Lei hbibliothel deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Cduard Oltmaun in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. oLeih und S 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. ð 2. Lesepreis. Bei Rückga abe eines geliehe nen Buches wird von I jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ ſ den angenymmen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme, eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 2 8—————— 6 auf 1 Monat: 1 Mk.— P 1 Mk. 50 Pf 2 Mk.— Pf. „3 2— 3 4 Auswärt ige onhenten“ haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre zgenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und 1 defecte Bücher(namentlich bei t chen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Exſatz des Ganzen Lerlichtet⸗ 7. Ausleihezeit. Pieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, vaß das Weiterverleihen I I der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ſ Romane und Vovellen 3 der Gräfin Bleſſington. Zweiter Theil. Strathern. II. Mannheim. Verlag von Heinrich Hoff. 1846. Strathern. 8 Gine Movelle von der Gräfin Bleſſington. Aus dem Engliſchen überſetzt von Ernſt Elſenhans. Zweiter Band. Mannheim. Verlag von Heinrich Hoff. 1846. Fünfzehntes Kapitel. Wer reich iſt, der bedarf gar viele Dinge, Die er nicht kannte, bis ſich an die Stelle Der Mäßigkeit Verſchwendung eingedrängt. Nun werden Haufen Goldes aufgewendet, Um noch koſtbare Speiſen für den ſchon Geſtillten Hunger anzuſchaffen die Zwar nicht den mindeſten Genuß gewähren, Doch noch begehret werden, wenn ſie fehlen, Weil die Gewohnheit Dinge nöthig macht Die Anfangs blos als Leckereien uns Gefielen. Und ſo mäſtet denn der Reichthum Nur Schwelger, während doch mit ihm So viele Menſchen aus der Armuth Klauen, Den grimmigen, herauszureißen wären. Pünktlich, wie ein Liebhaber, trat Lord Alexan⸗ der Beaulieu in den Salon der Frau Maclaurin, während es eben ſieben ſchlug. Er fand das(Ge⸗ mach ſo hell wie am Tage, denn eine Anzahl von Wachslichtern war darin angebracht und die Lady Strathern I. 1 2 ſelber, in ſcharlachrothen, reich mit Spitzen beſetzten Sammet gekleidet. Dabei trug ſie einen prächtigen Schmuck von Perlen und Diamanten. Ein handeau von den nämlichen koſtbaren Steinen umgab ihren Kopf und verlieh, da es etwas zu eng anſchloß, ihrer breiten mit Sommerſproſſen bedeckten Stirne das Ausſehen vom Knie eines Hochländers, das aus einem zu engen Strumpfband hervortritt. So nichtsſagend und ungeſtalt das Aeußere der Frau Maclaurin ſchon von Haus aus war, ſo machte ſie doch ihr glänzender Anzug noch häßlicher, ihr Be⸗ tragen und ihre Haltung war ſo auffallend gemein, daß ſich Jedem der ſie ſah die Ueberzeugung auf⸗ drang, die Natur habe ſie keineswegs dazu be⸗ ſtimmt, die Rolle einer Lady zu ſpielen, oder den koſtbaren Schmuck zu tragen, der an ihr ſo gar nicht am Platze zu ſein ſchien. Ihre gemeine Ge⸗ ſichtsfarbe, ihr ſchlechter Wuchs und ihre rohen Ge⸗ ſichtszüge glichen denen der iriſchen Aepfelweiber, die man an den Ecken gewiſſer Straßen in London ſieht und erſchien in deſto nachtheiligerem Lichte, je mehr ſie mit ihrer außerordentlich reichen Klei⸗ dung im Widerſpruch ſtanden. Ihre Arme und Hände, groß, ſchlecht geformt und roth, bewieſen, an welch' harte Arbeit ſie ſonſt gewöhnt geweſen und die Spuren davon vermochten alle Schönheits⸗ mittel nicht zu vertilgen, zu welchen Frau Maclau⸗ rin ihre Zuflucht nahm. Es gibt vielleicht keinen 3 Körpertheil, der ſo deutlich eine niedrige Geburt verriethe, als Hände und Füße. Schenkel und Beine eines Renners von völlig guter Herkunft un⸗ terſcheiden ſich von denen eines Karrengauls nicht ſtärker, als dieſe Glieder bei einer Frau von edlem Blute von denen einer andern von niedriger Ge⸗ burt. Nie erhielt Lord Alexander Beaulien einen deutlicheren Beweis hiervon, als da er die unge⸗ ſtalteten rothen Arme und Hände ſeiner Wirthin betrachtete, die Gelenke von diamantenen Armbän⸗ dern umſchloſſen und die unbeholfenen Finger mit den dicken Spitzen von werthvollen Ringen ſtrah⸗ lend. Auch ihr kurzer und mißfarbiger Hals war von Perlen umgeben und die zarte Weiße derſelben ſtach unangenehm dagegen ab. Ihren plumpen Oberleib umhüllte ein Anzug, der ebenſo deutlich erwies, daß es ihr an Verſtand, als an Sittſam⸗ keit fehlte; denn hätte ſie auch nur einen Funken von Beidem beſeſſen, ſo wäre ſie dadurch veran⸗ laßt worden, dieſen Theil ihres Körpers zu ver⸗ ſtecken. Frau Maclaurin ſprang mehr von ihrem Sitz auf, als daß ſie ſich erhob, ſo groß war ihre Begierde, den hochadeligen Gaſt, den erſten der zu ihr kam, ehrenvoll zu empfangen. In der Eile ihrer Bewegung warf ſie ihr tabouret um und fiel beinahe darüber. Ein Stück von dem Spitzen⸗ beſatz ihres Kleides zerriß über ihrer Bemühung, 4 ſich aufrecht zu halten, und ſie wurde über dieſer Anſtrengung am ganzen Leibe karmeſinroth. „Wie freue ich mich, Ihre Herrlichkeit wieder zu ſehen. Es iſt recht ſchön von Ihnen, daß Sie zu mir kommen und mit meiner Hausmannskoſt fürlieb nehmen. Ich bedauere ſehr, daß ich keine Schildkröte und kein Wildpret für Sie auftreiben konnte, ob ich gleich in der ganzen Stadt darnach habe fragen laſſen; aber das iſt ein elendes, er⸗ bärmliches Neſt und nichts Gutes darin zu finden. Ich habe den Leuten geſagt, ſie ſollten keinen Auf⸗ wand ſcheuen, denn ich ſpare das Geld nie. Sie ſehen wie wenig ich mir daraus mache, daß die ſchöne Spitze zerriſſen iſt(dabei hielt ſie ihm den zerfetzten Beſatz hin), und doch koſtet mich die Elle davon zwanzig Guineen. Setzen Sie ſich doch, Mylord; Frau Bernard, was denken Sie nur, daß Sie Se. Herrlichkeit da ſtehen laſſen und keinen Stuhl für ihn herbringen?“ „Es thut mir leid, Madame, daß ich Ihnen ſo viel Mühe mache,“ ſagt Lord Alexander. Da⸗ bei kam er der Frau Bernard zuvor, die ihm einen Sitz hinſtellen wollte und verbeugte ſich höflich vor der armen dame de compagnie. „Bekümmern Sie ſich nicht um ſie, Mylord, ſie iſt gewohnt Alles für mich zu thun. Ich halte ſie blos dazu.“ 5 Frau Bernard wurde roth bis an die Schläfen, und ſelbſt Lord Alexander Beaulieu, obgleich er in der Regel nicht eben großes Mitgefühl für den Unterdrückten hegte, fühlte eine Regung von Wider⸗ willen gegen das rohe und hartherzige Betragen der gemeinen Frau vor ihm. „Ziehen Sie die Glocke und laſſen Sie das Eſſen auftragen. Habe ich Ihnen nicht geſagt, Sie ſollten dafür ſorgen, daß es auf dem Tiſch ſtände, ſobald Se. Herrlichkeit einträte?“ Lord Alexander lief mit der feinen Lebensart, welche dem beſſeren Theile ſeines Standes eigen iſt, auf die Glocke zu und verſah das Geſchäft, das Frau Bernard aufgetragen worden war, ehe dieſe die Schelle ergreifen konnte. „Ach, Mylord, Sie werden mich wahrhaftig böſe machen; Ihre Herrlichkeit muß nicht ihre Ver⸗ richtungen beſorgen. Ich halte ſie wahrhaftig für alle die kleinen Arbeiten mit denen ich mich nicht abgeben mag, als: um meine Briefe zu ſchreiben, zu ſchellen, meinen Schemel herzuſtellen und es den fremden Bedienten zu überſetzen, wenn ich ihnen einen Verweis zu geben habe. Dieſen letzteren Dienſt verſieht ſie aber ſehr ſchlecht, denn es ſcheint, ſie bekümmern ſich um ſie gerade ſo viel, als wenn ſie einem Meilenzeiger einen Tanz vorpſiffe.“ „Das Eſſen iſt aufgetragen, Madame,“ ſagte der Curier auf italieniſch. 6 „Es iſt Zeit dazu,“ bemerkte Frau Maclaurin. „Wir haben eine ganze Viertelſtunde darauf ge⸗ wartet, und habe ich nicht befohlen, man ſollte es in dem Augenblick heraufbringen, da Se. Herrlich⸗ keit käme?“ Der Maun, der nicht eine Sylbe von dem verſtand, was ſie ſagte, ging weg, machte die Flü⸗ gelthüre auf, und nun zeigte ſich in dem anſtoßen⸗ den Gemache, das, wie der Salon, hell erleuchtet war, ein Eftiſch, an dem ſtatt drei, zwölf Perſonen hätten ſpeiſen können. Vier verſchiedene Suppen⸗ arten ſtanden auf dem Tiſch und oben an denſel⸗ ben ſetzte ſich die Wirthin, geführt von Lord Ale⸗ rander Beaulieu.„Zu was haben ihre Herrlichkeit Luſt? Wollen Sie italieniſches Pat? Ich kann nie das Wort Pat*) ſagen, ohne an mein armes Vaterland zu denken. Ich bin nämlich eine Irlän⸗ derin, Mylord, und wir haben in Irland eine Menge Pats, aber keine Suppe die nach ihnen be⸗ nannt iſt.“ Lord Alexander Beaulien hatte viel Mühe, ſich des Lachens zu erwehren und gewahrte, daß Frau Bernard ausſah, wie wenn ſie ſich ſchämte und in Verlegenheit wäre. „Wie ſchlecht die ausländiſchen Suppen ſind, *) Abkürzung von Patrik, dem Beinamen der Iren. U. 7 Mylord,“ fing die einfältige Wirthin wieder an. „So ſchwaches, fades Zeug. Keine fette Kraft⸗ ſuppe, kein Hinterviertel vom Ochſen, kein Gänſe⸗ gekröſe und beſonders keine Schildkröte. Ich eſſe meine Suppe gern kräftig und mit viel Pfeffer, das wärmt Einem den Mund und macht das erſte Glas Wein ſchmackhaft. Nun, iſt das nicht gar zu ſchlecht? Sehen Sie einmal die vier Schüſſeln mit Fiſchen an; alle ſind ſo angerichtet, daß man keine von der anderen unterſcheiden kann. Da ſehe ich nie einen ſchönen Stockſiſch und Schultern mit einer Menge Auſternbrühe oder eine große Stein⸗ butte mit Hummer; nein, nicht einmal geſottene Meerzungen mit Sauce von Seegarneelen oder Salmen, oder überhaupt Etwas, was gut wäre.“ Obſchon ſie aber an den Fiſchen Etwas auszu⸗ ſetzen fand, nahm ſich Frau Maclaurin doch eine tüchtige Portion von jeder Sorte, bediente ſich ihres Meſſers um die Stücke zum Munde zu bringen und erregte damit nicht geringen Abſcheu und Eckel bei ihrem Gaſt. „Ich will ein Glas Wein mit Ihnen trinken, Mylord, wenn Ihre Herrlichkeit nichts dagegen hat.“ „Madame, Sie erweiſen mir zu viel Ehre.“ „Welcher Wein iſt Ihnen der liebſte? Ich ſel⸗ ber finde am meiſten Geſchmack am Champagner, denn er macht mich munter.“ 8 „Alſo wollen wir uns an den Champagner halten.“ Als der Wein eingeſchenkt war, ergriff Frau Maclaurin ihr Glas, hob es in die Höhe und ſagte:„auf unſere nähere Bekanntſchaft, Mylord“ und trank es aus.„Warum ſagen Sie ihnen nicht, ſie ſollen die Fiſche wegnehmen und das übrige Eſſen bringen? für was iſt es denn, daß Sie ihr Gewälſch verſtehen, wenn Sie das Maul nicht auf⸗ machen wollen?“ Und dabei warf die ungeſchlachte Wirthin einen zornigen Blick auf die erſchrockene dame de compagnie, an welche ihre Rede gerichtet geweſen. Als der nächſte Gang aufgetragen war — und er beſtand aus einer ſolchen Menge von Sachen, daß eine Geſellſchaft von zwanzig Perſonen daran genug gehabt hätte— rief Frau Maclaurin aus:„Sehen Sie doch einmal den Roſtbraten an — hat man je dergleichen geſehen? Nicht eine Spur von Fett und ganz voll von Speck. Das heißen ſie ſpicken; hat es je ſolche Narren gegeben? Hier iſt eine Schüſſel, Mylord, von der ſie ein großes Weſen machen. Wollen Ihre Lordſchaft davon verſuchen?, Man ſagt mir es ſei ſehr gut, aber ich habe nicht das Herz, davon zu eſſen, ob ich gleich Leute kenne, die es in London kaufen— ich meine wildes Bärenfleiſch.“ Lord Alexander machte ein verwundertes Geſicht.„Ja,“ fuhr die Lady fort,„ich kenne Leute, die Bärenfleiſch von 9 den Haarkünſtlern kaufen, und dieſe tödten ſie wegen des Fetts daran, welches das Ausgehen der Haare verhindert.“ „Ich bitte Sie um Verzeihung, Madame,“ ſagte Frau Bernard mit bittender Miene,„aber die Schüſſel auf dem Tiſche, von welcher Sie ge⸗ ſprochen haben, enthält ſchwarzes Wildpret und kein Bärenfleiſch.“ „Warum haben Sie denn das nicht gleich ge⸗ ſagt?“ fragte Frau Maclaurin und ſchleuderte ihr einen wüthenden Blick zu.„Ihre Herrlichkeit eſſen nicht— gar nicht. Nehmen Sie ſich doch noch Etwas. Es iſt mir recht leid, daß nichts auf dem Tiſche iſt, was Sie gerne eſſen.“ Die Lady ſelbſt ließ indeſſen den Fleiſchſpeiſen, die vor ihr ſtanden, volle Gerechtigkeit widerfahren, ſie aß von jeder Schüſſel, obgleich ſie an Allem etwas zu tadeln fand und redete Lord Alexander Beaulieu beſtändig zu, ihrem Beiſpiel zu folgen. Nie war ihm ein Mittageſſen ſo lang und ennuyeun erſchienen, er ſehnte ſich daher ungeduldig nach der Beendigung deſſelben und nahm ſich vor, ſich ſo früh aus dem Staube zu machen, als es möglich und mit der Höflichkeit verträglich ſein würde. „Trinken Sie noch ein Glas Champagner, My⸗ lord, das wird Ihrer Herrlichkeit gut bekommen, denn Ihre Herrlichkeit ſcheinen nicht in der gehö⸗ rigen Stimmung zu ſein. Es geht mir oft auch 10 ſo, aber ich glaube, daß an dem feuchten Clima der ganze Fehler liegt. Da gibt's keine ſcharfen Winde, die den Appetit reizen und die Nerven ſtärken. Nun, es wird mich keine Ueberwindung koſten nach Altengland zurück zu gehen und ein gutes, nahrhaftes Mahl vor mir zu ſehen.“ Als das Eſſen abgetragen war, kam ein ver⸗ ſchwenderiſcher Nachtiſch an deſſen Stelle und Frau Maclaurin belud abermals den Teller ihres Gaſtes mit Obſt und Eingemachtem.„Nun, greifen Sie zu, Mylord, greifen Sie doch zu, das wird Ihnen ganz gewiß gut bekommen.“ Die Wirthin ſchien keineswegs Luſt zur Ent⸗ fernung aus dem salle à manger zu haben, obgleich die Verlegenheit der Frau Bernard ſich durch ängſt⸗ liche Blicke nach der Thüre verrieth und ſie flehend⸗ lich auf die Lady blickte. Jede weniger einfältige Perſon, als Frau Maclaurin, wäre dadurch auf⸗ merkſam geworden auf den Verſtoß gegen den An⸗ ſtand, welchen ſie dadurch beging, daß ſie ſo lange ſitzen blieb. Noch immer fuhr ſie fort von allem Sbſt auf dem Tiſche zu genießen. Alles erklärte ſie für ſchlecht und ſchwemmte es immer wieder durch neue Gläſer Wein hinunter. Und ſonderbarer Weiſe ſchien ſie das ſo wenig anzugreifen, daß man auf die Meinung gerathen mußte, ſie ſei an die Unmäßigkeit gewöhnt und darin befeſtigt genug, um gewiſſermaßen ſchußfeſt gegen die Wirkungen ihrer — 11 unweiblichen Ausſchweifung zu ſein. Ihre Lebhaf⸗ tigkeit ſtieg im Verhältniß zu dem, was ſie trank und ſie fing an zu ſingen. Aber ſelbſt der Reiz ihrer Stimme— und dieſe beſaß noch immer die alte Lieblichkeit— konnte ihrem Gaſt den Wider⸗ willen nicht aus dem Kopfe bringen den ihr Be⸗ tragen in ihm erregte. Er empfand im buchſtäb⸗ lichen Sinn einen Eckel, wenn er ihr häßliches Ge⸗ ſicht betrachtete, das ganz roth war, in Folge des genoſſenen Weins, und er geſtand ſich, daß der Reichthum, wie groß er auch ſein mochte, durch die Verbindung mit einem ſolchen Weibe theuer genug erkauft ſein würde. Obgleich aber Lord Alexander Beaulieu ſolches bei ſich anerkannte, war er doch keineswegs geneigt, ſeinem auf eine Heirath mit Frau Maclaurin gehenden Plan zu entſagen, ſofern ſie in die Ehe mit ihm willigte.„Sie iſt ſogar noch abſcheulicher und gemeiner, als ich mir vor⸗ ſtellte,“ dachte er,„und überdies hat ſie die eckel⸗ hafteſte aller Gewohnheiten einer Frau angenommen, die der Trunkſucht. Wenn ich ſie aber kriegen kann, ſo wird der Hang zu dieſem ſchrecklichen Laſter— und ich werde mich wohl hüten, ſie da⸗ von abzuhalten— ihr Leben verkürzen, mich von einer ſolchen Laſt befreien und mir die Freiheit laſ⸗ ſen, ihren Reichthum zu genießen.“ Solcherlei waren die Gedanken des herzloſen Weltmenſchen, während er am Tiſche des gemeinen Weibes ſaß, 12 deren Vermögen er ſich anzueignen trachtete. Sie ſelbſt dagegen blendete ſein Titel; das Benehmen, der nicht zu beſchreibende Anſtand und Ton, welcher Leuten von hoher Abkunft eigen iſt, nahm ſie ein, ſie dachte blos daran, wie ſie ihm Ehre erweiſen und ſeine Bekanntſchaft unterhalten könnte. Endlich wurden die Flügelthüren der salle à manger von dem Kammerdiener der Frau Maclaurin geöffnet und Lord Alexander Beaulieu führte die Lady in das Geſellſchaftszimmer. Da ſtand ein Tiſch, beladen mit Caffee, Thee und Kuchen von jeder Art. „Erinnert das Ihre Herrlichkeit nicht an Eng⸗ land?“ rief die Lady aus und wies auf einen Stoß Butterſemmeln und Kuchen.„Wahrhaftig das da und mein Frühſtück ſind die einzigen ordent⸗ lichen Mahlzeiten, die ich halte, denn ſie ſind durch⸗ aus engliſch und kommen von einem ausgezeichneten Paſtetenbäcker aus London, der ſich in Rom nieder⸗ gelaſſen hat. Durch ihn kann ich auch Rindsbraten und Lammſchnitten bekommen und Porter in Flaſchen für meine tägliche Zwiſchenmahlzeit. Das erhält mich am Leben, denn ich müßte gewiß ſterben, wenn ich nicht Etwas hätte, das mich aufrecht hielte nach den ſchlechten Speiſen die ich zu Mittag kriege; nichts als Miſchmaſch, der hinreichte, einen zu ver⸗ giften. Eſſen Sie eine Butterſemmel oder von dem Kuchen— das müſſen Sie, denn Sie haben 13 —— bei'm Eſſen nichts zu ſich genommen. Nun, eine Schnitte Sally Lunn*), es iſt ausgezeichnet, ver⸗ ſichere ich Sie und die Butter trefflich. Ich habe ſie aus der Schweizerei eines Fürſten bekommen, deſſen Namen ich nicht behalten kann und der ſie verkauft, ſtatt ſie für ſich ſelber zu verwenden. Stellen Sie ſich vor, ein Fürſt, ein rechter Fürſt, der mit Butter handelt! Nun, ich bin überzeugt, daß keiner von unſeren engliſchen Prinzen etwas derartiges thun würde. Aber ich denke nicht daran, vaß wir keine Prinzen haben, unſere königliche Fa⸗ milie beſteht blos aus Herzogen.“ Nachdem Lord Alexander die Vertilgung ver⸗ ſchiedener Butterſemmeln, Kuchen und Schnitten mit angeſehen, nachdem Frau Maeclaurin noch dazu mehrere Taſſen Thee geleert hatte, gab er vor, einen unerläßlichen Beſuch, den er ſchon lange ver⸗ ſprochen, machen zu müſſen und ſtand auf um weg⸗ zugehen. „Sie werden doch nicht ſo früh ſchon fort wollen?“ ſagte die Lady;„bleiben Sie noch ein wenig da, wir wollen in aller Behaglichkeit am Kamin mit einander plaudern.“ *) Etwas Eßbares, was derUeberſetzer nicht wieder⸗ geben will, um die Leſer nicht lüſtern darnach zu ma⸗ chen, der Name rührt von Sarah Lunn her, welche die Speiſe zuerſt aufbrachte. E. 14 Lord Alexander erwiederte, es thue ihm ſehr leid, daß es ihm unmöglich ſei, ſich länger aufhalten zu können, und er wußte dies ſo gut anzubringen, daß ſeine Wirthin bemerkte: „Wenn Sie jetzt nicht da bleiben können, was kann Sie abhalten, wieder zu kommen und ein kleines Nachteſſen mit mir einzunehmen? blos ein paar gebratene Hühner mit Schwämmen und ein paar anderen leichten Speiſen. Es gibt bei mir immer ein warmes Nachteſſen, das beſchließt den Tag ſo angenehm und verſchafft Einem eine gute Nachtruhe, denn wenn ich mit leerem Magen in's Bett gehe, ſo kann ich mich darauf verlaſſen, daß ich ewig lange wach bleibe.“ Lord Alexander Beaulieu berief ſich aber darauf, daß er mit ein paar Freunden eine Zuſammenkunft verabredet hätte, wenn die soirée vorüber wäre, zu der er gehen müßte. Damit wollte er ſich ent⸗ ſchuldigen, daß er nicht zum Nachteſſen käme. „Können Sie die nicht herbringen? Ich habe Freude an einer luſtigen Geſellſchaft und kenne Niemand in Rom. Da wäre es mir denn recht lieb, wenn ich einige angenehme Bekanntſchaften machte. Ja, bringen Sie ein paar von den jungen Lords mit, dann will ich ein größeres Nachteſſen beſtellen.“ „Sie können ſich nicht einfallen laſſen, zu Ihnen 15 zu kommen, Madame, ohne daß ſie Ihnen erſt vor⸗ geſtellt ſind.“ „Ach, machen Sie, daß ſie die Umſtände weg⸗ laſſen; alle Umſtände ſind mir zuwider, das ſage ich der Frau Bernard alle Tage. Werden Sie es glauben? Ich hatte im Sinne, alle Lords und Lady's in Rom einzuladen, daß ſie kämen und mit mir ſpeisten, da beredete ſie mich, es zu unterlaſſen, und ſagte, ſie würden das für ſonderbar halten und den Beſuch abſchlagen. Aber ich entgegnete ihr, wie ſoll ich denn Bekanntſchaften machen, wenn ich nicht einmal anfange. Sie fangen nicht an, alſo muß ich es thun, und da ich mehr Geld habe, als ſie— ja vielleicht mehr als ſie alle zuſammen ge⸗ nommen— ſo iſt es an mir, ſie einzuladen. Glau⸗ ben Sie nicht, Mylord, daß ich Recht hatte?“ „Wenn ich ſo frei ſein darf, meine Meinung darüber zu äußern, ſo muß ich ſagen daß Frau Bernard die richtige Anſicht davon gehabt hat. Es iſt in der Geſellſchaft nicht Sitte; und Leute von einem gewiſſen Rang hüten ſich ſehr ſorgfältig, die Formen des Herkommens zu verletzen oder Einla⸗ dungen von Leuten anzunehmen, die ihnen völlig fremd ſind.“ „Aber es iſt ihr eigener Fehler, daß ich ihnen fremd bin. Ich bin da, bereit und willig, mich mit ihnen bekannt zu machen, und was kann ich 16 denn mehr thun, als daß ich ihnen Etwas von der iriſchen Gaftfreundſchaft zu zeigen wünſche.“ „Da Sie mir die Ehre erwieſen und mich um Auskunft gebeten haben, ſo werden Sie hoffentlich erlauben, daß ich Ihnen den Rath gebe, nicht die erſten Schritte zu einer Bekanntſchaft mit der hie⸗ ſigen engliſchen Geſellſchaft zu thun. Ein einzelnes Frauenzimmer, welches in Italien ohne den Schutz eines Gatten, Vaters oder Bruders reiſt, iſt in einer kitzeligen Lage, und wenn ſie in der vorneh⸗ men Welt nicht genau bekannt iſt, oder nicht durch eine Lady von Auszeichnung eingeführt wird, ſo dürfte ſie es ſchwierig, wenn nicht unmöglich, finden, in die hieſigen Geſellſchaftskreiſe einzutreten.“ „Ich bin nicht Schuld daran, daß ich ohne einen Mann reiſe. Der, weichen ich gehabt habe — und es war ein recht gutmüthiger alter Herr— iſt todt und verloren. Man hat mir zwar ein paar Heirathsanträge gemacht, aber es ſtand mir keiner davon an, denn ich wollte mich blos mit einem Gentleman oder einem Adeligen einlaſſen“ — hier ſchaute die Sprecherin Lord Alexander Beaulieu frei ins Geſicht—„der nichts dagegen hätte, eine reiche Frau zu nehmen. Ich würde mich auch gleich dazu verſtehen und meinen Witt⸗ wenſtand aufgeben, denn es iſt am Ende doch ein einſames Leben, wenn man beſtändig verdammt iſt, Niemand zur Geſelſchaft zu haben, als Frau Ber⸗ 17 nard, die nie Etwas ſagt oder thut, um mich zu unterhalten und zu zerſtreuen.“ Dieſer Wink konnte nicht mißverſtanden werden und ging auch bei dem nicht verloren, an den er gerichtet wurde. Obgleich ein völliger Mangel an weiblichem Gefühl dadurch bewieſen ward und ſich in Folge davon ſeine ſchlimme Meinung von der Lady nur noch ſteigerte, machte er ihr doch eine tiefe Verbeugung und ging herzlich vergnügt darü⸗ ber von dannen, daß er aus ihrer Nähe wegkom⸗ men konnte. Aber immer noch blieb er feſt ent⸗ ſchloſſen, ſeine Bewerbung bei ihr fortzuſetzen.„Ich will dem gegenwärtigen pöbelhaften Treiben und der leichtſinnigen Verſchwendung bald ein Ende machen,“ dachte er, während er zu einer scirée bei Lady Melſingham ging,„und eine beſſere Anwen⸗ dung für das Geld herausfinden, das ſie wie toll für ihre ſelbſtſüchtigen Genüſſe vergendet.“ So urtheilte Lord Alexander Beaulieu. Er be⸗ dachte nicht, daß er ſich, während er die Selbſt⸗ ſucht der Frau Maeclaurin tadelte, dieſer Sünde gerade ſo gut ſchuldig machte, wenn er ſich vor⸗ nahm, ihre Genüſſe einzuſchränken, damit er den ſeinigen deſto beſſer nachgehen könnte. Aber ſo geht es oft. Viele Menſchen ſind gleich bereit, an Andern die Laſter zu rügen, in welchen ſie ſelber befangen ſind, und, wenn es in ihrer Macht ſteht, Strathern 1. 2 18 den Aufwand für die Vergnügungen ſelbſt derjeni⸗ gen zu beſchränken, denen ſie Alles verdanken, was ſie beſitzen. Als Lord Alexander Beaulien dieſen Abend in die Mitte des Kreiſes trat, den er als das non plus ultra von guter Geſellſchaft betrachtete und in welche Frau Maclaurin mit ſo brennender Sehn⸗ ſucht einzutreten wünſchte, trat ihm der Gedanke an das furchtbare Gelächter vor die Seele, welches entſtehen mußte, wenn ſeine Bewerbung um die gemeine parvenue bekannt wurde. Er ſchanderte im Voraus zurück vor demſelben.„Aber Gold— Gold,“ dachte er,„wird mich für den Spott ent⸗ ſchädigen, welchen eine ſolche mésalliance nothwen⸗ digerweiſe hervorrufen muß. Und am Ende wird meine Heirath, wie andere Ereigniſſe, blos acht Tage Verwunderung erregen und bald über neuen Vorfällen vergeſſen werden.“ „Wo haſt Du geſteckt, Ary?“ fragte Lord Fitz⸗ warren.„Komm' und ſag' mir, wo Du heute zu Mittag gegeſſen haſt. Ich habe Dich überall ge⸗ ſucht, weil es mir lieb geweſen wäre, wenn Du mit mir geſpeist hätteſt; aber der Teufel ſoll mich holen, wenn ich herausbringen konnte, wo Du warſt. Du biſt nicht der Mann, der auf eigne Koſten eine ſchlechte Mahlzeit zu ſich nähme, wenn Du eine gute bei einem Freunde kriegen kannſt, nicht wahr, Ary?“ 19 „Ich habe allein zu Mittag gegeſſen. Hatte Kopfweh und durch Enthaltſamkeit und Mäßigkeit iſt es mir beſſer geworden. Dieſe beiden Mittel kann man aber nicht wohl anwenden, Fitz, wenn man bei Dir iſt.“ „Nein, Ary, ich glaube nicht eine Sylbe da⸗ von. Es iſt Dir irgend ein Unglück begegnet. Das ſehe ich an Deinem Geſicht, denn Du ſchauſt ſo gedankenvoll drein, als wenn Du ein paar tau⸗ ſend Pfund bei den Derby oder Oaks*) verloren hätteſt.“ „Oder wie wenn ich im Begriff ſtände zu hei⸗ rathen,“ verſetzte Lord Alexander. „Es iſt wenig Ausſicht dazu vorhanden,“ er⸗ wiederte Lord Fitzwarren, gekränkt durch den hierin liegenden Spott;„jüngere Brüder finden heutzu⸗ tage nicht leicht Frauen, außer ſie begnügen ſich mit vermögenden Mädchen aus dem Bürgerſtand oder reichen Wittwen.“ „Es iſt beſſer des Geldes willen zu heirathen, als um deſſentwillen geheirathet zu werden,“ ent⸗ gegnete Beaulien.„Arme Männer müſſen nach Geld heirathen; reiche aber werden von armen * Wettrennen, von denen die einen ihren Namen von dem Grafen Derby, die anderen von einer Fräu⸗ lein und einem Gut, genannt Oaks, haben, Uebſ. 2 X 20 Mädchen gekapert, denen es nicht um den Mann, ſondern um ſeinen Reichthum zu thun iſt.“ Lord Fitzwarren fühlte den Stich, da er aber zweifelte, ob es ihm möglich ſein würde ihn gehörig heimzugeben, ſo ließ er ſich auf keine Antwort ein und ging davon. „Es freut mich recht, daß ich Sie treffe,“ ſagte Lady Wellerby und erhob ſich von einem Spieltiſch, wo ſie eben drei Robber gewonnen hatte. Denn ſie fühlte keine Luſt in ſich bei Fort⸗ ſetzung ihres Spiels einen Theil ihres Gewinnes zu wagen.„Ich wünſchte mit Ihnen wegen Ihres Freundes Lord Fitzwarren zu reden. Es iſt mir bekannt, daß Sie einen bedeutenden Einfluß auf ihn haben und ich würde es gerne ſehen, wenn Sie denſelben geltend machten, um ihn zu vermögen, daß er nicht fortfährt alle Tage in ſeinem Gaſt⸗ hofe zu ſpeiſen, ſtatt bei uns. Es kommt ſo ſon⸗ derbar, ſo ſeltſam heraus, daß ich fürchte, es möchte zu boshaften Bemerkungen Veranlaſſung geben.“ „Ich an Ihrer Stelle, Lady Wellerby, würde mich nicht in ſeine Eigenheiten miſchen. Laſſen Sie ihn eſſen, wo er will; Fitz iſt ein eigenſinniger Burſche und kann's nicht leiden, wenn man ſich darein miſcht.“ „Aber kommt es Ihnen nicht auch recht ſon⸗ derbar vor, daß er, der ſo raſend verliebt iſt und 21 auf dem Punkt ſteht Lady Olivia zu heirathen, lieber auswärts ſpeist, ja ſogar nach dem Eſſen noch ſo lange bei Tiſche bleibt, daß er ſich nicht immer für die Geſellſchaft von Frauenzimmern eignet.“ „Oue voulez- vous? Das iſt nun ſeine Ge⸗ wohnheit und er wird ſie wahrſcheinlich nicht än⸗ dern.“ „Sie könnten ihm aber doch einen Rath und einen Wink darüber geben, wie unſchicklich es wäre, wenn er jetzt, da er ſich nächſtens verehelichen wird, dieſelbe Lebensweiſe fortſetzte, wie zur Zeit, da er noch nicht um Olivien angehalten hatte und von ihr angenommen worden war.“ „Ich ſollte alſo Streit anfangen mit einem alten Freund, denn das wäre die unvermeidliche Folge, wenn ich mich in ſeine Angelegenheiten mengte. Nein, Lady Wellerby, ich habe zu viel Erfahrung, als daß ich meinen Freunden meinen Rath aufdrängen ſollte. Sie werden es mir daher erlaſſen, bei dieſer Veranlaſſung die Mittelsperſon zu ſpielen.“ „Ich muß ſagen, Sie haben Recht, ganz Recht, Lord Alexander Beaulien, und am Ende werden ihn vie ſtrahlenden Augen Oliviens eher für unſere Wünſche ſtimmen als irgend ein Rath und darauf will ich mich denn auch völlig verlaſſen.“ 22 — Damit wandte ſich Lady Wellerbhy, um mit Frau Sydney zu ſprechen. Dieſe ſaß nämlich nicht weit davon mit ihrer lieblichen Tochter und Stra⸗ thern, welcher ſelten auch nur für einen Augenblick der Letzteren Seite verließ. Ein Gefühl bitteren Haſſes und Neides, wie es vermuthlich die Schlange empfand, da ſie die Seligkeit unſerer erſten Aeltern im Paradieſe betrachtete, brachte ſchwere Pein und Qual in die Bruſt Lord Alexander Beaulieu's, als er einen Blick warf auf die fröhlichen Züge der ſchönen Louiſe Sydney und den verliebten Stra⸗ thern.„Er,“ dachte Lord Alexander,„hat jetzt das koſtbare Kleinod errungen, ſie vereinigt in ſich Jugend, Schönheit, ein gutes Herkommen und großes Vermögen, und ich muß mit dieſer Häß⸗ lichkeit, mit dieſer Gemeinheit, dieſem Ausbund von Rohheit mich begnügen und in Verbindungen treten, von denen ich mir, nach dem abſcheulichen Weibe ſelbſt zu urtheilen, kaum eine hinreichend ſchauderhafte Vorſtellung machen kann. Ja, ſie dürfen wohl heiter drein ſchauen. Für ſie trägt das Leben das glänzendſte Ausſehen. Wie ſie mir Beide verhaßt ſind! Sie, weil ſie meine Werbung zurückgewieſen, er, weil ſie ihn mir vorgezogen hat. Ich wollte, ich könnte einen Theil der Rache an ihnen auslaſſen, die meine Bruſt kocht, und ſo das Glück zerſtören, das ſie ſo prahleriſch zur Schau tragen. Aber ich gebe die Hoffnung nicht — — auf, daß ich dies zu Stande bringe. Ich bin nicht von der Art, daß ich eine verächtliche Behandlung vergeben oder eine Gelegenheit unbenützt vorüber⸗ gehen laſſe, bei der ich ſie dafür züchtigen kann. a, jetzt mögen ſie lächeln, aber es wird ein Tag kommen, wo ſich ihr Lächeln in bittere Qual ver⸗ wandeln ſoll— und ich, ich werde das zuwege bringen. Wenn man es ihnen gegenwärtig ſagte, ſo würden ſie es nicht glauben und über meine Drohungen ſpotten, ſo ſehr vertrauen ſie auf ihre gegenſeitige Neigung und Beſtändigkeit; aber ich kenne die Schwäche der menſchlichen Natur und beſonders die Eurige beſſer, es iſt mir kein Ge⸗ heimniß, wie unbändig ſtolz Ihr ſeid, wie ſchnell und leicht Ihr empfindlich werdet— ich weiß, auf welche verletzbaren Punkte ich meinen Angriff machen muß und weide mich zum Voraus an der Pein, zu welcher ich Euch verdamme. Und doch hätte ich dem lieblichen Geſchöpf gut ſein können, ihr Reich⸗ thum würde mich, hätte ſie mir die Hand gereicht, zu einem guten Menſchen gemacht haben. Die Verſuchungen, in welche die Armuth führt, dieſer böſe Geiſt, der ſo viel Unheil erzeugt, würden ferner nicht mehr vorhanden ſein und im Genuß des Ueberfluſſes, in dem wonnevollen Beſitz einer ſolchen Frau hätte ſich meine Natur geändert. Aber ſie wies mich zurück, ja mit Verachtung zurück, und ich— Narr, Tölpel, Dummkopf, der ich 24 war— ich machte der Mutter dieſelben Anerbie⸗ tungen, die ſie verworfen, und erhielt dieſelbe ab⸗ ſchlägige Antwort. Mutter und Tochter haben ſich ohne Zweifel die Briefe mit meinen unſeligen An⸗ trägen mitgetheilt und dann bin ich wahrſcheinlich der Gegenſtand ihrer höhniſchen Freude geweſen. Ich verabſcheue ſie darum beide, mein verletzter Stolz ruft laut nach Rache, ſo oft wir zuſammen⸗ treffen, und ich entziehe mich beſchämt ihrem Blicke. Auch Strathern iſt mit dem ſchlechten Erfolg mei⸗ ner Werbung bekannt gemacht worden und ſtimmt in ihren Spott über mich ein. Ich ſehe das an ſeiner veränderten Miene, ſeinem abgewendeten Auge. Wann hat man je von Frauen gehört, die einen von ihnen errungenen Triumph für ſich behalten oder Einen, der ſich um ihre Gunſt bemüht und den ſie ausgeſchlagen, mit ihren Neckereien ver⸗ ſchont hätten? Vielleicht wird gerade das Lächeln, welches eben um die Lippen aller drei ſpielt, durch meine Abweiſung hervorgerufen. Zorn und Haß, unaustilgbarer Haß bemächtigt ſich meiner bei die⸗ ſem Gedanken und ſollte meine Rache je ſchlum⸗ mern, ſo wird ſie die Erinnerung an dieſes Lächeln wach rufen und mich zu Vernichtung ihres Glücks in einem Augenblick antreiben, da ſie am wenigſten an die Hand denken, welche ſie gegen ſich bewaff⸗ net haben.“ Wer Lord Alexander Beaulien betrachtet hätte, N A* 6 „ 4 25 während ihm dieſe Gedanken durch die Seele gin⸗ gen, würde nicht geglaubt haben, daß der freund⸗ liche und wie ein Mann von feinen Sitten aus⸗ ſehende Herr mit dem einſchmeichelnden Weſen und dem ausgezeichneten Benehmen, daß einer aus den Reihen der vornehmen Welt in der soirée bei Lady Melſingham mit den Gefühlen eines Teufels auf das Glück von Menſchen blickte, die ihm nie Etwas zu Leide gethan hatten, ja die nicht im Entfernteſten an ihn dachten, während er ſich ein⸗ bildete, ſie lachten und ſpotteten ſeiner. Sie wuß⸗ ten in dieſer Minute nicht einmal, daß er nur da war. Ach, arme Menſchennatur! ſolche Verſchwö⸗ rungen gegen die Ruhe Anderer ſind in der Ge⸗ ſellſchaft nichts Seltenes und ihrer ſind Viele, die, getrieben von Neid, Haß, Bosheit und Liebloſig⸗ keit, kein Bedenken tragen, einen Mitmenſchen zu verletzen, der ſie nie beleidigt hat. Ehe Lord Alexander Beaulieu am nächſten Morgen die Federn verließ, wurde ihm ein Brief⸗ chen überreicht, das mit Otto de rose ſo geſchwän⸗ gert war, um Einem Kopfweh zu machen. Ver⸗ goldete Liebesgötter mit allen Kennzeichen des ſchlauen Schützen verzierten den Rand; dieſes auf⸗ fallend bäueriſche Aeußere ſtand jedoch zu dem In⸗ halt des Schreibens in keiner Beziehung. Es ent⸗ hielt blos folgende Zeilen:—„Frau Bernard hat von Frau Maclanrin den Auftrag, Lord Alexander 26 Beaulien um die Ehre ſeiner Geſellſchaft bei dem heutigen um ſieben Uhr ſtattfindenden Mittageſſen zu bitten.“ „Meiner Treu, die tolle Irländerin hat nicht im Sinn unſere Bekanntſchaft kalt werden zu laſſen,“ ſagte er und wendete ſich mit Widerwillen von dem wohlriechenden Briefchen ab.„Es iſt kein Grund vorhanden, warum ich befürchten ſollte, ihre Hand könnte mir entgehen— und ihr Götter, was für eine Hand!— denn ich möchte beinahe wetten ſie bittet mich um die meinige, ehe viele Tage in's Land gehen. Wenn ſie nur nicht ſo abſcheulich, ſo unausſtehlich wäre! Sonſt wäre es gar nicht übel im Gaſthauſe ein gutes Mittageſſen zu kriegen, das nichts koſtet, wenn ich nicht ſonſt wohin ver⸗ ſagt bin. Wäre ſie nicht ſo ſchmählich gemein, ſo könnte ich wohl auch einen oder zwei Männer ein⸗ laden bei ihr zu eſſen und auf dieſe Art der furcht⸗ baren Abgeſchmacktheit einigermaßen abhelfen, die ſich durch ihre derben Mahlzeiten hinzieht; aber ſie ſtellt ſich ſo blos, daß ich ſie Niemand vor's Ge⸗ ſicht bringen darf, bis mich die eheliche Einſegnung in Stand ſetzt, ihr ausgelaſſenes Betragen zu zü⸗ geln, ſie zu beſchränken und etwas weniger anſtößig zu machen, als ſie jetzt iſt.“ „Die Lady hat um eine Antwort bitten laſſen, gnädiger Herr,“ ſagte Alexander Beaulieu's Be⸗ W dienter, der hereingetreten war und ſeines Herrn Gedankenreihe ünterbrach. „Sag', ich ſei noch nicht auf— nicht wach, — oder irgend Etwas, aber vergiß nicht zu be⸗ merken, daß eine Antwort geſchickt werden würde, wenn ich angezogen ſei.“ „Was für ein Ungethüm, mich ſo zu quälen,“ fing Lord Alexander wieder an, als ihn das Zu⸗ fallen der Thüre verſichert hatte, daß ſein Bedien⸗ ter fort war.„Wahrhaftig, ſie wird mir immer verhaßter, je mehr ich entdecke, wie zudringlich und unverſchämt ſie iſt. Ich ſehe wohl, daß ich keine Ruhe haben werde, bis es mir von Geſetzes⸗ und Rechtswegen zukommt, dieſes zügelloſe Frauen— nein, pfui, ich will ihr Geſchlecht nicht ſo ſehr herunterſetzen, daß ich ſie ein Frauenzimmer hieße — dieſes verhaßte Vieh im Zaum zu halten. Wäre ſie nur beſcheiden und ruhig, ſo könnte ich es über mich gewinnen ſie trotz ihrer Unwiſſenheit und Häß⸗ lichkeit ordentlich zu behandeln; aber ich bin über⸗ zeugt, daß ſie mein Bischen Geduld bald erſchöpfen wird. Und iſt das geſchehen, ſo ſoll ſie finden, daß ich nicht der Mann bin, mit dem man Spaß treiben darf. Ich habe nie gewußt, wie viel Ab⸗ ſcheulichkeit in einem Unterrock Platz hat, bis ich die Bekanntſchaft der lieblichen Frau Maclaurin machte, und es fällt mir ſchwer, ſo nöthig ich auch Geld brauche, mich an den Gedanken zu gewöh⸗ 28 nen, daß ein ſolches Geſchöpf einſt den Namen Lady Alexander Beaulieu tragen ſoll. Weg damit! es bleibt mir im Halſe ſtecken, ich darf mir das nicht einfallen laſſen.“ Sechzehntes Capitel. „Flieh' vor der Selbſtſucht, laß' in Deine Bruſt Sie keinen Eingang finden, denn ſie iſt Der Todfeind edler Triebe, großer Thaten, Zerfrißt das Herz, in dem ſie Wurzel faßt Und macht es taub für ſanften Mitleids Stimme. Sie kennt nicht Liebe und nicht Freundſchaft. Alles Nimmt nur das eigene Vergnügen und Engherz'ge Sorge für ſich ſelbſt in Anſpruch, Und fremd iſt ihr das Mitgefuhl für Menſchen.“ „Nun Livy, der alte Herr ſagt mir, wir müſſen nach Neapel gehen und uns dort zuſam⸗ mengeben laſſen, da Proteſtanten ſich in Rom nicht verheirathen können. Was für eine vertrackte, dumme Geſchichte, nicht wahr? Ich meinte, die Sache könnte hier ohne viel Umſtände und großes Weſen abgemacht werden, und jetzt müſſen wir uns mit den alten Leuten nach Neapel ſchleppen laſſen. Schon der Gedanke daran bringt mich zum Gähnen.“ 29 „Wir werden bald von ihrer Geſellſchaft be⸗ freit ſein,“ erwiederte Lady Olivia,„und das wird uns eine große Erleichterung verſchaffen, denn der Vater iſt ſo grämlich und die Mutter hat ſo viel Launen und ertheilt ſo gerne Rath, daß ich es kaum erwarten kann, bis ich von ihnen fort⸗ komme.“ „Dann, Livy, iſt es Dir, wie es ſcheint, eben ſo zuwider, wie mir, wenn man Dir einen Rath gibt. Das habe ich nie ausſtehen können. Schon als Kind ſtritt ich mich mit meiner Erziehe⸗ rin herum, wenn ſie mich vor Etwas zu warnen ſuchte und oft nahm ich es meiner armen Mutter übel, wenn ſie mich von Etwas abzuhalten ſuchte, und doch meinte ſie es nur gut mit mir, das weiß ich wohl. Aber ſage mir, Livy, könnten wir es nicht ſo einrichten, daß wir unſere Verehelichung aufſchöben, bis wir wieder in England ſind? Da könnten wir alle Anſtalten dazu viel beſſer treffen; den Heirathsvertrag fertigen laſſen, den Hochzeits⸗ ſtaat anſchaffen, neue Wägen beſtellen, Pferde kau⸗ fen und meine Häuſer herrichten.“ „Ach, wenn Sie nicht eilig damit ſind, Lord Fitzwarren, ich bin es gewiß nicht.“ Und Lady Olivia warf ſich in die Bruſt und ſah aus, als wäre ſie höchlich beleidigt. „Komm, Livy, ſei nicht böſe. Was das an⸗ belangt, ſo iſt es mir ja ganz recht, wenn wir 30 gleich morgen zuſammengegeben werden, aber das umſtändliche Weſen iſt mir verhaßt und ich ſehe vorher, daß deſſen kein Ende ſein wird mit den Alten.“ „Kannſt Du denn nicht nach Haus ſchreiben, Dein Sachwalter ſolle den Vertrag aufſetzen und uns zur Unterſchrift hieher ſchicken?“ „Du haſt Recht, das kann und will ich gleich mit der nächſten Poſt thun; es wundert mich blos, daß ich nicht früher daran gedacht habe. Du haſt einen guten Kopf, Livy, es freut mich das zu ſehen. Mein Brief wird achtzehn bis ein und zwanzig Tage brauchen, bis er nach London kommt— drei Wochen oder einen Monat haben die verdammten Advokaten nöthig, bis ſie die Urkunden unterſuchen und den Vertrag fertigen— und achtzehn Tage ſind dann wieder erforderlich, um die Sachen hieher zu bringen. Da gehen denn faſt drei Monate hin, bis wir verheirathet werden können. Das iſt eine dumme Geſchichte, denn ich mache gerne Alles friſch weg und ohne Zögern ab, gerade wie auf der Jagd. Da ſehe ich nie vor mich hin, ehe ich ſetze, damit ich nicht ängſtlich werde und in den Ruf eines furchtſamen Reiters komme. Rom wird mir furchtbar langweilig, Livy, und ich habe eben ge⸗ dacht, um die nächſten drei Monate herumzubrin⸗ gen, würde es Einem Unterhaltung verſchaffen, wenn man eine kleine Fahrt durch Italien machte. d 31 Ich habe nichts davon geſehen, als Florenz und dieſe abgeſchmackte Stadt. Nun ginge ich gern nach Venedig und von da nach Neapel, dann möchte ich einen Ausflug nach Sicilien machen und würde mit Dir in Neapel zu der Zeit zuſammen⸗ treffen, da die Verträge dort eintreffen können. Glaubſt Du nicht, daß das ein guter Plan wäre, Livy?“ Der Lady Olivia war zwar gar nichts an ihrem zukünftigen Gemahl gelegen, das Zuſammen⸗ ſein mit ihm wurde ihr ſogar läſtig, deſſenungeach⸗ tet aber kränkte und beleidigte ſie dieſer überzeu⸗ gende Beweis von ſeiner Gleichgültigkeit gegen ſie. Sie fühlte, daß er ihr eine Trennung von drei Monaten blos ſeines Vergnügens wegen nicht vor⸗ ſchlagen könnte, wenn er auch nur die geringſte An⸗ hänglichkeit an ſie hätte; auch nahm ſie ihm dieſe ſeine Gleichgültigkeit ſo übel, als wäre ſie ſich nicht bewußt geweſen, daß es ihr ebenfalls an Neigung zu ihm fehlte. Indeſſen hatte ſie ſich eine hin⸗ reichende Kenntniß von ſeinem Charakter erworben, um genau zu wiſſen, wie unklug es wäre, den Aerger merken zu laſſen, den ſie empfand. Obſchon ſie daher vor Wuth beinahe platzte, runzelte ſie doch die Stirne nicht und ſagte, wie ſchmerzlich ihr auch eine dreimonatliche Trennung von ihm fallen müßte, ſo könnte doch ihr eigenes Vergnügen nicht in Betracht kommen, wenn es ſich um das 32 feinige handelt und ſie wollte ſich daher ſeinen Wünſchen nicht widerſetzen. Nie zuvor hatte Lady Olivia einen ſo großen Sieg über ſich ſelbſt da⸗ von getragen und er fand auch bald ſeine Beloh⸗ nung; denn Lord Fitzwarren fand Gefallen an ihrer Lenkſamkeit und erklärte, ſie wäre ein verzweifelt geſcheides Mädchen, daß ſie ihn nicht immer an ihr Schürzenband heften wollte, und er hätte ſie wegen der Bereitwilligkeit, mit der ſie ſeinen Wün⸗ ſchen entgegenkäme, nur um ſo lieber. „Ich gehe morgen fort,“ ſagte er,„denn je früher, deſto beſſer. Rom iſt mir herzlich entleidet und ich will froh ſein, wenn ich daraus wegkomme.“ „Du wirſt doch hier ſpeiſen, nicht wahr?“ Da⸗ bei nahm Lady Olivia ihr gewinnendſtes Lächeln an. „Nein, Lady, das iſt nicht möglich. Ich kann das Eſſen und den Wein des alten Herrn nicht ausſtehen. Beide ſind abſcheulich und das Leben iſt zu kurz, als daß man ſich's nicht wohl ſein laſſen ſollte. Warum ſchlechte Speiſen zu ſich neh⸗ men und ſchlechte Weine trinken, wenn man beſſere kriegen kann?“ „Aber Du kommſt doch heute Abend bald? Thu' das, lieber Fitzwarren.“ „Sobald ich kann, Livy. Ich mag meinen Wein nicht ſo eilig hinunterſchlingen und muß ein halbes Dutzend Cigarren rauchen, meine gewöhn⸗ liche Anzahl. Dann habe ich mich noch anders 33 anzuziehen, denn ſonſt würde Dich der Tabaksge⸗ ruch beläſtigen. Da ſiehſt Du, daß es ſpät wer⸗ den muß, ehe ich wieder hier ſein kann.“ Noch immer lächelte Lady Olivia ſo freundlich wie zuvor, und auch als ihr ſelbſtſüchtiger und lieb⸗ loſer Bräutigam Abſchied nahm und als Grund dafür anführte, er müßte ſich noch nach ein Paar guten Freunden umſehen, die mit ihm zu Mittag ſpeiſen ſollten, auch da ließ ſie nicht das Geringſte von den zornigen Regungen merken, die in ihrer Bruſt tobten. Aber als er das Haus verlaſſen hatte, konnte ſie ihre Empfindungen nicht länger bewältigen und ein Strom von Thränen bewies, wie bitter dieſelben waren. „Von einem ſolchen Dummkopf ſo geringſchätzig behandelt zu werden,“ ſagte ſie,„nachdem ich mir ſo viel Mühe gegeben habe, ihn zu erobern, iſt doch zu, zu kränkend. Wie iſt er mir ſo verhaßt!“ Aber ehe ſie noch den Satz vollenden konnte, und der Ausdruck ihres Geſichts verrieth, daß ſie darauf ſann, ſich für die gegenwärtige Vernachläſſigung in der Zukunft zu rächen, wurde die Thüre haſtig aufgeriſſen und Lord Fitzwarren trat herein. „Ich habe mein Sacktuch vergeſſen,“ ſagte er und lief auf den Seſſel zu, auf dem er es liegen gelaſſen. Da wurde er erſt gewahr, daß Lady Olivia Thränen vergoß und es umſonſt zu un⸗ terdrücken ſuchte; er ergriff ihre Hand und fragte Strathern 1I.. 3 34 ſie mit mehr Freundlichkeit, als er ſonſt gewöhn⸗ lich an den Tag legte, warum ſie weine. „Sag' mir, Livy, was Du haſt. Ich habe das doch früher nie an Dir bemerkt und kann ein Frauenzimmer nicht flennen ſehen. Das bringt mich gleich ganz aus mir hinaus. Komm Livy, ſag' mir, was Dir iſt.“ „Nichts, nichts,“ ſchluchzte die Lady und plötz⸗ lich fuhr ihr der Gedanke durch den liſtigen Sinn, wie ſie den Zornesthränen, die ſie nicht zurückzu⸗ halten vermochte, eine günſtige Deutung geben könnte. Ich war zu ſchwa— ſchwach und zu ein⸗ fäl— einfältig, um den Gedanken zu ertragen, daß Du mich auf ſo lange ver— verlaſſen würdeſt. Und das überkam mich ſo ſtark, daß alle guten Ent⸗ ſchlüſſe, mich meinen Gefühlen nicht überlaſſen zu wollen, zu nichte wurden.“ Damit fing ſie von Neuem an zu weinen.„Zanke mich nicht, lieber Fitzwarren, denn gewiß, ich konnte mir nimmer anders helfen.“ „Arme Lioy! Hör' auf zu jammern, Du liebes, gutes Mävchen!“ Und erweicht durch ihre Gemüths⸗ bewegung, die er für einen aufrichtigen Beweis ihrer Zuneigung nahm, fühlte er ſich in dieſem Augenblick für ſeine künftige Frau mehr eingenom⸗ men, als je zuvor. „Du wirſt mich für ſo kindiſch— für ſo ſchwach halten;“ dabei verhinderte ſie ihr Schluchzen bei⸗ 35 nahe am Sprechen.„Ich wollte nicht vor Dir weinen, aber als ich glaubte, Du ſeiſt wirklich fort, ließen ſich meine Thränen nicht länger be⸗ wältigen.“ „Du haſt ein warmes und zartfühlendes Herz, Livy— das muß ich ſagen,“ und hier legte er ſeinen Arm um ihren Leib und küßte ſie auf die Wange. Du biſt ein gutes Mädchen, Livy, daß Du nicht verſucht haſt, mir das Fortgehen auszu⸗ reden. Hätteſt Du das gethan, ſo iſt zehn gegen eins zu wetten, ich wäre nur noch feſter darauf beharrt, denn ich bin ein eigenſinniger Kerl und ſo ſchwer zu lenken als meine Stute, die Fanny, die auch immer ihrem eignen Kopf folgen wollte. Da ich aber jetzt ſehe, daß Du Dich wirklich darüber betrübſt und doch keinen Unwillen deswegen zeigſft, ſo will ich meine Reiſe noch eine Woche aufſchieben. Trockne alſo Deine Augen, Livy, und mach', daß ich Dich dieſen Abend ſo luſtig finde, wie immer, wenn ich komme.“ Mit dieſen Worten drückte Lord Fitzwarren ſeine Lippen abermals auf die Stirne ſeiner Ge⸗ liebten und nahm Abſchied. Er war zufrieden mit ihr und noch mehr mit ſich ſelbſt.„Das arme Mädchen iſt ſchrecklich verliebt in mich, das iſt klar,“ dachte er. Ich hätte nicht geglaubt, daß ſie ſo teufelmäßig in mich vernarrt wäre.“ Und dabei zog er ſeinen Hemdkragen in die Höhe und 3* 36 richtete ſich ſo weit auf, als es ſeine Größe ver⸗ ſtattete.„Nun, ich muß ſagen, es beweiſt recht viel Verſtand von ihr, daß ſie nicht flennte bis ich fort war. Und doch freut es mich, daß ich ſie in Thränen ertappt habe. Gute Seele! Das macht mich ihr weit mehr zugethan, wahrhaftig, weit mehr. Wenn das Wettermädchen, die Syd⸗ ney, mich nur halb ſo lieb gehabt hätte, als die arme Livy jetzt— hätte ich ſie nur einmal bei dem Gedanken an meine Abreiſe Thränen vergießen ſehen, ſo will ich mich hängen laſſen, wenn ich nicht bereit geweſen wäre, Alles aufzugeben— ja und zu thun, was ihr nur auf der Welt Freude gemacht haben würde. Es iſt ſonderbar, wie mir das Mädchen im Kopfe ſteckt; aber das kommt wohl daher, daß ſie ſo verteufelt ſchön iſt, und am Ende vielleicht auch daher, daß ich weiß, ich kann ſie nicht kriegen. Der Teufel ſoll ſie holen, ſage ich von ganzem Herzen, daß ſie den Kerl, den Strathern, mir vorzieht. Was konnte ſie nur an ihm finden, das ihr ihn angenehm machte, während ſie doch gegen mich ſo kalt und hochmüthig war? Nun, Livy kann das nicht, davon bin ich überzeugt, nein— ſie iſt mir wirklich zugethan. Ich habe in meinem ganzen Leben kein Mädchen geſehen, das ſo verliebt ge⸗ weſen wäre und fürchte, ſie werde ganz entſetzlich eiferſüchtig ſein— das ſind alle verliebten Weiber — und das würde mir furchtbar langweilig vor⸗ 37 kommen. Arme Livy! Ich darf ſie wahrhaftig nicht unglücklich machen; aber was ſoll Einer denn an⸗ fangen, wenn er ziemlich hübſch iſt und unter den Frauen Anklang findet. Es iſt nicht mein Fehler, wenn ſie Neigung zu mir faſſen, denn ich lege es ja nicht darauf an, ihnen zu gefallen— das habe ich nie gethan und werde es nie thun— aber ſie werden ſo wie ſo ſich in mich verlieben.“ Bald nachdem Lord Fitzwarren die Lady Olivia verlaſſen, traten ihre Mutter und Schweſter, die ſich im nächſten Zimmer befanden, herein; Lady Wellerby bemerkte Spuren von Thränen in ihrer Tochter Augen und forſchte nach der Urſache davon. „Haſt Du Streit mit ihm gehabt, Olivia?“ fragte ſie.„Du weißt, wie ich Dich gewarnt habe, die mindeſte Meinungsverſchiedenheit gegen ihn merken zu laſſen, denn er iſt ſo eigenſinnig wie ein Maul⸗ eſel und läßt ſich nicht den geringſten Widerſpruch gefallen.“ „Ich ſollte meinen, ich wäre nicht ganz ſo dumm, um jetzt noch nicht zu wiſſen, wie ich ihn zu behandeln habe,“ ſagte die Lady Olivia mit trotzigem Geſicht. „Warum haſt Du denn aber geweint? Etwas muß doch vorgegangen ſein, das dich dazu gebracht hat, denn Du flennſt doch ſonſt nicht ſo leicht und ich bin wegen der Folgen in Unruhe. Es wäre doch gar zu arg, wenn jetzt Etwas vorkäme, was 38 eine Heirath rückgängig machte, die ſo gut einge⸗ leitet iſt und der wir alle mit ſo viel Freude ent⸗ gegenſehen.“ „Wenn Etwas eine Störung hineinbringen könnte, ſo wäre es das ſchlechte Eſſen und der ſchlechte Wein, den Lord Fitzwarren bei uns be⸗ kommt und die ihn abhalten, bei uns zu ſpeiſen. So muß er wohl unter Leute gehen, die ihm die Heirath ausreden könnten.“ „Schlechtes Eſſen und Trinken bei uns! Das ſetzt mich wahrhaftig in Erſtaunen, Olivia. Dein Vater hadert mit mir vom Morgen bis zum Abend über die Koſtſpieligkeit unſeres Tiſches, und erſt dieſen Morgen hat er von mir verlangt, ich ſollte mit Lambertini, unſerm Koſtreicher, eine neue Ueber⸗ einkunft treffen, ſo daß er uns ein einfacheres und wohlfeileres Mittageſſen liefere.“ „Nun, ich habe nie etwas gehört, was der Kälte eines Liebhabers gleich käme, der dem Gegen⸗ ſtand ſeiner Neigung erklärt, ihres Vaters Wein und Eſſen ſei nicht gut genug, um ihn zu ver⸗ mögen, daß er zu ihr käme und daran Theil nähme. Arme Olivia, was haſt Du für Ausſichten vor Dir!“ „Ich brauche Dein Mitleid nicht, Sophie, und bitte dich, es für Dich zu behalten.“ „Fangt doch keinen Streit an, ihr Mädchen; aber ſag' mir, Olivia, warum Du geweint haſt.“ 39 „Iſt es nicht hinreichend, Einem Thränen aus⸗ zupreſſen, wenn man einen Vater hat, der ſo filzig iſt, daß er nicht einmal bei einer Veranlaſſung, wie die gegenwärtige, ein ordentliches Eſſen her⸗ gibt und durch die Armſeligkeit deſſelben Lord Fitz⸗ warren zwingt, anderswo zu ſpeiſen als bei mir?“ „Wenn er ſich auch nur einen Strohhalm um Dich bekümmerte, Olivia, ſo würde er das ſchlech⸗ teſte Eſſen, das ſich denken läßt, in Deiner Geſell⸗ ſchaft den größten Leckereien vorziehen, die er ent⸗ fernt von Dir kriegen könnte.“ „Das ſieht Dir ganz gleich, Sophie; immer gibſt Du Allem die ſchlimmſte Deutung, und ſtets ſind Deine Bemerkungen ſo boshaſt als möglich.“ „Ich ſage blos die Wahrheit. Frag wen Du willſt, Jedermann wird gerade dieſelbe Antwort geben wie ich.“ „Ich hätte nicht geglaubt, Olivia,“ bemerkte die Mutter,„daß Du Deinem Herzen geſtatten würdeſt, ſich im Geringſten für Lord Fitzwarren zu intereſſiren. Bisher habe ich mir vorgeſtellt, Du vetrachteſt Deine Heirath mit ihm ganz als eine Sache der convenance.“ „Bei all' dem iſt es mir doch nicht möglich, mich mißhandeln zu laſſen, ohne daß es mich ver⸗ letzt. Wenn weder Du noch der Vater Euch im Geringſten dazu hergeben wollt, meinem zukünftigen Mann Etwas zu Liebe zu thun und ihn für Euch 40 zu gewinnen, braucht man ſich da zu wundern, daß er, ſtatt mir die gehörige Aufmerkſamkeit und Ach⸗ tung zu erweiſen, niemals bei uns ſpeiſ't und ſich unter einem Haufen roher Menſchen herumtreibt, die ihn jeden Abend verleiten, zu trinken und zu rauchen? Er hat jetzt im Sinn, nach Venedig und von da nach Neapel und Sicilien zu gehen.“ „Hilf Himmel! Das wird doch nicht Dein Ernſt ſein! Nein, nein, einen ſolchen Schritt müſſen wir durch alle Mittel, die uns zu Gebote ſtehen, zu hintertreiben ſuchen, denn es iſt wahrſcheinlich, daß es mit der Heirath ein Ende hätte, wenn er ein⸗ mal fort wäre. Jetzt wunderts mich nicht mehr, daß Du geweint haſt, arme Olivia, Du mußt ja wahrhaftig ganz beſtürzt geweſen ſein, wie er Dir eine ſolche Abſicht zu erkennen gab?“ „Beweiſt nicht gerade dieſer Vorſchlag, daß er nicht das Geringſte nach Olivia fragt?“ be⸗ merkte Lady Olivia. „Sophie, Du wirſt mich raſend machen mit Deiner Bosheit,“ und dabei ſtürzten noch ein Paar Thränen über Lady Oliviens rothe Wangen herunter. „Halt Dein Maul, Sophie, und erzürne Deine Schweſter nicht. Laßt Eure Eiferſucht und Eure Zwiſtigkeiten beiſeite und denket mit mir darüber nach, was zu thun iſt, um zu verhindern, daß uns der einfältige Menſch aus den Schlingen geht.“ „Das Erſte iſt, daß wir gutes Eſſen und gute 41 Weine anſchaffen und ihn dazu bewegen, bei uns ſtatt in ſeinem Gaſthof zu ſpeiſen; das zweite, daß wir ihm ein Opfer bringen und ihn hier rauchen laſſen.“ „Ich weiß wahrhaftig nicht, Olivia, wie all' das einzufädeln wäre. Ich will es verſuchen, Dei⸗ nem Vater die Nothwendigkeit begreiflich zu machen, daß wir unſern Tiſch etwas anders einrichten, aber in Bezug auf das Rauchen mußt Du Deine Hoff⸗ nung aufgeben. Ich habe nie den widerlichen Ta⸗ baksgeruch ertragen können, und—“ „Du willſt alſo lieber das Glück Deiner Tochter auf's Spiel ſetzen, als Dir eine kleine Weile einen unangenehmen Geruch gefallen laſſen,“ bemerkte Lady Olivia mit vorwurfsvollem Ton. „Du thuſt mir wahrhaftig Unrecht, Olivia. Es gibt Nichts, dem ich mich nicht unterziehen würde, um Dir eine ſo paſſende Heirath nicht zu vereiteln. Auch will ich gehen und Deinem Vater Alles vorſtellen, um ihn dazu zu bringen, daß er in unſere Plane eingeht und mit uns zuſammen⸗ wirkt.“ „O wie ſehr wünſchte ich, daß ich verheirathet wäre,“ rief Lady Olivia, während ihre Mutter das Zimmer verließ.„Bin ich nur einmal Gräfin Fitzwarren mit einem großen Leibgedinge und einem anſtändigen Einkommen, ſo will ich dem ſelbſtiſchen Mann für all' ſeine Sünden gehörig heimgeben. 42 Aber daß ich gezwungen ſein ſoll, meinen Zorn zu unterdrücken und die Angenehme zu ſpielen, wäh⸗ rend ich vor Unmuth vergehe, das iſt mehr als ich ertragen kann.“ „Du geſtehſt alſo ſelber zu, daß Dich der Gro⸗ bian quält und ärgert, Olivia,“ bemerkte Lady Sophie;„und doch nimmſt Du es als eine Be⸗ ſchimpfung auf, wenn ich ſage, daß ich Antheil an Deinen Leiden nehme.“ „Ich habe nie Theilnahme von Dir erfahren,“ Sophie, und verſchmähe es, mich von Jemand bemitleiden zu laſſen.“ Damit richtete ſich Lady Olivia ſtolz auf und ging weg. Lady Wellerby ſuchte ihren Gemahl auf und fand ihn damit beſchäftigt, die Rechnungen vom vorigen Monat durchzuſehen. Dieſe regelmäßig wiederkehrende Arbeit hatte auf ſeine Laune ſtets einen ſehr ungünſtigen Einfluß. Dieſelbe war ohne⸗ hin nie gut, wurde aber bei ſolchen Veranlaſſungen äußerſt reizbar. Solches wußte auch ſeine ganze Familie recht gut, am Beſten ſeine Gemahlin; die Töchter und das Geſinde des Hauſes wichen ihm dann ſo viel als möglich aus und Lady Wellerby fürchtete ſich, in dieſer Stimmung ſich mit ihm einzulaſſen.“ „Du haſt im letzten Monat eine recht ver⸗ ſchwenderiſche Haushaltung geführt,“ ſagte er, blickte ie m r⸗ te 43 zornig auf ſeine cara sposa und deutete auf eine lange Rechnung, welche auf dem Tiſche lag. „Ich habe mir in Wahrheit, Lord Wellerby, nicht eine einzige verſchwenderiſche Ausgabe vorzu⸗ werfen, und kann mir gar nicht denken, was Du damit ſagen willſt.“ Den Teufel kannſt Du nicht. So ſagſt Du aber immer. Was iſt es denn mit dem Eis, den orgeats, der Limonade und dem Kuchen, die für Dein Wochenkränzchen darauf gegangen ſind. Da⸗ bei ſind die Koſten für Lichter noch gar nicht ge⸗ rechnet, und Du ſagſt mir auch noch, Du habeſt Dir gar keine verſchwenderiſche Ausgabe vorzuwer⸗ fen. Habe ich Dir nicht Beiſpiele aufgeführt von ſchändlicher, muthwilliger Verſchwendung? Was brauchſt Du die Leute wöchentlich einmal oder über⸗ haupt einzuladen? Gibt es hier nicht Narren ge⸗ nug, die ihre Zimmer Andern öffnen? Mußt Du es auch nachmachen? Aber ich erkläre Dir, daß ich ſolche Narrheiten nicht mehr dulde. Wenn Du nicht ohne Geſellſchaft leben kannſt, ſo geh' aus und ſuche ſie auf andrer Leute Koſten.“ Lady Wellerby hatte mit ihrem Manne lange genug gelebt um zu wiſſen, das klügſte Verfahren, was man ihm gegenüber einhalten konnte, wenn er zornig war, beſtände darin, daß man ihn reden ließ, bis ihm der Athem ausging und dann ſeine 44 Entgegnung anbrachte. Dieſer Augenblick war jetzt gekommen und ſie machte ſich ihn zu Nutze. „Es iſt mir wirklich auffallend, wie ein Mann von Deiner Weltkenntniß, Wellerby, glauben kann, es ſei möglich, daß ich Nacht um Nacht ausgehe und die Einladungen meiner Bekannten annehme, ohne ſie dagegen wenigſtens einmal in der Woche, und das auf die wohlfeilſte Art, in einer soirée bei mir zu verſammeln. Ja noch mehr, ich ge⸗ ſtehe, es thut mir weh, ſehen zu müſſen, daß Du nach der glänzenden Heirath, die ich unſerer Tochter verſchafft, den Werth meiner Bemühungen ſo wenig zu ſchätzen weißt und mir die unbedeutende Ausgabe vorwirfſt, in welche ich mich eingelaſſen habe, um meine Bekanntſchaft mit der hieſigen Geſellſchaft aufrecht zu erhalten, die unſtreitig von ſo großem Vortheil für meine Mädchen iſt.“ „Aber da Du jetzt für Olivien einen Mann gefunden haſt, warum iſt es noch nöthig, wöchent⸗ lich einmal Geſellſchaft zu empfangen?“ „Muß ich nicht noch für Sophie einen Mann ſuchen und wie ſoll ich das machen, wenn ich nicht Alles aufbiete, was in meinen Kräften ſteht? Auch bin ich jetzt, mein Lieber, blos gekommen, um Dir zu ſagen, daß es um Oliviens willen unumgänglich nöthig iſt, den Beutel aufzuthun und—“ „Halt Frau, ich weiß ſchon, was kommen ſoll. Ein neuer Plan zum Geldausgeben geht Dir im n ht ir Kopf herum, das iſt mir bereits klar, aber ich ſage Dir ein für allemal, ich gehe nicht darauf ein.“ Lord Wellerby wurde warm, er holte tief Athem und trommelte mit den Fingern auf dem Tiſch, zwei wohlbekannte Zeichen ſeines Unmuths und die zu⸗ gleich ankündigten, daß er feſt entſchloſſen ſei, ſei⸗ ner eigenen Meinung zu folgen. „Was würdeſt Du ſagen, wenn ich Dir aus⸗ einanderſetzte, wie große Gefahr vorhanden iſt, daß Lord Fitzwarren Olivien ſitzen läßt— Du machſt eine ungläubige Miene, aber ich wiederhole es— und zwar blos, weil Du ihm nichts Ordentliches zu eſſen und zu trinken gibſt.“ „Wie, was Teufels willſt Du damit ſagen? Das kann Dein Ernſt nicht ſein. Nein, es iſt nicht möglich, daß ein Menſch ſich ſo ſchlecht be⸗ trägt!“ „Ich verſichere Dich, ich habe die arme Olivia in Thränen verlaſſen— ja, Wellerby, in Thränen.“ „Ach was das anbelangt, ſo ſtehen Euch Wei⸗ bern immer Thränen zu Gebot. Ihr flennet wegen jeder Kleinigkeit— ja, meiner Treu', wegen gar nichts— und darum lege ich nicht viel Gewicht darauf, wenn es geſchieht.“ „Sie hat geweint, Wellerby, weil ihr Bräu⸗ tigam zu ihr geſagt hat, er könnte nicht bei uns ſpeiſen, ſo lange man bei Dir ſo ſchlechtes Eſſen und ſo ſchlechten Wein bekäme.“ „Und wer Teufels hat ihn denn zu mir kom⸗ men heißen, das möchte ich doch wiſſen? Ich nicht, darauf kann ich ſchwören, denn ich ſehe nicht ein, für was ich mein Geld ausgeben und ihn füttern ſoll, wenn er einmal angebiſſen hat. Man nimmt die jungen Leute an den Tiſch, um den Töchtern Männer zu verſchaffen, aber nicht auch dann noch, wenn man ihrer ſicher iſt. Zudem verliere ich alle Geduld, wenn ich ſehe, wie die Narren einander ſchön thun. Ich weiß doch, daß ſie ein paar Mo⸗ nate, nachdem die Verbindung geſchloſſen iſt, ſich tauſend Meilen von einander wegwünſchen oder vielleicht noch ſchlimmere Streiche machen.“ „Ich will Deiner Anſicht nicht widerſprechen; was ich Dir mitzutheilen habe, iſt, daß Lord Fitz⸗ warren ſich von dem Zuſammenſein mit Olivien entwöhnt, wenn er jeden Tag anderswo als mit ihr ſpeiſ't und nachher noch ein paar Stunden mit Rauchen zubringt. Und jetzt zeigt er ſich ſo gleich⸗ gültig gegen ſie, daß er Rom verlaſſen will, um eine Reiſe zu machen und nach Sieilien zu gehen. Dort will er dann bleiben, bis die Heirathsurkun⸗ den von England geſchickt werden und die Hochzeit in Neapel vor ſich gehen kann.“ „„Den Teufel will er! Das ſieht aus, als wenn er anfinge, ſeine Geſinnung zu ändern. Und * doch bin ich weit entfernt zu glauben, es ſei da⸗ durch ſo weit gekommen, daß er nicht jeden Tag hier ſpeiſ't oder den ganzen Abend an Oliviens Schürze hängen muß; vielmehr bin ich der Anſicht, dies würde gerade die gegentheilige Wirkung her⸗ vorbringen, denn ich habe Leute gekannt, denen der Umgang mit den Mädchen, die ſie heirathen ſollten, während die Advokaten die Eheverträge abfaßten, ſo entleidete, daß ſie der übernommenen Verpflichtung gar nie nachgekommen wären, wenn ſie ſich derſelben auf eine anſtändige Weiſe hätten entziehen können. Die Frauen begehen nie einen ärgern Mißgriff, als wenn ſie meinen, ſie könnten nicht genug Zeit in der Geſellſchaft ihrer Verehrer zubringen und wir Männer wären wohl im Stande, ihnen hierüber guten Rath zu ertheilen. Wenn nun der Dummkopf— und für einen Dummkopf hielt ich ihn gleich von Anfang an— jetzt ſchon anfängt, Oliviens überdrüſſig zu werden, ſo ſei verſichert, wenn er oft hier ſpeiſ't, ſo wird das nur dazu dienen, ſie ihm völlig zu entleiden, wie gut auch das Eſſen und der Wein ſein möchte, die wir ihm auftiſchen. Folglich iſt es unnöthig, des⸗ wegen Geld wegzuwerfen. Iſt er feſt entſchloſſen, Rom zu verlaſſen, ſo wollen wir uns ſtellen, als hielten wir ſeine Abſicht für ganz natürlich und in der Ordnung, und ihm dabei nicht das Ge⸗ ringſte in den Weg legen. Der Widerſtand reizt 48 einen ſchwachen Menſchen immer, ſeine Plane in Ausführung zu bringen, während man ihn oft dazu bringt, ihnen zu entſagen, wenn man denſelben beiſtimmt. Olivia ſoll nur darauf bedacht ſein, daß ſie ihn in Nichts hindert; in alle ſeine Launen ſoll ſie ſich ſchicken, wie unvernünftig ſie auch ſind und vor allen Dingen ſoll ſie thun, als glaubte ſie es ſei Alles recht und es müſſe Alles recht ſein, was er ſagt und thut. Damit wird Alles gut gehen. Je länger ich über die Sache nach⸗ denke, deſto weniger ſehe ich einen Grund, den Ausgang zu fürchten, ob ich gleich im erſten Augen⸗ blick bange hatte, da ich hörte, daß er Rom ver⸗ laſſen wollte. Geht er fort, ſo kann ſie, da ſie verſprochen ſind und ſich bald verheirathen ſollen, an ihn ſchreiben. Füllt ſie ihre Briefe mit Schmei⸗ cheleien, ſo wird er in der Entfernung noch an⸗ hänglicher an ſie werden, als wenn er da wäre. In der Schmeichelei liegt das große Geheimniß, die Männer ſowohl feſtzuhalten als zu gewin⸗ nen. Ohne dieſe werden ſie bald der Geſellſchaft der ſchönſten und geſcheideſten Frauenzimmer müdez und die körperlich wie geiſtig am mindeſten Begabte Eures Geſchlechts, die ſich dazu hergibt, einem Manne zu ſchmeicheln, kann ſich darauf verlaſſen, daß ſie ſeine Gunſt gewinnt. Aber es iſt nicht nöthig, daß ich Dir das ſage; Du weißt es recht gut und haſt dies Verfahren mit vollkommenem 8 8 8 — 49 Erfolg an mir verſucht. Hätteſt du das nicht ge⸗ than, ſo wäre ich Dir nie in die Schlinge ge⸗ gangen, dafür ſtehe ich Dir;z aber wie Allen, die man zum Narren gehalten hat, macht es mir ein boshaftes Vergnügen, Andere ein Opfer eurer Schlauheit werden zu ſehen.“ „Wie kannſt Du Etwas behaupten, was, wie Du wiſſen mußt, eine Ungerechtigkeit gegen mich iſt. Unſere lange Verbindung, meine unveränderte und unwandelbare Liebe ſollte—“ „Unſinn, dummes Zeug! ſuche mich nicht zum Beſten zu haben, es führt zu nichts, zu gar nichts. Ich verſtehe Dich vollkommen und Du ſollteſt mich nachgerade auch verſtehen. Keines von uns beiden kann das andere täuſchen. Da es uns aber glei⸗ chen Vortheil bringt, wenn wir uns die Mädchen vom Halſe ſchaffen— da wir in demſelben Nachen fahren, wie die Leute ſagen— ſo müſſen wir ihn mit einander vorwärts zu bringen ſuchen, gute Miene dazu machen und unſere Geheimniſſe für uns behalten. Ich werde der Welt nicht erzählen, was ich weiß, daß Du nämlich ein herzloſes Weib, voll Schwächen und dem Spiel ergeben biſt, und Du wirſt wahrſcheinlich Deinen Freundinnen nicht eröffnen, daß ich ein unlenkſamer Mann bin— vermuthlich würdeſt Du den Ausdruck grob dafür gebrauchen— der nicht zugibt, daß Du mein Ver⸗ mögen durch Deine ſchädigſt.“ Strathern 1I. 50 „Hat man je einen ſolchen Mann geſehen?“ rief die gekränkte Lady Wellerby aus, als die Thüre ſich hinter ihrem brusque Gemahl ſchloß. „Er iſt ein rechter Grobian, und ob ich mich gleich ſorgfältig in Acht genommen habe, ihn merken zu laſſen, daß dies meine Anſicht iſt, ſo beſtätigt er doch die Wahrheit des Sprichworts,„ein Gewiſſen, das ſich ſchuldig fühlt, bedarf keines Anklägers.