Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Cduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih und Ceſebedingungen. 1. Oftensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe ver Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———————— auf 1 Monat: 1 Wi— f 1 Mt. 50 Pf. 2 Mk. . —,— E* 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten unv Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmertſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche vie⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 2 S der Gräfin Bleſſington. Erſter Theil. Strathern. 1. Mannheim. Verlag von Heinrich Hoff. 1846. „ ₰ — Strathern. —————— Eine Movelle von der Gräfin Bleſſington. Aus dem Engliſchen überſetzt von Ernſt Elſenhans. ——— Erſter Band. Mannheim. Verlag von Heinrich Hoff. 1846. Erſtes Kapitel. Wir bauen uns ein freundlich Haus, Und ſchmücken es mit Allem aus, Was reich und ſelten hier und dort, Als dächten wir nicht an den Tod Der uns herauszureißen droht Aus einem ſolchen lieben Ort. Und wiſſen wir, er kommt heran, So glauben wir, das wird geſcheh'n, Wenn uns benagt des Alters Zahn Und wir gebeugt von Jahren geh'n. Ach, wie man ſich ſo täuſchen mag! Wer weiß denn, wenn er führt den Schlag? Kein gold'ner Saal, kein blühend' Haus Schützt uns vor des Tyrannen Macht: Stets iſt der Finſt're drauf bedacht Uns aus dem Reich des Tags heraus Zu holen und uns voller Neid Aus unſ'rer Heimath Herrlichkeit Die uns ſo lieblich doch erſchien, In's dunkle Grab hinabzuzieh'n. Es war ein lieblicher Morgen gegen das Ende des Junius, etwa um elf Uhr und die Kühle des frühen Morgens hatte ſich noch nicht aus der bal⸗ ſamiſchen Luft oder von den blühenden Pflanzen Strathern 1. 1 2 und Blumen verloren, welche ihren Wohlgeruch ausſtrömten und einen kleinen Garten an einem anſehnlichen Hauſe in der Arlington⸗Straße erfüllten. In dieſe öffnete ſich das Gemach, das jetzt be⸗ ſchrieben werden ſoll. Der beſagte Garten wurde von St. James⸗Park begränzt und von dieſem blos durch ein zur Zierde angebrachtes Eiſengitter ge⸗ trennt. Unzählige Vögel flatterten von üppigen Lorbeerbäumen auf, welche vor den Fenſtern des Herrenhauſes ſtanden, und ſetzten ſich auf die weiße marmorne Einfaſſung eines klaren Springbrunnens, der ſeinen glänzenden Regen zu einem für unſer nebelreiches Clima ungewöhnlich blauen Himmel emporſandte. Die Töne, welche die befiederten Sänger mit dem Plätſchern des Waſſers vermiſchten, mehrten noch den Reiz der Sonne und ließen einen beinahe zweifeln, ob man ſich in den Umgebungen von St. James befände. In einem Bibliothek⸗ zimmer ſaß der Eigenthümer der Wohnung und blickte auf die kleine, reizende Wildniß, die wir vorhin beſchrieben. Es war dies ein höübſcher junger Mann von etwa fünf und zwanzig Jahren, der erſt kürzlich von einer weiten Reiſe auf dem Feſtlande zurückgekehrt war. Dann und wann blidte er mit großem Wohlgefallen von dem blühen⸗ den Garten mit ſeinem ſchimmernden Springbrunnen außen vor dem Hauſe auf die geſchmackvoll einge⸗ richtete und klaſſiſch geordnete Bibliothek im Innern 3 deſſelben und murmelte vor ſich hin:„wahrlich, ſelbſt Rhymer mit all' dem wähleriſchen Geſchmack, den man ihm beilegt, müßte mit dieſem Gemach zufrieden ſein.“ Und wohl durfte Lord Wyndermere, der Be⸗ ſitzer der Bibliothek, ſo denken, denn Wenige hätten etwas daran auszuſetzen finden können, und wären ſie auch noch ſo ſchwer zu befriedigen geweſen. Das Zimmer war groß und hoch; die ausgezeichnet ſchön bemalte Decke ſtellte eine reizende Gruppirung der Muſen mit ihren verſchiedenen Attributen vor, wie ſie den Apollo umgaben. Der Bücherſtänder aus Eichenholz mit zierlichem Schnitzwerk, die Knaufe der Säulen, welche dieſelben trugen, und die reich vergoldeten Karnieſe waren mit antiken Büſten von ſeltener Schönheit und großem Werthe geſchmückt. Zwiſchen jedem Bücherſtänder befand ſich eine Niſche, in welcher auf einem Fußgeſtell Bildſäulen von pariſchem Marmor ſtanden, die Werke der beſten Bildhauer unſerer Zeit. Denn Lord Wyndermere war, obſchon ein warmer Verehrer des Antiken, ein ſehr freigebiger Beſchützer neuerer Kunſt. Ein großer Spiegel über dem unteren Kaminſtück, das ſelbſt auch ein Prachtwerk von Bildhauerarbeit war, ſtrahlte Garten und Springbrunnen mit den glän⸗ zenden prismatiſchen Farben des bemalten Fenſter⸗ glaſes zurück, das einen Rahmen zu dem Gemälde bildete. An jeder Seite des hohen Spiegels hingen 4 einige von den erleſenſten Werken der alten Meiſter. Der Vater des gegenwärtigen Lords Wyndermere hatte ſie mit großer Sachkenntniß und bedeutenden Koſten zuſammengebracht, denn er war ein vor⸗ züglicher Kenner von Gemälden geweſen. Die Vor⸗ hänge beſtanden aus dem reichſten Atlas, gerade von der Farbe der eichenen Bücherſtänder, und die Seſſel und Sofas waren mit demſelben koſtbaren Stoffe überzogen. Der wollige Teppich aus un⸗ geſchorenem Sammet machte den Tritt unhörbar und hatte die eigenthümliche Farbe, welche man wegen des Vorzugs, den ihr ein berühmter Künſtler gab, raphaelgrün nennt. Denſelben Anſtrich trugen auch die Wände. Ein déjeüner ſtand im feinſten und koſtbarſten Sovres⸗Porcellan auf dem Tiſch in der Nähe des offenen Fenſters. Auf Drehtiſchen, mit ſchneeweißem Damaſt bedeckt, waren Teller, Gabeln und Löffel aufgehäuft und daneben ſtanden zwei Seſſel für die Perſonen, welche an dem Mahle Theil nehmen ſollten. Früchte, die man nicht ſowohl wegen ihres friſchen Ausſehens, als wegen der ungeheueren Koſten ihrer Hervorbringung mit den goldenen Erzeugniſſen der fabelhaften Heſperiden hätte vergleichen können, bedeckten den Frühſtücks⸗ tiſch, und dazwiſchen ſtanden alle Arten von Kuchen und Backwerk, welche die gegenwärtige Verfeinerung erfunden hat um den Appetit eines geſättigten Epi⸗ kuräers zu reizen. Endlich kam der erwartete Gaſt —— 5— 5 und nahm zu nicht geringem Verdruß ſeines Wirths, der ſich auf einen Ausdruck der Verwunderung über den wirklich reizenden Anblick des Gemachs, in das jener eingeführt wurde, gefaßt gemacht hatte, ſeinen Platz am Tiſche ein, legte ſein Tellertuch auf die Knie und fing an die Leckerbiſſen vor ihm zu prüfen. Dabei ſah er dann und wann um ſich her, aber kein Blick der Zufriedenheit oder des Beifalls zeigte ſich auf ſeinem grämlichen Geſicht. „Wer iſt Ihr Bäcker, mein guter Lord?“ fragte er. „Er gehört zu meinem Haushalt auf Wynder⸗ mere⸗Caſtle und wird für ſo tüchtig gehalten, daß ich ihn habe hierherkommen laſſen.“ Umph“ ſtieß Rhymer in einem halb ächzenden, halb ſeufzenden Tone heraus und legte die lockere Semmel weg, die er verſucht hatte. „Ich fürchte, die Semmeln ſchmecken Ihnen nicht, wollen Sie dieſe Frühſtückskuchen verſuchen? Ich denke, die werden Ihnen zuſagen.“ Der Frühſtückskuchen wurde zerſchnitten, gekoſtet und faſt eben ſo ſchnell wieder aufgegeben, als die Semmel. Ueberdies verlängerte ſich Rhymers Ge⸗ ſicht bedeutend nach dem unglücklichen Verſuch. Der Wirth empfahl ein friſch gelegtes Ei; der Gaſt öffnete es und erklärte, es rieche nach dem Stall; ein köſtliches Stück von einem kalten Huhn fand er zähe; eine päté de Périgord lehnte er mit ———— 6 ziemlicher Geringſchätzung ab. Das Anerbieten von kaltem Schinken oder Zunge fand keine beſſere Aufnahme und die Chokolade, hieß es, habe einen eigenthümlichen und nicht angenehmen Beigeſchmack. Die Marmelade kam jetzt an die Reihe und mit dieſer derniere ressource wurde ein leichtes déjeüner vollendet. Das erregte keinen geringen Unmuth in dem gütigen Wirthe, denn er ſah mit Verdruß, daß ſeine verſchwenderiſch ausgeſtattete Tafel nichts darbot, was den wähleriſchen Geſchmack ſeines Gaſtes hätte zufrieden ſtellen können. „Was haben wir doch für einen angenehmen Tag bei Strathern zugebracht?“ bemerkte Lord Wyndermere, der ſich bemühte, der Verlegenheit ein Ende zu machen, in welche ihn das gänzliche Mißlingen ſeines recherché Frühſtücks gebracht. „Sind Sie dieſer Anſicht?“ lautete die lakoniſche Antwort Rhymer's.„Ich meines Theils,“ fuhr er fort,„fand an der ſéle wenig zu bewundern. Es war dabei allerdings dieſelbe übertriebene Schau⸗ ſtellung von Pracht, welche die fétes dieſes Herrn immer auszeichnet, aber die hervortretende Bemühung, Alles ordentlich vor ſich gehen zu machen und die überſchwänglichen Vorkehrungen für die Unterhaltung vereitelten nach meiner Anſicht den beabſichtigten Zweck. Es war, wie eine Apfelpaſtete mit zu viel Quitten.“ „Sie müſſen wahrhaſtig ſchwer zu befriedigen — 4 7 ſein; denn gewiß hatte man nichts unterlaſſen, was zum Vergnügen der Gäſte beitragen konnte.“ „Hätte nur der Wirth ſeine Selbſtzufriedenheit bei der Gelegenheit nicht zu Tage treten laſſen. Daß er ſie allzu ſichtbar werden ließ, that, wie ich geſtehe, der meinigen bedeutenden Eintrag; er lief überall herum und lächelte und ſagte Jedermann etwas Artiges,— ſelbſt den Leuten, welche er dafür bezahlte, daß ſie der Geſellſchaft ihre Talente zeigten.“ „Ihnen kann man nichts recht machen, Rhymer. Erſt vor ein paar Tagen habe ich gehört, wie Sie Melbrook tadelten und ihn einen nachläſſigen Amphitryo nannten, der unter ſeinen convives herumwandere, als wäre er, wie die anderen, blos auf Beſuch da.“ „Ja, mein guter Lord, das habe ich, denn ich bin der Anſicht, daß die nonchalance Melbrook's gegen ſeine ariſtokratiſchen Gäſte faſt zur Unver⸗ ſchämtheit wurde. Und man weiß doch, daß er ein bloßer parvenu iſt. Das iſt bei Strathern etwas ganz Anderes, er iſt ein Mann von hoher Familie. An ihm wäre die noncholance nach meiner Meinung weit eher comme il faut geweſen. Denn das empressement, welches er entwickelte, und das einen an einen Bonifaz aus der Provinz erinnerte,„aufmerkſam auf die Pflichten des Wirths,“ 8 — der an Jedermanns Behagen denkt, nur nicht an das ſeinige.“ „Ich habe nichts von all' dem bemerkt. Au contraire, ich halte Strathern für den wohlerzogen⸗ ſten und gaſtfreundſchaftlichſten Mann den ich kenne!“ „Und ich möchte behaupten daß noch viele Andere ſo denken, denn die Leute ſind zu geiſtes⸗ träg um von der Anſicht der Menge abzuweichen; und wenn ein beſonders nachſichtiger Mann, wie Ihre Herrlichkeit, eine ſolche Meinung ausgeſprochen hat, ſo fehlt es nie an Anderen, welche derſelben beitreten.“ „Ich mache durchaus keinen Anſpruch darauf, daß ich nachſichtig wäre gegen Strathern und ſeine féte, bemerkte Lord Wyndermere, denn weder der eine noch die andere bedarf deſſen. Wie ſchön hat die Diva dabei geſungen; ich glaube, ich habe ſie nie bei ſo guter Stimme gehört.“ „Sonderbar, es fiel mir auf— aber es wird wohl bloß Einbildung geweſen ſein— daß ſie furchtbar ſchlecht ſang. Auch das Ballet ging in fader Weiſe vor ſich; die danseuses konnten nicht vom Boden wegkommen und ſchienen mir einen zu handgreiflichen Theil der Erde zu bilden, als daß ſie mit ihren Bewegungen Genuß hätten gewähren ſollen. Es war ein großer Mißgriff von Strathern, daß er auf dieſe Neuerung einging, wenn er nicht eine etwas ſchiefe Ebene nach dem Muſter der Theater herrichten laſſen wollte, auf welchem dieſe —— ——————— —, —.—————— —— 8 Odalisken ſonſt ihre Kunſiſtücke und die Beweglichkeit ihrer Füße zeigen. Durch die Elaſticität einer ſolchen werden ſie in den Stand geſetzt, einen Augenblick lang ſich in die Luft zu erheben, und von dieſem Schweben hängt alle Poeſie des Tanzens, folglich ſein Reiz ab— wenigſtens für einen verfeinerten Geſchmack. Ohne daſſelbe zeigt ſi ſich die beſte dan- seuse in keinem günſtigeren Lichte als die Blow⸗ ſabellen*), welche in den rohen ſchottiſchen Reels**) und den iriſchen Giguen**) auftreten; und ſo er⸗ ſchien mir die anmuthige Taglioni und die hüpfende Cerito auf Strathern's ſéte.“ „Ich ſehe, Sie wollen durchaus Mängel ent⸗ decken, ſollte aber die Abſicht des Feſtgebers nicht Gnade finden vor Ihren Augen? Bedenken Sie doch die unmäßigen Koſten die er aufgewendet hat um uns Unterhaltung zu verſchaffen.“ „Ich habe daran gedacht und auch an das was ihn dazu veranlaßt hat, an ſeine Großthnerei, wie ich vorhin ſchon erwähnte.“ „Ich bin nicht Ihrer Anſicht, Herr Rhymer.“ „Ganz natürlich. Ich bin ſehr alt und das werden Sie von Jedermann hören können. Mein Alter hat Einfluß auf meine Anſichten, Ihre Herr⸗ *) Plumpes Weibsbild. **) Der Reel iſt ein ſehr lebhafter, die Gigue ein leichter Tanz. 10 lichkeit iſt jung, ſehr jung ſogar,“ ſagte der Red⸗ ner mehr, wie aus Mitleid, als um auszuſprechen, daß er dies für einen Vorzug halte. „Ich höre, der Herzog von Aberfield werde uns nächſtens ein ſchönes Concert geben.“ „Ich möchte faſt ſagen, daß es mißrathen wird, wie das mit allen Concerten Sr. Gnaden von Aberfield der Fall iſt. Der Herzog ſcheint nie das Bewußtſein ſeines Ranges zu verlieren, und wünſcht das Gewicht ſeiner herzoglichen Krone möchte An⸗ dere ebenſo ſehr beugen, als ſie augenſcheinlich ihn ſelbſt drückt, den armen eiteln Mann. Werden Sie es glauben, wenn er mir ſchreibt, ſo beginnt er mit„Mein guter Herr.“ Ja, wahrhaftig, mein guter Herr“— und hört in derſelben Weiſe auf.“ „Ich glaube, an mich ſchreibt er:„Mein guter Lord,“— ſagte Lord Wyndermere. Er hatte nie den geringſten Werth darauf gelegt und erinnerte ſich auch für den Augenblick nicht genau der Worte, mit welchen ihn der Herzog von Aberfield gewöhn⸗ lich in Briefen anredete; da er jedoch merkte, daß die amour propre des Herrn Rhymer durch dieſe vermeintliche Geringſchätzung verletzt wäre, ſo wollte er ihr durch das Geſagte ſchmeicheln. „Können Sie mir mit einem Briefe von Sr. ungnädigen Gnaden beweiſen, daß er Männer von hohem Adel gerade ſo verächtlich behandelt als Bürgerliche?“ ſagte der Sonderling. 11 „Ja, ich denke es wird einer in dieſer Schub⸗ lade ſein,“ verſetzte Lord Wyndermere und öffnete eine ſolche an dem Schreibtiſch, zog ſodann ein Schreiben von dem Herzog heraus und überreichte es Herrn Rhymer. „Ich habe Recht gehabt,“ ſagte der letztere mit Bitterkeit, nachdem er auf den Brief geſehen,„er ſchreibt Ihnen„ mein lieber Lord“ und bedient ſich des Worts gut ftatt lieb blos bei meines⸗ gleichen. Aber wie ſollte auch ein einfacher„Herr,“ welches auch ſeine Anſprüche auf Beachtung ſein mögen, dem Herzog von Aberfield lieb ſein, wenn er nicht hinreichend bewandert wäre in der Alter⸗ thumswiſſenſchaft, um herauszubringen, in welchem Verwandtſchaftsgrade Seine Gnaden zu dem erſten ſchottiſchen Könige ſteht?“ „Sie ſind hart gegen ihn,“ bemerkte Lord Wyndermere;„ich habe nie etwas Beleidigendes in den Sitten oder dem Betragen des Herzogs ge⸗ funden, er iſt in Beidem vornehm, ich muß es ſa⸗ gen, aber Niemand kann yöflicher ſein.“„ „Jetzt ſind Sie ſchon wieder zu nachſichtig, Mylord; gewiß, das ſind Sie. Sie werden die Geſellſchaft verderben, wie man Kinder verderbt, durch zu viele Nachſicht. Das taugt nicht, das geht nicht an, ich verſichere Sie. Ich bin ein al⸗ ter Mann, obſchon nicht ganz ſo bejahrt, als einige meiner gütigen Freunde mich dafür ausgeben möch⸗ ten und ich weiß aus Erfahrung, daß man mit den Nachgiebigen ſeinen Spaß treibt und ſie auslacht, während die Wähleriſchen und Strengen gefürchtet und geachtet werden.“ „Sie haben, ſollte ich meinen, auf dem Wege der Nachgiebigkeit wenig Erfahrung gewonnen,“ ſagte Lord Wyndermere lachend.„Oder haben Sie erfahren, daß ſie als ein Mittel zu Erwerbung ei⸗ ner Beliebtheit in der Geſellſchaft unwirkſam war und dann erſt Ihre Zuflucht zur—“ „Unnachgiebigkeit genommen, wollten Sie ſa⸗ gen,“ fing Rhymer wieder an.„Sei es ſo, nen⸗ nen Sie mich mürriſch— rauh— wie Sie wol⸗ len, aber vermengen Sie mich nicht mit dem grinſenden Haufen, der von Haus zu Haus läuft, der Alles und Jedes lobt und preist und mit Jeder⸗ mann zufrieden iſt, am Meiſten mit ſich ſelber. A propos der Zufriedenheit, und da Sie meine Mei⸗ nung über Ihr neues Haus zu vernehmen gewünſcht haben, darf ich Ihnen aufrichtig ſagen, daß es mir nicht gefällt? „Das thut mir wahrhaftig leid.“ Dieſe Bibliothek, par exemple iſt nicht nach meinem Geſchmack eingerichtet. Eichenholz und Gold paßt nicht. Vergoldungen ſollten nur an Bücherſtändern für Frauenzimmer angebracht wer⸗ den; ſie haben Freude an Glanz und Staat; aber die Bibliothek eines Mannes ſollte ſchlicht und 13 einfach ſein. Dann ſind Ihre Bücher zu pracht⸗ voll gebunden, ſie ſehen aus, als gehörten ſie einem petit-maitre oder einem Bürgersmann der ſein Ge⸗ ſchäft aufgegeben hat. Wenn die Bücher zu ſchön gebunden ſind, ſo bringen ſie Einen auf die Mei⸗ nung, daß man nicht im Sinn habe, viel in den⸗ ſelben zu leſen. Das Zimmer im Allgemeinen hat ein zu geputztes Ausſehen für einen dem Studieren geweihten Ort; die Tapeten haben ebenfalls eine zu grelle Farbe, die Rahmen der Spiegel und Ge⸗ mälde ſind zu prächtig. Kurzum, mein werther Lord, das Ensemble iſt nicht genau ſo daß es ein Mann von feinem Geſchmack billigen könnte.“ Nachdem Rhymer ſeinen Wirth völlig unzu⸗ frieden gemacht mit Allem was dieſem früher an der Einrichtung ſeines Hauſes gefallen hatte, wünſchte er ihm guten Morgen und ſagte er müßte bei der Herzogin von Rochdale einſprechen, welche ihn in Sachen des Geſchmacks zu Rathe zu ziehen wünſchte. „Und das iſt der Mann, welchen ich letzte Nacht gegen Strathern die ſchmeichelhafteſten Com⸗ plimente über ſeine féte ausſprechen hörte?“ ſagte Lord Wyndermere zu ſich ſelbſt.„Wo ſollen wir die Wahrheit ſuchen, wenn nicht bei denen, welchen ihre Stellung ſowohl als ihr Alter jede Veranlaſſung zur Täuſchung benehmen ſollte? Ich wollte, ich hätte den alten Murrkopf nicht gebeten, zu mir zu kommen und mein Haus zu beſehen; jetzt wird 1⁴ er hingehen und es bei jedem, dem er begegnet, in Verruf bringen und man wird mich für einen Menſchen von ſchlechtem Geſchmack halten, nachdem ich doch ſo viel Gold darauf verwendet, um es gehörig auszuſchmücken. Der einzige, wirklich offene und freundliche Mann iſt Strathern; und doch, wie hat der alte Rhymer über ſeinen Geſchmack geläſtert! Ich hielt dies Zimmer für etwas Vollkommenes und nun— doch was bin ich für ein Narr, daß ich mich in meiner Meinung davon irre machen laſſe, weil es zufällig dieſem boshaften, alten Mann nicht gefällt. Er hat beſtändig etwas Hämiſches über Alles und Jedermann zu ſagen. Ich wundere mich, daß ihm die Leute das hingehen laſſen, denn ich kann wahrhaftig keinen Grund dazu abſehen.“ „Er iſt reich und das iſt in dieſer großen Wüſte aus Backſteinen und Mörtel der beſte von allen Gründen,“ ſagte Strathern, der in die Bibliothek eingetceten war, während Lord Wyndermere ſich ſeinem lauten Selbſtgeſpräch überließ. Dieſer war von dem Gegenſtand deſſelben ſo in Anſpruch ge⸗ nommen, daß er es überhörte, wie ihm der Name des Angekommenen von dem Diener angekündigt wurde, welcher den Beſuch einführte. „Sie denken nicht allein, mein werther Lord — eine Beſchäftigung, welcher ein Mann von gutem Ton in London ſelten nachhängt— ſondern was noch gefährlicher iſt, Sie denken laut,“ fuhr Strathern nach den erſten Begrüßungen fort. „Ich begegnete Rhymer'n an Ihrer Thüre und er blickte ſo ungewöhnlich artig drein, daß ich gleich vermuthete, er werde ſein altes Geſchäft getrieben und ſich bemüht haben, Jemand unzufrieden zu machen. Das iſt ihm in Etwas gelungen, nach den paar Worten zu ſchließen, welche ich Sie ſagen hörte. Iſt dem nicht alſo?“ Lord Wyndermere gab dies zu und wiederholte die Bemerkungen, welche Rhymer über ſein Haus gemacht hatte. „Sie brauchen ſich durch ſeine Ausſtellungen nicht irre machen zu laſſen,“ bemerkte Strathern, „denn wenn es erlaubt iſt, hier einen Satz anzu⸗ wenden, der von Karl II. gebraucht wird, ſo würde ich ſagen, daß Rhymer dafür bekannt iſt, nie etwas Freundliches geſagt, und nie etwas Unfreundliches gethan zu haben. Er iſt vielen Männern von Genie in den Glückswechſeln zu Hilfe gekommen, welchen Leute dieſer Art mehr als jeder Andere ausgeſetzt bleiben, wenn ſie ſich mit einem wiſſen⸗ ſchaftlichen Treiben befaſſen, um ihren Lebensunter⸗ halt zu gewinnen. Künſtlern hat ſeine Fürſprache bei ſogenannten Gönnern, die mehr Gold als Ge⸗ ſchmack beſaßen, nie gefehlt; aber es iſt eine Eigen⸗ thümlichkeit von ihm, daß er zwar zu Dienſtleiſtungen bereit, aber ſelten geneigt iſt, Jemand eine Kränkung 16 zu erſparen und vffenbar Vergnügen daran findet, Einem unangenehme Sachen zu ſagen. Selbſt ſeine Complimente und ſie ſind ſelten und unbedeutend, haben Etwas an ſich, was diejenigen, welche zugegen ſind, wenn ſie gemacht werden, in Zweifel läßt, ob ſie nicht eine andere und weniger freundliche Auslegung verſtatten. Die Perſonen aber, an welche ſie gerichtet ſind, werden das am Ende nicht gewahr. Deſſenungeachtet iſt zuletzt vielleicht das Syſtem Rhymer's, wenn es überhaupt ein ſolches iſt, dem⸗ jenigen vorzuziehen, welches die Menſchen im All⸗ gemeinen einhalten und wobei ſie ſich darauf ver⸗, legen, Höflichkeiten zu ſagen und gute Handlungen zu unterlaſſen.“ „Sie halten ſich an die gute Seite der Frage, aber das thun Sie ja immer,“ erwiederte Lord Wyndermere.„Ich geſtehe, daß ich weniger nach⸗ ſichtig bin.“ „Ich finde es angenehmer ſo zu verfahren. Meine Philoſophie hat mich gelehrt, daß Nachſicht mit den Schwächen Anderer und beſonders mit denen, welche der Geſellſchaft eigenthümlich ſind, inſofern ihre eigene und außerordentlich große Be⸗ lohnung in ſich trägt, daß ſie Einem eine gleich⸗ müthige Stimmung und Heiterkeit verſchafft. Dieſe iſt aber unvereinbar mit einem herben Weſen, welches Uebel entveckt, die es nicht hoffen kann zu beſſern, und mehr bei der Nacht⸗ als bei der Licht⸗ „ 17 ſeite der menſchlichen Natur ſtehen bleibt. Ich kenne Viele, welche in Rhymer blos den bösartigen Satyriker zu ſehen vermögen, der ihre Eitelkeit durch ein ſpöttiſches oder epigrammatiſches bon mot verletzt; ich bemühe mich, dieſe ſeine Schwäche zu vergeſſen und denke an das Gute, was er thut, nicht an das Böſe, was er ſpricht.“ „Aber liegt nicht etwas Selbſtſüchtiges— wenn ich mich des Worts bevienen darf— in Ihrer Philoſophie?“ „Peut-étre, mais à quoi bon iſt die des Gries⸗ grams? Verbeſſert ſie die Fehler, welche ſie blos⸗ ſtellt oder macht ſie denjenigen, der ſie ausſpäht, zu einem beſſeren Menſchen? Wollten wir Ale, wenn wir Mangel an unſern Bekannten entdecken, den guten Eigenſchaften Gerechtigkeit widerfahren laſſen, mit welchen jene häufig vergeſellſchaftet ſind, ſo ſeyn Sie verſichert, die Wage würde ſich oft auf Seite der letzteren neigen. Dieſe Ueberzeugung würde uns eine beſſere Meinung von unſeren Neben⸗ menſchen beibringen und uns dadurch mehr Glück ſichern.“„ „Sie müſſen ein glückliches Temperament haben, mein werther Strathern.“ „Ich glaube Sie haben Recht, und daran liegt mehr, ja viel mehr, als die Leute ſich vorſtellen. Die Hälfte der menſchlichen Mängel kann man einem unglücklichen Temperament zuſchreiben, wäh⸗ Strathern 1. 2 18 rend die Opfer ſeines mächtigen und verderblichen Einfluſſes ſelbſt von dem Beſtehen deſſelben nichts wiſſen. Es liefert die Galle für die Feder des Satyrikers und das Gift für die Zunge des witzigen Kopfs. Sollten wir Rhymer's beißende bon mots und ſeine hämiſchen Complimente nicht dem malaise in ſeiner Leibes⸗ und Geiſtesbeſchaffenheit zuſchreiben können? Solches nagt beſtändig an ihm und erzeugt die Bitterkeit, für die er ſo wenig Nachſicht ſelbſt bei denen findet, welche ſeine guten Eigenſchaften kennen. Betrachten Sie einmal die Geſichter derer, welche für ihren beiſſenden Spott bekannt ſind und Sie werden bemerken, daß ſie eine gelbe Farbe, matte Augen und höhniſch verzogene Lippen haben. Daraus geht hervor, daß eine eingewurzelte Un⸗ ordnung in ihrem Gallenſyſtem herrſcht und daß dieſe eines der größten und am wenigſten bedauerten Uebel erzeugt, das der Menſchheit zu Theil ge⸗ worden iſt. Und ob es nun, wie häufig geſchieht, zum Wahnſinn führt oder ob es ſich in bitterer Satyre äußert, immer hat es gleiche Anſprüche auf unſer Mitleid.“ „Sie ſind alſo zu der Annahme geneigt, daß, „Wenn ein armer Witzling irrt und fehlt Mehr als er ſelbſt die Galle Schuld iſt, die ihn quält?“ „Allerdings, und ich würde eher einen geſchickten Arzt, denn einen Moraliſten zu ſeiner Heilung 19 empfehlen. Ich leſe nie eine der hämiſchen Strei⸗ tereien des Tages, ſie mögen auch noch ſo witzig ſeyn, ohne von einem Gefühl des Mitleids mit dem Verfaſſer derſelben ergriffen zu werden. Die Heftigkeit deſſen, was er unter ſeiner ſeltſamen Krankheit leidet, läßt ſich aus der Bitterkeit ſeiner Sprache abnehmen und ich lerne Swift ſeine Bos⸗ heit beinahe vergeben, wenn ich an die körperliche Urſache zurückdenke, welche zu ſolchen moraliſchen Folgen geführt. Aber laſſen wir die Philoſophie. Zeigen Sie mir Ihr neues Haus; nach der Probe davon, welche dieſes Bibliorhekzimmer gibt, muß es, denk ich, mit ausgezeichnetem Geſchmack ein⸗ gerichtet ſein.“ „Sie wollen mich für den Tadel entſchädigen, welchen Rhymer darüber ausgeſprochen; da Sie mich aber jetzt in die Geheimniſſe der im Körper liegenden Urſachen und ihrer Wirkungen eingeweiht, ſo werde ich ihm zwar wohl ſeine Rüge verzeihen, aber verſucht ſein zu fragen, ob es Ihnen mit ih⸗ rem Lobe Ernſt iſt. Und iſt dies der Fall, ſo werde ich es dem glücklichen Temperament zuſchreiben, wel⸗ ches Sie befähigt, Alles en beau zu ſehen.