auf ſeinem Flammenwagen. So iſt die Spur verloren, und der ſcheue Glaube ſchützet Euch und mich.“— Eilig half er ihm dann die Leiter hinauf, ſenkte die Fallthür wieder ein, warf ihm den groben und dunkeln Mantel eines Knechts über, und führte ihn durch enge Treppen und finſtere Gänge zu einer kleinen Pforte, die ſich auf einen öden Platz voll Trümmern und Ruinen öffnete. Ich habe meine Pflicht gethan; rühmt das bei der Signora, wenn Euch das Glück lächelt, ſagte noch der junge Römer. Jetzt muß ich Euch Sei m Schutz⸗ patron überlaſſen.— Heribert drückte dem Retter herz⸗ lich die Hand, und dieſer verſchwand alsbald hinter dem verſchloſſenen Pförtchen.— Der deutſche Mann war jetzt allein und waffenlos; aber er war frei, ſo fehlte ihm nichts. Er zog den Mantel über den Scheitel, überſtieg die rauhen Trüm⸗ merhaufen und wagte ſich in die Straßen, ſeine Schritte hemmend, damit ſie nicht der Flucht glichen, und von der ſtrahlenden Morgenſonne ab nach Weſten ſeinen Gang richtend. Doch die Umgebungen trieben ihn bald, ſeinen Schritt in einen Lauf zu verwandeln. Alle Straßen, alle Plätze fand er ſchon mit Menſchen über⸗ ſchwemmt. Aber das waren nicht fleißige Handwerker, welche ſammt ihren Geſellen die enge Hütte verlaſſen hatten, um draußen unter dem Schatten einer Platanen⸗ wand oder eines Lorbeerbaumes oder unter einem grauen Leinwanddache ihre Werkſtatt anzulegen; das waren nicht halbnackte Si träger, die, gebeugt unter dem Ge⸗ wicht, ihr rauhes: Guardatevi! ſchrien, wenn der Be⸗ gegnete ſchon zu Boden gerannt worden; das waren nicht ſchmucke Kaufdiener, welche ihre Waarenkäſichen 163 zur Putztafel einer Signora trugen, nicht Prieſter und Abbaten, die zum Dienſte der Kirche oder zur Aufwar⸗ tung einer Eminenz wandelten. Alle dieſe Stände drängten ſich durcheinander, als hätte der gewaltige Stoß einer Erderſchütterung die ganze Bevölkerung der Stadt in Todesfurcht aus den krachenden Mauern in das Freie getrieben; jedoch trug das lebendige Bild einen noch bei weitem furchtbarern Charakter; denn nicht Angſt und Schrecken, ſondern Zorn und Wuth funkelte aus allen Geſichtern und Augen, nicht halbnackt und in Schlafkleidern, ſondern bewaffnet, wie es jedem mög⸗ lich, waren alle die Tobenden, Beile und Schaufeln dräueten zwiſchen Speer und Schwert über den ſchwarz⸗ haarigen Köpfen, und wer kein Eiſen vorgefunden, be⸗ mühete ſich, mit SBi und geſammelten Steinen die Fäuſte gefährlich zu machen. Ohne Bedenken wagte ſich Heribert mitten in den Tumult, und ſti ebenfalls Kieſel in die Schrhſ ſeines Mantels. Da erkannte er augenblicklich die Ur ſache dieſer allgen meinen ſchreckenvollen Volksbewegung. Schändlicher Verrath! ſchrie man. Die Stadt iſt über⸗ fallen! Der Vatican iſt beſetzt! Ohne uns krönt man im Sanct Peter! Laßt euch die Kaiſerkrone nicht rauben! Herunter mit falſchen Prieſter! Nieder mit dem deutſchen Totila! Rettet Roma's Ehre! Rächt Roma's Schimpf! Den Henker über die Zur Hölle mit den weißköpfigen Verräthern!— So erklang es in allen möglichen Tonarten der Menſchenſtimmen, und am lauteſten ſchrien mitten inne einige prieſterlich gekleidete Hetzer, jene Schüler des berüchtigten Irrlehrers Arnold. Dalherg ſchien heute beſtimmt, aus einem Höllenpfuhle in den andern geworfen zu werden; zerſtörtes Liebesglück 164 war der erſte Teufel dieſes Tages geweſen; befähr⸗ dete Ehre, bedrängtes Ritterthum wurde zum zweiten. Wie er dieſe Maſſen anſah, die wie Schneelawinen der Appenninengipfel ſich im Weiterwälzen bis zum Unge⸗ heuern vergrößerten; wie er bei dem Pantheon und auf dem Forum Alteriorum die Krieger Roms, ihre ritter⸗ lichen Capitanos an der Spitze, überwallt von den flatternden Fahnen und bunten Wappen der Rionen, eine in damasger Zeit ſtattliche Soldateska, im Sturm⸗ ſchritte und ohne Ende hinziehen ſah; überzeugt wurde durch das Hindrängen dieſes feindſeligen Menſchenſtroms gegen den nördlichen Tiberwinkel, gegen den Vatican und die Sanct Peterskuppel, daß ihr Zweck nur Stö⸗ rung der Kaiſerkrönung ſein konnte; wenn er des Königs gedachte und der geringen Mannſchaft, die ſein hohes, heiliges Haupt gegen den Sturm dieſer Tauſende und aber Tauſende bewachte: ſo theilte ſich Schreck und Kampfwuth gleichzeitig in ſeine Empfindungen, und gab ſeiner Bruſt und ſeinen Füßen Rieſenkraft und Windes⸗ flüchtigkeit. Er flog zurück und links ab aus dem Ge⸗ dränge in die leeren Seitengaſſen, paſſirte glücklich die beiden Brücken der Tiberinſel, durchſprang die Mauer⸗ lücke am Janiculus, und erreichte mit ihm ſelbſt kaum glaublicher Geſchwindigkeit unbefährdet den Flügel des deutſchen Lagers, wo die verlaſſenen Zelte ſeiner Schwa⸗ ben ſchimmerten, die im Geleit des Königs davongeritten. Das Feldlager der Deutſchen hatte heute jeden Schein von Krieg und Feindſeligkeit abgelegt. Zwar flatterten vor der langen Fronte die ſeidenen Panner der Fürſten und die geſtickten Fähnlein der Ritter prun⸗ kender als je im Morgenwinde, aber keine Eiſenwaffen droheten neben und unter ihnen. Wie in einem großen — 165 Garten zur Luſt fröhlicher Compagnien aufgeſchlagen, ſtanden die buntfarbigen Leinenhäuſer hinter einer Wand von Ehrenpforten und Feſtſäulen, die von den Kriegern aus den Zweigen der üppigſten Bäume geformt worden, und das dunkle Cypreſſenthor und den Obelisk, von Lorbeerſchößlingen und mit Goldfrüchten prangenden Orangenäſten gebaut, verbanden koloſſale Gewinde, in welchen zwiſchen grünem Eichenlaube die großen Pracht⸗ blumen Italiens mit ihren reichſten Fakbenſpielen im hellſten Sonnenlichte ſtrahlten und funkelten. Edelmann und Soldat hatte ſich in die beſten Wappenröcke und reichſten Rüſtzeuge geworfen, den gekrönten Kaiſer, wenn er zurücktam von dem Sanct Petersdom, zu empfangen und zu rauſchenden Feſten war Alles vorbereitet.— Heriberts erſter Ruf, als er vor ſeinem Zelte ange⸗ langt, erging an ſeinen Knappen. Rüſtung und Schwert forderte er von dem Beſtürzten, der erbleichend vor dem Herrn ſtand, mit ſtarren Augen ihn betrachtend, wie er athemlos, vom Staube bedeckt, ohne Barret, an jedem Haare Schweißtropfen, mit erhitztem Antlitz und hoch⸗ ſchlagender Bruſt ſich an der Stange des aufgepflanzten Schwabenbanners feſthielt. Ein zweiter Befehl jagte ihn in das Gezelt, indeß der Junker von Dalberg ſich ermannte und zu zwei Trompetern trat, die im Graſe unter dem Schatten einiger hohen Pinien lagerten. Blaſet Allarm, blaſet Sturm, ſo lange ihr Athem habt! rief er, und erſchrocken fuhren die Trägen emporz jedoch den geehrten Hauptmann erkennend, wagten ſie keine Einrede, und die bekannte Schlachtſtimme ihrer Trompeten ſchmetterte ſofort in ſchneidenden Tönen durch die Lüfte, wurde beantwortet in der nächſten Region des Lagers und wieder in der nächſten, ſo daß in wenigen 166 Minuten die feſtliche Sabbatsſtille in rauſchenden Kriegs⸗ lärm gewandelt wurde, der ſchnell die ruhenden Sol⸗ daten im gewohnten Gehorſam aus ihren Zelten zu den Waffen und in die Glieder trieb, aus welchen eine ge⸗ regelte Schlachtlinie ſich zu formen pflegt. Heribert hatte eben ſeine Bewaffnung vollendet, die Pickelhaube aufgeſtürzt, den leichten Panzer umgeſchnallt, das blanke Schwert ohne Scheide und den Schild mit dem Kreuzeswappen, gefaßt„da ſprengte ſchon auf hecht⸗ blauem, mit der Tigerd ecke geete egiſche Blut⸗ hengſte Herzog Heinrich die Fronte herunter. Der jugend⸗ liche Held prangte im ſchönſten Schmuck; die Farben ſeines Hauſes, roth, gelb und him melblau leuchteten über ſeinem Haupte wie ein Regenbogen über einem Silberquell, und fielen in koſtbaren Federn von dem gekrönten und mit Juwelen umkränzten Helme auf Schultern und Nacken herunter. Ein reichgeſtickter Schar⸗ lachmantel umwogte die blaue Prachtrüſtung, die von goldenen Blumen und Löwenbildern bedeckt war. Aber das Antlitz des Geſchmückten paßte nicht zu den Feſt⸗ kleidern, denn Unwille und Zorn glüheten im dunkeln Auge und runzelten die hohe Stirn.— Hier blies man zuerſt! rief er, vor der Schwabenwache ſein Roß pa⸗ rirend. Wer wagte das ohne mein Wiſſen, und was ſoll der ſtörende blinde Lärm?— Mit Haſt trat ihm der von Dalberg entgegen. Ich befahl, ſprach er kühn; die Noth drängte. Keine Frage, mein Herzog, keinen Aufſchub. An jedem Augenblicke hängt ein ſchwer Ge⸗ wicht. Es gilt des Königs Leben. Ganz Rom iſt in Aufruhr. Hunderttauſend rebelliſche Wüthriche bedrohen des Königs Freiheit, ja ſein Leben und das Leben unſe⸗ rer Waffenbrüder.— ——— 0 — — 167 Und Ihr verließet Euren Poſten, Euren Herrn, Eure Gefährten? fragte ſtutzig der Herzog zurück. Ihr kamet ein feiger flüchtiger Bote?— Glaubt das für dieſen Augenblick, mein Prinz, ant⸗ wortete Heribert drängender; ich und meine Ehre ſind jetzt geringe Kleinode gegen das Heiligſte, was auf dem Spiele ſteht. Noch iſt nichts verloren, noch iſt nichts befährdet; aber jede Säumniß kann das Schrecklichſte gebären. Führt das ganze Heer eiligſt zum Vatican, ſprenget ihm ſelbſt voran mit den Reitern und ſchonet die Sporen nicht. Mir vertrauet die beſten Züge des Fußvolks; ich führe ſie durch den Janiculus über die Tiber in den Rücken der Feinde, und treffen wir uns wieder im Gedräng, ſo mag mein rothes Blut Euch heißſprudelnd antworten, ob ein Dalberg zum flüchtigen Boten ward ohne Noth im vergeſſenen Pflichtgefühl.— Erſchrocken bleichten ſich des Herzogs Wangen, er ertheilte ſeinen herankommenden Rittern Befehle, und pald kam die wildeſte Bewegung in alle Reihen und Rotten des deutſchen Heeres. In den erſten Frühſtunden des 18ten Junius war Friedrich Barbaroſſa an der Seite Adrians und von einem ſtattlichen Rittergeleit umgeben, welches der Wittelsbacher in blanker Silberrüſtung befehligte, in die Porta vaticana eingeritten. Nach einer kurzen Friſt empfing der heilige Vater in Mitten ſeiner Cardinäle und Prälaten den geliebten Sohn an den Stufen der Peterskirche, geleitete ihn mit ſegnender Hand in das Heiligthum, hielt dort das Hochamt, ſalbte das geweihete Haupt und ſchmückte es mit der glänzenden Kaiſerkrone. In andächtiger Ruhe umſtand indeß die erkorene Schaar der Leibwächter den heiligen Dom, freuete ſich des endlich errungenen Zieles, und empfing den aus dem Heiligthume zurückkehrenden Herrſcher mit jubelndem Triumphruf und weithin tönendem Waffengeklirr. Aber kaum hatte der Kaiſer ſein Staatsroß, das goldge⸗ ſchmückte milchweiße Mutterpferd, beſtiegen, kaum hatte der Zug ſich neu geordnet und die Gegend der Kirche verlaſſen, ſo erſcholl hinter ihm das furchtbare Kriegs⸗ geheul der anlaufenden Römer von der Engelsbrücke her und von dem Caſtrum Sancti Angeli, und bald erblickte man den Vortrab der wilden Soldateska an der Maria⸗ kirche, bald überſchwemmten ſie das Forum Petri.— Nur einen ohnmächtigen Auflauf einiger Unruhigen vermuthend, ſetzten die Deutſchen ihren Feſtmarſch lang⸗ ſam in ununterbrochener Ordnung fort; doch nicht lange ſollte ihnen die Gefahr und die Größe der Volksbe⸗ wegung verborgen bleiben. Die römiſchen Oberſten führten zuerſt ihre Soldaten zu dem Petersdom, wo ſie die Krönungsfeier noch zu ſtören vermeinten. Ihr In⸗ grimm wuchs, als ſie in der Prachtrotunde Niemanden fanden, als einige wenige Deutſche, welche die Neugier in der Betrachtung des Heiligthums zurückgehalten, und die das religiöſe Gefühl der andächtigen Anſchauung des erſten Gotteshauſes der chriſtlichen Welt mit dem Leben bezahlen mußten. Wie das Raubthier, ſobald es Men⸗ ſchenblut gekoſtet, gieriger wird, gefährlicher und uner⸗ ſättlicher, ſo entzündete dieſes an heiliger Stätte ver⸗ goſſene Blut die Mordluſt der wüthenden Rebellen bis zur Raſerei. Sie ſtrömten mit dem hohlen Gebrüll, wie es aus dem Innern des bewegten Voſuvs vor dem Ausbruche — ——— F— — — „ zu erſchallen pflegt, weiter; bald war der Zug erreicht, bald war er umgangen, umringt von immer anwach⸗ ſenden Menſchenmaſſen, bald abgeſchnitten von dem rettenden Thore.— Angefallen mit thieriſcher Wuth von allen Seiten, ſtellten ſich die wackern Geleitsmänner des Kaiſers ſchnell in kriegeriſche Ordnung, und wer ſich ihnen nahete, büßte mit Wunden und Tod die Ver⸗ wegenheit. Aber was konnten die ſtarken Adler gegen den zahlloſen Rabenſchwarm!— Die Volksmaſſen, von den Nachſtrömenden ohne Willen in die Lanzen und Schwerter der Deutſchen gedrängt, durchbrachen ihre Glieder; unter Keule und Beil ſanken die beſten Ger⸗ manierz ſchon war Pabſt Adrian und ſeine Prälaten, welche den Zug auf Zeltern und Maulthieren beſchloſſen hatten, eingekreiſet, gefangen, und nicht allein Hohn⸗ reden, ſondern Steinwürfe beleidigten die heiligen Per⸗ ſonen und ihre geweiheten unantaſtbaren Ornate. Schon war der Kaiſer allein auf die Vertheidigung des tapfern Wittelsbacher und ſeiner wenigen baieriſchen und ſchwä⸗ biſchen Rittersleute beſchränkt, da rauſchte die tapfere Bürgerſchaar des Rione della regola heran, die Blut⸗ fahne mit dem Damhirſch an der Spitze, und geführt von den Barbarinis und Farneſis, trennte ſie wie ein unwiderſtehlicher Bergſtrom die Mehrzahl der Ritter und ſelbſt den Wittelsbacher von dem Kaiſer, der Schimmel wurde ſcheu durch das wilde Geheul und das Waffen⸗ geklirr rundum, der Kaiſer ſtürzte vom Sattel herab und ſchien verloren unter den nach ihm greifenden Feindes⸗ händen und den über ihm geſchwungenen tödtenden Eiſen⸗ waffen: der Augenblick ſchien“ ſchreckenvoll entſcheidend, und er wurde es auch; denn ſo groß die Gefahr, ſo nahe und mächtig war auch die Hülfe.— 170 Heribert von Dalberg hatte die beſten des Fußvolks glücklich durch die Mauerlücke in die Stadt gebracht, die nächſte Thorwache überfallen und niedergemacht und ſeinen Mannen die Bahn in die Stadt geöffnet. Bald erſchien er im Rücken der Römer, und die Rechenwand der deutſchen Speere, die an den Flanken überall nie⸗ derſchlagenden langen Schwerter brachen wie ein Eiſen⸗ keil, von übermenſchlicher Gewalt getrieben, das Ge⸗ dräng, überſtrömten ihre Bahn mit Römerblute und Römerleichen, ſtürzten auf der Engelsbrücke alle Hem⸗ menden links und rechts in den Strom, waren jetzt am Petersdome, jetzt auf dem Kampſfplatz, und in demſelben Momente, als Kaiſer Friedrich am Boden liegend ſeine Seele Gott befahl, und der grimmige Barbarini die braune kirchenräuberiſche Fauſt nach der Gurgel der Majeſtät ausſtreckte, ſpaltete Dalbergs Schwert ſein Haupt, und indeß ſeine Gefährten die nächſten feindlichen Maſſen zuſammenquetſchten unter der Wucht des ſtürmi⸗ ſchen Anlaufs, zerriſſene Leichname den ganzen Raum bedeckten, half Heribert dem Herrn vom Boden und hob ihn mit ſtarkem Arm wieder hinauf in den Sattel des weißen Roſſes. Deutſche Trompeten klangen zugleich her vom Cirecus des Nero, der Braunſchweiger Herzog an der Spitze der Reiterei trabte mit dem ſchütternden Getöſe eines langen Donners heran, machte von der andern Seite ſich Raum, und umſchloß mit ſicherm Kreiſe den Kaiſer, der jetzt im Gefühle der Rettung Athem ſchöpfte und mit wieder gewonnener Beſonnenheit und Hoheit Befehle ertheilte. Heribert, erglüht durch die Freude der gelungenen Ritterthat und mit der Umſicht des erfahrnen Haupt⸗ manns, rief in ſtolzer Uebereilung dem Herzoge zu: ————————— „Führt die Fürſten in das Lager; uns überlaßt den Reſt!“ und das Pferd eines getödteten Ritters fangend warf er ſich auf daſſelbe ſetzte ſich an die Spitze eines Reiterhaufens, und mit Siegesjubel die dichte Reihe der Eiſenmänner commandirend, warf er ſich gegen den . Feind, welcher ſchon wieder geſammelt und zum neuen . Angriff bereit ſchien, und jagte ihn vor ſich hin die . Straßen zur Engelsbrücke hinab. Aber nicht die ge⸗ wohnte Taktik der Kriegskunſt konnte hier geltend ge⸗ macht werden, nicht die gewöhnlichen Ereigniſſe der Feldſchlacht folgten hier den Beſtrebungen der Tapferkeit. Obgleich immer mehr der deutſchen Kriegsvölker auf dem Kampſfplatze anlangten, ſo erſchienen auch immer neue Rotten der Römer, und gleich den Köpfen der Hydra verwandelte ſich ein niedergeworfener Haufen in zwei neue, friſchkräftige, kampfluſtig erglühende, und * Herzog Heinrich erkannte den guten Rath des Dalber⸗ gers, und mühete ſich, ſeinen Kaiſer und den befreieten Pobſt aus der morderfüllten Stadt zu bringen, und ſchlug dazu den Weg durch die weniger überfüllten Straßen nach der Porta Fornacum ein. Da traf ein neuer furchtbarer Widerſtand ſein glü⸗ hendes Auge und gebot ihm ein unwiderſtehliches Halt. Es war der Generaloberſt di Dragonite mit dem Kern ſeiner Mannen, der mit Feldherrnklugheit dieſe hieher befehligt, jede mögliche Flucht zu vereiteln. Sein Neffe Tafano ſchwang das Silberbanner des Drachenkopfs, und Toro, ſein herkuliſcher Schildträger, brüllte ihm zur 6 Seite. Der kühne Marcheſe, vom Kopfe bis zum Fuße in einen ſchuppigen Panzer gewickelt, über welchem das gelbe Kriegskleid mit dem dräuenden Drachenbild glänzte, — 5b — NM hielt mit feuerſprühenden Augen nur das erſehnte Ziel, den im höchſten Krönungsſchmuck leuchtenden Kaiſer, im Auge. Geblendet davon ſtürzte er vor, durchſtach des engländiſchen Roſſes Bruſt, und als der Herzog Hein⸗ rich, der gewandteſte Reiter des Heeres, ſich geſchickt vom ſtürzenden Gaule herabgeſchwungen, fühlte er ſeine Wange durchſchnitten vom ſcharfen Stahle des Wüth⸗ richs, ehe er ſich noch zur Gegenwehr feſtgeſtellt. Nicht weniger kühn eiferten die Gefährten des Marcheſe dem Führer nach. Der junge Cornetta drängte ſich am rech⸗ ten Flügel vor, den Deutſchen völlig den Weg verſper⸗ rend; klüglich waren auch ſeine erſten Schwertſtöße nach den Roſſen gerichtet, und unter Tafano's und des ſtar⸗ ken Firige eittn fielen mehre der edlen Geleitsmänner. Da ſprang Georg von Eßlingen herbei. Er hatte früher ſein Pferd verloren, war aber dennoch, obgleich ſchwer verharniſcht, zur Seite des Kaiſers ge⸗ blieben, und hatte ihn mit dem kleinen Reſt der übrig⸗ gebliebenen Schwabenmänner zu vertheidigen geſucht. Unter ſeiner ſchweren Streitaxt ſank zuerſt verwundet der jugendliche Fahnenträger; ihn zu rächen warf der gigantiſche Toro mit ſeinem leichten dreieckigen Stahl⸗ ſchilde die Vormänner zur Seite, und führte mit der Kolbe einen furchtbaren Schlag nach dem Kopfe des kaiſerlichen Leibgauls. Doch der Streich wurde nicht vollführt; Eßlingens Streitart ſpaltete des Blutdürſtigen Kopf, daß bis zum kochenden Hirn ſich ein weiter blut⸗ ſpritzender Spalt öffnete im ſchwarzen Lockenwulſt; in den Staub ſtürzte der Gefährliche, ſeine zuckenden Rie⸗ ſenarme griffen noch im Sterben nach den Feinden, und unter entſetzlichen Verwünſchungen ſtieß er den letzten Athem aus. Doch der ihn getödtet, freuete ſich nicht —— 173 lange. Durch des Herzogs niedergeworfenes ſchlagendes Roß war der Generaloberſt auf die Seite gezwängt worden; der Herzog ſelbſt zerhieb mit ſeinem ſcharfen Schwerte die dräuende Waffe einiger Hellebardierer und ſtieß ihren grauen Capitano nieder. Ritter Selva hatte die Silberfahne aufgegriffen und nach hinten geflüchtet; der Fall ihres Tapferſten machte einige Augenblicke die Vaſallen des Drachen ſtutzig, ſie wichen und ſendeten im Rückſchritt einen Pfeilregen auf die Gegner. Einer der eiſernen Bolzen fand den Weg unter das aufgeſchla⸗ gene Viſier des tapfern Eßlingen und fuhr über dem rechten Auge in ſein Gehirn. Todesfarbe überzog ſofort ſein Geſicht, das feurige Auge brach, die furchtbare Streitkolbe ſank zu Boden, mit ihr zugleich der tapferſte Schwabenheld zum Nimmerwiedererſtehen. Alle Schilde der Deutſchen hoben ſich gegen den Pfeilregen zur Deckung des Leibes, und die Römer nahmen dieſe Be⸗ wegung für ein Zeichen der Furcht; Dragonite's Stimme hielt die Weichenden auf, und ſie dichter um ſich ſammelnd, ſetzte er zu einem neuen furchtbaren An⸗ i Die Kriegsgöttin hatte an dieſem denkwürdigen Tage den jungen Dalberg ſo recht zu ihrem Lieblinge auser⸗ ſehen. Aber unter dem Lorbeer welkte die Roſe; Aphro⸗ dite wendete ihr bethräntes Geſicht von ihm, als ſie ihn im Arme der wüſten Bellona erblickte, und er ſelbſt, wäre die Wahl ſein geweſen, hätte gewißlich ſein eigen Schild zertrümmert, und ſtatt der kalten Ehrenkrone den Blütenkranz der Liebe ergriffen. Auch Heribert hatte ſich getänſcht, als er anfänglich im Siegesrauſche die Feigen vor ſich dahin jagte, wie eine Lämmerherde vor dem Wolfe flieht. Ein Rückblick zeigte ihm die neuen 174 Feindesſtröme, welche aus den Seitengaſſen hervorquollen und ihn von der Hauptmaſſe des Heeres trennten. Sein Commandowort ſchwenkte die Reiterreihen, und aufs Neue reinigte er denſelben Weg, den er erſt ſo eben von Lebendigen leer gemacht und mit Leichen bedeckt hatte. Wie erſchrack er aber, als er den Feierzug, den er ſchon längſt fern vom Blutfelde geglaubt, noch da, ja aufs Neue mitten im Kampfgewühle finden mußte. Von einem Hügel herabtrabend ſah er den Kaiſer, her⸗ vorragend im goldenen Krönungsputz, und hörte, wie er mit weitſchallender Heldenſtimme Schild und Schwert forderte, ſelbſt für ſein Leben zu fechten; er ſah den heiligen Vater angſtvoll die Hände zur Sonne erheben, und vernahm wie der dreifach Gekrönte bei dem Anblicke ſeines Erzfeindes, laut um Hülfe vom Himmel flehend, Stoßgebete ausſtieß; näher kommend erblickte er ſeinen hochgeliebten Herzog mit blutbeflecktem Geſicht, und er⸗ kannte ſeinen Eßlingen, ſeinen einzigen Herzensfreund, mit todtbleichem Antlitz hinſinkend in die Arme des alten Leibdieners. All ſein Blut wurde vom Herzen in das Geſicht gepreßt; wildſchallende Schlachttöne, die alle Völker auf dieſen Platz riefen, ſtieß er in ſein Lärm⸗ horn, und dem dampfenden Roſſe grauſam die Sporen einſtoßend, ſprengte er mit verhängtem Zügel heran, ritt den Träger der Silberfahne nieder, und ſeine ſcharfe Lanze durchbohrte den Rücken des Generaloberſten, als dieſer eben die erſten Schwertſchläge mit dem Her⸗ zoge wechſelte. Die unverhoffte Hülfe entſchied auch hier: ein furchtbares Gemetzel entſtand, doch des Mar⸗ cheſe Tod zerknickte den Muth der Feinde, und löſchte plötzlich alle Flammen ihrer Mordſucht. Die Flucht der Römer ward allgemein, ihre Niederlage vollſtändig, ——— ——,——————— 123 obgleich mehre der Edelſten an dem engen Paſſe der Engelsbrücke und ſpäter an dem Palatio Crescentit nochmals Stand zu halten wagten, mehre Stunden lang mit wechſelndem Glücke dieſe Gegenden vertheidig⸗ ten, jedoch den friſchen ſächſiſchen Truppen, welche die Herzöge Heinrich und Otto heranführten, nur vergebenen, für ſie verderblichen Widerſtand entgegenwarfen. Der Sieg ward vollkommen, mehre tauſend Römer lagen todt auf den Plätzen der eigenen Stadt, mehre hundert Gefangene erwarteten in Todesfurcht das ſtrenge Urtheil der beleidigten Herrſcher, und das deutſche Heer ſtrömte in alle Regionen Roms, ſetzte ſich in furchtbaren Kolon⸗ nen feſt auf allen Märkten und Plätzen, und dräuete mit allen Schrecken, welche zerſtörend und vernichtend ſich an die Schritte des ſiegestrunkenen Soldaten zu hängen pflegen.— Ein allgemeiner Jubel erſchallte jetzt, als das Waf⸗ fengetöſe und das Schmettern der Kriegshörner ein Ende genommen. Alle deutſchen Zungen riefen ein lautes Heil dem Kaiſer, ein lauteres dem Retter, dem herzoglichen Heldenjünglinge Heinrich, der glückwünſchend unter ſeiner Löwenfahne vor ſeinem Gebieter kniete, und dem des Kaiſers eigene Hand das Blut von der Wange trocknete. Aber der eigentliche Retter allein freuete ſich ſeiner Großthaten nicht; ſeine Kampfglut, ſeine Siegesfreude, ja alle ſeine Kraft verließ ihn, ſo wie er einen Blick auf den von ihm geopferten Marcheſe geworfen, welcher im Todeskrampf ſich auf dem Rücken wälzte und ſeine ſchwarzen Feueraugen, ehe ſie brachen, ſtarr auf ihn heſtete. Kaiſer und Freund vergaß Heribert, riß ſein Roß aus dem Gedränge und taumelte wie ein ſchwer Verwundeter aus den Bügeln; Lanze und Schild entfiel 176 ſeinen erkalteten Händen, und er ſank an den Schwellen des vaticaniſchen Palaſtes nieder. Da ſah er Antonien, welche ihr Geſchäft früh in dieſe Gegend und mitten in das Gewühl geführt, an ſich vorüberflüchten, ein ver⸗ irrtes Kind mit ſich fortrettend; da ſchrie des alten Zizzania's geſpenſtiſche Geſtalt an ihn hin, und hob dräuend den Arm. Chiara! dachte er, Chiara! ſeufzte er mit Tönen eines Sterbenden, und der Flor der Sinn⸗ loſigkeit umgab ſeine Augen, und Geiſt und Leib erlag endlich den Anſtrengungen der letzten Nacht und dieſes wilden Morgens. Als er wieder zu ſich kam, fand er ſich umringt von ſeinen Kampfgenoſſen; der Kaiſer ſelbſt ſtand vor ihm mit allen Fürſten des Heeres, und Sorge um ihn ſprach aus allen Geſichtern. Ja er iſt's! ſprach Friedrich lebhaft. Dieſe Augen glühten mich an, als ich am Boden lag, dieſer Arm half mir zu Roſſe. Ja, dieſem und Euch, Heinrich, danke ich Leben und Freiheit, und dieſes Abends glückliche Sonne. Erkräftigt Euch, braver Rittersmann, ſetzte er zu Heribert herabgeneigt hinzu. Sorget für Euren Leib. In meinem Gezelte will ich Euch wiederſehen, und Euch zeigen, daß Friedrich zu danken verſteht.— Die Fürſten begaben ſich in den Palaſt, Ruhe und Erquickung fordernd. Seine Landsleute unterſtützten den Dalberg, brachten auch ihn hinein in eine kühle Halle, löſten das heiße Rüſtzeug von ihm und ſchafften ſtärkenden Falerner und erquickende Früchte für ihn herbei.—— Wo gibt es Ruhe für ein von Liebesſchmerz zerriſſe⸗ nes Gemüth, das von Bekümmerniß um das geliebte Weſen erfüllt iſt? Nur in der Nähe des geliebten 177 Gegenſtandes findet ſich Arzt und Heiltrank für ſolche Krankheit, denn wahre Liebe ſchmilzt Zwei zu Eins, und Keines lebt dann mehr einzeln, jede Entfernung iſt eine Wunde, und nur neben einander bleibt das Daſein ein vollkommenes.— Es dauerte lange, ehe der übermenſchlich angeſtrengte Körper des wackern Kriegers von Erſchöpfung und Ohn⸗ macht ſich erholte, ehe die verfinſterten Sinne wieder hell wurden; doch mit der kehrenden Stärke des Leibes, mit dem wiedererwachenden Verſtande vermehrte ſich die Seelenpein, und als Heribert kaum ſich wieder kräftig genug fühlte, ſeine Glieder zu bewegen und frei aufzu⸗ treten, hielt ihn die Unruhe des Geiſtes nicht länger auf der weichen Lagerſtatt. Die verwaiſete Chiara ſchien ihn zu rufen; wer konnte ihr auch Troſt bringen und Stütze, als er? Und als er ſich gar lebhaft dachte, wie ſie vielleicht bedrängt ſei und ſchutzlos in ihrem Hauſe unter dem frevelhaften Andrange der plündernden und gewaltthätigen Soldaten, da raffte er ſich in dem erſten Augenblicke, wo die getreuen Kameraden ihn dem er⸗ quickenden Schlummer überlaſſen zu haben glaubten, auf, taumelte in das Freie, und ſuchte den Weg nach dem Orte, wo er ſo glücklich geweſen.— Es dämmerte ſchon ſtark, als er an dem Palaſt der Dragonites anlangte. Todesſtille herrſchte im vormals ſo menſchenvollen Hauſe; doch auf der matt erleuchteten Vorhalle trgt ein Mann ihm entgegen, und er erkannte ſeinen Rekkerden Geheimſchreiber Gazza. Um der heiligen Jungfrau willen, was wollet Ihr hier, Herr Ritter? fragte der Erſchrockene; und wie möget Ihr dieſe blutbefleckte Pforte berühren?— Weiß ſie es 2 ſtammelte der bleiche Deutſchmann.— In Tommaſo's Blumenhagen I. 12 178 Armen verſchied der Colonello, und ich ſelbſt rettete mich kaum vor den Hufen Eures Pferdes, als es den Signor Selva zerſtampfte. O wie mochtet gerade Ihr ſo unbedacht Eure friſche Myrte mit Blut tränken!— Hin zu ihr! Zu ihr! rief Hzibett drängend, und Gazza öffnete eine nahe Flügelthür, und deutete ſchwei⸗ gend hinein. Bebend überſchritt Dalberg die Schwelle, aber ſein Fuß ſtockte, als er den Saal mit ſcheuen Augen überſchaute. Nur eine große Ampel leuchtete von der Decke herab; unter ihr lag die Leiche des General⸗ oberſten noch im vollen blutbefleckten Waffenſchmucke und dem Drachenkleide auf einer Bahre, und neben derſelben kniete die Tochter, halb hingeſunken auf den Rand des Todtenbettes, die zarten Hände gefaltet, das weiße Antlitz mit ſtarren Augen und von gelöſeten Locken und Flechten umringelt zu dem Gewölbe erhoben, dem Stein⸗ bilde einer in Schmerz vergangenen Niobe ähnlich. Chiara! Meine Chiara! ſeufzte er halblaut, und be⸗ wegte ſich zögernd zu ihr. Da richtete ſich Tommaſo auf, der hinter der Bahre auf das Haupt des Erſchla⸗ genen geweint, und ſchrie mit Entſetzen:„Er iſt's, den der Diavolo entführt, der Höllenſohn, der Mörder iſt es! Die Wunden brechen auf und klagen ihn an mit friſchem Blutquell!“ Und Chiara fuhr empor aus ihrer Erſtarrung, warf einen Schreckensblick auf ihn und flüchtete ſich auf die andere Seite des Leichenbettes. Fliehſt du mich im Unglücke, mich, der ich komme, mit dir zu tragen und deinen Schmexz zu machen? fragte er wehmüthig hinüber. Thateſt du das? fragte ſie, das brennende Auge feſt auf ihn gerichtet, und mit der Hand auf die Bruſt des Erſchlagenen deutend.— — 179 Nicht ich! Nicht mein Wille! Nicht mein Auge! entgegnete er lebhaft. Das tückiſche Schickſal mißbrauchte die Hand des im Schlachtrauſch Geblendeten.— Mit einem Schrei wendete ſie ſich weg, und bedeckte ihr blaſſes Antlitz mit den Händen. Chiara, meine mächtige, heroiſche Chiara, ſei nicht ungerecht! bat er bewegt. Auch deines Geliebten Bruſt konnte verbluten unter des Vaters Schwerte, denn der Krieg weiß nichts von Liebe und Mitleid; und wohl mir, hätte ſein Schwert mich getödtet, und deine Thränen flöſſen um mich den Glücklichen! Unſere Liebe war ein Kind böſer Zeit, und ihre Blüten hat ein wilder Winterſturm geſchüttelt und zerwühlt. Gott ſelbſt ſchickte die Prüfung, das wilde Weh zu der Luſt; o wir wären übermüthig geworden in dieſem Glücke! Laß uns klagen und tragen mitſammen; allein wäre die Laſt zu ſchwer für dich, wie für mich. Weine um den Todten; dann fort mit mir aus dieſer ſchwarzen Nacht in den klaren milden Tag meines Vaterlandes. Unſer frommes ſchmerzdurchwobenes Glück wird den Geiſt des Vaters verſöhnen; von dort, wo tein Streit mehr gilt und jede Feindſchaft ſich in Liebe auflöſet, wird er herabſchauen, ſegnend niederblicken, wenn er das Heil des Kindes erblühen ſieht unter der liebenden gutmachenden Hand des Sohnes, dem er hie⸗ nieden mit Haß begegnete.— Da erhob ſich das Mädchen mit wunderſamer Stärke, und ſtand hoch und beſonnen ihm gegenüber. Und du hoffſt noch und redeſt von irdiſchen Freuden in dieſer Stunde? fragte ſie mit eintöniger Stimme. Eiſiger Mann des Nordlandes, die Bluthand ſtreckſt du aus nach der Gattin, welcher du den Vater, ihren Vater und deinen Vater, zerſchlugſt?— Vatermörder, wagſt du 180 den Himmel nochmals herauszufordern, da er eben erſt das gräßliche Gewicht ſeines Zornes auf dich geſchleu⸗ dert?— Doch ja, ich allein bin die Schuldige; ich betrog den ehrwürdigen Vater, ich verrieth mein Vater⸗ land an dich, ich machte dich frei, damit du morden konnteſt, was ſchon dein eigen Blut geworden. Geh, geh, daß nicht die Rächer dieſes Todten dich faſ⸗ ſen und ſchlachten an ſeiner Leiche, und ich auch dein Blut ſehen muß zur Strafe meiner ungeheuren Schuld!— Chiara, und ſo ſprichſt du zu dem geliebten Ge⸗ mahle, zu dem gebeugten, unglücklichen, ſchuldlosſchul⸗ digen Liebling deiner Seele? rief er in dem Accent des tiefſten Schmerzgefühls. Nein, ich laſſe dich nicht, ich reiße dich fort von hier, und auch du kannſt mich nim⸗ mer laſſen, und nur der Wahnwitz der erſten Verzweif⸗ lung klingt in deinen Reden, daß ſie Dolchſtiche werden für den Geliebten.— Chiara hob die Rechte zum Himmel. Ich habe ge⸗ ſchworen, ſagte ſie dumpf und feierlich, und ich ſchwöre nochmals, ſo wahr Gottes Barmherzigkeit alle Sünden vergibt, ſo wahr ſoll kein Sonnenlicht dieſes mein Haupt wieder beſcheinen, bis der ſchwarze Schleier der Büßen⸗ den mich bedeckt, und das rauhe Gewand des Kloſters meinen Leib züchtigt! Beten und Büßen iſt mein Werk auf Erden; haſt du mich geliebt, ſo thue ein Gleiches.— Die Hände auf dem Buſen gekreuzt ſank ſie ergriffen und ermattet nieder über den Todten, und barg ihr Geſicht an ſeiner Bruſt. Heribert ſtürzte herum zu ihr, er warf ſich neben ihr in die Knie und preßte ſein Ge⸗ ſicht in die Falten ihres Gewandes. Da ſtreckte ſie, ohne ſich aufzurichten, den Arm zu ihm aus, und er = 181 faßte die liebe Hand und preßte mit wilder Heftigkeit ſeine Lippen darauf. Das die letzte Erdenfreude? fragte er verzweifelnd.— Die letzte! antwortete ſie mit ſter⸗ bender Stimme. Da raffte er ſich auf, ſtand, warf noch einen Blick auf ſie, und floh aus dem Saale und dem verödeten Leichenhauſe auf immer.——— Am Morgen darauf war im deutſchen Lager Alles in geſchäftiger Bewegung. Zuerſt beſtattete man die gebliebenen Waffenbrüder. Viele Söhne edler Geſchlech⸗ ter waren darunter; auf ihren Schilden lagen die bär⸗ tigen Männer, auch in der Leichenfarbe ſprach noch der kräftige Charakter, der getreue Muth aus den ſtarren Zügen. Ihre Gefährten überdeckten ſie mit Lorbeer⸗ zweigen, und ihr Anblick verſetzte den Kaiſer in ſo ſchmerzlichen Grimm, daß er befahl, die Gefangenen ohne Aufſchub hinzurichten. Nur des Pabſtes drin⸗ gende Bitte, der den Tag des wiedergewonnenen Stuhls mit Gnade zu ſchmücken wünſchte, vernichtete den Blut⸗ befehl. Heribert hatte ſtumm und faſt gefühllos dem Leichen⸗ zuge beigewohnt; ſelbſt der Anblick ſeines theuren Eß⸗ lingen hatte ihm keine Zähre entlockt. Wie erſtarrt an Leib und Geiſt ſaß er in ſeinem Zelte, und vernahm nicht die feſtlichen Klänge, welche ſpäter im Lager er⸗ wachten, bis einige Ritter von einem Herold begleitet ihn zum Kaiſer forderten, und er, Gehorſam gewohnt, ihnen faſt gedankenlos folgte. Seinen Triumphzug in die heilige Stadt hatte Fried⸗ rich begonnen, und auf dem Platze an der Tiberbrücke ſaß er auf einem glänzenden Throne, und war geſonnen, 182 das erſte Zeichen ſeiner Huld in der ſchwergewonnenen Kaiſerkrone denen zu verleihen, welchen er ſie ver⸗ dankte. Iſt der Dalberg da? rief er mit majeſtätiſcher Stimme; und als Heribert niederkniete vor dem Herrn, berührte ſeine Schulter das kaiſerliche Schwert, und er ſtand auf als erſter Ritter des Reichs.„Und wenn einer meiner Nachkommen die kaiſerliche Krone empfangen zu Rom,“ ſetzte der Gewaltige hinzu,„ſo ſoll er an dieſem Platze fragen, ob kein Dalberg da, und ſoll einen dieſes edlen Geſchlechts ſchlagen zum Ritter vor allen Andern, und ſolche Gnade und Ehre ſoll geſchehen zum Gedächtniß dieſes Tages, ſo lange ein deutſcher Fürſt den Titel führt eines römiſchen Königs und die Kaiſer⸗ krone erhält zu Sanct Peter.“— Wohl bewegte die Ehre den tapfern Jüngling einen Augenblick, wie die Frühlingsblume nach einer Froſt⸗ nacht ſich nochmals matt erhebt im milden Morgen⸗ ſtrahle. Wie ein ſchönes Marmorbild, das die Kunſt⸗ liebe bekränzte, ſtand er unter den Gefährten, welche, wie er, ihre Helme mit Lorbeergewinden umkränzen durften, aber ſein Herz war verarmt und konnte nie mehr geſunden. Er ſuchte den Heldentod auf dem drit⸗ ten Kreuzzuge unter Friedrichs Heerbanne und unter Heinrichs Fahnen im Kriege mit den Obotriten und Wenden. Als ihn aber der Tod floh, der ſelten kommt, wo ihn das Herz erſehnt, da hing er Schild und Schwert in die Väterhalle, nahm die prieſterlichen Wei⸗ hen auf das ſchwerbedrückte Haupt, und wurde bald durch des Kaiſers Gunſt ein Fürſt der Kirche, ein frommes Muſter ſeiner Untergebenen und ein Wohlthä⸗ ter aller Unglücklichen. Dreimal erlebte er als ein 183 hochbetagter Greis, wie durch den grauſamen Heinrich den Sechsten und Otto den Braunſchweiger und Fried⸗ rich den Zweiten ſeine Neffen und Vettern die Ehre des 3 erſten Ritterſchlages empfingen zu Rom auf der Engels⸗ brücke am Tage der Kaiſerkrönung. Aber jede ſolche Botſchaft feierte er mit einem Tage der Buße und der Faſten; er ſchloß ſich alsdann ein in das Gartenhaus ſeiner biſchöflichen Reſidenz, wo er die goldene Orange und die weißblühende Myrte, den dunkeln Laurus und alle Prachtpflanzen Italiens, die verſchwiegenen Zeugen ſeiner Maienzeit und ſeiner Frühlingsfreuden, ſorgfältig hegen und warten ließ, und Erinnerungen voll weh⸗ müthiger Trauer, ſparſam mit welken Roſen durch⸗ flochten, waren dann ſeine feſtlichen Gäſte, denn wahre Liebe bauet ſich nur einmal ihr Neſt in einer Men⸗ 4 ſchenbruſt, und wahre Liebe iſt ewig, wie alles Ein⸗ —— —.————— MI. — — — — — — — 5d 1— — 5 der Ritter mit der Sichel. Es gab eine Zeit, wo unſer nordiſches Deutſchland nur wenige Spuren jener Kultur ſehen ließ, die jetzt den Reiſenden überall freundlich begrüßt, und welche damals ſchon in ſüdlichern Reichen dem Einwohner für friedliche Sicherheit, dem Fremden für gaſtliche Auf⸗ nahme Gewähr leiſtete. Dieſe Zeit liegt noch nicht ſo gar ferne hinter uns; in manchem grauen Trümmer⸗ haufen ſehen wir Denkmale von ihr, und die Chroniken der Städte erzählen von dieſen, wenn auch in ſchwer⸗ verſtändlicher Sprache und in ſchwerfälliger Wortfügung. Zu jener Zeit droheten rauhe Tannenwälder da, wo jetzt goldene Kornfelder und bunte Gärten geſellige Dör⸗ fer umkränzen; düſtere, gothiſch⸗aufgethürmte Stein⸗ feſten erhoben ſich auf den Bergſpitzen, wo jetzt adelige Villen ohne dräuende Mauer und Zinne in die Thäler herabſchauen; zu jener Zeit verbanden keine glatten Kunſtſtraßen die Städte; wie die rohe Natur den Weg darbot, ſo nahm ihn der Menſch, und der arme Fuß⸗ gänger, der wohlberittene Kämpe achtete es nicht, ob der Pfad ſteinig war oder durch Sumpflöcher und Re⸗ gengruben führte. Es gab dazumal weder ſtolzrollende Staatscaroſſen, noch fliegende Poſtkutſchen auf den Heer⸗ ſtraßen, und fuhren der Biſchof oder die Landesfürſtin einmal in ihren ſchweren Feſtkutſchen von einer Reſidenz 188 zur andern, ſo war das Räderwerk des ungeheuren Fuhrwerks ſtark genug gearbeitet, um die Stöße der mächtigen Kieſelgerölle und Granitbrocken zu ertragen, womit die Straßen beſtreuet lagen; ſo zogen ein Dutzend gemäſteter Roſſe den vergoldeten Rieſenwagen langſam hin über die Wurzeln der Wälder und durch die Un⸗ tiefen der Bergwäſſer. Nur der Kaufmann war übel daran mit dem Ver⸗ kehr ſeiner Waare. Zwar ſtand er hoch im Anſehen. Seine Städte, durch den Machtbund der Hanſe vereint zu Schutz und Trutz, überboten an Glanz die Sitze der Fürſten, waren feſter, als ihre Schlöſſer, und waf⸗ fenkundige Bürger ſchirmten mit Armbruſt und Partiſane die ſtarken Wälle und ihre Gerechtſame, und ſetzten oft ſogar dem Heerbanne der eigenen Fürſten ſich kühn und unbezwinglich entgegen. Aber außer ſeinen Stadtmauern hatte der reiche und geehrte Handelsherr einen harten Stand. Mühvoll und gefährlich zog er mit ſeinen werthvollen Laſtwägen von Land zu Land. Alle Bequem⸗ lichkeiten mangelten unterwegs; keine Schenke lud ihn ein; die Dörfer waren nur elende Hüttenkreiſe, worin Holzſchläger, Steinmetzen und Fröhner Nachtruhe hielten von ſchwerer Arbeit unter ärmlichem Dache; die Schlöſ⸗ ſer der Ritter und Herren ſtanden für ihn unzugänglich da, und waren verſchloſſen, wie kleine Feſtungen, abge⸗ legen von der Heerſtraße auf Felſenhöhen oder im tiefen Waldgebirg; auch den Klöſtern trauete der Stadtherr nicht, denn mancher habſüchtige Abt, mancher böſe Schirmvogt trachtete nicht weniger, als der Edelherr, nach den Gütern der Welt, und ſah gleich dieſem nei⸗ diſch auf die irdiſchen Schätze der Städte und ihre da⸗ durch wachſende Macht im Staatenleben; und ſo alſo — — 189 ohne Schutz auf der Reiſe, waren die Kaufherren trotz des bewaffneten Geleites, welches ſie von Stadt zu Stadt mitnahmen und theuer bezahlten, ausgeſetzt der Plünderung der Buſchklepper, die in jedem Holzwinkel lauerten, mehr noch ausgeſetzt dem Ueberfalle der Raub⸗ ritter, die von ihren Felſenneſtern die Heerſtraßen be⸗ obachteten, goldenen Tribut forderten, oder Waare und Menſchen in ihre Steinhäuſer ſchleppten, und dieſe dort feſthielten, bis gewichtiges Auslöſungsgeld von den Städten geſendet worden.— Zu dieſer Zeit war es, als am Fuße des Harzge⸗ birges, wo jetzt kaum noch Wald geſehen wird, und Getreidefelder mit ſtattlichen Dorfſchaften wechſeln, eine ſolche ſtädtiſche Caravane auf waldumwachſener Heer⸗ ſtraße durch ein zerbrochenes Rad aufgehalten wurde. Auf den beiden mit weißer Leinwand überſpannten Wä⸗ gen flatterte vorn ein Fähnlein mit den Farben der Stadt Frankfurt, und das Wappen derſelben prangte auf der Wagendecke. Zwei wohlgekleidete Handelsherren, bewaffnet mit dem kurzen Degen, ritten auf gutgefüt⸗ terten Maulthieren, denen rothe Federbüſche vom Kopf⸗ geſtell prunkvoll emporragten, und deren ſilberne Hals⸗ ſchellen melodiſch, läuteten. Neben dem Fuhrwerk und vorauf und hinten nach trabte ein gerüſtet Geleit von vier Reitersleuten der mächtigen Stadt Göttingen, welche ein Rottmeiſter anführte, und deren Pickelhauben und Speerſpitzen im Scheine der hochſtehenden Sonne weit⸗ hin funkelten. Die Kaufleute zogen von Frankfurt auf den großen Markt zu Braunſchweig, und die beſchäum⸗ ten Frachtpferde verkündeten, daß ſie gar anſehnliche Ladung hineinführten. Ein Hinterrad war zerbrochen, und Alles ſaß ab, 199 um mit Winde und Hebebaum die ſchwere Laſt aufzu⸗ heben, und das mitgeführte Nothrad zu befeſtigen. Die Reiſigen fluchten auf die unvorſichtigen Fuhrleute; dieſe verwünſchten die Höllenſtraße; die Kaufherren aber ban⸗ den gleichmüthig ihre Maulthiere an eine niedrige, ver⸗ krüppelte Tanne, und luden den Rottmeiſter ein, mit ihnen ſich in den Schatten einer Eiche niederzuſetzen, und aus der Korbflaſche und dem Silberbecherchen, welche ſie am Sattel mitgeführt, in gutem rheiniſchen Weine ihnen Beſcheid zu thun. Des alten Kriegsknechts mürriſches Angeſicht ward um ein Weniges leutſeliger, als er den dargebrachten Becher bis zum Boden ausgezogen; indeß ſchauete er doch zuvor beſorgt und finſter die ſich krümmende Heer⸗ ſtraße hinauf und hinab, ehe denn er aus dem Bügel ſtieg, und nachdem er den Zaum ſeines Gaules verlän⸗ gert und ſich über den Arm gehangen, auch ſein Schwert entblößt und neben ſich in den Erdboden geſtoßen, ließ er ſich langſam nieder am Abhange, welcher mit Heidel⸗ beerkraut und ſtarrem Waldgraſe bewachſen war. Seine Unruhe ging auf die Kaufleute über, und ſie fragten nach ſeiner Beſorgniß. Ihr Herren müßt niemals noch dieſe Gegend bereiſet haben, entgegnete Lippold, der Göttinger Rottmeiſter, indem er des Weines ſchwere Tropfen aus ſeinem Zwickel⸗ barte ſtrich; ſonſt würdet ihr da nicht ſo ſicher zum Imbiß niederſitzen, wo die Harzgrafen erſcheinen und verſchwinden, wie der böſe Feind in der Geiſterſtunde. Wenn ich jene Hochgebirge ausnehme, wo jedes Schloß eine Spelunke iſt, die Raubgut verſchließt, ſo iſt im Lande der Braunſchweiger keine Stelle ſo verdächtig, wie gerade die, auf welcher wir jetzt Ruhe pflegen.— — „ 191 Die Handelsleute ſtanden erſchreckt auf und ver⸗ bargen erbleichend ihr ſilbern Trinkgeräth im Reiſeſacke. Wir ſind doch im Lande dreier rechtlicher und kräftiger Fürſten, ſagte der ältere Herr; dicht hinter uns liegt die wackere Stadt Nordheim; friedlich ſchimmern dort und da kleine Dorfſchaften durch die Gebüſche und ein ßattlich Kloſter und mehre Ritterſchlöſſer erheben ſich auf den Hügeln, die ſämmtlich nicht das Anſehen finſte⸗ rer Raubneſter tragen.— Glatte Kleider bergen oftmals rauhe Herzen; ant⸗ worte trocken der Reitersmann. Städter und Ritters⸗ mann leben heut zu Tage mit einander, wie Hund und Waldkatze. Der dicke Herr Albrecht zu Göttingen iſt brav geſinnt, und möchte gar gern dem ritterlichen Cor⸗ ſarenweſen ein Ende machen, wenn er nur könnte; aber der da jenſeits des Leineſtroms auf dem alten Grubenhagen iſt ein wunderlicher Herr, und ſieht ſeinen Vaſallen zu viel durch die Finger, daß ſie hauſen dürfen im Lande, als wäre es ihr eigen, wie dem Walffiſche das Weltmeer, und als ſei nicht Fürſt, nicht Herrgott über ihrem Schwerte und Gewiſſen. Schauet um euch! So viele Tannen⸗bewachſene Höhen ihr erblickt, ſo viele Schlachtſteine müßt ihr zählen für wehrloſe Rei⸗ ſende und Pilger. Dort die graue Spitze heißt das Harzhorn, wo die Dudos gleich grimmigen Tigerkatzen lauern; der graue Thurm, welcher hinter uns von der Steinkuppe dräut, birgt den Olwartshauſen, den ſie den Hirſch nennen auf der Stechbahn, aber den Wolf im Gebirge; und dort vor uns links der höchſte Bergrücken über dem Dörfchen Dögerode wird der Kalberg genannt, der in ſeinen Höhlen und Schluchten ein ganzes Tar⸗ tarenheer zu verbergen vermag, wo die Herberg aller 192 Habichtsritter vom Brecheiſen, wie vom Mordſtrahle, ſein ſoll, und wo der Teufel im Eiſen, wie ſie ihn nen⸗ nen, der furchtbarſte aller Harzgrafen, überall und nirgends mit ſeiner wilden Jagd, der Hackelberg, ſeit einem Jahre beinahe ſein Quartier genommen haben ſoll, und ſeitdem der Schrecken der Gegend geworden iſt, da ſeine Rabenbrut nichts ſchonet, nicht Stadtgut, nicht Kirchenſchatz, ja nicht des armen Fröhners Bettler⸗ taſche, worin er ſeine Kupferheller zu Hauſe trägt.— Der Hackelberg? fragte der jüngere Kaufmann raſch. Herr Hartmann, erzählte man nicht von demſelben am Gaſttiſche der Göttinger Schenke?— Ganz recht! be⸗ theuerte der ältere. Der Rathsmann war's, der fröh⸗ lich den Reiſegeſellen verkündete, daß dieſer Teufel im Eiſen vor einigen Monden von Herzog Albrechts Rittern am Felsbrunnen des Iberges gefangen worden, und nur gegen tüchtig Löſegeld, und nachdem er geſchworen, nie mehr ſein Schwert als Wegelagerer zu ziehen, der Haft entlaſſen wurde.— Der Rathsherr ſprach die Wahrheit, antwortete Lippold; aber ſo gut, wie ich, konnte er darob nicht Rede ſtehen, denn ich ſelbſt war bei der Wolfshatze, und hätte ich den tannenlangen Kämpen nicht hinter⸗ rücks mit der Schlinge niedergeriſſen, würde noch man⸗ ches Junkerblut den weißen Kieſelrand der Quelle ge⸗ färbt haben, und vielleicht das Landvolk am Iberge das Felſenbrünnlein nicht wie anjetzo den Heinicho⸗Brunnen benamſen. Hättet die Schlinge zuſchnüren ſollen bis ans Leben! ſiel der Kaufmann ein. Ein weiſer Schütz rupfet den Habicht nicht und läßt ihn fliegen, ſondern er nagelt ihn an den Thorweg feſt zum blutigen Beiſpiel für ſeine Verwandtſchaft. Aber das Herrenvolk, wenn es noch ſo ehrlich thut, hält doch zuſammen, wie Pech oder Haus⸗ blaſen, und eine Krähe hackt nicht in das Auge der an⸗ dern, wenn ſie ſich auch einmal raufen und balgen, daß danach das Blut läuft.— Was hilft das Wort gegen den Stahl! ſprach der Rottmeiſter. Hat er ſelbſt ſeinen Arm abgeſchworen, kann er doch hundert Taugenichtſe mit blanken Flam⸗ bergen aufkaufen, ſeinen Willen gegen uns auszuführen, und ſeine wilde Jagd ſoll längſt wieder geſehen worden ſein. Ihr hättet nicht geizen ſollen; ihr hättet zu Nord⸗ heim noch eine Mark Silbers daran ſetzen ſollen, ſo wären wir um ſechs Reiter ſtärker geworden; denn wenn eure Knechte noch eine Viertelſtunde an dem Rade da trödeln, und der Thurmwart vom Harzhorne den Aufenthalt wittert, ſo kann ich nicht dafür ſtehen, daß ihr heute zu Gandersheim in der Schenke zum fröhlichen Winkel des luſtigen Wirths ſüßen Sekt koſtet, ſondern fürchte, daß wir Alle auf der Herlingesburg oder in einer andern Fuchsgrube ein ſchlechtes Freiquar⸗ tier und Nachteſſen bekommen werden. Der alte Reiter hatte richtig geahnet; denn noch war das letzte Wort auf ſeinen Lippen, ſo knarrte eine Armbruſt im Fichtengeſtrüpp, und der Bolze ziſchte durch die Luft und fuhr ihm ſelbſt dicht über dem Rande des Blechpanzers zwiſchen Bruſt und Hals hinein. Beim Teufel, da iſt er ſchon! ſtöhnte der Schwer⸗ getroffene. Nach dem Schwerte faßte er, aber mit der blanken Waffe ſtürzte er hinab in das eigene Blut, und ſeine Kraft ſchwamm hinweg in den eigenen warmen Lebenswellen. Ein ſchauerliches Huſſah ertönte jetzt rundum im Blumenhagen. I. 13 194 Holze, und überall brachen Wappner hervor von grim⸗ migem Anſehen. Kurz und gedrungen war der Wald⸗ männer Wuchs, wilde Bärte überſchatteten ihre Geſichter. Ihre Tracht beſtand aus einem Koller von ſchwarzgefärb⸗ tem Lederz unpolirt und roſtig war ihr Eiſenzeug; an den Blechhauben wehten Rabenflügel, und mit dem Feld⸗ rufe:„Hier Heinicho und ſeine Jagd!“ ſtürmten ſie herunter in die tiefe Heerſtraße, und kreiſeten den köſt⸗ lichen Fang ein, wie die Hetzhunde das erſchrockene Wild. Wachsbleich vor Schrecken flohen die Kaufleute zu ihren Wägen, und zogen die zierlichen Degen; aber die dünne Stahlklinge des Jüngern zerbrach von dem erſten Schlage des breiten Flambergers eines dieſer Wald⸗ menſchen, und der Hand des Aeltern entſank die ſchwache Silberwaffe, als er jetzt die beiden Führer der ſchwarzen Horde auf ſchnaubenden Streithengſten aus der Wald⸗ ſchlucht hervortoben ſah. Es war ein ſtattlich Ritterpaar, doch Beide von ſehr verſchiedenem Anſehen, waren auch Beide von gleich hohem Wuchſe, wie man die jungen Hünen der grauſen Vorzeit ſich zu malen pflegt. Von blankpolirtem Stahle zierlich gearbeitet, ſchim⸗ merte das Waffenkleid des Einen; geſchnitten war der Bart von röthlichblondem Haar, und ein lauchgrüner Buſch wogte lang über den Nacken vom Helme herab bis zur Kruppe des glänzend braunen Thieres; doch in unpolirtes Eiſen, welches ſogar hie und da Roftflecken trug, war der Zweite verluppt von der Stirn bis zur Sohle, wodurch die breitſchulterige, hohe Geſtalt ein noch grimmigeres Ausſehen gewann. Das rabenſchwarze Roß athmete ſchwer unter dem kräftigen Schenkeldrucke des finſtern Reiters, mit dem es verwachſen, ein Weſen mit ihm zu ſein ſchien; aller ritterliche Schmuck des 195 Furchtbaren beſtand in zwei mattglänzenden, von Silber gegoſſenen Stierhörnern, die er als Helmzier trug, und einem zähnefletſchenden ſilbernen Menſchenſchädel, welcher ſtatt des Wappenbildes auf ſeinem ſchwarzen Buckel⸗ ſchilde dräuete. Vor Allem aber beſonders ließ bei der ſeltſamen Erſcheinung das Schwert an ſeiner Hüfte, das keinem Chriſtenritter, ſondern einem Türkenkrieger zu⸗ gehörig ſchien, aus einer breiten, nach innen gekrümmten blanken Sichel mit ſilbernem Handgriff beſtand, und das nebſt einer doppelten Reihe Zahlperlen, die um das roſtige Halsſtück des Eiſernen ſich wanden, und doch nur für den Schwanenhals einer Dame aufgereihet ſein konnten, der Schauergeſtalt den Stempel des Mährchen⸗ haften und Zauberiſchen aufdrückte. „Hinan auf das Wild, ihr ſchwarzen Schweiß⸗ hunde!“ rief der Schwarze mit einer fernhin tönenden Stimme, dumpf klingend, wie eines Thurmwarts kupfer⸗ nes Heerhorn, und die baumlange Lanze ſchwingend, ſpornte er ſeinen Rappen heran. Die dunkle Rotte hatte nicht erſt auf ſein Befehlswort gewartet. Schon waren die zagenden Handelsmänner zu Boden geriſſen; der Bravſte von den Fuhrknechten, welcher mit ſeiner Pickelhacke einen Wappner ſchwer getroffen, lag ſchon neben den Pferden mit geſpaltenem Schädel, und hier und dort riß man ſeine feigern Kameraden, die ſich unter die Wägen und hinter die Räder verkrochen, her⸗ vor, ſie zu knebeln, und einen Regen von Bolzen ſende⸗ ten die Armbrüſtler den drei Reiſigen nach, welche bei der Erſcheinung der Ritter vom ſchon begonnenen Fuß⸗ kampfe abließen, und zu ihren Pferden ſprangen, die der Jüngſte von ihnen vor dem Zuge an den Halftern ge⸗ koppelt feſthielt.— Aber ihr Lvos war ſchwarz gefallen aus der Urne des unerbittlichen Schickſals. Der junge Geleitsmann ſah mit Entſetzen von ſeinem Gaule herab den Rottmeiſter in ſeinem Blute zucken, ſah die ſchwarze Schaar ringsum gleichſam aus dem Waldboden erwachſen, ſah die ſchwarze Eiſengeſtalt heranſchnauben, und von unbezwinglicher Furcht befallen, drückte er ſeinem Thiere die Ferſen in die Weichen und flüchtete die Straße hin⸗ unter, die gekoppelten Pferde der Kameraden mit ſich fortreißend auf ſeiner feigen Flucht. „Falkenſteiner! Raſch dem Burſchen nach, der uns zum fetten Schmauſe unwillkommene Gäſte zuſammen⸗ blaſen könnte!“ rief Graf Hackelberg; denn der Teufel im Eiſen war es, deſſen Rotte dieſe wilde Scene her⸗ beigeführt hatte, und der Harzgraf mit dem lauchgrünen Helmbuſche ſpornte ſein Roß die Straße hinab, und ſeines Lichtbraunen Anſprung ließ keine lange und glückliche Flucht des jungen Göttingers vermuthen. Bald brachte indeß die ſchwarze Jagd ihre Arbeit zu Ende. Am Boden lagen todt oder geknebelt die Reiſigen, wie die Fuhrleute, und der Ritter in der roſtigen Rüſtung ſchwang ſich jetzt leicht aus den Bügeln, und trat zu dem Platze, wo der Rottmeiſter ſein Leben verſtrömte und die beiden Frankfurter mit Bangen der Entſcheidung ihres Schickſals entgegenſchauerten. Er ſchlug ſein Viſier auf, und ein blaſſes, aber männ⸗ lich ſchönes Geſicht wurde ſichtbar. Die Züge waren edel und ohne Wildheit, aber ein krauſer, ungepflegter Schwarzbart verfinſterte ſie, und zwei dichte ſchwarze Augbrauen drückten ſich faltig, wie von einem tiefen Gram verzogen, auf die großen, funkelnden Augen herunter, und umwölkten ſie, wie Gewitter das ſtille Mondlicht. ————————————— 5 197 „Biſt du es, tapferer Lippold, du Krone aller bürger⸗ lichen Wallratzen, biſt du es, dem mein Günther, mein gar geſchickter Leibſchütz, in das Schwarze ſchoß?“ fragte der Ritter den Blutenden.„Ich dachte nicht, ſo bald dich an der Straße wieder zu ſehen, glaubte dich wenig⸗ ſtens zum Falkonier des feiſten Herzogs erhoben, ſeitdem du am Felsborne von hinten den Edelfalken ſo fuchsliſtig einzufangen wußteſt. Nicht wahr, Alter, wäre mein Herzog nicht dazwiſchen gekommen, Ihr hättet gern den Falken geblendet und ihm die Krallen verſchnitten für immer. Aber Fürſtendienſt lohnt ſich ſchlecht; du biſt ein Straßenreiter geblieben, und mußt auf der Straße am ſchlechteſten Stachelbolzen verenden, wie ein Wachtel⸗ hahn, den der Uebermuth aus ſicherm Weizenfelde in die Heide lockte— Der graue, ſchon verblutete Reiter ſchlug die Augen groß auf bei der Hohnrede, und griff krampfig mit den Fingern in des Bodens hartes Heidekraut. „Prahlet nur noch mit der Großthat, der nur ein Galgenritter ſich rühmen mag!“ ſtöhnte der Sterbende. „Störet nur mit teufliſchem Hohnworte das Stoßgebet des Gemordeten, der hinauf geht, Euch zu verklagen! Nicht lang mehr werdet Ihr den Lohn Eurer Räuber⸗ ſiege genießen. Die Löwen kommen, Euer Neſt einzu⸗ trümmern. Eure Spur wird verlöſchen, wie der abge⸗ grabene Waldbrand. Euer Wappen wird fürder an keiner Stechbahn prunken. Hackelberg und ſeine Jagd wird ein Geſpenſt der Kinder werden und in dem Mährchen des Wanderers leben. An dem Brande, welchen Haß und Scham im eigenen Herzen Euch entzünden, werdet Ihr langſam aufzehren. So rächt der Herrgott Blut⸗ ſchuld und Meineid. Fluch! Fluch über Euch, Heinicho! 198 Ueber Euch den Ungerechten und Eidbrüchigen!“— Er zuckte noch einmal auf, ein augenblicklich Zittern fuhr durch die muskelvollen Glieder bis zur Hand und Ferſe herab, dann ſank er lautlos in die purpurfarbenen Heidblüten, die von ſeinem Blute ſchon längſt überperlet worden. Starr ſah der Harzgraf eine Minute lang auf den Todten, und ſein Antlitz ward noch finſterer.„Blutige Eule, heulſt du Wahrheit?“ fragte er halblaut. Mit Gewalt ſich dann losreißend von den Gedanken, die ihn ergriffen hatten, drehte er ſich raſch um zu ſeinen Ge⸗ fangenen. Wie der Schäfer die zerfetzte Heerde betrachtet, die von einer Horde reißender Wölfe zu nichte gemacht, ſo hatte der alte Handelsherr dageſtanden im ſtummen Schmerze. Als der grauſe Feind ſich raſch zu ihm kehrte, fuhr er einen Schritt zurück, doch von Verzweiflung aufgeregt fragte er faſt verwegen in ſeiner Lage:„Alſo ſeid Ihr der Heinicho von Hackelberg, der alle Wege⸗ lagerung abgeſchworen vor dem Adelsgericht, und der dennoch des Gottesfriedens und der Sakramente ſpottet und mit ſeiner Seligkeit ein ruchlos Spiel treibt?“— Verwundert, aber mitleidig ſchaute der Eiſerne den Graukopf an.„Bin es, bin derſelbe Heinicho!“ ſprach er und lächelte faſt ſchwermüthig dazu.„Bin es ſelbſt, du alter Ellenritter, habe aber meinen Eid nicht gebrochen. Siehſt du nicht, wie ich kein Schwert mehr zücke auf der Heerſtraße, weil ich es abgeſchworen. Daheim auf der Herlingsburg hängt die brave Klinge im Waffenſaale und roſtet an feuchter Steinwand; aber dieſe Sichel an meiner Seite, ſo ſcharf und furchtbar, wie ſie der Todes⸗ engel zuckt, ſchneidet das Leben durch der Reichen und Mächtigen, ſchlachtet die prahlenden Fürſtenknechte, —— 199 ernährt die wackern Geſellen, und rächt mich an der Welt und meinen Neidharden. Wollet Ihr bekannter werden mit dem krummen Erntewerkzeuge?“— Er zog die ſeltſame Waffe herauf an ſein Herz, und die Kaufleute wichen noch mehr erbleichend zurück. „Ihr ſeid Frankfurter nach dem Fähnlein und Wap⸗ pen?“ fuhr der Wilde ruhiger fort.„ Nun da kann euch die reiche Stadt auslöſen, und bis dahin müßt ihr vorlieb nehmen mit den Rothwildsgerichten meiner Herberg auf einer Steinklippe des Harzwaldes. An's Werk die Hand, meine braven Jäger! Koppelt die Gefangenen zuſammen! werfet die Todten in die nächſte Felsſchlucht; führet die Wägen raſch den Waldweg hin⸗ auf, und verhackt mit niedergeſchlagenen Tannen hinter Euch die Straße. Du, Günther, beſteigſt das Beutepferd des Rottmeiſters, das dir dein Meiſterſchuß gewann, und bleibſt bei mir. Wir decken den Rückzug, und ſehen nach, wo der flinke Falkenſteiner blieb, der ſaumſelig weilt auf ſeiner Hatze.“— Alles geſchah geregelt und dennoch eilfertig, ſo wie der Führer befohlen, und vald war die Heerſtraße rein, und nur die Blutſtellen deuteten noch dem Wanderer den grauſen Auftritt auf der Straße an, in deren Mitte jetzt Heinicho und ſein Leibſchütz langſam und aufmerkſam ſich umſchauend gegen Gandersheim hinabritten. Merklich ſank ſchon die Sonne dem Weſten zu, und vergoldete die Bergkuppen des Grubenhagens und des Iberges. Drunten in den Fichtendickungen zogen ſchon Schatten ein, die ſich abenteuerlich gebildeten, und weiße Thauſtreifen lagerten ſich auf die moorigen Gründe. —— 200 Vom Kalberge herüber tönte die Betglocke der Ka⸗ pelle, die von einem einzelnen Eremiten bedient wurde, und in das Geläut klangen drunten auf der Straße wohltönende Glöckchen hinein, die an dem Kopfgeſchirr eines Zuges wohlgenährter Maulthiere ſchwankten, welche eine ſtattliche Karoſſe den bergan gehenden Fahrweg hinaufzogen. Ein ehrwürdiges, ernſtes Anſehen trug die Karoſſe; ſie war mit purpurrothen Vorhängen verhangen, ſo daß man nicht ſehen konnte, wer drinnen ſaß; vergoldete, ſchwere Zierrathen, worunter man Abtsmützen, Infull und griechiſche Kreuze erkannte, ſchmückten in Ueberla⸗ dung angebracht die Ränder und Thüren der Kutſche, und rund um ſie ritt eine bedeutende Anzahl Reiſige, an deren Spitze ſich der Schirmvogt des Kloſters Wie⸗ brechtshauſen, Hildebrand Rumann, befand, ſonſt im Volke für gewöhnlich der Arm von Erz benamſet. Die Reiter hingen locker und bügellos auf den trä⸗ gen Kloſterpferden, als verließen ſie ſich ſowohl auf ihre Anzahl, wie auf die Mannlichkeit ihres Führers, der wohlgewappnet, mit der blau und gelben Binde auf breiter Bruſt und der gewaltigen, blanken Streitaxt am Sattelknopfe, an der Spitze der Kolonne ſein derbes Schlachtroß tummelte. Träge ſchleppte ſich der Zug die Straße hinauf, und die Reiſigen ſummten ein frommes Lied zu den Tönen der Kapellglocke, bis zu dem Umbeugen um einen ſchar⸗ fen Winkel des Weges ſie mitten in demſelben zwei fremde drohende Geſtalten erblickten, die gleichfalls ſtutzig bei der unvermutheten Begegnung, mitten in der Spur halten blieben, und die Fahrt zu verlegen ſchienen. ————— — . 201 Wie in eine Heerde bei dem Erblicken des wilden Raubthieres, kam eine ängſtliche Bewegung unter die klöſterlichen Lanzenknechte. Der Pſalm verſtummte, alle ſaßen wie auf Commando bügelrecht mit nach vorn ge⸗ neigten Lanzen, und alle drängten ſich geſchloſſen Fuß an Fuß um die Kutſche, und jedes Auge war ſtarr auf den Vogt gerichtet. So ſchließen die Rinder, wenn der Wolf einbricht, die Rücken zuſammen, ſtemmen das junge Gehörn nach vorn, und ſchauen ſtöhnend in Angſt auf den gewaltigen Stier, der an der Spitze ihres Pha⸗ langes dem Feinde die breite, bewehrte Stirn entgegen trägt.