BP „ 4₰ℳ 5. 8 9 6 . ———— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. *. ceih- und geſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei veſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 3 6 „ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ſ Romane und Vovellen der † Gräſfin Bleſſington. Dritter Theil. Strathern. m. Mannheim. Verlag von Heinrich Hoff. 3 1847. Strathern. ———— Eine Movelle von der Gräfin Bleſſington. Aus dem Engliſchen überſetzt von Ernſt Elſenhans. Dritter Band. Mannheim. Verlag von Heinrich Hoff. 1847. Erſtes Kapitel. Wenn einmal in liebende Herzen Die Stacheln der Eiferſucht dringen, So rufen zu Stillung der Schmerzen Den Stolz ſie zu Hilfe und bringen Von außen ſich Ruhe zu Stande Dieweil das gepein gte Herz Nach innen verblutet, die Bande Der Seele ſich löſen im Schmerz, Die Stolze kann freundlich erſcheinen, Die Stolze kann hemmen das Weinen, So lang der Geliebte noch weilt; Faum iſt er von dannen geeilt, Kaum iſt er nicht länger zu ſehen, So iſt's um den Stolz auch geſchehen. Dann ſtürzen unendliche Thränen, Doch ungeſtillt bleibet das Sehnen. Hätt' das der Geliebte erblickt, Es wäre ganz anders gekommen, Jetzt wird ſie von Qualen erdrückt, Der Stolz iſt ihr völlig genommen, Und das tief verwundete Herz Will brechen vor Jammer und Schmerz. Als Louiſe Sydney am Morgen, nachdem ſie Strathern im Coliſeum geſehen, aus ihrem un⸗ ruhigen Schlummer erwachte, empfand ſie während der paar erſten Minuten ein unbeſtimmtes Gefühl Strathern u1. 1 2 von Schmerz und Betrübniß, wie es Einem vor⸗ kommt, wenn man aus einem quälenden Traume erwacht. Hatte ſie wirklich geträumt? Dieſe Frage richtete ſie zuerſt an ſich ſelber, aber nur zu bald kehrte ihr die traurige Erinnerung an das zurück, was ſie in der verwichenen Nacht geſehen und ge⸗ hört. Sie gedachte der zärtlichen Aufmerkſamkeit, mit welcher ſich Strathern heruntergebeugt hatte, um den leiſen Worten ſeiner ſchönen Begleiterin zu lauſchen, des Ernſtes, mit dem er ihr geant⸗ wortet— und Thränen, bittere Thränen, rollten eine nach der andern über ihre Wangen herab. Die Dame, welche ſie mit ihm ſpazieren gehen geſehen, war wirklich ſchön; Louiſe Sydney verlieh ihr jetzt in ihrer ſelbſtquäleriſchen, eiferſüchtigen Stimmung noch größere Reize und ſtellte zwiſchen ihr und ſich Vergleichungen an, welche ganz zu ihrem eigenen Nachtheil ausfielen; ja im Uebermaß ihrer Demuth fand ſie in der überlegenen Schön⸗ heit ihrer Nebenbuhlerin faſt eine Entſchuldigung für die Untreue ihres Geliebten. Aber für ſein falſches und heuchleriſches Betragen konnte ſie keine Entſchuldigung auffinden. Das beleidigte und ſchmerzte ſie, denn es vernichtete ihre hohe Mei⸗ nung von ihm. Sie hatte Strathern nicht allein leidenſchaftlich, innig geliebt, ſie hatte wirkliche Achtung vor ihm gehabt, und das iſt die einzige, ſichere Grundlage für eine dauernde Neigung. Jetzt 3 war dies ſchöne Gebäude der Liebe bis in Grund und Boden erſchüttert, und der Einſturz deſſelben beſchädigte das Herz, in welchem es errichtet war, ſo ſtark, daß ſie fühlte, ſie würde nie wieder das Glück genießen können, welches ſie kürzlich beſeſſen. Wem ſollte ſie für die Zukunft vertrauen, wenn der, welcher die Wahrhaftigkeit und Ehre ſelber zu ſein ſchien, ſolcher Täuſchung fähig war? Waren alle die Schwüre der Liebe, der Austauſch der Ge⸗ danken, durch welche ſie ſo feſt und innig mit einander verbunden worden— von ſeiner Seite wenigſtens— nichts anderes als ein Theil der planmäßigen Betrügerei, die er verübte, um das Vermögen der Erbin zu gewinnen und es dann an den eigentlichen Gegenſtand ſeiner Neigung zu ver⸗ ſchwenden?„Ach, wer kann reich ſein wollen?“ dachte das weinende Mädchen, während ſie ſich im Tovesſchmerz über die Zerſtörung ihrer ſorgſam gehegten Hoffnungen wand und ihr Gemüth den herben Vermuthungen öffnete, welche ihr die Ent⸗ deckung von der Falſchheit ihres Geliebten aufdrang. „Wäre ich arm, ſo hätte er mich nicht begehrt und ich brauchte jetzt nicht die Zertrümmerung meines Glücks zu betrauern.“ Frau Sydney fand ihre Tochter blaß und leidend, aber Louiſe hatte nunmehr gelernt, die Heftigkeit ihrer Betrübniß zu verhehlen, wenn nicht zu bewältigen, und ihre Mutter freute ſich, da ſie 1* 4 die Ruhe in ihrem Benehmen gewahrte, bis ſie bei genauerer Prüfung ſah, wie viel die Anſtrengung ihre Tochter koſtete. „Mutter,“ ſagte das gemarterte Mädchen,„ich habe viel und reiflich über die peinliche Lage nach⸗ gedacht, in der ich mich gegenwärtig befinde, und mir, weiterem Leid zu entgehen, vorgenommen, Strathern noch einmal zu ſehen. Das bin ich ihm ſchuldig; und welches auch der Erfolg unſerer Zu⸗ ſammenkunft ſein möge, ich werde mich hintennach ruhiger fühlen, daß ich mich nicht geweigert, ihm Gelegenheit zu einer Verſtändigung zu geben, wenn ſich nämlich eine ſolche in ehrenhafter Weiſe her⸗ beiführen läßt.“ „Mein theueres Kind, ich will Deinen Wün⸗ ſchen in dieſer Beziehung keineswegs entgegentreten, aber Louiſe, ich fürchte nur, eine Zuſammenkunft unter den obwaltenden Umſtänden werde Dir neuen Schmerz verurſachen.“ „Du glaubſt alſo auch nicht mehr, daß er unſchuldig ſein könnte, Mutter?“ Die Röthe, welche hier Louiſen auf die zuvor von der Bläſſe des pariſchen Marmors bedeckten Wangen ſtieg, verrieth ihre tieſe Erregung darüber, daß ihre Mutter nichts vorbrachte, was ihrem Geliebten zur Ausrede dienen konnte.„Du ſchweigſt, Mutter, aber ich weiß nur zu gut, wie ich mir dieſes Schweigen zu deuten habe. Es beweist nun, daß 8 5 Du gleich mir überzeugt biſt, die Perſon, mit welcher wir in der letzten Nacht meinen Verlobten erblickt, ſei keine, mit der wir ihn hätten ſehen ſollen.“ „Aber was haſt Du für eine Abſicht bei dieſer Zuſammenkunft, mein Kind?“ ſagte Frau Sydney, indem ſie eine Erwiederung auf die Auslegung ver⸗ mied, welche die Tochter ihrem Schweigen gab. „Meine Abſicht iſt, liebe Mutter, mir Gewalt anzuthun, mir ein ſo ruhiges Ausſehen zu geben, als möglich— mein Stolz wird mich gewiß in Stand ſetzen, zu verbergen, was in mir vorgeht — und ihn, ſoweit dies meine veränderten Geſin⸗ nungen erlauben, gerade wie gewöhnlich empfangen. Dadurch erhält er Gelegenheit, ſich darüber zu er⸗ klären, wer die Perſon iſt, mit der wir ihn ge⸗ ſehen haben.“ „Ach, mein Kind! ich beſorge, er wird ſich darüber weder gegen mich noch gegen Dich aus⸗ laſſen können. Die ruhige Ueberlegung einer Nacht hat mich auf den Glauben gebracht, es liege, es müſſe etwas ſehr Unrechtes in dem liegen, was wir verwichene Nacht mit angeſehen haben. Kein ehrbares Frauenzimmer ließe ſich mit einem andern Mann als mit ihrem Gatten oder Bruder zu ſol⸗ cher Stunde und an einem ſo einſamen Ort allein ſehen. Wir kennen alle Angehörigen der guten 6 Geſellſchaft, aber das Geſicht, das wir geſchaut, war ein völlig fremdes.“ Louiſe Sydney ſchauderte ein wenig zuſammen und eine todtenähnliche Bläſſe ergriff ſie. Sie drückte die Hände auf's Herz wie um das Klopfen deſſelben zu hemmen und bot ein Bild ſo ſchnei⸗ denden Weh's, daß ihre Mutter die Thränen nicht länger zurückzuhalten vermochte. „Du weinſt, theuere Mutter, und um meinet⸗ willen! Du, die ſo viele Jahre des Grams durch⸗ gemacht hat.“ Sie ſtreckte ihre Arme gegen ihre Mutter aus, dieſe drückte ihr Kind an die Bruſt und eine Zeit lang miſchten ſich ihre Thränen mit einander. Kein Verſuch, ſie zu beruhigen, hätte nur halb ſo viel Wirkung thun können, als das innige Mitgefühl ihrer Mutter, welches ſich ſo unzweideutig zu erkennen gab. Louiſe Sydney er⸗ kannte, daß ſie bis zu den paar letzten Stunden nie das Mutterherz mit ſeinen unerſchöpflichen Schätzen von Zärtlichkeit und Erbarmen zu wür⸗ digen gewußt hatte. Jetzt, in der Stunde der Noth, ſtrömte es ſeine ſanften Waſſer aus, um die Wunden ihres zerriſſenen Herzens zu lindern und zu heilen. Nachdem ſie ſich durch Thränen erleichtert, ſprach Louiſe wiederum den Wunſch aus, Strathern noch einmal zu ſehen. „Es mag eine Schwäche ſein, liebe Mutter, aber ich bitte Dich, mit mir Geduld zu haben, *. 7 wenn ich gegen Deine Anſicht auf Erfüllung dieſes Wunſches dringe. Ich möchte mich gern ſelber davon überzeugen, wie er ausſieht und ſich be⸗ nimmt, wenn wir zuſammentreffen, ob es ihm möglich iſt in ſein Benehmen, nach dem, was wir geſehen, die frühere Zärtlichkeit und innige Hin⸗ gebung zu legen. Kann er das, ſo werde ich es, wie ich glaube, über mich vermögen und Urſache haben mich zu freuen, wenn ich mit einem ſolchen Manne verſchont bleibe.“ Aber ach! die wechſelnde Farbe und die beben⸗ den Lippen des erſchütterten Mädchens verriethen nur zu ſehr, daß, mochte nun der Erfolg der beab⸗ ſichteten Zuſammenkunft ſein, welches er wollte, daß die Zeit noch weit, weit entfernt wäre, da ihr Bruch mit dem Geliebten, wie ſehr ihm die Ver⸗ nunft Beifall geben mochte, für ſie eine Quelle der Zufriedenheit werden würde. Auch kräftigeren Ge⸗ müthern als das Louiſen Sydney's hätte man die fieberhafte Angſt verzeihen können, welche jetzt in der ſchrecklichen Lage, worin ſie ſich befand, ihre Bruſt erfüllte. Strathern war ſo aufrichtig geliebt worden, er hatte ihr Herz und ihre Gedanken während der paar letzten Monate ſo ganz in An⸗ ſpruch genommen, er hatte die Gegenwart ſo völlig beſchäftigt und war mit jedem Plan, jeder Hoff⸗ nung für die Zukunft in ſo inniger Verbindung geſtanden, daß ſie ſein Bild nicht aus der Bruſt 8 reißen konnte, ohne beinahe das Herz zu brechen, mit deſſen Faſern es verwachſen war. Sich den, den ſie zu ihrem Abgott gemacht, in ſolcher Ernie⸗ drigung und Nichtswürdigkeit zu denken, war eine Qual, eine tödtliche Marter. Die Gegenwart war ihr unerträglich und auf die Zukunft mochte ſie nicht hinblicken. Sie vergaß die Vorſchriften der Religion, den einzigen Troſt in allen irdiſchen Prü⸗ fungen, ſie bat um den Tod und dachte nicht daran, wie wenig ſie, deren Herz die Liebe zu einem Manne erfüllte, geeignet war vor Gott, ihren Schöpfer zu treten. Frau Sydney wollte durch weiteren Widerſtand ihren Schmerz nicht noch ſtei⸗ gern und fügte ſich am Ende dem Wunſche ihrer Tochter. Louiſe ſtand vom Bette auf, aber ſo ſtark war die Wirkung des Grams und der ge⸗ täuſchten Liebe auf ihren Körper geweſen, daß es lange währte, ehe ſie mit den Geſchäften der Toi⸗ lette fertig werden konnte. Als die Amme Murray eins von den Kleidern, die Strathern am liebſten ſah und die Bänder herbeibrachte, welche ihre junge Gebieterin kürzlich gekauft hatte, um ſich ſeinem Geſchmack zu fügen, ſtürzte ein neuer Thränen⸗ ſtrom über die Wangen Louiſens und ſie winkte ihr mit der Hand ſie wegzulegen. „Gib mir ein ſchwarzſeidenes Kleid,“ ſagte ſie, denn ſie fühlte, daß es eine Ungereimtheit ſein würde, ſich äußerlich mit fröhlichen Farben zu — * * ſchmücken, während es in ihrem Inneren ſo dunkel und freudenleer ausſah. Frau Sydney verſtand recht wohl, was im Gemüthe ihrer Tochter vor⸗ ging und gedachte daran, wie auch ſie ſich mit Widerwillen von den farbigen Gewändern abge⸗ wandt hatte, welche ihr von zudringlichen Freun⸗ dinnen vorgeſchlagen wurden; und zwar hatte ſie das gethan, nachdem die Zeit längſt abgelaufen war, während welcher man der Vorſchrift gemäß in Trauer gehen muß. Die Amme Murray hegte eine andere Anſicht.„Oh, wie Schade iſt es,“ dachte ſie,„daß mein Liebling, das junge Fräulein, düſteres Schwarz anziehen will. Es hat ihr nie gut angeſtanden, wenn ſie auch wohl war, jetzt aber, da ſie ſo bleich iſt wie ein Geiſt, und ihr jede Minute Thränen in die Augen kommen, wird es ihr ein unbedeutendes Anſehen geben, wenn dies überhaupt durch irgend einen Anzug bewirkt werden kann. Obendrein kann ich es nicht leiven, daß er die Freude haben und ſie ſehen ſoll, wenn ſie nicht gut ausſieht. Es käme gerade und ganz ſo heraus, als wollte ſie ſagen,„ſieh', wie elend Du mich gemacht haſt,“ und kein Frauenzimmer, die vor⸗ nehmſte ſo wenig als die ärmſte, ſollte einem Mann, und wäre es der ausgezeichnetſte von ihnen, merken laſſen, daß er ſo viele Gewalt über ſie hat. Ich kenne die Mannsleute. Sie ſind einer wie der andere und man darf ihnen nie eine Macht ein⸗ 10 räumen. Wenn uns Gott zu ſchwächeren Ge⸗ fäßen gemacht hat, wie man uns nennt, hat er uns nicht die Schlauheit gegeben, um die ſtarken in Ordnung zu halten? Für was ſonſt haben wir denn unſere Zungen, vor denen die herzhafteſten Männer ſich fürchten, und unſere Thränen, denen die roheſten von ihnen nicht widerſtehen können? Wäre das Pferd nicht im Stande ſeinen Reiter zu meiſtern, wenn es wüßte, wie ſtark es ſelber und wie ſchwach der andere iſt? Aber der Reiter ver⸗ heimlicht beides und bewältigt das arme Thier da⸗ durch, daß er es niemals merken läßt, wie ſtark es iſt. So ſollten wir Frauenzimmer es auch machen. Niemals ſollten wir die Männer ahnen laſſen, wie ſchwach, wie verliebt wir ſein können, ſondern wie der Reiter mit dem Pferd, ſollten wir ſie auf den Glauben bringen, wir ſeien ſtark und kräftig.“ Die Amme Murray würde ihre Gedanken aus⸗ geſprochen haben, wenn ſie mit ihrem Fräulein allein geweſen wäre, und das ſelbſt auf die Ge⸗ fahr hin ihr Mißfallen zu erregen, ſo feſt war ſie von der Richtigkeit ihrer eigenen Anſicht über den wichtigen in Rede ſtehenden Gegenſtand überzeugt, aber die Anweſenheit der Frau Sydney, vor der ſie eine gewiſſe ehrerbietige Scheu hegte, legte ihr Schweigen auf. So entging ihrer jugendlichen Gebieterin die Gelegenheit ihre Meinung zu hören. 11 Dieſelbe gründete ſich hier wie in anderen Dingen auf ihre eigene Erfahrung im ehelichen Leben und auf die nachgiebige Sinnesart ihres gutmüthigen Ehegenoſſen, über den ihr Eigenwille und ihre gewal⸗ tige Rednergabe leicht den Sieg davongetragen hatte. „Nein,“ fing die Murray wieder an,„ich würde dasjenige Kleid anziehen, was mir am beſten paßte und die ſchönſten und hellſten Bänder; weit entfernt, ihn merken zu laſſen, daß er im Stande ſei mich zu kränken, thäte ich— ja, und wenn mir das Herz darüber gebrochen wäre— ſo thäte ich als wäre ich ſo vergnügt, als nur immer mög⸗ lich, bis ich ihn zum Gehorſam gebracht hätte. Du lieber Gott, wie Schade iſt es, daß die Frauen einmal alt werden und ſo die Macht zu quälen verlieren. Vielleicht iſt es am Ende gerade gut geweſen, daß mein armer Mann dem Leben ent⸗ rückt wurde, ehe ich meine Gewalt über ihn ver⸗ lor. Das wäre wahrſcheinlich der Fall geweſen, wenn er mich hätte alt werden ſehen, und ich würde es nie haben ertragen und mit anſehen können, wenn er ſich unterſtanden hätte ſeinem eigenen Sinn folgen zu wollen. Nein, darüber wäre mir gleich das Herz gebrochen; jetzt aber habe ich den Troſt mir ſagen zu können, daß ich ihm bis zu ſeiner letzten Stunde niemals geſtattete für ſich ſelbſt zu denken oder zu handeln und das iſt eine große Be⸗ ruhigung.“ 12 Während ſolche Vorſtellungen der Amme Mur⸗ ray durch den Kopf gingen, waren ihre Hände be⸗ ſchäftigt ihre junge Gebieterin anzuziehen. Dieſe ließ völlig theilnahmlos Alles mit ſich vornehmen, ihre Augen waren vom Spiegel abgewandt und ſie ſehnte ſich von dem langweiligen Geſchäft erlöst zu werven. Wozu ſollte ſie ſich jetzt noch ſchmücken, da ſie nicht mehr zu gefallen ſuchte? Noch am Tage zuvor hatte ihr das Freude gemacht, was ihr jetzt läſtig und verdrießlich vorkam. Wie genau erinnerte ſie ſich jedes unbedeutenden Vorfalls, der mit dem Anzug des vergangenen Morgens in Ver⸗ bindung ſtand. Wie ſie die Murray faſt belei⸗ digte, als ſie ſich weigerte das Kleid zu tragen, das ihr jene hergerichtet hatte, weil es dasjenige war, welches Strathern am wenigſten gerne ſah. Wie ſie ſich freute, als ihr der Spiegel verſicherte, daß ihr die Tracht beſonders gut ſtand— nicht aus Eitelkeit,— denn Louiſe Sydney war kein eitles Weib, ſondern blos deshalb, weil ſie wußte, daß es ihrem Geliebten Vergnügen machen würde zu ſehen, wie gut ſie ſich ausnehme. Und jetzt hatte ſie weiter keine Veranlaſſung ihrem Anzug Auf⸗ merkſamkeit zu ſchenken, nicht länger wünſchte ſie in den Augen deſſen vortheilhaft zu erſcheinen, dem ſie bisher allein hatte gefallen wollen. Wie recherché oder paſſend ihr Putz ſein mochte, wie konnte ſie hoffen in Bezug auf perſönliche Reize mit dem 13 lieblichen Weibe in die Schranken zu treten, in deren Geſellſchaft ſie ihn die Nacht zuvor geſehen! Nein, jetzt war Alles vorüber. Fürderhin wollte ſie ſich dem traurigen Loos unterwerfen, welches ihr ſeine Untreue und Falſchheit bereitet hatte und, ſo gut ſie konnte, den Tod erwarten. Auch zwei⸗ felte ſie nicht, daß dieſer früher oder ſpäter auf Leiden, wie diejenigen, folgen müßte, welche ſie ſeit der verwichenen Nacht erduldete. Arme Louiſe! ſie hatte noch viel in der Schule des Unglücks zu lernen. Die Erfahrungen, die ſie vor Kurzem ge⸗ macht, bildeten nur die erſten Anfangsgründe der Kenntniſſe, welche man ſich in dieſer Schule er⸗ wirbt und ihre Lehren erfordern eine Geduld, welche die Zeit allein verleihen kann. Sie ſollte noch ſehen, daß der Tod nicht kommt, wenn man darum bittet. Wie wenige junge Leute, die unter der Täuſchung der erſten Herzenshoffnungen ſich küm⸗ mern, und ihn erflehen, würden ſonſt zu reiferem Alter gelangen! Wenn ein ſolches Fehlſchlagen der Erwartungen zum erſtenmale das junge Herz trifft, und ſeine zarteſten und edelſten Regungen lähmt, ſo tritt häufig eine Alles überwältigende Selbſtſucht an die Stelle der beſſeren Eigenſchaften, die ihm früher eigen geweſen waren, und erſt wenn es die Prüfungen des Kummers durchgemacht, gewinnt es die frühere Unſchuld und Reinheit wieder. Dies war jetzt der Fall mit Louiſen Sydney. Sie em⸗ 14 pfand blos ihren eigenen bitteren Kummer und ver⸗ gaß über dem Wunſche demſelben durch den Tod, den ſie anrief, zu entgehen, wie troſtlos das Schick⸗ ſal der zärtlichen, gegenwärtig blos für ſie leben⸗— den Mutter ſein müßte, wenn ſie ihr einziges Kind verlieren würde. Auf den Arm der Frau Sydney geſtützt, trat ihre Tochter, zitternd vor innerer Erregung in das Geſellſchaſtszimmer und nahm daſelbſt ihren ge⸗ wöhnlichen Platz ein. Jeder Laut erſchreckte ſie und die Zeichen ihrer Unruhe traten malgré aller ihrer Bemühungen ſie zu verbergen, ſo deutlich hervor, daß ihre Mutter ſie noch einmal bat ihrem Plan zu entſagen, wonach ſie Strathern ſehen wollte. Sie ſelber wollte ihn empfangen, aber Louiſe war hiezu nicht zu bewegen, und während ihre Mutter noch in ſie drang, ließ ſich Strathern's wohl bekannter Tritt im Vorzimmer vernehmen. Einen Augenblick darnach trat er in's Gemach⸗ Sein Schritt war leicht und es lag in ſeinem Aeußeren, ja ſogar im Klang ſeiner Stimme, während er ſich näherte und die herkömmlichen Be⸗ grüßungen vorbrachte, eine Fröhlichkeit, die keines⸗ wegs im Einklang mit den Empfindungen derer ſtand an welche er ſie richtete. Obgleich ſowohl Frau Sydney als Louiſe ſich Mühe gaben, ſich wie gewöhnlich zu benehmen, waren doch ihre Mienen und ihr Betragen ſo ernſt, wenn nicht ſo finſter, 15 daß Strathern alsbald davor erſchrack und ſeine Luſtigkeit zügelte. „Iſt etwas vorgefallen, iſt eins von Ihnen krank geweſen?“ fragte er mit ſichtbarer Angſt und blickte von der einen auf die andere.„Ja, wahr⸗ haftig, jetzt ſehe ich daß Du, Theuerſte, leidend geweſen ſein mußt.“ Dabei faßte er abermals Louiſens zitternde Hand und drückte ſie an die Lippen. „Ich bin nicht ganz wohl geweſen,“ antwortete ſie,„aber es hatte nichts zu bedeuten, es war blos eine leichte und vorübergehende Unpäßlichkeit.“ „Ich wäre recht gerne geſtern Abend noch zu Dir gekommen, fand es aber zu meinem großen Leidweſen unmöglich. Es ging durchaus nicht an, daß ich mich von meinem Freunde losmachte, bis es zu ſpät war, um noch hieher zu gehen.“ Louiſe fühlte, daß ihr bei dieſer Unwahrheit das Blut in die Wangen ſtieg. Sie nahm dieſelbe als einen unwiderſprechlichen Beweis von der Heu⸗ chelei und Unwürdigkeit ihres Geliebten auf, und Frau Sydney empfand, trotz ihrer gewöhnlichen Ruhe und Nachſicht eine Regung von Unwillen, die ſie nur mit Mühe zurückhalten konnte. Strathern gewahrte Louiſens Erröthen, ſchrieb es aber ihrem Aerger darüber zu, daß er verwichene Nacht nicht mehr zu ihr gekommen wäre, und wurde verdrieß⸗ 16 lich, da er ſah, daß ſie noch immer ihr Mißver⸗ gnügen darüber verrieth. „Du biſt alſo den ganzen Adend bei Deinem Freunde geblieben?“ bemerkte Louiſe. „Ja, nach dem Mittageſſen begleitete ich ihn, da es eine ſo ſchöne Mondnacht war, auf einer Fahrt um die Stadt herum, in der er nie zuvor geweſen, damit er wenigſtens das Aeußere einiger von den Gegenſtänden betrachten konnte, die er am ſehnlichſten zu ſehen wünſchte. Er iſt durchaus nicht im Stande zu gehen und ſo ſchwach, daß ich fürchte, es iſt wenig Ausſicht auf ſeine Wiederher⸗ ſtellung vorhanden.“ Dieſe Antwort wurde ohne das mindeſte Zei⸗ chen einer Verlegenheit von Seiten des Redenden gegeben und verſchaffte ſeinen Zuhörerinnen eine ſolche Ueberzeugung davon, wie ſehr er an Ver⸗ ſtellung und Lügen gewöhnt ſei, daß beide ihren Widerwillen und Zorn um ein bedeutendes wachſen fühlten. Es folgte nun eine von den drückenden Unterbrechungen, die um ſo läſtiger werden, wenn ſich die Perſonen, die eine kleine Geſellſchaft zu⸗ ſammenſetzen, unter einem Zuſtand von Zwang be⸗ finden und doch nicht gerne merken laſſen möchten, daß ſie ſich deſſen bewußt ſind. Strathern wandte ſich gegen Frau Sydney, von deren immer gleich⸗ müthigem und höchſt gütigem Weſen er ſo häufige Proben gehabt hatte, wie um bei ihr eine Aufklä⸗ 17 rung über die Urſache des unbegreiflichen Wechſels in dem Betragen ſeiner Verlobten zu erhalten, aber eine Ernſthaftigkeit, die faſt wie Härte aus⸗ ſah, und die nie zuvor in den Zügen dieſer Lady bemerkbar geweſen war, drängte die Frage zurück, die ihm ſchon auf den Lippen ſchwebte, und ſteigerte noch das peinliche Gefühl von Verlegenheit, das ihn beſchlich. Mit einiger Anſtrengung verſuchte er aber⸗ mals den Zauber der Stille zu unterbrechen und wagte eine alltägliche Bemerkung über das Wetter, dieſe nie fehlende Zuflucht der Engländer, wenn ſie ein ſtockendes Geſpräch unterhalten oder eine ab⸗ gebrochene Unterredung wieder anknüpfen wollen. Aber dieſer Verſuch blieb ohne Erfolg, denn er führte blos zu einer einſylbigen Antwort von Sei⸗ ten eines der Frauenzimmer. Strathern's Aerger ſtieg bis zum wirklichen Zorn, während er ſo da ſaß, Mutter und Tochter wechſelweiſe betrachtete und ſich bemühte, eine Urſache für ihre unerklärliche Kälte und Zurückhaltung aufzufinden. Verdiente der Umſtand, daß er einem alten und theuern Freund einen Abend gewidmet hatte, eine eben ſo ſtarke Strafe, als wenn er ein ſchweres Vergehen begangen hätte? Brauchte Frau Sydney, ſtatt ſich Mühe zu geben, um ihrer Tochter das Unverſtän⸗ dige ihres Aergers wegen ſo unerheblicher Urſache fühlbar zu machen, ſelber ebenſoviel Unzufriedenheit an den Tag zu legen? In dieſem Fall blieb ihm 2 Strathern 1I. 18 nur wenig Ausſicht auf Wohlergehen in ſeiner vor⸗ gehabten Verbindung mit ihrer Tochter, und ſeine Heirath mit dem geliebten Gegenſtand ſeiner Nei⸗ gung, auf die er bisher mit Freuden und in dem Vorgefühle hingeblickt hatte, daß ſie ſeinem Glück die Krone aufſetzen würde, konnte blos der Anfang eines Daſeins werden, in welchem ſie ihrerſeits eine unbegränzte Herrſchſucht ausüben und das er ſelbſt in verächtlicher Unterwürfigkeit oder offener Widerſetzlichkeit verbringen ſollte. Nein, eine ſolche Ausſicht vor Augen zu haben, war zu furchtbar. Er mußte zu einer Erklärung mit Louiſen kommen, er mußte eine Verſtändigung herbeiführen, wodurch die ſelige Zukunft an ihrer Seite wieder möglich wurde, die er früher erwartet hatte, oder— er mußte für immer mit ihr brechen. Und jetzt, in ſeinem Aerger, wagte er an die Möglichkeit ihres Verluſtes nicht ohne eine Beklemmung zu denken, die ihm deutlich machte wie innig ihr Bild mit ſeinen Hoffnungen auf Glück, ja ſogar mit ſeinem Leben verwoben war. Er zitterte bei dem Gedan⸗ ken, er könnte in ſeinem dermaligen gereizten Zu⸗ ſtand dazu veranlaft werden, ſeine Gefühle auszu⸗ ſprechen und etwas ſagen, was den unerklärbaren Bruch zwiſchen ihnen noch erweitern würbe, daher beſchloß er, ſich zu entfernen und ein paar Stun⸗ den auszubleiben, bis er ſeine Seelenruhe wieder gefunden hätte. Er ſtand auf, ſetzte eine ander⸗ 5= 19 weite Einladung vor und trat heran um Louiſens Hand zu faſſen. Sie wurde ihm auch überlaſſen, aber mit einer Miene voll ſo erſtarrender Kälte, daß er ſie kaum einen Augenblick in der ſeinen behielt. Indeſſen zauderte er doch noch und blieb im Zimmer ſtehen, um die gewöhnliche Einladung zum Eſſen zu erwarten. Eine ſolche kam jedoch nicht, und als er das Zimmer verließ, wurde nicht ein einziges Wort, weder von der Mutter, noch von der Tochter geſprochen, woraus der Wunſch oder die Erwartung hervorgegangen wäre, ihn die⸗ ſen Tag wieder zu ſehen. Was konnte, was ſollte dieſes ganze ſeltſame Betragen bedeuten? Er konnte darüber nicht einmal zu einer Vermuthung gelan⸗ gen, wenn es nicht darin ſeinen Urſprung fand, daß er nicht wiedergekommen war und den ver⸗ wichenen Abend mit Louiſen zugebracht hatte, wie ſie ihrer Aufforderung zufolge gewünſcht hatte. Und doch ſtand die Strafe ſo wenig im Verhältniß zu dem Vergehen— wenn man es überhaupt wirk⸗ lich ein Vergehen nennen konnte— daß er es mit ſeiner Kenntniß von dem Charakter der Frau Sydney und ihrer Tochter nicht vereinbaren konnte, wie ſie zu dieſer Handlungsweiſe kamen. Er verließ das Haus in einem Zuſtand großer Aufregung und ging gerade ſeinem Gaſthofe zu; da ſtieß er nahe am Thore des letztern auf den Wagen des Lord Delwington. Die Eigenthümer deſſelben ſaßen 2* 20 darin. Er wäre ihnen gerne ausgewichen, denn er fühlte, daß er in dieſem Augenblick keineswegs ge⸗ eignet war, ſelbſt mit ſeinem liebſten Freunde zu verkehren, aber zum Unglück erſah ihn Lord Del⸗ mington, ließ den Wagen halten und ſagte:„Wir wollten eben nach Deinem Gaſthof, um nach Dir zu fragen, lieber Strathern, denn ich möchte gerne, daß Du Marie in die Peterskirche mitnähmeſt, da mir das Vergnügen verſagt iſt, es ſelber zu thun. Komm' herein in den Wagen.“ Strathern zauderte und hätte ſich gerne mit irgend etwas entſchuldigt, daß er die Bitte ſeines Freundes nicht erfüllen könne, aber Lord Delming⸗ ton rief mit der Ungeduld, die ſich mit Kränklich⸗ keit vergeſellſchaftet,„komm' Strathern, mach' nicht ſo lang,“ und mechaniſch ſtieg Strathern in das Gefährt, deſſen Tritt ein Diener herabgelaſſen hatte. „Ich fürchte faſt, wir haben Sie verhindert irgend einer anderen Einladung nachzugehen,“ ſagte die ſchöne Frau, die neben Lord Delmington ſaß und mit dem feinen Takt einer Frau in einem Augenblick bemerkte, daß es Strathern lieber ge⸗ weſen wäre, wenn er ſie nicht hätte begleiten dürfen. „Es hat nicht viel zu ſagen, wenn wir einmal Schuld daran ſind, daß er eine Einladung ver⸗ ſäumt,“ bemerkte Lord Delmington,„denn, da wir morgen beſtimmt nach Neapel gehen, ſo iſt ihm ja „ A bald die Mühe erſpart, uns die Merkwürdigkeiten von Rom zu zeigen.“ Strathern erwiederte höflich, wie großes Ver⸗ gnügen es ihm machte, wenn er Lady Delmington nützlich ſein könnte, wünſchte ſich aber hundert Mei⸗ len weit weg, da er dies ſagte. Sie gingen nun in die St. Peterskirche. Ein halbes Dutzend Ge⸗ fährte ſtanden vor derſelben, als dasjenige heran⸗ kam, in welchem er ſaß. Er warf einen eiligen forſchenden Blick auf ſie, um ſich zu vergewiſſern, ob ſie keinem von ſeinen Bekannten gehörten und war froh, wie er ſah, daß dies nicht der Fall ſei⸗ Denn er wollte nicht mit einem fremden Frauen⸗ zimmer allein geſehen ſein, und am allerwenigſten mit einer, deren Schönheit ſo auffallend war, daß ſie Aller Angen auf ſich zog und die ſich in einer ſo zweideutigen Stellung befand, wie die, mit welcher er eben in die St. Peterskirche eintreten wollte. „Ich will auf⸗ und abfahren,“ ſagte Lord Del⸗ mington,„während Du Marie in der Kirche her⸗ umführſt, Du brauchſt Dich nicht zu beeilen, Liebe,“ fuhr er gegen ſeine ſchöne Begleiterin gewendet fort, die ihn ungerne allein ließ,„denn wenn ich ſchon nicht im Stande bin, in dieſen herrlichen Tempel hinein zu gehen, ſo wird es mir doch Freude ma⸗ chen, wenn Du ihn beſichtigſt.“ Strathern gab der Lady Delmington beim Hin⸗ 22 aufſteigen den Arm und hob gerade den ſchweren Vorhang auf, der den Eingang verdeckte, da ſah er ſich vis-à-vis von Rhymer, der an der innern Seite deſſelben ſtand. Er war ihm ſo nahe, daß er ihm nicht ausweichen konnte. Die Augen des alten Mannes blieben wie eingewurzelt an dem ſchönen Geſicht der Lady hängen, und wirklich konnte ſie auch nicht vortheilhafter erſcheinen, als in dem Augenblick, da ſie von der Begeiſterung und Verwunderung verklärt wurde, welche der erſte Anblick dieſes wundervollen Tempels in ihr er⸗ regte. „Ah, Sie hier,“ bemerkte Rhymer und reichte Strathern die Hand,„und wie ich ſehe, führen Sie einen Engel zum Altar eines Heiligen.“ Lady Delmington erröthete ob des übertriebenen Compliments, und ihre höhere Färbung machte ſie nur noch ſchöner. „Sie ſind wahrhaftig ein Glückskind,“ fuhr Rhymer fort,„denn Sie ſcheinen in einem Luft⸗ kreis von Schönheit zu leben. Nie ſehe ich Sie, ohne daß Sie einer von den ſchönſten Töchtern der Erde zum Gefährten dienen. Darf ich das Vorrecht eines alten Mannes in Anſpruch nehmen, und Sie bitten, daß Sie mich Ihrer ſchönen Be⸗ gleiterin vorſtellen?“ Strathern fühlte wie ihm das Blut in die Wangen ſtieg, und durch das Bewußtſein, daß 23 ſeine Verwirrung und Verlegenheit Rhymer'n ſicht⸗ bar wären, der die Augen mit forſchendem Ernſt auf ſein Geſicht heftete, wurden beide noch geſtei⸗ gert.„Ein andermal vielleicht,“ murmelte er, entfernte ſich plötzlich mit der Lady und ließ Rhymer wie auf die Stelle gewurzelt ſtehen. „Wie unangenehm,“ ſagte Lady Delmington in ihren ſüßeſten Lauten.„Ich habe geſehen, daß Sie in Verlegenheit geriethen, aber wer hätte ſich denn auch denken können, daß wir einem Manne begegnen würden, der ſo sans cérémonie mir vor⸗ geſtellt zu ſein wünſchte? Wer iſt der alte Mann?“ „Es iſt niemand Anderes, als Rhymer, der Dichter.“ „Was! der Verfaſſer einiger meiner liebſten Gedichte! Es thut mir leid, daß ich ihn nicht kennen gelernt habe. O, Herr Strathern, was für ein Tempel iſt das— und wie durchdrungen von Schönheit und Großartigkeit! Was wollte ich nicht darum geben, wenn mein theurer Franz da wäre und ihn ſehen könnte. Jeder Anblick verliert für mich die Hälfte ſeines Reizes, wenn er meine Freude nicht theilen und ihn nicht mit mir beſchauen kann!“ Obgleich Strathern in dieſem Augenblick durch⸗ aus nicht in der Stimmung war, um an irgend etwas Gefallen zu finden, ſo vermochte er doch dem Einfluß des Zaubers nicht zu widerſtehen, welchen das junge, natürliche Weſen um ſich her verbreitete, an deren Seite er durch den prachtvollen Tempel ſchritt. Hingeriſſen von der Betrachtung ſeiner zahlloſen Schönheiten und der Erhabenheit des Gan⸗ zen ging ſie ſchweigend immer weiter und es ſchien, als hätte ſie vergeſſen, daß Jemand bei ihr war. Zuletzt erwachte ſie wie aus einem Traum und ſagte:„Jetzt wollen wir zu Francis. Wie ſelbſt⸗ ſüchtig von mir, daß ich ſo lange von ihm weg⸗ geblieben bin!“ Um die Verlegenheit zu erklären, in welcher Strathern ſich befand, und welche ihn abhielt Louiſen Sydney alsbald zu geſtehen, daß er eine neue weib⸗ liche Bekanntſchaft gemacht und mit ihr verwichene Nacht das Coliſeum beſucht hätte, müſſen wir un⸗ ſeren Leſern mittheilen, daß er bei ſeiner Ankunft in dem Gaſthof, wo er mit Lord Delmington ſpei⸗ ſen ſollte, ſich aufs höchſte überraſcht ſah. Es wurde ihm nämlich ein junges und liebliches Frauen⸗ zimmer, als Sr. Herrlichkeit Gemahlin vorgeſtellt. Die Erzählung, welche Lord Delmington davon zu machen hatte, war kurz. Er verliebte ſich in die einzige Tochter ſeines Hofmeiſters, eines Geiſtlichen, bei dem ihn ſein Vater unterbrachte, nachdem er die Univerſität verlaſſen. Sobald der gewiſſenhafte Herr Ravensfield die Neigung entdeckte, eröffnete er es dem Marquis Roehampton. Dieſer rief ſeinen Sohn ſogleich nach Hauſe zurück, machte ihm daſelbſt ſeine Vorwürfe mit einer Heftigkeit, die — 25 nicht eben geeignet war, den gewünſchten Erfolg herbei zu führen, und verbot ihm bei Strafe ſeiner ewigen Ungnade, jemals wieder in Verkehr mit dem Gegenſtand ſeiner Neigung zu treten, den er als ein ſchlaues und liſtiges Mädchen bezeichnete. Ihren würdigen Vater ſchmähte er einen Heuchler, der ſich mit der Hoffnung trüge, er werde ſeine Ein⸗ willigung dazu geben, daß ſeine niedrig geborene Tochter in den Adelſtand eintrete. Darum gebe ſich derſelbe das Anſehen der Ehrenhaftigkeit und enthülle die Neigung ſeines entarteten Sohnes. Lord Delmington war immer von zarter Geſund⸗ heit geweſen, jetzt wurde dieſelbe durch ſeine Tren⸗ nung von der unſchuldigen und lieblichen Marie Ravensfield ſowohl, als durch die rauhe Behand⸗ lung vollends zerrüttet, die ihm von ſeinem Vater widerfuhr. Der Marquis von Roehampton gerieth in Unruhe über ſeinen gefährlichen Zuſtand und willigte darein, daß ſein Sohn dem Vorſchlag der Aerzte folgte, die man zu Rathe gezogen hatte, und ſogleich nach Italien aufbrach. Lord Delming⸗ ton fand trotz ſeiner Krankheit Mittel, der ſorgfäl⸗ tigen Aufſicht ſeines ſtrengen Vaters zu entweichen. Er eilte nach dem Pfarrhaus, um Abſchied von ſeiner angebeteten Marie zu nehmen und ihr die Gelübde ſeiner unveränderlichen und innigen Liebe zu erneuern, fand aber daſſelbe leer. Der ehren⸗ werthe Geiſtliche war wenige Tage vorher geſtor⸗ ben und hatte ſein verwaistes Kind faſt ohne alles Vermögen hinterlaſſen. Wegen eines Aufenthalts war ſie auf die Güte eines ſchon bejahrten, ledigen Frauenzimmers von beſchränkten Mitteln angewie⸗ ſen, die ſich in der Nachbarſchaft aufhielt, und ſeit dem Tode ihrer Mutter innigen Antheil an ihr ge⸗ nommen hatte. Lord Delmington's Entſchluß war auf der Stelle gefaßt. Er beſchloß, ſeine theuere Marie ohne Weiteres zu heirathen und ſie auf ſeiner Reiſe nach Italien mitzunehmen. Sein lei⸗ denſchaftliches Zureden gewann ihm die Zuſtimmung des lieblichen Mädchens und ihre Beſchützerin fand Freude an dem Gedanken, daß die Waiſe dem rauhen und ungerechten Marquis zum Trotz zu einer Stellung gelangte, deren Beſitz er ihr nicht ſtreitig machen konnte. Sie kannte nämlſch den Inhalt der verächtlichen Briefe, die der Marquis von Roehampton an Herrn Ravensfield geſchrieben und lebte des feſten Glaubens, daß durch ſie ſein Tod hauptſächlich beſchleunigt worden ſei. Die Hochzeit wurde in ihrer und in Gegenwart zweier Herzensfreunde des verſtorbenen Pfarrers gefeiert und ausgemacht, daß die Heirath nicht eher öffent⸗ lich erklärt werden ſollte, als bis das junge Paar außer dem Bereich des Zorns des ſtrengen Vaters wäre. Denn der ſchwankende Geſundheitszuſtand des Sohnes geſtattete dieſem nicht, dem erſteren die Spitze zu bieten. Lord Delmington nahm 27 Strathern das Verſprechen ab, von ſeiner Heirath erſt dann mit Jemand zu reden, wenn ſie ſeinem Vater eröffnet wäre, und er glaubte, daß dies in kurzer Zeit geſchehen könnte. Die Abgeſperrtheit, zu welcher der Marquis von Roehampton ſeinen einzigen Sohn verurtheilte, hatte bewirkt, daß dieſer in einer Unkenntniß der Welt geblieben war und ſo wenig von den in ihr üblichen Gebräuchen wußte, wie man es ſelten bei einem Manne von hoher Geburt antrifft, der ein Alter von 23 Jahren erreicht hat. Daher ließ ſich Lord Delmington nicht einfallen, daß er durch Verheimlichung ſeiner Heirath den unbeſcholtenen Ruf des ihm auf Erden theuerſten Weſens den ſchmählichſten Verdächtigungen Preis gab, und daß man vermuthen könnte, Marie, ſeine Begleiterin auf der Reiſe, die züchtige und unſchuldige Marie, habe kein geſetzliches Recht auf ſeinen Schutz. Als das Eſſen vorüber war, ſchlug er vor, Strathern ſollte ihn und ſeine Frau auf einem giro begleiten und der Freund konnte das nicht wohl abſchlagen. Wie ſie zum Coliſeum kamen, bat er Strathern, ſie in das Innere deſſelben zu führen. Das Geſpräch, welches Louiſe mit an⸗ hörte, bezog ſich auf das Verſprechen der Geheim⸗ haltung ſeiner Heirath, welches Lord Delmington gefordert hatte, denn es lag ſeiner Frau eben ſo viel, als dieſem ſelbſt daran, daß nichts davon 28 verlautete, bis ihres Mannes Geſundheit ſich hin⸗ reichend gebeſſert haben würde, um ihn in den Stand zu ſetzen, dem erſten Zornesausbruch ſeines Vaters Stand zu halten, wenn dieſer davon hörte. Strathern hatte in ſeinen Freund gedrungen, er ſollte es nicht länger verſchieben und ſeinem Vater ſchrei⸗ ben, damit Lady Delmington nicht dem Tadel bloßgeſtellt würde. So war er wider ſeinen Willen und ohne das geringſte Verſehen von ſeiner Seite in eine falſche Stellung gerathen. Zweites Kapitel. Der Reichthum kann wohl manches Glück gewähren, Das der nicht kennt, den harter Mangel drürkt, Doch kann er auch viel Schlimmes noch gebähren, Von dem der Arme niemals was erblickt. Der übervolle Magen und der Spleen, Die Langeweile bei den Luſtbarkeiten, Die einmal mitgemacht und angeſeh'n, Picht's mindeſte Vergnügen mehr bereiten. 1 Schmarotzer und der Freunde Schaar, die treu Nur bleiben, bis ſie ihren Zweck erreicht, Von allem dem bleibſt Du, o Armer, frei. Was Dich auch drückt, ſo iſt Dein Lvos doch leicht. Beklaae nicht die Leiden, die Dich drücken, Der Reichthum hat noch größ're auf dem Rücken. Es iſt ſchon lange her, daß wir Lord Fitzwarren und ſeinen Reiſegefährten Webworth verlaſſen ha⸗ 29 ben, die ihren Weg fortſetzten, ohne ſich das Mindeſte um die Gegenſtände zu bekümmern, die andere Wanderer anziehen. Der erſtere dachte blos daran, wie ſchlecht die Zucht der Pferde, die er in den Poſthäuſern antraf, im Vergleich mit der in England wäre; der zweite machte nur Bemer⸗ kungen über die Haupt⸗ und Zwiſchenmahlzeiten, die in den verſchiedenen Wirthohäuſern auf den Tiſch kamen. Die neueren Reiſenden finden Vergnügen daran, die Fahrt des Horaz nach Brunduſium nachzuahmen und im Gedanken an den Falerner, den er unterwegs genoß, mit den Lippen zu ſchmatzen; aber unſere Reiſenden wären mit einer ſo einfachen Koſt nicht zufrieden geweſen, wie die, welche der römiſche Dichter beſchreibt; das von Webworth ge⸗ haltene Tagebuch bewies die Fortſchritte, welche das neunzehnte Jahrhundert in der science de bonche machte, ſo ſorgfältig ausgearbeitet waren die Reiſeſtizzen, welche dieſer Epikuräer über die beſten plats aufzeichnete, die in den verſchiedenen albergos zu haben waren. Nach ihrer Ankunft zu Venedig gerieth Lord Fitzwarren in eben ſo großes Erſtaunen als in Aerger, als er ſah, daß es da⸗ ſelbſt keine Pferde gäbe und daß die Gondeln die Stelle der Wägen vertraten.„Was für eine elende Stadt!“ ſagte er.„Es freut mich, daß ſie im Zerfall begriffen iſt, denn nur Narren konnten ſie ſo bauen, daß keine Roſſe daſelbſt zu brauchen ſind.“ 30 Sonderbarerweiſe hatte er nie eine Beſchrei⸗ bung von dieſer ſeegeborenen Stadt geleſen und war daher völlig unbekannt mit ihren Eigenthüm⸗ lichkeiten.„Wir werden uns hier nicht lange auf⸗ halten,“ fuhr er ſort,„denn man wird mich nicht dazu bringen, daß ich viele Tage an einem Ort verbringe, wo keine Pferde zu ſehen ſind.“ Ein laquais de place, der ein wenig Engliſch verſtand, hörte zufällig dieſe Bemerkung, während Lord Fitzwarren an der Thüre des Leone bianco ſtand; er trat hinzu und verſicherte den gnädigen Herrn, daß er ihm die ſchönſten Pferde in der Welt zeigen könnte, wenn er ſich herbeilaſſen und ſich ſeiner Führung überlaſſen wollte. „Nur zu, mein Junge, je bälder deſto beſſer, denn ich ſehne mich nach dem Anblick meiner Lieb⸗ lingsthiere wie ein Fiſch nach dem Waſſer.“ Wie ſie aber auf die Piazza de san Marco kamen und man ihm dort die berühmten bronzenen Pferde zeigte, lachte er den laquais de place aus und behauptete, es ſei eine Betrügerei, Pferde als Wirthsſchild aufzuſtecken, wenn keine lebendigen an einem Orte zu finden wären. Ja, noch mehr, er erklärte die lange bewunderte Arbeit des Lyſippus für ein armſeliges Machwerk und verſicherte, ſie hätten kein Geblüt und ſeien plumpe Thiere. Um⸗ ſonſt erzählte der zungenfertige Venetianer von dem 31 Ruf und den Reiſen der Roſſe und wie ſie be⸗ ſtändig der Lohn der Sieger geweſen ſeien, von der entfernteſten Zeit an, da Auguſtus ſie nach der Niederlage des Antonius von Alexandria nach Rom bringen ließ, bis herunter auf ihr enlévement durch den Cäſar der Neuzeit, den Kaiſer Napoleon, der ſie unter ſeine ſtolzeſten Siegesdenkmale zählte. „Deſto einfältiger von ihm!“ erwiederte Lord Fitzwarren. Er hätte zwanzig der ſchönſten, leben⸗ digen, engliſchen Vollblutpferde für die Hälfte des Geldes kriegen können, welches die Fortſchaffung der bronzenen Gäule gekoſtet haben muß, und wenn er ein Kenner von Pferdefleiſch geweſen wäre, ſo würde er die da keine zweimal angeſehen haben. Der laquais de place zuckte die Achſeln und erbot ſich, den gnädigen Herrn zu einigen von den Paläſten zu führen und ihm dort die Gemälde zu zeigen. „Die Mühe können Sie ſich erſparen. Ich bin aus Rom her noch ganz ſatt vom Angucken der Gemälde und habe nicht Luſt, mich noch weiter damit zu langweileu.“ „Aber Titiano, der große Titiano! Der gnädige Herr wird doch Venedig nicht verlaſſen wollen, ohne die chel d'oeuvres ſeines Pinſels zu betrachten?“ „Allerdings will ich das, und der Teufel ſoll mich holen, wenn ich noch ein Gemälde beſichtige, 32 ehe ich nach England zurückkomme und Edwin Land⸗ ſoer's Pferde und Hunde ſehe. Die verdienen mehr Beachtung als alle Eure italieniſchen Gemälde zu⸗ ſammengenommen.“ Als Lord Fitzwarren in den Leone Bianco zu⸗ rückkam, fand Lord Fitzwarren ſeinen Freund Web⸗ worth damit beſchäftigt, aus einem gedruckten Speiſe⸗ zettel vor ihm die Leckereien herauszuſuchen, die er am liebſten aß. Er ſchrieb ſie für den Koch heraus. „Das iſt ein abſcheuliches Reſt, Weby,“ ſagte Fitzwarren,„und wir können unmöglich hier blei⸗ ben.“ „Du wirſt doch das nicht thun wollen„Freund? Denkſt Du nicht mehr an das, was uns Burford geſagt, daß nämlich der beſte chel de cuisine von ganz Italien gerade in dieſem Gaſthof anzutreffen iſt, und was Teufels brauchen wir denn ſonſt noch um uns behaglich zu fühlen?“ „Noch allerlei, und unter Anderm auch Pferde. Wie kann ein Menſch ſich glücklich an einem Orte fühlen, wo kein Pferd anzutreffen iſt? Nein, ich vermag es wahrhaftig nicht über mich, eine Woche hier zu bleiben, wie wir im Sinn hatten— ja, wenn es darauf ankäme, ſo ginge ich am Ende ſchon morgen auf und davon.“ „Aber bedenk' doch, lieber Fitz, wie ſchrecklich die Leute über uns lachen würden, wenn wir 33 Venedig verließen, ohne ſeine Kirchen, Paläſte und ſchönen Gemälde zu beſehen.“ „Du wirſt doch nicht behaupten wollen, daß Dir auch nur Nadelgroß daran liege, ſie zu be⸗ trachten, Weby?“ „Ich würde allerdings nicht von meiner ge⸗ wöhnlichen Art und Weiſe abgehen, um ſie zu be⸗ ſichtigen, das geſteh' ich, Fitz, aber da wir einmal hier ſind, ſo hätte ich nichts dagegen, wenn ich ſagen könnte, ich hätte ſie mir beſchaut.“ „O Weby, wenn's nur darauf ankommt, ſo kannſt Du ja ſagen, daß dies wirklich geſchehen ſei,“ das lauft auf Eins hinaus. Was mich be⸗ trifft, ſo glaube ich, es werde mich in bedeutendes Anſehen ſetzen, wenn ich ſage, ich ſei in Venedig geweſen, habe es mir aber zum Grundſatz gemacht, mich um Gemälde und dergleichen nicht das Min⸗ deſte zu bekümmern. Die Leute reden beſtändig von Venedig und langweilen Einen mit ſolchen Dingen; wenn ich nun erkläre, das Zuhören bei ihrem Geſpräch davon habe mir die Sache ent⸗ leidet, ſo reißen ſie gewiß die Augen zweimal ärger auf, als wenn ich eine ganze Stunde lang darüber plauderte.“ „Aber, Fitz, ich möchte doch gerne meine Beine ausſtrecken, nachdem ich ſo lange in einem Poſt⸗ wagen durchgeſchüttelt worden bin. Wenn mir ſchon Strathern n. 3 an Poläſten, Kirchen und Gemälden nicht viel liegt, ſo verſchafft man ſich doch Bewegung, indem man ihnen nachlauft und das macht Einem einen gehörigen Appetit⸗ Und es iſt ſchon der Mühe werth, daß man ſich darum Mühe gibt, da der chef de cuisine im Hauſe ein Künſtler erſten Rangs iſt.“ „Du wirſt doch nicht in einem der ſchwarzen Särge herumfahren wollen, die ſie Gondeln heißen, Weby? Ich habe gemeint, ich müßte erſticken, wie ich auf den St. Markusplatz ging und es brachte mir ſo ſchwermüthige Gedanken in den Kopf, daß ich ſie noch jetzt nicht habe loswerden können.“ „Du wirſt nicht mehr darauf verfallen, wenn Du ein bischen daran gewöhnt biſt, Fitz; laß Dich alſo bereden und bleib' ein paar Tage hier, daß wir ſehen, was der Koch verſteht. Venedig iſt berühmt wegen einer Art Frühſtückskuchen, genannt focaccio. Ich habe mir das in meinem Taſchen⸗ buch bemerkt, wie ich Burford davon reden hörte, und es wäre Schade, wenn wir keine Bekanntſchaft damit machten.“ „Nun, da es Dir ſo ſehr am Herzen liegt, Weby, ſo will ich drei oder vier Tage hier bleiben, aber ich thue es nur ungern, kann ich Dir ſagen.“ Webworth brachte Lord Fitzwarren zwar dazu, daß er ſeinen Entſchluß änderte und ihn regelmäßig begleitete, wenn er ausging, um die Merkwürdig⸗ keiten und Anderes zu betrachten; aber ſein Wider⸗ M* — 35 wille gegen Venedig nahm nicht ab, obgleich der treffliche Koch im Leone bianco einen ſo günſtigen Eindruck auf ſeinen Begleiter machte, daß dieſer ſeinen Aufenthalt daſelbſt gerne ad infinitum ver⸗ längert hätte, wenn er im Stande geweſen wäre, ſeinen Freund zum Dableiben zu vermögen. „Was ſiehſt Du nur an Venedig? Ich kann nicht begreifen, warum Du ſo darauf verſeſſen biſt, hier zu verweilen,“ ſagte Lord Fitzwarren in etwas übler Laune über die Hartnäckigkeit, mit welcher Webworth beſtändig in ihn drang, ſeine Abreiſe zu verſchieben. „Können wir hoffen, irgendwo einen ſolchen Koch zu finden, Fitz? Nach der ſchlechten Koſt, die wir unterwegs bekamen, und den höchſt mittel⸗ mäßigen Mahlzeiten in Rom iſt es ein wahres Labſal, ſich hier des Lebens zu freuen.“ „Der Kerl, der Weby, denkt an nichts und lebt für nichts, als ſeinen Magen,“ dachte Lord Fitzwarren, verdrießlich über die Gleichgültigkeit gegen ſeine eigenen Wünſche, welche ſein genuß⸗ ſüchtiger Begleiter an den Tag legte. Webworth dagegen konnte ſich, als er allein war, des Ge⸗ dankens nicht erwehren,„was für ein teufelmäßig eigenſüchtiger Burſche iſt doch Fitzwarren; weil er nicht gerne in Venedig iſt, will er durchaus jetzt ſchon und lange vorher fort, ehe er es früher im Sinne hatte.“ 3 N 36 „Nun,“ dachte Webworth— wenn ich einmal durch einen unerwarteten und glücklichen Zufall z. B. durch Erbſchaft zu Vermögen gelange, ſo werde ich mich beſonders davor hüten, daß ich mich mit einem compagnon de voyage belaſte. Das iſt die größte Thorheit von der Welt, denn man kann ſich darauf verlaſſen, in ihm einen gehörig lang⸗ weiligen, widerlichen Menſchen zu finden. Der arme Fitz iſt zwar in ſeiner Art ein guter Kerl, aber erſchrecklich béte, das muß ich ſagen; das geht ſchon daraus hervor, daß er einen Koch ver⸗ laſſen will, wie wir ihn hier haben. Nein, ich lade gewiß nie einen Freund ein, mit mir auf Reiſen zu gehen. Ich habe zu gut erf hren, wie einfältig das iſt. Da iſt jetzt z. B. Fitz; wenn ich ein wenig ſchlafen möchte, ſo fängt er allemal an zu plaudern und ſtört mir die Verdauung. Manchmal kommt er mir auch im Wagen zu nahe und ich kann's nicht leiden, daß man mich ſtößt, er will das Fenſter zumachen, wenn ich es herunter⸗ gelaſſen haben möchte und vice versa. Nein, ich behalte meinen Poſtwagen für mich allein, wenn ich je in den Beſitz eines ſolchen gelange und weiche jedem Langweiler ſorgfältig aus; der arme Fitzwarren hat ſie mir ganz entleidet.“ Obgleich ſich Lord Fitzwarren vorgenommen hatte, nichts von Allem zu beſehen, was in Venedig zu ſchauen iſt, wurde ihm doch die Zeit ſo ſchreck⸗ — — 37 lich lang, daß er zuletzt, um deſſen los zu werden, drein willigte, ſeinen Freund auf dem gewöhnlichen Gang durch Paläſte und Kirchen zu begleiten. Da⸗ bei verſicherte er aber beſtändig und völlig der Wahrheit gemäß, daß er nicht das mindeſte Ver⸗ gnügen dabei finde. Die frühere Geſchichte Vene⸗ digs war für ihn ſo gut als gar nicht vorhanden, und der ſchwindende Glanz deſſelben ließ ihn gleich⸗ gültig. Die ſtolzen Namen, die darin vorkommen, konnten in ſeinem ungebildeten Geiſte keinen An⸗ klang finden und die Kunſtſchätze, die es einſchließt, war er nicht zu würdigen im Stande. Sein Ge⸗ ſellſchafter war faſt ebenſo unwiſſend und beſaß gerade ſo wenig Sinn für die Kunſt als er. Da er aber bedachte, eine auch noch ſo oberflächliche Kenntniß der Gemälde und Städte, wie man ſie erlangt, wenn man dieſelben ein oder zweimal be⸗ trachtet, könnte ihm neue Gegenſtände der Unter⸗ haltung liefern, und bei ſeiner Heimkehr Einla⸗ dungen auf Landhäuſer in England herbeiführen, ſo nahm er ſich vor, dieſe Gelegenheit nicht zu verſäumen und ſeinen Anſprüchen auf die Gaſt⸗ freundſchaft der zahlreichen Feſtgeber in ſeinem Vaterlande eine größere Ausdehnung zu geben. Dieſen fällt es in Folge der ſprichwörtlich gewor⸗ denen Langweiligkeit ihrer Häuſer ſchwer, Gäſte zu finden, die ihren trefflichen Mittagstiſch theilen, ihre alten Weine trinken und ihre langen, zehnmal 38 erzählten Geſchichten anhören wollen. Solchen Leu⸗ ten war Webworth ſicher—„ein wohl erzogener, gutartiger Menſch,“ wie ſie ihn hießen— denn er verleitete weder ihre Frauen, noch ihre Töchter zu thörichten Liebeleien. Darum war er auch ſehr gerne geſehen bei den Frauenzimmern in dieſen Landhäuſern; ſeine Schweigſamkeit hielt ihn ab, ſich mit Plaudereien zu befaſſen, und da konnten ſie ſich in ſeiner Gegenwart ohne irgend welche Gefahr zu laufen, in ein empfindſames Geſpräch mit einem begünſtigten Stutzer einlaſſen. Er ſchien gar nichts davon zu wiſſen und bemäntelte doch die offene Unanſtändigkeit eines téle-à-téte.„Es war blos Webworth.“ Dieſe Bemerkung hörte man häufig von ihnen, wenn ein neuer Anbeter, der ſeine beſonderen Verdienſte nicht kannte, mitten in einer geflüſterten Erklärung der tendresse kurz abbrach, weil W. in's Zimmer trat. Die jüngeren weiblichen Angehörigen in den Familien waren alle voll Freundlichkeit gegen ihn, weil er nie davon ſprach, wer neben ihnen ritt, wenn ſie Vater und Mutter aus dem Geſicht waren und weil er es nie zu bemerken ſchien, wenn eine Blume gegeben oder genommen wurde. In der That war Web⸗ worth nie de trop, denn er konnte einſchlafen, ſo oft er wollte, während der längſten Schach⸗ oder Patience⸗Partie wach bleiben, ihr Wildpret loben 39 und in ihre politiſchen Vorurtheile eingehen. Kein Wunder alſo, daß er beliebt war. Der laquais de place, welcher Lord Fitzwar⸗ ren und ſeinen Freund in Venedig herumführte, wußte ſich, wie er den Gondolieren erklärte, nicht mehr zu helfen, und vermochte nicht herauszu⸗ bringen, welche Ausſicht dem gnädigen Herrn ge⸗ fallen würde. „Ach, die Engländer,“ ſagte er,„haben zu viel Geld, um glücklich zu ſein. An nichts haben ſie Freude, Giacomo. Wirſt Du's glauben? Die Herren da ſehen unſere ſchönſten Gemälde kaum an und wenden ſich von unſern ausgezeichnetſten Paläſten jund Kirchen ab. Als ich ſie zu Fraſi's führte, um ihnen das prachtvolle Grabmal des Dogen Foscari zu zeigen, erklärte der Herr, er ſcheere ſich nichts um alle Dogen zuſammen; und wie ich ihm den Stein wies, der die Ruheſtätte unſeres größten Malers bedeckt und laut las: „Oui giace il gran Tiziano,“ was ich nie ohne Stolz ausſpreche, ſagte er zu mir, ich ſollte mein italieniſches Gewelſch nicht mit ihm reden, denn er verſtehe kein Wort davon.“ „Es ſind doch nicht alle Ingleſe wie der Herr,“ erwiederte der Gondolier. Ich habe in dieſer näm⸗ lichen Gondel viele von ihnen geführt, die mit Allem in Venedig ſo gut, ja noch beſſer bekannt 40 waren als irgend ein Cicerone in der Stadt. Sie gingen von Palaſt zu Palaſt, von Kirche zu Kirche, um einzelne Plätze zu beſichtigen, an denen merk⸗ würdige Ereigniſſe vorgefallen waren.“ „Der laquais de place ſagt mir, wir haben jetzt Alles geſehen, was in Venedig Beachtung ver⸗ diene,“ ſagte Lord Fitzwarren zu ſeinem Begleiter, während ſie bei einem Spätfrühſtück in dem Bogen⸗ fenſter des Leone hianco ſaßen, welches den Canal überragt,„und es hat einen ſchönen Wirrwarr in meinem Kopfe angerichtet. Nicht an einen einzigen Gegenſtand kann ich mich deutlich erinnern, Alles geht mir dürcheinander im Hirn herum, und es iſt das auch kein Wunder, denn ich habe Sachen ge⸗ ſehen, von denen ich nie zuvor gehört, an die ich auch nicht im Traum gedacht habe, und um die ich mich keinen Pfifferling bekümmere. Ich bin ganz aus meinem Geleiſe gekommen, ſeitdem ich den Fuß nach Italien geſetzt habe,— das iſt die volle Wahrheit— und wünſche jetzt von ganzem Herzen, ich hätte Alt⸗England nie verlaſſen. Das iſt das einzige Land in der Welt, in welchem es Men⸗ ſchen und Vieh wohl ſein kann. Wenn ein Mann nicht weiß, was er treiben ſoll, Weby, ſo kommt er gewiß in irgend eine Verlegenheit, entweder kommt ihm ein Duell auf den Hals oder erheirathet ſich, und ich weiß kaum, welches von beiden das Schlimmere iſt. Aber was ich ſagen wollte, wir 41 haben jetzt Alles geſehen, was zu ſehen iſt und ich bin darum entſchloſſen morgen aufzubrechen.“ Webworth legte ſich bei der entſchiedenen Er⸗ klärung ſeines Freundes noch ein focaccio vor und ſeufzte beinahe, während er es zerſchnitt, denn es fiel ihm ein, daß ihm dieſer Leckerbiſſen ſo bald nicht mehr zu Dienſten ſtehen würde. „Ich beſorge nur, mein lieber Fitz, es wird uns übel gehen, je weiter wir kommen, denn es iſt unmöglich, daß wir es irgendwo ſo gut antreffen, wie hier.“ „Jeder nach ſeinem Geſchmack,“ antwortete Lord Fitzwarren.„Was dem Einen geſund iſt, macht den Andern krank. Dir gefällt Venedig— mir iſt es zuwider und ich wäre um keinen Preis auch nur zwei Tage hier geblieben, wenn Du nicht darauf beharrt wäreſt. Aber morgen gehe ich, halte Dich alſo bereit, alter Kamerad.“ „Ich möchte wiſſen, ob die focaccios ſich zwei oder drei Tage halten, Fitz. Iſt das der Fall, ſo würde es nicht übel ſein, wenn wir einen Vor⸗ rath mit uns nähmen.“ „Mein Courier wird Dir das wahrſcheinlich ſagen können, ich will alſo ſchellen.“ Der Courier erklärte, die Kuchen müßten jeden Tag friſch gemacht werden, wenn ſie gut ſein ſoll⸗ ten. Webworth ſah man es an, daß ihn die Ver⸗ 42 eitelung ſeiner Hoffnung bedeutend ärgerte und er bemächtigte ſich deshalb des einzigen Stücks davon, das noch in der Schüſſel war.„Immer werde ich an Venedig denken,“ bemerkte er,„denn nirgens habe ich je ſo köſtliche Kuchen gegeſſen, als dieſer focaccio. Ich wollte, man könnte ſie in England gemacht bekommen, die Einführung derſelben und des ſchwarzen Wildprets wäre eine ausgezeichnete Eroberung für unſere Epikuräer.“ „Ich meines Theils bin mit den engliſchen Kuchen und Speiſen überhaupt ſo zufrieden, daß ich die Einfuhr keiner anderen begehre und blos wünſchte, ich wäre daheim und könnte ſie genießen,“ erwiederte Fitzwarren. Jetzt gab es Rechnungen abzuverlangen, von den Bankiers mußte das Geld gezogen werden, und für die Frauenzimmer aus der Familie Wel⸗ lerby waren venetianiſche Ketten und conterie*) nebſt anderen Bijouterie und Spiel⸗Waaren zu kaufen, wie man ſie zu Venedig macht. Schachtel nach Schachtel voll dieſer ſchimmernden Sachen wurde zu Lord Fitzwarren's Auswahl in den Leone pianco gebracht. Als ſein Begleiter dieſelben ſah, fing er an zu ſeufzen und meinte— „Fitz, Du biſt wahrhaftig ein glücklicher Kerl, *) Glasperlen von verſchiedenen Farben und zierlich mit Schmelz überzogen. „ 43 Du biſt im Stande Deinen abweſenden Freunden zu beweiſen, daß Du ſie nicht vergeſſen haſt. Wäre ich ſo reich wie Du, ſo würde ich keine Gelegen⸗ heit verſäumen, einigen meiner Freunde daheim etwas zu kaufen.“ „Wähle Dir aus, was Dir gefällt, lieber Weby,“ erwiederte der gutmüthige Fitzwarren, dem der Mangel an Zartgefühl in dieſem handgreiflichen Wink ſeines Begleiters nicht auffiel,„und laß ſie mich in meine Rechnung aufnehmen.“ „Dank Dir, Fitz, Du biſt wahrlich der beſte Kerl von der Welt,“ und mit der größten nonchalance betrachtete Webworth den Inhalt der Schachteln und wählte ſich ein paar goldene Ketten und conterie zum Betrag von wenigſtens dreißig Pfund aus. Dabei fragte er nie nach dem Preiſe, ſondern ließ ſie blos ſorgſam in beſondere Käſichen packen. „Ein guter Zug,“ dachte Webworth.„Ich habe mir hier, ohne einen Schilling auszugeben, Geſchenke genug gekauft, um mir die Frauen alle geneigt zu machen, deren Landhäuſer ich zu beſuchen wünſche. Ich weiß, wie gerne auch die Reichſte von ihnen ſich ein Präſent gefallen läßt und daß ſie ſolche ohne alles Bedenken auch von Leuten nehmen, die kaum Mittel beſitzen, um welche zu machen. Wie willkommen werde ich jetzt ſein, da ich etwas anzubieten habe! Ja, das war ein guter — Zug für mich; und was liegt daran, ob Fitzwarren bei ſeinem großen Vermögen dreißig oder vierzig Pfund mehr bezahlt, als er im Sinn hatte. Ar⸗ mer Kerl! iſt er einmal verheirathet, ſo wird es mit ſeiner Freigebigkeit gegen Freunde ein Ende haben. Ich habe es oft genug geſehen, welcher Wechſel auch mit den ſonſt am wenigſten knickerigen Männern in der Ehe vorgegangen iſt, um zu wiſſen, daß nach der Hochzeit für alte Cameraden nichts mehr von ihnen zu hoffen iſt. Wie Schade, daß ein ſo guter Kerl wie Fitz durch ein Weib ver⸗ dorben werden ſoll. Aber das iſt nicht zu ändern und ich muß daher heuen, ſo lang die Sonne ſcheint. Ihm liegt an dem Mädchen nicht das Mindeſte und man könnte ihn leicht dazu bereden die Heirath aufzugeben; aber mir würde man Vorwürfe machen, wenn die Sache zurück ginge, denn da man den armen Fitz als einen ſchwachen Menſchen kennt, ſo würden die Leute ſagen, ich habe ihm dazu gerathen. Ein ſolches Gerücht aber wäre mir nachtheilig in Familien, wo es Töchter gibt, ich muß alſo dem Waſſer ſeinen Lauf laſſen. Eine der Widerwärtigkeiten, die ſich an die Freund⸗ ſchaft mit einfältigen Leuten knüpft, iſt die, daß die böſe Welt es auf diejenigen ſchiebt, mit wel⸗ chen ſie am meiſten verkehren, wenn ſie einen außergewöhnlich dummen Streich machen. Auf ihre Freunde fällt aller Tadel, dieſe haben aber nie 5 5 45 einen Vortheil von den guten Handlungen derſelben. Ja, ich ſehe voraus, daß dies die letzte Reiſe iſt, welche ich mit dem armen Fitz mache, es wäre denn, daß Lady Olivia nach der Hochzeit die rauhe Seite zu ſtark herauskehrte und daß er durchbrennt, ein Fall, der ſehr leicht eintreten kann, denn ſie iſt teufelmäßig boshaft, wie ich wohl weiß und Fitz iſt nicht gewohnt ſich etwas bieten oder ſich wider⸗ ſprechen zu laſſen. Nun, mag es gehen, wie es will, ich werde meine Karten ſo miſchen, daß Nie⸗ mand mir wird Vorwürfe machen können, und im Uebrigen iſt es ihre, nicht meine Sache, ob ſie glücklich werden oder nicht.“ So vernünftelte der ſelbſtſüchtige Webworth; es lag ihm gar nichts an dem zukünftigen Schick⸗ ſal ſeines gütigſten und freigebigſten Freundes; er betrachtete ihn blos als einen Menſchen, vermittelſt deſſen er ſich die Genüſſe und Leckereien verſchaffen könnte, von denen ihn ſein eigenes beſchränktes Vermögen ausſchloß. Als Lord Fitzwarren die verſchiedenen neuen Päcke ſah, die im Vorzimmer des Leone bianco aufgeſchichtet lagen, fragte er am Morgen vor ſeiner Abreiſe von Venedig ſeinen Diener, was ſie ent⸗ hielten? „Es ſind die Lebensmittel, die Herr Webworth für die Reiſe beſtellt hat, Mylord.“ 46 „Die würden ja wahrhaftig für eine Fahrt durch ganz Italien hinreichen.“ „Ja, Mylord, das glaube ich auch; aber Herr Webworth wollte alle die plats haben, in deren Zubereitung nach ſeiner Anſicht der Koch hier ſich am meiſten auszeichnet, und wie Ihre Herrlich⸗ keit ſehen, ſo nehmen ſie einen ordentlichen Raum ein.“ „Nun, Weby, mein Junge,“ ſagte Lord Fitz⸗ warren zu ſeinem Freunde, der jetzt zum Vorſchein kam,„Du haſt eine tüchtige Menge Eßwaaren eingethan, wie ich ſehe, aber wie Teufels ſie auf⸗ gepackt und fortgebracht werden ſollen, das iſt mehr als ich ſagen kann.“ „Du brauchſt blos einen geräumigen Poſtwagen zu nehmen, um ſie weiterzuſchaffen, Fitz,“ erwie⸗ derte Webworth mit der größten Kaltblütigkeit, „und die kann man in Padua leicht kriegen.“ „Beſtell das Frühſtück,“ verſetzte Lord Fitz⸗ warren. „Jetzt noch nicht, lieber Freund. Wart' nur noch eine Stunde, dann können wir heiße focaccios gerade aus dem Ofen heraus bekommen, und was macht es Dir denn, ob wir eine Stunde früher oder ſpäter weggehen.“ Wie gutmüthig Lord Fitzwarren auch war, dieſer neue Beweis von der Selbſtſucht ſeines Begleiters 47 machte ihn einigermaßen verdrießlich, er biß ſich in die Unterlippe und wandte ſich von ihm ab; alsbald jedoch gewann er ſeine gute Laune wieder und erwiederte:„Nun, Weby, mach' Alles, wie Du willſt; Du ſollſt nicht um Deine Lieblings⸗ kuchen kommen.“ Webworth hatte nicht allein den großen Vor⸗ rath von Eßwaaren beſtellt, der im Vorzimmer aufgeſchichtet war, er hatte ſich auch eine Menge Recepte zu verſchiedenen plats verſchafft, in deren Zubereitung der chek de cuisine des Leone bianco einen außergewöhnlichen Grad von Geſchicklichkeit an den Tag gelegt. Dabei trug er beſonders Sorge, daß die Recepte bei der Uebergabe zum Schein an Fitzwarren's künftigen Koch ausgehändigt wurden und daß der Cyurier des letzteren das douceur, was der chef für Aufzeichnung derſelben erhielt, Sr. Herrlichkeit auf die Rechnung ſetzen mußte. „Mit dieſen Recepten werde ich mir in man⸗ chem Landhaus eine bleibende Stelle verſchaffen, wenn ich nach England zurückkomme,“ dachte Web⸗ worth,„eine neue Schüſſel von einigem Werth darf dort wie ein neuer Beſuch von einigem Talent ſicher auf einen guten Empfang zählen, denn ſie unterbrechen die Einförmigkeit langweiliger Geſell⸗ ſchaften.“ Lange Fahrten, die man in einem Reiſewagen 48 téte-à-léte zurücklegt, ſind eine harte Freundſchafts⸗ probe. Es gibt dabei ſo viele Gelegenheiten, bei denen die Reiſegefährten ihre Schwächen und Fehler herausfinden können, daß es wirklich ſowohl liebens⸗ würdige als angenehme Leute ſein müſſen, wenn ſie eine lange Reiſe nach wie vor als gute Freunde fortſetzen. Die Verdauungs⸗Werkzeuge Webworth's waren durch die Ausſchweifungen, zu denen ihn die guten Mahlzeiten im Leone Bianco verführten, auf eine harte Probe geſtellt worden und befanden ſich nunmehr in bedeutender Unordnung. Er beſaß jedoch nicht ſo viel Klugheit, um unterwegs ſeinen Gelüſten einigen Zwang aufzuerlegen, ſondern ließ, wie unwohl er auch war, den aus Venedig mitge⸗ nommenen Leckereien noch immer volle Gerechtigkeit widerfahren. Die Ueberladung des Magens dußert eine eben ſo nachtheilige Wirkung auf die Gemüths⸗ ſtimmung als auf die Geſundheit; iſt der Magen verdorben, ſo regt dies das ganze Nervenſyſtem auf und macht auch Leute, die ſonſt immer gut aufgelegt ſind, zum geraden Gegentheil davon. Von der Richtigkeit dieſer Behauptung erhielt Fitzwarren bald hinreichende Beweiſe. Webworth wurde ſo launiſch und mürriſch, daß jede Bewegung des Wagens ihn zu einem Ausruf der Unzufriedenheit veranlaßte. Im einen Augenblick behauptete er, er erſtickte aus Mangel an Luft, und wenn dann ſein gutmüthiger Freund alle Fenſter herunterließ, — — 49 ſo beklagte er ſich in der nächſten Minute über Froſt und erklärte, er ſei überzeugt, daß er das Fieber habe. „In der nächſten Stadt wollen wir halten und nach einem Arzt ſchicken,“ ſagte Lord Fitzwarren. „Was! ich ſoll mich einem italieniſchen Quack⸗ ſalber in die Hände geben? nein, nein, ein ſolcher Narr bin ich nicht. Es wundert mich, wie ein Mann von Deinem Vermögen, Fitz, ohne einen engliſchen Doktor reiſen mag. Was in des Him⸗ mels Namen konnte Dich dazu bringen, Dich ohne einen ſolchen auf den Weg zu machen?“ „Das iſt ganz einfach, es kam mir nie zu Sinn, daß ich einen nöthig haben würde.“ „Meinſt Du denn, Du ſeieſt nicht eben ſo gut Krankheiten ausgeſetzt, wie andere Leute?“ fragte Webworth verdrießlich. „Ich habe gar nie etwas in dieſer Beziehung gemeint. Ich war immer kerngeſund und nehme mich vor zu vielem Eſſen gehörig in Acht.“ „Ich muß ſagen, Fitz, Deine Geſundheit iſt gut. Ich kenne wahrhaftig Niemand, der ſo viel ißt, wie Du. Schon oft habe ich bemerkt, welchen außerordentlichen Appetit Du haſt. Oh, welcher Stoß! Der Wagen hängt ſehr ſchlecht und die Federn ſind heillos gemacht. Warum haſt Du Deine Wägen nicht von Barker bauen laſſen? 4 Strathern MI. 50 Er allein bringt einen bequemen Reiſewagen zu⸗ wege.“ „Das glaube ich auch und darum laſſe ich nie bei einem andern Kutſchenfabrikanten etwas machen.“ „Nun, diesmal iſt es ihm nicht gerathen, denn der Wagen iſt nichts weniger als bequem. Er hat nicht die gehörige Länge und macht es Einem un⸗ möglich die Beine auszuſtrecken, wie man gern möchte.“ „Ich habe doch längere Füße als Du, Weby, und kann ſie ausſtrecken, ſo viel ich will.“ „Du biſt allerdings größer, das gebe ich zu, aber ich bin überzeugt, daß meine Beine länger ſind als die Deinen.“ „Ich wette mit Dir fünfzig Pfund, daß dem nicht ſo iſt.“ „Du willſt immer Alles mit Wetten aus⸗ machen.“ „Allerdings, weil es den Streit beendigt.“ „Aber für die, welche kein Geld wegzuwerfen haben, ſind Wetten eine Tollheit; das mußt Du doch geſtehen.“ „Axry Beaulien hat eine andere Anſicht davon.“ „Beſonders wenn er mit Leuten zu thun hat, wie Du, deſſen Gold er ſo oft einſteckte. Das 51 war wieder ein Stoß. Wahrhaftig, ich werde ſo zerſchlagen, daß ich nächſtens in Stücke gehe.“ Auf dieſe Weiſe ſetzten Lord Fitzwarren und ſein soi-disant Freund ihre Reiſe fort, bis ſie Nea⸗ pel erreichten. Webworth litt noch immer an ſchlech⸗ ter Verdauung und hatte beſtändig etwas zu klagen. Fitzwarren's Geduld war völlig erſchöpft und er beſchloß nicht nach Sicilien zu gehen, wie er ur⸗ ſprünglich im Sinn gehabt. Das that er, um dem ferneren téte- à— léte zu entgehen, von dem er be⸗ reits mehr, als ihm lieb war, gekoſtet hatte. Das Erſte, was er bei ſeiner Ankunft in Neapel that, war, daß er nach einem engliſchen, dort ſeßhaften Arzt ſchickte und ſeinen ſchwarzgalligten Freund der Obhut deſſelben übergab. Dabei verſäumte er nicht, ihm in's Geheim die Urſache aus einander zu ſetzen, gegen deren Wirkungen er jetzt ein⸗ ſchreiten ſollte. *„Ich hätte nie geglaubt, daß Weby ein ſo widerwärtiger Reiſegefährte ſein könnte,“ dachte der gutmüthige Fitzwarren.„Dadurch, daß ich mich an einen ſolchen unausſtehlichen Menſchen gebunden, werde ich an das alte Sprichwort erinnert,„er hat ſich ſelber eine Ruthe gebunden.