ee eeee Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Ednard Ollmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und Seſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: FW M 5 2 M „ 3—„. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen⸗ 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlörene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛe.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 4 Romane und Movellen der Gräfin Bleſſington. 8 Vierter Theil. Ftrathern. 1V. Mannheim. Verlag von Heinrich Hoff. 1847. Strathern. —————— Eine Movelle von der Gräfin Bleſſington. Aus dem Engliſchen überſetzt von Ernſt Elſenhans. Vierter Band. Mannheim. Verlag von Heinrich Hoff. 1847. Erſtes Kapitel. „Ein Mann der edel, groß und redlich denkt, Der unerfahren in das Leben tritt Und deſſen Schritte nicht die Klugheit lenkt, Der findet gleich bei ſeinem erſten Schritt Daß eine Schule hält das Leben In der wir theures Lehrgeld geben. Die falſchen Freunde drängen ſich heran, Blos um ſein Geld zu Nutze ſich zu machen Und über ihn, den Schwachkopf dann zu lachen, Dieweil ſich ſelbſt der blinde junge Mann Vergißt, den Andern hilft mit Rath und That Und nicht die Schlingen ſieht auf ſeinem Pfad. Verſucher nah'n ſich ihm von allen Seiten, Er wirft das Gold mit vollen Händen aus, Bis ſchlechte Menſchen höhnend auf ihn deuten, Die Guten Mitleid fühlen und ins Haus Das Unglück dringt. Dann flieht auf ſchnellen Sohlen Die feile Schaar mit der er einſt getheilt Im Glück. Sie wiſſen, wo die Armuth weilt, Da iſt für ſie nichts weiter mehr zu holen.“ Den Aufſeher, den Herr Papworth beauftragt hatte, um den Bau und die Verzierungen von Strathern's Haus zu unterſuchen, einen Anſchlag darüber zu machen und eine fine Schätzung Strathern 1v. 2 über die Summe anzuſtellen, welche zur Beendigung deſſelben erforderlich ſein würde, ſchickte nunmehr ſeinen Bericht ein. Der Unterſchied zwiſchen dem letztern und der Rechnung des Herrn Drinkwater betrug zwar etwa ſechs bis ſiebentauſend Pfund, diente aber nicht dazu, Strathern für den übertrie⸗ benen Aufwand von früher zu tröſten oder wegen der künftigen Koſten zu beruhigen, welche die Vol⸗ lendung des Gebäudes unumgänglich nothwendig machte. Herr Drinkwater fühlte ſich verletzt durch den wenn auch nicht ausgeſprochenen Zweifel an ſeiner Rechtlichkeit. Daß man übrigens ſolchen hegte, ging daraus hervor, weil man einen Bau⸗ verſtändigen berief um das Gebäude unterſuchen zu laſſen. Er drang nun ohne Umſtände auf Bezah⸗ lung und um ihn zu befriedigen, mußte Strathern mit ungeheurem Verluſt Staatsſchuldſcheine verkau⸗ fen, die eben zu jener Zeit ſehr nieder im Werth ſtanden. Nur wer früher nie in der Lage geweſen iſt Geld zu bedürfen, kann ſich vorſtellen, wie ſehr Strathern die dringenden und etwas unbeſcheidenen Ausdrücke ärgerten, mit welchen Herr Drinkwater ſein Geld verlangte. „Der Menſch muß ohne Verzug bezahlt wer⸗ den, mag es mich koſten was es wolle,“ ſagte er zu Herrn Papworth,„denn ich kann nicht dulden, daß er mir ferner noch Briefe ſchreibt wie dieſe da.“ Hierbei überreichte er ſeinem Anwalt zwei 3 Schreiben. Dieſer überlief dieſelben gleichgültig ohne auch nur eine Spur von Staunen oder Zorn über das zu verrathen, was ſeinen Clienten ſo ſchwer beleidigt hatte. „Es wäre nicht viel beſſer als eine Tollheit jetzt Staatspapiere wegzugeben,“ ſagte er;„daran iſt nicht zu denken. Wir können den Burſchen ein paar Monate hinhalten bis die Zeit ablauft, da die Papiere wieder in der Höhe ſind. Dann können Sie dieſelben auch ohne Schaden losſchlagen und ihn befriedigen.“ „Und während der Zeit in der Sie mir vor⸗ ſchlagen, die Zahlung aufzuſchieben, ſoll ich mich wiederholt ſolchen unverſchämten Briéfen aus⸗ ſetzen?“ entgegnete Strathern und wies auf die Sendſchreiben Drinkwaters die auf dem Tiſche lagen. „Ein unbedeutender Schaden, mein Herr, im Vergleich mit dem ſchweren Verluſt welchem Sie ſich ausſetzen, wenn Sie unter den gegenwärtigen Umſtänden Ihre Staatspapiere weggeben.“ „Ich bin trotzdem entſchloſſen dieſen Schritt zu thun und mich ohne Weiteres von Herrn Drinkwa⸗ ter loszumachen.“ „Wenn Sie das wollen, nun, ſo folgen Sie Ihrem Kopf, mein Herr. Folgen Sie aber mei⸗ nem Rath, und erlauben Sie mir zu ſagen, ich 1* 4 meine er ſollte in dieſem Fall angenommen werden — ſo thun Sie es nicht. Wäre ich zuvor um Rath gefragt worden, ſo hätte es ihm nicht frei geſtanden ſo zu verfahren wie er gethan hat. Wenn Sie aber wirklich geſonnen ſind den Menſchen zu zah⸗ len, ſo wäre es zweckmäßiger, ſich durch eine An⸗ leihe ſo viel zu verſchaffen als nöthig iſt um ſei⸗ nem Begehren zu entſprechen.“ Wie groß auch Strathern's Widerwille vor allem Borgen war, ſo willigte er doch für dies⸗ mal ein ſich von Herrn Papworth leiten zu laſſen, und als der Letztere ſich dafür verbürgt, daß die Anleihe in ganz kurzer Zeit zu Stande gebracht ſein würde, verließ der Client das Geſchäftszimmer des Advokaten in einer nichts weniger als heitern Gemüthsſtimmung. Bei der Rückkunft in ſeinen Gaſthof fand er ein Schreiben von Lord Franz Mus⸗ grove, einem alten Univerſitätsfreund, den er ſeit mehreren Jahren nicht geſehen. Derſelbe bat darin um ein Darlehen von ſechstauſend Pfund auf ein paar Monate oder wenn ihm dies nicht gelegen wäre, ſo ſollte ſich Strathern gemeinſchaftlich mit ihm für Aufnahme dieſer Summe verbürgen. Stra⸗ thern erinnerte ſich des Briefſtellers als eines anſtändigen, männlichen, offenen und edelmüthigen Jünglings, der bei jeder Gelegenheit bereit gewe⸗ ſen, ſeinen Kameraden zu helfen und ſich ihnen allen durch unzählige Liebesdienſte theuer gemacht hatte. 5 Sie ſahen einander ſelten ſeitdem ſie die Hochſchule verlaſſen, denn Lord Franz Musgrove war bald darnach auf Reiſen in den Oſten gegangen und erſt kurz nach der Zeit davon zurückgekommen, da Stra⸗ thern England verließ. Deſſenungeachtet fühlte die⸗ ſer, daß er ein Anſuchen nicht zurückweiſen könnte, welches ſo in völligem Vertrauen auf ihre frühere Freundſchaft an ihn geſtellt wurde und wenn er ſchon ſich ſelber geſtehen mußte daß die Zeit, ihn um einen Geldvorſchuß anzugehen, nicht übler hätte gewählt werden können, ſo beſchloß er doch alsbald ſich darauf einzulaſſen. Eben ſtand er auch im Be⸗ griff eine Anweiſung für die verlangte Summe zu ſchreiben, da fiel ihm ein wie es vor allem nothwendig wäre ſich zu vergewiſſern, ob das Geld was er bei ſeinem Bankier hatte niederlegen laſſen, bei dieſem auch wirklich empfangen worden ſey. Er beſann ſich kurz und wollte eben bei dieſem ſelber nachfragen, hatte auch ſchon den Hut in der Hand um wegzugehen, da wurde Lord Franz Mus⸗ grove ſelber angemeldet. Als die erſten Begräſ⸗ ſungen vorüber waren, ſagte Lord Franz:„Du haſt wahrſcheinlich meinen Brief bekommen, und in Wahrheit, lieber Strathern, ich bedarf die ſechstau⸗ ſend Pfund ſo nothwendig, daß ich ſelber herging und dich bitten wollte, ſie mir zu liefern. Es iſt ſchon ſo lange her ſeitdem wir uns nicht mehr ge⸗ troffen, daß ich fürchtete, Du hätteſt mich vergeſſen und in der Erinnerung an das alte Sprichwort, „aus den Augen, aus dem Sinn,“ entſchied ich mich dafür, mein Geſuch in eigner Perſon zu wie⸗ derholen.“ „Sei überzeugt, daß ich Deiner ſtets gedacht habe,“ erwiederte Strathern.„Ich war in der That eben daran zu meinem Bankier zu gehen und nach⸗ zuſehen, ob die Baarſchaft die ich bei ihm nieder⸗ gelegt, ihn in Stand ſetzte, mir aus der Noth zu helfen, ohne daß ich dabei über mein Guthaben hinausginge.“ „Tauſend Dank, mein lieber Freund, das ſieht Dir ganz gleich. Aber wenn Du nun, ſtatt Dein Geld von dem Bankier zu nehmen, einen Wechſel auf drei Monate für mich unterzeichnen wollteſt, deſſen Betrag ich leiſten will ehe er noch fällig wird?“ „Wie es dir beliebt,“ verſetzte Strathern, den es in dieſem Augenblick gar nicht leid that, daß ihm die Nothwendigkeit erſpart blieb eine ſo große Summe von ſeinem Bankier zu ziehen. „Ich habe Wechſelpapier mitgebracht,“ ſagte Lord Franz Musgrove, zog eine hübſche Brieftaſche aus dem Sack und nahm den beſagten Wechſel heraus.„Es geht nichts darüber, als daß man auf alle Fälle gerüſtet iſt.“ Er füllte den Schein aus, Strathern ſetzte ſeinen Namen darunter und 7 Lord Franz legte denſelben wieder in ſeine Brief⸗ taſche mit den Worten:„Ich danke Dir tauſend⸗ mal, werther Freund. Jetzt muß ich gleich fort, will aber bald wieder mit Dir zuſammenkommen. Wo ſpeiſeſt Du? Was meinſt Du, wenn wir aus⸗ machten uns ſpäter bei Tiſch zu treffen wenn es Dir recht iſt?“ „Heute nicht, denn ich habe Geſchäfte, die mich bis ſpät in Anſpruch nehmen.“ „Geh' mir mit Geſchäften!— Behandle ſie wie ich, mit fürſtlicher Verachtung!“ „Das wäre thöricht,“ meinte Strathern ernſt⸗ haft und der Gedanke fuhr ihm durch den Kopf, daß der Wechſel, deſſen Unterzeichnung ſein Freund eben begehrt, die Folge von deſſen Verfahren wäre. Es lag eine Sorgloſigkeit und ein Leichtſinn im Betragen des Lord Franz Musgrove, die ſeinem alten Schulkameraden gar nicht gefielen, die ihm auffallend und durchaus ungeeignet erſchienen bei einer Veranlaſſung wie die gegenwärtige, welche für einen zartfühlenden Mann immer etwas Drückendes und Unangenehmes in ſich trägt. Vielleicht prägten ſich Spuren von dem was in ſeiner Seele vorging, auch in ſeinem Geſicht ab, denn Lord Franz rief bei einem Blicke auf ihn:„Lieber Strathern, Du ſiehſt wahrhaftig ſo ernſthaft aus wie ein Gerichts⸗ mann, der eben über einen unglücklichen Miſſethä⸗ ter das Todesurtheil ausſpricht. Ich muß jetzt alsbald weiter, denn bliebe ich noch zehn Minuten länger bei Dir, ſo würde ich von einer gewiſſen Niedergeſchlagenheit ergriffen. Addio! wir werden einander bald wieder treffen. En altendant, werthe⸗ ſter Freund, wenn Du nicht jedem Mann und jeder Frau auf welche Du ſtößeſt, Schrecken einjagen willſt, ſo mache keine ſo finſtere Miene und nimm die an, welche Dir gewöhnlich iſt.“ Damit entfernte ſich der gedankenloſe junge Mann und ließ Strathern in Zweifeln darüber zurück, ob er nicht einen dum⸗ men Streich gemacht, als er einen Wechſel auf ſechstauſend Pfund unterſchrieb. „Wie hätte ich es aber verneinen ſollen?“ dachte er bei ſich ſelber.„Wir ſind ſo gute Freunde von der Schule und Univerſität her, daß er natürlich meinte er habe ein Recht, mich um Unterſtützung anzugehen und es wäre für mich wahrhaft peinlich geweſen, ſie ihm abzuſchlagen. Indeſſen hat es mir weit mehr Freude gemacht, dem armen Olliphant zu helfen. Ihm kann mein Beiſtand eine Stellung verſchaffen, in der er eine beſcheidene Unabhängigkeit für ſich erlangt, fern von dem Schauplatz ſeiner früheren Thorheiten und von ſeinen alten Genoſſen, während Musgrove— aber halt, ich will es nicht machen wie es nach dem was mir geſagt wird, alle Leute thun, welche 9 Freunden Geld vorſchießen. Die ſprechen gewöhn⸗ lich den härteſten Tadel über Anderer Fehler aus und meinen, ſie haben ein Recht ſtreng zu ſein, weil ſie einen Bekannten aus der Noth geriſſen. Ich denke noch wohl an die Zeit, in der ich immer die unbedachtſame Freigebigkeit Musgrobe's bewun⸗ derte und kaum ſpricht er mich an ihn von den Fol⸗ gen derſelben zu befreien, ſo finde ich mich geneigt, ihn lieblos zu beurtheilen.“ Stratherns Ankunft in London war nunmehr in den Spalten der Morning⸗Poſt angezeigt worden, dieſer Chronik der vornehmen Welt. Die Nach⸗ richt davon ging auch in das Hof⸗Journal über, deſſen Blätter über alle Aufenthaltsveränderungen und Reiſen der 6élite des hohen Adels Auskunft ertheilen. In Folge davon liefen Beſuchs⸗ und Einladungs⸗ karten nicht bloß täglich, ſondern ſtündlich bei ihm ein und hätte Strathern auch nur dem vierten Theil der Anträge folgen wollen die ihm zu allem Möglichen gemacht wurden, ſo wäre ihm kaum Zeit zum Athemholen geblieben, ſo ſchnell und ſo häufig folgten ſie auſeinander. Während er noch daſaß und über die Vergnügungswuth nachſann, welche die fröhliche Welt zu London in Bewegung zu ſetzen ſcheint, ſo lange die Saiſon währt, wie man ſon⸗ derbarer Weiſe den Frühling und die zwei erſten Sommermonate bezeichnet, kam Herr Sudley Sey⸗ mour, der ſchwer zu befriedigende aber allgemein 10 anerkannte Schiedsrichter in Sachen der Mode und des vornehmen Tons, ihm ſeinen Beſuch abzu⸗ ſtatten. „Sie ſehen vor ſich einen Mann, der im eigent⸗ lichen Sinne des Wortes von dem erſchöpft iſt, was man die Vergnügungen der Geſellſchaft nennt,“ ſagte der Herr und warf ſich in einen Lehnſtuhl. „Wenn ich Ihnen nur das Treiben von einem ein⸗ zigen Tage beſchreiben wollte, ſo würden Sie ſich wundern, daß ich noch lebe. Geſtern, par exemple, wohnte ich einem déjeuner dansant bei, wo die Schönheit der Frauen der ſtrengſten Probe ausge⸗ ſetzt iſt, ſo wie anderſeits hier ohne Widerſpruch über den paſſendſten Anzug der Männer entſchieden wird. Denn da muß ein armer Teufel wie unſer⸗ eins, ſein Hirn auf die Folter ſpannen und ſich in Acht nehmen, daß er die Rathſchläge ſeines Schnei⸗ ders befolgt, will er dabei nicht lächerlich erſchei⸗ nen. Da darf der Mann nicht ausſehen, als wenn er in die Altſtadt zu ſeinem Bankier oder in das Haus der Gemeinen ginge, wo ihm eine zierliche Kleidung den gemeinen und veralteten Beinamen eines Zierbengels zuziehen würde, und doch muß er nebenher die gewöhnliche Abendtracht vermeiden. Sie können ſich nicht vorſtellen, wie ſchlecht ſich die jungen Frauenzimmer ausnahmen, erhitzt und glühend vom Tanzen, während die Sonne heißere Blicke auf ſie warf, als die beaus, welche ihnen den Hof 11 machten. Die Damen vom reiferen Alter, denn — dem Himmel ſei Dank, es gibt gegenwärtig keine alten Weiber mehr— verriethen am hellen Tage unverholen Geheimniſſe, die ſich blos errathen laſſen, wenn man ſie bei der ihnen günſtigeren Be⸗ leuchtung der Wachslichter beſieht, nämlich ihre Ver⸗ ſuche, die Verwüſtungen der Zeit zu verbergen, welche ſo unbarmherzig Alles mitnimmt. Ja, ein dejeuner dansant iſt etwas Hartes für das ſchöne Geſchlecht und manche Eroberung, welche die Nacht zuvor im Ballſaale gemacht wurde, iſt ſchon ver⸗ loren gegangen, wenn die Alles beleuchtende Sonne die Sommerſproſſen und Brandflecken zu Tage brachte, von denen gerade die zarteſten Geſichter ſelten frei ſind. Dann erfordert die Toilette für ſolche außerordentliche fétes ein ſo feines Gefühl, einen ſolchen Geſchmack in der Auswahl, daß man blos von einer Pariſer élégante erſter Claſſe ſagen kann, ſie habe die Sache inne und ſei im Stande, ſich einen vollſtändigen Erfolg davon zu ſichern. Ich habe dieſe Dinge ſtudirt und bin zu der Ueber⸗ zeugung gelangt, daß Gewänder von ſchneeweißer Farbe leicht wie Sommerfäden, die in anmuthigen Falten herunterfallen und weder ſo lang ſind, daß der Saum durch die Berührung mit thauigem Gras beſchmutzt wird, noch ſo kurz, daß ſie mehr als einen recht kleinen Fuß enthüllen, für ſolche Gelegenhei⸗ ten immer gewählt werden müſſen. Die Schönen, 1² welche derartige zierliche Kleider tragen, ſollten hierauf beſonders Bedacht nehmen und ſich beſtän⸗ dig vor Augen halten, daß dieſelben gemacht ſind, um darin zu tanzen, nicht um darauf zu ſitzen, denn jeder Anſchein einer ſitzenden Lebensweiſe macht die Wirkung von ſolchen völlig zu nichte. Diamanten und alles ſonſtige glänzende Geſchmeide müßte ſorgfältig vermieden werden, denn, wären ſie auch noch ſo ſchön, am Tage nehmen ſie ſich thea⸗ termäßig aus und geben den Frauenzimmern das Ausſehen von Buhlerinen. Das zarte Grün des Smaragds, die dunkle himmelblaue Färbung des Sapphirs und dann noch das liebliche Blau der Türkiſe geben dieſen Steinen allein das Recht, daß man ihretwegen eine Ausnahme gelten läßt und ſie an der toiletle einer élégante bei einem déjeuͤner dansant anbringt. Sie dürfen aber durchaus nicht mit Diamanten eingefaßt ſein. Friſche Blumen,— nicht aus dem Garten, ſondern von Conſtantin zu Paris, ſollten den leichten, durchſichtigen Hüten zum Schmuck dienen oder unter denſelben zwiſchen den glatten Flechten oder Riegeln jugendlicher Schön⸗ heiten hervorguken. Dieſe mögen ſich aber wohl hüten, ihre Hüte abzunehmen, denn zerzauſte Locken oder fliegende, vom Kamm losgegangene Haare ge⸗ ben ihnen eher das Ausſehen von Bacchantinnen, als von tanzenden Nymphen.„Noch muß ich be⸗ merken,“ fuhr Herr Sudley Seymvur fort,„die 13 Bruſt, Schultern und Arme dürfen nicht blos ſein, wenn man auch zu einer ſolchen féle ſpäter als ge⸗ wöhnlich zuſammen käme. Bleibt es nach dem Tanz nur noch eine Stunde Tag, ſo ſetzt das die Frauenzimmer in ein ungünſtiges Licht, denn die Röthe, welche einer ſolchen Bewegung unausbleib⸗ lich folgt, giebt auch der Schönſten ein anderes und wenigſtens für einige Zeit ein etwas gemeines Aus⸗ ſehen.“ Der Ernſt, mit dem ſein alter Bekannter dieſe Gegenſtände erörterte und die Wichtigkeit, welche er denſelben beilegte, machte Strathern ſo viel Spaß, daß er ihn in ſeinem Redefluß eher aufmunterte, als hemmte. „Ja, mein lieber Strathern,“ fing Herr Sud⸗ ley Seymour wieder an, Sie, der Sie eben friſch vom Feſtlande kommen, vermögen ſich keinen Be⸗ griff davon zu bilden, welche Figur die Frauen⸗ zimmer bei ſolchen déjeüners dansants machen.“ „Und ich entſinne mich, daß dieſer Mann ſonſt recht verſtändig war und ſich im öffentlichen Leben auszuzeichnen verſprach,“ dachte Strathern, während er nach dem Weggang ſeines alten Bekannten über die Sache nachdachte, welche bei dem Beſuch den einzigen Gegenſtand des Geſpräches abgegeben hatte. „Es thut weh, einen Menſchen zu finden, der ſein ganzes Dichten und Trachten auf ſolch' eitle und kindiſche Dinge richtet und von dem Putz der Wei⸗ 14 ber plaudert wie eine précieuse ridicule oder wie man es von einem Galanteriehändler erwarten ſollte. Wenn das die Folgen eines luſtigen Lebens in Lon⸗ don ſind, ſo bewahre mich der Himmel davor, ein ſolches zu führen.“ Der Kummer, den Strathern darüber empfand, daß Frau Sydney und ihre liebliche Tochter ſich abermals weigerten, das alte Verhältniß mit ihm wieder aufzunehmen, laſtete ſo ſchwer auf ſeiner Seele, daß er durchaus keine Neigung verſpürte, eine Ge⸗ ſellſchaft zu beſuchen. Er nahm auch nicht eine einzige von den unzähligen Einladungen an, die an ihn ergingen. Dieſe Verfahrungsweiſe brachte aber nicht die Wirkung hervor, die er wünſchte und be⸗ abſichtigte. Statt ihn nämlich mit der Zeit bei Denen in Vergeſſenheit zu bringen, welche Mahl⸗ zeiten, Bälle, Geſellſchaften, Concerte und déjeu- ners dansants gaben, diente ſie blos dazu, daß die Leute noch erpichter wurden, ihn bei ſich zu ſehen. Der reiche Herr Strathern, deſſen Haus ſchon durch ſeine glänzende Außenſeite ſo viel Aufmerkſamkeit erregte, mußte es verdienen, daß ihn Alle aufſuch⸗ ten, die über mannbare Töchter oder Schweſtern zu verfügen hatten. Der reiche Herr Strathern, von dem Jedermann hörte, daß er verfloſſenen Winter die ſchönſten Kunſtwerke und Sachen von vertu in Rom gekauft habe, mußte eine Bekannt⸗ ſchaft ſein, die zu machen es ſich ſchon der Mühe 5 15 verlohnte. Bei Erbauung eines ſolchen gewaltigen und prächtigen Hauſes, in welchem ſolche Schätze aufgehäuft werden ſollten, konnte man blos die Ab⸗ ſicht haben, es eines Tags der vornehmen Welt zu öffnen, und zwar durch eine Reihe von fétes, die nothwendigerweiſe Alles übertreffen mußten, was man zu London jemals in dieſer Art geſehen. Um ſich nun eine Einladung hiezu zu verſchaffen, be⸗ eiferten ſich Alle und Jede aus den Kreiſen, welche die große Welt in unſerem heutigen Babylon zu⸗ ſammenſetzen, ihm fortwährend Karten zu ſchicken und ihn zu ſich zu bitten. „Der Strathern muß ein recht wähleriſcher Menſch ſein,“ ſagte die Herzogin von Ambleſide zu der Marquiſe von Teviotdale, als dieſe beiden Ton⸗ angeberinnen in Sachen des Geſchmacks im houdoir zuſammenſaßen. Er hat ſich ſeit ſeiner Ankunft nirgends blicken laſſen.“ „Ich bin begierig, wie er ausſieht,“ war die Antwort.„Einige Frauen, die ihn in Rom ge⸗ troffen haben, verſichern, daß er ein ausnehmend hübſches Aeußere habe; aber alle Männer erklären, es ſei blos erträglich.“ „Nun, wir wiſſen, was das heißen will, meine liebe Herzogin. Die Männer ſind, was auch die Welt zum Gegentheil ſagen mag, bei Weitem neidi⸗ ſcher und eiferſüchtiger auf ihre gegenſeitigen per⸗ ſönlichen Vorzüge, als die Weiber. Nie habe ich 16 einen Mann zugeſtehen gehört, einer ſeiner Zeit⸗ genoſſen ſei hübſch; au contraire, der eine wie der andere fängt gleich mit einer wirklich beluſti⸗ genden naivelé an, das Aeußere eines Mannes zu verſchreien, der uns ſchön vorkommt. Wir dage⸗ gen haben unendlich mehr Zartgefühl, als die Herren der Schöpfung, für welche ſie ſich halten, wir greifen eine Schönheit, die ſie rühmen, niemals offen an— ja noch mehr, wir thun, als wären wir völlig ihrer Anſicht und überhaͤufen eine von ihnen bewunderte Frau mit übertriebenen Lobes⸗ erhebungen, die oft völlig im Widerſpruch mit un⸗ ſerer eigentlichen Meinung ſtehen.“ „Sie ſind alſo geneigt, dieſen beau solitaire für ſchön zu halten?“ „Allerdings; ſonſt würden es die Männer nicht mit ſolchem acharnement im Abrede ſtellen.“ Ich habe davon gehört, er ſei verlobt geweſen und habe in Rom eine reiche Erbin heirathen wollen. Er ſoll auch ſchrecklich vernarrt in ſie geweſen ſein, das Verhältniß habe ſich aber zerſchlagen, ohne daß Jemand den Grund davon anzugeben wüßte. „Und mir wurde geſagt er habe ihr Betragen auf einem bal masqué etwas leichtſinnig gefunden. Wie er ſich nun unterſtanden, dem Frauenzimmer einen etwas ernſteren Vorhalt zu machen, als ſie ihn zu verdienen geglaubt, habe ſie mit ihm ge⸗ brochen.“ 17 „Die Gräfin von Allancourt,“ meldete der Kammerdiener. Dabei öffnete er die Thüre und die Genannte trat lächelnd und voll Freundlichkeit in das Boudoir. „Wir ſprachen eben von Herrn Strathern,“ äußerte die Herzogin.„Kennen Sie ihn vielleicht?“ „O ja, ich kenne Jedermann,“ erwiderte Lady Allancourt, welche ſich immer ſtellte, wie wenn ſie eine ausgebreitetere Bekanntſchaft hätte, als wirk⸗ lich der Fall war, wenn dieſe gleich viele Leute umfaßte.„Er iſt unermeßlich reich, ſehr hübſch, geſcheid— aber ziemlich überſpannt. Die Geſell⸗ ſchaft, das heißt, die gute Geſellſchaft, iſt ihm zu⸗ wider. Gegen eine andere Claſſe, heißt es, ſei er nicht ſo ungeſellig.“ „Wie ſchrecklich!“ „Ja, das iſt wirklich abſcheulic, 4 „Herr Rhymer hat mir mitgetheilt,“ fuhr die Herzogin fort,„ein junges Fräulein, mit welcher Herr Strathern verſprochen geweſen, habe dieſen Umſtand herausgefunden und ihn in Folge davon aufgegeben. Er nannte mir den Namen, aber ich habe denſelben vergeſſen. In London kann man die Namen nicht behalten. Da herrſcht ein ſolcher Wechſel von Luſtbarkeiten, daß Einem Alles aus dem Kopf kommt.“ „Ich kann Sie verſichern, meine liebe Herzo⸗ gin, daß der Bruch ſeine Entſtehung in ganz Strathern 1v. 18 anderen Urſache fand,“ verſetzte Lady Allancvurt und nahm eine hochwichtige Miene an, weil ſie ſich bewußt war, Strathern beſſer zu kennen, als die übrigen Frauenzimmer. „Ach erzählen Sie doch,“ ſagte die Marquiſe. „Ich möchte gar zu gerne Alles erfahren, was die⸗ ſen beau solitaire betrifft.“ „Die Sache iſt die: Das Mädchen mit wel⸗ cher ſich Herr Strathern verlobte, gab ſich für Erbin bedeutender Reichthümer aus. Sie heißt Sydenham oder ſo, und ihre Mutter, eine ſehr ſchlaue ränkevolle Frau, ſuchte Herrn Strathern dahin zu bringen, daß er die Tochter noch in Rom eheliche und die Abſchließung des Ehevertrags auf⸗ ſchiebe, bis ſie nach England kämen. Ein ſolcher Vorſchlag erregte natürlich bei ihm Verdacht, und er weigerte ſich, darauf einzugehen. Ueberdies zog er, als ein kluger Mann, daheim ſchriftliche Er⸗ kundigungen ein, und da ſtellte ſich denn heraus, daß man ihm hatte einen Streich ſpielen wollen. In Folge davon brach er alsbald das Verhältniß ab und verließ die weiblichen Glücksjäger ſehr ärgerlich, daß ihnen der Betrug mißlungen war.“ „Da könnte es ſcheinen, als hätte Herr Stra⸗ thern eben ſo gut unter dem Einfluß geldſüchtiger Abſichten gehandelt,“ bemerkte die Herzogin, und ihr offenes Geſicht verrieth, daß ſie nunmehr eine veränderte Meinung von ihm hegte. —— 19 „Oue voulez-vous? die Männer ſind heutzutage gar vorſichtig.“ „Selbſtſüchtig wäre das paſſende Wort. Der beau solitaire hat für mich jetzt alles Intereſſe verloren,“ erwiderte die Herzogin. „Sie werden doch nicht verlangen, daß er ein Mädchen nehme, das ihn täuſchte und ihm den Glauben beibrachte, es wäre reich, während es doch nichts hatte?“ fragte die eigennützige Lady Allancvurt. „Er hätte keine Frau ſuchen ſollen, blos weil er ſie für vermögend hielt,“ entgegnete die Her⸗ zogin. „Ich ſtellte mir ihn als einen Menſchen von Byrons Aeußerem vor, mit einer hohen bleichen Stirne, ſchwermüthigen Augen, einem ſpöttiſch ver⸗ zogenen Mund, den er blos öffnet, um ſchöne Zähne ſehen zu laſſen, und mit dem unbeſchreib⸗ lichen Zug, der immer Männer von Geiſt vor allen Andern auszeichnet,“ ſagte die romanhafte Marquiſe von Teviotdale und ſtieß einen halb unterdrückten Seufzer aus. „Ich habe nie gehört, daß Jemand dem in Rede ſtehenden Herrn außerordentliche Fähigkeiten beilegte,“ verſetzte Lady Allancourt.„Er hat nie Etwas geſchrieben, wenigſtens nichts veröffentlicht.“ „Die Leute können die größten Talente beſitzen, ohne Etwas im Druck erſcheinen zu laſſen,“ ſagte 2* 20 — die Marquiſe. Ihre Gedanken kehrten in dieſem Augenblick zu gewiſſen Stanzen in ihrem Album zurück, die ſie mit eigener ſchöner Hand gemacht, und von denen ſie feſt überzeugt war, daß ſie von dem göttlichen Geiſt durchweht wären, mit welchem ſie Strathern ſo ohne Grund ausgeſtattet hatte. „Man hat ihn überall hin gebeten,“ fuhr die Gräfin fort,„er will aber nirgends erſcheinen, lebt von Reis und Eiswaſſer und erlaubt ſich blos Caffe und Obſt zu genießen. Liest den größten Theil der Nacht und führt, wie man mir erzählt, überhaupt ein ſo ſeltſames Leben, als man ſich nur denken kann.“ „Ach, was muß das für ein prächtiger Menſch ſein!“ rief die Marquiſe.„Nur ein Mann von Genie kann ſein Daſein ſo verbringen. Wie ver⸗ langt es mich, ihn zu ſehen!“ „Das Genie hat damit nichts zu ſchaffen, kann ich Sie verſichern,“ entgegnete Lady Allancourt. „Herr Strathern hält dieſes régime blos ein, um einer Anlage zum Dickwerden entgegen zu wirken.“ „Lieber Himmel, er wird doch kein dicker Mann ſein?“ Und die Marquiſe fuhr aus der ber- göre in die Höhe, worin ſie ſaß.„Es gibt nichts Schrecklicheres, als einen dicken, unbeholfenen Menſchen.“ „Es thut mir leid, aber wenn ich die Wahr⸗ heit reden ſoll, ſo muß ich ſagen, daß dies wirklich 21 der Fall, und daß ſein Geſicht etwas röther iſt, als ihm lieb ſein mag,“ verſetzte Lady Allancourt, welche den Menſchen, den ſie beſchrieb, zufällig noch nie geſehen, und eben ſo wenig je etwas über ſeine Körperbeſchaffenheit gehört hatte. Aber ſo machen es die Menſchen oft, wenn ſie Leute be⸗ ſchreiben, die ſie ſich zu kennen anſtellen, ohne ſie je vorher erblickt zu haben. Die Zurückgezogenheit in welcher Strathern lebte, und zu der ſein Ge⸗ müthszuſtand nach der Täuſchung ſeiner liebſten Hoffnungen Veranlaſſung gab, machte ihn zum Ge⸗ genſtand größerer Neugier und folglich auch grö⸗ ßerer Theilnahme für vornehme Müßiggänger, als der Fall geweſen wäre, wenn er täglich die ſtatt⸗ findenden fétes und ſonſtigen Beluſtigungsorte be⸗ ſucht hätte. Schaarenweiſe ſtrömten ſie herbei, um das Aeußere ſeiner Wohnung zu beſichtigen, in deren Inneres ihnen der Zugang verweigert war. Die Pracht deſſelben und die Koſtbarkeit ihrer architektoniſchen Verzierungen brachten ihnen einen hohen Begriff von dem Reichthum des Eigenthümers bei, und ſein Name, dem man faſt beſtändig das Beiwort„reich“ oder„vermögend“ voranſetzte, wurde bald im Munde der Männer ſowohl, als der Frauen ſo gewöhnlich, wie die Ausdrücke des täglichen Lebens. Dieſer allgemeine Glaube an die Größe ſeines Einkommens hatte für Strathern etwas ſehr widerliches, denn nicht allein überliefen ihn vom Morgen bis zum Abend Geſchäftsleute, welche ihn baten, ihre auserleſenſten Waaren zu beſichtigen und die Ehre nachſuchten, ſeinen Namen in ihre Bücher aufnehmen zu dürfen, ſondern man überſchüttete ihn auch mit Bettelbriefen, worin mit den kläglichſten Worten, welche die Sprache zu er⸗ finden vermochte, alles Elend aus einander geſetzt war, dem die Armuth verfallen iſt. Es würde Strathern's ganze Zeit in Anſpruch genommen haben, auch nur die Hälfte dieſer rührenden Anſprachen an ſeine Mildthätigkeit zu leſen.— Hätte er aber den Leuten helfen wollen, ſo wäre dadurch ein weit größeres Vermögen erſchöpft worden, als das ſeinige ſelbſt zu der Zeit geweſen, da er noch nicht die neuerliche bedeutende Lücke in demſelben gemacht. Einige der Bittge⸗ ſuche konnte er übrigens doch nicht leſen, ohne inni⸗ ges Mitleid mit deren Schreibern zu empfinden. Er ſandte deßhalb ſeinen Bedienten aus, um ſich von der Wahrheit der darin enthaltenen Angaben zu vergewiſſern und ihnen Unterſtützung angedeihen zu laſſen. Noch andere und viel größere Unan⸗ nehmlichkeiten erwuchſen ihm aber aus den über⸗ triebenen Gerüchten von ſeinem Reichthum, denn ſie brachten jeden Bekannten, den er unter ſeinen Altersgenoſſen hatte, auf den Glauben, ein ſo unge⸗ heueres Vermögen könnte ihm blos zu dem Zwecke übergeben worden ſein, um ſie aus den Verlegen⸗ 23 heiten zu reißen, in welche ſie ſich durch ihre tolle Wirthſchaft geſtürzt, oder um ihnen die weitere Fortſetzung ihres unbeſonnenen Lebens möglich zu machen. Die Dankbarkeit Olliphant's war zu groß, als daß er den Edelmuth ſeines Wohlthäters hätte verheimlichen ſollen. Er machte bald bekannt, wel⸗ chen Dienſt ihm Strathern ungebeten erwieſen, und ermuthigte dadurch eine Menge in Dürftigkeit ge⸗ rathener junger Leute, ſich auf ähnliche Gefällig⸗ keiten Rechnung zu machen. Daher freundſchaftliche Beſuche von zudringlichen Leuten, die ſich nicht ab⸗ weiſen laſſen wollten und gewöhnlich am Ende um ein Darlehen oder um die Annahme eines Wechſels baten. Dies geſchah ſtets mit dem Anſchein ſo großen Vertrauens auf ſeine Freundſchaft, man war ſo überzeugt, daß es in ſeiner Macht ſtände, den ausgeſprochenen Wunſch zu gewähren, daß Stra⸗ thern bald fand, wie er ſich vermöge ſeiner zu großen Herzensgüte und Freigebigkeit in ſehr beträchtliche Ausgaben eingelaſſen habe. Bald entveckte er auch, daß die Opfer, die er ſo unklugerweiſe gebracht, um dieſen soi-disant Freunden zu helfen, blos von vorbeigehendem Nutzen für ſie geweſen waren, ihm aber für die Zukunft ſchwere Verlegenheiten in ſichere Ausſicht ſtellten. Kurz bevor er dieſen er⸗ ſchreckenden Umſtand gewahrte, trat eines Morgens Lord Franz Musgrove in ſein Zimmer. „Ich komme noch einmal Dich um Deinen Bei⸗ ſtand anzugehen, mein lieber Freund, ich verſpreche Dir jedoch auf meine Ehre, daß dies das letztemal ſein ſoll. Unerwarteter Weiſe verlangt man von mir die Bezahlung von viertauſend Pfund, die ich erſt zu der Zeit entrichten zu müſſen glaubte, wenn es mir genehm wäre. Nun iſt aber der Mann, dem ich ſie ſchuldig war, zum Unglück geſtorben und ſeine unverſchämten Teſtamentsvollſtrecker treiben mich eben ſo ſehr in die Enge, als ſie mir Koſten verurſachen. In ein paar Wochen werden gewiſſe Vorkehrungen beendigt ſein, mit denen ich eben be⸗ ſchäftigt bin, um mich ſchließlich aus allen meinen Bedrängniſſen heraus zu arbeiten. Bekommen aber meine Gläubiger Wind von dieſer neuen Geſchichte — und das wird unfehlbar geſchehen, wenn ich die Teſtamentsvollſtrecker nicht befriedige— ſo werden alle meine Maßregeln zu nichte und ich bin ein zu Grunde gerichteter Mann. Nimm noch einen Wechſel für mich an, lieber Strathern, für viertauſend Pfund, das wird mich ſicher retten.“ „Dieſe Wechſelgeſchäfte ſtehen im größten Wi⸗ derſpruch mit meinen Anſichten und Empfindungen.“ „Ich habe Dir ein ſolches blos vorgeſchlagen, um Dir die Nothwendigkeit zu erſparen, daß Du Dein Geld aus den Händen Deines Bankiers nimmſt oder Staatspapiere verkaufſt, ſo lange ſie ſo teufelmäßig nieder ſtehen, aber wenn Du mir 25 die viertauſend Pfund vorſchießen kannſt, ſo iſt das noch beſſer.“ Strathern wußte, daß die Rechnung bei ſeinem Bankier gerade jetzt nicht eben glänzend ſtand, denn die ſechstauſend Pfund, die er Olliphant geſchenkt, und einige ſtarke Zahlungen für Bildhauerarbeiten aus Rom hatten einen bedeutenden Riß in die Ge⸗ winnſtantheile gemacht, welche dem Bankier einge⸗ liefert wurden. Indeſſen ſagte er nach einem Nach⸗ denken von etlichen Minuten„Nun, diesmal will ich den Wechſel auf viertauſend Pfund noch annehmen, aber unter dem ausdrücklichen Vorbehalt, daß Du Dein Ehrenwort verpfändeſt, dieſen wie den frühe⸗ ren zu honoriren und mich um Unterzeichnung keines weiteren anzugehen“ „Ganz gut. Ich gebe Dir mein Ehrenwort, daß beide Wechſel bezahlt werden. Ich verpflichte mich überdies, nie die Bitte zu wiederholen, welche Du mir mit ſo viel Gefälligkeit gewährt haſt und verſichere Dich, mein Lieber, daß ich die mir jetzt und früher erwieſene Freundſchaft nie vergeſſen werde. Ich will jetzt den Wechſel ausſtellen.“ Damit zog er Stempelpapier aus ſeinem Taſchen⸗ buch und fing an zu ſchreiben. Strathern unter⸗ zeichnete mit dem Bewußtſein, eine neue Thorheit begangen zu haben, er machte ſich ſelber Vorwürfe und ſah Lord Franz Musgrove in der munterſten Laune weggehen, die man ſich denken kann. Der⸗ 26 ſelbe ſummte ein Liedchen, während er die Treppe hinunter ging. „Wenn er nicht im Stande iſt, dieſe Wechſel einzulöſen, komme ich wahrhaftig ſchön in die Patſche,“ dachte Strathern.„Zehntauſend Pfund,“ murmelte er, und die Summe war ihm nie zuvor ſo beträchtlich vorgekommen,„ſind wahrhaftig keine Kleinigkeit, kein Spaß, und ich kann ſie bei den andern Anforderungen die man an mich macht, ge⸗ genwärtig nicht verlieren, ohne in Ungelegenheiten zu gerathen.“ Am folgenden Tage ging Strathern auf Herrn Papworth's Geſchaftszimmer um ſich zu erkundigen ob das Geld bereit liege, was dieſer aufnehmen wollte, um dem Begehren des Herrn Drinkwater zu genügen. „Ich bin ſchon wieder von ihm darum geplagt worden,“ ſagte er,„und hoffe deßhalb, daß die Anleihe abgeſchloſſen iſt.“ „Es thut mir leid, ſagen zu müſſen, daß dies nicht der Fall iſt,“ erwiederte Herr Papworth. „Eine Anleihe läßt ſich nicht ſo leicht zu Stande bringen, als Männer von Vermögen ſich einbilden. Ich meinte Jemand gefunden zu haben, der mir die verlangte Summe borgte. Er ging auch auf den Vorſchlag ein und ich meinte ſchon, er werde da⸗ rein willigen. Da erklärte er ſich aber auf ein⸗ 27 mal dagegen, unter dem Vorwand, er habe erfahren, daß Wechſel mit Ihrer Unterſchriſt allen Juden in London zur Abnahme angeboten worden wären, und daß für einen von ſechstauſend Pfund, den Sie ange⸗ nommen hätten, blos zweitauſend fünfhundert zu bekommen ſeien. Das ſchadet Ihrem Credit ſehr, mein Herr, und wird mir ernſthafte Schwierigkeiten bereiten, wenn ich eine Anleihe für Sie auf billige Bedingungen machen will. Ich erhob Zweifel ge⸗ gen die Behauptung und hielt es für unmöglich, daß Sie ſich ſchon in Unterhandlungen mit den Juden eingelaſſen haben könnten, aber er verſicherte mich, es habe ſeine volle Richtigkeit mit dem was er geſagt. Hätte man mich zu Rathe gezogen, ſo wäre dieſe unangenehme Blosſtellung vermieden worden.“ Und Herr Papworth machte ein Geſicht, als hätte er ein ſtärkeres Bewußtſein von ſeiner Weisheit, als je. „Ich habe nie in meinem Leben eine Guinee geborgt und auch nie Verkehr mit Leuten gehabt, die Geld ausleihen,“ verſetzte Strathern unwillig und ſeine Wangen wurden roth vor Aerger. „Dann muß ich aber denken, Sie haben einen Wechſel angenommen, um einem Freunde auszuhel⸗ fen. Erlauben Sie mir zu ſagen, daß dies ein ſehr unbeſonnener Schritt war.“ „Ueber die Klugheit deſſelben will ich nicht mit Ihnen ſtreiten, aber bei meiner Art zu denken und 28 zu fühlen würde ich es ſchwer finden, den Bitten eines alten Bekannten um ein paar tauſend Pfund zu widerſtehen, mit denen ich ihn aus einer Ver⸗ legenheit reißen kann.“ „Es thut mir leid, das zu hören, denn wenn ſolche Grundſätze gehandhabt werden, ſo kann kein, auch noch ſo großes Vermögen auf die Länge ſich gegen die Schläge halten, die unfehlbar daraus hervorgehen.“ Der Ton des Vorwurfs, den Herr Papworth annahm, beleidigte und erzürnte ſeinen Clienten; und das um ſo mehr, als er die Richtigkeit der Anſichten einzuſehen begann, die gegen ihn ausge⸗ ſprochen wurden. Er verließ deßhalb das Zimmer ſeines Sachwalters in ſehr übler Laune, ärgerlich über dieſen, über Lord Franz Musgrove, am mei⸗ ſten aber über ſich ſelbſt. Zweites Kapitel. „Kein menſchliches Gemüth iſt wohl ſo hart Daß es der Güte Einfluß nicht empfände, Selbſt Herzen die im Böſen ſchon erſtarrt, Hat aufgethaut, geheilet ſie am Ende; 29 Sie bringet Licht auf manchen Lebenspfad Der bei der Menſchen Fehlern ſich verdunkelt, Wem dann die Hoffnung in der Ferne funkelt, Dem iſt noch nie der Menſchenhaß genaht.“ Zwei Tage, nachdem Herr Wandsworth von Frau Sydney für ihren Verwandten die Erlaubniß erhalten, ſie zu beſuchen, erſchien der alte Mann in dem Landhäuschen. Es war derſelbe ein Greis von ſehr zarter Geſundheit und durchaus nicht einnehmenden Zügen. Zurückhaltend und ſchweig⸗ ſam ſtellte er ſich den Frauenzimmern mit großer gaucherie vor, aber die Güte und Sanft⸗ muth ihres Betragens gab ihm bald eine ſichere Haltung. Er entſchuldigte ſich beinahe, daß er ſein Recht auf die Güter geltend gemacht, die ſo lange für das Eigenthum des Fräuleins Sydney gehalten worden wären und äußerte, daß er recht wohl das ehrenhafte Benehmen der beiden Damen zu ſchätzen wiſſe, da ſie ihr Eigenthum ohne wei⸗ teres aufgegeben und nicht erſt die Entſcheidung eines Gerichtshofes abgewartet hätten.„Dieſes junge Fräulein,“ ſagte er zu Loniſen gewendet, „iſt die geſetzliche Erbin aller Güter nach meinem Tode, wenn ich ohne männliche Nachkommen ver⸗ ſterbe. Da ich nun ledig bin, ſo iſt beſonders bei meinem Alter wenig Wahrſcheinlichkeit vorhanden, daß ich einen Sohn hinterlaſſe, und ich kann mich 30 daher eigentlich blos als den Guts⸗Verwalter meiner ſchönen und jugendlichen Anverwandtin be⸗ trachten.“ So ſeltſam und unerklärlich es auch ſcheinen mag, Herr Wandsworth hatte den Frauenzimmern nie mitgetheilt, daß das Gut, deſſen Beſitz für Louiſe Sydney gegenwärtig verloren war, wieder an ſie zurückfallen würde, wenn Herr Sydney ohne männlichen Sproſſen ablebte. Und doch war dem ſo, und er wurde zu dieſer Verheimlichung durch zwei Gründe veranlaßt. Erſtens wünſchte er Loui⸗ ſen, auf welche er beſondere Stücke hielt, davor zu bewahren, daß ſie nicht die Beute eines ſchlauen Glücksjägers würde. Und das fürchtete er, könnte geſchehen, wenn bekannt würde, daß nur ein betag⸗ ter und gebrechlicher Mann zwiſchen ihr und einem ſo beträchtlichen Vermögen ſtände. Zweitens beab⸗ ſichtete er ſie von ihrem Hang zum Mißtrauen zu heilen. Er hatte ſie zwar ſeit ihrem Eintritt in die mannbaren Jahre ſelten getroffen, aber doch her⸗ ausgefunden, daß hierin der einzige Flecken in ihrem Charakter beſtand. „Sie verdient in Wahrheit und wünſcht um ihretwillen allein geliebt zu werden,“ dachte Herr Wandsworth,„und wie kann ſie jemals Sicherheit und Gewißheit darüber erlangen, wenn nicht Je⸗ dermann glaubt, ſie habe für immer den großen Reichthum verloren den ſie ererben muß? Der Mann 31 der ſie zur Frau begehrt, während er ſie für arm hält, erlangt dadurch ein Recht auf ihr dauerndes Vertrauen zu ſeiner Neigung und der Glaube da⸗ ran wird die ſicherſte Grundlage für ihr beiderſei⸗ tiges Glück bilden. Dieſe Ueberzeugung aber kann ein reiches Mädchen nie haben, wie groß auch ihre Reize ſein mögen und es liegt jetzt in meiner Ge⸗ walt, ihr dieſes Glück für die Zukunft zu verſchaf⸗ fen, wenn ich ihr nicht entdecke, daß ſie nach den Familiengeſetzen die nächſte Erbin iſt. Herr Syd⸗ ney ſieht nicht aus als würde er ihr die Güter lange vorenthalten. Ich habe neulich durch Zufall von ſeinem Arzte erfahren, daß er einen organi⸗ ſchen Fehler am Herzen hat. Was kann es nun ſchaden, daß ich die beiden Frauenzimmer auf dem Glauben laſſe die Beſitzungen ſeyen für Fräulein Sydney auf immer verloren. Das etwas ver⸗ wöhnte und verzärtelte Kind des Glücks wird durch dieſen Schlag des Mißgeſchicks die Welt aus einem neuen und wahreren Geſichtspunkt betrachten lernen und ihr Charakter wird aus der Prüfung reiner hervorgehen.“ Solche Betrachtungen gingen Herrn Wands⸗ worth durch den Kopf und veranlaßten ihn, das heimliche Verfahren einzuhalten, von dem eben die Rede geweſen. Es waren ihm bei ſeinen Berufs⸗ geſchäften verſchiedene Beiſpiele von den Gefahren vorgekommen denen reiche Mädchen ausgeſetzt ſind, 32 von dem Elend was auf Heirathen folgt, die aus Eigennutz geſchloſſen und zu denen ſie nur zu häufig verleitet werden. Darum blickte er mit Bekümmerniß und Mitleid auf Leute dieſes Stan⸗ des die ſo oft dem Mammon geopfert werden und hätte vor dem Looſe, das ihrer ſo oft wartet, Fräu⸗ lein Sydney gerne bewahrt. Dabei überſah er jedoch, zu welchen Beſorgniſſen er ihre zärtliche Mutter verdammte, welche ſorgenvolle Tage und ſchlafloſe Nächte ſie durchzumachen hatte, ſo lange ſie glaubte, ihre Tochter würde blos das ſchmale Erbtheil überkammen, welches ſie ihr dadurch ver⸗ ſchaffen konnte, daß ſie ihr Leben verſicherte. Jetzt war die Wahrheit enthüllt, trotz aller Plane des Herrn Wandsworth ſie zu verbergen, und die quälende Angſt die ſie bisher ſo ſchwer bedrückt, wich von der beengten Bruſt der Frau Sydney. Dennoch aber gab ſie keinen Ausruf der Ueberra⸗ ſchung oder Freude von ſich bei der Eröffnung die ihr eben gemacht wurde. Sie blieb ruhig und ernſt wie zuvor; und als ſie auf ihre Tochter blickte, gewahrté ſi, daß kein Strahl des Vergnü⸗ gens in ihrem Auge glänzte, daß tein Lächeln auf ihrer Wange ſich zeigte, als ſie eine Nachricht erhielt die Andern in ähulicher Lage ſo viel Wonne berei⸗ tet haben würde. „Ja, ich wiederhole,“ ſagte Herr Sydney,„daß ich bei meinen ſchlechten Geſundheitsumſtänden 33 wenig Ausſicht habe, dem Fräulein die Güter lange zu entziehen auf die ſie zu meinen Gunſten ſo be⸗ reitwillig Verzicht geleiſtet hat.“ Frau Sydney ſuchte das Geſpräch auf etwas Anderes zu bringen, indem ſie von der Beſchaffen⸗ heit der Witterung zu reden anfing, ein Gegenſtand, zu welchem die Engländer nie verfehlen ihre Zu⸗ flucht zu nehmen, wenn ſie eine Lücke in der Un⸗. terhaltung ausfüllen oder die Aufmerkſamkeit auf etwas Anderes lenken wollen. Sie bemerkte deß⸗ halb, daß der Südwind der in letzter Zeit geherrſcht, einen heilſamen Einfluß auf zarte Naturen in ge⸗ mäßigten Climaten wie das unſrige, äußere und ſprach davon mit der Befriedigung, welche kranke Leute immer empfinden, wenn ſie von dem zu häu⸗ figen Wehen der Oſtwinde ſtark gelitten haben; aber dem alten Herrn lag daran, bei ſeinen per⸗ ſönlichen Angelegenheiten ſtehen zu bleiben und er kam alsbald auf das zurück was ihn am Meiſten beſchäftigte. „Ehe ich Sie geſehen hatte, meine Damen,“ bemerkte er,„erſchien es mir als ein großes Unrecht, daß Sie, die an alle Genüſſe und Bequemlichkeiten gewöhnt waren, jetzt gezwungen ſein ſollten, in ſo ganz anderer Weiſe zu leben; ſeit ich Sie aber mit eigenen Augen geſchaut, kommt es mir noch um Vieles härter vor, gegen Sie, die Beide ſo wohl verdienen, alle Annehmlichkeiten der Lebensverhält⸗ Strathern 1v. 3 34 niſſe zu genießen in welchen Sie geboren wurden. Verzeihen Sie daher und nehmen Sie es nicht übel, daß ich hinzufüge, ich möchte mich gerne mit Ihnen über die Mittel verſtändigen, durch welche ich Fräu⸗ lein Sydney noch während meines Lebens einen Theil des Vermögens ſichern könnte, das ſie nach meinem Tode erben wird.“ Wäre Herr Sydney im Begriff geweſen, ſeinen „ Verwandten ſtatt des Gegentheils etwas recht Un⸗ vortheilhaftes in Vorſchlag zu bringen, er hätte nicht verlegener ſein können, als während er dieſe 1 Worte ausſprach. Das kam daher. Die ruhige Würde, die ausgezeichnete Haltung der beiden Frauen⸗ zimmer flößte ihm eine ſo hohe Achtung vor ihnen 4 ein, daß er beinahe zitterte, er möchte bei ſeiner Unkenntniß alles deſſen, was man fein gebildeten Leuten ſchuldig iſt, Etwas ſagen, was ſie beleidi⸗ gen oder ihr Zartgefühl verletzen könnte. Er war õ hergekommen ſie zu beſuchen und darauf gefaßt ge⸗ weſen, daß ſie ihre Klagen über ihre veränderten Glücksumſtände zu hören geben und auf verſteckte 11 Weiſe ſeine Großmuth in Anſpruch nehmen würden — ja der Hang zum Argwohn hatte in ſeinem Weſen ſo tiefe Wurzel gefaßt, daß ihm die Art in der ſie die Richtigkeit ſeiner Anſprüche alſobald zugeſtanden und ohne Streit auf ihr Eigenthum verzichteten, zwar viel Freude machte, aber doch zugleich in ſeiner Seele die Vermuthung weckte, 35 es ſei dies bloß geſchehen, um ein Recht auf eine Entſchädigung von ihm begründen zu können, weil ſie ihm die Verzögerung und die Koſten erſparten, die immer mit einem Rechtszug verbunden ſind. Er wollte ſich Gelegenheit verſchaffen zu urtheilen, in wie weit ſein Argwohn gegründet wäre, darum hatte er dieſe Unterredung geſucht. Denn er that ſich beſonders viel auf ſeinen Schnell⸗ und Scharf⸗ blick zu gute, auf ſeine Kenntniß der Charaktere und der Beweggründe, welche die Menſchen leiten. Als er ſah, daß ſie ihrer veränderten Lage mit keinem Wort erwähnten, daß ſie eben ſo wenig von den Entbehrungen redeten, über welche er von ihnen eine beredte Schilderung erwartet hatte, brachte er den Gegenſtand ſelbſt zur Sprache um ihnen eine Gelegenheit zu geben bei der ſie ſich darüber aus⸗ laſſen könnten. Wie er jedoch fand, daß ſie der Stolz und das Zartgefühl abhielt darauf zu kom⸗ men, ſtieg der Wunſch ihnen zu dienen, in demſel⸗ ben Verhältniß wie er ihren Charakter beſſer wür⸗ digen lernte. Zugleich aber befiel ihn eine Blödig⸗ keit, die ihm bis daher ferne geblieben war, wenn es ſich von Geldangelegenheiten handelte. „Sie ſind ſehr gütig und aufmerkſam, mein Herr,“ verſetzte Frau Sydney und ich fühle mich Ihnen, wie gewiß auch meine Tochter, ſehr ver⸗ pflichtet für Ihren Wunſch uns einen Dienſt zu erweiſen, aber keine von uns findet ſich durch den 3 36 unerwarteten Schickſalswechſel in ihrer Bequemlich⸗ keit und Behaglichkeit beeinträchtigt, denn wir ha⸗ ben bereits gelernt mit unſerm dermaligen Looſe zufrieden zu ſein.“ „Sie müſſen mir wenigſtens verſtatten, verehr⸗ teſte Frau, daß ich nicht darauf eingehe auch nur einen Theil von dem Gelde anzunehmen, welches Sie aus Ihrem Beutel zurückzuzahlen geſonnen waren. In dieſer Beziehung iſt mein Entſchluß gefaßt und nichts ſoll mich davon abbringen.“ Und das blaſſe Geſicht des alten Mannes wurde roth bei der neuen Erregung, die ſein uneigennütziger Vorſchlag bei ihm hervorrief. „Sie ſind in Wahrheit allzu gütig gegen uns, werther Herr,“ verſetzte Frau Sydney, welche dieſe unerwartete Großmuth in Verlegenheit ſetzte, weil ſie nicht gewöhnt war ſich Verpflichtungen auferle⸗ gen zu laſſen. „Ach, Madame! wenn Sie nur wüßten wie viel Freude es mir macht, Ihnen und dieſem jungen Mädchen nützlich zu ſein, dann würden Sie ſich nicht wundern, daß ich meine Bitte mit ſo viel Eifer vorbringe. Es iſt mir ſeit meinem Eintritt in das Zimmer zu Muthe, wie ſchon ſeit vielen langen Jahren nicht mehr. Die harte Rinde, welche mein Herz umgab, ſcheint geſchmolzen zu ſein; ich beginne noch einmal an gute und edle Geſin⸗ nungen zu glauben, und bin deßhalb nur um ſo 37 glücklicher. Sie, meine Damen, haben dieſen Wechſel hervorgebracht. Sie weiſen die freundliche Neigung eines Herzens nicht zurück, ob es ſchon alt und durch den Menſchenhaß vertrocknet iſt. Laſſen Sie mich als Ihren Freund, als Ihren Verwandten handeln ſo lange ich lebe und laſſen Sie mich mit der beſeligenden Ueberzeugung ſterben, daß ich Ihnen Ihr Daſein einigermaßen angenehm gemacht habe.“ Frau Soydney und ihre Tochter wurden gerührt von der Wärme des alten Mannes und ſtreckten zu gleicher Zeit die Hände nach ihm aus. Er drückte dieſelben in die ſeinigen und ſeine Augen wurden feucht.„Sehen Sie das Wunder an, das Sie bewirkt haben,“ und er wies auf ſeine naſſen Augen.„Niemals hätte ich geahnt, daß ſie noch einmal von einer Thräne verdunkelt würden. Ach, wenn ich früher mit Ihnen bekannt geworden wäre, ſo hätte ich nie Anſprüche auf das Eigenthum ge⸗ macht das in ihren Händen weit beſſer am Platz wäre als in den meinigen. Aber zum Unglück für mich habe ich ſeit lange ſchon allen Glauben an die Gutherzigkeit und Aufrichtigkeit Anderer verlo⸗ ren und weil ich einige niederträchtige Leute traf, die mich betrogen und dann verſpotteten, meinte ich ſie wären Alle ſchlecht und wurde zum Men⸗ ſchenfeind. Sie ſind zu gut um ſich auch nur eine Vorſtellung von dieſem elenden und unnatürlichen 38 Gemüthszuſtand machen zu können. Vermöchten Sie es, ſo würden Sie mich bemitleiden und mei⸗ nem Rückfall dadurch zuvorkommen, daß Sie mich hoffen ließen ich könnte noch des Wohlwollens wür⸗ dig werden das zu erlangen ich jedes Opfer zu bringen bereit bin. Mein Leben iſt ein recht un⸗ glückliches geweſen. Zwar hatte ich wegen meines übel angebrachten Vertrauens und allen ſchrecklichen Folgen deſſelben blos mir ſelber Vorwürfe zu machen, aber mein Zuſtand war darum doch nicht weniger hart und elend; denn ich trug das Bewußtſein in mir, daß ich durch den Mangel an Vorſicht mein Lvos ver⸗ dient hätte; ich brauchte um ihm zu entgehen, mich nur über die Charakter derer gehörig ins Klare zu ſetzen, welchen ich mich ſo blindlings über⸗ ließ. Seit der Entdeckung ihrer Laſterhaftigkeit habe ich mein Herz allen Regungen des Mitgefühls und der Härte gegen meine Mitgeſchöpfe vorſchloſ⸗ ſen. Als ich ſah, daß der Reichthum Achtung ein⸗ flößte und Gewalt verſchaffte, habe ich bloß an die Aufhäufung von Schätzen gedacht und die Unter⸗ ſtützung der Unglücklichen mit Härte verweigert. Mir ſelber verſagte ich Alles bis auf die gewöhn⸗ lichen Lebensbedürfniſſe. Wie ich entdeckte, daß ich Anſprüche auf Ihre Güter hätte,“ hier wandte er ſich zu Fräulein Sydney,„Jja, laſſen Sie mich die⸗ ſelben noch die Ihrigen nennen, freute ich mich über dieſen Zuwachs an Vermögen, der mir in 39 meinem ſchmutzigen Vergnügen förderlich war, näm⸗ lich in dem nutzloſen Zuſammenſcharren von Gold⸗ haufen. Ich empfand kein Mitleid für Sie, als Sie ſo unerwartet Ihres Eigenthums und Ihrer Heimath beraubt wurden— ich hielt Sie für welt⸗ lich geſinnt und verſchwenderiſch wie manche Ihres Geſchlechts und freute mich, wenn auch nur für ein paar Jahre, den Reichthum vor einem jener ſchlauen Praſſer bewahren zu können die reiche Mädchen ſuchen, um ihren zu Grunde gerichteten Verhält⸗ niſſen aufzuhelfen. Denn es erſchien mir als un⸗ vermeidlich, daß Sie die Beute eines ſolchen wür⸗ den. Nunmehr habe ich Sie geſehen und meine Anſichten, meine Gefühle ſind ganz andere. Ich wünſche jetzt nichts ſehnlicher als die Güter wieder an Sie abzutreten, welche Ihnen bei meinem Tode zufallen. Wollen Sie mir das verſtatten? Führen Sie, verehrteſte Frau, bei Ihrer Tochter meine Sache und wenn Sie dieſelbe zur Einwilligung bringen, ſo verſchaffen Sie mir ein größeres Ver⸗ gnügen als der Reichthum jemals gewähren kann.“ „Halten Sie mich nicht für undankbar, werther Herr,“ entgegnete Louiſe,„wenn ich Ihr edelmü⸗ thiges Anerbieten ablehne. Ich verſichere Sie, daß ich tief gerührt bin von Ihrer Güte und daß kein Zweifel an dem Beſtand derſelben auf meine ab⸗ ſchlägige Antwort einwirkt. Ich habe wie Sie, mein Herr, oft über die Lage reicher Mädchen nach⸗ 40 gedacht und befürchtet, es könnte ein geldſüchtiger Freier um meiner Beſitzungen, nicht aber um mei⸗ netwillen nach meiner Hand ſtreben. Dieſer Ge⸗ danke hat, wie ich Ihnen geſtehen will, mein Glück manchmal vergiftet und ich bekenne auf die Gefahr hin von Ihnen für eine Romanheldin erklärt zu werden, daß ich Gewißheit darüber zu erlangen wünſche, ob man mir bloß um meiner ſelbſt willen zugethan ſei. Der Glaube an den Verluſt mei⸗ nes Vermögens wird das einzige Mittel ſein, mir über dieſen Gegenſtand Sicherheit zu verſchaffen und dieſer Grund reicht völlig hin, um zu verhin⸗ dern, daß ich mir Ihre großmüthigen Abſichten in Bezug auf mich zu Nutze mache.“ „Es mag Verſtand in Ihrem Plane liegen, mein liebes Fräulein, aber erlauben Sie mir zu ſagen, daß auch etwas weniger Preiswürdiges darin zu finden iſt. Ich meine den Argwohn und vor dieſer verderblichen Leidenſchaft müſſen Sie ſich hü⸗ ten. Sey'n Sie überzeugt und ich ſpreche hier aus Erfahrung, der Argwohn iſt noch ſchädlicher ſogar als ein Mangel an Vorſicht. Wir verletzen damit hochſinnige Gemüther, wir entfernen ſie von uns und bringen einen Krebsſchaden in unſer eigenes Herz.“ Louiſen Sydney ſtieg bei dieſem freundſchaftlichen Vorwurf das Blut bis an die Schläfen und die Mut⸗ ter dankte bei ſich dem Manne der ihn ausſprach. ——————————— 41 „Durch meinen Argwohn beleidigte ich jeden guten Menſchen, mit welchem ich in Berührung kam;“ fuhr Herr Sydney fort.„Den ehrenhaften Unwillen von ihrer Seite, die Folge des Bewußt⸗ ſeins von ihrer eigenen Unſchuld, ſchrieb ich in meiner eigenſinnigen Verblendung dem Aerger dar⸗ über zu, daß ſie ihre Anſchläge aufgedeckt ſähen. Ach, ſeit mir die Schuppen von den Angen gefallen ſind, und Sie, meine Damen, haben dieſes Wun⸗ der bewirkt, erhebt ſich in mir eine Menge von Selbſtanklagen über mein Benehmen gegen die, wel⸗ chen ich durch meinen Argwohn Unrecht that und die ich falſch beurtheilte. Aber, ach, jetzt iſt es zu ſpät, das wieder gut zu machen.“ Herr Sydney nahm als ein ganz anderer Menſch von den Frauenzimmern Abſchied und verließ ſie erfüllt von der größten Theilnahme für ihn. Der Freimuth, mit welchen er ſeine Fehler zugeſtand, verwiſchte in ihnen beinahe das Andenken an die⸗ ſelben, und wenn ſchon Beide entſchloſſen waren, die Güter nicht zurückzunehmen, die er ſo eifrig an ſie abzutreten wünſchte, empfanden ſie doch ebenſo viel Dankbarkeit gegen ihn, als wenn ſie ſich ſein Anerbieten zu Nutze gemacht hätten. Wie wichtig iſt die Bemerkung, die ein genauer Kenner der menſchlichen Seele gemacht hat, daß es Naturen gibt, die durch den Umgang mit gewiſſen Leuten beſſer oder ſchlimmer werden. Herr Sydney liefert 42 ein Beiſpiel von dieſer Behauptung. Er war von Haus aus kein bösartiger Menſch, aber er wurde ein erbitterter Menſchenfeind durch die Betrügereien, die in ſeiner Jugend an ihm verübt wurden und die er zu ſpät entdeckte, um zu verhindern, daß ſich die Folgen davon in ſpäteren Jahren als ernſthafte Unannehmlichkeiten fühlbar machten. Der Wider⸗ wille und das Mißtrauen, welche er Anderen zu erkennen gab, regte wieder ihrerſeits die Bosheit auf und es kam häufig vor, daß er ſich über Be⸗ leidigungen und Verdrüßlichkeiten zu beklagen hatte, die ihm nie gemacht worden wären, wenn er den Leuten, mit denen er zuſammentraf, ſeine üble Mei⸗ nung von ihnen nicht gezeigt hätte. So aber er⸗ weckte er ſchlimme Neigungen in denſelben, welche ſonſt unthätig geblieben ſein würden. Man hat häufig die Beobachtung gemacht, daß derſelbe Drang, welcher die Menſchen veranlaßt, eine günſtige An⸗ ſicht, die man von ihnen hegt, zu rechtfertigen, daß derſelbe Trieb ſie dazu bringt, das Böſe zu ver⸗ üben, was man ihnen zuſchreibt. Während man daher annimmt, daß die Menſchenfreunde, vermöge ihres auf der Kenntniß ihrer ſelbſt beruhenden Glaubens an die Güte Anderer die Menſchen beſſer machen, bringen die Menſchenfeinde die gegentheilige Wirkung hervor und führen oft die ſchlechten Hand⸗ lungen herbei, die ſie vorausſetzen. Herrn Sydney's mürriſches und ſelbſtſüchtiges Weſen vertrieb ihn 43 aus dem Kreiſe guter Menſchen. Und wie er fand, daß die, mit welchen er umging, ſammt und ſon⸗ ders das waren, für was er ſie ſchon vorher zu halten ſich gefaßt hielt, ſo bildete er ſich im Ver⸗ hältniß zu ſeiner niedrigen Vorſtellung von ihnen eine deſto höhete Meinung von ſeiner eigenen Ge⸗ ſchicklichkeit gleich ſeinen Mann herauszufinden. Er empfand Freude bei dem Gedanken, daß, wie ver⸗ derbt auch die Welt ſein möchte— und daß ſie das wäre, ſtand ihm feſt— doch ihre Schlechtig⸗ keit nicht größer ſein konnte, als er ſelber ſich dachte. Der erſte wahrhaft rechtliche Mann, mit welchem er ſeit vielen Jahren in Verbindung kam, war Herr Wandsworth; aber auch die guten Eigen⸗ ſchaften dieſes Herrn wurden wieder in Schatten geſtellt durch das vom Vorurtheil getrübte Medium, durch welches Sydney ſie betrachtete. Er war nun einmal geneigt, blos Schlimmes zu ſehen und erklärte Jenen für einen Heuchler, welcher die röle des Ehrlichen und Gutmüthigen ſpiele. Die angeborene Würde, die gänzliche Freiheit von allem Eigennutz an Frau Sydney und ihrer Tochter wichen aber ſo ſehr von dem ab, was er ſich vor⸗ geſtellt hatte, daß ſie einen mächtigen Einfluß auf das Gemüth des alten Mannes äußerten, und es lag zugleich etwas ſo Angenehmes in den neuen Regungen, welche der Glaube an Aufrichtigkeit und inneren Werth in ihm erzeugte, daß er ſich gedrun⸗ 44 gen fühlte, Diejenigen mit nicht gewöhnlichem Wohl⸗ wollen zu umfaſſen, welche dieſe freundlichen, längſt ſchlummernden Gäſte in ihm erweckt hatten. Als er folgenden Tags in das Geſchäftszimmer des Herrn Wandsworth trat, war ſeine Miene ſo heiter, daß man ihn kaum wieder erkannte. „Sie haben mir nie geſagt, welche Engel meine Verwandten ſind,“ fing er an. Wäre das der Fall geweſen, wie viel Unruhe würde ihnen erſpart worden ſein!