—* Auch der Vogt Hildebrand ſtutzte einen Augenblick, doch nicht aus Furcht, ſondern weil er den Schwarz⸗ geharniſchten erkannte am Helmzeichen, wie an dem beſonders hohen und eigends regelmäßigen Körperwuchſe, und weil er ſein einzelnes Erſcheinen an dieſem Orte ſich nicht zu erklären vermochte. Graf Hackelberg, denn dieſer war es nebſt ſeinem Schützen, hielt wie mecha⸗ niſch gebunden, oder wie durch Zauber gefeit mitten im Wege auf ſeinem ſchnaubenden Rappen. Auch er war überraſcht durch den beſondern geiſtlichen Zug, durch die ungewöhnlich ſtarke Bedeckung deſſelben. Eine Ahnung, grauenvoll und das Herz beklemmend, ſtieg tief aus ſei⸗ nem Gemüthe auf und verwirrte ſeines Geiſtes fliegende Gedanken. Die Lanze zitterte in ſeiner Fauſt, und er hielt den Zügel des Gaules ſtraff an in der erſtarrten Hand, bis das gequälte Thier ſich hoch aufbäumte mit ihm. Er bedachte nicht, daß er allein ſei, nicht die Waffenmacht, die gegen ihn anzog, nicht den mannlich bekannten, tapfern Hauptmann. Nicht von der Stelle konnte er, und ſeine Augen glühten durch das Gitter 202 des Helmſturzes wie feurige Kohlen aus der gefürchteten Mitternacht. Langſam kam der Vogt mit ſeiner Karavane gegen ihn herauf; er ließ weder das Viſier herab, noch faßte ſeine Hand nach dem Streithammer, aber mit den großen, ruhigen Augen beobachtete er ſcharf des wohlbekannten wilden Kämpen Bewegung, als wollte er durch das Eiſenkleid hindurch in ſeinem Herzen leſen. Dicht ſtieß jetzt des Zuges Spitze gegen das ſchäu⸗ mende Schwarzroß, und der Vogt hielt ſeine Zügel an. Auch der Graf ließ den Zaum nach, und die beiden Streithengſte beſchnoberten ſich mit den beſchäumten Mäulern, als wollten ſie alte Bekanntſchaft erneuern, und langſam ſchlug nun Heinicho auch den Helmſturz auf vor dem ſchweigenden, ihn ſcharf betrachtenden Gegner. Iech kannte Euch ohne das! begann der Vogt Ru⸗ mann da. Wer den Grafen Hackelberg auch nur ein einzigesmal turnieren ſah, vergißt ſeine Geſtalt nicht, und findet ſie unter jeder Verluppung wieder heraus!— Eine dunkelrothe Glut ſtieg über das bleiche Antlitz des Schwarzen aus dem krauſen üppigen Barte herauf. Turnieren? fragte er. Haſt auch du, alter Fehdegeſell, Spott und Hohn ſprechen gelernet an der Tafel der Pfaffen und Fürſten? Und hältſt du deine Knochen für ſo ehern und unzermalmbar, daß du die Stirn des Auerochſen herausforderſt gegen dich?— Ruhig, junger Kämpe! entgegnete der Vogt mit Haſt, das geſprochene unbedachte Wort bereuend. Bei der heiligen Jungfrau, ich dachte nichts Beleidigendes gegen Euch!— Bei der Jungfrau ſchwöreſt du? fiel Hackelberg raſch — pe——- 203 ein. Das iſt der einzige Schwur, dem ich noch glaube; das iſt mein Schwur, den ich um Leben und Seligkeit nicht brechen möchte. Doch bei der heiligen Jungfrau beſchwöre ich dich nun auch: ſprich mir, was ſoll dieſer Zug, und wen geleiteſt du hinauf nach Wiebrechts⸗ hauſen in dein Gotteshaus?— Ueberlaß das Fragen mir! antwortete der Vogt ernſt und faſt unwillig. Dieſe Straße ſteht unter mei⸗ nem Schutze, und mein Geſchäft darauf kann nur mei⸗ nen Biſchof kümmern. Heinicho, ich habe mit Beküm⸗ merniß von dir und deinem Thun gehört. Biſt du noch der friſche, heldenmüthige Jüngling, der mit mir im fernen Griechenland den Prinzen Heinrich aus der räu⸗ beriſchen Suliotenbande heraushieb? Biſt du noch die Blume der Sternritter, die alle überragte an Adel der Seele und des Leibes, wie die ſchlanke Staude des Purpurhutes mit ihren Prachtkelchen die niedern Wald⸗ blumen überragt auf den Felſen des Harzgebirges? O wo hinab biſt du gerathen, du Verlaſſener in der Wüſte! — Komm zurück; kehre mit mir in meine Halle, lege, wie einſt, vertrauend deinen Gram an meine alte, aber ehrliche Bruſt; denn nur der tiefſte Kummer und ſein krankes Kind, die brennendſte Verzweiflung konnte ſol⸗ chen Edelmuth untergehen laſſen in der Sumffflut der Bosheit, und die Menſchlichkeit mit der blutgierigen Kralle der Grauſamkeit bewaffnen.— Krächzeſt eine treue Wahrſagung von hinten nach, alter Rabe! hauchte Heinicho düſter und halb laut her⸗ vor. Aber laß die Rechenſchaft denen über, die das verſchuldet. Beſchmutztes Leben wäſcht nur der Grabes⸗ thau rein, und nie noch gab es einen Rückſchritt in die öden Räume der Vergangenheit.— Buße und Reue ſind die Wiedertaufen für Gefallene! fiel der Vogt ein. Ich glaubte dich daheim auf deinem Steinſchloſſe, berechnend und abtragend deine Schuld der Welt und deinem Gotte, und finde dich wieder draußen im Handwerk der Sünde an der Straße, wie einen Wegelagerer und Häuptling der Schnapphähne. Antworte! Was führt dich aus deinen Klippen herab? Was treibſt du auf dieſer Straße? uUund was brütet dein Sinn Keckes und Gefährliches?— Einen blitzenden Blick ſchoß der Graf unter der Eiſenhaube hervor. Ich will dir vertrauen, alter De⸗ gen; ſprach er ſanfter. Dich allein habe ich ehrlich befunden in frühern Jahren, und draußen ſelbſt im treu⸗ loſen Südlande. Du ſollſt mich gerechtfertigt ſchauen, ſollſt mir rathen, und ich will folgen, wie der verlorne Sohn, als er den Vater wieder gefunden; aber zuvor erfülle auch meine Bitte, die erſte, die ich ſeit zwei Jahren irgend einem Menſchenantlitz entgegen ſpreche. Sage mir, was geleiteſt du hinauf in dein Kloſter? Du mußt ſprechen, wenn du Mitleid mit dem Unfrieden haſt, der meine Seele zerreißt; wenn ich dir ſchwöre, daß meiner Seele Ruhe und Glück an deiner Antwort hängt; und du kannſt ſprechen ohne Scheu, denn was auch jene Karoſſe verſchließt, ich bin zu Zwei, und du haſt ein Dutzend Schirmknechte; dein Geheimniß iſt ſicher zwiſchen den Speeren, die ſich mir wie die Sta⸗ chelwand der Aloe entgegen ſtrecken.— Frage nicht mehr, du Unbeſonnener! antwortete zür⸗ nend Herr Hildebrand. Der Vogt des Kloſters auf dem Nonnenberge hat von ſeinen Jungfrauen nichts zu ver⸗ trauen an einen Laien und trüge er Königstracht, viel —— 205 weniger an einen Bergritter, der alſo geſpenſtiſch ver⸗ larvt die Straßen verlagert!— So gnade mir Gott! rief da Hackelberg mit einer Sturmſtimme und wild erglühend. Ich weiche nicht aus dieſer Spur, bis ich weiß, was jener vergoldete Käfig birgt, und willſt du hinauf zum Nonnenberge, ſo geht über mich und meinen Rappen der Weg.— Die geiſtlichen Damen in der Karoſſe waren durch den Verzug und das heftige Geſpräch beunruhigt worden, vas verkündete das Bewegen der faltigen Vorhänge der Kutſchenfenſter. Jetzt, da ſo donnernd des Grafen Stimme herübertönte, fuhr plötzlich wie gewaltſam fort⸗ geriſſen, die purpurfarbene Gardine zurück, eine ſchlanke Geſtalt im weißen Nonnenkleide bog ſich heraus, riß den ſchwarzen Schleier von der Stirn, und zeigte ein Geſicht, das, wenn auch erblichen, dem Geſchlechte der Engel anzugehören ſchien, und wunderſamen Liebreiz um das blaue Auge und auf den feingeſpaltenen Lippen Heinicho! Heinicho! rief die junge Nonne. Rette mich jetzt, oder ich bin dir ewig verloren!— Gewalt⸗ ſam riß eine ältliche Kloſterdame die Rufende zurück, und gleich einer Erſcheinung erſchienen und verſchwunden im nämlichen Augenblicke, verhüllte die Gardine wie⸗ derum die ſchöne Magdala. Graf Hackelberg hatte die Worte wohl verſtanden. Seine dunkeln Augen quollen vor in ihren Höhlen, wie die des angeſchoſſenen Ebers. Einen Augenblick ſchien er ſeelenlos, erſtarrt, verſteinert, dann legte er ſchnell die Lanze ein zum Stoß, riß ge⸗ wandt ſein Roß herum, daß dadurch der Schirmvogt, der den Weg verſperrte, zur Seite gedrückt ward, und mit dem tobenden Ausruſe:„ Richſa! Richſa! Ich 206 komme ſchon!“ ſtürmte er wie im Turnieranlaufe gegen die Karoſſe hin. Die Reiter am Wagen wichen mit den Pferden erſchrocken bis dicht an die Achſen der Räder zurück, aber die Furcht ſtemmte ihrer Speere Verhack dem Angreifenden noch ſtarrer entgegen. Des Grafen Lanzenſchaft zerbrach am Metallbeſchlage der Kutſche, ohne getroffen zu haben, aber von einem halben Dutzend ſcharfer Spitzen erfaßt, ſtürzte ſein Rapp, und ſchleuderte im Todesſprunge den eiſernen Reiter weithin auf den bebuſchten Straßenrand. Einen Augenblick der Beſinnung bedurfte Hackelberg, dann riß er, von Wuth erſtarkt, den ſichelförmigen Damascener heraus, und wie ein wagehälſiger Hünenzwinger oder Himmelsſtür⸗ mer warf er zu Fuß ſich hinein zwiſchen die Reiſigen. Ihre Lanzen brachen vor ſeinen furchtbaren Klingenhie⸗ ben, und ihre verwundeten Thiere flogen rechts und links auseinander. Schon war er am Kutſchſchlage, ſchon griff ſeine beſchildete Linke nach der Purpurgardine; da trabte der Vogt Hildebrand heran, und ſein Streit⸗ hammer ſchmetterte gewaltig von der Sattelhöhe herab auf den ſchwarzen Helm des Stürmenden. Einen Weh⸗ ſchrei hörte man, dann taumelte der hochgewachſene Ritter einige Schritte zurück, und ſank bewußtlos auf den Sand. Du haſt es nicht anders gewollt, tollköpfiger Aar!„ ſagte mitleidig der alte Rumann. Dein Blut kommt nicht über mich, ſondern über Jene, die dich verdarben, und bis hiehin hetzten. Vorwärts, zur Kloſtermauer! befahl er dann, als er hörte, wie der herbeigeſprungene Schütz dem Grafen das Silberheerhorn von der Seite riß, und ſchreiende Nothtöne hinein hauchte. Vorwärts! die Geſellen des Teufels im Eiſen ſind wackere Zöglinge — 207 der Hölle, gewiß nicht weit, und ſtandet ihr Feiglinge dem einen nicht, wie würdet ihr ſtehen, wenn ihr jede Fichte einen Schwertmann gebären ſähet!— Eilig ſetzte ſich der Zug in Bewegung; einige Reiter warfen im Vorübertraben ihre Speere nach dem keck⸗ blaſenden Schützen, aber der Abmarſch, welcher faſt einer Flucht vor dem todt Daliegenden glich, machte die Würfe unſicher, und unverletzt hielt der treue Bub ſeinen ſtarren Herrn in den liebenden Armen.—— Still war die Gegend geworden. Das Klagege⸗ ſchrei, welches man ſeit dem Sturze des Ritters aus dem Innern der Karoſſe vernommen, verklang allmälig; der letzte Reiter des klöſterlichen Zuges verſchwand am Tannenhügel, aber immer noch regte ſich der Ritter nicht. Aengſtlicher ſtieß der Schütz in das Heerhorn ſeinen Nothſchrei; Niemand gehorchte dem Feldrufe. Seufzend warf er endlich das Silberhorn bei Seite, legte des Todtſcheinenden Haupt ſo ſanft als möglich an den Ab⸗ hang hin, und machte den zerdrückten und zerſchlagenen Eiſenhelm los vom Bruſtſtück. Der furchtbare Hammer⸗ ſchlag des Rumanns hatte die Helmzier von Oben ge⸗ troffen, und das Eine der ſilbernen Stierhörnern zer⸗ ſchmettert; doch brach ſich der Schlag auf dem maſſiven Horne und verlor ſeine Kraft; nur das aufgeſchlagene Viſier zerſprang in zwei Hälften und hing zerbrochen an der unverletzten Eiſenhaube, und kein Blut fand ſich an dem bleichen Antlitze, welches jetzt von braunen Ringel⸗ locken wüſt umflattert, in des Dieners Schvoße lag, nur eine dicke Beule hob ſich über der Schläfe, und die Pulſe ſchlugen kaum fühlbar. Mit tiefem Schmerze 208 drückte der junge Knecht den Mund auf die Lippen des geehrten Herrn, ihm Athem einzuhauchen, da erklang dröhnender Hufſchlag näher und näher, und der Falken⸗ ſteiner ſprengte auf ſeinem ſchweißtriefenden Braunen heran. Weidlich hatte der junge Göttinger ihn geärgert und genarrt. Wie Atalante ihre goldenen Aepfel hinter ſich warf, um ihren Wettkämpfer aufzuhalten, ſo ließ der Flüchtling nach und nach die Handpferde los. Haſchte auch des Verfolgers Hand nicht nach der frei⸗ gegebenen Beute, die ſcheuen Pferde tummelten ſich doch im Wege, und lenkten den Feind ab von ſeiner graden Bahn. Späterhin, da der Ritter ihm ſchon nahe ſchnob, bog der Göttinger in den ungebahnten Fußweg gegen Einbeck hin, und auch hier verfolgt, warf er ſich vom Gaule, und klomm die ungangbare Waldhöhe hinan, wo weder das Roß noch ſein geharniſchter Herr ihm zu folgen vermochte. Unwirſch und fluchend fing der Falkenſteiner ein Paar der loſen Pferde auf, und zog langſam in ſeinem Unmuthe den nutzlos verfolgten Weg zurück, bis die Abendluft ihm den Nothruf des bekann⸗ ten Heerhornes entgegen führte, und ſeine Rückfahrt beſchleunigte. Der Schütz hatte den Unfall erzählt, und der Fal⸗ kenſteiner wußte in ſeinem Entſetzen ſo wenig Rath zu geben, als er. Unſer Volk iſt nicht einzuholen, ſprach Günther. Haben die einen Fang heimzuführen, ſo haften ſie daran, wie dieſe Klette an meinem Wollwammſe, und denken auf nichts, als den Freudenſchmaus, den ihnen der Herr nach jeder glücklichen Fahrt zu ſchenken pflegt. Der Kloſtervogt wird alle Mannſchaft aufbieten; die Nord⸗ heimer werden auf den erſten Ruf dazu ſtoßen, und ehe 209 ein Stündchen vergeht, ſind alle da, morden den Grafen vollends, oder ſchänden den wackern Herrn noch im Tode.— Das Harzhorn droben könnte die einzige Zuflucht werden, fiel der Falkenſteiner ein, aber der Dudo iſt ergrimmt auf uns und auf den Heinicho, beſonders wegen der Theilung der Hildesheimer Marktbeute, und wegen der ſchönen Pilgerin, die ihm der Hackelberg nicht her⸗ ausgab. Die Traufe möchte dort ſchlimmer ſein, als der Platzregen hier, und ſo denke ich, wir legen den Cumpan ſanft auf dein Roß, und führen ihn mit uns ſo tief als möglich in den Unterbuſch hinein, bis die Nacht heraufkommt.— Der Leibſchütz begann ſchon auf dem erbeuteten breiten Thiere von den Saumdecken der Ritterpferde, ein Lager zu bereiten, da athmete Graf Hackelberg in einem tiefen und langen Seufzer auf, ſchlug die finſtern Auglieder in die Höhe, und blickte ſtarr die aufjauchzenden Ge⸗ fährten an. Wie ſich beſinnend, griff er dann an die geſchwollene Stirn, ſah ſuchend auf dem Platze umher, und faßte alsdann haſtig nach der Perlenſchnur an ſei⸗ nem Halsſtücke. Vom Sturze waren mehre der Zahl⸗ perlen am Helmkragen zerdrückt worden, und ihre Brocken fielen in ſeine Hand. Traurig und kopfſchüt⸗ telnd beſah er die ſchimmernden Stücklein. Es iſt aus; ſagte er leiſe dazu. Das Leben iſt zerbrochen und alles ſein Hoffen dahin, wie dieſer köſtliche Schmuck!— Wohin ſollen wir, Schwertbruder? fragte dringend der Graf mit dem lauchgrünen Helmbuſche. Die Noth drängt uns; du biſt wundlahm; ſie werden kehren und dich einfangen.— Sie werden nicht kehren; antwortete Heinicho dumpf Blumenhagen. I. 14 21⁰ und reſignirt. Was ſollten ſie noch holen und gewinnen wollen?— Mein Herz iſt in ihren Ketten; meine Se⸗ ligkeit verblutet in ihrer Marterkammer; ſie haben Geißeln für meinen Frieden, und dürfen das Geſpenſt des Hackelbergers nun nicht mehr fürchten. Einen Non⸗ nenſchleier habe ich liegen ſehen über meinem Braut⸗ bette, und er wird mein Lailach werden, unter dem der Heinicho bald ſchlafen wird für ewig. Richtet mich aufz ich fühle keine Pein am Körper, und werde in den Bügeln ſitzen können. Wir wollen langſam hinauf ziehen zu dem Zwergesloch dort im Berge, und erwarten, welche neue Schauerträume die Nacht über uns herauf beſchwört.— Der Falkenſteiner und der junge Schütz ſahen ſich verwunderungsvoll an ob der ſeltſamen Redeweiſe, doch halfen ſie ſchleunigſt dem Herrn auf das Roß, und ritten ihm zur Seite, aufmerkſam auf den Schwankenden, den Kalberg hinan, der zur Linken des Weges ſeine weißen Klippen und hohen Rothtannen⸗Gruppen den goldbe⸗ ſäumten Abendwolken entgegenſtämmte. Schwüle Sommerluft lag in den Buchenhallen und Tannenkreiſen des Kalberges, aus denen hie und da die weißgelben Kalkfelſen wie ungeheure Rieſenmasken grell hervorblickten. Der Berg, der höchſte der Gegend, breitete ſich weit aus, und das Volk hielt ihn mit ſeinen ſeltſamen Höhlen für den Sitz der Harzzwerge und des kleinen neckenden Gnomenſtammes, die hier ihren erſten Wachtpoſten hielten, um die Schätze des Harzgebirges gegen böſe Dämonen und eben ſo böſe Menſchenkinder zu ſichern. 211 Auf einem der Abſätze des Berges ſtand eine Kapell des heiligen Joſephs auf einem freien Vorſprunge, und ihr vergoldetes Kuppelkreuz war den Ländleuten ein Bannzeichen gegen die Bosheit der kleinen Zwerggeiſter⸗ Eine Hütte von rauhen Steinen erbaut, mit Nadelholz und Moos gedeckt, diente dem Bruder Eremiten zur Wohnung, welcher den Dienſt in der Kapelle und bei der Glocke derſelben verſah, und der jetzt müde vom Glockenziehen, auf dem Steintritte vor der Kapelle der Ruhe pflegte. Verwundert ſah er im Abendſonnenſtrahle die drei gewaffneten Reiter auf dem ſteinigten Pfäde zu ſich herauf ziehen, und ohne Furcht erfreute ſich ſein tief⸗ liegendes Auge an dem Glanze der ſtattlichen Waffen⸗ ſtücke, wie an der Sicherheit des trefflichen Gebirgs⸗ roſſes des Falkenſteiners, das, an böſere Waldwege gewöhnt, über die ſcharfen Steine, ohne zu ſtraucheln, den andern voran tanzte. uL ing Der Eremit war ein noch rüſtiger Fünfzigerz man ſah ihm keine Noth, noch Buße an, und er kannté die Ritter gar wohl, mit denen er oft in traulicher Nach⸗ barſchaft gelebt, wenn ſie ſich und ihre Beute in die neun Kammern des Zwergloches verbargen, ſobald ihnen der Feind an den Ferſen war. Er kümmerte ſich niemals um ihre Thaten, und. beſchwichtigte das Ge⸗ wiſſen des Hehlers, da die freigebigen Wegelagerer ihm gern von ihrem Raube ein Fäßchen Wein und andere Dinge, die er gebrauchen konnte, in dem Ver⸗ ſtecke ſeiner Klauſe zurückließen.— nand Guten Abend, frommer Hieronymus, du Muſter aller Johannisjünger! rief ihm der Falkenſteiner ent⸗ gegen. Haſt du Geſellſchaft? n Niemanden, als meinen langweiligen, ſchweren Kopf, die foppende Erinnerung, meinen nüchternen, knurrenden Magen und die einſamſte Einſamkeit, die hier ewige Königin bliebe, wenn ſich nicht zuweilen ein heulender Wolf oder ein verſchütterter Edelhirſch herauf verirrte; antwortete der Graurock ihnen entgegen tretend. Wir ſind freilich lang nicht oben geweſen; entgegnete der Ritter mit der lauchgrünen Feder. Der runde Göt⸗ tinger Herr möchte gern allein von der Kaufmannſchaft des deutſchen Reiches Tribut ziehen, und gönnet uns Burgleuten nichts davon; wir dürfen nur vorſichtig uns auf Wagſtücke ins flache Land herunter begeben, und dieſes Mal bringen wir nichts hinter dem Sattel mit, ſondern du mußt uns Atzung geben für einen Tag und länger vielleicht, verſteht ſich gegen baare Zahlung in blanken Braunſchweigern. Was wir zum Mahle bringen, iſt dort in der Kürbißflaſche des Schützen enthalten, aber guter Trunk iſt es, wenn auch gar wenig für vier durſtende Gurgeln.— Der Eremit blieb trotz der fatalen Verkündung freundlich, wie vorher. Ihr habt oft meinen leeren Keller gefüllt, edle Herren, ſagte er getroſt, ſo daß es mir Schimpf wäre, möchte ich ſcheel ſehen, wenn ihr heute zum erſten Male ihn leer macht. Auch bin ich ja ſicher, daß binnen drei Tagen eure Knechte den armen Hieronymus wieder bedacht haben, denn euer Wort iſt mir ein beſſeres Pfand, als ſelbſt des Herrn Biſchofs großes Wachsſiegel in der Silberkapſel.— Wären alle Kuttenträger wie du, ſprach lachend der Junker, ſo tränke ich Kameradſchaft mit Prior und Frater im ganzen Gau. Aber unſer heutiger Handel könnte dir vielleicht deine friedliche Wohnung koſten, denn der Streithammer des Wiebrechthäuſer Vogts hat 213 mit meines Schwertgeſellen Stirn derbe Bekanntſchaft gemacht, und wahrſcheinlich werden in dieſer Stunde ſchon alle Pfaffenſöldner ſich tummeln, den ſchwerver⸗ wundet Geglaubten einzufangen. Sie könnten auch hier oben nachſuchen, und du würdeſt dann Hehlerslohn be⸗ kommen, der oft dem des Stehlers nichts nachgibt.— Drauf ſei's gewagt! erwiderte der Eremit gar keck⸗ lich. Sie fürchten mit ihren ſteifen Gebeinen den hals⸗ brechenden Fußpfad herauf, und in den Felslöchern nachzuſuchen wagte nach Sonnenuntergang kein guter Chriſt von Göttingen bis Eimbeck. Sitzet nur ab, ihr Heldenſöhne, und nehmet vorlieb mit Keller und Küche des Aermſten im ganzen Leinegau; denn nur meine Haut iſt mein, und die bezahlt nicht einmal ein Pauken⸗ ſchläger oder Pergamentfabrikant.— Die Ritter folgten der Aufforderung, ſaßen ab und machten ſichs bequem, und hatten Gelegenheit dabei, die Rührigkeit und Sorgfalt des Klausners zu bewun⸗ dern. Schlau wurden von ihm die Harniſche unter der Höhlung des Altars ſeiner Kapelle verborgen, die Roſſe ſelbſt im Allerheiligſten aufgeſtellt, und mit Kleienbrod, Heu und Waſſer aus dem nahen Felsbrünnlein verſorgt. Der heilige Joſeph duldete ja Oechſelein und Eſelein an der heiligſten Stätte, ſo wird er auch nicht mürriſch werden, wenn ſolch getreue Thiere einmal eine Nacht in dieſem ſeinem Hauſe Herberg halten; ſo ſprach lächelnd dazu der duldſame Mönch. Dann füllte er eine Kanne aus einem Fäßchen ſeines verſteckten Kellerlochs, belud den Schützen mit einem Querſacke voll Lebens⸗ mittel, nahm Lampe und Feuerzeug, und führte die Ritter waldhinein und felshinauf, bis des Zwerglochs enge Mündung ſie aufnahm, und die ſeltſam von der 214 Natur gebauete Kammerreihe ſie mit ihrer ſchaurigen Finſterniß empfing. Wie die Wohnung eines unterirdiſchen Geiſterfürſten lagen die neun Felsgemächer neben einander, durch zackichte Steinpforten von mannigfacher Form mit ein⸗ ander verbunden, und der Bruder Hieronymus hatte in ſeinen Mußeſtunden nachgeholfen, und das Spiel der Natur der menſchlichen Phantaſie angeeignet. Da ſah man ein Eingangszimmer mit Ruheplätzen ringsum; dann kam ein Nachbild des geräumigſten Zechſaales, wo die eichene Tafel durch einen ziemlich behauenen Kalk⸗ block in der Mitte, und die Seſſel der Zecher ringsum durch zwei alte Baumſtämme nachgeahmt waren; ſtatt der Ritterwappen und Waffen hingen in dieſem rauhen Prunk⸗ ſaale allerlei wunderſame Arabesken⸗Bilder, von Tannen⸗ zapfen, rothen Waldbeeren, Sauzähnen und Hirſchgewei⸗ hen zuſammengeſetzt und künſtlich geordnet. Weiter folgten dann die Schlafzimmer, wo es in den natürlichen Spal⸗ ten und Höhlungen nicht an weichen Blätterbetten und Moospfühlen fehlte, die freilich von jedem Schlafgänger zuvor durchklopft wurden mußten, um Schlangen und anderes Gethier daraus zu verſcheuchen; doch beſonders hatte der Eremit ſich bemühet, das kleine Gemach, wel⸗ ches die Mitte des Zimmerkreiſes ausmachte, und zu welchem faſt aus allen übrigen Eingänge führten, ſelt⸗ ſam auszuſtaffiren. Wie eine Katakombe enthielt es mehre Schädelſtätten; Betaltar und Beichtſtuhl und Kniepult ſah man von weißen, aufgeſchichteten Men⸗ ſchengebeinen erbaut, halbverwitterte Schädel grinſeten von gllen Vorſprüngen, und ein ziemlich erhaltenes, mühſam zuſammengeſetztes Geripp ſtand als Schildwacht dicht bei dem vorderſten der Eingänge. 215 Maria und Joſeph! ſchrie Hackelbergs Knecht, der mit der angezündeten Lampe vorgeleuchtet hatte; da iſt Geſellſchaft! Zu den Waffen, Ihr Herren!— Der Falkenſteiner warf den zurückplatzenden Buben zur Seite, und trat mit der Hand an dem Schwertgriff vorwärts, der Eremit aber faßte lächelnd ſeinen Arm und ſagte: Laßt ruhen, junges Heldenblut! dieſe Beſtien beißen Niemanden mehr. Ich hatte nicht daran gedacht, daß ihr ſo lange Zeit nicht hier oben geweſen, ſonſt hätte ich euch zuvor von dieſer meiner neuen Leibgarde er⸗ zählt. Vor vielen Monden war's, da hatte ſich ein Halbdutzend Schnapphähne hier herauf gewöhnt. Es waren rauhe, gemeine Burſche, wälſcher Nation, drum mochte ich nicht mit ihnen verkehren, und ihnen ſchien ich gleichfalls im Wege. Ihre Meſſer waren zu lang und ſcharf, als daß ich Luſt gehabt, damit Bekanntſchaft zu ſchließen, und wenigſtens hätte ich meine Wintervor⸗ räthe, die ich mühſam zuſammengebettelt in dem Zwergs⸗ loch bewahre, mit den Gäſten theilen müſſen. Siehe, da fielen meine Augen in das Beingewölbe unter der Kapelle, das übervoll von dieſen weißen Menſchenge⸗ ſtalten lag, man ſagt von irgend einer alten Schlacht her. Als die Schnapphähne einſtmals ſämmtlich ausge⸗ zogen waren, erbauete ich hier dieſes Golgatha, und ſeitdem ſind die Ratten ausgezogen, als wäre ihnen Operment und Münzkraut hingelegt, und Tags darauf kamen gar ihrer zwei bleich und todtkalt, beichteten bei mir, nahmen fromm die Bußpredigt und Abſolution und bezahlten redlich den Gottespfennig dafür. So gehts, meine gnädigen Herren! Der Menſch bleibt die pfiffigſte und bösartigſte Beſtie auf der Erde und einer drängt und ſtößt den andern; kann ers nicht durch Fauſt und * n 8—— 7 *. 216 Schwert, thut ers durch falſche Würfel oder ein Gift⸗ wort, die Ungebühr, die er ſeinen übrigen Mitge⸗ ſchöpfen anthut, nicht einmal gerechnet. Aber der über Maß gepeitſchte Pflugſtier, der todtwunde Karrngaul, das geſchleifte, gemarterte Schlachtvieh, der gehetzte Edelhirſch haben auch Stimmen, welche zu dem König der Könige hinaufſchreien.— Predige nicht, du Pfaffengeſell! murrte da der Hackel⸗ berg mit ſeltſam hohler Stimme. Ich will Ruhe haben, nichts als Ruhe, und wär's die ewige. Aber erſchrick nur nicht, gute Seele; ſetzte er weniger heftig hinzu und drückte des ſtutzigen Waldbruders Hand; denn Recht hat dein Wort. Der Menſch iſt die böſeſte aller Beſtien, und jemehr ihm Macht ward vom Schickſale, je grim⸗ miger ſchlägt er die Klaue in der Mitgeſchöpfe zitterndes Bruſtfleiſch.— O mein Herrgott! ſeufzte da der Eremit in ſich hinein, über Wort und Ton bewegt; was muß denn geſchehen ſein, das ein ſolch kräftig, ſolch jung und ritterlich Gemüth ſo ganz und gar zerbrochen hat?— Die Ritter antworteten nicht und gingen tiefer in die Klippenhöhlen hinein. Der Eremit ſetzte ihnen den Imbiß zurecht, ſchüttelte die Mooslager auf, hing die hellflackernde Ampel an eine Steinſpitze, und nahm dann den Schütz mit zur Kapelle hinunter, mit ihm die Nacht⸗ wache drunten zu theilen. Der Ritter mit der Sichel warf ſich auf's Lager; der Falkenſteiner ſprach zuerſt dem Becher zu, und was beide in der Höhlennacht be⸗ ſprachen, ſei im folgenden Abſchnitte den Leſern in der Kürze mitgetheilt, und ihnen dadurch aufgeklärt, was bislang von dem Helden dieſes blutigen Tages dunkel geblieben. ——— 217 Herzog Heinrich, mit dem Zunamen Mirabilis, lebte mit ſeiner Hofhaltung wechſelnd bald auf dem alten Schloſſe Grubenhagen, welches ſein Vater, Albrecht der Große, einſt dem Vaſallen Cuno von Gruben wegen Felonie genommen, bald auf der Burg zu Salz der Helden, wo er im Jahre 1322 verſtarb. Unter den Junkern, welche ſeinen Hofſtaat bildeten, zeichnete ſich an Geſtalt und Ritterlichkeit Heinicho von Hackelberg aus, und der Fürſt ſelbſt ſchien ihn von früh an den eigenen Söhnen gleich zu halten. Niemand kannte die Abkunft des ſchlanken Junkers; man nannte ihn Graf und betrachtete ihn als die letzte Waiſe eines fremden Heldenſtammes; aber unter den ältern Hofbedienten ging das Gerücht heimlich von Munde zu Munde und von Ohr zu Ohre, der Ver⸗ waiſete ſei dem Herzogshauſe näher verwandt, als man ahnen und ausſprechen dürfe; der Eine nannte den ältern Bruder des wunderlichen Fürſten, den Hofmeiſter Lüder in Preußen, Jener den jüngern Otto, den Templer und Comthur zu Supplingeburg, als Vater des ſchönen Sündenkindes, aber Niemand unterſtand ſich ſolch böſen Verdacht laut auszuſprechen. Heinicho bekam indeß eine ritterliche Erziehung, wie ſie in damaliger Zeit nur Fürſtenſöhne erhalten mochten; Mönch und Waffenmeiſter hatten Ehre von ihm; er war der unzertrennliche Be⸗ gleiter des Erbprinzen Heinrichs, und folgte ihm auf einer Ritterfahrt nach Jeruſalem und dem Sinai; und da er auf dieſer Reiſe ſeines Prinzen Leben mit ſchweren eigenen Wunden gerettet, ſo ernannte ihn bei der Rückkehr von dieſer Wallfahrt der alte Herzog zum Jägermeiſter ſeines Hofes, und gab ihm die Herlingesburg, mitten im Harzwalde, in der Nähe der Stadt Goßlar, zum Burg⸗ lehen für ſich und ſeine Erben. —— 5 218 Aber mit der Nachkommenſchaft des neuen Lehen⸗ trägers ſchien es übel auszuſehen, denn keine prangende Dame der Fürſtenfeſte, kein rothwangiges Fräulein in den Logen der Stechbahn hatte bislang Heinicho's dunkeln Augen ein lebhafteres Licht entlockt. Heftigen Gemüthes war der Junker von früh auf geweſen, wenn auch adelige Sitte der Wildheit ein Zaum wurde; aber ſeit Jeruſa⸗ lem von dem jungen Helden betreten worden, hatte eine Verſchloſſenheit ſich eingefunden, die allen ſeinen Geſellen auffiel und mit ſeiner Unbeweibtheit vereint zu dem Argwohn Anlaß gab, er ſei in Paläſtina Tempelherr geworden, obgleich die Verfolgungen dieſes Ordens da⸗ mals ſchon begonnen hatten, und jetzt auch ihre Folgen über die nördlichen Reiche zu verbreiten ſchienen. Doch der Grund dieſer Verwandlung in der Gemüths⸗ ſtimmung des Helden unſerer Geſchichte ſiel in eine weit frühere Periode ſeines Lebens und war ganz anderer Art. Der zweite Bruder des Herzogs auf Grubenhagen, Albrecht, mit dem Beinamen der Feiſte, reſidirte ſeit des Vaters Tode in dem Lande über dem Walde, zu Göt⸗ tingen auf der Burg, Ballruz genannt. Er haßte alles Unweſen, welches dazumal von den Edelleuten unter dem ſchönen Namen des Ritterthums verübt ward; vor⸗ züglich war ihm Fauſtrecht, Klopffechterei und Wege⸗ lagerung in den Tod zuwider, und er ſuchte ſeinen Ruhm in dem Flor ſeiner Städte und Landſchaften, wenn er auch auf die Würde ſeines Fürſtenranges mehr zu halten ſchien als alle ſeine Brüder. Gerade dieſe Zwillings⸗ geſinnung war es, welche dem Leben des jungen Heinicho polch eine unſelige Richtung gab. Bei einem Geburtsfeſte der Herzogin Agnes war auch der Göttinger Hof auf dem Schloſſe Grubenhagen —— 219 zugegen. Ein Kampfſpiel der Junker und Knappen mit ſtumpfen Flammbergen, an welches ſich ein Tanz der blühenden Jugend ſchloß, endigte die dazu gewählten Feſtlichkeiten. Heinichv von Hackelberg hatte den Preis errungen mitten zwiſchen den wohlerzogenen jungen Löwen der beiden braunſchweigiſchen Linien, und ſeine Tänzerin wurde Richſa, die jüngſte der Töchter des geſtrengen Göttingers. Mit Vergnügen ſchauete Richenza, die Herzogin⸗Mutter, auf das aus dem blühenden Walzer⸗ kranze hervorſtrahlende Paar, und machte den ernſten Eheherrn darauf aufmerkſam. Aber Herzogs Albrechts Stirn umzog ein Wettergewölk; verächtlich warf er den runden Mund auf, und ſchoß einen ſcharfen Blick auf die erhitzten Tänzer. Wäre ich hier der Herr, ſprach er ſo laut ſchallend, daß trotz der Keſſelpauken jedes Wort verſtändlich war, ſo miſchte ſich nicht Knecht und Fürſt bei ſolchem Feierprunk, ſo ginge nicht Baſtard und Bettler Arm in Arm mit dem Landeserben. Das wird Roſt an der alten Krone. Blutegel des Landes oder übermüthige Raubritter und Rebellen erwachſen aus ſolchem Treibhausmiſte.“ Wie ein glühender Metallſtrom floß das böſe Wort ziſchend durch Heinicho's Ohr in ſeine ehrgeizige, ſtolze Seele. Mitten im Kreistanze hielt er ein, und ſeine dunkeln, unerſchrockenen Augen ſchoſſen den furchtbarſten Gegenblick zurück auf den verwunderten Fürſten. Einen feſten, glühendhaſtigen Kuß ſenkte er dann auf die zarte Hand ſeiner erſchrockenen Tänzerin, verließ ſie mitten im Tanze, indem er beide Handſchuh vor dem Herzog fallen ließ, und wurde den ganzen Abend nicht mehr geſehen.— Der erbitterte Herzog verklagte den unge⸗ ſitteten Fant bei dem Herrn des Schloſſes, und da dieſer * 220 ſeinen Unmuth ob eines Knaben verlachte, verbat er ſich Heinicho's Beſuch in der Reſidenz für immer. Alles vergaß bald die Kindergeſchichte; nur in Hackelbergs Seele blieb jener Abend unvergeſſen. Bei allen Beſuchen, die ſeine Herrſchaft zu Göttingen machte, wußte er ſich dem Geleite zu entziehen, aber mehr als zuvor trieb er das Waidwerk im Sollingerbuſch und den tiefen Harz⸗ wäldern; die Söhne des rauhen Harzgrafen wurden bald ſeine liebſten Geſellen, und er nahm Theil an den ge⸗ fährlichen Raubzügen der Werningeröder und Blanken⸗ burger, und ſchon damals riefen ihn die Burgleute als den wackerſten, die Städter als den verwegenſten der Freibeuter aus im ganzen Gebirgsgau. Der Zug des Prinzen nach dem fernen Griechenlande unterbrach Heinicho's abenteuerliches Leben, auf welches ſein Herzog auch hier, wie in manchen andern Charakter⸗ zügen wunderlich, wenig Acht gehabt, weil er jene Raub⸗ züge für eine Schule des Krieges und eine Uebung des Muthes und der Liſt zu halten ſchien, aus der auch der Jürſt in der Folge ſeine Vortheile zog. Aber jetzt heim⸗ gekehrt von der ſchweren Ritterfahrt, gediegener daſtehend im Bewußtſein der Kraft, belohnet mit einer ſichern Felſenburg, von einem Haufen erleſener Wehrmänner umringt, nahmen Hackelberg und ſeine Thaten einen gefährlichen Charakter an. Alle Namen der gefürchteten Gebirgsritter verlöſchten vor dem ſeinigen, und wo nur ein kecker, toller Anſchlag vollführt wurde, hatte Heinicho die Spitze der Waghälſe befehligt. Ob in dieſer Zeit ein enger und geheimerer Bund zwiſchen Richſa und Heinicho ſtatt gehabt, davon zeugte kein lebender Mund, doch ein Brieſchen ohne Unterſchrift —— 221 und Datum, in der Prinzeſſin Nachlaß gefunden, machte es wahrſcheinlich. —„Du biſt das Licht meines Lebens, du die Seele meiner Natur, du der Athem meines Leibes!“ lautete eine Stelle darin.„Schilt mich nicht! Haſſe mein wüſtes Treiben nicht! Wie die harte Pflugſchaar die Erde zerreißen muß, damit ſie die goldichte Ernte trägt, ſo ſchlage ich Wunden, damit unſer Glück aufblühe. Der Firlefanz und die tollen Prunkzüge und Affentänze der Menſchen gelten nicht, wo die wahre, ewige Liebe wohnet, die ſich ſelber genug, ihren eigenen Himmel, wie ihre eigenen Erdenthrone erbaut. Solch ein Thron wartet dein, wenn meine Kiſten an Golde ſchwer ſind, und der Ueberfluß der Habſüchtigen meine Maulthiere niederdrückt. Dann verſchwindet die Dame und ihr Ritter aus den falſchen, neidrothen Augen der Welt; Andronicus Paläodolus, der hochherzige Griechenkaiſer, der deines Buhlen treues Herz und wackern Arm er⸗ kannte, ſchenkt uns ein Plätzchen in ſeinen Palmenhainen und Orangenwäldern, und du wirſt die Stammmutter eines Fürſtenhauſes werden unter jenem wolkenfreien Himmel, wo kein wilder Nord die erſten, zarten Blüten der jungen Liebe unerbittlich zerſtören dürfte mit einem Mordhauch.“— Wie kühn, wie ſtark und innig dieſe Liebe ſein mußte, bezeugt dieſer abenteuerliche Vorſatz, iſt bewieſen da⸗ durch, daß dieſe Liebe keines Beiſtandes, keines Zwiſchen⸗ trägers bedurfte, um ſich wieder zu finden und feſt zu halten, trotz Fürſtenzorns und Spionen jeder Art.— Und das iſt ja die Urkunde der ächten, Gott⸗entſtammten Liebe, daß ſie Niemandes bedarf und allmächtig iſt und unerſchüttert in der eigenen Kraft und durch den eigenen ———— 222 Willen.— Ein wichtiges Ereigniß traf jetzt Heinicho's Scheitel, und wirkte auf ihn, wie der Sturm auf die Eiche, die drunten feſter wurzelt, jemehr droben ihr Wipfel geſchüttelt wird. Albrecht, der Herzog, feierte ſeine ſilberne Hochzeit zu Göttingen. Drei Tage hin⸗ durch wechſelten Schmäuße und Ringelrennen und ſcharfes Speerſtechen und Tanzfeſt und Zechgelage. Zum großen Turnierſpiele auf dem Freudenberge ritten ſo viele Ritter ein, daß die Stadt kaum des Raumes genug hielt für die zahlloſen Gäſte. Mit ſtattlichem Gefolge ſah man einziehen den Bartold von Aſſeburg, den Gerdt von Hardenberg, den Heiſo von Uslar, den Aſchwin von Steinberg, den Bartold von Adelepſen, den Dettmar von Stockhauſen und hundert andere wackere Stammhalter der älteſten Geſchlechter. Als nun am zweiten Tage Herzog Albrecht prunkend ſaß an der Tafelrunde, welche die ſchmucken Fräuleins und die mannhaften Ritter zierten, trat Prinz Magnus zu ihm glühenden Antlitzes, und rief den fröhlichen Vater abſeits. Seine Worte ſchienen erſtickt vom Zorne, aber ſeine Geberden redeten, wie ein Buch voll Unglücks⸗ ſprüche, und beſorgt folgte ihm der alte Bräutigam zu einer Gallerie hinauf, die den Trinkſal umkreiſete. An ein offenes Fenſter, welches von da hinaus ging zum tiefliegenden Säulengange, der den Damenflügel mit der Burg verband, ſtellte der Prinz den Vater, und ſchweigend deutete er ihm an durch haſtige Zeichen, von da hinab zu ſehen. Düſter leuchtende Laternen erhellten nur halb den Corridor, aber ſie brannten hell genug, um den zähn⸗ knirſchenden Vater zu überzeugen, ſeine Tochter Richſa liege dort unten an der Bruſt eines unbekannten Mannes. Vern Rüſt Hört San Fenſ ich a jede Freu die halte die Bra zum Hoff Har Her: am löſe. ihr Hal an ſ ſcha rief grol der Gre mit beri trit Eid uns — 223 Vermummt vom Haupt bis zum Fuße in eine ſchwarze Rüſtung war der wagige Abenteurer, nur zwei ſilberne Hörner ſchimmerten als Helmzier durch das Halblicht. Sanft, doch deutlich klang der Prinzeſſin Stimme zum Fenſter herauf in des wuthbebenden Herzogs Ohr. Ich traue dir, ſprach ſie mit Liebesklängen, dir traue ich allein auf der ganzen Erde. Sollte ich mit Thränen jede Minute meines Lebens wegſchwemmen, ſollte jede Freude mir von heut' an welken vor dem Genuſſe, wie die Herbſtroſe hier an meiner Bruſt, meinen Treuſchwur halte ich dir im Tode noch, und lieber wählte ich die Geißelkammer des finſterſten Kloſters, als das Brautbett eines kalten, liebloſen Königsſohnes. Nimm zum Gedächtniß der Thräne, die ſo eben der ſchönen Hoffnung unſerer Zukunft fiel, und hier auf deinem Harniſche glänzt, dieſen Perlenſchmuck. Das treueſte Herz hat unter ihm geſchlagen; trage du ihn, bis ich am Brauttage oder mit meinem Leichentuche ihn aus⸗ löſe.— Der Gewaffnete hatte ſich auf ein Knie vor ihr niedergelaſſen, indem ſie den Schmuck um ſeinen Hals ſchlang; heftig erhob er ſich jetzt, preßte ſie feurig an ſeine Eiſenbruſt, und eine tiefe, wohlklingende Stimme ſchallte herauf. Richſa! dich oder keine je auf Erden! rief er inbrünſtig. Die Liebe iſt ein Rieſe gegen Vater⸗ groll und Menſchenhaß; ſie wird zum Gotte, wenn ſie der ungerechtigkeit begegnet. Dieſe Perlen, deines Grames Gedächtnißzeichen, ſollſt du dereinſt auslöſen mit dem lieblichſten Lächeln der Seligkeit, die ich dir bereitet in den Paradieſesfluren, wo des Erlöſers Fuß⸗ tritt ſteht, wo er Liebe lehrte, den ich zum Zeugen meines Eides nehme. Ich ſpotte der herriſchen Gewalt, die uns ſo früh auseinander riß, und uns altern ließ vor 224 der Zeit und uns beſtahl um alle die frohen Unſchuld⸗ ſpiele der erſten Liebe. Aber die Liſt der Liebe iſt gewalti⸗ ger, als die ſtolze Klugheit der Tyrannen. Den Luftpfad der Schwalbe, den Nachtweg des Maulwurfs fand ich zu dir; hier in des Feindſeligen eigener Burg, bei ſeines f Herzens ſtolzeſtem Feſte umfange ich dich als meine Braut und mein Kuß ſpottet ſeiner hundert Leibwächter und Frauenhüter. Morgen im Speerkampfe wird dein Auge mich übermenſchlich verſtärken und der Gedanke mich allmächtig machen, daß die Schönſte, um welcher Aller Blicke und jede Armkraft der Helden buhlen, mein iſt, mein allein. O wenn nur dieſe ſtolze Seligkeit nicht zuvor ſchon zerſprenget mein armes Herz!— Beide umhalſeten ſich dann noch einmal mit trauteſter Herz⸗ lichkeit und ſchieden rechts und links im Pfeilergange hinſchlüpfend. Laß mich hinabſpringen; ſprach Prinz Magnus, das bloße Schwert unter dem gelben Sammtwammſe hervor⸗ ziehend, laß mich das tolle Herz des Ehrenſchänders ſuchen mit ſcharfer Spitze!— Aber der Herzog zog die Augbrauen furchtbar zuſammen, und wehrete dem Sohne. Nicht ſo! ſagte er dumpf. Richſa's Schimpf würde der unſere. Er höhnet, er lacht, er triumphirt. Laß dem Knaben die Freude für dieſe eine Nacht; morgen ſollen andere Leute lachen und wir wollen ſehen, ob der ungeberdige Held mit den Stierhörnern dann die Farbe hält und mitlacht.—— Das Turneiſpiel hatte am andern Tage faſt ſein Ende erreicht. Herrlich war der Ritterkranz anzuſchauen, der die Schranken des Freuden⸗ bergers umgab, ein Eiſenwald von hohen Lanzen über⸗ ragt und durch die wallenden Federbüſche auf den Helmen — Se9 c — cec,„ „3 h 225 und Pferdeköpfen, wie mit buntfarbigen, kolloſſalen Prachtblumen beſtreut. Herrlicher noch enzuſchauen der Damenkranz, der in Atlas und Sammet von hundert Farben, wie ein glänzender Regenbogen über dem wetter⸗ vollen Fechtplatze hing. Schon ſah man auf dem gelben Sandgrunde Waffentrümmer, auch Blut ſchimmerte an einigen Pfählen der blau und weiß gemalten Barriere, und mehre brave Kämpen, die eben noch hoch zu Roſſe geprunkt, wurden von ihren Knechten langſam zur Her⸗ verg abgeführt. Der ſtarke Aſſeburger hielt als Sieges⸗ held in der Mitte des Platzes und wartete des neuen Gegners; da brauſete ein Rapp am Eingange der Schranken, und die Wärtel öffneten ohne Verzug vor ihm ihr von Speeren angeſtelltes Andreaskreuz. Alles jauchzte dem neuen, faſt rieſigen Preisbewerber zu, deſſen Geſtalt den Glauben gab, nur er würde der Held des Tages werden, und der in ſeiner ſchwarzen Verlarvung — ein Guß Panzer, Mann und Roß!— mit der ſchlichten Schilddeviſe: Aus Tod erblühet Leben! und einer ſeltſamen Zier von Perlenſchnüren am Halſe, zu der Gewißheit außerordentlicher Kraft das Abenteuerliche und Geheimnißvolle mitbrachte, wodurch Gemüth und Phontaſie des Menſchen überall beſonders angezogen werden. Schon klang der einzelne Trompetenſtoß, ſchon tum⸗ melten die Kämpfer ihre mächtigen Thiere auf dem Sand und ſenkten die baumlangen Lanzen zum Anlauf. Aber vom hohen Sitze am Ende der Bahn erhob ſich Herzog Albrecht, rothſcheinenden Geſichtes, und ſeine breite Hand winkte dräuend dem Trompeter den Befehl des Stillſchweigens. Was ſoll der wappenloſe Ritter in meinen Schranken? Blumenhagen. I. 15 heiſchte er herriſch dem Grieswärtel zu.— Doch der Herold trat vor und antwortete mit eintöniger Stimme: Ebenbürtig iſt der Ritter auf dem Schwarzroſſe, tadellos ſein Name und unbeſchimpft ſein Schild. Ein Gelübde gebeut ihm die Verluppung des Antlitzes, doch hat er nach Gebrauch den herzoglichen Herolden und Wappen⸗ königen ſein Geſchlecht genannt.— Mit Ungeduld ließ der alte Fürſt den langſamen Sprecher vollenden, dann aber ſprach er mit der Heftig⸗ keit zürnender Erhitzung: Herold, du kenneſt dieſen Teufel im Eiſen, der ſich unter die Blume der Ritterſchaft zu miſchen wagt, und beugſt deinen Stab vor ihm, weil man ihn Ritter ſchilt; ich kenn' ihn aber auch und beſſer. Mag es anderswo an leichtſinnigen Herrenhöfen anders gelten; in meiner Reſidenz dulde ich keine Straßenräuber und Diebsgenoſſen, und ſind ſolche Herren vom Sattel dreiſt genug, in meine Thore einzureiten, ſo hat das Land über dem Walde Holz genug, Galgen für ſie zu liefern.— Ein dumpfes Gemurmel durchlief die ſtolzen Reihen der Ritter; das ſtaunende Volk wußte nicht, ob es für oder gegen den kräftigen Fürſtenſpruch erſcholl. Aber am meiſten bewegt ſchien der ſchwarze Geharniſchte in der Bahn, ſein Eiſenzeug raſſelte an ihm von der convulſiven Bewegung ſeiner Gliedmaßen, und mit wilder Kraft ſchleuderte er ſeine Lanze gegen das Herzogswappen, welches auf ein großes Schild gemalt an einem hohen Pfeiler aufgehängt prangte. Raſſelnd fuhr alsdann ſein Helmgitter in die Höhe, und des Hackelbergers kühn⸗edles Angeſicht ſchauete aus dem Helm dunkel hervorglühend den Beleidiger an. Ich bin's! ſtieß er in den ſcharfen Tönen der Wuth —,—.— —,„—„— 227 hervor. Und vor der ganzen Ritterſchaft fordere ich Genugthuung von jenem wahnwitzigen Braunſchweiger, der in mir jedes alte und edle Blut beſchimpft hat.— Ehrloſer! entgegnete der Herzog und trat eine Stufe herab mit an das Degengefäß gelegter Rechten. Der Strang und die Henkersfauſt ſollen dir Genugthuung geben. Vaſallen meiner Herzogskrone, dieſer Bube hat geſtern mein Haus beſchimpft, mehr als heute ſeine Zunge es gethan. Bei eurem Eide fordre ich in dieſer Stunde euren Handdienſt!— Fanget mir ſofort den Strauchdieb, zerſchlaget ſeinen Schild, und ſetzet ihn auf die Schranken; oder bei meinem Barte! ich will euch meineidig halten, und die Lehengüter eines jeden Ungehorſamen wüſt machen gleich den kahlen Flächen des Heimberges! Die Prinzen Otto und Magnus, unter den Rittern zu Pferde, riſſen die Schwerter heraus. Mir nach, wer es mit ſeinem Herrn getreu meint! rief der Letztere, und er und viele der Vaſallen drängten ihre Roſſe nach dem Eingange der Schranken. Allgemeines Getümmel entſtand, das Volk ſchrie, die Ritter zankten, das Com⸗ mando derH auptleute tönte, und Herzogs Heinrichs Für⸗ wort, an den Bruder gerichtet, theils erzürnt, theils beſänftigend geſprochen, verhallte fruchtlos im Gelärm der Waffen. Heinicho ſah wild um ſich und dräuete ringsum mit dem blanken Schwerte. Da erklang eine Silberſtimme hell und deutlich vom fürſtlichen Balkone: Rette dich, Heinicho! klang es herab. Rette dich, oder du wirſt das Liebſte tödten mit dir!— Der Klang wirkte mit Himmelsgewalt auf den furchtloſen Eiſen⸗ mann. Noch einmal blickte er auf den Eingang der Schranken, wo ſchon die Röſſe der Feinde eindrangen, dann drückte er ſeinem wackern Thiere die Sporen ein, und hoch über die Seite der Schranke flog mit ihm ſein kerniger Rapp, warf die Trabanten rechts und links zu Boden, ſtürzte über ſchreiende Bürger und Weiber hin⸗ weg, und dort flog er dem Winde gleich über die Weender⸗Gaſſe hinab dem Thore zu. Prinz Magnus und die Göttinger Vaſallen ſtürmten tobend ihm nach. Schon war der wackere Reiter im Stadtthore, ſchon hatte er den Verfolgern den nöthigen Vorſprung abge⸗ wonnen; aber gerade hier ſchien ihn ſein Schutzgeiſt auf⸗ zugeben und ſein Verderben unabwendbar. Ein dichter Zug von Wägen und Reitern verſperrte am Thore den Weg. Es war der Herr Biſchof von Hildesheim und die Frau Abbatiſſin von Gandersheim, die mit zahlreichem Geleite ſpät, nachdem die lauteren Feſte vorüber waren, kamen, ihre Glückwünſche darzubringen. An der Spitze ihres Zuges ritt der alte, wohlgeehrte Kriegesmann, der Kloſtervogt Hildebrand Rumann. Ein jäher Schreck erbleichte die Wangen des Hackel⸗ bergers, doch als er den Führer erkannte, rief er raſch ihm zu: Gib Raum, alter Schlachtgenoß! Es gilt hier Mannesehre gegen Tyrannei! Gib Raum! Bei unſerm Bruderkuſſe am Jordansufer beſchwöre ich dich!— Dreißig Tiger hinter einem Leuen, entgegnete ſchnell der brave Hildebrand, da mag ich nicht theilen den Ruhm. Gebt Platz, ihr Reiter! befahl er mit ſchallen⸗ der Stimme dazu. Und der Zug drängte ſich dichter an die Wägen, und dahin flog der Flüchtige auf dem ſchmalen Saume der Landſtraße, und über Gräben und Hecken ſetzte er die Höhen hinan, welche damals un⸗ durchdringliche Gehölze bedeckten, auf deren Vorſprüngen — 229 die Schlöſſer der Hardenberge und derer von Pleſſe glänzten.—— Heinicho war gerettet. Sein Unglückstag hatte einen Bruch zwiſchen den herzoglichen Brüdern veranlaßt; aber ihm war wenig dadurch geholfen worden, denn eine Wetterwolke, düſterer als alle vorigen, hatte den Horizont ſeines Lebens umlagert. Die Prinzeſſin Richſa blieb ſeit jenem Tage verſchwunden, und keiner der Späher des verzweifelnden Buhlen konnte ihre Spur n . endecken. Heinicho verwandte die Hälfte ſeiner Schätze; ſeine r Spone drangen in die geheimſten Zellen der Klöſter n Maraſtein, Walkenried, Riddaghauſen und Northeim; e nirgends wurde ſie gefangen gehalten. Da erfuhr er n durch Nen Freund Hieronymus vom Kalberge, zu Gan⸗ dershein ſei eine Nonne um Mitternacht eingekleidet ze worden, mit Gewalt habe man der Wehrenden das er lange Blondhaar geſchnitten, und die Ohnmächtige als⸗ dann mit dem ſchrecklichen Schleier bedeckt. Sie mußte es ſein; Heinicho's Herz beſchwor es; und nun lag er 6 feſtgebannt in der Gegend zwiſchen Gandersheim und . Göttingen, Künderte bis an die Thore der Herzogsſtadt Alles, was ihm vorkam, miſchte zu ſeiner Kühnheit Grauſamkeit und Rachgier, und behielt den herzoglichen S Spottnamen: der Teufel im Eiſen! bis dahin, wo er ell uns und den Frankfurtern begegnete, wo ihn dieſelbe ehrliche Fauſt, die ihn einſt rettete als das Herz gebot, jetzt, wo die Pflicht befahl, niederſchlug, und wo er für immer vom Glück der Lebendigen ſcheiden mußte.— em Auf einer ſchroffen Höhe am ſteinigen Ufer der Oker, nicht fern von der Stadt Goslar, dräueten die Zinnen und Warten der Herlingesburg. Hätte der ſchwarzbraune Schieferſtein ihrer Dächer ſie nicht bezeichnet als eine Menſchenwohnung, man hätte ſie für eine ſeltſame Felsbildung halten mögen, wie ſie die Spielerei der, Natur in den Harzgebirgen an manchen Orten ſehenk läßt. Ihre Steinmauern waren grau und bemvoſet; die dahinter liegenden Wohngebäude waren eine großß unförmliche Steinmaſſe, mit den dicken Wandpfeilerh, tief und hoch geſpaltenen Fenſtern und kleinen drange⸗ hangenen Spitzthürmchen einer großen Tropfſteindſuſe ähnlich; Schlangenpfade führten über die kahle Höhe zu ihrem Eichenthore, und hinten lehnte ſich der dichte Tannenwald an ſie und umkränzte den alten Bau des Kaiſers Otto mit ſeinem immergrünen Nadekranze Drei Tage nach der Nacht im Zwergloche des Kal⸗ berges ritten Heinicho und ſein Schütz bei dem ſinkenden Lichte der Sonne bergan durch die wildſchön/ Gruppi⸗ rung des Harzwaldes. Ihr Zug war ſtill uid wortlos geweſen, denn der Knecht wagte es nicht, den düſtern, verſchloſſenen Unmuth ſeines Herrn zu ſtörei, der lang⸗ ſam wie im Traume vor ihm her ritt. Nit Verwun⸗ derung ſahen jetzt beide auf der Hauptzinne ihres hei⸗ mathlichen Felſenſchloſſes die große Trauerfahne wehen, die wie eine Wetterwolke vor dem Winde, ihre ſchwarze Seide im Zuge der Abendluft aufblähte und wellengleich entfaltete. Stutzig ſah der Graf empor zur Felshöhe und ſetzte dann dem Gaule die Sporen ein. Von der Warte empfing den verehrten Gebieter ein freudiger Trompetenklang; das Thor raſſelte auf; ein Gedräng der Knappen und Wehrmänner zum Hofraume n, he ein ein 231 ſtürzend begrüßte den Führer mit einem jauchzenden Halloh, und jeder aus dem Haufen mühete ſich, der Erſte zu ſein, ſeinem Ritter Hand und Knie zu küſſen, und ihn vom ſchweißbedeckten Roſſe zu heben. Traurig milde grüßte der Graf rechts und links, doch vom Roſſe geſtiegen faßte er den alten, eisgrauen Kaſtellan Hojer an der Schulter und ſah ihm neugierig in das runze⸗ lige, benarbte Antlitz.— Habt ihr mich todt gewähnt? fragte er; und trauert der Thurm der Herlingesburg um mich? Oder iſt noch än unglück eingekebrt in meinem Hauſe? Der Kaſtellan bückte ehrfurchtsvoll ſein weißgelocktes Haupt. Wir ſorgten ſehr um den edeln Herrn; erwi⸗ dere er langſam; denn Euer todter Leibknapp war von den Unſrigen auf der Straße gefunden; doch da kam die Lotſchaft vom Kalberge, die Ihr durch den Kohlen⸗ prennir ſandtet, und beruhigte uns. Aber in der Burg iſt ein anderer Todter von Rang, den wir heute Nachts veſtatten wollten in der Kapelle: Der alte Pilgersmann, den Ihr im Walde errettetet und gaſtfrei verpflegtet, iſt ſchlafen gegangen, und ſeine Nichte ſitzet droben im Saale nelen dem Sarge der ehrwürdigen Leiche und betet für din Frieden der abgeſchiedenen Seele. Steiget nur hinauf! Ihr werdet verwundert ſein, gleich uns, denn der Totte hat eine ganz andere Geſtalt gewonnen, als er im Leben hatte, gleich dem herrlichen Zwiefalter, wenn er der vraunen, unſcheinbaren Puppe entkreucht und der Sonne zufliegt.— Arme Facis, ſprach Heinicho leiſe, gab Helm und Sichelſchwert ab und ſtieg die Zirkeltreppe hinauf in des Schloſſes Inderſtes. Des Saales hohe Fenſter waren mit ſchwarzen Teppichen verhangen; in ſeiner 232 Mitte ſtand das Leichengerüſt mit vielen Kerzen umge⸗ ben, die gelb und traurig brannten; die Leiche war mit dem weißen Lailach bedeckt, und neben ihr ſaß die Pil⸗ gerin Bonifacia in ihrem braunen Pilgerkleide, mit dem weißen Strickgürtel der Büßenden gegürtet. Mit dem Ausrufe der angenehmen Ueberraſchung, mit einer Miene, in der Betrübniß und Freude ſich miſchten, fuhr ſie vom Sitze empor, legte das Gebetbuch zur Seite und reichte dem Grafen die kleine, von der Wanderreiſe etwas gebräunte Hand entgegen. Die Pilgerin war eine geregelte, hochgewachſene Geſtalt; ihre Züge ſpra⸗ chen ein öſtlich Vaterland aus; die Locken fielen in Schwarzbraun der Kaſtanie auf die ſchmalen Schultern und den hochgewölbten Buſen hinab; ein großes, ſchnar⸗ zes Augenpaar brannte in Südglut, wenn auch der Kummer es umrandet und tiefer gedrückt hatte, ud in ihrem ganzen Weſen lag eine kräftige Slr der man anſah, wie das kühne Gemüth dem drikenden Schickſale widerſtrebt hatte und ihm nirgend unterlegen war. Arme Facis! ſagte der Ritter lauter, wie ſuvor und mitleidiger noch. Der alte Guido iſt hin; aber nicht verlaſſen biſt du, ſo wahr der Fromme zu ſanem Gotte einging!— Ein wehmüthiger Zug legte ich um des Weibes gewölbten Mund. Was Ihr da eben ausſprachet, entgegnete ſie mit halbgedämpfter Stimme, war des guten Ohms letztes Wort und der Troſt in ſeiner Sterbeſtunde. Vertraue dem Grafen, Bonifacia, ſprach er mit beechenden Tönen; er hat uns gerettet aus den frechen Händen der Raub⸗ geſellen, welche mein greiſes Haupt und deine Ehre ge⸗ fährdeten auf der Gebirgsſtraße; er hat mir ein ſicheres 233 Sterbebett bereitet und mich bewahrt vor dem ſchmach⸗ vollen Feuertode, in welchem ſo viele meiner Brüder ſchrecklich endeten; er iſt wild und tobend wie der Berg⸗ bach, aber eben ſo rein, wie dieſer; er wird mein Vermächtniß ehren, und dich ſchützen wie ein Bruder ſoll.— Guido hat mich erkannt, o erkenneten Alle mich ſo! rief Heinicho heftig. Und ſein Teſtament iſt mir ſo hei⸗ lig, als hätte ich zeugend mein eigen Siegel darunter gedrückt. Aber was faſelte der Sterbende vom Feuer⸗ tode? Iſt er ein Ketzer geweſen oder ein Verfehmter?— Schaue her! ſprach die Pilgerin, und zog langſam das Leichentuch von der Bahre. Da lag der todte Greis im weißen Ordenskleide der Tempelherren. Die Bun⸗ desſchnur trug er am Halſe, der Leinenmantel mit dem rothen Kreuze deckte ſein Herz und ſeinen linken Arm, und ſeine rechte Hand hielt ein goldenes Kleinod in der Geſtält eines griechiſchen Ppſilons.— Templarier? Und gar mit dem Schmucke des Großpriors der alte, arme Wallfahrer? fragte in Abſätzen und höchſt erſtaunt der Graf, indem er ſich herabneigte zu der Leiche, als wollte er ſich Glauben holen aus dem Geſicht und Graubarte des Verblichenen. Bonifacia legte ſanft ihren Arm um ſeinen Rücken. Der Ohm hätte dich gern noch geſehen, ehe denn ſein Auge brach; dich ſo gern noch geſegnet. Unruhig haftete ſein erlöſchend Auge beſtändig an der Thür ſei⸗ nes Gemachs, und jedes Geräuſch im Burghofe regte die entſchlummernden Geiſter wieder auf. Was er dir vertrauen wollte, vertraute er mir für dich. De Pio⸗ chemont iſt der Name unſeres Geſchlechtes. Auf einer Reiſe in Italia befand ſich der Ohm mit mir, ſeiner 234 letzten Verwandten, als des Ordensmeiſters Molay Verhaftung', die Ermordung und Verfolgung der Brüder des Tempels durch Philipp und Clemens im ganzen Süden Europa's uns kund ward. Wir tauſchten ſchnell unſere Tracht, brachten unſere Kleinodien in Sicherheit, bargen Hab und Gut im Gürtel und Pilgerſacke, und flohen dem Norden zu.—„Ein Freund lebt mir in den deutſchen Bergen,“ ſagte der Alte oft, wenn wir mit wunden Sohlen ruheten, ein Freund,„der mir den letzten Becher und die letzte Ruheſtatt nimmer verſagen wird. Vielleicht hat er mir einen Schatz gehegt, den ich ihm früh anvertrauete, einen geheimen Demant, dem er Schleife und Glanz zu geben verſprach, da er bei mir nur knechtiſche Verborgenheit und Schande gefunden hätte.“— Ich forſchte weiter nach den räthſelhaften Worten; aber erſt im Sterben ſprach mir die Sphinx. Einen Sohn hatte er dem vornehmen Hauſe eines Jugend⸗ freundes anvertraut, ihn nie wieder geſehen, da der Orden und ſein Amt ihn nach Cypern rief. Er hatte Nachricht, daß der Sohn am Hofe ſeines Freundes zum ſtattlichen Junker herangewachſen; bei ihm wollte er leben, er ſollte der Erbe dieſes Käſtchens mit Demanten werden, das du zum Haupte des Todten ſiehſt, und an einem ſichelförmigen Feuermale an der Schulter wollte er das Kind ſeiner Liebe wieder erkennen. Der große Weltgeiſt lenkte es anders; er ſollte die Stunde des Wiederfindens nicht erleben; der Schreck bei dem Ueber⸗ fall im Walde, die Anſtrengung des fruchtloſen Kampfes zehrte das letzte Oel ſeiner Lampe; aber er ſtarb zu⸗ frieden im Hauſe ſeines neuen Gaſtfreundes, im Hauſe des Retters, dem er ſeinen letzten Willen an das Herz gelegt durch mich.— 235 Mit tiefſter Erſchütterung und heftigſter Gemüths⸗ bewegung, die ſich im Muskelſpiele ſeines Geſichts der Erzählerin kund that, hatte Heinicho ihre Aufklärung vernommen. Einen feſten Kuß drückte er auf die hohe, wachsbleiche Stirn des ehrwürdigen Vollendeten; ebenſo raſch wandte er ſich dann und ſchloß die Pilgerin be⸗ wegt in ſeine Arme. Das ſchöne Mädchen weinte ſtill an ſeiner Bruſt. Ruhig, Facis! ſagte er mit bebender Stimme. Der Menſch findet oft das Ziel ſeiner Wünſche, ohne daß er es ahnet und weiß. Wunderbar lenken die Unſichtbaren den Schritt des Sterblichen. Auch der alte Vater hat ſein Ziel gefunden aus Inſtinkt, wie der Säugling den Born ſeines Lebens gefunden, wo er es nicht ſuchte, und freundlich ſchaut ſein Geiſt auf uns, ſeine Kinder, hernieder. Nimmer ſollſt du mich wieder verlaſſen; ich nenne dich Freundin, Schweſter; am Sarge des Vaters Guido ſchwört dir Heinicho die Treue des Bruders!— Mit einem Glanze der Augen und Wangen, welcher überirdiſch ſchien, drückte ſich das Mädchen feſter an des Mannes Herz. Ich lege mein Leben, mein Heil in deine Hände! ſprach ſie leiſe. Könnte ich es doch keiner liebern und edlern Hand anvertrauen. Bonifacia iſt eine einſame Palme in der Wüſte, und wenn du ſie nicht gefunden in ihrer Oaſe, und wenn du ſie nicht pflegteſt, würde ſie verdorren ohne Lebenstrank, oder wilde Beduinen würden ſie zerſtören. Wilder noch und grauſamer, als im Süden ſollen ja die Menſchen im Norden ſein.— Wie von einem Todesſchmerz getroffen griff ſich der Graf bei dieſen Worten an Herz und Kopf. Bleicher wurde ſein Geſicht noch, denn zuvor; er löſete ſich ſanft 236 aus Bonifacia's Armen und ſetzte ſich düſter ſinnend neben des Templers Katafalk. Des Mädchens Augen ruheten auf ihm mit dem beſorgten Mitleidsblicke der Liebe. Ja ſie ſind es! ſagte er in ſich hinein, wie im ein⸗ ſamen Selbſtgeſpräch. Schlimmer ſind die Menſchen hier und giftiger, wie Cyperns Schlangen und die Par⸗ dell der lybiſchen Wüſten. Mit der Nächſtenehre ſpielen ſie Würfelſpiel; Herzen zerfleiſchen ſie wie der Falk des Reihers Leib; Glück zertreten iſt die Wolluſt der Ge⸗ waltthätigen. O du alter, guter Mann! In deinem Teſtamente haſt du mir auch dein Schickſal nachgelaſſen. Meine Geburt war eine Sünde, mein Daſein ein großer Irrthum, mein Leben eine Jagd, wo ich das Wild vorſtellte, glaubte ich auch der Jäger zu ſein. Einſam ſtehe ich, wie du, im Grabe bin ich, wie du, ehe die Locken weiß wurden, gleich den Deinigen.— Einſam? fragte die Pilgerin milde, und legte ihre weiche Hand auf ſeinen lockichten Scheitel. Iſt nicht Facis bei dir, die nur ein Herz hat für dich, nur ein Leben für dich?— Haſtig fuhr Heinicho aus ſeinem Sinnen auf, und trat feſt mit leuchtenden Augen vor die Freun⸗ din hin. Ja du, rief er, du kannſt vielleicht helfen, du nehmen von meiner Bruſt den Grabſtein, der mich zer⸗ guetſchet. Deine Pilgerhülle,— du biſt fremd;— meine Goldſtücke;— Alles wird dir die ſchwarze Pforte öffnen, woran ich ſtehe wie ein Geächteter vor der Kirch⸗ thür. Du wirſt ſie finden, ſie ſehen, ſie ſprechen, und ihr wie mir Hülfe bringen, Balſam auf die Wunde, an welcher ich verblute!