“ Er hat meine Gedanken errathen und kann mit Recht ſagen, daß mit ihm nichts anzufangen iſt. Was habe ich unterlaſſen, um ihn für mich zu gewinnen? Habe ich nicht ſo viel getragen und mir gefallen laſſen, daß es die Geduld eines Hei⸗ ligen ermüdet hätte? Und Alles iſt umſonſt. Jetzt muß ich noch die Kränkung erleben und ſehen, daß es unmöglich iſt, ihm Glauben an irgend Etwas beizubringen, zu was ich ihn bereden möchte. Er iſt ſo ſchlau, daß man ihn nicht anführen kann— ſo brusque, daß keine Unterwürfigkeit ihn beſänftigt — ſo knickerig, daß ich faſt nicht daran denken darf, ihm eine Guinee aus dem Beutel zu locken — und ſo gefühllos, daß er über die Kränkungen, die er Einem anthut, blos lacht. Und um ihm zu gefallen, um ihn zu fangen und ſeine Frau zu werden, habe ich alle Geſchicklichkeit aufgeboten, ſo viele Jahre habe ich mich vor ihm gedemüthigt und ſeine übeln Launen ertragen. Ich wollte, meine Bemühungen hätten keinen Erfolg gehabt, denn es — 51 wäre beſſer geweſen, mein Lebenlang ledig zu blei⸗ ben, als ihn zu heirathen. Mit welch' glänzenden Träumen von dem ehelichen Leben habe ich mich getragen, ehe ich in den Bereich deſſelben gerieth! Mit Vermögen und hohem Stande wähnte ich, würde das Glück erreicht werden können und ob ich mir gleich nichts aus demjenigen machte, durch welchen dieſe Vortheile erlangt werden ſollten, ſo zweifelte ich doch nicht, daß ich ſo glücklich werden würde als die meiſten Frauen aus der vornehmen Welt, die ich kannte. Er hat alle meine Entwürfe vernichtet, alle meine Hoffnungen zerſtört und mein Daſein wäre unerträglich ohne die Aufregung, die mir das Spiel gewährt. Dann, wie hart iſt es, eine Maske tragen zu müſſen— zu lächeln, wenn man die größte Luſt hätte zu weinen— und die Welt glauben zu machen, man habe den freund⸗ lichſten Ehemann, die folgſamſten Kinder und das ſeligſte Leben zu Hauſe, während man ſich unter der Ueberzeugung krümmt, daß das gerade Gegen⸗ theil von all' dieſen Segnungen auf Einem laſtet. Es iſt ein Jammer, das zu wiſſen und ihm doch nicht den Tod wünſchen zu können. Aber das iſt mein Loos; denn mein Leibgedinge iſt ſo unbe⸗ deutend, ſo erbärmlich und es iſt für mich ſo er⸗ wieſen, daß er mir nur wenig vermachen wird, wenn ich ihn überleben ſollte, daß ich als Wittwe noch übler daran ſein würde denn als Frau. Wäre 4* ich nicht davon überzeugt, wie wollte ich beten, daß mich Gott von der ſchweren Kette befreie, die mich ſchon ſo lange wund gerieben hat, und mit welcher Freude wollte ich meine Trauerkleider an⸗ ziehen! Aber es nützt nichts, wenn ich mich gräme und ich habe mir das wohl hundertmal geſagt in den vielen ſchweren Jahren, die ich mit dieſem herzloſen Manne durchgemacht. Wenn ich mir nur die beiden Mädchen vom Hals ſchaffen kann, ſo will ich zufrieden ſein. Dann werde ich ſchon ſei⸗ nen Plan hintertreiben, nach welchem er ſich auf dem Lande niederlaſſen will; ich gebe eine innerliche Krankheit vor, die es nöthig macht, daß ich immer in einer großen Stadt wohne, wo beſtändig ärzt⸗ liche Hilfe zu haben iſt. Jetzt muß ich gehen und Olivien ſagen, wie ſie ihre Karten zu miſchen hat, wenn ich ſchon ſagen muß, daß ſie mir keinen Dank weiß für die guten Rathſchläge, die ich an ſie ver⸗ ſchwende. Wie auffallend iſt es doch, daß meine Töchter ſo gar kein Herz für mich haben! Sie müſſen ihrem Vater nacharten, das iſt klar, denn ihnen iſt gar nichts von der Gutmüthigkeit, dem regen Gefühl für Andere eigen, ſie ſind nicht ſo frei von aller Selbſtſucht, wie das immer meine hervorragenden Eigenſchaften geweſen ſind. Nun, der Fehler liegt nicht an mir. Ich habe Alles gethan, was möglich war, durch Lehre ſo gut als durch Beiſpiel habe ich geſucht, ſie der Achtung 53 und Liebe Anderer würdig zu machen, aber ihres Vaters Bösartigkeit hat in ihrem Weſen die Ober⸗ hand über das meine und läßt ſich nicht ausrotten. Ich wünſchte von ganzem Herzen, ich wäre ihrer los, denn ſie treiben meine Geduld auf's Aeußerſte. Ach, wo iſt eine Frau, die einen ſo abſcheulichen Mann hat, wie Lord Wellerby, und eine Mut⸗ ter, deren Töchter ſo eigenwillig ſind als die mei⸗ nigen?“ Dieſes Selbſtgeſpräch führte Lady Wellerby. Seltſamerweiſe war ſie, wie viele Andere, geneig⸗ ter die Charaktere derer zu ergründen, mit denen ſie lebte, als in ihre eigene Bruſt zu ſchauen. So hatte ſie ſich eine genaue Kenntniß aller Fehler ihres Gemahls und ihrer Töchter erworben und fühlte nicht die mindeſte Luſt ſie zu entſchuldigen oder zu beſchönigen; aber ſie blieb nicht allein durchaus un⸗ vekannt mit den übeln Eigenſchaften, die ſich in ihr ſelber vorfanden, ſondern vermeinte wirklich, ſie beſitze ein nicht wenig zartes Gefühl, viel Gut⸗ müthigkeit und Uneigennützigkeit. Eine wunderliche Selbſttäuſchung, an der aber unzählige Menſchen krank liegen und von der man nur wenige ganz frei ſprechen kann. „Ich bin bei Deinem Vater geweſen, liebe Olivia,“ ſprach Lady Wellerby, als ſie in den Salon trat, wo ihre beiden Töchter ſaßen;„und kann ihn nicht dazu vermögen, daß er ſich dazu 54 verſteht, uns beſſeres Eſſen und beſſeren Wein an⸗ zuſchaffen und daß er ſo Lord Fitzwarren dazu bringt bei uns zu ſpeiſen. Ich verſichere Dich, ich habe Alles geſagt und nichts unterlaſſen, um ihn für unſere Wünſche zu ſtimmen, aber er iſt un⸗ beugſam und bleibt taub gegen meine Vorſtellungen.“ „Ich habe nichts Anderes erwartet, erwiederte Lady Olivia, die ſeit ihrer Verlobung mit Lord Fitzwarren eine Unverſchämtheit in Ton und Be⸗ nehmen gegen ihre Angehörigen, beſonders aber gegen ihre Mutter angenommen hatte, die eben ſo unverſtändig als tadelnswürdig war. „Laß mich Dir daher, meine liebe Olivia, den Rath geben—“ „Ach, ſei doch einmal ſtill mit Deinen Rath⸗ ſchlägen, Mutter. Ich habe ſie ſatt und kann Dich verſichern, daß ich bei der Beſorgung meiner An⸗ gelegenheiten viel mehr Ausſicht auf Erfolg habe, wenn es mir überlaſſen bleibt den Eingebungen meines eigenen Verſtandes zu folgen, die auf meine Kenntniß von Lord Fitzwarren's Charakter ſich grün⸗ den, als wenn ich mich nach den Deinen oder de⸗ nen des Vaters richte.“ „Auf eine ſolche Undankbarkeit war ich nicht gefaßt, gar nicht, Olivia,“ und Lady Wellerby hielt ſich das Sacktuch vor die Augen. „Undankbarkeit!“ wiederholte Lady Olivia.„Ich kann wahrhaftig nicht begreifen, wie man darin 55 eine Undankbarkeit finden kann, wenn ich bei Sachen, die mich allein angehen und bei der wichtigſten Vor⸗ fallenheit meines ganzen Lebens, die Führung der⸗ ſelben am liebſten in die eignen Hände nehme.“ Damit ſtand ſie auf und verließ das Zimmer, ohne weiter noch ein freundliches Wort an ihre Mutter zu richten. Siebzehntes Kapitel. „Die meiſten Menſchen hängen ſehr am Leben, Und doch, wie thöricht und wie ſeltſam iſt. Daß ſie auf alle Art ſich Mühe geben Noch abzukürzen ihre Lebensfriſt. Vom Ball zur Oper und vom Rout zum Spiele Zieh'n ſie herum, die Stunden zieh'n voran, und Niemand merkt, wie bald wir ſteh'n am Ziele, Hat auch der Menſch gar nichts dazu gethan. Laßt ſie wie toll im Kreis der Freude bleiben,— Laßt ſie nur geh'n zu jeder Feſtlichkeit: Sie wollen ſich mit Gold die Zeit vertreiben, Zuletzt vertreibt ſie alle doch die Zeit⸗“ Nach dem Hingange ihres Gemahles und Soh⸗ nes hatte ſich Frau Sydney nie ſo glücklich gefühlt, als ſeit ihre Tochter mit Strathern verſprochen war. Sie war von der Güte ſeiner Grundſätze und der 56 Trefflichkeit ſeiner Natur überzeugt und fühlte, daß ſie das Glück ihres Kindes mit Ruhe ſeiner Ob⸗ hut anvertrauen dürfte. In dieſem feſten Glauben an ſeinen Werth fel ihr eine Menge Beſorgniſſe vom Herzen. Mochte nun der Tod kommen, wenn er wollte— und Frau Sydney erinnerte ſich oft an den Unbeſtand des Lebens, denn der Gedanke daran wurde ihr durch ihre zarte Geſundheit ein⸗ geflößt— ſie brauchte für ihre Louiſe nichts zu fürchten: ſie beſaß jetzt einen Führer und Beſchützer, der ſie durch die verworrenen Irrgänge des Lebeng leitete und ihr zur Stütze diente, wenn die liebende Mutter nicht mehr in der Nähe war, um über ſie zu wachen. Dieſe Vorſtellung war ein Balſam für das Herz der beſorgten Mutter, von welcher man mit Recht ſagen konnte, ſie lebe blos für ihre Tochter. Wie ſteigerte ſich aber noch die Freude der Frau Sydney, als Strathern ihr den Wunſch eröffnete, ſie möchte ſich nicht von ihrer Tochter trennen. Sie hatte ſich ein ſolches Scheiden als unvermeidlich vorgeſtellt, und ob es ſie ſchon viel Mühe koſtete und die Aufbietung aller ihrer Selbſt⸗ überwindung erforderte, wenn ſie mit Gelaſſenheit darauf hinblicken wollte, ſo nahm ſie doch alle ihre Entſchloſſenheit zuſammen, um ſih in dieſes große pfer zu fügen, wenn es nöthig werden ſollte. Sie war eher dazu bereit, als daß ſie der Heirath Louiſens irgend ein Hinderniß in den Weg gelegt 57 hätte, nachdem ſie einmal geſehen, daß jene durch ihre Neigung an Strathern gefeſſelt ſei. Ja Frau Sydney wäre bei nicht vielen Männern, wie ehren⸗ werth ſie auch hätten ſein mögen, und wie ſehr ſie auch wünſchte nicht von ihrer Tochter getrennt zu werden, auf den Vorſchlag eingegangen, den ihr Strathern machte und dem zufolge ſie beſtän⸗ dig bei ihm und ſeiner Frau wohnen bleiben ſollte. Sie hatte zu viele Beiſpiele von der Unbehaglich⸗ keit geſehen, welche für beide Eheleute durch der⸗ artige Uebereinkünfte in anderen Familien entſtan⸗ den, um nicht über ſolche Gegenſtande unruhig und ängſtlich zu ſein. Aber Alles, was ſie an Stra⸗ thern beobachtet, gab ihr die Verſicherung, daß ſie bei einem ſo liebenswürdigen und verſtändigen Tochtermann nichts zu fürchten haben würde, wenn ſie ihre Wohnung unter ſeinem Dache aufſchlüge. Aus dieſem Grunde gewährte ihr die Gewißheit, daß ſie, eine einzeln ſtehende, kränkliche Frau, den Herbſt und Winter ihres Lebens nicht allein zu⸗ bringen müßte, Troſt und Freude. Die aufrichtige Neigung Strathern's zu ſeiner ſancée würde ihn zu einem aufmerkſamen und liebreichen Sohn ihrer Mutter gemacht haben, auch wenn dieſe weniger Anſprüche auf ſeine Achtung und Berückſichtigung gehabt hätte als Frau Sydney. Da er aber von ihren trefflichen Eigenſchaften einen ſehr hohen Be⸗ griff hatte und ihrem gefälligen Betragen wie ihrer 58 unveränderlichen Güte gegen ihn ſellſt, völlige An⸗ erkennung zu Theil werden ließ, ſo empfand er gegen ſie die lebendigſte Dankbarkeit für den Schatz, den ſie ſeiner Obhut übergeben wollte und war entſchloſſen ihr Vertrauen durch alle ihm zu Gebot ſtehende Mittel zu rechtfertigen. Die ſelbſuſche Eiferſucht, welche oft Mütter erfaßt, wenn ſie ge⸗ wahren, wie ſchnell die künftigen Ehemänner Ein⸗ fluß auf das Gemüth ihrer Tochter gewinnen und wie ſie dadurch ihren eigenen faſt ganz aufheben, blieb dem Herzen der Frau Strathern fremd. Mit ungeheuchelter Freude bemerkte ſie die Fortſchritte, welche Strathern täglich darin machte, daß er Loui⸗ ſen zu vielen ſeiner Meinungen bekehrte und ſie vermochte, einige von den ihrigen zu berichtigen; daß er Geſchmack und Genuß an ihrem häuslichen Kreiſe fand und denſelben den Bällen und Geſell⸗ ſchaften vorzog, die jeden Abend in Rom Statt fanden, gefiel Frau Sydney ſehr; wenn er dann aus einem ihrer Lieblingsſchriftſteller vorlas und hie und da innehielt, um ſich nach ihrer und ihrer Tochter Anſicht davon zu erkundigen und ſeine eige⸗ nen darzulegen, ſo fühlte ſie, daß ihr Leben an eigenem Heerde nur angenehm und vortheilhaft für den Geiſt ſein könnte, wenn es durch einen ſo ver⸗ ſtändigen und liebenswürdigen Genoſſen erheitert würde. Das Glück übt ſtets den wohlthätigſten Ein⸗ 59 fluß auf edle Naturen aus. Dies erwies ſich nie deutlicher als an Louiſen Sydney. Sie war ſelbſt glücklich und wünſchte Andere um ſie her auch dazu zu machen. Ihre zärtliche Mutter ſah mit Freu⸗ den, wie ihr Frohſinn immer größer wurde, wie die Roſen der Geſundheit ſchöner als je auf ihren zarten Wangen erglühten und ihre Augen von neuem Glanze ſtrahlten. Um dieſe Zeit ſollte ein großer bal masqus von dem Herzog von Belmonte gegeben werden und die ganze vornehme Welt Rom's wurde dazu geladen. Man beſchränkte ſich dabei nicht auf die noblesse allein, ſondern die Stellung des Herzogs als Bankier veranlaßte ihn ſeine Einladungen auf alle diejenigen auszudehnen, welche große Creditbriefe auf ſein Haus hatten. Obſchon an ſeiner Tafel, in ſeinen Geſellſchaften und bei kleinen Bällen nur die auserleſenſten Perſonen zu finden waren, ſo vereinigten doch die monstres ſetes, die er ein⸗ oder zweimal im Jahre gab, alle Leute in Rom, die für zulaſſungsfähig galten und gewährten einen ſehr unterhaltenden, wenn gleich etwas buntſchecki⸗ gen Anblick. Die Neuheit eines ſolchen verführte Frau Sydney und ihre Tochter in Strathern's Begleitung hinzugehen, und bei dem glänzenden coup d'oeil, dem ihr Auge beim Eintritt begegnete, war es ihnen lieb, daß ſie es gethan hatten. Die Zahl der salons, die bei derartigen Gelegenheiten 60 geöffnet wurden, ihre Höhe und ihre großen Ver⸗ hältniſſe überhaupt, der Glanz ihrer Verzierung, die ſchönen Kunſtwerke, welche ſie ſchmückten, das Schimmern der Wachslichter, der Ueberfluß der rund um zerſtreuten Blumen, und die Menge von Menſchen beiverlei Geſchlechts in den reichſten und maleriſcheſten Trachten, unter denen viele von Dia⸗ manten ſtrahlten, machten das Ganze zu einer wahrhaft zauberhaften Scene. Louiſe Sydney er⸗ griff eine Bewegung, wie ſie ſchüchternen, jungen und gefühlvollen Frauenzimmern eigen iſt; dieſelbe ſtieg faſt bis zur Angſt, als ſie in die lange Reihe von Gemächern trat, und ohne es zu wiſſen, hing ſie ſich feſter an den Arm ihres Verlobten. Dieſer freute ſich über die ſchweigende Berufung auf ſeinen Schutz, drückte den ſchönen, runden Arm, der auf dem ſeinen ruhte, an die Bruſt, und fühlte, wie ſehr die Gegenwart eines geliebten Weſens die Luſt an jedem unterhaltenden Auftritt erhöhen kann. Sein Genuß dabei beſtand nicht ſowohl in dem Antheil, den er an der Fröhlichkeit um ihn her nahm, als in der Ueberraſchung und Befriedigung, welche er an der lieblichen Louiſe gewahrte. In ihrer Nähe bedurfte es keiner äußeren Veranlaſſung, um ihn vergnügt zu ſtimmen; aber der kunſtloſe Ausdruck ihrer Verwunderung über den prächtigen coup d'oeil und die weibliche Schüchternheit, die ſie näher an ſeine Seite trieb, gewährte ihm Ent⸗ 61 zücken. Die ſchwarze, ſeidene Maske, welche das ſchöne Geſicht ſeiner fancée verhüllte und Stra⸗ thern verhinderte, an dem wechſelnden Ausdruck deſſelben zu hängen, wie er gewöhnt war, ließ ihn nur noch mehr empfinden, wie außerordentlich lieb⸗ lich die Laute wären, die ſie ihm zuflüſterte und welch Glück darin lag, daß ihr ſchöner Arm in allem Vertrauen der Liebe auf dem ſeinigen ruhte. Die luſtigen Töne der Muſik übten ebenfalls ihren gewöhnlichen Einfluß auf ſeine Stimmung und er erkannte zum erſtenmale in ſeinem Leben, daß ein bal masqué eine recht heitere Unterhaltung ver⸗ ſchaffen könnte. Nach einer promenade durch die Zimmer, deren Vollendung ihnen nicht geringe Schwierigkeiten machte, weil ſo viele Menſchen ſich da herumtrieben, beklagte ſich Frau Sydney über Müdigkeit, ſetzte ſich zu ein paar älteren Frauen aus ihrer Bekanntſchaft und ließ ihre Tochter mit Strathern unter den Gruppen herumwandeln, au deren ſeltſamen Anzügen dieſe ſo viel Geſchmack fand. Rhymer fand bald Frau Sydney heraus, nahm neben ihr Platz und fing ein Geſpräch an. „Es überraſcht Sie wahrſcheinlich mich hier zu ſehen; und ich muß geſtehen, daß es mir nicht weniger auffallend iſt Sie zu treffen. Was konnte die feinfühlende Frau Sydney bewegen, ſich in ein ſo buntes Treiben hineinzuwagen?“ 62 „Der Wunſch meiner Tochter eine Freude zu machen.“ „Das habe ich mir gedacht. Was bringt eine Mutter nicht Alles zum Opfer!“ „Ich bin bis jetzt derſelben überhoben ge⸗ weſen.“ „Wirklich! dann ſind Sie glücklich— oder vielleicht bringen Sie dieſelben ſo gerne, daß ſie Ihnen leicht ſcheinen— und doch würden es die meiſten Mütter für ein keineswegs unbedeutendes, auf dem Altar mütterlicher Liebe dargebrachtes Opfer halten, wenn ſie unter einem ſolchen unerträglichen Miſchmaſch von Leuten ſich herumſchleppen laſſen ſollten.“ „Ich ſehe die Sache wirklich nicht ſo an— ja ich muß ſelbſt auf die Gefahr hin durch das Geſtändniß eines Theils Ihrer Achtung verluſtig zu gehen, bekennen, daß ich, falls ich nicht gerade von Kummer bedrückt werde, mein Gemüth durch Beobachtung der Fröhlichkeit Anderer erheitert fühle, wenn ich auch keinen herzlichen Antheil daran neh⸗ men kann.“ „Wirklich! Nun, das hätte ich nicht geglaubt. Aber die Frauenzimmer ſind ſo uneigennützig, ſo geneigt auf alle eigenen Vergnügungen zu verzich⸗ ten, um die Grillen und Launen derer zu befrie⸗ digen, welche ihnen lieb ſind, daß Einen nichts 63 an ihnen überraſchen kann.„Sie finden alſo Ver⸗ gnügen an dieſem bunten Anblick?“ „Als Zuſchauerin.“ „Ich weiß nicht, ob dieſe völlige Selbſtver⸗ läugnung wünſchens⸗ oder beneidenswerth iſt. Mei⸗ nen Sie nicht, Ihr eigener Heerd und ein Buch, oder zwei bis drei vernünſtige Geſellſchafter wären dieſem erhitzten und unreinen Dunſtkreis und dem Lärm rundum weit vorzuziehen?“ „Gerade wegen des ſtarken Gegenſatzes machen mir ſolche Genüſſe um ſo mehr Freude. Ein Schauſpiel, wie das vor uns, würde mich bald nicht mehr unterhalten, wenn es mehr als einmal oder höchſtens zweimal im Jahr vorkäme; ſo aber macht mir die Neuheit deſſelben Spaß.“ „Fräulein Sydney beluſtigt dieſer hal masqué gewiß recht— wahrſcheinlich mehr als ihren zu⸗ künftigen Gemahl. Strathern iſt nicht der Mann, den es ſehr anziehen könnte ſich in einem Gedränge von Menſchen zu bewegen, mit deren größerem Theil er allem Vermuthen nach nie ſonſt irgendwo zuſammengetroffen ſein kann.“ „Er ſchien aber deſſenunerachtet recht viel Ge⸗ fallen daran zu finden.“ „Schien! Ah, Frau Sodney, wir dürfen dem Schein nicht immer blindlings trauen.“ „Strathern iſt nicht der Mann, der ſich das 64 Ausſehen gibt, als wäre er vergnügt, wenn er ſolches nicht wirklich empfindet.“ „Der Himmel verhüte, daß ich ſo Etwas be⸗ haupte! Ich wollte blos ſagen, er habe geſehen, wie viel Genuß Fräulein Sydney an fröhlichen Auftritten findet und, wie Sie, werthe Madame, ſeinen eigenen geſunden und vernünftigen Geſchmack aufgeopfert, damit ſie ſich dem ihrigen überlaſſen könnte.“ „Sie irren ſich, wenn Sie glauben, meine Tochter ſei mehr dafür eingenommen, häufig Orte zu beſuchen, wo es munter hergeht, als Herr Strathern.“ „Ich bitte Sie um Verzeihung, wenn ich Un⸗ recht habe; aber ich meinte, daß ein bal masqué — und beſonders in einem Hauſe, wo ein Credit⸗ brief auf die Bank als Einlaßzettel zu den Bällen dient, die im Palaſte Statt finden— zuletzt der Platz wäre, wo man Liebende und Verlobte treffen ſollte, von denen eins des anderen Geſellſchaft zu Hauſe genießen kann.“ Und dabei machte Rhymer ein Geſicht, als ſcheute er ſich mehr zu ſagen.„Wel⸗ ches Gedränge!“ fing er wieder an.„Da geht der weiſe Graf von Fitzwarren; er trägt keine Ver⸗ mummung, ſondern tritt in der ihm angeborenen Eigenſchaft eines Reitknechts auf. Er ſcheint ſich hier ganz zu Hauſe zu fühlen; nicht ſo das Fräu⸗ lein ſeiner Liebe, gekleidet wie die edle Tochter der 65 Capulets, die ſchöne Julia. Ihr Götter! betrach⸗ ten Sie das Mädchen,„die ohne Klugheit und zu viel geliebt,“ und ſich auf den Arm eines engliſchen Reitknechts ſtützt. Das iſt zu ſtark!“ Hier erhei⸗ terten ſich die ſtarren Züge Rhymer's, die ſo wenig an eine frohe Laune gewöhnt waren, zum Lachen. „Und ſehen Sie,“ fuhr er fort, ſobald er ſeine Ernſthaftigkeit wieder gewonnen,„Lady Sophia in der Tracht Desdemonens. Wer könnte es dem Mohren übel nehmen, wenn er eine ſolche Frau erdroſſelte? Ich einmal nicht, meiner Treu! Aber, ach, ſie hat keinen Othello gefunden und muß mit der gnädigen Frau Mutter gehen, die im Ge⸗ wande der Königin Eliſabeth ſteckt. Hat es je eine ſolche Gruppe gegeben? Sehen Sie nur, was für eine ſtolze und prächtige Königin die Lady Wel⸗ lerby ſpielt! und wie furchtbar häßlich ſie in die⸗ ſem unbeholfenen Anzug ſich ausnimmt. Was konnte die alberne Frau veranlaſſen ſo eine abge⸗ ſchmackte Figur aus ſich zu machen?“ Lady Wellerby erkannte jetzt Frau Sydney, kam herbei und redete ſie an.„Ich ſehe,“ fing ſie an,„daß Sie, wie ich, gezwungen geweſen ſind Ihre Maske abzuthun wegen der unausſteh⸗ lichen Hitze. Meine Kleider ſind auch noch ſo er⸗ ſchrecklich ſchwer, daß mich ihr Gewicht faſt um⸗ zieht. Wo iſt Fräulein Sydney und wie iſt ſie angezogen?“ Strathern U. 5 66 „Blos eine Phantaſie⸗Maske.“ „Wie ſonderbar! Jedermann, den ich hier ſehe, trägt eine Charakter⸗Maske.“ „Gewiſſe Leute haben Recht, daß ſie das thun;“ verſetzte Rhymer;„denn vielleicht können ſie ſich nur auf dieſe Art ſehen laſſen.“ „Herr Rhymer weiß doch immer hübſche Sachen zu ſagen; nicht wahr, Frau Sydney? aber ich weiß nicht, wie es kommt, ich verſtehe ſie nicht immer gleich.“ „Sie erweiſen mir zu viel Ehre, Madame,“ erwiederte Rhymer mit ernſtem Geſicht und einer tiefen Verbeugung. „Nimmt ſich Sophie als Desdemona nicht gut aus? Olivia iſt in der Tracht Julien's und ſieht vorzüglich aus. Meine Mädchen ſind ſo darauf erpicht den Shakeſpeare zu leſen, daß ſie ſeine Trauerſpiele halb auswendig können und ſich an⸗ ziehen wollten wie die Perſonen, die er auftreten läßt.“ „„Da haben ſie eine glückliche Wahl getroffen, das muß man ihnen laſſen,“ antwortete Rhymer; „aber ich ſehe weder Romeo noch Othello jeden ſeine Dame begleiten.“ Ebe Lady Wellerby Etwas entgegnen konnte, kam Lord Fitzwarren mit ſeiner fancée dazu.„Da ſind wir, Ihr Herzensjungen, wir ſind bereit aufzuſitzen und um jegliche Summe zu rennen, die Ihr bezeichnet,“ 67 ſagte er, indem er eine Miene und ein Betragen annahm, wie ſie den Leuten aus dem Stande eigen ſind, den er darſtellte. „Ich habe Ihre Herrlichkeit nie in einer Tracht ſo heimiſch geſehen, als in dieſer,“ bemerkte Rhy⸗ mer beißend;„es iſt Schade, wenn Sie ſich je anders kleiden.“ „Wohlgeſprochen, alter Herr! Ich hätte Ihnen nicht ſo viel Witz zugetraut, um das herauszufin⸗ den. Denken Sie nur, Livy wollte, daß ich als Romeo herginge, ein liebeſiecher Schäfer. Ich habe das Stück in der Oper aufführen geſehen, da hat der Burſche nichts gethan als geſungen wie ein ſterbender Schwan. Ich habe das aber noch von keinem gehört, obgleich ich deren mehre in dem See bei meinem Wohnſitz habe. Nein, ſagte ich, der Teufel ſoll mich holen, Livy, wenn Du mich dazu bringſt, daß ich einen ſolchen ſeufzenden und ſtöhnenden Liebhaber ſpiele. Du kannſt die Julie machen, wenn Du einmal Dein Herz daran ge⸗ hängt haſt, aber ich will als nichts denn als ei Reiterknecht aufziehen. Hab's nicht übel getroffen. — nicht wahr? Hübſche Jacke, gut paſſende Leder⸗ hoſen, ſchöne Stiefel, ſaubere Mütze. Gewiß gibt es Niemand hier, der je einem Rennen zu Epſom oder Askot beigewohnt hätte und nicht zugeben müßte, daß ich genau ſo ausſehe wie ein Reit⸗ knecht erſten Rangs.“ 5* 68 — „Das kann Niemand in Abrede ſtellen; und was noch mehr iſt, Ihre Herrlichkeit ſprechen— ja Sie denken gerade wie dieſe gewandten Leute.“ Und Rhymer lächelte boshaft, während er dieſe Bemerkung vorbrachte. „Sie brauchen nicht ſo boshaft zu ſein, Herr Rhymer,“ ſagte Olivia, welche der Spott belei⸗ digte. Ihr eniging dieſer nämlich keineswegs, wohl aber dem, an welchen er gerichtet war. „Er iſt ja gar nicht boshaft, Livy, und das nimmt mich Wunder; denn ich habe gehört, es ſei ſeine Gewohnheit hämiſche Sachen zu ſagen und darum habe ich ſcharf auf ihn Acht gegeben.“ „Seine Herrlichkeit läßt mir Gerechtigkeit wider⸗ fahren, ſchöne Julia, und räumt die Richtigkeit meiner Behauptung ein. Wie ſehr iſt es zu be⸗ dauern, daß eine ſolche Julie keinen Romeo hat; aber vielleicht iſt es der Neuheit wegen mehr pir quant, von einem Reitknecht begleitet zu werden.“ „Wir wollen weiter gehen. Ich bin gar nicht gerne in der Nähe dieſes tückiſchen alten Mannes, welcher ausſieht, als machte ihn die eigene Bos⸗ heit krank,“ ſagte Olivia zu Fitzwarren. Der Ton ihrer Stimme war dabei, wenn ſie das überhaupt veabſichtete, nicht gedämpft genug, daß Rhymer ſie nicht hätte verſtehen können; und dies ließ ſich aus ſeinem Geſicht abnehmen, welches noch gelber und mürriſcher ausſah als gewöhnlich. 69 „Die edle Gemahlin des Mohren hat ihren Othello verloren oder wahrſcheinlich noch gar keinen ſolchen gefunden,“ bemerkte Rhymer.„Man muß geſtehen, es nimmt ſich Etwas unpaſſend aus, wenn man ſie mit der jungfräulichen Königin gehen ſieht. Wahrhaftig, Lady Wellerby, Ihre Geſellſchaft zeich⸗ net ſich durch die ſchönen Anzüge aus, die ſie ſich gewählt. Es beweiſt zugleich ſo viel Vaterlands⸗ liebe, daß Sie die Tracht der Eliſabeth und zweier Heldinnen aus den Trauerſpielen unſeres unſterb⸗ lichen Barden ausgeſucht haben.“ „Ich glaube, Sie wollen ſich über uns luſtig machen, Herr Rhymer, obgleich mir die Sache nicht ganz deutlich iſt. Jedermann behauptet, Sie ur⸗ theilen gerne Etwas hart.“ Und Lady Wellerby machte ein Geſicht, als hätte ſie Wunder was Ge⸗ ſcheides geſagt. „Wie ſeltſam! Ich habe bis jetzt wirklich ge⸗ glaubt, ich gelte für einen ganz harmloſen und gut⸗ müthigen Mann. Aber, Lady Wellerby, es wäre jedenfalls ein Zeitverderb, Sie in's Lächerliche ziehen zu wollen.“ Dabei blickte Rhymer um ſich her, als wollte er diejenigen zu Zeugen aufrufen, welche in ſeiner Nähe waren. „So, kommſt Du endlich Webworth! was Teu⸗ fels hat Dich denn ſo lange aufgehalten? Hier Desdemona wartet wenigſtens ſchon zwei Stunden auf ihren Othellv.“ „Ich verſichere Dich, Fitz, ich konnte meine Kleider nicht früher fertig bekommen. Erſt vor einer Viertelſtunde hat man mir ſie gebracht, und ich muß mich deswegen gegen die ſchöne Desdemona tauſendmal entſchuldigen.“ Damit trat Webworth zu dem Fräulein, ihr den Arm anzubieten. Sie ließ ſich auch denſelben gerne gefallen, obſchon ſie über ſein ſpätes Kommen ärgerlich war. „Nun, bin ich nicht ein braver Kerl?“ fragte Fitzwarren ſeine Braut.„Ich habe dem armen Kerl, dem Webworth, hundert Pfund gegeben, daß er ſich einen Anzug anſchaffen könnte und Deine Schweſter Sophie einen Galan bekäme, der ſie be⸗ gleitete. Er wollte zuerſt durchaus ſein Geſicht nicht ſchwärzen, das kann ich Dir ſagen, aber ich habe ihn dazu gebracht.“ „Was! hundert Pfund haſt Du ihm für einen ſolchen armſeligen Anzug gegeben,“ rief Olivia. „Wenn man die Wahrheit wüßte, ſo würde ſich zeigen, daß er ihn für ein paar Pfund gemiethet hat, denn er ſieht aus, als hätte er ſchon in der letzten Faſtnacht Dienſte gethan.“ „Schau, Livy, was eine liebliche Geſtalt kommt da. Welcher Wuchs und wie ſchön gekleivet!“ „Ich finde nichts beſonderes an ihr,“ gab Oli⸗ via zur Antwort,„und habe mehrere reizender aus⸗ ſehende Frauenzimmer bemerkt, ſeit wir da ſind.“ 71 „Sieh, wie der Zauberer ihr überall nachgeht,“ ſagte Fitzwarren.„Ich habe wahrgenommen, daß er den ganzen Abend um ſie herumſtreicht.“ Während er noch redete, benützte eine Geſtalt in der Verkleidung eines Zauberers den Umſtand, daß der männliche Begleiter des Frauenzimmers, deren zierlicher Wuchs Fitzwarren's Aufmerkſamkeit auf ſich gezogen, gerade damit beſchäftigt war, auf die Panales plaisanteries einer Gruppe von Masken zu antworten, die um ihn her ſtanden; ſie trat ganz nahe hinter die ſchöne Unbekannte und flüſterte ihr Etwas ins Ohr. Sie fuhr vor der Berührung mit der Geſtalt zurück; doch ſprach dieſe noch immer mit ihr, und offenbar, ohne daß ihr Begleiter ſol⸗ ches bemerkte. Als der letztere ſich umwandte, ver⸗ ſchwand der Zauberer ſchnell, und jetzt ſtieß das Frauenzimmer mit ihrem Gefährten zu der Gruppe, wo Fitzwarren und Olivia ſtanden. „Du zitterſt Theuere, Dir iſt nicht wohl,“ ſagte der Herr.„Nimm Deine Maske ab, Geliebte, dann wird es Dir beſſer werden.“ Damit machte er das Band, welches jene feſt hielt, auf, und das liebliche Geſicht Louiſen Sydney's, blaß wie Mar⸗ mor, wurde ſichtbar.„Was fehlt Dir, theure Louiſe? Noch vor einem Augenblick warſt Du ſo wohl, ſo fröhlich und jetzt—“ „Es war blos eine leichte Schwäche und es wird mir bald wieder beſſer werden.“ Aber ihre 72 bebende Stimme und ihre erregten Züge widerſpra⸗ chen der Verſicherung. Strathern geleitete ſie zu einem Sitz neben Frau Sydney, welchen ihr Rhymer überließ. Die Mutter erſchrack über das veränderte Ausſehen ihrer Tochter und wurde faſt ſo blaß wie dieſe. „Wäre es nicht beſſer, wenn wir heimgingen?“ fragte die beſorgte Mutter. „Oh nein, Mutter, wir wollen ein wenig hier ſitzen bleiben und dann wird es mir wieder gut ſein?“ „Das iſt eine der angenehmen Folgen der hals masqués“ bemerkte Rhymer.„Es wundert mich wahrhaftig, daß noch Jemand hingeht. Die Hitze, das Gedränge, der Lärm und ein ſchädlicher Geruch können ihren Eindruck auf zarte Naturen nicht ver⸗ fehlen— hm! die ganze Familie iſt zur Schwind⸗ ſucht geneigt,“ fuhr er gegen Lady Melcombe in etwas leiſerem Tone, aber noch laut genug fort, um von Strathern gehört zu werden.„Welch' elendes Leben wartet des Mannes, der dieſe ſchöne aber kränkliche Blume heirathet.“ Strathern wandte ſich erſchrocken von ihm ab um ſeiner Geliebten ins Geſicht zu blicken, und die ängſtliche Miene, mit der er ſeine forſchenden Augen auf ſie richtete, bewies dem mürriſchen Rhymer, daß der parthiſche Pfeil, den er abgeſchoſſen, ſein Ziel erreicht hatte. 73 „Ich habe ihm gewiß die Unterhaltung für den Abend verdorben,“ dachte er.„Er war ſo außer⸗ ordentlich, ſo übermüthig glücklich. Ich kann die Leute nicht glücklich ſehen. Aber es iſt ja leicht, ihren Genuß zu ſtören und das gewährt noch eini⸗ gen Troſt.“ Jetzt wandten ſich Aller Angen auf ein Frauen⸗ zimmer, das in der Tracht der Königin Maria von Schottland durch die ſtolze Zimmerreihe ſchritt, aber Mittel gefunden hatte, die maleriſche Schön⸗ heit des Anzugs dadurch zu zerſtören, daß eine un⸗ geheure Menge von koſtbaren Steinen faſt jedes Stück deſſelben überdeckte. Die Geſtalt der Per⸗ ſon, welche dieſelben trug, war wenig geeignet, die Gewänder mehr hervorzuheben. Sie war plump und ſchlecht gewachſen und ihre Bewegungen ſo un⸗ beholfen, daß es völlig lächerlich erſcheinen mußte, wie ſie ſich hatte unterſtehen können, in der Rolle der liebenswürdigen Maria Stuart aufzutreten. Die Zuſchauer ſchienen dies auch einzuſehen, denn ſie erlaubten ſich faſt mit weniger Rückhalt zu lachen, als ſich mit der Artigkeit verträgt, die in guter Geſellſchaft gewöhnlich beobachtet wird. „Wie grob ſie ſind,“ ſagte die vorgebliche Kö⸗ nigin von Schottland zu einem Frauenzimmer, auf deren Arm ſie ſich ſtützte.„Und das heißen ſie die vornehme Geſellſchaft. Man ſollte glauben, ſie hätten niemals noch ſo viele Diamanten, Perlen, 74 Rubinen und Smaragde geſehen. Ich wollte, ich hätte alle meine Juwelen anſegen können, dann hätten ſie noch mehr zu gaffen gehabt, ſollt' ich meinen. Ich würde ſie auch alle angelegt haben, aber Sie haben mich davon abgebracht.“ „Sprechen Sie doch nicht ſo laut, Madame,“ flüſterte die Begleiterin, die ein einfaches Kleid von ſchwarzer Seide und von der Art trug, wie ſie bei der weiblichen Dienerſchaft in den Zeiten der Königin Eliſabeth vorkamen; dieſelbe ſchien zaghaft und ängſtlich darüber zu ſein, daß ſie ſich unter einer ſo großen Menge Menſchen befand. „Wo kann nur mein Lord ſein?“ fragte die reich geſchmückte, aber gemeine Perſon, welche die Königin von Schottland vorſtellte.„Seine Herr⸗ lichkeit hat mir doch verſprochen, er wollte hier mit mir zuſammenkommen. Sehen Sie ſich doch ſorg⸗ fältig nach ihm um, Frau Bernard, denn ich möchte gar zu gerne Jemand von Bedeutung bei mir ha⸗ ben und mich von ihm führen laſſen, um die gaf⸗ fenden Leute in größerer Achtung und Entfernung zu halten. Ich fürchte wahrhaftig, ſie möchten mir einige von den Diamanten auf meinem Kleide weg⸗ putzen. Hätte ich gewußt, daß hier ſo viel Geſin⸗ del zuſammenkäme, ſo würde ich den Papſt gebeten haben, mir ein paar von ſeinen Leibwächtern zum Schutze mitzugeben.“ „Herrlich!“ rief Rhymer.„Das iſt eher eine 75 Eckſtein⸗Königin*), denn die Königin von Schott⸗ land, und Niemand anders, als die ſchreckliche Wittwe des Staatspapierhändlers, deren Nachbar⸗ ſchaft mich aus dem Gaſthofe vertrieb, in welchem ich mich vor ihrer Ankunft ſo gut aufgehoben fand. Eine ſolche Perſon hat es nie gegeben; die Frau, an deren Arm ſie hängt, iſt ihre dame de com- pagnie, ihr souffre-douceur und der Lord, von dem ſie redet, muß ganz beſtimmt der Lord Unband ſein. Ich wollte, es redete ſie Jemand an, denn ein Ge⸗ ſpräch mit ihr muß meines Erachtens recht unter⸗ haltend ſein.“ „Und wenn Sie nun mit ihr ſprächen?“ ſagte Lady Wellerby. „Ich habe nicht Muth genug, um das zu un⸗ ternehmen,“ erwiederte Rhymer. „Ich will es thun, denn ich treibe gern ein bischen Spoß, d. h. wenn Herr Rhymer mir ſagt, wie ich ſie anreden muß,“ verſetzte Fitzwarren.„Ich glaube, wenn ich nicht von Stieren und Bären**) im Styl des Geldmarkts ſpreche, verſteht ſie mich nicht.“ „Bitten Sie nur um Erlaubniß, ſie ihrer Schwe⸗ ſter, der Königin Eliſabeth, vorſtellen zu dürſen,“ flüſterte Rhymer, erfreut über den Gedanken, Lady *) Oueen of diamonds, auch Diamantenkönigin. U. **) Bulls and bears, Ausdrücke von der Börſe. U. Wellerby durch Vermittelung ihres künftigen Schwie⸗ gerſohns ärgern zu können. „Wahrhaftig, das thu' ich!“ Und fort lief Fitzwarren, malgré aller Gegenvorſtellungen und Bitten der immer noch neben ihm hergehenden Olivia, doch ja nicht mit der furchtbar ausſehenden Perſon zu ſprechen. „Ich hoffe, daß Eure Majeſtät ſich ganz wohl befindet und daß es mit David Rizzio gut ſteht,“ fing Lord Fitzwarren an. „Ich kenne Niemand der ſo heißt und habe den Namen noch nie gehört,“ erwiederte Frau Ma⸗ elaurin. „Wie ſonderbar!“ fuhr Fitzwarren fort.„Es hat doch immer geheißen, Eure Majeſtät hegten eine beſondere tendresse für ihn.“ „Dann hat man eine großmächtige Unwahrheit behauptet, denn ich habe noch gar nie ein Kleid*) angezogen, um einem ſolchen Menſchen zu gefallen,“ ſagte die Lady, die ſich in der Bedeutung des Worts tendresse irrte. „Man wirft Ihnen vor, Sie ſeien als Frau gegen Darnley ziemlich rauh und hart geweſen. Ja, die Leute ſind ſogar noch weiter gegangen und *) Wortſpiel mit tendresse und dress, von denen das letztere Kleid, Putz, Staat bedeutet. U. 77 haben geſagt, Sie hätten ihn in die Luft ge⸗ ſprengt“*). „Dann haben die Leute tüchtig gelogen, denn ich habe nie Jemand von dieſem Namen gekannt. Aber wie kommen Sie dazu, daher zu laufen und die Kreuz und die Quer nach zwei Männern zu fragen, von denen ich mein Lebtage nichts gehört oder geſehen habe?“ „Geben Sie ihm doch keine Antwort, Madame,“ flüſterte Frau Bernard. „Allerdings thue ich das. Warum ſollte ich ihm nicht antworten? Habe ich nicht gerade ſo gut ein Recht zu ſprechen, wie er?“ „Denken Sie immer noch an Darnley's Nach⸗ folger, Bothwell? an den, welchen Sie genöthigt haben, ſich von ſeiner Frau zu ſcheiden, damit er Sie heirathen könnte?“ „Hat man jemals ſo Etwas gehört? Sie müſſen verrückt ſein, weil Sie mich auf dieſe Weiſe mit Männern quälen, deren Namen ich noch nie gehört habe.“ „Ihre Majeſtät weiß vielleicht nicht, daß Ihre Schweſter, die Königin Eliſabeth, bei dieſem Feſte zugegen iſt. Sie könnte es übel nehmen, wenn Sie ſie nicht begrüßten.“ *) Geſchichtlich. u. „Meinen Sie die alte Königin Lieſe?“ fragte die Stellvertreterin der Maria Stuart. „Allerdings. Erlauben Sie mir, daß ich Sie in ihre erhabene Nähe führe.“ „Ich will nichts von ihr wiſſen.“ „Aha, ich ſehe, Sie haben den alten Zwiſt noch nicht vergeſſen, und das iſt etwas ganz Außer⸗ ordentliches, denn man ſagt, Sie hätten den Kopf darüber verloren, und wenn man einmal ſeinen Kopf einbüßt, ſo wiſſen Sie, oder ſollten doch wiſ⸗ ſen, daß das Gedächtniß ſehr leicht verloren geht.“ „Ich ſei um den Kopf gekommen! Ich hätte Streit mit der Königin Eliſabeth gehabt! Ich weiß nicht, an wos Sie ſind, außer Sie wollten mich zum Beſten halten.“ „Fragen Sie das Frauenzimmer, welches Ihre Majeſtät begleitet, ob Maria, die Königin von Schottland und die Königin Eliſabeth nicht zu glei⸗ cher Zeit gelebt haben; ja noch mehr, ob es nicht am Platze wäre, daß ſie zuſammenkämen und Zwie⸗ ſprache mit einander hielten?“ „Was will der Reitknecht damit ſagen, Frau Bernard? Iſt es ihm damit Ernſt oder will er blos Spaß machen?“ Das laute Sprechen der Frau Maclaurin ſo⸗ wohl, als die außerordentliche Pracht ihres Anzugs zog eine Menge Menſchen zu ihr heran, die ſich an der naivelé ihrer Antworten höchlich beluſtigten 79 und das dadurch erregte Lachen nicht halten konnten. Da ſie eifrig wünſchte, von einem Ort wegzukom⸗ men, wo ſie ſo viel und eine für ſie ſo läſtige Aufmerkſamkeit auf ſich zog, ſo gab Frau Ber⸗ nard Ihrer Majeſtät von Schottland den Rath, ſie ſollte die Königin, ihre Schweſter, aufſuchen. Geleitet von Lord Fitzwarren näherten ſie ſich daher der Lady Wellerby, welche ohne Maske bei Frau Sydney und einigen anderen Frauenzimmern ſaß und ſich mit ihnen unterhielt. „Will die gnädigſte Königin von England einem der ergebenſten von Ihrer Mojeſtät Unterthanen verſtatten, ihr die Königin von Schottland vor⸗ zuſtellen?“ „Unſere Schweſter von Schottland iſt willkom⸗ men,“ ſagte Lady Wellerby, die gerne geneigt war, in den Scherz ihres zukünftigen Tochtermannes ein⸗ zugehen. „Ich bin Ihnen ſehr verbunden, Madame, und hoffe, Sie befinden ſich recht wohl.“ „Ich würde noch beſſer daran ſein, Schweſter von Schottland, hätte nicht ein Gerücht Unſer könig⸗ liches Ohr erreicht, nach welchem Sie Unſer Wappen angenommen haben und ſich anmaßen, Unſere ge⸗ rechten Anſprüche darauf in Zweifel zu ziehen.“ „Wer das je behauptet hat, iſt ein Lügner. Ich kann einen Eid darauf ablegen, daß ich nie an etwas derartiges im Traume gedacht habe. Was ſollte ich auch mit Ihrem Wappen anfangen, da mir mein eigenes noch ganz gut genug iſt?“*) Dieſe Antwort machte der Ernſthaftigkeit der zuhörenden Geſellſchaft ein Ende, und ſelbſt die Stellvertreterin der jungfräulichen Königin konnte das Lachen nicht mehr halten. „Ueber was lachen ſie denn?“ fragte Frau Maclaurin.„Sie kommen mir nicht allzu höflich vor.“ „Nehmen Sie meine Luſtigkeit nicht übel, ſchöne Schweſter, und geben Sie mir Auskunft darüber, was an der Nachricht iſt, nach welcher Sie ſich ſo hinſtellen, als würden Sie wahrſcheinlich bald Unſere Krone erben. Wir hoffen, Ihre Majeſtät können ſich von dieſem, wie von anderen Flecken auf Ihrem Rufe reinigen?“ „Was ums Himmels willen verſteht ſie darun⸗ ter?“ fragte Frau Maclaurin.„Ich habe nie nach Ihrer Krone getrachtet und kann mir ſelber eine machen laſſen, wenn ich eine will.“ Dieſe Antwort erneuerte das Gelächter aller Umſtehenden. „Furchtbar gekränkte Unſchuld! Wie wirſt Du verunglimpft!“ rief Rhymer mit gen Himmel ge⸗ richteten Augen. ——— *) Hier findet ſich ein Wortſpiel, das der Ueberſetzer nicht wiederzugeben weiß; arms heißt nämlich Wappen und Arme, und Frau Maclaurin ſagt eigentlich, da meine eigenen Arme noch ganz gut ſind. — 81 „Sagen Sie mir nur von Wem und ich mache eine Klage gegen ihn anhängig, oder ich will nicht Marie Maclaurin heißen.“ Nunmehr wurde das Gelächter allgemein; das Opfer der Fopperei war nicht mehr im Stande, ſeine Empfindungen zu beherrſchen, es riß ſich die Maske vom Geſicht und enthüllte dadurch ſein auf⸗ fallend plattes Geſicht. Daſſelbe hatte von der Hitze und ihrem Zorn eine beinahe karmeſinrothe Farbe angenommen und nahm ſich noch viel weni⸗ ger vortheilhaft wegen des Diamantenbandes aus, das ihre Stirne unter dem ſchwarzen Sammthut umgab. Der letztere war ebenfalls mit Brillanten verziert. „Ich ſchäme mich nicht, mein Geſicht ſehen zu laſſen, das kann ich Ihnen ſagen,“ ſagte Frau Maclaurin grimmig.„Ich bin ebenſo wenig die Königin von Schottland, als Sie die von England, und habe gleich im Anfang errathen, daß Sie mir Unarten ſagen wollten, wie höflich Sie ſich auch anſtellten; aber ich ſcheere mich um Sie alle mitein⸗ ander nicht Nagels groß. Lachen Sie immerhin, aber ich habe die Anſicht, daß ich Sie alle kaufen könnte. Ich kanns mit dem Beſten von Ihnen je⸗ den Tag in der Woche hundert⸗ ja tauſendweis aufnehmen und Alles iſt ehrlich erworben.“ „Ach, gnädige Frau, wir wollen fortgehen, Strathern m. 6 82 —————— kommen Sie doch,“ bat Frau Bernard in der größ⸗ ten Verlegenheit und Angſt. „Daraus wird nichts. Ich habe ſo gut, ja noch eher ein Recht hier zu bleiben, als die da.“ „Gütiger Himmel, Sophie! was iſt mit Deinem Kleid geſchehen?“ rief Lady Wellerby, als ihre Tochter am Arme Webworth's herzutrat. „Es iſt nichts, als die ſchwarze Farbe, die von Othello's Arm abgegangen iſt,“ verſetzte Lady Sophie. „Hauptſpaß. Ha, ha ha!“ rief Lord Fitzwar⸗ ren, und lachte laut über den Unfall, der ſeiner künftigen Schwägerin begegnet war.„Nun, Sophie, Sie ſehen aus, als wären Sie im Kamin geweſen und der arme Webworth gleicht einem faſt ganz weiß gewaſchenen Neger.“ „Wir wollen heim gehen, Louiſe, ich bin ſehr müde, und bei Dir, Liebe, ſcheint das auch der Fall zu ſein,“ ſagte Frau Sydney. „Ach ja, Mutter, mir iſt es ganz recht, wenn ich nach Hauſe komme,“ gab Louiſe mit matter Stimme zur Antwort und beide Frauenzimmer verließen im Geleite Strathern's den Pal masqué.. „Warum biſt Du ſo ſtille, ſo niedergeſchlagen, Theure?“ flüſterte Strathern, während ſie die Treppe hinuntergingen.„ Ich fürchte, Du biſt krank; wenn das der Fall iſt, ſo ſage es mir und laſſe mich gehen und einen Arzt holen. Dein Arm 83 zittert— wahrhaftig— Du biſt krank, Louiſe und haſt es vor mir verheimlicht!“ „Morgen wird mir beſſer ſein— ich bin blos müde,“ erwiederte Fräulein Sydney, aber in ihrem Tone und Betragen lag Etwas, was ſo ganz von dem ſonſtigen abwich, daß Strathern von noch größerer Unruhe ergriffen wurde. Er begleitete Frau Sydney und ihre Tochter zu ihrer Wohnung, aber noch immer ſchwieg Louiſe und gab auf die wiederholten Fragen ihrer Mutter und ihres Lieb⸗ habers blos einſylbige Antworten, weigerte ſich je⸗ doch einen Arzt zu Rathe ziehen zu laſſen. Als er ſie aus dem Wagen hob, gab Louiſens Hand nicht zu erkennen, daß ſie den warmen Druck der ſeinigen empfunden— kein, wenn auch noch ſo ſchwaches Lächeln ließ ihn merken, daß ſie ſeine Zärtlichkeit und die Sorge um ihre Geſundheit zu ſchätzen wiſſe; und da er bor ihnen ſchied, fühite er ſich unglücklicher als ſelbſt ihr Unwohlſein zu erklären vermochte. Achtzehntes Kapitel. „Läßt ſich der Menſch herab zu Ränken und Intriguen, Um ſeinem Vortheil und der Selvſtſucht zu genügen, So nehmen ſich, wie hoch Geburt und Rang auch wäre, Die Menſchen niedern Stands heraus ihm nicht mehr E re Und Achtung zu erweiſen als wenn Herr und Knecht Jetzt Gleiche wären und vom nämlichen Geſchlecht. Und doch, iſt aller Glanz der Ehre auch dahin, Todt jeder edle Trieb, todt jeder beß're Sinn,— In einer Bruſt worin die ſchnöde Geldgier wohnet, Wo ſie ſich feſtgeſetzt, wo die Gemeinheit thronet, Kann doch der Stolz im Kampf ſih jeder Noth noch eben Hat's ihn erniedrigt auch, dem Gelde nachzuſtreben.“ Lord Alexander Beaulien machte noch immer reißende Fortſchritte in der Gunſt der Frau Maclau⸗ rin, obgleich ſie ſich manchmal darüber ärgerte und halb beleidigt fühlte, daß er ihre Bitten, ſie bei ſeinen Freunden und Bekannten einzuführen, beharr⸗ lich ablehnte und offenbar gar keine Luſt verrieth, ſich öffentlich mit ihr ſehen zu laſſen. Immer fand er eine Entſchuldigung und weigerte ſich ſtets, ſie auf ihren giros*) zu begleiten, oder ihr auf einem *) Gängen. Ueberſ. A 85 ihrer Spaziergänge den Arm zu geben. Ob es ſie aber ſchon verdroß und in dem Augenblick kränkte, da ſolche ausweichende Antworten vorkamen, legte ſie doch zu viel Werth auf den Beſitz eines Lords — und beſonders eines Lords von einem hübſchen Aeußeren— um ſich mit ihm zu entzweien. Er ſpeiſ'te häufig bei ihr, verſäumte aber nicht ihr den menu durchſehen zu helfen, weil ſie durchaus nicht im Stande war, dieſes Geſchäft allein abzumachen. So gewann er täglich mehr Einfluß auf ſie, und ſie that nunmehr ſelten einen Schritt, oder entwarf faſt nie einen Plan ohne ihn zu Rathe zu ziehen. Dieſer tägliche Verkehr diente dazu, alle ihre Ei⸗ genheiten und Fehler zů enthüllen und förderte ſo wenig gute Eigenſchaften zu Tage, daß Lord Alexan⸗ der Beaulieu's Abneigung gegen ſie ſich eher ſtei⸗ gerte als verringerte. Ihre grobe Selbſtſucht, ihre ſchamloſe Nachſicht gegen ſich ſelbſt waren ihm ge⸗ rade ſo anſtößig und zuwider, als wenn er von ſolchen Mängeln ganz frei geweſen wäre, und ihre Gemeinheit betrachtete er als einen zureichenden Grund, wenn nicht als eine Entſchuldigung für jede Mißhandlung, die ihr ſpäter von ihm zu Theil werden könnte. Frau Maclaurin hätte alle die Fehler haben können die er an ihrem Charakter entdeckte, ja noch mehr, er würde doch nicht von dem Abſcheu ergriffen worden ſein den er jetzt ge⸗ gen ſie hegte, wenn ſie, gleich vielen ſeinen Freun⸗ 86 dinnen aus dem hohen Adel, im Stande geweſen wäre, dieſelben mit dem leichten Schleier der ge⸗ wöhnlichen feinen Lebensart und abgeſchliffenen Be⸗ tragens zu verhüllen. Daß ihr dieſe wohlerzoge⸗ nen Leuten eigenthümliche Eigenſchaft abging, das war ihm widerlich, nicht an den ihr anklebenden Fehlern ſelbſt ſtieß er ſich und glaubte, er ſtehe weit über ihr, weil ſeine Selbſtſucht nicht ſo offen hervortrat. Während Lord Alexander Beaulieu eines Tags in ſeinem Zimmer ſaß, ging die Thür deſſelben auf und zu ſeiner Ueberraſchung trat die femme de chambre der Frau Maeclaurin herein.„Ich wußte, daß Sie allein ſind, gnädiger Herr,“ ſagte ſie. „Schon manchen Tag habe ich darauf gewartet, Sie allein zu finden, denn ich habe ſehr, wahrhaf⸗ tig ſehr nöthig mit Ihnen zu ſprechen.“ „Das iſt mir eine Ehre, mein Fräulein— erlauben Sie,“ und der roué Lord ergriff die Hand der gefallſüchtigen Franzöſin und küßte ſie. „Laſſen Sie das, gnädiger Herr, laſſen Sie das. Ich komme nicht um mit Ihnen zu liebeln,“ erwiederte die femme de chambre und machte ſich von Lord Alexander los. Ich komme wegen des choses bien graves, nämlich um Ihnen zu ſagen, daß ich Ihre Abſicht kenne Madame zu heirathen; und wenn Sie mich dabei Etwas gewinnen laſſen, — . 87 ſo werden Sie dieſelbe auch wirklich kriegen. Sind wir ſicher? Kommt Niemand?“ „Treten Sie in dieſes Zimmer, Fräulein, dann will ich ſchellen und meinem Diener ſagen, daß ich für Niemand daheim bin.“ Fräulein Juſtine that wie man ihr geheißen, Lord Alexander entließ ſeinen Bedienten mit dem Befehl, alle Beſuche abzuweiſen und nahm ſein téte- atéte mit ihr wieder auf. „Madame iſt zu häßlich, zu dumm und gemein, gnädiger Herr, als daß Jemand comme il faut an eine Heirath mit ihr denken könnte, wenn es nicht wegen ih⸗ res Geldes wäre. Flle est une imbécille, eine Närrin in gewiſſen Sachen, und ich kann ſie zu Allem bringen, was ich will. Sie wird Sie heirathen, gnädiger Herr, wenn es mir ſo gefällt; finde ich es nicht für gut, ſo wird nichts daraus. Sie ſind zu aimable, zu hübſch, zu reizend, Juſtine,“ und wiederum verſuchte Lord Alexander die femme de chambre zu umarmen. Sie ſetzte ſich aber dagegen, ſtieß ihn beiſeite und fing wie⸗ der an— „Unterbrechen Sie mich nicht, gnädiger Herr; ich brauche keine Artigkeiten; ich wünſchte gleich zur Sache zu kommen. Wenn Sie Madame hei⸗ rathen wollen, müſſen Sie Juſtine zur Freundin haben.“ „Natürlich, meine ſchöne Juſtine. Wer würde 88 nicht ſtolz darauf ſein eine ſolche Freundin zu ha⸗ ben? Ich wünſche allerdings, Frau Maclaurin zu heirathen, und wenn Sie mir bei dieſer Sache behülflich ſein wollen, ſo werden Sie mich nicht undankbar erfinden. Au reste, die gnädige Frau zeigt ſich gar nicht abgeneigt, meiner Bewerbung Gehör zu geben. Es ſcheint ihr ſogar mehr daran zu liegen, daß ſie meine Frau wird als mir daran liegt ihr dieſen Titel zu geben.“ „Sie haben Recht, gnädiger Herr; ſie möchte gar zu gerne eine Lady werden, ſie hat die hohen Herren gerne, mais, wenn ich nicht mag, ſo weiß ich es ſchon zu machen, daß der Handel auf einmal abgebrochen wird.“ „Aber Sie könnten doch nicht ſo grauſam ſein, meine ſchöne Juſtine. Ach, wenn die gnädige Frau nur halb ſo hübſch wäre, wie Sie,“ und hiebei machte Lord Alexander ein Geſicht als wäre er galz hingeriſſen von Bewunderung.. „Davon handelt es ſich jetzt nicht, gnädiger Herr. Die Frage iſt, wie viel Geld Sie mir ge⸗ ben wollen, wenn ich die gnädige Frau dazu bringe Sie zu heirathen?“ „Sie werden finden daß ich die Freigebigkeit ſelbſt bin, meine ſchöne Juſtine. Wer würde nicht gegen ein ſo liebes, reizendes Geſchöpf großmüthig ſein? So bald ich verehelicht bin, geben ich Ihnen ſo viel Sie begehren.“ ——— 89 „Die Männer, gnädiger Herr, verſprechen den Frauenzimmern Alles, wenn ſie Etwas zu erlangen wünſchen, aber hernach vergeſſen ſie es.“ „Ich ſchwöre Ihnen.“ „Ich ſchlage einen Schwur nicht hoch an; ich brauche eine Verſchreibung— ja, eine parchewin Verſchreibung— unterſchrieben und geſiegelt, durch welche Sie ſich verbindlich machen, mir ein Jahr nach Ihrer Hochzeit mit Madame fünf tauſend Pfund zu zahlen. Die meiſten Frauenzimmer an meiner Stelle würden dreimal ſo viel verlangen, aber ich bin ſehr traitable und nehme mit Wenigem vorlieb.“ „Fünftauſend Pfund ſind viel Geld,“ erwie⸗ derte Lord Alerander mit ernſtem Geſicht.„Ich ſollte meinen, ſchöne Juſtine, fünf hundert zu for⸗ dern, wäre übrig genug geweſen. Ueberdieß, ma belle, kommt Frau Maclaurin hiebei auch in Be⸗ tracht. Ich glaube wahrhaftig, ihre Anhänglichkeit an mich iſt ſo groß, daß ſelbſt Ihr Einfluß,— und ich will ihn gerne für ſehr bedeutend anſchla⸗ gen— ſie nicht abhalten könnte ihrer Neigung zu folgen.“ „So, glauben Sie das, gnädiger Herr? Ha, ha, ha! Nous verrons— Sie werden ſchon ſehen. Sie kennen die gnädige Frau nicht ſo gut wie ich, mais vous verre?. Au reste ich muß fort; ich habe keine Zeit da zu ſtehen und zu handeln; aber 90 wenn es zu ſpät iſt, wird es Sie gereuen, mich nicht zu Ihrer Freundin gemacht zu haben, das iſt Alles, und damit leben Sie wohl!“ „Eilen Sie doch nicht ſo ſehr mit dem Fort⸗ gehen, reizende Juſtine. Sie ſind wahrhaftig ſo ſchön, daß ich an nichts als an Sie denken kann, ſo lange Sie da ſind,“ und Lord Alexander Beau⸗ lien verſuchte ihr den Arm um die Hüfte zu ſchlingen. „Nein, gnädiger Herr, ich will die Dummhei⸗ ten nicht. Sie ſagen wohl ich ſei ſo charmante, aber malgré tout cela, iſt es offenbar, daß Sie mehr daran denken wie Sie Geld erſparen können, als wie ich ausſehe. Fünftauſend Pfund zu zah⸗ len iſt nicht viel, wenn man jährlich zwanzigtauſend einnimmt. Und wenn ich nicht Ihre Freundin bin, ſo werden Sie ſehen, daß die gnädige Frau Sie niemals heirathet, wenn Sie ſchon un si joli gar- gon ſind.“ „Aber gibt es kein Mittel, Juſtine, um die Sache in Ordnung zu bringen, ohne uns ſo viel Mühe und die Sache ſo öffentlich zu machen, wie es der Fall ſein wird, wenn wir eine Verſchreibung aufſetzen laſſen?“ „Ja wohl gibt es ein ſolches und es iſt auch ſehr einfach; geben Sie mir die fünftauſend Pfund gleich, dann haben wir keine Handſchrift nöthig, kein parchemin.“ 91 „Das iſt unmöglich, Juſtine. Ich habe nicht ſo viel Geld.“ „„Comment donc, gnädiger Herr? Sie ein Lord anglais, von denen alle Welt ſagt, ſie ſeien ſo reich, Sie haben keine fünftauſend Pfund! Es freut mich, daß Sie mir das ſagen,— freut mich ſehr— denn jetzt bin ich im Reinen, wie kann ich meine pauvre maitresse einen Mann heirathen laſſen, der ſo arm iſt? Nein, das muß ich ihr zu wiſſen thun, daß Sie blos wegen ihres Geldes ſie nehmen wollen, und daß Sie es dann alles ver⸗ thun und ihr nichts übrig laſſen würden. Keine ſchöne Kleider und Diamanten mehr, werde ich ihr ſagen— keine köſtlichen déjeuͤners, diners, sou- pers et vins rares. Dann werden Sie ſehen, ſie erklärt Ihnen, daß aus der Verbindung nichts wer⸗ den kann.“ „Aber wenn ich ihr zeige, daß Sie aus Geld⸗ rückſichten handeln und mir entgegen ſind, weil ich Ihre Dienſte nicht um den übertriebenen Preis er⸗ kaufen mochte, welchen Sie fordern, dann wird Ihre Gebieterin, ma belle, ſich veranlaßt ſehen, Ihnen Ihren congé zu geben. Es thäte mir leid wenn dieſer Fall eintreten würde, denn es wäre mir ſehr angenehm, Juſtine, neben einer ſo gewöhnlichen Frau, als Madame ſie abgeben wird, ein ſo ſchö⸗ nes Mädchen, wie Sie, im Hauſe zu haben.“ „Aha! je vous voyais venir de loin, gnädiger 92 Herr. Aber daraus wird nichts, vous vous trom- peꝛ, gnädiger Herr. Ich ſage es Ihnen noch ein⸗ mal, Sie können mir keinen Schaden thun, aber ich kann Madame ſo gegen Sie einnehmen, daß ſie ſich, wenn ich will, in zwei Tagen keinen Steck⸗ nadelknopf mehr um Sie bekümmert. Nun habe ich Ihnen geſagt, was an der Sache iſt, länger kann ich nicht da bleiben, alſo bon jour!“ „Ich kann Ihnen nichts abſchlagen, charmante Juſtine; Sie machen mit mir gerade was Sie wollen, und ich habe nie in meinem Leben einem hübſchen Frauenzimmer widerſtehen können.“ „Und ich glaube, gnädiger Herr, Sie meinen, die hübſchen Frauenzimmer könnten Ihnen nicht widerſtehen?“ Dabei lachte Juſtine und blickte ſchelmiſch auf Lord Alexander Beaulieu. „Es verſteht ſich alſo,“ ſagte er in einiger Verlegenheit über das air moqueur mit dem ſie ihn betrachtete; daß ich jetzt, da ich in Ihre überſpann⸗ ten Bedingungen willige, auf Ihren Beiſtand, bei Ausführung meiner Abſichten auf Madame zählen kann.“ „Certainement, ſobald Sie die Verſchreibung unterzeichnet haben, gnädiger Herr, aber nicht früher. Ich habe einen Bekannten hier, einen ſehr geſcheiden Mann. Er wird ſie aufſetzen und Alles in's Reine bringen. En attendant, gnädiger Herr, ſage ich Ihnen nur noch, daß ich viel Freude an hübſchen Sachen an — 93 gäteaux und bonbons habe. On dit que les petits cadeaux entretiennent l'amitié, und ich glaube, das Sprichwort iſt wahr. Ich brauche jetzt nichts weiter zu ſagen, alſo leben Sie wohl, gnädiger Herr Die Sicherheit und Keckheit der Franzöſin über⸗ raſchte Lord Alexander Beaulieu für den Augenblick, und brachte ihn einigermaßen in Verlegenheit; aber er fand ſchnell ſeine Geiſtesgegenwart wieder, und da er es für paſſend hielt, ein zärtliches und arti⸗ ges Benehmen gegen die femme de chambre zu er⸗ künſteln, faßte er ihre Hand, drückte ſie und ſuchte ſie zu küſſen. „Nein, gnädiger Herr, nein, nein, laſſen Sie das; ich brauche Ihre Liebkoſungen nicht und laſſe ſie mir nicht gefallen. Behalten Sie dieſelben nur für Madame— ihr, der armen Frau mag etwas daran liegen, mir nicht.“ Damit machte ſich Ju⸗ ſtine von ſeiner Hand los und ſchlüpfte aus dem Gemach. Dabei unterließ ſie aber nicht ſich zu vergewiſſern, ob Niemand im Vorzimmer war der ihr Herausgehen hätte gewahr werden können. „Der Teufel hole die unverſchämte und liſtige Jezabel!“ ſagte er bei ſich ſelbſt.„Es liegt ein lauernder Teufel in ihrem Auge der mir ſagt, daß es unklug wäre ſie mir zur Feindin zu machen;z und das würde ſie ganz beſtimmt werden, wenn ich mich weigerte, auf ihre Forderungen einzugehen. 94 Fünftauſend Pfund! Welche Beutelſchneiderei! Wahrhaftig, das iſt das gewöhnliche Erbtheil, wel⸗ ches bei Heirathsverträgen den jüngeren Kindern aus dem hohen Adel ausgeworfen wird. Mancher Lord Heinrich, manche Lady Marie, die im Ueber⸗ fluß aufgewachſen, und als Kind von aller Pracht und allem Glanz umgeben geweſen ſind, haben nicht mehr um davon zu leben, und dieſe Nadelauf⸗ ſteckerin, dieſe Erbin von abgelegtem Staat will ſich für ihre Dienſte mit nicht weniger begnügen. Und ſie befördert dafür nicht einmal meine Heirath mit ihrer verhaßten Gebieterin, ſondern miſcht ſich blos nicht ein ſie zu hintertreiben. Meine Verbin⸗ dung mit dieſem Weibe iſt eine bittere Pille und ſchwer hinunter zu bringen, wie gut vergoldet ſie auch ſein mag. Nie iſt mir doch ein ſolches Ge⸗ ſchöpf vorgekommen. Aber ich darf nicht an ſie denken, denn je länger ich das thue, deſto weniger finde ich Muth in mir, um die widerliche Heirath durchzuführen. Und doch, wenn ſie nicht vor ſich geht, bleibt mir kein Heller Geld. Ich muß zu ihr gehen und ſo gut ich kann, all' die bélises und Gemeinheiten ertragen die ſie beſtändig und unfehl⸗ bar vorbringt.“ „Es freut mich recht ſehr daß Sie kommen,“ ſagte Frau Maelaurin, als Lord Alexander Beau⸗ lieu in ihren salon trat.„Sehen Sie einmal. Endlich habe ich doch Gelegenheit in anſtändige 95 Geſellſchaft zu kommen. Ich bin ſo froh darüber. Hier iſt die Karte.“ Dabei bot ſie eine ſolche Lord Alerander'n hin, der ſie nicht eben mit beſonderem Vergnügen überlas.„Nun, wahrhaſtig, Mylord, ſollte man nicht Ihrem langen Geſichte nach mei⸗ nen, Sie bedauern es, ſtatt ſich zu freuen, daß ich zu dieſem Ball eingeladen bin. Frau Bernard ſagt es gebe einen Maskenball, und ich bin außerordent⸗ lich für Mummereien eingenommen. Ich habe deren zwei öffentliche im Opernhauſe zu London beſucht, und es war dabei ein ſolch' Gedränge, daß man ſich kaum rühren konnte. Es kam zu luſtig heraus, wie da Alles mit einander redete und Keines das Geringſte davon wußte wer das Andere wäre. Daran finde ich Vergnügen; keine Umſtände,— nichts als Spaß und Luſtigkeit. Freilich wurden alle Männer nach dem Nachteſſen betrunken und ſtießen mich hin und her und das ängſtigte mich nicht wenig.“ Lord Alexander fuhr mit Abſcheu zurück bei dem Gedanken, daß ſeine zukünftige Gemahlin auf einem hal masqué in der Oper eine Rolle geſpielt; auch verriethen ſeine Züge einen Theil ſeines Wi⸗ derwillens dagegen. „Gefallen Ihnen die Maskeraden nicht?“ fragte die Lady. „Nicht beſonders, und am wenigſten die, zu welchen Jedermann Zutritt hat.“ ————— 96 „Wie ſonderbar! Was müſſen Sie für ein wunderlicher Kauz ſein! Nun, ich meines Theils habe ſie ſehr gerne. Sie hätten mich auf dieſen Bällen ſehen ſollen. Auf einem davon war ich als Sultan.“ „Als Sultanin, Madame,“ warf Frau Bernard furchtſam dazwiſchen. „Nun, Sultan oder Sultanin, ich möchte wiſ⸗ ſen ob da ein Unterſchied iſt, das iſt ganz einerlei; denn beide tragen ſchöne Kleider und weite Hoſen mit Flittern beſetzt und Juwelen; ja, und einen Dolch im Gürtel.“ Lord Alexander fand es ſchwierig, ernſthaft zu bleiben, und Frau Bernard ſah aus, als fühlte ſie ſich recht unglücklich, während Frau Maclaurin in dieſer Weiſe ihre Unwiſſenheit zur Schau ſtellte. „Auf der zweiten Maskerade erſchien ich als die Königin von Saba.“ „Als die Königin von Saba!“ wiederholte Lord Alexander ganz verblüfft. „Ja, als die Königin von Saba, denn das verſchaffte mir Gelegenheit alle meine Diamanten zu tragen und ich verſichere Sie, kein Frauenzim⸗ mer, die dabei war, mochte ſie noch ſo vornehMm ſein, hatte auch nur den vierten Theil ſo viel als ich. Die Leute thaten nichts als mich voll Ver⸗ wunderung anſtarren. Es hieß, ich wäre die Dia⸗ manten(— Eckſtein—) Königin und eine Hauptkarte — war das nicht ein hübſches Compliment?“ „Aber ich hoffe, Sie haben nicht im Ernſt die Abſicht, auf dieſen hal costumé zu gehen.“ „Wie ſagen Sie? Ein Ball koſte mich einen Mund voll?“*) „Ja, einen hal costumé!“ „Hören Sie nur, Frau Bernard, denken Sie einmal, ein Ball koſte mich einen Mund voll. Was ein wunderlicher Name— ha, ha, ha! das bringt mich zum Lachen, mag ich wollen oder nicht. Wa⸗ rum aber hoffen Sie, ich werde nicht hingehen Was iſt dagegen einzuwenden? Bin ich hier nicht immer eingeſperrt geweſen wie eine Gefangene und habe ich nicht meine Juwelen ſtets blos vor Ihnen getragen? Und jetzt iſt eine Gelegenheit da ſie alle anzulegen und die Landeskinder in Verwunderung zu ſetzen, wie man in England ſagt, oder doch we⸗ nigſtens die ganze Geſellſchaft, die dahin kommt?“ „Es thut mir leid daß Sie ſo feſt darauf be⸗ ſtehen, dieſen hal zu beſuchen. Er wird gar nicht ausgezeichnet werden; und da Sie in Rom keine Bekanntſchaften haben, ſo finden Sie, wie ich fürchte, wenig Annehmlichkeiten dabei.“ *) Wieder ein Wortſpiel mit costumé und cost chew me, was Gekautes, ein Mundvoll heißt. Ueberſ. Strathern I. 7 98 Aber wäre das nicht eine vorzügliche Gelegen⸗ heit, eine Menge von Bekanntſchaften zu machen? Kann ich da nicht mit Jedermann reden den ich treffe, wie ich es bei den Maskeraden im Opern⸗ hauſe zu London gemacht habe?“ „Ein ſolches Benehmen würde man an einer Lady nicht für ſchicklich halten.“ „Ach, gehen Sie doch mit der Schicklichkeit! Wenn eine Frau ſo viel Vermögen hat wie ich, ſo braucht ſie ſich nicht ſo viel um den Anſtand zu kümmern. Und was thut es denn wenn ich mich luſtig mache? Ich habe ja nicht im Sinn, Je⸗ mand etwas Unartiges zu ſagen. Und wenn die Leute meine Juwelen ſehen, ſo werden ſie ſchon errathen, daß blos eine reiche Frau wie ich, ſolche Steine aufbringen kann, und dann wird es ihnen nur angenehm ſein meine Bekanntſchaft zu machen. Ueberdies gehen Sie ja mit mir und an Ihrem Arme habe ich nichts zu befahren.“ Lord Alexander Beaulien wechſelte bei dieſem Vorſchlag ſeine ganze Farbe. Was, er ſollte ſich öffentlich mit dieſem gemeinen Weibe ſehen laſſen, die ſich gewiß zur Auffallendſten unter allen An⸗ weſenden machte. Schon der Gedanke daran machte ihn ſchaudern; da er aber für den Augenblick nicht wußte wie er ſich ausreden ſollte und entſchloſſen war ſich aus der Klemme zu ziehen wenn es Zeit dazu wäre, ſo machte er blos eine Verbeugung und 99 ſagte,„ich werde gewiß ſtolz und glücklich ſein, Sie hinzuführen.“ „Nun, das iſt brav von Ihnenz es freut mich recht, daß Sie keine Einwendungen mehr erheben. Wiſſen Sie, Mylord, daß ich das wunderlichſte Ge⸗ ſchöpf von der Welt bin? Ich kann's nicht lei⸗ den, wenn man mich nicht bei Allem meinem eige⸗ nen Kopf folgen läßt; thut man das aber— und ich ſorge ſtets dafür daß es geſchieht— ſo mag meinetwegen Jedermann machen was ihm beliebt. Das iſt mein Grundſatz, und ich denke, es kann Niemand was dagegen haben. Frau Bernard, gehen Sie und fragen Sie Juſtine nach dem Käſt⸗ chen, das ich dieſen Morgen beſehen habe, das kleine Käſtchen meine ich.“ Als Frau Bernard weggegangen war, nahm Frau Maelaurin ihr gewinnendſtes Lächeln an und ſagte, zu Lord Alerander Beaulieu gewendet,„ich habe ſie weggeſchickt um ein artiges Geſchenk zu holen, das ich Ihnen machen will; es iſt eine große Diamantnadel und ſie wird ſich an Ihrem Hals⸗ tuch gut ausnehmen.“ Einen Angenblick lang zog etwas von den Empfindungen eines Gentleman durch des Lords Seele und jagte ihm das Blut in die Wangen. Stotternd erklärte er, daß er eine ſo werthvolle Gabe nicht annehmen könne, und erinnerte ſie daran, 7* —— 100 daß er nur ganz einfache und wenig koſtbare Hemd⸗ nadeln trage. „Deſto mehr iſt es Schade. Gewiß, ſeitdem ich Sie zum erſtenmale geſehen, habe ich immer gedacht, wie viel prächtiger und zierlicher Sie ſich ausnehmen würden, wenn Sie einen großen Dia⸗ mant trügen ſtatt der kleinen, einfachen und unbe⸗ deutenden Perle, die nicht größer iſt als eine junge Erbſe. Sie müſſen mein Geſchenk annehmen, denn wenn Sie es nicht thun, ſo würde ich denken, Sie haben mich nicht lieb.“ „Es gibt nur ein Geſchenk, theure Frau Ma⸗ claurin, nach dem ich trachte und was würde ich nicht darum geben es zu erlangen?“ Was kann das um's Himmels willen ſein? Sagen Sie es mir!“ „Ihre Hand, Ihre werthe Perſon, reizendſte aller Frauen.“ Und Lord Alexander Beaulien beugte ein Knie auf dem tabouret und ergriff die Lady bei der Hand. „So, nun, ſprechen Sie im Ernſt?“ „Nie in meinem Leben war ich ernſthafter. Ich habe Sie geliebt vom erſten Augenblick an, da ich Ihr ſchönes Antlitz erblickte und darnach geſeufzt, mich Ihnen zu Füßen zu legen. Sagen Sie, darf ich hoffen, daß—“ „Hoffen! deſſen dürfen Sie gewiß ſein, warum denn nicht? Dagegen iſt auf der Welt nichts ein⸗ 101 zuwenden. Sind Sie nicht ein Lord, und von gu⸗ tem, ſchönem Außeren obendrein, und was kann eine vernünftige Frau denn noch weiter verlangen?“ „Sie wollen alſo die Meinige werden?“ „Gewiß und wahrhaftig will ich das, ſo wahr ich Mol— d. h. Marie Maelaurin heiße. Ich beſitze meine zehntauſend im Jahr— bin keinen Kreuzer ſchuldig— habe eine Menge Juwelen— und bin meine eigene Herrin.“ „Sprechen Sie doch nicht von Geld, theuerſte der Frauen. Es iſt in meinen Augen und im Vergleich mit Ihnen nichts als Kehricht.“ „Wir dürfen es darum doch nicht vepgchten, denn ich weiß wie wohl es Einem kommt uld wie erbärmlich die Beſten von uns ohne daſſelbe ſich ausnehmen.“ „Aber wenn darf ich hoffen Sie die meinige zu nennen,— mit dieſer lieben Hand beglückt zu werden?“ Und wiederum drückte er ſie an die Bruſt; zum Unglück trat aber in dieſem Angenblick Frau Bernard mit dem ſaffianenen Käſtchen in der Hand in's Zimmer. Und wie ſie ſah, daß Lord Alexander Beaulien eben im Begriff ſtand Frau Maclaurin zu umarmen, kehrte ſie augenblicklich wieder um und lief zur Thüre hinaus. „Rufen Sie ihr, rufen Sie ihr!“ rief Frau Maclaurin. 102 „Und warum das, theuerſte der Frauen?“ er⸗ wiederte Lord Alexander. „Ach, ſie wird ſich alle möglichen, argen Sa⸗ chen einbilden— gewiß, das wird ſie, denn Sie wiſſen nicht, wie ſchlau, liſtig und falſch die dames de compagnie ſind.