“ Herr Wandsworth blickte ihn überraſcht an, ſo wenig vorbereitet war er auf dieſen Ausbruch der Verwunderung.„Ich meine denn doch, Herr,“ ver⸗ ſetzte er,„daß ich gegen Sie erwähnte, welch' lie⸗ benswürdige und treffliche Damen Frau und Fräu⸗ lein Sydney ſind. Die Andeutung ſchien Sie aber, die Wahrheit zu geſtehen, ſo wenig zu intereſſiren, daß es mir gar nicht auffällt, wenn ſie Ihnen aus dem Gedächtniß entſchwunden iſt.“ „Liebenswürdig und trefflich ſind in der That Ausdrücke, die man auf jedes Weib anwendet, welche nicht geradezu als das Gegentheil bekannt iſt. Es iſt kein Wunder, daß ich ihnen wenig Aufmerkſamkeit ſchenkte. Ja, ich habe ſie in Ver⸗ bindung bringen gehört mit den Namen von Frauen, von denen ich weiß, daß ſie auch nicht eine Eigen⸗ ſchaft beſitzen, welche dieſe Bezeichnung rechtfertigte. Sie hätten mir ſagen ſollen, daß meine Verwand⸗ 45 ten(er ſchien außerordentlich erpicht, Frau Sydney und ihre Tochter ſo zu nennen) mit allen andern Frauen in keinen Vergleich gebracht werden können, daß ſie in Wahrheit ſind, wofür ich ſie halte, näm⸗ lich Engel.“ „Und Sie, mein Herr, hätten mich wegen die⸗ ſes übertriebenen Lobes verſpottet; Sie hätten mich im Verdacht gehabt, als wollte ich Sie zu ihren Gunſten ſtimmen. Ja, noch mehr, als ich Sie daran erinnerte, daß Sie in einem gewiſſen Ver⸗ wandtſchaftsgrad zu ihnen ſtänden, ſtellten Sie es ärgerlich in Abrede.“ „Ich war ein Narr, und was noch ſchlimmer iſt, ein Grobian, wenn ich das gethan habe. Aber ich bin nicht mehr moraliſch blind. Sie haben vor meinem geiſtigen Auge die Binde des Vorurtheils weggezogen, welche mich ſo lange abhielt, Güte und Redlichkeit zu unterſcheiden; ich vermag jetzt beide deutlich zu erkennen und zu ſchätzen, und dieſe Freude verdanke ich meinen theuren Baſen. O, welch' ein Glück iſt es, ſie gefunden zu haben. Ich bin nicht länger allein in der Welt, es iſt nicht mehr meine einzige Beſchäftigung, die ſchlimmen Anſich⸗ ten derer zu vereiteln und die zu überliſten, bei welchen ich ähnliche Plane gegen mich vermuthete. Ich will nichts mehr von der Klugheit wiſſen, der Kukuk ſoll ſie holen. Hinfort will ich mein Vertrauen auf das Daſein der Güte in der menſchlichen Natur ſetzen und ſie werth halten, wo ſie anzutreffen iſt. Ich habe jetzt Etwas, üri theure, ſchätzbare Angehörige, welche vielleicht mit der Zeit lernen einen Theil der Neigung auf mich zu übertragen, die ich bereits für ſie empfinde. Ich bin eigentlich hierher gekommen, um Sie darum anzugehen, daß Sie Ihren Einfluß bei ihnen gel⸗ tend machen und ſie veranlaſſen in die Heimath zurückzugehen, die ſie kürzlich verlaſſen haben. Sie ſollen in die Rückgabe der Güter willigen, auf welche ich in meiner Unkenntniß ihrer ſchätzbaren Eigenſchaften Anſprüche erhob.“ „Wenn ich die Frauenzimmer recht kenne und ich glaube, daß dies der Fall iſt, ſo wird keine mei⸗ ner Vorſtellungen ſie vermögen, ihre Zuſtimmung zu dieſer Maßregel zu geben.“ „Verſprechen Sie mir wenigſtens, daß Sie den Verſuch machen wollen, Sie hiezu zu bewegen. Ich habe Alles geſagt, was ich konnte, aber ich bin ſchon lange davon abgekommen, bei den Leuten zu betteln, daß ſie Geld annehmen und fürchte des⸗ wegen, es gehe mir die Gabe der Ueberredung ab. Warum ſollte dem lieblichen Mädchen ihr Ver⸗ mögen entzogen bleiben, bis ich ſterbe, ſtatt daß ſie mir den Troſt und die Freude läßt, ſie im Beſitz deſſelben zu ſehen?“ Herr Wandsworth lauſchte mit ebenſo viel Staunen als Vergnügen auf die edelmüthigen Ge⸗ 47 ſinnungen, welche ſo unerwarteter Weiſe im Buſen eines Mannes emporſchoſſen, den er bis daher blos für einen ſchmutzigen Geizhals oder verſtockten Men⸗ ſchenfeind angeſehen hatte. „Sie ſehen verwundert aus,“ ſagte Herr Syd⸗ ney,„wie ich ſehe und ich bin, die Wahrheit zu geſtehen, ſelber überraſcht über den völligen Wechſel, der mit meinen Gefühlen vorgegangen iſt. Aber meine Baſen ſind es, welche dieſe Umwandlung be⸗ werkſtelligt haben; alles Verdienſt kömmt ihnen zu; denn hätte ich ſie nicht kennen gelernt, ſo würde ich niemals an die Güte der menſchlichen Natur geglaubt haben. Ich wünſchte ihnen meine Dank⸗ barkeit zu beweiſen und eine der Veranlaſſungen, die mich hieherführen, iſt die, Sie zu bitten, daß Sie meinen letzten Willen nach den Anweiſungen abfaſſen, die ich Ihnen geben werde. Schreiben Sie nieder, was ich Ihnen ſage.“ „Thäten Sie nicht beſſer, hiezu Ihren eigenen Sachwalter zu verwenden? Wir Rechtsgelehrte miſchen uns nicht gern in die Angelegenheiten der Clienten anderer Advokaten.“ „Dummes Zeug! Unſinn! Schlagen Sie mir es nicht ab, meinem Geſuch zu willfahren. Das Leben iſt unbeſtändig und in meinem Falle beſon⸗ ders, denn mein Arzt ſagt mir, ich habe einen organiſchen Fehler im Herzen und die Hauptfeder an der Maſchine könne jeden Augenblick den Dienſt ——————————,— verſagen. Könnten Sie es vor ſich ſelber verant⸗ worten, wenn ich in Folge Ihrer Begriffe von Geſchäftsrückſichten ſterben würde, ehe ein letzter Wille ausgefertigt wäre zum Vortheil derer, die Sie nach Ihrer eigenen Erklärung lieben? Kommen Sie, machen Sie mir keine Umſtände, nehmen Sie die Feder und bringen Sie meine Anordnungen zu Papier!“ Herr Wandsworth that, wie man ihn geheißen und Herr Sydney diktirte nun folgende Verfügun⸗ gen:„Ich widerrufe hiermit bei geſunden Sinnen, aber mit ſchwankender Geſundheit alle Teſtamente, die ich bis daher gemacht habe und erkläre dieſes wie für mein letztes ſowie für das allein gültige. Ich vermache der Frau Sydney, der Wittwe meines verſtorbenen Vetters Auguſt Heinrich Sydney, Esquire auf Sydney⸗Park und Eaſingham⸗Hall mein ganzes Eigenthum, bewegliches ſowohl als liegen⸗ des und auf Zinſen angelegtes. Daſſelbe ſoll bei ihrem Ableben auf ihr einziges Kind, Louiſe Sydney und auf deren männliche oder weibliche Nachkommen in gerader Linie übergehen.“ „Laſſen Sie es nun mit ſo wenig Aufſchub als möglich ausfertigen, denn ich fühle mich nicht eher ruhig, bis es unterzeichnet und geſiegelt iſt.“ Herr Wandsworth verſprach es für den folgen⸗ den Tag zur Untenſchrift bereit zu halten und da⸗ mit verließ ihn Herr Sydney. Nicht lange war 49 er fort, ſo verlangte ihn ein Fremder von hervor⸗ ragendem Aeußern allein zu ſprechen. „Ihr Charakter,“ begann der Fremde, als ſie téte-à-tete waren, iſt mir bekannt, mein Herr; und das Vertrauen, das er mir einflößt, veranlaßt mich, dieſe Unterredung nachzuſuchen. Sie ſind, wie ich glaube, der Sachwalter, ja noch mehr, der Freund der Frau und des Fräuleins Sydney.“ Herr Wandsworth bejahte mit einer Verbeugung. „Ich habe gehört, daß in Folge eines Ver⸗ ſehens in dem letzten Willen ihres Großvaters die Beſitzungen, zu denen man Fräulein Sydney für berechtigt hielt, auf einen entfernten Verwandten übergegangen ſind und daß Frau Sydney mit dem hohen Sinne für Ehre der ſie auszeichnet, ent⸗ ſchloſſen iſt, einen beträchtlichen Theil ihres Ver⸗ mögens zu Bezahlung der Summen zu verwenden, auf welche der gegenwärtige Eigenthümer der Gü⸗ ter Anſprüche erhebt. In der Furcht, die ſchätzens⸗ werthen Frauenzimmer könnten unter den gegen⸗ wärtigen Umſtänden Entbehrungen ausgeſetzt ſein, bin ich ſo frei, Ihnen meine Aufwartung zu machen. Ich erſuche Sie, eine jährliche Summe in dem Be⸗ trag für den Gebrauch der Damen anzunehmen, daß ihnen dadurch die Bequemlichkeiten geſichert werden, an welche ſie gewöhnt ſind.“ Es lag ſo viel Offenheit und Ernſt im Geſicht und Betragen des Fremden, daß Herr War Strathern 1v. 50 ſehr für ihn eingenommen wurde.„Es freut mich, Ihnen ſagen zu können, mein Herr,“ erwiderte er, daß die Frauenzimmer ſich nicht in Umſtänden be⸗ finden, die eine Geldunterſtützung nöthig machten, obgleich die Güter, wie Ihnen zu Ohren gekommen, in die Hände des Herrn Sydney gelangt ſind. Darf ich nach dem Namen des Herrn fragen, der 3 ſo viel Theilnahme für ſie an den Tag legt?“ „Wäre die angebotene Unterſtützung angenom⸗ men worden, ſo hätte ich Sie im tiefſten Vertrauen 1 mit dem Manne bekannt gemacht, von dem die Schenkung herrühren ſollte, denn ich handle hier blos im Auftrag eines Dritten.“ Die Röthe, welche hierbei dem Sprecher bis an die Schläfen hinauf⸗ 3 ſtieg, mußte auch einem weniger aufmerkſamen Zeu⸗ gen, als Herr Wandsworth, verrathen, daß Jener 3 ſich bewußt war, er gehe hierbei nicht ganz ehrlich 1 zu Werke.„Aber,“ fuhr derſelbe fort,„da ſie ab⸗ gelehnt wird, ſo iſt es nicht nöthig, den Namen zu offenbaren, und wenn es mir, einem Ihnen völlig Fremden, verſtattet iſt, Sie um eine Gefälligkeit anzugehen, ſo möchte ich Sie bitten, Niemand Etwas von dieſer Unterredung zu ſagen und den Gegen⸗ ſtand derſelben ebenſo wenig gegen eines der in Rede ſtehenden Frauenzimmer zu erwähnen.“ „Sie können auf meine Verſchwiegenheit zäh⸗ len, mein Herr,“ verſetzte Wandsworth, der Fremde *— W 51 erhob ſich von ſeinem Sitze, wünſchte ihm guten Morgen und entfernte ſich. „Wer kann das ſein?“ dachte Wandsworth; „es iſt mir nie ein einnehmenderes Geſicht vorge⸗ kommen. Ich bin jedoch überzeugt, daß er nicht für einen Andern aufgetreten, ſondern ſelber der Urheber der großmüthigen Schenkung iſt, die er zu machen wünſchte. Es zeigte ſich dies an dem Blut, das ihm ins Geſicht ſtieg und das bewies mir, daß er nicht gewöhnt iſt, zu lügen. Er iſt ein feiner junger Mann und es wäre mir lieb, ihn näher kennen zu lernen.“ Der Fremde war, wie meine Leſer zweifelsohne bereits errathen haben, Niemand anders, als Strathern. Er hatte Tags zuvor Rhymer ge⸗ troffen und von dieſem die ſchmerzliche, ihm ſelber den Abend vorher in einer Geſellſchaft zugekommene Nachricht erhalten, daß Frau und Fräulein Sydney zu wirklichen Entbehrungen gezwungen ſeien. „Wenn ich ſie nur ſehen könnte,“ äußerte der alte Herr dabei und all' ſein gewöhnliches mürri⸗ ſches Weſen verſchwand über die Theilnahme, welche in ihm das Schickſal der zwei liebenswürdigen Damen erregte.„Ich glaube, ich könnte ſie be⸗ reden, daß ſie einem alten Freund, wie ich, erlaub⸗ ten, ihnen zu Hülfe zu kommen. Das Alter hat ſein Vorrecht— und es bedarf deren, der Himmel weiß es, mit all' den Gebrechen und Beſchwerden, 4* 52 die es mit ſich bringt. Dasmeine ſollte— und es freut mich das wahrhaftig— alle Einwürfe beſeiti⸗ gen, wenn ich mich erbiete den würdigen Frauen⸗ zimmern einen Theil meines nutzloſen Goldes zu überlaſſen. Sie weigern ſich mich anzunehmen. Wahrſcheinlich ſind ſie mit vielen von denen, welche die vornehme Welt ausmachen, der Meinung, ich könnte kein Mitgefühl für unverdientes Unglück em⸗ pfinden und nicht wünſchen ſolchem abzuhelfen, weil ich nicht immer den Ausdruck meines Tadels über die Thorheiten und die Selbſtſucht zurückzuhalten vermag, die ich mit anſehen muß. Nun, ſei's drum! Mag der Heuchler, der blos ſüße Worte von ſich gibt und Freund wie Feind mit Lächeln begrüßt, aber keiner ordentlichen Handlung fähig iſt, mag der als Belohnung den Beifall von Leu⸗ ten hinnehmen, die nichts weiter als die Ober⸗ fläche betrachten. Ich— aber reden wir nicht mehr davon. Was liegt mir an der Meinung der unverſtändigen Menge? Ich muß durch den Ge⸗ ſchäftsführer der Damen herauszubringen ſuchen, ob ich ihnen in Etwas nützlich ſein kann.“ Strathern begab ſich ohne Verzug auf das Geſchäftszimmer des Herrn Wandsworth, derſelbe war aber nicht dort und erſt am folgenden Tage traf er ihn an. Umbekümmert um ſeine eignen Umſtände hatte er von einer Summe von viertau⸗ ſend Pfund, die gerade Tags zuvor bei ſeinem u 8* 53 Bankier für ihn eingegangen war, die Hälfte mit⸗ genommen, um ſie in Herrn Wandsworth's Hände zu übergeben; und wenn ihn dieſer ſchon verſicherte, daß die Frauenzimmer keiner Hilfe bedürften, ſo vermochte er doch das unbehagliche Gefühl nicht loszuwerden, welches ihm ſchon der Gedanke daran verurſachte, daß ſie in Verlegenheiten ſein könnten. Bei ſeiner Rückkehr nach Hauſe fand er einen Brief von ſeinem Bankier vor, der ihn benachrich⸗ tete, daß in Neapel von Lord Delmington auf ihn Wechſel zu einem Betrag gezogen worden und mit der letzten Poſt angekommen ſeien, welche ſich höher belaufen als die Gelder, welche er für ſich bei ihrem Hauſe niedergelegt habe. Der Wechsler erbat ſich zugleich Auskunft darüber, ob ſie angenommen werden ſollten oder nicht und gab zu bedenken, daß es nothwendig ſei den Ueberſchuß der bezogenen Summe alsbald einzuzahlen. Sogleich ſchickte er die am vorigen Tag herausgenommenen zweitauſend Pfund wieder zurück und ſchrieb wiederholt an ſei⸗ nen Sachwalter, er möchte doch den Abſchluß des Anlehens betreiben, wegen deſſen er in Unterhand⸗ lung ſtünde. Nachdem er das Schreiben hatte ab⸗ gehen laſſen, ſchlenderte er gegen die St. Jakobs⸗ Straße hinunter und war eben vor den Bogenfen⸗ ſtern von White's Club angelangt, dieſem„Leit⸗ ſtern neubegier'ger Augen,“ und der eben rings beſetzt war mit wohlbekannten Geſichtern von Leuten 54 aus der Stadt, wie man zu ſagen pflegt,— da veranlaßte ihn ein leichter Schlag auf die Schulter ſich umzuſchauen. Statt aber einen ver⸗ trauten Cameraden zu erblicken, ſah er einen ſchäbig gekleideten Mann von üblem Ausſehen, der zu ihm ſagte:„Sie ſind mein Gefangener, Herr.“ „Da muß ein Verſehen obwalten,“ entgegnete Strathern, dem der Gedanke ſchwer auf's Herz fiel, daß bei dieſem unangenehmen und beſchimpfen⸗ den Abenteuer ſo viele und gerade ſolche Zeugen zugegen waren, die er bei einer derartigen Gele⸗ genheit zu allerletzt hätte leiden können. „Nein, Herr, es waltet kein Verſehen ob; ich verhafte Sie auf Betreiben des Herrn Drinkwater und Sie müſſen mit mir kommen.“ Nicht einer von den vielen Bekannten und soi- disant-Freunden, die er in den Fenſtern erkannte, kam herbei, um mit ihm zu ſprechen. Er würde Alles darum gegeben haben, wenn er ihnen aus dem Geſicht geweſen wäre; und doch wandte er ſeine Augen unwillkührlich hinauf. Da gewahrte er, wie ſein ci-devant-Freund, der Marquis von Mount⸗ ſerrat, herzlich lachte und Lord Franz Musgrove mit traurigem Geſicht die peinliche Lage Stratherns betrachtete, ohne ſich jedoch von der Stelle zu rüh⸗ ren. Auch Crokford's Fenſter waren bei dieſem erniedrigenden Auftritte mit Gaffern angefüllt und die Straße wimmelte von Gefährten, von Fuß⸗ gängern und Reitern, wie gewöhnlich zu dieſer Stunde, d. h. um fünf Uhr Abends und an einem ſchönen Tage in der Jahreszeit, welche die vor⸗ nehme Welt zu London verbringt. Auch ein viel weniger ſtolzer Mann als Strathern und der ſich an einem weniger lebhaften Platze befunden hätte, würde das Demüthigende der Stellung tief em⸗ pfunden haben, in welche er in dieſem Augenblick verſetzt war. Daß ihm das aber an einem Ort vorkommen mußte, wo die Augen ſo vieler Men⸗ ſchen auf ihm hafteten, die er am Meiſten zu ver⸗ meiden wünſchte, ſteigerte ſeinen Verdruß zu einem furchtbaren Grade.„Sie werden wohl nichts da⸗ gegen haben, wenn ich einen Wagen nehme,“ ſagte er zu dem Bezirks⸗Gerichtsboten, wie man in un⸗ ſern verfeinerten Zeiten die Büttel nennt. „Ich habe gegen gar nichts Etwas einzuwen⸗ den, was geſetzlich iſt und was der Herr zahlen will,“ lautete die Antwort.„Wir werden gleich einen haben, wenn Sie mit mir dahinunter gehen wollen, wo die Kutſcher halten.“ Da war nichts Anderes zu machen. Strathern ſchritt alſo neben ſeinem widerwärtigen Begleiter, deſſen Anzug und Ausſehen nur zu deutlich ſeinen Beruf ankündigte, auf den Standort der Fuhrwerke zu und erregte hierdurch die Aufmerkſamkeit Aller, denen er in der St. Jakobs⸗Straße begegnete. Ein Wagen wurde verlangt, Strathern ſtieg ein, ſein ———— 56 Gefährte folgte ihm sans cérémonie und ſetzte ſich ohne Weiteres ihm zur Seite. „In die Kanzleiſtraße, denk' ich?“ ſagte der Kutſcher und winkte mit den Augen und mit pfif⸗ figem Geſicht dem Häſcher zu. Er bewies dadurch, daß er recht gut wußte, wie er mit demſelben daran war. „Zu meinem Sachwalter, Herrn Papworth in Lincoln's⸗inn⸗fields, verſetzte Strathern. „Zu einer andern Zeit hätte die Nähe ſeines verhaßten Begleiters einen höchſt widerlichen Ein⸗ druck auf ihn gemacht, denn die Kleider des Man⸗ nes ſtrömten den ekelhaften Dunſt des ſchlechteſten Tabaks aus, aber die gemiſchte Empfindung von Zorn und Schaam, welche ſeine Bruſt erfüllte, ließ ihm für den Angenblick geringere Unannehm⸗ lichkeiten nicht zum Bewußtſein kommen. „Sie werden ſich gefälligſt erinnern, daß ich Sie fünf Minuten vor fünf Uhr feſtgenommen habe. Es iſt meine Pflicht Sie ohne Aufſchub in das Gefängniß in der Kanzleiſtraße zu verbringen; da ich aber ſtets bereit bin den Herren einen Gefallen zu thun, d. h. den Herren, die wiſſen, was der Brauch iſt und darnach handeln, ſo habe ich nichts dagegen, Sie zu ihrem Sachwalter gehen zu laſſen, und Sie werden hoffentlich Rückſicht darauf nehmen.“ Herr Papworth war zu Hauſe und zeigte, wie er Strathern als Gefangenen erblickte, weit weni⸗ 57 — ger Ueberraſchung, als man natürlicherweiſe hätte erwarten ſollen. „Ich ſtehe für den Herrn gut,“ ſagte er und winkte dem Amtsdiener; Sie können alſo draußen warten.“ „Gewiß, mein Herr, wenn Sie mir für mei⸗ nen Gefangenen haften.“ Damit ging der Mann weg. Strathern ſchrieb die Demüthigung, der er ausgeſetzt geweſen war, einmal ausſchließlich dem zu, daß er Papworth's Rath befolgt und Geld hatte entlehnen wollen, um Drinkwater zu befrie⸗ digen, ſtatt mit jedem, auch noch ſo großen Ver⸗ luſt Capitalien loszuſchlagen, wodurch ihm die gegenwärtige Verlegenheit erſpart worden wäre. Dann ſchob er die Schuld davon auf die Saum⸗ ſeligkeit Papworths, der das Anlehen hätte ſchon lange zum Abſchluß bringen können, und wollte eben den zornigen Vorwürfen Luft machen, die ſich ihm darob auf die Lippen drängten. Ehe er aber noch dazu kommen konnte, bemerkte der Advokat ganz ruhig, es thue ihm leid Herrn Strathern in ſolcher Verdrießlichkeit zu ſehen, er müſſe aber ſagen, daß ſein Client nur ſich ſelber Vorwürfe darüber zu machen habe. „Hätten Sie mich zu Rath gezogen, ehe Sie ſich in die Gewalt des Herrn Drinkwater gaben, ſo wäre das nie vorgekommen, und hätten Sie ſeit Ihrer 58 Rückkehr nicht gelitten, daß Ihrem Namen und Credit ein ſo unerſetzlicher Schaden zugefügt würde, ſo wäre es mir nicht ſo ſchwer geworden das Geld für Sie zu kriegen, wie es der Fall geweſen iſt. So aber hat ein leichtſinniger Verſchwender die Wechſel, die ſie angenommen, von einem Geld⸗ ausleiher zum andern feilgetragen, und gerade er, dem Sie helfen wollten und für den Sie Ihren Namen hergaben, hat Sie an letzterem geſchädigt. „Es iſt gegenwärtig weder die rechte Zeit noch der rechte Ort für Ihre Vorwürfe und Bemerkun⸗ gen,“ erwiederte Strathern und richtete ſich ſtolz und ernſt in die Höhe.„Statt Capitalien zu ver⸗ kaufen, wie ich wollte, habe ich Ihren Rath be⸗ folgt und gerade dadurch ſehe ich mich in dieſe heilloſe Lage verſetzt. Ich will jetzt losſchlagen, koſte es, was es wolle; da dies aber nicht in einem Augenblick abgethan werden kann, ſo werden Sie wohl kein Bedenken tragen mich aus den Händen des Gerichtsdieners da draußen zu befreien.“ Papworth ſah, daß ſein Client nicht in der Laune war, um Spaß zu machen. Er erinnerte ſich, daß derſelbe, wenn gleich in augenblicklicher Verlegenheit, doch noch immer ein reicher Mann ſei. Daher leiſtete er ohne weitere Bemerkung Sicherheit für ihn und Strathern kehrte in ſeinen Gaſthof zurück. Drittes Kapitel. „Der Sinn für Großmuth mag dem Mann Aus ſeiner Bruſt ſo hart und rauh Entfliehen, nimmer doch er kann Erſterben in der Bruſt der Frau. Dort ſteht ſein Tempel ewig rein, Dort ſteht ſein beſter Hochaltar, Was gut und ſchön iſt, kehrt dort ein Und wohnet drinnen immerdar. In alter Kraft und Herrlichkeit Thront hier die Großmuth hehr und hoch, Wie in der Jugend Blüthenzeit, So in des Winters Tagen noch. Des Mitleids Stimme hört ſie gern, Und ihr zu folgen ſcheint iyr Pflicht, Der Härte bleibt ſie ewig fern, Und ſchnöde Selbſtſucht kennt ſie nicht. Am folgenden Tage erſchien Herr Sydney ver⸗ abredetermaßen und pünktlich bei Herrn Wands⸗ worth und unterzeichnete ſeinen letzten Willen. „Jetzt iſt mir eine große Laſt vom Herzen,“ ſagte er,„denn ich habe nie eine ſolche Furcht vor dem Sterben durchgemacht, als ſeit ich mit meinen ſchönen Verwandten bekannt geworden bin und den Vorſatz faßte ihnen all mein Eigenthum zu ſichern Ich bin wahrhaftig während der letzten vier und 60 zwanzig Stunden in einem Zuſtand großer innerer Aufregung und voller Beſorgniß geweſen, ich möchte plötzlich weggerafft werden— ich habe auch Urſache zu glauben, daß dieſes einmal mein Schickſal ſein wird— ehe das Teſtament ausgefertigt wäre. Nun aber werde ich ruhig ſchlafen und den Willen Gottes erwarten, denn ich darf ja ſicher ſein, daß meine Lieben für den Kummer entſchädigt werden, den ich ihnen bereitete, als ich ihren Werth noch nicht kannte.“ Als Herr Wandsworth ein paar Tage darauf den Frauenzimmern ſeinen nächſten Beſuch abſtat⸗ tete, drang er in ſie, das Anerbieten des Herrn Sydney anzunehmen und wieder Beſitz von ihrer alten Heimath zu ergreifen. Beide waren aber entſchloſſen nicht darauf einzugehen, denn ſie fühl⸗ ten, daß unter den gegenwärtigen Umſtänden ein ſolcher Schritt ſich mit ihren Begriffen von Recht nicht vereinbaren laſſen würde. Auch konnte keine von ihnen glauben, daß viel Vertrauen auf die plötzliche Freundſchaſt geſetzt werden dürfte, die ſo unerwarteterweiſe in der Bruſt des Herrn Sydney entſtanden war, da eine derartige Empfindung in völligem Widerſpruch mit ſeinem ſonſtigen Charak⸗ ter und Betragen ſtand. „Sein Sie verſichert, verehrteſte Frau, daß Sie ihm Unrecht thun,“ erwiederte Herr Wands⸗ 61 worth;„denn welches auch immer ſeine Fehler ge⸗ weſen ſein mögen, er kennt ſie jetzt genau und ich hege für ihn keine Furcht vor einem Rückfalle.“ Als Herr Wandsworth wieder unterwegs nach London war, bemerkte er ein halbes Dutzend Leute vei einem Wagen, der vor einem Wirthshauſe hielt. Seine Neugier wurde rege, er ritt zu dem Gefährt hin und erhielt als Antwort auf ſeine Frage den Beſcheid, daß ein Herr darin plötzlich krank ge⸗ worden ſei. Er näherte ſich hierauf noch mehr und erſchrack ſehr, als er in dem Sterbenden vor ihm Herrn Sydney erkannte. Alsbald galoppirte er davon, um einen Wundarzt zu holen. Wie er in Richmond einen ſolchen gefunden, drang er in den⸗ ſelben, er ſollte ſein Pferd beſteigen; er ſelber nahm das ſeines Reitknechts und eilte zu dem Wa⸗ gen zurück. Obſchon aber Herr Wandsworth nur kurze Zeit entfernt geweſen war, hatte doch Herr Sydney ſchon vor ſeiner Rückkehr verendet und der Arzt ſprach die Anſicht aus, daß gleich im erſten Augenblick des Anfalls jede Hoffnung auf Rettung vorüber geweſen wäre, denn es ſei offenbar, daß dem armen Herrn eine Herzkrankheit den Tod ge⸗ bracht habe. Der Leichnam wurde nun in das Wirthshaus geſchafft, bis die Leichenſchau vorge⸗ nommen werden konnte und Herr Wandsworth gab in größter Erregung Befehl, man ſollte alle mög⸗ liche Rückſicht darauf verwenden. Der Diener des ———————— 62 Abgeſchiedenen theilte ihm mit, daß er während der paar letzten Tage eine ungewöhnliche Gemüths⸗ bewegung an ſeinem Herrn bemerkt habe. „Geſtern Abend, Herr, ſchien er ſich beſſer zu befinden,“ ſagte der Menſch,„dieſen Morgen klagte er über einen Krampf auf der linken Seite. Ich wünſchte den Doktor zu holen, er wollte aber nichts davon hören, ſondern behauptete, es würde ihm leichter werden, wenn er in Richmond geweſen wäre und Frau und Fräulein Sydney beſucht hätte, von denen er in der letzten Woche beſtändig redete. Wir waren auf unſerem Wege bis hierher gekom⸗ men und ich ſaß bei dem Kutſcher auf dem Bock, da gewahrte ich, daß die Schnur, womit man das Zeichen zum Halten gibt, heftig angezogen wurde, und wie ich mich umdrehte, erblickte ich meinen Herrn in einer Art Ohnmacht. Ich ſprang herun⸗ ter und hob ihn in dem Wagen auf, denn er war auf den Sitz zurückgeſunken. Zwei Minuten dar⸗ nach kamen Sie zu uns, Herr. Ich hielt ſein Ende für nahe, denn der arme Herr war ſeit etwa vierzehn Tagen gar nicht mehr wie ſonſt, ſondern ſchien ſo ängſtlich und unruhig bis vor ungefähr vier Tagen, wo er ſagte, er fühle ſein Gemüth jetzt erleichtert.“ Herr Wandsworth hielt es für zweckmäßig zu den Damen zurückzukehren und ſie mit dem trau⸗ rigen Ereigniß bekannt zu machen. Er entdeckte * 63 ihnen daſſelbe in vorſichtiger und gefühlvoller Weiſe. „Der arme Mann!“ ſagte Frau Sydney. „Wie plötzlich war ſein Ende! Doch liegt etwas Tröſtliches in dem Gedanken, daß er als ein an⸗ derer Menſch von hinnen ging und in größerem Frieden mit ſich und Anderen, als er es ſeit Jah⸗ ren geweſen war.“ „Ich bedaure jetzt,“ bemerkte Fräulein Sydney, „daß wir ihm nicht mehr Freundlichkeit gezeigt haben, liebſte Mutter; die Wahrheit iſt aber, daß ich fürchtete, er möchte einen Argwohn gegen mich hegen und glauben, ich werde von eigennützigen Abſichten geleitet, wenn ich ihm mein Wohlwollen in der Weiſe an den Tag gelegt hätte, wie ich mich zu thun geneigt fühlte. Die Armuth macht Einen ſo beſorgt, die Reichen könnten Einen falſch beurtheilen.“ „Sie brauchen ferner nicht zu fürchten Ihrer Armuth wegen falſch beurtheilt zu werden, Fräu⸗ lein,“ verſetzte Herr Wandsworth.„Gebe der Himmel, daß Sie den Mißdeutungen entgehen, welchen große Reichthümer die Beſitzer derſelben ausſetzen. Nicht allein erhalten Sie jetzt das Erb⸗ theil wieder, das man früher für das Ihrige hielt, ſondern Sie ſind auch die nächſte Erbin von dem großen Vermögen des Herrn Sydney. Er hat es Ihrer Mutter vermacht und nach ihr wird es Ihnen zufallen.“ Wenige Menſchen würden unter ähnlichen Um⸗ ſtänden mit ſo vollkommener Seelenruhe die Bot⸗ ſchaft vernommen haben, die Herr Wandsworth brachte, als Frau und Fräulein Sydney. Die Nachricht ſteigerte blos ihren Schmerz um den Ab⸗ geſchiedenen, von deſſen Freundſchaft dieſes Ver⸗ mächtniß einen ſo unumſtößlichen Beweis lieferte; und wer ſie bei dieſer Gelegenheit geſehen hätte, würde auf die Meinung gerathen ſein, ſie trauer⸗ ten um einen geſchätzten und vertrauten Freund, ſtatt um einen Mann, den ſie nur einmal geſehen hatten. Herr Wandsworth erzählte ihnen von dem Eifer, den der Verſtorbene gezeigt ſein Teſtament ausgefertigt und unterzeichnet zu ſehen, von ſeiner vorahnenden Furcht, er möchte aus dem Leben ab⸗ gerufen werden, ehe daſſelbe fertig geworden, und ſie wurden ſehr gerührt, als ſie dieſe Einzelnheiten mit anhörten. „Wie ſeltſam ſind die Wege der Vorſehung!“ äußerte Frau Sydney.„Wer hätte ſich denken können, daß unſer ſchneller Abſchied von der Hei⸗ math, den wir für einen ewigen hielten, die Ver⸗ anlaſſung werden würde, eine ſolche Vermehrung unſeres Vermögens herbeizuführen, oder daß wir ſo bald dahin zurückkehren könnten und in den 65 Stand geſetzt wären die Armen um uns her glück⸗ lich und zufrieden zu machen!“ Die Leichenſchau wurde am Tage nach dem Abſterben des Herrn Sydney vorgenommen, und der Arzt, der ihn ſeit vielen Jahren behandelt, kam dazu, um ſein Zeugniß abzugeben. Es blieb nunmehr kein Zweifel weiter über die Urſache ſeines Todes. Eine nähere Beaugenſcheinigung, die eben⸗ falls Statt fand, verlieh ſeinem Bericht an die Ge⸗ ſchworenen neues Gewicht und dieſe gaben die Ent⸗ ſcheidung:„Geſtorben in Folge einer Heimſuchung Gottes.“ Die Beerdigung ging wenige Tage darauf vor ſich und die Teſtamentsvollſtrecker kündigten der Frau Sydney in gehöriger Form an, daß ihr das große Vermögen jetzt mit allem Recht angehöre. Die Zeitungen füllten ſich bald mit Angaben über die ungeheuren Reichthümer, welche Frau Sydney und ihre Tochter ererbt hätten, und ſo groß das ihr vermachte Eigenthum in der That auch war, der Betrag deſſelben wurde durch das Gerücht um mehr als das Dreifache vergrößert. Was die Frauenzimmer betraf, wurde abermals in den Zei⸗ tungen der vornehmen Welt verzeichnet und wie⸗ derum ſtrömten Bettelbriefe und Bittſchriften auf ſie ein. „Geſteh', liebe Mutter, daß der Reichthum ſeine Plage hat,“ ſagte Louiſe Sydney, als Schreiben um Schreiben von ihnen beiden aufgemacht wurde. Strathern 1v. 5 66 „Ja, mein Kind, aber wir dürfen unſere Pflich⸗ ten nicht vernachläßigen. Wir müſſen den Unglück⸗ lichen beiſpringen, wäre auch ihre Zahl Legion. Und um dieſes mit Weisheit zu thun, müſſen wir Leute verwenden auf welche wir Vertrauen ſetzen können; wir müſſen uns von der Wahrheit der Angaben vergewiſſern, welche in dieſen Briefen ent⸗ halten ſind.“ „Ich geſtehe, daß ein mäßiges Auskommen jetzt mehr Reiz für mich hat als großer Reich⸗ thum,“ verſetzte Louiſe,„denn es liegt eine große Annehmlichkeit darin, wenn Einem verſtattet iſt, in Ruhe und Stille zu leben, „Die Welt vergeſſend und vergeſſen von der Welt.“ und das iſt ein Vorzug der dem Reichen nie zu Theil wird.“ Louiſens Gedanken wandten ſich immer wieder zu Strathern.„Wo mag er ſein? Wie mag es ihm gehen?“ Dieſe Fragen wiederholten ſich in ihr an Einem fort. Daß er ſie nicht vergeſſen, das ging aus ſeiner erneuerten Werbung auf die genügendſte Weiſe und um ſo deutlicher hervor, als er ſie in einer Zeit angebracht hatte, da ſie aus dem Schvoß des Glücks in die Arme des Un⸗ glücks herabgeſunken war. Welche Freude wäre es für ſie geweſen ihr wiedererlangtes Vermögen mit dem zu theilen, der ſich ſo edelmüthig erboten, ſie das ſeinige mitgenießen zu laſſen, während ſie des —— ———— 67 ihrigen beraubt war und er blos um ihrer ſelbſt willen nach ihrer Hand ſtreben konnte. Ja, dieſer unzweifelhafte Beweis den ihr Strathern von ſei⸗ ner uneigennützigen Liebe gegeben, ſprach nunmehr außerordentlich zu ſeinen Gunſten. Warum, wa⸗ rum hatte er ſie hintergangen und in der zarteſten Sache? Warum hatte er ſich, wenn er ſie liebte, mit dem ſchönen aber verirrten Weibe ſehen laſſen deren Bild ſich ſo oft ihrem Gedächtniß varſtellte, und niemals ohne die quälenden Stacheln der Eifer⸗ ſucht mit ſich zu bringen?“ Etliche Tage nach dem Leichenbegängniß wurde es für nöthig erachtet, daß Frau Sydney ſich in das Haus des verſtorbenen Herrn Sydney begäbe, damit die auf ſein Eigenthum gelegten Siegel in ihrer Gegenwart abgenommen werden könnten. Ihre Tochter und Herr Wandsworth begleiteten ſie und ſie ſollten mit den Teſtamentsvollſtreckern auf Devonſhire⸗Platz zuſammentreffen. Es war ein weitläuftiges Gebäude und enthielt Gemälde von großem Werth, Gold⸗ und Silbergeſchirr von treff⸗ licher Arbeit, Schränke voll Edelſteinen, Cameen und vertieft geſchnittene Steine, zierlich eingelegte Käſtchen, in denen weibliche Schmuckſachen der koſt⸗ barſten Art ſich befanden, zahlloſe Tabacksdoſen und alle möglichen Bijouterie⸗Sachen und illuminirte Meß und ſonſtige ſeltene Bücher waren da in Schränken aufgehauft und einige Zimmer mit Sev⸗ 5 X 68 res⸗, altem Chelſea⸗, Worceſter⸗ und Dresdener Porzellan angefüllt, da gab es herrliche Stücke Bergkryſtall mit koſtbaren Steinen eingefaßt und ſeltene Taſſen in Marmor. Selbſt die Frauenzim⸗ mer die doch an den Anblick ſchöner Gegenſtände ge⸗ wöhnt waren, geriethen in Erſtaunen über die un⸗ endliche Menge derſelben, welche ſie hier aufgeſpei⸗ chert ſahen. „Mein armer Freund,“ ſagte einer der Teſta⸗ mentsvollſtrecker, der ihre Verwunderung bemerkte, zverwendete den größten Theil ſeiner Zeit auf den Beſuch von Verſteigerungen und kaufte Alles von dem er meinte, es gehe unter dem Preiſe weg. Es war das ſein Steckenpferd und er hat nicht weniger als noch zwei andere Häuſer hinterlaſſen, die mit Dingen von der Art angefüllt ſind.“ Frau Sydney kam wirklich in Verlegenheit über die Größe dieſes unerwarteten Reichthums. Herr Wandsworth machte ſich anheiſchig einen zuverläſſi⸗ gen Menſchen im Hauſe anzuſtellen und die ver⸗ ſchiedenen Sachen welche die Damen ausgewählt, nach Sydney⸗Park beſorgen zu laſſen. Wie ſie aus dem Gebäude traten, um in den Wagen zu ſtei⸗ gen, trafen ſie auf Herrn Rhymer der eben durch das Thor ging. Sie waren ſehr überraſcht und erfreut ihm zu begegnen und er verſicherte ſie deſſen ebenfalls mit einer an ihm ganz ungewöhnlichen Herzlichkeit zu wiederholten Malen. Aber wiſſen 69 Sie, daß ich Ihnen eine betrübende Nachricht in Betreff eines Freundes zu geben habe, den auch Sie einſt ſchätzten?“ ſagte er.„Armer Strathern! arm, wie es gegenwärtig ſcheint, in jedem Sinn des Worts, denn er iſt, nach dem was ich höre, ohne alle Rettung zu Grunde gerichtet.“ Louiſe Sydney wurde bei dieſer Mittheilung ſo bleich wie Marmor und fühlte ſich einer Ohn⸗ macht nahe; da ihr aber einfiel, daß das Auge des boshaften Rhymer auf ihrem Geſicht haftete, ſo machte ſie eine verzweifelte Anſtrengung, um ihre Bewegung zu verbergen. „Iſt es möglich?“ fragte Frau Sydney, die bei dieſer Kunde alle frühere Freundſchaft für Stra⸗ thern in ihrer Bruſt wieder aufleben fühlte.„Das Gerücht übertreibt ſo gerne, daß ich faſt glauben möchte, eine blos augenblickliche Verlegenheit ſey im Munde der Leute ſo weit vergrößert worden, bis es hieß, ſeine Vermögensumſtände ſeien gänzlich zerrüttet. Wir wiſſen ja wie viel Aufhebens ge⸗ macht wird wenn's Einem gut geht— hoffen wir, es werde in dieſem Fall mit dem Unglück auch nicht ſo arg ſein.“ „Alles was ich weiß,“ entgegnete Rhymer, den es einigermaßen beleivigte, daß man die Wahrheit ſeiner Ausſage in Frage ſtellte,„iſt, daß Strathern in der St. Jakobsſtraße in Gegenwart mehrerer meiner Bekannten feſtgenommen wurde. Von ihnen 70 habe ich die Sache gehört und kann an ihrer Glaubwürdigkeit nicht zweifeln. Ein Gerichtsdiener verhaftete ihn und brachte ihn allen Vermuthun⸗ gen nach in's Gefängniß wo er wahrſcheinlich noch zu finden iſt.“ „Aber er beſaß doch ſo ein bedeutendes Ver⸗ mögen und ergab ſich weder dem Spiel noch dem Rennen oder einer der übrigen Beluſtigungen mit denen ſich die Männer in'g Verderben ſtür⸗ zen,“ verſetzte Frau Sydney,„klingt es da nicht unwahrſcheinlich, daß er in ſo kurzer Zeit in eine ſo ſchlimme Lage gerathen ſein ſoll?“ „Wenn Sie London ſo genau kennen würden wie ich, meine gute Dame, ſo könnte Ihnen das als kein ſo ungewöhnliches Vorkommniß erſcheinen. Der arme Strathern wurde, wie ich vernehme, von einem allzu wähleriſchen Mädchen in ſeinen Hoff⸗ nungen getäuſcht; ſie gab ihn auf weil er nicht ſo ſpröde war als ſie für angemeſſen hielt, da wurde er verdrießlich und ſchwermüthig,— wollte nicht mehr in ordentliche Geſellſchaft gehen, gerieth aber dafür vermuthlich in ſchlechte— ließ ſich verleiten Wechſel für ſeine ausſchweifenden Bekannten anzu⸗ nehmen— warf das Geld weg als wäre es Quark und das an Leute, denen Niemand ſonſt helfen wollte— und ſo iſt er ohne Spiel oder Ren⸗ nen, denn ich habe nie gehört, er ſei einem von beiden zugethan— zu Grunde gerichtet. Es thut 71 mir leid, aber es iſt ſo. Das Glücksrad iſt immer in Bewegung, wer heute reich iſt, wird morgen arm und vice versa. Da fällt mir im Vorbeigehen ein wie erſchrocken und bekümmert der arme Stra⸗ thern war als ich ihm mittheilte, welcher Schick⸗ ſalswechſel das Fräulein hier betroffen. Er machte wahrhaftig ein ſo betrübtes Geſicht als ob er Sie um Ihres Geldes geheirathet und gefunden hätte, daß er ſtatt mit einem reichen, mit einem armen Mädchen verehelicht ſey. Es iſt wirklich ſonderbar, das müſſen Sie ſelber ſagen, daß ich es ſein mußte der ihm erzählte, Fräulein Sydney habe ihr Ver⸗ mögen verloren und jetzt gebe ich Ihnen dieſelbe Nachricht in Bezug auf ihn. Aber ich muß ge⸗ ſtehen, er nahm ſich meine ſchlimme Neuigkeit mehr zu Herzen als Sie, meine Damen und das ſpricht ſehr zu Gunſten der weiblichen Nerven.“ Nie war eine ſpöttiſche Aeußerung weniger ver⸗ dient geweſen als die eben ausgeſprochene; denn Mutter ſowohl als Tochter dachten darüber nach wie ſie es angreifen ſollten um Strathern aus der Verlegenheit zu reißen. Dieß zu bewerkſtelligen, konnte, das fühlten ſie, kein Opfer zu groß ſein. Da ſie aber wußten wie ſehr es den Stolz und das Zartgefühl ihres armen Freundes verletzen müßte, wenn dieſe Einmiſchung in ſeine Angelegenheiten zum Gegenſtand des Tages ⸗Geſprächs würde; da ihnen überdieß bekannt war, daß Rhymer, wie 72 gut er es auch mit beiden Theilen meinen mochte, deſſen gegen ein paar von dem halben Hundert alter Bekannten erwähnen würde, mit denen er ſeine Abende zu verbringen pflegte, ſo verbargen ſie ihre Empfindungen unter der ruhigen Maske der Gleichgültigkeit und zogen ſich auf dieſe Art den Spott zu den er geäußert hatte. „Sie ſind jetzt die reichſten Frauenzimmer in England,“ fing Herr Rhymer wieder an,„ſelbſt den weiblichen Cröſus, das Fräulein Burdett Coutts nicht ausgenommen, deren Tauſende mehr Freier um ſie verſammelt haben als um die berühmte Pe⸗ nelope im Alterthum und werden hoffentlich nun Ihren alten Freunden manchmal erlauben, Ihnen ihre Aufwartung zu machen. Ich weiß, in weniger glücklichen Tagen haben Sie uns das Vergnügen verſagt Ihnen zu beweiſen, daß unſere Geſinnun⸗ gen gegen Sie unverändert geblieben waren; aber Sie dachten wohl, Sie könnten nicht Einigen den Zutritt verſtatten ohne Alle zuzulaſſen die bei Ihnen vorgeſprochen hätten; Sie verſpürten natürlich keine Luſt Manchen die große Freude zu machen die ihnen der Anblick eines ehemals reichen und jetzt zu verglei⸗ chungsweiſer Armuth heruntergekommenen Mädchens unzweifelhaft gewährt haben würde. Ja, geſtehen Sie es nur, das war der Grund warum Sie ſich ſo von Jedermann abſonderten. Wahrhaftig, Sie kennen die Welt. Leben Sie wohl, ich bitte tauſend⸗ +—— †— 73 mal um Entſchuldigung, daß ich Sie ſo lange auf der Straße hingehalten habe, aber ich vermochte einer Gelegenheit nicht zu widerſtehen, bei der ich Ihnen von dem Mißgeſchick eines Freundes reden konnte.“ Damit ging Herr Rhymer von dannen. „Wir wollen wieder in das Haus hineingehen, liebſte Mutter,“ ſagte Louiſe Sydney,„und uns darüber bedenken, was wir zu thun haben. Etwas aber muß ohne Verzug geſchehen. Herr Wands⸗ worth kann Erkundigungen darüber einziehen, ob unſer armer Freund noch verhaftet iſt.“ Thränen ſchoſſen Louiſen in die Augen, als ſie dieſe Worte äußerte und ſich den noch ſo zärtlich Geliebten als den einſamen Bewohner eines Gefängniſſes vor⸗ ſtellte. „Ja, mein liebes Kind, wir wollen in das Haus hinein, aber Du mußt von der Sache nichts mit Herrn Wandsworth reden; überlaß mir Alles!“ Frau Sydney ließ ihren würdigen Anwalt aus dem obern Theil des Hauſes herunter holen, wo derſelbe noch eifrig beſchäftigt war, die Koſtbar⸗ keiten einzuſchließen die man aus ihren Behältern genommen hatte, um ſie den Damen zu zeigen. Man eröffnete ihm, wie eifrig man wünſchte, den Ort zu erfahren, an welchem Herr Strathern ein⸗ geſperrt wäre und wie man die Abſicht hätte, ihn aus ſeiner Verlegenheit zu befreien. 74 „Darf ich fragen wie alt der Herr iſt und wie er ausſieht?“ erkundigte er ſich. Frau Sydney beſchrieb nun Strathern, aber die Tochter hatte ſie nie für ungeſchickter gehalten, einen Menſchen näher zu bezeichnen, als da ſie mit anhörte, wie nach ihrer Anſicht höchſt ungünſtige Angaben über das Aeußere ihres Geliebten Preis gegeben wurden. Groß, gut gewachſen, hübſches Geſicht und ausgezeichnete Haltung; dieſer Worte bediente ſich die Mutter, aber es widerfuhr damit nach ihrer Meinung Strathern keine Gerechtigkeit. Und doch brachten ſie Herrn Wandsworth eine ſo deutliche Vorſtellung von einem vor Andern her⸗ vorragenden Manne bei, daß ihm augenblicklich zu Sinne kam, die in Rede ſtehende Perſon könne niemand anders ſein, als der ſonderbare Herr, der kürzlich auf ſein Geſchäftszimmer gekommen war, um bei ihm Gelder für die Frauenzimmer in Ver⸗ wahrung zu geben, die eben vor ihm ſtanden.— „Seltſam,“ murmelte er—„und doch, es muß ſo ſein.“ „Was iſt ſeltſam?“ fragte Frau Sydney. „Ich bin nicht ganz ſicher, ob meine Vermu⸗ thungen gehörig begründet ſind, und es ſteht mir nicht frei, Ihnen mitzutheilen, was mich darauf ge⸗ führt hat,“ erwiederte Herr Wandsworth,„ſeien Sie aber überzeugt, daß ich mich alsbald daran machen werde, Ihre Wünſche in Ausführung zu — 5————— 75 bringen. Morgen hoffe ich Ihnen über den Erfolg davon berichten zu können. Ich habe gewiſſerma⸗ ßen einen Schlüſſel, das herauszubringen, denn ich weiß, daß Herr Papworth, mit dem ich bekannt bin, der Sachwalter eines Herrn, Namens Stra⸗ thern iſt, und da der Name nicht ſo häufig vor⸗ kommt, ſo möchte ich faſt ſagen, dieſer Herr ſei Ihr Freund.“ Die Frauenzimmer fuhren zurück auf das Land⸗ haus und alle ihre Gedanken beſchäftigten ſich mit den traurigen Nachrichten, die ſie über Strathern vernommen. Wer das Herz der Frauen einiger⸗ maßen kennt, weiß recht wohl, daß es ein anderes iſt, als das der Männer, und daß das Mißgeſchick von Leuten, die ihnen einmal theuer geweſen ſind, in ihrem Buſen immer mitleidige und zarte Em⸗ pfindungen erregt, wenn auch vas Unglück durch eigene Fehler herbei geführt wäre. Bei dem rauhe⸗ ren Geſchlecht erregt es dagegen nur zu häufig blos Unwillen und Tadel. Die Männer ſind weit ſelbſtſüchtiger als die Weiber, ſie legen viel mehr Werth auf den Reichthum und ſind eher geneigt, denen ihr Mißfallen zu erkennen zu geben, welche durch eigene Thorheit deſſelben verluſtig gegangen ſind oder von ihnen Unterſtützung erwarten. Wie oft findet ein leichtſinniger Menſch, deſſen einziger Fehler in einem verſchwenderiſchen Leben beſteht und der in den Tagen des Wohlſtandes Andere 76 mit Wohlthaten überhäuft hat, wie oft ſieht der, wenn ihn das Unheil überraſcht, daß. diejenigen Leute, welche ſich im Sonnenſchein des Glücks an ihm wärmten und alles Wohlleben theilten, was die Gaſtfreiheit an ſie verſchwendete, die von ſeinem Beutel, wie von ſeinem Credit, als von ihrem Ei⸗ genthum Gebrauch machten, daß gerade ſie die Erſten ſind, ihn zu verlaſſen, wenn er ſelber der Hülfe bedarf, die er ihnen ſo oft und ſo bereit⸗ willig gewährt hat?! Die Kenntniß der Welt er⸗ zeugt eine Herzenshärtigkeit, und dieſe Kenntniß iſt den Männern unendlich mehr eigen, als den Weibern. Es iſt vielleicht die mildeſte Deutung die man ihrem Betragen gegen ihre in ungünſtige Umſtände gerathenen Freunde und Kameraden geben kann, wenn wir annehmen, gerade die ausgedehnte Weltklugheit, welche ſie den Geldbeſitz als das summum ponum der Glückſeligkeit und als die ſicherſte Grundlage für die Achtung Anderer betrachten lehrt, mache es ihnen ſo zuwider einen Theil ihrer Habe zum Beiſtand Anderer hinzugeben, daß ſie Herz und Beutel ſelbſt ſolchen verſchließen, für welche ſie ſonſt die aufrichtigſte Freundſchaft zu hegen ver⸗ ſicherten. Die Weiber, welche in ſolcher Lebens⸗ weisheit weniger Erſahrung haben, ſind dem Mit⸗ leid zugänglicher und mehr zur Freigebigkeit ge⸗ ſchaffen. Selten wendet ſich Jemand in trüber Lage vergeblich an ſie, mag er nun in dieſelbe gerathen 77 ſein, wie er will; und manche aus dem zarteren, oder wie man zuweilen ſagt, ſchwächeren Geſchlecht, hat Opfer gebracht und Entbehrungen erduldet, um einem Unglücklichen beizuſpringen, welche der herriſche Mann mit all ſeiner gerühmten Geiſtesſtärke zu er⸗ tragen nicht ſtark genug geweſen wäre, oder denen er ſich doch nicht ohne Beſchwerde unterzogen hätte. Louiſe Sydney fühlte ſich niemals durch ſo leb⸗ hafte Gefühle der Liebe zu ihrer Mutter hingezo⸗ gen, als da ſie Zeuge ihrer Theilnahme an Stra⸗ therns Mißgeſchick war und ihren edelmüthigen Entſchluß erfuhr, ihn den Folgen deſſelben zu ent⸗ reißen. Nie, ſeit ſie Rom verlaſſen, empfand ſie ſo viel Zärtlichkeit gegen ihn, als gerade jetzt, da ſie glaubte, er ſitze im Gefängniß. Strathern, der feine, artige, begabte Mann, der ihrer Ge⸗ ſellſchaft ſo oft und viel durch ſeine verſchiedenen geiſtigen Fähigkeiten und durch ſeine glänzende Un⸗ terhaltungsgabe Reiz verliehen, er ſollte einſam ein düſteres Zimmer bewohnen, und aller Annehmlich⸗ keiten, wenn nicht aller Bequemlichkeiten des Lebens beraubt ſein!? Dieſes Bild trat der Mutter ſo⸗ wohl als der Tochter bei ihren trüben Betrachtun⸗ gen immer wieder und wieder vor die Seele, denn die Gefühle der Frau Sydney wurden durch äußere Rückſichten faſt eben ſo wenig getrübt, ſie waren beinahe ſo friſch, als die ihres Kindes, und beide liebten ſich wegen dieſer inneren Uebereinſtimmung 78 unter einander nur um ſo mehr. Der bittere Spott den Rhymer ausgeſprochen, ſenkte ſich in Louiſens Gemüth ſo tief ein, als er es beabſichtete. Der Murrkopf hegte gegen die Mutter, wie gegen die Tochter günſtige Geſinnungen, aber es ärgerte ihn, daß er durch die trübe Nachricht, die er über Strathern mittheilte, nicht die bedeutende Wirkung hervorbrachte, auf die er gerechnet hatte. Er nahm irrigerweiſe ihre erheuchelte Ruhe für Gleichgültig⸗ keit und ſchoß darum ſeinen Pfeil mit Sicherheit und Gewandtheit auf die ab, welche in dem Augen⸗ blick, da er ſie traf, von Mitleid und Zärtlichkeit überfloß.„Hatte den armen Strathern— und ach, welche Maſſe von Liebem und Freundlichem um⸗ faßt oft das kleine und kurze Wörtchen arm— wirklich, wie Herr Rhymer verſicherte, die Täu⸗ ſchung in ſeiner Herzensneigung dazu getrieben, die Geſellſchaft zu fliehen, die er zu zieren geeignet war? War er dadurch zu einem Umgang gebracht worden, der ihn ins Verderben ſtürzte und ihn eine Beute der verarmten roués werden ließ, welche ſeine Umgebung bildeten?“ Dieſe Frage drängte ſich Louiſen öfters auf.„War ſie nicht vielleicht in ihrem Urtheil und ihrer Verdammung gegen den unglücklichen Liebhaber zu ſtreng geweſen, indem ſie ihn fahren ließ, ohne ihm eine Gelegenheit zur Rechtfertigung zu verſtatten?“ Das war das nächſte Bedenken, was die wiedererwachte Zärtlich⸗ 79 keit in ihr aufſteigen ließ, und darauf folgten von der Liebe eingegebene Entſchuldigungen, welche als ſchwach und unzureichend zum Schweigen gebracht worden wären, wenn ſie ein anderer Vertheidiger vorgebracht hätte.„Wenn nun das Frauenzimmer mit der ſie ihn geſehen, eine frühere Bekanntſchaft aus einer luſtigen Stunde, eine ſchöne Unglückliche geweſen war, mehr Opfer, als Werkzeug der Ver⸗ führung, die der Zufall auf ihrem Wege nach Rom gebracht und der er aus Mitleid ein paar kurze Stunden gewidmet hatte. Die Männer empfinder) ſagte ſie ſich, über derartige Gegenſtände ſo ganz anders, als die Frauen, daß Strathern Das, was ſie in Anbetracht ihres Verhältniſſes zu ihm ſo tief verletzt und beleidigt hatte, vielleicht für ein Ver⸗ gehen von geringem Belang anſah und es vor ihr aus denſelben Gründen der Artigkeit verbarg, welche ihn abhielten, in ihrer Gegenwart etwas Ungezie⸗ mendes zu äußern. Man darf die Männer nicht ſo ſtreng beurtheilen, als die Weiber. Ihre Er⸗ ziehung, ihre Gewohnheiten weichen ſo ſehr von einander ab. Ja, wahrhaftig, ſie mochte wohl zu hart, zu grauſam geweſen ſein und bitter hatte der arme Strathern für ſeinen Fehltritt gebüßt.“ Von dieſer Art waren Louiſen Sydney's Be⸗ trachtungen. Sie vergaß ganz und gar, daß ihre Mutter früher vergeblich vieſelbe Vertheidigung Strathern's hatte führen wollen, welche ihr jetzt 80 das eigene Mitleid und die wieder erwachte Nei⸗ gung zuflüſterten, und fühlte ſich geneigt, ihrem Liebhaber zu verzeihen und ihn wieder zu Gnaden anzunehmen, wenn er vor ihr erſchienen wäre. Sein Mißgeſchick vollendete dieſen Sieg über die verletzte Eitelkeit und das weibliche Zartgefühl, und als ihr einfiel, daß er nach ihrem Beſitz geſtrebt hatte, während ſie nicht mehr das reiche Mädchen, wie ſonſt, geweſen war, und ſeine Unbeſonnenheit ihm eine Frau mit Vermögen ſo nöthig machte, um ſeinen zerrütteten Umſtänden wieder aufzuhelfen, da verlangte es ſie, ihm zu beweiſen, daß ſie eben ſo großmüthig ſei, wie er, und daß ſein Unglück blos dazu gedient hätte, ihr ihn noch theuerer zu machen. „Wie gut iſt es, mein liebes Kind, daß ich das viele Geld, und gerade in dieſer Zeit, geerbt habe,“ ſagte Frau Sydney nach langem Schwei⸗ gen, während deſſen ſie über Strathern's Lage nachgedacht. „Und daß auch ich, liebſte Mutter, mein Erb⸗ theil wieder erlangt habe. Hätten wir von ſei⸗ nem Unfall gehört, als es noch nicht in un⸗ ſerer Macht ſtand, ihm zu helfen, wie ſchmerzlich wäre das geweſen. Und doch, wie erkenntlich ich auch der Vorſehung für dieſe große Wohlthat bin, ſo fühle ich mich ihr doch zu aufrichtigem Dank dafür verpflichtet, daß meine veränderte Lage dem 81 armen Heinrich Gelegenheit zu dem Beweiſe gege⸗ ben hat, über alle Möglichkeit eines Zweifels dar⸗ zuthun, wie er mich um meinet ſelbſt willen liebt, — ein Glück, welches reichen Mädchen immer ver⸗ ſagt bleibt.“ „Ich habe nie auch nur einen Augenblick einem Zweifel über die völlige Uneigennützigkeit des Herrn Strathern Raum gelaſſen. Er war zu ſtolz, zu hochſinnig, um eine Heirath des Geldes wegen zu ſchließen,“ verſetzte Frau Sydney und meine An⸗ ſicht über ſein Zartgefühl in dieſem Punkt iſt noch dieſelbe. Ich glaube, er würde lieber jedes Unge⸗ mach erdulden, als ſich zu der Annahme einer Unter⸗ ſtützung von uns verſtehen. Ich habe viele Plane entworfen, um ihn aus der Noth zu ziehen, ohne daß er die Quelle zu entdecken vermag, aus der ihm die Hülfe kommt, aber bei einem ſo ſtolzen und empfindlichen Mann iſt es ſchwierig, dies in's Werk zu ſetzen.“ „Könnten wir ihm nicht, ohne einen Namen zu nennen, hunderttauſend Pfund zugehen laſſen oder das Doppelte, wenn Du meinſt, die Hälfte würde nicht zureichen, um ihn zu retten?“ meinte Louiſe eifrig.„Derartige Geſchenke ſind in dieſen ſelbſt⸗ ſüchtigen Zeiteu ſo ſelten, mein Kind, daß ich fürchte, er würde dies mit dem ungeheuren Reich⸗ thum, den ich neuerlich erlangt und mit meiner Strathern 1v. 6 82 früheren Freundſchaft für ihn in Verbindung brin⸗ gen, den Geber alſogleich errathen und die Gabe zurückweiſen.“ „Ich wollte der gute Herr Wandsworth wäre da. Er beſitzt ſo viel Verſtand und Erfahrung, daß er uns wahrſcheinlich einen Ausweg an die Hand geben könnte, um unſern armen Freund zu befreien. Er iſt auch von ſo freundlicher Gemüths⸗ art, daß es ihm beſtimmt Freude macht, unſere Wünſche in Ausführung zu bringen. Ich werde dieſem trefflichen Mann immer meine Achtung da⸗ für bewahren, daß er uns ſowohl als die Welt auf dem Glauben ließ, meine Güter ſeien für im⸗ mer verloren. Dieſem klugen Verfahren verdanke ich das Glück zu wiſſen, daß mich der arme Hein⸗ rich allein um meinet ſelbſt willen gewollt hat. Das größte Vermögen hätte mir dieſe unvergängliche Freude nicht zu gewähren vermocht.“ Herr Wandsworth kam des folgenden Tages nach Themſenhain und ſeine Miene verkündigte, daß er frohe Zeitungen überbringe. Ich bin froh, meine Damen, Sie verſichern zu können, daß Herr Strathern weder im Gefängniß iſt noch war, wie Sie zu glauben veranlaßt waren. Er wurde aller⸗ dings verhaftet und zwar im belebteſten Theil von London obendrein— und das iſt ein recht ärger⸗ liches Begebniß für einen Herrn, wie er— aber es ſind auch günſtige Umſtände dabei, welche demſelben das 83 Gegengewicht halten. Eine zu weit getriebene Frei⸗ gebigkeit gegen ſeine Bekannten und Freunde, von denen Viele dieſelbe gar nicht verdienen, iſt ſein größter Fehler geweſen und hat ihn zu dem ver⸗ derblichen Schritt geführt, ſeinen Namen für Wechſel von ſehr hohem Betrag herzugeben, um ihnen zu helfen. Der ſchlechte Ruf, in welchem dieſe Freunde in Bezug auf alle Geldangelegenheiten ſtehen, brachte ſie dazu, ihre Zuflucht zu Wucherern von der ſchlimmſten Art zu nehmen, um die Wechſel umzuſetzen, und ſo hat Herrn Strathern's Credit ernſtliche Noth gelitten, ſowohl durch den Verkehr mit den Leuten, welche die Anweiſungen ausgeſtellt hatten, als mit den Geldverleihern, in deren Hände ſie ohne ſein Vorwiſſen übergegangen waren. Wenn die Wechſel eines Mannes zu 40 Proz. eingelöſt werden, ſo nimmt er bedeutenden Schaden ſowohl an ſeinem Credit, als an ſeinem Vermögen. Der Architekt, den Herr Strathern während ſeiner Ab⸗ weſenheit zu Bauten verwendete, iſt über ſeine Ver⸗ haltungsbefehle ſo weit hinaus gegangen, daß er ſtatt einer Wohnung, wie es der Eigenthümer beabſich⸗ tete, einen Palaſt errichtete. Die Ausgaben dafür gingen ſo ſehr ins Ungeheure, daß Herr Strathern von ſeinem Anwalt den Rath erhielt, die Bezah⸗ lung zu verweigern und die Arbeiten überwachen zu laſſen. Ein ſolches Verfahren ärgerte den Bau⸗ meiſter und veranlaßte ihn, gegen Herrn Strathern 6* 84 ohne Weiteres gerichtlich einzuſchreiten, ungeachtet dieſer ihn zu befriedigen bereit war und damit hlos wartete, bis Herr Papworth für dieſen Zweck eine Anleihe zu Stande gebracht hätte. Der Letztere nämlich ſah es nicht gerne, daß ſein Client Staats⸗ papiere verkaufte, ſo lange ſie ſo niedrig ſtänden. Es braucht Zeit, um ein Anlehen in Ordnung zu bringen und unterdeſſen ließ ihn der Baumeiſter ver⸗ haften. Denn derſelbe gerieth in Unruhe, als er hörte, daß Wechſel in ſo hohem Belauf mit Herrn Strathern's Unterſchrift in den ſchlimmſten Händen umliefen. Herr Papworth befreite ihn augenblick⸗ lich; aber das Gerücht von der Feſtnahme in Ver⸗ bindung mit den Wechſelgeſchäften veranlaßte, daß es nun überall hieß, Herr Strathern ſei völlig zu Grunde gerichtet. Selbſt jetzt noch, da er ſo frei iſt, wie die Luft, fehlt es nicht an Leuten, die behaupten, er ſei eingeſperrt. Seine soi-disant-Freunde aus der vornehmen Welt bekamen Furcht und weichen ihm jetzt eben ſo ängſtlich aus, als ſie ihn früher eifrig aufſuchten. Herr Papworth hofft, ihre Selbſi⸗ ſucht und Undankbarkeit werde Herrn Strathern die Augen öffnen über die Thorheit, Geld und Credit an ſolche Menſchen zu verſchwenden und meint deshalb, die Oeffentlichkeit ſeiner Verhaftung ſei zwar für ſeinen Clienten im Augenblick peinlich, werde ihn aber außer aller Verbindung mit den ſchlauen und gewiſſenloſen Leuten bringen, die ihn 85 umgarnt hielten. Ich that, als hätte ich vernom⸗ men, wie eine bedeutende Anleihe zu machen geſucht werde und erbot mich, den Vorſchuß zu leiſten, ſo daß ich nunmehr wegen dieſer Angelegenheit in Be⸗ ziehung zu Herrn Papworth getreten und folg⸗ lich im Stande bin, Ihre Wünſche, verehrte Frau, in Ausführung zu bringen. Es macht mir Ver⸗ gnügen, hinzufügen zu können, daß Herrn Stra⸗ thern's Verlegenheiten nur vorübergehend ſind und daß er noch im Beſitz eines hübſchen Vermögens iſt.“ „Sie haben die Sache ausgezeichnet in die Hände genommen, werther Herr,“ erwiderte Frau Sydney. Schießen Sie doch die Anleihe zu mög⸗ lichſt vortheilhaften Bedingungen für Herrn Stra⸗ thern vor, aber ſorgen Sie beſonders dafür, daß mein Name bei dem Geſchäft nicht zur Sprache kommt.“ Viertes Kapitel. „Die Männer all' beherrſcht die Sucht nach Geld Und auch die Frau'n wie böſe Leute ſagen;— Geld iſt die erſte Leidenſchaft der Welt, Und Hoch wie Nieder ſeht ihr nach ihm jagen. 86 Im Lager und am Hof, in Stadt und Land Theilt man den Durſt, den nichts vermag zu ſtillen, Entſchließt ſich nicht Gott Zeus, von Lieb' entbrannt, Die Welt mit gold'nem Regen zu erfüllen; Kehrt nicht die gold'ne Zeit auf Erden wieder Die uns der Dichter ſingt und ſeine Lieder.“ Der Tag, welcher Zeuge von der Feier der unpaſſenden Verbindung zwiſchen Lord Fitzwarren und Lady Olivia Wellerby ſein ſollte,— dieſer Tag, welchen das Fräulein ſo eifrig herbeiwünſchte und dem der Mann mit ſo wenig Freude entgegen⸗ ſah, brach endlich an. Die verſchiedenen Vorkeh⸗ rungen zu dem Ereigniß hatten zu vielen Erörterun⸗ gen und Händeln Veranlaſſung gegeben und wenn ſolche Streitigkeiten gleich ſo ſorgfältig als möglich vor dem künftigen Bräutigam verheimlicht wurden, ſo ließ doch die Bosheit der Familie Wellerby und der geringe Zwang, welchen die Mitglieder derſel⸗ ben Verſtimmung anzuthun gewöhnt waren, Anzeichen genug davon durchſchlüpfen, um dem Lord Fitzwarren zu beweiſen, daß der häusliche Kreis ſeiner exwählten Braut nichts weniger als eines Sinnes oder angenehm war. „Der Teufel ſoll mich holen, wenn ich weiß, an wem hauptſächlich der Fehler liegt,“ ſagte er oft bei ſich ſelbſt, wenn er die boshaften Blicke mit anſah und die zornigen Erwiderungen hörte, welche die Frauenzimmer gewöhnlich mit einander aus⸗ 87 tauſchten. Lord Wellerby bewies dabei die völligſte Unparteilichkeit gegen alle ſeine„Weibsleute,“ und wies eine nach der andern mit einem mürriſchen, halb ausgeſprochenen„Pfui“ oder Scheltwort zu⸗ recht, die mehr Aehnlichkeit mit dem Knurren eines alten biſſigen Kettenhundes, als mit den Reden eines menſchlichen Weſens hatten. Am Abend vor der Hochzeit nahm Lady Olivia ihr freundlichſtes Lächeln an und bat Lord Fitzwarren um den Ge⸗ fallen, er möchte doch nicht darauf beſtehen, daß die ſchreckliche Frau, die Lady Mountſerrat, bei ihrer Trauung zugegen wäre. „Aber ich habe es ihr verſprochen und kann nicht darüber hinaus, Livy.“ „Was kann es für Folgen haben, wenn man einem ſolchen Weib ein Verſprechen nicht hält?