— Wen ſuchen? Wen ſehen? fragte Bonifacia mit dem pöchſten Schmerz im Antlitz und in Erſchütterung 237 ſichtbar wankend, ſo wie der Blütengarten des Orients wankt im Erdbeben. Es iſt nicht Zeit zum Schweigen und Verhüllen, erwiderte der Graf mit Angſt und Un⸗ ruhe; die Verzweiflung ſchirmt ſich nicht durch Maske und Mantel. Dieſen Verſuch der Liſt will ich noch machen, mißlingt auch er, dann thue ich einen öffent⸗ lichen Gang mit dem ſtarrköpfigen Herzoge, dann müſſen ſeine Mauern brechen oder mein Herz unter ihnen. Faris, du empfindeſt zart und weich, denn du biſt ein Weib; du trägſt Mitleid für den Nächſten unter dem hohen Buſen, denn du biſt eine edle Jungfrau; du kennſt das Unglück, ſchwer hat es dich ſelbſt berührt, ſo tilgeſt du ſicher gern das fremde. Eine Fürſtentochter hat mir den Treueſchwur gegeben; ich liebe Richſa, die Göttingerin, ſie iſt mein Abgott, ſie iſt der Athem meiner Bruſt, ſie iſt das Lebensblut meines Herzens. Vatergewalt hält ſie im Kloſter verſperrt, ohne Troſt, ohne Botſchaft vom Geliebten. Du ſollſt hin zu ihr; alle Pforten, welche der Biſchofsring dem Laien verſchleußt, werden ſich der Pilgerin aus Paläſtina aufthun. Ein tüchtiger Begleiter im Pfaffenkleide, Hieronymus, der Eremit, ſoll dich führen, und dieſe halbzerbröckelte Perlenſchnur wird der Geliebten das Zeichen ſein, daß ihr Verlobter dich ſandte. Morgen ſchon, ſobald der Ohm beſtattet iſt, mußt du ausziehen. O du wirſt der verzweifelnden Liebe das letzte Hoffnungs⸗Pflänzchen nicht zertreten! Und wenn du heimkommſt, wenn du nur einen Gruß zurückbringſt, ſo ſollſt du für immer Herrin ſein, wo der Hackelberg hauſet, und ich will als der erſte und „ getreueſte deiner Burgleute dir dienen bis zum Tode.— Du weineſt, Facis? dieſe Thräne ſaget mir Gewährung zu, und ich ordne ſogleich den ſchnellſten Boten ab an den Eremiten der Joſephskapelle.— Er küßte mit glü⸗ hender Haſt die ſtille Thränenperle von dem Auge der Pilgerin und verließ den Saal. Bonifacia blieb auf der Stelle, wo er ſie geküßt hatte, lange wie feſtgebannt. Ihre Arme hingen ſchlaff herab mit gefaltenen Händen, und ihre naſſen Augen ſtarrten auf das Eſtrich nieder. Der verzweifelnden Liebe letztes Hoffnungsblümchen zertreten? fragte ſie ſich ſelbſt. Nein, ich thät es nicht; ſetzte ſie wärmer und heftiger hinzu. Aber du, du! Und ich?— Sie preßte beide Hände ſtark gegen die wogende, ſchöne Mädchenbruſt, und mit aufgeſchlagenen Blicken betete ſie: Deine Wege ſind wunderbar und dunkel, großer Urgeiſt! du forderſt blutige Opfer, un⸗ geheure Opfer, in denen die Menſchenſeele ſich mit ver⸗ dirbt. Doch wer hier unten am meiſten opferte, wird droben glänzen; wer hier im Staube verging, wird dort geheiligt. Maria gab den Sohn hin und ſah ihn verbluten am Holze. Auch ich bringe viel in dieſer Stunde, und ihr Beiſpiel wird mich ſtärken, und des ſtarken Oheims Geiſt wird mich umſchweben in den bangen Stunden, welche jetzt kommen müſſen ohne Ende.—— Sie verhüllte die weinenden Augen und das ganze Geſicht mit der Kappe ihres Pilgerrocks, und kniete im Stillen fortbetend neben dem Sarge nieder. Eine trübe Regennacht hatte ſich zum freundlichſten Morgen aufgelöſet. Noch glänzten die niedern Ge⸗ büſche von den befruchtenden Tropfen und hauchten ihren friſchen Duft der Sonne zur Morgengabe. Mun⸗ ter hämmerten ſchon die Arbeiter in den Kalkſteinbrüchen, —— 239 und die Fiſcher zogen ihre Angelſchnüre auf aus dem Bette der Dünne, löſeten die fetten, ſchlüpfrigen Aale vom feinen Eiſenhaken, warfen die ſchlangenglei⸗ chen mit gewandter Hand in die Netze und Fiſchkörbe, und in luſtigen Liedern erſcholl ihre Freude über den glücklichen Fang. Die Pilgerin Bonifacia und der Eremit Hieronymus wanderten am Flüßchen hinauf, jene ſtumm und in Ge⸗ danken verſunken die Gebäude des Kloſters Wiebrechts⸗ hauſen betrachtend, die am Fuße des Nonnenberges ſich gar ſtattlich aus weißen Ringmauern erhoben; dieſer die Fiſcher vertraulich begrüßend und mit ihren nackt⸗ füßigen Weibern ſich in kleine Neckereien verwickelud. Der Kerl iſt zu fett für den Abt Theodoricus zu Sanct Blaſii, und zu unanſtändig⸗gelenk für die Frau Abbatiſſin drüben, rief er einer jungen Frau zu, die bis an die runden Waden im Waſſer ſtehend einen Rieſenaal an der Kehle hielt und den Schlägen ſeines Schwanzes mit dem runden Köpfchen auswich; An⸗ tonie, bringet ihn mir zum Kalberge! Mich rührt der Schlag nicht von der fetten Koſt, und ich gebe Euch ein Amulettchen dafür, ein Stück der heiligen Krippe, das jedes Jahr Zwillinge in das Haus ruft.— Der Kal⸗ berg iſt verrufen und herberget Spitzbuben, antwortete das junge Weib ſpöttiſch lächelnd; doch will ich den Fiſch ſchicken durch die alte Agathe, wenn ihr Boten⸗ lohn zahlen wollt.— Zum Satan mit der kropfigen, ſchielaugigen Hexe, die vor der Mahlzeit das Emeticum brächte, und den Appetit fortnähme, ehe noch das Ge⸗ rücht am Feuer ziſchte! fluchte der fromme Bruder; doch ein zürnender Blick aus Bonifacia's Auge traf ihn, und den Fiſchern ſeinen Segen gebend trabte er eilfertig 240 der Wallfahrerin nach, die beinahe ſchon das Kloſterthor erreicht hatte. Er zog den Glockenſtrang, und die runde Pförtnerin öffnete bald. Gelobt ſei Jeſus Chriſt! ſprach Bonifacia. In Ewigkeit! antwortete die Kloſterfrau, und geſchwätzig wandte ſie ſich ſofort zu dem Begleiter. Du biſt es, Bruder Klausner? fragte ſie mit freund⸗ licher Geberde, indem beide mit ihr eintraten, und vom wieder geſchloſſenen Thore über den geräumigen Hof, in deſſen Mitte ein Springbrunnen plätſcherte, zum kleinen Häuschen gingen, welches die Wohnung der Schweſter Pförtnerin ausmachte. Was führt dich denn einmal wieder von deinem Berge zu uns, von deinem Berge, wo Manna regnen muß, und Milch und Honig fließen, da du ſo ganz den lieben Kloſtertiſch drum ver⸗ geſſen?— Fromme und holde Schweſter Anna, antwortete der Eremit mit verdreheten Augen, die Einſamkeit iſt der Andacht Mutter, und der, welchem ſolch rundes Händ⸗ chen die Pforte öffnet, verlieret ſich gar leicht zu irdi⸗ ſchen Gedanken. Jetzt haben mich aber die Raubritter vertrieben, die ſeit Wochen ſchon am Kalberge hauſiren und Prügel benebſt Todeswunden feil bieten um Billi⸗ ges; und da dieſe fromme Wallfahrerin des Weges zog, um das wunderthätige Frauenbild zu Sanct Margareth am Hardenberge zu beſuchen, ſo bot ich mich derſelben zum Geleitsmanne und Wegweiſer an.— Gut iſt's, daß du an der Kapelle droben um zehn Jahr älter geworden, flüſterte die runde Schweſter Anna dem Eremiten zu; vor dieſem warſt du eine Art Wolf, der die Lämmer nicht ſonderlich gut leitete.— Der Verſtand kommt mit den greiſen Haaren, meine Würdigſte! lächelte Hieronymus ſelbſtgefällig. Doch 241 meine Begleiterin iſt eine Art Heilige, welche bei den Barmherzigen zu Jeruſalem die Heilkunde ſtudirte, und deren zarte Hand Wunder thut, wo ſie nur einen Kraut⸗ trank kocht oder ein Pfläſterchen auflegt.— Da kommt ſie wie gerufen zu uns! antwortete die Pförtnerin lebhaft. Mit offenem Arme wird die Frau Abbatiſſin ſie empfangen, und nicht von dannen laſſen, bis ſie ihre Wunderkunſt an einer armen, vom böſen Feinde arg geplagten Schweſter verſucht hat.— Mit freudiger Haſt führte das freundliche Nönnlein jetzt die Gäſte in ihre Zelle, und deckte mit Eile und gaſtlichen Einladungsreden den kleinen Tiſch, und ſtellte ein leckeres Frühſtück darauf, dem der Eremit auch ſofort mit Liebe zuſprach. Und wer iſt die kranke Schweſter, und von welcher Krankheit wird ſie gepeiniget? fragte Bonifacia, nach⸗ dem ſie aus dem Holzbecher der Kredenzerin genippt.— Das iſt eigentlich ein Kloſtergeheimniß; antwortete mit Bedeutung die Befragte; aber wir drei gehören zur Kirche, und haben Gehorſam und Verſchwiegenheit be⸗ ſchworen. Magdala heißt die Arme, ſeit ſie den Schleier trägt, vorher war ſie Richſa genannt, und ihr geſtrenger Vater iſt ein Vornehmer im Lande. Durch Zaubertränke hat ſie ein wüſter Rittersmann von ſchlech⸗ ter Geburt und von noch ſchlechterem Wandel an ſich gezogen und ſie dermaßen verrückt gemacht, daß ſie öffentlich im Chore ihren heiligen Schleier zerriſſen und die heilige Jungfrau und ihren heiligen Dienſt geläſtert hat. Keine Vermahnung, keine Buße hat gefruchtet. Mitten in der Schweſternverſammlung ſchwor ſie ſich der irdi⸗ ſchen, ſündigen Liebe zu, und verfluchte ſich, ſie wolle eher tauſend Tode ſterben, als von dem Manne ihres Blumenhagen. I. 16 242 Herzens laſſen, oder heuchleriſch und meineidig gegen ihn den Dienſt der frommen Nonnen theilen. Da hat ihr Herr Vater ſich losgeſagt von ihr, ſeinen Fluch auf ihren Scheitel geworfen und ſie der ſtrengſten Kirchen⸗ zucht übergeben; und der Convent urtheilte über ſie, und ſie liegt tief drunten im Geißelgewölbe bei magerer Koſt, und muß mit den eidbrüchigen Händen Kinderzeug verarbeiten, die gräulichſte Bußarbeit für Nonnenhand. An dieſer Liebe zu ihm hätte ich den Buhlen erra⸗ then! ſagte leiſe und erſchüttert Bonifacia in ſich hin⸗ ein; doch ſich beſinnend fragte ſie ſofort: Aber ſie ſei krank, ſagtet Ihr zuvor, Schweſter?— Nun iſt ſolche ſündhafte Verrücktheit nicht der Krank⸗ heit genug? entgegnete Anna verwundert. Aber mit der Seele iſt auch der Leib verdorben; als der alte Bruder Antonius zuletzt unten bei ihr war, ſagte er beim Fortgehen: Für die arme Magdala kannſt du nun das Plätzchen im Friedhofe erwählen, denn die Lei⸗ denſchaft hat ſie von innen verzehrt, und die Blume fällt zuſammen ob des Wurmes im Kelche.— Ich ver⸗ wunderte mich nicht wegen des nahen Todes, denn Gott richtet die Sünder ſchnell und die Läſterer mit ſeinen Blitzen, ſondern darüber, daß der alte Bruder ſo mit⸗ leidig that, als wenn er zu den Männern der Welt gehörte, denen jedes junge Lärvchen, worauf eine Thräne glänzt, das Herz gewinnt.— Meldet mich der Abbatiſſin, Schweſter! fiel Boni⸗ facia bewegt ein. Ich kann vielleicht helfen dem Leibe, wie der Seele, und die Heilige ſelbſt führte meinen Fuß hieher, um die Ehre ihres Kloſters zu erretten.— Die Pförtnerin ſprang davon, und der Eremit lachte und meinte, das Spiel ſei ſchon halb gewonnen. Lache * —. — 1 243 nicht zu früh, antwortete Bonifacia, meine Ahnung ſagt mir, wir bringen unſerm Freunde nichts, als eine Blume vom Grabeshügel ſeiner Liebe, oder einen geriſſenen Zipfel vom Bahrtuche, auf den er ſein Herzblut aus⸗ ſtrömen kann. Die ehrwürdige Aebtiſſin empfing die Fremde mit Huld und Achtung. Ihre Empfehlungsbriefe von frem⸗ den, vornehmen Geiſtlichen, ein Geſchenk ſeltener Reli⸗ quien, und der hingeworfene Gedanke, vielleicht nach vollendeter Wallfahrt im Wiebrechtshäuſer Kloſter ein Lebensaſyl zu ſuchen, erwarben ſchnell das Vertrauen der gemächlichen Kloſterfürſtin. Nach einem kurzen Ge⸗ ſpräche erlaubte ſie ihr den Zutritt in das Geißelgewölbe, und verſprach ihr reiche Belohnung, wenn die Seele der verirrten, im Kirchenbann lebenden Schweſter durch ſie geheilt ſein würde. Die Pförtnerin führte die Pilgerin durch die Gänge, wo die Zellen der Nonnen Bienenkör⸗ ben gleich klein und dicht neben einander ſich wölbten, zur Kloſterkirche hinab, und durch dieſe zu den Gruft⸗ gewölben, wo ſie ein rundes Gemach fanden, welches ſich durch Inſchriften an den Steinwänden auszeichnete, die von geſtraften und vermauerten Nonnen erzählten, und welche mit rohen Geißelwerkzengen, Dornenkronen, Speeren und Nägeln in Stein gehauen umgeben waren. Die Pförtnerin zündete ein Lämpchen an und öffnete eine Fallthür auf der Mitte des Fußbodens. Unter der⸗ ſelben führte ein viereckigter Schacht tief in die Erde, und eine weiße Leiter, faſt ſteil an ſenkrechter Wand hangend, zeigte ſich als der ſchmale, gefährliche Weg in dieſe unterirdiſche Welt der Schauder und des Grauens. 244 Folget mir nur, und haltet Euch feſt! ſprach Anna zu der erſtaunten Begleiterin; die Sproſſen ſind ſicher und bald ſind wir unten.— Die Leichtigkeit, mit wel⸗ cher das runde Nönnlein hinabſtieg, zeugte von täglicher Gewohnheit; ſcheu, doch entſchloſſen, folgte ihr die Pilgerin. Der Schacht endete in der Mitte der Leiter, und die führte nun frei in ein ähnliches rundes Gemach, nur unterſchieden von dem obern durch drei kleine offene Pforten, die zu eben ſo vielen engen Mauerzellen führten, in welche man von der Mitte aus wie in drei offene Gräber blickte. Eine dieſer Zellen war erhellt durch eine an ihrem Eingang befeſtigte Ampel, und Bonifacia ſab ein weibliches Weſen im Lampenlichte auf einem dürftigen Lager ruhen, und, ohne die Kommenden bemerkt zu haben, an einem Strümpfchen von ſchneeweißem Garne mit emſigen Stricknadeln fort⸗ arbeiten. Schweſter Anna, flüſterte Bonifacia der Führerin zu, die Hochwürdige hat mir freie Hand gegeben, und ſoll ich hier Arzt werden, muß ich ohne Zeugen der Kranken den Quell ihres Uebels zu entlocken ſuchen. Laß mich allein hier unten, warte aber meines Rufes droben an der Fallthür.— Ihr ſeid eine Heilige, er⸗ widerte Anna, ohne Leidenſchaften und darum ohne Furcht. Nir iſt es ſchon recht, wieder hinauf zu kehren an Gottes freie Luft, denn wer auch ſein Theilchen Erbſünde aus der Jugend her trägt, dem klopfet hier unten immer das Gewiſſen ein Weniges. In Eurem Geſichte aber ſteht der Himmel mit klaren Lettern ge⸗ ſchrieben; Ihr habt gewandelt, wo die Apoſtel gingen, Ihr habt Euch gewaſchen im Jordan, und Ihr dürft ohne Furcht Euch einer Excommunieirten, einer in Sünde n, 245 Sterbenden nahen und wenn auch der Schwarze mit ihr die Reiſe ſchon angetreten.— Stehet es denn ſo ſchlecht um ſie? fragte Facis, die Rechte feſt auf das beklommene Herz gedrückt.— Sie huſtet Blut ſchon lange, antwortete Anna; Fieber zehret an ihr, und die Entbehrung der Sakramente dörrt ſie aus.— Man verweigert ihr den heiligen Troſt der Kirche? fiel Facis erzürnt ein.— Der hochwürdige Abt Theodoricus des Stiftes Sancti Blaſii zu Northeim hat's verboten, bevor ſie nicht in öffentlicher Kirchenbuße ihre irdiſche und ſündhafte Liebe abgeſchworen und gebüßt. O beredet ſie dazu, Ihr Huldreiche und Reine, die Ihr ſicherlich nie Euer Herz zu einem Manne gewendet!— Bonifacia ſeufzte tief, und winkte ihr zum Fortgehen, denn die Kranke in der Steinzelle war aufmerkſam auf die Sprechenden geworden. Mit Aufmerkſamkeit be⸗ trachtete Facis jetzt, nachdem die runden Beinchen der Pförtnerin droben auf der Leiter verſchwunden waren, die Büßende. Schlank und zart war die Geſtalt der⸗ ſelben; das Nonnenkleid verbarg die feingebauten Glie⸗ der nicht ganz; das Geſicht zeigte ein liebliches Oval, weiß wie gereinigt Wachs, die eingefallenen Wangen mit zwei Fieberroſen bemalt; die Farbe eines ſanften Frühlingshimmels ſchimmerte in dem umrandeten Augen⸗ paar, und ein blondes Seidenhaar ringelte ſich in kur⸗ zen Locken um Stirn und Nacken; und über das Alles verbreitet umgab ein wunderſamer Reiz die ganze Ge⸗ ſtalt, die wie ein Bild der Duldung und Demuth licht aus der ſchwarzgrauen Steinblende hervorglänzte und die Pilgerin überraſchen mußte, da ſie nach der Erzäh⸗ lung eine Trotzige und Halsſtarrige erwartet hatte. Als ſie in den Eingang zur Zelle trat, warf Richſa, dieſe war es, einen ſcharfen Blick auf ſie; Unwille ſchien ihre Züge zu verdunkeln, und ſie ſah ſchnell wieder auf die arbeitenden Hände nieder. Der Segen des Allliebenden ſchwebe über dir und gebe dir Frieden! ſprach Bonifacia mit Rührung näher tretend.— Amen! flüſterte Richſa, aber nach einer Weile ſetzte ſie leiſer hinzu, wie mit ſich ſelbſt redend: Frieden? Ja, die Worte ſind ſanft, aber Krieg iſt im Herzen. Milde Augen bringt ihr, aber Wolfeszähne dräuen darunter. Jeden Tag ſendet ihr einen neuen heuchleriſchen Quälgeiſt, mein zerriſſenes Herz neu zu zerfleiſchen. O geduldet euch nur! der Tod geht ſchon durch die Tiefen meiner Bruſt, und mein Leben wird bald nicht mehr üblen Geruch in den ſtolzen Weihrauch hauchen, deſſen Qualmwolken eure Gleisnerei einhüllen, damit die Welt ſie nicht ſieht. O geh, geh, wenn du ein Fünkchen Gefühl hegeſt, ſprach ſie mit angeſtrengter Stimme, geh fort und bitte die Hochwürdige, einer Sünderin wenigſtens die ſtille Sterbeſtunde zu vergön⸗ nen!— Dicht an das Bett der Büßenden trat die bewegte Pilgerin; ihr ſchönes Antlitz trug tiefen Schmerz, tie⸗ fern ſelbſt als das der Gefangenen. Richſa! Frevle nicht an mir! ſagte ſie mit faſt gebrochnen Tönen. Vermenge mich nicht mit den Eisherzigen, welche die Blumen deiner Jugend zertraten und Gottes ſchönſtes Werk zu vertilgen bemüht ſind, ohne an Rechenſchaft zu denken. Sieh auf zu mir! Iſt jene heilige Finſterniß in meinen Zügen, jene Unduldſamkeit, jener unprieſterliche 247 Stolz? Aus fernen Landen komme ich als eine Fremde und Einſame, von dem unerforſchlichen Gott geſendet, dein tröſtender Engel zu werden. Erkenne an dieſem Zeichen, weſſen Abgeſandte vor dir ſteht.— Und von dem hohen, dicht verhüllten Buſen nahm ſie die Perlen⸗ ſchnur und legte ſie in Richſa's Schvos. Schreck, Stau⸗ nen, Freude wechſelten auf dem Geſichte der Nonne; WMarmorbläſſe und Roſenglut flogen im ſchnellſten Wech⸗ ſel über die ſchmalen Wangen. Rettender Seraph, du kommſt von ihm! rief ſie. Er ſendet dich! Er kommt! Er rettet!— Doch zu ſpät; er kann mich nur ſanft legen mit der liebenden Hand in das letzte Bett.— Erſchöpft ſank ſie in die Kiſſen zurück, aber der Quell der fieberglühenden Augen öffnete ſich, und ein milder Thränenſtrom erleichterte das beklommene Herz. Stär⸗ ker als Bonifacia vermuthen konnte, richtete ſie ſich nach kurzer Pauſe wieder auf und ſetzte ſich wie eine Geſunde im Bett empor. Erzähle, was er macht, wie und wo er lebt! bat ſie mit Haſt. Iſt er wohl? Gedenkt er mein?— Ich ſah ihn ſtürzen unter der fürchterlichen Eiſenkolbe, und der Streich traf auch mein Haupt, und ſeitdem blutet oft mein Herz und meine Athemzüge röthen die weiße Leinwand.—— Kalte Schauer durchbebten die Pilgerin, als die Nonne ſo redend ein weißes Tuch hervorholte, und helle Blutstropfen, friſch und feucht, ihr darin entgegen glänzten. Graf Heinicho's Leib iſt geſundet, antwortete ſie ſchmerzvoll, aber ſeine Seele iſt ſo krank, wie die Eurige. Hoffnungsloſe Liebe hat nur eine Arznei, die Nähe des Geliebten, und die fehlt ihm, wie dir, arme 248 Richſa. Er ſendet mich, Nachricht von dir zu holen, ein kühlend Lüftchen für ſein Leben im Sonnenbrand der Wüſte; eine Ausſicht zu ſuchen zur Rettung für dich aus dieſer Höhle. Aber ſo, ſo hat er dich nicht geglaubt, ſonſt hätte Verzweiflung ſein Gehirn zerſprengt, oder er hätte es ſelbſt zerſtoßen am Eiſenriegel deines Kloſter⸗ thores.— Freundlich legte Richſa ihren Arm um der Pilgerin Nacken, die dicht am Bett auf dem Holzſchemel ſich niedergelaſſen. Sage ihm nicht davon, du holdes Weſen, ſprach ſie, du, die den erſten hellen Tag ſeit Monden mir in dieſe Leichengruft zurückbringt. O ich bin nicht ſo elend mehr, ſeit ein Bote von ihm neben mir ſteht, ſeit ſein Gruß mir ſeine Liebe neu verkündete. Sieh, dieſe Perlen ſind ein Amulet, das meine Todesſtunde ſanft machen wird, wie den Wiegenſchlaf des Säuglings. Er hat dieſe Schnur getragen im Kampf und Tod; ich will ſie tragen, wenn der Richter mich fordert, ſie wird mich ſtark machen zum reuigen Bekenntniß, ſtark machen zu vertheidigen das Gefühl der Natur, wenn Biſchof und Vater auf⸗ treten gegen mich als Kläger droben.— Heinicho hofft, fiel Bonifacia ein; hoffe auch du. Der Ewige führte den Moſes durch's rothe Meer, den Daniel aus dem Lager der Löwen. Er kann auch dich hinaus führen in die Berge und in den Arm des Gatten.— Richſa ſchüttelte ungläubig mit ſtiller Ergebung den blonden Lockenkopf. Laß das! ſagte ſie ſanft. Dafür kamſt du zu ſpät. Ja, wäre es zwei Monden früher geweſen! Aber ſie haben meine Seele gemartert, mein Blut erhitzt, bis alle Adern ſich in die Bruſt ergoſſen, und ich ertrinke in der rothen heißen Flut des eigenen Lebens. Jeden Tag kam ein neuer Prieſter von Sanct 249 Blaſii; ſie predigten vom Höllenpfuhle und ewiger Ver⸗ dammniß; ich lächelte darob. Gott ſchuf die Liebe, aber nicht die Kronen und Hermelinmäntel; ſein Werk muß mehr gelten, als Arbeit von Menſchenhand. Da kam der Biſchof und ſprach Acht und Bann über mich aus wegen gebrochenen und verhöhnten Gelübdes, und verſtieß mich aus der chriſtlichen Gemeinde. Der Gottmenſch ſtarb aus Menſchenliebe, dachte ich. Heute wirſt du mit mir im Paradieſe ſein! ſprach er zu dem gemeinen Verbrecher, der neben ihm hing; und ich ſündigte ja nicht, weil ich einem wackern Manne mein Herz gab; ich brach kein Gelübde, da ich keines freiwillig auf mich nahm. Sie ſtießen mich in dieſe Einöde; ſie ſtillten kaum meinen Fieberdurſt; ſie verſagten mir jedes Be⸗ dürfniß des früher verwöhnten, eiteln Fürſtenkindes; ſie wollten mich ſtrafen mit der ſchändenden Arbeit der liebenden Mutter. Ich lächelte über die thörichten Jung⸗ frauen, denn die Kinderkleidung, die ich fertigen mußte, ſchaffte mir den Traum künftigen Glückes, den Traum eines ſeligen Lebens mit dem Geliebten, als Hausfrau auf ſeiner einſamen Felſenburg im tiefen Walde, wohin nicht Biſchof und Prieſter reichen.— Aber da kam ein Sendſchreiben vom Herzog Albrecht; da kam der Vater⸗ fluch in ihm, und mein muthwillig⸗trotziges Gemüth ſank zuſammen vor dem ſchweren Schlage von Vater⸗ hand. Vaterfluch iſt Gottesblitz, er dringt durch jede Faſer und ertödtet das ganze Weſen mit einem Schlage. Vaterfluch iſt wie Winterfroſt, kein Halm bleibt unver⸗ ſehrt und grünend, ſobald nur ein ſcharfer Hauch über die Fluren hinfleugt.— O du Namenloſe und mir doch ſo Theure, bleibe bei mir und drücke mein müdes Auge zuz aber danach ziehe hinaus, fort aus dieſer Ottern⸗ 250 höhle, zu ihm, dem Einzig⸗Geliebten, bringe ihm dies blutige Tuch, und ſprich dabei: das ſei mein Leben, das ihm gehört habe immer, gehören werde drüben durch die langen Grauen der Ewigkeit. Aber das Leben ſei ver⸗ ronnen ſo früh, ſo ſchmerzlich, weil Vaterſegen ihm gemangelt; die Liebe ſei Feuerbrand geworden und ewige Wunde, weil Vaterſegen ihr nicht die grüne Krone ge⸗ wunden. Sage ihm, er ſolle beten und bereuen, wie ich, aber ewig lieben wie ich, und nimmer, nimmer— rächen.— Blutesperlen erſchienen wiederum auf den blaſſen Lippen, und rannen ſanft über das runde Kinn. Mit der Perlenſchnur, die Faeis gebracht, in der krampſicht auf's Herz gepreßten Hand ſank Richſa ohnmächtig auf das Bett zurück, und die erſchrockene Pilgerin ſprang hinaus zur Leiter, und rief mit ſtarker Stimme die Pförtnerin ſich zur Hülfe herab. Auf der Herlingsburg droben in der großen Stein⸗ halle ſchritt einige Tage nachher der junge Burgherr in heißer Ungeduld auf und nieder. Der eisgraue Kaſtellan ſtand am hohen Fenſter, und ſchaute eben ſo unruhig hinaus in die einſame Tannenwaldung, worin kein Ge⸗ räuſch zu erhorchen war, als das Gebluſter eines ſich blähenden Auerhahns. Nicht länger ertrage ich's! brach Heinicho endlich los durch die ängſtliche Stille. Nicht Bonifacia, nicht der Eremit kehren zu mir, einen friſchen Trunk zu bringen meiner dürſtenden Seele. Sie haben mich verrathen oder liegen in Banden tief in den Schluchten der Mönchs⸗ herberge, wohin nie ein Auge zu dringen vermag. Ich 251 will hinaus zu Roſſe, ich will die Mauern brechen, ſo wahr—— Da trabt ein Reiter herauf, unterbrach der Kaſtellan den Schwur; er beugt in den Burgweg; meine trüben Augen erkennen deutlich den lauchgrünen Buſch. Es iſt der Falkenſteiner, und ſein Gaul iſt abgetrieben bis zum Umſturz. Der bringt auch keine Liebespoſt.— Graf Hackelberg trat an das Fenſter; bald blies der Thurmwart, und der von Falkenſtein warf ſich im Schloß⸗ hofe vom ſchweißträufenden Streitroſſe. Schließe deine Eichenthore, Kumpan! rief er herauf zum Fenſter. Wirf alle deine Leute in das beſte Eiſen deines Zeughauſes! Fülle deine Steinkaſten und ſchleife deine Flamberge zweiſchneidig! Der Teufel iſt los im Gebirge und bedräut dich und dein Rabenneſt. Aber ich halte aus bei dir, und ſollte er uns in einer Stunde und zugleich beim Schopfe nehmen.— Was ſoll dein ſonderbarer Gruß? fragte Heinicho droben den Eintretenden und mürriſch ſetzte er hinzu: Zu Geckerei iſt dieſer Tag übel gewählt.— Hat ſich was zu ſcherzen! antwortete der Falkenſteiner. Der Löwe aus Göttingen hetzet ſeine Wolfshunde auf dich, Herzog Albrecht will dein Felſenneſt zerſtört wiſſen, das hat er geſchworen bei ſeinem Barte, der das Schönſte an ihm iſt. Er hat zu Recht geſeſſen auf dem Leine⸗ berge, und er und der Magdeburger und Halberſtädter und Hildesheimer haben dich in Acht und Bann erklärt, und obgleich Herzog Heineich nicht eingewilligt, ſondern ſeine Herlingsburg unverſehrt behalten will, ſammelt Albrecht dennoch ein Heer gegen dich, und die Städte ſammt mehren neidiſchen Harzgrafen ſind zu ihm ge⸗ ſtoßen.— 252 Und warum? Weß klagen ſie mich an? fragte Heinicho kalt und hohnlächelnd. Du haſt des Herzogs Inſaſſen beraubt und ausge⸗ plündert; entgegnete der Waffengeſell. Deine Burg iſt eine Herberge der Wagehälſe und Landſtreicher; du hin⸗ derſt den Commerce und machſt die Landſtraßen unſicher. Er will an dir ein Exempel ſetzen für alle Ritter, die von der Straße leben, will den eigenen, ſchloßhohen Galgen dir erbauen; ſo ſchwur er. Er gibt dir die Entehrung ſeiner Tochter ſchuld, die im Nonnenkloſter zu Wiebrechtshauſen kürzlich verſtorben.— Die Marmorbleiche einer Statue bedeckte das Antlitz des Hackelbergers. Richſa todt! rief er mit einem ge⸗ brochenen Laut, welcher klang wie eine ſpringende Harfen⸗ ſaite, und ſinnlos ſchlug er nieder auf das Gyps⸗Eſtrich, ſo daß die beiden Vertrauten meinten, er werde nie mehr vom Falle erwachen.—— Nach dem Eſſigfläſchchen und dem Aderlaßſchnepper war der heilkundige Kaſtellan mit zitternden Gliedern geſtolpert, indeß der jugendkräftige Falkenſteiner den ſchein⸗ todten Fehdegeſellen in den eigenen Lehnſeſſel gehoben; aber ein beſſerer Arzt trat in den Saal, die Pilgerin Bonifacia, und als ſie ihre warme Hand auf die er⸗ kaltete Stirn des Grafen legte, ſchlug er, als wäre ihr Leben in das ſeine übergeſtrömt, ſofort die Augen auf. Verwundert ſah er um ſich, dann blieben ſeine ſtarren, eingeſunkenen Augen auf des Mädchens bleichem Antlitze haften. Er ſchien alle ſeine Geiſteskräfte anzuſtrengen, um Beſinnung und Erinnerung zu gewinnen, und ſetzte ſich feſt auf im Seſſel, an dem Rande der nahen Tafel ſich haltend. Sprach nicht Jemand, ſie ſei geſtorben? ſagte er 253 dann mit haſtigen Tönen, denen der volle Athem man⸗ gelte. Du zogeſt zu ihr, Facis, du mußt wiſſen, ob ſie lebt oder— Er ſprach nicht aus, denn Bonifacia's Auge gab die Antwort, ehe noch die Frage vollendet war. Ihr wiſſet alſo meine Kunde ſchon? Armer Freund! ſagte die Pil⸗ gerin, als er nicht fortfuhr in ſeiner Rede, und ſein Blick eine ſeltſame Wildheit annahm. Gott hat ſie ge⸗ rufen. Seine Vaterhand hat entwirret, was ohne Blut und Elend keine Menſchenhand zu entwirren vermochte. Sie ſchläft wie ein kindlicher Engel in der Wiege, und ihr letzter Wunſch wird Euch Geſetz werden, damit Ihr der Welt beweiſet, daß Ihr die Liebe einer Richſa ver⸗ dientet, damit Ihr auch ſo ſanft entſchlummern dürftet, wie ſie an meiner Bruſt lebensmüde und mit einem Traume von dem Geliebten entſchlief.— Auf fuhr der Graf wie ein ſchnellerwachender Or⸗ kan; ſeine Glieder zuckten gichteriſch, aber alle Muskeln waren ſichtbar angeſpannt, als wären ſie aus Erz und nicht aus weichem Fleiſche geſchaffen.— Nun ſo fahre denn hin Alles, was noch Menſch iſt in mir! rief er mit fürchterlich-hohler Stimme. Der Teufel im Eiſen will ich wahrhaft ſein, wie ihr Mörder einſt mich taufte. Muſter ſoll mir werden das grau⸗ ſamſte der Thiere. Langſam morden will ich lernen von der Tigerkatze; und wo eine Mönchsglatze oder ein Fürſtenhut in den Bereich meines Sichelſchwertes kommt, ſollen ſie nie wieder heuchleriſch beten oder übermüthig foltern dürfen. Albrecht, Albrecht, du haſt dir ein Ge⸗ ſpenſt an die Sohlen geheftet, von dem nur das Grab dich erlöſet! Haſt du ihr Leben wie ein frevelnder Got⸗ tesläſterer geopfert, ein Leben, das mehr werth war, 254 als ein Dutzend deiner Höfe, ſo ſoll es mir FPflicht, ſo ſoll es mir Wolluſt ſein, jede Freude deines Lebens ſa⸗ taniſch zu zertreten. Du haſt meine Kinder vor der Geburt getödtet, meine Gattin vor dem Kirchgange, ſo will ich dich kinderlos ſehen, einſam ſollſt du dir den grauen Bart raufen, und dann wird Heinicho's Raben⸗ ſtimme all ſeinen Hohn in dem Namen Richſa hauchen, und dich hohnlachend herab werfen von deiner einſamen Klippe. Rächender Gott, der auf dem Feuerroſſe des Blitzes reitet, hab' ich auch lange nicht dein gedacht, höre mich jetzt in meinem Elende! Bei deinem Namen ſchwöre ich, was ich verhieß!— Die Männer waren zurückgewichen von dem In⸗ grimmigen, der mit den Händen wild um ſich griff. Mit einer Thräne im großen Auge trat unerſchrocken die Freundin ihm näher. Ein weißes Frauentuch zog ſie aus dem Buſen, Blutflecken ſchimmerten darauf, und ſie breitete mit ernſter Wehmuth es aus auf der Eichentafel. Das iſt Richſa's letzte Gabe für dich, ſprach ſie mit Feier⸗ lichkeit. Dieſes Blut hat in ihrem Herzen gewallt; deine Perlenſchnur nahm ſie mit in das Grab, welches man ihr, der Fürſtentochter, um Mitternacht nicht auf dem Friedhofe, ſondern an der Kloſtermauer unter der Regentraufe des Kirchendaches gegraben hatte. Wie eine gemeine Dirne iſt ſie begraben worden, ohne Glocken⸗ klang und Prieſterwort; die Erde, die ihren Leib um⸗ gibt, iſt nicht geweihet; kein Stein ſagt, daß die En⸗ kelin der edelſten Herzöge des deutſchen Reiches dort vermodert. Und Alles das geſchah um dich; Alles das ſchrieb die ewige Vergeltung in dein Schuldbuch. Was wiegt deine Raſerei, was wiegt all dein grauſenvollſtes Rachewerk gegen dieſe Opfer?— 255 Wie die Kluge vermuthet, ſo geſchah es. Statt ihn zu empören, ſchlug die Nachricht von der Beſchimpfuug ſeiner Geliebten im Tode ihn zu Boden wie der Keulen⸗ ſchlag eines Rieſen. Erſchlafft fielen ſeine Hände, mit denen er ſo wild gedrohet, am Körper hinab. Unter der Dachtraufe begraben? An der Kirchen⸗ mauer begraben? fragte er kaum hörbar.— Höre noch ihre letzten Worte, mehre Male von ihr wiederholt mit Inbrunſt und Ergebung! fuhr Bonifacia fort. Bitte meinen Heinicho für mich, ſprach ſie mit leuchtendem Blicke, daß er mein Andenken feiert durch milde Trauer, daß er Buße thut vor Gott wegen des frevelhaften Spottes, den wir mit Vaterfluch und Vaterſegen getrie⸗ ben, daß er aber ewig liebe, was er einſt früher liebte mit ſchuldloſem Knabenherzen. Bitte ihn, daß er nim⸗ mer der Rache gedenke.— Heinicho warf ſich mit dem Geſicht auf das Tuch, und drückte es mit krampfhaft geſchloſſenen Fingern in ſeine Augen, an ſeinen bebenden Mund. Heilige! ſtammelte er; ich habe dich hier unten nicht verſtanden, aber jetzt begreife ich deine Stimme, die aus dem Himmel herabtönt, ich will dir folgen, du lieblicher Schutzgeiſt. Aber eines ſchwöre ich noch, und Gott mag es mit gütigerm Ohre hören, wie er vorhin den Schwur meiner Raſerei vernahm. Dieſer Arm ſoll nicht aus der Eiſenſchiene kommen, dieſe Stirn ſoll nicht helmlos im Kiſſen ruhn, bis ich den Ort ge⸗ heiliget, Richſa, der deine ſchönen Glieder verbirgt, bis ich eine Kapelle erbauet habe über deiner Grabesſtätte, an deren Altare ein Prieſter ſein Ave betet für unſere Seelen!— Die Pilgerin legte ihre Arme von hinten her um ſeinen Nacken und ſagte: Amen!—— 256 Der Prophezeihung des Falkenſteiners kam ſchleunig die Erfüllung nach. Eine Menge Fähnlein weheten bald in den Thälern um die Herlingsburg, und nicht zu zäh⸗ len waren die Helme und die Speere, welche herauf dräueten. Außer den Göttingern ſah man die Wappen der Brandenburger Markgrafen und der Fürſten zu Anhalt bei den drei Biſchofsmützen auf Schilden und Heerpanieren. Ein Herold forderte die Beſatzung zur Uebergabe auf, und verſprach ihr freien Abzug, wenn ſie den Anführer auslieferte. Steinwürfe und Hohnreden waren die Antwort. Da begann die Belagerung ſo ernſt und ſtreng wie die Wehr der Belagerten es heiſchte. Albrechts Heer ſchnitt allen möglichen Verkehr mit den Burgleuten ab, indem es im weiten Kreiſe den Fels umzog. Quellen wurden abgegraben hoch im Berge, die dem Brunnen des Schloſſes zufloſſen; Waldſtrecken wurden angezündet, die Verſtecke ſein konnten für Freunde der Burg. Mit dem Mauerbrecher beſtürmte man die Eichenthore, einen Hagelregen von Bolzen ſandte man auf die Mauer, mit der Sturmleiter verſuchte man nächtliche Erſteigung. Die Wachſamkeit und Bravheit der ſchwarzen Jagd machte alle Anſtrengungen zu Schan⸗ den, und ihre Bolzen warfen manchen tapfern Reiters⸗ mann auf den Sand. Felſenſtücke und lange Tannen⸗ balken zerſchmetterten das Sturmdach und die braven Stürmer, die es bedecken ſollte; ſiedend Oel und kochende Waſſergüſſe verwundeten die kühnen Erkletterer der Mauer auf gräßliche Weiſe, und die Umzingelung der Burg ſchadete den Belagerten nicht, da ein verborgener Gang aus dem Burgverließe zu einem alten halbver⸗ ſchütteten Bergwerksſtollen führte, durch welchen die „ E ie — 257 Vertrauten des Grafen die fehlenden Lebensmittel immer wieder ergänzen konnten. Viele Wochen ſchon hatte der fruchtloſe Kampf ge⸗ dauert; die Thäler umher waren Grabesfelder gewor⸗ den, da kam in einer ſtürmiſchen Nacht durch den eben beſchriebenen Felſengang ein ausgeſchickter Jäger zurück, und brachte einen Knappen des Herzogs Heinrich mit ſich herein, der wichtige Botſchaft an den Grafen Hei⸗ nicho zu vermelden hatte. Heinrich hatte Hülfstruppen in Meißen, Heſſen, Bremen und Verden geſammelt, und war mit Eile herangezogen, ſein Schloß zu ent⸗ ſetzen. Ein Ueberfall war ihm geglückt, und Biſchof Erich von Magdeburg gefangen worden. Morgen ſollte ein zweiter Angriff gethan werden, und ein Ausfall aus der Burg ſollte die Feinde einklemmen zwiſchen eine doppelte Schildwand. Mit Jauchzen hörte das Burgvolk, des ſtillen Ker⸗ kerlebens müde, die Aufforderung ihres Fürſten, und ſchliff im Burghofe ſchon vor der Morgendämmerung die Flamberge, zäumte die in den Ställen wilder ge⸗ wordenen Pferde und wand neue Sennen um die Stahlbögen der Armbrüſte. Mit erhitztem Antlitze ging Hackelberg unter den muthigen Burſchen umher, ordnete, trieb an und lobte; aber ſeine eingeſunkenen Augen funkelten geiſterartig, und ſein Geſicht hatte etwas Ge⸗ ſpenſtiſches, vor dem ſeine eignen Leute erſchracken. Als der Tag kaum dämmerte, ſaß er ſchon hoch auf dem lichtgelben Hengſte, doch mit Verwunderung ſahen die ſchwarzen Jäger nur ſein Haupt verluppt mit dem leichtern Stahlhelme, ſeinen Körper nur bedeckt vom hirſchledernen Jagdwammſe und der eiſernen Armſchiene. Zum Ueberfalle bedarf es gewandter Gliedmaßen und Blumenhagen. I. 17 258 freier Bewegung! antwortete er dem alten Kaſtellan Hojer, aber man ſah ihm dabei ein faſt höhniſches Lächeln an, das zu ſprechen ſchien:„Was bedarf es der metallenen Schutzdecke gegen den Tod? Er iſt ein ge⸗ treuer Freund; das Leben iſt ein heuchleriſcher Schmeich⸗ ler.“— Das Eichenthor raſſelte auf, und hinab ſtürmten die Wildfänge zu Pferde und zu Fuße dorthin, wo das erſte Morgenlicht die blanken Sturmhauben der nächſten Wachtpoſten ſichtbar machte. Die Poſten prallten er⸗ ſchreckt zurück; mit dem Hörnerklange der Hackelberger miſchte ſich bald ferner Trompetenklang; die kaum jgeord⸗ neten Belagerer drängten ſich in furchtſame Haufen zu⸗ ſammen, und als rechts der Graf von Daſſel, links der edle Waldecker und in der Mitte Herzog Heinrich ſelbſt auf ſie einbrach, und vom Berge herab wie ein reißender Waldbach die Herlingsburger daherſtrömten, da half kein Ruf der tapfern Befehlshaber; in jede Bergesſchlucht drängten ſich zu den Seiten hin die aus einander Geſprengten, und die Letzten fochten nur, weil der Raum zu enge war, um ſchnell zu entweichen, und weil die Kreuzhiebe der Gegner hageldicht auf ihre Nacken niederſauſeten. Dorthin wo der goldene Löwe auf dem weißſeidenen Paniere ſich bäumte, hatte die Rachgier, wie der Mag⸗ net das Eiſen, den Hackelberger gezogen. Die Göttin⸗ ger waren es, auf deren Nacken er fiel wie der Stößer auf flüchtige Feldtauben. Bis an das Weichbild Gos⸗ lars riß die Flucht ſelbſt den alten Herzog und ſeine Prinzen fort; da aber, dicht unter den Mauern der zu den Wällen eilenden Bürger ſetzte ſich der Reiterhaufen, und Albrechts zürnende Stimme wurde endlich gehört, —— 6S 0 259 und Pferdeköpfe und Lanzenſpitzen dreheten ſich plötzlich den Verfolgern zu. Der Herzog war vorn in der ſich ordnenden Rotte, und ſein Anblick trieb in das bleiche Geſicht des Hackelbergers all ſein Blut. Furchtbarer als zuvor tönte ſein Feldruf:„Richſa's Herzblut hier und der Teufel im Eiſen!“ durch die Morgenluft, und dicht hinter ihm tobte ſein Reitertrupp aufs Neue gegen das feindliche Viereck, das ſich abergläubig dicht neben einem Heiligenbilde im Pfahlhäuschen an der Straße aufgeſtellt hatte. Die Lanzen der Göttinger flogen rechts und links ſplitternd auseinander vor Heinicho's Sichel⸗ hieben, ſchon war der Herzog erreicht, ſchon ziſchte der blaue Damascener durch die Luft, um zum Todesſtreiche auszuholen; da däuchte es dem Grafen, als verwandle ſich das Heiligenbild im Gotteshäuschen in die geliebte Richſa, und dieſe ſchwebe gewickelt in ihre Todtenſchleier ſchnell herab und träte bittenden Blicks mitten zwiſchen ihren Vater und des Geliebten Türkenſchwert. Erlahmt ſank Heinicho's Arm, und im nämlichen Augenblicke fuhren die Degenſpitzen der beiden Prinzen, Otto und Magnus, die des Vaters Gefahr ſchnell herbeigezogen, in die Weichen des Grafen, und verwundeten ihn tödt⸗ lich.—„Richſa ſchützte euch, und rief mich!“ ſprach er laut.— Mit einem tiefen Geſtöhn entfiel ihm dann das Schwert und er griff an den hohen Sattelknopf; doch über ſein Angeſicht zog ein Lächeln, und eine Verklärung funkelte aus ſeinen Augen, vor der ſelbſt ſeine erſtaun⸗ ten Gegner zurückwichen. Aber brauſend fiel jetzt das wilde Jägervolk in die Reihen, und bis unter Goslars Mauerthürme wurden die Reiſigen des Herzogs ob dem Walde zurückgeworfen. Heinicho's Hengſt hatte im Wundkrampfe des Herrn 260 die Sporen deſſelben ſchmerzlich empfunden; des Grafen ſtarrende Hand hielt nur bocker noch die Zügel; und bald klemmten ſich die kalt werdenden Finger um den gelben Knopf des Sattels feſt. Inſtinktartig drehte ſich das mächtige Thier zur Seite, warf das Roß des Prin⸗ zen Magnus faſt zu Boden, bahnte ſich durch das Reitergedräng den eigenen Weg, und mit ausgeſtrecktem Leibe, keuchend und mit den Hufen kaum das Feld be⸗ rührend, durchlief es die Straße, die es gekommen, und nahm den Weg bergan zurück zur Herlingsburg.— Bonifacia war nach einer Nacht voll Angſtträume früh durch den Kriegeslärm im Burghofe erweckt worden. Ihr erſter Anblick vom Fenſter herunter ſah den Auszug der Waffenmänner; der kampfluſtige Führer, auf ſeinem Gelben ſtolzirend, warf keinen Abſchiedsblick zu ihr herauf, und prophetiſch ſprach ihr innerſtes Gefühl, dieſer Ritt ſei ſein letzter. Die trefflichſten Männer des galanten Frankreichs, des feurigen Italiens, des romantiſchen Griechenlandes, hatten den Schlag ihres Herzens ruhig gelaſſen; hier im Norden Deutſchlands traf die erſte Wunde der Liebe ihre Bruſt, und es war die tiefſte und ſchmerzlichſte, denn ihre Leidenſchaft war hoffnungslos, und zu ewigem Schweigen, wie zu ewigem Entbehren verdammt. Wie der Anblick einer wilden Schweizerlandſchaft entzückt in ihrer rauhen Größe, ihrer Gefährlichkeit, ihrer gigan⸗ tiſchen Schönheit, wie ſie die Phantaſie hinreißt, ſo hatte Heinicho's rohe Herrlichkeit und Manneskraft alle ihre Gefühle hingeriſſen, ſich zu eigen gemacht, und Dank⸗ barkeit für den Lebensretter, den Ehrenretter, öffnete der Liebe das Thor. Er erkannte dieſe fromme Liebe nicht; er ſah nicht 261 die innige Liebe der Pilgerin, die ihn zum ungeſtörten Glücke einlud; ſeine Seele lebte nur in der geſetzloſen Leidenſchaft, die ihm den Untergang brachte, und deren Gefahr nur dazu diente, ſeiner Verwegenheit ſie reizen⸗ der und bockender zu machen.— Wie die Reiter alle zum Thore hinaus gezogen, er⸗ leichterte Bonifacia zuerſt ihr Herz durch ein inbrünſtig Gebet, knieend vor dem ſilbernen Krucifix geſprochen, das ſie am Fuß ihres jungfräulichen Lagers aufgehan⸗ gen. Dann ſchritt ſie hinab durch den öden Schloßhof, und beſtieg das Gemach des Thorwächters, um aus ſeinem Luginsland dem Manne ihres Herzens nachzu⸗ blicken. Das Eiſenthor war nicht geſchloſſen worden, aber ein Kerntrupp der wenigen Rückgebliebenen bewachte es mit langen Hellebarden und ſchweren Morgenſternen in den ſtarken Händen. In Morgennebel verſchleiert lag die Gegend da; fernher erklang rechts und links und überall Trompetenſtoß und Waffengeklirr herauf, aber weiter und weiter zogen die Kriegestöne fort, und ließen dadurch den Sieg der Freunde hoffen. Arme Jungfrau, was mußte dein ſcharfes Auge da erkennen zuerſt vor allen Knappen der Burg?— Hei⸗ nicho's Streithengſt war es, der ſchaumbedeckt über die Klippen flog; der Freund war es, der ſchwankend im Sattel daher ſprengte; Tod lag auf ſeinem Geſicht; ſein Koller, ſeine Satteldecke, ſeines gelben Pferdes Leib waren mit dem eigeneg Blute begoſſen, und Helm und Schwert und Schild auf dem Todesritt verloren gegangen. Ihre Wehklage miſchte ſich in das Furcht⸗ geſchrei der rauhen Knechte, und in wenigen Sprüngen war ſie die Wendelſtiege hinab vom Watthurme zum Burghofe. Der Hengſt ſprang herein, ſtand vom Kreiſe 262 der Wappner aufgehalten dampfend und mit zitternden Gliedern, und vom Stoße erſchüttert und geworfen, ſank der Verblutete aus dem Sattel herunter in die Arme der herbeieilenden Diener und der laut weinenden Freundin. Zum letzten Male ſchlug er die großen, rollenden Augen auf. Er erkannte ſeine Facis, und ein wehmüthiges Lächeln ging über ſeine bärtigen Wangen hin. Seine kalte Hand ergriff die Hand der Pilgerin und preßte ſie krampficht. Ich habe nicht Rache geübt, aber ſterbe im Siege! ſtammelte er abgebrochen mit letzter Anſtrengung. Doch den Schwur,—— den letz⸗ ten,— ich kann ihn nicht erfüllen,— Richſa's ſchimpf⸗ lich Grab, die Kapelle,— du, du— für mich!— Und ſeine Augenlieder ſanken todtmüde hernieder, und ſein letzter, langer Athemzug verflog ſichtbar in der kalten' Frühluft. Bonifacia neigte ſich über das geſunkene Haupt; ihre Thränen beträufelten es mit heiligem Weihwaſſer; ſie legte ihren Mund ſanft auf ſeine bleichen, geöffneten Lippen; ihr Brautkuß war dem Tode verfallen, aber ihren Liebesſchwur hörte der Schutzgeiſt der entſagenden Liebe.— Betend hatte die ſchwarze Mannſchaft gleich ſtarren Statuen um der verehrten Leiche geſtanden, die abgezo⸗ genen Pickelhauben in den gefalteten, harten Händen. Aber von außen ſtörte den frommen Dienſt baldigſt ein neues, drängendes Ereigniß. Einzelne Reiter trabten herauf, alle ſchwer verletzt im Schwertgefecht; zuletzt auch mit kleiner Schaar der blutende Falkenſteiner. Graf Stolberg und der von Mansfeld waren den Göt⸗ tingern zum Beiſtande herbei geeilt; die Bürger von Goslar hatten kampfluſtig ihre ſichern Mauern verlaſſen; 263 gewendet hatte ſich das Glück der Morgenſtunde mit des Hackelbergers Fall, und alle Heerhaufen des Her⸗ zogs Heinrich waren geworfen. Wenige nur der ſchwarzen Jäger kehrten heim; die Mehrzahl der Tapfern hatte ſich ſelbſt geopfert auf dem Platze, wo ihr tapferer Führer die doppelte Todeswunde empfangen.— Raſch entſchloſſen flüſterte Bonifacia dem grauen Kaſtellan einen Befehl in das Ohr, und alsbald trugen unter ſeiner Leitung zwei rüſtige Knechte Heinicho's Leichnam in das Innere der Burg. Der Falkenſteiner übernahm die Stelle des Burgherrn; doch als am Abend Herzogs Albrecht Herold dem Burgvolke Verge⸗ bung und Freiheit bot, liefere man ihnen Schloß und Burgherrn aus, ſo ward die weiße Fahne ausgeſteckt, und herein zogen die biſchöflichen und die göttingiſchen Mannen. Die Burg war gewonnen, aber vergebens ſuchte der alte, rachſüchtige Fürſt den Leichnam des Raub⸗ ritters mit der Sichel; er, die Pilgerin und der Ka⸗ ſtellan waren verſchwunden, und mit Entſetzen erzählte ſich das Volk, der Teufel im Eiſen ſei von ſeinem Namensvetter, der in Geſtalt einer ſchönen Buhlſchwe⸗ ſter bei ihm gehauſet, abgeholt worden, und zu den Trümmern der eingeäſcherten Herlingsburg blickte bald ſchaudernd der Wanderer hinauf, denn der Aberglaube verkündete in Hütte und Palaſt, wie um Mitternacht die wilde Jagd von dortaus über die Wälder ziehe mit Hörnerklang und Halloh, den Hackelberg an der Spitze. 264 Es geſchah mehre Wochen nachher, daß ein gar be⸗ ſonderer Leichenzug auf derſelben Straße, die unſere Leſer am Anfange dieſer Erzählung mit uns betraten, von dem Kalberge langſam nach dem Nonnenberge hinauf zog. Vor dem Zuge her ſchritt als Leichführer der Eremit Hieronymus, unſer alter Freund, eine große Wachskerze in beiden Händen tragend, deren Flämmchen zart, doch hell, in der Morgenluft flackerte. Dann folgte auf einem kleinen Ackerwagen, deſſen magere Pferde ein ärmlich gekleideter Landmann antrieb, der Sarg, ſchlicht ſchwarz, durch nichts ausgezeichnet, als ein ſilbernes Krucifix, und durch einen Kranz von grü⸗ nen Fichtenzweigen, welche auf ſeinem Kopf⸗ und Fuß⸗ ende befeſtiget waren. Hinter drein ritt auf einem weißen Maulthiere die Pilgerin Bonifacia; ihr weißer Muſchelhut war mit einem ſchwarzen Trauerflor um⸗ wunden, und zu ihrer Linken ſchritt ein Saumroß, worauf der alte, gebückte Kaſtellan Hojer ſchwankte, vermummt in ein Pilgerkleid nach vrientaliſchem Schnitte. Neben dem Sarge gingen noch zwei Männer, gleichfalls in geiſtliche Kutten gehüllt, aber mit ſonnverbrannten, verwegenen Geſichtern, die andeuteten, daß ſie früherhin ander Gezeug gehandhabt und getragen, als Pilgrims⸗ hut und Pilgrimsſtab. Feierlich läuteten die Betglocken der Klöſter und Kapellen der Gegend durch die Frühluft; der Wald ließ ſeine gelben Blätter im Herbſtwinde wie traurend niederfallen, und beſtreuete die Leichenſtraße als Schmuck damit. Um den Körper des Geliebten vor Beſchimpfung im Tode zu ſichern, hatte Facis mit Hülfe des Kaſtellans und der beiden älteſten Knechte Heinicho's Leichnam durch jenen unterirdiſchen Bergſtollen, der ſchon einmal —— 265 erwähnt worden, aus der Burg geſchafft, und mit ihm zugleich alle tragbaren Schätze des Harzgrafen, wie des verſtorbenen Templers. Auf nur den Gebirgsjägern bekannten Fußſteigen trugen ſie die Leiche den Wald hinab, nächtlich hinauf zu der Kapelle des Kalberges, wo in dem Zwergsloch Hieronymus das traurige Ge⸗ ſchäft übernahm, den geliebten Todten einzubalſamiren, und ſein letztes Haus zu beſtellen. Indeß reiſete Boni⸗ facia zur Biſchofsſtadt, und ihre fromme Unſchulds⸗ geſtalt, verbunden mit einigen werthvollen Kleinodien, welche ſie dem Altare ſpendete, verſchaffte ihr Zutritt, Gehör und ſchleunige Erfüllung aller ihrer Bitten. Sie bekam die Erlaubniß, ihren vorgeblich von Räubern erſchlagenen Bruder, in welchem Kloſter des Sprengels ſie wolle, beerdigen zu laſſen, und über ſeinem Grabe eine Gedächtnißkapelle zu erbauen. Sie bekam ferner die Erlaubniß, den Nonnenſchleier im Kloſter Wiebrechts⸗ hauſen ohne Probejahr zu nehmen, wogegen ſie das Kloſter zum Erben ihrer Habe beſtimmte. Der an die Frau Abbatiſſin in dieſer Sache geſendete Bote kehrte mit der Nachricht zurück, man erwarte die ſchon gekannte Fromme mit offenen Schweſterarmen, an welcher Liebe die Erzählung von der gefüllten Geldtruhe und dem Käſtchen voll des edelſten Steinſchmucks, die im Beſitze der Kandidatin waren, ihren Antheil haben mochte.— Der Leichenzug war im Süſternkloſter angekommen; in der Kloſterkirche ſtand der Sarg von ſchwarzen Kan⸗ delabern umgeben, und die Aebtiſſin hatte der neuen Schweſter erlaubt, der wohlbeſiegelten Bulle des Biſchofs zufolge, ſich den Platz zum Grabe, wie zur neuen Kapelle auszuwählen, wo es ihr gut dünke. Der abendliche Herbſtwind rauſchte in dem Wipfel 266 einer bezahrten Weihmuthsſichte, die an der öſtlichen Seite des Kloſtergebäudes ihre breiten Trauerzweige zum Boden nieder ſenkte. Dicht an der Kirchenwand, neben einem nicht ſonderlich erhöheten und erhaltenen Sand⸗ hügel gruben zwei Kloſterknechte ein langes Grab, und der Kaſtellan Hojer, der hier im Kleide ſeiner alten Kunſt auftrat,— er war einſt Baumeiſter geweſen, und von Italia her dem fürſtlichen Herrn gefolgt;— maß und ſteckte mit Winkelhaken und Grabſcheit den Umfang der Kapelle ab, deren Riß und Abbild er am Stamme der Fichte befeſtigt hatte, und die ſich als Anbau der Kirche über dem Grabe erheben ſollte. Die Pilgerin ſtand mit gefalteten Händen zur Seite, und ihr großes Glanzauge war verſunken in den Goldſchleier der unter⸗ gehenden Sonne, als ſuche ſie dahinter den verlorenen Geliebten. Im grauen Hauswammſe trat der Kloſter⸗ vogt Hidebrand Rumann zu ihr aus der Kirchenthür, und warf einen beſondern, forſchenden und finſtern Blick auf ſie. Fräulein Piochemont, ſagte er dann in einem Tone, der Bonifacia's Herzſchlag beklemmte, Ihr habt einen gar ſeltſamen Platz für den Euch verwandten Todten erkoren. Im großen Raume der Weſtſeite hätte ſich ein ſtattlicherer Ort für Eure Kapelle gefunden, deren Aeußeres hier die nahe Mauer beengt, und über⸗ dem ertheilt Ihr hier einem fremden Grabe die Ehre mit, welche dem Bruder allein beſtimmt wurde. Oder habt Ihr den Grabhügel überſehen, der dort unter der Traufe des Kirchendaches ſich erhebt, und der einer im Kirchenbanne Geſtorbenen angehört?— Richtet nicht, ſo werdet ihr auch Verzeihung finden! antwortete Bonifacia mit leiſer, bebender Stimme. Des Bruders Grab, der im Oſt geboren, mußte ſich — — 267 auch zum Oſten wenden, das leitete die Wahl der Stelle. Auch den Geliebten, der hier ſchlafen ſoll, hetzten die Welt und ihre böſen Kinder zu Tode, drum wird er mir nicht gram ſein, wenn das heilige Gewölbe, das ich über ſeinem Sarge erbaue, wie mit dem Chri⸗ ſtenmantel die Erbſünde einer Schweſter bedeckt.— Ein Zug, der wie Schmerz ließ, ſchien über das ehrwürdige Antlitz des alten Vogts zu fliegen; raſch nahm er des Fräuleins Hand, drückte ſie mit auffallen⸗ der Heftigkeit und ſprach: Kommt zum Kirchenchor! Oeffnet mir den Sarg! Ich muß den Todten ſehen, ehe er in dieſen Boden zieht; das iſt die Pflicht des Schirmvogts; denn nichts Lebendes, nichts Todtes darf in dieſen Mauern Heimath finden, ohne daß der Paß dazu von meiner Hand beſiegelt worden mit dem Schwertknauf.— Wie Todesſchauer rieſelte Kälte durch Bonifacia's Glieder. Laſſet die Todten ruhen! bat ſie ſtammelnd.— Der Vogt ſah ſie ſtarr an, und legte ſeine welke Hand ſich auf die linke Bruſt. Vertrauet dem Greiſe! ſagte er ernſt. Wer ſo wie ich nur noch ein dutzend Schritte zu meſſen hat bis zur Gruft, dem iſt der Sarg ein Gotteskaſten, den nur des Frevlers Hand beſtehlen mag.— Mit ſich fortgezogen hatte er die Schwindelnde ſchon bei dieſen Worten, und auf einen Wink von ihm folgten die Knechte. Am Fuße des Sarges ſank die Pilgerin nieder; die Furcht machte ihre Lippen bleich und erſtickte ihre Worte, aber bittend hob ſie die kleinen Hände gegen den rauhen Kriegesmann auf, der düſtern Geſichts den Knechten befahl. Der gut verwahrte Sargdeckel ward abgeſchroben. Rumann ſchickte die Knechte fort, und 268 hob dann ſelbſt den Deckel. Da lag Heinicho's Leiche, unentſtellt ſein edles Antlitz, von den ſchlicht geſtrichenen braunen Locken umgeben. Seine Hände waren gefaltet und hielten den Kreuzgriff des Sichelſchwertes, das über den Scharlachteppich gelegt worden, der ſeinen Leib verhüllte. Bonifacia fuhr mit einem Schrei empor und bedeckte ihre Augen mit den Händen. Aber der alte Schirmvogt trat feierlich zu dem Kopfende des Sarges und legte ſeine Rechte auf die gefalteten Fin⸗ ger des Todten. Haſt du Ruhe gefunden endlich, du armer, verirrter Jüngling? ſprach er mit tiefer Stimme, der man die Erſchütterung des Gemüths abhörte. Das Leben hatte dich ausgeſtoßen; du kämpfteſt einen zu ungleichen Kampf mit der mächtigen Welt und dem mächtigern Schickſale, und mußteſt unterliegen. Ruhe ſanft! Dro⸗ ben gelten andere Geſetze. Droben iſt Liebe der Kronen⸗ ſtein im Diademe der Allmacht. Droben wirſt du ver⸗ gebend dieſe Hand drücken, die auch einſt ſo ſchwer auf dich niederfiel. Ihr kanntet ihn? fragte das Mädchen erſtaunt. Hildebrand wiſchte ſich eine Thräne aus der grauen Wimper, und ſchlang ſeinen Arm um des Mädchens Schulter. Lege dich voll Vertrauen an meine Bruſt, du frommes Kind! entgegnete er gerührt. Wie dieſer Todte hieß, wiſſen nur du und ich, und unſere Zähren ſind Opfer genug am Sarge des Unglücklichen. Ich ahne die Räthſel deines Herzens, und das Gelübde, welches du zu erfüllen beginnſt, iſt dem Greiſe heilig, wenn auch ſeine Wangen fahl ſind, und ſein Blut erkaltet iſt im Laufe der Erdenjahre. Wer die Todten ehret, iſt ein Chriſt und glaubt die Lehre der Liebe. Du biſt 269 allein, wirſt allein bleiben im Kreiſe der verſchleierten Schweſtern, denn du biſt fremd in den Geheimniſſen der Kloſterwelt. Ich will dein Vater ſein, ſo lange es Gott vergönnt, und willſt du dich ausweinen, ſollſt du immer den warmen Platz dazu finden an meinem alten Herzen.— Laut ſchluchzend fiel Bonifacia an des grei⸗ ſen Helden breite Bruſt. Die Kapelle erſtand bald in einfacher Pracht über den beiden Gräbern, und als der letzte Knopf auf ihren gothiſch⸗geſpitzten Giebel geſetzt ward, legte ſich der alte Baumeiſter Hojer erſchöpft auf ſein Lager und er⸗ ſtand nicht wieder. Oft ſaßen die Pilgerin und der Vogt unter der Weihmuthsſichte in ernſten, wehmüthigen Geſprächen, bis auch ſie der Herr der Schöpfung ab⸗ rief, und das Gedächtniß der ſchönen Pilgerin blieb wie das einer Heiligen noch lange in der Schweſter⸗ Zcchaft lebendig.— Vieles hat die Zeit ſeitdem geändert. Jahrhunderte ſind hingerauſcht. Die Staaten ſind anders geworden, anders die Menſchen. Keine Horas der Nonnen erſchal⸗ len mehr von der Feierglocke des Wiebrechtshäuſer Doms begleitet durch die Nacht hernieder. Zum Kloſteramte wurde das Frauenkloſter; weltliche Familienfreuden be⸗ leben die ſtillen Hallen, und rothwangige Kinder der Bewohner ſpielen auf den bemooſeten Grabſteinen, auf denen man das rohe Bild des Ritters mit der Sichel kaum noch erkennt. Aber vor nicht gar langer Zeit wurden noch in der ehemaligen Kloſterkirche Sancti Blaſii zu Nordheim Kinderkleider verwahrt, die eine fürſtliche Nonne zur Strafe vevfertiget und die Sage 270 ging, wer dieſe Reliquien entwendet, dem erſchiene um Mitternacht eine weiße Frau, und zwänge ihn, ſie zu⸗ rück zu bringen zu dem altgothiſchen Schreine, in dem ſie und mehre ſolcher Alterthümer verwahrt gelegen. Hackelbergs Andenken aber lebt noch in den Volksſagen des Harzes, und der verſpätete Bergmann ſpricht ein Vaterunſer, wenn Abends ein Zug krächzender Nacht⸗ raben oder auswandernder Kraniche über die Harzwäl⸗ der hinzieht, und glaubt ſich bedrobt vom wilden Jäger und ſeiner todtbringenden Genoſſenſchaft.— S S — — — = — & iſchen Einige Blätter aus dem Tagebuche eines engl Offiziers. — Verwundet lag ich, von dem eigenen und vom frem⸗ den Blute beſchmutzt, meiner Kraft beraubt, kaum mei⸗ ner Sinne mächtig an dem äußerſten Gemäuer des Vorwerks La Haye Sainte. Die Leichname meiner wackern Kameraden umringten mich haufenweiſe; mein trübes Auge erkannte manchen Herzensfreund unter ihnen: der tapfere K., ſchön wie Hektor, löwenmuthig wie Achill, verblutete nicht fern von mir an tiefer Bruſtwunde; der lebensfrohe H., der auf die donnernde Batterie ſo leichtfertig und keck wie auf den Damenkreis des Feſtballs losmarſchirte, lag regungslos vor mir hingeſtreckt mit zerſchmetterter Stirn, und Blutroſen färbten ſein bleiches, freundliches Angeſicht und hatten die Jugendroſen darauf für immer verdrängt. Was half mir ſelbſt jetzt die rieſige Stärke meiner Glieder, meine Fechtkunſt, der auf der Peninſula ſchwer erwor⸗ bene Waffenruhm, was mein altengliſches Herz, das nie gewußt, wie Gefahr und Furcht auf ein Menſchen⸗ gemüth einwirkten, was mein beiſpielloſes Glück, wel⸗ ches mich ohne eine Schramme oder einen Fleiſchriß aus den hundert wilden Gefechten in den Gebirgsthälern des von der Natur verherrlichten, aber von dem Menſchen träge und thöricht verwahrloſeten und unbenutzten Spa⸗ niens zurückgebracht?— Mein ſcharf gekrümmter Lon⸗ doner Säbel roſtete in dem feuchten Schmutze des Blumenhagen I. 18 274 blutgetränkten Bodens; die treffliche Büchſe, die ich aus der ſtarren Hand eines erſchoſſenen Sergeanten geriſſen, um mit ihrem ſcharfen Blei noch manchen kecken Feind zum Acheron zu ſenden, auf die ich zuletzt nach ver⸗ ſchoſſenen Patronen das ſcharfe Kurzgewehr eines Schützen geſteckt, um die verwegenen herangedrungenen Stürmer zu bekämpfen, ruhete auf dem Leibe des franzöſiſchen Kapitäns, dem ich das deutſche Eiſen durch die Bruſt gerannt. Zwei Kugeln der kleinen Voltigeurs hatten mich zum ohnmächtigen Weibe gemacht; die eine ſtack noch und brannte wie Höllenfeuer in meiner Brnſt dicht an Schulterhöhe, die andere war durch meinen ehh gefahren und hatte mich niedergeworfen.— O, es gibt nichts Folterndes im Leben als das Gefühl eines Kriegsmannes, wenn er niedergeriſſen, todtwund liegt in dem Getümmel der Schlacht, wenn um ihn rauſcht und brauſet das verwogene Spiel um Leben und Tod, wenn Helden mit Helden ringen um den Sieges⸗ kranz, und er ſelbſt ausgeſchloſſen iſt aus dem Kreiſe der Tapfern, ein jämmerlicher Zuſchauer ſein muß der größten Kraftthaten, Niemand ſich kümmert um ihn, und Freund und Feind über ihn wegtritt als über ein nutzloſes, unwerthes Hinderniß, wie der Jäger im heißen Verfolgen des Edelwildes über den verdorrten Baum⸗ ſtamm ſetzt, der im Wege liegt. Jener, dem der Zwölf⸗ pfünder Bruſt und Herz zerriß und das Leben entführte ohne Qual und Todesvorgefühl, iſt glücklicher als der Wunde im Schlachtgedränge.— Mit welch anderm Gefühl hatte ich am Morgen ves denkwürdigen 18. Junius meine Ordre aus dem Munde unſers wackern Karl von Alten empfangen und war mit — 1 meiner Compagnie in die Ferme gerückt. Das feſt Xv. 275 gegründete Vertrauen auf Englands zweiten Marlborough konnte durch die langſame Retirade von Quatre Bras bis zu den Höhen des Mont St. Jean nicht getrübt werden. Kannte doch jeder Schütz und Reiter die Um⸗ ſicht und Beſonnenheit und den unerſchütterlichen Muth Wellingtons, und hieß es doch in der Armee, der Mar⸗ ſchall habe gerade dieſe Gegend ſchon längſt in wunder⸗ barer Vorahnung zu einer Hauptſchlacht auserſehen, wenn die Gelegenheit der Zeit ſich darböte. Leicht und lächelnd faſt ſahen wir die fränkiſchen Adler blitzen über den blauen Soldatenmaſſen um Belle Alliance; ſpöttelnd empfingen wir die auf der Straße von Genapph vor⸗ ſtürmenden Voltigeurs, höhnten ihre zwergigen Geſtal⸗ ten, und riefen unſern Kameraden am Holze von Hou⸗ gemont ein lautes Triumph⸗Hurrah hinüber, da die kleinen blauen Springer vier Male hier wie dort zurück mußten, um ihre zerriſſenen Glieder wieder zu ordnen, Athem zu ſchöpfen nach vergeblicher Anſtrengung, indeß Napoleons weithin treffende Eiſenballen die hohen Bäume des Waldes zerſchlugen und das Vorwerk um und über uns in eine Ruine verwandelten. Aber die engliſchen Dragoner, welche der Prinz von Oranien geſandt, um uns Luft zu machen, und welche die Franken anfangs weit vor uns hingejagt, trabten ſcharf mitgenommen wieder an uns vorüber in ihre Linien zurück; im Glanze der heißen Mittagsſonne wälzte ſich ein Wald von Ba⸗ jonetten gegen uns heran, näher und näher tönte der muntere Trommelſchlag der erſten Corps, und wie eine lebendige Meeresflut, die vom Orkan gepeitſcht alle Ufer bricht, thürmte ſich eine Kriegermaſſe nach der andern die Höhe heran, und wie ein ununterbrochener Sturm wüthete der Angriff mit Schuß und Bajonett unter dem ———— 276 Häuflein, das in jeder Minute mehr zuſammenſchmolz, und dem keine Hülfe werden konnte. Meine Freunde ſielen neben mir; meine trefliche Compagnie drängte ſich immer dichter auf einen kleinen Raum zu mir heran, der ſonngebräunte Kapitän griff mich mit dem Degen an, da blitzte es auf von zwei Gewehren in den Händen knabengleicher Schützen, und der baumſtarke Sohn Albions ſtürzte nieder an dem Thore, das er Stunden lang ver⸗ theidigt, wie ein unbezwungener Turnus, und ſein Tage⸗ werk war zu Ende.