“ „Und ſo die Waffen, welche Ihnen meine Phi⸗ loſophie geliefert hat, gegen mich ſelber kehren? Sie müſſen mich indeſſen nicht ſo weit mißverſtehen, daß Sie ſich einbilden, ich lege ein ungebührliches Gewicht auf Urſachen, welche im Körper liegen, . —— — ——— ——— — 3 20 oder ich ziehe in Abrede, daß es dem moraliſchen Einfluß nicht möglich wäre, ihre Wirkungen zu unterdrücken, wenn ſeine Macht auch nicht zureicht, ihre Urſache auszurotten. Geben Sie auf die wohl⸗ thätige Handlung Acht, die oft ſchnell auf ein un⸗ freundliches Wort folgt, wie der Speer des Te⸗ lephus die Wunden heilte, welche er ſchlug. Iſt das nicht ein überzeugender Beweis, daß der ſittliche Einfluß ſich geltend machen läßt, um den vom Körper herrührenden gut zu machen?“ „Sie haben mich gelehrt, die Fehler des mür⸗ riſchen Rhymer milder zu beurtheilen, als ich früher geneigt war zu thun; und wenn ich in Zukunft auf Perſonen ſtoße, welchen ein ähnlicher Hang einwohnt boshafte Sachen zu ſagen, ſo will ich hoffen, ſie werden, wie er, ihre Worte durch Thaten ſühnen.“ „Ein ungeordneter Geiſt und ein ungeſunder Leib bringt mehr Griesgrame hervor, als ein ſchlechtes Herz. Ja ſelbſt der Witz, dieſer„Blitz des Geiſtes“ ſetzt die, welchen er eigen iſt, häufig der Verſuchung aus, bon wols auszuſprechen, welche den Stempel der Bosheit an ſich tragen, wenn ſie auch in Wahrheit von keinem ſolchen Gedanken eingegeben worden ſind. Der Wunſch, in der Geſellſchaft zu glänzen— und welches Verfahren führt hiezu leichter bei einem klugen Menſchen, als glückliche, glänzende Einfälle und treffende Spöt⸗ 21 tereien?— gibt den meiſten der spirituelles mér chancetés ihre Entſtehung. Sie bewirken, daß man einen witzigen Kopf in der Geſellſchaft fürchtet, ſie veranlaſſen auch, daß man ihm den Hof macht und bringen ihn in einen gewiſſen Ruf, aber der⸗ ſelbe iſt meines Dafürhaltens weder wünſchens⸗ noch beneidenswerth.“ „Und doch habe ich Leute getroffen, welche, obgleich als witzig anerkannt, wenn überhaußt, doch ſelten ſich die malice erlaubten, welche man als eine ihrer Gerechtſamen betrachtet.“ „Das habe ich auch, und dieſe Selbſtbeherrſchung brachte mir immer eine ſehr hohe Meinung von ſolchen Menſchen bei. Der Widerſtand gegen den Wunſch, die tauſend glänzenden mots auszuſprechen, welche durch eine lebendige Einbildungskraft einge⸗ geben und durch Thorheiten vder Verſehen minder begabter Geſellſchafter wach und zur Thätigkeit ge⸗ rufen werden, beweist, daß der, welcher dieſe Zu⸗ rückhaltung ausübt, drei ſchätzbare Eigenſchaften beſitzt— einen ſcharfen Verſtand, ein gutes Herz und die ächte Höflichkeit.“ „Es wäre ſehr zu wünſchen, daß ſolche Bei⸗ ſpiele unter witzigen Köpfen häufiger vorkämen. Dies würde die Eiferſucht und Abneigung mindern, die gegen jene von ſolchen unterhalten wird, von denen man glaubt, ſie fürchten eher die geiſtige Ueberlegenheit der erſteren, als ſie dieſelben be⸗ 22 greifen.“ Der Schlag der pendule auf dem Kamingeſims erinnerte Strathern, daß ſein Beſuch ſchon länger gedauert, als Morgenviſiten gewöhnlich währen ſollen und daß er doch nichts als das Bib⸗ liothekzimmer des Lords Wyndermere geſehen hatte. Er ſchlug daher ſeinem Freunde vor, ſie wollten, wenn es ihm nicht ungelegen wäre, noch das Speiſe⸗ und Geſeliſchaftszimmer beſehen und entſchuldigte ſich zugleich, daß er ſchon ſo weit über die Gebühr ſeine Zeit in Beſchlag genommen. „Weit entfernt, ich verſichere Sie,“ entgegnete Lord Wyndermere.„Ihr Beſuch hat mir das größte Vergnügen gemacht. In dieſer lärm⸗ und gewühl⸗ vollen Stadt ſcheint Jedermann in zu großer Haſt zu ſein, um ſtille zu ſtehen und zu horchen oder ſich in ein vernünftiges Geſpräch einzulaſſen und ſo wird man dieſes Vergnügens ſo ſelten froh, daß ich eine Stunde vernünftiger Unterhaltung— bei welcher weder Aergerniß gegeben wird, noch etwas Boshaftes vorkommt— gehörig zu ſchätzen weiß— und daß ich blos wünſche, auf ſolche Ver⸗ günſtigung häufiger zählen zu dürfen.“ Die salle à manger wurde von der Bibliothek durch ein großes Vorzimmer getrennt und öffnete ſich auf einer Seite in ein ausgedehntes Gewächs⸗ haus, das mit den auserleſenſten Pflanzen und Blumen verſehen war. Treffliche Bruchſtücke von alto und basso rilievo, die man aus Italien und 4 23 Griechenland hatte kommen laſſen, bedeckten die Wände und etliche treffliche Statuen, von den beſten unſerer neueren Bildhauer bildeten die ein⸗ zige Verzierung. Die Geſellſchaftszimmer, drei en suite, waren geräumig und hoch und mit Ge⸗ räthe im Styl Ludwigs XlV. verſehen. Nichts konnte in beſſerem Stande ſeyn; Pracht und Ge⸗ ſchmack waren glücklich verbunden und das Ganze brachte die bezauberndſte Wirkung hervor. Die bewundernswürdige Gemäldeſammlung, welche die mit Seide tapezirten Wänden ſchmückte, nahm die ganze Aufmerkſamkeit Strathern's in Anſpruch. Er hätte ſie ſtatt Stunden, Tage lang betrachten können und war erfreut, in Lord Wyndermere bei all' ſeiner Zurückhaltung im Betragen einen faſt eben ſo enthuſiaſtiſchen Verehrer, und was noch ſeltener iſt, einen eben ſo trefflichen Kenner ſchöner Gemälde zu finden als er ſelber war. Nichts führt ſo ſchnell zu einer anſtändigen Vertraulichkeit, als die Entdeckung einer Aehnlichkeit im Geſchmack. Die zwei Freunde empfanden während ihres Ge⸗ ſprächs und einer Vergleichung der Verdienſte ver⸗ ſchiedener Meiſter, deren Werke vor ihnen hingen, daß ſie ſich nie zu einander ſo hingezogen gefühlt hatten, als bei ihrem téte-à-léte von dieſem Tage und verſprachen ſich gegenſeitig das Vergnügen, welches ſie eben genoſſen, ſollte ſich noch oft wie⸗ derholen. 2⁴ „Ich ſehe, Sie fühlen gleich mir, daß der eigentliche Weg zu Aufmunterung der Kunſt der iſt, wenn man in der Umgebung der keſten Muſter lebt, welche dieſelbe zu erzeugen vermag,“ ſagte Strathern. „Die, welche Säle füllen und ſie blos betreten, wenn ſie die Schätze derſelben zu zeigen wünſchen, ſind nach meiner Anſicht keine eigentlichen Freunde der ſchönen Künſte,“ bemerkte Lord Wyndermere. „Ich habe Freude an Bildſäulen, Gemälden und Büchern, die mir beſtändig zur Hand ſind. Wenn man von einem Buch auf ein ſchönes Gemälde oder eine hübſche Bildſäule blicken kann, bis man dieſe Beſitzthümer als ſeine Hausgötter lieben lernt, ſo iſt dies das rechte Mittel, Genuß aus ihnen zu ziehen und ich verſtehe ſchon lange mir ihn zu bereiten. Meine Sammlung wird mir überdies dadurch noch lieber, daß ſie in meinem Gemüthe mit dem Manne ſich vergeſellſchaftet, welcher den größeren Theil derſelben auswählte und dem ſie eben ſo werth war, als mir ſelbſt,— ich meine meinen trefflichen Vater, und blicke ſelten auf einen dieſer Schätze, ohne dem zu danken, der ſie ange⸗ ſchafft und mich ſchätzen gelehrt hat.“ „Sie müſſen mich sans cérémonie beſuchen,“ ſagte Strathern, der immer mehr Freude an ſeinem Wirthe fand,„und dann wollen wir meine Samm⸗ lung mit Muße und ungeſtört prüfen. Sie haben ———, ———————————— 25 bis jetzt meine Gemälde blos mit einer Menge anderer Beſucher geſehen; man müßte mich gewiß für exigeant, oder wie unſere Landsleute ſagen, für einen bore(einen langweiligen, unausſtehlichen Menſchen) halten, wenn ich gewöhnliche Leute ein⸗ laden wollte, die Kunſtwerke zu beſichtigen, welche ich beſitze; Sie aber haben bewieſen, wie gut Sie derartige Gegenſtände zu beurtheilen wiſſen, Sie werden mich nicht dafür anſehen und bald nach Strathernhaus kommen.“ „Wir haben etliche freigebige Beſchützer der Kunſt unter dem höheren und niederen Adel Eng⸗ lands,“ bemerkte Lord Wyndermere,„und noch mehr unter den mittleren Ständen, wie man ſie nennt, gibt es Männer die ſich ein großes Vermögen er⸗ worben und Geſchmack genug haben, um einen an⸗ ſehnlichen Theil ihres Reichthums auf Erwerbung ſchöner Gemälde zu verwenden. Ich fand Ge⸗ legenheit manche Sammlungen in Häuſern zu ſe⸗ hen deren Eigenthümer ich nie nennen gehört hatte, bis ſie mir von einigen unſerer beſten Künſtler als ihre großmüthigſten Gönner bezeichnet wurden. Es hat mir große Freude gemacht mich durch den Augenſchein zu überzeugen, welche treffliche Kunſt⸗ ſchätze ſie beſitzen und wie richtig ihre Schätzung davon iſt. Ich geſtehe Ihnen, daß ich ſtolz auf England wurde, als ich dieſe Sammlungen beſuchte, und daß ich mich mehr als je geneigt fühlte die 26 Wahrheit der Bemerkung eines berühmten Aus⸗ länders zuzugeben, nach welcher der Mittelſtand in England wirklich höchſt ſchätzenswerth iſt, weil er viele von den Eigenſchaften ſeines Lieblingsgetränks, des Biers an ſich hat, aber ohne den Schaum, das fade, welches dem tonangebenden Theil der höchſten Claſſen beigelegt wird, und ohne die Hefe, welche dem niederſten Stande eigen iſt.“ „Sie haben Recht, wenn Sie dieſer Anſicht beiſtimmen, denn je mehr ich von meinen Lands⸗ leuten ſehe, deſto mehr überzeuge ich mich von dem beſonderen Werth dieſes Theil derſelben. Was für tüchtige Geſchäftsmänner geben ſie im Hauſe der Gemeinen. Da ſie an Uebung ihrer Kräfte ge⸗ wöhnt und in beſtändigem Verkehr mit der Welt ſind, ſo haben ſie einen großen Vortheil vor den Landedelleuten im Allgemeinen und können in An⸗ gelegenheiten, welche ihrer Beachtung unterſtellt werden, viel ſchneller das Praktiſche von dem Theo⸗ retiſchen unterſcheiden. Die Erziehung hat in Eng⸗ land große, ja viel größere Fortſchritte gemacht, als diejenigen zugeben mögen, welche die Geſell⸗ ſchaft blos oberflächlich betrachten und nirgends kann man dieſe erfreuliche Thatſache deutlicher ge⸗ wahr werden als in den Häuſern der Männer, welche Handel und Gewerbe treiben. Blicken wir überdieß auf ihre Familien, ſo ſind die Frauen unterrichtet und in hohem Grade gebildet, ſie eig⸗ 27 nen ſich nicht blos für den Eintritt in die feinſten Geſellſchaften, ſondern ſie bilden eine Zierde der⸗ ſelben, und die jungen Leute ſind nicht blos dar⸗ auf vorbereitet ſich in dem Berufe, zu welchem ſie erzogen worden, auszuzeichnen, ſondern auch in höheren Kreiſen den Anforderungen zu genügen, die etwa an ſie geſtellt werden.“ „Wie verſchieden ſind ſie darin von dem was wir über die Bürger vor fünfzig Jahren leſen, da die Aufhäufung von Reichthümern und ſchmutzige Sparſamkeit im Haushalt ihren eigenthümlichen und hauptſächlichen Charakter bildeten.“ „Ja, der Geiſt hat einen Triumphzug durch England gehalten, und wenn auch ein Theil unſe⸗ rer Bevölkerung durch zu vieles Licht geblendet ſein mag, wie ſolches beim erſten Hereinbrechen deſſel⸗ ben bei Menſchen vorkommen kann, die lange im Dunkeln gehalten wurden, und obgleich vielleicht ſolche Leute ihren Weg nicht ſo deutlich ſehen als zu wünſchen wäre, ſo wird doch jeder Tag eine Verbeſſerung in den wenigen Nachtheilen her⸗ beiführen, welche einem ſchnellen Uebergange aus einer Stufe vergleichungsweiſer Unwiſſenheit zur Geſittung und Verfeinerung eigenthümlich ſind.“ „Das alte Sprichwort„halbes Wiſſen iſt ge⸗ fährlich“ iſt ein wahres. Der Abſatz deſſelben iſt jetzt ſo unbedingt freigegeben, daß die Gefahr bald verſchwinden wird, welche man von oberflächlichen Kenntniſſe laſſen Si Nachd 28 n befürchten könnte. Auf Wiederſehen, e nicht zu lange auf ſich warten!“ Zweites Capitel. Die frühzeitige Ausbildung des Sinns für die ſchönen Künſte iſt eines der beſten Ver⸗ wahrung-mittel aegen die Verſuchungen, wel⸗ chen ſo viele junge Leute von großem Ver⸗ mögen zur Beute werden, wenn ſie aus den Einſchränkungen des Studentenlebens her⸗ austreten; denn wer an der Betrachtung eines ſchönen Gemäldes Vergnügen findet, wird wenig Neigung verſpüren ſich dem ro— hen und ſinnlichen Zeitvertreib hinzugeben, mit welchem Jünglinge von weniger ver⸗ feinertem Geſchmack ihre Zeit verbringen. em wir unſern Helden dem Leſer vor⸗ geführt, iſt es nöthig, daß wir ihn mit der Geburt, Verwandtſchaft und Erziehung deſſelben bekannt machen. Er war von einer alten Familie und mit einigen der edelſten im Lande verwandt, hatte aber das Unglück ſchon in der Kindheit zur Waiſe zu werden, und ſich ſeine Aeltern durch den Tod ent⸗ riſſen zu ſehen ehe er das neunte Jahr erreicht. 29 Er überkam von ihnen ein günſtiges Aeußere, Fä⸗ higkeiten von nicht gewöhnlicher Art und ein Ver⸗ mögrn, welches ausreichte um ihm einen Aufwand möglich zu machen, wie ihn eine beinahe fürſtliche Gaſtfreiheit mit ſich bringt. Und doch belief es ſich nicht über die Hälfte von dem was ihm die Welt zutheilte, die immer ſo freigebig iſt in Ver⸗ theilung der Glücksgüter an die Reichen. Der Vormund, deſſen Obhut Strathern durch teſtamen⸗ tariſche Verfügung übergeben wurde, führte ein Junggeſellenleben und beſaß neben großem Reich⸗ thum einen anerkannten Geſchmack. Seine Woh⸗ nung war mit Kunſtwerken von Malern und Bild⸗ hauern angefüllt und mit Allem geſchmückt, was einen Künſtler unterrichten oder den Mann von feinem Geſchmack anziehen konnte. In dieſer brachte der Pflegeſohn gewöhnlich die Zeit zu, in welcher er von der Schule frei war; hier wurde ihm die Kenntniß der Kunſt und die Liebe für ihre chef- d'oeuvres beigebracht, welche ſich, wenn ſie Einem in der Jugend eingepflanzt wird, als unterſcheiden⸗ der Zug durch den Charakter eines Menſchen hin⸗ zieht, wie lange auch ſein Daſein währen möge. Die Erziehung, welche Strathern erhielt, war von der Art, daß ſie die Fähigkeiten, mit denen ihn die Natur ausgeſtattet, bis auf den höchſten Grad ausbildete, und er ſelbſt verlegte ſich mit einem Fleiß darauf ſich Alles was man ihn lehren konnte, 30 zu eigen zu machen, daß er ſich dadurch die Be⸗ wunderung ſeiner Altersgenoſſen und die Achtung ſeines Vormunds erwarb. Er verließ Chriſt⸗Church mit einem Ruf von Talenten und Kenntniſſen, wel⸗ cher den Neid ſeiner Cameraden erweckt haben würde, wenn Strathern nicht von aller Eitelkeit frei geweſen wäre, und wenn ihm ſeine Herzens⸗ güte nicht ſo viele Freunde erworben hätte, daß der Neid ſich in der Achtung verlor. Verſchwand derſelbe aber auch nicht ganz, ſo wurde er doch durch die wohlverdiente Beliebtheit, die Strathern erlangt hatte, zum Schweigen gebracht. Vielleicht trug auch ſeine Freigebigkeit etwas dazu bei, ihm dieſes allgemeine Wohlwollen zu gewinnen. Da das Taſchengeld, welches ihm ſein Vormund be⸗ willigte, ſich ungewöhnlich hoch belief, ſo ſah er ſich in Stand geſetzt, viele ſeiner Studiengenoſſen aus den Verlegenheiten zu reißen, in welche ſie nicht ſelten durch ihren Leichtſinn geriethen; und er hatte die ſeltene und ſchwer zu erwerbende Kunſt inne ſeine Hilfe ſo zu leiſten, daß ſie der Undank⸗ barkeit vorbeugte. Denn er verwandelte die Schuld⸗ ner die ihm verpflichtet waren, durch den Takt und die Feinheit, mit welcher er bei ihrer Unterſtützung zu Werke ging, in ergebene Freunde. Die Dank⸗ barkeit, welche ſein zartes Benehmen bei Dienſt⸗ leiſtungen mehr noch als die Bedeutſamkeit des Dienſtes ſelbſt erweckte, ſchrieb er der angeborenen 6 —— 31 Gutmüthigkeit derer zu, denen er einen Gefallen gethan. Dabei dachte er nicht daran, daß ähnliche oder ſelbſt größere Wohlthaten, wenn ſie auf an⸗ dere Art erwieſen werden, über der Demüthigung in Vergeſſenheit gerathen, mit welcher ſie dann verbunden ſind. So bildete ſich Strathern eine etwas irrige Anſicht von den Menſchen im Allge⸗ meinen und legte denen beſonders, mit welchen er in Verbindung ſtand, viele Eigenſchaften bei, von denen ſie blos den äußeren Anſtrich beſaßen. Er war eine edle Natur und ſeine Fehler, wenn man ſie überhaupt ſo nennen konnte, entſprangen aus ſeiner Gutmüthigkeit, wie das Unkraut, welches ei⸗ nem zu reichen und üppigen Boden entkeimt. Eine zwölf Jahre dauernde Minderjährigkeit machte es dem Lord Argentyn, dem Vormund Strathern's, möglich, von dem jährlichen Einkom⸗ men ſeines Mündels eine bedeutende Summe als Capital anzulegen, ſo daß ſich unſer Held, nachdem er das einundzwanzigſte Jahr erreicht, im Beſitz eines Vermögens ſah, das jährlich fünfzehntauſend Pfund einbrachte und ſich auf etwa zweimalhundert⸗ tauſend Pfund Capitalien belief. Als Lord Argen⸗ tyn ſeine Pflegſchaft abtrat, ſuchte er ſeinen frü⸗ heren Mündel zu dem Entſchluſſe zu vermögen, daß er dieſes bedeutende Capital, oder wenigſtens den größeren Theil davon auf den Ankauf eines Gutes verwenden ſollte, welches ihm eine größere 32 Bedeutung im Lande verſchaffen und ihn noch mehr an das Intereſſe deſſelben binden würde. Auch war ſein Einfluß auf Strathern ſo groß, daß es mehr als wahrſcheinlich iſt, dieſer würde auf den Vorſchlag eingegangen ſein, hätte der Vormund lange genug gelebt, um denſelben durchzuſetzen. Aber zum Unglück für ſeinen Pflegeſohn ſtarb Lord Argentyn drei Monate nachdem jener ſeine Voll⸗ jährigkeit erlangt, plötzlich an einem Herzübel, wel⸗ ches der Geſchicklichkeit der Aerzte trotzte. Er ward von Allen die ihn kannten, bedauert, aber aufrich⸗ tig betrauert von dem Jüngling an dem er wie ein Vater gehandelt. Sein großes Vermögen, über deſſen Beſit keine beſtimmte Erbfolge entſchied, hatte er einem Verwandten vermacht auf den ſein Titel überging. Es ſollte an Strathern fallen, wenn der beſagte Verwandte ohne Sohn abginge. Dieſer Fall ſtand aber nicht in Ausſicht, da der⸗ ſelbe bereits Vater von drei geſunden Knaben war und überdies eine Frau hatte von der ſich vermuthen ließ, ſie werde ihn noch mit weiteren Sproſſen zu Erhaltung des Stammbaumes beglücken. Als Strathern in der Wohnung um ſich blickte, in welcher er ſo viele glück. iche Tage verbracht als er die Gegenſtände betrachtete die ihm durch Gewohn⸗ heit und Umgang ſowohl als durch ihren inneren Werth theuer geworden waren— Gegenſtände die man mit ungeheuern Koſten aus den vorzüglichſten 33 italieniſchen Gallerien zuſammengebracht, ſo war ihm zu Muthe, wie einem verbannten Mann der zum letztenmal auf die Heimath zurückblickt und auf die Hausgötter die ſie ihm lieb gemacht. Gerne hätte er einen großen Theil ſeines ausgeliehenen Vermögens zu Erwerbung des Hauſes und der herrlichen Kunſtwerke verwendet, welche daſſelbe füllten; aber zum Unglück— und betrachtete nicht nur er, ſondern auch der Erbe die Sache— war darüber ſo beſtimmt verfügt, daß weder das Haus noch etwas von ſeinem koſtbaren Inhalt verkauft werden durfte. Auf dieſe Art ſah ſich der nun⸗ mehrige Lord Argentyn im Beſitz von Bildſäulen und Gemälden, welche er, da ihm der Sinn dafür abging, mit Vergnügen für einige tauſend Pfund an Strathern überlaſſen haben würde. Unſer Held hatte ſich ſo ſehr an den Anblick von Kunſtwerken gewöhnt, daß er ſie zuletzt als unumgänglich nöthig für ſeine Zufriedenheit be⸗ trachtete. Wände ohne Gemälde von den beſten Meiſtern und Gallerien ohne Statuen von den größten Bildhauern kamen ihm nicht blos unaus⸗ ſtehlich vor, ſondern er hielt ſie für etwas wirklich Tadelnswerthes bei Jedem der die Mittel beſaß ſich ſolche Kunſtſchätze zu erwerben; er beſchloß da⸗ her zuerſt ein Haus zu ihrer Aufnahme einzurich⸗ ten, und dann nach Italien zu gehen, um ſelber nach ihnen zu ſuchen. Strathern 1. 3 34 Kaum war es bekannt geworden, der reiche Strathern wünſchte eine Wohnung zu kaufen, als ihm unter Tauſenden die Wahl offen ſtand; da er ſich aber an die geräumigen, hohen Gemächer in Argentynhaus und deſſen prächtige Bibliothek, Ge⸗ mälde⸗ und Bildſäulen⸗Gallerie gewöhnt hatte, ſo konnte er kein Haus finden, welches ihm angeſtan⸗ den hätte und beſchloß am Ende eines zu bauen, welches alle Anſprüche erfüllte, die er an ein ſol⸗ ches machte. Wir ſehen ihn alſo, noch ehe er zwei und zwanzig Jahre zählte, und in einer Periode, da die meiſten Männer ſeines Alters ſich blos damit be⸗ ſchäftigen, wie ſie den gegenwärtigen Augenblick ge⸗ nießen ſollen, in einer Unternehmung begriffen, an die ſelten gedacht wird, ehe der Menſch zu einem viel reiferen Alter gelangt iſt. Seine Studienfreunde, welche ihn in London umſchwärmten, wie ſie es in Chriſt⸗Church gethan, ſtrebten ihn zuerſt von der Thorheit, wie ſie es nannten, abzubringen, nach welcher er ſich mit Backſteinen und Mörtel ab⸗ geben wollte; ſie wiederholten ihm das abgenutzte Sprichwort, welches beſagt„Narren bauen Häuſer damit kluge Leute drin wohnen können;“ und da es ihnen nicht gelang, ihm ſeinen Plan auszureden, ſuchten ſie die Sache in's Lächerliche zu ziehen; aber mit nicht beſſerem Erfolg. Denn Strathern ließ ſich auch durch dieſe Waffe, die ſchwachen Per⸗ 35 ſonen gegenüber mit ſo viel Glück angewandt wird, nicht irre machen. Sie konnten nicht begreifen, und ſagten es ihm auch, was ihm daran liegen könnte ein beſſeres Haus zu bekommen, als eines der vielen anderen mit Anſchlagezetteln an den Fenſtern, wie ſie auf allen von der vornehmen Welt bewohnten Plätzen der Stadt, oder in Carlton⸗ Garten oder auf der Terraſſe zu ſehen ſeien; aber Strathern war nicht der Mann der ſich geneigt finden ließ, ſeine Cameraden bei der Ausführung von Planen für ſeine eigene Behaglichkeit zu Rathe zu ziehen, oder der geglaubt hätte, ſie könnten ge⸗ hörig beurtheilen, was die Befriedigung ſeines Ge⸗ ſchmacks erheiſchte. „Es iſt ein vorzügliches Haus in Carlton⸗ Garten zu vermiethen,“ bemerkte Lord Alexander Beaulieu, einer von Strathern's soi-disant Freun⸗ den; es hat dem armen Winſtanly gehört und er hat es prächtig eingerichtet, wie die Verſteigerer ſagen. Wie viele fröhliche Nächte haben wir darin zugebracht! Armer Winſtanly, wie Schade iſt es, daß er ſich ſo bald zu Grunde gerichtet hat!“ „Erinnert Ihr Euch noch, welche köſtliche pe- tits soupers er gewöhnlich nach der Oper gab?“ ſagte Sir Heinrich Devereux. Man konnte ſich immer darauf verlaſſen die élite des corps de Pallet dort zu finden— luſtige Geſchöpfe und nicht gé- 36 nant. Armer Winſtanly! Nie werde ich es ver⸗ geſſen, daß ich eines Tages in dem Zimmer das er ſeine Bibliothek nannte, auf ihn wartete. Da kam mir der Einfall, ein Buch herunterzulangen⸗ Nun denkt Euch meine Ueberraſchung, als ich ent⸗ deckte, daß das was eine ſchöne Reihe von reich eingebundenen Büchern zu ſein ſchien, blos aus Brettern beſtand die mit Lever überzogen, ver⸗ goldet und mit Titeln verſehen waren. Sie ſahen ganz wie Bücher aus, dienten aber als Thüren zu armoires, in welchen er ſeine Kleider aufbewahrte. „Bücher!“ rief der arme Winſtanly, da ich ihm ſagte, wie ich mich hätte täuſchen laſſen.„Was Teufel ſollte ich denn mit Büchern thun? Ich, der ich ſelten Zeit finde, um eine Zeitung zu leſen oder in den Renkalender hineinzugucken! Ich denke faſt, daß dieſe armoires noch in dem Hauſe ſind, nebſt einem halben hundert koſtbarer Erfin⸗ dungen von dem armen Win, der, die Wahrheit zu ſagen, wirklich verſtand, was der Menſch braucht. Sie können nichts Beſſeres thun, Strathern, als ſich dieſes Haus kaufen und die pelits soupers wieder ins Leben rufen.“ „Ich könnte mich nicht behaglich finden bei der Erinnerung die eine ſoiche Wohnung in mir er⸗ wecken würde,“ entgegnete Strathern. Pelils sou- pers mit der élite des corps de Pallet— dieſen luſtigen Geſchöpfen sans gene— ſind keineswegs 37 nach meinem Geſchmack. Ein ſolches Treiben paßt nach meiner Meinung weit beſſer ſür alte und blasés Wollüſtlinge, die nicht mehr im Stande ſind den Werth guter weiblicher Geſellſchaft zu würdi⸗ gen, als für junge Leute, die durch weniger tadelns⸗ werthe Vergnügungen noch nicht überſättigt oder durch Uebertreibung derſelben noch nicht verdorben find.“ „Das iſt auch trés-mauvais genre,“ fügte Lord Hazleden hinzu,„und blos ſolche Männer geben ſich damit ab, deren mauvais ton und Mangel an Bildung zum Sprichwort geworden ſind; Leute die fühlen, daß ſie ſelber nicht werth ſind die Geſell⸗ ſchaft von Frauen von feinem Ton aufzuſuchen oder ſich die gute Meinung von ſolchen zu erwerben, und die ſich deshalb begnügen ſich mit anderen Per⸗ ſonen ans dem ſchönen Geſchlecht einzulaſſen, welche eben ſo unwiſſend ſind wie ſie ſelbſt und bei denen keine géne Statt findet.“ „Aber was halten Sie von Leuten die nicht zufrieden, die Frauen des corps de ballet zu ihren Partien kommen zu laſſen, auch die Männer ein⸗ laden?“ „Est-il possible? O tempora, o mores! Können ſolche Sachen vorgehen?“ „Was ſind Sie für ein Menſch, Hazleden, daß Sie ſich ſo ſpröde ſtellen?“ ſagte Lord Alexander Beaulieu;„Sie werden Strathern ſo wähleriſch 38 machen, wie Sie ſelbſt ſind. Aber, n'importe, Jeder nach ſeinem Geſchmack, wie das alte Sprich⸗ wort ſagt. Sie müſſen doch zugeſtehen, daß Carl⸗ ton⸗Garten und die Terraſſe eine gute Lage ha⸗ ben,— nahe am Theater, an dem Opernhaus, an den Clubs.