— und wenn mir ein Gefallen damit geſchieht, ſo ſollteſt Du doch wahrhaftig meine Bitte nicht abſchlagen.“ Damit ließ Lady Olivia das Maul hängen und gab ſich ganz das Ausſehen einer beleidigten Schönheit. „Ich habe nie in meinem Leben eine Zuſage gebrochen, wie unbeſonnen ſie auch gegeben ſein mochte, Livy,“ und Lord Fitzwarren ſeufzte, denn es ging ihm der Gedanke durch den Kopf, daß er mit etwas weniger Gewiſſenhaftigkeit in Bezug auf eingegangene Verpflichtungen jetzt nicht auf dem ————— Punkt ſtände, ein Mädchen zu heirathen, für welche er kein Gefühl der Neigung hegte. „Du nimmſt die Sache zu ernſthaft,“ verſetzte Lady Olivia.„Einer ernſthaften Verbindlichkeit nachkommen und eine andere unbedeutende unbeach⸗ tet laſſen, ſind zwei ganz verſchiedene Dinge.“ „Sei verſichert, Livy, daß die, welche bei ge⸗ ringfügigen Veranlaſſungen kein Gewicht darauf legen, ihr Wort zu halten, daß die nur zu geneigt ſind, es auch bei wichtigen zu thun. Ich habe der Marquiſe geſagt, ſie ſollte bei meiner Verheirathung zugegen ſein; ſie ſchien ſich darüber zu freuen und nichts ſoll mich vermögen, meinem Verſprechen un⸗ treu zu werden. Alſo ſprich mir nicht mehr von der Sache.“ Aber ſtell' Dir nur einmal vor, wie es ſich un⸗ ter den hieſigen Leuten von einigem Rang oder Stand ausnehmen wird, wenn eine Frau, die ſich durch ihre Rohheit und Gemeinheit zum Gelächter von ganz Rom und Neapel gemacht hat, bei der Hochzeit vornehmer Perſonen wie wir, mit von der Geſellſchaft iſt. Denke ferner daran, wie ärgerlich es ſein muß, wenn auf dem Verzeichniß, das zur Einrückung in die Zeitungen nach England abge⸗ ſchickt wird, ihr Name unter denen aufgeführt wird, welche bei meiner Trauung zugegen waren.“ „Ich ſehe gar nicht ein, für was ein ſolches 89 Verzeichniß abgeliefert werden ſoll, aber ſie wird in jedem Falle der Hochzeit beiwohnen.“ Lady Olivia ſah, daß Lord Fitzwarren in die⸗ ſem Punkt nicht nachgab und ſein Eigenſinn, wie ſie das nannte, beunruhigte ſie in Etwas wegen der Zukunft. Wenn ſie nun fand, daß er in an⸗ dern Dingen mit derſelben Hartnäckigkeit an der einmal gegebenen Entſcheidung feſthielt?„Aber es iſt für heute des Schlimmen genug!“ dachte ſie. „Laßt mich nur erſt verheirathet ſein, dann wollen wir ſehen, ob ich nicht meinen Willen durchſetzen kann, ſo gut wie er.“ Darum machte ſie eine Tugend aus der Noth, nahm eine lächelnde Miene an und die Eintracht war wieder hergeſtellt. „Ich habe daran gedacht, Juſtine,“ ſagte die Marquiſe von Mountſerrat zu ihrer femme de chambre,„daß ich der Braut morgen ein Geſchenk machen ſollte. Es iſt ſo der Brauch, wie ich weiß, und wenn ich ſie ſchon nicht leiden kann, und ihre Mutter und Schweſter mir höchlich zuwider ſind, ſo möchte ich ihnen doch nicht gerne Veronlaſſung geben, zu ſagen, ich wiſſe mich bei derartigen Ge⸗ legenheiten nicht zu benehmen.“ „Ich an Ihrer Stelle, madame la marquise, würde ihr gar nichts geben. Sie werfen blos Ihr Geld weg und haben keinen Dank davon.“ „Ich gebe es ihr auch nicht, damit ſie mir danken ſoll, ſondern blos um den Leuten, die ſich 90 für ſo vornehm halten, zu zeigen, daß ich Geld habe, um freigebig zu ſein. Deswegen will ich ſie blenden und überraſchen, Juſtine und wünſchte nur, Sie könnten mir ſagen, welches Geſchenk dieſe Wir⸗ kung am eheſten hervorzubringen im Stande wäre.“ „Ich will mich beſinnen,“ brummte Jungfer Juſtine, legte die Hand an die Stirn und machte ein ſo ernſthaftes Geſicht, als ob ſie ſich mit einem Gegenſtand von größter Wichtigkeit beſchäftigte. Nachdem ſie einige Zeit nachgedacht, rief Jungfer Juſtine„ich hab's, ich hab's. Was meinen Sie, madama la marquise, Sie geben der Braut die weißen Strumpfbänder mit den diamantenen Schnal⸗ len, die ſchönſten, die je gemacht wurden, wie der bijoutier ſagte.“ „Ach, es war ein koſtbarer Einfall von mir, dieſe Strumpfbänder zu beſtellen, Juſtine. Ich werde nie vergeſſen, was der Mann für ein ver⸗ wundertes Geſicht machte, als ich ihm den Auftrag dazu gab. Ich dachte bei mir ſelber, Jedermann, der heut zu Tage reich iſt, hat Schmuckſachen jeder Art, die mit Diamanten beſetzt ſind, aber nie habe ich von einer Dame, ja ſelbſt von keiner Königin gehört, die Strumpfbänder mit Diamanten beſaß, und darum nahm ich mir vor, ſolche anzuſchaffen. Der Juwelier zeigte ſie halb London, ehe er ſie mir ins Haus ſchickte, die Zeitungen gaben Berichte darüber, und die Leute dachten ſich natürlich, ich 91 müßte ein unermeßliches Vermögen haben, um ſolch einen Aufwand machen zu können. Dann gab ich manchmal den Leuten Etwas zu gaffen und ließ vorſätzlich eines davon fallen, wenn ich am Damm zu Brighton ſpazieren ging. Dabei hatte ich aber immer Sorge, daß ein Lakei es aufhob. Wahr⸗ haftig, Juſtine, das diamantene Hunds⸗Halsband und die Strumpfbänder thaten mehr den Glauben an meinen gewaltigen Reichthum zu begründen, als mein ganzer übriger Staat, ſo koſtbar dieſer auch war; ja, noch mehr als meine theuren Wägen obendrein. Ich trenne mich ungern von den Strumpf⸗ bändern, aber da ich der Braut doch Etwas geben muß, ſo iſt es am beſten, ihr Etwas zu ſchenken, was ich leicht entbehren und was ihr ſicher mehr Aerger als Freude machen wird.“ Der Anzug, den die Marquiſe für die Hoch⸗ zeit wählte, war ſo prächtig, daß die Tracht der Braut dadurch völlig in Schatten geſtellt wurde. Die Letztere gerieth keineswegs in eine beſſere Laune, als ſie gewahrte, daß Aller Au⸗ gen ſich auf die Perſon richteten, deren Gegen⸗ wart ſie bei dieſer Gelegenheit auf alle Art und Weiſe zu hintertreiben geſucht hatte, und noch we⸗ niger, als ſie bemerkte, wie die Frau den beſtimm⸗ ten Vorſatz kund gab, ſich ſo bemerklich als mög⸗ lich zu machen.„Nun, Herr,“ ſagte die Marquiſe zu dem engliſchen Geſandten,„da bin ich ſchon wieder.“ Sie haben ohne Zweifel von dem ſchänd⸗ lichen Betragen des Marquis gehört. Er hat ſich als ein erbärmlicher Ausreißer erwieſen, wenn er ſchon ein Adeliger iſt und eine ſolche Behandlung hätte jede andere Frau um den Verſtand gebracht. Aber meinen Kopf bricht man nicht ſo leicht und ich habe ein ſtolzes Gemüth. Ich ſcheere mich um ihn den Teufel, ſo wahr ich lebe, und am Ende kann er doch nichts dagegen einwenden, daß ich eine Marquiſe bin.“ „Dieſe Worte wurden mit ſo lauter Stimme ausgeſprochen, daß ſie alle Anweſende hörten, und ſelbſt der ſtumpfe Lord Wellerby mit ſeiner Ge⸗ mahlin fühlte ſich Etwas beſchämt durch die ge⸗ meinen Aeußerungen ihrer neuen Bekannten. Lord Fitzwarren war niemals ſo niedergeſchlagen erſchie⸗ nen, als bei dieſer Gelegenheit; er verſuchte zwar, ſich ein heiteres Ausſehen zu geben, die Bemühung wurde aber nicht mit Erfolg gekrönt. Lord und Lady Wellerby waren die einzigen gegenwärtigen Perſonen, deren Fröhlichkeit keine erkünſtelte war. Sie freuten ſich, eine Tochter vom Halſe zu krie⸗ gen, ohne auch nur mit einigem Geld herausrücken zu müſſen und das verſetzte ſie in eine vergnügte Stimmung. Lady Sophie hingegen erfüllte es mit Neid, daß ihre Schweſter ein ſolches Glück machte und einen ſo reichen Mann bekam; ſie gab ſich auch nicht viel Mühe, ihre Empfindungen zu ver⸗ 93 bergen. Webworth, der eben von einem Gallen⸗ fieber geneſen war und noch deutliche Spuren da⸗ von in ſeinem blaßgelben Geſicht trug, ſchaute trau⸗ rig drein. Konnte es anders ſein bei einem Mann, der ſeinen freigebigſten Freund in einen Stand ein⸗ treten ſah, bei welchem es ihm fortan unmöglich ſein mußte, die angenehmen Vorrechte zu genießen, welche ihm im Hauſe des reichen und großmüthi⸗ gen Junggeſellen zu Theil wurden?„Armer Fitz,“ dachte Webworth,„mit dieſem Tage geht ſein luſti⸗ ges Leben zu Ende, wenn er nicht das Glück hat, ſeine Frau durch den Tod oder durch Trennung der Ehe bald zu verlieren. Wie gut war es doch, daß er mir Etwas vermacht hat, um mich für den Verluſt des freien Tiſches bei ihm zu entſchä⸗ digen!“ Als die Feierlichkeit vorüber war und Braut und Bräutigam die Glückwünſche aller Anweſenden empfan⸗ gen hatten, trat Lady Mountſerrat vor und ſagte: „Kommen Sie, lieber Lord Fitzwarren, machen Sie kein ſo finſtres Geſicht. Sie ſind nicht der erſte Mann, der Etwas thut, was er unterlaſſen hätte, wenn es ihm freigeſtanden wäre. Bedenken Sie, in hundert Jahren iſt Alles Eins. Das tröſtet mich immer wieder, wenn mich Etwas ärgert.“ Dieſe rohe Anſpielung auf ſeine Empfindun⸗ gen brachte Lord Fitzwarrren, beſonders da ſie in Gegenwart ſo vieler Leute gemacht wurde, in große ——————— Verlegenheit und beleidigte ſeine Braut gewaltig. Sie ſah die Sprecherin hochmüthig an und be⸗ merkte,„Sie dürfe nicht glauben, daß Jedermann ſo ungern an den Traualtar trete, als der Mar⸗ quis von Mountſerrat.“ „Ich bin überzeugt, daß Sie es nicht mit Widerwillen thaten,“ erwiederte die Marquiſe,„und das hat ſeit den letzten fünfzehn Jahren alle Welt von Ihnen geſagt.“. Die Braut biß ſich auf die Lippen, Fräulein Sophie lächelte voll Vergnügen und die Geſellſchaft verließ die Wohnung des engliſchen Geſandten, um einem déjeuner im Gaſthof anzuwohnen, das nach Lord Wellerby's Anordnung auf Koſten ſeines Schwiegerſohnes gegeben werden ſollte. Denn er dachte beſtändig an's Sparen. Das Geſchenk der Lady Mountſerrat war das Einzige, welches der Braut überreicht wurde. Als das Etui, welches daſſelbe enthielt, in der Lady Fitzwarren Hand gelegt wurde, öffnete ſie es mit einem Eifer, der verrieth, daß ſie glaubte, ſie würde etwas recht Prächtiges zu ſehen bekommen. Auf den erſten Blick erkannte ſie nicht, zu was es beſtimmt ſein könnte und Lady Mountſerrat bemerkte, als ſie dies gewahrte— „Ich habe mir wohl gedacht, Sie würden im Anfang nicht wiſſen, was Sie daraus machen ſoll⸗ ten, denn ich unterſtehe mich zu behaupten, daß Sie noch nie ein Paar Strumpfbänder mit diaman⸗ — 95 tenen Schnallen geſehen haben. Ich bin die Erſte, welche ſie je von ſolcher Koſtbarkeit beſeſſen hat.“ Lady Fitzwarren hatte zwar das Erröthen bei⸗ nahe verlernt, ſie fühlte aber doch, wie ihr das Blut in die Wangen kam; darum machte ſie das étui zu, legte es gleichgültig auf ein Tiſchchen und gab ihren Dank blos durch eine Verbeugung zu erkennen, ſtatt, wie die Marquiſe vermuthet, Ueber⸗ raſchung und Staunen über die Gabe an den Tag zu legen. „Was bin ich für ein Narr,“ dachte ſie,„daß ich ein ſo werthvolles Geſchenk an ein ſo undank⸗ bares und unfreundliches Weib weggeworfen habe. Ich wollte ich hätte es wieder, dann könnte ſie lange warten bis ſie es bekäme. Und was machte ſie in der That für ein verdrießliches Geſicht, als ob etwas Beleidigendes in den Strumpfbändern läge. Aber man weiß niemals wie man die feinen Damen behandeln ſoll, ſo voll Unſinn ſtecken ſie.“ Die Geſellſchaft ſetzte ſich nunmehr zu dem déjeüner; aber Niemand ſchien geneigt ihm Ge⸗ rechtigkeit widerfahren zu laſſen, Lord Wellerby und die Marquiſe von Mountſerrat ausgenommen. Selbſt Herr Webworth zeigte nicht den gewöhnlichen Appe⸗ tit, ſondern warf von Zeit zu Zeit mitleidige Blicke auf den Bräutigam, deſſen Schickſal offenbar das innigſte Bedauern in ihm erregte. „Lieber Himmel, was machen Sie alle für 96 trübe Geſichter,“ rief die Marquiſe.„Wahrhaftig, das gleicht eher einem Leichen⸗ als einem Hoch⸗ zeitsmahl. Ich denke, wir trinken ein Glas Cham⸗ pagner auf das Wohlſein des glücklichen Paares; ein Glas Wein wird ihre düſtere Stimmung ſo gut als die unſere beleben.“ Lord Wellerby lobte den Vorſchlag. Der Cham⸗ pagner wurde eingeſchenkt und Lady Mountſerrat nahm es auf ſich bei der ſéte die Wirthin zu ma⸗ chen, ſie ſtand auf und redete die Geſellſchaft alſo an:„Als diejenige, welche unter den Anweſenden den höchſten Rang einnimmt, halte ich es für meine Schuldigkeit den Toaſt auszubringen. Alſo auf das Wohlſein des Grafen und der Gräfin Fitzwarren, mögen ſie dieſen Tag noch oft in Freuden wieder⸗ kehren ſehen und wir geſund bleiben um Zeugen davon zu ſein.“ „Nun, das iſt einmal ein recht iriſcher Bock,“ liſpelte Webworth.„Sie werden doch nicht wün⸗ ſchen, daß ſie ſich noch mehrmals heirathen?“ Dieſe Bemerkung brachte Lord Fitzwarren zum Lachen und ſeine Luſtigkeit ſteckte die Andern an. „Ein iriſcher Bock!“ wiederholte die Marquiſe und wurde roth vor Zorn.„Was iſt denn Beſon⸗ deres an einem iriſchen Bock, möchte ich wiſſen? Wenn ich mich daran mache Leben in eine Geſell⸗ ſchaft zu bringen, die ſo traurig ausſieht als ſoll⸗ ten ſie Alle gehängt werden, ſo ſehe ich nicht ein, — S— —* 97 warum Sie ſich drein miſchen. Sie ſollten mehr Anſtand zeigen und ſich mit mehr Achtung gegen eine Frau von meinem Rang und Stand betragen.“ Lord Fitzwarren befürchtete, Webworth könnte die Lady noch mehr aufbringen; darum brachte er ein anderes Geſpräch auf die Bahn und äußerte: „Ich glaube der Reiſewagen iſt vor der Thüre.“ Hierauf erhob ſich die Braut und es entſtand eine allgemeine Bewegung. Wäre Lady Fitzwarren bloß auf eine Morgenfahrt gegangen, ſie hätte keine grö⸗ ßere Gleichgültigkeit an den Tag legen können als da ſie von Eltern und Schweſter Abſchied nahm. „Lebt wohl, lebt wohl!“ ſagte ſie als ſie ihnen die Wange zum Kuß hinbot;„wir werden einander wahrſcheinlich bald in England ſehen.“ Damit hüpfte ſie davon und verbeugte ſich gegen die Mar⸗ quiſe und Webworth. Lady Wellerby hielt ſich ein paar Augenblicke das Sacktuch vor die Augen; als ſie es aber wegnahm war keine Spur davon ſicht⸗ bar, daß ſie nöthig gehabt hätte ſich deſſelben zu bedienen; und wenn eine Thräne das Auge der Lady Sophie verdunkelte, ſo kam das von dem Aerger über das Glück ihrer Schweſter her, nicht aber von der Betrübniß über ihre Trennung. Beim Abſchied hatte Lord Fitzwarren, von allen Gegen⸗ wärtigen ungeſehen, ein kleines Päckchen in ihre Hand gleiten laſſen. Sie ſteckte es mit ihrem Sacktuch ſorgfältig in die Taſche mit dem Vorſatz, 7 Strathern 1v. den Inhalt deſſelben erſt in ver Einſamkeit ihres Zimmers zu betrachten. „Nun, jetzt wären ſie fort,“ ſagte die Marquiſe, „und da es mir vorkommt als wären wir Alle nicht in der fröhlichſten Stimmung, ſo mache ich den Vor⸗ ſchlag, wir ſetzen uns wieder an den Tiſch und machen unſer Frühſtück fertig.“ „Eine recht gute und verſtändige Bemerkung,“ meinte Lord Wellerby, der immer die Sparſamkeit im Auge behielt;„und ich ſehe nicht ein, warum wir nicht ein förmliches Mittageſſen daraus machen ſollten. Lady Mountſerrat, kann ich die Ehre haben ein Glas Wein mit Ihnen zu trinken?“ „Recht gerne, gnädiger Herr.“ „Da iſt wie ich ſehe friſcher Champagner in Eis, wir wollen ihn verſuchen.“ Hier gab Lord Wellerby ſeinem Bedienten der ihnen aufwartete, ein Zeichen und flüſterte ihm zu er ſollte darauf achten, daß aller Wein in ſein Zimmer gebracht würde, der nicht entſtöpſelt wäre. Ich habe die Flaſchen gezählt,“ ſagte er,„alſo verwahre ſie nur gleich! „Spielen Sie Whiſt, Herr Webworth?“ fragte Lady Wellerby, die ſich in Gedanken bereits mit dem Wunſche beſ äftigte, einen Robver zu machen und noch mehr von dem Geld der Marquiſe zu gewinnen.“ 99 „Ja, ich ſpiele manchmal, verſtehe es aber nicht ſehr gut.“ „Vielleicht kommen Sie heute Abend und ma⸗ chen einen Robber mit uns, wenn Sie nicht anders wohin verſprochen ſind?“ „Ich habe nichts dagegen.“ „Wäre es Ihnen nicht lieber, meine werthe Marquiſe, unſere Whiſtparthie in Ihrer Wohnung vor ſich gehen zu ſehen, ſtatt in der unſrigen?“ fragte Lord Wellerby, dem beifiel, daß die Lady den Kaffee, den Thee und die Lichter bezahlen müßte, wenn ſich die Geſellſchaft bei ihr ver⸗ ſammelte. „Wenn Sie ſo wollen, ſo ſey's drum,“ erwie⸗ derte Lady Mountſerrat;„denn mein Zimmer iſt viel bequemer eingerichtet als das Ihre und es werden viel beſſere Erfriſchungen aufgetragen. Ich ſpare nie an den Koſten, und beſehle meinem cou- rier beſtändig, er ſolle Alles vom Beſten beſtellen. Das iſt nach meiner Ueberzeugung das Beſte was man thun kann um ſich's behaglich zu machen. Gebt mir das Beſte zu eſſen und zu trinken, ſage ich, denn man kann ſein Geld nicht in die andere Welt mitnehmen, deshalb iſt es am Geſcheideſten es ſich in dieſem Leben ſo gut zu Nutze zu machen als möglich.“ Dieſe Grundſätze trafen ſo genau mit den Empfindungen des Herrn Webworth zuſammen, daß ⁵ 1* er mit Achtung und Ehrerbietung auf die Sprecherin blickte. Und von ſolchen wurde er nur gegen Leute ergriffen, die gute Mahlzeiten gaben. „Ich bin mit Ihnen ganz einverſtanden, gnädige Frau,“ bemerkte er,„und glaube, daß das Leben weit angenehmer ſein müßte wenn die ganze Welt Ihrer Meinung wäre.“ „Wer das nicht iſt, den heiße ich einen Nar⸗ ren,“ verſetzte die Lady.„Mit Geld kann man ſich immer ein vorzügliches Frühſtück, gute Zwi⸗ ſchen⸗, Mittags⸗ und Nachtmahlzeiten und Thee verſchaffen. Mit dieſem fünfmaligen Eſſen verbringt man den Tag beſſer als auf jede andere Art, die ich bis jetzt herauszufinden im Stande war und Niemand kann denen ihren Genuß ſchmälern, welche zu zah⸗ len vermögen. Bei jedem andern Vergnügen iſt man mehr oder weniger in gewiſſer Weiſe von Andern abhängig. Des geſellſchaftlichen Umgangs z. B. kann man ſich nicht erfreuen ohne mit den Leuten zuſammenkommen und dann müſſen es noch angenehme Leute ſein die Einem Geſellſchaft zu leiſten geneigt ſind. Aber das Eſſen iſt eine wahre und die einzige Luſt die Niemand ſtören kann.“ Der Ausdruck dieſer Gedanken vollendete die Eroberung des Herrn Webworth und die Achtung, die Ehrerbietung in ſeinem Benehmen gegen die Marquiſe verwiſchte in ihr bald den Zorn den er ihr durch ſeine frühere Bemerkung über iriſche Böcke 101 erregt hatte. Das Geſpräch wandte ſich auf die Kochkunſt und er entwickelte dabei ſo viel Erfah⸗ rung und Kenntniß, er führte ſo viele köſtliche Ge⸗ richte und leckere Frühſtückskuchen auf, daß ihn die Dame verſicherte, wenn er nicht ſonſt verſagt ſey und zum Mittageſſen zu ihr kommen wollte, ſo würde ſie ihm bereitwillig das Geſchäft überlaſſen, die Mahlzeit anzuordnen. Denn ſie ſei nunmehr über⸗ zeugt, daß ſie bedeutend beſſer fahren würde, wenn ſie es ſo machte. Fräulein Sophie war froh als die Geſellſchaft von dem bis zu ſpäter Stunde fortgeſetzten Früh⸗ ſtück aufbrach und es ihr dadurch möglich machte ihr Zimmer aufzuſuchen. Ihr erſter Gedanke bei'm Eintritt in dafſelbe war:„Ach, wie angenehm iſt es, daß ich jetzt ein Zimmer für mich allein habe. Jetzt mahnt mich doch die boshafte, widerliche Schweſter nicht mehr beſtändig an ihr Glück und an eine verhaßte Abhängigkeit von ſelbſtſüchtigen Eltern.“ Wie manches freundliche und ſanfte Gemüth mag verſucht ſein zu zweifeln, ob ſolche unnatürliche Ge⸗ fühle im Herzen einer Schweſter Raum finden können! Wie viele würden unter ähnlichen Umſtänden lang und bitterlich geweint haben, wenn ſie wieder in das Zimmer getreten wären, das einſt von einer ge⸗ liebten Schweſter bewohnt wurde,— der Gefähr⸗ tin der Kindheit, der theuern Freundin im jung⸗ 102 fräulichen Alter; wenn ſie den leeren Stuhl erblickt hätten, auf dem ſie gewöhnlich ſaß, das Bett worin ſie ruhte und in welchem ſie jetzt nicht mehr ſchlum⸗ mern ſollte! Wie viele zarte und trauliche Erin⸗ nerungen an die geliebte Abweſende wären in ihnen aufgeſtiegen, um neue Thränen fließen zu machen — an die vertraulichen Mittheilungen, die ſie ſo ſo lange ausgetauſcht— an die Gelübde unwan⸗ delbarer Neigung, welche ſie in der vergangenen Nacht unter Schluchzen einander bei dem Gedan⸗ ken gethan, daß es die letzte wäre, in der ſie daſſelbe Stübchen mit einander theilten— an das, was ſie ſich noch am Morgen in tiefer Betrübniß geſagt! Und jetzt war das Alles vorbei! Die ge⸗ liebte Geſpielin war ach! in eine neue Heimath abgereist, mit dem, welcher fortan der Herr ihres Geſchicks ſein ſollte. Nunmehr konnten ſie, die bisher keine Trennung erfahren, ſich nie wieder das ſein, was ſie einander von Kindheit auf ge⸗ weſen. Das ſind, wir wiſſen es, die Empfindun⸗ gen, welche die meiſten Schweſterherzen an dem Tage erfüllen, da eine Braut das väterliche Dach verläßt; die der Lady Sophie waren aber himmel⸗ weit davon unterſchieden. Sie verſchloß ihre Thüre, zog das kleine Päckchen hervor und fand zu ihrer unendlichen Freude, daß daſſelbe drei Banknoten, jede von tauſend Francs und nachſtehenden Brief enthielt: 103 „Liebe Sophie! In der Vorausſetzung, daß der alte Herr und meine Schwiegermutter nicht gerade die freigebigſten Aeltern in der Welt ſind, bin ich auf den Gedanken gerathen, daß Ihnen anſtatt eines Hochzeitgeſchenks, wie es ein neuer Schwager gewöhnlich macht, die Summe, die man etwa darauf verwendet, angenehmer ſein würde, und habe deshalb hundert und zwanzig Pfund hier beigeſchloſſen. Es wird mir immer Freude machen, wenn Sie ſo viel als möglich bei meiner Livy und mir ſich aufhalten, und ich zweifle nicht, daß ich im Stande ſein werde Ihnen unter meinen Freunden über kurz oder lang einen Mann zu verſchaffen. Seien Sie alſo gutes Muths und glauben Sie mir, liebe Sophie, daß ich Ihnen ſtets wie ein Bruder zugethan bleibe. Fitzwarren.“ Nie zuvor hatte Lady Sophie auch nur den vierten Theil der Summe beſeſſen, die ſie jetzt ihr Eigenthum nannte und ihre Freude über das Ge⸗ ſchenk war daher ſehr groß. „Er iſt am Ende doch nicht ſo ungeſchliffen,“ rief ſie, als ſie mit dem Durchleſen des Briefs fertig geworden. Dann faltete ſie die Banknoten wieder zuſammen, that ſie in ein hübſches kleines Futteral und verſchloß ſie in der Schublade ihres Nachttiſchchens.„Ach, wenn ich nur ſo glücklich geweſen wäre ihn zu kriegen, wie glücklich würde ich jetzt ſein. Und es lag blos an ihrer größeren Gewandtheit im Schmeicheln und in der Verheim⸗ lichung ihrer Bosheit, daß ſie den Preis davon trug. Ach, es iſt eine Folter ſich denken zu müſſen, daß ich ihn hätte erobern können, wenn ich ge⸗ ſcheider geweſen wäre.“ Hier betrachtete Lady Sophie ihr Geſicht im Spiegel mit nicht geringer Selbſtgefälligkeit,„denn was das äußere Anſehen betrifft, ſo kann Niemand läugnen, daß ich mich gerade ſo gut, wo nicht beſſer ausnehme als Livy. Ja, Fitzwarren wird ſich als ein nützlicher ſowohl als großmüthiger Freund erweiſen, wenn ich mir ſein Wohlwollen zu erhalten ſuche; deswegen will ich ihm einen Brief ſchreiben und ihm darin meinen Dank abſtatten. So zuwider mir Livy auch iſt, es wäre doch immerhin weit ſchöner mit ihnen in London oder Melton als zu Hauſe zu ſein, ich muß mich darum mit ihr ausſöhnen, damit ſie mich einladet. Es iſt wahrhaftig etwas recht Behag⸗ liches zu wiſſen, daß man hundert und zwanzig Pfund ſein eigen nennen kann. Wie kurze Zeit dürfte ich ſie behalten, wenn es die Mutter wüßte; aber ich werde dafür ſorgen, daß ſie nichts davon erfährt. Es kommt mir vor, als müßte es von Vortheil ſein, wenn ich der abſcheulichen Marquiſe einige Aufmerkſamkeit erwieſe. Sie iſt reich wie Cröſus und wer weiß, ob ſie mir, wenn ich mich 105 ihr angenehm mache, nicht einen Theil ihres Reich⸗ thums ſchenkt oder ob ich nicht wenigſtens ein paar hübſche Geſchenke davon trage. Der Vater und die Mutter machen ihr den Hof, um ſie zum Whiſt⸗ ſpielen zu verleiten und ihr Geld abzugewinnen. Da ſehe ich nicht ab, warum ich nicht auch ver⸗ ſuchen ſollte aus einer ſo gemeinen und ſchmählichen Bekanntſchaft einigen Vortheil zu ziehen. Ich habe auch bemerkt, daß Herr Webworth heute bemüht war ſich bei ihr in Gunſt zu ſetzen; den kann ich aber aus dem Feld ſchlagen, wenn ich es gehörig darauf anlege.“ Dieſes waren die Betrachtungen der Lady So⸗ phie Wellerby, während ſie in ihrem Zimmer ſaß, und ihr ſpäteres Benehmen wird beweiſen, daß ſie auch demgemäß handelte. Ihre Frau Mutter ver⸗ ließ nebſt dem Herrn Gemahl den Gaſthof, um auszufahren und dadurch ein heftiges Kopfweh zu vertreiben, welches ſie in Folge zu vielen Eſſens und einiger Gläſer Champagner bekommen hatten. Lady Sophie erfand die oder jene Ausrede, um ſie nicht begleiten zu müſſen und kaum waren Sie fort, als ſie ſich in die Wohnung der Marquiſe begab. Sie traf dieſelbe in einer bergére liegend und ganz erſchöpft von der Aufregung, die ihr der Wein und das kurz vorhergegangene ſchwelgeriſche Mahl verurſachten. Sie fuhr erſtaunt auf, als ſie ihren Beſuch erblickte; denn bisher hatte Fräulein 106 Sophie ein ſo kaltes und hochmüthiges Betragen gegen ſie eingehalten, daß ſie nicht darauf vorbe⸗ reitet war von dieſer Seite einen Schritt zu ver⸗. trauterem Umgang gethan zu ſehen.„Was Tau⸗ ſend, Fräulein, ſind Sie's?“ fragte Lady Mount⸗ ſerrat, indem ſie ſich aus ihrer liegenden Stellung aufrichtete. „Bitte, bleiben Sie doch,“ erwiederte Lady Sophie.„Die Wahrheit iſt, ich fühlte mich ſo verlaſſen und ſo trübe geſtimmt,“ hierbei hielt ſie das Sacktuch vor die Augen, daß ich herüberging, um mich ein wenig bei Ihnen zu ſetzen; denn ich weiß, was Sie für ein gutes Herz haben und daß ich hier von ſonſt Niemand Theilnahme erwarten darf.“ „Nun, ſo ſollen Sie bei mir ſolche finden; ich kann mir wohl vorſtellen, wie einſam Sie ſich vorkommen müſſen, da Sie jetzt, möchte man ſagen, ganz allein ſind, denn Vater und Mutter ſind keine Geſellſchaft, wie eine Schweſter, wenn mir ſchon, die Wahrheit zu ſagen, die Ihrige nie⸗ mals eine ſehr freundliche oder liebende Schweſter zu ſein ſchien.“ „Ach, meine liebe Freundin, denn Sie müſſen mir ſchon erlauben Ihnen dieſen Namen zu geben, Sie haben nur zu gut errathen, wie es um mich ſteht. Lady Fitzwarren war wirklich keine freund⸗ liche Schweſter, aber ich habe von Haus aus ſo 107 viel Hang zur Zärtlichkeit, daß ich alle meine Her⸗ zensneigung, wenn ſie ſchon nicht erwiedert wurde, an die Geſpielin meiner Kindheit, an die Genoſſin meiner reiferen Jahre verſchwendete.“ „Um ſo einfältiger von Ihnen, werthes Fräu⸗ lein. Machen Sie es ſich für immer zur Regel, nur denen gut zu ſein, die es gegen Sie ſind, dann können Sie nicht fehl gehen. Das iſt mein Grundſatz und davon gehe ich niemals ab.“ „Lady Fitzwarren beherrſchte mich völlig, denn meine thörichte Liebe zu ihr war ſo groß, daß ich ihren Wünſchen beſtändig nachgab. Vom erſten Augenblick an, da mir das Vergnügen zu Theil wurde, theure Lady Mountſerrat, Sie kennen zu lernen, ſehnte ich mich in ein vertrauteres Freund⸗ ſchaftsverhältniß zu Ihnen zu treten, denn ich fühlte, daß wir zu einander paſſen; aber es erregte mei⸗ ner Schweſter Eiferſucht, daß ich von Ihnen an⸗ gezogen ward und ſie gab nicht zu, daß ich Sie aufſuchte. Jetzt, da ich von ihrem Einfluß frei bin, kann ich es thun.“ Dabei ergriff Lady Sophie die rothe, plumpe Hand der Marquiſe und drückte ſie zärtlich.* „Sieh da, wie man ſich in den Leuten irren kann. Werden Sie es glauben?— Ich meinte, Sie und Ihre Schweſter könnten einander nicht ausſtehen und Sie beide hegten auch nicht ſehr viel Wohlwollen gegen mich. Aber ich ſagte bei 108 mir ſelbſt, was liegt mir daran, ob ſie mich gern haben oder nicht; und ſo ging ich meines Wegs, ohne mich darum zu ſcheeren. Da Sie mir aber erklären, daß es wirklich Ihr Wunſch ſei, mit mir gut Freund zu werden, ſo dürfen Sie ſich darauf verlaſſen, daß ich nichts dagegen habe. Ihre Schweſter war alſo eiferſüchtig auf mich? Wie lächerlich! ich bin doch verheirathet und könnte ihr nicht im Wege ſtehen,“ verſetzte die Marquiſe, der die Schmeichelei der Lady Sophie offenbar gefiel. „Ich weiß wohl, daß das nicht abſichtlich von Ihnen geſchah, meine liebe Freundin; aber ſie fürchtete eben, Lord Fitzwarren möchte Vergleichun⸗ gen anſtellen, er möchte Sie reizender finden und ſie am Ende fahren laſſen.“ „Armes Ding, es thut mir leid, daß ich ihr Verdruß bereitet habe.“ „Und wollen Sie mir erlauben, daß ich Sie recht von Herzen liebe, wollen Sie mir verſpre⸗ chen, mich dafür ein klein wenig gern zu haben?“ fragte Lady Sophie und nahm ihr gewinnendſtes Lächeln an. „Gewiß will ich das, da haben Sie meine Hand darauf,“ entgegnete die Marquiſe, welche die Schmeichelei und die Schmeichlerin bereits be⸗ zaubert hatten. „Und nun, da wir uns Freundſchaft gelobt 109 haben, will ich völlig offen gegen Sie ſein, meine liebe Marquiſe. Meine Beſuche bei Ihnen, wenn ich ſie allein mache, müſſen verſtohlener Weiſe vor ſich gehen. Die Mutter erlaubt mir nie Jemand zu beſuchen, außer mit ihr, und ſie würde ſehr böſe werden, wenn ſie herausbekäme, daß ich ihr Gebot übertrete. Wenn wir daher einander in ihrer Gegenwart treffen, ſo müſſen wir thun, als hätten wir uns heute noch nicht geſehen. Sie werden ſich darnach richten, nicht wahr, meine liebe Freundin?“ „Gewiß, und es wird uns viel zu lachen geben, der alten Frau eine Naſe zu drehen, glauben Sie nicht?“ „Es wird ein Hauptſpaß werden. Sie ſind ſo verſtändig und ſo unterhaltend, daß ich ſchon beſſer aufgelegt bin.“ „Ja, ich bin nicht ſo dumm, verlaſſen Sie ſich darauf. Wie hätte ich mir ſonſt des Herrn Maclaurin ganzes großes Vermögen verſchaffen oder eine Marquiſe werden ſollen, wenn das nicht der Fall wäre?“ „Sie hätten Alles werden können, was Sie gewollt hätten, meine liebe Freundin. Mit einer Schönheit, wie die Ihrige und mit ſo viel Ver⸗ ſtand, wer könnte Ihnen da widerſtehen?“ „Und doch ſehen Sie, daß mich der Ausreißer, der Marquis, am Ende blos wegen meines Geldes 11⁰ geheirathet hat. Ach, der Gedanke an dieſen Mann quält mich beſtändig.“ „Er verdient es nicht, daß Sie einen Gedan⸗ ken an ihn verſchwenden. Was tragen Sie da für eine ſchöne Vorſtecknadel, ich habe niemals etwas auch nur halb ſo Hübſches geſehen.“ Und Lady Sophie blickte mit lüſternen Augen auf das Zierrath, welches das Kleid der Marquiſe zuſammen⸗ hielt. „Es freut mich, daß ſie Ihnen gefällt,“ er⸗ wiederte die letztere und machte ſie alsbald los; „denn ſie gehört Ihnen;“ und dabei befeſtigte ſie dieſelbe an die collerette der Lady Sophie. „Ich darf wahrhaftig für nichts mehr Bewun⸗ derung zeigen, was Sie anhaben,“ verſetzte Lady Sophie und ſtellte ſich, als käme ſie in Verlegen⸗ heit, insgeheim war ſie jedoch voll Freude über das Geſchenk,„aber Sie beſitzen einen ſo vollen⸗ deten Geſchmack, liebe Freundin, daß man ſich nicht enthalten kann dem Staunen Worte zu geben, welches Ihre prächtigen Schmuckſachen und Kleider Einem einflößen.“ „Da fällt mir ein,“ ſagte die Marquiſe,„daß es im Sprichwort heißt, ſpitzige Geſchenke bringen Unglück, wenn man nicht die oder jene Münze dagegen gebe. Laſſen Sie mir alſo einen Parlo zukommen, um dem ſchlimmen Falle vorzubeugen.“ „Ich habe keinen bei mir,“ erwiederte Lady 1¹¹ Sophie;„aber Sie ſollen einen bekommen, wenn wir uns das nächſte Mal treffen.“ „Nun, geben Sie aber Acht, daß Sie es nicht vergeſſen; denn ich habe erlebt, daß ſolche Sachen eingetroffen ſind, wenn Geſchenke mit einer Spitze oder einer ſcharfen Schneide gemacht wurden. Da war in unſerm Dorfe in Irland ein recht hübſches Mädchen, die kaufte auf dem Jahrmarkt ein Feder⸗ meſſer, um es ihrem Schatz zu geben, mit dem ſie nächſtens Hochzeit haben ſollte. Zwei Tage darnach brach er das ganze Verhältniß mit ihr ab— das Federmeſſer hatte die Liebe zerſchnitten. Die Leute ſagten freilich, er hätte herausgebracht, daß ſie ſich von einem andern jungen Mann Ge⸗ ſchenke gefallen ließe und er hätte ſie auch davor gewarnt ſich mit demſelben abzugeben. Das ſei die Urſache davon geweſen; ich meine aber, daß das Federmeſſer die eigentliche Veranlaſſung dazu ge⸗ geben hat.“ Lady Sophie fühlte ſich verſucht über die nai- veté zu lachen, mit der die parvenue verrieth, in welcher Claſſe der Geſellſchaft ihr die Tage der Jugend vergangen waren. Sie drängte aber das Gelüſte zurück und pflichtete ſchweigend den Aeuße⸗ rungen ihrer neuen Freundin bei; auch verließ ſie dieſelbe nicht, als bis der Wagen ihrer Mutter vor der Thüre anfuhr und ſie an das Weggehen mahnte.„Leben Sie wohl, meine ſüße Freundin,“ 112 ſagte ſie, indem ſie die Marquiſe mit erheuchelter Wärme umarmte; am Abend ſehen wir uns wie⸗ der. Wie ſehr wünſchte ich, Sie könnten ſich ungeſtört mit mir unterhalten, ſtatt Karten zu— ſpielen!“ Es geht mir auch ſo; denn ich habe keine Freude am Spielen und verliere mein Geld durchaus nicht gern. Nicht daß mir etwas daran läge, aber es iſt mir zuwider, daß ich immer ſo viel Unglück dabei habe.“ Fünftes Kapitel. „Wer jung und reich iſt, weſſen Lebenspfad Der Blumen reiche Menge ſo bedeckt, Daß ſie die Dornen drunter auch verſteckt, Der denke nach und folge gutem Rath! Ergibt man ſich zu ſehr der Luſt im Glück, So bringt ſie Schmerz und bald verwelkt der Kranz, Der duftende, der Anmuth lieh und Glanz Dem luſt'gen Leben einen Augenblick. Wie man mit Kränzen einſt bei den Gelagen Ein jedes rothe Angeſicht umwand Und rothen Wein in Bechern voll zum Rand, So treibt man es auch noch in unſern Tagen. 113 Doch iſt ein noch ſo ſchön bekränzter Becher, Weil um den Wein die duft'ge Blume endet Und edler Wein ihm ſeine Blume ſendet, Darum nicht minder ſchädlich für den Zecher.“ „Strathern iſt alſo ganz fertig, vollſtändig zu Grunde gerichtet, wie ich höre,“ ſagte der Mar⸗ quis von Mountſerrat zu Lord Franz Musgrove und ein paar Andern von der Geſellſchaft, die in dem Bogen⸗, oder wie man ſagen ſollte, in dem beau-Fenſter in N. N.'s Club ſaßen. „Dem Vernehmen nach, ja,“ antwortete Lord Franz mit langem und tranrigem Geſicht. „Aber wie zum Teufel iſt er denn ſein Geld ſo ſchnell los geworden? Man hat doch immer gegen mich behauptet, er beſäße ein ganz ungeheures Ver⸗ mögen und ſo viel ich weiß, iſt er nie dem Spiel ergeben geweſen,“ fragte einer von den Anweſenden. „Du haſt ihn ja im Ausland getroffen, Mount⸗ ſerrat, nicht wahr?“ fuhr ein Anderer von der clique fort.„Wie hat er denn da gelebt?“ „Ich kam mit ihm ſo ſelten zuſammen, als möglich, denn ich konnte ihn nie leiden, er war immer ſo ein gezierter Kerl,“ lautete die Erwie⸗ derung des Marquis. „Hat er denn in Italien dumme Streiche ge⸗ macht, aus denen ſich dieſe unerwartete Zerrüttung ſeiner Verhältniſſe erklären ließe?“ fragte abermals ein Anderer. Strathern 1v. 114 „Ja, er verſchleuderte eine Maſſe Geld mit Bildſäulen.“ „Ich habe von vielen ſeiner Univerſitätsfreunde gehört, er ſei ein ganz trefflicher Burſche von tau⸗ ſend guten Eigenſchaften geweſen,“ äußerte ein hübſcher junger Mann mit ſchönem Lockenhaar. „Wie Jeder, von dem es heißt, es ſtehen ihm viele Tauſende zur Verfügung;“ verſetzte Lord Mountſerrat und machte ein hochmüthiges Geſicht. „Die guten Eigenſchaften der Reichen,“ fuhr er fort,„werden in London niemals überſehen, das kann ich Sie verſichern, Campbell, und da Sie noch ſehr jung ſind“— der Sprecher legte eine ſtarke Betonung auf die zwei Worte—„ſo würden Sie gut thun ſich an dieſen Umſtand zu erinnern, denn es dürfte Sie weniger leichtgläubig in Bezug auf den angeblichen Werth derer machen, die Sie loben hören.“ Herrn Campbell ſtieg das Blut in's Geſicht, denn er fühlte wohl den Spott, der darin enthal⸗ ten war. Er war aber nicht der Mann, der ſo Etwas ungerügt vorbeigehen ließ, daher wandte er ſich gegen den Marquis und erwiederte:„Ich kann Ihnen nicht ganz Recht geben, wenn Sie behaupten, daß der Reiche immer Leute finde, die bereit ſeien ihm gute Eigenſchaften zuzuſchreiben. Ich z. B⸗ kenne gewiſſe Menſchen,“ hierbei blickte er feſt auf Mountſerrat,„an deren Reichthum Niemand zweifelt, von denen aber keine Seele Gutes redet.“ Der Marquis biß ſich auf die Lippen, that aber, als hätte er die Anzüglichkeit nicht vernom⸗ men, während Einige aus der Gruppe lachten und Blicke mit einander wechſelten. „Ich glaube, Campbell, Sie gehören zu den Vaterlandsfreunden, die einen Staat für ſich bil⸗ den und Alles nach ihrem Kopf ummodeln wollen,“ fing der Lord Mountſerrat wieder an.„Es iſt einer Ihrer Glaubensartikel, den Schwachen zu ver⸗ theidigen. Sie ſind einer von der edeln Geſell⸗ ſchaft, die ſich in der uneigennützigen Abſicht zu⸗ ſammengethan hat, die Welt aufzuklären und die canaille in Schutz zu nehmen.“ „Und Sie, mein Herr Marquis,“ entgegnete Herr Campbell,„gehören meines Erachtens zu demjenigen Theil des hohen Adels— dem Himmel ſei Dank, er iſt nur klein— der nur an ſein eigenes Vergnügen denkt, und wie einſt das Kebs⸗ weib des Königs in einem benachbarten Reiche zu dem Ausruf bereit iſt: Aprés nous le déluge.“ „Ich geſtehe, daß ich keine Anſprüche auf allzu⸗ große Reinheit der Sitten und patriotiſche Beſtre⸗ bungen mache, wie Ihres Gleichen„ lautete die Antwort.„Ich will nicht, daß die unteren Volks⸗ klaſſen im Leſen und Schreiben unterrichtet werden, 8* 116 damit ſie die Rechnungen fälſchen und es ihnen mög⸗ lich gemacht wird uns leicht und ungeſtraft auszu⸗ ziehen. Statt, wie Sie und Ihre Freunde, Herr Campbell, der canaille die Mühen erleichtern und ihnen mehr Zeit zur Erholung verſchaffen zu wollen, wünſche ich vielmehr ſie, wie es ihre Väter waren, in ihrem urſprünglichen, unwiſſenden Zuſtand zu laſſen. Sie ſollen ihr Leben in unaufhörlicher Arbeit verbringen, dann bliebe ihnen keine Zeit ſich in Erörterungen über Staatsangelegenheiten zu miſchen und diejenigen zu beunruhigen, welche zur Herrſchaft über ſie geboren ſind.“ „Zum Glück für die Sache der Menſchheit,“ verſetzte Herr Campbell und ſein Geſicht ward feuerroth vor Unwillen,„ſind die Anſichten und Gefühle, die Sie eben ausgeſprochen haben, ſo ab⸗ gekommen und ſo unvolksthümlich geworden, daß Wenige die Kühnheit haben würden ſie laut werden zu laſſen. Sie haben ſich dabei eines Ausdrucks bedient, der glücklicherweiſe in unſerer Sprache gar nicht vorkommt und für den wir kein gleichbedeu⸗ tendes Wort beſitzen. Dieſe Schimpfrede hört man heutzutage ſelbſt in dem Lande nicht mehr, wo ſie zuerſt aufkam und ſie paßt keineswegs auf das engliſche Volk, das wackerſte und edelſte unter der Sonne.“ „Bravo, bravo, Campbell!“ ſchrien ein paar Mitglieder des Clubs.„Campbell ſoll leben! X X 117 Campbell, der Freund des Volks, wie ſeine Wäh⸗ ler ihn genannt haben!“ „Und der Freund des Volks will ich bleiben, ſo lange ich athme,“ ſagte Campbell.„Ich rechne es mir zur Ehre der Geſellſchaft anzugehören, welche die Segnungen der Erziehung auch auf ihre ärmeren Brüder ausdehnen und die Mühſeligkeiten ihrer Lage erleichtern möchte.“ „Ich wünſche Ihnen Glück zu dieſer Aufgabe. Die Arbeit des Herkules, als er den Stall des Augias reinigte, hält kaum einen Vergleich mit der Ihrigen aus, wenn Sie die dummen Köpfe des Pöbels von ihrem Schmutze ſäubern wollen— ich gebrauche dieſe Bezeichnung aus Achtung vor Ihrem Widerwillen gegen eine, welche die Sache beſſer wieder gibt— canaille.“ „Ich ſtelle in Abrede, daß das engliſche Volk dumm oder in Schmutz verſunken iſt. Es fehlt ihm blos an Unterweiſung— und der Sinn dafür entwickelt ſich mit jedem Tage mehr— um es zu dem zu machen, wozu es die Natur beſtimmt hat, zu einem klugen und denkenden Volk, das an der Wohlfahrt und Ehre ſeines Vaterlandes lebhaften Antheil nimmt und zu Beidem redlich das Seinige beiträgt.“ „Herr Campbell, ich glaube, dieſer Streit macht den Anderen ebenſo wenig Unterhaltung als mir.“ 118 „Sie haben ihn herbeigeführt und mich zum Spott einen Vaterlandsfreund geheißen. Ich wollte, ich könnte mich dieſes Titels in Wahrheit würdig achten. Ich weiß nicht, wie ich mir Ihren Un⸗ willen zugezogen habe, es müßte denn durch meine Behauptung geſchehen ſein, daß ich Vieles von dem Edelmuth des Herrn Strathern gehört habe.“ „Ich habe nie einen Beweis geſehen, der die⸗ ſes Lob rechtfertigte,“ entgegnete Mountſerrat. Entweder dachte er nicht daran, wie oft und mit welcher Freigebigkeit ihm Strathern früher die hel⸗ fende Hand gereicht und daß er ihm dies nie ver⸗ golten hatte; oder er wollte aus ſonſtigen Grün⸗ den auf der Unwahrheit beharren. „Indeſſen hat er doch dem armen Kerl, dem Olliphant, eine bedeutende Summe gegeben,“ ver⸗ ſetzte Herr Campbell,„und Andere, welche Tau⸗ ſende von unglücklichen Menſchen gewonnen hatten, ſollen ihm ein paar lumpige hundert Pfund abge⸗ ſchlagen haben, mit denen er in einem fernen Lande ſein Glück verſuchen wollte.“ „Ich möchte faſt ſagen, das Gerede von dem großen Geſchenk ſei blos erdichtet,“ bemerkte ein Anderer.„Die Leute ſind heutzutage nicht ſo ge⸗ neigt Tauſende wegzuwerfen.“ „Man ſollte nicht von Geldwegwerfen ſprechen, wenn es gilt einen alten Freund zu unterſtützen,“ erwiederte Herr Campbell. — „ 119 „Verlaſſen Sie ſich darauf,“ entgegnete ein Anderer;„er muß eine Unmaſſe von dummen Streichen gemacht haben, nebendem, daß er noch das einfältige Haus baut. Er war immer ein ſchlauer Kerl und wußte ſeine Untugenden vor den Leuten zu verbergen.“ „Meines Erachtens hat er ein verzweifeltes Spiel mit Staatspapieren getrieben,“ äußerte ein Dritter. „Man erzaͤhlt ſich, er habe einem fremden duo eine ungeheure Summe bezahlt, um zu verhin⸗ dern, daß dieſer eine Entſchädigungsklage gegen ihn einreiche; es ſollen nämlich einige von Stratherns Briefen an die ſchöne duchesse in ihres Mannes Hände gerathen ſein,“ ſagte Herr Crawley. „Nun, nun, das muß ein Mährchen ſein, welches in London von irgend Jemand aufgebracht worden iſt, der nichts zu thun hat und allerlei ärgerliche Geſchichten ausheckt, denn wer das, Feſt land auch nur einigermaßen kennt, muß wiſſen daß⸗ Entſchädigungsklagen für Vergehen, wie das von ihnen bezeichnete, daſelbſt gar nicht vorkommen.“ „Sie werden doch nicht damit ſagen wollen, die Frauen im Ausland ſeien beſſer als unſere eigenen?“ fragte ein ältlicher Herr mit einer Brille, der bis jetzt am Geſpräch keinen Theil genommen, ſondern ſich mit dem Schreiben eines Briefes be⸗ ſchäftigt hatte. 120 „Gewiß nicht, ich meine blos, auf dem feſten Land ſeien zwar Urſachen genug vorhanden, um den Advokaten zu thun zu geben, aber man ſtelle die Fehltritte der Weiber nicht ſo öffentlich blos, daß Mann und Kinder beſchimpft und die Zeitungs⸗ leſer verdorben werden.“ „Da muß alſo der beleidigte Ehemann, wie man ſich ausdrückt, die Schmach einſtecken und kriegt kein Schmerzengeld für ſeine Wunde? Da ſprechen ihm keine zwölf ehrbare Männer fünf oder zehntauſend Pfund zu als eine Schadloshaltung für den Verluſt ſeines Weibes?“ „Gewiß nicht. Ein ſolches Verfahren ſeiner⸗ ſeits würde man durchaus für ehrenrührig halten.“ „Aber, wieder auf Strathern zu kommen,“ ſagte Herr Crawley,„vergangene Nacht hieß es, er ſei durch den Bankerott der Herrn Takein und Cheatall zu Grunde gerichtet worden, in deren Hände er ein großes Capital gelegt gehabt hätte, um es zu ſechszig Procent auszuleihen.“ „Das kann ich wohl glauben,“ bemerkte ein ältlicher Mann, deſſen Blicke bisher auf die Spal⸗ ten einer Sonntagszeitung geheftet geweſen waren, eines Blattes, das ſich durch ſeine heftigen Angriffe gegen die höheren Stände auszeichnet. „Aber das geht ja uͤber alle Vorſtellung,“ ſagte Herr Campbell. —„ 121 „Wie ſo? Andere haben es gerade ſo ge⸗ macht,“ lautete die Antwort. „Sie müſſen nicht Alles für baare Münze nehmen, was Crawley ſagt,“ bemerkte einer aus der Geſellſchaft.„Er verfährt nach einem Grund⸗ ſatz, der mit unſerem engliſchen Geſetz in geradem Widerſpruch ſteht, denn er ſieht Jedermann ſo lange der Verbrechen für ſchuldig an, deren man ihn be⸗ zichtigt, bis das Geſetz ihn freiſpricht.“ „Auf dieſe Art allein ſichert man ſich vor dem Betrogenwerden,“ erwiederte Crawley. „Du haſt Strathern oft beſucht, ſeit er zurück iſt,“ äußerte der Marquis von Mountſerrat, indem er ſich an Lord Franz Musgrove wendete. „Doch nicht.“ „Nun Franz, Du wirſt uns doch nichts auf⸗ binden wollen? Ich habe Dich ein halb Dutzend Mal zu ihm auf ſein Zimmer bei Clarendon gehen ſehn.“ „Ja,“ fügte ein Anderer bei,„und ich habe geſtern mit Jemand geſprochen, der mir ſagte, Strathern habe für Sie Wechſel angenommen.“ „Es ſind allerdings ein paar Wechſel zwiſchen uns ausgetauſcht worden, mit denen wir unſere gegenſeitigen Forderungen ausgeglichen haben,“ ent⸗ gegnete Lord Franz Musgrove, ohne roth zu werden. „Dann biſt Du ſchön in der Patſche,“ ant⸗ wortete der Marquis. 122 „Das fürchte ich ſelber auch,“ verſetzte Lord Franz;„aber es war eine verfluchte Bosheit von Strathern, Einen ſo dran zu kriegen und Einem weiß zu machen, er ſei reich.“ „Wenn er aus dem Schuldthurm herauskommt, ſo kriegen wir ihn auf den Hals. Er wird von allen ſeinen alten Bekannten verlangen, ſie ſollen ihm Geld leihen,“ ſagte Crawley.“ „Wie langweilig und widerlich!“ erwiederte einer aus der Geſellſchaft. „Es gibt blos ein Mittel dem zu entgehen, nämlich mit ihm zu brechen. Ich entſchlage mich ſtets der Bekanntſchaft mit Leuten, die zu Grund gerichtet ſind,“ bemerkte Crawley. „Ich glaube, Sie ſind einmal in einen ver⸗ drießlichen Handel dadurch gerathen, daß Sie nach dieſem Grundſatz handelten,“ meinte der Marquis von Mountſerrat. „Nun, es iſt manchmal einige Gefahr dabei, wie ich zugeſtehe; aber arme Leute ſind zum Stolz geneigt und nehmen es übel, wenn man nichts mehr mit ihnen zu ſchaffen haben will, wie in dem Fall, auf den Sie ſich beziehen. Ich hätte wahrhaftig faſt ein Duell auf den Hals bekommen, aber mein armer und hochmüthiger Gegner konnte, wie ich mir ſchon zum Voraus dachte, keinen Freund auftreiben, der ihm ſekundiren wollte, und ſo kam ich die Geſchichte los. Aber Spaß bei Seite, wir, — — 123 die élite der Geſellſchaft, ſollten wahrhaftig uns über ein Geſetz einigen, wodurch das Verfahren feſtgeſtellt würde, das unter ſolchen Umſtänden ein⸗ zuhalten wäre.“ „Ein trefflicher Einfall!“ ſagte Lord Mount⸗ ſerrat,„und ich wünſchte, daß es folgendermaßen lautete: Wir kommen dahin überein, daß kein zu⸗ rückgekommener Bekannter oder ehemaliger Freund ſich Rechnung darauf machen darf von einem Mann von Stande angeredet zu werden. Auch die Briefe eines ſolchen brauchen nicht beantwortet zu werden und Niemand iſt gehalten eine ſogenannte Genug⸗ thuung zu geben, ſollte ſie auch unter dem Vor⸗ wand einer Beleidigung gefordert werden. Ferner ſetzen wir feſt, daß jeder Mann von Stande, wel⸗ cher dieſe Anordnung übertritt, von dieſer Genoſſen⸗ ſchaft ausgeſchloſſen werden ſoll.“ „Sehr gut, ausgezeichnet!“ riefen Mehrere der Anweſenden. „Nein, nein!“ ſchrie Herr Campbell unwillig. „Ein derartiges Geſetz würde die Menſchheit ent⸗ ehren und ich weiß, ich kann auf verſchiedene Freunde zählen, die gegenwärtig nicht hier ſind und es mit eben ſo viel Verachtung verwerfen wür⸗ den, als ich.“ Während die Mitglieder des Clubs ſich mit dieſer persiflage unterhielten, litt Strathern unter all den quälenden Vorſtellungen, die ein ſtolzes 124 und empfindliches Gemüth unter ſeinen beſondern Verhältniſſen heimſuchen. Die Nachricht von ſeiner Verhaftung hatte ſich wie der Blitz in der ganzen Stadt verbreitet. In Folge davon wurde die Be⸗ zahlung der wenigen Gegenſtände, die er ſeit ſeiner Ankunft in London gekauft, in ziemlich derben Aus⸗ drücken verlangt und er ſah ſich wie einen Men⸗ ſchen betrachtet und behandelt, der in Noth, ja in Armuth gerathen iſt. Und das iſt Etwas, was in London am Meiſten gefürchtet, am Sorgfältigſten vermieden werden muß. Sein ci-devant-Freund, Lord Franz Musgrove und eine Menge würdiger Leute ſeiner Art bekam er nur noch auf der Straße in der Entfernung zu ſehen. Kaum aber gewahr⸗ ten ſie ihn, ſo wandten ſie ſich alsbald nach einer andern Richtung hin. Der Marquis Mountſerrat bewies mehr Unverſchämtheit; er ſchaute Strathern gleichgültig in's Geſicht und ging davon, wie wenn er ihn vorher nie erblickt hätte. Einen Augenblick regte ſich Strathern's Galle und er fühlte ſich halb verſucht ihm nachzugehen und für dieſen Schimpf Genugthuung zu fordern, aber ein kurzes Nachdenken lehrte ihn, daß ein ſolch gemeiner Kerl keine Beach⸗ tung von ihm verdiene und die Verachtung trat in ſeiner Bruſt an die Stelle des Zorns. Lord Delmington zog nunmehr auf ihn abermals einen Wechſel von bedeutendem Betrag und er wurde davon durch ſeinen Bankier mit der Bemer⸗ 125 kung benachrichtet, daß die Bezahlung deſſelben nicht allein alles Geld, was er bei ihnen nieder⸗ gelegt, in Anſpruch nehme, ſondern ihn auch für einige hundert Pfund zu ihrem Schuldner machen würde. Es ſetzte Strathern in Verwunderung und brachte ihn in große Verlegenheit, daß ſein Freund ſo beträchtliche Summen begehrte. Eben überlegte er die Schritte, die er zu thun hätte, um den dringenden Verlegenheiten des Augenblicks auf or⸗ dentliche Art zu begegnen, da erhielt er einen Brief von Herrn Papworth, der beſagte, daß es ihm endlich und nach manchen unerwarteten Schwierig⸗ keiten gelungen ſei einen Mann aufzutreiben, der ſich geneigt zeige die Summe vorzuſchießen, welche nöthig war, um mit Herrn Drinkwater in's Reine zu kommen. Derſelbe ſtelle äußerſt billige Bedingun⸗ gen und das Geld würde ausgeliefert werden, ſo⸗ bald der Vertrag aufgeſetzt ſei.„Sein Sie ver⸗ ſichert,“ ſchrieb Papworth,„daß Sie dabei weit beſſer fahren, als wenn Sie Staatspapiere in einer Zeit losſchlügen, da ſie ſo niedrig ſtehen, als gerade jetzt. Ich rathe Ihnen daher ernſtlich auf den Vorſchlag einzugehen.“ Strathern that dem Anwalt ſchriftlich ſeine Zu⸗ ſtimmung kund und erklärte ſeinem Bankier, er wolle den Wechſel, den Lord Delmington auf ihn gezogen, bezahlen. Indeſſen ging das nicht ab, ohne daß einer der Theilhaber an dem Geſchäfte 126 ſich die Freiheit nahm ihm zu bedeuten, es ſei un⸗ klug einem Freunde carte blanchè auf ſich zu geben. Ja dieſes wäre ſelbſt gegenüber dem nächſten und liebſten Verwandten eine Unvorſichtigkeit, die wenig Leute oder gar Niemand je begangen habe, ohne veranlaßt zu ſein es zu bereuen. Schon die nächſte Poſt brachte ein Schreiben von Lord Delmington mit der Nachricht, er habe am ſelben Tage ent⸗ deckt, daß ſein Courrier ſeinen Namen zu zwei Wechſeln von hohem Betrag mißbraucht und ſich mit dem Gelde aus dem Staube gemacht habe. Nun ſeien alle Rechnungen für ſeinen Haushalt unbezahlt und er ſelber deshalb in großer Verle⸗ genheit.„Ich muß darum, mein lieber Freund, das Geſuch an Dich richten, tauſend Pfund zu hinterlegen und mir ſo bald als möglich einen Cre⸗ ditbrief in dieſem Belauf zu ſchicken, denn der Diebſtahl dieſes Schurken hat mich ohne einen Heller gelaſſen.“ Nie hätte eine ſolche Forderung zu einer unge⸗ legneren Zeit kommen können. Was war anzufan⸗ gen? Strathern wußte, daß es, wenn nicht nutzlos, ſo doch demüthigend ſein würde, ſich an ſeinen Bankier zu wenden, nachdem ihm derſelbe erſt Tags zuvor die angeführte Bemerkung in Betreff ſeiner Freigebigkeit gegen einen Freund gemacht hatte. Dieſes wiederholte Anſinnen hätte die Leute in ihrem Glauben an ſeine Unbedachtſamkeit noch 127 beſtärkt, und wollte er ihnen die Urſache davon mittheilen, ſo ſtand zu erwarten, daß ſie ihm Vor⸗ würſe machten, weil er einem ſo fahrläſſigen Men⸗ ſchen Vertrauen ſchenke, wie ſich Lord Delmington bei dieſem Handel ausgewieſen. Während er noch trüben Betrachtungen darüber nachhing, auf welche Art er das Bedürfniß ſeines Freundes mit ſo we⸗ nig als möglich Aufſchub befriedigen könnte, trat ein Kellner mit den Morgenzeitungen ein. Stra⸗ thern ergriff mechaniſch eine davon und überlas ſie. Da blieben ſeine Augen auf folgenden Zeilen haf⸗ ten, welche die großgedruckte Aufſchrift trugen: „Tod des Marquis von Roehampton.“: Wir haben die traurige Pflicht, das plötzliche Ableben dieſes ausgezeichneten und viel bedauerten Edeln anzuzei⸗ gen, welches auf dem Landſitz Sr. Herrlichkeit, Schloß Roehampton am 29. l. M. nach einer Krankheit von nur wenigen Stunden erfolgt iſt. In ſeinen Titeln folgt dem Marquis ſein einziger Sohn, der Graf von Roehampton, gegenwärtig auf dem Feſtlande, wo er ſich ſeit einigen Mona⸗ ten zu Herſtellung ſeiner Geſundheit aufhält.“ „Nun, ſo haben ja die Verlegenheiten meines Freundes ein Ende,“ dachte Strathern.„Armer Kerl, er wird ſich dieſen Vorfall ſehr zu Herzen nehmen, denn ich weiß, daß er eifrig wünſchte ſich mit ſeinem Vater auszuſöhnen, ſo hart und un⸗ freundlich dieſer auch gegen ihn war. Nun wird 128 wohl auch mein Bankier ſich nicht ſträuben dem reichen Grafen von Roehampton aus der Noth zu helfen, wenn er es auch für den armen Lord Del⸗ mington nicht gethan haben würde. Ich wünſche nur, mein Freund möchte einen Sohn bekommen und lange genug leben, um das ungeheure, ihm zugefallene Vermögen ſich zu Nutze machen zu können.“ Strathern täuſchte ſich nicht in ſeinen Erwar⸗ tungen. Der Bankier gab bereitwillig einen Cre⸗ ditbrief für den doppelten Betrag von dem, um welchen Lord Delmington ſeinem Freunde geſchrie⸗ ben. Denn Strathern hielt für räthlich ihm dieſe Summe zu ſenden. Ja er ſagte ihm ſogar Artig⸗ keiten über ſeine warme und ſtandhafte Freundſchaft gegen den abweſenden Marquis, und bewies hier⸗ mit, daß er den armen Grafen vom vorigen Tage mit ganz andern Augen betrachte als den reichen Marquis von heute. Strathern ſelbſt ſchien durch den Zuwachs von ſeines Freundes Vermögen und Würde in ihrer Achtung geſtiegen zu ſein. Gab ihnen ja dieſer Umſtand die Gewißheit, daß die großen Summen, die er ihm ſo edelmüthig vor⸗ geſchoſſen, alsbald zurückbezahlt werden würden. „O Welt! o Welt!“ dachte Strathern, als er in ſeinen Gaſthof zurückging und bei ſich die Vorgänge der letzten paar Tage erwog;„wie harte und doch nützliche Lehren gibſt Du denen, welche daraus 129 Nutzen ziehen wollen! Wie wenig vermag Dich der Reiche zu beurtheilen, dem alle Deine Angehörigen ein freundliches Geſicht entgegentragen und dem ſie nur mit Höflichkeit und Achtung begegnen! Aber ich will die Welt im Allgemeinen nicht verdammen, weil ich einige Glieder derſelben als Nichtswürdige erfunden habe. Sollte ich nicht vielmehr mich ſelber tadeln, weil ich meine Freunde ſo übel ausgeſucht? So geht es aber immer denen, welche ſich einer ſtrafbaren Nachläſſigkeit in der Wahl ihres Um⸗ ganges ſchuldig machen. Sie ſind geneigt in Men⸗ ſchenhaß zu verfallen, weil ſie ſich da getäuſcht ſehen, wo ſie bei etwas mehr Vorſicht ſich niemals Hoffnung auf wahre Freundſchaft gemacht haben würden. Freundſchaft!“ dachte Strathern bei der Fortſetzung ſeiner Betrachtungen,„wie groß iſt die Bedeutung des Worts und wie leicht wird es ge⸗ nommen! Es iſt eine Pflanze, die nur in einem zarten Boden Wurzel faßt und der rauhen Winde des Unglücks bedarf, um ihre Kraft zu erproben. Die Verweichlichung und Schwelgerei unſerer Zeit übt auf ſie einen zerſtörenden Einfluß, ſie verwelkt und ſtirbt im Getümmel der Städte, wie eine harte Staude, die man aus der heimathlichen Erde, wo der friſche Luftzug ihre Blätter umweht, in die künſtliche Hitze eines Treibhauſes verſetzt.“ Beim Eintritt in ſeinen Gaſthof ſtieß Stra⸗ Strathern 1v. 9 130 thern auf einen alten Herrn mit ſehr einnehmenden Zügen, der mit dem Thürhüter ſprach. „Da iſt Herr Strathern,“ ſagte der Diener; aber der alte Herr war taub und verſtand ihn nicht. „Ich heiße Strathern. Darf ich fragen was Ihnen zu Dienſten ſteht?“ „Ich nenne mich Vincent, Herr;— ein Name der Ihnen wahrſcheinlich unbekannt iſt. Aber wenn Sie mir ein paar Minuten unter vier Augen Ge⸗ hör vergönnen wollen, ſo bin ich bereit, Ihnen den Grund anzugeben, warum ich Sie beläſtige.“ Strathern lud ihn höflich ein in ſein Zimmer zu treten. Er geleitete ihn dahin, und als ſie beide Platz genommen hatten, redete ihn Herr Vincent alſo an: „Ich komme, mein Herr, Ihnen meinen wärm⸗ ſten Dank für eine gute und edelmüthige Handlung zu ſagen, die Sie an einer mir ſehr theuern Per⸗ ſon verrichtet haben, an deren Wohlergehen ich den lebhafteſten Antheil nehme.“ „Ich weiß nicht, wie ich dieſe Anerkennung verdient habe,“ erwiederte Strathern. „Wenn ich Ihnen ſage, Herr Strathern, daß Sie den Oheim Friedrich Olliphant's vor ſich ſehen, den Sie ſo großmüthig unterſtützten, als er ſich durch ſeine eigene Thorheit und den Umgang mit Perſonen zu Grunde gerichtet hatte, vor denen ich ————— * 131 ihn beſtändig, aber ohne Erfolg, warnte, wenn ich Ihnen das ſage, ſo werden Sie ſchon begreifen können, wie ſehr ich Ihnen zu Dank verpflichtet bin. Sie mußten mich für unnatürlich, für hart⸗ herzig gegen meinen unglücklichen Neffen halten, den einzigen Sohn einer lieben, verſtorbenen Schwe⸗ ſter, die ihn auf ihrem Todtenbette meiner Obhut übergab. Glauben Sie mir, dem war nicht alſo, aber ich hielt es durchaus für nöthig, in dieſem ungünſtigen Lichte zu erſcheinen, weil es mir als das einzige Mittel erſchien, meinen armen Friedrich zu beſſern. Ich mußte ihm die Selbſtſucht und Nichtswürdigkeit derer zeigen, die er für ſeine Freunde anſah, und von welchen ihn alle meine Rathſchläge und Bitten nicht abzuziehen vermochten. Zweimal habe ich ſeine Schulden bezahlt und ſie beliefen ſich auf keine kleinen Summen. Ich that es das letztemal mit der Drohung, die Hand völlig von ihm abzuziehen, wenn er wieder in das Trei⸗ ben verfiele, deſſen unvermeidlichen Folgen ich ihn damals zum zweitenmale entriß, und zu dieſer Drohung veranlaßte er mich dadurch, daß er die nämlichen Menſchen in Schutz nahm, die ihn zu verderblichen Gewohnheiten, zu Ausſchweifungen und zu einem verſchwenderiſchen Lebenswandel ver⸗ führt, die ſich ſeine Unerfahrenheit und Thorheit auf ſchamloſe Art zu Nutze gemacht hatten. Auch dies hielt ihn nicht ab, wiederum die Beute ſeiner 9* ſchlauen Genoſſen zu werden. Weil ich zweimal ſo bedeutende Summen für ihn bezahlte, ſo gerie⸗ then ſie auf den Glauben, ich würde auch ferner bereit ſein, ihn aus der Verlegenheit zu ziehen und ihnen das Geld geben, das ſie ihm im Spiel ab⸗ gewonnen hatten. Ihr ebenſo herzloſes als nieder⸗ trächtiges Betragen bewirkte, was alle meine Er⸗ mahnungen, Bitten und Drohungen nicht vermocht hatten, nämlich die ſpäte, aber vollkommene Ueber⸗ zeugung von ihrer ausgemachten Schlechtigkeit, von ſeinem eigenen, thörichten Eigenſinn. Er ſchämte ſich, noch einmal meine Güte in Anſpruch zu nehmen, er krümmte ſich unter dem Gefühl ſei⸗ ner Fehltritte und ihrer Beſchimpfungen, und zu welch unſeligem Schritt hätte mein armer, mißlei⸗ teter Neffe ſeine Zuflucht nehmen können, wenn ihm nicht von Ihnen, mein Herr, die rettende Hand geboten worden wäre?