— Wie hatte ſich die Scene geän⸗ dert, als ich aus der Betäubung wieder zu mir kam, in welche Schmerz und Blutverluſt mich geworfen! Kein lebender Kriegskamerad ſtand und focht in meiner Nähe; nur hie und da ſtieß ein Sterbender noch ein engliſches oder deutſches Fluchwort aus, das mir andeutete, daß die gute Sache wieder einen braven Vertheidiger ver⸗ loren; nirgend fand das ſuchende Auge die weit ſchei⸗ nende, rothe Farbe des Vaterlands, nirgend die weiße Seide der hochflatternden Fahne des königlichen Hauſes. Ueberall umgaben mich franzöſiſche Heerhaufen, fränki⸗ ſches Commandowort tönte vor und hinter der Ferme; blaues Volk ſtellte ſich auf am Holze des eroberten Hou⸗ gemont; eine Batterie der ſiegestrunkenen Feinde raſſelte dicht an mir vorüber, ſo daß meine erlahmten Glieder faſt von den Hufen ihrer Pferde und den ſchweren Rädern des Geſchützes berührt wurden und zerquetſchten— ein gräßlicher Anblick!— ohne Acht die Leichname meiner Gefährten, und jeder Augenblick konnte mich durch ein ähnliches Loos ihnen zugeſellen. Ein ſtattlicher Haufen ſtahlbedeckter Küraſſiere trabte jetzt den Kanonen nach, roloſſale Geſtalten waren es, von den blutrothen Schwei⸗ fen der Helmbüſche umwallt, mit gehobenen Schwertern 277 und dem Jubelruf der Siegestrunkenheit. Eine glän⸗ zende Feldkaroſſe mit einem ſchönen Poſtzuge ſtark ge⸗ bauter Roſſe beſpannt, folgte dem dicht gedrängten Rei⸗ terzuge, von kriegeriſch geſchmückten Adjutanten umgeben, und wenige Schritte von dem Gemäuer, woran ich blu⸗ tete, hielt der Wagen, und ein edel geſtalteter Mann von mittlerer Größe ſtieg aus dem Schlage und machte ſich fertig, das vorgeführte Schlachtroß zu beſteigen, obgleich er den linken Arm in der Binde trug. Es war der General La B.„am 1ö6ten bei der Sieges⸗ ſchlacht, die dem tapfern Blücher beinahe Leben und Freiheit gekoſtet hätte, verwundet, wie ich ſofort erfuhr, indem ein Offizier auf ſchweißbedecktem Schimmel heran ſprengte, den Namen des Generals ſchon von fern rief, und ihm den mündlichen Befehl des Kaiſers brachte, ohne Zögern die Küraſſiere zu formiren, ſich den Dra⸗ gonern von Latour-Maubvurg anzuſchließen und mit den Unbeſiegten das Centrum der Engländer zu brechen. Der General warf, bevor er den Steigbügel betrat, einen Blick ſeines großen, dunkeln Auges auf das Feld und die Ferme.—„Wacker vorgearbeitet hat die Infan⸗ terie,“ ſprach er mit einer wohlklingenden tiefen Stimme, „aber viele unſerer Braven bezahlten den Sieg. Nun, meine Herren, ich hoffe, wir wollen dem Kaiſer eine ähnliche Freude bereiten, und das Schwert ſoll der Muskete den Preis ſtreitig machen. Heute Abend eine gleiche Victoria, wie vorgeſtern, und⸗Napoleon iſt wie⸗ der der Kaiſer der Welt. Fort, Angely und Büdin und La Toure! die Regimenter ſollen ſich in Linie formiren, dicht geſtellt, und die Trompeter zum Angriff in Maſſe blaſen.“— Was ich ſah, erfüllte mich mit der Empfindung der 278 verlornen Hoffnung; nur der Inſtinkt der Selbſterhal⸗ tung leuchtete noch auf, wie ein mattes Irrlicht aus meiner Verzweiflungsnacht. Stimme und Wort des Generals hatten mein Zutrauen augenblicks, ich weiß ſelbſt nicht wodurch, erweckt; es gibt ja einen wunder⸗ ſamen Zauber, den manche Menſchengeſtalt, mancher Klang einer menſchlichen Stimme unbewußt in ſich trägt, und der in der erſten Minute das fremde Herz freund⸗ lich feſſelt und bewegt. Mühſam ſtützte ich die geſunde Hand auf einen todten Soldaten, erhob mich, ſo hoch ich konnte, aus dem Hügel der Leichname und rief unter größter Anſtrengung den Namen des Generals. Er ſtutzte und wandte ſein Geſicht zu mir.„Ich bin Euer Gefangener!“ ſagte ich auf Franzöſiſch.„Gebet einem engliſchen Kapitän, der Euch ſchon am Duero gegenüber focht, gut Quartier und Hülfe für ſeine Ehren⸗ wunden.“—„Wohl geſprochen, Sir!“ entgegnete er, mit dem Haupte mich begrüßend.„Jeder Fleiſchriß auf einem ſolchen Platze und ſo erworben, iſt ein Ehrenmal. Chirurgien⸗Major, ſorgt für den bleſſirten Kapitän und laßt ihn in meinem Wagen zurückführen.“ Auf das Roß warf er ſich und fort galoppirte er, ſeinen Reitern nach; mich aber hoben einige ſeiner Begleiter auf; ein artiger und geſchickter junger Arzt zog auf einem ſicherern Platze des Blutfeldes die Kugel aus meiner Schulter, und wohl verbunden, durch einen kühlen Trunk vom furcht⸗ barſten Durſte befreit, ſaß ich kurze Zeit nachher in den weichen Polſtern der Pariſer Karoſſe, und langſam fuhr man mich, gleich einem fürſtlichen Gefangenen zurück bis zu den Höhen bei Belle Alliance, wo Kaiſer Napo⸗ leon ſelbſt ganz in meiner Nähe im Kreiſe ſeiner Mar⸗ ſchälle vom hohen Schimmel herab Befehle ertheilte M 279 und mit dem düſtern Blicke des tief liegenden Auges das große Tagewerk der Schlacht lenkte und ordnete, und unbewegt durch den Wechſel der Blutſcenen, uner⸗ ſchüttert durch die wachſenden Leichenhügel, wo die Hoff⸗ nung und der Stolz von tauſend glücklichen Vätern, wo die Liebe und Sorgfalt von tauſend zärtlichen Müt⸗ tern durch eine Stunde des Uebermuths und verbreche⸗ riſcher Herrſchſucht zertreten wurde, den höchſten Wurf des Schauerſpiels wagte, bei dem Menſchenleben der Spielmarke gleich galt, und Völkerglück der leichtfertig gemachte Einſatz war. Das Schickſal hatte mich in eine ſeltſame Situation verſetzt. Bequem ſaß ich, wie ein vſtindiſcher Nabob, zwiſchen weichen Polſtern, die mir von dem Lurus der Pariſer Stadt erzählten; aus der Kryſtallflaſche eines Todfeindes meines Volks ſchlürfte ich Erquickung und Heiltrunk; der alte Kammerdiener des feindlichen Füh⸗ rers kam oft zum Wagen geritten, und erkundigte ſich mit Freundlichkeit nach meinen Bedürfniſſen, und ſo be⸗ quem, wie Napoleon ſelbſt, vermochte ich aus meinem ſichern Verſteck die Schlacht und die Ereigniſſe des Tages zu überſehen, da außer einigen Feldkarten, meh⸗ ren Tagsbefehlen und Ordren, außer einem Portefeuille und Neceſſaire, auch ein treffliches Fernrohr ſich auf dem Rückſitze der Karoſſe vorfand. Die große Wagen⸗ uhr zeigte auf Vier, aber die Wolken von Pulverdampf verwehrten meinem ängſtlich ſuchenden Auge lange den Hinblick auf den Ort, wo meine Seele war, und ich gedachte aller meiner armen Gefährten, die wund, wie ich, kein ſo ſicheres Bett gefunden hatten. Ein eigener, weithin knatternder Donner weckte meine Aufmerkſamkeit; das konnte nur congreviſches Raketenfeuer ſein; den .——* 2 280 beſondern, ſchauererweckenden Schall dieſes Geſchützes kannte mein Ohr zu gut. Ein ſcharfer Strichwind faßte plötzlich den Pulverdampf und hob die weißgrauen Maſſen und wälzte ſie nach Braine la Leud zu. Schar⸗ lachrothe, glänzende Haufen wurden mir ſichtbar; Hou⸗ gemont und mein Golgatha, la Haye Sainte, war wie⸗ der erobert; weit breitete ſich die rothe Linie vor dem Gehölze des Waldes von Soignes aus, und ſchien ſich herab zu bewegen von jener lind ſich ſenkenden Hügel⸗ fläche. Wie jauchzte mein Herz, wie klopften alle meine Pulſe, und in den Kreis, der den Feldherrn der Fran⸗ ken umgab, kam eben jetzt auch ein beſonderes Leben. Hin und her galoppirten die ſchlanken Ordonanzreiter, und die furchtbarſte aller Kanonaden, welche je mein Ohr gehört, begann auf dem ganzen Felde; Himmel und Erde ſchien im Kampfe um die Weltherrſchaft; alle Elemente ſchienen losgelaſſen vom Herrn der Schöpfung; der Boden bebte, mein Wagen ſchwankte wie bei den Erdſtößen in Portugal, und ſelbſt die muthigen Roſſe hielten die Ohren geſenkt, ſchaueten ſcheu mit rollenden Augen umher und ſchäumten vor Furcht und innerm Erbeben. Ich befand mich am Rande eines Höllenpfuhls, deſſen Dunkel undurchdringlich blieb, und die Meinigen und die gerechte Sache dem Richter über den Sternen empfehlend, lehnte ich mich zurück, und verſank in jene Trägheit der Seelenkräfte, die in einer ſo hülfloſen und thatberaubten Lage, wie die meinige war, das menſch⸗ liche Weſen gewöhnlich zu umgarnen pflegt. Der an⸗ haltende Geſchützdonner betäubte meine Sinne mehr, als er je gethan, wenn ich kräftig theilnehmend mitten unter den Feuerſchlünden focht, und mein Auge ſtarrte gedankenlos vor ſich hin in den engen Raum des 281 Wagens. Mechaniſch folgte meine geſunde Hand den Blicken, und faßte hier ein Papier und wieder eines, gedankenlos die militäriſchen Floskeln der Befehle muſternd; auch die elegante Brieftaſche lockte meine Neugierde und als ich ſie zur Hand nahm, fand ich darunter, vom General vergeſſen, die reichſte Tabatiere von köſtlicher Arbeit und Steinbeſatz. Sie lag verkehrt, und ich wandte ſie um, das Meiſterwerk des Juweliers genauer zu betrachten. Welch ein Anblick überraſchte mich! Gefaßt in einen Demantenkranz fand ich ein weibliches Portrait, welches ſofort auf die ſeltſamſte Weiſe mein Gemüth bewegte, mein Blut entzündete und augenblicks einen ſolchen Eindruck auf mich machte, daß ich das brennende Auge nicht wegziehen konnte von dem zarten Gemälde, und trotz meiner Verblutung jeden Puls laut pochen fühlte, und die Wallung der fiebern⸗ den Empfindung auf meinen blaſſen Wangen ſo deutlich empfand, als hätte ein ſpöttelnder Freund mir den Spiegel vorgehalten. Das Miniaturbild ſtellte ein Frauenzimmer vor im höchſten Reiz der Blütejahre, doch war dieſem Schmucke wahrhaft idealer Schönheit etwas ganz Beſonderes und Fremdartiges beigemiſcht. Das waren nicht die beweglichen feinen Züge, nicht das flinke, feuervolle Auge der Franzöſin; das war nicht das herriſch ſtolze Antlitz mit dem runden Nachtauge voll Heimlichkeit, wodurch die Arragonierin, wodurch Madrids Damen den Nordländer bezauberten und die Dolche der Eiferſucht vergeſſen machten; das war nicht der ſchlanke Wuchs der Hindin Schottlands, nicht die feine durchſichtige Glanzhaut, dem Meeresſchaume ähn⸗ lich, nicht das zarte, aber kalte Dianengeſicht, welches die Engländerinnen auszeichnet. Von allen fand ich 282 das Schönere, aber Alles veredelt, vergöttlicht, möchte ich ſagen, und die Erinnerung führte mir Griechenlands Jungfrauen vor, wie ich ſie auf früheren Reiſen geſehen, und die Meiſterwerke griechiſcher Kunſt ſchienen mir von dieſem Bilde ihr Modell genommen zu haben. Die Züge des Portraits waren rein ausgebildet, ohne Härte und Schärfe; in der geſtreckten Naſe, in dem gewölbten Munde lag etwas Kräftiges, Kühnes, jedoch zugleich Jungfräulichkeit und Weiche. Der ſchwarze Augenſtern unter der hoch gezogenen ſtarken Braune ſtieß ab durch einen Ausdruck von Hoheit und Seelengröße, die eine weite Scheidewand erhob zwiſchen dem Originale und dem kecken Beſchauer, zog aber zugleich an durch einen Schimmer von Schwärmerei, der unverkennbar zwiſchen den Bögen der Stirn ruhete, die ſich faſt begrenzten ohne Zwiſchenraum. Und zu dem Allen trug eine reiche Fülle dunkler Glanzlocken, einer Juno ſchön geformter Hals und die Bruſt einer Cypris die Vollendung weib⸗ licher Grazie und weiblicher Vollkommenheit in das Bild. Ich hatte viele Frauen und Jungfrauen Europa's der genauen Muſterung werth gefunden, aber ſolch ein Weib war mir nirgends begegnet, und das Jugendliche des Bildes, eine Verſchämtheit, die trotz allem, was auch meiner Beſchreibung widerſprechen möchte, das Ganze wie ein Thauflor den Frühlingsanger über⸗ ſchleierte, ließ mich in ihr die Jungfrau, die Unver⸗ mählte vermuthen, indeß zugleich einzelne Züge mich an das Geſicht des Generals La B..... erinnerten, und mir den Glauben befeſtigten, in dem Doſengemälde mit höchſter Wahrſcheinlichkeit das Bild der Lieblings⸗ tochter des franzöſiſchen Kriegers gefunden zu haben. Meine Sinne umfing eine nie empfundene Trunkenheit, 283 als hätte der Stab der Circe mein Haupt berührt, mit dem Unterſchiede, daß ich nicht, wie die Gefährten des Dulders Odyſſeus, die Menſchennatur in eine thieriſche verwandelt fühlte, ſondern alles Geiſtige in mir plötzlich das Thieriſche überbrauſete, gleich dem gasreichen Bro⸗ delbrunnen, wenn plötzlich das verſchließende Geſtein von ſeinem Quell geräumt wurde. Mag man es faſt unglaublich finden,— und was iſt unglaublich und unmöglich in dem wunderſam conſtruirten Gebilde des menſchlichen Weſens?— ich hatte in dieſen Minuten Alles vergeſſen, was mich ſo eben erſt berührte; der furchtbare Donnerhall von vielen hundert losgebrannten Todesgeſchoſſen erſchütterte mein Oht nicht mehr, ich fühlte mich entrückt von der blutbegoſſenen Schreckens⸗ flur; der Gefangene, der Verwundete war ein glücklicher Schwärmer in der Feenwelt der Ideale, und die Karoſſe, in der gewiß auch ſie geruht auf mancher Morgenfahrt, däuchte mir eine Oberonswolke, welche mich ſofort ge⸗ rade vor den Palaſt, in dem ſie wohnte, tragen mußte. Liebe Thorheit ſeelenberauſchender Momente, was wäre ohne dich die Erdenwallfahrt mit ihren Armſelig⸗ keiten, ihren Härten und ihrer jammervollen Qual, die ſich nur um ein trübſeliges Centrum dreht, ſiebzig Jahre hindurch, um die Erhaltung der oft ſo werthloſen Exiſtenz!— Aergerlich faſt fuhr ich aus meiner Träumerei durch ein neues Gelärm, welches dicht um meinen Sitz ſich erhob, und mein Auge von der Beſchauung des lieblich⸗ ſten Portraits fortriß. Der franzöſiſche Uſurpator war ganz in meine Nähe gekommen; ſein ſchlichtes Aeußere mitten unter der glänzenden Umgebung, der kleine Hut, der unſcheinbare Oberrock, das charaktervolle, gelbliche 284 Antlitz zeichnete ihn für Jeden, der ihn auch nie vor⸗ her erblickt, trotz ſeiner unanſehnlichen Geſtalt, als Held des Tages aus. Zwei Reiter ſprengten zu ihm heran und ihr Ruf war es, der mich vom Himmel zur Erde gewaltſam und unwillkommen niederriß. „Der Marſchall Grouchy iſt da, Sire!“ rief der Erſte, Freude im Geſicht und mit leuchtenden Augen, als brächte er ein Evangelium.„Von Ohain her marſchirt ſeine Colonne herab, und wird ſofort ſichtbar werden.“ —„Triumph! Mein Kaiſer!“ ſtieß der Zweite hervor aus athemloſer Bruſt, um auch ſein Theil der Huld vom Vergötterten zu empfangen.„Triumph! Die Bezwinger des ſchwarzen Adlers nahen, um auch den engliſchen Leopard bezwingen zu helfen; Sire, meinen Glückwunſch zu dieſem zweiten, herrlichen Krönungstage.“— Der Kaiſer verzog keine Miene, er richtete ernſt ſein Fernrohr auf die beſprochene Gegend. Kalt wandte er ſich dann zu Caulaincvurt, dem Düe de Vincence.„Die Tete der Colonne wird ſichtbar an der Waldhöhe,“ ſagte er.„Das ſechste Corps ſoll aus der Reſervelinie vor⸗ rücken; ſechszehn Bataillons Garde ihnen nach zum Hauptſturme; die Küraſſiere Nanſoutti's in das dritte Treffen zur Verfolgung ohne Raſt. Wir werden in Brüſſel ſchlafen, und dieſer ſtolze Irländer mit ſeinen tollkühnen Schotten und mit ſeinen kaltblütigen deutſchen Quarrés ſoll nicht Schlaf und Porterkrug finden, und wenn er ſich in die braunſchweig'ſchen Betten ſeines friedloſen Herrn verkröche. Leipzig und Elba muß ver⸗ geſſen werden, gelöſcht werden auf der Geſchichtstafel ehe denn dieſe Sonne hinter Englands Ufern nieder⸗ taucht.“— Alle Pferde der Eskorte des Feldherrn kamen in Bewegung, die Befehle fortzutragen; aber ein dritter —— 285 Reiter, bleichen Geſichts und ſchweißbedeckter Stirn rauſchte wie ein böſer Genius zwiſchen dem jubelnden Haufen und ſein fernher gehörter Ruf:„Ein Irrthum herrſcht! Nicht der Marſchall iſts, ſondern Blücher und das preußiſche Heer! Sie überflügeln unſere Flanken ſchon!“— hlielt die Zügel aller Ordonanzen an und wandte alle Roſſe zurück, alle Geſichter hin zu dem Abgotte, von dem in jeder Nothſtunde Rettung und Glück ausgegangen. Der Kaiſer blieb unerſchüttert, aber jetzt kam Leben in die ſtarren Züge des ſteinernen Antlitzes, das Auge ſchoß Blitze, und was nie das Glück gekonnt, vermochte das unglücklichſte Ereigniß immer bei ihm, wie es bei außerordentlichen Menſchen meiſtens der Fall iſt, gerade als Zeugniß und Charak⸗ terzug ihrer Ungewöhnlichkeit. Er zog den Degen und ſetzte ſich höher im Sattel, indem ſein funkelndes Auge zugleich die Rauchwolken zu zertheilen ſuchte, und wie die Sonne, welche über Nebeln aufgeht, weithin ſtrahlte. „Die Stunde iſt da!“ rief er mit ſichtlicher Kriegesfreude. „Wir ſiegen auch ohne den nachläſſigen Grouchy! Das ſechste Corps gerade auf Planchenoit den verhaßten Berlinern entgegen. Meine braven Garden Bajonett aufgepflanzt gerade aus auf Wellingtons Centrum. Die Kavallerie der Reſerve zum Einhauen dicht hinter den Muskadins von Frankreich.“— Die Adjutanten flogen, Napoleon wandte ſeinen Schimmel, und der glänzende Haufen rauſchte wie eine Adlerbrut, die vom Horſt aus⸗ fliegt auf das Beutefeld an mir vorüber vorwärts von Belle Alliance. Furchtbar und faſt betäubend ward von da an das Getümmel, welches den Wagen umgab. Von allen Seiten ſchmetterte Kriegsmuſik. Die franzöſiſche Infanterie, — 286 die bislang dicht an der Chauſſee in Ruhe geſtan⸗ den, marſchirte rechts an mir vorüber im Geſchwind⸗ ſchritt auf Papelotte zu, den Preußen entgegen; links ſtürzten faſt die zahlloſen, prachtvollen Grenadiere neben dem Wagen vorbei, Kraftmänner unter der rauhen Mütze, denen man auf den bärtigen Geſichtern den Drang der Herzen las, auch für ihren Adler Ruhm zu holen auf dem Siegesfelde, das ſie ſo lange nicht be⸗ treten hatten, und das ihnen ſonſt das tägliche Arbeits⸗ und Feſtfeld geweſen war. Allgemein wurde jetzt die Schlacht. Ich ſah die einzelnen Kolonnen des Brennen⸗ heeres ſich entwickeln auf den terraſſenförmigen Plateaus hinter Papelotte; wie zur Parade aufmarſchirt, erhob ſich ein Corps hinter dem andern, und erlaubte den Ueberblick auf die ganze herrliche Kriegermaſſe, für die Meinen dadurch erhebend und ermuthigend, für die Feinde des deutſchen Namens dadurch zwiefach dräuend und niederſchlagend. Mein Herz pochte heftig; laut auf hätte ich jauchzen mögen, und meine Wunden brannten ſtärker, und der Mißmuth, nicht in jenen Linien ſtehen zu können, erwachte aufs Neue, und die Hand mit der merkwürdigſten aller Doſen ſank unbeachtet auf mein Knie hinab. Ich ſah das niederländiſche Dorf beſtürm⸗ men, ſah es in Feuer aufgehen, nehmen und wieder verlieren und wieder erobern; mit friſcher Gewalt rollte der Kriegesdonner rund um, aber ein Sturmſtoß, der einer Gewitterwolke voran rauſchte, hob plötzlich das graue Bahrtuch des Pulverdampfes von den tauſend zer⸗ ſchmetterten Leichnamen, und der höchſte Jubel begeiſterte meine Seele, denn ich erblickte die ganze Linie meiner Landsleute im Angriffsmarſche herab auf Belle Alliance zu. Doch kaum hatte die Freude meinen ſchwachen en die de nd uf ten en er ein der llte der as er rte ner nce 287 Körper hoch aufgeriſſen am Wagenſchlage, ſo ward das Getümmel um mich wiederum anderer Art und wechſelte chameleontiſch zum dritten Male die Farben. Ohne Ordnung flüchtete zahlloſes Fußvolk zurück; bald miſch⸗ ten ſich einzelne Grenadiere dazwiſchen, bluttriefende Reiter ſprengten unbedacht und was im Wege ſtand, überjagend durch das ordnungsloſe Gedräng. Vout perdu! sauve qui peut! tönte von hundert heiſern Stimmen hier und dort und überall, wie ein ſchauriges Echo aus der Hölle des Verderbens. Ich ſah das Schönſte, was ein altengliſches, was ein treudeutſches Herz erblicken konnte, ſah die wirre, chaotiſche Flucht der trefflichſten Armee der ſtolzen Francia, ſah den Welteroberer mit düſterer Stirn und geballten Fäuſten knirſchend ſich in ſeinen Wagen werfen, und im ſauſen⸗ den Galopp auf der Chauſſee nach Genappe verſchwinden. Nur vier Bataillons alter Garde ſchritten langſam, geſchloſſen wie eine Spartanerphalanx, auf den Platz zurück, wo ſie den angebeteten Führer vermutheten, der längſt die ächten Söhne des Mars im Stich gelaſſen; mit herrlicher Todesverachtung ſahen ſie die engliſche Leibgarde herantraben; das Hagelwetter der ſtürmenden Kartätſchen, welches ſie niederſchlug wie goldſchwere Aehren, irrte ſie nicht; als ich aber hingeriſſen die Thaten des wackern, todgeweihten Soldatenhaufens be⸗ ſtaunte und mich vorbog aus dem Schlage, peitſchte auch mein Kutſcher plötzlich auf ſein Geſpann; die Selbſterhaltung überwand bei ihm das Pflichtgefühl, ſeinen Herrn zu erwarten, und im Windesfluge raſſelte auch meine Karoſſe den kaiſerlichen Equipagen nach, mitten hin durch das ſchreckliche Gewühl einer flüchtigen Armee, unbarmherzig hin über Verwundete, die kraftlos 288 auf der Straße niederſanken, gefühllos niederreißend mit zermalmendem Rade den glücklich der Schlacht Ent⸗ ronnenen, den das Gedränge in die Mitte der Straße ſtieß. Welch ein Geſchick! Hinter mir der Sieg bei meinen Fahnen, und ich ein Fluchtgenoß der Feinde, ein gefan⸗ gener Sieger, und ohne Hülfe, ohne Mittel der Rettung, vielleicht ein Opfer ihres Grolls, eine Sühne ihres böſen Schickſals, oder immer doch ein Theilnehmer ihres Schimpfes, ein mißhandelter Genoß ihrer Bedrängniſſe. — Rathlos lehnte ich mich zurück in die Polſter, denn ich erkannte die Gefahr, meine Uniform dieſen Flücht⸗ lingen ſehen zu laſſen, deren Gewehr noch die Kugel, beſtimmt für eine engliſche Bruſt, in ſich trug, deren Säbel noch feucht war von deutſchem Blute. Wir kamen nach Genappe, aber hier ſtockte der unbeſonnene Wett⸗ lauf. Schweres Geſchütz, Karoſſen des Kaiſers und ſeiner Großen, Marketenderkarren und Pulverwagen ſperrten in furchtbarer Unordnung die Straße; das Murmeln und Geſumſe der flüchtenden Soldaten wurde ein weithin tönendes Nothgeſchrei, und der Menſchen⸗ ſtrom, im immer wachſenden Gedränge wogend gegen den unbezwinglichen Wall der Wagenburg, theilte ſich in zwei Arme, und brauſete rechts und links in die feuchten und tiefen Ackerfelder hinaus. Bald wurde mir die Haupturſache der ſteigenden Bedrängniß meiner Feinde kund; deutſche Fluchworte erklangen hinter uns näher und näher heran, Säbelhiebe klirrten, und allenthalben tönte der Erbarmensruf: pardon! et bon quartier! zwiſchen dem rauhen Gelächter der Sieger, und dem Feldgeſchrei:„Blücher und Gneiſenau!“ das mir wie Engelsſtimmen vom Himmel erſchallte. Welche Partie — — — 289 nehmen? war jetzt die Frage; mein Aufenthalt gehörte zu den Beuteſtücken der Verfolgenden; mechaniſch ver⸗ barg ich das Portefeuille des Generals und die liebe Tabatiere unter meiner Kleidung, und kaum hatte ich in unbeſtimmter Abſicht dieſes fremde Gut geborgen, ſo umringte ein Dutzend bärtiger Huſaren meinen Wagen, und ein krausbärtiger preußiſcher Wachtmeiſter dräuete mit dem krummen Sarras am Schlage, und ſein Macht⸗ ſpruch: Heraus, Herr Franzos, er iſt ein Priſonnier! ſprach mir das Rettungswort.— Dank euch, brave Kameraden! rief ich hinaus. Ich bin ein engliſcher Kapitän, bleſſirt und gefangen am Morgen. Gebt mir Mittel, zurückzukommen, und ich räume euch den Platz und das prächtige Beuteſtück.— Verwundert umringten die ſchlanken Söhne der Spree den Wagen und ſchauten mit dem Geſicht unangenehmer Täuſchung in den Schlag, den ich aufgeſtoßen. „Sie tragen freilich engliſche Schärpe, und allen Re⸗ ſpekt vor dem Jock des Königs Georg, aber heraus müſſen Sie doch,“ erwiderte der Unteroffizier mit barſcher Stimme;„denn der Wagen gehört mir und meinen Bur⸗ ſchen. Aber gib das Beutepferd her, Eberhard, der Herr wird's bezahlen, und es taugt ſo nicht für einen Huſarenſattel.“ Zum Glück war ich nicht geplündert; ſo reichte ich meine Geldbörſe hinaus, und ein junger Huſar half mir artig herab von meinem Sitze, ſchob mein grünes Beutelchen zurück, indem er lächelnd ſagte: Behalten Sie nur! heute bezahlt Bonaparte die Zeche! und hob mich kräftig auf ein Küraſſierpferd, das er am Zaume geführt, und mit wilder Begier durchſuchten die blauen Dolmans jetzt das Innere der Karoſſe, zufrieden geſtellt Blumenhagen. I. 19 290 durch den reichen Inhalt derſelben, der nicht in Pomade⸗ büchſen und Riechfläſchchen und Pudermänteln beſtand, wie in den Offizierswägen bei Roßbach, aber der koſt⸗ baren Gold⸗ und Silberſtücke genug enthielt, um zu bezeugen, daß der franzöſiſche Lurus und Bequemlich⸗ keitsſinn in hundert Jahren nur die Formen verändert hatte. Eine neue Schwierigkeit bot der Rücktritt dem Verwundeten. Die preußiſchen Reiter überſchwemmten alle Wege, unermüdlich jede feindliche Uniform verfolgend. Ihre friſchen Pferde gaben ihnen den Vortheil, die un⸗ ermeßliche Beute ſich anzueignen, die für die ermatteten Krieger des engliſch⸗hannoverſchen Heeres verloren ging; doch wir hatten die größte Hälfte des Ruhmes, und das Höchſte war gewonnen: die Rettung des Vaterlandes, und die vollkommenſte Zernichtung der titaniſchen Welt⸗ verwüſter für immer.— Auf Feldpfaden ſuchte ich mit meinem fremden Rappen die Gegend nach Brüſſel hin zu gewinnen; glücklich erreichte ich das Schlachtfeld, warf einen Blick auf die gräßliche Fläche, die den un⸗ beſchreiblichen Anblick des Entſetzlichſten darbot, auf welches die Dämmerung niederſank, um die empörend⸗ ſten Bilder des höchſten menſchlichen Jammers dem Auge des Empfindenden zu verſchleiern. Soldaten meines Ba⸗ taillons kamen mir zu Hülfe, und von ihnen geſchützt, erreichte ich die Stadt voll Jubel und Wehklagen, ge⸗ füllt mit Tauſenden zerfleiſchter Ehrenmänner, welche die geſchenkte Rettung mit Schmerz und Leben bezahlen mußten. Einige Monden waren verfloſſen. Völlig hergeſtellt begrüßte ich das Leben neu und machte mich zum Dienſte = t, e che Ut ſte 291 fertig. In dem Hauſe derſelben niederländiſchen Edel⸗ dame, welche dem todtwunden, hannoverſchen Major Schenk ſeine letzten Schmerzesſtunden verſüßte und ihm die Augen zudrückte, und mit der Thräne der zarteſten, reinſten Seelenneigung ſeine dunkele Locke näßte, hatte auch mein Glück mir die aufmerkſamſte Pflege geſchenkt, und mein unverwüſtlicher Körper die alte Stärke, die Wange die alte Friſche der Geſundheit gewonnen. Das Portrait der Pariſerin leiſtete mir freundliche Geſellſchaft in den langweiligen Tagen der Geneſung. Wie einen dem Verderben entriſſenen Schatz bewahrte ich es, und ließ es nicht von mir, und als die traurigen Monate vorüber gegangen, ſchien es mir das Bild einer lieben Bekannten, einer Schweſter. Die Gewohnheit hatte mich mit dieſen Zügen, mit dieſer Geſtalt ſo befreundet, daß eine heiße Sehnſucht mich unbezwinglich nach der Hauptſtadt Frankreichs zog, daß ich träumte, Angeline — den Namen fand ich in Brüſſel fein gravirt in dem Innern des Deckels der Doſe— Angeline müſſe mir ſchon an der Barriere von Paris in die Arme fliegen, und das gerettete Bild, das köſtliche, unſchätzbare Pfand auslöſen mit dem koſtbareren, unſchätzbareren Originale. Meine Ordre traf ein, meine Feld⸗Equipage ward ge⸗ packt, ohne Aufſchub reiste ich ab, und der Ritt bis zu den Grenzen der Stadt der Galanterie und Sinnlichkeit, bis zu dem Tempel der Geſellſchaftsbildung und Mode⸗ göttin, die Jahrhunderte lang Nachäffer fand in allen Zonen, und mit dem Fächer der Damenwelt dem ganzen Europa Geſetze vorſchrieb, kam mir vor wie eine Schneckenreiſe, die kein Ende nehmen wollte.— Die letzten Tage des Majors Schenk beſchäftigten meine Phantaſie, wenn mein Auge ſich mit Unmuth abwendete 292 von der Militärſtraße, zu deren Seiten mir nur zu oft vandaliſche Verwüſtung, von den Händen meiner Kampf⸗ genoſſen vollführt, in die Augen fiel. Ich ſah die treue Samariterin, die reizende Tochter des reichen Brüſſel, wie ſie, ergriffen von wunderſamer Liebe für den bluten⸗ den Fremdling, ihre Tage, ihre Nächte ihm opferte, wie ſie betend kniete an ſeinem Bett, wenn der Fieberſchlum⸗ mer ihn umſponnen hielt, und wie ſie das Unmögliche mit gläubiger Inbrunſt von dem Gotte der Allmacht erflehete. Ich gedachte ihrer glühenden, Alles opfernden, Alles vergeſſenden Neigung, von welcher bezwungen, ſie ihr jugendliches Leben an den Sarg feſſelte, prieſter⸗ lich ſich binden ließ an den Sterbenden, und glücklich in dem Traume, ſeinen Namen zu führen bis zum ewi⸗ gen Wiederſehen, zum thränenbegleiteten Jaworte den Schwur hinzu that: Nimmer einem andern Erdenſohne anzugehören! Ich gedachte ihrer wunderſamen Seelen⸗ ſtärke in des Majors Sterbeſtunde, und das Bild, wie ſie ihm den letzten Kuß auf den kalten Mund drückte, dann mit dem lang flatternden, ſchwarzen, undurchſichti⸗ gen Wittwenſchleier ihre ganze Geſtalt überdeckte und wie eine Bewohnerin der Grüfte, wie eine zum Tode gehende Veſtalin zu ihrem Geheimzimmer hinſchritt, und den Riegel hinter ſich vorſchob, ſtand immer neben der Herrlichen, deren Portrait auf meinem Herzen ruhete. War es auch mir beſchieden, ſolche Seelengröße in dieſer himmliſch⸗irdiſchen Hülle zu finden? Lag es nicht im Felde der Unmöglichkeit, dieſes Götterweib zu gewinnen, wenn ſie gefunden? Und durfte ich hoffen, ſie zu finden, ſie zu finden frei, unvermählt? Durfte ich, der Fremde, der Feind, der Bezwinger ihres Volks dem Gedanken der Werbung um ſie in mir pflegen? Durfte ſch glauben ——— n, 293 an ihre Hingebung, an ihren Beſitz?— Je näher ich dem Ziele kam, deſto muthloſer wurde mein Herz; einen Weltbezwinger vom Throne zu ſtoßen, mit dem einzelnen Degen ihn aus der Mitte ſeiner Leibgarden heraus zu zwingen, war oftmals ein kühn gefaßter, furchtlos aus⸗ gemalter Vorſatz der jungen Seele geweſen; hier jedoch erlahmte der Männermuth, und je mehr ich das liebe Portrait betrachtete, auf franzöſiſchem Boden weiter trabend, deſto fremder und kälter wurden mir die lieb⸗ lichen Geſichtszüge.— Verwogen und thöricht erſchienen mir die Wünſche, die mein Herz ſo heiß und ſelig groß gezogen. Was konnte ich dem Range meiner Dame, was den Anſprüchen, auf welche Schönheit, Jugend und Reichthum ſie hinwieſen, in die Wagſchale werfen? Ich ſtammte aus einer der älteſten Familie des Hochlandes, der Name O'Neal war in die bedeutendſten Tafeln der Geſchichte Großbritanniens mit unauslöſchlichen Buch⸗ ſtaben eingeäzt worden, meine Verwandten führten die erſten Titel des freien Inſellandes; aber ich ſelbſt war ein Cadet meines Stamms, ohne Vermögen, ohne Hoff⸗ nung auf reiches Erbe; mein Name, mein Degen, mein Herz, und der auf der Peninſula erworbene Waffenruhm waren die Schätze, die ich der Huldin zu bieten hatte. — Trübe wurde durch alle dieſe Betrachtungen das Licht in meiner Seele, welches ſonſt ſo hell und keck mir ge⸗ leuchtet hatte durch fremde Welt und durch immer neu erwachſende Kriegsgefahr, und das Nebelwetter, welches kalt und ſcharf meine letzten Reiſetage umwob, ſtimmte zu meinen Empfindungen. So ritt ich wenige Meilen von der eroberten Haupt⸗ ſtadt, mit dem Sinken des Tages auf der Straße fort, und trieb den Rappen nicht mit ſcharfen Sporen aus Winkel des Wagens; verſchleiert erregte ſie den Zweifel, 294 ſeinem geſetzten Schritt, denn mich däuchte ſeit den letzten Tagen, ich käme immer noch zu früh an das Ziel, wo ein Wort alle meine Träume zerſtieben konnte. Da ſah ich zur Seite ein franzöſiſches Bauerhaus in Flammen aufflackern, einige Schüſſe fielen, und ein Nothgeſchrei tönte dazwiſchen. Raſch drehte der Zügel den Kopf meines Pferdes, und über den ſeiner Frucht beraubten Weizen⸗ acker ging es querfeldein dem Brande zu. Zwiſchen einem halben Dutzend ärmlicher Hütten tobte ein Haufen niederländiſcher Schützen umher; ihre Kolben mißhandel⸗ ten einen Greis, ihre Fäuſte fielen ſchwer auf flüchtendes Weibervolk. Eine dichte Hecke ſchnitt mich ab von dem Schauplatze ſoldatiſcher Verirrung; indem ich an der grünen Schranke hinab jagte, und jetzt um das Ende der Umzäunung bog, traf jedoch eine höhere Bedrängniß mein Auge. Ein ſtattlicher Reiſewagen ſtand im Feld⸗ wege; einige Soldaten hielten die Kopfgeſchirre der Pferde gepackt, andere drängten ſich drohend an die Chaiſe, in welcher zwei Frauenzimmer, wehrlos, dem Schlimmſten, was dem ſchönen Geſchlecht begegnen kann, ausgeſetzt ſchienen. Der Tracht nach waren Beide vor⸗ nehmerer Klaſſe angehörig; die eine ein zartes Weſen mit einem lichtbraunen Engelsköpfchen widerſetzte ſich mit echt franzöſiſcher Beweglichkeit den rohen Fäuſten, die nach ihr griffen, und ihr Züngelchen ließ mit be⸗ wunderungswürdiger Geläufigkeit ein Gemiſch von Bitten und Beſchwörungen, von Zornworten und Drohungen über die zarten Roſenlippen ſtrömen, und die lilienweiße Hand ſcharmuzirte wie ein Fechtmeiſterrappier vor den gelbbraunen Geſichtern der Schützen hin und her. Die andere Dame ſaß dagegen ohne alle Rührung im hintern S ——— 295 ob ſie todt oder ohnmächtig dem Schreck erlegen; ihre Hände waren wie in Ergebung gefaltet über der vollen Bruſt, und nur ein Zucken der Arme that ihre Theil⸗ nahme kund, ſo wie die Noth durch einen andringenden Kriegsmann neu vermehrt wurde. Ohne Bedenken zog ich den Säbel; unter Wellington's Führung gewöhnt von früh an, die Ausſchweifungen des kriegeriſchen Ueber⸗ muthes zu haſſen, ſpornte ich mein ſtarkes Thier mitten in das Gedräng, und des Rappen Bruſt warf die Be⸗ dränger zurück, und als ich ihn parirte, hielt ich, als ernſte Scheidewand zwiſchen den Damen und den Nieder⸗ ländern.„Seid ihr reguläres Kriegsvolk oder verachtete Marodeurs,“ rief ich zornglühend,„daß ihr die Waffe, die in dem ehrlichſten Kriege Ruhm erwarb, gegen Wehrloſe und Weiber kehrt, kein Gebot der ſtrengen Feldherrn achtend, und nicht die Kugeln des Kriegs⸗ gerichts? Zurück! Wer noch eine Hand ausſtreckt, den macht mein Säbel untüchtig, je wieder den Hahn zu ſpannen.“— Ein wildes Gemurmel umſummte mich gleich dem Gebraus eines gereizten Bienenſchwarms; mehre Flintenſchlöſſer knarrten, und einige Büchſenläufe richteten ſich dreiſt auf mich. Ein älterer Soldat, am Arme durch den Korporalſtreif ausgezeichnet, ſchlug die Flintenläufe zurück und trat vor den Kreis, finſter die Augen auf mich gerichtet.„Ruhig, Burſche,“ ſprach er, der Herr iſt ein engliſcher Offizier, und wird uns Recht geben, weiß er Alles.“—„Irre dich nicht, Kriegskamerad,“ entgegnete ich heftig;„Mordbrand und Mißhandlung kann nie mit dem Recht beſtehen; und du vor Allen biſt ſtraf⸗ bar, denn du wurdeſt geſetzt, Ordnung zu halten, und nicht die Schande der Verwilderung und des Unfugs deiner Leute zu theilen.“— Der Korporal zog ſeinen 296 Schnurbart höhniſch über den Mund herab.„Mein Haupt⸗ mann meint anders,“ lachte er.„Revange für lange Jahre des Schimpfs zu nehmen ſind wir zum zweiten Male hier eingerückt, und der alte Blücher ſelbſt hat geſchworen, der Franzmann ſolle uns nicht noch einmal ſo auf der Naſe ſpielen, wie bei dem erſten Siegeszuge in die Pariſerſtadt. Aber was jetzt geſchah, iſt nichts von einem Marodeurſpaße, wie der Herr zu glauben beliebt. Zwei gute Kameraden ſind heute hier in dem Bauerneſte mit Meſſerſtichen ermordet gefunden; und ſuchen wir die treuloſen Mörder, ſo iſt das ein Akt der Gerechtigkeit, und der Marſchall Vorwärts, ja ſelbſt unſer Prinz, könnte dabei nichts zu erinnern finden. Die Männer und Burſche flüchteten, wir nach, und der Feuerbrand ſollte die Verſteckten aus der verrammelten Scheune her⸗ vorhetzen. Ein Herr, der dieſen Wagen begleitete, ſchoß ſein Tezerol auf uns ab und iſt davon geſprengt, Suceurs aus den nahen Dörfern zu rufen. Iſt es jetzt ungerecht, daß wir uns ſeiner Damen als Geiſel ver⸗ ſichern—„Laßt die Frauen frei, ſie haben nichts mit eurem hewerke gemein,“ entgegnete ich, meinen Säbel ſenkend;„und iſt eure Abſicht, nur die Strafbaren einzu⸗ fangen, ſo führe ich ſelbſt als euer Hauptmann eure Chmpagnie, und wenn halb Paris uns entgegen zöge.“ — Ein Huſſa der Schützen begrüßte mich, ich aber rief dem Kutſcher auf Franzöſiſch zu, ſchnell ſeinen Poſtzug anzutreiben, und der zitternde Gascogner ließ ſich das nicht zweimal bedeuten, und hieb ſo kräftig auf ſeine Grauſchimmel ein, daß die Chaiſe in derben Stößen über die holperige Straße fort tanzte, indeß mein Pferd von mir getummelt und in kräftigen Wendungen den Weg verſperrend, denjenigen des Soldatentrupps, die 297 gern die ſchöne Beute behalten hätten, das Nachſetzen verwehrte. Die Erſcheinung eines zahlreichen Haufens bewaffneter Bauern auf dem nächſten Hügel, an deren Spitze ein junger wohlgekleideter Mann zu Pferde ſich zeigte, zog die Aufmerkſamkeit der Niederländer von dem flüchtigen Wagen ab; gehorſam in der Gewohnheit ordnete ſie raſch mein Commandowort, und in Reih und Glied führte ich ſie den Landleuten entgegen. Doch ſchon die erſte Salve zerſprengte den feindlichen Angriffz der elegante Reiter ließ die Seinen im Stich und galop⸗ pirte ſeitwärts ſeiner Karoſſe nach; ein Sturmlauf mit aufgepflanztem Bajonett ſetzte uns ſchnell in den Beſitz des Terrains, und außer einigen Verwundeten, die im Graſe ächzten, gewannen wir ein Dutzend Gefangene, die mein Pferd im Fluchtlauf überholte und abſchnitt, und befriedigt verließ ich meine Kriegskameraden, da ſie die Geiſel der Strafe für die Ermordung der Lands⸗ leute in ihrer Mitte wegführen durften, und ihr Dank begleitete mich, als ich von ihnen ſchied.— Das kleine Abenteuer, ſo gewöhnlich es für den Sol⸗ daten war, hatte meine Stimmung verändert, und weniger im Gemüth bewegt, ritt ich durch die Barriere von Mont⸗Martre in das tumultvolle Paris. Mit erheben⸗ den Triumphgefühlen mußte jeden Krieger der alliirten Armee, jeden Bürger eines andern Staats— denn wel⸗ ches Volk war nicht auf irgend eine Art von dem großen Friedensſtörer beunruhigt worden?— der Anblick erfüllen, welchen die ſtolze Lutetia darbot. Die Weltregentin, die neue Roma in Ketten; überall an ihren Barrieren, an ihren Prachtgebäuden die fremden Wächter, die fremden Farben, die fremden Waffen; hier ſchleppte man aus den Muſeen die geraubten Kunſtſchätze fort und theilte 298 jeder Nation wieder zu, was ihr eigen geweſen durch Jahrhunderte; hier wurden Geſchütz und Fahnen mit mannichfachen Wappen aus den Arſenälen weggeführt⸗ Trophäen aus jenen unzähligen Schlachten, zu welchen der ſchonungsloſe Kriegsfürſt die eitle Jugend des ver⸗ blendeten Frankreichs fortgeriſſen; dort trabte ein eng⸗ liſches Kavalleriegeſchwader durch die breiten Straßen, prunkend im ſchimmernden Soldatenputz, mit raſſelndem Gezeug, und ſtolz die Blicke umher werfend, welche zu ſprechen ſchienen: Wir haben der Welt gezeigt, daß nicht allein die hölzernen Mauern Altenglands unſer Volk groß machen und herrlich, daß auch altengliſches Herz lebt hinter den hölzernen Mauern, und altengliſcher Arm auch auf dem Feſtlande brav thut!— Aber vor Allem, impoſant den Fremden, wie niederſchlagend für jedes Pariſer Gemüth, erſchienen die furchtbaren Kanonen des grimmigen Blüchers, aufgefahren in langer Reihe an den Seine⸗Brücken und vor dem Hotel de Luxembourg, die weiten Schlünde gerichtet gegen die Paläſte der Ge⸗ noſſen und Schmeichler des Weltfeindes, der von der Helena Herrſchſucht verlockt, ſein Troja verloren, und bereits die Reiſe nach einer trübſinnigern, reizloſen Helena angetreten hatte, in deren Armen er ſein freudloſes Grab finden ſollte. Ich überblickte das Alles mit hoch ſchlagendem Her⸗ zen; hatte ich doch mein Theil an dem ſchön gelungenen Werke; aber bekennen muß ich, mein Triumph war nicht voll, meine Freude keine reine, wie ich ſie auf den Ge⸗ ſichtern meiner Kampfgenoſſen las. Nicht die große Welt⸗ begebenheit, nicht das Glück der Menſchheit, welches in ihr neu geboren worden, beſchäftigte meine Seele; ärm⸗ lich und klein dagegen, was mein Herz bewegte, und 299 doch konnte ich nicht davon laſſen, doch erfüllte es ſo ganz mein Weſen, nahm all mein Treiben in Anſpruch, wenn auch oft heimliche Schamröthe mein Geſicht beflog. Der Menſch iſt einmal Egviſt, und der iſt nicht der Schlechteſte, der ſeinen Egoismus frei bekennt und ohne Mantel zur Schau trägt.— Die erſten Tage gingen in Dienſtgeſchäften hin; doch kaum freier geworden, begann ich meine Nachforſchungen nach dem General La B... und ſeiner Familie. Ich durchkreuzte die Straßen Rivoli, de la Pair, Caſtiglione und Vivienne, durchſtrich zehn Male die Chauſſee d'Antin, und beſchauete jeden der ſtattlichen Paläſte, um hinter irgend einer Seidengardine das Ideal meiner Sehnſucht lauſchend zu finden; ich weilte bei dem Eingange des italieniſchen Opernhauſes auf dem Place Favard, um an irgend einer Karoſſe das Wappen zu erkennen, wel⸗ ches von dem Etui her mir unvergeßlich geblieben. Ich ſaß jeden Mittag unter den Alleen des Palais⸗Royal und muſterte die bunte Damenwelt. Meine Mühe war eine vergebliche, und ich mußte mich entſchließen, auf gewöhnlichere Weiſe, von der ich bislang durch einen beſondern innern Zwang abgehalten worden, meine For⸗ ſchung fortzuſetzen. Aber auch dieſe Art, wie ſeltſam es mich immer däuchte, wollte mich nicht zum Ziele führen. Ich fragte einen ſchlanken, wohlgebildeten Mode⸗ händler, der mit einer großen weißen Cokarde am Hute vor ſeiner Ladenthüre lehnte und einem preußiſchen, zur Revüe marſchirenden Huſarenregimente mit trüben Augen und gedankenſchwerer Stirn nachſah, wo ich die Woh⸗ nung des Generals La B..finden möchte. Ein ſichtlicher Schreck verbreitete ſich über die feinen Züge des jungen Pariſers.„Verzeihung, mein Herr,“ ſtammelte er,„ich der ich meine Knabenjahre verlebt hatte zwiſchen Jagdroß 300 tenne keinen General dieſes Namens, und bin ein Königs⸗ freund.“ Eine Obſtfrau, der ich die gleiche Frage that, ſtarrte mich mit offenem Munde und griesgrämlichem Herenantlitze an und entgegnete mürriſch:„Was frägt der Herr? Fraget nach in Bicetre und auf La Force; die Herren Engländer werden das beſſer wiſſen, als ein franzöſiſches Kind.“— Und ein alter Bürgersmann, dem der Rock nach alter Weiſe geſchnitten und den die runde zierliche, gepuderte Perrücke als einen Mann aus der Zeit Ludwigs des Fünfzehnten bezeichnete, wurde roth im runzligen, bleichen Geſicht, rief mit gekniffenem Munde: „Der Teufel hole ihn und Seinesgleichen, welche die neue Schmach über Frankreich gebracht!“ und wandte mir den Rücken. Schon verzweifelte ich an dem Erfolge meiner Ausforſchung, da traf ich Abends im Palais⸗ Royal meinen Jugendfreund, den Kapitain Mackduf von den grauen Schotten, und als ich ſcheu den Namen des Geſuchten im Geſpräch erwähnte, als ich ihm meine ſeltſame Rettung in franzöſiſcher Karoſſe erzählte, be⸗ zeichnete er mir ſofort das Haus des Generals als in der Rue Caſtiglione; er ſelbſt hatte dort ſein erſtes Quartier gehabt, doch war der Palaſt menſchenleer ge⸗ weſen, und kein Glied der reichen Familie hatte er daheim gefunden.— Nach einer ſchlafloſen Nacht verließ ich mit dem erſten Tagesſtrahle mein Lager und erwartete mit Unge⸗ duld die Stunde, welche von der Schicklichkeit zu ſolchen Beſuchen, wie der vorgeſetzte war, beſtimmt wurde. Die Eitelkeit, mit welcher ich heute meinen Anzug betrach⸗ tete, machte mich ſelbſt lächeln. Ich, der ich aufge⸗ wachſen zwiſchen den rauhen Hochgebirgen meiner Heimath, 301 und Hatzhund; der ich als Jüngling, bartlos noch und ſchmächtig wie die jährige Fichte auf väterlichem Camp, hinüber geſegelt zur wild bewegten Halbinſel, unter Wellington's Augen früh den Ehrenmännern meines Stammes nachzueifern, der ich den böſeſten Ver⸗ nichtungskrieg auf Hispania's Feldern durchgefochten, ich kramte ſelbſt meine Staatsuniform hervor, und die breiten Silber⸗Vinxe auf den Achſeln ſchienen mir heute nicht blendend genug, der Griff am Säbel, das Wappenſchild am Tſchako mußte nachgeputzt werden, und zum Er⸗ ſtaunen meines Reitknechts fiel mehr als einer meiner Blicke auf das Spiegelglas, ehe ich in der Mittags⸗ ſtunde den grünen Mantel um die Schultern warf, meinen ſtattlichen Soldatenputz vor dem Staubregen zu bewahren, den ein rauher Herbſtwind gegen die Fenſterſcheiben ſtreuete. — Da ſtand ich denn endlich in der Rue Caſtiglione; die Hausnummer traf zu und mit ängſtlicher Hand läutete ich an der Hausglocke. Meine Ungeduld ward neu ge⸗ prüft, denn der Portier traf ſo langſam ſeine Anſtalten zum Oeffnen, daß ich Zeit gewann, mich völlig zu ſammeln und auf jedes mögliche Hinderniß zu bereiten. Ein langer, doch von Jahren krumm gebeugter Diener erſchien in der Thüre, aber ich ſah mit Verwunderung, daß ihm der breit bordirte Hut, das prunkende Gold⸗ band, ja ſogar der maſſive Heroldsſtab fehlte, den alle Seinesgleichen zu tragen pflegen. Im unbedeckten Sil⸗ berhaupte, im grauen Hausrock, trat der alte Diener mir entgegen, und als ich den Namen ſeines tapfern Herrn nannte, zog ein bitterer Schmerz über ſeine aus⸗ getrockneten Wangen, er ſah mich einige Minuten ſtarr an und antwortete alsdann eintönig mit heiſerer Stim⸗ me:„Der Herr General iſt für Niemanden ſichtbar.“ 302 — Aber die Comteſſe, ſeine Tochter? fragte ich raſch mit bebender Stimme, indem mich eine Furcht anwandelte, der trübſinnige Alte möchte mir mit ſeinem ſchweren Schlüſſel die Thür zum Himmel ſofort und auf ewig verſchließen. Meldet mich, mein Freund! Ich bringe nichts Unwichtiges für Euern Herrn. Ich bin ſein wärm⸗ ſter, ſein dankbarſter Freund. Meldet mich ſchnell, nur wenige Minuten möge mir Eure Dame opfern. Eure Mühwaltung verlange ich nicht ohne Lohn.— Ein Freund des Herrn? entgegnete der alte Mann, indem er bald in mein Auge, bald auf meine Uniform, bald auf das Goldſtück, das ich ihm in die Hand gelegt, ſeine hohlen Augen richtete; doch nach einigem Sinnen ließ er mich eintreten, warten, kam bald zurück, und führte mich dann die breiten Treppen hinan und öffnete in der Beletage mir eine Flügelthüre, zugleich eine halb offene Seitenthüre mir zum Eintritte andeutend. Seltſam! War ich im Hauſe eines Pariſer Großen? Lautlos Alles, keine Bedienten und Zofen; die Eleganz der Zimmer durch Staub und Unordnung befleckt!— Hätte nicht ein inneres, unbezwingliches Verlangen mich vorgedrängt, ich wäre umgekehrt. So ſchritt ich auf den glatten Parkets der Seitenthüre zu, und in ihr trat mir ein zart gebautes Dämchen entgegen, deren Engels⸗ köpfchen mich ſogleich jenes Frauenzimmer erkennen ließ, das ich aus den Händen der niederländiſchen Schützen erlöſet hatte. Fragend ſah ſie mich an, als ich um die Erlaubniß bat, der Comteſſe La B. meine Huldi⸗ gung darzubringen und ihre Antwort: So nennt man mich! verſetzte mich in ſo ſichtbares Erſchrecken, und ich ſtammelte mein:„Sie, meine Gnädige, die Tochter des Generals La B. 27“ mit ſo beſonderem Ausdrucke, 303 daß ſie erblaſſend vor meinen eniſtellten Zügen zurück⸗ wich und mir Raum ließ, in das Zimmer ihr nachzu⸗ treten, wo ein junger Mann haſtig von der Ottomane aufſprang und ſich uns näherte. Verzeihung, meine Comteſſe, ſetzte ich, meine Beſon⸗ nenheit ſammelnd, ſogleich hinzu, ich bringe Wichtiges, Papiere, den Herrn General betreffend.— Aber die Comteſſe ließ mich nicht ausreden.„Papiere?“ rief ſie. „Großer Gott! Sein Todesurtheil!“ und mit einem Wehſchrei ſchloß ſich ihr Auge, und ſie ſank in Sinn⸗ loſigkeit mit brechenden Blicken in den nächſten Seſſel, von dem jungen Mann unterſtützt, der, nachdem er ihre Lage bequem gemacht, mit zornglühendem Geſicht ſich aufrichtete und mir feindſelig entgegentrat.— „Heimtückiſcher Spott,“ ſprach er mit Haſt und wild⸗ rollenden Augen;„die nur der rachedürſtende Nordlän⸗ der üben kann am zärtern Geſchlechte. Ha, ich erkenne Euch; wart Ihr es nicht, der die feindlichen Soldaten gegen mich und meine friedlichen Landleute führte, und ſeine Hände mit dem Blute meiner unſchuldigen Vaſallen befleckte? Aber Eure Rohheit ſoll Euch in eigener Schlinge gefangen haben. Nicht lebendig verlaßt Ihr dieſes Haus. Im Vorſaale ſollt Ihr mir büßen für den Spott, mit dem Ihr dieſes weiche Herz brachet durch Eure Unglücksbotſchaft, die ſie nie hätte erfahren ſollen, büßen für die Flucht, zu der Ihr mich zwanget, büßen für das frech vergoſſene Blut und die eingeäſcher⸗ ten Hütten der Meinigen. Dort waret Ihr umgeben von Euren Bewaffneten; hier ſtehen wir Mann gegen Mann, und der franzöſiſche Degen war lange gewohnt, jeden fremden Arm zu lähmen.“— Er ſprang nach einem Winkel, wo ſein Degen lehnte, und ich ſtarrte 304 ihm nach wie ein Träumender, denn Alles, was mir in den letzten Minuten begegnet war, mußte meine Sinne verwirren; da klang dicht neben mir eine Stimme, deren ſeltener Wohlklang mich wieder zu mir brachte, und meine Hand vom Säbelgriffe abzog, auf den ſie mechaniſch gefallen war. „Vicomte Merlin, welche Unbeſonnenheit!“ ſprach die zweite Dame, die durch die feuerfarbene Seidendecke eines Kabinets hervorgetreten war.„Wollet Ihr auf das furchtbare Unglück unſeres Hauſes ein neues häufen? Was iſt Ihr Begehr? Und was bringen Sie uns, mein Herr?“ ſetzte ſie dann mit ſtrengerm Ausdruck hin⸗ zu, indem ſie zwiſchen mich und den Vicomte tretend ſich gegen mich wandte und mir ein Geſicht und eine Geſtalt zeigte, die mich faſt zu Boden ſchmetterte. Sie war es, das Original meines Portraits, der Abgott meiner Seele. Sie war nicht des Generals Tochter; aber was ſonſt für ihn?— Dieſer Gedanke, ſchnell wie ein treffender Blitz durch mein ganzes Weſen ſchlagend, vereint mit dem plötzlichen Anblick einer Schönheit, die das Bild der Doſe weit überwog, und von dem Zauber des Lebens bewegt meine Sinne betäubte, machte mich verſtummen; alles Blut ſtrömte mir auf Wange und Stirn, und Funken ſchoſſen meinen ſtarren Augen vor⸗ über, mit denen ich ſie anblickte, als wäre meine Todes⸗ ſekunde da, und ich wollte ihr Bild einſaugen und mit⸗ nehmen als Troſtgeleit hinüber, dahin, von wo kein Kehren iſt. Ueberraſcht ſah auch ſie mich mit großen, herrlichen Augen an und verſtummte gleichfalls, und auch ihre Wangen rötheten ſich höher bis auf den blen⸗ denden, unverhüllten Lilienbuſen hinunter.„Merlin,“ be⸗ gann ſie dann, tief Athem ſchöpfend, und der weiblichen 305 Natur gemäß zuerſt wieder das Gleis der Schicklich⸗ keit findend;„Merlin, was habt Ihr gemacht? Wen habt Ihr beleidigt? Nicht zu den Mordbrennern Eures Dorfs gehörte dieſer Herr. Er war der Retter Eurer Braut; er befreite unſere Chaiſe aus den Händen der fluchenden Soldaten. Ich erkenne ihn zu wohl. Merlin, fort; führt Hortenſien in das Kabinet. Laßt mich mit dieſem Freunde reden und erforſchen, was ihn in unſer Trauerhaus trieb.“ Der Vicomte wollte ſprechen, doch beſann er ſich, faßte die kleinere Dame, welche ſich wieder ermuntert hatte, ſorgfältig in ſeine Arme und führte ſie, nach einem finſtern Blicke auf mich, durch den feuerfarbenen Teppich davon. Angeline, denn ſie war es ja, ging ihnen nach, aber nach einigen Augenblicken kehrte ſie zurück, und eine gütige Bewegung der Hand lud mich in den Vorſaal, wohin ich ihr folgte, bebend im Her⸗ zen, neugierig die Auflöſung aller dieſer Räthſel zu er⸗ fahren.— Angeline ſetzte ſich in einen Lehnſeſſel und winkte mir, ein Gleiches zu thun; ſichtbar thronte ein tiefer, nur mit Gewalt bezwungener Gram auf der Stirn über den dunkeln, zuſammengezogenen Augenbögen, ſichtbar beengte eine ſchwere Bangigkeit den Athemzug der blütenweißen Bruſt. Gleich unruhig, konnte ich nicht ſitzen, ſondern ſtand vor ihr im Anſchauen verſunken. Wir ſind Ihnen Dank ſchuldig, mein Herr; begann ſie da mit Anſtrengung; aber Sie haben durch die Nennung eines geliebten Namens, durch Ihre halben Aeußerungen, durch Ihr unvorbereitetes Erſcheinen das Gefühl der Dankbarkeit ſelbſt in die Empfindung des Abſcheus verwandelt. Ich bin ſtärkerer Natur als lumenhagen. I. 20 306 meine nervenſchwache Couſine. Reden Sie freimüthig zu mir. Wer ſind Sie? Was bringen Sie? Wollen Sie uns die Todesbotſchaft des Generals verkündigen? Oder ſoll die Schmach noch mehre Mitglieder der Familie treffen? Wollen Sie verhaften, Papiere durchſuchen, verſiegeln, entführen? Sie ſehen, mein Herr, ich bin auf Alles gefaßt.— Nicht ich, ſondern der Zufall iſt Schuld, daß mein Eindringen Ihnen ein Leid verurſacht, deſſen Grund ich freilich nicht zu erkennen vermag; antwortete ich. Ka⸗ pitän Harry O'Neal ſteht vor Ihnen, der ſich ſelbſt von ſeinem geehrten Könige nicht zum Ueberbringer einer verhöhnenden Unglücksnachricht, noch weniger zum Schergen würde gebrauchen laſſen. Nach ſchwerer Ver⸗ wundung eben von Brüſſel angelangt, trieb mich das Herz, dem General La B.. die Pflicht der Dank⸗ barkeit abzutragen und wichtige Effekten, die ihm gehö⸗ ren, in ſeine Hände zu legen, denn der General rettete bei Waterlov auf die großmüthigſte Weiſe mein Leben, und kein Sohn Großbritanniens vergißt ſo etwas. Mein Arm, mein Leben ſteht ſeitdem dem Generale zu Dienſte, kann es ihm nützen.— Mit plötzlicher, heftiger Gemüthsbewegung erhob ſich Angeline vom Seſſel, und ein inneres Sonnenlicht leuchtete aus dem großen dunkeln Auge mich an.— Der General rettete Ihr Leben? O das ſieht dem herrlichen, heißgeliebten Manne gleich! Sie fühlen ſich ihm verpflichtet? fragte ſie haſtig. Aber Sie ſind ein Feind Frankreichs, Sie gehören zu unſern Bezwingern? ſetzte ſie langſamer und wie in Gedanken verſinkend hinzu.— Ich trat dreiſter ihr näher und faßte ihre ſchöne Hand, welche ſie nicht zurückzog. ————————.——————— ———— 307 Ein großer Kummer wohnt in dieſem Hauſe, ſagte ich mit Wärme; Alles deutet mir ſolches an. Ver⸗ trauen Sie mir, Madame; in ſolch bewegter Zeit kann vielleicht der Fremde mehr tröſten, mehr helfen als der Landsmann, von dem man nicht weiß, welcher Partei er geneigt iſt. Angeline, ich kenne Sie ſchon lange; unter den Effekten, die ich ſo glücklich war, für den General zu retten, fand ich auch Ihr Bildniß; ich trug es wie einen Talisman auf dem Herzen, es war meine Geſellſchaft auf dem ſchmerzlichſten Krankenlager. An⸗ geline, vertrauen Sie dem Manne, der, wenn er auch die Farbe der Feinde Frankreichs trägt, kein höheres Glück im Leben finden würde, als von Ihnen wie ein Freund zum Dienſte gerufen zu werden oder Ihnen eine Lebensfreude verſchaffen zu dürfen.— Die außerordentlichſte Verwunderung malte ſich auf den ſchönen Zügen der Pariſerin.— Mein Bild? ſtot⸗ terte ſie. Sie kennen meinen Namen! Ha, die Taba⸗ tiere meines Oheims! Dieſe wäre in Ihre Hand ge⸗ kommen?— Sie ſind ein Engländer, ſetzte ſie, nach einigem Beſinnen hinzu, freilich der geborne Erzfeind der Franzoſen, aber ich achte Ihre Nation; Großher⸗ zigkeit iſt zu Hauſe bei Ihnen, und Ihr Nationalhaß verirrt ſich nicht zu kleinlichen Racheſtücken und ſchmutzi⸗ ger Leidenſchaftlichkeit. Der Engländer haßt die Ziere⸗ rei; öffnet er die ſtarke Bruſt dem Fremden, öffnet er ſie ganz, und Wortbrüchigkeit iſt kein engliſches Laſter. Freilich ſollte mich Kapitän Maitland, ſollte mich Na⸗ polevns Schickſal auf dem Bellerophon vorſichtiger machen. Aber Ihr Aeußeres, Ihre Rede flößt mir Vertrauen ein in der verzweifelten Lage, die uns be⸗ drückt.— 305 Rechnen Sie auf mich! Vertrauen Sie! Das Vertrauen knüpft durch Menſchenwahn entfremdete Her⸗ zen wieder zuſammen mit dem lichten Bande des Him⸗ mels. Das Vertrauen iſt der Gotteskuß, mit dem er ſeine zerſtreuten Lieblinge einigt; rief ich erglüht, indem ich ihre Hand zum Munde führte, und einen heftigen Kuß auf die ſchlanken Finger zu drücken wagte, bei dem ein unmerkliches Lächeln auf Angelinens Lippen die Reize ihres Geſichts noch verſchönerte. Wohlan denn! antwortete ſie mit freierer Bruſt und entſchloſſen. Rathlos, mittellos ſtand ich; vielleicht ſandte Sie mir der Gott des Himmels, in einer Zeit, wo ſelbſt die nächſten Freunde keine Hülfe boten. Wiſſen Sie denn: der General La B...„der Ihr Leben rettete, ſitzt gefangen in der Conciergerie. Er war ein Buſenfreund des Marſchalls Ney, er war einer der geächteten Männer jener hundert Tage, die bei Auxonne neues Unheil auf Frankreich warfen; er ſtimmte heftig in der letzten Pariſer Sitzung für die Erhebung Napo⸗ leons des Zweiten, er kann dem Tode nicht entgehen; die Plaine de Grenelle wird ſein Blut trinken, wenn Liebe und Dankbarkeit nicht für ihn wirken. Wollen Sie mein Verbündeter werden?— Angeline, rief ich feurig, fordern Sie mein Blut; der höchſte Stolz mei⸗ nes Lebens wird ſein, wenn Sie mich zu Ihrem Ritter ernennen, ſei es zu eigenem Schutze, ſei es zum Schutze Ihrer Geliebten. Und das Ehrloſe kann ja eine Ange⸗ line nicht fordern.— Gut denn; antwortete ſie aufhorchend. Ich höre den Vicomte Merlin. Er iſt ein Rohr im Sturme der Zeit; er ſpielt den Königsfreund mit Eifer. Was wir brüten, iſt für ihn am wenigſten gedacht. Gehen Sie, — ——————v—— 30 Herr Kapitän, aber kehren Sie um Mitternacht zu der Pforte dieſes Hauſes zurück, und erwarten dann ſtill meinen Boten. Bewahren Sie bis dahin, was Sie dem unglücklichen General hegten, und tragen Sie nur den einzigen Gedanken in Ihrer Seele: Er rettete mein Leben!— Und der Rekrut empfängt kein Handgeld? Der geworbene Ritter keine Farbe, kein Ehrenpfand der Dame? fragte ich dreiſt und dringend. Angeline erröthete. Dieſe Tage ſind nicht gemacht zum Spiele der Galanterie; antwortete ſie ernſt, jedoch mit ſichtlicher Bewegung; und die Doſe iſt ja in Ihrer Hand. Adieu, mein Freund! ſetzte ſie dann mit Ausdruck hinzu, und ich verließ befriedigt und in hoher Wallung die Herrliche und das Haus.— Dem trüben Tage folgte eine ſtill dunkele, aber heitere Nacht. Matt funkelte das Sternlicht durch leich⸗ ten Wolkenflor, als ich durch die todten Gaſſen der unbekannten Stadt hinſchritt, deren lärmendes Tages⸗ gewühl ſich in tiefe Grabesſtille gewandelt hatte, durch welche nur wie fernher das Geſumſe eines militäriſchen Zechgelags tönte, und die nur zuweilen der laute, weit hallende Anruf einer deutſchen Schildwache unterbrach, die manchen franzöſiſchen Schläfer aufſchreckte. Noch vor Mitternacht ſtand ich an der Pforte des Palaſtes, und kaum hatte die Thurmuhr ausgeſchlagen, ſo regten ſich die Thürflügel, und der alte, gebeugte Portier trat heraus. Er ſchloß die Thür hinter ſich und deutete mir an, ihm Folge zu leiſten. Wir gingen die breite Straße hinab, beugten in ein Seitengäßchen und ſtanden bald an einer Mauer ſtill, deren kleine Thür, wenn ich durch Beobachtung recht ſchloß, zu einem Garten führte, wel⸗ cher dem Palaſte des Generals zugehörte, und hinter 51⁰ den Höfen dieſes Quartiers herablief. Durch geſchlän⸗ gelte Bosketwege, durch ein Labyrinth von Blumenbee⸗ ten, von denen die feine Reſeda mich anduftete, gelang⸗ ten wir an einen Pavillon, der mit Orangerie umpflanzt war, und vor deſſen Eingange eine kleine Fontaine mit⸗ ten auf einem Grasrondel leiſe und heimlich in ihren engen Marmorbaſſin plätſcherte. Kaum merklich ſchim⸗ merte ein Lichtſchein durch die Jalouſien der Fenſter des Pavillons, und dorthin zu gehen befahl mir die verhal⸗ tene Stimme meines wortarmen Führers. Ich zögerte nicht, ich ſchritt hinan, öffnete die Thür, der Glanz zweier Wachskerzen blendete mich, und in einem tem⸗ pelgrtigen Gemach, deſſen Niſchen antike Hochbilder ſchmückten, ſah ich Angelinen auf einer Ottomane mich erwarten. Züchtig in ſchneeweiße Gewänder verhüllt gleich einer Veſtalin, ſo daß nicht einmal ein Ringelchen ihres ſchwarzen Haares ſich hervorſtahl, ſtand ſie auf, und ich ſchloß ſchnell die Thür hinter mir und beugte übermannt von ihrem Anblicke das Knie vor der Huld⸗ göttin. Angeline, rief ich, Königin der Frauen, bin ich am Ziele? Hat die Glücksgöttin mich dieſes Mal nicht getäuſcht? War meine Ahnung nicht neckender Traum, ſondern Vorbild der Wirklichkeit, Spiegelbild meiner aufgehenden Sonne, wie die goldene ſich malt auf den Flügeln der Aurora?