“ „Das mag der Fall ſein für vie, welche ſich von derartigen Plätzen Unterhaltung verſprechen, und ihre Wagenpferde des Nachts ſchonen wollen. Aber ich geſtehe, daß ich nur an den Häuſern en- tre cour et jardin Geſchmack finde, wie zu Paris, und nicht an Wohnungen die alle in gleicher Linie ſtehen und deren Aeußeres einander ſo völlig ähn⸗ lich iſt, daß die Eigenthümer derſelben in Verlegen⸗ heit gerathen, wenn ſie entſcheiden ſollen, ob ſie an ihrer eigenen Thüre klopfen vder an der ihres Nachbars Tomkins. Dann iſt mir das Gerumpel der Geſellſchaftswagen und Poffkutſchen von Pall⸗ mall zuwider und der Anblick der mit Ruß und Rauch überzogenen Blumen und Pflanzen in den Gärten, welche den genannten Häuſern gegenüberſtehen. Eben ſo unlieb iſt es mir am früheu Morgen durch das Brüllen der Kühe aufgeweckt zu werden, wenn man ſie milkt, oder durch das Geſchrei der kränklichen nie aus der Stadt hinausgekommenen Kinder, die man ſchickt, dieſe Milch zu trinken, oder durch die lau⸗ ten Stimmen ihrer plaudernden Wärterinnen und durch das noch lautere Schelten der Kuh⸗Eigen⸗ 39 thümer. Ueberblicken wir das bewegte Schauſpiel das ſich täglich und ſtündlich darbietet, von den Fenſtern jener Häuſer aus, kann es etwas Unan⸗ genehmeres geben? Haufen von Fußgängern von der niedrigſten Gattung; ſchmutzige Kinder, Mägde mit niedergetretenen Schuhen, denen es mehr um's Liebeln mit Soldaten oder herrenloſen Bedienten zu thun iſt als um die Beaufſichtigung der unglück⸗ lichen, kleinen Geſchöpfe die man ihrer Obhut an⸗ vertraut hat; bankerotte Krämer und verdächtig ausſehende Burſche, welche die Polizei ſcharf im Auge behält, ſetzen ſich auf die Bänke und ſinnen über ihre Lage nach, oder buchſtabiren eine der elenden Zeitungen, in welchen nach ihnen ſelber gefahndet wird. Fügen Sie zu der Wonne die all dies erweckt, noch den immerwährenden Qualm von ſchlechtem Taback, mit welchem die Luft geſchwän⸗ gert iſt, und Sie müſſen geſtehen, daß die Lage, welche Sie mir empfehlen, Alles iſt, nur nicht freundlich. Ich habe vergeſſen, unter den Vorzügen der in einer Reihe ſtehenden Häuſer den aufzuführen, daß man darin die Töchter der nächſten Nachbarn ſich auf Harfe und Klavier üben hört, daß man das Glück hat zu vernehmen, wie ſie unter der Leitung eines Singlehrers ſchreien, bis man faſt verſucht iſt zu wünſchen, die Muſik möchte gar nicht erfun⸗ den worden ſein. O, nein! Gott bewahre mich vor dem Aufenthalt in einem ſolchen Hauſe, wo 40 mir eine hübſche Einrichtung eben ſo wenig an ih⸗ rem Platze erſcheinen würde, als an einem Bade⸗ Es währte einige Zeit ehe Strathern eine Stelle fand die ihm würdig ſchien, ſeine Wohnung darauf zu errichten. Baum⸗Anlagen und einen Garten hielt er für eine unerläßliche Zugabe zu ſeinem Aufenthalt, und es war keine leichte Aufgabe hiezu in einer Stadt Raum zu finden die eine ſo dichte Bevölke⸗ rung hat wie London. Zuletzt machte er zehen oder zwölf Morgen Land bei Knightsbridge aus findig und kaufte ſie an. Es ſtanden noch viele ſchöne alte Bäume darauf, die Uberreſte eines früheren Parks aus der Zeit, da London ſich noch nicht über das Stadtgebiet hinaus erſtreckte und das was jetzt durch neue Terraſſen, freie Plätze und Halbmonde, und durch die hievon herrührende Erweiterung faſt nicht einmal mehr zu den Vorſtädten gehört, noch mit ſtattlichen, viel Platz verſperrenden Häuſern bedeckt war, die auf ihren eigenen wohl gehaltenen Lichtungen ſtanden und von dichtem Buſchwerk um⸗ geben wurden. Sodann zog er einen der beſten Baumeiſter der Zeit zu Rathe, ſetzte ihm ſeine Wünſche auseinander und traf die nöthige Verab⸗ redung für Ausführung derſelben. Nur Eines blieb unausgemacht, und zwar gerade das was ältere und klügere Leute für das wichtigſte gehalten hätten, nämlich die aufzuwendende Symme. 41 Strathern beſtand auf geräumigen Geſellſchafts⸗ zimmern, einer ſchönen Bibliothek, auf Bildſäulen⸗ und Gemälde⸗Gallerien, auf Sommer⸗ und Winter⸗ salles à manger, hohen Gewächshäuſern, einer salle de bal u. ſ. w.; ebenſo auf einem prachtvollen Säulengang der dem Hauſe Großartigkeit verſchaf⸗ fen und denen, welche es betraten, Schutz gewäh⸗ ren ſollte; er drang auf eine Vorhalle, in welcher j de Dame, wäre ſie auch noch ſo beſorgt um ihre Reize, beim Ablegen des Mantels ſtille ſtehen müßte, um die Verhältniſſe deſſelben zu bewundern und doch dabei weder der Kälte noch einer andern Un⸗ annehmlichkeit ausgeſetzt wäre. Aber er unterließ zu fragen, wie hoch ſich etwa die Koſten für ein ſolches Gebäude belaufen und der noch klügere Plan, ein ſchriftliches Uebereinkommen darüber zu treffen, kam ihm gar nicht zu Sinne. Der Baumeiſter ſah, daß der Mann, mit dem er zu thun hatte, wenig Vorſicht und viel Freigebigkeit beſaß, und man trifft heutzutage ſo wenig Leute dieſer Art, daß er beſchloß die Gelegenheit, die ſich ihm dar⸗ bot, zu benutzen. Ein Grundriß und eine Zeichnung ward ſchnell Strather'n zur Genehmigung vorgelegt; jede mög⸗ liche Eile in der Aufführung und Vollendung zuge⸗ ſagt und en altendant beſchloß unſer Held ein oder zwei Jahre auf dem Feſtlande zu verbringen, wäh⸗ rend ſein zukünftiger Wohnſitz aufgebaut würde. 42 Vor dem Begiun des Herbſtes, d. h. der Zeit, auf welche er ſeine Abreiſe feſtgeſetzt, ſah er ſich, ohne daß er ſelbſt etwas dazu beitrug, in den Stru⸗ del des Modelebens geworfen, aus dem es ſo ſchwer wird zu entkommen, wenn man einmal in denſelben gerathen iſt. Täglich wurde er mit Einladungen zu déjeuners dansants, zu Mahlzeiten, Bällen, Concerten und Partien überhäuft; ſie drängten ſich ſo ſehr, daß es ein ermüdendes Geſchäft geweſen wäre, auch nur der Hälfte derſelben zu folgen; und diejenigen Feſte, welche er beſuchte, glichen einander ſo, daß eins als Probe von allen hätte dienen können. Da ſah man überall dieſelbe Art von Zierrathen, dieſelbe Einrichtung in den Häu⸗ ſern, dieſelbe Menge von Geſichtern, denſelben Ausdruck von ennui auf denſelben, die nämlichen Speiſen und Erfriſchungen. Es ſetzte ihn in Er⸗ ſtaunen— und es iſt vielen andern ſo gegangen, denen das Londoner Modeleben fremd war,— daß eine ſolche Menge Menſchen ſich dazu vermögen ließ Nacht um Nacht denſelben Kreis von gehalt⸗ loſen Vergnügungen zu durchlaufen, während ſie doch jeder Einzelne von ihnen für widerlich und ennuyeux erklärte. Die Zahl der Gäſte, welche man zu ſolchen fétes einlud, betrug immer dreimal mehr als das Haus zu faſſen vermochte, und die Folge davon war, daß das Gedränge und die Hitze unerträglich wurden. Die Gerüche von Blumen und duftenden Sacktüchern miſchten ſich mit anderen minder an⸗ genehmen und machten das Ganze noch läſtiger. Als Folge von all dem geriethen Frauenzimmer die bei anderen Gelegenheiten kalt blieben, bei ſolchen Veranlaſſungen in eine ſchmelzende Stimmung,— wenigſtens wenn man ihre glühenden Wangen und feuchten Stirnen als Beweis dafür anſehen durfte. Die alten blickten drein, als kämen ſie aus einem Dampfbade, ihre glänzend gefärbten Turbane und Aufſätze ſtanden in ſchreiendem Widerſpruch mit den Geſichtern zu deren Zierde ſie beſtimmt waren; die von mittlerem Alter ſahen zehen Jahre älter aus, und die jungen mit hübſchen Geſichtern glichen zar⸗ ten exotiſchen Pflanzen die aus einem Treibhaus in eine ihnen weniger zuſagende Luft verſetzt werden. Dann war es ein mit Gefahr verbundenes Geſchäft zu dieſen„glänzenden féles“ zu gelangen, wie ſie die Zeitungen benannten, denn in den Straßen, oder auf den Plätzen, wo dieſelben gegeben wur⸗ den, ſtanden ſo viele Fuhrwerke auf einander ge⸗ häuft, daß es trotz der größten Anſtrengungen der Polizei für Aufrechthaltung der Ordnung viele Frauenzimmer gab, welche in ihren Prachtgewändern und von Diamanten ſtrahlend, Stunden lang in ihren Wägen ſitzen und die Flüche und Scheltworte der ſtreitenden Kutſcher, die Drohungen und Bitten der Polizeidiener, nebſt dem Wiehern der Pferde 14 und das gelegentliche Krachen der Sattelkiſſen an⸗ hören mußten. Bei den Bällen reichte der Raum nie auch nur halb zum Tanzen aus und die ſtarke Hitze wie die Hemmung des Luftzugs machten dieſe Bewegung mehr zu einer ſchmerzhaften Anſtrengung, denn zu einer angenehmen Erholung. Die Partien, bei welchen das Tanzen wegfiel, wurden ebenſo zahlreich beſucht und Strathern konnte nicht heraus⸗ finden, welches der Zwock dieſer Zuſammenkunſt ſein möchte: Gewiß war es nicht die Unterredung, denn er hörte um ſich herum beſtändig ſagen,„wie heiß es iſt!“„welches furchtbare Gedränge!“ und „wie gerne möchte ich fortgehen!“ Die Concert⸗ geber erſchienen ihm noch unbegreiflicher. Warum zahlten die Leute berühmten Sängern bedeutende Summen für den Vortrag derſelben Muſik, welche ſämmtliche Anweſende wiederholt in der Oper an⸗ gehört hatten? Dort vermehrte die mise en scéne den Reiz derſelben und ſie wurde unenvlich beſſer ausgeführt. Da erregte dieſes Treiben denn um ſo mehr ſein Staunen, wenn er gewahrte, daß nur wenige die ſüßen Töne deutlich vernehmen konnten, weil in verſchiedenen Theilen des Gemachs ein nur halb unterdrücktes Geſpräch geführt wurde, und noch wenigere ſich um die Muſik kümmerten. Dieſe Thatſache wurde durch die verdrießlichen Ge⸗ ſichter der Einen und das Flüſtern der Andern er⸗ wieſen. Die nie endenden Mahlzeiten kamen ihm V —* 45 ebenſo abgeſchmackt vor. Maſſives Silbergeſchirr vedeckte die Tiſche überall, die nämlichen vergol⸗ deten plaleaux und épargnes, mit Blumen gefüllt, dieſelben vergoldeten Eiskübel und Armleuchter, die⸗ ſelbe ermüdende Folge von Suppen und Fſſchen, nach ihnen dieſelben franzöſiſchen relevés und en- trées, die nämlichen hors-d'oeurres und das butet mit ähnlichen piéces de résistance belaſtet, der⸗ ſelbe dritte Gang aus gibier, entremels, sucré- rie u. ſ. w., und hintennach der nämliche Ueberfluß an Treibhausfrüchten waren bei jedem Mittageſſen anzutreffen. Auch dieſelben Gäſte kamen gewöhn⸗ lich wieder vor; die nämlichen leiſen, artigen und eiteln Verſuche zu einem Geſpräch wurden gemacht; dieſelbe Zahl von reich gallonirten Dienern und ſolchen ohne Livreen mit den gleichmüthigen Ge⸗ ſichtern ſchlich geränſchlos um die Tiſche herum; und der nämliche Ausdruck von Abſpannung und ennui lag auf den Geſichtern des Wirths, der Wir⸗ thin und der Gäſte. „Und das heißt man Geſellſchaft!“ ſagte Stra⸗ thern zu ſich ſelbſt.„Beſſer, weit beſſer wäre es allein zu bleiben; dann wäre man doch frei von den kindiſchen Feſſeln, welche dieſe ungemüthliche und gekünſtelte Lebensweiſe auferlegt, man könnte der Neigung zu ländlichen Scenen nachhängen und mit den auserwählten Geiſtern in Gemeinſchaft treten, mit deren Arbeiten wir uns nur zu ſelten 46 veſchäftigen, und welche die Geſtelle unſerer Bücher⸗ ſammlungen füllen.“ In den Kreiſen, worin ſich Strathern umtrieb, bemerkte er mit Staunen, daß die vollkommenſte Gleichheit zwiſchen dem spirituel und dem Dumm⸗ fopf, dem Klugen und dem Narren herrſchte, we⸗ nigſtens ſo weit es ſich um die Unterhaltung han⸗ delte. Man beobachtete denſelben herkömmlichen Ton von Zurückhaltung und Leere und betrachtete jede Abweichung von demſelben als eine Verletzung der guten Lebensart, welche nach der Anſicht der tonangebenden Leute in einem froſtigen Benehmen, einer abgeſchliffenen Ausdrucksweiſe und darin be⸗ ſteht, daß man mit leiſer Stimme abgeſchmackte Bemerkungen über die Tagesneuigkeiten, die öffent⸗ lichen Beluſtigungsorte, la pluie ou le beau temps von ſich gibt. Geſcheide Männer und Frauen ſchienen ſich vor einer Erhebung der Stimme zu fürchten oder wenigſtens ihre Gedanken nicht aus⸗ laſſen zu wollen, um die eiſige Schranke, den cor- don sanitaire, nicht zu überſchreiten, welche die allgewaltige Mode gezogen und in deren Kreiſe ſie alle feſtgebannt hat. Der Einfaltspinſel und der Narr bildeten die Mehrheit in allen Geſellſchaften und freuten ſich den Vernünftigen und Witzigen demſelben Maßſtab unterworfen zu ſehen, wie ſich ſelbſt. Wenn ein Fremder von Auszeichnung die Einförmigkeit dieſer faden Mahle unterbrach und 17 mit dem natürlichen Tone der Stimme die Gegen⸗ ſtände zur Sprache brachte, über welche man ſich auf dem Feſtlande gewöhnlich unterhält, ſo be⸗ luſtigte ſich Strathern manchmal damit, den Schrek⸗ ken zu beobachten, welcher ſich auf den Geſichtern des Wirths und ſeiner Frau, wie der übrigen Gäſte kund gab. Sie blickten auf den Fremden faſt wie auf einen Menſchen ohne alle Bildung, und während er das ſchläfrige Weſen um ihn her zu zerſtreuen ſuchte und wie ein zweiter Quintus Curtius, ob⸗ ſchon nicht aus einem ſo heldenmüthigen Beweg⸗ grund, ſich muthig in den Abgrund des Schweigens warf, ſahen ſie mit Aerger und Widerwillen über dieſen manque de bienséance, wie ſie es nannten, einander mit Entſetzen an und freuten ſich bei ſich ſelbſt, daß ſie nicht wären wie er. Strathern fiel bei dieſen üppigen Mahlzeiten oft der Ausdruck des Franzoſen ein, daß„Les Anglais ont un grand talent pour le silence.“ Er wußte wohl, daß Viele ſich bei der Geſellſchaft befänden, welche ganz gut über alles Mögliche zu ſprechen verſtänden; aber ſo groß war die Gewalt der durch die Mode eingeführten Sitte, daß wenige ſich unterſtanden, ihre Gränzen zu durchbrechen. Dieſes Macadami⸗ ſiren der Gebräuche, wenn nicht der Geiſter, übte eine verſteinernde Wirkung auf die Geſellſchaft. Es hielt die glänzenden Einfälle, die ſcherzhafte Erwiederung und die beißenden Anekdoten zurück, —— 18 welche ihr Reiz und Werth verleihen und warf eine Düſterheit auf ſie, die man in den geſelligen Krei⸗ ſen anderer Länder nicht kennt, weil dort jeder Einzelne ſich beſtrebt dazu beizutragen, daß die Geſellſchaft, in welcher er ſich befindet, eine an⸗ genehme werde. Gegen Lord Wyndermere allein äußerte ſich Strathern über das ennui, welches ihm die léles verurſachten, denen er ſo oft beiwohnte. „Auch ich habe erfahren, was Sie mir ſchil⸗ dern,“ ſagte dieſer Edelmann;„aber hüten Sie ſich, mein theurer Freund, es mecken zu laſſen. Ein Freimaurer, der die Geheimniſſe ſeiner Ge⸗ noſſenſchaft verriethe, würde weniger ſtrenge be⸗ handelt werden als Einer der von der überwäl⸗ tigenden Plattheit etwas laut werden läßt, welche die Haupteigenthümlichkeit der feinen Geſlſchaft zu London ausmacht. Wenn jedes Mitglied derſelben ſo offen wäre wie Sie, wer könnte dann noch wünſchen in ihren Schooß einzutreten? Es wäre am Ende mit dem Wunſch Zutritt zu ihr zu er⸗ halten, und keine Schwierigkeiten würden Einem von denjenigen mehr entgegengeſetzt, welche die Er⸗ öffnung ihrer Pforten für eine Gunſt anſehen und den Werth derſelben zu erhöhen wünſchen. Wir Eingeweihten alle wiſſen das, wir ſterben vor en- nui bei den Zuſammenkünften die wir beſuchen, aber wir bewahren das Geheimniß für das, wie ich geſtehe, boshafte Vergnügen, welches uns da⸗ — durch gewährt wird, daß wir Andere eifrigſt be⸗ müht ſehen, Theilnehmer an den Genüſſen zu wer⸗ den, die ſie bei uns vermuthen. Was anders als das Bewußtſein, daß wir von dieſem köſen Geiſte beſeſſen ſind, füllt unſere Clubs, was anders hat der ſchmutzigen und unerträglichen Gewohnheit zu rauchen ihre Entſtehung gegeben?— einer Ge⸗ wohnheit, welche auf ſo ſchamloſe Art verräth, wie wenig wir auf das Behagen der Frauen Rückſicht nehmen, indem wir ſie mit dem Geruche verpeſten, mit welchem unſere eigenen Kleider geſchwängert find?“ Wie ſich Frauenzimmer dazu verſtehen können, Männer in ihre Geſellſchaft zuzulaſſen, welche ſich durch dieſe ſchmutzige und ekelhafte Angewöhnung völlig ungeeignet für dieſelbe machen, hat mich immer gewundert, und ich geſtehe, daß nach meiner Meinung nie eine Nachgiebigkeit von ihrer Seite übler angebracht war. Wir lernen diejenigen bald geringſchätzen, welche uns nicht fühlbar machen, daß ſie ſich ſeiber achten; und wenn die Frauen ein ſolches Verlangen nach unſerer Geſellſchaft verrathen, daß ſie es zufrieden ſind uns zu empfan⸗ gen, während wir den Duft nicht des glücktichen Arabiens, ſondern den Duft von Cigarren verbreiten, ſo dürften wir uns undankbar genug zeigen und meinen, wir könnten das Rauchen nicht miſſen und ſo denen Geſetze vorſchreiben, welche ſie uns geben 4 50 ſollten. Ich ſelbſt ſchäme mich für mein Geſchlecht, wenn ich ſehe, wie ſich Männer den Frauen bei soirées und Bällen nähern, während ihre Kleider einen Geruch von ſich geben, der nur zu deutlich zu erkennen gibt, daß ſie erſt vor Kurzem ſich dem gräuelhaften Rauchen überlaſſen haben; und doch laſſen die zarten Geſchöpfe, die im Stande wären „Zu ſterben an Roſen in duftiger Pein“ in keiner Weiſe von dem Widerwillen etwas merken, den eine ſo abſcheuliche Ausſtrömung nothwendig erregen muß. „So lange man die Frauenzimmer lehrt, eine gute Heirath ſei Ziel und Zweck ihres Lebens, werden ſie, um dieſe Abſicht zu erreichen, ſich zu Vielem verſtehen und manche Gewohnheiten an Männern ertragen, vor denen ſie einen natürlichen Abſcheu hegen und von denen ſie ſich abwenden. Sie werden ihren Widerwillen davor ſorgfätig verbergen, um nicht die einzige Aufgabe zu ver⸗ fehlen, die ſie im Auge haben— eine gute Ver⸗ ſorgung für's Leben.“ „Arme Maädchen! ſie verdienen eher Mitleid als Tadel. Dieſe Männerjagd iſt die Folge der ungleichen Vertheilung des Vermögens in den Fa⸗ milien der reichen und vorn hmen Eigländer. Juigfrauen von hoher Geburt, die im Ueberfluß auſwachſen, werden bei uns ſo knapp ausgeſtattet, daß ſie, wenn es ihnen nicht gelingt, vorzügliche 51 Heirathen zu treffen, keine andere Wahl haben, als irgend einen parvenu zu nehmen, der keine andere Empfehlung hat, als ſeinen Reichthum, oder ihr Leben in der Abhängigkeit von ihren älteren Brü⸗ dern oder verheiratheten Schweſtern zu verbringen. Dabei ſind ſie jedoch nicht immer ſicher mit der Güte behandelt zu werden, auf welche ihre hilfloſe Lage ſo triftige Anſprüche hat. Die Frau des Bruders Lord wird ſelten freundſchaftliche Geſin⸗ nungen gegen die nicht ſelbſtſtändigen Schweſtern deſſelben hegen und dem Gatten einer Schweſter iſt es gewöhnlich auch nicht ſehr lieb, wenn ſie in ſeinem Hauſe ſich feſtſetzt. Was müſſen alſo Mäd⸗ chen mehr fürchten, als daß ihr Schickſal eine ſolche Wendung nehmen könnte, wie die beſchriebene? Und da ſie unter dem Einfluß dieſer Furcht ſtehen, darf man ſich wundern, daß ſie ſich von den Männern ſo viele Neuerungen in les bienséances gefallen laſſen, zu welchen ſie unter anderen Umſtänden ſich nie verſtehen würden?“ „Ich ſtimme völlig mit Ihnen überein und wünſche von Herzen, daß die Väter ihren Töchtern ſo viel Mittel ſicherten, als dieſe brauchen, um im ledigen Stande behaglich und unabhängig leben zu können, ich wünſche das und müßten ſie auch ihrem muthmaßlichen Erben ein paar tauſend Pfund des Jahrs weniger hinterloſſen.“ Würde auf dieſen Vorſchlag eingegangen, ſo 52 könnten die Frauen den ihnen eigenen guten Ge⸗ ſchmack, den Anſtand und die Würde wieder hand⸗ haben, welche ſie ihre abhängige Lage ſo oft auf⸗ zugeben zwingt und die Männer wären genöthigt, die Achtung und Ehrerbietung gegen ſie an den Tag zu legen, auf welche ſie ein Recht haben. „Das wäre gewiß eine ſehr wünſchenswerthe Umänderung und man ſollte alles Ernſtes ſie her⸗ beizuführen ſuchen, aber wo die Erbanſprüche der älteſten Söhne ſo genau beſtimmt ſind und der Vermögensantheil jüngerer Kinder ſo unbedeutend iſt, wie gewöhnlich in England, da fürchte ich, iſt wenig Ausſicht dazu vorhanden; es wäre denn, doß die Eltern ſich mehr, als dies gegenwärtig beim größeren Theil derſelben der Fall iſt, geneigt zeigten, ihre ſchweren Ausgaben zu beſchränken und von ihrem Einkommen etwas auf die Seite zu legen, was ſie dem allzuknappen Erbtheil ihrer Töchter hinzufügen könnten.“ „Und hiezu, fürchte ich, ſind ſie zu ſelbſtſüchtig, auch wenn es in ihrer Macht ſtände, denn die ſchwelgeriſchen Gewohnheiten, der ü er alles Maaß hinausgehende Aufwand in den Haushaltungen, die Gleichgültigkeit, mit der ſie ſich die Beteügereien gefallen loſſen, welche man an ihnen ausübt, Al⸗ les Eigenſchaften die der Ariſtokratie unſerer Tage eigenthümlich ſind, haben den größeren Theil der⸗ ſelben in Geldverlegenheiten verwickelt und ihnen 53 blos ſo viel oder nicht einmal ſo viel übrig ge⸗ loſſen, daß ſie den Forderungen genügen können, welche an ihre oft ſchon vorausverbrauchten Mit⸗ tel gemacht werden.“ „Es iſt wahrbaftig ein trauriger Zuſtand der Dinge und er läßt kaum hoffen, daß wir den Frauen ein Auekommen geſichert ſehen werden, welches ihnen die demüthigende Nothwendigkeit erſpart, auf die Männerjagd auszugehen und ſie vor den Er⸗ niedrigungen rettet, die von einem ſolchen Treiben unzertrennlich ſind. Ich ſehe es gerne, wenn die ſo ſehr verachtete und geplagte Claſſe von Frauen⸗ zimmern, die man alte Iangfern nennt, mit den Mitteln verſehen ſind, ſich für ihre alten Tage eine Heimath zu ſichern, wie beſcheiden ſie auch ſeyn möge, ſtatt daß ſie in der Abhängigkeit von einem Bruder oder einer verheirath ten Schweſter leben und viele der Haushaltungs⸗Geſchäfte verrichten, ohne Lohn oder Dank zu erhalten. Sehen Sie einmal dieſe armen Geſchöpfe an! Nach einer Ju⸗ gend, die ſie in der glänzenden Wohnung ihrer Aeltern und in einem beſtändigen Wechſel von Freuden verbracht, läßt man ſie, wenn es ihnen nicht gelingt, Männer zu bekommen und wenn ihre Schönbeit abgeblüht hat,„verwelken an dem jung⸗ fräulichen Stiel,“ gibt ihnen ein Einkommen, das völlig unzureichend iſt, ſich eine der Bequemlichkeiten des Lebens zu verſchaffen; die, von welchen ſie 54 abhängen, achten ſie wie eine Laſt und erwecken ſie zu dem ſchmerzlichen Bewußtſein von der Un⸗ annehmlichkeit ihrer Lage. All' das iſt ſo geeignet, ein ernſtes und nachdenkliches Weſen hervorzurufen, und dies hat ihnen den Vorwurf zugezogen, ſie ſeyen„mißlaunige und langweilige alte Jungfern“ und was der verſchiedenen beleidigenden Namen mehr ſind, welche von gedanken⸗ und gefühlloſen Menſchen auf Geſchöpfe angewandt werden, die ſie eher bemitleiden als verhöhnen ſollten.“ „Es gibt in Wahrheit wenige Menſchenklaſſen, die mehr Achtung verdienen, als die der ſogenannten alten Jungfern. Welche gütige und zärtliche Kranken⸗ wärterinnen— was für liebe⸗ und gefühlvolle Geſellſchafterinnen für den Bekümmerten— geben die ledigen Tanten ab die man in den Familien antrifft? Sie ſind die beſtändige Zuflucht Aller, welche ihre Hilfe bedürfen, die Vorſehung von Neffen und Nichten, bis ins zweite und dritte Geſchlecht und bei allen Trübſalen, welche ſich die unbeſonnene Jugend zuzieht. Sie ſind die gewiſſen⸗ haſteſten Hüterinnen, welchen ſterbende Mütter ihre verwaisten Töchter anvertrauen können, ſie erleich⸗ tern dieſen die letzten Stunden durch die Gewißheit, daß ſie ihre Befehle mit Treue erfüllen werden. Sie ſind die ruhigen Führerinnen, welche die Stelle der Mutter erſetzen, wenn Vergnügungen oder Ge⸗ ſchäfte dieſe von ihren Töchtern entfernt halten, 55 ſie ſind mit einem Worte nach meiner Meinung ein Glück für gute Familien und ſollten mit be⸗ ſonderer Auszeichnung behandelt werden!“ „Der Himmel weiß, es fehlt uns nicht an Menſchenliebe in England; wir haben Zufluchtsörter und Stiftungen, durch welche in vielen Fällen dem Elend und Bedrückungen abgeholfen wird. Warum ſollten wir nicht eine Summe unterzeichnen, die dazu verwendet werden ſollte, je nach Erforderniß der Umſtände, das ſchmale Einkommen lediger Frauensperſonen zu vermehren, wie wir ſie be⸗ ſchrieben haben? Das Capital könnte man in ge⸗ eignete Hände niederlegen und den jährlichen Beitrag ausbezahlen, ohne Diejenigen, welche eines ſolchen bedürfen, der peinlichen Nothwendigkeit einer Bitte auszuſetzen, welche ihr Zartgefühl und ihren Stolz empören könnte.“ „Ein trefflicher Gedanke, muß ich ſagen, und zu deſſen Ausführung ich gerne meine Unterſtützung biete.“ „Obgleich die Zeiten des Ritterthums vorüber ſind und der Mann ſich nicht mehr darauf einläßt, öffentlich zu erklären, daß ſeine Geliebte den Vor⸗ zug vor allen andern Frauen verdient, wenn er ſich auch nicht mehr erbietet um der Frau willen, die ſeine Neigung beſitzt, die Ungerechtigkeiten gegen das ſchöne Geſchlecht auszugleichen, ſo wollen wir beweiſen, daß wir bereit ſtehen, einem Theil deſſelben Unterſtützung zu verſchaffen, der ein beſonderes 56 Anrecht auf unſere Achtung hat und dabei kann uns kein ſelbſtſtändiger Beweggrund untergeſtellt werden.“ Drittes Capitel. „In and're Länder zieh'n mich and're Sorgen Wie ſie für meine Herkunft und mein Aiter paſſen, Ich will mich bilden in des Lebens Morgen Und ſtreben mancherlei zu lernen und zu faſſen. Dem Vorurtheil, der Waheheit ſplimmſtem Feinde Will ich entgenentreten, durch die Kunſt der Fremde Der Heimath Fehler beſſern; das umzäunte Gebiet des Geiſtes weiten! was den Blick mir hemmte, Will ich entfernen und der Menſchen Leben Soll mir die Kenntniß von der Welt und ihrem Treiben* Die uns ſo nutzlich iſt, viel beſſer geben Als wenn ein Schulfuchs ſie und Bücher uns beſchreiben.“ Als die Londoner Saiſon zu Ende war, ging Strathern nach Paris und gerieth daſelbſt in den Strudel von Luſtbarkeiten, durch welchen diejenigen in Verſuchung geführt werden, die jene Stadt zum erſtenmale beſuchen; aber ſie kamen ihm bald ſchaal vor und er verließ die fröhliche Hauptſtadt ohne Bedauern, um in das ſüdliche Frankreich und nach Italien zu gehen, wo er ſich mehr verſprach und 57 — mehr fand, was ſein Intereſſe erregte und ſeinem Geiſte Nahrung gob. Zu Rom, wohin ihm unter den Engländern ein übertriebener Ruf von ſeinem Reichthum vorausgecitt war, erregte Strathern eine beſondere Theilnabme bei Müttern und Tanten mit heirathsfähigen Töchtern und Nchten. Um die Wahrheit zu ſagen, verrlethen auch die Mädchen ſelbſt keine Abneigung gegen die Uiterhaltung einer Bekanntſchaft mit einem jungen und ſehr hübſchen Mann. Wenn er auch nicht den vierten Theil des Vermögens beſeſſen hätte, was ihm der Ruf zu⸗ theilte, ſo würden ſie ihn doch, wenn nicht für einen wünſchenswerthen Lebensgefährten, doch wenig⸗ ſtens für einen ſehr ann hmbaren Tänzer auf einem Ball gehalten haben. Als man von ſeiner Liebe zu den ſchönen Künſten und dem Schutz, den er ihnen gewährte, erfuhr, wurde es bei ſeinen ſchönen Landsmänninnen Sitte, die Künſtler zu beſuchen, denen Stratbern ſeine Auſträge ertheilt hatte. Sein Kunſtſinn wurde hoch erhoben und ſeine Freigebigkeit bildete den Gegenſtand aller Geſpräche. Man zeigte ihm Albums und Stitzen, gearbeitet von liebenswürdigen Kunflkennerinnen, die ſeine Begeiſte⸗ rung für die Kunſt theilten oder zu theilen vorgaben, Die Uebereinſtimmung mit ſeinem Geſchmack, welche er bei faſt allen jungen Frauenzimmern aus ſeiner Bekanntſchaft antraf, trug, da er nie danach fragte, ob es ihnen Ernſt damit wäre, dazu bei ihm ihre 58 Geſellſchaft ſehr angenehm zu machen. Er fuhr wechſelsweiſe mit ihnen ſpazieren oder ritt und tanzte mit ihnen. Ob er aber gleich ihren Reizen Gerechtigkeit widerfahren ließ, fühlte er ſich doch nicht verſucht, ſich eines der ſchönen und lieblichen Geſchöpfe zu eigen zu machen und keine unter ihnen hatte Urſache, wegen einer Vorliebe eiferſüchtig zu ſeyn, die er gegen eine ihres Alters gezeigt hätte. „Du biſt ein Glückskind, Strathern,“ ſagte Lord Alexander Beaulieu, der erſt kürzlich in Rom angekommen war, während ſie mit einander auf dem Monte Pincio herumſchlenderten,„alle hübſchen Mädchen erweiſen Dir Aufmerkſamkeit und alle ihre Mütter ſpielen die artigen gegen Dich. Das iſt der Nutzen eines großen Vermögens, aber ein armer jüngerer Bruder, wie ich, wird blos von der Tochter eines Bürgers beachtet, der„Credit und Anſehen“ beſitzt und den der leere, mit einem Namen verbundene Titel kitzelt, oder von einem Mädchen unſeres eigenen Standes, die gerade einen Tänzer braucht.