“ Hier bebten die Lippen des Greiſes vor innerer Erregtheit und er hielt ſich das Sacktuch vor die Augen. „Es hat mir nur Freude machen können, einem alten Freunde nützlich zu ſein, von deſſen Herzens⸗ güte ich ſtets die beſte Meinung hegte. Ich muß hinzufügen, daß ſowohl die Aeußerungen der Dank⸗ barkeit und Liebe, mit welchen er mir von ſeinen Verpflichtungen gegen Sie, Herr Vincent, ſprach, als auch ſeine herzliche Reue, Ihre Vorſtellungen nicht beachtet zu haben, daß die ihm mein Wohl⸗ 133 wollen und meine Achtung geſichert haben, wenn er ſchon unglücklicher Weiſe zu ſpät die Weisheit Ihrer Rathſchläge einſah. „Hat er mit Dankbarkeit und Liebe von mir geredet?“ fragte der alte Mann.„Ach, mein armer Junge. Er wußte nicht, wie viel ich dabei litt, als ich mit einer Härte verfuhr, die meinem Herzen ſo fremd iſt. Aber ich hielt das für das einzige Mittel, ihm die Augen über den eigentlichen Charakter Derer zu öffnen, die ihn ins Verderben geſtürzt hatten. Auch ich, Herr Strathern, habe ihn irrig beurtheilt. Als ich nämlich vermittelſt einer Perſon, die ich benutzte, um herauszubringen, was er treibe, erfuhr, daß er abermals in Schul⸗ den ſtecke und von ſeinen elenden Kameraden ge⸗ drängt werde, ihnen ſeine Spielſchulden zu zahlen, ſtellte ich mir vor, er vermeide mich aus Verſtockt⸗ heit, nicht aus Schaam und Zerknirſchung. Statt den verlorenen Sohn aufzuſuchen und dem Reue⸗ vollen meine Arme zu öffnen, wartete ich, bis er mich um die Verzeihung bäte, die ich ihm zu ge⸗ währen bereit war. Aber ich wartete umſonſt. An Bord des Schiffes mit dem er nach Van Die⸗ mens Land unter Segel ging, ſchrieb er mir einen Brief, der mir erſt zukommen konnte, wenn das Fahrzeug in See geſtochen hatte. Er ſetzte mir darin ſeinen Seelenzuſtand auseinander und wie er entſchloſſen ſei, ſich aus ſeinem Heimathlande zu 134 verbannen, er ſprach darin von Ihrer Güte„ die ihn in Stand ſetze, ſeine Abſichten bequem und auf ordentliche Art in Ausführung zu bringen. Es war ein herzzerreißendes Schreiben, und Sie können ſich einen Begriff von meiner Gemüthsbewegung machen, Herr Strathern, als ich ſah, daß der ein⸗ zige Verwandte, den ich habe, und an dem mein Herz noch immer, trotz all ſeiner Verirrungen hängt, daß der England verlaſſen hatte, um ſich nach einen ſo entlegenen Welttheil zu begeben, während ich, ein armer, alter, verlaſſener Mann Niemand als ihn auf Erden beſitze, den ich lieben könnte, und mich ſehnte, ihm zu verzeihen und ihn wieder in meine Arme zu ſchließen. Als ich beſagten Brief geleſen, ſuchte ich in den Zeitungen nach, an wel⸗ chem Tage die ſchöne Roſamunde, ſo heißt das Schiff, wirklich abgegangen war, und denken Sie ſich mein Entzücken, wie ich fand, daß es in Portsmouth eingelaufen war und daſelbſt durch widrige Winde aufgehalten wurde. O, Herr Stra⸗ thern, vor dieſem Augenblick hatte ich nie eine ſo deutliche Vorſtellung von dem Nutzen der Eiſen⸗ bahnen gehabt. Aufzubrechen und mit dem nächſten Zug abzureiſen, war mein erſter Gedanke. Zum Glück erreichte ich ihn zwei Minuten vor dem Ab⸗ gang. Ich kam nach Portsmouth, lief ſchneller als ich es meinen alten Beinen zugetraut hätte, ans Meeresufer, und erfuhr zu meiner unausſprech⸗ lichen Freude, daß die ſchöne Roſamunde noch vom Winde im Hafen zurückgehalten werde. Alsbald ſtieg ich in ein Boot, ließ mich an das Schiff rudern und ſah mich bald in den Armen meines ar⸗ men Jungen, der ſich kaum zu faſſen wußte, als er mich erblickte und wie ein Kind an meiner Bruſt weinte. Er wollte mich Anfangs überreden, er ſei nicht werth, daß ich ihm noch einmal meine Gunſt ſchenke, er beſtand darauf, an den Ort ſei⸗ ner Beſtimmung abgehen zu wollen und dort durch anhaltenden Fleiß darzuthun, daß er das Vergan⸗ gene bereue und es gut zu machen wünſche. Ich hatte Mühe, ihn zur Umkehr mit mir zu bewegen, und erſt als ich erklärte, ich ſei feſt entſchloſſen, mit ihm zu gehen,— ein Schritt, der bei meinem vorgerückten Alter und bei meiner Gebrechlichkeit nicht rathſam war— erſt da erlangte ich ſeine Einwilligung, ſich wieder mit mir ans Land ſetzen zu laſſen. Er hat jetzt dem alten Oheim ſein gan⸗ zes Herz erſchloſſen und ich habe den Balſam des Mitleids und der Liebe darein geträufelt. Er war mir nie theurer, als jetzt, und ich fühlte mich nie ſo überzeugt, daß er ſich vollſtändig und auf die Dauer geändert hat. Erſt vor ein paar Tagen kamen wir nach London zurück und er iſt ſeither durch eine Verrenkung des Fußes beſtändig an ſein Zimmer gefeſſelt geweſen, ſonſt wäre er ſchon früher gekommen, um Ihnen nochmals ſeine und meine 136 bleibende Dankbarkeit für Ihren Edelmuth und für die Freundſchaft zu erkennen zu geben, welche Sie ihm bewieſen, als er von ſeinen nichtswür⸗ digen Kameraden nicht allein verlaſſen, ſondern auch beſchimpft war. Auch hatte er Ihnen ja noch die Summe zurück zu geben, die Sie ihm ſo großmüthiger Weiſe zu einer Zeit liehen, da gar wenig Ausſicht vorhanden war, daß der arme Kerl jemals im Stande ſein würde, ſie Ihnen zurück zu erſtatten. Hier iſt das Geld, Herr. Wenn Sie es nicht für eine zu große Dreiſtigkeit anſehen wollten, ſo möchte ich mir die Freiheit nehmen und hinzuſetzen, daß es mich immer ſtolz und glücklich machen wird, Ihnen auf den erſten Wink zehnmal ſo viel vorzuſchießen, ſobald Sie ein Darlehen brauchen. Der erſte Beſuch meines Neffen wird Ihnen gelten, und ſollten Sie ihm die Ehre ſchen⸗ ken wollen, auch einmal bei ihm vorzuſprechen, ſo brauche ich nicht erſt zu ſagen, welches Vergnügen es ihm und mir machen würde, einen Mann zu empfangen, der ſich als ein ſo treuer Freund er⸗ wieſen hat.“ Herr Vincent nahm hier Abſchied und verließ Strathern auf den er einen ſehr vortheilhaften Ein⸗ druck gemacht, und den es freute, daß ſeine Güte gegen den alten Freund Olliphant einen ſo heil⸗ ſamen Erfolg herbeigeführt hatte. „Gewiß,“ dachte er,„es ſind nicht alle Men⸗ 137 ſchen ſo hartherzig und ſelbſtſüchtig, wie die Clique, in welche ich zu gerathen ſo unglücklich war. Der ehrenwerthe Mann, den ich eben geſehen, ſowohl, als ſein Neffe, ſind Beweiſe dafür und die Be⸗ kanntſchaft mit ein paar ſolchen Leuten vertilgt aus der Seele jede Geneigtheit zum Menſchenhaß, der ſo leicht durch die Berührung mit der Schlechtigkeit Anderer erzeugt wird.“ Die Lehren des Unglücks ſind, wenn man ſie in der gehörigen Stimmung empfängt, wunderbar geeignet, nicht allein dem Menſchen die Augen zu öffnen, über die Hohlheit und Betrüglichkeit Deſſen, was wir gewöhnlich Freundſchaft nennen, ſondern auch über die eigenen Fehler. Strathern's Miß⸗ geſchick war zwar bei weitem nicht von ſo ernſt⸗ hafter Natur, als das, welches die Unbeſonnenheit über viele ſeines Standes herbeiführt, aber deſſen ungeachtet empfindlich genug, um ihn zu ernſtlichem Nachdenken zu bringen. Er ſah ein, wie unvor⸗ ſichtig und thöricht er geweſen war, als er ein ſo unbegränztes Vertrauen auf einen Baumeiſter ſetzte, den er blos aus der Empfehlung eines leichtſinni⸗ gen, gleich ihm ſelber gedankenloſen Mannes von Stande her kannte, und die Verdrießlichkeiten, in welche ihn ſein unkluges Verfahren geſtürzt hatte, machten auf ihn einen tiefern Eindruck, als alle Vorwürfe und Ermahnungen Papworth's zuwege zu bringen vermochten. 138 Sechstes Kapitel. „Nichts kann ſo niedrig und gemein, Auf dieſer ganzen Erde ſein, Als wenn ein Menſch aus edlem Samen, Vergeſſend Ehr' und guten Namen, Wenn der um ſchmutzigen Gewinn An Leute von gemeinem Sinn Und niedriger Geburt ſich hält, Und denen die Erziehung fehlt, Denn wer gemein und vorneyin iſt, Iſt weit gemeiner, wie ihr wißt, Als Leute von geringem Stand, Die man gemeines Volk genannt.“ „Nun, Wellerby, ſo wenig Du im Allgemeinen geneigt biſt, mir Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen, ſo mußt Du doch einräumen, daß es mir gelungen iſt, Olivien eine recht glänzende Heirath zu ver⸗ ſchaffen,“ ſagte Lady Wellerby zu ihrem Mann,„ als ſie am Hochzeitstage ihrer Tochter Abends tõle-àtéte beiſammen ſaßen, ehe ſie zu Lady Mount⸗ ſerrat gingen, um mit ihr Whiſt zu ſpielen. „Du biſt immer bei der Hand, Dir ſelber ſo viel zu gut zu thun„daß ich nicht nöthig habe, Dir Complimente zu machen,“ erwiederte ihr ſauer⸗ töpfiſcher Gemahl.„Ueberdem glaube ich, daß das 139 Mädchen mit ſeinem eigenen geſcheiden Betragen die Verbindung zuwege gebracht hat. Kopf und Zunge ſitzen ihr am rechten Platz, und ſie weiß was ſie zu thun hat.“ „Aber wer iſt denn an dieſem geſcheiden Be⸗ nehmen Schuld, möchte ich doch wiſſen? Doch wohl mein Rath, mein unermüdeter Eifer, ihr den Weg zu zeigen, dem ſie zu folgen hätte?“ „Du haſt blos Deine Schuldigkeit gethan und Dir wahrhaftig viele Jahre Zeit genommen, um für Livy einen Mann zu kriegen. Eine kluge Mutter hätte weit früher einen aufgetrieben.“ „Ja, wenn ſie einen verſtändigen Gemahl ge⸗ habt hätte, der ihr bei ihren Entwürfen an die Hand gegangen und ihr beigeſtanden wäre mit dem Fiſch, den ſie geködert hätte, gehörig umzugehen und ihn aufs Trockene zu bringen.“ „Je weniger ſich die Männer in ſolche Sachen miſchen, deſto beſſer iſt es. Ich meines Theils konnte die Hand nicht dazu bieten, denn das An⸗ denken daran, wie ich ſelber geangelt wurde, würde mich immer abhalten, dazu zu helfen, daß ein an⸗ derer armer Teufel in die Raufe kommt.“ „Geangelt, Mylord?“ „Ja, geangelt, Mylady.“ „In meinen Verhältniſſen und bei den vielen, vortheilhaften Heirathsanerbietungen, die mir ge⸗ macht wurden, war es völlig unnöthig, daß ich 140 mich ſo herunterſetzte und Kunſtgriffe anwendete, um einen Mann zu bekommen.“ „Warum haſt Du Dich denn ihrer doch be⸗ dient?— denn es ſteht feſt, daß dies geſchehen i. „Wahrhaftig, Wellerby, Du beleidigſt und kränkſt mich mit ſolchen ungegründeten Behaup⸗ tungen.“ „Dann ſollteſt Du keine Veranlaſſung dazu geben. Ich will Dir Etwas ſagen, Frau. Ich habe bemerkt, daß, ſo oft Du Deine Gewandtheit und Klugheit rühmſt, dies blos die Einleitung zu einer Anforderung an meinen Beutel iſt. Bin ich dann ſo einfältig und unbeſonnen, daß ich Dir bei⸗ pflichte, wenn Du Dich ſelber herausſtreichſt, ſo fällſt Du gleich mit einer Bitte um Geld über mich her. Es darf Dich deswegen gar nicht wun⸗ dern, daß ich mit meinem Lob ſparſam bin, denn ich weiß ja, daß Du ſtets auf ſolche unredliche Art Vortheil daraus ziehſt.“ „Nun, Wellerby, da Du ſo ohne Weiteres auf den Geldpunkt zu reden kommſt, und meine Gefühle ſo gar nieht berückſichtigſt, ſo kann ich ebenfalls ohne fernere Umſchweife ſagen, daß ich ſehr nöthig Geld brauche. Ich halte mich auch für durchaus berechtigt, Etwas von Dir zu verlangen, nachdem ich Dir zu ſo bedeutenden Erſparniſſen verholfen habe. Bin nicht ich es geweſen, die Lord Fitzwar⸗ — 141 ren glauben machte, der Mann und nicht der Vater liefere ſtets das trousseau und corbeille. Welch große Summen hätteſt Du ohne dieſes aufzuwenden gehabt? Und wußte ich es nicht auch einzufädeln, daß er das déjeuner und alle anderen Koſten be⸗ zahlte, die für die Hochzeit aufgelaufen waren? Das hat vor ihm nie ein Bräutigam gethan.“ „Du meinſt alſo, das Geld was bei dieſer Ge⸗ legenheit erſpart wurde, müſſe den Weg in Deinen Beutel finden. Was käme denn heraus, wenn man auf der einen Seite Etwas erübrigte und es auf der andern wieder ausgäbe, das möchte ich wiſſen?“ „Du haſt eine ſolch' ſonderbare Art, die Dinge anzuſehen, Lord Wellerby! Kannſt Du denn nicht begreifen, daß ich gewiſſe Procente zu erwarten be⸗ rechtigt bin, wenn ich durch meine Wirthſchaftlich⸗ keit bewerkſtellige, daß eine ſo große Summe nicht verausgabt zu werden braucht?“ „Ich kann Dir aber ſagen, daß es nur ganz kleine Procente ſein dürfen.“ „Ich mache mich auf keine großen gefaßtz hundert Pfund wären—“ „Hundert Teufel! Wo denkſt Du hin, wo ſoll ich hundert Pfund herbringen und an Dich wegwerfen?“ „Du hätteſt ſie doch für das trousseau und das dejeuner bei unſerer Tochter Hochzeit auftreiben 142 müſſen, wenn Du nicht in Folge meines klugen Verfahrens damit verſchont geblieben wäreſt.“ „Nun, wie viel reicht denn für Dich hin? Von hundert Pfund kann gar keine Rede ſein.“ „Weniger als das iſt nicht genug für meine Bedürfniſſe.“ „Ich will mich hängen laſſen, wenn ich erra⸗ then kann, was Du für Bedürfniſſe haſt. Junge Frauen bedürfen Geld um Staat zu kaufen und ſich herauszuputzen; aber wozu alte Weiber, denen kein Staat mehr zu einem ordentlichen Ausſehen verhilft, Geld nöthig haben ſollen, das kann ich mir nicht denken.“ „Du wirſt ſo gut ſein, Wellerby, und Dich erinnern, daß ich um etliche Jahre jünger bin, als Du.“ „Und was macht das für einen Unterſchied? Ich erkenne ſelber an, daß ich ein alter Mann bin, und wenn Du ſchon ein paar Jahre weniger haſt— und ich weiß, daß es nicht mehr ſind— ſo biſt Du darum doch nicht minder eine alte Frau. Du haſt Dich obendrein gar nicht gut erhalten, denn die Wahrheit zu ſagen, Du ſiehſt wenigſtens um ſieben Jahre älter aus, als Du biſt.“ „Und Du um zehn, Wellerby. Aber was hat mein Alter mit der vorliegenden Frage zu ſchaffen? Ich brauche hundert Pfund, und das iſt eine zu 143 ärmliche Summe, um ſo viel Umſtände deswegen zu machen.“ „Wenn ich heute Nacht im Spiel gewinne, ſo ſollſt Du ſie morgen haben.“ „Du weißt recht gut, daß Du gewinnſt, denn es iſt Dir bekannt, daß Deine gemeine Gegnerin gar keinen Begriff von dem Spiel hat, Du kannſt mir alſo recht gut jetzt gleich eine Anweiſung für das Geld geben. Hier iſt Dein Schreibzeug und Dein Buch mit den Wechſeln iſt darin.“ Damit erhob ſich die edle Dame eilig, holte das Schreib⸗ zeug herbei und ſtellte es vor ihn hin. Er ſchrieb die Anweiſung, brummte aber dabei in Einem fort und ſagte, als er ſie ſeiner Frau einhändigte:„Haſt Du ſchon Anſtalten getrof⸗ fen, um mit dem Beſitzer dieſes Gaſthofes ein neues Uebereinkommen wegen unſeres Eſſens abzu⸗ ſchließen?“ „Nein, ich habe keine Zeit dazu gefunden.“ „Thu es nur, ſobald als möglich. Die Ver⸗ minderung unſerer Familie wird einen anſehnlichen Unterſchied in unſeren Rechnungen hervorbringen. Da Sophie ein Zimmer für zwei Betten hat, ſo kann Deine Kammerjungfer im andern Bett ſchlafen und wir haben dann keine beſondere Stube für ſie zu bezahlen.“ „Sophie wird dieſe Einrichtung nicht gutheißen, und da meiner Jungfer Zimmer blos ein Kämmer⸗ 144 chen iſt, ſo glaube ich nicht, daß eine Erſparniß dabei herauskommt.“ „Stelle nur genaue Nachfrage darüber an, und wenn Du herausfindeſt wie es zu machen iſt, daß wir ein paar Franes, oder auch nur etliche Paolos weniger auszugeben brauchen, ſo denk daran, daß ich mich keinen Stecknadelknopf darum ſcheere, ob es der Sophie recht iſt oder nicht. Ich wollte wir könnten ſie vom Hals kriegen. Mit Töchtern iſt man im beſten Fall ſchwer geplagt; denn man muß gegen jeden Laffen oder Dummkopf, der eine gute Partie abgäbe, höflich ſein, in der Hoffnung ihn daran zu kriegen. Sind aber die Mädchen, wie es bei den unſeren der Fall iſt, noch dazu nicht hübſch, ſo werden ſie Einem noch mehr zur Laſt. Die Sophie hat ein noch gewöhnlicheres Aeußere, als Livy.“ „Darin ſtimme ich nicht mit Dir überein, denn ſie hat ſehr ausdrucksvolle Züge.“ „Das ſagſt Du blos, weil ſie Dir ſo ähnlich iſt, wie möglich. Das Einzige was in ihrem Geſicht beſonders hervortritt und was ich ſehen kann, iſt eine ſo ſpitzige Naſe, daß ſie ſich aus⸗ nimmt, als könnte man damit ſchneiden, wie mit einem Federmeſſer.“ „Beſſer als wenn man eine hat, die einer ge⸗ 145 wiſſen Art Apfel*) gleich ſieht,“ erwiederte die Frau und ſchielte dabei boshaft auf die rothe Naſe ihres Eheherrn, welche bei dieſer Bemerkung noch röther wurde als zuvor. „Ich meine, wenn wir die Sache auch nur einigermaßen ordentlich in die Hände nähmen, könn⸗ ten wir es ſo einrichten, daß wir jeden Tag von Lady Mountſerrat zu Tiſch geladen würden, ſtatt daß wir jetzt unſer Eſſen in der eigenen Wohnung verzehren und bezahlen müſſen,“ fuhr Lord Wel⸗ lerby nach einem Nachdenken von ein paar Minuten fort. „Aber bedenk' doch, das wäre ja unausſtehlich langweilig.“ „Kömmt Dir das unerträglich vor, wenn Du beſſeres Eſſen und beſſeren Wein bekömmſt, als wir auf eigene Koſten anſchaffen können?“ „Ich wollte es mir noch gefallen laſſen, wenn ſie nicht ſo arg gemein wäre, aber es iſt in Wahr⸗ heit nicht zum Aushalten mit ihr.“ „Nicht um ein Haar mehr, als mit vielen von Deinen Freundinnen. Hätteſt Du aber auch Recht, ſo iſt es ſchon der Mühe werth, daß man ſich um gutes Eſſen und Trinken, was nichts koſtet, Etwas gefallen läßt. Verſuche es einmal, das zuwege zu *) Man heißt ſie bei mir zu Lande Schaafsnaſen. D. Ueberſ. Strathern 1v. 10 — bringen. Laß ein paar Worte davon fallen, daß wir um Vieles ſchlechter bedient werden als ſie, und dann kannſt Du auch noch davon reden, wie triste wir uns fühlen wegen Livy, und wie es uns ſo zuwider ſei, zu Hauſe ſo allein beim Eſſen zu ſitzen.“ „Wenn Du es verlangſt, Wellerby, ſo will ich es thun, aber wahrhaftig, eine armſeligere Koſt daheim wäre mir viel lieber.“ „Komm, wir wollen fort, es iſt zehn Uhr, wie ich ſehe. Schelle der Sophie, daß ſie mit uns geht.“ „Wellerby's fanden Lady Mountſerrat und ihre dame de compagnie noch beim dessert ſitzen. Sel⸗ tene Früchte und Weine ſtanden in verſchwenderiſcher Menge auf dem Tiſche. „Lieber Himmel, iſt's denn ſchon ſo ſpät?“ fragte die Marquiſe und ließ ihre Repetiruhr ſchlagen.„Ich habe ſpäter als gewöhnlich zu Mit⸗ tag geſpeiſt, denn mein Appetit war durch das Hochzeitsfrühſtück verdorben und doch vermochte ich es nicht über mich, die ganze Zeit hinzubringen, ohne Etwas zu mir zu nehmen. Was ſollte auch aus Einem werden, wenn die langen Stunden nicht durch die Mahlzeiten unterbrochen würden. Déjeüners und anderes Eſſen, was ich zu früh genieße, ver⸗ ſtimmen mich immer für den ganzen Tag, und das einzige Mittel, mich wieder zurecht zu bringen, iſt 147 das, daß ich ſpät zu Mittag ſpeiſe, wenn Alles vorüber iſt, gerade als hätte ich zuvor nichts ge⸗ geſſen. Wollen Sie ſich nicht etwas Obſt und ein Glas Wein bei mir gefallen laſſen, meine Herren und Damen? Es wird Ihnen gut be⸗ kommen, verlaſſen Sie ſich darauf, denn Sie ſehen alle ſo verftört aus, als wären Sie die ganze letzte Nacht auf geweſen.“ Lady Wellerby und ihre Tochter lehnten das Anerbieten ab; der Lord aber bedachte, daß ſeine Wirthin um ſo weniger im Stande ſein würde, auf ihr Whiſt Acht zu geben, je mehr ſie Wein getrunken hätte, und nahm das dargebotene Obſt an. Er that auch, als ob er von dem Wein tränke, verdünnte ihn abeſr, ohne daß es die Mar⸗ quiſe gewahrte, der Vorſorge wegen mit vielem Waſſer. „Es freut mich, Jemand zu haben, der mit⸗ macht,“ bemerkte die Lady,„denn ich ſpüre recht gut, daß ich heute noch ein Glas Wein extra nöthig habe. Es iſt etwas Trauriges um eine Hochzeit, wenigſtens kommt es mir ſo vor. Das iſt aber in meinem Fall auch ganz natürlich, weil mir dabei immer meine eigenen einfallen. Ach, wenn ich daran denke, daß ich nur ſo kurze Zeit verheirathet geweſen bin, und daß ich in der Welt allein ſtehe, gerade, als wäre ich aus den Wolken gefallen, und daß Niemand für mich ſorgt, wenn ich krank oder 6 148 traurig bin, ſo wünſchte ich faſt, ich wäre nie eine ſo vornehme Lady geworden und arm und zufrieden unter meines Gleichen geblieben, mit denen ich hätte glücklich ſein können. So habe ich keinen liebenden Gemahl, der Freud und Leid mit mir theilt, der mich hebt und trägt in guten und ſchlim⸗ men Tagen, wie der Pfarrer ſagt, keine Ausſicht einen Sohn und Erben zu bekommen, der ein Marquis würde, wenn ſein Vater nicht mehr lebt.“ „Sie müſſen ſich keinen ſolch trüben Betrach⸗ tungen hingeben, meine liebe Marquiſe; Sie haben Freunde und werden ſich ohne Zweifel deren noch viel mehr verſchaffen,“ verſetzte Lady Wellerby. „Sie ſind müde und angegriffen; laſſen Sie mich Ihnen noch ein Glas Wein anempfehlen,“ ſetzte ihr Mann hinzu. „Nun, es liegt mir nichts daran, noch eins zu verſuchen. Ich weiß nicht, was mir iſt; das Eſſen ſchmeckt mir nicht wie ſonſt und der Wein, der mich früher immer in gute Laune verſetzt hat, er⸗ heitert mich wirklich nur auf eine kleine Weile, dann werde ich noch niedergeſchlagener, als ich je geweſen bin.“ „Die Schuld liegt daran, daß Sie ſo allein leben, verlaſſen Sie ſich darauf, meine theuere Marquiſe,“ gab Lady Wellerby zur Antwort. „Sie müſſen beim Eſſen eine muntere Geſellſchaft 149 haben, Freunde, die Ihnen zureden, tüchtig zuzu⸗ greifen und etwas mehr zu trinken. Der Umgang mit Andern iſt viel werth für Leute, die leicht in eine düſtere Laune gerathen.“ „Wo ſoll ich ſie aber herkriegen, da ich keinen Menſchen kenne?“ „Ich bin überzengt, daß ſich meine Familie ein Vergnügen daraus machen würde, Ihnen Ge⸗ ſellſchaft zu leiſten, ſo oft Sie es wünſchen,“ ver⸗ ſetzte Lord Wellerby. „Nun denn, wie wäre es, wenn Sie Alle jeden Tag, ſo lange wir in Neapel ſind, zu mir zu Tiſch kämen und ein paar luſtige Leute aus ihrer Be⸗ kanntſchaft mitbrächten?“ „Hieße das aber nicht Ihre Gaftfreiheit gar zu ſehr in Anſpruch nehmen, meine liebe Lady? Sie könnten ja einen Tag um den andern mit uns ſpeiſen,“ ſetzte Lady Wellerby mit ihrem ge⸗ winnendſten Lächeln hinzu. Ihr Mann aber machte ein betroffenes Geſicht, denn er fürchtete, der un⸗ beſonnene Vorſchlag ſeiner Frau könnte angenom⸗ men werden. „Nein,“ erwiederte die Marquiſe,„wir wollen es bei dem laſſen, was ich geſagt habe. Ich eſſe am Liebſten zu Hauſe, und es wird mir gewiß Freude machen, wenn Sie Alle jeden Tag bei mir ſpeiſen. Vergeſſen Sie aber nicht, blos der Ab⸗ wechslung wegen ein paar luſtige Leute mit zu 150 bringen, falls Sie das machen können, denn es entleidet Einem, immer die nämlichen Geſichter am Tiſch zu ſehen, es iſt gerade, als wie wenn man beſtändig die nämlichen Gerichte verzehren wollte.“ Die Familie Wellerby fühlte wohl, daß es von ihrer Wirthin höflicher geweſen wäre, dieſe Be⸗ hauptung für ſich zu behalten. Da ſie jedoch er⸗ langt hatte, was ihr Gemahl wünſchte, ſo warf ihm Lady Wellerby einen triumphirenden Blick zu, der ſo deutlich, als es ein Blick vermag, ausdrückte: „da ſieh, wie pfiffig ich bei Allem zu Werke gehe, ohne doch unſerm Anſehen Etwas zu vergeben.“ Ihr Mann aber that, als hätte er nichts geſehen und ſchien nicht zu bemerken, daß ihr Plan gelun⸗ gen ſei, damit man es ſpäter nicht gegen ihn gel⸗ tend machen und einen Anſpruch auf Belohnung hierauf begründen könnte. Lady Wellerby und ihre Tochter warteten mit Ungeduld, bis die Marquiſe die salle à manger verließe, denn der vermiſchte Geruch der köſtlichen plats, des Obſtes und Weines machten den Aufent⸗ halt darin zu einem ſehr unangenehmen. Frau Bernard aber erröthete bis an die Schläfen, als ſie ſah, wie Lady Mountſerrat ihren unweiblichen penchant zum Wein vor Fremden ſo offen zur Schau ſtellte, und warf ihr an Einem fort flehende Blicke zu, um ſie zu veranlaſſen, das Zimmer zu verlaſſen. Der courier, welcher die Vorliebe ſeiner — 151 Gebieterin für die Freuden der Tafel kannte, trug Sorge, daß ſie in ihrem Genuß nicht zu früh durch die Aufforderung, zum Caffee zu gehen, un⸗ terbrochen würde. Er kündigte deßhalb erſt, nach⸗ dem die Geduld der Frauenzimmer völlig erſchöpft war, an, daß derſelbe im Beſuchszimmer aufgetra⸗ gen ſei. Nun ergriff die Marquiſe den dargebo⸗ tenen Arm des Lord Wellerby und ging wankenden Schrittes in dieſes Gemach. Hier that ſie dem reichlichen Kuchenvorrath, welcher zum Thee gereicht wurde, abermals die gebührende Ehre an, und als Herr Webworth erſchien, äußerte Lady Mountſerrat, „Nun, da wir zu vier ſind, muß ich wohl Whiſt ſpielen. Es verſchafft mir übrigens gar keine Un⸗ terhaltung, vielmehr hätte ich, aufrichtig geſagt, mich lieber hingeſetzt und geplaudert, ſtatt Karten zu ſpielen.“ „Ich will doch nicht hoffen, daß Sie uns zu Liebe ſpielen,“ verſetzte Lady Wellerby,„denn es thäte mir leid, wenn Sie mit uns Umſtände machten.“ Lord Wellerby ſchaute zornig auf ſeine Frau, denn er beſorgte, ihre Wirthin möchte dieſe Höf⸗ lichkeitsäußerung benützen und nichts mehr von den Karten wiſſen wollen. Aber der halb betrunkenen Marquiſe fuhr der Gedanke durchs Hirn, man könnte meinen, wenn ſie das Whiſt ablehnte, es rühre ſolches von der Furcht her, ihr Geld zu ver⸗ 152 lieren. Darum erklärte ſie alsbald, ſie ſei, möge es ihr auch noch ſo ſchlecht gehen, entſchloſſen, ihrem Beſuch zu zeigen, daß ſie nicht ſo ſchnell zu ſchrecken ſei. ² „Wollen wir ziehen, wer mit einander ſpielt?“ fragte Herr Webworth. „Mein Mann und ich ſind Leute nach der alten Mode, und es iſt unſer Grundſatz, immer zuſam⸗ menzuhalten,“ erwiederte die Gräfin. „Iſt das auch ganz in der Ordnung?“ ent⸗ gegnete Webworth,„und iſt es nicht ein großer Nachtheil für Ihre Gegner, es mit zwei Perſonen aufnehmen zu müſſen, die ſo lange einen Weg ge⸗ gangen ſind und von denen eines des andern Spiel durch und durch kennen muß?“ „So meine ich auch,“ erklärte die Marquiſe „denn ich habe bemerkt, daß der Lord und ſeine Frau immer gewinnen. Ich ſchlage deßhalb vor, daß wir ziehen um die Plätze, wie es Herr Web⸗ worth will.“ „Wenn Sie darauf beſtehen, allerdings,“ ver⸗ ſetzte Lord Wellerby, machte aber über die Zu⸗ muthung ein nichts weniger als freundliches Ge⸗ „Ja, ja, wir wollen auf jeden Fall das Loos entſcheiden laſſen,“ fing die Wirthin wieder an. Den Worten ließ ſie auch gleich die That folgen, und beim Kartenziehen traf ſich's zu ihrer großen 153 Freude, daß ſie Lord Wellerby, und deſſen Ge⸗ mahlin Herrn Webworth zum Mitſpieler erhielt. „Von was träumen Sie, Frau Bernard?“ fragte die Marquiſe und blickte zornig auf ihre dame de compagnie.„Sehen Sie nicht, daß Fräulein Sophie Etwas zu ihrer Unterhaltung be⸗ darf? Schlagen Sie ihr die Bücher auf— ich weiß nicht mehr, wie man es heißt— die mit den hübſchen Bildern. Und ſie können ſchon hübſch ſein, denn ſie koſten mich einen ganzen Haufen Geld. Werden Sie es glauben, Fräulein Sophie? Jede Zeichnung in dem Buch koſtet mich zwanzig bis dreißig Pfund das Stück, wenn ſie ſchon ſo klein ſind und ſo wenig helle Farben darin vor⸗ kommen. Wie ich hörte, daß die Herzogin von Schloß Bellingham die beſten Maler anſtellte, um ihr ein Buch zu machen, nahm ich mir vor, ein eben ſo gutes für mich machen zu laſſen. Nicht daß mir auch nur das Geringſte an Gemälden liegt, blos um den Leuten zu zeigen, daß ich ein eben ſo theueres Bilderbuch habe, wie ſie.“ Lady Sophie ſetzte ſich an den Tiſch, Frau Bernard zog das prächtig gebundene Album aus ſeinem Saffian⸗Futteral, legte es vor ſie hin und begann die Blätter umzuwenden. „Was doch die Dichter für wunderliche Leute ſind,“ bemerkte Lady Mountſerrat. Als ich ver⸗ nahm, daß die Herzogin von Schloß Bellingham 154 ein Buch voll Verſe beſitze, die von den größten heutigen Dichtern hineingeſchrieben ſeien, da meinte ich, ich müßte auch ein ſolches haben und ließ meine dame de compagnie an Alle ſchreiben, deren Namen ich erfahren konnte. Ich bot ihnen an, ſie ſollten mir ſelber die Bedingungen angeben, unter denen ſie Verſe auf mich machen und in mein Buch ein⸗ tragen wollten. Aber werden Sie es glauben, meine Herren und Damen? Nicht einer von ihnen gab eine Antwort auf ineine Briefe. Und doch kann ich nicht einſehen, warum ſie mir nicht für mein Geld eben ſo bereitwillig ſchreiben ſollten, als wenn ſie ein Buchhändler dafür bezahlt. Eben ſo wenig kann ich herausfinden, warum ſie nicht für ihre Verſe nicht eben ſo gut eine Belohnung haben ſollten, als die Maler für ihre Zeichnungen.“ „Ich muß Sie bitten auf das Spiel Acht zu geben, liebe Lady Mountſerrat,“ bemerkte Lord Wellerby. „Ach, der Kukuk ſoll das Spiel holen!“ lau⸗ tete die Antwort, denn der Wein den ſie genoſſen fing nunmehr an, ſeine Wirkung auf die Lady zu äußern. „Die gnädige Frau hat die Farbe verläugnet,“ ſagte Webworth. „Ich? Gewiß nicht!— Nie in meinem Leben habe ich etwas verläugnet, legen Sie mir alſo keine ſolche Sünde zur Laſt. Ich bin darüber hin⸗ — * 155 aus, etwas ſo Gemeines oder Schlechtes zu thun.“ Hierbei nahm das Geſicht der Lady vor Zorn die Farbe der Pfingſtroſe an, denn ſie meinte, man habe ſie eines unehrlichen Spieles beſchuldigt. „Um's Himmels willen, Madame, ich dachte ja gar nicht daran, Ihnen etwas Beleidigendes ſagen zu wollen,“ erwiederte Herr Webworth.„Sie haben aus Verſehen die Farbe nicht bekannt, wäh⸗ rend Sie von Ihrem Album ſprachen.“ „Hätten Sie das nicht gleich ſagen können? Es iſt nichts Unartiges daran, wenn Sie behaupten, ich habe nicht bekannt— das weiß Jedermann. Aber wenn Sie ſagen, ich hätte die Farbe ver⸗ läugnet, ſo iſt das ein ganz ander Ding.“ Es lag etwas ſo Komiſches in Webworth's Ge⸗ ſicht und er machte bei dieſen Aeußerungen ſo ver⸗ wunderte Angen, daß Lady Wellerby, die ſonſt nicht viel lachte, ihre Luſt dazu nicht zu bewältigen vermochte, ob ihr ſchon ihr Gemahl einen zornigen Blick zuwarf. „Was macht Sie ſo luſtig, Mylady?“ ſragte die Marquiſe.„Es muß etwas recht Spaßhaftes ſein, denn ich habe Sie früher nie lachen geſehen. Laſſen Sie es uns auch wiſſen.“ Lord Wellerby ſaß wie auf Nadeln. Er verlor zwar ungern das Spiel in dem ſie eben begriffen waren, wie ſolches dadurch herbeigeführt wurde, daß Lady Mountſerrat nicht bekannt hatte, aber es 156 that ihm kaum leid, als ihn Webworth darauf aufmerkſam machte, daß Lady Wellerby und er ſelbſt in Folge des Verſehens die Gewinnenden ſeien. „Nun, ich kann ſchon Etwas einbüßen, das iſt mein Troſt,“ bemerkte die Lady, welche denn doch über den Verluſt des Spiels einigermaßen ärgerlich wurde. Als ſie aber beim Beginnen des nächſten die Karten vergab, dachte Lord Wellerby er würde nun wahrſcheinlich dafür büßen müſſen, daß er ihr zugeredet hatte, Wein zu trinken, denn es wurde ihm klar, daß ſie gar nicht wußte, was ſie aus⸗ warf. „Auf Regen kommt Sonnenſchein,“ ſagte die Marquiſe,„und ich habe ſo viel Vertrauen zu Lord Wellerby's Geſchicklichkeit, daß ich zwanzig, nein, fünfundzwanzig Pfund auf den Robber wette, mit Lady Wellerby oder ihrem Spielgenoſſen. „Ich nehme die Wette an,“ erwiederte Web⸗ worth;„da wir aber ein Spiel vor dem Robber gewonnen haben, ſo muß ich mich mit Ihnen auf eine ungleiche Partie einlaſſen.“ „Was geht mich die ungleiche Partie an? Ich habe Ihnen eine ehrliche Wette angeboten und jetzt ſitzen Sie da und möchten gerne etwas davon abzwacken, als wenn ich Sie übervortheilen und etwas Unrechtes verlangen wollte. 7 157 „Sie verſtehen mich falſch, kann ich Sie ver⸗ ſichern, Mylady.“ „Durchaus nicht. Zuerſt werfen Sie mir vor, ich hätte die Karten verläugnet und das iſt gewiß nicht artig gegen eine Dame, beſonders gegen eine von meinem hohen Rang; und jetzt weigern Sie ſich mit mir zu wetten, oder mäkeln doch erſt lange daran herum.“ „Ich will Ihre Wette annehmen, liebe Lady Mountſerrat,“ warf die Lady Wellerby eifrig da⸗ zwiſchen.„Fünf und zwanzig Pfund auf den Robber, wenn's Ihnen recht iſt. Wir Frauenzimmer ver⸗ ſtehen einander beſſer als die Herren. Die ſtreiten immer über ungleiche Partien.“ „Ich will fünfzig Pfund ſetzen, ſtatt fünf und zwanzig, blos um dem Herrn da,“ hierbei ſchaute ſie verächtlich auf Herrn Webworth,„zu zeigen, daß mir am Geld nichts liegt und daß ich mich den Kukuk darum ſcheere, ob etwas gleich oder ungleich ſteht und, wie es ausfällt. Alſo, Lady Wellerby, wir wetten um fünfzig Pfund.“ „Einverſtanden,“ erwiederte die Lady, während ſie ihre Karten ſorgfältig zuſammenſteckte und mit gierigen Augen die Trümpfe einzog. „Nun, mögen die Leute davon ſagen, was ſie wollen,“ bemerkte Lady Mountſerrat und ihr Ge⸗ ſicht röthetete ſich noch ſtärker, ihre Augen ſchleu⸗ derten Zornesblitze, mit dem rechten Fuß ſchlug ſie 158 den Takt auf dem Teppich und drückte mit ihren plumpen, rothen Fingern die Karten in unbeholfener Weiſe zuſammen;„aber wenn das ein Vergnügen iſt, ſo weiß ich nicht mehr, was dieſes Wort bedeutet. Ich möchte am liebſten das Spiel gleich ganz auf⸗ geben, ſtatt da zu ſitzen und das widerliche Papier anzuſehen.“ Lord Wellerby biß ſich in die Lippen.„Ver⸗ zweifeln Sie nur nicht, geehrteſte Frau,“ verſetzte er, indem er ſich die größte Gewalt anthat, um ſeinen Zorn zu bewältigen. „Was, verzweifeln!— wer ſagt Ihnen, daß ich verzweifle2 Ich habe das blos ſo verſtanden, daß ich die ſchlechten Karten nicht leiden mag. Das iſt der einzige Stich, den ich machen mag.“ Da⸗ mit warf die Lady das Trumpf⸗Aß auf den Tiſch. „Aber warum ſpielen Sie denn Trumpf?“ fragte Lord Wellerby. „Weil es mir ſo gefällt, und wenn Sie mit dieſem Grund nicht zufrieden ſind, weil ich blos einen hatte und von Ihnen damit zwei herauslocken wollte.“ Hierbei wies ſie mit den Augen auf die Gegner. Abermals bekannte Lady Mountſerrat die Farbe nicht und der Robber ging verloren. „Wir haben beide Male gewonnen,“ rief Herr Webworth · 159 „Und mir kommen fünfzig Pfund zu gut,“ ver⸗ ſetzte ſeine Spielgenoſſin. „Nun, wenn die beiden ſo gut weggekommen ſind, ſo ſehe ich nicht ein, Mylord, warum Sie und ich uns nicht auch etwas zu Gemüthe führen ſollten. Ich wenigſtens habe mich in meinem Leben nie ſo durſtig gefühlt, das kommt wahrſcheinlich von dem verteufelten Huhn her, das ich zu Mittag gegeſſen habe. Schellen Sie, Frau Bernard und beſtellen Sie Champagner in Eis.“ „Ich will mit Dir abrechnen, Frau,“ ſagte Lord Wellerby. „Dann werde ich Sie wohl auch bezahlen u Herr. Wie heißen Sie? Wie viel macht es „Blos zehn Guineen, denn wir haben ja nicht auf den Robber gewettet.“ „Und für mich fünfzig Pfund,“ ſetzte Lady Wellerby hinzu. „Ja, Sie vergeſſen das gewiß nicht,“ erwie⸗ derte die Marquiſe;„denn dies iſt ſchon das zweite Mal ſeit den letzten drei Minuten, daß Sie mich daran erinnern.“ „Ich wüßte doch nicht, daß ich davon geredet hätte.“ „Ich meine aber doch,“ erwiederte Lady Mount⸗ ſerrat, indem ſie mit den Augen winkte und ihre Züge den Ausdruck ſo großer Ausgelaſſenheit an⸗ 160 nahmen, daß ſogar der ernſthafte Webworth zu lachen anfing und Lord Wellerby's Geſicht ſich er⸗ heiterte. „Wenn ich das lumpige halbe Hundert ver⸗ geſſe, wie die Leute in Irland das fünfzigſte Re⸗ giment zu Fuß zu heißen pflegten, ſo ſpricht na⸗ türlich eine Frau, wie Sie, kein Wort mehr davon. Sie gewiß nicht, denn was liegt denn Ihnen am Geld! Ihnen iſt's gleich, ob Sie verlieren oder gewinnen.“ Lady Wellerby war an dieſe rohe Art von Spott durchaus nicht gewöhnt, ſie gerieth in die größte Verlegenheit darüber, fürchtete aber einen neuen Ausbruch deſſelben herbeizuführen, wenn ſie eine Antwort gäbe. „Bringen Sie das Buch mit den Anweiſungen, daß ich Lady Wellerby zahlen kann, ſonſt möchte die Sache der gnädigen Frau aus dem Gedächtniß kommen. Herr Bebworth oder Webworth, da iſt Ihr Geld. Aber laſſen Sie ſich dabei von mir einen Rath geben— beſchuldigen Sie nie wieder eine Dame, ſie habe die Farbe verläugnet, denn das wird ſich keine gefallen laſſen, die wirklich von Stande iſt, das kann ich Ihnen ſagen. Auf eine Art nur geht ſie vielleicht einmal darüber weg, wenn ſie nämlich gerade in ihrem eigenen Hauſe oder Zimmer iſt, was auf Eins hinausläuft. Dann 161 ſchweigt ſie vielleicht, blos um zu zeigen, daß ſie weiß, was Lebensart iſt.“ „Ich kann wahrhaftig nicht zugeben, gnädige Frau, daß Sie bei Ihrer falſchen Meinung in Bezug auf das verharren, was ich geäußert habe.“ „Wollen Sie denn, daß ich meinen eigenen Ohren nicht mehr traue? Habe ich die Worte nicht ſelbſt gehört?“ „Freilich, gnädige Frau, aber Sie haben ſich in der Bedeutung derſelben geirrt.“ „Dank Ihnen, Herr; es iſt wirklich recht artig von Ihnen mir zu ſagen, ich verſtehe nicht Engliſch.“ „Wahrhaftig, Madame, es thut mir wehe, daß Sie mir ſo Etwas unterſchieben.“ „Nun, wie würde es Ihnen gefallen, wenn ich Ihnen ſagte, Sie ſprechen ſo undeutlich, daß ich kaum herausbringen kann, was Sie wollen? Würden Sie das für anſtändig von mir halten? Es iſt das die volle Wahrheit, ich bin aber zu höflich, um ſo etwas zu äußern.“ Frau Bernard kam jetzt zurück, das Buch mit dem Wechſelpapier in der Hand; und die Marquiſe befahl ihr eine Anweiſung auf fünfzig Pfund zu ſchreiben, unter die ſie dann ihren Namen ſetzen wolle. „Sind's keine Guineen?“ fragte Lady Wellerby. „Ich meine, wir wetten immer auf Guineen.“ „Immer, wenn Sie gewinnen, gnädige Frau,“ Strathern 1v. 11 162 entgegnete die Marquiſe unter Blinzeln und Nicken; „laſſen wir's bei Guineen. Schreiben Sie Gui⸗ neen, Frau Bernard.“ Als die Anweiſung fertig war, unterzeichnete ſie Lady Mountſerrat und übergab ſie der Lady Wellerby. „Iſt es ſo in Ordnung, Madame?“ fragte ſie.„Sind Sie ganz ſicher, daß kein Fehler vor⸗ gegangen iſt?“ „Es wird ſchon recht ſein,“ verſetzte Lady Wel⸗ lerby und that, als wollte ſie gar nicht näher darauf hinſehen. „Nun, wenn Sie die Wahrheit geſtehen und dem Teufel ein Bein brechen wollen, ſo müſſen Sie zugeben, daß unter allen Ihren Bekannten keine Dame iſt, die den Verluſt von fünfzig Gui⸗ neen ſo gleichmüthig verträgt, wie ich.“ „Alle Frauenzimmer von feiner Lebensart ver⸗ lieren ihr Gld ohne ihre gute Laune zu verlieren,“ erwiederte Lady Wellerby, welche die blitzenden Blicke ihrer Wirthin zu dieſer Bemerkung reizten. „Iſt dem wirklich alſo? Nun, es freut mich recht das zu hören, und es würde mich noch mehr freuen, wenn ich es auch zu ſehen bekäme. Denn da die gnädige Frau die erſte Dame von feiner Lebensart iſt, mit welcher ich je Karten geſpielt habe, und da Sie aus dem oder jenem Grunde zufällig immer gewinnen, ſo habe ich bisher keine 163 Gelegenheit gehabt zu beurtheilen, wie Sie den Verluſt ertragen.“ Nummehr erſchien der Champagner, man füllte für die Marquiſe ein großes Glas davon, ſie nahm es an den Mund und that eo nicht eher wieder weg, bis es leer war. „Es geht doch nichts über den Champagner,“ ſagte ſie.„Wollen Sie nicht auch ein Glas, My⸗ lady und Sie, Fräulein Sophie? Es wird Ihnen gewiß gut bekommen.“ „Ich will ein wenig mit Eiswaſſer gemiſcht zu mir nehmen, wenn Sie es erlauben,“ erwiederte Lady Wellerby. „Halten Sie es denn nicht für eine Sünde und Schande, den köſtlichen Wein, der ſo viel koſtet, durch Zuſchütten von Waſſer zu verderben?“ „Ich trinke nie lautern Wein und meine Tochter ebenſo wenig.“ „Nicht, wirklich nicht? Deſto eifiltiger von Euch beiden. Ich bin überzeugt, daß Sie um ein gut Theil beſſer ausſehen würden, wenn Sie es thäten. Je eher Sie alſo damit anfangen, deſto beſſer. Ich hätte ſchon lange gerne wiſſen mögen, warum Sie ſo todtenbleiche und lebloſe Geſichter machen; Ihre Augen ſind ja gerade wie die eines todten Stockfiſches. Zetzt aber, da Sie mir ſagen, daß Sie nie lautern Wein trinken, kann ich es mir erklären.“ 1* 164 Das blaſſe Geſicht der Lady Wellerby wurde hierüber roth vor Zorn. Ihre Wirthin bemerkte es und da ſich nun die Wirkungen eines zweiten großen Glaſes voll Champagner an ihr bemerkbar zu machen anfingen, ſo wurde ſie ganz ausgelaſſen, brach in ein lautes Gelächter aus und rief:„Be⸗ trachten Sie nur einmal die gnädige Frau und ſehen Sie, was ſie für eine hübſche Farbe kriegt. Wenn ich mit Ihnen nur vom Champagner rede, ſo werden Sie roth; nun bedenken Sie, was erſt herauskäme, wenn Sie davon trinken würden. Fol⸗ gen Sie meinem Rath und nehmen Sie ein Glas zu ſich!“ „Ich habe den Wein nie gemocht, Madame,“ verſetzte Lady Wellerby, die nicht mehr im Stande war ihren ZJorn zu bemeiſtern,„und meine Be⸗ kanntſchaft mit Ihnen, gnädige Frau, hat meinen Abſcheu vor den Wirkungen nicht gemindert, die er auf Frauen hervorbringt.“ „Wirklich nicht? Nun, Sie haben Ihre Aeuße⸗ rung in höfliche Worte gekleidet, gerade wie Ihr Engländer die Kartoffeln in damaſtene Servietten einſchlaget, ohne daß ſie durch den Aufputz beſſer werden, aber ich bin doch überzeugt, daß Sie mir eine Unart ſagen wollten. Und da Sie behaupten, Ihr Widerwille gegen den Wein habe ſich noch vermehrt, ſeitdem Sie mich kennen, ſo will ich mir die Freiheit nehmen Ihnen zu bemerken, daß meine 165 Abneigung gegen vornehme Frauen furchtbar ge⸗ ſteigert worden iſt, ſeitdem ich mit Ihnen bekannt bin.“ „Lord Wellerby, ich glaube, es iſt Zeit, daß wir weggehen,“ fagte Lady Wellerby und erhob ſich mit der Miene erkünſtelter Würde von ihrem Stuhl. „Ich bin überzeugt,“ entgegnete Se. Herrlich⸗ keit, indem er ſeiner Frau Dolchblicke zuwarf,„daß Lady Mountſerrat gar nicht die Abſicht gehabt hat Dich zu beleidigen und ich muß folglich Frieden zwiſchen Ihnen ſtiften.“ „Wie ſo, ſie war's ja, die mir zu nahe ge⸗ treten iſt. Wer hat angefangen, das möchte ich wiſſen?“ fragte die Marquiſe. „Meine werthe Lady, erlauben Sie mir den Friedensſtifter zu machen. Meine Frau würde, wie ich gewiß weiß, um keinen Preis etwas ſagen oder thun, was im Geringſten Ihr Mißfallen er⸗ regen könnte. Erlauben Sie mir, daß ich dieſe ſchöne Hand“— hiermit ergriff er die plumpen rothen Finger ſeiner Wirthin—„in die meiner Frau lege.“ „Ich dachte nicht entfernt an etwas Böſes,“ murmelte Lady Wellerby und näherte ſich der Mar⸗ quiſe, welche die Hand hinſtreckte mit den Worten: „Ich trage nie Etwas nach, alſo ſchlagen Sie nur ein. Aber wohlverſtanden, blos unter einer Be⸗ 166 vdingung, nämlich daß ſie vor dem Weggehen ein Glas lauteren Wein auf meine Geſundheit trinken. Sie ſollen ſelbſt wählen, welchen Sie haben wollen.“ Lord Wellerby nickte ſeiner Gemahlin zu, ſie ſollte alsbald unter den vorgeſchlagenen Bedingungen in die Verſöhnung willigen und dieſe gab ihre Zu⸗ ſtimmung, denn ſie dachte an die Möglichkeit, der einfältigen und gemeinen Irländerin im Wetten ſpäter noch mehr abzugewinnen. „Wie wäre es, wenn wir einen Biſſen mit einander zu Nacht äßen,“ meinte die Marquiſe, indem ſie ſich die Hände rieb und ein Geſicht machte, als dächte ſie blos daran, wie ſie ihre Gaſtfreiheit an den Tag legen könnte,„ein wenig Braten, verdammt gute Hühnerſchlegel, abgeſot⸗ tene Schinken und Alles, was ſonſt noch zu haben iſt. Damit können wir uns einen luſtigen Abend machen.“ „Und noch einen Whiſtrobber machen, um Ihnen einigen Erſatz zu geben,“ fügte Lord Wel⸗ lerby hinzu. „Nein, keine Karten mehr für heute Nacht,“ entgegnete die Marquiſe,„denn es iſt mir nicht ganz recht im Kopfe; wo es nun auch herrühren mag, und durch's Spielen würde die Sache noch ärger werden. Morgen Abend will ich ſo viel Robber mit Ihnen machen, als Sie wollen.“ „Nun, meine werthe Lady, da Sie Kopfweh 167 haben,“ verſetzte Lord Wellerby, als er ſah, daß mit ſeiner Wirthin für den Abend nichts mehr an⸗ zufangen ſei—„ſo muß ich Ihnen rathen früh zu Bette zu gehen und darf Ihnen nicht zumuthen mit uns zu ſpeiſen. Vielmehr muß ich Sie bitten ſich zur Ruhe zu begeben. Gute Nacht, gute Nacht!“ Damit ging die Geſellſchaft davon und ließ die Marquiſe ihr Eſſen allein verzehren. Siebentes Kapitel. „Entflammt die Liebe Hymen's Fackel nicht, Wer wird ſich von der Ehe Glück verſprechen? Die Zeit ſogar, die alle Schranken bricht, Vermag das Eis der Herzen nicht zu brechen; Sie kann nicht binden, was ſich widerſtrebt, Und was in ew'gem Hader mit ſich lebt. Die Liebe nur beſitzt die Zaubermacht Das Band mit blüh'nden Blumen zu bedecken, Sie macht es leicht auch in des Lebens Nacht Und weiß in Wüſten Blumen zu erwecken. Doch wo ſie fehlt, da wird der Ehebund Zur ſchweren Kette und die Seele wund.“ Die Reiſe der Neuvermählten, des Grafen und der Gräfin Fitzwarren, von Neapel bis Paris bot nichts Beſonderes dar. Nachdem Olivia den Zweck erreicht, um deſſentwillen ſie mit ſo viel Schlau⸗ 168 heit und Beharrlichkeit ihre Schmeicheleien ver⸗ ſchwendet, hielt ſie nicht weiter für nöthig dieſelben fortzuſetzen, oder auch nur ihrem Mann eine der vielen Aufmerkſamkeiten zu erweiſen, mit welchen ſie ſonſt gewöhnlich den Liebhaber überhäuft hatte. Sie war beleidigt worden durch ſein unbekümmer⸗ tes und gleichgültiges Weſen vor der Heirath, ſie hatte ſich dadurch in ihrer Eigenliebe verletzt gefühlt, die Erinnerung daran ſtachelte ſie jetzt wieder auf und ihr Mangel an Klugheit, wie ihre Kurzſichtigkeit ver⸗ anlaßte ſie ihre Empfindlichkeit über die frühere Ver⸗ nachläſſigung von ſeiner Seite dadurch zu zeigen, daß ſie ihrerſeits nun ebenfalls Kälte und Nichtachtung gegen ihn an den Tag legte. Auch dauerte es nicht lange, bis Lord Fitzwarren die Veränderung be⸗ merkte. Obgleich in gewiſſen Dingen ein einfältiger Menſch, fehlte es ihm doch nicht an Gefühl in Sachen, bei welchen das Herz mitredet. Daher gewahrte er ſchnell den Wechſel in dem Benehmen ſeiner Frau, aber in Folge der ihm eigenen Gut⸗ müthigkeit und zugleich in Folge der Eitelkeit, von welcher kein Menſch frei bleibt, war er geneigt eine Entſchuldigung dafür in der Eiferſucht zu fin⸗ den, welche ſeiner Vermuthung nach durch das Andenken an ſeine gar nicht liebhabermäßige Abnei⸗ gung vor ihrer Hochzeit in ihrem Buſen hervor⸗ gerufen worden war.„Armes Ding,“ ſagte er manchmal bei ſich ſelber,„gewiß wird ſie noch von ———— 169 der Erinnerung an meine frühere Kälte gequält oder vielleicht hat ſie erfahren, wie ſchrecklich ver⸗ liebt ich in eine Andere geweſen bin. Ach, wenn dieſe Andere nur einmal freundlich gegen mich ge⸗ weſen wäre, wie ſelig, wie unausſprechlich glück⸗ lich würde mich das gemacht haben! Wenn ich mir Loniſe Sydney nur als meine Braut vorſtelle, wenn ſie neben mir da im Wagen ſäße und ſo raſch dahin führe, als uns vier Pferde ziehen könnten, wenn ich mir das nur denke, ſo macht es mein Herz ſchneller ſchlagen. Sie von der Seite anzu⸗ blicken und dann in dem Fenſter da vorne den Widerſchein ihres vollen Geſichts zu ſehen, welche Wonne wäre das! Nein, nie hat es ein ſo lieb⸗ liches, ſo engliſches Weſen gegeben. Aber ich muß ſolche Gedanken von mir fern zu halten ſuchen;z ich muß mich erinnern, daß nunmehr das Glück einer Andern meiner Sorge anvertraut iſt, daß ich vor dem Altar geſchworen habe, die, welche jetzt meinen Namen trägt, zu lieben und in Ehren zu halten, und daß ich mich einer Sünde ſchuldig mache, wenn ich mir verſtatte, meine Gedanken auf das einzige Weib zu richten, die ich je wahr⸗ haft geliebt habe. Wie nachſichtig muß mich das Bewußtſein, daß mir ſolche Sachen zu Sinn kom⸗ men, gegen die Verdrießlichkeit und Kälte der armen Livy machen! Die Weiber beſitzen, wie ich immer gehört habe, einen ſo wunderbaren Scharfblick in 170 Herzensangelegenheiten, daß man nicht wiſſen kann, ob meine unglückliche Frau nicht gerade in dieſem Augenblick ärgere Qualen durchmacht, als ich! Denn die Eiferſucht vermag Einen, wie ich aus Erfahrung weiß, auf die Folter zu ſpannen. Arme Livy! Wenn ich ſchon meinem Herzen nicht befehlen kann Dich zu lieben, ſo will ich wenigſtens ver⸗ ſuchen die Leidenſchaft zu verbergen, die noch immer heimlich für eine Andere in mir wohnt und in Geduld das mürriſche und froſtige Weſen ertragen, welches die Eiferſucht bei ihr erzeugt. Ich weiß ja, daß ich ihre Liebe nicht erwiedern kann.“ Was iſt doch die Eitelkeit für eine heilende Salbe! Wie viel weniger nachgiebig wären wir ohne ihren ſänftigenden Einfluß; um wie viel früher würden wir Umſtände entdecken, die jetzt, über⸗ ſchattet von ihrem undurchſichtigen Schleier, der Entdeckung ſich entziehen. Aber obgleich die Eitel⸗ keit häufig zwiſchen ſchmerzliche Wahrheiten und unſern Verſtand eine Decke zieht, ſo macht ſie es für uns auch um ſo empfindlicher, wenn wir Etwas erfahren, was unſere Eigenliebe demüthigt. So ging es hier. Während ſie den gutmüthigen Lord Fitzwarren ſo mitleidig und nachſichtig gegen die Veränderung im Betragen ſeiner Gemahlin ſtimmte, brachte ſie bei ihr gerade die entgegengeſetzte Wir⸗ kung hervor. Statt ſich ſeine Werthſchätzung zu erwerben durch die Fortſetzung ihrer Aufmerkſam⸗ 171 keiten, ſtatt ihm die Zärtlichkeiten zu erweiſen, die ihn verführt hatten ſie zu heirathen, ſchien ſie darauf erpicht ihn merken zu laſſen, daß ſeiner ehemaligen Gleichgültigkeit die ihrige nunmehr völlig gleich käme. „Du findeſt nicht viel Geſchmack am Reiſen, Livy, wie mich bedünken will„ äußerte Lord Fitz⸗ warren nach einem langen Schweigen, während deſſen ſeine Gedanken zu dem Mädchen hingezogen waren, welche ihn öfter beſchäftigte als mit ſeiner Pflicht oder mit ſeinem Glück, als der Gemahl einer andern, verträglich ſein konnte. „Nicht beſonders,“ lautete die Antwort.„Um am Reiſen Geſchmack zu finden, muß man einen muntern Gefährten haben und Du ſcheinſt nicht ſehr aufgelegt zu ſein.“ „Sie hat wahrhaftig den Gegenſtand meines Sinnens errathen und iſt eiferſüchtig, das arme Ding,“ dachte der junge Ehemann.„Freuſt Du Dich auf Paris?“ fing er wieder an, denn er wünſchte ein Geſpräch im Gang zu erhalten und ſie mit ſeinem vorhergegangenen Schweigen aus⸗ zuſöhnen. „Das kann ich kaum ſagen, denn Paris war für mich ſtets ein Ort, wo ich Allerlei auszuſtehen hatte. Ich ſah da überall tauſend hübſche Sachen, die ich herzlich gern gekauft haben würde, wenn es 172 mir möglich geweſen wäre und das verdarb mir denn alle Laune.“ „Jetzt wirſt Du Paris unter angenehmeren Umſtänden ſehen, meine liebe Livy,“ dabei ergriff und drückte er ihre Hand,„denn es ſoll mir Freude machen Dich in Stand zu ſetzen, Alles zu kaufen, was Dein Herz begehrt.“ Der Druck der Hand wurde nicht erwiedert, kein zartes Wort, kein freundlicher Blick bewies ihren Dank für dieſe gutmüthige Erklärung und ihr Mann fühlte ſich unbehaglich bei ſolch' wider⸗ wärtigem Benehmen. Indeſſen war er entſchloſſen den Liebenswürdigen zu ſpielen und fuhr fort:„Ich habe ſtets dafür gehalten, daß es ein Vergnügen, ein Genuß für den Mann ſein müßte, ſeine Frau in den erſten Monaten der Ehe mit hübſchen Sachen zu überhäufen. Die Frauen werden in Bezug auf das Geld während ihrer ledigen Tage ganz anders behandelt als die Männer. Wir ſind gewöhnt große Summen zu unſerer Verfügung zu haben und Geld auszugeben, wenn es uns einfällt, ohne daß wir Jemand darüber fragen oder Rechenſchaft davon abzulegen brauchen; Euch dagegen ſteht ſelten ein bedeutendes Taſchengeld zu Gebote und ſelbſt bei der Verwendung deſſen, was man Euch gibt, müßt Ihr Euch in der Regel von dem Rath der Mütter leiten laſſen.“ „Ganz richtig; und das iſt einer der Gründe, 173 warum die Mädchen ſo ſehnlich zu heirathen wün⸗ ſchen, daß ſie manchen Fehler an einem Manne überſehen, der die Mittel beſitzt ihre Wünſche zu befriedigen und ihnen die Annehmlichkeiten zu ver⸗ ſchaffen, nach denen ſie ſo lange getrachtet haben.“ Es lag etwas ſo Herzloſes und Selbſtſüchtiges in dieſer Erwiederung, daß Lord Fitzwarren ſich dadurch verletzt fühlte und wieder in ſein Still⸗ ſchweigen verſank. Er war verſucht zu ſagen, er hoffe, daß nicht alle Frauenzimmer durch ſolche eigennützige Beweggründe veranlaßt würden in den Eheſtand zu treten, aber er fürchtete, ſie könnte aus einer derartigen Bemerkung ſchließen, er ſei beleidigt oder ſtreitſüchtig und ließ deshalb nichts davon laut werden. „Wie widerwärtig iſt doch das Reiſen!“ rief Lady Fitzwarren,„ich wollte, ich hätte daran ge⸗ dacht und eine unterhaltende Erzählung mit mir genommen.“ Dieſe rohe Aeußerung goß weder Oel noch Wein in die Wunde, die ihre früheren ſchon ge⸗ ſchlagen, und erregte bei Lord Fitzwarren trotz ſeiner außerordentlichen Gutmüthigkeit wenig Luſt weitere Anſtrengungen zu Fortſetzung der Unterhaltung mit ſeiner Frau zu machen. War es möglich, daß er ſich von einer Frau hatte zum Beſten halten und ſich von ihr zu einer Verbindung dadurch hatte ver⸗ locken laſſen, daß ſie eine Neigung zu ihm heuchelte, 174 die ſie in der Wirklichkeit nie empfunden, wie ſol⸗ ches aus ihrem gegenwärtigen Betragen nur zu deutlich hervorging? Dieſer quälende Gedanke kam ihm jetzt zu Sinn. Wenn ihre üble Laune aus Eiferſucht entſprang, ſo wollte er ihr das gerne verzeihen, denn es lag nichts darin, was ſeine Eigenliebe verletzt hätte; aber das Opfer eines ge⸗ fühlloſen Geſchöpfes zu ſein, deren Aeußeres ihn niemals angezogen und die ihn blos dadurch gekö⸗ dert hatte, daß ſie eine gränzenloſe Anhänglichkeit an ihn, eine vollſtändige Unterwerfung unter ſeinen Willen zur Schau trug. Das war ſo demüthigend, daß ſein Stolz auf das Empfindlichſte durch die bloße Vermuthung davon verwundet wurde und er verfluchte ſeine eigne Dummheit und die Schwäche, mit der er ſich hatte zum Beſten halten laſſen. Lord Fitzwarren war nicht der Mann, der lange Betrachtungen nachhing. Bis daher hatte er ge⸗ wöhnlich jeden Wunſch befriedigt, der in ihm auf⸗ ſtieg und mit Geld erfüllt werden konnte. Erſt als ihm Fräulein Sydney einen Korb gab, erfuhr er, daß es Annehmlichkeiten gibt, welche man ſich mit Geld nicht zu verſchaffen im Stande iſt. Seine Gedanken bei dieſer Entdeckung waren von ſo ſchmerzlicher Art, daß er ihnen entfloh und die Geſell⸗ ſchaft der Fräulein Wellerby aufſuchte, deren ſüße Worte ſodann ſeiner verwundeten Eitelkeit ſchmei⸗ chelten und der einen von ihnen den Preis ver⸗ ſchaffte, nach dem ſie beide ſo lange und ſo un⸗ verdroſſen geſtrebt hatten. Die Schmeicheleien waren theuer genug bezahlt und wenn ſie ihm nun fortan entzogen werden ſollten, wenn man an deren Stelle in ganz unverhüllter Art ein gleichgültiges und grobes Benehmen treten ließ, wie konnte er einen ſo har⸗ ten und unerwarteten Wechſel ertragen? Trübe Ge⸗ danken haben gewöhnlich die Wirkung, daß ſie den Schlummer vertreiben; aber mochte es von der Neuheit derſelben oder von der Schläfrigkeit her⸗ rühren, die ein ununterbrochenes Schweigen oft er⸗ zeugt, oder mochte die raſche Bewegung eines Wa⸗ gens, welche die Neigung dazu unterſtützte, die Schuld tragen, daß Lord Fitzwarren einſchlief, darüber können wir in dieſem Fall keine Auskunft geben. Genug, dem war ſo, und der junge Ehe⸗ mann gab durch gewiſſe Töne bald zu erkennen, daß er wirklich unter Morpheus wohlthätigem Ein⸗ fluß ſtand. Lord Fitzwarren, Lord Fitzwarren!“ rief ſeine Frau und zupfte ihn heftig am Arm,„willſt Du Dein Schnarchen bleiben laſſen?“ Er fuhr auf, rieb ſich die Augen und ſagte: „Habe ich denn wirklich geſchnarcht?“ „Geſchnarcht!“ wiederholte ſeine Gemahlin und ſchleuderte ihm Dolchblicke zu,„ich habe nie in meinem Leben ſolche Töne gehört. Es war ſchon arg genug im Wagen zu ſchlafen und mich meinen 176 eigenen Gedanken zu überlaſſen, die, wie ich Dich verſichern kann, nichts weniger als angenehm ſind, aber dann noch zu ſchnarchen, wie Du, iſt ſo un⸗ erträglich, daß ich lieber nicht mehr in einem Wa⸗ gen mit Dir reiſen, als mich dem ausſetzen will.“ „Es thut mir leid, daß ich Dich beläſtigt habe,“ erwiederte Lord Fitzwarren.„Ich wußte ja nichts davon, daß ich ſchnarche, denn ob ich gleich ſchon verſchiedene Reiſegefährten gehabt habe, ſo iſt mir doch noch von Keinem der Vorwurf gemacht wor⸗ den, ich habe dieſen unangenehmen Fehler.“ „Wahrſcheinlich deswegen nicht, weil Dich ge⸗ wöhnlich ſo ein verabſchiedeter Hauptmann oder ein Schmarotzer, wie Webworth begleitete, der nicht im Stand iſt ſich einen eignen Wagen zu halten und froh ſein mußte, daß Du ihm einen Sitz in dem Deinigen anbotſt. Die führten natürlich keine Klage über Deine Eigenheiten wie unaugenehm ſi ſie auch ſein mochten.“ „Verabſchiedeter Hauptmann! Schmarvtzer! Wahrhaftig, ich weiß nicht, ſoll ich mich über die Sprache, die Du führſt, mehr verwundern oder ärgern.“ „Und ich kann Dich verſichern, daß die Probe, die Du mir eben davon gegeben haſt, was Du für ein angenehmer Reiſegefährte biſt, daß die es mir für immer verleidet hat, mich, ſo lange ich lebe, für mehr als fünfzig Meilen in Deiner Geſellſchaft —% — 177 —— einem Poſtwagen atzuvertrauen. Ich möchte wiſſen, was die Leute ſagen würden, wenn man ihnen er⸗ zählte, daß ein Mann, der erſt drei Tage ver⸗ heirathet iſt, auf ſeinem Sitz ſich zurücklegt und in Kettenhund, wenn er at? Und die unglückliche erniedrigende Lage nach⸗ ſich recht müde gelaufen h Frau läßt man über ihre denken.“ „Reize mich nicht zu Gegenreden, ich könnte ſonſt in einem Augenblick des Zorns Wahrheiten ausſprechen, welche Du ſowohl als ich hintennach gern ungeſagt ſehen möchten.“ „Ach, thu Dir doch in Deinen Worten nicht mehr Zwang an als in Deinen Handlungen! Nichts „was Du äußern magſt, kann beleidigen⸗ der ſein, als daß Du Dich dem Schlaf überläfſeſt und ſchnarchſt. Ein ſolches Betragen beweiſt, daß Du weder auf meine Gefühle Rückſicht nimmſt, noch die im Leben geltenden Regeln des Anſtandes beachteſt.