“ Ich muß mich in Acht nehmen, daß mir das nicht wieder vorkommt. Aber ich vergeſſe, daß ich mich über dieſen Punkt nicht allzuſehr zu beunruhigen brauche, denn da ich im Begriff bin zu heirathen,“ 4* 52 — er ſtieß bei dem Gedanken daran einen tiefen Seufzer aus— ſo kann ich in Zukunft blos mit meiner Frau reiſen. Nun, am Ende möchte ich doch ſehen, od Livy eine auch nur halb ſo unan⸗ genehme Poſtwagengeſellſchafterin ſein könnte, als Webworth von Venedig bis hieher geweſen iſt. Nein, ich muß ihr ſo viel Gerechtigkeit erweiſen und geſtehen, ſie iſt ein verzweifelt aufgeräumtes, gefälliges Mädchen und ſehr in mich verliebt. Das kann ich nicht läugnen, wenn ich ihr ſchon nicht in Liebe zugethan bin und mich, was noch ſchlimmer iſt, durchaus nicht bereden kann, daß mir auch nur ſo viel an ihr liegt als an einer Stecknadel. Es gebht nicht, ich mag's anfangen, wie ich will. Arme Livy! es würde ihr das Herz brechen, wenn ſie erführe, wie völlig gleichgültig ſie mir iſt; aber ich werde es ihr nie merken laſſen, die treue Seele. Es iſt genug, daß ich ſelber davon überzengt bin. Wenn man eine Frau zu heirathen ſich anſchickt, die man nicht gern hat, ſo iſt es gerade, wie wenn man kalten Bluts über ein Thor aus ſechs Stangen ſetzen ſoll, auf deſſen anderer Seite noch ein tiefer Bach iſt, während man doch vor Angſt beinahe vergeht. Ich darf nicht daran denken, denn es macht mich ganz niedergeſchlagen. Wäre es Louiſe Sydney, die ich heirathen ſollte, wie ganz anders wäre mir zu Muth! Wahrhaftig, ich würde halb toll werden vor Freude. Wie ſonderbar iſt es doch, daß ich 53 mir das Mädchen nicht aus dem Sinn ſchlagen kann? Wie beneide ich den Strathern. Er iſt ein glücklicher Kerl mit dem Kleinod, das er davon getragen hat. Sonſt war er mir lieber als jeder andere von meinen Bekannten, wenn wir ſchon nicht über zwei Dinge übereinſtimmende Anſichten hatten. Seitdem aber ſie ihn mir vorgezogen hat, mag ich ihn gar nicht mehr anſehen, und ich glaube wahrhaftig, es thäte mir nicht leid, wenn ich hörte, er ſei aus der Welt gegangen. Und doch, was würde mich das helfen? Auf der Welt gar nichts. Habe ich nicht, wie ein Stockfiſch, verſprochen, eine andere zu heirathen? Aber wenn ich auch frei, und Strathern todt wäre, ſo würde Louiſe Sydney mich doch nicht nehmen. Nun, es iſt doch zum Todtärgern, wenn man jung iſt und geſund und ein hübſches Vermögen hat und doch nicht glücklich werden kann. Und das iſt bei mir der Fall, der ich ſonſt ſo fröhlich war wie eine Lerche. Das ging ſo, bis mir das Mädchen den Kopf verrückte. Vielleicht, wenn ich wieder in England bin und meine Pferde um mich herum habe, werde ich wie⸗ der der Alte. Wer weiß?“ Drittes Kapitel. Warum hat doch des Schickſals Neid Die Liebenden zu ſo viel Leid Beſtimmt? Von eitler Hoffnung Trug, Von leerer Furcht und Zweifels Lug, Von Thränen heiß, von Eiferſucht Sind ſtets die Herzen heimgeſucht, Worin der Liebesgott regiert, Und unumſchränkt das Scepter führt. Zieht irgendwo er in ſein Reich, So künden jene allſogleich Den neuen Herrſcher Jedem an, Der hören, ſeh'n und fühlen kann. Nehm't Euch, ihr Leute, wohl in Acht Vor des geſtrengen Herrſchers Macht,— Er bringt nicht Freuden nur in's Land, Oft lagert ſeine ſchwere Hand Mit bittern Qualen, centnerſchwer Sich über Eure Herzen her. Drum, Leutchen, nehmet Euch in Acht Vor des geſtrengen Herrſchers Macht! Frau Sydney und ihre Tochter waren ſo ſehr mit dem Kummer beſchäftigt, den ihnen der Erfolg ihrer Unterrredung mit Strathern verurſachte, daß keine von beiden daran dachte, die nöthigen Be⸗ fehle zu geben und ſich vor Beſuchen verläugnen zu laſſen. So unterblieb eine Vorſichtsmaßregel, 55 deren Ergreifung ſo nothwendig iſt, wenn man unter dem Einfluß ſchmerzlicher Gemüthsbewegun⸗ gen ſteht. Der Stolz, welcher Louiſe Sydney in Stand geſetzt hatte, die Unterredung mit anſchei⸗ nender Ruhe auszuhalten, verlor ſich, als ſich ihr Geliebter entfernte; das liebende Mädchen weinte nunmehr über ihre getäuſchten Hoffnungen, ſie war blaß und niedergeſchlagen und wunderte ſich, wie ſie es über ſich vermocht, ihn für immer ſcheiden zu ſehen, ohne die Qual zu verrathen, die an ihrem Herzen nagte. „Ich kenne ſeine Unwürdigkeit, ich weiß, zu welchem Betrug er ſich herablaſſen und wie feſt er darauf beharren kann, warum, warum,“ dachte Louiſe,„beklage ich noch immer die Täuſchung, die für immer verſchwunden iſt, warum hänge ich noch immer an ſeinem Bilde?“ Während Louiſen Sydney ſolche ſchmerzliche Gedanken durch den Kopf gingen, waren diejenigen kaum weniger qualvoll, welche ihre Mutter heim⸗ ſuchten. Auf wen konnte ſie ſich künftighin noch verlaſſen, nachdem ſich Strathern ſo niederträchtig erwieſen, er, den ſie für ſo fehlerfrei gehalten hatte, als ein irrender Menſch zu ſein vermag. Alle ihre mit Liebe gepflegten Hoffnungen, die Tochter einſt der ſchützenden Obhut eines ehren⸗ haften Mannes anvertraut zu ſehen, waren jetzt ins Waſſer gefallen. Sie konnte jetzt nicht mehr 56 auf die Beſtändigkeit der Neigung und der Grund⸗ ſätze Strathern's als auf Pfänder für das Glück ihres Kindes bauen und ſah ein, daß es bei einer Gemüthsart, wie die Louiſens, lange, wenn nicht ewig dauern würde, bis ſie ſich von dem Schlag erholte, den ihr die Treuloſigkeit des Mannes ver⸗ ſetzte, welchem ſie ihr Herz geſchenkt hatte. Wie unangenehm mußte es überdies ſein, mit den Leu⸗ ten zuſammenzutreffen, welche das Verhältniß zwi⸗ ſchen Louiſen und Strathern kannten und ohne Zweifel tauſenderlei Bemerkungen darüber machten, tauſenderlei Gerüchte in Umlauf ſetzten. Frau Sydney war bei aller Liebenswürdigkeit in einigen Dingen ein ſchwaches und ſchüchternes Weib und nie wurde ſie ſich ihrer Hülfloſigkeit ſchmerzlicher bewußt, als unter den gegenwärtigen, entſcheiden⸗ den Verhältniſſen. In einem fremden Lande ohne einen männlichen Beſchützer, fühlte ſie, daß die abgebrochene Heirath ihrer Tochter der Gegenſtand allgemeinen Tadels werden würde. Was ſollte ſie thun? War es nicht am FPlatze, wenn ſie Rom ohne Aufſchub verließ und ſo ein ferneres Zuſam⸗ mentreffen mit Strathern vermied? Dadurch ent⸗ ging ſie auch der Nothwendigkeit gegen die neu⸗ gierigen soi- disant Freunde in Erklärungen einzu⸗ gehen, welche von dieſen wahrſcheinlich begehrt wurden. Ja, es war das Beſte Rom alsbald zu verlaſſen. Als ſie zu dieſem Entſchluß gekommen 57 und eben im Begriff war ihn ihrer Tochter mit⸗ zutheilen, wurde die Thüre des salon geöffnet und von dem italieniſchen Bedienten„il Signor Rhymer“ angekündigt. Von allen Beſuchen war ihr gerade der ſeinige in einem ſolchen Augenblick am meiſten zuwider; denn ſie wußte wohl, daß ſeinem ſcharfen und aufmerkſamen Auge nicht die geringſte Verän⸗ derung in ihrem und ihrer Tochter Geſicht entgehen würde und von einem Menſchen von ſeiner mürri⸗ ſchen Art, von ſeinem kalten und höhniſchen We⸗ ſen konnte ſie nur wenig Theinahme erwarten. „Sind ſie unwohl geweſen, ſchönes Fräulein?“ ſagte er mit ernſter, aber freundlicher Miene zu Louiſen. „Ja, ich habe in Folge einer bedeutenden Er⸗ kältung Kopfſchmerzen gehabt,“ verſetzte ſie mit feſterem Tone, als die Mutter bei ihr vermuthete; aber der Stolz, dieſer vorherrſchende Zug in Louiſens Charakter, hatte in dem Augenblick, da ſie das forſchende Auge Rhymers auf ihr bleiches Geſicht geheftet ſah, ſchon wieder ſeinen Einfluß gewonnen und ſie würde lieber unnennbare Mar⸗ tern erduldet als ihm auf irgend eine Art verra⸗ then haben, wie unglücklich ſie war. „Kopfſchmerzen von einer Erkältung!“ wieder⸗ holte Rhymer,„ſind eine recht unangenehme Krank⸗ heit, aber bei jungen Leuten gehen alle Erkältun⸗ gen, außer die des Herzens, bald vorüber. Ich 58 muß den Frauenzimmern Gerechtigkeit widerfahren laſſen und geſtehen, daß ſie weniger Erkältungen deſſelben ausgeſetzt ſind, als die Männer. Sind Sie nicht auch meiner Anſicht, Frau Sodney?“ „Ich bin mit dem Gegenſtand ſo wenig ver⸗ traut,“ erwiederte dieſe,„daß Sie ſich an Nie⸗ mand wenden könnten, der weniger im Stande wäre eine Meinung darüber auszuſprechen.“ „Vielleicht kann mir Ihre ſchöne Tochter die ihrige ſagen.“ „Meine Erfahrung hat mich nicht in den Stand geſetzt über die Herzen der Männer ein Urtheil abzugeben,“ verſetzte Louiſe; aber der Farbenwech⸗ ſel auf ihren Wangen verrieth, daß ihr das Ge⸗ ſpräch peinlich war. Hätte ihre Stimme ſo ſehr gezittert, als ihre Wange blaß war, ſo würde ſie Rhymer nicht weiter auf die Probe geſtellt haben; denn es erwachte ein Gefühl von Mitleid in ſeiner Bruſt, als er die Spuren des neuen und ſo tiefen Kummers im Geſicht des jungen, ſchönen und be⸗ gabten Mädchens erblickte; aber die Gewalt, welche ſie ſich anthat, täuſchte ſogar ſeinen prüfenden Blick und brachte ihn auf den Glanben, daß der Gram, deſſen Merkmale deutlich hervortraten, mehr mit dem Stolz, als mit der Neigung der ſchönen Ge⸗ ſtalt vor ihm zu ſchaffen habe. Dieſe Ueberzeugung brachte ſeine Theilnahme und ſein Mitleid zum Schweigen, die er ſonſt für ſie gefühlt haben würde. „ 2 W M M l r e 3 . E⸗ e , it 8 e. 59 „Haben Sie Strathern heute geſehen?“ fragte er. „Ja,“ erwiederte Frau Sydney,„er war vor Kurzem da.“ „Ich ſah ihn in der Peterskirche in Begleitung eines der ſchönſten Frauenzimmer, die mir je vor⸗ gekommen ſind; wohlverſtanden, ich ſage eines der ſchönſten und nicht das ſchönſte, denn das wäre in dieſer Umgebung nicht blos unhöflich, ſondern un⸗ wahr.“ Rhymer blickte bei dieſen Worten auf Louiſen Sydney und gewahrte, daß ſie bis unter die Schläfen hinauf erröthete und dann ſo blaß wurde wie Marmor. „Wer iſt die neue Schönheit?“ fragte er. „Ich glaubte jedes hübſche Geſicht in Rom zu ken⸗ nen, aber dieſe eine habe ich nie zuvor geſchaut. Aus ihrem Alleinſein mit Strathern entnehme ich, daß ſie mit ihm nahe verwandt ſein muß, und doch erinnere ich mich nicht, daß er nahe weibliche Angehörige in ſeiner Familie hat. Sie wiſſen wohl, wer ſie iſt?“ Dabei wandte er ſich an Frau Sydney. „Nein, wirklich nicht,“ verſetzte ſie, und ſah ſo verlegen und angegriffen aus wie ihre Tochter. „Ich bat ihn mich ſeiner ſchönen Geſellſchafte⸗ rin vorzuſtellen, denn ich dachte, ich hätte ſchon vermöge meines Alters ein Recht mir dieſe Freiheit zu nehmen, und weil ich ihn von ſeiner Kindheit 60 an gekannt habe, aber es kam mir vor, als ſei er an⸗ derer Meinung, denn er ſchien über die Bitte ver⸗ drießlich zu werden; und mit dem Frauenzimmer war dies auch der Fall. Er murmelte ein paar halbver⸗ ſtändliche Worte, wie er eine andere Gelegenheit ergreifen würde mich vorzuſtellen, entfernte ſich eilig und ließ mich mit albernem Geſicht ſtehen, wie es bei allen Leuten geht, die ihre Erwartungen getäuſcht ſehen. Ich meinte zuletzt, hier würde ich den Namen des ſchönen Frauenzimmers erfahren können, die mein Intereſſe ſowohl als meine Neu⸗ gierde erregt hat, aber da Sie auch nicht mit ihr bekannt ſind, ſo muß ich daraus ſchließen, daß derſelbe Grund, der unſern Freund Strathern ver⸗ anlaßt, denſelben vor Ihnen zu verbergen, auch mir gegenüber ſich geltend gemacht hat.“ Louiſe Sydney machte, obgleich die Stacheln der Eiferſucht ſie ſo ſehr peinigten, daß es beinahe über ihre Kräfte ging, einen verzweifelten und glücklichen Verſuch ihre Qual zu verbergen, denn was vermag nicht in einem weiblichen Herzen der Stolz, wenn er tief gewurzelt iſt? Sie that als wäre ſie eifrig beſchäftigt einige Zeichnungen in einer Mappe auf dem neben dem Sofa ſtehenden Liſch in Ordnung zu bringen; aber Frau Sydney, die weniger Gewandtheit beſaß ihre Gefühle zu verber⸗ gen, verrieth ihre Gemüthsbewegung ſo deutlich, daß Rhymer alsbald ſah, es ſei etwas Unange⸗ e d er ls in en ie r⸗ h, e⸗ 61 nehmes zwiſchen den beiden Frauenzimmern und Strathern vorgefallen. Er war überzeugt, daß dieſes ſo oder ſo mit dem ſchönen Frauenzimmer im Zuſammenhang ſtehe, welches er mit dem letz⸗ teren geſehen hatte. „Ich bin gekommen, um zu hören, ob Sie mir keine Auftrage für England geben wollen,“ ſagte Rhymer.„Ich verlaſſe die ewige Stadt morgen, und wahrſcheinlich zum letztenmal, denn in meinem Alter kann ich nicht hoffen die Alpen noch einmal zu überſchreiten. Wenn ich etwas für Sie mitnehmen oder Ihnen ſonſt in etwas nützlich ſein kann, meine ſchönen Damen, ſo dürfen Sie ſich nicht bedenken, von mir Gebrauch zu machen.“ Frau Sydney und Louiſe dankten ihm, lehnten es aber ab ihm etwas mitzugeben oder ihn mit Auf⸗ trägen zu behelligen. So nahm er denn Abſchied und ſagte geradezu, er hoffe ſie in beſſerer Geſund⸗ heit und Stimmung zu finden, wenn er wieder mit ihnen zuſammentreffe. Beim Fortgehen ſagte er noch,„ich glaube nicht, daß Sie in letzter Zeit an Rom viel Gefallen gefunden haben und werde mich freuen, wenn ich höre, daß Sie auch anders⸗ wohin gegangen ſind.“ Nachdem ſich Frau Strathern vergewiſſert, daß er das Haus verlaſſen, ſchellte ſie und befahl, kei⸗ nen Beſuch mehr zuzulaſſen. 62 „Auf den Signor Strathern wird wohl dieſe Anordnung keinen Bezug haben,“ ſagte der Diener. „Keine Ausnahme,“ erwiederte Frau Sydney und der Mann entfernte ſich mit der Miene äußerſter Ueberraſchung. Die liebende Mutter trat zu dem Sofa, auf deſſen Kiſſen Louiſe ihr Geſicht gelegt hatte, und vrückte das weinende Mädchen an ihr Herz. Einige Minuten lang floſſen ihre Thränen in einander.„Wir wollen fort von Rom, mein Kind, morgen wollen wir fort. Ueberall ſonſt werden wir weniger elend ſein als hier.“ „Ja, liebſte Mutter, wir wollen fortgehen. Morgen, nicht wahr? Ich ſehne mich nach der Trennung von einem Ort, wo mich Alles an ihn erinnert. O Mutter, wer hätte ſich träumen laſſen, daß ihm jeder Sinn für Anſtand, ja auch nur für das allgemeine Schickliche ſo ſehr abgeht? Oeffent⸗ lich mit einer Perſon ſich ſehen zu laſſen, die er uns nicht zu nennen wagt und die er ſich nicht unterſteht Herrn Rhymer vorzuſtellen. Einen Tem⸗ pel zu betreten, welcher der Gottheit geweiht iſt, und das am hellen Tag, mit einem ſolchen Frauen⸗ zimmer, während er doch gewiß ſein darf, Vielen von den Leuten zu begegnen, die darum wiſſen, daß er mit mir verſprochen ift. O, das iſt ſchreck⸗ lich und beweiſ't, daß er jedes Gefühl für Ehre und Schaam verloren hat.“ Frau Sydney traf alle Vorkehrungen, um Rom ꝶ — Wd u— am nächſten Tage zu verlaſſen. Louiſe und ſie hatten längſt gewünſcht Mailand zu beſuchen, von dort an den Comer⸗See zu gehen und daſelbſt einige Zeit zu verbringen. Jetzt beſchloſſen ſie, dieſe Abſicht auszuführen und beſchäftigten ſich mit den Zurüſtungen für die bevorſtehende Reiſe. Strathern hatte unterdeſſen Lady Delmington kaum in den Wagen gehoben, in welchem ihr Ge⸗ mahl auf ſie wartete, kaum hatte er die dringende Einladung ſeines Freundes abgelehnt, ſie auf einer Fahrt um Rom herum zu begleiten und mit ihnen an dem letzten Abend zu ſpeiſen, den ſie daſelbſt verbräch⸗ ten, als er Lord Delmington in's Ohr flüſterte und ihm ſein Zuſammentreffen mit Rhymer und deſſen Bitte mittheilte, ihn der Lady Delmington vorzuſtellen. Er ſagte, er hätte nicht darauf ein⸗ gehen können, ſo lange ihre Heirath nicht bekannt gemacht ſei, jener Herr würde ſich in Folge der Weigerung ohne Zweifel die irrigſten Vorſtellungen in Bezug auf ſie bilden, und nicht blos das, ſon⸗ dern dieſelben auch Anderen beibringen. „Gewiß erzählt er einigen meiner näheren Freunde, mit denen ich ſo ſtehe, daß ich keine Geheimniſſe vor ihnen haben ſollte,“ fuhr Stra⸗ thern fort,„ich habe mich geweigert, ihn einem Frauenzimmer vorzuſtellen, mit der er mich léte- téte ſpazieren geſehen habe.“ „Ach, ich ſehe, mein lieber Freund, daß auch 64 Du im Begriff ſtehſt, in den heiligen Eheſtand zu treten,“ erwiederte Lord Delmington.„Daher ent⸗ binde ich Dich des Verſprechens, meine Heirath geheim zu halten, wenigſtens gegenüber von den näheren in Rede ſtehenden Freunden.“ Strathern eilte zurück zu Frau Sydney, ent⸗ ſchlofſen, ſie um eine Erklärung und Angabe der Urſache davon zu bitten, warum ſie ihn am Mor⸗ gen ſo froſtig empfangen. Ueberdies wünſchte er fehr, ſeiner Braut und ihrer Mutter mitzutheilen, warum er ſich verwichenen Abend aus ihrer Ge⸗ ſellſchaft entfernt hätte und wer das Frauenzimmer wäre, mit welchem ihn Rhymer in der St. Peters⸗ kirche geſehen. Das wollte er thun, ehe Rhymer Gelegenheit fände, ihnen von dieſem Umſtand Nach⸗ richt zu geben; denn er war überzeugt, daß dieſer ſolches bei der erſten Veranlaſſung zu thun nicht unterlaſſen würde. Jede Empfindung von Zorn hatte ſich in der Bruſt des Liebenden verloren, als er mit haſtigen Schritten der Wohnung der Frau Sydney zuſchritt. Eine zweiſtündige Abweſenheit von Louiſen hatte ihm Zeit gegeben, über die Thorheit nachzudenken, mit der er ſie verlaſſen, ohne eine Erklärung über die Urſache ihres veränderten Betragens zu begehren. Er war nunmehr geneigt, nicht nur jeden Ausbruch übler Laune zu entſchuldigen, der, wie er annehmen zu müſſen glaubte, durch Empfindlichkeit oder ver⸗ —„——+—— 65 letztes Gefühl und dadurch veranlaßt worden ſein . konnte, daß er ihrem Wunſche widerſtanden, am . verwichenen Abend zu ihr zurückzukehren. Er machte ſich jetzt Vorwürfe, weil er nicht gleich, da er ſeine geliebte Louiſe an dieſem Tage geſehen, ſein Ausbleiben entſchuldigt und ihr die Verſicherung 5 gegeben hatte, wie leid es ihm thue. z„Wie einfältig von mir,“ dachte Strathern, „daß ich mich durch einen übel angebrachten Stolz n, habe abhalten laſſen, die Nachläſſigkeit gut zu machen, die mich verwichene Nacht dazu gebracht er hat, ihren Wünſchen zuwider zu handeln. Wie * ſo gar nicht liebhabermäßig iſt mein Betragen ge⸗ 6 weſen. Aber ich werde ſie um Verzeihung bitten h⸗ für dieſes mein erſtes Verſehen, und ſie wird— 5 ſie muß mir ſolche gewähren. Ihre zärtliche Mutter ht hatte wohl Urſache, mich froſtig anzuſehen, als ſie ge⸗ wahrte, wie ich, ſtatt mich gegen ihre Tochter darob er zu entſchuldigen, daß ich, was ich ſonſt nie gethan, 8 einen ganzen Abend von ihr weggeblieben war, von tt. ihr ging, ohne auch nur zu fragen, ob ich ſie be⸗ tte leidigt hätte, daß ich mich betrug, als wäre mir en, Unrecht geſchehen. So kam mir aber die Sache r damals wirklich vor. Die alte Schwachheit, der en⸗ Stolz, hat meine beſſeren Gefühle überwältigt, uch aber jetzt drängt mich das Herz, meinen Fehler en einzugeſtehen. Ich muß das ſchöne Geſicht meiner er⸗ Louiſe wieder von einem Lächeln ſtrahlen ſehen, Strathern HI. 5 66 wenn ich zu ihr komme; ſie muß mir ihr liebes, ſchönes Händchen überlaſſen, daß ich es an die Lippen drücken kann. Sie ſah auch dieſen Morgen blaß aus und ihre Augen hatten nicht den gewöhn⸗ lichen Glanz. Wahrſcheinlich iſt ſie krank geweſen und ihr Stolz erlaubt ihr nicht, es einzugeſtehen; denn meine Louiſe theilt meinen Hauptfehler, den Stolz. Was für ein Grobian war ich doch, ſie unter ſolchen Umſtänden zu verlaſſen, ſtatt zu blei⸗ ben, bis ich ihre Verzeihung erlangt und ſie wieder in die gewöhnliche Laune verſetzt geſehen hätte. O Stolz, Stolz! Du verleiteſt die ſchwachen Sterb⸗ lichen, die zu verletzen, welche ſie am meiſten lieben und ſich ſelbſt und Anderen Schmerz zu bereiten. Ich muß dieſe üble Eigenſchaft bekampfen, denn es bleibt mir nur geringe Ausſicht auf das Glück, das ich mir im Eheſtand verſprach, wenn ich mein Betragen durch ſeine Eingebungen leiten laſſe. Ich hätte daran denken ſollen, daß der Stolz auch ihr vorherrſchender Fehler iſt. Ich hätte es nicht ſo genau nehmen ſollen, ſtatt das krankhafte Gefühl zur Thätigkeit zu reizen und ſie in Folge davon zwei volle Glockenſtunden leiden zu laſſen. Das iſt eine Ewigkeit für ein Mädchen, die ſo fein fühlt wie ſie. Aber ich werde mich demüthigen und ihre Verzeihung erbitten. Dann iſt Alles wieder gut. O, wie ſehne ich mich darnach, ſie wieder freundlich zu ſehen.“ Solcherlei Gedanken gingen Strathern durch den Kopf, bis er an der Thüre der Frau Sydney anlangte. Er ging, wie gewöhnlich, die Stiege hinauf, ohne zu fragen, ob die Frauenzimmer zu Hauſe wären, da hielt ihn der italieniſche Bediente auf und erklärte, die Signora und Signorina ſeien ausgegangen. „Wohin— in welcher Richtung?“ fragte Stra⸗ thern, ſehr verdrießlich, ſie nicht anzutreffen. „Ich war nicht daheim, als die Frauenzimmer ausgingen,“ erwiederte der Mann, aber der ver⸗ legene und verwirrte Ausdruck in ſeiner Miene, als er dem durchdringenden Blick des Fragenden begegnete, verrieth Strathern, daß der Bediente nicht die Wahrheit redete. „Die Frauenzimmer ſind zu Hauſe, wollen aber keinen Beſuch zulaſſen. So iſt's, nicht wahr? Reden Sie die Wahrheit, ſagen Sie mir, Lev⸗ nardo!“ „Si, Signor, è vero.“ „Aber, Leonardo, ich will nicht blos einen ge⸗ wöhnlichen Beſuch machen. Sie können alſo ſicher darauf zählen, daß das Verbot ſich nicht auf mich ausdehnt.“ Leonardo ſchüttelte ernſthaft den Kopf und ant⸗ wortete:„Si, Signore, si. Als ich den Befehl erhielt, hielt ich es auch für unmöglich, daß sua excellenza mit gemeint ſein könnte; ich erkundigte mich deshalb näher und die Signora ſagte mir im Beiſein der Signorina ganz ausdrücklich, es werde keine Ausnahme gemacht.“ „Wollen Sie, guter Leonardo, gehen und den Frauenzimmern ſagen, daß ich hier ſei, daß ich Sie dringend zu ſprechen wünſche,— daß ich Ihnen etwas von Wichtigkeit mitzutheilen habe.“ „Si, Signor,“ verſetzte der gutmüthige Italie⸗ ner, welcher wohl wußte, daß Strathern Fräulein Sodney's Verlobter wäre. Er dachte irgend ein un⸗ bedeutender Zwiſt hätte eine augenblickliche Kälte von Seiten der Frauenzimmer herbeigeführt und es bedürfe einer Zuſammenkunft mit dem Signor Strathern, um ihn beizulegen. Daher freute er ſich, den Vermittler bei einem ſo wünſchenswerthen Vorgang machen zu können und beeilte ſich ſeinen Auftrag zu beſorgen. Der Mann ſah aus, als nähme er ſo viel Antheil an dem Erfolg der Sen⸗ dung, die ihm übertragen war, daß Frau Sydney ihn wegen ſeines Ungehorſams gegen ihre Befehle nicht zurechtwies. „Du hörſt, was er begehrt, Liebe,“ ſagte die beſorgte Mutter.„Wollen wir ihm willfahren?“ „Nein, Mutter, nicht um die Welt. Oh, laß mich ihn nie wiederſehen!“ „Sagen Sie Herrn Strathern, wir ſeien be⸗ ſchäftigt und können Niemand ſehen,“ verſetzte darauf Frau Sydney in ernſtem Tone,„und 69 Leonardo, laſſen Sie ja Niemand herein, ſei es, wer es will.“ In ſeinem ganzen Leben war Strathern's Stolz auf keine ſo harte Probe geſtellt worden, als in der Zeit, da er auf die Rückkehr des Bedienten und die Antwort der Frau Sydney wartete. Sie würde, dachte er, ſie konnte ihn nicht abweiſen. Wie unbedeutend war auch ſein Vergehen geweſen, ſelbſt wenn man es von der ernſthafteſten Seite betrachtete, wie groß wäre die Schmach, die man ihm anthäte, wenn man ihn, den Verlobten der Tochter vom Hauſe, unter den Perſonen befaßte, denen der Eintritt in's Haus verſagt wurde. Selbſt Leonardo hatte dies begriffen. Das ſah Strathern ein. Ja, man würde ihm damit eine Beſchimpfung anthun, das fühlte er bitter, aber er liebte Louiſe Sydney zu innig, zu treu, um eine ſolche ſo übel zu nehmen, wie das wohl ſonſt der Fall geweſen wäre. Er nahm ſich vor jede Regung des verletzten Stol⸗ zes zu unterdrücken, wenn er nur nicht noch eine Stunde von ihr entfernt bleiben mußte. Sein Herz pochte heftig, als er die Tritte Leonardo's ver⸗ nahm, der die Treppe herunterſtieg. Wie langſam ging er! War es möglich, daß ſich Frau Sydney geweigert hatte ihn zu ſich zu laſſen? Nein, das konnte nicht ſein; und doch bewieſen die langſamen und abgemeſſenen Schritte des Bedienten, daß er nicht der Träger günſtiger Nachrichten war. Ein Blick 70 auf Leonardo's Geſicht überführte Strathern, daß er eine abſchlägige Antwort auf ſeine Bitte mitbrachte und das Blut ſtieg ihm mit Ungeſtüm bis zu den Schläfen hinauf. „Die Signora und Signorina haben mir auf⸗ getragen Ihnen zu ſagen, ſie wollten keinen Menſchen ſehen,“ ſagte der Bediente und be⸗ trachtete dabei Strathern mit ſo kummervollen Blicken, daß dieſer ſah, wie leid es ihm that ſeinen Auftrag anszurichten. „Es iſt gut,“ ſagte er und erhob ſich dabei zur vollen Höhe ſeiner hohen Geſtalt. Sein Stolz war auf's Aeußerſte gekränkt, und ſeine Bruſt mit Unwillen erfüllt. Er wandte ſich von der Thüre ab, die er eben mit einem Herzen aufgeſucht, das vor zärtlicher Erregung pochte. Jetzt war er tief verletzt und fühlte blos die Beſchimpfung, die er erlitten. Nein, es war offenbar, daß man ſein Geſpött mit ihm trieb und ſeine Neigung zum Spielzeug einer Mädchenlaune machte. Aber mußte man ihn ſo wegſchicken, ohne ein Wort oder auch nur eine Linie der Erklärung und aus einem ſo unbe⸗ deutenden Grunde, wie der, daß er die verwichene Nacht nicht wiedergekommen war, Louiſe zu beſuchen. Das war, das konnte nichts als ein Vorwand ſein, um mit ihm zu brechen; aber wie unwürdig war ein ſolches Betragen von ihrer Seite! Und auch Frau Sydney, wie hatte er ſich in ihr geirrt! 71 Er kehrte in ſeinen Gaſthof zurück und ſein Kopf befand ſich in einem Zuſtand der Aufregung, der ſich nicht beſchreiben läßt. Er gab Befehl, ihn gegen jeden Beſuch zu verläugnen und griff zu der Feder, um an Louiſen eine letzte Aufforderung zu richten, ehe er ihr für immer entſagen konnte. Die Liebe trug den Sieg über den Unwillen davon, ein Strom von Zärtlichkeit überfluthete ſeine Augen und fiel auf das Papier, während er ſeine Ge⸗ fühle zu ſchildern verſuchte. Ja, der männ⸗ liche, der ſtolze Strathern weinte in unbezwing⸗ licher Erregung, da er ſich die glücklichen Stunden in's Gedächtniß zurückrief, die er mit ſeiner erſten und einzigen Liebe verbracht hatte, und da er ſie mit den traurigen Tagen verglich, welche er künf⸗ tighin getrennt von ihr zuzubringen verdammt war. Aber nein, er durfte nicht jetzt ſchon an ein ſo elendes Leben denken, wie das ſeine werden mußte, wenn es ihm nicht gelang, ſich mit Louiſen aus⸗ zuſöhnen. Ein Daſein ohne ſie mußte leer und hoffnungslos, und deſto düſterer und frendenleerer ſein, je glänzender die Ausſicht in die Zukunft ge⸗ weſen war, die er erwartet und die er ſich aus⸗ gemalt hatte, ſeidem ſie eingewilligt die ſeinige zu werden. Er begann einen Brief, fand aber die Worte ſo matt und geiſtlos, ſo weit entfernt ſeine Empfindungen auszudrücken, daß er das Papier zerriß und einen andern anfing. Dieſer theilte das Schickſal 72 ſeines Vorgängers und er ſtand eben im Begriff einen dritten Verſuch zu machen, als ſein Bedienter in's Zimmer trat und meldete, daß dem Lord Del⸗ mington bei ſeiner Rückkehr von einer Fahrt ein Blutgefäß geplatzt ſei und daß man glaube, er werde ſterben. Lady Delmington hätte halb außer ſich hergeſchickt und um einen augenblicklichen Beſuch bitten laſſen. Ergriffen und bekümmert über dieſe traurige Nachricht eilte Strathern ſogleich zu ſei⸗ nem Freund und fand ihn in der äußerſten Ge⸗ fahr. Obgleich ihm die Aerzte das Reden verbo⸗ ten, erblickte er doch kaum den eintretenden Stra⸗ thern, als er ihn anredete— „Verlaß mich nicht, mein lieber Freund, und ſollte ich ſterben, ſo ſei meiner armen Marie ein Freund.“ Es koſtete ihn ſo viel Anſtrengung auch nur dieſe wenigen Worte auszuſprechen, daß eine neue Ladung Blut aus dem zerriſſenen Gefäß in ſeine Bruſt ſich ergoß. Erſchöpft und bleich, wie Mar⸗ mor, ſank er auf ſein Kiſſen, ein Blutſtrom floß ihm aus dem Mund und Strathern glaubte jeden Augenblick, er würde verenden. Der Arzt gab ſtrenge Befehle, daß er ſich völlig ruhig verhalten ſollte und ſagte Strathern, da Lord Delmington ſeiner Anweſenheit ſo viel Werth beizulegen ſcheine, ſo hoffe er, daß er nicht von ihm gehen würde, bis er ruhiger geworden wäre. Lady Delmington 5. 73 wich nicht vom Bett und von der Seite ihres Ge⸗ mahls. Da ſaß ſie, den Blick auf ſein Geſicht gerichtet, mit einem Ausdruck ſo unausſprechlicher Liebe und Hingebung in den dunkeln und bethrän⸗ ten Augen, daß ſelbſt der Arzt, obgleich gewöhnt an ſolche Auftritte des Grams und der Prüfung, von der Stärke ihrer Empfindungen und der Ge⸗ walt ergriffen wurde, welche ſie über jene ausübte, damit der Anblick ihres Kummers ihrem leidenden Gemahl keine Aufregung verurſachte. Es war ſchön zu ſehen, wie ſie ſich Mühe gab ruhig und hoffnungsvoll zu ſcheinen, während ihr Herz von Befürchtungen für das Leben deſſen gepeinigt wurde, auf welchem alle ihre Hoffnungen beruhten, ja von dem ihr Daſein abhing. Und auch Lord Delming⸗ ton gewann Muth, da er ſie ſo gefaßt ſah und blickte auf ſie, als wenn ſeine Gedanken ſich blos mit ihr beſchäftigten. So oft er zu ſprechen ver⸗ ſuchte, bat ſie ihn ſtille zu ſein, und dann richtete er ſeine Augen auf Strathern, wie wenn er das angebetete Weib ſeiner Obhut empfehlen wollte. Jeden Gedanken an ſeinen eigenen Kummer vergaß Strathern über der Angſt, welche ihm die Gefahr ſeines Freundes verurſachte, und über ſeiner Theil⸗ nahme für Lady Delmington. Wie oft wünſchte er in den langen Stunden, die er in dem dunkeln und ſtillen Zimmer verbrachte, noch wie ſonſt ge⸗ wöhnlich in vertrautem und gutem Einvernehmen 74 mit Frau Sydney zu ſeyn! Dann hätte er ſie bitten können, ihre mütterliche Sorge auch auf das junge und liebliche Weſen auszudehnen, das vor ihm ſaß, niedergedrückt von Betrübniß, aber doch noch heldenmäßig bemüht, jedes Zeichen davon zu unterdrücken. Ja, Louiſe, ſeine ſchöne und gut⸗ herzige Verlobte, wäre ein hülfreicher Engel für die bekümmerte junge Frau geweſen, und ſein armer Freund hätte ſich beruhigt, wenn er ſeine Gemahlin unter dem Schutz von Frauenzimmern geſehen haben würde, die ſo gut und rein waren, wie Frau Sydney und ihre Tochter. Solche Gedanken füllten Strathern's Seele, der Abend verſchwamm in Nacht und dieſe verging langſam und träge. Der arme Leidende verfiel manchmal in einen unruhigen Schlummer, aus welchem er nur erwachte, um ſeine zärtliche Wär⸗ terin zu ſuchen und dann auf ſeinen Freund zu blicken. Nie ſchloſſen ſich die Augenlieder der ſchö⸗ nen und jungen Frau am Krankenlager ihres Man⸗ nes während der langen und traurigen Stunden dieſer Nacht. Die Augen auf das Geſicht des Schlafenden geheftet, lauſchte ſie in unausſprech⸗ licher Angſt auf ſeinen leiſen Athem, und wenn er aufwachte, ſo blickte ſie ihn ſo freundlich an, wie man es von den Engeln bei ſchlafenden Kin⸗ dern glaubt. „Welche Liebe kann der einer Frau gleich 75 kommen?“ dachte Strathern, als er die Hingebung der jungen Frau bemerkte.„Wer kann ſich ſelber, wie ſie, über der herzlichen allgewaltigen Liebe und Sorgfalt für diejenigen vergeſſen, die ihr theuer ſind? Ach, wir dürfen die leichten Mängel, die dem ſchönen Geſchlecht ankleben, wohl überſehen und verzeihen, wenn wir die vielen Tugenden in Betracht ziehen, welche ſie beſitzen und das un⸗ ſchätzbare Glück, das ſie uns bereiten. Ja, Scott, der gründliche Kenner des menſchlichen Herzens, hat Recht, wenn er von ihnen ſagt— „Das Weib iſt, wenn's ihr gut ergeht, voll Unbeſtand, Schwer zu befriediaen und voller Sprödigkeit; Drückt Krankheit Dich und Schmerz, ſo reicht ſie Dir die Hand So hilfreich wie ein Engel und voll Freundlichkeit.“ Strathern fühlte ſanfter gegen das ganze Ge⸗ ſchlecht, da er ſo Zeuge von der unermüdlichen Zärtlichkeit der ſchönen Angehörigen deſſelben war, die ihm gegenüber ſaß. Er ſtellte ſich ſeine Ver⸗ lobte in einer ähnlichen Lage vor, wie ſie an ſei⸗ nem eigenen Lager wachte, während er durch Krank⸗ heit an demſelben feſtgehalten wurde. Man hat die Behauptung aufgeſtellt, ein Mann könne keine aufrichtige Neigung für ein Frauenzimmer hegen, ohne von einem Gefühl der Achtung für das ganze Geſchlecht ergriffen zu werden. Strathern erkannte die Wahrheit dieſes Satzes, denn die Bewunderung, 76 die das Betragen der Lady Delmington während der ſchweren Prüfung in ihm erregte, durch welche es hervorgerufen wurde, erſtreckte ſich auf alle weiblichen Weſen, und ſammelte ſich als in einem Mittelpunkt in dem ſchönen Geſchöpf, das ihm nie aus dem Sinn kam. Am folgenden Tag hoffte er ſich ihr zu Füßen zu werfen und ſie um Verzeihung zu bitten für alle Unterlaſſungsſünden, denn er war ſich bewußt, daß er keine Begehungsſünde zu geſtehen hatte. Endlich dämmerte der Tag heran, ſein graues Licht ſchimmerte durch die Fenſterläden und die dem frühen Morgen eigenthümliche Kälte machte ſich den an dem Krankenlager Wachenden fühlbar. Strathern zitterte unwillkührlich, als die Kälte ſich über ſeinen Körper ausdehnte, aber das bekümmerte Weib verrieth keineswegs, daß ſie etwas von Kälte wiſſe. Ihr blaſſes Geſicht nahm eine bläuliche Färbung an, aber kein Schauer zog über ihre zarte Geſtalt hin. Da ſaß ſie, unbekümmert um Alles, nur nicht um die Gefahr des Geliebten, von deſſen Zügen ſie den ängſtlichen Blick nie auch nur einen Augenblick abwandte. Und nun nahm das kalte Grau des Morgens eine glänzendere Farbe an, die Sonne fing allmählig an ihre Strahlen durch die Wolken brechen zu laſſen, bis der Him⸗ mel mit Licht überſtrömt war. Die Vögel begrüß⸗ ten das glänzende Tagesgeſtirn mit ihren fröh⸗ lichen Liedern und vor dem hellen Licht verſchwand beinahe der blaſſe und zitternde Schein der Nacht⸗ lampe. Der Schlafende erwachte und wollte ſprechen; aber die immer wachſame Sorge der Liebe verhin⸗ derte ihn ſich ſo anzuſtrengen, und honigſüße, herz⸗ liche Worte wurden ſanft und leiſe ihm in's Ohr geflüſtert und er gebeten ſtille zu ſein. Der Arzt, der im nächſten Zimmer geblieben war, damit man ihn im Falle einer Gefahr gleich rufen könnte, wurde jetzt herbeibeſchieden und erklärte, daß es mit dem Kranken gut ſtehe. Er verlangte völlige Ruhe und Stille und verſicherte, daß er, wenn man ſeinen Anordnungen genaue Folge leiſte, keinen Zweifel über Lord Delmington's Aufkommen hege. Strathern wurde nunmehr von dem Poſten am Bett ſeines Freundes abgelöst und verließ den Gaſthof, nachdem er verſprochen in Kurzem wieder⸗ zukommen. Erſchöpft und müde von der ſchlafloſen Nacht und der Angſt der letzten vier und zwanzig Stunden ging er eben ſeiner eigenen Wohnung zu, als zwei Reiſewägen mit Poſtpferden hinter ihm her gefahren kamen. Ein Courier zu Pferde ging voraus. Auf den erſten Blick erkannte er ſie als die der Frau Sydney, und doch konnte er kaum glauben, was ihm ſo deutlich vor dem Geſichte ſtand. Als ob jedoch ſeine Ueberzeugung doppelt feſt werden ſollte, ſah er Louiſe, deren Augen den ſeinigen begegneten, ſich vor ſeinen ſtarren Blicken abwenden, ohne daß ſie auch nur durch eine 78 — Verbeugung zu erkennen gab, ſie habe ihn erkannt. So kurze Zeit er ſie auch geſehen hatte, ſo be⸗ merkte er doch, daß ihre Züge bei dem rencontre Zorn und Geringſchätzung ausdrückten. Einen Augen⸗ blick ſtand er wie eingewurzelt und ſchaute den Wägen nach; im nächſten aber vergaß er Alles, nur nicht, daß ſeine Geliebte Rom verließ, ohne eine Erklärung und im Unwillen über ihn. Toll gemacht durch die zuſammenſtoßenden Empfindungen, die ſein Herz erfüllten, rannte er den Wägen nach, des Vorſatzes, ſich von Frau Sydney und ihrer Tochter Gehör zu erbitten, ja es zu verlangen. Es ſchien indeſſen, als hätte ſich das Schickſal gegen ihn verſchworen, denn die Poſtknechte ſetzten ihre Pferde in ſo raſchen Trab, daß ſie ihm bald aus vem Geſicht kamen. Erhitzt und außer Athem von der nutzloſen Verfolgung, hielt Strathern an und lehnte ſich an ein Haus. Ein paar einzelne Perſonen, die an ihre Geſchäfte gingen, ſahen ihn an, zuckten die Achſeln und machten einander Be⸗ merkungen über die Narrheit der forestieri, die Nacht in Tag verwandelten, denn es wäre augen⸗ ſcheinlich, daß der Signor vor ihnen in kein Bett gekommen ſei. Dieſe Bemerkung erinnerte den Gegenſtand derſelben an die Unordnung in ſeinem Anzug, und dann kam ihm der Gedanke, wie ſelt⸗ ſam ſeine Erſcheinung zu ſolcher Stunde und in ſolchem Aufzug dem Fräulein Sydney habe vor⸗ — kommen müſſen. Aber Alles ſprach gegen ihn. Ein unſeliges Schickſal ſchien ihn ſeit den zwei letzten Tagen zu verfolgen— die Ankunft Del⸗ mington's, dann die Krankheit ſeines armen Freun⸗ des und nun hatte ſie ihn am frühen Morgen, in der Tracht des vorigen Tages, mit blaſſem Geſicht, ungeſchorenem Bart und mit unordentlichen Haaren geſehen. Ja, Alles hatte ſich gegen ihn verſchwo⸗ ren, und es war zwecklos gegen das Verhängniß anzukämpfen. Die Abreiſe der Frau Sydney bewies un⸗ widerlegbar, daß ſie und ihre Tochter ihm keine Gelegenheit zu einer Erklärung geben wollten, daß ſie eutſchloſſen waren das Verhältniß zwiſchen Loui⸗ ſen und ihm abzubrechen. Folglich hatte Alles ein Ende. Strathern wurde von tiefem Weh ergriffen, als dieſe Ueberzeugung ſich ſeinem Geiſte aufdrang. Sein Stolz, der am vergangenen Tage ſeine Liebe bewältigt hatte, fing jetzt an wieder ſeine Gewalt auszuüben, und mit einer Bitterkeit im Herzen, die er nie zuvor gekannt, gelobte er ſich nach der Beſchimpfung und Beleidigung, die ihm angethan worden— und das ohne einen Grund, der eine ſolche Mißhandlung rechtfertigte— nie wieder eine Ausſöhnung mit denen zu ſuchen, die ihm ſolches Unrecht gethan, ſondern, ſo gut es gehen würde, dem tiefen und freſſenden Gram die Stirne zu bie⸗ ten, der ihn, wie er wohl wußte, Jahre lang, wenn nicht für immer, verzehren mußte. Es fiel ihm ein, daß Frau Sydney wohl einen Brief für ihn im Gaſthof zurückgelaſſen haben könnte, und da er ſeinen Diener nicht nach ihm gehen und auch die Beſorgung deſſelben den Kellnern in dem Gaſt⸗ hof nicht überlaſſen wollte, wo Sydney's gewohnt hatten, ſo entſchloß er ſich ohne Verzug ſelber hin⸗ zugehen und Nachfrage zu halten. Er lenkte ſeine Schritte dem wohlbekannten Hauſe zu, aber ach! wie ſo ganz verſchieden waren ſeine Empfindungen von de⸗ nen, mit welchen. er ſich ſonſt und bisher denſelben gewöhnlich genähert hatte! Kein Brief, kein Auftrag war zurückgelaſſen worden. Die Frauenzimmer hatten erſt am Tage zuvor ſich für die Abreiſe entſchieden und beabſichtigten, wie man glaubte, nach England zu gehen. Mit pieſer unbeſtimmten Nachricht mußte ſich Strathern zufrieden geben. Der Unwille kam ihm zu Hülfe und ſetzte ihn in Stand ſich gegen den Gram aufrecht zu halten, der ihn ſonſt über⸗ mannt haben würde. Er ging in ſeinen Gaſthof und wäre gerne vaſelbſt geblieben, um in der Ein⸗ ſamkeit den düſtern Gedanken nachzuhängen, die ſeine Bruſt erfüllten, hätte ihn nicht ſeine Zuſage, nach welcher er zu Lord Delmington zurückkehren ſollte, gezwungen, dieſe Abſicht aufzugeben und ſich ſeiner Schwermuth zu entſchlagen. 81 Viertes Kapitel. „Wie iſt mir ein gefräßig Weib zuwider! Sie ſenkt die Augen auf den Teller nieder, Und ſchlingt begierig Alles, Fleiſch und Fiſch, Geflügel und was ſonſt noch auf dem Tiſch. Bei ſolchen Frauen kann man ſicher ſein, Daß ihre Süten roh ſind und ihr Sinn gemein, Daß ſie mit einem Wort ſich mehr als Thiere zeigen, Denn wie's gebildeten und zarten Frauen eigen.“ Als alle Vorbereitungen getroffen waren, ver⸗ ließ Frau Maeclaurin mit ihrem Gefolge Rom en route nach Neapel. Die Lady und ihre dame de compagnie ſaßen in einer Reiſekaleſche und ihr Ge⸗ ſinde folgte in einer geräumigen Kutſche nach. Es wäre ihr lieb geweſen, wenn Lord Alexander Beau⸗ lien den Platz der Frau Bernard eingenommen hätte, aber Se. Herrlichkeit lehnte den Vorſchlag unter dem Vorwande ab, ein ſolcher Schritt würde ſie dem Tadel blosſtellen, und reiste ihr in einem eignen Poſtwagen voraus, um, wie er ſagte, die Dienſte einer avant- garde zu verrichten. Da er wußte, welch' koſtbare Juwelen ſie beſaß,— und er nahm ſehr lebhaften Antheil an dieſen, weil er ja voraus⸗ ſah, daß ſie bald mit ſein Eigenthum werden wür⸗ den— ſo rieth er ihr von Terracina aus eine Strathern m. 6 82 ſtarke Bedeckung mitzunehmen, damit ſie die Räu⸗ ber nicht aus ihren Bergen heraus überfielen und den Schatz davonſchleppten. „Oh, was iſt das für ein Land,“ rief Frau Maclaurin,„wo die Leute nicht ohne eine Wache reiſen können. Wie ganz anders als das liebe Altengland, das man von einem Ende zum andern mit der Hälfte aller Juwelen im Land durchziehen kann, ohne daß man Jemand braucht, der auf ſie Acht gibt, als den Eigenthümer ſelbſt oder ſeinen Bedienten. Nun, laßt mich nur erſt wieder zurück ſein, und wenn mich dann noch Jemand dazu bringt, daß ich wieder auf Reiſen gehe, ſo will ich mich ausplündern laſſen, das ſag' ich Euch.“ „Wahrhaftig, es iſt gut, daß ſie mir den Wink gibt,“ dachte Lord Alexander Beaulieu;„denn jetzt, da ich ihre Abneigung gegen das Feſtland kenne, will ich dafür ſorgen, daß ich den größten Theil meiner Zeit auf dieſem zubringe und die gnädige Frau in England plante.“ Sie waren noch nicht über drei Poſtſtationen von Rom hinaus, als Frau Maclaurin über Hun⸗ ger klagte und darauf drang, daß die Eßwaaren ausgepackt würden, mit welchen ſie ſich reichlich verſehen hatte. Sie verſchlang gierig Alles, was man ihr vorſetzte und erklärte an einem fort, die Sachen wären ſo ſchlecht, daß ſie dieſelben kaum hinunterbringen könnte. Dabei ſchwemmte ſie ihr 83 Eſſen mit tüchtigen Zügen Weines hinab, den ſie nie mit Waſſer vermiſchte. Ihr Bräutigam wandte ſich mit Ekel von ihr ab, als er ſah, welche wun⸗ derbare Thaten ihr Appetit vollführte; und auch die Bedienten, welche ihr bei der Zwiſchenmahlzeit aufwarteten, ſahen ihr erſtaunt zu. Aber ſie war zu beſchäftigt, um den Eindruck zu gewahren, den ſie hervorbrachte; und ſelbſt wenn ſie ihn bemerkt hätte, würde das durchaus keine Wirkung auf ſie gemacht und ihre gemeinen Gewohnheiten bei'm Eſſen und Trinken nicht im Geringſten verändert haben. Nein! Frau Maclaurin war nicht die Frau, die ſich durch die Furcht vor der Meinung Anderer abhalten ließ, ihren Gelüſten nachzugeben, und der Gedanke, daß etwas Unziemliches in ihrer gourmandise liegen könnte, kam ihr nie in den Sinn. „Sie wird gewiß ihre Geſundheit zu Grunde richten,“ dachte Lord Alexander Beaulien, als er ſah, wie die verſchiedenen Gerichte, die auf ihrem Teller aufgehäuft waren, raſch verſchwanden und Glas auf Glas geleert wurde.„Welcher Vielfraß! Wenn indeſſen dieſe rohen Gewohnheiten ihr Leben abkürzen, ſo will ich ihren Hang danach mit Freu⸗ den begrüßen; aber ich muß mir ſelbſt ſo viel als möglich den Ekel erſparen, den es mir verurſacht, wenn ich ein Treiben mit anſehe, wie ich es eben jetzt geſchaut.“ 6 X Bei'm Durchgang durch die pontiniſchen Sümpfe befahl Frau Maclaurin der Frau Bernard ſie am Schlafen zu verhindern. Sie hatte nämlich von der Gefahr gehört, welche es bringe, wenn man ſchlafe und dabei der unreinen Luft dieſer Gegend ausgeſetzt ſei. Eine ſchwierige Aufgabe; denn die reichliche Zwiſchenmahlzeit hatte ſie ſo überfüllt, daß ſie außerordentlich geneigt war eine siesta zu halten. „Wenn Sie nicht ſo fade wären, wie laues Waſſer, wenn Ihnen nicht völlig die Fähigkeit ab⸗ ginge mich zu unterhalten, wäre ich leicht wach zu erhalten,“ ſagte ſie zu ihrer geduldigen Begleite⸗ rin;„aber es iſt kein Wunder, daß man ſchläfrig wird, wenn man mit einem ſo träumeriſchen Klotz eingeſchloſſen iſt, wie Sie. Wenn ſich die Leute als Geſellſchaftsdamen*) anbieten, ſollten ſie wiſſen, daß eine der erſten Obliegenheiten ihrer Stellung die iſt, ihre Herrſchaft zu unterhalten. Sie aber haben mich nie auch nur einen Augenblick unter⸗ halten, ſeitdem Sie in meinen Dienſt getreten ſind. Ganz im Gegentheil, Sie haben mich beſtändig zu todt gelangweilt, oder enweed, wie Juſtine ſagt. Wahrhaſtig, wenn ich Sie nur anſehe, bringen Sie mich zum Gähnen.“ Dem Worte folgte als⸗ — *) Frau Maclaurin ſagt eigentlich immer dams de company, was Kompagnie⸗Mütter oder ⸗„Damen be⸗ deutet. Uebſ. „ 85 bald die That, Frau Maelaurin riß ihren Mund ſo weit als möglich auf und gab bald darnach durch gewiſſe Naſenlaute zu erkennen, daß ſie in Mor⸗ pheus Armen liege. Eingedenk des Befehls ſie zu wecken, wagte Frau Bernard zuerſt Frau Maclau⸗ rin ſachte an der Schulter zu berühren und rief: „Madame, Madame!“ Als ſie aber ſah, daß dies nichts half, ſchritt ſie zu wirkſameren Maßregeln, rief noch lauter:„Madame, Madame!“ und ſtieß die Lady etwas derber an. Darüber erwachte dieſe plötzlich aus einem Schlummer, in welchem ihr ge⸗ träumt hatte, ſie ſei von Räubern angegriffen wor⸗ den; ſie ſtellte ſich nun vor, ſie ſei wirklich in ihre Hände gefallen, ſchlug im erſten Augenblick, da ſie geweckt wurde, auf Frau Bernard aus Leibes⸗ kräften los und ſchrie:„Diebe, Diebe,— Mör⸗ der!— Hilfe, Hilfe!“ Frau Bernard kreiſchte da⸗ zwiſchen laut, als Schlag nach Schlag von den kräftigen Fäuſten der Frau Maclaurin mit Macht auf ihr Geſicht, ihren Kopf und ihre Schultern herniederregnete. Die Poſtknechte hörten das Ge⸗ ſchrei und hielten die Pferde an. Die Diener ſtie⸗ gen von dem Rückſitz hinten auf dem Wagen her⸗ unter und machten den Schlag auf. Da fanden ſie denn die arme Frau Bernard ſchluchzend und weinend, das Geſicht braun und blau, mit blu⸗ tender Naſe und zerknittertem Hut. Frau Ma⸗ elaurin, die jetzt völlig wach geworden war, machte 86 ihr laute Vorwürfe darüber, daß jene ſie auch nur einen Augenblick habe ſchlafen laſſen und er⸗ klärte, ſie ſei überzeugt, daß die Malaria ſie ſchon ergriffen habe, und das komme blos von der Nach⸗ läſſigkeit der dummen Kuh her, die ſie habe ſchlafen laſſen, der Himmel wiſſe, wie lang. Lord Alexan⸗ der Beaulieu's Poſtknecht hielt ebenfalls an; Se. Herrlichkeit war neugierig, zu erfahren, was es gäbe, er verließ daher ſeinen Wagen und trat an die Thüre von dem der Frau Maclaurin. Er traf die Lady an, wie ſie blutroth und glühend Schmäh⸗ worte gegen ihre hilfloſe Begleiterin ausſtieß, die ernſtliche Verletzungen erhalten hatte und in einer Ecke der Kaleſche ſchluchzte. „Geſchieht Ihnen recht, warum laſſen Sie mich ſchlafen?“ rief Frau Maclaurin. Hätten Sie mich wach gehalten, ſo würde ich nicht ge⸗ träumt haben, ich werde von Räubern überfallen und Sie wären nicht geſchlagen worden. Aber was ſollte ich denken oder thun, wie ich in meinem Traume von ſchrecklichen Kerlen herumgezerrt und fortgeriſſen wurde und mich mitten darin ſtoßen fühlte? War es da nicht ganz natürlich, daß ich mich vertheidigte? Und das that ich denn auch. Wenn Sie dabei Schaden genommen haben, ſo können Sie Niemand als ſich ſelbſt darüber Vor⸗ würfe machen. Es iſt nicht nöthig, daß Sie weinen und jammern, als wären Ihnen alle Knochen im * 87 Leibe zerbrochen; Sie haben blos ein paar Püffe gekriegt; und wenn Ihr Hut verdorben iſt, ſo ſchenke ich Ihnen einen neuen, ſobald wir nach Neapel kommen. Alſo hören Sie auf zu flennen, denn das iſt mir etwas ganz Unerträgliches.“ So herzlos und ſelbſtſüchtig Lord Alexander Beaulien auch war, er empfand Abſcheu und Wider⸗ willen, als er ſo mit anſah, wie äußerſt gefühllos ſeine zukünftige Frau ſich erwies. Er gewahrte, wie die Diener der Frau Maclaurin einander zu⸗ lächelten und ſich Winke gaben, und empfand eine Regung von Mitleid mit der unglücklichen dame de compagnie, welche ſich ſo der rohen und un⸗ weiblichen Frau Preis gegeben ſah. Er ſchickte einen Bedienten in das nächſte Haus, um ein Glas Waſſer für ſie zu bekommen. Nachdem das arme Geſchöpf einen Theil davon getrunken, befand ſie ſich ein wenig beſſer und wurde wieder etwas ruhiger. „Ich bin ſchrecklich durſtig, kann ich Ihnen ſagen,“ bemerkte Frau Maclaurin,„aber Niemand ſcheint daran zu denken, wie er mir eine Labung verſchaffen könnte, und doch habe ich in dem ſchreck⸗ lichen Traume ſehr viel durchgemacht und mich entſetzlich angeſtrengt, da ich mich, wie ich meinte, gegen die Räuber wehrte.“ Ein zweites Glas Waſſer wurde jetzt beige⸗ ſchafft, aber die Lady erklärte, ſie habe einen Ab⸗ ſcheu vor unvermiſchtem kaltem Waſſer. Sie be⸗ 88 hauptete, es mache ihr immer übel und verlangte, man ſollte Wein auspacken und ihn darunter thun. Obgleich nun Lord Alexander Beaulien ihr vorſtellte, ſie ſetze ſich der Malaria aus, wenn ſie in den pontiniſchen Sümpfen anhielte, ließ ſie ſich doch nicht davon abbringen, den Trunk Wein mit Waſſer zu ſich zu nehmen, den ſie begehrte. Als ſie end⸗ lich ihren Durſt geſtillt hatte, ſetzten ſich die Ge⸗ fährte in raſche Bewegung und Frau Maclaurin ſchärfte ihrer dame de compagnie ein, ſie nicht mehr einſchlafen zu laſſen und drohte ihr, es könnte ſonſt geſchehen, daß ſich die Schläge wiederholten, die ſie bereits bekommen. Nichts weniger als angenehm waren die Be⸗ trachtungen, die Lord Alexander Beaulien anſtellte, während er in ſeinem Poſtwagen ſaß und weiter wollte. Sein Abſcheu, ſein Grauen vor ſeiner künftigen Gemahlin wuchs mit jedem Tag, ja mit jeder Stunde, wenn die Umſtände einen neuen Beweis von ihrer Selbſtſucht und ihrem gänzlichen Mangel an Gefühl zu Tage förderten.„Keine einzige Eigenſchaft kann ich an ihr entdecken, wo⸗ durch ſie gut gemacht würden,“ dachte er. Aber vielleicht iſt es ſo beſſer. Wäre ſie weniger wider⸗ lich, weniger gemein, ſo könnte ich mir Vorwürfe darüber machen, daß ich ſie heirathe, während ich ſie doch haſſe und über das Betragen, welches ich gegen ſie einzuhalten entſchloſſen bin, wenn wir 6 ₰ 89 verehelicht ſind. Aber ſo wie die Sache jetzt ſteht, werde ich mir keine Selbſtvorwürfe zu machen haben und ſie mag für alle ihre Sünden büßen. Denn ſie ſoll ſehen, daß ihr der Reichthum, der ihr einen Mann verſchafft, zugleich einen Herrn gegeben hat.“ Als die Reiſenden Halt machten, um über Nacht zu bleiben, fand Frau Maclaurin vielerlei an dem Wirthshaus und ſeiner Einrichtung aus⸗ zuſetzen. Deſſenungeachtet erwies ſie der Mahlzeit, die für ihre Ankunft bereit gehalten wurde, alle Ehre und geſtand, daß ein Currier*)— ſo ſprach ſie das Wort Curier aus— auf einer Reiſe ſehr nützlich ſei. Sie erklärte auch, nach ihrer Rück⸗ kehr nach England würde ſie ohne einen ſolchen nirgendshin gehen, denn,“ behauptete ſie,„es iſt ſo angenehm, ſein Eſſen ſchon bereit zu finden, wenn man ankommt, ſtatt daß man ſonſt hinge⸗ halten wird und darauf warten muß, und das bringt mich immer in Zorn.“ Frau Bernard war ſo unwohl, daß ſie ſich zu Bett legen mußte, ſo⸗ bald ſie aus dem Wagen geſtiegen war. Ohne die Menſchenfreundlichkeit der Wirthin hätte ſich auch Niemand um ſie bekümmert, denn Frau Ma⸗ claurin dachte nicht im Entfernteſten an ſie und Jungfer Juſtine ahmte die Gleichgültigkeit ihrer Herrſchaft gegen die unglückliche dame de compagnie *) Gerber, Pferdeſtriegler. 90 nach. Lord Alexander Beaulien erinnerte ſeine künf⸗ tige Frau daran, daß man auf die arme Kranke einige Sorgfalt verwenden müſſe. „O! ich weiß ja, daß meine Leute nach ihr ſehen,“ erwiederte das herzloſe Weib; er aber hatte wenig Vertrauen auf dieſe unbeſtimmte Zu⸗ ſicherung und ging zu der Wirthin, ſie zu bitten, daß ſie ſich der verlaſſenen und leidenden Frau annehmen möchte. Lord Alexander Beaulien war froh, als die Reiſe vorüber war, obgleich er da⸗ durch dem Ziele näher kam, auf welches er nicht ohne ein Gefühl von Widerwillen hinzublicken ver⸗ mochte, wie viel Reichthum es ihm auch bringen mußte. Es freute ihn, von dem Zwang befreit zu werden, den ihm die beſtändige Gegenwart ſei⸗ ner verhaßten liancée auferlegte, und in dem Ge⸗ töſe einer von Menſchen wimmelnden Stadt fühlte er ſich weniger bedrückt von dem Gedanken an ſeine Lage, als wenn er allein mit ihr en route war. Die Reiſenden nahmen ihre Wohnung im großbritanni⸗ ſchen Hof, in der strada di Caijo, wo die ſchönſten Zimmer des Hauſes für ihre Aufnahme hergerichtet waren und ein treffliches Mahl ihrer Ankunft harrte. „Ach, das ſieht etwas gleich,“ rief Frau Ma⸗ claurin, als ſie in die geräumigen Gemächer trat, die ihr zugewieſen wurden. Ich muß ſagen, Bor⸗ doni hat mir ſehr gute Zimmer verſchafft, aber 91 ich ſterbe faſt vor Hunger, wir wollen uns alſo, wenn es Ihnen recht iſt, Mylord, zum Eſſen ſetzen ohne uns umzukleiden.“ „Glauben Sie nicht, daß es Sie erfriſchen würde, wenn Sie vorher ein warmes Bad näh⸗ men?“ ſchlug der mari futur vor. „O nein, ich könnte nicht warten. Ich bin viel zu hungrig dazu.“ Bordoni, der courrier, kannte die Gewohnhei⸗ ten und den Geſchmack der Frau Maclaurin zu gut, um zu vergeſſen, daß ſie ihr Eſſen ſo bald als möglich nach ihrer Ankunft aufgetragen haben wollte. Während nun Lord Alexander Beaulieu ihr anrieth, ein Bad zu nehmen, wurde das Eſſen angekündigt. „Ja, Bordoni iſt ein vorzüglicher currier— das kann man nicht läugnen. Ich merke an dem guten Geruch, daß er dafür beſorgt geweſen iſt, eine recht kräftige Fleiſchſuppe für mich zu kriegen. Dies und ein oder zwei Gläſer alten Madeira wird mich mehr erfriſchen, als alle Bäder in der Welt. Hauptſuppe— ſtark und eine Menge Pfeffer. Es iſt die beſte, die ich ſeit meiner Abreiſe aus England verſucht habe.“ „O, das ungeſchlachte Menſch,“ dachte Lord Alexander Beaulien, der beſagte polage ungenießbar fand. „Ich bin keine große Freundin vom Baden,“ 92 — fing die Lady wieder an,„und meine immer, die Leute müſſen recht ſchmutzig ſein, die ſo viele nöthig haben. Zu Brighton wohnten einige Frauenzimmer mit mir im nämlichen Gaſthof, die in der Woche drei bis viermal warme Bäder nahmen; aber ich meines Theils ſehe die Nothwendigkeit davon nicht ab.“ Frau Bernard machte ein verlegenes Geſicht und Lord Alexander Beaulieu fing von etwas An⸗ derem zu reden an. „Ich will noch ein Glas von dem Madeira verſuchen. Wollen Sie's mithalten, Mylord?“ „Wenn Sie's erlauben, ſo will ich lieber etwas leichten, franzöſiſchen Wein zu mir nehmen. Ich trinke ſelten anderen.“ „Da haben Sie ſehr Unrecht; denn die fran⸗ zöſiſchen Weine ſind elender Miſchmaſch und könnten den ſtärkſten Magen verderben, davon nehme ich aber den Champagner aus; das iſt ein angenehmer Wein und verſetzt Einen in die beſte Laune. Ich trinke ein Glas Champagner mit Ihnen, wenn es Ihnen recht iſt.“ „Darf ich Ihnen ein Glas Wein anbieten, Frau Bernard?“ ſagte Lord Alexander Beaulien, den es ärgerte, ſehen zu müſſen, daß ſich Frau Maclaurin ganz und gar nichts um das arme Ge⸗ ſchöpf bekümmerte.„Das wird Ihnen nach den Anſtrengungen der Reiſe gut bekommen.“ —— 93 „Ich trinke ſelten Wein, Mylord, und trage auch jetzt Bedenken, es zu wagen, da mir der Kopf noch weh thut.“ „Unſinn— dummes Zeug! Wenn ſich Se. Herrlichkeit herablaſſen und Sie bitten, ein Glas Wein mit ihm zu genießen, ſo iſt es eine Grob⸗ heit, wenn Sie es ihm abſchlagen. Sie ſehen doch nie, daß ich mich ſo betrage. Da, nehmen Sie Ihr Glas Wein ohne weitere Umſtände und ſeien Sie froh, daß man Ihnen ſo freundlich be⸗ gegnet.“ Der Frau Bernard ſtieg das Blut bis in die Schläfe und eine Thräne zitterte in ihrem Auge, aber ſie brachte das Glas Wein, das man ihr eingeſchenkt, an die Lippen, nippte davon und ſtellte es wieder hin. „Sehen Sie einmal,“ ſagte Frau Maclaurin, „ſo macht ſie's alle Tage. Sie verſucht den Wein blos, gerade als wäre es Eſſig und läßt ihn dann ſtehen. Mir iſt ſo ein zimpferliches Weſen zu⸗ wider, denn ich meines Theils ſehe nicht ein, warum Jemand ſich ſchämen oder fürchten ſollte, ein paar Gläſer Wein zu trinken.“ „Ich bin nicht daran gewöhnt, Madame.“ „Das glaub' ich wohl— wo ſollten Sie denn das Geld dazu herbringen? Aber wenn es Sie nichts koſtet, brauchen Sie es doch nicht auszu⸗ ſchlagen. Was! ein Stück Ochſenbraten. Wenn ein wenig Fett daran wäre, ſo würde ich faſt glauben, ich ſei in dem lieben Altengland. Vom Ochſenbraten eſſe ich am liebſten eine Schnitte vom innern Lendenſtück, noch ganz in ſeinem Saft und mit einer Menge Meerrettig und Kartoffeln; aber es nützt nichts, daß ich außerhalb England an ſolche gute Sachen denke, denn ſonſt ſind ſie nir⸗ gends zu kriegen. O! nehmen Sie meinen Teller weg. Dies ſchlechte Zeug da hat ſo wenig Aehn⸗ lichkeit mit engliſchem Ochſenbraten, als die Kreide mit dem Käs. Was iſt das für ein Land! Nicht einmal ein ordentlicher Biſſen Ochſenbraten iſt darin aufzutreiben.“ Kaum war das Eſſen ein paar Minuten ab⸗ getragen, da ging die Thüre der salle à manger auf, Mylord Fitzwarren wurde von dem italieni⸗ ſchen Kellner angemeldet und herein trat dieſer ſelbſt. Er fuhr zurück, als er ſah, daß ſein Freund Lord Alexander Beaulieu nicht allein war und wollte eben wieder weggehen. Aber Frau Maclaurin ſtand zum größten Verdruß ihres künftigen Gemahls auf und ſagte:„Ich hoffe, Mylord, Sie werden ohne Umſtände Platz nehmen und ein Glas Wein mit⸗ trinken.“ Lord Alexander Beaulien hatte ſich von ſeinem Stuhl erhoben, in der Abſicht, ſeinen unwillkom⸗ menen Beſuch in's nächſte Zimmer zu führen und ſo zu verhindern, daß er mit Frau Maclaurin ₰ 5 95 bekannt würde. Aber die Lady hatte keine Luſt, eine Gelegenheit unbenützt vorüber zu laſſen, bei der ſie dem Verzeichniß ihrer Bekannten einen neuen Lord hinzufügen konnte und vereitelte ſeine Abſicht. Fitzwarren wußte ſeine Gemüthsbewegungen weder zu beherrſchen noch zu verbergen; er ſtarrte daher verwundert Frau Maclaurin und dann ſeinen Freund an. Endlich folgte er der wiederholten Aufforderung der Lady und ſetzte ſich. „Ich habe erſt vor fünf Minuten gehört, daß Du hier ſeiſt, Axy,“ ſagte er,„ſo machte ich mich gleich auf die Beine, um Dich zu beſuchen und ließ mir nicht einfallen, daß Du nicht allein wäreſt. Ich hoffe, Madame,“ fuhr er mit einer Verbeugung gegen Frau Maclaurin fort,„Sie werden es mir zu Gute halten, daß ich ſo un⸗ verſehenerweiſe mich bei Ihnen eingedrängt habe.“ „Bitte, reden Sie doch nicht davon, Mylord; es macht mir außerordentlich viel Vergnügen, Ihre Bekanntſchaft zu machen.“ „Wenn ich mich nicht irre, Madame, ſo ſehen wir uns nicht das erſtemal. Ich glaube, ich war ſo glücklich, Sie einmal Nachts in Rom zu treffen auf einem Maskenball,“ und Fitzwarren's gut⸗ müthiges Geſicht erheiterte ſich zu einem Lächeln bei dem Gedanken an das Auftreten und Betragen der Lady bei jener Gelegenheit. Lord Alexander Beaulieu dagegen wurde roth vor Schaam. 96 „Ja, jetzt erinnere ich mich auch wieder an Ihr Geſicht, Mylord. Es war auf dem bal co- stumé, da ich Sie geſehen habe. Sie werden ſich erinnern, daß ich als Königin von Schottland dort war und eine große Menge Diamanten trug— wahrhaftig mehr, als irgend ein anderes Frauen⸗ zimmer auf dem Ball.“ Lord Alexander Beaulieu ſaß wie auf Nadeln, während ſein Freund Spaß dabei fand und voller Freude darauf einging, die einfältige Frau vor ihm in Verlegenheit zu ſetzen. „Aber wollen Sie nicht etwas Wein und Obſt zu ſich nehmen?“ fing Frau Maclaurin wieder an, die blos daran dachte, ihrer Pflicht als Wirthin nachzukommen.„Nun, Lord Alexander, Sie be⸗ kümmern ſich ja gar nicht um Ihren Freund, und wiſſen doch, daß mir jeder Ihrer Bekannten will⸗ kommen iſt.“ „Dank' Ihnen, Madame,“ erwiederte Fitz⸗ warren.„Sie haben Recht. Es kommt mir, die Wahrheit zu ſagen, auch nicht vor, als wäre Axy ſehr erfreut, einen alten Freund wieder zu ſehen. Und wenn Sie ſich nicht ſo freundlich gegen mich erwieſen, ſo müßte ich wahrhaftig glauben, ich ſei hier nicht gern geſehen, ich falle Ihnen zur Laſt.“ „Daran brauchen Ihre Herrlichkeit nicht zu denken; nicht wahr, Lord Alerander? Mich freut es gewiß außerordentlich, Sie zu ſehen und das — 97 in einem fremden Lande. Aber beſonders in einer Gegend, wie Italien, iſt es äußerſt angenehm, engliſche Geſichter zu ſehen, vornehmlich, wenn ſie nicht unverſchämt und unhöflich ſind, wie einige von denen, mit welchen ich in Rom zuſammenge⸗ troffen bin. Werden Sie es glauben, Mylord, es war eine haßliche alte Frau dort mit zwei wider⸗ lichen frechen Töchtern, die mich auf dem Carneval einmal ſo grob behandelten, daß ich nicht anders konnte, ſondern ihnen meine Meinung ſagen mupte.“ Lord Alexander Beaulieu machte der Frau Maclaurin verſchiedene Zeichen zu ſchweigen, denn er befürchtete jeden Augenblick, ſie möchte Lady Wellerby und die Fräulein Sophie und Olivta nennen; ſie aber begriff nicht, was er mit ſeimen Winken und ſeinen mißfälligen Blicken ſagen wollte, daher drehte ſie ſich um und fragte in ärgerlichem Tone, was er wollte? Dieſe mal-à-propos-Frage ſteigerte noch ſeine Verlegenheit und diente ſeinem Freund Lord Fitzwarren, den er ſo oft ſchon ge⸗ ärgert und zum Beſten gehalten hatte, zu großer Beluſtigung. „Die Frauenzimmer betrugen ſich alſo nicht gut gegen Sie?“ bemerkte er, denn er wünſchte, von ihr herauszubringen, über wen und was ſie eigentlich ſich zu beſchweren hätte, um Lord Alexan⸗ der zu quälen. Strathern ur. 7 98 „Nein, Mylord, höchſt unanſtändig. Ich kam als Sultan auf den Carneval—“ „Das wäre der Teufel!“ rief Lord Fitzwarren und brach in ein unbändiges Gelächter aus. „Frau Maclaurin will ſagen, als Sultanin,“ ſagte Lord Alexander Beaulieu. Dabei wurde er feuerroth im Geſicht und biß ſich in die Lippen. „Nun, Sultan oder Sultanin, das bleibt ſich gleich,“ unterbrach ihn Frau Maclaurin. Hatten ſie ein Recht, mir den Rücken zu kehren, während ich ſie in aller Artigkeit anredete? Wenn ſie das Manieren heißen, ſo kann ich ihnen ſagen, daß ſie wenig von der Höflichkeit wiſſen.“ „Denken Sie doch nicht mehr daran, ich bitte Sie darum,“ ſagte Lord Alexander Beaulien, der ſehnlichſt wünſchte, dem Geſpräch ein Ende zu machen. „Wenn es aber dieſer liebenswürdigen Dame die Bruſt erleichtert, mir zu erzählen, daß man unartig mit ihr umgegangen iſt, ſo ſollteſt Du ſie nicht daran verhindern,“ verſetzte Lord Fitzwarren und gab ſich das Anſehen, als nähme er den innigſten Antheil an Frau Maclaurin. „Das iſt es ja, was ich ſage. Ich weiß wahrhaftig nicht, warum mich Lord Alexander da⸗ von abhalten will, ſeinem Freund zu erzählen, wie ſehr mir wehe gethan worden iſt, und bin Ihnen ſehr verbunden für den Antheil, den Sie an dem 7 ——*—— 99 nehmen, was mich betrifft. Aber hätten Sie jenen Tag geſehen, wie ich von Kopf bis zu Fuß zer⸗ quetſcht und zerſchlagen war, es würde einen Stein erbarmt haben.“ „Was! ſind die Frauenzimmer, von welchen Sie geſprochen haben, ſo weit gegangen?“ „O nein, Mylord, nicht ſie haben mich ge⸗ worfen, das hat das Lumpengeſindel gethan. Aber ich gab ihnen meiner Treu ehrlich und redlich heim, und ſchmiß ſie ſo ſtark als ich konnte, bis mich die Polizei feſtnahm.“ Hier riß Lord Fitzwarren die Augen weit auf und ſtarrte die Lady an. Sie aber gerieth bei ver Erinnerung an die Prüfungen, welchen ſie an jenem verhängnißvollen Tage ausgeſetzt geweſen, in Eifer, ſchenkte ſich ein großes Glas Wein ein und trank es auf einen Sitz leer. „Wenn ich nur daran denke, was ich bei der Gelegenheit durchgemacht habe, ſo greift es mich an,“ fuhr ſie fort,„und wenn die Perſon, die Sie hier ſehen,“ dabei wies ſie auf Frau Bernard, „das gehörige Herz gezeigt hätte, ſo wäre ich ge⸗ wiß nicht zu kurz gekommen, denn ich war ent⸗ ſchloſſen, nicht nachzugeben.“ „Recht, ganz recht,“ verſetzte Lord Fitzwarren. „Ich lobe Ihre Unerſchrockenheit und hätte bei Ihnen bis auf's Aeußerſte ausgehalten, wenn ich gerade dabei geweſen wäre.“ 100 „Danke Ihrer Herrlichkeit; ich weiß Ihre Güte zu würdigen.“ „Die Striemen auf dem Geſicht dieſes Frauen⸗ zimmers,“ hier ſah er Frau Bernard an,„ſind ihr alſo von dem Pöbel in Rom beigebracht wor⸗ den? Welche Niederträchtigkeit!“ „Nein, Mylord! Auf dem Weg durch die po⸗ tiniſchen Sümpfe ſchlief ich ein und es träumte mir, ich würde von Raubern angefallen. Es war aber blos die Perſon da, meine Geſellſchaftsdame, ſie ſuchte mich aufzuwecken. Ich ſchlug nun in allem Ernſt um mich, halb wach und halb im Schlaf, und daher hat ſie die Striemen. Aber ſie war ganz allein daran Schuld. Warum hat ſie mich einſchlafen laſſen, nachdem ich ihr befohlen hatte, mich wach zu erhalten?“ Lord Fitzwarren fand bei all' dem viel Spaß, und ſuchte umſonſt das Lachen zu verbeißen. Seine Bemühungen waren vergeblich und ſo lachte er, bis ihm die Thränen über die Wangen herunter⸗ liefen. Lord Alexander Beaulieu gab durch ver⸗ ſchiedene Zeichen ſein Mißvergnügen und ſeinen Aerger zu erkennen. „Das heiß' ich einma' gelacht,“ bemerkte Frau Maclaurin.„Es thut Einem wohl, wenn man es nur hört. Und ich könnte jetzt beinahe ſelber lachen, wenn ich daran denke, wie ich auf Frau Bernard losgedroſchen habe, und wie ich ſie immer 101 für einen von den Räubern hielt, von denen ich ſo viel gehört hatte. Aber damals war ich zu ärgerlich, um zu lachen, denn iſt es nicht abſcheu⸗ lich von ihr, mich einſchlafen zu laſſen, während es doch in den pontiniſchen Sümpfen mit ſo viel Gefahr verbunden iſt?“ „Wie lang iſt es, daß Du hier biſt, Fitz⸗ warren?“ fragte Lord Alexander Beaulieu, der gerne ein anderes Geſpräch auf die Bahn gebracht hätte,„und wo iſt Webworth hingekommen?“ „Seit drei Tagen bin ich hier und Webworth liegt im Bett, er iſt teufelmäßig krank an einem Gallenfieber und das kommt von ſeiner gourmandise her. Ehe ich mit ihm gereiſt war, hatte ich keinen Begriff davon, was für ein Vielfraß er iſt, und wenn er ſich den Magen überladen und verdorben hat, ſo iſt ſeine Laune unerträglich.“ „Armer Herr!“ ſagte Frau Maclaurin mit einer Miene innigen Mitleids.„Sie ſollten ihm den Rath geben, in der Suppe ein paar die Ver⸗ dauung befördernde Pillen zu nehmen. Nichts iſt dem Magen ſo zuträglich, und wenn man ſie ge⸗ nommen hat, kann man getroſt eſſen ſo viel man will. Es iſt etwas ſchrecklich Widerwärtiges, wenn man an einem gut beſetzten Tiſch ſitzt und ihn ſich nicht gehörig zu Nutze machen kann. Aber da wir vom Eſſen reden, ich möchte nur wiſſen, warum ſie keinen Kaffee und Thee heraufſchicken. Ich kann es kaum erwarten und hoffe, ſie haben heiße Kuchen, Butterwecken und anderes Backwerk. Schellen Sie, Frau Bernard!“ „Ueberlaſſen Sie das doch mir,“ ſagte Lord Fitzwarren, ſtand von ſeinem Stuhl auf und ſchellte, ehe Frau Bernard dieſe ergreifen konnte. „O, Mylord, es thut mir ſehr leid, daß Sie ſich ſo viel Mühe machen. Ich halte die Perſon blos, damit ſie ſchellt, meine Schreibereien beſorgt und die Zeitung für mich lieſ't.“ Dabei blickte ſie gleichgültig auf ihre unglückliche dame de com- Pagnie. Der einfältige aber gutmüthige Fitzwarren ärgerte ſich über dieſe herzloſen Worte und ſchaute mitleidig auf Frau Bernard, welche die Farbe wechſelte und deren zitternde Lippen und feuchte Augen bewieſen, daß ſie ſich ſchämte, in Gegenwart eines Fremden ſo behandelt zu werden. Jetzt erſchien der Kellner; Frau Maclaurin wandte ſich an Frau Bernard und befahl ihr, Kaffee und Thee bringen zu laſſen, vor allem aber heißen Kuchen. Der Kellner ſprach ſein Bedauern darüber aus, daß keine heißen Kuchen zu haben wären. Der courrier hätte ſie zwar ſchon beſtellt, aber zum Unglück ſei kein Menſch im Hauſe, der ſie zu machen verſtände.“ „Was ſagt er?“ fragte Frau Maclaurin. 103 Die dame de compagnie erklärte es ihr. Er wird doch damit nicht ſagen wollen, daß ich in einem Hauſe wie dieſes keine Butterſemmeln, keine Kuchen oder kein Sally Lunn kriegen könne?“ Und das Geſicht der gourmande wurde hochroth vor Zorn.