“ „Und Du nenneſt mich ein Glückskind, weil mich die jungen Frauenzimmer auszeichnen und mir, in der Meinung ich ſey reich, zulächeln? Wie kannſt Du glauben, ein ſolcher Vorzug werde den geringſten Werth für mich haben? Ich glaube, ich bin nicht eitel; und doch geſtehe ich, daß ich nie an einem 59 Vorzug Freude finden kann, der mir wegen meines Vermögens zugeſtanden wird. Auch das ſchönſte und anziehendſte Weib könnte in meinen Augen teine Gnade und keinen Platz in meinem Herzen finden, wenn ich glauben müßte, ſie ſtände unter dem Einfluß geldſüchtiger Beweggründe.“ „Wie kannſt Du Dich aber bei Deinem Reich⸗ thum verſichern, daß das Mädchen, das Du zu Deinem Weibe wähleſt, nicht durch ſolche Beweg⸗ gründe geleitet wird?“ „Du ſcheinſt mich wahrhaftig kränken zu wollen, Beaulieu. Bin ich denn ſo häßlich und einfältig, daß ich nicht ſuchen könnte, was alle Männer zu finden hoffen— nämlich, eine Frau, die mich um meinet ſelbſt willen und nicht wegen meines Ver⸗ mögens liebt?“ „Mein lieber Freund, Niemand hat eine höhere Meinung von Deinen verſchiedenen agrémens, Leibes und der Seele, denn ich; aber ich wollte ſagen, daß uns vor Euch reichen Leuten, die Ihr ſo und ſo viel Pfund vor den armen voraus habt, ein Vortheil geblieben iſt, welcher uns tröſten könnte. Er beſteht in der Gewißbeit, daß wir, wenn man uns den Vorzug gibt, dieſen ganz uns ſelber und nicht der zufälligen Mitwirkung des Geldes zu danken haben.“ „Und doch haſt Du mich vor fünf Minuten ein Glückskind genannt! Nun würde mich aber — 60 gerade der Glaube, den Du mir beizubringen ver⸗ ſucht haſt, zum Gegentheil ſtempeln und zum Men⸗ ſchenfeind machen.“ „Hr, ha, ha! Ein Menſchenfeind, mein lieber Strathern— Du ein Menſchenfeind. Schon der Gedanke bringt mich zum Lachen. Das iſt nicht zu befürchten, ſo lange Du ſo viele Tauſende jährlich zu verzehren haſt, wie man ſagt, auch wenn Du die perſönlichen und geiſtigen Eigenſchaften nicht beſaßeſt, die Dir Niemand abſprechen kann.“ „Du ſcheinſt amende honoroble thun zu wollen, Beaulien, für den vorhin ausgeſprochenen Zweifel daran, ob reichen Leuten eine Ausſicht bleibe, daß man ſie wegen ihrer perſönlichen Verdienſte beirathe, indem Du mir wegen der meinigen Artigkeiten ſagſt.“ „Du weißt, oder ſollteſt doch wiſſen, Strathern, daß ich nie Complimente mache, ſe.bſt denen nicht, welche einen ſolchen Balſam für ibre verletzte Eitel⸗ keit am meiſten begebren— z. B. Frauenzimmer, die Schönheiten waren und es nicht mehr ſind und reichen, alten, w iblichen Verwandten, welche einen ordentlichen Reichtbun geſammelt haben und ihn demjenigen hinterlaſſen, der ibnen am geſchickteſten eine beſänftigende Gabe Schmeichelei beibringen und die Reizbarkeit mildern kinn, welche das Alter und ſeine Gebrechen mit ſih bringen.“ „Ich geſtehe, daß ich nicht wußte, wie ſtreng und tugendreich Du in dieſem Punkte biſt, Beaulieu,“ 61 ſagte Stratbern lächelnd;„aber ich werde es mir für die Zukunft ſorgfättig in dem Verzeichniß Deiner löblichen Eigenſchaſten anmerken. Un jedoch wieder darauf zu kommen, glautſt Du, reiche Leute könnten keine Menſchenfeinde werden?“ „Allerdings iſt das meine Meinung und ſie gründet ſich darauf, daß es ibnen unmöglich iſt, die Welt je in ibrer eigentlichen ungeſ bminkten Färbung zu betrachten. Alles ſehen ſie durch das Medium ihres eigenen Glücks. Sie erfahren nichts von dem Eend, das des Armen wartet und von den verſchiedenen Menen, die man gegen unbe⸗ mittelte und dann gegen reiche Leute annimmt. Denk' z. B. nur an den verſchiedenen Empfang, der dem älteren oder jüngeren Bruder aus einer vornehmen Familie in der G ſehſchaft zu Theil wird. Dem mutbm ßiichen Erben wird von allen Seiten ber der Hof gemacht und geſchmeichelt. Ueberallhin ladet man ihn ein; Mutter und Tötter lächeln, weün er in ihre Näbe kommt und die Vä'er verſprechen ihm die Jagd in ihren beſten Revirren Preis zu geben— ſeine Brüder dagegen⸗ die armen Teufet läßt man neun Monate im Jahr auf dem pavé von London herumlaufen, ſie können auf ihren Ceubs ſpeiſen und man erwartet, daß ſie es dankbar erkennen, wenn ſie dann und wann auf ein Landhaus geladen werden. Dort ſind ſie aber blos geduldet und man geſtattet ihnen nicht ———— — 62 einmal einem von den jungen, ledigen Frauenzim⸗ mern Aufmerkſamkeit zu erweiſen, denn mit dieſen will die Mutter immer höher hinaus.“ „Aber glaubſt Du denn, reichen Leuten ſey der Anblick der vielen Niederträchtigkeit unter den Men⸗ ſchen erſpart, weil ſie vor der Vernachläſſigung und Geringſchätzung bewahrt bleiben, die jüngere Brüder erwartet, wie Du ſagſt? Wenn ſie nicht weit kurzſichtiger ſind, als ſich die Leute mit geſundem Menſchenverſtand gewöhnlich in der Geſellſchaft zeigen,— können ſie im Unklaren ſeyn über die ſelbſtiſchen und eigenſüchtigen Beweggründe vieler von denen, die ſich mit Freundſchaftsverſicherungen an ſie drängen und ſie bei ihrer Ankunft mit einem falſchen Lächeln begrüßen?“ „Peut-étre iſt das nicht der Fall, aber die Bekanntſchaſt mit all' dem kann nicht die peinlichen und demüthigenden Gefühle erregen, welche arme Leute von guter Geburt unter den Quälereien er⸗ fahren, denen ſie ausgeſetzt ſind. Ein reicher Mann kann ſelbſtgefällig lächeln, wenn er die eigennützigen Beweggründe entdeckt, durch welche diejenigen in Bewegung geſetzt werden, die vor ihm kriechen und ihm ſchmeicheln. Wer aber als nicht reich bekannt iſt, der ſtößt ſtatt auf Artigkeiten und Aufmerkſam⸗ keiten blos auf Verachtung oder Rohheit und geräth in Aerger, wenn man die Zeichen von Höflichkeit 63 gegen ihn unterläßt, über welche der Bemittelte lächelt.“ Ein paar Tage nach dieſer Unterredung bemerkte Strathern eine auffallende Aenderung in dem Be⸗ tragen des jüngeren Theils ſeiner ſchönen Lands⸗ männinnen zu Rom. So wie ſich eine Gelegenheit dazu bot, ſprach Jede von den Freuden der Zu⸗ rückgezogenheit, welche den gehaltloſen Luſtbarkeiten und der fieberiſchen Aufregung des Stadtlebens weit vorzuziehen wäre. Sie verweilten bei den Vortheilen, welche ein blos hinreichendes Vermögen vor einem großen verſchaffe; wenn dieſes die Mittel zu einem glänzenden Aufwand biete, ſo führe es auch Sorgen und Pflichten mit ſich, die bei be⸗ ſcheideneren Mitteln wegfallen; kurz„ein Wechſel war gekommen über ihre Traumgeſtalten,“ und wem ſie nicht vorher bekannt geweſen wären, der hätte auf die Meinung gerathen können, daß nicht blos ihr Verlangen nach den Freuden des Reichthums ſehr gering wäre, fondern, daß ſie auch gegen ein beſcheidenes Vermögen unbedingte Einſprache zu erheben hätten. Dieſe plötzliche Aenderung war durch Lord Alexander Beautieu bewirkt worden, der ihnen den Hauptinbalt ſeines Geſprächs mit Strathern mittheilte. Wie die meiſten Unterredungen, über die man Bericht erſtattet, hatte auch dieſe bei der Wiederholung nichts verloren. Der adelige Sproſſe, der ſich keineswegs durch eine pünktliche 6⁴ Anhänglichkeit an die Wahrheit, wohl aber durch ſeine Redſeligkeit auszeichnete, hatte ihnen geſagt, ſein Freund Strathern wäre ſo ſtolz, daß er ſich entſchloſſen hätte, nie zu heirathen, wenn er nicht eine Frau finden konnte, die den Reichthum vek⸗ achtete. Hierin würde er eine Bürgſchaft dafür ſeyen, daß man ihm um ſeiner ſelbſt willen den Vorzug gäbe und nicht wegen ſeiner weltlichen Güter und Beſitzungen. Strathern lächelte über die erkünſtelte Uneigen⸗ nützigkeit ſeiner ſchönen jungen Landsmänninnen; aber ſie machte keinen Eindruck auf ſein unempfind⸗ liches Herz. Deſſenungeachtet bticb die Enſicht, welche ſie ihm in die Künſte verſchaffte, zu denen ſich die Hochgeborenen verſtehen können, wenn ſie einen einmal entworfenen Plan fördern wollen, nicht ohne tiefe Wirkung auf ſein Gemüth und öffnete es dem erſten ernſthaften Angriff, welchen der Argwohn auf daſſelbe machte— dieſes un⸗ würdige Gefühl, das man auch an alten Leuten verwerflich finden muß, das aber bei jungen ſo abſcheulich iſt.— Hätte Strathern etwas von der Eitelkeit beſeſſen, deren ihn ſein soi-disant Freund, Lord Alexander Beaulieu beſchuldigte, ſo würde er ſich mit weniger Eifer nach den Beweggründen zu der Aufmeriſamkeit gefragt haben, mit der man ihn ſo freigebig überſchüttete; aber da er frei war von dieſer natürlichen Schwache, ſo brachte 65 ihn dies in einen größeren Fehler, den Argwohn, wie ein leerer Raum zwiſchen unſchädlichen Blumen manchmal durch ein verderbliches Unkraut ausgefüllt wird. Ein Caſuiſt könnte fragen, ob die Eitelkeit, die man ſo allgemein der Bruſt des Menſchen ein⸗ gepflanzt findet, nicht zu irgend einem guten Zweck da ſey und ob ſie nicht vielleicht blos dann darauf hinziele, den, welchem ſie eigen, lächerlich zu machen, wenn er ſie nicht in den gehörigen Schranken halte? Wie viel große, wie viel gute Handlungen ſind von den Zeiten Alexanders des Großen an bis herab auf unſere eigenen durch dieſe Leidenſchaft zu Stande gebracht worden! Viele Tauſende und aber Tauſende ſind ihr zu liebe aufgewendet worden und haben Millionen Beſchäftigung verſchafft! Wie viele Verzeichniſſe von milden Haben hat ſie ge⸗ füllt, wie viele Gutthaten verrichtet! Was macht uns ſo zufrieden mit uns ſelbſt als die Eitelkeit und folglich geneigt, mit Anderen zufrieden zu ſeyn? Es iſt eine menſchenfreundliche Leidenſchaft, die uns zu guten und edeln Handlungen ſtimmt und mehr als die Hälfte der Lobſprüche verdient die man ungerechterweiſe der Großmuth ertheilt. Mit einem Wort, ich könnte ſagen: „Wer keine Eitelkeit(keine Harmonie), in ſeiner Seele hat, Der iſt bereit zu Raub, zu Liſt und zu Verrath.“ Strathern 1. 5 66 Denn er iſt ein mißvergnügter Menſch und aus ſolchen werden finſtere Menſchenhaſſer. Viel Freude machte es Strathern in Rom von Gallerie zu Gallerie zu wandern und ſich an den ſtrahlenden Wänden zu ſonnen die mit den Werken der großen Meiſter bedeckt ſind. Welche Reihe von Gedanken wurden von dieſen chel- d'oeuvres erzeugt! Die Hände, welche ſie gemalt, moderten längſt im Grabe, Geiſter hatten ſie ausgedacht— welchen der Allmächtige einen Funken ſeiner eigenen göttlichen Kraft— die Schöpfungskraft— eingeflößt! Wenn ſein Geiſt erfüllt und ſein Herz erwärmt war von dieſen erhabenen Werken, ſo ſehnte er ſich nach einem Genoſſen mit verwandtem Sinne dem er die Gefühle hätte mittheilen können, welche ſie in ihm wach riefen und der in ſeine begeiſterte Bewunde⸗ rung ohne Spötterei eingegangen wäre. Oft kehr⸗ ten ſeine Gedanken zu ſeinem entfernten Freund Lord Argentyn zurück, der auch an den Orten ge⸗ weilt, wo er jetzt ſeine meiſte Zeit verbrachte und der ihn zuerſt gelehrt hatte, die Kunſt zu würdigen. Aber damals war keine ſolche Geſellſchaft in Rom zu finden. Die Stadt ſchloß zwar eine Menge ſeiner Landsleute beiderlei Geſchlechts in ſich, aber ſie liefen dem Proteus Vergnügen nach. Es be⸗ fanden ſich viele unter ihnen die auf Geſchmack und Kennerſchaft Anſpruch machten, doch wenige 67 nur, wenn überhaupt einer, kannten wirklich den Werth der Gemälde und Bildſäulen für deren Be⸗ wunderer ſie ſich ausgaben, und irgend welche un⸗ bewußte bévue bewies nicht allein ihre Unwiſſenheit, ſondern auch die Hohlheit ihrer nachgeäfften Be⸗ geiſterung. Es iſt leichter von der Kunſt zu plau⸗ dern, als ſie zu verſtehen, und es gab viele, welche meinten, ſie wären gründlich in ihre Geheimniſſe eingeweiht, während ſie ihre Schätze mehr taxirten als wirklich bewunderten. Einige von denen, welche ſich für Kenner erklärten, konnten Stunden lang, nicht von dem beſonderen, dem inneren, dem Kunſt⸗ werth, ſondern von dem beziehungsweiſen, dem Geldwerth der Gemälde ſchwatzen. Sie hatten ſich bierin dadurch U bung erworben, daß ſie auf die Anſichten anerkaunter Richter horchten und wie ein Trödler ſeine Rechnung, ſo lange fort addirten, bis ſie eine in's Einzelne gehende Schätzung heraus⸗ brachten. Stolz auf ihre eingebildete Kenntniß, zogen ſie mit gewichtiger Miene von Gallerie zu Gallerie und doch hatten ſie nicht einmal die An⸗ fangsgründe der Kunſt inne und vermochten eben ſo wenig über ſie ein Urtheil zu fällen. Da gaben ſie denn ihr vermeintliches savoir en verlu denen zum Beſten die zu unwiſſend waren, um die Un⸗ richtigkeit deſſelben zu entdecken. Oft hielten dieſe gelehrten Herren die römiſchen Paläſte umlagert und boten mit Brillen auf der Naſe und Fern⸗ 68 gläſern in den Händen Strathern ihre Dienſte an um ihm Aufklärungen zu geben. Dabei wieſen ſie denn nicht auf die Gemälde, welche am meiſten Bewunderung verdienten, ſondern auf die, für welche man wahrſcheinlich am meiſten Geld löste, wenn man ſie, wie ſie ſagten, auf den Markt brächte, und hatten ſtets den engliſchen, nicht einen Markt auf dem Feſtlande im Auge. Strathern wollte ſich mit einem an Unwillen gränzenden Ge⸗ fühl von ihnen abwenden, als ſie einen Ruysdael mit ſeinem kalten, grauen Himmel, ſeinen düſtern Bäumen und zerfallenen Mühlen für koſtbarer er⸗ klärten als einen Raphael oder Francesco Franeia, einen für Cuyp beſſer denn einen Andrea del Sarto, als ſie einen Wouverman mit ſeinem nie fehlenden Schimmel einem Domenichino vorzogen, blos weil die holländiſche Schule von der großen Maſſe engliſcher Käufer am höchſten geachtet wird. Solches beweiſt gewiß wenig genug für ihren Geſchmack. Wäh⸗ rend aber Strathern die Maler⸗ und Bildhauer⸗ Werke der alten Meiſter aufſuchte und ſtudirte, vernachläſſigte er die der neueren nicht, am wenigſten die ſeiner Landsleute. Er war erfreut und ſtolz zu finden, daß er ihnen mit gutem Gewiſſen die Palme der Vorzüglichkeit zuerkennen konnte. Er beſtellte Gruppen bei Gibſon, Weſtmacott und Wyatt, Gemälde bei Williams, und da eben die parlage einer Erbſchaft unter viele Zweige der 69 Familie eines jüngſt verſtorbenen römiſchen Fürſten eine Verſteigerung veranlaßte— ein ſeltenes Er⸗ eigniß in einem Lande, wo die Sammlungen ſelten zerriſſen oder verkauft werden— ſo brachte er einige der cheſ-d'oeuvres italieniſcher Kunſt an ſich, nach deren Beſitz er lange getrachtet, auf deren Erlan⸗ gung er aber wenig Hoffnung gehabt hatte. Zum Glück für ihn waren die Koffer Seiner Heiligkeit des Papſtes um dieſe Zeit ungewöhnlich leer, und er wurde dadurch verhindert, Beſchlag auf die Schätze zu legen, welche von den Oberprieſtern ſo eiferſüchtig bewacht werden. Es war ihm unmög⸗ lich den Erben den Werth zu erſetzen, um ſie in den Vatikan zu bringen. „Haſt du die neue engliſche Schönheit geſehen, welche kürzlich angekommen iſt?“ ſagte Lord Alexander Beaulieu zu Strathern als ſie eines Tags einander auf dem Vatikan begegneten.„Beim Zeus, ſie iſt vollkommen! Solch' ein Geſicht! Es gibt wahr⸗ haftig nichts was ſich mit den Lilien und Roſen von England vergleichen ließe. Die blaſſe Oliven⸗ farbe italieniſcher Schönheiten, die etwas dunkle Fär⸗ bung der Franzöſinnen nehmen ſich daneben keines⸗ wegs zu ihrem Vortheil aus. Aber iſt das nicht unſer alter Stubenburſche Fitzwarren? Ja, wahr⸗ haftig, da kommt er.“ „Hallo, ihr Herzensjungen, gut daß ich Euch treffe! Erſt letzte Nacht gekommen. Gehört Ihr 70 wäret hier— gleich fort Euch zu ſuchen; hieß ich würde Euch wahrſcheinlich auf dem Vatikan finden, da bin ich;“ und Lord Fitzwarren ſchüttelte ſeinen beiden Freunden die Hände mit einer Wärme und Herzlichkeit die bewieſen wie erfreut er war ſie zu treffen. Von mittlerer Größe, mit einem dicken, heitern Geſicht und von bedeutendem embonpoint war Lord Fitzwarren das Bild der guten Laune. Sein Haar, und er hatte deſſen eine gewaltige Menge, war kaum ein wenig dunkler als ſein wirklich ſchönes Geſicht. Da er viel Neigung beſaß über die Späße Anderer und noch mehr über ſeine eigenen zu lachen, ſo zeigte er immer eine Reihe ſo ausnehmend ſchöner Zähne, daß er in Leuten, die ihn nicht kannten, den Glauben erregte, er lache beſtändig um ſie ſehen zu laſſen. „Wer hätte ſich träumen laſſen Dich hier zu finden?“ bemerkte Lord Alerander Beaulieu.„Ich konnte wahrhaftig meinen Augen kaum trauen, als ich Dich herankommen ſah.“ „Nun, die Wahrheit zu ſagen, ich kann es ſelber kaum glauben, daß ich in Rom bin; denn Ihr wißt, daß ich mich nie um ſeine Ruinen, Ge⸗ mälde und Bildſäulen mehr bekümmert habe, als um ſeine alte Giſchichte, der ich meiner Treu nie Geſchmack habe abgewinnen können. Bei Dir iſt das etwas Anderes, Strathern, Du warſt immer ein Bücherwurm, aber das kommt daher, London iſt verzweifelt langweilig geworden. Mein Lieb⸗ lingspferd, Nimrod— Ihr wißt noch Nimrod— einer der beſten Springer die je über eine Hecke geſetzt, hatte einen Spath bekommen; mein ein⸗ fältiger Burſche behandelte die Sache nicht recht und der Thierarzt wurde zu ſpät gerufen. Man könnte raſend werden, wenn man nur daran denkt— ich kam um das arme Thier; werde nie wieder ein ſolches finden. Habe Evandale achthundert Pfund für ihn gegeben, er konnte ihn nicht reiten, und ich hätte ihn für das dreifache Geld nicht fah⸗ ren laſſen. Schlug alle meine Pferde im Aerger los und halb England behauptete ich ſei zu Grunde gerichtet. Sehr widerlich, daß man ſeine Pferde nicht verkaufen kann, um das nächſte Jahr beſſere anzuſchaffen, oder ſeine Jacht nicht weggeben darf, um eine größere bauen zu laſſen; nein, da müſſen ſie gleich erklären man ſei fertig. Aber wenn man ſich nun gar entſchließt ein paar Monate hinauszugehen, dann wird das Geſchrei allgemein und jeder Krä⸗ mer dem man etwa eine Guinee ſchuldig iſt ſchlägt Lärmen und brummt. Ihr zahlt ſie, aber das bringt das Gerücht nicht zum Schweigen; ſie behaupten Euer Vermögen müßte zerrüttet ſein, weil Ihr ſonſt einen klaren Himmel und ein gutes Klima nicht unſerem trüben mit acht Monate langen Winter⸗ nebeln geſegneten Lande vorziehen könntet. Teufel⸗ mäßig ärgerlich, kann ich Euch ſagen, wenn man 72 gezwungen ſein ſoll, daſſelbe Treiben und den näm⸗ lichen Aufwand fortzuführen, da man doch des frü⸗ heren müde und zu geſcheid geworden iſt, um ſein Geld für Dinge wegzuwerfen die Einem nicht mehr gefallen. Aber das müßt Ihr in England thun, ſonſt geltet Ihr für ſchlecht daran, wie ſie ſagen, oder für ganz auf dem Hund und werdet von Euren Bekannten im Allgemeinen und von Eu⸗ ren Freunden insbeſondere gemieden, weil ſie fürch⸗ ten, Ihr möchtet ſie um Unterſtützung angehen.“ Strathern und Lord Alexander Beaulien konnten das Lachen nicht halten, als ſie den ungewöhnlich zor⸗ nigen Ausdruck im Geſicht des Lords Fitzwarren ſahen, ob ſie gleich zugeben mußten, daß nur zu viel Wahres an dem war was er ſagte. „Ihr habt gut lachen, Brüderchen,“ rief er, „aber ich kann Euch ſagen, daß, während Ihr Euch beide hier, wie ich denke, ſehr gut unterhaltet, daß unterdeſſen halb England die Verlegenheiten die Euch, wie man glaubt, in dies ſchöne und angenehme Klima getrieben haben, entweder bekrittelt oder be⸗ klagt. Die Leute wundern ſich hauptſächlich dar⸗ über, wie Du, Strathern, da Du doch kaum vor einem Jahre noch auf vierzigtauſend Pfund jährlich kamſt, und dreimalhunderttauſend Pfund angelegt hatteſt— denn die Welt behauptet, Du hätteſt nicht weniger geerbt— wie Du es getrieben ha⸗ ben müßteſt, um in ſo kurzer Zeit in Verlegenheiten — ———————————— — 73 zu gerathen. Der Tadel den man über einen ſol⸗ chen Verſchwender, wie Du zu ſein beſchuldigt wirſt, ausſpricht, ſteht im Verhältniß zu dem Reich⸗ thum den man früher bei Dir vorausſetzte. Einige erklären, Du ſeiſt ein ausgemachter Spieler, ob⸗ gleich Deine Freunde wiſſen, daß Du nie eine Karte angerührt haſt; Andere, die nicht wiſſen, daß Dein Vater geſtorben iſt, da Du noch ein Kind warſt, beharren ſteif und feſt darauf, Du hätteſt Dich durch Schuldſcheine zu Grunde gerichtet die Du in der Minderjährigkeit ausgeſtellt und die nach dem Tode Deines Vaters hätten bezahlt werden müſſen. Beaulieu kommt dabei beſſer weg; ſie ſagen, er habe als jüngerer Bruder nicht viel zu verlieren gehabt und werdiene folglich nicht ſo viel Tadel. Das Geſchrei über Euch iſt jedoch über dem was ich geſündigt haben ſoll, vergeſſen wor⸗ den,— ja, geſündigt, denn betrachtet man in Eng⸗ land die Armuth nicht ſo, als wäre ſie um nichts beſſer als ein Verbrechen?— Meines Wiſſens bin ich in dieſem Augenblick zu Hauſe keine Guinee ſchuldig und doch als einer von denen Ariſtokraten, wie uns die niederen Stände heißen, verſchrieen die Niemand zahlen und wenn ſie Alles, ja mehr als ſie je beſeſſen, verthan haben, auf das Feſtland davon laufen und arme Geſchäftsleute im Elend zurücklaſſen, weil ſie ihnen geborgt haben.“ „Wir müſſen indeſſen, mein lieber Freund, zu⸗ 74 geſtehen,“ verſetzte Strathern,„daß der heftige Tadel und die ungerechte Verdächtigung, welche ſich die niederen Claſſen gegen„unſeren Stand“ er⸗ lauben, ihren Urſprung in der leichtſinnigen Ver⸗ ſchwendung einiger Mitglieder des letzteren gefunden haben. Durch dieſe gerathen ſie neben anderem Unglück in die Unmöglichkeit Verpflichtungen zu er⸗ füllen, die ſie unbedachtſamerweiſe übernommen ha⸗ ben, und durch welche Geſchäftsleute oft in großen Schaden kommen, ja zuweilen völlig ruinirt werden.“ „Pah! verſchwende Dein Mitleid nicht an ſie, mein Lieber— an das Blutigelpack das ſich an uns mäſtet. Kannſt Du irgendwohin fünfzig Mei⸗ len um die Hauptſtadt herum fahren ohne Land⸗ häuſer zu ſehen— und Schlöſſer noch dazu,— deren Nettigkeit und guter Zuſtand Deine Aufmerk⸗ ſamkeit auf ſich zieht und Dich veranlaßt nach dem Namen ihrer Eigenthümer zu fragen? Immer wirſt Du da finden, daß ſie den Vielfraßen gehören die in Geſtalt von Juwelieren, Seidehändlern, Schnei⸗ dern, Hutmachern und id genus omne an Dir genagt haben. Der Ertrag ihrer Betrügereien ſteht Dir vor Augen in Geſtalt von Fluren, zart wie Sam⸗ met, von grün gefärbten Sonnendächern auf den Wohnungen und maleriſchen Häuschen, verſteckt in dunkeln Schatten, wie Georg Robins ſagen würde.“ „Wahrhaftig, lieber Fitzwarren, Du biſt un⸗ gerecht gegen die Claſſe die Du bezeichneſt. Ich — 75 habe viele Leute von ſtrenger Rechtlichkeit und eh⸗ renwerthen Geſinnungen unter ihnen kennen gelernt.“ „Wirklich? beim Zeus! dann biſt Du glück⸗ licher geweſen als ich.“ „Ich halte es mit Fitzwarren, und odi pro- fanum vulgus et arceo,“ ſagte Lord Alexander Beaulien mit verächtlicher Miene. „Iſt es Dir nie eingefallen, daß der Mangel an Pünktlichkeit im Bezahlen von Seiten der ſo⸗ genannten Leute von gutem Tone zu der Ueber⸗ theuerung und Betrügerei geführt haben könnte über die Du dich beſchwerſt?“ fragte Strathern. „Wer, Teufels, wollte ſich darum bekümmern, oder wer wäre im Stande pünktlich zu ſein, wenn über die Hälfte mehr gefordert wird, als Etwas werth iſt?“ „Gerade deswegen weil ein Geſchäftsmann nicht zu berechnen vermag, wann er Ausſicht hat ſein Geld für die Waaren zu bekommen die er verkauft, und die er ſelber innerhalb einer beſtimm⸗ ten Zeit bezahlen muß, gerade darum iſt er ge⸗ zwungen mehr anzuſetzen, als wenn er ſogleich oder auch nur dann befriedigt würde, wenn er ein Jahr geborgt hat,“ bemerkte Strathern. „Wenn Du aber zugibſt, und Du kannſt nicht umhin dies zu thun, daß ſie damit anfangen mehr als den wirklichen Werth zu verlangen, was ſagſt Du dazu, daß ſie nach dem erſten Jahr für Ge⸗ 76 genſtände Zinſen verlangen die ſie ſchon zu hoch angerechnet haben, weil ſie im Voraus annehmen, es werde nicht pünktlich mit der Zahlung eingehal⸗ ten werden?“ „Ich ſage, daß ſie am Ende auch dann nicht ſo viel gewinnen„als wenn ſie ihre Waaren zu einem geringeren Preiſe für baares Geld verkauf⸗ ten,“ erwiederte Strathern. „Wahrhaftig, Du führſt die Sache des Krämer⸗ adels wie der beſte Anwalt,“ ſagte Lord Alexander Beaulieu,„und wenn ich nicht wüßte, daß ſich das edle Blut der Strathern nie durch eine mes- alliance mit dem eines parvenu vermiſcht hat, ſo könnte ich Verdacht hegen eine von Deinen Groß⸗ müttern habe zu dem Gezücht gehört, welches Du ſo warm vertheidigſt.“ „Wer als ein Engländer könnte an einer ſol⸗ chen Stelle ſtehen bleiben,“ bemerkte Strathern, „und von einem Gegenſtand ſprechen, wie der, welcher uns eben beſchäftigt hat?— Und Fitz⸗ warren gar, der noch nie im Vatikan geweſen iſt! Seht wie die Fremden uns erſtaunt anſtarren— ſelbſt die custodii lächeln über unſere Barbarei!“ „Was bekümmere ich mich darum,“ ſagte Fitz⸗ warren.„Ich habe viel lieber ein kleines ver⸗ nünftiges Geſpräch, als daß ich Bildſäulen angaffe, deren Vorzüge ich nicht kenne, oder als daß ich vor einer bemahlten Decke Maulaffen feil habe, 77 vis ich einen ſteifen Hals bekomme oder einen An⸗ fall von Gähnen. Ich habe von ſolchen Sachen genug gekriegt in Florenz, wo mich ein toller Kerl von laquais de place faſt umbrachte. Er wollte mich beſtändig fortſchleppen und mir jede Gallerie in der Stadt zeigen, bis ich ihn und ſie in den Grund des Meeres hinunterwünſchte. Noch dieſen Morgen beim Aufſtehen erbot ſich ein Kerl von Rom, der ſich einen Cicerone nannte, mir ein Giro zu miethen.