“ „Sie kann blos denken was wahr iſt, nämlich daß ich in Sie verliebt bin und daß Sie mich nicht gerade haſſen. Das iſt doch gewiß kein Ver⸗ brechen?“ „Nun, freilich nicht; wenn ſie wüßte, was vor⸗ gegangen iſt, ſei darum geſchehen, weil Sie um mich angehalten und weil ich Sie nicht abgewieſen habe. Aber ehe ſie dieſen Umſtand kennt, muß ſie, wie jede ehrbare Frau, glauben, daß es von mir ſehr unrecht war mich von Ihnen küſſen zu laſſen.“ Zur Ueberraſchung ihres künftigen Herrn ſah Frau Maclaurin dabei ſo verlegen und ängſtlich aus als wäre ſie ſtatt eines rohen und gemeinen ein ſittſames und feinfühlendes Weib. „Ich hätte nicht geglaubt, daß Sie ſo ſpröde wären, meine reizende Freundin,“ bemerkte Lord Alexander. „Sie werden doch das nicht für Sprödigkeit halten, wenn ich mich zu todt ſchäme,“— und die tiefe Röthe, welche ihre Wangen überdeckte und „ ihr bis an die Stirne hinaufſtieg, bewies deutlicher 103 als Worte ſolches vermocht hätten, daß das na⸗ türliche Gefühl weiblicher Sittſamkeit, welches allen ihren Landsmänninen aus allen Ständen eigen iſt, noch nicht aus dem rohen Gemüthe der gemei⸗ nen Irländerin entwichen war—„weil man mich überraſcht hat, während ein Mann, der nicht mein Gemahl iſt, ſeine Arme um meine Hüfte geſchlun⸗ gen hielt und mir ſeine Lippen auf die Wangen drückte.“ „Wie ſeltſam!“ rief Lord Alexander Beaulien. „Was iſt ſeltſam?“ fragte Frau Maclaurin. „Daß Sie, mein ſüßes Leben, ſich weder fürch⸗ ten noch ſcheuen, ſich auf öffentliche Maskeraden im Opernhauſe, unter die Verſunkenſten Ihres und die Verächtlichſten meines Geſchlechts zu wagen, während Sie doch ſich daran ſtoßen und in Ver⸗ legenheit gerathen, wenn Ihre dame de compagnie gerade dazu kommt, während ich Sie in den Ar⸗ men halte.“ „Von Ihnen iſt es ſonderbar, Mylord, daß Sie den Unterſchied nicht bemerken. Ich ſehe nichts Unrechtes daran, wenn ich mich ſo gut un⸗ terhalte als ich kann. Wenn anſtändige Leute meine Bekanntſchaft nicht machen wollen— und ſie ſollten ſich ſchämen daß ſie das verſchmähen, da ich doch nie etwas meinem Ruf Nachtheiliges mir habe zu Schulden kommen laſſen— ſo muß ich doch irgendwo hingehen um mich etwas zu er⸗ 104 heitern. Ich habe nicht gewußt, daß alle Leute auf den Maskeraden ſchlimmer ſind als ſie ſein ſollten; aber das weiß ich, und das hat man mich von Kindheit auf gelehrt, daß ein ehrbares Frauen⸗ zimmer ſich von keinem Mann, außer von ihrem Vater oder Bruder küſſen laſſen darf, bis ſie ver⸗ heirathet iſt; und darum müſſen Sie ſich dieſe Frei⸗ heit nie wieder nehmen, ehe die Hochzeit vorüber iſt. Jetzt muß ich der Frau Bernard gleich ſagen, daß wir verſprochen ſind. Nun, es wird mir ganz wohl ſein wenn ich einen Mann habe und keine dame de compagnie mehr brauche. Ich glaubte die würden immer bereit ſtehen Einen zu unterhal⸗ ten, Einen lachen zu machen wenn man gerade nicht bei Laune wäre, kurzum, Einen nie verdrieß⸗ lich oder traurig werden zu laſſen. Aber das iſt durchaus nicht der Fall. Die Thüren und Fenſter auf⸗ und zumachen, das Feuer ſchüren, Einem das Sacktuch aufheben und etwas von einem Zimmer in's andere holen, das kann jeder Page eben ſo gut verſehen, und der würde ſich in einem ſchönen Anzug weit zierlicher ausnehmen als eine der alten ſpöttiſchen dames de compagnie. Wie hübſch wäre es, wenn ich einen kleinen ſchwarzen Pagen hätte mit einem weißen Turban und Diamant⸗Ohrringen — nicht wahr?“ „Prächtig! Aber Sie müſſen jetzt an ernſt⸗ M 105 haftere Sachen denken. Wann darf ich hoffen, Sie die meinige zu nennen?“ „Sie müſſen nicht ſo eilig damit ſein.“ „Wer würde nicht ſchnell machen, um ſich in den Beſitz eines ſolchen Kleinods zu ſetzen, wie Sie?“ „Müſſen Sie nicht erſt Ihre Angehörigen um Ihre Zuſtimmung bitten?“ „Mein Vater iſt todt und meine Mutter, eine liebe, ſanfte Frau, wird freundlich aufnehmen, wen ich ihr als meine Gemahlin vorſtelle. Meines Bruders Einwilligung brauche ich nicht erſt einzu⸗ holen, und er wird, davon bin ich überzeugt, er⸗ freut ſein, wenn ich eine ſo angenehme Perſon, wie Sie, heimführe.“ „Iſt Ihr Bruder verheirathet?“ „Nein, und er wird es wohl nie ſein.“ „Er iſt ein Marquis, nicht wahr?“ „Ja.“ „Dann werden Sie alſo Marquis, wenn er ſtirbt?“ „Gewiß; und Sie, meine reizende Geliebte, was werden Sie für eine ſchöne Marquiſe ab⸗ geben?“ „Wer weiß? Das Leben iſt unbeſtändig. Heute roth, morgen todt. Wir werden abgemäht wie Gras, und alles Geld und alle Diamanten können uns nicht retten, wenn der Tod einmal kommt. An all' das habe ich gedacht, wie ich den armen Herrn Maclaurin in ſeinen letzten Stunden be⸗ trachtete. Da lag er wie eine abgeblühte und welke Blume mit ſeiner rothſeidnen Nachtkappe und ſeinem bleichen Geſicht. Er beſaß tauſend und aber tauſend Pfund, und doch nahm ihn der Tod gerade ſo leicht weg, als hätte er nicht eine Guinee gehabt. Manchmal fällt mir All' das ein, wenn ich zwiſchen Schlaf und Wachen bin, und ſein armes, altes, eingefallenes Geſicht tritt mir vor die Augen.“ „Sie müſſen nicht bei ſolchen ſchmerzlichen Ge⸗ danken verweilen. Sie werden wahrhaftig ganz gerührt, meine ſüße Freundin.“ „Nun, ſo ſchellen Sie der Frau Bernard.“ Als dieſe hereinkam, redete ſie Frau Maclaurin folgendermaßen an: —„Sie müſſen nicht glauben, Frau Bernard, daß zwiſchen meinem Lord und mir etwas Unrechtes vorgegangen iſt. Wir werden uns nächſtens ver⸗ heirathen und dann bedarf ich Ihrer nicht mehr, da Se. Herrlichkeit hinreichen wird, mir Geſell⸗ ſchaft zu leiſten.“ Die arme Frau Bernard verbeugte ſich, redete aber nichts, und ſogar der ſelbſtſüchtige Lord Aleran⸗ der Beaulieu, der ſonſt gar nicht gewöhnt war, viel auf die Empfindungen Anderer Acht zu geben, ward für einen Augenblick von Mitleid ergriffen, 107 da er gewahrte, wie plötzlich ihre Wangen erblaß⸗ ten, als ihr ſo unerwartet eröffnet wurde, daß ſie aus ihrem Brod vertrieben werden ſollte. „Geben Sie mir das Käſtchen, nach welchem ich Sie geſchickt habe,“ ſagte Frau Maclaurin. Dann machte ſie es auf, zog eine prächtige Dia⸗ mantnadel heraus und überreichte ſie Lord Alexan⸗ der Beaulieu.„Tragen Sie das mir zu Liebe und trennen Sie ſich ja niemals davon. Ich wollte, es ſtänden ein paar Zeilen darauf; etwa Erblickſt Du dies, Mein nicht vergiß!“ Lord Alexander war verlegen über das koſtbare Geſchenk, und ob es ihm ſchon in Gegenwart der Frau Bernard überreicht wurde, ſo erlangte er doch ſeine Faſſung nicht gleich wieder. So wenig er ſich auch durch Zartgefühl auszeichnete, röthete doch ein Ueberreſt der fierlé des edeln Blutes ſeine Wangen, und der Mann, der kein Bedenken ge⸗ tragen, ſeine Freunde bei Wetten zu betrügen und ihnen ſchlechte Pferde zu verkaufen, während er doch die Beſchaffenheit derſelben wohl kannte, ja er, der die Frau vor ihm verabſcheute und ohne einen Vorwurf ſeines Gewiſſens oder Schaam allerlei Ränke ſchmiedete, um ſie zu heirathen und ſich ihres Vermögens zu bemächtigen, der fühlte ſich verlegen beim Empfang des Geſchenks. 108 „Geben Sie mir einen halben Schilling,“ ſagte Frau Maclaurin und ſtreckte die Hand aus.„Sie wiſſen, daß es heißt, es bringe Unglück, ein Ge⸗ ſchenk mit einer Spitze zu machen oder zu nehmen, wenn der Empfänger deſſelben nicht ein kleines Geldſtück dafür zurückgebe.“ „Ich kann Ihnen nur eine römiſche Münze an⸗ bieten, denn es wäre ſchwer, einen halben Schilling in Rom aufzutreiben.“ Dabei zog Lord Alexander einen kleinen Silber⸗Paolo aus der Weſtentaſche. „Wir haben nun,“ fing die Lady wieder an, „die wichtigeren Geſchäfte abgethan und in Bezug auf unſere Verheirathung Alles beredet. Jetzt müſſen Sie mir ſagen, in welchem Anzug ich am Beſten zu dem Maskenball gehen kann. Ich habe ſchon daran gedacht, wenn Sie als der berühmte Brian Borough, der große König von Irland hin⸗ gingen, und ich als ſeine Gemahlin, ſo würde ſich das recht hübſch ausnehmen.“ „Ich muß es beſtimmt ablehnen, eine Charakter⸗ maske dabei zu tragen. Man betrachtet es als höchſt unanſtändig, wenn Männer von Stand das thun, und ob ich gleich ſehnlichſt wünſche, Alles zu thun, was Sie begehren, ſo iſt doch das rein un⸗ möglich.“ Frau Maclaurin fühlte ſich unangenehm berührt durch das Fehlſchlagen ihrer Erwartung und man 109 ſah ihr das auch an, aber ihre Ehrfurcht vor einem Lord hielt ſie ab, ihrer Unluſt darüber Worte zu geben und ſie unterwarf ſich ſeiner Entſcheidung noch mit ziemlicher Freundlichkeit. „Aber Sie werden doch mit mir auf die Mas⸗ kerade gehen, nicht wahr?“ ſagte ſie und nahm dabei die Miene an, welche ihr als die anmuthigſte und gewinnendſte erſchien, die aber ihrem Verlob⸗ ten vorkam, als wäre es ihre häßlichſte. Denn wenn ein ſo nichtsſagendes Geſicht ſich zu einem gewinnenden Lächeln zwang, ſo wurde es dadurch nach ſeiner Anſicht nur noch widerwärtiger. „Ja, ich werde Sie begleiten, obgleich ich das bei Ihrer beſonderen Sellung kaum für klug halte,“ ſagte Lord Alexander Beaulien mit ernſtem Geſicht. „Meine beſondere Stellung,“ wiederholte die Lady.„Was iſt denn Beſonderes an meiner Stel⸗ lung, außer daß ich mehr Geld habe als andere Wittwen?“ „Sie ſind hier ganz fremd— ohne allen Schutz und ohne weibliche Bekannte— ſind jung und ſchön.“ (Es dauerte einige Zeit, bis er das letzte Wort herausbringen konnte, ſo ſehr war er ſich der Un⸗ wahrheit bewußt, die es enthielt.)„Wenn man einen jungen Mann Sie begleiten ſehen würde, ſo kämen tauſend üble und Ihnen nachtheilige Gerüchte in Umlauf. Dieſe könnten nach unſerer Verhei⸗ rathung die Folge haben, daß Sie keinen Zutritt 110 in die Kreiſe erhielten, in welchen Sie als meine Frau, als Lady Alexander Beaulieu ein Recht ha⸗ ben, zu erſcheinen. Aus dieſem Grunde habe ich mir ſelber das Vergnügen verſagt, Sie in Rom überall hin zu begleiten, und darum habe ich mich Ihrem Wunſche widerſetzt, Ihnen einige von mei⸗ nen Freunden vorzuſtellen. Sind wir einmal ver⸗ ehelicht, ſo ſollen Sie in die beſte Geſellſchaft ge⸗ bracht werden; ehe aber dieſer glückliche Fall ein⸗ getreten iſt, muß mich die Sorge für Ihren Ruf abhalten, mich mit Ihnen öffentlich zu zeigen.“ „Aha, jetzt iſt die Sache heraus. Ich kann mir jetzt Alles klar machen. Ich habe mich ſchon lange abgequält, herauszubringen, warum Sie ſo angſtlich vermeiden, mit mir irgend wohin zu gehen; und die Wahrheit zu ſagen, ich hegte den Verdacht, weil ich keinen Titel habe, deßwegen wollten Sie ſich nicht mit mir ſehen laſſen.“ „Unſere Heirath wird jedes Hinderniß beſeitigen, welches jetzt Ihrer glänzenden Aufnahme in die höchſten Kreiſe im Wege ſteht— die Majeſtät ſelbſt wird Ihnen zulächeln.“ „O wie ſchön! Und was werde ich für ein Hofkleid tragen! Alle Juwelen in der Welt will ich anlegen, die ich habe.“ „Wollen Sie es vielleicht aufgeben, die Mas⸗ kerade zu beſuchen?“ „ Ihnen ſagen, was ich im „Nein, aber ich wi 111 Sinn habe. Ich gehe als die Königin von Schott⸗ land hin, weil ich als Königin ſo viele Diamanten tragen kann als mir beliebt, und Sie bleiben in meiner Nähe, ohne daß wir gerade merken laſſen, daß Sie zu mir gehören. Iſt das nicht ein treff⸗ licher Plan?“ Froh, ſie nicht begleiten zu müſſen und ſehr zufrieden mit den Fortſchritten, die er zu Erreichung feiner Heirathsabſichten gemacht, erhob Lord Alexan⸗ der Beaulieu weiter keine Einwendungen gegen den letzteren Vorſchlag und verließ Frau Maclaurin in hoher Freude über die Ausſicht, bald eine Lady zu werden. Neunzehntes Kapitel. Ach Herzen, ſonſt ſo treu und zart und warm, Die leben unter Leiden und beklagen, Daß eine Stunde einſtens voller Harm Den ſchlimmen Argwohn in ihr Herz getragen, Daß der der Liebe Zuverſicht geſtört Und ihnen flüſternd Fehler eingegeben. Sie wünſchen ſehnlicd, aber unerhört Im alten Frieden mit ſich ſelbſt zu leben. Nie hatte die ſchöne Louiſe ihr Kiſſen mit ſo viel Kummer aufgeſucht, nie hatten ſo viel Zweifel ihr Herz geſoltert, als in der Nacht nach ihrer 112 Rückkehr von dem pal costumé. Das waren ganz neue Gäſte in ihrer Bruſt und dieſer, ihr erſter Beſuch, ließ ſie mehr als je die Macht des kleinen, geflügelten Gottes empfinden, der bis jetzt nur einen beglückenden Einfluß auf ſie gehabt hatte. Frau Sydney befragte ſie um die Urſache ihres veränderten Ausſehens und Betragens, da Louiſe aber die Ausrede von Kopfweh— zu der man ſo oft die Zuflucht nimmt, um Herzweh zu beſchönigen — vorbrachte, zweifelte ſie nicht an der Wahrheit der Angabe; ſie glaubte, die nächtliche Ruhe würde ihrer Tochter das gewöhnliche Befinden wiedergeben und hieß ſie dieſelbe aufſuchen, indem ſie ihr einen mütterlichen Kuß auf die Stirne drückte. Einen Augenblick fühlte ſich Louiſe verſucht, ſich an den Buſen der Mutter zu werfen und Alles zu geſtehen, was ihr die Seele aufregte, aber der Stolz— dieſe ſchlimme Leidenſchaft, welche über ihre Opfer ſo große Gewalt übt— hielt dieſen Drang zurück und verſchſoß ihr die Lippen. Als ſie aber hinter ihrer Mutter die Thüre zugehen hörte, lauſchte ſie den ſich entfernenden Tritten und bedauerte, daß ſie jener nicht die Urſache ihres Kummers mitgetheilt hatte. „Was fehlt meinem Liebling, Fräulein Syd⸗ ney?“ fragte die Amme Murray; denn dieſe Be⸗ nennung gab die alte und getrene Dienerin der jungen Lady. — 8 8 8*—* 113 „Blos Kopfweh, gute Murray. Aber warum willſt Du denn durchaus bei mir aufbleiben? Du weißt, ich kann das nicht leiden, denn in Deinem Alter ſollteſt Du ſchon lange im Bett ſein.“ „Es iſt für nichts, in's Bett zu gehen, Kind, wenn man nicht ſchlafen kann, und das iſt mir nicht möglich, bis ich Ihren lieben Kopf auf dem Kiſſen liegen ſehe. Ich habe Ihnen lait de poule gemacht, ein friſch gelegtes Ei dazu aufgetrieben und ſie mit ganz ſüßer Milch angemacht. Da Ihnen das liebe Köpfchen wehe thut, ſo will ich einen Löffel voll Orangenblüthe dazu thun, das wird Ihnen recht gut bekommen und den Schmerz ſtillen.“ „Heute Nacht nicht, gute Murray. Ich kann heute Nacht nichts nehmen.“ Louiſens Stimme zitterte einigermaßen und ſie machte eine etwas ungeduldige Bewegung, als ſie die ihr dargebotene Taſſe bei Seite ſchob; das be⸗ wies der alten Amme, daß es nicht das Kopfweh allein war, welches die beiden ungewöhnlichen Er⸗ ſcheinungen hervorrief. „Sie werden doch ihrer armen, alten Murray das nicht zu Leide thun, Fräulein Sydney, und ausſchlagen, was ſie mit ſo viel Sorgfalt für ſie zubereitet hat?“ ſagte die Amme im ſanſteſten Schmeicheltone. „Gewiß Murray, ich— ich kann nichts hinunter⸗ Strathern U. 8 114 bringen.“ Hier unterbrach ein heißer Thränenſtrom den Satz. „Lieber Gott im Himmel, was haben Sie, was können Sie haben, Liebling meiner Seele? Ich habe Sie noch nie ſo weinen geſehen. Ach, ſagen Sie doch Ihrer armen, alten Murray, was geſchehen iſt und was Sie zu Thränen bewegt?“ Damit fing die Amme ſelber an zu flennen, ſo ſehr nahe ging ihr der Kummer ihrer jungen Ge⸗ bieterin. „Nichts— es wird mir ſchon nach und nach beſſer werden— ich bin müde“— und Louiſe be⸗ gann ſich mit dem Beiſtand der Murray auszu⸗ ziehen. „Es war einmal eine Zeit, liebes Kind,“ ſprach die Matrone,„da hielten Sie keinen Kummer, kein Geheimniß vor mir verborgen, aber jetzt—“ und die Amme weinte auf's Neue. „Es iſt recht einfältig, und meine Mutter würde mich ſchelten, daß ich einem ſolchen Vorfall auch nur die mindeſte Beachtung ſchenke, aber heute Nacht, auf dem Ball, folgte mir eine als Zauberer verkleidete Geſtalt durch die Gemächer und drängte ſich ſo nahe an mich, daß ich ſein Flüſtern hören konnte, wenn es ſchon für Andere nicht vernehmbar war. Er warnte mich ſehr nachdrücklich, aber in geheimnißvollen Ausdrücken, mich vor dem zu hüten, dem ich am meiſten traue, denn dieſer ſuche blos 115 mit meinem Reichthum die Verluſte zu decken, welche ihm für ſein eigenes Vermögen durch ſeine leicht⸗ ſinnige Verſchwendung und dadurch erwachſen ſeien, daß er ſich in'sgeheim einem liederlichen Leben hin⸗ gebe. Ich hätte gegen dieſe Einflüſterung— dieſe niederträchtige Verläumdung, denn ich bin überzeugt, daß es eine ſolche iſt, taub ſein ſollen— und bin unzufrieden mit mir ſelbſt, weil ich auch nur den geringſten Eindruck dadurch habe auf mich machen laſſen.“ „Ach, ach, liebes Kind, Niemand weiß, was für ihn am Beſten iſt. Wer kann ſagen, ob die Vorſehung Ihnen nicht dieſe Warnung hat zukom⸗ men laſſen, um Ihnen Zeit zum Nachdenken zu verſchaffen— damit Sie mit Herrn Strathern beſſer bekannt werden? Der Himmel verhüte, daß ich ein Wort gegen ihn ſagte oder auch nur einen Zweifel darüber hegte, er ſei nicht, wie ich es hoffe, einer der würdigſten Männer in der ganzen Welt, aber eine Warnung— komme ſie, woher ſie wolle— ſollte man nie unbeachtet laſſen.“ „Allerdings, Murray, in gewiſſen Fällen, aber dies iſt keiner von ihnen; und da ſie noch überdies von irgend einem nichtswürdigen Verläumder her⸗ rührt, der ſich hinter einer Maske verſteckt, ſollte ſie nicht blos unberückſichtigt bleiben, ſondern mit Verachtung behandelt werden. Herrn Strathern's Charakter wird mit Recht ſo hoch geſtellt, daß die, 116 welche ihn kennen, und beſonders ich, die er zu ſeiner Frau erkoren hat, um jede namenloſe Ver⸗ läumdung, welche gegen ihn ausgeſprochen wird, nicht das Geringſte bekümmern ſollten.“ Aller Edelmuth im Weſen des Fräuleins Sydney wurde durch die weltkluge Anſicht der Frau Murray von der erhaltenen Warnung zur Thätigkeit aufge⸗ regt, und ihre eigenen Zweifel verſchwanden für den Augenblick vor dem Unwillen darüber, daß Andere ebenfalls dergleichen hegen könnten. Die Amme Murray war mit dem Charakter ihrer Pfleg⸗ befohlenen, die ſie von Kindheit auf nie aus den Augen verloren hatte, zu vertraut, um nicht als⸗ bald gewahr zu werden, daß ſie auf gefährlichem Boden ſtehe, wenn ſie es verſuche, ihr junges Fräulein in dem neuerlich erwachten Argwohn zu beſtärken. Daher bemerkte ſie mit Schlauheit:„Sie haben ganz Recht, liebes Kind, wenn Sie nichts Nachtheiliges von Herrn Strathern glauben— und das wollte ich eben noch ſagen, wenn Sie mir er⸗ laubt hätten, fortzufahren— aber man kann nach⸗ denken und ſich Zeit nehmen und den Charakter wie das Betragen eines Mannes aufmerkſam be⸗ trachten, von dem einmal Eines Lebensglück abhän⸗ gen ſoll. Da braucht man nicht gerade etwas Nachtheiliges von ihm zu glauben. Findet man, daß er aus ſolcher Prüfung rein und fehlerfrei hervor⸗ geht, ſo verdient er, daß man ihn noch höher 12 ſchätzt und es iſt ihm damit ein Dienſt geſchehen, nicht aber ein Unrecht; aber wenn— und ach, liebe junge Lady, bei wie wenigen, wie ſehr wenigen iſt das der Fall— nun dann hätte man doch ge⸗ wiß Urſache zum Dank, daß man ſo davongekom⸗ men iſt und keinen ſolchen Mann geheirathet hat.“ Ich habe den Charkter und die Sinnesart Herrn Strathern's geprüft und unterſucht, ehe ich ſeine mir dargebotene Hand annahm; jetzt iſt das ge⸗ ſchehen und ich ſchäme mich vor mir ſelber, Mur⸗ ray, daß ich auch nur einen Augenblick auf etwas gehorcht habe, was gegen ihn ſpricht. Das war nicht recht von mir, und ich bin beinahe böſe über dich, Murray, wegen der zwar wohlgemeinten, aber übel angebrachten Hartnäckigkeit, mit welcher Du in mich drangſt, von der Sache zu reden. Was würde der edelmüthige Strathern denken, wenn er erführe, daß ich an ſeinem Werth habe zweifeln können, weil— der Himmel weiß, aus welchem, aber ſicher aus keinem guten Beweggrunde— ein Verläumder unter dem Schutz einer Maske ſich unterſtanden hat, über ihn zu läſtern.“ Die Augen Louiſen Sydney's ſtrahlten von mehr als gewöhnlichem Glanz und ihre Wangen überzog der Unwille gegen ſich ſelbſt mit einer Roſenrö he; damit verband ſich etwas wie Zorn gegen die alte Amme, an welcher kein Wechſel in 118 der Laune ihrer jugendlichen Gebieterin je unbe⸗ achtet vorüberging. „Sein Sie nicht böſe über Ihre arme, treue, alte Amme,“ ſagte die Murray.„Verzeihen Sie mir den Gedanken, daß kein Herr, wie groß auch ſein Werth ſei, einen ſolchen Schatz verdient, wie mein Liebling. Gewiß, theures Fräulein Sydney, das fällt mir immer ein, ich kann nichts dafür. Nict als wollte ich Herrn Strathern herunterſetzen, das thäte ich nicht um die Welt, und ich halte ihn für den ſchönſten Herrn mit dem vornehmſten Ausſehen, das mir je, außer bei Ihrem theuern und trefflichen Herrn Vater, vorgekommen iſt. Aber da Sie der Warnung auf dem Maskenball erwähn⸗ ten, kam mir plötzlich etwas zu Sinn, was ich einmal gehört habe und darum mufßte ich Ihnen zur Vorſicht rathen— blos zu einem klein wenig Vorſicht— denn das kann ja doch nichts ſchaden, ſagte ich bei mir ſeiber.“ „Und was haſt Du denn gehört, Murray?“ fragte Fräulein Sydney; der Teufel des Argwohns lebte wieder in ihrer Seele auf und ihre Wangen wurden blaß vor innerer Erregtheit. „Ach liebes, junges Fräulein, es wurde wahr⸗ haftig ſo wenig geſagt, daß es mir, wie ich mir die Worte recht in's Gedächtniß zurückzurufen ſuchte, vorkam, als hätten ſie viel weniger zu bedeuten und einen andern Sinn, als ich ihnen beizulegen 119 genöthigt war, da ich ſie ausſprechen hörte. Da⸗ mals aber machten ſie einen ſchmerzlichen Eindruck auf mich.“ „Sag' es mir mit den nämlichen Worten, Murray, und laß mich darüber entſcheiden, was ſie zu bedeuten haben,“ verſetzte Fräulein Sydney mit nicht gewöhnlicher Ungeduld in Blick und Be⸗ nehmen. „Ich plauderte mit der Kammerfrau der Lady Melcombe, einer ſehr achtbaren Perſon; die ſagte, „So, Frau Murray, ich höre ja, daß Ihr junges Fräulein mit Herrn Strathern verheirathet werden ſoll?“ „Kannſt Du nicht zur Sache kommen, liebe Murray, ohne Alles zu wiederholen, was Lady Melcombe's femme de chambre geäußert,“ trieb Louiſe Sydney, etwas ärgerlich. „Nun Fräulein, ich gab zur Antwort: es iſt mein Grundſatz, nie von Familienangelegenheiten zu reden. Heirathen gehen manchmal zurück, Frau Blorham, und darum iſt es immer klüger, nicht von ihnen zu ſprechen, bis die Hochzeit vorbei iſt.“ „Ganz recht,“ erwiederte Frau Bloxham,„und was das betrifft, Frau Murray, ſo gibt es manche Heirathen“— und ſie legte einen großen Nachdruck auf das Wort manche—„die beſſer gar nicht Statt fänden. Ihre Frauenzimmer haben Herrn 120 Strathern nicht in England kennen gelernt, oder doch?“ „Nein,“ entgegnete ich. „Das habe ich mir doch gedacht,“ verſetzte ſie. „Nun, nun, je weniger man ſpricht, deſto eher hat man ſich verantwortet.“ Und dabei ſchüttelte ſie den Kopf und machte ein ganz ernſthaftes Ge⸗ ſicht und damit hatte das Geſpräch ein Ende.“ Louiſe Sydney verſuchte zu lachen, als die Amme den Bericht von ihrer Unterredung mit Frau Bloxham ſchloß, aber es war eine vergebliche An⸗ ſtrengung und ſie wurde unwillig, da ſie aus dem unveränderten Ernſt der Amme erſah, daß dieſe dachte, wie Frau Bloxham. „Und das iſt Alles, was Du gehört haſt, meine gute Murray?“ „Ja, mein liebes, junges Fräulein, und viel⸗ leicht that ich Unrecht daran, daß ich es mir ſo zu Herzen nahm; aber Frau Blorham machte ſo ein kluges und pfiffiges Geſicht— gerade wie wenn ſie mehr wüßte, als ſie ſagte— und ſie ſchüttelte den Kopf auf eine Art, daß ich mich des Gedan⸗ kens nicht enthalten konnte— verzeih' mir's Gott, wenn ich Unrecht hatte— daß etwas Schlimmes herauskommen müßte. Auch hätte ich ſie gar zu gerne darüber befragt; denn, da das Glück meines lieben, jungen Fräuleins davon abhängen könnte, ſo hätte ich natürlich Alles darum gegeben, zu 121 erfahren was ſie weiß. Dann aber dachte ich, es wäre doch beſſer, nicht bei ihr nachzuforſchen, denn ſie könnte am Ende doch nichts wiſſen und—“ „Da haſt Du ganz Recht gehabt, Murray, und weit verſtändiger und umſichtiger gehandelt, als ich, da ich auch nur einer Vermuthung Raum gab, man könnte etwas Nachtheiliges über Herrn Strathern wiſſen.“ Ein wenig Neugierde, Fräulein Sydney, iſt aber doch bei einem jungen Frauenzimmer ſehr ver⸗ zeihlich und natürlich, wenn ſich dieſelbe auf ihren künftigen Gemahl bezieht. Manches Frauenzimmer iſt ſchon vor einer Heirath bewahrt worden, die ſie elend gemacht hätte, blos weil ſie ſich Umſtände mittheilen ließ, mit denen ſie zuvor unbekannt war. Hätte ſie nun die Leute, welche ſolche Thatſachen aufdeckten, nicht dazu veranlaßt, ſo würde ſie nie etwas davon gehört haben.“ Frau Murray machte, während ſie dieſe Wahr⸗ heit ſo weitſchweifig von ſich gab, ein ſo altkluges Geſicht, daß ihr junges Fräulein unter andern Um⸗ ſtänden zu lachen verſucht geweſen wäre. Obgleich ſie aber bemüht war, ſich über die Warnung, welche ſie auf dem Ball erhalten, und den Wink wegzu⸗ ſetzen, welchen Frau Bloxham der Murray gegeben hatte, ſo konnte ſie doch den ſchmerzlichen Eindruck nicht los werden, welchen beide auf ihr Gemüth äußerte. Der Argwohn, dieſer böſe Geiſt, der ſo 122 manches Menſchen Glück vergiftet hat, lag noch in ihrer Bruſt verſteckt und vertrieb daraus den Frieden und die Seligkeit, welche zuvor darin ge⸗ herrſcht hatten. Indeſſen nahm ſie den Schein einer Ruhe an, von der ſie weit entfernt war; ſie entließ die alte Amme mit einem freundlichen„Gute Nacht“ und war froh, als ſie allein und ohne Zeu⸗ gen den Thränen den Lauf laſſen konnte, welche der Stolz in Gegenwart ihrer Dienerin zurück⸗ drängte. Louiſe Sydney war eine Zeit lang ſo glücklich geweſen, ſo unausſprechlich zufrieden mit ſich und Andern, beſonders aber hatte ſie ihr Herz ſo ganz der Neigung hingegeben, die ihr Strathern eingeflößt, daß der Zweifel, den man jetzt in ihre Seele geſtreut, ſie durch den Gegenſatz zwiſchen ihren gegenwärtigen und den Empfindungen ver⸗ gangener Tage höchſt elend machte. Was würde ſie nicht alles gegeben haben, um aus ihrem Ge⸗ dächtniß das boshafte Geflüſter zu verbannen, wel⸗ ches ſie auf dem Balle gehört, und um ſich die wonnige Sorgloſigkeit wieder zu verſchaffen, deren ſie ſich früher erfreut hatte. War es möglich, konnte der fein gebildete, der edelſinnige Strathern, konnte er, dem ſie ihr ganzes Herz gegeben, der herzloſe, liederliche Menſch, der ſelbſtſüchtige und berechnete Verſchwender ſein, der nach ihrem Ver⸗ mögen trachtete, um dem ſeinen aufzuhelfen? Nun gedachte ſie wieder der zärtlichen Blicke, in denen ſich, wenn er ihr in's Geſicht ſah, ſeine ganze Seele zu ſpiegeln ſchien; bei der Erinnerung an ſeine ſanften Liebesworte ſuchte wahre Zuneigung, frei von der Ueberſpanntheit und Uebertreibung, mit denen eine erheuchelte Leidenſchaft zu täuſchen ſtrebt, und die Ueberzeugung von der Aufrichtigkeit ihres Verlobten wieder in ihr Herz einzukehren. Aber ach! Wenn einmal der Argwohn Eingang gefunden hat, iſt es nicht leicht, ihn gänzlich zu verdrängen. Immer wieder und wieder fielen ihr die boshaften, unheilſchwangeren Worte des Ver⸗ ſchwörers ein und vertrieben und zerſtörten die wie⸗ derkehrende Ruhe und das Vertrauen. Es war ſchon heller Tag und noch hatte Louiſe Sydney keinen Schlaf, noch keine Erlöſung von ihrem Kum⸗ mer gefunden. Endlich ſenkte ſich der ſanfte Schlum⸗ mer, der die ermattete Natur ſtärkt, auf ihre thrä⸗ nennaſſen Augenlieder. Während er aber ihre Sinne in ſüße Vergeſſenheit hüllte, hob ſich ihr Buſen noch immer in krampfhaftem Schluchzen; ihre fie⸗ berhafte Hand und ihre klopfende Schläfe zeugten deutlich von der Verwüſtung, welche die ſchmerz⸗ lichen Empfindungen der paar letzten Stunden in ihrem zarten Körper angerichtet hatten. Als ſie am nächſten Morgen bei'm Frühſtück erſchien, ge⸗ rieth ihre Mutter in Unruhe über ihre blaſſen Wangen, ihre matten Augen und ihren unſicheren Tritt. Umſonſt bot man ihr die köſtlichſten Kuchen —————— und Chokolade an— ſie vermochte ſie blos zu verſuchen und that auch dies nur ihrer beſorgten Mutter zu Liebe, denn aller Appetit war ihr ver⸗ gangen. Sie litt nicht, daß nach einem Arzt ge⸗ ſchickt wurde, wie Frau Sydney wünſchte und er⸗ klärte, ſie bedürfe blos Stille und Ruhe, um ſich von den Anſtrengungen der letzten Nacht zu erholen. Dabei gab ſie vor, die vielen Lichter, die Hitze und der Lärm hätten das ganze Maas ihrer Ge⸗ wohnheit weit überſtiegen und ſie angegriffen. Frau Sydney war zu vertraut mit den Geheimniſſen des weiblichen Herzens, um nicht zu vermuthen, daß die mit ihrer Tochter vorgegangene Veränderung ihren Urſprung in etwas Anderem hätte, als was dieſe als die Urſache davon anführte und daß irgend ein Miß verſtändniß, ein Zwiſt mit dem Geliebten die Wirkung hervorgebracht hätte, die ſie vor ſich ſah. Und doch war Strathern von ſo ſanfter, gleichförmiger Gemüthsart, daß ſie kaum glauben konnte, der Fehler liege an ihm. Sie wartete daher mit Ungeduld auf ſeinen gewöhnlichen Be⸗ ſuch, um aus dem Zuſammentreffen der Liebenden abnehmen zu können, ob der Einklang, welcher früher zwiſchen ihnen beſtanden, eine Unterbrechung erlitten hatte und Kälte zwiſchen ihnen herrſchte. „Herr Strathern hat dieſen Morgen herge⸗ ſchickt und fragen laſſen, wie Du die Nacht ver⸗ bracht hätteſt, Liebe,“ ſagte Frau Sydney. —— W—*——— u M *— 8 125 „So?“ erwiederte Louiſe gleichgültig. „Er war verwichene Nacht Deinetwegen wirk⸗ lich recht in Unruhe und ſehr bekümmert. Ich habe ihn nie in ſolcher Beſtürzung geſehen.“ Die ſchöne Kranke bemerkte nichts darauf und ihre Mutter fing wieder an— „Man ſieht leicht, daß Herr Strathern nicht gewöhnt iſt viel in der Geſellſchaft von Frauen mit ſchwacher Geſundheit zu leben. Wäre das, ſo würde er über Dein leichtes Unwohlſein nicht in ſo große Angſt gerathen ſein.“ Frau Sydney hätte keine unglücklichere Bemer⸗ kung machen können, denn ſie erweckte ſogleich die Erinnerung ihrer Tochter an die abſcheuliche Mit⸗ theilung, welche ihr der Zauberer auf dem Mas⸗ kenball in Bezug auf gewiſſe Neigungen ihres Ver⸗ lobten gemacht. Die Roſenfarbe kehrte auf ihre Wangen zurück und ihre Augen funkelten einen Au⸗ genblick von ungewöhnlicher Bewegung. Von allem Schlimmen, was der Zauberer Strathern aufge⸗ dichtet, war die Andeutung, daß er ein ausſchwei⸗ fendes Leben führe, Fräulein Sydney am meiſten zuwider und unangenehm geweſen. Und doch fand ſeltſamer Weiſe dieſe am leichteſten Glauben bei ihr. Die oft wiederholten Behauptungen der Amme Murray, daß die Männer nur gar zu leicht in Fehler geriethen, hatte auf Louiſen eine ungünſtige 126 Wirkung hervorzubringen nicht ermangelt. Bis daher hatte ſie Strathern immer als einen Mann betrach⸗ tet, der nicht wie die anderen ſei und weit höher ſtehe als die übrigen Angehörigen ſeines Geſchlechts; manchmal waren ihr zwar Vermuthungen darüber durch den Kopf gegangen, ob er wirklich, wie er oft erklärte, früher niemals geliebt oder dieſes blos ihr zu Liebe geſagt hätte; deſſenungeachtet hatte ſie dann immer geglaubt, was ſie wünſchte— denn von dieſem Glauben hing der größte Theil ihres Glückes ab— nämlich, er bilde eine der wenigen Ausnahmen von dem Geſchlecht, gegen welches die Amme Murray ſo häufige Anklagen erhob, er habe zuvor nie in liaisons geſtanden, die ſeiner Ehre nachtheilig wären, ſich nie in unanſtändige Ver⸗ bindungen eingelaſſen. Dieſer Glaube erhielt einen harten Stoß durch die Eröffnung, welche der Zau⸗ berer gemacht und tiefer Schmerz, großer Unwille erfaßte Fräulein Sydney bei dem Gedanken an die Möglichkeit, daß ſie den, welchem ſie ihr jung⸗ fräuliches Herz geſchenkt, den ſie als ſo ein erhabe⸗ nes Weſen betrachtet, künftighin ſo anſehen müßte, als gehörte er zu dem großen Haufen der gewöhn⸗ lichen Männer, als wäre er einer der liederlichen Menſchen, über welche die gute Murray ſo oft den Fluch ausſprach. Es lag Schmerz, Zorn, Schaam und etwas Demüthigendes in dieſem Ge⸗ danken und die neuen Gemüthsbewegungen, welche — v* 1 127 ſich Anfangs in ihrer Bruſt vermiſchten und mit einander ſtritten, machten ſie wirklich krank.„Wäre er zu Grunde gerichtet, ein Bettler geweſen,“ dachte Louiſe,„ſo hätte ich ihm mit all' meinem Reich⸗ thum aufhelfen können und wäre ihm nie mit dem Verdacht zu nahe getreten, daß er nach meiner Hand getrachtet habe, um jenes zu erlangen. In ſeiner großen und edeln Natur würde ich tauſend Entſchuldigungen für frühere Verſchwendung gefun⸗ den und mich gefreut haben, ſeine Vermögensver⸗ hältniſſe zu verbeſſern; aber in ihm eines der ekel⸗ hafteſten aller erſchaffenen Weſen, einen Bruder Liederlich zu finden, der gewöhnt iſt mit den Nichts⸗ würdigſten ſeines, mit den Gemeinſten und Ver⸗ worfenſten meines eigenen Geſchlechts zu verkehren — ach, nein! auf dieſen Schlag war ich nicht gefaßt, der iſt zu ſchwer für mich. Und die Mutter ſagt,„man ſieht leicht, daß er nicht gewöhnt iſt viel in der Geſellſchaft von Frauen mit ſchwacher Geſundheit zu leben.“ Das ſind ihre eigenen Worte. Ach, ſie konnte ſich nicht vorſtellen, welche Erinnerungen ſie wach rief, welche Qualen ſie mir verurſachte, indem ſie mich an Etwas mahnte, was ich gerne für immer aus meinem Gedächtniß ver⸗ tilgen möchte. Ich wollte nur, ich wäre nicht auf den bal masqué gegangen— wie vielen Kummer hätte ich mir erſpart, wenn ich daheim geblieben ſein würde. Und doch, wenn nun der Zauberer 128 wahr geredet hat, iſt es nicht beſſer, daß ich Alles erfuhr, ehe es zu ſpät war? Aber nein, es iſt, es kann nicht wahr ſein, daß Heinrich der Heuch⸗ ler iſt, als welchen er ihn darſtellt. Er müßte es ja darin zur Meiſterſchaft gebracht haben, wenn er ſo ſorgfältig vor der Welt das elende Treiben verbergen könnte, dem er ſich nach jener Behaup⸗ tung ergeben ſoll. Selbſt Herr Rhymer, der an Allem etwas auszuſetzen hat, der jeden Fehler ent⸗ deckt und Niemand ſchont, hat von ihm als von einem der heutzutage ſo ſeltenen Beiſpiele von jun⸗ gen Männern geſprochen, die in keine der Thor⸗ heiten verfallen ſeien und allen den Verſuchungen widerſtanden haben, welche Leute von ſeinem Alter und Vermögen beim erſten Eintritt in den gefähr⸗ lichen Strudel des Lebens der vornehmen Welt von allen Seiten her bedrohen. Wie beruhigend wirkt es, wenn ich mir ſeine Worte zurückrufe! Ich wollte, ich könnte die des Zauberers vergeſſen. Wenn Heinrich frei iſt von der Sünde, die ihm zur Laſt gelegt wird, wie großes Unrecht thue ich ihm dann damit, daß ich dem unwürdigen Vervacht Raum laſſe, welchen die Ausſage des Zauberers erzeugt hat! Wenn, wenn!— Dieſer Zweifel iſt eine Folter. Werde ich je im Stande ſein, die Gewißheit davon zu ertragen? Könnte ich nur her⸗ ausbringen, daß man ihn verleumdet hat, daß die Perſon, welche mir die ſchmerzlichen Angaben in's 2 129 Ohr geflüſtert, durch irgend einen geheimen Be⸗ weggrund veranlaßt worden iſt zu erfinden, was ſie behauptet! Was würde ich mir für Vorwürfe machen, daß ich mir einen Zweifel erlaubt, und wie ſollte ich ihm in's Geſicht ſehen und den Blick deſſen aushalten, den ich ſo ſehr beleidigt habe! Was wird er über mein verändertes Betragen letzte Nacht gedacht haben?— über die Gleichgültigkeit, ja mehr als Gleichgültigkeit, mit welcher ich ſeine ängſtliche Beſorgniß um mich aufnahm, da er mich für krank hielt? Wie wird er ausfehen, wenn er heute kommt? Wird ihm ſein Gewiſſen nicht ſagen, daß eine Entdeckung gemacht worden iſt und daß ſich meine Anſicht über ihn geändert hat? Mit welcher Aufmerkſamkeit will ich ſeine Züge bewachen und durch den Ausdruck derſelben mich zu verge⸗ wiſſern ſuchen, ob es ihm blos als Maske dient, um Laſter zu verbergen oder ob es, wie ich bisher geglaubt, der Spiegel iſt, der die edle Seele und die treffliche Natur zurückſtrahlt, welche ich ſo hoch zu ſchätzen gelernt habe.“ „Du biſt ſo gedankenvoll, Liebe;“ bemerkte Frau Sydney, die ſich geſtellt hatte, als wäre ſie mit Leſen beſchäftigt, dabei aber doch ängſtlich den Wechſel im Geſicht ihrer Tochter bewachte. Die Letztere ſaß da und wendete gleichgültig die Blätter eines Buches um, in welchem ſie nicht eine Linie zu leſen verſucht hatte. Strathern U. 9 130 Louiſe erwachte jetzt aus ihrem Sinnen, be⸗ dachte ſich ein wenig und fühlte ſich verſucht ihrer Mutter Alles zu offenbaren, was in ihrer Seele vorging; aber ſie ſchämte ſich ihre hochſinnige Mutter wiſſen zu laſſen, daß ſie ſich dazu verſtehen und gegen ihren Verlobten auf das Wort eines mas⸗ kirten Zauberers hin einen Verdacht hegen könnte; ſo hielt ſie das Geſtändniß zurück, das ihr auf den Lippen ſchwebte, und ehe ſie noch eine Ausrede für ihr zerſtreutes und trübes Weſen finden konnte, trat Strathern in's Zimmer. Louiſe fuhr zuſam⸗ men und wechſelte die Farbe, da er ſich ihr näherte. Sie ließ zwar zu, daß er ihre Hand erfaßte, aber ſie bot ſie ihm nicht dar, wie ſie ſonſt gewohnt geweſen; und die Hand zitterte ſo heftig, daß der Geliebte erſchrack, ihr zärtlich in's Geſicht blickte und erklärte, er ſei überzengt, daß ſie ernſtlich krank 5 wäre. Die Beſorgniß, welche er verrieth rührte ihr das Herz, und dieſelbe drückte ſich ſo deutlich und wahr in ſeinen Zügen aus, daß ſie nicht länger die froſtige Zurückhaltung bewahren konnte, die ſie an⸗ genommen hatte. Eine Ueberzeugung davon, daß in ſeiner Liebe zu ihr, was auch ſeine Fehler ge⸗ weſen ſein möchten, nichts Erheucheltes ſei, ſtahl ſich in ihr Herz, während ſie den zärtlichen Fragen lauſchte und ſeinen ſinnenden Augen begegnete, wenn er dieſelben mit dem Ausdruck unausſprechlicher Liebe auf die ihrigen heftete. So überließ ſie ſich der „ 131 Wonne ſich geliebt zu wiſſen— wie ein Kind, das hinter die Schule gegangen iſt, ſich ein paar kurze Minuten heimlich dem Spiele überläßt, während es doch weiß, daß es für ſeinen Leichtſinn Strafe zu erwarten hat. Nein, dieſe zärtlichen Blicke konnten keine Hinterliſt verbergen; die herzlichen, ſchmeichelnden Töne dieſer klaren und wohlklingen⸗ den Stimme konnten keine Falſchheit ausſprechen und ſie konnte und wollte nicht länger an ihm zweifeln. „Du weißt nicht, theuerſte Louiſe, welchen Kummer und welche Angſt ich letzte Nacht ausge⸗ ſtanden habe, nachdem ich Dich— krank und lei⸗ dend— verlaſſen,“ ſagte Strathern flüſternd.„Ich meinte auch— aber das muß nur Einbildung ge⸗ weſen ſein— Du wäreſt weniger freundlich, we⸗ niger wie Du, als ich Dich je geſehen, ſeitdem Du mir verſprochen haſt die meinige werden zu wollen. Schon auf dem Ball fiel mir ein plötz⸗ licher Wechſel in Deinem Benehmen gegen mich auf und dieſer Gedanke plagte mich die ganze Nacht und ließ mich kein Auge zuthun. Und doch machte ich mir Vorwürfe wegen dieſes Verdachts, denn ich weiß, meine Louiſe hat keine Launen und wenn ich ſie unwiſſentlich beleidigt hätte, ſo würde ſie es mir ſogleich geſagt haben. Nicht wahr, Theuerſte?“ und er ergriff ihre Hand und vrückte ſie an die Lippen. 9* 132 „Ich war müde, nicht wohl und in übler Stimmung,“ war die ausweichende Antwort Fräu⸗ lein Sydney's. „Wenn ich nun noch einmal das Unglück haben ſollte— und ich würde es für ein wirkliches Un⸗ glück halten— und Dich unwohl ſehen müßte, ehe ich das wonnige Vorrecht habe an Deinem Kiſſen wachen zu dürfen, ſo verſprich mir, mich nicht mehr fortgehen zu laſſen, ohne den Druck meiner Hand zu erwiedern und mir ein paar freund⸗ liche und tröſtende Worte zu ſagen. Verſprich mir das, Liebſte.“ „Ich verſpreche es,“ antwortete Louiſe mit leichtem Lächeln und wurde roth. Und Strathern war zufrieden. „Von allen Beluſtigungen iſt mir immer ein Maskenball als eine der unangenehmſten vorgekom⸗ men,“ bemerkte Frau Sydney, die jetzt zu ihrer Tochter und dem Liebhaber derſelben trat, nachdem ſie ihnen Zeit gelaſſen den kleinen Zwiſt beizulegen, der ſich, wie ſie vermuthete, in der letzten Nacht zwiſchen ihnen erhoben haben könnte. „Ich bin mit Ihnen völlig einverſtanden,“ ver⸗ ſetzte Strathern,„und ſtets dieſer Meinung ge⸗ weſen.“ „Du biſt alſo ſchon oft bei Maskeraden gewe⸗ ſen,“ ſagte Fräulein Sydney, und ihre Eiferſucht, ihr Verdacht erwachte abermals. „Ich habe ſie dann und wann beſucht, kann aber kaum ſagen, daß ich oft ſolchen angewohnt hätte.“ „Ich glaube, man hat in der guten Geſellſchaft in England die Maskenbälle ganz aufgegeben,“ ver⸗ ſetzte Louiſe und es lag etwas ſo Beſonderes in ihrem Benehmen, während ſie dieſe Bemerkung machte, daß Strathern ſie anſah und das Miß⸗ vergnügen bemerkte, das ſie erfaßt zu haben ſchien. „Bals costumés werden manchmal in London gegeben,“ fing er wieder an,„und ich habe irr⸗ thümlicherweiſe die Maskenbälle in dieſen Begriff eingeſchloſſen. Bei einer öffentlichen Maskerade war ich nie zugegen und würde mich faſt ebenſo ſehr fürchten unter die Menſchen zu gehen, die, wie ich glaube, gewöhnlich an ſolchen Orten zu finden ſind, als ein Frauenzimmer.“ Louiſe beruhigte ſich wieder und ihr ſchönes Geſicht nahm ſeinen gewöhnlichen ſanften und freund⸗ lichen Ausdruck an, während ſie auf dieſen Beweis von dem Anſtand und der Zurückhaltung ihes Ge⸗ liebten horchte. Das ſtand doch von einem Wüſt⸗ ling nicht zu erwarten, wie man ihr ihn geſchildert hatte. „Das Frauenzimmer in der Tracht der ſchot⸗ tiſchen Königin Marie ſchien unſere Meinung in 134 Bezug auf Maskeraden nicht zu theilen,“ bemerkte Frau Sydney. „Was das für eine Figur war!“ verſetzte Stra⸗ thern.„Ich habe wahrhaftig nie etwas ſo Abge⸗ ſchmacktes geſehen, oder eine ſolche Betonung und Ausdrucksweiſe gehört, und möchte nur wiſſen, wer der Lord iſt, von dem ſie redete. Ich hörte ſie zu ihrer Begleiterin ſagen, daß ſie einen ſolchen erwarte, und kann ihm, wer er auch ſein mag, zu einer ſolchen Bekanntſchaft kein Glück wün⸗ ſchen.“ „Mich dauerte die unglückliche Frau, die bei ihr war,“ verſetzte Frau Sydney; denn es kam mir vor, als fühle ſie das Drückende ihrer Lage recht ſchmerzlich; aber die Diamantenkönigin, wie man ſie eher heißen könnte, als die Königin von Schottland, ſchien mit einer unzerſtörbaren Keckheit begabt zu ſein.“ „Hat man je einen ungereimteren Aufzug ge⸗ ſehen, als wie ihn Fitzwarren und die zukünftige Frau Gräfin darboten?“ fuhr Strathern fort;„und das Luſtigſte dabei war noch, daß keines von ihnen auch nur entfernt daran zu denken ſchien, wie ſchrecklich lächerlich ſie ſich machten.“ „Aber meinen Sie nicht, Fräulein Sophie und Herr Webworth haben ſich eben ſo einfältig aus⸗ genommen?“ fragte Frau Sydney.„Wie komiſch ſah es aus, da die Schwärze von dem gefärbten Arm Othello's auf den weißen Arm der edeln Desdemona und ihr weißes Kleid überging. Dieſer kleine Unfall brachte die edle Dame ſo ſehr gegen den Mohren auf, daß ich ſchon dachte, Othello habe mehr von ihrer Heftigkeit zu fürchten als ſie von der ſeinigen zu erfahren haben würde— ſo pitter waren die Vorwürfe, welche ich ſie ihm machen hörte. So plauderten Frau Sydney und Strathern in der Hoffnung ein Lächeln auf Louiſen's ſchöne Lip⸗ pen zu locken, aber ſie kam nicht aus der Ernſt⸗ haftigkeit heraus, in welche ſie verfallen war, und da ihre Mutter ſowohl als ihr Liebhaber bemerk⸗ ten, wie erfolglos ihre Bemühungen ſie zu erheitern blieben, wurden auch ſie nachdenklicher und zerſtreut. Nie zuvor waren Strathern die Stunden ſo lang vorgekommen, welche er in der Geſellſchaft ſeiner Geliebten verbrachte. Er begriff, daß etwas An⸗ deres und Bedeutenderes als ein bloßes Unwohlſein den ſchmerzlichen Wechſel veranlaßt haben müßte, der ſo deutlich in Louiſen's Ausſehen und Betragen hervortrat. Nachdem ſein Glaube an ihre Krank⸗ heit verſchwunden war, trat die Befürchtung an deſſen Stelle, ſie ſtehe unter dem Einfluß einer Grille oder übeln Laune. War es aber möglich, daß ſie, welche er bis daher für fehlerfrei gehalten hatte, ſo weit dies je von einem Sterblichen an⸗ 136 genommen werden darf, daß ſie ſo weit von der Höhe herunterſteigen konnte, auf der er ſie faſt vergöttert hatte, konnte ſie ein bloßes, ſchwaches Weib werden und mit ſeinen Empfindungen ihr Spiel treiben? Es mochte etwas von ihrer Kälte an ihm bemerkbar werden, da er mit ſtolzerer Miene, denn er je zuvor angenommen, ſich erhob, um Abſchied zu nehmen. Doch war es ihm un⸗ möglich das Zimmer zu verlaſſen, ohne noch einen Verſuch zu Entdeckung der Urſache von Fräulein Sydney's verändertem Betragen zu machen. Er trat deshalb ganz nahe zu dem Lehnſtuhl, in wel⸗ chem ſie ſaß und flüſterte ihr zu:„Louiſe, Du be⸗ haupteſt umſonſt, blos die Ermüdung und ein leich⸗ tes Unwohlſein habe den Wechſel bewirkt, den ich mit ſo viel Betrübniß gewahrt habe. Du haſt mir ſo ſchweren Kummer verurſacht und willſt mir jetzt nicht einmal ſagen, warum Du ſo kalt biſt. Eine ſolche Grauſamkeit habe ich nicht von Dir verdient und jetzt noch, obwohl ich mir nicht bewußt bin, Dir die geringſte Urſache zur Aergerniß gegeben oder etwas gethan zu haben, wodurch die Verän⸗ derung, die ich an Dir ſehe, gerechtfertigt würde, jetzt noch bitte ich Dich dringend und bei der hei⸗ ßen Liebe, die wir einander gelobt, bei unſerer Hoffnung auf Glück, laß mich nicht ſo verletzt und bekümmert, wie ich bin, von Dir gehen.“ Der Ernſt, mit dem er ſprach, ſein feierliches —— ul—— e— —,—————— 137 Ausſehen und das Zittern ſeiner Stimme gingen Louiſen ſehr zu Herzen. Sie erhob ihre Augen zu ſeinem Geſicht und als ſie in die ſeinen blickte, bewies ihr der Ausdruck von inniger Zärtlichkeit, welcher aus denſelben hervorglänzte, beſſer als es Worte vermocht hätten, wie herzlich ſie von ihm geliebt wurde. Sie reichte ihm die Hand und ver⸗ ſicherte ihm leiſe, jetzt ſei Alles gut, er ſei ihr niemals theurer geweſen als in dieſem Augenblick und, was er für Kälte hielte, ſei blos die Folge eines leichten, durch Ermüdung hervorgerufenen Un⸗ wohlſeins. Ihre wiedererwachte Zärtlichkeit freute ihn, ſtellte ihn aber nicht völlig zufrieden. Er merkte, daß ſie nicht aufrichtig war, oder, wenn er ſich hierin irrte, ſo ſetzte ſie ſich doch dem Vorwurfe der Launenhaf⸗ tigkeit aus. Obgleich er daher die ſchöne kleine Hand drückte, die man ihm überließ, und den ge⸗ ſchloſſenen Frieden mit einem Kuß auf dieſelbe be⸗ ſiegelte, ſo fühlte er doch, während er ſolches that, daß die ſchwärmeriſche Bewunderung, welche er bisher für den Gegenſtand ſeiner Neigung gehegt, abgenommen habe. Denn dieſe gründete ſich darauf, daß er das Vertrauen hegte, ſie ſei völlig frei von allen Fehlern des Temperaments und von den Lau⸗ nen, deren ſo viele junge und liebenswürdige Ange⸗ hörige ihres Geſchlechts beſchuldigt werden. Eine Krankheit konnte oder durfte wenigſtens keine Kälte 138 oder Zurückhaltung bei einem Mädchen hervorrufen, welche die Beſorgniß und die Unruhe geſehen, die ihm ihre Unpäßlichkeit verurſacht hatte. Vorige Nacht hatte ſie ihn, der wegen ihres Zuſtands voll Kummer und Furcht geweſen war, von ſich gelaſſen und ihm eine faſt ſchlafloſe Nacht bereitet. Heute hatte ſie es über ſich vermocht Stunden lang bei ihm zu ſitzen und ihm bis zum letzten Augenblick mit keinem Blick der Zärtlichkeit, mit keinem Liebes⸗ wort für die Angſt gedankt, die er während der zwölf letzten Stunden ausgehalten. Und das war der Abgott, den er beinahe angebetet, das Weſen, von welchem die Seligkeit ſeines Lebens abhängen ſollte. Auf welch' ſchwankender Grundlage ſtand ſein Glück, wenn ſie ſolchen Veränderungen unter⸗ worfen war, wie er ſie heute beobachtet, und das noch dazu, ohne daß er den geringſten Grund dafür angeben oder ſich auch nur denken konnte. Er ver⸗ ließ Frau Sydney, die Bruſt voll ſchmerzlicher Gedanken und ſein Geſicht verrieth Louiſen, daß er mißvergnügt von dannen ging. — 139 Zwanzigſtes Kapitel. ʒ— „Wenn völlig ſich ein Menſch der Selbſtſucht hingegeben, Kann da das Edle auch nur im Gedanken leben? Nein, Alles, was er thut, iſt niedrig und gemein, Er ſtrebt nur nach Gewinn und nur für ſich allein. Ihn kümmert's nicht, wenn man durch ihn auch Unrecht leidet, Und ov er Andern Schmerz und Kümmerniß bereitet. Selbſt Mancher, der ſich in Gedanken nicht verfehlt, Und ihn mit keinem Wort beleidigt, wird gequält; Bis die Vergeltung kommt und morgen oder heute Ihn die Verachtung trifft und Sth und Haß der eute.“ „Nun, ich muß ſagen, es iſt mir mein Leben lang nichts vorgekommen, was ſo unerklärlich und ſeltſam wäre, als daß Lord Alexander nicht der Verabredung gemäß auf den Ball gekommen iſt,“ ſagte Frau Maclaurin zu ihrer dame de com- pagnie, während ſie aus dem palazzo de Belmonte nach ihrem Gaſthof zurückfuhren. Frau Bernard gab keine Antwort, denn ſie wußte gar nicht, was ſie ſagen ſollte. „Warum reden Sie denn nicht, ſtatt da zu ſitzen wie ein Stock oder Stein?“ fing Frau Maclaurin ärgerlich wieder an.„Kommt Ihnen das nicht ſonderbar vor?“ 140 „Ja, gnädige Frau, es ſieht allerdings ſo aus; aber vielleicht hatte Se. Herrlichkeit eine andere Einladung erhalten, die er nicht ablehnen konnte.“ „Ich möchte doch wiſſen, welche ſonſtige Ein⸗ ladung auch nur halb ſo wichtig für ihn ſein könnte, als eine mit mir. Ich werde es ihm auch morgen ſagen, das kann ich Sie verſichern, ſobald ich ihn ſehe, denn ich begreife nicht, wie ich ein ſolches Benehmen verſchmerzen könnte, und wenn er ſchon ein Lord iſt und ich weiß, daß der hohe Adel glaubt, er habe ein beſonderes Recht mit Leuten, die keine Titel haben, zu machen, was ihm be⸗ liebt.“ „Ich glaube nicht, gnädige Frau, daß ein Ad iger oder ein Gentleman ſich herausnimmt ein Frauenzimmer geringſchätzig zu behandeln,“ bemerkte Fru Bernard, da ſie ſah, daß eine Antwort von ihr erwartet wurde und nicht wußte, wie ſie eine Erwiederung finden ſollte, die ſo wenig als möglich Beleidigendes enthielten. „Aber ich glaube, daß es Adlige und Gentle⸗ men gibt, die ſich wirklich unterſtehen ein Frauen⸗ zimmer geringſchätzig zu behandeln. Iſt nicht Lord Aleranders Benehmen von dieſem Abend ein deut⸗ licher Beweis dafür?“ Zum Glück für die erſchrockene Frau Bernard hielt in dieſem Augenblick der Wagen an Frau Maclaurin's Gaſthof und erſparte ihr ſo den derben —** ð— „ 141 Verweis, welchen die Gebieterin eben ausſprechen wollte. Denn das war ihre unabänderliche Sitte, wenn etwas ſchief ging, nicht blos um der Geſell⸗ ſchafterin ihre Meinung abzulocken, ſondern aus⸗ drücklich in der Abſicht, die furchtſame und ſchwache Frau zu zwingen dieſelbe abzugeben und dann mit ihr wegen dieſer Meinung, wie vorſichtig ſie auch ausgeſprochen werden mochte, Streit anzufangen. „Fragen Sie den Thürſteher, ob Lord Alexan⸗ der noch nicht zu Hauſe iſt?“ ſagte Frau Ma⸗ elaurin. „Glauben Sie nicht, daß es ſonderbar heraus⸗ käme, wenn ich das thäte, Madame?“ „Ach, Poſſen!— Dummheiten und Unſinn— wer wird ſich darum ſcheeren? Fragen Sie gleich!“ Der Thürſteher gab auf Befragen zur Antwort, daß Se. Herrlichkeit den Abend ziemlich früh nach Hauſe gekommen wäre, um ſich umzukleiden, aber plötzlich hätte ihn ein Unwohlſein ergriffen und ge⸗ nöthigt zu Bette zu gehen und einen Arzt holen zu laſſen. „O weh! Hat man je von einem ſo plötzlichen Fall gehört. Ich habe Ihnen doch geſagt, daß Se. Herrlichkeit krank, gefährlich krank ſein müſſe, ſonſt würde er ſeinem Verſprechen nicht untreu ge⸗ worden ſein,“ bemerkte Frau Maeclaurin und wandte ſich zornig zu ihrer dame de compagnie,„aber Sie einfältiges, boshaftes Geſchöpf, hatten eher Luſt ihn falſch zu beurtheilen als zu entſchuldigen. Es fehlt Ihnen ganz an Verſtand oder Menſchenliebe, um zu errathen, daß er unpäßlich ſein könnte. Aber das ſieht Ihnen ganz gleich, iſt ganz nach Ihrer Art.“ Dieſe letzte Beſchuldigung war mehr als Frau Bernard zu ertragen vermochte; es war der Tropfen, der den Kelch ihrer Betrübniß überfließen machte, und Thränen rollten, eine nach der andern, ihre bleichen Wangen herab. „Was, flennen? Meiner Treu, Sie treiben es doch zu weit und erſchöpfen meine Geduld. Kann man nicht einmal mehr mit Ibnen reden, ohne daß Sie gleich anfangen ein Geſicht herunterzuhängen. Schellen Sie und beſtellen Sie etwas zu eſſen und Wein für mich, damit ich es verſuche und mich von den Anſtrengungen erhole, die ich durchgemacht habe; und laſſen Sie mich keine Thränen mehr ſehen, denn ſie bringen mich nur in Zorn.“ Als Frau Maclaurin von dem reichlichen Nacht⸗ eſſen, das man ihr aufgetragen, mit einem Appe⸗ tit genoſſen, der keineswegs von Angſt oder Kum⸗ mer wegen der Krankheit ihres Geliebten zeugte, nachdem ſie ferner mehr Wein zu ſich genommen, als die Frauenzimmer im Allgemeinen und gewöhn⸗ lich trinken, ging ſie in ihr Schlafgemach, wo Juſtine, ihre kemme de chambre, auf ſie wartete, um ſie zu entkleiden. „Oh, Juſtine,“ ſagte ſie,„ich habe einen ſo unangenehmen Abend zugebracht. Nie will ich wieder als die Königin von Schottland auf einen Maskenball gehen, ſo lange ich lebe, denn ich wurde halb todt geärgert durch Leute, die mich allerlei fragten wegen Leuten, von denen ich nie etwas gehört habe. Ich konnte nichts antworten und jetzt, da ich heimkomme, höre ich, daß der arme, liebe Lord Alexander Boulvo gefährlich krank geweſen iſt.“ „Ach, Madame, es iſt wahr. Ich habe durch einen gargon im Gaſthofe davon gehört. Es iſt recht Schade, denn der gnädige Herr iſt ein char- mant garcon.“ „Wie, was iſt das, Juſtine? Noch vor ganz kurzer Zeit konnten Sie nicht ein Wort zu Gunſten Sr. Herrlichkeit herausbringen.“ „Damals kannte ich eben den gnädigen Herrn noch nicht ſo gut, Madame. Seither ſehe ich ihn öfter, wenn Sie mich in den salon holen laſſen, ſo lange er bei Ihnen iſt. Ich habe nie einen ſo ſchönen Herrn geſehen, ſo comme il faut, ſo di- slingué, und ſein valet de chambre, ein Mann tres hien élevé, iſt zu mir gekommen, hat mir ſeinen Arm bei einem Spaziergang angeboten und mir geſagt, daß der gnädige Herr ein wahrer Engel iſt, ſo aimable, ſo freigebig, ſo gut und freunvlich. Er theilte mir auch en confiance mit, 144 daß alle vornehmen Frauenzimmer in ſeinen Herrn verliebt ſind und ihn heirathen wollen, aber der gnädige Herr iſt ſo ſchwer zufrieden zu ſtellen, er nimmt keine von ihnen.“ Frau Maeclaurin horchte mit Entzücken auf Juſtine. Dieſe hatte Tags zuvor von Lord Alexan⸗ der die Verſchreibung erhalten und ſich vorgenom⸗ men ſeiner Sache eifrig zu dienen, damit er deſto eher in Stand geſetzt würde ſie zu bezahlen. Sie hatte mit Lord Alexander zuſammenzukommen ge⸗ ſucht, ſobald ihre Gebieterin den Gaſthof verließ, um zu dem bal costumé zu gehen und ihn dazu gebracht die Verſchreibung mit ſeiner Unterſchrift zu verſehen. Zwei ihrer Freunde, die ſie ausdrück⸗ lich hiezu eingeladen, waren als Zeugen dabei ge⸗ weſen. Dieſe Gelegenheit hatte Lord Alexander benutzt, um ihr den werthvollſten Ring, den er beſaß, zum Geſchenk zu machen. Derſelbe rührte von einer verwittweten Herzogin her, der er ſeine Schmeicheleien und Aufmerkſamkeiten mit Erfolg dargebracht. Eben da er auf dem Punkte ſtand, die Belohnung dafür zu erndten, entdeckte ſie zum Unglück für ihn, daß ihr, wenn ſchon beträchtliches Witthum nicht zureichen würde ſeine Schulden zu zahlen. Darum brach ſie die beabſichtete Verbindung ab. Dies Geſchenk erwarb ihm jetzt das Wohl⸗ wollen Juſtinen's. Dieſelbe merkte gleich, wie wenig Luſt Lord Alexander hatte ihre Gebieterin „ 145 auf den Ball zu begleiten oder dort mit ihr zu⸗ ſammenzutreffen und gab ihm ein, er ſollte ſein Wegbleiben mit Krankheit entſchuldigen. Zugleich ertheilte ſie ihm den Rath, den Thürſteher zu be⸗ ſtechen, damit dieſer ſich geneigt finden ließe, das Unwohlſein Sr. Lordſchaft der Frau Maclaurin zu hinterbringen, wenn ſie in den Gaſthof zurückkäme. Juſtine bemerkte mit Vergnügen, daß ſie kein beſſe⸗ res Mittel hätte wählen können, um ſich ihrer Ge⸗ bieterin angenehm zu machen, als wenn ſie den Freier derſelben mit Lobeserhebungen überhäufte. Sie hob auch ſeine vielen Vorzüge ſo geſchickt her⸗ vor und brachte beſonders die Ausſagen des Die⸗ ners in Bezug auf die Veränderung, welche neuer⸗ lich an ſeinem Herrn ſo deutlich hervorgetreten ſei, in einer Weiſe, an die Frau Maclaurin ihre gute Laune wieder verſchaffte und ſie außerordentlich freundlich machte. „Sein Bedienter glaubt alſo, Se. Herrlichkeit ſei wirklich verliebt, Juſting?“ „Gewiß, gnädige Frau, ach, ſchrecklich ver⸗ liebt. Er ſagt, der gnädige Herr ſitze Stunden lang da und betrachte den plalond— was Sie die Zimmerdecke heißen, und dann ſeufzt er und ſeufzt wie ein zerbrochener Blaſebalg, wenn der Wind hineingeht, und er kann nichts eſſen und nicht ſchlafen.“ Strathern 1. 10 146 „Armer Mann! Wahrhaftig Juſting, das thut mir meiner Treu' recht leid. Und jetzt, da Sie mir davon reden, fällt mir ein, daß mir ſchon oft ſein ſchlechter Appetit aufgefallen iſt. Er iſt immer mit dem Mittageſſen fertig, ehe ich das meine halb hinuntergebracht habe, und dann ißt er nie ein Stück Sally Lunn, oder Butterſemmeln oder Ku⸗ chen, und das iſt in Geſellſchaft doch gar nicht recht, denn dann muß ich ganz allein eſſen, weil Frau Bernard auch nie zum Thee etwas genießen will.“ „Ach, Madame iſt trop bonne, zu aimable gegen dieſe Frau. Das iſt eine übellaunige créalure— hat keine Anhänglichkeit an Madame— une ingrate und mag den gnädigen Herrn nicht, weil ſie ſieht daß er ſo verliebt in Madame 6 „Aber wie wiſſen Sie denn das, Juſting?“ „Wiſſen! ich ſehe es mit meinen zwei kleinen Augen. Ich brauche ihr nur in's Geſicht zu gucken, dann ſehe ich Alles was in ihrem Innern vor⸗ eht.“ „Aber wahrhaftig, Juſting, ich kann nicht ſagen, daß ſie übellaunig iſt, denn wenn ich ſie ſchelte, und das thue ich ſehr oft um gar nichts, wenn mich etwas ärgert, ſo zeigt ſie ſich niemals ver⸗ drießlich.“ „Aber flennt ſie dann nicht, Madame? Ach, und die dicken Zähren rollen ihr das Geſicht her⸗ 147 unter und das bloß weil ſie ſo böſe, ſo zornig iſt, und es der gnädigen Frau nicht zeigen darf.“ „Nun, ſie wird nicht mehr zu lange bei mir ſein, das kann ich ihr ſagen.“ „So meine ich auch, Madame, und wenn ein Frauenzimmer einen liebenden Gemahl gewonnen hat, ſo iſt das der beſte Geſellſchafter und ſie braucht keine dame de compagnie.“ „Ich boffe, Lord Alexander Beaulieu's Un⸗ wohlſein iſt kein ernſtliches und wird nicht lange dauern?“ „Ach, das wird von Madame abhängen.“ „Wie ſo, Inſting, von mir? Ich bin ja kein Doktor und kann ihm nichts helfen.“ „Aber Madame kann ihm mehr nützen als alle Aerzte; denn da Sie ihn krank gemacht haben, in⸗ dem ſie ihm die Liebe in's Herz pflanzten, ſo wird er auch nicht geſund werden, bis Madame ſein armes Herz von der Unruhe erlöst und ihn hei⸗ rathet.“ „Meinen Sie nicht es wäre zu früh, Juſting? Ich kenne ihn noch nicht lange genug.“ „Und wenn dann der arme gnädige Herr vor Liebe ſtürbe, und ich glaube, daß dies geſchehen wird, ſo wird ihn Madame nie beſſer kennen lernen.“ „Er hat mir aber noch nie geſagt daß er ſo ſchrecklich verliebt iſt wie das Alles jetzt heraus⸗ kommt, Juſting.“ 10 148 „Die wahre Liebe, Madame, ſpricht niemals viel, und beſonders bei einem vornehmen Herrn, denn dieſe ſind fier, haben Stolz und wollen kein Mitleid, ſondern Liebe, wenn ihnen dieſe einmal im Kopfe ſteckt. Ich hoffe nur, daß Sie nicht die Urſache vom Tode des gnädigen Herrn ſein wer⸗ den, denn das wäre ſchrecklich und wird geſchehen, wenn ihn Madame nicht bald heirathet und eine Mylady wird. Wie gut das klingt! Wie viel beſſer als Frau Maclaurin! Was für ein häßli⸗ cher Name! Mylady Alexander Beaulieu, wie vornehm! Ach, Madame wird eine glückliche Frau, wenn ihr ein ſo ſchöner Mann, und ſo élégant, ſo distingué, den Arm reicht und mit ihr überall hin geht.“ „Wahrhaftig, Juſting! Es iſt wohl ein gut Theil Wahrheit in dem was Sie ſagen, aber es iſt doch auch recht angenehm, wenn man ſeine Frei⸗ heit hat und Niemand über etwas zu fragen braucht — wenn man hingehen kann wo und wann man will— und kein Menſch ſich in Einem ſeine Geld⸗ ſachen miſchen darf.“ „Ah bah, Madame, was iſt das im Vergleich mit dem Beſitz eines ſolch' ſchönen und vornehmen Mannes; dann ſind Sie eine Mylady, haben das Recht, eine Diamantenkrone auf dem Kopf zu tra⸗ gen, und man heißt Sie nicht mehr Frau Maclau⸗ rin— ü, donc, welch' häßlicher Name!“ 149 „Nun Juſting, ich glaube ich werde mich ſchon dazu entſchließen und bald heirathen müſſen. Ach du mein Himmel! Ich will recht froh ſein wenn Alles vorüber iſt.“ Frau Maclaurin war unterdeſſen in's Bett ge⸗ gangen, die ſchlaue femme de chambre hatte aber abſichtlich mit dem Ausziehen recht langſam gemacht um ſie zu veranlaſſen, daß ſie den Brautſtand ab⸗ kürzte und die Hochzeit mit ſo wenig als möglich Verzug Statt finden ließe. Denn ſie war über⸗ zeugt, daß dieſe Verfahrungsweiſe Lord Alexander Beaulieu die liebſte ſein würde und feſt entſchloſſen, als Erſatz für die Verſchreibung ſeine Intereſſen nunmehr nach Kräften zu fördern. „Sie können das Atlaskleid nehmen, das ich geſtern getragen habe, Juſting, mit den ſchwarzen Spitzen daran. Es iſt recht hübſch und koſtet mich ein Vermögen; aber ich glaube, es paßt nicht zu meiner Geſichtsfarbe. Sie können jetzt das Nacht⸗ licht anzünden und es hinter den Schirm ſtellen. So iſt's recht, Juſting; wecken Sie mich um elf Uhr. Gute Nacht!“ „Mon dieu, quelle béte, quelle béte!“ ſagte Juſtine zu ſich ſelber als ſie aus dem Zimmer ihrer Gebieterin wegging; und dabei wandte ſie die Au⸗ gen nach oben, als wollte ſie die Sterne zu Zeugen der Wahrheit ihrer Behauptung anrufen.„Paurre homme, pauvre, mais méprisable homme!“ Bei 150 dieſen Worten ſuchte ſie mit einem ausdrucksvollen Achſelzucken und Kopfſchütteln ihr Kiſſen, um von dem Golde zu träumen was ſie bekommen ſollte wenn die ungleiche Heirath zwiſchen ihrer Gebie⸗ terin und Lord Alexander Beaulien vor ſich gegan⸗ gen wäre. Die Rachſucht, welche ſeit ſeiner Abweiſung in Lord Alexander Beaulien's Herzen gegen Fräulein Sydney und ihre Mutter gekocht hatte, bedurfte blos einer Gelegenheit um zum Ausbruch zu kom⸗ men, und dieſe Gelegenheit glaubte er in dem bal masqus gefunden zu haben, der in dem Palazzo gegeben werden ſollte. Er beſchloß daher ſich als Zauberer zu verkleiden und den Augenblick abzu⸗ warten, in welchem er die Verläumdung, die ihm ſein erfinderiſcher Kopf eingab, in das Ohr des liebenswürdigen Mädchens träufeln könnte, ohne von ihrem Geliebten bemerkt zu werden. Vermit⸗ telſt ſeines Dieners, eines in Ränken und Bosheit vielgewandten Menſchen hatte er ſich genaue Auskunft darüber verſchafft, welche Kleider Frau und Fräulein Sydney tragen würden, ſo daß er im Stande war ſie in der Menge leicht zu erkennen. Sich ſelbſt vermummte er ſo ganz, daß er ſich völlig ſicher vor Entdeckung wußte; auch nahm er etwas in den Mund, damit ihn ſeine Ausſprache nicht verriethe. Alſo gerüſtet zur Verübung von Unheil, ſuchte er das ſchöne und argloſe Mädchen auf, an welcher *5 151 er ſeine Bosheit auslaſſen wollte. Auch währte es nicht lange bis er ſie herausfand. Ihre anmu⸗ thige Geſtalt, ihr ausgezeichneter Wuchs ließ ſich leicht unter dem Haufen weniger bedeutender Schö⸗ nen unterſcheiden, die ſich auch da umtrieben; und nie hatte ihn die ſeltene Vollendung ihres Aeuße⸗ ren gewaltiger ergriffen als diesmal. Ibr liebli⸗ ches Geſicht wurde von der ſchwarzen Maske be⸗ deckt und verhüllt und die Aufmerkſamkeit alſo nicht auf das Geſicht gezogen, ſondern dieſe nahm der ſchneeweiße Hals in Anſpruch und der feingeformte Buſen, die zarte Rundung der Schultern, der ſchlanke Leib und die anſtandsvollen Bewegungen. Das Alles hätte ſie auch für Augen kenntlich ge⸗ macht, die bei der Entdeckung nicht ſo intereſſirt waren als Lord Alexander Beaulieu. Aber die Reize die er erblickte, übten keinen ſänftigenden Einfluß auf ſein abgeſtumpftes Gemüth; im Ge⸗ gentheil, ſie erbitterten ihn noch mehr, ſie machten ihn raſend. Wenn er von dieſem lieblichen Ge⸗ ſchöpf, an welchem Aller Augen hingen und wel⸗ chem alle Beſchauer den Preis der Schönheit zuer⸗ kannten, auf die gemeine und lächerliche Geſtalt des plumpen Weibes blickte die er heirathen wollte, ſo kannte ſein Grimm keine Gränzen mehr und er athmete nichts als Rache gegen die, welche ihn von ſich gewieſen. Als er die Spöttereien und den Hohn vernahm, den Frau Maclaurin's Tracht und Ausſehen hervorrief— denn ſie fiel wegen der übertriebenen Menge ihrer Juwelen am meiſten in die Augen— wurde er noch mehr erbittert. Er fühlte ſich faſt verſucht, ihr einige unangenehme Wahrheiten ins Ohr zu flüſtern, Wahrheiten, die, wenn ſie ausgeſprochen wurden, möglicherweiſe eine günſtige Wirkung hervorbringen und ſie für alle Zukunft davon abhalten konnten, in einem ſo über⸗ ladenen Putze zu erſcheinen; aber ſeine Eiferſucht auf Strathern und der Wunſch, Fräulein Sydney Schmerz zu bereiten, lenkte alle ſeine Gedanken nach dieſem einen Punkt hin. Lange trieb er ſich um ſie herum und lauerte auf eine Gelegenheit, ſie anzureden, aber Strathern beſchäftigte ſich zu an⸗ gelegentlich mit ihr, als daß er es hätte wagen dürfen, zu reden. Endlich ſchlich ſich Lord Aleran⸗ der, während gerade eine Gruppe von Masken um⸗ herſtand und ſein Nebenbuhler auf ihre plaisante- ries Antwort gab, dicht zu Miß Sydney und ſchüt⸗ tete ihr, ohne bemerkt zu werden, das fein geſpon⸗ nene Gewebe der Verläumdungen ins Ohr, die er für dieſe Veranlaſſung erfunden hatte. Er gewahrte mit teufliſcher Freude das plötzliche Zurückfahren und das unwillkührliche Schaudern des ſchönen Mäd⸗ chens, während ſie ſeinen abſcheulichen Lügen horchte; er errieth ganz wohl, daß die Furcht, einen Zwiſt hervorzurufen, nicht ohne Einfluß auf ſie bleiben und ſie verhindern würde, ihrem Geliebten mitzu⸗ 153 theilen, was ihr ſo eben geſagt worden war. Er hielt ſich auch in der Nähe, um ſeine Augen an dem Kummer zu weiden, den er bereitet, und die Zeichen deſſelben gaben ſich nur zu früh in dem Schweigen und der Zerſtreutheit der ſchönen Louiſe während des ganzen übrigen Abends zu erkennen. „Mein Anſchlag thut ſeine Wirkung,“ dachte der ſchlechte Mann„und wird, wie ich hoffe, einen unheilbaren Riß zwiſchen dieſem hochmüthigen Mäd⸗ chen und ihrem ſtolzen Freier veranlaſſen. Ich habe den Saamen des Unheils in einen fruchtbaren Boden geſtreut, denn wo der Argwohn und der Stolz ihre Wohnung haben, da werden feinvſelige Gedanken leicht Eingang finden und der Friede wird, trotz aller ihrer Liebe zu einander, ſchwer herzuſtel⸗ len ſein. Ich habe ſie gründlich ſtudiert und kenne ſie beſſer als Strathern, der doch ſo viele Gele⸗ genheit gehabt hat, mit ihren Mängeln bekannt zu werden. Er, der Einfaltspinſel ſieht blos die Schön⸗ heit die ihn zum Selaven gemacht, die Talente die ihn gefeſſelt haben; aber ich habe den Stolz, den unbändigen Stolz bemerkt, welcher die oberſte Eigen⸗ thümlichkeit ihres Weſens bildet, und die Neigung zum Argwohn, der, ſei er nun ein angeborener vder erworbener Fehler, ſchlummernd in ihrer Seele liegt, wie Schießpulver, und blos auf den zündenden Fun⸗ ken wartet, um in Flammen aufzulodern. Unter allen Menſchen iſt Strathern der letzte, der ſich die Beleidigung gefallen läßt, daß man gegen ihn Ver⸗ vacht hegt, weil er ſich bewußt iſt, ihn nicht zu verdienen. Da wird ſein Stolz gleich rege werden und er wird es übel aufnehmen, ſelbſt auf Koſten ſeiner Neigung. Ja, ich habe einen Minengang angelegt und bin überzeugt, daß es zu einem gro⸗ ßen Ausbruch kommen wird. So ahnde ich die Unverſchämtheit der verwöhnten Erbin. Ich wünſchte nur, ich könnte auch ihrer Mutter vergelten, aber ſie iſt ſo kalt, ſo leidenſchaftslos, daß ich nicht weiß, wie ich es angreifen ſoll. Aber habe ich denn nicht ſchon den einzigen verwundbaren Theil gefunden? Hängt nicht ihr Glück— ja ihr gan⸗ zes Leben— an dem ihrer Tochter und habe ich, wenn ich ihre Ruhe ſtöre, vielleicht vernichte, der Ruhe der Mutter nicht die tiefſte Wunde beige⸗ bracht? Ich fühle mich jetzt erleichtert, da ich das Rachewerk halb vollendet habe, nach welchem ich mich ſo lange geſehnt, und will fort in meinen Gaſthof, wo ich gewiß beſſer ſchlafen werde.