„Hat man je ſo etwas gehört? Schellen Sie dem Bordoni, ich muß hören, was er ſagt.“ Die Lady gab jetzt ihren Aerger über die ge⸗ täuſchte Erwartung in ſo unzweideutigen Zeichen zu erkennen, daß Lord Fitzwarren in ſtummem Staunen von ihr auf ſeinen Freund blickte; und Lord Alexander Beaulieu, der einen Auftritt im Beiſein Fitzwarrens fürchtete, gerieth jeden Augen⸗ blick in größere Verlegenheit. Jetzt kam der courrier und Frau Maclaurin trug ihrer dame de compagnie eine Fluth von Vorwürfen auf, die ſie ihm deshalb machen ſollte, weil er die Kuchen nicht in Bereitſchaft gehalten habe. Sie ſollte ihm neben den Schimpfworten in's Italieniſche überſetzen, was zu den Kuchen gehöre. „Machen Sie nur keine Umſtände mit ihm, das ſag' ich Ihnen. Erklären Sie ihm, daß ich ihn für einen einfältigen und nachläſſigen Menſchen halte, wenn er mich ſo ſitzen läßt.“ Frau Bernard fing den Verweis an, milderte aber die Ausdrücke deſſelben bedeutend; aber kaum war ſie mit ihrem Satze halb fertig geworden, als 104 Frau Maelaurin mit den Händen auf den Tiſch ſchlug, daß Alles darauf zitterte und rief: „Reden Sie laut, Frau, und ernſtlich, und nicht, wie wenn Sie in aller Ruhe mit einem Lord oder einer Lady ſprächen.“ Bordoni zuckte die Achſeln und machte überhaupt Geberden wie jeder Italiener, wenn er Einem etwas deutlich machen will. Er erklärte, er habe ſich an Jedermann im Gaſthofe gewendet, um die Kuchen beizuſchaffen, die sua escellenza wünſchte, aber er habe umſonſt in der ganzen Stadt nachgefragt und bedauerte, daß sua excellenza ärgerlich werde über etwas, was ihm nicht zur Laſt falle. Dieſe Antwort wurde der Lady überſetzt, be⸗ ſänftigte ſie aber keineswegs. Auch da, als nicht weniger denn ein halbes Dutzend verſchiedener na⸗ politaniſcher Kuchen aufgetragen wurde und ſie von allen gegeſſen hatte, ſtellte ſich ihre gute Laune nicht wieder her. Sie behauptete, es ſei unmög⸗ lich, an einem Ort zu bleiben, wo weder Müff⸗ chen(eine Art Butterſemmel) noch mürbe Kuchen (crumpet genannt) noch auch Sally Lunns zu be⸗ kommen wären. Endlich wandte ſie ſich gegen ihren zukünftigen Gemahl und ſprach ihm ihren Entſchluß aus, Neapel zu verlaſſen, ſobald ſie verheirathet wären. „Uff!“ ſagte oder vielmehr pfiff Lord Fitz⸗ warren.„Du biſt alſo, wie ich, nach Neapel 105 gekommen, Axy, um Dich trauen zu laſſen, und mit dieſer Lady?“ Lord Alexander Beaulien nickte bejaheud, aber mit kläglichem Geſicht. Die Braut dagegen that, als ſchämte ſie ſich, ſchlug die Augen nieder und ſpielte mit ihren Ringen. „Armer Teufel!“ dachte Fitzwarren,„iſt es ſo weit mit ihm gekommen? Eine Gorgone heirathen, wie die vor mir? Nun, wahrhaftig, und beſäße ſie die Schätze von Indien, ſo wäre ſie noch zu theuer verhandelt. Und was hat ſie noch dazu für eine teufliſche Gemüthsart. Vermuthlich wird der arme Ary durch die Armuth dazu gebracht. Sonſt könnte ihn nichts dazu vermögen. Wenn ihn ein paar hundert Pfund aus der Klemme ziehen, ſo will ich ſie ihm herzlich gerne geben.“ Lord Fitzwarren erhob ſich jetzt, um wegzu⸗ gehen und bat ſeinen Freund, ihn auf ſein Zimmer zu begleiten.„Du willſt alſo Frau— heirathen?“ ſagte er, als er mit Lord Alexander Beaulien allein war,„wie heißt ſie, ich habe ihren Namen ver⸗ geſſen.“ „Ja Fitz, ſo iſt's.“ „Ich bin ein offener Kerl und rede gerade heraus, Ary. Ich kenne Dich auch lang genug, um Dir, wie ich hoffe, ſagen zu können, was ich denke, ohne daß Du es übel nimmſt.“ 106 Lord Alexander Beaulien gab blos durch ein Nicken zu erkennen, daß er damit einverſtanden ſei. „Nun denn, ich kann nicht glauben, daß Du aus Neigung heiratheſt, darüber iſt meiner Anſicht nach in dieſem Falle keine Frage; wenn Du aber deswegen das Bündniß ſchließen willſt, weil Du übel daran biſt, wie es ſchon bei vielen Männern vor dir der Fall war, ſo kann ich Dir nur ſagen, daß ich Dir gerne ein paar hundert Pfund zu Dienſten ſtelle, falls ſie Dich vor einem ſolchen Weibe zu bewahren vermögen.“ „Dank' Dir, guter Freund. Die Lady iſt nicht eben verführeriſch, das will ich entre nous wohl zugeſtehen; aber ſie iſt reich wie Cröſus und ſo habe ich mich dazu entſchloſſen. Ihr Vermögen wird mich tröſten für die Laſt, die daran hängt, und ich gedenke ſie ſo wenig als möglich zu ſehen, wenn ſie Lady Alexander Beaulien geworden iſt. Hätte ſich mein Bruder freigebiger erwieſen und mir ein anſtändiges Einkommen zugewieſen, ſo wäre mir eine ſolche Mißheirath erſpart geweſen und er, der eine ſolche Menge baares Geld hat und niemals ſeine Einkünfte auch nur halb verbraucht, könnte das wohl thun, wenn er möchte. Er wird nicht viel Gefallen finden an der Schwägerin, die ich ihm zu geben im Begriff bin, denn er iſt ſo ſtolz wie der Teufel, aber er mag ſich dann ſelber Vorwürfe machen.“ 107 „Aber bedenk' einmal, Ary, falls Deinem Bruder etwas Menſchliches begegnete; wie ſchreck⸗ lich und widerlich wäre es für Dich, mit einem ſolchen Weib Dich belaſtet zu ſehen, wenn Du ihr Geld nicht mehr nöthig hätteſt?“ „Ich habe das Alles überlegt, Fitz, aber ſei verſichert, daß ich keine Ausſicht habe, je zu mei⸗ nes Bruders Vermögen zu kommen. Mountſerrat iſt ſo mäßig wie ein Spartaner, ſo enthaltſam wie ein Einſiedler und für ſeine Geſundheit ſo veſorgt, wie es nur immer ein Menſch ſein kann, der nicht glaubt, daß die Aerzte etwas verſtehen. Er geht nie auf die Jagd, er reitet nie ein ſtätiges Pferd; überhaupt verwendet er eine ſo ausnehmende Aufmerkſamkeit auf ſich, daß ich als jüngerer Bru⸗ der werde leben und ſterben müſſen. Daher bin ich entſchloſſen, auf dem Altar des Plutus zu opfern und die reiche Wittwe heimzuführen.“ „Das thut mir leid; denn ſei verſichert, die in Rede ſtehende Lady hat einen furchtbaren Charakter und das könnte, in Verbindung mit ihren ſonſtigen Fehlern, trotz ihres Geldes Dein Leben zu allem, nur nicht zu einem angenehmen machen. Indeſſen kannſt Du Deine Angelegenheiten ſelber am beſten beurtheilen, lieber Freund, und da Du nun einmal mit Dir ſelber darüber in's Reine gekommen biſt, ſo nützt es nichts, weiter davon zu reden. Wann ſoll Die Hochzeit ſein?“ Sobald als ich die nöthigen Vorkehrungen dazu getroffen habe, und das wird vermuthlich in zwei bis drei Tagen geſchehen ſein. Du willſt Dich auch hier zuſammengeben laſſen, wie ich ge⸗ hört habe?“ „Ja, ich erwarte Wellerby binnen hier und einer Woche. Die Wahrheit zu ſagen, Arxy, ich wollte, ich könnte mich mit Ehren davon los machen, denn ich bin in Livy eben ſo wenig verliebt, als Du; aber das arme Ding iſt ſo teufelmäßig ver⸗ narrt in mich, daß ich es ſelbſt dann nicht über mich gewinnen kann, ſie ſitzen zu laſſen, wenn es geſchehen könnte, ohne daß ich mich dem Vorwurf ausſetzte, mich gegen ſie unehrenhaft betragen zu haben. Da ſitze ich nun ſchön in der Patſche und muß mich darein finden, ſo gut ich kann.“ „Lady Olivia hat ihren eigenen Kopf, kann ich Dir ſagen, Fitz; nimm Dich alſo in Acht, daß Du nicht für den Reſt Deiner Tage unter den Pantoffel geräthſt.“ „Da haſt Du Unrecht, Axy; Livy iſt ſo ſanft und ſüß wie Muttermilch, weicht in ihren Anſichten in gar nichts von der meinigen ab und läßt mich in Allem meinem Sinn folgen. Ich habe es ſchon ein halbes Dutzendmal verſucht mit ihr Streit zu bekommen, blos um einen anſtändigen Vorwand zum Bruch mit ihr zu haben oder ſie zu ſolchem zu veranlaſſen, aber, lieber Gott, es war Alles 109 umſonſt. Das arme Mädchen iſt ſo verliebt in mich, daß ſie mir beiſtimmte, wenn ich behaupten wollte, ſchwarz ſei weiß. Dann hängt ſie unge⸗ heuer an Pferden⸗ Du ſollteſt ſie nur ſehen, wenn ich von der armen Fanny rede; da kommen ihr gleich die Thränen in die Augen und ſie ſagt: „Ach wie wollte ich das liebe Thier ſo gerne ge⸗ habt haben!“ Nein, ich habe Livy zahm gemacht, das kann ich Dir ſagen, und werde nach der Hoch⸗ zeit immer meinen eigenen Weg gehen können, wie vorher auch. Ich wollte nur, Du hatteſt ſo viel Ausſicht auf ein angenehmes Leben, Axy.“ „Danke Dir für Deine guten Wünſche, Fitz. Auf Eins kannſt Du Dich verlaſſen, nämlich daß die Wittwe mich nicht abhalten wird mir es wohl ſein zu laſſen und hätte ſie den Teufel im Leib. Ich gedenke ſie ſo wenig als möglich zu ſehen und ſie mag ſich über meine immerwährende Abweſen⸗ heit mit dem Rang tröſten, den ihr eine Heirath mit mir verſchafft. Ich ſelber werde mit ſo viel Geduld als möglich den Spott ertragen, den ſie unfehlbar über meinen Namen bringen wird.“ Die Freunde trennten ſich für dieſe Nacht und verſprachen ſich einander am nächſten Morgen wieder zu ſehen. Jeder lachte dabei über die Schwäche des Andern. „Nun, ich muß ſagen,“ dachte Lord Fitzwar⸗ ren,„daß Axy einen recht ſchlechten Handel ge⸗ 110 macht hat, wie ich das heiße. Die Gorgone kann er nirgends ſehen laſſen und ſie wird ihn überall blosſtellen, wohin er gehen mag. Ich hätte nicht gedacht, daß er ſo einfältig wäre ein ſolches Weib zu nehmen. Als der wahrſcheinliche Erbe eines Marqui⸗ ſats und großer Güter, hätte er die Tochter eines reichen Londoner Bürgers mit ſchwerem Gelde und ohne die Häßlichkeit oder Gemeinheit dieſer Wittib heirathen können.“ „Armer Fitz!“ dachte Lord Alexander Beaulieu; „daß er ſich von der unſchönen, aber ſchlauen und gefallſüchtigen Lady Olivia Wellerby hat fangen laſſen. Was für ein Eſel muß er ſein! Sie hat keinen Kreuzer und einen ſehr ſchlechten Charakter. Es iſt ein offenbarer Betrug und er iſt zu dick⸗ ſtirnig, um ſich aus der Klemme zu helfen. Nun, ich habe es geſcheider angegriffen, denn ich ge⸗ winne wenigſtens ein großes Vermögen und das iſt in den jetzigen Zeitläuften ein Troſt für die désagrémens, die mit meiner Heirath verbunden ſind. Ich ſehe voraus, daß ich ſo bald als mög⸗ lich auf und davon muß, wenn ich einmal das Geld in Händen habe; denn ſie iſt ein ſo unver⸗ beſſerliches béte, daß man ſie nicht einmal eine Stunde, ſelbſt nicht vor Fremden in Ruhe halten kann. Welches Bild wird Fitz von ihr Jedem ent⸗ werfen, dem er begegnet! Nun, es iſt nichts da⸗ gegen zu machen.“ Fünftes Kapitel. „Der kennt die Liebe nicht, der thöricht glaubt, Sie ſei verſchwunden, wenn der Eiſerſucht, Der bleichen, Qual ihm ſeine Ruhe raubt, Wenn er Verdruß und Zorn zu zeigen ſucht Und ſtolzen Blicks verächtlich um ſich blickt, Wenn ihm Gedanken durch den Buſen zieh'n, Die ihm der Geiſt der Tiefe zugeſchickt. Dem Herzen, wo der falſche Gott gewohnt, Eh' es ſein Ohr Befürchtungen gelieh'n Und Zweifeln, wird nunmehr damit gelohnt, Daß ſich dem Liebenden die Wange bleicht, Daß jeder Schlaf von ſeinem Kiſſen weicht, Daß ſich ſein Herz mit ſchwerem Kummer füllt Und daß ſein Auge ſich in Thränen hüllt.— Koch immer, ſtets ſogar bleibt der Tyrann Gewaltig und beweist ſo Frau als Mann, Daß er nur Sklaven findet weit und breit Und daß nur langſam ſie die Zeit befreit. Die Reiſe der Frau Sydney und ihrer Tochter nach Mailand war eine traurige. Keine von bei⸗ den konnte vergeſſen, welcher harte Schlag ihnen dadurch zugefügt worden war, daß ſie Strathern unter ſolchen Umſtänden, zu ſolch' ungewöhnlicher Stunde und noch weiter in einer Kleidung und mit einem Aeußeren geſehen hatten, aus welchem un⸗ widerſprechlich hervorging, er müſſe die ganze Nacht 112 nicht nach Hauſe gekommen ſein. Sein verſtörtes Geſicht, ſein verworrenes Haar und ſein verän⸗ derter, ſeltſamer Blick veranlaßten beide Frauen⸗ zimmer zu dem Glauben, daß er ſo eben erſt eine liederliche Geſellſchaft verlaſſen habe, und als dieſe Ueberzeugung ſich in ihnen befeſtigte, wurden ſie ungehalten gegen ihn, und ſchämten ſich der eige⸗ nen Leichtgläubigkeit, derzufolge ſie gemeint hatten, ein jetzt ſo tief Gefallener könne je der hochſinnige und ehrenhafte Mann geweſen ſein, für welchen ſie ihn gehalten. Ob in Louiſen Sydney noch ins⸗ geheim eine zärtliche Empfindung zurückgeblieben war, und ob dieſelbe noch einen Einfluß auf ihr Herz äußerte, oder ob ſich ihr Stolz gegen den Gedanken auflehnte, daß andere Augen als die ihrigen den Geliebten in einem Zuſtand ſehen ſoll⸗ ten, wie ſie ihn eben erblickt— wer kann das entſcheiden? Gewiß aber iſt, daß ſie viel darum gegeben haben würde, wenn ſie ihre Mutter hätte davon abhalten können, Zeuge ſeiner Erniedrigung zu ſein. Dieſer Wunſch zog ihr ſo raſch durch die Seele, daß ſie in dem Augenblick, da ſie zuſam⸗ menfuhr und die Augen von dem auf der Straße Stehenden abwandte, den Ausruf der Ueberraſchung und des Verdruſſes, der ſich ihr auf die Lippen drängte, zurückhielt, um ihrer Mutter die Urſache ihrer Aufregung zu verbergen. Sie ſuchte ſich dabei ein ſo ruhiges Ausſehen zu geben, als möglich, 113 aber ihre Vorſicht war umſonſt. Frau Sydney hatte Strathern geſehen, ehe ihn ihre Tochter zu Geſicht bekam, und die Röthe des Unwillens, die ihr Geſicht überzog, ſowie ihr angehaltener Athem verrieth der Tochter ihren Aerger und ihre Unluſt eben ſo deutlich, wie es Worte nur immer ver⸗ mocht hätten. Es gibt vielleicht für einen zart⸗ ſinnigen und edeln Menſchen kein ſchmerzlicheres Gefühl, als wenn er einen Andern gemein und niederträchtig findet, den er früher geachtet und geliebt hat. Dieſe keineswegs beneidenswerthe Em⸗ pfindung ſuchte nunmehr Mutter und Tochter heim. Es herrſchte in dieſer Beziehung in ihren Gemü⸗ thern die vollkommenſte Uebereinſtimmung, und doch fürchteten ſie ſich beide das auszuſprechen, was in ihnen vorging; denn ſie waren ſich bewußt, daß es blos dazu dienen würde, ihren Gram gegen⸗ ſeitig noch bitterer zu machen. Louiſe Sydney er⸗ kannte mit Dank dieſe zarte Schonung ihrer Mut⸗ ter, unter dem Einfluß der Dankbarkeit ſowohl, als des Stolzes verſuchte ſie ſich ein ruhiges An⸗ ſehen zu gehen, während ihr Buſen von Höllen⸗ qualen zerriſſen wurde. Welche Selbſtüberwindung müſſen oft die Frauen aufbieten, ſie, die man ſo oft, aber fälſchlich ſchwach nennt? Und das in Augenblicken, da ihr Inneres von den ſchwerſten Leiden gepeinigt wird. Um ſie zu Erfüllung ihrer Beſtimmung zu befähigen, ſind ſie von der Vor⸗ 8 Strathern UI. 114 ſehung mit Stolz und Zartgefühl ausgeſtattet wor⸗ den, zwei Eigenſchaſten, die auf weibliche Naturen einen beſondern Einfluß üben. Sie vertreten in der Bruſt der Frauen die Stelle des Muthes bei'm Manne. Aber wer anders als eine Angehörige ihres Geſchlechts kann beurtheilen, wie viel es ſie koſtet, dieſe Stärkungsmittel anzuwenden? Die blaſſen Wangen, der beſchleunigte Puls, das be⸗ thränte Auge— Zeichen des verwundeten Herzens — werden vor der Welt ſorgfältig unter der Maske erkünſtelter Ruhe verborgen und nur in der Einſamkeit iſt es dem überſtrömenden Gefühl verſtattet ſich in Thränen zu erleichtern. Frauen, welche öffentlich die Qualen ihrer Seele mit einer Standhaftigkeit verſtecken, die eines Spartaners würdig wäre, Frauen, welche viele Stunden lang ſich den Anſchein von Ruhe geben, werden vft von Leuten der Gefühlloſigkeit beſchuldigt, die geſtehen müßten, daß den Frauen bei aller ihnen zuge⸗ ſchriebenen Schwäche eine ſeltene Kraft im Dulden und Tragen innewohnt, wenn ſie dieſelben in der Abgeſchiedenheit ihres Zimmers ſehen könnten, ge⸗ trennt von dem Lärm der Welt. Louiſe Sydney beſaß dieſe Kraft, und in Gegenwart ihrer Mutter hätte ihre Faſſung eine weniger theilnehmende Ge⸗ ſellſchafterin täuſchen können, aber Frau Sydney durchſchaute den Schleier, hinter welchem ihr ge⸗ liebtes Kind ſeine Leiden zu verhüllen ſuchte. Sie 115 empfand beinahe Ekel und Abſcheu vor dem, welcher dieſelben veranlaßt hatte. Beider Gedanken be⸗ ſchäftigten ſich fortwährend mit einem und dem⸗ . ſelben Gegenſtand, aber keine ließ ſich gegen die andere darüber aus und ihre Bemühungen, ein gleichgültiges Geſpräch zu unterhalten, blieben eben ſo erfolglos als ſchmerzlich. Wie langweilig und läſtig kommt einem eine Reiſe vor, die unter ſol⸗ chen Umſtänden unternommen wird! Landſchaften, welche ihnen Entzücken bereitet hätten, wenn ihre Seele nicht ganz von bitteren Betrachtungen und düſteren Ahnungen in Betreff der Zukunft in An⸗ ſpruch genommen geweſen wäre,— ſie blieben jetzt unbeachtet. Sie ſehnten ſich an's Ziel ihrer Reiſe zu gelangen, wenn gleich das Ende derſelben keine glücklicheren Tage in Ausſicht ſtellte— kurz, ſie wünſchten ſich ſelber zu entlaufen und dachten nicht an den ſchönen Vers des Horaz— „Patriae quis exul se quoque fagit?« Endlich gelangten ſie nach Mailand, aber der Anblick dieſer ſchönen und anziehenden Stadt mit ihrem prächtigen duomo vermochte nicht die Trauer zu bannen, die ihren Geiſt niederdrückte. Und doch erweckte die Betrachtung dieſes herrlichen Gebäudes mit ſeinen ſchneeweißen Zinnen und Bildſäulen, unter dem glänzenden Blau des unbewölkten Him⸗ 8* fff 116 mels ein Gefühl der Bewunderung in der Bruſt unſerer für olles Schöne empfänglichen Reiſenden. Es hatte jedoch nur geringe Dauer, denn bald ſtieg in Louiſen der Gedanke auf, wie viel Genuß es ihr noch vor Kurzem gewährt haben würde, dieſen ſtotzen Tempel mit dem zu beſichtigen, der ihr nie mehr etwas ſein konnte. Sie wandte ſich mit betrübtem Herzen davon ab. Die Freude der Frau Sydney war ſeit Jahren nichts anderes ge⸗ weſen als ein Widerſtrahl der Freude ihrer Toch⸗ ter. War Louiſe glücklich und froh, ſo wurde ſie es auch; umwöltte ſich aber die Stirne der Tochter, ſpielte auch nur einen Augenblick ein trübes Lächeln auf threm klaſſen Geſicht, ſo hüllten ſich die Züge der Mutter in Trauer, denn ſie ſah, daß das vorübergehende Lacheln nur erzwungen wurde, um den Alles übermattigenden Kummer zu verheh en, der ihr am Herzen nagte. Um die Zeit hinzubringen und in der Hoffnung, Louiſens Ge⸗ danken von dem ſchmerzlichen Gegenſtand, der ſie erfüllte, abzubringen, machte Frau Sydney einen Ausflug nach Monza. Unter den Merkwürdigkeiten, die ihr und ihrer Tochter doſelbſt am meiſten auf⸗ fielen, befand ſich auch die eiſerne Krone, die ſo manches königliche Haupt umſchoſſen und welche ſich der Kaiſer Napoleon mit eigener Hand auf die Stirne geſetzt hat. Zu wie vielen Betrachtungen über den Unbeſtand menſchlicher Größe und die un Nichtigkeit der Hoheit und Macht würde dieſes Diadem in einem Gemüthe, wie das Louiſens Sydney, gegeben haben, wenn ſie nicht unter dem Druck eigener Sorgen geſtanden hätte und von ihnen nicht faſt zu Boden gedrück worden wäre. Jetzt aber wandte ſie ſich mit gleichgültiger Miene von der Betrachtung deſſelben ab und warf kaum einen Blick auf die vielen funkelnden Juwelen— Geſchenke, welche Fürſten der Kirche gemacht— wie ſie aus ihren Kaſtchen genommen und ihr vor Augen gelegt wurden. Den Palaſt Monza mit ſeinem Park und ſeinen ſchönen Gärten durchwan⸗ delte ſie nachdenklich und die Schwermuth ihrer Mutter wuchs noch, als ſie das zerſtreute und gleichgültige Weſen bemerkte, mit welchem ihre Tochter Gegenſtände anſah, die ihr vor der kürz⸗ lichen bittern Herzenstäuſchung das größte Vergnü⸗ gen gemacht haben würden. Ihr Ausflug nach Certoſa bei Pavia erregte mehr Theilnahme bei Louiſen. Die Pracht der dortigen Kirche, die ihre Erbauung Johann Galeazzo Visconti, dem Herzog von Mailand verdankt, blendete ſie, wenn dieſelbe ſie auch nicht ergötzte, aber in ihrem dermaligen Gemüthszuſtand verſpürte ſie mehr Neigung über die Gefühle der Reue nachzudenken, welche ihn veranlaßten der beleidigten Gottheit dieſes Sühn⸗ opfer darzubringen, als über die verſchiedenen und ſchönen Einzelnheiten, welche das Gebäude in Bezug 118 auf Ausſchmückung zu einem der prächtigſten in der Welt machen. Sie gedachte der Verbrechen, in welche rückſichtsloſer Ehrgeiz den ſtolzen Herzog ſtürzte. Den Oheim warf er in's Gefängniß, um ſich ſeiner Beſitzungen zu bemächtigen, den Sohn deſſelben vergiftete er, nachdem er ihn verrätheri⸗ ſcherweiſe in ſeine Gewalt gebracht. Die Erinne⸗ rung führte ſie auch auf Catharina, die Gemahlin Galeazzo Visconti's, die Tochter des beraubten Herzogs und Schweſter ſeines vergifteten Soh⸗ nes, welche, wie man ſagt, in ihren Gatten drang dieſen Tempel zu errichten. Es flel ihr ein, daß Catharina Visconti, wie Marie von England, ohne Widerſtreben oder Schaam die Herrſchaft über Län⸗ dereien, welche ihrem eigenen Vater entriſſen wor⸗ den waren, mit dem Mann theilte, den ſie geeh⸗ licht hatte. Für kurze Zeit vergaß Louiſe Sydney ihren eignen Kummer dadurch, daß ſie bei den Perſonen und Ereigniſſen verweilte, deren Gedächtniß ſich an Certoſa knüpfte. Bei'm Anblick der Schätze, welche es umſchließt, und welche in den ſeltenſten Gebil⸗ den der Mahlerei und Bildhauerei, in den ſchön⸗ ſten Kunſtwerken aus Marmor, orientaliſchem Ala⸗ baſter, Gold, Silber, Elfenbein, pietro duro und Bronze beſtehen, ward ſie wieder darauf gebracht, daß Franz l. von Frankreich nach ſeiner Gefangen⸗ nehmung in der Schlacht bei Pavia, die in dem 119 Park bei der Kirche ausgefochten wurde, um die Erlaub⸗ niß bat, in dieſem herrlichen Tempel ſein Gebet ver⸗ richten zu dürfen, während ihn noch die ungewohnte Demüthigung einer Niederlage peinigte. Sie hielt dafür ein ſolches Beiſpiel chriſtlicher Ergebung in Gottes Willen ſei ihr nicht umſonſt gegeben und that im Stillen ein Gelübde ſich in Zukunft Mühe zu geben und gegen den Gram anzukämpfen, der an ihrem Herzen nagte. Wie der geſchlagene König wollte ſie um Stärke bitten ihre Prüfungen zu er⸗ tragen. Sie betrachtete mit Intereſſe die verlaſſe⸗ nen Wohnungen der Mönche, welche hinter den Kreuzgängen liegen und in ihrer ungemeinen Ein⸗ fachheit einen auffallenden Contraſt mit der reich geſchmückten Kirche bilden. Es ſind derſelben vier und zwanzig an der Zahl und ſie ſtehen beſonders. Jede beſteht aus zwei Zimmern mit einem kleinen Garten auf der vorderen Seite. In dieſem be⸗ findet ſich ein Brunnen und eine Bank aus Mar⸗ mor. Obgleich ſie gegenwärtig blos ein verworre⸗ nes Labyrinth von Blumen und Unkraut darbieten, welche in wilder Ueppigkeit den Boden überdecken und keine Spur von den ſteifen und regelmäßigen Blumenbeeten mehr übrig iſt, welche früher darin angelegt waren, ſo werden ſie doch durch das lebhafte Grün, die hellen Farben der Blumen und den Geſang der Vögel, die davon Beſitz ge⸗ nommen haben, recht verführeriſch für Menſchen, 120 welche unter Widerwärtigkeiten leiden. Wie we⸗ nige, ſelbſt von den glücklichſten Menſchen bleiben frei davon und wer fühlt nicht manchmal den ſehn⸗ lichen Wunſch, aus dem Treiben der Welt an ſolche abgeſchiedene Orte zu entfliehen und da der Ruhe zu genießen, wenn ihm das Glück verſagt bleibt? Solche und ähnliche Gedanken gingen Mut⸗ ter und Tochter durch den Kopf, denn die Prü⸗ fungen, welchen Louiſe Sydney kürzlich ausgeſetzt geweſen war, hatten ihr Herz verwundet, aber auch ihren Verſtand gereift. Die Welt hatte jetzt für ſie einige ihrer ſchönſten Täuſchungen verloren und ſie begriff deutlicher, welchen Kummer ihre Mutter durchgemacht; ſie konnte ſich jetzt beſſer in denſelben hineindenken und fühlen, als ehe ſie mit dem Un⸗ gemach des Lebens vertraut geworden war. Auf der Rückkehr von Certoſa nach Mailand ſchloß ſie noch einmal der Mutter ihr Herz auf, ſie ſprach mit ihr von dem Schmerz, den ſie erduldet, als ſie ſich von der Unwürdigkeit deſſen überzeugte, welchem ſie ihre Reigung geſchenkt hatte. Die Zärt⸗ lichkeit und Güte, mit welcher die liebende Mutter ſie anhörte und tröſtete, wirkte wie ein heilender Balſam, den man auf eine Wunde legt. Von den Armen der Frau Sydney umſchloſſen, ruhte ihr Haupt an der Mutter Bruſt, die ihr in der Kind⸗ heit ſo oft zum Kiſſen gedient, und ihr Ohr ſchlürfte die ſüßen Worte, welche die ſchwer geprüfte Dulderin 121 an ſie richtete. Louiſe fühlte, wie eine Ruhe ſie beſchlich, die ſie ſeit dem Morgen ihrer Abreiſe von Rom nicht gekannt hatte. Frau Sydney machte keinen Verſuch, wie wohl Andere gethan haben würden, um ihre Tochter durch Gründe von der Leidenſchaft abzubringen, der ſie ihr Herz ſo rück⸗ haltslos hingegeben hatte. Sie redete ihr auch nicht von dem Einfluß der Zeit, die eine übel an⸗ gebrachte Neigung gewiß nach und nach austilgen werde, wenn ſie ſchon viel von der Heilkraft der⸗ ſelben erwartete. Eine ſolche Sprache, wußte ſie wohl, würde blos dazu dienen, um den Schmerz zu vergrößern, den man damit zum Schweigen zu bringen gedachte; daher ſuchte ſie ihr Kind zu be⸗ ruhigen und an ihrem Kummer Theil zu nehmen, wenn ſie ihn nicht verbannen könnte. Dieſes Ver⸗ fahren, welches ihr durch ihr mildes, ſanftes Gemüth eingegeben wurde, war auch das wirkſamſte, was ſie Louiſen gegenüber einſchlagen konnte. „Du haſt ihn geſehen, Mutter, an dem unſe⸗ ligen Morgen, da wir Rom verließen,“ ſagte ſie. „Ja wohl, liebes Kind.“ „Wie lieb, wie ſchonend war es von Dir, daß Du nicht davon geredet haſt. Ich war damals— und auch ſonſt und ſeither immer bis jetzt— zu ſchwach, zu angegriffen, um ein Geſpräch darüber ertragen zu können. Du haſt es gewiß, wie ich, als einen unwiderlegbaren Beweis von ſeiner Ver⸗ ————————————— 122 ſunkenheit, von ſeinen ſchmählichen Gewohnheiten und ſeiner Verworfenheit aufgenommen, daß er, noch dazu in ſolchem Aufzug und mit einem ſolchen Ausdruck in ſeinem ganzen Aeußeren ſich zu jener Stunde auf der Straße ſehen ließ? Oh, Mutter, wie ſchmerzt mich der Gedanke, daß er ſein Ge⸗ lübde, meine Liebe und den gewöhnlichſten Anſtand ſo völlig vergeſſen und ſeine Zeit mit dem ſchönen, aber entarteten Frauenzimmer verbringen konnte, das wir in der ewig unvergeßlichen Nacht im Cv⸗ liſeum bei ihm geſehen und mit der er ſich nachher, wie zum Hohne für uns, öffentlich in der St. Pe⸗ terskirche gezeigt hat! Das vermochte er zu thun, während ich ſchlaflos auf dem Kiſſen lag und bittere Thränen vergoß, wie ſie Niemand zurückhalten kann, der die Unwürdigkeit eines Geliebten erkannt hat.“ „Ich habe oft und reiflich über all' dies nach⸗ gedacht, meine Louiſe, aber ich geſtehe, daß ich, ſo ſtark auch der Schein gegen ihn ſpricht, dieſen nicht mit dem zuſammenreimen kann, was ich ſonſt zu ſehen Gelegenheit hatte. Und doch habe ich ſeinen Charakter und ſein Benehmen während der Monate ſcharf beobachtet, in welchen er ſo manche Stunde mit uns zubrachte. Sein Ruf in England war ſelbſt nach der Anſicht des wunderlichen Herrn Rhymer untadelhaft und dies paßt gar nicht dazu, daß er eine alte Bekanntſchaft mit einem Frauen⸗ zimmer von zweideutigem Benehmen wieder auf⸗ 123 nehmen oder eine neue anfangen ſollte. Darum kann ich trotz des ſchlimmen Anſcheins mich des Gedankens nicht erwehren, er ſei vielleicht nicht ſo ſchuldig, als wir glauben.“ „Wie wollen wir aber erklären, was wir und Andere geſehen haben? Wir können doch nicht an der Ausſage des Herrn Rhymer zweifeln, beſon⸗ ders da ſie nur das Zeugniß unſerer eigenen Augen beſtätigt,“ ſagte Louiſe und eiferte ſich dadurch in einen Zorn auf Strathern hinein, während ſie, um ihn gerechtfertigt zu ſehen, Millionen hinge⸗ geben hätte, wenn ſolche in ihrem Beſitz geweſen wären. „Ach, ich kann es nicht erklären,“ erwiederte Frau Sydney.„Es iſt in ein Dunkel gehüllt, das ich, wie ich geſtehe, nicht aufzuhellen vermag. Mag es aber auch eine Schwäche ſein, und viel⸗ leicht eine tadelnswerthe, ſo muß ich doch bekennen, daß es mir wohlthut bei all' dem Guten zu ver⸗ weilen, was ich an ſeiner Sinnes⸗ und Denkungs⸗ weiſe bemerkt habe, und mich dem Glauben hin⸗ zugeben, er habe, trotzdem, daß der Anſchein ſo laut wider ihn zengt, nicht plötzlich ſo ſehr fallen und ſo gemein werden können, wie man gerade dem Anſchein nach vermuthen ſollte. Ich könnte nicht länger das Vertrauen hegen, daß es gute Menſchen gebe, wenn ich denken müßte, daß er die langen Monate hindurch, welche er in unſerer Geſellſchaft verlebte, blos eine eingelernte Rolle ſpielte. Der Menſch ſinkt von ehrenhaften Grund⸗ ſätzen und einem tadelloſen Wandel, wenn über⸗ haupt, gewiß ſelten ſo ſchnell herab, als ſein neuerliches Betragen Einen glauben laſſen könnte. Er hat ſich nie als einen Mann gezeigt, der den Regungen des Augenblicks folgt oder eine unbe⸗ ſtändige Gemüthsart beſitzt. Da ich alſo ſeine jüngſte Handlungsweiſe nicht mit ſeinem früheren feſten Betragen vereinigen kann, ſo bin ich um meiner eigenen Ruhe ſowohl, als um ſeinetwillen geneigt, dem, was gelinde geſagt, ſehr verdächtig iſt, die mildeſte Deutung zu Gute kommen zu laſſen und ihn mir ſo zu denken, wie ich ihn kennen ge⸗ lernt habe, nicht aber ſo, wie er uns kürzlich er⸗ ſchienen iſt.“ „Ach, liebſte Mutter, wann werde ich ſo billig, ſo verſtändig und gutmüthig werden, wie Du es biſt,“ rief Louiſe und drückte ihrer Mutter Hand an die Lip⸗ pen. Insgeheim freute es ſie, daß Strathern noch einen Fürſprecher in ihrer Bruſt fand; und doch wollte ſie nicht einmal ſich ſelber geſtehen, daß ſie es freute, von ihm in günſtiger Weiſe reden zu hören. Das Herz hat ſeine Geheimniſſe, welche ſich der Menſch ſelber nicht löſen kann; und dies war eines davon. Vielleicht wußte Louiſe Sydney ſo wenig als ihre Mutter, warum ſie es von dieſem Abend herleiten konnte, daß ihre Empfindungen eine weniger düſtere — — 125 Farbe trugen und ihr Unwille gegen Strathern in etwas abnahm. Die Amme Murray machte viele Verſuche, um ihre junge Gebieterin zu bewegen, daß ſie ſich demſelben vertraulichen Geſpräch mit ihr hingebe, wie ſolches früherhin der Fall geweſen. Sie ließ viele Andeutungen über die Schlechtigkeit der Män⸗ ner im Allgemeinen fallen, in der Hoffnung, da⸗ durch eine Eröffnung herbeizuführen und dann ſich darüber verbreiten zu können, wie dieſe bei einem von dieſem Geſchlecht insbeſondere und im höchſten Grade ſich vorfinde, von dem ſie die ſchlimmſte Meinung hatte. „Es würde ihr gewiß leichter um's Herz, wenn ſie es mir eröffnete, ſagte die alte Frau bei ſich ſelber, wenn ſie das düſtere und traurige Weſen ihres jungen Fräuleins ſah.„Ich erinnere mich noch, wie wohl es mir that vor vielen, langen Jabren, mein Herz einer Freundin aufzuſchließen, wenn ich einen Streit mit meinem armen Mann gehabt hatte. Und wem könnte mein Liebling eher ſagen, was ſie beunruhigt, als mir, wer würde ſo innigen Antheil daran nehme, wie ich? Ach, ach, ſie hat mich nicht mehr ſo lieb, ſie vertraut mir nicht mehr wie ſonſt, und ich glaube, ſie hat es mir nie verziehen, daß ich ſie vor dem hinter⸗ liſtigen, ſchlechten Menſchen gewarnt habe. Und doch muß ſie ſelber wohl etwas recht Schlimmes von ihm erfahren haben, was ſie und ihre Mutter dazu gebracht hat Rom ſo ſchnell zu verlaſſen, wie es geſchehen iſt. Sie wollten ihn auch nicht ein⸗ mal mehr ſehen an dem Tage, ehe ſie auf und davon gingen. Und hat mir nicht Thomas, der Lakai, geſagt, er habe noch am Morgen, da wir von Rom abreisten, Herrn Strathern in den näm⸗ lichen Kleidern ſeiner Wohnung zugehen geſehen, welche er Tags zuvor getragen habe, da er in unſerm Hauſe geweſen ſei; und derſelbe habe blaß und verſtört ausgeſehen, wie wenn er die ganze Nacht in kein Bett gekommen geweſen wäre.“ Gewiß, Frau Murray,“ ſagte Thomas,„er ging auf nichts Gutes um. Er muß die ganze Nacht getrunken oder geſpielt haben, denn wie er unſere Wägen hinter ſich her fahren ſah, machte er ein Geſicht, als wäre er gerade aus den Wol⸗ ken gefallen und fing dann an uns ſo eilig wie möglich nachzulaufen, als wollte er uns aufhalten. Er taumelte auch bei dem Rennen und hatte alſo beſtimmt zu viel getrunken. Die Herrſchaft zankt immer das arme Geſinde, Frau Murray,“ ſagte Thomas zu mir,„wenn ſie des Guten ein Bischen zu viel thun, aber ſie ſelber machen ſich kein Ge⸗ wiſſen daraus Nacht in Tag zu verkehren und Flaſche auf Flaſche zu leeren. Es iſt leicht zu bemerken, daß die Herren mehr Recht haben als die Bedien⸗ ten.“„Nun, ich bin froh, daß die Heirath auf⸗ 65 65 127 gegeben worden iſt, denn wie ſchrecklich wäre es für mich geweſen, wenn mein liebes junges Fräu⸗ lein einen Spieler oder Säufer genommen und der dann das Unterſte zu Oberſt gekehrt hätte. Wer ſollte aber doch glauben, daß ein Mann, der ſo geſetzt und verſtändig ausſah, dem Trunk ergeben ſein könnte? Das muß Frau Blorham gemeint haben, wie ſie den Kopf ſo ernſthaft ſchüttelte und ſagte, ſie wüßte, was ſie wüßte. Ja, das wird es geweſen ſein. Aber wie vertraut mein junges Fräulein und ihre Mutter auf einmal geworden ſind, immer bei einander, außer im Bett; immer ſo gute Freunde zuſammen und nie die geringſte Mißſtimmung oder Kälte zwiſchen ihnen. Ich muß freilich ſagen, wenn je eine ſolche vorkam, ſo rührte es immer von meinem jungen Fräulein her, denn ich habe in meinem ganzen Leben keine Mutter ge⸗ ſehen, die ſo an ihrem Kinde gehangen hätte. Aber es machte mir Freude, ja, es machte mich ſtolz, wenn ich ſah, daß Fräulein Sydney mehr Ver⸗ trauen zu mir hatte, als zu ihrer eigenen Mut⸗ ter. Und das war früher der Fall, aber ach! jetzt iſt's damit vorbei. Fange ich an von der Schlechtigkeit der Männer zu ſprechen, ſo fällt ſie mir gleich in die Rede und bringt etwas anderes auf die Bahn. So weiß ich nicht, wie ich es machen ſoll, daß ich ſie dazu bringe, das nämliche Vertrauen in mich zu ſetzen, wie ſonſt. 128 Gott verzeih' mir's, wenn's eine Sünde iſt, aber es ärgert mich faſt zu Tode, wenn ich ſehe, wie ſie alle ihre Liebe und Freundlichkeit ihrer Mutter zuwendet und gegen mich ſo ganz anders iſt.“ Solches waren die Gedanken, welchen die alte Amme Murray oft und viel nachhing, wenn ihr Fräulein eilig die Geſchäfte der Toilette abmachte und ihrer Dienſte nicht weiter begehrte. In ihrem Stolz und ihrer Neigung gleich ſehr verletzt, wurde ſie auf Frau Sydney neidiſch, weil ſie die ganze Zeit und Aufmerkſamkeit ihrer Tochter für ſich allein in Anſpruch nahm. Obſchon ſie von ihrer jungen Herrin fortwährend mit Güte und Freundlichkeit behandelt wurde, ſo ſtellte ſie das doch nicht mehr zufrieden, da ſie früher ſich hatte Freiheiten nehmen dürfen, welche Fräulein Sydney nicht mehr zu ge⸗ ſtatten entſchloſſen war, nachdem ſie das Unpaſſende davon eingeſehen. Weder Mutter noch Tochter ahnten nicht entfernt, was in ihrer alten Dienerin vorging. Und doch beſaß die Murray von Haus aus kein ſchlechtes Herz. Sie war blos durch zu große Nachſicht verdorben worden und dies hatte den Erfolg, daß ſie eiferſüchtig wurde auf die Zu⸗ neigung und das gute Einvernehmen, die zwiſchen Frau Sydney und ihrer Tochter beſtanden, gerade wie ſie es früher auf die Anhänglichkeit ihrer jun⸗ gen Gebieterin an Strathern geweſen. Nachdem Fran Sydney und Louiſe alles beſehen, 5 129 was in Mailand und der Umgegend deſſelben Merk⸗ würdiges iſt, gingen ſie an den Comerſee und be⸗ ſchloſſen daſelbſt etliche Monate zu bleiben. Die Schönheit der Gegend, die Ruhe und Stille der reizenden Landſchaft entzückten ſie beide. Mehrere Stunden verbrachten ſie jeden Tag an dem Waſſer und als Frau Sydney bemerkte, welch' wohlthäti⸗ gen Einfluß daſſelbe auf ihr geliebtes Kind äußerte, ſo erlaubte ſie ihr oft in Begleitung einer Diene⸗ rin in einem Nachen zu fahren und ſich allein eine Freude zu machen, wenn ſie ſelbſt durch anderweite Beſchäftigung abgehalten wurde oder nicht Luſt hatte auszugehen. Das Boot, welches ſie für ihren Auf⸗ enthalt in Como gemiethet, lag im See und war unten an dem Garten ihres Landhauſes angebun⸗ den. Von den Fenſtern des letzteren aus konnte ſie Louiſen zuſehen, wie ſie auf dem glatten und durch⸗ ſichtigen Waſſer hinglitt, welches gleich einem großen Spiegel in ſeiner ruhigen Tiefe den blauen wolken⸗ loſen Himmel darüber rückſtrahlte. Die zärtliche Mutter gewahrte mit Vergnügen, daß dieſe Unter⸗ haltung ihre Tochter ſtärkte, ohne ſie zu ermüden. Daher hatte ſie nie etwas dagegen, wenn ſich dieſe derſelben überlaſſen wollte und die Schönheit des Wetters die Bvotsleute in Stand ſetzte ſie zu ver⸗ ſichern, daß keiner der plötzlichen Stürme zu be⸗ fürchten ſei, die auf dem Comerſee herrſchen. Unter dem Zelte gelagert, welches ſie vor den allzu heftigen 8 Strathern U. 130 Sonnenſtrahlen ſchützte und mit einem Bande ihrer Lieblingsdichter in der Hand verbrachte Louiſe ganze Stunden auf dem See. Oft machte ſie das Buch zu und blickte auf das Eliſium, das ſie umgab. Dann flogen ihre Gedanken zu ihm, von dem ſie ſich ſelten lange entfernten und ſo beſtätigte ſie die Wahrheit der Worte des Dichters,„daß wer ſich müht Jemanden zu vergeſſen, daß der ihn niemals noch vergeſſen hat.“„Welche Freude würde er an dieſem Ort gefunden haben,“ ſagte ſie zu ſich ſelbſt, „und wie würde es mir als ein Paradies erſchei⸗ nen, wenn er dabei wäre.“ Dann ſeufzte ſie und machte ſich Vorwürfe darüber, daß ſie ihm beſtän⸗ dig erlaubte ihre Gedanken zu beſchäftigen.„Und doch,“ ſagte ſie dann wieder, mache ich es blos wie meine gute liebe Mutter; ich denke mir ihn blos, wie er war oder wie ich ihn mir wenigſtens vorſtellte, da ich ihm mein ganzes Herz ſchenkte, und unſere Geſchicke für unauflöslich verbunden glaubte. Das iſt doch hoffentlich kein Verbrechen. Ich wende mich mit Schauder von dem ſinnlichen und ausſchweifenden Menſchen, für den ich ihn zu halten kürzlich nur allzu viel Urſache hatte, aber es macht ein, wenn ſchon ſchmerzliches Vergnügen, mir in's Gedächtniß zurückzurufen, wie ich mir ihn gedacht habe.“ Eines Tags, da die Strahlen der Sonne ſich auf dem Waſſer mehr als gewöhnlich fühlbar 131 machten und nicht ein Lüftchen die blanke Ober⸗ fläche deſſelben kräuſelte, bat Louiſe, der die Hitze läſtig wurde, die Fährleute, ſie möchten die Mitte des Sees verlaſſen und das Boot unter den Schat⸗ ten einiger prächtigen Weiden rudern, die ihre rieſigen Aeſte und ihr grünes Blätterwerk über das Waſſer herbreiteten und zu einer Anlage gehörten, wo ſie ſchon früher eine Zuflucht gegen die Son⸗ nenſtrahlen geſucht hatte. Sie las gerade in dem Buch, was ſie bei ſich hatte, als der Laut einer wohlbekannten Stimme an ihr Ohr ſchlug. Sie fuhr zuſammen, wandte den Kopf nach der Richtung hin, woher die Töne kamen und erblickte Strathern und das Frauenzimmer, mit welchem ſie ihn in der ewig unvergeßlichen Nacht im Coliſeum geſehen hatte. Die beiden kamen aus einem Dickicht blühen⸗ der Gebüſche hervor, welches ſie bis daher ver⸗ borgen hatte und gingen dem Ort zu, in deſſen Nähe das Boot ſtand. Zitternd vor innerer Er⸗ regung befahl ſie den Schiffern ſogleich von dem Ort wegzufahren. Dieſe glaubten in Uebereinſtim⸗ mung mit den Wünſchen Louiſens zu handeln, wenn ſie die Richtung einſchlügen, in welcher diejenigen, welchen ſie ſo ſehr auszuweichen ſuchte, ſtille ge⸗ ſtanden waren, um ſich an der Ausſicht zu laben. „Nein,— nicht dahin— nicht dahin!“ rief Fräulein Sydney,„geht rückwärts, ſo ſchnell ihr könnt.“ 9* 132 Die Bootsleute fingen an ihr vorzuſtellen, wie unſicher es ſei, nach der Stelle hin zu rudern, welche ſie ihnen zeigte, aber ſie wollte nichts von ihren Gründen hören, ſondern hieß ſie noch ein⸗ mal nach der entgegengeſetzten Richtung hin ſteuern. Mit Widerſtreben folgten ſie ihrem Begehren. Das Boot hatte ſich noch nicht weit vom Ufer entfernt, da ſtieß es auf einen verborgenen Felſen, und zwar mit ſo cher Gewalt, daß es auf die Seite geſchleu⸗ dert wurde und Alles darin in's Waſſer fiel. Louiſe Sydney erhob ſich einen Augenblick über die Ober⸗ fläche deſſelben, aber blos um wieder davon ver⸗ ſchlungen zu werden. Einer der Bootsleute erfaßte ihre Dienerin, in der Meinung, es ſei das junge Fräulein, das er rette, hiett ſie mit der einen Hand feſt und ſuchte das Ufer zu gewinnen. Der andere dachte blos an ſeine eigene Sicherheit, er wagte ſich gar nicht heran, ſondern ſchwamm der nächſten Landſpitze zu. Noch einmal gelangte Louiſe, halb erſtickt und faſt ohne Bewußtſein, auf die Ober⸗ fläche des W ſſers und wollte eben unterſinken, um nie wieder das Tageslicht zu ſchauen, da wurde ſie von kräftiger Hand ergriffen, ſie fühlte, wie man ſie um den Leib faßte und an's Ufer brachte. Athemlos und erſchöpft von der heftigen Anſtren⸗ gung ſank der, welcher ſie vom Tode befreit, faſt eben ſo leblos wie ſeine koſtbare Laſt zuſammen, als er dieſe auf den Boden niedergelaſſen. Die Dienerin, 133 die ſich jetzt wieder von dem Untertauchen im Waſſer erholt hatte, weil ſie ſchneller herausgezogen wurde als Fräulein Sydney, half das Mädchen in's Leben zurückbringen und Lady Delmington, die den gan⸗ zen Vorgang mit angeſehen, unterſtützte ſie dabei kräf⸗ tigſt. Strathern, denn Niemand anders als er war es, der Louiſen mit Gefahr ſeines eigenen das Leben gerettet, erhob ſich nun von der Erde, auf die er matt und kraftlos gefallen war, nachdem er ſie auf eine Bank gelegt. In der größten Seelenangſt bog er ſich über ſie her. Er war Zeuge des Unfalls geweſen, wußte aber nicht, daß es ſein Liebſtes auf der Erde wäre, die er in ſolcher Gefahr er⸗ blickte. Blos von Menſchenliebe angetrieben, warf er den Rock ab, ſtürzte ſich in's Waſſer und eilte zur Rettung des Frauenzimmers herbei, deren weißes Kleid noch auf den Wellen ſchwamm. Erſt jetzt, da er ſie allem Anſchein nach leblos erblickte, er⸗ kannte er, wen er den Fluthen entriſſen. Denn ihr Hut war ihr entfallen, da er ſie erfaßte, ihre langen Flechten hatten ſich von dem zuſammenhal⸗ tenden Kamm losgemacht und ihr Geſicht verdeckt. Das neuerliche unerklärbare und unfreundliche Be⸗ tragen des Fräuleins Sydney und all der Kummer, den ſie ihm bereitet, war in einem Augenblick ver⸗ geſſen. Er dachte blos daran, daß das von ihm angebetete Weib kalt und leblos vor ihm lag, daß das Leben, wenn es nicht gänzlich erloſchen war, ſich nur noch ſchwach in ihrem Herzen regte und daß dieſes vielleicht bald ganz zu ſchlagen aufhörte. Halb wahnſinnig vor Angſt kniete er neben ihr auf den Boden und rieb ihr Füße und Hände, um wieder Wärme hineinzubringen, während Lady Del⸗ mington ihr einen flacon zum Riechen vor die Naſe hielt und die franzöſiſche Dienerin ihr das Waſſer aus den langen, ſeidenen Flechten rang. Endlich ſchlug Louiſe langſam die Augen auf und der erſte Ge⸗ genſtand, auf dem ſie haften blieben, war Stra⸗ thern. Eine leichte Röthe färbte ihre Wangen und ein mattes Lächeln überflog ihre bleichen Lippen. Strathern drückte eine der kleinen Hände, die er eben rieb, an den Mund und Thränen der Freude und des Danks füllten ihm die Augen, als er ſie dem Leben wiedergegeben ſah. Ja, dieſe männliche Natur, welche ihn wenige Minuten zuvor ange⸗ trieben hatte, dem Tode zu trotzen, und einen Mitmenſchen zu retten, wurde jetzt von einer ganz weiblichen Rührung bewältigt und die Thränen floſſen ihm über das Geſicht herab. Wiederum öffnete Louiſe die Augen und dieſer Beweis ſeiner Neigung rührte ſie ſo ſehr, daß ſie die Augenlieder ſchloß. Ehe dies aber geſchah, erhaſchte Strathern einen Blick voll Sanftmuth und Mitleid, der ihm bis in's Herz drang. Lady Delmington beſaß von allen Anweſenden allein einige Beſonnenheit und hatte ſchon einen der Bootsleute in das Wirthohaus nach 135 einem Wagen und Stärkungsmitteln weggeſchickt. Beide kamen jetzt an, und als man bei Louiſen etwas sal volatile in Anwendung brachte, vermochte ſie Kopf und Glieder zu bewegen und zu ſprechen —„Du biſt's, dem ich das Leben verdanke, nicht wahr?“ ſagte ſie zu Strathern. „Der Himmel ſei geprieſen, daß ich in der Nähe war, um Dich zu retten!“ erwiederte er. Ein Lächeln, wie man es nur von einem Engel erwarten könnte, ſpielte um ihren Mund und ihre Augen prückten den Dank aus, welchen ihre Lippen nicht zu äußern vermochten. Sie brachte eine Hand an ihre Stirn, wie um ihre Gedanken zu ſammeln; die andere hielt Strathern noch immer feſt und ſie machte keinen Verſuch ihm die zu entziehen, welche er gefaßt hatte. Ihn erfüllte noch immer die Be⸗ ſorgniß, ſie möchte ihn wiederum verſtoßen und er nahm die ſchweigende Erlaubniß ihre Hand zurück⸗ zuhalten, für ein günſtiges Zeichen. Abermals hielt Lady Delmington ihr das Riech⸗ fläſchchen vor die Naſe und Louiſe Sydney machte die Augen auf, wie wenn ſie in Folge des ſcharfen Geruchs aus einem Traume erwachte. Als die⸗ ſelben aber auf das ſchöne Frauenzimmer fielen, die ſich mit der größten Sorgfalt und Freundlich⸗ keit um ſie bemühte, fuhr ſie zurück, als wäre ſie von einer Schlange geſtochen worden, entzog Stra⸗ thern raſch die Hand, rief ihre Dienerin und ver⸗ langte nach Hauſe gebracht zu werden. Als Stra⸗ thern ſie in ſeinen Armen aufheben wollte, ſuchte ſie ſich von ihm loszumachen und er gewahrte mit Schrecken, während er ſie zu dem ihrer harrenden Wagen trug, daß ſie vor ſeiner Berührung zurück⸗ ſchauderte. Auch wie er ſie hineinſetzte, wandte ſie ihre Augen von ihm ab und ſagte in kalten und wenigen Worten, wie ſehr ſie bedauerte ihm ſo viel Mühe gemacht zu haben. Der Dienſte der Lady Delmington that ſie gar keine Erwähnung und als ihre Dienerin den Sitz neben ihr einge⸗ nommen hatte, verweigerte ſie Strathern entſchie⸗ den die Erlaubniß neben dem Wagen herzugehen und ſie in ihre Wohnung zu begleiten. Zuletzt trennte ſie ſich von ihm mit einer ſo abgemeſſenen Neigung ihres Kopfes, als wären ſie einander völlig fremd. Er fühlte ſich auf's Empfindlichſte verletzt, beleidigt und bekümmert über ein Betragen, das ihm herzlos erſchien. Tauſend ſtreitende Empfindungen regten Louiſens Herz auf, während der Wagen auf das Landhaus ihrer Mutter hinfuhr. Mußte ſie einem Grabe im Waſſer entriſſen werden, und durch ihn entriſſen werden, blos um zu ſehen, daß er noch immer dem lieblichen, aber verdorbenen Geſchöpf zugethan ſei, vor deren Be⸗ rührung ſie zurückgeſchaudert war, als würde ſie dadurch verunreinigt. Und er, der verhärtete Sün⸗ der, hatte alles Schaamgefühl verloren und ſeiner 137 Buhlerin verſtattet ſich ihr zu nähern, ſie anzu⸗ rühren, da ihm doch ihr Leib heilig hätte ſein ſollen. O, der ſchreckliche Menſch. Er hatte ſich ſogar unterſtanden ihre Hand an die Lippen zu drücken, und zwar in Gegenwart des niederträch⸗ tigen Weibes, und ſie hatte aus Schwachheit und Zärtlichkeit nicht einmal die Hand aus der ſeinigen gezogen, bis ſie das ſchöne, aber verhaßte Geſicht der Perſon bemerkte, von der alles Elend her⸗ rührte, was ſie durchgemacht. Sie fühlte ſich be⸗ ſchimpft, entehrt. Es wäre beſſer geweſen, man hätte ſie gar nicht aus dem Waſſergrabe heraus⸗ geholt, in welches ſie eben verſinken wollte, als daß ſie jetzt ihm ihr Leben verdankte und mit ſei⸗ ner Geliebten in Berührung gekommen war. Solche bittere Gedanken erfüllten Louiſens Seele ſtatt des Dankgefühls gegen den Allmächtigen für ihre Erhaltung; aber die Qualen der Liebe und Eiferſucht hatten für den Augenblick den Sieg über ihre beſſere Natur davongetragen. Sechstes Kapitel. „Die Welt ſag' was ſie will, das edelſte Gemüth Wird von der Liebe ſtets am innigſten durchglüht. Der Leichtſinn iſt nur für ſich ſelber eingenommen, Wie ſoll in ſeine Bruſt ein and'res Bildniß kommen? Sein Buſen faßt kein Herz, das könnte ihn ja ſtören, Da könnt' er ja nicht mehr blos auf ſich ſelber hören. Doch hat ein edles Herz der Liebe Band umwunden, So bleibt ſie, und wenn auch die Jugend längſt ent⸗ ſchwunden. Und wenn das Alter ſie vermindert und verweht, Seht, wie ſie da ſo ſanft, wie langſam ſie vergeht. Die Freundſchaft, wahr und treu, erſetzt ſie dann zumeiſt Und Jedes meint, es ſei der alten Liebe Geiſt.“ Als Strathern Frau Sydney nebſt ſeiner Ver⸗ lobten ſo unerwartet von Rom abreiſen geſehen, als er ſich von der erſten Betäubung darüber einigermaßen erholt und überzeugt hatte, daß nicht ein Wort der Erklärung, nicht eine Zeile des Ab⸗ ſchieds von ihnen zurückgelaſſen worden war, be⸗ ſchloß er, ſich ſeinen Gram dadurch zu erleichtern, daß er ſeine Zeit dem armen Lord Delmington, ſeinem Freunde, widmete. Gerne wäre er in der Einſamkeit ſeines Zimmers geblieben, um den Ge⸗ 139 danken nachzuhängen, die ihm in ſeiner gegenwärtigen, peinlichen Lage die Seele niederbeugten, hätte ihn nicht das Pflichtgefühl gegen den leidenden Gatten und das Mitleid mit der anziehenden jungen Frau vermocht, ſeinen eigenen Kummer zu unterdrücken und zu verſuchen, ob er ihnen nichts nützen könne. Er ging alſo wieder in ihren Gaſthof zurück und hatte die Freude, Lord Delmington beſſer anzu⸗ treffen. Mit vieler Mühe brachte er Lady Del⸗ mington dazu, die Ruhe zu ſuchen, welche ſie ſo nöthig brauchte und verſprach, den Freund nicht zu verlaſſen, bis ſie zurückkäme und ſeinen Platz am Lager des Kranken einnähme. Hier hatte er nun Zeit genug, über die Ereigniſſe der letzten Tage nachzudenken, fand aber keinen Schlüſſel, um das Geheimniß aufzuhellen, in welches die Urſache des Betragens der Frau und Fräulein Sydney ge⸗ hüllt war. In dem dunkeln Zimmer, wo kein Laut als die Athemzüge ſeines armen Freundes und die ſchnellen Schläge ſeines bewegten Herzens das herrſchende Schweigen unterbrach, verbrachte er die langen Stunden. Mehr als einmal brach Strathern an dieſem Tage in Seufzer aus, wenn ſich ihm der Gedanke an das Glück aufdrängte, deſſen er kürzlich genoſſen und das von ſeinem gegenwärtigen Jammer und ſeiner Verzweifelung ſo auffallend abſtach. Er wurde erſt dann gewahr, daß er ſich dieſen Gefühlsausbruch verſtattet hatte, 140 wenn Lord Delmington die matten Augen öffnete und ihn mit einem Blick der innigſten Dankbarkeit anſah, weil er glaubte, die Seufzer rühren von Strathern's Angſt um ihn her; oder wenn er ſeine Hand ausſtreckte, um durch einen Druck derſelben dem Freunde zu erkennen zu geben, wie ſehr er ihm für ſeine eifrige Sorge verbunden ſei. Der Kranke ließ ſich nicht einfallen, daß der Kummer an dem Herzen deſſen nage, der neben ſeinem Lager ſaß, oder daß er ſelber die unſchuldige Ver⸗ anlaſſung zu den Umſtänden ſei, die jenen Kummer herbeigeführt hatten. Oft kam Strathern an jenem Tage der namenloſe Brief in's Gedächtniß, den er wenige Wochen zuvor erhalten, und der ihn vor den Launen und der argwöhniſchen Gemüthsart Louiſens warnte. Waren die in demſelben enthal⸗ tenen Beſchuldigungen durch ihr neuerliches Be⸗ tragen nicht vollkommen gerechtfertigt worden? Und doch hatte er ſie beim Durchleſen mit Verachtung behandelt und für falſch gehalten. Warum konnte er, als ſich ihm dieſe ſchmerzliche Ueberzeugung aufdrang, ihr Bild nicht aus dem Buſen reißen, warum ſie nicht ſich aus dem Sinn ſchlagen? Dieſe Fragen drängten ſich ihm oft während der langweiligen Stunden des Tages auf, der nicht endigen zu wollen ſchien. Wie häufig ſind ähn⸗ liche Gedanken Liebenden vorgekommen, wenn ſie unter den erſten, heftigen Qualen getäuſchter Liebe W W*— 1 —— v u— 8 8 1 8 8 8— 141 ſich wanden und wie ofthat man gefunden, daß der Vor⸗ ſatz, es ſo zu machen, wie ſich Strathern unnützer⸗ weiſe vornahm, leichter gefaßt als ausgeführt wird. Fühlende Herzen haben das geſtanden und mit Recht ſagt der Dichter, daß die Liebenden alles können, nur nicht vergeſſen. Dieſer Tag war der betrübteſte, den Strathern je verlebt hatte. Erſt wie Lady Delmington zurückkam, um ſeinen Platz am Bett ihres Gemahls einzunehmen, erfriſcht und geſtärkt durch die mehrſtündige Ruhe, die ſie genoſſen, erſt da zog ein Strahl von etwas wie Zufrievenheit durch ſein Herz; denn er ſagte ſich, daß er ſie in Stand geſetzt habe, dieſer Erquickung ſich zu über⸗ laſſen. Als er das Lächeln unaus ſprechlicher Liebe bemerkte, mit welcher die junge Frau von ihrem Manne begrüßt wurde, während er ihre Hand an ſeine fieberheißen Lippen preßte, da freute er ſich, daß er da geweſen war, um ſie für ein paar Stunden von ihrem Poſten abzulöſen. Und als nun gar der Arzt hereinkam und erklärte, Lord Delmington ſei viel beſſer, fühlte ſich ſein Freund dacür belohnt, daß er ſeine eigenen Sorgen zum Opfer gebracht und ſich dazu verſtanden hatte, an dem Bette des Kranken zu wachen. Tag um Tag ſetzte Strathern ſeine Bemühungen für Lord Del⸗ mington fort, deſſen Geneſung, wenn auch langſam, ſtufenweiſe fortſchritt, bis er zuletzt ſein Zimmer verlaſſen und in die freie Luft geführt werden konnte. 142 Strathern's Theilnahme an dem jungen Paar nahm täglich zu, während er ſich ſo von ihrer innigen Liebe zu einander überzeugte und ſah, wie dankbar ſie ihm für ſeine Freundſchaft waren. Die Aerzte riethen dem Kranken, Rom zu verlaſſen und ſich, ſtatt nach Neapel zu gehen, wie es urſprünglich ſeine Abſicht geweſen, dem Norden Italiens zu⸗ zuwenden, wo die größere Kühle der Luft der Her⸗ ſtellung ſeiner Geſundheit zuträglicher ſein würde. Als Strathern erklärte, er wolle ſich jetzt von ihnen trennen, drangen Lord und Lady Delmington ſo eifrig in ihn, ſie an den Comerſee zu begleiten, wohin ſie zu gehen gedachten, daß er, der kein beſtimmtes Reiſeziel zu verfolgen hatte, ihren Bitten nachgab und mit ihnen Rom verließ. Ein Arzt ſchloß ſich ihrer Geſellſchaft an, um gleich bei der Hand zu ſein, wenn bei Lord Delmington ein Rück⸗ fall nachkommen ſollte. Erſt am Abend vor dem Begegniß, welches für Louiſe Sydney beinahe ſo übel abgelaufen wäre, kamen ſie in Eomo an und machten auf Lord Delmington's Andringen einen Spaziergang. Denn dieſer wünſchte, ſeine Frau möchte die friſche Luft genießen und ein Landhaus beſichtigen, das an den Ufern des Sees zu ver⸗ miethen ſtand. Strathern und ſeine ſchöne Be⸗ gleiterin durchſtreiften eben die Gartenonlagen deſſel⸗ ben, als Louiſe die Stimme ihres Verlobten erkannte und in der Abſicht, ihm auszuweichen, darauf drang, 143 daß die Bootsleute nach der Richtung hinruderten, wo ein Felſen den im letzten Kapitel beſchriebenen Un⸗ fall herbeiführte. Hätte ſich Strathern auch von der Wunde geheilt geglaubt, die noch in ſeinem Herzen brannte, ſo würde ihm doch die Zuſammen⸗ kunft mit Louiſen bewieſen haben, wie irrig ſeine Vermuthung ſei. Aber er gab ſich keiner ſolchen Täuſchung hin. Er fühlte wohl, daß ſeine Neigung, wie ſehr er auch gekränkt worden war und wie wehe ihm auch das unerklärliche Betragen ſeiner Geliebten noch jetzt that, doch keineswegs abge⸗ nommen hatte, und als er Louiſe allem Anſchein nach leblos erblickte, da wurde er ſich bewußt, daß das Daſein ihm fürderhin unerträglich ſein müßte, wenn ſie nicht wieder zu ſich käme. Ihr mattes Lächeln, als ſie ihn erkannte, und daß ſie ihm verſtattete, ihre Hand in der ſeinigen zu behalten, ohnerachtet ſie die Kraft beſaß, ſolche zurückzuziehen, verurſachte ihm außerordentliche Freude, denn es bewies, daß es, mochte auch die Urſache ſein, wel⸗ ches ſie wollte, doch keine perſönliche Abneigung war, die ſie dazu gebracht hatte, ihn zu verlaſſen. Wie aber ſollte er ſich dann den plötzlichen Wechſel in ihrem Benehmen erklären? War ſie blos ſo freundlich, weil ihre Vernunft noch nicht die ge⸗ hörige Kraft gewonnen hatte, um ihre Handlungen zu beherrſchen und kam ſie erſt bei wiederkehrendem Bewußtſein zu dem Entſchluß, ſich in keinen wei⸗ 144 teren Verkehr mit ihm einzulaſſen? So ſehr er ſich beim Nachdenken über all' das verletzt fühlte, ſo kam er, ja konnte er ſich doch nicht mehr ſo elend vorkommen, als es vor dieſem unvermutheten Zuſammentreffen der Fall geweſen. Et ſah, wie der Wagen, in den er ſie geſetzt, ſeinen Augen entſchwand, nachdem ſie darauf beſtanden hatte, daß er nicht, wie er vorgeſchlagen, nebenher gehen dürfte, aber er glaubte nicht mehr, daß er ihr zuwider ſei oder daß ſie ihn vergeſſen habe, und mit dieſem Troſt ſchoſſen tauſend unbeſtimmte Hoff⸗ nungen in ſeinem Herzen empor. Er beſtätigte, was der Dichter ſagt: „Daß Liebe hofft, wo der Verſtand verzweifelt.“ Während er mit übereinandergeſchlagenen Armen daſtand, dem Wagen nachſchaute, der Louiſe Sydney umſchloß, und gar nicht daran dachte, daß ſeine Kleider von Waſſer troffen und daß Lady Del⸗ mington zugegen wäre, ſtieg in dieſer, vermöge der Kenntniß von Herzensangelegenheiten, die ihrem Geſchlecht in jedem Alter eigenthümlich ſein ſoll, alsbald eine Ahnung über den wirklichen Stand der Sache auf. „Kommen Sie, Herr Strathern, Sie müſſen ſich keiner Erkältung ausſetzen,“ ſagte ſie.„Wir wollen gleich in den Gaſthof zurückgehen, damit Sie Ihre Kleider wechſeln können.“ 145 Strathern fuhr wie aus einem Traume auf und wollte eben ſeiner ſchönen Begleiterin den naſſen Arm anbieten, da beſann er ſich noch, er⸗ klärte ſich mit ihrem Vorſchlag einverſtanden und ſie gingen un mit einander dem Gaſthofe zu. „Was für eine ſchöne Geſtalt!“ bemerkte Lady Delmington. Habe nie ſo etwas ausnehmend Rei⸗ zendes geſehen.“ Strathern fühlte ſich dadurch wohlthuend be⸗ rührt; denn nichts gefällt den Männern ſo ſehr, als wenn ſie das Lob des Gegenſtandes ihrer Liebe von einer Angehörigen ihres Geſchlechts hören. „Sie ſagen nichts,“ fuhr Lady Delmington fort,„aber ich bin überzeugt, daß Sie meine An⸗ ſicht theilen.“ „Sie iſt ſchön, ſehr ſchön,“ erwiederte Strathern. „Mir kam ſie wie ein Engel vor,“ verſetzte Lady Delmington,„wie ſie die Augen aufſchlug und lächelte, aber—“ Hier hielt die Sprecherin inne, denn ſie wollte den Satz, der ſich ihr auf die Lippen drängte, nicht beendigen, weil daraus hervorgegangen wäre, daß ſie die ſtolze Miene und das kalte Benehmen be⸗ merkt hatte, welche das in Rede ſtehende Frauen⸗ zimmer ſpäter annahm. Strathern verſtand, was die Unterbrechung der Rede ſagen wollte und war dankbar dafür. Denn ob ihn ſchon der auffallende Wechſel in Louiſen Sydney's Betragen verdroß, Strathern uI. 10 146 ſo wäre es ihm doch beinahe unerträglich geweſen, zuzuhören, wenn jemand Anderes Bemerkungen darüber gemacht hätte. Und doch verdroß ihn noch mehr als die Behandlung, die er ſelber erfahren, der Mangel an der gewöhnlichſten Höflichkeit, um nicht zu ſagen Dankbarkeit, den Louiſe gegen Lady Delmington zeigte, nachdem dieſe ihr doch während ihrer Ohnmacht und nachher ſo viel Güte und Aufmerkſamkeit erwieſen. Seine ſchöne Begleiterin und er gingen eine Zeit lang ſchweigend weiter, denn dieſe wollte die Gedankenreihe nicht ſtören, die ihm durch den Kopf zog und er war ſo zer⸗ ſtreut, daß er ihre Anweſenheit kaum gewahrte. Da begegneten ſie dem Arzt, den Lord Delmington, ſobald er von dem Vorfall hörte, hergeſchickt hatte, damit er dem aus dem Waſſer geretteten Frauen⸗ zimmer ſeine Dienſte anbieten könnte. Der Schiffer, den man nach einem Wagen geſchickt, hatte Allen, auf die er ſtieß, das Unglück erzählt, das geſchehen war. Ein Diener theilte unvorſichtigerweiſe die Nachricht dem Lord Delmington mit und dieſer gerieth gleich in Angſt, es möchte ſeine Frau ſich auf den See gewagt haben und ſo kaum dem Tode im Waſſer entronnen ſein. Der Bediente vermochte ihm indeſſen dieſe Furcht zu benehmen, denn er hatte erfahren, es ſei ein junges, ſchon einige Zeit in Como wohnendes Frauenzimmer, die der Unfall betroffen habe. Nun ſandte er augenblicklich den 147 Dr. Pitcairn und einen Bedienten mit einem Arz⸗ neikaſten und verſchiedenen Stärkungsmitteln ab, um der Fremden Hilfe zu leiſten. Der Arzt ver⸗ irrte ſich aber und ſchlug den Weg nach einem andern Landhauſe ein, ſo daß er zu ſpät anlangte, um Fräulein Sydney noch etwas nützen zu lönnen. „Du lieber Himmel, gnädige Frau!“ ſagte der Schotte,„Sie ſind ja tropfnaß. Das iſt ſehr gefährlich und könnte unangenehme Folgen haben.“ Und jetzt gewahrte Strathern erſt, daß der Anzug der Lady Delmington faſt eben ſo naß war als ſein eigener. Dies rührte von ihrer genauen Berührung mit dem triefenden Gewand der Fräulein Sydney her, deren Waſſer überſtrömter Kopf ihr an der Bruſt geruht hatte, während Strathern und ihre Kammerfrau bemüht waren, durch Reiben das ſtockende Leben wieder in Gang zu bringen. Es zog ihm die Bruſt zuſammen, da er an dieſen Beweis von Lord Delmington's Güte dachte und ſich erinnerte, wie die, an welche ſie verſchwendet worden, derſelben ſo gar keine Beachtung geſchenkt hatte. „Gnädige Frau, Sie müſſen wahrhaftig ein paar Tropfen von dieſer Herzſtärkung zu ſich neh⸗ men,“ ſagte Dr. Pitcairn.„Das wird Ihnen gute Dienſte thun und die Erkältung abhalten, daß ſie ſich nach innen ſchlägt. Ich kenne viele ernſthafte Fälle von Huſten und Lungenkrankheiten, die von 10* Erkältungen herrührten, ſo man ſich durch feuchte Kleider zugezogen.“ „Ich beſorge gar keine übele Folgen, Doktor, ich verſichere Sie,“ erwiederte Lary Delmington; „denn ich bin, ſeit ich naß geworden bin, ſchnell genug gegangen, um warm zu bekommen. Ich wünſche blos, Lord Delmington zu verbergen, daß ich ſo bis auf die Haut durchnäßt worden bin, denn ſeine Angſt würde die Gefahr vergrößern ſeine Schwäche vermehren und ihn noch kränker machen.“ „Nun, nun— ich will ſehen, wie ich's mache, und die gnädige Frau durch die Hinterthüre in den Gaſtbof hineinſchmuggeln, ſo daß Sie Ihre Kleider wechſeln können, ehe Se. Herrlichkeit Sie erblickt; aber Sie würden mich in Wahrheit ſehr verbinden, wenn ſie ein paar Tropfen von dieſer Herzſtärkung zu ſich nähmen. Und Herr Strathern muß es auch ſo machen.“ „Wäre es nicht räthlich, wenn der Doktor in die Wohnung des Frauenzimmers ginge und ihr ſeine Dienſte anböte?“ fragte Lady Delmington, die immer nur an Andere dachte.“ „Gewiß,“ erwiederte Strathern, der eben ſelber auf dem Punkte ſtand, zu ſagen, wie ſehr am Ploatz dieſe Maßregel wäre.„Ja, lieber Doktor, gehen Sie gleich auf das Landhaus der Frau Syd⸗ 14⁰ ney; dort wird Ihre Anweſenheit und Kunſt vom größten Nutzen ſein.“ „Nun, ich will gleich hin; aber ich muß Ihnen, gnädige Frau, empfehlen, ein warmes Bad zu nehmen, ſo wie Sie in den Gaſthof kommen; und nachher legen Sie ſich in ein wohl durchwärmtes Bett. Das iſt, wie ich Sie verſichern kann, durch⸗ aus nöthig; und Ihnen, Herr Strathern, rathe ich dieſelbe Vorſicht anzuwenden.“ Mit dieſen Worten eilte Dr. Pitcairn in Be⸗ gleitung des Bedienten mit dem Arzneikaſten und den Stärkungsmitteln in der Richtung von Frau Sydney's Landhaus davon, die ihm Strathern an⸗ wies. Dieſer nämlich hatte ſich den Weg gemerkt, den der Wagen mit dem lieblichen Gegenſtand ſei⸗ ner Neigung einſchlug. Der Gedanke an Huſten und Lungenzufälle, welche Dr. Piteairn als die ge⸗ wöhnlichen Folgen naſſer Kleider angegeben, be⸗ ſchäftigte Strathern; aber die Wahrheit zwingt uns das Geſtändniß ab, daß ſich ſeine Beſorgniſſe, wie freundliche Geſinnungen er auch gegen die ſchöne und intereſſante Frau hegte, die an ſeiner Seite ging, doch alle auf die mögliche Gefahr für ſeine Geliebte bezogen und von ihr völlig in Anſpruch genommen wurden. Bei der zarten Geſundheit Louiſens, was konnte ſie ihr Fall in's Waſſer nicht Allem ausſetzen, und ſie war ſo lange in ihren naſſen Kleidern geblieben! 150 Lady Delmington errieth, daß er an das ſchöne Maädchen denken würde, die er ſo eben vom Tode errettet, und ihre lebendige Einbildungskraft ſetzte ſchon einen kleinen Roman zuſammen, welcher der Wahrheit ziemlich nahe kam und in welchem die beiden die Rolle von Liebenden ſpielten, aber durch die Härte eines Verwandten oder irgend einen der widerlichen Umſtände getrennt wurden, war ſie in Novellen vorkommen. Durch die Erinnerung daran, ſtellte ſie ſich vor, wie der auffallende Wechſel in Miene und Betragen veranlaßt worden, welchen ſie an dem jungen Frauenzimmer bemerkt hatte. „Armer Herr Strathern!“ dachte ſie,„es iſt kein Wunder, daß er ſo niedergeſchlagen iſt. Wer kann ſich enthalten, einem ſo ſchönen Kind gut zu ſein, wie ſie iſt; ich fürchte nur, ſie iſt weniger liebenswürdig als reizend, denn ein liebenswürdiges Weib hätte wenigſtens ein paar Worte des Dankes gegen mich geäußert oder durch eine Verbeugung gezeigt, daß ſie mich gewahrt. Sie aber wandte die Augen mit einer verächtlichen Miene von mir ab, die ich mir durchaus nicht erklären kann. Lady Delmington und Strathern traten Dr. Piteairn's Plan zufolge durch die Hinterthüre in den Gaſthof ein, wechſelten ſo ſchnell als möglich ihre Kleider und zeigten ſich dann dem ängſtlichen Gatten, um ſeine Beſorgniſſe zu beſchwichtigen. Keins von beiden empfand ſchlimme Folgen von 151 ihren naſſen Kleidern, aber Lady Delmington mußte alle Einzelnheiten des Vorfalls erzählen, um die Fragen ihres Gemahls zu befriedigen, denn Stra⸗ thern war von ſeinen eigenen Gedanken zu ſehr in Anſpruch genommen, um ſich darüber näher auszulaſſen. Dr. Pitcairn trat bald darauf ein und ſeine Stirne zeigte ſo viel Falten, ſein Aus⸗ ſehen war ſo feierlich, daß Strathern bei ſeinem Anblick auf die Meinung gerieth, Fräulein Sydney befinde ſich in der äußerſten Gefahr. „Guter Gott, Doktor,“ rief er,„Sie haben Ihre Befürchtungen gegründet erfunden, ich ſehe an Ihrem Geſicht, daß ſie in Gefahr ſchwebt.“ „Nun, ich glaube faſt, das Fräulein iſt wirk⸗ lich in Gefahr.“ „Aber warum haben Sie ſie dann verlaſſen?“ „Aus einem ſehr guten Grund, man erlaubte mir nicht, ſie zu ſehen. Kaum hatte ich meine Karte hineingeſchickt und ſagen laſſen, Herr Stra⸗ thern habe mich gebeten, vorzuſprechen und meine Dienſte anzubieten— denn ſehen Sie, Mylord, es wäre nicht ſchicklich, wenn ein Mann von meinem Stande unaufgefordert hinginge, einen Kranken zu beſorgen, darum hielt ich es für gut, mich auf Herrn Strathern's Namen zu berufen— da kam, nachdem ich eine geraume Zeit in einem Zimmer⸗ chen auf der Flur gewartet, eine alte Frau, ich glaube die Haushälterin, und ſagte mir, Frau Sydney ließe ſich empfehlen, ſie wäre mir ſehr verbunden für meine Aufmerkſamkeit, bäte aber, meine Dienſte ablehnen zu dürfen. Ich geſtehe, ich bin noch nie auf ſolche Art behandelt worden und Frau Sydney wird es wahrſcheinlich bereuen, wenn es zu ſpät iſt; denn wo kann ſie in Como— einen engliſchen Arzt finden? und wenn ſie ihrer Tochter Leben einem von den italieniſchen Quack⸗ ſalbern anvertraut, die ſich Doktoren heißen, ſo möchte ich nicht einen Heller dafür geben, daß das Fräulein davon kommt.“ „Wir wollen hoffen, daß man Ihr Dienſtan⸗ erbieten blos zurückgewieſen hat, weil das Fräulein ſie nicht nöthig hatte,“ ſagte Lady Delmington, da ſie die Angſt gewahrte, welche ſich in Strathern's Geſicht bei den letzten Worten des Arztes ſpiegelte. „Sie nicht nöthig haben, Mylady! Wie ſoll ſie den Folgen entgehen, welche daraus entſpringen, daß ſie beinahe ertrunken iſt? Denken Sie nur an die Menge Waſſer, die ſie verſchluckt haben muß, die Erſtickungszufälle, die ſie durchgemacht, den Catarrh, die Augenkrankheiten und Rheumatismen, zu welchen ſie ein ſo furchtbares Ereigniß geneigt gemacht haben muß. Und dann, wer kann daran zweifeln, vaß ſie den Rath und die Sorgfalt eines tüchtigen Arztes ſehr bedarf? Glauben Sie mir, gnädige Frau, ſie werden es, wenn's zu ſpät iſt, bereuen, daß ſie die Dienſte nicht angenommen 153 haben, die ich ihnen anbot; aber ſie können dann Niemand als ſich ſelber Vorwürfe darüber machen.