“ „Ich gebe gerne zu, daß es nicht höflich war, aber der Fehler iſt nicht ganz allein auf meiner Seite. Ich verſuchte die Zeit durch ein Geſpräch abzukürzen, Du haſt mich aber in meinen Bemühun⸗ gen eine Unterhaltung fortzuſetzen ſo wenig unter⸗ ſtützt und ſchienſt ſo wenig geneigt Deinen Antheil dazu beizutragen, daß es kaum zu verwundern iſt, wenn ſie ſtockte und ich einſchlief.“ Strathern 1v. 2 178 „Ich begehre keine Rechtfertigung, laß ſie alſo nur weg.“ „Treibe mich nicht auf's Aeußerſte, Livy,“ ſagte Fitzwarren. Seine Lippen zitterten und ſein Geſicht wurde blaß, als er dieſe Warnung ausſprach. ich ein Weib bin und Du ein Mann,“ erwiederte die Lady mit eiſigem Blick. „Nein, Du haſt nicht zu fürchten, daß ich mich an Dir vergreife. Keine Beleidigung könnte mich vergeſſen machen, was ich Deinem Geſchlecht ſchul⸗ dig bin, und mein eigenes“— weiter ſagte Lord Fitzwarren nichts. Die Gefühle des Grolls, welche dieſer Vor⸗ gang erzeugte, fraßen im Bufen des Mannes und der Frau ſo heftig um ſich, daß zu erwarten ſtand, ſie würden bei der unbedeutendſten Veranlaſſung in Flammen ausbrechen. Lady Fitzwarren that keinen Schritt zur Verſöhnung, einmal aus Herrſchſucht und dann in der Meinung, wenn ſie während des erſten Jahres ihrer Ehe keinerlei Nachgiebigkeit gegen die Wünſche vder Anſichten ihres Gemahls zeige, ſo würde ſie zuletzt eine vollkommene Gewalt über ihn erlangen. Nie ward eine téte-à-téte-Reiſe in ſo ungeſelliger Weiſe gemacht, als dieſe erſte des Lord Fitzwarren und ſeiner Frau. Die Mahlzeiten ver⸗ gingen in Unluſt und von keinem Zeichen des Wohl⸗ wollens, von keiner der kleinen Aufmerkſamkeiten — „Wahrſcheinlich„damit Du nicht vergiſſeſt, daß 8— 179 erheitert, welche denſelben gerade ihren größten Reiz verleihen. Da aber alle Reiſen, auch die durchs Leben, ein Ende nehmen müſſen, ſo erreich⸗ ten ſie zuletzt Paris, wo ſie ein paar Wochen zu bleiben beſchloſſen hatten, jedoch nicht ohne unter⸗ wegs verſchiedene Erfahrungen gemacht zu haben, die ſie beide gegenſeitig zu der Ueberzeugung brachten, vaß ſie durchaus nicht zu einander paßten. Dieſe Entdeckung ging dem Mann weit mehr nahe, als der Frau, denn er hatte ſich täuſchen laſſen durch die Bereitwilligkeit, mit welcher ſie vor ihrer un⸗ glücklichen Heirath auf alle ſeine Anſichten einge⸗ gangen war und ſeinen Geſchmack zu theilen ge⸗ ſchienen hatte, darum erwartete er nicht allein ein zärtliches Weib, ſondern meinte, ſie finde an ihm Alles bewundernswerth. Ihre Schmeicheleien ge⸗ wannen ihn für ſie und er machte darauf ſich ge⸗ faßt, daß ihm dieſes honigſüße Futter auch ferner gereicht werden würde, aber die Lady war jetzt, da ſie ihren Zweck erreicht, nicht mehr geſonnen, ihm ſolches zu reichen. 5 Sie nahmen ihr Abſteigequartier im Hötel de terrase, Straße Rivoli, wo der Courier eine Reihe der beſten Zimmer für ſie beſtellt hatte, und hier fing die Lady erſt an, die lange erſehnten Annehm⸗ lichkeiten zu genießen, deren ſich die Frau eines vornehmen und reichen Mannes zu erfreuen hat. Ehe ſie noch am Morgen nach ihrer Ankunft das 180 Putzzimmer verließ, war das Vorgemach ſchon mit modistes, Seidenhändlern, cordonniers und coutu- riöres angefüllt. Den Anweiſungen der madame la comtesse zufolge, welche ihnen durch den Courier überbracht worden, hatten ſie die auserleſenſten Muſter ihrer Waaren mitgebracht, ehe die Gräfin ſich noch vom Kiſſen erhob. Als Lord Fitzwarren beim Austritt aus ſeinem Zimmer die Menge Menſchen erblickte, die hier warteten, bis ſie bei ſeiner Gemahlin vorgelaſſen würden, nahm er ſich die Freiheit an ihre Thüre zu klopfen und ſie zu bitten, ſie möchte ihr Geſchäft mit den Leuten bis nach dem Frühſtück verſchieben, denn er wäre ſehr hungrig und ſehe daher mit Un⸗ geduld dem Eſſen entgegen. „Du brauchſt nicht auf mich zu warten,“ gab die Neuvermählte zur Antwort,„denn ich werde in meinem Ankleidezimmer frühſtücken.“ „Nein, wir wollen miteinander frühſtücken,“ drängte Se. Herrlichkeit,„denn es iſt mir zuwider dabei allein ſein zu müſſen.“ „Und mir iſt es zuwider Jemand bei mir zu haben, Du darſſt alſo nie daran denken, daß ich Morgens in Deiner Geſellſchaft Etwas genieße.“ „Aber willſt Du mich denn die hübſchen Sachen nicht ſehen laſſen, welche Du kaufen willſt, ich möchte Dir gerne Etwas ſchenken, was ich ſelber ausgeleſen.“ 181 „Nein, ich danke, ich nehme lieber was mir ſelber gefällt, und die Männer verſtehen nichts von ſolchen Dingen.“ „Sie ſind wohl blos gut genug, um die Putz⸗ ſachen zu zahlen,“ dachte der gekränkte Gemahl, als er in das Frühſtückszimmer trat, und ſchellte, um ſein déjeüner zu beſtellen.„Bringen Sie mir auch Galignani's Meſſenger,“ ſagte er zu dem Bedienten. „Madame la comtesse hat ihn auf ihrem Zim⸗ mer, Mylord,“ lautete die Antwort. Abermals ging er an die Thüre des Ankleide⸗ zimmers ſeiner Frau und erſuchte ſie, ihm die Zei⸗ tung zu leihen. „Ich habe ſie noch nicht geleſen,“ erwiederte ſie. „Du kannſt ſie ja doch nicht leſen, während Du Dich anziehſt oder die verſchiedenen Gegenſtände betrachteſt, die man Dir zur Anſicht gebracht hat,“ verſetzte Lord Fitzwarren,„und ich ſchicke das Blatt in einer Viertelſtunde zurück.“ „Wie magſt Du nur Einen ſo beläſtigen?“ entgegnete die Lady.„Ich kann ſie Dir jetzt ge⸗ wiß nicht geben, alſo laß mich in Ruhe meinen Anzug vollenden.“ Lord Fitzwarren ging wieder in das Frühſtücks⸗ zimmer zurück, da ſich aber noch kein déjeuner ſehen ließ, ſuchte er ſich die Zeit damit zu ver⸗ treiben, daß er zum Fenſter hinausſchaute, auf deu 182 Scheiben trommelte und Fliegen fing— ſie um⸗ zubringen, dazu beſaß er zu viel Menſchlichkeit — dann fing er an zu pfeifen, nicht weil ihm nichts Anderes einfiel, ſondern weil er gewiſſe höchſt un⸗ angenehme Gedanken los werden wollte, die ihn völlig in Anſpruch nahmen. „Nun, das iſt luſtig, das muß man geſtehen,“ dachte er, aber der Ausdruck ſeiner Züge verrieth, daß ſeine Stimmung in Wahrheit keineswegs eine freundliche war.„Da bin ich allein und Niemand kümmert ſich um mich. Als lediger Mann war mir nie ſo unbehaglich zu Muthe, da gab es immer einen heitern Kameraden, der mit mir frühſtückte, die Zeitungen lagen auf meinem Tiſch und ich brauchte mich nicht auf dem Abſatz herum zu drehen, wie jetzt.“ Aergerlich zog er die Glocke und be⸗ fahl, man ſollte ihm ſeinen Courier ſchicken. Als der Menſch erſchien, fragte Lord Fitzwarren in zor⸗ nigerem Tone, als er ihn je angeredet, warum ſein Frühſtück nicht aufgetragen würde und die Zei⸗ tung nicht auf dem Tiſch läge? „Thut mir ſehr leid, Mylord, aber die gnädige Frau hat befohlen, daß ihr die Tagesblätter immer zuerſt geſendet werden ſollten. Sie verlangt auch, daß man das Frühſtück in ihrem Ankleidezimmer auftrage und da meinte ich denn, Mylord würde es mit der gnädigen Frau auch dort einnehmen. Aber ich will gehen und das déjeuner toute de — verließ den Gaſthof in einer nichts weniger als 183 suite hieher beſorgen.“ Damit eilte der Courier weg und ſagte bei ſich ſelbſt:„Ach, pauvre My⸗ lord, pauvre Mylord. Er wird jetzt nicht mehr zuerſt bedient, die Mylady will Alles zuerſt für ſich haben und ſcheert ſich keinen Pfifferling um ſonſt Jemand in der Welt. Méchante femme, méchante femme!“ Als Lord Fitzwarren ſein einſames Frühſtück beendigt hatte— und nie war ihm durch ein an⸗ deres weniger Genuß verſchafft worden, ſo über⸗ reichte ihm der courrier das menu für ſein Mittag⸗ eſſen und ſagte„die gnädige Frau hat ſchon die plats beſtellt, welche ſie wünſcht, ich glaubte, der Mylord würde vielleicht noch beſondere Luſt zu Etwas haben.“ Lord Fitzwarren machte noch ein paar Zuſätze zu der Speiſekarte und gab dann dem courrier den Auftrag, er ſollte bei Jungfer Claudine, der femme de chambre ſeiner Frau, ſich erkundigen, um welche Zeit Lady Fitzwarren verlange, daß der Wagen bereit gehalten werde und ob ſie wolle, daß er ſie irgend wohin begleite? „Die gnädige Frau verlangt durchaus nicht nach Mylord,“ lautete die Antwort, welche zurück⸗ kam,„und der Wagen ſoll um zwei Uhr vor der Thüre ſtehen.“ Der junge Ehemann biß ſich in die Lippen und 184 guten Laune, und mit dem herzlichen Wunſche, ſeine Gemahlin nie erblickt, oder ſich doch nicht durch ein unauflösliches Band an ſie geknüpft zu haben. „Ich hätte nicht geglaubt, daß ſie ſo garſtig wäre, wie ſie mir jetzt vorkommt,“ dachte er, wäh⸗ rend er über den Vendome⸗Platz hinſchlenderte. „Wie ich den dummen Streich machte und um ſie anhielt, ſchien ſie mir wirklich ganz erträglich. Aber damals war ſie lauter Freundlichkeit, und ſo gefällig und artig, daß man ſie unmöglich für garſtig halten konnte.“ Die Schmeichelei iſt ein ſo angenehmes und ſo berauſchendes Gift, daß es diejenigen, welchen es gereicht wird, nicht allein über ihre eigenen Eigen⸗ ſchaften täuſcht, ſondern ſie auch auf die Meinung bringt, die, welche es ihnen geben, ſeien angenehme Menſchen. Wie ſollten wir Leute, die uns mit uns ſelber zufrieden machen, mit anderen, als wohl⸗ thuenden Empfindungen betrachten? Das rück⸗ ſichtsvolle Benehmen der Lady Fitzwarren machte ihren Mann blind gegen ihr gewöhnliches Aeußere, nun aber da jenes nicht mehr eingehalten wurde, wurde ihm dieſer Umſtand um ſo ſchmerzlicher fühl⸗ bar. Während er von ſo trüben Gedanken heim⸗ geſucht wurde, war er froh, einem alten Bekannten, Sir Heinrich Elwood, auf der Straße zu begegnen. Dieſer Herr vertrieb ſich gleich ihm die Zeit mit 185 Herumlaufen; ſie gingen alſo nunmehr zuſammen, und zwar auf die Bitte des Lord Fitzwarren nach den Ställen der Roßhändler. Der Anblick einiger ſchönen Pferde entzückte das Oberhausmitglied und während er ſich des Breiten über ihre Eigenſchaften ausließ, vergaß er beinahe, daß Jemand wie ſeine Frau in der Welt, ja ſogar daß er verheirathet war. Es wurde halb fünf Uhr bis Lady Fitzwarren aus ihrem Ankleidezimmer herauskam und die Um⸗ wandlung in ihrem Aeußeren, hervorgebracht durch die Aneignung der neueſten modes de Paris war ſo groß, daß man in ihr kaum mehr dieſelbe ein⸗ fach und ſogar ſchlecht gekleidete Frau wieder er⸗ kannte, deren Aufzug den Abend zuvor nicht allein den Spott des Gaſthofbeſitzers, ſondern ſogar ſeiner Lakaien rege machte. Voll Freude über ihr Aus⸗ ſehen, kam ihr zuerſt der Gedanke, die beſten ma- gazins des modes zu beſuchen, um ſich da einen tüchtigen Vorrath von Hauben, Hüten und Tur⸗ banen auszuleſen, mit denen ſie zuerſt in Paris auftreten und ſpäter in London die allgemeine Be⸗ wunderung erregen wollte. Kleider für Morgen⸗, Mittags⸗ und Abendsgeſellſchaften von der koſtbar⸗ ſten Art wurden beſtellt, und ehe die Glocke für die Rückkehr in ihren Gaſthof geſchlagen, hatte ſie eine ſo bedeutende Summe ausgegeben, daß ſelbſt der freigebigſte Ehemann in dem zärtlichen Wahn⸗ 186 ſinne des Honigmonats ein gar ernſthaftes Geſicht gemacht haben würde, wenn ihm der Betrag des Ganzen vorgelegt worden wäre. Der nächſte Schritt. den ſie that war der, daß ſie ihre Karte auf der— britiſchen Geſandtſchaft und an der Thüre einiger engliſchen Bekannten hinterließ, die damals eben in Paris ſich aufhielten. Denn die Gräfin ſehnte ſich außerordentlich, ſich von den téle-à-létes mit ihrem Manne loszumachen und den Staat den ſie gekauft, in Cirkeln zur Schau zu tragen, wo die Auswahl und Koſtbarkeit deſſelben gebührlich gewürdigt wer⸗ den konnte. Sie hatte Morgens, ohne ihrem Ge⸗ mahl ein Wort davon zu ſagen, eine Loge in der italieniſchen Oper beſtellt; er aber hörte von ſei⸗ nem Freund, Sir Heinrich Elwood, viel von einem Schauſpieler, der in Darſtellung komiſcher Auftritte ſeines Gleichen ſuchte und damals auf dem Theater an der Porte St. Martin auftrat. Darum nahm er ſich dort eine Loge und lud ſeinen Freund zuerſt ein mit ihm zu ſpeiſen und dann ihn und ſeine Frau in das genannte Schauſpielhaus zu begleiten.— Das fröhliche und bewegte Leben um ihn her und der ernſthafteſte ſeiner Landsleute muß geſtehen, daß dieſe Munterkeit Einfluß auf ihn äußert— hatte eine heilſame Wirkung auf die Laune des Lord Fitzwarren hervor gebracht. Seine angeborne Gutmüthigkeit half den Aerger der verwichenen k. Tage und des letzten Morgens überwinden, und er 181 fühlte ſich geneigt, darüber hinwegzugehen, daß ſeine Frau ſo wenig Umſtände gemacht, daß ſie ſich ſo gleichgültig gegen ſeine Behaglichkeit erwieſen hatte, wenn ſie nur die geringſte Bereitwilligkeit zeigte, ſolches jetzt durch ein freundliches Benehmen oder durch Darlegung von mehr Lebensart wieder gut zu machen. Sie war noch nicht zurück, als er in den Gaſthof eintrat, blos das Vorzimmer war mit Schachteln jeder Größe angefüllt und be⸗ wies zur Genüge, wie ſie ihre Zeit zugebracht hatte, ſeit ſie von einander geſchieden waren. Er kleidete ſich um, ſchaute häufig auf die Uhr auf dem Kamin und verglich ſie mit ſeiner eigenen, wie halbe Stunde nach halber Stunde verging, ohne daß ſie ſich blicken ließ. Sir Heinrich El⸗ wood kam zu der für das Eſſen beſtimmten Zeit und ſein Freund gewahrte oder glaubte doch eben ſo viel Verwunderung als Mißvergnügen im Ge⸗ ſicht deſſelben ausgedrückt zu ſehen, als ſich heraus⸗ ſtellte, daß Lady Fitzwarren noch nicht heimgekehrt ſei, um ſich anders anzuziehen. Endlich erſchien ſie, aber ſo ſpät, daß ihr rechtzeitiges Erſcheinen bei der Aufführung des Stückes im Theater am Thore St. Martin völlig unmöglich wurde. Ihr Gemahl trat ihr im Vorzimmer entgegen und ſagte, er habe einen alten Freund zum Eſſen geladen, er erklärte ferner, derſelbe warte darauf, ihr vorge⸗ 188 ſtellt zu werden und bat ſie, ſich ſo geſchwind als möglich umzukleiden. „Was,“ ſagte ſie mit einem Geſicht, deſſen Düſterheit den heranziehenden Sturm verkündigte, „iſt es möglich, daß Du Dir einen ſolchen Ver⸗ ſtoß gegen alle gute Lebensart verſtatteſt und einen Menſchen zum Eſſen einladeſt, den ich noch gar nicht geſehen habe? Das iſt denn doch eine furcht⸗ bare Mißachtung der Rückſichten, die Du mir ſchul⸗ dig biſt, und zum Zeichen wie ſchwer ich ſie fühle, werde ich nicht bei Tiſche erſcheinen.“ „Nicht bei Tiſche erſcheinen!“ wiederholte Lord Fitzw rren.„Du wirſt doch wahrhaftig nicht ſo unverſtändig und unfreundlich gegen mich ſein? Mein Freund hat am Fenſter geſtanden und Dich heimkommen geſehen, ich kann deshalb nicht vor⸗ geben, Du ſeieſt nicht wohl. Ich bitte Dich, Livy, komm doch zum Mittageſſen. Thue das und er⸗ ſpare mir die Beſchämung, die ich erfahre, wenn Du meinen Freund merken läßt, daß Du ſo wenig Rückſicht auf mich nimmſt.“ „Ehe ich auf Dein Verlangen eingehe, Fitz⸗ warren, mußt Du mir verſprechen, daß Du nie wieder Jemand, den ich noch nicht kenne, zum Eſſen mitbringſt, ja daß Du Niemand mehr ohne meine Zuſtimmung zu Dir einladeſt.“ „Ich gebe Dir dieſe Zuſage,“ erwiederte der unter den Pantoffel gerathene Ehemann, der bereit 189 war, jedes Opfer zu bringen, um ſich die Gegen⸗ wart ſeiner Frau bei Tiſche zu ſichern und ſeinen Freund nicht merken zu laſſen, wie ſchlecht er und ſeine Gattin ſchon jetzt miteinander auskamen. Die Lady beeilte ſich keineswegs, ihren Anzug zu voll⸗ enden, und beinahe zwei Stunden vergingen, ſeitdem ſie damit angefangen, bis ſie ſich im Geſellſchafts⸗ zimmer ſehen ließ. Die Zeit war ihrem Manne doppelt ſo lange vorgekommen, nicht weil er ſich ſehnte, ſie zu ſehen, ſondern weil ihn der Hunger quälte und weil er bemerkte, daß ſein Freund unter demſelben Einfluß ſtand. Er ertappte Sir Heinrich Elwood zu wiederbolten Malen auf einem Blick nach der pendule auf dem Kamingeſims, während eine halbe Stunde um die andere verging, ohne die Lady zu bringen, und wenn der Baronet gleich ein Mann von zu guter Erziehung war, um dem Verdruß, den er empfand, Worte zu leihen, ſo zeigte ſich dieſes doch, ohne daß er ſelber es ahnte, auf ſeinem Geſicht deutlich genug. Als Lady Fitzwarren endlich eintrat, ſtellte ihr der Gemahl ſeinen Freund vor, aber eine froſtige Verbeugung und ein paar förmliche Aeußerungen gaben allein zu erkennen, daß ſie von ſeiner Anweſenheit Kennt⸗ niß nahm. Nicht eine Sylbe der Entſchuldigung wegen ihres langen Anziehens und der daraus fol⸗ genden Verzögerung des Eſſens kam über ihre Lip⸗ pen, und ihr ganzes Betragen, ihr ganzes Weſen 190 bewies Sir Heinrich ganz unzweifelhaft, daß er für ſeine Wirthin ein unwillkommener Gaſt ſei. „Ich wollte Dir eine Ueberraſchung bereiten, Livy,“ ſagte Lord Fitzwarren, nachdem er die Schelle gezogen und befohlen hatte, man ſollte das Eſſen auftragen. „Wirklich!“ erwiederte die Lady.„Und darf ich fragen, welche? Indeſſen erkläre ich Dir zuerſt, daß ich einen tödtlichen Widerwillen gegen alle Ueberraſchungen habe.“ Sir Heinrich Elwvod machte ein verlegenes Geſicht, denn er fühlte, daß ſeine Anweſenheit an der Mittagstafel durch die unzweideutige Aeußerung über den Widerwillen gegen alle Ueberraſchungen als etwas keineswegs Angenehmes bezeichnet werde. Auch das gutmüthige Geſicht Lord Fitzwarren's ver⸗ rieth, daß er den Wink verſtanden hatte. „Die beabſichtete Ueberraſchung beſtand einfach darin, daß ich eine Loge im Theater am Thore St. Martin genommen habe, weil ich hörte, daß der beſte Komiker unſerer Zeit heute Nacht auf⸗ treten würde. Da dachte ich denn es würde Dir Spaß machen, dahin zu gehen, aber das Stück muß ſchon halb zu Ende geweſen ſein, ehe Du angezogen warſt.“ „Ich wäre doch auf keinen Fall hingegangen,“ verſetzte die Lady,„denn das Theater an der Porte St. Martin iſt mir zuwider und ich finde überdies 191 keine Freude an komiſchen Sachen, auch habe ich mir eine Loge im italieniſchen Theater beſtellen laſſen.“ Ihr Mann biß ſich in die Lippen, vor Aerger darüber, daß ſeine Frau eine ſo völlige Gleichgül⸗ tigkeit gegen alle ſeine Abſichten und Wünſche vor ſeinem Freund an den Tag legte; er bemerkte aber nichts, als er fürchte, daß es auch für das italieniſche Theater zu ſpät ſein möchte. „Keineswegs,“ entgegnete Lady Fitzwarren, „nichts iſt ſo gemein, als wenn man frühzeitig an ſolche Orte geht.“ Nunmehr warf ſie einen prü⸗ fenden Blick auf den Baronet, und als ſie ſich überzeugt, daß ſein Aeußeres distingué genug ſei, um ſich mit ihm in ihrer Loge ſehen laſſen zu können, fügte ſie hinzu:„Wir werden noch zeitig genug kommen, um ſo viel von der Oper zu hören, als ich gerne hören mag.“ Das Eſſen wurde aufgetragen, aber wie ſich vorausſehen ließ, war es, zwei Stunden ſpäter, als man es beſtellt hatte, nicht mehr genießbar. Ein verdorbenes Mittageſſen und eine verſtimmte Wirthin ſind nicht geeignet, ein Mahl angenehm vorüber gehen zu machen. Die zwei Herren fühl⸗ ten das. Die Lady ärgerte ſich, als ſie an ſeiner Zurückhaltung bemerkte, daß ſie nicht den beſten Eindruck auf ihren Gaſt gemacht hatte, und gab 192 ſich deshalb keine Mühe, das Geſpräch in Gang zu erhalten. Sie erklärte die Kocherei für abſcheu⸗ lich, und überſah dabei, daß ihr Zaudern dem Künſtler nicht verſtattet hatte, eine gehörige Probe— von ſeiner Geſchicklichkeit abzulegen. Ihr Mann und ihr Gaſt waren froh, als der Caffe gebracht, und ſodann der Wagen angekündigt wurde. Denn jetzt entfernte ſich die Lady, um ihren Shawl an⸗ zuziehen, und ſie ſuchten eine Entſchädigung für ihr ſchlechtes Mittageſſen in einem Glas Liqueur. „Nimm nur keine Frau, Elwood,“ ſagte Lord Fitzwarren mit einem ſo tiefen Seufzer, daß ſein Freund überzeugt war, der Rath komme von Her⸗ zen.„Mit den Weibern iſt nicht auszukommen, das kannſt Du verſichert ſein. Sie ſind fünfzig⸗ mal ſchwerer in Ordnung zu halten, als das ſtörriſcheſte Pferd. Du weißt noch, Fanny! Ach, ich werde nie wieder ein Thier ſo lieb haben, wie ſie.“ 193 Achtes Kapitel. „Der Hochgeborne kann den Stolz beſiegen, „ Wenn je zuweilen ſeinem Thun und Laſſen Gemeiner Zweck und Plane unterliegen, Die anders ſich nicht wohl erreichen laſſen. Verſtände er in ſeiner Bruſt zu leſen Und folgte er den ewigen Geſetzen, Den feſtbegründeten in unſerm Weſen, So könnte er nicht ſo herab ſich ſetzen; So wüßte er, daß zeitlichen Gewinn Wir viel zu theuer zahlen, wenn die Ehre, Die eig'ne Achtung und der reine Sinn Verloren oder in Gefahr nur wäre.“ Unter den verſchiedenen Gewohnheiten der Jung⸗ fer Juſtine, welche ein Sittenlehrer oder auch ein nachſichtigerer Menſch durchaus nicht gut heißen würde, war auch die, daß ſie durch die Schlüſſel⸗ löcher guckte und an den Thüren horchte, um zu erfahren was vorging, wenn ſie aus der Geſell⸗ ſchaft ihrer Gebieterin ausgeſchloſſen war. Dieſe Gewohnheit ſetzte ſie in Stand, ſich eine ziemlich genaue Vorſtellung von Dem zu bilden, was ſich ereignete, und verſchaffte ihr oft die Mittel, ihre Bekannten auf Koſten ihrer Herrin und der Gäſte derſelben zu unterhalten. Sie hatte durch ihr Guckloch den leichten Zwiſt ihrer Herrſchaft mit Strathern 1v. 13 194 Lady Wellerby ſowohl, als auch die Zeichen be⸗ obachtet, die Lord Wellerby ſeiner Frau machte, als er ihr den Wunſch andeuten wollte, ſie ſollte ſich mit Lady Mountſerrat ausſöhnen. Dies be⸗ feſtigte die ſchlaue femme de chambre in der Ver⸗ muthung, daß die Familie ſelbſtſüchtige Plane auf die Marquiſe verfolge, und ſie beſchloß, ſolche mit allen ihr zu Gebote ſtehenden Mitteln zu hinter⸗ treiben. Jungfer Juſtine fürchtete, es könnte Je⸗ mand einen Einfluß auf ihre Gebieterin erlangen, der am Ende gar ihr ſelber ſchädlich werden könnte und gewahrte daher mit Unruhe und Mißvergnü⸗ gen die wachſende Vertraulichkeit zwiſchen Weller⸗ by's und Lady Mountſerrat. Die beiden Alten hatte ſie im Verdacht, daß ſie beim Spiele ihre Abſichten auf den Beutel ihrer Herrſchaft durch⸗ führten und Fräulein Sophie meinte ſie, verfolge den Zweck, durch Schmeicheleien Geſchenke zu er⸗ langen, zu denen ſie, die Kammerfrau, ſich eher be⸗ rechtigt glaubte. Die Franzöſin ſagte bei ſich ſelbſt:„Die durch⸗ triebene alte Jungfer hat ma béle de maitresse bereits verführt, ihr ein ſchönes Sévigné, une épin gle magnifique und einen prächtigen Ring zu geben. Dieſe Geſchenke ſind dreihundert Pfund werth, und das iſt zu viel, um es wegzuwerfen. Und habe ich, da ich am Schlüſſelloch horchte, dies rusée Mädchen nicht zu der Marquiſe ſagen 195 hören, daß keine Dame von Stande ihre reichen Kleider der ſemme de chambre überlaſſe, ſondern blos die gewöhnlichen. Ah ha, Mylady, dachte ich da bei mir ſelber, Du ertheilſt madame la mar- quise ſolche Rathſchläge und möchteſt ſie zu einer ſchlechten maitresse machen? Ich will doch ſehen, ob ich ſie nicht gegen Dich aufbringen, und ver⸗ hindern kann, daß Du keine cadeaux mehr kriegſt. Nein, nein, ich muß auf meinen eigenen Vortheil bedacht ſein und darf nicht leiden, daß die Mar⸗ quiſe durch eine ſolche ſchlaue Perſon verdorben wird.“ Als ſich Lady Mountſerrat in der Nacht, da ſie in der Wette fünfzig Pfund verloren, in ihr Zimmer zurückgezogen hatte, nahm ſich Jungfer Juſtine, während ſie dieſelbe entkleidete, die Frei⸗ heit, zu bemerken, daß die gnädige Frau ſehr übel ausſehe. „Ich glaube das Kartenſpielen ſchadet madame la marquise an ihrer Farbe, denn ehe Sie ſpielten, war Ihre Farbe ſo ſchön und die Wangen ſo roth, gerade wie Lilien und Roſen.“ „Ich glaube es iſt etwas Wahres an dem, was Sie ſagen, Juſtine,“ verſetzte die Marquiſe und brachte ihr Geſicht ganz nahe an den Spiegel. „Meine Farbe hat ſich wirklich ſehr zu ihrem Nachtheil verändert. Ich kann auch, aufrichtig geſprochen, die Karten nicht leiden. Sie ſind mir 13* 196 zum Ekel, und wenn man nicht gut aufgelegt iſt, ſo leidet natürlich das Ausſehen darunter noth.“ „Aber warum, madame la marquise ſpielen Sie denn anderen Leuten zu Liebe, wenn Sie doch ſel⸗ ber keine Freude daran haben?“ „Ach, Juſtine, eine reiche und vornehme Frau muß ſich zu Vielem hergeben, was ihr nicht gefällt, ſie muß eben mitmachen, was ihres Gleichen thun.“ „Ma foi, Madame la Marquise, nach meiner Anſicht braucht eine reiche und vornehme Dame Niemand zu Gefallen zu leben, als ſich ſelber. Was hätte man denn auch von ſeiner Vornehmheit und von ſeinem Reichthum, wenn man ſich nach Andern richten müßte?“ „Ach, Sie meinen Leute, die in vornehmem Stand geboren ſind, Juſtine. Die haben freilich nicht nöthig, Andern ihren Willen zu thun, Sie vergeſſen jedoch, daß ich zwar jetzt eine Marquiſe und eine reiche obendrein, aber doch nicht in dieſem Rang geboren bin. Leute nun, bei welchen dies der Fall iſt, wollen mit mir nicht, als mit ihres Gleichen umgehen, und ſo muß ich eben, um in ihrer Geſellſchaft bleiben zu können, thun, was ſie wünſchen.“ „Und ſich von ihnen Ihr Geld abgewinnen und ſich grob behandeln laſſen, wenn es ihnen ein⸗ fällt. Ach, Modame la Marquise, ich an Ihrer Stelle würde nach einer ganz andern mantére han⸗ F 197 deln. Ich hielte mich blos zu Denen, die mir zu Gefallen lebten, und nicht zu ſolchen, welche thun, was ihnen ſelber beliebt.“ „Das iſt es gerade, was mir anſtände, aber die vornehmen Herrn und Damen würden es nicht zugeben.“ „Das heißt engliſche Herren und Damen, mais Madame la Marquise, wenn Sie Ihren Aufent⸗ halt in Paris, dem cher et gai Paris nähmen, ſo würden Sie eine Maſſe von Lords und Ladies finden die mit hohen titres geboren ſind und—“ „Was ſind das, titres, Juſtine?“ „Die titres wie bei den engliſchen Lords und Ladies, nur viel älter.“ „Ich mag aber die alten Leute nicht, Juſtine, und wenn es auch Lords und Ladies ſind.“ „Mais, Madame, ich rede nicht von alten Leuten, ich rede von alten ttres, d. h. von Lords und Ladies, deren Urgroßväter, ja deren Ururgroßväter ſeit vielen Menſchenaltern geborene ducs, marquis und comtes geweſen ſind.“ „Ach, jetzt verſtehe ich, Juſtine, der alte Adel!“ „Précisément, Madame la Marquise, précisé- ment.“ „Alſo iſt der franzöſiſche Adel nicht ſo ſtolz und hochmüthig, wie der engliſche?“ „In einigen Sachen wohl, gnädige Frau, in 198 andern aber auch wieder nicht; par exemple ſie ſind ſehr ſtolz auf das Alter ihrer Familien, das hindert aber nicht, daß ſie ſehr höflich gegen Jeder⸗ mann ſind, wenn er auch nicht von vornehmer Familie iſt.“ „Nun, das heiße ich einmal verſtändig, Juſtine.“ „Ah, mon dieu! Wenn Madame la Marquise nach Paris gehen, dort ein magnifique hötel mie⸗ then und recht viel Geld bei einem banquier nie⸗ derlegen wollte, ſo viel, daß er davon überall ſpräche, ſo würde bald die ganze Welt in Paris davon reden und Madame la Marquise würde ſchnell eine Menge vornehmer Bekanntſchaften machen, die froh wären, alle Ihre fétes und Bälle beſuchen zu können. In Paris bringt das Geld Jedermann à la mode, und dann iſt ja die gnädige Frau eine Marquiſe sur le marché.“ „Was iſt das, sur le marché, Juſtine?“ „Das will heißen obendrein, gnädige Frau.“ „Ja, ja, ich verſtehe. Ich möchte gerne fran⸗ zöſiſch lernen, Juſtine, denn Jedermann ſpricht es heutzutage und ich komme beſtändig in Verlegenheit wenn ſich die Leute franzöſiſcher Worte bedienen und ich nicht weiß, was ſie ſagen.“ „Wenn es Madame la Marquise recht iſt, ſo ſpreche ich mit Ihnen immer franzöſiſch und dabei werden Sie bald manches Wort auffangen.“ „Ein ſehr guter Vorſchlag; verſäumen Sie das 199 ja nicht, Juſtine. Aber Sie haben da geſagt, in Paris würde der ganze hohe Adel froh ſein, wenn er in meine Geſellſchaft kommen könnte.“ „Certainement, gnädige Frau. Sie würden mit Ihnen frühſtücken und zu Mittag und zu Nacht eſſen, ſo oft Sie das begehrten, pourvu—“ „Was iſt das, pourvu?“ „Das heißt: vorausgeſetzt, daß.“ „Ja, ja, ich habe mir doch gedacht, daß es etwas von der Art bedeuten würde.“ „Pourvu Sie hätten Alles en grand style.“ „Großartig! Sie ſehen, wie ſchnell ich begrei⸗ fen werde, wenn ich franzöſiſch lerne, Juſtine.“ „Oui, Madame la Marquise.“ „Ich meine nicht wir, ſondern ich.“*) „Ha, ha, ha! Verzeihen Sie, Madame la Marquise, ich kann mich nicht enthalten, zu lachen. Wenn ich ſage oui, ſo heißt das ſo viel als ja.“ „Da muß das franzöſiſche eine recht wunder⸗ liche Sprache ſein, wenn die ſtatt ja, we ſagen.“ „Es heißt aber nicht we, wie die gnädige Frau meint, ſondern oui.“ „Oui iſt alſo ſo viel, als ja, nicht wahr?“ „Ja, Madame la Marquise.“ *) Das Wortſpiel beruht auf der ähnlichen Aus⸗ ſprache des engliſchen we, wir, und des ker oui. 200 „Aber, Juſtine, werden mich dann die vor⸗ nehmen Franzoſen für meine Mahlzeiten, Bälle und fétes auch in ihre Häuſer einladen?“ „Nein, gnädige Frau, die noblesse frangaise gibt keine Mahlzeiten, außer ihren vertrauteſten Freunden, auch keine Bälle und bei ihren soirées herrſcht ebenfalls eine ſirenge Auswahl, blos die cöteries mit denen ſie in Verkehr leben, gehen dazu. Dieſe Leute alle ſind ſehr gut bekannt mit einander und beſuchen ſich jeden Abend abwecholungsweiſe in ihren Wohnungen. Da laſſen ſie ſich völlig gehen, wie en petit comité und ein Fremder wäre dabei de trop.“ „Sie wollen doch damit nicht ſagen, daß ſie alle Gaſtfreundſchaft, die ihnen von Fremden in ihrer eigenen Hauptſtadt erwieſen wird, nur ſo hinnehmen und ſie nicht erwidern? Das wäre nicht ſchön, Juſtine, man muß bei der Gaftfreundſchaft nach dem Grundſatz: geben und nehmen, verfahren, aber die Franzoſen wollen nach dem, was Sie mir ſagen, nur nehmen, nichts hergeben.“ „Sie meinen eben, Madame la Marquise, ſie erweiſen den Fremden Ehre genug, wenn ſie ſich ihre Einladungen gefallen laffen. Sie gehen zier⸗ lich geputzt zu ihren Geſelſchaften, ihre ſtolzen Namen haben einen guten Klang, ſie bringen die Orte, welche ſie beſuchen, in Ruf, und es iſt eine Auszeichnung, wenn ſie ſich irgendwo ſehen laſſen. 201 Sie lachen ſehr viel, d. h. die, welche weiße Zähne aufzuweiſen haben, machen der maitresse de la maison tiefe Verbeugungen, critiquent Alles was ihnen vor's Geſicht kommt, eſſen gute Sachen, ſprechen und lachen mit ihren Bekannten, gehen fort und ſpotten über die Dummheit der Engländer und Amerikaner, welche ſo viel Geld ausgeben, um den Franzoſen in Paris eine Ehre zu erweiſen.“ „Da haben Sie Recht, Juſtine, denn es kann nichts Einfältigeres geben.“ „Oue voulez-vous, Madame la Marquise?“ „Was iſt das?“ „Das bedeutet, was wollen Sie?“ Die Eng⸗ länder und Amerikaner mit ihrem vielen Geld finden, daß ſie ſich in ihrem traurigen Lande nicht unterhalten können, ſie kommen alſo zu ihrem eigenen und nicht zum Vergnügen der Franzoſen nach Paris, eröffnen ihnen ihre Häuſer und ſuchen es der alten noblesse an Pracht in den Paläſten gleich zu thun, welche dieſe vor der Revolution bewohnt hat. Aber durch die Revolution iſt der franzöſiſche Adel der Mittel beraubt worden, ſeinen alten Glanz aufrecht zu halten. Die Pariſer noblesse lacht und zuckt die Achſeln über die plumpen Verſuche der Ausländer, ihre Vorfahren nachzuahmen, geht aber mit Ausnahme der noblesse du faubourg St. Germain doch zu ihren fétes, hütet 202 ſich jedoch dabei wohl, ſie nicht in Erwiederung davon zu ihren eigenen soirées einzuladen.“ „Wenn ſich die Franzoſen ſo betragen, ſo kommen ſie mir wie rechte Hungerleider vor, Ju⸗ ſtine, ſie ſollten keine Gaſtfreundſchaft annehmen, die ſie nicht heimgeben wollen.“ „Ach, gnädige Frau, es ſieht den Einwohnern eines commergant Landes ganz gleich, daß ſie für ein Eſſen wieder ein Eſſen, für einen Ball wieder einen Ball erwarten.“ „Und warum ſollten ſie das nicht?“ Dieſe Frage wurde in ſo zornigem Tone vor⸗ gebracht, und das Geſicht der Marquiſe röthete ſich dabei ſo ſehr, daß die verſchmitzte femme de chambre ſich nicht unterſtand, die naſeweiſe Er⸗ wiederung heraus zu laſſen, die ihr auf der Zunge ſaß. Sie verſetzte daher blos:„Madame la Mar- quise muß ſich erinnern, daß die franzöſiſche noblesse ihr ganzes ungeheures Vermögen in der furchtbaren Revolution verlor, bei welcher der pauvre Louis seize und Marie Antvinette geköpft worden ſind. Daher fehlt es ihnen an Geld, um die Mahlzeiten und ſétes zu erwiedern, welche ihnen von Engländern und Amerikanern gegeben wer⸗ den.“ „Ja, das iſt ein ander Ding, Juſtine. Wenn ſie die Mittel nicht haben, ſo können ſie nichts da⸗ für, aber ich weiß, daß ich an ihrer Stelle keine 203 Bewirthung annehmen würde, die ich nicht wett zu machen im Stande wäre.“ „Ach, Madame la Marquise denkt wie eine princesse, und in Paris würden Sie angebetet wer⸗ den. Dort würde man Ihnen nicht zumuthen, Karten zu ſpielen, wenn Sie nicht Luſt dazu hätten. Die franzöſiſchen Damen wären gewiß recht artig gegen Sie, nicht wie die häßliche und widerwärtige Lady Wellerby, die auf Madame la Marquise Augen macht, als wenn die gnädige Frau gar nichts wäre und ſie eine Königin. Ich kann es nicht mit anſehen, es ärgert mich immer.“ „Wie konnten Sie denn das bemerken, wenn je einmal ſo etwas vorgekommen wäre?“ fragte die Marquiſe. Jungfer Juſtine ſah ein, daß ſie ſich blos ge⸗ ſtellt hatte, zog ſich aber geſchickt aus der Schlinge, indem ſie ſagte:„O, das weiß ich von dem courier und von dem valet de chambre Lord Wellerby's. Sie ſind auch verdrießlich über die Grobheit dieſer häßlichen Frau gegen Madame la Marquise.“ „Sie war den Abend ſehr unverſchämt,“ ſagte die Marquiſe, nachdem ſie ein paar Minuten ge⸗ ſchwiegen, und ihre Wangen wurden feuerroth bei der Erinnerung daran,„und ich hatte gute Luſt mich nicht mit ihr einzulaſſen, als ſie mir die Hand reichen wollte, das iſt gewiß wahr.“ „Da hätte die gnädige Frau ganz gut daran 204 gethan, denn es iſt zu weit gegangen, wenn Lady Wellerby die blos eine comtesse iſt, und nicht halb ſo viel Geld hat, als Madame la Marduise, ſich ſo frech gegen Jemand beträgt der über ihr ſteht.“ „Sie iſt bei dem Handel doch zu kurz gekom⸗ men, denn ich gab redlich auf Alles hinaus, was ſie ſagte. Ja, ich beſtand ſogar darauf, daß ſie ein Glas Wein trinken mußte, obgleich ſie erklärte, ſie genieße den Wein nie ohne Waſſer.“ „Ah, la grande pénitence de boire un verre de bon vin.“ „Was iſt das?“ „Madame la Marquise ſind zu gut, wenn Sie glauben, es ſei für das widerwärtige Weib eine pénitence ein Glas guten Wein zu trinken. Sie war gewiß froh, eines zu erwiſchen, that aber vor der Geſellſchaft, als wäre es ihr zuwider, damit die Leute meinen ſollten, ſie beſitze mehr Anſtand, als Madame la Marquise. Die femmes de chambre der Damen haben mir ſchon oft erzählt, daß ihre maitresses, die vor Andern keinen Wein verſuchen, denſelben trinken, wenn Niemand dabei iſt. Sie ſtellen ſich dann, als nähmen ſie Anſtoß an Frauen⸗ zimmern, wie Madame la Marquise, die ſich ihren Wein vor aller Welt ſchmecken läßt, ohne das Geſicht dabei zu verziehen. Warum ſollte eine Lady keinen Wein trinken, wenn ſie Luſt dazu hat?“ „Ich ſehe das wahrhaftig auch nicht ein. Eine W—— W—— S v— 205 ſolche falſche Ziererei kann ich nicht ausſtehen. Ich habe meiner Treu ſtark im Sinn nach Paris zu gehen, Juſtine, denn das iſt ſo nahe bei Lon⸗ don, daß ich mir Schildkröte und Wildpret und Alles was mir ſonſt einfiele, herüber kommen laſſen könnte. Aufrichtig zu ſagen, bin ich den Durch⸗ einander herzlich müde, den ſie mir hier zu eſſen geben.“ Als Juſtine ſah, daß ihre Gebieterin im Bett lag, entfernte ſie ſich für die Nacht und ließ die Marquiſe den unangenehmen Betrachtungen nach⸗ hängen, welche durch einen Rückblick auf die Grob⸗ heit der Lady Wellerby und durch den Gedanken an das im Spiel verlorene Geld bei ihr wach wurden. Ihr Zuſtand wurde noch zehnmal ſchlim⸗ mer in Folge der Ueberladung des Magens, ihre Aufregung ſteigerte ſich immer mehr und führte endlich alles das Schreckliche herbei, was eine ge⸗ ſtörte Verdauung nach ſich zieht. „Jetzt habe ich heute Abend ſechzig Pfund ver⸗ loren,“ dachte die Marquiſe.„Sechzig Pfund!“ Ehemals wäre mir die Hälfte, ja ein Viertel dieſer Summe, wie ein großes Vermögen vorgekommen. Wie ſonderbar, daß die Anſichten der Leute mit ihren Umſtänden ſo ſchnell ſich ändern! Tauſende erſcheinen mir jetzt, wie ſonſt Schillinge und ich bin an den Beſitz des großen Reichthums ſo ge⸗ wöhnt, als hätte ich all mein Lebtage darin zuge⸗ ————— 1 . 1 ——S᷑ 206 bracht. Wie falſch ſind doch die Leute dar ſie ſich, wie ich früher, einbilden mögen könne ſie vollkommen glück was ich habe, iſt nicht im Stande, mir einen ſolch ruhigen Schlummer wie ſonſt zu verſchaffen; da hatte ich nach ſchwerer Tagesarbeit kaum den Kop auf mein hartes Polſter gelegt, ſo ſchlief ich auch on ein. Wenn ich bei Tagesanbruch auf⸗ ſtehen mußte, meinte ich Wunder wie glücklich die Reichen wären, die in ihren Flaumbetten ſo lange liegen bleiben könnten, als es ihnen gefiele, jetzt hat Niemand ein weicheres Lager, als ich, und doch kann ich darin nicht zur Ruhe kommen. Ich wälze und wende mich, bis ich in Fieberhitze ge⸗ rathe und ſchaue mit trüben Gefühlen zurück auf ie Zei auf die Nächte voll erfriſchenden Schlafs. Ach, jetzt liegt wohl in der alten Heimath Jedermann in feſtem Schlaf und er⸗ freut ſich heiterer Träume, wie ich ehemals auch. Ich möchte wiſſen, ob ſie noch an mich denken. Was würden die Augen machen, wenn ſie ſähen, wie vornehm ich geworden bin. Sie würden glau⸗ ben, ich müßte die glücklichſte Frau von der ganzen Welt ſein, aber ſie wiſſen nicht, wie ſo ſchnell man ſich an die Pracht gewöhnt, daß ſie Einem an, wenn „ein großes Ver⸗ lich machen. Alles in Schlaf kaufen ißt. Sie wiſſen nicht, wie ſchauerlich es iſt, * — Niemand zu haben, der Einem gut iſt und ſich um Einem bekümmert, außer Menſchen, die Etwas gewinnen wollen. Iſt aber das Geld fort, ſo laufen alle davon, die ſich ſonſt an den Reichen drängten. Ach, ja der Arme kann auf die Liebe ſeiner Freunde zählen; die haben keine eigenſüch⸗ tigen Beweggründe bei dem was ſie thun, die er⸗ leichtern einander das Leben und tröſten ſich wenn Sorgen kommen, und theilen miteinander jede Freude. Wie eilt jeder arme Nachbar im lieben alten Irland in ein Trauerhaus, um mit denen zu klagen, die eins aus ihrer Familie verloren haben. Jeder bringt was er entbehren kann— und oft thut er ſich ſelbſt wehe damit— um einem armen Nachbar zu helfen, der in Noth ſteckt! Und was für freundliche Worte gibt man ſich da, wie traulich ſchütteln ſie ſich die Hände! Ach, ja! wenn ſich bei dem Reichen mehr Glanz findet, ſo trifft man bei dem Armen mehr Güte und Liebe. Ich möchte beinahe wünſchen, ich hätte die Heimath nie verlaſſen und wäre nie eine vornehme Frau geworden, denn ich bin nicht glücklich. Ob wohl der Bach, an dem ich früher gewaſchen, und das Geräthe ausgewunden habe, noch immer über den hellen Sand und die klaren Kieſel mit dem ange⸗ nehmen Murmeln wie ſonſt hinfließt. Ich habe ſeither manchen hübſchen Fluß geſehen, aber nie einen ſo ſchönen, wie der. Es iſt ſeltſam, wie 208 oft er mir in den Kopf kommt. Wenn ich die Augen zumache, kann ich die Bäume ſehen die über ihn herhingen, als wäre es ein Spiegel, in welchem ſie ſich ſelber bewunderten, und dann der große Stein am Ufer über den das Waſſer ſo durch⸗ ſichtig hinſtrömte und ſich in großen Perlen brach. Damals hatte ich weder je eine Perle geſchaut, noch davon gehört, aber jetzt rufen mir meine Schmuckſachen immer dieſe Stelle ins Gedächtniß zurück. Wie fröhlich ſang ich da, wenn ich auf der flachen Spitze des Felſen meine Wäſche klopfte und die Vögel ſangen über meinem Kopfe mit, der blaue Himmel lächelte und die friſche Morgen⸗ luft ſpielte mit meinem Haar und kühlte mir die Stirne, beſſer, als einer von den ſchönen Fächern thun könnte, die mich ſo viel Geld gekoſtet haben. Oft, ſehr oft, wenn ich keinen Augenblick Schlaf finden kann, denke ich an den Bach, bis es mir vorkommt, als hörte ich ſein Murmeln und ich zu⸗ letzt in leichten Schlummer verfalle.“ Wir ſinv nicht im Stande, genaue Auskunft darüber zu geben, ob die Erinnerung an den Bach in ihrem Geburtslande bei der jetzigen Gelegenheit denſelben wohlthätigen Einfluß äußerte, aber als Jungfer Juſtine ſpät am andern Tage auf das Läuten der Glocke erſchien, fand ſie ihre Gebieterin nachdenklich und unwohl, und es zeigte ſich eine ſichtbare Verſtimmung in ihrem Benehmen, als ſie 209 ankündigte, man müſſe das Eſſen für ſechs Per⸗ ſonen beſtellen. „Comment, Madame la Marquise!“ rief die femme de chambre mit ſchlecht verhehltem Unwillen. „Gemein,*)“ wiederholte die Marquiſe.„Durch⸗ aus nicht gemein! Was kommt Ihnen zu Sinne, Juſtine, daß Sie ſich in den Kopf ſetzen, ich würde gemeine Leute zu Tiſche laden?“ „Die gnädige Frau verſteht mich nie recht. Ich ſage nicht gemeine Leute, ſondern blos comment, was ſo viel iſt, als wie?“ „Ich habe Wellerby's nicht blos für heute, ſondern für jeden Tag, den ich in Neapel bleibe, zum Mittageſſen eingeladen. Ich wollte jetzt, ich hätte das nicht gethan, denn ſchon der Gedanke daran iſt mir äußerſt zuwider, aber ich weiß nicht wie es kommt, Juſtine, ich thue Nachts oft Etwas, was ich am andern Morgen bereue.“ „Ach ja,“ dachte Juſtine, hütete ſich aber wohl ihre Gedanken auszuſprechen.„Es kommt mir auch ſo vor. Das rührt davon her, daß Sie zu viel Wein trinken, und das begegnet Ihnen jeden Tag in Ihrem Leben. Es iſt kein Wunder,“ ſetzte ſie dann laut hinzu,„daß Madame la Mar- quise ärgerlich werden, wenn es Ihnen einfällt, *) Das Mißverſtändniß rührt von den beiden tern comment und common, gemein, her. Strathern 1v. 210 aber was wird es erſt dann werden, wenn die unangenehmen Menſchen jeden Tag zum Eſſen kommen und die unverſchämten Augen aufreißen und gaffen und ſtaunen über Alles, was Madame la Marquise ißt, und bei jedem Glas Wein, das die gnädige Frau trinkt, ihren Abſcheu zeigen?“ „Thun ſie denn das, Juſtine? Ich habe es noch nie bemerkt, aber ſie können ſich eine ſolche Unverſchämtheit ſchon zu Schulden kommen laſſen, ohne daß ich es gewahre, denn ich eſſe und trinke immer, ohne auf an dere Leute Acht zu geben.“ „Gnädige Frau, ich verſichere Sie, daß dem ſo iſt. Der Courier und alle anderen Bedienten haben es geſehen. Sie ſind auch ganz wild darüber, daß Sie von Wellerby's für alle Ihre Güte nur Undank ernten, die ganze Familie iſt ihnen ver⸗ haßt, und ſie ſagen: die kommen blos, um Ihnen Ihr Geld abzugewinnen und für ihr Eſſen nichts bezahlen zu müſſen.“ „Ich wollte, ich hätte ſie nicht darum gebeten. Aber jetzt iſt nichts mehr zu machen.“ „O ja, gnädige Frau, dem kann abgeholfen werden, Sie dürfen nur von Neapel weg und nach Paris gehen, dann haben Sie die ganze Sippſchaft vom Hals.“ „Da haben Sie recht, Juſtine. Ein ausge⸗ zeichneter Vorſchlag, und ich will ihn auch ganz gewiß in Ausführung bringen. Sorgen Sie nur „ 211 daß alle meine Sachen zum Aufbruch bereit gehal⸗ ten werden. Für jetzt aber gehen Sie und ſagen Sie dem Courier, er ſolle ein gutes Eſſen beſtellen, das beſte was man haben kann. Ich habe den Wellerby's frei geſtellt, einige Freunde mitzubrin⸗ gen, die ihnen anſtändig wären, deswegen laſſen Sie für ſechs Perſonen Eſſen herrichten.“ „Ach, Madame la Marquise iſt viel zu gut, viel zu gut, und die Leute machen ſich das zu Nutze,“ ſagte Jungfer Juſtine, mit ſcheinheiligem Geſicht und verließ das Zimmer, um die Befehle ihrer Herrſchaft zu vollziehen. Die Marquiſe ſaß bei einem ſchwelgeriſchen Morgenmahl und that ihm alle mögliche Ehre an. Dazwiſchen machte ſie der armen Frau Bernard, ihrer dame de compagnie Vorwürfe wegen ihres ſchlechten Appetits, und das kam immer vor, wenn ſie bei einem Eſſen töte-àléte mit einander waren, nicht in freundlicher Weiſe, ſondern um ihre Ver⸗ achtung zu zeigen; denn ein Mangel an Appetit war in ihren Augen eine große Sünde. Da wurde Fräulein Sophie Wellerby angemeldet. „Der Vater und die Mutter ſind ausgefahren,“ ſagte dieſelbe,„und ich habe ein heftiges Kopfweh, an dem ich wirklich leide, zum Vorwand genommen, „um ſie nicht begleiten zu müſſen. Auch wünſchte ich zu Ihnen zu kommen, um auf ein paar Augen⸗ 14* 212 blicke Ihre angenehme Geſellſchaft genießen zu können. Wie gut ſehen Sie heute aus!“ „Setzen Sie ſich und eſſen Sie ein wenig mit.“ „Ich hätte beinahe Luſt, Ihren Vorſchlag an⸗ zunehmen,“ erwiederte Fräulein Sophie, denn ihr Appetit wurde rege bei dem einladenden Geruch der reichen plats auf der Tafel, die einen ſo ſchnei⸗ denden Gegenſatz bildeten zu der magern Koſt, welche ihre Mutter mit dem Wirth ausgemacht hatte. Die Speiſen, welche der Familie Wellerby geliefert wurden, waren nämlich, wie oben geſagt, weder nach ihrer Menge, noch nach ihrer innern Beſchaffenheit von der Art, daß man den Tiſch einen verſchwenderiſchen hätte nennen können. „Was iſt denn mit Ihnen, Frau Bernard? Warum ſpringen Sie nicht auf und ſchellen, daß Fräulein Sophie ein Gedeck und ein Tellertuch be⸗ kömmt?“ Der neue Gaſt ſetzte ſich, nahm von Allem, was ſie gerne aß, und zeigte einen ſo geſunden Appetit, daß ihre Wirthin, voll Freude, ſich ſo unterſtützt zu ſehen, ausrief:„Nun, das heiße ich einmal angenehm. Es thut mir wohl und reizt meine Eßluſt, wenn Jemand da iſt, der ſich's ſchmecken läßt, aber Frau Bernard mag ich nicht anſehen, die ſteckt ſo kleine Biſſen in den Mund, daß ſie ein Vogel hinunter bringen könnte und 213 ſchlürft ein Glas friſches Waſſer dazu. Trinken Sie ein Glas alten eres von der erſten Sorte, Fräulein Sophie. Das wird Ihnen außerordentlich wohl bekommen.“ „Nun, ich hätte ſchon im Sinne, mich einmal darauf einzulaſſen, wenn ich ſicher ſein dürfte, daß er mir nicht in den Kopf ſtiege;“ dabei hielt das Fräulein ihr Glas hin, um es füllen zu laſſen. „Schenken Sie ihr nur ein,“ ſagte die Mar⸗ quiſe,„und was das in Kopf Steigen anbelangt, ſo iſt dabei nicht die mindeſte Gefahr. Sehen Sie mich an, ob mir der Wein einmal in den Kopf ſteigt. Auf Ihr Wohlſein, Fräulein Sophie, Sie müſſen mir jetzt ſchon Beſcheid thun, leeren Sie nur Ihr Glas auf einen Zug und laſſen Sie ihn nicht im Glaſe geſchmacklos werden.“ Das Fräulein that, wie man ihr geheißen, und das mit einer Gelehrigkeit, welche die Margquiſe völlig für ſie gewann. Sie ließ ſich nach einigem höflichen Widerſtreben zu einem zweiten Glas von dem alten Teres verführen, und als ihre Wirthin nicht weniger als vier geleert, entfernten ſich die beiden in das Empfangszimmer, um ſich ihrem téte-à-téte zu überlaſſen. „Ach, meine theuerſte Freundin,“ ſagte Fräulein Sophie, indem ſie die Hand der Lady Mountſerrat ergriff,„wie ſehr weiß ich das Glück unſerer ver⸗ ſtohlenen Zuſammenkünfte zu ſchätzen.“ 214 „Und eine gute Mahlzeit, verſichere ich Sie, benimmt denſelben gar nichts von ihrer Annehm⸗ lichkeit. Ich kann das Verfahren Ihrer Mutter nicht leiden. Sie will keinen Wein zu ſich nehmen und veranlaßt Sie wahrſcheinlich, es ihr nach zu machen. Wenn man Alles wüßte, ſo möchte ich faſt behaupten, daß man finden würde, wie ſie es nur aus Sparſamkeit thut. Und doch, verſichere ich Sie, der Wein würde Ihnen recht gut be⸗ kommen.“ „Nach dem wie mir zu Muthe iſt— und das kommt zum erſtenmal vor— nach der ungewöhn⸗ lichen Wärme in meinem Leibe und nach meiner heitern Stimmung zu ſchließen, wäre ich faſt ver⸗ ſucht, Ihrer Meinung beizupflichten, meine werthe Freundin, aber meine Mutter würde ſich jeder Veränderung eines régime widerſetzen. In Wahr⸗ heit, meine liebe Marquiſe, ich bin nicht glücklich daheim,“ dabei ſeufzte das Fräulein tief auf und ſchüttelte den Kopf. „Das kann ich mir wohl denken,“ lautete die Antwort.„Lady Wellerby ſcheint mir etwas hitzig zu ſein und will gewiß, daß Alles nach ihrer Pfeife tanzt.“ „Ach, Sie haben die Wahrheit nur zu gut errathen. Wenn Sie wüßten, was ich für ein elendes Leben führen muß, Sie würden gewiß Mitleid mit mir haben.“ 215 „Armes Kind, das thue ich auch, wenn ich ſchon nicht Alles genau kenne. Die Freuden der Tafel entbehren zu müſſen reicht ſchon hin, um Einen elend zu machen. Ich könnte es wirklich nicht aushalten.“ „Wäre es das allein, meine ſüße Freundin, ſo widerwärtig es auch ſein mag, ich wollte es ohne Murren ertragen, denn ich bin in einer ſolchen Entfernung von allem bedeutenden Aufwand erzogen worden, daß ich ſolchen nicht vermiſſe, aber Nie⸗ mand zu haben, dem man ſich anſchließen möchte, ſchlechter gekleidet zu ſein, als jedes andere Mädchen in der Geſellſchaft und nie ein Taſchengeld zu be⸗ ſitzen, mit welchem ich mir das Geringſte kaufen könnte, was mir gerade gefällt, oder einen Armen zu unterſtützen vermöchte; ach, Das, meine ſüße Freundin, iſt eine harte Prüfung, wenn man ein⸗ mal in mein Alter gekommen iſt. Ich werde ſo hart gehalten, wie ein Kind, das eben aus der Ammenſchule heraustritt.“ „Wahrhaftig, das iſt ein ſchlimmes Loos, Fräulein Sophie. Sie haben alſo kein Taſchen⸗ geld, armes Ding?“ „Nicht einen Heller,“ und Fräulein Sophie machte ein ſo klägliches Geſicht, als ſie nur konnte. „Nun, Sie ſollen nicht mehr ohne Geld ſein, mein liebes Mädchen, ich will Ihnen hundert Pfund s will ich.“ geben, wahrhaftig da 216 „Theure Lady Mountſerrat, wie gut, wie freund⸗ lich Sie ſind. Aber es thäte mir leid, wenn Sie dächten, ich hätte Ihnen meine Lage auch nur ent⸗ fernt in der Abſicht enthüllt, um Ihre Freigebigkeit in Anſpruch zu nehmen.“ „Und was wäre es für ein Verbrechen, wenn Sie das gethan haben würden? Ich meines Theils konnte nie begreifen, daß Jemand ſich die Mühe nehmen und Andern ſeine Noth klagen ſollte, ohne den Wunſch derſelben abgeholfen zu ſehen!“ Fräulein Sophie wurde bei dieſer rohen Be⸗ merkung feuerroth im Geſicht, denn ſo niederträchtig und habſüchtig ſie auch war, ſo ergriff ſie doch die unverfälſchte und ſchlichte Wahrheit in der Außerung des gemeinen Weibes, der gegenüber ſie ſich eine Verbindlichkeit aufzuerlegen im Begriff ſtand. Sie ſchämte ſich nicht, die Großmuth derſelben durch eine falſche Angabe rege zu machen, aber ihr Stolz ſträubte ſich gegen den Gedanken, daß ſie von einer Frau durchſchaut werden ſollte, welche ſie in Be⸗ zug auf Verſtand ſo unendlich weit unter ihr ſtehend anſah. „Was werden Sie denn doch nicht beleidigt durch das, Ich ſpreche gern frei von gleich zur Sache, ohne v ſo roth? Sie ſind was ich geſagt habe? ruf und komme — 217 und ich muß ſagen, ſie iſt recht unangenehm. Ich verſtand den Wink und bot Ihnen aus freiem Willen hundert Pfund an. Das mag Ihnen als eine große Summe vorkommen, weil Sie nie Geld gehabt haben, für mich iſt es aber gar nichts, deshalb nehmen Sie dieſelbe nur ohne viel Um⸗ ſtände an. Sehen Sie, ich ſchenke Ihnen ſo viel, ich leihe es Ihnen nicht, denn es iſt mein Grund⸗ ſatz, Niemand Geld zu leihen und ich will Ihnen den Grund davon ſagen: Leihe ich Einem etwas, ſo kann ich erwarten, daß man mich wieder bezahlt, und ich habe immer gehört, daß wer borgt, ſei es wer es wolle, allerlei dagegen einzuwenden hat, wenn's ans Heimgeben geht. Ja, eine Auffor⸗ derung dazu beleidigt die Leute noch mehr, als wenn man ihnen ein Darlehen abſchlägt. Es würde mich ärgern, wenn mich Jemand darum vrächte, oder wenn ich Mühe hätte, mein Geld wieder zu kriegen. Um mir nun vllen Verdruß zu erſparen, laſſe ich mich nie aufs Leihen ein, und darum ſollen die hundert Pfund blos ein freies Geſchenk an Sie ſein.“ „Ich glaube es wäre nicht recht von mir, wenn ich ein ſo bedeutendes Geſchenk annähme?“ ver⸗ ſetzte Fräulein Sophie, indem ſie ſich die Miene der Beſcheidenheit und Offenherzigkeit gab. „Dummheiten, Unſinn, meine Liebe! Was iſt für ein Unterſchied zwiſchen Geld und Geldeswerth, 218 möchte ich wiſſen? Die Vorſtecknadel die ich Ihnen neulich gegeben habe, koſtet mich hundert und fünfzig Guineen— das Geſchmeide und der Ring noch viel mehr— und doch hatten Sie nichts dawider, ſie anzunehmen. Aber ihr vornehmen Leute macht euch ſo wunderliche Vorſtellungen, daß ich manch⸗ mal gar nicht weiß, was ich davon denken ſoll. Nun, reichen Sie mir die Schachtel und ſchreiben Sie eine Anweiſung auf mich; ich thue das nicht gerne ſelber, und will ſie dann unterſchreiben.“ „Ach, laſſen Sie das! Ich hätte ja doch keine Gelegenheit, mir das Geld dafür zu verſchaffen, ohne daß es meine Mutter erführe und die würde mir ſo etwas nie verzeihen.“ „Nun, wahrhaftig, das iſt recht ſpaßhaft. Sie war doch ſo froh, wie ſie mir vergangene Nacht fünfzig Pfund abgewann— nein, fünfzig Guineen wollt ich ſagen— und mahnte mich nicht weniger als zweimal daran, weil ſie fürchtete, ich könnte vergeſſen, ſie zu bezahlen. Und doch würde ſie, wie Sie behaupten, böſe werden, wenn Sie ein Geſchenk von hundert Pfund— Ihre Mutter würde ſagen Guineen— die ich Ihnen freiwillig gebe, von mir annähmen.“* Fräulein Sophie be würde, die einfältige ſchied aufklären zu Standes in Bezug —,— 249 erwiederte daher nichts. Die Marquiſe aber freute ſich, ihrer Freundin die Thorheit ſolcher kindiſchen Unterſcheidungen bewieſen zu haben und ſagte: „Nun, ich will meinen Courier wegen des Geldes auf die Bank ſchicken, und Sie ſollen es aus meinen eigenen Händen empfangen, ohne daß eine Seele etwas davon erfährt.“ „Ich danke Ihnen tauſendmal, meine theuere Freundin. Sie erweiſen mir wirklich gar zu viel Güte. Wie ſoll ich Ihnen je zeigen, wie tief ich es fühle?“ „Dadurch, daß Sie ſich immer ſo freundlich gegen mich betragen, wie jetzt, und nicht wie man es den meiſten, wo nicht allen, vornehmen Damen nachſagt, die heute die Liebenswürdigkeit und mor⸗ gen die Kälte ſelber ſind.“ „Könnten Sie in meinem Herzen leſen, meine beſte Freundin, ſo würden Sie darin mit unaus⸗ löſchlichen Zügen den Eindruck geſchrieben finden, den Ihre Freundſchaft und Ihr Edelmuth auf mich gemacht haben.“ „Meiner Treu! ich verſtehe mich nur ſchlecht auf's Leſen, wenn auch ein Buch einen noch ſo verſetzte die Marquiſe, welche läſer von dem alten ächten rde, daß ſie alle Behutſamkeit den Herzen zu leſen, 2 220 das geht über meine Kräfte. Aber höre ich da nicht einen Wagen an der Thüre halten?“ „Ja, ja!“ rief Fräulein Sophie.„Das iſt meiner Mutter Gefährt und ich muß mich ſchnell davon machen. Leben Sie wohl, ſüße Freundin, leben Sie wohl!“ „Vergeſſen Sie nicht, morgen zum Gabelfrühſtück zu kommen, dann will ich das Geld für Sie bereit halten,“ verſetzte Lady Mountſerrat, während Fräu⸗ lein Sophie zum Zimmer hinaus eilte und auf einer Hintertreppe in ihr Zimmer gelangte, ehe ihre Mutter den eigenen Salon erreichen konnte. „Nun, das Mädchen iſt voller Freude davon gegangen,“ dachte die Marquiſe, als ſie allein war.„Armes Ding! wenn ich mir denke, daß ſie niemals Geld hat, welches ſie das ihrige nennen könnte. Ich erinnere mich noch recht wohl an die Freude und an mein Vergnügen, als ich das erſte Geld bekam, und wie ich die ganze Nacht wach blieb, und überlegte, was ich dafür kaufen ſollte. Die armen Leute wiſſen gar nicht, wie es bei reichen Herren und Damen hergeht. Die meinen — und mir ging es gerade auch ſo— ſie haben immer den Beutel voll Gold, und bei ihnen ſeien hundert, ja, meiner Treu, tauſend Pfund, gerade wie Krenzer und Heller bei armen Menſchen, die ſo hart arbeiten müſſen. Abe E. iſt es in der Wirklichkeit? da und 221 ſeine Frau haben blos für eine Tochter zu ſorgen, und doch laſſen ſie das arme Mädchen ohne eine Guinee in der Taſche. Sie trägt überdies blos ſchlechtes, dünnes, elendes Seidenzeug, von dem die Elle gewiß nicht mehr, als einen Gulden koſtet und auch ſolche Kleider hat ſie nicht viele. Juſtine würde es als eine Beleidigung anſehen, wenn man ihr einen ſolchen Anzug geben wollte. Ich könnte mit den armen Lords und Ladies Mitleid haben, wenn ſie nicht ſo ſtolz wären.“ Neuntes Kapitel. Wie wankelmüthig iſt das Glück! Es wechſelt jeden Augenblick. Als Göttin kennt es jedes Kind, Doch ſchlägt es um als wie der Wind. Bei alle dem,— wer es begehrt, Der wird von ihm gar ſchön belehrt, Daß oft den Menſchen großes Heil Erwächſt aus ſeinem Gegentheil. 222 Es macht mit unverfälſchtem Mund Den treuen Freund dem Freunde kund. So lang' es lacht, iſt mancher Mann Dir lieb und freundlich zugethan, Der an die Tugend nie gedacht Und hinter'm Rücken Dich verlacht. Fällt's aber nun dem Schickſal ein Dir einmal abgeneigt zu ſein, So weiß ein ſolcher Menſch nicht mehr, Was er Dir etwa ſchuldig wär'. Was Gutes er von Dir empfing, Iſt ihm ein lang vergeſſen Ding. Und wenn das Glück Dir ganz entweicht, Sieh, wie der falſche Freund entfleucht, Sieh, wie dein Ruf zu Grunde geht, Wie Niemand, Niemand bei Dir ſteht. Das iſt der langen Rede Sinn:— Zieh nicht zu ſpät aus ihr Gewinn!— „Es geh'n der Freunde in der Noth Wohl hunderttauſend auf ein Loth!