“ Lord Alexander Beaulien war zu ſchlan, als daß er nicht hätte an alle die Vorſichtsmaßregeln denken ſollen, die nothwendiger Weiſe ergriffen wer⸗ den mußten, wenn er die Möglichkeit abſchneiden wollte, daß man ihn in dem Zauberer erkannte. Er hatte ſich für den hal coslumé zwei Einlaßkarten verſchafft und eine davon einem mittelloſen Be⸗ kannten den ihm der Zufall zugeführt, unter der 155 Bedingung gegeben, daß er von derſelben nicht eher Gebrauch machte, als zu einer gewiſſen Zeit und im Gewand eines Zauberers erſchiene, das dem ſeinigen ganz ähnlich wäre. Dieſen Anzug beſorgte er ſelbſt. Hiezu kam noch die weitere Bedingung, daß jener die ganze Nacht ſeine Maske nicht ab⸗ nehmen dürfte. Der Mann, von dem die Rede iſt, hatte ungefähr die nämliche Größe wie Lord Alexander und auch in der Haltung glichen ſie ſich einigermaßen. Wie nun Beaulien den Palazzo ver⸗ ließ, trat ſein double, genau der Verabredung fol⸗ gend, in denſelben ein und unterhielt ſich damit, daß er durch die Zimmer wanderte und den Leuten um ihn her, wie gewöhnlich, Gutes und Böſes wahrſagte. Oft noch wandte die niedergeſchlagene und bekümmerte Louiſe Sydney während des übri⸗ gen Theiles des Abends die Augen auf den Zau⸗ berer. Sie konnte nicht wiſſen, daß ſie nicht mehr den nämlichen vor ſich ſah, deſſen Geflüſter ihr Glück zerſtört hatte. Unterdeſſen kehrte ihr Verfol⸗ ger, zufrieden mit dem Unheil, das er angerichtet, und erfreut über den Schmerz, den er auferlegt hatte, nach ſeinem Gaſthof zurück, gab eine Unpäß⸗ lichkeit vor und ſchickte nach einem engliſchen Arzt, der ſich in Rom niedergelaſſen hatte und wegen ſeiner Neigung zum Plaudern ſo bekannt war, daß die, welche ihn zu Rathe zogen, ſich darauf verlaſ⸗ ſen konnten, die Nachricht davon werde ſchnell in 156 der ganzen ewigen Stadt verbreitet ſein. Beſonders ſicher war dies wenn ſie wünſchten, d.ß ihre Krank⸗ heit ein Geheimniß bleiben möchte. „Gerechter Gott, Mylord, wie lange kränkeln Sie ſchon?“ ſagte Doktor Gillingsworth, als er, ganz außer Athem von der Eile, mit der er die Treppen heraufgeſtiegen, ins Zimmer trat. „Ich habe mich ſchon den Morgen unwohl ge⸗ ſühlt, wünſchte aber ſo ſehr den Abend einige Freunde auf den bal costumé im Palazzo Belmonte zu be⸗ gleiten, daß ich nicht nach Ihnen ſenden mochte, denn ich fürchtete, Sie möchten mir verbieten da⸗ hin zu gehen.“ „Sehr Unrecht, Mylord, wahrhaftig, ſehr Un⸗ recht. Iyre Herrlichkeit hatten ſich gleich ärztliche Hülfe verſchaffen ſollen. Sie kennen den alten Ansſpruch: ein Stich zur Zeit erſpart ein Kleid. Ein ſebr verſtändiges, wenn gleich altes Sprich⸗ wort, Mylord. Aber ich bitte m Verzeihung, fah⸗ ren Sie doch fort— Ihre Herrlichkeit haben ge⸗ ſagt, Sie hätten es verſchoben, einen Arzt holen zu laſſen.“ „Ja, ich glaubte es würde beſſer werden, aber als die Zeit kam, da ich mich für den Ball an⸗ leiden ſollte, fühlte ich mich wahrhaftig ſo krank, daß ich genöthigt war, ins Bett zu gehen.“ „Da hätten Sie gleich nach mir ſchicken ſollen, das wäre am Platz geweſen. Eine Stunde, ja, — v u 157 eine halbe Stunde, iſt oft von großer Wichtigkeit in Krankheitsfällen, aber beſſer ſpät, als gar nicht, wie es in dem alten Sprichwort heißt. Laſſen Sie mich Ihren Puls fühlen.“ Hier zog der Doktor eine goldene Uhr von ungewöhnlichem Umfang her⸗ aus, an welcher eine große goldene Kette mit meh⸗ reren Siegelringen hing. Sodann ergriff er des Kranken Handgelenk mit einer und mit der andern Hand hielt er ſich die Uhr vor die Augen und zählte mit gehörig ernſtem Geſicht die Schläge des Pulſes.„Puls ſchnell, ſehr ſchnell— fieberhafter Zuſtand. Zeigen Sie mir Ihre Zunge.“ Lord Alexander Beaulieu mußte beinahe lachen, da er ſie herausſtreckte. „Böſe Zunge, Mylord, ganz roth. Sicheres Zeichen, daß ein Entzündungszuſtand da iſt. Haben Sie viel Durſt?“ „Bedeutend,“ und der angebliche malade fühlte ſich abermals verſucht, zu lachen, denn es fiel ihm ein, daß der Durſt von dem er ſprach, bei ihm gewöhnlich nach dem Eſſen eintrat, wenn ein be⸗ ſonders guter Wein ſeinen Appetit reizte. „Ja, das glaub' ich wohl, ſchneller Puls und Durſt ſind gewöhnlich beiſammen. Schmerz?“ „Ja, im Kopf, verbunden mit einem gewiſſen Nebel vor den Augen und Schwindel.“ „Ja, Mylord, Alles was mir Ihre Herrlichkeit ſagen, beſtätigt meine erſte Anſicht, daß Ihre Herr⸗ 158 lichkeit von dem Fieber ergriffen ſind, welches ge⸗ genwärtig in Rom herrſcht. Aber ſein Sie nur ruhig, Mylord. Ich bin ſehr glücklich bei meiner Behandlung deſſelben, habe viel Erfahrungen ge⸗„ macht und zweifle nicht, daß ich in kurzer Zeit, in ein paar Wochen, oder vielleicht auch noch früher, im Stande ſein werde, Ihrer Herrlichkeit den gewöhnlichen Geſundheitszuſtand wieder zu ver⸗ ſchaffen.“ Lord Alexander, der in ſeinem Leben nie woh⸗ ler geweſen war, beluſtigte die Ernſthaftigkeit, mit welcher Doktor Gillingsworth behauptete, er habe das Fieber, und er ergötzte ſich ſehr an dem ko⸗ miſchen Auſftritt, in welchem er ſelber eine röle ſpielte. „Es wäre mir recht lieb, wenn ich Ihrer Herr⸗ lichkeit ein paar Unzen Blut ablaſſen dürfte. Ich finde, daß eine Blutentleerung in ſolchen Fällen die Cur ſehr erleichtert.“ „Sie müſſen mich entſchuldigen, Doktor, aber— ich habe einen beſonderen Widerwillen gegen das Aderlaſſen.“ „In dieſem Fall, Mylord, möchte ich durchaus nicht hierauf beſtehen. Ich will Ihnen ſtatt deſſen eine kleine Arznei verſchreiben, von der Sie dann jede Stunde einen Löffel voll nehmen, bis Sie ſich erleichtert fühlen. Soll ich das Recept hier ſchrei⸗ 159 ben, Mylord, oder ſelber in die Apotheke gehen und es machen laſſen?“ „Ich will Ihnen nicht ſo viele Mühe verurſa⸗ chen. Mein Bedienter kann das Recept in die Apotheke ſchicken.“ Doktor Gillingsworth ſetzte ſich nieder und ſchrieb das Recept; dann trat er an das Bett und ſtreckte die Hand in einer Weiſe aus, die einigen ſeiner Kunſtgenoſſen eigen iſt; ob es aber in der Abſicht geſchah, ſeinem Patienten die Hand zu drücken oder ob er damit dieſen verhindern wollte, die ſeinige herauszuſtrecken, nehmen wir uns nicht heraus, zu entſcheiden. Alles, was wir wiſſen, iſt, daß ſich die Hand krampfhaft verſchloß, nachdem Lord Ale⸗ rander Beaulieu, der ſich für den Fall vorgeſehen, ein Goldſtück hineingedrückt hatte. Dabei ſtahl ſich ein freundliches Lächeln über das Geſicht des Arztes. „Sie werden vielleicht ſo gut ſein und meine Krankheit nirgends erwähnen, Doktor? Es mag dies eine Schwachheit ſein, ja, es iſt eine ſolche, aber ich mag nicht gerne wiſſen laſſen, daß ich an mein Zimmer gebannt bin.“ „Da können Sie ſich auf mich verlaſſen. Ich bin verſchloſſen, wie das Grab. Immer fällt mir das alte Sprichwort ein: Je weniger man ſpricht, deſto weniger hat man zu verantworten. Nicht eine Sylbe ſoll herauskommen. Morgen werde ich 160 gegen zehn Uhr zu Ihnen kommen. Hoffe Sie beſſer zu finden. Würde früher kommen, habe aber ſo viel Beſuche zu machen. Kann kaum der Hälfte der Anſprüche genügen, die an mich täglich gemacht werden. Iſt keiner meines Standes hier, dem man ſich anvertrauen könnte. Mit Arbeit überladen, Mylord, kann aber nichts machen. Gute Nacht; geben Sie genau Acht, daß Sie jede Stunde Ihre Arznei nehmen. Ich bin Ihrer Herrlichkeit ganz gehorſamſter.“ „Was für ein Marktſchreier!“ war das erſte Wort, welches den Lippen Lord Alexander Beau⸗ lieu's entfuhr, als er ſich aufrecht in ſein Bett ge⸗ ſetzt und nach dem Weggang des Doktors Gillings⸗ worth recht herzlich gelacht hatte.„Mein Puls,“ fuhr er fort,„iſt ſo regelmäßig, als möglich, und doch behauptet er, ich habe Fieber. Durnford, ver⸗ giß nicht, die Arznei zum Fenſter hinauszuwerfen, wenn ſie kommt. Inzwiſchen ſchicke das Recept in die nächſte Apotheke und thue dem Thürſteher kund, wie krank ich bin.“ „Ja, gnädiger Herr.“ „Das iſt ein coup de maitre,“ ſagte Lord Ale⸗ rander zu ſich ſelbſt, während er ſo da lag und über den Auftritt nachdachte, der eben Statt ge⸗ funden. Dieſer plauderhafte Quackſalber wird nicht ermangeln, in ganz Rom zu erzählen, daß ich ge⸗ fährlich krank ſei. Mein Verbot dient blos dazu, — XN** 161 daß es ihn reizt, meinem Unwohlſein eine größere Oeffentlichkeit zu verſchaffen. Dadurch bewirke ich zweierlei. Zuerſt beſeitigt es allen Verdacht, wenn ein ſolcher bei Fräulein Sydney Eingang findet— ich könnte der Mann ſein, der im Gewande eines Zauberers mit ihr geredet hat, und zweitens dient es mir als Entſchuldigung dafür, daß ich meiner abſcheulichen Duleinea, der Wittwe, meine Zuſage gebrochen habe und mit ihr auf dem Ball nicht zu⸗ fammengetroffen bin, wie ich doch verſprochen. Ach, ihr Götter, was iſt das für ein Weibsbild! und wie ſie ſich dieſe Nacht zur Schau trug. Es hätte mir eine wahre Wonne gemacht, ſie durchzuprügeln, als ich die pötises hörte, die ſie plauderte, und da ich die abgeſchmackte Geſtalt betrachtete, in der ſie herumlief. Nie hat der dumme Hund, der mir das Recept geſchrieben, ſo bittere Pillen einzuneh⸗ men gegeben, als dieſe Heirath eine iſt. In welch' furchtbare Verlegenheiten bringt Einen doch die Ar⸗ muth! Ich darf nicht daran denken, ſonſt kriege ich, bei Gott! das Fieber wirklich, welches mir Gillingsworth irriger Weiſe aufpdichtet. Dunford, gib mir die Novelle, dann kannſt Du gehen. Ich will mich in Schlaf leſen.“ Eine Viertelſtunde darnach fiel Lord Alexander Beaulien in ſo feſten Schlaf, als wenn ihm ſein Gewiſſen nicht eine einzige Sünde vorzuwerfen ge⸗ habt, und als ob er nicht in eben dieſer Nacht ein Strathern 1I. 44 162 junges und unſchuldiges Weſen, das ihm mie das Geringſte zu Leide gethan, ſchlummerlos auf die Kiſſen gelegt hätte. Wir wiſſen nicht, ob dies durch die einſchläfernden Eigenſchaften der Novelle bewirkt wurde, in welcher eine falſche und eyniſche Philoſophie mit der Gemeinheit und Unſittlichkeit des Inhalts wetteiferte, wir wiſſen blos, daß Lord Alerander am Leſen ſolcher Bücher beſondere Freude fand. Aber das Gewiſſen übte ſchon lange keinen Einfluß mehr über ihn aus— j, ſelbſt die Vor⸗ würfe deſſelben wurden nicht mehr beachtet. Er lebte blos der Befriedigung ſeiner ſelbſtſüchtigen Gelüſte und würde kein Bedenken getragen haben, das Glück Aller, mit denen er in Berührung kam, auf's Spiel zu ſetzen, um ſich die Mittel zu den Genüſſen zu verſchaffen, nach welchen er dürſtete. Meine Leſer dürfen jedoch nicht glauben, daß dies ein unnatürlicher Charakter ſei. In der Geſellſchaft ſind unzählige Menſchen mit derartigen Fehlern an⸗ zutreffen. Das iſt die Folge eines zu frühen Ein⸗ tritts in eine Welt voll Schlauheit und Verderbniß, in welcher eine ſchrankenloſe und Alles überwälti⸗ gende Selbſtſucht die höchſte Gewalt ausübt. Die⸗ ſer werden die Gefühle des Herzens, die Recht⸗ ſchaffenheit und Ehre nur zu oft aufgeopfert oder doch untergeordnet. Als Lord Alexander Beaulien am nächſten Mor⸗ gen erwachte, war die erſte Empfindung, die in ihm 163 aufſtieg, eine angenehme, denn er gedachte des Gif⸗ tes, welches er verwichene Nacht in Fräulein Syd⸗ ney's Ohr geträufelt. Er malte ſie ſich blaß und angegriffen von der ſchlafloſen Nacht, eine Beute der Furcht und des Zweifels, und im Kampf mit der Neigung, die ſich mühte, ſo neue und ungebe⸗ tene Gäſte aus ihrem ſanften Gemüthe zu vertrei⸗ ben.„Ich habe ſie an der am leichteſten verletz⸗ baren Stelle angegriffen,“ dachte er, als er das Bild ihres Jammers überſchaute, welches ihm die Einbildungskraft geſchaffen.„Ich weiß auch wohl, wie ſie ſich, ihrer Liebe zu Strathern zum Trotz, abquälen, und wie ſie tauſend„Kleinigkeiten leicht wie Luſt“ heraufbeſchwören wird, um den Verdacht zu beſtätigen, den ich geweckt. Wenn ich ſie richtig beurtheilt habe, ſo iſt ſie zu ſtolz, zu feinfühlend, um die Urſache ihres Kummers ihrem Geliebten, oder auch nur ihrer Mutter anzuvertrauen— und das iſt mein Stützpunkt bei ihr— denn ein offe⸗ nes Geſtändniß müßte nothwendiger Weiſe zu einer Verſtändigung führen und meinen ganzen Rache⸗ plan zerſtören. Die Wahrheit iſt mächtig, wenn ſie vor Ohren ausgeſprochen wird, die Luſt haben, ſie in ſich aufzunehmen, und Strathern würde nicht umſonſt Verſicherungen von ſeiner Unſchuld geben, Frau Sydney würde ſich nicht ohne Erfolg dafür verbürgen. Die Mutter beſitzt ein ſo freimüthiges und offenes Weſen, daß ſie alsbald jede von einem 11* 61 Ungenannten gegen einen Freund erhobene Beſchul⸗ digung mit Unwillen zurückweiſen würde, ſie würde auch mit dem ihr eigenen ſchnellen Scharfblick die Beweggründe herausfinden, durch welche die ihrer Tochter gemachte Eröffnung veranlaßt wurde, und wahrſcheinlich die Perſon errathen, von der ſie aus⸗ gegangen iſt. Das wäre unangenehm, wenn ich ſchon aus Furcht vor der Möglichkeit eines ſolchen Falls die Vorſicht beobachtet und den Doktor Gil⸗ lingsworth an der Hand behalten habe, um mein alibi nachweiſen zu laſſen. Nun, es liegt für einen Geiſt, wie der meine, einiger Troſt darin, daß ich das ſchöne Mädchen hindern kann, ihre Hand einem Andern zu reichen, wenn mir nicht vergönnt iſt, ſie ſelber zu beſitzen.“ Dieſe Gedanken wurden durch einen Beſuch des Doktors Gillingsworth unterbrochen, der auf den Zehenſpitzen ins Zimmer trat. „Beſſer, wie ich hoffe, Mylord? Ein wenig Schlaf gehabt, nicht wahr?“ „Viel beſſer, Doktor.“ „Hab's wohl gewußt. Meine Behandlungsweiſe läßt mich ſelten im Stich. Fühlten ſich erleichtert, gleich nachdem Sie Ihre Arznei genommen, wollt' ich wetten. Laſſen Sie mich Ihren Puls fühlen. Viel weniger ſchnell— Fieber faſt ganz gedämpft — bedeutend beſſer. Müſſen ſich aber doch noch 165 ruhig ein paar Tage halten, ſonſt könnte das Fie⸗ ber wieder kommen. Rückfälle ſind immer zu fürch⸗ ten. Ich muß Sie eine kleine Weile auf ſtrenge Diät ſetzen. Gerſtenwaſſer mit etwas Kandiszucker darin, aber keine Citronenſcheibe— hören Sie, keine Citronenſcheibe. Ich will nur noch ein Recept ſchreiben,“ und der gelehrte Doktor ſetzte ſich und ſchrieb ein paar lateiniſche Linien, die wie Hiero⸗ glyphen ausſahen.„Ihre Herrlichkeit werden alle vier Stunden etwas von dem einnehmen, was ich Ihnen verordnet habe, und den Abend will ich wieder nach Ihnen ſehen.“ Doktor Gillingsworth trat mit dem Recept in der Hand ſo nahe an das Bett, daß ihm Lord Alexander Beaulien ſein Geld hätte zuſchieben kön⸗ nen, wenn er damit vorgeſehen geweſen wäre; aber Durnford bemerkte die Bewegung des Arztes, nahm ſchnell die erforderliche Summe von einem Tiſche und ließ ſie ſeinem Herrn in die Hand glei⸗ ten, worauf dieſer ſie dem Doktor zuſteckte. „Jetzt, Mylord, da ich Ihr Geſicht deutlicher ſehe, ſtellt es mich nicht ganz ſo zufrieden, wie zu⸗ vor. Es liegt ſo eine Mattigkeit in den Augen, aus der hervorgeht, daß nicht Alles in Ordnung iſt. Ich habe heute viel zu thun, ſehr viel— ſo viele Patienten krank und viele davon wohnen ſo weit weg— aber doch will ich um halb vier Uhr wieder zu Ihnen kommen, um zu ſehen, welche 166 Wirkung dieſe Arznei gethan hat. Ja, dann kann ich mich darauf verlaſſen, daß es gut mit Ihnen geht.“ Damit machte Doktor Gillingsworth ſeinem Patienten eine tiefe Verbeugung und ging weg; Lord Alexander aber brach über ſeine mediciniſche Geſchicklichkeit in ein lautes Gelächter aus. „Beſtelle mir geröſtete Brodſchnitten mit Butter und Chocolade, Durnford, denn ich habe einen Wolfshunger. Wenn man ſich nach meinem Be⸗ finden erkundigt, ſo gibſt Du zur Antwort, mein Doktor finde mich dieſen Morgen etwas beſſer.“ Einundzwanzigſtes Kapitel. Vor Zeiten war der Liebesgott Der Menſchen König, ſein Gebot Befolgte damals Jedermann, Doch Liebesleutchen obenan. Er führte jedes Liebespaar Mit Freuden an den Traualtar. Vergleicht damit die neue Zeit, Da macht ſich blos der Reichthum breit, Beherrſcht die Menſchen allzugleich, Und nur der Narr iſt nicht im Reich. Es gibt wenige Lagen, die demüthigender und kränkender für ein Weib wären, als wenn ſie findet, daß ihr Verlobter jeden Tag kälter und gleichgül⸗ 167 tiger gegen ſie wird und weniger Luſt verräth, ihre Geſellſchaft aufzuſuchen. Ein ſtolzes Frauenzimmer, die auch nur das geringſte Zartgefühl beſitzt, wird denſelben ſeines Verſprechens in dem Augenblick entbinden, da ſie eine ſolche Entveckung macht. Aber von Lady Olivia Wellerby war keineswegs zu erwarten, daß ſie einen ſolchen Schritt thun würde; denn obgleich ſie die Gleichgültigkeit Lord Fitzwarrens ganz gut gewahrte, weil dieſer zu wenig Takt hatte, um jene zu verbergen, obgleich ſie ihn darum haßte, ſo war ſie doch durchaus nicht ge⸗ ſonnen, ihren Anſprüchen auf ihn zu entſagen und ſtellte ſich daher, als bemerkte ſie nicht, was Jeder⸗ mann in die Augen fiel. Sie hatte Verſtand ge⸗ nug, um überzeugt zu ſein, daß keine Vorſtellung von ihr etwas nutzen würde. Männer von Stand und Vermögen, das wußte ſie, waren ſehr ſchwer zu kriegen, denn ſie hatte ihr Verſtrickungstalent lange und erfolglos genug verſucht, um nicht eine bedeutende Erfahrung in dieſem Punkte zu gewin⸗ nen. Es war, wie ſie fühlte, eine ſo ſchwierige Aufgabe, einen Mann zu einem ordentlichen Hei⸗ rathsantrag zu bringen, daß ſie wenig Neigung verſpürte, ihr Glück noch einmal zu verſuchen. Daher hielt ſie hartnäckig an einer Verbindung feſt, deren Vollziehung ihr Bräutigam, wie nur allzu deutlich hervortrat, gerade ſo entgegenſah, als ginge ſie ihn gar nichts an. Ob ſie aber ſchon ihre 168 Stellung zu Lord Fitzwarren genau kannte, war es doch Galle und Wermuth für ſie, zu ſehen, daß dieſelbe auch Anderen kein Geheimniß blieb. Ihre Eitelkeit, und es war ihr kein gewöhnliches Maaß davon eigen— vielleicht weil ihrer brennen⸗ den Sehnſucht nach Befriedigung derſelben niemals Genüge geſchehen war— litt furchtbar unter den täglichen, ſtündlichen Bemerkungen und Sticheleien der Lady Sophie, die mit ganz unſchweſterlicher Bosheit die Qual, die ſie fühlte, noch vermehrte und ſich für den Verdruß rächte, den ihr Lady Olivia dadurch angethan, daß ſie mehr Glück ge⸗ habt und ſich zuletzt einen Mann verſchafft hatte. Nie waren ſie allein, ohne daß Sophie ihre bitteren Anſpielungen auf die offenbare Gleichgültigkeit des Verlobten ihrer Schweſter erneuerte und erklärte, ſie würde ihn fahren laſſen, wenn er ſie ſo be⸗ handelte. „Ich habe von Männern gehört, die bald nach der Hochzeit kalt wurden und ihre Frauen gering⸗ ſchätzig behandelten,“ ſagte Lady Sophie am Tage nach dem bal costumé,„aber Lord Fitzwarren blieb es vorbehalten, zu zeigen, daß er ſchon ſeiner fiancée überdrüſſig iſt. Einen Troſt haſt Du, näm⸗ lich den, daß er nicht froſtiger werden kann, wenn Du ſeine Frau biſt, als er jetzt ſchon iſt. Du haſt wirklich wunderbar viel Geduld, Olivia, und 169 ich bewundere ſie, obſchon ich geſtehe, daß ich ſie nicht nachahmen könnte.“ „Ich wollte, es würde Dir Gelegenheit gegeben, Dich auch darin zu verſuchen,“ erwiederte Lady Olivia, aber ich fürchte, Sophie, Du wirſt nicht ſo glücklich.“ „Nennſt Du es ein Glück, einen Narren zu heirathen, und einen Narren noch obendrein, der ſich nicht um Dich bekümmert und nicht einmal ſo viel Anſtand beſitzt, um den Schein aufrecht zu halten?“ „Ich heiße das ein Glück, daß ich mir einen Mann verſchafft habe von hohem Rang, alter Fa⸗ milie, großen Beſitzungen und erträglichem Aeußeren, und wünſchte blos, daß ich Dir meine Glückwünſche zu einer ähnlichen Partie darbringen könnte.“ „Gott behüte mich davor, einen Mann zu neh⸗ men, der ſo gleichgültig gegen mich wäre, wie es Lord Fitzwarren gegen Dich iſt. Ich würde einem ſolchen Lvos jedes andere vorziehen.“ „Und doch habe ich Dich ſagen gehört, daß Dir an der Liebe nichts liege, wenn Du durch eine Heirath nur einen hohen Rang und Vermögen erlangen könnteſt?“ „Ich habe ſo gedacht, ehe ich die demüthigende Lage geſehen, in der Du, Olivia, Dich befindeſt. Seitdem aber habe ich meine Anſicht völlig geändert, und ehe ich in der Welt für ein gemeines Frauen⸗ 170 zimmer gelten möchte, die einen Mann zu Haltung ſeines Verſprechens zwingt, während er nicht weiter Luſt hat es zu erfüllen, wollte ich lieber mein Leben lang ledig bleiben.“ „Nein, Sophie, das würdeſt Du nicht thun. Ich kenne Dich beſſer und weiß wohl, daß Du in dieſem Augenblick Viel, ja Alles darum gäbeſt, wenn Du an meinem Platze wäreſt, und ſo hitzig auch Deine Gemüthsart iſt, ſo würdeſt Du doch eher jeden Ausbruch von Zorn unterdrücken, als Dich der Gefahr eines Bruchs mit Deinem Ver⸗ lobten ausſetzen.“ „Ich?“ „Ja, Du. Glaube nur nicht, daß Du mich durch Deine Erklärungen und Sticheleien täuſchen kannſt. Ich kenne Alles, was in Deinem Innern vorgeht und bedauere Dich wegen der Gefühle, die Dich antreiben, ſo boshaft zu ſein.“ „Und ich bedauere Dich, Olivia, daß Du ge⸗ zwungen biſt, Deinen Aerger über die Vernach⸗ läſſigung zu verbergen, die Dir von Deinem zu⸗ künftigen Gemahl zu Theil wird, damit die Dar⸗ legung deſſelben ihm nicht eine Entſchuldigung an die Hand gibt, ſeine Zuſage völlig zu brechen.“ „Behalte Dein Mitleid für Dich, denn Du wirſt es brauchen, wenn Du Dich verdammt ſiehſt, mit dem Vater und der Mutter einſam auf dem Lande zu leben, täglich Zeuge ihrer ehelichen Zwiſtig⸗ 171 keiten zu ſein, und das ohne die Ausſicht, einen einzigen Mann zu erblicken, den ſich's ſchickte, an⸗ zuſehen. Ich dagegen werde jeden Vortheil ge⸗ nießen, über den die Stellung Lord Fitzwarren's gebieten kann und Du hätteſt einen Theil derſelben als mein Gaſt mitgenießen können, wäreſt Du nicht durch Deinen Neid und Deine Eiferſucht verleitet worden, mich zu kränken und zu verletzen.“ Während zwiſchen den Schweſtern dieſer Zwiſt Statt fand, waren Lord und Lady Wellerby in einem der ehelichen téte-à-tétes begriffen, welche keines von beiden ſuchte, ohne von der dringendſten Noth dazu gezwungen zu ſein. Beide hatten die zwei letzten Abende im Spiele, Se. Herrlichkeit bis zum Betrag von ein paar hundert Pfund, ver⸗ loren, und zwar in der Geſellſchaft einiger ſeiner soi-disant Freunde, und die Lady an den Spiel⸗ tiſchen der ihrigen. Beide Eheleute befanden ſich daher in einer ungewöhn ich reizbaren Stimmung, beide wußten das und fürchteten ſich in'sgeheim vor einem Ausbruch derſelben; keines aber beſaß Selbſt⸗ beherrſchung genug, um ihn zu verhüten. „Du haſt zu mir geſchickt und ſagen laſſen, Du wolleſt mich ſprechen,“ ſagte Lord Wellerby mit unheildrohender Stimme und grimmigem Blick. „Ja mein lieber Mann, ich möchte Dir gerne auseinanderſetzen, warum ich veranlaßt, ja ſogar 172 wirklich gezwungen bin, mich wieder wegen einiges Geldes an Dich zu wenden.“ „Und ich muß Dir ſagen, daß ich Dir keines geben kann; und was noch mehr iſt, Madame, wenn ich auch könnte, ſo thäte ich es nicht. Du ſollteſt Dich vor Dir ſelber ſchämen, daß Du in Deinem Alter noch ſo gedankenlos und unbekümmert mir immer nur Geld abzupreſſen ſuchſt.“ „In meinem Alter, Wellerby! Du ſetzſt mich wirklich in Verwunderung. Du weißt, daß ich um viele Jahre jünger bin als Du; aber viel⸗ leicht glaubſt Du, mich aus dieſem Grunde wie ein Mädchen behandeln und mich nöthigen zu müſſen, daß ich Geld fordere, ſtatt mir eine zureichende Summe zu meiner Verfügung zu ſtellen, wie ſie jede Frau von meinem Rang hat.“ „Dein Rang, ſagſt Du! Und wer hat Dir denn dieſen Rang gegeben, das möchte ich doch wiſſen?“ „Meine eigene Geburt und Stellung— und ich darf ohne Eitelkeit hinzufügen, meine perſön⸗ lichen Reize gaben mir Anſprüche auf einen viel höheren Rang, als der Deine, Wellerby. Hätte ich nicht thörichterweiſe Dir den Vorzug gegeben, ſo wäre ich—“ „Eine alte Jungfer geblieben Dein Lebtage, wie Deine Schweſter auch.“ „Ich eine alte Jungfer bleiben! Wahrhaftig, 173 Wellerby, Du vergißt, was Du Dir und mir ſchuldig biſt, wenn Du eine ſolche Sprache führſt.“ „Das ſagſt Du immer, wenn Du mich nöthigſt, Dir eine kleine, heilſame Wahrheit zu ſagen. Aber gegenſeitige Vorwürfe führen zu nichts, deshalb thäten wir beſſer, ſie wegzulaſſen. Du brauchſt Geld und ich bin entſchloſſen, Dir keines zu geben. Ich habe Dir bereits mehr als die Hälfte von Deinem Nadelgelde für das nächſte Jahr vorge⸗ ſchoſſen, und wenn irgend etwas vorfiele, ſo müßte ich es einbüßen.“ „Was ſoll denn vorfallen, Wellerby? Meinſt Du, ich werde entlaufen?“ „Nein, gewiß nicht, und das aus dem beſten Grund von der Welt— weil Du Niemand fändeſt, der Dich entführen wollte. Alte Weiber ſind in dieſer Beziehung ſicher.“ „Alte Weiber! Es iſt zu fade, Dir zuzuhören, wenn Du ſolchen Unſinn redeſt und mich wunderts nur, daß Du Dich nicht ſchämſt, ihn auszuſprechen.“ „Du wirſt doch nicht läugnen wollen, daß Du eine alte Frau biſt?“ „Kein Menſch, als Du, wird behaupten, ich ſei alt. Aber Deine Liebloſigkeit treibt Dich, Alles zu ſagen, was mir wehe thun kann.“ Hier nahm die Lady ihre Zuflucht zum Sacktuch, um die Thrä⸗ nen des Zorns und der Kränkung abzuwiſchen, die, eine nach der andern, über ihre gerötheten Wangen 174 herabrollten. Ihr Gemahl war jedoch an dieſe Thränen zu ſehr gewöhnt, um von ihnen gerührt zu werden, und da ſie das wohl wußte, ſo ärgerte ſie ſich, daß ſie ihnen den Lauf gelaſſen. „Ich habe Dich ſchon oft vor dem Karten⸗ ſpielen gewarnt,“ ſagte Lord Wellerby und Dir geſagt, was die Folge davon ſein würde. Die Weiber mit ihrem ſchwachen Verſtand ſollten ſich nicht unterſtehen, ihr Geld zu wagen. Das Whiſt iſt ein Spiel, das Nachdenken erfordert und ich habe nie eine Deines Geſchlechts geſehen, welche deſſen hinreichend fähig geweſen wäre, um einen regelmäßigen Robber zu machen. Bei Männern iſt das ein Anderes, die meiſten von uns ſpielen recht erträglich und einige, wie z. B. ich, treiben die Sache nach den Regeln der Wiſſenſchaft.“ „Wie kommt es aber dann, daß Du ſo häufig verlierſt? Du glaubſt, weil ich nicht davon rede, ich wiſſe nicht, wie hoch Du ſpielſt und wie oft Du bedeutende Summen verlierſt, und doch machſt Du mir Vorwürfe, wenn ich, im Vergleich mit Dir, auch nur wenig verſpiele.“ „Ich verliere mein eigenes Geld, gnädige Frau, Du aber bringſt mich um das meine; und das macht einen bedeutenden Unterſchied in der Sache. Ich habe Dir vorhin geſagt, daß ich Dir über die Hälfte Deines Nadelgeldes für das nächſte 175 Jahr vorgeſchoſſen habe, und daß es für mich ver⸗ loren ſei, wenn ein gewiſſer Fall einträte.“ „Was kann denn aber geſchehen, Wellerbys“ fragte die Lady, die noch immer ſchluchzte und ihr Sacktuch vor die Augen hielt. „Run, Du könnteſt ja ſterben. Wir ſind alle dem Tode unterworfen, wie Du weißt.“ „Um's Himmels willen! Kannſt Du ſo un⸗ menſchlich ſein und auf meinen Tod rechnen? Hat man je etwas ſo Empörendes gehört?“ „Ein vernünftiger Mann berechnet alle mög⸗ lichen Fälle, ehe er ſein⸗ Geld in eine gewagte Unternehmung ſteckt.“ „Dann ſage ich Dir, Wellerby, daß Du Dich in Deiner Berechnung irrſt, denn ich habe mir vorgenommen, für meine Geſundheit mehr Sorge zu tragen, als ſonſt, und wäre es auch nur um Deine Hoffnungen zu vereiteln. Da Du überdies viele Jahre älter biſt als ich, ſo iſt Ausſicht vor⸗ handen, daß ich Dich lange überlebe.“ „Zähle nicht zu ſicher darauf, gnädige Frau. Ich bin ein zäher, alter Kerl, ſage ich Dir, und Du fängſt an, ſichtlich abzunehmen. Jedermann bemerkt das und die Leute fragen mich immer, was Dir fehle.“ „Und meinſt Du denn, es rede Niemand mit mir von Deinem veränderten Ausſehen? Erſt ver⸗ wichene Nacht äußerte Lady Melcombe wie gebrech⸗ 176 lich und alt Du geworden ſeiſt und rieth mir, den Doktor Gillingsworth Deinetwegen um Rath zu fragen.“ „Sie könnte recht froh ſein, wenn ſie nur halb ſo geſund und munter wäre, wie ich. Die arme, kränkliche, ſchwache, alte Närrin, welche die Leute zwingen will, ihrem Quackſalber von Arzt Geld in die Taſche zu jagen, weil er ihr jeden Morgen alle Klatſchereien aus Rom zuträgt.“ „Gott weiß, Wellerby, daß Deine Geſundheit beſtändig der Gegenſtand meiner größten, innigſten Theilnahme geweſen iſt.“ „Das glaube ich wohl und aus einem ſehr triftigen Grunde. Du weißt, daß mit meinem Tode mein Eigenthum auf eine andere Familie übergeht, und daß Du Dich dann genöthigt ſehen wirſt, von Deinem Leibgedinge in ganz anderer Weiſe zu leben, als dies bei mir der Fall iſt. Es iſt einer der Vortheile unſerer engliſchen Einrichtun⸗ gen, daß die Frauen in neun Fällen unter zehn, ſtatt zu gewinnen, durch den Tod ihrer Männer ſo viel verlieren, daß ſie denſelben ein langes Leben wünſchen müſſen und wenn ſie ihnen auch zuwider ſind. Denn ſie wollen ſich doch nicht ohne Weiteres aus der Heimath vertrieben ſehen, in welcher ſie gewohnt waren, in Wohlſtand und Behaglichkeit zu leben.“ —————————— 177 „Solche unweibliche und ſelbſtſüchtige Gedanken und Beweggründe ſind mir feremd, Wellerby.“ „Das würde jede von Deinem Geſchlecht ſagen.“ „Höre mich nur noch diesmal an, mein lieber Mann, und ich verſpreche Dir auf mein Ehrenwort, daß ich Dir ein Jahr lang kein Geld mehr fordern will. Laß mir hundert Pfund zukommen, und ich werde Dir recht dankbar ſein. Ich habe ſie wahr⸗ haftig dringendſt nöthig, ſonſt würde ich Dich nicht plagen.“ „Ich will Dir ſagen, was ich thun will; und ich mache Dir den Vorſchlag blos, um Dir einen Gefallen zu thun. Ich gebe Dir die hundert Pfund unter der Bedingung, daß Du dein Nadelgeld für das künftige Jahr fahren läßt.“ „Dadurch erſparſt Du hundert und fünfzig Pfund. Wahrhaftig, kein Jude würde ſo harte Bevingungen ſtellen, wie dieſe ſind. Ich ſoll auf zweihundert und fünfzig Pfund verzichten, und da⸗ für blos einhundert herauskriegen!“ „Du haſt mein letztes Wort, nimm es an oder ſchlage es aus, wie es Dir gut dünkt. Aber ich gehe auf keine andere Bedingungen ein.“ Und Lord Wellerby ſchickte ſich an, das Zimmer zu verlaſſen. Seine Gemahlin ließ alle Schwierigkeiten ihrer gegenwärtigen Stellung an ſich vorübergehen. Sie hatte bei zwei oder drei von ihren Freundinnen Schulden im Betrag von fünf und achtzig Pfund, Strathern U. 178 und wußte, daß ſie fernerhin in ihrer Geſellſchaft eine nicht eben freundliche Aufnahme finden würde, wenn ſie dieſelben nicht bezahlte. Bei all' dem war es etwas Hartes, ein ganzes Jahr lang ohne einen Kreuzer Geld zu leben. Während ſie ſich noch beſann, ergriff Lord Wellerby Hut und Stock und ging der Thüre zu. Aber ehe er noch die Schwelle überſchritt, rief ſie ihm zu, er ſollte nicht fortgehen und willigte mit verdrießlicher Miene in ſeinen Vorſchlag. Eine Anweiſung auf den Bankier in Rom, die auf hundert Pfund lautete, wurde geſchrieben und der Lady überreicht; ſodann erin⸗ nerte ſie ihr Gemahl nochmals an ihre Ueberein⸗ kunft und ging von dannen, um einige Freunde aufzuſuchen, die engliſchen Zeitungen zu leſen und dann mit jenen nach ſeiner gewöhnlichen Lebens⸗ weiſe ein paar Robber zu ſpielen. „Nun Lioy, morgen geh' ich fort,“ ſagte Lord Fitzwarren zu ſeiner Verlobten, als er in den salon trat und die Morgenbegrüßung vorüber war.„Ich kann's wahrhaftig in Rom nicht mehr aushalten. Ich bot Ary Beaulieu an, ihn bis Neapel und Sieilien frei zu halten, aber— würdeſt Du es glauben?— er ſchlug es aus. Es muß etwas da⸗ hinter ſein, was ihn veranlaßt, ein ſolches Aner⸗ bieten abzulehnen. Er iſt doch ſonſt immer darauf aus, ſein Geld zu ſparen, und der arme Teufel hat ſo wenig aufzuwenden. Du wirſt, denk ich, 179 gehört haben, daß er recht krank geweſen iſt, der Burſche. Der Gillingsworth hat ein paar Tage an ihm herumgedoktert.“ „Du gehſt alſo wirklich morgen, lieber Georg? Ach, wie ſchwer wird es mir fallen, Dich zu ent⸗ behren! Aber ich kann nicht ſo eigenſüchtig ſein, um zu wünſchen, Du möchteſt an einem Ort blei⸗ ben, der Dir langweilig dünkt.“ „Das beweiſt, daß Du ein gutartiges ſowohl als verſtändiges Mädchen biſt, Livy. Die Zeit wird ſchnell vorübergehen, denn ich habe bemerkt, daß, wie abgeſchmackt und traurig auch ein Ort ſein mag, die Zeit eben doch verfließt, und das iſt ſchon etwas. Von Sicilien werde ich nach Neapel zurückkommen und dort mit Dir zuſammen⸗ treffen. Dann wollen wir einander nehmen, in Freud und Leid*). Der Heirathsvertrag wird von meinem Sachwalter dahin geſchickt, und iſt er unterſchrieben und geſiegelt, ſo brauchen wir die Sache nicht länger aufzuſchieben.“ „Wirſt Du mir vſt ſchreiben, lieber Georg, nicht wahr?“ „Ich bin der ſchlechteſte Correſpondent in der Welt, Livy. Ja, würdeſt Du es glauben, ich *) Dieſe Worte ſind aus der engliſchen Liturgie. wie ich von Herrn Grainger, Sprachlehrer in Mann⸗ heim weiß. U. 180 bringe mich ſelten dazu, auch nur meinem Geſtüts⸗ verwalter zu ſchreiben. Und Du weißt, daß es für einen Mann, der Freude an Jagden und Rennen findet, von der größten Wichtigkeit iſt, ſeinem Geſtütsaufſeher ſtets ſeine Verhaltungsbe⸗ fehle zugehen zu laſſen. Nein, ich fürchte, Du findeſt an mir einen verzweifelt nachläſſigen Brief⸗ ſchreiber. Weißt Du, Livy, daß ich an ein recht gutes Auskunftsmittel gedacht habe, um mir und Dir eine Mühe zu erſparen, wenn wir nicht bei einander ſind. Nämlich, mein Bedienter könnte Deine femme de chambre heirathen, ſie könnten einander ſchrei⸗ ben und dabei alle unſere Angelegenheiten und unſer Thun und Treiben beſprechen. Da hätten wir nicht nöthig, Briefe zu wechſeln. Hältſt Du das nicht auch für einen ſehr guten Einfall?“ „Er iſt ausgezeichnet,“ erwiederte Lady Olivia und ſtellte ſich, als lächelte ſie, obgleich ihre Eitel⸗ keit durch dieſen unantaſtbaren Beweis von der Gleichgültigkeit ihres künftigen Mannes tief ver⸗ wundet wurde. „Die Sache iſt die, mir iſt jede Mühe zu⸗ wider, mag ſie heißen wie ſie will; und das Schrei⸗ ben iſt etwas wirklich Beſchwerliches; aber ein paar Zeilen will ich Dir hie und da ſchicken und Web⸗ worth, den ich mit mir nehme, kann Dir, wenn Du wrillſt, regelmäßigen Bericht davon erſtatten, wo wir hingehen.“ 181 „O ja, lieber Georg! Das wäre mir recht lieb. Es wird ein Troſt für mich ſein, wenn ich genau erfahre, wo Du biſt und wie es Dir geht.“ „Nun, wenn ich die Wahrheit ſagen ſoll, ſo verſpreche ich mir nicht eben viel Unterhaltung in Sicilien, denn ich höre, es gebe dort außer einem Haufen Ruinen wenig zu ſehen, und von denen habe ich hier genug bekommen. Aber Alles will ich eher als in Rom bleiben.“ „Was für ein unverbeſſerliches Vieh!“ dachte Olivia, hütete ſich aber ſorgfältig, dieſem Gedanken Worte zu geben und lächelte recht freundlich. Dieſes k ſtete ſie aber eine bedeutende Anſtrengung und keinen geringen Aufwand von Selbſtüberwindung. „Ich muß auch von den alten Leuten Abſchied nehmen und der Sophie Lebewohl ſagen.“ „Werden wir Dich denn auf den Abend nicht zu ſehen kriegen, lieber Georg?“ „Ich ſürchte, nein; denn ich habe ein halbes Dutzend Kameraden eingeladen, mit mir zu ſpeiſen. Da wird es denn eine gehörige Rauchpartie geben und ich werde nicht fort können.“ „Es würde ihnen auffallen, wenn Du den Abend nicht kämeſt, Abſchied zu nehmen, wäre es auch nur eine halbe Stunde.“ „Wem würde es auffallen?“ „Dem Vater, der Mutter und Sophie.“ „O! und wer Teufels fragt denn danach, was 182 ſie davon halten? Ich einmal nicht. Du und ich, wir verſtehen einander, Livy, nicht wahr? Und das iſt es, was mich mit dem Eheſtand ausſöhnt. „Livy iſt ein verflucht geſcheides, verſtändiges Mäd⸗ chen,“ ſage ich zu mir ſelber, wenn ich allein bin, und da ein Mann früher oder ſpäter heirathen muß, ſo kann ich es eben ſo gut jetzt als ein andermal thun. Sie wird mich weder ärgern noch in meinem Treiben ſtören, denn ich habe ihr deut⸗ lich gezeigt, was für ein Kerl ich bin, und wenn ſie mit mir und meiner Art vorlieb nehmen will, nun, ſo iſt das ihre Sache.“ So ſage ich zu mir ſelber, wenn ich an unſer Verlöbniß denke und das macht, daß ich es nicht ſo ſehr bedauere, als ſonſt der Fall wäre.“ „Gewiß, lieber Georg, Du und ich verſtehen einander, und ſchon der bloße Gedanke, Dich aus Deiner Lebensweiſe herauszubringen, macht mich unglücklich.“ „Du biſt ein gutes Mädchen, Livy; und wenn es Dir nun wirklich darum zu thun iſt, in meiner Abweſenheit meine Wünſche zu ſtudiren, ſo haſt Du ſonſt nichts zu thun als den Wettrenn⸗Kalender durchzuleſen und Dich mit dem bekannt zu machen, was die Pferde betrifft. So werden wir um ſo beſſer mit einander fertig werden, denn wir haben dann immer etwas, von dem wir reden können. Aus dieſem Grunde werden mir die Männer nie 183 langwellig, denn mit ihnen kann ich mich von dem unterhalten, was mich am meiſten intereſſirt, und das iſt ſehr angenehm. Verſprich mir, Livy, daß Du den Rennkalender einſtudiren willſt! Ich habe einen mit hierher gebracht, denn ich reiſe nie ohne einen ſolchen und will ihn Dir zurücklaſſen.“ „Ich danke Dir, lieber Georg, wie ſehr gütig biſt Du! Du kannſt Dich darauf verlaſſen, daß ich mich jeden Tag mit ihm beſchäftigen werde, und wenn wir wieder zuſammenkommen, wirſt Du Dich über meine Fortſchritte wundern. Ich wollte, Du hätteſt mir das Buch früher ſchon geliehen.“ „Wir werden recht gut mit einander auskom⸗ men, Lioy, wenn wir nach England zurück ſind. Dort habe ich nie Langeweile und Du wirſt viel Freude haben an meinen Pferden. Auch nehme ich Dich mit nach Newmarket zu unſern Verſammlun⸗ gen. Mehrere Männer aus meiner Bekanntſchaft nehmen immer ihre Frauen mit hin.“ „Es wird mir außerordentlich viel Vergnügen machen, wenn ich mit Dir gehen und Deine Ställe und Lieblingspferde beſehen kann.“ „Und was würdeſt Du dazu ſagen, wenn Du Dein eigenes Wettbuch hätteſt, Livy, und einen Theil Deines Nadelgeldes wagteſt, wenn meine Pferde geritten werden. Ich will Dich in alle Geheimniſſe einweihen, denn ich verſtehe mein Ge⸗ 184 ſchäft, das kann ich Dir ſagen, und wir könnten auf dieſe Art mit einander viel Geld gewinnen.“ „Ich will mich ganz von Dir leiten laſſen, tbeurer Georg, und hoffe, daß ich keinen unge⸗ ſchickten Schüler abgebe. Wie gerne hätte ich doch Deine arme Fanny ſehen mögen, ich denke oft daran, was das für ein ausgezeichnetes Thier ge⸗ weſen ſein muß.“ „Das war ſie auch, Livy, das wirſt Du ſagen, wenn Du ihr Bild ſiehſt, treffende Aehnlichkeit, ich habe hundert Pfund dafür bezahlt. Nein, ich kann nichts ſo lieb haben, wie ich die Fanny ge⸗ habt, und muß die Hoffnung aufgeben, in meinem Leben ihres gleichen zu finden. Ich habe ein Por⸗ trait von ihr zu Hauſe in meinem Schlafzimmer und kann es nie anſehen, ohne ſchwermüthig zu werden. Aber die Zeit geht herum und ich muß fort. Ich denke, Du gehſt und ſiehſt nach den Alten, denn ich möchte mich bei ihnen verabſchie⸗ den und bei Sophien auch— ich möchte gern der Sophie Lebewohl ſagen.“ „Die Sophie hat ſich aber wahrhaftig in der letzten Zeit ſo unartig gegen mich betragen, daß ich es kaum gern ſähe, wenn Du ihr viel Artig⸗ keit zeigteſt. Sie ſucht mir immer weiß zu machen, Du habeſt mich nicht lieb, theurer Georg, und—“ „Armes Närrchen! bekümmere Dich nicht darum, Livy. Es iſt blos Eiferſucht. Sophie kränkt ſich 185 jetzt natürlich ganz verzweifelt, weil ich Dich ihr vorgezogen habe. Dafür kann ſie nichts, das arme Mädchen; und daber läßt ſie jetzt ihre üble Laune an Dir aus. Da gibt es aber doch, was das anlangt, in ganz Rom, ich wollte darauf ſchwören, kein Mädchen, die nicht neidiſch auf Dich wäre, Livy, weil Du mich weggekapert haſt, keine, die nicht gerade wie Sophie Dich zu quälen ſuchte, wenn ſie Gelegenheit dazu fände. Das liegt in der Art der armen Dinger und ſie können nichts dafür. Du mußt alſo nicht böſe ſein auf So⸗ phien.“ Lady Olivien fiel mehr die außerordentliche Eitelkeit ihres Verlobten als ſeine Gutmüthigkeit auf; und da ſie ging ihre Mutter und Schweſter aufzuſuchen, murmelte ſie vor ſich hin,„ich ver⸗ diene heilig geſprochen zu werden für die Geduld, mit der ich dieſem Eſel nachgebe. Aber laßt mich nur erſt ſeine Frau ſein, dann ſtehe ich dafür, daß Lady Fitzwarren volle Rache für die Behand⸗ lung nehmen wird, welche Olivia Wellerby er⸗ fährt.“ Lady Wellerby und Sophie traten jetzt in den salon. Die erſtere gerieth einigermaßen in Unruhe, als ſie erfuhr, daß die Abreiſe ihres künftigen Tochtermanns vor der Thüre ſtehe; denn ſie fürch⸗ tete, er möchte ſeiner Zuſage untreu werden. Die zweite war eher erfreut, als etwas Anderes, darüber, 186 daß Lord Fitzwarren fortging; denn ſie glaubte, das würde ihrer Schweſter unangenehm ſein. „Ich bin ſehr verwundert zu hören, daß Sie uns verlaſſen wollen, lieber Lord Fitzwarren,“ ſagte Lady Wellerby. „Wenn Sie mich beſſer kennen lernen, werden Sie ſich über nichts mehr wundern, was ich thue, denn ich bin ein ſonderbarer Kerl und ſo raſch in meinen Entſchlüſſen, daß Livy ſich immer zur Fahrt bereit halten muß. Und Sie, Sophie, überraſcht es Sie auch, daß ich abreiſe?“ „Nicht im Geringſten. Nichts von Allem, was Sie thun, kann mir auffallen.“ „Ich weiß nicht, ob Sie mir damit ein Com⸗ pliment machen wollen oder nicht, Sophie, aber ich will es für ein ſolches nehmen, denn ich mag nicht für einen zahmen Paßgänger gehalten wer⸗ den, der Tage lang zuvor beſtimmt, was er zu thun beabſichtiget oder wohin er gehen will. Der Vortheil eines ordentlichen Vermögens beſteht darin, daß man es in ſeiner Gewalt hat, aufzubrechen, wann und wohin einen die Laune treibt. Ich habe mir nie zwei,— ja, wahrhaftig, auch nur einen Tag— früher etwas vorgenommen, was ich zu thun Luſt bekam. Ja, am nämlichen Tag, da ich um Livy hier anhielt, dachte ich ſo wenig daran, als an's Fliegen, und wenn mir Jemand geſagt 187 hätte, ich würde das thun, ſo hätte ich drei gegen eins gewettet, daß es nicht geſchähe.“ Lady Sophie blickte, während dieſe einfältigen Aeußerungen gethan wurden, ihre Schweſter ver⸗ ſtohlen an, und es lag ſo viel Bosheit im Aus⸗ druck ihres Geſichts, daß Olivia jede, auch die härteſte Strafe hätte über ihren künftigen Herrn verhängen können. Denn indem er auf dieſe Art ihre Schweſter mit neuen Waffen verſah, um ſie zu verletzen, konnte ſie wohl vorausſehen, daß ſein Geſtändniß von derſelben oft genug als Beweis für ſeine völlige Gleichgültigkeit angeführt werden würde. „Olivia wird Ihre Entfernung ſchmerzlich em⸗ pfinden,“ bemerkte Lady Wellerby,„und daher hätte ich gewünſcht, Sie wären in Rom ge⸗ blieben.“ „Livy iſt ein zu verſtändiges Mädchen, um darüber närriſch zu werden, daß ich meiner Unter⸗ haltung nachgehe,“ erwiederte der ſtumpfſinnige Lord Fitzwarren,„und je früher ſie ſich an meine Art gewöhnt, deſto beſſer. Heute bin ich an dem, morgen an einem andern Ort, in London, New⸗ market, in dem ſchottiſchen Hochlande, in Don⸗ caſter, und der Himmel weiß, wo ſonſt noch. Mag ich ſie nun mitnehmen oder nicht, das muß ſie ganz meinem Gutdünken überlaſſen. Nehme ich 188 ſie mit, ſo muß ſie ſich darein ergeben, das iſt Alles, und bereit ſein im Augenblick, wo es ihr angekündigt wird, ſich auf den Weg zu machen und ganze Nächte durch zu reiſen. Laß Dir nicht einfallen, eine Putzſchachtel oder anderes Frauengeräthe in meinen Wagen zu thun. Das will ſagen, ich werde nicht darauf beſtehen, daß ſie irgendwohin geht, denn das wäre nicht ſchön; wenn ſie aber will, und ich denke, das wird immer der Fall ſein, nun, ſo muß ſie, wie ich vorhin ſagte, jeden Augenblick reiſefertig da ſtehen. Sie ſehen, Lady Wellerby, ich bin ganz frei und offen. Ich kehre alle meine Nähte heraus, daß man ſie ſchon im Voraus ſehen kann, und wenn man findet, daß es unangenehm iſt, ſich daran zu reiben, ſo iſt es immer Zeit, ſich davon loszumachen.“ „Es hat keine Gefahr damit, daß Olivia et⸗ was dagegen einwenden wird, nicht wahr, Schwe⸗ ſter?“ ſagte Sophie mit höhniſchem Lächeln.„Aber welches Frauenzimmer könnte dann eine Verbindung mit Ihnen abbrechen wollen?“ „Sophie, Sie ſind denn doch, meiner Treu', ein teufelmäßig geſcheides und gutmüthiges Mäd⸗ chen,“ erwiederte Lord Fitzwarren, der nicht merkte, daß Sophie ſich über ihn luſtig machte;„und es wird nicht mein Fehler ſein, wenn ſie nicht einen wackern Mann mit uns zurück nach England neh⸗ 189 men. Nun, leben Sie wohl, Mylady;“ empfeh⸗ len Sie mich dem alten Herrn! Adieu, Sophie,“ damit küßte er das Fräulein auf die Wange,„und Gott behüte Dich, meine liebe Livy,“ und er drückte ſeine Verlobte an die Bruſt. „Komm, keine Thränen, Livy,“ ſie hielt näm⸗ lich ihr Sacktuch vor die Augen.„Wir treffen einander bald in Neapel. Lebet wohl!“ Und fort eilte Lord Fitzwarren, nicht mehr ergriffen durch ſeine Trennung von dem Mädchen ſeiner Liebe, als wenn er ſich von einem ſeiner männlichen Be⸗ kannten verabſchiedet hätte. Er ſummte ſogar ein Liedchen, während er die Treppe hinunterging und blickte nicht ein einzigesmal zu dem Fenſter hinauf, an welches ſich Lady Olivia voll erheuchelter. Em⸗ pfindung geſtellt, um dem Weggehenden nachzuſehen. „Du brauchſt ihm nicht nachzugucken, Olivia,“ ſagte Lady Sophie.„Eine ſolch' zarte Aufmerk⸗ ſamkeit iſt bei ihm gänzlich verloren, denn er ſcheint ſich eher über ſein Scheiden von Dir zu freuen als zu betrüben.“ „Meiner Treu, Olivia, es iſt mir nicht ganz wohl bei der Sache. Er iſt ſo ein außerordentlich ſonderbarer Menſch,“ ſagte Lady Wellerby mit be⸗ ſorgter Miene. „Du fürchteſt wahrſcheinlich, er werde ſich, während er von Olivien entfernt iſt, zu Tode grä⸗ men!“ bemerkte ihre boshafte Schweſter. ——— —— 190 „Laß die Spöttereien weg, Sophie,“ ſagte ihre Mutter;„Olivia wird ſchon wiſſen, wie ſie daran iſt; und macht ſie ſich nichts daraus, ſo brauchen wir es auch nicht zu thun. Lord Fitzwarren iſt, wie man geſtehen muß, etwas voriginell, aber Nie⸗ mand iſt vollkommen. Er hat denn doch manche gute Eigenſchaften.“ „Wir haben aber bisher keine davon entdecken können,“ erwiederte Sophie. „Ich bin ſo frei, eine andere Meinung zu haben als Du, Sophie. Was konnte wohl artiger von ihm ſein, als daß er um Deine Schweſter anhielt? Wie wenige junge Männer von ſeinem Rang und Reichthum würden heutzutage ſo groß⸗ mürhig gehandelt haben? Nie hat er ein Wort davon fallen laſſen, ob ſie Vermögen habe und wie ein edler Mann, ohne darum angegangen worden zu ſein, ſeine Abſicht zu erkennen gegeben, ihr ein bedeutendes Leibgedinge auszuſetzen. Wenn ein ſolches Betragen nicht beweist, daß er treff⸗ liche Eigenſchaften beſitzt, wüßte ich nicht, wie es ſonſt geſchehen könnte.“ „Beſonders da Du durch ſein eigenes Ge⸗ ſtändniß, wie er es in unſerer Gegenwart abge⸗ legt hat, überführt worden ſein mußt, daß ſeine Werbung um Olivien ein bloßer Zufall war, und er eine Stunde zuvor noch gar nicht daran hatte.“ ———— 4 „Deſſenungeachtet, Sophie,“ verſetzte Olivia mit ſo viel Ruhe und Anſtand im Betragen, als ſie anzunehmen vermochte,„hege ich das vollkom⸗ menſte Vertrauen zu Lord Fitzwarren, und da ich ruhig bin, da ich weiß, daß er und ich einander ganz gut verſtehen, ſo können mich die boshaften Bemerkungen nicht anfechten. Sie beweiſen blos, wie froh die, welche ſie macht, ſein würde, wenn ſie an meiner Stelle wäre. Ich verſichere Dich, Mutter, daß Du nicht im Entfernteſten Urſache haſt Dich über die Beſtändigkeit und die Abſichten Lord Fitzwarren's zu ängſtigen. Er macht vielleicht nicht ſo viel Worte, um ſeine Neigung an den Tag zu legen, wie andere Männer, iſt aber nicht weniger ehrlich und wohlmeinend.“ „Du machſt mir wahrhaftig eine große Freude, liebe Olivia. Du urtheilſt mit ſo viel Verſtand und Richtigkeit.“ So endete die Zuſammenkunft. 192 Zwei und zwanzigſtes Kapitel. „Die Liebe zieht mit Lächeln ein und bringt uns nichts als Freude, Doch werden wir bald hinterdrein der Furcht und Zweifel Beute, Wach wird der Sorge grimmer Zahn, den wir ſonſt nie gekannt, Und jede Hoffnung ſtirbt daran, die Freude iſt verbannt, Sie räuſchet uns mit falſcher Liſt und ſchmeichelt unſ'rem Sinn, Bis unſereins gefangen iſt und nicht mehr weiß wohin? Dann weichen wir der Uebermacht und können wir dagegen Das, was uns der Verſtand geſagt, nicht in die Schaale legen, So herrſcht die Leidenſchaft allein zuletzt in unſern Herzen, Und bringt uns ſtatt der Wonne Pein und ſtatt der Freude Schmerzen. Dann lächelt ſie, daß man 5 Macht als erſte aner⸗ annt, Die einem ſo viel Leid gebracht und das Gehirn ver⸗ brannt. Und doch trotz allen Herzeleids wird es wohl Niemand geben, Dem nicht der Liebe Saieite das Liebſte wär' am eben.“ Als Frau Sydney nach dem Weggang Stra⸗ thern's mit ihrer Tochter allein war, hielt ſie es 193 für ihre Pflicht, ſie wegen des ſichtberen Wechſels in ihrem Benehmen gegen den Verlobten zur Rede zu ſtellen. „Nimm Dich in Acht, liebe Louiſe,“ ſagte die ängſtliche Mutter,„wie ſpielſt Du mit Deinem und eines Andern Glück! Dein Betragen gegen Herrn Strathern iſt ſo ganz verändert, daß ich nicht glauben kann, ein ſolcher Wechſel könnte ein⸗ treten, ohne daß Du triftige Gründe hätteſt, mit ihm unzufrieden zu ſein. Denn ich möchte Dich nicht gerne für launiſch halten und doch ſchätze ich ihn ſo hoch, daß es mir faſt eben ſo zuwider wäre anzunehmen, daß er etwas gethan habe, was dieſe Veränderung verdiente.“ Louiſe ſchwieg und fühlte ſich, wie in der ver⸗ wichenen Nacht, einen Augenblick lang verſucht ihrer Mutter Alles zu geſtehen, was in ihrer Seele vorging. Aber die Furcht, ſie möchte in den Augen derſelben ſchwach und leichtgläubig erſcheinen, wenn ſie zugeſtände, daß ſie in Folge des Ge⸗ flüſters eines Verleumders etwas gegen den Er⸗ wählten ihres Herzens habe, verſiegelte ihr zum Unglück die Lippen und ſie ſuchte die Bemerkungen ihrer Mutter dadurch abzulenken, daß ſie behaup⸗ tete, nur eine Unpäßlichkeit habe die gerügte Ver⸗ änderung herbeigeſührt. Frau Sydney wollte ihre ſichtbare Niedergeſchlagenheit nicht noch vermehren und unterließ es die Sache weiter zu treiben, aber Strathern U. 13 194 ſie fühlte ſich tief verletzt, da ſie gewahrte, wie wenig Vertrauen ihr Kind zu ihr hegte, indem ihr daſſelbe verheimlichte, welche wirkliche oder eingebil⸗ dete Urſache auf ſie eingewirkt und ihre Kälte gegen Strathern hervorgebracht hätte. Das Herz einer zärtlich liebenden Mutter iſt unter wenigen Um⸗ ſtänden einer härteren Probe ausgeſetzt, als wenn ſie ſich mit einem Mangel an Vertrauen von einer Tochter behandelt ſieht, für deren Glück ſie gern jedes Opfer bringen würde. Frau Sydney fühlte ſo fein und zart, daß ſie dieſen Beweis von Lieb⸗ loſigkeit, wie ſie es anſah, bitter empfand, und wenn ſie der gränzenloſen Liebe gedachte, welche ſie ihrer Tochter ſtets bewieſen, ſo wurde ihr die Wahrheit der Worte unſeres göttlichen Barden klar: „O wie viel ſchmerzlicher als einer Schlange Zahn Iſt doch der Undank eines Kindes!“ Dieſer Tochter hatte ſie jeden Gedanken und jede Hoffnung ihres Lebens geweiht, ſeitdem der unerbittliche Tod ihr die übrigen Gegenſtände ihrer Zuneigung von der Seite geriſſen. Dieſe hatte ſie in ihrem einzigen überlebenden Kinde geliebt und da dieſelbe das Ebenbild der trauten Geſchiedenen war, ſo ſchien es, als ob alle Zärtlichkeit, die jene einſt getheilt, nun in dieſem letzten Bande ſich ver⸗ einigte, welches ſie an das Daſein knüpfte. Kein Opfer für die mit Leidenſchaft umfaßte Tochter 195 war ihr je als ein ſolches erſchienen. Um ihret⸗ willen hatte ſie ſich in ihrer Kindheit von Freun⸗ den und Bekannten zurückgezogen, um ohne Stö⸗ rung alle ihre Zeit dieſem Kleinod widmen zu kön⸗ nur, ihr zu Liebe hatte ſie ſich in die ſchweren Prüfungen ergeben, mit welchen es der göttlichen Vorſehung geſiel ſie heimzuſuchen, und ſich noch einmal der Hoffnung überlaſſen, daß ſie für ihre vergangenen Leiden Entſchädigung finden würde, wenn ſie zum Wohlergehen des Lieblings beitrüge und Zeuge deſſelben wäre. Aber nun, da dieſes Glück zu erreichen ſtand, ſah ſie ihr Kind im Be⸗ griff das ſchöne Gebäude niederzureißen, das ſie mit ſo viel Dankbarkeit und Befriedigung in die Höhe ſteigen geſehen hatte. Ob ſie gleich eben ſo innigen Antheil an der Sache nahm, als Louiſe Sydney ſelbſt, blieb ihr doch nicht vergönnt die Urſache des Wechſels in den Empfindungen ihrer Tochter kennen zu lernen und ſie konnte daher auch keinen Schritt thun, um falſche Eindrücke zu be⸗ ſeitigen oder wahre zu mildern. Und war dieſer Mangel an Ehrlichkeit, dieſe froſtige Zurückhaltung das, was eine zärtliche Mutter von ihrem einzigen und faſt vergötterten Kinde zu erwarten ein Recht hatte? Frau Sydney fühlte, daß dem nicht ſo wäre und Thränen der verletzten und getänſchten Liebe verriethen, wie lebhaft und bitter ſie das Unrecht empfand. Hätte ſie dieſe Thränen im 13½ 196 Beiſein Louiſens vergoſſen, ſo iſt es mehr als wahrſcheinlich, daß der Anblick derſelben dieſe in der Mutter Arme zurückgeführt und daß ſie dort Alles bekannt haben würde, was in ihrer Seele vorging, denn welche Tochter könnte den Zähren einer Mut⸗ ter widerſtehen, beſonders wenn ſie weiß, daß die⸗ ſelben nur durch die ängſtliche Sorge für ihr Wohl⸗ ergehen hervorgerufen werden? Zum Unglück für beide hatte Frau Sydney die Einſamkeit ihres Zim⸗ mers aufgeſucht, um dort die Vereitelung ihrer Hoff⸗ nungen zu beweinen und Louiſe erfuhr nichts von dem Schmerz, den ihre Zurückhaltung verurſachte. Doch aber ſtiegen Gedanken der Reue in ihrem Innern auf, als ſie zwei Stunden danach die un⸗ gewöhnliche Bläſſe auf den Wangen und die Spu⸗ ren von Thränen in den Augen ihrer Mutter er⸗ blickte, und ſie erkundigte ſich mit unverſtellter Theilnahme, ob ſie nicht wohl wäre. Dieſe Frage ſchien faſt einem Hohn zu gleichen, oder bewies wenigſtens einen ſo gänzlichen Mangel an Ueber⸗ einſtimmung mit dem, was ihr Herz bewegte und erfüllte, daß auf Frau Sydney dadurch keine Wirkung hervorgebracht wurde. Sie erklärte blos, daß ſie nicht krank wäre. Wie oft hemmt eine zur unrechten Zeit angebrachte Zurückhaltung das Ueberſtrömen der Vebe und verhindert Auseinanderſetzungen, die zu einer Herſtellung des Vertrauens und Glücks zwiſchen Perſonen führen könnten, welche ſich theuer ſind! 497 Als Strathern in ſein Gemach zurückkehrte, fand er ein paar Briefe auf ſeinem Tiſch, erbrach gedankenlos die Siegel und ſein Auge traf unter ihnen einen, der keine Unterſchrift hatte. Seine erſte Regung trieb ihn denſelben ungeleſen in's Feuer zu werfen, aber der Name Fräulein Syd⸗ ney's zog ſeine Aufmerkſamkeit an und er fing an ihn zu überſchauen. Wäre Louiſe und er in den⸗ ſelben vertraulichen und glücklichen Beziehungen ge⸗ ſtanden, die bis zu dem Maskenball zwiſchen ihnen obgewaltet hatten, ſo würde er ſich nicht dazu ver⸗ ſtanden haben einen Brief ohne Unterſchrift zu leſen, denn, wie alle ehrenhaft denkenden Menſchen, hegte er die größte Verachtung gegen ſolche Machwerke und ihre Urheber, aber der unerklärbare Wechſel in dem Betragen ſeiner Braut erregte ſo viele Beſorgniſſe in ſeiner Seele, daß eine unbeſtimmte Vorſtellung da⸗ von, er könnte den Schlüſſel zu Auffindung der Urſache deſſelben in dem Brief finden, ihn veran⸗ laßte ſeinen Widerwillen zu beſiegen und ihn bis zu Ende zu leſen. Er war mit entſtellter Hand ge⸗ ſchrieben und lautete wie folgt:— „Jemand, der Sie ſchätzt und Ihre guten Eigenſchaften kennt, glaubt, daß es Schade wäre, wenn Sie von einem herzloſen, launen⸗ haften und gefallſüchtigen Mädchen zum Beſten gehalten würden, die, wenn Sie auch das Ge⸗ gentheil glauben ſollten, keine wahre Neigung zu Ihnen fühlt. Fräulein Sydney iſt ſo wenig fähig Ihren Charakter zu würdigen oder Ihre Liebe gebührend zu ſchätzen, daß ſie in Folge des Argwohns, der eine ſo hervortretende Eigen⸗ thümlichkeit ihres Weſens ausmacht, vermuthet, Sie würden bei dem Streben nach ihrer Hand von geldſüchtigen Beweggründen geleitet, und auch Ihr großes, nicht mit Schulden belaſtetes Vermögen kann Sie nicht vor dem ungerechten und ſchmählichen Verdacht ſchützen, welcher ſich in ihrem Gemüthe eingeniſtet hat. Welches Glück kann ein Mann von Ihren offenen Ge⸗ ſinnungen und Ihrem edeln Sinn von einer Verbindung mit einem Weſen erwarten, das den geraden Gegenſatz zu Ihnen bildet? Laſſen Sie ſich warnen, ehe es zu ſpät iſt und be⸗ nutzen Sie die erſte Gelegenheit, die Ihnen ihr launenhaftes Weſen darbietet— und es wird daran nicht fehlen— um ein Verſprechen zurück⸗ zunehmen, deſſen Erfüllung blos dazu dienen würde Sie auf Lebenslang elend zu machen.“ Strathern warf das Schreiben mit Entrüſtung und Widerwillen weg. Daß ein Geſchöpf, wie ſeine Louiſe, der Herzloſigkeit und Launenhaftigkeit beſchuldigt wurde, erſchien ihm als eine Handlung der größten Ungerechtigkeit und er entſchied ſich dahin, daß ein ſolcher Vorwurf ſeinen Urſprung nur im Neid oder der Eiferſucht habe finden können. 199 Und doch trat ihm, während er bies Urtheil fällte, die Erinnerung an den kürzlichen, unerklärbaren Wechſel in ihrem Betragen gegen ihn vor das Gedächtniß und gab den Anklagen, die der namen⸗ loſe Brief enthielt, ein Gewicht, das ſie nie hätten gewinnen können, wenn er ſich jenes Umſtands nicht bewußt geweſen wäre. Er wurde ärgerlich auf ſich ſelber darüber, daß er an etwas dachte, was den Beſchuldigungen in der Zuſchrift den Anſtrich von Wahrheit geben konnte, vermochte aber doch nicht das Andenken an ihr verändertes Benehmen aus ſeiner Seele zu verdrängen. „Launiſch muß ſie denn doch ſein,“ dachte Strathern, während er über ſeine letzte Zuſammen⸗ kunft mit Fräulein Sydney nachſann.„Ich hatte nichts geſagt oder gethan, was das geringſte Miß⸗ fallen in ihr hätte erregen fönnen, und doch kann ich mir die Thatſache nicht verhehlen, daß ihr heu⸗ tiges Betragen Kälte und Gleichgültigkeit, wenn nicht völliges Mißvergnügen verrieth. Dann wird ihr vorgeworfen, ſie ſei argwöhniſch. Eine arg⸗ wöhniſche Frau wäre mir ſehr zuwider.“ Aber die Vorſtellung von Haß in Verbindung mit Louiſen Sydney konnte in ſeinem Kopfe nicht lange Raum finden und er wies ihn mit einem„Pah“ und einem ärgerlichen Kopfſchütteln zurück. Der Ge⸗ danke, daß ſie argwöhniſch ſei, war jedoch nun einmal in ſeine Seele eingetrungen, er ließ ſich 200 nicht ſo leicht verdrängen und kehrte immer wieder und wieder zurück.„Es gibt keinen Fehler,“ dachte er,„den ich nicht eher verzeihen könnte als ein argwöyniſches Weſen; es beweist einen völligen Mangel an Großherzigkeit, und die vertrauensvolle Hingebung, welche das ſüßeſte ſowohl als das ſicherſte und unauflösliche Band der Liebe ausmacht, fann da nicht vorbanden ſein. Und bei mir ver⸗ muthet man geldſüchtige Beweggründe! bei mir, der ich nie einem Gedanken Raum gegeben, welcher mit Geldrückſichten auch nur entfernt etwas zu thun hätte. Es iſt eine Beſchimpfung— es geht über alles Maaß hinaus. Und wenn Fräulein Sydney wirklich ſolch' unwürdige und gemeine Zweifel bei ſich Platz greifen laſſen kann, ſo verdient ſie bei weitem nicht die innige, zärtliche Anhänglichkeit, die ich für ſie gehabt habe. Aber nein— ich will und kann nicht glauben, daß ſie im Stande iſt ſolchen für mich beleidigenden Gedanken nach⸗ zuhängen. Habe ich nicht jeder Empfindung, allen Gefühlen eines Herzens den Lauf gelaſſen, das noch nie geliebt hat, bevor ſie alle in ihm ſchlum⸗ mernde Zärtlichkeit geweckt? Habe ich auch nur einen Gedanken vor ihr verborgen oder einen Feh⸗ ler zu beſchönigen geſucht? Und jetzt ſoll ich ſo mißverſtanden, ſo falſch beurtheilt und beargwöhnt werden, als würde ich durch unlautere Beweg⸗ gründe in Thätigkeit geſetzt? Das iſt zu arg, zu erniedrigend für mich und verletzt mich in tieſſter Seele.“ Lange noch gab ſich Strathern, der ſtolze und feinfühlende Strathern ſolchen bitteren Betrachtun⸗ gen hin; denn einen Augenblick verwarf er allen Glauben daran, daß der Gegenſtand ſeiner Nei⸗ gung ihm ſo viel Uarecht tbun und Verdacht gegen ihn hegen könnte, im nächſten gerieth er wieder in Zorn, wenn er ſich auch nur die Möglichkeit dachte, daß ſie ſolches zu thun im Stande wäre. Es iſt eine auffallende, aber bei dem Allem ganz richtige Thatſache, und von ſorgfältigen Be⸗ obachtern der menſchlichen Natur iſt häufig die Bemerkung gemacht worden, daß die Leute zu aller⸗ letzt geneigt ſind, an Andern die Fehler zu ent⸗ ſchuldigen, welche ihnen ſelber ankleben. Ob dies daher rührt, daß ſie von den Mängeln, die ihnen eigen ſind, nichts wiſſen, oder daher, daß ſie die⸗ ſelben genau kennen und folglich verabſcheuen, iſt nie genügend erwieſen worden. Wie dem aber auch ſei, Strathern fühlte, daß er jeden Fehler an ſei⸗ ner Verlobten eher hätte überſehen können, als den, daß ſie argwöhniſch war, und doch trat vielleicht gerade dieſes Gebrechen am meiſten hervor, wenn es nicht das einzige in ihrem Charakter war. Hatte er nicht in der tief gewurzelten Furcht geſchwebt, daß man ihn nicht um ſeiner ſelbſt, ſondern um ſeines Vermögens willen wählen könnte, hatte ihn 202 nicht gerade dieſe Beſorgniß zur Freude darüber ver⸗ anlaßt, daß der Reichthum des Fräuleins Sydney jeden Zweifel hierüber beſeitigte? Und doch durfte ſie keine derartigen Gedanken unterhalten, ohne ſich dem härteſten Tadel auszuſetzen; dieſer Tadel war von weit größerer Bedeutung als der ihr vorgewor⸗ fene Fehler, welcher aller menſchlichen Wahrſcheinlich⸗ keit nach mehr ihrer eigenthümlichen Stellung als der eines reichen Mädchens, denn ihrer natürlichen An⸗ lage dafür zugeſchrieben werden mußte. Nie hatte Strathern zwei unangenehmere Stunden verbracht, als während er ſich dieſen ſchmerzlichen Betrach⸗ tungen überließ. Er rief ſich die weggewandten Blicke, das zerſtreute Weſen und die Schweigſam⸗ keit Louiſens während ihres letzten Beiſammenſeins in's Gedächtniß zurück, und der Schreiber des na⸗ menloſen Briefes— der, wie unſere Leſer ſchon errathen haben, kein anderer war als Lord Alexan⸗ der Beaulieu— wäre gewiß hoch erfreut geweſen über den Erfolg ſeines boshaften Entwurfs zu Stö⸗ rung des guten Einverſtändniſſes der Liebenden, wenn er Zeuge der Traurigkeit und Verſtimmung beider hätte ſein können. „Mich zu beargwöhnen, der ich ſie ſo hoch verehrt, der ich ſie angebetet habe!