“ Strathern war überzeugt, daß Dr. Pitcairn's Anerbietungen blos deshalb von der Hand gewieſen worden waren, weil er ihn geſchickt hatte, und dieſer neue Beweis von der Hartnäckigkeit, mit welcher Frau und Fräulein Sydney nicht blos auf ihrem Vorſatz beharrten, ihm auszuweichen, ſondern mit der ſie ſich ſogar weigerten, das Gutachten eines engliſchen Arztes in einem Falle einzuholen, der die Hilfe eines ſolchen ſo nothwendig machte, und daß ſie ſo handelten, weil er ihn empfohlen, das that ihm wehe und kränkte ihn. Und doch konnte Strathern trotz der ſchmerzlichen Gefühle, welche dieſe neue Probe von dem fortwährenden Wunſch, alle Gemeinſchaft mit ihm abzubrechen, in ihm erregte, nicht den einzigen Strahl von Licht aus der Seele verbannen, der, wie ſchwach und vorübergehend er auch geweſen, doch die düſtern Gedanken der Gegenwart und die trüben Ahnungen in Betreff der Zukunft erhellte, welche ſeine ſor⸗ genvolle Bruſt erfüllten. Der freundliche Blick, welchen Louiſe in dem Augenblick auf ihn geworfen, da ſie wieder zu ſich kam, die Vertraulichkeit und Güte, mit der ſie ihm ihre Hand während der erſten paar Minuten überließ, nachdem ſie ihn er⸗ kannt, bewies deutlich, daß er noch immer einen Platz in ihrem Herzen einnahm, obgleich ein Miß⸗ 4 verſtändniß— denn nichts Anderem konnte er den Wechſel in ihrem Betragen gegen ihn zuſchreiben — auf ſie wirken und ſie hatte bewegen können, ihn zu verlaſſen. Er freute ſich, ſie vom Tode gerettet zu haben, wenn ſchon das Leben, das er erhalten, nie zur Beſeligung ſeines eigenen bei⸗ tragen ſollte, und das war für ihn eine Quelle von Troſt, deſſen ihn auch ihre Undankbarkeit gegen ſeine Leiſtungen nicht zu berauben vermochte. Er verbrachte einen weniger traurigen Abend und eine ruhigere Nacht, als er ſie ſeit dem Tage kannte, an welchem Frau Sydney mit Louiſen Rom ver⸗ laſſen hatte. „Wahrſcheinlich haben ſie Bricfe ohne Unter⸗ ſchrift bekommen, die ungünſtige Dinge über mich ausſagten,“ dachte Strathern, wie er am folgenden Morgen in ſeinem Bette lag und über die letzten Vorgänge nachſann.„Dieſelbe Hand, welche an mich ſchrieb und mich vor Louiſen warnte, kann zu dem nämlichen Mittel gegriffen haben, um ihr Vertrauen auf mich zu zerſtören und mit beſſerem Erfolg. Ich liebte ſie zu innig, um auch nur einen Augenblick lang auf den verſteckten Ver⸗ läumder zu horchen, der gegen ſie Gift in mein Herz ſtreuen wollte. Ach, warum hat mich Louiſe nicht ſtark genug geliebt, um die Beſchuldigung mit Verachtung behandeln zu können, oder wenigſtens mich damit bekannt zu machen. Ja, ſo muß das gegangen ſein. Aber die Wahrheit muß am Ende triumphiren und der Tag wird kommen, an welchem Louiſe entdeckt, daß ich ihrer Zuneigung weder unwürdig war noch bin.“ Es lag auch in dieſen Gedanken etwas Tröſi⸗ liches; denn, indem er ſich denſelben überließ, ging er ſein Betragen durch, ſeit ſeinem Eintritt in das Londoner Leben bis zu der jetzigen Stunde, und fand keine Handlung darin, ob welcher er hätte erröthen müſſen. Keine derſelben konnte ſeine Feinde — und er fing jetzt zum erſtenmale an zu glauben, daß er deren hätte— berechtigen, ihn anzugreifen, wenn man ſie alle ihrer Prüfung übergab. Wie wenige Männer ſeines, oder überhaupt jeden Atters, können auf die Vergangenheit mit ſo wenig Selbſt⸗ vorwürfen zurückblicken! Daß dies etwas war, wo⸗ für er dankbar zu ſein Urſache hatte, fühlte Stra⸗ thern in ſeinem Innern und er ſprach es aus gegen den Allmächtigen. Als er ſein Zimmer verließ, ſchickte er einen dem Wirthshaus angehörigen Be⸗ dienten mit einem Briefe zu Frau Sydney und erſuchte ſie um Auskunft über das Befinden ihrer Tochter. Dieſem fügte er die Bitte bei, ihm zu wiſſen zu thun, warum ſie ſeine Aufmerkſamkeiten zurückgewieſen hätten und ſeinen Umgang mieden. Otgleich er, ſagte er ferner, ein Recht hätte, eine Erklärung zu fordern, um ſich gegen eine unge⸗ gründete Anſchuldigung zu rechtfertigen, wolle er 156 ſich ſolche doch lieber als Gunſt von Frauenzimmern erbitten, an deren guter Meinung ihm äußerſt viel gelegen ſei und deren veränderte Geſinnungen gegen ihn er ſehr bedauere. Nach Abſendung dieſes Schrei⸗ bens war es Strathern zu Muthe, wie wenn ſein künftiges Geſchick von dem Erfolg deſſelben abhinge. Frau Sydney konnte ihm ſchon, wenn ſie nur einigermaßen gerecht ſein wollte, die Erklärung nicht verweigern, um die er anſuchte, und wenn ſie ſolche bewilligte, ſo konnte er jede Anſchuldigung wider⸗ legen und ſie davon überführen, daß er ſich nie auch nur entfernt eine Handlung hätte beigehen laſſen, die ihn ihrer Achtung oder der Liebe ihrer Tochter verluſtig zu machen im Stande geweſen wäre. Er wollte dieſen Brief keinem ſeiner eigenen Bedien⸗ ten zur Beſorgung anvertrauen, denn ſein Stolz und Zartgefühl ſträubten ſich dagegen, ſie merken zu laſ⸗ ſen, daß Frau Sydney in der Nähe war, ehe ihm verſtattet wurde, ſie zu beſuchen. Er durchwanderte den Weg zu ihrer Wohnung in einem Zuſtand von Aufregung und Ungeduld, wie er ſie nie früher empfunden und machte ſeinem Boten, ehe derſelbe nur die Hälfte ſeines Gangs gemacht haben konnte, Vorwürfe wegen ſeiner Langſamkeit und weil er nicht ſchon wieder zurück war. Als er ihn endlich von Weitem erblickte, ging er ihm eilig entgegen und ſtreckte die Hand aus, um die erwartete Ant⸗ wort auf ſeine Zuſchrift in Empfang zu nehmen; 157 faſt in Wahnſinn gerieth er über den Verzug, der entſtand, weil der Bote lange in der Täſche ſuchte. Derſelbe zog nämlich zuerſt einen Kamm, ein ſchmutziges Sacktuch, einen alten Handſchuh, einen Knäuel Bindfaden und etliche Nägel heraus, und brachte zuletzt einen Brief zum Vorſchein, der deut⸗ liche Zeichen von ſeiner Berühung mit den genann⸗ ten Gegenſtänden an ſich trug. Strathern riß ihm ſolchen aus der Hand, aber wie groß war ſeine Beſtürzung, als er ſah, daß er ſtatt der Erwie⸗ derung der Frau Sydney, der er entgegengeſehen, ſein eigenes Schreiben gefaßt hatte. „Wie kommt das?“ fragte er und ſeine Wan⸗ gen wurden roth vor Aerger über die getäuſchte Hoffnung. „Die engliſchen Frauenzimmer haben das Land⸗ haus dieſen Morgen früh verlaſſen, Signor, und werden nicht wieder dahin zurückkommen.“ Strathern wandte ſich von dem Manne ab, um ſeine Bewegung zu verbergen und dieſe war ſo heftig, daß er einige Stunden aus dem Gaſthof wegblieb, um jeder Spur davon Zeit zum Ver⸗ ſchwinden zu laſſen. Erſt dann ließ er ſich vor Lord und Lady Delmington ſehen. Die Hoffnun⸗ gen, die verwichenen Abend in ſeiner Bruſt auf⸗ getaucht waren, lagen am Boden; er zerriß ſei⸗ nen Brief in Stücke, ſtreute ſie in die Luft und gelobte ſich, nie wieder Gerechtigkeit oder Mitleid von denen zu erbitten, die ſo hartnäckig darauf beſtanden, ihn zu vermeiden und ihm die Gelegen⸗ heit zur Vertheidigung abſchnitten. Hätte Frau Sydney ſeinen Brief geleſen und ihn dann ver⸗ ächtlich zurückgegeben, Strathern wäre in keinen ärgeren Unwillen gerathen, als in ihm jetzt ihre und ihrer Tochter plötzliche Abreiſe verurſachte. „Sie ſollen hinfort nicht mehr durch Zudring⸗ lichkeiten von meiner Seite beläſtigt werden,“ ſagte er zähneknirſchend und mit feſt zuſammengepreßten Lippen, wie es die Leute machen, wenn ſie einen Entſchluß faſſen, zu dem ſie nur mit Mühe und Schmerz gelangen.„Ich will nicht das Ausſehen haben, als liefe ich ihnen nach und verfolgte ſie auf Schritt und Tritt. Nein, wie ſchwer es mir auch fallen mag, ich will ihnen in Zukunft ebenſo ſorgfältig ausweichen, wie ſie mir, denn es iſt mir nunmehr klar, daß ſie mich nicht gerechfertigt ſehen wollen.“ Bei ſeiner Rückkehr in den Gaſthof ſagte ihm Lady Delmington, ſie habe einen Bedienten fort⸗ geſchickt, um ſich nach dem Befinden des Fräuleins Sydney zu erkundigen; er ſei aber mit der Nach⸗ richt wiedergekommen, daß ſie Como dieſen Morgen in der Frühe verlaſſen hätten. Strathern gerieth in Verlegenheit; und dieſelbe ſteigerte ſich noch, als Lady Delmington hinzufügte, der Bediente, welcher zur Aufſicht über das Landhaus zurückgeblieben ſei, habe geäußert, die Abreiſe ſei ſo ſchnell vor ſich gegangen, daß am Morgen zuvor noch gar nicht die Rede von einer ſolchen Abſicht geweſen wäre. Dieſer Abzug beweiſt indeſſen,“ fuhr ſie fort, als ſie die Betrübniß gewahrte, welche durch ihre Neuig⸗ keiten bei dem Zuhörer erregt wurde,„daß die Geſundheit des jungen Fräuleins keineswegs ernſt⸗ lichen Schaden genommen hat durch die Gefahr, aus welcher Sie dieſelbe geſtern befreiten, und ich bin recht froh darüber.“ Strathern gab keine Antwort und das Geſpräch nahm eine andere Wendung, aber Lady Delmington war überzeugt, daß ihre früheren Muthmaßungen in Bezug auf eine Neigung zwiſchen Fräulein Syd⸗ ney und dem Freund ihres Gemahls guten Grund hatten und fühlte Mitleid mit der Niedergeſchlagen⸗ heit, an welcher er litt. Als ſie dieſe Anſicht ihrem Manne mittheilte, dem ſie keinen ihrer Gedanken verhehlte, ſagte er:„Ich habe eine ſchlechte Mei⸗ nung von Herz oder Kopf eines Mädchens, die mit der Neigung eines Mannes, wie Strathern, ihr Spiel zu treiben im Stande iſt; denn er iſt ein wahres Muſter von Ehrenhaftigkeit, Güte und Edelmuth.“ „Aber wir wiſſen doch nicht, mein Theuerſter, welche Mißverſtändniſſe zu der Entfremdung zwiſchen 160 den Liebenden geführt haben; denn daß ſie in einem zarten Verhältniß geſtanden, daran kann ich nicht zweifeln,“ bemerkte Lady Delmington. „Mir iſt ein Weib zuwider, die Schlimmes von einem Manne glauben kann, welchen ſie liebt, oder die ihn nicht gleich aufrichtig von den Be⸗ ſchuldigungen in Kenntniß ſetzt, die gegen ihn er⸗ hoben werden, und ihm ſo Gelegenheit verſchafft, ſich zu rechtfertigen. Ich kenne Strathern genau und könnte mein Leben zum Pfande ſetzen, daß er unfähig iſt, etwas zu thun, was ihn um das Herz des Mäd⸗ chens bringen könnte, die einmal ſeine Werbung an⸗ genommen hat. Es muß dem Fräulein Sydney, der er geſtern das Leben gerettet hat, alles Gefühl abgehen, daß ſie, wie Du mir geſagt, ſich ge⸗ weigert hat, ſeine Begleitung nach Hauſe anzu⸗ nehmen, und daß ſie heute von Como weggeht, ohne auch nur eine Zeile der Dankſagung zu hin⸗ terlaſſen.“ „Wir können nicht ſagen, Lieber, was ſie für Gründe dazu hat; denn was uns ſo unerklärlich ſcheint—“ „Aha, Marie, da hab' ich Dich— ein ächtes Weib— und gleich bei der Hand, wenn es gilt, Dein Geſchlecht auf Koſten des meinigen zu vertheidigen. Ich glaube, es beſteht unter den Frauen, beſonders in Herzensangelegenheiten, eine 161 Art von Freimaurerei, die Euch beſtändig antreibt, für Euer eigenes Geſchlecht Partei zu ergreifen.“ „Wahrlich, mein Lieber, ich bin eher geneigt, Deiner Meinung beizutreten, als die meine zu verfechten,“ erwiederte Lady Delmington und bückte ſich, um ihren Mann auf die Stirne zu küſſen. „Das ſind Redensarten, Marie, aber ſo oder ſo gehſt Du immer darauf aus, mich zu Deiner Anſicht herumzubringen und ich wollte wetten, in einer halben Stunde würdeſt Du mich bereden, das kaltſinnige Fräulein Sypney ſei ein ganz ausge⸗ zeichnetes, fehlerloſes Geſchöpf, die ihn blos zu ſeinem Beſten quält. Und doch bin ich nicht eben gut auf ſie zu ſprechen, denn hat ſie nicht meinen Freund Strathern aus einem der heiterſten und angenehmſten Männer in der Welt in einen ſchmach⸗ tenden, tiefſinnigen Liebhaber verwandelt?“ „Aha, da ſitzt der Knoten.“ „Nein, Du könnteſt das nicht, dafür ſtehe ich. Ich kenne dies liebe, gute, zarte Herzchen zu gut, um auch nur an die Möglichkeit von ſo Etwas zu denken. Du würdeſt keine Beſchuldigung gegen mich anhören; oder, wenn man ſie Dir aufdränge, mir jedes Wort davon alsbald mittheilen und da⸗ zuſetzen, ich glaube nicht eine Sylbe von dem ganzen Gerede.“ Strathern mu. 11 „Ja, mein theurer, gütiger Gemahl, das würde ich gewiß thun, aber bedenk' doch, daß mir alle Erfahrung abgeht und daß ich nichts von der Welt geſehen habe, während Fräulein Sydney mir wie ein ſtolzes und vornehmes Frauenzimmer vorkommt. Du hätteſt nur ſehen ſollen, wie ſie ſich ſo ſtolz aufrichtete, als ſie ſich weigerte, Herrn Strathern neben ihrem Wagen hergehen zu laſſen.“ „Der Henker hole ihr Vornehmthun und ihren Stolz! Denn hochmüthige Weiber ſind mir zuwider, die beſtändig blos an ihren Rang denken, während ſie ſich der armen Teufel erinnern ſollten, denen ſie die Köpfe verrückt haben. Nein, meine Marie, ich habe blos Freude an den lieben, ſanften und freundlichen Geſchöpfen, welche, wie Du, nie an ſich ſelber denken und mit dieſer völligen Selbſt⸗ verläugnung jeden Mann gewinnen, der ein treues Herz und ſo viel Gefühl für Ehre beſitzt, um ſich um ſie zu bekümmern. Ich wollte, ich könnte Strathern dieſe übel angebrachte Leidenſchaft aus⸗ reden, denn ſie wird ihm blos das Leben ver⸗ bittern und er iſt zu gut, um das Opfer einer übermüthigen und ſtolzen Cokette zu werden.“ „Verſuch das nicht, Lieber. Hätteſt Du die Zärtlichkeit geſehen, die in ihren Augen ſtrahlte, als ſie dieſelben nach der Rückkehr zum Bewußt⸗ ſein auf ihn heftete, ſo würdeſt Du Dich mit mir 163 überzeugt haben, daß ſie ihn noch liebt. Vielleicht kann man ſie wieder mit einander ausſöhnen und glücklich machen.“ „Aber wie ſollte denn das geſchehen können, wenn ſie davonlauft, ſobald ein Mann, der ihr das Leben gerettet, glauben könnte, das Eis um ihr Herz werde aufthauen?“ Hier ſchnitt der Eintritt Strathern's weitere Bemerkungen über den Gegenſtand ab, aber Lord Delmington's Meinung blieb unverändert dieſelbe. 3 164 Siebentes Kapitel. „Die Trennung iſt für ein Gemüth, Das treu und wahr von Liebe glüäht, Ein Quell, aus dem nur Kummer fließt, Ein Quell, an dem nur Sorge ſprießt. Doch ein je größ'rer Raum es iſt, Der beide trennt, je mehr vergißt Das Liebespaar ſo Stolz als Zorn Und ſauget aus dem bittern Born Entſchuldiaungen in ſich ein, Für's And're d'ran es nie gedacht Bei'm ſonſtigen Zuſammenſein. Die alte Liebe iſt erwacht, Und Jedes wird nun heimgeſucht Von Stacheln wilder Eiferſucht. Die Liebe iſt gar fein und ſchlau, Ihr kennt ſie ja, es iſt'ne Frau⸗ Sie treibt, ſo bald es ihr gefällt, Den gnäd'gen Scherz mit aller Welt, Bemäntelt jede, jede That Und jeden Fehler, den man hat. Sie ſagt: das iſt im Zorn geſcheh'n, Als Uebereilung anzuſeh'n, Bis daß des Menſchen Aerger ſchweigt Und er ſich ihrer Herrſchaft beugt.“ Man kann ſich leicht den Schrecken und die Ueberraſchung der Frau Sydney vorſtellen, als ſie von dem Unfall hörte, welcher ihrer Tochter 165 begegnet war. Man hatte den Schiffer, der die Nachricht überbrachte, wohl gewarnt, die ganze Ausdehnung der Gefahr zu berichten, in welcher Fräulein Sydney geſchwebt, er war aber von dem Vorgang ſowohl als von dem Muth und der Un⸗ erſchrockenheit ihres Erretters zu aufgeregt, um ſich an den Befehl zu halten, den ihm Strathern ge⸗ geben. So ging er denn in die geringſten Ein⸗ zelnheiten des ganzen Ereigniſſes ein. Zum Glück für Frau Sydney beruhigte die Ankunft ihrer Toch⸗ ter die erſchrockene Mutter noch ehe er auserzählt, was ſich beinahe zu einem höchſt traurigen Auftritt geſtaltet hätte. Sie drückte ihr geliebtes Kind an die Bruſt und weinte Thranen der Freude und des Danks gegen den Allmächtigen ob ihrer Rettung. Ein warmes Bett und einige Stärkungsmittel äu⸗ ßerten bald die glücklichſte Wirkung auf die Erkal⸗ tung im Körper Louiſens; aber die beſorzte Mut⸗ ter ſah deutlich, daß ihre Tochter den gewöhnlichen Gleichmuth noch nicht wiedergefunden hatte und daß ſie ſich in einem Zuſtand der Aufregung befand, die ſich auch aus der eben beſtandenen Gefahr nicht erklären ließ. Da ſie ihr nicht mit Fragen läſtig fallen wollte, ehe ſie die Wirkungen des gefährlichen Ereigniſſes gänzlich verwunden hätte, ſo blieb Frau Sydney an ihrem Lager und ſprach Segenswünſche über den Erretter ihrer Louiſe aus. „Nie,“ ſagte die zärtliche Mutter,„will ich 166 einen Tag vorübergehen laſſen, ohne für ihn zu beten, ohne deſſen Hilfe ich jetzt kinderlos wäre. O, meine Louiſe, ich ſchaudere, wenn ich an die Gefahr denke, welcher Du ausgeſetzt geweſen biſtl Aber haſt Du denn nicht nach ſeinem Namen ge⸗ fragt? Haſt Du ihn nicht aufgefordert mit herzu⸗ kommen, daß ich mein gepreßtes Herz erleichtern und mich eines Theils der ungeheuren Schuld ent⸗ ledigen und ihm den Dank ſagen könnte, den ich ihm ſchuldig bin?“ „Nein, Mutter, ich bitte inbrünſtig darum, daß wir beide ihn nie wieder zu Geſicht bekommen. Du blickſt mich verwundert an, aber wenn ich Dir ſage, daß es Strathern war, der mich gerettet, ſo wirſt Du Dich nicht mehr wundern, wenn ich alſo rede.“ „Strathern?“ wiederholte Frau Sydney.„Nun denn, mein theures Kind, ſo verzeihe ich ihm allen Kummer, den er mir gemacht— alle die ſchlaf⸗ loſen Nächte, die er mir verurſacht hat, und ich will zu Gott beten ihm das Fehlerhafte ſeines Wandels zu zeigen und ihn zur Reue zu bringen. Aber wie kam er denn daher? Wie benahm er ſich, als Du wieder zum Bewußtſein gekommen warſt?“ „Wirſt Du es glauben, liebe Mutter? er hatte den Muth, die Frechheit, die nämliche Theilnahme zu zeigen, mich eben ſo zärtlich anzublicken, wie 167 es am Flatze war, da ich ihn noch als meinen Verlobten betrachtete. In unſern jetzigen Verhält⸗ niſſen wurde das aber zu einer Beſchimpfung.“ †„Wie ſonderbar! und doch könnte er ſeine Be⸗ thörung und Sünde bereut haben; wenn ſie ihm wirklich leid ſind, Louiſe, ſo hat er wenigſtens Anſprüche auf unſer Mitleid. Der Dienſt, den er geleiſtet, ſänftigt meinen Zorn, und ich möchte ihm gerne danken, wenn wir ihn ſchon nicht mehr belohnen können.“ „Spare Dein Mitleid; er iſt deſſelben nicht würdig. Oh, Mutter, Du weißt nicht, welcher Erniedrigung Dein Kind ausgeſetzt war.“ Hier wurden Louiſens bleiche Wangen roth vor Unwillen und im Bewußtſein verletzten Zartgefühls.„Er war nicht allein— das Frauenzimmer, mit welchem wir ihn im Coliſeum ſahen, begleitete ihn. Sie half das gehemmte Leben wieder in meinen Körper bringen;“ und das ſtolze und reizbare Mädchen fuhr zuſammen bei der Erinnerung daran, daß ihr Kopf an dem Buſen einer Frau geruht, deren Be⸗ rührung ſie als die tieſſte Herabwürdigung anſah. „Ja, Mutter, er litt, daß ſie in meiner Nähe blieb, daß ſie mich angriff, er gab mir den wider⸗ lichen Anblick der Theilnahme, welche ſie für mich an den Tag legte, und iſt es nicht demüthigend, ſolche von einer Perſon, wie ſie, zu erfahren? Er hat alle Schaam, alles Zartgefühl ſo weit 168 vergeſſen, daß er mir die zärtlichſten Beweiſe von Liebe in Gegenwart dieſes Frauenzimmers gab,— ja, er ſchlug mir vor neben dem Wagen herzu⸗ gehen und mich nach Haus zu geleiten. Hat man je von ſolch' ſchamloſer Frechheit gehört?“ „Er that Unrecht, ſehr Unrecht, das muß ich zugeben, daß er ſie bei Dir bleiben ließ; aber bedenke, theures Kind, in der Beſtürzung und Angſt eines ſolchen Augenblicks kann man nicht die Geiſtesgegenwart und den Sinn für Schicklichkeit von ihm erwarten, an dem er es unter weniger aufregenden und überwältigenden Umſtänden wohl nicht hätte fehlen laſſen. Er konnte auch den Bei⸗ ſtand nicht entbehren, den ihm die Perſon leiſtete, um Dich wieder zum Leben zu bringen; darum müſſen wir über das hinwegſehen, was ſonſt ge⸗ wiß ſehr ſtrafbar wäre.“ „Ich kann ſein Benehmen nicht mit ſo günſti⸗ gen Augen betrachten, wie Du,“ verſetzte Louiſe und ſeufzte dabei tief auf. Sie wußte nicht, daß die Härte, mit welcher ſie die Sache anſah, haupt⸗ ſächlich von den Qualen der Eiferſucht herrührte, welche ihr das Herz zerriſſen. „Er hat ja das Frauenzimmer nicht vorſätzlich zu Dir geführt, Liebe,“ ſagte Frau Sydney; denk' daran, denn es mildert ſeine Schuld. Er ging wahrſcheinlich mit ihr ſpazieren, als er Deine Gefahr ſah und Dich vom Tode errettete. Wie 169 er Dich nun nach der Angabe des Schiffers allem Anſcheine nach leblos an's Ufer gebracht, war er wohl recht froh, daß ihm ein Frauenzimmer half wieder Leben in dieſe liebe Hülle zu bringen.“ Dabei bückte ſich die zärtliche Mutter auf das Lager ihrer Tochter nieder und drückte ſie mit In⸗ nigkeit an die Bruſt. „Wir müſſen fort von Como, Mutter, und das ſo bald als möglich; es iſt mir unmöglich zu bleiben, wo er iſt. Habe Geduld mit mir,— ich weiß, es iſt eine kindiſche Schwäche, daß ich den eifrigen, unbezähmbaren Wunſch hege, ihn zu vermeiden; aber ich kann nicht Herr über ihn wer⸗ den, und Du wirſt, ich weiß es, mit Deinem launiſchen Kinde Nachſicht haben, du wirſt mich von einem Ort wegnehmen, der mir jetzt uner⸗ träglich geworden iſt.“ „Gewiß, Liebe, wir wollen Como verlaſſen, wenn Du es ſo ſehnlich wünſcheſt, und ich will es ſo einrichten, daß wir in ein paar Tagen abreiſen können.“ „Sprich nicht von ein paar Tagen, Mutter, jede Stunde, die mich hier ſieht, dünkt mich ein Jahrhundert, ſo groß iſt meine Ungeduld fortzu⸗ kommen. Wir wollen morgen mit Tagesanbruch weggehen; gewähre mir dieſe Bitte, theuerſte Mut⸗ ter, denn ich habe keinen Augenblick Ruhe, bis wir weit fort ſind von hier.“ Wann hatte man je geſehen, daß Frau Syd⸗ ney ſich weigerte, die Wünſche ihrer Tochter zu erfüllen? Und nie war ſie weniger geneigt die Be⸗ friedigung derſelben abzuſchlagen, als gerade jetzt, da ſie ihr Kind, das ihr immer unausſprechlich theuer blieb, wo möglich noch mehr liebte, weil es ſo eben vom Rand des Verderbens gerettet und ihr zurückgegeben worden war. Sie erkannte mehr als je, daß ihr ganzes Glück, ja ihr Leben ſelbſt von dem ihres Kindes abhing. Augenblicklich er⸗ theilte ſie darum ihrem Geſinde die nöthigen Be⸗ fehle, Alles für den folgenden Morgen früh zur Abreiſe bereit zu halten und Louiſe fühlte ſich, als ſie deſſen ſicher war, ruhiger, als ſie ſeit dem Vorfall geweſen, der ſie faſt das Leben gekoſtet hätte. Sie wußte, daß die Liebe zu Strathern trotz aller Bemühungen dieſelbe zu untervrücken, noch immer eine Stelle in ihrem Buſen einnahm, daß ſie beim erſten Aufſchlagen der Augen, in der Ueberzeugung, ſie ſei von ihm gerettet worden, die alte Neigung verrathen hatte, und ihr Stolz, ihr Zartgefühl empörten ſich bei dem Gedanken, daß er geſehen, wie theuer er ihr noch wäre. Er, der Genoſſe einer Perſon, an welche ſie nicht den⸗ ken konnte, ohne von allen Qualen der Eiferſucht und des Zornes angefallen zu werden— mußte er nicht an den ſanften Ausdruck ihrer Augen denken, wie ſie auf die ſeinigen ſtießen, an das 171 freundliche Lächeln, mit dem ſie ihn begrüßte und das ihm das Geheimniß ihres Herzens entdeckte, wie ihr das Bewußtſein wiederkehrte? Und wenn er beides mit dem Zorn und der Geringſchätzung zuſammenhielt, die ſich in ihren Blicken ausſprach, nachdem ſie kurz darnach die Anweſenheit ſeiner Geliebten entdeckt, mußte er da ihr verändertes Betragen nicht der eigentlichen Urſache davon zu⸗ ſchreiben— der Eiferſucht und dem verwundeten Stolz? Dies waren die Fragen, welche ſich das ſtolze und zartfühlende Mädchen vorlegte, während ſie auf ihrem Lager ruhte, kämpfend mit dem Zorn, der ihr die Bruſt erfüllte. Wie konnte ſie ihm am beſten beweiſen, daß der Schein trüge, wie konnte ſie ihn überführen, daß er nunmehr blos ein Ge⸗ genſtand des Widerwillens und der Verachtung für ſie ſei? Unverzüglich wollte ſie von Como ſcheiden, ehe er auch nur eine Gelegenheit finden konnte ſich an ihre Mutter zu wenden oder ſich nach ihrem Befinden zu erkundigen. Und ſie entnahm aus der Angſt, die er heute um ſie verrathen, mit' Gewiß⸗ heit, daß er das Letztere zu thun nicht ermangeln würde. Ja, ſie wollte ihm zeigen, daß er ihr völlig gleichgültig ſei und ſo den Eindruck verlöſchen, welchen ihre unwillkührliche Freundlichkeit auf ihn hervorgebracht haben konnte. Während daher Stra⸗ thern ſich frohen Hoffnungen hingab und dieſe auf den ſanften Ausdruck der ſchönen Augen Louiſens 172 bei'm Zuſammentreffen mit den ſeinigen, ſo wie auf das freundliche Lächeln gründete, das auf ihren Lippen ſchwebte, als ſie die Angſt gewahrte, mit welcher er ſich über ſie herbeugte— machte ſie ſich Vorwürfe und bedauerte, ihm den kurzen Au⸗ genblick von Glück vergönnt zu haben, ja ſie ent⸗ warf Pläne, um den Eindruck deſſelben zu zerſtö⸗ ren. Er war darauf bedacht, eine Erklärung her⸗ beizuführen, die er, wie ihm ſein Herz ſagte, mit Recht verlangen konnte, er hoffte, der Erfolg da⸗ von würde eine Ausſöhnung ſein und dieſe würde ihn in die Seligkeit zurückverſetzen, nach der er fich ſehnte— der Gegenſtand ſeiner fortdauernden Neigung dagegen bemühte ſich aus ſeiner Nähe zu kommen und rief ſich mit Schaam und Aerger die, wenn gleich ſchwachen, Zeichen von Zärtlichkeit in's Gedächtniß zurück, welche ihr wider Willen ent⸗ wiſcht waren. Frau Sydney und ihre Tochter hatten ſich ſchon viele Meilen von Como entfernt, ehe der Bote mit Strathern's Brief auf dem Landhauſe ankam, das ſie bewohnt. Wie ganz anders wäre Alles ausgegangen, wenn ſie ihre Abreiſe auch nur um einige Tage verſchoben haben würden. Sein Brief hätte zwar aller Wahrſcheinlichkeit nach nicht den gewünſchten Erfolg herbeigeführt, denn ſeine Bitte um eine Erklärung mußte in den Augen der Frau Sydney und ihrer Tochter ſeine Schuld noch ver⸗ 173 mehren, ſo lange er ſich in der Geſellſchaft der Frau befand, die ſie für ſeine Geliebte hielten— aber zuletzt konnte es doch nicht fehlen, ſie mußten hören, daß ſeine Reiſegefährten Lord und Lady Delmington waren. Dieſe Nachricht würde dann auf einmal ihre ſchlimmen Vermuthungen über ihn beſeitigt und ſein Betragen gerechtfertigt haben. Hätten ſie den redſeligen Arzt Lord Delmington's angenommen, ſo wäre die Wahrheit nicht lange unenthüllt geblieben, denn dieſer war ſtolz darauf, der Leibarzt des künftigen Marquis von Roehampton zu ſein, und verſäumte bei keiner Gelegenheit im Geſpräche von„Sr. Herrlichkeit“ und von der „gnävigen Frau“ zu ſprechen. Er würde ſie ge⸗ wiß bald mit allen Einzelnheiten in Betreff der Reiſenden bekannt gemacht haben. Zum Unglück leitete der Stolz das Betragen, das Louiſe Sydney einzuhalten entſchloſſen war. Dieſer alte Sauerteig ſpielte in ihrem Charakter noch immer die vorherrſchende Rolle; er konnte zwar die Neigung nicht ausrotten, welche in ihrem Herzen ſo feſte Wurzel gefaßt hatte, aber er hielt ſie voch nieder und vernichtete die Möglichkeit, die ſich jetzt darbot, ihren Geliebten gerechtfertigt und ihr beiderſeitiges Glück hergeſtellt zu ſehen. Wie ſehr ſie aber auch wünſchte von Como fortzukom⸗ men, ſo konnte ſie ſich doch nicht ohne tiefe Erre⸗ gung von ſeinen dunkeln Schattengängen trennen, 174 von der ſchönen Landſchaft umher, von den grünen Weideplätzen, unter denen ſie ſich mit ſo viel Vergnügen ergangen, und von dem ſpiegelblanken See, auf deſſen ruhiger Oberfläche ſie ſo oft den Sonnenuntergang erwartet hatte und der beinahe ihr Grab geworden war. Die Landſchaft, der See vergeſellſchafteten ſich nun in ihr für immer, mit dem der ſein Leben gewagt, um das ihre zu erhalten, und trotz ihres Unwillens und ihrer Eifer⸗ ſucht, wer kann ſagen, wie viel von dem Kummer, der ſie bei'm Weggange von Como ergriff, durch den Gedanken veranlaßt wurde, daß ſie bei'm Scheiden ihn zurücklaſſe? Wie dem aber ſein mochte, ſo lange die glänzende Sonne jenes Tages ſchien, war ihre Stimmung munterer als gewöhn⸗ lich und ſie that ſich etwas darauf zu Gute, ihre Mutter ſolches ſehen zu laſſen. Aber als die Schatten des Abends ſich rings herabſenkten, nahm ihre Heiterkeit ab und ſie war nicht länger der Anſtrengung fähig, die ihr bisher die Kraft ge⸗ geben, um froh zu ſcheinen. Als die Finſterniß ihr Geſicht umhüllte und der forſchende Blick der zärtlichen Mutter nicht mehr auf ihr ruhte, ließ ſie die lange zurückgehaltenen Thränen über die Wangen herabgleiten und gab ſich den ſchwermü⸗ thigen Betrachtungen hin, welche ſich in dieſen Stunden der Schweigſamkeit und Dunkelheit hör⸗ bar machen. Faſt wünſchte ſie Como nicht verlaſſen 175 zu haben und machte ſich jetzt, da es zur Reue zu ſpät war, Vorwürfe, daß ſie ihre Mutter zu dieſem Schritte gedrängt hatte. Mahlte ihr dann aber die Einbildungskraft Strathern, wie er ſich an den Orten herumtrieb, die ſie ſo oſt durchſtreift, wie ſich das ſchöne, aber verirrte Weib auf ſeinen Arm ſtützte, wie er Abends neben ihr ſaß und Blicke und Worte mit ihr tauſchte, die er ſonſt nur an ſie gerichtet, nur auf ſie geheftet, dann ſenkte ſich der giftige Pfeil der Eiferſucht wieder tiefer in ihr Herz und nur vermittelſt einer gewaltigen Anſtren⸗ gung konnte ſie die Seufzer und das Stöhnen un⸗ terdrücken, das aus ihrer gequälten Bruſt auſſtieg. Wie ſehnte ſie ſich allein und frei zu ſein von allem Zwang, um das übervolle Herz durch Wei⸗ nen zu erleichtern. Jetzt fürchtete ſie ſich auch nur ihr Sacktuch zu gebrauchen und die Thränen abzu⸗ wiſchen, die ihr eine nach der andern die Wangen herabrollten, weil ſonſt ihre Mutter ſie hätte ge⸗ wahren können. Ein⸗ oder zweimal ſprach Frau Sydney mit ihr, aber Louiſe ſtellte ſich ſchlafend, weil ſie nicht im Stande war ein Geſpräch mit⸗ zumachen, ohne ihre Aufregung zu verrathen, und ihre liebende Mutter hielt ſich von nun an unbe⸗ weglich, um ihren Schlummer nicht zu ſtören. Aber ihre geſchwollenen Augenlieder und ihre blaſſen Wangen bewieſen nur zu deutlich die Wahrheit, als ſie für die Nacht Halt machten, und Frau 1 176 Sydney gewahrte mit betrübtem Herzen dieſe Be⸗ weiſe von ihres Kindes Kummer. Das ihnen auf⸗ getragene Eſſen wurde unangerührt wieder wegge⸗ ſchafft und beide ſuchten aus Müdigkeit und Be⸗ trübniß frühzeitig ihr Lager, um in der Einſamkeit den ſchmerzlichen Betrachtungen nachzuhängen, welche eine Unterredung verdrießlich, wenn nicht unmöglich machten. Als ſie ſich nächſten Morgen bei'm Frühſtück trafen, ſagte Frau Sydney:„Nun iſt es an Dir, mein liebes Kind, zu entſcheiden, welchen Weg wir einſchlagen ſollen.“ „Welchen Du willſt, liebe Mutter; nur keinen, auf welchem wir ihm begegnen könnten.“ „Ich denke, es iſt für uns am beſten, wenn wir gleich nach England gehen und den Sommer daheim zubringen. Die Stille des lieben Sydney⸗ Park mit ſeinen ſchönen alten Bäumen und dem friſchen Grün wird uns Freude machen nach einem ſo langen Aufenthalt in Italien, welches trotz aller ſeiner Reize keine Lichtungen in Wäldern und Ge⸗ hölzen aufzuweiſen hat, wie die unſrigen. Es dünkt mich auch lange, ſehr lange her, daß ich die Gräber meiner Lieben, Unvergeßlichen nicht mehr beſucht habe, unter denen ich einmal meine irdiſche Ruheſtätte finden werde.“ „Wollte Gott, daß ich bei ihnen ſchliefe, Mut⸗ ter!“ rief Loniſe leidenſchaftlich;„denn ich ſehne 177 mich nach dem Ort, wo die Gottloſen nicht mehr in Angſt ſind und die Müden ausruhen.“ „Du willſt mich alſo allein auf der Erde zu⸗ rücklaſſen?“ fragte Frau Sydney vorwurfsvoll. Wenn mich die Hand des Schickſals noch ſo ſchwer traf und ich mich verſucht fühlte, um den Tod zu bitten und um Wiedervereinigung mit dem, welcher das Glück meines Lebens ausgemacht hat— ſo bezwang ich meine ſelbſtſüchtigen Wünſche und lernte die Laſt des Lebens um Deinetwillen, Louiſe, er⸗ tragen, die damals noch nicht einzuſehen vermochte, wie viel Anſtrengung es mich koſtete, und um eines hoffnungsvollen Sohnes willen, der dazu beſtimmt war, mir ſpäter durch den erbarmungsloſen Tod entriſſen zu werden.“ „Vergib mir, Mutter,— verzeih' Deinem ſelbſtſüchtigen Kinde. Auch ich will mich in Alles fügen lernen und geduldig warten, bis der All⸗ mächtige für gut findet, mich von hinnen zu rufen. Habe Nachſicht mit mir, bis ich die Ergebung ge⸗ wonnen habe, um welche ich beten will. Ich war zu, zu glücklich, zu ſtolz auf ihn,— und die Entdeckung von ſeiner Unwürdigkeit hat ſo viele glänzende Hoffnungen vernichtet, daß es, wie ich fürchte, lange anſtehen wird, ehe ich zu der Seelen⸗ ſtärke gelange, von welcher Du, liebſte Mutter, mir ein ſo hohes Beiſpiel gegeben haſt und welche Du mit Recht von mir erwarten kannſt. Ja, wir Strathern Ul. 12 178 wollen nach England und in den ſtillen Schatten von Sydney⸗Park einander Alles ſein. Ich kann jetzt Deinen Kummer beſſer verſtehen, Mutter denn ich habe die Trübſal kennen gelernt, aber Du haſt einen Troſt, der mir verſagt iſt— die, um welche Du trauerſt, ſtarben Deiner Liebe würdig. Kein bitteres Gefühl miſcht ſich in die Thränen, die Du um ihren Verluſt weinſt, aber ich“— Hier hinderte ſie ein heftiger Thränenſtrom weiter zu ſprechen. Frau Sydney und ihre Tochter gingen in klei⸗ nen Tagereiſen nach England. „Wir wollen nicht nach London, Mutter, denn es wäre mir unerträglich mich in meinem jetzigen Gemüthszuſtande in dem Lärm und der Unruhe deſſelben umzutreiben,“ ſagte Louiſe auf dem Wege nach ihrem Heimathland. Das Reiſen war ſonſt für Fräulein Sydney ein Vergnügen geweſen, es war ihr reizend und an⸗ ziehend erſchienen und hatte ſie immer in eine un⸗ gewöhnlich heitere Stimmung verſetzt, jetzt aber allen ſeinen Zauber verloren. Ihre Mutter bemühte ſich eifrig ihre Gedanken von dem ſchmerzlichen Gegen⸗ ſtande abzulenken, der ſie allein beſchäftigte und ſchlug ihr darum vor, die großartigen Alterthümer im ſfüdlichen Frankreich unterwegs zu beſichtigen, auch wies ſie ihren courrier an über Nismes und 179 Arles zu gehen. Aber auch das ſchöne und viel⸗ geprieſene maison carrée und das Theater zu Nis⸗ mes erregte kein Intereſſe bei Louiſen. Vor der Zeit, da ihre Liebe getäuſcht wurde, hätte ſie ge⸗ wiß den Werth dieſer beiden koſtbaren Ueberbleibſel römiſchen Kunſtſinns und römiſcher Größe gehörig gewürdigt; wenn ſie aber jetzt mit einiger Theil⸗ nahme dieſelben betrachtete, ſo geſchah es, weil ſie dadurch an die Kürze des Lebens erinnert wurde und an die Nichtigkeit aller Menſchen, die in ſo ſtarkem Gegenſatz zu den Werken ihrer Hände ſtehen. Der ſchwache Sterbliche vergeht, aber was er mit ſeinen Händen aufgebaut, überlebt ihn Jahrhun⸗ derte und Jahrtauſende. Als Frau Sydney ſah, daß der Anblick von Gegenſtänden, die ihrer Tochter früher die größte Freude gemacht haben würden, ſo wenig dazu half ſie von ihrem Grame abzu⸗ ziehen, ſo gab ſie die Abſicht, nach Arles zu gehen, auf und verfolgte die gerade Straße nach Paris. Die Reiſenden hielten blos zwei Tage an, um ſich in dieſer fröhlichen Hauptſtadt ein wenig zu erho⸗ len und waren vielleicht die einzigen Frauenzimmer, welche dieſelbe je verlaſſen haben, ohne ſich einen der Gegenſtände des weiblichen Putzes anzuſchaffen, welche Paris in ſo hoher Vollendung liefert und wegen deren es ſo lange einen unbeſtrittenen Vor⸗ rang über jede andere Stadt Europa's behauptet hat. Aber was lag Louiſen jetzt an ihrem Anzug? 180 Sie wollte ja Niemanden gefallen, es machte ihr keine Freude mehr, ſich geputzt zu ſehen; und doch iſt dies oft bei jungen Schönen der Fall, auch wenn kein Liebhaber da iſt, deſſen Geſchmack ſie zu ſtudiren wünſchen. Nein, ſie wandte ſich ganz ab von dem Spiegel, ſie war unzufrieden mit ihrem Geſicht und ihrer Geſtalt, weil ſie ihr nicht die Treue des Mannes hatten ſichern können, den ſie ſo herzlich geliebt; ſie verlor den Glauben an die Reize, deren Macht ſie nur bezweifeln konnte. Wie viele ſchmerzliche Gedanken erfüllten Loui⸗ ſens Seele, als ſie nach ihrer Ankunft zu Calais in das nämliche Zimmer geführt wurden, das ſie bei ihrer Landung von England bewohnt hatten. Damals war ſie glücklich und fröhlich geweſen und die Welt hatte ihr nichts als glänzende und lachende Ausſichten gezeigt. Im Beſitz alles deſſen, was das Leben angenehm zu machen vermag, fühlte ſie keine Sorge, kein Wunſch blieb ihr unerfüllt; jetzt aber, wenn ſie ſchon noch Alles beſaß, was ihr ſonſt gehörte, machte der Abgang eines ſeither er⸗ worbenen Guts die anderen unzureichend für ihr Glück. Was lag ihr an Reichthum, Schönheit und Geſundheit ohne die Liebe, welche den ganzen Gang ihres Lebens aus einem ſanften und ruhigen Bach in einen wilden und reißenden Strom um⸗ gewandelt hatte. Er verſchlang alle anderen Ge⸗ fühle, alle gingen auf in dem ſeligen Gedanken, 181 zu lieben und geliebt zu werden. Nunmehr blieb ihr blos noch die Bitterkeit der Liebe. Sie konnte das Bild deſſen nicht los werden, dem ſie ſich aus wahrer Neigung verlobt. Obſchon es aber noch in ihr herrſchte, ſchwand doch ihrer Vernunft, ihrem Stolz zum Trotz, und ob ſie es gleich eifrig wünſchte, der peinliche Gedanke nicht einen Augenblick aus ihrem Gedächtniß, daß ſie den Geliebten nicht mehr achten konnte, daß er ſie getäuſcht und einer Buh⸗ lerin Geſellſchaft der ihrigen vorgezogen hatte. Wäre es ihr möglich geweſen, zu vergeſſen, daß es ſo ſüße Dinge gibt, wie gegenſeitige Neigung, wäre es ihr wenigſtens nur möglich geweſen, den Glau⸗ ben daran aufzugeben und ſich nicht mehr der glück⸗ lichen Stunden zu erinnern, die ſie genoſſen, und der noch ſeligeren, die ſie erwartet und mit ihm zu verbringen gehofft hatte, ſo hätte ſie auch die Gemüthsruhe wiedet erlangen können, deren ſie ſich erfreute, als ſie zum letztenmale in dem Zim⸗ mer ſaß, wo ſie ſich eben befand. Sie blickte um ſich her auf die Gemälde an den Wänden und das Geräthe im Gemach. Alles war noch unver⸗ ändert und bot ſo genau den nämlichen Anblick dar, als da ſie es zum erſtenmal betrachtet hatte, daß ſie meinte, es wären ſeitdem blos ein paar Tage vergangen, anſtatt zweier Jahre. Aber ſie — oh wie verändert war ſie! Man brachte ihnen das Fremdenbuch, damit ſie ihre Namen hinein⸗ 182 ſchrieben und Louiſe wandte, als ſie es gethan, gedankenlos die Blätter um. Sie erkannte die Unterſchriften vieler Bekannten und zuletzt fiel ihr Auge auf Strathern's wohlbekannten Namenszug. Dicht dabei und mit ſehr kleiner Schrift, die aber von ſeiner Hand war, wie ſie auf den erſten Blick ſah, ſtanden zwei italieniſche Zeilen, welche beſagten, daß er ſein Geburtsland mit einem Herzen ver⸗ ließe, das nie von der Liebe bewältigt worden und fröhlich ſei in ſeiner Freiheit. Sie las die Zeilen und las ſie wieder, und ein Strahl von Freude zog durch ihre Seele, denn ſie beſtätigten ja die Wahrheit ſeiner oft wiederholten Verſicherung, daß er nie geliebt habe, bevor er ſie kennen gelernt. Für kurze Zeit vergaß ſie über dem Vergnügen, welches ihr das Leſen dieſer Worte verurſachte, Alles was vorgegangen war und Strathern ver⸗ hinderte, ihr je wieder etwas mehr zu ſein als ein Fremder. Aber bald kehrte die bittere Erin⸗ nerung zurück und als ſie die Seite umwandte, auf der ſein Name ſtand, ſtieß ſie den Wunſch heraus, ſie möchte eben ſo leicht ein neues Blatt in ihrem Gedächtniß aufſchlagen und die Ereigniſſe der letzten paar Wochen vergeſſen können, die ihrem Glück einen ſo harten Stoß verſetzt hatten. Am nächſten Morgen gingen ſie an Bord des Poſtſchiffes und hier war die erſte Perſon, auf welche Frau Sodney ſtieß, Sir Carl Effingham, einer ihrer älteſten und geſchätzteſten Freunde. Er nahm einen Sitz neben ihr auf dem Verdeck, ließ ſich in ein Geſpräch mit ihr und Louiſen ein und ſprach ſeine Freude darüber aus, daß er mit ihnen nach ſo langer Abweſenheit zuſammentreffe. Im Verlauf der Unterredung fragte er nach den Eng⸗ ländern, die vergangenen Winter in Rom geweſen ſeien. „Ach, Wellerby's waren dort,“ bemerkte er, „und ich denke, auf der Männerjagd, wie gewöhn⸗ lich. Was für junge Männer fanden ſich denn vor?“ Frau Sodney zählte alle auf, Strathern aus⸗ genommen, denn ſie fürchtete durch Nennung ſeines Namens ſchmerzliche Erinnerungen in der Seele ihres Kindes aufzuwecken. „Aber war denn Strathern nicht in Rom?“ fragte Sir Carl Effingham. „O ja,“ verſetzte Frau Sydney. „Wie kommt es aber, ſchöne Lady, daß Sie ihn übergingen? Er hat ſich doch gewiß vor all' den jungen Leuten durch ſeine verſchiedenen treff⸗ lichen Eigenſchaften des Leibes und der Seele aus⸗ gezeichnet? Strathern iſt ein ganz ausgezeichneter junger Mann, das verſichere ich Sie. Ich kenne ihn von Kindheit auf und halte ihn für den be⸗ gabteſten und hochſinnigſten unter allen meinen jüngeren Freunden. Er verließ England, ohne 184 daß je auch nur der Verdacht einer einzigen Thor⸗ heit auf ihn gefallen wäre, und doch hat die Klug⸗ heit, welche mit ſeinem geſetzten Betragen noth⸗ wendig verbunden ſein muß, nicht verhindert, daß er für einen der offenherzigſten und edelſten Men⸗ ſchen auf der Welt gilt.“ „Er zeichnet ſich allerdings durch ſein Aeußeres, ſein Benehmen und ſeine geſellſchaftlichen Talente aus.“ „Aeußeres Benehmen, geſellſchaftliche Talente!“ wiederholte Sir Carl Effingham, riß die Augen weit auf und zog die Augenbrauen in die Höhe. „Nein, verehrte Frau, das ſind ſeine geringſten Vorzüge. Strathern beſitzt die beſten und gedie⸗ genſten Eigenſchaften und das feinſte Ehrgefühl. Aber ich ſehe, Sie ſind nur oberflächlich mit ihm bekannt. Würden Sie ihn kennen, wie ich, ſo wären Sie ſeines Lobes gerade ſo voll. Ich bin keiner von den alten Sauertöpfen, welche glauben, daß die Menſchen in unſeren Tagen ſchlimmer ge⸗ worden ſind und welche gleichgültig auf die jungen Leute der jetzigen Welt blicken. Ich nehme großen Antheil an dem heranwachſenden Geſchlecht und habe Freude an jungen Männern, welche ihr Va⸗ terland nicht blos lieben, ſondern demſelben gewiß, entweder in der Rathsverſammlung oder dadurch Dienſte leiſten, daß ſie ihre Fflichten als Grund⸗ und Gutsherren erfüllen.“ 185 Warum nahmen Louiſen Sydney's blaſſe Wan⸗ gen die Farbe der Roſen an, warum trank ihr Ohr mit Entzücken die warmen Lobſprüche auf Strathern? War die Liebe, die er ihr eingeflößt, noch ſo lebendig und träftig in ihr wie ſonſt, oder war es nur die rauchende Aſche des früheren Feuers, die durch den Preis ihres Geliebten eine glänzende, aber vorübergehende Flamme von ſich gab? Sie wandte den Kopf auf die Seite um ihre Erregung zu verbergen und richtete die Augen auf die Wellen, über welche das Fahrzeng hinglitt. Dabei wünſchte ſie heimlich, die See möchte ihn nicht lange mehr von ihr trennen, denn ſie wollte ihn zwar nicht ſehen, aber es wäre ihr doch lieb geweſen, mit ihm ein und daſſelbe Land zu bewohnen. „Ich würde es gerne ſehen,“ dachte ſie,„wenn er in ſeinem Vaterlande ſeine Pflichten erfüllte und die gute Meinung ſeiner Freunde rechtfertigte, ob er mir jetzt ſchon nichts mehr ſein kann. In Eng⸗ land mußte ihn der heilſame Zwang der öffentlichen Meinung von einer Geſellſchaft abhalten, die er ſich nicht ſchämte, in einem fremden Lande zu unter⸗ halten. Ja, ich wollte, er wäre in England, denn es würde mir Freude machen, zu leſen, daß er Ruhm einerndete, wenn ich ihn ſchon nicht theilen kann, und daß ſein Leben ein nützliches und ehren⸗ volles wäre; ob es gleich das meinige nicht mehr erheitern oder beglücken kaun. O Strathern, wie 186 viele ſelige Hoffnungen haſt Du zu Boden gewor⸗ fen; wie haſt Du eine Zukunft getrübt, welche ſonſt ſo freundlich ausſah!“ Frau Sydney glaubte, ihre Tochter ſei in einem der Anfälle von Zerſtreuung, in welche ſie ſich neuer⸗ dings nicht ſelten verlor und fragte Sir Carl Effing⸗ ham leiſe, vb Strathern's Charakter unantaſtbar ſei. Er iſt es mehr als der irgend eines jungen Mannes, den ich kenne. Deröffentliche Ruf, werthe Frau, fliegt gar ſchnell und macht die Welt bald mit den Thorheiten und Verirrungen von Menſchen bekannt, die eine hervorragende Stellung in ihr einnehmen; ſie mögen ſich denſelben auch noch ſo heimlich überlaſſen. Ich habe aber nie auch nur den leiſeſten Tadel oder etwas Schmähliches in Verbindung mit Strathern's Namen gehört. Keine Galanterien in der vornehmen Welt, keine Unſitt⸗ lichkeiten im Privatleben; ich habe ſogar gehört, daß ihn einige ſeiner nicht ſo gewiſſenhaften Ju⸗ gendfreunde ſpröde nannten und ihm eine beſchränkte Lebensanſicht ſchuld gaben, weil er ſich nicht zu den Mahlzeiten geſellen wollte, die ſie zu Greenwich oder Richmond gaben. Bei dieſen waren aber immer Frauenzimmer, welche ſich mehr durch Schau⸗ ſtellung ihrer Geſtalt in den Balleten der italieni⸗ ſchen Oper als durch ihre Beſcheidenheit auszeichnen, wenn ſie die Bretter verlaſſen haben. Er wollte auch nicht an den petits soupers Theil nehmen, 187 welche ſeine Bekannten für dieſelben igurantes hiel⸗ ten, weil dieſe, wenn das Gerücht wahr redet, denen aus der Regentſchaft des Herzogs von Frank⸗ reich in Allem, nur nicht in dem Witze nacheifern, welcher die berühmten Gelage deſſelben ausgezeichnet haben ſoll. Nicht eine Sylbe von dieſem Geſpräch entging Louiſen und ſie horchte darauf mit beſonderem Ver⸗ gnügen. Es ſchien ihr unbegreiflicher als je, daß ein Mann nach ſeiner Verlobung mit dem Gegen⸗ ſtand ſeiner freien Wahl allem Gefühl für Schick⸗ lichkeit und Anſtand ſo ganz entſagen und öffentlich als der Beſchützer einer Frauensperſon auftreten ſollte, von der er ihnen nicht zu geſtehen wagte, daß er ſie kenne, ja deren Namen er Herrn Rhymer nicht einmal nennen wollte; ſollte das derſelbe Mann thun können, der, ohne durch ein Liebesverhältniß gebunden zu ſein, ſo ſorgfältig die Geſellſchaft von Frauen vermied, welche er nicht zu achten im Stande war? Und doch konnte ſie nicht zweifeln, daß er es gethan, ihre eigenen Augen hatten es in der ſchmerzlichen, demüthigenden Wirklichkeit mit ange⸗ ſehen. Abermals entſchwand Louiſen der Muth und ihrem Buſen entſtieg einer der tiefen Seufzer, welche ihr in neueren Zeiten häufig entfuhren. Frau Sydney freute ſich unausſprechlich, von Sir Carl Effingham, deſſen Verſtand und Weltkenntniß ſie ſo wenig als ſeine Aufrichtigkeit in Zweifel ziehen 188 konnte, die gute Meinung durchaus beſtätigen zu hören, die ſie ſich früher von Strathern gebildet hatte. Wäre ſie ihrem eigenen kalten und leiden⸗ ſchaftsloſen Urtheil überlaſſen geweſen, ſo hätte ſie Strathern ohne Weiteres erklärt, ſie habe ihn im Coliſeum mit dem fremden Frauenzimmer geſehen, und ihm dadurch Gelegenheit verſchafft, ſich zu rechtfertigen, wenn er dies vermochte. Und war ihm dies unmöglich, ſo hatte ſie wenigſtens die Beruhigung, zu wiſſen, daß ſie ihre Pflicht als Mutter und Freundin gethan. Aber Frau Sydney hing mit blinder Liebe an ihrem einzigen Kinde, ſie ließ ſich zum Unglück völlig von den Wünſchen Louiſens leiten und die Eiferſucht hatte ſich dieſer ſo ganz bemächtigt, daß ihr nicht verſtattet war, das Betragen ihres Geliebten aus einem anderen Geſichtspunkt zu betrachten, als durch das Medium ihres ungünſtigen Vorurtheils und ihrer verkehrten Anſicht. So wurde er ungehört verdammt. Frau Sydney bedauerte oft, daß ſie, was ihr das eigene Herz eingab, nicht befolgt, daß ſie in Rom nicht offen geſtanden hatte, was ſie und ihre Tochter geſehen. Nie aber that es ihr mehr leid als jetzt, da ihr alter Freund, Sir Carl Effingham, ihre frühere gute Meinung von Strathern wieder be⸗ lebte und ſie faſt an dem Zeugniß ihrer Augen zweifeln machte.„Ich wollte, ich wäre feſter auf⸗ getreten,“ dachte ſie und ſo hatte ſie auch ſonſt „— „— 189 ſchon bei viel unbedeutenderen Veranlaſſungen ge⸗ dacht, denn es fehlte ihr nicht an Verſtand, um einzuſehen, daß ſie den Anſichten ihrer Tochter gegenüber eine zu große Nachgiebigkeit und Schwäche zeigte, aber es ging ihr die Feſtigkeit ab, um ſich denſelben zu widerſetzen.„Mein armes Kind,“ dachte Frau Sydney,„büßt jetzt für meinen Fehler. Ich hätte nicht ſo willfährig ſein und ihrem Ver⸗ langen in einer Sache entgegentreten ſollen, bei der ich, wie mir mein Verſtand ſagte, Recht hatte.“ So ſprach die treffliche, aber zu nachſichtige Frau ihre Tochter von allem Vorwurf für ihren Eigen⸗ ſinn frei und warf alle Schuld auf ſich und ihre Schwäche. „Da ſind die weißen Klippen von Dover,“ rief Sir Carl Effingham. Ich wünſche Ihnen Glück, meine Damen, zu Ihrer Rückkehr in Ihr Vaterland. Ich freue mich, es wieder zu ſehen, ob ich gleich blos drei Monate daraus entfernt geweſen bin. Die Leute mögen von beſſeren Cli⸗ maten und allen anderen Vorzügen fremder Länder reden was ſie wollen, ich habe nie eines geſehen, was ſich mit dem unſrigen vergleichen ließe, und ſeine Nebel und der wolkige Himmel über uns iſt mir lieber als die klare Luft und die blaue Decke des ſonnigen Italiens.“ ————— 190 Achtes Kapitel. Endloſen Haders Kette kann er werden Der Hochzeitstag, der wichtigſte im Leben, Ein Friedensband ſchlingt er auch oft auf Erden Und kann der Zukunft ihre Farbe geben. Er kann des Glückes gold'ne Tage bringen, Er kann die uns vergönnte Spanne Zeit In Nacht verhüllen und in Düſterheit, Bis uns des Todes Schatten einſt umringen. Wie ſonderbar, daß ſo gar viele Leute Ihr Schiff im Leichtſinn in den Hafen führen, Wo Einfuhrzoll und ſonſtige Gebühren So übertrieven ſind. Erpicht auf Beute, Um eigenſucht'ge Zwecke zu erreichen, Das ſchnöde Geld, den ſchmutzigen Gewinn, Geh'n ſie wie toll zum Traualtare hin Und bringen jeden beſſern Trieb zum Schweigen. Entweih'n das Heiligthum und treiben Spott Mit ſeinem hehrſten, ernſteſten Gebot, Und für dies Treiben iſt der ganzen Welt Grund und Entſchuldigung die Sucht nach Geld. Drei Tage nach Frau Maclaurin's Ankunft in Neapel wurde ſie, um in der Sprache der Zei⸗ tungen zu reden, von Lord Alerander Beaulieu in Begleitung des Lord Fitzwarren an den Traualtar geleitet. So verhärtet auch der Sinn des Bräu⸗ tigams war, ſo griff es ihn doch ein wenig an, als er bei ſeiner Ankunft bei dem Geſandten die 494 erſtaunten Blicke gewahrte, welche der Miniſter, ſein Secretär und einer der atlachés mit einander wechſelten, nachdem ſie die Braut betrachtet hatten. Frau Maclaurin war trotz der Rathſchläge ihres künftigen caro sposo nicht davon abzubringen, ihrem Hochzeitstage Ehre zu machen, d. h. bei dieſer Ver⸗ anlaſſung ein prächtiges Gewand zu tragen. Daſſelbe beſtand in einem Unterkleid von weißem Atlas und darüber her trug ſie ein anderes ſehr ſchönes Kleid von Spitzen nebſt einem Schleier aus demſelben koſtbaren Stoffe. Eine parure von wundervollen Perlen und ein Kranz von Orangenblüthen, welche ſie trotz des wieverholten Abrathens der Jungfer Juſtine anlegte, vollendete ihren Anzug und nie⸗ mals war ihr unbedeutendes, um nicht zu ſagen häßliches Aeußere, deutlicher hervorgetreten als in dieſer glänzenden Tracht, deren Weiße und Rein⸗ heit in ſo auffallendem Gegenſatz zu ihrem plumpen, rothen Geſicht, zu Hals und Arm ſtand. Lord Fiswarren, welcher ihr den Arm lieh, konnte ſich nicht enthalten, dem Secretär und dem attaché, alten Bekannten von ihm, zuzuwinken und ihre Aufmerkſamkeit auf die Dame zu lenken. Dieſe dagegen ſuchte ſich das Ausſehen eines ſchüchternen Mädchens zu geben, ſpielte aber zum Unglück ihre Rolle in ſo übertriebener Weiſe, daß ſie dadurch das Lächerliche ihres ganzen Auftretens noch um ein Bedeutendes vermehrte. 192 „Frau Maclaurin, Lord Ayrshire,“ ſagte Lord Alexander Beaulieu, während er ſeine künftige Ge⸗ mahlin dem Miniſter vorſtellte, welcher ſich tief verbeugte. „Es freut mich ſehr, die Bekanntſchaft Ihrer Herrlichkeit zu machen,“ äußerte Frau Maclaurin, „ich bin aber in ſolcher Verwirrung und ſo be⸗ wegt, wie es bei einem Frauenzimmer in meiner Lage natürlich iſt, daß ich Sie bitten muß, mit meiner Blödigkeit Nachſicht zu haben.“ Lord Alexander Beaulien biß ſich in die Lippen und murmelte einen Fluch zwiſchen den Zähnen. „Wir werden doch nicht hier zuſammengegeben werden?“ fing die Dame wieder an.„Haben Sie denn keine Kapelle, welche man für Gelegen⸗ heiten, wie die gegenwärtige, herrichten könnte? Denn eine Trauung in einem Empfangszimmer kommt mir nicht recht feierlich vor.“ „Ich bedauere, Madame, daß wir keine Kapelle für die Geſandtſchaft haben; indeſſen hat die Cere⸗ monie ihre vollkommene Gültigkeit vor dem Geſetz, wenn ſie durch einen Geiſtlichen der engliſchen Kirche verrichtet wird.“ „Geben Sie mir mein Riechfläſchchen, Frau Bernard, denn es wird mir ganz übel. Reichen Sie mir auch meinen Fächer.“ „Es thut mir ſehr leid, Madame, aber ich habe keines von beiden mitgenommen„ erwiederte 193 die dame de compagnie mit ſehr erſchrockenem Geſicht. „Nicht mitgenommen! Was denken Sie denn? Sie ſind die einfältigſte Frau von der Welt. Iſt es Ihnen nicht eingefallen, daß man bei einer ſo bedenklichen Veranlaſſung, wie auf dem Weg zur Hochzeit, am allererſten ein Riechfläſchchen und einen Fächer braucht?“ Abermals biß ſich Alexander Beaulieu in die Lippen und wechſelte die Farbe. Er hatte ge⸗ wünſcht, daß Frau Bernard, die wirklich wie ein Frauenzimmer von Stande ausſah, für eine Freun⸗ din angeſehen würde und nicht für die beſcheidene Geſellſchafterin ſeiner Braut, denn er dachte, das würde Frau Maeclaurin mehr in Anſehen ſetzen. Aber der Mangel an Erziehung und die Ungeſchliffen⸗ heit der Frau Maclaurin vereitelte ſeinen Wunſch und verrieth die untergeordnete Stellung ihrer furchtſamen dame de compagnie. „Sie meinen vielleicht, weil eine Frau vor meinem Namen ſteht, brauche ich mich nicht ſo ſehr vor dem Heirathen zu fürchten,“ meinte Frau Maeclaurin, und wandte ſich dabei an Lord Fitz⸗ warren, mit welchem ſie während der letzten zwei Tage ganz vertraut geworden war. „Man könnte es allerdings glauben,“ erwie⸗ derte der Pair,„aber es gibt Sachen, an die man Strathern Ur. 13 194 ſich niemals gewöhnt und die Hochzeitsfeierlichkeiten gehören nach meiner Anſicht dazu.“ „Sie verſtehen mich nicht, Mylord; ich wollte ſagen, wenn ich gleich ſchon einmal verheirathet geweſen bin, ſo iſt es doch gerade herausgekommen, als wäre ich ledig, denn Herr Maclaurin—“ Hier fiel ihr Lord Alexander Beaulien ohne Weiteres in's Wort und machte ſie darauf aufmerk⸗ ſam, daß der Geiſtliche bereit ſtehe. „Ach, mein Lieber, ich werde doch nicht un⸗ mächtig werden, ich weiß gar nicht, wie mir iſt,“ ſagte die Braut, während ſie einem Tiſch zuwankte, der hergerichtet war, um den Altar zu erſetzen. Die Feierlichkeit nahm ihren Anfang. Es bot einen ſonderbaren Anblick und konnte Stoff zu ernſthaften Betrachtungen liefern, wenn man ſah, wie wenig das Paar am Altar und die Unſtehenden, den Geiſtlichen und Frau Bernard ausgenommen, von dem Ernſt des Gottesdienſtes ergriffen waren, der die Geſchicke zweier ſo ganz unähnlicher Weſen auf immer vereinigen ſollte. Lord Alerander Beaulien dachte blos an den Reichthum, welchen ihm die Ceremonie ſichern ſollte und die Dame hatte nichts im Sinn als den Titel und die Stellung, zu wel⸗ cher ſie dadurch emporſtieg. Sie empfand keine Neigung für den, welchem ſie Liebe, Ehrerbietung und Gehorſam gelobte; ihre Eitelkeit allein flößte ihr den Muth ein die Ehe zu ſchließen. Die Lords 195 Ayrshire und Fitzwarren ſammt dem Sekretär und attaché dachten blos an die Albernheit des unbe⸗ deutenden und gemeinen Weibes, die jetzt in eine Lady Alexander Beaulien umgewandelt werden ſollte; und wie theuer ihr Reichthum erkauft wäre, da er die Nothwendigkeit auferlegte ſich daneben mit ihr zu belaſten. Dem Geiſtlichen fiel das gezierte We⸗ ſen und die Dummheit auf, welche bei der Braut ſo deutlich hervortraten, er bemerkte die ſchlecht verhehlte Gleichgültigkeit des Bräutigams und über⸗ legte bei ſich, wie wenig Ausſicht auf Glück eine ſolche Verbindung darbiete. Darum ſprach er die Worte, welche ſie unauflöslich verbinden ſollten, mit mehr als gewöhnlicher Feierlichkeit. Frau Ber⸗ nard war ſeit ihrer eigenen bei keiner anderen Trauung zugegen geweſen, jetzt fühlte ſie ihre Augen naß werden, als ſie dieſelben Worte aus⸗ ſprechen hörte, die ſie mit ihrem Manne geeinigt hatten. Die Liebe und die guten Eigenſchaften deſſelben konnten ihr nie aus dem Gedächtniß ge⸗ bracht werden, ob er gleich ſchon lange in's Grab geſenkt war. Sie erinnerte ſich, mit welcher tief⸗ gefühlten Andacht ſie die Gelübde ausgeſprochen, die jetzt ſo leichtſinnig von einer Andern abgelegt wurden, wie treulich ſie dieſelben gehalten hatte. Der ganze Vorgang in der Dorfkirche, in der ſie getauft und getraut worden war, trat bei den ſeither nie wieder vernommenen Worten des Rituals 13* 196 auf's Neue vor ihre Seele. Die Eltern ſegneten, die Freunde beglückwünſchten damals den grauköpfi⸗ gen Pfarrer, der ſie mit dem einzigen Mann ver⸗ einigte, welchen ſie je geliebt. Beſonders deutlich ſchien das liebe Geſicht ihres Bräutigams, ſtrah⸗ lend von Liebe wisderum vor ihr zu ſtehen. Der Schluß der Feierlichkeit, die Bewegung umher und das Geſpräch der Anweſenden erweckte ſie aus der Träumerei, in welche ſie verfallen war, und die rauhe Stimme der Braut, welche fragte, ob ſie eingeſchlafen wäre, rief ihr in's Gedächtniß zurück, daß ſie weit, weit weg ſei von der friedlichen Scene, welche ihr das Gedächtniß ſo treu vorge⸗ malt hatte, eine Fremde in fremdem Lande, in der Abhängigkeit von einer harten, unfreundlichen Ge⸗ bieterin, welche ſie alle Bitterkeit ihrer untergeord⸗ neten Stellung fühlen ließ; eine arme, verlaſſene Wittwe mit keiner Spur des vergangenen Glücks, als dem Andeken daran. „Nun, was iſt Ihnen denn begegnet?“ fragte die Braut und blickte ärgerlich auf ihre dame de compasnie. „Ich bitte um Verzeihung, Madame,“ erwie⸗ derte Frau Bernard und mühte ſich eine Entſchul⸗ digung für ihre Zerſtreutheit zu finden. „Sein Sie ſo gut und denken Sie daran, daß ich jetzt den Titel„gnädige Frau“ führe, und des⸗ wegen erwarte ich, daß Sie mich ſo nennen.“ 197 Wie roth wurden Lord Alexander Beaulien's Wangen, als er dieſe Worte hörte und bemerkte, daß ſein Ohr ſie nicht allein vernommen hatte? „Erlauben Sie mir, gnädige Frau, daß ich Ihnen meine Glückwünſche darbringe,“ ſagte Lord Ayrshire; und dem Bräutigam kam es vor, als ob der Miniſter boshafterweiſe einen Nachdruck auf das Wort„gnädige Frau“ lege. „Ich danke Ihrer Herrlichkeit recht ſehr und hoffe, Sie werden heute mit mir und meinem Ge⸗ mahl ſpeiſen?“ Hier biß ſich der Bräutigam abermals in die Lippen. „Es thut mir außerordentlich leid, daß es mir nicht möglich iſt der gnädigen Frau ſchmeichelhafte Einladung bei einer ſo freudigen Gelegenheit anzu⸗ nehmen, aber eine Verpflichtung von früher her verhindert mich daran.“ „Vielleicht beehren mich die Herren mit ihrer Geſellſchaft?“ ſagte die Braut, zu dem Sekretär und attaché gewendet. Lord Alexander Beaulieu bekam jetzt wirklich Luſt ſie zu prügeln, und verrieth ſeinen Zorn durch Blicke, lieh ihm jedoch keine Worte. Der Sekretär und allaché gaben zu des Bräutigams Troſt vor, ſie ſeien ſchon verſagt, aber die Frau dachte nur daran, wie ſie die angenehme Wirthin machen könnte und wandte ſich mit ihrer Einladung an den Geiſtlichen. Jetzt ging Lord Alexander Beau⸗ lieu die Geduld aus, er ergriff ſeine Braut etwas unſanft am Arm und führte ſie aus dem Zimmer, ehe der Pfarrer noch mit ſeiner kalten und ernſten, abſchlägigen Antwort auf ihren Vorſchlag zu Ende gekommen war. Wie ſie jedoch an die Thüre kam, ſtand ſie ſtill, wandte ſich gegen den ehrwürdigen Herrn um und überreichte ihm eine goldne Tabaks⸗ doſe, welche mit Münzen vom nämlichen koſtbaren Metall angefüllt war. „Nehmen Sie das, mein Herr,“ ſagte ſie, „zum Zeichen meiner Dankbarkeit für den Dienſt, welchen Sie mir geleiſtet haben. Alles, was ich dagegen verlange, iſt, daß Sie meiner Vermählung zu Ehren ein Freudengeläute veranſtalten.“ Mit dieſen Worten entfernte ſie ſich und ſtieg in ihren Wagen. Dieſen umgab ein Haufen gaffender Laz⸗ zaroni, welche die weißen, ſilbernen Treſſen herbei⸗ gelockt hatten, mit denen ihre Bedienten reichlich bedeckt waren. „Wirf einiges Silbergeld unter ſie und ſei nicht ſparſam damit,“ ſagte die Braut zu ihrem courrier, „ſag ihnen, ſie ſollen auf die Geſundheit des Lords und der Lady Alexander Beaulieu trinken.“ Die Braut war gewöhnt für ſich ſelber zu handeln und vergaß völlig, daß ſie ihren Mann in eine untergeordnete und etwas unpaſſende Stel⸗ lung brachte, indem ſie in ſolcher Weiſe Geſchenke 199 austheilte und Befehle gab. Er fühlte das und gab es auch durch eine noch größere Kälte im Be⸗ tragen gegen ſeine einfältige Frau zu erkennen. Dadurch bewies er auf's Deutlichſte, daß ſie ihm nicht nur völlig gleichgültig, ſondern daß ſie ihm wirklich zuwider ſei. „Nun, da wären wir ja Mann und Frau,“ ſagte ſie, als ſie im Wagen neben ihrem Gemahl ſaß. Lord Fitzwarren und Frau Bernard nahmen den Rückſitz ein und ſo fuhren ſie in den engliſchen Hof.„Ich weiß nicht, kommt es von der Gemüths⸗ unruhe her, in der ich mich während der Trauung vefand, oder nicht, aber ich geſtehe, daß ich nie in meinem Leben einen ſo großen Hunger gehabt habe. Wie widerlich iſt es doch halb verhungert zu ſein und dabei die Gewißheit zu haben, daß man im Gaſthof nichts findet, was man gern ißt, und das an ſeinem Hochzeitstag! Ich habe mir feſt vorgenommen, ſo lang als ich lebe, nie mehr eine Stunde weit zu reiſen, ohne einen Koch, der Sally⸗Lunns, heiße, mürbe Kuchen und Butter⸗ ſemmeln zu machen und Beefſteak oder zarte Ham⸗ melsrippchen zu braten verſteht. Werden Sie es glauben, Mylord? Geſtern Morgen ſchicke ich aus meinem Zimmer hinunter und laſſe bitten, man möchte mir nur eine Kleinigkeit als Frühſtück zu⸗ richten. Bei dem Gedanken an das, was es ſein möchte, wurde ich ſchon ganz hungrig. Da ſchicken einem kleinen Bischen von Milchſpeiſe darin und wie ich ſie frage, wie ſie das heißen, ſo geben ſie mir zur Antwort, es ſei eine Natter. Was! ſoll ich eine Schlange verzehren? ſagte ich. Das iſt ja der Name derjenigen Art von giftigen Thieren, welche die Königin von Aegypten getödtet haben, wie ich von dem Oberſt Fairfar vorleſen hörte.“ Hier verrieth ein Ausbruch von Lachen, den er nicht zurückhalten konnte, Lord Fitzwarren's Freude über die Unwiſſenheit und naiveté der Braut; ſie aber ließ ſich durch ſeine Luſtigkeit nicht im Gering⸗ ſten aus der Faſſung bringen, ſondern ſagte:„Ihre Herrlichkeit können lachen, ſo lang Sie wollen; ich verſichere Sie aber, daß ſie das Eſſen eine Natter hießen, und ſchon der Gedanke daran verleidete es mir ſo ſehr, daß ich nicht einen Biſſen davon hin⸗ unterbringen konnte. Ich habe gehört, daß die Franzoſen Fröſche verzehren, und das kam mir arg genug vor, aber daß es Leute gäbe, die Vipern eſſen, das hätte ich nicht gedacht. Ich gebe Dir einen Kreuzer, wenn Du mir Deine Gedanken ſagſt(ſagte ſie zu ihrem Mann), was kommt Dich denn nur an? Man ſollte meinen, Du kämeſt von einer Leiche, ſtatt von einer Hochzeit, und von Deiner eigenen Hochzeit obendrein.“ Ehe Lord Alexander Beaulieu auf dieſe Bemer⸗ kung Etwas entgegnen konnte, gelangten ſie an den ſie mir eine Art dünner brauner Sulze herauf mit 201 Gaſthof. Im ſelben Augenblick ſprengte ein Cour⸗ rier, mit Staub bedeckt und auf keuchendem Roſſe, dem der weiße Schaum vor dem Mund ſtand, an's Thor heran. „Wohnt hier Lord Beaulieu?“ fragte der Cour⸗ rier und fügte, als man ihm eine bejahende Ant⸗ wort gab, hinzu:„Führen Sie mich ohne Verzug zu ihm!“ „Hier iſt Se. Herrlichkeit,“ bemerkte Durn⸗ ford, der Kammerdiener Lord Alexander Beaulieu's, während ſein Gebieter aus dem Wagen ſtieg. Der Courrier machte eine tiefe Verbeugung, nahm eine ernſte Miene an, zog ein ſchwarz geſiegeltes Päck⸗ chen aus der Bruſttaſche und händigte es dem Bräutigam ein. Das Geſicht des Letzteren wurde dabei ſo weiß wie Marmor und ſeine Hand zit⸗ terte, als er das Päckchen eröffnete. Die Braut ſprang ohne Umſtände neben ihn hin, legte ihren rothen Arm auf ſeine Schulter und ſagte:„Zwiſchen Mann und Frau gibt es keine Geheimniſſe, darum will ich den Brief mit Dir leſen.“ Schnell wie der Blitz hatte er mit den Augen ſchon den Inhalt davon überflogen. Seine Wangen wurden feuerroth, ſein Auge funkelte und ſeine Lippen zitterten. Er ſtieß ſeine Frau mit einer Geberde unverhüllten Haſſes von ſich weg und ſtieg eilig die Stiege hinauf. Ihm folgte die Hochzeits⸗ 202 geſellſchaft, die ihn auf einem Stuhle ſitzend und nach Luft ſchnappend antraf. „Was in aller Welt fehlt Dir?“ fragte die neugebackene Ehefrau.„Habe ich nicht ein Recht es zu erfahren? Bin ich nicht Deine rechtmäßige Gemahlin und kommt es mir als ſolcher nicht zu, daß Du mich mit Allem bekannt machſt, was Dich angeht?“ „Laſſen Sie mich in Ruhe, Madame, ſonſt machen Sie mich toll. Fitzwarren, bring doch das Weib zum Schweigen.“ Bei dieſen Worten warf Lord Alerander Beaulieu einen wüthenden Blick auf ſeine erſtaunte Frau. „Was haſt Du denn, lieber Ary?“ fragte Lord Fitzwarren. „Oh, der verfluchte Courrier! wäre er nur eine Stunde früher gekommen! Ich könnte ihn wegen dieſes unglückſeligen Zuſpätekommens um⸗ bringen, und mich dazu. Ich bin zu bedauern, Fitzwarren! Mountſerrat iſt geſtorben, ja, wahr⸗ haftig er iſt wirklich todt, und hätte mich die Nach⸗ richt davon eine Stunde, eine kleine Stunde früher erreicht, ſo wäre ich verſchont geblieben von— Oh!l es iſt genug, um einen Wüthenden, einen Wahnſinnigen aus mir zu machen!“ Und er ſchlug ſich vor die Stirne und wand und krümmte ſich vor Wuth. „Was will er damit ſagen, Mylord?“ fragte 203 die Braut und blickte Lord Fitzwarren in größter Verwunderung an. „Sprechen Sie jetzt nicht mit ihm,“ ſagte der gutmüthige Pair.„Er iſt verdrießlich und aufge⸗ regt, und wir würden beſſer thun ihn allein zu laſſen, bis er ſich wieder in der Gewalt hat.“ „Für Jedermann ſonſt mag es ganz am Platze ſein ihn zu verlaſſen, aber es iſt meine Pflicht als Frau bei ihm zu bleiben, und ich will ihr nach⸗ kommen.“ Damit ging ſie auf ihren Gemahl zu und verſuchte ihm einen Kuß auf die Stirne zu geben.“ „Fort, fort von mir,“ rief er.„Ich wollte, ich hätte Sie nie geſehen! Ich muß auf der Stelle nach England aufbrechen.“ „Was, gerade an unſerem Hochzeitstage? Könnteſt Du nicht eben ſo gut auch morgen gehen, denn da Dein Bruder todt iſt, kann es doch wenig Unterſchied machen, ob Du ein wenig früher oder ſpäter abreiſeſt; und nun wünſche ich Dir, was ich vorhin vergeſſen habe, Glück, daß Du ein Marquis geworden und zu einem großen Vermögen gekommen biſt. Bin ich nicht eine glückliche Frau, man mich ſo bald zur Marquiſe gemacht hat?