— Ja, ich bin am Ziele. Die Stunde der heiligen Myſterie findet mich zu Angelinens Füßen. Kein Lauſcher weilt in meinem Himmel, und es fehlt nur das Wort des Herzens, das Wort des höchſten Vertrauens von Angelinens Munde zu meiner vollendeten Seligkeit!— Sie blickte mild zu mir her⸗ nieder. 317 Gibt es auch Schwärmer und Dichter unter dieſem feindlichen Kriegesrocke des rauhen Inſellandes? fragte ſie lächelnd. Aber ſtehen Sie auf, mein Freund! Meine Zeit iſt gemeſſen, und dieſe ernſte Stunde iſt uns nicht geſchenkt für das Geheimniß der Seelenneigung, und nicht von uns kann in ihr die Rede ſein.— Etwas erkältet, etwas gekränkt ſtand ich auf, doch wie von einer zauberiſchen Knechtſchaft gebunden in der Nähe dieſes Weſens folgte ich der Andeutung ihrer zarten, kaum in den Falten des Nachtkleides ſichtbaren Hand und nahm Platz neben ihr in der Ottomane. Sir Harry, begann ſie nach einer Pauſe, worin ſie ſich von einer ſichtlichen Bewegung geſammelt, die meiner Eitelkeit wiederum wohlthat, haben Sie über⸗ legt, was Sie verſprachen? Sind Sie bereit, dem Retter Ihres Lebens den ſchuldigen Dank abzutra⸗ gen?— War es auch nicht der erſte Sporn, der mich trieb zu meinem Einfluge nach Paris, antwortete ich, ſo blieb doch dieſes Dankgefühl jeden Augenblick lebendig in meiner Seele. Aber löſen ſie die Binde von meinen Augen. Wie kann ich dem als Staatsverräther Einge⸗ kerkerten helfen? Die Conciergerie läßt ſich nicht er⸗ ſtürmen durch meine Compagnie; die Fürbitte des Eng⸗ länders für den feindlichen Commandeur würde vom König Louis, würde vom Marſchall Wellington als Wahnſinn betrachtet werden. Wie wird man in dieſer Zeit des Haſſes und neu erweckten Parteigeiſtes die ſorgſam bewachten Thüren des Gefängniſſes öffnen kön⸗ nen, wie nur ein Zeichen der Theilnahme zu dem Ge⸗ noſſen des gefürchteten Ney zu bringen vermögen? Und wie kam General La B.... zu ſolchem Vergehen? 312 Wie konnte er meineidig werden ſeinem angebornen Könige? Wie wiederum glauben an das Glück des Uſurpators, das mit verſengten Fittichen kehrte aus Moskau's Flammenmeeren? Nur Königs Louis Gnade kann hier erretten, und die weinende Tochter, die fle⸗ hende Nichte, mit dieſer Gewalt über alle Herzen im Auge, möchte zu den Füßen des mildeſten, herzigſten aller Könige, der ſelbſt durch die Schule des Unglücks ging, nicht vergebens um ein geliebtes Leben betteln.— Alles, was wie ein Gedankenſturm durch meine Seele rauſchte, hatte ich in dieſe Fragen und Sätze gedrängt, und Angeline ließ mich ausreden, wenn auch ihre Züge mehrmals den Ausdruck wechſelten, indem ich ſprach. Sie ſehen mit den Augen des Engländers; ſie rich⸗ ten wie der Feind des großen Napoleons; entgegnete ſie jetzt mit verfinſterten Augenſternen. Der General iſt ein Kind der Revolution, der Kaiſer gilt ihm als der Erretter des ſchönen Frankreichs, als der Wiederher⸗ ſteller des inneren Friedens, als die Glorie franzöſiſchen Ruhms, als die Oriflamme der Nation. Der Mann der Zeit, der Held des Jahrhunderts, nach dem die Weltgeſchichte der Nachkommen unſer Säculum taufen wird, hatte mit tauſend unſichtbaren Fäden, mit tauſend Erinnerungen herrlicher, köſtlich bekränzter Siegestage alle die Seinen unauflöslich an ſich gekettet. Was konnte ihnen ein König gelten, den ſie nie unter der Krone geſehen, der mit fremden Waffen ſeinen Thron erkämpfte? Der Eid, den ſie Lonis dem Achtzehnten geleiſtet, dünkte ihnen ein abgezwungenes Wort, eine Kriegsliſt der Nothſtunde. Der General befand ſich bei jenem Corps, welches abgeſchickt den von Elba —— 313 Gelandeten zu bekämpfen, zu ihm überging und allen Soldaten Frankreichs das Beiſpiel gab. Wie Ney in der Auvergne durch ſeinen Prachtſäbel, den Gefährten ſeiner Heldenzeit, verrathen ward, ſo verrieth die Aengſt⸗ lichkeit des Vicomte Merlin, das Erblaſſen und Stot⸗ tern des faſſungsloſen Schwiegerſohns, die Anweſenheit des bei uns verborgenen Vaters. Der Vicomte ſpielt den Königsfreund, und würde keinen Schritt der ſchwa⸗ chen Hortenſia erlauben, wenn ihr am irdiſchen, am künftigen Glanze und Hofglück, das der Herzensmann ihr täglich ſüßer vormalt, hängender Sinn auch zuließe, für den Vater zu wirken. Die Schwächlinge haben ihn aufgegeben, beweinen ihn als einen Begrabenen, und ſein Name ſchon macht ſie zittern, als träte ein blutiges Geſpenſt vor ſie hin, und wirft ſie in die Ohnmacht des Kleinmuths. Aber ich habe ihn nicht aufgegeben. Als mein Vater auf dem Siegesfelde von Auerſtädt ſein tapferes Leben verhaucht hatte, meine Mutter, eine Skiotin, durch das leidenſchaftliche, angeborene Feuer ihrer Seele von innen verzehrt, bald dem Grame erlag, nahm der Oheim ſich der verlaſſenen Waiſe an, und theilte ſeine innigſte Vaterliebe zwiſchen der eigenen Tochter und mir. Ich konnte ihm niemals vergelten, ſo ſehr auch mein Herz darnach rang. Jetzt iſt die Zeit gekommen, und ich will ihm vergelten und ſollte ich mein Leben an den Eiſenſtäben der Gitterthüren der Conciergerie verbluten. Es iſt ein kühner, gewagter Schritt, durch den ich die Hälfte der theuerſten Pflicht auf ein fremdes, nie vorher erkanntes Männerherz wälze, aber als ich Sie ſah, Sir Harry, als ich Ihre erſte Aeußerung über den General, den heißgeliebten, väterlichen Mann hörte, da flüſterte mein Genius mir 314 zu: der iſt dein Helfer, der oder Keiner! und ich hoffe die Stimme des Geiſtes hat mich nicht getäuſcht.— Und welchen Weg führt mich Angelinens Fahne? fragte ich in Gedanken verſunken. Entehrung, Kette und Schaffot liegen zur Seite und nicht fern.— Angeline erhob ihr Haupt und ſah mit Würde in meine forſchen⸗ den Augen. Den Mann, den ich Freund nannte, fuhr ſie fort, kann ich nicht ſolche Wege führen wollen, kann ihn nicht verleiten wollen zu Schritten, die ſeinen Namen brandmarken ſollen. Seine Pflichtverletzung würde mein Gewiſſen ewig zerreißen, ſeine Schmach würde die meine ſein. Das Werk der Rettung muß mein bleiben, mein allein! die Vollendung ſoll Sir Harry aber dem Werke der Dankbarkeit bringen. Wenn der General frei iſt, wenn keine Kette, keine Mauer ihn bindet, würde dann der engliſche, freigeborne Mann anſtehen, ihm den Weg zu ſichern, der ihn aus dem Bereich ſeiner Feinde führt, würde er anſtehen, ihn zu ſchützen gegen neue Befährdung?— Der fremde Verbannte, ſobald er Britanniens Küſten betritt, iſt geſchützt und ſeines Lebens ſicher, antwortete ich; ebenſo nimmt der Verfolgte, der ſich in eines Eng⸗ länders Arme flüchtet, alle Tugenden der Gaſtlichkeit deſſelben in Anſpruch und iſt ihrer gewiß.— Geſpannt hatte Angeline auf meine Antwort gehorcht; Freude belebte und verſchönerte jetzt alle ihre Züge. Nein, die Menſchlichkeit iſt nicht ganz vertrieben von dem Erdboden durch ſeine entarteten Kinder. Wir beide wollen beweiſen, daß ſie mitten in den Gräueln des Kriegs magnetiſch Nord⸗ und Südpol zu einem Ringe verbindet, und nur des Menſchen Wahnwitz das eine große Volk Gottes in Nationen und ſich haſſende „——„— e—„—— — en—, n n ———— 8— — 3156 Stämme theilte. Können Sie bald eine Reiſe machen, Sir Harry, etwa nach der Schweizer Grenze? ſetzte ſie nachſinnend hinzu. Ein franzöſiſcher Diener wird in Ihrer Geſellſchaft nicht auffallen, wenn er in Ihrem Paſſe verzeichnet iſt.— Meine ſchwere Verwundung wird mir die Urſache geben, erwiderte ich; und ein Offizier der Alliirten wird des Paſſes nicht bedürftig ſein.— Bravo! rief ſie, leicht ihre Hände zuſammenſchlagend. Die Liebe treibt uns, ſo wird Gott uns beiſtehen, dem Ge⸗ liebten Leben und Ehre zu erhalten. Aber das Schwei⸗ gen ſei unſer Genius. In unſern beiden Herzen allein muß das Geheimniß wohnen, ſonſt überall ſchleicht der Verrath. Wir dürfen uns nicht kennen, nicht ſehen, von heute an bis nach gelungener That. Der alte Jerome ſoll die verſchwiegene Brieftaube ſein zwiſchen uns, und er wird jeden Abend in der Pforte lehnen, Botſchaft zu empfangen und zu geben.— Und ſo ſoll ich ſcheiden? Sie nicht mehr ſehen ſoll ich? Und kein Hoffnungszeichen mitnehmen aus dieſer Stunde, die über mein Leben entſchied, wo Angelinens Güte, Angelinens Freundſchaft die ſtillen Wünſche mei⸗ ner Bruſt zu begierigen, unerſättlichen Harpyen machte, welche mich aufzehren müſſen, wenn der Beſitz der Heiß⸗ geliebten ſie nicht vertreibt durch freundliche Genien des häuslichen Glücks?— Harry, entgegnete ſie ſchwermüthig, welche Hoff⸗ nung kann mein von Unglück gebeugtes Herz Ihnen ſchenken, der Sie frei und in Kraft der Jugend an der Pforte des Lebens ſtehen, und die Freude zur Begleiterin haben? Es iſt kein kluger Bund, wenn Glück und Unglück ſich vermählen. Iſt mein Vertrauen zu Ihnen 316 kein Pfand meiner Zuneigung? Genügen Sie ſich daran, bis er frei iſt, dann——— wenn Angeline glücklich hervorgeht aus dieſem Kampfe—— Sie ſtockte und verwiſchte abgewandt eine Thräne am Rande des Auges. Angeline, was wollen Sie thun, was wagen? rief ich heftig, und erdreiſtete mich, ſie mit dem Arme zu umfaſſen. Thun Sie nichts ohne den Freund, der ſich Ihnen auf ewig geweiht hat. Und dieſes Taſchen⸗ buch, dieſe liebe Doſe, was ſoll damit werden?— Sie nahm Beides, drückte Beides mit Heftigkeit an die Lippen und gab es mir dann haſtig zurück. Bewahren Sie es; Sie ſelbſt ſollen es dem General zurückgeben, antwortete ſie, oder es hegen als Ange⸗ denken zweier edler Herzen, die im großen Welkkampfe zertreten wurden. Mein Bild bleibt bei Ihnen, reden Sie oft zu ihm wie zu der Freundin. Aber gehen Sie jetzt; Niemand darf mich im Palais vermiſſen. Thun Sie, was ich erbat; folgen Sie jeder Vorſchrift meiner künftigen Briefe. Ich muß allein handeln, und keine Menſchenhand kann mir beiſtehen in der dunkeln Stunde, durch die ich einſam meine Angſtſchritte leiten muß.— Sie trieb mich fort, ich umfing ſie wie wahnwitzig, und preßte einen Kuß auf ihre ſchönen Lippen, ohne daß ſie mir eine Wehr entgegen ſetzte, aber auch eben ſo wenig meine Glut erwiderte. Draußen empfing mich an der Fontaine der Alte, und bald ſtand ich wieder auf der düſtern, menſchenleeren Gaſſe, aber nicht mehr als ein Träumer, als ein verliebter Schwärmer, ſondern wie ein Entſchloſſener, der um den Kranz des Glücks alle Güter des Lebens zu wagen gewilligt war. 3c) S e 8 8. — c—, c fe e 3 e —— S 8 6b 317 Die Erfüllung deſſen zu leiſten, was ich verſprochen, machte mir keine große Schwierigkeiten. Mein Bataillon war nicht unter der Zahl der Truppen, welche die alliirten Fürſten zur andauernden Beſetzung Frankreichs beſtimmt hatten, und ſollte eheſtens zur Heimath abmarſchiren. Leicht erhielt ich daher einen frühern Urlaub, da außer⸗ dem unſer Oberarzt mir atteſtirte, daß, um die möglichen böſen Folgen meiner Bruſtwunde im Entſtehen zu unter⸗ drücken, ein Aufenthalt in Südfrankreich, Italien oder der Schweiz mir ſehr zuträglich, ja nöthig ſein möchte. Nachdem ich alles beſeitigt hatte, Urlaub und Paß in meilen Händen war, auch die nothwendige Summe zu einer ſolchen Fahrt in blanken Napoleond'ors vor mir aufgezählt lag, ſchrieb ich an Angeline, und bat ſie um weitere Befehle. Mannichfache Gedanken durch⸗ kreuzten mein Gehirn bei dem Schreiben. Stand ich denn nicht im Begriff, eine Unbeſonnenheit zu begehen? — War der General denn nicht in meinen Augen ein Staatsverbrecher, ein Verräther? Gehörte er nicht zu denen, die zahlloſes Unheil aufs Neue über die Völker Europa's gebracht, und um deren Willen ſo mancher brave Soldat ſein frühes Ziel auf dem Blutfelde gefun⸗ den hatte?— Und was trieb mich zu dem Wagſtück? Dankbarkeit gegen den Retter meines Lebens? Mitleid oder Edelmuth? Nein, mein Gewiſſen rief mir ſcho⸗ nungslos zu, daß den Haupttheil meines Entſchluſſes die Liebe herzugetragen, die unſinnige Liebe zu einem Frauen⸗ zimmer, das ich nur zweimal geſehen und geſprochen, zu einer kühnen Pariſerin, die den verliebten Thoren auf den erſten Blick in mir erkannt haben mußte, die ſchlau genug war, mich als Werkzeug zu benutzen, zu kirren mit zweideutigen Worten, deren keines doch eine ſichere 318 Verheißung enthielt. Und ſie hatte meine Liebkoſungen doch auch nur geduldet, und nicht eine erwidert.— Solche Gedanken quälten mich, als ich meinen ent⸗ ſcheidenden Bericht abfaßte, und die Schriftzüge bildeten ſich ſchwer und langſam unter meiner Hand. Da ſetzte ich die Tabatiere auf meinen Schreibtiſch, und jeder Blick auf das Himmelsbild verſcheuchte ein Geſpenſt nach dem andern, und ich that ihr Abbitte innig und reuevoll, und trug Abends meinen Brief verſtohlen zu dem Por⸗ tier in der Straße Caſtiglione. Schon in der andern Nacht reichte der alte Diener mir die Antwort aus der Thür. Sie dankte mir mit einer Herzlichkeit, die mich entzückte. Sie gebot mir am Abend des dritten Tages, Schlag zehn Uhr mit einem Reiſewagen am Pont neuf zu halten, und an der erſten Bildſäule der Champs Elyſees unter der hohen Akazien⸗ gruppe meinen Schützling bis Mitternacht zu erwarten. „Iſt er bis dieſe Stunde nicht erſchienen, ſo iſt Alles da⸗ hin, und Harry O'Neal muß ihn und mich als begrabene Freunde beweinen.“— Sie flehete um Vorſicht auf der Reiſe, die ſie nach Genf beſtimmte, um tiefes Schweigen, ſo lange uns Frankreichs Boden trüge, legte Sohnes Sorgfalt für den durch Gram geſchwächten Oheim als Pflicht mir auf.— Wie ſpannte dieſer Brief mich auf die Folter; wie riß er an meinem ohnehin wunden und empfindlichen Herzen. Ungewißheit, bange Erwartung kommenden Unglücks iſt die Hölle der Männer.— In einem Billetchen beſchwor ich ſie, mir noch ein Abſchiedswort zu gewähren, noch einmal mich Freund zu nennen.„Bald auf immer, oder nie!“ ſchrieb ſie mir lakoniſch zurück. Ich wandelte in den Zauberbanden einer Fee, und mußte mich fügen. —— ℳ—— S 8 — u — ——. S Sb — 3— 319 Der beſtimmte Tag lief hinab, und ich war bereit. Meinen Reitknecht Toms, einen Irländer, von deſſen Geſchwätzigkeit ich einen iriſchen Bull auf der Reiſe“ fürchten mußte, ſchickte ich mit den Pferden voraus nach Genf. Um die feſtgeſetzte Stunde hielt meine leichte Reiſe⸗Chaiſe von Poſtpferden beſpannt an der Brücke, wo ich den Poſtillon warten ließ, unter dem Vorwande, von einem lieben Mädchen in der Nähe Abſchied zu nehmen, und meinen Kammerdiener, der noch einen ver⸗ geſſenen Einkauf machte, zu treffen. Meine ſcharf ge⸗ ladenen Terzerole in der Schärpe, meinen Säbel im Arme, ſchlich ich durch die Gebüſche, immer die hohen Akazienbäume umkreiſend, wie ein treuer Spürhund, der ein Hühnervolk ausgewittert im Riedgraſe. Die Nacht konnte nicht günſtiger ſein, ein rauher Oſtwind jagte Wolke auf Wolke am Himmel hin, die Laternen brannten flackernd in den beſchlagenen Gläſern; keine geputzte Femme du monde führte einen gefangenen Ritter in die Schatten, ja nicht einmal eine geſchminkte Fille ſtrich durch die grauen Schlangengänge, einen trunkenen Deutſchen zu bethören. Alles war erſtorben und leer wie nimmer, und ich hörte den eigenen lauten Herzſchlag. Da tönten einige Schritte heran; ein Frauenzimmer und ein Mann eilten der Akaziengruppe zu, aber in wenigen Minuten kehrten zwei Männer zurück zu meiner Ver⸗ wunderung.„Angeline weint nicht mehr!“ ſagte der eine zu ſeinem Gefährten, indem ſie langſam bei mir vorübergingen.„Thränen erretten nicht!“ antwortete ich raſch, denn es war die Parole, die mir der letzte Brief des herrlichen Mädchens vorgezeichnet hatte. So⸗ gleich faßte mich des Generals Hand, er drückte meine Rechte heftig und fragte leiſe:„Wohin?“— Der Thürhüter; deſſen Figur ich jetzt erkannte, preßte einen Kuß auf die Hand ſeines Herrn und verließ uns dann mit ſchwer unterdrücktem Schluchzen. Ich führte meinen Raub zum Wagen, wir ſtiegen ein, der Poſtillon ließ ſeine Peitſche knallen, und in weniger Zeit waren wir außerhalb der Barriere von Paris.— Von unſerer Reiſe ließ ſich nichts Erhebliches nieder⸗ ſchreiben. Wir fuhren Tag und Nacht, und mein Geiſt wurde dadurch mehr angegriffen als mein Körper, denn wir ſaßen wie ein paar Karthäuſer neben einander, und dieſes Schweigen ſpannte mein volles Herz auf eine neue Folter. Nur wenige engliſche Worte wagten wir zu wechſeln, aber bei Tage ſagte mir der Blick meines Gefährten gar oft, was ſeine Seele dachte und ſein Gemüth empfand. Wenn La B... in ſeinem blauen unſcheinbaren Oberrocke, in der Reiſemütze, deren Ohren⸗ klappen ſein halbes Geſicht verdeckten, mir ehrerbietig aus dem Wagen half, wenn er mich bei Tiſche bediente, und nach mir aß, ſo trat jene Stunde wieder lebhaft in meine Erinnerung, wo derſelbe Mann hoch zu Roſſe, im Siegesjubel, an mir, dem hülflos im Schmutze des Blutfeldes Daliegenden, mit ſeinen Panzerreitern vor⸗ über ſprengte, und der Wechſel des Schickſals ſchien mir grauſenvoll, da auch mein Schickſal mich auf den tückiſchen Wogen der Zeit wie ein maſtberaubtes Fre⸗ gattenſchiff umhertrieb. Endlich berührte unſer Fuhrwerk die franzöſiſche Grenzſäule; der reizende Lacus Lemanus breitete ſich aus vor uns mit ſeinem Spiegel; die in der neueſten Geſchichte merkwürdige Rhone trat aus ihm hervor, und ich ſchickte dem ſchnell fließenden Strome Grüße mit in das Land, dem wir entflohen waren. — ——— b— 321 Das blühende Genf, die Geburtsſtadt des Dichters der neuen Helviſe, die Todesſtadt Voltaire's ſtieg vor uns auf mit ihren hohen Gebäuden, und hinter ihr er⸗ hoben ſich die Gletſchergipfel von Chamouny, ſtrahlend mit dem Demantſchmuck ihrer ewigen Eiskryſtalle. Eine, friſchere, erquicklichere Luft wehete uns an von den Bey⸗ gen her, und die ſchmucken Landleute, die freundlichen Fabrikarbeiter ſchienen einem andern Welttheile anzuge⸗ hören, als ihre franzöſiſchen Nachbarn, die, in der größten- Kriſis ihrer politiſchen Krankheit liegend, da⸗ mals in Stadt und Land ihre angeborene Leichtfertigkeit abgelegt hatten. Nachdem wir in dem Gaſthofe auf der breiten Straße nahe am Chateau Royal abgeſtiegen waren, der fran⸗ zöſiſche Poſtillon abgeritten war, und wir allein in das bequeme Zimmer traten, wurde die ſteinerne Haltung des Generals plötzlich Feuer und Lebendigkeit. Der ſonnverbrannte alte Krieger fiel mir mit jugendlicher Heftigkeit um den Hals, und ſeine düſtern Augen fun⸗ kelten durch dicke Thränentropfen zu mir her. „Kapitän,“ rief er,„Freund, Sohn, endlich darf ſich mein Herz auflöſen in Dankesworte! Du haſt einem grauen Soldaten das Leben erhalten— o was ſpreche ich vom Leben, welches ich in hundert mörderiſchen Schlach⸗ ten, in Moskau's Brande, im Eisgefilde der Bereſina feil bot; du haſt mehr gethan; du haſt einem Manne, deſſen Idol die Ehre war vom erſten Flaumenbarte an, der dieſem Idol ſein ganzes Leben opferte, dem haſt du die Ehre gerettet, haſt ihn bewahrt von dem ſchimpflichen Gange zum Richtplatze, vor dem Schimpfe der Ver⸗ brecher. Was ich bin, was ich habe, was mir noch in der Welt zu thun übrig bleibt, iſt dein eigen, wenn du Blumenhagen I. 21 322 das geborgene Gut eines Schiffbrüchigen bedarfſt, denn meine Laufbahn iſt geſchloſſen, ſeitdem der große Mann, der jedem Krieger Frankreich's und Europa's Muſter war und Oriflamme, verſchwand aus der Reihe der Herrſcher und Helden, und dem Schickſale erlag.“— „Revange von Mont St. Jean!“ entgegnete ich, herzlich ſeine Umarmung, ſeinen Händedruck erwidernd. „Der Löwe ſchonte die Maus, und ſie zernagte dafür ſein Netz. Aber Angeline?“ ſetzte ich ſchnell hinzu. Der General griff in ſeine Bruſttaſche und zog ein Briefchen hervor. Mit Haſt brach ich das feine Siegel, und ver⸗ ſchlang die zierlichen Züge. Sie ſchrieb:„Harry! Das Leben iſt kein Tempel der Freude, aber viele der ſchönen Stunden liegen in ſeinen Grenzen. Fern fühle ich den⸗ noch die ſchöne Minute mit, wo Ihre Hand dieſes Papier berührt, der General frei iſt und in Sicherheit vor den Kugeln der Königlichen. Harry, iſt es möglich, ſo bleiben Sie dem trefflichen Manne Sohn; thaten⸗ reiches Leben, Schickſal, Gram haben ihn gealtert vor der Zeit, er ſteht gehaßt von einer ganzen Welt wie ſein Kaiſer, verlaſſen von den Seinigen wie Jener. Ich beneide Sie um die Möglichkeit, dem Edlen Sohn zu ſein, und bin dennoch glücklich, da er mein geringes Opfer annahm, bin ſtolz darauf, daß er ſprach: Ange⸗ line, warum wurdeſt du nicht als mein Sohn geboren! — Harry, ich habe Sie verſtanden; die Franzöſin kennt nicht die thörichte eitle, äffiſche Scham, mit welcher die Weiber des Nordlands ihre Gefühle verhehlen, und die ſie ſo falſch Zucht und Sittſamkeit nennen. Die wahre Zucht hat ihre Heimath tiefer' im Herzen, und Verſtellung iſt ihre Erzfeindin. Harry's Außenſeite bewegte Ange⸗ linens Sinn, Harry's Männlichkeit, Harry's Menſchlichkeit it zu es E= 1 nt ie ie re 323 gewann Angelinens Achtung, und der Feuerſtrom ſeiner Augen und Worte ſprühte manchen Funken, der nicht verloſchen iſt, herüber in Angelinens Herz. Nimm dieſes Geſtändniß, wackerer Mann, als Lohn für deinen Edel⸗ muth, für die Liebesthat, die du in dem Generale mir erwieſen haſt. Mag mein Schickſal ſich entſcheiden wie der Gott des Himmels es will, es bleibt mir die Liebe, die Achtung zweier Edeln, und das erſtärkt Seele und Gemüth. Lebe wohl, Harry, bis ein Wiederſehen kommt. Eines muß ja kommen, da es der Sohn Gottes ſelbſt verſprach.“— Ich ſtarrte von dem Briefe auf, dem General in die düſtern Augen. Was meinet der Brief? Welches Schickſal ſoll noch entſchieden werden? fragte ich bang. Wo iſt An⸗ geline?— In der Conciergerie! antwortete er eintönig.— In dieſem gräßlichen Gefängniſſe? ſchrie ich auf. Das weiche, herrliche, herzliche, feine Frauenbild zwiſchen feuchten Mauern, in den rohen Händen der Wachen und Henker? Und das konnten Sie dulden? Zugeben? Und wie war es ihr möglich, zu Ihnen zu kommen?— Das wilde, blutdürſtige Zeitalter der Revolution liegt weit hinter uns, antwortete der General; Hoch⸗ ſinn, Ehrgefühl, Ritterlichkeit und Galanterie, die alten Tugenden des Franken, hat Napoleon ihnen wieder ge⸗ ſchenkt, oder vielmehr die Schlacke weggeräumt, durch die ſie erdrückt wurden. Einem Weiberauge, gleich dem unſerer Angeline, widerſteht kein franzöſiſcher Kerker⸗ meiſter, vorzüglich wenn die zarte Hand ſchwer trägt zugleich am irdiſchen Geſchenk. Sie beſchwor mich ſo 324 innig mit ihr die Kleider zu tauſchen; ſie malte mir den Tod der Schande ſo gräßlich, die ſichern Anſtalten zu meiner Befreiung ſo lebendig vor, wußte mich ſo leicht⸗ fertig über ihre kurze Gefängnißzeit hin hüpfen zu laſſen, indem ſie bauete auf den weichen Sinn des Königs, die feine Sitte der Prinzen, und Bewunderung hoffte für ein Wageſtück, das vor zwanzig Jahren zur Guillotine geführt haben würde. Der Augenblick ängſtigte, ich wechſelte die Kleider, nahm den verbüllenden Manteau und den mächtigen Sturmhut, und war draußen auf den Champs Elyſees, ehe denn ich zur Beſinnung kam.— Sie iſt verloren, verloren für immer! jammerte ich. Die rauhe Zeit fordert blutige Opfer! König Louis muß hart, unmenſchlich ſein, wenn auch ſein Herz dabei blutet, denn ſeine Milde hat zu ſchweres Leid gebracht. Ewiges Gefängniß iſt das mildeſte, was ihr bevorſteht. General, nein, nein, Ihr habt die Herrliche nicht geliebt; ich allein auf der Welt habe ihren Werth erkannt. Ihr konntet ihr Opfer annehmen, ich aber will zurück, will mich ſelbſt anklagen, und kann ich ſie nicht befreien, will ich wenigſtens theilen ihr Schickſal.— Haſtiger junger Mann, entgegnete der General, meine Neigung für dich wächst um das Doppelte dieſer Wallung wegen. Angeline ſteht höher als wir Beide; wie überhaupt das Weib, wenn es hoch ſteht, leicht dem Manne unerreichbar werden kann, ſo wie es für das ſinkende eine Tiefe gibt, zu welcher wiederum kein Mann gelangt. Laß uns gehorchen, wo ſie gebot; laß uns einen Monat lang ihrer wartendhier, wie ihr Wille war. Dann erſt dürfen wir ſolche Gedanken tragen, die dein Gehirn gebar. Das Geſchlecht der Marate und Robes⸗ pierre iſt ausgeſtorben in Paris; auch der Waſſerträger ————————————— 325 und Lumpenſammler huldigt der Schönheit wieder und ehrt die Weiblichkeit.— Ich konnte ihm nicht widerſprechen, Angelinens Be⸗ fehl feſſelte mich, aber die tiefſte Traurigkeit überfiel mich und wirkte widerwärtig auf meine Geſundheit. Ich übergab dem General, was ich ihm aus der Schlacht bei Mont St. Jean gerettet hatte. Mit hohem Ver⸗ gnügen empfing er das Portefeuille, denn es enthielt höchſt wichtige Dokumente, durch welche ſein Vermögen in London und Boſton geſichert wurde, und die er, wie jeder vorſichtige Krieger damaliger Zeit überall mit ſich geführt.„Wir wollen hinüber nach dem jungen Welt⸗ theile der Gedankenfreiheit, Harry!“ ſagte er mit feu⸗ riger Sehnſucht.„Europa iſt alt geworden und ſtirbt am Marasmus; der Jaſon, welcher ihm eine Wieder⸗ geburt bereitet hatte, iſt ausgeſtoßen; die wohlthätige, neu gebärende, den alten Sumpf zu neuer Thätigkeit erweckende Revolution der Kriegszeit iſt zu Ende, denn ſie haben den Mars zertrümmert ung ſeine Tempel ge⸗ ſtürzt. Was ſoll ein Soldat noch in dem trüben Welt⸗ theile, wo nun wieder Gänſekiele fechten und wunden und tödten werden ſtatt der Ehrendegen, wo das Ordens⸗ vand wieder ſchimmern wird auf der unverletzten, zarten Bruſthaut der Feiglinge und Schranzen, wo das Tages⸗ blatt als größte Neuigkeit bringen wird, daß der Durch⸗ lauchtigſte einen Katarrh gehabt, oder eine Tänzerin im Prachtballet ſich den zarten Fuß verſtaucht. Die große Zeit des Jahrhunderts, die Zeit der That, der Ehre, des Ruhms iſt zu Ende; hinüber wollen wir in das Land der jugendlichen Menſchheit, wo wir frei ſchwelgen dürfen in der großen Erinnerung, wo wir dem Manne des Jahrhunderts einen Altar bauen dürfen, 326 ohne daß ein Finſterling oder zarter Schmachtknabe darob die Naſe rümpft.— Die Tabatiere mit Angelinens Portrait aber nahm er nicht zurück. Angeline hatte ihn gebeten, ſie mir zum Eigenthume zu laſſen, und das Bild blieb ja mein einziger Lebensbalſam in dieſen Wochen, wo Geiſtes⸗ und Leibeswunden heftig ſchmerzten. Wir mietheten der größeren Sicherheit wegen ein Landhäuschen in den Bergen am Genferſee, nicht weit vom Schloſſe Chillon und der alten Römerſtraße, doch mein Irländer ritt täglich zweimal zur Stadt, Nachricht von der Angebete⸗ ten im beſtimmten Hauſe zu erwarten. Ein Monat verlief, die Blätter fielen ab vom Waldbaume und meine Hoffnung welkte mit ihnen. Selbſt der General wurde unruhig, da auch nach Genf das Gerücht kam, einer der Hauptverſchwornen, ein Helfershelfer des verurtheilten Ney, ſei durch die Liſt ſeiner Maitreſſe entſprungen, und das kecke Dämchen ſolle nun, da der König ihr Todesurtheil übergnädig kaſſirt, zehn Jahre im Gefängniſſe und darnach für immer im Kloſter der barmherzigen Schweſtern ihre übergroße Barmherzigkeit bereuen und abbüßen.—“ Ich bin entſchloſſen, ſprach den Abend darauf der General. Dein Geſicht, Harry, ſoll nicht ewig wie ein mahnendes Geſpenſt vor mir ſtehen und mit ſeinem ſtummen Vorwurfe mein Herz zerfleiſchen. Mag denn auch die letzte Hoffnung zerrinnen; es gilt ja nur, den Abend eines reichen Tages hinwerfen, und der Tod durch die Kugeln braver Grenadiere iſt eine Wolluſt gegen die Prometheus⸗Qual des großen Mannes, der angeſchmiedet auf Helena's heißen Klippen die Biſſe der neidiſchen Adler ertragen muß Jahre hindurch. Wohlan, — 327 packe den Mantelſack mit einem Sterbeanzuge, das Uebrige den verſtümmelten Soldaten, die an den Gren⸗ zen herum wanken. Wir wollen fort, gerade nach Paris. Sie ſoll frei werden.— Ich ſtürzte ſchluchzend in ſeine Arme und ſuchte dann mit Haſt den Mantelſack hervor. Da knallte eine Peitſche luſtig im Hohlwege herauf; es war Toms, mein Irländer; ſein Gaul dampfte, und am Gehöft haltend, antwortete er nichts, ſondern knallte immer ſtärker und ſtärker durch die Luft, daß ich ihm nicht nahen konnte, und ein Hab! hab! Hurrah! nach dem andern donnerte aus ſeiner rauhen Grogkehle. Biſt du betrunken? rief ich zornig und ſah mich nach einem Zaunſtocke um.— Auf den Abend gewiß, wenn Sie erlauben, Sir; erwiderte er mit liſtiger Miene. Schauen Sie nur den Thalweg hinab, da bringt gewiß und wahrhaftig das Frauenzimmer die erwartete kleine Poſt⸗ karrete mit ſich gerade zu uns herauf.— Ein Kourier⸗ wägelchen raſſelte heran; faſt athemlos ſprang ich hinzu, und Angeline ſelbſt war in einem Sprunge herab und warf ſich feſt und feurig an meine Bruſt. Mich zuerſt umhalſete ſie innig, wie eine lang verlobte Braut das Wiederſehen küßt, und der General, der wie vergeſſen hinter uns ſtand, zürnte verſtellt: Mädchen, hat dir die Reiſe das Hirnchen verrückt, daß du den Fremden, den Offizier, den Ueberwinder Frankreichs für den Onkel anſiehſt? Angeline fiel nun auch in ſeine Arme.— Er uns fremd, dir fremd, mir fremd? rief ſie leiden⸗ ſchaftlich. Wer iſt auf der Erde uns näher verwandt als unſer Harry? Onkel, wie ich dir angehöre, wußteſt du längſt, weißt du ſo gewiß; wie er mir angehört, wußte er noch nicht und mußte es ſogleich wiſſen. Im Triumphe führten wir die Heldin in unſer Land⸗ 328 häuschen, und eine Unzahl von Fragen beſtürmte ſie, nachdem ſie ſich kaum erholt hatte.— Ihr Lvos war nicht ohne Härte geweſen. Die Gerichtsherren hatten nicht wenig gegen die Entführerin getobt, ſtrenge Ver⸗ höre bedrängten ſie, und mehre Wochen mußte die Uner⸗ ſchrockene den Käfig bewohnen, aus dem ſie den koſtbaren Edelfalk frei gemacht. Da trat der ſchöne ritterliche Herzog von Berry ſelbſt in ihr graues Steingemach und kündigte ihr die Freilaſſung, die Gnade des mildherzigen Monarchen an. Sie haben uns einen Dienſt erzeigt, Comteſſe, ſprach er gütig, indem Sie uns der Laſt enthoben, das Blut eines tapfern Franzoſen zu vergießen, welches das Geſetz verlangte. Eben dieſes harte Geſetz fordert, daß Sie Frankreich meiden, indeß wird der gnädige König Ihnen den Wunſch der Rückkehr dereinſt gern gewähren, denn es wäre ein Verluſt, wenn ſolch eine hochherzige Dame nicht einen Helden ihrer Nation beglückte und Stammmutter eines Hauſes würde, deſſen Söhne, hochher⸗ zig und unerſchrocken wie ſie, den Thron der Ludwige ſtützten. Ohne Hinderniß verließ ſie ſogleich Paris, nahm die Straße nach den Niederlanden und kam auf Umwegen zu unſerm Aſyle. Und meine Tochter, mein Schwiegerſohn? fragte der General geſpannt.— Angeline ſchlug den Feuerblick zu Boden. Merlin hat eine Hofcharge bekommen, beide wollten mit der Staatsverbrecherin nichts zu ſchaffen haben, und ſahen mich nicht einmal.— Des Generals Züge bildeten ein finſteres Schlachtgeſicht. Nicht einmal einen Gruß an den Vater? fragte er mit wilder Heftigkeit. Dann ſtrich er mit der Hand langſam ſich über das Antlitz und 329 ſetzte gefaßter hinzu: Hier auf Erden iſt kein Licht ohne Schatten. Der Menſch ſoll nie vergeſſen, daß er auf ſchmutzigem, vergänglichem Boden wandelt. Laß ſie leben im Genuſſe meiner Güter, laß ſie meinen Enkeln durch ihre Kaltherzigkeit glückliche Tage bereiten; viel⸗ leicht gedenken dieſe einſt mit mehr Liebe des Groß⸗ vaters. Und ich habe ja an euch der Kinder genug, heiß liebende, großherzige Kinder, einen Schatz, der für ein Patriarchenalter genügt.— Was wir noch in Europa zu thun hatten, wurde in Eile betrieben, damit kein neuer Unſtern das ſchwer gewonnene Glück ſtören möchte. Ich nahm meinen Abſchied, dem bei den Zeitumſtänden kein Hinderniß entgegen geſtellt wurde. Ein Schweizer Prieſter machte Angelinen zu meiner Gattin und weihete mich ein zu dem ſeligſten Tage meines Lebens. Raſch verließen wir dann unſern Schlupfwinkel, durchreiſeten Deutſchland unangefochten, denn die engliſche Uniform des Kapitäns O'Neal wurde ein Freipaß für Frau und Schwiegervater und hinderte jeden Argwohn; der freie Ocean nahm die Erdbürger freundlich auf, die ſich von allen Erdenketten frei gemacht, und ſeine Rieſenwellen trugen uns leicht und ſchnell an das Geſtade des jugendlich herrlichen Amerika's. Weſtlich an den Aleghanny⸗Bergen, am Ufer des befruchtenden Miſſuri, von reichen Aeckern umgeben, ſteht unſer Landhaus; eine herrliche Wieſe voll ellenhohen Blumengraſes breitet ſich aus vor dem Eingange des Gehöfts, und eine Gruppe prachtvoller Rieſenbäume beſchattet das Dach. Der General La B.. iſt ein fleißiger Pflanzer geworden und leitet wie ein rüſtiger Patriarch unſern Haushalt, dem ſein gerettetes Capitalvermögen, mit 7 330 meinem Halfpay verbunden, ſchnell das trefflichſte Fun⸗ dament legte. Daß der Schöpfer der Erde keine Trennung der Völker, keinen Nationalhaß, keine Sonderung unter Menſchen erſchuf, beweiſet mein prächtiges Bubenklee⸗ blatt, George, Napoleon und Alcibiades getauft, in deren Adern griechiſches, franzöſiſches und engliſches Blut ſich miſcht, wenn auch der Großoheim, ſo oft er ſie auf den Knieen ſchaukelt und ihnen von Europa und ſeinen Kriegsjahren erzählt, bemüht iſt, in ihren Zügen, Antworten, Empfindungen und ihrer Handlungsweiſe zu entdecken, was ſie von jeder Nation an ſich tragen möch⸗ ten. Angeline iſt mein Abgott; hatte ſie als Jungfrau mein ganzes Weſen ſich zauberiſch angeeignet, ſo reißt ſie als Hausfrau und Wirthin, als Gattin, Tochter und Mutter täglich mehr mich zu feuriger Liebe, zu gren⸗ zenloſer Hochachtung hin. Die Heroine war ſie, eine ſtolze unerſchrockene Atalante; jetzt iſt ſie Aſpaſia und Penelope zugleich, und ein ungetrübter Himmel wölbt ſich durch ihre Sorgfalt über meinem Leben. Wie einen Talisman bewahre ich das Bild aus der Schlacht bei Waterloo; es muß ein Familienkleinod bleiben, denn wäre die Tabatiere in die Hände der preußiſchen Huſa⸗ ren gekommen, hätte Harry O'Neal wohl nimmer das reiche Glück gefunden, was ihm der Himmel beſchieden hat, und auf feſtes Pergament mit unauslöſchlichen Farben gezeichnet ſoll dieſe Geſchichte, aus meinem Tage⸗ buche gezogen, in dem Hausarchive bewahrt liegen, da⸗ mit auch die Urenkel den Werth des Talismanes erken⸗ nen, ihn für ewig heilig halten, und ſich an den edeln Zügen ihrer Ahnfrau begeiſtern zu wackern Thaten für ihr freies, ſie beglückendes Vaterland.— — 0—— ————— V — — — * — — — — — — — Ein Lebensgemälde in zwei Blättern. Erſtes Blatt. Zwei Männer wandelten durch den dunkeln Abend außerhalb der Stadt. Es waren, anerkannt durch die allgemeine Stimme der ſchönen und der ſtarken Welt, der ſchönſte und der genialſte Mann der Reſidenz, der traftvolle, herkuliſche Hauptmann von Keß, und ſein Waffenbruder Waldi, der ſchlanke Sohn des jüngſt verſtorbenen Miniſters. Stumm gingen ſie neben ein⸗ ander durch die Finſterniß, denn der Hauptmann war es müde geworden, alle nur mögliche Weiſen und Ton⸗ arten des Geſprächs anzuſchlagen, ohne mehr, als un⸗ verſtändliche Laute und ſinnloſe Ausrufungen für ant⸗ wortende Erwiderung zu bekommen. Jetzt ſtanden ſie am gothiſchen Eingangsthore zum Sankt Katharinen⸗ Kirchhofe. Um die kleine Kirche herum zog ein Kälte bringender Schauerwind; durch ihn regte ſich die blanke Glocke droben im offenen Thürmchen ſummend, jedoch ohne Klang. Vom Ende der Hügelflur ſchien das große, weiße Schweſternkloſter mit hellen Bogenfenſtern her⸗ über, und ein ernſter Geſang ſtrömte mit dem Windzuge von dort hernieder auf das Todtenreich. Das Heiligen⸗ bild in der Niſche neben dem Kirchhofsthor ſah blendend weiß durch die Finſterniß, und beide Wanderer ſtutzten zugleich, als es ſo plötzlich dicht vor ihnen wie lebend erſchien, gleichſam ihnen den Weg vertretend ins Heilig⸗ thum, und ihre ungeſtümen Schritte anhaltend. 8 334 Waldi holte tief Athem. Gute Nacht, Hauptmann! ſagte er dann faſt tonlos. Habe Dank für das Geleit. Kehre nun heim, du Treuer, denn hier möchte ich gern allein ſein, hier muß ich allein ſein!— Ich kehre nicht um! antwortete der Hauptmann ſehr beſtimmt. Dir taugt heute keine Einſamkeit. Seit Mon⸗ den biſt du verſchloſſen, wie die Gräber hier; ſeit Monden ſchon biſt du kalt und ſtumm, wie dieſes weiße, ſteinerne Jungfrauenbild. Scheint mein altes Recht nicht mehr zu gelten, das Recht auf dich, was wir wechſelſeitig uns erwarben auf einander in Todesnoth und Schlachtengraus und Siegesluſt, ſo will ich doch drum nimmer die Pflicht vergeſſen, die mit dem Recht zugleich geboren ward. Wohl ſah ich, wie im Schwei⸗ zerladen der Geheimſchreiber mit der Habichtsphyſiognomie dich bearbeitete, wie du aufglühteſt und deine Fauſt zuckte. Was Jener weiß, warum bleibt's mir ver⸗ ſchwiegen? Ich fordere Aufſchluß! Und dieſer geſpenſtige Kirchhofsgang tief in der Nacht? Was ſoll auch dieſer deuten?— Du forderſt? Und deinem Zürnen fehlt die gerechte urſache nicht; ſo folge mir darum.— Das ſprach Waldi, und ſchritt voran durch die gewölbte Pforte. An einem marmornen Sarkophage hemmte er den Schritt, ſetzte ſich auf die Stufen und winkte den Freund zu ſich nieder. Das iſt deines Vaters Grabſtätte; was, ſuchſt du da einen Ruheplatz? fragte der Hauptmann verwundert. Warum nährſt du muthwillig alſo den jungen Schmerz? Das ziemt wohl der Weibernatur, denn die Weiber ſind Thränenkrüge, die erſt, wenn ſie antik ſind, trocken werden; der Mann muß den Gram wegwerfen, wie er den Mantel wegwirft, den der „ ——— ————— 8 — v————— — ———— —„ .— — 335 Dornenwald packte, und der die kühne Reiſe hemmt und den Aufflug.— O, wäre dieſer mein Vater geweſen, rief Waldi auf, dann wäre ein Räthſel weniger mir im Leben, und mein Daſein hätte eine Säule, woran es ſich zu ſtützen vermöchte!— Stutzend und horchend ſetzte ſich Keß zu dem Sprecher. Sieh! fuhr dieſer fort. Ich habe den Schlafenden drunten lieb gehabt, ſo kann kein Sohn je wieder einen Vater lieben. Er gab mir ja auch Alles, was das junge Herz verlangte; er regelte meinen Weg, aber er legte ſich nie wie eine Schranke hinein. Das Leben ſelbſt iſt der beſte Erzieher des Menſchen! Das war ſein Grundſatz. Ohne Irren kein Finden; ohne Selbſt⸗ erkenntniß keine Weisheit.— Wie hoch hielt ich die Selbſtſtändigkeit dieſes Mannes; wie hoch ſeine Wahr⸗ haftigkeit in Wort und That! Mich betrog er, mich allein auf der Erde, mich, der ihn am meiſten liebte auf der Erde. Eine Krankheit, die ihn plötzlich befallen, rief mich aus dem gewonnenen Feindeslande, rief mich aus den Reihen der braven Freiwilligen unſerer Stadt zurück. Ich fand ihn ſterbend, und wenige Worte von ihm warfen mich in den qualvollen Zuſtand, den du todte Verſteinerung nannteſt. Er ſei nicht mein Vater! Das erfuhr ich von ihm. Anvertraut war ich ihm worden von einem edlen, doch höchſt unglücklichen Freunde. In den Schierlingsbecher warf der Sterbende noch den ſchalen Honig, vielleicht würde gar bald mein wahrer Vater ſich mir entdecken, doch, wenn auch nicht, dürfte ich dennoch ruhig ſein in der Sorge um das irdiſche Gut.— Waldi ſchwieg eine Weile. Der Hauptmann ſchüttelte 336 das lockichte Haupt, doch hielt die Neugierde ſeine Zunge an. Waldi fuhr fort: Sechs Monate ſind ſeitdem ver⸗ laufen, Niemand hat ſich mir genähert. Ich war des Miniſters Erbe. Er war nicht reich, doch bis jetzt reichte das Vorgefundene, und wird noch reichen, aber kein Vaterblick ſuchte mich; allein und verwaiſet ſtehe ich da; kein Herz iſt neben mir, in welchem mein Blut pocht; keine Seele iſt mir zur Seite, welche der Natur unauflöslich Band mir bindet und an mich feſſelt mit ewigen Ketten! Ich bin allein, und mich ſchaudert vor dieſem Alleinſein.— Der Hauptmann war unwillig aufgeſtanden. Waldi ergriff ſeine Hand.— Du biſt beleidigt? fragte er. Ich kenne deine Freundſchaft; doch ſetze dich an meine Stelle, und du wirſt vergeben. O, Freundſchaft iſt ein herrlich Gut auf Erden, aber die Brauſeköpfe der Ju⸗ gend ſind Verſchwender und ſpielen oft Hazard mit ihr. Schlage an deine Bruſt, und ſprich: Kann nicht der Ehrgeiz, kann nicht des Leichtſinns Sprudelwort, kann nicht ein liebend, lockend Weiberauge morgen ſchon uns abtrünnig machen und untreu?— Des Hauptmanns Hand zuckte wie im Schreck.— Der da unten war mein, mein für die Ewigkeit, klagte Waldi fort, und er hat ſich ſelbſt von mir geriſſen. O, warum behielt er nicht die Lüge im ſterbenden Herzen!— Armer Freund! ſeufzte Keß. Der Klagende richtete ſich vom Marmor auf, gegen welchen er die Stirn ge⸗ legt, und ſtellte ſich feſter dem Verbrüderten gegenüber. Mein Leben hatte die Regel verloren und den Richterſtuhl; ich kam mir vor wie ein Heimathloſer. Kühner ſuchte ich Zerſtreuung und Vergnügen, wie die Trauer und Erſtarrung der erſten Wochen gleich einer 337 Schmetterlingspuppe von mir abfiel. So fand ich, was mich band und hielt, und Groll und Gram verſchleierte, und ein Schimmer von Glück flackerte an meiner Nacht. Wer? lallte der Hauptmann leiſe, wie des Gefühls Echo, ober wie zagende Ahnung. 3 Still! rief ihm Waldi unwillig zu. Hab' ich je ge⸗ forſcht nach deinen Geheimniſſen?— Huldigung, Arm und Blut für die Dame! Doch nur der Braut Name auf der Lippe, ſolches Geſetz leuchtet aus guter Ritter⸗ zeit herüber für jeden edeln Lancelot; das Geſetz galt auch immer bei uns.— Ich träumte von einem Seelen⸗ bündniß, von ſeltenſter idealiſcher Verſchmelzung ama⸗ thuntiſcher Schönheit und unbefleckten Engelſinnes in einem Weibe; des Geheimſchreibers heimlich Wort hat meinen Glauben irre gemacht. Auch dort in den Tempel⸗ hallen meiner Liebe ſchleichen mir ſeitdem Todtengeſtalten, die eine Lüge geſtehen; der Trug ſcheint mir zu gehen im blauen Sternenmantel meiner ſchönen Myſterie; des ſatiriſchen Tadlers eiſige Kälte, ſeine amphybiſche Na⸗ tur machte auch mich kalt genug, um ſelbſt, wenn auch mit Alles zerſchmetterndem Zauberſtabe, Entſcheidung hervorzurufen, und wenn auch in dem Mitternachts⸗ rufe meine eigene Vernichtung hervorklänge. Doch vor⸗ her habe ich hier, hier, wo die Verweſung Leben gebiert und Blumen; hier, wo ſich das höchſte Räthſel der Natur ſo einfach auflöſet, hier mir Muth zu holen und eine eigene Kraft; drum laß mich jetzt, verlaß mich jetzt!—— Horch! Hörſt du nicht, wie der ſchwere Ziehbrunnen ſchon raſſelt auf des Meßners Hofe?— Die roſtige Kette iſt zum Blumenbande geworden für eine Laube der Cypris am paphiſchen Feſte. Geh jetz wenn du mein Freund biſt!— Blumenhagen. I. 22 338 Was werden die Gräber dir geben? fragte der Hauptmann. Gleichmuth für Schwindelei! Unſchuld für Glanz! Taubentreue für Nachtigallgelock und Pfauenblendung! Ich ſtehe, wie Herkules, am Doppelpfade; die Wahl muß mir allein bleiben.— Waldi drehte ſich von dem Freunde, und dieſer ging, ihn verlaſſend, dem Gatterthore zu. In ihm hielt ein Geräuſch ihn auf, und zog ſeinen Blick zurück nach der Gegend deſſelben. Ein weibliches Weſen, hell gekleidet, zart und klein, ſchwebte vom Hofe des Meßners der Kirche her über die Straße, ſchwang ſich leicht, als trügen es Flügel, über des Gottesackers niedere Be⸗ friedigung, und in dem Lichtſtreife, welcher ſich, von den großen Kloſterfenſtern ausgehend, über den Friedhof legte, ſah er mit angeſtrengten Augen, wie die zarte Geſtalt ſich in Waldi's Arme warf, und von dieſem heftig umfaßt wurde. Beruhigt nickte der Hauptmann mit dem Kopfe dazu, und eilte raſcher zur Stadt zurück, auch für ſich einen Platz zu ſuchen, der ihm alle Räthſel der Erde vergeſſen machen könne. Wie Convolvelgeringel die ſchlanke Linde umfaßt, ſo ſchmiegt ſich das liebliche Kind um den Mann unter den Gräbern. So biſt du doch gekommen durch die unheimliche, ſtürmiſche Nacht! jauchzte ſie mit dem Tone und Aus⸗ drucke höchſter Glückſeligkeit. So haſt du doch deine Meta wohl recht lieb, und von Herzen! O, die Abende, wo Meta dich nicht ſieht, lebt ſie ja auch nicht. Dir breche ich nimmer ein Wort, antwortete Waldi 339 innig. Seit jener Nacht, da ich hier lag am Grab⸗ ſteine des väterlichen Fremden und fremden Vaters, und du plötzlich hinter des Monumenten hervorſtiegeſt gleich einer geiſtigen Erſcheinung, ich in dir den Engel zu ſehen wähnte, dem einſt meine Wiege vertraut wurde von der Vorſehung, und der mir eben jetzt ſichtbar ward, weil meine Verwaiſung ſeiner ſo ſehr bedurfte; ſeit jener Nacht biſt auch du mir unentbehrlich. Du kameſt, um ein Kindergrab mit Blumen heraus zu putzen, damit früh am Morgen die Mutter des Lieblings traurig Bett freundlicher finde; du erſchrackſt ob des Ungekannten, der ſo dreiſt dich anſprach; doch dein Blumenkörbchen ſchmückte ſeitdem nicht die traurigen Hügel mehr, ſondern goß alle Blumen der Liebe, alle Blüten der Unſchuld auf meinen Pfad. O, wie kann ich das je dir danken und lohnen?— Danken? ſprach ſie nach. Was thue ich denn ſo Großes und Erſtaunliches um dich?— Daß der Stief⸗ vater ein bischen mehr ſchilt und ſtößt, als ſonſt, daß Meta das trägt, und gern und geduldiger trägt, ſeit ſie dich ſah, das iſt das ganze allmächtige Opfer.— O ich wanke noch, und wähle und zögere? fragte der Mann ſich ſelbſt. Klage zum Schickſale auf über Einſamkeit und Verſtoßung, und darf die Hand nun aus⸗ ſtrecken! Ja, heute noch, meine Meta, heute noch ſoll ſich dein und mein Loos entſcheiden; heute haſt du viel⸗ leicht des zürnenden Vaters ſchneidend Wort zuletzt zu tragen und morgen ſchon—— O, Frühroth des Sab⸗ baths, warum iſt noch eine Stimme in meinem Herzen die deinen Aufgang verzögern möchte?— Meta drängte ſich ängſtlicher an Waldi. Siehe da, ſprach ſie, da ſchreitet ſchon wieder die lange, ſchwarze 340 Geſtalt, welche ſchon mehrmals mich ängſtigte, in deinen Armen. Was will ſie? Was ſucht ſie bei uns? Sie ſieht ſo finſter und fürchterlich.— Sei ruhig, Mädchen, entgegnete der Geliebte. Oft finde ich dieſes dunkle Weſen auf meiner Straße, doch geht es ſtill vorüber und kümmert ſich wenig um mich. Fürchte dich nicht, heute bin ich dazu nicht ohne Waffen, ſondern ſo, wie du mich letzthin einmal wünſchteſt.— Er ſchlug den Mantel ganz auf, und ſtand in der Schützenuniform vor ihr. O wie ſchön und blank! jubelte die Kleine auf. Doch ſo vornehm zugleich, daß Meta ſich kaum heran⸗ wagt!— Mein ſüßes Närrchen, erwiderte Waldi, ſie heiß in die Arme nehmend; du biſt der Demant im Gottes⸗ ſchmucke der Natur; eitel Gold iſt alles Uebrige, Fabrik⸗ arbeit gegen den Preis der Schöpfung. Ein Lippenpaar, wie das Deinige, brachte Mariens Engelgruß; ſolche Augen ſchlug das erſte reine Weib auf, und machte den erſten Garten zum Paradieſe; ſolche zarte, überirdiſche Form umfing der Seraph, der ſich tröſtend zu dem ge⸗ fallenen Erdenſohne neigte.— Und du wählſt dennoch das Gold ſtatt des Demants? ſagte eine tiefe Stimme dicht neben den beiden Glück⸗ lichen. Sie fuhren auf, die ſchwarze Geſtalt ſtand dicht bei ihnen; funkelnde Angen ſchaueten aus einem blaſſen, ſehr finſtern Geſichte ſie an. Wer ſtört hier unberufen? ſtieß Waldi zornig her⸗ aus, und faßte den Säbelgriff. Meta hielt ihn an Arm und Hand. Säume nicht! die Stunde der Prüfung ſchlug. Schlage den Brief auf und ſuche ſein Siegel. —2, 3 ——————————— 341 Wie? du? ſtammelte Waldi; doch ſchon war die Geſtalt des alſo Fordernden fortgeſchritten und im Schat⸗ ten der alten Linden verſchwunden. Die Liebenden ſahen ſich noch wortlos an, indeß ertönte ſchon drüben an des Meßners Hofthür des Alten ſcheltende Baßſtimme, Meta rufend und drohende Worte in die Nacht ſtoßend. Lebe wohl! flüſterte die Jungfrau ſchnell. Sorge nur nicht um mich. Ich fliege zum Gartenpförtchen hinein, und ſitze längſt im Küchenwinkel, ehe der Alte wieder herein iſt. Die Liebe gibt dann ſchon eine Aus⸗ rede, gibt Geduld im Gelärm ſeines Unmuths. Morgen wieder!— Sie küßte ſeine Lippen und huſchte davon. Waldi ſtand noch eine Weile. Solche Verwirrung war nie in ihm geweſen. Er kam ſich vor, wie ehedem im Pulver⸗ und Staubgewölk, umbrauſet von Kanonen⸗ wetter und Geheul der Schlacht, wo ſie ſammt und ſonders auch zuweilen keinen Ausgang gewußt und jede Richtung verloren. Es war ihm, als riefe eine Stimme aus dem Grabgewölbe da vor ihm: Kehre nicht zur Stadt, ſondern ſchreite raſch ein in des Meßners Häus⸗ chen, und thue den unwiderruflichen Spruch! Sichere alſo dein und ihr Glück! O, da trat in die verwöhnte Phantaſie ein Bild, das alle Pulſe zu hämmernden Herzen machte; der Giorgini Bild, das Bild der Hehren, der Gefeierten ſtand vor der Seele und verdrängte Alles mit ſtolzer Anmaßung. Der gefundene Brief, welchen ihm der Geheimſchreiber zugeſteckt, nun gar des Unbekannten Aufruf, riſſen ihn fort, und im Sturmſchritte eines kampfdürſtenden Heeres kam er zum Stadtthor und in die erleuchteten Gaſſen. 342 Nein! der ſchwache Menſch geht nicht ungewarnt auf den Eispfaden dieſer Erde; der unſichtbare Vater ſtößt ihn nicht, wie den enterbten Sohn, in die Welt. Er hat nicht allein als Führer die richtende Stimme im Herzen, den Nachklang eines himmliſchen Herolds für das ewige Recht; auch ſichtbar und laut berühren ihn Warnungsſtimmen und Rettungshände auf der Irrbahn, und ſeine Engel ſind ihm oft ſo nahe, und rufen laut den tauben Berauſchten an.— Dem wüſten Spieler ſtammelt ſein zartes Kindlein nach: Vater, komm früh daheim, daß ich die gute Nacht dir ſprechen kann!— Dem verſchwenderiſchen Lüſtling tritt der Bettler in den Weg, und ſeine Pfenningsbitte ſollte an den Werth der Güter erinnern, die er der Langenweile opfert, und welche verwandten Geſchöpfen Glück geben könnten und ſie retten von Verzweiflung und Selbſtmord. Aber der Menſch will nicht hören, noch ſchauen; er drückt die innere Stimme nieder, beſpöttelt das eigene Ahnungs⸗ vermögen, ſein Himmelserbtheil, nennt, mit ſchädlichem Muthwillen und ſich ſelbſt beſtehlend, die Sterne Irrlichter und die Wegweiſer täuſchendes Fichtengehölz, und taumelt ſo zu Sturz und Elend.— Nicht das Fluchwort des alten Stiefvaters, nicht das Bild des mißhandelten, um ihn mißhandelten Mädchens, hatten den ſinnverblendeten, ſchwankenden Waldi zu halten vermocht. Zwiſchen den hellen Paläſten, unter den raſ⸗ ſelnden Karoſſen, welche zum Opernhauſe rollten, wurde Zorn und ſeine Glut in ihm noch heftiger, die bislang das Dunkel draußen und die Sturmnacht mit ihrer Un⸗ heimlichkeit und ihren fremdartigen, unſichern Umgebungen eingezwängt hatten. Alles bewegte ſich lebendiger in ihm: ſein faſt jähriges Werben um die ſchöne Ballettänzerin, —— 343 ihre Freundlichkeit, die zur Traulichkeit wurde, ſo daß er Liebe und Glück in ihr erblickte;— die ſtillen Abende an ihrem Theetiſchchen, wo ſie wie eine neue Aſpaſia durch die Würze des geiſtreichſten Geſprächs die Ent⸗ behrung der verlangenden Sinne und den Unmuth über Strenge der Sitte und ernſte Sprödigkeit ſelbſt dem glühendſten Schwärmer vergeſſen zu machen wußte;— Alles das jagte durch ſein Gedächtniß dunkel und wild geformt, wie das Nachtgewölk vor dem kältenden Oſt. Er hohnlachte über ſich ſelbſt, wie er dieſe gehalten für eine Ausnahme und einen Phönir ihres Standes, wie er hinter dem wunderhellen Augſtern und in dem wunder⸗ reinen Körper eine gleiche Seele geglaubt. Er preßte den Brief in ſeiner Taſche krampficht zuſammen, doch der kleine, ſcharfkantige Schlüſſel, der darin lag, fuhr faſt wundend in ſeine Hand und weckte ihn. Gerade ſtand er am Hauſe der Giorgini; dunkel war noch oben die ganze Fenſterreihe, öde die breite Gaſſe, nur ein blinder Orgelmann ſang drunten an die Pforte gelehnt eintönig zu ſeinem mißklingenden Inſtrumente wieder⸗ holt den Refrain einer Criminal⸗Romanze: Weh ihnen! Sie hatten's nicht vorbedacht, Das hat ſie zum Block und Beile gebracht.— Waldi ſtutzte. Er fühlte ſo eine Art Mordluſt in ſich und zog die Hand vom Säbel zurück, an welchen ſie wirklich gelegen hatte. Doch eben ſo ſchnell lachte er laut ſich ſelber aus, gab dem Orgelſpieler, was die brennende Hand griff, und ging gegenüber in das ſchim⸗ mernde Kaffeehaus, dort das Ende der Oper und ſeiner Rache Zeit zu erwarten. Warum war ihm wiederum die zerlumpte Hülle des Spielmannes und ſeines Liedes 344 kahler Ton zu armſelig, als daß ſein Hochmuth den verlarvten Engel ſeines Schickſals darin hätte erkennen mögen? O, der Menſch iſt blind mitten im Lichte! Das Kaffeehaus war ſchon leer und ſtill. Nur einige ſpäte Billardſpieler umſchritten die weite Tafel, und ein grüner Bube ſtammelte ſchläfrig die franzöſiſchen Zahl⸗ wörter her. Im Seitenzimmer ſaßen zwei Meiſter am Schachbrette da, wie zwei taubſtumme Eremiten, mit ihren ſtarren Geſichtszügen und Glasaugen der Kem⸗ pelenſchen Maſchine ähnlich. Waldi ſetzte ſich ihnen nahe, und zog den Brief her⸗ vor. Nochmals rief er die Geſchichte dieſes merkwürdigen Blattes vor ſeine Seele, um ſich kalt und ernſt vor⸗ zubereiten zu der nächſten Stunde. Der ſatiriſche Ge⸗ heimſchreiber hatte ihn allein gerufen, und ihm erzählt, wie er ſo eben einen ganz beſondern Fund gethan, der dem feinen Aeſthetiker Waldi merkwürdig ſein dürfte, auch vielleicht von ihm, als einheimiſch in allen Zirkeln der feinen Welt, enträthſelt werden möchte. Ein ver⸗ ſiegelter Brief, welcher einen feinen Schlüſſel enthielt, war von ihm auf einem Platze gefunden worden, wo ſo eben ein dichter Haufen junger Offiziere plaudernd ge⸗ ſtanden hatte. Neugierig und dreiſt brach der Geheim⸗ ſchreiber den Brief, und bedauerte gegen Waldi des armen Amadis Verzweiflung, wie derſelbe wahrſchein⸗ lich aus dem Gewühl der Kameraden mit einem Vor⸗ gefühle der Seligkeit nach Hauſe geſtürzt ſei, die heimlich erhaltene Liebespoſt zu entziffern, und dort mit Rolands⸗ wüthen den Schatz verloren entdeckt haben würde. Waldi erſtarrte, als er die Schriftzüge anſah auf dem feinen Blatte, welches der lächelnde Geheimſchreiber ihm vor⸗ hielt. Er erkannte ſogleich der angebeteten Giorgini 345 Handſchrift, und las mit Zittern, was er jetzt nochmals im kalten Grimme ſich vorſprach: —„Du biſt ein Thor, mein Trauter! Indeſſen ſollſt Du nicht länger am Jrionsrade Deiner Thorheit gemartert werden. Habe ich auch alle Deine Rechte Dir ſelbſt gegeben, wie ein gnädiger Fürſt ſeinem Lande die Verfaſſung, ſo achte ich doch Deine Rechte, und darum ſollſt Du noch heute beruhigt ſein. Quäle Dich nicht mehr. Ja, ich habe neben Dir eine Neigung ge⸗ habt, eine freundliche, unſträfliche Neigung, die mir werth war, und die des Weibes Eitelkeit entſchuldigt. Auch Du wirſt das Weſen Freund nennen, und nennſt es vielleicht ſchon alſo, was Deiner Eulalia theuer ſein darf, ohne darum des Gatten Widerſacher und der Meuchelmörder ſeiner Ruhe zu ſein. Wie ich noch heute Dich wieder in das Eldorado des Friedens und Ver⸗ trauens leiten werde, ſo ſollſt Du ſpäter dem vermein⸗ ten Nebenbuhler das Irrlicht leidenſchaftlicher Hoffnung verlöſchen, und mit uns muß der Edle dann einen Drei⸗ bund knüpfen, der jenem Griechiſchen nichts nachgeben und und uns Allen die herrlichſte Zukunft ſichern wird. Solcher Traum wohnte längſt in des kühnen Weibes Seele, und mag ihre Heimlichkeit entſchuldigen.— Komm heute, wenn der böſe Vorhang ſank, der auch ein Scheide⸗ teppich iſt zwiſchen uns und der Welt, komm dann ruhig und ohne Mißtrauen, und höre den Namen Deines ver⸗ meinten Feindes. Es iſt der Klang des Namens ſo unſchuldig, wie Deine Eulalia es iſt, deren Treue dem Salamander gleicht in Flammen, und deren Hand wie ein Asbeſthandſchuh in Gluten ſich reiner brennt für Dich. Der Schlüſſel ſchließt die Gallerte, welche führt zu Deiner, nur Deiner Eulali Giorgini.“ 346 Langſam ſank der Brief mit der Hand auf des Leſen⸗ den Knie. Philoſophie der Kokette! flüſterte er in ſich hinein. Hinauszulocken den Mann in Südglut und Pomerenzenwald, daß er die Hülle abwirft und allen Schutz, und dann den Nackten ſtehen laſſen in einer Islandsnacht! Daraus wird eine Lebensnatter, welche Lunge und Herz zerfrißt; aber ehe das Fieber die Kraft zernagt hat, ſoll der Halberfrorne ſtrafen und rächen!— Heftig hatte er die letzten Worte ausgeſtoßen, denn die Schachſpieler riefen mit zornigen Duettſtimmen und ſtechenden Duellantenaugen ihr:„Ruhig!“ herüber. Dieſe milde Güte, fuhr er leiſer fort, dieſes himm⸗ liſche Vertrauen, welches, Rath ſuchend und alle Tiefen eigener Seele dem befreundeten Auge enthüllend, eine Ausſicht gab auf den heiligſten, ſeltenſten Bund eines Damon und Pythias unter zwiefachen Geſchlechtern; dieſe zarte Keuſchheit und Sittlichkeit, die, allen Schein von Spröde und Heuchelei vermeidend, nur auf die höchſte Reinheit des Weſens, auf eine Seraphsnatur gebaut ſchien, nur zu warten ſchien auf höchſte Heiligung, um als ein Muſter in den hymenäiſchen Flammen nimmer verzehret zu glänzen;— dieſe Worte des Beſitzens und Gebens, dieſes Mein und Lieber und Guter, elyſiſche, einwiegende Töne für den hoffenden Thoren;— Alles dieſes nur Maske, nur ein Poſſenſpiel weiblicher Laune, nur eine Saat des Lachens und des Geſpöttes für fremde Buhlſtunde! Aber es ſind Kadmeiſche Drachenzähne, und geharniſcht werden ſie aufgehen, aufſtehen plötzlich, wie ſataniſche Erſcheinungen in dem Eden, was Du Dir zu ſchaffen glaubteſt. Ja, wäreſt Du eine Buhlerin geweſen gemeiner Art, und hätteſt mich alſo betrogen fein —— 347 und lange, ich hätte den Fleiß des Gewerbes gelobt und mit gelacht; doch ſo galt es meine Seele und mein Lebensheil, und nur die wildeſte Entgegnung wäſcht ſolchen Frevel ab. Aus dem Geliebten wird nun der Teufel Deiner Freuden, und wenn Du ihm einen ganzen offenen Himmel entgegen trügſt!— Waldi fuhr in die Höhe bei dem Ausruf, und ihm entgegen fuhr ſogleich der Spieler nächſter. Die Hölle auf Ihren Kopf, rief er erbost. Bezahlen ſie das Spiel, meine Königin iſt verloren gegangen durch Ihr Gelärm! Ja! meine Königin iſt verloren! tobte Waldi wie ein Raſender ihm entgegen, ſchleuderte den Spieler zu⸗ rück, daß er mit Tiſch und Schachbrett die Erde ſuchte, und ſtürmte zum Gaſthauſe hinaus ohne Mantel und Hut. Böſer Zorn, du, einer der ſchwarzen Dämonen des Menſchengeſchlechts, wo iſt ein Geiſterbanner, der dich bezwingt und dich im tödtenden Aushub des Arms zu Stein zaubert? Wie Antäus, die ſchmutzige Mutter berührend, immer neue Kraft gewann, ſo doppelt ſich dein Orkan bei jedem neuen Anſtoß der Alltäglichkeit, bei jedem Anhalt des Gemeinen. Nur zwei ſich verwandte Talismane wirken auf pich: Liebesbitte der Unſchuld und Unſchuldsthräne der Liebe heißen ſie; doch beide waren fern dem erhitzten Manne in dieſer gefährlichen Stunde, wenn auch beide vielleicht gerade jetzt liſpelten und rannen für ihn. Kalt fuhr der Mitternachtswind über Waldi's Geſicht, wie ein Todtenkuß, als er jetzt wieder vor dem Hauſe der Georgini ſtand. Mit Grimm ſah er droben die Fenſter erleuchtet und mehre Schatten vorüberhuſchen an den grünſeidenen Vorhängen. Ein Poſthorn tönte ſchmetternd am Ausgange der Straße; es erinnerte ihn an Aus⸗ 348 ſtoßung, Verbannung, Trennung, und jagte die Feuer⸗ ſäule ſeiner Rachebrunſt und ſeines Ingrimms noch höher auf; ſo trat er flüchtig in die Pforte, flüchtig in das Hinterhaus, wo die Seitentreppe zur Gallerie führte, deren Schlüſſel in ſeiner Hand lag. Er kannte die düſtre Steige recht gut. War er auch nie ſie hinauf geſtiegen zum Abgott ſeiner Sehnſucht, ſo hatte doch manches Mal die verſchwiegene Kammerfrau ihn dort herab geleitet, wenn ſtörender Beſuch die Horen ſeiner freundlichſten Lebensſtunden verſcheuchte. Vorſichtig öffnete er die Thüre, ſchritt leiſe durch das dunkle, teppichbelegte Kabi⸗ net und nahete der Fenſterthür, deren Vorhang ihm ſei⸗ nen Tartarus nur halb verhüllte. Eine Mannsſtimme klang darin, eine bekannte. Ich verſtehe dich nicht, Eulalia, denn fort iſt der Brief und ſein Inhalt. Höre auf mit der Schäkerei und ſei ver⸗ nünftig, ſagte der Mann drinnen ſehr ernſthaft. Eula⸗ lia trillerte ein italieniſch Liedchen von Eiferſucht und fing dann derb zu zanken an über des Liebhabers Nach⸗ läſſigkeit und den Verluſt ſolches unſchätzbaren Briefes. Sie nannte dabei dennoch den Ausgezankten mit ſüßen Namen, und da die chineſiſchen Schattenbilder hinter dem halbdurchſichtigen Vorhange ſich zugleich zärtlich näher kamen, ſo griff Waldi's in Wuth zitternde Hand haſtig an das Schloß. Es war verſchloſſen. Drinnen ſchrie die Dame und des Mannes Schritt verlor ſich in ein Seitenzimmer. Ein Druck von Waldi's kräftiger Hand und die Glasthür ſprang auf. Die hochgeſtaltete Tänzerin trat wie eine kampf⸗ bereite Mänas dem Eindringenden entgegen. Sie, Waldi? fragte ſie ſtaunend. Sind Sie wahnwitzig — 349 geworden? Denn nur ſolche Krankheit entſchuldigt ſolchen Einbruch. Kein Wahnwitziger, ſondern ein Wüthender! raſete Waldi vordringend. Er erblickte einen Offizierdegen, bequem abgelegt neben Federhut und Mantel. Raſch war das Eiſen blank in ſeiner Hand. Ich bin ein Ver⸗ nichteter, ſtammelte er mit trockener Lippe. Aber ich will die Schlange in meinem Paradieſe kennen und zer⸗ treten vorher.