“ rief Strathern wieder und wieder, als er über den Inhalt des Briefs nachdachte, der ihm zugekommen war;„ich wollte ich könnte ihr Bild aus dem Herzen reißen! Aber nein, es herrſcht darin unumſchränkt, und ſelbſt jetzt noch, da ich mich unter dem Bewußtſein ihrer Ungerechtigkeit krümme, jetzt noch fühle ich, daß ich nie aufhören kann ſie zu lieben. Wenn ich nur ihre Mutter allein ſehen und ſprechen könnte! Frau Sydney iſt immer recht gütig und nachſichtig gegen mich geweſen, und würde mir auch in dieſem Falle die Urſache von Louiſens ver⸗ ändertem Benehmen enthüllen. Aber iſt es denn ſo weit mit mir gekommen? Soll ich mich, da ich mir doch bewußt bin, daß ich keine Urſache ge⸗ geben habe über mich ungehalten zu ſein, ſoll ich um Verzeihung betteln und mich vor dieſer ſtolzen Schönheit demüthigen, ſoll ich ihre Mutter bitten mir zu ſagen, warum ſie ſo ganz anders gegen mich iſt? Rarr, der ich war, meine ganze Seele, alle meine Hoffnungen auf Glück hinzugeben, um ein Mädchen zu gewinnen, die mir ſo großes Un⸗ recht anzuthun vermochte, wie ſie. Aber ich werde Meiſter werden über dieſe unmännliche Schwäche und ihr zeigen, daß Niemand auf Erden lebt, der mich verächtlich behandeln und mit meinen Gefühlen ſein Spiel treiben darf, ich will—“ Hier aber kehrte ſeine Zärtlichkeit wieder und machte, daß der zornige Liebhaber abbrach, ehe er noch den Satz beendigt hatte. Er hielt inne, denn er vermochte es ſelbſt in Gedanken nicht, ſich die Möglichkeit eines ernſtlichen Streites mit derjenigen 204 vorzuſtellen, die er ſo herzlich liebte. Dann kam ihm wieder die Erinnerung an ihre Schönheit und gewinnende Sanftmuth, an die Stunden ſüßen Zu⸗ fammenſeins, da ſie ihre Gedanken ausgetauſcht, Pläne für die Zukunft entworfen hatten. Er ge⸗ dachte ihrer unverhüllten Zärtlichkeit und ſeine Liebe ſchien faſt noch zu wachſen durch den Sturm des leidenſchaftlichen Zorns, der erſt kürzlich gedroht dieſelbe zu erſchüttern, wenn nicht zu zerſtören. Er ergriff den namenloſen Brief und ſchleuderte ihn mit einer Bewegung des Grimms und einem Fluch auf den Urheber deſſelben in's Feuer. Er rief— „So verſchwinde jeder Zweifel an der Neigung und Gutartigkeit meiner ſchönen und geliebten Louiſe. Gewiß hat ein böſer Geiſt den Schreiber dieſes elenden Fetzens angetrieben, mir ſolche furchtbare Gedanken einzuflößen. Wie könnte ich je me ner Verlobten in die ſchönen Augen ſchauen, wenn ſie ſich träumen ließe, daß ich einem niederträchtigen Verleumder, den ſeine Maske verbirgt und ſchützt und meiner gerechten Rache entzieht, daß ich von dem auch nur für einen Augenblick meinen Glauben an ſie habe erſchüttern laſſen. Sie würde mich verachten, und ich verachte mich faſt ſelbſt ob ſol⸗ cher unverzeihlichen Schwäche.“ Mit welcher Freude verſcheucht ein liebendes Herz aus dieſem den erſten Zweifel, der ſich gegen 205 einen geliebten Gegenſtand eingeſchlichen hat, und wie raſch fließt der Strom der erneuerten Zärtlich⸗ keit, der an die Stelle verdrießlicher Gemüthsbe⸗ wegungen tritt. Es war eine faſt weibliche Sanſft⸗ heit in den Gefühlen Strathern's, nachdem ſein früherer Zorn vergangen war, und wie viel Stolz auch in ſeinem Weſen lag, er hätte ſich vor Loui⸗ ſen Sydney erniedrigen, ja vor ihr auf die Knie ſtürzen können, wenn ſie da geweſen wäre. Er hätte es über ſich vermocht ſie um Verzeihung da⸗ für zu bitten, daß er auch nur in Gedanken ihr ſo großes Unrecht angethan und an ihrer Zärtlich⸗ keit oder ihrem Werth gezweifelt hatte. Er erlaubte ſich nicht ferner an ihre kürzliche Kälte oder Ent⸗ fremdung zu denken, und wenn es ihm doch wieder einfiel, ſo ſchrieb er es der Urſache zu, die ſie ſelber dafür angegeben,— einem Unwohlſein— und machte ſich Vorwürfe, daß er ſich hatte einbilden können, es rühre von etwas Anderem her. Wäh⸗ rend ſich Strathern mit ſolchen Gedanken beſchäf⸗ tigte, waren die des Gegenſtandes ſeiner Neigung noch ſchmerzlicher. „Wie ſchwach und ſchwankend bin ich gewor⸗ den,“ dachte Louiſe Sydney, in ihren Sorgenſtuhl zurückgelehnt, den Kopf auf die ſchöne Hand ge⸗ ſtützt und mit niedergeſchlagenen Augen.„Er hat keine der Anſchuldigungen, nicht eine widerlegt, die gegen ihn erhoben worden ſind. Und doch iſt ſein 206 Einfluß auf mein Gemüth ſo groß, daß ich jeden Argwohn, jeden Vorwurf vergaß und blos daran dachte, daß er mir nahe ſei und daß ich ihn liebe, als er anfing mir mit den Blicken voll Liebe, die mir ſo theuer ſind, in die Augen zu ſchauen und mich anzureden mit der Stimme, die wie Muſik in meinen Ohren klingt. Aber hätte er denn mei⸗ nem Blicke mit dem freundlichen Ernſt begegnen können, der mich die Augen niederzuſchlagen zwang, wenn er mich nicht ſo innig, ſo leidenſchaftlich liebte, wie er behauptet? Könnte ſeine Stimme den Ton der Wahrheit ſo ſehr an ſich tragen, und meinem Herzen eine ſolche Ueberzeugung geben, wenn ſie nicht der Ausdruck der innigen, der wah⸗ ren Liebe des ſeinigen wäre? Oh, nein, ich will nicht glauben, daß er ſich ſo verſtellen, daß er ſo die gemeinen Neigungen verſtecken könnte, deren man ihn beſchuldigt hat. Tragen nicht ſeine Blicke und Worte das wahre Gepräge der Ehre und Wahrheit? Ich will mich wiederum dem beſeligen⸗ den Vertrauen auf ſeine Anhänglichkeit und die edeln Eigenſchaften hingeben, welche die Grundlage meiner Neigung zu ihm gebildet haben. Jeden Zweifel will ich verbannen. Aber wenn— oh! verhaßtes Wort— wenn doch etwas Wahres an der Warnung wäre, die mir der Zauberer in's Obr geflüſtert! Wenn mich mein liebendes und thörichtes Herz verblendete und mich blos glauben 207 machte, was ich wünſchte glauben zu dürfen, wenn ich von einem— Wüſtling zum Beſten gehalten würde! Weg damit! welche Empfindung von Angſt und Widerwillen überkommt mich bei dem Gedan⸗ ken. Lieber wollte ich ſein Bild für immer aus der Seele reißen, und müßte ich es mit dem Leben bezahlen, als den Gedanken ertragen, daß er, dem ich mein jungfräuliches Herz geſchenkt, alle Friſche und Reinheit des ſeinigen bei den blos ſinnlichen liaisons zerſtört habe, die einen Mann unfähig machen, der zartſinnige, ehrenwerthe Genoſſe oder der ſichere Führer eines jungen und liebenden Weibes zu werden. Von allen unlauteren Beweg⸗ gründen ſpreche ich ihn frei. Obſchon reich, bin ich doch,“ hier blickte ſie wohlgefällig in den Spie⸗ gel neben ihr,„nicht ſo ganz entblöst von perſön⸗ lichen Reizen, um fürchten zu müſſen, daß mein Vermögen ihn allein vermocht haben könnte nach meiner Hand zu ſtreben. Nein, wäre er auch in die bitterſte Armuth verſunken, doch wollte ich ihm meine ganze Habe überlaſſen. Ach! welches Weib hat je ihr Herz, das größte ihrer Güter— wenn es redlich und edel war— hingegeben, ohne das Geſchenk mit dem zu begleiten, was— nach ihrer Meinung wenigſtens— weit weniger Werth hat— mit ihrem Vermögen. Was konnte die Frau— Bloram nannte ſie, glaube ich, die Murray— mit 208 ihrem Warwick⸗artigen*) Kopfſchütteln und den ernſten Blicken ſagen, als ſie von ihm ſprach? Offenbar hat ihr Benehmen einen tiefen Eindruck auf die Murray gemacht und ſie legt gewöhnlich Kleinigkeiten keine große Bedentung bei. Ich wollte ich hätte ſie gebeten die Frau B oram zu beſuchen — wie iſt mir doch der gemeine Name verhaßt— und ſich zu erkundigen, was ſie denn eigentlich weiß. Aber bin ich denn wirklich ſo tief geſunken, daß ich, und gar wegen meines Bräutigams eine Dienerin verwende, um ſich in die Geheimniſſe Anderer einzudrängen? Wie würde meine Mutter ſchon vor der bloßen Vorſtellung zurückbeben, daß ihre Tochter ſich ſo herabwürdigen könnte! Nein, ich kann mich nicht dazu verſtehen, und doch— aber ich will es mir aus dem Sinn ſchlagen, der Murray verbieten, daß ſie je wieder darauf zurück⸗ kommt, das pochende und klopfende Hecz beruhigen und Strathern lächelnd entgegengehen, während mich Zweifel und Breſorgniſſe qualen. Alles will ich thun, nur meine Zuſage gegen ihn nicht brechen, denn um das auszuführen, fehlt es mir, wie ich fühle, bei meiner Liebe, Schwäche und Bethörung an Kraſt. Und ich bin doch immer ſo ſtolz ge⸗ weſen, ich glaubte mich unfähig Einen zu lieben, *) Warwick, der Königmacher. Ueberſ. 209 wie anziehend er auch wäre, von dem ich glauben könnte, er beſäße weniger Hoheit der Seele, und ſein Betragen wäre weniger fehlerfrei als das des Muſters, des Ideals, das ich mir von meinem künftigen Gemahl gebildet hatte— und jetzt kann ich mir die Möglichkeit denken, an der Kettr der Liebe zu ſchleppen, während ihre Glieder mein Herz zerfleiſchen und ich argwöhne, es ſei ein Unwürdi⸗ ger, den ich liebe; das kann ich eher, als ich die Kette aus einander reiße, wenn auch dabei meine Ruhe zerſtört würde. Die quälendſten Bilder treten mir beſtändig vor das erhitzte Gehirn, ſeitdem ich gegen ihn, für den ich ſchwarme, die Beſchuldigung gehört habe, er ſei ein Wüſtling. Es kommt mir vor, als ſähe ich ihn in der Geſellſchaft der Frauen, denen mit der Tugend die Schaam verloren ge⸗ gangen iſt, wie er über ihre gemeinen Scherze lacht und ihren wüſten Geſprächen lauſcht, oder— oh, noch ärger als das— wie er einer von ihnen die Blicke, die leiſen, ſüßträumenden Worte zuwendet, welche mich ſo oft entzückt haben. Und das war der Mann, von dem ich thörichterweiſe geglaubt, er habe nie geliebt, ehe er mir ſein Herz ſchenkte. Aber warum den Namen der Liebe entweihen und meinen, er könnte eine ſolche Leidenſchaft für eine Perſon gefühlt haben, deren Bekanntſchaft er nur mit Erröthen anerkennen kann? Nein, ein Mann, wie Strathern, kann keine Anhänglichkeit für ein Strathern U. 14 210 Weib fühlen, die er nicht achten oder ehren kann. Bei all dem muß aber doch der Verkehr mit ſol⸗ chen Leuten einen unaustilgbaren Flecken in ſeiner Seele zurückgelaſſen und es unfähig gemacht haben, die innige Neigung eines rechtſchaffenen Mädchens mit reinem Herzen gehörig zu würdigen oder zu erwiedern. Wie habe ich mich mit Abſcheu und Ekel von einigen meiner weiblichen Bekannten ab⸗ gewendet, weil ſie in die Heirath mit Männern willigten, von welchen man wußte, daß ſie ein ausſchweifendes Leben geführt, wie habe ich mich geſträubt dem gemeinen und unzarten Satze bei⸗ zupflichten der manchmal von niedrig denkenden Menſchen ausgeſprochen wird, daß gebeſſerte Wüſt⸗ linge die beſten Männer geben. Damals ließ ich mir nicht im Traum einfallen, daß ich ſelbſt einmal genöthigt ſein würde, an eine Verbindung mit einem Mann zu denken, den man eines liederlichen Lebens bezüchtigt; und jetzt muß ich doch die Möglichkeit eines ſolchen Schrittes zugeben oder für immer der erſten, der einzigen Liebe meines Lebens entſagen. Welchen Ausweg ich ergreife, ich ſehe nichts als Elend vor mir. Wollte Gott, ich hätte die tücki⸗ ſchen Einflüſterungen des Zauberers nie gehört, oder wenn das der Fall wäre, ſo möchte ich, daß ich Muth genug beſäße, entweder meine Zuſage zu brechen oder mich, wie es andere meines Geſchlechts gethan haben, dem zu unterwerfen, was wohl das e+—— 211 unvermeidliche Schickſal Vieler iſt, nämlich einen Mann zu ehelichen, bei dem der Gedanke an ſeine frühere Lebensweiſe Einem vft Qual verurſachen, und ein Glück verbittern muß, das ohne dieſe ſchmerzliche Erinnerung vielleicht ein ganz ſeliges ſein würde. Ich möchte wiſſen, vb meine Mutter je eine der bitteren Empfindungen durchgemacht hat, welche mich in den letzten zwei Tagen und Nächten gepeinigt haben. Sie hat, das weiß ich, meinen armen Vater herzlich geliebt. Es war eine Neigungsheirath; und ſie iſt ſo feinfühlend, daß ſie davor zurückgebebt wäre, ihr Geſchick einem Manne anzuvertrauen, deſſen Grundſätze und Sitten nicht ganz untadelhaft geweſen wären. Wie gerne möchte ich ihre Meinung über dieſen Punkt vernehmen, wenn ich es thun könnte, ohne daß ſie ahnte, wie viel mir daran gelegen iſt— wenn man ein ſol⸗ ches Geſpräch auf die Bahn bringen, und ein Fall, wie der meine, angenommen und ihr dargelegt werden könnte. Vielleicht läßt ſich das noch aus⸗ führen und es wird mich ſtärken und tröſten, ihre Gedanken zu vernehmen.“ Das Selbſtgeſpräch der ſchönen und zartfühlen⸗ den Louiſe Sydney wurde durch die Ankunft Stra⸗ thern's unterbrochen, der ſeiner Gewohnheit nach den Abend mit ſeiner Braut und ihrer Mutter zu⸗ zubringen kam. Die ſchmerzlichen Betrachtungen, denen ſich beide Liebende den letzten Tag und die 14* —— 212 letzte Nacht hingegeben, hatten ihnen die Innigkeit und Größe ihrer Neigung mehr als je fühlbar ge⸗ macht und ihnen bewieſen, daß der Einfluß dieſer gebieteriſchen und Alles überwältigenden Leidenſchaft nicht in den friedlichen Stunden der Liebe am ſtärkſten empfunden wird, ſondern in der Prüfungs⸗ zeit, wenn Zweifel und Furcht und Eiferſſcht die Seele martern, und das gequälte Herz geſteht, daß ſein Friede und Glück ganzlich von einem andern abhängt. In der Zärtlichkeit mit welcher Strathern den Gegenſtand ſeiner Neigung anredete, lag ein gewiſſer Ernſt und ſie war nachdenklich, aber nicht mehr kalt oder distraite. Ihr Geſicht war noch blaß, aber ihr Liebhaber meinte, da er den milden Ausdruck deſſelben gewahrte, ſie hätte noch nie ſo ſchön ausgeſehen. Seine ängſtliche Beſorgniß um ihre Geſundheit gab ſich durch tauſend Aufmerkſam⸗ keiten kund die keine nähere Bezeichnung zulaſſen, ſein Blick haftete voll inniger Theilnahme immer auf ihren Zügen und der gedämpfte Ton ſeiner Stimme, wenn er mit ihr ſprach, beſänftigte und beruhigte ihre Zweifel. Sie überließ ſich ſogar wieder all der Vertraulichkeit und Zärtlichkeit, die vor dem Abend des pal costumé zwiſchen ihr und ihrem Geliebten Statt gefunden hatte. Frau Sydney fand ebenfalls ihren gewohnten Gleichmuth wieder, als ſie gewahrte, daß das gute Einvernehmen zwi⸗ ſchen Strathern und ihrer Tochter hergeſtellt war, — 213 doch klieb in ihr eine ſchwache Erinnerung daran zurück, daß Louiſe ſich gegen ihren Verlobten launiſch oder ungerecht gezeigt, und daß ihm dadurch ſehr wehe gethan worden war. Nie war Louiſe Sydney ſo liebenswürdig ge⸗ weſen, als an dieſem Abend. Das Bewußtſein, daß ſie Strathern Unrecht gethan— denn ſeine Ge⸗ genwart und ſein keineswegs verlegenes Benehmen hatten dieſe Ueberzeugung bewirkt— und daß ſie ihm eine Vergütung ſchuldig wäre, vermochte ſie die Mattigkeit und die Empfendung von Unwohlſein zu beſiegen, welche noch in ihrem Körper insgeheim zurückgeblieben war. Und ihr Geliebter nahm zu innigen Antheil an ihrem Befinden, um nicht mit Angſt und Beſorgniß jedes Zeichen zu beachten, welches die neuerliche Störung deſſelben bewies. Er war ihr dankbar dafür daß ſie ſich Mühe gab, fröhlich zu ſein, da er die wechſelnde Farbe ihrer Wangen und ihr mattes Lächeln bemerkte. Er machte ſich ſelber Vorwürfe, daß er einer Kälte oder Laune den Wechſel in ihrem Betragen zuge⸗ ſchrieben hatte, durch den er früher ſo ſchmerzlich berührt worden war, der aber, wie er jetzt glaubte, ganz offenbar von einer Unpäßlichkeit herrührte. Je mehr ſich dieſe Ueberzeugung in ihm befeſtigte, deſto beſorgter wurde er um ſie, deſto lebhaftere Vorwürfe machte er ſich. Dieſe zarte Sorgſam⸗ keit gab ſich in jedem ſeiner Worte und Blicke 214 kund und entfernte aus Louiſens Seele allen Arg⸗ wohn und alle daraus herrührenden Befürchtungen, die ihr der Zauberer eingeflößt. Sie ſaß an ſeiner Seite und lauſchte den Liebesworten, die er an ſie richtete. Er that das in Worten, welche die innige Liebe ausdrückten, von denen jene eingegeben wur⸗ den und ſie wunderte ſich jetzt, wie ſie ſich hatte je beigehen laſſen können, an ſeiner Aufrichtigkeit zu zweifeln. Sie fühlte ſich gedemüthigt, wenn ſie bedachte, daß das Geflüſter eines maskirten Ver⸗ läumders auch nur einen Augenblick ihr Urtheil hatte beirren können. Keine Vorwürfe von Dritten hätten eine ſo heilſame Wirkung auf Louiſe Sydney hervorbringen können, als die waren, welche die Zärtlichkeit Strathern's in ihrem Buſen erweckte. Gerade dieſe Zärtlichkeit verrieth, daß er ſeiner Seits ſich bewußt war, keine unfreundliche Behand⸗ lung verdient zu haben; dadurch wurde der ihr an⸗ geborene Edelmuth rege und ſie hätte ihm, wären ſie allein geweſen, mit tiefer Zerknirſchung ihre Schwäche und die Ungerechtigkeit eingeſtanden, die ſie ihm angethan. Man hat behauptet, die Verſöhnung von Lie⸗ benden friſche die Liebe auf, und das Sprichwort mag in manchen Fallen richtig erfunden werden. Dieſes wird beſonders dann ſich erweiſen, wenn keine harten Worte, keine zornigen Blicke oder lieb⸗ loſe Bemerkungen vorgekommen ſind, wenn nichts 215 zurückgeblieben iſt, was im Gedächtniß weiter frißt, und wenn das Herz nichts zu vergeben hat. Hat aber dergleichen Statt gefunden, ſo mögen ſich die Liebenden in Acht nehmen und nicht zu ſehr auf die Wirkſamkeit einer Verſöhnung bauen, ſondern ſorg⸗ fältig alle Mißhelligkeiten zu vermeiden ſuchen. Sie laſſen immer eine Empfindlichkeit zurück, und es iſt damit wie mit den ſchmerzhaften Empfindungen, die man gewöhnlich nach Körperverletzungen fühlt. Sie thun, wenn ſie auch geheilt ſcheinen, lange darnach immer noch wehe. Indeſſen war dies ein ſeliger Abend und die Liebenden fühlten das wohl. Deſſen ungeachtet wünſchten beide, ſie möchten gar nie die Erfahrung gemacht haben, daß es möglich wäre, mit einander unzufrieden zu werden. Denn ihr Glück ſchien nicht mehr auf ſo ſicherer Grundlage zu ruhen, wie zuvor, wenn auch die Erfahrung, die ſie gemacht, beide zu dem Entſchluß brachte, ſich nie wieder zu geſtatten, daß eines das andere falſch beurtheilte. Strathern riß ſich von der ſchönen Louiſe früher los, als gewöhnlich, damit ſie zu Bett gehen könnte, und als er die kleine weiße Hand ergriff, die er jetzt ſehnlicher als je am Altare die ſeinige zu nennen wünſchte, weigerte ſie ſich nicht mehr, ſeinen Druck zu erwiedern. 216 Dreiundzwanzigſtes Kapitel. Wer ſchlimme Ränke ſpinnt, der muß, Das iſt des Schickſals weiſer Schluß, Das feile Werkzeug, das er miethet, Und das ihm ſeine Dienſte bietet Mit Gold bezahlen Und ſodann Sieht es der Ränkeſchmied ſo an, ß Als könnt' er bei gemeinem Treiben, Selbſt bei Beſtechung, oben bleiben. Er glaubt, er führ' am Gängelband Das Werkzeug, das er angeſpannt; Doch ſieht dann dieſes alsbald ein, Sein Herr ſei, gleich wie er, gemein. Und wird an einem ſchönen Tag Der Mann, der ihn zuerſt beſtach, Gewiß verrathen, und wenn ſchon Noch ſo bedeutend iſt ſein Lohn. 's iſt keine Fabel, aber's lehrt, Daß wer mit ſchlechtem Volk verkehrt Und niederträcht'ge Sachen treibt, Daß dem der Lohn nicht außen bleibt. Lord Alexander Beaulien tröſtete ſich, daß Doktor Gillingsworth's beſtimmte Befehle ihn drei Tage lang im Zimmer hielten, denn er wurde dadurch von der Geſellſchaft der Frau Maclaurin erlöſt, welche die größte Beſorgniß wegen ſeines Befindens äußerte und alle zwei oder drei Stunden Jemand abordnete, der ſich auf's Zärtlichſte nach ihm er⸗ kundigen mußte. „Ich ſehe, daß ich dieſem furchtbaren Weibe gerade nur meine Bedingungen vorzuſchreiben brauche,“ dachte Lord Alexander und lächelte wohl⸗ gefällig beim Anblick ſeines Bildes, das der Spie⸗ gel gegenüber wiedergab.„Sie ſcheint ſich wahr⸗ haftig durch die Schauſtellung ihrer Zärtlichkeit völlig bloßſtellen zu wollen. Ich fühle, daß ſie mir durch dieſe übertriebene Anhänglichkeit an mich nur noch mehr zuwider wird. Aber ſo geht es immer! Ich habe mir nie etwas aus einem Weibe gemacht, das mir ſehr zugethan war. Wenn doch nur der Narr, der Fitzwarren, nicht aus Rom fort⸗ gelaufen wäre, ſo hätte ich doch eine Unterhaltung, denn er trüge mir die Tagesneuigkeiten zu. Gil⸗ lingsworth iſt ſo arg von ſich eingenommen, daß er blos von dem Befinden ſeiner Kranken ſpricht um Einem Beweiſe von ſeiner Geſchicklichkeit in der Behandlung derſelben zu geben. Durnford hat immer ſo viel Gewandtheit im Sammeln und Aus⸗ breiten der Klatſchereien jedes Orts gezeigt, wo er ſich aufhält, aber ich kann ihn nicht entbehren und zu Einziehung von Nachrichten ausſenden. Es iſt ein Glück, daß er mir ſo ergeben iſt, denn er iſt ein verzweifelter Spitzbube; er begreift ſo ſchnell, er erfaßt einen Plan zu Anderer Schaden ſo gut und zeigt ſo viel Talent, denſelben ins Werk zu 218 ſetzen, er gibt ſo überzeugende Beweiſe von Talent und Schelmerei, daß ich manchmal in Beſorgniß gerathe, er möchte über kurz oder lang die Geheim⸗ niſſe verrathen, von denen er Kenntniß hat. Ge⸗ ſcheide Dienſtboten ſind unumgänglich nöthig, aber es iſt gefährlich mit ſolchen Werkzeugen zu arbeiten. Bis auf einen gewiſſen Grad muß man ihnen Ver⸗ trauen zeigen, ſonſt kann man darauf zählen, daß ſie plaudern; aber das Unglück iſt, daß ſie zu ſcharfſichtig werden und Alles herausbringen, was man geheim halten will; ja, nicht blos das, ſie gerathen manchmal auf Folgerungen, die ganz von dem verſchieden ſind, was man eigentlich beabſichtet hat. Malt den Teufel an die Wand, wie das Sprichwort lautet— hier kommt mein hoffnungs⸗ voller Kammerdiener.“ „Ich habe dem Koch geſagt, was Eure Herr⸗ lichkeit wünſcht, und Eure Herrlichkeit kann ſich darauf verlaſſen, daß Sie heute ein vorzügliches Eſſen bekommen. Ich habe geſehen, wie der Wein in Eis geſtellt wurde.“ „Ich habe über meinen Plan nachgedacht, Durn⸗ ford, Dich mit Jungfer Juſtine, der femme de chambre der Frau Maclaurin, zu verheirathen.“ „Ich habe immer einen Widerwillen gegen die Ehe gehabt, gnädiger Herr— einen ſehr großen Widerwillen— wenn man es aber ſo einrichtet, daß es der Mühe werth iſt und Ihrer Herrlichkeit die Sache ſo ſehr am Herzen liegt, ſo will ich verſuchen, meine Bedenklichkeiten zu beſiegen.“ „Nun, Kerl, was machſt Du für übertriebene Anſprüche, Jungfer Juſtine iſt nicht nur ein yüb⸗ ſches, ſondern auch ein reiches Mädchen, und wo könnteſt Du ein paſſenderes Weib kriegen, das möchte ich wiſſen?“ „Die Jungfer iſt freilich Alles, was Ihre Herrlichkeit geſagt haben, aber ſie iſt pfiffig, My⸗ lord— zu pfiffig nach meiner Anſicht. Wenn ich je heirathe, ſo wäre es mir lieber, wenn ich ein ſchlichteres und ruhigeres junges Frauenzimmer finden könnte. Es kommt nie etwas Gutes dabei heraus, Mylord, wenn man eine gar zu geſcheide Frau hat. Man kann ihnen nichts weiß machen oder etwas vor ihnen verbergen, und wenn ſie, wie Jungfer Juſtine, es los haben, den Leuten allerlei Streiche zu ſpielen, ſo zieht ein Mann ge⸗ gen ſie immer den Kürzeren.“ „Du haſt alſo keine Luſt, die Franzöſin zu hei⸗ rathen?“ „Nein, außer wenn man es ſo einrichtet, daß es auch der Mühe werth' iſt.“ „Was verſtehſt du darunter, wenn du ſagſt, müſſe es einrichten daß es der Mühe werth ſey A. „Daß ich ein paar tauſend Pfund Heirathsgut krige, Mylord.“ 220 „Ha, ha, ha! Wahrhaftig, Durnford, du biſt ein Burſche der ganz überſpannte Anſprüche macht. Nein, mein guter Freund, ſo arg liegt es mir nicht am Herzen Dich als den Gemahl Juſtinen's zu ſehen, daß ich Dir eine Ausſteuer geben ſollte um die Verbindung in's Werk zu richten.“ „Ganz wie es Ihrer Herrlichkeit beliebt; aber, wenn man von einem Mann verlangt er ſolle ſei⸗ ner Freiheit entſagen, ſo kommt es mir nicht un⸗ billig vor, wenn er für ein ſolches Opfer eine Ent⸗ ſchädigung erwartet.“ „Aber ich habe dir ja geſagt daß Jungfer Ju⸗ ſtine reich iſt oder reich werden wird, reicher als du dir vorſtellſt.“ „Dann, Mylord, würde es meinen Stolz ver⸗ letzen, wenn alles Geld von ihr herkäme. Es wäre für mich ein verdrießlicher Gedanke, wenn ich mich völlig von meiner Frau abhängig ſehen müßte.“ Lord Alexander Beaulien fühlte den coup de patte, den ihm ſein unverſchämter Bedienter ver⸗ ſetzt hatte. Er gerieth darob in heftigen Zorn, ſuchte aber, ſo gut als möglich zu verbergen daß er etwas davon gemerkt. Hätte er aber Durn⸗ ford's Blick gewahrt der ſich zu vergewiſſern wünſchte, ob ſein Hieb gewirkt oder nicht, ſo würde er ſchwer⸗ lich ſeinen Unwillen bemeiſtert haben. Der Be⸗ diente lächelte, als er ſah, wie roth ſeines Herrn Wangen wurden, wandte aber ſorgfaltig zuvor ſein —— W Geſicht ab ehe er ſolches that. Lord Alexander Beaulien fand eine Ausrede, um Durnford aus dem Zimmer zu ſchicken, und als die Thüre hinter demſelben zuging, ballte er die Fauſt, biß die Zähne heftig übereinander und rief dann— „Frecher Schuft! Wie gerne möchte ich ihn zum Fenſter hinauswerfen! Der Schlingel ſieht daß ich im Begriff bin die ſchreckliche Irländerin zu heirathen; er kennt auch den zerrütteten Zuſtand meiner Vermögensverhältniſſe und weiß daß jenes die derriere ressource iſt um ſie wieder herzuſtellen. Darum konnte er ſich einfallen laſſen mir den na⸗ ſeweiſen Wink zu geben den er eben ausgeſprochen hat. Aber ich werde es ihm gedenken und eine Gelegenheit finden, ihn dafür zu züchtigen wenn er es am wenigſten erwartet.“ „Frau Maclaurin läßt ſich Ihrer Herrlichkeit empfehlen und hofft, es werde Ihnen möglich ſein heute in ihre Wohnung zu kommen. Es iſt das der vierte Bote, den ſie ſeit dieſem Morgen geſchickt hat, Mylord,“ ſagte der in die Stube tretende Durnford. „Pah!“ ſtieß Lord Alexander Beaulieu heraus und runzelte die Stirne auf eine Art, die kei⸗ neswegs vermuthen ließ er freue ſich über dieſen neuen Beweis von der unabläſſigen Aufmerkſamkeit der Dame ſeiner Gedanken.„Sag' Frau Maclau⸗ rin mein Compliment und ich hoffe, ihr den Abend 222 meine Aufwartung machen zu können,“ verſetzte Lord Alexander. Als aber Durnford weggegangen war, wandte er die Augen zur Decke als wollte er um Geduld bitten und rief,„iſt je ein Menſch ſo bedrängt und gequält worden wie es mir von die⸗ ſem unermüdlichen Weibe geſchieht?— Nie läßt ſie mich in Frieden, nie habe ich Ruhe vor ihrer läſtigen Höflichkeit. Ich hatte gehofft, die Krank⸗ heit werde mir als Ausrede dienen können, und mir ſo viel nützen, daß ſie mir mit ihren petits soins vom Halſe bliebe, aber nein! Und die röle des malade habe ich jetzt lang genug geſpielt um jeden Verdacht abzulenken, als wäre ich eine und dieſelbe Perſon mit dem Zauberer; da muß ich nun aber ſelber erklären, ich ſei auf dem Wege der Beſſerung und meinem Quälgeiſte unter's Geſicht treten. O Armuth! welche Leiden verhängſt du über deine unglücklichen Opfer, und als ſtünde er mit dir im Bunde, verſchwört ſich auch noch der ge⸗ ſunde Geſchmack um die Pein zu vermehren die du auferlegſt und dich voch ſchrecklicher zu machen. Er iſt ein Erzengniß der Geſittung und Verfeinerung und macht daß Alles ſchnell Eindruck auf Einen macht, was fein oder ſchön iſt, und hat man je geſehen daß ein Menſch etwas bewunderte, ohne den Wunſch es ſich anzueignen? Gibt man dem aber nach, ſo folgt eine Schaar von Unglücksfällen hinterdrein, deren Aufzählung zu ſchrecklich iſt. 223 Warum, o Schickſal, bin ich, ein elender jüngerer Bruder, mit dem Sinn für und der Begierde nach Dingen begabt, die ſich blos der ältere mit ſeinem Vermögen verſchaffen kann und nur wenn er von einem reichen Hauſe iſt. Zu welch' niedrigen Hand⸗ lungen zwingt uns die Armuth— ich muß lächeln über die elenden Scherze jedes einfältigen Amphi⸗ tryo der einen guten Koch hat, muß auf das Ge⸗ wäſch jeder alten Wittwe horchen, welche recherché Mahlzeiten gibt, muß jedem Narren den Hof ma⸗ chen der ſchöne Pferde hält und ſie Anderen zum Reiten gibt, oder welcher Jagden beſitzt in denen Andere ſchießen können. Aber das Schlimmſte von Allem iſt ein Scheuſal ihres Goldes wegen heira⸗ then zu müſſen. Wenn man es in Staub verwan⸗ delte, ſo würde es kaum hinreichen um diejenigen zu blenden, welche Augen haben um ihre Fehler und Gemeinheiten zu ſehen und welche die Männer ſolcher Frauen mit Empfindungen betrachten, die mit der Verachtung ſehr nahe verwandt ſind. Fort! ich darf an alles das nicht denken, ich darf blos die ſchöne Seite des Gemäldes betrachten, und daß man im Stande iſt alle ſeine Neigungen und Wünſche mit dem ſo gewonnenen Reichthum zu befriedigen. Ich will im Voraus in den Genüſ⸗ ſen ſchwelgen die ich mir damit verſchaffen kann. Nichts will ich mir verſagen was ſich mit Geld erkaufen läßt, und ſind die alten Vergnügungen er⸗ 224 ſchöpft, ſo will ich, wie der Wollüſtling der Vor⸗ zeit, eine Belohnung für den ausſetzen, der neue zu erfinden vermag.“ Dieſes Selbſtgeſpräch wurde durch die Ankunft des Doktors Gillingsworth unterbrochen, der ſich vor ſeinem Patienten verbeugte, ihn ängſtlich be⸗ trachtete und dann die gewöhnlichen Fragen zu ſtellen anfing,„Ihre Herrlichkeit befinden ſich beſſer, wie ich ſehe, ja, gewiß beſſer. Meine Behandlung iſt völlig gelungen, und das iſt, wie ich wohl ſa⸗ gen darf, überhaupt immer der Fall. Etwas Fie⸗ ber iſt noch zurück— muß es beſeitigen. Ich will etwas Neues verſchreiben, was Sie im Laufe des Tages auf dreimal nehmen, das wird, wie ich nicht zweifle, den beſten Erfolg haben.“ „Wann wollen Sie mir erlauben etwas zu eſſen, Doktor?“ fragte der vorgebliche Kranke, der ſich ſtark verſucht fühlte zu lachen, da ihm die kräf⸗ tigen Mahlzeiten einfielen, die er ſich täglich zu Gemüthe geführt, ſeitdem man ihm befohlen hatte, ſich blos an Gerſtenwaſſer zu halten. „Jetzt noch nicht, Mylord— noch nicht. Der Puls“— und dabei zählte er die Schläge am Puls des Leidenden,— iſt nicht von der Art daß ich Ihrer Herrlichkeit ſo ganz ohne Bedenken ver⸗ ſtatten könnte, derbere Speiſen zu genießen. Ein wenig ganz ſchwache Hühnerbrühe mit einem klei⸗ nen— ſehr kleinen Stück geröſteten Brodes iſt 225 Alles was ich für jetzt zugeben kann. Wenn in der nächſten Woche jedes Zeichen von Fieber weg iſt, ſo will ich Ihrer Herrlichkeit eine reichlichere Koſt zukommen laſſen. Glauben Sie mir, ich bin ſehr beſorgt um Ihrer Herrlichkeit Geneſung, und die Angſt Ihrer ſchönen Nachbarin, welche nach mir geſchickt hat um Nachrichten über Ihrer Herrlich⸗ keit Befinden zu erhalten, macht, daß ich es noch weniger erwarten kann Sie hergeſtellt zu ſehen. Ein ſehr reizendes Frauenzimmer, Mylord— wahr⸗ haftig recht reizend. Ganz ausgezeichneten Verſtand und große Weltkenntniß.“ „O du niederträchtiger, heuchleriſcher Mammons⸗ diener!“ dachte Lord Alexander Beaulieu. Die plum⸗ pen Lobeserhebungen des Arztes auf Frau Maclaurin ekelten ihn an und die einzige Beachtung die er ihnen ſchenkte, war ein froſtiges und ſteifes Kopfnicken. „Ich fühle mich wahrhaftig ſo vollkommen wohl, Doktor,“ ſagte Lord Alexander, daß die Fortſetzung Ihrer Beſuche nicht mehr nöthig iſt; erlauben Sie daher daß ich Ihnen meinen Dank für die geſchickte und ſorgfältige Behandlung ſage, von der ich ſo genügende Beweiſe erhalten habe! Dabei händigte er dem Arzt den Lohn ein den er ihm bisher täg⸗ lich gereicht hatte. „Aber ich möchte Sie, Mylord, doch wirklich, wenn ich Ihnen rathen darf, darauf aufmerkſam machen, wie angemeſſen es wäre, wenn ſich Ihre Strathern U. 15 226 Herrlichkeit noch eine Woche unter meine Obhut ſtellten. Alle Gefahr eines Rückfalls wird dann entfernt ſein und ich bin dann über Ihre vollſtän⸗ dige Geneſung ganz beruhigt.“ „Tauſend Dank, Doctor, für Ihre Güte, aber ich will ſie nicht länger für mich in Anſpruch neh⸗ men, denn ich fühle daß meine Geſundheit durch Ihre Sorgfalt wieder ganz hergeſtellt iſt.“ „Ich hoffe Ihre Herrlichkeit werden nicht Ur⸗ ſache haben dieſes unkluge Verfahren zu bereuen; und beſonders verlaſſe ich mich darauf, Mylord, daß Sie in Ihrem régime noch viel Mäßigkeit einhalten. Ich wünſche, daß Ihre Geneſung vol⸗ lends glücklich von Statten gehe und habe die Ehre mich Ihnen zu empfehlen.“ Lord Alexander Beaulieu war eben im Begriff in ein herzliches Lachen auszubrechen, da ging die Thüre abermals auf und Doktor Gillingsworth trat herein.„Bitte um Verzeihung, Mylord— bitte um Verzeihung; aber darf ich Ihre Herrlich⸗ keit erſuchen mir die Gunſt zu erzeigen und mich den Freunden und Bekannten Ihrer Herrlichkeit zu empfehlen die etwa in Rom krank werden könnten? Eine ſehr ungeſunde Gegend, Mylord, anſteckende Krankheiten, ſehr gefährlich, und beſonders für eng⸗ liſche Naturen. Ich habe das Clima, ſeine Eigen⸗ thümlichkeiten und die Krankheiten ſtudirt, welchen Fremde hier ausgeſetzt ſind. Ihre Herrlichkeit ha⸗ * 227 ben der römiſchen Malaria Ihren Tribut bezahlt und können, wie ich mir ſchmeichle, ein günſtiges Zeugniß von der Art ablegen wie ich die Wirkun⸗ gen derſelben behandle.“ „Gewiß, Doktor, ich werde nicht ermangeln Sie zu empfehlen.“ Während dieſes Geſpräch zwiſchen Lord Alexan⸗ der Beaulieu und Doktor Gillingsworth Statt fand, trat Juſtine, die femme de chambre der Frau Maclaurin bei Durnford, dem valet de chambre Sr. Herrlichkeit ein um ihm einen Beſuch zu machen. „Ach, Sie ſind kein rechter Liebhaber, nicht auf⸗ merkſam genug, gar nicht, Monsieur Durnford*). Ich komme zu ſehen, was Sie machen. Wenn les Messieurs nicht zu les dames kommen wollen, ſo ſind les dames gezwungen zu les Messieurs zu gehen. Aber das iſt nur in England ſo; in Frankreich— la belle France— ſind les Messieurs höflicher.“ „Alles das iſt ganz richtig, meine ſchöne Ju⸗ ſtine; aber ich will mich hängen laſſen wenn Sie in ganz Frankreich einen Kerl finden der Ihnen ſo gut iſt wie ich; und doch habe ich es erſt vor zwei Stunden abgeſchlagen Sie zu heirathen.“ „Quelle idée! Sich geweigert mich zu heirathen! Haben Sie nicht erſt geſtern geſagt Sie können es nicht erwarten, Sie ſehnen ſich ſo ſehr darnach, *) Juſtine ſagt eigentlich U. 5 228 mich zu heirathen? Was bedeutet das, Monsieur Durnford?“ „Das bedeutet blos, meine ſchöne Juſtine, daß mein gnädiger Herr und Meiſter den beſonderen Wunſch hegt uns, mich und Sie zu verehelichen.“ „Was iſt das, verehelichen? Das verſtehe ich nicht.“ „Es iſt blos ein anderes Wort für heirathen.“ „Mon dieu, quel langage barbarel“ Und Jung⸗ fer Juſtine zuckte die Achſeln, und warf die Augen in die Höhe wie eine ächte Pariſerin. Aber warum will denn Mylord Sie und mich verheirathen?“ „Er hat dazu ſeine Gründe, darauf können Sie ſich verlaſſen; denn er iſt gar ſchlau, kann ich Ihnen ſagen und thut nichts ohne Grund. Viel⸗ leicht findet er Sie ſchön, Juſtine, und ſeine Braut gewöhnlich; dann denkt er wohl, der Anblick Ihres Geſichts könnte ihn dafür tröſten, daß er ge⸗ zwungen iſt ſeine Frau anzuſehen.“ „Quelle bétise!“ und Juſtine gab ſich ein zor⸗ niges Ausſehen.„Oder es kann auch ſein,“ fing Durnford wieder an,„daß er glaubt, es ſei für ſeine Abſichten paſſender, wenn er uns beide ver⸗ heirathet und in ſeinem Intereſſe weiß. Sei dem wie ihm wolle, er hat mir dieſen Morgen vorge⸗ ſchlagen das zu thun und ich habe ihm geſagt, wenn die Sache ſo eingeleitet würde, daß es für mich auch der Mühe werth wäre, ſo hätte ich nichts S„ 4* S 229 dagegen, aber im anderen Falle ſei ich gegen den Eheſtand bedeutend eingenommen.“ „Oh, le mauvais sujet!“ „Er fragte mich was ich damit ſagen wollte, man müſſe das Ding ſo einrichten, daß es für mich auch der Mühe werth ſei, und ich gab ihm zur Antwort, wenn ich zweitauſend Pfund Heiraths⸗ gut bekäme, ſo wollte ich Sie nehmen. Da wurde er alsbald gleichgültig gegen die Sache, behauptete, Sie würden ſelber ein recht anſtändiges Vermögen bekommen, kurzum, er brach das Geſpräch ab und machte ein verzweifelt böſes Geſicht zu dem Han⸗ del, weil ihm ſein Plan mißlungen war. Ich är⸗ gerte mich, da ich ſah, daß er über mich nach ſei⸗“ nem Wunſch und Willen verfügen wollte und ſich doch weigerte, mit einigem Geld herauszurücken. Darum verſetzte ich ihm einen Hieb der ihm, wie ich ſah, hart aufſtieß. Was meinen Sie, daß ich zu ihm geſagt habe, Juſtine?“ „Wie kann ich das wiſſen? Sie reden von Hieben und hart aufſtoßen. Ich weiß nicht, was das Alles bedeutet.“ „Ich ſagte zu ihm, ich möchte nicht gerne eine Frau um ihres Geldes willen heirathen, oder mich von ihr abhängig machen. Da wurde er roth im Geſicht und ſah ganz zornig drein.“ Ah, je sens, je sens, ich ſehe was Sie ſagen wollen. Sie wollten ihm zu verſtehen geben, daß 230 Sie zu dem keine Luſt hätten, was er zu thun im Begriff iſt, das nennen wir im franzöſiſchen un coup de patte und das drückt es viel beſſer aus als Ihr Hieb und das hart aufſtoßen, was gar nichts bedeutet. C'etait bien malhonnéte. Das war recht unverſchämt, Herr Durnfort, und es wundert mich daß Ihr Herr Sie nicht fortgejagt hat. Wenn er die Ehre hätte ein franzöſiſcher Edel⸗ mann zu ſein, ſo wäre das geſchehen, aber die Eng⸗ länder ſind ſo böte daß ſie nicht wiſſen was ſich gehört.“ „Da Sie im Begriff ſind einen Engländer zu heirathen, Fräulein Juſtine, ſo meine ich, ſollten Sie nichts über meine Nation ſagen. Ich kann das nicht leiden, kann ich Ihnen ſagen.“ „Bah, ſein Sie kein Narr! Ich habe nichts gegen die engliſchen valets de chambre, ich rede blos von den Herren.“ „Ja, das iſt etwas ganz Anderes. Ueber die können Sie losziehen ſo viel Sie wollen.“ „Sie haben es alſo Ihrem Herrn abgeſchlagen mich zu heirathen. Oh, quelle bonne farce, und wir zwei haben einander doch ſo lieb, daß wir uns heirathen, wenn er auch nicht will.“ „Aber es wird denn doch nur um ſo beſſer ſein, meine ſchöne Juſtine, wenn ich es ſo einfädeln kann daß ich einiges Geld von meinem Herrn her⸗ auskriege. Und wären es auch nur ein paar hun⸗ dert Pfund, die zu ihren fünftauſend hinzukämen. S 231 Wir thun dann einen Gaſthof auf in einer Straße, wohin die vornehme Welt kommt und werden uns bald ein Vermögen erworben haben, wie viele Andere die ihr Geſchäft mit weniger Geld ange⸗ fangen haben.“ „Das iſt Alles ganz gut, aber ich bin nicht ſo eilig meine Herrſchaft zu verlaſſen, ſo lange ich bei ihr viel mehr Geld verdienen kann. Sie wiſſen nicht wie ich es mit ihr mache. Hat ſie ein Kleid das zwanzig Guineen koſtet, ſo ſage ich, es ſteht ihr nicht gut, und da gibt ſie es mir ſogleich. So iſt es auch mit Pelzſachen, Shawls, Mänteln und chapeaux. Nie trägt ſie mehr etwas wenn ich ſage es ſei häßlich oder ſie nehme ſich ſchlecht darin aus; und da ich jede Woche etwas heraus⸗ finde, was Ihrem Ausſehen ſchadet, ſo können Sie ſich denken, daß ich immer viele Sachen kriege die ich dann für ſchweres Geld verkaufe. Oh, der Platz bei meiner Herrſchaft iſt ſehr gut dazu, und darum habe ich nicht Luſt ihn aufzugeben.“ „Sie können ſich darauf verlaſſen, Juſtine, daß die Stelle weit weniger einträglich wird, ſobald mein Herr Ihre Gebieterin heirathet, denn er wird mit ihrem Geld ſo ſchnell fertig ſein, daß ihr we⸗ nig genug übrig bleibt.“ Ah, meinen Sie das, Herr Durnford? Nun, ich denke auch ſo und frage jetzt, iſt es beſſer für mich wenn ich meine einfältige Madame den My⸗ ———— S— ——————— 232 lord heirathen laſſe der ſo wenig Geld hat— und ich weiß, wenn er etwas hätte, ſo würde er nicht ein ſo häßliches und gemeines Weib heirathen wie Madame— oder iſt es geſcheider wenn ich es hintertreibe? Nachdem ich ſo oft darüber nachge⸗ dacht und nachgedacht, bis mir mein armer Kopf wehe that, beſchloß ich, wenn ich machen kann, daß mir der Mylord fünftauſend Pfund gibt, das gibt hundert und vierundzwanzig tauſend Franes nach franzöſiſchem Geld, ſo laſſe ich ſie ihn heirathen. Wenn au contraire der Mylord nicht darein wil⸗ ligt mir eine Verſchreibung für dieſe Summe zu geben, ſo gebe ich niemals zu daß ihn die Madame nimmt.“ „Das iſt meines Herrn Schelle. Ich muß Sie verlaſſen, ſchöne Juſtine; aber geben Sie mir einen Kuß bevor wir ſcheiden.“ „Nun, einen, und mehr nicht, und geben Sie acht daß Sie meine Bänder oder mein Haar nicht chiffonnent.“ Ihr Franzöſinnen denket doch immer viel mehr an Eure Bänder, als an Euere Liebhaber, und — Oh, da höre ich ſchon wieder die vertrackte Glocke.“ Durnford drückte haſtig einen Kuß auf Jungfer Juſtinen's Wange und eilte in das Zimmer ſeines Herrn. Die letztere begab ſich in das Zimmer der Frau Maclaurin. Jetzt, da ſie wußte, daß ihrer a 233 Lady Verſchwendung ein Ende gemacht werden würde, ſobald die Hochzeit vorbei wäre, nahm ſie ſich feſt vor, ſich ſo viel als möglich zu verſchaffen zu ſuchen ehe dieſer Fall einträte, oder nach dem Ausdruck des gemeinen Lebens zu heuen ſo lange die Sonne ſchiene. Durnford wurde aufgefordert ſeinem Herrn bei einem warmen Bade zu helfen. Nach dieſem ließ ſich der Epikuräer eine recherché Mahlzeit auftra⸗ gen, an welcher ſich der Fürſt der Amphitryonen Lucullus ſelbſt nicht hätte ſchämen dürfen. Wäh⸗ rend hier Lord Alexander Beaulieu der Geſchicklich⸗ keit des Kochs und ſeinem eigenen savoir faire in der Auswahl der beſtellten Speiſen volle Gerech⸗ tigkeit widerfahren ließ, lächelte er mehr als ein⸗ mal bei dem Gedanken daran, daß ſeine cara sposa glaubte er befolge genau das ſtrengſte régime, da er doch in dieſer Weiſe ſeine Gelüſte befriedigte.„Ich muß es ſo einrichten, wenn ich verheirathet bin, daß ich das Weibsbild nicht bei'm Eſſen zu haben brauche. Ich könnte das nicht ausſtehen, denn es verdirbt mir den Appetit wenn ich ſehe, wie ſie ihren Fraß verſchlingt, und es kommt mir gerade vor, als ob ich wilden Thieren zuſchaute wenn ſie im zoologiſchen Garten zu London gefüttert werden. Dieſer Anblick hat mir immer für den Tag das Eſſen entleidet.“ Solche Gedanken gingen dem herzloſen Wüſt⸗ 234 ling durch den Kopf, während er ſeinen wohl ab⸗ gekühlten Champagner ſchlürfte und mit nicht ge⸗ ringer Luſt daran dachte, daß er in Zukunft nicht mehr auf die Gaſtfreundſchaft von Bekannten zu zählen brauchte um ſich die Leckerbiſſen zu verſchaf⸗ fen, die er bisher blos auf ihre Koſten genoſſen. Nein, von nun an mußte ihm der gewaltige Reich⸗ thum der Frau die er zu ehelichen gedachte, ob⸗ gleich er ſie verachtete und verabſcheute„ zu allen den Ergötzlichkeiten verhelfen, in denen für ein ſo ſinnliches Weſen wie er die Annehmlichkeit, wenn nicht das Glück des Lebens beſtand. Während er aber ſo mit ungemeinem Vergnügen über die Vor⸗ theile nachſann, die er durch das große Vermögen der Frau Maclaurin erlangen ſollte, wurde in ſei⸗ ner Bruſt keine Empfindung von Wohlwollen oder Dankbarkeit für diejenige rege, welche ihm dieſelben zuwege bringen ſollte. Nein, ſein Verkehr mit der Welt hatte ihn gefühllos gemacht und alle Selbſt⸗ ſucht die in ſeinem Buſen lag, in Wirkſamkeit ge⸗ ſetzt,— Lord Alexander Beaulien dachte bloß da⸗ ran, wie er Mittel und Wege finden wollte, um ſeine gemeinen Gelüſte zu befriedigen; er würde der Frau die ihm Reichthum zugebracht hätte, nicht blos jeden übertriebenen Aufwand unterſagt, ſon⸗ dern es gerne geſehen haben wenn ſie geſtorben wäre, ſobald ſie ihm den Beſitz ihres Geldes ge⸗ ſichert. Und doch war dies derſelbe Mann, der ꝶ ₰ 235 von faſt allen ſeinen Bekannten für einen teufel⸗ mäßig guten Kerl für die jetzige Zeit erklärt wurde. Man kannte ſeine Selbſtſucht freilich überall, aber dieſer Fehler war unter denen mit welchen er um⸗ ging, ſo gewöhnlich daß man ſie gar nicht mehr für einen ſolchen anſah. Blos dann ließ man ſich darüber aus, wenn er ſie unter Umſtänden an den Tag legte, wo ſie der gleichen Selbſtſucht eines ſei⸗ ner soi-disant Freunde Eintrag that oder ſie durch⸗ kreuzte. Ein ſolcher rief dann:„der Teufel hole den Kerl, den Beaulieu, was für ein ſelbſtſüchtiges Vieh iſt das. Würdet Ihr es glauben— er wollte mir nicht einmal eine einfältige Wette ſchenken die ich mit ihm gemacht habe und ſeinen Braunen wollte er mir auch nicht geben, wenn ich ihm nicht dreimal ſo viel zahlte als er werth iſt.“ Viele von den Leuten die Lord Beaulien ſolche Vorwürfe machten, übten nicht weniger Selbſtſucht aus als er; er kannte dieſe Thatſache genau und hielt ſich folglich durchaus nicht für ſchlechter als andere; oder wenn er überhaupt über die Sache nachdachte — was bei ſeiner Lebensweiſe und ſeinen Ge⸗ wohnheiten kaum zu erwarten ſtand— ſo wäre er wohl eher geneigt geweſen, ſich damit zu brüſten, als ſich zum Fehler anzurechnen, daß ihm eine Alles überwältigende Liebe zu ſich ſelber eigen war. Er hatte eine ſehr ungünſtige Meinung von der Welt, und dieſelbe gründete ſich vielleicht auf ſeine 236 Kenntniß von einem Exemplare des Menſchenge⸗ ſchlechts, welches für ihn den Inbegriff des Ganzen bildete, und dieſes Exemplar war Niemand anderes, als er ſelbſt. Er hielt die Menſchen für fähig, jede Niederträchtigkeit, wenn nicht jedes Verbrechen, zu verüben, denn er fühlte, daß bei ihm ſelbſt die Vorwürfe des Gewiſſens, oder die Vorſchriſten der Ehre gleich ohnmächtig wären, um ihn von einem Plane abzubringen welcher dazu dienen konnte ihm Reichthum erwerben zu helfen, oder ihm den Genuß eines Vergnügens zu bereiten. Hochſinnige und edle Charaktere gingen über ſeine Faſſungskraft hinaus, denn ſein Weſen hatte nichts Verwandtes mit dem ihrigen, ja, es wäre ſchwer, wenn nicht völlig unmöglich geweſen, ihn davon zu überzeugen, daß es ſolche gebe. Hätte man ihn aber auch da⸗ von überführt, ſo würde er, aller menſchlichen Wahrſcheinlichkeit nach, verächtlich über ſie gelacht und geſpottet haben, als über ſchwache Menſchen, über Narren, wie Don Quiote, die dazu da wä⸗ ren um von geſcheideren Leuten, gleich ihm ſelbſt, für Narren gehalten zu werden. Häufig kam ihm der Wunſch, zu erfahren, ob ſeine Ränke zu Ausſäung von Zwietracht unter Fräulein Sydney und Strathern von Erfolg be⸗ gleitet geweſen ſeien. Er hatte Durnford den Auf⸗ trag gegeben, den Letzteren zu ihm einzulaſſen, wenn er käme, ihn zu beſuchen. Er rechnete näm⸗ lich darauf, daß Doktor Gillingsworth nicht ver⸗ fehlen würde, ſeinem erdichteten Unwohlſein eine hinlängliche Verbreitung zu geben, um von Seiten derer Nachfrage nach ihm zu veranlaſſen, die er für ſeine Freunde hielt. Diejenigen von ihnen, welche er am wenigſten zu ſehen wünſchte, erſchienen, aber Strathern begnügte ſich, die nöthigen Erkun⸗ digungen durch ſeinen Diener einziehen zu laſſen. So blieb hier ſeine Nengierde unbefriedigt. „Haſt Du Herrn Strathern's Bedienten ge⸗ ſehen, wie er da war?“ fragte er Durnford. „Nein, gnädiger Herr, er wollte blos wiſſen, wie ſich Ihre Herrlichkeit befänden, und ließ dem Thürſteher ſeines Herrn Karte zurück.“ „So lange ich bei Frau Maclaurin bin, möchte ich gerne, daß Du mit der Perſon— Frau Blox⸗ field, glaube ich, heißt der abſcheuliche Name— zuſammenzukommen ſuchteſt.“ „Bloxham, gnädiger Herr?“ „Suche von ihr herauszubringen, ob ſie weiß, was bei Sydney's vorgeht. Ob Herr Strathern noch ſo oft dort iſt, wie ſonſt— kurzum, forſche nach Allem, was das alte ſchwatzhafte Weib weiß. Du haſt mir ja geſagt, ſie ſei ſchon ſeit lange be⸗ kannt mit der alten femme de chambre des Fräu⸗ leins Sydney?“ „Ihre Herrlichkeit ſoll Alles ganz genau er⸗ fahren.“ 238 „Aber vergiß nicht, Durnford, Du darfſt um keinen Preis die Frau Bloxham auf die Vermuthung bringen, daß ich auch nur im Geringſten neugierig wäre, mir davon Kenntniß zu verſchaffen. Es liegt mir Alles daran, daß man dies auch nicht einmal ahne.“ „Ihre Herrlichkeit braucht darüber nicht im Mindeſten beſorgt zu ſein. Ich bin beſtändig auf meiner Hut und Frau Bloxham iſt ſo unermüdlich, Neuigkeiten über Alles und Jedes nachzugehen, und ſo begierig, Alles, was ſie hört, den Leuten zu erzählen, die ihr gerade in den Weg kommen, daß man ſelten nöthig hat, ſie irgend etwas zu fragen.“ „Und nun muß ich der Frau Maeclaurin meinen Beſuch machen. Ach weh!“ und Lord Alexander Beaulieu gähnte und ſperrte dabei den Mund ſo weit auf, als möglich; auch die Arme ſtreckte er ſo weit und in einer Art von ſich, die mehr, als Worte vermochten, bewies, welch' niederdrückendes Gefühl von Widerwillen und ennui ihm ſchon im Voraus der bloße Gedanke an die Zuſammenkunft mit jenem Frauenzimmer verurſachte. Deſſenunge⸗ achtet verwandte er ſeine gewöhnliche Sorgfalt darauf, ſich herauszuputzen, er verlangte, daß ſein valet de chambre eine widerſpenſtige Locke, die ihm über die Schlafen herunterhing, in eine paſſen⸗ dere Lege bringe, er zog nicht weniger, als drei Halstücher an, bis er mit der Schleife daran zu⸗ frieden war, und ließ ſein Sacktuch mit einer grö⸗ 239 ßern Menge eau de Portugal als gewöhnlich be⸗ ſprengen. Das ſollte ihm zum Schutze gegen den gewaltigen Geruch der Leckereien dienen, mit denen ſich Frau Maclaurin gewöhnlich zu verſchiedenen Stunden im Tage und zur nicht geringen Beläſti⸗ gung für die Naſe ihres soi-disant Liebhabers güt⸗ lich that.„Geh', und frag' Frau Maclaurin, ob ſie zu Hauſe und geneigt ſei, meinen Beſuch zu empfangen.“ „Ganz wohl, gnädiger Herr.“ Damit eilte Durnford davon, ſein Herr betrachtete ſich noch ein⸗ mal in dem Spiegel und folgte ihm langſam nach. Vierundzwanzigſtes Kapitel⸗ Man ſieht den Menſchen oft bald da, bald dorthin ziehen, Der Langeweile und den Sorgen zu entfliehen; Da hofft er feſtiglich, was ſein Gemüth beſchwert, Bleib' an dem Ort zurück, dem er den Rucken kehrtz Doch muß er ſich gar bald von ſelber eingeſtehen, Daß es ihm nichts genützt, von Ort zu Ort zu gehen. Der Menſch trägt in ſich ſelbſt, wohin er ſich auch kehrt, Was ihm die Ruhe bringt und was ſie ihm zerſtört. „Nun, der Teufel ſoll mich holen, wenn mir nicht ganz ſonderbar zu Muthe wurde, als ich ſah, daß der Lioy der Abſchied von mir ſo nahe ging,“ ſagte Lord Fitzwarren zu ſeinem Reiſegefährten Webworth, während ſie in dem wohlausgerüſteten 240 Wagen des Lords, neben einander ſitzend, raſch da⸗ von rollten und die Stadt der Cäſaren hinter ſich ließen.„Das arme Mädchen,“ fing er wieder an, „benahm ſich dabei teufelmäßig gut, das muß ich ſagen, denn ſie hielt ihre Thränen zurück, ſo arg ſie auch ergriffen war, weil ſie weiß, daß ich die weinerlichen Auftritte nicht leiden kann.“ „Ja, Lady Olivie iſt ein recht reizendes Mäd⸗ chen,“ ſagte oder vielmehr liſpelte Webworth, deſſen Ausſprache das Eigenthünliche an ſich hatte, daß er beſtändig das R. ausließ* „Davon weiß ich nichts, erß ſie ſo reizend iſt, wie Du es nennſt, Webworth, aber ſie iſt ein ver⸗ zweifelt gutartiges Mädchen für die jetzige Zeit und ſehr anhänglich an mich.“ „Ja, ſehr.“ „Ich wünſche manchmal faſt, ſie möchte nicht ſo ſchrecklich verliebt in mich ſein. Das kann ich Dich verſichern. Denn wäre ſie es weniger, oder wäre ich völlig überzeugt, daß das Fehlſchlagen ihrer Hoffnung ihr nicht das Herz bräche, ſo würde ich verſucht ſein, mein Verhältniß mit ihr abzu⸗ brechen; der Teufel ſoll mich holen, wenn ich weiß, wie ich in daſſelbe hineingerathen bin. Und dann ſind meine Empfindungen gegen ſie eben ganz an⸗ *) Ich halte für meine Pflicht, den geneigten Leſer vl dieſer Eigenthümlichkeit des Originals zu verſchonen. Ueberſ. 241 anders, als gegen Fräulein Sydney— d. h. ich bin in Livy ganz und gar nicht verliebt.“ „Wirklich recht ſonderbar!“ „Die Sache iſt die, Webworth, Livy, das arme Mädchen, wurde verliebt in mich, und dafür konnte ſie nichts, das arme Ding, und ich auch nicht. Du würdeſt Dich wundern, wenn Du wüßteſt, wie viele Mädchen Neigung zu mir gefaßt hatten. Fräulein Sydney iſt die einzige, die nicht Luſt hatte, Ja zu ſagen, ehe ich fragte, wollen Sie? Und doch iſt wunderlicher Weiſe ſie das einzige Mädchen, an dem mir wirklich etwas gelegen war.“ „Sie iſt ein recht liebenswürdiges Geſchöpf, das muß ich geſtehen.“ „Ich wollte, ich hätte ſie nie geſehen, denn ich mag's machen, wie ich will, ſie geht mir eben immer im Kopf herum, und wenn ich die arme Livy anſchaue und ſehe wie unähnlich ſie Louiſen iſt, und ich muß dazuſetzen, wie weit ſie unter Louiſen ſteht, ſo werde ich ihrer ſo überdrüſſig, daß mich die Luſt anwandelt, das Verhältniß ab⸗ zubrechen. Es läßt ſich zwiſchen den beiden Mäd⸗ chen ebenſo wenig eine Vergleichung anſtellen, als zwiſchen meiner ſchönen Stute Fanny— Du weißt noch, Fanny? und Cotsmore's ſeiner, der braunen Liſe. Die eine Vollblut, zartknochig, lauter Feuer und Leben, die andere mit plumpen ſchwerfälligen Gliedern und trägen Gangs!“ Strathern u. 16 242 „Aber lieber Freund, es iſt jetzt zu ſpät, Alles das an ihr herauszuſuchen, und da Lady Olivia ſo ſehr an Dir hängt, ſo ſollteſt Du Dir das Fräulein Sydney aus dem Sinn ſchlagen.“ „Ich gebe mir auch Mühe darum, aber das geht nicht ſo leicht, kann ich Dir ſagen. Ihr hübſches Geſicht fällt mir immer wieder ein und der zierliche Wuchs. Und dann, was hat ſie für einen Schritt! Wahrhaftig, ich habe ſeit meiner armen Fanny kein Geſchöpf geſehen, das einen ſo ausgezeichneten Gang gehabt hätte. Ach, Webworth, wenn das Mädchen eine Neigung zu mir gefaßt hätte, ſo würde ſie mit mir haben machen können, was ihr eingefallen wäre; aber der Teufel bat's geſehen, alle Weibelente, für die ich keinen Heller gebe, thun was ſie können, um mich zu kriegen, und ſie, die einzige, die ich je geliebt, würde ſich kaum dazu verſtehen mich anzuſehen.“ „Das iſt freilich recht unangenehm, mein lieber Freund, gewiß ſehr widerwärtig und es wäre ſehr zu wünſchen, daß Du nicht um Lady Olivia angehalten hätteſt.“ „Und der Teufel iſt auch noch der, Webworth, daß ich gar nicht die geringſte Ausſicht vor mir ſehe, wie ich aus der Klemme herauskommen ſoll, denn die arme Livy iſt ſo vernarrt in mich und ſo verzweifelt gutmüthig, daß ſie nie in Aerger geräth, ich mag thun, was ich will. Und doch ſehe ich, 243 daß es dem armen Ding faſt das Herz bricht, wenn ich ſo von ihr fort, bald da, bald dorthin ziehe. Da gibt es Weiber, die würden gleich in Zorn gerathen und ſagen, Du kannſt zum Teufel gehen und brauchſt nicht wiederzukommen, ich will nichts von Dir! Ich habe ſchon mehrmals ver⸗ ſucht, Livy in die Hitze zu bringen, denn ich hoffte, ſie würde dadurch verdrießlich werden und unſer Verhältniß abbrechen, aber es war Alles umſonſt. Sie hat mich zu lieb, das arme Mädchen und würde eher Alles, als meinen Verluſt verſchmerzen. Ein Troſt bleibt mir jedoch dabei, nämlich der, daß ich meinem eigenen Sinn in allen Dingen folgen kann, wenn wir verheirathet ſind. Ich habe ſchon dafür geſorgt, und ſie gehörig dreſſirt, das kann ich Dir ſagen. Sie iſt immer bereit, zu Allem, was ich ſage, Amen zu rufen und das iſt doch eine große Beruhigung, nicht wahr?“ „Ja, gewiß, ein recht großer Troſt?“ „Aber iſt es nicht ſeltſam, Webworth? Ich weiß das, und weiß auch, daß Fräulein Sydney, wenn ſie darein gewilligt hätte, mich zu nehmen, in Allem ihren eigenen Weg gegangen wäre— ja ſie würde mich wahrſcheinlich dazu gebracht haben, mein Rennen und Jagen und die Clubbs aufzu⸗ geben, denn ich war von ihr ſo behert, daß ich ihr nichts abſchlagen konnte, was ſie verlangte,— und doch kann ich nicht anders, ich bedauere jeden 16* 244 Tag, ja wahrhaftig, jede Stunde, daß ſie nicht meine Frau werden will, und bin neidiſch auf den Kerl, den Strathern, daß er ein ſolches Kleinod gewinnt. Das heißt man verliebt ſein,“ und Lord Fitzwarren holte einen tiefen Seufzer.„Warſt Du je verliebt, Webworth?“ „Nicht daß ich wüßte.“ „Nicht daß Du wüßteſt! Nun, Du mußt ein ſonderbarer Kauz ſein. Wenn Du einmal ganz weg wäreſt, wie ich ſage— d. h. recht verliebt, ſo würdeſt Du es nie vergeſſen, das kann ich Dir ſagen, denn das iſt kein Spaß. Ach ja!“ „Das haben mir ſchon viele Leute geſagt, aber ich glaube, daß dies größtentheils Einbildung iſt. Ein hübſches Mädchen ſcheint mir einem an⸗ deren hübſchen Mädchen ſo außerordentlich ähnlich zu ſehen, daß ich nie verſtehen konnte, warum ein Mann ſich um die mehr bekümmert, als um jenez daraus entnehme ich, daß Alles nur Einbildung ſein muß.“ „Ha, ha, ha! Meiner Treu, Webworth, Du biſt ein verteufelt närriſcher Kerl und bringſt mich zum Lachen, ich mag wollen oder nicht. Der Poſt⸗ knecht fährt prächtig; ich hätte nicht geglaubt, daß die verdammten Italiener oder ihre Pferde einen ſolchen Schritt einhalten könnten. Es iſt etwas in der ſchnellen Bewegung eines gut gebauten Reiſe⸗ wagens, der von vier Pferden gezogen wird, was 245 Einen aufheitert. Und wenn ſchon die, welche an den meinigen geſpannt ſind, nicht viel gleich ſehen, ſo ſtehen ſie doch unſeren engliſchen an Geſchwin⸗ digkeit nicht nach. Das plumpe Geſchirr und die Spuren der Stränge waren mir allerdings im An⸗ fang meiner Reiſen zuwider, aber jetzt habe ich mich an alle dieſe Sachen gewöhnt, Du auch?“ „Ich habe das nie bemerkt, denn ich ſchlaſe gewöhnlich unterwegs. Das ſchlechte Mittageſſen und Frühſtück iſt Alles, auf was ich bei meinen Fahrten merke.“ „Ich habe dafür geſorgt, daß wir hievon nichts zu erfahren haben, und einen gehörigen Vorrath von Eßwaaren mitgenommen. Mein Courier hat ein päté de Pèrigord, das ich ausdrücklich für meine Reiſe von Paris habe kommen laſſen, einen Schin⸗ ken von Bayonne, ein paar Hühner, Bologneſer Würſte und ein paar andere Sachen eingepackt, wir werden alſo nicht Hungers ſterben, mein lieber Webworth.“ „Haſt Du auch Wein zu den Eßwaaren thun laſſen? Wenn nicht, ſo wirſt Du finden, vaß das Getränke, das man in den Wirthshäuſern kriegt, ungenießbar iſt.“ „Das Reiſen iſt mir nichts ſo Neues, daß ich den Wein vergeſſen ſollte, oder guten weißen Franz⸗ branntwein. Mein Burſche hat herein gethan, ſo viel wir brauchen.“ 246 „Du biſt gerade ein Kerl, mit dem ich gerne reiſe, lieber Fitzwarren, Du verſtehſt, was der Menſch nöthig hat.“ „Es iſt ſonderbar, es wird mir immer leichter zu Muth, je weiter ich von Rom wegkomme. Ich habe mich nie ſo behaglich gefühlt, ſeit dem un⸗ glücklichen Tage, an welchem ich um Livy anhielt. Jetzt, da ich glücklich davon bin, kommt mir das ganze einfältige Verlöbniß wie ein Traum vor, und das wie ein teufelmäßig unangenehmer. Ich wünſchte von ganzem Herzen, es wäre blos ein Traum. Ach, Du lieber Gott.“ „Du wirſt Dir allen Spaß verderben, wenn Du immer daran denkſt, lieber Freund. Be⸗ gegnet mir etwas Widerliches, ſo mache ich es mir zum Grundſatz, nicht mehr daran zu denken.“ „Das iſt ein recht kluges Verfahren, aber es hängt nicht immer von uns ab, es einzuhalten. Wäre das, ſo würden wir nie unglücklich ſein.“ „Oh, es gibt Leute, die ſo thöricht ſind, daß ſie ſich immer über das oder jenes Sorgen ma⸗ chen. Würden ſie mehr an gutes Eſſen und Trinken denken, ſo hätten ſie den Kummer bald vergeſſen. Ich weiß nur eins was Einem Gram bereiten kann.“ „Und was iſt das, mein Lieber?“ „Wenn man nicht genug Geld hat, um ſich 247 jeden Tag vorzügliches Eſſen und die beſten Weine anzuſchaffen. Beſitzt man aber dieſe wahren Annehmlichkeiten, ſo kann ich mir nicht denken, wie ſich ein verſtändiger Mann unglücklich fühlen ſoll.“ „Nun, Du biſt leicht zu befriedigen, das muß ich ſagen, Webworth. Du behaupteſt alſo, der Geiſt habe gar keinen Einfluß auf des Menſchen Glück?“ „Gewiß nicht. Man ſollte ſeinen Geiſt ſo gut in der Gewalt haben, wie Hand oder Fuß. Bei mir iſt das der Fall.“ „Dann kann ich blos ſagen, daß Du ein ver⸗ zweifelt glücklicher Kerl biſt. An was denkſt Du aber z. B. wenn Du allein biſt?“ „Ich denke an mein Frühſtück, an mein Mit⸗ tag⸗, an mein Nachteſſen. Ich bin dann begierig darauf, ob ſie ſo gut ausfallen werden, wie ich er⸗ warte, und während ich ſo darüber nachſinne, kriege ich Hunger. So habe ich auch jeden Tag etwas Neues, was mich intereſſirt und was ich mir zwei⸗ bis dreimal in vierundzwanzig Stunden überlegen muß. Und wenn das nicht genug iſt, um eines verſtändigen Mannes Geiſt in Anſpruch zu nehmen, ſo weiß ich nicht, was es ſein ſoll.“ „Ich glaube, Du hätteſt eiumal durch Deinen Vetter, Lord Amesbury, ins Parlament kommen 248 ſollen. Wie iſt das rückgängig geworden, Web⸗ worth?“ „Im Anfang ließ ich mir den Vorſchlag Ames⸗ bury's gefallen; er wollte mich blos als locum tenens hineinbringen, bis ſein Sohn das gehörige Alter hätte. Da ich aber ſah, daß er erwartete, ich ſollte beſtändig das Haus der Gemeinen be⸗ ſuchen und über jede Frage meine Stimme abge⸗ ben, wodurch mir mein Mittageſſen im Durch⸗ ſchnitt dreimal in der Woche verloren gegangen, oder wodurch ich doch erſt dazu gekommen ſein würde, wenn jedes entrée verdorben war, das ſichs zu eſſen verlohnte, ſo lehnte ich die Sache ab, denn das hätte mich um alle meine Behaglich⸗ keit und mein ganzes Glück gebracht. Amesbury nahm es als eine Beleidigung von mir auf, daß ich meine Behaglichkeit nicht ihm zu Liebe auf⸗ opfern wollte und damit hatte die Geſchichte ein Ende.“ „Aber wenn Du nichts zu thun und zu trei⸗ ben haſt, wird Dir da die Zeit nicht oft recht lang?“ „Nie, denn da leſe ich alle Kochbücher die her ausgekommen ſind, und mache mir Bemerkun⸗ gen über die beſten Mahlzeiten, die den Winter über gegeben werden und über die beſten Weine in den Haushaltungen, und dadurch, daß ich mir dieſe Auszüge mache, weiß ich immer, was ich 249 mir herauszuſuchen habe, und das iſt immerhin eine Beſchäftigung. Ich kann ſagen, in welchen Häuſern man gewiſſe Speiſen oder Getränke ge⸗ nießen oder weglaſſen muß, in welches Landhaus man am beſten eine Einladung annehmen kann; wie ſollte ich nun, mein lieber Freund, bei die⸗ ſer fortdauernden Arbeit die Zeit lang finden?“ „Du fragſt alſo nicht darnach, ob man in den Häuſern Vergnügen findet, oder nicht, Webworth?“ „Jedes Haus iſt angenehm, in dem die Eigen⸗ thümer nicht knickerig ſind und wo der Koch ein vollendeter Künſtler iſt.“ „Aber angenehme Leute, gelten dieſe Dir gar nichts?“ „Was Du angenehme Leute nennſt, iſt mir zuwiver. Sie dienen blos dazu, um Eines Auf⸗ merkſamkeit von dem abzulenken, was nach meiner Anſicht unendlich angenehmer iſt— ein gutes Mit⸗ tageſſen. Ich habe immer bemerkt, daß da, wo man ſolche angenehme Leute antrifft, die entrées kalt werden, ehe Einem vorgelegt iſt. Denn da plaudern ſie von den on dits und Anekdoten, und laſſen die Bedienten mit den entrées hinter ſich warten, während ſie einander zuhören oder la⸗ chen, und wenn dann die plats an einen Kerl, wie ich, kommen, der keinen Titel hat und faſt zuletzt bedient wird, ſo iſt es nicht mehr der Mühe werth, ſie zu eſſen. Nein, da lobe ich mir die 250 Häuſer, wo es einzig und allein das Eſſen iſt, mit dem ſich Alle beſchäftigen, die zu Tiſche ſitzen, da wird der Genuß nicht durch zweckloſes Ge⸗ ſpräch unterbrochen und nach der Mahlzeit die Verdauung nicht durch zu große Aufmerkſamkeit auf daſſelbe geſtört.“ „Wahrhaftig, Webworth, Du heaſt gründlich über Deinen Gegenſtand nachgedacht. Es ſcheint, daß das Eſſen Deine ganze Aufmerkſamkeit in An⸗ ſpruch genommen hat.“ „Das iſt gewiß, denn was Andres iſt für mich nur halb ſo intereſſant, oder was könnte es ſein? Die Leute erwägen dieſen Gegenſtand nicht halb genug und die Folge davon iſt, daß ſie ſelten gutes Eſſen haben, wenn ſie ſchon gute Köche halten und keine Koſten ſparen. Wenn die Leute dieſem wichtigen Punkte die gehörige Beachtung ſchenkten, ſo würden ſie nie einen Gaſt zum zwei⸗ tenmal einladen, der nicht genau zu der Zeit ge⸗ kommen iſt, welche auf der Karte angegeben war. Wie viele gute und recherchés Mahlzeiten habe ich nicht dadurch verdorben geſehen, daß man eine halbe Stunde und länger mit Warten auf⸗ gehalten wurde, weil die Gäſte nicht ſo viel Höf⸗ lichkeit beſaßen, um zur Zeit zu kommen. Und dann mußte ich dieſelben Leute in den Clubs am Abend darüber klagen hören, wie kalt das Eſſen geweſen ſei, wobei ſie doch auf ſich hatten warten 251 laſſen. Ja ſie traten ſogar dem Ruf des Kochs zu nahe, nachdem ſie doch alle ſeine Bemühungen zu Darlegung ſeiner Talente vereitelt. „Du wirſt ja wahrhaftig über dieſes Capitel ganz beredt, lieber Webworth. Ich habe nicht ge⸗ wußt, daß Du daſſelbe ſo genau einſtudirt haſt,“ ſagte Lord Fitzwarren. „Ich glaube nicht, daß wir früher davon ge⸗ ſprochen haben. In der Geſellſchaft hat man auch nie Zeit in eine Sache ernſtlich einzugehen, wie intereſſant ſie auch ſei. Blos wenn man téte-à- töte reist, wie wir jetzt, in einem bequemen Wa⸗ gen und mit der angenehmen Ausſicht auf ein gu⸗ tes Mittageſſen, könnte ich mir die Mühe nehmen ausführlich in einen ſolchen Gegenſtand einzu⸗ gehen.“ „Ich will mich hängen laſſen, wenn ich nicht glaube, daß Du um ein gut Theil geſcheidter biſt, als ich Dich ſonſt dafür hielt, und wenn Du mir nicht klüger vorkommſt als die meiſten, wenn nicht alle unſere beiderſeitigen Freunde; Du drängſt Dein Glück in einen Brennpunkt zuſammen, und zwar in einen, den man ſich ſo leicht verſchaffen kann.“ „Reiche, ja, aber Arme nicht. Du überſiehſt, daß ich ein armer Teufel bin und blos ſo viel habe, um Brod und Käſe zu kaufen, wie die Leute ſagen; das ſind zwei in ihrer Art gar nicht üble Dinge, als Zugaben nämlich zu verſchiedenen 252 andern guten Sachen, aber an ſich ſind ſie blos für Bauern gut.“ „Nun, wenn Du ſchon nicht reich biſt, ſo kannſt Du doch gewiß immer Dir ein gutes Mit⸗ tageſſen verſchaffen. Das koſtet ſo wenig.“ „Cela dépend, mon cher! Ein zähes Beefſteak, Hammelfleiſch mit pain à discretion, Kalbsrippchen, die man mit vin ordinaire hinunterſchwemmt, könn⸗ ten manche Menſchen zufrieden ftellen, und koſten nicht viel, wie ich zugebe; aber gegen ſolche Koſt habe ich einen Widerwillen, und wenn ich nicht mit einem gaſtfreien, guten Freund, wie Du, zuſam⸗ menkomme, der einen guten Tiſch führt, ſo muß ich mich ohne dieſen begnügen, denn das Eſſen in einem Caffehaus oder in den Clubbs haſſe ich wie den Teufel. Fitzwarren, Du biſt ein Glückskind und könnteſt einer der glücklichſten Menſchen unter der Sonne ſein, wenn Du Dir nicht beigehen ließeſt Dich um die Weiber zu grämen. Ich kann das nicht begreifen und weiß blos, daß ich mich, wenn ich den vierten Theil von Deinem Vermö⸗ gen beſäße, für den glücklichſten Kerl in der Welt halten würde.“ „Das würde aber nicht hinreichen, um ein Haus zu machen, Webworth, um Pferde zu hal⸗ ten oder verſchiedenen andern kleinen Vergnügungen nachzugehen.