„Geht zum Teufel mit Eurem Ciro,“ ſagte ich,„führt mich in die Wohnung meiner Freunde! Das that er denn, verdrehte aber die Augen wie eine Ente wenn's donnert, da ich mich weigerte ſtill zu ſtehen und die Gegenſtände, die er mir zeigte, zu betrachten.“ „Was hat Dich denn aber au nom du ciel veranlaßt, nach Rom zu gehen?“ rief Lord Alexan⸗ der Beaulieu. „Eine Verſuchung die mich dazu bringen könnte, wenn's nöthig wäre, an den Nordpol zu gehen. Ein Mädchen und das die ſchönſte von allen, die je mein Auge geſchaut. Ein prächtiges Geſchöpf— große Vorhand, treffliche Schultern, zierliche Beine, hübſche Feſſeln, fehlerfreie Füße, und eine Decke, — Haut will ich ſagen, wie ich ſie nie zuvor ge⸗ ſehen. Traf ſie bei dem engliſchen Geſandten in Flo⸗ renz bei'm Mittageſſen— guter Kerl das und führt einen ausgezeichneten Tiſch— teufelmäßig höflich 78 gegen mich. Sah ſie den anderen Abend in Nor⸗ manby's Theater— teufelmäßig ſchönes Spiel, ich verſichere Euch und er ſelbſt ein Schauſpieler erſten Rangs; macht ein vorzügliches Haus und ſetzt Ei⸗ nen in den Stand von der Güte ſeiner Küche zu urtheilen, indem er Einen häufig zum Eſſen ein⸗ ladet. Sie,— das Mädchen mein' ich— ſpielte nicht mit; deſto beſſer— ich habe es nicht gerne wenn Mädchen Liebesſcenen auf der Bühne mit⸗ machen; es erzeugt zu viel Vertraulichkeit. Möchte kein Mädchen heirathen das die Julia mit einem andern Romev geſpielt hätte als mit mir ſelbſt; und ich will mich hängen laſſen, wenn ich glaube, ich könnte ſelbſt dem Mädchen meines Herzens zu Gefallen dieſen liebeſiechen, ſchwermüthigen Bur⸗ ſchen machen.“ Hier brach Fitzwarren, dem die komiſche Vorſtellung durch den Kopf ging, daß er die Rolle des Romeo geben ſollte, in ein ſo lautes Gelächter aus, daß er die Blicke Aller auf ſich zog, die nahe genug ſtanden, um ihn zu hören. „Gut,“ fing er wieder an,„nachdem ich ihr in ge⸗ höriger Weiſe vorgeſtellt worden war, hielt ich mich für befugt ſie anzureden, wenn wir uns begegneten. Sie iſt aber ſo ſcheu, wie meine alte Stute Fanny— Ihr erinnert Euch an Fanny, nicht? Eine Haupt⸗ ſtute, ich hatte ſie von Jerſey; Vollblut und ſchöne Haltung. Ah! das war ein Thier.“ 79 „Das Frauenzimmer oder die Stute?“ fragte Lord Alexander Beaulieu mit Lachen. „Was Du für ein Kerl biſt, Beaulien— die Stute, verſteht ſich doch. Ich fand das Mädchen ſo ſcheu und zurückhaltend, daß ich kaum ein Wort. von ihr herauszubringen vermochte. Sonderbar, nicht? denn Ihr wißt, daß in London die Mäd⸗ chen und ihre Mütter obendrein ungeheuer artig gegen mich ſind,— zu artig, mein' ich manchmal, wenn ſie zu Epſom oder Askot auf dem Schaugerüſt ſind und Einen abhalten auf einer oder auf beiden Seiten zu wetten, da ſind ſie ſo geſchwätzig und ängſtlich, ob Einem ſein Pferd gewinnt. Da ich ſah wie ſchüchtern ſie war, verſuchte ich ſie damit zu unterhalten, daß ich ihr die Neuigkeiten aus Lon⸗ don von der letzten Saiſon erzählte, und eine von unſern hübſchen Geſchichten, aber— werdet Ihr es glauben?— ſie würdigte mich nie eines Lä⸗ chelns und Ihr wißt doch, wie Agnes Mildenard, Sophie Aldenham und Marie Fordingbridge ge⸗ wöhnlich lachten, wenn ich mit ihnen ſprach. Ich war entſchloſſen ihr blödes Weſen zu beſingen, fuhr alſo fort und ſagte ihr, wie ſehr es mir mißfiele den Ausſichten nachzulaufen, Bildſäulen und Ge⸗ mälde anzugucken, und Kirchen und Ruinen zu be⸗ trachten. Und da ſah ich ſie lächeln, und bei Gott, ſehr ſchön war ſie in dieſem Augenblick, und ließ Zähne ſehen wie Perlen. Aber es lag etwas 80 Hinterliſtiges und Schalkhaftes in ihrem Auge, da es auf mich fiel, und das brachte mich auf den Gedanken, ſie könnte über mich lachen, obgleich ich nicht begriff, warum. Ich hatte im Sinn, in den nächſten Tagen um ſie anzuhalten, denn ich war mir beſtimmt bewußt, daß ich nie ein Mädchen finden könnte das ſo nach meinem Geſchmack wäre; aber denkt Euch meine Verwunderung, als ich zwei Tage darnach erfuhr, daß ſie ihre Mutter nach Rom begleitet hatte. So kam ich hieher ſie zu ſuchen.“ „Du biſt alſo endlich doch wirklich verliebt, Fitzwarren?“ ſagte Lord Alexander Beaulieu.„Ich glaubte man könnte nur durch eine Paracenteſe (Bruftſtich) in Dein Herz dringen.“ Das ſchöne Geſchöpf hat den Weg dazu ge⸗ funden, kann ich Euch ſagen,“ verſetzte Lord Fitz⸗ warren und ließ den erſten Seufzer vernehmen, den man je aus ſeiner breiten, fetten Bruſt hatte emporkommen hören. Sein fleiſchiges, rothes Ge⸗ ſicht ſah dabei unter dem ernſten Ausdruck den es für einen Augenblick annahm, ſo drollig aus daß ſeine beiden Cameraden ſich des Lachens nicht er⸗ wehren konnten. „Ihr könnt lachen, aber ich bin einmal ge⸗ fangen,“ ſagte Fitzwarren„und das, ohne daß ſie mir auch nur eine Artigkeit geſagt oder bei einem meiner Späſſe gelacht hätte. Iſt das nicht ſon⸗ 81 derbar? Ich will mich hängen laſſen, wenn ich weiß wie ſie das gemacht hat.“ „Sag' uns den Namen dieſer zurückhaltenden, wenn nicht übermüthigen Schönheit; es iſt etwas beſonders Kränkendes und ich meine, Neues, wenn man eine Frau findet, die ſich nicht die Mühe nimmt, einen Anbeter zu gewinnen und keinen Ver⸗ ſuch macht ihn zurückzuhalten. Ich bin begierig mit dieſer rara avis bekannt zu werden,“ bemerkte Strathern. „Damit du mich ausſtechen könnteſt, nicht wahr? Nein, bei Gott, du würdeſt für mich ein zu furcht⸗ barer Nebenbuhler ſeyn und deshalb werde ich dich nicht vorſtellen.“ „Ich will dir dieſe Mühe erſparen,“ ſagte Lord Alexander Beaulieu,„denn ich habe nicht blos den Namen des Mädchens deiner Liebe errathen, ſondern ich bin auch ſo glücklich mit ihr bekannt zu ſeyn.“ „Den Teufel haſt du! ſie iſt ja erſt zwei Tage in Rom. Aber du ſuchſt blos ihren Nameu her⸗ auszukriegen, das merke ich wohl. Du kennſt ſie nicht.“ „Dn wirſt vielleicht meiner Behauptung Glauben beimeſſen, wenn ich ihren Namen nenne und das iſt kein anderer als der des Fräuleins Sydney, Tochter und Erbin des verſtorbenen Ferdinand Strathern 1. 6 5 82 Soydney, Esq. von Sydneyevurt in der Graſſchaft York.“ „Das iſt ihr Name, ich gebe es zu; aber ſieh Strathern, was Beaulieu für ein Kerl iſt. Er hat ſchon herausgebracht, daß ſie reich iſt, wäh⸗ rend ich kein Wort davon wußte und mich nicht im Geringſten darum bekümmerte. Ich glaube wahrhaftig, wenn Venus ſelbſt vor ihm erſcheinen könnte, ſo würde er fragen, welches Vermögen und welche Ausſichten ſie habe?“ „Da du ſo viel von ihr weißt, ſo iſt dir auch wohl ihre Wohnung bekannt?“ „Allerdings; ſie iſt bei Serny, auf der Piazza d'Espagna.“ „Dann will ich fort und ihr meine Auſwartung machen,“ damit wandte ſich Lord Fitzwarren eilig von ſeinen Geſellſchaftern ab und verließ die Gal⸗ lerie auf dem Vatikan ohne einen einzigen Biick auf einen der Schätze die ſie enthielt, oder auch nur auf den Platz ſelber zu werfen. Viertes Kapitel. O Rom, du biſt noch groß in der Zerfallenheit, Stolz Sieaesmal der Macht des Schickſals und der Zeit, Du bleibſt beredter noch in Trümmern fort und fort Als aller hochbegabten Redner machtig Wort, Und wirſ, wie nichtig Stolz und Ruf, uns immer zeigen, Da nichts als ein gewalt'ger Name dir noch eigen. Auf dem Corſo begegnete Strathern einige Stunden ſpäter Fitzwarren deſſen Geſicht einen Ausdruck von Unzufriedenheit an ſich hatte, der ſeinem Weſen im Allgemeinen nicht gewöhnlich war.„Wo ſpeiſeſt du?“ waren die erſten Worte die er herausſtieß. „Ich kann gehen wohin ich will,“ war die Erwiderung. „Nun ſo wollen wir miteinander zu Mittag eſſen. Strathern, habe Mitleid mit einem armen Teufel der allen Haltpunkt verloren hat und im Begriff iſt ſich zu hängen.“ „Komm, wir wollen in meinem Gaſthof eſſen, und Beaulieu abholen.“ „Meinetwegen. Ich wünſchte faſt, ich wäre nicht nach Rom gekommen. Das iſt kein Ort für mich.“ 8¹ „Warum machſt du es, da du hier biſt, nicht wie die Andern die in Rom ſind? Warum wilſſt du die Gegenſtände nicht beſehen die Reiſende aus allen Ländern hieherziehen? Selbſt Beaulieu nimmt Intereſſe an ihnen, und doch iſt er dem Studium der Alterthumswiſſenſchaft eben ſo wenig zugethan als du.“ „Er ſtellt ſich als würde er davon angezogen, blos um davon ſchwätzen zu können, wenn er nach England zurückkommt, und um den Leuten den Glauben beizubringen er verſtehe etwas davon. Aber ich bin kein Aufſchneider und kann mich nicht von einem laquais de place oder einem Cicerone herumführen laſſen und Sachen angaffen für die ich keinen Strohhalm gebe, ich kann mich auch nicht mit der Abſicht tragen den Leuten etwas auf⸗ zubinden, wenn ich wieder nach Hauſe komme. Nein, Rom iſt kein Ort für mich. Würdeſt du es glauben? als ich zu den Ställen der Pferde⸗ händler geführt zu werden verlangte, um mich zu unterhalten und ihre Waare zu beſehen, brachte mich mein Burſche in eine ſchmutzige Gaſſe worin ein unerträglicher Geruch herrſchte, und in Ställe die man hätte mit denen des Augias vergleichen können, ehe Herkules angewieſen wurde ſie zu ſäu⸗ bern. Du ſiehſt ich habe die Schule nicht vergeſſen. Da ſah ich denn acht bis zehn Stücke Vieh wie ich ſie nie zuvor geſchaut. Ich ließ mir zum 85 Spaß ein Paar vorreiten und, bei Gott, ihr Gang glich ihrem Ausſehen vollkommen. Die Zucht hat ſich ſeit den Zeiten der Alten nur wenig geändert denn dieſe Gäule ſind gerade wie einige von den bas relievii die ich im Vatikan geſehen habe; das Einzige was ich dort betrachtete. Und da kam es mir vor, als wären die marmornen Roſſe nach jenen lebenden gebildet. Große unbeholfene Thiere mit Köpfen wie die Widder, träg und langſam im Gehen. Brachte man ſie in ſchnellere Bewegung, ſo kamen ſie mir vor als wollten ſie ihren eigenen Köpfen nachrennen. Ich möchte um keinen Preis einen von ihnen reiten; als ich das aber ſagte, wurden die Burſche in dem Stalle mächtig zornig. Da bin ich denn hier wie ein Fiſch auſſer dem Waſſer. In Florenz lieh mir Normanby jeden Tag eins von ſeinen tüchtigen Pferden. Er hat einen Stall voll Hauptroſſe, alſo ging es mir da recht gut, aber was ſoll ich hier anfangen? Und allem dem unterwerfe ich mich einem Mädchen zu Liebe die mir den Zutritt zu ihr verweigerte als ich an der Thüre nach ihr fragte. Ich dachte wohl daß ſie zu Hauſe wäre, obgleich ſie der Diener verläugnete und fünf Minuten, nachdem ich das Haus verlaſſen, ſah ich ihren Wagen ankommen, ſie und ihre Mutter hineinſteigen und davonfahren. Wie ganz anders ſind Wellerby's Mädchen! So wie ſie erſpäht hatten, daß ich vor dem Fenſter — — 86 ihres Gaſthofs vorüberging, fingen ſie an mir Küſſe zuzuwerfen und winkten mir ich ſollte zu ihnen kommen.“ „Wellerby's Mädchen, wie du ſie ſo ohne alle Umſtände nennſt, zeichnen ſich eben nicht durch Zurückhaltung aus. Au contraire, es ſcheint daß ſie glauben ſie hätten das Recht jeden unverhei⸗ ratheten und vermöglichen Mann der nach Rom kommt, einzuziehen und dann zu verſuchen ob ſie ſo geſchickt ſind ſeine Aufmerkſamkeiten ganz für ſich in Anſpruch zu nehmen. Ich rathe dir daher, Fitzwarren, dich vor den Fallen zu hüten, welche den Männern hier geſtellt ſind.“ „Ich danke dir, Freund, für deinen Rath, aber ich bin ein alter Vogel den man nicht mit Spreu fängt, und die Falle muß pfiffig angebracht werden wenn ich hineingerathen ſoll. Der eigentliche Grund warum mich das Mädchen in die ich ſo verflucht verliebt bin, gefeſſelt hat, war der daß ich gleich im Anfang ſah, wie ſie ſich nicht die mindeſte Mühe gab mir zu gefallen. Hätte ſie das gethan, ſo bin ich ein Burſche der ſich darin auskennt; und zehen gegen eins, ich würde keine ſo verzweifelte Neigung zu ihr gefaßt haben. Du weißt nicht, Strathern, was ich für eine feine Naſe habe.“ „Ich geſtehe, ich hätte dir nicht zugetrant, daß du ſo ſehr auf deiner Hut biſt.“ 87 „Das bin ich aber; du ſollteſt mich ſehen wenn die Mädchen Alles thun um mich zu fangen. Da bleibe ich ſo kalt wie eine Gurke, wahrhaftig! Widerſpreche ihnen blos um ihnen zu zeigen daß ich nicht zu haben bin, und lache wenn ſie gefühl⸗ volle Reden führen. Sie werden mich nicht zum Narren machen, kann ich dir ſagen. Aber das Mädchen da iſt von einer ganz anderen Gattung. Ich kann ſie nicht aus dem Kopf bringen.“ „Aus deinem Herzen, willſt du ſagen; denn man ſagt, der Kopf habe mit der Liebe ſehr wenig zu thun.“ „Kopf oder Herz, Alles was ich weiß, iſt daß ich mich in meinem ganzen Leben nicht ſo elend gefühlt habe. Du magſt lachen, Strathern, oder nicht, aber hängen will ich mich laſſen wenn es nicht wahr iſt. Wenn man ſein eigener Herr iſt und ein großes Vermögen beſitzt, kann etwas ärger⸗ licher ſeyn als daß ich nicht im Stande bin mir das Einzige zu eigen zu machen was ich wünſche? Ich, dem bis jetzt kein einziger Wunſch unerfüllt geblieben iſt?“ „Deine Wünſche haben ſich wahrſcheinlich bis daher auf Genüſſe beſchränkt die man ſich leicht verſchafft wenn man reich iſt?“ Ja, und ich wollte ich hegte auch jetzt keinen andern, denn der Gedanke macht mich raſend, daß all' mein Vermögen unzureichend ſeyn würde um 88 das einzige Mädchen zu gewinnen um die ich mich je im Ernſt bekümmert habe.“ „Wenn Du dieſe Ueberzeugung haſt, ſo ſieh' von Deiner Bewerbung ab und richte Deine Ge⸗ danken auf andere Gegenſtände.“ „Das iſt leichter geſagt als gethan, mein Freund. Ich kann ja an ſonſt nichts denken. Sie geht mir immer im Kopfe herum, gerade wie meine ſchöne Stute Fanny, ehe ich ſie kaufen konnte. Du wirſt über mich lachen, wenn ich Dir ſage, daß ich es Wochen lang kaum über mich vermochte, ein anderes Pferd anzuſehen, und doch ſuchten mich die Roß⸗ täuſcher jeden Tag mit ihren beſten Pferden in Verſuchung zu führen. Ich hatte mein Herz ſo völlig an den Beſitz Fanny's gehängt, daß ich lieber fünfmal ſo viel für ſie gegeben, als ich ſie wegge⸗ laſſen hätte. Und die Summe, die ich für ſie zahlte, war groß genug. Habe ich einmal meinen Kopf auf etwas geſetzt, ſo iſt es mir unerträglich, meinen Wunſch nicht zu erreichen. Und die Leute finden das aus und ziehen 6 davon.“ „Aber wenn Du das weißt, warum thuſt Du Dir nicht einigen Zwang an?“ „Das heißt, ich ſoll mir das, wonach ich trachte, mit Vernunftgründen ausreden oder mir ſonſt vor⸗ nehmen, blos einen ordentlichen Preis dafür zu zahlen? Nein Strathern, das Leben iſt zu kurz für die, welche Geld im Ueberfluß beſitzen, um 89 ſich etwas zu verſagen, was mit Geld erworben werden kann. Das iſt mein Grundſatz und die einzige Regel der ich folge.“ „Ich kann Dich darum nicht loben, denn was Du ſagſt, iſt völlig auf Selbſtſucht begründet und der Reichthum iſt uns zu etwas Beſſerem verliehen, als zur bloßen Befriedigung unſerer Leidenſchaften. Denk einmal an all' das Gute, Fitzwarren, das Du ſchon mit einem Theil des Geldes wirken könn⸗ teſt, was Du für Dein eigenes Vergnügen ausgibſt.“ „Und verwendeſt Du nicht ebenſo große Sum⸗ men für das Deine? Was macht es für einen Unterſchied, ob ich mein Geld für Pferde, Hunde und andere Ergötzlichkeiten ausgebe oder wie Du für Gemälde, Bildſäulen, Bücher und dergleichen? Ich kann keinen entdecken und mein Wahlſpruch iſt — Jeder nach ſeinem Geſchmack.“ „Und doch ſind die Folgen ſehr verſchieden. Wenn ich Malern, Bildhauern und der Literatur Aufmunterung verſchaffe, ſo fördere ich die ſchönen Künſte und gebe denen Beſchäftigung, die ihr Leben dem Studium derſelben geweiht haben. Das bringt meinem Vaterlande großen Vortheil und leiſtet ſeinen Intereſſen Vorſchub.“ „Und unterſtütze ich nicht die Zucht der Pferde und Hunde dadurch, daß ich ungeheure Preiſe für ſolche zahle und Bediente, Reitknechte und Aufſeher in Nahrung ſetze, und einen großen Marſtall halte? 90 Ich kann keinen Grund abſehen, warum mein Geld nicht eben ſo preiswürdig angewandt ſeyn ſollte, als das Deine, wenn es gleich auf eine andere Art geſchieht. Ja noch mehr, denn durch das meine befördere ich die Ackerbauintereſſen, indem ich die Nachfrage nach Heu und Korn vermehre, während Deine Gemälde und Bildſäulen und Bücher nichts verzehren. Was willſt Du darauf entgegnen, guter Freund? Habe ich Dich nicht zum Schweigen gebracht? Ich bin kein Narr, kann ich Dir ſagen und bin in den Gegenſtand tiefer eingedrungen als Du glaubſt. Was hat England von jeher ſeinen Ruhm verſchafft? fragte ich mich ſelbſt. Seine ſchönen Pferde, ſeine Wettrennen und Jagden, ſollt' ich meinen. Was hat ihm ſeine Ueberlegenheit über die ganze Welt zuwege gebracht? Seine Pferde haben das gethan. Wer alſo die größte Anzahl dieſer edeln Thiere hält und Wettrennen und Jagden nachhilft, iſt der ächte Vaterlandsfreund und der veſte Begünſtiger des Ackerbaues. Lebe und laß leben, ſag' ich, ich hadere mit Niemand ob ſeinem Geſchmack. Du haſt Freude an Gemälden und Bildſaulen,— ich nicht. Denn jeden Tag, wenn ich in England ausgehe zu jagen und zu ſchießen, kann ich die Natur ſehen und ſie gefällt mir brſſer als alle Landſchaften, die je gemalt worden ſind. Kann man braune und gelbe Bäume auf Packtuch mit dunklem, nur ſcheinbar vorhandenem Grund 91 ud zerfallenen Tempeln, kann man halb grüne nd halb blaue Flüſſe mit unſeren friſchen Feldern, mit den ſchönen alten Bäumen, den bequemen Pächterswohnungen und klaren Flüſſen vergleichen? Läßt ſich eine Statue mit ordentlichem Fleiſch und Blut zuſammenhalten? Nicht eine, die ich je geſehen. Was kannſt Du darauf erwidern, Strathern?“ Strathern lächelte über Fitzwarrens triumphirende Miene; da er aber wußte, wie nutzlos ſeine Be⸗ weisgründe ſeyn würden, um die Meinung des letzteren zu ändern, ſo ging er nicht auf eine Ver⸗ längerung des Streites ein und überließ ſeinem Freunde das Schlachtfeld. „Strathern galt auf der Hochſchule für einen der geſcheideſten Burſche,“ ſagte Lord Fitzwarren zu ſich ſelbſt, während er ſeinem Gaſthof zuging,„aber ich habe vei weitem die beſten Gründe vorgebracht. Er konnte kein Wort mehr ſagen, nein, nicht ein einziges. Ich will mich hängen laſſen, wenn ich nicht anfange im Oberhaus zu ſprechen, ſobald ich heimkomme. Ich wußte gar nicht wie geſchickt ich bin, bis ich Strathern zum Schweigen brachte. Gewiß ich werde im Hauſe eine Rolle ſpielen. Die Ackerbauintereſſen und die Noth der Landwirth⸗ ſchaft ſind Gegenſtände, die man in einer Rede immer gerne hört. Sie haben einen guten Klang und leſen ſich gut in den Zeitungen. Das wird mich bei den Pächtern beliebter machen als je und 92 ihre Beſorgniß, das Wildpret und die Füchſe zu erhalten, wird ſich verdoppeln. Wahrhaftig, das iſt ein koſtbarer Einfall und es wundert mich nur, daß er mir nicht früher zu Sinne kam. Wie an⸗ genehm wird es ſeyn, wenn das Haus ruft: hört, hört! hört! ſo wie ich mit meinen Anſichten her⸗ vortrete. Ich habe, werde ich ſagen, lange und reiflich über die Urſachen des Elendes im Lande nachgedacht. Man muß immer einen Ruf erlangen, wenn man etwas oft und ernſtlich überlegt hat, obgleich ich ſchwören möchte, die meiſten Lords thun dies ſo wenig als ich. Dann werde ich hinzuſetzen, ich habe den Zuſtand anderer Länder ſtudirt. Das klingt ebenfalls hübſch; aber ich möchte nicht bei⸗ fügen, d. h. ich habe unterwegs behaglich in mei⸗ nem Wagen geſchlafen und mich nur mit den rei⸗ ſenden Engländern abgegeben. Ja, ich will eine Rede loslaſſen, das iſt mein fefter Entſchluß und meine Landsleute in Erſtaunen ſetzen, wenn ich zurückkomme.“ Am Abend dieſes Tages traf Strathern Fräu⸗ lein Sydney nebſt ihrer Mutter bei einer kleinen Geſellſchaft in der Wohnung der Lady Monthermer und wurde ihnen auf ſeine Bitte vorgeſtellt. Die ſeltene Schönheit des jungen Fräuleins nahm ihn ſehr für ſie ein und die Ruhe und Selbſtbeherrſchung in ihrem Benehmen machte einen um ſo größeren Eindruck auf ihn, je mehr ſolches von demjenigen 93 abwich, welches die Mädchen aus ſeiner Bekannt⸗ ſchaft gewöhnlich einhielten. Ihre Mutter, eine ſanfte Frau von würdevollem Betragen zeigte noch Spuren von ungewöhnlicher Schönheit und unter⸗ ſchied ſich dadurch ſehr von den männerſuchenden Matronen um ſie her, deren Artigkeiten gegen ver⸗ mögliche Junggeſellen manchmal zu auffallend waren, als daß man nicht hätte daran zweifeln dürfen ob ſie blos durch die Höflichkeit eingegeben wären. Als Lord Fitzwarren zu der Geſellſchaft kam, be⸗ merkte Strathern, daß Fräulein Sydney's Geſicht einen mißvergnügten Ausdruck annahm. Dieſer ſteigerte ſich noch, wie der erſtere nach einer Ver⸗ beugung gegen die Herrin des Hauſes ſchnell und mit ausgeſtreckter Hand auf ſie zuging und gar nicht daran zu denken ſchien, daß der Anſtand er⸗ fordere, zuerſt ihre Mutter anzureden. Aber keine Hand kam ſeiner dargebotenen entgegen, und die Kälte mit welcher ſeine lebhaften Begrüßungen er⸗ widert wurden, hätte einen weniger dreiſten Mann abgehalten, weiter zu gehen. Frau Sydney, deren Anweſenheit er zuletzt auch der Beachtung würdigte, zeigte bei ihrem Empfang kaum weniger Zurück⸗ haltung gegen ihn, als ihre ſchöne Tochter, er aber ſchien deſſenungeachtet entſchloſſen, in ihrer Nähe zu bleiben und richtete ſeine Worte aus⸗ ſchließlich an das junge Fräulein. „Nie war ich in größerer Verwunderung, als 9⁴ wie ich erfuhr, daß Sie Florenz verlaſſen hätten,“ ſagte Fitzwarren. „Ich wüßte nicht, welcher Grund dazu vor⸗ handen geweſen wäre,“ meinte Fräulein Sydney mit eiſiger Kälte. „Sie haben mir nie geſagt, daß Sie Rom be⸗ ſuchen wollten.“ „Unſere Bekanntſchaft war ſo oberflächlich, daß ich es für unnöthig hielt, Sie von unſerem Fort⸗ gehen zu benachrichten.“ „Das war ſehr unartig von Ihnen. Sobald ich jedoch hörte, Sie wären fort, beſchloß ich eben⸗ falls mich nach Rom zu begeben, und nun, da ich hier bin, hoffe ich, wir werden jeden Tag zu⸗ ſammentreffen.“ Hier warf das Fräulein ihren ſchneeweißen Hals zurück und ſchaute auf Fitzwarren in einer Weiſe, daß Strathern nie geglaubt hätte, ein ſo ſchönes Geſicht vermöchte ſo viel Stolz auszudrücken⸗ Unterdeſſen warfen mehrere junge und einige nicht mehr junge Mädchen freundliche Beicke auf Fitz⸗ warren. Deſſen Augen hafteten aber auf dem einzigen anweſenden Frauenzimmer, daß ihnen aus⸗ gewichen wäre, wenn es in ihrer Macht geſtanden hätte und das ſich offenbar durch ſeine Aufmerk⸗ ſamkeit ſehr beläſtigt fühlte. „Ich habe dieſen Morgen in Ihrer Wohnung nach Ihnen gefragt,“ ſagte Fitzwarren,„und es 95 that mir recht leid, daß ich Sie nicht zu Hauſe antraf. Morgen hoffe ich darin glückticher zu ſeyn.“ „Meine Mutter und ich nehmen ſelten Morgens Beſuche an.“ „Ich hoffe, Sie werden mich unter den Wenigen ſeyn laſſen, denen Sie den Zutritt geſtatten. Ich bitte Sie darum; denn ich habe Ihnen etwas von Wichtigkeit zu ſagen.“ „Sie müſſen mich entſchuldigen, Mylord und mir erlauben noch beizufügen, daß Sie mir keine Mittheilung zu machen haben können, die für mich von der geringſten Bedeutung wäre.“ „Wie können Sie das ſagen, ehe Sie wiſſen was es iſt?“ „Ich bin ſo gleichgültig gegen eine Eröffnung, die von einer mir beinahe ganz fremden Perſon kommt, daß ich Sie bitten muß mich damit zu verſchonen.“ Fräulein Sydney wandte ſich von ihrem Quäl⸗ geiſt ab und fing an mit ihrer Mutter franzöſiſch zu ſprechen. Nun wagte es Strathern, Frau Sydney an⸗ zurcden und ſein achtungsvolles Benehmen ſtand in ſo auffallendem und angenehmem Gegenſatz gegen das freie Sichgehenlaſſen des Lord Fitzwarren, daß ſie zu ſeinen Gunſten eingenommen und vermocht wurde, mit Jatereſſe ſeinem Geſpräche zu lauſchen. Sie ſprachen von Rom und den ſo beachtungswür⸗ 96 digen Gegenſtänden, welche es enthält. Frau Sydney beſaß einen hochgebildeten Geiſt und war wohl vorbereitet auf die Betrachtung der klaſſiſchen Trümmer, an welchen die ewige Stadt ſo reich iſt und auf das Studium der prächtigen Kunſt⸗ werke, die ſo geeignet ſind, einen Menſchen vön gutem Geſchmack anzuziehen. In Strathern fand ſie einen Sachkenner ohne Schulfuchſerei,— einen feinen Gentleman, in der eigentlichen Bedeutung des Worts, d. he einen Mann von guter Herkunft, der ebenſo höflich und frei von Einbildung oder gezwungenem Weſen, als von Selbſtgefälligkeit oder Zudringlichkeit, alſo frei war von den herr⸗ ſchenden Fehlern der jungen Leute von heutzutage. Fräulein Sydney hörte mehr der Unterhaltung zu, als ſie ſich in dieſelbe miſchte, obgleich ſie augen⸗ ſcheinlich ein lebhaftes Intereſſe daran nahm; und die wenigen Bemerkungen, die ſie machte, bewieſen eine ſolche Vertrautheit mit dem beſprochenen Gegenſtande, daß Strathern ſich eine ſehr günſtige Meinung von ihrem Verſtand und Geſchmack zu bilden Urſache hatte. Aber auch, wenn ſie nicht geſprochen haben würde, ſo waren ihre Züge ſo beredt, daß der ein ſchlechter Phyſiognomiker hätte ſein müſſen, welcher durch die wechſelnde Miene mit der ſie dem Geſpräch zuhörte, nicht davon überzeugt worden wäre, daß er keinen gewöhnlichen Geiſt vor ſich hatte. Die Tochter einer ſolchen 97 Mutter, dachte Strathern, konnte nicht anders als verſtändig ſeyn und er hatte Recht. Denn Frau Sydney hatte den empfänglichen Geiſt ihrer lieb⸗ lichen Tochter mit Fleiß und Eifer ausgebildet; nicht nur dadurch, daß ſie ihr die beſte Erziehung verſchaffte, ſondern noch mehr dadurch, daß ſie ſich, ſeitdem ſie zur Jungfrau herangereift war, mit ihr über Gegenſtände unterhielt, die ſie geeignet glaubte, ihr Kenntniſſe beizubringen und erhabene Grundſätze einzuflößen. Sit war Wittwe geworden, während ſie noch in der Blüthe des Lebens ſtand. Sie beſaß perſönliche Reize und ein Einkommen, welche ihr, auch wenn Dieſelben weniger anſehnlich geweſen wären, viele Freier hätten verſchaffen müſſen. Aber Frau Sydney widmete ſich völlig der Sorge für ihr einziges Kind, blieb dem Andenken an einen herzlich geliebten und tief betrauerten Gatten getreu und lehnte es beſtändig ab, ihre Neigung einem Anderen zu ſchenken. Ihr Kind war ihr Alles und ſie ſtrebte nun den Genuß des Glücks, deſſen Er⸗ langung ſie ſelber auf Erden nicht mehr hoffen konnte, ihrer Tochter zu verſchaffen, wenn dieſe zur Mannbarkeit gereift und einem ihrer würdigen Manne anvertraut worden wäre. Und reichlich vergalt Luiſe Sydney die Sorgfalt ihrer liebenden Mutter und erwiederte ihre Zuneigung. Es ge⸗ währte wirklich einen freundlichen Anblick, wenn man Mutter und Tochter mit einander betrachtete. Strathern 1. 