— Da trat ruhig, lächelnd und die Hand bietend, der hohe Hauptmann Keß aus dem Seitenzimmer und fragte mit traulichem Spotte: Was tobſt du, mein Freund? Haſt du hier Rechte, gleich mir, ſo laß ein mildes Wort Entſcheidung geben. Der Preis entläuft uns nicht, und ich ahne jetzt die Aufklärung und eine ſanfte, wohlthuende Entwickelung.— Waldi's Lippen zuckten fieberhaft. Er ſtarrte des Waffenbruders Geſicht an, das ihm Verhöhnung und Falſchheit zu tragen ſchien; er ſtarrte Eulaliens Geſtalt an, die in dem leichten Koſtüm der Pſyche mit fliegen⸗ den Ringellocken und den großen blauen Taubenaugen ſich ihm in das Bild der buhleriſchen, meerentſteigenden Phryne des Apelles verwandelte. Blaue Flammen zackten vor ſeinen weit aufgeriſſenen Augen; es war ihm, als fiele ein rieſiger Drache ihn an und umkrallte mit zehnfachen Klauen ſein guellend Herz; ſeine Haare ſträubten ſich, alle Muskeln zuckten; ſo ſtürzte er in einem gewaltigen Ausfalle vor und des Degens blanke Spitze fuhr in des lautlos niederſtürzenden Freundes Bruſt.— Lenkende Macht über dem Weltenbaue, biſt du graues Fatum oder ernſter Adonai, oder der Liebe und des 350 Mitleids Gott? Räthſel ſind deine Fußſtapfen im Kies⸗ ſande und Wieſenthaue der Erde, und kein Auge iſt außer dir hell genug, kein Verſtand verſtändig genug, die Hieroglyphen deines Geiſterlebens und die Hiſtorie deiner Thaten zu leſen. Wenn du das zarte Kind nimmſt aus dem Mutterarme, das zarte Kind, zu ſchuldlos noch, um durch den Tod zu büßen, noch zu anſpruchslos, um durch Tod zu enden die leere Bahn, ſo iſt kein Oedip gewachſen dieſem Räthſel, ſo wenig wie dem grauſigern, daß Blutſchuld fallen darf auf eine Bruſt, die keinen verbrecheriſchen Sinn umſchließt, ſondern deren Herz nur um fünfzig Hammerſchläge zu viel arbeitete, und einige Grade zu nahe dem Sied⸗ punkte ſtand!—— Rein war Waldi's Bruſt bis zu dieſer Minute, vorwurfsfrei ſein Leben bis hier; ein Todtſchläger ſtand in der nächſten, dem Geſetz und dem Beile verfallen. Eine grauenvolle Sekundenpauſe folgte, aber in ihr hatte das ganze Bild ſich geändert. Die Giorgini brachte zuerſt Bewegung in das gefrorene Meer des Schreckens. Mit einem fürchterlichen, krei⸗ ſchenden Schrei ſchlug ſie nieder, den Tiſch mit Silber⸗ gefäßen und Kryſtallbechern nach ſich ziehend. Mit dumpfem Geröchel hob ſich jetzt convulſiviſch der Ver⸗ wundete am Boden, und ſeine Athemzüge überſchwemm⸗ ten mit Blut das weiße Gewand der neben ihm hinge⸗ ſunkenen Geliebten. Waldi ſtand mit ſtierem Anſchauen; alle Empfindung war verloſchen in ihm, und auf das Austoben höchſter Anſpannung war eine allgemeine Er⸗ ſchlaffung erfolgt. Der befleckte Degen entfiel den todt⸗ ſtarren Fingern; er ſank langſam und unbewußt in den nahen Seſſel, hörte kaum den Mordruf der herbeigeeil⸗ ten Zofe und das Wechſelgeſchrei nach Hülfe, Wundarzt 351 und Wache, welches eindringende Hausgenoſſen anſtimm⸗ ten. Mehr und mehr füllten ſich die Zimmer, ſchon drückten ſich Nachbarn und Straßenwächter durch die in Furcht verſteinerten Haufen, da fühlte er ſeine Hand ergriffen, fortgeriſſen wurde er in das Kabinet, dieſelbe Steige der Gallerie hinab, welche er gekommen, und als ihm im Freien Athem kam und der Nebel vom Auge zu ſinken ſchien, fand er ſich fortſchreitend im ſchnellſten Schritte, oder vielmehr entführt durch des ſchwarzen Unbekannten Hand. Ein Schauder zuckte hin durch ihn. Kein Wort ſprach der Mann. Seine Hand war eiskalt und trocken, indeß Waldi's Rechte wie rothglühender Stahl in ihr dampfte. Mit rieſiger Stärke zog der fremde Arm, und mit dem Erwachen auch an ſeine Lage, an Mord, Gericht und Geſetze ſich erinnernd, ſchien es Waldi'n, als riſſe ein Schöffe der dunkeln Vehme ihn fort zum Kreuzwege, wo Strang oder der bleiernen Roſe Dolch ſeiner warteten. Viele Straßen waren ſie ſo durchſchritten, da hielt der Lauf an einem hohen, altgothiſchen Gebäude. Oft war Waldi ſonſt da vorübergegangen und hatte es un⸗ bewohnt geglaubt, weil immer Pforte und Fenſter ver⸗ ſchloſſen geweſen. Auf ein altes verlaſſenes Kloſter oder eine Komthurei verloſchener Ritterorden deuteten manche Zeichen und Bilder an Mauer und Thor. Der ſchwarze Mann zog einen Schellenring, die Glocke klang dumpf im fernen Innern. Langſam öffneten ſich die Pforten⸗ flügel, ohne daß ein lebend Weſen ſich ſehen ließ; durch gothiſche Säulengänge, die ſich rechts und links als Kreuzpfade unabſehbar dehnten, und auf welche der eben aufgegangene große Vollmond durch mächtig große bunte 352 Kirchenfenſter herein ſah, dann eine breite, tönende Windelſteige hinan wurde der Erſtaunte geleitet, bis ſich ein weiter Saal aufthat, wo der Fremde endlich die feſtgehaltene Hand losließ. Die alte Halle ſchien voll fremder Geſchöpfe, wenn man den unſichern Blick durch ſie hinfliegen ließ, doch regte ſich nichts. In ihrer Nitte ſtanden Waldi und der finſtere Herr dieſer Einöde mehre Sekunden lautlos ſich gegenüber. Junger Mann! ſprach dann der Unbekannte mit rührendem Ernſte. Was haſt du gemacht? Wie Vieles haſt du vernichtet im Keime und im grünen Saatwuchſe? Das Leben ſelbſt erzieht den Menſchen am beſten; aber der Menſch muß Vernunftweſen bleiben und des Leibes Herr, ſoll die Erziehung Frucht tragen; nicht das Thieriſche an ihm muß Tyrann werden, und wie ein verletzter Elephant zertreten, was ſeinen Weg hemmt. Du biſt Mörder geworden, Freundesmörder! Fühlſt du das, Menſch?— Des Schickſals väterliche Leitung hat nun ein Ende, und es wird dir von jetzt ein Zucht⸗ hauswärter werden, da du härterer Weiſung benöthigt biſt, doch verläßt dich, den Gefallenen, auch jetzt der ſtille Führer nicht, den Natur und ihre Pflichten dir verbanden.— Waldi konnte keine Worte finden für Antwort und Frage, nach welchen beiden doch ſein Herz ſo ſehr ver⸗ langte; er verſtummte noch tiefer, da der Fremde jetzt ſeinen Mantel ablegte, und im Mondenſcheine ein hoher, beſonders edelgeſtalteter Mann an ihm hinſchritt, deſſen dunkler Lockenkopf über dem bleichen, gefurchten Antlitze Alter und Jugend ſeltſam in ſich vereinigte, und deſſen tiefliegende Feueraugen einen gewaltigen, gebietenden ht ie it. du ng t⸗ igt er dir nd 35 etzt er, ſen itze ſen den 353 Geiſt ausſprachen und von einem Herrſcherleben er⸗ zählten. Bleibe hier ruhig und harre mein! ſagte der Unbe⸗ kannte nach einigen Gängen durch den Saal und tiefem Nachſinnen; doch mit dieſen Worten, die von der Thür im Hinaustreten ſchon zu dem Befangenen ſprachen, wurde der Fremde auf einmal ihm ein Bekannter. Ja, er war es, jener ſchwarze Doktor; ſo nannte ihn Waldi's Pflegevater und des Miniſters ganze Haus⸗ genoſſenſchaft. In früher Kindheit hatte ihn Waldi oft bei dem Vater geſehen, bei dem er viel zu gelten ſchien, ſpäter ſeltener, zuletzt gar nicht mehr. Auch erinnerte er ſich noch lebhaft, wie ihn einſt der Vater mitgenom⸗ men auf ein ſchönes Landgut im Gebirge, nicht allzu weit von der Reſidenz, das dieſem Doktor gehört, und wo alles ſo wunderſam geweſen, ſeltene Bäume und Blumen im Garten, ſeltene Thiere im Park, das Wohnhaus im Felſenwinkel ſelbſt gleich wunderbar ge⸗ formt, halb einer altgothiſchen Kirche gleich, halb einem gräciſchen Tempel mit Säulen und Statuen. Der ſchwarze Doktor hatte dort den Knaben geküßt und ihm die Hand bedeutungsvoll auf die Stirn gelegt; noch ſah Waldi jene in Thränen überfließenden Feueraugen;— dann waren eine Menge fremder Männer gekommen, alle in dunkelfarbigen Mänteln und mit großen, nieder⸗ geſchlagenen Hüten, und der Knabe war gern mit dem alten Diener heimgegangen, da ihm die unbekannte Ge⸗ ſellſchaft Furcht gemacht. Aber wie ſtanden dieſe Scenen ſeiner Kindheit mit ſeiner jetzigen Lage in Verbindung?— Noch ſann er darob, da klirrte die Thür, und wie ein Geſpenſt einer alten Burg, kaum hörbaren Schrittes, ſchlich ein Blumenhagen. I. 23 354 gebücktes, weißhaariges, altes Männchen herein, ſorgſam trippelnd, doch nicht aufſehend von der Ampel, die es trug, mit welcher es drei Wachskerzen, die auf einem goldenen Leuchter im Saale ſtanden, anzündete, und die Ampel ſelbſt dann in ein Nebengemach hinſtellte. Als das Männlein zurückſchritt durch den Saal, trat Waldi ihm in den Weg und fragte nach dem Herrn, und ob er kehren werde und bald?— Das Männlein ſtarrte den Frager ehrbar an, und aus dem Kreiſchtone, den es von ſich gab, merkte Waldi, daß ein Taubſtummer vor ihm ſtehe, und machte mitleidig Platz, daß das unglück⸗ liche greiſe Weſen gehen konnte.— Das Unbehagliche ſeiner Lage war durch die Er⸗ ſcheinung dieſes elenden Geſchöpfes eher vermehrt als vermindert worden, und um ſeine Gedanken von dem Furchtbaren abzulenken, was ſein Drachenneſt in ſeinem Herzen gebaut hatte, ging er in der Halle umher und beſah ſich darin. Es war eine wundervolle Fülle, Man⸗ nigfaltigkeit und Unordnung in dem unabſehbaren Saale. Große Bücherſchränke, blanke und roſtige antike Waffen und bunte Vaſen wechſelten an den Wänden rund umher mit einer Menge Naturſeltenheiten und bunten Zauber⸗ geſtalten der Schöpfung. Große Meerſchnecken, blinkende Metalldruſen lagen umher; dabei ſtanden Flamingo und Strauß mit ihrer Pracht neben dem häßlichen Gibbon und Eisbär; alle Zonen und Welttheile waren hier vereint; Thierſtkelette ſchimmerten weiß überall, und dazwiſchen glänzten wieder phyſikaliſche und aſtronomiſche Inſtrumente und Werkzeuge, wie dämoniſches Zauber⸗ geräth, mit Zerſtörung das Reich der Schöpfung bedro⸗ hend. Eine hohe Pyramide von milchweißgebleichten WMeenſchenſchädeln in vielfachen Formen grinſete wie eine X 355 Geiſterverſammlung und ein Bundestag der Repräſen⸗ tanten aller Erdenvölker von ihrem ſchwarzen Gerüſt herab, und mehre gewaltig große Wanduhren bewegten ſich daneben in todter Lebendigkeit als ein Schatten und Spott der machtloſen Verſammlung. Mitten im Saale hing unter einer Trophäe von blinkendem Gewehr und alten Fahnen ein großes Bild hiſtoriſcher Art. Waldi trat hinzu, es beleuchtend. Es ſtellte eine wilde Kampfſcene dar. Hinten ſah man her⸗ andringende Krieger fremdländiſcher Art. Zur Seite hielt ein ſchönes Mädchengebilde eine ſinkende Frau von hoher Geſtalt und prächtiger Kleidung im Arme. Vorn ſtieß ein geſchmückter junger Held gerade den Degen in eines ältern fürſtlichgekleideten Mannes Bruſt, in deſſen Hand ebenfalls ein gezogenes Gewehr blinkte. Die bei⸗ den weiblichen Geſtalten hatten eine eigene Aehnlichkeit unter einander, und ebenſo die beiden männlichen, und in Allen war auf den erſten Blick eine nahe Verwandt⸗ ſchaft der Züge mit denen des ſogenannten ſchwarzen Doktors nicht zu verkennen; aber Waldi's Phantaſie loderte wie in Zackenflammen auf, da ihn ſelbſt die blonden weiblichen Köpfe bei näherer Beſchauung wie mit elektriſcher Erſchütterung trafen, indem wie aus dem Spiegel heraus Waldi's eigenes Geſicht aus ihnen herab zu blicken ſchien. Das Wandgemälde gehörte ihm an und ſeiner Lebenshiſtorie vielleicht vor ſeinem erſten Athemzuge, das ſchien ihm ſo gewiß, wie ſein jetziges Athmen; doch welche Fäden lenkten, welche Verzwei⸗ gungen ragten durch dieſes Dunkel?— Und dieſe Blut⸗ ſcene ihm vorgehalten in einer gleich blutigen Mitter⸗ nacht! Wie von hölliſchen, finſtern Gewalten umfangen, deren lechzende Satansphyſiognome mit Einem Male in ———— 356 allen Winkeln dieſes heimlichen Hauſes ſichtbar wurden, drehte er ſich raſch, in ſich zuckend die Furcht und den Ausbruch des Abſcheues am eigenen Sein, ab von der Wand, und trat dem offenen, kleinen Seitengemache entgegen. Eine blaue Tafel hing über dem Eingange, der gothiſch geſchnitzt war. Mit goldenen Lettern las man darauf: „Menſch! Erkenne dich ſelbſt! Nur alſo thuſt du den erſten Schritt zur Weisheit!“ Ein feuerfarbener Vorhang verhüllte halb aufgezogen die Oeffnung. Waldi trat hindurch, und mußte auf's Neue ſtaunen über den allegoriſchen, ſeltſamen Theater⸗ ſchmuck auch dieſes Gemachs. Mächtig ausgedehnt und ſeiden bedeckte eine Art von Baldachin, gleichfalls feuerroth, einen Thron, über deſſen Stufen hinauf ein himmelblauer, ſternbeſäeter Teppich führte. Auf der höchſten Stufe ſtand ein blanker Ritterharniſch, wie die erſtarrte Puppe eines entflohenen Lebendigen; das Viſier war geſchloſſen, auf der Stahlbruſt lag ein rothes Templerkreuz und ein weißer Templer⸗ mantel umfloß die Eiſengeſtalt, doch zackten auf dem⸗ ſelben, zur Seite hinauf bis zu ſeinem Kreuzeszeichen und es halb verwiſchend, falbe Brandflecken in die Höhe. Der Eiſerne ſtreckte den leeren Arm mit blankem Da⸗ mascener weit hinaus in die Luft, und der gehobene, breite Stahlfuß trat auf einen Todenkopf, unter dem ein großes, zerbrochenes ſchwarzes Kreuz mit vergolde⸗ ten Ecken ſich ausbreitete. Auf den unterſten Stufen des Thrones knieten zwei große, wachsgelbe Gerippe, rechts und links dem Ritterbilde; Ketten hingen an den Knochengliedern; eines trug die dreifache Prieſterkrone — n fen pe⸗ en — 357 und die Inful; das andere eine Doppelkrone von blauem Eiſen und Goldzacken, wie auch einen perlenbeſetzten Scepter in der weitgeſpreizten Hand.— Keine Inſchrift deutete dem Beſchauer das Bild, doch es ſprach Vieles und ſprach Kühnes. Die Wände um die Gruppe her waren mit einer Menge charaktervoller Köpfe in ſchönen Rahmen bedeckt. Ein herrlicher Ecco Bomo, von großer Strahlenglorie ſtatt des Rahmes umfaßt, nahm die Mitte ein; unter den übrigen unterſchied Waldi einen Moſes, einen Sokrates, einen Luther und ein treffliches Johannishaupt von Lukas van Leiden. Ein einzelner Seſſel nur ſtand mitten im Gemach, davor ein zierlicher Arbeitstiſch voller Manuſcripte. Neugierig und dreiſt— es war ihm, als hätte er hier überall ein Recht!— ſchaute Waldi in ein Heft von Folio⸗Format, an welchem der Herr dieſer Hallen noch kürzlich geſchrieben zu haben ſchien. Das Manuſeript trug eine verworrene Schrift. Hieroglyphen, Zeichen⸗ ſchrift, griechiſche und deutſche Lettern wechſelten mit einander. Der Titel lautete alſo:—„Denkſprüche und Erfahrungen eines ſogenannten unbekannten Obern 5„— das Schlußwort war für den Leſer nicht zu entziffern. Er blätterte drin, und ſtieß auf fol⸗ gende, deutſch geſchriebene, roth angeſtrichene Stelle: —„Ich war ein Fürſtenkind; ein Herzogthum konnte mein werden. Der Leichtſinn einer ſonſt guten Mutter ſtieß mich von Land und Erbe; ihre Schuld wurde ein langes Grabtuch für ſie, welches ein zwanzigjähriges Leben einhüllte in Graus und Moder; ihre Schuld machte mich unwiſſend zum Vatermörder. Ich ent⸗ ſagte der blutigen Krone; Schlachten ſollten den Mör⸗ der richten, ſie gaben mir höhniſch ſtatt deſſen Lorbeeren 358 und Feldherrntriumphe. Da flüchtete ich aus dem Er⸗ denleben zu ſtiller Buße. Die Wiſſenſchaften wurden mir Tröſterinnen, und der menſchliche Engel, den zu ſchützen vor ſündiger Begier des Vaters ich gemordet den Vater, ſtieg herab in meine Tiefe und wurde mein, doch nur als Hohn und Strafe des ehernen Fatums, mein, um den Engel einzuſenken nach kurzer Freuden⸗ zeit in das Reich der mächtigen Verweſung. An dem friſchen Grabhügel fielen alle irdiſchen Ketten von mir; der ſchwere Reiſemantel des Erdenwallers ſank von meiner Schulter, und der ermattete Unglücksſohn widmete ſich im Bunde der edelſten Menſchen dem einzig würdigen Menſchenwerke, dem Studium der reizenden Erkenntniß des Urgeiſtes durch Natur und ſeine Schöpfung, dem Studium des Menſchengeſchlechts, jener geheimen Wiſſenſchaft, die eine Heilkunde lehrt für die Herzen und Geiſter, die in könig⸗ licher gottentſprungener Wohlthätigkeit die Staubgebornen aus dem Schmutze erhebt und aus ihrem Elende. Im Streben nach möglichſter Aehnlichkeit mit dem Höchſten der Weſen ging alle Begier unter und alles wundende Angedenken. Das Vielwiſſen Vieler gab einen Schein der Allwiſſenheit; geſammelte Macht tauſend ſtarker Willen wurde zum Nachbilde der Allmacht; im Dunkel ausgeſtreuete Saat der Wohlthätigkeit ahmte den ewi⸗ gen Segen nach, der Welten erhält und ewig fort er⸗ ſchafft; und in dieſer heiligen Nachahmung war ein Ziel gefunden und ein Daſeinszweck, vor welchem alle Tages⸗ pracht und Völkergröße verſchwand, wie der Fixſterne Nachtlicht, und ſelbſt des Sirius Gefunkel im erſten Schimmer öſtlichen Sonnengoldes, und als eine Repu⸗ blik glücklich beglückender Könige ſtanden wir über den Erdenthälern auf dem Berge des Lichts.“— 359 Mit Magnetenzug feſſelte den Leſenden das düſtere Wort, doch Geräuſch hinter ihm ſtörte, und als er um⸗ ſah, ſtand ein ſüdlich Menſchenbild im Zimmer, eine Mohrin, jung und wohl geformt, die ihm in kryſtalle⸗ nen Schalen Wein und Brod und Früchte anbot. Er verweigerte die Annahme, denn nur ſein Geiſt bedurfte Stärkung und Labe. Rieder ſetzte ſie die duftende Tracht, und als ſie eine Weile ſeiner Entſchließung geharrt, er nichts angerührt hatte, winkte ſie ihm zur Folge. Schickt Dich dieſes Hauſes Herr? fragte Waldi. Wo bleibt er? Warum kehrt er nicht zu mir? Warum läßt er mich ſtundenlang in dieſer tödtlichen Ungewiß⸗ heit und auf dem Marterſtuhle unthätiger Gewiſſens⸗ angſt?— Die Mohrin ſah ihn ſtarr an, doch regte ſie keine Lippe, ſondern winkte wieder. Iſt denn Alles taubſtumm in dieſem verwünſchten Schloſſe! knirſchte Waldi zwiſchen den Zähnen hin, und folgte dem eben⸗ holzfarbenen Genius.— Eine Wendeltreppe führte hinten im Hauſe hinab zu einem großen von Säulengängen eingeſchloſſenen Hofe; aus des Hofes Thor traten ſie in einen Garten mit hohen verhüllenden Heckengängen und ſchwarzen Tarus⸗ pyramiden; ihn gerade durchſchneidend, trafen ſie auf den Rand des breiten ſpiegelhellen Ringgrabens der Stadt. Dicht am Ufer wiegte ſich im Mondlichte eine kleine Gondel, und der ſchwarze Doktor ſtand am Ru⸗ der. Geſchickt die Waſſerfläche mit der Schaufel thei⸗ lend, ſtieß er ſogleich ab, ſobald Waldi in das Boot getreten war, das Gartenufer blieb hinter ihnen, und nach wenigen Minuten landeten ſie jenſeits. Sorgſam leitete der Retter den Geretteten in's Freie, und am Rande der Maſchwieſe wurde eine Karoſſe ſichtbar.— 360 Ziehe denn nun hin! ſagte ſanft der Doktor, und zog zugleich ein Paket Papiere von ſeiner Bruſt. Dieſe Blätter ſichern deinen Weg, geben dir das Nöthige vorerſt und enthalten einen Rath für deine Zukunft. Der große Weltenherr ſei mit dir!— Und meine Meta? fragte der Jüngling, auf einmal von Rührung überwältigt und bedrückt von der ganzen Schwere des Moments in heiße Thränen ausbrechend. Sorge nicht um ſie! antwortete der dunkle Mann. Morgen ſoll ſie in meinem Schutze ſein.— Fühleſt du jetzt deines Leichtſinns grenzenlos Vergehen und den eigenen Raubmord an deinem Glücke? So dicht vor dir das Glück, ſeine reine Hand ſo voll für dich? Nur deiner ausgeſtreckten Hand bedurft's, nur des verſtändigen Entſchluſſes. Aber da trieb unbegreiflicher Egoismus, da trieb die Eitelkeit, die Unerſättlichkeit einer Knaben⸗ phantaſie in dir ihr Spiel und zertrümmerte ſelbſtmör⸗ deriſch das Heil deines Lebens und das Gebäude freund⸗ ſchaftlicher Sorgfalt. Hinausgeworfen in die fremdkalte Welt, geächtet mit dem brennenden Kainszeichen, durch Mord getrennt voͤn dem reinſten Herzen, durch Mord gebunden an ein bei weitem werthloſeres, trage nun die Strafe der Verblendung, und wehe dir! wenn auch dieſe ſtoiſche Schule vergebens um deine Erziehung ſich müht, und der rohe Stein für immer des Maßes und des Meiſterhammers ſpottet!— Ein ſtarker Druck der Hände ſchied ſie. Der Doktor ſtand mit einem Schritte wieder im Kahne und ſtieß vom Lande. Seufzend warf ſich Waldi in den Wagen, der, von ſchnellen Roſſen gezogen, wie ein Schiff vor dem Winde mit ihm zur Grenze flog.—— 361 Zweites Blatt⸗ Es gibt in jedem Menſchenleben Jahre, welche dem Regenwetter gleichen, das in den ſüdlichen Zonen die Stelle des Winters vertritt. Wo iſt der Glückliche, der in ſolcher Regenzeit nicht erkrankte, über welchen ein ewiger Sommer hinzog! Ohne Froſt iſt ſolche Zeit und ohne Glut; aber ihre langweilige, unfruchtbare Mittel⸗ temperatur macht den Geiſt verzweifeln, denn ſie hat keine Blume und keinen Sturm. Nicht als Mitſchöpfer geht durch ſie der Menſch ſtolz wie unter dem althelve⸗ tiſchen Freiheitshute; nein, wie ein Fröhner am Pharav⸗ niſchen Baue muß er die Arbeitsſtraße auf⸗ und abziehen, ohne Lohn, ohne Freude am Werke, wenn auch ohne Geißel und Schimpfwort, die noch der Widerſetzlichkeit Duettentöne zu dem ſtummen, armſeligen Tage brächten. Solche Jahre der Alltäglichkeit und des geſpenſtigen Umganges unter lebenvollen Brüderkreiſen gleichen einem gemalten Stillleben von Walskapel: bunt ſind die Bilder und der Natur abgeſtohlen; aber die Klarinetten geben keinen Ton; von den Notenblättern ſingt kein Sänger die deutlich geſchriebene Melvdie; der Cham⸗ pagner im Glaſe lockt mit hochperlendem Schaume keinen Durſtigen; auf dem zierlichen Kalender ſtreicht keine emſige Hand die verfloſſenen Wochentage aus; und der Todtenkopf allein iſt der ſprechende Repräſentant und Bruder Redner des bunten Durcheinanders, und ver⸗ deutlicht ſein Memento.— Auch Waldi lebte ein ſolches Stilllebensjahr. Er durchſtrich Deutſchland und ſeine Grenzgebirge, denn 362 nur die rauheſten Gegenden waren ſeinem Gefühl be⸗ freundet; der Adlerhorſt und der Gletſcherſturz nur gaben ſeinem Auge Genuß. Sein Gemüth war ein todtgebranntes Schlackenfeld. Die Erinnerung an des Freundes Blut wurde zwar ſtumpfer dolchend, aber eine Abgeſpanntheit, eine Feindſeligkeit vhne Willen und That legte ſich wie ein Kieſelſinter über das eingeſchla⸗ fene Gewiſſen. In einzelnen Minuten wollte ſich das beſſere Selbſt Luft machen und die Steinhülle zerſprengen, aber dann ſchien ihm Erdenleben und Menſchheit keiner Anſtrengung mehr werth, und der Winterſchlaf ſeines Geiſtes blieb derſelbe.— Napoleon war von Elba zu⸗ rückgekommen, hatte durch den Zauber ſeines Namens allein Paris und Gallien wieder erobert. Dieſe Nach⸗ richt zuckte ihren elektriſchen Stoß doch auch durch Wal⸗ di's erlahmte Gliedmaßen. Er erinnerte ſich des Buchs, welches er in dem geheimnißvollen Hauſe geleſen; wie jener Unbekannte, ſehnte auch er ſich nach Schlachtentod und der fürchterlichen Zerſtreuung des Krieges; ſo trat er wieder als Freiwilliger ein in die deutſchen Helden⸗ reihen, doch nicht im vaterländiſchen Heerhaufen, und unter dem Feldzeichen der braven Preußen lag er bei Ligny nahe dem geſtürzten Heldengreiſe, den Germania's Genius damals mit ſchirmender Wolke bedeckte. Schwerer, als ſein Feldherr, war Waldi verwundet; doch heilte die zerſchnittene Stirne bald, und die Tapfer⸗ keit, deren wackerer Geſell auch er geweſen, rief ihn nun auch zu den Siegesfeſten und Triumphzügen im Lande der Eroberung. Da trat in einer leeren, ſchlaf⸗ loſen Mitternacht ſein Schickſal in der blutenden Freun⸗ desgeſtalt wieder an ſein Bett, und er warf den Waffenrock ab; ärmlich ſchien ihm aller Siegesprunk, 363 Sünde das Frohlocken und Läſterung der Tedeumsgeſang über den Leichenfeldern der Brüder. Mit der Büchſe auf der Schulter, im einfachen Jägerkleide ſtreifte er wieder von Lande zu Lande ohne Zweck in der Irre, und darum wahrlich recht unglücklich. Selten begrüßte er große Städte, meiſtens nur dann, wenn er der Kreditbriefe des Doktors bedurfte, um ſeine Börſe neu zu füllen, und allenthalben wurden dieſe gewichtigen Briefe reſpektirt. Es zog ihn oftmals an die Grenze ſeines Vaterlan⸗ des; aber wenn er dann hinüberſchreiten wollte, riß ihn eine gleich unſichtbare Gewalt, wie ihn hergezogen⸗ mit kalter Geiſterhand, die er im Haar ſeines Nackens zu fühlen glaubte, zurück. So lag er auch einſt auf einer Klippe am Gebirgs⸗ rande, auf der Scheidewand zwiſchen ſeinem Volke und einem andern Menſchenſtamme. Es war längſt ein Jahr verfloſſen ſeit der Nacht ſeiner Berſtoßung. Hinter ihm hob ſich ein herrlicher Buchenwald hinanſtrebend zum Himmel im roth und dunkelgrün gemiſchten Herbſtkleide; unter ihm rauſchte der Strom am Gebirge hinab, be⸗ feindend das ewige Granitgeſtein, den unbezwinglichen Gegner, und verrinnend an ſeiner Stärke; jenſeits zog die ſchmale Grenzſtraße ſich am Berge hin und in das Felſendüſter hinein. Es war kein Jeſusblick, mit dem er in die Herrlich⸗ keiten ſeiner Heimath hineinſah, nein! der Verſucher ſtand neben ihm, und er horchte mit Hingebung den Schauertönen, welche ihm den Schritt von der Klippe hinab in des Waſſers beſchwichtigend Murmelbett als freundliche Einladung anriethen. Die ſich zum Schlafe bereitende Natur ſchien auch ihn zur Theilnahme zu 364 rufen mit dem Wiegenliede ihres Blättergeſäuſels und ihren lockenden Zugvogelſtimmen und des Wildes ſu⸗ chendem Geſchrei; da ſtörte ihn im düſteren Sinnen ein reiſender Zug, der ſich jenſeits am Strome herabſchlang. Es waren bekannte Geſtalten, vaterländiſche; und mit der erſten Freude ſeit jener Unglücksſtunde in Eu⸗ lalia's Geheimzimmer ſprang er vom Klippenſitze empor. O, wie breitete er die Arme weit hinüber, aber— o Jammer ohne Maß! kein Blick ſtieg hinauf als Labung und Johannisrabe für den Verſchmachteten.— Voran dem Zuge ritt auf einem ſchwarzen ſpani⸗ ſchen Hengſte der finſtere Retter; ein ſchwarzſammtnes Barett ſenkte ſich über die faltenreiche Stirn, und über die dunkeln Kleider hing phantaſtiſch ein lichtblauer Mantel herab. Dicht hinter ihm trabte auf einem klei⸗ nen ſtarrmähnigen Engländer ein zarter Page in heller idealiſirter Bekleidung; das Federhütchen auf den licht⸗ braunen Locken feſſelte Waldi's Auge wie etwas höchſt Bekanntes, und hörbar ſchlug auf einmal ſein Herz. Dann folgte eine bepackte, aufgeſchlagene Reiſekaleſche, und in ihr ſaß unverkennbar das taubſtumme Männchen, auch jetzt ſtarr wie ein ägyptiſch Steinbild, neben dem⸗ ſelben beweglicher die ſchlanke Schwarze, welche ein feines Kindlein auf dem Schooße hielt, das mit elfen⸗ beinernen Aermchen am ebenholzenen Nacken der Wärte⸗ rin tändelte. Hinten nach ritten mehre Paare bewaff⸗ neter Diener. Wie angeſtrengt rief Waldi alle Worte, welche Sehnſucht, Angſt und zuletzt Verzweiflung eingeben konnten, von ſeinem Felſen herab; die Ferne war zu groß, der Strom rauſchte zu tönend; keinen Blick jagte der Zufall zu ihm herauf, und wie ein Robinſon das 365 Rettungsſchiff an ſeiner Inſel mußte er faſt außer ſich vor Schmerz das letzte Roß an der verhüllenden Berg⸗ ecke vorbeiziehen ſehen. War ſein Unmuth gegen das Geſchick auf's Höchſte geſtiegen, ſo war doch ſeltſam plötzlich zugleich ein eigener Lebensmuth, eine neue Lebensluſt in ihm erwacht, und er beſchloß eiligſt, durch den Wald hin jene Straße zu ſuchen und ihr nachzu⸗ ziehen in alle Weite unermüdlich, bis er die Landsleute eingeholt. Viele Fußſteige kreuzten ſich im Walde. Ungeheure Steinmaſſen lagen zertheilt zwiſchen ſtachlichtem Ge⸗ ſträuch. Nicht lange, ſo hatte ſich Waldi verirrt, und mit Freuden ſah er daher einen Mann zu ſich ſtoßen und achtete nicht auf die ſchmutzige Außenſeite und das verwilderte, ſchieläugige Geſicht deſſelben. Der Mann erbot ſich zum Wegweiſer, forderte jedoch den Lohn vor⸗ aus und ſtarrte mit gierigen Blicken die volle Börſe an; auch die ſchöne Uhr ſeines geführten Theſeus wußte der Gauner ſich ſichtbar zu machen durch Waldi's Unbe⸗ dachtſamkeit, und ſo führte er die erkorne Beute zu einer ſtrohbedeckten kleinen Schenke, die mitten im Holze an ſchmaler Waldſtraße eben nicht zum freundlichſten die Müden einlud. Drinnen klirrten Gläſer und viele rauhe Stimmen ließen ein Volkslied brüllend herausklingen; im ſeltſamen Gegenſatze ſtand damit eine arkadiſche Scene dem Hauſe gegenüber, wo auf kleinem Wieſen⸗ raume weiße Ziegen weideten, und zwei Mädchen, kaum Jungfrauen geworden, an hoher Felswand mit Hand⸗ arbeit beſchäftigt ſaßen. Der Führer ging hinein, Waldi ſetzte ſich mitten zwiſchen den ſchalkhaften Schwarzkopf und die ſcheue Blonde, ließ ſich von ihnen Milch her⸗ ausbringen und ſchwatzte Tändelworte mit ihnen, ſo viel es ſein beunruhigt Gemüth zuließ. Wieder aus dem Hauſe trat nach einer Weile der ſchieläugige Kerl und lud den Fremdling herein, weil der Abend zu nahe und die nächſte Herberg zu weit; Büchſe und Jagdtaſche wollte er ſofort voran hineintragen. Der derbe und dreiſte Ton des Antrags, das Satansauge und der höh⸗ niſch lächelnde Blick darin ſtieß darin jetzt auf einmal an Waldi's Phantaſie, und barſch dankend forderte er die Erfüllung des Verſprechens, die ſchon bezahlte Füh⸗ rung aus dem Gebirg bis an die Grenze des benach⸗ barten Reichs. Indem er dabei das Gewehr, welches vielleicht im hemmenden Gebüſch und Waldgerank ſich ſelbſt geſpannt hatte, hart auf den Boden ſetzte, brannte der Schuß los und der Knall tönte in hundert echoti⸗ ſchen Klängen zurück. Eine Meute menſchlicher Raub⸗ vögel ſtürzte mit dem Schuſſe aus der Waldſchenke, Alle den Wegweiſer faſt noch überbietend an Häßlichkeit und rohem Aeußern, und mit Gedankenſchnelle ſah Waldi ſich eingekreiſet und Beile und Keule gehoben nach ſich. Sein feſter Stand mit geſchwungener Kolbe trotzig am Felſenrücken, wie ein Perſeus unter Polydektes Kampf⸗ genoſſen, oder ein Ulyß unter den Freiern hielt ſie noch einen Augenblick im Zaudern feſt, doch ſchon winkten ſich ihre Wechſelblicke Ermuthigung zu, ſchon bewegte ſich der mordgierige Kreis, da— tönte ſilberhell ein Poſthorn an ferner Felsecke, ein zahlreicher Reitertrupp ward ſichtbar und wie durch ein Oberonshorn war die Bande zerſtoben, ſelbſt die Mädchen waren mit Windes⸗ ſchnelle entwichen. Es war der ſchwarze Doktor und ſein abenteuerli⸗ cher Zug. Bald erſchienen ſie dicht bei dem Erſtaunten, und der Herr der Karavane reichte ihm freundlich die 367 Hand vom Roſſe herab. Biſt Du mein Gott? fragte Waldi. Wenn die Noth auf höchſter Staffel iſt, dann biſt Du immer bei mir.— Auch Du trittſt wie gerufen an meinen Weg, er⸗ widerte der Angeredete, ohne die Begebenheit zu be⸗ achten, welche Waldi's Blut faſt ſiedend gemacht. Wo wareſt Du verborgen, daß keiner meiner Freunde Deine Spur zu finden vermochte? Doch hier iſt nicht die Zeit zu Erörterungen; bald werden wir freundlichere Muße dazu finden. Nimm dieſen Brief, er ruhte für Dich ſchon lange in meiner Brieftaſche. Tilge die Kainsfalte von Deiner Stirn, denn ein Wunder faſt hat durch meine Kunſt Deinen Freund erhalten; Du biſt kein Mörder. Setze Dich ſogleich auf eines jener Handpferde; ein Diener ſoll Dich aus dem Walde geleiten; in drei Tagen mußt Du in der nächſten Hauptſtadt ſein. Frage dort bei dem Juſtizminiſter nach Alexiew von Lieben, dieſer Name wird Dir eine gaſtfreie Aufnahme erwerben.— Und warum nicht mit Dir, fragte Waldi. Ich muß hier anhalten, denn meine Familie hat Hunger, antwortete der Doktor lächelnd. Auch ich habe in jener Stadt wieder einmal dem Schickſale eine Ab⸗ bitte zu thun und eine Unbeſonnenheit gut zu machen. Sieh! ſo trifft uns Alle die Erinnerung an den blinden Sohn von Erde und Staub, an den Maulwurf, wenn wir noch ſo hoch und wiſſend uns dünken; wohl dann dem Hoffärtigen, wenn das Gutmachen noch in ſeiner Hand ſteht! Geh, mein Sohn! Laß mir die Freude, wie ein Theaterkaiſer Glück und Ruhe, die wir ver⸗ loren, plötzlich und ſicher im letzten Akte über die her⸗ zugießen, welche mir vertraut wurden im Leben von dem Großmeiſter über den Wolken.— 368 Waldi wollte noch einwenden, noch fragen, doch der Abſteigende winkte ihn ernſt hinweg. Ein Diener ſprengte mit dem Handpferde heran, und mechaniſch hingeriſſen von der unſichtbaren Gewalt, die dieſes Unbekannten,“ mit ihm verknüpften Nähe über ihn ausübte, ſtieg der Jüngling in den Sattel, und dann erſt, als er ſchon das Pferd auf die Straße gewendet, blickte er ſich er⸗ innernd und ſuchend rückwärts, aber der Page auf dem runden Rößlein war nicht ſichtbar unter dem Zuge, der, die ganze Straße ausfüllte, und ihm allein galt dieſer⸗ ahnungsvolle Rückblick doch.— Als ſie eine Weile fortgetrabt waren, gedachte Waldi des Briefes, ließ das Thier langſamer ſchreiten und brach das Siegel. Er war von der Giorgini, das Datum vorjährig, bald nach der ſchrecklichen Nacht ge⸗ ſchrieben. Er enthielt in faſt unleſerlichen Zügen Fol⸗ gendes: „— Ein Abſchiedswort Dir, den ich zum Unglück riß und zur Unmenſchlichkeit! Eine Bitte um Vergebung Dir, dem ich die reine Neigung ſo bös belohnte, der die Annehmlichkeit der mir gewidmeten Freundſchaft ſo entſetzlich bezahlte! Mann, der Du mein Glück zer⸗ trümmerteſt mit dem eigenen zugleich, Du biſt gerächt! Thörichte Schwärmerei, Leichtſinn und Eitelkeit ſind härter geſtraft an mir, als an irgend Einer der gleichen Sünderinnen meines Geſchlechts. Wie jene Eulalia de Drama's bin ich ausgeſtoßen in die Welt, nur von ewigem Schmerz und ewiger Reue begleitet. Eines nur liegt mir noch am Herzen. Du, der Du mir nach jenem herrlichen Todten der Theuerſte wareſt,— magſt Du mich haſſen, nur verachten ſollſt Du mich nicht. So wiſſe denn: der Hauptmann war mein * ——— S— 1 8—* — zerbrach. einem Oelfaſſe, 369 Gemahl, ſchon geraume Zeit verknüpfte uns ein heim⸗ lich Prieſterband, und darum war Dein Mordſtrahl kein Racheblitz, ein ſündiges Band zertrümmernd, ſondern eine kalte, eiſerne Fatumshand, welche kirchenräuberiſch die geweihte Hoſtie dicht vor den Lippen zweier Seligen Lebe wohl! Ewig!“— Etwas Beſonderes hat die Erfahrung in ſich, daß gerade der leidenſchaftlichſte, heftigſte Menſch am meiſten von ſeiner frühern Kindlichkeit behält, daß gerade ſeiner Gefühle ſtürmend Meer leichter zu beſänftigen iſt mit das Wehmuth oder Klage eines ver⸗ wandten Unglücks in ſeine Brandungen ausgießt. Der traurige Brief beſchwichtigte Alles, was noch Gift⸗ volles in Waldi's Innerm gewohnt hatte, und ſöhnte ihn völlig aus mit dem Schickſale und ſich ſelbſt. Des Doktors Wort hatte das Vogelfrei des Verbrechers von ihm genommen; Eulalia's Geſtändniß heilte auch die letzte Entzweiung in ſeiner Seele; ſeine Verſtoßung,“ auf frühere Pflichten gegründet, ſchien ihm nicht widrig und ſchändend mehr, aber mit dieſer Aufklärung ver⸗ ſchwand auch der hohen Tänzerin Bild ganz aus dem Raume ſeiner Phantaſie, jene idylliſchen Abende an Meta's jungfräulicher Bruſt füllten jetzt ganz allein ſie aus, und in drei Tagereiſen, die er allein zu machen hatte bis zum anbefohlenen Ziele— der fremde Diener war nach einer Stunde Geleit zurückgeritten— wurde der Vorſatz immer feſter, bei dem nächſten Zuſammen⸗ * n en mächtigen Unbekannten, der wie eine Him⸗ elshahnd ſich in die Begegniſſe ſeines Daſeins miſchte, . bitten, ihm ein feſtes Ziel zu beſtimmen, ſei es wo Blumenhagen. I. 24 370 und wie, einen ruhigen Platz des Nützens und bürger⸗ licher Thätigkeit, und wo möglich Meta's Beſitz, als Palladium gegen alle Befehdung der Leidenſchaft und des Leichtſinns, damit zu vereinen.— Es war ſchon Dämmerung, als die koloſſalen Thore der beſtimmten Hauptſtadt ihn aufnahmen. Mit dem Herzklopfen der geſpannteſten Erwartung ritt er durch ſie ein. Wie ein verſtörter Bienenſchwarm war das Volksleben in den geräumigen Gaſſen; vorzüglich dräng⸗ ten ſich tumultuirende Haufen vor einem großen, heller⸗ leuchteten Gemeindehauſe, und auf dem Markte bauete man unter Geſchrei der Jugend und Gemurmel des Pöbels ein weißes Gerüſt in die Nacht hinauf. Waldi trat in einem einladenden Gaſthauſe ab. Auch da war ungewöhnlicher Betrieb, und wie er eingewohnt und umgekleidet herunter kam zum Nachteſſen an der öffentlichen Tafel, war der große Saal voll Einheimi⸗ ſcher und Fremder, die ſämmtlich die duftende Mahlzeit zu vergeſſen ſchienen über ein gemeinſames Geſpräch. Das Schickſal einer Kindsmörderin war die Axe dieſer geſchwätzigen Welt. Ein runder, wohlbehaglicher Bürgersmann unterbrach endlich, mit kräftiger Stimme durchdringend, das Geziſchel und Geflüſter, und ſagte: Laßt uns ſpeiſen; die Suppe verdampft! Was wiſſen wir Alle davon. Notarius Korb, die Kriminalpoſt, der trefflichſte Erzähler, wie Liebhaber aller Henkersgeſchich⸗ ten, kommt gewiß; der war Geſchworner, der kann über Alles Auskunft geben, da das Urtheil geſprochen wurde. Genug bis dahin: ſie hat den Mord ge⸗ ſtanden; ſie hat ſich ſchnellſte Expedition erbeten, als ——)—* W 371 Gnadenzeichen, und morgen wird der ſchöne, weiße Hals durchſchnitten von Rechtswegen.— Waldi ſah mit feindſeligem, fieberhaftem Schauder den runden Mann bei dieſen Worten den Deckel des weißen Suppennapfes heben, und geruhig mit ſilberner Kelle ausfüllen. Es war durch den Kernſpruch auf einen Augenblick Ruhe entſtanden, und in ihr plauderte leiſe der Ruheherſteller.— Es war ein freundlicher Senator der Stadt, und Waldi ſein Tiſchnachbar geworden; indem er dieſem die würzige Portion zureichte, ſagte er: Sie ſind ein Fremder, da wird Ihnen der Notarius Korb als eine Merkwürdigkeit erſcheinen. Der Menſch iſt ein lebendißz Räthſel. Neben der lächerlichſten Todesfurcht hegt er eine Wuth nach Scharfrichterstragödien, die ihn zehn Meilen weit danach reiſen macht. Er iſt nur Virtuos in der einen Tonart geſelligen Geſprächs über Delinquentenſchickſale und Spitzbubenhochthaten, und ge⸗ ſtand ſelbſt, daß Hinrichtungsmetzeleien und Tortur⸗ nächte ihm den höchſten Genuß im Leben brächten. Bis zur Widerlichkeit quält uns damit recht oft der geborne Halbmeiſter, doch heute muß er Allen willkom⸗ men ſein.— Noch ſprach er, da trat ſchon ein hagerer, unange⸗ nehm bleicher Mann herein, mit ſcheuem, etwas tücki⸗ ſchem Auge, und alle, ſelbſt der Fleiſchbrühinſpektor, fuhren in die Höhe. Es war der erſehnte Notarius, und nachdem er ſich mit kriechender Höflichkeit der Anſtürmenden erwehrt, Platz und Teller genommen, horchte die Neugier überall lautlos auf ſein wichtiges Wort. Ja, meine Herren, ſagte er, das Geſchwornengericht hat ſein Schuldig geſprochen, und morgen im Frühroth 372 öffnet ſich das ſchönſte Augenpaar zum letzten Male dem Lichte. Ihr Bekenntniß erſt nach dem Spruche hat die Weisheit des Spruchs beſtätigt.— O, nochmals die ganze Geſchichte! bat der Runde. Viele Fremde ſind unter uns, und ſo etwas hört man, beſonders von Ihnen, nicht oft genug.— Wohlan denn! erwiderte der Geſchmeichelte mit einem Bücklinge. Sechs Monate ſind es beinahe, da erſchien Abends auf nächſter Poſtſtation ein Frauenzimmer mit Extrafuhre, eine Vornehme, ihrer Umgebung nach, und wie die ſcharfſichtige Poſtmeiſterin ſogleich bemerkt haben will, kein Mädchen, ſondern eine verehlichte Dame. Das Poſthaus ward gefüllt von Reiſenden, die Ankömmlingin bat um ein einſames Zimmer nach dem Garten hinaus. Am andern Morgen wartete der beſtellte, früh beſpannte Wagen umſonſt; todeskrank trifft man die Fremde im Bett; wenige Stunden ſpäter wird ein erwürgtes Kind⸗ chen im Gehölz am Rande des Gartens gefunden, und daß die Reiſende in derſelben Nacht Mutter geworden, bewähren hundert Zeichen in ihrer Wohnung. Die Sache wird laut; die Obrigkeiten thun ihre Schuldigkeit. Aber das ſeltſame Bekenntniß ſetzt die forſchenden Behörden in Verwirrung; iſt daſſelbe ein Kind des Wahnwitzes, den man doch weder vorher noch ſpäterhin an der Verbrecherin bemerkt, oder iſt es eine Geburt der Liſt? dieſe Wahlfrage beläſtigt die Richter. Die Fremde geſteht nämlich frei und frank, Mutter geworden zu ſein in derſelben Nacht, zwar als Wittwe, doch ohne Vorwurf; doch von dem gebornen Kinde, oder gar einer Greuelthat an demſelben, will ſie nichts wiſ⸗ ſen.„Ich lag in einſamſter Mitternacht,“ ſo erzählte ſie, 373 „plötzlich von Ohnmacht und wildeſtem Schmerz wechſelnd befallen. Nur in einzelnen lichten Momenten war der Gebrauch der Sinne mein, und da ſah ich, wie im wachen Traume, einen freundlichen, hochgeſtalteten, ſchwarzen Mann an meinem Lager ſich mühen um mich, und mir einen Linderungstrank einflößen. Aus einem kurzen, erquickenden Schlummer weckte mich neue Höllen⸗ pein, da reichte, mich tröſtend, mir derſelbe Mann ein weißes Kindlein zum Kuſſe, doch der nebelgleiche Todes⸗ taumel, welcher mich umgaukelte, erlaubte meinem auf⸗ wallenden Gefühle weder Sprache noch Handlung, und ich glaubte zu ſterben. Neu erwachend, doch wie im Scheintode regungslos erinnere ich mir nur noch, daß ich neben dem Helfer einen lockichten, freundlich weinen⸗ den Engel ſah, dem der Mann das Kindlein in die Arme legte, und der auf roſenrothen Fittichen durch des Zimmers geöffnete Decke zu entſchweben ſchien.„Sorge nicht um das Kind, unglückliche Mutter! ſprach der Mann noch. Verbirg deinen Zuſtand; du wirſt mich und die Kleine wiederſehen.““— Mehr wußte ſie nicht; die Krankheit der Inguiſitin verzögerte die Unterſuchung; ſie läugnete mit Abſcheu beſtändig den Mord; ſie ſah ohne Erſchütterung das gewürgte kleine Würmchen, doch mit Thränen und abgewandten Blickes; ſie wollte über Herkunft und Verhältniſſe keine Auskunft geben. So verzögerte der Gerichtsgang ſich lange. Hergeſtellt, beſtach die Herrlich⸗ keit ihrer Geſtalt, der Adel ihres Geſichts alle Richter, dennoch fiel endlich die ſchwarze Kugel, und erſt nach angehörtem Urtheilsſpruche trat ſie mit Würde vor, und ſprach mit der Ruhe einer Heroin und dem Anſtande einer Stuart:„Ja! ich bin eines Mordes ſchuldig! 374 Die richtende Vorſicht will mein Blut zur Verſöh⸗ nung für vergoſſenes! Wohlan denn, ſo beſchleunige man nur mein Ende und die Stunde meiner Buße hie⸗ nieden.“— Ihr Bekenntniß nach ſo langem folgerechten Läugnen bewirkte Erſtaunen und Empörung gegen ſie; Mitleid und ſinnbeſtochene Theilnahme ſchwand. Doch bleibt die Geſchichte noch immer dem Denker eine Aufgabe, und wenn auch ſchuldig, iſt doch ſicher Vieles anders, als ich und die Mitgeſchwornen und Ankläger und Defenſo⸗ ren, denen ſie nicht Rede ſtand und ſteht, wiſſen und zu wiſſen glauben.—* Der Notarius endete, und das lauteſte Vielgeſpräch füllte nun von neuem den Saal, und belebte die Tafel⸗ runde. Waldi hatte aufmerkſam zugehört; wie mit Reſſeln peitſchte ihn eine eigene unerklärliche Neubegier; er wollte ſich näher zu dem Erzähler drängen, aber von allen Seiten beſetzt, war dieſer den ganzen Abend für den Fremdling unzugänglich, und unbefriedigt mußte ſich Waldi ſpät niederzulegen zu einer ſchlafloſen Traumnacht. Ein wolkichter, kalter Morgen begann. Von früh an waren die Hauptſtraßen und der Platz am Ge⸗ fängnißhauſe überſchwemmt mit hin⸗ und herziehenden Menſchen. Armes Erdgeſchlecht! Wie magſt du ſo gern deine blöden Augen weiden an Greuelſcenen und Henkersfeſten, wo du dich abwenden ſollteſt mit in Scham und Mitleid gefoltertem Herzen? Was da ſtirbt den Tod der Ge⸗ waltthätigkeit iſt ja dein Blut, iſt ja dein Verwandter, wie du göttlichen Urſprungs, wie du einſt zur Vollkom⸗ 375 menheit erſchaffen! O, hätte der Philoſoph Recht, der deine Natur bösartig nannte vom Keime aus?— Und gar weibliche Weſen kreiſchen überall im Gedränge des Volks, und überall ſchimmern ihre bunten Gewänder? Wehe über euch, ihr Entweibten! Wehe der Menſchheit, wenn aus ſolchem erzumpanzerten Leibe, aus ſolchem drachengiftgeſchwängerten Geblüt Söhne und Töchter geboren werden, gefühlloſes Steingeſchlecht außen, wie ihr, blutgierige Vampyre innen, wie ihr!— Das ſcharftönende Glöcklein rief vom höchſten Stadt⸗ hurme die Richtſtunde aus, und ſtürmiſcher wogte das Nenſchenmeer dem Markte zu. Kopf an Kopf füllte den goßen Platz, in deſſen Mitte die traurige Schaubühne ſih erhob, auf dem ein einſamer, ſteinern daſtehender Mann ſein Opfer und die Heldin der Tragödie erwartete. Di Fenſter aller Gebäude rings umher beſetzten weit⸗ hinſhauende Geſichter, ſogar die Dächer und der nahen Kirche Kuppel waren mit Wagehälſen geziert, die wie Luftſhiffer mit Adlersanſicht auf das Getümmel nieder⸗ blickter und den eigenen Hals wagten, um einen fremden durchſcneiden zu ſehen. Huſaren und Polizeireiter tum⸗ melten ich überall, emporragend, wie Klippen im Meer, Ordnung haltend mit blanker Waffe, und ſchon gällte näher um näher der Armeſünderpſalm, den Gang des Todeszuget kündend, und die Erwartung der Menge höher und höher pannend.— Die ſchaidervolle Minute kam. Tauſend Blicke hin⸗ gen, wie duch Magnetkraft feſtgebunden am Mittel⸗ punkte;— un ein hochgeſtaltet Weib, im reinen Kleide der Unſchuld, hochgeflochten am Kopfe hinauf das reiche blonde Haar, ſteg die Staffeln des Schaffots hinan, und ſtand droben mit dem Anſtand einer Königin, das 376 Kruzifix an der Bruſt, den betenden Prieſter zur Seite. Grabesſtille umfing, wie durch einen Zauberſchlag befohlen, die menſchenvolle Gegend; man hörte nicht einmal den Athemzug. Da erſcholl plötzlich, deſto erſchütternder, an zwei entgegengeſetzten Seiten im Volke der ſchneidende Dop⸗ pelausruf:„Eulalia!“ in Tönen des losgelaſſenen Ent⸗ ſetzens. Das weiße Weib auf dem Schaffotte horchte wie erſchreckt. Und Tumult entſtand an zwei Seiten des Marktes, ein wildes Durchbrechen der Menſchen⸗ wände; Geſchrei und Fluchen folgte den Durchſtür⸗ menden, und zugleich ſchwangen ſich hier und drüben Waldi und Hauptmann Keß auf die Blutſtätte. Sie iſt unſchuldig! riefen beide, und umfingen beide de Sinkende. Nur ich weiß das, und nicht ihr thörichten Schwir⸗ mer! ſprach da eine dumpfe Männerſtimme auf höckſter Stufe der Sünderſteige, und der ſchwarze, finſtere Ret⸗ ter hielt den andringenden Wachen und Beamtei ein Papier mit dem königlichen Siegel entgegen. Retter! Räuber! Verderber! ſtieß Eulalia hervor in den letzten Lauten einer brechenden Stimme, und in Bewußtloſigkeit verſinkend. In das Volk hinunter rief der Doktor: Sie iſt unſchuldig! Sie iſt frei!— Wachen umringten und trennten dann die drei, uw nachdem der Rettende vom Volke theils bejauchzt, theils ver⸗ wünſcht, der oberſten Gerichtsperſon noch Knige Anord⸗ nungen aufgetragen, verſchlang für den Aſchauer Alles eine Volksüberſchwemmung, deren unahfhaltbare Flut des Geſetzes und der ordnunghaltenden Gwalten ſpottete. 377 In dem Prunkſaale des Miniſters ſtanden der ehr⸗ würdige Präſident und der ſogenannte ſchwarze Doktor ſich gegenüber. Herzlich und feſt hatten ſie ihre rechten Hände in einander geſchlagen. Beide waren anzuſchauen wie zwei ernſte Väter aus ſtarker Römerzeit, doch gab die ruhige Weisheit, welche unter ſparſamem Silber⸗ haare aus dem ſanften Auge und weichen Geſichte des Miniſters ſchauete, einen ſcharfen Gegenſatz zu den dun⸗ keln Gewitterblicken des finſtern Freundes, welche über einem von Leidenſchaften gezeichneten Geſichte und unter einem Lockenwalde ſprühten, an deſſen Farbe und Fülle wie ehedem an des Friedländers Haupte, die Zeit kraft⸗ los vorübergegangen war. Mein Alexiew! ſagte der Präſident mit ſanftem Vor⸗ wurfe. Des Menſchen Kraft geht in Schranken und Ketten, drum darf er nicht der Gott ſein wollen, ſon⸗ dern nur der Freund ſeiner Brüder, denn wir Alle theilen gleichen Irrthum. Mein Alexiew, wenn du nun nur eine Stunde ſpäter kameſt?— Züchtige mich! antwortete der Finſtere. O, der Uebermuth war meine Sünde immer, und die Jahre haben nur eine dünne Eiskruſte über dieſen ewig bren⸗ nenden Hekla gelegt. Der reiſende Bundesbruder und ſeine ſeltſame Kriminalgeſchichte trafen mich gerade noch zeitig genug, und im Zufalle erſchien der Weltenherr einmal wieder eben ſo groß, wie in Iſraels Feuerſäule dereinſt.— Zum Himmel hob der alte Präſident die Linke und feierlich ſagte er: Er, der Meiſter, verſteht allein den Schickſalswagen zu lenken. Er hat auch dich gehalten am Abgrunde. Genieße denn nun dankbar die Freuden⸗ ſtunden, die er an deine Schwelle geſendet.— 378 Mit einem raſchen Handdrucke zog Alexiew die Hand aus der des Freundes und ſchüttelte die Silberſchelle. Ein Reiteroffizier ſieß auf der einen Seite den verwun⸗ derten Waldi herein; ihm gegenüber erſchien zugleich aus einem Nebenzimmer die liebliche Meta, traurig ihr bleicheres Engelsantlitz, ein roſenwangiges Kindlein im Arme tragend, und langſam bis zur Mitte des Saales ſchreitend. Ungeſtüm eilte Waldi auf die erkannte Ge⸗ liebte zu; in der Mitte ſeines Laufes wurde er von Alexiews Hand feſtgehalten. Stelle dich feſt! ſagte der düſtere Mann mit einer ſeltenen Jugend⸗ und Freudenglut auf den Wangen. Die Hoffnung vor deinen Augen iſt kein Truglicht mehr; du ſtehſt am Ziele des Glücks. Doch keine romantiſche Spielerei, die Herzen zerdrückt, ſondern die FPflicht allein leite an dem ernſten Tage, wo dir der Tod ſo grauenvoll erſchien, deinen Schritt und deine Hand. Ein Blick ſei dir noch vergönnt auf dieſes Unſchulds⸗ bild, das dir ein reines Herz darbrachte, wie ein ewig blutend Opfer! Dieſer Blick ſei dir Strafe und War⸗ nung!— Thränen rannen über Meta's Geſicht, ſie hielt ſchluchzend dem Manne ihres Herzens das Kindlein ent⸗ gegen. Nimm, ſagte ſie leiſe und in tiefſchmerzlicher Bewegung. Nimm Eulalia's Kind, dein Kind und ſei glücklich mit Beiden. Ich habe das Engelchen dir und — ihr gepflegt, und habe Theil an dieſem Kranze eures Glücks. Das wird mein Troſt ſein, meine Erinnerungs⸗ blume ſein, bis der ſcheltende Stiefvater auf dem St. Katharinenkirchhofe bald dieſes arme Herz an demſelben Plätzchen mit grünem Raſen zudeckt, welches meine Freudenthränen trank und des böſen, doch ewig geliebten —— 379 Mannes Lüge vernahm. O, Waldi, was hatte dir das arme Mädchen gethan, daß du ſeine harmloſen, fleißigen, frommen Stunden krank machteſt und mit giftigen Bil⸗ dern verdarbſt, und die Buße und nie gekannter Reue Geißelſtreiche in ſie trugeſt?— Verwundernd ſtarrte ſie Waldi an. Biſt du irre und wirklich krank, meine Meta? fragte er dann in ſanfter Unruhe. Dich nur will ich! dich nur lieb' ich! Keine Andere hat Anſpruch auf mich; keine Andere lockt mein Begehren! Iſt dieſes Kind Eulalia's Tochter, ſo habe ich kein Recht auf ſie, ſon⸗ dern die Kleine gehört dem glücklichen Hauptmanne, denn dieſer war lange ſchon Eulalia's Gatte durch Prie⸗ ſterſegen!— Alle fuhren im Erſtaunen auf; die Thüre öffnete ſich wiederum und Eulalia wurde eingelaſſen, der Haupt⸗ mann unterſtützte die Schwankende. Als ſie den ſchwar⸗ zen Mann neben dem Präſidenten erblickte, faßte ihr ganzes Weſen der Aufruhr des Zorns, röthete ſie und erſtarkte ſie. Du biſt es! rief ſie. Du wareſt es! Von dir for⸗ dere ich Rechenſchaft hier am Richterſitze der Gerechtig⸗ keit. Die Gefahr meines Lebens ſei dir vergeben; doch wo iſt das geraubte Kind, mein höchſtes Kleinod?— Die Löwin wird die Krallen in dein Herz ſchlagen, wenn du hier nicht Auskunft gibſt und Erſatz!— Lächelnd drückte der Präſident Alexiews Hand. Der ſterbliche Gott iſt ſchon wieder in der Klemme! flüſterte er ihm zu. Der ſtärkſte der Schutzgeiſter, das Muttergefühl, ſoll ihn beſchützen und retten! antwortete Lieben, nahm das Kind aus Meta's Armen und trug es zu Eulalien. 380 Ich glaubte es meinem Pflegling gehörig, meinem Waldi. Die Mutter muß ſeinem Vater vergeben, der, wenn auch etwas unbedachtſam und von romanesken Träumen verführt, das Großkind ſich ſichern wollte, als der Zu⸗ fall, oder— verzeihe dem Spötter, du ewige Macht!— die Vorſehung es in ſeine Hände gab.— Eulalia riß das Kind an ſich, und hob es hoch auf zum Himmel; ihr Hauptmann ſtreckte wortlos die Hände aus nach dem Pfande des Heils, welches beide ſo theuer bezahlt hatten. Aber wie war das? fragte jetzt Waldi. Nannteſt du dich nicht meinen Vater?— Ja, dein Vater! antwortete mit halber Stimme in tiefer Rührung der finſtere Mann, und zog den Sohn in die engſte Umarmung. Verſagt war mir früher, die höchſte der Freuden zu koſten, denn die Finſterniß meines Gemüths durfte nicht des rüſtigen Knaben Kräfte ein⸗ ſargen von früh an; doch war es des Vaters einziger Glückstraum in ſeiner Gramesnacht, wie ein Schutzgeiſt zu wachen über den Sohn, wie ein Gott einzuwirken auf ſein Leben. Verzeih mir die Vermeſſenheit, Unend⸗ licher! Du gabſt ein gutes Ende, deine Vorſicht und Führung that ja Alles vom behorchten Geſpräch mit dem Geheimſchreiber an bis zu dem Kourierritte zum Hoch⸗ gericht. Armſelige Herren der Welt ſind wir mit allem unſerm Dünkel und Thun; nur was wir in der That wollten und empfanden, dürfen wir uns anrechnen als unſer eigen und die große, ewige Barmherzigkeit wird auch dieſes nur als unſer anzeichnen!— Aber, Vater— gib mir Licht! Wie?— ſtotterte Waldi verwirrt hinſchauend auf das neue Daſein. Still hier und jetzt! entgegnete Alexiew ernſt und 381 wieder gefaßt. Laß uns feiern mit frommem Schweigen die Stunde einer freundlichen Gegenwart! An ihren Ferſen ſchleicht die verſchleierte Zukunft, die nicht immer das freundliche Lächeln der Schweſter theilt, und zu oft mit heimtückiſchen Dolchen ihre Kränze zerfetzt.— Ich bin dein Vater. Dieſe— er legte die bebende, ver⸗ ſtummte, leiſe weinende Meta in des aufglühenden, glanzäugigen Jünglings Arme— dieſe ſei dir Ziel und Achſe deines Lebens. Mehr wolle nicht, dann haſt du das Glück in den engen Kreis deines Heerdes gebannt. Wer mehr ſucht, als das, bezahlt leicht die kühnen Wünſche theuer, übertheuer, wie ich, das ſollſt du leſen im Buche meines Lebens, wenn wir bald zuſammen ſitzen auf meinem heimlichen Landſchloſſe im Felſenthale, denn auch das verbündete Pfeilbund hundert Sterblicher bleibt eine ohnmächtige Zerbrechlichkeit in der Hand der Allmacht. Eine Lehre nehmet Alle jetzt und bewahret ſie.— Mein letztes, eitles Streben hat ſie mir wieder zugerufen tönend und ſcharf: Nicht dem Irrlichte der Sinne vertraue ſich der Menſch; doch eben ſo wenig der blendenden Sonne des Verſtandes allein. Nur das Herz führt, wie mildes ſilbernes Mondlicht, ſtill und im Glauben ſicher durch die Nächte bes Erdenlebens.— — —— S * — — — 22 — hi Vor einem zierlichen Gatterthore von Eiſen mit Goldknäufen und durch zwei mächtige doriſche Säulen getragen, das den Durchblick auf ein freundliches Land⸗ haus erlaubte, zu welchem vom Thore aus eine Allee hoher italiſcher Pappeln führte, hielt ein ſchwarzer Jägeroffizier hoch zu Roſſe in voller kriegeriſcher Be⸗ waffnung und von echt martialiſcher Geſtalt. Er hatte den Zügel ſeines unruhigen Ungars feſt angezogen, und ſein düſterrollendes Auge ſah verwundert bald auf das elegante Thor, bald hinüber in die wohlgeordneten, rei⸗ chen Blumenterraſſen des Gartens, bald die Straße zurück zu dem nahen Städtchen, von dem er gekommen, bald ſuchend auf die üppiggrünenden Holzungen, mit denen die lehnanſteigenden Hügel bedeckt waren. Er hielt da wie ein Unentſchloſſener, der überzeugt iſt, ſein Ziel verfehlt zu haben, und vergebens den Weg dahin zu erforſchen ſtrebt. Ein gebückt gehender Mann in ſchlichter grauer Haustracht kam jetzt innen aus den engliſchen Gebüſchpartien zum Thore, warf einen neu⸗ gierigen, faſt beſorgten Blick auf den Reiter, der in ſei⸗ ner ſchwarzen Uniform mit dem grellen weißen Todten⸗ kopfe über der Stirn nicht eben wie ein erfreulicher und Freude ſuchender Gaſt ausſah, und ſtand in der Be⸗ ſchauung ſtill, faſt eben ſo unentſchloſſen ſcheinend wie der Fremde außen. . Blumenhagen. I. 25 386 Guter Freund, rief da der Reiter ihn an, gebt mir doch Kunde, auf welchem Wege man zum Gute des Majors Hochhorſt gelangt; die Straßen kreuzen ſich hier überall wie Hexenſtege, und die Bürger in der Stadt ſind ſo maulfaul, daß ihr lakoniſcher Beſcheid, wie ich meine, mich irr' geführt.— Der gnädige Herr von Hochhorſt ſind hier zu Hauſe, antwortete das graue Männlein ſpitz, indem es ſein Auge ſtechender zu dem Reiter aufſchlug. Hat der Herr Huſar eine Beſtellung, ſo darf man's nur ſagen, ich bin Korporal Balthaſar, des gnädigen Majors Leibdiener, und im Rapportiren wohl exercirt.— Balthaſar, du? fragte der Reiter und lachte dazu recht ausgelaſſen. Ich erkenne dich an der Rabenſtimme und der rothen Schmarre, die deine ruſſiſche Naſe in einen römiſchen Habichtsſchnabel verwandelte. Aber, bei allen zehntauſend Teufeln, wo haſt du den Schnauzbart gelaſſen und die ungariſchen Stiefeln? In dem Rocke da hätte ich dich eher für einen Quäker als einen alten Kriegskameraden gehalten. Kinn in die Höhe! Bruſt heraus! Menſch, welches ſakramentiſche Complot von Gicht und Zehrung hat dich, den Eiſenfreſſer, zu ſolch einer Mumie von einem Invaliden herunter getrocknet? Und iſt dein Herr eine ähnliche Vogelſcheuche geworden, bei des großen Königs Manen, dann möchte ich ihn lieber gar nicht mehr ſchauen, und ſofort rechtsum com⸗ mandiren.— Des alten Balthaſar's Zerrbild hatte ſich während der Rede, die eine ſeltſame Miſchung von Schmeichel⸗ haftem und Unangenehmem, von Lob und Tadel enthielt, wunderlich verwandelt, und aus dem mürriſchen Ernſte war eine beſondere Freundlichkeit hervorgegangen, die 387 ihn jedoch keineswegs ſchöner machte. Er griff raſch in vas Schloß des Thorweges, und ſchlug beide Flügel zu⸗ gleich weit auf. Ei, ei, Herr Rittmeiſter von Streithelm, kreiſchte er in ſichtlicher Freude, willkommen bei uns! Nehmen's ja nicht übel; der neue Schnitt des Dolmanns und die fremde Mütze ließ mich des Königs Offizier verkennen und Sie für einen der Blutſauger halten, die uns lang moleſtirten. Das wird eine Freude geben. Reiten Sie nur herein, gerade aus gegen das Schloß; der Herr ſitzt oben im Zimmer, wo der Balkon hängt. Ach! leider wohl iſt's der alte Balthaſar nicht mehr; die Jugend iſt hin, und das leidige Friedensleben macht die Knochen ſteif, und die Haare weiß vom Stubendunſt. Aber Gott ſoll mir ſegnen und behüten! Der Herr iſt raſch und wohl, wird alle Tage jünger, daß man's kaum begreift, wie's zugeht, da ihm doch auch die Säbel⸗ motion und der Sattelſtoß mangelt. Run nur munter hingetrabt, werden's ſchon ſelber beſſer ſehen, als ſich's erzählen läßt.— Nicht alſo, du alte ehrliche Haut! unterb rach den Redſeligen der Schwarze, indem er vom Pferde ſtieg und dem Korporal die Hand treuherzig reichte. Nimm den Zaum, halte das Thier, knüpfe es an den nächſten Baum, wie du willſt; mir aber zeige den verſteckteſten Weg durch die Boskage da, daß ich ungeſehen zum Hauſe komme, denn ich möchte gerne überraſchen und erproben, ob Freund Richard, genannt die rauhe Fauſt, eben ſo blind geworden, wie du es wareſt.— Verſtehe, antwortete Balthaſar ſchlau, indem er die Stange faßte und die langen Muſchelzügel verſchürzte. Aber blind iſt der Herr Major nicht, Gott ſoll mir 388 ſegnen und behüten, die Augen ſind ihm jetzt erſt recht aufgegangen; werden's ſchon bemerken. Hat ſich gute Winterquartiere gemacht, aber der Dienſt dabei will nur nicht recht paſſen für unſereins, dem die Säbeltaſche den Gang verdorben und der Karabiner die Finger hart gedrückt. Nur hier hindurch, in die Akazien hinein, die decken uns ſchon bis zum Schloſſe; der Gartenbuſtch dort ſoll den Ungar um das Gatter zum Meierhauſe führen, wo der Marſtall liegt.— Das klingt ja recht vornehm und fürſtlich in der ſchweren Kriegszeit, lachte der Rittmeiſter. Ihr ſcheint die Thaler trefflich vor den franzöſiſchen Luchsaugen ſalvirt zu haben. Zwei Stiftsdamen, unſere gnädigen Tanten, hatten die Güte, zum Himmel abzureiſen, eben als wir recht auf dem Sande ſaßen, antwortete Balthaſar, und ſeit⸗ dem ſind wir aus müßigen Kriegsleuten galante Edel⸗ herren geworden.