“ „Es wäre genug, um ein beſcheidenes, aber 253 bequemes Junggeſellenleben zu führen, mir einen vorzüglichen Koch und einen leichten Brougham nebſt zwei ſtarken Zugpferden anzuſchaffen und ſo herum zu kutſchieren, dann einen recht bequemen Sorgenſtuhl, ein weiches Sopha, ein franzöſiſches Bett und was eben ein vernünftiger Menſch wün⸗ ſchen könnte, um glücklich zu ſein.“ „Nun, ich muß ſagen, lieber Webworth, Du biſt nicht übertrieben in Deinen Wünſchen und ich kann blos hinzufügen, daß es Dir nie an einem guten Mittageſſen fehlen ſoll, ſo lange ich eins habe. Du kannſt auch auf ſichere Winterquartiere zählen, in welchem meiner Wohnſitze ich mich auch aufhalten mag, und das ſo lange ich lebe.“ „Dank Dir, lieber Fitzwarren, Du biſt immer recht freundlich gegen mich geweſen und ich bin davon tief ergriffen, das verſichere ich Dich.“ „Und was noch mehr iſt, guter Freund, ich will dafür ſorgen, daß Du ein lebenslängliches Jahrgeld von dreihunvert und fünf und ſechzig Guineen bekommſt. Das macht Dir eine Guinee täglich und damit kannſt Du Dir immer ein gutes Mittageſſen verſchaffen— ja, wahrhaftig, da Du immer ein Zimmer auf jedem meiner Landſitze haſt und Dir meine Haushaltung überhaupt zu Dienſten ſteht, ſo kannſt Du Deine Guinee ſechs Monate lang täglich bei Seite legen, lieber Freund und 25⁵4 dann haſt Du täglich zwei für die Zeit, die man in London zubringt.“ „Ich bin ganz außer mir über Deine große Güte, lieber Fitzwarren und weiß nicht, wie ich Dir danken ſoll.“ „Ich brauche keinen Dank, guter Freund. Was nützte Einem denn der Reichthum, wenn man denen nicht helfen wollte, die in dieier Beziehung weniger gut daran ſind. Die Urkunde über den Jahres⸗ gehalt will ich ausfertigen laſſen, ſobald ich nach England zurückkomme, und da mir noch vorher etwas zuſtoßen könnte, ſo will ich gleich meinem Teſtament ein Codicill beifügen; denn ich führe es immer in meinem Schreibkaſten nach.“ „Ich bin, ich verſichere Dich, Fitzwarren, ge⸗ wiß nicht im Stande auszudrücken, was ich über die Freundſchaftshandlung, die Du mir erweiſeſt, empfinde. Ich habe ja doch gar keine Anſprüche auf Deine Großmuth.“ „Nicht ein Wort mehr über dieſen Gegenſtand, lieber Webworth, Du hätteſt, wie ich gewiß weiß, gerade ſo viel für mich gethan, wenn unſere Lage die umgekehrte wäre, und es macht mir wahrhaftig Freude, daß ich Dir etwas nützen kann.“ „Ich wollte, ich könnte Dir dagegen einen Vortheil ſchaffen, aber ich weiß nur eine Art, in welcher ich Dir zu beweiſen vermöchte, wie ſehr ich Deine Freundſchaft erkenne. Ich will 255 Deinen cheſ-de-cuisine unter meine beſondere Auf⸗ ſicht nehmen, wenn wir nach England zurück ſind und dann ſtehe ich Dir dafür, daß Deine Mahlzeiten am me ſten recherchés in London ſein werden. Ich verſtehe mich auf derartige Dinge und das wird mir eine angenehme Beſchäftigung verſchaffen. Aber ich ſehe, wir ſind an einem Ort angekommen, wo gehalten wird und bin froh darüber, denn ich habe große Luſt etwas zu genießen. Ich hoffe, Dein Curier hat ſo viel Verſtand gehabt und etwas Suppe bereit halten laſſen, wie überhaupt Alles, was in dem Wirthshaus zu kriegen iſt, denn man trifft in derartigen Orten manchmal eine recht erträgliche plat national und das bringt eine angenehme Abwechſelung zuwege.“ „Ich denke, mein Burſche hat ſeine Sachen gut gemacht, denn er iſt ſchlau und hat ſeine Ge⸗ danken gehörig beiſammen. Da kommt er einher⸗ getappt in ſeinen Stulpſtiefeln, um uns zu be⸗ grüßen und ſein Geſicht iſt roth von dem Feuer, wo er wahrſcheinlich etwas Ausgeſuchtes von ſeiner ſacon für unſer Mittageſſen hat zubereiten helfen. Ich hoffe, der ung ſchickte Poſtknecht werde mir an der ſcharfen Ecke, um die herum es in das Thor des Wirthshauſes geht, die Deichſel an meinem Wagen nicht abbrechen? Wie die Burſche ſchreien und jagen. Bei'm Teufel, wir ſind kaum unge⸗ rupft davon gekommen. Nun, da wären wir ja, 256 Junge. Werden wir etwas Ordentliches zu eſſen bekommen, Frazzini?“ „Ah, Mylord, ich ſchaffe und ſchaffe— ſehen Sie mein Geſicht an, ſo verbrannt vom Feuer. Koch nicht viel gut. Ich habe die meneslra ge⸗ macht, d. h. die Suppe, Coleleltes und poulet röti und das Zimmer gereinigt und mein Mög⸗ liches gethan, um's dem gnädigen Herrn bequem zu machen.“ „Komm mit, Webworth. Wahrhaftig, meine Beine ſind ſo ſteif, daß ich kaum gehen kann. Mach, daß wir ſo bald als möglich etwas zu eſſen kriegen, Frazzini, denn ich habe einen Wolfshun⸗ ger. Belton, pack' gleich die Eßvorräthe und et⸗ was Wein aus. Nun, gib Acht und ſchüttle den Wein nicht.“ „Sein Sie ſo gut, Belton, halten Sie den Wein auf die Seite,“ ſagte Webworth mit ängſt⸗ licher Miene.„Sehen Sie, ob Sie nicht etwas Eis kriegen können.“ Lord Fitzwarren und ſein Freund traten in das Wirthshaus. Voraus ging Frazzini, Belton aber ſah ihnen nach, zuckte die Achſeln und murmelte dem andern Bedienten, der ſchon anfing den leich⸗ ten fourgon mit den Vorräthen abzupacken, zu: „Immer denkt er an ſeinen Magen und macht Einem Geſchäfte, nie aber läßt er Einen ſehen, wie ſein Geld ausſieht, mag man auch noch ſo — v u — N U W 257 viel thun. Ich möchte nur wiſſen, was mein Herr an ihm ſehen kann, daß er ſich mit ihm belaſtet; denn er ſchüttelt ihm doch nur den Wagen zuſam⸗ men, und muß auf der ganzen Reiſe freigehalten werden. Mach' die Sachen auf, Thomas, komm, ſchnell!“ „Ich fürchte, ich könnte den Wein ſchütteln,“ gab Thomas zur Antwort. „Sei ohne Sorgen, ſie trinken ihn doch, dafür bin ich gut; und wenn ſie nicht wollen, ſo thu' ich's. Ich weiß, mein Herr fragt nicht viel da⸗ nach, und was den Korkzieher, den Webworth be⸗ trifft, ſo freut es mich, wenn ich ihm einen Poſſen ſpielen kann; denn er macht Einem nichts als Arbeit und ſucht meinen Herrn zu Sachen zu veranlaſſen, welche mir in meiner Stelle Eintrag thun könnten.“ „Ach, Herr Belton,“ erwiederte Thomas,„es iſt nicht zu ſagen, was dieſe Art von Gentlemen — die nicht einmal rechte Gentlemen ſind— uns armen Bedienten für Schaden thun. Weil ſie arm ſind, müſſen ſie auf jeden Schilling ſehen; dadurch lernen ſie den eigentlichen Werth der Sachen ſo gut kennen als wir, bringen auch unſere Herren ſo weit und ſchmälern uns die wohlverdienten Ne⸗ beneinkünfte.“ „Da, Thomas, ſchüttle die Flaſche alten Teres ordentlich. Dadurch wird der größere Theil davon mir zu Gute kommen, denn Herr Webworth iſt Strathern n. 17 258 wahrhaftig ſo eigen, daß er ihn nicht anrührt, wenn er nicht ſo hell iſt wie Bernſtein.“ Thomas that, was man ihn geheißen und lachte, während er den Befehl ſeines Vorgeſetzten, des Herrn Belton vollzog. Dies war der valet de chambre Lord Fitzwarren's und die Bedienten Seiner Herrlichkeit erwieſen ihm weit mehr Auf⸗ merkſamkeit, als ihrem edeln Herrn. „Bring' eine Flaſche Portwein für mich, Tho⸗ mas und gib Acht, daß Du ihn ſo wenig als möglich ſchüttelſt. Halt' ihn auf die Seite und geh' langſam— ich will ihn ſelber entſtöpſeln. Ich hoffe, der fremde Windbeutel, der Frazzini, hat dafür geſorgt, daß mein Eſſen bereit ſteht. Ich kann die verdammten franzöſiſchen oder italie⸗ niſchen Burſche nicht ausſtehen, aber man könnte nicht ohne ſie fertig werden, wenn man in ihren armſeligen Ländern auf der Reiſe iſt und ihre welſchen Sprachen nicht verſteht. Sicher hat der courrier, wie er ſich nennt, unterwegs an meinem Herrn einen guten Gewinn gemacht. Es gibt mir einen Stich durch's Herz, wenn ich einen Auslän⸗ der ſehe, der von Engländern Geld zieht.“ „Ja, Herr Belton, ſo geht mir's auch; aber wie Sie eben bemerken, es iſt nicht zu ändern, wenn es ſchon recht Schade iſt.“ „Nimm den Koffer mit Kleidern und Wäſche heraus, Thomas, und den Kutſchenſitz und mach' 259 den Wagenhimmel herunter. Schließ die Thüren an der Chaiſe, bring mir den Schlüſſel; dann will ich gehen und ſehen, ob mein Herr etwas braucht. Aber da kommt ja der Frazzini gelaufen und thut ſo geſchäftig, als ob er etwas leiſtete.“ „Der gnädige Herr verlangt die päté de foie gras, la poularde et le jambon.“ „Da ſind ſie, Herr Langſtiefel.“ „Wollen Sie mir etwas von dieſen Sachen hereintragen helfen, Herr Thomas?“ „Wie kann ich denn? Sehen Sie nicht, daß ich die Kleiderkäſten und den Kutſchenſitz und den Wagenhimmel auf dem Halſe habe?“ „Diavolo! Es muß mir Jemand helfen,— ich habe keine vier Hände.“ „Sie können ja eins nach dem andern uehmen, Herr Curier.“ „Warum helfen Sie mir denn nicht, Herr Belton, oder warum laſſen Sie es nicht durch Thomas geſchehen?“ „Weil uns das nichts angeht. Sie ſind der Curier und Ihr Geſchäft iſt es darauf zu ſehen, daß mein Herr unterwegs Alles hat, wie er es wünſcht.“ „Corpo di Bacco! Das reichte hin Einen toll zu machen. Was ſind doch die engliſchen Bedien⸗ ten für Leute, was für Leute! Aber man darf den gnädigen Herrn nicht warten laſſen. Darum nehme 260 ich eine von den Sachen unter den einen, und die andere unter den andern Arm und komme dann wieder zurück. Wollen Sie den Wein bringen?“ „Nein, ich nicht.“ „Wollen Sie, Thomas?“ „Wie kann ich denn, Herr Frazzini, wenn ich mehr zu thun habe, als ich fertig bringen kann?“ Der Curier lief fort mit einer päté in der einen und einem Schinken in der andern Hand. Die beiden engliſchen Bedienten lächelten ſpöttiſch über ſeine Geſchäftigkeit und als er ihnen aus dem Geſichte war, ſagte Belton:„Ich wollte nicht, daß Jemand anders als er den Wein trüge, denn jetzt wird er dafür ausgeſcholten, daß er geſchüttelt worden iſt. Ich gönne es dem fremden Viehvolk, wenn ſie in eine Patſche gerathen.“ „Ich auch, Herr Belton, denn ſie ſuchen uns immer das Brod aus dem Munde zu nehmen.“ Obgleich ſelbſt der wähleriſche Webworth zuge⸗ ſtehen mußte, daß durch die unermüdlichen Be⸗ mühungen des gutmüthigen und fleißigen Curiers ein viel beſſeres Mittageſſen geliefert wurde, als man in ſo kurzer Friſt hätte erwarten ſollen, ſo war doch der Wein in Folge davon, daß ihn Tho⸗ mas geſchüttelt, ungenießbar, und kein anderer, der im Wirthshaus zu haben war, vermochte ihn für den Verluſt des alten Teres zu tröſten, mit dem er ſich vorgenommen hatte die ſaftigen Fleiſchſpeiſen 261 hinunterzuſchwemmen, aus welchen die Mahlzeit beſtand und mit welchen er ſeinem Appetit ſo reich⸗ lich Genüge gethan. Er wurde grämlich und machte Frazzini eine Menge Vorwürfe wegen Mangels an Aufmerkſamkeit, wie er ihm ſchuld gab, und weil er den Wein geſchüttelt hätte. Dies that er malgré aller Verſicherungen des Italieners vom Gegentheil; dieſer war ſich bewußt, daß er den Wein ſo vorſichtig als möglich behandelt und fühlte ſich durch den Tadel, den man über ihn ausſchüt⸗ tete, ſehr verletzt. Deſſenungeachtet ging er, als Lord Fitzwarren's Mittageſſen abgeräumt war und noch ehe er daran dachte ſeinen eigenen Hunger zu befriedigen, in das für Webworth beſtimmte Zim⸗ mer und da er ſah, daß noch nicht ein Stück von dem Eigenthum dieſes Herrn zum Gebrauch deſſel⸗ ben aus dem Wagen heraufgeſchafft worden war, ſo ließ er ſich von Herrn Belton, der gerade ein eben ſo üppiges Mahl hielt, wie ſein Gebieter, den Schlüſſel zu jenem geben und trug in Web⸗ worth's Zimmer Alles, was dieſem gehörte. Er machte das Bett zurecht, zündete in einer Kohl⸗ pfanne ein tüchtiges Feuer an, um das Zimmer zu wärmen und murmelte dabei in ſeiner Mutter⸗ ſprache Folgendes vor ſich hin, was wir hier in der Uebertragung wieder geben.— „O, dieſe engliſchen Bedienten! was für ſelbſt⸗ ſüchtige Leute ſind das, daß ſie den Freund ihres 262 Herrn ſo vernachläſſigen. Er hat keinen eigenen Diener auf der Reiſe und ſie ließen es ihm an Allem fehlen, wenn ich nicht für ſeine Bequemlich⸗ keit ſorgte. Zwar hat er immer an Allem, was ich thue, etwas auszuſetzen, aber der arme Mann kann dafür nichts, das iſt ſicher. Sein Vaterland, in welchem die Sonne ſo ſelten ſcheint, und die fürchterlichen Nebel, von denen ich ſchon oft ge⸗ hört, haben ihn ſo mürriſch gemacht. Ach, wer könnte denn auch geſund oder glücklich ſein ohne Sonnenſchein und heitere Luft? Der Mangel an dieſen Segnungen macht, daß die Engländer bei all ihrem Reichthum ſo ſchwer zufrieden zu ſtellen ſind, er iſt Schuld, daß die größten Leckerbiſſen ſie nicht vergnügen und ſelbſt ihr verwöhntes Ge⸗ ſinde iſt ſo ekel in ſeiner Wahl und ſo voll Ge⸗ lüſte. Sie eſſen, eſſen— auf jeder Poſt, finden Alles ſchlecht, verzehren aber doch, was man ihnen gibt, und ſchütten ſich flüſſiges Feuer in Geſtalt von eau de vie in die Kehle. Das erhitzt ihr Blut und macht ihnen eine ſo üble Laune. Dank' Gott, Giovanni Frazzini, dank' Gott, daß du, wenn auch arm, doch glücklicher biſt als dieſe ſtol⸗ zen Inſelbewohner.“ 263 Fünf und zwanzigſtes Kapitel. „O Liebe, wo Du Dich in's Herz geſchlichen haſt, Da zeigſt Du Dich als einen quäleriſchen Gaſt. Gar lange ſchon hat die Erfahrung uns gezeigt, Daß Du niemals allein Dich Einem zugeneigt. Furcht, Kummer, Zweifel, Schmerz und tolle Eiferſucht Hat ſtets den Liebenden zugleich mit Dir beſucht. Sie weichen nicht von ihm, ſo lang die Liebe wacht, Doch ſchläft die Liebe ein, ſo endet Jener Macht. Und wer der Liebe Qual auch noch ſo ſehr beklagt, Dem iſt's doch leid, wenn ſie nicht mehr ſein Herz benagt.“ In Louiſen Sydney's Bruſt war der Sonnen⸗ ſchein wieder eingekehrt und wenn noch ein Zweifel über die treue Neigung ihres Geliebten in ihr zu⸗ rückblieb, ſo war derſelbe ſo ſchwach, daß ihr das Daſein eines ſolchen faſt gar nicht bemerklich wurde, wenn ſie es überhaupt gewahrte. Der Kummer, den ſie kürzlich erfahren, ließ ſie ihr gegenwärtiges Glück noch höher ſchätzen und ſie nahm ſich feſt vor, nie wieder das Gift eines ſo unwürdigen Gaſtes, wie der Argwohn, in ihr Gemüth ein⸗ dringen zu laſſen und für die Zukunft zu vergeſſen, daß ſie eine Erbin wäre, um was ſie ſo Viele beneideten, was ſo Viele zu ſein wünſchen. Stra⸗ thern fühlte zwar ſeine Liebe zu ihr durch das 264 kürzliche Mißverſtändniß zwiſchen ihnen geſteigert, denn daſſelbe hatte ihn ihren Verluſt befürchten laſſen, aber er gewahrte auch, daß ſein Vertrauen auf die Beſtändigkeit ibrer Neigung einen Stoß be⸗ kommen, daß nur die Zeit die Spur der Wirkungen deſſelben vertilgen könnte und daß er nicht mehr, wie früher, den Glauben hegte, ſie ſei ſo fehler⸗ frei, wie er ſich einſt vorgeſtellt. Er verbarg in⸗ deſſen in ſeinem Innern den Wechſel, der über die Seele ſeiner Träume gekommen war, und Louiſe vermochte ſelbſt mit dem durchdringenden Auge der Liebe nichts in ſeinem Betragen zu entdecken, was ihr Unruhe oder Mißfallen hätte verurſachen kön⸗ nen. Frau Sydney freute ſich, da ſie ſah, daß das gute Vernehmen zwiſchen den Liebenden wieder⸗ hergeſtellt war, und vergaß bald, daß es einmal eine Unterbrechung erlitten. Sie überließ ſich dem feſten Glauben, daß ihr und ihrer Tochter Glück bald unwiderruflich durch eine Verbindung mit dem einzigen Manne geſichert werden würde, den ſie je für würdig gehalten, die Hand der letzteren zu beſitzen. Während aber der Friede unter denen wiederhergeſtellt wurde, die ſich ſo theuer waren, und während die Zauberin Hoffnung ihnen auf's freundlichſte lächelte, befand ſich unter Ftau Syd⸗ ney's Dach eine Perſon, welche die Erneuerung der Zärtlichkeit zwiſchen Louiſen und Strathern mit Verdruß gewahrte. Das war Niemand anders als —— 265 die Amme Murray, deren ganzes Gemüth die häufig wiederholten falſchen Berichte der Frau Bloxham beſchäftigten. Zuletzt gewöhnte ſie ſich an den Ge⸗ danken, eine Heirath zwiſchen ihrem jungen Fräu⸗ lein und Strathern würde das größte Unglück ſein, das über ihren Liebling hereinbrechen könnte. Die unkluge Vertraulichkeit, die ihr Louiſe nach ihrer Rückkehr von dem Maskenball geſchenkt, und die ſie zu bedauern nie aufgehört hatte, erweckten in ihr ſtarken Verdacht, die Beſchuldigungen, die gegen Strathern vorgebracht wurden, ſeien nicht ganz un⸗ begründet. Seit dem Beginn der Neigung Loui⸗ ſens für ihn bemerkte die Amme, oder meinte ſie eine deutliche Abnahme des Vertrauens und der Anhänglichkeit ihrer jungen Gebieterin gegen ſich zu bemerken. Dieſe Veränderung war blos die Folge der mädchenhaften Zurückhaltung, wie ſie einer erſten Liebe eigenthümlich iſt, verdroß und beunruhigte jedoch die getreue, aber etwas ſelbſt⸗ ſüchtige Murray, welche ſo urtheilte:„Wenn er ſchon ihre ganze Liebe in Anſpruch nimmt, noch ehe ſie verehelicht ſind, wenn er mir ihr Vertrauen entzieht, die ſie doch ſeit ihrer Geburt nie einen Tag verlaſſen hat, mir, die ich an ihr hänge wie an ihrem Vater, dem ich zugethan war wie meinem eignen Kinde, den ich an meiner Bruſt ge⸗ nährt— was werde ich zu erwarten haben, wenn ſie ſeine Frau geworden iſt? Ich habe geſehen, daß 266 ſie ungehalten auf mich war, weil ich ihr rieth zu warten und die Ohren nicht gegen Anderer War⸗ nungen zu verſchließen. Seither hat ſie mir nie wieder die alte Liebe, das frühere Vertrauen ge⸗ zeigt; es ſcheint, ſie bemerke gar nicht meine Nie⸗ dergeſchlagenheit, mein verändertes Ausſehen, und ſonſt fand ſie doch immer den geringſten Wechſel an mir heraus und tröſtete und beruhigte mich, wenn ich unglücklich war. Jetzt bin ich faſt un⸗ nöthig geworden für ihr Glück, obgleich das meine ganz von dem ihren abhängt. Bald wird ſie mich gar nicht mehr beachten,— ja, ihr Mann wird ſehr wahrſcheinlich behaupten, ich ſei zu alt und ſteif, um bei einer ſo ſchönen und jugendlichen Frau die Kammerjungfer zu machen. Er wird ſie ſo gut als möglich geputzt ſehen wollen oder erklären, ich könnte nicht ſo ſchnell mit ihnen reiſen, als junge Leute in ihrer Lage gewöhnlich thun; da werden ſie mich mit einem Ruhgehalt entlaſſen oder auf ihren Wohnſitz ſchicken, daß ich dort den Reſt mei⸗ ner Tage fern von meinem Liebling verbringe, wie ihres Vaters altes Lieblingspferd. Oh, könnte ich nur dieſe Heirath rückgängig machen! Sie iſt ſo ſchön und ſo gut, daß ſie bald andere Freier be⸗ käme und würde ſich, wie ich hoffe, nicht lange um den da grämen. Denn Frau Blorham weiß gewiß mehr von ihm als ſie gerne ſagt. Ich will herauszubringen ſuchen, warum ſie den Kopf ſo 267 ernſthaft geſchüttelt hat, als ſie von ihm redete, und ſo wie ich es weiß, erzähle ich meinem jungen Fräulein Alles, was ich gehört habe. Ja, das thne ich, und wenn ſie auch böſe wird über meine Dreiſtigkeit. Ich hatte gehofft, es würde zwiſchen ihnen nach dem Maskenball zu einem dauerhaften Bruch kommen, denn ich bemerkte, daß ſie jene Nacht und den ganzen darauf folgenden Tag ſehr verdrießlich und bekümmert war; aber die Frauen vergeſſen und vergeben, wenn ſie verliebt ſind, ſo ſchnell, daß in ein paar Tagen aller Verdruß ein Ende hatte, und jetzt, ſcheint es, ſind ſie noch zärtlicher mit einander, als zuvor. Ach, leider, es iſt mir vor Jahren auch ſo gegangen.“ So dachte die Amme Murray, während ſie, verzehrt von Eiferſucht über die Gegenwart und voll Furcht vor einer künftigen Entfremdung ihrer jungen Gebieterin allein auf ihrem Zimmer ſaß. Am ſelben Tage noch machte ſie der Frau Blorham einen Beſuch, welche Durnford, der valet de chambre des Lord Alexander Beaulieu kaum eine halbe Stunde zuvor verlaſſen hatte. Er war von der geſchwätzigen femme de chambre mit Allem be⸗ kannt gemacht worden, was ſie von Frau Sydney, ihrer Tochter und Strathern wußte und mit Allem, was ſie vermuthete; denn Frau Blorham hatte die Gewohnheit alle Lücken in den Nachrichten, die ſie einzuziehen ſuchte, dadurch auszufüllen, daß ſie denſelben ihre eigenen Muthmaßungen über Wahr⸗ ſcheinliches und Mögliches beifügte, ohne ſich viel um die Richtigkeit derſelben zu kümmern. So viel Freude es ihr aber machte, eine Neuigkeit auszu⸗ breiten, ſo fand ſie doch noch viel größeres Ver⸗ gnügen daran, wenn man ihr ſolche zutrug. Darum erſchien ihr die Geſellſchaft des Herrn Durnford beſonders angenehm und ſeine Beſuche ſetzten ſie immer in eine günſtige Stimmung, weil er ihr eine Menge Klatſchereien erzählte, wie ſie unter den coleries der valetaille der Engländer in Rom umliefen. „Das iſt recht ſchön von Ihnen, Frau Mur⸗ ray,“ ſagte Frau Blorham.„Sie kommen ſo ſelten zu mir, daß es ein wahres Feſt für mich iſt, wenn Sie mich beſuchen. Sttzen Sie ſich doch auf den Stuhl da, er iſt bequemer als die anderen. O, Frau Murray, es iſt freilich nicht das Zimmer der Haushälterin, in dem ich Sie empfangen könnte, wenn wir in England wären; denn die Zimmer der Haushälterin ſind nicht nur in unſerem Hauſe in der Stadt Belgraveſquare, ſondern auch auf den beiden Landſitzen meines Herrn die Bequem⸗ lichkeit ſelbſt.“ 5 „Das glaube ich gern, Frau Bloxham, aber was läßt ſich von dieſem ausländiſchen, heidniſchen Ort erwarten? Ich verſichere Sie, die ganze Stadt habe ich durchſucht, um einen Sorgenſtuhl oder ein 269 Sopha für das ſchreckliche Zimmer aufzutreiben und zu miethen, in welchem ich mich aufhalten muß, aber ich war nicht im Stande, einen zu kriegen, und nur mit der größten Mühe konnte ich mir ein Stück Teppich und einen Schemel verſchaffen.“ „Lords und Ladys ſind ihren Kammerfrauen außerordentlichen Dank ſchuldig, wenn dieſe ihre engliſche Behaglichkeit aufgeben und mit ihnen in fremde Länder ziehen, Frau Murray.“ „Das iſt gewiß, Frau Bloxham.“ „Wollen Sie nicht ein wenig Kuchen und ein Glas Wein zu ſich nehmen?“ „Nein, ich danke Ihnen, es iſt noch nicht lange her, daß ich etwas genoſſen habe.“ „Sie werden mir doch das nicht abſchlagen?“ und Frau Blorham öffnete einen armoire in der Wand und brachte eine Flaſche Wein nebſt etwas Kuchen heraus.„Sie werden ſehen, der Madeira iſt recht gut, Frau Murray; wir halten ihn aus⸗ drücklich für meinen Herrn und Se. Herrlichkeit iſt in Bezug auf Wein ſehr ſchwer zufrieden zu ſtellen. Er iſt auch theuer genug und ſchwer zu bekommen obendrein.“ Frau Blorham füllte zwei Gläſer bis zum Rande, überreichte eines davon ihrem Beſuch, hob das andere an ihre Lippen und ſagte:„Ihre Ge⸗ ſundheit, Frau Murray.“ 270 „Wohl bekomm's, Madame,“ verſetzte dieſe und ſchlürfte den Wein mit großer Andacht. „Und wie befinden ſich Ihre Frauenzimmer, Madame?“ „Ganz gut, ich danke Ihnen, und die gnädige Frau?“ „War nie wohler, ich bin Ihnen ſehr ver⸗ bunden. Wann wird Fräulein Sydney Hochzeit machen?“ „Nicht früher, als bis wir nach England zu⸗ rückgehen.“ „So, ſo! Ich ſage nichts, aber wenn ich ſie wäre, ſo weiß ich, daß ich mir die Sache zweimal betrachten würde, ehe ich meine Freiheit aufgäbe. Und mit einem ſo hübſchen Vermögen an einen, der keinen Titel hat, denn was nützt das Geld, Frau Murray, wenn ein junges Frauenzimmer ſich keinen Titel damit verſchafft?“ „Nun, Frau Bloxham, es mag etwas daran ſein; aber Frau Sydney beſaß auch ein ſchönes Vermögen und war zu ihrer Zeit eine große Schön⸗ heit; doch aber nahm ſie einen Gentleman, der keinen Titel hatte und manches Frauenzimmer be⸗ neidete ihr das Glück, einen ſolchen Mann zu kriegen. Ach, er war ein Herr, wie ich ſeines⸗ gleichen nie geſehen, weder vor noch nach.“ Frau Bloxham wußte, daß es, wenn die Amme Murray einmal von ihrem verſtorbenen Herrn an⸗ 271 fing, ſehr ſchwer ſein würde, ſie zum Schweigen zu bringen. Sie hatte aber durchaus nicht Luſt, die Zeit damit zu verderben, daß ſie ein Verzeichniß ſeiner Tugenden und eine Aufzählung ſeiner Ver⸗ dienſte anhörte; daher unterbrach ſie ihren Beſuch, indem ſie ein zweites Glas Wein einſchenkte. Daſſelbe wurde zwar ausgeſchlagen, ſie beſtand aber darauf, daß es getrunken wurde und bemerkte ſodann, noch ehe der Geſprächsgegenſtand wieder aufgenommen werden konnte:„Gewiß, Herr Strathern iſt nicht der Mann, den ich, wäre ich an Ihrer Stelle, als Gemahl der Fräulein Sydney ſehen möchte.“ „Und warum nicht, Frau Blorham, wenn es mir erlaubt iſt, die Frage zu thun?“ „Ich bin eine etwas beſondere Perſon und ſehr vorſichtig in dem, was ich ſage, Frau Murrayz aber ich weiß, was ich weiß.“ An der Wahrheit dieſer Behauptung würden wohl die vertrauteren Freundinnen der Frau Blorham zu zweifeln ver⸗ ſucht geweſen ſein. „Das glaube ich wohl, Madame, und gerade deshalb wäre es mir lieb, wenn ich erfahren könnte, was Sie damit ſagen wollen.“ „Ach, Frau Murray, wenn ich nur nicht ver⸗ ſprochen hätte, nichts von dem zu erwähnen, was ich weiß; aber ich bin an meine Zuſage gebunden, ſonſt wollte ich Ihnen gerne Alles mittheilen, und 272 wenn Sie es wüßten, würden Sie gerade denken, wie ich.“ „Wir ſind ja Freundinnen und es iſt Niemand da als Sie und ich, da könnten Sie mir doch, wenn auch nicht das Ganze, doch etwas von dem ſagen, was Sie wiſſen.“ 5 Hier zeigte ein bedeutungsvolles Kopfſchütteln, ſo viel ſagend als des Burleigh's*), daß Frau Blorham ſich im Beſitz eines wichtigen Geheim⸗ niſſes befinde, welches ſie nicht geneigt ſchien, ihrem Beſuche anzuvertrauen. „Es gibt Leute, Frau Murray, die immer bereit ſind, zu plaudern und Alles herauszulaſſen, was ſie wiſſen; aber ich bin nie ſo geweſen und habe immer meine Lippen im Zügel gehalten, denn ich dachte bei mir ſelber, je weniger man redet, deſto weniger hat man zu verantworten! Rein, ich habe nie Neuigkeiten hin und hergetragen, nie aus⸗ gekramt, was da und dort vorgeht, und nie Je⸗ mand einen Poſſen geſpielt, das iſt nicht meine Sache, aber es ſind mir, meiner Treu', Frau Murray, Sachen zu Ohren gekommen, die Ihnen das Haar zu Berge trerben würden.“ „Doch nicht über Herrn Strathern, will ich hoffen?“ ſagte Frau Murray, welche die letzte *) Aus Sheridan's„Critik.“ B. tritt darin blos auf, um den Kopf zu ſchuͤtteln. U. —— N N — 273 Bemerkung gleich mit dem Gegenſtand in Verbin⸗ dung brachte, der ſie am meiſten intereſſirte. Sie gerieth jetzt in ernſtliche Unruhe. „Kann ſein, kann ſein, auch nicht. Die Herren ſind unbändig und ausſchweifend, Madame, und der eine mehr als der andere. Sie gerathen in Schulden und Verlegenheiten, und das iſt noch ärger. Sie haben Umgang mit ſchlechten Weibs⸗ leuten und hängen Tauſende an ſie; aber ich will nichts geſagt haben. O, Frau Murray, wir leben in einer verdorbenen Welt, das iſt gewiß; und ich meines Theils möchte, wenn ich ein ſchönes, junges Fräulein wäre, mit einem großen Vermögen, keinen heirathen, als einen recht vornehmen und reichen Lord. Und ſeine Güter müßten alle auf mich über⸗ gehen, dann könnte ich doch ſicher ſein, daß mir immer ein hübſches Haus über dem Kopf bliebe und ein großer Titel. Denn dieſe zwei Sachen ſind ein großer Troſt, wenn die Männer wieder ihr altes Treiben anfangen, und das thun ſie alle, wenn ſie ein Paar Monate in der Ehe ſind.“ „Wenn ich Sie recht verſtanden habe, Frau Blorham, ſo wäre alſo Herr Strathern ein Bruder Liederlich; wer hätte das gedacht? So geſetzt und ordentlich wie er ausſieht.“ „Ei, Frau Murray, ſo dürfen Sie die Sache nicht nehmen. Es wäre mir leid, wenn ich ſo etwas geſagt hätte. Ich meinte blos, die Herren Strathern 11. 18 wären manchmal recht ausgelaſſen, aber ich habe von ihm ebenſo wenig geſprochen als von einem andern, mißverſtehen Sie mich alſo nicht.“ „Alles, was ich weiß, Frau Blorham, iſt, daß, was Sie nun auch haben ſagen wollen, der Eindruck davon in mir zurückgeblieben iſt, daß Sie auf Herrn Strathern die ganze Zeit über zielten, da Sie redeten. Und es würde mir noch ein größerer Gefallen geſchehen, wenn Sie ſo gütig fein und gleich auf die Sache kommen wollten, ſtatt ſo auf den Buſch zu klopfen und in einem Athem kalt und warm zu blaſen, wie ſie bei mir zu Hauſe ſagen.“ „Für kluge Leute ſollte ein Wort genug ſein, Frau Murray, ich rede jetzt nicht mehr über dieſen Punkt und hoffe, Sie werden das nicht wieder fagen, was ich Ihnen im tieſſten Vertrauen mit⸗ getheilt habe; denn, wie ſchon erwähnt, es iſt mein Grundſatz, mich nie in anderer Leute Angelegen⸗ heiten zu miſchen und mich blos um meine eigenen zu bekümmern. Niemand kann ſagen, Fanny Blox⸗ ham ſei eine Schwätzerin. Wäre ich das, ſo könnte ich Ihnen Sachen erzählen, Frau Murray, die Sie in Verwunderung ſetzen würden, denn ich habe in den beſten Familien und mit den vornehmſten Lords und Ladys gelebt und Geſchichten geſehen und gehört— Gott ſei uns gnädig— es müßte Ihnen den Athem zurückhalten, wenn ich ſie preißgäbe. — 275 Sie ſind Ihr Leben lang nur an einem Platze ge⸗ weſen, Madame, wie ich von Ihnen ſelber gehört habe, und das bei Leuten, die nicht lange genug mit einander gelebt haben, um einander überdrüſſig zu werden. So ging Alles in Ruhe und Frieden von Statten. Aber ich habe mehrere Stellen be⸗ kleidet und das beſtändig in den höchſten Familien, und wollte ich Ihnen nur erzählen, was die Be⸗ dienten und Jungfern der gnädigen Frauen mir im Zimmer der Haushälterin mitgetheilt haben, ſo würden Sie das Kreuz machen.“ „Wie konnten Sie aber verſichert ſein, daß auch nur die Hälfte von dem Grund hatte, was ſie ſagten? Ich würde nicht den vierten Theil da⸗ von glauben. Und wenn man dann noch an die Schlechtigkeit der Dienerſchaft denkt, die über ihre Herrſchaft loszieht!“ „Um's Himmels willen, wie einfältig ſind Sie! Man ſieht leicht, daß Sie bei keiner von den vor⸗ nehmſten, höchſten Familien gelebt haben, ſonſt wüßten Sie beſſer Beſcheid.“ „Ich bin froh darüber, denn ich könnte eine ſolche Schlechtigkeit nicht ertragen. Ich vermöchte es nicht über mich, das Brod von Leuten zu eſſen, die ich nicht achten könnte. Es bliebe mir im Halſe ſtecken.“ „So ſtellen Sie ſich vor, aber würden 1* ſich bald daran gewöhnen, denn Brod iſt Brod, komme es her, wo es wolle.“ Da Frau Murray ſah, deß ſie nichts Be⸗ ſtimmtes gegen Strathern aus Frau Blorham herausbringen konnte, verabſchiedete ſie ſich. Ihre Freundſchaft gegen ihre Bekannte war durch dieſe Zuſammenkunft bedeutend abgekühlt worden, und auch die Achtung der Frau Bloxham für ſie hatte bedeutend abgenommen. „Sie iſt der gar Niemand, eine gemeine alte Plaudertaſche, wie Herr Durnford ſie nannte, und ſie weiß nichts von dem Leben der höheren Stände,“ dachte Frau Bloxham.„Sie wollte mich aus dem Verſtande fragen, aber ich durchſchaute ſie beim erſten Blicke und ließ nichts heraus, was mich hätte in Verlegenheit bringen können. Eigent⸗ lich weiß ich auch nichts Beſonderes gegen Herrn Strathern, denn Herr Durnford ſagte mir blos, er ſei eben auch wie alle die anderen ausgelaſſenen Herren, die beſtändig im Pech ſtecken; und da das alte Sprichwort gewöhnlich Recht hat, daß ſtille Waſſer tief ſind, und der Teufel immer in der Tiefe iſt, ſo wollte ich darauf wetten, daß der junge Herr, der ſich ſo ordentlich anſtellt, ſchlimmer iſt als alle anderen. Ich möchte nur wiſſen, warum Herr Durnford ſo eifrig darauf aus iſt, zu er⸗ fahren, ob Herr Strathern und Fräulein Sydney noch ſo zärtlich gegen einander ſind wie ſonſt. Er — muß einen Grund dazu haben und ich will ſuchen, denſelben herauszubringen, wenn ich ihn wieder ſehe.“ „Jetzt bin ich um nichts klüger als vorher,“ dachte die Amme Murray, während ſie von ihrem Beſuch bei Frau Blorham nach Hauſe ging. Ihre Gedanken waren in keiner kleinen Verwirrung, ſo⸗ wohl in Folge der Anſpielungen und Erdichtungen dieſer klatſchhaften Frau als in Folge der zwei Gläſer Madeira, die ſie zu ſich zu nehmen beredet worden war, und welche, da es wider ihre Ge⸗ wohnheit ging, vor dem Mittageſſen ſo viel zu trinken, in ihr einen ungewöhnlichen Grad von Erregtheit hervorgebracht hatten.„Ich weiß gar nicht, wie mir iſt,“ dachte ſie. In meinem Kopf ſcheint Alles im Kreis herum zu gehen und mein Geſicht fühlt ſich an wie Feuer. Hoffentlich wird mich doch keins von den Frauenzimmern ſehen bis ich ruhiger bin und die Röthe aus meinem Ge⸗ ſichte ſich verloren hat; denn was würden ſie doch von mir halten? Ich möchte nur wiſſen, was ich von Herrn Strathern denken ſoll? Vielleicht iſt Alles nicht wahr, was mir Frau Bloxham geſagt hat. Ich kann gar nicht glauben, daß Lords und Ladies ſo ſchlecht ſein können, wie ſie ſagt, und wenn ſie über dieſe lügt, kann ſie es auch von Herrn Strathern thun. Nun, was mich angeht, ſo weiß ich nicht, was ich denken ſoll; ich hoffe, 278 Alles werde ſich zum Beſten kehren, ja ich bin deſſen gewiß— und doch, wenn Herr Strathern wirklich ſo ein liederlicher und verſchwenderiſcher Menſch wäre, ſo würde das mein armes, liebes, junges Fräulein unglücklich machen und ihrer armen Mutter das Herz brechen. Sie hat doch keine andere Freude in dieſem Leben. Ach du meine Güte, es geht mir Alles im Kopfe herum und meine Backen brennen! Ich wollte, ich hätte mich nicht dazu bringen laſſen, das zweite Glas zu trinken. Ich muß ſagen, daß ich gar nicht weiß, wo ich daran und daß ich ganz aus dem Geleiſe bin.“ Als die Amme Murray an dieſem Tage ihrer jungen Gebieterin beim Anziehen für das Mittag⸗ eſſen half, hatte ſich die Verwirrung in ihrem Kopfe, welche ſowohl durch die Einflüſterungen der Frau Bloxham als durch den ungewöhnlichen Genuß eines ſehr ſtarken Weins veranlaßt worden war, noch nicht gelegt, und ihr verändertes Ausſehen, ihre ſichtbare Aufgeregtheit erregte bei Fräulein Sydney Verdacht und Unruhe. Sie hing nämlich ſehr an ihrer alten Dienerin und nahm großen Antheil an ihrem Befinden.„Was gibt's, gute Murray?“ fragte die junge Herrin.„Du ſiehſt ganz roth und aufgeregt aus. Biſt Du nicht wohl oder iſt etwas geſchehen, was Dich beunruhigt?“ „O es iſt nichts, mein liebes, junges Fräulein. 279 Es iſt mir blos etwas heiß und ich habe Kopfweh.“ Hier brach die Murray in Thränen aus. Die zärtliche Theilnahme, welche ihr Fräulein Sydney bewies, und der Gedanke an die Ungewißheit, die ſie in Bezug auf den eigentlichen Charakter des Mannes quälte, deſſen Händen ſie ihr Geſchick an⸗ zuvertrauen im Begriff ſtand, hatten ſie überwältigt. „Ich ſehe, arme Murray, Du biſt wirklich krank. Du mußt gleich in's Bett gehen und ich will nach einem Arzte ſchicken.“ „Nein, ach nein, Fräulein Sydney, das iſt nicht nöthig, es wird mir ſchon nach und nach beſſer werden. Ich kann Sie ganz wohl anziehen, ganz gewiß.“ „Du mußt jetzt nicht eigenſinnig ſein, Murray, und nur alsbald in's Bett gehen. Frau Collinſon kann mich anziehen.“ „Es iſt ja keine Krankheit, gewiß nicht— es iſt blos die Angſt,“ und hier bezeugte eine neue Thränenfluth, daß die Krankheit der Murray mehr in der Seele als im Leibe ſitze. „Angſt, meine arme Murray, und warum denn?“ fragte Fräulein Sydney mit unverhehltem Erſtaunen. „O mein liebes, junges Fräulein, ich darf es Ihnen nicht ſagen. Sie würden auf Ihre arme Murray böſe werden, wenn ich Ihnen ſagte, aus welcher Veranlaſſung ich in dieſem Zuſtande bin.“ 280 „Warum ſollte ich denn böſe werden, Murray? Du kannſt doch kein Verbrechen begangen und Dich keiner Handlung ſchuldig gemacht haben, die man verheimlichen müßte oder die erklären könnte, woher Deine jetzige Erregung rührt.“ „Nein, Fräulein, Gott ſei Dank! Ich habe kein Verbrechen begangen; aber es gibt Leute, deren Gewiſſen nicht ſo rein iſt, und das bricht mir das Herz.“ Hier verhinderte das Schluchzen die alte Frau am weiteren Sprechen. „Aber warum willſt Du denn ein Verbrechen oder eine Schuld verbergen, Murray? Im Gegen⸗ theil, es iſt Deine Pflicht, ſie aufzudecken.“ „Ach, das habe ich mir heute ſchon zwanzigmal geſagt, Fränlein; und doch fürchte ich mich zu ſagen, was ich weiß— ich fürchte mich, Fräulein, Ihre Mutter, und Sie ſelbſt vielleicht, meine liebe, junge Lady, Sie, für welche ich gerne mein Leben hingeben wollte, möchten böſe auf mich werden.“ „Alles das iſt mir ganz unbegreiflich, Murray. Du ſagſt, es handle ſich von einem Verbrechen, Du kennſt es und behaupteſt doch, Du beſorgeſt, die Enthüllung deſſelben würde Dir mein und mei⸗ ner Mutter Mißfallen zuziehen. Was ſoll, was kann dies geheimnißvolle Weſen bedeuten? Iſt es etwas was meine Mutter und ich erfahren müſſen, ſo laß es mich gleich hören,“ ſagte Fräulein Sydney, die nichts anderes glaubte, als daß die Eröffnung, 281 die ſie zu erhalten wünſchte, ſich blos auf eine von der Dienerſchaft des Hauſes beziehe. „Nun, mein liebes, junges Fräulein, da Sie es mir befehlen, ſo will ich es thun; ſollte aber das, was ich zu ſagen habe, Ihren Zorn erregen, wie ich ſehr befürchte, ſo erinnern Sie ſich, daß Sie es mich geheißen haben. O, Fräulein Sydney, wie kann ich anders als elend werden, muß es mir nicht faſt das Herz brechen, wenn ich ſehe, daß Sie mit einem Manne verheirathet werden ſollen, der—“ „Halt, Murray,“ ſagte das junge Fräulein und ihr Geſicht wurde roth vor Aerger;„unterſteh' Dich nicht, die Worte Verbrechen oder Schuld in Verbindung mit Herrn Strathern auszuſprechen. Glaube nicht, daß ich das je wieder zugeben werde, weil ich einmal, in einem Augenblick von Schwäche und Aufregung, auf unbeſtimmte Angaben gegen einen Mann gehorcht habe, deſſen Name Allen heilig ſein ſollte, welche mich lieben. Es thut mir leid, Murray, daß Du mich nöthigſt, Dich zu zanken, weil Du Dich dem Hang zu Schwätzereien hingibſt, und ich muß Dir beſtimmt verbieten, je wieder, auch nur entfernt, auf dieſen ſchmerzlichen Gegen⸗ ſtand zurückzukommen.“ Die würdevolle Haltung des Fräuleins Sydney und der Ernſt, mit welchem ſie den Verweis aus⸗ ſprach, waren ſo verſchieden von der Sanftmuth 282 und Freundlichkeit im Benehmen, an welche ihre junge Gebieterin ſie gewöhnt hatte; ſie brachten eine ſo große Wirkung auf das Gemüth der alten Amme hervor, daß ſie ganz außer ſich gerieth und in unbezwingbarer Erregung bitterlich zu weinen anfing. Fräulein Sydney wurde doch, wie unwillig ſie auch war, von der Heftigkeit ihrer Betrübniß gerührt und von Mitleid ergriffen. „Es geſchah wahrhaftig, weil ich— Sie lieb habe— mehr als Alles auf der— Welt,“ ſchluchzte die Murray;„mehr als das Leben ſelber; und da⸗ rum hielt ich— es für meine Pflicht, Sie zu— warnen— und jetzt— habe ich mir Ih— ren Zorn zugezogen. Oh, mein armes altes Herz— wird— brechen.“ Fräulein Sydney füllte ein Glas mit Waſſer und redete der alten Frau zu, es zu trinken, aber ihr Schluchzen dauerte noch immer fort und bewies wie tief ſie die ungewohnten Vorwürfe ihrer jun⸗ gen Gebieterin ergriffen. „Oh, ich ſehe, Sie ſind recht böſe auf mich, Fräulein Sydney, und doch weiß der Himmel, daß Sie ſich, wenn Sie in meinem Herzen leſen könn⸗ ten, überzeugen müßten, wie mich nicht eitle Neu⸗ gier, ſondern wirkliche Liebe zu Ihnen veranlaßt hat, nachzufragen, was Frau Blorham gegen Herrn Strathern zu ſagen wüßte. Verzeihen Sie mir, wenn ich etwas Unrechtes gethan habe, nicht wahr 283 mein liebes Fräulein, und ſein Sie verſichert, es war gut gemeint.“ „Ich verzeihe Dir diesmal, Murray, aber nur unter einer Bedingung, daß Du nämlich nie wieder Herrn Strathern zum Gegenſtande Deiner Geſpräche mit Frau Blorham oder ſonſt Jemand machſt und nie mehr auf den Argwohn zurückkommſt, der Dir durch die einfältigen Andeutungen jener Perſon ein⸗ geflößt worden iſt. Erführe meine Mutter, daß Du das gethan, ſo würde ſie alles Ernſtes ſo böſe werden, daß ich nicht glaube, ſie würde Dir ſo ſchnell vergeben wie ich. Ich thue das aber um ſo lieber, weil ich mir bewußt bin, daß Du durch die Schwäche mit der ich bei einer früheren Ge⸗ legenheit auf Dich gehört habe, da Du über dieſe Sache mit mir ſprachſt, daß Du dadurch ermuthigt worden biſt, bei derſelben ſtehen zu bleiben. Trockne Deine Augen und beruhige Dich. Ich bin über⸗ zeugt, daß Du es bei dieſer ganzen Geſchichte gut mit mir gemeint haſt, aber Du mußt bedenken, gute Murray, daß kein auch noch ſo guter Beweg⸗ grund es rechtfertigen kann, wenn Du Dich in Dinge mengſt, die Dich nichts angehen oder den guten Ruf Anderer in Zweifel ziehſt, oder zu nach⸗ theiligen Aeußerungen über ſie Veranlaſſung gibſt.“ Die Murray ſchwieg, ohne von den Vorwür⸗ fen oder Verweiſen ihres jungen Fräuleins eines Beſſern belehrt zu werden. Sie war ihr ſo herz⸗ 284 lich, ſo aufrichtig zugethan, daß ſie ſich nicht über⸗ winden konnte, zu denken, es liege etwas Ungeeig⸗ netes in ihrem Verſuch, ſich zu vergewiſſern, was Frau Blorham mit ihren Anſpielungen und dem bedeutungsvollen Kopſſchütteln hatte ſagen wollen, und beſonders wenn ein ſo wichtiger Punkt, wie der Character des Mannes in Frage ſtand, von welchem das künftige Wohlergehen des ihr auf Erden theuerſten Weſens abhängen ſollte. Obgleich ſie aber noch allerlei Bedenklichkeiten über dieſes Capitel hegte, ſah ſie doch, daß ſich die Gunſt ihrer jungen Gebieterin nur erhalten ließ, wenn ſie ſich ſtreng an die ihr geſtellten Bedingungen hielt. Daher nahm ſie ſich vor, ihnen nicht zuwider zu handeln.„Oh!“ und die Arme ſtieß einen tiefen Seufzer aus, während ſie den Ausruf los ließ, „wie verliebt muß mein armes, liebes, junges Fräu⸗ lein ſein, da ſie kein Wort anhören will, was ge⸗ gen Herrn Strathern geſagt wird. Weh' mir! ich wollte, ſie hätte nie ihr Auge auf ihn gerichtet, denn gewiß hat er ſie behext.“ Obgleich Louiſe Sydney bei dieſer Gelegenheit mit ſo viel Feſtigkeit und Anſtand zu Werke ge⸗ gangen war, daß ſie ihrer alten Dienerin eine hohe Meinung von ſich beigebracht hatte, wenn nicht von ihrer Geiſteskraft oder Würde, ſo doch von ihrem vollen und feſten Vertrauen auf ihren Bräu⸗ tigam, ſo zwingt uns doch die Liebe zur Wahrheit 285 zu der Erkläruug, daß ſie, während ſie ihrer Amme Vorwürfe machte, die größte Sehnſucht verſpürte, mit Allem bekannt zu werden, was dieſe von der geſchwätzigen Frau Bloxham erfahren hatte. Die Thränen und die Aufregung der Murray zeigten, daß die Nachrichten, die ſie erhalten, von höchſt peinlicher und unangenehmer Natur geweſen ſein mußten, und dieſer Gedanke erfüllte Fräulein Sydney mit tauſend unbeſtimmten, aber beunruhigenden Vermuthungen, welche ſie gerne widerlegt geſehen hätte oder durch ihr eigenes Urtheilsvermögen gegen die nachtheilige Anſicht und die Leichtgläubigkeit der alten Amme zu bekämpfen wünſchte. Ein Gefühl davon, was ſie ihrem Geliebten ſchuldig wäre, hatte ſie veranlaßt, die Eröffnungen, welche ihr die Murray zu machen auf dem Punkte ſtand, in ſo entſchiedener Weiſe abzuſchneiden, aber dies Opfer brachte ſie auf Koſten ihrer eigenen Gefühle, denn die Stacheln der Eiferſucht erwachten in ihrem Herzen und erregten in ihr den ſehnlichſten Wunſch, zu erfahren, ob ſie wirklich eine gerechte Urſache zum Verdachte hätte. Daß Strathern ſie liebte und gegenwärtig einzig und allein liebte, daran zu zweifeln fühlte ſie ſich nicht verſucht, denn jedes Wort, jeder Blick gab ihr die beſeligende Ueber⸗ zeugung davon; aber wie bei vielen anderen jungen und unerfahrenen Mädchen, in denen zum erſten Male eine Neigung erwacht iſt, reichte dieſe Ge⸗ 286 wißheit von der dermaligen Ergebenheit ihres Ge⸗ liebten nicht hin, um die verwöhnte und exigeante Louiſe Sydney zufrieden zu ſtellen. Sie empfand eine ſchmerzliche Eiferſucht wegen der Vergangenheit. Aller Argwohn, daß Strathern durch niedrige Be⸗ weggründe veranlaßt worden ſei, nach ihrer Hand zu ſtreben, waren ihr aus der Seele entſchwunden. Es lag etwas ſo Erhabenes und Evles in ſeinen Geſinnungen, was ſich jeden Tag bei ihrem Zu⸗ ſammenſein kund gab, daß dadurch jeder Zweifel hierüber abgeſchnitten wurde; aber noch immer kam ihr die Furcht wieder zu Sinn, er hätte ſchon früher geliebt und ſeine Liebe unwürdigen Perſonen ge⸗ ſchenkt. Sie zeigte ſich immer wieder und wieder, und vergiftete ein Glück, welches ohne dieſe Bei⸗ miſchung wirklich ſo vollkommen geweſen ſein würde, als es je einer Tochter der Erde zu Theil gewor⸗ den iſt. 287 Sechs und zwanzigſtes Kapitel. Wie viele Opfer man um Geld und Gut gebracht, Von Sittenlehrern ward's und Weiſen oſt geſagt, Wenn blüh'nde Jugend mit dem annoch ſchwachen Schritt Und graues Alter zu dem Traualtare tritt, An Hymen's Heiligthum der Götter Zorn vergißt Und in Gelübden ſich voll falſcher Liſt ergießt. Sieh', wie die Thorheit mit Verſtand um Gold ſich paart Und die Unwiſſenheit mit Bildung ſelt'ner Art, Wie edles Blut herab zu einem Weibe ſteigt Die häßlich, plump und roh ſich überall gezeigt, An ekler Keiferei der Frau Fantippe gleicht Und an Gemeinheit die Gemeinheit ſelbſt erreicht. Zu allem dem und mehr, kann Gold den Menſchen bringen Der nicht bedenkt, wie ſchwere Leiden d'raus entſpringen. Wir verließen Lord Alexander Beaulieu, wäh⸗ rend er gerade auf dem Wege war, der Frau Ma⸗ elaurin ſeit ſeinem vorgeblichen Unwohlſein wieder den erſten Beſuch zu machen. Sie empfing ihn mit allen Zeichen des Entzückens, welches ihr, wie ſie naiv verſicherte, ſeine Anweſenheit gewährte; aber dieſe Freudenbezeugungen bereiteten ihm eher Eckel, als Vergnügen, wie ſehr ſie auch ſeiner Ei⸗ telkeit ſchmeichelten. Lord Alexander Beaulien be⸗ 288 ſaß, wie viele ſeines Standes, einen wähleriſchen Geſchmack in Verbindung mit einer Schlaffheit der ſittlichen Grundſätze, die ſich ſehr ſchlecht zuſammen vertrugen. Denn während der erſtere ihm Alles verhaßt machte was ſich der Rohheit oder Gemein⸗ heit näherte, ließ ihn die zweite beſtändig auf Beide bei der Geſellſchaft ſtoßen, welche ſie ihm in den Weg warf. Er entzog ſich mit ſchlecht ver⸗ hehltem Widerwillen den überſchwänglichen Bewei⸗ ſen des Vergnügens, welches ſein Beſuch der Frau Maclaurin verurſachte; ſie aber, der es an Takt völlig fehlte, bemerkte ſein froſtiges Weſen nicht. „Ach, wie bin ich ſo froh, Sie wieder zu ſehen. Ich meinte wahrhaftig, Sie würden gar nicht mehr aus dem Zimmer kommen, ſo lange kam mir die Zeit vor. Und Ihnen ſo nahe zu ſein, ohne Sie ſehen zu können, das machte mich ganz verdrießlich. Oft habe ich zu mir ſelber geſagt, wie unglücklich bin ich, daß wir uns nicht geheirathet haben, ehe er krank wurde, dann könnte ich doch bei ihm blei⸗ ben und das wäre für ihn ein großer Troſt, nicht wahr?“ Lord Alexander Beaulieu hätte bei der Vor⸗ ſtellung faſt geſeufzt, er lächelte aber freundlich, als er ſagte:„Gewiß würde das die Abgeſchieden⸗ heit eines Krankenzimmers viel weniger langweilig gemacht haben.“ „Sie ſind aber nicht halb ſo ſehr verändert, 289 als ich vermuthete, Mylord. Sie ſehen ganz gut aus. Aber an mir werden Sie eine große Ver⸗ änderung gewahren, denn ich habe mich über Ihre Krankheit ſo gegrämt, daß ich weder eſſen, trinken noch ſchlafen konnte.“ Was die zwei erſten Theile dieſer Behauptung betraf, ſo hätte ſie Frau Ber⸗ nard widerlegen können, und daß dem dritten die Wahrheit abging, dafür lag ein deutlicher Beweis in dem, was Jungfer Juſtine zu Durnford geſagt hatte, daß nämlich das laute und anhaltende Schnar⸗ chen ihrer Gebieterin, deren Schlafzimmer gerade an das ihrige ſtieß, ſie jede Nacht mehrmals auf⸗ wecke. „Ja, wären wir verheirathet geweſen, meine reizende Geliebte, ſo hätte ich meine neuerliche Einſperrung leichter ertragen,“ ſagte Lord Alexan⸗ der, und ich hoffe, Sie werden, damit nicht ein neuer Anfall eintritt, die verdrießliche Zeit meiner Prüfung abkürzen und mir erlauben, Sie die mei⸗ nige zu nennen?“ Lord Alexander verſuchte, ſich ein zärtliches Aus⸗ ſehen zu geben und ſo viel als möglich empresse- ment in ſein Benehmen zu legen, jeder Menſch aber, der weniger einfältig geweſen wäre, als Frau Maclaurin, hätte nothwendigerweiſe ſehen müſſen, wie viel Anſtrengung ihn das koſtete und wie ſchlecht er die röle eines Liebhabers ſpielte. „Ach, Mylord, dringen Sie nicht ſo ſehr in Strathern I. 19 290 mich. Ich überlaſſe es Ihrer eigenen Ehre zu ent⸗ ſcheiden, ob es recht oder ſchicklich von mir wäre, wenn ich Sie jetzt ſchon heirathete, da wir doch nur ſo kurze Zeit mit einander bekannt ſind. Was würden die Leute ſagen?“ „Was brauchen wir uns um das zu kümmern, was ſie ſagen, holde Freundin? Ich liebe Sie und Sie erweiſen mir die Ehre zu ſagen, daß Sie mich nicht haſſen.“ „Sie haſſen! Gerade das Gegentheil. Ich habe nie zuvor einen Mann nur halb ſo gut leiden können.“ Dabei verſuchte die Lady ſich zum Roth⸗ werden zu bringen und ſittſam darein zu ſehen; die Wahrheit nöthigt uns aber zu dem Bekenntniß, daß beide Verſuche völlig mißlangen. „Nun denn, theuerſte der Frauen, wenn Sie mir wirklich gut ſind, warum wollen Sie mein Glück verzögern? Warum nicht“— hiemit nahm er ihre plumpe rothe Hand in die ſeine und fühlte einen unwillkürlichen Schauder über ihre Größe und Derbheit—„großmüthig ſein, ſich über leere Aeußerlichkeiten erheben und mir gleich dieſe liebe Hand gewähren?“ „Oh, Ihre Herrlichkeit kennen Ihre Gewalt über mein armes ſchwaches Herz und wiſſen, daß ich nicht den Muth habe, Ihnen etwas abzuſchla⸗ gen,“ und ſie verbarg das Geſicht in ihrem Sack⸗ tuch. 291 „Sie wollen alſo mein ſein, liebliches Weſen und das ohne längeren grauſamen Aufſchub? Wol⸗ len Sie ſich gleich von mir an Hymens Altar führen laſſen?“ „Wo iſt das, Mylord? In Rom irgendwo wahrſcheinlich und doch kann das auch nicht ſein, denn meine dame de compagnie hat mir geſtern, da ich ſie fragte, geſagt, daß ein Proteſtant in Rom nicht Hochzeit machen könnte.“ Lord Alexander Beaulien fühlte ſich verſucht, bei dieſem naiven Beweis von der groben Unwiſ⸗ ſenheit ſeiner fancée zu lachen, unterdrückte aber die Luſt dazu und ſagte:„Es iſt wahr, wir können uns hier nicht verehelichen, aber wir können ja nach Neapel gehen und uns dort bei dem engliſchen Geiſtlichen zuſammengeben laſſen.“ „Wäre es aber nicht beſſer, in der offenen Kirche Hochzeit zu machen, Mylord? Das hätte ich viel lieber.“ „In Italien würde ſich das nicht thun laſſen, meine ſchöne Freundin, außer wir gehörten dem römiſch⸗katholiſchen Glauben an.“ „Oh, wenn das iſt, ſo will ich thun, was Ihre Herrlichkeit wünſchen, aber hoffentlich werden Sie doch dafür ſorgen, daß die Nachricht von unſerer Verheirathung in allen engliſchen Zeitungen erſcheint. Wie wird es meine Bekannten ärgern, wenn ſie ſehen, daß ich am Ende noch einen Lord heirathe. 1 292 Oh, du meine Güte, wie freut mich der Gedanke daran, daß ſie ſo bös und neidiſch ſein werden.“ „Wäre es nicht am beſten, wenn wir es ſo ein⸗ richteten, daß wir mit ſo wenig Aufſchub als mög⸗ lich nach Neapel gingen und dort Hochzeit machten?“ „Wahrhaftig, Sie machen, daß ich mich ſchäme.“ Hier ſenkte Frau Maclaurin den Kopf und wurde jetzt wirklich roth. „Reizende Sittſamkeit!“ rief Lord Alexander Beaulieu. „Oh, Mylord, der gute arme Herr Maclaurin war ein ganz anderer Mann, als Ihre Herrlichkeit. Er ſprach nie davon, daß er etwas machen wollte oder würde, der arme Mann, und brachte mich auch nie in ſeinem Leben zum Rothwerden. Er betrug ſich überhaupt, was das betrifft, ganz wie wenn er mein Vater wäre, ob er mir ſchon ſein großes Vermögen hinterließ.“ „Er war ein glücklicher Mann im Beſitz einer ſo reizenden Fran.“ „Nun, jetzt, würden Sie es glauben, ich meine er habe mir nie ſo ſtark ins Geſicht geſehen. Alles was er von mir begehrte, war, daß ich ihm jeden Abend vorſang, bis er einſchlief; da ſehen Sie, daß ich ihm doch einen Schlaftrunk*) dafür gab, *) Nicht genau wiederzugebendes Wortſpiel; raisins was mit Schlaftrunk überſetzt iſt, heißt Roſinen und plum heißt eine Summe von hunderttauſend Pfund, aber auch Zwetſchge. U. 293 daß er mir faſt zweimal hunderttauſend Pfund hinterließ. Nun, iſt das nicht ein guter Witz von mir? Ha, ha, ha. Ich ſagte oft zu ihm, Sie und ich, Sir, wechſeln Noten. Ich gebe Ihnen für Ihre Banknoten die meinigen! Aber er lachte nie auch nur ein bischen über meine Späſſe, nein, und das machte mich dann manchmal böſe.“ „Ich ſehe Sie verbinden mit allen Ihren an⸗ deren Reizen Witz, meine ſchöne Wittwe. Wie ſehne ich mich darnach, Sie Lady Alexander Beaulieu zu nennen.“ „Und wahrhaftig, der Himmel weiß, wie ſehr mich verlangt, mich ſo nennen zu hören. Lady Alerander! Das klingt ganz wie Alexander der Große!“ „Ich wollte, ich könnte Ihnen einen noch höheren Litel geben, mein Zaubermädchen.“ „Oh, der iſt ſchon gut genug, Mylord, und ich will Ihnen dagegen zeigen, daß ich an Groß⸗ muth nicht hinter Ihnen zurück bleiben will„denn ich gebe Ihnen die Hälfte meines Vermögens; ja, ich verſchreibe es Ihrer Herrlichkeit, wenn wir nach England zurück ſind.“ „Liebenswürdiges Geſchöpf, wer könnte ſeine Gedanken auf Geld richten, wenn es ſich von Ihnen handelt?“ „Wahrhaftig, und wenn ich zweimal ſo viel 294 hätte, ſo würde ich Ihnen die Hälfte davon geben, daß es immer zu gleichen Theilen ginge.“ „Die Zartheit Ihrer Geſinnungen überwältigt mich,“ ſagte Lord Alerander Beaulieu. Damit er⸗ hob er ſich von ſeinem Seſſel, umfaßte mit den Armen Frau Maclaurin's plumpe Hüfte und drückte nicht ohne daß ſie ſich dagegen ſträubte, einen Kuß auf ihre Wange. „An dem Tage, da Sie mir zum erſtenmale vom Heirathen ſprachen, ſchrieb ich nach Hauſe, um mir eine genaue Nachweiſung über den Stand meines Vermögens ſchicken zu laſſen, die ich Ihnen zeigen könnte, Mylord.“ „Sie will ich und nicht Ihr Vermögen, reizen⸗ des Weſen, und wenn ich je einmal daran gedacht habe, ſo geſchah das, weil ich nur ein jüngerer Bruder und wie alle cadets de ſamille nicht allzu reich bin; da habe ich natürlich nicht Mittel genug, um Ihnen die prächtige und glänzende Lebensweiſe zu verſchaffen, zu welcher Sie Ihre körperlichen und geiſtigen Vorzüge berechtigen. Ich kann Ihnen blos einen Rang geben und einen ausgezeichneten 7 Platz in der Geſellſchaft.“ „Und was brauche ich denn ſonſt? Habe ich nicht Geld genug für uns beide? Aber hoffentlich werden Sie doch nicht nach Indien gehen müſſen? Ich habe von der Seekrankheit ſchrecklich viel durch⸗ zumachen und meinte ſterben zu müſſen, als ich 295 von Dublin nach Holyhead überfuhr. Daraus können Sie abnehmen, was es werden würde, wenn Sie mich nach Indien mitnehmen wollten, und ge⸗ wiß ließe ich Sie nicht ohne mich dahin gehen.“ „Ich habe nicht entfernt die Abſicht nach Indien zu gehen. Nie iſt mir auch nur der Gedanke da⸗ ran in den Kopf gekommen.“ „Was können Sie aber dagegen machen, wenn Sie ein Cadett ſind? Ich kannte einen Herrn, einen Freund des Oberſten Fairfar, der war ein Cadett und mußte nach Indien, und da Sie mir geſagt haben, Sie wären auch einer, ſo dachte ich, Sie würden ebenfalls genöthigt ſein, dahin zu gehen.“ Dem Lord Alexander Beaulien fiel jetzt ein, daß er ſich des Ausdrucks cadet de famille bedient hatte und daß dies zu dem Irrthum der Frau Ma⸗ elaurin geführt haben könnte. Er konnte ein Lächeln über ihre Unbekanntſchaft mit der Bedeutung eines ſo häufig vorkommenden Worts nicht unterdrücken, während er ihr erklärte, was daſſelbe bedeutete. „Ich wollte ich verſtände franzöſiſch; aber ich denke, das wird bald der Fall ſein, denn meine Jungfer iſt eine Franzöſin und ich will ſie veran⸗ laſſen, es mich zu lehren. Juſtine— das iſt ihr Name, obgleich ich oft zu ihr ſage ſie ſei Juſtaus, wenn ſie nicht verſteht, was ich ihr ſage— iſt 296 ein recht geſcheides und ehrbares Mädchen und zieht mich recht nett an, nicht wahr?“ „Ich bin von Ihnen ſo hingeriſſen, daß ich nie auf Ihren Anzug ſehe,“ verſetzte der ſchlaue Lord Alexander. Und dieſe Schmeichelei wurde von der ſchmachtenden Wittwe mit einem äußerſt zärtlichen Blick erwiedert. „Kennen Sie Jemand vom Adel in Neapel?“ fragte ſie nach einem Schweigen von ein paar Minuten. „Ich denke wohl, daß ich dort einige von mei⸗ nen Bekannten finden werde.“ „Ich habe deßhalb gefragt, weil ich gerade ſo Hochzeit zu machen wünſchte, wie die vornehmen Damen in London, mit Brautjungfern, die man Ladies betitelt, alle zierlich gekleidet mit weißen und ſilbernen Blumen im Haar; und ich habe im Sinn, ein Kleid von Brüſſeler Spitzen mit weißem Atlas darunter, zu tragen. Der Schleier muß von demſelben Stoffe und der Kranz von Oran⸗ genblüthen ſein; wird das ſich nicht gut ausnehmen? Juſtine hat mich bereden wollen, daß eine Wittwe keine Orangeblüthen tragen dürfe, wenn ſie ſich wieder verheirathete, aber ich habe ihr geſagt, daß, wenn ein Frauenzimmer einen alten Mann nimmt, der ihr Großvater ſein könnte, daß eine ſolche Hochzeit eigentlich gar nichts gelten kann. Wenn 297 er dann ſtirbt und ſie einen jungen Mann hei⸗ rathet, ſo wird ſie wohl Orangenblüthen tragen dürfen.“ „Die Hochzeiten, welche außerhalb England gefeiert werden, gehen nie mit den Ceremonien und der Pracht vor ſich wie in unſerer Heimath. Leute, welche eine Verbindung ſchließen wollen, gehen im einfachen Morgenanzug mit ein paar Freunden in das Haus des engliſchen Geſandten oder Pfarrers, und dort wird die Feierlichkeit ab⸗ gemacht.“ „Was! hat man da keine Brautjungfern, keine zierlichen Hochzeitsgeſchenke, kein glänzendes Früh⸗ ſtück hinterdrein, wie man das in der Morning⸗ Poſt unter der Aufſchrift„Heirathen in den höheren Ständen“ liest?“ „Nein, mein reizendes Liebchen, All das findet nicht Statt.“ „Oh, das iſt Schade. Das iſt ja gerade, wie wenn man gar nicht Hochzeit hätte,“ und der Frau Maclaurin Geſicht verrieth ihren Verdruß über die vereitelte Hoffnung. „Blos in England kann ich Ihnen, mein Engel, die Vortheile verſchaffen, zu denen Sie Ihr Rang, als meine Frau, berechtigen wird. So lange wir auf dem Feſtlande ſind, müſſen Sie ſich, wie alle übrigen vornehmen Engländer, begnügen, dem zu entſagen, was dem hohen Adel zukommt.“ 298 Frau Maclaurin ſchwieg ein paar Minuten, während welcher ſie augenſcheinlich eine wichtige Frage bei ſich erwog; und als Lord Alexander Beaulien ihr nichtsſagendes und gemeines Geſicht, ihre plumpe, reizloſe und mit Putz überladene Ge⸗ ſtalt betrachtete, da wunderte er ſich beinahe, wie er hätte den Widerwillen, den beide nothwendig erregen mußten, ſo weit überwinden können, um mit ſeinen Lippen ihre Wangen zu berühren. Selten hatte der böſe Geiſt der Habſucht einen größern Sieg über einen armen Mann aus der vornehmen Welt davon getragen, als bei dieſer Gelegenheit, und das Opfer deſſelben erkannte dies bereitwillig an, als er ſich mit einem Gefühl des Ekels von ſeiner zukünftigen Gattin abwandte. „Ich denke, Mylord,“ ſagte die Lady,„es würde eben ſo zut ſein, wenn wir unſere Hochzeit verſchöben, bis wir wieder in London ſind. Und wir können dahin zurückgehen, ſo bald wir wollen. Ich habe genug von fremden Ländern geſehen und hätte, was das anbelangt, nichts dagegen, wenn wir Italien morgen ſchon verließen.“ Lord Alexander Beaulien gerieth über dieſen unerwarteten Vorſchlag in einige Beſtürzung, hatte aber durchaus keine Luſt darauf einzugehen. Trif⸗ tige Gründe beſtimmten ihn hiezu, verſchiedene lange Rechnungen nämlich, die er mehr dadurch honorirt hatte, daß er ſie unbezahlt ließ, als daß er ſie beach⸗ 299 tete*). Er wünſchte nicht in London geſehen zu werden, ehe ihn ſeine Verehelichung in Stand ge⸗ ſetzt hätte, mit ſeinen Gläubigern eine Ueberein⸗ kunft zu treffen und wie ſchnell auch dieſes Ereig⸗ niß auf ſeine Ankunft daſelbſt folgen mochte— ihm ahnte, daß es für ihn gefährlich ſein würde, dort vorher aufzutreten. Er begriff, daß es unklug wäre, ſeine künftige Frau in dies Geheimniß ein⸗ zuweihen, und doch mußte er etwas ſagen, um ſie von der Ausführung des Schritts, den ſie ſich vor⸗ genommen, abzubringen. Aber vertraut mit allen Künſten der Liſt, hatte er ſchnell ſeinen Plan ent⸗ worfen und machte ſich eben ſo raſch daran ihn durchzuführen. Er nahm ein Ausſehen an, in wel⸗ chem verwundeter Stolz und getäuſchte Liebe ſich um die Herrſchaft ſtritten und ſagte:„Iſt es mög⸗ lich, Madame, daß Sie mit meinen Empfindungen ſo Ihr Spiel treiben können; ſind Sie im Stande mir mit kaltem Blute einen Vorſchlag auf Ver⸗ ſchiebung des Glücks zu machen, das ich kaum er⸗ warten kann? Bin ich denn wirklich getänſcht und vermögen Sie es über ſich eine Zögerung zu beantragen, während ich glaubte, Sie wünſchten *) Aus dem Hamlet. Dort wird geſchoſſen, wenn der Konig trinkt, und dabei die Bemerkung gemacht, es wäre beſſer, ehrenvoller, den Brauch aufzugeben als zu beobachten. Das Wortſpiel iſt wohl nicht genau wiederzugeben. Ueberſ. ———,———— — 300 unſere Verbindung eben ſo ſehr zu beſchleunigen, wie ich?“ „Es iſt aber doch nur für kurze Zeit, und würde blos einen Unterſchied von nicht mehr als drei Wochen oder einem Monat machen.“ Drei Wochen oder einen Monat, grauſame Frau! Aber ich ſehe wohl, daß Sie mich nicht lieben; ſonſt würden, ſonſt könnten Sie nicht daran denken, mein Elend noch zu verlängern. Was ſonſt als meine Sehnſucht Sie die meinige zu nennen, hat meine letzte Krankheit hervorgerufen? und doch wollen Sie—“ „Aber um's Himmels willen, Mylord, nehmen Sie es doch nicht ſo auf! Gewiß, wenn ich ge⸗ dacht hätte, es würde Ihnen ſo nahe gehen, ſo wäre um Alles in der Welt kein Wort darüber über meine Lippen gekommen; aber ich meinte eben, da ich hörte, daß die Hochzeiten in Italien auf ſo arm⸗ ſelige Art und gar nicht ſo prächtig wie in London vor ſich gingen, wir könnten die unſerige auch ver⸗ ſparen bis nach unſerer Heimkehr. Aber ehe ich Sie betrübe, will ich mich lieber dazu verſtehen, daß wir uns in Neapel heirathen.“ „Sie ſind ſo kalt, ſo gleichgültig, ſo gar nicht, wie ich Sie bei dieſer Gelegenheit zu finden er⸗ wartet,“ ſagte Lord Alexander Beaulien,„daß ich kaum weiß, ob ich Ihre Hand annehmen ſoll.“ 301 Und dabei machte er ein finſteres und beleidigtes Geſicht. „Sie werden mich doch nicht jetzt noch aus⸗ ſchlagen wollen, oder doch?“ und das plumpe Ge⸗ ſchöpf ſchmiegte ſich an ihren soi-disant enamorato an, verſuchte ihm ſchelmiſch in's Geſicht zu ſehen, ergriff ſeine Hand und hielt ſie zwiſchen ihren un⸗ geſchlachten, rothen Fingern feft. „Wenn ich glauben müßte, daß Sie mich nicht ſo lieben, wie ich geliebt zu ſein wünſche, ſo würde ich, wie innig ich auch an Ihnen hänge, dieſer“— er wollte ſchönen ſagen, aber er konnte, da ſein Auge darauf fiel, das Wort nicht herausbringen; ſo ſchloß er den Satz, indem er hinzufügte:„Hand entſagen.“ „Wie können Sie aber daran zweifeln? Mei⸗ nen Sie, ich würde Sie heirathen, wenn ich Ihnen nicht mehr zugethan wäre und Sie nicht lieber hätte als alle anderen Männer. Meiner Treu, ich kann Ihnen ſagen, das thäte ich nicht und wenn Sie zehnmal ein Lord wären, und Lordſtatthalter oben⸗ drein, und das iſt doch immer der vornehmſte unter den Lords. Was nützt Einem ein großes Vermö⸗ gen, wenn man ſich nicht einen Mann nach ſeinem Gefallen nehmen kann, das möchte ich wiſſen? Und das habe ich auch denen oft geſagt, welche mir zu Brighton und an anderen Orten den Hof machten. ——— Lord Alexander Beaulien fand es ſchwer ſeinen Widerwillen zu verbergen, da ſeine Braut alſo ſprach. Sie machte ihre Worte auch durch ihre Geberden noch auffallender; und dieſe waren zwar immer gemein, wurden es aber doppelt, wenn ſie aufgeregt und ernſthaft war. „Ich ſehe, Sie ſind aufgeregt, Mylord, weil ich der geputzten Herrchen erwähne, die mir in England zu gefallen ſuchten, aber Sie haben wahr⸗ haftig keine Urſache dazu, denn ich bekümmerte mich keinen Strohhalm um ſie. Kommen Sie, machen Sie kein ſo trauriges Geſicht. Ich bin willig und bereit Sie zu heirathen, wenn und wo Sie wollen, und Sie dürfen es als einen ſichern Beweis meiner Neigung annehmen, wenn ich darein willige, in einem Lande Hochzeit zu machen, wo es keine Braut⸗ jungfern gibt und wo man dabei keine ſchönen Klei⸗ der trägt,— wo es eigentlich gar nicht ſo heraus⸗ kommt, als ginge man zum Altar.“ Lord Alexander Beaulieu ergriff ihre Hand und ſagte:„Ich bin, ich muß zufrieden ſein, meine ſchöne Freundin; denn ein Zweifel an Ihrer Liebe würde mich elend machen. Wir wollen alſo Alles ſo einrichten, daß wir nächſte Woche nach Reapel gehen, wo dieſe ſchöne Hand die meinige werden werden ſoll. Dann ſind alle meine Wünſche er⸗ füllt.“ „Ich denke, da wir uns nun ſo bald heirathen S d— 8— 303 und Sie beſtändig bei mir ſein werden, fällt die Veranlaſſung eine dame de compagnie zu halten, weg. Ich will ſie deshalb gleich entlaſſen und mir die Umſtände erſparen, die ich hätte, wenn ich ſie mit nach Neapel nähme. Schicke ich ſie fort, ſo können Sie und ich ganz ungeſtört mit einander hinreiſen.“ „Meine Theure, das kann nicht ſein. Meine Reiſe mit Ihnen allein, ehe wir verheirathet ſind, würde tauſend boshafte Gerüchte veranlaſſen, welche nothwendigerweiſe für Ihre künftige Stellung als Lady Alexander Beaulien nachtheilige Folgen haben müßten. Es würde ſich ſchlecht für Sie ſchicken, ohne weibliche Begleitung zu reiſen oder keine Frauenzimmer bei ſich zu haben, wenn wir zu dem engliſchen Geiſtlichen gehen, um uns zuſammengeben zu laſſen. Behalten Sie alſo Frau Bernard bei; wenigſtens bis nach unſerer Hochzeit, und dann können Sie dieſelbe entlaſſen, wenn Sie es wollen.“ „Iſt Neapel ein Seehafen?“ fragte Frau Ma⸗ elaurin, die ſich gar nicht ſchämte, ihre völlige Unbekanntſchaft mit der Geographie auf dieſe Weiſe an den Tag zu legen. „Allerdings.“ „Dann bringe ich ſie auf das erſte Schiff, das nach England abgeht, das thue ich und damit ſpare ich eine Menge Geld; denn wenn ich ſchon genug 304 § habe, ſo ſehs ich doch nicht ein, warum ich es wegwerfen ſollte.