7 98 Die eine war noch ſchön und von Kummer berührt, aber nicht gebleicht. Dieſer hatte mehr noch als die Zeit ihrem Geſichte einen ernſthaften Ausdruck verliehen. Daſſelbe war aber ſo zart und weiblich, daß ſie ohne dieſen Ausdruck mit mancher ältlichen Schönen in ihrem Kreiſe hätte in die Schranken treten können, die noch nicht aufgehört hatte, Er⸗ oberungen zu machen. Die Tracht, welcher Frau Sydney den Vorzug gab, vermehrte, wenn ſie auch nicht älter ausſehen machte, als ſie wirklich war, wenigſtens den allgemeinen Charakter von ernſter Würde, der ihr Aeußeres auszeichnete. Louiſe Sydney glich ihrer Mutter ſehr. Von mehr als mittlerer Größe war ihr Wuchs ausnehmend ſchön und alle ihre Bewegungen ſo anmuthig, daß ſie ihrer ſchönen Geſtalt einen neuen Reiz verliehen. Ihr Geſicht bildete das regelmäßige Oval, was man außer an den Werken der Alten ſo ſelten ſieht, ihre feinen und vollendeten Züge gewannen noch an Lieblichkeit durch ihre ſchöne und durchſichtige Haut und die hohe Röthe ihrer Lippen. Ihre Augen waren dunkelblau, die Lider ſchneeweiß und beſetzt mit ſeidenen Wimpern von eben ſo dunkler Farbe, wie die geraden, fein gezeichneten Augenbraunen, die ſie überragten und ihre Stirne noch weißer erſcheinen ließen. Ihr hellbraunes Haar ſcheitelte ſie à la Madonna an den Schläfen und wand es um den kleinen und wohl geformten Kopf. Ihre Arme, — —— — E. 99 Hände und Füße waren ohne alle Mängel und ſie bot eines der ſeltenen und glücklichen Beiſpiele vollkommener Schönheit dar, aber ohne eine Spur von der Abgeſchmacktheit, die ein Zugehör derſelben bildet, wie man öſters ſagen hört. Cs iſt nicht zu verwundern, daß Louiſe Sydney mit ſolchen Reizen den Gegenſtand allgemeiner Aufmerkſamkeit bildete, wohin ſie kam; aber ſie ſchien ſich, nicht wie gewöhnlich anerkannte Schön⸗ heiten, ihrer Ueberlegenheit ebenſo wenig bewußt zu ſein, als des Eindrucks, den ſie auf Andere hervorbrachte. Dieſe ſehr ſeltene Unbekanntſchaft mit ihren Vorzügen machte ſie, weil dieſelbe der Eitelkeit vorbeugte, weniger nachſichtig gegen die Bewunderer, welche ihre Reize anlockten. Sah ſie, daß ſolche ihre unwillkommenen Aufmerkſam⸗ keiten fortſetzten, wenn ſie auch bei ihr keine Er⸗ muthigung dazu fanden, ſo ſteigerte ſich die Kälte in ihrem Benehmen faſt bis zur Härte, um die läſtigen Dienſtbefliſſenheiten los zu werden. „Ich befürchte, Deine Verehrer möchten Dich der Unart beſchuldigen, liebes Kind,“ pflegte dann Frau Sydney zu ihrer Tochter zu eo. „So lange ſie mich nicht beſchuldigen können, ich habe ſie in ihrer Bewerbung aufgemuntert, werde ich mich nichts darum kümmern; aber, theuerſte Mutter, ſie ſcheinen ſich wahrhaftig auf unſere ſchutzloſe Lage zu ſtützen, wenn ſie Aufmerkſamkeiten 100 fortſetzen, die mir unangenehm ſind, wie ſie doch ſehen müſſen. Wenn ſie ſo zuverſichtlich glauben, ſie müſſen mir gefallen, ſo kann ich nicht umhin, ihnen zu zeigen, daß ſie ſich bedeutend irren.“— „Ich meine, Liebe, Du könnteſt ihre Annähe⸗ rung zurückweiſen, ohne muthwillig oder unartig zu ſeyn.“ „Ich gebe mir auch Mühe, ſolches zu thun, aber einige von ihnen ſind ſo eingebildet und ſo. voll Zuverſicht auf die Anſprüche, mit denen ſie den Erfolg erzwingen wollen, daß ſie mir Empfin⸗ dungen verurſachen, die mit dem Zorn ſehr nahe 13 verwandt ſind; und ich habe noch nicht die gehörige 5 Selbſtbeherrſchung erlangt, um die Ausbrüche deſ⸗ ſelben zu hemmen.“ Als Strathern die Geſellſchaft bei Lady Mon⸗ thermer verließ, dachte er mehr an Fräulein Sydneh, als je früher an ein Frauenzimmer und wunderte ſich, wie Lord Fitzwarren ſich einbilden mochte, ein* ſo fein gebildetes und begabtes Weſen könnte an 4*. ſeinen Aufmerkſamkeiten Gefallen finden. Während Sꝛ er am nächſten Morgen bei'm Frühſtück ſaß und das diario di Roma las, trat Alexander Beaulien ein.„Weißt Du, lieber Strathern,“ ſagte er nach einigen flüchtigen Worten,„daß ich halb geneigt bin, meine Gedanken der Erbin zuzuwenden. höre, ſie hat ein ſehr großes Vermögen und für einen cadet de famille wäre ein ſolches Weib nicht + 101 übel. Das Mädchen iſt, wie ich zugeben muß, eine ausgezeichnete Schönheit und das ift ein neuer Vorzug, denn er wird alle die boshaften Bemer⸗ tungen abſchneiden, die in unſeren cliques daheim ſo häuſig vorkommen, wenn ein Mann eine Erbin heimführt.“ „Wen meinſt Du damit?“ fragte Strathern, dem gar nicht zu Sinne kam, daß Fräulein Sydney wirklich eine ſolche war; ſo wenig Werth legte er auf einen Umſtand, der auf die Männer im All⸗ gemeinen ſo großen Einfluß hat. „Fräulein Sydney, verſteht ſich,“ erwiderte Lord Alexander Beaulieu.„Sie will offenbar von den Aufmerkſamkeiten Fitzwarren's nichts wiſſen und darüber braucht man ſich auch nicht zu wundern, venn der arme Fitz iſt wohl ein ausgezeichnet guter Kerl, aber er paßt beſſer in ſeinen Club, denn in ein Geſellſchaftszimmer und verſteht eher den Schwanz bei einer Fuchsjagd zu gewinnen, als das Herz eines jungen und liebenswürdigen Mädchens, wie die in Frage ſtehende, die überdies noch eine Er⸗ bin iſt.“ „Fräulein Sydney iſt gewiß ein ganz vorzüg⸗ liches Mädchen,“ verſetzte Strathern, und ich bin wie Du der Meinung, daß unſer Freund nicht viel Ausſichten zu haben ſcheint, ſich ihr angenehm zu machen.“ „Ich erwies ihr vergangene Nacht keine Auf⸗ 102 merkſamkeit,“ begann Beaulieu abermals und nahm eine gleichgültige Miene an;„denn ich hielt es für's Beſte, ſie ſehen zu laſſen, mit welchem em- pressement alle anderen engliſchen Mädchen meine Artigkeiten aufgenommen haben. Nichts hebt einen Mann ſo ſehr in der Achtung der Frauen, als wenn ſie bemerken, daß ihr eigenes Geſchlecht viel Aufhebens von ihm macht und wirhaben doch ſicher gegenwärtig Mädchen hier, die eher Luſt haben, ſelbſt mit einem jüngeren Bruder eine Liebſchaft anzufangen, als gar keine. Sie muß letzte Nacht geſehen haben, wie recherché ich bin und das hat gewiß einen günſtigen Eindruck auf ſie gemacht. Ja, ich will mir die Sache bedenken und würde mich nicht beſinnen, die Pille zu verſchlucken, wenn ſie nur gut vergoldet iſt, obgleich ein franzöſiſcher Philoſoph ſagt, das Heirathen könne manchmal am Platz ſein, ſei aber nie angenehm, und obſchon dieſe Wahrheit von ſo vielen unſerer Ehekrüppel daheim zugegeben wird.“ . Strathern hätte gute Luſt gehabt den Gecken zu Boden zu ſchlagen der ſich in einem großen Spiegel betrachtete und ſein Haar ordnete, während er ſolche Reden ausſtieß. Mit ſolchem Unwillen nahm er es auf, daß Jemand von Fräulein Syd⸗ ney ſo leichtſinnig zu ſprechen wagte. Ein paar Minuten darnach trat Lord Fitzwarren in's Zimmer. „Nun, Fitz, wie ſteht's mit Deinem Liebes⸗ — — „ 103 handel?“ fragte Lord Alexander Beaulien und ein hochmüthiges Lächeln zog über ſein Geſicht hin. „Ich will mich hängen laſſen, wenn ich weiß was ich mit dem Mädchen machen ſoll,“ erwiderte Lord Fitzwarren.„Sie war verwichene Nacht gergdezu unartig gegen mich, nicht wahr Strathern? ünd doch kann ich ſie mir nicht aus dem Sinn ſchlagen. Es iſt mir gegen ſie zu Muthe, wie ſonſt gegen Pferde— je widerſpenſtiger und ſcheuer ſie waren, deſto lieber hatte ich ſie. So ging mir's mit Fanny, die ſcheute beſtändig und ſchlug nach hinten und vorne aus— warf mich zweimal ab und ich hätte faſt den Fuß dabei gebrochen; und doch vermochte ich nicht über mich ſie zu ver⸗ äußern, nein ſie wuchs mir wegen ihrer Fehler nur noch mehr an's Herz. Das iſt auch der Fall mit dieſem Wädchen, je ſtolzer und übermüthiger ſie iſt, deſto mehr werde ich für ſie eingenommen und da⸗ für kann ich nichts, der Henker ſoll mich holen.“ „Die Mutter ſcheint ebenſo ſtolz und zurück⸗ haltend zu ſein wie die Tochter,“ warf Lord Alexan⸗ der Beaulien ein. „Wer ſcheert ſich um die Mutter?“ ſagte Fitz⸗ warren.„Man will ja nicht ſie heirathen.“ „Wie groß iſt ihr Leibgedinge?“ fragte Lord Alexander.* „Haſt Du im Sinn ihr einen Antrag zu ma⸗ chen?“ erwiederte Fitzwarren.„Stell Dir einmal 10⁴ vor, Strathern, wenn ich Ary Beaulieu zum Schwiegervater hätte. Wahrhaftig, das wäre ein Hauptjux! Nun, an meiner Unterſtützung ſoll es Dir nicht fehlen, das verſpreche ich Dir. Und wirklich, jetzt überlege ich das Ding erſt, die Wittwe iſt noch ein ganz verdammt hübſches Weib, ſieht auch aus, als wäre ſie nicht älter als ſechs und dreißig.“ „Was ſagſt Du dazu, wenn Du ſelber ſie nähmeſt, Fitz, falls Dich die Tochter ausſchlägt, und das wird ſie nach meiner Anſicht ganz beſtimmt thun.“ „Ich wette mit Dir baare hundert Pfund, daß ſie es nicht thut.“ „Auf fünfhundert laß ich mich ein.“ „Bleib's dabei, fünfhundert.“ „Ja, aber wohl verſtanden, Du mußt in aller Form um ſie anhalten. Keine falſche Wette— denn wenn Du keinen Antrag machſt, kann ſie Dich nicht abweiſen.“ „Was für ein Schlaukopf Ary iſt. Immer mißtrauiſch, immer in Furcht zu kurz zu kommen.“ Strathern ſtand auf, ſchellte nach ſeinem Wa⸗ gen und verließ ſeine soi— disant Freunde die ihn beide anekelten, um das Atelier eines engliſchen Bildhauers zu beſuchen, der mit einer Arbeit für ihn beſchäftigt war. Die erſten Perſonen auf die er beim Eintritt in daſſelbe ſtieß, waren Frau *— Sodney und ihre Tochter. Das würdige und an⸗ muthige Betragen beider Fraueuzimmer vermehrte noch ſeinen Unwillen gegen die beiden Männer, „ denen er ſo eben zugehört, wie ſie Berechnungen, ja Wetten darüber machten, ob ſie Ausſichten hät⸗ ten, von einer der beiden als Männer angenom⸗ men zu werden und wie ſie über die andere ſpot⸗ teten. Die ſanfte und freundliche Begrüßung der Mutter entſprach ſeinen Gefühlen beſſer als das kalte und ſteife Compliment das ihm die Tochter machte. Dieſe Zurückhaltung bewirkte, daß er von dem Verſuch abſtand, ſich dem jungen Frauenzim⸗ mer angenehm zu machen und ſeine Worte vor⸗ nämlich an die Mutter richtete. Hiefür wurde er auch dadurch entſchädigt, daß Frau Sydney mit Intereſſe auf die Anſichten horchte, die er über Kunſtgegenſtände ausſprach und erklärte, ſie ſei mit den meiſten derſelben einverſtanden. Lady Wellerby und ihre Töchter kamen bald darauf ebenfalls in die Bildhauerwerkſtätte. „Gut, daß wir Sie treffen, Frau Sydney,“ ſagte die erſtere.„Wir haben eben unſere Karten und einen Brief in Ihrer Wohnung gelaſſen, worin wir Sie und Fräulein Sydney bitten, morgen Abend zu uns zu kommen.“ Die Einladung wurde angenommen und nun 3. wandte ſich Lady Wellerby zu Strathern und rief: „Ah, fahrläſſiger Mann, habe ich Sie endlich er⸗ — „ 106 wiſcht. Wo haben Sie denn geſteckt? Wir ſind zu allen Künſtlern gegangen, um die ſchönen Ar⸗ beiten zu bewundern, welche dieſelben für Sie aus⸗ führen, und hieher kommen wir, um die Nymphe zu betrachten. Herr Gibſon, haben Sie die Güte ſie mich ſehen zu laſſen?“ Sobald die Bildſäule aufgedeckt war, brachen Lady Wellerby und ihre Töchter in laute Lobes⸗ erhebungen über dieſelbe aus.„Schön!“„Aus⸗ gezeichnet!“„Zum Entzücken!“„Wie anmuthig!“ „Wie vriginell!“ riefen die Ladies abwechſelungs⸗ weiſe. Frau Sydney und ihre Tochter aber ſtan⸗ den in ſtummer Bewunderung da und dies war für den Bildhauer ſowohl als für den Eigenthümer der Bildſäule viel ſchmeichelhafter als die erkün⸗ ſtelte Begeiſterung, welche die anderen an den Tag legten. „Sie iſt wirklich bewunderungswürdig,“ ſagte Frau Sydney nach langem Schweigen.„Ja,“ ſagte ihre liebliche Tochter leiſe und Strathern meinte er hätte dies Wörtchen niemals ſo ſüß aus⸗ ſprechen hören. „Ah, Herr Gibſon, wie ich ſehe, haben Sie aus unſeren häufigen Beſuchen in Ihrem Atelier Nutzen gezogen,“ ſagte Lady Wellerby. Der Bildhauer ſah ſich verlegen um und er⸗ klärte, er wiſſe nicht recht, was die Lady meine. „Läugnen Sie es nur nicht, ich bin gar nicht 107 vöſe darüber; Sie haben ganz Recht gehabtz es iſt nichts beſſer, als die Natur ſelbſt nachzu⸗ ahmen.“ „Ich verſtehe wirklich nicht, was die gnädige Frau ſagen will.“ „Nun, es iſt ſo klar als möglich, daß meine Tochter, Lady Olivia, Ihnen zum Modell gedient und Ihr beau idéal zu dieſer reizenden Nymphe verwirklicht hat. Es iſt ſo ähnlich als möglich, dieſelbe Kopfbildung, die ungekünſtelte Freiheit der Haltung, der Ausdruck der Züge und vor Allem die genaue Aehnlichkeit des Geſichts und der Bruſt — ja, das iſt ihr ächtes Bild. Ich berufe mich auf Hrn. Strathern. Sind Sie nicht der Mei⸗ nung, daß die Aehnlichkeit auffallend iſt.“ „Ich kann nicht ſagen, daß es mir ſo vorkäme,“ erwiederte Strathern. „Mir auch nicht,“ meinte Lady Sophie Weller⸗ by,„Olivia hat ja ein langes, ſchmales Geſicht und ein— „Ich muß bitten, daß Du mich nicht zum Ge⸗ genſtand Deiner Perſönlichkeiten machſt Lady Olivia, und wurde roth vor Aerger darüber, daß ihre Schweſter deutlich die Abſicht kund gab, ihre Schönheit herunterzuwürdigen. Sie fühlte jedoch keine Beſchämung über die Thorheit ihrer Mutter, welche da eine Aehnlichkeit gefunden oder — ——— — — 3* 3 6 —— — 108 zu finden vorgegeben hatte, wo in Wahrheit keine Spur einer ſolchen zu entdecken war. „Olivia iſt ſo frei von Eitelkeit, daß ſie Allem ausweicht, was wie eine Artigkeit gedeutet werden kann,“ flüſterte Lady Wellerby Strathern und Frau Sydney zu;„aber es iſt wirklich ſonderbar,“ fuhr ſie laut fort,„daß ich in allen Arbeiten, die für Hrn. Strathern ausgeführt werden, eine auffallende Aehnlichkeit derſelben mit meinen beiden Mädchen verfolgen kann und wenn ſchon die Bildhauer nicht zugeſtehen, daß ſie die Abſicht gehabt, ſie zu Mo⸗ dellen zu nehmen, ſo kann ich mich doch nicht von dem Gedanken los machen, ſie möchten, da ſie meine Töchter ſo häufig in ihren Ateliers ſehen, vielleicht unwillkührlich, wenn nicht das Ganze, doch wenig⸗ ſtens einen beträchtlichen Theil ihrer Werke meinen Töchtern nachgebildet haben. Die Arme und Hände an der reizenden Bildſäule des Hrn. Weſtmacott ſcheinen wahrhaftig die fac similes von denen mei⸗ ner Sophie zu ſein und der Kopf hat die größte Aehnlichkeit mit dem Olivia's.“ Hier trat Lord Fitzwarren in das Atelier und ſagte geradezu, er komme blos herein, weil er Strathern's Wagen an der Thüre geſehen habe. Da er nicht wußte, was anfangen, ſo wünſchte er zu erfahren, wo er hingehen ſollte. „Sie kommen gerade recht um zu entſcheiden ob ich richtig oder falſch urtheile, wenn ich behaupte, —.— * 109 daß dieſe Bildſäule der Lady Olivia außerordent⸗ lich ähnlich ſieht,“ ſagte Lady Wellerby. „Lady Olivia!“ rief Fitzwarren.„Nicht im mindeſten, durchaus nicht; ebenſo wenig als meine Stute Fanny der Taglioni, dem Lieblingspferde Dullingtons. Die Bildſäule ſieht aus wie ein Thier von völlig gutem Blute,— zarte Knochen, treffliche Haltung, ſchöner Kopf, überhaupt zierliche und gerade Glieder; Otivia's Kopf aber iſt groß, ſie hat einen Hals wie ein Schaaf, und—“ „Behalte Deine Vergleichungen für den Stall oder den Hof eines Roßhändlers, lieber Fitzwarren,“ ſagte Strathern und unterbrach damit das Verzeich⸗ niß der Fehler und Mängel, welches ſein Freund, wie er gewiß wußte, zum Beſten zu geben im Be⸗ griff ſtand. Er hatte Mitleid mit dem augenſchein⸗ lichen Schrecken des armen Mädchens, welchem die Thorheit ihrer Mutter beinahe dieſe Züchtigung zu⸗ gezogen hätte. „Wahrhaſtig! Ich wollte ich hätte ein paar von meinen Lieblingspferden mit hieher genommen,“ fing Fitzwarren wieder an; denn es hatte ihn gar nicht in Verlegenheit gebracht, daß man ihm bei ſei⸗ nen ungezogenen Aeußerungen bei Zeiten in die Rede gefallen war.„Nichts wäre mir lieber, als wenn ich ſie von dieſem Herrn in Marmor ausgehauen bekom⸗ men könnte.“ Dabei drehte er ſich um und nickte Hrn. Gibſon zu.„Der Henker hole mich, wenn 3 . 1 1 11 4 6 3 3 11⁰ ich nicht gerne an meinem Wohnſitz eine große Gallerie bauen und meine Lieblingspferde in Mar⸗ mor längs den beiden Seiten derſelben aufſtellen ließe; meine Stallknechte in ihrer Stallkleidung müßten dann daneben ſtehen und meine Hunde des⸗ gleichen. Das würde mir weit beſſer gefallen als die Gallerien die mein Großvater gebaut und mit Bildſäulen gefüllt hat. Einige davon ſind geflickt und ausgebeſſert und er hat zu Rom ein ungeheu⸗ res Geld dafür bezahlt.“ „Sie ſind ein völliges Original, Lord Fitzwar⸗ ren,“ liſpelte Lady Sophie Wellerby mit dem ge⸗ winnendſten Lächeln. „Und Sie eine gute Copie,“ war die barſche Antwort. „Von wem oder von was?“ fragte die junge Lady, aber glücklicherweiſe brachen Frau Sydney und ihre Tochter auf, noch ehe eine Antwort er⸗ folgen konnte, die vorausſichtlich nicht ſchmeichelhaft ausgefallen wäre. Lord Fitzwarren eilte ſeinen Beiſtand anzubieten und ſie in ihren Wagen zu heben. Dabei kam ihm jedoch Strathern zuvor und während er der Frau Sydney den Arm gab, vernahm er wie ihre liebliche Tochter es ablehnte, da ihr Fitzwarren den ſeinen bot. „Was habe ich gethan, daß Sie immer ſo unartig gegen mich ſind?“ fragte das Oberhaus⸗ Mitglied. — 111 „Wenn Sie mich für unartig halten, warum erweiſen Sie mir Aufmerkſemkeiten?“ erwiderte die junge Lady. „Weil ich es nicht laſſen kann,“ erwiderte er, „aber ſagen Sie mir, warum Sie unhöflich gegen mich ſind?“ „Ich will eben ſo wenig Umſtände machen wie Sie, und Ihnen geſtehen, daß ich Ihnen die Luſt zu Aufmerkſamkeiten benehmen möchte die mir un⸗ angenehm ſind.“ „Aber ſagen Sie mir doch um's Himmelswillen, wie ich machen kann, daß ich Ihnen weniger un⸗ angenehm werde?“ „Wenn Sie mich vermeiden;“ hier wurde die fernere Unterredung dadurch verhindert, daß die junge Lady in den Wagen ſtieg. Strathern hatte ſo eben die Mutter hinein⸗ gehoben, Fitzwarren blieb mit einem höchſt kläglichen Geſichte zurück und blickte dem davoneilenden Fuhr⸗ werk nach; er war durch das Nachdenken über ſeine verſchmähte Liebe ſo ganz in Anſpruch genommen, daß Strathern ihm dreimal auf die Schulter klopfen mußte, ehe er aus ſeiner Träumerei erwachte. „Wahrhaftig,“ ſagte er,„ich fange an zu glau⸗ ben, daß Axy Beaulien meine fünfhundert Pfund gewinnt, wenn ich meine Werbung anbringe, denn ich habe nie ein ſo eigenſinniges und boshaſtes Madchen geſehen. Ich wollte, ich könnte ſie mir 142 aus dem Kopf bringen, aber der Henker ſoll mich holen, je länger ich es verſuche, deſto weniger ge⸗ lingt es mir. Hier kommt der Burſche, der Beau⸗ lien. Sag' ihm nichts davon, daß es mit meinen Ausſichten ſo ſchlecht ſteht, denn er würde mich nur verſpotten. Ich muß eine Gegenwette mit ihm zu machen ſuchen; aber er verſteht ſein Geſchäft ſo gut, daß ich mich in Acht nehmen muß, ſonſt über⸗ liſtet er mich.“ 5 Fünftes Kapitel. O Mitgefühl du beſt' Geſchenk vom Himmel Du biſt das Band das treue Herzen eint. Die Gnade ſandte dich in's Weltgetümmel, Du biſt der Troſt der mit dem Schmerz erſcheint Du biſt der Balſam in des Lebens Schlägen,— Was wäre wohl das Leben ohne dich? Die dde Wüſte wär' ein Glück dagegen, Und jede Freude kurz und nichtiglich. Stets ſuchten wir uns gleichgeſtimmte Seelen, Verwandten Sinn und ähnliches Gemüth, Wo ſich Gedanken unter ſich vermählen Und dieſer jenem ſtets entgegenzieht So wie des Spiegels Glanz in treuen Farben mahlt Und unſer eig'nes Bild uns ſtets entgegenſtrahlt. „Ich finde außerordentlichen Gefallen an Herrn Strathern,“ redete Frau Sydney ihre Tochter an, 113 als ſie miteinander zu Mittag gegeſſen hatten und an dem Tage wo ſie unſeren Helden in dem Atelier des Herrn Gibſon getroffen, in ihrem Geſellſchafts⸗ zimmer ſaſſen. Es ſcheint ein angenehmer und wohlgezogener Mann zu ſeyn,“ lautete die Antwort. Uebrigens hat Lord Alexander Beaulien von einer ſeiner Grillen geſprochen, nach welcher er ſich einbildet jedes ledige Frauenzimmer das nur die gewöhnliche Höflichkeit gegen ihn zeigte, habe Abſichten auf ihn, und ich geſtehe ich fühle kein Verlangen in mir ſeiner Eitelkeit Vorſchub zu leiſten und den Wunſch durch⸗ blicken zu laſſen daß ich ſeine Bekanntſchaft unter⸗ halten möchte.“ Gib acht, liebe Louiſe, daß du nicht zu eifrig die Abſicht verräthſt das zu vermeiden,“ ſagte Frau Sydney,„denn das wäre für einen eiteln Mann faſt eben ſo ſchmeichelhaft als wenn du ein Verlangen zeigteſt ihn kennen zu lernen. Aber trotz der Behauptung des Lord Alexander Beaulien kann ich mich nicht entſchließen Strathern für einen eiteln Mann zu halten. Das ſind hübſche Männer ſelten und du mußt zugeben daß er ein ſehr hüb⸗ ſches Aeußeres hat.“ „Allerdings, er iſt nicht übel,“ erwiderte Fräulein Sydnch. „Nicht übel! Nun, liebes Kind, das wäre gerade der Ausdruck den man auf Lord Alerander 8 11¹ Beaulieu anwenden könnte, aber gewiß paßt er nicht um einen ſo ausgezeichneten und ſchönen Mann, wie Strathern zu bezeichnen.“ „Es kommt mir nicht vor als wäre er ſo auſ⸗ ſerordentlich hübſch,“ verſetzte die ſchöne Louiſe, aber die Röthe die zu ihren Wangen emporſtieg, würde ihrer Mutter, wenn ſie es bemerkt hätte, verrathen haben, daß ſie ſich bewußt war zum erſten⸗ male in ihrem Leben unehrlich geweſen zu ſein. „Ich ſehe daß du gegen ihn eingenommen biſt mein Kind,“ ſagte die nichts ahnende Mutter,“ „und es iſt mir leid daß du dir dies erlaubſt. Nimm nicht alles für baare Münze an was du in der Geſellſchaft erzählen hörſt. Du weißt nicht wie die Thatſachen verdreht werden,— manchmal ohne Abſicht und noch häufiger mit dieſer— und das von Leuten die andere gegen Menſchen ein⸗ nehmen wollen auf welche ſie neidiſch ſind oder gegen welche ſie einen Widerwillen hegen.“ „Aber gewiß würde ſich Lord Alexander Beau⸗ lien doch nicht der Gemeinheit ſchuldig machen und eine Lüge ſagen; und er hat ausdrücklich behauptet Herr Strathern glaube jedes Frauenzimmer ſey in ihn verliebt die ein höfliches Wort an ihn richte.“ „Es gibt Leute und ich bin zu der Annahme geneigt daß Lord Alerander Beaulieu zu ihnen gehört— die nur gar zu gerne das was Eindruck auf ſie gemacht hat, mit ſo ſtarken Farben auf⸗ 115 tragen daß ſie als eine Thatſache hinſtellen was ſie blos vermuthen. Ich habe mehr als einmal gehört wie er etliche von ſeinen Bekannten beſchrieb die ich auch kenne; er hat dies auf eine Art ge⸗ than und iſt dabei ſo völlig von der Wirklichkeit abgewichen daß ich nur mit einiger Einſchränkung ſeinen Ausſagen Glauben ſchenken möchte.“ Es that Louiſen Sydney nicht leid, ihre Mutter, vor deren Urtheil ſie große Achtung hegte, Zweifel an der Zuverläſſigkeit der Angaben Lord Alexander Beaulieu's ausſprechen zu hören; denn es war ihr ein ſchmerzlicher Gedanke daß ein Mann, der in jeder anderen Rückſicht ſo ausgezeichnet zu ſeyn ſchien, von der unverzeihlichen Eitelkeit befangen ſein ſollte, die ihm ſein soi-disant Freund beimaß. Dieſe Eitelkeit konnte am wenigſten von allen andern Gnade finden in den Augen eines hochſinnigen und zartfühlenden Mädchens. Sie machte jedoch keine weitere Bemerkung und Frau Sydney ließ den Gegenſtand fallen. Am ſolgenden Abend traf Strathern bei Lady Wellerby Frau und Fräulein Sydney und brachte abermals den größeren Theil deſſelben im Ge⸗ ſpräch mit ihnen zu. Seine Bewunderung für Louiſen ſtieg mit jeder Stunde. Wäre er aber auch nicht von ihr angezogen worden, ſo hätte ihn ſchon der Reiz der Unterhaltung mit ihrer Mutter dazu gebracht ihre Geſellſchaft der aller anderen Frauenzimmer in Rom vorzuziehen. Und ſie fand in ihm den vernünſtigſten und angenehmſten Mann aus ihrer Bekanntſchaft und war erfreut in der Unterhaltung mit ihm dem abgedroſchenen Alltags⸗ geſchwätz der übrigen jungen Männer zu entgehen. Unter den engliſchen Frauen, die ſich damals in der ewigen Stadt aufhielten, traf Frau Sydney überhaupt nur wenige gleichgeſtimmte Gemüther. Der größere Theil derſelben beſtand aus Müttern die Heirathen zu ſtiften ſuchten und ſich nach reichen Junggeſellen in der Hoffnung umſahen ſie zum heiligen Eheſtand zu bekehren— Damen aus der vornehmen Welt deren Treiben und Thun in Rom ſo genau das nämliche war wie zu London, daß man ſich nicht zu erklären wußte, warum ſie eine ſo weite Reiſe gemacht hatten, wenn ſie nur den⸗ ſelben Schlendrian von überfüllten soirées und jede Nacht die nämlichen Whiſtrobber mitmachen wollten wie daheim. Es gab auch noch andere Frauenzimmer deren Unterhaltung von weniger un⸗ ſchuldiger Art war, Frauen nämlich deren einziges Vergnügen darin beſtand ſich bewundern zu laſſen und den Neid der mit ihnen wetteifernden belles zu erregen. Ihre Liebesabenteuer lieferten Stoff zu Bemerkungen für den boshaften Theil der Ge⸗ ſellſchaft in welcher ſie ſich bewegten und zu Ver⸗ muthungen darüber wie weit man dieſe Liebeleien triebe. Wie würden dieſe gedankenloſen und unbe⸗ 117 ſonnenen Damen von Entſetzen ergriffen worden ſeyn, wenn ſie auch nur den zehnten Theil der ſchmählichen Verdächtigungen und der ehrenrührigen Behauptungen vernommen hätten zu welchen ihr leichtſinniges Betragen Anlaß gab!— Aber ſie hörten blos die trügeriſchen Schmeicheleien ihrer liſtigen Verehrer. Dieſe letzteren trachteten blos darnach zu zeigen daß ſie Eroberungen gemacht hätten, und bekümmerten ſich wenig darum ob der Ruf der Frauenzimmer welchen ſie ſo auffallende Aufmerkſamkeiten erwieſen, darunter litt oder nicht, wenn nur ihre eigene Eitelkeit durch Darlegung ihrer Triumphe befriedigt wurde. Manchmal brachte die Anweſenheit ruſſiſcher Edelleute mit unausſprechlichen Namen einige Ab⸗ wechſelung in dieſes Leben. Ihre ſchönen Frauen ſtrahlten von Juwelen und machten ſich die au⸗ genblickliche Freiheit ſehr zu Nutze die ihnen ihr väterlich geſinnter Herrſcher verſtattete. Derſelbe liebt nämlich ſeine Unterthanen ſo ſehr daß er ihnen ſelten erlaubt ſich lange aus ſeinen Augen zu entfernen. Es war komiſch anzuſehen wie ſie ſich an der italieniſchen Sonne wärmten und eine Freude über ſie an den Tag legen wie man ſie nur bei den Bewohnern der kalten Gegenden ſehen kann, aus denen ſie herkamen. Dabei waren ſie aber ſtets bemüht den Leuten mit welchen ſie redeten zu verſichern daß Rußland keineswegs ein ſchlimmes 3 5 6 6 6 3 . 