— Die dicken, vollbelaubten Akazien verbargen jetzt die Wandelnden und verſchlangen die übrigen Reden des aus ſeinem Phlegma gerüttelten Korporals, der vorſichtig ſeinen Gaſt zu dem Wohnhauſe und durch eine Seiten⸗ thür in das Innere deſſelben geleitete, ihn die breite, elegante Stiege hinauf führte, und auf eine offen ſtehende Flügelthür deutend flüſterte: Nur gerade aus; Marſch, Marſch! friſch attakirt! Der Feind ſitzt hinten im Mar⸗ ketenderzelte, hat abgeſattelt hinter den Kanonen, und iſt auf keinen Ueberfall präparirt.— Rittmeiſter Streithelm trat durch die Thüre und ſuchte ſeinen ſoldatiſchen Schritt ſoviel als möglich zu beſänftigen. Aber je weiter er ging, ſo mehr wuchs ſein Erſtaunen. Sein Auge ſah durch eine Reihe von —— 389 Zimmern, welche alle im ſchönſten und reinſten Geſchmack decorirt waren, Tapeten, Möbeln, Gemälde elegant, aber einfach, nicht überladen im Prunk, aber darum dem Blicke zwiefach angenehm; zugleich die größte Ord⸗ nung und Sauberkeit vorherrſchend, wie in den Cour⸗ zimmern eines Hofherrn. Zweifel ſtiegen wieder auf in ihm, daß er dennoch irre gegangen. Wie konnte hier jener Richard Hochhorſt hauſen, welcher früherhin unter ſeinen Kameraden als der tollſte Wildfang, der ordnungs⸗ loſeſte Genußmenſch, der zügelloſeſte Raufer und Nimrod bekannt geweſen? der freilich von Allen geachtet, ja geliebt worden, weil er keinen in der Noth verließ, und hätte es das letzte Herzblut und den letzten Thaler ge⸗ koſtet, weil er, wie bei dem Trinkgelag und der grünen Hazardtafel, im Kriegsgetümmel immer vorn und als der Vortänzer zu finden war, und faſt alle ſeine Waffenge⸗ fährten einmal losgehauen oder ſalvirt hatte; der nirgends feſter und lieber ſchlief, als auf dem grünen Raſen neben ſeinem ſchwarzen Hengſte, oder auf der harten Ofenbank der Bauerhütte, der, obgleich ein ſprühender Aetna, wenn Leidenſchaft ihn entzündete, dennoch flüchtig wie ein echter Huſar die Ungebundenheit und den Wechſel in allen ſeinen Vergnügungen geliebt, und als Jüngling, von der Natur mit den äußern Vorzügen eines Alcibia⸗ des und Mars verſchmolzen beſchenkt, eine Legion von Weibern und Mädchen als weinende Ariadnen verlaſſen, und den Spruch:„Ich gehöre allen und lohne mit mir ſelbſt!“ zu ſeiner Schilddeviſe gemacht. Nein, hier konnte jener Richard nicht ſeine Nomadenhütte gebauet haben. Kein Saufänger, kein langohriger Hühnerhund wälzte ſich auf dieſen weichen Teppichen; kein Gewehr, keine Waffe, kein abgeſchleudert Kleidungsſtück deckte die feingepolſterten 390 Seſſel; nicht einmal ein Meerſchaumkopf oder eine Hatz⸗ peitſche fand ſich auf den blankpolirten Tiſchen.— Der Rittmeiſter ſchritt nach einigem Beſinnen weiter; ſeine Zweifel mußten ſich ja baldigſt aufklären. Drei Zimmer war er ſchon paſſirt, von denen jedes das ver⸗ laſſene an Freundlichkeit überbot, da ward ſein Fuß plötzlich an der halboffenen Thür des vierten durch einen Anblick gefeſſelt, welcher alle die Räthſel, denen er be⸗ gegnet, überbot. Es war wirklich der geſuchte Richard von Hochhorſt, der dort in einem Armſeſſel ſaß; aber die Situation, in der der Kamerad den Jugendfreund fand, paßte noch weniger zu ihm, als die Umgebung. Herr Richard er⸗ ſchien noch immer als ein ſtattlicher Mann, obgleich er ein halbes Jahrhundert geſehen haben mochte; ſeine Geſtalt zeigte edle Kraft wie ſonſt; das dunke Auge war nicht verglüht; nur das kaſtanienbraune Haar und der dichte Bart ſchillerte in hellern Farben und hatte viel von ſeiner Ueppigkeit verloren; ſein Anzug war fein und nett, für ſein Alter faſt ſtutzerhaft, der perl⸗ graue Polenrock elegant und reich mit Silberſchnüren beſetzt, und vor dieſem Fünfziger lag ein weibliches Weſen auf den Knien, von dem man auf den erſten Blick behaupten konnte, daß es ihr wenige weibliche Evenkünſte gekoſtet haben würde, die ganze männliche Jugend ihres Landes in ſolch demüthiger Stellung vor ſich im Staube zu ſehen. Der Rittmeiſter traute ſeinen Augen nicht, und gegen ſeinen Charakter zwang ihn die Neugier, zu lauſchen und zu horchen. Das Frauenzimmer wandte ihm zwar den Rücken zu, aber ihr ſchlanker Wuchs mit der jugend⸗ lichſten Fülle geeint, gab ein ſo reizend Bild, daß das 391 rauhe Soldatenherz wärmer klopfte und ſich die Augen eines Argus wünſchte; auch der Anzug dünkte dem heimlichen Beſchauer wunderlich, denn das reiche, volle blonde Haar war feſtlich geordnet, ja ſelbſt mit einem glänzenden Steindiadem geſchmückt; ein herrlich geform⸗ tes Bein ward durch die knieende Stellung ſichtbar, welches ein Seidenſtrumpf und ein Atlasſchuh bedeckte; den Leib aber umhüllte ein ſchlichtes Morgengewand von buntgewürfeltem Schottenzeuge, das in vielen Fal⸗ ten von den Schultern zum Boden über die vollen Glieder herabfiel, und kaum durch den Schluß eines einfachen Gürtels die ſchönſte Taille erkennen ließ. Mit Augen, welchen ein zwanzigjähriges Seelenfeuer ent⸗ ſtrömte, ſchauete Herr Richard auf die Knieende herab, die ihre Arme um ſeinen Leib gelegt, ihr Geſicht an ihn gepreßt hatte, und die traulich⸗heimliche Scene zwiſchen Göthe's Klärchen und ihrem angebetenen Eg⸗ mond aufzuführen ſchien. Warum ſiehſt Du mich heut ſo beſonders an, zärtlich und beſorgt zugleich? Siehſt Du es nicht gern, daß ich fahre, ſo bleibe ich daheim bei Dir; ſprach das Däm⸗ chen mit einer reinen, angenehmen Stimme, die wie aus dem Herzen, und darum auch zum Herzen klang. Hätte ich Urſache zur Sorge? fragte Herr Richard zurück, indem ſein Blick ſich ſchärfte und in die Seele der Knieenden zu ſenken ſchien. Nein, meine Cilla iſt wahrhaft und dieſes liebliche Mäulchen kann nicht lügen. Und warum wollteſt Du auch? Du könnteſt ja freier ſprechen: geh Du Graukopf, Cilla ehrt Dich wie einen Vater, aber zum Geſpons biſt Du mir nicht recht. Der alte Kriegsknecht würde murren, trauern, aber nicht mit Dir, ſondern mit der Natur grollen, die S — 392 Dich zu ſpät und ihn zu früh erſchuf und— würde Dich doch ſo lieb behalten, ſo lieb, wie er kein Weſen auf Erden liebte und je mehr lieb haben kann. Aber früher hätteſt Du das Körbchen flechten müſſen, denn jetzt müßten ſich doch Zweige vom Baume der Falſchheit hineinwinden. Ich weiß, was ich Dir bin, und darum vertraue ich, und gönne Dir die Freuden der Jugend, damit mich Niemand einen Räuber ſchilt. Fahre zum Feſte der Freundin, die Mutter iſt ja neben Dir; und welcher Adon wird mir denn heut meine kleine Braut entführen?— Auiſe ſchickt den Wagen, Herr von Myrrhen ſoll uns zu ihr holen, antwortete die Jungfrau; doch ſchien die Stimme etwas bei der Antwort zu ſchwanken. Der wortarme, ſcheue, blonde, blaßwangige Ge⸗ richtsrath theilt ſeinen Ritterdienſt mit Aufopferung zwiſchen euch, verſetzte Herr von Hochhorſt, und mein Töchterchen ſcheint ihn nicht ohne Theilnahme und Freude zu ſehen.— Er iſt der Freundin zugethan, ihr Erwählter; ant⸗ wortete Cilla raſch und faſt überlebhaft für die Ant⸗ wort. Er iſt ſtill und ernſt und hat ſo fromme Augen. Glaubſt Du mir denn ſchon wieder nicht, daß ich nichts werth halte als Dich, daß, wo ich ſein mag, nur Du bei mir biſt, und daß ich Dich bei jedem Feſte ver⸗ miſſe?— Glaub's, glaub's, mein Schmeichelpüppchen, ant⸗ wortete der Sitzende, indem er das Mädchen unter das Kinn faßte; wollte Gott, ich könnte Dein Tänzer ſein! So iſt es jedoch beſſer, ich bleibe im Stübchen, und freue mich heimlich, daß ich Dich froh weiß, bis die Zeit kommt, wo ich mein Weibchen der Welt präſen⸗ ————————— — 393 „ tiren darf, und als der Beneidete da ſtehen werde vor allen Junkern und ſchwarzlockichten Leckern. Aber ob mein Herzchen ſich dann nicht ſchämen möchte?— Nein! nein! rief das Mädchen mit Innigkeit. Du biſt der beſte aller Männer, mein Wohlthäter, mein Freund. O Alle könnten ſich Glück wünſchen, wären ſie ſo gut und hübſch wie Du! Ich mag keinen Andern, wüßte ich doch keinen Beſſern.— Sie bog das Köpfchen ſeitwärts zurück, und hob den ſchönen Mund ſo lockend, daß Herr Richard, wie natürlich, ſeine Lippen darauf drücken mußte, und der Kuß wurde ſo lang, daß der Zuſchauer, aufgeregt durch das leckere Schauſpiel, ſich vergaß und durch eine ver⸗ änderte Stellung mit dem Wehrgehäng klirrte. Des Mädchens Auge funkelte ſogleich zu ihm her; ein ge⸗ regeltes, mit dem ſchönſten Karmin überflogenes Antlitz blieb ihm einen Augenblick ſichtbar, dann that die Dame einen Schrei und ſprang auf und floh in eine Seiten⸗ thür, obgleich ihr Freund die Hände haſchend ausſtreckte, ihre Flucht zu hindern. Haſtig ſtand Hochhorſt jetzt auf und kam mit feindſeligen Blicken dem Fremden ent⸗ gegen. Aber in ein ſchallendes Gelächter brach er aus, als ſein funkelndes, ſcharfes Auge auf der Stelle den alten Freund erkannt hatte, und ſeine beiden Arme brei⸗ teten ſich unverzögert nach dem ſchwarzen Reiter aus. Dachte ich doch, nach dem Sarras greifen zu müſ⸗ ſen, um einen unbeſcheidenen Störenfried zu delogiren, und da ſteht das alte, liebe Geſicht vor mir; ſprach er recht herzinnig. Aber der Alte biſt Du geblieben, im⸗ mer etwas maſſiv gerade aus in Freundes⸗ und Feindes⸗ Land. Bei mir hat's indeß nichts zu ſagen, iſt mir lieb ſogar, denn ſo biſt Du, wie immer bei meinen 394 Herzensgeſchichten, ohne Vorrede und Umſchweif der Vertraute geworden, und darum mir zwiefach will⸗ kommen!— Beide herzten ſich traulich, und der Gutsherr riß dann mit Haſt am Schellenzuge, bis der Balthaſar end⸗ lich erſchien, und ſchneller als er gekommen, davon eilte, um dem lange nicht gehörten Befehle, eine ganze Bat⸗ terie Rheinweinflaſchen herauf zu convoyiren, auf's Prompteſte nachzukommen. Der Major zog jetzt den Freund zu ſich auf den üppiggepolſterten Divan, und umfaßte ihn nochmals recht brüderlich. Biſt Du's denn wirklich, rief er vergnügt, mein Carolus, einſt Richards Blondel genannt? Wie kommſt Du denn in dieſen ver⸗ geſſenen Winkel des Königreichs? Willſt Du etwa auch den Helm zum Kochtopfe machen, und biſt das wüſte Kriegsleben ſatt? Bravo! Errichte Dir auch ſo eine Andenkenstrophäe, wie ich dort an der Wand gethan; laß den Staub und Roſt ſich legen über die wilde Vor⸗ zeit, und umgib ſie mit der lieben blumenreichen Gegen⸗ wart, und haſt Du kein eigen Neſt, bei dem königlichen Adler, ich theile meinen Horſt mit Dir, worin Platz genug iſt für ein doppeltes Bett; haben wir doch in dem Koth der Champagne oft unſern Schimmelzwieback, den letzten Tropfen Kirſchwaſſer und unſern Jammer und die Sehnſucht nach der Mama als unbärtige Buben getheilt.— Streithelm warf zuerſt einen Blick auf die Wand, nach welcher des Freundes Hand gedeutet, und wirklich fand er dort eine gar beſondere allegoriſche Trophäe errichtet. Hoch oben hing die kegelförmige Mütze der alten Todtenköpfe des großen Königs Fritz; ihr mit Silber gefütterter Wimpel bewegte ſich geiſterhaft in 395 der Zugluft, welche durch die offenſtehenden Fenſter ein⸗ ſtrömte. Darunter war der ſchwere Sarras der ſchwar⸗ zen Huſaren nebſt den Silberſporen und zwei mächtigen Piſtolen befeſtigt; aber zu der herviſchen Gruppe hinauf ſah von einem zierlichen Poſtamente ein ſchön in Mar⸗ mor gearbeiteter Cupido, indem er mit ſchalkhaftem Lächeln einen Pfeil zerbrach; hinter dem Liebesgotte er⸗ hob ſich der baumähnliche Stamm einer großblätterigen Myrthe, ganz bedeckt mit den feinen, weißen Büſchel⸗ blüten, und zu beiden Seiten prangten zwei herrliche immer blühende Roſentöpfe, und hüllten den Sohn der allmächtigſten Göttin in eine duftende Laube ein. Lange betrachtete der Rittmeiſter die ſprechende Alle⸗ gorie, ein Zug von Wehmuth kam in ſein braunge⸗ branntes Antlitz und recht ernſt kehrte ſein Auge zu dem Freunde zurück. Vielerlei hatte ich geträumt auf dem Marſche hieher, wo ich Dich angeſiedelt wußte, ſagte er; meine Phan⸗ taſie zeigte Dich mir in mancherlei möglichen Geſtalten, aber ſo Dich wieder zu finden, habe ich wahrhaftig nimmer erwarten können.— Glaub's Dir, Carolus! verſetzte Herr Richard. Dich hat Gott Mars alt gemacht vor der Zeit; ich entwich ihm zu rechter Stunde, und wie dem Waollenſtein iſt der alte Saturn an meinem Haupte hingegangen und hat die Reſte der Jugend unberührt laſſen müſſen. Der heitere, jugendliche Geiſt balſamirt gleich den egyptiſchen Oſirisprieſtern den Leib, daß er unzerſtörbar wird wie der ewige Jude, und die Liebe haucht ihm einen Lebens⸗ odem ein, der alle Winter zu Maienmonden umzaubert. Man hat ja Beiſpiele, daß Greiſen die Zähne neu wuch⸗ ſen wie Milchkindern, und Du kannſt bei mir noch 396 erleben, daß das bischen Grau, welches mein dichtes Braunhaar maliziöſerweiſe zum Scheck machte, ſich wieder in die echte Kaſtanienfarbe verwandelt, mit der ich einſt ſo eitel that.— Einſt! ſprach Streithelm ſcharf betonend nach. Es liegt ein gut Stück Zeit zwiſchen dieſem Einſt und un⸗ ſerm Jetzt. Als der ſchlanke Lieutenant um die ſtolze Wittwe, die ſchöne Mathildis, warb, war das Vaterland noch unſer und frei wie wir.— Hochhorſt zuckte faſt unmerklich zuſammen und griff nach dem grünen Rö⸗ mer, den der Balthaſar indeß auf dem runden Maha⸗ gonitiſchchen aufgepflanzt. Frei! rief er haſtig und be⸗ rührte des Rittmeiſters Glas. Es lebe die Freiheit! Gott ſchenke ſie allen Sklaven, allen Gefeſſelten! Mußt Du, hartherziger Kriegsknecht, mich ſofort in der ſchönen Stunde des Wiederſehens an die böſeſten Stunden mei⸗ nes Lebens erinnern? Ja, ich bin auch einmal ein Sinnesknecht, ein verrückter Kettenträger geweſen. Der Schwarze hole alle ſtolze, herriſche Weiber, welche die Liebe zum Fangnetze machen, um demüthige Satelliten an ihre Schleppe zu binden! Ich habe nur eine Narr⸗ heit in meinem Leben begangen, und das war jene knechtiſche Werbung. Gut, daß mir die Augen auf⸗ gingen, ehe die Fuchsfalle zuſchlug, und ich zu rechter Zeit ſatteln laſſen konnte. Sie hatte Dich recht warm geliebt, ich weiß das von Dir ſelbſt, fiel Streithelm ein, ſie hatte Dir Man⸗ ches geopfert.— Was opfert ein Weib nicht, um jeſuitiſch ihren End⸗ zweck zu erreichen? entgegnete der Major leichthin. Sie reiſete nach Italien, um das kaltſtolze Herz der Sonne näher zu bringen, die ihm nöthig that. Ich hörte nie mehr von ihr, habe ſie verſchmerzt, vergeſſen. Laſſen wir ſie, und reden von uns, und was Dich zu mir führt.— Das Schickſal, antwortete der Rittmeiſter ſcharf, ich wollte, Du ließeſt mich ſprechen: Dein Schickſal. Sieh mich recht an, und errathe einmal, was ich meine.— Hochhorſt maß ihn vom Scheitel zur Sohle. Deine Tracht mahnt mich an eine liebe Zeit, ſagte er ſinnend; dieſe Farbe trugen wir auf der Potsdamer Revue und der weiße Schädel prangte ehedem auch über meiner Stirn; eine liebe Zeit! doch die jetzige iſt ſchöner, ſetzte er ſchnell hinzu, ſchöner, gleich dem Johannisberger neben dem Champagner Brauſetrank. Die Modegöttin hat ſich leider auch den Kriegerſtand unterjocht, den Schnitt Deines Dolmans kenne ich nicht, aus der ungariſchen ſtattlichen Mütze iſt ein Studentendeckelchen geworden, aber den Zeitungen nach iſt das des tapfern Lützows Uniform, die ſich junge Ehre erwarb vor allen deutſchen Kriegstrachten.— Sie iſt es, antwortete Streithelm wärmer, ein echter Sohn der alten Todtenköpfe, gehört ſie der deutſchen Guerilla, der wilden Jagd, die ein Schrecken der Wäl⸗ ſchen wurde, wo ſie auftrat. Eine Muſtercharte aller gedrückten Volksſtämme, vereint ſie die beſten aus ihnen unter dem Bilde des rächenden Schreckens; Märker und Spanier, Tiroler und Mecklenburger, Sachſen und Baiern fochten in ihr Schulter an Schulter voran in den Er⸗ löſungsſchlachten für die befleckte Ehre der Ahnen. Es gibt keinen ehrenvollern Platz den verhaßten Franken gegenüber als in dieſen Schwadern. Der Waffenſtillſtand geht zu Ende, der Feind ſcheint in dieſer Gegend eine Operation vornehmen zu wollen; jenſeit der Wälder ließen ſich ſchon Würtemberger ſehen; darum ward meinem 398 Schwader die Ehre, ſchnell die Gegend zu vecupiren, Ennemoſer und Frieſen führen uns die Jäger nach, und bald wird Lützow ſelbſt zur Stelle ſein. Bruder, reiß den trägen Sarras von der Wand, umgürte Dich mit ihm ohne Zögern, daß ich die Freude genieße, in Dir dem tapfern Führer einen neugewonnenen Eiſenarm vor⸗ zuſtellen, der ihm lieber ſein wird als hundert Rekruten. Feuer und Wille iſt zur Genüge in dem jungen Volke, aber die Umſicht fehlt, die Gewohnheit des ernſten Dien⸗ ſtes. Richard wache auf aus Deinem Schlummer; es iſt das Vaterland, welches ruft, es iſt des herrlichen, deutſchen Königs Stimme, welche im Munde des Freun⸗ des fordert.— Hochhorſt war ſichtlich lebendiger geworden bei der Standrede des erwärmten Waffenbruders; aber bald verzog ſich die kriegeriſch gewordene Miene wieder zum gemüthlichen Lächeln, und kopfſchüttelnd legte er ſeine Rechte auf des Freundes Hand. Die Schwärmerei der Ehre ſteckt an wie die Schwärmerei der Liebe, auch die Aelteren, merke ich, ſagte er launig. Klingt doch Dein Spruch faſt eben ſo wie des alten, unglücklichen Herzogs Rede, als wir im Angeſicht der Thürme des ominöſen Jena aufmarſchirten; nur poetiſcher ſprichſt Du, iſt doch auch der deutſche Tyrtäus Körner mit euch. Aber, Freund⸗ chen, mich verlockſt Du nicht mehr. Mit der coquetten Dame, Ehre genannt, bin ich fertig geworden, ſeit mir die Kugel bei Saalfeld das Tänzerbein verdarb. Nach der Nebelkrone mögen jetzt junge Fante rennen, wie wir es gethan. Mich verlockt kein Ordenskreuz mehr; keine Zeitungspoſaune, die über meinen zerhauenen Leich⸗ nam eine zu allen Polen ſchallende Lobrede trompeten möchte. Ich lernte das Leben von beſſern Seiten kennen; 399 man kann das Vaterland lieben, ohne ſich darum todt ſchlagen zu laſſen, und die eigentliche Ehre gewinnt ſich Niemand, weder am Throne noch auf dem Siegesfelde, der ſie nicht mitbrachte in der eigenen Bruſt, und da ſie zu bewahren wußte tief und unantaſtbar wie den Nibe⸗ lungenhort.— Du biſt ein Sibarit geworden, ein zärtlicher Damöt auf Deine alten Tage; verſetzte unwillig der Lützower, indem er aufſtand; die ſehenswerthe Theaterpoſition, in der ich den Ulyß und ſeine Circe fand, hätte mich warnend abhalten ſollen, mein warmes Wort zu vergeuden.— Mit ſtarker Hand zog Richard den Erzürnten auf den Sitz zurück und ſein freundliches Geſicht wurde recht ernſt dabei. Rühre mir das nicht an, ſprach er mit Strenge und bewegter Empfindung; Du könnteſt den Freund tiefer verwunden, als Deine Kriegsluſt es gemocht. Da, ſtürze den goldenen Rebenſaft hinunter, ſchwemme den Groll hinweg, und höre eine Geſchichte, welche Dir vielleicht langweilig klingt, ein Bekenntniß, das ich dem lieben Weſen ſchuldig bin, welches Du eben mit beleidigteſt, eine Idylle, die Du hören mußt als Strafe für Dein ſoldatiſches Eindrängen in die heiligſte Myſterie meines Daſeins.— Streithelm ſah den immer werth gehaltenen Jugendfreund mit einer Miſchung von Neugierde und Widerwillen an, ſchlürfte den Römer aus, ſtrich ſich den mächtigen Knebelbart, und lehnte ſich unmuthig in die Polſter zurück, indeß der Major begann. Erinnerſt Du Dich noch der letzten Stunde zu Weimar, die uns eine Scheideſtunde wurde auf lange und bis heute hinaus? ſprath er mit Rührung. Ja, ich weiß, ſie grub ſich in Dein Gedächtniß wie in das meine. Auf 400 dem Pflaſter der großen Kirche lag ich damals, ſchlech⸗ tes Stroh unter mir, und neben mir wimmerte unſer wackerer Leitzkau unter den Händen der herzloſen Wund⸗ ärzte. Du drückteſt uns die Hände zu einem Lebewohl auf immer und flohft. Hatteſt Du doch Deine letzte Pflicht den zerſchoſſenen Freunden erfüllt, ſie unter Dach und Fach gebracht, und ich weiß recht gut, der Liebes⸗ dienſt koſtete Dir Blut, denn Du mußteſt Dich durch⸗ hauen, um dem Blücher nachzukommen mit Deiner Schwadron, da die braunen Huſaren Napoleons ſchon vor Weimars Thoren ſcharmuzirten. Ich meinte ſelbſt in jenen Tagen, mein Ziel ſei da, denn es fehlte uns an Allem, was zerſtörter Geſundheit nachhelfen mag, doch mein guter Kern von Papa und Großpapa her ließ mich nicht verderben; der arme Leitzkau hingegen mit ſeinen zerſchmetterten Schenkeln und der Piſtolenkugel in der Schulter ging drauf. Die Nacht vor ſeinem Tode— der Mond ſchien recht ſchauerlich mit ſeinem bleichen Leichenfackellichte durch die langen Kirchenfenſter — rief er mich mit matter Stimme an. Richard, ſagte er, meine Hände ſind kalt wie Eis, und der Schweiß auf meiner Stirn macht mich frieren bis ins Herz hinunter: es iſt der Tod, der mit ſeiner Knochenhand über mich hinſtreift, um ſich ſeiner Beute zu verſichern.— Ich wollte ihm Muth einſprechen, ihn tröſten.— Laß das gut ſein, Freund, entgegnete er; der Soldat ſpielt zu jeder Stunde Hazard um das Leben, und muß auf ſolchen böſen Coup gefaßt ſein. Ich ſterbe im Beruf, gehe unter vielleicht mit einem Königreiche zugleich, und habe um ſeine Erhaltung gefochten wie ein braver Preuße. Aber Eines quält mich, mehr als die Froſtſchauer, welche mein Ende anſagen. Weib und Kind werden verwaiſet ſ t it m m er te iß r5 d aß elt uf uf, nd ße. che ſet —— — —— 401 ſein, ich laſſe ihnen nichts als den Namen und die Schärpe nach, die ich mit Ehre trug, ſie ſind allein— o marternder Gedanke!— in der Welt, durch die jene übermüthigen Kriegsſchaaren wüthen, die uns nieder⸗ werfen. Du biſt jung und frei, Du wirſt geſunden; o verſprich mir, meiner Bertha ein treuer Bruder, meiner kleinen Cäcilie ein ſchützender Vater zu ſein. Ver⸗ ſprich mirs, damit ich ruhig ſterben kann.— Ich reichte ihm raſch die Hand hinüber. So wahr ich meines Vaters Sohn bin und ein deutſcher Edelmann! ſprach ich ergriffen von ſeiner Beſchwörung; ſo wahr dieſes Haus dem Allmächtigen geweiht wurde, komme ich durch, ſo gehört mein Leben den Deinigen.— Amen! ſagte er laut, daß es wiederklang von den Kirchenwänden, und hielt meine Hand lange feſt in ſeiner eiſig kalten Hand, ſo daß ich den Tod zu mir herüber ſtrömen fühlte. Grauenvolle Stille umgab uns, nur zuweilen ächzte aus fernem Winkel ein Sterbender, und das röchelnde Ge⸗ ſchnarch einiger Fieberkranken tönte manches Mal da⸗ zwiſchen wie geſpenſtiſcher Athemzug längſt Vermoderter aus den Grüften, auf denen wir lagen. Endlich löſeten ſich ſeine kalten Finger. Gute Nacht, Richard! ſtöhnte er kaum verſtändlich, und als ich mich aufrichtete, zeigte mir das Mondlicht ſein langgezogenes Todtengeſicht und ſeine ſtarren Augen, die zu mir gekehrt waren, als ſie vom Lichte ſchieden.—— Fort von dieſer ſchrecklichen Nacht und den Tagen, die ihr folgten. Ich genaß, ward auf mein Ehrenwort der Gefangenſchaft entlaſſen, und zog nach Schleſien, wo meine Verwandten lebten. Meiner Mutter Schweſter, die Aebtiſſin, hatte immer Behagen an meinem heitern Sinn gefunden, und trotz meiner jugendlichen Wildheit mich längſt zu ihrem Erben Blumenhagen I. 26 402 beſtimmt. Von ihr holte ich mir das Gold, was mir fehlte, und brach dann auf, meine Gelübde zu erfüllen. Ich fand die Frau von Leitzkau und brachte ihr den Ab⸗ ſchiedsgruß ihres Gatten; die gebrochene Rebe lehnte ſich vertrauend an den Mann, welcher ihr als uner⸗ wartete Stütze wie vom Himmel gefallen erſchien, und das Vertrauen der gebeugten Wittwe, der Blick auf ihre Noth, deren Umfang und Unergründlichkeit ich täg⸗ lich mehr erkannte, wirkte ſo tief auf meinen Charakter und mein äußeres Leben, daß ich nach kurzer Weile mich kaum ſelbſt mehr mir ähnlich fand. Jene Mitternacht in Weimars Kirche war der Wendepunkt meines Daſeins geworden; ihr Bild entſchwand nie mehr aus meiner Phantaſie und ihre Geiſterſtimme klang immer noch vor meinem Ohre. Wohl dem Menſchen, der gewürdigt wird, von einer böſen Bahn durch ſolche Mahnungsengel abgerufen zu werden!— Richard ſchwieg eine Weile und nippte aus dem Becher, indeß der bewegte Lützower ihm unwillkürlich die Hand drückte. Die kleine Cäcilie, fuhr Hochhorſt heiterer fort, war damals ein rundes, närriſches Dirnchen von zehn Jah⸗ ren. Sie vergaß den Vater bald über den neuen Onkel, verwechſelte mich gar bald mit ihm, da ich, der Lang⸗ weile des bürgerlichen Friedens ungewohnt, mich viel mit ihr beſchäftigte, nicht aus dem Hauſe mochte, um die ärgerlichen Weltbegebenheiten gar nicht zu hören, und ſo ihr Spielkamerad, ihr Lehrmeiſter, ihr Puppen⸗ fabrikant, ihr Alles wurde. Damals ahnete ich nicht, wenn das rothbäckichte Engelchen Abends auf meinem Knie und an meinem Herzen einſchlief, daß ihr Stief⸗ vater durch ſie in ſolche Klemme gerathen würde.— 403 Vor etwa vier Jahren ſtarb die Aebtiſſin, bald nach ihr die Tante Siebeneichen; Beider Teſtamente machten mich plötzlich zum reichen Manne, und ich mußte meine kleine Wirthſchaft in Breslau verlaſſen, die Güter in Beſitz zu nehmen, meine Anſprüche feſtzuſtellen und meine Zukunft zu ordnen. In der ſchweren Zeit wurde mir das gar ſchwer gemacht, aber ich ſcheuete nicht Mühe, nicht Opfer, und ſo ſah ich nach zwei unruhigen Jahren alles geordnet und dieſes Gütchen, was ich zu meiner Reſidenz erkoren, ſtattlich eingerichtet, und konnte die Freundinnen endlich zu mir laden, mit mir das neue Glück zu theilen, welches die Vorſicht vielleicht nur um ihretwillen auf mein unfrommes Haupt hatte fallen laſſen. Oft hatten ſie mir Sehnſuchtsbriefe geſandt, auch die kleine Cäcilie hatte manches Liebesblättchen geſchrieben, das ich dann recht ernſt väterlich und rathend beantwortet. Aber wie ward mir, als der Tag ihrer Ankunft erſchien, und die Leitzkau mit dem Töchterchen über meine Schwelle trat!— Eine Wunderzeit iſt es, wo das Kind zur Jungfrau wird, wie der ſeltene Rieſenkaktus in einer Nacht alle ſeine Prachtkelche ent⸗ faltet, von denen man noch Tages zuvor keine Ahnung hatte. Ich ſtand vor dem ſechszehnjährigen Mädchen mit dem unſtäten Träumergeſichte eines Trunkenboldes, und glühete verlegen auf, als ſie ſich kindlich in meine Arme warf und mir wie ſonſt die ſchönen ſanft geſchwol⸗ lenen Lippen reichte, und dann mit den großen runden Taubenaugen mich beſorgt anſah, lächelnd den lieblichen Mund mit den weißen Zahnreihen öffnete und fragte: Ob das Väterchen ſie nicht mehr ſo lieb habe wie ſonſt! — Ich preßte die gefährliche Fragerin ungeſtüm an mich, aber ein ſeltſamer Schmerz zuckte durch mein Herz, den 404 ich mir ſelbſt lange nachher erſt enträthſeln konnte. Nun du ſaheſt ja vorhin das reizende Geſchöpf, du unver⸗ ſchämter Horcher, und ich habe nicht nöthig vorzumalen, welche Duftblume in den zwei Trennungsjahren aus der runden Knospe hervorgebrochen. Wenn auch nicht ein Ideal, wie es Poeten träumen und Maler auf die Lein⸗ wand pinſeln, ſo beſitzt ſie doch Alles, was die männ⸗ liche Phantaſie entzünden und den Wunſch nach ihrem Beſitz drängend erwecken kann, und was mehr ſagt, ihre Seele iſt ſo rein und fleckenlos wie ihr Körper, ihre Verhältniſſe bewahrten ihr den Kindesſinn, den die meiſten Dämchen unſerer Zeit leider zu früh einbüßen, und in den Kinderſchuhen ſchon oft erfahrener ſind, als unſere Großmütter am wohlgereiften Hochzeitstage. Aber der Willkommenskuß mußte auf die liebe Cäcilie eben ſo gewirkt haben als auf mich, und ein ganz anderer ge⸗ weſen ſein, als jene Vaterküſſe, die ich ihr vordem zur guten Nacht zu Hunderten gegeben. Mit ſeltſamen, fragenden Blicken betrachtete ſie mich oftmals, und be⸗ achtete mich und meine Wünſche mit einer Sorgfalt und Eiferſucht, die ſie ehemals nie gezeigt. Mein ſteifer Balthaſar bekam gute Tage, denn ſoweit es die Schick⸗ lichkeit erlaubte, wollte nur ſie mich bedienen; die Mutter hatte ſie in meiner Abweſenheit in Allem unter⸗ richten laſſen, was zur Wirthſchaftlichkeit nöthig, und ſo nahm ſie bald mein ganzes Hausweſen unter ihr Regiment, wurde Küchenmeiſter und Oberkellner, Ver⸗ walter und Garteninſpektor, führte meine Bücher wie der beſte Berliner Commis, ſchien glücklich, wenn ich mit freundlichem Auge und Lobwort ihr meine Zufrieden⸗ heit bewies, und ärgerte ſich oft recht komiſcher Weiſe, daß Marſtall, Hundezwinger und Jagdweſen nicht von —— 405 ihr dirigirt und inſpicirt werden konnten. Was du hier Freundliches ſiehſt in meiner Umgebung, iſt ihr Werk, auch jene allegoriſche Phantaſie unter der Huſarenmütze, die du vorhin ſo ſarkaſtiſch betrachteteſt, und glaube mir, ſeit jener Zeit begann ein Leben für mich, das ich nie gekannt, nie in ſeiner friedlichen Ordnung, in ſeinen geregelten, täglich kehrenden Freudeſtunden ohne Saus und Braus für möglich gehalten. Aber mit jeder Woche grub ſich bei aller Zufriedenheit dennoch der Schmerz, welchen ich ſchon beim erſten Wiederſehen empfunden, tiefer in mein Herz. Ich wurde bald mit mir ſelbſt klar; ich fühlte, ich liebte das Mädchen mit aller Glut der Jugend, die mir längſt entwichen, ich empfand, daß ohne ſie mein Leben öde und wüſt werden müßte, ich gönnte ſie Niemanden, konnte mit dem leiſeſten Gedan⸗ ken ihres Verluſtes mich nicht vertragen, war eiferſüch⸗ tiger auf ſie, auf ihren Blick, ihr freundliches Wort, als der Mohr von Venedig und der türkiſche Sultan, und mußte, von dem Blick in den Spiegel und auf mein zerſchoſſenes Bein gezwungen, dennoch die Vernunft regieren laſſen, und durfte weder reden noch meine ſtille Liebe preisgeben, obgleich ich deutlich merkte, daß die ſchlaue Cäcilie mich längſt errathen, wenn ihre Unbe⸗ fangenheit auch in der Löſung meines Räthſels ein neues Räthſel finden mochte. Da kam endlich die ent⸗ ſcheidende Stunde, welche ich ſo lange gefürchtet hatte. Ein junger Forſtbeamter aus der Nähe war nicht blinder geweſen als ich, und warb bei der Mama anſtändig um meine Cilla. Als wenn ein Donnerſchlag neben mir im Forſt eine Eiche zerſchmettert hätte, und ich mitten im gelben Blendfeuer taumelnd und gelähmt an Seele und Leib meines Daſeins ungewiß geworden, ſo war 406 mir, als Beide zu mir in das Zimmer kamen, die Mutter mit forſchenden, faſt triumphirenden Blicken, Cäcilie mit geſenktem Köpfchen und wie im Unwillen gerötheten Wangen. Die Mutter hielt ihre Rede, Cil⸗ la's Auge hob ſich während dem furchtſam lauſchend zu mir. Ich mußte recht bleich und entſtellt geworden ſein, denn faſt fröhlich rief das Mädchen, indem ſie zu mir ſprang und ihr Köpfchen an meine Schulter ſchmiegte: Siehſt du, Mutter, wie Vater Richard erſchrickt! Ich wußte, er würde Nein ſagen, und er hat ein größeres Recht als ſelbſt du, Mama, über den albernen Antrag zu entſcheiden.—— Du irrſt, Cilla; antwortete ich wehmüthig; nur deine Mutter iſt in dieſer Sache der natürliche Richter. Hat ſie nichts dagegen und gefällt dir der Werber ſo —— Sie hielt mit der weichen Hand mir eiligſt den Mund zu. Rede nicht aus, rief ſie, ich glaube dir doch nicht. Wer ſollte denn um dich ſein, dir thun, was ich that und beſorgte? Nein, du wirſt Cäcilien nicht miſſen können, und Cäcilie würde auch Niemanden das Amt gönnen, das du ihr gabſt. Ich will immer bei dir bleiben, ich will gar nicht heirathen; wo fände ich einen Menſchen, der ſo gut iſt wie du, der mich ſo lieb hätte wie du? Und wirſt du mich zu einem Fremden hinſtoßen wollen, von dem weder du noch ich wüßte, wie er die verwöhnte Cilla behandelte?— Aber das Ziel der Jungfrauen iſt der Brautkranz, der Stand der Hausfrau ihr Ehrenplatz, antwortete ich befangen und zitternd; euer ganzes Reich iſt die Liebe; ſie das Feld eurer Kämpfe, eurer Siege, eurer Glorie, eurer Ehre. Meinſt du, ich würde mein Töchterchen abhalten, da zu glänzen, zu nützen, zu beglücken, wofür 407 Gott ſie erſchuf und ſo gütig und überflüſſig ſchmückte? Dann hätte ich dich nie lieb gehabt, und vor ſolch bar⸗ bariſchem Egoismus behüte mich der Himmel.— Willſt du mich los ſein? Biſt du mein ſatt, und habe ich Manches vielleicht nicht recht gemacht? fragte ſie da ſchmeichelnd und traurig. Ich will mich beſſern; ſage nur, wo's mir fehlt. Du mußt mich fortſtoßen, fortpeitſchen, wenn ich gehen ſoll, denn ſieh, ich kann mir ja nicht einmal denken, daß ein Tag kommen könnte, wo ich dir nicht den guten Morgen brächte und eine Nacht, die dein:„Schlaf ſüß, mein Töchterchen!“ mir nicht freundlich gemacht.— Mein Blut kam in heftige Bewegung. Und das könnte doch nur bleiben, wenn ich dein Mann würde! ſtieß ich raſch heraus. Die Jungfrau zuckte in meinen Armen zuſammen, jedoch riß ſie ſich nicht fort, ſondern drückte ſich noch feſter an mich. Ich wandte mich zu der lächelnd horchen⸗ den Mutter. Sie ſpötteln über den alten Geck, liebe Freundin, ſagte ich gezwungen ſcherzend; aber Sie ſehen ſelbſt, das Mädchen zwingt mich, das ſchärfſte Mittel zu gebrauchen, um ihr Vernunft einzuimpfen. Jetzt wird ſie den Invaliden ſchärfer betrachten, wird Ver⸗ gleiche anſtellen, von denen ſie auf den rechten Pfad der Naturſ gelangen muß. Und verliere ich auch dadurch, wenn ſie nur glücklich wird; gäbe ich doch den Reſt meines Lebens, ja mein ganzes Glück, weiß es Gott, gern dahin, um ihre Freudenſchale übervoll zu füllen.— Mir waren Thränen dabei in das Auge gekommen, und ich barg ſie nicht, denn mir war gerade ſo um's Herz, wie in der Kirche zu Weimar, wo der Tod ringsum ſtand. Frau von Leitzkau ward plötzlich ſehr ernſt und „ 408 erwiverte faſt feierlich: Lieber Major, hätten Sie ohne Scherz geſprochen, wahrlich ich würde mit weniger Sorge mein: Gott ſegne den Bund! ſprechen als bei jedem andern Freier, und ich wüßte, mein ſeliger Bern⸗ hard ſpräche Amen! dazu, wie einſt bei Ihrem ſo treu als ſchön erfüllten Gelübde. Und was Sie zu Ihrer Herabwürdigung beifügten, ſetzte ſie ſcherzender hinzu, ging Ihnen wohl nicht vom Herzen. Männer altern nicht, ſo lange ſie männlich auftreten; Männerreiz hängt nicht an Wangenſchminke und glatter Haut, wie bei uns es die Natur leider ordnete; Sie ſind immer noch ein hübſcher Mann und ein ſolcher Ehrenmann, daß die Mädchen, hätten ſie ſo verſtändige Augen wie ich, Sie hundert jungen Wildfängen vorziehen würden.— Ich wurde fühlbar roth wie jetzt, du Grimmbart, vor deinen ſatiriſchen Seitenblicken aber Cilla erhob ſich aus meinen Armen und ſah mir dreiſt in das Geſicht, und ihre Lippen bewegten ſich, ſprachen aber kein Wörtchen. Du willſt der Mutter den Gegenbeweis führen, da die Dankbarkeit ſie ſo arg beſtach? fragte ich. Suche nur all die Fehler aus dem alten Geſicht; rechne ihr die Fältchen vor am Auge, die grauen Haare an der Schläfe und im Bart, das düſtere Auge und ſo weiter. Ich halte ſtill und muckſe nicht vor dem lieben Kritikus.— Böſer Freund! entgegnete die Jungfrau heftig. Nein, ich will der Mutter ſagen, daß es auch Mäd⸗ chen gibt, welche eben ſo verſtändige Augen haben als ſie.— Cilla! rief ich heftig. Bedenke, was du ſprichſt! Wenn es nun mein Ernſt wäre? Wenn ich ich hei⸗ rathen wollte? Wenn ich wagte, das höchſte Glück 409 von dir zu fordern?— Sie warf ſich feurig und er⸗ ſchüttert in meine Arme. O, dann wäre Alles gut, ſtammelte ſie halblaut, dann blieben wir immer bei einander, und ich hätte nichts mehr zu wünſchen, nichts zu fürchten mehr!— Was dieſer Scene folgte, erräthſt du aus dem, was u ſelbſt geſehen. Cäcilie iſt mein, meine Verlobte, und ich wurde von dort an der glücklichſte Menſch und ein neugeborner, und auf Erden ſchon ward mir der Himmel aufgethan. Die Liebe iſt die größte Wunder⸗ thäterin auf Erden; mich machte ſie jung und verlöſchte meinen vergelbten Taufſchein. So iſt nie ein Mann geliebt worden, ſo habe ich nie ein Weib geliebt. Es iſt meine letzte Liebe, aber bei dem Gott, der die All⸗ liebe iſt, ich könnte ſie ohne Lüge auch meine erſte Liebe nennen.— Der Rittmeiſter Streithelm hatte nicht ganz ruhig der langen, lebhaften Erzählung zugehört. Theilnahme, doch modifizirt durch wechſelnde Empfindungen, verzogen ſeine Geberden in manche Form, und er ſprach dem Gabelfrühſtück und dem Becher mehre Male tüchtig zu. Am Schluſſe jedoch legte er das braune Antlitz in recht düſtere Falten, doch blieb der Charakter Wnlihigen Mitgefühls dennoch vorherrſchend. Seltſam! ſagte er. Du wareſt inmerdat ſo ein vernünftiger Burſch und am Ende packt dich dennoch der Narrengott und ruinirt den ganzen Bau deines Lebens. Gewöhnlich fängt der Menſch unter dem leichten Wim⸗ pel der Schwärmerei ſeine Fahrt an, und endigt ſie unter der reſpektabeln Flagge der reellen Genußſucht. Du haſt als Jüngling dieſer gehuldigt, und auf der Bergſpitze, von wo es hinab geht, biſt du ein Schwärmer —— 410 geworden. Daß dir ganz wohl ſein kann bei ſolchem Verhältniſſe, begreife ich; daß du aber deine Donna dabei nicht beſſer bewahrſt, ſie zu Feſt und Ball fahren läßt, und dich dem Vergleich mit jedem jungen Spring⸗ insfeld bloß ſtellſt, iſt thörichter als die Thorheit ſelbſt. Baue dir mitten in deinen Wäldern einen Roſamunden⸗ thurm wie jener brittiſche König, hauſe dort mit deiner Puppe im zwiefachen Eremitenleben, und ich werde dich zwar einen klugen Egoiſten ſchelten, jedoch dir ein herz⸗ liches: Proſit, Herr Bruder! nachſchicken.— Ich will kein Egoiſt ſein, ich will nicht betrügen, deßwegen gerade ſchob ich meine Heirath ſechs Monden auf, ſo ſchwer es mir ankam; entgegnete Hochhorſt. Vertrauen weckt Vertrauen, darum ſende ich die Braut, die noch Niemand als ſolche kennt, in die Kreiſe ihrer frohen Geſpielinnen. Sie ſoll nicht meinen, ich wolle ihre Jugend mir zum Molochsopfer tödten. Ich will geliebt ſein, ich weiß mich geliebt, und du würdeſt trotz deiner Freundſchaft neidiſch werden, kennteſt du die Fülle meines Glücks. Lieben, das heißt tauſchen Weſen um Weſen, iſt ein Nektarbecher, den die Vorſicht nur Aus⸗ erwählten bewahrt, aber Liebe lehren iſt die Krone des Schöpfers ſelbſt, und wer ſolch ein Eden unter ſeiner Hand hervorgehen ſieht, wird verſucht, ſich einen Gott zu nennen. Doch du ſollſt mein Glück kennen lernen, denn von heute iſt natürlich dein Quartier bei mir, und der Balthaſar ſoll ſogleich deine Bagage heraus eskor⸗ tiren. Kannſt du, weiſer Hippokrates, mir beweiſen, daß meine Cilla nur am Dankbarkeitsfieber krank liegt, oder Eitelkeit, Gewohnheit ihr das Köpfchen verrückte, ſo ſollſt du ſehen, welch einen geduldigen Patienten du an mir haben wirſt, du ſollſt dich der Meiſterkur rühmen 411 dürfen, und ſollte ich an deinen herviſchen Mitteln des Todes verblaſſen.— Der Wachtmeiſter Balthaſar zeigte ſich jetzt in der Thür in ſtattlicher Livree, und nahm Streithelm die ſcharfe Antwort vom Munde weg. Was gibts? fragte der Hausherr unwillig. Soll rapportiren, antwortete der ſteife Kriegsknecht, daß der Wagen der Frau von Schütz angekommen unter Com⸗ mando des Herrn von Myrrhen, daß Frau von Leitzkau nebſt dem Fräulein eben jetzt ſich in Marſch ſetzten, und dem Herrn Major ein freundliches Lebewohl durch den Balthaſar herauf ſchicken laſſen; gleicherweiſe ver⸗ meinen, der Herr Major möchte ſich vielleicht noch be⸗ ſinnen, ſatteln laſſen und gleichfalls in die Stadt rücken.— Schon gut! entgegnete freundlicher Herr Richard. Springt nur ſchnell hinunter, du und der Heinrich, hinauf auf den Wagen, dort geblieben, die Frau von Schütz erbat euch zur Hülfe ihrer Domeſtiken; ſeid flink, du immer bei Tafel hinter dem Stuhle des Fräuleins. Aufgepaßt, du kennſt meinen Willen.— Werd' ja! antwortete der eiſerne Diener. Hatte immer beim Recognosciren das ſchärfſte Auge. Gott ſoll mir ſegnen und behüten, daß ich den Vedettendienſt vergäße. Des Herrn Majors Befehl ſteht bei mir immer⸗ dar dicht hinter den zehn Geboten. Er machte militäriſch rechtsum und verſchwand. Wie iſt das? fragte der Rittmeiſter ſpöttelnd. Ver⸗ ſtand ich recht, ſo ſtellteſt du den Alten als geheimen Spion an. Und du willſt nicht eiferſüchtig ſein?— Nein! Nein! rief Hochhorſt unmuthig. Es iſt Sorgfalt für meine kleine Königin, es iſt der Hochgenuß —— ——— —— 412 den mir jedesmal ſein Rapport von ihrer Sittſamkeit und Treue macht, die mich dazu verführten. Ueberführe mich, daß ſie etwas außer mich lieben kann, und ich will deinen Spott reſpektiren. Jetzt komm zum Balkon, ich muß durch einen Abſchiedsgruß mir die langen Ein⸗ ſamkeitsſtunden verſüßen.— Beide traten aus der Flügelthüre des Salons ins Freie. Der Wagen unten fuhr eben ab; Cäcilie nickte freundlich herauf und über ihr ſchönes Geſicht flog ein hohes Roth, als ſie den Fremden neben dem Freunde erblickte. Streithelm ſah dem Fuhrwerk lange ſchwei⸗, gend nach, dann drehete er ſich raſch zu dem Glücklichen, der in ſeine lieben Träume verſunken, neben ihm ge⸗ ſtanden. Daß ſie roth ward, gefällt mir nicht; ſagte er mit beſonderer Haſt. Warum hat ſie ſich zu ſchämen? Du biſt ein Ehrenmanu, wenn auch ein verliebter Grau⸗ kopf. In Brabant haueteſt du mich einſt aus den ver⸗ dammten Marſeillern; ſoll mich der Teufel holen, wenn ich nicht Blut und Leben einſetze, deine ſchönen, letzten Tage von dieſen Ketten zu befreien.— Hochhorſt umfaßte ihn mit herzlicher Heftigkeit. Und wenn du mein Glück zerſtörteſt?— Iſt es ein Scheinglück, ſo wirſt du es ſelbſt gern ſchwinden ſehen, denn du biſt ein Mann; antwortete Streithelm feſt. Iſt es Gold, das Probe und Feuer beſteht, auf Ehre und Seligkeit, ſo werde ich mich mit dir freuen, als hätte ich ſelbſt dieſes große Lwos gezogen. Alle Offiziere der beiden Schwadronen ſind zur Frau von Schütz geladen; ich werde augenblicks die Ehre annehmen und beſſer recognosciren als dein mondſüch⸗ tiger, halbblinder Balthaſar. Morgen, bei der zweiten Flaſche Rierenſteiner Rapport, wahrhaft aber ohne Hehl. 413 Er umarmte den Major herzlich und ſchied. Herr Richard ſchielte den Kopf und flüſterte vor ſich hin: Geh nur, braber Junge; wunderbar kommt mir ſelbſt mein Glück vok, und wie ſollte es denn nicht des Fremden Verwun⸗ derung und ſeinen Neid erwecken?— Dann hob er triumphirend ſein Geſicht zu der Wand, von der das Prunkbild des geliebten Mädchens lächelnd zu ihm herabblickte. Nicht wahr, du Herzenskind, ſagte er lau⸗ ter hinauf, heute Abend wird er dir einen Fußfall thun müſſen, eine ſtrenge Abbitte, daß er dich für eine Eva von Haus aus hielt, wie die andern ſind. Und auf Huſaren⸗Parole, er ſoll nicht ohne den Fußfall abkom⸗ men.— Rittmeiſter Streithelm wäre faſt zu ſpät zu dem Gelage des Präſidenten von Schütz gekommen; der Soldat hatte die alte Galanterie nicht vergeſſen, und ſein beſtes Zeug auf den narbenvollen Leib gehängt, und darum die rechte Stunde verſäumt. Schon war die zahlreiche Geſellſchaft Paar bei Paar im Marſche zum dufterfüllten Speiſeſaale, und der freundliche Wirth nahm den geachteten Commandanten, den Vaterlands⸗Verthei⸗ diger, ſogleich für ſich in Beſchlag und gab ihm den Ehrenplatz neben ſich am Flügel der langen Tafel. Nach dem erſten Gange muſterte Streithelm mit ſeinen Falkenaugen ohne Aufſchub die Geſellſchaft. Er fand bald das Geſuchte. Die Helena ſeines Menelaus ſaß etwa in der Mitte der Tafel; ihr zur Rechten der blonde Gerichtsrath, zwiſchen ihr und dem Fräulein des Hauſes. Doch dieſe ſchien nicht feſtlich gelaunt, warf die großen Feueraugen wie zerſtreut und unwillig im Saale umher, 414 trug das gebogene Näschen recht hoch und antwortete einſilbig auf des ſchmeichelnden Nachbars Flüſterworte. Deſto aufmerkſamer horchte Cäcilie auf ſein zartes Ge⸗ ſpräch, doch mußte er dem Freunde Richard recht geben, ihr Taubenauge haftete immer am Teller oder in dem reichen Blütenſtrauße von Georginen und Centifolien, der in einer Rieſenvaſe gerade vor ihr ſtand, und was ſie antwortete war freundlich, jedoch ohne beſondere Theilnahme wieder gegeben. Der Hausherr brachte den erſten Toaſt aus, und zwar auf das Wohl der wahren Kämpfer für Germaniens Freiheit und Wiedergeburt, und das halbe Dutzend ſchwarzer Offiziere erhob ſich von den Seſſeln, dem biedern Wirthe ihren Dank zu bringen. Auch Cäciliens Auge hob ſich neugierig, und ihr Blick wurde auf einmal ſtarr und feſt, die Roſen ihrer Wan⸗ gen färbten ſich hoch bis zum Dunkel der herbſtlichen Päonie, und in allen ihren Zügen verſichtbarte ſich ein nicht geringes Erſchrecken. Der Rittmeiſter ſuchte ſchnell den Gegenſtand und Urheber dieſer Wandlung und traf ihr gerade gegenüber auf ſeines Lieblings ſchlanke Ge⸗ ſtalt, auf ſeinen Lieutenant von Waiſe, einen jungen Krieger, der ihm beſonders lieb geworden, und dieſe Entdeckung erfüllte ihn mit ſeltſamen Ahnungen, die nichts weniger wie unfreundlich ſein konnten. Cäcilie verſteckte zwar ihr glühendes Antlitz ſchnell in das feine Battiſttuch, hielt ſich ſpäter immer hinter dem buntblü⸗ henden Schanzkorbe verborgen, aber blieb befangen, hörte nicht mehr auf den redſeligen Herrn von Myrrhen, horchte dagegen mit großer Acht auf des Lieutenants Wort, der vom Weine und der ſchmeichelhaften Auf⸗ merkſamkeit der Geſellſchaft belebt und entzündet, von dem Corps erzählte, dem er angehörte, mit poetiſcher 415 Begeiſterung die Weihe und Einſegnung der ſchwarzen Schaar, wie ſie in der Kirche zu Rochau vorgefallen, ausmalte, die mannigfachen, gefahrvollen Abenteuer der wilden Jagd beſchrieb, den unternehmenden, herrlichen Lützow pries, ein feurig Schlachtlied ſeines Waffenbru⸗ ders, des ſeelenvollen Körners, ganz wacker deklamirte, und dann auf einen glorreichen Tod für Deutſchlands Erlöſung, als das höchſte und wünſchenswertheſte Ziel jedes braven deutſchen Jünglings den Becher leerte. Wohl ſah der Rittmeiſter, wie die ſchöne Cilla bei die⸗ ſem unerwarteten Schluſſe des ſchwarzäugigen, feurigen Lützowers bleich wurde, und das Phantaſieplänchen, das ſich längſt in ſeinem Gehirn geſtaltet, ergötzte ihn der⸗ geſtalt, daß er Becher auf Becher ſtürzte, und ſein düſte⸗ rer Knebelbart mehr wie jemals von ſeinen Fingern ge⸗ ſtreichelt ward.— Nach der Tafel lud die Präſidentin ihre Geſellſchaft in den Garten, der ſich aus der offenen Stadt, da das Haus am Rande derſelben lag, weit in die Feldflur erſtreckte und mit Luſtgebüſchen, Tannenhöhen und wei⸗ ten Teichen, in welche ſich das Bergwaſſer herabſtürzte, geſchmückt, einen höchſt angenehmen, das Auge durch Wechſel vergnügenden Feſtplatz darbot. Cäcilie und Luiſe blieben faſt als die Letzten im Saale, und Jene nahm die Gelegenheit ſchnell beim Fittich und fragte freundlich: Wie biſt du denn heute? Quälſt du deinen armen Auguſt einmal wieder mit deinem Uebermuthe? — Fräulein Schütz blickte der milden Freundin recht ſcharf ins Auge. Nenne ihn nicht mehr meinen Auguſt, antwortete ſie erhitzt, nie mehr, darum bitte ich dich. Magſt du, ſo trete ich dir ſelbſt all mein Anrecht auf ihn ab. Iſt mir doch faſt kein Zweifel mehr, daß der 416 jämmerliche Paris lange ſchwankte, welcher von uns beiden er den goldenen Apfel zutheilen ſollte. Ich habe den ſchlauen, heuchleriſchen Schleicher jedoch noch zu rechter Zeit erkannt, und danke dem Himmel für die Erkenntniß.— Und mir ſagt das meine LAuiſe? fragte Cäcilie ent⸗ ſetzt und tief verwundet. Mit Heftigkeit warf ſich Fräu⸗ lein Schütz an ihre Bruſt und drückte einen warmen Kuß auf der Freundin Lippen. Verzeihe mir, ſagte ſie mit Innigkeit; Du biſt nicht Schuld daran, Du biſt ein gutes, liebes Kind, ohne Falſch und wie ein reines Lamm. Aber darum hüte Dich vor dieſen Wölfen in Schafs⸗ kleidern. Der Zufall hat mir die Maske dieſes beſcheidenen Schmeichlers aufgedeckt. Seine frommen Angen ſind Fuchsfallen, ſein jungfräuliches Thun ein Jeſuiten⸗Gewand. Ein heimlicher Lüſtling, iſt er nur ſich getreu. Ich ſchäme mich tief erröthend, daß ich ſo ſchwach war, erſt durch eigene Erfahrung enttäuſcht zu werden. Jedem dieſer ſchwarzen Wildfänge wollte ich mein Glück und meine Ehre lieber anvertrauen als ihm; glaube mir, ſolche feurige, verwegene Stürmer ſind weniger gefährlich, denn ſie ſind offene Gemüther, denen man leicht auf den Grund ſchaut, und ſeit ich dieſe Krieger ſah, iſt mir Herr Auguſt gar verächtlich geworden, da er ſich dem allgemeinen Aufgebot des Königs zu entziehen wußte. An uns, deutſchen Jungfrauen, iſt es, ſo etwas zu be⸗ ſtrafen, und ich habe nicht geſäumt meine Strafe zu vollziehen.— Du verwirrſt mich mit Deinem Redeſtrom! fiel Cäcilie ein. Und wann begab ſich denn das Alles? Nicht weiter davon, denn man kommt, flüſterte Fräu⸗ lein Lvuiſe. Aber laß uns das Herz bewahren, bis das —* b 417 Vatebland frei iſt, und dann es dem Tapferſten der Sieger ſchenken. Einerlei wie ſein Geſicht ausſieht öder ſein Name klingt. Sklavinnen werden wir doch einmal, denn die Männer alle verſtehen uns nicht, und ihrer Natur nach ſind Alle nicht viel werth.— Cäciliens Auge ſenkt ſich zu Boden. Einer doch! Einer! ſagte ſie leiſe wie zu ſich, und der Name Richard bebte auf ihren Lippen. Da naheten ſich die jungen Gäſte, der Lieutenant Waiſe bot ehrfurchtsvoll Luiſen den Arm, und der Herr von Myrrhen bemächtigte ſich dreiſt der Hand Cäciliens und führte die Bewegte aus dem Salon.— Die Geſellſchaft hatte ſich in kleine Colonnen zu ein⸗ zelnen Promenaden vertheilt. Cäcilie, in ihren Gedanken befangen, und mit einem ſeltſamen, räthſelhaften Bangen dem vor ihr wandelnden Paare nachblickend, bis es zwi⸗ ſchen den dichten Buſchgruppen ſich verlor, folgte willen⸗ los und faſt unbewußt der Führung des Herrn von Myrrhen, der mit ihr einen ſchmalen Damm überſchritt, der zu einer kleinen Halbinſel mitten im größten Teiche führte, wo zwiſchen ſchattenden und verbergenden Lerchen⸗ bäumen ein ſtiller Sitz zur Ruhe einlud. Wo ſind wir? fragte ſie jetzt aus ihren Träumen erwachend. Ich glaubte der kühle Platz würde Ihnen der angenehmſte ſein, antwortete traulich der Junker, denn ich ſah Sie nie ſo bewegt und erhitzt, mein Fräulein; und darf der Freund um die Urſache— Warum verließen Sie Luiſen? fiel Cäcilie ein. Bei dieſer iſt ja Ihr Platz, und Sie ſollten ſie heute keine Minute verlaſſen, denn ſie zürnt heftig. Und weßhalb? möchte ich fragen, da die Sorgfalt für der Freundin Wohl die Frage entſchuldigt. Blumenhagen. I 27 418 Und das räth die kluge Cäcilie nicht? fragte mit ſehr beſtimmtem Tone der Herr. Durchſchauete mich der Blick des Fräuleins von Schütz, dem ich mich verbergen mußte, wie viel mehr mußten Sie mich durchſchauen, der ich die Tiefen meines Herzens offen darbot.— Ich verſtehe Sie nicht, Herr Gerichtsrath! antwortete ſtutzig das Fräulein.— Nicht ſchweigen darf ich länger, unterbrach ſie der Junker. Es wäre Selbſtmord, wollte ich die Stunde meines Glückes länger mir vorenthalten. Ja, ich glaubte einſt das Fräulein Schütz zu lieben, ihr Aeußeres hatte mich gefeſſelt, und ich kannte noch nicht den eitlen Sinn, die Gemüthshärte Luiſens, die mir nach und nach erſt aus den fallenden Schleiern ihres eigentlichen Weſens wie ſchreckende Geſpenſter entgegen traten. Gewohnheit band mich. O, wer gibt leicht ſchöne Zukunftsträume auf. Da traten Sie neben die Freundin, und die letzten Nebel meiner Täuſchung verſchwanden vor dem Erwachten. O, wie waren Sie ſo ganz anders! Duld⸗ ſam entſchuldigend, wo ſie Nächſtenſchwäche rückſichtslos tadelte und laut ohne weibliches Zartgefühl verhöhnte; verſöhnend, wo ſie bitter grollte, kindlich⸗ſchuldlos, wo ſie die erfahrene Eva nicht verbarg. Ja, Cäcilie, Sie allein wurden ſchon längſt der Abgott meiner Seele, die Gottheit, zu welcher ich ſtill, aber brünſtig betete; nur Sie ſuchte ich, wenn ich in Luiſens Nähe mich drängte: fehlten Sie, ſo peinigte mich dort Sehnſucht und Un⸗ muth, und wie ein Galeerenſklav drückten die ſchneiden⸗ den Ketten. Endlich leuchtete der Tag der Erlöſung, die harte Tyrannin brach ſelbſt meine Feſſel, vielleicht nur aus Laune, vielleicht, weil ihr Stolz den Ver⸗ ſtoßenen flehend vor ihren Füßen zu ſehen hoffte. Aber 419 die Thörin erfüllte nur meine Wünſche, und ſie ſelbſt wirft mich aus der Hölle in den Himmel. Ja, Cäcilie iſt wahrhaft und ohne Heuchelei, ſetzte er leiden⸗ ſchaftlich hinzu und warf ſich vor dem Mädchen hin und umfaßte dreiſt ihre ſchlanken Hüften; Cäcilie wird gern geſtehen, was ſie empfindet, Cäcilie wird glücklich machen, um glücklich zu ſein.— Bleich und erſchrocken ſah das Mädchen auf den Stürmer hinab, der ihr ſo wunderbar verwandelt er⸗ ſchien, und in dem ſie den beſcheidenen Freund wieder zu erkennen ſich vergebens bemühete. Sie ſind krank, Myrrhen; ſind Sie raſend? rief ſie. Wenn Luiſe uns ſähe, wenn die Welt— Laſſen Sie Alle erſcheinen! ent⸗ gegnete er heftig. Warum ſollen wir länger bergen, was zu lange verhehlt uns quälte und mit geheimer Glut uns verzehrte? O, ich weiß ja, wie theuer ich Ihnen bin. Wohl verſtanden habe ich Ihr ſchönes Auge, wenn es mir begegnete, und dann ſo ſchwermüthig den Boden ſuchte. Wohl verſtanden Ihren Gruß, wenn mein Pferd mich an Ihrem Fenſter hintrug, wo Sie nimmer fehlten, wenn die gewohnte Stunde rief. Wohl verſtänd⸗ lich war mir der leiſe Handdruck im Tanze oder beim Abſchiede. O, ich bin ein Unſinniger geweſen, daß ich nicht früher mich frei machte von dieſer Armida, daß elende Convenienz mich abhielt, in die Seligkeit zu ſtür⸗ zen, die Du, meine herrliche Cäcilie, mir darboteſt.— Wie ein Marmorbild hatte das Fräulein dageſtanden; jetzt kam plötzlich Leben in ſie: das ſanfte Auge glühete in dem Zornlichte der Amazone, und die ſanften Züge wurden herriſch und ſtolz wie die der Atalante. Ja, Luiſe hatte recht, ſprach ſie, hart ſich von dem Knieen⸗ den losmachend; nicht allein ein ſchleichender Verräther ſind Sie, mein Herr, nein, Sie ſind auch ein egviſtiſcher, 420 eitler Geck, und Ihr beleidigend Wort verdient keine Gegenrede. Nur das bitte ich mir aus als Buße für Ihren ſchimpflichen Wahn, daß Sie nie es wagen, mich wieder Ihre Freundin zu nennen. Raſch verließ ſie die Inſel, und der verzweifelnde Seladon blieb allein mit ſeiner Scham und Wuth in den ſtachlichten Gebüſchen.—— Cäciliens Seele war tief erſchüttert worden. O, wie kannte er die Menſchen, mein gütiger, treuer Freund! ſprach ſie mit feuchten Thränen zu ſich, indem ſie die Gebüſche durchſtrich, neue Faſſung und Ruhe zu gewinnen. Warnte er mich nicht ſo oft vor dieſen frommen Augen, die mich beſtachen? Ich habe den Leichtſinn gebüßt durch arge Beſchimpfung, die ich, ohne zu vergehen in Scham, nicht einmal der armen, betrogenen Freundin entdecken könnte. Aber Er ſoll ſie wiſſen; ſoll mein Bekenntniß nehmen als Beweis meiner Liebe, die das Erkennen ſeiner herzlichen Neigung erweckte und ſich gewann. O, könnte ich nur fort ſogleich aus dieſem kalten Ge⸗ dräng zu ihm, wo ich hingehöre auf immer! Und ſie hatte nicht Unrecht mit dieſem Wunſche, und ein helfender Oberon hätte ihr ſein Wolkenfuhrwerk borgen ſollen ohne Aufſchub. Arme Weiblichkeit, warum gab dir die Natur nicht neben dem himmliſchen Reiz der cypriſchen Göttin auch einen Theil der Kraft und des Starrſinns der Athene? Deine Vernunft iſt meiſtens nur eine Sklavin der Sinne; dein reges Gefühl, leicht erwärmt für Edles und Schönes, gebiert oft den herr⸗ lichſten Willen, aber nur Kind des Augenblicks bleibt der blühende Sohn, und verliſcht an der Schwäche, dem mütterlichen Erbtheil, welches die Mutter von der Natur zur Tochter trägt. O, wäret ihr Weiber ſo ſtark, wie ihr ſchön und gut ſeid, ihr bedürftet des Mannes 421 nicht, und wir würden als ſcheue Heloten zu dem Eben⸗ bilde des Schöpfers aufblicken aus dem Staube der ewigen Dienſtbarkeit.— Der Tanz im Gartenpavillon vertilgte ſchnell den Eindruck, den die ernſten Ereigniſſe bes Tages auf Cäci⸗ lien gemacht. Sie war wieder die Fröhliche, Unbefan⸗ gene, und ließ ſich unbedacht in den Armen des ſchwarz⸗ äugigen Lützowers hintragen von den berauſchenden Harmonien des gefährlichen Wirbeltanzes, den keine Jungfrau anders als mit dem Geliebten tanzen ſollte, weil in ihm ſelbſt ſchon eine Untreue liegt, vor der jede erröthen müßte, dächte ſie daran. Rittmeiſter Streithelm lehnte lächelnd an einer der Säulen der halboffenen Rotunde. Als ein Theil der Tanzcolonne in ſeiner Nähe ſ um Athem zu ſchöpfen von der verzehrenden Luſt, klopfte er ſeinem Lieutenant auf die Schulter, und rief weinglühend: Glück zu, mein Leopold! Das Beſte und Höchſte mein! Leib und Leben daran! Das iſt die echte Soldatenweiſe. Du haſt dir die Krone des Feſtes, die Kaiſerin des Tages erobert, und biſt du ſo glücklich als keck in näch⸗ ſter Schlacht, wird des nſurpators Krone zittern.— Beſter Rittmeiſter, wäret Ihr doch ein Prophet! entgegnete der Lieutenant. Aber Eure Freundſchaft ſieht zu viel. Ich bin nur auf Augenblicke durch die Güte dieſer Dame ein Beſchützer der Krone geworden, deren Trabant ewig zu ſein man nicht zu theuer mit dem rothen Herzblut erkaufen möchte.— Nur Courage, braver Burſch! Ein junger Mars, wie du, hält Vorhand vor allen feigen Krautjunkern, verſetzte Streithelm in ſeiner Weinlaune. Ziere dich nicht, greif zu, es wird dir vielleicht nirgend ſo freundlich 422 geboten, und ich, dein Ziehvater, gebe dir ein Recht darauf und werde ſelbſt dein Freiwerber ſein.— Cäcilie erröthete tief, einmal vor dem unzarten Wort des graubärtigen Kriegers und mehr noch, als ſie in ihm den Fremden erkannte, der ſich ſo unverſchämt am Morgen in ihr heiligſtes Geheimniß gedrängt. Durch eine leichte Bewegung wußte ſie ihren Führer zum neuen Beginn des Tanzes zu zwingen, da gerade Raum wor⸗ den, und der Rittmeiſter hatte ſeinem Lieutenant keinen Dienſt erzeigt durch ſein ſpornend Freundſchaftswort, denn Cäcilie blieb von da ſtumm an des verlegenen jun⸗ gen Soldaten Seite. Aber noch ein Anderer ward tief getroffen durch Streithelms unvorſichtig abgeprotzte Flugbatterie. Herr von Myrrhen hatte als nächſter Mann in der Colonne hinter Cäcilien getanzt. Bebend vor Zorn führte er ſein Dämchen, ſobald es nur anging, zum Seſſel, und ver⸗ ließ mit zuſammengeballten Händen den Pavillon und das Haus des Herrn von Schütz. Zwei mißglückte Pläne, murrte er in ſich, die ich beide ſo ſicher geführt, beide ſo nahe dem entzückenden Ziele wähnte! Welche Bande Teufel hat ſich denn heut' gegen mich verſchworen? Frage ich noch? Sind es nicht dieſe Schwarzen, dieſe Höllen⸗ ſöhne, welche meine Mädchen rebelliſch gemacht? Aber der Krautjunker läßt das Schimpfwort nicht unabge⸗ waſchen, und die Gelegenheit liegt zum Greifen nahe, Allen wett zu machen, den naſeweiſen Damen eine derbe Lection zu geben, und mich wieder zum einzigen Sultan auf dieſem Boden zu erheben. 423 Der Herr von Hochhorſt hatte einen recht langen und ſtillen Tag gehabt. Es war ihm Grundſatz ge⸗ worden, ſeine junge Freundin nie in Geſellſchaften zu begleiten, wo die Jugend vorwaltete und ihren Freuden geopfert wurde. Ihr wollte er die hemmende Kette, ſich den ſchweigenden Unmuth erſparen, und die Erinnerung an das, was er nicht mehr war, und nie wieder werden konnte. Zugleich fürchtete er ſeine Leidenſchaft zu ver⸗ rathen vor der beſtimmten Zeit. Wie gewöhnlich an ſolchen Bußtagen, wie er ſie nannte, tafelte er einſam im Salon vor dem Bilde ſeiner Geliebten, ſchloß dann ſeine Rechnungen ab, ritt in den Forſt, Holzfällungen anzuweiſen, gab den Verwaltern Audienz, und füllte den Reſt der Zeit mit ſtummer Promenade durch ſeine Zimmer in Geſellſchaft der dampfenden Pfeife, bei welcher er ſich ſein unverhofftes, faſt unglaubliches Glück berechnete, in den Erinnerungen gehabten Genuſſes ſchwelgte, dankbar dann vor Cäciliens Bild Halt machte, und mit klopfen⸗ dem Herzen der Zukunft, die noch reichere Kränze ver⸗ ſprach, gedachte. Kaum dämmerte es, da rollte ſchon der Wagen auf dem Steindamme herauf. Wie war das möglich? So früh? Sollte Cäcilien ein unglücklicher Zufall betroffen haben? Der Gedanke ſchlug ſcharfe Krallen in ſein Herz, er zitterte wirklich, wollte entgegen eilen, konnte aber nicht von der Stelle. Flinker wie er, waren die Damen ſchon ausgeſtiegen, und er hörte ihre Stimmen im Hauſe, auch Cäciliens Stimme, und eine Centnerlaſt fiel von ſeinem Herzen. Schon zurück? rief er der Frau von Leitzkau ent⸗ gegen.