“ Dieſer neue Beweis ihrer Hartherzigkeit und ungemeinen Selbſtſucht mißfiel ihrem Bräutigam eben ſo ſehr, als wenn er von dieſen abſcheulichen Fehlern ganz frei geweſen wäre. So geneigt ſind die Menſchen ihre eigenen Mängel zu vergeſſen, während ſie die Gebrechen Anderer tadeln. „Oh, wie einfältig iſt es von mir, daß ich vergeſſen habe,“ ſagte Frau Maclaurin, indem ſie ein ſilbernes Käſtchen aufmachte, das auf dem Tiſche ſtand und ein kleines écrin herauszog. Sehen Sie da, was ich für Sie habe kommen laſſen!“ Dabei hielt ſie drei große Diamant⸗Hemdknöpfe in die Höhe.„Sind ſie nicht ſchön? Sie werden ſich recht gut an Ihrem Hemde ausnehmen. Und hier iſt gerade ſo eine Stecknadel; die tragen Sie zu einer ſchwarzen Halsbinde.“ „Es iſt mir ſehr unangenehm, daß Sie ſich ſo viel Mühe gemacht haben. Sie ſind recht ſchön, aber ich trage niemals Schmuckſachen, wie Sie ſehen.“ „Ja, ich habe das bemerkt, aber natürlich ge⸗ glaubt, es geſchehe, weil Sie ein jüngerer Sohn ſind. Und da Sie mir geſagt haben, jüngere Söhne ſeien ſelten reich, ſo ſtellte ich mir vor, Sie hätten vielleicht nicht ſo viel aufzuwenden, um hübſche Hemdknöpfe oder Stecknadeln kaufen zu S*— N* 305 können. Ich kann mir nicht denken, daß Jemand ohne ſie ausginge, der ſie ſich zu verſchaffen im Stande wäre.“ Lord Alexander Beaulieu's Wangen wurden feuerroth, während er die Bemerkungen der par- venue anhörte, aber er ſchenkte ihnen blos ſo viel Beachtung, daß er ſagte, ſehr wenige von den ihres Geſchmacks wegen ausgezeichneteren Perſonen aus der Geſellſchaft, welche er beſuche, hätten die Gewohnheit koſtbare Schmuckſachen zu tragen. „Wie ſonderbar! Nun, ich für meinen Theil halte an der alten Anſicht feſt, daß ſchöne Federn die Vögel ſchön machen und Lords und Ladies ſehen nicht vornehmer aus als andere Leute, wenn ſie nicht hübſche Sachen tragen. Wäre ich die Köni⸗ gin, ſo würde ich beſtändig meine Krone auf dem Kopfe haben, außer wenn ich meine Nachthaube aufſetzen wollte; und Lords und Ladies ſollten nach meiner Anſicht immer ihre Grafenkronen aufſetzen, wenn ſie ihre Hüte abnehmen. Aber Sie werden mich doch nicht ſo beleidigen und mir die Annahme dieſer Diamanten abſchlagen wollen? Um meinet⸗ willen werden Sie ſich dieſelben gefallen laſſen und ſie tragen. Es ſind drei recht ſchöne, ich habe ſie in London gekauft, um ſie als Knöpfe an mein Vorhemvchen zu machen und zweihundert Guineen baares Geld dafür gegeben, denn ich zahle immer baar.“ Strathern. 20 306 „Ich kann nicht die Abſicht haben Sie der⸗ ſelben zu berauben,“ ſagte Lord Alexander Beau⸗ lien mit einer Miene von hauteur. „Sie berauben mich derſelben gar nicht, denn ich trage ſie wirklich ſelten; und wenn das auch der Fall wäre, ſo heirathen wir uns ja bald, und dann iſt es gerade als gehörten ſie noch mir, denn ich kann ſie ja kriegen, wenn ich will.“ „Nun denn, wenn wir verehelicht ſind, ſo will ich ſie annehmen, aber vorher nicht, meine Traute.“ Damit legte Lord Alerander die für ihn beſtimmten Geſchenke in einem Gefühle, das mit edlem Blute verwandter war, als man nach ſeinem neuerlichen Betragen in ſeiner befleckten Seele noch hätte ver⸗ muthen ſollen, und mit ſo ſtolzer Miene auf den Tiſch, daß ſelbſt die einfältige und gemeine Frau Maclaurin in Gedanken ſich geſtehen mußte, es ſei einiger Unterſchied zwiſchen rechten Lords, wie ſie dieſelben gerne benamste, und den Männern, mit denen ſie bisher gewöhnlich Verkehr gehabt hatte. So dachte ſie, ob ſie ſchon nicht recht begriff, worin dieſer Unterſchied beſtand. „Wie würden jetzt,“ dachte ſie,„die geputzten Herrchen, die mich in London und Brighton be⸗ ſuchten und immer ſo zierlich gekleidet waren, wie würden die vor Freuden gehüpft ſein, wenn ſie ſolche Geſchenke bekommen hätten. Aber Se. Herr⸗ lichkeit ſchien wahrhaftig eher beleidigt als vergnügt * 307 zu ſein, da ich ſie ihm anbot. Vielleicht hielt er ſie nicht für groß oder vornehm genug. Ob, die Lords ſind ſo anſpruchsvoll und ſtolz. Manch⸗ mal, wenn ich ganz munter mit ihm rede, richtet ſich Lord Alexgnder ſo hoch und ſtolz auf, wie er es eben machte, da ich zu ihm ſagte, ich glaube, er trage keine Diamantknöpfe, weil er als ein jüngerer Bruder vielleicht nicht ſo viel aufzuwenden hätte, um ſie anzuſchaffen. Ich muß mich bei ihm mit meinen Reden in Acht nehmen, wenn wir ver⸗ heirathet ſind, ſonſt findet er eine Beleidigung heraus, wenn mir nicht im Traum einfällt, ihm eine ſolche anzuthun.“ „Ich muß Sie jetzt verlaſſen,“ ſagte Lord Alexander Beaulien und ſtand auf, um wegzu⸗ gehen. „Nun, wollen Sie denn jetzt, da Sie doch viel beſſer ſind, nicht mit mir zu Mittag eſſen?“ Dabei legte Frau Maclaurin ihre große rothe Hand auf ſeinen Arm und blickte ihm bittend in's Geſicht. „Ich bin doch noch nicht ſo weit hergeſtellt, um den ganzen Abend aufbleiben zu können.“ „Sie können ſich ja nach dem Eſſen ohne Um⸗ ſtände auf das Sopha legen, gerade wie in Ihrem eigenen Zimmer.“ „Es kann mir nicht zu Sinn kommen in Ge⸗ genwart eines Frauenzimmers einen ſolchen Verſtoß 20* 308 gegen den guten Ton zu begehen. Sie werden mich alſo entſchuldigen.“ „Nun, ich muß ſagen, es iſt nicht ſehr artig von Ihnen, daß Sie ſich jetzt noch weigern mit mir zu ſpeiſen, während doch Alles für unſere Heirath feſtgeſetzt iſt.“ Das Geſicht der Frau Maclaurin, das nie zu den angenehmen gehörte, nahm einen Ausdruck von großer Mißlaune an, während ſie den Vorwurf ausſprach, den ſie ihm machen zu müſſen glaubte. Es iſt leicht zu ſehen, daß Sie, wenn Sie gleich das Gegentheil behaupten, nicht ſo viel Vergnügen an meiner Geſellſchaft finden, als Sie ſollten. Wir ſind doch jetzt im Braut⸗ ſtand, aber wenn es ſo hergeht, ſo wäre es eben ſo gut, gar nicht zu heirathen; denn für was neh⸗ men ſich die Leute, als um beſtändig bei einander zu ſein in Freude und Leid, wie der Pfarrer ſagt.“ Ihr Geſicht wurde hiebei ſo roth und ihre Augen flammten ſolche Zornesblitze, daß ihr soi- disant-Liebhaber begriff, er würde nicht gut thun, wenn er ſie dadurch in größeren Grimm brächte, daß er auf ſeiner Weigerung beſtände und nicht auf ihre Wünſche einginge. „Können Sie auch nur einen Augenblick zwei⸗ feln, meine Thenerſte,“ erwiederte er,„um wie viel glücklicher ich mich immer in Ihrer Nähe fühle, als irgend ſonſtwo in der Welt? Wenn ich ſoeben zauderte, Ihre Einladung gleich anzunehmen, ſo 309 geſchah dies, weil ich fürchtete, Sie in meinem gegenwärtig ſchwachen Zuſtande zu langweilen, und weil mein Kopf kaum im Stande iſt die Aufregung Ihrer angenebmen Geſellſchaft zu ertragen.“ „Nun, Sie kommen alſo, nicht wahr? Das iſt ſchön von Ihnen.“ Und zum Zeichen der wiederhergeſtellten Freundſchaft hielt ſie ihm die Hand hin. „Ich kann Ihnen nichts abſchlagen, was Sie wünſchen, meine ſchöne Freundin; wenn Sie aber einen trübſeligen und langweiligen Geſellſchafter an mir finden, ſo dürfen Sie mir keine Vorwürfe machen, ſondern Sie ſelbſt haben ſich dieſe Unan⸗ nehmlichkeit zugezogen. Ich will jetzt weggehen und wiederkommen, um mit Ihnen zu eſſen. Leben Sie wohl. Au revoir.“ „Adieu, mein lieber Lord, adieu!“ Und ihr Geſicht hellte ſich auf, weil ſie mit ihrem Bräu⸗ tigam ihren Zweck erreicht hatte, und ſie entließ ihn mit einem äußerſt huldvollen Lächeln. Als die Thüre zu war, ſtieß Lord Alexander Beaulien, während er ſeinem Gemach zuging, die Worte„widerliche, abſcheuliche Gorgone“ zwiſchen den halb geöffneten Zähnen heraus. Frau Ma⸗ claurin aber blickte einige Minuten in den Spiegel, brachte ihr Haar zurecht und rief:„Nun, ich weiß nicht, wie das kommt, aber ſo oder ſo will es mich oft bedünken, als hätte er mich doch nicht recht lieb; er iſt ſo kalt und gar nicht wie andere Männer, wenn ſie im Begriff ſind, zu heirathen. Aber vormuthlich benimmt ſich ein Lord immer auf dieſe Art.“ Sieben und zwanzigſtes Kapitel. „Wer ſeine Diener braucht zu ſchlechten Streichen, Wird ſehen, daß ſie bald ſich frech geberden, Und ob ſie an Gemeinheit ihm auch gleichen, Darob doch ihren Herrn verachten werden. Sie ſpotten ſein, wenn er mit Trug und Liſt Die Welt zu hintergeh'n befliſſen iſt. Sie können ihre Fallen beſſer ſtellen, Und lachen, wenn ſie ungeſtört ihn prellen.“ Nie trat ein Mann in ſchlechterer Stimmung in ſein Zimmer als Lord Alexander Beaulien, nach⸗ dem er Frau Maclaurin verlaſſen. Jede Zuſam⸗ menkunft mit ihr ſteigerte ſein Mißfallen und die exigeance, welche ſie heute gezeigt, als ſie auf ſeinem Wiederkommen beſtand, ſchmeichelte ſeiner Eitelkeit ſo wenig und galt ihm ſo wenig als ein Beweis ihrer Anhänglichkeit, daß ſie vielmehr blos dazu diente, ſeinen Widerwillen gegen ſie zu mehren, da er ſie als einen Vorboten von dem betrachtete, was er in der Ehe von ihr zu erwarten haben würde. Er warf ſich in eine bergére und verfluchte die Armuth, die ihn zwinge, eine ſo widerwärtige und erniedrigende Verbindung zu ſuchen, er ver⸗ wünſchte auch ſie, durch welche er den Reichthum erlangen ſollte, nach welchem er ſich ſo lange und eifrig geſehnt.„O, welche Pein!“ dachte Lord Alerander,„ſeinen Ekel verbergen und den Lieb⸗ haber ſpielen zu müſſen, während man die Frau verabſcheut, der man den Hof macht.“ Der neue Beweis von exigeance und Herrſch⸗ ſucht, den Frau Maclaurin kürzlich geliefert, ver⸗ mehrte ſeine Abneigung gegen ſie, beunruhigte ihn aber wegen der Zukunft nicht ſehr, denn er war feſt entſchloſſen, Alles nach ſeinem Kopfe abzumachen und ihr bald zu zeigen, daß er Herr und Meiſter ſeiner Handlungen ſein wolle, coute qui coute. Deſſenungeachtet drang ſich ihm auch der Gedanke an den Widerſtand auf, der ihm bei Durchführung dieſer Abſicht entgegentreten mußte; er gedachte an den rohen Ungeſtüm, auf den er in einem Streit mit dieſer ungezogenen und niedrig geſinnten Frau ſtoßel und was ſie Alles thun könnte, um ihn zu ärgern und ihm das Leben ſauer zu machen. Schon jetzt krümmte er ſich unter der Ruthe, die er ſich ſelbſt aufzubinden im Begriffe ſtand; aber er wünſchte weder die Verbindung aufzugeben, die er geſucht hatte, noch ſchämte er ſich der Niederträch⸗ tigkeit, die ihn zu dieſem Treiben ſtachelte. Nein, 312 der Reichthum allein war das höchſte Gut, nach dem er ſeufzte; ihn zu erlangen, wollte er alle Selbſtvorwürfe unterdrücken, jeden Widerſtand be⸗ wältigen. „Ihr Götter!“ rief er,„was wird Mount⸗ Serrat— der ſtolze, wähleriſche Mount⸗Serrat— zu mir ſagen, wenn ich ihm ſeine neue Schwägerin vorſtelle? Ich ſehe ihn ſchon vor mir mit einem Geſicht voll Grauſen und Erſtaunen, wenn er ihre iriſche Ausſprache, ihre ſonderbare Redeweiſe hört. Indeſſen kann er ſich ſelber darüber Vorwürfe machen, denn hätte der Herr Bruder in der letzten Zeit meine Schulden bezahlt, ſo wäre ich nicht zus London vertrieben worden, und dort würde ich wohl eine anſtändigere Heirath gefunden haben.“ Lord Alexander Beaulien überſah dabei, daß ſein Bruder ſchon zweimal ſeine Gläubiger zufrie⸗ den geſtellt und daß ſeine Schulden ſich jedesmal ziemlich hoch belaufen hatten; aber ſo geht es dem leichtſinnigen Verſchwender immer; er gedenkt nicht mehr an das, was man früher aus Großmuth und Güte an ihm gethan hat, wie freigebig man auch dabei zu Werke gegangen ſein mag, ſobald man ihm abſchlägt, diefes zu wiederholen. Die Undank⸗ varkeit folgt bei ihm ſicher auf empfangene Wohl⸗ thaten.„Nun, ich werde ja bald ganz unabhängig von Mount Serrat ſein, und das iſt ein großer Troſt,“ dachte Lord Alerander Beaulieu.„Ich 313 brauche mich nicht mehr von ſeinen ernſthaften Pre⸗ digten und Rathſchlägen langweilen zu laſſen, und der Himmel weiß, er iſt durchaus nicht ſparſam mit beiden. Wäre er nur halb ſo freigebig mit ſeinem Geld, ſo ſtände ich jetzt nicht auf dem Punkt, dieſe abſcheuliche Irländerin zu heirathen.“ Der Eintritt Durnford's unterbrach das Sinnen ſeines Herrn.„Haſt Du nichts Neues gehört?“ fragte er. „Ja, gnädiger Herr, und ſie haben mir oben⸗ drein ein gut Theil Mühe und Koſten verurſacht, d. h. mir die Mühe, Ihrer Herrlichkeit die Koſten.“ „Ich verſtehe Dich nicht.“ „O, gnädiger Herr! Sie wiſſen nicht, was man mit den Haushälterinnen und Kammerjungfern durchmacht. Nicht ein Wort kann man als Aus⸗ kunft von ihnen ohne Schmeicheleien und Geſchenke herausbringen. Würden Sie es glauben, gnäviger Herr?“ Mit ſechs Flaſchen Madeira— und ſie fordern in Rom ein hübſches Geld dafür— mußte ich die Frau Blorham bewirthen, ehe ſie ein Wort ſagen wollte, ja, und noch mit einem Zwetſchgen⸗ kuchen von dem engliſchen Conditor, und er fordert nicht wenig, das muß ich ſagen.“ Durnford war in ſeiner Art ein geſcheider Kerl und trug nicht eben ſchwer an ſeiner Ehrlich⸗ keit, auch im Punkt der Wahrheitsliebe war er nicht ſehr bedenklich und ließ keine Gelegenheit vor⸗ 314 über, ohne von der Thorheit oder den ſchlimmen Entwürfen ſeines Herrn Nutzen zu ziehen. Er hielt darauf, daß er fünfundzwanzig vom Hundert für jeden Artikel bekam, welchen er Lord Alexander Beaulieu lieferte und vergaß deshalb nie, doppelt ſo viel zu beſtellen, als der Gebieter brauchte. Wurde er dazu verwendet, bei dem Geſinde An⸗ derer Rachrichten einzuziehen, wie es bei der Frau Blorham der Fall war, ſo machte er, obſchon dieſe Leute ohne Unterſchied und ohne Umſtände ihm Alles mittheilten, was ſie wußten oder vermutheten, ſeinem Herrn weiß, er könne blos durch gut an⸗ gebrachte Trinkgelder Neuigkeiten von ihnen heraus⸗ bringen. Daher in ſeinem Rechnungsbuch die ver⸗ ſchiedenen Poſten von Geſchenken in Geſtalt von Flaſchen Wein zu halben Dutzenden, goldenen Rin⸗ gen und franzöſiſchen Shawls, die nie weggegeben worden waren, aber dem Beutel Lord Alexander Beaulieu's ſo beträchtliche Summen entzogen, daß dieſer nur mit Mühe die Koſten für die an ihm verübten Betrügereien erſchwingen konnte. Um ſei⸗ nen Herrn auf dieſe Ausgaben vorzubereiten, be⸗ ſchwerte er ſich immer mit langem Geſicht über die übertriebenen Forderungen der Handelsleute, in deren Läden die Mittel zur Beſtechung, wie er behauptete, aufgekauft wurden; er wußte aber wohl, daß die Wahrheit wohl nie zu den Ohren ſeines Brodherrn gelangen würde. 315 „Nun, was hat Dir denn Frau Blorham ge⸗ ſagt?“ fragte Lord Alexander. „Gnädiger Herr, ſie behauptete, Fräulein Syd⸗ ney und Herr Strathern ſtänden mit einander beſſer als je zuvor, Herr Strathern käme faſt nicht aus der Frau Sydney Haus und es wäre da lauter Freude und Herrlichkeit.“ „Das war zu viel, als daß Lord Alexander Beaulien es hätte unbewegt anhören können, be⸗ ſonders da ſeine Nerven ſchon vorher angegriffen waren, wie dies immer nach einem Beſuch bei Frau Maclaurin vorkam.„Pah!“ rief er,„und das iſt die ganze Auskunft, die Du erlangt haſt? Ich meine, da wäre es nicht nöthig geweſen, der Frau Blorham ein ſo großes Geſchenk zu machen. Eine ſtatt ſechs Flaſchen Madeira würde auch genug ge⸗ weſen ſein.“ „Ihre Herrlichkeit machen ſich keinen Begriff davon, wie ſchwierig es iſt, mit dieſer Art von Frauenzimmern fertig zu werden. Hätte ich ihr blos eine Flaſche Wein angeboten, ſo wäre ſie darüber ſo böſe geworden, daß ſie mich wahrſchein⸗ lich nie wieder in's Haus gelaſſen hätte. Ich ſagte ihr, Herr Strathern ſei ſchrecklich liederlich und mache gewiß Fräulein Sydney unglücklich, und ſicher wird ſie jedes Wort der Frau Murray mit⸗ theilen, wenn ſie das nächſtemal zuſammenkommen. Die alte Amme darf mit Fräulein Sydney, mehr 316 wie eine Freundin denn wie eine Dienerin, um⸗ gehen, und wird beſtimmt mit ihrer jungen Ge⸗ bieterin davon ſprechen.“ „Ich hoffe, es werde dies einige Wirkung thun, zweifle aber faſt daran.“ „Ich habe auch die Jungfer Juſtine beſucht, die immer tauſenderlei zu fragen hat, was Ihre Herrlichkeit betrifft. Sie iſt ſo ſpitz wie eine Ra⸗ del, bringt ſo oder ſo Alles heraus, und iſt gar nicht blöde, wenn ſich's davon handelt, Geſchenke zu begehren. Wenn ich mich davon loszuſchälen ſuche, ſolche herzugeben, ſo ſagt ſie,„ich glaube, Ihr Herr iſt ein avare,“ und fügt hinzu, ſie werde nimmermehr zugeben, daß ihre Gebieterin einen Mann heirathe, der nicht freigebig ſei. Der Curier behauptet, Frau Maclaurin werde von Jungfer Juſtine völlig beherrſcht, und dieſe könne ſie zu llem bringen, was ſie gerade wolle. Ich muß mich daher mit Rückſicht auf den Vortheil Ihrer Herr⸗ lichkeit auf ordentlichem Fuß mit ihr halten, und das kann nur geſchehen, wenn ich ihr Kuchen und Wein und Kirſchengeiſt gebe, ſo oft ſie herkömmt. Das koſtet eine Menge Geld und es thut mir in der Seele weh, wenn ich ſehe, daß Ihre Herrlich⸗ keit ſo viele Ausgaben machen müſſen.—“ „Du hätteſt ſie mir erſparen können, wenn Du meinen Rath befolgt und den Zärtlichen gegen ſie 317 geſpielt, d. h. ſie mit Schmeicheleien ſtatt mit Wein und Kuchen beſtochen haben würdeſt.“ „Gnädiger Herr, ich bin ein Mann von Grund⸗ ſätzen, und könnte es nicht über mich gewinnen, eine Frau zu heirathen, der ſie abgehen und welche die Furcht Gottes nicht vor Augen hat;“ dabei machte Durnford ein ernſthaftes und ſcheinheiliges Geſicht. „Nun, Durnford, ich muß bald heirathen, ſonſt richtet mich die Art und Weiſe, wie Du mit den Trinkgeldern umgehſt, zu Grunde, das iſt klar; denn Dein Buch verſchlingt mehr von meinem Geld als meine eigenen menus platsirs.“ „Nun, was das betrifft, daß ich Jungfer Ju⸗ ſtine mit etwas aufwarte, ſo iſt das blos Geld, welches gut angelegt wird, gnädiger Herr; denn da ſie ihre Gebieterin beherrſcht und dieſe, wie ſie mir ſagt, glauben machen kann, daß ſchwarz weiß ſei und vice versa, ſo könnte ſie dieſelbe auch vermögen, die Heirath aufzugeben, wenn ſie es ſich in den Kopf ſetzte. Und dieſes möchte geſchehen, wenn ſie glaubte, Ihre Herrlichkeit ſei nicht ſo frei⸗ gebig als ein Fürſt, wie ich ihr immer ſage. Sie geſteht, daß ſie den beſten Platz hat von allen Kammerjungfern in Rom, höheren Gehalt, beden⸗ tendere Geſchenke und Nebeneinkünfte, und einen hübſchen Gewinn bei Allem, was ihre Gebieterin kauft. Da iſt es denn kein Wunder, daß ihr der 318 Gedanke an die Verheirathung der Frau Maclaurin nicht ſehr angenehm iſt, wenn ſie nicht darauf zählen kann, daß Ihre Herrlichkeit ihrem Einkommen nicht ſchadet; und um ſie zu verhindern, daß ſie ſich ein⸗ fallen läßt, ſolches ſtehe in Ausſicht, bringe ich Ihre Herrlichkeit zu großen Ausgaben für ſie „Du kannſt jetzt fortgehen, Durnford, mußt aber zur Zeit wiederkommen und mich zum Eſſen ankleiden, denn ich ſpeiſe bei Frau Maclaurin.“ „Es iſt Schade, daß Ihre Herrlichkeit mich das nicht haben bei Zeiten wiſſen laſſen, dann hätte ich Ihr Mittageſſen abbeſtellt. Ich kann's nicht leiden, wenn Ihrer Herrlichkeit Geld weggeworfen wird.“ Damit ging Durnford weg, feſt entſchloſſen, das beſagte Eſſen ſelber zu verzehren und ſein Koſt⸗ geld zu erſparen. Es gab Augenblicke, in welchen es Lord Alexander Beaulien zum Bewußtſein kam, welche gemeine und niederträchtige Rolle er ſpiele, und in welcher er beinahe vor ſeinem Bedienten erröthete. Dieſes Bewußtſein brachte freilich, wie demüthigend und peinlich es auch ſein mochte, keine Veränderung in ſeiner Aufführung bervor, denn es kam nicht ſo weit, daß er ſich Vorwürfe wegen der Vergangenheit machte, und es führte auch nicht zu Beſſerungsvorſätzen für die Zukunft. Die Wir⸗ kung davon beſtand blos in einer bitteren Gemüths⸗ ſtimmung und Reizbarkeit der Nerven, die ihn kei⸗ neswegs angenehm für Andere und zu einer Laſt 319 für ſich ſelber machte, wenn er unter dem Einfluß derſelben ſtand. In ſolcher Laune war er, als er Durnford entließ; er verbarg ſich in die bergère, in die er ſich beim Eintritt in's Zimmer geworfen, verſpürte Luſt, mit der ganzen Welt Händel anzu⸗ fangen und hatte nie eine geringere Meinung von ſich gehabt, als jetzt. „Ich bin gar zu ſchlecht aufgelegt,“ dachte er, „und werde gewiß nicht im Stande ſein, den Abend mit dieſem abſcheulichſten aller Weiber zuzubringen, wenn ich nicht mit einem Glas curacao meiner Stimmung aufhelfe.“ Er zog die Glocke und bat Durnford, den Liqueur zu bringen. „Es iſt keiner in dem armoire, gnädiger Herr, ich habe der Jungfer Juſtine geſtern das allerletzte Glas gegeben.“ „Ich wollte die Jungfer Juſtine wäre—“ er wollte ſagen, beim Teufel; da er ſich aber des alten Sprichworts erinnerte, daß die Wände Ohren haben und keineswegs Jungfer Juſtine vermuthen laſſen wollte, wie ſehr ſie ihm zuwider wäre, hielt er mitten im Satz inne und fügte hinzu—„weniger für den Curagao eingenommen. Geh' und hole mir und rühre mir in Zukunft den meinigen nicht mehr an, komme, wer da wolle.“ Durnford ging weg, den Liqueur herbei zu ſchaffen, lächelnd über die Leichtgläubigkeit ſeines ———— 320 Herrn und die wenige Mühe, die es ihn koſtete, ihn zu täuſchen und Jungfer Juſtinen das Anſehen zu geben, als hätte ſie getrunken, was ſie nicht geſehen hatte. Denn Durnford's Angabe, daß er ihr die Geſchenke gegeben, die er in ſeines Herrn Buch eintrug, war ebenſo falſch als ſeine Behaup⸗ tungen in Bezug auf ähnliche Dinge, die er der Frau Blorham übermacht haben wollte. „Ich muß dieſe liſtige Franzöſin bald fort⸗ ſchicken,“ dachte Lord Alexander Beaulieu;„denn ſo lange ſie bei ihrer einfältigen Herrſchaft bleibt, werden alle Verſuche, ihrer Verſchwendung einen Zügel anzulegen, vergeblich ſein. Was für ein Weib!— was für ein Weib! Der Widerwille, den ſie mir einflößt, iſt ſo groß, daß ich noch jetzt, wenn ich nicht auf meine letzten hundert Pfund heruntergekommen wäre und wenn ich wüßte, wo ich ein zweites Hundert finden könnte, dieſe ſchreck⸗ liche Heirath aufgeben würde.“ Der Eintritt Durnford's mit dem curagao unterbrach die düſtern Gedanken ſeines Herrn. Er ſtürzte zwei Gläſer davon hinunter, wurde dadurch etwas munterer und nahm dann ſein Sinnen wieder auf.„Und jetzt,“ dachte Lord Alexander Beaulieu, „muß ich ſehen, daß nach all' der Mühe, die ich mir gegeben, nach den Gefahren auch, denen ich mich ausgeſetzt, um einen unheilbaren Bruch zwiſchen Strathern und dem Mädchen zu Stande zu bringen 321 und nachdem ich mich ſo viele Tage lang zum Ge⸗ fangenen gemacht habe, daß trotz dem meine Ent⸗ würfe vereitelt und die beiden wieder ſo verliebt ſind als zwei Turteltauben, die mit einander girren und ſchnäbeln. Verflucht, verflucht ſeien ſie!“ Da⸗ bei umwölkte ſich ſeine Stirne und ſein Geſicht nahm, während er dieſe Verwünſchungen ausſtieß, einen teufliſchen Ausdruck an.„Wie haſſe und ver⸗ abſcheue ich die beiden! Und dabei muß ich denken, daß ſie glücklich ſind, daß ſie im Genuſſe ihres Umgangs und im guten Einvernehmen leben und daß ich es mit aller Liſt und Anſtrengung nicht zu ſtören vermocht habe. Ich dagegen fühle mich elend und erniedrigt vor mir ſelbſt und verbringe die tödtlich langen Stunden in peinlichen Gedanken oder— noch ſchlimmer, weit ſchlimmer— in der Geſellſchaft der abſcheulichen Gorgone, die ich zu heirathen im Begriff bin. Ich meinte, das Mäd⸗ chen beſſer zu kennen. Ihren Stolz und ihre Nei⸗ gung zum Argwohn habe ich doch oft bemerkt. Wer hätte vorherſehen können, daß ſie Stand hielte gegen den Plan, den ich entworfen, um ſie gegen Stra⸗ thern einzunehmen? Und auch auf ihn hat mein Brief keine Wirkung gemacht. Ich könnte das Ver⸗ drießliche meiner eigenen Lage beſſer ertragen, wenn ich den Troſt hätte, zu wiſſen, daß ſie unglücklich ſeien, aber es macht mich toll, zu hören, daß ſie verliebter ſind als je und ganz gut mit einander Strathern u. ſtehen. Nun, nun, es hilft mich nichts, wenn ich an all' das denke, und doch kann ich es mir nicht aus dem Sinn ſchlagen. Es geht immer mit mir um und macht meine Stimmung ſo bitter und reiz⸗ bar, daß ich es ſchwierig finde, den Ausbruch der⸗ ſelben zurückzuhalten, wenn mich die Einfalt des dummen und unwiſſenden Geſchöpfs ärgert, das ich zum Weibe nehmen ſoll. Wären nicht im Spiele dreihundert Pfund von dem Gelde verloren gegan⸗ gen, das ich in der Wette mit Fitzwarren gewonnen, ſo hätte ich ſchon noch ein paar Wochen zögern können, ehe ich das unauflösliche Band knüpfe, welches mich für immer mit dieſem gemeinſten aller gemeinen Weiber vereinigen ſoll. Was für ein Tollkopf war ich doch, zu ſpielen, während ich über ſo geringe Mittel zu verfügen hatte!— aber es treb mich dazu die Hoffnung, ich könnte eine hin⸗ re chende Summe gewinnen, um mich einige Zeit flott zu erhalten; aber auch da verfolgte mich mein ſchlimmes Geſchick. Wäre der gutmüthige Dumm⸗ kopf von Fitzwarren hier geblieben, ſo könnte ich auf ſeinen Beiſtand zählen und von ihm ein paar hundert Pfund entlehnen, aber er zog es— der Teufel ſoll ihn holen!— vor, wegzugehen, und ich kenne in Rom keinen Menſchen, an welchen ich mich im Nothfall wenden könnte, oder bei dem ich, wenn ich es thäte, viel Ausſicht hätte, daß er mir Hilfe verſchaffte. Es bleibt mir alſo nichts 323 übrig, als dies ſchreckliche Weib zu nehmen und das ſo bald als es ſich thun läßt. Ich muß die bittere Pille, wie Kinder die Arzneien, mit ge⸗ ſchloſſenen Augen verſchlingen, und darf, während ich ſie ſchlucke, blos an die Vergnügungen denken, in die ich mich mit Hilfe ihres Reichthums ſtürzen kann, um mich für eine ſolche mésalliance ſchadlos zu halten.“ Solches waren die Gedanken, welche Lord Alexan⸗ der Beaulieu durch den Kopf gingen, während er ſich in ſeinem Lehnſtuhl ausſtreckte, bis Durnford kam und ihm ſagte, daß es Zeit wäre, ſich für das Eſſen anzukleiden. Nie verrichtete er die Ge⸗ ſchäfte der toilette mit ſo viel Gleichgültigkeit gegen das Ergebniß derſelben. „Bah!“ dachte er, als er in den Spiegel blickte, „was nützt es, wenn ich gut ausſehe? Ein Lord würde dieſer parvenue in jeglichem Anzug willkom⸗ men ſein, denn ſie ſieht nicht die Perſon an, ſon⸗ dern den Titel. Und es iſt gut, daß wir jüngeren Brüder den noch behalten, während uns ſelten ſonſt etwas bleibt, was wir als Lockſpeiſe hinhalten könn⸗ ten, um Reichthümer zu erlangen. Wie mancher arme Teufel, gleich mir, würde ohne ihn auf dem pavé liegen, ſtatt daß er jetzt eine Frau findet, die, wenn auch nicht viel inneren, ſo doch äußeren Werth hat; und das iſt ja doch bei dem Weiber⸗ handel die Hauptſache.“ „Ich glaube, meines Herrn Beutel wird nach⸗ gerade ſchwindſüchtig,“ dachte Durnford, als Lord Alerander Beaulieu fortging, um ſeiner Einladung zum Eſſen bei Frau Maoclaurin zu folgen.„Er war in der letzten Zeit nicht ſehr aufgelegt, und das iſt ein ſicheres Zeichen, daß es mit ſeinen Finanzen ſchlecht ſteht, wie ich oft bemerkt habe. Nun, ein guter Theil von ſeinem letzten Einkommen hat den Weg in meine Caſſe gefunden und ſoll dort ſicher aufbewahrt und nicht in Rom verſchleudert werden, wie es von ihm geſchehen wäre, wenn ich nicht Beſchlag darauf gelegt hätte. Es heißt, mein Herr ſei ein ſchlauer und geſcheider Kerl— ha, ha, ha!— ich muß lachen, wenn ich daran denke. Ich kann ihn ſo leicht prellen, als wäre er ein Kind und ohne daß er auch nur das Geringſte da⸗ von ahnt. Und doch bin ich nicht verſchlagener oder geſcheider als ein anderer Bedienter, ja nicht halb ſo ſehr wie viele von ihnen, die ihm an meiner Stelle nicht eine Guinee ließen. Aber alle die vornehmen Herren ſind ſo. Sie wiſſen nicht, wie es im Leben hergeht, ſie verſtehen nichts, trotz aller ihrer Erziehung; und ein armer Bedienter, der gerade ſo viel Kenntniſſe aufgeſchnappt hat, um falſche Poſten in ſein Buch zu kritzeln und den Betrag derſelben zuſammenzuzählen, kann ſie be⸗ trügen, ſo viel er Luſt hat. Und das geſchieht ihnen ganz recht, denn was wiſſen ſie von dem Preis von etwas, was ſie tragen, eſſen oder trinken? Durchaus nicht; ſie haben nicht ſo viel Grütze, um ſich zu erkundigen und müſſen für baare Münze annehmen, was wir ihnen zu ſagen für gut finden. Es iſt nicht mehr als billig, daß wir armen Be⸗ dienten unſere Nebeneinkünfte haben, gerade wie die Schneider, Hutmacher, Schuſter und alle an⸗ deren Handwerker, denen unſere Herren zu thun geben. Und wenn das auch nicht der Fall wäre, ſo würde doch darum keiner von ihnen um ein Haar reicher, denn Jedermann rupft und zupft ſo oder ſo an ihnen. Daher kommt es denn, daß viele von ihnen zu Grunde gerichtet werden, ehe ſie wiſſen, wie ſie daran ſind. Wirklich ſind die Edelleute auch gar zu verſchwenderiſch— können ſich nichts verſagen, ſo lange ſie Geld oder Credit haben, es anzuſchaffen— und gewiß kämen ſie um das ihrige, auch wenn wir uns keine Guinee bei ihnen machten. Darum iſt es ganz in der Ordnung, daß wir unſeren Antheil an der Beute bekommen, wenn es von allen Seiten ſo darüber hergeht. Ich möchte nur wiſſen, woher es kommt, daß mein Herr ſich in Herrn Strathern's Liebesangelegenheit mit Fräulein Sydney miſcht, während er ſich doch ſelber nächſtens verheirathen will? Wie er die Farbe wechſelte, da ich ihm ſagte, daß Herr Strathern immer bei Frau Sydney und daß das Fräulein 326 und er verliebter in einander ſeien, als je zuvor. Er kann doch nicht eiferſüchtig ſein, oder doch? Aber es muß ſeinen Grund haben, daß er ſo ver⸗ drießlich ausſah. Ich werde das ſchon herausbrin⸗ gen, denn nach meiner Anſicht haben wir ſo viel Recht auf unſerer Herren Geheimniſſe, als auf ihre abgelegten Kleider. Nun, er wird eine koſt⸗ bare Frau an der Irländerin bekommen. Jungfer Juſtine ſagt mir, ſie ſei die größte Kuh auf der ganzen Welt, ſie denke an nichts als an das Eſſen, Trinken und ſich Putzen, und ſie könne durch ein wenig Schmeichelei ihr Alles weiß machen und ſie zu Allem bringen. Meiner Sir, was werden wir für einen Tiſch führen, wenn ſie an's Ruder kommt; da gebe ich keinen Heller mehr für Koſtgeld aus— gewiß nicht, und die Rechnungen will ich anlaufen machen, daß es eine Freude ſein ſoll. Juſtine iſt ein geſcheider Kerl, muß ich geſtehen, und wenn ſie ſchon keine regelmäßige Schönheit iſt, ſo hat ſie doch, wie die Franzoſen ſagen, ein jenny si quoi*) an ſich, was Einen ſehr für ſie einnimmt. Aber ſie hat auch ihre Beſonderheiten, fürchte ich, und wird ihren eigenen Willen haben wollen, und das iſt nicht ganz ſo angenehm. Cyweti gal**), wie ſie ſelber ſagt, ich will ſie ſchon zur Beſinnung *) Je ne sais quoi. **) Cela m'est égal. U. 327 bringen, im Guten oder im Böſen, das kann ich ihr ſagen.“ Solche Betrachtungen ſtellte der ehrenwerthe Herr Durnford an, während er den Putztiſch in Ordnung brachte und das Zimmer ſeines Herrn herrichtete. Er gab ſeinen Gedanken Worte, wie er es in der Gewohnheit hatte, wenn er allein war und wußte, daß er nicht leicht von einem Horcher belauſcht werden konnte; und darüber brauchte er ſich nicht in Unruhe zu ſetzen, denn es war ihm bekannt, daß Niem ind, der engliſch ver⸗ ſtand, im Bereich ſeiner Stimme ſich aufhielte. Dann ſetzte er ſich nieder, um das üppige Mahl zu genießen, welches für Lord Alexander Beaulien beſtimmt war, ſchwemmte es mit einer Flaſche Claret hinunter, die natürlich ebenfalls auf die Rechnung ſeines Herrn geſetzt werden ſollte und ging dann davon, um der Jungfer Juſtine ſeinen Abendbeſuch abzuſtatten. Er fand dieſelbe in weniger guter Laune als gewöhnlich.„Ah, vous voila, Monsieur Durnford, da ſind Sie ja! Was iſt Ihr Herr für ein béte! Ich verliere die Geduld mit dieſem Men⸗ ſchen, er iſt ſo dumm.“ „Nun, nun, was gibt's denn, Mamſelle? Ich laſſe mich wahrhaftig hängen, wenn Sie nicht ein Geſicht machen, als wollten Sie Händel anfangen und ſo ſauer wie Eſſig.“ „Was meinen Sie mit Ihrem Händel anfangen? ———— Das hat keinen Sinn und keinen Verſtand. Sie reden von Händel anfangen; das ſind Dummheiten — für was ſprechen Sie ſolches Zeug? Ma foi, vous m6ritez le bäton, böte que vous étes“ „Wie ſo, was? Gewiß haben Sie etwas Bos⸗ haftes geſagt, Mamſelle; Sie ſahen ſo tückiſch aus und redeten franzöſiſch. Ich vermuthe immer, Sie ſprechen nichts Gutes, wenn Sie ſich in Ihrer Mutterſprache ausdrücken.“ „Quel imbécille! O les Anglais, les Anglais! — qu'ils sont bétes,— mon dieu, qu'ils sont pötes!“ „Da fängt ſie noch einmal an. Warum kom⸗ men Sie denn nicht zur Sache und ſagen mir, was mein Herr gethan hat?“ „Gethan, gethan! Warum hat er Frau Ma⸗ elaurin merken laſſen, daß er gar nicht in ſie ver⸗ liebt iſt; ſie iſt böſe, böſe und behauptet, ſie hätte gute Luſt, ihn gar nicht zu heirathen, und ma ſoi, ſie hat raison; für was ſie ärgern, wenn er ſie zur Frau nehmen will, was braucht er ihr zu zeigen, daß er ſie nicht mag? Dazu iſt es Zeit genug, wenn er ihr Mann iſt.“ „Sie haben Recht, ſchöne Juſtine, ganz Recht⸗ Es war ſehr einfältig von meinem Herrn und ich kann nicht begreifen, warum er das gethan hat. Aber Sie ſind ſo geſcheid und haben ſo viel Ein⸗ fluß auf Ihre Gebieterin, daß ich wetten wollte, Sie bringen Alles ſchnell wieder in's Reine.“ 329 „Certamement, certainement; aber ich habe viel Mühe damit, denn wenn die gnädige Frau ſchon in einigen Sachen dumm iſt, ſo iſt ſie es doch nicht in allen, und wenn ſie einmal etwas ſieht, ſo iſt es hernach nicht facile, ſie zu vermögen, daß ſie die Augen zumacht. Ich habe ihr ſchwören müſſen, daß ich wiſſe— und daß Jedermann wiſſe — wie der gnädige Herr bis zum Wahnſinn in ſie vernarrt ſei. Eher wollte ſie es nicht glauben. Aber wenn Ihr Herr nicht in der comédie ſeine eigene röle ſpielen will, ſo iſt es umſonſt, daß ich die meine durchführe, und das werde ich ihm ſagen, wenn ich ihn ſehe. Er muß wiſſen, was er zu thun hat, ſonſt kriegt er dieſe reiche Frau nicht.“ „Sie erſchrecken mich wahrhaftig, ſchöne Ju⸗ ſtine. Das wäre ein ſaubrer Streich, in Wahrheit, und wir kämen ſchön in die Brühe. Sie und ich, mein ſüßes Liebchen.“ „Ich gerade nicht ſo ſehr, Monsieur Tournefort — Sie vielleicht; qu'il est fät.“ „O, Ma'mſelle, wenn es kein Querſtrich für Sie wäre, ſo ſehe ich nicht ab, warum es einer für mich ſein ſollte. Und was das Fett*) betrifft, von dem Ihnen zu reden beliebt, ſo iſt zwar nicht *) Wortſpiel mit fat und fat; dos letztere bedeutet fett. Die verſchiedene Aus ſprache beider Worter läßt aber kaum ein Wortſpiel zu. U. Jedermann ſo ſchlank und zierlich wie Sie, aber es gibt viele Leute, die es für keinen Fehler halten, daß ich bin wie ich bin, das kann ich Ihnen ſagen. Und es thut mir auch nicht leid, Ma'mſelle, denn es beweiſt, daß ich mein Leben lang nicht von Fröſchen gelebt habe, wie vielleicht gewiſſe andere Perſonen.“ Durnford's Geſicht wurde ſo roth und in ſeinen Mienen lag ſo viel Zorn, daß Juſtine, die nicht recht begriff, was er ausdrücken wollte, ihn erſtaunt betrachtete. Dann aber brach ſie in ein herzliches Gelächter aus und rief:„Ah, mon dieu, quelle ponne farce. Er meint, ich rede von ſeinem Aeußeren, wenn ich ſage, er ſei ein Hät, während ich doch von ſeinem Verſtand ſpreche.“ „Sie wollen alſo ſagen, ich ſei ein*) Dumm⸗ kopf oder, mit anderen Worten, ein Narr,“ ver⸗ ſetzte Durnford.„Ich danke Ihnen für das Com⸗ pliment, Ma'mſelle; aber ich muß Ihnen ſagen, daß ich kein größerer Narr bin als meine Nachbarn, wenn ſie ſchon das Gegentheil glauben mögen.“ „Sie verſtehen mich nicht, Monſieur Tourne⸗ fort. Ich halte Sie nicht für fett von Perſon und auch für keinen Narren, ich meine nur, Sie ſeien eitel, ja ſehr eitel, und das habe ich geſagt, aber Sie verſtehen kein franzöſiſch.“ *) fat— headed, dumm. ———————————————— —1 „Ja, das iſt ganz etwas Anderes, Ma'mſelle,“ erwiederte Durnford und ſein Geſicht heiterte ſich auf.„Was die Eitelkeit betrifft, ſo glaube ich, habe ich einigen Grund, es zu ſein, meine ſchöne Juſtine. Ich nehme mich nicht übel aus, nicht wahr?“ Damit richtete er ſich hoch auf und ſtol⸗ zierte im Zimmer herum. „Nein, Herr Tournefort, Sie ſehen durchaus nicht übel aus, Sie ſind, was man hübſch heißt; ich behaupte nicht das contraire.“ „Ja, Juſtine, ich ſchmeichle mir, wir werden ein ſauberes Pärchen geben und uns auch hübſch tragen; denn Sie ſind das beſt angezogene Frauen⸗ zimmer, was ich in Rom kenne; und ich glaube, ſagen zu dürfen, daß kein Bedienter bei einem hieſi⸗ gen Edelmann ſo zierlich aufzieht wie ich, nicht wahr?“ „Alles, was wir von dieſen Sachen reden, iſt für nichts, mon ami. Sie denken blos an ſich und vergeſſen, wie viel Gefahr vorhanden iſt, daß Ihr Herr doch am Ende die gnädige Frau nicht kriegt. Darum iſt es von der plus grande Wichtigkeit, d. h. von der größten Bedeutung, daß Mylord der Madame Maclaurin viel Aufmerkſamkeit er⸗ weiſ't, daß er ihr die cour macht und ſie noch einmal auf den Glauben bringt, er ſei ihr von ganzem Herzen zugethan, er könne ohne ſie nicht leben, und ich glaube,“ ſetzte Juſtine mit boshaftem Lächeln hinzn,„es hat damit ſeine Richtigkeit, denn ————————————— 3 1 332 ich habe gehört, der pauvre Mylord habe gar kein Vermögen?“ „Nun, die Wahrheit zu ſagen, iſt er nicht mit Geld überladen, Ma'mſelle, aber er kommt von einer vornehmen und avligen Familie her und das iſt auch etwas, nicht wahr? Und er kann Ihre Herrſchaft zu einer gnädigen Frau machen und das iſt eine köſtlichere Ausſicht ſür ſie, als das Leben ihr gegeben hat oder geben konnte.“ „Ah, Monsieur Tourneſort, in notre belle France könnte Madame viel höbere Titel finden als Mylord. Sie könnte eine marquise, ja ſogar eine duchesse für daſſelbe Geld werden. Aber ſie iſt ſo unwiſ⸗ ſend, ſo dumm, auch hat ſie nicht Luſt einen Fran⸗ zoſen zu heirathen.“ „Und darin hat ſie Recht, Ma'mſelle. Warum ſollte ſie ihr Geld aus ihrem Vaterlande gehen laſſen, das möchte ich doch wiſſen?“ „Sie würde einen beſſeren Mann in Frankreich finden— plus poli, plus aimable.“ „Das beſtreite ich. Ich pfeife in ihr glattes Weſen. Aber ich ſehe, Ma'mſelle, daß Sie immer Ihre Landoleute über die meinigen ſetzen, und das habe ich nicht gerne, und was noch mehr iſt, ich leide es nicht, ganz gewiß nicht.“ Damit griff Durnford nach ſeinem Hut und ging der Thüre zu; ehe er ſie aber aufmachte, drehte er ſich um, noch einen Blick auf die gefallſüchtige Jungfer Juſtine * 3 —— „ SS S— S„. — d zu werfen. Dieſe fürchtete einigermaßen, er möchte im Zorn weggehen und dadurch einige ihrer Pläne vereiteln; ſie unterdrückte daher jede Aeußerung von Unluſt und zwang ſich zum Lachen. „Ah, was für ein närriſcher Menſch ſind Sie, Monſieur Tournefort. Ich habe das Alles blos geſagt, um Sie eiferſüchtig zu machen. Ha, ha, ha!“ Und abermals fing ſie an laut zu lachen. „Ah, Sie kleine Bosheit! Ich hätte gute Luſt Sie dafür abzuſtrafen, daß Sie mich ſo gequält haben. Wie konnten Sie ſo gottlos ſein?“ Und Herr Durnford legte ſeinen Hut weg und drückte Jungfer Juſtinen einen Kuß auf die Lippen. „Laſſen Sie mich, laſſen Sie mich!“ rief ſie; „Sie chilfonez meine Haube und mein Haar. Regardez,“ damit lief ſie auf den Spiegel zu und fing an ihre Locken und ihre Haube in Ordnung zu bringen. Als dies Geſchäft vorüber war, und ſie ſchien es für ein recht bedeutendes anzuſehen, redete die femme de chambre ihren Liebhaber fol⸗ gendermaßen an:„Jetzt, vergeſſen Sie nicht Ihrem Herrn zu ſagen, daß ihn die Madame in ſtarkem Verdacht hat, und daß er viel bei ihr bleiben und ihr den Hof machen und ihr ſagen müſſe, ſie ſei charmante. Thut er das nicht, ſo wird ſie die Heirath fallen laſſen und dann hat die Geſchichte ein Ende. „Verlaſſen Sie ſich darauf, daß ich ihm das ausrichte,“ erwiederte Durnford, nahm ſich aber feſt vor nicht ein Wort über den Gegenſtand zu reden. Denn er wußte wohl, daß es, obſchon er bis auf einen gewiſſen Grad das Vertrauen ſeines Herrn beſaß, doch gewiſſe Gegenſtände gab und daß dies gerade einer von denen war, über welche er ſich nicht herausnehmen durfte zu ſprechen, aber er wollte die Franzöſin nicht merken laſſen, daß er auf einem weniger vertrauten Fuß mit ſeinem Gebieter ſtand, als ſie mit ihrer Herrſchaft. Acht und zwanzigſtes Kapitel. Der Edelſteine Glanz und Pracht Und auch die reiche Seidentracht Verhüllen ein gemein Geſicht Und einen plumpen Körper nicht. Trotz aller Kunſt kommt Jeder nur Durch ſie erſt auf die rechte Spur, Und ſieht dadurch nur mehr und recht, Was bergen will, wer jene trägt, Die Eitelkeit wird nur verlacht, Die ſo mit Flittern Staat gemacht. Es war jetzt die Zeit, da der Carneval die Luſtigkeit der Römer auf's Höchſte treibt, und die —U 335 ewige Stadt bot ein paar Tage hindurch ſo poſ⸗ ſierliche Auftritte dar, daß einer, der an ſolche Vorkommenheiten nicht gewöhnt geweſen wäre, hätte glauben können, die Saturnalien der Alten gehen wieder vor ſich. Masken von allen Arten und in den ſonderbarſten Trachten drängten ſich auf den Straßen und der Corſo, der Brennpunkt aller An⸗ ziehungskraſt bei ſolchen Gelegenheiten, wimmelte von Leuten. Die Erker auf jeder Seite der Ter⸗ raſſe waren voll ſchöner Frauen und ſie beglei⸗ tender cavalieri, die Mitte derſelben bedeckten Fuhrwerke aller Gattungen, von den reichen, aber unbeholfenen Kutſchen und Halbkutſchen der römi⸗ ſchen noblesse und den zierlichen, gut eingerichteten engliſchen Equipagen herunter bis zu den zerbrech⸗ lichen, knarrenden Miethwägen. Die in den Ge⸗ fährten ſitzenden Menſchen unterſchieden ſich von einander eben ſo ſehr, als die Fuhrwerke ſelbſt. In den ſchweren und vergoldeten Kutſchen und Halbkutſchen der Römer ſah man die hohen und feingebildeten Stirnen, die großen glänzenden Augen und die blaſſe Olivenfarbe der Haut, welche den vornehmen Frauen von ganz Italien, beſonders aber den Römerinnen eigenthümlich ſind. Ihr ernſtes Ausſehen paßte recht wohl zu der ſtolzen, aber etwas verſchoſſenen Pracht ihrer Equipagen und gemahnte Einen an die ſchönen Kameen, nach denen wir uns die erſten Vorſtellungen von der —2 Art der Schönheit bilden, welche den Töchtern der alten Herrin der Welt eigen iſt. Auch die Geſichter, welche in den zierlichen, gut eingerichteten Wägen aus Eng⸗ land zu ſchauen waren, ſtraften keineswegs den Ruf Lügen, welcher den weiblichen Sproſſen deſſelben Liebenswürdigkeit zuſchreibt. Stirnen, ſo weiß wie pariſcher Marmor, zart gezeichnete Augenbraunen, Augen, ſo blau wie der Himmel über ihnen, und Wangen, die mit der Roſe wetteiferten, thaten kund, daß dieſe ſchönen, blühenden Blumen im Garten von England gezogen waren. Aber welche Feder vermag die verſchiedenartigen, gar nicht zu⸗ ſammenpaſſenden Gruppen zu beſchreiben, welche in den Miethfuhrwerken ſaßen. Sultaninnen ſtießen mit den Ellbogen an Bauern in ihrem Sonntags⸗ anzug; vornehme Frauen in den Trachten aus der Zeit Ludwigs des Vierzehnten machten ſich neben Negerinnen bequem in rohem, aber etwas flitter⸗ haftem Staat; und Nonnen— welche Entheili⸗ gung!— traten mit den Marien de l'Orme ihrer Zeit auf, deren Gewänder in der bewunderungs⸗ würdigſten Unordnung wareß. Herkules ſchien wie der wunderbare Vogel, den der Irländer beſchreibt, die Fähigkeit zu beſitzen an vielen Orten zugleich zu ſein, denn wohin ſich das Auge wandte, be⸗ gegnete es unfehlbar einem, der dieſen heidniſchen Kraftmann vorſtellte, das Fell des nemeiſchen Löwen als Siegeszeichen auf der Schulter, und die Keule 337 in der Hand trug. Nach dem ſchmutzigen Ausſehen des elaſtiſchen Gewebes, welches als Fell an dem Helden hing, hätte man ſchließen können, er habe erſt kürzlich eine ſeiner Arbeiten verrichtet, nämlich den Stall des Augias gereinigt. Nichts konnte ſich drolliger ausnehmen, als dieſe Art den Sohn Ju⸗ piters und der Alkmene nachzuahmen, denn die Leute, welche ſolches thaten, zeichneten ſich ihrem größten Theile nach keineswegs durch die Größe oder die Muskelverhältniſſe ihres Körperbaues oder durch den Muth aus, den man ihrem Vorbild zu⸗ ſchreibt. Sie bewieſen ſolches durch die Gewandtheit, mit welcher ſie der Gefahr auswichen, durch das Zuſammenfahren und den Schrecken, wenn ſie ein Regen von bonbons überfiel; ſolche wurden näm⸗ lich beſtändig von den Erkern und aus den Fenſtern auf jeder Seite des Corſo geworfen. Auch der Gott des Krieges blieb nicht unvertreten und recht ſeltſam nahmen ſich ſeine Repräſentanten aus. Vul⸗ kan hinkte hinter Frauen in der Tracht der Venus her, die aber leider Spuren davon an ſich trugen, daß ſie in letzter Zeit mit keinen reineren Wellen in Berührung gekommen waren, als mit denen der unſaubern Tiber. Andere Frauen zogen wie Juno gekleidet einher, ließen aber ihre Würde als Ge⸗ mahlinnen des unſterblichen Donnerers ganz außer Acht und bahnten ſich mit den Ellbogen einen Weg, daß ſich einer der alten Athleten nicht hätte daran Strathern ir 22 ſchämen dürfen. Die Kutſcher ſelbſt, welche die gemietheten Gefährte lenkten, trugen Charaktermas⸗ ken— einige ſtellten alte Weiber in den tollſten Trachten vor, andere waren als Bacchanten ange⸗ than und trugen Kränze von Trauben auf den Köpfen, welche immer hin und her wackelten, wie ſie von den Bewegungen des Gefährtes geſchüttelt wurden. Die Geſandten in ihren Staatswägen waren eben durch den Corſo gefahren, als Aller Blicke von einer außerordentlich geputzten Chaiſe mit drei Lakaien und einem Kutſcher angezogen wurden. Die letzteren hatten die prächtigſten Livreen an und die Pferde waren faſt ganz bedeckt mit Bändern. In dem Wagen ſaßen zwei Frauenzim⸗ mer, eine in dem Anzug einer Sultanin und mit koſtbaren Juwelen überladen. Das oulré Ausſehen dieſer übrigens ganz gewöhnlichen Dame, verbunden mit dem ſchlechten Geſchmack und dem übertriebenen Staat ihres Gefährts erregte eine große Luſtigkeit unter der Menge und Haufen von bonbons be⸗ grüßten die Sultanin von jeder Seite und zu ihrem großen Aerger, wie ihre zornigen Blicke und hef⸗ tigen Geberden bewieſen. Der Wagen des Frauen⸗ zimmers hielt vor der nächſten Thüre des Hauſes, auf deſſen Erker Lady Wellerby, ihre Töchter, Frau und Fräulein Sydney, Strathern und Rhymer ihre Plätze genommen hatten, und bald danach nahmen die Sultanin und ihre Begleiterin Sitze auf einem 339 anſtoßenden Balkon ein. Hieher richteten ſich Aller Augen. „Die Wittwe des Papiermäklers, ſo wahr ich leibe und lebe!“ rief Rhymer der Frau Sydney zu. „Iſt ſie nicht recht reizend? Was für eine Sulta⸗ nin! Ich muß machen, daß ich ſo nahe als möglich zu ihr komme, denn ihre Aeußerungen müſſen eben ſo beluſtigend ſein, als ihr Aeußeres.“ „Reden Sie mir doch nicht davon, die Tracht ſei Schuld, daß es ſo geht,“ fagte Frau Maclau⸗ rin— denn es war Niemand anderes als ſie— zu ihrer erſchrockenen Begleiterin, der Frau Bernard. „Sehen Sie mich nur an, wie ich verkratzt und zerſchlagen bin. Gewiß bin ich bis morgen überall ſchwarz und blau. Ein Haufen ungeſchliffener Leute wirft eine Lady auf dieſe Art. Und das heißen ſie Vergnügen? Wer hat je geſehen, daß ſo etwas in England geſchieht?“ „Sie hätten den blechernen Schild vor das Geſicht halten ſollen, Madame; dann wären Sie davor ſicher geweſen.“ „Aber was hätte es mich dann genützt meine Diamanten anzulegen— dann hätte ſie ja kein Menſch geſehen.“ „Auf dieſe Aeußerung gab Frau Bernard keine Antwort; kaum aber war ſie ausgeſprochen, ſo fiel ein Hagel von bonbons, mit ſicherer Hand ge⸗ ſchleudert, der Frau auf das Geſicht und die übri⸗ 22 340 gen Körpertheile. Sie gerieth in Entrüſtung über die Beulen, welche ſie ihr beibrachten und die Kreideflecken, die auf Kleid, Hals und Armen zu⸗ rückblieben, nahm zornig eine Handvoll der Wurf⸗ geſchoſſe von einem Vorrath derſelben, welchen ihr Courier herbeſorgt, und warf ſie mit aller Kraft die ihr zu Gebot ſtand, unter das Menſchenge⸗ wimmel. Ihre heftigen Geberden und die Röthe ihres Geſichts und Halſes, welche ihre innere Er⸗ regung ſowohl als die Bewegung ihrer Arme her⸗ vorrief, gaben ihr ein höchſt komiſches Ausſehen und machten ſie zugleich vor Andern ſichtbar. Als daher der Volkshaufe im Vorüberziehen nach ihr heraufſah, ließ ſich ein ſchallendes Gelächter ver⸗ nehmen und ſteigerte iyren Grimm noch mehr. „Sehen Sie einmal,“ ſagte Rhymer,„ſie gleicht in dieſem Augenblick mit dem dunkelrothen Geſicht, um welches ſo viele Brillanten funkeln, keinem menſchlichen Weſen. Sie gemahnt mich an die Stücke rohen Fleiſches, die, wie man ſagt, in das Diamantenthal*) geworfen werden und an welchen ſo viele von dieſen köſtlichen Steinen hängen. Ich wünſchte nur ein tüchtiger Ranbvogel möchte herun⸗ terkommen und ſie in ſeinen Klauen davontragen, wie jene rohen Stücke Fleiſch ausgeſtellt werden, *) Wayrſcheinlich ein Stück aus Tauſend und eine Nacht. Ueberſ. —— 341 um die Diamanten zu bewahren. Aber dieſer Wunſch muß in Erfüllung gehen. Ein Raubvogel in Geſtalt eines zu Grunde gerichteten Verſchwen⸗ ders wird um ſchmutzigen Gewinns willen dieſes Geſchöpf früher oder ſpäter davon tragen, und das trotz ihrer Häßlichkeit und Gemeinheit.“ „Erlauben Sie, daß ich Sie bitte aufzuhören, Madame,“ ſagte im demüthigſten Tone Frau Ber⸗ nard, die ebenfalls mit weißen Flecken von dem bonbons⸗Hagel bedeckt war, der ſie jgetroffen hatte. „Ich ſage Ihnen aber, daß ich nicht aufhören will. Habe ich nicht gerade ſo gut das Recht ſie zu werfen, als ſie mich?“ Alsbald ließ ſie auch den Worten die That folgen, füllte ihre beiden gewaltigen Hände mit Zuckerwerk und ließ das auf die Vorübergehenden los. Dieſe dagegen ſchickten eine ſolche Ladung zu ihr hinauf, daß ſie faſt ganz blind davon wurde und vor Schmerz und Wuth laut aufſchrie. Deſſen ungeachtet verſandte ſie immer wieder und wieder Hände voll honbons mit großer Heftigkeit, Schnelle und Kraft. Sie bewies da⸗ durch, welche Raſerei ſie ergriffen hatte und brachte ihren Gegnern, deren Zahl Legion war, den Glau⸗ ben bei, die Sultanin müßte ein verkleideter Mann ſein. Dieſe Meinung führte dazu, daß jene die Feindſeligkeiten eifriger fortſetzten, als ſie es einer Frau gegenüber hätten thun ſollen und wahrſchein⸗ 342 lich auch gethan haben würden. Solches dauerte, bis die Polizei es für nöthig hielt einzuſchreiten. Aber auch jetzt fuhr die muthige Sultanin, die entſchloſſen war auf dem Schlachtfeld Siegerin zu bleiben, noch fort ihre Angreifer mit ſo viel Hart⸗ näckigkeit und Kraft zu bewerfen, daß zwei von den Polizeidienern es für zweckmäßig erachteten in das Haus hineinzugehen, von deſſen Erker herunter ſie ihren Feinden ſo eifrig Trotz bot. Bald ſtan⸗ den ſie zum Entſetzen der Frau Bernard neben ihr. Dieſe hielt ſich mit verworrenen Haaren und in Unordnung gebrachten Kleidern hinter Frau Ma⸗ elaurin verborgen, welche ihr laute und zornige Vorwürfe über ihre Feigheit und darüber machte, daß ſie ſich nicht in's Handgemenge einlaſſe und ihr beiſtehe, um die Feinde in die Flucht zu treiben. „Oh, um's Himmel's willen, Madame, halten Sie ein,“ ſchrie die furchtſame dame de com- pagnie;„hier iſt die Polizei und man wird Sie feſtnehmen.“ „Was bekümmere ich mich um ſie?“ erwiederte die Lady.„Habe ich den Streit angefangen? und ſteht mir nicht das Recht zu mich zu vertheidigen? Soll ein Pack von Memmen und Lumpengeſindel eine von dem ſchönen Geſchlecht angreifen?“ Das Aeußere der Rednerin ſtand ſo ſehr im Widerſpruch mit allen Vorſtellungen von dem Ge⸗ ſchlecht, deſſen Rechte auf Schutz ſie ſo ſehr in 343 Anſpruch nahm, daß keine von den Perſonen auf dem nächſten Erker, die ſie hörten— und ſie ſprach ſo laut, daß ſie faſt von allen vernommen werden konnte— das Lachen zu halten vermochte. „Sauberer Gebrauch, in Wahrheit, den ſie von ihrem ſchönen Geſchlecht macht!“ bemerkte Rhymer mit einer drolligen Miſchung von Ernſt und Muthwillen in ſeinem blaſſen Geſicht. Alles, was auf dem Erker der Frau Sydney und ihrer Geſellſchaft ſich befand, horchte jetzt auf⸗ merkſam auf das, was zwiſchen Frau Maclaurin und den Polizeidienern vorging. Die letzteren geboten der erregten Kämpferin ziemlich barſch, ſie ſollte aufhören, dieſe aber war mit ihrer Sprache durchaus unbekannt und warf ihnen einen trotzigen Blick zu. Frau Bernard ſetzte ihr nun auseinan⸗ der, was der Beſuch zu bedeuten habe und wie es fug wäre, ihrer Aufforderung ſich nicht zu wider⸗ ſetzen. „Halten Sie das Maul, Sie dumme Kuh!“ erwiederte Frau Maclaurin und ihr Geſicht ward abermals roth vor Zorn.„Ich verſtehe ihr Ge⸗ wälſch nicht und will nicht wiſſen, was ſie ſagen, wie kommen Sie nun dazu, daß Sie ſo zudring⸗ lich ſind und es mir, ohne daß ich es begehre, erklären wollen. Halten Sie das Maul, ſag' ich, und laſſen Sie mich mit ihnen reden. Was wollen 344 Sie, daß Sie zu mir auf den Erker heraufkommen und mir Grobheiten machen, das möchte ich wiſſen?“ ſagte die unerſchrockene Amazone, indem ſie den Po⸗ lizeidienern keck in's Geſicht ſah und ihre Arme in die Lage brachte, in welcher Holbein den aufgebla⸗ ſenen Heinrich den Achten malte*).„Sie müſſen wiſſen, daß ich eine Engländerin bin und das eine wahre und daß ich im Stande bin Eure elende alte Stadt mit ihren lumpigen Ruinen und Euren alten Papſt obendrein halb auszukaufen.“ Die Männer blickten ſie betroffen an, wurden aber offenbar zornig über die höhniſchen Blicke, welche ſie ihnen zuwarf und ihre ungeſtümen Be⸗ wegungen. Auch machten ſie ſchon Miene Hand an ſie zu legen und ſie von dem Erker wegzubrin⸗ gen, da trat Strathern herzu, redete die Leute italieniſch an und ſetzte ihnen aus einander, daß das Frauenzimmer ihre Sprache nicht verſtände und nicht wüßte, daß ſie etwas Ungehöriges gethan, indem ſie bonbons auf Andere geſchleudert hätte, die ſie ſo heftig damit geworfen. Er erſuchte ſie ſeine Landsmännin nicht weiter zu beläſtigen und ließ, um den Gründen, die er zu ihren Gunſten vorbrachte, mehr Gewicht zu verſchaffen, dem An⸗ führer der Häſcher ein Goldſtück in die Hand glei⸗ ten. Dies erſchien dem eine zureichende Entſchul⸗ *) Mit in die Seite geſtemmten Armen. Uebſ. — 345 digung, er verlangte blos, die Dame ſollte für den Reſt des Tages in Benehmen und Aufführung weniger kriegeriſche Neigungen an den Tag legen und entfernte ſich mit ſeinem Begleiter. Frau Ma⸗ elaurin blieb mit ihrer dame de compagnie im friedlichen Beſitz des Balkons. „Ich bin Ihnen wirklich ſehr verbunden,“ ſagte die Lady.„Sie haben ſich gegen mich wie ein ächter Gentleman benommen, das iſt gewiß und das kann man nicht von allen Leuten ſagen.“ Da⸗ bei warf ſie einen zornigen Blick auf Rhymer, deſſen höhniſche Blicke und todtenähnliches Lächeln ihr nicht entgangen war.„Ich habe nicht Luſt mir Mißhandlungen gefallen zu laſſen, und wenn ich ſchon nur eine Frau bin, ſo werde ich doch immer die Ehre Altenglands gegen das ausländiſche, halb verhungerte, bettelhafte Lumpenpack vertheidi⸗ gen. Ich könnte ſie ganz auskaufen und wäre darum noch nicht viel ärmer, denn Gott ſei Dank, ich kann es mit hundert, ja mit tauſend Leuten aufnehmen, und es gibt gegenwärtig in Rom einen Lord, der bald mit dem Geſindel fertig ſein würde, wenn er wüßte, daß ich von ihnen beleidigt wor⸗ den bin. Und vielleicht wird man mich ſelber bald gnädige Frau betiteln, und dann werden gewiſſe Leute mit ihrem Naſerümpfen und Lachen nicht mehr ſo ſchnell bei der Hand ſein.“ Hierbei blickte ſie zornig auf Rhymer. Strathern wollte ſich eben 346 mit einer Verbeugung hinwegbewegen, als ihn Frau Marlaurin anredete—“ „Wollen Sie mir Ihren Namen ſagen, Herr, ich doch auch weiß, wem ich ſo verpflichtet bin?“ „Strathern, Madame; aber ich verſichere Sie, Sie ſind mir in keiner Weiſe eine Verbindlichkeit ſchuldig; ich habe für Sie blos gethan, was ich für jedes Frauenzimmer unter ähnlichen Umſtänden gethan haben würde.“ „Es iſt recht ſchön von Ihnen, Herr, daß Sie von Ihrer Güte ſo wenig Aufhebens machen; aber bedenken Sie nur, wenn mich die Polizei, Gott allein weiß, wohin, genommen hätte, und das mit allen meinen Juwelen,“ dabei blickte ſie ſelbſtge⸗ fällig auf den reichen Schmuck, der an ihr hing; was wäre das für eine ſchreckliche Geſchichte gewe⸗ ſen? Sie müſſen wahrhaftig in das Hotel Bre⸗ tragne kommen und mit mir zu Mittag ſpeiſen. Sie finden in ganz Rom kein beſſeres Eſſen, das kann ich Ihnen ſagen, denn ich ſpare keine Koſten — warum ſollte ich auch? Und Sie treffen da einen Edelmann aus den höchſten Ständen, der faſt alle Tage ſich meine Hausmannskoſt gefallen läßt.“ „Es thut mir leid, Madame, daß ich nicht die Ehre haben kann Ihnen aufzuwarten.“ „Nun, das geht einen andern Tag ſo gut an 347 wie heute, und jeden Tag können Sie doch nicht verſprochen ſein.“ „Ich bedaure, daß es mir durchaus unmöglich iſt von Ihrer Güte Gebrauch zu machen.“ Damit machte Strathern eine tiefe Verbeugung, verließ das Ende des Balkons, welcher mit dem der Frau Maclaurin zuſammenſtieß und nahm ſeinen Platz neben Louiſen Sydney ein. „Was für ein ſonderbarer Mann, und doch iſt er dabei ſo artig!“ ſagte Frau Maeclaurin zu ihrer dame de compagnie.„Wahrhaftig, ich muß ſagen, er iſt einer der feinſten Männer, die ich je geſehen, obgleich etwas ſtolzes und zurückhaltendes in ſeinem Benehmen liegt. Es kam gerade heraus, als wollte er nicht zu mir zum Eſſen kommen. Meinen Sie nicht auch?“ „Allerdings, Madame, er ſchien nicht Luſt zu haben die Bekanntſchaft mit Ihnen weiter zu trei⸗ ben;“ verſetzte die ſanfte Frau Bernard. Sie fürchtete ſich beinahe, dieſen demüthigenden Um⸗ ſtand gegen die Dame zuzugeben, welche das Ge⸗ ſtändniß verlangte. „Was mag wohl der Grund davon ſein?“ fing Frau Maclaurin wieder an.„Er muß an meinen Juwelen geſehen haben, daß blos ein Frauenzimmer von großem Vermögen im Stande iſt ſolche zu tragen, und da iſt es auffallend, daß er meine Einladung nicht mit beiden Händen ergriff. 348 Aber es iſt überhaupt etwas Wunderliches an all' den vornehmen Leuten. Man weiß nie, wie man mit ihnen daran iſt, denn ſie ſind ſo voll Launen wie ein Tanzbär. Selbſt mein Lord iſt nicht frei davon. Ah, da fällt mir etwas ein, und ich wollte wetten, daß ich Recht habe. Er fürchtete ſich zu kommen, weil er beſorgte, er möchte meinen Lord eiferſüchtig machen, denn ich erwähnte, daß man mich vielleicht bald ſelber gnädige Frau heißen würde und nachher ſagte ich, es gebe einen Lord, der faſt alle Tage bei mir ſpeiſe. Ich that das blos, um ihm zu zeigen, daß ich auch Jemand bin und das ſchreckte ihn ab zu kommen; verlaſſen Sie ſich darauf. Nun, vielleicht war es nur um ſo beſſer, denn mein Lord kann es nicht leiden, wenn ich junge Männer um mich habe und hat es mir abgeſchlagen ſolche bei mir einzuführen. Aber etwas habe ich mir feſt vorgenommen, nämlich dem Herrn da meine Schuldigkeit abzutragen. Ich will ihm einen Diamantring zum Geſchenk machen und einen Wahlſpruch darauf graviren laſſen, den ich ſelber machen werde. Ich mache ſehr oft Verſe, wenn ich ſonſt nichts zu denken habe, vergeſſe ſie aber bald wieder. Nehmen Sie Ihre Schreibtafel aus der Taſche und ſchreiben Sie, was ich Ihnen ſage.“ Frau Bernard that, was man ſie geheißen und Frau Maclaurin diktirte ihr, als ſie ein paar Minuten nachgeſonnen, folgende Zeilen:— — 349 „Weil Sie mich von der Polizei befreit, Sei dieſer Ring dem wackern Mann geweiht!“ „Was halten Sie davon?“ fragte ſie mit triumphirender Miene.„Ich wollte eine Guinee wetten, wenn ich verlangte, Sie ſollten ein Motto abfaſſen, ſo würden Sie eine halbe Stunde dazu brauchen und Ihre Sachen nicht halb ſo gut machen, wie ich. Ich aber bringe einen Vers in einer Minute heraus.“ Rhymer, der Alles mit angehört hatte, was zwiſchen Frau Maclaurin und ihrer dame de com- pagnie vorging, und den ſolches ungemein beluſtigte, machte gegen Lady Wellerby die Bemerkung, es wäre Schade, daß das Frauenzimmer auf dem nächſten Erker ihre Gedichte nicht veröffentliche. Dieſe Worte trafen das Ohr der Frau Ma⸗ claurin. Sie drehte ſich alsbald herum und ſagte: „Warum ſollte ich meine Gedichte herausgeben, das möchte ich wiſſen? Wer thut das, als arm⸗ ſelige Menſchen, die Geld brauchen? Ich mache Verſe für mein Vergnügen und bin reich genug, um alle Gedichte zu kaufen, die je in England gemacht worden ſind; das kann ich Ihnen nur ſagen.“ „Kein Menſch zweifelt an Ihrem Reichthum in jeder Art und Weiſe. Von Ihren geiſtigen Fähigkeiten haben Sie ſo eben eine unzweifelhafte Probe abgelegt.“ 350 „Ja, ich habe eine Menge Beweiſe davon bei mir;“ und ſie blickte auf ihren Schmuck.„Wer anders als eine Dame von großem Vermögen könnte ſolche Juwelen tragen, wie dieſe?“ „Es ſei ferne von mir, Madame, an Ihrem Reichthum, Ihren Talenten und Ihrem Geſchmack zu zweifeln,“ verſetzte Rhymer. Niemand, der das Glück hat Sie zu ſehen, könnte ſie in Frage ſtellen.“ „Sie führen jetzt eine ziemlich höfliche Sprache, aber laſſen Sie mich Ihnen ſagen, daß ich geſehen habe, wie Sie mich angegrinst und gelacht haben, gerade wie eins von den ſchrecklichen Geſichtern, die mir vorkamen, da mich der Alp drückte, nach⸗ dem ich zu viel zu Nacht gegeſſen hatte.“ Dieſe rohe Vergleichung brachte alle Anweſen⸗ den zum Lachen. Sie ſuchten es zwar zu unter⸗ drücken, Rhymer wurde es aber doch gewahr, er warf ſeinen soi-disant Freunden einen Blick zu, in welchem ſich Zorn und Hohn miſchten, kehrte ſich um und verließ den Balkon. „Haben Sie einmal Jemand geſehen, der ſo ausgeſehen hätte?“ fragte Frau Maelaurin die Lady Wellerby, welche gerade am Ende des Erkers ihr zunächſt ſaß. Dieſe wollte aber keine Veranlaſſung zu einem Geſpräch mit der parvenue geben und that als hörte ſie die Bemerkung nicht. „Sind Sie taub, Madame?“ fing die Wittwe — — ———— ² —— 351 wieder an.„Ich habe ſo eben etwas zu Ihnen geſagt, und ſchon die gewöhnlichſte Artigkeit ſollte Sie veranlaſſen eine Antwort zu geben.“ „Ich habe es mir zum Grundſatz gemacht, Madame, mich nie mit Leuten zu unterhalten, die ich nicht kenne,“ erwiederte Lady Wellerby und nahm eine Miene von hauteur an. „Warum haben Sie denn auf dem bal costumé mit mir geredet, das möchte ich wiſſen? Denn ich erinnere mich recht gut Ihrer Stimme, wenn ich ſchon Ihr Geſicht nicht wieder erkenne. Es nimmt ſich bei Tage viel ſchlechter aus als damals, da Sie ſich geſchminkt hatten, um ſich das Anſehen einer Königin zugeben.“ „Geben Sie ihr doch keine Antwort,“ ſagte Sophie. „Und warum nicht, Fräulein? Wenn das die Höflichkeit iſt, die Ihre Mutter Sie gelehrt hat, ſo brauchen Sie ſich nicht ſehr zu bedanken; aber ſie iſt gegen Sie eben ſo freigebig geweſen als die Natur, denn ich muß geſtehen, daß ich meiner Lebtage noch kein gewöhnlicheres Frauenzimmer ge⸗ ſehen habe.“ „Ich wollte, mein Wagen wäre da,“ ſagte Lady Wellerby;„es iſt mir wahrhaftig nicht an⸗ genehm, der Rohheit dieſer Perſon ausgeſetzt zu ſein.“ „Nicht, wirklich nicht? Ich möchte wiſſen, wer 352 ———— angefangen hat? Hätten Sie mir höflich geantwor⸗ tet, wie ich mit Ihnen geſprochen habe, ſo wäre ich ſo artig geweſen als irgend ein Frauenzimmer in Rom; aber da Sie lieber Ihren Hochmuth zei⸗ gen wollten, ſo habe ich Ihnen nur ein Bischen die Meinung geſagt. Wahrſcheinlich iſt das wider⸗ wärtig ausſehende alte Männchen, das ich eben ab⸗ gefertigt und über welches ich Sie alle lachen ge⸗ macht habe, Ihr Mann, denn ich finde eine große Familien⸗Aehnlichkeit zwiſchen ihm und Ihrer Toch⸗ ter. Wie Schade, daß Sie nicht Zwillinge von ihm bekommen haben?“ „Um's Himmels willen, Madame, ſprechen Sie nicht weiter,“ warf Frau Bernard dazwiſchen und blickte Frau Maelaurin bittend an. „Und warum denn nicht? Soll ich das Maul halten und da ſitzen wie ein Narr, weil ich mit einem häßlichen, groben, alten Weib zuſammen⸗ treffe und mit ihrer eben ſo häßlichen und groben Tochter? Ich habe Sie nicht gedungen mir Unter⸗ richt im Benehmen zu geben, ſondern damit Sie thun, was ich Sie heiße, alſo bekümmern Sie ſich nur um das, was Sie angeht und miſchen Sie ſich nicht in meine Sachen!“ „Herr Strathern, wollten Sie einem der Be⸗ dienten ſagen, er ſolle nach meinem Wagen ſehen? Ich kann wahrhaftig nicht mehr da bleiben.“ „Wollen Sie uns nicht eine Locke von Ihrem 353 Haar dalaſſen— nein, eine Locke von Ihrer Perrücke?“ ſagte Frau Maclaurin und brach in ein rohes Gelächter aus. „Laß mich doch den Platz mit Dir wechſeln, Olivia. Ich kann nicht mehr neben dieſer Perſon ſitzen.“ Lady Olivia that nun, um was man ſie ge⸗ beten, warf aber thörichterweiſe einen verächtlichen Blick auf ihrer Mutter Quälgeiſt. „Sie brauchen nicht ſo geringſchätzig drein zu gucken, Fräulein, denn Sie ſind wahrhaftig häßlich genug,“ meinte Frau Maclaurin.„Sie haben auch die Familien⸗Aehnlichkeit mit Ihrem Vater mit dem runzeligen Geſicht; es iſt aber auch etwas von dem gewöhnlichen Ausſehen Ihrer Mutter da⸗ mit verbunden. Ihr ſeid wahrhaftig alle ſo garſtig, als ich nur je eine Familie geſehen habe. Strathern trat jetzt wieder auf den Erker und theilte der Lady Wellerby mit, daß es keinem Wagen geſtattet werde ſich der Thüre zu nähern, bis die promenade im Corſo vorüber wäre, und das würde vor Ablauf von zwei Stunden nicht der Fall ſein. „Wenn Sie indeſſen,“ fuhr Strathern franzö⸗ ſiſch und leiſe fort,„nicht auf das Frauenzimmer auf dem nächſten Balkon achten und Fräulein Oli⸗ via und Sophie verhindern wollen auf ſie zu ſehen Strathern 11. 23 354 oder ihr eine Antwort zu geben, ſo wird ſie gewiß aufhören mit Ihnen zu reden.