1 118 Clima hätte und daß der Kaiſer die Vollendung der menſchlichen Natur wäre, wie denn jeder ge⸗ treue Unterthan ſchuldig und verbunden iſt ſolches zu glauben. Auch Deutſche kamen unter der Menge von Fremden vor, die ſich in Rom aufhielten und man erkannte ſie leicht an dem geſetzten und ernſten Weſen welches dieſem denkenden Volke eigenthümlich iſt. Sie unterſuchten alle Gegenſtände und ſtellten Betrachtungen über Alles an was Beachtung ver⸗ dient; überhaupt lebten ſie mehr in der Vergangen⸗ heit als in der Gegenwart. Am liebſten beſprachen ſie des Nachts was ſie während der Giro's des Tages geſehen und was ihre Aufmerkſamkeit erregt hatte und ihre Einbildungskraft war voll von den Empfindungen die jene Gegenſtände in ihnen er⸗ weckten. Aber ſie fanden wenige von einer anderen Nation geneigt von derartigen Dingen mit ihnen zu ſprechen; denn jede Anſpielung auf Alterthümer galt bei der vornehmen Geſellſchaft zu Rom für Jangweilig und man wich denjenigen bald aus, welche davon redeten. Die Pariſer, die Rom be⸗ ſuchten, waren ſo gut gekleidet und ſo lebhaft wie in ihrer eigenen luſtigen Heimath— ſie beſtimm⸗ ten die modes für die übrigen beau monde und kannten genau die Wichtigkeit einer loilelte sans reproche. Auch ein has hleu ließ ſich hie und da ſehen und gab der abgeſchmackten Geſellſchaft vom haut ton die Kenntniſſe zum Beſten, welche er 119 von ſeinem laquais de place oder Wegweiſer er⸗ langt hatte. Man ſtieß auch auf Gruppen des ſchätzenswertheſten, wenn gleich nicht angenehmſten Theils der Geſellſchaft, nämlich auf die ächten Frauen und LTöchter engliſcher Landedelleute. Die hochmüthigen Mienen welche die gereisten Lords und Ladies in ihrer Nachbarſchaft auf dem Lande gegen ſie annahmen, hatten ſie zu einem Ausflug veranlaßt. Denn jene plauderten von Italien ſo geläufig als ſprächen ſie vom nächſten Dorf in ihrer Grafſchaft und ſchienen die zu verachten welche daſſelbe nicht geſehen hatten. Frau Sydney konnte manchmal kaum ein Lächeln unterdrücken wenn ſie eine große unbeholfene Fraun in einem Anzug der ſchon drei Jahre zuvor ab⸗ und aus der Mode gekommen war, am Arme eines Mannes hängen ſah, gerade ſo dick wie ſie ſelbſt. Den glänzenden Kahlkopf des letzteren umgaben nur hie und da ein paar ſilberfarbige Locken, ſeine dunkelrothen Wangen drängten ſich aus einer ſchnee⸗ weißen Halsbinde hervor und gemahnten Einen, wie ein Hummer in ſeiner Schale der auf einem damaſtenen Tellertuch aufgetragen wird. So bahn⸗ ten ſich die beiden einen Weg zu der Herrin der lete, ihnen folgten die Töchter ebenfalls Arm in Arm und alle und jedes war in ſichtlicher Angſt und Verlegenheit. Man konnte ſich nicht wundern, wenn Frau Sydney erfreut war in einer ſolch' 120 widerlichen Geſellſchaft einen gebildeten Mann von geläutertem Geſchmack, wie Strathern anzutreffen mit welchem ſie ſich von den Gegenſtänden unter⸗ halten konnte die ſie Morgens geſehen hatte oder am anderen Tage beſehen wollte. Strathern erbat ſich jetzt die Erlaubniß ſie be⸗ ſuchen und manchmal auf ihren Gängen zu Be⸗ trachtung von Ausſichten begleiten zu dürfen. Sie wurde ihm auch zu Theil und er war erfreut zu ſehen daß die Zurückhaltung des Fräulein Sydney's, die ihm bei'm erſten Bekanntwerden beinahe ausge⸗ wichen war, ſich allmählig verlor. Sie nahm jetzt Theil an der Unterhaltung und zeigte dabei einen überlegenen Geiſt an deſſen Ausbildung nichts ver⸗ nachläſſigt worden war, was ihn bilden, ſtärken oder aufklären konnte. Obgleich ſich aber ihre Scheu verminderte, blieb doch ihr Benehmen gegen Strathern unendlich verſchieden von dem der an⸗ deren unverheiratheten Frauenzimmer aus ſeiner Bekanntſchaft und der eitelſte Mann hätte geſtehen müſſen daß in demſelben wenig Ermuthigung für ihn lag ihr ſeine Aufmerkſamkeit in mehr entſchie⸗ dener Weiſe darzubringen. Das Vergnügen welches er an einer Geſellſchaft fand, die mit ſeinem Ge⸗ ſchmack ſo völlig übereinſtimmte als der Umgang mit Frau Sydney und ihrer lieblichen Tochter wurde ihm oft durch die Anweſenheit Lord Fitz⸗ warren's vergällt. Trotz aller Kälte der Mutter 121 und trotz des unverhehlten Widerwillens der Tochter fuhr er fort ſich ihnen aufzudrängen ſo wie ſich eine Gelegenheit dazu bot. Er lief ihnen auf Schritt und Tritt nach, folgte ihnen auf allen ihren giro's und hielt ſich bei jeder Abendgeſell⸗ ſchaft mit einer Hartnäckigkeit in ihrer Nähe die ihnen ſowohl, als Strathern ſehr beſchwerlich fiel. Umſonſt ſtellte ihm der letztere vor wie unſchicklich es ſei eine Bewerbung fortzuſetzen die dem Gegen⸗ ſtand derſelben offenbar unwillkommen wäre. Fitz⸗ warren erwiderte auf ſolche Ermahnungen gewöhnlich: „Ein verzagter Mann hat nie ein ſchönes Weib gewonnen. Wer weiß ob ich nicht mit der Zeit ihren Widerſtand bezwinge und denk' nur ein⸗ mal was es für mich für ein Triumph wäre wenn ich auf einmal dieſen ſchönen Fang davon trüge und Ary Beaulieu's fünfhundert Pfund obendrein gewänne.“ „Sey verſichert daß keines von beiden geſchehen wird, Fitzwarren, das ſage ich dir als dein Freund““ „Hat ſie dich ermächtigt mir dieſe Mittheilung zu machen?“ „Nein, das kann ich nicht ſagen.“ „Wie weißt du denn aber daß mir keine Aus⸗ ſicht bleibt?“ „Ich nehme das daraus ab daß ſie dich ver⸗ meidet und du muft es ſelber auch bemerkt haben.“ „Das will nichts ſagen. Man braucht ſich nie 122 um die finſteren Blicke oder die Kälte der Weiber zu kümmern; denn beide werden oft blos zum Schein angenommen und man hat viele von dem ſchönen Geſchlecht gekannt die ſich freundlich zeigten gegen Leute aus denen ſie ſich gar nichts machten. Ge⸗ gen Andere wieder die ihnen durchaus nicht gleich⸗ gültig ſind, runzeln ſie die Stirne. Die Weiber ſind wie die Pferde, du kannſt nie ſagen was du aus ihnen machen ſollſt. Ich habe Roſſe gehabt, welche die Ohren ſpitzten und ausſahen als hätten ſie eine Untugend an ſich wenn ich ihnen nahe kam, und doch verſuchten ſie nie mich zu beißen und nach mir auszuſchlagen. Kamen aber Fremde in den Stall, ſo blickten ſie ſo fromm drein wie Lämmer und ſtrebten ihnen doch etwas zu Leide zu thun. Das wird auch bei dieſem Mädchen ſo ſein.“ Ich glaube, Du biſt in dieſem Falle irrig dar⸗ an, Fitzwarren, und haſt kein Recht, Fräulein Syd⸗ ney Verdruß zu machen.“ „Verdruß machen? Iſt je ein Weib verdrieß⸗ lich geworden, wenn ſie bemerkte, daß ein Mann raſend in ſie verliebt war? Ach, Du kennſt das ſchöne Geſchlecht nicht ſo gut wie ich, Strathern, ſonſt hätteſt Du eine andere Anſicht.“ „Meine Kenntniß von Frauen die große gei⸗ ſtige und äußere Bildung beſitzen— und Frau wie Fräulein Sydney gehören gewiß zu den ausgezeich⸗ netſten dieſer Klaſſe— berechtigt mich zu der Be⸗ 123 hauptung, daß das Betragen, welches Du einhältſt, und bei dem Du ein Mädchen quälſt, welches Dir ſelbſt, nach Deinem eigenen Geſtändniß, nie die ge⸗ ringſte Veranlaſſung dazu gegeben hat, daß ein ſolches Betragen nicht geeignet iſt, Dich in ihrer oder in der Achtung derer höher zu ſtellen, welche Zeugen davon ſind.“ „Warum iſt aber Fräulein Sydney nicht ſo artig gegen mich wie gegen Dich?“ „Weil ich mir nie herausgenommen habe ihr entſchiedenere Aufmerkſamkeiten zu beweiſen als die Achtung und Höflichkeit mit ſich bringen, welche jeder wohlerzogene Mann einem Frauenzimmer ſchuldig iſt.“ „Das heißt, Du biſt nicht in ſie verliebt, wie ich.“ Strathern fühlte, daß ihm bei dieſer Bemer⸗ kung das Blut in die Wangen ſtieg, denn er war ſich ſchon bewußt, daß Fräulein Sydney in ſeinem Herzen eine Theilnahme erregt hatte, die er nie zuvor für irgend eine ihres Geſchlechts gefühlt. Er war froh, daß Fitzwarren ſeine augenblickliche Ver⸗ legenheit nicht bemerkte und verſuchte abermals ſei⸗ nen einfältigen Freund davon zu überzengen, wie unpaſſend es wäre eine Bewerbung fortzuſetzen, die nur fehlſchlagen könnte.“ „Aber, unterbrach ihn Fitzwarren,„wenn Du, gleich mir, in Fräulein Sydney verliebt wäreſt, was würdeſt Du thun?“ 124 „Ich würde mich darauf beſchränken, mich in ehrerbietiger und zurückhaltender Weiſe gegen ſie zu betragen, bis ich ihre Bekanntſchaft ſo lange unter⸗ halten hätte, um aus ihrem Betragen gegen mich abnehmen zu können, ob man entſchiedenere Auf⸗ merkſamkeiten von meiner Seite angenehm finde oder nicht.“ „Und dadurch irgend einem andern Burſchen Zeit laſſen, daß er ſich einniſten und Dich aus⸗ ſtechen könnte. Nein, nein, ich bin kein ſolcher Narr. Und bedenk, daß ich, außer meiner Neigung zu dem Mädchen, mit der es mir ernſt iſt, fünf⸗ hundert Pfund auf dem Spiel ſtehen habe.“ „Es iſt wirklich unanſtändig von etwas der⸗ artigem zu reden, wenn es ſich von Fräulein Syd⸗ eh handelt und eine Wette in ſolch einer Sache anzubieten oder anzunehmen iſt ſchmählich.“ „Du haſt Deine Anſichten über dieſen Punkt, und ich die meinigen,“ ſagte Fitzwarren halb ver⸗ vrießlich über ſeinen Freund. Dabei drehte er ſich auf dem Abſatz herum, und verließ ihn indem er ein Liedchen ſummte, um ſeine ſcheinbare Gleich⸗ gültigkeit gegen den Rath ſeines Freundes damit anzuzeigen. „Ja,“ ſagte Strathern, als er allein war,„das liebenswürdige Mädchen hat einen tiefen Eindruck auf mein Herz gemacht, und wenn ſie meine Hul⸗ digung verſchmäht, ſo wird es lange, wenn nicht 125 ewig dauern, bis ich die glückliche Freiheit wieder erlange deren ich genoß, ehe ich ſie kennen lernte. Und doch, was iſt das Glück der Freiheit im Ver⸗ gleich mit der Liebe eines ſolchen Weſens, könnte ich nur hoffen, ſie zu gewinnen? Aber beweiſt ihre Zurückhaltung, ihre Kälte nicht, daß ſie mehr als gleichgültig gegen mich iſt? Es iſt wahr, ſie iſt nach und nach weniger kalt, weniger zurück⸗ haltend geworden. Wie genau ich aber auch ihr Betragen gegen mich prüfen mag, ich kann mich doch nicht zu der Annahme bereden, daß ich in ih⸗ rer Meinung höher ſtehe als irgend einer aus dem Haufen von Verehrern, welche ſie umflattern; es wäre denn Fitzwarren, gegen den ſie eine wirkliche Abneigung hegt. Könnte ich nur hoffen ihre Ach⸗ tung zu erwerben und die ſtolze Zurückhaltung zu beſiegen, welche zwar geringer geworden iſt, mich aber noch ſo oft niederſchlägt, wie glücklich würde ich ſein?“ Von dieſer Hoffnung getrieben, ließ Strathern nichts unverſucht um Mukter und Tochter zu ge⸗ fallen, vermied aber dahei ſorgfältig merken zu laſſen wie viel ihm an dem Erfolg ſeiner Bemü⸗ hungen gelegen wäre, bis er ſich verſichert hätte, daß ein Gegandiiß ſeiner Gefühle nicht mehr übel aufgenommen werden würde. Er hoffte viel, fürch⸗ tete aber noch mehr, und ob er gleich ein Beiſpiel von der Wahrheit der Verſe darbot— 126 „Noch niemals ward ganz hoffnungslos geliebt, Ob's auch die größte Schonheit galt, Denn Liebe hofft und wird nicht kalt, Wo die Vernunft ſich der Verzweifelung ergibt.“ war er doch ſo furchtſam, wie alle ächten Liebenden, daß er ſeinen eigenen guten Eigenſchaften Leibes und der Seele nicht genug zutraute, um ſich des Preiſes würdig zu halten dem er nachſtrebte. Bei der Geſell⸗ ſchaft in Rom herrſcht die Sitte, daß die Mitglieder derſelben die man par excellence la plus haute nennt, bei Tag und bei Nacht zuſammen kommen. Sie treffen einander im Vatican, in der St. Peters⸗ kirche, in den Werkſtätten der Künſtler, auf dem Monte Pineio, und in der Villa Borgheſe. Dieſe häufigen Zuſammenkünfte führen nach einiger Zeit zu einem Grad von Vertraulichkeit die man in London erſt nach jahrelanger Bekanntſchaft zuwege bringen würde. Dieß rührt daher, daß es in letzterer Stadt ſo viele verſchiedene Vereinigungen gibt, von denen jede und alle zuſammen ihre beſonderen Anſprüche auf den Beſuch ihrer Zugehörigen haben. Strathern war erfreilt, daß iym auf dieſe Art Gelegenheit verſchafft wurde mit dem Gegenſtand ſeiner Leidenſchaft beſtändig zuſammen zu kommen, bedauerte aber, daß es dadurch auch Anderen mög⸗ lich gemacht war, ſich mit Aufmerkſamkeiten an ſie zu drangen. Lord Alcxander Beaulieu zeigte auf eben ſo beharrliche, wenn gleich auf weniger an⸗ 127 ſtößige Weiſe als Lord Fitzwarren ſeine Bewunderung für Fräulein Sydney. Da er in den bienséances du monde bewanderter war und die Frauen beſſer kannte, ſo wurde er Miß Sydney mit ſeiner ſich immer ſtei⸗ gernden Aufmerkſamkeit nicht läſtig, man ſah ihn auch nicht alſicher was er für eine Abſicht hätte, wenn er ihre Geſellſchaft ſuchte. Fragte ihn Fitzwarren über die Veranlaſſung die ihn ſo oft in die Nähe der jungen Lady führe, ſo erklärte er lachend, er thue das blos um zu ſehen, ob er Ausſicht hätte die fünfhundert Pfund zu gewinnen die er gewettet. Strathern war zu ſcharſſichtig, um ſich durch dieſe Ausrede, die in ſeiner Gegenwart vorgebracht wurde, täuſchen zu laſſen, denn er ſah, daß Lord Alexan⸗ der alle Künſte in Anwendung brachte, die ihm ſein savoir faire an die Hand gab, um Miß Sydney für ſich einzunehmen; aber ſeine Bemühungen er⸗ regten in dem Herzen des Liebenden eben ſo wenig Beſorgniß, als ſie eine Wirkung auf das Frauen⸗ zimmer machten, an welches ſie gerichtet wurden. Dieſelbe hohe Meinung von den vorzüglichen Eigen⸗ ſchaften der ſchönen Louiſe, welche Strathern die Möglichkeit bezweifeln ließ, daß er ſelbſt würdig wäre ſie zu gewinnen, machte es ihm zur Gewiß⸗ heit, daß der weltlichgeſinnte und gewöhnliche Lord Alerander Beaulien kein Nebenbuhler wäre, den er zu fürchten hätte. Lord Alexander hatte nichts von dem Mißtrauen in ſich ſelbſt, das immer, mit ächter 128 Liebe verbunden und ein Zeichen wahren Werthes iſt. Indeſſen diente die Beharrlichkeit, mit der er im⸗ mer neue und vergebliche Verſuche machte, ſich bei Miß Sydney in Gunſt zu ſetzen, blos dazu, ihre Kälte gegen ihn zu ſteigern. Da er ihr jedoch ſeine Hand noch nicht angeboten hatte, ſo konnte ſie ihn nicht geradezu aus der Schaar ihrer An⸗ beter verweiſen, deren Zahl, wie bei der berühmten Penelope, täglich größer wurde, und die wie dort nicht ſowohl von ihren Reizen angelockt wurden als durch das Vermögen, das ihr der Ruf zutheilte. Die Größe dieſes Gefolges ärgerte die ledigen Mädchen aus ihrer Bekanntſchaft ſowohl als die Mütter derſelben nicht wenig, und erregte in ihnen großen Neid und viel Abneigung gegen Loniſen. Dieſes liebenswürdige und anmuthige Mädchen hätte ſich gerne der ihr völlig läſtigen Aufmerkſamkeiten enthoben geſehen, ihr Verſtand lehrte ſie dieſelben nach ihrem wahren Werthe ſchätzen. „Ich kann wahrhaftig nicht begreifen was die Männer an Fräulein Sydney zu bewundern fin⸗ den,“ ſagte Lady Sophie Wellerby oft zu ihrer Mutter und Schweſter, und man konnte darauf zählen, daß Lady Olivia erwiederte:„ich auch nicht.“ „Sie iſt nach meiner Meinung fade und ihrer Schönheit fehlt es an einem entſchiedenen Ausdruck“ bemerkte dann Lady Sophie. — 129 „Ich kann den neuen Nimrod, Lord Fitzwarren, nicht faſſen, der ſie, wie ihr Schatten verfolgt, obgleich ſie es nicht für der Mühe werth hält ihm eine andere Beachtung zu ſchenken als einen ver⸗ ächtlichen Blick,“ verſetzte Lady Olivia. „Du vergißt, daß Fräulein Sydney eine Erbin iſt und das iſt völlig hinreichend um die Huldi⸗ gungen zu erklären, die man ihr darbringt. Die, welche von ihren beaux yeux nicht ſehr angezogen werden, finden ihre casselte unwiderſtehlich, und wenn ſie auch weniger hübſch wäre als ſie iſt, ſo könnte ſie ſich doch darauf verlaſſen, daß ſie eben ſo viele Anbeter hätte,“ ſchaltete ihre Mutter ein. „Aber Herr Strathern— der wähleriſche und reiche Herr Strathern— kann keiner geldſüchtigen Beweggründe beſchuldigt werden.“ „Nein, und Lord Fitzwarren auch nicht, denn er hat ſo viel Vermögen, daß er das ihre nicht braucht,“ verſetzte Lady Olivia. „Stellt Euch nur nicht vor, daß die Männer deßhalb, weil ſie reich ſind, weniger darnach trach⸗ ten eine reiche Heirath zu treffen,“ bemerkte Lady Wellerby.„Wo Geld iſt, will Geld hin, und es gibt keinen Mann, der ſein Vermögen nicht zu vermehren wünſchte, wie groß daſſelbe auch ſein mag. Dann ſeht einmal Lord Alexander Beaulieu, auch er macht der Erbin den Hof.“ „Armer Kerl! dazu trägt wahrſcheinlich ſeine Strathern 1. 9 130 Mittelloſigkeit mehr bei, als ſeine Neigung,“ und Lady Olivia ſeufzte tief auf in der Erinnerung an gewiſſe Händedrücke, die ihr der beſagte Lord Alexan⸗ der, vor etwa fünf oder ſechs Jahren, alſo zu einer Zeit gegeben hatte da ſie die Anſprüche auf Schön⸗ heit, die ſie noch machte, beſſer als gegenwärtig begründen konnte. Jetzt aber verſpürte das gnä⸗ dige Fräulein nur wenig Luſt ihre Zeit an einen jüngeren Sohn wegzuwerfen dem die Güter des Glücks nur ſpärlich zugemeſſen waren. „O! jüngere Söhne haben ganz Recht, wenn ſie ſich nach reichen Frauen umſehen, und unbemit⸗ telten Mäochen iſt es nicht übel zu nehmen, wenn ſie Männer mit Vermögen zu heirathen ſuchen,“ ſagte die geldſüchtige Mutter und ihre Meinung hatte Gewicht und Einfluß genng auf die Töchter; aber der Eifer der letzteren nach den Anſichten der⸗ ſelben über den genannten Punkt zu handeln, be⸗ wirkte, daß ſie eine Verhaltungsweiſe annahmen, welche wirklich ganz geeignet war die Abſichten zu vereiteln, die dadurch erreicht werden ſollten. „Ich ſehe voraus,“ ſagte Lady Wellerby eines Morgens, da ihre Laune durch Verluſte, die ſie ver⸗ wichenen Abend am Spieltiſch erlitten, noch mürriſcher geworden und ſie alſo reizbarer war als gewöhnlich, „daß dieſer Zug nach Rom von keinen beſſeren Erfol⸗ gen begleitet ſein wird als unſere Winterquartiere zu Paris und Neapel und unſer Aufenthalt in den — Bädern von Lucca während des Sommers. Euer Vater iſt ſo verdrießlich als möglich und ſchwört darauf er werde nie wieder außer Lands gehen. Ich habe Nacht für Nacht an die mir verhaßte Lady Mel⸗ eombe oder an die wiverliche Frau Manvers Royſton Geld verloren und ſie hören nicht auf mich zu er⸗ innern, wieviel ich ihnen ſchuldig bin, bis ſie be⸗ zahlt ſind. Ich habe Lord Wellerby gebeten mir auf mein Nadelgeld für das nächſte Jahr einen Vorſchuß zu geben, da wurde er aber ganz wü⸗ thend. Wenn Ihr Mädchen nur zuwege bringen könntet, daß Ihr Männer bekämet, ſo wäre der Zweck unſerer Reiſe erreicht und Euer Vater würde weniger grimmig ſein über die Ausgaben die wir gemacht haben.“ „Aber was können wir denn dabei thun, Mut⸗ ter? fragte Lady Sophie in halb ärgerlichem, halb kläglichem Tone. „Ja, was ſollen wir thun, oder beſſer, was haben wir unterlaſſen?“ rief Lady Olivia. „Habe ich nicht die Empfindſame gegen Herrn Strathern und die Luſtige gegen Lord Fitzwarren geſpielt, bis ich es herzlich müde ward, beide röles durchzuführen?“ fing Lady Sophie wieder an. „Und ich,“ ſagte ihre Schweſter,„habe ich nicht von Alterthümern geredet? Um mich hiezu in Stand zu ſetzen, habe ich mir ſelber Gewalt an⸗ gethan und über der Himmel weiß wie vielen ver⸗ 132 ſchimmelten alten tomes gebrütet, auch die Hälfte der„Wegweiſer“ auswendig gelernt; und doch nimmt Herr Strathern an meinen gelehrten Ge⸗ ſprächen nicht mehr Antheil als an dem empfind⸗ ſamen Weſen meiner Schweſter.“ „Und habe ich nicht Lord Fitzwarren angehört, wie er ſich in eine genaue Beſchreibung ſeines Mar⸗ ſtalls und die treffliche Einrichtung deſſelben einließ, und immer wieder etwas von ſeiner Lieblingsſtute Fanny einſchaltete, bis mir über dem Bemühen, das Gähnen zu unterdrücken, das er mir erregte, übel ward, und doch zu was hat alles das geführt?“ „Verzweifelt nur nicht; es kann dabei doch noch etwas herauskommen,“ ſagte die liſtige Mutter. „Ich habe mit Verdruß wahrgenommen, daß Ihr kalt und gleichgültig gegen ihn geworden ſeid, weil Ihr entdeckt habt, daß er von dem abgeſchmackten Mädchen, der Miß Sydney völlig eingenommen iſt. Da zeigt Ihr wenig Klugheit, wahrhaftig ſehr wenig. Ihr ſolltet Euch au contraire ſtellen, als glaubtet Ihr, er ſtände auf dem Punkt, ſich mit der Erbin zu verehelichen. In Folge dieſer ruse werdet Ihr bei den Aufmerkſamkeiten oder Schmeicheleien, die Ihr an ihn verſchwendet, ſo völlig uneigennützig erſcheinen, daß er kein Mißtrauen in die Beweg⸗ gründe dazu ſetzen und freundſchaftliche Geſinnungen gegen Euch hegen wird. Weist ihn Fräulein Sydney ab und das wird beſtimmt geſchehen, wer weiß ob 133 er nicht ſeine Zuflucht zu einer von Euch nimmt, um ſich zu tröſten? Ich habe ſchon ſolche Sachen vorkommen ſehen, wenn man dabei gehörig zu Werke ging und es würde mich durchaus nicht überraſchen, wenn es ſich jetzt wiederholte; alſo bedenket wohl, wie Ihr daran ſeid und laßt die Hoffnung nicht fahren. Ein anderer Rath, den ich Euch zu geben habe, iſt der, daß Ihr Fräulein Sydney in ſeiner Gegenwart beſtändig lobet. Dies wird ihm jeden Argwohn noch mehr benehmen. Denn ſchwache Männer, und ein ſolcher iſt er, ſind immer mißtrauiſch; boshafte Bemerkungen da⸗ gegen über ihre Perſon(und ich habe gehört, wie Ihr Euch ſolche vor ein paar Tagen gegen Oswald's Mädchen erlaubt habt) werden Euch immer neidiſch und eiferſüchtig erſcheinen laſſen und bei ihm ver⸗ haßt machen.“ „Aber, Mama, es iſt wahrhaftig kaum un⸗ möglich, ſich ſo ſehr zu beherrſchen, daß man das Aeuſſere einer Perſon lobt, die man durchaus nicht für hübſch hält.“ „Dummes Zeug, Unſinn! Rühmen wir nicht jeden Tag, was wir eigentlich tadeln und vice versa? Bin ich nicht genöthigt, Lady Alice Dun⸗ nington zu ſagen, daß ihre abgeſchmackten Mittags⸗ mahlzeiten und ennuyeuses soirées ausgezeichnet ſeyen, muß ich mich nicht bei dem tauben und ſtotternden Prinzen von Heſſelwitzer für die Ehre 134 und das Vergnügen bedanken, die uns ſeine Ge⸗ ſellſchaft bereite, während ich faſt zu Grunde gehe über dem, was ich darin ausgeſtanden? Wenn Leute, die in der beau monde leben, gezwungen ſind, ſo häufig die Selbſtbeherrſchung auszuüben, welche die bienséance verlangt, und die in gewiſſen Kreiſen Jedermann handhabt, wenn ſie das thun, während ſie keine größere Belohnung hoffen dürfen, als für bien élevé et aimable angeſehen zu werden, ſo iſt es doch gewiß auch der Mühe werth, auf ſich Acht zu geben, wenn ein ſo großer Preis, wie ein reicher und vornehmer Ehemann in Ausſicht geſtellt iſt. Wer bekommt heutzutage einen Mann — d. h. einen, der etwas taugt,— wenn man ſich nicht Mühe gibt, auf feine Art ſeine beſonderen Liebhabereien kennen zu lernen und wenn man ſie nicht wenigſtens für den Augenblick ſelber annimmt? Was hat Lady Marie Leslié bewogen, ihren Hals auf's Spiel zu ſetzen und letzten Winter drei Taße in der Woche in der Graſſchaft Northampton auf die Jagd zu reiten, was anders als der Wunſch, den reichen Einfaltspinſel Sudley Seymour zu ge⸗ winnen? Er würde gewiß nie um ſie angehalten haben, wenn ſie ſich nicht geſtellt hätte, als wäre ſie für die Jagd ebenſo eingenommen wie er. Was brachte das hübſche Fräulein Hunter dazu, ſich beinahe ſchwindſüchtig zu tanzen, als daß ſie Lord Merridale fangen wollte, der ſeit ſeiner Rückkehr 135 aus Rußland an nichts anderes mehr dachte und von nichts mehr träumte, als von der Galopade? Denkt an Fräulein Melville's Heldenthaten im Bogenſchießen, das ſie blos trieb, um mit ſicherem Pfeil das Herz des albernen Sir Heinrich Raven⸗ ſchaw zu treffen; erinnert Euch, wie unermüvlich Lady Fanny Harcourt Muſik ſtudirte, um den Muſiknarren Torpichen bei ſeinen ſchwierigen Duet⸗ ten begleiten zu können, bis ſie ſich ihm ſo un⸗ entbehrlich gemacht hatte, daß er ſich mit ihr in ein Duett für's ganze Leben einließ?“ „Aber, Mama, Du wirſt doch wohl nicht ſagen wollen, daß jeder Mann blos heirathe, weil er von einem ſchlauen und berechneten Mädchen, wie Du ſie beſchreibſt, zur Ehe verlockt wird?“ fragte Lady Sophie. „Over,“ ſagte ihre Schweſter,„daß alle Frauen⸗ zimmer, die Du genannt, ſich dem erwähnten Treiben blos hingaben, um Männer zu kriegen?“ „Ich meine es allerdings ſo, wie ich es geſagt habe, und blos Kinder, welche die Welt nicht kennen, werden an dem zweifeln, was ich behaupte. Es liegt im Intereſſe der Mädchen, zu heirathen, und in dem der Männer, ledig zu bleiben. Beide Theile wiſſen das recht wohl und es erfordert alle Gewandtheit, die unſer Geſchlecht weit mehr aus⸗ zeichnet als das männliche, um dies letztere in das Netz zu locken, das ausgeſpannt iſt, ſie zu fangen.“ 136 Unter den in letzter Zeit zu Rom angekommenen Engländern trat auch Rhymer auf. „Ich habe Neapel verlaſſen,“ ſagte er,„weil ich die dortige Geſellſchaft unausſiehlich fand und hier kommt ſie mir mit wenig, ſehr wenig Aus⸗ nahmen ebenſo abgeſchmackt und widerwärtig vor.“ „Ihre Anweſenheit muß nothwendig Leben in uns bringen,“ bemerkte Lord Alexander Beaulien und winkte einem ſeiner Freunde zu, der eben da war. „Ich habe nicht gewußt, daß etwas ſo ſehr Aufheiterndes in meinem Aeuſſeren liegt,“ erwiderte Rhymer und ſchleuderte Dolchblicke auf Beaulieu. „Ich höre indeſſen,“ fuhr er fort,„daß Sie keiner Aufheiterung bedürfen, wenn es auch mit der Auf⸗ klärung anders ſtehen mag, und daß ſie der wan⸗ kelmüthigen Göttin in der Kaiſerſtadt Rom mit demſelben Eifer nachgehen, wie in dem handeltrei⸗ benden London.“ „Welche von den wankelmüthigen Göttinnen meinen Sie?— Denn Sie wiſſen, daß es zwei gibt, auf die der Ausdruck anwendbar iſt.