— Cilla war nicht länger zu halten, ſie drängte zur Abfahrt, antwortete die Angerufene lächelnd. Da trat Cilla ein mit ſcheuem Auge und klopfender Bruſt; 424 nicht ſo frei und keck trug ſie ihr Köpfchen wie ſonſt, und ihr Gang ſchien unſicher. Doch als ſie den väter⸗ lichen Freund erblickte, wurde ihr Schritt feſter, ſie eilte auf ihn zu, umfing ihn heftig und drückte die erhitzte Wange recht ſtürmiſch an ſeine Schulter. Ich bin wieder bei dir, rief ſie mit kurzem Athem. O nun iſt mir wieder wohl und leicht! Und nein! Richard, ich gehe nie wieder ohne dich, lieber gar nicht mehr.— Der Major fragte geſpannt. Du hatteſt wohl recht, die frommen Augen täuſchen gar ſehr! antwortete ſie, und erzählte ihm umſtändlich und wortreich die Geſchichte mit dem jungen Gerichtsrath von Mhyrrhen. Schaueſt du, gutes Herzchen, ſagte Herr Richard triumphirend; ja, ja, ihr jungen Dirnchen glaubt Alles echt, wenn's nur glänzt; meine Cilla hat ſich recht gut benommen, ich kann ſie mir lebhaft denken bei der Korb⸗ predigt; aber beſſer hätte mein Mädchen doch noch thun können. In der Geſellſchaft eines Schleichhändlers muß man nicht allein eine einſame Inſel und ein Tannenge⸗ büſch beſuchen.— Ach! das iſt noch nicht Alles, ſeufzte Cäcilie, und verbarg ihr liebliches Geſicht in ſeinen Buſenſtreif; dein böſes Mädchen hat noch ärger geſündigt, aber du ſelbſt biſt Schuld; warum ſchickteſt du ſie allein in die alberne Welt.— Herr Richard machte ein Schreckensgeſicht. Geſündigt? fragte er ſcharf.— Wenn es Sünde iſt, daß ich dich über dich ſelbſt vergaß, fiel Cäcilie ſchnell ein; ſieh, da war ein blutjunger Offizier, ſein Geſicht, ſein Wuchs, ſeine Rede zog mich beſonders anz er ſprach gar nicht wie die gewöhnlichen jungen Herrn, er ſchmeichelte nicht läppiſch und lügenhaft; man hätte glauben ſollen, er ſei wenigſtens ein Dreißiger; aber er machte mir recht ehrbar den Hof und tanzte ſehr ſchön und leicht. Deine Cäcilie war wirklich recht vergnügt in ſeiner Nähe; und als es mir endlich einfiel, daß das nicht gut ſei, und daß Freund Richard das tadeln müßte, und ich reuig beſchloß, mich durch frühen Abſchied ſelbſt zu ſtrafen, und nun noch einmal, zum letztenmal, auf meinen Tänzer blickte, da wurde mir plötzlich klar, war⸗ um das Alles gekommen, denn der Lieutenant Waiſe ſah dir ähnlich, ſo ähnlich, als ſei er dein Bruder, nur jünger war er, nicht ſo männlich als du, nicht ſo lieb und mild blickte ſein dunkles Auge, als das deine mich anſchauet.— Der Major ſtarrte ſprachlos das Mädchen an und ſeine Augen hafteten noch feſt auf dem üppig geſchwellten Munde des Mädchens, als ſie ſchon lange nicht mehr ſprach, und recht kindlich mit zurückgebogenem Nacken zu ihm empor blickte. Dann ſeufzte er recht hörbar aus tiefer Bruſt, preßte ſie ſo feſt an ſich, daß ſie im Weh aufrief, und ließ die Betroffene dann ſanft auf einen Seſſel nieder. Ruhe dich aus, liebes Töchterchen, ſagte er recht leiſe; du biſt erhitzt, erſchöpft vom Tanze; die Mutter hätte nicht ſogleich fahren ſollen.— O mein beſter Freund! entgegnete Cilla beſtürzt, zürneſt du denn, und hat mein kindiſches Betragen dich bös gemacht? Ich habe dich ja ſo recht von Herzen lieb, und könnte nimmermehr ſein ohne dich.— Du biſt mein unſchuldiges, frommes Täubchen, ſprach Herr Richard mit freundlichem Tone, aber ſchmerzlicher Miene; aber das Täubchen fühlt die Frühlingsluft im Blut, und entflattert froh dem Winterhauſe. Ich zürne 4 1 426 nicht, müßte ich doch ſonſt auf den Gott über uns zürnen, der mich um dreißig Jahre zu früh in das Leben rief.— Er küßte ſie ſanft auf die Stirn, wünſchte den Damen gute Nacht, und ging auf ſein Zimmer. Cäcilie warf ſich mit Heftigkeit an den Hals der Mutter. Der arme Richard! ſchluchzte ſie. Nun grämt er ſich wieder in ſeiner Einſamkeit, und ich wage nicht ihm nachzugehen, denn wenn er iſt wie eben jetzt, kommt er mir ſo ehr⸗ würdig und reſpektvoll vor, daß weder Richard noch das liebe Du über meine Lippen will. Und was that ich ihm denn ſo eigentlich? Ach! das böſe Tanzen! Hätte ich's doch nie gelernt! Und blind möchte ich ſein; er hätte mich doch gewiß eben ſo lieb, und würde mich führen und nicht von mir weichen, und mich füttern und mir vorleſen und mir erzählen.— Du biſt eine Thörin, verſetzte die Mutter, ein Plap⸗ permäulchen, das ſich ſelbſt die Ruthe bindet. In dem Alter des Majors ſind die Männer empfindlicher, und warum hatteſt du nöthig die Tändeleien deiner Tänzer ihm unbefragt herzuſchwatzen? Verſcherze ſeine Gunſt nicht, Cäcilie; Freier könnten wohl manche anklopfen, aber kein ſicheres Lvos möchteſt du ziehen bei ihnen, als dir dieſer väterliche Freund entgegen trug, und träten ſie in der Glorie der Jugend und Schönheit auf. Sagen mußte ich ihm Alles, antwortete mit Lebhaf⸗ tigkeit das verſtörte Mädchen; dein Vertrauen iſt meine höchſte Freude, mein ſchönſter Lohn! ſagte er oft. Wie könnte ich ſeiner Güte beides vorenthalten? Und war auch der Lieutenant Leopold recht hübſch, ſo habe ich ihn doch nicht lieber, und werde des ſchwarzen Huſaren kaum mehr gedenken, wenn er fortzog in den Krieg und 427 vielleicht nie wiederkehrt. Das ſollte der liebe Major bedenken. Aber nun geht er fort mit ſeinem Groll, und ich werde nun weinen müſſen die ganze Nacht, und das Feſt muß mir verhaßt ſein, da die Erinnerung daran mir wie eine Sünde däucht.— Die erfahrene Frau von Leitzkau umfaßte ſchmerzlich das bewegte Töchterchen; Cäciliens unſchuldige Herzens⸗ ſprache hatte ihr mehr verrathen, als ihr lieb ſein konnte, und ſie wünſchte ſeufzend, der Lützow'ſche Horniſt möchte noch in dieſer Nacht zum Aufbruch blaſen. Früh am andern Morgen ſaß der Major von Hoch⸗ horſt ſchon im völligen Anzuge vor ſeinem Schreibtiſche, ſein aufgeſchlagenes Tagebuch vor ſich. Man ſah ihm die halbdurchwachte Nacht an, aber ſeine Züge verloren dadurch nicht, ſondern gewannen an Annehmlichkeit; duldſame Friedlichkeit und Reſignation ſprachen aus ihnen, und brannte das Auge weniger grell, Milde und Güte leuchteten daraus wie Himmelslichter. Sollte es dennoch wahr ſein, redete er vor ſich hin, daß der Menſch die Grenzſteine der Natur nicht unge⸗ ſtraft verrücken darf? Hat der Schöpfer darum die Lebensalter geſchieden, wie die Zonen des Erdballs durch den grünen Myrtenkranz, die graue Silberkrone und den weißen ſtarren Eisreif? O der Traum war ſo ſchön und überaus erquickend und verjüngend! Der Be⸗ ſonnenſte mußte ſich in ihm berauſchen! Aber ſtill, du thörichtes, ſchon halb verknöchertes Herz! Es darf ja nicht von dir die Rede ſein. Ihr Glück war die Be⸗ dingniß, und haſt du vordem oft dein höchſtes Gut für einen lockern Kameraden oder das Phantom der Ehre aufs 428 Spiel geſetzt, wie könnteſt du hier zweifeln, ſchwanken und zaudern.— Der Rittmeiſter Streithelm ließ ſich im Vorzimmer hören, und fragte den dürren Korporal, wie der Herr geruht und ob er ſchon wach?— Balthaſar deutete mit einem Fratzengeſicht verſtohlen auf Stirn und Bruſt. Viel ſpaziert in der Nacht, flüſterte er; ein Dutzend Pfeifen ausgeraucht und in jeder einen Polack gelaſſen. Muß etwas Abſonderliches paſſirt ſein. Gott ſoll mir ſegnen und behüten! Beim Ausziehen nichts gefragt; habe meinen Rapport umſonſt einſtudirt gehabt; das iſt noch niemals arrivirt, und deutet auf Bajonettſturm und Kanonengewitter, wie die Windſtille vor der Feld⸗ ſchlacht.— Meldet mich! entgegnete Streithelm haſtig; doch ſchon trat der Major recht freundlich aus ſeinem Kabinet, und reichte dem Waffenbruder herzig die Hand entgegen. Nun? fragte der Rittmeiſter, indem er ſich auf den nächſten Seſſel warf. Hat der alte Damöt ſeine Phyllis wieder in ſeine Schäferhütte verſperrt? Aber bei meinem Sarras, ich zöge an deiner Statt den Schlüſſel ab und ließe das ſchmucke Dirnchen nicht wieder unter die Wölfe. Verdenken kann dir Niemand Wahl und Wunſch, aber deine Manier zu lieben, muß Jedermann eine närriſche ſchelten. Herr Richard antwortete nichts, ſondern ſtand vor dem Freunde und ſah ihm feſt in die funkelnden, ſpötti⸗ ſchen Augen; doch legte ſich ihm unbewußt eine recht tiefe Wehmuth zwiſchen ſeine Geſichtszüge. Der Rittmeiſter ſchien durch des Freundes Blick ein bischen aus ſeiner Faſſung gebracht, doch fuhr er fort in demſelben humoriſtiſchen Tone: Ich verſprach dir 429 freilich ſchon geſtern Abends das Reſultat meiner Re⸗ cognoscirung, aber der alte Präſident hat einen Wein⸗ keller, der dem Potsdamer wenig nachgibt; wie an einen Magnetberg gefeſſelt hielt der ſeltene Oporto mich bis nach Mitternacht, und heimkommend fand ich Deine Betten ſo einladend, daß ich dachte, meine Hiobspoſt käme Deinem zärtlichen Herzen noch früh genug.— Der Major ſetzte ſich ruhig an die andere Seite des runden Tiſchchens, auf das der Rittmeiſter Arm und Kopf bequem geſtützt. Hiobspoſt? fragte er verwundert. Ich wette, Du haſt mir nichts Neues zu berichten.— Und als der Lützvwer auffuhr und ſeinen böſen Spruch beginnen wollte, legte der Freund ihm ſanft die Hand auf den Mund und erzählte dem Staunenden die ganze Beichte der Geliebten ohne Hehl. Wahrlich, bei Blüchers Schimmel! rief der Verwunderte aus, das Mädchen iſt apart, und wär's nicht ein ſündiger Wunſch, ich gönnte Dir den rothwangigen Apfel, in dem kein Wurm ſitzt.— O ſie iſt eine reine Lilie, entgegnete Herr Richard; ſie duldet keinen ſchwarzen Käfer im Kelche, und hätte der König Deiner Schaar eine andere Marſchordre ge⸗ ſchrieben— Rede nicht aus, Freund! fiel Streithelm ein. Danke Gott für den Zufall, denn nach der Hochzeit wäre ſo etwas ſchmerzlicher geworden. Ich bin ein fermer Weiber⸗ kenner, und kann nicht läugnen, daß die Augen Deiner Genoveva mehr verriethen, als eine pure Kurzweil an einer ſchönen Figur. Jedoch dients Dir vielleicht zum Glück, denn ein Staabsoffizier wie wir ſetzt ſich nirgend feſt, wo er nicht zuvor gewiß wurde, ſeine Poſition 430 ehrenvoll und auf die Dauer zu halten. Du biſt ge⸗ geſcheit, prüfe und mache einen vernünftigern Kriegs⸗ plan, als der in der Champagne war.— Selbſt ſehen will ich; ſprach mit feſter Stimme der Major; was wißt ihr wilden Jäger von einer Mäd⸗ chenſeele, wie dieſe, die eine Seltenheit iſt unter den Millionen, die aus dem Gottesodem hervorgingen. Ich kenne ſie, und ein Blick wird noch heute mein Schickſal entſcheiden. Du und Dein ganzes Offizierskorps ſind auf heute Abend zu mir geladen.— Bravo! ſagte ſder Rittmeiſter. Dem Feinde gerade ins Auge, ſo hielten die Todtenköpfe es immerdar; gibt's eine Wunde, man ſtirbt nicht an jeder. Aber eigentlich wär's nicht Zeit zum Schmauſen. Der Spion, den man geſtern einfing, den der Dialekt als einen Würtemberger verrieth, iſt heute Morgen aus dem Stadtgefängniß entwiſcht, bevor er gebeichtet. Das kann nur durch Mitwirken der Ge⸗ richtsperſonen geſchehen ſein, und deutet auf deutſch⸗ franzöſiſches Unkraut unter den Behörden. Wir ſind der äußerſte Poſten; der Normann ſteht jenſeits des Fluſſes, und ſeine weißen Dragoner patroullirten am Ufer. Meine Oberjäger verſtehen zwar den Dienſt und ihre Falkenaugen ſehen durch Wald und Waſſernebel.— Der Waffenſtillſtand ſalvirt euch, fiel der Major ein, und wer weiß, wann und wo wir wieder ſo traulich zuſammentreffen. Ich nehme keinen Korb an. Aber wie iſt es mit Deinem Lientenant Waiſe? Woher ſtammt er? Wie iſt er und welch Geiſteskind?— Des Rittmeiſters Geſicht ward auf einmal finſter und er ſammelte ſeine Aufmerkſamkeit und ſtrich ſich dabei mehre Male mit der derben Hand durch das kurz⸗ verſchnittene graulichte Scheitelhaar. Auch den Namen hat ſich ſogar das Püppchen gemerkt? ſagte er langſam und bedeutend. Ja, das iſt eine lange Geſchichte, deren Vortrag ich Dir freilich vor Allem ſchuldig bin, die ich aber bis zu anderer Zeit zu ſparen gedachte. Jedoch iſt auch das vielleicht ein Wink von oben, und ſo höre dann mit offenen Ohren und weit offenem Herzen. Verwundert rückte der Major näher und Streithelm begann. Nach dem traurigen Falle Berlins und der Entführung unſerer alten Viktoria duldete es mich nicht im Vaterlande. Ich mußte drein ſchlagen können, um dem patriotiſchen Grolle Luft zu geben, und ritt deßhalb dem Süden zu, um jedem Feinde des Frankenkaiſers meine Fauſt zu bieten. Oeſterreich rüſtete ſich, Tirol ſtand auf, dahin hetzte ich meinen Polacken und bot Fauſt und Säbel an. Es gab Arbeit vollauf, das Schickſal warf uns aus einer Provinz in die andere, und ich meine, manches Kind der Seine und Loire hat am Hiebe gefühlt, daß eine Preußenklinge die Wunde riß. Einſt mußten die grauen Huſaren, bei welchen ich ſtand, einen Streifzug durchs Gebirge thun, es von verſprengten Voltigeurs zu reinigen. In der Nähe eines Süſternkloſters wurden wir einquartirt, und ich als der älteſte der Führer bekam mein Nachtlogis in einem einzelnen Häuschen, das innerhalb der Garten⸗ mauer des Kloſters ſtand und vom Gärtner bewohnt wurde. Wir hatten Ruhetag, und nachdem ich meine Patrouillen ausgeſchickt, ſchaute ich ganz behaglich aus dem Fenſterchen in den Gemüſegarten hinunter, der in ſeiner Ordnung und Regelmäßigkeit und dem mannig⸗ fachen Reichthume der üppigen Gewächſe nach dem Tu⸗ mult der Kriegstage meinem Auge einen wohlthätigen Anblick ſchenkte. Da führte eine alte Laienſchweſter ein 432 Frauenzimmer in die Sonne heraus und leitete es zu einem Sitze, welcher meinem Obſervatorio ſehr nahe lag. Ungeſehen horchte ich auf das Geſpräch der beiden Weibsleute, wenn eine Verhandlung zwiſchen Vernunft und Unvernunft ein Geſpräch ſo eigentlich genannt wer⸗ den darf, denn gar bald erkannte ich, daß die Eine der Zwei eine Wahnwitzige ſei, und noch mehr erſchrack ich im ſchnell erweckten Mitleide, als ich bemerkte, daß ſie wohl die liebe Sonne empfand, aber nichts von ihrem Lichte zu ſehen vermochte, weil ſie ſtockblind war. Als die Unglückſelige aber jetzt ihr Leichengeſicht mir zukehrte, wurde Schreck, Neugierde und Mitleid in Entſetzen verwandelt, denn dieſe Züge ſchienen mir nicht unbe⸗ kannt, und ohne Säumniß verließ ich meinen Poſten und trat aus dem Gärtnerhauſe zu dem Schweſtern⸗ paare, worüber die Führerin der Kranken auch gar nicht unruhig wurde, da in den Kriegszeiten die Kloſter⸗ regel das Verletzen und Ueberſchreiten ziemlich gewohnt geworden. Mein Auge hatte mich nicht getäuſcht. Die Blinde, die Wahnwitzige war wirklich eine Dame, die einſt in der Reſidenz und am Königshofe zu den erſten Sternen der Schönheit gezählt worden. Sie büßte ſchwer die Eitelkeit und das herriſche Gemüth, mit dem ſie früher manches Männerherz gequält und gebrochen. Wittwe war ſie geweſen von einem ſchwachen Männlein, der ihr knechtiſch gehorcht und der ihre übeln Anlagen und Gewohnheiten zu wirklichen Fehlern verzogen. Dann hatte ſie ein Mann geliebt, ein Leichtfuß, doch ein braver Junge dabei. Wirkliche Zuneigung hatte ſie ver⸗ führt, mit ihm vas engſte Bündniß zu ſchließen, weil ſie eitel gewähnt, eine Kette von ihr geſchlungen ſei un⸗ auflöslich. Der kluge Springinsfeld merkte jedoch zu 433 früh, daß es ſeine Freiheit für ewig galt, zog den Kopf aus der Schlinge und flog davon. Die Dame hatte vielleicht zum erſten Male wahrhaft geliebt, und dieſes unerwartete Ereigniß erſchütterte ſie darum zwiefach; aber das größeſte Unglück blieb doch für ſie, daß dieſe Liebe ihre Vernunft zum Ausreißer gemacht, und der Beweis davon ihr mit Schande dräuete. Sie reiſete, nur von einer bejahrten Kammerfrau begleitet, in fremde Lande, wo ein Verwandter von ihrem Hauſe einen hohen Poſten bekleidete. Dieſer nahm ſie väterlich auf und verſchaffte ihr ein Aſol, wohin kein horchend Ohr reichte und von wo keine verleumdende Zunge berichten konnte. Sie gebar einen derben Buben; als ſie dem Kleinen aber zum erſten Mal in's Antlitz ſah und in ihm das frappanteſte Abbild ihres Verführers erblicken mußte, da verwirrte Erinnerung und Freude und Schmerz und Sehnſucht und Verzweiflung ihre Sinne, und ihr Geiſt kam ſeitdem nie mehr in das rechte Gleis zurück. Sie wähnte den Mann ihrer Liebe todt, todt durch Gift, das ſie ihm in einem Kuſſe gereicht, ſie hielt das Kind für ſeinen entkörperten, verleiblichten Geiſt, der ſie ver⸗ folge. Ihr Leben wurde ein ununterbrochenes Gewim⸗ mer und ein ſtetes Jammern nach Hülfe und Erlöſung, und ſie weinte ſich im eigentlichſten Verſtande die Augen blind. So hatte ſie vierzehn Jahre vegetirt, und die Jugendkraft ihres herrlichen Leibes ſpottete immer noch den giftigen Gewalten, die täglich vom Geiſte aus an ihrer Seele nagten. Ich ließ mir den Knaben zeigen, der unter der Aufſicht des Kloſterbeichtigers erzogen wurde, und ich preßte den rüſtigen Buben mit Rührung in meine Arme, denn auch er trug Züge, die mir nur zu wohl bekannt und ehedem ſehr theuer geweſen waren. Blumenhagen. I. 28 „ 434 Der Dienſt riß mich fort aus der Gegend, aber ich ſchrieb ſogleich an den Verwandten jener Unglücklichen, und erbat mir den kleinen Leopold, um ihn ins Leben zu führen und einen Edelmann aus ihm zu bilden. Der plötzliche Friede begünſtigte meinen Plan; ich empfing aus der Hand ſeines Großonkels ſelbſt meinen Zögling, und er hat mir Mühe und Liebe reich belohnt, denn er iſt ein Soldat geworden, brav und kühn wie ſein Vater war, aber beſonnen und vernünftig, wie ſein Pflegvater von ſich rühmen darf, und als das Vaterland alle Mannhaften zu den Waffen rief, und auch ich mei⸗ nen roſtigen Sarras wieder putzte, war auch mein Leo⸗ pold nicht zu halten. An meiner Seite machte er den erſten Choc auf den Feind, und läßt der Schlachtengott ihn unverſehrt heimkehren unter dem grünen Friedens⸗ zweige, ſo denke ich, ſoll er dem Hauſe Streithelm Ehre machen, und wenn er auch immer eine Waiſe bliebe, da ich ihn ungern ſeinem Vater abtreten möchte, obgleich die Pflicht gegen meinen Liebling mich dereinſt dazu zwingen könnte. Der Rittmeiſter hatte während der langen Erzählung es gänzlich vermieden, ſeinen Zuhörer anzuſehen, hatte das Auge feſt auf den getäfelten Boden oder die eigenen Sporen geheftet, obgleich er an dem Bewegen des Seſ⸗ ſels, an dem Rauſchen der Füße des Freundes die Theilnahme erkannt, welche ſeine Geſchichte aufgeregt. Jetzt ſchlug er raſch den Blick auf und ſah den Major mit dem kreideweißen Geſichte einer Büſte immer noch horchend ſich gegenüber ſitzen. Nun, Herr Bruder, wie gefällt dir mein Abenteuer? fragte er geſpannt. Der Major zuckte wie aus tiefem — 435 Traume empor. Und dieſer dein Leopold iſt—? fragte er mit ungewiſſer Stimme zurück. Mein Lieutenant, antwortete Streithelm ironiſch, ein Teufelsjunge, der ſo gut tanzt wie ſchlägt, und vor dem ſelbſt die Bräute nicht ſicher bleiben, und der auch darin eine Ader von ſeinem unbekannten Vater beſitzt.— Und die Mutter? Wo lebt ſie? ſtammelte Hochhorſt mit aufglühendem Geſicht.— Sie iſt erlöſet; drei Jahre, nachdem ich ſie ſah, erbarmte ſich der Himmel ihrer, antwortete ernſt der Rittmeiſter; ihr Name— Mathilde von Ahauſen! ſchrie Herr Richard auf, ehe der Freund vollenden konnte, und verbarg ſein Ge⸗ ſicht in die gefalteten Hände, und lag lange ſo auf den Tiſch geſtützt. Der Rittmeiſter hielt es nicht rathſam, den Seelen⸗ kampf zu unterbrechen, den er ſelbſt erregt, aber recht mitleidig ſah er auf den Freund, dem er faſt wie ein teufliſcher Störenfried in ſein arkadiſches Stillleben hatte treten müſſen. Nach einer Weile ermannte ſich der Major und richtete ſich langſam auf und zeigte ein ver⸗ finſtertes, aber recht männlich entſchloſſenes Geſicht. Laß den Lieutenant kommen, ſagte er halblaut, ich muß den Sohn Mathildens kennen lernen.— Das kannſt du bald, antwortete Streithelm lebhaft; ich höre ſchon das Getrappel der Pferde auf deinem Hofe, meine Offiziere werden alle unten zur Parole bei mir verſammelt ſein. Aber du ſollſt dir Zeit laſſen zur Faſſung und Ueberlegung. Meineſt du, ich hätte den Soldatenſinn ganz verlo⸗ ren, weil du mich ſchwach geſehen? fragte Hochhorſt empfindlich. Trage ich auch den Todtenkopf nicht mehr über der Stirn, ſo weiß ich doch noch in jedem Wetter 436 den Mann zu zeigen, und brächte es auch Verderben, Verwüſtung, ja Tod herauf. Und ich meine, die Wol⸗ ken, die du finſterer Zauberer herauf beſchworen, ent⸗ hielten ſo dergleichen.— Biſt du böſe auf mich, Richard? fragte da der Lützower gutmüthig. So wahr ein Gott! nein, ant⸗ wortete der Major haſtig und bot ihm die Hand, du haſt wie ein braver Kriegskamerad gehandelt, haſt mich geweckt, als ich eingeſchlafen, weil ich mich im Winter⸗ quartier wähnte, obgleich die Campagne noch lange nicht zu Ende, und die Ehre erſt gerade recht in Gefahr gerathen. Komm hinunter; ich ſehne mich wie ein Dürſtender nach dem Anblick deines Lieutenants; aber vorher noch eine Frage: Weiß der junge Burſch von mir und unſerm Geheimniß?— Das hieße marodirt im fremden Eigenthume! Kein Wort weiß er, auf Ehre! Er glaubt den Vater vor ſeiner Geburt auf dem Felde der Ehre geſtorben, ant⸗ wortete der Rittmeiſter. Nun denn, marſch, marſch, in Gottes Namen! und dem Freunde voran ſchritt Herr Richard zu den bekann⸗ ten Zimmern. Ein halbes Dutzend der ſchwarzen Jägeroffiziere vildete unten einen Halbzirkel und erwartete ſo in mili⸗ täriſcher Ordnung und reſpektvoll ihren Führer. Der Rittmeiſter präſentirte Jeden einzeln dem Herrn des Hauſes, und dieſer ging an Keinem vorüber, ohne durch eine verbindliche Anrede ſich den jungen Schnur⸗ bart zu gewinnen. Lieutenant Waiſe war der letzte im Kreiſe, und als Herr von Hochhorſt ihm ins Auge blickte, konnte er die Erſchütterung nicht bergen und ſtand betroffen vor dem jungen blühenden Soldaten da. 437 Der Herr Major kannte deinen Vater, Leopold, ſprach raſch der Herr von Streithelm; freue dich, denn du haſt einen zweiten väterlichen Freund gewonnen, auf . deſſen Rath du„dich ſtützen darfſt, wenn mich eine Büchſenkugel einmal unter die Eiſen unſerer Pferde wirft.— Der Lieutenant verbeugte ſich ohne Gegen⸗ rede, auch auf ihn ſchien der Anblick des Majors einen beſondern und tiefen Eindruck gemacht zu haben. Hoch⸗ horſt ſetzte ſich erſchöpft, nachdem er alle die Herren zu Gaſt geladen, Streithelm machte ſchnell ſeine militäri⸗ ſchen Geſchäfte ab, entließ die Offiziere und wandte ſich dann mit triumphirendem Geſichte zu dem ſtummen Freunde. Nun, Bruder? fragte er. Was ſagſt Du zu meinem Rekruten?— Ich bin ein großer Sünder, antwortete 6 Herr Richard lebhaft, und kaum der Freude werth, die ich ſo eben genoß. Aber ein noch größerer Schuldner bin ich gegen Dich, der meine Stelle ſo ehrlich vertrat, und einen großen Theil meiner Schuld im Gottesbuch verlöſchen half. War mir's doch als ſähe ich mich im Spiegel ſo, wie ich vor dreißig Jahren durch das Pots⸗ damer Thor in unſere Königsſtadt einritt. Dank Dir, Kamerad, für den Liebesdienſt; Du ſollſt erfahren, daß Deines Richards Herz nicht alt wurde, und biſt Du auch ein ſo rauher Arzt wie unſer klotziger Regiments⸗ chirurg, der bei dem Beinabſäbeln Aepfel aß und jeden Wehlaut mit dem Scheltwort: altes Weib! erwiderte, Du ſollſt dennoch Freude an mir haben.— Die beiden derben Kriegsgeſellen küßten ſich recht lang und herzig, dann ſchieden ſie ohne weitere Rede, Beide hatten ſich verſtanden.— Als Herr Richard wieder oben anlangte, fand er 438 Cäcilie am Fenſter. Haſt Du Dir die ſchmucken Lützower beim Abreiten noch einmal beſchauet? fragte er das er⸗ röthende Mädchen recht freundlich. Schäme Dich deſſen nicht. Wer ſich über Gottes Ebenbild freuet, lobet den Meiſter.— Das nicht, antwortete die Jungfrau haſtig; ich glaubte, Du würdeſt mit ihnen reiten und— Da wollteſt Du dem Väterchen ein Adieu zuwinken; fiel der Major gütigſt ein; ich verſtehe. Ja, ja, die Natur iſt eine Rieſin, ſie bricht ans Licht, und wenn man Berge hinauf wälzte, und wer mit ihr den Kampf beginnt, iſt ein Tollhäusler, der ſeinen Wahnwitz mit zerſchlagenen Gliedern büßt, auch wohl gar mit ge⸗ brochenem Herzen.— Cäcilie ſah ihm ſchmerzlich und beſorgt in das Geſicht. Richard, ſagte ſie kindlich, glaubſt Du Deiner Cäeilie nicht mehr? O, ich wollte, dieſe Menſchen wären nie gekommen, und ſie werden auch wohl bald wieder fortziehen; und das iſt mir ſehr lieb, um des Friedens willen.— Sie werden ziehen, vielleicht wiederkehren; wie Gott will! entgegnete der Major. Aber hekte wollen wir ſie darum recht freundlich bewirthen, und Du ſollſt die Wirthin machen, und mußt Dich deßhalb ſputen, daß die Wirthſchaft Dir Ehre bringt, und den ſchlanken Lieutenant mit den blanken Augen und dem braunen, ſproſſenden Knebelbarte ſollſt Du ſelbſt mir zur Tafel führen.— Richard! rief Cäcilie erſchreckt. Das wollteſt Du ſelbſt?— Und als er bedeutſam nickte, ſetzte ſie weh⸗ müthig hinzu, indem ſie ihr Köpfchen an ſeine Bruſt legte: O, ich verſtehe Dich; Du willſt mich recht hart 439 ſtrafen, und ich habe Dich doch recht lieb, ſo ſehr, daß ich ſelbſt nicht weiß, wie ſo eigentlich.— Der Abend kam und mit ihm die Gäſte. Rittmeiſter Streithelm erſchien zuerſt als Hausgenoſſe, und ver⸗ wunderte ſich, als ihm der Wirth entgegen trat. Der Major hatte ſeine alte Staatsuniform hervorgeſucht, und ſtand vor ihm im ſchwarzen Dolman und der Mütze mit dem ſilbernen Todtenkopfe und den ungariſchen Stiefeletten, und der gewaltige Sarras raſſelte ihm nach auf dem getäfelten Fußboden. Es iſt ein Ehrentag für mich, ſagte er heiter; meinſt Du, ich könnte mich nicht mehr ſoldatiſch putzen, wenn es gilt einen jungen Fähndrich auszuſtechen, der ſich in meinem Hühnerhofe breit machen will. Ernſter fuhr er fort, indem er dem Stutzigen ein geſiegelt Paket vorhielt: Ich denke vor Mitternacht noch einen ſchweren Sieg zu erfechten, den Sieg über mich ſelbſt. Dieſer Brief legte das Funda⸗ ment dazu; es iſt mein Teſtament, eine Abſchrift liegt in meinem Schreibtiſche, dieſe ſende ich augenblicks durch den alcheſch an den Landes⸗Obergerichtspräſiden⸗ ten Cilla und der Leopold ſind meine Erben, wenn ich mein müdes Haupt ſchlafen legte; Du weißt darum und kannſt, ſollteſt Du mich überleben, den Executor machen.— Die Gäſte langten zuſammen an, und bald darauf ſaßen Alle an der wohlbeſetzten Tafel, oben an der Major der Todtenköpfe, den die jungen Lützower mit Verwunderung und Reſpekt betrachteten, wie er ſo ſtatt⸗ lich und angenehm in der Kriegertracht ließ, und das Geſpräch durch Laune würzte, und durch lebendige 44⁰ Erzählung ſeiner jugendlichen Abenteuer ſo unterhaltend wie belehrend zu leiten wußte. Nur Cäcilie hing das Köpfchen. Sie wußte ſich in ihren lieben Freund heute gar nicht zu finden. Wohl verſtand ihn ihr Herz, denn ihrem ſcharfen Auge entging nicht, wie geſpannt er ſie betrachtete, wenn einmal eine Pauſe in der Unterhaltung eintrat. Aber wie konnte er ſo freudig ſein und faſt ausgelaſſen, und wie ſo jugendlich unbeſonnen dem Becher zuſprechen, was er lange nicht gethan, da ihm dergleichen nie bekam? Liebte er ſie denn gar nicht mehr? Und ſie hatte doch ihr ein⸗ fachſtes Kleid gewählt, ſich gar nicht mit Prätioſen oder anderm Schmuck herausgeputzt, ſo reichlich ſie durch des Majors Güte damit verſehen war. Sie hing das Mäul⸗ chen, ſprach faſt gar nicht bei Tiſch und ſah ihren Nach⸗ bar ſo wenig an, als es ſich der Schicklichkeit halber nur thun ließ. Dagegen ſtand ſie mehre Male vom Seſſel auf, und hatte immer Anordnungen zwiſchen der Dienerſchaft zu treffen, und weilte dann immer einen Augenbliick neben Herrn Richard, fragte über ſeine Schul⸗ ter traulich nach Dieſem und Jenem, und ob ſie es recht gemacht, und lobte ihn, wie er heute ſo hübſch ſei und faßte ſogar einmal ohne Scheu ſeine harte Hand und drückte ſie vor aller Augen an ihre Lippen und gegen ihren klopfenden Buſen.— Mir iſt wie einem Zwanziger zu Muthe, flüſterte Hochhorſt dem Rittmeiſter zu, und als ſtände ich wie damals mit einem verlorenen Piquet zwiſchen einer brüllenden Horde Sanscülottes. Und wenn es nun ein bloßer vorübergehender Augenreiz geweſen? Wenn ſie mich dennoch treu und einzig liebte?— 441 Sieh ſie an, Kamerad! antwortete Streithelm. Iſt das eine Stiefmama für Deinen Leopold?— Nun, ich halte Wort! Ich heirathe nicht bis Du mir den böſen, lieben Buben wiederbringſt aus dem Feld⸗ zuge, verſetzte der Major entſchloſſen. Zur Prüfungszeit iſt das lang genug, und dann ſoll ſie das Geheimniß wiſſen und wählen zwiſchen Vater und Sohn. Wählt ſie aber alsdann den Vater, ſo werden mich zehn Schwadronen ſolcher Bußprediger, wie Du biſt, nicht abhalten, meinen Stammbaum mit neuen Schildern zu verſehen und der Junge kann dann wohl ausſtaffirt nach Petersburg zur Kaiſergarde reiſen, und ſich eine blonde Moskowitin freien.— Der Rittmeiſter wollte eine ſarkaſtiſche Antwort aus⸗ ſprechen, da wurde ſein Ohr plötzlich feſtgehalten durch einen fernen, wohlbekannten Ton und horchend hob er ſich halb vom Seſſel empor. Mein Förſter ſchießt am Walde nach der Weihe, die unſern jungen Haſen ſo viel Schaden that, ſprach der Hauswirth beruhigend. Es iſt Kleingewehrfeuer, rief da der Lieutenant Waiſe auf, indem er den Seſſel u zurückſchob, und zum Fenſter eilte. Horcht! Wieder und wieder! Beim Teufel, Peloton⸗ ſalven! Auf die Pferde, meine Herren! commandirte der Rittmeiſter. Da zeigen ſich am Buſche ſchwarze Jäger, berichtete der Lieutenant vom Fenſter her; dort ſprengen drei weiße Reiter um die Tannen; es ſind Küraſſiere, die Abend⸗ ſonne blinkt von den Helmen zurück. Ein Häuflein grüner Huſaren ſtellt ſich am Fluſſe auf. Brave Schützen, 442 unſere Schwarzen! Zwei feindliche Pferde ſetzen reiterlos am Ufer hinab.— Das ſind Würtemberger; das iſt Stillſtandsbruch! verſetzte Streithelm zornig, indem er den Sarras mit Haſt umſchnallte. Falko, eiligſt aufs Roß und zur Stadt, laßt Allarm blaſen, Alles heraus zur Stelle; wir eilen ſofort dem Wahlplatze zu, die Brüder haben Hülfe nöthig, wie's ſcheint. Des Falko's Ritt iſt unnütz, fiel Waiſe ein; ich höre ſchon unſere Hörner; ſie blaſen luſtig den Körners⸗ marſch. Die Burſchen haben den Feind eher geſehen, als wir hier hinter der Waldecke. Schon erkenne ich die flatternden Roßſchweife an der Tete der Schwader, und Reigerfelden jagt Bauch an der Erde die Straße zu uns herauf, Ordre zu holen.— Wacker! Wacker! entgegnete der Commandant, indem er bei dem Feſtmachen des Tſchakos noch einen Blick durch's Fenſter warf. Und ſieh da, was fliegt wie ein im Sturm herſchießender Rabe um das weiße Maierhaus vom Walde her? Erkennt Ihr Horns tollen Scheck? Das iſt er ſelbſt. Zu Roſſe meine Herren! Sogleich werden wir klare Nachricht hören und erfahren, wo unſere Klingen Arbeit zu ſuchen haben.— Die Männer ſtürmten ſämmtlich zum Saale hinaus, ohne ſich weiter um die beiden Damen zu kümmern, die bei der rauſchenden Scene vom Schreck auf ihren Seſſeln feſtgebannt in einem Zuſtande zwiſchen Leben und Tod zugehorcht hatten, und jetzt in laute Klagerufe ausbrachen, da die Idee des Verlaſſenſeins im Kriegsgetümmel ſie ergriff. Der Lieutenant Waiſe war der einzige, der von der 443 Thüre nochmals rückkehrte und tröſtend ſich zu ihnen wandte. Getroſt, mein Fräulein, und Sie, verehrte Frau, ſprach er mild und eilig, aber männlich feſt zu⸗ gleich; es wird nur ein kleines Parade⸗Manöver wer⸗ den, ein leichter Fechtſchulgang, wozu die Langweile den Feind antrieb, wie es nichts Ungewöhnliches iſt zwiſchen leichten Corps. Treten Sie auf den Balkon und beeh⸗ ren Sie gefälligſt die vorüberziehenden Lützower mit einem Blick; ich hoffe Ihre Furcht wird aufthauen, wenn Sie unſere Jäger gemuſtert haben, und nehmen Sie zugleich die Verſicherung, daß ſo lange Leopold Waiſe Herr ſeines Arms bleibt, keine feindliche Ferſe dieſes Paradies betreten wird. Denken Sie unſer! Frommer Frauenſeelen Gebet ſteigt ſchnell zum Himmel, ſowie ein edler Frauenblick ſchnell das Herz befeuert zu Großthat und allem Herrlichen.— Einen ſprechenden Blick ſandte er zu Cäciliens getrübten Augen, dann folgte er ſeinen Waffenbrüdern. Noch bevor ſie die Roſſe beſtiegen, erfuhren die ſchwarzen Reiter die Urſache des dräuenden Ereigniſſes, welches ſie von der Feier des Friedens zu kriegeriſcher Blutarbeit fortriß. Horn und Reigerfelden begegneten ſich im geſtreckten Roſſeslaufe dicht vor dem Landgute, und der Letztere brachte den Erſtern eiligſt dahin, wo er den Commandanten ſeiner Schwadern wußte. Schon ehe er ſprach, ſahen die Kameraden dem Horn an, daß er aus ſchwerem Tagewerk kam; Staub und Schweiß bedeckte ihn und ſeinen ſchnaubenden Scheck; ſein Ge⸗ ſicht war blutig, rothgefleckt erzählte der weiße Stulp⸗ handſchuh von den Thaten der kühnen Hand, die er be⸗ deckte. Kameraden, zur Rache! rief er athemlos, indem er —— 444 ſeinen übertriebenen, bebenden Gaul parirte. Petershof ruft euch. Setzt die Reiter in Karriere, die Jäger in Sturmlauf, denn es thut Noth, ſollen die Brüder nicht alle verbluten auf deutſcher Erde.— Aber was gab's denn? fragte heftig der Rittmeiſter Streithelm, ſchon im Sattel ſitzend, und die breite Klinge entblößend. Woher dieſer Feind in der Still⸗ ſtandszeit?— Horn trocknete ſich den Schweiß vom Geſicht, geröthet ſein Auge zum Walde gekehrt, wo immer noch die Büchſen donnerten, antwortete er mit flinker Zunge und Ungeduld im Geſicht: Fragt nicht lang! Schändlicher Verrath iſt auf uns eingebrochen. Schon ſeit dem Morgen ſchlagen wir uns mit dem Normann herum. Am Kitzener Holz, durch das wir friedlich zogen, um zu euch zu ſtoßen, ging der Tanz an; eine ganze Fahne und die zweite Schwader liegen dort den Raben zum Raube. Deutſche von Deutſchen geſchlachtet als Blutopfer ihres fremden Götzen. Der herrliche Körner wird vermißt, der eichenſtarke Frieſe und der Riedl. Petersdorf und Ennewoſer ſchlugen ſich durch, oder vielmehr heran, denn jeder Schritt blieb Kampf; vor uns trieben wir die Huſaren, hinter uns hetzten uns die Reiter. Schon hatten wir Luft, da fanden wir dort am Strom neue Schaaren, die eben über das Waſſer ſetzten, wahrſcheinlich um euch mit der ſinkenden Sonne daſſelbe Schickſal zu bereiten, das uns umgarnt hielt. Die Brüder ſind todtmatt, die Jäger verſchoſſen. Petersdorf hat dennoch das neue Gefecht angenommen. Lieber Tod in Ehre, rief er und ſchwang den Sarras um ſein Haupt, als Knechtſchaft der Schänd⸗ lichen!— und Alle riefen nach. Der von Damm hat ſich glücklich durchgehauen, und ruft die ſchleſiſche Land⸗ 445 wehr, die hier uns am nächſten quartirt, zu Hülfe mich ſandte er euch entgegen; laßt die Pferde ausſtreichen, mir nach ohne Verzug und die friſche Macht rächt die Büberei und das Blut der Brüder!— Marſch! Marſch! donnerte Streithelm, und alle ſetzten ſich bügelfeſt, ſchwangen die Säbel und drückten den Pferden die Sporen ein.— Cäcilie und ihre Mutter hatten vom Balkon den Aufbruch angeſehen, aber wie erſchracken beide aufs Neue, als jetzt ihr Freund, der Major von Hochhorſt, ebenfalls hoch zu Roß auf ſeinem ſchwarzen Leibhengſte von den Stallgebäuden hertrabte, und dabei ſeinen zuſammengelaufenen Dienſtleuten flüch⸗ tige Befehle zuherrſchte. Richard, was willſt du thun? Willſt du dein Leben wagen und uns ganz ohne Schutz laſſen? jammerte die bleiche Cäcilie zu ihm hinunter. Mit glänzenden Augen und freier Fröhlichkeit in den Zügen hielt Herr Richard den Zügel an und blickte zu dem Mädchen hinauf. Es gilt deutſche Ehre und deutſche Freundſchaft, ſprach er lebhaft und in jugendlicher Bewegung. Meinſt du, dein Hochhorſt ſei zu alt geworden, und könne dieſen jungen Vildfängen nicht noch ein Muſterbild geben? Bete und winde eine Krone aus meiner Myrte für den Tapferſten, wenn wir heimkommen. Mit Gott denkt dein Freund des Siegerpreiſes nicht unwerth zu kehren. Der Balthaſar und die Jäger bleiben zu deinem Schutz. Nicht umſonſt hat eine Gottesſtimme mir heute das Kriegerkleid angethan. Würden die Schwarzen beſiegt, flammte der erſte rothe Hahn auf unſerm Dache. Es gilt meinen Heerd, es gilt für dich, für Ehre und Liebe. Auf Wiederſehen, meine liebe, liebe Cilla.— —— 446 Das Mädchen wollte rufen, wollte flehen, aber die in Angſt gelähmte Zunge verſagte ihr jeden Dienſt, und ſchon jagte der Freund die Allee hinab, ſchon verſchwand er in den Gebüſchen. Nieder ſank Cäcilie auf die bre⸗ chenden Kniee und klammerte ſich feſt mit den erkalteten Händchen an das Eiſengitter des Balkons.— Die Hausbedienten ſammelten ſich jetzt im Hofe, Jäger und Reitknechte, Gärtner und Dreſcher mit Flin⸗ ten, Säbeln, Heugabeln und Senſen bewehrt, wie ſie zuerſt eine Waffe gefunden. Korporal Balthaſar erſchien zuletzt und begann ſeine Ordres auszutheilen, und einige der Leute zur Schließung der Thore und Pforten und ihrer Bewachung auszuwählen. Bei ſeinem Anblicke kam wieder Leben in das Fräulein, Und du bleibſt hier?— rief ſie wie außer ſich. Treuloſer, du läßt deinen braven Herrn allein reiten in den Tod? Fort, hinaus, ihm nach! Weiche ihm nicht von der Seite, wirf dich vor ihn, wenn ein Feind nach ihm ſchlägt. O, warum bin ich ein elendes Mädchen! Wenn er nun fällt, blutet; wer ſoll ihn ſtützen, wer ſein edles Blut auffangen, ihn binden, retten? O Him⸗ mel, der Schuß traf ihn ſchon, er liegt, und mich hält bleierne Todesangſt auf dieſem Platze.— Gott ſoll mir ſegnen und behüten! ſprach der dürre Korporal und blitzähnliche Zuckungen fuhren über ſein narbigtes Ledergeſicht. Sahet Ihr ihn ſtürzen? So ſoll doch gleich der neunfache Satanas über der Schur⸗ ken Köpfe kommen, die einen ſolchen Major von den Todtenköpfen nicht zu reſpektiren verſtehen!— Mit Wuth riß er dem Jäger die Büchſe aus den Fäuſten, und die ſteifen Gliedmaßen im ungewohnten Laufe anſtrengend, folgte er der Spur ſeines Herrn. Der Jäger nahm den Commandoplatz des Alten ſogleich mit Eifer ein, und vollführte die Befehle, welche der Herr nachgelaſſen, indeß Frau von Leitzkau ihr halb ohnmächtiges Töchter⸗ chen mühſam und mit der Anſtrengung und Beſonnenheit mütterlicher Herzensangſt vom Balkon in das Zimmer leitete. Eine furchtbare Stunde legte ſich mit der Stickluft der Ungewißheit auf das verlaſſene, einſame Frauenpaar. Von innerer, unbezwinglicher Gewalt auf die Seſſel zunächſt dem Fenſter gefeſſelt, hörten ſie den kriegeriſchen Hörnermarſch: Es braust der Sturm, es wogt das Meer! den aber nur das Gebrauſe der gedrängt vorbei⸗ trabenden Roſſe und das Geklirr der Waffen begleitete. Bald folgten dann die Züge der Fußjäger; wie Blut ſchimmerte das Roth der Zierathen am ſchwarzen Kriegskleide im letzten Strahle der Sonne, ein Abend⸗ wind ſtrich durch die flatternden dunkeln Roßſchweife über der muthigen Colonne, und ſchaurig ſchallte das Schlacht⸗ lied herüber, und wohl verſtand man die Worte des Schlußchors: Und wenn ihr die ſchwarzen Geſellen fragt, Das war Lützows wilde, verwegene Jagd.— Dann ward es ſtill, todtſtill in der Nähe, doch deſto mehr wurden jetzt die Sinne durch das bedeutſame Ge⸗ lärm in der Ferne angezogen und in marternder Auf⸗ merkſamkeit gebunden. Der Schleier der Dämmerung verhüllte mit jeder Minute die Gegend dichter, aber ſchauriger wuchſen dadurch die Bilder der Phantaſie, welche die furchtbaren Töne des nahen Kriegsſpieles 448 immer gewaltiger aufregten. Schuß auf Schuß don⸗ nerte, von dem zwanzigfachen Echo der Waldhöhen ver⸗ vielfältigt. Wüſtes Geſchrei hallte herüber, welches das Ohr in ſeiner Selbſtmarterung in Sieges⸗, Schreckens⸗ und Jammerſtimmen zerlegte. Hörner riefen laut in mancherlei Weiſe, bald wie fröhlich zur Attake fordernd, bald in langen dumpfen Zügen, wie den nöthigen Rück⸗ zug befehlend. Zueltzt erklangen auch friſch ſchmetternde Trompeten darein, und aus dem Thale, in welches ſich der Fluß ergoß, wurde Trommelſchlag wach, einförmig raſſelnd, aber immer lauter herauf murrend, wie der kalte Soldatenſinn im ernſten Todesmuthe zum Schlagen heranrückt. Doch heftiger ward mit der neuen Muſik auch das Gelärm, lauter donnerten die Schüſſe, und ſchienen ohne Ende einem friſch geöffneten Vulcane zu entſtrömen, deſſen ununterbrochen blitzendes Feuer durch die düſter ſich niederſenkende Nacht in allen Wald⸗ ſchlünden und Winkeln der Holzung leuchtete, und in dem ſteten Wechſel von Flammenglut und Finſterniß die Augen blendend verwundete.— Die lange Stunde lief vorüber; das Schießen nahm ab, vereinzelte ſich, verlor ſich zuletzt ganz in der Ferne. Jedes Geräuſch hörte auf, aber die plötzliche Ruhe ſenkte ſich nicht auf den weißen, kühlenden Fittichen des Friedens hernieder, ſondern ſie erinnerte peinlich an Grabesſtille und Leichenſchlaf. Mit kurzem, hörbaren Athem, mit hochpochendem Herzen lehnte Cäcilie an dem geöffneten Fenſter. Die Schwarzen hatten geſiegt, das ſagte ihr die Vernunft, denn war es anders, würde ja das Fechtgetümmel ſich zur Stadt herauf gezogen haben. Bald mußte jetzt ihr Freund, ihr Vater kehren; ſicher ließ ſeine Vorſorge die Geliebten nicht lang mehr in ihrer Unruhe; ſie mußten ja ſein erſter Gedanke ſein, ſobald, er der Ehre Genüge gethan. Wie horchte ſie, wie ſtrengte ſie alle ihre Sinne an, den Hufſchlag des ſchwarzen Hengſtes, ſein bekanntes Wiehern zuerſt zu vernehmen; wie geſpannt ſuchte ihr jugendliches Auge im Goldlichte des Vollmondes, der ſich eben über dem Horizonte erhob, die liebe Geſtalt aufzufinden, nur ein tröſtend Zeichen des Mannes zu entdecken, ohne den ſie ſich das Leben nicht denken konnte, den ihr Herz und ihr „WMund jetzt mit Stimmen der innigſten Sehnſucht vom Himmel ſich erbat.— Horch! da wurde es laut am Gatterthore; Menſchen kamen eilig unter den Bäumen heran; es war der Leib⸗ jäger; es war Balthaſar, aber der erſte Ton ihres Geſprächs, der deutlicher und verſtändlich an das Ohr der ſich weit hinaus Beugenden ſchlug, fuhr ihr wie ein Eisſtrom durch Seele und Leib, und verwandelte ſie in ein ſtarres, bewegungsloſes Weſen, dem der Gebrauch der Sinne in dieſer Regungsloſigkeit fürchterlich werden mußte. Frage nicht, du Plappermaul, ſo erklang des Kor⸗ porals klägliche Stimme; ja deine armſelige Perſon iſt ſicher, ihr alle habt nicht mehr zu zittern, die flinken Uhlanen und die brave Landwehr kamen uns zum Suc⸗ curs zu rechter Zeit, und der Feind liegt ſtill auf dem Waldraſen, oder ſchwimmt todt und lebendig im Fluſſe hinunter. Aber ſtrenge deine Stelzbeine an, du Haſen⸗ herz, und ſchrei Alles, was im Hauſe lebt, zuſammen, denn mir ſind die alten Knochen lahm, und die ausge⸗ dörrte Lunge hat keinen Athemzug Luft mehr im Her⸗ laufen behalten.— Was iſt denn los, ſprich doch vernünftig, und jaule Blumenhagen. I. 449 29 450 nicht wie ein geſchlagener Kater! fiel der Gärtner ein, der ſich jetzt mit mehren Dienern des Hauſes heran⸗ drängte, und dem Eilmarſche der Beiden ſich anſchloß. Wirf dich auf den jungen Senner, Klaus! fuhr der Balthaſar im vorigen Tone fort. Nur die Trenſe über, keinen Zaum und Sattel! Streich aus zur Stadt, drücke die Ferſen ein und bring Doctor und Chirurgus heraus nach der Meierſcheune. Ach! du lieber Herr Gott, wenn ſie nur nicht zu ſpät kommen!— Und Ihr, Daniel, Chriſtopher und Alle, Alle, die große Tragbahre daher, ſie ſteht im Fohlenſtalle; Betten hinauf o, recht viele und die weichſten, und damit eiligſt zum Platz. Gott ſoll mir ſegnen und behüten, da ſtehen die Maulaffen, und keiner thut ſeinem Herrn einen Schritt zu Liebe, der ſie doch ſo lieb gehabt, und gute Worte gegeben hat, wo ſie Fuchtel hätten haben müſſen.— In den ganzen Haufen, der jetzt am Hauſe angelangt war, und immer von Neugierigen anwuchs, kam plötzlich raſche Lebendig⸗ keit, und viele eilten fort, den Befehl des alten Haus⸗ vrakels zu erfüllen; Cäcilie kreiſchte aber mit aller Kraft, die ihr noch übrig geblieben, hinab: Balthaſar, Menſch, ſprich um Gotteswillen, was iſt mit deinem Herrn und wozu dieſe Anſtalten?— Der Korporal erhob den Kopf, und zeigte eine ver⸗ zerrte Gorgonenmaske, von Pulver ſchwarz gefärbt, und durch ſeltſame Muskelzuckungen immer verändert. Was es gibt, gnädiges Frölen? krächzte er weinerlich. Daß Gott erbarme, das ſchlimmſte, was der Himmel einem alten Korporal ſchicken konnte. Der Herr Major iſt von einer ſackermentiſchen Kugel durch den Leib ge⸗ ſchoſſen, und der alte Balthaſar wird es ſich nimmer vergeben, daß er dem vermaladeiten Huſaren eine Sekunde 451 zu ſpät ſeinen Büchſenſchuß ins Gehirn jagte. Am Holze in der Meierſcheune liegen der Herr Major auf jämmer⸗ lichem Heu, und meinten, ſie müßten auf der Stelle daher gebracht werden, denn zum Sterben iſt ihnen der Platz nicht gut genug und ſie möchten einen beſſern. Und da bin ich fortgerannt, und ärgere mich über die Schlingels hier, die ſich beſinnen, und will nun gleich wieder hinaus, damit der gute Herr, bis die Schnecken nachkommen, ſeinen treuen Balthaſar nicht umſonſt com⸗ mandirt.— Einen einzigen Schrei that Cäcilie, dann riß ſie ſich gewaltſam vom Seſſel auf, warf einen einzigen Blick auf die Frau von Leitzkau, die mit einer Ohnmacht kämpfte, und ſchwankte durch den Salon. Als die Mutter wieder zu ſich kam und des Kindes in Angſt gedachte, ſuchte ſie es vergebens neben ſich, vergebens im Hauſe. Noch hatte auf ſeinem Rückmarſche der Korporal das Gatterthor nicht erreicht, da erblickte er ſtaunend neben ſich eine weiße Frauengeſtalt, und erkannte in ihr Fräu⸗ lein Cäcilie. Nur vorwärts, vorwärts! ſtammelte ſie faſt athemlos, als der Alte fragen und zurückhalten wollte. Er iſt ja allein, er bedarf unſer, er ruft nach mir! und voran flog ſie dem Keuchenden, ſo daß er Mühe hatte, dicht hinter ihr zu bleiben. Bald begegneten ſie einzelnen Trupps der ſchwarzen Reiter, die verwundete Kameraden auf den Sätteln langſam zur Stadt leiteten; bald trafen ſie auf einzelne Rotten der Jäger, die zum Sterben müde ſich am Rande des Ackers hingeſtreckt hatten, bald trabte ſie anrufend 452 ein Piquet vorbei, das bemühet war, die Gegend von verſprengten Feinden zu reinigen, bald ſtockte ihr Fuß an dem Leichnam eines Soldaten, oder ein verwundetes Roß wälzte ſich ihnen zur Seite. Cäcilie achtete das alles nicht, was früherhin ſie erſchreckt und verſchüchtert haben würde. Unermüdet eilte ſie vorwärts, bis das weite Scheungebäude mit den weißen Wänden ihr ent⸗ gegenblinkte; und mit neubelebten Kräften ſtand ſie im Fluge bald vor dem großen geöffneten Flügelthor, in welches der Vollmond ein klares Licht hineinwarf, und eine Scene beleuchtete, wie ſie ſelten ein Weiberauge er⸗ blickt haben mag. Die Seitenräume mit Heu und Stroh angefüllt, gaben den Anblick eines Hoſpitals; Sterbende und Wunde lagen dort, und wurden noch von ihren Gefährten unter das ſichere Dach getragen. Dicht am Eingange löſete der Wundarzt des Corps ſo eben dem Lieutenant Waiſe die Finger der zerhauenen Hand vollends ab, und— die ſchrecklichſte Gruppe mitten im Schrecklichen!— dicht daneben lag im vollen Mondſcheine auf dem Heulager Herr Richard von Hochhorſt, hald entkleidet, mit Binden und Tüchern umwickelt, recht bleich, aber mit klaren großen Augen in die hellen Strahlen des Mondes blickend, ſeine Rechte geſchlagen in die des Rittmeiſters Streithelm, der neben ihm auf dem Boden der Tenne knieete, und ihm aus blecherner Feldflaſche zu trinken reichte.— Fräulein, kommen Sie, der tröſtende Engel zu ſein, um den man das Weh vergißt? rief der junge Lützower, indem er ſie erſtaunt erblickte, und ſein in Schmerz ver⸗ zogenes Geſicht zur Freundlichkeit zwang. Doch Cäcilie achtete, hörte ihn nicht. Längſt hatte ſie ihren väterlichen S—— z————— 453 Freund aufgefunden, flog zu ihm mit letzter Kraftan⸗ ſtrengung, und ſank mit dem Ausruf: Richard! O, mein Richard! in welchem eine ganze Harmonie der leiden⸗ ſchaftlichſten Empfindungen und die reinſte Seelenſprache erklang, neben ſeinem Lager nieder. Mit den ausge⸗ ſtreckten Armen faßte ſie nach ihm, und das ſinnlos ſinkende ſchöne Köpfchen fiel einer geknickten Knospe ähn⸗ lich auf ſeine Knie.— Der Major richtete ſich ſchnell mit dem Oberleibe auf, obgleich ihn der Rittmeiſter daran hindern wollte. Kräftig faßte er das Mädchen, und zog ſie an ſeine Bruſt hinauf, wobei ihn Streithelm unterſtützte. Sie iſt bei mir; mein Auge ſieht ſie noch einmal; rief er mit kräftiger Stimme aus. O, meine Tochter! meine liebe Cilla! Nun wäre der Verband gar nicht nöthig geweſen. Und ſiehſt du nun, Kamerad, bin ich nicht geliebt, und war es eine Thorheit, das zu glauben? Durch Nacht und Tod kommt ſie, mir den letzten Kuß zu bringen. O, gütiger Himmel, ich danke dir, ich danke dir ſo herzlich, als hätteſt du einen ſchönern Aus⸗ gang auf mich herabgeſenkt. Du, da oben, mußt am beſten wiſſen, was mir und dieſem lieben, lieben Weſen gut that.— Cäcilie erholte ſich ſchnell, ſo wie ſie des Freundes Stimme vernahm. Richard! ſtammelte ſie, indem ſie mit Augen, in denen ein Schimmer von Wahnwitz zuckte, ſtarr den Verwundeten anblickte. Was ſprachſt Du? Den letzten Kuß? Nein, es iſt nicht, o ſage es iſt nicht, oder Du wirſt mich vor Dir tödten. Und das wäre recht gut, das wäre der einzige Troſt dabei! ſetzte ſie mit brechender Stimme hinzu. Beruhige Dich, meine liebe Tochter! antwortete der 454 Major. Sieht mein Geſicht aus wie das eines Ster⸗ benden? Iſt dieſer Händedruck nicht feſt und warm? Viele wackere Männer liegen im Walde mit ſchwererer Wunde als ich, und entbehren die Sorgfalt der Liebe, die Du mir brachteſt. Nun, ich werde leben, lange leben wie das Bild von mir in Deinem Herzen. Ich werde auf lange noch ſorgen für Dein Glück und Deine Zukunft. Ich fühle mich ſtark, und möchte gern hin⸗ über in mein Haus. Für ein weiblich Geſchöpf iſt hier nicht zu weilen. Leopold, ſagte er mild zu dem Lieute⸗ nant, der mit umwickelter Hand herzugetreten, Du biſt nun auch ein früher Invalide geworden. Doch was ſchadet's; Gotteswink, Gottesſpruch, dem der Menſch ſich demüthig beugen muß. Führe mir das Mädchen heim ehe die Nachtnebel ſinken. Und mein Streithelm ſorget ſchon für meinen Transport.— Die Burſchen ſind ſchon angelangt, fiel da Baltha⸗ ſars weinerliche Stimme ein; die Liebe hat ihre faulen Füße zu Haſenläufen gemacht. Aber Herr Major, ein jämmerliches Pferd iſt das, was ſie mitgebracht. Gott ſoll mir ſegnen und behüten, muß ich auf die Letzt mei⸗ nem Herrn noch ſolchen Bügel halten.— Schweig! murrte der Major. Kann einen Todten⸗ kopf ein bischen Blut zur Memme machen? Friſch, die Jungen herein, daß ich mich nicht ärgere über den Nar⸗ ren, dem der Friede einen Weiberrock angewöhnt. Der dürre Korporal ſtand erſchrocken und verdutzt. Als er aber dem Herrn auf die Tragbahre half, drückte ihm dieſer ſo herzlich die harte Hand, daß ihm ſchnell der Verſtand hell ward, und er ganz freundlich und be⸗ lebt auf das Fräulein deutete, welches ſchon vom Lieutenant unterſtützt und der Sinne kaum mächtig, 455 voran wankte und dazu flüſterte: Ja ſo! Freilich iſt's wohl das erſte Mal, daß die Gnädige einen Huſaren todtwund zu ſehen bekommt, und das hatte ich in der Herzensnoth ganz vergeſſen. Der Trauerzug langte glücklich auf Hochhorſts Schlöß⸗ chen an, und als er ſich in ſeinem Eigenthume ſah, als um ſein Ruhebett in ſtiller Trauer alle die ihm lieb waren, verſammelt ſaßen, ſchien Herr Richard kein Ster⸗ bender, nur ein müder Hausvater, der von weiter Reiſe endlich heimgekehrt, die Glieder ruht, und dabei die Geliebten um ſich im Kreiſe einet, damit er den lang entbehrten Anblick keinen Augenblick verliere. Cäcilie kniete an ſeinem Bett und ließ ſeine Hand nicht aus ihren Händen. Warum weinſt Du, Kind? fragte er gütig. Mir iſt ja wohl, recht wohl! Und das bischen Schmerz, das vielleicht zuweilen mein Geſicht grämlich verzieht, mußt Du nicht achten. Andere, beſſere, jüngere wie ich, tragen dort am Fluſſe vielleicht in dieſer Stunde viel herbere Pein mit Soldatengeduld.— O ich weiß wohl, jammerte das Mädchen, ich bin Schuld an dem Allen; ich habe Dich hinausgehetzt, und ich bin mir doch keiner Sünde bewußt, Richard, beim Gott der Gnade, keiner Sünde an Dir!— Weiß wohl, antwortete der Leidende. Und darum quäle Dich nicht. Ich ſelbſt ſpreche Dich rein vor jedem Gericht, auch dem höchſten, dem Niemand ver⸗ hehlen kann. Mein eigener Tollkopf hat das bereitet. Aber Gott iſt dabei, wenn Spatzen fallen, er weiß auch einem alten vergeßlichen Kriegsmann zur rechten Ehre zu helfen. Komm näher, Leopold! ganz zu mir heran! Herze mich wie einen Vater. Seht, ſolch ſchwarze, ſchwere Stunde ſprengt manch hartes Herz und mahnet 456 an offenes Bekenntniß, das zum offenen Helme paßt. Du biſt mein Sohn, Leopold; ich erkenne Dich dafür und preſſe Dich an eine warme Vaterbruſt. Aber ſtill, fragt nicht, der Streithelm wird euch Alles erklären; jetzt iſt nicht Zeit dazu. Cilla, nimm ihn als Bruder auf, kann's ſein, als nähern Blutsfreund. Er ſoll mir ja ähnlich ſehen wie der Spießer dem Schaufelhirſch, und da kann ich wohl nicht murren darüber.— Erſchöpft legte er ſich zurück und winkte alle von ſich; den Rittmeiſter rief er jedoch nach kurzer Pauſe wieder zu ſich heran. Bruder, flüſterte dieſer über ihn gebeugt, Gott verdamme mich, wenn ichs nicht recht ehrlich meinte mit Dir, und wer konnte auch ſolch einen unglücklichen Caſus erwarten.— Still, antwortete der Major leiſe, Du wareſt nur die verlorene Schildwacht, die anruft, wenn ſie den Feind ſieht, und nichts von der Schlacht ahnet, welche ihr Feldgeſchrei herbeilockt. Wir ſind Alle nur todte Werkzeuge, die des Meiſters Hand gebraucht zu Ham⸗ mer und Ambos, wie's eben paßt. Wer der Natur ſpottet, den faßt ſie an der Achillesferſe, hielte er den verwundeten Fleck noch ſo feſt umpanzert. Laß gut ſein; ich ſterbe einen braven Soldatentod und an einem Tage, den man nicht ſobald vergeſſen wird in der Geſchichte des Vaterlandes. Thue Du Deine Pflicht, wenn ich heimging, vollſtrecke mein Teſtament: die beiden Kinder theilen, und lieber wäre mir's, ſie theilten nicht; Du verſtehſt mich. Der Rittmeiſter wollte antworten, aber er konnte nicht, denn er fühlte ein ungewohntes Zucken in den Augenliedern, und mußte den naſſen Knebelbart trocknen. 457 Der Verwundete fiel jetzt in einen tiefen Schlaf, und keiner der Umſtehenden wagte durch einen Laut die Ruhe des Leidenden zu ſtören, nur Cäciliens Seufzer tönten oft durch die bange Stille; Worte und Thränen fehlten ihrem Schmerz, da ſie in den Mienen der Männer las, was bevorſtand, wenn auch ihre Seele ſich das Furcht⸗ bare gar nicht als möglich zu denken vermochte. Als das Morgenroth durch die dunkeln Glasſcheiben leuchtete, fuhr Herr Richard auf einmal im Bett empor. Nach Hauſe! rief er mit heller Stimme. Balthaſar, den Cäſar vor! Es iſt Zeit zum Aufbruch! Die rauhe Fauſt will nach Hauſe! Alle ſprangen auf aus ihrer Ermattung und dräng⸗ ten ſich zu ihm. Sich beſinnend ſah er ſie alle nach der Reihe an. Ja ſo! ſagte er. Ich träumte nur den letzten Traum!— Komm her, Cilla! ſetzte er dann hinzu, das ſchwache, wankende Mädchen zu ſich ziehend. Dir bin ich noch ein großer Schuldner; Du haſt meinem Leben die Krone aufgeſetzt. Es war das Höchſte, was ein Menſch auf Erden haben kann; wer es genoß, darf ohne Murren hinausgehen. Dank Dir, Du theures Weſen, Du meine letzte, auch meine erſte Liebe! Ich laſſe Dir den da. Er mag zahlen für den Vater. Ob er es kann, ob er Dich zu lieben verſteht wie ich?— Gott helfe dazu! Cilla, Leopold! denket— denket— des Vaters!— Seine Augen wurden matt und ſtarr, doch wichen ſie nicht von Cäciliens Geſicht, und ſeine Hände müheten ſich noch, die der beiden Kinder in einander zu drücken. Ohne Kampf, mit wenigen ſchweren Athem⸗ zügen verſchied er. Und unten vor dem Landhauſe vor⸗ über zogen die ſchwarzen Schaaren; es klang der Reiter keckes Lied herauf: ————— . Und ſchlägt unſer Stündlein im Schlachtenroth, Willkommen du ſel'ger Soldatentod! und gleich darauf marſchirten die Schützen vorüber und feierlich ſchallte ihr Morgenlied: Gott, Dir ergeb ich mich! Wenn mich die Donner des Todes begrüßen, Wenn meine Adern geöffnet fließen, Dir, mein Gott! Dir ergeb' ich mich! Vater ich rufe Dich! Es war, als höre der edle Todte noch den Geſang, denn ſeine Geſichtszüge verklärten ſich, verloren alles Leichenhafte und blieben freundlich und wie mit dem Siegel der Seligkeit gezeichnet. Drei Jahre waren verfloſſen, da kehrte der Oberſt Streithelm, der nach Auflöſung des ſchwarzen Freicorps in einer andern Waffe des ruhmbedeckten Preußenheeres den Befreiungskrieg mit durchgefochten hatte, von Paris in das Vaterland zurück. Des ſterbenden Richards Bild hatte ihn in keinem Gefecht verlaſſen, ſein Gewiſſen blieb beunruhigt, und es zog ihn unwiderſtehlich zu dem Grabe des Freundes. Er fand das Landhaus unverändert, Cäcilie mit ihrer Mutter und Leopold hatten Sorge getragen, Alles ſo zu erhalten, wie der Geſchiedene es geſchaffen, als war⸗ teten ſie immer noch auf ſeine Wiederkehr. Das ſchöne Mädchen war blaß und ſchlanker geworden, aber die unverkennbare Schwermuth in ihren Zügen hatte ihr einen eigenen Reiz gegeben, der ihr die Herzen gewaltiger gewann, als die üppige Fülle und der leichte Frohſinn, welche ſie vorhin geziert. 559 Die Erbſchaft war noch nicht getheilt, doch die Trauer auf Leopolds Geſicht ſprach zu dem Oberſt gar deutlich, daß der junge Mann faſt auf die Hoffnung verzichtet hatte, welche die letzten Worte ſeines Vaters mit unaus⸗ löſchlicher Schrift ihm in das Herz gedrückt. Streithelm ließ ſich zu dem Grabe des Majors führen. An dem Platze, wo Hochhorſt vorhin am liebſten mit Cäcilien und ihrer Mutter das Frühſtück genommen, auf einer Höhe, wo drei uralte Linden ſchatteten, hatten die Kinder eine kleine Kapelle erbauen laſſen, und unter ihr das Familienbegräbniß gewölbt. In der Kapelle erhob ſich ein einfacher Altar mit Marmorplatten geziert, wel⸗ che das Wappen und den Namen des Verewigten trugen. Auf dem Altar prangte der weißblühende großblättrige Myrtenbaum von immerblühenden Roſen umgeben, und darüber hingen die Waffenſtücke des Huſaren gerade ſo, wie er ſelbſt ſie einſt in ſeinem Kabinet aufgehangen.— Wacker! Wacker! ſprach der grauhaarigte Oberſt und wiſchte ſich eine heiße Zähre aus dem ſilbernen Schnautz⸗ bart, indeß die beiden jungen Leute mit gefalteten Hän⸗ den und zu Boden geſenkten Blicken neben ihm ſtanden. Ihr habt den Wohlthäter geehrt, wie gute Kinder es müſſen. Aber Eins iſt noch zurück. Seinen ſchönſten Wunſch habt ihr vergeſſen, und kümmern ſich die Glück⸗ lichen dort oben noch um uns armſeliges Erdenvolk, ſo wird ihn das ſchmerzen, muß ihn quälen, denn es ſieht aus, als glaubtet Ihr, er könne noch neidiſch ſein auf ein Glück, das er ſich ſelbſt gewünſcht. Bedenket das, quält nicht ihn und euch, theilt ſein ſchönſtes Erbe, ſeine letzte Liebe; es war ein ächtes Kleinod, das nicht viel auf Erden gefunden wird.— Cäcilie preßte ſchmerz⸗ lich beide Hände gegen ihre Bruſt, und Leopold warf —— 460 ſich in heftiger Bewegung neben dem Monumente nieder und drückte ſeine Stirn an den Marmor.— Als der Oberſt nach einigen Monaten auf der Rück⸗ reiſe von der Brennenſtadt wieder bei ſeinen Tutelen vor⸗ ſprach, fand er ſie vermählt. Mit ſcheuen, ſchmerzlichen Geſichtern kamen ſie ihm entgegen, er legte aber freudig ſeine Hände auf ihre Scheitel und rief mit einem Blicke zum Himmel: Nun wirſt du Ruhe haben, braver Todten⸗ kopf, und den Himmelsfrieden ganz genießen! Ich mußte dein vöſer Engel werden; aber du ſiehſt deine Träume jetzt als ſchönſte Wahrheit, und wenn erſt ein kleiner Richard in deinem Paradieſe umherſpringt und nach dem großen Säbel in der Kapelle unter den Linden haſcht, wird dein Geiſt zu ihm herabſteigen und ob ihm walten, daß er Ehre und Liebe zu den Fahnen ſeines Lebens erkieſet, ſo wie du es gethan.— — ————