“ „Oh, meine liebe Frau Sydney,“ rief Lady Wellerby,„was iſt das für eine fürchterliche Per⸗ ſon! Sie hat mich wahrhaftig ganz außer mir ge⸗ bracht. Was für ein Glück, daß Lord Wellerby oder Lord Fitzwarren nicht hier ſind. Niemand kann wiſſen, wie weit ſie die Sachen getrieben ha⸗ ben würden, denn beide ſind heftig, beſonders wenn man den Gefühlen derer zu nahe tritt die ihnen theuer ſind. Ich bin ſo ſehr an den Schutz mei⸗ nes Mannes gewohnt, daß mich jede Kleinigkeit erſchreckt wenn er nicht da iſt. Sie aber haben vier und zwanzig Jahre Niemand gehabt, der Sie beſchirmt hätte, Sie machen ſich natürlich nichts mehr daraus, daß Sie für ſich ſelbſt handeln und ſich durch's Leben ſchlagen müſſen und können ſich keinen Begriff davon machen wie ängſtlich und wie leicht ich angegriffen bin.“ Bei dieſer Aeußerung hatte ſie eine doppelte Abſicht und Frau Sydney wußte das wohl. Zu⸗ erſt ſollte es für ausgemacht gelten, daß Louiſe Syd⸗ ney fünf oder ſechs Jahre mehr zähle als wirklich der Fall war, damit die eigenen Töchter der Lady Wellerby ſich das Anſehen geben könnten, als ſtänden ſie im ſelben Aler. Zweitens ſollte Frau Sydney an den Verluſt ibres Gatten erinnert werden; Lady Wellerby fan nämlich ein boshaftes Vergnügen daran und 355 wollte ſich auf dieſe Art für den Neid rächen, den der Frau Sydney Reichthum und Unabhängigkeit in ihr erregte. Oft hatte ſich Lady Wellerby ge⸗ ſtanden, daß ſie herzlich gerne mit derjenigen tau⸗ ſchen würde, deren ſchutzloſe Lage ihr, wie ſie ſich anſtellte, Mitleid einflößte, und deren Tochter durch ihre Schönheit und ihr Vermögen ſo oft ihre und ihrer Kinder Eiferſucht erregte. Aber dieſe coups de palte machten auf Frau Sydney nur den Ein⸗ druck, daß ſie Mitleid mit dem ſchwachen und ge⸗ ringen Verſtand einer Frau fühlte, die Freude da⸗ ran finden konnte ſolche zu verſetzen. Nie jedoch ließ ſie ſich herab ſie zu beachten oder zu wider⸗ legen. „Wir bekommen ſolche erfreuliche Nachrichten von Lord Fitzwarren,“ ſagte Lady Wellerby,„daß ich froh bin meinen Plan durchgeführt zu haben. Nach dieſem nämlich ſollte er die Zeit die verſtrei⸗ chen muß, ehe die Heirathsverträge von England einlaufen können, durch einen Ausflug in diejenigen Gegenden Italiens ausfüllen, welche er zuvor nicht geſehen hat. Ich habe, wie Sie ſich denken kön⸗ nen, die größte Mühe gehabt ihn zum Fortgehen zu bewegen, denn der arme Junge konnte den Ge⸗ danken nicht ertragen, ein paar Wochen von Oli⸗ vien getrennt zu leben. Ich beſtand jedoch darauf und verlangte die Ausführung des Planes, denn nichts kommt mir ſo langweilig vor als die Zeit, 23* 356 welche zwiſchen der Hochzeit und dem Tage ver⸗ geht, da man einem Liebhaber das Jawort gege⸗ ben hat.“ Lady Wellerby ſah dabei Louiſe Sydney und Strathern an als wollte ſie ihre Anſicht auf den beſondern Fall dieſer beiden anwenden. „Ich hätte gedacht,“ erwiederte Frau Sydney ruhig,„es würde ihnen angenehm ſein eine Gele⸗ genheit zu haben, bei der Sie mit der Gemüths⸗ art und den Gewohnheiten Ihres künftigen Toch⸗ termanns beſſer bekannt werden könnten.“ „Oh nein! Ich brauche in dieſer Beziehung nichts mehr zu erfahren. Ich komme ſchnell in's Klare über den Charakter und die Neigungen derer, mit welchen ich umgehe, und Lord Fitzwarren's Herz iſt ſo arglos und ſein Geiſt ſo durchſichtig, daß man nur kurze Zeit braucht um mit ihm völlig vertraut zu werden. Dann iſt der arme liebe Junge ſo ſchrecklich verliebt, daß er keine ſeiner Eigenheiten zu verbergen im Stande iſt. Seit der Zeit da Lord Wellerby in ein zärtliches Verhält⸗ niß mit mir eintrat, habe ich keinen Mann geſehen der ſo verliebt wäre wie Lord Fitzwarren. Er that wie verzweifelt, verſichere ich Sie, und es gab einen Anftritt bei ſeinem Abſchied von Olivien, daß ich wirklich Mitleid mit ihm hatte und mich beinahe verſucht fühlte mein Verbannungsurtheil zurückzunehmen, auf wie kurze Zeit es auch lautete.“ — S— 357 Lady Sophie hörte dem Geſpräch ihrer Mutter zu und wandte die Angen den Wolken zu als wollte ſie die Götter zu Zeugen für die Beleidigung der Wahrheit aufrufen, welche ihre gute Mutter ſich zu Schulden kommen ließ. Lady Olivia machte eine verlegene Miene. „Wenn ein Mann zum erſtenmale verliebt iſt,“ fing Lady Wellerby wieder an,„und ich denke Sie wiſſen daß dieß bei Lord Fitzwarren der Fall ſei, ſo iſt es ganz natürlich, daß er einige Luſt verſpürt ſich lächerlich zu machen und daß er den Gegen⸗ ſtand ſeiner Neigung verwöhnt oder zu verwöhnen ſucht. Davor fürchtete ich mich und darum habe ich ihn weggeſchickt. Auch möchte ich unter ähnli⸗ chen Umſtänden allen Müttern rathen, meinem Bei⸗ ſpiel zu folgen, denn es iſt langweilig, wo nicht ungerecht, wenn man zuſieht, wie ein Mann Mo⸗ nate lang an eines Mädchens Schürze gebunden iſt und ihr überall hinfolgt, wie ein zahmes Schooß⸗ hündchen.“ Hier heftete die Sprecherin abermals die Augen auf Louiſe Sydney und Strathern. Dieſe aber unterhielten ſich mit einander ohne auf die nei⸗ diſchen Blicke Sophien's und Olivien's Wellerby und ihrer Mutter zu achten. Während das hier mitgetheilte Geſpräch auf dem Erker der Frau Sydney gehalten wurde, blickte Frau Maclaurin, die es ſchrecklich langweilte die röle der Sultanin zu ſpielen, alle Augenblicke auf 358 ihre mit Diamanten beſetzte Uhr und wünſchte ſehn⸗ lichſt, ihr Wagen möchte kommen und ſie von einem Orte wegbringen der ihr völlig verleidet worden war. „Und das heißen ſie Vergnügen?“ ſagte ſie zu ihrer erſchöpft und troſtlos ausſehenden Geſellſchaf⸗ terin. Hat man je vie Leute ſo zum Beſten ge⸗ habt? Wenn ich daran denke, daß ich für den Tag zehn Louisd'or Miethe für den Erker bezahlt habe und jetzt ſind mir Geſicht, Hals und Arme zerſchlagen und zerbläut worden durch die Würfe die ich ausgehalten habe. In meinen Armen be⸗ ſonders ſpüre ich eine ſolche Müdigkeit von dem Werfen, daß ich ſie kaum rühren kann. Wie wird mein Lord toben wenn er hört wie ich behandelt worden bin. Er wird gar nicht glauben, daß die Polizei die Unverſchämtheit haben und es wagen kann Hand an ein Frauenzimmer von meinem Ver⸗ mögen zu legen. Wenn man wüßte was wahr iſt, ſo wollte ich wetten daß es verkleidete Räuber wa⸗ ren, die, als ſie meine ſchönen Juwelen ſahen, den Plan machten mich zu entführen und zu behalten bis ich ihnen ein tüchtiges Löſegeld gezahlt hätte. Das geſchah auch einmal einer reichen Dame, wie mir in England Jemand vorgeleſen hat. Ja, ich bin überzeugt, daß es Räuber geweſen ſind.“ Nunmehr war es den Wägen geſtattet bis an die Hausthüre zu fahren, Frau Maclaurin ſchleu⸗ 359 derte noch einen Blick der äußerſten Verachtung auf Lady Wellerby, warf Strathern eine Kußhand zu, ſtieg in ihre Kutſche und fahr davon. Neun und zwanzigſtes Kapitel. „Ganz ſanft und eben war noch nie der Liebe Gang, Das lehrt das Leben uns, der Dichter Hochgeſang. Denn wenn das Schickſal uns noch ſo freundlich acht Und wir der Hoffnung Ziel erreicht zu haben meinen, Und jeden Gluͤckes Sterne freundlich uns beſcheinen, So finden Sorgen an die wir ſonſt nie gedacht, Den ſichern Eingang in ein friedliches Gebiet, Wo ſonſt Vertrauen nur und Seligkeit geblüht. Und jeder ſchöne Traum zerſtiebt davor und flieht. Ach, daß die zärtlichſten der Herzen Argwohn faſſen, Dem Gaſt, der blos zu täuſchen den Zutritt aſſen, Ach, daß die Liebe nicht des Glaubens Schild bewacht, Der ſchon für ſich allein die Menſchen ſelig macht!“ „Ich kann dieſen Abend nicht zu Dir kommen, theuerſte Louiſe,“ ſagte Strathern zu ſeiner Ver⸗ lobten, nachdem er das erſtemal, ſeitdem er ſich mit ihrer Tochter verſprochen, eine Einladung der 1 1. ½ 11 1 3 11 360 Frau Sydney zum Mittageſſen abgelehnt hatte, und während er eben daran war ſich zu entfernen. „Nicht hier eſſen und auch den Abend nicht kommen!“ wiederholte Louiſe mit einer Miene in welcher ſich getäuſchte Erwartung, wenn nicht Miß⸗ muth mit Ueberraſchung miſchte. „Es muß ſo ſein, ich bedaure es ſagen zu müſſen, aber ich habe verſprochen, den Abend bei einem alten und geſchätzten Freund von ſehr zarter Geſundheit zu verbringen, der en route nach Nea⸗ pel und letzte Nacht hier angekommen iſt.“ „Wer iſt denn Dein Freund?“ fragte Fräulein Sydney. „Lord Delmington.“ „Der Sohn des Marquis von Roehampton vermuthlich,“ verſetzte Frau Sydney.„Ich habe vor vielen Jahren ſeine Eltern recht gut gekannt und Lady Roehampton war eine ſehr ausgezeichnete und liebenswürdige Frau.“ „Ihr Sohn hat alle ihre Liebenswürdigkeit ge⸗ erbt, aber auch ihre ſchwächliche Körperbeſchaffen⸗ heit, und ich fürchte ſein Geſundheitszuſtand läßt keine Hoffnung mehr übrig.“ „Die Marquiſe iſt, ſo viel ich weiß, ſchon meh⸗ rere Jahre geſtorben, und das muß für ihren Sohn ein harter Schlag geweſen ſein, denn der Marquis von Roehampton war ein harter, gefühlloſer Mann. Das einzige Zarte in ſeinem Weſen zeigte ſich in 361 ſeiner großen Liebe zu ſeiner trefflichen und lieben Gattin.“ „Ja,“ erwiderte Strathern,„mein armer Freund hat einen ſchweren Verluſt erlitten durch den Tod ſeiner Mutter. Dieſe übte über ihren ſtolzen und rauhen Gemahl einen mildernden Einfluß aus; ſeitdem ſie aber von ſeiner Seite geriſſen worden, iſt er wieder in ein ſchroffes, unfreundliches und düſteres Weſen verfallen, welches die väterliche Wohnung für ſeinen einzigen Sohn zu einem kei⸗ neswegs angenehmen Aufenthalt macht.“ „Es wäre mir lieb wenn ich Lord Delmington ſehen könnte,“ ſagte Frau Sydney.„Ich wollte ihm alle Aufmerkſamkeit, alles Liebe und Gute er⸗ weiſen was in meiner Macht ſteht, nicht blos wegen meiner früheren Freundſchaft mit ſeiner Mutter, ſondern auch weil Sie ſein Freund ſind.“ „Leider iſt er gegenwärtig nicht im Stande ſich das zu Nutze zu machen was ihm Ihre wohlwol⸗ lende Abſicht zugedacht hat, denn er iſt ſo ſchwach daß er nicht einmal allein gehen kann.“ „Aber Du brauchteſt doch nicht den ganzen Abend bei Deinem Freunde zu bleiben,“ ſagte Louiſe Sydney.„Der Kranke wird wahrſcheinlich gerne früh zu Bett gehen wollen, und dann kannſt Du ja zu uns kommen.“ „Ich muß mich hierin nach dem Wunſche meines armen Freundes richten, liebe Louiſe; er würde es 362 übel nehmen wenn ich nach ſo langer Trennung eilen wollte, wieder von ihm fort zu kommen.“ Fräulein Sydney wurde verdrießlich und ſah auch ſo aus. Strathern gewahrte es mit Miß⸗ vergnügen. Weit entfernt ſich angenehm berührt zu fühlen durch etwas, was er ein paar Wochen früher als einen unumſtößlichen Beweis von der Neigung ſeiner Braut betrachtet hätte, ſah er in ihrem Widerwillen dagegen daß er für den Abend wegbleiben wollte, ein Zeichen von dem Eigenwillen welchen er bei einer früheren Gelegenheit an ihr entdeckt hatte. Vielleicht verrieth ſeine Miene was in ſeinem Innern vorging, vielleicht that ſein Be⸗ nehmen, ohne daß er es wußte, ſolches der ſcharf⸗ ſichtigen Louiſe kund, denn alsbald ging in dem ihrigen eine Veränderung vor, ſie nahm ein gleich⸗ gültiges Betragen an, das mit ihren Empfindungen keineswegs im Einklang ſtand, ſie ließ ihn, als er wegging, ruhig ſeinen Hut nehmen und nahm ſich kaum die Mühe ihm die Hand zu reichen. Ehe er noch Zeit hatte die Treppe hinunter zu gehen, hörte er wie ſie auf ihrem Klavier ein luſtiges Liedchen ſpielte. Zum erſtenmal mißfiel ihm ihre Muſik. War es Verſtellung daß ſie jetzt ſo gleich⸗ gültig that, während ſie ein paar Minuten zuvor ſo eifrig den Wunſch zu erkennen gegeben hatte er möchte zurückkommen und ſie den Abend beſuchen? Wenn er auf die Piazza d'Eſpagna herunterkam, 363 ging er gewöhnlich auf die ihrem Hauſe gegenüber⸗ liegende Seite und drehte ſich um, zu ſehen, ob Louiſe am Fenſter ſei und ihm eine Kußhand zu⸗ werfe. Denn dieſes Zeichen der Liebe gab ſie ihm jeden Tag wenn er ſie verließ; auch dann, wenn er blos wegging um ſich zum Eſſen anzukleiden und in einer oder zwei Stunden wieder kam. Er hatte ſich ſo daran gewöhnt ſie am Fenſter ſtehen und ihm nachblicken zu ſehen, bis ihr ſeine Geſtalt aus dem Geſichte ſchwand, daß er jetzt wieder und wie⸗ der ſtehen blieb und zurückſchaute, in der Hoffnung, ſie würde ſich zeigen; aber ſein ängſtlicher Blick ſtieß nicht auf die ſchöne Geſtalt, keine zarte Hand winkte ihm ein Lebewohl, und verletzt und gekränkt rief er ſich mit Betrübniß Alles in's Gedächtniß zurück was ihm früher an ſeiner Verlobten miß⸗ fallen, er gedachte an die unerklärbare Kälte und an ihr verändertes Betragen nach dem bal coslumé. „Sie liebt mich nicht,“ dachte Strathern,„oder wenn es der Fall iſt, ſo iſt ihr Eigenwille ſtärker als ihre Neigung. Wenn es ihr leid thäte, daß ich ſie einen ganzen Abend allein laſſe, hätte ſie mich dann ſcheiden laſſen können ohne ein freund⸗ liches Wort oder einen freundlichen Blick, hätte ſie ſich dann an's Klavier ſetzen können um das mun⸗ tere, lärmende Liedchen zu ſpielen— es wird mir ſtets zuwider ſein— welches mir ſo unangenehm in die Ohren klang während ich die Stiege hin⸗ 364 unterging? Ach, warum iſt ſie nicht ſo fehlerfrei im Gemüth wie an Geſicht und Geſtalt?“ Frau Soydney bemerkte daß ihre Tochter nicht gut aufgelegt war, denn ſobald Strathern Zeit ge⸗ habt hatte das Haus zu verlaſſen, hörte Louiſe auf zu ſpielen und machte auf einmal ihr Klavier zu. Dann nahm ſie ihr Bleiſtift und fing an zu zeich⸗ nen, aber dieſe Beſchäftigung wurde gleich wieder aufgegeben um einem Buche Platz zu machen. Sie wandte jedoch die Blätter ſo gleichgültig und mit ſo zerſtreuter Miene herum, daß man wohl ſah wie wenig ſie ſich um den Inhalt derſelben bekümmerte. Auch das Buch ward bald weggelegt, Louiſe ſtand mit umwölkter Stirne auf und verließ den Salon. Frau Sydney war ſchon mehr als halb entſchloſſen ihre Tochter zurückzuhalten, in ein Geſpräch zu ver⸗ flechten und dabei einen Rath einfließen zu laſſen, welchen ſie ſich eifrig ſehnte, Louiſen zu ertheilen. Offen bar bedurfte ihr Kind deſſelben ſehr, denn die liebende Mutter gewahrte mit Kummer, daß ihrer Tochter exigeance und launiſches Weſen, wo⸗ her ſolches nun auch rühren mochte, einen bedeu⸗ tenden Einfluß auf das Glück ihres Bräutigams, wenn nicht auf ihr eigenes haben könnte. Bei näherer Ueberlegung fürchtete ſie aber den Gegen⸗ ſtand zu berühren, über welchen ſie Louiſen ihre Anſicht zu ſagen wünſchte, ſo lange das Gemüth der letzteren noch ſo erregt wäre und verſchob es 365 ihre Abſicht auszuführen, bis ihre Tochter in einer günſtigeren Stimmung ſein würde, um den Rath anzuhören.„Meine arme Louiſe,“ dachte Frau Sydney,„wie viel hat ſie noch zu lernen, ehe ſie das Glück genießen oder gewähren kann, deſſen ſie nach meinem Wunſche ſich erfreuen ſoll. Sie erwartet eine Fügſamkeit gegen ihren Willen und eine Auf⸗ merkſamkeit auf ihre Wünſche, die wenige oder gar kein Mann, wenn er auch verliebt iſt, zu zeigen geneigt ſein dürfte. Wie bitter wird die Ent⸗ tänſchung ſein wenn ſie dieſe Thatſache entdeckt. Ach, wenn ich ihr nur die Ausſicht auf eheliches Glück nicht zerſtöre! Ich fürchte ich habe viel Ta⸗ del verdient wegen meiner unklugen und ſchwachen Nachſicht gegen ſie. Zu ſpät gewahre ich meinen Irrthum und gerne, wie gerne wollte ich für ihn büßen. Ich habe geſehen daß Strathern über ihr Benehmen verletzt und verdrießlich wurde, da er er⸗ klärte, warum er dieſen Abend nicht wiederkommen könnte. Er verließ ſie mißvergnügt und denkt vielleicht in dieſem Augenblick mit Kummer an die Gleichgültigkeit die ſie erkünſtelte, da er von ihr Abſchied nahm. Meine arme, liebe Louiſe, mein iſt der Fehler. Du haſt eine Gemüthsart und Denkungsweiſe, die in verſtändigeren, feſteren Hän⸗ den dich ſelbſt glücklich und zu einer Quelle des Glücks für Andere gemacht hätte, ja hätte machen müſſen. Ach, warum habe ich durch meine ſchwache, 366 thörichte Zärtlichkeit Unkraut aufkeimen laſſen, wo nur Blumen hätten blühen ſollen? Selbſt jetzt noch, da ich mir doch meines großen Fehlers be⸗ wußt bin, habe ich nicht den Muth und nicht die Kraft, die kläglichen Folgen davon zu bekämpfen. Ich bebe feige vor der Aufgabe zurück, ich fürchte mich ihr zu offenbaren daß ſie Gefahr lauft ihrer Ruhe zu ſchaden, ja, ſie zu zerſtören, wenn ſie eine größere Ergebenheit erwartet und verlangt, als der herriſche Mann ſelbſt derjenigen zu zeigen Luſt hat, welche er am meiſten liebt. Ich bin ihrer kindli⸗ chen Ehrfurcht vor meinen Rathſchlägen durch die Schwäche verluſtig gegangen mit der ich von Kind⸗ heit auf ihren Wünſchen nachgegeben habe und kann jetzt nur noch auf das Band rechnen das mir an ihrer Neigung noch übrig iſt.“ „Solche ernſthafte und ſchmerzliche Gedanken gingen der Frau Sydney in der Einſamkeit durch den Kopf in welcher ihre Tochter ſie zwei Stun⸗ den lang ließ. Sie trafen ſich erſt bei Tiſche wie⸗ der. Da entdeckte die beſorgte Mutter Spuren von Thränen in den Augen ihres Kindes und gewahrte, daß ihre Wangen blaß waren von innerer Erre⸗ gung. Beim Eſſen ging es faſt ganz ſtill zu. Weder Mutter noch Tochter hatten Luſt die Ge⸗ richte zu verſuchen welche vor ihnen ſtanden, und obſchon jede bemüht war die andere zu täuſchen und ſich zu ſtellen als ob ſie äße, ſo wurde doch 367 keine von ihnen dadurch irre und beide fühlten, daß ſie unter dem Einfluß eines drückenden Zwangs ſtanden. Es gibt wenig verdrießlichere Lagen als die, in welcher ſich zwei zärtlich aneinander hängende Perſonen befinden, wenn Beiver Gedanken von einem Gegenſtand in Anſpruch genommen werden, den aus dieſem oder jenem Grunde keines von ihnen gerne berührt. Mutter und Tochter fühlten dies und jede machte ſich ſelber Vorwürfe, die er⸗ ſtere, weil ihr durch ihre übel angebrachte Nachſicht der Einfluß verloren gegangen war den ſie üver ihre Tochter hätte ausüben ſollen, und die letztere, weil ſie ſich ſelber geſtand, daß ſie durch falſchen Stolz abgehalten wurde bei ihrer Mutter Troſt und Mitgefühl zu ſuchen. Da ſie durchaus einem téte-à-léle zu entgehen wünſchte welches unter den dermaligen Umſtänden ſo wenig Erheiterung ver⸗ ſprach, ſo ſchlug Louiſe Sydney vor in's Coliſeum zu fahren, da die Nacht beſonders ſchön war. „Da wir Rom bald verlaſſen, ſo iſt das viel⸗ leicht der letzte Abend, liebe Mutter, an dem wir dieſen Ort beſuchen können, und er hat, wie ich geſtehe, vom Mondſchein beleuchtet, einen beſondern Reiz für mich,“ ſagte das liebliche Mädchen. Frau Sydney gab ſogleich ihre Zuſtimmung, knüpfte die⸗ ſelbe aber an die Bedingung, daß ihre Tochter einen warmen Pelz und Shawl anzöge. Bei ihrer 368 Ankunft im Coliſeum machte Louiſe den Vorſchlag auszuſteigen und in Begleitung ihres Dieners noch einmal durch die weite Arena zu gehen. Frau Syd⸗ ney erhob zwar Einwendungen dagegen, ihre Toch⸗ ter beſeitigte ſie aber bald und Arm in Arm tra⸗ ten ſie in dieſes großartige Ueberbleibſel römiſcher Größe. „Wir wollen hinter jenen Pfeiler treten,“ ſagte Louiſe;„und in dem tiefen Schatten deſſelben die herrliche Wirkung der Mondſtrahlen beobachten wie ſie durch die Schwibbögen auf der entgegengeſetzten Seite eindringen.“ „Wir erkälten uns, Liebe,“ verſetzte Frau Syd⸗ ney,„und wenn ich die Wahrheit geſtehen ſoll, ich fürchte mich auch etwas an einem ſo einſamen Ort und mit blos einem Begleiter.“ „Laß mir dießmal meinen Willen, liebe Mutter. Wir haben hier gewiß nichts zu befahren. Jener Prieſter iſt innerhalb der Hörweite und Räuber ha⸗ ben den Ort nie beſucht ſeit er religiöſen Zwecken geweiht worden iſt.“ Unter dieſem Geſpräch führte Louiſe ihre Mut⸗ ter in den dunkleren Theil des Gebäudes. Da bot ſich ihren Blicken, wie ſie vorausgeſagt, ein herr⸗ licher Anblick. Der Bau wurde von den Mond⸗ ſtrahlen erhellt und ſie betrachteten ihn in ſchwei⸗ gender Bewunderung und mit Entzücken, als das Geräuſch herankommender Fußtritte anzeigte, daß 369 andere Beſucher ſich ganz nahe bei ihnen befanden. Eine männliche Geſtalt, auf deſſen Arm ſich eine Dame ſtützte, ging langſam vor dem Verſteck vor⸗ über in welchem Frau Sydney und ihre Tochter, verdeckt von dem tiefen Schatten ſtanden, der ſie umgab. Das Licht fiel auf die Züge des Frauen⸗ zimmers die zu ihrem Begleiter hinaufſah, und die⸗ ſer bückte ſich mit ſehr aufmerkſamer Miene herun⸗ ter um ihren Worten zu lauſchen. Die Schönheit des Geſichtes der Dame war ſo groß in der Be⸗ leuchtung des Silberlichtes, welches ſie mit einer Art von himmliſchem Glanze umgab, daß die Blicke von Mutter und Tochter darauf hafteten und keine von ihnen auf den Herrn ſah, welcher den Gegen⸗ ſtand ihrer Bewunderung begleitete. Jetzt kam die Perſon, welche ihre Aufmerkſamkeit feſthielt, ſo nahe zu ihnen heran, daß man es hören konnte wie ſie mit gedämpfter, aber heller und wohlklin⸗ gender Stimme ſagte:„Kann ich wirklich auf Sie rechnen?“ „Zweifeln Sie nicht daran. Habe ich Ihnen nicht ein feierliches Verſprechen gegeben?“ erwie⸗ derte der Mann, und die wohlbekannte Sprache machte Mutter und Tochter beben. Der Redende erhob dabei den Kopf als wollte er ſich auf das glänzende Licht berufen das eben langſam durch das dunkelblaue Himmelsgewölbe hinzog, und das Geſicht Strathern's kam zum Vorſchein. Strathern U. 24 370 Louiſen war es zu Muthe als wenn ihr ein Pfeil durch's Herz geſchoſſen worden wäre, und ſie zitterte ſo heftig, daß ihre Mutter beide Arme um ihre ſchlanke Hüfte ſchlang, um ſie am Fallen zu verhindern. Sie ſtieß jedoch keinen Schrei aus, obgleich bei der inneren Marter ein ſolcher ſich aus der gequälten Bruſt auf die Lippen drängte. Selbſt in dieſem Augenblick der furchtbaren Prüfung ver⸗ ſchloß der Stolz, der unbezähmbare Stolz ihr die bebenden Lippen und drängte den Schrei in den Buſen zurück, welcher ihre Seelenpein verrathen wollte. Strathern und die Lady ſchritten langſam hinweg und Frau Sydney, welche die Aufregung beinahe ſelber überwältigte, trug ihre Tochter zu einer ſteinernen, in der Nähe befindlichen Bank. Louiſe legte beide Hände auf's Herz als wollte ſie das Klopfen deſſelben hemmen; denn dieſes war ſo ſtark daß es ihr die Sprache raubte und die zärt⸗ liche Mutter in die größte Angſt verſetzte. „Wir wollen nach Hauſe gehen, mein Kind,“ ſagte Frau Sydney und es lag eine ſo innige Zärt⸗ lichteit und ſo viel Mitleid in dem Tone, mit wel⸗ chem dieſe ſchlichten, wenigen Worte ausgeſprochen wurden, daß ſie den Weg fanden zu der Tochter Bruſt und ihrem übervollen Herzen durch eine Fluth von Thränen Erleichterung verſchafften mit denen ſich die ihrer Mutter vermiſchten. „Wir wollen von da weg, meine Louiſe,“ wie⸗ 371 derholte Frau Sydney; ihre Tochter erhob ſich langſam, ſtützte ſich auf ihren Arm und ging mit ſchwankendem Schritte dem Wagen zu. „Du haſt ihn geſehen, Mutter, nicht wahr?“ fragte Louiſe mit leiſer zitternder Stimme, als wünſchte ſie ihre Mutter möchte noch einen Zwei⸗ fel gegen das erheben was ſie mit eigenen Augen geſchaut. „Ja, Liebe, ich habe ihn geſehen, aber wir dürfen nicht zu ſchnell und nach dem Schein urthei⸗ len— wir dürfen ihn nicht ungehört verdammen. Vielleicht iſt er im Stande aufzuklären, was uns jetzt ſo geheimnißvoll erſcheint und ich bedaure bei⸗ nahe, daß ich ihm nicht kund gethan habe wie nahe wir ihm waren.“ „Ach Mutter, Du ſagſt das bloß um mich zu tröſten, es iſt aber umſonſt, es iſt ganz vergeblich. Ich habe nur mir ſelber Vorwürfe zu machen, denn hätte ich Dir Alles geſtanden was in meiner Seele ſeit der Nacht des bal costumé vorgegangen iſt, ſo würdeſt du mir Rath und Beiſtand ertheilt haben, und der Schlag wäre mir erſpart worden der ſo eben mein Herz zerriſſen und meine Nerven er⸗ ſchüttert hat. „Meine Louiſe, mein theures Kind,“ murmelte Frau Sydney, während ſie ihre Tochter zärtlich an ſich drückte. „Ja, Dein, ganz Dein bin ich jetzt!“ flüſterte 24 X 372 Louiſe;„bei Dir, Mutter, und bei Dir allein wird Dein Kind fernerhin Glück ſu—“ Hier unter⸗ brach das Hervorſtürzen heißer Thränen den Satz. „Verdamme ihn nicht ungehört, Louiſe; das iſt Alles was ich begehre.“ „Ach, Mutter, ich zweifle nicht mehr. Was ich geſehen habe, iſt blos eine Beſtätigung von Nachrichten denen ich— liebende und ſchwache Thö⸗ rin!— den Glauben verſagte; aber jetzt iſt mir Alles klar.“ Wie ſonderbar und wunderlich iſt das menſch⸗ liche Herz! Loniſe Sydney erwartete, ihre Mutter würde Strathern nachdrücklicher in Schutz nehmen und für das romantiſche téte-à-löle deſſen Zeugen ſie eben geweſen waren, alle möglichen Entſchuldi⸗ gungen geltend machen die es in ihrem eigenen liebenden Herzen vertheidigten. Ja, noch mehr, ſie erwartete und hoffte vielleicht, Frau Sydney würde behaupten und bei dem Glauben verharren, daß die Dame welche ſie mit Strathern geſehen, eine nahe Verwandte oder die Frau eines ſeiner ver⸗ tranten Freunde ſei. Sie würde Millionen hinge⸗ geben haben wenn ſie dieſelben beſeſſen hätte, um davon überführt zu werden, aber ſie bereitete ſich darauf vor die Gründe ihrer Mutter zu bekämpfen. Und jetzt, da kein Verſuch gemacht wurde, dem téte- à-téte Spaziergang dem ſie unabſichtlich bei⸗ gewohnt, eine günſtige Erklärung zu geben, da Frau Sydney ſich darauf beſchränkte zu verlangen, Louiſe möchte ihren Geliebten nicht ungehört ver⸗ dammen, führte ihr eigenes Herz eine beredtere Sprache für dieſen und vertheidigte ihn beſſer als alle Beweiſe ihrer Mutter es vermocht haben wür⸗ den, wenn ſie Luſt gehabt hätte von ſolchen Ge⸗ brauch zu machen. Eine Frau, und wäre ſie auch noch ſo geübt geweſen im Herzen Anderer zu leſen und die mannigfaltigen Schwächen und Geheimniſſe deſſelben zu beurtheilen, hätte in dem gegenwärti⸗ gen, verfänglichen Fall ihrer Tochter gegenüber keinen verſtändigeren Weg einſchlagen können, als ihn Frau Sydney ohne Vorſatz verfolgte. Sie hielt dafür, Strathern's Benehmen wäre, gelinde geſagt, unerklärlich und vermied es ſich ſeiner an⸗ zunehmen bis er ihr die Mittel dazu lieferte. Gerne würde ſie ſich auf eine Beſchönigung deſſel⸗ ben eingelaſſen haben, wenn ſich ihrem offenen und ehrenhaften Gemüthe eine ſolche dargeboten hätte, aber wenn ſie an die Hartnäckigkeit dachte, mit welcher ſich Strathern geſträubt auf Louiſens Bitte einzugehen, von ſeinem Freunde aus wieder zu ihr zu kommen und den ſpäteren Theil des Abends bei ihnen zu verbringen, ſo mußte ſie, wie geneigt ſie auch war eine günſtige Meinung von ihm zu he⸗ gen, zugeſtehen, daß ſein Beſuch im Coliſeum, tẽte-à- téte mit der ſchönen Unbekannten, in Ver⸗ bindung noch mit dem Zeugniß der wenigen Worte 6 13 374 die ſie ihn ausſprechen gehört, ſelbſt dem kälteſten und unbefangenſten Beobachter Grund zum Ver⸗ dacht geben mußte. Als ſie heimkamen und das Licht des Geſellſchaftszimmers der beſorgten Mutter den Wechſel enthüllte, der in ihrer Tochter Aus⸗ ſehen ſeit der kurzen Zeit vorgegangen war, da ſie das Zimmer verlaſſen hatte, während die Roſen der Geſundheit noch auf ihren Wangen blühten, wie ergriffen wurde da Frau Sydney, wie rege die Beſorgniß der Mutter um das geliebte Kind. Ihre Angſt, ihre Zärtlichkeit und vor Allem das Mitgefühl, das ſie für Louiſens Empfindungen zeigte, rührte das junge Fräulein tief und wirkte ſo auf ſie, daß ſie der Mutter, während ſie mit zärtlich verſchlungenen Händen auf dem Sopha faßen, die geheimnißvollen Worte mittheilte, welche ihr der Zauberer auf dem bpal masqué zugeflüſtert hatte. Sie enthüllte ihr, welche Zweifel und Be⸗ fürchtungen dadurch in ihr wach geworden wären, und ließ nichts verborgen, als die ſchwankenden Aeußerungen der Amme Murray, welche ein Ge⸗ fühl von Schaam über die Schwäche ſie auszuſpre⸗ chen verhinderte, mit der ſie dieſer vertraut, was ſie ihrer Mutter verhehlt hatte. Jetzt hielt kein falſcher Stolz Louiſen mehr zurück, zu geſtehen, welch tiefen Kummer die Entdeckung von der Un⸗ treue ihres Geliebten jene Nacht in ihrem Gemüthe erregt hatte. Sie weinte am Buſen der liebenden 375 — Mutter die bitteren Thränen, welche immer fließen, wenn wir in denen Unwürdige erkennen, welchen wir die Neigung zugewendet, die uns den Lebens⸗ weg erheitern und beglücken ſollten. Das Gewicht des Grams über die fehlgeſchlagenen Hoffnungen, welcher ihr gequältes Herz belaſtete, wurde leichter durch den heilenden Balſam des Mitgefühls, mit dem ihre zärtliche Mutter an ihren Leiden Antheil nahm. „Wer, thenerſte Mutter, hätte ihn einer ſol⸗ chen Doppelzüngigkeit für fähig gehalten und eines ſolchen herzloſen Betragens? Wer, der Zeuge deſſelben geweſen iſt, könnte noch Vertrauen in einen Mann ſetzen? Selbſt nach der Warnung auf dem pal costumé vermochte ich es nicht über mich, den Beſchuldigungen zu glauben, die gegen ihn er⸗ hoben wurden; ich machte mir Vorwürfe, daß ich durch dieſelben den leichteſten Eindruck auf mich hatte machen laſſen. Wer wäre nicht, wie ich, durch dieſen gleißenden Heuchler getänſcht worden? Schien es nicht, als beſäſſe er jede gute und edle Eigenſchaft, weiche eine Neigung gewinnen und rechtfertigen kann?“ „Ich will, mein theueres Kind, Deine Gefühle durch einen Verſuch, ihn zu vertheidigen, nicht noch mehr aufregen, da ich keinen Beweis gegen das vorbringen kann, was wir mit eigenen Augen ge⸗ ſehen haben. Ich begehre nichts, als daß Du Dich 376 nicht weigerſt, anzuhören was er vorbringen kann um den Auftritt von dieſem Abend zu erklären.“ „Aber, liebe Mutter, denk' doch an die Schande, an die Demüthigung, wenn ich auf einen ſolchen Gegenſtand eingehe— wenn ich— wie es unver⸗ meidlich geſchehen würde— auch nur einen Theil von dem verrathe, was ich fühle! Oh nein! ich will ihn nicht mehr ſehen und nicht mehr hören. So entgehe ich den bittern Qualen und der tiefen Erniedrigung, welche eine Zuſammenkunft unter den gegenwärtigen Umſtänden nothwendig herbeiführen müßte.“ „Erwäge doch, theuere Louiſe, daß eine Er⸗ klärung dafür nöthig iſt, wenn wir ſo plötzlich allen Verkehr mit ihm abbrechen. Das ſind wir ihm wie uns ſelbſt ſchuldig.“ „Verlange nur nicht von mir, daß ich ihn noch einmal ſehe, Mutter, gewiß, dem bin ich nicht ge⸗ wachſen,“ und ein heißer Thränenſtrom bewies, wie ſehr ſchon der Gedanke, ihren Geliebten zu ſehen, das arme Mädchen angriff. „Wir wollen heute Nacht nicht weiter davon reden, mein Kind. Du haſt Ruhe und Stille nöthig.“ Das blaſſe Geſicht und das traurige Kopfſchüt⸗ teln Louiſens bewies, daß ſie keine Hoffnung hatte, die Ruhe und Stille zu finden, die ihr von der Mutter anempfohlen ward, und bereitete der letztern 377 — neuen Schmerz. Denn ſie war mit dem Kummer vertraut und hatte in der Schule der Leiden gelernt, wie ſchwer der erſte zermalmende Schlag auf jugend⸗ liche Gemüther fällt. Ueberwältigt von der ſchmerz⸗ lichen Aufregung der paar letzten Stunden, unter⸗ warf ſich Louiſe Sydney dem Willen ihrer Mutter ſo folgſam, wie ein armes, von Körperſchmerzen erſchöpftes Kind die dargebotene Arznei ſich gefal⸗ len läßt, weil es nicht genug Kraft beſitzt, um ſie zurückzuweiſen. Sie nahm eine Taſſe tilleule mit etwas Orangenblüthenwaſſer zu ſich, die Frau Syd⸗ ney ſelbſt zugerichtet, und ließ ſich dann von der zärtlichen Mutter ausziehen. Dieſe verließ aber ihren Platz am Kiſſen der Tochter nicht, bis die Strahlen des Morgens ins Zimmer drangen und ſie das Athmen ihrer Tochter vergewiſſerte, daß ſie ſchliefe. „Alſo auch Dich, meinen Liebling,“ dachte Frau Sydney, während ſie ſich über die Schlafende her⸗ beugte, ehe ſie das Zimmer verließ,„konnte alle meine Sorge und alle meine Liebe nicht vor Schmerz und Kummer bewahren. So reich begabt von Na⸗ tur und Glück, bleibſt Du doch nicht frei von na⸗ genden Sorgen. Ach, ich wollte ich könnte die Laſt tragen, welche ſo ſchwer auf Dein jugendliches Herz fällt. Ich, die ich den Becher der Leiden bis auf die Neige getrunken habe und deren einzige Ausſicht auf Glück davon abhängt, daß ich Zeuge 378 von dem Deinigen bin. Wie gerunzelt iſt die ſchöne und offene Stirne, auf welcher noch kürzlich der Friede geruht hat. Wie blaß iſt die Wange und welcher kummervolle Ausdruck liegt auf den Lippen, die noch vor wenigen Stunden ſo freundlich lächelten. Horch! ſie regt ſich— ſie ſpricht!“ „Heinrich, lieber Heinrich,“ murmelte Louiſe, „es war blos ein Traum, ein ſchrecklicher Traum — aber er hat mich ſo elend gemacht,“ und die Schlummernde ſeufzte tief und hörte auf zu reden⸗ „Mein Kind, mein armes Kind, möge Dich der Himmel behüten und bewahren!“ flüſterte Frau Sydney wie ſie ſich auf den Zehen aus dem Zim⸗ mer ſtahl. Die Murray erhielt Auftrag, ihren Platz am Lager ihrer Tochter für kurze Zeit ein⸗ zunehmen. Die Seufzer— und ſie waren tief und häufig — welche ſich aus der bewegten Bruſt der im Fie⸗ ber Schlummernden hervorſtahlen, erregten wirklich Unruhe in der getrenen Amme.„Ach, Du lieber Himmel!“ dachte ſie,„ganz gewiß iſt etwas recht ſchreckliches vorgefallen, ſonſt wäre mein ſüßes Fräu⸗ lein nicht in einem ſolchen Zuſtande heimgekommen. Was mag es nur ſein? Sie muß etwas recht Arges geſehen oder gehört haben, und Herr Stra⸗ thern ſteckt gewiß hinter dem Ganzen. Ich meines Theils wünſchte, ſie hätte ihn nie mit Augen ge⸗ ſehen, denn in der letzten Zeit iſt ſie gar nicht mehr die alte geweſen, und ehe ſie ihn kennen lernte, war ſie ſo fröhlich wie eine Lerche, und nie ſah man eine Runzel an ihrer Stirne. Ja, Frau Bloxham muß wohl recht haben, es iſt ſo oder ſo mit dieſem Herrn nicht richtig. Wäre dem nicht alſo, würde ſie dann wohl den Kopf in ſo auf⸗ fallender Weiſe ſchütteln? Ich kann mir das Schüt⸗ teln nicht aus dem Sinne ſchlagen. Es ſagt ſchreck⸗ lichere Dinge, als wenn ſie eine ganze Stunde ge⸗ redet hätte.“ „Heinrich, ſieh mich nicht ſo ängſtlich an! Es iſt mir jetzt beſſer, ganz gewiß,“ murmelte die Schlummernde und es lag ſo viel Liebe und Güte in dem Tone ihrer Stimme, daß die Augen der Amme Murray ſich mit Thränen füllten. „Ach, liebes Herzchen, das iſts alſo. Im Schlaf und wachend denkt ſie an ihn, ſo wahr ich lebe. Armes, holdes, junges Fräulein, da liegt ſie in aller ihrer Schönheit und es fehlen ihr blos noch Flügel, ſonſt wäre ſie ein ausgemachter Engel und flöge in den Himmel. Gewiß, wenn man ſie ſo anſieht, muß es ein Herz von Stein rühren. Oh, die Männer, die Männer! aus was können ſie gemacht ſein, daß ſie Denen, welche ſie lieb haben, nichts als Kummer und Sorgen bereiten. Man ſollte glauben, ſie wären gar nicht vom Weibe geboren, und von ihnen auch nicht geſäugt, ſo wenig Gefühl zeigen ſie für das ſchöne Geſchlecht. 380 Wenn ich an meines Fräuleins Platz wäre, wie wollte ich mit Herrn Strathern umgehen? Ich würde mich geradezu ſtellen, als ſähe ich ihn nicht, wenn wir einander begegneten, und wenn er etwas ſagte, ſo würde ich ihm erwiedern:„Ah, Sie ſind's, ſo?“ Wäre er luſtig, ſo wäre ich verdrießlich und vice versa, bis ich ihn ſo weit gebracht hätte, daß er ſich mir in Allem überwunden gäbe. Auf dieſe Art habe ich die Oberhand über den armen Jakob Murray gewonnen, der jetzt ſchon lange todt iſt. Ich brachte ihn zuletzt ſo in die Ordnung, daß er ſich nicht mehr unterſtand zu ſagen, er habe ein eigenes Leben. Und das iſt der einzige Weg auf dem man mit den Männern fertig wird. Sie ſind einer wie der andere, überhaupt ganz wie die Hunde. Man muß ſie im Zaum halten, denn ſie laufen halb toll überall herum und hin und her, wenn man ſie ihrem eigenen Kopf folgen läßt. Ach, wenn ſich nur mein liebes, junges Fräulein von mir rathen ließe, ich wollte ſie bald lehren, wie ſie ihrem Liebhaber den Kopf zurechtſetzen muß.“ Abermals bewegte ein tiefer Seufzer die ſchnee⸗ weiße Decke, welche Louiſens Buſen verhüllte und ihre Lippen murmelten wiederum Strathern's Namen. „Oh, da kommt's noch einmal, er fängt mir wahrhaftig an widerlich zu werden,“ dachte die Murray.„Ihre Neigung ſo zu feſſeln und in ſo kurzer Zeit. Sie kennt ihn wahrhaftig nicht län⸗ —„„—— en 381 ger, als ſeit fünf oder ſechs Monaten, und ich hatte mit dem armen Jakob Murray wohl ſieben Jahre Bekanntſchaft, ehe ich verſprach ihn zu hei⸗ rathen. Aber die Zeiten haben ſich geändert und die Leute auch.“ Dreißigſtes Kapitel. Die ſtärkſte Liebe weicht und fällt, Wird ſie dem Hohne bloßgeſtellt; Der Freundſchaft Band wird aufgelöſt Wenn ſie auf Spöttereien ſtößt. Wo lachend ſich der Spott gezeigt, Sieh' da, wie ſchnell der Freund entweicht Wie purpurroth die Wange glüht, Wie er, geſenkten Auges, flieht. Dein Grinſen, Spott, ſchreckt jeden Gaſt, Und wenn Du ihn getroffen haſt, So weicht ihm aus ein j der Mann; Drum, wer die Freundſchaft ſchätzen kann Und wem die Liebe Freuden bot, Der hüte ſich vor Hohn und Spott! Als der Wagen der Frau Maeclaurin bei ihrer Heimkehr von dem corso am Thore des Gaſthauſes anfuhr, ſtand Lord Alexander Beaulieu an ſeinem Fenſter und fuhr mit einem Gefühl von Schaam 382 und Aerger über den übertriebenen und geſchmack⸗ loſen Staat in ihrem ganzen Aufzug zurück.„Ihr Götter, wie ſie daher kommt!“ rief er,„und wie ſtellt ſich das alberne Weib blos. Hat man je eine ſolche Schauſtellung geſehen?“ Aergerte er ſich aber über ihren Aufzug, wie groß wurde erſt ſeine Schaam und Wuth, da er ſie in der lächerlichen Tracht, die ſie angelegt, aus dem Wagen ſteigen ſah und an ihrem Geſicht und ihren Kleidern die Spuren von dem bon-Pons- Krieg gewahrte, an welchem ſie einen ſo auffallen⸗ den Antheil genommen. „Das abſcheuliche und gemeine Weib wird mich noch zum Wahnſinn bringen,“ dachte er,„und eignet ſich ſelber für ein Tollhaus.“ Lord Alexander Beaulien hatte Frau Maclau⸗ rin zu bereden geſucht, ſie ſollte ihrem Gang nach dem Corſo für heute entſagen, fand ſie aber ſo feſt entſchloſſen, den Beluſtigungen des Carnevals anzuwohnen, daß er nicht wagte hierüber weiter in ſie zu dringen, weil er einen Bruch mit ihr her⸗ beizuführen fürchtete. Nicht ohne viele Schwierig⸗ keiten machte er ſich davon los, ſie zu begleiten; wie ſchon oft, nahm er zu der Ausrede ſeine Zu⸗ flucht, es ſei unſchicklich, daß er ſich mit ihr ſehen laſſe, ehe ſie verheirathet wären, er ſah ſich ge⸗ zwungen, aus der Noth eine Tugend zu machen und ſie ihrer eigenen Neigung folgen zu laſſen. 383 Indeſſen war er durchaus nicht auf die lächerliche Schauſtellung vorbereitet die ſie auf dem Carneval zu machen beabſichtete. Er dachte, ſie werde ſich auf dem Corſo wahrſcheinlich in einem andern, als einem Morgenanzug, in einem Kleide von reicherem Stoffe und vielleicht von helleren Farben zeigen, als eine andere Frau wahrſcheinlich gewählt haben würde, aber es kam ihm nicht zu Sinne, ihr da⸗ rüber einen Rath zu ertheilen. Bitter bereute er nun, daß er dies verſäumt, und während er ſich über dieſe Unterlaſſung Vorwürfe machte, wurde ſeine Abneigung gegen ſeine Vertobte zehnfach ſtär⸗ ker.„Welches Scheuſal,“ dachte er.„Nach der Art wie ſie heute aufgetreten iſt, wird man mich beurtheilen, wenn ſie einmal meinen Namen trägt und mit Fingern werden ſie auf mich weiſen, als auf den Gatten des ſchrecklichen Weibes, die ſich im Angeſicht von ganz Rom auf dem Carneval bloßgeſtellt hat.“ Während Seine Herrlichkeit ſich dieſen angenehmen Betrachtungen überließ, trat Durnford, ſein valet de chambre, ins Zimmer, welchem er auf ein paar Stunden congé gegeben hatte, damit er auf den Corſo gehen und ſehen fönnte, wie man ſich dort unterhielt. Er machte ein ganz verwundertes Geſicht und wartete offen⸗ bar nur bis man ihn fragte, um dann gleich in eine Erklärung über das Warum einzugehen. Er ſtellte ſich emſig beſchäftigt, rückte verſchiedene Sa⸗ 384 chen auf Tiſchen und Schränken hin und her und ließ mehrere hm! hm! vernehmen, um dem Herrn ſeine Anweſenheit kund zu thun. Da er aber ſah, daß man ihm keine Beachtung ſchenkte, erinnerte er Se. Herrlichkeit daran, daß es Zeit wäre, ſich anzukleiden. Lord Alexander Beaulien folgte der Aufforderung, war aber nicht in der Laune, Fragen in Bezug auf die Luſtbarkeiten aufzuwerfen, denen ſein Bedienter beigewohnt hatte, und fing an, ſich den Geſchäften der Toilette hinzugeben. „Der Corſo war heute ſehr voll, gnädiger Herr,“ bemerkte Durnford. „So?“ erwiederte Lord Alexander gleichgültig. „Ja, gnädiger Herr, ungemein voll. Eine ſolche Menge Leute. Die Wagen der Geſandten nahmen ſich recht hübſch aus, aber die der Römer konnte man nicht anſehen. Sie kamen mir vor, als wären ſie mit der Stadt ſelbſt gebaut worden — ſo altmodiſch und plump. Es waren wohl ein paar zierliche engliſche Gefährte da, die dem Lande Ehre machten, aber ich kann nicht ſagen, ob der Frau Maclaurin ihres darunter gehörte. Der fremde Courier den ſie hat, iſt ein armſeliger Kerl. Schrecklich dumm, das können Ihre Herrlichkeit glauben, denn er beſteht auf der Behauptung, daß die Kutſche eines Sheriffs, die er einmal zu Lon⸗ don geſehen hat, das ſchönſte Machwerk ſei, das ihm je vor Augen gekommen; dadurch beredete er ————— 385 Frau Maclaurin, die ihrige jener ſo ähnlich als möglich machen zu laſſen. Obendrein iſt er ein Erzſtrick, der an Allem, was er für ſeine Gebie⸗ terin beſtellt, ſeine dreißig bis vierzig Procente herausſchlägt. Das iſt ſchändlich, ein ehrlicher engliſcher Bedienter wäre mit dem halben Betrage davon zufrieden.“ „Aber ein ehrlicher Bedienter, ob Engländer oder Ausländer, hat gar kein Recht auf irgend einen Gewinn,“ bemerkte Lord Alexander Beaulieu. „Aber wenn engliſche Bediente ſehen, wie dieſe fremden von ihren Herren ſo großen Vortheil ziehen, ſo wäre es doch gar nicht billig, wenn man ihnen nicht auch eine Kleinigkeit zukommen ließe; ein Bedienter muß leben, gnädiger Herr, und das kann er nicht, wenn er nicht nebenher etwas ver⸗ dient.“ „Das heißt nichts mehr und nichts weniger, als ſie müſſen betrügen,“ erwiederte Lord Alexander Beaulieu ſpitzig. Durnford ſah, daß er ſich eine Blöße gegeben und bereute ſeine Unklugheit. Da er ſie ſeinem Herrn aus dem Kopf zu bringen wünſchte, ſo ſuchte er ſchnell das Geſpräch auf etwas Anderes zu lenken.„Hoffentlich iſt der Frau Maclaurin kein ernſtlicher Schaden zugefügt worden,“ fing er wieder an,„denn die arme Dame wurde von dem Strathern U. 25 386 Volke ſchrecklich geworfen; ich meinte wahrhaftig nicht anders, als ſie würde gefährlich verletzt wer⸗ den, aber ich muß ſagen, ſie bewies einen unge⸗ meinen Muth und ich habe nie eine Lady— ja, was das betrifft, überhaupt nie ein Weib— ge⸗ ſehen, die mit bon-bons ſo wacker auf die Leute losſchmiß, wie ſie. Da arbeitete ſie mit beiden Armen und Händen darauf los— und ſie ſind nicht eben klein— füllte ſie mit bon-bons und ſchleuderte ſie ſo ſchnell und mit ſo viel Kraft, als ſie konnte, Jedermann auf der Straße auf den Kopf. Einige kamen faſt um die Augen und ſie verletzte mehrere; dadurch wurden ſie denn ſo zor⸗ nig, daß ſie in rechtem Ernſt einen Angriff auf ſie machten und einen Hagel, nicht von eigentlichen, ſondern aus Stuck nachgemachten, bon-Pons nach ihr warfen. Damit wurde ſie auf Geſicht, Hals und Arme getroffen, aber ſie hielt wacker das Feld und würde, davon bin ich überzeugt, bis zum letzten Angenblick ihres Lebens ausgehalten haben, wenn die Polizei ſich nicht ins Mittel gelegt hätte und hinaufgegangen wäre, ſie feſtzunehmen.“ „Die Polizei!“ rief Lord Alexander Beaulien mit Entſetzen.„Gott im Himmel, welche ſchmäh⸗ liche Geſchichte! Und was geſchah denn, wodurch wurde denn eine ſolche Maßregel veranlaßt?“ „Nun, gnädiger Herr, der Volkshaufe fing an bon-bons auf Frau Maelaurin zu werfen, wie ſie — 387 es vielen anderen Frauenzimmern auch machten. Das nahm ſie übel und gab ſie ihnen Händevoll⸗ weiſe und auf recht kräftige Art zurück. Als ſie ſahen, daß ſie in Zorn gerieth, gingen ſie ihr ohne alle Schonung zu Leibe, und thaten ihr, fürchte ich, wirklich etwas zu Leide. Aber deswegen gab ſie doch nicht nach, und da die Leute bemerkten, wie roth ſie wurde und wie eifrig ſie ihre Arme regte, da ſchwur Alles, ſie ſei ein verkleideter Mann und ſetzte ihr noch ärger zu. Die Polizei trat dazwiſchen, bewirkte, daß die Menge den Streit aufgab und Alles wäre jetzt gut geweſen. Da be⸗ gann aber Frau Maclaurin von Neuem auf ſie los zu werfen, und jetzt gingen die Polizeidiener auf ihren Balkon und wollten ſie feſtnehmen. Sie ſchien auch mit ihnen kein Blatt vors Maul zu nehmen, denn ſie ſtemmte die Arme in die Seiten und ſchlug ihnen mit den Fingern ein Schnippchen; auch hätte man ſie ganz gewiß mit Gewalt weg⸗ gebracht, aber Herr Strathern, der ſich auf dem nächſten Balkon befand, verwendete ſich für ſie und vermochte die Polizeidiener ſich zu entfernen.“ Lord Alexander Beaulieu horchte auf dieſe Er⸗ zäblung in ſprachloſer Beſtürzung. Daß ſich das Weib, das er zu ehelichen im Begriff ſtand, ſo öffentlich blosgeben konnte, erfüllte ihn mit Schaam und Wiverwillen, und daß Strathern, der feinfüh⸗ lende und edle Strathern, nicht allein geſehen hatte, 25 388 wie ſie ſich an den Pranger geſtellt, ſondern daß er es auch geweſen war, der ſie von den Folgen ihrer unweiblichen Grobheit befreite, vermehrte ſei⸗ nen Zorn und ſeine Demüthigung um ein bedeu⸗ tendes. Er errieth leicht, daß, wo Strathern wäre, auch Frau und Fräulein Sydney ſein müßten, und daß folglich dieſe zartſinnigen und auf Anſtand hal⸗ tenden Damen Zeugen⸗davon geweſen waren, wie die künftige Lady Alexander Beaulieu ſich ſo ab⸗ ſcheulich bloßgeſtellt, machte ihn beinahe toll. Er biß ſich in die Lippen bis das Blut darnach lief und ſein Geſicht verrieth die Wuth die ihn durch⸗ tobte, aber er ſprach kein Wort. Durnford er⸗ wartete, ſein Herr würde dem Zorn den Lauf laſ⸗ ſen, den ſein Bericht erregte, ſah ſich aber völlig getäuſcht, da Se. Herrlichkeit ihm ruhig ſagte: er bedürfte ſeiner Dienſte für die nächſte halbe Stunde nicht. „Nun,“ dachte der ſchlaue valet de chambre, als er in ſeinem eigenen Zimmer Zeit hatte, ſeinen Gedanken nachzuhängen,„man mag ſagen was man will, aber der Adel iſt nicht wie andere Menſchen⸗ kinder. Wenn ſie fühlen wie Andere— und ich zweifle ſtark daran— ſo haben ſie ſich doch ſo in der Gewalt, daß ſie es ſich nicht merken laſſen. Wnn Einer zu mir käme und ſagte mir von Ju⸗ ſtin'n, was ich eben Se. Herrlichkeit von der Frau erzählt habe, die er heirathen will, ſo kame ich in 389 die Hitze wie ein brennendes Haus, ich würde fluchen bis ich ſchwarz und blau wäre, und ſie Alles heißen, was mir in den Mund käme; er aber redet nicht eine Sylbe, wird blos ganz blaß, macht grimmige Augen und an der ſchnellen Bewegung ſeines Buſenſtreifs ſieht man, daß in ſeinem In⸗ nern nicht Alles in Ordnung iſt. Statt ſich aber die Bruſt, wie ich an ſeiner Stelle thäte, dadurch zu erleichtern, daß er ihr ein halbes Dutzend kräf⸗ tige Donnerwetter anf den Hals ſchickte, ſagt er mir ganz kalt, er brauche mich eine halbe Stunde lang nicht. Nein, nein, die Adeligen ſind ganz verſchieden von anderen Leuten, das müſſen Alle einſehen, die ihnen nahe genug fommen und ſie näher beobachten können.“ „Wie haſſe und verabſcheue ich das fürchter⸗ liche Weib,“ ſagte Lord Alexander Beaulieu, als er allein war, und ſein Geſicht trug ſo ſehr den Ausdruck des Haſſes, den er ſelber bekannte, an ſich, daß man ſich fürchtete, ihn anzuſehen.„Es wäre einem Manne zu verzeihen, wenn er ein Verbrechen veginge, um ein ſolches Geſchöpf los zu werden,“ fing er wieder an, ballte vie Fauſt und ſchlug hef⸗ tig auf den Tiſch.„Gott ſei ihr gnädig, wenn ſie ſich unterſteht, meinem Willen ſich zu wider⸗ ſetzen, ſobald ich ihr einmal ein Recht auf meinen Namen gegeben habe. Ich fühle, daß ich mich eines Frevels ſchuldig machen könnte, ſo groß iſt 390 den Haß den ich gegen ſie hege. Warum, warum vereinigen ſich alle Umſtände, mich zu dieſer ab⸗ ſcheulichen Heirath zu zwingen? Je näher ſie her⸗ ankommt, deſto mehr fühle ich, wie ſich meine Ab⸗ neigung, mein Widerwillen gegen ſie ſteigert, und als wären ſie noch nicht ſtark genug, muß ſie jetzt auch noch mich und ſich ſo bloßſtellen, wie ſie heute gethan hat. O Schickſal! grauſamer, unerbittlicher Tyrann, warum haſt Du alle die Triebe in mich gelegt, die blos dem Reichen eigen ſein ſollten und mir die Mittel verſagt, ſie zu befriedigen. Dem Geizhals gibſt Du Gold, während ihn ſeine ärm⸗ lichen Gewohnheiten und ſein eiſiges Blut nicht einmal den Wunſch fühlen laſſen, es auf Genüſſe zu verwenden. Mir fließt das jugendliche Blut raſch durch die Adern, meine Begierden haben ſo wenig Gränzen, als der Ocean, und mir verſagſt Du auch nur einen Theil des Reichthums, den⸗ jener in Haufen aufthürmt und ſo verſteckt, daß ihn die Sonne nicht beſcheint. Blos der filzige Geizhals oder der betrügeriſche Wucherer berührt ihn, und durch ihre diebiſchen Hände geht er an den Verſchwender über, wenn er ſeine blühenden Güter und wallenden Wälder verpfändet, um Geld zu bekommen. Gibt es keinen Weg, um zu Ver⸗ mögen zu gelangen, als durch den Tempel Hymen's und wird dieſer nicht entweiht, wenn ich ihn mit dieſem verhaßten, elenden Weibe betrete? Ach, — 391 habe ich nicht alle anderen Mittel vergeblich ver⸗ ſucht? Bin ich der wankelmüthigen Göttin nicht auf dem grünen Raſen, auf den ſchnellfüßigen Roſſen nachgejagt? Habe ich nicht am Spieltiſch ein Lächeln von ihr zu erhaſchen getrachtet und die Goldhaufen von denen einſtreichen geſehen, die es nicht bedurften?— Habe ich mich nicht bemüht eine Frau zu bekommen, deren Liebe dem zu er⸗ werbenden Reichthum die Weihe geben ſollte? und habe ich nicht den goldenen Preis verfehlt, der mich vom Böſen bewahrt haben würde? Ach, nichts iſt übrig, als das ſchreckliche Weib zu heirathen. Mein Verſtand beſtätigt die Entſchuldigungen, welche meine Armuth dafür geltend macht. Warum ver⸗ mag ich doch nicht, auch nur für kurze Zeit und bis ihr Vermögen mein gehört, den Ekel zu über⸗ winden, den ſie mir einflößt, und den unbeſiegba⸗ ren Haß zu bezähmen, der immer hervortreten und mich verrathen will? Ich muß zu meinem alten Mittel gegen die Niedergeſchlagenheit meine Zu⸗ flucht nehmen, zum Curagao, ſonſt bin ich nicht im Stande meine Gorgone zu beſuchen.“ Lord Alexander Beaulieu zog die Glocke, der Curagao wurde verlangt, und nachdem zwei Gläſer davon verſchwunden waren, zog ſich Se. Herrlich⸗ keit zum Eſſen an und ſuchte den Salon der Frau Maclaurin auf. Die Dame hatte ihr Ankleide⸗ zimmer noch nicht verlaſſen, aber Frau Bernard 392 ſaß an einer entfernten Ecke des Gemachs und wartete auf ihre Ankunft. Sie erhob ſich mit ſehr ängſtlicher Miene als Lord Alexander Beaulieu ein⸗ trat und würde den Salon verlaſſen haben, wenn er ſie nicht höflich gebeten hätte, ſich nicht ſtören zu laſſen. Ihr Ausſehen wich ſo ſehr von dem ab, welches ſie gewöhnlich darbot, daß er ſie ver⸗ wundert anſtarrte. Und wohl durfte er das, denn ihr Geſicht zeigte eine außerordentliche Man⸗ nigfaltigkeit von Farben; roth und blau, gelb und ſchwarz wechſelten darin mit einander, und das rührte von dem wiederholten Hagel von bon-bons aus Stuck her, die auf ſo unbarmherzige Weiſe auf ihre Gebieterin geſchleudert worden waren und von denen mehrere ſie getroffen hatten. „Was Tauſend, Frau Bernard, iſt denn Ihrem Geſichte geſchehen?“ fragte Lord Alexander Beau⸗ lieun.„Es ſcheint, daß mit ihm arg umgegangen worden iſt?“ „Ja, gnädiger Herr, dem iſt alſo, aber ich hoffe, bei einiger Sorgfalt wird es bald beſſer da⸗ mit gehen. Wenn Ihre Herrlichkeit es erlauben, ſo will ich gehen und der Frau Maclaurin ſagen, daß Sie da ſind,“ und ehe noch Lord Alexander Beau⸗ lien Zeit zu einer Erwiederung fand, verließ Frau Bernard mit ſehr ängſtlicher und furchtſamer Miene das Zimmer. Bald darnach trat Frau Maclaurin herein und ihr Geſicht nahm ſich noch komiſcher 6 * 393 aus, als das ihrer dame de compagnie. Mehrere Stücke engliſchen Pflaſters, die viel zu groß wa⸗ ren, als daß man ſie hätte für Schönheitspfläſter⸗ chen halten können, klebten an verſchiedenen Theilen ihres Geſichts, verdeckten aber nicht halb die Flecken, welche ihr die unſanft zugeſchleuderten bonbons ver⸗ urſacht hatten. Mehrere rothe Stellen traten deut⸗ lich hervor. Ihre Stirne war beſonders hart bei dem Kampfe mitgenommen worden und bot mit ihren buntſcheckigen Farben einen ſchreienden Ge⸗ genſatz zu dem bandeau von reinen weißen orien⸗ taliſchen Perlen, welches dieſelbe umgab. Ihr Hals und ihre Bruſt war ebenfalls überall roth und ge⸗ ſprenkelt. Sie trugen deutliche Spuren von den Mißhandlungen, die ſie ausgeſtanden, und die präch⸗ tige Perlenhalsſchnur die ſie anhatte, ließ beide in einem noch ungünſtigeren Lichte erſcheinen. „Sie ſehen verwundert aus, mein lieber Lord, daß Sie mich in ſolchem Zuſtand ſehen und das iſt ganz natürlich,“ ſagte Frau Maclaurin und blickte dabei etwas beſchämt drein.„Ich wollte ich hätte Ihren Rath befolgt und wäre nicht auf den Corſo gegangen. Aber wer konnte ſich denn auch denken, daß die Römer ſo flegelhaft ſein und eine Lady, eine von dem ſchönen Geſchlecht, angreifen würden? Es iſt wahrhaftig zu arg. Die Leute mögen den Römern*) in Irland ſoviel nachſagen, *) Römiſch⸗Katholiſchen. u. 394 als ſie wollen— und Gott weiß, es wird ihnen Schlimmes genug zur Laſt gelegt, ja ich weiß ge⸗ wiß, viel mehr, als ihnen je zu Sinne gekommen iſt— aber ſie würden eine von dem ſchönen Ge⸗ ſchlecht eben ſo wenig beleidigen, als ihnen einfällt, fliegen zu wollen. Ja, noch mehr, ſie würden einen feigen Lümmel, der ſich ſo was unterſtände, bald zur Ruhe bringen. Nein, die Römer in Ir⸗ land und die hier ſind ganz verſchiedene Leute, und ich möchte das gerne dem Papſt ſagen, wenn ich ihn ſprechen könnte.“ „Aber was hat denn dieſen Angriff auf Sie herbeigeführt?“ fragte Lord Alexander Beaulieu, dem es ſchwer fiel, das Lachen zu unterdrücken, zu welchem ihn ihre Unwiſſenheit ſowohl als ihr Ausſehen reizte. „Was ihn herbeigeführt habe?“ wiederholte die Dame.„Nun, ſie fingen an, die Grobiane. Sie warfen nach mir, bis ich mit Kreide oder Kitt überzogen und voll Beulen war. Da beſchloß ich, ihnen zu zeigen, daß ich nicht Luſt hätte, nachzu⸗ geben und ſo meinem Vaterlande Schande zu machen. Ich hielt Stand, gab ihnen heim, was ſie mir ſchickten und wurde dabei für die Ehre Irlands ſo gezeichnet, wie Sie mich ſehen. Es iſt mancher Invalide im Greenwich⸗Hoſpital, der nicht mehr durchgemacht hat und in keinem heißeren Feuer ge⸗ ſtanden iſt, als ich. Ich verſichere Sie, ich kann „ * 2 395 mich kaum regen und in meinem Arme fühle ich eine ſolche Müdigkeit von dem Werfen auf das unverſchämte Volk, daß ich nicht im Stande bin, ſie zu biegen. Was für Allerweltsviehkerle! Sie waren an die Unrechte gekommen und fanden das auch zuletzt heraus, denn mein Blut kochte und ich hätte mich lieber umbringen laſſen, als eine weiße Feder aufgeſteckt und mich muthlos gezeigt, wie man in Eng⸗ land ſagt. Aber die Polizei miſchte ſich darein und ich glaubte daher, ſie würden alle auf meine Seite treten, wenn ſie geſehen hätten, daß ich dem ſchönen Geſchlecht angehörte und eine Lady von Vermögen wäre. Denn das mußten ſie gleich an meinen Dia⸗ manten abnehmen. In dieſer Meinung und da ich ſah, daß das Volk von der Polizei aus einander getrieben und zur Ruhe gebracht war, wollte ich dem groben Zeug ein wenig die Beulen heimgeben, die ſie mir beigebracht. Aber, werden Sie es glauben, kaum hatte ich mit aller Macht und Kraft ein paar Hände voll bonbons auf ſie geſchlendert, da kam die Polizei geradewegs zu mir herauf auf meinen Balkon und wollte mich verhaften. Ich glaube auch, ſie hätte das richtig gethan, wenn nicht ein recht vornehmer und artiger Mann, ein Gentleman erſten Rangs, kann ich Sie berſichern, mir zu Hilfe gekommen wäre. Ich bemerkte, daß er mich vorher ganz beſonders ehe er mit den Polizeidienern ſprach. Aber werden Sie nur 396 jetzt nicht eiferſüchtig, denn ich ſehe an Ihrem langen Geſicht, daß Sie ſchon wieder daran denken; aber es iſt kein Grund dazu vorhanden, denn ich habe zwar meinen Retter eingeladen, zu mir zum Eſſen zu kommen, aber er hat es mir abgeſchlagen.“ „Sie werden doch das nicht gethan, Sie wer⸗ den doch nicht allen Anſtand ſo ſehr verletzt und einen völlig fremden Mann zum Eſſen eingeladen haben?“ „Nun, ſein Sie nur nicht wunderlich, werden Sie nicht empfindlich und eiferſüchtig.“ Damit hüpfte die Dame an dem zornigen Lord Alexander Beaulieu in die Höhe, ſtellte ſich verliebt und muth⸗ willig, klopfte ihm mit ihren plumpen, rothen Fin⸗ gern auf die Wange und ſchaute ihm ſchelmiſch in's Geſicht. Ihr Geſicht mit all' den Heftpflaſter⸗ ſtreifen und Beulen, die es bedeckten, nahm ſich unendlich komiſch aus; man konnte der Wirkung, die es hervorbrachte, nicht widerſtehen, und ihr soi-disant Liebhaber mußte, wiewohl es ihm in dieſem Augenblick nicht ſehr darum zu thun war, wohl oder übel lachen. „Ach, ich ſehe, ich habe geſiegt,“ ſagte Frau Maclaurin.„Trotz aller Ihrer Eiferſucht und Mißlaune konnten Sie ſich doch nicht gegen meine Liebkoſungen halten. So ging's gerade auch mit Herrn Maeclaurin ſelig. Ach das war ein Mann. Und wenn er ſchon kein Lord war, beſaß er doch 397 das Gemüth eines ſolchen. Wenn ich daran denke, wie gefällig und freigebig er gegen mich war, ſo werde ich ganz traurig, und das fällt mir ſo auf den Magen, daß es mir ganz ſchwach wird. Ich muß ſchellen, daß das Eſſen gebracht wird. Ich habe bei dem engliſchen Zuckerbäcker Ochſenſchwanz⸗ ſuppe*) beſtellt, und die wird mich nebſt ein paar Gläſern guten alten Madeira wieder zurecht brin⸗ gen. Sie wiſſen noch gar nicht, wie ſchlecht ſich die einfältige Frau, die Bernard, in meiner Prü⸗ fungsſtunde benommen hat. Statt auf meine Seite zu treten und mir die Flegel werfen zu helfen, die mich angegriffen hatten, ſuchte ſie ſich hinter mir zu verſtecken und bat mich an einem fort, nicht auf ſie zu ſchmeißen. Denken Sie einmal, was ſie ſo verzagt und feig ſein muß! Aber ich habe nie viel auf ſie gehalten. Sie macht ſo viel Weſens darüber, daß ſie ein paar Beulen und Schrammen bei dem Streite davongetragen hat, als wäre ihr Wunder was zu Leide geſchehen; und ich, die ich den Hauptangriff ausgehalten, füge mich mit der größten Geduld hinein. Ich glaube, es wäre am Platz, wenn ich dem Herrn, der mich von den Polizeidienern losgemacht hat, ein hübſches Geſchenk ſchickte und habe ſchon gevacht, ein Dia⸗ *) Eine engliſche Leckerei.. 398 mantring mit ein paar Zeilen von meiner eigenen Mache würde dazu am beſten paſſen.“ „Welcher Einfall!“ rief Lord Alexander Beaulien mit unverhehltem Verdruß.„So etwas dürfen Sie ſich gar nicht beigehen laſſen. Das käme höchſt unſchicklich heraus.“ „Und warum denn?“ fragte Frau Maclaurin ärgerlich.„Wenn mir Jemand einen Dienſt er⸗ weiſ't— und das hat der Herr gethan, da ich deſſelben recht benöthigt war— ſo gehört es ſich doch, und es kann nur anſtändig herauckommen, wenn ich ihm meine Dankbarkeit beweiſe. Beſtimmt hört er, daß ich reich und im Stande bin, ihm für ſeine Gefälligkeit etwas Hübſches zu ſchenken, und wenn ich das nicht thue, ſo hält er mich für gemein und knauſerig.“ „Sie müſſen ſich in dieſem Falle ganz von mir leiten laſſen, meine ſchöne Freundin,“ verſetzte Lord Alexander Beaulien.„Sein Sie veiſichert, daß es höchſt unanſtändig wäre, wenn Sie dem Herrn, von dem ſich's handelt, ein Geſchenk zu⸗ ſchicken wollten; Sie ſetzen ſich dadurch ſchwerem Tadel aus und es wäre für mich recht ſchmerzlich, wenn ein ſolcher meine künftige Gemohlin träfe.“ „Nun, wenn Sie es ſo haben wollen, ſo will ich Ihrem Rathe folgen; aber mir kommt es jetzt ſo vor, als müßte ich dem Herrn etwas dagegen thun. Es war eine vornehme Frau und ihre 399 Tochter bei ihm, die ſich recht unverſchämt gegen mich benommen haben, aber ich ſagte ihnen meine Meinung, daß ſie es gerne beſſer gehabt hätten.“ Es fiel dem Lord Alexander Beaulien ſogleich ein, daß die zwei Frauenzimmer, auf welche Frau Maclaurin anſpielte, Frau und Fräulein Sydney ſein müßten; und doch waren beide ſo wohl er⸗ zogen und zurückhaltend, daß er nicht begreifen konnte, wie ſie mit dem rohen und gemeinen Weibe vor ihm in Händel hätten gerathen ſollen. Der Gedanke daran, daß ſie Zeugen davon geweſen, mit welcher Thorheit und Unkenntniß der Verhält⸗ niſſe ſie ſich betragen hatte, und welche Folgen daraus für ſie erwachſen waren, brachte ſeinen Aerger auf's Aeußerſte, und dies zeigte ſich auch ſo augenſcheinlich in ſeinen Mienen, daß Frau Maclaurin es bemerkte und ſagte:„Ach, ich ſehe, daß Sie zornig ſind über die Frauenzimmer, die ſo frech gegen mich waren, aber laſſen Ste's gut ſein, ich gab ihnen hinaus, denn ich bin nicht auf's Maul gefallen und weiß mir ſchon zu helfen, wenn mein Blut in Wallung kommt; ich habe ihnen ein paar unangenehme Wahrheiten geſagt, die ſie nicht ſo ſchnell vergeſſen werden, dafür bin ich gut.“ „Was hat denn den Wortwechſel zwiſchen den Frauenzimmern und Ihnen veranlaßt, wenn ich fragen darf?“ ſagte Lord Alexander Beaulieu.“ „Nun ich ſagte zu der älteren davon ein paar 400 Worte in aller Artigkeit, denn ich wollte mich ein wenig mit ihr unterhalten, da ſie auf dem Erker ſtand, welcher an den meinen ſtieß; aber, werden Sie es glauben, ſie hatte die Unverſchämtheit, mir den Rücken zu wenden und keine Antwort zu geben. Sie können leicht errathen, daß ich mir das nicht ruhig gefallen ließ, denn ich wußte wohl, daß ich mehr Geld habe als ſie. Und das war an der Verſchiedenheit unſerer Wagen, Kleider und Juweleu leicht abzunehmen. Sie hatte nicht den geringſten Schmuck an ſich, außer eine kleine, einfache Vor⸗ ſtecknadel, die ihr Halsband zuſammenhielt, kurzum, ſie war elend angezogen, und da las ich ihr den Text und das wird ihr geſund ſein. Dann fing ihre Tochter an, vornehm zu thun, ſah mich ganz naſeweiß an und rieth ihrer Mutter, ſie ſollte nicht mit mir ſprechen, da ſagte ich denn auch ihr die Meinung.“ Lord Alexander Beaulieu wurde darüber ſo böſe, daß er faſt wünſchte, Strathern möchte das händelſüchtige Weib nicht aus den Händen der Polizei losgemacht haben; ſie aber glaubte, ſein Grimm werde wegen der Beleidigungen rege, die man ihr angethan, daher blickte ſie ihm zärtlich in's Geſicht, klopfte ihn auf die Wange und be⸗ hauptete, er ſei ein lieber, lieber Mann. „Was werden Frau Sydney und ihre Tochter von dieſem Weibe halten,“ dachte er,„und von W———— u— — 401 mir, wenn ſie hören, daß ich ſie geheirathet habe? Ich muß ſo bald als möglich Hochzeit mit ihr machen, damit mir das Recht zuſteht, ſie daran zu verhindern, daß ſie nicht noch mehr ſich blos⸗ ſtellt.“ „Ich habe vergeſſen, Ihnen zu ſagen,“ fing Frau Maclaurin wieder an,„daß die Frau, die mir den Schimpf anthat, die nämliche iſt, die auf dem bal costumé als Königin Eliſabeth gekleidet war. Damals ſprach ſie mit mir ziemlich höflich und richtete ſo viele Fragen an mich, daß ich glaubte, ich hätte eben ſo viel Recht, ſie jetzt wie⸗ der anzureden.“ Da Lord Alexander Beaulieu wußte, daß hier⸗ mit nur Lady Wellerby gemeint ſein konnte, ſo ärgerte er ſich jetzt nicht mehr ſo arg, als da er meinte, Frau Maeclaurin habe mit Frau Sydney angebunden. Denn ſonderbarerweiſe und ob ihn ſchon der Verdruß darüber, daß dieſe wie ihre Tochter ſeine Bewerbung zurückgewieſen, dazu an⸗ trieb, ihnen ſo viel Leides anzuthun, als in ſeiner Macht lag, ſchauderte er doch vor dem Gedanken, ſie könnten in rohe Berührung mit derjenigen kom⸗ men, die er zu ſeiner Frau machen wollte. Er wußte, daß ihre Bekanntſchaft mit ſeiner Braut ihnen nothwendigerweiſe die ſchlimmſte Meinung von dem beibringen müßte, der eine ſolche Perſon heirathen könnte. Strathern u. 26 402 „Sie ſind ja ganz in Nachdenken vertieft, Mylord,“ ſagte Frau Maclaurin.„Einen Kreuzer für Ihre Gedanken! Kommen Sie und ſagen Sie mir, an was Sie gedacht haben.“ „Meine Gedanken waren ſehr angenehm, ſchöne Dame, denn ſie beſchäftigten ſich mit Ihnen. Ich überlegte, wie nothwendig es wäre, daß Sie ſo bald als möglich nach Neapel abreiſen, und ich hoffe, Sie werden ſich bereit halten, übermorgen Rom zu verlaſſen.“ „Nun, wenn Sie darauf beſtehen, aber ich fürchte mich ſo ſehr davor—“ hier machte die Lady einen unbeholfenen Verſuch, die röle einer verſchämten fiancée zu ſpielen— daß ich immer ängſtlicher werde, je näher der Tag für unſere Hochzeit kommt.“ „Sie müſſen dieſe Scheu bewältigen, wenn ſie Ihnen ſchon ſehr gut anſteht, das muß ich zugeben,“ bemerkte ihr soi-disant Liebhaber und drückte ihre Hand an ſeine Lippen.„Sie vergeſſen, daß Sie ſchon einmal zum Traualtar getreten ſind.“ „Allerdings, aber man darf es mir kaum übel nehmen, wenn ich es vergeſſe. Das war eine ganz andere Heirath, als die unſrige ſein wird. Der ſelige Herr Maclaurin war wohl ein ſo guter Mann als je einer gelebt hat; aber er war doch zu alt, um ſich zu verlieben, wie Sie. Er nahm mich blos wegen meiner Stimme und Sie wollen mich * * 403 um meiner ſelbſt willen; und Sie ſind nicht blos ein Lord, ſondern noch obendrein ein junger, hüb⸗ ſcher Mann. O! das iſt ein ganz ander Ding. Aber woher kommt es nur, daß das Eſſen nicht aufgetragen wird? Ich gehe faſt zu Grunde vor Hunger, die dummen Leute hier laſſen mich jeden Tag warten und das bringt mich ſo ſehr auf, daß es mir die Verdauung ſtört. Oftmals denke ich, was hat man denn davon, daß man reich iſt, wenn man nicht Alles gleich in dem Augenblick kriegen kann, da man es verlangt? Aber da kommt es ja endlich, nachdem man mich eine Stunde lang hingehalten hat, ſeitdem ich befohlen habe, es zu bringen.“ Ende des zweiten Theils. ——— ————— — 6 — M Su 5 d 3 — —