“ Mitten in ſeinen eigenen Geldverlegenheiten— und ſie ſind für ein ſtolzes Gemüth vielleicht die demüthigendſten und empfindlichſten— war Stra⸗ thern froh, daß ſein Freund Lord Delmington ſeiner Unterſtützung nicht mehr bedurfte und dachte mit Vergnügen daran, daß er im Stande geweſen ihm zu einer Zeit Beiſtand zu leiſten, da ſeine Dienſte am nöthigſten waren. Es gibt wenig Umſtände im Leben, an die ein edelmüthiger Menſch mit ſo viel Freude zurückdenkt, als an eine Freundſchafts⸗ handlung, die er Leuten erwieſen, welche dieſelbe — 223 verdienen. Dies tröſtet ihn auch ſelbſt dann, wenn es ihm das Schickſal nicht mehr verſtattet ſolche Darlegungen ſeiner Güte fortzuſetzen, und er weiß, daß die Freunde, denen er beigeſprungen, mit Liebe an ihm hängen, ob ihn auch die flatterhafte Menge verläßt, die ſich am Sonnenſchein des Glücks ge⸗ wärmt. Er fühlte, daß er auf Lord Delmington und Olliphant zählen durfte; ſie waren nicht wie viele Andere, mit denen er neuerlich zuſammenge⸗ troffen und er hätte zweifelsohne viele derartige Herzen gefunden, wenn er in der Auswahl ſeiner Freunde mit mehr Vorſicht verfahren wäre. Eine Erfahrung, welche die Menſchen theuer bezahlen, hat für ſie ſtets mehr Werth als eine ſolche, die ihnen Andere umſonſt verſchaffen. Es miſcht ſich keine demüthigende Empfindung darein, wenn man auf die Lehren der Weisheit horcht, die Einen etwas gekoſtet und die man mit Leiden erkauft hat; ja die Eigenliebe des Menſchen wird einigermaßen durch das Bewußtſein zufrieden geſtellt, daß er ſeinen Fehler ſelber herauszufinden vermochte, wenn auch, wie es zum Unglück in der Regel geſchieht, die Entdeckung etwas zu ſpät kommt. Man beachtet nur zu häufig die Urſachen nicht eher, bis ſich ihre Wirkungen fühlbar machen, aber die Wahrheit des einfachen Sprichworts:„Gebrannte Kinder fürchten das Feuer,“ wird täglich bewieſen, wenn ſich Je⸗ mand in Veranlaſſung der ſchweren Folgen früherer 224 Unbeſonnenheiten beſſert. Als Strathern ernſthaft auf ſein früheres Betragen zurückſchaute und es mit der Unparteilichkeit prüfte, die er einem Fremden gegenüber gehandhabt hätte, wie viel Grund fand er da zur Mißbilligung, wie oft hatte er ſeine Zeit übel angewendet und ſeine Pflichten vernachläſſigt, wie oft hatte er ſich dem Vergnügen ohne Ein⸗ ſchränkung überlaſſen! Zum Glück für ihn war er durch ein natürliches Schicklichkeits⸗ und Zartgefühl von den rohen Laſtern bewahrt geblieben, mit denen ſich ſo Viele ſeines Alters beſudeln und die ihm angeborne Herzensgüte hielt ihn ſtets ab Anderen vorſätzlich Schmerz zu bereiten. Aber ein genaueres Nachdenken ſagte ihm, daß er zwar Niemand etwas zu Leide, doch auch wenig Gutes gethan. Es ſtan⸗ den ihm Mittel zu Gebot, um eine Verbeſſerung im Looſe von Hunderten zu bewerkſtelligen, denen er zu helfen die ernſtliche Pflicht gehabt hätte, er verſchwendete aber einen ungeheuern Theil ſeines großen Vermögens damit, daß er ohne alle Rück⸗ ſicht blos ſeine eigene Liebhaberei zu Rathe zog und ſich nicht darum kümmerte, um welchen Preis er ſeine Wünſche zur Ausführung brachte. Die Unbedachtſamkeit mit der er dem Begehren des Lord Franz Musgrove und mehrerer anderer von ſeinen leichtſinnigen Kameraden entſprochen, erſchien ihm jetzt, da die Folgen ſeiner Thorheit völlig offen vor ihm lagen, in einem ganz anderen Lichte, als 225 wie er ſie früher betrachtet hatte. Jede Erinne⸗ rung an die Vergangenheit verband ſich mit dem demüthigenden Gedanken an den Mangel an Ver⸗ ſtand und Umſicht, welche er bewieſen. Um ſo feſter und unerſchütterlicher war aber auch ſein Entſchluß, das ihm anvertraute Vermögen fürderhin zu beſſern Zwecken zu verwenden, als zu Befriedigung ſeiner ſelbſtiſchen Vergnügungen oder zu Unterftützung ſeiner verſchwenderiſchen Bekannten. Er wollte nunmehr ſeine Zeit der Förderung des Wohles der arbeitenden Klaſſen widmen, die Vortheile der Er⸗ ziehung immer weiter verbreiten und den Bedürf⸗ niſſen der Unglücklichen abhelfen. Nicht länger wollte er ſich ohne Widerſtand dem Kummer über ſeine getäuſchten Liebeshoffnungen hingeben, wie er es bisher gethan, ſondern in Erfüllung ſeiner Pflichten Vergeſſenheit für ſelhen Gram ſuchen und den Beifall des Mädchens, deren Bild noch immer ſiegreich in ſeinem Herzen thronte, wenigſtens ver⸗ dienen, wenn er es auch nicht dahin brachte, ihn zu erlangen.„Kann ich ſelbſt nicht glücklich ſein,“ dachte Strathern,„ſo laßt mich wenigſtens ver⸗ ſuchen, ob ich Anderen nicht zum Wohlergehen zu verhelfen im Stande bin.“ Deſer edle Vorſatz gab ihm einen Strahl von Zufriedenheit ins Herz und er nahm das für einen Vorgeſchmack des Troſtes, welchen er erwartete, wenn er von den gegenwärtig auf ihm laſtenden Geldverlegenheiten erlöst wäre. Strathern 1v. 15 N 226 Hatte er die überſtanden, ſo hielt ihn nichts ab, ſein Leben mit Durchführung der großmüthigen Plane zu verbringen, die er entworfen, und Zeuge von dem wohlthätigen Erfolge derſelben zu ſein. Strathern verlor keine Zeit, die Summen, welche ihm von Herrn Vincent heimbezahlt worden, in die Hände ſeines Bankiers nieder zu legen, und ſtellte dann Anweiſungen zu Bezahlung der unbe⸗ deutenden Rechnungen von verſchiedenen Kaufleuten aus, die in Eintreibung ihrer Forderungen, ſeitdem ſich die Kunde von ſeinen ſchlechten Umſtänden ver⸗ breitet, eben ſo dringend wurden, als ſie vorher den eifrigen Wunſch gezeigt hatten, ſeinen Namen in ihren Büchern ſtehen zu ſehen. Als dies abge⸗ macht war, fühlte er ſich viel leichter, als in letzter Zeit der Fall geweſen. Am folgenden Tag brachte ihm die Poſt nicht weniger als ſechs bis ſieben Briefe von Univerſitätsfreunden, die von ſeiner Geldbedrängniß gehört hatten, ihm nun ſchriftlich ihren Beiſtand anboten und ihm entweder ein Darlehen vorſchießen oder Bürgſchaft für ihn leiſten wollten. Die Wärme und Freundlichkeit, mit wel⸗ cher dieſe Anerbietungen gemacht wurden, und das von Leuten, mit denen er ſeit ſeinem Abgang von der Hochſchule wenig oder gar keinen Verkehr ge⸗ habt hatte, freute ihn ſehr und richtete ihn auf, wenn ſie ſchon zugleich den ärgerlichen Beweis lieferten, daß das Gerücht von ſeinen zerrütteten —,—— 227 Verhältniſſen bereits überall umlief. Der Charakter der Leute, welche ihm ſo unaufgefordert ihre Dienſte anboten, erhöhte noch den Werth, den er auf die letzteren legte. Denn dieſe Männer zeichneten ſich in beiden Parlamentshäuſern eben ſowohl durch die Talente, welche ſie dort entwickelten, als durch die reine Vaterlandsliebe aus, welche den Grund und die Richtſchnur ihrer Handlungen bildeten. Man zählte ſie zu den hervorragendſten unter Denen, auf welche ſich die Augen der Nation mit der Hoff⸗ nung richteten, daß ſie durch ihre unermüdlichen Anſtrengungen in Zukunft manches Gute zu Stande bringen würden und war ihnen für frühere Leiſtun⸗ gen zu Dank verpflichtet. „Sie,“ dachte Strathern, als er über den In⸗ halt ihrer Zuſchriften nachſann,„haben ihre Zeit zu größerm Vortheil für das Land und ehrenvoller für ſich ſelber verwendet, als ich. Ich fühle, daß ich die Theilnahme nicht verdiene, welche meine Jugendgefährten an meinem Wohlergehen nehmen, indem ſie ſich mit ſo viel Edelmuth gegen mich be⸗ tragen und ſo bereitwillig damit zur Hand ſind. Aber es iſt noch nicht zu ſpät, die verlorene Zeit einzubringen, und von ihrem Beiſpiel angefeuert, will ich mich mit der Geſellſchaft der Vaterlands⸗ freunde verbinden und die Intereſſen verfechten, die ſie in ſo großartiger Weiſe vertreten.“ Strathern ſchrieb an ſeine Freunde Briefe voll der herzlichen 15* 228 Dankbarkeit, die er gegen ſie empfand. Er ſetzte ihnen auseinander, daß ſeine Verlegenheiten nur vorübergehend wären, er ſprach ihnen den Wunſch aus, in's Parlament einzutreten, wenn er ſeine An⸗ gelegenheiten völlig geordnet hätte, und erklärte, daß er ſich dann einer Partei anſchließen würde, mit deren politiſchen Anſichten die ſeinigen in völ⸗ ligem Einklang ſtänden. Eine neue und nützliche Laufbahn ſchien ihm den Weg zu Auszeichnungen zu eröffnen; da konnte er jedes Talent, das er be⸗ ſaß, nicht nur zu ſeinem eigenen Vortheil anwen⸗ den, ſondern auch ſeinem Geburtslande Nutzen ſchaffen, und er gab ſich ſelber das Wort, daß er hinfort kein müßiges Leben führen, ſondern ſich würdig machen wollte unter den Männern genannt zu werden, deren edles und uneigennütziges Be⸗ tragen er ſich nachzuahmen ſehnte. Gewiegt von freundlichen Ausſichten auf die Zukunft, warf er den Kleinmuth ab, der in letzter Zeit auf ihm ge⸗ laſtet, und wenn er die ſchöne Loniſe gleich nicht weniger zärtlich liebte als zuvor, ſo gedachte er ihrer doch mit weniger Schmerz und Aufregung, weil er entſchloſſen war, ſich ihrer Achtung werth zu machen. Seine guten Vorſätze wurden noch be⸗ feſtigt, ſeine Stimmung noch heiterer, als ein paar Tage darauf einige der Freunde, die ihm ſchriftlich und in der Meinung daß er deſſen bedürfe, ihren Beiſtand angeboten hatten, in die Stadt kamen 229 und ihn aufſuchten. Er horchte mit Begeiſterung auf die Aeußerungen ihres ſchönen Mitgefühls für die Bedürfniſſe des Volks und auf ihre menſchen⸗ freundlichen Entwürfe zu Verbeſſerung der Lage deſſelben. Es gewährte einen wohlthuenden Anblick, wenn man die ſchönen jungen Männer betrachtete, davon einige den edelſten und ſtolzeſten Familien Englands entſproſſen waren, wie ſie ihr eigenes Intereſſe ganz vergaßen und den Verſuchungen widerſtanden, die ſie von allen Seiten her zu Ver⸗ gnügungen locken wollten, um ſich dem guten Wirken hinzugeben, das ſie mit ſo viel Ernſt betrieben. Wie eitel und kindiſch kamen jetzt Strathern die Gegenſtände vor, welche bisher ſeine Aufmerkſamkeit in Anſpruch genommen hatten! Während er ſich damit beſchäftigte, in Rom Tauſende auf den Ankauf von Bildſäulen zu verwenden, widmeten ſeine Univerſi⸗ tätsfreunde alle ihre Zeit, jeden ihrer Gedanken einem erhabenern Zweck, der Aufklärung des Volkes und dem Streben, es der Vortheile würdig zu machen, die ſie für daſſelbe zu erlangen entſchloſſen waren, indem ſie ſeine Intereſſen verfochten und ſeine Rechte vertheidigten. Mit welcher Freude wandte ſich Strathern ſolchen Männern zu, nach⸗ dem er die Herzloſigkeit der müßigen Wüſtlinge kennen gelernt und ihre Geſellſchaſt ſchon läſtig gefunden hatte, ehe er entdeckte, wie nichtswürdig ſie waren. Die Freunde mit denen er ſich jetzt 230 verbunden ſah, hatten ungeheuere Fortſchritte in nützlichen Kenntniſſen und allgemeiner Bildung ge⸗ macht, ſeitdem er von ihnen geſchieden. Und doch war das noch nicht ſo gar lange her. Der Wunſch, die ſchwere edle Aufgabe, die ſie ſich geſtellt, beſſer zu erfüllen, trieb ſie an, ſich zu unterrichten, und ſie lagen den ſelbſt auferlegten Studien fo fleißig vb, daß Strathern begriff, er müſſe viel Eifer anwenden, wenn er ſie einholen und ſich in Stand ſetzen wollte, ſeinen Theil an dem guten Werk zu erfüllen, zu welchem ſie ſich verpflichtet hatten. Wie verſchieden waren dieſe Männer jetzt von Mountſerrat, Musgrove und Crawley, und wie fühlte er ſich durch ihre Freundſchaft geehrt! Es gibt kein beſſeres Mittel, ſich eine Erleich⸗ terung von eigenen Sorgen zu verſchaffen, als wenn man Dem ſeine Theilnahme zuwendet, was Andere drückt. Die Beiſpiele von Mangel und Elend, welche Strathern die hochſinnigen Freunde mittheilten, in deren Umgang er nun den größern Theil ſeiner Zeit verbrachte, machten auf ihn einen ſo tiefen Eindruck, daß ſein Herz nicht mehr völlig von der Leidenſchaft eingenommen wurde, die ihn aller Kraft beraubte. Seine eigenen Widerwärtig⸗ keiten erſchienen ihm unbedeutend, wenn er ſie mit denen von Leuten verglich, welche mit ſchwerer Tagevarbeit ihren armen Familien kaum ein ärm⸗ liches Mahl verſchaffen konnten. Wie wenig hatte 7— 7— 231 er bisher an das harte Loos ſolcher Menſchen ge⸗ dacht, wie wenig gethan, um ihre Lage zu ver⸗ beſſern oder ihren Bedürfniſſen abzuhelfen. Wie viele Männer mit edler Natur und guten Geſin⸗ nungen bedürfen gleich Strathern blos den Reiz des Beiſpiels und einer Geſellſchaft von gleich⸗ artiger Beſchaffenheit, um durch die Menſchenfreund⸗ lichkeit, welche Andere an den Tag legen, gerührt und ins rechte Geleis gebracht zu werden. Sie können lange unthätig und blind bleiben gegen den Jammer um ſie her, ſie können die Pflichten ver⸗ nachläſſigen die ihnen ihre Stellung auferlegt, aber bei gehörigem Umgang zieht ein edles Mitieid in ihre Seele ein und ſie treten mit Andern zu guten Handlungen zuſammen. Nie hat ein Geizhals einen verlorenen Schatz mehr bedauert, als Strathern die ungeheuern Summen, die er bis daher verſchwendet. Er ſah jetzt ein, wie viel Gutes er ſchon mit dem vierten Theil des Reichthums hätte bewerkſtelligen können, den er ſo unbekümmert ausgegeben.„Ach, wäre ich noch einmal reich,“ dachte er,„wie ſo ganz anders würde ich zu Werke gehen. Iſt aber ſchon mein Vermögen bedeutend geſchmälert, ſo bleiben mir doch noch reichliche Mittel, um Gutes zu thun und in Folge meiner frühern dummen Streiche ſollen nicht die Armen, ſondern blos meine eigene Vergnügungsſucht zu kurz kommen.“ 232 Als Strathern ein paar Tage nach dieſen Be⸗ trachtungen durch die St. Jakobsſtraße ging, wurde er von ſeinem alten Bekannten Crawley angeredet. Er hatte dieſen Herrn näher kommen geſehen; da er aber den Leichtſinn deſſelben kannte und wußte, daß er ihn ohne alle Umſtände zur Schau trug, wollte er, ohne zu grüßen, vorübergehen. Crawley jedoch ſtreckte ihm mit ſchamloſer Frechheit die Hand entgegen, ergriff die Strathern's, drückte ſie mit aller Wärme und fing in den herzlichſten Aus⸗ drücken an:„Warum biſt Du uns denn allen in letzter Zeit aus dem Wege gegangen, lieber Freund, und warum kommſt Du nicht in unſern Club?“ Strathern wunderte ſich über dieſe unerwartete Artigkeit und wußte durchaus nicht, wie er ſich dieſelbe erklären ſollte.„Es iſt nicht recht von Dir,“ fuhr Crawley fort,„daß Du Dich Deinen alten Freun⸗ den ſo gar fern hältſt, das muß ich Dir aufrichtig ſagen, beſter Freund! Die Anhänglichkeit unter alten Freunden geht über Alles, das iſt doch meinen Seele richtig.“ „Haben aber alte Freunde immer Luſt dieſe Regel zu befolgen? Ich glaube nicht, Crawley; ich weiß gewiß, daß es nicht von allen geſchieht, und um aufrichtig gegen Dich zu ſein, ich dachte —s Club wäre der letzte Ort, wo ein Mann, der vor Kurzem gerade vor den Fenſtern deſſelben verhaftet wurde, Ausſichten auf eine freundliche ——— 2 —— 233 Aufnahme hätte. Ich urtheilte nach dem Betragen gewiſſer Mitglieder des Club, von denen ich meinte, mit Recht eine beſſere Behandlung erwarten zu dürfen, und habe mir demzufolge eine ungünſtige Meinung von allen gebildet.“ „Du haſt einige Urſache dazu, wie ich zugeben muß, aber wir ſind doch, wie ich denke, nicht alle ſo herzlos, wie die, auf welche Du anſpielſt. Sei verſichert, lieber Strathern, Du haſt auch Freunde unter uns, und ich darf mit Wahrheit hinzuſetzen, daß ich darunter gehöre, kein Schickſalswechſel könnte mich Dir entfremden.“ Strathern fühlte ſich in Wahrheit gerührt durch dieſe unerwartete Freundlichkeit im Betragen eines Mannes, den man allgemein für den ſelbſtſüchtigſten unter ſeiner Clique anſah. Daher erwiederte er den Händedruck mit mehr Wärme, als er je in ſeinem Leben gethan. Als ſie aber zu—s Club kamen, lehnte er die dringende Bitte ſeines Ge⸗ ſellſchafters, dahin einzutreten, ab, und nahm Ab⸗ ſchied von ihm. Wie er ſich von Crawley wegwandit ſtieß er auf Herrn Rhymer, der nach der erſten Begrüßung in ſeinem gewöhnlichen mürriſchen Tone bemerkte: „Hätte ich nicht ſchon gehört, was Sie für ein Glück gemacht haben, ſo müßte ich doch vermuthen, daß eine günſtige Wendung des Rades der blinden Göttin Sie bereichert habe, und das blos, weil ich 234 die Freundſchaftsbezevgungen mit angeſehen habe, die Herr Crawley gegen Sie an den Tag legte. Man kennt ihn ſonſt dafür, daß er nie Jemand die Hand ſchüttelt, von dem ſich die flatterhafte Gott⸗ heit abgewendet hat.“ „Mir iſt durchaus nicht bekaunt, was ich für ein beſonderes Glück gemacht haben ſollte,“ erwie⸗ derte Strathern.„Wollen Sie mir näheren Auf⸗ ſchluß darüber geben?“ „Iſt es möglich, daß Sie, den die Sache doch zunächſt angeht, die Neuigkeit nicht vernommen haben, welche vor etwa zwei Stunden durch Sir Eduard Topham nach London gebracht worden iſt. Er hat das Unglück beinahe noch mit angeſehen.“ „Ich habe wahrhaftig von keiner Neuigkeit ge⸗ hört und heute noch Niemand als Crawley und Sie geſprochen; alſo kann ich auch nicht errathen, auf welches Unglück Sie ſich beziehen.“ „Ich meine den Tod des Lord Argentyn und ſeiner drei Söhne, welche durch das Umſchlagen ihres Bvots bei dem heſtigen Sturm von geſtern Abend ertrunken ſind, nachdem ſie ihre Yacht hinter der Inſel Wight verlaſſen hatten, um ans Land zu gehen.“ „Gott im Himmel, wie ſchrecklich!“ rief Stra⸗ thern, der über dem Mitleid, welches das traurige Schickſal des Lords Argentyn und ſeiner Söhne in — — ihm erregte, ganz vergaß, daß dieſes Ereigniß einen Gewinn für ihn herbeiführen ſollte. Rhymer blickte auf ihn mit mehr Wohlgefallen, als ſein finſteres Geſicht ſonſt gewöhnlich zeigte. „Sie ſind ein ſeltſamer Menſch,“ ſagte er„und nehmen die Nachricht von einer Erbſchaft von vierzigtauſend Pfund jährlich mit mehr Gleichmuth auf, als ein Mann unter ähnlichen Umſtänden nach meiner Meinung an den Tag legen könnte, beſon⸗ ders ein zu Grunde gerichteter Mann, wie man Sie dafür ausgegeben hat.“ „Glauben Sie, daß ich mich über den Tod von vier Menſchen freuen könnte, an deren Daſein vielleicht das Glück vieler Andern hing?“ „Ich traute Ihnen blos dieſelben Empfindungen zu, wie ich ſie von neun Zehntheilen meiner Be⸗ kannten bei einer ſolchen Gelegenheit erwarten durfte. Denn wenige, ſehr wenige ſind ihrer, die auch nur einen Augenblick über die Urſachen nach⸗ denken würden, welche ein ſo wünſchenswerthes Ereigniß herbeiführten, wie eine Erbſchaft von vierzigtauſend Pfund jährlich und alle damit ver⸗ bundenen agrémens es ſind. Sie haben bereits einen der Vortheile kennen gelernt, welche Ihnen dieſer Vorfall bringt. Herrn Crawley, den welt⸗ klugen Herrn Crawley hat man nie freundlich gegen Jemand geſehen, deſſen Umſtände nicht die beſten waren, Sie aber ſucht er auf, drückt Ihnen die 236 Hand und macht das freundlichſte Geſicht wenn er Sie grüßt. Ich ſtellte mir das gleich vor, da ich vor etwa zwei Stunden ſah, wie er ſo begierig auf die Erzählung von dem Unglück bei der Inſel Wight horchte, und da ich ihn fragen hörte, wie viel Pfund die Erbſchaft Ihnen einbringen würde. Auch Ihren übrigen ci-devant-Freunden muß ich die Gerechtigkeit widerfahren laſſen, zu ſagen daß ſie eben ſo geneigt ſchienen, Sie fortan mit der⸗ ſelben Zuvorkommenheit zu behandeln. Selbſt der Marquis von Mountſerrat erklärte, Sie wären gar nicht ſo übel wie Einige behaupteten. Lord Franz Musgrove äußerte, er werde Sie noch heute be⸗ ſuchen, und ich ſetze hinzu, daß er Ihnen wahr⸗ ſcheinlich die Ehre anthut, ein oder zweitauſend Pfund von Ihnen zu borgen. Kurzum, in dieſem Augenblick wüßte ich Niemand, der in—s Club in höherem Anſehen ſtände, als Sie, und für dieſen Wechſel in den Gefinnungen der Mitglieder deſſel⸗ ben mögen Sie ſich bei dem Sturm vom vorigen Abend bedanken. Dies beſtätigt die Wahrheit des alten Sprichworts: Kein Wind iſt ſo ſchlecht, daß er nicht Jemand etwas Gutes brächte.“ Obgleich Strathern den verſtorbenen Lord Argentyn nur vberflächlich kannte, ſo brachte die Nachricht von ſeinem und ſeiner drei Söhne Tod doch eine ſo große Erſchütterung in ihm hervor, daß er ſich nicht aufgelegt fühlte, dieſen Tag in „ 237 Geſellſchaft zu gehen, ſondern in ſeinen Gaſthof zurückkehrte und gemeſſenen Befehl ertheilte, ihn gegen Jedermann zu verleugnen. Er fühlte die Röthe des Unwillens in ſein Geſicht ſteigen, als ihm zwei Stunden darnach der Kellner mit etwa fünfzig Karten erſchien, die während ſeiner Abweſenheit da gelaſſen worden waren. Es befanden ſich darunter auch die des Marquis von Mountſerrat und des Lord Franz Musgrove, nebſt einer Zuſchrift des Letztern, welche eine dringende Einladung zum Mittageſſen enthielt. Nie drang ſich Strathern die Ueberzeugung von der Herzloſigkeit und Falſch⸗ heit der ſogenannten vornehmen Geſellſchaft ſtärker auf, als in dieſem Augenblick, und die Verachtung, welche dieſelbe in ihm hervorrief, verwiſchte beinahe die Erinnerung an die Urſache, welche dieſe Som⸗ merfreunde abermals um ihn verſammelte. Sie hatten ihn geflohen, als ſie glaubten, er könnte um ihre Unterſtützung nachſuchen, aber jetzt, da das Glück wiederum ſeine Gunſtbezeugungen auf ihn fallen ließ, kamen auch ſie wieder. Die Binde, welche ſeinem Auge die Selbſtſucht und Doppel⸗ züngigkeit ſeiner frühern Genoſſen verborgen hatte, fiel ab, um nie mehr aufgenommen zu werden, und er fühlte, daß er ein klügerer, ja ein beſſerer Menſch geworden war. Denn die Proben von Liebloſigkeit, die er erfahren, führten ihn nicht zum Haß gegen Andere, ſie machten ihm blos den Fehler 238 offenbar, den er begangen, als er mit ſolchen Leuten verkehrte, während er doch ſicher wußte, daß überall ſo viele gute und ſchätzenswerthe zu finden ſeien. „Fürderhin,“ ſagte Strathern,„wandle ich nicht mehr auf dem Blumenpfad, wo die Dornen ver⸗ ſteckt bleiben, ſo lange der Sommer währt. So⸗ bald aber die Blumen bei dem erſten rauhen Herbſt⸗ wind verwelken, treten die Dornen an ihre Stelle und verwunden Jeden, der noch ein verirrtes grünes Blättchen unter ihnen aufſuchen will.“ Nun kehrten ſeine Gedanken zu Louiſen Sydney zurück, die ihm ſelten aus dem Sinne kam. Wenn ſie ſein Glück theilen und ihm helfen wollte, es in edler und verſtändiger Weiſe zum Beſten Anderer zu verwenden, ſo daß ſie beide dadurch den Segen des Himmels auf ſich herabriefen, wie ſo ganz an⸗ ders mußte dann ſein Loos werden! Aber was half es, an ſie zu denken! Sie wollte ihm ja nie mehr Etwas ſein. Hatte ſie ihn nicht aufgegeben, da man ihn noch für reich hielt, hatte ſie nicht ihre feierliche Zuſage, ſein Geſchick mit ihm zu theilen, gebrochen? Und als er ihr, ohne Rückſicht auf die üble Behandlung, welche er erfahren, nochmals ſeine Hand anbot, hatte ſie ihn da nicht, trotz der Armuth in die ſie gerathen war, mit Geringſchätzung zurückgewieſen? Nein, es war eine Thorheit, ein Wahnſinn, an ſie zu denken und doch machte er ſich dieſer Thorheit jede Stunde ſchuldig. Er ver⸗ 239 achtete ſich deshalb beinahe ſelber und nohm ſich, wie er ſchon hundertmal gethan, vor, ſie aus ſeiner Seele zu verbannen. Hat aber einmal ein Gegen⸗ ſtand vom Herzen Beſitz genommen, ſo verſucht man umſonſt, ihn daraus zu vertreiben; er herrſcht dort trotz aller Anſtrengungen ihn zu verdrängen und beweiſt, daß die Liebe gleich anderen gefähr⸗ lichen Krankheiten dem Willen deſſen zu widerſtehen vermag, den ſie ſich zum Opfer auserſehen. Strathern wurde in ſeinen Betrachtungen durch die Ankunft des Herrn Papworth unterbrochen. Dieſer ließ ſich von dem Thürſteher, welcher Be⸗ fehl hatte, Niemand hinein zu laſſen, durchaus nicht abweiſen.„Ich habe den Zutritt erzwungen, mein Herr,“ ſagte er,„und hoffe, die Veranlaſſung dazu werde die Freiheit entſchuldigen, die ich mir nehme. Sie haben gewiß die Neuigkeit noch nicht gehört.“ Zu dieſer Annahme verführte ihn das ernſthafte, wo nicht trübe Geſicht Strathern's. „Wenn Sie damit den traurigen Tod des Lord Argentyn und ſeiner Söhne meinen, ſo kenne ich dieſen ſchrecklichen Vorfall.“ „Allerdings, Herr, den meine ich. Mir iſt die Nachricht erſt vor einer halben Stunde zugekommen und ich machte mich eilig auf den Weg, Sie davon zu benachrichtigen.“ Strathern dankte ihm für dieſe Aufmerkſamkeit blos durch eine Verbeugung, und ſein nachdenkliches 240 Ausſehen wich von dem, was Papworth erwartete, ſo ſehr ab, daß ihm die Glückwünſche über den Zuwachs an Vermögen auf den Lippen erſtarben. „Sie waren, glaube ich, mit dem verſtorbenen Lord Argentyn nicht verwandt, Herr Strathern,“ bemerkte der Mann des Geſetzes. „Nein,“ erwiederte Strathern,„und ich bin auch nicht ſehr genau mit ihm bekannt geweſen.“ Dreiſt gemacht durch dieſes Geſtändniß, gewann Herr Papworth den Muth, hinzu zu fügen:„Sie ſind nunmehr der Eigenthümer eines Vermögens, deſſen Zinſen ſtets aufs pünktlichſte entrichtet wer⸗ den. Baare fünfundvierzig tauſend Pfund jährlich mit zwei der ſchönſten Schlöſſer, die ich je geſehen. Die Wohnung des letzten Grafen, in welcher Sie ſo viel von Ihren Kinderjahren verbracht haben, mit der ganzen koſtbaren Sammlung von Gemälden und Bildſäulen, nebſt der trefflichen Bibliothek, ge⸗ hört jetzt Ihnen.“ Er hielt inne und erwartete einen Wechſel in den Zügen ſeines Clienten zu ſehen, während er demſelben alle die Herrlichkeiten aufzählte, aber ſeine Hoffnung betrog ihn, denn Strathern machte immer noch daſſelbe ernſthafte Geſicht wie früher. „Es iſt Schade,“ fing er ſodann wieder an, „daß Sie ſich aufs Bauen einließen, da Sie jetzt eine ſo prächtige Wohnung in der Stadt ererbt 241 haben. Wenn ich um Rath gefragt worden wäre, ſo würde dieſer Schritt nicht gethan worden ſein.“ Dieſe Aeußerung erregte Strathern's Aerger, er drehte ſich mit mehr Lebhaftigkeit herum, als er bisher kund gegeben und ſagte, während Etwas wie ein Lächeln um ſeine Lippen ſpielte:„Für ſo bedeutend ich auch Ihre Vorausſicht zu halten ge⸗ neigt bin, ſo konnte ich doch nicht wiſſen, daß ſie ſo weit geht, um vorherzuſehen, daß ich die Woh⸗ nung des Lord Argentyn erben würde und alſo nicht nöthig hätte, eine ſolche aufzuführen!“ „Nein, mein Herr, ich habe ein ſolches Ereigniß keineswegs als in den Gränzen der Wahrſcheinlich⸗ keit liegend betrachtet, denn mit drei Söhnen, lauter friſchen geſunden Jungen, hielt ich die Ver⸗ laſſenſchaft für geſichert in der Familie Argentyn; ich wollte blos andeuten, daß Sie, wenn ich zu Rathe gezogen worden wäre, einen förmlichen Ver⸗ trag mit dem Baumeiſter abgeſchloſſen und dadurch eine bedeutende Summe erſpart hätten.“ „Sie werden jetzt natürlich keine weiteren Schritte thun, um das Anlehen zu Stande zu bringen, welches wir zu machen beabſichtigten, eben ſo wenig iſt mehr an den Verkauf von Staatspapieren zu denken.“ „Verſteht ſich, Herr Strathern, verſteht ſich. Es war etwas Sonderbares mit der Anleihe und ich bin nicht im Stande, daraus klug zu werden. Strathern 1v. 16 242 Es wurde mir ausdrücklich für Sie, und zwar zu einem unbeſchränkten Betrag von einem Anwalt aus meiner Bekanntſchaft angeboten. Derſelbe zeigte ſich ſo eifrig, Ihnen zu helfen, daß er erklärte, es— könnte ein Theil davon im Nothfall vorgeſchoſſen werden, ehe noch die Urkunden darüber ausgefertigt wären. Ich darf wohl ſagen, daß ein ſolches An⸗ erbieten noch gar nicht vorgekommen iſt, und das Auffallendſte iſt, daß es von einem ſo vorſichtigen und kundigen Advokaten wie Herr Wandsworth gemacht wurde.“ „Wandsworth!“ rief Strathern,„warum haben Sie mir nicht ſchon früher geſagt, daß Ihnen das Darlehen von ihm angetragen worden iſt?“ „Weil er mir ganz beſonders den Wunſch zu erkennen gab, daß ſein Name bei dem Geſchäfte nicht genannt werden ſollte, und daß es ihm äußerſt unangenehm wäre, wenn ſeiner bei den Unterhand⸗ lungen Erwähnung geſchähe. Ich ließ ihn bei ſeiner Grille, denn dafür nahm ich die Sache, und würde nicht von ihm geſprochen haben, wenn es 0 mir nicht ſo eben aus Verſehen entwiſcht wäre.“ Die Wahrheit fuhr Strathern augenblicklich durch den Sinn und erregte in ihm eine ſehr wohlthuende Empfindung. Er errieth, daß Herr Wandsworth bei dem Anlehen, das er in Vorſchlag brachte, blos der Stellvertreter der Frau Sydney oder ihrer Tochter geweſen war. Nur Freunde, 243 denen ſein Wohlergehen lebhaft am Herzen lag, konnten ſich anheiſchig machen, ſo viel Geld vor⸗ zuſchießen, als man begehrte, ehe noch die geſetz⸗ lichen Papiere ausgefertigt oder unterzeichnet waren. Ja, es lag am Tage, daß dieſe edelmüthige und zarte Art, ihm einen Dienſt zu leiſten, blos von einem Weibe ausgehen konnte. Man dachte alſo noch an ihn, die zwei einzigen Angehörigen ihres Geſchlechts, die er liebte, ſchätzten ihn noch, und der erſte Gebrauch, den ſie beide von dem kürzlich ererbten Reichthum machten, beſtand darin, daß ſie ihn den Folgen ſeiner eigenen Unbeſonnenheit zu entreißen ſuchten! Tauſend freundliche Gedanken und Hoffnungen erhoben ſich in ſeiner Bruſt bei dieſem Beweis von ihrer fortwährenden Theilnahme an ihm, und als Herr Papworth den Wechſel in Strathern's Zügen bemerkte, als er ſah, wie die⸗ ſelben ſtatt der frühern Düſterheit einen lebhafteren Ausdruck annahmen, ſchloß er ganz richtig, daß das Geld keinen Antheil an den Gefühlen hatte, die er erregt.„Das iſt ein wunderlicher Kamerad,“ dachte der wohlweiſe Herr,„und ich fürchte, er wird den Werth des Geldes niemals kennen lernen. Es rührt ihn nicht an, wenn er hört, daß er in den Beſitz unermeßlichen Reichthums gelangt iſt, während er doch in Folge ſeiner dummen Streiche in wirklicher Geldnoth ſteckte. Aber ſein Geſicht erheitert ſich ſogleich, wenn er erfahrt, daß es Herr 16* 244 Wandsworth geweſen, der das Darlehen angeboten hat. Es muß mehr dahinter ſtecken, als ſich mit bloßen Augen ſehen läßt und wenn ich Wandsworth treffe, will ich es heraus zu bringen ſuchen.“ „Sind Sie ſchon unterrichtet von dem plötz⸗ lichen Ableben des Marquis Roehampton?“ be⸗ merkte Strathern. „Ja, mein Herr. Einer der Geſchäftsführer des verſtorbenen Marquis, den ich genau kenne, ging im Augenblick, da man ihm das Ereigniß be⸗ richtete, nach Italien ab, um die Kunde davon dem jetzigen Marquis zu überbringen. Die ſchwache Geſundheit deſſelben ließ ihn vorziehen, ihm dieſe traurige Nachricht auf dieſe Weiſe zu eröffnen, ſtatt ſie brieflich mitzutheilen. Herr Warton wollte Tag und Nacht reiſen, bis er den Marquis ge⸗ troffen hätte.“ So eben wurde Strathern ein Brief einge⸗ händigt und ſeine Wangen glühten beim Leſen. Er kam von Herrn Vincent, der mit vielen unterthänigen Entſchuldigungen über die genommene Freiheit ſchrieb, er habe zufälliger Weiſe erfahren, daß Strathern gegenwärtig in einiger Verlegenheit ſei und ſtehe bereit, ihm fünfzig oder hunderttauſend Pfund noch im Verlaufe des Tages zu übermachen. Würde dieſe Summe nicht hinreichen, ſo wären noch weitere fünfzigtauſend zu ſeiner Verfügung. „Sie ſehen, Herr Papworth,“ ſagte Strathern, 245 indem er ihm das Schreiben überreichte,„ich habe einige wahre Freunde.“ „Vincent,“ verſetzte Papworth,„ei, ein ſehr reicher Mann. Ich habe nicht gewußt, daß Sie ihn kennen. Ein ſehr freigebiges Angebot. Aber vielleicht hat er von dem Umſchwung Ihrer Ver⸗ hältniſſe gehört. Es iſt dermalen allgemein be⸗ kannt.“ „Es konnte ihm in Bath nichts davon zu Ohren kommen, und Sie ſehen aus dem Poſtzeichen, daß er von dort her ſchreibt. Der Brief iſt vom geſtrigen, alſo ein paar Stunden älter, als der unglückliche Vorfall, der mich reich macht,“ erwie⸗ derte Strathern in vorwurfsvollem Tone. „Ja, ja, jetzt ſehe ich's,“ bemerkte Papworth, nachdem er Datum und Poſtzeichen am Briefe un⸗ terſucht.„Es iſt ein recht ſchöner Antrag von Herrn Vincent.“ Papworth ſtand auf, um Abſchied zu nehmen, und äußerte, er würde ſich bereit halten, nach den Schlöſſern des Lord Argentyn aufzubrechen, ſobald es gewünſcht werde, auch wolle er zwei von ſeinen Schreibern abſenden und ein Verzeichniß von dem Beſtand der Erbſchaft aufnehmen laſſen. „Es iſt keine ſo große Eile in der Sache nöthig,“ entgegnete Strathern.„Thun Sie gar nichts, bis die zur Auffindung der Leichname er⸗ 246 forderliche Zeit verſtrichen und die letzte traurige Pflicht gegen die Todten erfüllt iſt. Der verſtor⸗ bene Lord war, glaube ich, Wittwer. Ich meine mich wenigſtens zu erinnern, daß ich vor etwa einem Jahre das Ableben der Lady Argentyn in den Zei⸗ tungen geleſen habe. Hinterläßt er Töchter?“ „Nein, mein Herr, ſeine einzigen Abkömmlinge waren die drei Knaben, die mit ihrem Vater um⸗ gekommen ſind.“ Als Strathern allein war, kehrten ſeine Ge⸗ danken immer wieder und wieder zu dem Anlehen zurück, das Herr Wandsworth angeboten, und jedes⸗ mal ſteigerte ſich ſeine Freude darüber. Die Hoff⸗ nungen, welche dadurch rege wurden, verſcheuchten die Betrübniß über den Hingang des Lord Argen⸗ tyn und ſeiner Söhne, und mag ihn auch ein ſol⸗ ches Geſtändniß als aller Lebensklugheit baar und ledig erſcheinen laſſen, ſo können wir doch mit Wahrheit verſichern, daß ihn das ungeheuere Ver⸗ mögen, welches ihm ſo nnerwarteter Weiſe zufiel, weit weniger Vergnügen gewährte„als der durch Herrn Wandsworth's Anträge hergeſtellte Beweis, daß er bei Frau und Fräulein Sydney noch im Andenken ſtand. Er fühlte ſich zum Dank ver⸗ pflichtet für die ihm durch ſeine dermalige Bedräng⸗ niß verſchaffte Gelegenheit, ſich ein Urtheil von der Welt zu bilden, über die er ſich früher eine ſo irrige Vorſtellung gemacht hatte. Strathern 247 war ein ſtolzer, kein eitler Menſch; er kannte ſeine eigene Hochſinnigkeit, ſeinen Edelmuth und hielt ſich für würdig genug, um Freundſchaft und Achtung einzuflößen. Durch die kurze Heimſuchung des Un⸗ glücks war er nunmehr belehrt, daß gerade die Eigenſchaften, auf die er ſich etwas zu Gute ge⸗ than, blos dazu gedient hatten, ihn zum Spielzeug der ſchlauen, argliſtigen und herzloſen Kameraden zu machen, mit denen er umging. Er erhielt da⸗ durch den Beweis, daß ſelbſt die edelſten Eigen⸗ ſchaften für ihren Beſitzer keinen Werth haben, ja daß ſie ihm zum Nachtheil gereichen, wenn er blos mit Leuten Verkehr pflegt, die ſie nicht zu wür⸗ digen im Stande ſind. Er konnte nur ſich ſelber Vorwürfe darüber machen, daß er bei der Wahl ſeiner Geſellſchafter nicht klüger zu Werk gegangen, daß er ſie ſich ausgeleſen, ohne dabei ſeinen Ver⸗ ſtand im Mindeſten anzuwenden, daß er ſo in den Schlendrian des Lebens der vornehmen Welt ver⸗ fallen und mit den ſchlechten Mitgliedern derſelben zuſammen gerathen war, ſtatt die Bekanntſchaft der Weiſen und Rechtſchaffenen zu ſuchen. Wie ganz anders wollte er für die Zukunft handeln. Ja, er wollte die verlorene Zeit wieder einbringen, die begangenen Thorheiten gut machen und blos mit Leuten Umgang pflegen, deren Beiſpiel ihm von Nutzen ſein, deren Achtung ihm zur Ehre gereichen mußte. Er wollte beweiſen, daß er die Werth⸗ 248 ſchätzung Anderer verdiene, nicht um ſeines Geldes, ſondern um ſeiner guten Eigenſchaften willen, und ſo den Tag herbeiführen, an welchem Louiſe Sydney ſich herbeilaſſe, ihm wieder den Platz einzuräumen, den er einſt in ihrem Herzen eingenommen. Es lag ein Troſt, es lag ein Glück in dieſer Hoffnung, ſo ungewiß und entfernt auch ihre Verwirklichung ſein mochte, und Strathern hegte beide in treuem Herzen. Wenn aber ſchon frendig, ſo wurde er doch nicht übermüthig. Der Schickſalswechſel den er erfahren, war zwar von keinem Belang, wenn man ihn mit dem anderer Menſchen verglich, hatte aber ſeinen Geiſt gereift, und der traurige Vor⸗ gang der ihn bereicherte, rief zugleich Gedanken über die Unzuverläſſigkeit des Daſeins in ihm wach. Dieſe hielten ihn ab, ſich der Freude zu überlaſſen, welche junge Lente gewöhnlich empfinden, wenn ſie eine großartige Erbſchaft machen. Drei Tage waren noch nicht verſtrichen, ſeitdem die Nachricht von dem großen, ihm zugefallenen Vermögen eingelaufen, und ſchon ſandten die Gläu⸗ biger, unter den erſten Herr Drinkwater, die artig⸗ ſten Briefe, worin ſie ſich bereitwillig erklärten, zu warten, bis es Herrn Strathern genehm wäre, ihre Rechnungen zu bezahlen. Dieſelben Menſchen welche nur ein paar Tage zuvor auſs Dringendſte um unverweilte Befriedigung ihrer Forderungen gebeten, und die äußerſte Noth als Entſchuldigung —— „—————— 249 für ihr Verlangen angegeben, ja, welche ſogar vor Gericht Schritte gethan hatten, um ihr Begehren durchzuſetzen— denen preſſirte es jetzt durchaus nicht mehr, zu bekommen, was ihnen gehörte, ſie erbaten ſich blos die Ehre fernerer Gewogenheit. Auch die vornehme Welt, zum größten Theil aus den gewiſſenloſen Sproſſen des Adels zuſammen⸗ geſetzt, die zu ſtolz zum Arbeiten ſind, ſich aber nicht ſchämen, zu borgen oder zu betteln, dann aus Müttern, die nach Vermögen ſtreben, und aus ihren berechnenden Töchtern, die ſich ſehnen, das lang⸗ weilige Vaterhaus, das knappe Taſchengeld gegen ein ſchönes Herrenhaus und ein reichliches Nadel⸗ geld zu vertauſchen, was ihnen ein reicher Gemahl verſpaffen ſoll, auch ſie kamen ihm wieder mit offenen Armen entgegen. Aber er kannte jetzt ihre Falſchheit, er wußte, was von ihrer Freundſchaft zu halten iſt, und war entſchloſſen, fortan nur mit dem Theil des eigentlichen Adels und der höheren Stände Verkehr zu pflegen, welche der Mode und Thorheit als gleichbedeutend aus dem Wege gehen und ihrem Stande Ehre machen. In den Reihen dieſer Geſellſchaft hoffte er ſpäter Freunde zu finden. Zehntes Kapitel. „Heil, eheliche Liebe, Heil, Dir reinſtem Erdenſegen, Aus Gnaden ward'ſt Du uns zu Theil, 3 Auf unſern Lebenswegen. 1 Du machſt das Daſein ſanft und leicht, Und milderſt ſeine Sorgen, Vor Deinem zarten Hauch entweicht Der Kummer jeden Morgen. Du zeigſt uns hier auf Erden ſchon Des Himmels Thore offen, 1 Gibſt einen Vorſchmack uns davon, 3 Was wir in Demuth hoffen; 3 Was hinter jenes Sternenzelt Der Menſch verlegt, in Räume 1 Durch Gottes Liebe ſelbſt erhellt Und der Erkenntniß Bäume. Wie manche Tugend lehrt uns blos Das eheliche Leben; Wie vielen Thaten, ſchön und groß, Kanns die Entſtehung geben! Das heil'ge Band, das nur der Tod Zerreißen kann und trennen, Erleichtert jede Erdennoth Die arme Menſchen kennen. Es wird in dieſem ſchönen Bund Mit jedem Tag aufs Neue Die Zärtlichkeit des Weibes kund,* Die Sanftmuth und die Treue. 251 Als beſte Freundin zeigt ſich da Die Mutter ihren Kindern, Stets iſt mit ihrem Troſt ſie nah Und ſucht das Leid zu lindern. Und wenn es keinem Arzt gelingt Zu helfen und zu retten, So iſt ſie's oft die Hilfe bringt, An viele Schmerzensbetten.“ Die balſamiſche Luft von Neapel und die zarte Sorge der treueſten und aufmerkſamſten Wärterin mit der je ein Mann geſegnet war, trug viel zu der langſamen aber allmähligen Herſtellung des Lord Delmington bei. Er blieb indeſſen immer noch zu ſchwach als daß ihm verſtattet geweſen wäre, unmittelbaren Theil an der Führung ſeiner Angelegenheiten zu nehmen und ſeine junge Frau beſaß zu wenig Uebung in derartigen Dingen. Der Arzt verwendete ſeine Mußeſtunden immer auf das Studium der Botanik und Chemie und ſo über⸗ ließ man unklugerweiſe das Finanzdepartement der Leitung des couriers. Dieſer Menſch benutzte die Unerfahrenheit und das übel angebrachte Vertrauen ſeiner Herrſchaft um nicht nur beträchtliche Summen durchzubrin⸗ gen, indem er falſche Rechnungen und Quittun⸗ gen vorwies, ſondern er machte auch die Unter⸗ ſchrift Lord Delmington's auf Anweiſungen nach, die zu hohem Betrag auf Strathern gezogen wur⸗ den und ging davon. Sein Herr blieb mit ein 252 paar Louis in der Taſche und vielen Schulden zu⸗ rück. Zum Glück beſaß der würdige Doktor mehr Vorſicht und Behutſamkeit als ſein Pflegbefohlner und hatte einiges Geld in Verwahrſchaft, das er nun augenblicklich zu deſſen Verfügung ſtellte. Auch der Bankier, ein wackerer Mann, hörte kaum von der Flucht und dem Betrug des courier, als er herbeikam und Lord Delmington bat, er möchte ohne Bedenken wie bisher die nöthigen Wechſel auf ſein Haus ziehen. Auf dieſe Art hatte das liebenswür⸗ dige Paar nur wenig Unannehmlichkeiten in Folge eines Unfalls zu erdulden, der ſie unter andern Um⸗ ſtänden für einige Zeit in eine verdrießliche Lage verſetzt haben würde. Sie hatten keine Ahnung von dem Wechſel in Strathern's Vermögensum⸗ ſtänden oder von der Verlegenheit, in welche ihn ſeine Freigebigkeit geſtürzt. Lord Delmington ließ ſich daher immerfort Geld auf ihn vorſchießen, nicht blos im Vertrauen auf ſeine Freundſchaft, ſondern auch darauf, daß er im Stande wäre die Wechſel zu bezahlen. Die Zeit kam jetzt heran, in der Lady Delmington Mutter werden ſollte und die Freude welche ihr Mann zum Voraus über dies erſehnte Ereigniß empfand, ſchien ſeinem zarten Körper neue Stärke zu verleihen. Solche Umwand⸗ lung wurde von dem trefflichen jungen Weibe mit frommem Dank gegen den Geber alles Guten be⸗ grüßt, aber doch ſah ſie mit Beſorgniß ihrem Kind⸗ * . 253 bett entgegen, denn ſie fürchtete, ſeine leidende Ge⸗ ſundheit könnte wieder umſchlagen, wenn ihre uner⸗ müdete Sorge abginge. Selten wird wohl Men⸗ ſchen die eine Verbindung ſchließen, ſo viel Glück zu Theil als dieſem Paar. Nichts ſtörte ihre Se⸗ ligkeit als der Kummer über die einzige Handlung des Ungehorſams, deren ſich Lord Delmington jemals ſchuldig gemacht. So innig ſie jedoch bedauerten, daß ſolche Folgen daraus erwachſen waren und ſie ſich die Unzufriedenheit und den unverſöhnlichen Zorn des Marquis von Roehampton zugezogen hatten, ſo hegte doch keines von beiden den Wunſch, nicht durch das zarte und heilige Band verbunden zu ſein, welches ihre Geſchicke aneinander knüpfte. Es that ihnen bloß leid, daß das Glück deſſen ſie ge⸗ noſſen, um den ſchweren Preis des väterlichen Grolls hatte erkauft werden müſſen und ſie beteten täglich, er möchte ſich zur Verſöhnung neigen und ſie unter ſein Dach aufnehmen. Es wäre der Lady Del⸗ mington lieb geweſen wenn ihr Gemahl im Rang nicht ſo hoch geſtanden hätte, denn obgleich geeig⸗ net den erhabenſten Stand zu zieren, beſaß ſie doch einen ſo einfachen Sinn, es lag ſo viel Anſpruchs⸗ loſigkeit in ihrem Weſen und ſie hing ſo ganz mit voller Seele an ihrem Mann, daß ſie an ſeiner Seite zufrieden geweſen wäre, wenn ſie nur ihr beſcheidenes Austommen gehabt hätten. Dann würde in ſeinem Vater nicht der demüthigende und £ 254 ungerechte Verdacht aufgeſtiegen ſein, als hätte ſie ihn nicht aus Neigung, ſondern aus ſelbſtſüchtigen Beweggründen geheirathet und um zu der glänzend⸗ ſten Stellung, in den Beſitz unermeßlichen Reich⸗ thums zu gelangen. Jeder Tag diente dazu, an dem reizenden Weibchen eine neue, bewundernswerthe Eigenſchaft zu Tage zu fördern. Ihr ſanftes Ge⸗ müth, ihr feines Betragen und die Schnelligkeit mit der ſie auf den erſten Blick die Bedürfniſſe und Wünſche ihres Gemahls zum Voraus errieth, ſteigerte ſeine Anhänglichkeit an ſie mit jeder Stunde. Wenn er ſah wie ſie mit geräuſchloſem Schritt davon ſchlich um für ſeine Bequemlichkeit zu ſorgen, wenn ſie ihn mit ihrem ſüßen Lächeln erfreute, wenn ſie ihm laut vorlas und durch ihre Bemer⸗ kungen über die Bücher aus denen ſie etwas vor⸗ trug, ihren richtigen, ausgebildeten und reinen Ge⸗ ſchmack bewies, dann pries er die Stunde, die ihm einen ſolchen Schatz gegeben, ob er gleich dabei beklagte, daß dieſes Glück ihn der Unterſtützung ſeines Vaters beraubte. Denn er konnte nicht ſa⸗ gen daß ihm dieſer je Liebe erwieſen hätte. „Könnte er ſie nur ſehen,“ ſagte er oftmals vei ſich ſelbſt;„wie ſie den Pflichten eines Weibes nachkommt, oder vielmehr wie ſie gleich einem hilf⸗ reichen Engel über ihr einziges Kind wacht und mit ihrer Zärtlichkeit, mit ihrer unermüvlichen Sorgfalt dieſem gebrechlichen Leibe die Geſundheit wieder — 255 gibt, gewiß, ſelbſt ſeine Härte würde nachlaſſen und er müßte uns das Einzige gewähren was er⸗ forderlich iſt um unſer Glück vollkommen zu machen, ſeine Einwilligung und ſeinen Segen.“ Zu andern Zeiten überließ ſich Lord Delming⸗ ton wachenden Träumereien wie ſie bei jungen und zarten Perſonen vorkommen. Er dachte ſich in die Heimath ſeiner Kindheit zurück verſetzt, der Liebe des Vaters wiedergegeben und ſiellte ſich vor wie ſeine ſanfte, gütige Marie die Gunſt, die Werth⸗ ſchätzung und volle Zuneigung deſſelben gewonnen hätte und der Großvater ihr Kind liebkoſend auf dem Arme trug. „Ja, ſo wird, ſo muß es einmal werden,“ rief dann Lord Delmington wenn er gerade allein war, aus und dieſe Hoffnung beſänftigte den Kummer, welcher ihn bei der Erinnerung an Lord Roehamp⸗ tons Zorn heimſuchte und nur zu häufig wieder⸗ kehrte, um ein Glück zu ſtören das ohne dieſe Bei⸗ miſchung ein vollſtändiges geweſen wäre. Endlich wurde ihm das Vergnügen Vater zu werden, zu Theil und als er ſein Knäbchen auf den Armen hielt, dankte er dem Allmächtigen für dieſes neue Geſchenk. Er bat aber dabei auch zugleich um Vergebung für den Kummer den er ſeinem Erzeu⸗ ger durch ſeinen Ungehorſam verurſacht und gelobte dieſe Sünde auf jede in ſeinen Kräften liegende Weiſe zu ſühnen. Es gibt wenig ergreifendere 256 Vorgänge im Leben als wenn ein junges und lie⸗ bendes Paar zum erſtenmal das kleine Weſen be⸗ trachtet, deſſen Geburt ſie mit einem noch feſteren Band aneinander zu ketten ſcheint. Die kaum ver⸗ ſchwundene Gefahr der Mutter, vor deren Eintritt des Mannes Herz von Angſt erſaßt wurde bei dem Gedanken, an welch dünnen Fäden ihr Leben und ſeine ganze Seligkeit hing, die innige Dankbarkeit daß ſie ihm erhalten worden und ihre beiderſeitige Zärtlichkeit für das theure Kind das ihren beſtoche⸗ nen Augen als ein Wunder von Schönheit vor⸗ kommt, machen das Zimmer der jungen Mutter zu einem geweihten und heiligen Ort, aus welchem die lebhafteſten und reinſten Dankesergießungen zum Himmel aufſteigen. Als Lord Delmington die Lip⸗ pen an die ſammetweiche Wange ſeines Sohnes drückte, fürchtete er beinahe, die Liebkoſung könnte dem zarten Kleinen wehe thun und übergab ihn wieder den Armen ſeiner Mutter. Ein Blick unausſprechlicher Liebe ward zwiſchen den jun⸗ gen Eltern ausgetauſcht, während ihre Geſichter mit einander auf ihrem Kinde ruhten und Segen über ſein Haupt herabflehten. Da der Arzt voll⸗ kommene Ruhe empfohlen hatte, ſo nahm Lord Delmington mit aller Aufopferung eines Liebhabers und der Sorglichkeit eines Vaters ſeinen Sitz am Lager ſeiner Frau. Da blieb er oft ganze Stun⸗ den lang und überwachte ſie, wenn ſie dem Jungen 257 mit allem Stolz und Entzücken einer Mutter ſeine Nahrung reichte, oder wenn ſie mit dem Säugling an der Seite ſchlief, ihr ſanfter Athem ſich mitein⸗ ander miſchte und ſie lächelte in wonnigen Träu⸗ men. Oft machte ſie die matten Augen halb auf und fühlte mit dem weißen Händchen nach, ob ihre Seligkeit nicht ein Traum, ob ſie wirklich Mutter wäre und ob ihr Kind wohl ſei; dann wandte ſie die ſchmelzenden Augen mit einem Blick der innig⸗ ſten Zärtlichkeit und ſchloß ſie wieder zum Schlum⸗ mer. Ihr ſchöner Mund verrieth ſo viel Freund⸗ lichkeit, ſo viel tiefgefühlte Zufriedenheit, daß dar⸗ über Thränen des Dankes in die Augen des Man⸗ nes ſtiegen, der mit ſo heißer Liebe für ſie wachte. Und wie der neunte Tag vorüber war, den Doktor und Amme als die Zeit bezeichneten, mit welcher die Gefahr für junge Mütter in der Regel vorüber ſei und wie in Folge davon etwas von den Be⸗ ſchränkungen nachgelaſſen wurde, die der Gebieter des Krankenzimmers, der Arzt auferlegt hatte, da athmete das zärtliche Paar freier und gab den Ge⸗ fühlen Worte, deren Ausdruck ihnen ſo viele Tage lang unterſagt geweſen war. Wechſelsweiſe umarm⸗ ten ſie ihr Kind, Jedes behauptete ſein Geſichtchen ſaͤhe dem des Andern ungemein ähnlich und ſie ver⸗ ſicherten ſich, daß ſie es um deßwillen nur deſto mehr liebten.„Sieh nur, Theuerſter,“ äußerte Lady Delmington, indem ſie mit mütterlicher Freude Strathern 1v. 17 258 und Stolz auf ihren Sohn ſchaute,„wie ſeine lie⸗ ben, ſchönen Augen den Deinigen gleichen. Er guckt ſchon ganz wacker in's Licht ohne zu blinzeln.“ „Seine Augen haben viel mehr Aehnlichkeit mit den Deinen, holdeſte Marie und er hat ganz Deinen kleinen Mund geerbt.“ „Wie magſt Du das ſagen, Heinrich? Frag' nur die Amme, die wird meine Ausſage beſtätigen, daß der Bube ganz Dein Ebenbild iſt.“ „Das muß wohl jede Amme thun, beſonders wenn die Mütter, wie meine Marie, ihren Männern gern ſchmeicheln.“ „Sieh, ich kann das Bürſchchen zum Lächeln bringen ſobald ich ihn an ſeinem lieben kleinen Kinn kitzle;“ verſetzte die zärtliche Mutter, indem ſie ihren zierlichen, roſenrothen Finger auf das Grüb⸗ chenkinn des Kindes legte.„Iſt er nicht ein wah⸗ rer Amor, mein Liebſter? Und ſieh einmal ſeine netten Händchen an. Hat man ſie je ſo niedlich angetroffen?“ „So wird wohl jede Mutter denken, wenn ſie ihren Erſtgeborenen anblickt,“ erwiederte Lord Del⸗ mington und verſuchte dabei ein ernſthaftes Geſicht zu machen. „Nun, wahrhaftig, Heinrich, Du machſt mich böſe. Du ſprichſt ſo weltklug und gleichgültig von unſerm Kleinen, wie wenn er nicht hübſcher wäre wie jedes andere Kind.“ — — 259 Der entzückte Gemahl drückte Mutter und Sohn an ſeine Bruſt und geſtand, er hätte nie geglaubt daß ein Kind ſo ſchön ſein könnte; das glückliche Weib lohnte ihm das Bekenntniß mit einem Blick voll Zärtlichkeit. „Wir wollen ihm den Namen Deines Vaters geben, nicht wahr, mein Theurer,“ ſchlug Lady Delmington vor.„Vielleicht kann uns das gute Kerlchen mit ſeinem Großvater ausſöhnen. Ach, dann bliebe mir auf der Welt nichts mehr zu wün⸗ ſchen übrig, als daß deine Geſundheit wieder ganz hergeſtellt würde.“ „Aber ich bin um Vieles beſſer, Marie. Deine Pflege hat das bewirkt. Was wäre ohne Dich aus mir geworden?“ Damit beugte er ſich herab und küßte ſie auf ihre ſchöne und glatte Stirne. Jeden Tag machte die wiederkehrende Geſund⸗ heit weitere Fortſchritte bei dem liebenden Paar, jeder brachte auch ihrem Kinde größere Stärke. Wenn es ſeine Augen auf den Gegenſtänden um⸗ herſchweifen ließ, meinten die Eltern, es beſitze ſchon jetzt die Auffaſſungsgabe, die ſich bei Kindern erſt ein paar Monate ſpäter äußert und prieſen mit Freuden ſeinen zunehmenden Verſtand. Lady Del⸗ mington hatte das Zimmer verlaſſen und war ſchon einige Male begleitet von ihrem Mann in's Freie gegangen, als die traurige Nachricht von dem Ab⸗ leben des Marquis von Roehampton ſie erreichte. 260 Der Schlag traf beide ſehr hart, aber die völlige Uebereinſtimmung ihrer Seelen diente ihnen zum Troſt bei dieſer ſchweren Prüfung. Ganz abwei⸗ chend von jungen Erben hatte Lord Delmington nie den Wunſch gehegt, in den Beſitz der ungeheuren Güter zu treten die ihm rechtmäßiger Weiſe zuka⸗ men und ſo ſtreng und unverſöhnlich ſich ſein Va⸗ ter gegen ihn erwies, ſo lag es ihm doch ſeit dem Tage da er ſeine Marie an den Altar gefahrt, am meiſten am Herzen, ſein Vater möchte erlauben, daß er ſie ihm vorſtellte. Er erbat ein langes Le⸗ ben für denſelben, damit er Zeuge von der Selig⸗ keit ſeines Sohnes ſein könnte, damit er die Urhe⸗ berin derſelben gehörig ſchätzen lernte und ſeinen Enkel wie die nachfolgenden Kinder zu ſegnen ver⸗ möchte. Jetzt war dieſe ſchöne Hoffnung entſchwun⸗ den und ſein Vater geſtorben ohne ihn nochmals geſehen und ſeiner Verzeihung verſichert zu ha⸗ ben. Bittere Thränen entſtrömten ihm bei dieſem Gedanken. Getheilter Kummer wird leichter. Keine Sylbe von den gewöhnlichen Beileidsbezeugungen entſchlüpfte den Lippen des zärtlichen Weibes als ſie die Betrübniß ihres Gemahls gewahrte, ihr feiner Sinn ließ nicht zu daß ſie ein leeres Wort des Troſtes äußerte, aber ſie miſchte ihre Thränen mit den ſeinigen und milderte damit ſeinen ſchwe⸗ ren Gram beſſer als alle ſtudirte Beredſamkeit oder Vernunftgründe vermocht hätten. Es machte 261 ihnen keine Freude ſich aus einer Lage in der ſie von der Freigebigkeit eines Freundes abhingen, plötzlich zu hohem Rang und unermeßlichem Reich⸗ thum erhoben zu ſehen. Mehrere Tage blieben ſie gegen dieſen Umſtand völlig gleichgültig, ſie gedach⸗ ten bloß daran, daß ſie einen Vater verloren deſſen Zuneigung ſie durch künftigen Gehorſam und zärt⸗ liche Hingebung in ſeine Wünſche zu gewinnen hoff⸗ ten und den ſie am Abend ſeiner Tage durch ihre aufopfernde Sorgfalt glücklich zu machen wünſchten. Das Grab welches Alles ausgleicht, hatte ſich über dem Mann geſchloſſen, den zu verſöhnen ſie ſich jeder Demüthigung unterzogen haben würden und ſie vergaßen alle ſeine Kälte, alle ſeine Härte über dem Kummer welchen ſein Tod bei ihnen her⸗ vorrief. „Ach, hätte er nur noch gelebt um unſer Kind zu ſehen,“ ſagte der Marquis von Roehampton, wie wir ihn jetzt nennen müſſen;„der Schlag wäre mir dann nicht ſo ſchwer gefallen; aber daß er heimgegangen iſt ohne Dich, meine Marie, kennen gelernt zu haben, ohne daß es ihm möglich wurde zu beurtheilen, daß man Dich nicht ſehen kann ohne Dir gut zu ſein und Dich zu ſchätzen, das vermehrt meine Betrübniß noch ungemein.“ „Wir wollen ſein Andenken in Ehren halten, Liebſter,“ verſetzte darauf die Marquiſe,„und auch unſern Knaben wollen wir lehren ſolches zu thun. 262 Immer laß uns ſo handeln als wäre er noch am Leben und könnte unſer Betragen billigen oder ver⸗ werfen. Er hat mich auf Erden nicht gekannt aber wir wollen hoffen, daß wir ihn dort wieder finden wo keine Trennung mehr iſt; da wo Aller Herzen Geheimniſſe offenbar werden, wird unſer Vater erfahren, daß ich zwar an Rang unter ſeinem Sohn ſtehe, daß aber kein gemeiner Beweggrund mich ver⸗ anlaßte ſein Weib zu werden und daß ich der Abtra⸗ gung der Schuld nicht vergeſſen habe, wenn unaus⸗ löſchliche Liebe und gränzenloſe Dankbarkeit das Opfer zu vergelten im Stande iſt, das mein Hein⸗ rich durch die Heirath eines niedrig gebornen Mäd⸗ chens wie ich, gebracht hat.“ Eine geraume Zeit verfloß ehe der Marquis von Roehampton und ſeine Gattin ihren Gram ſo weit überwanden, daß ſie die Heimreiſe unterneh⸗ men konnten. Unterdeſſen lief die Nachricht zu welchem Rang und Vermögen ſie gelangt, durch die Zeitungen in Neapel und wurde allen bedeutenden Engländern daſelbſt bekannt. Wie es in ſolchen Fällen gewöhnlich iſt, gab das mancherlei Geſprä⸗ chen die Entſtehung. Lord Wellerby nebſt Gemah⸗ lin befand ſich auf Beſuch bei der Frau des eng⸗ liſchen Geſandten und einige andere Anweſende erörterten die Frage auf wie viele tauſend oder zehn⸗ tauſend Pfund jährlich ſich das Einkommen des nunmehrigen Marquis belaufen könnte. * „— 263 „Die Marquiſe iſt eine ſehr ſchöne Frau,“ be⸗ merkte einer aus der Geſellſchaft. „So höre ich auch,“ entgegnete Lady Wellerby und ſie verdankt auch dem allein ihr Glück, denn es heißt, ſie ſei von niedrigem Herkommen, dumm und gemein. Dies iſt der Grund, warum ich mich in keine nähere Bekanntſchaft mit ihr einlaſſen wollte.“ „Die gnädige Frau geht doch ſonſt nicht ſo ängſtlich zu Werke,“ äußerte eine Dame die auch da war;„denn ſo viel ich weiß, empfangen Sie die Marquiſe von Monntſerrat, die eines der ge⸗ meinſten Weiber ſein ſoll, wenn das Gerücht wahr redet.“ „Ich könnte allerdings nicht gerade ſagen, daß ſie eine wohlerzogene Frau wäre,“ verſetzte Lady Wellerby, indem ſie ſich emporrichtete und trotz des Bemühens ihren Verdruß zu bergen, zornig drein⸗ ſchaute;„aber ſie iſt durchaus nicht ſo gemein wie Sie anzunehmen ſcheinen und ihr Ruf iſt un⸗ antaſtbar.“ „Ja, darauf kann man ſchwören,“ meinte der britiſche Miniſter,„denn ſie iſt viel zu häßlich als daß ihre eigene Tugend in Gefahr gerathen oder Andere in Verſuchung führen könnte.“ „Ich bin gewiß die letzte in der Welt die ein liebloſes Urtheil fällt vder eine ärgerliche Geſchichte in Umlauf bringt,“ erwiederte Lady Wellerby und brachte mit dieſer Behauptung ein allgemeines Lä⸗ cheln auf den Geſichtern aller Anweſenden zuwege, „aber ich muß ſagen, daß mir Sachen in Bezug auf die Marquiſe von Roehampton zu Ohren ge⸗ kommen ſind die keineswegs zu ihren Gunſten ſpre⸗ chen. Sie ſoll bei der erſten Reiſe mit ihrem Mann kein geſetzliches Recht auf ſeinen Namen ge⸗ habt haben.“ „Da hat das Gerücht tüchtig gelogen,“ entgeg⸗ nete mit Wärme die Frau des engliſchen Miniſters. „Eine meiner älteſten und liebſten Freundinnen war bei der Trauung zugegen und dieſe fand Statt ein paar Tage bevor das junge Paar England verließ. Sie wollten zwar nicht in der Geſellſchaft auftre⸗ ten bis der alte Marquis, ein harter und ſtrenger Mann mit dem Schritt ausgeſöhnt wäre, den ſein Sohn gethan hatte, aber eine andere Urſache für ihre Zurückgezogenheit gab es nicht. Meine Freun⸗ din kennt die Lady Roehampton ſchon ſeit ihrer Ge⸗ burt und das reizende Mäbchen kam nie aus dem Hauſe ihres Vaters, eines von Jedermann der ihn kannte, geſchätzten und geachteten Geiſtlichen, bis an deſſen Tod. Da wurde ſie bei meiner Freundin untergebracht und dort verheirathet. Lady Delming⸗ ton hat mir von dieſer Freundin ein Empfehlungs⸗ ſchreiben überbracht das über ihre Verhältniſſe ge⸗ nauen Aufſchluß ertheilte und es iſt mir das größte Vergnügen geweſen ſie ſo vft bei mir zu ſehen und 265 zu beſuchen, als es die leidende Geſundheit ihres Gemahls und ihre eigenen Umſtände zuließen. Sie befand ſich nämlich damals guter Hoffnung.“ „Ich geſtehe, daß es mir ſehr zuwider iſt, wenn Frauenzimmer aus dieſem Stande ſich in adelige Familien eindrängen,“ ſagte Lady Wellerby, die ihren Zweck dem Ruf der jungen Marquiſe Eins anzuhängen, vereitelt ſah und darüber ärgerlich wurde;„es müſſen doch ſo viele Mädchen von vor⸗ nehmer Abkunft ledig bleiben. Die Töchter von Pfarrern ſollen ſich ihre Männer unter den Aerz⸗ ten, Apothekern, Vicaren oder Anwälten in ihrem Kirchſpiel ſuchen; was ſollen aber die Mädchen aus hohen Häuſern anfangen, ſie können ſich doch nicht in eine Verbindung unter ihrem Range ein⸗ laſſen.“ „Sie müſſen es eben machen wie viele,“ ver⸗ ſetzte Frau Maitland, dieſelbe welche der Lady Wel⸗ lerby den coup de patte wegen der Marquiſe von Mountſerrat gegeben und eine gewiſſe Abneigung gegen die gnädige Dame hatte.„Sie müſſen ihre fünf Sinne zuſammennehmen und ſorgen, wie ſie einen gutmüthigen jungen Menſchen drankriegen der mehr Geld in der Taſche als Hirn im Kopfe hat, ſie müſſen ihm gute Worte geben und ihn zur Ehe bereden und dann wenn ſie das erſehnte Ziel er⸗ reichen, können ſie ſich Glück wünſchen, die Sache ſo geſcheid angegriffen zu haben.“ Lady Wellerby fühlte den Hieb der ihr gegol⸗ ten; ſie wußte aber auch, daß ſie in einem Wort⸗ ſtreit mit Frau Maitland den Kürzeren ziehen würde, denn man kannte dieſe dafür, daß ſie gegen Leute— die ihr mißfielen, kein Blatt vor den Mund nehme. Die gnädige Frau machte deßhalb keine weitere Bemerkung und ihre Gegnerin blickte triumphirend und mit dem Bewußtſein um ſich ſie zum Schwei⸗ gen gebracht zu haben. Lady Wellerby war auch ſo unbeliebt, daß keiner der Anweſenden die Krän⸗ kung leid that, die ihr zugefügt worden. „Nun, Sie mögen Alle ſagen was ſie wollen,“ bemerkte Lord Wellerby, der bisher in einer Ecke mit ſeinem Wirth über Staatsangelegenheiten ge⸗ ſprochen, jedoch die Aeußerungen über Lady Mount⸗ ſerrat vernommen hatte;„aber es iſt mir ſelten eine gutmüthigere Frau vorgekommen als die Mar⸗ quiſe von Mountſerrat. Und am Ende kenne ich manche hochſtehende Dame, die in ihrem Rang ge⸗ boren iſt und mehr Verſtöße gegen die Lebensart macht als ſie. Einer ſolchen wirft kein Menſch vor,* ſie ſei ungeſchliffen.