“ Die Züge ihres Gemahls drückten den tödtlich⸗ ſten Haß aus, während er dieſe fühlloſen Worte anhörte. Nicht daß ihm der Tod ſeines einzigen 204 Bruders irgend leid gethan hätte; er bedauerte blos— und ſein Aerger war heftig und ſtechend — daß ihn die Nachricht von dem Ereigniſſe nicht erreicht hatte, als es noch Zeit geweſen wäre ſeine unter böſen Sternen geſchloſſene Heirath zu ver⸗ ſchieben. Faſt in Wahnſinn gerieth er bei dem Gedanken, daß er jetzt, wo er einen hohen Rang und ungeheure Reichthümer beſaß, ſich mit einem Weibe belaſtet ſah, die er verabſcheute. Es däuchte ihm geradezu eine Entweihung, ſeinen Titel auf ſie überzutragen. Sonderbarerweiſe hatten im Lauf weniger Minuten alle ſeine Anſichten und Empfin⸗ dungen eine völlige Umwandlung erlitten. Er, der zwei Stunden früher höhniſch gelacht und es ein ariſtokratiſches Vorurtheil genannt haben würde, wenn Jemand einen Widerwillen gegen eine Heirath um Geldes willen gezeigt hätte, dem keine andern Mittel zu Gebote ſtanden, um ſolches zu erlangen, er bebte jetzt mit einem Ekel davor zurück, den er keineswegs vor dem Opfer ſeiner Habſucht zu ver⸗ bergen ſuchte. Was, er, der Marquis von Mount⸗ ſerrat, er, der Herr fürſtlicher Güter und eines Edelſitzes, der durch eine lange Reihe edler Vor⸗ fahren auf ihn übergegangen war, auf ihn ſollte man verächtlich mit dem Finger als auf den Ge⸗ mahl einer niedrig geborenen, unverbeſſerlichen und gemeinen Frau zeigen, die niemals ihre Lippen öffnete, ohne ſich und ihn bloszuſtellen? Er war 205 jetzt ſchon ein ganz anderer Menſch. Der Stolz auf Rang und Stand war an die Stelle der Gleich⸗ gültigkeit gegen Alles getreten, welche die Armuth feinem Charakter aufgedrückt hatte. Kaum wußte er ſich im Beſitze großer Güter, ſo fühlte er ſich ſchon veranlaßt mit Verwunderung darüber nach⸗ zudenken, wie er ſich hätte herablaſſen können die abſcheuliche Irländerin um Etwas zu ehelichen, was ihm nur wie ein elendes Wittthum vorkam. Die Schritte, zu welchen ihn oft ſeine Geldverlegenhei⸗ ten getrieben,— die Unterhandlungen mit harten Gläubigern waren vergeſſen, er dachte nicht mehr daran, wie oft er die Hilfe ſeines Bruders be⸗ gehrt, wie oft er von ſeinen gleichgültigen Freun⸗ den geborgt und daß ihre unverhüllte Abneigung auf ſeine Bitten einzugehen, ihre Unterſtützung auch dann ſelbſt zu etwas ſehr Erniedrigendem gemacht hatte, wenn ſie gewährt wurde; Alles das kam ihm in der Aufregung nicht mehr zu Sinne, in welche ihn ſeine neue Stellung verſetzte; und die Freude darüber wurde ihm blos durch das rohe und gemeine Weib vergällt, auf welche er ſeinen Titel übertragen hatte. Oh, warum warf das neidiſche Schickſal dieſen ein⸗ zigen Tropfen Galle in den Becher der Freude, der ihn ſonſt berauſcht haben würde? Warum konnte er die Nachricht von ſeiner Erhebung zu Rang und Reichthum nicht erhalten, ehe er den unglücklichen Schritt gethan, der den Genuß Beider vergiftete? 206 Solcherlei Betrachtungen gingen dem Marquis von Mountſerrat durch den Kopf, während er mit zu⸗ ſammengepreßten Lippen und gerunzelter Stirne auf dem Stuhle ſaß, in den er ſich bei'm Eintritt in's Zimmer geworfen.„Nie will ich das abſcheuliche Weib wieder ſehen,“ dachte er.„Ich will ſie in ruhigem Beſitz ihres Vermögens laſſen, aber nie ſoll ſie einen Heller von dem meinigen anrühren, nie eines meiner Häuſer betreten.“ „Du kommſt doch zum Frühſtück, nicht wahr, mein lieber Marquis?“ ſagte die Braut und näherte ſich abermals ihrem mürriſchen Gemahl. „Fitzwarren, mein guter Freund, mach' ihr doch begreiflich, daß ich allein ſein will.“ Ehe jedoch der Lord der Bitte ſeines Freundes Folge leiſten und ſich in's Mittel legen konnte, hatte die Braut ihre Hand auf den Arm ihres caro sposo gelegt und wiederholte ihr Geſuch, er möchte ſie zum Frühſtück begleiten:—„Sieh, mein lieber Marquis, es iſt ja doch unſer Hochzeitstag und ich bin nicht gewöhnt ſo lange zu faſten. Ich fühle mich ganz ſchwach und krank, kann ich Dich verſichern, weil ich mein Frühſtück ſo lange ent⸗ behren muß; und wenn wir jetzt gleich nach Eng⸗ land aufbrechen müſſen, wie Du ſagſt, ſo bin ich nicht im Stande die Reiſe mitzumachen, ehe ich Etwas verſucht und durch einige Nahrung meine Kräfte wieder gewonnen habe. Dein Kummer wird 207 Dich doch die Rückſicht auf meine Geſundheit nicht vergeſſen laſſen?!“ „Rühren Sie mich nicht an, kommen Sie mir nicht nahe, widerliches Weib!“ rief der Marquis, ſtand vom Stuhle auf und ſtieß ſie heftig von ſich weg.„Wiſſen Sie, daß ich Sie haſſe und ver⸗ abſcheue. Wären Sie weniger dumm, weniger ein⸗ fältig und gemein, ſo wäre mir die Mühe erſpart geblieben Ihnen die bitteren Wahrheiten zu ſagen, welche ich jetzt nicht länger zurückhalten kann.“ „Mein lieber Freund, mach's ihr nicht zu arg,“ ſagte Lord Fitzwarren.„Ich bitte Dich darum“— ſetzte er hinzu, denn ſeine Gutmüthigkeit litt bei dem heftigen Benehmen ſeines Freundes. „Mich haſſen! mich verabſcheuen!“ wiederholte die Braut, ſtarr vor Schrecken.„Träume ich?— oder iſt er toll?“ Hier ſah ſie ſich um, als erwartete ſie eine beſtätigende Antwort auf ihre Fragen. „Ja, ich ſage es noch einmal. Sie ſind mir höchlich zuwider— ſchon Ihr bloßer Anblick iſt mir ekelhaft.“ Und der Marquis begleitete dieſe Worte mit einem Blicke ſo tiefen Haſſes, daß ſie dadurch mehr als durch ſeine Aeußerungen über⸗ zeugt wurde, es ſei ihm Ernſt mit dem, was er ſagte. „Und das ſagſt Du mir an unſerem Hochzeits⸗ tage, da ich Dir Alles hingeben wollte, was mein eigen iſt!“ rief ſie; ihr Geſicht wurde dabei blaß und ihre Augen funkelten vor Zorn.„Du haſt kein menſchliches Herz im Leibe; Du haſt ſtatt deſſen einen Stein in der Bruſt. Oh, Du nieder⸗ trächtiger Betrüger! Wie oft haſt Du geſchworen, Du liebeſt mich und blos um meinetwillen. Aber hie und da ſagte mir mein Herz, daß Du mir nicht recht gut ſeieſt. Ich hatte wohl meine Ahnun⸗ gen, aber Deine liſtige Zunge und das Zureden Juſtinens bewältigte meine Bedenklichkeiten und jetzt, faſt in derſelben Stunde, da ich Deine Frau ge⸗ worden bin, ſchämſt Du Dich nicht die Maske ab⸗ zuwerfen und zu geſtehen, daß Du mich haſſeſt, da Du doch blos Liebes und Gutes von mir ge⸗ noſſen haſt. Und wäreſt Du zehnmal ein Lord und ein Marquis, Du biſt kein rechtſchaffener Mann, das kann ich Dir ſagen.“ Hier brach die Frau in eine Fluth von Thränen aus. „Ich bin froh, daß Sie mich kennen,“ ſagte Lord Mountſerrat,„denn auf dieſe Art thut Ihnen die Trennung weniger leid, welche noch heute zwi⸗ ſchen uns vor ſich gehen wird. Ich verlaſſe Nea⸗ pel in einer Stunde und werde mich nie wieder dazu verſtehen Sie zu ſehen. Sie ſind völlig Herrin Ihres Vermögens und Ihrer Handlungen. Laſſen Sie ſich von mir rathen und bleiben Sie auf dem feſten Lande, da wird man weniger Acht geben auf Ihre Rohheit und Gemeinheit und weniger 209 Bemerkungen darüber machen als in England. Ich erkläre Ihnen jetzt ein für allemal, daß Sie nie eines meiner Häuſer betreten dürfen und daß ich Sie nie anerkennen werde.“ „Sie können mich nicht verhindern Ihre Ge⸗ mahlin und eine Marquiſe obendrein zu bleiben, und darin liegt ſchon einiger Troſt,“ bemerkte die Lady höhniſch.„Sie meinen wohl Sie hätten mich daran gekriegt, aber Sie ſehen, die Sache iſt um⸗ gekehrt, denn ich bin die Marquiſe von Mountſerrat Ihnen zum Trotz und Sie können mich nicht ab⸗ halten nach England zu gehen. Ich gehe auch be⸗ ſtimmt hin und laſſe mich überall ſehen, wäre es auch blos um Sie ärgern.“ „Komm, Fitzwarren, ich habe mit Dir zu re⸗ den,“ ſagte der Marquis und ſtand auf, um das Zimmer zu verlaſſen. „Ich hoffe, Lord Fitzwarren, Sie werden heute mit mir ſpeiſen, wenn ſich ihr Freund, der Marquis, gleich davon macht.“ Und die verlaſſene Braut ſchaute mit größter Geringſchätzung auf ihren Mann, der aus dem Zimmer ſchritt.„Ich habe jetzt große Luſt zu frühſtücken,“ fing ſie wieder an,„und werde mit keinem ſchlechteren Appetit eſſen, weil ich einen falſchen Menſchen los bin, der mich um meines Gel⸗ des willen geheirathet hat, und ſich jetzt, da er unverſehenerweiſe zu einem eigenen großen Vermö⸗ gen gekommen iſt, nicht ſchämt die zu verlaſſen Strathern III. 20 und zu beſchimpfen, die ihm ſo viel Güte und Liebe erwieſen hat. Ich behaupte ſogar, es iſt jetzt nur um ſo beſſer, denn ich habe Alles erlangt, was ich je gewünſcht habe, ich bin eine vornehme Frau, ich trage einen hohen Titel und kann den Mann auslachen, der mit all' ſeiner Hinterliſt nichts ge⸗ wonnen hat, als eine Gemahlin, die er nach ſei⸗ nem eigenen Geſtändniß haßt, deren Ehe mit ihm er aber nicht auflöſen kann.“ „Es war doch zu arg von Dir, Ary, mit dem armen Weib ſo umzugehen,“ äußerte Lord Fitzwar⸗ ren gegen ſeinen Freund, als er ihm téte- à—léte gegenüber ſtand.„Du hätteſt Dich ja können aus dem Staube machen, auf der erſten Poſt einen kühlen, aber höflichen Brief an ſie ſchreiben und ihr darin zu erkennen geben, daß Du nicht Luſt habeſt Sie wieder zu ſehen.“ „Ich bin blos aus Güte grauſam geweſen, Fitz,“ erwiederte der Marquis.„Hätte ich gethan, was Du begehrſt, ſo hätte ſie für nöthig gehalten, über unſere Trennung zu jammern und vielleicht ſich einfallen laſſen mir zu folgen. So wie die Sachen jetzt ſtehen, habe ich ihrer Eitelkeit einen ſo tödtlichen Stoß gegeben, daß ſie mich in dieſem Augenblick wahrſcheinlich eben ſo ſehr haßt, als ich ſie und ſich gar nicht grämt mich los zu ſein. Ich kenne die Weiber genau, Fitz, und bin, ſei deſſen verſichert, klug zu Werke gegangen, indem ich die 211 Liebe dieſer Gorgone in Abneigung verwandelte. Das wird mir viel Mühe und Widerwärtigkeiten erſparen. Du mußt mir ſo viel Geld leihen, daß ich damit nach England kommen kann, Fitz, und ich werde es Deinem Bankier in London zurück⸗ zahlen. Denn es würde ſich für den Marquis von Mountſerrat ſchlecht ſchicken, Geld von dem Weibe zu borgen, welcher er davon läuft.“ Damit richtete ſich der gewiſſenloſe roué mit ſo würdevoller Miene in die Höhe, als hätte er ſich nicht das Mindeſte vorzuwerfen.„Ah, Fitz,“ fing er wieder an,„was für ein verfluchtes Mißgeſchick iſt es doch, daß ich Deinen guten Rath nicht befolgt und dieſe abſcheu⸗ liche Heirath entweder abgebrochen oder wenigſtens verſchoben habe. Wenn ich das gethan haben würde, was wäre ich für ein teufelmäßig glücklicher Kerl, aber ſo— Doch es nützt mich nichts davon zu reden oder darüber nachzudenken; es macht mich beides toll!“ Damit ſchlug er ſich vor die Stirne und biß die Zähne über einander. „Es iſt ein ſchlimmer Streich, das muß ich geſtehen, Ary,“ erwiederte Lord Fitzwarren,„das Weib iſt nicht gerade von der Art, daß ſie ein Jeder heirathen könnte oder möchte, wenn er nicht durch gänzlichen Mangel am Nöthigſten dazu ge⸗ trieben wird; aber die arme Frau ſcheint denn doch recht gutmüthig und gaſtfreundlich und es iſt ja nicht ihr Fehler, ſondern ein Unglück für ſie, daß 14* 212 ſie ſo gemein iſt. Ich habe wahrhaftig Mitleid mit ihr.“ „Behalte Dein Bedauern für mich, guter Freund, daß ich ein ſolches Geſchöpf habe, die meinen Namen trägt. Sie hat kein Gefühl, und wäre das auch, was könnte ſie empfinden im Ver⸗ gleich mit mir? Die Niedriggeborenen und Leute ohne Erziehung rührt nichts an, darauf gebe ich Dir mein Wort, und jedes Mitleid iſt an ſie weg⸗ geworfen.“ „Nein, Ary, der Teufel ſoll mich holen, wenn ich glauben kann, daß ſie nicht vielleicht eben ſo gut fühlen als wir. Aber die arme Frau iſt wirk⸗ lich ſehr zu bedauern.“ „Au contraire, Fitz, ſie iſt ſehr zu beneiden. Hat ſie nicht, ohne daß es ihr eine Guinee koſtet, einen Titel davon getragen, für welchen Viele ihres Standes gerne tauſend und zehntauſend Pfund zah⸗ len würden? Und laſſe ich ihr nicht völlige Gewalt über ihr eigenes Vermögen, und hat ſie nicht Ur⸗ ſache mir für dieſe großmüthige Handlung auf's Höchſte dankbar zu ſein?“ Sie mag ihre Sterne ſegnen über den unerwarteten Wechſel meiner Lage, denn die Bezahlung meiner Schulden würde einen anſehnlichen Theil ihres Einkommens verſchlungen und der Reſt würde kaum zur Befriedigung meiner Bevürfniſſe hingereicht haben. Für ihren Bedarf wäre alſo gar Nichts übrig geblieben. Ich hatte 2, 213 mir ſchon vorgenommen mit ihr ſo wenig als mög⸗ lich zu verkehren und ſie nach Wales zu ſchicken, wo ſie an einem abgelegenen und wohlfeilen Ort zu Tode gefüttert worden wäre. Statt deſſen hat ſie jetzt Mittel genug, um nach ihrem gemeinen und prahleriſchen Geſchmack zu leben, ohne dabei durch meine Einſprache beläſtigt zu werden.“ Der Eintritt Durufords, welcher ſeinem Herrn meldete, daß Alles zur Abreiſe bereit ſei, unter⸗ brach das téte— à— léte zwiſchen dem Marquis und Lord Fitzwarren, welches bei dem Letzteren eine bei Weitem ungünſtigere Meinung hinterließ, als er früher in Betreff ſeines Freundes gehegt hatte. Das unbekümmerte Weſen, mit welchem der herz⸗ loſe roué ohne alle Scheu eingeſtand, daß ihm Ehre und Zartgeſühl gänzlich abgingen, ſetzte ſeinen Ca⸗ meraden in Erſtaunen, und er war im Begriff ſeine Mißbilligung zu erkennen zu geben, als Jungfer Juſtine in's Zimmer ſtürzte und den Marquis in einem ſehr erregten Zuſtand laut und ohne Um⸗ ſtände anredete. „Sie gehen alſo davon, Mylord, ohne mir auch nur eine Sylbe darüber zu ſagen, wo oder wann meine Verſchreibung bezahlt werden ſoll? Das iſt recht ſchön, nachdem ich Ihnen ſo viele Dienſte geleiſtet und die Madame beredet habe Sie zu nehmen. Machen Sie nur kein ſo ſtolzes und böſes Geſicht, denn ich ſage Ihnen, daß 214 Madame Sie nie geheirathet hätte, wenn ich nicht geweſen wäre, mögen Sie ſich auch noch für ſo ſchön und séduisant halten.“ „Ich habe jetzt keine Zeit, Fräulein Juſtine, Ihre Forderungen zu befriedigen,“ antwortete Lord Mountſerrat hochmüthig. „Ich will Sie ſchon dazu bringen. Was hal⸗ ten Sie davon, mein Herr,“ und die femme de chambre wandte ſich mit erhitzten Wangen und vor Zorn funkelnden Augen zu Lord Fitzwarren;„was halten Sie davon, mein Herr, dieſer ſaubere eng⸗ liſche Mylord gibt mir eine Verſchreibung von fünf⸗ tauſend Pfund, damit ich Madame ma maitresse dazu bringe ihn zu heirathen, und jetzt will er auf und davon, ohne das Geld zu bezahlen oder mir auch nur ein Wort zu ſagen, wo und wann die Verſchreibung ausgelöst werden ſoll.“ In Lord Fitzwarren's Geſicht ſprach ſich die Unluſt und die Ueberraſchung aus, welche dieſe neue Entdeckung von der Riederträchtigkeit ſeines ci-devant Freundes in ihm hervorrief und der Marquis ſchien, als er es gewahrte, für einen Angenblick beſchämt zu ſein. Indeſſen erlangte er ſchnell wieder ſeine gewöhnliche Keckheit und redete Jungfer Juſtine alſo an:„Ich laſſe Ihnen unbe⸗ ſchränkte Gewalt die Ausgaben Ihrer Gebieterin zu beſorgen und Ihnen bei den etwaigen Einkäufen derſelben in Geſtalt von Procenten einen ſo großen B, 2 B, 2 215 Theil davon anzueignen, als ſie für paſſend halten; ich rathe Ihnen aber die Verſchreibung in's Feuer zu werfen, denn wenn Sie verſuchen wollten die Bezahlung derſelben in England zu erzwingen, ſo würden Sie den Kürzeren ziehen. Ich habe näm⸗ lich die Vorſicht gebraucht und Ihren Rechtsbei⸗ ſtand und Rathgeber durch ein geſchickt angebrachtes douceur vermocht die Verſchreibung ſo aufzuſetzen, daß ſie durchaus ungültig iſt. Von der Wahrheit dieſer Behauptung können Sie ſich überzeugen, wenn Sie einen Rechtsverſtändigen in Neapel über die Sache zu Rathe ziehen.“ Hier ſah er die wüthende Franzöſin ſchelmiſch an und machte ſie dann noch darauf aufmerkſam, wie es klug von ihr wäre, von dem Vertrag nichts verlauten zu laſſen, weil das unvermeidlich ihre Entlaſſung von der einträglichen Stelle, deren ſie ſich gegenwärtig erfreute, zur Folge haben mußte. „Oh, le vilain homme! le vilain homme!“ rief Jungfer Juſtine.„Was für ein Betrüger! was für ein Betrüger!“ Dakei ſah ſie ganz ſo aus, als hätte ſie Luſt die Schärfe ihrer Nägel an dem Geſicht des Marquis zu verſuchen. Der aber drückte dem Lord Fitzwarren, welcher über dieſen letzten Zug vollendeter Spitzbüberei an ſeinem ge⸗ wiſſenloſen Landsmann ganz erſtaunt und erſtarrt daſtand, die Hand und verließ eilig das Zimmer. Ihm folgte ſein valet de chambre, Durnford, deſſen Arm die femme de chambre ergriff.„Und Sie,“ ſagte ſie,„Herr Durnford, haben Sie mir nicht geſchworen, daß Sie mich mehr als das Leben lieben, ſie wollen mich auch verlaſſen mit dieſem ſchlechten Mann? Oh, nein, das iſt nicht möglich.“ „Thut mir recht leid, Fräulein Juſtine, aber es iſt nichts Anderes zu machen.“ Damit ſuchte er ſeinen Arm von dem feſten Griff der halb wahn⸗ ſinnigen Franzöſin loszumachen. „Gehen Sie, Verräther!“ ſchrie ſie, und ſah dabei aus wie eine Schauſpielerin aus dem Theater⸗ corps eines Landſtädtchens in einem Trauerſpiel. „Sie ſind eben ſo ſchlecht, Sie ſind gerade der nämliche elende Betrüger, wie Ihr vilain maitre.“ Hier brach ſie in krampfhaftes Weinen und Schluchzen aus und verſetzte ihrem abtrünnigen Liebhaber einen ſo derben Schlag in's Geſicht, daß ihm der ganze Kopf brummte; dann rannte ſie in ihr Zimmer, um die nöthige Ruhe zu gewinnen und den Aufforderungen ihrer Gebieterin folgen zu können, falls dieſe ſchellen und von ihr etwas be⸗ gehren ſollte. „Nun,“ dachte ſie, als ſie ſich ausgeweint und ihre Augen getrocknet hatte,„vielleicht iſt es ſo beſſer. Madame iſt jetzt, wie ich höre, eine Mar⸗ quiſe, ein recht ſchöner Titel, kommt gleich nach der Herzogin, und ich werde an der table d'höle den Vortritt haben vor jeder andern femme de 5, 247 chambre, die einer Herzogin ausgenommen, und das iſt für mich etwas recht Hübſches. Und Ma⸗ dame iſt jetzt verheirathet und ſicher vor den be⸗ rechnenden Männern, welche ſie vielleicht aus Noth zu nehmen Luſt haben könnten. Und doch hat ſie keinen Gemahl, der meinem Vortheil Eintrag thun und all' ihr Geld verputzen könnte, und das iſt gut. Ich fürchte blos, das mauväis sujet könnte kommen und ihr Vermögen wegnehmen, wenn er Alles verthan hat, was ihm ſein Bruder hinter⸗ läßt. Das wäre terrihle. Nun, ich habe jetzt nichts zu thun, als mir ſo viel Geld zu machen, wie mir bei der einfältigen Frau möglich iſt, ehe er Zeit hat, ſein Vermögen durchzubringen; dann bin ich gedeckt. Mon dieu! Was für ein Schurke iſt der Mylord! Ich hätte nie geglaubt, daß ein Engländer oder gar ein Lord ſo pfiffig ſein könnte. Er hat mich, Juſtine Gerour, aus dem Felde ge⸗ ſchlagen und doch habe ich vordem nie für dumm gegolten. Und der vilain avocat in Rom! Ouel prigand! O, wenn ich ihn ſehe, will ich ihm einen ſolchen Schlag in's Geſicht geben, daß er ſein Lebtag daran denken ſoll.“ Der Marquis von Mountſerrat ging in Be⸗ gleitung ſeines treuen valet de chambre Durnford herunter zu ſeinem Wagen mitten unter einem Haufen von Kellnern, frotteurs u. ſ. w.⸗ An ihrer Spitze ſtand der Gaſtwirth, deſſen erſtaunte Blicke und tiefe Bücklinge Se. Herrlichkeit einigermaßen ärgerten. „Lord Fitzwarren wird Alles bezahlen, was ich ſchuldig bin und auch den Curier befriedigen, der dieſen Morgen angekommen iſt,“ ſagte Se. Herr⸗ lichkeit zu dem ſich bückenden Wirth, drückte ſeinem Freunde die Hand und äußerte ein paar entſchul⸗ digende Worte wegen der Umſtände, die er ihm verurſache. Dann ſtieg er in ſeinen Wagen und eilig entführten ihn die Roſſe. Das geſchah in kaum etwas mehr als zwei Stunden nachdem er mit ſeiner Braut den Gaſthof betreten; und er ſchien ſich das Daſein der letzteren ſo ganz aus dem Sinne geſchlagen zu haben, als ob ſie nie ſeinen Pfad gekreuzt hätte. „Nun, meinem Freund Ary iſt doch Alles einerlei,“ dachte Lord Fitzwarren bei ſich ſelber, nachdem er Befehl gegeben, daß man ihm alle Rechnungen des Marquis zur Bezahlung ſchicken ſolle. Er denkt nicht im Entfernteſten daran, wie es Anderen zu Muth iſt, ſondern geht gerades Weges auf den Punkt los, auf welchen ſeine Wünſche gerichtet ſind. Wenn ich ſo gleichgültig in derartigen Dingen wäre, wie er, ſo könnte ich leicht fortgehen und die arme Livy im Stiche laſſen.“ Und ſo groß iſt die Gefahr des böſen Beiſpiels, daß die Möglichkeit eines ſolchen Schrittes ihm einen Augenblick im Kopfe herumging. Aber das 219 Wörtchen arm, welches er in Gedanken mit dem Namen ſeiner Verlobten verband, erweckte bittere Gefühle in ſeiner Bruſt, er fuhr zuſammen, als hätte er ein ſchädliches Inſekt abgeſchüttelt und hob ſein Haupt gerade in die Höhe, während er ausrief: Nein, nein, weg damit, ich bin aus an⸗ derem Stoff gemacht als Ary, und könnte es nicht über mich bringen, ein Weib ſchlecht zu behandeln. Nein, arme Livy, Du ſollſt nicht unglücklich wer⸗ den, was auch mein Loos in einer Ehe ſein mag, zu der ich ſo wenig einen Magen habe, als zu einem herzhaften zweiten Frühſtück eine Stunde nach dem erſten. Aber ich muß gehen und der verlaſſenen Braut ein paar höfliche Worte ſagen. Armer Teufel! Sie iſt in einer verdammt wider⸗ lichen Lage, das muß ich ſagen.“ Damit ſchritt der gutmüthige Graf dem salon der neugebackenen Marquiſe zu. Er hatte ſich ganz darauf gefaßt gehalten, ſie verdrießlich oder zornig zu finden, vielleicht beides; groß war daher ſeine Ueberraſchung als er ſah, wie eifrig ſie mit Frau Bernard ſich damit beſchäftigte, daß ſie in einem ganz ſchmutzigen Adelsverzeichniß blätterte, und das mit ſo wenig Spuren von Kummer oder Aerger, als wäre ihr gar nichts Widerwärtiges vorgekommen. „O Mylord,“ rief ſie,„es freut mich, daß Sie kommen; denn Sie können mir helfen. Da ich jetzt eine Marquiſe bin, muß ich auch gleich eine kleine Krone und ein Wappen auf meine Wägen machen laſſen und Frau Bernard macht mir den Kopf toll mit Feldern und Schildhaltern. Ich ſage ihr, daß ich kein Viertel*) wolle, denn ich habe ein volles Recht auf die halbe Wappen⸗ zier des Marquis von Mountſerrat. Und was die Schildhalter betrifft, ſo iſt ein wohlgeſpickter Beutel und eine Menge Capitalien das Beſte, was ich kenne, um Adel und Vornehmheit aufrecht zu halten. „Frau Bernard meint wahrſcheinlich,“ erwie⸗ derte Lord Fitzwarren,„Sie ſollen Ihr Wappen dem der Monntſerrat's beifügen.“ „Ach, du lieber Himmel, ich habe ja keine Arme**) als die da;“ dabei ſtreckte ſie dieſelben in die Höhe.„Wenn durchaus bei dem Wappen des Marquis noch Etwas angebracht werden muß, ſo will ich einen großen vollen Beutel hinein malen laſſen. Was ſagen Sie dazu?“ „Ich muß geſtehen, Madame, das wäre gar kein übles Einſchiebſel.“ „Der Marquis iſt alſo fort unv das, ohne mir auch nur ein Wort des Abſchieds zu ſagen, *) Wortſpiel mit quarter, was Wappenfeld und Viertel bedeutet. U. **) Unüberſetzbares Wortſpiel mit arms, was Arme heißt und Wappen. u. da ich doch vor Gott und der Welt ſeine Frau bin. Wenn mir Jemand prophezeiht hätte, daß ein Lord oder gar ein Marquis ſo ſchlecht handeln könnte, ich würde es nie geglaubt haben. Aber es kümmert mich wenig, denn wenn er gekommen wäre, ſo hätte er wahrſcheinlich Geld von mir verlangt; und da er mein Mann iſt, ſo wäre es Schanden und Ehren halber nicht angegangen, ihm das abzuſchlagen. Nun er aber davongegangen iſt, ohne Abſchied von mir zu nehmen, brauch' ich ſeine Schulden hier nicht zu bezahlen. Er iſt ein ſchlechter Kerl, das können Sie glauben und ich bin froh, daß ich ſeiner los bin. Ich habe doch, ohne daß es mir Etwas koſtet, einen hohen Titel gewonnen, den er mir nicht nehmen kann, und bin alſo bei dem Handel am Beſten gefahren.“ Da Lord Fitzwarren ſah, wie wenig die ver⸗ laſſene Braut des Troſtes bedurfte, ſo nahm er Abſchied und mußte ſich geſtehen, daß das Weib gerade ſo gefühllos ſei als der Mann. Nenntes Kapitel. „Wenn uns die Sorge ſchwer die Bruſt belaſtet Und Ruhe wir und Stille nur begehren, Wie läſtig iſt es dann noch zu verkehren Mit einer Stadt Gewühl, die nimmer raſtet! Wie leer erſcheint uns dann das luſt'ge Treiben, Mit dem die Stunden füllt das Kind der Freude, Das müßig immerdar nur ſorgt für heute, Und niemals fragt, was wird noch übrig bleiben? Wus wird der nächſten Stunde Schickſal bringen, Wird's Freuden- oder Todtenkränze ſchlingen?“ Frau Sydney und Louiſe hätten es gerne ver⸗ mieden, nach London zu gehen, wären ſie nicht durch Geſchäfte gezwungen geweſen, die Stadt zu beſuchen. Indeſſen beſchloſſen ſie, nur kurze Zeit dort zu verweilen, da ihre Gemüthsſtimmung bei ihren dermaligen Gedanken nur ſchlecht zu dem fröhlichen Treiben und dem darin herrſchenden Ge⸗ räuſch paßte. Wenn Etwas vorgefallen iſt, was den gewöhnlichen gleichförmigen Gang des Geiſtes unterbricht, ſo gibt es wenig Dinge, die uns mehr bedrückten, als der Eintritt in eine große und volkreiche Stadt. Die von Menſchen wimmelnden Straßen, die Menge glänzender Gefährte, welche 223 in raſcher Folge an uns vorüberrollen, ſowie die geſchäftige Miene, welche Jedem eigen iſt, dem man begegnet, machen denen, die nicht aufgelegt ſind, ſich in das frohe und lärmende Gewühl zu miſchen, ihren Kummer noch fühlbarer und erregen den ſehnſüchtigen Wunſch, den herzloſen Vergnügun⸗ gen zu entfliehen, welche dieſe äußeren Zeichen an⸗ deuten. Es liegt auch etwas beſonders NRieder⸗ ſchlagendes darin, wenn man nach langer Abweſen⸗ heit eine Stadt wieder betritt, wo man eine freund⸗ liche Heimath beſeſſen. Heimath, das ſchlichte Wort begreift ſo viele traute und theuere Vorſtellungen in ſich, daß es auch der volkreichſten Stadt das Gefühl von Verlaſſenheit benimmt, welches eine Menge Menſchen in uns hervorruft. Der Beſitz eines Hauſes unter den Millionen, die eine große Stadt zuſammenſetzen, verändert für uns den An⸗ blick derſelben. Wir werden uns bewußt, daß wir einen Heerd haben, unſere Lieben darum zu ver⸗ ſammeln, und daß wir mitten in all' dem geſchäf⸗ tigen Treiben von London eben ſo gut daheim uns der Stille erfreuen können, als wären wir viele Meilen davon entfernt. Da haben wir unſere Hausgötter aufgeſtellt, da ſind die Vorkehrungen für unſere häusliche Bequemlichkeit getroffen; und den Lärm, das Getöſe und das luſtige Leben vraußen bemerken wir entweder nicht, weil wir daran gewöhnt ſind, oder es dient zu unſerer 224 eigenen Erheiterung. Wenn aber unſere Penaten zerſchmettert am Boden liegen und in der weiten Wüſte von Mörtel und Stein, die vor uns liegt, kein Plätzchen iſt, das wir unſer eigen nennen könnten, wenn uns keine Heimath erwartet, wie ganz anders iſt uns da zu Muthe. Ein unbe⸗ ſtimmtes Gefühl von Angſt bemächtigt ſich in dieſer ſchrecklichſten aller Einöden unſerer Seele und wir werden uns ſchmerzlich bewußt, daß in dem ganzen fröhlichen Getümmel, das uns umgibt, vielleicht Niemand iſt, auf deſſen Glück unſere An⸗ oder Abweſenheit einen Einfluß äußern könnte, Niemand, der uns bedauerte, wenn wir von der Erde ge⸗ nommen würden. Solche Betrachtungen gingen Frau Sydney und ihrer Tochter durch den Kopf, als ihr Reiſewagen mit Staub bedeckt vor dem Gaſthof anfuhr, in welchem die Erſtere ſchriftlich eine Wohnung beſtellt hatte. Wie verſchieden war das Ausſehen des ſchwer beladenen Fuhrwerks und der gut eingerichteten, ſchön lackirten Gefährte, die mit muthigen Pferden beſpannt waren, auf denen Livreebediente ſtanden und ſaßen und welche ſie bei jedem Schritt umgaben! Und die in den letzteren Sitzenden in ihren friſchen, geſchmackvollen Anzügen, welcher Contraſt fand zwiſchen ihnen und den zwei blaſſen und matten Frauenzimmern Statt, welche in dunklen Gewändern und mit nachdenklicher Stirne ſich in die Ecken ihres Wagens drückten, um nicht 225 von einem Bekannten geſehen zu werden, dem ſie etwa begegnen konnten. Was lag jetzt Louiſen an dem Gewimmel, welches ſie erblickte? Sie wußte ja, daß Strathern ſich nicht darunter befand. Jetzt da das Gefühl ihrer Verlaſſenheit auf ihr laſtete, wun⸗ derte ſie ſich, wis ſie Entſchloſſenheit genug hatte finden können, um ih Mutter zu überreden, aus Italien zu fliehen, aus dem kheuren Italien, wo ſie wenigſtens den Troſt hatte, daß ſie die nämliche Luft einathme und denſelben wolkenloſen Himmel betrachte, wie er, der alle ihre Gedanken beſchäftigte, deſſen Namen aber ihre Lippen nur mit Widerſtreben ausſprachen. Nach ihrer Ankunft in dem Gaſthof in der Bachſtraße wurden ſie durch einen gut gekleideten, ehrbar aus⸗ ſehenden, ſehr ehrerbietigen Kellner auf ihre Zimmer geführt, und fanden auch in dieſen Alles ſo wohl geordnet, daß ſie faſt hätten glauben können, ſie befänden ſich in einem Privathauſe, das nur von ihnen und ihrer Dienerſchaft bewohnt würde. In Allem herrſchte die größte Reinlichkeit, jedes Stück des Geräthes, das für die Bequemlichkeit nöthig erachtet werden konnte, war vorhanden und Mutter ſowohl als Tochter mußten geſtehen daß ein Gaſt⸗ hof erſten Rangs in London, wenn auch weniger prachtvoll eingerichtet, bei der Vergleichung mit denen aller anderen Länder nur gewinnen könne. Der Abend, den ſie verbrachten, war ein trüber, wie alle in der letzten Zeit. Ihr Aufenthalt ſollte Strathern 1. 15 226 nur ſo kurz dauern, daß ſie die Gegenſtände nicht auspacken laſſen wollten, welche ſowohl Beſchäfti⸗ gung verſchaffen, als auch jeder vorübergehenden Wohnung ein heimliches Ausſehen geben. Das Schreibzeug, die Geräthſchaften zum Zeichnen und Sticken wurden nicht herausgethan und die Abends erſcheinenden Zeitungen nebſt den letzten Ouarterly und Edinburgh-Reviews bildeten ihre einzigen Hilfs⸗ mittel gegen ennui. Keine von beiden hatte aber bei der gegenwärtigen Veranlaſſung Luſt, von den⸗ ſelben Gebrauch zu machen, vielmehr lehnten ſie ſich, geiſtig und körperlich abgeſpannt, gleichgültig in die bequemen Sorgenſtühle, welche der aufmerkſame Wirth für die vornehmen und verwöhnten Gäſte, die ſeinen Gaſthof beſuchten, hatte machen laſſen. Er wußte, daß es ihnen angenehm iſt, ihre Kräfte nach dem endloſen Kreislauf von Vergnügen, der ſolche nur zu oft erſchöpft, wieder zu ſammeln und zu dem Ende auf Sophas herumzuliegen oder ſich in bequemen Seſſeln zu dehnen. Weder Mutter noch Tochter ſehnten ſich, an den Luſtbarkeiten Theil zu nehmen, an welche ſie jede Minute erinnert wurden, da ſie Wagen um Wagen durch die Straße rollen und ihre Eigenthümer zu fétes, Bällen und soirées fahren hörten. Nach einem ſo langen Aufent⸗ halt in der ewigen Stadt ſetzte ſie der Lärm Lon⸗ dons in Erſtaunen und, ſo müde ſie auch waren, ſo fanden ſie doch erſt ſpät in der Nacht Ruhe 227 oder vielmehr erſt, als der Morgen herandämmerte und ſich das Raſſeln der Wagen verlor. „Es iſt recht angenehm,“ ſagte Louiſe, als ſie am nächſten Morgen mit ihrer Mutter beim Frühſtück ſaß,„daß Niemand als der gute Herr Wandsworth Etwas von unſrer Ankunft weiß. Es wäre etwas Schreckliches, wenn eine Menge Be⸗ ſuche kämen und ſich Leute an uns drängten, mit welchen wir auch nicht in einem Gedanken zuſam⸗ mentreffen. Die Menſchen ſind während der Jah⸗ reszeit, die man in London zubringt, immer ſo ſehr mit ihren vergangenen, gegenwärtigen und zukünf⸗ tigen Vergnügungen beſchäftigt, daß ſie an ſonſt nichts Antheil nehmen können, und daß ihnen die, welche ſich nicht dafür intereſſiren, dumm und un⸗ angenehm vorkommen. Für Andere aber, welche lange weg geweſen und nicht mit dem vertraut ſind, was den Jubegriff ihrer Ergötzungen, wenn nicht gar ihres Glücks ausmacht, iſt eine Beſchrei⸗ bung von den Einzelnheiten derſelben ſo abgeſchmackt und langweilig, daß ſie ſich nothwendigerweiſe wun⸗ dern müſſen, wie Geſchöpfe, die Anſprüche auf Ver⸗ nünftigkeit machen, an dieſem ewigen Wechſel un⸗ gemüthlicher Luſtbarkeiten Freude finden können.“ „Wir dürfen nicht grämlich werden, Liebe,“ verſetzte Frau Sydney,„und der erſte Schritt da⸗ zu beſteht in dem Mangel an Theilnahme an den Vergnügungen ſowohl als den Sorgen Anderer. 15 Wir ſtehen Alle in Gefahr, dieſer Gewohnheit zu verfallen, wenn unſere Gedanken durch andere Beſtrebungen in Anſpruch genommen werden. Die vornehme Londoner Welt würde ein näheres Ein⸗ gehen auf das, was uns in Rom am Meiſten angeſprochen hat, falls wir ſo einfältig wären, uns darüber auszulaſſen, gerade ſo widerlich finden, als wir ihre Erzählungen von den Opern, Bällen, Conzerten und soirées, welche in dieſer Jahreszeit ihre Abende ausfüllen. Aber ich will einmal die Zeitung anſehen.“ Nachdem ſie ein paar Minuten hineingeblickt, rief Frau Sydney:„Ach, mein Kind, Du biſt zu voreilig geweſen, da Du meinteſt, wir würden hier die Annehmlichkeiten eines zurückge⸗ zogenen Lebens genießen und incognito bleiben kön⸗ nen. Höre einmal die pomphafte auf uns bezüg⸗ liche Ankündigung unter der Aufſchrift:„Hier ein⸗ getroffene Perſonen von Stande: Im Goſthof zum — Bachſtraße, verwichenen Abend Frau und Fräu⸗ lein Sydney mit zahlreichem Gefolge vom Feſtlande auf dem Wege nach dem prachtvollen Landſitz der ſchönen Erbin, wo eine Reihe glänzender Feſte die Rückkehr der ausgezeichneten Damen nach einer ſo langen Abweſenheit bezeichnen wird.“ „Iſt das nicht zu arg?“ ſagte Louiſe Sydney. „Wie unausſtehlich, daß man nicht einmal ruhig über London nach Hauſe gehen kann, ohne es in den Zeitungen verkündigt zu ſehen! Dieſe Ver⸗ 229 öffentlichung jeder Bewegung, die man macht, iſt nach meiner Anſicht eine widerliche Zugabe zu dem, was man mit einem nur in England bekannten Ausvruck in der Sprache des gemeinen Lebens die vornehme Welt nennt. Mir iſt es äußerſt unan⸗ genehm, mein Gehen und Kommen und Alles, was mich betrifft, in den öffentlichen Blättern beſprochen zu ſehen. Was brauchen ſie zu erzählen, wenn man ein Gaſtmahl hält, für was zeichnen ſie auf, an welchen Belnſtigungsorten man zugegen geweſen iſt, warum halten ſie ein weitläufiges Regiſter dar⸗ über, wie man die Zeit verderbt und ſein Geld verthut!“ „Ich muß zugeben, es hat ſeine desagrémens und die Fremden führen es als einen unſerer wun⸗ derlichſten Gebräuche auf. Es bringt uns bei dieſer Gelegenheit in den Fall, zwiſchen zwei Uebeln wählen zu müſſen und ich überlaſſe Dir, liebe Louiſe, die Entſcheidung darüber, welchem Du den Vorzug geben willſt. Wir müſſen entweder die Anordnung treffen, daß uns die Leute gegen alle Beſuche verläugnen und damit befehlen wir ihnen, eine Unwahrheit zu ſagen, oder wir müſſen uns gefallen laſſen, daß alle Augenblicke Leute zu uns gelaufen kommen, welche die Zeit damit zubringen, daß ſie ihre Langweiligkeit auf Andere übertragen, an welchen ihnen ſo wenig als möglich liegt.“ „Nicht daheim, muß heute die Tagesordnung 230 ſein, Mutter, denn ich fühle mich nicht ſtark genug, um das Zweite zu wählen und die Folgen davon durchzumachen. O, wie ſehne ich mich, aus Lon⸗ don fortzukommen!“ Der Thürſteher des Gaſthofs erhielt nun Be⸗ fehl, keinen Beſuch einzulaſſen als Herrn Wands⸗ worth; aber ſie hätten auch nicht nöthig gehabt, mit ihm eine Ausnahme zu machen, denn der Be⸗ diente, der nach Lincols inn geſchickt wurde, um den Herrn von der Ankunft der Frau Sydney zu benachrichtigen und ihn um einen Beſuch zu bitten, brachte die Antwort zurück, daß er gefährlich krank darnieder liege. „Dann wollen wir jetzt gleich nach Hauſe, liebe Mutter,“ ſagte Louiſe,„es verlangt mich nach dem Schatten unſerer mächtigen Bäume, ich möchte gerne meinen Fuß wieder auf die zarten, weichen und grünen Grasplätze ſetzen, von welchen wir ſo lange ſchon weg ſind.“ Frau Sydney ging auf den Vorſchlag ein und traf alle Vorkehrungen, um London am nächſten Morgen früh verlaſſen zu können. Mutter und Tochter ſetzten ſich wieder und laſen das Quarterly und Fdinburgh-Review. Und als ſie nun Wagen nach Wagen vor dem Thore anfahren hörten und ihnen eine Unzahl von Viſitenkarten überreicht wur⸗ den, wie froh waren ſie da, daß ſie die Vorſicht gebraucht und ſich gegen die Beſuche hatten ver⸗ 231 läugnen laſſen. Unter den Namen waren wenige oder gar keine, deren Träger ſie zu ſehen Luſt hatten, und dieſe wünſchten ſehr wahrſcheinlich eben ſo wenig, mit ihnen zuſammen zu treffen. Frau Sydney lächelte, wie ſie ein Verzeichniß von denen anfertigte, welchen Karten zurückgegeben werden ſollten, über dieſes bequeme Verkehrsmittel, durch das man eine Bekanntſchaft unterhalten kann und ſich Zeit und Mühe erſpart. Als der Abend hereinbrach, erfuhren Frau und Fräulein Sydney noch eine weitere Folge davon, daß ihre Ankunft in dem Morgenblatte angekündigt worden war. Sie wurden nämlich mit einer zahl⸗ loſen Menge von Briefen beſtürmt, worin Leute von jedem Alter und Geſchlecht ſie um eine Geld⸗ unterſtützung angingen und worin ſo herzzerreißende Beſchreibungen von der ſchrecklichen Armuth, die zu den Geſuchen Veranlaſſung gebe, gemacht waren, daß die Gemüthsruhe der beiden Frauenzimmer dadurch eine bedeutende Störung erlitt. Die mild⸗ thätigen Frauen hätten den Geldſeckel des Fortunat haben müſſen, um die verſchiedenen Schreiber der rührenden Zuſchriften aus den drückenden Verlegen⸗ heiten zu reißen, in welchen ſie ſich nach eigenem Geſtändniß befanden. Indeſſen blieben die Bitten nicht alle erfolglos, vielmehr erhielt Jedes von denen ein Geſchenk, deren Anſprüche auf Mitleid die gegründetſten zu ſein ſchienen. 232 In der frühen Morgenſtunde des nächſten Tages ſaßen die Frauenzimmer in ihrem Wagen und roll⸗ ten durch die Straßen der Stadt hin. Dieſelben waren jetzt mit Erzieherinnen und deren ſchönen Zöglingen, ſo wie mit Säugammen bedeckt, welche ihre jungen Pflegbefohlenen auf die freien Plätze und Gärten geleiteten, um die friſche Morgenluft zu genießen. Da ſah man Milch⸗ und Butter⸗ händler und Bäckerjungen, welche ihre Kundenn den täglichen Bedarf an dieſen verſchiedenen Lebens⸗ mitteln brachten; die Zeitungsträger eilten da und dort hin, um die Morgens erſcheinenden Zeitun⸗ gen abzugeben und die Reiſenden waren erſtaunt, daß die Straßen ſich jetzt ſo ganz anders ausnah⸗ men, als des Nachmittags, wo ſie ſich mit ſchönen Gefährten und gutgekleideten Reitern und Fußgãän⸗ gern füllten. Keine Stadt bietet einen ſo glänzen⸗ den Anblick dar, in keiner iſt das Gedränge ſo ſtark wie zu London während der Jahreozeit, in der die vornehme Welt ſich daſelbſt aufhält und zu gewiſſen Stunden des Tages. Nur Morgens früh, ſowie von halb acht Uhr Abends, wo die Leute zum Mittageſſen gehen, bis es Zeit wird zum Beſuch der létes, der Bälle und soirées, d. h. bis halb elf oder elf Uhr Nachts ſind die Straßen verhältnißmäßig leer. Man ſieht um dieſe Zeit wohl auch Fuhrwerke und darunter manchmal recht ſchöne in den Straßen, aber ſie halten nicht an den 233 prachtvollen Wohnungen der Reichen und Großen, denen ſie nach den Kronen und andern auf den Füllungen der Wägen angebrachten Wappenverzie⸗ rungen zu ſchließen, gehören; ſie halten an den Schnapsläden und weniger prachtvollen Gebäuden, wo alle Vorkehrungen getroffen ſind, um den un⸗ löſchbaren Durſt zu ſtillen, der eine den Kutſchern und Lakaien eigenthümliche Krankheit ſein ſoll. Da ſieht man den Kutſcher mit der weißen Perrücke, dem aufgeſtülpten Treſſenhut, der ſchimmernden, an den Nähten mit Gold⸗ und Silberborden beſetzten Livree, wie er auf ſeinem hohen Bock ſitzt. Neben ihm ſind die Wappenbilder ſeines adeligen Herrn angebracht und, welche Entweihung, der Kutſcher läßt die Würde ſeines Pairs ſowohl als die eigene ſo ſehr außer Acht, daß er in mächtigen Zügen und aus einem ungeheueren zinnernen Gefäß ſein Lieblingsgetränk zu ſich nimmt. Manchmal bläſt er auch den weißen Schaum ab, der ihn am Trin⸗ ken hindert und der zum Theil auf ſeine ſeidenen Hoſen und auf den Ueberzug ſeines Sitzes her⸗ unterſpritzt. Während dieſes Geſchäfts erregen die ſtampfenden Pferde, welche ſtolz an ihren Stangen kauen, ihre glänzende Haut, ihr gebogener Hals und die weit offenen Naſenlöcher die Bewunderung der faulenzenden Jungen, welche ſich in der Nähe herumtreiben. Auch die beiden ſtämmigen Lakaien ſind nicht müßig. Jeder iſt eifrig beſchäftigt mit 234 einem ſchäumenden, gewaltigen Bierkrug, jeder ſchluckt mit großem Behagen, aber ein gewiſſes verächtliches in die Höhe Werfen des Kopfs ver⸗ räth, daß er mit der Beſchaffenheit des Getränks nicht ganz zufrieden iſt. An die Stelle des unter⸗ würfigen und ehrerbietigen Betragens, das ſie den Tag über gegen ihre hochgebornen Gebieter und Gebieterinnen einhalten, iſt jetzt ein ungezwungenes, hochmüthiges Weſen getreten, ihre Sprache iſt die bei Wettrennen übliche, ſie ſchmeckt nach dem Stall und bringt den Umſtehenden einen höheren Begriff von ihrer Kenntniß der Ausdrucksweiſe des gemei⸗ nen Lebens als von ihren Sitten bei. Frauen⸗ zimmer, die mit Verwahrung des Silbers und Weins betraut ſind, und Haushälterinnen ſind da en grande toilelte zu ſchauen. Ihre Herrſchaft iſt zum Eſſen gegangen und ſie eilen in Abendgeſell⸗ ſchaften, welche von dem Geſinde anderer vorneh⸗ men Familien oder von den Handelsleuten, bei denen ſie ihre Einkäufe machen, gegeben werden. Sie haben die ihnen anvertraute Sorge für das Hausweſen ihrer Brodherren der niederen Diener⸗ ſchaft übertragen und ihnen ſtreng eingebunden, ja das Haus nicht zu verlaſſen. Dieſe aber über⸗ laſſen die ihnen angewieſenen Obliegenheiten den niederen Mägden oder Spühlweibern, welche dann ihrerſeits die Gelegenheit dazu benützen, um ihre Liebhaber zu ſich kommen zu laſſen und eine Taſſe Thee mit ihnen zu trinken. Solche Beſuche führen nicht ſelten ſpäter zu einem Diebſtahl, indem ſie den Liebhaber in Stand ſetzen, ſich mit der Ge⸗ legenheit des Hauſes genau bekannt zu machen. Kammerjungfern, zierlich angethan mit dem ererb⸗ ten Putz ihrer Gebieterinnen trippeln leichtfüßig an Einem vorüber, um ihren Geliebten, den valels de chambre der vornehmen Leute, welche ihre Herr⸗ ſchaft zu beſuchen kommen, ein Stelldichein zu geben; und endimanchées Hausjungfern eilen flüchtig mit den Lakaien oder Reitknechten dahin, welche ihre Neigung gefeſſelt haben. Krämer und Ladendiener gehen hie und da auf die Baumanlagen zu, um, wie ſie das nennen, einen Mundvoll friſche Luft zu genießen, ein agrément, welches jedoch mit einer nicht unbeträchtlichen Menge Staub verbunden ift. Mag dem aber ſein, wie ihm wolle, es macht ihnen doch möglich, die langen Stunden der Ein⸗ ſperrung in engen Läden zu ertragen und ſich für die Anſtrengung zu entſchädigen, mit der ſie hinter ihren Tiſchen ſtehen und ihre Kunden den Tag über bedienen müſſen. Ein Theil der Londoner Einwohnerſchaft, und der die friſche Luft ſehr nöthig hätte, um den erſchöpften Körper zu ſtärken, iſt von dieſer Erholung ausgeſchloſſen— die Kleider⸗ macherinnen und gewöhnlichen Arbeiterinnen. Woll⸗ ten die hochgeſtellten und vornehmen Frauen, für deren Putz dieſe armen Geſchöpfe ſich den ganzen 236 mühevollen Tag und häufig auch noch die langen Nächte abquälen, bedenken, um welch' hohen Preis die zierlichen Gewänder erkauft ſind, welche die Anmuth ihrer Geſtalt ſo gut hervorheben, ſo wür⸗ den ſie mit einander zu Rathe gehen und ſich ent⸗ ſchließen ihren allmächtigen Einfluß dahin geltend zu machen, um einer Einrichtung abzuhelfen, welche in Folge des Wunſches hervorgerufen worden iſt, den unvernünftigen Beſtellungen von Kleidern zu genügen, die ſo ſchnell verlangt werden, daß die Zeit zu kurz iſt, um ſie anders fertig zu machen, als indem die Unglücklichen den Schlaf vpfern, welche daran arbeiten. Könnten ſie die matten Augen ſehen, die blaſſen Wangen, die magern Geſtalten und die ſorgenſchweren Stirnen der armen Kleider⸗ macherinnen, ſo würden ſie niemals Anzüge be⸗ ſtellen, die in ein paar Stunden geliefert werden müſſen, und ihr Gewiſſen wäre einer Laſt entledigt; unmöglich könnten ſie, blos um ihre Eitelkeit zu befriedigen, Etwas heiſchen, was nur mit ſo ſchwe⸗ rer Einbuße für die Arbeitetin geleiſtet werden kann. Die engliſchen Frauen ſind nicht ohne Geſühl, ſie vergeſſen blos manchmal, was ſie zu thun haben. Das reizende Geſchöpf, deſſen zarter Hals von den Perlen des Morgenlandes umgeben iſt, denkt nicht an die Gefahr der Leute, welche unter das Waſſer tauchen, um die koſtbaren Edelſteine zu ge⸗ winnen. Könnten ſie nur einmal das Geſchäft mit anſehen, ſie würden gewiß zittern; ja, wir möch⸗ ten faſt ſagen, auch die eifrigſte Liebhaberin der⸗ ſelben würde es verſchwören in Zukunft ſolche zu tragen. So denken auch die Frauenzimmer, wenn ſie einander mit Kleidern geſchmückt ſehen, die ihnen wohl anſtehen, nicht an die ſauren Stunden der Arbeit, welche die Fertigung derſelben verurſacht hat; wäre das, und wir hoffen alles Ernſtes, es werde geſchehen, ſo würden ſie bald Alles thun, was in ihrer Macht ſteht, um das Geſchäft zu erleichtern und den Zuſtand der Putzmacherinnen zu verbeſſern. Aber wir ſind zu weit von unſerer Erzählung abgekommen. Wir haben Frau und Fräulein Syd⸗ ney verlaſſen, wie ſie an einem ſchönen Maien⸗ morgen aus London wegfuhren; beide herzlich froh von der Hauptſtadt wegzukommen, welche doch in dieſer Jahreszeit den Meiſten ihres Geſchlechts ſo beſonders anziehend erſcheint. Sie redeten nichts unter einander, bis ſie die Vorſtädte erreichten: da zeigte Frau Sydney auf die zierlichen Häuſer, die auf der Seite der Straße zerſtreut ſtehen, auf die kleinen Gärten davor, aus denen der Wohlgeruch von allerlei buntfarbigen Blumen und Relken auf⸗ ſtieg und deren Düfte die friſche Morgenluft zu ihnen hinübertrug und ſagte:„Sieh', meine Liebe, einmal die beſcheidenen, aber hübſchen Wohnungen an. In allen Ländern, außer den unſrigen, wür⸗ den wir ſo Etwas vergeblich ſuchen. Andere Länder 238 mögen wohl ſtattlichere Paläſte aufzuweiſen haben, als England von ſich rühmen kann, aber dieſe rein⸗ lichen, einladenden Häuschen, worin die Schreiber auf öffentlichen oder Privat⸗Bureaux ihre Heimath aufgeſchlagen haben und in welche ſie jeden Abend zurückkehren, wenn ſie ihre täglichen Geſchäfte ab⸗ gemacht haben, ſind nur bei uns anzutreffen. Dieſe Wohnungen ſind das, was Reiſenden, die zum erſten⸗ mal nach England kommen, am meiſten auffällt; und ich finde jetzt nach ſo langer Abweſenheit eben ſo viel Freude daran, wie ein Fremder. Es ſcheint, als ſeien die höheren und mittleren Stände nach allſeitiger Zuſtimmung übereingekommen, unſer Land ſchön und anziehend zu machen. Die Parke der erſteren mit den gewaltigen und ſchattenreichen Bäu⸗ men, deren Zweige bis zu der grünen Erde reichen und unter denen zierliche Hirſche oder ſchöne Kühe eine Zuflucht vor den Strahlen der Nachmittags⸗ ſonne ſuchen, das ringsum zerſtreute Wald⸗ und Buſchwerk machen eine Reiſe in England äußerſt angenehm; aber die maleriſchen Landhäuschen mit ihren vergitterten Fenſtern, umkränzt von ſternigem Jasmin, dem verſchlungenen Geisblatt und der blühenden Roſe, die man auf jedem Schritte an⸗ trifft, ſind nicht minder anziehend. Selbſt der Landmann bepflanzt den kleinen Streifen Garten, in welchem ſeine ärmliche Hütte verborgen iſt, gerne mit Blumen. Sie ſind freilich nur von der ge⸗ 239 wöhnlichſten und einfachſten Art, aber ſie vermeh⸗ ren doch die Schönheit des Landſchaftsgemäldes, das jede Straße in unſerem geſegneten Lande dar⸗ bietet und erwirbt ihm das Lob, das ich im Aus⸗ lande oft mit Vergnügen von Reiſenden bei ihrer Rückkehr aus England vernommen habe. Die Fremden ſagen, ach, das Land iſt ein herrlicher Garten. Dieſer übereinſtimmende Geſchmack an ländlichen Schönheiten, der allen Claſſen eigen iſt, findet ſich nach meiner Anſicht nirgends als bei uns. In der Schweiz mag man ihn in einigen Gegen⸗ den hie und da antreffen, aber bei uns iſt er all⸗ gemein und ſollte, wie die Verwandtſchaft der Ge⸗ müther in andern Dingen, freundliche Geſinnungen zwiſchen Allen erwecken, wie verſchieden auch ihr Stand ſein möge.“ „Wir müſſen uns beſſer mit unſern Nachbarn, den Bauersleuten bekannt machen, liebe Mutter; ich ſollte aber ſagen ich, anſtatt wir, denn Du haſt immer ſo viel Antheil an ihnen genommen, daß Du bereits gehörig vertraut biſt mit ihren Ange⸗ legenheiten und Bedürfniſſen, auch biſt Du ihnen darin oft und in angemeſſener Weiſe an die Hand gegangen. Ich habe mich weniger darum bemüht, aber ich will mich beſſern und in der Vermehrung ihres Glücks einen Troſt für den Verluſt meines eigenen zu finden ſuchen.“ Frau Sydney drückte ihre Tochter an's Herz, ——— es fiel ihr aber nicht ein, einen der Gemeinplätze, eine der nichts ſagenden Wahrheiten anzubringen, zu denen man bei ähnlichen Gelegenheiten ſo oft ſeine Zuflucht nimmt, in der verfehlten Abſicht den Bekümmerten oder Niedergeſchlagenen aufzu⸗ richten. Louiſe fühlte das Zarte und Verſtändige davon, daß ihre Mutter ſie mit derlei Aeußerungen ver⸗ ſchonte und dankte ihr bei ſich ſelber dafür; aber ein Druck der Hand war das einzige Zeichen, daß ſie es zu würdigen wußte. Die Reiſenden gelangten an dieſem Abend in das kleine Dorf Silverton und Frau Sydney war von früheren Zeiten her und ſchon ſo lange mit den guten Eigenſchaften des Gaſthauſes bekannt, daß ſie es ſich nicht hätte nehmen laſſen auf dem Wege zu und von ihrer Heimath immer daſelbſt zu übernachten. Ihre und ihrer Tochter Ankunft wurde auch von der guten alten Wirthin mit un⸗ verſtellter Freude begrüßt. Sie wies ihnen ihr beſtes Zimmer an und tummelte ſich die auserle⸗ ſenſten Leckerbiſſen herzurichten, welche Speiſekam⸗ mer und Fiſchweiher zu liefern vermochte. „Ach, Madame, das iſt mir jetzt gewiß eine recht unerwartete Freude und Ehre,“ ſagte Frau Mappleton, als ſie mit einem in der Eile aus dem Garten geholten, ungeheuren Blumenſtrauß in das Zimmer trat und denſelben in ein großes Gefäß 241 von chineſiſchem Porzellan auf einen Tiſch am Fenſter ſtellte, das auf den Garten ſelber hinaus⸗ ging.„Meine Enkelin hat den Morgen in einer Londoner Zeitung geleſen, daß Sie mit Ihrer Fräulein Tochter dort angekommen ſeien, und wir freuten uns recht über die Nachricht; aber ich hätte nicht gedacht, daß Sie mitten in der Jahreszeit, die man ſonſt daſelbſt zubringt, die Stadt verlaſſen würden. Jetzt ſind doch alle vornehmen Leute da, und da konnte ich nicht glauben, daß ich ſo bald die Ehre haben würde, Sie im grünen Drachen zu bewillkommen.“ Frau Sydney war gerührt und erfreut über die Herzlichkeit der guten Wirthin und ſelbſt die ſchwermüthige Louiſe fand Gefallen an ihr. Eine treffliche Mahlzeit wurde in ſo kurzer Zeit aufge⸗ tragen, daß ſie meinten, es ſei nicht möglich, jetzt ſchon damit fertig zu ſein; und als ſie nach dem Eſſen ihren Kaffee, am offenen Fenſter ſitzend, zu ſich nahmen und den köſtlichen Geruch der Nelken und anderer Blumen einathmeten, der vom Garten in das Zimmer hereinwehte, da mußten ſie ſich geſtehen, daß es wenig Wirthshäuſer gebe, die ſich in Bezug auf Bequemlichkeit und Stille mit den guten, altmodiſchen Herbergen auf dem Lande in England vergleichen laſſen, wo die neueren Erfin⸗ dungen, die man irrigerweiſe Verbeſſerungen nennt, unbekannt ſind. Die Amme Murray und die Strathern mi. 16 242 femme de chambre der Frau Sydney waren nicht minder zufrieden mit ihren Zimmern und der Be⸗ wirthung. „Nun,“ ſagte die Erſtere, als ſie die trefflichen Speiſen verkoſtete, die vor ihr ſtanden,„das iſt denn doch auch etwas Rechtes. Das iſt kein ſo ein Durcheinander, kein ſolcher Miſchmaſch, daß man nicht mehr weiß, was man ißt, ſondern gut und einfach, durchaus gekocht und gebraten. Wie friſch ſind die Fiſche, wie fett das Geflügel, und welches zarte kernfeſte Hammelfleiſch! Ja, das ſieht doch noch einem Mittageſſen gleich, beſonders wenn man in Italien bei der Mineſtra, wie ſie's heißen, beinahe verhungert iſt. Dann geben ſie Einem eine Suppe, die aus nichts beſteht als aus warmem Waſſer, ein wenig mageres Fleiſch, etliche Macca⸗ roni und ſchlechten Käſe; und dann kommen noch drei oder vier andere, eben ſo ſchlechte Schüſſeln, die, der Himmel weiß, aus was gemacht ſind. Nun, wenn adelige und andere angeſehene und reiche Leute ſolch' eine Koſt haben können, wie die, und ſolche reinliche Wirthshauſer antreffen, wo alles Weißzeug nach Lavendel riecht und der Boden ohne alle Flecken iſt, da wundert's mich, wie ſie es über ſich gewinnen können, einen Monat in Italien oder Frankreich zu bleiben. Rede mir nur Nie⸗ mand von dem Clima, mir iſt es weit lieber, wenn der Himmel Etwas umwölkt iſt und ich einigen * 243 Froſt empfinde, als wenn mir die Sonne immer⸗ während die Augen blendet und mein Körper von der Hitze gebraten wird, wie in Italien. Und was iſt es für eine Wohlthat um ein gutes Steinkoh⸗ lenfeuer!— dem kommt auf der ganzen Welt nichts gleich. Das Holz aber fackelt und ſpritzt und man muß faſt alle halbe Stunden nachſchüren. Und dann muß man bedenken, was es werth iſt, wenn Einen alle Welt kennt und achtet!— wo in ganz Italien oder Frankreich hätte wohl Frau Syd⸗ ney und unſer junges Fräulein einen Willkomm ge⸗ funden, wo wären ſie aufgenommen worden, wie hier von Frau Mappleton, oder wo würde man uns mit ſo viel Reſpect und Aufmerkſamkeit be⸗ handelt haben? Rein, nein, laſſet mir Altengland und ich will nie wieder in fremde Länder gehen. Ich habe genug bekommen, das kann ich ſagen.“ Während Frau Sydney und Louiſe in der Däm⸗ merung bei einander ſaßen und plauderten, drang ihnen der Ton einer Windharfe, welche durch den friſchen Abendwind in Bewegung geſetzt wurde, ſchmeichelnd in die Ohren. Sie ergriff beider Her⸗ zen und während ſie auf die tiefen, ſchauerlich kla⸗ genden Töne horchten, welche einem Requiem auf den Tod glichen, rollte ihnen Thräne um Thräne die Wangen herab. Auch bekümmerte ſich keine von beiden darüber, ob die Wirkungen der Trau⸗ rigkeit, welche dieſe am wenigſten mit der Erde 16* 244 verwandte Muſik hervorbrachte, durch die Schatten der Nacht verborgen wurden. Die Gedanken der Frau Sydney beſchäftigten ſich mit dem Todten⸗ reich. Oft hatte ſie mit ihrem Gemahl ähnlichen Klängen gelauſcht und große Freude daran gehabt, ja, gerade in dem Zimmer, wo ſie jetzt ſaß, hat⸗ ten ſie einſt vor vielen Jahren in der Dämmerung bei einander geſeſſen und das Geſpräch aufgegeben, um der nämlichen Trauermuſik zu horchen. Jahre, lange Jahre waren ſeitdem über ihrem Haupt hin⸗ gezogen, und doch brachten ihr die ſanft ergreifen⸗ den, luftigen Töne, welche jetzt den Saiten ent⸗ quollen, die Vergangenheit wieder ſo lebendig vor die Seele zurück, daß es ihr vorkam, als hätte ſie erſt geſtern die Muſik mit ihm angehört, der nun ſo lange ſchon im Grabe ſchlief. Louiſe dachte zwar nicht an einen Verſtorbenen, aber es lag mehr Bitterkeit in ihren Gedanken als in denen ihrer Mutter. Frau Sydney trug die beruhigende Ueber⸗ zeugung in ſich, daß der, welchen ſie ſo tief be⸗ trauerte, deſſen ſie ſich mit ſo viel Zärtlichkeit er⸗ innerte, geſtorben war, während er ſie noch ſo innig liebte, als an dem Tag, da er ſie ſeine Braut nannte. Sie wurde von der Hoffnung be⸗ glückt, daß ihre Abberufung von der Welt ſie mit ihm in einer beſſeren Welt wieder vereinigen würde, wo keine Trennung mehr iſt. Aber ihre Tochter weinte über die grauſamſte Herzenstäuſchung, über 245 die Falſchheit eines Mannes, auf den ſie ihre ganze Neigung, alle ihre Hoffnungen auf irdiſches Glück übertragen hatte und der, zwar noch am Leben, aber für ſie todt war. Wie oft hatte ſie ſich die Rückkehr in die Heimath ihrer Väter ausgemahlt, begleitet von ihm!— und jetzt reiste ſie ohne ihn dahin, mit zerriſſenem Herzen und gebrochenem Muth— die Gegenwart erſchien ihr faſt uner⸗ träglich, die Zukunft düſter. Welch' ſchönes Ge⸗ väude von Glück hatte ſie auf der Grundlage ver⸗ trauender Liebe errichtet! Und wie lag es jetzt da am Boden, vernichtet durch ſeine Treuloſigkeit und Falſchheit! Die Betrachtungen und Träumereien von Mut⸗ ter und Tochter wurden durch den Eintritt ihrer guten Wirthin unterbrochen. Frau Mappleton brachte auf einem mit ſchneeweißem Tellertuch überdeckten Speiſebrett zwei kleine porzellanene Gefäße mit ge⸗ ronnener Milch und Molken, in deren Bereitung ſie für ausgezeichnet galt. „Ich habe mir die Freiheit genommen, meine Damen, Ihnen mit Etwas aufzuwarten, was Sie, gnädige Frau, früher oft gelobt und worauf Sie mich faſt eitel gemacht haben. Auch das liebe Fräu⸗ lein hat es recht gern gegeſſen, wie ſie noch ein ganz kleines Kind war.“ „Ich danke Ihnen, gute Frau Mappleton; wir haben zwar nicht im Sinne gehabt, vor Schlafen⸗ — S 246 gehen noch Etwas zu genießen, aber jetzt wollen wir doch auf jeden Fall Ihre geronnene Milch und Molken verſuchen,“ erwiederte Frau Sydney. „Ach, gnädige Frau, wie die Zeit vergeht! Es heißt in dem alten Sprichwort,„ein lieblich Kind wächst gar geſchwind,“ und gewiß iſt Fräu⸗ lein Sydney eine recht reizende Dame geworden. Ich meine, ich habe ſie erſt geſtern noch als ein ſchönes Kind auf der Amme Murray Arm geſehen. Die ganze Gegend wird recht froh ſein, Madame, wenn ſie hören, daß Sie wieder auf Sydney⸗Park zurückkommen. Tauſendmal haben ſie ſchon be⸗ dauert, daß Sie ſich im Auslande aufhielten, doch iſt es von Niemand getadelt worden, denn alle Welt weiß, daß Ihre zarte Geſundheit die Ver⸗ anlaſſung zu Ihrer Entfernung gegeben hat und keineswegs der Wunſch, fern von Ihrem Geburts⸗ lande zu wohnen. Sie werden die Nachbarſchaft recht verändert finden, Madame, aber nicht zu ihrem Vortheil, muß ich leider ſagen. Einige adelige Familien, und zwar von den alten, haben ſich halb zu Grunde gerichtet und ſind in's Aus⸗ land gegangen, um ſich bei einem eingeſchränkten Leben wieder zu erholen— das Spielen, Madame, und Rennen ſind an Allem Schuld. Wie Schade, daß kein Geſetz gegeben wird, wodurch die adligen und andere Herren verhindert würden, ſich und ihre Kinder durch ein ſolch' böſes Leben zu Bettlern zu 247 machen? Oh, Madame, das Herz hätte Einem bluten mögen, wenn man zu den Verſteigerungen kam, die in dieſer und der benachbarten Graſfſchaft Statt gefunden haben, wenn man es mit anſah, wie die koſtbaren Gemälde und Bildſäulen, welche durch viele Geſchlechter hindurch vom Vater auf den Sohn übergegangen waren und bei feßtlichen Gelegenheiten die Leute viele Meilen weit herbei⸗ gezogen hatten, wie die von den Wänden und Ge⸗ ſtellen, wo ſie mehr als ein Jahrhundert gehangen und geſtanden, heruntergenommen, unter den Ham⸗ mer gebracht und den gaffenden Blicken und den Bemerkungen von Londoner Bilderhändlern und Ju⸗ den Preis gegeben wurden, die ſich dabei um nichts weiter kümmerten, als darum, ob ſie bei dem Kauf und Verkauf derſelben einen gehörigen Schnitt machen könnten. Wie muß Einem zu Muthe werden, wenn man bedenkt, mit welchem Stolz die alten Haus⸗ hälterinnen dieſe Gemälde und Bildſäulen ihren Beſuchen vorwieſen. Wenn gemeinen Leuten, wie mir und vielen von meinen Nachbarinnen an Feſt⸗ tagen erlaubt wurde durch die großen Gemächer und Gallerien zu gehen, wagten wir kaum laut zu ſprechen, da aber ſah man ſie voll unbedeutender, ſchlecht ausſehender Männer, die in beſſeren Zeiten der Verwalter oder die Haushälterin nicht in ihre Zimmer hereingelaſſen hätten. Und die Burſche ſchienen da wie zu Hauſe und behielten die Hüte — auf dem Kopf in Gemächern, wo ſonſt die Edel⸗ ſten im Lande, ja Könige ſogar gewohnt hatten. Und dabei mußte man noch ihre gemeinen Späße anhören, an Orten, wo nie zuvor ein rohes Wort ausgeſprochen worden war. Oh, Madame, das war ein trauriger Anblick, und wie ich ſo mit an⸗ ſah, daß die ſchönen Sachen von ſolchen Menſchen erſtanden und fortgenommen wurden, um, Gott weiß wo, aufgehangen zu werden, da fiel mir ein, welche bitteren Gefühle der Schaam und Reue die letzten Eigenthümer empfinden und wie unangenehm ſie es finden mußten, ihren Söhnen und Erben in's Geſicht zu ſchauen, nachdem ſie dieſelben durch Spielen und Wettrennen um die Wohnſitze gebracht, die auf ſie hätten übergehen ſollen, wie ſie ſich von Vater auf Sohn, von Geſchlecht zu Geſchlecht vererbt hatten. Es kam mir vor, Madame, als ſähen ſogar die Gemälde und Bildſäulen beſchämt und grämlich darüber aus, daß ſie in ſolche Hände fielen. Das Silberzeng/ Madame, das ſchöne, gediegene Gold⸗ und Silber⸗Geſchirr mit dem Fa⸗ milien⸗Wappen, auf welchem, wie Jedermann weiß, Könige und Königinnen geſpeist haben, wurde von ſchmutzigen Händen betaſtet und wie gewöhnliches Gold und Silber ausgewogen. Die Taufbecken, die bei der Taufe ſo vieler adeliger Kinder und Erben Dienſte gethan, wurden jetzt losgeſchlagen, um eingeſchmolzen zu werden. Der reiche Hausrath, 249 den man ausdrücklich hatte machen laſſen, daß er für die einzelnen Theile des Hauſes paßte, wurde ſtückweiſe weggegeben und überall hin zerſtreut an Jeden, der Luſt hatte Etwas zu kaufen. Ach, Madame, ein ſolcher Anblick hätte hingereicht, um jeden Spieler oder Wettrenner für immer von ihren Leidenſchaften zu heilen;— aber ſie gehen ſelten zu Verſteigerungen— nur wenige Edelleute thun das— ſie laſſen dieſe Geſchäfte durch jüdiſche Mäkler für ſich abmachen. Aber, wahrhaftig, Ma⸗ dame, ich fürchte Ihnen mit meinem Geplauder die Zeit lang gemacht zu haben; es fiel mir gar nicht ein, daß es ſchon ſo ſpät iſt.“ Zehntes Kapitel. „Es iſt ein wahrer Satz, und alle Welt Geſteht die Richtigkeit deſſelben ein: „Daß ſich der Menſch niemals für glücklich hält, Und immer hofft, er werd' es ſpäter ſein.“ Das können wir an uns und Ander'n ſehen, Mag noch ſo viel uns auch nach Wunſche gehen. Wem das Geſchick das Gold in Haufen gab, Dem geht oft der Geſundheit Segen ab; Und wem ſich auch die Beiden günſtig zeigen, Den trifft des ſchlauen Liebesgottes Pfeil Und ſtatt Genuß wird ihm dann Qual zu Theil: Amor's Gefolge bringt die Luſt zum Schweigen. 250 Vermögen und Geſundheit kann die Pein, Die Amor's Opfer mit einander theilen, Nicht ſänftigen; das kann nur er allein, Wenn er geruht zu lächeln und zu heilen.“ Wenige Tage nachdem Frau und Fräulein Sydney von Como abgereist waren, traf ein Brief von dem Marquis von Roehampton bei ſeinem Sohne ein. Lord und Lady Delmington ſaßen eben mit Strathern beim Frühſtück als die Briefſchaften abgegeben wurden, und der Erſtere hatte nicht ſo bald die Handſchrift ſeines ſtrengen Vaters erkannt als er die Farbe wechſelte, das Schreiben zu ſich nahm und auf ſein Zimmer ging um es zu leſen. Das liebende Weib hatte den Wechſel in ihres Gatten Zügen wohl bemerkt und wäre ihm gefolgt, aber Strathern bat ſie zu bleiben und zu warten bis Lord Delmington entweder nach ihr ſchickte oder wiederkäme. Es war peinlich ihre Gemüthserre⸗ gung mit anzuſehen. „Ich fürchte, Herr Strathern,“ ſagte ſie,„ich habe ſehr Unrecht gethan als ich dem Andringen meines geliebten Franz nachgab und ohne die Ein⸗ willigung ſeines Vaters mich mit ihm verehelichte. Wäre er geſund geweſen, ich glaube ich hätte, ſo innig, ſo zärtlich ich ihn liebe, Feſtigkeit genug be⸗ ſeſſen, um ſeinen Bitten zu widerſtehen. Aber es war mehr als ich zu ertragen vermochte ihn allein, krank und elend wie er war, abreiſen zu laſſen. 251 Und doch habe ich mir, ſeitdem ich von der Härte und Strenge ſeines Vaters gehört, immer Vor⸗ würfe gemacht daß ich mich heimlich in eine Fami⸗ lie eindrängte, die aller Wahrſcheinlichkeit nach nichts von mir wird wiſſen wollen. Dieſer Schritt könnte überdieß und was noch von unendlich größerer Be⸗ deutung iſt, meinem angebeteten Gemahl das immer⸗ währende Mißfallen ſeines Vaters zuziehen. Oh, wenn dieſer Fall einträte, und meine Ahnung ſagt mir daß es nur zu wahrſcheinlich iſt, ſo kann ich mir nimmer verzeihen.“ Thränen erfüllten die ſchönen Augen der Lady Delmington, obgleich ihr Strathern Hoffnung zu machen ſuchte und ſagte, der Marquis von Roe⸗ hampton könnte allerdings unter dem erſten Einfluß des Zorns darüber daß man ihn hintergangen, die Heirath ſeines Sohnes übel aufnehmen, Zeit und Nachdenken würden ihn aber ſchon mit etwas aus⸗ ſöhnen was ſich ja doch nicht mehr ändern laſſe, und ſo werde Alles ein glückliches Ende gewinnen. Junge und unerfahrene Leute ſind ſtets geneigt, ſich der Hoffnung hinzugeben und als Lady Del⸗ mington Strathern zuhörte, erfüllten glänzende Träume von Verſöhnung und künftigem Glück, das ſich darauf bauen ließe, noch einmal ihre Bruſt. Sie wiſchte ſich die Thränen ab und rief:„Wenn der Marquis von Roehampton den erſten und ein⸗ zigen Fehltritt ſeines Sohnes verzeiht, ſo ſoll mein 252 — ganzes Leben blos dazu verwendet werden ihm meine Dankbarkeit zu bezeigen. O, Herr Strathern, wie oft ſchon habe ich gewünſcht, mein theurer Gemahl wäre, ſtatt mit einem hohen Rang und großem Ver⸗ mögen geboren zu ſein, aus keinem vornehmeren Ge⸗ ſchlecht entſproſſen als ich ſelbſt und ich wollte er hätte keine glänzenderen Ausſichten als die auf ein beſcheidenes Auskommen, denn ich fühle wohl, daß ich nicht geeignet bin für die hohe Stellung zu welcher mich ſeine Liebe erhoben hat. Ich habe keinen größeren Ehrgeiz als den in einer glücklichen Eingezogenheit mit ihm zu leben.“ Das unſchuldige und ſchlichte Weſen der Lady Delmington, welches eine ihrer hervortretendſten und anziehendſten Eigenthümlichkeiten ausmachte, leiſtete Gewähr für die Wahrheit ihres naiven Ge⸗ ſtändniſſes, und Strathern ſeufzte als er an den harten und unbeugſamen Charakter des Marquis von Roehampton dachte, welcher ſo wenig Grund zu der Hoffnung bot daß eine ſolche Schwiegertochter ihm jemals annehmlich erſcheinen würde. Eine hoch⸗ geborne Dame mit einer hauteur und flerté gleich ſeiner eigenen, die auf den Stammbaum der Fa⸗ milie, auf welchen er ſo ſtolz war, einen friſchen Zweig alten Adels ſetzte, war es was er wünſchte. Mochte ſie dann auch nicht eine gute oder empfeh⸗ lende Eigenſchaft beſitzen, um das Leben ſeines Soh⸗ nes zu einem glücklichen zu machen, ſie würde ihm 253 lieber geweſen ſein als die Liebenswürdigſte und Schönſte ihres ganzen Geſchlechts, wenn ſie ſich nicht einer adeligen Abkunft rühmen konnte, und er hätte ſeinen Sohn für einen einfältigen Schwächling gehalten, wenn er mit einer ſolchen Frau nicht zu⸗ frieden geweſen wäre. Nachdem Lord Delmington eine Stunde entfernt geweſen, trat er wieder in's Zimmer. Er war noch blaſſer als gewöhnlich und ob er ſich gleich Mühe gab zu lächeln als ſeine Gattin an ihn herantrat, ihm die Hand auf den Arm legte, und ihm mit einem Blick der innigſten Zärtlichkeit in's Geſicht ſchaute, blieb doch das Lächeln matt und erzwungen und ſeine Lippen bebten als er zu ſprechen ver⸗ ſuchte. „Ich weiß ſchon Alles,“ ſagte ſeine Frau und wurde ſo blaß wie Marmor;„ich bin allein daran Schuld.“ „Nein, meine Liebe. Laß dich's nicht gereuen mich zum glücklichſten von allen Männern gemacht zu haben. Hätte ich es noch einmal zu thun, ſo würde ich dich auf den Knien bitten die Meinige zu werden wie ich ſchon einmal gethan. Du allein haſt mir Veranlaſſung gegeben daß ich ein Leben zu erhalten ſtrebte das ohne dich keinen Werth be⸗ ſitzt; du allein kannſt mir den Reſt meiner Tage verſüßen, wenn mir eine längere Reihe derſelben verſagt ſein ſollte. Kein Tag geht vorüber, meine 254 Theure, ohne daß ich dir danke und dich dafür ſegne, daß du dich meinen Bitten gefügt. Laß es dir alſo nicht leid ſein dich mir hingegeben zu ha⸗ ben, denn bis zu meiner letzten Stunde werde ich dankbar ſein für das Glück das du mir gewährt haſt.“ Es lag ein Ernſt und eine Erhabenheit, im Klang der Stimme Lord Delmingtons, der ſeine Zuhörer auf's Tiefſte ergriff. Seine Frau fiel ihm um den Hals, während ihr die Thränen ſtromweiſe aus den Augen ſtürzten; er drückte ſie zärtlich an die Bruſt und Strathern ging der Thüre zu um ſich zu entfernen. „Geh' doch nicht fort, lieber Freund,“ ſagte Lord Delmington,„denn wir brauchen deinen Rath. Mein Vater iſt zu nichts zu bewegen. Er hat mir unter dem Einfluß eines heftigen Zorns einen Brief geſchrieben, von dem ich nicht hoffe daß er ihn bei ruhigem Nachdenken an einen einzigen Sohn hätte richten können, der noch dazu ſo ſchwach iſt wie ich. Aber wir wollen nicht von vergangenen Dingen reden. Ich habe den Brief vernichtet, da⸗ mit kein Auge außer dem meinigen das rauhe und unfreundliche Schreiben erblicke. Vielleicht kommt einmal eine Zeit da er bereut in dieſer Weiſe mit mir geſprochen zu haben. Für jetzt aber erklärt er mir, daß ich bei ſeinen Lebzeiten keine Unterſtützung von ihm zu gewärtigen habe. Mit einem Wort, 255 „ich bin nunmehr ein Bettler,“ hierbei wurde das offene Geſicht Delmington's feuerroth bis an die Schläfe. „Nein, mein lieber Delmington, ſo lange ich ein Vermögen habe, das, dem Himmel ſei Dank, weit größer iſt als meine Wünſche oder Bedürfniſſe es erheiſchen,“ erwiederte Strathern.