“ „Wenn ſie nämlich angeſehene Bekanntſchaften hat und man weiß, daß ihr gemeines Betragen nicht von ihrer würdigen Herkunft oder von einem Mangel an Erziehung herrührt,“ erwiederte eines der anweſenden Frauenzimmer. „Das ſollte nach meiner Anſicht ihren Fehler 267 eher vergrößern als vermindern,“ äußerte der Herr vom Hauſe.„Denn Jemand, dem die Vortheile der Geburt und des Unterrichts zu Statten kom⸗ men, iſt weit weniger zu entſchuldigen, wenn er gemein und roh iſt, als eine Frau, die unerwar⸗ teterweiſe in eine Stellung gelangt, für welche ſie ihre Abſtammung und Erziehung nicht vorbereitet haben.“ „Da gebe ich Ihnen vollkommen recht,“ ver⸗ ſetzte Lord Wellerby und rieb ſich vergnügt die Hände.„Das ſage ich gerade auch. Mir kommt Lady Mountſerrat viel weniger tadelnswerth vor, wenn ihr ein kleines Verſehen begegnet, als die Damen, die uns Allen wohl bekannt ſind, die ich aber nicht nennen mag.“ Er ſchaute dabei auf ſeine Frau, und dieſe, die wohl begriff, daß er von ihr etwas zu Gunſten der Marquiſe vorgebracht zu ſehen wünſchte, ſagte denn auch, ſie— dieſes Wort wurde beſonders betont— könne keinen Grund abſehen, warum der Lady Mountſerrat nicht der Zutritt in die Geſell⸗ ſchaft verſtattet werden ſollte. „Das glaube ich ſchon,“ entgegnete Frau Mait⸗ land;„denn Sie hängen ſehr an den Karten und die in Rede ſtehende Perſon macht, wie ich gehört habe, auch gern einen Robber. Zu Newmarket hat man mir erzählt, Männer vom höchſten Adel laſſen ſich herbei, mit Leuten der geringſten Art zu wetten, 268 und ich denke, Ihr Umgang mit dem gemeinen Weibe habe den nämlichen Grund. Andere aber, bei denen dieſe Veranlaſſung wegfällt, werden nicht Luſt haben Ihr Beiſpiel nachzuahmen.“ Damit entfernte ſich Frau Maitland und ließ Lord Wel⸗ lerby und ſeine Gemahlin höchſt aufgebracht zurück. Die übrigen Zeugen der Niederlage aber fanden viel Spaß dabei. Nachdem Wellerby's von dem Mi⸗ niſter weggegangen waren, fuhren ſie an ein halbes Dutzend Orte, um einige von ihren Bekannten zu bereden, ſie ſollten mit ihnen an der Gaſftfreund⸗ ſchaft der Marquiſe Theil nehmen. Aber alle lehn⸗ ten das Anerbieten ab, bis auf zwei oder drei junge Männer von Stande, die gerade keine Ein⸗ ladung hatten und neugierig waren, die Frau zu ſehen, welche ihr ehemaliger Freund Monntſerrat um ihres Geldes willen geheirathet. Sie ver⸗ ſprachen zu Wellerby's zu kommen und ſich von ihnen der Wirthin vorſtellen zu laſſen.„Ich ſehe ſchon, daß es umſonſt iſt, wenn wir Frauen von Stande dazu bringen wollen, ihre Bekanntſchaft zu machen,“ ſagte Lady Wellerby, als ſie in ihren Gaſthof zurückkehrten.„Unſere Verſuche ziehen uns blos Unarten zu. Haſt Du gehört, was die wider⸗ liche, ſpöttiſche Frau Maitland geſprochen hat?“ „Ja, und wenn Du auch nur die mindeſte Ge⸗ wandheit beſäßeſt, ſo hätteſt Du ſie gehörig heim⸗ geſchickt. Aber Du weißt nie, was Du zu thun 269 haſt. Da ſitzeſt Du, wirſt feuerroth im Geſicht und wirſſt Dich in die Bruſt, wie Du es immer machſt, wenn man Dich erzürnt, aber Du redeſt kein Wort als Erwiderung auf eine Grobheit.“ „Warum biſt Du mir denn nicht zu Hilfe ge⸗ kommen, da Du doch ſo geſcheid ſein willſt?“ fragte die Lady ärgerlich. „Weil ein Mann immer wie ein Narr aus⸗ ſieht, wenn er ſich in Weiberhändel miſcht. Du haſt Dir die ganze Geſchichte durch die Dummheit zugezogen, mit der Du die Lady Roehampton an⸗ griffeſt und alle Gegenwärtigen merken ließeſt, daß Du eiferſüchtig und erbittert biſt, weil eins von Deinen Mädchen noch keinen Mann hat. Du ver⸗ ſtehſt Dich nicht zu benehmen, und ich habe es Dir ſchon oft geſagt. Das iſt ein großes Unglück für eine Frau, die ſo ſehr zu boshaften Aeußerun⸗ gen geneigt iſt.“ „Du biſt der einzige Menſch, Wellerby, der mir je Mangel an Takt vorgeworfen hat, und die Beſchuldigung nimmt ſich noch beſonders deswegen ſchlecht aus, weil Du doch erſt vor Kurzem den Vortheil von dem guten Verfahren geerntet haſt, wodurch ich nicht allein unſerer Tochter eine glän⸗ zende Heirath verſchafft, ſondern auch noch die Koſten für das trousseau geſpart habe. Von den Ausgaben für das Frühſtück will ich gar nicht reden.“ 270 „Nun, das iſt ſo Deine Art. Immer thuſt Du groß mit Deiner Klugheit. Wann werde ich erleben, daß Du aufhörſt Dich ſelber wegen der Verbindung zu loben? Es iſt doch wahrhaftig ganz natürlich, daß ein ſchwacher, gutmüthiger Kerl, wie Fitzwarren, der nicht wußte, was er in Rom an⸗ fangen ſollte, in das Netz fallen mußte, das ihm Olivia legte. Die hat zehnmal mehr Verſtand und Scharfſinn als Du und die ganze Sache iſt blos auf ihre Rechnung zu ſchreiben.“ Lady Wellerby ſchrieb an die Marquiſe ein Billet und theilte ihr mit, daß die Gäſte, junge, ſehr vornehme Leute, wie ſie verſicherte, heut ihre Mittagstafel vermehren würden. „Ich bin froh darüber,“ rief die Lady Mouni⸗ ſerrat, als ihr Frau Bernard die paar Zeilen vor⸗ geleſen. „Eins oder zwei neue Geſichter werden mir recht gut kommen, denn ich bin der Menſchen herzlich müde, welche ich täglich ſehe. Haben Sie dem Herrn Webworth auch richtig geſchrieben und ihm geſagt, daß es mir angenehm ſein würde, ihn jedesmal bei'm Eſſen zu haben, ſo lange ich mich hier aufhalte?“ „Ja wohl, Madame.“ „Das iſt ein vernünftiger Mann. Weiß, was zu einer guten Mahlzeit gehört, verſteht ſich auf den Wein und läßt ſich's ſchmecken. Laſſen Sie 271 noch mehr Champagner in Eis ſtellen, denn die vornehmen jungen Herren werden wohl eine ordent⸗ liche Menge Flaſchen zu ſich nehmen und ich kann's nicht leiden, daß Jemand an meinem Tiſch Noth leidet. Hat der currier das Geld für meine An⸗ weiſung gebracht?“ „Ja, Madame, und ich habe es in dem coflre der gnädigen Frau eingeſchloſſen.“ „Dann wickeln Sie hundert Pfund in Gold ein. Doch nein. Ich will einen Beutel von Juſtine dazu nehmen. Gehen Sie und verlangen Sie einen von ihr.“ „Wollen die gnädige Frau nicht erlauben, daß ich ſchelle,“ verſetzte Frau Bernard ſchüchtern,„und Juſtine rufen laſſe, damit Sie ihr ſelber Ihre Befehle geben können?“ „Warum? Sind Sie ſo vornehm, daß Sie ihr nicht etwas ausrichten können?“ „Die gnädige Frau darf verſichert ſein, daß meine Abneigung ihr einen Auftrag von Ihnen zu überbringen keineswegs von einem falſchen Stolz herrührt, aber Juſtine iſt manchmal ſo grob gegen mich, daß ich es gern ſo viel als möglich ver⸗ meide mit ihr in Berührung zu kommen.“ „Und wie wollen Sie Ihren Widerwillen anders nennen als falſchen Stolz, möchte ich wiſſen! Wenn Juſtine manchmal ein Bischen vorwitzig iſt, ſo müſ⸗ ſen Sie das eben einſtecken, ſage ich Ihnen. Ich kann ohne ſie nicht auskommen, weil ſie mich ſo gut zu putzen verſteht; es wäre mir aber leicht, Jemand zu kriegen, der mir meine Briefe ſchreibt und Alles thut, für was Sie da ſind. Hundert⸗ mal eher würde ich Ihnen den Abſchied geben als mich von ihr trennen.“ Frau Bernard erſeufzte tief und ging, ihrem Auftrag an die femme de chambre zu genügen. Wie ſie vorausgeſehen, gab dieſe zur Antwort, ſie werde ganz gewiß keinen von den ſchönen Beuteln der Madame la Marquise Jemand Anderem in die Hände geben, und veranlaßte durch dieſe Erwiderung ihre Gebieterin, daß ſie ſelber hinging, einen ſolchen zu fordern. „Wenn nur die gnädige Frau dieſe widerliche Perſon niemals herſchicken würde, um von mir etwas zu begehren!“ äußerte Jungfer Juſtine.„Sie iſt ſo hochmüthig, ſo unverſchämt, daß ich es nicht mit ihr aushalten kann. Ich weiß auch, daß die gnädige Frau eine Taſche hat und keine zweite braucht. Da dachte ich bei mir ſelber, zu was will denn Madame la Marquise noch eine?“ „Sie iſt mir aber doch nothwendig und darum habe ich Frau Bernard fortgehen heißen, eine zu holen.“ „Ah, C'est autre chose. Das iſt etwas Ande⸗ res. Welche wollen die gnädige Frau haben?“ Damit zog ſie zwei oder drei Dutzend reich ge⸗ 273 ſtickte sacs von verſchiedenen Farben aus einem Schrank und legte ſie vor ihre Herrſchaft hin. Dieſe wählte einen weißen heraus mit den Worten, „der wird's thun, Juſtine, Sie können die andern wieder aufheben.“ „Mon dicu, mon dieu!“ rief die femme de chambre.„Madame la Marquise nehmen gerade den hübſcheſten von allen. Wie Schade, daß Sie ihn herſchenken. Es bricht mir das Herz, wenn ich ſehe, wie Madame la Marquise die ſchönen Sachen weggeben. Blos für die gnädige Frau ſelber ſchickt ſich's ſie zu tragen.“ Und Thränen des Zorns füllten die Augen der Jungfer Juſtine, als ſie gewahrte, wie man ihr etwas wegnahm, was nach ihrer Meinung ihr gehörte. „Sie können das Kleid behalten, was ich geſtern getragen habe; es paßt zu dem Hut, den ich Ihnen geſtern gegeben habe. Flennen Sie nicht, Juſtine, ich weiß, wie Sie an mir hängen und ich werde der Frau Bernard nichts mehr an Sie auszurich⸗ ten geben.“ „Und ich hoffe, Madame la Marquise vergeſſen nicht, was Sie mir eben verſprechen,“ erwiderte Juſtine, bedankte ſich aber bei ihrer Gebieterin nicht einmal für das theure Kleid, das ihr dieſelbe eben überlaſſen, um ſie auszuſöhnen. „Zu was bedarf ſie den sac?“ fuhr ſie fort, als ſich die Marquiſe entfernt hatte; muß das Strathern 1V. 274 herausbringen. Aber was bin ich für ein Narr, daß es mir nicht gleich in der erſten Minute ein⸗ fiel. Der alte Eſel braucht ihn, um die hundert Pfund hineinzuthun, die ſie der abſcheulichen Lady Sophie geben will, wie ich ſie durch's Schlüſſel⸗ loch ſagen hörte. Ha, ha! ſie meint mir etwas verbergen zu können, aber daraus wird nichts. Ich will und muß Alles wiſſen.“ Eilftes Kapitel. „Es iſt wahrhaftig und gewiß Paris der Frauen Paradies. Da ſieht man rings und weit und breit Vergnügen nur und Luſtigkeit. Da findet Jede, was ſie will Und Moden ohne Maaß und Ziel, Will ſie des Leichtſinns Tempel ſeh'n,— Sie braucht nur nach Paris zu geh'n; Da bleibt das ennni ſtets verbannt, Kaum iſt's dem Namen nach gekannt; Da wird getollt nur und gelacht Und nie ein trüb Geſicht gemacht. Doch halt, das iſt nicht ganz genau Die Wahrheit, meine liebe Frau: Geht Dir das Geld im Beutel aus, So werden auch die Stirnen kraus.“ „Was meinſt Du, wer hier angekommen iſt, Livy?“ ſagte Lord Fitzwarren eines Tags, als er . 275 vor dem Eſſen in das Putzzimmer ſeiner Frau trat. „Ich laſſe Dich zwanzig⸗, ja fünfzigmal rathen und Du kommſt doch nicht darauf.“ „Ich will mir auch gar nicht ſo viel Mühe machen, denn ich habe einen Abſcheu vor dem Ra⸗ then und bin nicht ſehr neugierig.“ „Dann kann ich Dir's ebenſo gut gleich ſagen. Die Marquiſe von Mountſerrat.“ „Was liegt mir daran? Ich ſehe ſie doch nicht an, und erkläre Dir gleich jetzt, daß Du gar kei⸗ nen Verſuch zu machen brauchſt, dieſen meinen Entſchluß zu ändern.“ „Sie iſt nicht allein gekommen. Deine Aeltern und Sophie begleiten ſie, und es ſcheint, ſie machen jetzt nur eine Familie aus.“ „Lieber Himmel, wie ſchrecklich! Aber weißt Du es denn auch gewiß, oder iſt es blos eine von Deinen mauvaises plalsanteries, die Du aufbringſt, um mich zu ängſtigen und zu ärgern!“ „Ich verſichere Dich, Livy, es hat damit ſeine Richtigkeit. Ich ſah die ganze Geſellſchaft in dem Gaſthof Windſor auf dem Vendome⸗Platz abſteigen und das vor einer halben Stund. Ich würde auch gleich gehalten und den alten Herrn, Deine Mut⸗ ter und Sophie beſucht haben, wenn es mir nicht beſſer erſchienen wäre, ihnen nach ihrer Reiſe erſt ein wenig Zeit zum Ausruhen zu laſſen.“ „Gott ſei Lob und Dank, daß Du Dich ihnen 18 276 nicht vorgeſtellt haſt, denn ſie hätten ſonſt heraus⸗ gefunden, wo wir ſind und uns dann auf dem Halſe gelegen.“ „Wie, Olivia, ſo ſprichſt Du von Deinem Vater, Deiner Mutter und Schweſter? Mir iſt nie etwas von der Art zu Ohren gekommen, und noch dazu iſt es das erſtemal, daß ihr von einan⸗ der getrennt ſeid.“ Lord Fitzwarren's Geſicht ver⸗ rieth deutlich ſeine Ueberraſchung. „Du kennſt ſie eben nicht ſo gut wie ich, ſonſt wäre Deine Verwunderung gleich zu Ende,“ äußerte Lady Fitzwarren.„Ich bin überzeugt, daß ſie jetzt en route nach London ſind, ganz gegen ihre ur⸗ ſprüngliche Abſicht, aber mit gutem Bedacht. Sie möchten nämlich gerne hier, ſo viel möglich, auf unſere Koſten leben, ich bin aber feſt entſchloſſen, dieſen Plan zu vereiteln. Das wird auf die beſte Art bewerkſtelligt, wenn wir ſie mit ſo auffallender Kälte behandeln, daß ſie gar nicht das Herz haben ſich in London an uns zu drängen. Und für dieſe Kälte liefern ſie uns einen trefflichen Vorwand dadurch, daß ſie ſich an das ſchreckliche gemeine Weib, die Lady Mountſerrat hängen, denn es iſt ihnen ganz wohl bekannt, welchen Abſcheu und welchen Widerwillen ich gegen die Irländerin hege.“ „Nun, Livy, ich muß ſagen, eine zu große Anhänglichkeit an Deine Aeltern iſt nicht Dein Fehler. Du machſt Dir aus einem Zuſammen⸗ 277 treffen mit Deinen Angehörigen gerade ſo viel, als wenn es ſich von Leuten handelte, mit denen Du gar nicht verwandt biſt.“ „Und warum ſollte ich denn nicht?“ „Nun, ich erinnere mich noch an ein Gebot, das man mich in der Kindheit gelehrt hat und welches lautet: Du ſollſt Vater und Mutter ehren; da dachte ich mir denn, es ſei vielleicht auch an Dir nicht ungehört vorübergegangen.“ Die Lady biß ſich in die Lippen und machte für einen Augenblick eine verlegene Miene; ſchnell jedoch gewann ſie wieder die gewöhnliche Unver⸗ ſchämtheit und wiederholte, ſie habe ſich feſt vor⸗ genommen, ihren Aeltern keinen Beſuch zu machen, und ſie, wenn ſie kämen, ſo froſtig zu empfangen, daß ihnen die Luſt verginge, es noch einmal zu thun. „Thu was Du willſt, Lioy,“ erwiederte ihr gutmüthiger Mann; aber ich laſſe mich hängen, wenn Du mich dazu bringſt, daß ich mich ſchlecht gegen ſie betrage. Ich konnte es nie ausſtehen, ja es kam mir ſtets abſcheulich vor, mit Bekannten oder gar mit Verwandten zu brechen. Deswegen gehe ich zu ihnen und erweiſe mich gegen ſie ſo artig, als ich kann.“ „Haſt Du mir nicht verſprochen, nie Jemand ohne meine Zuſtimmung zum Eſſen einzuladen?“ „Ich konnte nicht vermuthen, daß Dein Vater 278 und Deine Mutter bei dieſer Uebereinkunft mit inbegriffen ſein würden.“ „Dann erkläre ich Dir, Fitzwarren,“ und das Geſicht der Redenden wurde roth vor Zorn,„daß ich bei jener Zuſage meine Familie ſowohl, als alle anderen Leute mit eingeſchloſſen angeſehen haben will. Handelſt Du dagegen, ſo erzähle ich überall, Du habeſt mir Dein Ehrenwort gebrochen.“ „Nun, um das Verſprechen zu erfüllen, welches ich mir aus Schwäche und Dummheit in einem Augenblick entreißen ließ, da ich vor einem Freunde blosgeſtellt zu werden fürchtete, muß ich eben die, gegen welche ich mich gaſtfrei zeigen will, zu Paris in ein Reſtaurant oder in den Clarendon⸗Gaſthof einladen, ſo lange wir in London ſind. Ich ver⸗ ſichere Dich aber, Livy, ſo nachgiebig und einfältig Du mich auch erfunden haſt, ſo ſollſt Du mich doch nicht bereden, ein unfreundliches unpaſſendes Benehmen gegen Deine Verwandten einzuhalten.“ Lord und Lady Fitzwarren ſpeisten an jenem Tage bei einem Engländer von Stande, der ſich damals zu Paris aufhielt und die Ankunft der Mar⸗ quiſe von Mountſerrat lieferte den Stoff zur Unter⸗ haltung.„In meinem Gaſthof,“ äußerte ein jun⸗ ger vornehmer Mann bei Tiſche,„iſt durch dieſes Ereigniß das ganze Haus in Aufregung gekommen. Madame la Marquise, riche comme Croesus, gé- néreuse comme un Mylord anglais, avant que les 279 Anglais étaient gätés par l'économie, et avec une suite énorme, hörte man von dem Beſitzer des Gaſthofes zur Stadt Windſor bis herunter zum geringſten Kellner im Hauſe alle Augenblicke ſagen: Madame la Marquise bedarf nach der Ankündigung des courrier mehr Zimmer und macht mehr Aufwand als ein halbes Dutzend gewöhnlicher Marquiſen. Gott weiß, wie viel Champagnerflaſchen man in Eis gelegt hat und wie groß der Vorrath iſt, der noch weiter beſtellt wurde, um den Anforderungen zu genügen, welche sa seigneurie ganz ſicher machen wird.“ „Es machte mir viel Spaß, wie mir mein Kammerdiener das Alles erzählte, während ich mich zum Eſſen ankleidete,“ ſagte Sir Thomas Murray, „und er verſicherte mich, die Ankunft einer Königin könnte im Gaſthof nicht mehr Bewegung hervor⸗ rufen. Die Marquiſe iſt nach der Angabe Mirra⸗ fleur's, meines Bedienten, ſo vornehm, daß ſie einen engliſchen Grafen zum Kammerherrn, eine Gräfin zur dame d'atour und eine Mylady anglaise zur Kammerfrau hat.“ „Das iſt wohl nur von ihrem courrier ſo er⸗ dichtet, um den Leuten im Wirthshaus einen höhe⸗ ren Begriff von der Bedeutſamkeit ſeiner Herrſchaft veizubringen,“ verſetzte Lord Ammondale, ein hoch⸗ trabender, umſtändlicher Mann, der immer gern die Würde ſeines Standes verfocht,„denn die 280 Marquiſe möchte auch noch ſo reich ſein, ſo würde ſie doch keine Angehörigen des höheren engliſchen Adels finden, die ſich ſo herabwürdigten und ſich dazu verſtänden, derartige Geſchäfte in ihrem Haus⸗ weſen zu verrichten.“ „Wiſſen Sie wie dieſe niederträchtigen Mit⸗ glieder der Ariſtokratie heißen?“ fragte die eitle und hochmüthige Lady Llangollen, der das wäliſche Blut ſchon bei der bloßen Vorſtellung ins Geſicht ſtieg, daß ein Zweig eines adeligen Hauſes ſich ſo ſehr entehren könnte. „Ihre Namen habe ich nicht gehört,“ verſetzte Lord Thomas Murray,„denn Mirrafleur kann wie die meiſten ſeiner Landsleute die engliſchen Namen nicht behalten.“ Lady Fitzwarren ſaß auf Nadeln, während dieſes Geſpräch Statt fand und meinte beſtändig die Namen ihrer Eltern würden ausgeſprochen werden. Nicht daß ſie die geringſte Neigung oder Theilnahme für ſie hegte, ſondern blos wegen des Schimpfs, den ihr Verhältniß zu der gemeinen Marquiſe ihr ſelber hätte zuziehen müſſen. „Ich habe vernommen, bemerkte der Lord Am⸗ mondale,„daß der Marquis von Mountſerrat eine Abenteurerin ihres Geldes wegen geheirathet und ſie alsbald verlaſſen habe, nachdem ihm das Vermögen ſeines Bruders zugefallen geweſen wäre.“ „Einige geben ſie für eine Bänkelſängerin aus, 281 die ein reicher alter Mann, ein Muſiknarr, auf der Straße ſingen gehört habe; er ſei, heißt es ferner, von ihrer Stimme ſo gefeſſelt worden, daß er ſie zur Frau nahm,“ verſetzte Lady Ammondale. „O nein, ſie gehörte zu einer Geſellſchaft Ir⸗ länder vom niedrigſten Stande, die nach England herüberkamen, um bei der Heuernte zu helfen. Da nahm ſie der alte reiche Bürgersmann auf einem Landgut bei London in Dienſt und wurde von ihr, nachdem er ſie beim Heuen ſingen gehört, ſo hin⸗ geriſſen, daß er ſie kurz darauf ehelichte und ihr bei ſeinem Tode ſeine unermeßlichen Beſitzungen ver⸗ machte,“ erwiederte Lord Thomas Murray. „Sie ſind alle irrig daran, verſichere ich Sie. Die Perſon war Zimmermädchen in einem Wirths⸗ hauſe an einem Badeort, da ſah ſie der reiche alte Mann und verband ſich mit ihr,“ entgegnete Lady Langollen,„ich habe alle dieſe Einzelnheiten von der Herzogin von Cheſter, die gerade in dem Gaſt⸗ hof wohnte, wo die Hochzeit Statt fand.“ Lady Fitzwarren erwartete jeden Angenblick, ihren Gemahl Theil an der Unterhaltung nehmen, und nicht nur ſeine Bekanntſchaft mit der Mar⸗ quiſe zugeſtehen, ſondern auch der Geſellſchaft mit⸗ theilen zu hören, wer der Lord und die Frauenzim⸗ mer wären, die mit ihr zuſammen wohnten; aber zum Glück für ihren Stolz war er eben in ein ſo eifriges Geſpräch über Pferde mit einem alten Be⸗ 282 kannten verwickelt, der neben ihm ſaß, daß er nicht auf das achtete, was ſonſt geredet wurde. Für Alles, was Roſſe betraf, intereſſirte er ſich, wie wir wiſſen, ganz beſonders, und ſeine Frau fühlte ſich auf einmal erleichtert, als ſie ihn die Worte ausſprechen hörte:„Haupt Läufer. Vollblut, ſchöne Haltung, große Schnelligkeit.“ Darauf folgte dann oft und immer wieder die Frage an ſeinen alten Kameraden:„Weißt Du noch, Fanny? Das war ein Thier, deſſen gleichen nicht mehr zu finden iſt,“ und wie gewöhnlich eine lang ausgeſponnene und zierliche Lobrede auf den Lieblingsgaul, den ihr Mann nicht vergeſſen konnte. Sie war froh, als die Damen ſich aus der salle-à-manger entfernten, ohne daß Lord Fitzwarren ſeine und ihre Bekannt⸗ ſchaft mit Lady Mountſerrat kund gethan hatte. Nunmehr ſtand ihr Entſchluß feſter als je, nicht allein der genannten Frau aus dem Wege zu gehen, ſondern ſich auch jedem Verkehr mit ihrer Familie zu entziehen, ſo lange dieſe mit ihr lebte und ſie ſo wenig als möglich zu beſuchen, wenn ſie ſich auch von der Marquiſe getrennt hätten. In Ueber⸗ einſtimmung mit dieſem Vorſatz ertheilte ſie gemeſ⸗ ſene Befehle, ſie am folgenden Tage gegen alle Engländer zu verläugnen, die etwa bei ihr ein⸗ ſprechen wollten und wünſchte ſich Glück auf dieſe Art einem Zuſammentreffen entgangen zu ſein, vor welchem ſie ſich ſo ſehr fürchtete. —————— ——— 283 „Du wirſt hoffentlich gehen und Livy beſuchen, ſo früh als Du abkommen kannſt,“ ſagte Lord Wellerby zu ſeiner Gemahlin, während ſie bei'm Frühſtück ſaßen.„Ich bin den Morgen auf der Druckerei von Galignani's Meſſenger geweſen und habe dort ihre Adreſſe bekommen. Hier iſt ſie. Sieh zu, ob Du Livy nicht zu bereden vermagſt, daß ſie der Sophie ein paar Kleider kauft. Wenn Du die Sache geſcheid in die Hände nimmſt, ſo muß es gehen.“ „Ich mache mir keine Rechnung auf große Frei⸗ gebigkeit von Livy's Seite,“ verſetzte ihre Mutter. „Von ihrem Mann iſt eher etwas zu hoffen.“ „Ja, der iſt ein ſolcher Dummkopf, daß er ſich immer bereit finden läßt ſein Geld wegzuwer⸗ fen. Aber Livy hat mehr Verſtand.“ „Wenn ich nichts geſchenkt kriege, bis mir meine Schweſter etwas gibt, ſo kann ich eine Weile auf ein cadeau warten,“ bemerkte Fräulein Sophie mit höhniſcher Miene. „Nun, man darf es der Livy nicht übel neh⸗ men, wenn ſie klug und ſparſam zu Werke geht, denn ich habe Alles gethan, was in meinen Kräf⸗ ten ſtand, um ihr dieſe beiden Tugenden einzu⸗ pflanzen,“ erwiederte Lord Wellerby. „Sollte ſie, wie ich faſt vermuthe, nicht Luſt haben, ſich gegen ihre Schweſter ordentlich zu zei⸗ gen, ſo dürfen wir uns nur in Gegenwart der 284 Marquiſe von Mountſerrat über ihre Knickerei aus⸗ laſſen, um dieſe zu vermögen, daß ſie Sophien Geſchenke macht. Denn ich habe bemerkt, daß ſie gerne dick thut und Andere in großmüthigen Hand⸗ lungen zu übertreffen ſucht,“ äußerte Lady Wellerby. „Wie ekelhaft,“ fuhr ſie fort,„iſt es für mich, daß ich die Frau des Geſandten bitten ſoll, ſie zu der soirée im Geſandtſchaftshotel für dieſen Abend einzuladen.“ „Es iſt ſchon der Mühe werth, daß Du ihr das zu Liebe thuſt;“ gab ihr Gemahl zur Antwort. „Hat ſie uns nicht auf der ganzen Reiſe von Rom hieher frei gehalten und ſind wir nicht auch hier ihre Gäſte, ohne daß wir einen Heller auszugeben brauchen. Ohne ſie hätten wir unterwegs viel Geld verzehrt, wir ſäßen jetzt noch in den elen⸗ deſten Zimmern eines lumpigen Gaſthofs und müß⸗ ten ſchlecht eſſen und vin ordinaire trinken.“ „Es iſt durchaus nicht im Entfernteſten nothwen⸗ dig, daß wir uns ſolchen désagrémens unterziehen,“ entgegnete Lady Wellerby.„Ich weiß wohl, daß Du Mittel genug haſt, um die Ausgaben für den Unter⸗ halt Deiner Familie zu beſtreiten; es iſt ganz über⸗ flüſſig, daß Du uns zwingſt, ſolche Demüthigung zu ertragen, einen Theil vom Gefolge des gemei⸗ nen Weibes auszumachen und uns in die Lächer⸗ lichkeiten zu verwickeln, in welche ſie überall gera⸗ then muß.“ 285— „Du beweiſeſt in dieſem, wie ſchon in vielen andern Fällen, daß Dir Takt und Verſtand völlig abgehen. Wäre Dir der erſtere eigen, ſo müßte es Dir leicht fallen, der Marquiſe Zutritt in den Kreiſen zu verſchaffen, in welche ſie ſo ſehr zu gelangen wünſcht und für dieſen Dienſt würde ſie Dich reichlich belohnen. Und beſäßeſt Du den zweiten, ſo wüßteſt Du auch den Vortheil zu ſchätzen, den es uns bringt, daß wir, wie gerade jetzt, auf anderer Leute Koſten reiſen und leben. Es wird am beſten ſein, wenn Du zuerſt zu dem Geſandten gehſt und der Lady Mountſerrat eine Einladung verſchaffſt. Iſt das in Ordnung ge⸗ bracht, ſo kannſt Du noch lange Livy beſuchen.“ „Wie ſoll ich aber über den Umſtand hinweg⸗ kommen, daß Lady Mountſerrat nie am engliſchen Hof vorgeſtellt worden iſt? Das iſt doch, wie Du weißt, die régle, welcher die Frauen unſerer Ge⸗ ſandten folgen, wenn es ſich vom Empfang von Frauenzimmern handelt.“ „Du kannſt das ganz leicht damit erklären, daß Du ſagſt, ſie habe in Italien geheirathet, ſei bis⸗ her nicht nach England gekommen und deswegen natürlich in London auch noch nicht vorgeſtellt wor⸗ den. Gleich nach ihrer Ankunft daſelbſt würde das jedoch geſchehen.“ Zum Glück für Lady Wellerby war die Gemah⸗ lin des engliſchen Botſchafters eins der gefälligſten 286 und liebenswürdigſten Weiber von der Welt, und ging um ſo bereitwilliger auf das vorgebrachte An⸗ ſuchen ein, als der Marquis von Mountſerrat zu ihren Verwandten gehörte. Sie nahm dieſem ſehr übel, daß er der Frau, die er zum Beſten gehalten, davon gelaufen war, und da ſie hörte, daß ſich der⸗ ſelben in Bezug auf ihren ſittlichen Charakter nichts vorwerfen ließ, ſo machte es ihr Freude, in dieſem, wie in jedem andern Fall, wo es ohne Verletzung der ſtrengen Anſtandsregeln geſchehen konnte, die Gut⸗ müthigkeit zu zeigen, durch welche ſie ſich ſo ſehr auszeichnete. Nachdem der Lady Wellerby eine Ein⸗ ladungskarte zugeſtellt worden, kehrte ſie in den Gaſthof zurück, um der Marquiſe den glücklichen Erfolg ihrer Sendung zu verkünden und ſo dem weiteren Begehren derſelben Genüge zu thun. „Nun, Sie haben ſich bei dieſem Geſchäft recht gut benommen,“ äußerte ſie, als ihr Lady Wellerby die Karte übergab. Aus Furcht nämlich, daß es ihr nicht gelingen würde, eine ſolche zu bekommen, hatte ihr die Gräfin zum Voraus alle Schwierigkeiten aus einander geſetzt, die ſich ihr bei Beſorgung der Sache entgegenſtellen könnten, weil die Marquiſe früher nie bei'm engliſchen Hofe vorgeſtellt worden wäre.„Und zum Zeichen dafür,“ fuhr Lady Mountſerrat fort,„daß ich nicht unerkenntlich bin, kaufe ich Ihnen den prächtigſten Turban, der zu kriegen iſt, wenn Sie mich zu den beſten Putz⸗ 287 händlern in Paris begleiten wollen. Auf ein ſchö⸗ nes Kleid für Sie und Fräulein Sophie, ſowie auf einen hübſchen Blumenkranz in's Haar kommt mir's nicht an.“ Der beleidigte Stolz trieb der Lady Wellerby das Blut in's Geſicht, als man ihr ſo ohne Wei⸗ teres eine Belohnung dafür anbot, daß ſie eine Einladung in das Geſandtſchaftshotel erlangt hatte. Auch lag eine gewiſſe hauteur, die ſie nicht zu ver⸗ bergen im Stande war, in ihren Mienen und ihrem Betragen, wie ſie erklärte, daß ſie keinen Lohn be⸗ gehre, wenn ſie etwas thue, um einer Freundin einen Gefallen zu erweiſen. „Da haben wir's, ich ſehe, Sie ſteigen ſchon wieder auf's hohe Pferd, gnädige Frau, und ich begreife wahrhaftig nicht, warum. Es iſt doch nach meiner Anſicht nichts Beleidigendes darin, daß ich Ihnen ein paar ordentliche Geſchenke machen will, aber Ihr Frauenzimmer von alter Familie habt ſolche Wunderlichkeiten an Euch, daß man nie weiß, ob man Euch mit etwas zu nahe tritt oder nicht.“ „Ich bin durchaus nicht böſe, kann ich Sie verſichern,“ erwiderte Lady Wellerby.„Ich fürch⸗ tete nur, Sie könnten glauben, daß ich bei mei⸗ nem Wunſch, Ihnen eine Gefälligkeit zu erweiſen, von ſelbſtſüchtigen Beweggründen geleitet worden ſei.“ „Und was läge denn auch daran, wenn das der Fall wäre? Geben und nehmen iſt mein 288 Grundſatz. Wollen Sie nicht wiederkommen und mich in die Putzläden begleiten?“ „Ja, gewiß, ich werde gleich zurück ſein und mit Ihnen gehen.“ Damit entfernte ſich Lady Wel⸗ lerby mit Mann und Tochter, um Lady Fitzwarren zu beſuchen. „Madame la Comtesse n'est pas chez elle,“ lautete die Antwort des Thürſtehers. „Mais étes vous bien sür?“ fragte Lady Wel⸗ lerby, denn ſie hatte die Ueberzeugung, daß ihre Tochter daheim ſei, auch kannte ſie die Trägheit ihres Kindes zu gut, um nicht zu wiſſen, daß ſie ſo früh nicht ausgehen würde. Der Thürſteher beharrte aber auf ſeiner Behauptung, und ſo blieb der Geſellſchaft nichts übrig, als ihm ihre Adreſſe zu übergeben und wegzufahren. „Du ſiehſt, daß ſie meinen, Du ſeiſt nicht zu Haus, Livy,“ ſagte Lord Fitzwarren, als die Karte ſeiner Frau auf den Tiſch gelegt wurde.„Du kannſt mir jetzt nicht mehr vorwerfen, ich hätte ihnen verrathen, wo Du wohnſt, und ſo will ich fort und ſie beſuchen. Was ſoll ich von Dir aus⸗ richten?“ „Sag' ihnen, ich ſei nie daheim, ich ſei krank, kurz, ſag' ihnen etwas, was ſie veranlaßt weg zu bleiben.“ „Nein, Livy, ich mag ihnen an Deiner Statt nichts aufbinden, und könnte es auch gar nicht. 289 Es thäte mir wehe, wenn ich ihnen das Herz ſchwer machen und erklären müßte:„Ihr habt eine liebloſe Tochter, die Euch wo möglich nie wieder zu ſehen begehrt.“ Ja, der Teufel ſoll mich holen, eher noch würde ich gerade heraus mit ihnen reden, ſo ſauer es mich ankäme, als erlogenes Zeug vor⸗ bringen, was Du oder ich erfunden hätte, um ſie zum Beſten zu halten.“ „Ich habe gar nichts dagegen— au contraire, Du thuſt mir einen Gefallen, wenn Du ihnen ſagſt, daß ich es mit dem, was ich mir ſelber ſchulvig bin, nicht verträglich halte, den Umgang mit ihnen fortzuſetzen, nachdem ſie ſich ſo ſehr er⸗ niedrigt haben, daß ſie mit ihrer widerlichen Freun⸗ din, der Lady Mountſerrat, dem Gegenſtand des Gelächters von ganz Paris zuſammenleben.“ „Un bouquet pour Madame la Comtesse de la part de Mons. le duc de Beauregard,“ meldete einer der Bedienten und behändigte der femme de chambre einen ſehr ſchönen, kunſtreich und ge⸗ ſchmackvoll geordneten Blumenſtrauß. „Was für herrliche Blumen und wie ſinnig und zart von dem duc, dem ich zufällig letzte Nacht meine Vorliebe für dieſelben zu erkennen gab,“ be⸗ merkte Lady Fitzwarren. „Wie heißt der Burſche von Franzoſen?“ fragte ihr Mann mit einem nichts weniger als freundlichen Geſicht. Strathern 1v. 19 290 „Beauregard,“ erwiederte die Lady. „Du biſt reich genug, um Dir ſo viel Blu⸗ men zu kaufen, als Dir beliebt, Livy, und brauchſt Dir von dem geckenhaften Franzoſen keine verehren zu laſſen. Sein Betragen gegen Dich kommt mir, ſeitdem er vorgeſtellt wurde, ſehr zudringlich vor, und ich habe mir vorgenommen, es ihm bei der erſten, beſten Gelegenheit zu ſagen. Ich mag nicht zuſehen, wie ein Anderer meinem Weibe den Hof macht.“ „Außer Dir, der von den phienséances nicht das Geringſte weiß, wird wohl Niemand glauben, daß in den Aufmerkſamkeiten des duc gegen mich etwas Unziemliches liege.“ „Bien, was?“ fragte Fitzwarren mit verlegener Miene.„Gib dem Ding jeden franzöſiſchen Na⸗ men, der Dir gefällt, ich leide nicht, daß Du zum Geſpräch und ich zum Gelächter von ganz Paris werde, das kann ich Dir ſagen. Erſt geſtern habe ich ein paar von den ſauberen Burſchen bei dem Geſandten darüber plaudern und lachen hören, wie ſie den geſchniegelten und gebügelten Franzoſen die ganze Zeit um Dich herumſchwänzeln ſahen. Einer davon ließ ſich verlauten:„Schau, der duo treibt ſein altes Geſchäft; er macht ſich an jede Englän⸗ derin, die ihm unter die Füße kommt, bis er ſie in aller Leute Mäuler gebracht hat. „Die einfältigen Menſchen!“ rief die Lady. „———— L 2 291 „Sie berſten beinahe vor Neid und Eiferſucht dar⸗ über, daß er in jeder Beziehung ſo hoch über ihnen ſteht.“ „Der da? Nun das iſt mir der Rechte. Stelle einmal einen von den verdammten Ausländern mit ihren haarigen Geſichern, aus denen ſie wie eine Eule aus einem Epheubuſch herausgucken, neben einen kräftigen, geſunden Engländer, der ſich nicht wie die Pariſer Affen ſchämt, ſein Geſicht zu zei⸗ gen!“ erwiderte der beleidigte Ehemann und ver⸗ ließ das Zimmer in einer zornigeren Gemüthsſtim⸗ mung, als ſeine Frau je zuvor an ihm geſehen. „Eiferſucht, reine Eiferſucht!“ ſagte Lady Fitz⸗ warren bei ſich ſelbſt. Mais wimporte. Das ſoll mich nicht abhalten, mit dem angenehmen, bezau⸗ bernden duc zu kokettiren. Was für ein prächtiger Mann! Er äußerte verwichene Nacht, er würde dieſen Abend blos zu dem Geſandten gehen, um mich zu treffen. Ich muß geſtehen, er trieb ſeine Aufmerkſamkeiten allerdings etwas weit, er drückte mir die Hand, als er mich an meinen Wagen führte und fragte, ob ich nie in das bois de Boulogne fahre, wo er beſtändig reite. Und da ſagte ich ihm halb und halb zu des anderen Tags hinkommen zu wollen. Wahrhaftig, er iſt äußerſt einnehmend — ach!— und könnte einem Mann gefährlich werden.“ Lady Wellerby und ihre Tochter hielten ſich zu der feſtgeſetzten Stunde bereit, die Marquiſe von 19* 292 Mountſerrat in eins der vornehmſten Pariſer ma- gazins des modes zu begleiten. Dieſe befand ſich in Folge der Einladung zu dem Geſandten in einer ſehr huldvollen Laune und vermehrte den Kleider⸗ vorrath der Beiden mit verſchiedenen koſtbaren Stücken, die ſie ihnen zum Geſchenk machte. Als ihr Wagen bei der Heimkehr in den Gaſthof ein⸗ fuhr, trafen ſie daſelbſt Lord Fitzwarren, Lord Wellerby und Herru Webworth, die ſtehen blieben, um mit ihnen zu ſprechen. Nach gegenſeitiger Be⸗ grüßung lud die Marquiſe, die ſchon wieder an nichts dachte, als wie ſie ihre Gaftffreiheit erweiſen ſollte, Lord Fitzwarren und Herrn Webworth bei ſich zu Tiſch. „Es ſoll mich recht freuen, Lady Fitzwarren zu ſehen,“ ſetzte ſie hinzu.„Sie ſehnt ſich gewiß mit ihrer Mutter und Schweſter zuſammenzukommen, die ſie heute verfehlt haben. Vermuthlich iſt ſie aber für den Abend zu dem Geſandten verſprochen und da können wir dann alle mit einander hin⸗ gehen.“ Fitzwarren lehnte die Einladung ab, aber Web⸗ worth nahm ſie mit Freuden an. „Sie ſehen, wertheſte Marquiſe, ich konnte nicht mehr bleiben, wie ſie fort waren,“ ſagte er. „Nach ihrer Abreiſe kam ich mir vor wie ein Fiſch außer dem Waſſer.“ 293 „Ich kann Sie verſichern, daß ich Sie oft und ſehr bei'm Eſſen vermißt habe, Herr Webworth. Vergeſſen Sie nicht, daß hier wie in Rom jeden Tag ein Meſſer und eine Gabel für Sie bereit liegt.“ „Tauſend Dank, verehrteſte Frau.“ „Thue ich jetzt der Livy zu wiſſen, daß ſie die Nacht bei'm Geſandten ſind, ſo geht ſie nicht hin,“ ſagte Lord Fitzwarren bei ſich ſelbſt.„Ich kann ihr aber einen Poſſen ſpielen, wenn ich kein Wort von der Sache rede und ſie hin laufen und ganz unverſehens mit ihnen zuſammentreffen laſſe. Und ſo mache ich's auch, hol mich der Teufel. Ich ſchäme mich wahrhaftig für ſie, weil ſie ſich ſo un⸗ natürlich gegen ihre Aeltern und ihre Schweſter be⸗ trägt. Und daß ſie ſo wüthend auf den Franzoſen verſeſſen iſt. Ich muß dem Ding Einhalt thun, ſonſt lacht ganz Paris über mich. Was war ich doch für ein Dummkopf, mich von einem ſo herz⸗ loſen Weibe in die Falle locken zu laſſen. Und ſie iſt noch obendrein nicht einmal hübſch. Ich wußte kaum was ich ihrer Mutter und ihrer Schweſter antworten ſollte, als ſie nach ihr ſich erkundigten.“ Während dem Lord Fitzwarren ſolche Gedanken durch den Kopf gingen, äußerte Herr Webworth, nachdem einige Minuten Stille geherrſcht,„er habe nie eine freuudlichere und gaſtfreiere Dame gekannt, als die Marquiſe von Mountſerrat. Sie iſt wahr⸗ 294 haftig eine ganz vorzügliche Frau und in kurzer Zeit wird ſie verſtehen, was auf den Tiſch ge⸗ hört.“ „Auf eine table d'höte, werden Sie ſagen wollen; denn es iſt, ſcheint's, eine ihrer Leidenſchaften, daß ſie Jedermann zum Eſſen ladet, der ihr unter die Füße läuft.“ „Nun, nun, alter Herr, Sie ſollten zu aller⸗ letzt an der Freigebigkeit der alten Jungfer etwas auszuſetzen haben,“ entgegnete Lord Fitzwarren. „Sie und Ihre Familie machen ſich dieſelbe zu Nutze ſo gut Sie können. Der Livy ſind in die⸗ ſer Beziehung ein Paar boshafte Aeußerungen zu Ohren gekommen. Ja die Leute gehen ſo weit zu behaupten, Sie ſeien ihr Kammerherr und Ihre Alte und Sophie verſehen die Aufwartung bei der Marquiſe. Dies hat denn Livy ſo geärgert, daß ſie erklärt, ſie werde ſich nicht mit ihrer Familie abgeben, ſo lange Sie mit Lady Mountſerrat zu⸗ ſammenleben.“ „Livy mag das halten wie es ihr gefällt, und ich gedenke daſſelbe Recht für mich in Anſpruch zu nehmen,“ erwiderte Lord Wellerby; denn es kann keine Rede davon werden, daß ich ihr zu Liebe eine ſo vortheilhafte Bekanntſchaft abbreche.“ „Machen Sie nur mir keine Vorwurfe, wenn ſie ſich ſtätiſch zeigt, das iſt Alles, was ich ver⸗ lange; denn ſie iſt ſo unbündig wie ein Füllen, ſo — 295 widerſpenſtig wie ein Mauleſel und hat ſo viele Untugenden, als je ein Thier, das ich in meinem Stall gehabt habe.“ „Deſto ſchlimmer für Sie, lautete die kurze Antwort des Schwiegervaters, der ſich von ganzem Herzen Glück dazu wünſchte, die in Rede ſtehende Frau los geworden zu ſein. Als die Marquiſe von Mountſerrat in Beglei⸗ tung der Lady Wellerby und ihrer Tochter Abends im Geſandtſchaftshotel erſchien, zogen die Pracht und Menge ihrer Diamanten ſowohl als ihr außer⸗ ordentlich koſtbarer Anzug Aller Augen auf ſich. „Das iſt die bekannte Marquiſe von Mountſerrat, die ſo ungeheuer reich iſt,“ flüſterten alle anweſen⸗ den Engländer rings umher und geſpannten Ohres horchten die Fremden, welche die Aeußerung ver⸗ nehmen konnten; denn das Wort reich verſtehen ſie meiſt Alle. Nachdem die Vorſtellung bei der Frau des Geſandten Statt gefunden hatte, ſchien Lady Mountſerrat keineswegs geneigt, wieder zu gehen und der Wirthin Raum zum Empfang ihrer übri⸗ gen Gäſte laſſen zu wollen. Umſonſt ſtieß Lady Wellerby ſie an, vergebens winkte ſie ihr, ſie ſolle Platz machen;— ſie blieb ſtehen und verſicherte die vornehme Dame vor ihr, wie ſehr es ſie freue, ſie kennen zu lernen. Dabei ſprach ſie die Hoff⸗ nung aus, die Gemahlin des Geſandten würde ſie einmal beſuchen und ſich im Gaſthof zur Stadt 296 Windſor ein freundſchaftliches Mittagsmahl gefallen laſſen, wobei ſie die beſten Gerichte bekommen ſollte, die in Paris aufzutreiben wären.„Ich ſpare nie an den Koſten, Mylady, und warum auch?“ ſagte ſie überlaut, während die Frau vom Hauſe in größ⸗ ter Verlegenheit und ärgerlich über ein ſo plumpes Betragen, wie es ihr noch nie vorgekommen war, der Lady Wellerby flehende Blicke zuwarf, ſie doch von ihrer Freundin zu befreien. „Wer iſt die Dame mit den herrlichen Dia⸗ manten?“ fragte der Herzog von Beauregard einen der Geſandtſchafts⸗altachés, einen lebhaften jungen Mann, der gegen den duc neidiſch war und ſich freute, ihn zum Beſten halten zu können? „Das iſt das reichſte Frauenzimmer in ganz England, gab er zur Antwort. „Was, Fräulein Coutts?“ „Nein, nein, noch viel reicher.“ „Iſt ſie verheirathet,“ fragte der duc eifrig. „Nein, von ihrem Mann iſt keine Rede mehr,“ lautete die Erwiderung und der duc nahm das ſo auf, als wäre damit der Tod des Marquis ange⸗ deutet. „Alſo iſt ſie frei,“ fuhr er fort. „Gewiß, völlig frei, und ſie macht nicht viel Umſtände,“ verſetzte der altaché. „Die reichſte Frau in England, ſagen Sie?“ wiederholte der duc. 297 „Gewiß.“ „Wollen Sie mich vorſtellen?“ „Ich habe nicht die Ehre mit der Lady bekannt zu ſein, aber ich kenne Lady Wellerby, die bei ihr iſt und will Sie dieſer vorſtellen.“ „Mille remercimens, mon cher.“ Damit ſchritten ſie von dannen. Als der Wunſch des due erfüllt war, bat er Lady Wellerby, ihn der Marquiſe vor⸗ zuſtellen und ſie erwies ihm dieſen Dienſt mit viel Bereitwilligkeit. Auch Lady Mountſerrat lächelte freundlich, wie ſie den wohlklingenden Titel duc de Beauregard vernahm, und gab damit ihr Wohlge⸗ fallen zu erkennen. „Sie ſprechen franzöſiſch, Madame?“ fragte der duc. „Nein, es thut mir leid, ſagen zu müſſen, daß dem nicht ſo iſt; aber ich lerne es,“ lautete die Antwort. „Da macht es mich ſehr glücklich, daß ich ein wenig Engliſch rede und mit einem ſo charmante Frauenzimmer mich unterhalten kann.“ „Sie ſind ſehr artig, Herzog, und ich bin Ihnen ſehr verbunden.“ „Nein, Madame, ich bin Ihnen verbunden. Ich habe immer eine Vor iebe für die Englän⸗ derinnen gehabt, aber dieſen Abend iſt mir eine vorgekommen, die Alle in Schatten ſtellt, welche ich 298 früher erblickt habe.“ Dabei ſah er der Marquiſe gerade in's Geſicht. „Nun, wahrhaftig, Sie ſind einer der ange⸗ nehmſten Männer, Edelleute wollte ich ſagen, die ich je getroffen habe.“ „Ach, Madame, wer würde nicht gern ſein Le⸗ ben hingeben, wenn er bei Ihnen damit eine gün⸗ ſtige Meinung von ſich erwecken könnte.“ „Niederträchtiger Menſch!“ murmelte es jetzt ſo nahe an ſeinem Ohr, daß der duc ſich umwandte und Lady Fitzwarren erſchaute die mit einem Blick voll unausſprechlicher Verachtung vorüberging. „Wie geht's Ihnen, Lady Fitzwarren,“ rief die Marquiſe.„Da hinter mir iſt Ihre Mutter und Schweſter, Lady Fitzwarren, Lady Fitzwarren!“ ſchrie ſie ſo laut, daß ſie die allgemeine Aufmerk⸗ ſamkeit auf ſich zog. Aber die Angerufene machte ſich davon und that als höre ſie nichts. Sie blickte ſich nicht einmal nach der Stelle um, wo die Mount⸗ ſerrat ſtand und der eitle due ſchrieb dieſes Betra⸗ gen gleich ihrer abßerordenlichen Eiferſucht über die ſüßen Worte zu, die er an die Marquiſe gerichtet. „Nun, die Frau muß taub ſein,“ rief Lady Mountſerrat,„ſonſt hätte ſie mich doch gewiß ge⸗ hört. Wollen Sie ſich hinbemühen, Herzog und ihr ſagen, ich, die Lady Mountſerrat mit ihrer Mutter und Schweſter ſeien hier und möchten ſie gerne ſprechen.“ 299 „Ach, Madame, was würde ich nicht thun, um Ihren Befehlen nachzukommen.“ Mais,„dabei zog er die Achſeln bis an die Ohren in die Höhe und nahm eine betrübte Miene an,„que voulez-vous? Lady Fitzwarren war ſo gütig, Ihren ergebenen Diener nach ihrem Geſchmack zu finden und als ſie bemerkte, daß Ihr unterthäniger Diener eine andere Dame noch weit mehr nach ſeinem Geſchmack fand, gerieth ſie in Zorn und flüſterte mir im Vor⸗ beigehen in's Ohr„Niederträchtiger Menſch!“ Pauvre dame, ſie iſt, was man eiſerſüchtig nennt.“ „Ach, dann will ich hingehen und ihr ſagen, daß ſie gar keine Urſache dazu hat. Wie kann aber eine verheirathete Frau eiferſüchtig ſein, außer auf ihren Mann!?“ „Charmante Unſchuld!“ erwiderte der duc leiſe. „Jedes Weib, welches Sie betrachtet, muß eiferſüch⸗ tig werden.“ „Olivia muß ſich rufen gehört haben,“ ſagte Lady Wellerby zu ihrer Tochter „Ja, gewiß; ſieh, jetzt verlöht ſie das Zimmer, ſicher blos um uns aus dem Wege zu gehen. Sie hat doch gar kein Gefühl!“ „Gieb mir Deinen Arm, Fitzwarren, denn ich bleibe um keinen Preis auch nur einen Augenblick länger hier,“ äußerte ſeine Frau. „Aber der Wagen iſt fort, Livy.“ „Mir einerlei; ich gehe zu Fuß, oder in einem 300 Fiacre, kurz wie ich kann, nnr um das Zuſammen⸗ treffen mit der widerwärtigen Marquiſe und mei⸗ nen Angehörigen zu vermeiden. Sie haben mir den größten Schimpf dadurch angethan, daß ſie mit ihr daher kommen.“ „Da iſt ja auch Dein guter Freund, der fran⸗ zöſiſche Herzog und macht der Marquiſe den Hof, als wäre er ganz verzweifelt in ſie verliebt. Mor⸗ gen wird er wohl ihr einen Wagen voll Blumen ſchicken?“ „Wem wäre auch nur im Traum eingefallen, daß dieſes widerwärtige Weib bei dem Geſand⸗ ten Zutritt fände! Sie iſt doch in England noch nicht vorgeſtellt worden,“ verſetzte Lady Fitz⸗ warren.„Das iſt ein coup monlé von meiner abſcheulichen M„blos um mich zu ärgern. Aber ich Plane vereiteln und morgen Paris ve eins von ihnen anzuſehen.“ eufelmäßig, denn Paris iſt kann, ganz entleidet,“ gab während er die Treppe des unterging. Er hinterließ, die lich krank geworden, der ae en Grund da⸗ em fte der Männer im Hauſe des Geſandten im Vertrauen zuflüſterte„que la Pauvre comtesse était malade de jalousie.“ Am folgenden Tag verließen 1 ——————— —— 301 um nach London überzuſetzen. Der Mann mit einem langen Geſicht, denn er dachte an die unge⸗ heure Summe, die ſeine Gemahlin daſelbſt ausge⸗ geben; die Frau voller Widerwillen gegen die Fran⸗ zoſen, die ſie noch am Tag zuvor für die ange⸗ nehmſten Menſchen von der Welt gehalten hatte. Zwölftes Kapitel. „Wie pfeilgeſchwind vergeht das Leben doch! Wir rechnen ſtets auf neue Und ſchon entrollt dem Das letzte Korn in's Wo geſtern Jubel nur Da weinen und da ja Der Tod iſt immer na Und wir ſind blind;— Wir ſeh'n ihn nicht Uns tilgt des unbarmherz Bis jener Pfeil von ſeine Und in die Herzen unſ'rer Lieben dringt. Der Greis, gedrückt von ſeiner Jahre Laſt Und langen Mühen, ſehnt ſich nach der Raſt Und nach dem Schlummer in der Mutter Arm,— 6 ſo müde von des Lebens Harm. 302 Dem Jungen ſchwellt die Hoffnung noch die Bruſt, Es zaubert ihm die Liebe und die Luſt Ein herrliches, ein reiches Paradies, Und ſeine Früchte ſchmecken ihm ſo ſüß. Doch leider muß auch er von hinnen geh'n, Und ach, wie bald iſt's oft um ihn geſcheh'n! So ruh'n die beiden in der dunkeln Gruft Bis ſie der Herr vor ſeinen Thron beruft.“ „Das Haus muß völlig verändert und ganz neu eingerichtet werden,“ ſagte Lady Fitzwarren zu ihrem Mann, als ſie ein Paar Tage nach ihrer Ankunft von Paris im Bibliothekzimmer ihrer Woh⸗ nung in Grosvenor⸗Square beim Frühſtück ſaßen. „Das mag ſein,“ entgegnete ihr Gemahl,„aber der Teufel ſoll mich holen, wenn ich in der näch⸗ ſten Zeit Geld daran hänge. Es iſt ja erſt ein Jahr, daß A sgebeſſert wurde und auch neue Sachen ha geſchafft.“ B ber es iſt Alles in einem ſo mack ausgeführt, daß ich üßte, wenn ich eine Ge⸗ te. Dann muß ich darauf Gemälde Deiner Roſſe und en nme ä SSche Haushaltung eines Jung⸗ geſellen ſchicken,! heiratheten Leuten können ſie nicht geduldet werden.“ „Was! Du willſt das Bild meiner ſchönen Fanny wegſchaffen?— Wie oft haſt in ———— 303 Rom geſagt, Du ſehneſt Dich zu ſehen, ob es ihr gleiche!“ Und alle Verwunderung, die Lord Fitz⸗ warren empfand, ſpiegelte ſich auf ſeinem Ge⸗ ſicht ab. „Meine Neugier iſt jetzt vollkommen befriedigt, und deshalb rathe ich Dir, die Gemälde nach Dei⸗ nem Jagdhaus in Melton verbringen zu laſſen, wo ſie eine weit paſſendere Stelle finden.“ „Livy, ich erkläre Dir ein für allemal, daß ſie nicht fortkommen. Du kannſt Deine Geſellſchafts⸗, Schlaf⸗ und Putz⸗Zimmer herausſtaffiren laſſen, wie es Dir gefällt, aber die andern Gelaſſe bleiben wie ſie ſind. „Dann gehe ich auch nicht hinein,“ verſetzte die Lady. Babei wurden ihre Wangen roth vor Zorn und ihre Angen warfen höhniſche Blicke. „Thue in dieſer Beziehung was Dir gut dünkt; aber laß mich Dir rathen und erſchöpfe meine Ge⸗ duld nicht ganz und gar. Du haſt ſie jetzt bei⸗ nahe auf die äußerſte Probe geſtellt, kann ich Dir ſagen, und ich vermag nicht dafür zu ſtehen, daß ſie noch länger anhält.“ „Und ich verſichere Dich, Fitzwarren, daß die meinige bereits zu Ende iſt, Du quälſt und lang⸗ weilſt mich zu Tode mit Deinen Pferden, Hunden und Freunden, die an Verſtand kaum über jenen ſtehen.“ 304 Lord Fitzwarren's dunkles Geſicht und ſeine zu⸗ ſammengepreßten Lippen verriethen, daß er ſich be⸗ mühte, die Leidenſchaft zu zügeln, die ihn ergriffen hatte. Seine Frau bemerkte, welche Wirkung ihre Stichelei gethan, beſchloß aber nichts deſtoweniger noch weiter zu gehen und eine Kälte und Gering⸗ ſchätzung zu zeigen, die ihn noch mehr aufbringen mußten. Sie fing an ein Liedchen zu ſummen. „Ich quäle und langweile Dich alſo?“ rief er. „Und das ſagſt Du mir ganz kaltblütig, nachdem Du mich dadurch in die Falle gelockt haſt, daß Du eine eben ſo große Vorliebe für Pferde heuchelteſt, wie ſie mir eigen ſt? Du weißt, daß Du mich nie dran gekriegt haben würdeſt, wenn ich nicht auf dieſe Weiſe betrogen worden wäre. Aber vielleicht iſt Dir unbekannt, was ich Dir jetzt ſagen will; und es iſt hohe Zeit, daß Du eine Wahrheit zu hören bekommſt, die mich meine Gutmüthigkeit wohl hätte verſchweigen laſſen, wenn Du mich nicht zu weit triebeſt. Wiſſe denn, daß ich blos durch mein Ehrgefühl und Mitleid veranlaßt worden bin, ein Verſprechen zu erfüllen, auf das ich mich in Folge Deiner Schmeichelei und der vorgeblichen Aehnlich⸗ lichkeit Deines Geſchmacks mit dem meinigen in einem Augenblick der Tollheit eingelaſſen, das ich aber ſeither immer von Herzensgrunde bereut habe.“ 305 „Dieſes artige Geſtändniß erregt blos meine Verachtung. Aber ich will nicht hinter der liebens⸗ würdigen Offenheit und Freimüthigkeit zurückblei⸗ ben, von welcher Du mir ſo ein ſchönes Beiſpiel gibſt. Wiſſe denn, wie ſehr gleichgültig ich Dir auch geweſen ſein mag, Du warſt es mir nicht minder.“ „Habe ich Dir aber geſchmeichelt oder Dir den Hof gemacht? Stellte ich mich an als ſtimmte ich mit Deinen Liebhabereien und Deinem Treiben über⸗ ein? Nein, einer ſolchen Heuchelei und Gemein⸗ heit würde ich mich ſchämen, gälte es auch die Hand eines Mädchen zu gewinnen, das ich liebte. Seit der Stunde, in der wir verehelicht wurden, habe ich bemerkt, daß Du die Maske der Neigung und Ergebenheit in meinen Willen, mit denen Du mich dummen Kerl fingſt, abgeworfen haſt. Es iſt mir längſt klar geworden, daß ich von Dir zum Beſten gehalten wurde, nun aber, da Du deine herz⸗ und ſchamloſe Falſchheit ſelbſt eingeſtehſt, ſollſt Du auch finden, daß ich in meinem eigenen Hauſe Herr und Meiſter bin und bleiben will.“ „Und Du ſollſt erfahren, daß ich nicht die Frau bin, die man mit Grobheiten und Rohheiten in's Bockshorn jagt. Ich weiß, was Du mir ſchuldig biſt und Du darſſt Dich darauf verlaſſen, daß ich mir hierin nicht zu nahe treten laſſe.“ Lord Fitzwarren ſtand vom Tiſch auf und ver⸗ Strathern 1v. 20 306 ließ das Gemach in einer ſo aufgeregten und zor⸗ nigen Stimmung, wie er ſie früher nie an ſich er⸗ fahren. Die Gräfin aber trat vor den Spiegel über dem Kamingeſims, machte die Schleifen an ihrer Pariſer Morgenhaube zurecht und gab solto voce blos das Wort„Vieh“ von ſich. „Nun,“ fuhr ſie dann fort, indem ſie ihr Bild in dem Spiegel betrachtete;„die Maske iſt jetzt auf beiden Seiten gefallen und das iſt eine wahre Erleichterung, ob ich mir ſchon ſeit unſerer Abreiſe aus Rom, der Himmel weiß, wenig genug Mühe gegeben habe, ſie aufzubehalten. Aber der Menſch iſt in Wahrheit ſo béte und es war an der Zeit, daß wir uns darüber in's Reine ſetzten, da jetzt der Honigmonat beinahe in ſein letztes Viertel ge⸗ treten iſt. Ich habe es blos verſchoben, ihn über den Zuſtand meines Innern aufzuklären, bis ich die Familiendi manten und das Geld für mein corbeille und trousseau in Händen hatte. Ein anderer Menſch, der nicht ſo außerordentlich dumm wäre, hätte ſchon lange zuvor herausgefunden, wie er mit mir daran iſt; aber die Männer ſind ſo eitel, daß ſie unſere Gleichgültigkeit nie gewahren, wenn wir ihnen nicht die Ueberzeugung davon in die Hände geben.“ Der gränzenloſen Gutmüthigkeit und dem Edel⸗ muth Lord Fitzwarren's war es nicht gelungen, in der verhärteten Bruſt ſeines ſelbſtſüchtigen Weibes 307 eine ſänftigende Wirkung, eine Spur von Wohl⸗ wollen oder Danlbarkeit hervorzubringen. Vom erſten Augenblick ihrer Verlobung an wußte ſie, daß er ſie nicht liebte; ſtatt ſich ihm aber für ſeine Güte und Freigebigkeit zum Dank verpflichtet zu fühlen, verachtete ſie ihn, weil er ſich ſo leicht in dem Netze hatte fangen laſſen, das ſie mit großer Schlauheit ausgeſpannt, um ihn darein zu ver⸗ wickeln; ja ſie bildete ſich auf das Gelingen ihrer Plane etwas ein. Zu Paris befriedigte ſie ihre Leidenſchaft für Putz und Tand bis zur Ueberſätti⸗ gung und es machte ihrem Manne während der erſten vierzehn Tage ihres Aufenthalts daſelbſt Freude, ſie mit Allem zu beſchenken, was ihr zu Sinn kam. Er war ſich nämlich ſeiner Gleichgül⸗ tigkeit gegen ſie bewußt und wünſchte das Unrecht gut zu machen, welches er ihr unfreiwilligerweiſe anthat; er ſagte bei ſich ſelbſt:„die arme Livy, ich kann ſie nicht lieben, aber wenigſtens bin ich im Stande, ihren Gelüſten Genüge zu thun.“ Den unangenehmen Wechſel in ihrem Benehmen leitete er davon her, daß ſie trotz ſeiner Bemühungen es zu verbergen herausgefunden hätte, er ſei ihr we⸗ niger zugethan, als ſonſt Neuvermählte erwarten; und dieſe Anſicht erzeugte in ihm ſo viel Mitleid und eine Gefälligkeit, daß bei einiger Dankbarkeit von ihrer Seite ſich daraus ein wohlwollendes und freundſchaftliches Verhältniß entwickelt haben 20* 308 würde, wodurch der Friede ihres ſpäteren Lebens geſichert worden wäre. Aber Gemüth und Herz der Lady Fitzwarren war keiner freundlichen Re⸗ gung fähig. Sie fühlte ſich in ihrer Eitelkeit ver⸗ letzt, als ſie ſah, daß ſelbſt die Darlegung der Neigung und Ergebenheit, die ſie gegen ihren Ver⸗ lobten zu empfinden vorgab, dieſem nicht das ge⸗ ringſte Zeichen von Liebe zu entlocken vermochte. Weit entfernt die ehrenhaften Beweggründe und die Gutmüthigkeit in Anſchlag zu bringen, welche ihn zur Erfüllung ſeines Eheverſprechens veranlaßten, haßte ſie ihn vielmehr, ſo daß es ihr ſchwer fiel, ſich zu beherrſchen und die Zeichen von Widerwillen zu verbergen, die bei der geringſten Veranlaſſung ſeinerſeits auszubrechen drohten. „Warum, warum aber habe ich doch geheira⸗ thet?“ brach Lord Fitzwarren los, als er allein war.„Was bin ich für ein Dummkopf, für ein Simpel geweſen? Und jetzt muß ich auch noch ſehen, daß ſie mich nie geliebt hat. Wie verab⸗ ſcheuungswürdig erſcheint ſie mir jetzt, da ich ihre Falſchheit, ihre berechnete Kälte und Herzloſigkeit kenne! Aber länger ſoll ſie mich nicht zum Beſten halten; nein, in Zukunft werde ich feſt auftreten und ihr beweiſen, daß ich in meinem Hauſe und über mein Vermögen Herr ſein will.“ Der zornige Ehemann verließ ſeine Wohnung, weil er hoffte, eine Ortsveränderung würde die trü⸗ —— 309 ben Gedanken vertreiben, die auf ihm laſteten. Er ſuchte in ſeinem Club einige alte Kameraden auf, mit denen er ſich in ledigen Tagen ſo manche Stunde vertrieben hatte. Der Marquis von Mountſerrat war einer der erſten ſeiner früheren Freunde, den er auf ſeinem gewöhnlichen Platz an dem Bogen⸗ fenſter müßig daſitzend antraf.„Ach, Fitz, freut mich, Dich zu ſehen; habe gehört, daß Du ange⸗ kommen biſt. Nun wahrhaftig, Du machſt ein ſo klägliches Geſicht, wie ein banquerotter Spieler, wenn er ſeine letzten hundert Pfund verloren, oder wie ein junger Bräutigam am Tage ſeiner Hoch⸗ zeit mit einem reichen alten Weib.“ „Und Du Ary, ſchauſt ſo fröhlich darein, als wäre Dir eben die Nachricht vom Tode einer ge⸗ wiſſen Frau zugekommen, die ich vor fünf bis ſechs Tagen zu Paris in beſtem Wohlſein verlaſſen habe.“ „Wenn Dir etwas an mir liegt, Fitz, ſo nenne ihren Namen nicht. Ich hatte ganz vergeſſen, daß ſie noch am Leben iſt, bis Du mit Deiner ver⸗ trackten Gutmüthigkeit daher kommſt und mich an ſie erinnerſt. Mein Gleichmuth über dieſen Punkt iſt aber jetzt ſchon geſtört und ſo will ich lieber noch weiter fragen, wie es mit der Dame ſteht? Iſt keine Ausſicht vorhanden, daßmich ein Gallen⸗ fieber oder ein Schlagfluß von ihr erlöſt? Ihr Appetit iſt ſo unerſättlich und ſie gibt ſich ſo rück⸗ 310 ſichtslos den Freuden der Tafel hin, daß ſich das wohl denken ließe.“ Ich kann Dir keine Hoffnung auf einen ſolchen Glücksfall machen, denn es ſcheint „Als ob der Appetit ſich ſteigerte Durch das gerade was ihn ſtillt.“ wie es in dem Theaterſtück heißt und bei ihr „Iſt die Verdauung gleich dem Appetit, Und die Geſundheit gleich den beiden.“ „Wahrhaftig, Fitz, Du wirſt zum Dichter! Wer hätte ſich je träumen laſſen daß man Dich Shake⸗ ſpeare anführen hören würde?“ „Habe ich den Shakeſpeare eitirt?“ Nun, ich wußte gar nicht woher die Zeilen ſind, aber ſie fielen mir ein, weil Mordaunt damit von Kirby eine Wette gewonnen hat; die Worte wurden da⸗ mals aufgeſchrieben und mir übergeben bis die Wette entſchieden war. „Sie wird wohl au désespoir geweſen ſein über meine Flucht?“ „Davon habe ich nichts bemerkt. Au contraire, ſie äußerte ihre Freude darüber, daß ſie ein Mar⸗ quiſat erlangt habe ohne mit einem Marquis bela⸗ ſtet zu ſein.“ „Abſcheuliches Weib!“ rief Lord Mountſerrat; „wie iſt ſie mir ſo zuwider. Du biſt gewiß ein recht glücklicher Mann, Fitz. Dieſe Vermuthung gründet ſich nicht auf Deine Miene, ſondern auf —u die hohe Vorſtellung, die ich von der Seligkeit der Ehe habe, wenn gleichartige Gemüther durch das Band derſelben vereinigt ſind.“ Der ſpöttiſche Zug im Geſicht des Marquis bewies dem Lord Fitzwarren, daß die Aeußerung ironiſch gemeint war und erregte deſſen Mißfallen. „Ich bin nicht ſchlimmer daran als andere Männer in ähnlichen Umſtänden,“ erwiederte er. „Es iſt ihre eigene Schuld wenn die Leute ſo dumm ſind und ſich von ihren Weibern unglücklich machen laſſen“ „Bravo Fitz! Das heiße ich geſprochen wie mein alter Freund. Ich wünſche Dir Glück zu Deiner Philoſophie und Seelenſtärke; und das um ſo mehr, weil ich weiß, daß es deiner ſchönen Ge⸗ mahlin ſelbſt wie ſie noch Lady Olivia Wellerby war, nie an der Luſt gefehlt hat ihrem eigenen Willen Geltung zu verſchaffen. Ich muß ihr heute meine Aufwartung machen.“ „Thu das und wenn Du ihr als ein alter Be⸗ kannter gelegentlich zu verſtehen geben willſt, daß ich ein verzweifelt kurz angebundener Kerl bin, ſo könnte das ſpäter Streitigkeiten über die Oberherr⸗ ſchaft zwiſchen uns abſchneiden.“ „Wie, mein Freund, habt ihr ſchon einen Bür⸗ gerkrieg angefangen, bei dem es doch immer am hartnäckigſten hergeht und der ſich am ſchwerſten beilegen läßt?