„Du wirſt mir ſchon erlauben müſſen deinen Bankier zu machen, bis dein Vater gelindere Saiten aufzieht, und das wird binnen Kurzem der Fall ſein wie ich feſt über⸗ zeugt bin. Ich biete dir blos an was du nach meiner innigſten Ueberzeugung unter ähnlichen Um⸗ ſtänden für mich thun würdeſt; und ich müßte an der Aufrichtigkeit deiner Freundſchaft zweifeln, wenn du dich beſänneſt mein Erbieten anzunehmen.“ „Da ſiehſt du, Geliebte,“ rief Lord Delming⸗ ton,„daß es einen Erſatz gibt für jedes Mißge⸗ ſchick. Hätte mein Vater nicht lieblos gehandelt, ſo wäre mir wohl der Edelmuth und die Aufopferungs⸗ fähigkeit meines Freundes nie bekannt geworden. Uebrigens ſei verſichert, Strathern, daß ich auch ohne dieſen letzten Beweis davon auf dich, als auf meinen Bruder gezählt habe. Ich nehme die Geld⸗ unterſtützung ebenſo geradezu und mit eben ſo gu⸗ tem Glauben an als ſie mir angetragen wird; ich bedarf ihrer ſo lange bis mein Vater den einzigen Schritt verzeiht den ich je gegen ſeinen Willen gethan. Für die Zukunft wirſt du mir alſo mei⸗ 256 nen Unterhalt reichen, dir werde ich die Hilfe zu danken haben welche mir mein Vater verweigert.“ „Hoffentlich wirſt du jetzt nicht wie ein Knau⸗ ſer verfahren, und eine unnöthige Sparſamkeit ein⸗ halten. Bevenk' daß ich reich und Niemand auf der Welt Etwas ſchuldig bin. Dann iſt deine Geſundheit und Behaglichkeit ſowohl als die deiner Gemahlin größtentheils davon abhängig, daß ihr im Genuß der Dinge bleibet, welche der Geizige Gegenſtände des Lurus nennt, welche aber für Leute von zarter Geſundheit unentbehrlich ſind.“ „Du wirſt an mir einen Menſchen finden, der ſich gar nichts daraus macht wenn er in Schulden geräth, lieber Freund,“ ſagte Lord Delmington und ſchüttelte ſeinem Freunde die Hand. Ein dankba⸗ rer Blick von ſeinem ſchönen und ſanften Weibe belohnte Strathern für all den Antheil, den er an dem jungen und liebenswürdigen Paare nahm. „Eine Stunde nach dieſem Vorgang ſchritt er allein am Ufer des prächtigen Sees gerade auf die Stelle zu auf welche er Louiſe Sydney getragen, nachdem er ſie von dem Waſſertod errettet hatte, und zu der er trotz ſeiner oft erneuerten Vorſätze nicht mehr an ſie zu denken, immer wieder und mehr als einmal im Tage zurückkehrte.„Ja, ſagte er da bei ſich ſelbſt, welches Opfer wollte ich nicht bringen um ſo geliebt zu werden wie Delmington! O Lvuiſe, hätteſt du nur die Hälfte der Zärtlich⸗ W W** W* ——— 257 keit gegen mich gefühlt, welche in der Lady Del⸗ mington Bruſt für ihren Gemahl wohnt, ſo wäre ich der glücklichſte Mann geworden, ſtatt daß ich jetzt der elendeſte bin. Der Anblick ihrer Selig⸗ keit vermehrt meine Qualen noch, denn er erinnert mich an die Genüſſe, auf welche ich gehofft habe. Wenn ich nur ihr Bild mir aus dem Sinn ſchla⸗ gen könnte. Welche Erniedrigung beſtändig an ein Mächen zu denken, das meine verhaßte Gegenwart flieht und bloß mit Geringſchätzung und Mißfallen an mich denkt, wenn ſie ſich je dazu entſchließt. Unbegreifliches Weib! was habe ich gethan um der Liebe verluſtig zu gehen die ſie mir bewies. Daß ſie mich wirklich geliebt hat, daran kann ich ebenſo wenig zweifeln als daran, daß ich gerade jetzt auf der Stelle ſtehe von wo ich in's Waſſer ſprang, ſie zu retten. Auf den Platz da habe ich ſie getragen, und als ich ſie für todt hielt, empfunden, daß es beſſer wäre mit ihr zu ſterben als ohne ſie zu le⸗ ben. Treuloſe, grauſame Louiſe, du kennſt die Qualen nicht welche deine Flucht über mich ge⸗ bracht hat, ſonſt würdeſt du trotz deiner Kälte und Härte doch einiges Mitleid mit dem Manne haben, deſſen Schickſal du einmal zu theilen verſprachſt. Wüßte ich nur wo du jetzt biſt, denn dieſe Unbe⸗ kanntſchaft mit dem Aufenthalte des Maädchens, deren Bild mein Herz erfüllt und jeden meiner Ge⸗ danken beſchäftitzt, iſt unerträglich. Und doch, was 17 Strathern MI. 258 könnte es mich helfen zu erfahren wo du biſt? Weiß ich ja doch daß du davon eilen würdeſt, wenn ich den armſeligen Troſt ſuchen und nur mit dir dieſelbe Luft einathmen wollte; ja, auch dieſe ge⸗ ringe Freude würdeſt du mir verſagen.“ Während Strathern dieſen trüben Betrachtun⸗ gen nachhing, beſchäftigten ſich Lord und Lady Del⸗ mington in verſchiedener Weiſe. Sie hatte ſich ſchon einige Zeit mit der Hoffnung Mutter zu werden, getragen, und dieſe Ausſicht erfüllte ihr Herz mit Entzücken. Sie hatte ihrem Manne, das ſchöne Geſicht an ſeinem Buſen verſteckt, das Geheimniß geſtanden, aber dieſer Tag brachte ihr die Gewißheit, daß ihre Hoffnungen nicht getäuſcht werden würden, und ihre Freude hatte daher keine Gränzen, ſo ſchwach und leidend ſie auch war. Die ihres zärtlichen Gemahls war nicht geringer. „Ja, meine Geliebte,“ rief er, indem er ſie liebend umfaßte,„es kann nicht fehlen, es muß meines Vaters Herz rühren, wenn das geſchieht und wenn uns der Allmächtige einen Sohn ſchenkt, wird er ſich erweichen laſſen und dann iſt Alles gut. Jetzt da ich die Ausſicht habe ſelber Vater zu werden, fühle ich mich mehr als je geneigt mit kindlicher Llebe mich meinem Erzeuger zuzuwenden.“ „Gebe der Himmel, daß es ein Knabe wird. Ach, wie will ich ihn ſo hoch halten wenn er dir gleicht!“ 259 „Wenn es aber ein Mädchen iſt, liebe Marie, ſo dürfen wir doch nicht verdrießlich werden,“ er⸗ wiederte Lord Delmington;„und wenn es ſeiner ſüßen Mutter ähnlich wird, ſo werde ich es wahr⸗ haftig gerade ſo lieb, ja vielleicht noch lieber haben als wenn es ein Knabe wäre.“ „Nein, nicht lieber, Franz, ſag' das nicht, ſonſt werde ich nur noch mehr verſeſſen auf unſern klei⸗ nen Buben— gebe der Himmel daß wir einen bekommen.“ Obgleich Lord Delmington that als nähme er den harten Brief den er von ſeinem Vater erhal⸗ ten, leicht auf, ob er ſchon in ſeiner Frau die Hoffnung erregte, daß die Geburt ihres Kindes eine ſchnelle Ausſöhnung herbeiführen würde, ſo war ihm doch im Innern ganz anders zu Muth als er ſich äußerlich merken ließ; und während er ſich Mühe gab in ihrer Anweſenheit eine heitere Miene anzunehmen, wurde ſeine Seele von Beſorgniſſen und duſtern Ahnungen verzehrt, welche ſelbſt die Ausſicht Vater zu werden nicht zu überwinden ver⸗ mochte. Er fand, daß er häufig in ein nachdenk⸗ liches Weſen verfiel und aus demſelben auffuhr wenn er bemerkte, daß die Augen ſeines liebenden Weibes mit dem Ausdruck verborgener Angſt auf ſeinem Geſicht ruhten. Seine Bemühung froh zu ſcheinen, blieb zwar erfolglos, und ſie gewahrte es mit tiefem Schmerz, aber dieſer neue Beweis von 260 ſeinem Zartgefühl und ſeiner Liebe ſteigerte noch ihre Zärtlichkeit. Und doch gab es Augenblicke, und ſie waren nicht ſelten— in welchen Lady Del⸗ mington mitten in aller Seligkeit gegenſeitiger Nei⸗ gung und trotz der freudigen Hoffnung Mutter zu werden, bitter bereute, ihrem Mann den Zorn des Vaters zugezogen zu haben, der aller ſeiner An⸗ ſtrengungen es zu verbergen, ungeachtet, nur zu ſchwer auf ihm laſtete. Jede Veränderung in ſei⸗ ner Miene die Beſorgniß oder Schwermuth ver⸗ rieth, rief einen Vorwurf in ihrer Seele wach und wenn ſie das gleich ſorgfältig vor ihm verhehlte, damit die Wahrnehmung, daß das von ihm ge⸗ brachte Opfer ihr Glück ſo wenig als das ſeine geſichert habe, ſeinen Kummer nicht noch vermehre, ſo traten doch natürlich auch Augenblicke ein in welchen ſie allein war. Dann entſtrömten ihr bit⸗ tere Thränen bei dem Gedanken, daß ihr theurer Franz, der jeden Glücks ſo würdig war, ohne ſeine Liebe zu ihr ſich nicht den Vorwurf zu machen hätte ſeinen Vater beleidigt zu haben. Lady Del⸗ mington beurtheilte den Vater ihres Gemahls nach ihrem eigenen, dem beſten und freundlichſten Men⸗ ſchen. Sie fühlte daß es ſie elend gemacht haben würde ihn zu beleidigen, ſie konnte nicht begreifen daß ihr lieber und ſanfter Franz, der ſo ganz ge⸗ ſchaffen war Liebe einzuflößen und zu empfinden, in ſeinem einzigen Verwandten blos einen rauhen 261 und ſtrengen Aufſeher, einen harten und unnachſich⸗ tigen Richter gefunden haben ſollte. Darum über⸗ trieb ſie die Vortheile denen er durch die Verbin⸗ dung mit ihr entſagt und malte ſich in dem Schloſſe ſeiner Väter ein Glück aus, das ihr Gatte ſeit dem Tode ſeiner trefflichen Mutter in der That niemals daſelbſt genoſſen hatte. Durch den Wunſch ſie nicht in Unruhe und Sorgen zu bringen, war Lord Del⸗ mington abgehalten worden, ihr von dem ernſten und ſtrengen Weſen des Marquis von Roehampton ausführlicher zu ſprechen; ſeine Frau aber meinte, die Reue über den Kummer den er einem gütigen Vater bereitet, nicht die Scheu vor dem fortgeſetz⸗ ten hartnäckigen Eigenſinn eines grämlichen Man⸗ nes ſei die Urſache der Angſt, welche die Wangen ihres Gemahls bleichte und ſeine Laune trübte. Hätte Lord Delmington einen Vater gehabt, wie ſein junges und unerfahrenes Weib ſich ihn vor⸗ ſtellte, ſo wäre er der liebevollſte und gehorſamſte Sohn geweſen, aber die ungemeſſene hauteur, die Kälte und Härte des Lord Roehampton vernichtete in ſei⸗ nem Sohne allen Glauben an die Zuneigung des⸗ ſelben. Und als er nun gar vollends ſah, daß man ihn, das einzige Kind in einem Geſundheits⸗ zuſtand aus England weggehen ließ der Jeden be⸗ unruhigen mußte, welchem an ſeinem Daſein Etwas lag, als ſein Vater dies Alles zugab ohne ihm ſeine Begleitung anzubieten, ohne das geringſte 262 Mitleid oder irgend welche Nachſicht gegen ihn zu erkennen zu geben, während er den erſten Schmerz vereitelter Liebeshoffnungen erduldete, da wurde ihm klar, daß der Ehrgeiz das einzige Band war, wel⸗ ches ſeinen Vater an ihn knüpfte und daß er das Werkzeug zu Befriedigung deſſelben werden ſollte. Dieſe Ueberzeugung hatte ihn bisher nicht zur Reue darüber kommen laſſen, daß er ihn beleidigt, aber jetzt konnte auch die Härte des letzten Briefs — und er war in den ſchneidendſten und beleivi⸗ gendſten Ausdrücken abgefaßt— den gutmüthigen jungen Mann nicht verhindern zu bedauern, daß er ſeinem Vater Sorge gemacht. Dieſer Wechſel in ſeinen Gefühlen wurde bei ihm hervorgebracht, weil er wußte daß er bald ſelber Vater werden würde. Wären in dieſer Zeit nur ein paar freundliche Worte von dem Marquis von Roehampton an ihn gelangt, ſo hätte ſich ſein Herz gewiß in Liebe ge⸗ gen ſeinen Vater geöffnet; denn er hegte ohnehin ſchon eine faſt weibliche Zärtlichkeit gegen ſeine Frau und gegen das Kind, mit welchem er bald von ihr beglückt zu werden hoffte.„Fühlte er, was ich jetzt fühle, konnte er das fühlen als er von meiner Mutter zum erſtenmal hörte daß er im Begriff ſtehe Vater zu werden?“ dachte Lord Delmington.„Hat er ſo an der Mutter ſeines künftigen Kindes gehangen, wie ich, hat er ſo jede Bewegung, jeden Mienenwechſel ſeiner Gattin be⸗ 263 wacht, wie ich bei meiner ſüßen Marie, hat er ſich unter ſolchen Verhältniſſen wo möglich noch zärt⸗ licher gezeigt als da die Braut zum erſten Mal in ſeine Arme ſank! Oh nein, das that er nicht, das konnte er nicht, ſonſt hätte er mich nimmer⸗ mehr mit der Kälte und Strenge behandelt welche ſeit meiner Kindheit in ſeinem Betragen hervortrat. Ich erinnere mich keines Augenblicks in welchem er mich väterlich geliebkoſt oder mit fanftem Tone mir einen Rath gegeben hätte. Immer bin ich mir wie ein überläſtiger Eindringling in ſeinem Hauſe vorgekommen, und jetzt iſt er nicht zufrieden mich aus ſeiner Nähe verbannt und erklärt zu haben, daß er mich ferner nicht als Kind betrachte, nein, er muß mich auch noch im zärteſten Punkte ver⸗ letzen und verwunden, er muß die unverdienteſten Vorwürfe auf das einzige Weſen häufen von wel⸗ chem mein Glück abhängt.“ Solche peinliche Betrachtungen überkamen Lord Delmingten und vergifteten ſeine Ruhe. Hätte ſein Vater auch nur einige Güte oder bloß Nach⸗ ſicht gegen ihn gezeigt, er wäre im Beſitz der treuen Liebe ſeines Weibes ſelig geweſen. Seine von jeher zarte Geſundheit wurde es jetzt noch mehr, ſeine Aerzte bemerkten dieſe Veränderung, ſchrieben dieſelbe der Luft in Como zu die ihm nicht zuträg⸗ lich wäre und riethen ihm wieder in das ſüdliche Italien zu gehen. Strathern traf die nöthigen 264 Vorkehrungen um hinfort ſeines Freundes Bankier ſein zu können, er drang in denſelben ſeine Börſe durchaus nicht zu ſchonen und verſicherte ihn wie⸗ derholt er ſei reich genug um den bedeutendſten Aufwand beſtreiten zu können, ohne deßhalb ſeine eigenen Bedürfniſſe oder auch nur ſeine Ausgaben für Gegenſtände des Luxus im Mindeſten beſchrän⸗ ken zu müſſen. Dieſer Edelmuth von Strathern's Seite bildete einen ſo ſtarken Gegenſatz mit dem Betragen ſeines Vaters, daß Lord Delmington tief gerührt wurde; er begriff, daß ohne das Dazwi⸗ ſchentreten ſeines gütigen Freundes er und ſeine Frau in einem fremden Lande in peinliche Verlegen⸗ heiten und vrückende Umſtände gerathen wären. Er war verdrießlich, wenn nicht demüthigend, einem Freund die Friſtung ſeines Daſeins danken zu müſ⸗ ſen, während ſie nur entfernte Ausſicht hatten ihrer Verpflichtung gegen ihn nachkommen zu können, ſo weit dabei das Geld in Frage kam; aber daß er in eine ſolche Lage durch einen Vater verſetzt wurde der ein unermeßliches Vermögen beſaß, vermehrte noch den Kummer der an Delmington's Seele nagte und drohte jede Ausſicht auf ſeine Wiederherſtellung von der bösartigen Krankheit zu vernichten, welche, wie man nur zu deutlich bemerkte, in ſeinem Kör⸗ per langſame aber ſichere Fortſchritte machte. Man kam überein daß Lord Delmington und ſeine Ge⸗ mahlin in kurzen Tagreiſen nach Livorno gehen, in 265 der nächſten Nachbarſchaft deſſelben ſich ein Land⸗ haus verſchaffen und dort die Niederkunft der Lady abwarten ſollten. Von da könnten ſie dann ſpäter zur See nach Neapel gelangen, Strathern aber be⸗ ſchloß, nach England zurückzukehren. In wie weit dieſer Entſchluß dadurch veranlaßt wurde, daß er glaubte, Louiſe Sydney hätte den Weg dahin ein⸗ geſchlagen, darüber wollen wir uns in keine Ver⸗ muthungen einlaſſen. Gewiß iſt nur, daß ſie ſelten auch nur für eine Stunde ihm aus den Ge⸗ danken kam, er ſehnte ſich, ſie wieder zu ſehen und ſchöpfte Beruhigung aus dem Gedanken, mit ihr in einem und demſelben Land weilen zu können. Darum widerſtand er auch hartnäckig dem Andringen des Lords Delmington, der ihn bat, mit nach Livorno zu gehen und machte ſich an demſelben Tage auf den Weg nach England, an welchem Lady Del⸗ mington mit ihrem Mann und ihrem Arzt von Como abreiſten, um die Route nach der gedachten Stadt einzuſchlagen. Der Abſchied der Freunde war ein trauriger, denn in Lord Delmington's Seele ſtieg eine Vor⸗ empfindung auf, daß ſie ſich wohl auf Erden nicht wieder begegnen würden. Seine ſtets wachſende Schwäche und Mattigkeit rechtfertigte dieſes Vorge⸗ fühl nur zu ſehr und die Betrübniß, welche daſſelbe in ihm hervorrief, trug dazu bei, um die düſtere Ahnung in Erfüllung zu bringen. Strathern ließ 266 ſich durch die Verſicherungen des Arztes täuſchen, welcher ſteis die zuverſichtliche Hoffnung auf endliche Herſtellung ſeines Kranken ausſprach. Als er die fieberheiße Hand Delmington's ergriff, der ihm in den Wagen half, dachte er nicht entfernt daran, daß dies zum letzten Male geſchehe. Wäre ihm dieſer Gedanke zu Sinn gekommen, ſo hätte er gewiß lieber ſeine eigenen Wünſche zum Opfer ge⸗ bracht ehe er ſich von ſeinem armen Freund ge⸗ trennt haben würde, denn Strathern war ein Menſch, der wenig oder gar keine Selbſtſucht beſaß. Aber er verließ ihn ohne eine Vorſtellung von der Ge⸗ fahr, in welcher derſelbe ſchwebte, und ſetzte ſeine Reiſe nach England fort. Unterwegs überließ er ſich unbeſtimmten Hoffnungen, die alle in einem Brennpunkt zuſammenliefen— nämlich in dem, Louiſen zu ſehen oder Etwas von ihr zu erfahren. Hätte er ſich ſelber darüber befragt, ob die Hoff⸗ nungen die er ſich für die Zukunft bildete, auf einer feſten Grundlage ruhten, ſo würde ihm ſein Verſtand zugeflüſtert haben, daß ſie ſo ſchwankend wären, als der Sand, den die Wogen des Meeres aufwühlen; aber wenn hat ſich treue Liebe verſtat⸗ tet, der ſchmeichelnden Hoffnung auf den Grund zu ſchauen, oder an der Syrene zu zweifeln, deren Lächeln ihr die Gegenwart erträglich macht, und ſie in Stand ſetzt, der Zukunft ohne Betrübniß ent⸗ gegen zu blicken? Es gab wohl Augenblicke, da 267 ihm der Muth ſank und er ungewiß wurde, ob er klug daran gethan, ſo bald nach England zurück⸗ zukehren. Der Stolz raunte ihm zu, er könnte in den Verdacht gerathen, daß er derjenigen nach⸗ laufe, die vor ihm floh, und dies verletzte allerdings manchmal ſein Selbſtgefühl, aber die Liebe brachte die Einflüſterungen des Stolzes zum Schweigen und die Klugheit mahnte ihn daran, daß es Zeit ſei, nachzuſehen, ob ſein neues Haus noch nicht fertig wäre, daß er Vorkehrungen treffen müſſe, um die ſchönen Kunſtwerke darin unterzubringen, die er in Italien gekauft. Beſonders des Abends, wenn das Zwielicht ſeinen Schatten⸗Schleier um ihn her⸗ zog, gewannen trübe und düſtere Gedanken die Oberhand in Strathern's Seele, umwölkten ſeinen Blick in die Zukunft und machten ihn kleinmüthig. Wer hat zu ſolcher Stunde nicht den Einfluß des ſcheidenden Tages empfunden, den Dante ſo ſchön beſchreibt?— „Era già l'ora che volge'l disio, A' naviganti, e' intenerisce il cuore; Lo di, ch' han detto a' dolci amici a dio; E che lo nuovo peregrin d'amore Punge, se ode squilla di lontano, Che paja'l giorno pianger, che si muore.“*) *) Schon kam die Stunde, die zu Sehnſuchtsharm Seefahrer hinneigt und ihr Herz erweichet Des Tags, wo ſie entfloh'n aus Freundesarm, 268 In ſolches Sinnen verfällt man zu Land ſowohl, als zur See, und auch Strathern machte dieſe Er⸗ fahrung. Wenn aber dann am frühen Morgen die Sonne die Landſchaft beleuchtete und allen Gegen⸗ ſtänden umher ein golden ſtrahlendes Ausſehen ver⸗ lieh, fühlte er, daß ſich ſeine Stimmung wieder hob und daß die Hoffnung in ſeinem ſo eben noch ver⸗ zagten Gemüth wieder auflebte. Er erkannte, daß Menſchen, die Urſache zum Kummer haben, nicht in der Dämmerungsſtunde reiſen, ſondern den hellen Morgen und den heitern Tag zu ihren Fahrten wählen ſollten. Louiſe wäre zu dem Glauben an die Macht der Sympathie bekehrt worden, wenn ſie geſehen hätte, mit welcher Aengſtlichkeit ihr Ge⸗ liebter die Blätter in den Büchern umwandte, worin die Namen der Reiſenden eingetragen werden, die in den verſchiedenen Wirthshäuſern Halt machen. Ueberall verfolgte er ihre Spur, und wenn er ihren Namen entdeckte, ſo betrachtete er ihn lange, be⸗ wunderte die zierliche Handſchrift und drückte ihn an ſeine Lippen. Und doch— ſeltſame Täuſchung — war dies der Geliebte, an deſſen Neigung ſie zweifelte und in deſſen Treue ſie Mißtrauen ſetzte. Und wo den neuen Wand'rer überſchleichet Das Heimweh, tönt Geläut von Weitem her Das gleichſam weint, indem der Tag erbleichet. Nach Kannegießer's Uebertragung. D. Ueberſ. ———.+ ₰————„„———„„— —„—+ Als Strathern dem Ziele näher kam, zu welchem ihn ſeine Wünſche hinzogen— und England war ihm als ſein Geburtsland weniger theuer denn als ihr Aufenthaltsort— wurden ſeine Hoffnungen ſchwächer, und er fragte ſich ſelber, wie er ſo ſchwach ſein und ihnen habe nachhängen können. Hatte er nicht die unwiverleglichſten Beweiſe von ihrer un⸗ überwindlichen Abneigung erhalten,— hatte ſie ſich nicht ſogar geweigert, ihm zu entdecken, mit was er ſie beleidigt?— Und trotz all' dem war er von ſeiner Leidenſchaft ſo verblendet worden, daß er ſich mit der Hoffnung wiegte, es könnte zu einem gün⸗ ſtigen Ergebniß führen, wenn er nach England käme. Als er jedoch das Geſtade der Heimath be⸗ rührte, und bedachte, daß jetzt kein Meer zwiſchen ihm und dem Gegenſtand ſeiner Neigung mehr wogte— daß die Luft, die ſie athmete, dieſelbe wäre, die er einzog— und daß ein paar kurze Stunden ihn zu ihr bringen könnten, wenn ſie es verſtattete— da hob ſich ſeine Stimmung wieder und er freute ſich, daß er nach Hauſe gegangen war. In London angekommen, nahm er ſeine Woh⸗ nung im Gaſthof Clarendon. Wie verlangte es ihn, zu erfahren, ob Frau Sydney und ihre Tochter in der Stadt wären, und lange überlegte er, welches die beſte Art ſei, ſich darüber ſichere Auskunft zu verſchaffen. Wo ſollte er ſeine Nachforſchungen anſtellen, wen ſollte er fragen? Dreimal ließ er 270 den Kellner das menu für ſein Mittageſſen bringen, ehe er deſſen Anweſenheit gewahrte; ſo ſehr war ſein Geiſt von dem Gedanken in Anſpruch genom⸗ men, ob Louiſe in der Stadt ſei oder nicht. Und als das Eſſen aufgetragen war, ließ er der treff⸗ lichen cuisine, wegen welcher Clarendon berühmt iſt, nur wenig Gerechtigkeit widerfahren, denn die Angſt verdarb ihm allen Appetit. Dieſe letztere Wirkung einer passion walheureuse darf man in unſerer entarteten Zeit für einen ſeltenen, aber unzweifel⸗ haften Beweis wahrer Liebe halten,— er iſt ſo ſelten, daß manche Leute fragen könnten, ob er auch wirklich geliefert werde. Denn wenig ſind ihrer, welche den Bedürfniſſen des Herzens einen Einfluß auf die Forderungen des Magens verſtatten. Man kann ſich davon überzeugen, wenn man den jungen Leuten vom heutzutage an den Tiſchen der Amphitryonen zuſieht, bei denen ſie alle Leckereien verſpeiſen, welche die Jahreszeit bietet, oder wenn man ſie in ihren Clubs beobachtet, wo ſie die Köche ſchimpfen, wenn ſie nicht für alles Mögliche geſorgt haben. Nein, das Eſſen iſt für ſie ein wichtiges Geſchäft und es müßte eine rara avis ſein, welche ſie verhindern wollte, ſich tüchtig daran zu halten und das mit all dem savoir in der science de bouche, durch welche ſich unſere jeunes gens nicht weniger auszeichnen, als durch ihre Stärke im Eſſen. So auffallend aber das Beiſpiel auch ſein mag, ſo ——*— W——* „ — 271 war es nichts deſto weniger Thatſache, daß Stra⸗ thern's Appetit ſeit dem unerklärbareu Bruch mit Louiſen ſich verloren hatte, und daß nichts mehr bei ihm anſchlug. Solches erwies auch der Um⸗ ſtand, daß er in der letzten Zeit mager und blaß geworden war. Nachdem ſein letztes Mittageſſen abgetragen worden, überflog er die Abends erſchei⸗ nenden Zeitungen und ſchlürfte ſeinen Caffee.— Auf einmal kam ihm der Gedanke, in die Oper zu gehen.„Da Louiſe eine ſo große Freundin der italieniſchen Muſik iſt, ſo wird ſie ge wiß auch da ſein, falls ſie überhaupt in London iſt,“ dachte Strathern,„und ich bin dann vielleicht ſo glücklich, aus der Entfernung das liebliche Geſicht zu betrach⸗ ten, dem ich nicht näher kommen darf.“ Sein Herz ſchlug ſchneller, als er in das Theater trat, in welches ſie, wie er hoffte, ſich begeben hatte. Für ſein gutes Geld wies man ihm eine beſondere Loge an; er verſteckte ſich hinter einen der Vorhänge und ſuchte mit ſeinem Fernglas das ſchöne Geſicht, welches er einzig und allein zu betrachten wünſchte. Ueber wie viele Schönheiten flog ſein Auge eilig hin; keine davon hatte die Kraft, ihn auch nur für einen Augenblick zu feſſeln, wenn er ſah, daß es nicht diejenige war, welche er ſuchte. Alle Eng⸗ länder, welche einige Zeit von ihrer Heimath ent⸗ fernt geweſen, ſind bei ihrer Rückkehr erſtaunt über die große Menge lieblicher Geſtalten, welche ſich 272 ihrem Anblick darbieten, wenn ſie zum erſten Male einen öffentlichen Beluſtigungsort beſuchen; aber dies fällt in keinem Theater mehr auf, als in der italieniſchen Oper; denn der reiche Anzug, in wel⸗ chem die Frauenzimmer der Sitte gemaß daſelbſt ſich ſehen laſſen, hebt ihre Reize noch vortheilhafter heraus, und jede Loge gleicht dem Fenſter eines Millionen reichen Blumenliebhabers, welcher in demſelben die auserleſenſten Schätze ſeines Gewächs⸗ hauſes aufgeſtellt hat, ſo ſchön, blühend und friſch ſind die jungen und lieblichen Geſchöpfe, welche ringsum zu ſchauen ſind. Aber Strathern beachtete ſie nicht. Was lag ihm an dieſen jungen und ſtrahlenden Schönheiten, da er ja blos Eine ſuchte, blos an Eine dachte, deren wohlbekannte Züge ihm nicht entgegentraten!? Selbſt die Muſik, ſo be⸗ wundernswürdig ſie auch war, verfehlte ihren Ein⸗ druck auf ſein Ohr. Die ſchmeichelnden Töne Griſi's, die unübertreffliche Kunſt Perſiani's, der herzerſchütternde Geſang Rubini's und die herrliche Stimme des großen Lablache wurden diesmal gleich⸗ gültig angehört. Strathern durchſpähte von der einen Seite des Theaters jede Loge auf der anderen, aber ſein Suchen war umſonſt und er zog ſich in die ſeinige zurück, blos weil er ſich noch mehr vor einem Abend fürchtete, den er einſam in ſeinem Gaſthofe hätte zubringen müſſen, als vor der ge⸗ räuſchvollen Einſamkeit, in welcher er ſich befand. Als jedoch das Ballet begann, ſtand die fröhliche Muſik und die raſchen Bewegungen der déesse de la danse ſo wenig im Einklang mit ſeinen Em⸗ pfindungen, daß er aufſtand und das Haus im nämlichen Augenblick verließ, da ein betäubender Beifallsruf der anmuthigen und zierlichen Taglioni den Preis zuerkannte und das Entzücken ihrer Zu⸗ ſchauer ausſprach. „Sind Sie es wirklich,“ fragte Rhymer, und legte ſeine Hand auf Strathern's Arm, der eilig fürbaß ſchritt ohne den erſteren gewahr zu werden. „Nun, wer hätte auch daran denken können, Sie hier zu treffen, und doch iſt nichts natürlicher, denn ich habe vor Kurzem gehört, daß ein gewiſ⸗ ſes ſchönes Mädchen, an welchem ſie mehr als ge⸗ wöhnlichen Antheil nahmen, in London geweſen iſt, wenn ſchon weder die Schöne ſelbſt noch ihre Mut⸗ ter es für der Mühe werth gehalten haben, mich ihre Ankunft wiſſen zu laſſen. Sie verweilten, wie ich vernommen habe, nur ſehr kurze Zeit in Lon⸗ don und gingen dann auf ihren Landſitz; und ich wollte wetten Sie ſeyen ebenfalls en route dahin, denn Sie ſehen ſehr aſffairé aus. Sie ſind ein Glückskind und ich halte es für eine nutzloſe Höf⸗ lichkeit, wenn ich Sie bäte einen Tag hier zu blei⸗ ben und mit mir zu ſpeiſen; darum gute Nacht!“ Strathern i. 18 274 Eilftes Kapitel. „Das Schickſal iſt nicht blos voll Unbeſtand, Es treibt mit armen Menſchen auch ſein Spiel. Und wenn einmal ſein falſches Lächeln ſchwand, Vergißt die Welt, was ihr zuvor gefiel. Wo ſonſt mit ſchmeichelnden und ſüßen Mienen Die Freunde immer haufenweis erſchienen, Und ſich zu jedem Liebesdienſt erboten, Da wird es, wenn einmal das Glück entweicht, Gar einſam, leer und ſtill, wie unter Todten,— Nur daß der Spott ſein hämiſch Antlitz zeigt. Es zeigt die Welt ein freundlich Angeſicht, So lang das Gluͤck uns ſeine Kränze flicht, Doch wenn der lichte Stern verſinkt in Nacht, Hat's Manchen in Verzweifelung gebracht.“ An einem ver lieblichen Abende und nach einem der ſchwülen Tage, die manchmal in unſerem ver⸗ änderlichen Klima vorkommen, und welche man ge⸗ rade ihrer Seltenheit wegen um ſo höher ſchätzt, näherten ſich Frau Sydney und ihre Tochter Sydney⸗ Park. Die Nachricht, daß ſie zu kommen beab⸗ ſichten, war erſt vor Kurzem angelangt, aber ſchnell hatten ſich Pächter und Hausangehörige verſam⸗ melt. Die erſteren zu Pferd und in ihren beſten Kleidern ritten auf die nächſte Poſt dem Wagen e — 275 entgegen, die letztern hielten ſich bereit die Pferde von demſelben abzuſpannen und ihn dann ſelber zu ziehen. Die Frauenzimmer wurden durch diefe Beweiſe von Anhänglichkeit und Frende über ihre Heimkehr gerührt, lehnten aber die Ausführung des letztern eben ſo freundlich als beſtimmt ab Zuletzt leiſtete man darauf Verzicht und ſo fuhren ſie denn, geleitet von der Reiterei, und gefolgt von denen zu Fuß ihrer Heimath entgegen. Die an⸗ genehme Friſche der Luft, das helle Grün des Parks mit den ſtattlichen und ſchattenreichen Bäu⸗ men, welche ihre rieſigen Aeſte weit umher aus⸗ breiteten und ihr Laubwerk bis auf das Gras herunterſenkten, das ſcheue Wild, welches erſchreckt durch den ungewöhnlichen Lärm und das Freuden⸗ geſchrei mit der die Gutsherrſchaft bewillkommt wurde, von ſeinem Lager auffuhr, die brüllenden Kühe, welche ihre Füße in dem klaren durch den Park ſtrömenden Fluß wuſchen, die ſchöne Brücke, welche ſich auf einem einzigen Bogen darüber wölbte, bildeten zuſammen ein ſo reizendes Landſchaftsge⸗ mälde, daß Mutter und Tochter bei der Einfahrt durch das hohe Thor ſich geſtanden nie auf ihren Reiſen Etwas geſehen zu haben, was ſich neben daſſelbe ſtellen ließe. Ein aufgeſcheuchter Haſe lief hie und da über den Weg, unzählige Amſeln und Droſſeln hüpften umher und ließen ihren Geſang ertönen, als wollten ſie in den allgemeinen Will⸗ 18* 276 kommruf einſtimmen. Jede Krümmung der ebenen und wohlerhaltenen Straße verſchaffte eine neue und anziehende Ausſicht, bis das ſchöne alte Schloß ſich völlig den Blicken zeigte. Die untergehende Sonne hatte alle Fenſter deſſelben mit ihren golde⸗ nen Strahlen ſchattirt und in roſenrother Farbe glänzte die Fahne, die von der ſtolzen Kuppel in der Mitte des Gebäudes herabflatterte um die An⸗ kunft der Herrin dieſer weitläuftigen Beſitzungen zu verkünden. Ein Zug von etwa fünfzig ſonn⸗ täglich gekleideten Mädchen, ihre Ober⸗ und Unter⸗ lehrerin an der Spitze, waren auf der einen Seite des Zugangs zu dem Hauſe aufgeſtellt um ihre Wohlthäterin zu begrüßen, denn dieſe Kinder alle wurden auf Koſten der Frau und des Fräuleins Sydney erzogen und gekleidet. Die gleiche Anzahl Knaben mit ihrem Schulmeiſter und deſſen Gehilfen ſtanden auf der anderen Seite. Beide, Mutter und Tochter wurden bis in's Innerſte ge⸗ rührt. Louiſe ward ſich zum erſten Male der auf ihr laſtenden Verantwortlichkeit bewußt, zum erſten Mal ſchwellte das ſtolze Gefühl einer Grundherrin ihr Herz, als ſie die blühende Landſchaft, die großartige Heimath und die Menge derer be⸗ trachtete, welche zu ihr als zu ihrer Ernährerin auf⸗ blickten. Sie erkannte, daß ſie als Gebieterin über dieſen Edelſitz und dieſes große Vermögen viele Pflichten zu erfüllen hätte— daß der Herr e e e 8— u— 277 viel von dem fordert, dem er viel anvertraut. Zwar ging ihr ein Stich durch's Herz bei dem Gedanken, wie viel mehr Freude ihr Alles was ſie ſah, gewährt haben würde, wenn der bei ihr ge⸗ weſen wäre, mit welchem ſie früher ihr Eigenthum theilen zu können geglaubt hatte, aber ſie gab ſich Mühe die Erinnerung daran zu bewältigen und blos damit ſich zu beſchäftigen, wie ſie das Glück Anderer befördern könnte, müßte ſie auch die Hoff⸗ nung aufgeben, ſich ſelber ein ſolches zu verſchaf⸗ fen. Wie ſo ganz anders nehmen ſich die Dinge aus, wenn man ſie aus der Ferne betrachtet, wie ſehr weicht die Vorſtellung oft von der Wirklichkeit ab! Louiſe hatte ſich oft ſchon den Empfang aus⸗ gemalt, der ihrer warten würde, wenn ſie in die Wohnung ihrer Vorfahren heimkehrte,— der An⸗ blick, der ſich ihr jetzt darbot, übertraf Alles was ſie ſich früher gedacht. Es wurde ihr klar, daß ſie ferner nicht wie bisher, blos für ſich allein leben dürfte, daß ihre Pächter und die auf ihren Gütern wohnten, gewiſſe Anſprüche an ſie geltend zu machen hätten und daß ihre Stellung mit einer großen ernſtlichen Verantwortlichkeit verbunden ſey. Sie gedachte daran, daß ſie bei der Erfüllung dieſer Pflichten eine liebe, freundliche und verſtän⸗ dige Führerin an ihrer geliebten Mutter beſaße und wandte ſich dieſelbe zu umarmen und in der Heimath willkommen zu heißen; aber ſie fuhr zu⸗ 278 rück als ſie fand, daß ihre Wangen bei der Be⸗ rührung mit dem Geſicht ihrer Mutter feucht wur⸗ den, als dieſe auf die Kirchthurmſpitze wies, welche durch die Bäume hindurch ſichbar wurde und ihr zuflüſterte—„dort, mein Kind, ruhen die Ge⸗ liebten die uns begrüßen würden, wenn es dem Allmächtigen gefallen hätte ſie uns aufzubehalten, hier werden auch wir, meine Louiſe, von Allem abgerufen werden, was jetzt deine Augen entzückt und die meinen mit Thränen netzt. Ich bin bei ähnlichen freudigen Auftritten geweſen, wenn dein Vater heimkam, der mit ſeiner Gegenwart immer Jubel und Glück um ſich her verbreitete, und die⸗ ſer Tag hat die Erinnerung an dieſelben wieder in mir wach gerufen. Möchte doch aller Segen meines Lieblings harren in der Wohnung ihrer Ahnen!“ Damit zog Frau Sydney ihre Tochter an die Bruſt und lächelte unter Thränen, während ſie dieſelbe an ſich drückte. Die Frauenzimmer ſtiegen aus dem Wagen, Louiſe unterſtützte ihre Mutter und ſo ſtiegen ſie die Treppenflucht hinan, die in den großartigen Säulengang des Schloſſes führte. Ein Freuden⸗ geſchrei durchbebte die Luft und„lang lebe Frau und Fräulein Sydney“ ſchallte es aus Aller Munde. Die Damen hatten ein Lächeln und Nicken für Jedermann; auch der Geringſte wurde beachtet; und als ſie in die hohe Hausflur traten, wo rings w—— — 279 ſchöne Bildſäulen und zierliche mit ſchönen, blühen⸗ den Blumen gefüllte Marmorgefäße aufgeſtellt waren, empfanden ſie daß ſie wirklich daheim ſeyen. Da ſtand die altehrwürdige Haushältexrin, angethan mit ihrem beſten Seidenkleid und in ihrer ſchönſten Spitzenhaube. Ein ungeheurer Bund glänzender Schlüſſel hing an ihrer Seite und ſie verneigte ſich auf's Freundlichſte; hinter ihr kam das weibliche Geſinde in feſtlicher Tracht. Der grauköpfige Kel⸗ lermeiſter trat an der Spitze der männlichen Die⸗ nerſchaft heran, welche ſämmtlich ihre Sonntags⸗ livrée trug; er verbeugte ſich und ſprach die Hoff⸗ nung aus, daß die Herrſchaften doch wohl nicht müde ſeyn würden. Die Zimmer waren voll Blu⸗ men, höchſt ſauber und glänzend hergerichtet und bekundeten, welche Sorgfalt und Aufmerkſamkeit darauf verwendet worden war, ſie im Stand zu erhalten; Spiegel und Geräthe ſahen wie neu aus. Louiſe empfand eine faſt kindiſche Freude, während ſie von Zimmer zu Zimmer wanderte und die ver⸗ ſchiedenen Schätze der Kunſt und vertu betrachtete, welche darin enthalten waren. Ihre Mutter ſtand vor dem Bruſtbild ihres Gemahls und Sohnes ſtill und verſenkte ſich in die zärtlich geliebten und wohlbekannten Züge, welche ihr ſo oft im Traume erſchienen und im Wachen ſelten aus ihren Ge⸗ danken kamen. Ein kleines aber recherché Mahl wurde in der salle à manger aufgetragen, be⸗ 280 ſtehend aus den Lieblingsgerichten der Frau Syd⸗ ney, deren Geſchmack weder der Koch noch die Haushalterin vergeſſen hatten. Eiswaſſer, klar und glänzend wie Cryſtall, bewies daß der gute alte Kellermeiſter ſich ihrer Vorliebe für dieſes Ge⸗ tränk noch recht wohl erinnerte, und das köſtlich ſchmeckende Obſt, welches zum Nachtiſch gereicht wurde, zwang den beiden Frauenzimmern das Ge⸗ ſtändniß ab, daß die Erzeugniſſe der engliſchen Gewächshäuſer die Gewächſe ſüdlicher Länder noch übertreffen. Auch die Angehörigen der Güter und die Armen blieben nicht vergeſſen. Ihnen wurden im Ueberfluß kräftige Speiſen und ſtarkes Bier zum Beſten gegeben, welche der Haushofmeiſter, der Kellermeiſter und die Haushälterin vorſorglich bei⸗ geſchafft hatten, den Kindern ward mit Kuchen und Syllabub*) ein Feſt bereitet. „Es geht doch nichts über die Heimath, liebe Mutter,“ ſagte Louiſe, als ſie ſpät Abends in dem kleinen Wohnzimmer ihren Thee tranken.„Ich hätte beinahe Sydney⸗Park vergeſſen und nie ge⸗ glaubt daß es ſo ſchön wäre wie ich es jetzt finde. Wie friſch und grün iſt der Park, wie ſo ganz anders als der ausgedörrte und karge Graswuchs Italiens. Wie herrlich ſind die Stämme mit ihren Laubkronen, und wie ſehr gewinnen ſie bei einer *) Ein Getränk aus Honig und Rahm. D. ueb. —— —— 281 Vergleichung mit dem dürren, verbrannten und magern Blätterwerk des Landes, das wir eben ver⸗ laſſen haben! Dann die Reinlichkeit und Ordnung, welche in vieſem Hauſe herrſcht,— das ſo äußerſt behagliche Ausſehen in Verbindung mit dem Glanz der überall verbreitet iſt— iſt es nicht zum Ent⸗ zücken? Ich meine ich könnte nie wieder wünſchen meine Heimath zu verlaſſen, ſondern mein Leben in dieſem ſtillen und ſchönen Aufenthalt ruhig verbringen, „Die Welt vergeſſend und vergeſſen von der Welt.“ Louiſens Schlummer wurde in dieſer Nacht ſeltener unterbrochen und erquickte ſie mehr als in letzter Zeit der Fall geweſen. Sie erwachte am nächſten Morgen in ruhiger Gemüthsſtimmung und empfand einen Drang nach Beſchaͤftigung, der ihr nie vorgekommen war ſeit dem unſeligen Abend, an welchem ſich ihr die Treuloſigkeit ihres Geliebten in Coliſeum enthüllt hatte. Als ſie ihr Fenſter öffnete und die herrliche Ausſicht betrachtete, welche daſſelbe beherrſchte, als ſie über Wälder und Haine, über Hügel und Thäler und über den reißenden, ſilbernen Fluß hinſchaute, der ſich durch die ſammt⸗ artige Lichtung vor ihr und durch die blumigen Matten in der Ferne hinſchlängelte, als ſie die blauen Berge ſah, welche den Geſichtkreis begränz⸗ ten, da ſchweifte ihr Ange mit immer neuem Ent⸗ zücken über den bezaubernden Anblick hin, und ſie ſagte leiſe vor ſich hin:„dieſe ganze ſchöne Gegend 282 gehört mir. Ich bin die Beſitzerin dieſer Herrlich⸗ keiten, und doch ſehnt ſich mein undankbares Herz noch nach einem anderen Glück. Erlange ich dieſes nicht, ſo iſt alles Andere unvermögend mir auf die Dauer Freude zu machen.“ Der Thau des frühen Morgens glänzte noch auf den Blättern und ſtrahlte wie Diamanten auf den Blüthen und Blumen des Raſens, die Vögel jubelten ihre Lieder zum Preiſe deſſen, der dieſe ſchöne Erde geſchaffen und alle Wunder die ſie umſchließt. Wer hat je den ſüßen Tönen dieſer trefflichen Sänger im Walde gelauſcht, ohne zu fühlen daß ſie dankbarer ſind als wir! Sie verbringen ihr Leben damit, daß ſie Töne der Freude von ſich geben, der Menſch aber geht nur zu oft, gleichgültig gegen das Gute und Schöne was ihm verliehen worden, mit finſterer Stirne und ungerührtem Herzen durch Gegenden von er⸗ greifender Schönheit, welche geeignet wären das lebhafteſte Vergnügen wach zu rufen, und beſchäftigt ſich blos mit der Sorge für kleinliche Dinge, für weltliche Angelegenheiten. Louiſe Sydney betrach⸗ tete lange die vor ihr liegende Landſchaft, ihre Stimmung wurde noch milder im Anſchauen ihrer ruhigen Schönheit, und ſie wunderte ſich, wie ſie die Reize derſelben ſo lange hatte außer Acht laſ⸗ ſen, ſo lange fern von ihnen hatte leben können. Einige Tage lang brachte ſie ihre Zeit damit zu die kühlen und einſamen Orte des Parks und W 283 des prächtigen Gartens zu beſuchen. Sie waren während der langen Abweſenheit ihrer Mutter ſo gut gewartet worden, daß ſelbſt ihr verwöhnter Geſchmack nichts daran auszuſetzen fand, und die Kunſt ſtand in ſo paſſender Verbindung mit der Natur, daß beide in Gemeinſchaft den günſtigſten Eindruck hervorbrachten. Louiſe freute ſich, daß die Jahreszeit den benachbarten Adel und die übri⸗ gen Gutsbeſitzer der Umgegend in London feſt und von ihren Landſitzen entfernt hielt. Dadurch blieb ſie und ihre Mutter verſchont mit den ewigen Be⸗ ſuchen und Einladungen zu Gaſtmählern, gegen welche ſie in ihrer damaligen Seelenſtimmung eine unüberwindliche Abneigung fühlte, und von denen ſie doch nur ſchwer ſich hätte losmachen können ohne die Leute zu beleidigen. Unter der Anleitung ihrer vielerfahrnen Mutter gab ſie ſich nunmehr den Ge⸗ ſchäften hin, welche der Beſitz eines großen Ver⸗ mögens auferlegt, und während ſie hierdurch be⸗ ſtändig in Anſpruch genommen wurde, fand ſie eben darin zugleich das beſte Gegenmittel gegen die trüben Gedanken an die Vergangenheit, welche ſich ihr nur zu oft aufdrängten. Frau Sydney war hocherfreut als ſie ſah wie eifrig ihre Tochter wünſchte und ſtrebte ihre Gutsangehörigen glücklich zu machen, und mit welcher Thätigkeit ſie jeden Plan zur Ausführung brachte, der ihr Wohlergehen befördern konnte. Das blaſſe Geſicht bekam eine 284 beſſere Farbe, die Geſundheit ſtrahlte wieder aus den dunkeln Augen der ſchönen Louiſe, und die reine Luft wie die beſtändige Thätigkeit äußerten überhaupt auf ſie den günſtigſten Einfluß. Zwar ſtiegen manchmal noch Seufzer in ihrer Bruſt auf, aber ſie zeigte ſich doch im Ganzen weniger ſchwer⸗ müthig als die zärtliche Mutter zu hoffen gewagt hätte, wären ſie auch ſchon dreimal ſo lang in Sydney⸗Park geweſen. Wenige Wochen darnach kam Herr Wands⸗ worth, und ſein Geſicht, in dem ſich gewöhnlich nur Frohſinn abſpiegelte, erregte in Frau Sydney auf den erſten Anblick ein Gefühl von Unruhe für das ſie ſich keinen Grund angeben konnte. Es lag auch etwas Gezwungenes in ſeinem Benehmen, das von ſeinem gewöhnlich offenen und freimüthigen Weſen ſeltſam abſtach und ſie in ihrer unbeſtimm⸗ ten Beſorgniß noch mehr beſtärkte. Ein ſo ernſt⸗ haftes Ausſehen war auch geeignet allerlei Gedan⸗ ken in ihr rege zu machen, und es war alſo kein Wunder, daß ſie ängſtlich und ungeduldig wurde, die Urſache davon zu erfahren. „Es iſt gewiß etwas Unangenehmes vorgefal⸗ len,“ bemerkte ſie, nachdem ſie ihn in das Bibliv⸗ thekzimmer geführt, wo er mit ihr zu ſprechen gewünſcht hatte, und ſank dabei in einen Seſſel. „Ach ja, verehrteſte Frau,“ erwiederte Wands⸗ worth;„mein Beſuch ſteht allerdings mit einer pein⸗ 285 lichen Angelegenheit in Verbindung und Sie werden alle Ihre Seelenſtärke und Geduld nöthig haben, um die Nachricht davon zu ertragen. Auch zähle ich bei der Anwendung Beider auf ein nicht ge⸗ wöhnliches Maaß derſelben, um Fräulein Sydney auf die unerwartete und ernſte Prüfung vorzube⸗ reiten, die ihrer harrt.“ „Um's Himmels willen, Herr Wandsworth, was wollen— was können Sie damit ſagen? laſſen Sie mich nicht einen Augenblick länger in dieſer Ungewißheit, ſondern ſagen Sie mir gleich Alles, auch das Schlimmſte!“ „Das mir auferlegte Geſchäft iſt in Wahrheit ein peinliches, aber es muß deſſenungeachtet voll⸗ zogen ſeyn. Wiſſen Sie denn, daß das Recht Ihrer Tochter auf dieſe Güter und auf das ganze Vermögen, welches ſie von ihrem Vater geerbt, mehr als zweifelhaft gemacht, daß es ihr ganz ab⸗ geſprochen wird. Der nächſte Erbberechtigte macht Anſprüche darauf und ſtützt ſich dabei auf die Un⸗ gültigkeit des Verfahrens, welches der Großvater des Fräuleins eingehalten, da er ſeine letzten Be⸗ ſtimmungen über die Gütererbfolge traf und ſie in Ermangelung männlicher Sproſſen auf ſeine weib⸗ lichen Nachkommen übertrug.“ Frau Sydney horchte in athemloſem Schweigen. Nicht ein Laut kam über ihre Lippen, aber eine außerordentliche Bläſſe bedeckte ihr Geſicht; ſie gab 286 blos Herrn Wandsworth mit dem Kopf ein Zeichen fortzufahren. „Sie können ſich leicht denken, verehrteſte Frau, daß ich über dieſe wichtige Angelegenheit die erſten Rechtsgelehrten im Lande zu Rath gezogen und es verſchoben habe mit Ihnen darüber zu ſprechen, ſo lange ich noch der Hoffnung Raum geben durfte, daß der von Herrn Sydney erhobene Anſpruch auf dieſe Beſitzungen nicht gehörig begründet ſei; es thut mir aber jetzt herzlich leid, ſagen zu müſſen, daß die beſten Advokaten in England nach ſorgfäl⸗ tiger Erwägung aller Umſtände und genauer Un⸗ terſuchung der Art und Weiſe, wie die Erbfolge abgeändert wurde, ſich dahin ausgeſprochen haben, es ſtehe Herrn Sydney ein wirkliches Recht auf die Güter zu und wir müßten bei einem Prozeſſe vor jedem Gericht den Kürzeren ziehen.“ „Das iſt wahrhaftig ein unerwarteter Schlag, Herr Wandsworth, und er trifft um ſo ſchwerer, als meine Tochter eben jetzt Liebe zu dieſem Aufent⸗ halt gewonnen und die Fflichten erfüllen gelernt hat, die er ihr auferlegte. Wäre ich nur gar nicht hierher zurückgekehrt, dann hätten wir dieſes Ereigniß nicht ſo ſchmerzlich empfunden. Es iſt hart, ſehr hart für ſie, aus der Heimath ihrer Kinderjahre vertrieben zu werden, einen Ort verlaſſen zu müſſen, wo das Andenken an die Tugenden ihres vielbe⸗ weinten Vaters ihr die Liebe erwarb, welche ſie 287 ſpäter durch ihren eigenen innern Werth gewonnen haben würde. Aber es iſt zwecklos, zu jammern. Wir müſſen uns mit Ergebung unter den Willen Deſſen beugen, welcher am beſten weiß und beſtimmt, was für ſeine Geſchöpfe gut iſt. Auch bin ich überzeugt, daß meine Tochter keinen Augenblick zögern wird, ein Eigenthum aufzugeben, auf welches ein Anderer Rechte hat. Sie wird gewiß nicht erſt den Ausgang eines Rechtsſtreits abwarten. Ich will gehen und ſie darauf vorbereiten, bin aber in kurzer Zeit wieder bei Ihnen.“ Frau Sydney verließ Herrn Wandsworth, auf den es einen tiefen Eindruck machte, daß ſie ſich mit ſo viel Geduld in den Schickſalswechſel ergab, welchen ihr mitzutheilen ſein peinliches Geſchäft ge⸗ weſen war.„Arme Frau,“ dachte er bei ſich ſelbſt, „es muß ihr ſauer werden, dieſen Ort zu verlaſſen, denn er iſt ihr theuer durch die Erinnerung an all' das Glück, deſſen ſie bei Lebzeiten ihres trefflichen Gemahls hier genoß. Und das junge Fräulein gar, das man für eine ſo reiche Erbin hielt! Ei, ei, wer hätte ſich eine ſolche Aenderung der Dinge träumen laſſen! Was ein ſtattlicher Wohnſitz! Es bedarf nicht wenig Philoſophie und Seelenſtärke, um ihm, wenn auch nur für einige Zeit, zu entſa⸗ gen. Für einige Zeit,“ ſagte er vor ſich hin. „Ja, dem Himmel ſei's gedankt, es wird nicht ewig dauern. Bei ihrer Jugend und ſeinem vorgerückten 288 Alter wird er ihnen ſicher wieder zufallen. Aber ich will davon mit ihr nicht reden; es würde ſie nur unentſchloſſen und unruhig machen. Reiche Mädchen ſind ſo vielen Unfällen ausgeſetzt, daß Fräulein Sydney nur dabei gewinnen kann, wenn man ſie auf dem Glauben läßt, ſie habe dieſes ſchöne Gut für immer verloren. Darum will ich ihr verheimlichen, doß ſie nach Herrn Sydney die nächſte Erbin iſt und daß er es Niemand als ihr hinterlaſſen kann.“ Solches waren die Betrachtun⸗ gen des Herrn Wandsworth, während er in dem weiten Bibliothekzimmer auf und ab ſchritt und bald ſtille ſtand um die hohen, mit den Werken der beſten Schriftſteller gefüllten Bücherſtänder ringsum zu betrachten, bald wieder zum Fenſter hinaus auf die ſchöne Landſchaft blickte, welche das⸗ ſelbe beherrſchte. Frau Sydney traf Louiſen nicht in ihrem eigenen Zimmer und ſuchte ſie daher in dem Blumengarten, wo ſie nach der Ausſage ihres Mädchens zu finden ſein ſollte. Mit klopfendem Herzen und bebenden Schritten näherte ſie ſich ihrem Kinde, welches als⸗ bald herbei kam, ſo wie es ſeine Mutter erſchaute. „Es iſt mir recht lieb, theuere Mutter, daß Du da biſt, denn ich wollte Dich eben wegen einer Verbeſſerung um Rath fragen, die ich anzubringen gedenke. Sieh' welche herrliche Ausſicht man von dieſer Anhöhe aus hat. Kann es etwas Schöneres — 289 geben? Und wäre es nicht zweckmäßig, wenn wir auf der Stelle ein leichtes Gartenhaus errichten ließen? Wir könnten darin Schutz vor der Sonne oder einem plötzlichen Regenſchauer ſuchen und die prächtige Ausſicht genießen. Betrachte einmal den kleinen Plan, den ich dazu entworfen habe. Glaubſt Du nicht, daß ein ſolches rundes Gebäude, deſſen Dach von doriſchen Säulen aus weißem Marmor getragen wird, ſich recht gut ausnehmen würde? Ich finde, daß meine Freude an Sydney⸗Park jeden Tag zunimmt, und habe, wenn Du nichts dagegen einwendeſt, im Sinne, noch mancherlei Verſchöne⸗ rungen auf den Gütern zu machen.“ Die zärtliche Mutter fühlte einen ſcharfen Stich ins Herz, während ſie dieſe Entwürfe anhörte— Entwürfe, welche doch nie von derjenigen in Aus⸗ führung gebracht werden konnten, welche ſie aus⸗ einanderſetzte. Sie ſchwieg eine Weile, um wie⸗ der hinreichende Kraft zu ſammeln und dann der Tochter die Kunde zu enthüllen, die ihr ſo ſchwer auf dem Gemüthe laſtete. „Du ſchweigſt, theuere Mutter,“ rief Louiſe und blickte der Frau Sydney ängſtlich ins Geſicht, „auch biſt Du ſo blaß. Du mußt wahrhaftig krank ſein, und wir wollen darum ſchnell ins Haus hinein.“ Damit ſchob ſie ihren Arm unter den der Mutter. „Ich bin nicht krank, meine liebe Louiſe, ſon⸗ dern aufgeregt und kummervoll. Es ſind mir Nach⸗ Strathern MI. 19 290 richten von ſehr ernſter und beunruhigender Be⸗ ſchaffenheit zugekommen— ſie berühren Dich ſehr nahe und ſtark, mein Kind.“ „O, Mutter, ſo ſprich doch ums Himmels willen. Strathern iſt gewiß krank oder noch ſchlim⸗ mer— er iſt—“ Todt wollte ſie ſagen, aber das Wort erſtarb ihr auf der Zunge, ſie wurde bleich wie Marmor und zitterte heftig. „Nein, meine Louiſe, die Neuigkeiten von denen ich ſprach, beziehen ſich nicht auf ihn.“ „Gott Lob!“ ſtieß Louiſe heraus, faltete die Hände und hob die Augen gen Himmel mit einem Blick voll ſo inniger Dankbarkeit, daß ſich Frau Sydney feſter als je davon überzeugte, mit welcher tief gewurzelten und unveränderlichen Liebe ſie an Strathern hing. „Und Du fragſt nicht nach der ſchlimmen Kunde, die mich ſo ſehr erſchreckt hat, mein Kind?“ fragte Frau Sydney, nachdem ſie ein paar Minuten ge⸗ wartet und Louiſen Zeit gelaſſen, um wieder zu ſich ſelber zu kommen. Dazu brauchte es aber länger, als ſie gedacht. Denn Louiſe bedauerte jetzt, da ſie überzeugt war ihrem Geliebten ſei nichts zugeſtoßen, aufs Aeußerſte, der Mutter einen Blick in ihre Seele verſtattet und ihre Gefühle gegen ihn verrathen zu haben. Sie gerieth in eine große und peinliche Verlegenheit, daß ſie ſich in Gegenwart derſelben ſo weit vergeſſen.„Willſt 291 Du nicht wiſſen, was ich Dir mitzutheilen gekom⸗ men bin?“ fragte Frau Sydney noch einmal. „O ja, Mutter,“ erwiederte Louiſe mit tiefem Erröthen. „Stelle Dir vor, wie bekümmert ich ſein mußte, als ich hörte, daß Du, Liebe, Plane zu Verſchö⸗ nerungen eines Gutes entwirfſt, das Dir leider nicht mehr gehört.“ Frau Sydney wiederholte ihrer Tochter nun⸗ mehr alle einzelnen Umſtände, mit denen ſie vor Kurzem durch Herrn Wandsworth bekannt gemacht worden war. Louiſe horchte ſchweigend und mit einer Ruhe zu, welche ihre Mutter kaum zu hoffen gewagt hatte, und als Frau Sydney endlich ihren Bericht ſchloß, bemerkte ſie:„Ach, Mutter, wenn ich dieſen Schickſalswechſel einige Monate früher erfahren hätte, welch' eine Veränderung in meinem Geſchick wäre dadurch herbei geführt worden! Es fällt mir ſchwer, dieſen ſchönen Ort zu verlaſſen,“ hier hielt ſie inne und blickte mit naſſen Augen rings um ſich her;„aber wir müſſen es wie Leute ertragen, deren Glück nicht von äußeren Gütern abhängt. Ich bin ja noch reich in Deiner Liebe denn Du biſt Deinem Kinde deswegen, weil ihm dieſe weitläufigen Beſitzungen nicht mehr zugehören, um nichts minder zugethan, als da Du mich für ein reiches Mädchen hielteſt. In Zukunft, Mutter, werde ich eine Befriedigung haben die mir bisher 19* 292 verſagt war, nämlich ich kann jetzt verſichert ſein, daß die, welche mir gut ſind, dabei von keinen niedrigen Abſichten geleitet werden, ſondern mich blos um meiner ſelbſt willen lieben.“ Selbſt in dieſem entſcheidenden Augenblick, da man ihr ankündigte, daß ſie ein Vermögen verloren hätte, deſſen Beſitz ſie erſt vor Kurzem ſchätzen ge⸗ lernt, fand das Herz des Weibes, das ſich nach Liebe ſehnte und dieſe blos ihren geiſtigen und kör⸗ perlichen Vorzügen zu danken haben wollte, Troſt für einen Verluſt, der Viele ihres Geſchlechts in die tiefſte Verzweiflung geſtürzt haben würde. „Ja, mein Kind,“ verſetzte Frau Sydney, der daran lag, ihre Tochter hierin zu beſtärken und ſie Beruhigung in einem Umſtande ſuchen zu laſſen, der ſich ihr ſo unerwarteter Weiſe darbot;„jetzt darfſt Du ſicher jedem Argwohn entſagen, als ſtän⸗ den diejenigen unter dem Einfluß eigennütziger Be⸗ weggründe, welche Dich ihrer Liebe verſichern. Herr Wandsworth wird angenehm überraſcht ſein, wenn er ſieht, wie Du dieſen plötzlichen Schlag des Miß⸗ geſchicks erträgſt, darum wollen wir gleich zu ihm gehen. Ich glaube, wir thun am Beſten, dieſen Ort mit ſo wenig Aufſchub als möglich zu ver⸗ laſſen.“ „Da haſt Du Recht, Mutter, es würde ſich nicht für uns ſchicken, in einem Hauſe zu bleiben, das nicht mehr unſer gehört; auch iſt der jetzige — — 5 293 Eigenthümer deſſelben nach Allem was ich von ihm gehört habe, nicht der Mann, gegen den ich irgend eine Verpflichtung haben möchte.“ Als die Frauenzimmer dem Hauſe zugingen, trat der Obergärtner mit dem Hut in der Hand und ſich tief verbeugend, näher, hielt Fräulein Sydney ein Papier hin und ſagte:„Hier gnädiges Fräulein iſt der Plan zu dem neuen Blumenbeet das Sie angelegt zu ſehen gewünſcht haben. Wollen Sie vielleicht, daß die Leute gleich morgen an's Werk gehen?“ „Nein, Weſtmann, laſſen Sie für jetzt alle Veränderungen ruhen, die ich im Sinn hatte,“ ent⸗ gegnete Fräulein Sydney und ſchritt weiter. Der Gärtner blieb ſtehen, höchlich verwundert darüber, daß ſie ihre Abſichten geändert, nachdem ſie ihn doch erſt Tags zuvor aufgefordert, die größte Eile anzuwenden und ihre Plane in Ausführung zu bringen. Herr Wandsworth war wirklich überraſcht, als er ſah, mit welcher Seelenruhe ein ſo junges, im Schoße des Glückes aufgewachſenes Mävchen den Unfall ertrug, der ſie ſo unerwartet betroffen. Sein Bedauern über ihr Mißgeſchick ſtieg mit der Be⸗ wunderung, die ihr edler Charakter in ihm erregte, und es that ihm herzlich leid, daß er noch andere Nachrichten mitzutheilen hatte, welche die Betrübniß der Mutter ſowohl, als der Tochter, noch vermehren mußten. Herrn Sydney ſtand nicht blos ein Recht auf alle und jede Güter zu, die man bisher für das Eigenthum des Fräuleins Sydney gehalten hatte, es mußten jetzt auch alle Einkünfte heraus⸗ bezahlt werden, die ſie ſeit dem Tode ihres Vaters bezogen und zum Theil auf Bezahlung der Schul⸗ den und Verſchreibungen verwendet hatte, in welche ihr Großvater, ein verſchwenderiſcher und unbe⸗ dachtſamer Mann ſich eingelaſſen. Durch Erfül⸗ lung dieſes Verlangens mußte faſt das ganze Pri⸗ vermögen der Frau Sydney, ſo groß es auch war, darauf gehen. Dieſen neuen Unfall ertrug ſie, als er ihr kund gethan wurde, mit weit weniger Gleich⸗ muth als ihre Tochter. Ihr einziges Kind, an welchem ſie mit ſo viel Zärtlichkeit hing, auf ein⸗ mal aus dem Ueberfluß in eine vergleichungsweiſe Armuth verſetzt zu ſehen, dieſe Prüfung ging über ihre Kräfte und ſie vermochte dieſelbe in der erſten Stunde der Betrübniß kaum zu ertragen. Herr Wandsworth ſah ihren Jammer und gab zu be⸗ denken, daß ſie ja geſetzlich nicht gezwungen wer⸗ den könnte auch nur das Geringſte von ihrem Pri⸗ vatvermögen zu Befriedigung der Anſprüche des Herrn Sydney herzugeben. „Geſetzlich vielleicht nicht,“ gab ſie darauf zur Antwort und das Blut ſtieg ihr in die bleichen Wangen;„aber wenn die Ehre und die Rechtlich⸗ keit dieſes Opfer heiſchen, ſo ſoll es gebracht wer⸗ 295 den. Ich meines Theils fürchte die Armuth nicht; aber,“ hier zitterten die Lippen der zärtlichen Mut⸗ ter vor innerer Erregung,„ich geſtehe, es er⸗ ſcheint mir hart, daß mein Kind ſie ertragen ſoll.“ Louiſe umarmte ihre Mutter und flüſterte ihr die beruhigende Verſicherung zu, daß ſie auch in der niedrigſten Hütte mit ihr ſo vergnügt ſein würde als in der ſchönſten Wohnung. Da lächelte Frau Sydney durch Thränen und preßte ſie an ihr Herz. Welch' einen Wechſel hatte ein einziger Tag im Lvoſe von Mutter und Tochter hervorge⸗ bracht! Der Morgen ſah ſie noch im Beſitz unge⸗ heurer Reichthümer und einer Heimath, die Alles in ſich vereinigte, was der Sinn für Pracht und Bequemlichkeit hervorzubringen im Stande war; das jugendliche Mädchen mit Entwürfen beſchäftigt, um ihren Lieblingsaufenthalt noch mehr zu ver⸗ ſchönern und ihre Untergebenen glücklich zu machen. Der Abend fand ſie mit thränenvollen Augen und ſchwerem Herzen, niedergedrückt von dem traurigen Bewußtſein, daß ſie jetzt ungern geſehene Ein⸗ dringlinge und widerrechtliche Beſitzer des Hauſes eines Andern wären und daraus ſo bald als mög⸗ lich ſich entfernen müßten, um einen Aufenthalt zu ſuchen, der mit ihren heruntergekommenen Vermö⸗ gensumſtänden beſſer im Einklang ſtand. Wie manche freundliche Erinnerung ſtieg in Beiden auf, als ſie um ſich blickten und rings auf Gegenſtände trafen, 296 die ihnen durch lange Bekanntſchaft theuer geworden waren, denen ſie aber nun bald ein ewiges Lebe⸗ wohl ſagen mußten. Herr Wandsworth zeigte die innigſte Theilnahme, das lebendigſte Mitgefühl mit ihrer Lage und that bei ſich ſelbſt das Gelübde, Alles, was in ſeiner Kraft ſtände, aufzubieten um ſich ihnen in jeder Weiſe nützlich zu machen.“ Er kannte recht gut den Charakter des Mannes, welchem das große Vermögen zufiel, das man bis⸗ her für das Eigenthum des Fräuleins Sydney ge⸗ halten hatte. Er führte eine ſchmutzige und ge⸗ meine Lebensweiſe und ſein ganzes Dichten und Trachten ging blos auf die Vermehrung und An⸗ häufung ſeines Reichthums, aber er beſaß weder ſo viel Geſchmack, noch fühlte er das Bedürfniß ihn zu Betreibung ehrenwerther Geſchäftsunterneh⸗ mungen oder auf Ausübung einer freigebigen Gaſt⸗ freundſchaft zu verwenden; vielmehr galt Herr Syd⸗ ney bei allen ſeinen Bekannten für einen rauhen, ſelbſtſüchtigen und gefühlloſen Geizhals, der bis auf den letzten Heller eintrieb, was ihm nach Ge⸗ ſetz und Recht zukam. Es wäre alſo ganz zweck⸗ los geweſen, ſich an ihn zu wenden und ihn um Nachſicht gegen das Mädchen zu bitten, die man noch vor Kurzem für die Erbin der weitläufigen Güter gehalten hatte, welche jetzt an ihn über⸗ gehen ſollten. Er hätte auf ſeinem guten Rechte beſtanden, mochte auch die Befriedigung ſeiner An⸗ 4 297 ſprüche Frau und Fräulein Sydney in die bitterſte Armuth verſetzen. Als Herr Wandsworth darüber nachdachte, fühlte er eine noch lebhaftere Theil⸗ nahme an dem Looſe der Mutter und Tochter, zeigte aber ſein Mitgefühl in der ehrerbietigſten Weiſe und ohne alle Zudringlichkeit. Die beiden Frauenzimmer faßten darum auch den Entſchluß ſeine Rathſchläge zu befolgen und keinen Schritt zu thun, zu welchem er nicht ſeine Zuſtimmung gegeben hätte. Sie ſuchten in dieſer Nacht ihre Kiſſen, hegten aber keine Hoffnung die Ruhe zu finden, welcher ſie nach einem ſo unruhigen und erſchütternden Tage ſo ſehr bedurften. Das alſo ſollte die letzte Nacht ſein, welche ſie unter dieſem Dach verbringen durf⸗ ten. Hier hatte die Eine die glücklichſten Tage ihres Lebens geſehen und die Andere ihre Augen dem bunt wechſelnden Daſein geöffnet. Ihre ver⸗ änderte Lage kam ihnen ſo ſehr wie ein unruhiger Traum vor, daß ſie ſich immer wieder verſucht fühlten an der Wirklichkeit zu zweifeln. Als ſie gegen Morgen in einen fieberiſchen und oft unter⸗ brochenen Schlummer verſanken, waren auch ihre Träume noch erregt von den Ereigniſſen des ver⸗ wichenen Tages; ſie erwachten unerquickt und voll Kummer. Nachdem ſie Herrn Wandsworth die wenigen Gegenſtände bezeichnet, die ſie zu behalten wünſchten und unter welchen die Bilder ihres Ge⸗ 298 mahls und Sohnes die werthvollſten waren, ver⸗ ließ Frau Sydney und ihre Tochter, begleitet von einem Bedienten, der Amme Murray und einer andern weiblichen Dienerin Sydney⸗Park. Um den Abſchied von denen zu vermeiden, vie ihre Abreiſe ſo bitter beklagt haben würden, ließen ſie die Leute im Hauſe auf dem Glauben, daß ſie blos eine kurze Zeit entfernt bleiben würden und ſagten mit ſchwerem Herzen und mit ſo viel äußerlicher Ruhe als ſie anzunehmen vermochten, ihrer eben noch ſo glücklichen Heimath Lebewohl. Herr Wandsworth drang mit vieler Wärme in ſie für den Augen⸗ blick auf ſein Landhaus bei Richmond zu ziehen; er führte als einen weitern Grund zu Berückſichti⸗ gung ſeines Anerbietens den Umſtand auf, daß es für ſie nöthig ſei entweder in London oder in deſſen nächſter Umgebung zu wohnen, bis mit Herrn Syd⸗ ney Alles in Ordnung gebracht wäre, und ließ nicht nach, bis ſie einwilligten. Er führte immer eine kleine Haushaltung zu Themſenheim, ſo hieß der Landſitz, er hatte ſeiner Haushälterin geſchrie⸗ ben, ſie ſollte ſich auf den Empfang von Gäſten gefaßt halten und er wußte alſo, daß er erwarten durfte Alles für ihre Aufnahme bereit zu finden. Die beiden Frauenzimmer erkannten ſeine Güte dankbar an, denn nichts konnte ihnen unangeneh⸗ mer ſein als in dieſer Zeit der Entſcheidung ſich in London aufzuhalten; und als ſie ſpät am Abend — 299 des zweiten Tages ihrer Reiſe in das maleriſch gelegene und zierlich eingerichtete Haus, das man ihnen geliehen, einzogen, fühlten ſie ſich von Er⸗ kenntlichkeit dafür durchdrungen, daß ihnen in ihrem Unglück noch ſo viele Annehmlichkeiten zu Theil wurden. Zwölftes Kapitel. „Ein Reicher, der ſich in der großen Welt Herumtreibt, der bei'm Kartenſpiel ſein Geld Verlieren und den Unmuth bergen kann, Iſt gleich ein allgemein beliebter Mann. Wär' es der größte parvenu im Leben, Er wird der Mode Schwindelhöh' erreichen, Da Mann und Frau ſtets zu gewinnen ſtreben Und Tadelzungen bei den Fehlern ſchweigen, Wenn ſie an einem reichen Dummkopf kleben.“ Lord Wellerby, ſeine Gemahlin und Töchter kamen wenige Tage nach der unpaſſenden Heirath des Marquis von Mountſerrat in Neapel an und wurden von Lord Fitzwarren freundlicher empfan⸗ gen, als ſich eines aus der Familie vorgeſtellt hatte. Denn die Wahrheit zu ſagen, für Vater, Mutter und Schweſter war der Gefühlszuſtand des Bräu⸗ tigams ebenſo wenig ein Geheimniß, als für Lady 300 Olivia, welche dabei am Meiſten intereſſirt blieb und nichts ſo ſehr fürchtete, als er könnte ihr ſein Eheverſprechen nicht halten wollen. Die gefällige, ja ſogar warme Aufnahme, die ſie von ihm erfuh⸗ ren, überraſchte ſie daher auf's Angenehmſte, und Lady Olivia ſtieg bedeutend höher in ihrer Achtung, als ſie die Stunde herankommen ſahen, welche das Madchen ihrer Herrſchaft entziehen und ſie unter den hohen Adel verſetzen ſollte. Lady Sophie war die einzige Angehörige der Familie, welche ſich darüber nicht freute, denn ſie vermochte den Neid über das Glück ihrer Schweſter nicht zu bewälti⸗ gen und fuhr fort ſolchen in den verächtlichſten Be⸗ merkungen über den Mann zu verrathen, von dem ſie ſich doch ſo gerne an ihrer Schweſter Stelle hätte zur Frau nehmen laſſen. Durch den ennui, den Lord Fitzwarren in der Geſellſchaft ſeines soi- disant Freundes Webworth, beſonders ſeit der Zeit ausgeſtanden, da die Geſundheit des Letzteren in Folge ſeines vielen Eſſens Schaden genommen hatte, war er einigermaßen mit der Vorſtellung von dem unvermeidlichen Schritt ausgeſöhnt worden, den er zu thun im Begriff ſtand.„So viel ſteht feſt,“ dachte er,„Livy kann mir nicht halb ſo viel Ver⸗ druß machen, als Weby, und am Ende iſt es etwas recht Abgeſchmacktes ganz allein eine Reiſe zu machen. Der Mann muß früher oder ſpäter ein Weib nehmen, und iſt es einmal vorbei, ſo cN 301 hat die Geſchichte ein Ende; ich fürchte mich auch nicht halb ſo arg davor jetzt, da das Ding los⸗ gehen ſoll, als früher, wie ich zum erſten Mal den Kopf in's Halfter ſteckte. Und dann, wenn ich einen hübſchen jungen Kerl ſehe, wie Mount⸗ ſerrat, der noch obendrein Marquis iſt und ein größeres Vermögen hat, als ich— einen Kerl, der ein Mädchen hätte kriegen können, wo es ihm eingefallen wäre, wenn ich den an ein Weibsbild gebunden ſehe, wie die, welche er geehelicht hat, ſo kommt es mir vor, als wäre ich verdammt glücklich, daß ich mich in keinen ſchlimmeren Han⸗ del eingelaſſen habe, als mit Livy. Sie iſt zwar keine Schönheit, geht aber in ihrer Art doch an und paßt überdies zu meiner Stellung im Leben. Die Leute können doch nicht ſagen, daß ich unter meinem Stand geheirathet oder daß ſie etwas Lächerliches an ſich habe. Deshalb ſehe ich gar nicht ein, warum ich nicht gute Miene zu dem Spiele machen und die Umſtände ſo gut benützen ſollte, als ich kann.“ Dieſen Folgerungen gemäß kam Lord Fitzwar⸗ ren der Familie im Allgemeinen und ſeiner zukünf⸗ tigen Frau in's Beſondere mit mehr Herzlichkeit entgegen, als jene oder ſogar Lady Olivia ſelber ſich vorgeſtellt hatten. Er erzählte ihnen, welcher Langeweile er während der Reiſe von Venedig mit ſeinem Freunde Weby Preis gegeben geweſen ſei⸗ 302 Der Bericht davon erregte nicht allein das Mit⸗ gefühl der Lady Wellerby, er führte auch zu all⸗ gemeinen Bemerkungen über die Widerwärtigkeiten, welchen man durch Reiſegefährten ausgeſetzt ſei, beſonders wenn dieſelben kein eigenes Gefährt und die ſonſtigen Erforderniſſe beſäßen, mit denen ſich Jedermann unterwegs eine vollkommene Unabhän⸗ gigkeit ſichere. Nur dadurch, hieß es, ſei man in den Stand geſetzt ſich von dem Andern zu trennen, ſobald man es wünſchenswerth finde. Kurzum, Lady Wellerby bewies zuletzt zu ihrer eigenen Zu⸗ friedenheit, daß die Armuth, wenn nicht gerade als das ärgſte Verbrechen, ſo doch als ein eben ſo triftiger Grund, wie jenes zu betrachten ſei, um den Menſchen aus dem Wege zu gehen, welche unter dem Druck derſelben ſtänden. Sie ſetzte mit beredten Worten die verſchiedenen désagrémens aus einander, welche der Umgang mit den Opfern des Mangels für unvorſichtige Menſchen herbeiführe. Lord Fitzwarren hätte ſeiner künftigen Schwieger⸗ mutter gerne die lange Predigt erlaſſen, mit der ſie ihn bei dieſer Gelegenheit beglückte und freute ſich, daß Lady Olivia nicht ebenfalls daran Theil nahm. Lord Wellerby äußerte,„er ſeines Theils ſei durch die Erfahrung belehrt worden, daß man es ſtets vermeiden müſſe ſich in vertrauten Umgang mit Leuten einzulaſſen, die nicht reich wären. Er thue das, um ſich unangenehme Gedanken zu er⸗ 303 ſparen und um nicht etwarten zu müſſen, daß ſolche Menſchen alle Augenblicke Beiſtand von ihm verlangen. Denn,“ fügte er hinzu,„ſolches ſchade ſeinem Wohlbehagen außerordentlich.“ „Der Teufel ſoll mich holen, wenn mir je eine derartige Furcht in den Kopf gekommen iſt,“ ſagte Lord Fitzwarren,„und ich kenne kaum etwas Angenehmeres als die Empfindung, die es Einem verurſacht, wenn man im Stande iſt einen Freund aus der Klemme zu ziehen.“ „Das ſieht Dir ganz gleich, lieber Georg!“ ſagte Lady Olivia, und blickte ihn dabei mit gut nachgemachter Zärtlichkeit an;„Du biſt ſo edel⸗ müthig und gutherzig.“ Dieſe Artigkeit brachte Se. Herrlichkeit zu der Bemerkung, er ſei kein Haar beſſer als hunderte von ſeinen Bekannten, Olivia aber ein verdammt gutes Mädchen. „Sie wiſſen wahrſcheinlich noch nicht, daß unſer alter Freund Axy Beaulieu jetzt der Marquis von Mountſerrat iſt,“ redete Lord Fitzwarren weiter. „Wirklich!“ riefen die beiden Fräulein zu glei⸗ cher Zeit. „Das gibt eine ausgezeichnete parti,“ ſagte Lady Wellerby, deren Gedanken immer darauf zu⸗ rückkehrten, wie ſie ihre Mädchen gehörig unter⸗ bringen könnte. „Ja, eine ſehr gute,“ erwiederte ihr Gemahl 304 und ſah Lady Sophie an, denn er erinnerte ſich mit Wohlgefallen, daß der Marquis, wie er noch Lord Alexander Beaulien war, ſeiner Tochter einige Aufmerkſamkeit erwieſen hatte. Das Fräulein warf ſich in die Bruſt und ſuchte ſich auch ſonſt das Anſehen zu geben, als wäre ſie ſich recht gut be⸗ wußt und als hätte ſie verſtanden, was der Blick ihres Vaters ausdrücken wollte. Lady Olivia ließ das Maul hängen und ſchüttelte den Kopf darüber, daß man auch nur vermuthen könnte, die Aufmerk⸗ ſamkeiten des in Rede ſtehenden Mannes hätten »Jemand anders als ihr gelten können. „Mountſerrat iſt für Niemand eine gute parti mehr,“ ſagte Lord Fitzwarren;„denn er iſt bereits verheirathet.“ „Verheirathet!“ hallte es aus dem Munde der Frauenzimmer nach;„und mit wem?