“ 312 „Das nicht gerade. Aber die Weiber ſuchen ſich gerne eine Gewalt zu verſchaffen, gerade wie die Pferde ihre Herren zu meiſtern befliſſen ſind. Du weißt noch, Fanny? Das ſchönſte Thier das ich je beſeſſen habe; und doch wollte ſie oft ihrem eigenen Kopf folgen. Arme Fanny! Ich werde nie wieder ein Geſchöpf ſo lieb haben wie ſie.“ Ich muß ſagen, das iſt eine ſehr unartige Sprache von einem Mann der noch keine zwei Monate verheirathet iſt,“ bemerkte der Marquis. „Gewiß iſt Dir ſchon zu Ohren gekommen, was Strathern für ein Glück gemacht hat? Und es kam gerade zu rechter Zeit. Er war in große Ver⸗ legenheit gerathen, hatte ſich verbaut, Wechſel an⸗ genommen, Tauſende an den dummen Eſel von Olliphant weggegeben, kurzum er war fertig. Da ertrinkt zum Glück für ihn Lord Argentyn und ſeine drei Söhne bei einem Sturm in der Nähe der Inſel Wight, wie ſie eben von ihrer Yacht an's Ufer zurückkehren wollten. Und ſo gelangt der Naſeweis, der Strathern zu einem bedeutenden Vermögen.“ „Ich habe immer geglaubt, Strathern wäre ſo reich wie ein Iude und es freut mich teufelmäßig, daß er ſo gut davon gekommen iſt, denn er iſt ein ausgezeichneter Kerl. Der arme Olliphant iſt alſo zu Grunde gerichtet? Durch's Spiel wahr⸗ ſcheinlich?“ ℳ. — 313 „Ja, durch's Spielen und Rennen. Völlig aus⸗ gebeutelt, wie wir ſagen.“ „Und wie Allen denen es ſo geht, wird er von denen ein Narr geſcholten die ihm ſein Geld abge⸗ wonnen haben!“ „Oue voulez-vous, mon cher? Das iſt der Lauf der Welt.“ „Es iſt ſchlimm genug. Der arme Olliphant war ein trefflicher Burſche und hatte keinen Feind als ſich ſelber.“ „Wer ſein eigner Feind iſt, Fitz, iſt Jeder⸗ mann's Feind. Hat er ſich, wie es gewöhnlich ge⸗ ſchieht, in's Unglück gebracht, ſo meint er jetzt müſ⸗ ſen ſeine Freunde herbeikommen und ihm helfen; er fällt ihnen zur Laſt wenn er ſie nicht in Armuth ſtürzt und was kann denn bei'm Teufel ein Feind weiter thun?“ „Du biſt ein liebloſer Menſch, Ary und ich hätte das nicht von Dir gedacht. Wie Du noch ſchlecht daran warſt, da würde es Dir gewiß verdammt unangenehm vorgekommen ſein, wenn von einem Freund die ſelbſtfüchtigen Grundſätze gegen Dich in Anwendung gebracht worden wären, die Du eben geäußert haſt. Ich hätte dem armen Olliphant beſtimmt geholfen wenn ich in England geweſen wäre und es freut mich recht, daß Strathern ſich ſo gut gegen ihn benommen und jetzt ein hübſches . 314 Vermögen geerbt hat, denn er macht gewiß den beſten Gebrauch davon.“ Um vier Uhr deſſelben Tages, an welchem die vorſtehende Unterredung zwiſchen dem Marquis von Mountſerrat und Lord Fitzwarren Statt fand, ſaß der erſtere im boudoir der Gemahlin des Letzteren. „Sind Sie glücklich, theure Olivia?“ fragte er und nahm eine nachdenkliche Miene an. Er beſaß nicht ſo viel Muth, um den wohlverdienten Vor⸗ wurf ihres Mannes von dieſem Morgen zu ahnden, fühlte ſich aber dadurch beleidigt und war nieder⸗ trächtig genug, ſich dadurch rächen zu wollen, daß er jetzt der Frau den Hof machte mit der er früher in einem Liebesverhältniß geſtanden hatte. „Glücklich!“ wiederholte die Lady.„Wer könnte mit einem ſolchen Mann glücklich ſein?“ „Ach, Olivia, wäre mein Bruder geſtorben be⸗ vor mich die Armuth zwang das ſchreckliche Weib zu ehelichen die meinen Namen trägt, ſo könnten wir jetzt glücklich ſein.“ Dabei blickte der verſchla⸗ gene roué der Lady Fitzwarren in's Geſicht und ſeufzte tief auf. „So reden Sie jetzt, aber Ihr verändertes Be⸗ nehmen, Ihre Gleichgültigkeit bewieſen mir lange bevor Sie die Perſon zu ſehen bekamen, daß alle Ihre Neigung zu mir verſchwunden war. Ich zweifle übrigens ſehr, ob Sie je eine ſolche für mich empfunden haben.“ 315 „Wie grauſam, mich ſo falſch zu beurtheilen und mir wegen eines Betragens Vorwürfe zu machen das am beſten die warme und uneigennützige Liebe verbürgt, welche ich für Sie im Herzen trug. Arm und tief verſchuldet wie ich war, mußte es mir da nicht abſcheulich erſcheinen, Sie zu einer Heirath zu verleiten die Ihnen nichts als Entbeh⸗ rungen auferlegt, die Sie in Armuth geſtürzt hätte? Ich konnte den Gedanken nicht ertragen, daß Sie, die den erſten Platz in der Geſellſchaft einzunehmen berechtigt iſt, ein Daſein hinſchleppen ſollte ohne die Annehmlichkeiten, ja ſelbſt ohne die Bequemlichkeiten welche es erträglich machen.“ „Aber Sie waren der nächſte Erbe Ihres Bru⸗ ders, Sie hatten die gegründetſte Ausſicht auf ſein Vermögen und wenn wir uns heiratheten, ſo muß⸗ ten unſere Verwandten Etwas für uns thun. So wie die Sache ſich jetzt gewendet hat, ſehen Sie, daß wir in der Ehe nicht lange in unbequemen, veſchränkten Verhältniſſen gelebt haben würden; aber Sie liebten mich nicht und behaupten es jetzt bloß weil Si wiſſen, daß die Wahrheit Ihrer Angabe ſich nicht auf die Probe ſtellen läßt, weil wir beide verheirathet ſind.“ „O, Olivia, theuerſte, lieblichſte der Frauen, wären wir in dieſem Augenblick frei, wie gerne, mit welchem Stolz würde ich Sie bitten, meine Hand anzunehmen. Ich bin, weiß der Himmel, — . 316 ſchon elend genug, daß ich Sie als das Weib eines Andern ſehen muß, der Sie nicht ſchätzt und nicht zu ſchätzen weiß wie ich; müſſen Sie auch noch ſolche grauſame Zweifel an einer Liebe hegen die mir das Leben verbittert?“ „Ich darf nicht auf Sie hören. Zu was ſollen auch dieſe Erklärungen jetzt noch führen?“ Es lag aber ſo wenig von der Würde der be⸗ leidigten Tugend, ſo wenig weibliches Zartgefühl in Haltung und Miene der Lady Fitzwarren, daß ſich ihr entarteter Liebhaber ſtatt durch die ſchwache Berufung auf den Anſtand zurückgeſchreckt zu wer⸗ den, eher ermuthigt fühlte weiter zu gehen. „Können Sie ſo unmenſchlich ſein, Olivia und eine ſolche Frage an mich ſtellen? Iſt es nicht ſchon eine Erleichterung, wenn das vom Gram nie⸗ dergedrückte Herz ſeinen Kummer gegen Jemand ausſchütten darf der Mitleid mit ihm hat? Wäre Fitzwarren Ihrer würdig, vermöchte er Sie glücklich zu machen, ſo könnte ich vielleicht die Pein die mich verzehrt in meinen gequälten Buſen zurückdrängen. Aber wenn ich ſehe, wie gleichgültig er gegen Ihre Reize iſt, da er Sie doch noch nicht zwei Monate die ſeinige nennt, wenn ich, wie es erſt heute ge⸗ ſchah, von ihm hören muß, er ſei nie einem Ge⸗ ſchöpf halb ſo ſehr zugethan geweſen als ſeiner Stute Fanny, wenn er öffentlich erklärt, er habe ſich vorgenommen über ſein Haus und Vermögen 317 alleiniger Herr und Meiſter zu bleiben, ſo daß Jedermann begreift er wolle Sie, die ſchönſte Ihres Geſchlechts, Sie die mir ſo theuer iſt, wie ſeine Sklavin behandeln, wenn mir das Alles einfällt, wie kann ich da die Leidenſchaft bewältigen die mich erfüllt? Wie ſollte ich es über mich gewinnen und Ihnen nicht ſagen, daß ich Sie liebe, daß ich Sie anbete?“ „Und das hat er Ihnen geſagt?“ fragte Lady Fitzwarren, indem ihre Lippen vor Wuth zitterten und ihr Geſicht eine karmeſinrothe Farbe annahm. „Ich ſchwöre Ihnen daß er das gethan hat; aber es ſteht in Ihrer Gewalt ſich zu rächen. Wer eine Schönheit wie die Ihrige gering ſchätzt, ver⸗ dient die härteſte Strafe die über Jemand ver⸗ hängt werden kann. Haben Sie Mitleid mit einem Mann, der Sie anbetet, theuerſte Olivia und ſuchen Sie in meiner heißen Liebe Troſt für die unpaſſende Verbindung die Sie geſchloſſen haben.“ Bei dieſen Worten in die er ſo viel Leiden⸗ ſchaft und Zärtlichkeit legte als ihm möglich war, ließ ſich der Marquis von Mountſerrat vor Lady Fitzwarren auf die Knie nieder, ergriff ihre Hand und ſtand im Begriff dieſelbe mit Küſſen zu bedek⸗ ken, da trat der Herr vom Hauſe in's Zimmer. Der Marquis verſuchte über die unziemliche Stel⸗ lung in der man ihn erwiſcht, zu lachen und die Lady ſtotterte in der Beſtürzung ein paar unver⸗ 318 ſtändliche Worte der Entſchuldigung heraus. Einen Augenblick war Lord Fitzwarren ſprachlos vor Zorn und Entrüſtung; dann wandte er ſich gegen ſeine Frau und ſagte:„Nach dem Auftritt, den ich eben mit angeſehen habe, iſt dies das letzte Mal daß ich mich dazu verſtehe mit Dir zuſammen zu treffen. Was Sie betrifft, mein Herr, ſo reichen Worte nicht hin um auszudrücken wie ſehr ich Sie ver⸗ achte. Sie ſollen in einer Stunde von mir hören und werden mir Genugthuung geben wenn es Ihnen nicht eben ſo ſehr an Muth fehlt als an ehrenhaf⸗ ten Grundſätzen.“ Damit ſchritt Lord Fitzwarren aus dem Gemach und ließ ſeine Gemahlin und ſeinen ci- devant Freund, den Marquis in großer Bewegung und Ver⸗ legenheit zurück. „Sehen Sie jetzt was Sie angerichtet haben,“ rief die Lady.„Mein Ruf iſt zu Grunde gerich⸗ tet, meine Stellung in der Geſellſchaft verloren und alles das weil es Ihnen einfiel ſich mir zu Füßen zu werfen, während Sie doch Alles was Sie wollten, eben ſo gut ſagen konnten, wenn Sie ruhig auf Ihrem Stuhl ſitzen blieben. In dieſem Falle hätte ſein Eintreten nicht das Geringſte zu bedeuten gehabt.“ „Sie leiden nicht allein darunter,“ erwiederte der Marquis mit einem nichts weniger als verlieb⸗ ten Seſicht.„Mein Leben ſteht in Gefahr und 319 wenn ich Fitzwarren tödte, ſo muß ich aus Eng⸗ land fort und kann mir die Güter die ich erſt kürz⸗ lich geerbt habe, nicht mehr ſo zu Nutze machen.“ „Gehen Sie! Verlaſſen Sie mich auf der Stelle!“ ſagte Lady Fitzwarren;„ſchreiben Sie mir nicht und kommen Sie nicht in die Nähe dieſes Hauſes. Ich muß Sorge tragen daß mein Ruf nicht noch mehr Noth leidet; er iſt durch Ihr tolles und leidenſchaftliches Betragen ſchon genug gefähr⸗ det, wo nicht verloren.“ „Noch ein Wort, Olivia!“ verſetzte Lord Mount⸗ ſerrat, deſſen Eitelkeit durch ihr kaltes und berech⸗ netes Weſen in einem ſolchen Augenblick auf's Empfindlichſte verletzt wurde.„Ich wollte mir blos einen Spaß machen und einen Akt aus einem Luſt⸗ ſpiel aufführen, das jetzt durch den mal- à— propos Eintritt Fitzwarren's einen mehr tragiſchen Anſtrich bekommen hat. Ich liebe Sie nicht und habe Sie nie geliebt. Er hat mich beleidigt und ich wünſchte mich dadurch zu rächen daß ich Ihnen den Kopf verrückte. Das war Alles.“ „Machen Sie daß Sie aus dem Zimmer kom⸗ men, niederträchtiger, ſchlechter, abſcheulicher Kerl, oder ich laſſe Sie durch meine Leute hinauswerfen,“ ſchrie die Lady und ſtampfte mit den Füßen, wäh⸗ rend ſie vor Wuth beinahe erſtickte. Der Marquis ließ ſich das nicht zweimal ſagen, rief aber noch im Hinausgehen: 320 „Wenn Sie in Zukunft noch eine Eroberung machen ſollten, ma belle, ſo vergeſſen Sie nicht Ihrem Anbeter zu empfehlen, daß er auf dem Stuhl ſitzen bleibt, während er ſeine Liebeserklä⸗ rung macht.“ „Elender, ſchändlicher Menſch, was habe ich für einen Haß und Abſcheu gegen ihn!“ rief Lady Fitzwarren, als die Thüre hinter Lord Mountſerrat zufiel. Welten gäbe ich darum, wenn ihn Fitzwar⸗ ren todtſchießen würde.“ Hier ſtürzte ihr, von Zorn und beleidigter Eitelkeit hervorgerufen, ein Thränenſtrom in die Augen. Aber nachdem ſie ein paar Minuten überlegt, fiel ihr ein wie nothwendig es wäre, Schritte zur Wahrung Ihres Rufs zu thun. Es ſchien ihr das Beſte den Wagen zu be⸗ ſtellen, auszufahren und einige Beſuche zu machen. Das that ſie denn auch unverzüglich und ſie legte im Geſpräch mit Andern ſo viel Fröhlichkeit an den Tag, daß Jedermann äußerte ſie ſei im Eheſtand viel heiterer geworden. In derſelben Nacht noch erſchien ſie, ſtrahlend von Diamanten auf einem Ball, tanzte und zeigte ſich luſtiger als gewöhnlich. Ihr Mann und ſein treuloſer Freund dagegen trafen die nöthigen Vor⸗ kehrungen um ſich am nächſten Morgen mit den Waffen in der Hand gegenüber zu treten und zu entſcheiden, ob einer oder beide den gewiſſenloſen Verrath des Marquis mit dem Leben bezahlen ſollten. 321 Wenn man die Dame wegen der Abweſenheit ihres Gemahls zur Rede ſtellte, gab ſie zur Ant⸗ wort, er ſpiele mit einigen ſeiner Freunde und be⸗ dauerte, daß ihn die Karten mehr anzögen als ein Ball.„Aber,“ ſetzte Lady Fitzwarren hinzu,„er iſt ſo gut und gefällig, daß ich es nicht vermag mich ſeinen Wünſchen entgegenzuſtellen. Ihr Plan glückte vollkommen. Viele ſprachen ihr Befremden aus über die Gleichgültigkeit eines Mannes, der ſeine Frau ſo bald nach der Hochzeit allein aus⸗ gehen laſſen könne. Alle bedauerten, daß ihr Ge⸗ mahl ſeine Zeit mit Spielen verbringe und wun⸗ derten ſich daß ſie ſich mit ſo viel Nachſicht über ein ſo unangenehmes Verhältniß äußerte. Kurz, Lady Fitzwarren ſpielte die röle einer liebenswür⸗ digen, muntern Frau ſo gut, daß ſie ſich bei ver⸗ ſchiedenen Leuten eine gute Meinung erwarb, die ſie vor ihrer Verheirathung mit Widerwillen be⸗ trachtet hatten. Am folgenden Tage meldeten die Abendzeitungen daß ein von traurigen Folgen beglei⸗ teter Zweikampf am Morgen zuvor auf der Winble⸗ doner Gemarkung zwiſchen dem Marquis von Mount⸗ ſerrat und dem Grafen Fitzwarren Statt gefunden habe und daß dabei der erſtere gefährlich verwun⸗ det, der letztere durch das Herz getroffen worden ſei. Als dieſe Nachricht verlautete, gaben Viele der hinterbliebenen Wittwe ihr Mitleid zu erkennen und gedachten mit Theilnahme an ihre harmloſe Strathern 1v. ——— ———— 322 Fröhlichkeit in der verwichenen Nacht, auf welche ſo bald ein ſo entſetzliches Unglück gefolgt wäre. Unzählige Male erkundigte man ſich am Thore nach ihrem Befinden und während der nächſten zwei Tage bildete ſie den Gegenſtand allgemeinen Intereſſes. Dies hätte wohl auch noch zwei weitere Tage an⸗ gedauert, wenn nicht durch den Fall einer danseuse auf der Bühne und eine dadurch herbeigeführte Verrenkung ihres Knöchels die Aufmerkſamkeit von Lady Fitzwarren abgezogen worden wäre. Der Marquis von Mountſerrat trieb es noch drei Tage und verſchied dann während ihm gerade der rechte Arm abgenommen wurde. Die Behauptung der jungen Wittwe daß ihr Mann die letzte Nacht ſeines Lebens mit Spielen zugebracht habe, gab einem Gerücht die Entſtehung das bald überall umlief. Es hieß nämlich zwiſchen ihm und dem Marquis von Mountſerrat ſei an dem grünen Tiſch ein Streit ausgebrochen und in Folge davon ſei es zu dem Duell gekommen. Da außer der Lady Fitzwarren Niemand die eigentliche Veranlaſſung dazu kannte, ſo ſchenkte man dem Gerede allgemei⸗ nen Glauben. Die Leute bedauerten die„arme ver⸗ laſſene Wittwe“ wie man ſie nannte und meinten, „Alles wohl überlegt könne ſie noch von Glück ſa⸗ gen daß ihr Mann geſtorben ſei ehe er ſich und ſie zu Grunde gerichtet gehabt hätte; denn bei ſei⸗ nem Hang zum Spiele müſſe man annehmen, daß 323 es ganz ſicher ſo gekommen wäre.“ Auf dieſe Weiſe ſank der wohlmeinende, gutmüthige, aber un⸗ bedachtſame Pair mit dem Rufe eines Spielers in ein frühes Grab und Niemand beweinte ihn als Strathern und ein paar von ſeinen früheren Freun⸗ den die ſeine Herzensgüte zu ſchätzen wußten. Seine ſchlaue und gefühlloſe Gemahlin dagegen kam in den Beſitz des bedeutenden Leibgedings, welches ihr der edelſinnige Mann ausgeworfen hatte und galt bei Jedermann für eine liebenswürdige Frau die das größte Mitleid verdiene weil ſie einen Gemahl verloren dem ſie ſo aufrichtig zugethan geweſen wäre. Nachdem Strathern in die großartige Hinter⸗ laſſenſchaft des Lord Argentyn eingetreten war, trug er ſeine Schuld an Herrn Drinkwater vollſtändig ab. Derſelbe ließ ſich an ſeiner urſprünglichen Forderung einen Abzug von ein paar tauſend Pfund gefallen denn, ſagte er, es liege ihm weniger an dem Gelde als an der guten Meinung eines ſo kunſtſinnigen Mannes wie Herrn Strathern und Papworth, deſſen Rath ſein Client bei dieſer Ge⸗ legenheit befolgte, ſchloß mit ihm einen Vertrag über unverweilte Vollendung von Strathernhouſe. Lord und Lady Delmington, jetzt Marquis und Marquiſe von Roehampton trafen zu gehöriger Zeit in Eng⸗ land ein und brachten ihren erſtgebornen, ein paar Monate alten Sohn mit. Die Geſundheitsumſtände 21* 324 des Marquis hatten ſich in Folge der Seereiſe die ihm von den Aerzten empfohlen worden war, be⸗ deutend gebeſſert und er begrüßte Strathern voll Wärme und Herzlichkeit. Aber wo gibt es ein ganz reines, ungetrübtes Glück? Der Marquis war mit Allem geſegnet was ein Leben genußreich machen kann, ihn plagte jedoch die Furcht, ſein Ungehorſam könnte die Tage ſeines Vaters abgekürzt haben und er flehte, wenn er ſein Kind betrachtete zum Him⸗ mel, die Sünde nicht an dieſem zu ſtrafen. Die Marguiſe, ein liebendes Weib, eine glückliche Mut⸗ ter ſah ſtrahlender und reizender aus als je und blieb ſo offen und natürlich wie ſie an dem Tag geweſen da Lord Delmington ſie, eine ſchüchterne, weinende Braut an den Altar geleitet hatte. Etliche Tage nach ihrer Ankunft in London machte der Kaplan des verſtorbenen Marquis, ein würdiger und frommer Mann, dem liebenswürdigen Paar ſeine Anfwartung und übergab dem Lord Roehamp⸗ ton einen kurzen Brief, welchen deſſen ſterbender Va⸗ ter am Tage vor ſeinem Tode geſchrieben. Er ſprach darin ſein aufrichtiges Bedauern aus, daß ihn ſeine eigene Härte des Troſtes beraube, den lieben Sohn noch zu ſehen ehe er die Augen für immer ſchließe und ertheilte ihm ſowohl als ſeiner Schwiegertochter in den zärtlichſten Ausdrücken ſeine Verzeihung und ſeinen Segen. Die Thränen, welche auf dieſes koſtbare Pfand der Vergebung und vä⸗ 325 terlichen Liebe fielen, bewieſen, welch' hohen Werth man ihm beilegte. Es träufelte lindernden Balſam in die verwundeten Herzen der jungen Eheleute; jetzt drückte ſie nicht mehr die Angſt vor dem Fluch eines Vaters und ſie fühlten ſich zum innigſten Dank dadurch bewegt, daß derſelbe noch zuletzt gün⸗ ſtigere Geſinnungen gegen ſie gehegt hatte. Ein paar Wochen darnach meldete die Morgen⸗ poſt, die über alle Vorgänge in der vornehmen Welt Bericht erſtattet, daß die Marquiſe von Mount⸗ ſerrat mit Gefolge in London angekommen ſei. Da der Marquis ohne Teſtament geſtorben und nie ein Heirathsvertrag abgeſchloſſen worden war, ſo ging ſeine Wittwe in größter Eile nach England um das Drittheil ſeiner Hinterlaſſenſchaft in Anſpruch zu nehmen auf welches ihr nach der Ausſage der Geſetzkundigen ein Recht zuſtand. Ihre Freude, ſich abermals frei zu ſehen, war ſehr groß. Nicht als hätten ihr die ehelichen Feſſeln die ſie zuletzt getra⸗ gen irgend welchen Zwang auferlegt, aber ſie be⸗ fürchtete immer, die Verſchwendung und Spielſucht ihres leichtſinnigen Gemahls könnten ihn trotz ſei⸗ nes großen Vermögens einmal doch in die Noth⸗ wendigkeit verſetzen ſich an ſie zu halten und oft zitterte ſie bei dem Gedanken an die Möglichkeit eines ſolchen Falls. Jetzt war ſie nicht nur dieſe Befürchtung los, ſondern ihr Eigenthum, ihr Ein⸗ kommen hatte ſich noch durch ihn vermehrt. Sie 326 betrachtete das wie ein halbes Wuuder, ſie erſchien ſich als ein wahres Glückskind und machte aus Dankbarkeit ihrer dame de compagme, der Frau Bernard ein Geſchenk von fünftauſend Pfund. Der Jungfer Juſtine gab ſie eben ſo viel. Herr Web⸗ worth, der ſich der Lady Mountſerrat zu Neapel und Paris dadurch nützlich gemacht hatte, daß er ihren Küchenzettel durchſah und jede andere Einla⸗ dung zum Eſſen ausſchlug, um bei ihr zu ſpeiſen, folgte ihr auch nach England. Als er hier erfuhr, wie ſehr ihr Vermögen zugenommen, gab er zu ver⸗ ſtehen, daß eine Vermehrung ſeiner Einkünfte für ihn ſehr wünſchenswerth und nothwendig wäre. „Ich habe ſchon an Sie gedacht,“ verſetzte die Marquiſe.„Wenn Sie die Weihe nehmen wollen, ſo kaufe ich Ihnen das Recht eine Pfründe anzu⸗ nehmen und mache Sie zu meinem Caplan, denn jede vornehme Dame hat wie ich höre, einen ſolchen.“ Webworth lehnte das Anerbieten ab und zeigte der Lady, aus welchen Gründen der Plan durchaus nicht ausführbar ſei. Darauf hin entſchloß ſie ſich ihm jährlich zweihundert Pfund auszuſetzen und ihn an ihrem Tiſch zu verköſtigen. Dieſes und das Jahrgeld was ihm ſein verſtorbener Freund Lord Fitzwarren früher ausgeworfen, machte es ihm mög⸗ lich, bequem und im Genuſſe der Leckereien zu leben 327 für welche er längſt der Achtung vor ſich ſelber entſagt hatte. „Nun, Juſtine, was ſagen Sie jetzt?“ fragte die Marquiſe.„Sie ſehen, meine Heirath iſt am Ende doch nicht ſo gar ſchlecht ausgefallen. Zuerſt brachte ſie mir einen hübſchen Titel und jetzt kommt noch ein ſchönes Vermögen.“ „Ich glaube Madame la Marquise verdient alles Glück in der Welt, denn kein Frauenzimmer iſt ſo freigebig, ſo aimable und ſo ſchön wie Sie. Das iſt auch die Anſicht des duc de Beauregard. Was für ein ſchöner Mann und wie verliebt iſt er in Madame la Marquise.“ „Glauben Sie wirklich, Juſtine, daß er mich recht lieb hat?“ „Ob ich es glaube, Madame la marquise? Er betet Sie ja an. Ah, le pauvre duc!“ „Das ſagt die arme Lady Sophie Wellerby auch. Ich bin überzeugt, Juſtine, daß ſie mir recht gut iſt, denn ſie gibt mir immer nur Angenehmes zu hören und macht mich ſtets ſo zufrieden mit mir ſelber.“ Ah, Madame la Marquise wird von ihr nur zum Beſten gehalten. Fräulein Sophie iſt ſehr falſch. Sie will blos den duc de Beauregard aus Ihrem Herzen verdrängen und ich kann ſie nicht leiden. Sie lacht über Madame la Marquise mit allen den vornehmen Engländern und Engländerinnen; ich habe 328 das von mehreren femmes de chambre gehört und die wiſſen es von den maitres d'hötels, welche dabei zugegen waren.“ „Ich kann nicht glauben was Sie mir da ſagen. Was könnte ſie auch an mir zu lachen finden?“ „Das behaupte ich précisément auch. Aber ſie erzählen mir ſolche ſpöttiſche und ſchlechte Sachen, daß ich ſie nicht widerholen möchte. Ich könnte Vieles überſehen, wenn ſie aber ſagt, Madame la Marquise ſei alt und häßlich und habe ein rothes Haar— ſo iſt das doch zu arg.“ „Was für ein heimtückiſches, undankbares Mäd⸗ chen und ſie ſtellt ſich an als hinge ſie ſo ſehr an mir.“ „Ach, Madame la Marquise müſſen nie mit Frauenzimmern de haute famille Freundſchaft ſchlieſ⸗ ſen; die ſind Alle neidiſch und mißbrauchen Sie.“ „Aber Juſtine, Fräulein Sophie hat mich doch ſchon ſo oft verſichert, daß ſie in der Welt Nie⸗ mand lieber habe als mich. Auch bin ich bei ihr in ſo viele Familiengeheimniſſe eingeweiht, daß ich nicht glauben kann ſie ſei falſch. Vielleicht ha⸗ ben die Dienſtleute gelogen mit denen Sie ſich von ihr unterhielten.“ „Ach, Madame la Marquise, Sie haben die reine Wahrheit geſprochen; das ſchlechte Mädchen hat ſich blos wegen der cadeaux, d. h. Geſchenke und we⸗ gen Ihres Geldes an Sie gemacht.“ 329 „Dann ſoll ſie auch nichts mehr von mir krie⸗ gen, und ihren Namen laſſe ich aus dem Teſtament ſtreichen, in welchem ich ihr Etwas verſchrieben . hatte, weil ſie immer darum herumredete.“ Dreizehntes Kapitel. Der Schiffer, den ſo Sturm als Gegenwind Und grimme Wogen fern vom Heimathſtrand Auf's unermeß'ne Meer hinaus verſchlagen,— Wie freut ſich der, wenn ihm die Lüfte lind Die Segel blähen und zum Vaterland, Zum unvergeßlichen, ſein Fahrzeug tragen! So auch wird jedem Menſchen wohl und leicht, Der ſich in langem Kampfe abgemüht Und umgetrieben auf der See des Lebens, Wenn ſich ein eigner Heerd von Weitem zeigt, Wenn er den langerſehnten Hafen ſieht Und näher kommt dem Ziele ſeines Strebens. Wie ſchmeckt die Ruhe nach Gefahr und Leiden, . Wie ſüß, im Glück noch Segen zu verbreiten! Wie gern auch Frau und Fräulein Sydney nach Sydney⸗Park zurückgekehrt wären, ſo wurden ſie doch in Folge ihrer neulichen Erbſchaft durch Geſchäfte, welche häufig ihre Anweſenheit in Lon⸗ don nöthig machten, davon zurückgehalten. Sie wollten lieber in Themſenheim bleiben, als ihren 330 Wohnſitz in der Hauptſtadt aufſchlagen, aber jede Woche fuhren ſie zwei⸗ oder dreimal dahin. Eines Tages äußerte Herr Wandsworth gegen Frau Syd⸗ ney, er habe am vorigen Tage eine ſeltſame Ent⸗ deckung gemacht. „Ich wußte Anfangs nicht, ob ich Ihnen davon reden ſollte, weil ich das Vertrauen zu verletzen fürchtete, das man mir geſchenkt hatte,“ ſagte der würdige Mann.„Aber gute Handlungen ſind ſo ſelten, beſonders ſolche, die im Geheimen verrichtet wer⸗ den, daß ſie wohl erzählt zu werden verdienen. Vor dem Tode des Herrn Sydney und während gerade übertriebene Gerüchte von der Noth um⸗ liefen, in welche Sie und Ihre Fräulein Tochter durch den Verluſt Ihrer Güter gerathen wären, beſuchte mich ein Herr und wollte eine beträchtliche Summe bei mir niederlegen, die Ihnen nach ſeiner Erklärung alljährlich zu gemeinſchaftlicher Verwen⸗ dung ausbezahlt werden ſollte. Ich wies natürlich das Anerbieten zurück und verſicherte ihn, daß Sie in Wahrheit durchaus keiner Unterſtützung bedürften. Darauf erſuchte er mich der Sache gegen Sie keine Erwähnung zu thun. Auch ſeinen Namen wollte er mir nicht anvertrauend, aber ſein Aeußeres und ſein Betragen war ſo einnehmeud, daß er einen ſehr günſtigen Eindruck bei mir zurückließ. Geſtern nun ſprach ich eben auf der Straße mit Herrn Pap⸗ worth, als der nämliche Herr mit einem anderen ———————————— 331 vorbeifuhr. Ich erkannte ihn gleich wieder und fragte Herrn Papworth, ob er mir ſeinen Namen ſagen könnte. „Das iſt der reichſte von meinen Clienten, Herr Strathern, der in letzter Zeit das große Beſitzthum des verſtorbenen Lords Argentyn geerbt hat,“ antwortete Herr Papworth. Iſt das der Herr, für den ich Ihnen kürzlich im Auftrag eines meiner Clienten ein Darlehen angeboten habe? fragte ich weiter. „Derſelbe,“ erwiderte er. „Und iſt denn Herrn Strathern wirklich ein ſo vbedeutendes Vermögen zugefallen?“ äußerte Frau Sydney. „Allerdings, Madame.“ „Das freut mich in der That für ihn, und zwar um ſo mehr, weil ich jetzt weiß, was er für gute und freundſchaftliche Abſichten gegen meine Tochter und mich ſelbſt hegte, da er glauben konnte, wir hätten ſeinen Beiſtand nöthig.“ „Ei, Madame, wir dürfen nicht vergeſſen, daß er mir jene bedeutende Summe für Sie übergeben wollte in einem Augenblick, da er ſelber in Geld⸗ verlegenheiten ſteckte. Papworth ſagt mir zwar, dieſelben ſeien nur vorübergehend geweſen; ſie muß⸗ ten ihm aber doch läſtig genug fallen, da ſie ihm Verdrießlichkeiten anderer Art und eine Verhaftung zuzogen.“ ——— 332 „Guter, gefälliger Strathern!“ rief Frau Syd⸗ ney,„wie vollſtändig rechtfertigt er die Meinung, welche ich mir von ihm gebildet habe! Ich danke Ihnen, Herr Wandsworth, für die Nachricht von ſeinem Beſuch bei Ihnen und deſſen Veranlaſſung. Solche Handlungen darf man denen nicht vorent⸗ halten, welchen ſie hätten zu gut kommen ſollen.“ Nach dem Weggang des Herrn Wandsworth ging Frau Sydney zu ihrer Tochter hinunter in den Garten und erzählte ihr Alles, was ſie eben erfahren. Louiſens Geſicht wurde dabei hochroth, aber ſie bemerkte nichts über die edelmüthige Ab⸗ ſicht, die Strathern zu ihrem und ihrer Mutter Gunſten hatte ausführen wollen. „Iſt es nicht recht freundlich von ihm, daß er ſo an uns denkt?“ fragte Frau Sydney, welche das Schweigen ihres Kindes etwas unangenehm berührte. „Es überraſcht mich nicht,“ gab ſie zur Ant⸗ wort.„Der Mangel an Evelſinn gehört nicht zu den Fehlern des Herrn Strathern. Daß er zu dem Vermögen gelangt iſt, freut mich herzlich, denn er würde bei ſeinen Geſinnungen mit be⸗ ſchränkten Mitteln nicht glücklich ſein, nachdem er ſo lange in großartigen Verhältniſſen gelebt hat.“ Es iſt ſonderbar, aber es war Louiſen nicht angenehm zu hören, daß ihr einſtiger Geliebter ein ſo gewaltiges Vermögen beſäße. Nicht als 333 hätte ſie ihm nicht alles Gute gewünſcht; aber ſo lange ſie ihn für arm hielt und meinte, er habe von Seiten ungeſtümer Gläubiger Demüthigungen jeder Art zu leiden und werde von Noth heimge⸗ ſucht, erſchien es ihr gerechtfertigt, daß ſie ihm Mitleid und Theilnahme ſchenkte; denn ſie redete ſich ein, der Grund davon ſei blos das Mitgefühl, obſchon jene Empfindungen in der Wirklichkeit aus einer weit zarteren Quelle entſprangen. Jetzt aber voten Stratherns Geldverlegenheiten keine Entſchul⸗ digung mehr für das ungemeine Intereſſe, das ſie noch kürzlich an ihm genommen, der Zuſtand ihres Herzens wurde ihr deutlicher als je und es that ihr leid, daß ſie in Zukunft keine Ausrede mehr finden könnte, um beſtändig an ihn zu denken, wenn ſie allein war oder um mit ihrer Mutter von ihm zu reden. Denn das war ſeit einiger Zeit ihre Gewohnheit und es hatte ihr insgeheim nicht wenig Freude gemacht. Nein, der reiche Strathern konnte fürder keinen Gegenſtand ihres Mitleids abgeben und folglich mußte auch ſein Name aus ihren Ge⸗ ſprächen verbannt bleiben. Frau Sydney errieth mit dem Scharfblick und der finesse einer Frau, was in der Seele ihrer Tochter vorging, die letz⸗ tere aber ſaß ſchweigend und nachdenklich da und nahm ein heftiges Kopfweh zum Vorwand, dafür, daß ſie ſo wenig ſpreche. Damit ſucht man ja immer die Niedergeſchlagenheit zu bemänteln. Ob 334 Louiſe es aber gleich vermied von Strathern zu reden, konnte ſie ihn doch nicht aus den Gedanken bringen, vielmehr mußte ſie ſich nach einer beinahe ſchlafloſen Nacht geſtehen, daß er ſie als reicher„ Mann eben ſo ſehr beſchäftigte, als da er arm geweſen war. Gar zu gerne hätte ſie gewußt, wo ſich jetzt das ſchöne, aber verdorbene Frauen⸗ zimmer aufhielt, mit der ſie ihn zu Como verlaſſen und doch ärgerte ſie ſich gleich darauf, daß ſie auch nur einen einzigen Gedanken einer ſo unwürdigen Perſon zugewendet. Was konnte ihr daran liegen, wo jene war? Nichts, gar nichts. Deſſenungeachtet hätte ſie Tauſende darum gegeben, zu erfahren, ob Strathern der unſittlichen Verbindung entſagt habe. Sie wünſchte es blos um ſeinetwillen— ſo bere⸗ dete ſie ſich wenigſtens, denn es konnte ihr ja gleich⸗ gültig ſein, wie ſie ſich immer auf's Neue wiederholte. Wie unangenehm war es, daß ſie ſich ſeiner nie⸗ mals erinnern konnte, ohne daß ſich das verhaßte Andenken an das Frauenzimmer mit der Vorſtellung verband. Und doch, wie ſchön war ſie. Man durfte ſich nicht wundern, daß Strathern von einem ſolch reizenden und verführeriſchen Aeußeren hin⸗ geriſſen wurde. Welcher Mann hätte da wider⸗ ſtehen können, wo ſie— ein Weib und ein eifer⸗ ſüchtiges Weib, wie ſie ſich im geheimſten Winkel ihres Herzens geſtand,— wo ſie zugeben mußte, daß ſie nie zuvor ſolch' liebliche Züge geſchaut. 335 Derartige Betrachtungen ſind wenig geeignet,„den balſamiſchen Schlaf, welcher der müden Natur wieder aufhilft,“ herbeizuführen, und die Strahlen der herbſtlichen Sonne ſchienen hell in die Fenſter, als Louiſe Sydney erſt die müden Augen zum Schlummer ſchloß. Aber auch ſo noch kamen in ihren Träumen die ſchmerzlichen Gedanken vor, die ſie im Wachen beſchäftigt hatten. Wiederum glaubte ſie die Schöne, die ihre Eiferſucht erregte, vor ſich zu ſehen; dieſelbe lehnte ſich auf Stratherns Arm und dieſer ſchien ſo ganz in ihren Anblick verſun⸗ ken, daß er die Anweſenheit ſeiner Verlobten gar nicht beachtete. Louiſe fuhr empor von ihrem Kiſ⸗ ſen, rieb ſich die Augen und meinte beinahe die beiden Perſonen vor ihrem Bett zu erblicken, von denen ſie geträumt.„Es war blos ein Traum,“ murmelte ſie,„aber ach, ein recht trauriger. önnte ich nur die Frau mir aus dem Kopfe bringen!“ Lord und Lady Roehampton drangen ſo ſehr in Strathern, ſie nach Schloß Roehampton zu be⸗ gleiten, daß er zuletzt ihren Bitten nachgab. Er fand in ihrer Geſellſchaft das einzige Gegengift für die Betrübniß, die ihm auf der Seele laſtete, und ſein Gram wurde nicht blos durch die herbe Täuſchung erzeugt, die er in ſeiner Liebe erfahren, ſondern auch durch die Kenntniß der Welt, welche ihm ſeine kürzlichen Verlegenheiten aufgedrungen hatten. Die Binde, welche bis daher die düſtere Wirklichkeit des Lebens vor ihm verdeckt hielte, und die Unbeſtändigkeit und Liebloſigkeit der Menſchen in Schatten ſtellte, war ihm durch die rauhe Hand des Unglücks für immer von den Augen gezogen worden. Dieſer ernſte Mahner hatte ihn zwar nur eine kurze Zeit heimgeſucht, aber die Erfahrungen, die er gemacht, waren nicht von der Art, daß ſeine natürliche Munterkeit ſich ſo bald wiederher⸗ zuſtellen vermochte, und dann lag noch ein anderer, ſtärkerer Grund zur Niedergeſchlagenheit für ihn in dem unerklärbaren Benehmen des Mädchens, die er noch immer ſo zärtlich liebte. Die Anhänglich⸗ keit zweier Weſen, wie Lord Roehampton und ſeine Gemahlin, war ein Balſam für ſein Herz. Vom lebhafteſten Danke für ſeine brüderliche Aufmerk⸗ ſamkeit und unbegränzte Freigebigkeit gegen ſie er⸗ füllt, überhäufte ihn das liebenswürdige Paar un⸗ aufhörlich mit den zarteſten Beweiſen ihrer Neigung und für eine Weile vergaß er die eigenen Sorgen über der Freude, die es in ihm erregte, als er ihren Empfang auf Schloß Roehampton und ihre häusliche Seligkeit mit anſah. Die Großartigkeit ihres ſtattlichen Edelſitzes, die Achtung und Ehr⸗ erbietung, mit der ſie von dem hohen und niederen Adel der Nachbarſchaft behandelt wurde, brachte keine Veränderung in der ſchlichten und anſpruchs⸗ loſen Frau hervor. Sobald es der Anſtand er⸗ ———— ————— 2————. 337 laubte, erſchienen nach ihrer Ankunft die Beſuche haufenweiſe, aber das Glück der Lady Roehampton beſtand blos in ihrem Mann und ihrem Kinde. Sie ward nicht geblendet von dem Flimmer und Glanz des Reichthums und hohen Rangs, ſondern bewies in jeder Stunde, mit jeder Handlung ihres Lebens, daß die Liebe und allein die Liebe ſie bewogen hatte, den Erben der fürſtlichen Wohnung und der ausgebreiteten Beſitzungen zu heirathen, in denen ſie jetzt als glückliche und verehrte Gebieterin ſchal⸗ tete. Ihr zärtlicher Gatte war ſtolzer auf ſie, als auf all' ſein übriges Eigenthum. Er gewahrte, wie ſchnell die ungekünſtelte Sanftmuth ihres Be⸗ tragens das Vorurtheil derer beſiegte, welche früher geglaubt hatten, eine vollſtändige Standesgleichheit ſei zu ehelichem Glück ein nothwendiges Erforder⸗ niß, er bedauerte mit Seufzen, daß ſein Vater nicht am Leben geblieben war, um das ſanfte und liebenswürdige Weib kennen zu lernen, die ſich ihm als eine ſo folgſame Tochter erwieſen haben würde. Aber er tröſtete ſich, denn er hatte völlige Ver⸗ zeihung für die einzige Handlung des Ungehorſams erhalten, die er ſich je gegen ihn hatte zu Schulden kommen laſſen. Es gewährte einen freundlichen Anblick, wenn man die jungen Eheleute betrachtete, die ein ſo wonniges Leben führten und ſich ſo eifrig bemühten, Glück um ſich her zu verbreiten. Jeden Tag geſchahen Schritte für Förderung des Unter⸗ Strathern 1v. 22 338 richts und des Wohles der Armen. Schulen wur⸗ den errichtet, Armenhäuſer geſtiftet und mit weiſem Bedacht an Einzelne beſondere Almoſen geſchenkt. Oft fiel Strathern ein, welche Freude es ihm ge⸗ macht haben würde, wenn er Louiſen, die er trotz Allem, was vorgefallen war, noch immer gern ſeine Louiſe nannte, durch die Bande der Freundſchaſt mit der liebenswürdigen, trefflichen Lady Roehampton ver⸗ knüpft geſehen hätte. Der Herzog von Nevillecvurt und ſeine Gemahlin, die nächſten Nachbarn an Schloß Roehampton, waren von der gewinnenden Anmuth der Marquiſe ſo bezaubert, daß ſich bald ein ver⸗ trauter Verkehr zwiſchen beiden Familien herſtellte und ſie oft zuſammen ſpeiſten. Lord Roehampton und ſeine Frau nebſt ihrem Gaſt nahmen daher eines Tags eine Einladung zum Eſſen nach Ne⸗ villecvurt an und wollten daſelbſt mit etlichen Leu⸗ ten von Stande zuſammentreffen, die ſich ebenfalls in der Umgegend aufhielten. Bei ihrer Ankunft fanden ſie die Geſellſchaft in der Bibliothek ver⸗ ſammelt und nach den erſten Begrüßungen wandte ſich Lady Donnington, die Beſitzerin eines hübſchen Landſitzes in der Entfernung einiger Meilen, an Lady Roehampton mit den Worten:„Meine liebe Lady, Sie müſſen mir erlauben, daß ich Ihnen zwei meiner theuerſten Freundinnen vorſtelle, die erſt geſtern zu mir gekommen ſind;— Lady Roe⸗ hampton, Frau und Fräulein Sydney.“ — — 339 Mutter und Tochter ſtutzten und waren auf's Aeußerſte überraſcht, als ſie in der ſchönen Dame vor ihnen das wohl bekannte Geſicht der Begleite⸗ rin Stratherns im Coliſeum erkannten. Auch Lady Roehampton erinnerte ſich wieder des Fräuleins Sydney; die, um es gelinde auszudrücken, uner⸗ klärliche Kälte des jungen Mädchens bei ihrem Zuſammentreffen in Como kam ihr alsbald wieder zu Sinn und gab ihrem Benehmen eine Blödig⸗ keit, welche in Verbindung mit der ſichtbaren Verwunderung der Frau und des Fräuleins Syd⸗ ney die Lady Donnington etwas in Verlegenheit brachten. Während dies in der einen Ecke der weitläu⸗ figen Bibliothek vor ſich ging, war Strathern nach einer Verbeugung gegen die Herzogin zu einigen Männern getreten, um mit ihnen zu reden. Jetzt kam er vorwärts und wer kann ſein Staunen aus⸗ drücken, als er Louiſen Sydney und ihre Mutter erblickte. Das Geſicht der letzteren ſchien Strah⸗ len von ſich zu werfen, eine ſo helle Röthe über⸗ deckte ihre Wangen und ihre Augen funkelten, als ſie den ſeinen begegneten. Er ſtand ganz beſtürzt da und war unſchlüſſig, ob er näher treten ſollte; aber Frau Sydney lächelte und verbeugte ſich gegen ihn mit ſo viel Freundlichkeit, daß er auf ſie zu⸗ ſchritt und ihre dargebotene Hand ergriff. Auch Louiſe reichte ihm zitternd vor innerer Erregung 22* — die ihre und als er ſie erfaßte, klopfte ihm das Herz vor Entzücken. „Das iſt wahrhaftig eine ganz unerwartete Freude,“ ſagte Frau Sydney.„Wir kamen erſt ⸗ geſtern auf Beſuch zu meiner Verwandten, der Lady Donnington, und fanden bei ihr eine Einladung, derzufolge wir ſie heute hieher zum Eſſen begleiten ſollten, denn die Herzogin von Nevillecourt iſt eine alte Freundin von mir. Sie halten ſich wahr⸗ ſcheinlich in der Nachbarſchaft auf?“ „Ja, ich bin ſeit einiger Zeit zu Beſuch bei meinem Freund Lord Roehampton und ſeiner Ge⸗ mahlin, deren Schloß blos ein paar Meilen von hier liegt.“ Wie aufmerkſam horchte Louiſe dem Geſpräch zu, das jetzt zwiſchen ihrer Mutter und Strathern Statt fand. Daß das unvergeßliche Frauenzim⸗ mer, die ſie im Coliſeum und zu Como geſehen, in der Geſellſchaft anweſend und ihr durch Lady Donnington als die Marquiſe von Roehampton vorgeſtellt worden war, bewies den ſeltſamen und 2 ſchrecklichen Irrthum, in welchem ſie bisher befangen geweſen ſein mußte. Und wenn dem ſo war, wie großes Unrecht hatte ſie dann Strathern angethan. Lange, kummervolle Monate hatte ſie durchgemacht und wenn ſie ihren Geliebten in einem ungerechten Verdacht gehabt hatte, wie das nach ihrer Anſicht„ nicht wohl anders ſein konnte, ſo war er zu tadeln, e———. 341 daß er insgeheim mit der Lady Roehampton um⸗ ging und ihr ſogar nichts davon mittheilte. Wie viel Jammer wäre beiden erſpart worden, wenn er ſich offen und vertrauensvoll gegen ſie ausge⸗ ſprochen haben würde. Warum aber trat er mit der Frau in ein geheimes Einverſtändniß? Was konnte ihn zu einem ſolchen ſeltſamen Betragen vermögen?“ Solche Gedanken ſtiegen in Louiſen Sydney auf, während ſie mit pochendem Herzen jedem Worte lauſchte, das von Stratherns Lippen kam. Nie klang die lieblichſte Muſik ſo ſanft in ihren Ohren, als der Ton ſeiner Stimme. Sie vergaß, daß ſie von Fremden umgeben und daß noch für nichts eine Erklärung gegeben war; ſie freute ſich blos, daß ihr Geliebter wieder mit der Mutter in der Weiſe erneuerter Freundſchaft ſich unterhielt. Wenn aber dieſes unerwartete Zuſammentreffen Louiſen überraſchte und entzückte, was mußte Strathern empfinden? Er ſtaunte zuerſt über die Aufnahme, die ihm von Mutter ſowohl als Tochter zu Theil wurde, aber bald ſchwamm er in einem Meer von Wonne. Was konnte dieſe glückliche, nie geahnte Veränderung herbeigeführt haben? Hat⸗ ten ſie entdeckt, daß ihm Unrecht geſchehen war und bereuten ſie jetzt ihre Ungerechtigkeit und Grau⸗ ſamkeit? Ja, ſo mußte es ſein, und wie ſtolz er auch von Haus aus war, er ſah an ſeinem über⸗ ſchwänglichen Vergnügen über ihre wiedererlangte Neigung, daß er trotz Louiſens früherer Härte noch immer mit ganzer Seele an ihr hing, daß er ihr vergeben und allen Kummer vergeſſen könnte, den er ſo viele, viele Monate ertragen hatte. „Wie lange iſt Lord Roehampton verheirathet?“ fragte Frau Sydney. „Seit vierzehn oder fünfzehn Monaten,“ er⸗ wiederte Strathern. „Alſo war er ſchon verheirathet, wie er durch Rom kam?“ fuhr Madame Sydney fort.„Hat ihn ſeine Gemahlin damals begleitet?“ ₰ „Ja, aber da ihre Verbindung eine geheime und von ſeinem Vater, einem harten und ſtrengen Mann, noch nicht anerkannt war, ſo ſtand es mir nicht frei davon zu ſprechen. Man mußte doch dem Vater zuerſt die nöthigen Eröffnungen machen.“ „Jetzt iſt mir Alles klar,“ verſetzte Frau Syd⸗ ney.„Wollte Gott, Sie hätten mir damals das Geheimniß anvertraut.“ In dieſem Augenblick wurde gemeldet, das Eſſen ſei aufgetragen, und es entſtand eine allge⸗ meine Bewegung. Strathern hielt ſich neben Loui⸗ ſen, die vor freudiger Beklommenheit bebte und empfand, daß ſie ihn nie ſo zärtlich geliebt hätte, wie eben jetzt. Sie kannte nunmehr die Ungerech⸗ tigkeit ihres früheren Argwohns; ſie fühlte ſich zum— innigſten Danke verpflichtet für die aufrichtige und 343 unwandelbare Neigung, welche gegen eine ſolche üble Behandlung von ihrer Seite und trotz dem Stand hielt, daß er ſich nicht einmal eine Veran⸗ laſſung dazu denken konnte. Er ſtand neben ihr, ſeine Augen ſtrahlten dieſelbe Liebe, wie ſonſt, und jeder Blick bewies, daß er bereit ſei die Gelübde zu erneuern, welche ihr Stolz, ihre Eiferſucht ge⸗ brochen hatte. Ihr Geſicht ſpiegelte ſo deutlich ab, was in ihrem Herzen vorging, daß es Strathern wagte ihr ſeinen Arm anzubieten, um ſie in die salle à manger zu führen. Sie nahm das Aner⸗ bieten mit Zuvorkommenheit auf und wie er ihren ſchneeweißen Arm in dem ſeinigen zittern fühlte, konnte er ſich nicht enthalten, ſo leiſe, daß nur ihr Ohr es vernehmen konnte, zu fragen,„darf ich hoffen?“ „Ja, theuerſter Heinrich, aber Du haſt ſo viel zu verzeihen,“ lautete die Antwort, und Strathern drückte zärtlich den ſchönen Arm, der auf dem ſei⸗ nigen lag. Wie verlangte es den Liebenden ſich ſeiner angebeteten Louiſe zu Füßen zu werfen und ihr für das beſeligende Geſtändniß zu danken. Er ſchien auf Wolken zu ſchweben. Sein Herz drohte zu zerſpringen. Mochte die Entfremdung, die ihm ſo lange das Leben verbittert, eine Urſache haben, welche ſie wollte, das war jetzt Alles vorbei und Louiſe, ſeine heiß geliebte, ſeine ſchöne Louiſe wollte bald die ſeinige werden. Er hatte nur Augen und 344 Ohren für ſie und Lord Roehampton wie ſeine Gemahlin und Frau Sydney, die ſich häufig nach ihm und ſeiner Nachbarin umſahen, bemerkten mit Vergnügen den heiteren und lebendigen Ausdruck ſeines Geſichts. „Erlaubſt Du mir, daß ich morgen früh zu Lady Donnington komme, meine Theure?“ fragte der fröhliche Liebhaber.„Ich habe Dir tauſend Dinge mitzutheilen.“ „Und ich, Heinrich, ſehne mich Dir zu ſagen, wie Unrecht ich Dir gethan habe und wie ſehr ich es bereue.“ Nie wurde einer guten Mahlzeit ſo wenig Ehre angethan, als der des Herzogs von Nevillecourt durch Louiſe Sydney und Strathern. Um ihre Bewegung zu verbergen, thaten ſie, als ob ſie äßen, ſie waren aber zu aufgeregt, um nicht allen Appetit zu verlieren und ließen die Gerichte weg⸗ tragen, ohne zu wiſſen, was für Leckerbiſſen ſie vor ſich gehabt hatten. Als ſich die Damen in das Geſellſchaftszimmer entfernten, näherte ſich Louiſe Sydney mit großer Schüchternheit der Lady Roehampton.„Ich weiß, daß ich alle Urſache habe, mich gegen Sie zu ent⸗ ſchuldigen, verehrteſte Frau,“ ſagte ſie mit ihrem freundlichſten Lächeln,„wegen eines anſcheinend un⸗ dankbaren und unartigen Betragens, als Sie am Comerſee ſo gütig waren, mich wieder zum Leben ———— 345 bringen zu helfen. Ich bitte Sie dafür um Ver⸗ gebung. Ich war damals höchſt unglücklich— hatte viel Angſt und Elend ausgeſtanden und wußte kaum, was ich that. Sein Sie großmüthig und laſſen Sie mir Ihre Verzeihung zu Theil werden.“ Dabei hielt ſie der Lady Roehampton die Hand hin und dieſe gab, indem ſie ſolche erfaßte, zur Antwort:„Ach, liebes Fräulein Sydney, ich will Ihnen Alles verzeihen, wenn Sie mir verſprechen, den beſten und theuerſten Freund, den ich und mein Mann beſitzen, ſür all den Kummer zu entſchädi⸗ gen, den Sie ihm gemacht haben. Wären Sie Zeuge davon geweſen, wie wir, ſo würden Sie anerkennen müſſen, daß er ein eben ſo treuer und ergebener Liebhaber iſt, wie er ſich uns als Freund erwieſen hat.“ Eine in ſo natürlicher Weiſe begonnene Unter⸗ haltung mußte bald zu einem vollkommenen Ein⸗ verſtändniß zwiſchen den zwei reizenden Frauenzim⸗ mern führen. Beide beſaßen viel Hochherzigkeit und, was man fagt, Sinn für's Romantiſche, Jede verſtand alsbald die Andere und fühlte dem Herzen eine Freundſchaft entkeimen, die blos der Zeit be⸗ durfte, um reif zu werden und Früchte zu bringen. Als die Herren ſich wieder mit den Frauenzimmern vereinigten— und Strathern zählte die Sekunden, bis es geſchah— war er ſehr erfreut ſeine ange⸗ betete Louiſe mit Lady Roehampton in einem ſo 346 freundſchaftlichen Geſpräch begriffen zu finden, als wären ſie alte und vertraute Bekannte. Lord Roe⸗ hampton trat ebenfalls zu ſeiner Gattin und wurde von derſelben alsbald dem Fräulein Sydney vor⸗ geſtellt. Er erwies ihr aber weit weniger Auf⸗ merkſamkeit, als die Marquiſe wünſchte, und da ſie ſah, daß Louiſe jetzt ganz von Strathern in Anſpruch genommen wurde, flüſterte ſie ihrem Ge⸗ mahl in's Ohr:„Fräulein Sydney iſt ein köſtliches Mädchen und ich bin ganz und gar für ßie ein⸗ genommen.“ „Das iſt ſo Deine Art, Marie, immer denkſt Du von Jedermann das Beſte; aber ich kann ihr nicht ſo geſchwind vergeben und vergeſſen, wie un⸗ glücklich ſie den wackerſten Menſchen von der Welt, den treueſten Freund gemacht hat.“ „Sie ſagt mir, ſie ſei damals äußerſt elend geweſen, Lieber.“ „Ich weiß nicht, was daran; aber ſie hat es wahrhaftig verdient, da ſie den edelſten Mann, der je gelebt hat, ſo quälen konnte.“ „Thn es mir zu Liebe und mach kein ſo finſte⸗ res Geſicht,“ verſetzte Lady Roehampton und legte ihr weißes Händchen auf den Arm ihres Gatten. „Du wirſt ihr gewiß gut, Lieber, denn ich fühle mich ſchon ganz zu ihr hingezogen; und das mußte wohl ſo kommen, da ſie ja, wie ich überzeugt bin, — 347 in Kurzem die Frau unſeres beſten Freundes ſein wird.“ „Du machſt mit mir gerade, was Du willſt, Marie, ich muß mir alſo, ob ich will oder nicht, unſere neue Freundin ſchon gefallen laſſen.“ „Fräulein Sydney, da Sie ſo gütig gegen mich geweſen ſind, ſo muß ich Sie bitten auch meinem Mann gegenüber zu überſehen, daß er erſt ein neuer Bekannter iſt,“ ſagte Lady Roe⸗ hampton, zu Louiſen gewendet, die ſchon wieder in ein eifriges Geſpräch mit ihrem Geliebten ver⸗ tieft war. Strathern ſchaute ſeelenvergnügt drein, Lord Rvoehampton ſchrieb mit Recht dieſe Veränderung dem guten Einverſtändniß zu, welches jetzt offenbar zwiſchen ſeinem Freunde und Fräulein Sydney Statt fand. Er bemerkte gegen die letztere, in⸗ dem er lächelnd auf Strathern wies:„Sie be⸗ ſitzen die Gabe traurige Menſchen in fröhliche zu verwandeln, in ſo wunderbarem Maße, daß ich mich beinahe fürchte, einer ſo gefährlichen Perſon nahe zu kommen.“ „Ich habe nie gewußt, daß Du ſo zur Trau⸗ rigkeit geneigt biſt,“ erwiederte Strathern.„Iſt es aber der Fall geweſen, ſo mußt Du zugeben, vaß die Verwandlung ſehr zu wünſchen war.“ „Es machte mich traurig genug in Italien, wie ich ſah, daß Du beinahe drauf und dran warſt, —8- Dich zu hängen,“ verſetzte Lord Roehampton etwas boshaft;„auch glaube ich nicht, daß eine Zauberin damals im Stande geweſen wäre, mich luſtig zu machen.“— Dieſe ungekünſtelte Sprache bewies ſo deutlich, welchen Kummer ſie ihrem Geliebten bereitet hatte, daß Louiſe davon ſelbſt zu der Zeit gerührt wor⸗ den wäre, da ſie ihn noch für treulos und ſchuldig hielt. Jetzt aber, da ſie wußte, daß ihm durchaus nichts gegen ihre Liebe oder ſie ſelber zur Laſt ge⸗ legt werden konnte, wurde ſie davon ſo ergriffen und ſo weich geſtimmt gegen ihn, daß ihr Thrä⸗ X nen in die ſchönen Augen ſtürzten. Strathern hätte ſie gerne weggeküßt; Lady Roehampton drückte mit weiblichem Zartgeſühl der neuen Freundin die Hand und ſagte leiſe:„Sie müſſen es meinem Mann nicht übel nehmen, er hält ſo große Stücke auf Herrn Strathern, daß er es nicht leiden kann, wenn Jemand auch nur meint, er könnte etwas Un⸗ rechtes thun.“ „Ich ſehe, daß Sie es mir ebenſo gut anthun,* wie meiner Frau und Strathern,„äußerte der Marquis, dem die Thränen in den Augen des Fräu⸗ leins Sydney nahe gingen.„Ich weiche auch,“ ſetzte er mit einer Verbeugung hinzu,„der Gewalt dieſer ſchönen Dame und bitte um die Gunſt, die Hand berühren zu pürfen, welche den Zauberſtab— mit ſo viel Anmuth ſchwingt.“ 349 Louiſe bot ihm die Hand mit rückhaltsloſer Herzlichkeit und er drückte ſie an ſeine Lippen. Frau Sydney hatte auf Alles genau Acht ge⸗ geben, was in dem kleinen Kreiſe vorging, an dem ſie ſo innigen Antheil nahm und miſchte ſich jetzt in deſſen Unterhaltung. Lord Roehampton war ſehr erfreut, als er erfuhr, daß ſie eine vertraute Freundin der theueren Mutter geweſen, deren An⸗ denken er ſo hoch hielt und drang in ſie, wie in ihre Tochter, ſeine Gemahlin zu beſuchen. „Kaum wage ich an meine jetzige Seligkeit zu glauben,“ ſagte Strathern zu Frau Sydney.„Ein⸗ mal glaubte ich an der Quelle der Seligkeit zu ſitzen, da machte mich ein Geſinnungswechſel, den ich mir nicht zu erklären wußte und den ich nach meiner Ueberzeugung nicht verdient hatte, zum elen⸗ deſten der Menſchen. Darf ich jetzt, verehrteſte Frau, noch einmal mich der Hoffnung überlaſſen, daß das Glück, das ich jetzt ahne, dauernd ſein und noch größete Freuden in ſeinem Gefolge haben werde?“ „Wir haben uns ſelber mancherlei vorzuwerfen, lieber Herr Strathern,“ lautete die Antwort,„und Sie müſſen uns Vieles vergeben. Wir hätten niemals an Ihnen zweifeln ſollen, und wenn uns der Schein Urſache zum Argwohn gab, ſo war es unſere Fflicht, Ihnen offen zu ſagen, was wir gegen Sie hatten. Ich muß es nach dem Gram, den es meinem Kinde 350 bereitet hat, für einen unheilvollen Zufall anſehen, daß Sie von uns fort zu Lord Delmington gingen, um mit ihm zu ſpeiſen und daß wir Sie téle-à-téte mit einem Frauenzimmer von ausnehmender Schön⸗ heit erblicken mußten, während wir im tiefen Schat⸗ ten eines der Eingänge ſtanden und daher von Niemand gewahrt werden konnten. Wir bemerkten, wie Sie ihr ins Geſicht ſchauten, wir hörten, wie ſie fragte, ob ſie ſich auf Sie verlaſſen dürfe, und es entging uns nicht, daß Sie ſich verpflichteten, tren und beſtändig an ihr halten zu wollen. Da bemächtigte ſich unſer der ſchrecklichſte Argwohn. Ich kann Ihnen nicht ſagen, wie elend ſich Louiſe fühlte. Umſonſt bat ich ſie mich Ihnen eröffnen zu laſſen, was wir geſehen und gehört hätten und wie bekümmert wir deshalb wären. Sie gab es nicht zu, ſondern blieb immer darauf, daß Sie am ande⸗ ren Tage ſchon Auskunft geben würden über den Vorfall, der uns ſo ſehr beunruhigt und geängſtigt hatte, wenn nichts Unrechtes darin läge. Aber leider kamen Sie gar nicht darauf zu reden und dies be⸗ ſtärkte ſie in ihren Befürchtungen. Den folgenden Morgen kam Herr Rhymer und erzählte uns, er habe Sie in der St. Peterskirche mit einem ſehr ſchönen Frauenzimmer getroffen, Sie hätten ſich aber geweigert, ihn ihr vorzuſtellen. Dieſer Um⸗ ſtand, in Verbindung mit Ihrer Verſchloſſenheit, ließ uns keinen Zweifel darüber, daß die Perſon, 351 mit welcher Sie geſehen worden waren, von der Art ſein müßte, daß Sie Urſache hätten, ihrer ge⸗ gen uns nicht zu erwähnen. In dem hierdurch hervorgerufenen Gemüthszuſtand drang meine Tochter in mich, ohne Verzug Rom zu verlaſſen und nach der Mittheilung des Herrn Rbymer entſchloß ſie ſich, nie mehr mit Ihnen zuſammenkommen zu wollen. An dem Morgen, da wir von Rom ab⸗ reiſten, zeigten Sie ſich auf der Straße, und daß dies zu ſolcher Stunde und in dem Anzug vom Abend vorher geſchah, diente natürlich nur dazu, um noch mehr in der vorgefaßten Meinung zu beſtärken. Die Verzweiflung meiner Tochter wurde volſſtändig, als Sie zu Como abermals in Geſellſchaft derſelben Dame auftraten. Sie hat viel und ſchwer gelit⸗ ten und wenn ich auch geſtehe, daß Sie Urſache haben, ſich durch unſeren ungerechten Argwohn und durch den Mangel an Offenheit beleidigt zu füh⸗ len, der uns abhielt, Ihnen Alles zu eröffnen, ſo bedenken Sie wenigſtens, daß Sie durch Ihr eige⸗ nes Benehmen Veranlaſſung dazu gaben. Warum haben Sie uns den Namen der Dame verheimlicht, mit welcher Sie geſehen worden waren!?“ „Sie haben Recht; ja, ich ſehe es wohl ein. Ich durfte die Eröffnung meines Freundes Del⸗ mington nur annehmen, wenn er mir erlaubte, da⸗ von gegen meine Verlobte Gebrauch zu machen. Wie viel Widerwärtigkeiten wären uns erſpart ge⸗ 352 blieben, verehrteſte Frau Sydney, wenn Sie mir geſagt hätten, daß Sie mich im Coliſeum geſehen. In dieſem Fall würde ich Delmington erklärt ha⸗ ben, ich wolle mich Ihnen anvertrauen. Aber er war damals ſo krank, daß ich an ſeinem Aufkom⸗ men zweifelte. Er bat mich, ſeine Frau im Coli⸗ ſeum und in der St. Peterskirche herumzuführen, während er ſelber am Eingang beider Orte in ſei⸗ nem Wagen zurückblieb. Dieſelbe Nacht noch platzte ihm ein Blutgeſäß in der Bruſt, ich wachte bei ihm und kehrte an dem Morgen, da ich Sie von Rom abreiſen ſah, eben nach Hauſe zurück. Sein ſchlimmer Huſten dauerte fort und ſo fügte ich mich ſeiner Bitte, ihn nach Como zu begleiten.“ „Wo Sie meinem Kinde das Leben retteten,“ ſetzte Frau Sydney hinzu.„Ach, für wie undank⸗ bar, für wie gefühllos müſſen Sie uns gehalten haben!“ „Gott ſei Dank, es ſind ja jetzt alle Mißver⸗ ſtändniſſe für alle Zeit vorüber,“ verſetzte Stra⸗ thern,„und ich darf mich wieder meinen Gedanken an Glück überlaſſen. Wollen Sie, verehrteſte Frau, in Betracht alles deſſen, was ich gelitten habe, Ihren Einfluß bei meiner angebeteten Louiſe verwenden und ſie beſtimmen, daß ſie einwilligt, ſo bald als möglich die Meinige zu werden. Ehe das Mißverſtändniß eintrat, welches unſere Verbin⸗ dung hinderte, hatten Sie mir, wie Sie noch 353 wiſſen werden, die Auoſicht eröffnet, meine Geliebte gleich nach unſerer Ankunft in England an den Traualtar führen zu dürfen. Verſprechen Sie mir jetzt, daß Sie ihr zureden wollen, meine Prüfungs⸗ zeit abzukürzen, und beglücken Sie mich mit ihrer Hand, ſobald die Heirathsverträge in Ordnung ge⸗ bracht werden können.“ „Das verſpreche ich Ihnen,“ erwiderte Frau Sydney,„denn wir ſind Ihnen eine Entſchädigung ſchuldig für unſern ungerechten Argwohn.“ Süße Thränen weinte Louiſe Sydney in die⸗ ſer Nacht am Buſen der zärtlichen Mutter, ehe ſie ſich zu Bette legte.„Hätte ich deinem Rathe ge⸗ folgt, wie viel Jammer wäre uns allen erſpart ge⸗ blieben, Du biſt nicht ſo ungerecht gegen ihn ge⸗ weſen, als ich, Du wollteſt ihm zu wiſſen thun, daß wir ihn im Coliſeum geſehen hatten und ihm Gelegenheit verſchaffen, über ſeine Anweſenheit daſelbſt Auskunft zu geben. Aber ich weigerte mich, hartnäckig und eigenſinnig, Deinem verſtändigen An⸗ ſinnen nachzugeben und habe die ausgeſtandenen Leiden verdient. Wie mußte ihm bei dem Bewußt⸗ ſein ſeiner Unſchuld zu Muthe ſein, und wie auf⸗ richtig mußte er mich lieben, da ſeine Neigung gegen das unartige und höhniſche Betragen Stand hielt, welches er von mir erfuhr. Nie, nie kann ich das wieder bei ihm gut machen.“ Strathern 1v. 23 354 „Es gibt ein Mittel dazu, liebe Louiſe. Du darfſt ihn nur gleich heirathen.“ „Dein Rath allein, theuerſte Mutter, ſoll mich fortan leiten. Vergib Dein Kind, wann Du es willſt.“ Damit legte das erröthende Mädchen ihre kleine, weiße Hand in die ihrer Mutter.„Ich wagte,“ fuhr Louiſe fort,„den Abend kaum der Lady Roehampton in das ſanfte, unſchuldige Geſicht zu ſehen, nachdem ich ihr mit meinem beleidigenden Argwohn ſo großes Unrecht angethan hatte. Nicht um die Welt möchte ich ſie erfahren laſſen, daß ich je dem Mißtrauen gegen ſie Raum gegeben habe. Und der liebe Heinrich, wie freundlich und großmüthig iſt es von ihm, daß er mir meine Ungerechtigkeit verzeiht.“ In friedlichem Schlummer, in ſeligen Träumen verbrachten Mutter und Tochter die Nacht und fröhlich erwachten ſie zu der Gewißheit, daß nunmehr alle Mißverſtändniſſe ausgeglichen wären. Sechs Wochen, nachdem ſich die Liebenden wie⸗ der gefunden, geleitete Strathern Louiſe Sydney in Gegenwart des Marquis von Roehampton und ſei⸗ ner Gemahlin zum Traualtar und gleich darauf reiſte das ſelige Paar dem Wunſche der Braut zu⸗ folge nach Sydney⸗Park ab, um dort den Honig⸗ monat zu verbringen. Sie ſind jetzt drei Jahre verheirathet und Aeltern zweier ſchönen Knaben, an denen Frau 355 Sydney mit aller Zärtlichkeit einer Großmutter hängt. Strathern⸗Houſe wurde in zwei Jahren vollendet und ſeine geſchmackvollen Verzierungen ſowohl als die übrige Einrichtung ſtehen in völli⸗ gem Einklang mit den Kunſtſchätzen, die es enthält. Die Bewohner ſind glücklich in ihrem häuslichen Kreiſe und verbreiten Segen um ſich her; die Er⸗ innerung an vergangene Prüfungen und Wider⸗ wärtigkeiten erhöht für ſie blos die Wonne der Ge⸗ genwart und wenn ihre prächtige Wohnung zu einer glänzenden féte geöffnet wird, ſo geſtehen mit einer einzigen Ausnahme alle Anweſenden, daß die Ge⸗ ſellſchaften in Strathern⸗Houſe alle anderen über⸗ treffen. Dieſe Ausnahme bildet Herr Rhymer, wel⸗ cher die fétes einiger Herzoge aus ſeiner Bekannt⸗ ſchaft lieber beſucht. Ende. Q 2 22 2 5 — E En 5 S