“ Ihr Erſtaunen war ſehr groß, als ihnen das Nähere darüber berichtet wurde; aber ihr Zorn kam ihrer Ueberraſchuug beinahe gleich. Daß ſo ein gemeines Weibsbild, wie die abſcheuliche Ir⸗ länderin einen Mann, wie ihren Freund geangelt hatte, und beſonders jetzt da er zum Marquis geworden, erfüllte ſie mit Aerger und ſie ſtießen allerlei Schmähworte gegen die verlaſſene Frau aus, ja ſie äußerten daß dieſelbe die härteſte Strafe verdient hätte. „Nun, nun, werft doch nicht alle Schuld auf 305 die arme Frau,“ ſagte Lord Fitzwarren.„Wenn in dieſem Falle Jemand eine Schlinge gelegt hat, ſo fällt das nicht ihr zur Laſt, das kann ich Sie verſichern, denn nicht ſie, ſondern ganz allein Axy ging darauf aus die Heirath zu machen.“ „Welch' ſchrecklicher Gedanke, daß er dieſe furchtbare mésalliance nicht mehr rückgängig machen kann!“ rief Lady Sophia und richtete die Augen gen Himmel. „Und wie furchtbar iſt es, daß ſein Titel von einem ſolchen Weibe getragen werden darf!“ meinte Lady Wellerby. „Ja, die gemeine Irländerin, an der Ihr ſo viel Aergerniß genommen, hat jetzt den Vortritt vor Euch allen,“ warf Lord Wellerby höhniſch da⸗ zwiſchen. „Wie magſt Du nur daran denken, daß Du mit ihr in Berührung kommen könnteſt?“ fragte ſeine Gemahlin. „Die Marquiſe von Mountſerrat wird eine bedeutende Rolle ſpielen, darauf könnt Ihr Euch verlaſſen,“ entgegnete Lord Wellerby.„Reich, von hohem Rang und gaſtfrei, wie ſie dem Gerüchte nach iſt, wird ſie der Löwe des Tags ſein und in England, das wißt Ihr ja, iſt die Menge ſtets bereit ſich herbeizudrängen, wenn es gilt eine Löwin füttern zu ſehen.“ Dabei lachte ſeine Herrlichkeit über ſeinen Verſuch Witze zu machen. Strathern Ur. 20 306 „Die arme Frau wohnt in dieſem Gaſthof,“ ſagte Lord Fitzwarren,„und ich, der ich bei ihrer Hochzeit als Brautführer gedient, habe es für nicht mehr als ſchicklich gehalten, ihr einen Beſuch zu machen. Sie iſt in ihrer Art recht unterhaltend und außerordentlich luſtig; findet ſich in das Da⸗ vonlaufen ihres Gemahls mit viel Gleichmuth und tröſtet ſich damit, daß ſie ſich ein Marquiſat ver⸗ ſchafft, ob ſie ſchon den Margquis verloren hat. Es wäre recht freundlich von Ihnen, Lady Wel⸗ lerby, wenn Sie einmal bei ihr einſprächen. Ich will Sie vorſtellen.“ „Nicht um die Welt! Was würden die Leute ſagen, falls ich einen ſolchen Schritt thäte? Schon der Gedanke daran macht mir Angſt.“ „Ich ſehe nichts daran, was Sie ängſtigen könnte und that Ihnen den Vorſchlag, weil ich weiß, daß Sie gerne einen Whiſt⸗Robber machen. Ich dachte, es werde Ihnen ſchwer, wo nicht un⸗ möglich fallen, in Neapel dazu zu kommen und Sie hätten wirklich eine Eroberung an ihr gemacht, da Sie in dem Gaſthof wohnen und von jetzt an jeden Abend Ihren Robber ſpielen können.“ „Spielt ſie gut?“ fragte Lady Wellerby eifrig. „Nein, durchaus nicht, aber ſie hat nichts gegen hohe Einſätze,“ erwiederte Lord Fitzwarren und biß ſich in die Lippen, um das Lachen zu verbergen. Er ſah, die Lockſpeiſe, welche er ſeiner zukünftigen 307 Schwiegermutter hingeworfen, hatte gute Dienſte geleiſtet und doch behauptete er mit der letzteren Angabe etwas, was er gar nicht wußte, nämlich ob das in Rede ſtehende Frauenzimmer überhaupt Whiſt ſpiele oder nicht. „Nun, wenn Sie, mein lieber Lord, es durch⸗ aus haben wollen,“ ſagte Lady Wellerby, ſo will ich meinen eigenen Widerwillen bekämpfen und die Perſon beſuchen. Sie dürfen dies aber als einen der bündigſten Beweiſe anſehen, wie ſehr ich wünſche Ihnen gefällig zu ſein.“ „Oder einen Robber zu machen,“ fügte Lord Wellerby mit höhniſcher Miene hinzu. „Du meinſt, Jedermann hänge ſo ſehr an den Karten, wie Du,“ gab die Frau zornig zurück; „aber Lord Fitzwarren weiß zum Glück, daß ich in dieſem Falle mich blos durch den Wunſch be⸗ ſtimmen laſſe, ihm etwas zu Liebe zu thun.“ „Ich werde der Marquiſe morgen meine Auf⸗ wartung machen und ſie davon benachrichtigen, daß Sie ihr ebenfalls die Ehre geben wollen,“ ſagte Lord Fitzwarren. „Und wenn Sie es ſo einrichten und einen Robber zu Stande bringen können, ſo verſäumen Sie es doch ja nicht, denn es wird Einem den Abend herumbringen helfen,“ verſetzte Lord Wel⸗ lerby. „Damit Ihre Hoffnung nicht vereitelt wird, 26 308 will lieber ich ſelber einen oder zwei Robber mit⸗ ſpielen,“ ſagte der gutmüthige Lord Fitzwarren. Es freute ihn, ein Mittel gefunden zu haben, um die Abende zu verkürzen, die, wie er fand, im Kreiſe der Familie Wellerby ſo ſchwer auf ihm laſteten. Am folgenden Tage machte er ſeinem Verſpre⸗ chen gemäß der Marquiſe von Mountſerrat einen Beſuch und bat ſie um Erlaubniß, die Lady Wel⸗ lerby zu ihr bringen zu dürfen.“ „Was?“ fragte ſie,„iſt das nicht die häßliche alte Frau mit den einfältigen Töchtern, welche in Rom ſo grob gegen mich waren? Ich ſtehe jetzt in höherem Rang als ſie und glaube, es wäre nicht in der Ordnung, wenn ich mich auf eine Bekannt⸗ ſchaft mit ihnen einließe.“ „Sie wollen ja die Ihre machen, meine werth⸗ Lady,“ verſetzte er;„dann gehört Lady Wellerby der vornehmen Welt an und kann Ihnen ſehr nütz⸗ lich werden. Ich ſtehe im Begriff, eine von ihren Töchtern zu heirathen; und da Sie und ich jetzt Freunde ſind, ſo wäre es mir angenehm, Sie mit meiner Braut und ihren Angehörigen zuſammenzu⸗ bringen.“ „Nun denn, Mylord, ich kann Ihnen nichts ab⸗ ſchlagen; aber wenn Sie wüßten, wie ſchlecht ſie ſich gegen mich betragen haben.“— „Wir müſſen vergeben und vergeſſen, theure Lady und die Frauenzimmer aus den höheren 309 Ständen nehmen, wie ſie ſind. Im Vorbeigehen, ſpielen Sie Whiſt?“ „Ja, aber nicht ſehr gut.“ „Da haben Sie jetzt die ſchönſte Gelegenheit, ſich darin zu vervollkommnen, wenn Sie es mit Lady Wellerby treiben; aber ſpielen Sie nur nicht zu hoch, denn ich möchte nicht gerne, daß Sie Ihr Geld verlieren.“ „Es läge mir wenig daran, wäre es auch nur um dieſer vornehmen und eingebildeten Dame zu zeigen, daß ich mir aus dem Geld gar nichts mache und einen Verluſt ganz leicht verſchmerzen kann.“ Als Lord Fitzwarren ſich verabſchiedet hatte, ſchellte die Marquiſe von Mountſerrat der Frau Bernard. Sobald dieſe erſchien, erhielt ſie Be⸗ fehl, ſich ſogleich in ihre beſten Kleider zu werfen, denn es würden Leute von hohem Rang zu ihr auf Beſuch kommen und da ſei es nöthig, daß ihre dame de compagnie ſich in einem paſſenden Anzuge ſehen laſſe.„Jetzt geben Sie Acht, daß Sie kein Verſehen begehen und mich immer mit meinem Titel anreden. Für was bin ich denn eine Marquiſe, wenn man mich nicht mit der gehörigen Ehrfurcht anredet? Sind die Gebetbücher und die Bibel mit den Kronen darauf zurück gebracht worden?“ „Nein, Madame.“ „Jetzt vergeſſen Sie ſchon wieder, was Sie zu 310 thun haben. Können Sie ſich denn nicht ange⸗ wöhnen, immer„gnädige Frau“ zu mir zu ſagen? Schicken Sie fort und laſſen Sie die Bücher ho⸗ len, denn ich kann am Sonntag nicht in die Kirche, wenn mein Wappen nicht auf den Gebetbüchern iſt. Ich möchte daſſelbe auch auf jedem Buche das ich habe und auf Allem, was ich in die Hände nehme, angebracht ſehen. Sind meine Viſitenkarten von dem Graveur gekommen?“ „Ja, gnädige Frau.“ „Laſſen Sie ſehen.“ Die Karten wurden gebracht, aber der Zorn der Marquiſe kannte keine Gränzen, als ſie ſah, daß blos die Worte:„die Marquiſe von Mount⸗ ſerrat“ darauf ſtanden. „An dem einfältigen Verſehen ſind Sie wie⸗ der ſchuld,“ rief ſie und ihr Geſicht wurde feuer⸗ roth vor Aerger.„Warum haben Sie nicht „Hochgeboren“ vor meinen Titel ſetzen laſſen? Wiſſen Sie nicht, daß ein Marquis oder eine Marquiſe das Recht hat, ſich Hochgeboren nennen zu laſſen?“ „Ich kann die gnädige Frau verſichern, daß es nicht gebräuchlich iſt, ſolches auf die Karten ſchreiben zu laſſen.“ „Was verſtehen denn Sie davon? Hat je einmal eine Marquiſe ihre Karte bei Ihnen zu⸗ rückgelaſſen, das möchte ich doch wiſſen? Sicher 1 hat das nie Jemand gethan, denn man trifft nicht jeden Wochentag mit einer Marquiſe zuſammen, das weiß ich, und wenn es geſchieht, ſo wiſſen ſie recht gut, was ſie zu thun haben und beſchimpfen ihren hohen Rang nicht durch Beſuche bei Leuten ohne Titel.“ Frau Bernard verſuchte keine Erwiderung, denn ſie wußte wohl, daß es durchaus zwecklos ſein würde; ihre tyranniſche Gebieterin aber nahm ihr Stillſchweigen als ein Zeichen der Beiſtimmung zu ihrer Meinung auf. Juſtine ward jetzt zu einer Berathung über den Anzug beigezogen, in welcher der Beſuch der Lady Wellerby angenommen werden ſollte und Frau Bernard durfte ſich entfernen, um die nöthigen Ver⸗ änderungen in dem ihrigen vorzunehmen. „Eine außerordentlich vornehme Frau kommt heute zu mir auf Beſuch, Juſtine, und ich möchte für ihren Empfang recht hübſch gekleidet ſein. Welche Tracht wäre wohl die beſte?“ „Ich meine Madame la Marquise iſt ſo recht ſchön geputzt und trèés elégante.“ „Oh nein, Juſtine, ſehen Sie nur wie ſchlecht ſich dieſes Gewand ausnimmt und die Spitzen⸗ volants, wie Sie das heißen, ſind ganz verkrümpelt. Was meinen Sie, wenn ich mein organiſches Kleid anlegen würde?“ 312 „Madame la Marquise meinen Ihr Organdi⸗ Kleid“*). „Ja, ja, das habe ich gemeint, das hat ſchöne Spitzen und ſieht eher aus wie ein Brautanzug.“ „Aber der Bräutigam iſt ja davon gelaufen und da meine ich würden Madame la Marquise die Leute noch mehr darauf aufmerkſam machen, daß Sie noch Braut ſind,“ bemerkte die naſeweiſe femme de chambre mit der boshaften Kälte. „Und wenn er auch fort iſt, ſo hat er doch ſei⸗ nen Titel nicht mitnehmen können und ich bin die Marquiſe von Mountſerrat, ob er will oder nicht; und ich habe Geld genug, um meinen hohen Rang aufrecht zu erhalten. Deswegen muß ich mich auch anſtandig tragen.“ „Aber Madame la Marquise müſſen doch beden⸗ ken, daß es Leute von hohem Rang für ſehr vul- gaire halten, ſich Morgens ſchon in zu großen Staat zu werfen.“ „Ach was! Blos Leute die nichts aufzuwen⸗ den haben, ſetzen ſich ſolch verrücktes Zeug in den Kopf. Ich will mein organiſches Kleid mit den ſchönen Spitzenfalbeln und das hübſche Valencienner Kannſtu anziehen.“ *) Für die männlichen Leſer muß ich hier anführen, daß Organdi eine Art Muſſelin iſt und daß aus der Verwandtſchaft mit dem Worte Organ das ſonderbare Wortſpiel herrührt. D. Ueberſ. 313 „Madame la Marquise ſprechen das Wort im⸗ mer unrichtig aus. Man ſagt canezou und nicht Kannſtu.“ „Was bedeutet es denn? Sie wiſſen, was ich meine und damit Holla! Ich will die Morgen⸗ haube aufſetzen, die zuletzt aus Paris gekommen iſt, die mit den blaßrothen Bändern, und dann denken Sie an das Sacktuch mit dem Wappen in der Ecke, das will ich in der Hand tragen. Ich habe mir vorgenommen, große Kronen in die vier Ecken eines Sacktuchs ſticken zu laſſen; dann kann ſie Jedermann ſehen. Iſt aber blos eine ſolche Krone in einer Ecke, ſo muß ich die immerfort zeigen.“ „Aber ich darf Madame la Marquise nichts thun laſſen, worüber die Leute lachen. Niemand macht mehr als eine Krone in die Sacktücher und es würde für ſehr vulgaire gehalten werden, es käme heraus wie bei einer parvenue, wenn Sie das thäten.“ „Wie kann eine Marquiſe gemein ſein, Ju⸗ ſtine? Blos gewöhnliche Leute ohne Titel ſind gemein. Der hohe Adel gilt immer für artig und fein, mag er thun, was er will, und gibt in Allem den Ton an.“ Juſtine ſchüttelte den Kopf und machte ein un⸗ glaubiges Geſicht, aber ſie ließ ſich in keinen wei⸗ teren Streit mit ihrer einfältigen Gebieterin ein, und das aus zwei Gründen. Erſtens nämlich hielt ſie ihre Herrſchaft für unfähig Vernunft, anzuneh⸗ 34 men; und zweitens wollte ſie durchaus nicht das Mißfallen derſelben erregen, um nicht dadurch die freigebigen Geſchenke abzuſchneiden, bei denen ſie ſich ſo gut befand. Solche zu erhalten, hing aber davon ab, daß man die Frau in guter Laune er⸗ hielt. Die ſchlaue femme de chambre handelte nach dem Grundſatz: der Geſcheide gibt nach, und erhob weiter keine Einwendungen gegen den ver⸗ ſchwenderiſchen Anzug, in welchem die Marquiſe nun einmal durchaus erſcheinen wollte. Sie konnte ſich aber nicht enthalten, die Achſeln zu zucken und die Augen zur Decke aufzuſchlagen, als ſie ſah, daß ihre Herrin das Ankleidegemach verließ und ihren Platz in dem Geſellſchaftszimmer einnahm, um be⸗ ſtändig für den Empfang des erwarteten Beſuchs in Bereitſchaft zu ſein. Oh, mon dieu, quelle femme, quelle femme!“ rief ſie, indem ſie ſich vor den Spiegel ſetzte, ihre Haube in Ordnung brachte und ſelbſtgefällig lächelte über das Bild, das ihr entgegentrat.„Ich könnte voch viel beſſer eine Marquiſe abgeben,“ ſagte ſie vor ſich hin und richtete ſich ſtolz in die Höhe. Ich habe eine tournure éléganle, ein distingué Aus⸗ ſehen und ein je ne sais quoi, was ſich eine Eng⸗ länderin nie zu eigen machen kann. Ja, ich würde viel beſſer eine Marquiſe abgeben, und nie ſollte Jemand über mich lachen, wie über das einfältige Weibsbild. Ich möchte nur wiſſen, ob das mau- 315 vais sujet, der Tournefort, noch an mich denkt? Tel mäitre, tel valet. Mais, après tout, es muß uns Alles zum beſten dienen, wie die Philoſophen ſagen und wenn der Marquis, der ſchlechte Menſch ſchon auf und davon gelaufen iſt und mich um meine fünftauſend Pfund gebracht hat, ſo kann ich mir doch viel mehr Geld machen bei dieſer béte de femme. Jetzt iſt ja kein ausſchweifender Mann da, der ſich ihr Geld zu Nutze macht und ſie in ihren Ausgaben ſo kurz hält als möglich.“ Etwa um vier Uhr wurde Lady Wellerby in Begleitung ihres künftigen Schwiegerſohnes, des Lord Fitzwarren in den Salon der Marquiſe von Mountſerrat eingeführt. Sie fanden dieſelbe in einer bergere liegend und mit einem koſtbar einge⸗ bundenen Buch in der Hand, worin ſie eifrig zu leſen ſchien. Zweimal ſchon hatte ihr der Be⸗ diente gemeldet, daß Beſuch da ſei, ehe die Lady Miene machte, von der Anweſenheit eines ſolchen Notiz nehmen zu wollen. Als ſie ſich endlich her⸗ abließ, denſelben ihrer Beachtung zu würdigen, gab ſie ſich ein ſo lächerliches Anſehen, daß Lord Fitzwarren Mühe hatte, ſeine Lachluſt zu bekämpfen. Nachdem er die beiden Frauenzimmer einander vor⸗ geſtellt, nöthigte die Marquiſe die Lady Wellerby, Platz zu nehmen und ſagte:„Wie gefällt es Ihnen in Neapel, Gräfin?“ 316 „Außerordentlich gut und ich hoffe, Sie finden es ebenſo angenehm.“ „Nun, ich kann's, aufrichtig geſagt, nicht ſehr loben. Die Ausſichten ſind hier gerade ſo abge⸗ ſchmackt, wie in Rom. Man hat mich beredet, auf den Berg— zu gehen, ich kann den Namen nicht behalten, aber ich meine den feuerſpeienden Berg. Es war ein verdrießliches Stück Arbeit und wie ich die Spitze erreicht hatte, meinte ich wieder im Alten Irland zu ſein. Denn da rief einer der Männer, ſehen Sie in den Crater hinunter, ge⸗ rade wie es die Bettler in Irland machen*), wenn ſie um ein Almoſen bitten. Aber ich ſah nichts, was der Mühe werth geweſen wäre, die es mir gemacht hatte, hinaufzukommen. Da war nichts als ein Loch im Berge, aus welchem dann und wann Rauch und blaue Flammen hervorkamen. Es gemahnte mich wie eine mächtige, faſt leere Punſch⸗ bowle, auf deren Boden ein wenig Schnaps brennt.“ „Das iſt bei Gott eine herrliche Vergleichung!“ rief Lord Fitzwarren, den es ſehr beluſtigte, wie ſich *) Hier muß ich der Ueberſetzung abermals durch eine Anmerkung zu Hülfe kommen. Die Wörter erater (Crater) und creature(Geſchöpf) werden von Irländern faſt in derſelben Weiſe ausgeſprochen. Look down ihe crater, was hier mit,„ſehen Sie in den Crater hinunter“ wiedergegeben iſt, heißt alſo im Sinne der Redenden: erbarmen Sie ſich eines Mitmenſchen. D. Ueb. 317 Lady Wellerby Mühe gab, ihren Abſcheu und Wi⸗ derwillen gegen die ſchlechte Ausſprache und das gemeine Betragen der Frau zu verbergen, bei der ſie eben zu Beſuch war. Was hat Ihnen zu Neapel am beſten gefallen?“ fragte er um noch mehr aus der Marquiſe heraus⸗ zubringen. Die Lazzeretto, die mit ihren Karren in den Straßen herumfahren,“ erwiederte die Lady, welche das Wort Lazzeretto(Lazareth) für gleichbedeutend mit Lazzaroni hielt. „Sie haben wohl ſchon Pompeji beſucht,“ ſagte Lady Wellerby. „Ja, Gräfin, aber das alte Schutthaufen⸗Neſt verdient gar nicht, daß man es anſieht.“ „Wenn Sie für dieſen Abend nicht verſagt ſind, Lady Mountſerrat, wollen Sie dann wohl zu uns kommen und den Abend bei uns zubringen?“ fuhr Lady Wellerby fort.„Mein Gemahl und meine Tochter werden ſich freuen, wenn ſie das Vergnügen haben Ihre Bekanntſchaft zu machen.“ „Sie ſind ſehr gütig, Gräfin, es liegt mir nichts daran. Um welche Zeit trinken Sie Ihren Thee?“ „Um zehn Uhr. Gewöhnlich machen wir dann einen Whiſt⸗Robber.“ „Nun, ich ſehe Sie wollen ſich jetzt umgäng⸗ licher zeigen, Gräfin. Haben Sie Luſt morgen mit Ihrer Familie und Sr. Herrlichkeit da zu mir 318 zu kommen und ſich ohne alle Umſtände meine Hausmannskoſt gefallen zu laſſen?“ Ich weiß nicht ob wir für morgen anderswo ein⸗ d oder nicht,“ erwiederte Lady Wellerby; Sie mir erlauben, ſo will ich meinen Mann geladen ſin aber wenn fragen und wir von Ihrem Aner Lady Wellerby ſtan die Marquiſe ſagte:„ Ihnen dieſen Abend zu wiſſen thun, ob bieten Gebrauch machen können.“ d auf um wegzugehen und Warum thun Sie denn ſo eilig, Gräfin? Sie ſehen doch daß mir Ihre Ge⸗ ſellſchaft recht angene nicht mehr ſondern Sie ſind arti Frauenzimmer gegen d Die Wangen der Lady Wellerby na ſo auf das hohe Pferd wie g und „ hm iſt. Sie ſetzen ſich jetzt in Rom, höflich, wie es ein as andere ſeyn ſoll.“ hmen bei dieſer Anſpielung auf den Vorfall im Corſo wäh⸗ rend des Carnevals eine rothe Färbung als eine Frau von Welt erlangte ſie ſchnell wieder ihre Geiſtesgegenwart und entgegnete:„Ach, damals wußte ich eben nicht wer Sie ſind, Lady Mount⸗ ſerrat, in einer Einem in entſchuldigen, daß ſucht habe von Ihren Vorzügen unterrichtet g wir Leute aus dem hohen Adel ſehen ehe wir uns mit Jemand c. „VJa, müſſen uns wohl vor Stadt wie Rom, den Weg kommen. „ wie ich wohl gethan hätte, Gräfin, an, aber und man muß vorſichtig zu Werke gehen wo jede Art Leute Sie werden deßhalb ich Ihre Bekanntſchaft nicht ge⸗ wenn ich eweſen wäre.“ 1 319 näher einlaſſen. Wir wollen alſo nicht weiter von vergangenen Dingen reden, und es wird nicht mein Fehler ſehn, wenn wir keine guten Nachbarn wer⸗ den. Es wäre für mich ein rechter Troſt eine Freundin zu haben wie Sie. Ich bin ſo allein, ſeit mich der Marquis verlaſſen hat, deſſen Be⸗ tragen gegen mich höchſt auffallend und lieblos war. Ihr Freund, Lord Fitzwarren, kann Ihnen das ſagen.“ „Sie müſſen ſich dadurch Ihre Laune nicht ver⸗ derben laſſen,“ erwiederte Lady Wellerby, die ſich bemühte einige Höflichkeit in ihr Betragen zu legen. „Meiner Treue, das thu' ich auch nicht, Gräfin. Ich bin nicht ſo leicht aus der Faſſung zu bringen. Ich kann es ohne ihn ebenſo gut aushalten als er ohne mich, das darf er glauben, und da ich Geld genug habe um meinen Titel aufrecht zu halten, ſo gedenke ich mir das Leben ſo angenehm zu machen, als es einer Marquiſe zuſteht.“ „Da haben Sie ganz recht, meine Liebe,“ verſetzte Lady Wellerby und verabſchiedete ſich, um der Unterhaltung mit der Marquiſe zu entgehen. Sie hatte einen herzlichen Ekel vor dem gemeinen Weſen ihrer neuen Bekanntſchaft, war aber ent⸗ ſchloſſen, ſich dadurch nicht von dem fernern Um⸗ gang mit derſelben abhalten zu laſſen. Sie hoffte es zuwege zu bringen, daß ſie während ihres bei⸗ derſeitigen Aufenthalts in Neapel jeden Abend einen Robber mit ihr machte und war überzeugt, daß 320 ihre eigene Fertigkeit im Spielen ihr eine hinrei⸗ chende Ueberlegenheit über ihre Gegnerin verſchaffen würde, um des Gewinnes ſicher ſeyn zu können. „Sie haben mich ſchön in der Klemme ſitzen laſſen,“ ſagte die Marquiſe, als die vielgeprüfte Frau Bernard bald nach dem Weggang der Lady Wellerby in das Zimmer trat.„Warum haben Sie, da mein vornehmer Beſuch kam, nicht hier ihren Platz eingenommen wie ich es Ihnen befohlen hatte?“ „Die Klinke an meiner Zimmerthüre iſt abge⸗ brochen und ich konnte nicht heraus. Zwar habe ich mehrmals geſchellt, aber es kam Niemand um mir aufzumachen, bis eben jetzt, und da bin ich auch gleich hergegangen, Madame.“ „Sie haben immer bald die, bald jene ein⸗ fältige Ausrede dafür, daß Sie Ihre Pflichten verabſäumen; und wenn ich nicht die geduldigſte und gutmüthigſte Frau von der Welt wäre, ſo hätte ich Sie ſchon lange Ihres Dienſtes entlaſſen. Merken Sie ſich, wenn ich Ihnen ſchon Ihre Nachläſſigkeit überſehen habe, ſo lang ich blos noch die Frau Maclaurin war, ſo kann doch jetzt, da ich eine Marquiſe bin, das nicht ſo fortgehen; und ich rathe Ihnen aufmerkſamer zu ſeyn, wenn Sie Ihren Platz behalten wollen. Ich habe den Grafen Wellerby nebſt Gemahlin und Töchtern, ſo wie den Grafen Fitzwarren für morgen zum Eſſen ein⸗ geladen und möchte ihnen gern die beſte Mahlzeit 321 und die ausgeſuchteſten Weine auf den Tiſch ſtel⸗ len, die in Neapel aufzutreiben ſind. Sehen Sie alſo nach dem Wirth und geben Sie ihm die nö⸗ thigen Anweiſungen.“ Nachdem ſie der ſchüchternen dame de compagnie ihre Befehle ertheilt, zog ſich die Marquiſe in ihr Ankleidezimmer zurück, um mit ihrer femme de chambre eine Berathung wegen des Kleides zu halten, das ſie dieſen Abend tragen wollte.„Ich will mich recht putzen, Juſtine,“ ſagte ſie,„denn die Leute ſind vom vornehmſten Rang und Alles iſt bei ihnen auf's feinſte ausgeſpitzt. Keine von Euren armſeligen Herren von So und So, kann ich Sie verſichern, ſondern rechte Lords und La⸗ dies. O, Juſtine, wie ſehne ich mich meinen Namen unter dem höchſten Adel aufgeführt zu ſehen; aber das kann nicht ſeyn ehe ein neues Ver⸗ zeichniß davon herauskommt. Ich möchte wiſſen ob der Mann, der das Buch macht, ſich dazu verſtehen würde es gleich jetzt erſcheinen zu laſſen, wenn ich an einen Freund in England ſchriebe und ihm durch dieſen Geld anbieten laſſe.“ „In England, Madame la Marquise, kann man für Geld Alles kriegen.“ „Ja, Juſtine, die Engländer haben viel Sinn dafür und ſind recht geſcheide Leute. Sie wiſſen den Werth des Geldes und die, welche es haben, zu ſchätzen.“ Strathern u1. 21 322 „Oui Madame la Marquise, ſie ſind ſo geſcheid, daß bei ihnen kein Menſch Etwas gilt, der kein Geld hat, mag er auch ſonſt die beſten Eigen⸗ ſchaften aufweiſen können. Aber iſt Jemand reich, ſo werden ſie ihm alle die Cur machen.“ „Was iſt das eine Cur machen, Juſtine?“ „Schmeicheln, Madame la Marquise, Einem gute Worte geben, wie Sie ſagen.“ „Was meinen Sie, daß ich dieſen Abend am beſten anziehen könnte, Juſtine?“ „Ein robe de mousseline mit une écharpe de dentelle.“ „Sprechen Sie En liſch, Juſtine. Sie wiſſen ja daß ich kein Franzöſiſch verſtehe.“ „Nun denn, ein Muſſelinkleid, eine Spitzen⸗ Fcharpe und einen chapeau von paille de ris mit Blumen“ „Nein, das wäre nicht ſchön genug. Jeder⸗ mann könnte ſich einen ſolchen Anzug kaufen und ihn tragen, Juſtine, und ich will etwas haben was nur ein vornehmes und reiches Frauenzimmer zu tragen im Stande iſt.“ „Aber Madame la Marquise vergeſſen, daß vor⸗ nehme und reiche Frauenzimmer manchmal gern recht einfach gekleidet ſind, surtout bei pelites soirées.“ 8 „Deſto größer iſt ihre Dummheit. Eine vor⸗ nehme Frau muß immer durch ihren Anzug zeigen 323 wer ſie iſt, und darf nicht ausſehen wie das Weib eines gewöhnlichen Mannes. Ich will ein weißes Spitzenkleid tragen, darunter ein anderes von rothem Atlas, einen blaßrothen Hut mit Federn und mei⸗ nen in Diamanten gefaßten Smaragdſchmuck. Ich will ſie ſehen laſſen was ich für ſchöne Sachen habe.“ Ach, wenn Madame la Marquise mir folgen wollten, ſo würde ich ſolche charmantes Putzſachen für Sie erfinden, daß die ganze Welt ſagen möchte es habe Niemand ſo recherchées toilettes.“ „Nein, Juſtine, Ihr Geſchmack iſt mir viel zu einfach. Ich bin gern immer in vollem Staat, denn was hat man denn von ſchönen Sachen, wenn man ſie nicht trägt?“ Lady Wellerby und ihre Töchter waren an jenem Abend bei'm Eintritt der Marquiſe in ihren Salon ſehr erſtaunt, dieſelbe in einem Putz zu ſehen, der blos für eine große Geſellſchaft paßte. Ihr eigene ſchlichte und einfache Tracht hätte dem Gaſte das Unpaſſende der eigenen darthun müſſen wenn ſie weniger dumm geweſen wäre. Aber weit entfernt dadurch in Verlegenheit zu gerathen, daß ihr Anzug von dem ihrer Wirthe ſo auffallend abſtach, freute ſie ſich vielmehr darüber. Lady Wellerby ſtellte ihren Mann und ihre Töchter der Marquiſe vor, Lord Fitzwarren ſchüttelte ihr als alter Bekannter ſogleich die Hand und ſagte 324 ihr Artigkeiten über die geſchmackvolle Pracht in ihrem Anzug, während die jungen Fräulein da⸗ ſtanden und ſie mit ſchiefen Blicken betrachteten.“ Bald wurden die Karten gebracht. Lord Wel⸗ lerby und ſeine Frau trugen darauf an, daß ſie zuſammen ſpielen wollten, weil ſie, wie ſie ſagten, dieß nie gegen einander thäten und Lord Fitzwarren ſetzte ſich mit der Marquiſe ihnen gegenüber. „Wie hoch wollen Sie ſpielen?“ fragte Lady Wellerby. „Wie es Ihnen beliebt,“ gab die Marquiſe mit gleichgültiger Miene zur Antwort. „Was jagen Sie dazu, wenn wir ein Louis⸗ dor für den Stich und fünf für den Robber ſetzen,“ fuhr Lady Wellerby fort. „Bleib's dabei!“ verſetzte die Marquiſe. „Sie und ich,“ ſagte Lord Wellerby mit einer Verbeugung gegen die Letztere,„wollen uns wegen des Eiſatzes mit einander vergleichen und meine Frau wird mit Lord Fitzwarren abrechnen.“ Schon die Art und Weiſe, in welcher die Mar⸗ quiſe ihre Karten hielt und auswarf, bewies, daß ſie nicht viel Gewandtheit in dem Spiele beſaß. Als ſie daſſelbe aber ein paar Minuten fortgeſetzt hatte, ſtellte ſich heraus, daß ſie die gewöhnlichſten Regeln des Whiſt nicht kannte. Die Augen des Lord Wellerby funkelten vor Vergnügen als er die groben Fehler bemerkte die ſie beging, und ſeine 325 Gemahlin nahm ein beinahe zärtliches Betragen gegen ſie an, als Spiel um Spiel und Robber um Robber durch ihre Ungeſchicklichkeit für ſie ver⸗ loren ging. „An Ihrer Stelle,“ ſagte Lord Fitzwarren, „würde ich nicht ſo hoch ſpielen, denn Sie ſind wahrhaftig unſern Gegnern, die ihre Sache beſon⸗ ders gut verſtehen, durchaus nicht gewachſen.“ „Bei einiger Uebung wird es bald beſſer gehen,“ entgegnete die Marquiſe, indem ſie aus einer reich geſtickten Arbeitstaſche einen prächtigen mit Louis⸗ dor geſpickten Beutel herauszog;„da ich aber gerne gleich bezahle was ich verliere, ſo will ich mich für die verlorenen Robber mit Ihnen abfin⸗ den, ehe wir einen andern anfangen.“ Aber der ganze Inhalt ihres wohlgefüllten Beutels reichte nicht hin um auch nur die Hälfte der Summe zu bezahlen, die ſie verloren. Lord Fitzwarren gab ſeiner zukünftigen belle-mére einen Schein für das was er ihr ſchuldig geworden, nahm ſich jedoch vor nie wieder mit der Marquiſe zu⸗ ſammen zu ſpielen. Ihre Gegner aber freuten ſich über die Maßen, Jemanden gefunden zu haben, die ihnen nicht blos einen ſo leichten Sieg ver⸗ ſchaffte, ſondern auch ihr Geld verlor, ohne ſich, wie es ſchien, im Mindeſten darum zu kümmern. Sie waren daher auch lauter Artigkeit gegen die Marquiſe und nahmen ihre Einladung zum Eſſen 326 für den folgenden Tag an, weil ſie hofften dann wieder ſo glücklich zu ſeyn wie dieſen Abend. Erſt um Mitternacht trennte ſich die Geſellſchaft. Dreizehntes Kapitel. „Das Sprichwort ſagt vom Gold es ſey beflugelt, und die Erfahrung jeden Tags beſiegelt Den kräftig wahren Satz vor aller Welt, So wie des Schickſals Strom bald ſteigt, bald fällt. Der luſt'gen Pfade zum Ruin ſind viel, Doch führen alle zu demſelben Ziel. Dem Einen fällt es ſchwer auf Herz und Glieder, Sieht er die Noth ſo vieler ſeiner Brüder, Er wirft ſein Gold mit vollen Händen hin, In ſchöner Luſt und hohem Edelſinn. Doch Manchem der's hierin zu weit getrieben, Iſt endlich ſelber gar nichts mehr geblieben. Der Sinn für's Schöne und der Bilder Pracht Hat Manchen an den Bettelſtab gebracht; Wer groß und Viel zu bauen angefangen, Iſt ſelten reich aus dieſer Welt gegangen.“ Strathern war mehr überraſcht als erfreut, als er am Tag nach ſeiner Ankunft ausfuhr um die Wohnung zu betrachten, die während ſeiner Abwe⸗ 327 ſenheit für ihn errichtet worden war. Die Pracht derſelben und die Koſtbarkeit der architektoniſchen Verzierungen ging ſo ſehr über ſeine Abſichten hinaus, daß er ſich, ſo wenig er auch in ſolchen Dingen bewandert war, durch einen flüchtigen Blick überzeugte, der von ihm angeſtellte Bau⸗ meiſter habe ſich in Bezug auf die Koſten nicht die mindeſte Beſchränkung auferlegt. Zugleich fiel ihm jetzt mit Schrecken ein, daß er demſelben hierin völlig freie Hand gelaſſen und er ſah, daß ſein Vertrauen arg mißbraucht worden war. Dos Ge⸗ bäude war von den großartigſten Verhältniſſen und mußte bis zur gänzlichen, auch inneren Vollendung eine ungeheure Summe koſten. Er hatte zwar vor ſeiner Abreiſe einen Plan geſehen, der ihm, wie der Baumeiſter ſagte, einen Begriff davon ver⸗ ſchaffen ſollte wie Strathern⸗Haus werden würde, er hatte ſich auch damit einverſtanden erklärt, aber die Häuſer nehmen ſich auf dem Papier ſo ganz anders aus als in der Wirklichkeit, daß Strathern nimmermehr geglaubt hätte, die zierlich ausſehende Wohnung auf dem Riß, der ihm zur Genehmigung vorgelegt wurde, könnte zu dem JPallaſt heran⸗ wachſen, den er jetzt mit Beſorgniß betrachtete. Bei dem Gedanken an die gewaltige Lücke, die dadurch nothwendig in ſeinem Vermögen entſtehen mußte, konnte ihm der Glanz deſſelben kein Ver⸗ gnügen machen. Hätte ſein Verhältniß zu Louiſen 328 Sydney noch beſtanden, ſo würde ihm der Ge⸗ danke, daß ſie ja den prächtigen Aufenthalt mit ihm theile, mit den ungeheuren Auslagen wieder ausgeſöhnt haben, welche die Aufführung und die Ausſtattung im Innern deſſelben verurſachten; aber für ihn, einen einzelnen ledigen Mann, der auch aller menſchlichen Berechnung nach beſtändig ein ſolcher zu bleiben verdammt war— erſchien ein Palaſt wie dieſer zwecklos und widerſinnig. Er durchwanderte die Reihe hoher und geräumiger Gemächer, in jedem derſelben traten neue Beweiſe von der leichtſinnigen Verſchwendung des Baumei⸗ ſters zu Tage, und er verließ das Haus um ſich mit ſeinem Geſchäftsführer zu beſprechen, ſchon im Voraus ängſtlich beſorgt über die Eröffnungen, die ihn, wie er überzeugt war, dort erwarteten. Die Unterredung mit Herrn Papworth bewies, daß ihn ſeine Ahnung nicht getäuſcht hatte, denn die erſte Aeußerung des Herrn Papworth lautete:„Ich warte ſchon ſeit einiger Zeit darauf etwas von Ihnen zu hören, Herr Strathern, beſonders als Antwort auf die Briefe, die ich Ihnen nach Ita⸗ lien ſchrieb und worin ich Ihnen mittheilte, welches Verfahren ihr Baumeiſter, Herr Drinkwater, ein⸗ hält. Ich wurde unglücklicherweiſe durch Geſchäfte nach Irland gerufen und dort mehrere Monate aufgehalten. Während ich dort verweilte, fand ich, daß die Geldforderungen des Herrn Drinkwater — . 329 ſich außerordentlich hoch beliefen, und beeilte mich nach meiner Rückkehr das Gebäude zu beſehen das er aufführte. Ich geſtehe Ihnen, daß die unge⸗ heure Größe, die übertriebene Pracht deſſelben mich in Erſtaunen und Beſorgniß verſetzten. Ich wußte daß Sie ein hübſches Haus haben wollten, das mit Geſchmack und in gefalliger Weiſe ver⸗ ziert wäre, aber ich dachte nicht, daß Sie einen Pallaſt aufführen laſſen würden, der blos für die Hof⸗ haltung eines regierenden Fürſten paßt. Ich äußerte meine Anſicht gegen Herrn Drinkwater, und bat ihn erſt Ihre Antwort auf einen Brief abzuwarten, den ich Ihnen ſelbigen Tag noch ſchreiben würde, ehe er in der Arbeit weiter ginge; ich weigerte mich ihm eine weitere Zahlung zu leiſten, obgleich er immer wieder und wieder darauf zurückkam und in mich drang ihm ſein Geld zu geben. Weit entfernt aber meinen Wunſch zu erfüllen, hat er ebenſo unbekümmert um die Koſten und mit der⸗ ſelben Rückſichtsloſigkeit wie zuvor, ſeine Geſchäfte fortgeſetzt. Ich bin froh daß Sie jetzt da ſind, damit man ihm Einhalt thun kann ehe es zu ſpät iſt und Sie zu Schaden kommen. Es iſt recht Schade, Herr Strathern, daß Sie keinen ſchrift⸗ lichen Vertrag wegen des Baues gemacht, und dabei ausdrücklich zur Bedingung gemacht haben, eine gewiſſe Summe dürfe nicht überſchritten werden.“ 330 Nie vor dieſem Augenblick war Strathern ſo deutlich geworden, welche Unklugheit er ſich hatte zu Schulden kommen laſſen, als er einen Mann in ſeine Dienſte nahm, von dem er nichts wußte, als daß er ihm als ein Baumeiſter von viel Ge⸗ ſchmack durch einen jungen und vornehmen Mann aus ſeiner Bekanntſchaft empfohlen worden war. Es iſt etwas recht Demüthigendes, wenn man uns un⸗ beſtreitbare Beweiſe von unſerem eigenen Mangel an Verſtand und Ueberlegung gibt, beſonders wenn ſie kalt und ohne Leidenſchaftlichkeit und überdies von Jemand vorgebracht werden, über deſſen Fähig⸗ keiten im Vergleich mit den unſrigen wir uns keine übertriebene Vorſtellung machten. Herr Papworth, der Sachwalter und Agent Strathern's, zeichnete ſich beſonders durch zwei Eigenthümlichkeiten aus. Zuerſt war er außerordentlich vorſichtig, ſei es nun in Folge der Erfahrungen, die er in Bezug auf die Menſchen im Allgemeinen gemacht, oder ſei es daß ſolches von der Kenntniß herrührte, die er ſich über einen einzelnen Angehörigen dieſes Geſchlechts, über ſich ſelber verſchafft hatte; genug, er ward da⸗ durch veranlaßt, Jeden, der mit ihm in geſchäft⸗ liche Berührung kam, für eine gefahrliche Perſon anzuſehen, welche darauf ausgehe, ihn oder den Herrn, dem er diente, auf liſtige Weiſe zu über⸗ vortheilen, und hielt für nothwendig dagegen auf der Hut zu ſeyn. Eine zweite Sonderbarkeit an 331 ihm war eine gewiſſe ſchadenfrohe Selbſtgefälligkeit, die er unabänderlich an den Tag legte, wenn ſeine Schützlinge ſich unterſtanden ihren eigenen Scharf⸗ ſinn in Anwendung zu bringen, ohne ihre Zuflucht zu dem ſeinigen zu nehmen und ſodann als Folge davon in Verlegenheit geriethen. In ſolchen Fäl⸗ len ſagte er mit einem»lick der ärgerlichſten Selbſtzufriedenheit,„da ſehen Sie jetzt was dabei herausgekommen iſt, daß Sie mich nicht um Rath gefragt haben,“ oder,„hätten ſie meinen Rath eingeholt, ſo würde das nicht haben vorkommen können.“ Wie einleuchtend nun auch die Wahrheit ſolcher Behauptungen denen ſeyn mochte, an welche ſie gerichtet wurden, ſie brachten dem Verdruß, un⸗ ter welchem die Leute litten, ſo wenig Abhülfe, daß wenige oder gar keiner von ſeinen Clienten Herrn Papworth bei derartigen Gelegenheiten ver⸗ ließ, ohne ein widerliches Gefühl von Demüthi⸗ gung zu empfinden. Dieſes in Verbindung mit dem vorausgegangenen Aerger war nicht ſehr geeig⸗ net das Vertrauen zu erregen, welches man bei⸗ nahe, wo nicht ganz ebenſo nothwendig zu ſeinem Anwalt als zu ſeinem Arzt haben muß. Stra⸗ thern machte dieſe bittere Erfahrung während er die Bemerkungen ſeines Sachwalters darüber an⸗ hörte, wie unerläßlich die Vorſicht oder mit andern Worten wie klug es ſey, ſich nie von dem eigenen Urtheil leiten zu laſſen, für deſſen Fehlbarkeit 332 ſein Mangel an Behutſamkeit gegenüber von Herrn Drinkwater einen ſo ſchlagenden Beweis liefere. „Es führt zu nichts, wenn Sie ſich über mein Verſehen in dieſer Angelegenheit aufhalten,“ er⸗ wiederte er, indem er ſich in die Unterlippe biß und verſchiedene Zeichen von Ungeduld zu erkennen gab;„es wäre weit beſſer geweſen, wenn Sie mir geſagt hätten was ich zu thun habe, um dem Verfahren des Herrn Drinkwater mit einem Male ein Ende zu machen.“ Ich will einen Brief an ihn ſchreiben, den Sie zu unterzeichnen die Güte haben werden. In demſelben werde ich ihm unterſagen mit den Verzierungen fortzufahren(das Uebrige iſt, wie Sie wiſſen, ſchon fertig) ehe er eine genaue Rech⸗ nung über die Koſten eingereicht hat, welche bis heute aufgelaufen ſind.“ Der Brief wurde ſo'ort geſchrieben und mit Strathern's Unterſchrift ver⸗ ſehen; aber dieſer verließ Herrn Papworth um nichts klüger, ja vielmehr verdrießlicher als da er zu ihm gekommen war. Der Erſte, dem er be⸗ gegnete während er in übler Laune die St. James⸗ Straße hinaufging, war Herr Rhymer. „Sie ſind ein Glückskind,“ ſagte dieſer zu ihm mit ſchauerlich lächelnder Miene.„Dieſen Morgen habe ich zum erſtenmale Ihren prächtigen Palaſt geſehen und wünſche Ihnen Glück zu dem Beſitz 2 333 einer Wohnung, die nach Größe ſowohl, als nach Herrlichkeit jeden Fürſtenſitz in ganz England ſo weit übertrifft. Sie ſind ſehr zu beneiden und brauchen jetzt blos noch eine Braut mit dem Seckel des Fortunat, damit Sie in Stand geſetzt werden, ein Gefolge zu unterhalten, welches zu einem ſolchen Aufenthalte paßt. Ich habe zwar immer gehört, daß Ihr eigenes Vermögen ſehr beträchtlich ſei, aber es muß durch Errichtung eines ſolchen Ge⸗ bäudes ein bedeutendes Loch bekommen haben, wenn ich auch nicht von den koſtſpieligen Zierrathen daran reden will, die ihm ebenfalls einen bedeutenden Stoß verſetzen müſſen. Ich habe ſo bei mir ſelbſt einen Ueberſchlag gemacht, wie entſetzlich hoch Sie dieſer Palaſt zu ſtehen kommen muß. Nehme ich noch dazu, was Sie in Rom gekauft haben, ſo habe ich blos noch zu bemerken, daß ich hoffe Sie werden das alte Sprichwort nicht wahr machen, nach welchem thörichte Leute Häuſer bauen, damit die Klugen darin wohnen können.“ „Ich glaube in dem Sprichwort kommt ge⸗ wöhnlich der derbere Ausdruck Narren vor, Sie aber haben ihn recht artig in unklug verwandelt,“ verſetzte Strathern und ſuchte den Verdruß zu ver⸗ bergen, den er empfand.„Ich danke Ihnen für die freundliche Hoffnung die Sie geäußert,— daß ich das alte Sprichwort nicht bewahrheiten möchte und hege das Vertrauen, Ihre Wünſche erfüllt zu 334 ſehen. Auch verlaſſe ich mich darauf, daß Sie ein paar fröhliche Tage in Strathern⸗Haus verbringen werden, wenn es einmal vollendet iſt.“ „Wie ich es dieſen Morgen betrachtete, erin⸗ nerte ich mich an das Mädchen, das, wie ich früher glaubte, die Gebieterin davon werden würde. Armes Kind! Die Pracht des Gebäudes würde ſchlecht zu ihrem verſchwundenen Reichthum paſſen. Sie haben, ſo viel ich weiß, Ihr Verhältniß mit ihr in Rom abgebrochen und es iſt das ein Glück. Denn eine Braut ohne Vermögen kann einem Mann nicht anſtehen, der einen Palaſt gebaut hat wie Sie, außer er beſäße die Schätze des Cröſus.“ „Verſchwundener Reichthum! Armes Kind! Wen meinen Sie damit?“ fragte Strathern athem⸗ los vor innerer Erregtheit. „Wen ſollte ich meinen, als Fräulein Sydney? Sie werden doch woh!l gehört haben, daß ſie, in Folge eines Verſtoßes gegen das Geſetz im Teſtament ihres Großvaters, alle Beſitzungen verliert, für deren Erbin man ſie bisher gehalten hat?“ „Wäre es möglich, und wo iſt ſie? Ich bitte, ſprechen Sie!“ rief Strathern heftig. Er hatte ſeinen Kummer über der Alles verſchlingenden Theil⸗ nahme für ſie völlig vergeſſen, die noch immer mit Allgewalt in ſeinem Buſen herrſchte. „Nun, Sie ſehen wahrhaftig aus, als wären Sie über die Nachricht, die ich Ihnen gegeben, 335 mehr ergötzt, als verdrießlich,“ bemerkte Rhymer mit einem aufmerkſam forſchenden Blick auf Stra⸗ thern's Geſicht.„Sind Sie ſo gefühllos, daß Sie ſich freuen könnten, wenn ein Mädchen, welches Sie einſt zu lieben behaupteten, um ihr Vermögen kommt? Oder iſt Ihnen von den romantiſchen Gefühlen der Jugend noch genug übrig geblieben, daß Sie wün⸗ ſchen könnten, Fräulein Sydney für den Wankel⸗ muth der blinden Frau Fortuna zu tröſten, und ſich ihr mit ſammt Ihrem Reichthum zu Füßen zu legen?“ „Es iſt jetzt keine Zeit zu Poſſen,“ erwiederte Strathern ernſthaft.„Wenn Sie wiſſen, wo Fräu⸗ lein Sydney und ihre Mutter ſich gegenwärtig auf⸗ halten, ſo haben Sie die Güte, es mir zu ſagen. Wo nicht, ſo theilen Sie mir wenigſtens mit, wo ich am beſten Nachrichten über ſie einziehen kann.“ „Ich ehre Ihre Angſt,“ verſetzte Rhymer. Sein blaſſes grämliches Geſicht hellte ſich dabei auf und nahm den Ausdruck herzlichen Wohlwollens an. „Es würde mich freuen, wenn ich Ihnen Auskunft über Das geben könnte, was Sie zu wiſſen be⸗ gehren, jedoch ſteht es nicht in meiner Macht⸗ Es thut mir recht leid, aber ich muß ſagen, ich kenne wahrhaftig den Aufenthalt der Beiden nicht und bin auch mit Niemand bekannt, der darüber beſſer unterrichtet wäre. Uebrigens ſteht, glaube ich, mein Sachwalter in freundſchaftlichen Beziehun⸗ 336 gen zu ihnen, ich halte ihn für eineu recht ehren⸗ werthen Mann und will ihn deßhalb darum an⸗ gehen, daß er Nachfrage hält, wo ſie ſind.“ „Tauſend Dank,“ ſagte Strathern und drückte Rhymer herzlich die magere Hand bis das Geſicht des alten Herrn den Schmerz verrieth, welchen ihm der warme Druck verurſachte. „Nicht ſo arg, junger Mann,“ bemerkte er und ſtreckte die Finger aus, als wollte er wieder Leben in dieſelben bringen;„Sie vergeſſen, daß ich weder jung noch verliebt bin. Sie haben mir wahrhaftig an meiner armen Hand recht wehe gethan.“ „Ich bitte Sie dafür um Verzeihung, lieber Herr Rhymer. Hoffentlich haben Sie doch keinen ernſtlichen Schaden an Ihrer Hand genommen?“ „Lieber Herr Rhymer!“ wiederholte der Murr⸗ kopf,„wie ſeltſam klingt es, wenn man das Wort lieb mit meinem Namen verbindet. Niemand be⸗ dient ſich deſſen gegen mich, außer arme Schrift⸗ ſteller, die Geld borgen, und junge Frauenzimmer die ein Gedicht in ihr Album haben wollen. Auf das letztere laſſe ich mich aber, im Varbeigehen geſagt, niemals ein. Wo kann ich nach Ihnen fragen laſſen, wenn ich von meinem Anwalt Etwas höre?“ „In dem Gaſthof Clarendon.“ „Ich gehe eben zu dem Herzog von Wellington mit dem ich heute ſpeiſe, bin morgen zu der Königin 337 beſtellt, den Tag darauf zu Southerland verſprochen und Samſtag muß ich zu Buceleigh, ſonſt würde ich Sie bitten, zu mir zu kommen und einen der nächſten Tage mit mir zu eſſen. Wollen Sie jedoch am Sonntag mit mir frühſtücken, ſo werden Sie ein paar recht liebenswürdige Leute bei mir an⸗ treffen.“ „Am Sonntag iſt es mir unmöglich!“ „Ah, da gehen Sie wahrſcheinlich in die Kirche. Es iſt das eine recht gute Gewohnheit, von der ich, weiß ſelber nicht recht wie, ganz abgekommen pin. Und in meinem Alter iſt es ſchwer, ſich ſo etwas wieder zu eigen zu machen. Nun, addio! Ich werde es Sie gleich wiſſen laſſen, wenn ich Nachricht über das habe, was Sie wiſſen wollen.“ Damit ging Rhymer davon und überließ es Stra⸗ thern, ſeinen Spaziergang allein fortzuſetzen. Wie er in die Bandſtraße einbog, weil er in ſeinen Gaſthof zu gehen beabſichtete, begegnete er dem Marquis von Mountſerrat, der auf einem wunderſchönen Pferde ſaß und von einem eben ſo gut berittenen Bedienten gefolgt wurde. Kaum hatte derſelbe Strathern erblickt, als er abſtieg, ſein Pferd der Obſorge des Reitknechts übergab und ihm mit ausgeſtreckten Händen entgegen lief. „Mein lieber Freund, es freut mich ſehr, Dich zu ſehen,“ rief er und ſchüttelte ſeinem alten Bekann⸗ ten mit Wärme die Hand.„Ich bin eben bei Strathern 1u. 22 338 Clarendon geweſen, um Dich zu ſuchen, weil ich dieſen Morgen in der Poſt geleſen hatte, daß Du in ſeinem Gaſthof abgeſtiegen biſt. Die Stadt iſt ungemein voll. Welcher Unterſchied zwiſchen Rom, der Stadt ewiger Langeweile. A propos von Rom, wie geht's allen Freunden die Du dort zurückge⸗ laſſen haſt? Biſt Du jetzt zum Ehekrüppel ge⸗ worden, oder erſt im Begriff in den heiligen Stand der Ehe zu treten, wie die Frommen ſagenL“ Wenige Worte reichten hin, um zu zeigen, daß weder die eine, noch die andere Vermuthung ge⸗ gründet wäre. „Und wo iſt denn Frau und Fräulein Sydney gegenwärtig?“ fragte Lord Mountſerrat mit an⸗ ſcheinender Gleichgültigkeit. „Darüber weiß ich Dir wahrhaftig nichts Näheres zu ſagen,“ entgegnete Strathern,„denn ich bin erſt geſtern in London angelangt und jetzt noch völlig im Unklaren darüber, wo ſich meine Freunde be⸗ finden.“ „Ein paar von unſern alten Univerſitätsfreunden haben mir geſagt, Sie hätten Dich verwichene Nacht in der Oper geſehen, aber ich war dort von einer meiner neuen Liebſchaften ſo in Anſpruch genommen, daß ich blos für ſie Augen hatte. Du ſpielſt den Spröden, Strathern, wie ich von alten Zeiten her weiß, darum will ich Deine keuſchen Ohren nicht 339 mit einem Bericht von meinen bonnes fortunes be⸗ leidigen.“ „Sehr verbunden für Deine Schonung,“ ſagte Strathern.„Ich bekenne, daß ich mich der Sprö⸗ digkeit ſchuldig mache, wenn dieſe darin beſteht, daß ich einen ungemeinen Widerwillen gegen die Er⸗ zählung von Liebesabentheuern mit Sängerinnen und Tänzerinnen habe.“ „Ich verfolge ein edleres Wild, kann ich Dich verſichern, und überlaſſe ſolche bonnes ſortunes ab⸗ gelebten alten roués und Knaben, die erſt der Schule entlaufen ſind. Welch' ein Weib, Stra⸗ thern! Alles iſt verrückt, die Hälfte der Männer in der Stadt laufen ihr nach. Und bin ich nicht ein glücklicher Kerl, daß ich in Gunſt ſtehe bei Lady—“ „Halt,“ ſagte Strathern.„Ich bitte Dich, mich in Ungewißheit über den Namen des unglück⸗ lichen Frauenzimmers zu laſſen, vor deren Ruf und Ehre Du ſo wenig Achtung haſt, daß Du beide durch ſolche gar nicht begehrte Enthüllungen bloß⸗ ſtellſt.“ „Nun, mein Beſter, das weiß ganz London, und in den Clubs wird von nichts Anderem ge⸗ ſprochen.“ „Dann iſt es um ſo weniger nöthig, daß Du es auspoſaunſt,“ gab Strathern gleichgültig zur Antwort. „Sieh einmal, da iſt der Burſche, der Olliphautz 22 all ſein Vermögen hat er beim Rennen und Spielen verloren, und wir, ſeine alten guten Freunde find genöthigt, uns von ihm entfernt zu halten, damit er uns nicht angeht, ihm Geld zu leihen. Es iſt recht widerlich, wenn ſich die Leute einbilden, weil man ſie in glücklicheren Tagen gekannt und freund⸗ ſchaftlichen Umgang mit ihnen gepflogen hat, ſo lange ſie reich waren, wenn ſie dann glauben, man müſſe das ſo fortſetzen, nachdem ſie arm geworden ſind! Man ſagt von den Hunden, ſie können die Bettler nicht leiden, aber der Teufel ſoll mich ho⸗ len, wenn mir arme Bekannte nicht noch mehr zu⸗ wider ſind. Geht's Dir nicht auch ſo, Strathern?“ „Nein,“ verſetzte Strathern mit Ernſt,„das iſt nicht der Fall, und Du hätteſt dieſe Frage gar nicht an mich zu ſtellen nöthig gehabt, denn Du wirſt Dich erinnern, daß ich nicht das mindeſte Zeichen von Abneigung gegen Dich merken ließ, ſo lange Du ſelber dieſer unglücklichen Claſſe von Menſchen angehörteſt.“ „A propos davon,“ ſagte der Marquis und ſeine Wangen wurden roth bei dem Vorwurf,„ich glaube ich bin Dir noch ungefähr ein paar Hundert Pfund ſchuldig und will ſie Dir heimgeben.“ „Und ich will ſie dann dem armen Olliphant überlaſſen, denn ich erinnere mich, daß er ein gut⸗ müthiger, freigebiger Freund gegen alle ſeine Uni⸗ 341 verſitätskameraden geweſen iſt, welche ihn um eine Aushülfe baten.“ „Sei verſichert, Du wirſt, falls Du das thuſt, den widerlichſten Menſchen den es geben kann, an ihm finden, denn er iſt der unverſchämteſte Kerl von der Welt. Nun,— Du wirſt es nicht glauben, — aber wie er völlig auf den Hund gekommen war, beſaß er Dummheit genug, um zu glauben, Alle, denen er früher ausgeholfen, würden ihm jetzt beiſpringen und wer von ihm ehemals Geld gewonnen, ſollte ihm ein paar hundert Pfund zurückerſtatten, um ihn in den Stand zu ſetzen, daß er ſich nach Van Diemens Land oder an einen ſon⸗ ſtigen Ort im Ausland zurückziehen könnte. Ich gab ihm zu verſtehen, er könnte wohl eine andere Art auffinden, um es ſo weit zu bringen, daß er dahin geſchickt würde, ohne daß wir gerade nöthig hätten, mit unſerem Gelde herauszurücken. Dieſelbe Meinung äußerte auch unſere übrige clique, und wir lehnten es ab, auf ſein Begehren einzugehen. Es beliebte ihm, ſolches wie eine Beleidigung auf⸗ zunehmen,— ja, er war thöricht genug, Streit anzufangen und ſich mit Einem von uns ſchlagen zu wollen. Auch darauf gingen wir nicht ein, denn wenn man ſich dazu verſtehen wollte, mit jedem Kerl einen Zweikampf zu beſtehen, dem man eine Geldanleihe verweigert, ſo hätte man erſchrecklich viel zu thun.“ 342 „Und das iſt der Mann, den Du vordem immer für den beſten Kerl„ der Welt, für den edel⸗ müthigſten und gaſtfreundlichſten Menſchen erklärt haſt, deſſen recherchés diners und petits soupers Du jeder anderen Einladung vorzogſt— deſſen Beutel, Pferde und Wägen beſtändig zu Deiner Verfügung ſtanden.“ „Oue voulez- vous, mon ami! Ainsi va le monde!“ Das Leben iſt zu kurz, das Geld zu koſtbar, das Vergnügen nimmt Einen zu ſehr in Anſpruch, um einem verſtändigen Menſchen zu ge⸗ ſtatten, daß er eines der beiden erſtgenannten an Narren wegwerfe, die nicht verſtanden haben, ordentlich damit Haus zu halten.„Jeder iſt ſich ſelbſt der Nächſte,“ iſt mein Wahlſpruch und ich ſehe, daß derſelbe gegenwärtig ziemlich allgemein angenommen iſt.“ Strathern zog ſeinen Arm aus dem des Lord Mountſerrat und die unverhüllte Selbſtſucht des Letzteren wurde ihm ſo zuwider, daß er nicht länger die Gefühle zurückzuhalten vermochte, welche in ſeinem Buſen dadurch erregt wurden. Er wünſchte ihm froſtig guten Morgen, ſchritt weiter und ließ ſeinen unwürdigen Bekannten überraſcht und etwas beleidigt über ſeine Kälte zurück. Beinahe hatte er den Gaſthof Clarendon erreicht, da ſah er Herrn Olliphant auf der andern Seite der Straße gehen. Er war nicht mehr der wohlgekleidete, flatterhafte 343 junge Mann, der er früher geweſen, ſondern ein⸗ fach, ſogar ſchäbig angezogen und hatte ein ernſt⸗ haftes nachdenktiches Ausſehen. Der Wechſel in der Lage eines Menſchen, den er vor kaum zwei Jahren noch in glänzenden Verhältniſſen geſehen, erregte Strathern's Mitleid in hohem Grade, er ging über die Straße hinüber um ihn anzureden. Der unglückliche Olliphant war aber ſo ſehr darau gewöhnt, ſich von ſeinen früheren soi-disant⸗Freun⸗ den vermieden zu ſehen, daß er, obgleich er Stra⸗ thern auf den erſten Blick erkannte, die Augen zu Boden ſchlug, um einer Demüthigung zu entgehen und nicht gleichgültig behandelt zu werden, wie ihm das immer von ihren beiderſeitigen Bekannten ge⸗ ſchehen war, ſeitdem dieſe etwas davon erfahren hatten, daß er in ſchlimmen Verhältniſſen ſtecke. Das Blut aber, das ihm in die Woangen ſtieg, verrieth, daß er recht wohl empfand, welch unar⸗ tiges Betragen er auch jetzt vvrausſetzte. „Kennſt Du mich nicht mehr, lieber Olliphant?“ fragte Strathern, indem er die Hand ausſtreckte und ſeinen alten Bekannten daran faßte. Dieſer fühlte ſich durch die Freundlichkeit eines ſolchen Benehmens angenehm überraſcht, gab den Druck mit großer Wärme zurück und murmelte etwas von ſeiner Furcht, Strathern möchte ihn vergeſſen haben. „Ich wohne hier,“ ſagte der Letztere, als ſie die Thür des Gaſthofes erreicht hatten.„Komm mit 344 herein, lieber Freund, wir wollen ein wenig mit einander plaudern.“ „Ich ſah Dich vorhin mit dem Marquis von Mountſerrat gehen,“ verſetzte Herr Olliphant,„und da er zu denjenigen meiner ehemaligen Bekannten gehört, die ſich gegen mich ſehr ſchlecht betragen, ſo beſorgte ich, er könnte auch Dich gegen mich eingenommen haben, weil ich bemerkte, wie er Dir auf mich hindeutete.“ Strathern veranlaßte den unglücklichen Men⸗ ſchen zu einer Darlegung ſeiner Verhältniſſe. Sie erwieſen ſich drückend, aber wie nur zu gewöhnlich, als die Folge von Unbeſonnenheiten, von übel ange⸗ brachter und mißbrauchter Freigebigkeit. Darnach kam als nie fehlende Folge der Verſuch einem zer⸗ rütteten Vermögen dadurch wieder aufzuhelfen, daß man ſeine Zuflucht zum Spieltiſch und Wetten nahm, hiermit aber ſich nur vollends ganz zu Grunde richtete. „Die letzten tauſend Pfund wagte ich toller⸗ weiſe daran, um dem Unglück zu entgehen, aber durch den Verluſt derſelben wurde er nur um ſo ſchneller vollendet. Nun hoffte ich, die Leute, welche dieſes Geld gewonnen und überhaupt aus meiner früheren Verſchwendung Nutzen gezogen hat⸗ ten, würden mir ein paar hundert Pfund zurück⸗ geben und es mir möglich machen nach Auſtralien oder Van Diemens Land zu gehen, wo ich mein 345 Fortkommen ſuchen wollte. Aber ſie ſchlugen es ab und fügten zu der Weigerung noch Beleidigun⸗ gen. Ach, wenn ich nur die letzten paar Jahre noch einmal zu durchleben hätte, wie ganz anders würde mein Betragen ausfallen! Aber ach, ich kannte meine Fehler nicht, ich wußte nichts von dem eigentlichen Weſen und Charakter derjenigen, auf welche ich mit vollen Händen Wohlthaten häufte, bis es zu ſpät war, um aus meiner bittern Er⸗ fahrung Nutzen zu ziehen. Und um eben dieſer Menſchen willen entzweite ich mich mit meinem trefflichen Oheim, der mich vor ihrer Herzloſigkeit und Selbſtſucht warnte. Aber Narr, der ich war! Ich wollte es nicht glauben, hartnäckig weigerte ich mich ſeinem Rath zu folgen, von deſſen Weisheit mich ſeitdem die Erfahrung jedes Tages überführt hat, und ſo zog er die Hand für immer von mir ab.“ Stratherns gutes Herz wurde gerührt von der Erzählung ſeines unglücklichen Freundes und er ge⸗ währte demſelben nicht nur augenblickliche Hülfe, bevor ſie ſchieden, ſondern verſprach auch ihm fünf tauſend Pfund zu geben, damit er ſeinen Auswan⸗ derungsplan in Vollzug ſetzen könnte. Der arme Olliphant verließ ihn, überwältigt von Dankbarkeit für ſo viel Güte und für die rückſichtsvolle Art, womit ihm begegnet und ein Dienſt erwieſen wurde. Strathern aber gewährte das Bewußtſein eine gute 346 Handlung vollbracht zu haben, mehr Vergnügen, als er ſeit einiger Zeit gekannt. Möchten die ſelbſtſüchtigen und geizigen Leute, die nutzlos Tau⸗ ſende zuſammenſcharren, nur hie und da verſuchen, welche Wirkung es hervorbringt, wenn ſie einen Theil ihres Geldes zu Unterſtützung der Elenden und Unglücklichen verwendeten— ſie würden fin⸗ den, daß die Selbſtzufriedenheit, welche durch eine Handlung des Wohlthuns erregt wird, weit glück⸗ licher macht, als ſie durch die Betrachtung ihres Reichthums je werden können. Ihr Schlaf wäre ruhiger und erfriſchender, ſie würden mit mehr Munterkeit erwachen. Eine Woche verging, ehe Strathern einen Nach⸗ weis über die Koſten erhielt, welche bei dem Aufbau ſeines Palaſtes erwachſen waren. Aber als er ihm durch Herrn Papworth vorgelegt wurde, ging der Betrag da⸗ von weit über ſeine ſchlimmſten Erwartungen hinaus. „Ich ſehe, Sie ſind erſtaunt, Herr Strathern,“ ſagte der Sachwalter,„und ich geſtehe, es geht mir auch ſo, wenn ich ſchon auf die Entdeckung gefaßt war, daß Herr Drinkwater nichts verſäumt haben werde, um aus dem Vertrauen Vortheil zu ziehen, welches Sie— nehmen Sie es nicht übel, wenn ich ſage— ſo unklugerweiſe in ihn geſetzt.“ „Einhundert und fünf und achtzig tauſend, ſechshundert und vier und vierzig Pfund ſchon aus⸗ 347 gegeben!“ las Strathern und ſein Geſicht ward merklich länger. „Und nach dem Ueberſchlag ſind zu Vollendung des Hauſes noch etwa ſechzig bis achtzigtauſend weitere Pfund erforderlich, macht, wie Sie ſich ſelber überzeugen werden, zuſammen nicht weniger als zweihundert und fünf und ſechzigtauſend, ſechs⸗ hundert und vier und vierzig Pfund. Denn man darf für gewiß annehmen, daß die größere und nicht die kleinere Summe, welche in dem Ueber⸗ ſchlag verzeichnet ſteht, als der eigentliche Betrag anzuſehen iſt, der für den Ausbau der Wohnung verwendet wird. Eine ungeheure, eine erſtaunliche Summe, Herr Strathern; ſchon die Zinſen dafür würden ein Einkommen tragen von—“ „Machen Sie ſich doch nicht die Mühe das zu berechnen,“ ſagte Strathern ungeduldig, und unter⸗ brach damit den ſelbſtgefälligen Herrn Papworth. Die Hauptſache, welche wir gegenwärtig berück⸗ ſichtigen müſſen, iſt die, ob es Mittel und Wege gibt uns zu überzeugen, daß dieſe ſchrecklichen Aus⸗ gaben wirklich und auf ehrliche Art gemacht wor⸗ den ſind, und ob die für Vollendung des Hauſes angeſetzte Summe nicht um ein Bedeutendes zu hoch angegeben iſt.“ „Ich kann das Gebäude beaugenſcheinigen und abſchätzen, auch mir durch einen andern Baumeiſter einen Ueberſchlag darüber geben laſſen, wie viel * 1 5 1 — 1 1 13 ¹ 1 * 1 * ———— 348 noch zu deſſen Vollendung nöthig iſt. Herr Drink⸗ water hat bereits bedeutende Summen auf Rech⸗ nung empfangen, und Sie, mein Herr, haben ihm eine Vollmacht dazu ausgeſtellt. Hätten Sie mir die Ehre erwieſen mich über einen ſolchen Schritt um meine Anſicht zu fragen, ſo wäre es mir als meine Pflicht erſchienen Ihnen davon abzurathen. Es erfordert eine bedeutende Weltkenntniß und große Erfahrung, wenn man ſiets gegen die Gefahr auf der Hut frin will, welcher jeder Mann von großem Vermögen, der in das eigentliche Leben tritt, blos⸗ geſtellt iſt. Es iſt ſehr zu bedauern, daß Sie mich dabei nicht benützt haben; ohne Zweifel wären Ihnen dadurch die verderblichen Folgen erſpart worden, die Ihr übel angebrachtes Vertrauen zu Herrn Drink⸗ water wahrſcheinlich für ſie herbeiführen wird. Dieſes ewige Zurückkommen auf ſeine Unbeſon⸗ nenheit wurde Strathern ſo widerlich, daß er ſeine Unterredung mit dem weiſen Herrn Papworth ab⸗ brach, lange vorher, ehe der letztere ſich zu ver⸗ abſchieden gedachte. Er gab ſich ſelber dabei das Wort, fortan ſo viel als möglich jeden Verkehr mit dem Anwalt zu vermeiden, und vor dem Mann des Geſetzes jedes wiſſentliche oder unvorſätzliche Verſehen gegen die Klugheit zu verbergen. Das wollte er noch eher, als ſich nochmals verſteckte Vorwürfe auf den Hals laden, von denen er eben ein Beiſpiel erlebt, oder die ſelbſtgefälligen Aus⸗ 349 drücke anhören, die Herr Papworth bei jeder Ge⸗ legenheit von ſich gab. Am folgenden Tag be⸗ ſuchte Strathern ſeinen Banquier, um ſich zu über⸗ zeugen, wie es mit ſeiner Rechnung bei demſelben ſtände. Er wußte zwar im Voraus, daß die Ver⸗ hältniſſe ihm dabei weit weniger günſtig ſein wür⸗ den, als je der Fall geweſen, ſeitdem er mit dem⸗ ſelben in Rechnung getreten war; wäre er aber auch nicht darauf vorbereitet geweſen— die ernſten Geſichter der Theilhaber an dem Geſchäft in der Lombard⸗Straße hätten ihm zu einer Ahnung davon verholfen. Das Barometer gibt keinen ſicherern Maßſtab für Beurtheilung des Wetters an die Hand als die Miene des Banquiers, wenn ein Mann, der mit demſelben in Geſchäften ſteht, zu ihm kommt, um ſich von dem Stande der Verhält⸗ niſſe zu vergewiſſern. Bis daher war Strathern ſtets mit freundlichem Lächeln von den Herren Culpeppar, Lockſtone und Firminger empfangen worden, denn er hatte bedeutende Summen bei ihnen niedergelegt und weder häufig noch zu grö⸗ ßerem Betrag Gelder von ihnen bezogen bis zu ſeinem Abgang auf das Feſtland. Während ſei⸗ nes Aufenthaltes daſelbſt gab er aber viel Geld für Kunſtwerke aus und ertheilte auch ſeinem Freunde, dem Lord Delmington Vollmacht ſich ſo viel von ihnen geben zu laſſen, als er nur immer bedürfte. Dieſes letzte, ungewöhnliche Verfahren 350 erregte große Beſorgniß bei den Banquiers. Sie prachten daſſelbe in Verbindung mit den ungeheu⸗ ren Zahlungen, die ſie an Herrn Drinkwater ge⸗ macht und gelangten zu dem Schluß, daß Herr Strathern doch wohl kein ſo vortheilhafter Kunde mehr ſein dürfte, als er früher geweſen. Daß noch fünftauſend Pfund an den zu Grunde gerich⸗ teten Praſſer Olliphant ausgeliefert werden mußten, deſſen Lage Jedermann kannte, beſtätigte ſie noch in ihren Vermuthungen über den Leichtſinn ſeines Wohlthäters. Daher die feierlichen Bücklinge, die ſteifen Geſichter, mit welchen ſie ihn begrüßten, wie er in ihr Zimmer in der Lombard⸗Straße eintrat. Als er den Wunſch äußerte, daß man ihm ſeine Rechnung geben und ihm mittheilen möchte, was er noch bei ihnen zu gut hätte, wurde ihm erklärt, dem erſteren Begehren würde am folgenden Tag willfahrt werden, und einer der Theilhaber am Geſchäft machte ſich alsbald an die Bücher, um dem zweiten Genüge zu thun. Derſelbe kehrte alsbald zurück und berichtete, es ſeien blos noch ein paar hundert Pfund in ihren Händen— er bemerkte, das Geld ſei gegenwärtig in der Stadt ſehr rar und machte ein ſo ernſthaf⸗ tes Geſicht, als erwartete er, es würde im näch⸗ ſten Augenblick ein bedeutender Vorſchuß verlangt werden. Indeſſen fühlte er ſich ſehr erleichtert, als ihm der junge Mann ſagte, er wollte am folgenden Tag zu ſeinem alten Guthaben ein paar tauſend Pfund bei ihnen niederlegen laſſen. Damit ging Strathern hinweg und ſtellte verſchiedene weiſe Betrachtungen über den Einfluß des Geldes und die Bedeutung an, welche der Beſitz deſſelben den Menſchen verleiht. Vierzehntes Kapitel. „Wer frühe und als Kind bereits, Natur, mit Deinem Zauberreiz Bekannt wird und Dich ſchätzen lernt, Sich nie von Deinem Pfad entfernt, Wird weiſe wohl mit Recht genannt; Er findet Freuden auf dem Land, Die lebenslange der entbehrt, Wer nie der Stadt den Rücken kehrt. Wie ſchön, bei'm frühen Morgengrau'n Zu ſtreifen durch die grünen Au'n, Wo jede Blume thaubekränzt Als wie von Edelſteinen glänzt; Und alle Vögel, weit und breit, Mit ſtets erneuter Fröhlichkeit, In tollem Durcheinander zwar, Ihr Liedchen ſingen, doch fürwahr Dem unverdorb'nen Menſchenkind Die allerliebſten Sänger ſind! Wie ſchön, zu wandern durch den Hain Bei des Mittages Sonnenſchein, 352 Wenn durch der dichten Blätter Pracht Kein Flimmer dringt in Waldesnacht! Wie lieblich bei der Quelle Schaum Zu träumen manchen ſüßen Traum! Die ſchwülen Stunden flieh'n dahin, Wie die kryſtall'nen Waſſer flieh'n, Und wenn der Thau des Abends fällt, So ſcheint die ganze Erdenwelt Verſenkt in Sinnen und in Gram, Daß nun die Sonne Abſchied nahm. Wenn ſo ein ſchöner Tag verrann, Gar lieb und traulich iſt es dann, Kann in Gedanken man allein Mit ſeinen fernen Lieben ſein, Pon denen ſonſt ein Gruß entzuckt Und die das Schickſal jetzt entrückt. O ſüße Mutter, o Natur, Laß wandeln mich auf Deiner Spur, Laß mich in Deinem zarten Arm Vergeſſen allen Lebensharm 16 Die Leiden fallen nur leicht auf junge Leute, laſten aber ſchwer auf denen, welche über die Ju⸗ gendzeit hinaus ſind. Hätte Louiſe Sydney nie einen Herzenskummer durchgemacht(und blos ein ſolcher macht auf jüngere Menſchen einen tieferen Eindruck)— ſo würde ſie den Wechſel ſchmerzlicher empfunden haben, der ſie in Folge ihrer veränder⸗ ten Vermögensverhältniſſe traf, aber ihre Betrüb⸗ niß über dieſen nicht vorgeſehenen Unfall kam ihr in Vergleich mit dem, was ſie ſeit ihrer Trennung von Strathern ausgeſtanden, ſo unbedeutend vor, 353 daß ſie denſelben mit einer Seelenſtärke ertrug, der ihre Mutter eben ſo ſehr überraſchte als beruhigte. Frau Sydney verbrachte die denkwürdige Nacht, in welcher ſie mit ihrer Tochter ihren Einzug in Themſenheim hielt, ohne allen Schlaf, alle ihre Gedanken wurden von der nunmehrigen Lage ihres Kindes in Anſpruch genommen, das jetzt aus dem Ueberfluß in Armuth gerathen war. Sie überlegte, wie ſie derſelben für die Zukunft ein ſicheres Aus⸗ kommen verſchaffen könnte und das verſcheuchte den Schlummer von ihrem Lager, wenn ſie deſſen Er⸗ friſchung und Erquickung gleich nie ſo ſehr bedurft hätte, als gerade jetzt. Die Erſparniſſe, die ſie von ihrem Eigenen gemacht, beliefen ſich jetzt auf eine bedeutende Summe;— ſie beſtimmte dieſelben zu Bezahlung des Geldes, auf welches der geſetz⸗ liche Erbe der Güter ihres verſtorbenen Mannes Anſprüche erhob. Das Geſetz verpflichtete ſie aller⸗ dings nicht dieſe zu befriedigen, aber ſie war nicht von der Art, daß ſie einem Gedanken Einfluß ver⸗ ſtattet hätte über das was das Rechtsgutachten von ihr verlangte. Auch der Wunſch ihre Er⸗ ſparniſſe für ſich zu behalten und damit ihrem ge⸗ liebten Kinde einen Nothpfennig zu ſichern, ver⸗ ſchwand vor der ſtrengen Nothwendigkeit deſſen, was ſie als eine Handlung der Schuldigkeit er⸗ kannte. Alsbald beſtimmte ſie die Hälfte ihres Einkommens, um es zu Gunſten ihrer Tochter in Strathern m. 23 354 eine Lebensverſicherungs⸗Anſtalt zu legen; dadurch erhielt ſie wenigſtens den Troſt, daß Louiſe, wenn ſie ſelber auch nicht mehr wäre, doch genug haben würde, um ſich nicht blos alle Bequemlichkeiten, ſondern auch Manches zu verſchaffen, was im Leben zum unnöthigen Aufwand gerechnet wird. Dieſer Vorſatz nahm ihr eine ſchwere Laſt der Beſorgniß vom Herzen; ſie wunderte ſich, daß ihr dieſer Plan nicht früher zu Sinn gekommen war oder daß Herr Wandsworth nicht daran gedacht hatte. Sie beruhigte ſich jetzt und verfiel in einen ſanften Schlaf, als die erſten Strahlen des Morgens in ihr Zimmer drangen und der Geſang unzähliger Vögel von dem Garten unter dem Fenſter her er⸗ tönte. Kein Gedanke daran, daß ſie in ihrem Vermögen zurückgekommen, belaſtete Louiſen Syd⸗ ney's Gemüth, obgleich auch ſie manchen Glocken⸗ ſchlag zählte, ehe der Schlummer auf ihre Augen⸗ lieder herabſank; Strathern war der einzige Ge⸗ danke, der ſie beſchäftigte. Wie würde ihm zu Muth ſein, wenn er hörte, daß ſie nicht mehr die Erbin wäre, die er ehedem zu ehelichen wünſchte, das fiel ihr oft ein, und als ſie ihre Augen auf das einfache Geräthe und die zizenen Tapeten des zierlichen Zimmers richtete, in welchem ſie ruhte, meinte ſie, an einem Aufenthalt, wie Themſenheim, könnte man, wie verſchieden ſolcher auch ſein möchte von dem ſtattlichen Schloß, das ſie eben verlaſſen, 355 dennoch glücklich, ſelig werden, wenn derſelbe durch die Anweſenheit deſſen erheitert würde, der ihr auch die niedrigſte Hütte zu einem Sitz der Freude umgeſchaffen hätte, ſo lange ſie ihn ihrer Neigung für würdig hielt. Und dann ſtieg die oft wieder⸗ holte, nie genügend beantwortete Frage in ihr auf: „Warum hegte ſie noch ſein Bild im Buſen, da ſie ihn doch nicht mehr ſchätzen noch achten konnte?“ War das nicht eine Schwäche und mehr als Schwäche, war es nicht ſtrafbar, daß ſie ſo beſtändig an ihn dachte und ſich ihn vorſtellte, nicht geſunken und unwürdig, wie ſie ihn in der Wirklichkeit erkannte, ſondern wie ſie ihn ſich gedacht, als er verſprach ihr Geſchick zu theilen? Zuletzt ſchloß ihr der Schlaf die Augen und ihre Träume brachten wonnigere Gedanken, als ihr im Wachen vergönnt waren. Strathern begleitete ſie auch hier. Seine Liebes⸗ worte klangen abermals in ihren Ohren wie eine liebliche Muſik. Er machte ihr ſanfte Vorwürfe, daß ſie je an einer Liebe, ſo innig und wahr, wie die ſeine, gezweifelt; er freute ſich, daß ihre veränderten Glücksumſtände ihn in Stand ſetzten, ihr die Reinheit und Uneigennützigkeit ſeiner Liebe zu beweiſen, indem er ihr ſich und ſein Eigenthum zu Füßen legte. Wie er aber das alte Vertrauen wiederhergeſtellt hatte und eben im Begriff ſtand ſeine Hand in die ihrige zu legen, glitt eine weib⸗ liche Geſtalt zwiſchen ſie hinein, erfaßte Strathern 356 am Arm und zog ihn mit Gewalt fort, obwohl er ſich von ihr loszuwinden ſtrebte und ſeine Augen mit dem Ausdruck unausſprechlicher Zärtlichkeit auf Louiſen richtete. Der Schleier, welcher bisher das Geſicht des Frauenzimmers verborgen, wurde nun⸗ mehr heraufgezogen und Louiſe erkannte mit Beben in ihr das ſchöne Weib, mit welchem ſie Strathern zuletzt geſehen— das wohl bekannte Geſicht, das ſie zuerſt im Coliſeum erblickt. In Thränen gebadet wachte ſie auf. Und doch machte ihr der Traum Freude, denn er hatte ihr ja den, welcher ihr noch ſo theuer war, ſo zärtlich gezeigt, wie er ſonſt ge⸗ weſen. Strathern hatte ſich gemüht von dem ſchö⸗ nen, aber geſunkenen Weibe loszukommen, die ihn von ihr ſelber trennte und als ſie dem Geſicht nachhing, fühlte ſie ſich geneigt daſſelbe für eine gute Vorbedeutung zu nehmen. Zuletzt jedoch lächelte ſie ſchwermüthig über ihre eigene Schwäche und den Aberglauben, welcher ſie einem Traum ſolche Wich⸗ tigkeit beimeſſen ließ und verließ das Lager. Als, Frau Sydney mit ihrer Tochter zuſammentraf, prüfte Jede forſchend das Geſicht der Andern mit der liebe⸗ vollen Aufmerkſamkeit, welche die Gedanken mehr zu errathen ſucht, als daß ſie nach dem Seelenzuſtand dritter Perſonen geradezu fragen möchte. Sie hatten ſich beide gewöhnt äußerlich eine Ruhe zu zeigen, von der ſie weit entfernt waren, denn Jede wünſchte die Beſorgniſſe zu verheimlichen, die an ihr nagten, 357 um der Andern nicht durch Darlegung derſelben neuen Kummer zu bereiten. „Haſt Du gut geſchlafen, liebſte Mutter?“ fragte Louiſe, während ſie dieſe umarmte. „Ja, meine Theure, es war ſo ruhig in mei⸗ nem Zimmer und mein Bett ausgezeichnet. Und Du, Kind, iſt Dir die Nacht nichts abgegangen?“ „Ich habe ſie ganz angenehm verbracht, und fange an zu glauben, liebſte Mutter, daß eine Hütte der traulichſte und hübſcheſte Aufenthalt iſt. Dieſer hier z. B. iſt ſo maleriſch und zierlich, daß er mich ganz umgewandelt hat. Sonſt fürchtete ich mich vor den verführeriſch ausſehenden Wohnungen, in welche Geisblatt und Roſen, mit denen ſie über⸗ wachſen ſind, alsbald zum Fenſter hereingucken, ſo⸗ bald man dieſes aufmacht, in deren Stuben aber auch von den Pflanzen Ohrwürmer und andre In⸗ ſekten zur großen Beläſtigung der darin Wohnen⸗ den abgeſetzt werden. Ich erwartete, daß ein Heer Ameiſen zur Thüre hereinkommen und Maikäfer durch die Ger ziehen wüeächr den, aber dieſes rei⸗ zende Häuschen hat meine vorgefaßte Meinung be⸗ richtigt und ich bin jetzt überzeugt, daß Du, liebe Mutter ſowohl als ich in einer Hütte eben ſo gut daheim und eben ſo glücklich ſein werden, als wir je in einer prächtigeren Wohnung geweſen ſind.“ Frau Sydney erhob ſich und drückte ihre Toch⸗ ter an die Bruſt, denn ſie vermochte recht gut die 358 Selbſtüberwindung zu ſchätzen, durch welche, wie ſie wußte, die letztere veranlaßt wurde ſich ein hei⸗ teres Anſehen zu geben. Ihre eigene Miene hellte ſich auf, als ſie das Geſicht ihrer Tochter be⸗ trachtete. „Sieh einmal, Mutter, kann es etwas Schö⸗ neres geben, als die Ausſicht, die man von dieſem Bogenfenſter hat? Der weiche, ſammetartige Wie⸗ ſengrund, dazwiſchen hie und da Stellen mit bun⸗ ten und lieblichen Blumen, die ſtattlichen Bäume, das hübſche Buſchwerk und der reißende durchſichtige Strom, der es begränzt; was kann wohl reizender ſein? Es iſt mir, als könnte nie der Wunſch in mir aufſteigen einen ſolchen Ort zu verlaſſen; und wenn wir einen finden, der dieſem ähnlich iſt, wie glücklich werden wir uns dann fühlen?“ „Wir wollen Herrn Wandsworth bitten, daß er ſich nach einem Landhäuschen für uns unſieht, das dieſem ſo gut als möglich gleicht, meine Theure; ich fürchte nur, wir dürften einen Winter, den wir daſelbſt verbringen, für unſer Befinden weniger zu⸗ träglich finden.“ Und Frau Sydney ſeufzte, da ſie an die zarte Geſundheit ihrer Tochter dachte. „Liebe Mutter, nur reichen Leuten kommt es zu auf ihre zarte Geſundheit und ein warmes Clima Bedacht zu nehmen, und da wir dieſer bevorrech⸗ teten Claſſe von Menſchen nicht mehr angehören, ſo müſſen wir uns abhärten und von dem Einfluß 359 des Himmelsſtrichs unabhängig machen. Ich ge⸗ denke meine Talente— wenn ich ſolche überhaupt beſitze— darauf zu verwenden, daß ich den Gar⸗ ten beſorge, die Milcherei und den Hühnerhof über⸗ wache und mir die Geſchicklichkeit aneigne, die köſt⸗ lichen mürben Kuchen zu bereiten, welche ſonſt manch⸗ mal daheim Deine geringe Eßluſt gereizt haben.“ Der erkünſtelte Frohſinn Louiſens entlockte der Frau Sydney ein mattes Lächeln und ſie fühlte, daß ihr die Tochter wo möglich durch die Darle⸗ gung deſſelben noch theurer wurde. Aber die Wahr⸗ heit war, daß in Louiſens Heiterkeit weniger Nach⸗ gemachtes war, als ſich die Mutter vorſtellte. Die Ehrlichkeit zwingt uns ſelbſt auf die Gefahr hin bei unſern Leſern durch ein Geſtändniß von der Schwäche unſerer Heldin Anſtoß zu erregen, zu dem Bekennt⸗ niß, daß ihr Traum in der verwichenen Nacht trotz aller Vernunftgründe, die ſie gegen eine ſolche Thor⸗ heit aufbot, noch immer einen ſehr heilſamen Ein⸗ fluß auf ihre Stimmung ausübte und ſie in eine Munterkeit verſetzte, die ihr lange fremd geblieben war. Als ſie nach dem Frühſtück ihr Zimmer auf⸗ ſuchte, um ihren Hut aufzuſetzen und zu einem Gang durch die Wieſen ihren Shawl anzuziehen, traf ſie die Amme Murray, welche mit einem lan⸗ gen Geſicht die Hoffnung ausſprach, ihr liebes junges Fräulein werde dieſen Morgen etwas Or⸗ dentliches zu eſſen gefunden haben. 360 „Oh ja, meine gute Murray, ein köſtliches Frühſtück; treffliche Butter und Rahm und gutes Brod!“ „Aber blos eine Sorte Brod und keine Kuchen oder Wecken! Ach, das iſt ein armſeliger, recht armſeliger Ort für Leute, wie Ihre Frau Mutter und Sie, Fräulein Sydney. Kein ordentlicher Koch, ja überhaupt Niemand, der Etwas vom Kochen verſteht, ſondern blos ein Weibsbild, die für Alles da iſt und das Hausweſen beſorgt, und dann will das Geſchäft hier, im Vorbeigehen geſagt, erſt nicht viel ſagen. Ich habe die Landhäuschen nie leiden können. Da findet ſich nie ein Stübchen für die Haushälterin oder den Haushofmeiſter, und eben ſo wenig eine der ſonſtigen Bequemlichkeiten, an welche die höhere Dienerſchaft gewöhnt iſt. Ich möchte nur wiſſen, was Herr Wandsworth gedacht hat, daß er Leute, wie meine Herrſchaft, einlud, in eine ſo kleine, elende und enge Wohnung zu ziehen. Da iſt ja nicht einmal ein Zimmer, worin die Kammerjungfer Ihrer Mutter und ich das Eſſen zu uns nehmen können; blos eine Art Halle für das Geſinde findet ſich vor, deren Boden mit Flieſen belegt iſt, und an einen Fetzen Teppich, den wir unter die Füße legen könnten, iſt nicht zu denken. Und was das Eſſen angeht, ſo kann ich wahrhaftig nicht errathen, wie dafür geſorgt oder wie es zubereitet werden ſoll!“ 361 „Meine gute Murray, Du mußt lernen in Zukunft weniger wähleriſch zu ſein,“ ſagte Fräulein Sydney ernſthaft.„Das heißt, wenn Du in mei⸗ nem Dienſt bleiben willſt. Man hat erſt vor Kur⸗ zem in der Verfügung, die mein Großvater über ſeine Güter getroffen, einen Verſtoß gegen das Geſetz entdeckt und es hat ſich herausgeſtellt, daß ſie nicht mir gehören.“ „Nicht Ibnen gehören, meine Liebe, ſeiner eignen rechtmäßigen Enkelin! Wem ſollten ſie denn ſonſt gehören? Es wäre wahrhaftig nichts mehr und nichts weniger als ein Diebſtahl, wenn ſie an Jemand anderes übergingen. Ich habe zwar immer viel Schlimmes über das Geſetz ſagen hören, aber doch werde ich niemals glauben, daß es ſo ſchlecht ſein und der rechtmäßigen Enkeltochter eines Man⸗ nes ihr Vermögen abſprechen kann, um es einem entfernten Verwandten zuzuweiſen, blos weil dieſer Anverwandte zufällig ein Mann iſt. Nein, das wäre doch gar zu arg.“ Die alte Amme Murray holte tief Athem, ihre breite Bruſt hob und ſenkte ſich krampfhaft, ſie machte überhaupt gewiſſe Bewe⸗ gungen und gab Zeichen von ſich, wie ſie es immer that, wenn ſie ungewöhnlich aufgeregt war. „Ich habe Dir geſagt, wie es um die Sache ſteht, Murray, um Dir begreiflich zu machen, daß es unumgänglich nöthig iſt, Dich für die Zukunft mit Ergebung den unvermeidlichen Folgen zu unter⸗ 362 werfen, die meine veränderten Umſtände 6 ſich ziehen.“ können Sie daran zweifeln, daß Ihre arme alte Murray ſich nicht in Alles und Jedes fügen werde, was Sie verlangen? Ich wollte ja wahrhaftig nichts als trockenes Brod eſſen, um nur bei Ihnen zu bleiben.“ Und Thränen aufrichtiger Liebe bewieſen die Wahrheit deſſen, was die alte Amme be⸗ hauptete. „Nimm Dich in Acht, meine gute Murray, daß Du Dir nicht merken läßt, Du ſeieſt unzu⸗ frieden über den Unterſchied zwiſchen der Einrich⸗ tung in unſerem frühern Aufenthalt und dieſem hier. Wir verdanken dieſe Wohnung der Güte des Herrn Wandsworth; er hat ſie uns angeboten, da wir nicht wußten, wohin wir gehen ſollten.“ „Ach, liebes Kind, wenn ich nur Etwas davon gewußt hätte, ſo wäre mir ja nicht eingefallen Etwas daran auszuſetzen. Aber wie konnte ich vermuthen, was vorgegangen iſt. Wie konnte ich mir einen ſo ſchrecklichen Wechſel auch nur träu⸗ men laſſen? Ich hielt es blos für einen Einfall von Ihnen hierher zu gehen. Bei vornehmen Frauen⸗ zimmern kommt es ja oft vor, daß ſie ihre eigenen prächtigen Schlöſſer, wo ſie irbe Bequemlichkeit und Alles auf's Schönſte haben, im Stich laſſen und auf einen kleinen Landſitz gehen, wo ſich nichts von „Oh, mein theures und verehrtes Fräulein, 363 Allem vorfindet, an was ſie gewöhnt ſind. Die Neuheit der Sache gefällt ihnen, während armen Dienſtleuten die Luftveränderung ſehr unangenehm vorkommt. Vornehme Leute, Fräulein Sydney, können ſich wahrhaftig keinen Begriff davon machen, wie ſauer es dem Geſinde wird, das ſonſt jede Bequemlichkeit gehabt hat, wenn es in ein ſo klei⸗ nes Häuschen, wie das da, gehen muß, wo die Schlafzimmer ausſehen wie Taubenſchläge, wo die Haushälterin und der Haushofmeiſter kein eigenes Zimmer haben und kein Stubenmädchen oder ein da iſt um ſie zu bedienen.“ Hier holte die Amme Murray einen tiefen Seufzer, denn ihr fielen die geräumigen und prächtigen Ge⸗ ſindeſtuben auf Soydney⸗Park ein, und die flinken, aufmerkſamen Bedienten, deren beſondere Obliegen⸗ heit es war, denen aufzuwarten, welche die Zim⸗ mer der Haushälterin und des Haushofmeiſters inne hatten. „Ja, Murray, mir kommt dieſe Verarmung auch keineswegs angenehm vor; da ſie aber un⸗ glücklicherweiſe nicht zu vermeiden iſt, ſo muß man ſich mit Geduld darein finden.“ „Wie Schade iſt es, Fräulein, daß ich keinen Wint darüber bekommen habe wie die Sachen ſtehen, ehe ich von Haus wegging. Ich ſage noch immer ſo, wenn das Haus ſchon leider nicht mehr 364 unſer gehört.“ Und die Thränen der Murray floſſen auf's Neue. „Was hätte es Dich genützt, wenn du damit bekannt geweſen wäreſt, meine gute Murray? Es würde dir die Trennung von Sydney⸗Park nur noch ſchmerzlicher gemacht haben.“ „Ach, Fräulein, ich hätte dann doch meinen eigenen Sorgenſeſſel, mein Sopha und meinen Schemel mitnehmen, einpacken und dahin ſchicken können wo wir bleiben, und verſchiedene andere Kleinigkeiten an denen ich hänge, weil ich ſie ſo viele Jahre gebraucht habe. Und der ſchöne neue Kidderminſter⸗Teppich, der im Zimmer der Haus⸗ hälterin erſt eine Woche nach unſerer Ankunft aus Italien aufgelegt wurde— iſt es nicht eine Sünde und eine Schande ihn dahinten zu laſſen? dann möchte ich auch gerne mein Bett haben, denn es gibt doch keines mehr das ſo behaglich wäre. Alles das iſt mir verwichene Nacht eingefallen, denn ich konnte in dem harten Neſt, das ſie mir hier ge⸗ geben haben, nicht einſchlafen!“ Fräulein Sydney ertrug mit Geduld den ſelbſti⸗ ſchen aber natürlichen Ausbruch des Kummers der alten Frau und ſuchte ihr auseinanderzuſetzen, daß ſie kein Recht habe etwas aus Sydney⸗Park fort⸗ zuſchaffen, denn das Schloß mit Allem was darin ſey, gehöre nunmehr dem Herrn Sydney.„Aber Fräulein, es iſt doch gewiß hart, daß ich die 365 Sachen Fremden überlaſſen ſoll, da ich ſie ſo lange im Beſitz gehabt habe und ſie auch immer mein Eigenthum genannt worden ſind.“ Und aber⸗ mals ſchoſſen der alten Frau Thränen in die Augen. „Auch ich, meine arme Murray, habe Vieles in Sydney⸗Park zurückgelaſſen was mir durch lange Gewohnheit theuer geworden war, aber wir müſſen die Bequemlichkeiten vergeſſen, mit welchen es jetzt vorüber iſt, und uns jetzt ſowohl als für die Zu⸗ kunft in Entbehrungen fügen lernen.“ „Ach, mein Fräulein, ich fürchte ſelber daß es ſo kommen wird; aber es iſt nur um ſo ärger. Nun, nun, wer hätte das gedacht. Aber da jetzt vermuthlich die Sparſamkeit auf die Tagesordnung geſetzt wird, ſo wäre es gut wenn Ihre Frau Mut⸗ ter die Oberküchenmagd von Sydney⸗Park in ihre Dienſte nähme. Sie iſt wirklich recht geſchickt und ich muß ſagen, ſie hat oft ganz allein für den Tiſch geſorgt wenn dem Koch Etwas fehlte oder wenn er ſonſt nicht bei Laune war. Von den kleinen Sachen und entrées verſteht ſie gerade ſo viel wie er und was die heißen Semmeln und mürben Kuchen für's Frühſtück anbelangt, ſo geht ſie keinem Bäcker in England in keiner vornehmen Haushaltung aus dem Wege.“ Die Murray kam ganz in Eifer, denn ſie gedachte daran mit welcher Freigebigkeit die 366 geſchickte Oberküchenmagd derartige Leckereien dem Zimmer der Haushälterin hatte zufließen laſſen. „Ich will davon mit meiner Mutter reden,“ erwiederte Fräulein Sydney. „Da iſt auch noch die zweite Hausmagd, Fräu⸗ lein, ein ruhiges, fleißiges Mädchen, die man nie ohne einen Teppichbeſen oder einen Kehrwiſch in der Hand ſieht. Sie verſteht ſich auch unter Allen, die ich je getroffen habe, faſt am Beſten auf's Bettermachen, und ich weiß dabei ein Wort mit⸗ zureden, denn ich bin gar heikel in dieſer Beziehung und es iſt mir gar nicht gleichgültig wie mein Bett gemacht iſt. Vergangene Nacht habe ich kein Auge zuthun können; das Bett, das ſie mir gaben, war ſo uneben und Alles lag auf einem Klumpen. Marie Allwork wäre eine vorzügliche Hausmagd, wenn Ihre Frau Mutter, wie ich vermuthe, blos eine nimmt, und ich bin ſo ſehr an ſie gewöhnt, daß ich ihr den Vorzug vor allen Anderen geben würde. Dann iſt da noch das Stubenmädchen, die verſteht ſich ſo gut auf Gefrorenes und Eis und ſolche feine Sachen, daß ich nicht glaube, wir könnten es ohne ſie machen. Sie weiß Alles was in das Zimmer der Haushälterin gehört, und man hat niemals nöthig zweimal nach Etwas zu fragen. Ihres Gleichen iſt gar nicht zu finden wenn's an's Thee⸗ oder Kaffemachen geht. Nein, ich bin der 31 Anſicht, daß wir die Haushaltung ohne Fanny Betterton nicht führen könnten.“ Fräulein Sydney lächelte als ſie hörte mit welcher naiveté die Amme Murray den Beweis führte, daß ſie bei ihren Vorſchlägen für Errich⸗ tung des neuen Hausweſens auf ihre eigene Be⸗ quemlichkeit weit mehr Rückſicht nahm als auf die ihrer Herrſchaft. Sie ſprach gegen die Murray die Beſorgniß aus, ihre Mutter würde wohl beab⸗ ſichten nur ſehr wenig Geſinde zu halten und das Stubenmädchen dürfte leicht ganz wegfallen. Dann ſetzte ſie den Hut auf, zog einen Shawl an und verließ die arme alte Amme. Dieſe ſeufzte vor ſich hin bei dem Gedanken an die künftigen Ent⸗ behrungen und Mühſeligkeiten, denn ſie fühlte, daß es ihr wirklich ſehr ſchwer fallen würde ſolche durchzumachen und wunderte ſich, wie ihre junge Gebieterin ſich gegen den Schlag aufrecht erhalten könnte, der ſie eines ſtattlichen Schloſſes, der leckerſten heißen Semmeln und der mürben Kuchen für das Frühſtück, der einladendſten Zwiſchenmahl⸗ zeiten und des ausgezeichnetſten Mittageſſens be⸗ raubte. Denn dieſe annehmlichen Dinge machten in den Augen der Amme Murray das Glück des Lebens aus. Als Louiſe Sydney durch das Strauchwerk hin⸗ ſchlenderte, welches die kleinen aber ſchönen Zuge⸗ hörden von Themſenheim begränzte, als ſie über 368 das grüne Gras hinſchritt, das ſich mit den Füßen wie Sammet anfühlte, als ſie den Geruch der blühenden Blumen einathmete, mit welchen derſelbe in Hülle und Fülle wie beſät war, als ſie den lieblichen Geſang der verſchiedenen Vögel hörte, welche hier unbeſorgt von Zweig zu Zweig hüpften und unter den Blumen herumliefen, da erkannte ſie, daß ein von Sorgen gequältes Gemüth nur unter den traulichen Schatten der ländlichen Natur Ruhe finden könne. Das ringsum herrſchende Schweigen wurde blos von den ergötzlichen Liedern der Amſeln und Droſſeln, die ſich in Menge auf dem Gute vorfanden, oder vurch das angenehme Gemurmel der ſilberfarbigen Themſe unterbrochen, die eiligen Laufes am Rande des Wieſengrundes dahinfloß. Das alles beruhigte Louiſen und brachte ſie in heitere Stimmung. Das Vergnügen, welches ſie an dieſer lieblichen Umgebung fand, gab ihr die Gewißheit, daß die Reize der Natur ſie recht gut für den Verluſt des Reichthums und Glanzes zu tröſten vermöchten, an welchen ſie ſchon ſo lange gewöhnt geweſen war und auf welchen ſie bis daher ein Recht zu haben glaubte. „Es wird nicht viel nöthig ſeyn um mir eine Heimath zu verſchaffen wie dieſe,“ dachte Louiſe und blickte um ſich;„und wenn ſich dieſelbe auch nicht mit Sydney⸗Park vergleichen läßt, ſo wird ſie doch für meine beſcheidenen Wünſche völlig 369 genügen. Mit meiner theuern Mutter, mit meinen Büchern und meinen angenehmen Geſchäften wird mir hier die Zeit ſanft und ruhig, wenn nicht ſo⸗ gar glücklich verfließen und nach und nach wird auch der Friede wieder in meiner Seele einkehren. Ja, auf dem Land, und blos auf dem Land kann ich hoffen wieder ruhig zu werden. Die geſchäftige Welt mit ihren lärmenden Freuden und ihren leeren Vergnügungen hat allen Reiz für mich ver⸗ loren, und ſo jung ich auch bin, es iſt mir in dieſer feierlichen Einſamkeit zu Muthe wie einem armen Seemann, der lange den Stürmen preis⸗ gegeben war und von den Wellen herumgeworfen wurde, wenn er einen ſicheren Hafen erreicht wo er raſten darf. Mit dem verlorenen Vermögen habe ich eine Freiheit des Geiſtes erlangt, welche ſich die reiche Erbin wohl nie zu eigen gemacht hätte. Ich betrachte nunmehr die Welt mit an⸗ deren Augen, ich werde jetzt ſicher den Schlingen und Netzen entgehen, die beſtändig den Wohl⸗ habenden meines Geſchlechts gelegt werden, und kann fürderhin frei von der Furcht und dem Arg⸗ wohn leben, der bisher mein Leben vergiftet hat, daß man blos meines Geldes wegen nach meinem Beſitz ſtrebe.“ Während ſich Louiſe Sydney ſolchen Betrach⸗ tungen überließ, brachte die Mutter derſelben ihre Entwürfe für die Zukunft zu Papier, und wer gerade Strathern MI. 24 370 dazu gekommen wäre ſolche zu leſen, würde nur noch mehr Bewunderung und Achtung für die Frau empfunden haben, welche bei den Planen, die ſie entwarf, ſo viel Selbſtverläugnung entwickelte. Herr Wandsworth trat in die Studirſtube worin ſie ſchrieb, denn er hatte ſich heute in London aus ſeinem Geſchäftszimmer lange vor der Stunde ent⸗ fernt, zu welcher er daſſelbe ſonſt gewöhnlich ver⸗ ließ, um ſeinen ſchönen Schutzbefohlenen die Auf⸗ wartung zu machen. „Ich habe, geehrte Frau, dem Herrn Sydneh dieſen Morgen eröffnet, daß Ihre Fräulein Tochter Ihrem R the zufolge alsbald darauf verzichtet hat ihm ſeine Anſprüche auf die Güter ſtreitig zu ma⸗ chen, welche ſie bisher für ihr Eigenthum hielt. Ich habe ihm geſagt, daß Sie beide, ſowie Sie gehört wie die Sachen ſtehen, von Sydney⸗Park weggegangen wären und daſſelbe mit Allem was es Werthvolles enthält, ihm zu ſeiner Beſitzergrei⸗ fung überlaſſen hätten. Er war ſehr gerührt über dieſes Verfahren von Seiten Ihrer und des Fräu⸗ leins Sydney, und äußerte den Wunſch, Sie möchten einen Theil der Geräthſchaften oder Bücher, die Ihnen durch langen Gebrauch lieb geworden wären, auswählen, damit er ihnen ſolche an Ihren künftigen Aufenthaltsort nachſchicken könnte. Offen⸗ bar hat er geglaubt, Fräulein Sydney würde ſeinen Anſprüchen einen hartnäckigen Wiverſtand entgegen⸗ 371 ſetzen und einen Proceß anfangen, der ihn aller Wahrſcheinlichkeit nach viele Jahre lang nicht zum Genuß ſeiner Rechte hätte gelangen laſſen. Wenn er ſchon wußte, daß er am Ende gewinnen müßte, ſo fürchtete er ſich doch ſehr vor der Ver⸗ zögerung, den Schwierigkeiten und Koſten die mit einem Proceß verbunden ſind, und es hat ihn außerordentlich gefreut, daß ihm das Alles erſpart iſt. Er legte wirklich recht freundliche Geſinnungen gegen Sie und Ihre Fräulein Tochter an den Tag; ich muß aber ſagen, daß er ſonderbarerweiſe und bei aller Theilnahme, die er zu erkennen gab, nicht entfernt Etwas erwähnte was mich vermuthen laſſen könnte, er wolle den großmüthigen Antrag ablehnen, nach welchem Sie die an Ihrem eigenen Einkom⸗ men gemachten Erſparniſſe zum Erſatz der Gelder hingeben wollen, die Ihr verſtorbener Gemahl auf Bezahlung der Schulden ſeines Vaters verwendet hat. „Ich habe nichts von der Art erwartet, und wenn ich ſchon glaube, daß ich nicht ſtolz bin, ſo muß ich doch ſagen, ich begehre von Herrn Sydney keine Vergünſtigungen.“ „Das iſt aber wahrhaftig Stolz, geehrteſte Frau. Verzeihen Sie, wenn ich mir die Freiheit nehme und Sie darauf aufmerkſam mache, daß es nicht klug wäre ein freundſchaftliches Anerbieten zurückzuweiſen, das Ihnen Herr Sydney in wohl⸗ 24* 372 wollender Abſicht macht. Ich bitte Sie um Ihrer Fräulein Tochter willen dieſem Anſinnen einige Beachtung zu ſchenken.“ „Ich bin ſtets bereit Ihrem Rath zu folgen, Herr Wandsworth, denn ich habe die vollkommenſte Ueberzeugung, daß Sie mir einen ſolchen ſtets mit der freundlichſten Rückſicht auf meinen und meines Kindes Vortheil geben.“ Frau Sydney ſprach nun gegen Herrn Wands⸗ worth den Wunſch aus irgendwo in der Nachbar⸗ ſchaft ein Häuschen zu miethen; ſie theilte ihm mit wie ſie es einrichten wollte, um zu Gunſten ihrer Tochter ihr Leben zu verſichern, und er ver⸗ ſprach beide Plane mit ſo wenig Aufſchub als möglich in Ausführung zu bringen. „Es hat mich dieſen Morgen einer meiner Bekannten beſucht, verehrte Frau,“ ſagte Herr Wandsworth, und nach Ihrer Adreſſe gefragt. Derſelbe, ſagte er, hätte von Herrn Rhymer den Auftrag ſich nach Ihnen zu erkundigen. Da ich aber nicht wußte, ob Sie gerade jetzt wünſchen Ihren Aufenthaltsort bekannt werden zu laſſen, ſo ließ ich mich auf die Bitte ſelber zwar nicht ein, erklärte jedoch, daß ich jeden Brief beſorgen wollte, der für Sie an mich geſchickt werden würde.“ „Daran haben Sie ganz wohl gethan,“ erwie⸗ derte Frau Sydney,„denn ich möchte keine Beſuche empfangen ehe alle meine Vorkehrungen für die Zukunft getroffen ſind.“ „Wollen Sie davon nicht zu Gunſten des Herrn Sydney eine Ausnahme machen? Es ſchien ihm ſehr viel an der Erlaubniß zu liegen, Ihnen und Ihrer Fräulein Tochter ſeine Aufwartung ma⸗ chen zu dürfen.“ „Ich werde mich hierin ganz von Ihrem Gut⸗ achten leiten laſſen.“ „In dieſem Fall rathe ich Ihnen demſelben den Zutritt zu verſtatten, und will ihm zu wiſſen thun, daß Sie ihm erlauben ſich Ihnen vorzu⸗ ſtellen. Und nun, verehrteſte Frau, gewähren Sie mir die Bitte und eilen Sie nicht zu ſehr damit ſich ein Haus zu verſchaffen. Dieſes hier ſteht ganz zu Ihren Dienſten, ſo lang es Ihnen gefällt mir die Ehre zu erweiſen und es zu bewohnen. Beſehen Sie alle die Landhäuſer, die rundum zu vermiethen ſind, und es gibt deren gerade jetzt eine große Menge. Finden Sie dann eins, das Ihrem Wunſch völlig entſpricht, ſo will ich es für Sie beſtellen. Ich habe den Hausſtand hier noch mit zwei weiblichen Dienſtboten vermehrt, um etwas beſſer für Ihre Bequemlichkeit zu ſorgen, und hoffe, Sie werden mich für entſchuldigt halten, wenn Ihnen ſeit Ihrer Ankunſt in dieſer Be⸗ ziehung Etwas abgegangen iſt.“ 374 Herr Wandsworth war ſehr erfreut als Fräu⸗ lein Sydney hereintrat, und als er ſah, daß ihre Wangen eine lebendigere Farbe angenommen hat⸗ ten, daß ihre Laune heiterer geworden war als er ſie ſeit ihrer Rückkehr aus Italien bemerkt. Er gab ihr den Schlüſſel zu ſeinen Bücherſchränken und erbot ſich jeden Tag die Morgenzeitung zu ſenden; aber dieſes letztere Anerbieten wurde von Frau Sydney abgelehnt. Sie war ſo wenig neu⸗ gierig zu erfahren was im Staatsleben oder in den höheren Kreiſen der Geſellſchaft vorging, daß ſie ſelten in ein Tagblatt hineinſah. Am nächſten Morgen übermachte ihr Herr Wandsworth zwei Briefe, die ihm zur Beſorgung übergeben worden waren. Der eine kam von Herrn Rhymer, der mit viel Zartgeſühl und Schonung ſeine Theilnahme an dem unerwarteten Wechſel in den Ausſichten ihrer Tochter und den eifrigen Wunſch ausſprach, durch alle ihm zu Gebot ſtehen⸗ den Mittel die Achtung zu beweiſen, die er ſtets für ſie und ihre Tochter gehegt hätte. Rhymer führte in ſeinem Schreiben an, daß er mit ihrem beiderſeitigen Freund Strathern zuſammengetroffen wäre und daß ihnen dieſer gleich ſehr, ja wo möglich noch mehr zugethan ſey, ſeit er demſelben die Veränderung in den Vermögensumſtänden des Fräuleins Sydney mitgetheilt. Die andere Zu⸗ ſchrift trug die wohlbekannten Züge Stratherns und —— 375 das Herz der Frau Sydney ſchlug ſchneller als ſie ſolche erkannte. Ihre Tochter war nicht zugegen während die Briefe abgegeben wurden, und die zärtliche Mutter freute ſich daß ſie ſich allein befand, als ſie las was Strathern ſchrieb. Nichts konnte rührender ſeyn als dieſes Schreiben. Die Aus⸗ drücke darin bekundeten einen Mann, der ſich ſelber achtet. Strathern ſprach ſeine Verwunderung und ſein Bedauern über die Behandlung aus, die ihm von ihnen zu Theil geworden und erklärte, er ſey ſich ſeinerſeits durchaus keiner Handlung bewußt, welche dieſelbe rechtfertigen könnte. Zugleich bat er um die Erlaubniß, noch einmal ſeine Hand und ſein Vermögen dem Fräulein Sydney zu Füßen legen zu dürfen, und erbot ſich ihnen den Beweis zu liefern, daß er ſich keines Benehmens ſchuldig gemacht, das ihm ihre gute Meinung rauben könnte. „Seltſam, unbegreiflich,“ ſagte Frau Sydney, während ſie den Brief nochmals durchlas. Wie kann er die falſche Angabe rechtfertigen, deren er ſich ſchuldig gemacht? Behauptete er nicht, er werde einen Abend bei ſeinem kranken Freund Del⸗ mington zubringen, und doch ſahen wir ihn am nämlichen Abend mit einem Frauenzimmer im Cch liſeum ſpazieren gehen, deren Namen, ja deren Daſeyn er uns forgfältig verbarg? Wie erklärt ſich, daß er mit ihr zu Como war? Ach er kann 376 ſich nicht rechtfertigen. Und doch wollte ich er könnte es. Denn es iſt edelmüthig, daß er ſeine Werbung um die Hand meiner Tochter in dem Augenblick erneuert, da er entdeckt, daß ſie nichts mehr hat. Er beweist ſich dadurch als ein hoch⸗ ſinniger und uneigennütziger Mann. Und trotz dem was ich von ihm weiß, geht ein Zug von Wahr⸗ heit und ſelbſtbewußter Rechtlichkeit durch ſeinen Brief, wodurch mein Glaube an ſeine Strafbarkeit beinahe erſchüttert wird.“ Frau Sydney beſann ſich einige Zeit, ob ſie Stratherns Brief Louiſen zeigen ſollte oder nicht. „Er könnte ihr Schmerz und Unruhe verurſachen,“ dachte ſie,„aber es ſcheint mir deſſenungeachtet beſſer ſie denſelben ſehen zu laſſen.“ Louiſe Syd⸗ ney ward von verſchiedenen und ſtreitenden Ge⸗ fühlen bewegt, als ſie Stratherns Brief las. Einen Augenblick erfüllte ihre Bruſt der Unwille darüber, daß er noch die Miene der beleidigten Unſchuld annahm, da ſie doch das ſchöne aber verderbte Weib zuerſt in der unvergeßlichen Nacht im Coli⸗ ſeum, und ſpäter wieder in ſeiner Geſellſchaft ge⸗ ſehen. Gleich darauf aber erhielt ſie die Ueber⸗ zeugung, daß ſie noch immer geliebt und um ihrer ſelber willen geliebt wurde, der unumſtößliche Be⸗ weis dafür lag in ſeinem gegenwärtigen Antrag, und die Gewißheit, daß er ihn machte, nachdem er erfahren daß ſie nicht mehr reich wäre, erfreute 377 ſie höchlich. Der Brief ward oft geleſen, und lange dachte Louiſe Sydney über den Inhalt des⸗ ſelben nach; immer hoffte ſie einen Entſchuldigungs⸗ grund für den Mann zu finden, welchen für ſchuldlos erklären zu können ihr ſo große Wonne bereitet haben würde. Aber ach, ſie konnte das Zeugniß ihrer eigenen Augen nicht in Zweifel ziehen, und daß er ſeinerſeits ſich ſo unſchuldig anſtellte, that blos dar wie ſehr verhärtet er in der Sünde ſey. Es ärgerte ſie, daß er noch ein Mal verſuchte ſie zum Beſten zu halten, ſie bat daher ihre Mutter an ihn zu ſchreiben und ſein Anerbieten entſchieden abzulehnen. Es war umſonſt, daß Frau Sydney den Vorſchlag machte, man ſollte Herrn Strathern Gelegenheit verſchaffen ſich zu rechtfertigen, und ihm ſchriftlich ſagen, wodurch ſie veranlaßt wor⸗ den wären in der bisher eingehaltenen Weiſe zu handeln. Ihre Tochter wollte durchaus nicht in die Einhaltung eines ſolchen Verfahrens willigen, und gab als Grund dafür an, Strathern müßte die Urſache davon bereits genau kennen; er habe auch blos vermieden dieſelbe zur Sprache zu brin⸗ gen, weil er keine Erwiederung darauf zu geben im Stande ſey, welche ein ſtolzes voder anſtändiges Frauenzimmer ſich gefallen laſſen könnte. Die Antwort wurde abgeſendet. Wie artig und freund⸗ lich ſich aber auch Frau Sydney unter den der⸗ maligen Umſtänden darin ausdrückte, Strathern 378 war beim Empfang derſelben vom tiefſten Schmerz ergriffen. Es zeigte ſich nun offenbar, daß keine Anſtrengung ſeinerſeits ihm die Stelle wieder ver⸗ ſchaffen könnte, welche er einſt in Fräulein Syd⸗ ney's Neigung vder in der Werthſchätzung ihrer Mutter eingenommen. Als dieſe quälende Ueber⸗ zeugung ſich in ſeinem Gemüth feſtſetzte, erhob ſich in ſeiner gepeinigten Seele ein Gefühl von Verzweifelung, deſſen Bekämpfung all' ſeinen Ver⸗ ſtand in Anſpruch nahm. Er ward launiſch und reizbar, gleichgültig für die Gegenwart und ent⸗ ſagte allen Hoffnungen auf die Zukunft. Nicht ſo Louiſe. Die Vorſtellung, daß ſie in ihrem Lieb⸗ haber durch die Zurückweiſung Reue erwecken und ihn zu einem Betragen bringen könnte, welches ſie billigen müßte, war in ihr aufgeſtiegen, und damit zugleich unbeſtimmte Hoffnungen auf beſſere Tage, welche ihre Stimmung erheiterten und ſie unter den gegenwärtigen Prüfungen aufrecht erhielten. 379 Fünfzehntes Kapitel. — „Es gleicht ſich groß, es gleicht ſich klein, Sind Beide niedrig und gemein,— Mehr als die Leute meinen Ob auch ihr Stand verſchieden ſei— Sie täuſchen ſich nur ſelbſt dabei Wenn ſie den Satz verneinen. Verſchieden kann der Weg wohl ſein Dem Jeder folgt fur ſich allein, Doch geb' ich zu beachten, Daß beide nur die Selbſtſucht treibt Und daß wohl ſtets daſſelbe vleibt Ihr Dichten und ihr Trachten. Ein niedrig und gemein Gemüth, Wär's auch vom edelſten Geblüt— Wird's die Erziehung adeln? Und wär's auch zierlich vorgebracht, Was nicht auch ſchön und groß gedacht— Wird das nicht Jeder tadeln? Gemeines ſetzt ſich nie in Gunſt, Wär's auch geſagt mit größter Kunſt, Würd' es in rauhen Worten, Wie ſie der Staubgebor'ne ſpricht, Uns vorgebracht— man achtet's nicht— Mun haßt es aller Orten.“ „Welch ein Weib!“ rief Lady Wellerby, als ſich die Marquiſe v. Mountſerrat entfernt.„Hat man jemals ſolch ein gemeines Geſchöpf geſehen? Ich bedauere wahrhaftig den armen Mountſerrat, ——— ——— —— — 380 daß er ſich mit einer ſo ſchrecklichen Perſon ein⸗ gelaſſen.“ „Nun, ich muß ſagen, daß ich der Anſicht bin Ihr Mitleid ſei ſehr ſonderbar und übel ange⸗ bracht, Lady Wellerby,“ bemerkte Lord Fitzwarren. „Wäre ſein Bruder nicht geſtorben, ſo hätte ſich Ary bei dem Handel am beſten befunden und dieſe reiche Frau geheirathet. Er weiß das auch recht gut und ich meine daher in der That, daß er kein Mitleid verdiene.“ „Sie werden doch hoffentlich nicht ſagen wollen, daß dies in Bezug auf ſie eher der Fall ſei?“ fragte Lady Wellerby. „Nein, gewiß nicht. Keines von Beiden ver⸗ dient Mitleid. Die Frau trachtete nach einem Titel und wollte für einen ſolchen ihr Geld ein⸗ tauſchen. Der Mann brauchte Geld und gab ihr dafür ſeinen Namen. Beide haben erlangt, was ſie begehrten und können folglich keinen Anſpruch auf das Bedauern der Leute machen.“ „Aber ein Mann mit ſeinem hohen Rang und dem ungeheuern Vermögen würde eine Frau be⸗ kommen haben, wo er nur gewollt hätte,“ ſagte Lady Wellerby,„und es muß ihm wirklich recht bedauerlich vorkommen, ſich an eine ſo gemeine Perſon von ſo ſchlechter Erziehung gefeſſelt zu fehen, die ihn überall bloßſtellt, wo ſie ſich blicken läßt.“ —— „ — ———— „ —— W N— 381 „Ich kenne viele vornehme Frauenzimmer, die gerade ſo ſchlecht erzogen und nicht halb ſo gleich⸗ müthig bei'm Spiel ſind, wie ſie,“ verſetzte Lord Wellerby.„Ich habe nie eine Frau ihr Geld mit ſo viel Ruhe verlieren geſehen. Es iſt eine wahre Freude, mit ihr zu ſpielen.“ „Du willſt ſagen gegen ſie zu ſpielen,“ ent⸗ gegnete Lady Wellerby,„denn ſie ſpielt ſo ab⸗ ſcheulich ſchlecht, daß ihr Gegner immer gewinnen muß.“ „Ich habe ſchon lange keine ſo angenehme Be⸗ kanntſchaft mehr gemacht,“ meinte Lord Wellerby, „auch wüßte ich nicht, wie ich die unendlichen Abende hier durchbringen ſollte, wenn wir ſie nicht zum Kartenſpiele veranlaßt hätten. Ich möchte deßhalb, daß Du und Deine Mädchen“ fügte er gegen die Frauenzimmer gewendet hinzu,„daß ihr ſie mit Achtung und Aufmerkſamkeit behandelt.“ Die Mädchen zuckten die Achſeln und machten ein hochmüthiges Geſicht. Lady Olivia war um ſo kecker, weil ſie wußte, wie nahe ihre Hochzeit bevorſtand, und wagte zu ſagen:„ſie ihrerſeits würde ſich ſorgfältig in Acht nehmen mit einer ſo widerlichen Perſon ſich näher einzulaſſen.“ Aber dieſe Aeußerung zog ihr vom Vater einen ernſten und finſtern Blick, eine halb⸗ laute Verwünſchung zu, von welcher den Letztern blos die Rückſicht darauf abhielt, daß er dadurch 382 ſeinen künftigen Schwiegerſohn beleidigen oder ver⸗ drießlich machen könnte. Lady Sophia biß ſich in die Lippen, hielt es aber nicht für nöthig ein Wort laut werden zu laſſen, was den Zorn ihres Herrn Vaters noch hätte ſteigern können. Sie begriff die Nothwendigkeit eines verſöhnlichen Betragens und das machte ſie nur noch eiferſüchtiger auf das Glück ihrer Schweſter, durch welches dieſe in Stand geſetzt wurde, ihre Geſinnungen über dieſen Gegenſtand auszuſprechen. „Was haben wir für einen Abend zugebracht,“ ſagte Lady Sophie, als ſie mit ihrer Schweſter die gähnende femme de chawbre entlaſſen, die Haare aufgewickelt und ihre bonnet de nuit aufge⸗ ſetzt hatte. „Ja, wahrhaftig, er war nicht ſehr unterhal⸗ tend, das muß ich ſagen,“ erwiderte Lady Olivia. „Ich begreife nicht, wie Du dem Lord Fitz⸗ warren geſtatten kannſt, den ganzen Abend bei den Karten zu ſitzen, ſtatt daß er gegen Dich den An⸗ genehmen ſpielen ſollte.“ „Das kommt daher, daß ich ſo mancherlei zu überlegen habe, an was ich gern denke. Ich mache mir Plane für die Zukunft und richte ſo für mich ſelber meine Wohnung ein, beſinne mich über das Hausgeräthe, die Wagen u. ſ. w. die ich mir an⸗ ſchaffen will, wenn ich nach London komme, über die Leute die ich in Dienſt nehme und über die, U u* M 383 welche ich nicht in meine Geſellſchaften zulaſſe. Das gibt mir eine angenehme Beſchäftigung für meine Gedanken und es geſchieht nur ſelten, daß mir die Zeit ſchwer auf dem Halſe liegt. Aber Du, Sophie, biſt in einer ganz anderen Lage, Dir muß es langweilig zu Muthe ſein, wenn Du einen Abend verbringſt, wie den vergangenen.“ Lady Sophie wurde roth vor Zorn und gab zur Antwort:„Ich hoffe, daß ich am Vorabend einer Heirath nicht nöthig haben werde, blos an die Vortheile zu denken, die ich durch meine Ver⸗ ehelichung erreiche, ſondern auch an den Mann, durch welchen ich mir ſolche verſchaffe. Der arme Fitzwarren iſt allerdings nicht der Mann, an wel⸗ chen ein vernünftiges Frauenzimmer einen Gedan⸗ ken verſchwenden könnte und Du haſt alſo ganz recht, wenn Du blos die Annehmlichkeiten im Auge behältſt, welche Dir ſein Vermögen gewähren wird.“ „Nun wahrhaftig, Sophie, ich möchte gar zu gern die Ausſicht haben, daß Du einen Mann be⸗ kämeſt.“ „Wenn ich deswegen alle möglichen Anſchläge machen und ſo viel Schmeicheleien anbringen müßte, wie Du, Olivia, ſo würde ich niemals heirathen. Denn Nichts könnte mich dazu bringen, daß ich mich zu ſolcher Demüthigung verſtände, um mir einen geſcheiden und fühlenden Gemahl zu ver⸗ 384 ſchaffen, wie Du Dich ihr unterzogen haſt, um einen Tölpel zu fangen.“ „Du vergißt, daß Du ſelber Alles aufgeboten haſt, um gerade denjenigen zu gewinnen, der Dir jetzt ſcheinbar ſo verächtlich vorkommt. Du würdeſt Deine Augen darum geben, wenn Du Dich dadurch in meine Lage verſetzen könnteſt.“ „Ich! Was für eine einfältige Vorſtellung! Ich hätte den dummen Eſel nicht genommen und wenn er noch zehnmal reicher geweſen wäre. Aber weil Du froh biſt ihn gekapert zu haben, ſtellſt Du Dir jetzt vor, es wäre mir an Deiner Stelle eben ſo zu Sinne!“ „Arme Sophie, die Trauben ſind ſauer! Warum wollen wir aber beſtändig in Händeln leben? Iſt es meine Schuld, daß Fitzwarren mir den Vorzug gegeben hat? Bedenke doch, daß es mir in Kur⸗ zem möglich ſein wird, Dir von Nutzen zu ſein, und reize mich nicht zu ſehr.“ „Iſt es Dir Ernſt? Ich Dich reizen? Du ſprichſt gerade, wie wenn Du im Begriff ſtändeſt, ein furchtbar großes Thier zu werden. Statt deſſen wirſt Du blos die Frau eines höchſt einfältigen Menſchen, den Jedermann als einen ſchwachſinnigen albernen, gutmüthigen Narren kennt, und den Du ſo weit dran gekriegt haſt, daß er Dich heirathet.“ „Ich bitte Dich, laſſe mich keine ſolch rohen Aeußerungen mehr von Dir hören,“ ſagte Lady 385 Olivia und richtete ſich ſtolz in die Höhe.„Wenn wir durch unſere Eltern aus Gründen der Spar⸗ ſamkeit gezwungen ſind, ein Zimmer zu bewohnen, ſo iſt es doch ſehr hart, daß ich dabei durch Deinen Neid und Deine Eiferſucht gequält werden ſoll.“ „Ich neidiſch oder eiferſüchtig! Wahrhaftig, Olivia, Du machſt Dich recht lächerlich. Ich be⸗ dauere in Wahrheit ſo gut wie Du das haushäl⸗ teriſche Verfahren des Vaters und der Mutter, welches uns nöthigt, in einem und demſelben Zim⸗ mer zu ſchlafen. Indeſſen kannſt Du Deine üble Laune auslaſſen, ſo lange und ſo viel Du wilſſt, ich werde Dir nicht ein Wort mehr erwidern, denn ich betrachte ſolche Zwiſtigkeiten als Etwas, was unter meiner Würde iſt.“ Damit ging Fräulein Sophie ins Bett, zog die Vorhänge daran feſt zu und gab durch gewiſſe Naſenlaute bald zu erkennen, daß ſie ſchlafe. Lady Olivia folgte bald darauf dem Beiſpiel ihrer Schweſter und beſchäftigte ſich noch im Traum damit, ihr Haus in der Stadt ſo glänzend als möglich einzurichten mit Pferden und Wagen und Putz. Lady Sophie dagegen ſeufzte im Schlaf bei dem Gedanken an ihre fehlgeſchlagene Hoffnung ſich einen Mann zu verſchaffen und beneidete das Glück ihrer Schweſter, die einen ſolchen erobert. Als die Marquiſe von Mountſerrat nach dem Spiel mit Wellerby's in ihr Putzzimmer zu⸗ Strathern Ur. 25 386 rückkam, brach die üble Laune alsbald los. In Gegenwart der Fremden hatte ſie ſich klugerweiſe nichts davon merken laſſen. „Gehen Sie, Juſtine, und beſtellen Sie, daß mir Etwas zu Nacht zu eſſen geſchickt wird. Ich bin halb verhungert, denn die ſchäbigen Leute haben mir zwar wohl mein Geld abgewonnen, aber nicht einmal ein Glas Wein und Zuckerbrod angeboten.“ „Das Nachteſſen war bald aufgetragen und die Frau ließ demſelben volle Gerechtigkeit widerfahren. Ebenſo auch dem in Eis geſtellten Champagner, den ſie für recht erfriſchend erklärte. „Es iſt nicht möglich, daß Madame alles Geld verloren haben, was in Ihrem Beutel war, da Sie fortgingen,“ ſagte Juſtine und zog die Augen⸗ braunen mit dem Ausdruck des größten Erſtaunens in die Höhe. „Allerdings, und noch weit mehr dazu, Juſtine.“ „Ach! Madame la Marquise müſſen ſich in Acht nehmen, ſonſt wird Ihr Vermögen bald fort ſein. Die gnädige Frau weiß nicht, welches Unheil die Karten anrichten.“ „Ich frage den Teufel nach den Karten, nur das Spiel„Forder's bei'm Nachbar!“*) gefällt mir; aber wie ſie mir den Vorſchlag machten, mit ihnen zu ſpielen, dachte ich, es würde hungrig herauskommen, wenn ich *) Beggar-my-neighbour, ein in den niedern Stän⸗ den vorkommendes Spiel. D. Uebſ. „ 8 387 mich ſperren wollte, als fürchtete ich mich, mein Geld zu verlieren. So machte ich eben mit und verlor jeden Robber. Niemals aber ließ ich merken, daß mich das im Mindeſten ärgerte, obgleich ſich mein Verluſt am Ende ſehr hoch belief, und doch muß ich ſagen, ich verſpürte mehr als einmal Luſt, die Karten dem häßlichen alten Weibe, der Lady Wel⸗ lerby, an den Kopf zu werfen, wenn ich ſo mit anſah, wie begierig und eifrig ſie wartete, bis ich herausging. Die kleinen Augen funkelten ihr im Kopf, gerade wie bei der Schlange, von der mir einmal Jemand erzählt hat. Die giftigen Thiere richten ihre Augen ſo lange auf irgend einen un⸗ glücklichen Vogel, bis der in dem ſchrecklichen Maul der Schlange verſchwindet; ich war der arme Vogel, Juſtine, und Lady Wellerby die Schlange.“ „Oder vielmehr, Madame la Marquise war die Gans und Lady Wellerby der Fuchs,“ verſetzte die naſeweiſe lemme de chambre und lächelte über ihren Verſuch, einen Witz zu machen. „Es iſt recht grob und unverſchämt von Ihnen, Juſtine, daß Sie mich mit einer Gans vergleichen und ich hoffe nicht, daß Sie ſich eine ſolche Freiheit noch einmal herausnehmen.“ Dabei kündigte das Geſicht der Marquiſe einen heraufziehenden Sturm an. „Pardon, Madame la Marquise, ich habe es nicht böſe gemeint. Ich mache ſehr oft einen Fehler, weil ich die engliſche Sprache nicht recht verſtehe, 25 388 aber Ihre arme Juſtine würde lieber ſterben, als Madame la Marquise beleidigen.“ „Nun denn, ich will es Ihnen für diesmal ſo hingehen laſſen, aber Sie müſſen in Zukunft Acht geben, Juſtine, auf das was Sie ſagen. Denn jetzt bin ich eine Marquiſe, und es würde ſich ſchlecht paſſen, wenn ich einer aus meiner Diener⸗ ſchaft erlauben wollte, einen Mangel an Achtung gegen den hohen Adel zu verrathen.“ „Die gnädige Frau hat ganz Recht, ich werde mich künftig vorher über Das beſinnen, was ich ſage.“ Dabei gab die liſtige lemme de chambre ihrem Geſicht den Ausdruck ſo tiefer Zerknirſchung, als ihr möglich war.„Die gnädige Frau iſt ſo gut und großmüthig, daß ich fürchte, die Leute mit denen Sie heute Nacht geſpielt, werden Ihnen all Ihr Geld abgewonnen haben, ehe Sie noch wiſſen, in welcher Gefahr Sie ſchweben.“ „Nein, Juſtine, machen Sie ſich darüber keine Sorgen, ich werde auf meiner Hut ſein. Ich laſſe ſie jetzt noch ein wenig gewinnen, um ihnen Zeit zu verſchaffen, daß ſie mich bei allen Leuten von Stande in Neapel einführen. Habe ich dann an⸗ dere Bekanntſchaften gemacht, ſo liegen mir die Karten lange gut.“ „Mais, Madame la Marquise, das iſt es ja ge⸗ rade, was ich ſagen wollte. Ehe Sie die Bekannt⸗ ſchaften gemacht haben, welche Sie ſuchen, werden — 3 389 Sie um viel Geld gekommen ſein, und Geld iſt beſſer, als alle Lords und Ladies in der Welt. Wenn man recht viel Geld hat, braucht man ſich, wie die Engländer, um alle vornehme Leute keinen Pfifferling zu bekümmern, und es wäre für Ma- dame la Marquise beſſer, Ihr Geld zu behalten, als es im Spiel wegzuwerfen.“ „Sie reden wie eine Perſon von Ihrem Stand, Juſtine, aber bedenken Sie, ich gehöre zum hohen Adel, muß mich auch demnach betragen und mich mit Lords und Ladies abgeben, die meines Gleichen ſi d A 8 ind. „Und was wird Sie das nützen, gnädige Frau? Haben Sie nicht Alles in der Welt, was ſie con- tente machen könnte— ein großes Vermögen, eine gute Geſundheit, einen geſunden Appetit, Sie ſchla⸗ fen vorzüglich, haben ſchöne Kleider, prächtige Ju⸗ welen und zierliche Wägen— Sie führen einen hohen Titel der Sie nichts koſtet, und ſind verhei⸗ rathet ohne das ennui eines Mannes; was können Sie alſo ſonſt noch wünſchen?“ „Ich möchte gerne in Geſellſchaft vornehmer Leute leben— mit bedeutenden Herren und Frauen umgehen.“ „Ah, Madame la Marquise, vous avez tort, d. h. Sie haben Unrecht. Blos ſolche Lords und Ladies, die nach Ihrem Geld trachten, werden mit 390 Ihnen Bekanntſchaft machen, und über Sie ſpot⸗ ten und lachen, ſobald Sie ihnen den Rücken kehren.“ „Spotten und lachen! und warum ſollten ſie denn das, möchte ich wiſſen? Was gibt es an mir zu ſpotten und zu lachen?“ Hierbei ſchleuderte die parvenue zornige, durchbohrende Blicke auf ihre femme de chambre und ihre Wangen wurden blut⸗ roth vor Ingrimm. Juſtine gewahrte, daß ſie in ihrem Beſtreben, die einfältige Gebieterin zu warnen, zu weit ge⸗ gangen war, aber mit einem Takt, der ſie ſelten im Stich ließ, fand ſie ſich aus ihrer augenblick⸗ lichen Verlegenheit ſchnell wieder zurecht und ſagte: „Sie können die Frage mit allem Fug und Recht an mich ſtellen. Was ſollte man denn an Ihnen zu lachen oder zu ſpotten finden? Aber die gnädige Frau weiß vielleicht nicht, daß vornehme, adelige Herren und Frauen, die als ſolche nés, d. h. ge⸗ boren ſind, ſich immer über Andere luſtig machen, denen ein ſolches Glück nicht zu Theil geworden iſt. Ach, ich have ſo viel méchanceté bei vorneh⸗ men Leuten geſehen, daß es mich bekümmert macht, wenn ich ſehe, wie Madame la Marquise ſo gern mit ihnen Umgang haben möchte. Sie ſind ſo kalt und glatt wie der Marmor in ihren ſchönen Häu⸗ ſern und haben eben ſo wenig Gefühl als er.“ „ 0 — — 391 Die Marquiſe wurde durch dieſe ſchlauen Aeuße⸗ rungen beſänftigt, ſie vergaß ihren Aerger und gab zu, daß etwas Wahres in Juſtinens Behauptungen liegen könnte. Deſſenungeachtet aber fügte ſie hinzu, daß ſie als ein Mitglied des hohen Adels mit An⸗ gehörigen deſſelben leben müßte, und daß es nichts auf ſich hätte, eine Margquiſe zu ſein, wenn ſie das nicht thäte. Wie ſie indeſſen ſah, daß Fräu⸗ lein Juſtine ſich von der Nothwendigkeit eines ſol⸗ chen Verfahrens noch immer nicht überzeugt fühlte, äußerte die Gebieterin, um ihre Magd zu verſöh⸗ nen und für ihre eigene Meinung zu gewinnen, „Juſtine, Sie können das hoſenband⸗blauſeidene Kleid nehmen, mit den ſchwarzen Spitzenfalbeln.“ „Merci, Madame,“ lautete die kurze Dankſagung für das Geſchenk und die Marquiſe brummte, wäh⸗ rend Juſtine ſich entfernte, vor ſich hin:„Nun, ich meine, Juſtine hätte für eine ſo reiche Gabe etwas mehr Erkenntlich eit zeigen dürfen. Wahr⸗ haftig, der Anzug mit dem Spitzenfalbelbeſatz kann mich nicht weniger als dreihundert Gulden gekoſtet haben und ich habe ihn blos zwei Mal angehabt. Trotzdem nahm ſie ihn ſo gleichgültig auf, als hätte er nur ein paar Schillinge gekoſtet. Oh, die franzöſiſchen Kammerjungfern, was iſt das für eine Art Leute! Wer würde je, ſo lang ich noch Kinds⸗ mädchen bei dem Oberſt Fairfax war, gedacht haben, daß ich einmal eine Markgräfin würde, die ſich hin⸗ 392 ſetzt, um mit Grafen und Gräfinnen zu ſpielen und einer Kammerjungfer ein Kleid gibt, was dreißig Guineen koſtet. Wenn ich ſo zurückdenke, kommt es mir gerade wie ein Traum vor. Fällt mir die Zeit ein, wie ich noch in Irland war, wo man auf mich herunterſah und mich nicht für hübſch genug hielt, um mit mir einen Tanz zu thun, ſo fällt es mir ſchwer mich an den Gedanken zu ge⸗ wöhnen, daß ich noch dieſelbe Perſon bin. Wahr⸗ haftig, gewiſſe Menſchen haben mehr Glück, als verſtanden werden kann. Wie viele angeſehene Leute, zu welchen ich früher mit Neid aufſchaute, würden nunmehr neidiſch auf mich, auf meinen bedeutenden Titel und mein ſchönes Vermögen ſein! Und doch bin ich bei all dem nicht zufrieden, mag es nun herkommen, wo es wolle. Da ich arm war, meinte ich, ich würde das glücklichſte Geſchöpf in der Welt ſein, wenn ich einmal Geld gewonnen hätte. Aber aller Reichthum, den ich ſeither erlangt habe, ver⸗ ſchafft mir nicht das nämliche Vergnügen, als der erſte Vierteljahrslohn, den ich von Frau Fairfar bekam. Und er war doch ſo unbedeutend. Wie ich ſo reich wurde, ſtellte ich mir vor, würde ich mir nichts mehr zu meinem Glück wünſchen, wenn ich einen Titel hätte. Jetzt habe ich ihn erlangt und bin doch nicht glücklicher als zuvor; denn ich möchte nun in der Geſellſchaft hoher Herren und Frauen leben. Nach der Probe aber, die ich letzte 6 393 Nacht davon gekriegt habe, bei der ich mein Geld verlor und mich obendrein zu todt langweilte, fange ich an zu fürchten, daß mich auch der Umgang mit ihnen nicht zufriedener machen wird, als ich ſonſt geweſen bin. Ich bin begierig, nach was ich hin⸗ terdrein mich ſehnen werde. Ach, es kommt mir manchmal zu Sinn, was für ein luſtiges, muntres Mädchen ich ſpielte, als ich noch arm war, wie eine Kirchenmaus! Da lachte und ſang ich den halben Tag; jetzt aber ſoll ich hier und da oder immer daran denken, daß ich eine vornehme Frau bin, mit einem mächtigen Namen und einem großen Vermögen. Ich bin mein eigner Herr und könnte mich mit all dem in frohe Laune verſetzen, wie oft aber iſt mir verdrießlich zu Muthe! An höübſche Kleider, an Diamanten und gutes Eſſen, was mir im Anfang ſo viel Freude machte, habe ich mich ſo ſehr gewöhnt, daß mir gegenwärtig faſt nichts mehr daran liegt. Ach, und wie ärgerlich wäre es, wenn, wie Juſtine ſagt, die hohen Herrn und Frauen beſtändig über Leute lachen würden, die nicht gleich ihnen hoch geboren ſind, und ſie ſich mit Einem blos bekannt machten, um ihre eignen Abſichten zu erreichen! Wie heiß und fieberhaft iſt mir! Es kann nicht an dem paté de Périgord oder an dem Champagner liegen, den ich beim Nachteſſen genoſſen habe, daß ich ſo lange wach bleibe und mich ſo unbehaglich fühlen. Wenn man 394 aber auch nicht einmal ein leichtes Eſſen zu ſich nehmen kann, ohne ſich wie im Fieber jede Nacht im Bett herumwälzen zu müſſen, was hilft es dann, daß man reich genug iſt, um ſich alle möglichen Leckerbiſſen verſchaffen zu können! Ach, wie langweilig iſt mir das! Ich hätte gute Luſt und ſchellte der Frau Bernard, daß ſie mich mit Leſen einſchläferte. Aber wenn ich das thue, ſo kommt Juſtine, und die iſt nicht gut aufgelegt. Da laſſe ich's lieber bleiben. Und doch iſt es ärgerlich denken zu müſſen, daß meine Geſellſchafts⸗ dame, die von mir bezahlt wird und mein Brod ißt, in demſelben Augenblick in tiefem Schlaf liegt, da ich kein Auge zuthun kann. Und daß dies der Fall iſt, darauf wollte ich ſchwören. Wie Schade, daß man den Schlaf und eine gute Verdauung nicht zu kaufen vermag, das würde Einen doch in Stand ſetzen Alles zu genießen, zu was man Luſt hat. Es iſt indeſſen doch einiger Troſt, daß der Marquis nicht immer bei meinen Mahlzeiten zugegen iſt. Er würde mit ſeinen kal⸗ ten, ſtolzen Augen jeden Biſſen zählen, den ich in den Mund ſteckte, als ob er mir ihn nicht gönnte. Und wenn ich ein wenig frei mit ihm umging, ſo warf er ſich immer in die Höhe, als wäre er ein Prinz und ich gar Niemand. Wahrhaftig, es iſt der beſte Zug, den ich jemals gethan, daß ich ſeinen bedeutenden Titel erlangte und ihn dabei *3 395 los wurde. Bei all dem aber bin ich nicht glück⸗ lich, ich mag noch ſo oft verſuchen mich ſelber be⸗ trügen und an Alles denken zu wollen, was ich habe, um mich dazu zu machen. Aber was hat man denn davon, wenn man Alles beſitzt, von vem man meint, es könnte Einen glücklich machen und die Sache ſelber doch nie zu genießen bekommt? Da ſteckt der Haſe im Pfeffer, ſagen die Leute im Spiel.“ Hierbei ſtieß die Markgräfin einen tiefen Seufzer aus und drehte ſich abermals auf ihrem ſchlafloſen Lager. Am folgenden Tag verrieth die Küche zum großbritanniſchen Hof frühe ſchon, daß man Vorbereitungen für das Eſſen traf, welches der Familie Wellerby und dem Lord Fitzwarren ge⸗ geben werden ſollte. „Sorgen Sie, daß keine Koſten geſpart werden, Juſtine,“ ſagte die Marquiſe zu ihrer femme de chambre, während ſie ihren café au lait im Bett ſchlürfte und dazu ein paar geröſtete Butterſchnit⸗ ten als Erſatz für den mürben Kuchen, die Milch⸗ brödchen oder Sally⸗Lunes verzehrt, nach denen es ſie ſo ſehr gelüſtete.„Sagen Sie dem Pferde⸗ ſtriegler“*)(ſo nannte ſie beharrlich ihren courrier, wie oft ſie auch Juſtine in dieſer Beziehung ver⸗ *) Currier, Gerber, Lederarbeiter, Pferdeſtriegler, deſſen Ausſprache natürlich mit der des franzöſiſchen courrier Aehnlichkeit hat. Ueberſ. 396 beſſerte)„er ſolle dem Wirth ausrichten, daß ich das Eſſen und den Nachtiſch ſo koſtbar und ge⸗ ſchmackvoll haben wolle, als er ihn liefern kann und die Weine desgleichen.“ „Mais, Madame la Marquise, wie viel Per⸗ ſonen kommen denn?“ „Sechs, fünf ohne mich.“ „Ume semble, daß eine kleine trés-recherché- Mahlzeit für eine ſo unbedeutende Geſellſchaft ſich beſſer ausnehmen würde.“ „Keinesweas, Juſtine, ich habe einen Abſcheu vor kleinen Gaſtmählern. Hören Sie alſo und ſagen Sie dem Pferdeſtriegler, er ſolle ein tüchti⸗ ges Eſſen beſtellen.“ „Mon dieu, mon dieu, quelle béte de femme,“ murmelte Fräulein Juſtine vor ſich hin, während ſie hinunterging, um dem courrier die Befehle ihrer Gebieterin zu überbringen.„Voyons, was läßt ſich aus dieſem tollen Streich für ein Gewinnſt ziehen? Will ſie ein Narr ſein, warum ſollte ich mir das nicht zu Nutze machen? Fcoutez, mon ami,“ ſagte ſie dem courrier, als er auf ihren Ruf Antwort gab.„Ich habe Ihnen einen Vor⸗ ſchlag zu machen, der für uns beide von großem Vortheil ſein könnte.“ „Eh bien, Fräulein.“ Und der courrier horchte mit größter Aufmerkſamkeit. „Die gnädige Frau will ein groſſes Eſſen geben 2 397 und keine Koſten dabei ſparen. Das ſind ihre eig⸗ nen Worte. Nun bringt eine ſolche Beſtellung dem aubergiste eine goldene Ernte und par conséquence, auch dem courrier, denn Sie werden Ihre Pro⸗ cente und Ihr douceur für die Mahlzeit bekommen.“ „Eh bien, Mademoiselle, iſt das nicht ganz in der Ordnung? Jedermann hat ſeine Gerechtſame und das ſind die meinigen.“ „Je ne dis pas le contraire, mon ami, aber ich meine nur, wir könnten einander helfen und bei Weitem mehr Geld machen, wenn Sie und ich beſſere Freunde würden, d. h. mehr zuſammen⸗ hielten.“ „Je ne comprends pas de trop, Mademoiselle Justine.“ „Ich denke ſo, wenn ſie den Gewinnſt der Mahlzeiten mit mir theilen wollten, ſo könnte ich bewerkſtelligen, daß die gnädige Frau ſich noch oft zu ſolchen verſtände. Wenn Sie aber nicht wollen, ſo halte ich ſie davon ab.“ Der courrier nahm eine ſehr nachdenkliche Miene an und ſagte:„Nun, Fräulein, wenn ich die Bitte an Sie ſtellte, mir etwas von dem Gewinnſt zu⸗ kommen zu laſſen, den Sie von den modistes und couturières ziehen, würden Sie mich dann nicht für ſehr unbillig halten oder wollen Sie ſich darauf einlaſſen?“ „Mais, mon ami, ꝙa n'aura pas le sens commun.“ 398 —— pätant, Mademoiselle, c'est ur-peu-prés la möme chose.“ „Pas du tont. Ich bin im Stande der gnädigen Frau auszureden, daß ſie ein Eſſen gibt, Sie aber können nicht verhindern, daß ſie ſich des robes, des bonnets, des chapeaux et mille autres choses machen läßt, die nur ich allein zu beſtellen vermag.“ „Es iſt etwas Wahres daran,“ meinte der courrier und kratzte ſich im Kopf. „Ich habe großen Einfluß auf die gnädige Frau. Ich kann ſie bringen, zu was ich will. Sage ich ihr, Sie ſeien kein ordentlicher Mann, oder ich hätte Sie ſchon unehrerbietig von ihr ſprechen gehört, ſo gibt ſie Ihnen Ihren congé und glaubt kein Wort von Allem, was Sie ihr ſagen, und würden Sie einen Eid darauf ſchwören.“ „Mais, Mademoiselle, qa serait trop méchant, trop vilain.“ „Das wäre Ihre eigene Schuld. Ich thue nicht gern Jemand Etwas zu Leid. Je suis une bonne päte de femme, mais que voulez- vous? Jeder Menſch muß den eigenen Vortheil im Auge behalten und ſich Geld machen, ſo lang die Sonne ſcheint. Ich bin lieber Ihre Freundin als Ihre Feindin; aber es kömmt ganz auf Sie an, welches von beiden ich werden ſoll.“ 399 Der Curier beſann ſich ein paar Minuten und ſagte dann:„Wieviel von dem Verdienſt würde das Fraulein zufrieden ſtellen? Sie werden hoffent⸗ lich nicht unbillig ſein.“ „Ich denke, die Hälfte könnte Ihnen nicht zu viel vorkommen.“ „Die Haälfte iſt zu viel. Sagen wir den vier⸗ ten Theil. Das iſt ein hübſches Stück Geld, denn ich habe allein die Mühe und muß mit dem maitre d'auberge Alles in Ordnung bringen.“ „Nun, ich will es mit Ihnen nicht auf's Aeußerſte treiben. Ich bin zufrieden mit dem vier⸗ ten Theil, aber denken Sie daran, monsieur le courrier, und ſtellen Sie ſich nicht vor, daß Sie es mit den engliſchen Herren oder Damen zu ſchaffen haben, die ſo einfältig und ſo bétes ſind, daß ſie Jedermann an der Naſe herumführen kann. Nein, nein, ich habe die Augen offen und muß haben, was mir gehört. Alſo richten Sie ſich darnach!“ „Können Sie an mir zweifeln, Fräulein?“ „Ich habe lange genug als ſemme de chambre gelebt, um an Allem und Jedem zu zweifeln. Neh⸗ men Sie ſich alſo in Acht, daß ich nicht Urſache habe über Sie zu klagen. C'est'union qui fait la force. Verſtehen wir beide einander, ſo geht Alles gut, und findet die gnädige Frau einmal einen Fehler in den Rechnungen, ſo werde ich ihr ſagen, 400 ſie ſeien ganz niedrig angeſetzt. Wiſſen Sie jedoch, mon ami, es darf nicht ausſehen, als hätten wir's mit einander. Damit verhindern wir ſie und An⸗ dere einen Argwohn zu faſſen.“ „Ah, Mademoiselle, quelle bonne téte vous avez. Vraiment, vous étes une femme étonnante!“ „Je ne suis pas trop pöte, monsieur le cour- rier, c'est vrai, mais 6coutez- moi. Ich ſchlage Ihnen vor mit dem maitre d'auberge die Verab⸗ redung zu treffen, daß er das Doppelte für das Eſſen, das dessert und die vins aufſchreibt und Ihnen die Hälfte von dem gibt, was er verdient. Davon geben Sie mir dann den vierten Theil.“ „Das wird in vielen Gaſthöfen nicht angehen, mein Fräulein, Par exemple, hier nicht— les aubergistes sonk trop exacts.“ „Dann ſind ſie plus pétes, als ich gedacht hätte. Nun, Sie haben nichts zu thun als falſche Rechnungen zu machen. Die weiſen Sie der gnä⸗ digen Frau vor, bezahlen die eigentlichen und wir werden hinterdrein unſere Rechnung ſchon ausglei⸗ chen. Aber wohlverſtanden, monsieur le courrier, keine Prellerei mit mir, das leide ich nicht.“ „CGomptez sur mon honneur, Mademoiselle Ju- stine, fiez-vous à moi!“ „Da fällt mir noch Etwas ein. Wenn wir machen könnten, daß der aubergiste alles Zubehör zu der Mahlzeit von zweiter oder dritter qualite ——— 401 lieferte und ſo anrechnete, als wäre es von der beſten? Wäre das nicht ein trefflicher Plan?“ „Oui, Mademoiselle, wenn wir in einem Pri⸗ vathauſe wären und ich die Sachen einzukaufen hätte. Aber in einem Gaſthof, wie der da, würde ſich der maitre nicht in derartige Geſchäfte einlaſſen. Sie haben ihre Gewohnheiten und gehen nicht da⸗ von ab. Sie verſtatten den courriers im Gaſthof einen koſtenfreien Aufenthalt, ſie geben ihnen von Allem das Beſte, ſie zahlen méme ihre blanchis- seuses und reichen ihnen hie und da ein douceur, das iſt aber auch Alles.“ „Ma ſoi! wenn man Sie ſprechen hört, ſollte man meinen, die aubergistes wären die ehrlichſten Leute von der Welt, aber ich habe meine Zweiſel, Monsieur le courrier und wiederhole Ihnen deshalb noch ein Mal: verſuchen Sie nicht mich zum Beſten zu halten.“ Wenig Menſchen freuten ſich mehr über eine gute Mahlzeit als Lord Wellerby und ſein Ver⸗ gnügen wurde noch um ein Bedeutendes erhöht, wenn er nichts dafür zu zahlen brauchte. Man kann ſich daher einen Begriff von ſeiner Fröhlich⸗ keit machen, als er ſeinen Sitz an dem wohlbeſtell⸗ ten Tiſch der Markgräfin von Mountſerrat ein⸗ nahm, von dem man in Wahrheit ſagen konnte, daß er unter dem Gewicht der Leckereien ächzte. Er ſchaute mit Augen um ſich, die vor Luſt glänz⸗ 26 Strathern Ul. ten und ſchmatzte mit den Lippen im Vorgenuß der Bewirthung, die ſeiner wartete. „Ich wollte, meine Lords und Ladies,“ ſagte die Marquiſe, die blos darauf bedacht war, wie ſie das Eſſen auf's Beſte ausrichten könnte,„ich wollte, ich hätte Ihnen eine beſſere Mahlzeit vor⸗ ſetzen können; aber Neapel iſt eben zum Unglück nicht London und es iſt weder Schildkröte noch Wildpret zu kriegen. Sie müſſen deshalb den Willen für die That annehmen und ſehen, wie Sie mit den armſeligen Speiſen fertig werden können, die man Ihnen aufträgt. Ich denke, ich kann den Feres empfehlen und der Champagner iſt auch nicht übel. Mein Bankier hat mir beide verſchafft, denn ich gehe nur mit großer Behutſamkeit an die Weine, die man gewöhnlich in den Wirthshäuſern antrifft. Was haben ſie in dieſem Lande und ſo auch in Frankreich für eine Art die Fiſche zuzubereiten? Man iſt nie im Stande zu ſagen, was man ge⸗ nießt. Lord Fitzwarren, möchten Sie Lady Wellerby nicht bitten ein Glas Wein zu trinken? Sie be⸗ kümmern ſich nicht halb ſo viel um die Frauen⸗ zimmer, als Sie ſollten.“ „Ich trinke nie lauteren Wein,“ verſetzte die Lady. „Daran thun Sie ſehr unrecht; denn in einem heißen Clima, wie dieſes hier, bedarf man deſſen ſehr.“ Und um darzuthun, daß ſie das wirklich 403 glaube und es für nöthig erachte, ſich an aufre⸗ gende Mittel zu halten, gab die Markgräfin ihrem Bedienten ein Zeichen. Derſelbe bekleidete das doppelte Amt eines Haushofmeiſters und Couriers, füllte alsbald ihr Glas— und daſſelbe war von nicht gewöhnlichem Umfang— mit Aeres, und ſie leerte es mit ſichtbarem gusto, ſtatt daran zu nip⸗ pen, wie ſolches Frauenzimmer gewöhnlich thun. Die Gier, mit welcher ſie die verſchiedenen, ihr dargebotenen Leckerbiſſen verſchlang, erregte das Staunen aller Anweſenden, den Lord Wellerby ausgenommen. Er war auf dieſelbe Weiſe viel zu ſehr beſchäftigt, viel zu gut aufgelegt, als daß er von der Wirthin auf andere Art hätte in An⸗ ſpruch genommen werden können. Die Frauenzim⸗ mer ſahen ihr mit ſchlecht verhehltem Abſcheu zu, während ſie ihr Eſſen mit einem Glas Wein nach dem andern hinunterſchwemmte. Die Wirkung da⸗ von fing auch bereits darin ſichtbar zu werden, daß ihre Luſtigkeit beſtandig ſtieg und ihre Zurück⸗ haltung geringer wurde. „Nun, das heiße ich Geſelligkeit und Vergnü⸗ gen,“ ſagte die Markgräfin und blickte um ſich her, während ihre Augen jeden Augenblick blitzender, ihr Geſicht immer röther wurde.„Da ſitzen wir, Herrn und Frau'n vom höchſten Rang, wie die alten Lieder ſagen, und ſind ſo ſelig und genießen die guten Sachen, die vor uns ſtehen, mit ſo viel Frohſinn, 26* 404 als gehörten wir ganz und gar nicht zu den ange⸗ ſehenſten Leuten. Manche bilden ſich ein, ſie ſeien vornehme Herren und Frauen und zu fein, um ſich ihr Eſſen ſchmecken zu laſſen; wenn ſie aber gerade jetzt uns zuſähen, würden ſie ſolche Gedanken fahren laſſen. Geben Sie der Frau Bernard ein Glas Wein. Ich mißgönne es ihr wahrhaftig nicht, wenn ſie mich ſchon hier— wer⸗ den Sie das glauben, Mylord?— zehn Schil⸗ linge für die Flaſche eres zahlen laſſen.“ Frau Bernard ließ den Bedienten blos ein ganz klein wenig Wein in ihr Glas ſchütten und ver⸗ dünnte ihn dann mit Waſſer. Dies zog die Auf⸗ merkſamkeit der Marquiſe auf ſich und ſie rief: „Nun, was in aller Welt fällt Ihnen ein, daß Sie den Peres, von dem mich die Flaſche auf zehn Schillinge kommt, mit Woaſſer vermiſchen? Wenn Sie ihn nicht lauter trinken wollen, ſo wäre doch wahrhaftig der ordinaire, wie Sie ſagen, der Wein, der im Lande wächst, ganz gut genug für Sie.“ Das gewöhnlich blaſſe Geſicht der armen dame de compagnie wurde bei dieſer rohen Aeußerung hoch⸗ roth, aber der gutmüthige Lord Fitzwarren war der Einzige unter den Anweſenden, der mit ihr Mitleid fühlte.. „Kennen Sie viele Leute von hohem Rang hier, Mylady?“ fragte die Marquiſe. „Ja, verſchiedene,“ erwiederte Lady Wellerby, — 1 405 die nicht ahnte, warum die Frage an ſie gerichtet wurde. „Es freut mich das zu hören; denn ich er⸗ warte, daß die gnädige Frau mich jetzt, da wir gute Freunde geworden ſind, bei allen Ihren Be⸗ kannten von Anſehen einführen wird. Ich möchte auch gerne in ein näheres Verhältniß zu Leuten von meinem Stande treten.“ „Ich habe hier keine Bekannte, mit denen ich ſo vertraut bin, daß ich Sie denſelben ohne ihre Zuſtimmung vorſtellen könnte.“ „Iſt eine engliſche Marquiſe gerade jetzt hier, möchte ich wiſſen?“ fragte die Wirthin weiter. Dabei richtete ſie ſich ſtolz in die Höhe und machte ein keineswegs freundliches Geſicht. „Nicht daß ich wüßte,“ lautete die Antwort. „In dem Fall muß ich diejenige Frau ſein, welche zu Neapel den höchſten Rang einnimmt, und es kann Ihnen deshalb nicht ſchwer fallen, mich mit Leuten bekannt zu machen, die unter mir ſtehen.“ Die Ruhe, mit der dieſe Behauptung aufge⸗ ſtellt wurde, überraſchte und beleidigte Lady Wel⸗ lerby. Sie entgegnete, es ſei nicht Sitte Fremde bei einander einzuführen, wenn man nicht zuvor wiſſe, ob dies beiden Theilen angenehm wäre oder nicht.“ Lord Wellerby, welcher den ſteigenden Zorn 406 ſeiner Wirthin bemerkte und, um nicht ſeines Robbers für die Nacht verluſtig zu gehen, denſel⸗ ben zu beſeitigen wünſchte, trat hier in's Mittel und ſagte, ſobald ein gewiſſes Ereigniß Statt ge⸗ funden hätte— dabei blickte er von Lord Fitz⸗ warren auf ſeine Tochter— wolle er eine Geſell⸗ ſchaft ausdrücklich in der Abſicht geben, um Lady Mountſerrat mit der ganzen beau monde von Nea⸗ pel bekannt zu machen.“ „Nun, das iſt recht freundlich von Ihnen, das muß ich ſagen, Mylord, und ich bin Ihnen dafür ſehr verbunden; aber es iſt am Ende nicht mehr als billig, denn ich habe ja auch den ganzen ver⸗ wichenen Abend mit Ihnen Whiſt geſpielt und doch lag mir nicht ein Pfifferling an den Karten. Aber eine Hand wäſcht die andere, und wenn die Lady mich nicht in Geſellſchaften bringt, ſo ſpiele ich auch nicht mehr Whiſt, das kann ich Sie ver⸗ ſichern.“ Dieſes plumpe und uneingewickelte Geſtändniß erregte den Widerwillen der Frauenzimmer im höch⸗ ſten Grade, aber es bewies auch dem Lord Wel⸗ lerby, daß er ohne ſeine Vermittelung in Schaden gerathen wäre, darum warf er einen zornigen und vorwurfsvollen Blick auf ſeine Frau, die ihn in ſolche Verlegenheit gebracht hatte. Das Whiſt wurde dieſen Abend wieder vorge⸗ nommen und als Lord und Lady Wellerby ſich —— 407 vom Tiſche erhoben, hatten ſie abermals eine be⸗ deutende Summe gewonnen. Die Marquiſe ertrug heute ihren Verluſt im Spiel mit viel weniger Gleich⸗ muth, als am vergangenen Abend; ſie biß ſich mehr als einmal in die Lippen, beklagte ſich laut über ihre ſchlechten Karten und ſchlug ärgerlich auf den Tiſch. Dieſe Zeichen von Unzufriedenheit beun⸗ ruhigten Lord und Lady Wellerby auf's Aeußerſte. Denn ſie fürchteten einen Gegner zu verlieren, den zu bewältigen ihnen ſo leicht fiel. Lord Fitzwarren rieth ſeiner Mitſpielerin mehrmals, ſie ſollte auf⸗ hören und verſicherte ſie mit eben ſo viel Freimuth als Ehrlichkeit, daß ihr Unglück blos von ihrer Unkenntniß des Spiels übertroffen werden könnte. Obgleich ſie aber der Verluſt höchſt mißmuthig machte, beſtand ſie doch auf Fortſetzung deſſelben, und zwar, wie ſie Nachts beim Ausziehen der Jungfer Juſtine vertraute, blos in der Abſicht, um den Herren und Frauen zu zeigen, daß ſie ſich aus einem Verluſt nicht viel zu machen brauche und ſich durch das Unglück nicht einſchüchtern laſſe. „Und doch geſtehe ich,“ ſagte ſie zu ihrer ſemme de chambre,„ich empfand einen ſolchen Haß gegen Lord und Lady Wellerby, als ich ſie Robber um Robber gewinnen und das Geld mit gierigen Augen und geſchäftigen Fingern überzählen fah, daß es mich herzlich verlangte ihnen die Kar⸗ ten an die Köpfe zu werfen und ſie ein paar 408 Betrüger zu heißen. Ach, Juſtine, die Leute mögen ſagen, was ſie wollen, ich kann Sie verſichern, wenn man auch eine Marquiſe wird, ſo ändern ſich des⸗ halb doch die Gefühle nicht um ein Haar. Ende des dritten Theils⸗ — 2 w.l —