“ „Sie werben um beide, ich weiß es und über⸗ laſſe Ihnen zu errathen, welche ich gemeint. A propos der Göttinnen, wie ſteht's mit der Erbin? Man ſagt mir, ein Arzt ſey bei einem reichen Kranken mit ſeinen Beſuchen nicht pünktlicher als Sie mit den Ihrigen bei Fräulein Sydney.“ — 187 „Es freut mich, Ihnen ſagen zu können, das Fräulein iſt völlig wohl.“ „Ich bin auch froh darüber, obgleich es mich wundert, das zu vernehmen. Sie muß von außer⸗ ordentlich guter Leibesbeſchaffenheit ſeyn, um Alles auszuhalten, was ſie heimſucht. Ich habe ſtets Mitleid mit Erbinnen und ganz beſonders dann, wenn ſie, wie im vorliegenden Fall, ſchön ſind.“ „Darf ich fragen, warum ſie Ihre Theilnahme ſo ſehr erregen?“ „Wen würde der Anblick eines armen— nein, eines reichen Mävchens, ſollt' ich ſagen— nicht mit Mitleid erfüllen? Jeder armſelige Kerl ſtellt ihr nach, der in die Nothwendigkeit verſetzt iſt, ſeinem geſchwundenen Vermögen mit dem ihrigen auf⸗ zuhelfen und er denkt dabei ſo wenig an ihr Aeußeres oder an ihren Geiſt, als wenn beide gar keine Beachtung verdienten. Eine häßliche Erbin muß wiſſen, daß man ſie blos wegen ihres Reichthums nimmt und iſt weniger zu bedauern, wenn ſie bei dieſem Bewußtſeyn ihr Glück mit einem Menſchen auf's Spiel ſetzt, der nur nach Geld trachtet; aber eine ſchöne Erbin darf ſich der Täuſchung hingeben, ſie werde um ihrer ſelbſt willen geliebt; und wehe ihr, wenn ſie, wie das ſicher bald geſchehen muß, die Wahrheit entdeckt.“ „Aber kann eine ſchöne Erbin nicht auch um ihrer ſelbſt willen geliebt werden?“ fragte Lord 138 Alexander Beaulieu, den offenbar die coups de. pattes des mürriſchen Rhymer ärgerten, denn keiner derſelben hatte ſein Ziel verfehlt. „Gewiß kann ſie das; aber es darf nur vvn„ einem Mann geſchehen, der reich genug und im Stande iſt, ſich ohne Geldrückſichten zu verlieben und deſſen Charakter ſowohl als Reichthum ihn von jedem Verdacht einer ſolchen freiſpricht.“ „Sie glauben alſo, ein unbemittelter Mann könne ein ſchönes Weib nicht um ihretwillen lieben, wenn ſie zufällig ein großes Vermögen hat? Haben arme Männer nicht ſo gut wie die reichen, Augen um die Schönheit zu ſehen uͤnd Herzen, um ihren Eindruck zu empfinden?“ „Ich läugne das nicht, aber ich glaube, ein armer Mann wird den Erbinnen ausweichen, wenn er zartfühlend iſt, wie ſehr ihn auch ihre äußeren Vorzüge anſprechen mögen; und iſt er ein kluger Mann, ſo wird er ſich nicht dem Vorwurfe aus⸗ ſetzen, er ſey ein Geldjäger,— eine Beſchuldigung, die nach meiner Anſicht für einen Gentleman be⸗„ ſonders demüthigend iſt.“ Mit dieſen Worten ſchritt Rhymer hinweg und ließ Lord Alexander Beaulien ſtehen. Dieſer war zwar beleidigt, gab aber ſeine Abſicht nicht auf, die Erbin zu gewinnen zu ſuchen. „Wie iſt mir doch der alte Murrkopf zuwider,“ dachte der ſelbſtſüchtige Lord, während er über die 139 Piazza d'Espagna hinſchlenderte.„Sein Alter und ſeine Gebrechlichkeit ſchützen ihn vor der Züchtigung, welche ſeine Bosheit ſo oft verdient und da er weiß, daß man ihm Alles ſo hingehen läßt, ſo hält er ſich für berechtigt, alle die zu ärgern, mit denen er in Berührung kommt. Doch nein, nicht Alle, denn gegen die Reichen und Großen ſpielt er eben ſo ſehr den Unterthänigen, als er ſich denen gegenüber unverſchämt beträgt, die nicht in der Lage ſind, ſeinem Parvenu-Geſchmack für Ge⸗ nüſſe nachzuleben. Er iſt im Stande und nimmt Frau Sydney und ihre Tochter gegen mich einz ich darf alſo nicht mit ihm brechen, obgleich es mir äußerſt ſchwer fällt, meinen Unmuth zurückzu⸗ halten, wenn ich ſeine bitteren Spöttereien und ſeine höhniſchen Anſpielungen höre. Gelingt es mir, die Erbin zu gewinnen, wie will ich den alten Kerl ärgern. Nie ſoll er mir in's Haus kommen, das kann ich ihm ſagen, und ich werde hundert Mittel finden, ihm wehe zu thun und mich für die Nachgiebigkeit zu rächen, die ich ihm jetzt ge⸗ zwungen erweiſe. O Armuth! wie viele Leiden bringſt du über uns, und gewiß, daß man genö⸗ thigt iſt, die Frechheit von parvenus ſich gefallen zu laſſen, iſt nicht die leichteſte Prüfung, die du uns auferlegſt. Ich könnte wahrhaftig ein Dichter werden und ein Sonett ſchreiben, das mir die Ar⸗ muth eingibt, welche von jeher die Dichter begeiſtert 140 und ſo manches attiſchen Schriftſtellers Hirn zur Arbeit zurechtgeſetzt hat; aber es fehlt mir heute an Zeit, mich mit der Muſe abzugeben, ich muß die Stirne glätten, gegen die Erbin den Liebens⸗ würdigen ſpielen und die Ränke meiner Feinde ver⸗ eiteln. Meine Gläubiger ausgenommen, habe ich keinen tückiſcheren darunter, als den alten Rhymer. A propos der Gläubiger, höre ich aus England, daß die meinigen ein größeres Rachegeſchrei erheben als je; ſie ſind raſend, daß ich ihren Krallen ent⸗ gangen bin. Was iſt es doch für ein Verſehen in der Geſetzgebung, daß man nicht Anordnungen getroffen hat, welche die jüngeren Söhne des Adels vor allen Rechtshändeln ſchützen! Den Pairs hat man den Schutz gewährt, die ihn ſelten brauchen. Wir armen Teufel aber werden auf eine Weiſe erzogen, welche uns eine Neigung für den Aufwand beibringen muß, aber man läßt uns nur geringe Mittel, ihn zu beſtreiten und ſetzt uns allen übeln Folgen aus, die aus der Nachſicht gegen unſere natürlichen Triebe hervorgehen. Dieſem Fehler ſollte wahrhaftig abgeholfen werden und ich muß einem meiner Freunde in der Heimath vorſchlagen, die Sache in Erwägung zu ziehen.“ Solche Gedanken gingen Lord Alexander Beaulien durch den Kopf, während er die piazza d'Espagna auf und ab ging, da er nicht wußte, wie er ſeine Zeit beſſer zubringen ſollte, bis die zu Abſtattung von 141 Beſuchen gebräuchliche Stunde herangekommen wäre. Er erwartete auch Lord Fitzwarren zu treffen, an den er ſich gewöbnlich einen Theil des Tages über hielt, um einen Platz in ſeiner voiture de remise zu bekommen und keine ſolche für ſich allein miethen zu müſſen. Um nicht allein ſpeiſen zu müſſen, lud ihn Fitzwarren gewöhnlich zum Eſſen ein und er⸗ ſparte auf dieſe Weiſe Lord Alexander die Koſten für die Mahlzeit, während er ihm zugleich einen verſchwenveriſchen ausgeſtatteten Tiſch und beſſere Weine verſchaffte, als er mit ſeinem eigenen Gelde hätte aufbringen können. Ob er es aber gleich wohl zufrieden war, ſich alle Vortheile zu Nutzen zu machen, die aus der Freigebigkeit ſeines Freundes gezogen werden konnten, fand doch kein Gefühl von Achtung oder Dankbarkeit gegen ihn Eingang in das ſelbſitſüchtige Herz Lord Aerander Beaulieu's. Sein Grundſatz war, die Großmuth oder Schwäche aller, mit denen er in Verbindung ſtand, auszu⸗ beuten und er brachte dieſes Syſtem mit Beharr⸗ lichkeit in Anwendung. Hätte es Jemand verſucht, ihm zu beweiſen, er müßte für die empfangene Gaſtfreundſchaft dankbar ſein, ſo würde er über die Einfalt dieſes Menſchen gelächelt und behauptet haben, es erwachſe ihm hieraus keine Verbindlich⸗ keit; denn Lord Fitzwarren übe, wie viele andere ſeines Standes, blos deßhalb Gaſtfreundſchaft, weil er nicht allein ſein könne. Bei jeder andern Ge⸗ 142 fälligkeit, die ihm geſchah, fand er irgend eine kaſuiſtiſche Entſchuldigung dafür, daß er ſich nicht erkenntlich zeigte und bekümmerte ſich daher um keinen Menſchen, welche Wohlthaten er auch vovn„ ihm empfangen mochte. Sechstes Kapitel. Er wußt' an Allem was er ſah, Schnell einen Fehler aufzudecken, Nicht Freund nicht Feind verſchont' er da: Sein Tadel ſollte Jeden ſchrecken Und ſich auf Jedermann erſtrecken. Geheime Fehler ſchöner Frauen Ließ er in ihrer Nacktheit ſchauen, Doch ſtets mit größter Artigkeit. Er pries die Tugend die ſie nie beſeſſen, Und die ſie hatten, blieb vergeſſen⸗ Kurz, er beſaß die Fertiakeit, 5 Den Pfeil mit Bosheit ſatt zu tränken Und dann ihn tief in's Herz zu ſenken. Als Lord Alexander Beaulien bei Frau Sydneh einſprach, fand er daſelbſt Strathern der mit der Lady einige alte Charten von Rom betrachtete, während ihre ſchöne Tochter ſich damit beſchäftigte ein italieniſches Gedicht von einem ihrer Lieblings⸗ * 143 ſchriftſteller abzuſchreiben. Sein Beſuch ſchien kei⸗ nem der Arweſenden viel Vergnügen zu machen, aber Frau Sydney ließ mit der feinen Lebensart, die ſie nie aus dem Auge verlor, wie ſehr auch ihre Geduld auf die Probe geſetzt werden mochte, weniger als die Anderen merken, daß ihr ſeine Gegenwart unangenehm wäre. Lord Alexander nahm einen Sitz neben Louiſe und ſuchte ſie zu einem Geſpräch zu bringen, aber einſylbige Wörter waren Alles was er als Antwort erlangen konnte, und malgré ſeiner Bemühungen den Angenehmen zu ſpielen, fand er die Aufgabe etwas ſchwierig einer Zuhörerin gegenüber die ſo kait, ſo gleichgültig und zerſtreut war wie die, an welche er ſeine Rede richtete. Die Leerheit des alltäg⸗ lichen Geſchwätzes macht ſich nie ſo fühlbar, als wenn blos eine einzige Perſon lebhaften Antheil daran nimmt. Die tauſend geringfügigen Kleinig⸗ keiten aus denen die Unterhaltung zwiſchen Leuten beſteht, die ſich bei Beſuchen treffen, können hin⸗ gehen, ohne daß ihre Albernheit Jemand auffallt, wenn nur keine Unterbrechung vorkommt und Jedes ſeinen Beitrag zu dem allgemeinen Capital von Redensarten liefert; aber wenn unangenehme Lücken vorkommen, welche beweiſen, daß es einem der Sprechenden an allem Intereſſe für das fehlt, was verhandelt wird, ſo gerath die Zunge des uner⸗ ſchrockenſten bavard in's Stocken und er fühlt, daß 144⁴ ſeine Verſuche zu gefallen fehlgeſchlagen ſind. Lord Alerander Beaulien machte dieſe unangenehme Er⸗ fahrung bei der genannten Gelegenheit und erkannte es mit Dank als Frau Sydney ſeiner Verlegenheit ein Ende machte und ein paar Worte an ihn richtete. „Ich höre, Herr Rhymer iſt angekommen,“ ſagte ſie,„haben Sie ihn geſehen Herr Strathern?“ „Noch nicht,“ erwiederte er,„aber ich denke, das wird bald geſchehen.“ „Ich habe ihn geſprochen,“ bemerkte Lord Alexan⸗ der,„und kann Sie verſichern, die warme Sonne von Neapel hat ſeine ſtets wachſende Bitterkeit auffallend ſchnell zur Reife gebracht. Er iſt jetzt ein vollkommener Menſchenfeind geworden.“ „Nein, das muß ich beſtreiten,“ ſagte Stra⸗ thern;„er tadelt die Menſchen blos, aber er haßt ſie nicht, er ſagt unangenehme Wahrheiten, und man muß geſtehen, er bekümmert ſich nichts um den Schmerz, welchen er denen bereitet an die er ſie richtet; darum iſt er mehr gefürchtet als geliebt.“ „Die Menſchenfeinde haben nie einen ſo guten Fürſprecher gefunden,“ äußerte Frau Sydney,„als an einem berühmten franzöſiſchen Schriftſteller, wel⸗ cher in einem neueren Werke ſagt: la misanthropie est un sentiment calomnié. C'est la haine du mensonge. I n'y a pas de misanthropes, il y a des àmes qui aiment mieux fuir que feindre!“ 115 „Wollte Rhymer nur feindre ou fuir, ſo hätte ich nichts gegen ihn,“ verſetzte Lord Alexander Beaulieu;„aber da er weder das eine noch das andere thut, ſo halte ich dafür man dürfe ihn in der Geſellſchaft ebenſowenig dulden als Kinder de⸗ nen es verſtattet iſt Alles zu ſagen was ſie den⸗ ken, wenn man ſie in das Geſellſchaftszimmer zu⸗ laßt. Ich habe gehört, wie ſo ein kleiner Schelm rief:„Warum iſt denn Herr So und So lahm?“ oder„Warum iſt Herr So und So ſo arg haß⸗ lich?“ Damit bereiteten die läſtigen Kleinen den Unglücklichen, deren ſie in dieſer Weiſe erwähnten, eine eben ſo große Verlegenheit als ihrem Vater und ihrer Mutter. Die armen Dinger verſtehen's nicht beſſer, und haben nicht die Abſicht Jemand zu beleidigen, aber Rbymer kennt den endroit sen- sible derer gar wohl die er ärgern will, und der Pfeil der Parther traf ſein Ziel nicht ſicherer als er das ſeine mit ſeinen Anzüglichkeiten.“ „Die ſpotten der Narben die nie eine Wunde gefühlt,“ entgegnete Frau Sydney,„und darum kann ich über diejenigen lachen, welche Herr Rby⸗ mer manchmal den Leuten verſetzt, wenn ſie nicht zu tief gehen. Er führt, wie ich hinzuſetzen muß, ſeine Streiche gewöhnlich blos auf die Narren orer Gecken.“ „Meinſt Du aber nicht, Mutter, daß das Recht, was er für ſich in Anſpruch nimmt, und nach wel⸗ Strathern 1. 10 N 146 chem er den Leuten unangenehme Sachen ſagt, den Einklang in der Geſellſchaft ſtört?“ fragte Fräu⸗ lein Sydney. „Vielleicht, liebe Louiſe, denn er macht Einem fühlbar, daß man vor ihm nicht ſicher iſt und— „Herr Rhymer,“ meldete ein Bedienter, der die Thüre aufmachte und der genannte Gentleman trat ein. „Ich bin erſt letzte Nacht angekommen„ ſagte er,„und mein erſter Beſuch gilt Ihnen.“ Damit bückte er ſich tief auf die Hand der Frau Sydney und wandte ſich dann zu ihrer ſchönen Tochter um dieſelbe Höflichkeit zu wiederholen. „Wie gut Sie ausſehen, Ladies. Ich hätte kaum gehofft, Sie beide ſo blühend zu finden.“ „Keine von uns iſt krank geweſen ſeit wir in Italien ſind,“ erwiederte Frau Sydney. „Ich habe nicht geglaubt, daß die italieniſche Luft einen ſchädlichen Einfluß auf Ihre Geſundheit äußern würde, aber wenn es mir erlaubt iſt mich eines ſchlechten Witzes und einer Ausſprache zu be⸗ dienen die mein alter Freund John Kemble ange⸗ nommen hatte, ſo muß ich ſagen, ich hielt nicht Ihr Zimmer*), ſondern Iyre Geſellſchaft für gefährlich!“ *) Der Schauſpieler Kemble ſprach Rome wie Room aus. Das eine iſt die ewige Stadt, das andere heißt Zimmer, daher dus Wortſpiel. u. 147 „Sehr ſchmeichelhaft für uns Alle die wir die Ehre haben einen Theil der Geſellſchaft dieſer La⸗ dies auszumachen,“ entgegnete Lord Alerander Beaulieu. „Ich bin kein Schmeichler,“ lautete die Antwort Rhymer's.„Ich meine Sie hätten das ſchon dieſen Morgen gemerkt, denn Sie ſahen ſehr ungehalten aus als ich Sie verließ. Ich bemerkte nämlich, dem Lord Alexander Beaulien, daß meiner Anſicht nach nur ein reicher Mann ſich in eine Erbin ver⸗ lieben oder ſich einbilden ſollte er ſei es. Ich gab meine Gründe dafür an und es ſchien mir als ſei er, ich kann nicht errathen warum oder weshalb, ſo verlegen, wie wenn ſie gerade auf ihn ſelbſt angewendet worden wären.“ Und dabei warf Rhy⸗ mer einen etwas boshaften Blick von Lord Alexan⸗ der auf Fräulein Sydney. „Sie irren ſich, wenn Si ſei verdrießlich.“ „Das behaupten alle zornigen Leute, wenn ſie etwas übel aufnehmen,“ verſetzte Rhymer;„wäh⸗ rend ich aber die Thatſache verfechte, daß Sie är⸗ gerlich waren, iſt mir die Urſache davon völlig unbekannt. Vielleicht geben Sie mir darüber Auf⸗ klärung?“ Lord Alexander that als hörte er ihn nicht und fing von etwas Anverem an, indem er ſagte, Sir Richard Elsmere ſei Tags zuvor in Rom angekommen. e geglaubt haben, ich 148 „Er wird für die Geſellſchaft ein Gewinn ſein,“ ſetzte er hinzu,„denn ich kenne Niemand der mehr spirituel und unterhaltend wäre.“ „Und wahrſcheinlich wenige die minder achtungs⸗ würdig ſind,“ erwiederte Rbymer.„Ich habe Bei⸗ ſpiele von ſeiner Herzloſigkeit und großen Selbſt⸗ ſucht gehört die mich immer abgehalten haben mich mit ihm in eine nähere Bekanntſchaft einzulaſſen.“ „Ich ſehe nicht ein, welches Recht die Geſell⸗ ſchaft haben kann an einem Mann Fehler des Ge⸗ müths oder Herzloſigkeiten aufzuſuchen,“ entgegnete Lord Alexander Beaulieu,„ſofern er nur angenehm und wohlerzogen iſt und die agrémens des Kreiſes vermehrt, in welchem er ſich befindet. Seiner Frau oder ſeinen Angehörigen allein kommt es zu darüber zu klagen, wenn es ihm an den Eigenſchaften man⸗ gelt, welche das Glück des häuslichen Lebens aus⸗ machen, aber für die Welt kann das gleichgültig ſein.“ „Wirklich!“ antwortete Rhymer.„Sie meinen alſo, wenn ein Mann gewandt, höflich und witzig iſt, ſo ſei das Alles was er brauche?“ „Allerdings, Alles was für die Geſellſchaft nö⸗ thig iſt, und ich glaube auch, daß ein Menſch, welche gute Eigenſchaften des Herzens er auch be⸗ ſitzen mag, wenn ihm die Anmuth und gute Er⸗ ziehung abgeht, von denen die Annehmlichkeiten der Geſellſchaft abhängen, daß ein ſolcher allgemein 149 gemieden werden ſollte, und es freut mich es ſagen zu können, auch wirklich gemieden wird.“ Das Geſicht Rhymer's verrieth wie ſehr er ſich bewußt war dieſe letzte Bemerkung habe ihm ge⸗ golten und furchtbar war der Blick voll tieſen Grolls den er auf Lord Alexander warf. „Es freut mich recht ſehr Ihre Anſicht von Allem zu vernehmen,“ ſagte er,„und beſonders über das was erforderlich iſt um einen Mann der Geſellſchaft angenehm zu machen. Da Sie ſo all⸗ gemein und mit Recht geſchätzt ſind, ſo müſſen Sie über eine ſolche Frage am beſten urtheilen können.“ „Man muß zugeben,“ warf Frau Sydney da⸗ zwiſchen, denn ſie wünſchte dem Geſpräche, das zu perſönlich wurde, eine andere Wendung zu geben, „daß Sir Richard Elsmere eine ſehr glänzende Unterbaltungsgabe beſitzt. Niemand verſteht ſo gut zu erzählen wie er.“ „Ja, ſo ſagen die Leute. Jedermann geſteht, daß er ein ausgezeichneter Geſchichtenerzähler iſt,“ bemerkte Rhymer mit ſeinem höhniſchen Lä⸗ cheln.„Er vermag eine Geſellſchaft zum Lachen zu bringen und das kann er, wenn es ihm paſſend erſcheint, wie ich höre, dem Anſtand und der Würde zum Trotz, welche in guter Gefellſchaft herrſcht. Darin liegt meines Erachtens der Grund warum *) Das Wort bedeutet auch Lügner. U. 150 er ſo recherché iſt, denn ſeine ſittlichen Eigen⸗ ſchaften geben ihm doch gewiß keinen Anſpruch auf Achtung, wie das auch ſein Freund, Lord Alexan⸗ der Beaulieu, anſehen mag.“ „Alles, was ich weiß iſt, daß ich die Leute zwar ſagen gehört habe Elsmere habe kein Herz, er ſei ſelbſtſüchtig und nicht beſonders ſtreng wahr⸗ heitsliebend,“ aber dabei fügten ſie hinzu,„er iſt ſo angenehm— wir müſſen ihn zu jedem Eſſen einladen, wenn es luſtig vorbeigehen ſoll. Hörte ich die Herzensgüte anderer Männer loben, ſo hieß es dagegen von Seiten derer, welche ſie prieſen: „O, der und der hat das beſte Herz von der Welt, das iſt wahr, aber er iſt ſo launiſch und ſauer⸗ töpfiſch und ſein Hang unangenehme Sachen zu ſagen, iſt ſo groß, daß wir ihn nicht einladen kön⸗ nen, wenn wir uns nicht die ganze Freude ver⸗ dorben ſehen wollen.“ Als Lord Alexander Beaulien die letzten Aeuße⸗ rungen losgelaſſen, ſtand er auf und nahm Abſchied. Rhymer der vor Zorn beinahe platzte, rief ihm beim Weggehen nach,„ich habe vergeſſen zu ſagen, daß die reiche Wittwe eines Londoner Papiermäklers, die, wie es heißt, zweimalhunderttauſend Pfund im Vermögen hat, verwichene Nacht in meinem Gaſt⸗ hof angekommen iſt. Ich dachte die Nachricht würde Sie intereſſiren.“ „Ich weiß nicht wie Sie auf dieſe Vermuthung 151 tommen, aber die Herzensgüte des Herrn Rhymer iſt ſo ſprüchwörtlich geworden, daß ein neuer Be⸗ weis davon mich nicht überraſchen kann.“ „Er ſchien durchaus nicht ſo dankbar als man hätte erwarten dürfen,“ ſagte Rhymer; und doch hat die Neuigkeit einigen Werth für einen Mann der die letzten zwei Jahre ſo unermüdlich allen rei⸗ chen Frauen nachlief und um ſo viele angehalten hat, daß man ihn in London unter dem sobriquet des Solicitor⸗General(hier Allerweltsfreier, ſonſt Generalprokurator) kennt. Die in Rede ſtehende Lady— ich habe ihren gemeinen Namen vergeſ⸗ ſen— ſieht auch gerade aus als wollte ſie ſich von einem vornehmen Herrchen heimführen laſſen,— ſie hat ein unangenehmes Aeußeres, iſt übermäßig geputzt und ſcheint eine furchtbare Meinung von ſich zu haben; mit einem Wort, es hat nie ein vollkommeneres Bild einer parvenue in der Haupt⸗ ſtadt gegeben.„Sagen Sie dem Kerl, rief ſie mit einer Betonung die ſehr viel von dem Schweſter⸗ reiche an ſich hatte, daß ich durch die ganze Stadt gefahren ſein will, um Alles zu ſehen was zu ſe⸗ hen iſt.“ Dieſe Worte richtete ſie an eine Frau, welche ſie begleitete, und den Befehl dem laquais de place in's Italieniſche überſetzte. Stellen Sie ſich eine Lady vor— wenn ich den Ausdruck ſo ſehr entweihen und ihn auf die fragliche Perſon anwenden darf— angethan mit einem karmviſin⸗ 152 rothen Sammetmantel der mit ruſſiſchem Zobel⸗ pelz beſetzt war; ein Sammethut mit Federn von derſelben Farbe und eine Diamant⸗Feronière ſaßen auf einer gemeinen, ſommerſproſſigen Stirne, die mit nichts mehr Aehulichkeit hatte als mit dem ſonn⸗ verbraunten Knie eines Hochländers in ſeinem Kilte (eine Art kurzen Rocka). „Und das iſt die Perſon von der Sie glauben ſie werde Lord Alexander Beaulien intereſſiren?“ ſagte Strathern. „Deren Vermögen ihn intereſſiren wird, meine ich; denn da er bei allen ſeinen Heirathsplanen blos an's Geld denkt, warum ſollte ihm die Wittwe des Papiermäklers nicht eben ſo gut zuſagen als ein anderes reiches Frauenzimmer?“ „Sie verfahren hart mit ihm,“ erwiederte Frau Sydney. „Nicht ſo ſehr als er es verdient, das verſichere ich Sie; und am Ende will ich ihm blos einen Dienſt leiſten indem ich ſeine Aufmerkſamkeit auf dieſen weiblichen Cröſus lenke. So viel Federn und Sammet und Pelz konnte nur in der Abſicht Eroberungen zu machen, zur Schau getragen wer⸗ den; und da nach dem gewöhnlichen Ausdruck zu⸗ erſt mahlt wer zuerſt kommt, ſo wünſchte ich Lord Alerander Beaulien möchte ſich ihr ohne Zeitverluſt vorſtellen laſſen. Wer weiß ob er nicht der Nach⸗ folger des verſtorbenen Aktienhändlers wird?“ „Ich kann ſo Schlimmes von Beaulieu nicht glauben,“ entgegnete Strathern„und denke nicht daß er ſich in eine ſolche Verbindung einläßt.“ „Und ich halte ihn für fähig um ſchmutzigen Gewinns willen eine zu ſchließen gegen die ſich noch mehr einwenden ließe. Das Betragen ſolcher Leute ſollte man beſonders Frauenzimmern aus⸗ einanderſetzen denen nicht dieſelben Gelegenheiten geboten ſind ſich mit dem wirklichen Charakter der Männer bekannt zu machen als uns die wir jeden Tag Beiſpiele davon ſehen wie das gefällige Weſen ſolcher Glücksjager auf Manche Eindruck macht.“ Da Strathern ſah daß Rhymer die Abſicht hegte lange da zu bleiben, entfernte er ſich, nicht ohne einige Furcht, wie man geßehen muß, der Murrkopf möchte jetzt mit ſeinem Tadel an ihn kommen, ſo wenig er ſich auch bewußt war etwas gethan zu haben wodurch er denſelben verdient hätte. Indeſſen fiel es Rhomer'n nicht ein übel von ihm zu reden; au contraire, er hatte eine gute Meinung von Strathern, denn dieſer gehörte zu den wenigen jungen Männern die ihm mit Achtung begegneten. Wäre er ihm aber auch ab⸗ geneigt geweſen, ſo hätte er das bei der gegen⸗ wärtigen Gelegenheit nicht merken laſſen, um nicht nach ſeinem Angriff auf Lord Alexander Beaulieu von den Frauenzimmern für einen Mann gehalten zu werden der von aller Welt Böſes ſpricht. 154 „Wie gefällt Ihnen Herr Strathern?“ fragte Rhymer und warf dabei einen forſchenden Blick auf Frau Sydney und ihre Tochter. „Ich halte ſehr viel auf ihn,“ gab Frau Sydney zur Antwort. „Und Sie, ſchöne Lady, was ſagen Sie dazu?“ „Er ſcheint ein liebenswürdiger Mann zu ſeyn und iſt geſcheid und angenehm,“ verſetzte Louiſe; aber eine ſtarke Röthe welche die zarten Wangen der Sprecherin überzog, bewies Rhymer'n daß ſie weniger ſagte als ſie fühlte. „Scheint! ich weiß dabei nichts von Scheinen. Er iſt ein ganz ausgezeichneter junger Mann, kann ich Sie verſichern,“ fing er wieder an.„Ich kenne ihn von Jugend auf und habe ihn während ſeiner Ferien immer bei dem verſtorbenen Lord Argentyn getroffen, der mich oft von ſeinen vielen guten Eigenſchaften unterhielt. Ein Beweis daß er ſie nicht zu hoch angeſchlagen, liegt darin daß er ſich trotz der Bemühungen mit denen ihn eine Anzahl liſtiger und mannsſüchtiger Perſonen Ihres Geſchlechts zu verderben ſtrebte und trotz des ſeibſt⸗ ſüchtigen Theils der Männer die ihn aus Geldgier zum Beſten zu halten gedachten, weder den einen noch den andern gegenüber blosgeſtellt hat. Ebenſo wußte er den Liebeleien mit verheiratheten Frauen glücklich zu entgehen in welche ſo viele Leute ſeines Alters zu verfallen Gefahr laufen wenn ſie in das 155 Leben der großen Welt eintreten wie man das nennt. Strathern iſt weder ein Spieler, noch hält er ſich Rennpferde, zwei ſeltene Vorzüge an einem ſo jungen und reichen Mann. Er hat nur einen Fehler den ich kenne— er iſt zu hübſch— aber vielleicht kommt Ihnen, meine Damen das nicht als ein ſolcher vor.“ Und dabei blickte er ſchalkhaft auf die ſchöne Louiſe, die in dieſem Angenblick ungeachtet ſeiner Schmähungen auf Lord Alerander ſich wunderte wie die Leute glauben könnten Rhymer laſſe ſich beigehen boshafte oder unangenehme Dinge zu ſagen. „So iſt, wie ich ſehe, Lady Wellerby mit ihren Töchtern hier und ſucht welchen ſie(nicht verſchlinge) ſondern in eine Heirath verſtricke“ ſagte Rhymer.„Wenn die Leute Fallen legen,“ fuhr er ſort,„ſo ſollten ſie dieſelben verſteckt an⸗ bringen; aber Lady Wellerby und ihre jungen— nein, nicht jungen— Ladies laſſen die ihrigen ſo deutlich ſehen wie die in engliſchen Parken und Thiergärten angebrachten Tafeln mit der Aufſchrift, Warnung vor Selbſtſchüſſen und Follen, und das Verfahren hat auch denſelben Erfolg, denn die meiſten Männer vermeiden die Schlinge.“ „Sie ſind hart gegen Lady Wellerby,“ erwie⸗ derte Frau Sydney. „Nein, gewiß nicht; ich bin blos aufrichtig genug um zu ſagen was ſonſt Jedermann denkt, 156 aber ohne daß man meine aimable franchise beſitzt und es äußert. Dieſe Frau denkt an nichts auf der Welt als wie ſie ihre Töchter unter die Haube bringen könnte. Sie bekümmert ſich nicht darum ob die Männer gut oder ſchlecht, geziert mit jeg⸗ licher Tugend oder mit jedem Laſter beflockt ſind— Alles was ſie in Anſchlag bringt iſt das ob ſie reich ſind und ein großes Witthum ausſetzen wollen;z ein Gedanke an das künftige Grück ihrer Töchter kommt ihr nie in den Sinn. Da ſie ſieht daß ihr Tölpel von Lord ſehr geizig iſt, ſo ſtellte ſie ſich vor der Reichthum und eine freigebige An⸗ wendung deſſelben mache den wahren Lebensgenuß aus und wenn ſie ſolches ibren Töchtern ſichern kann, ſo wird ſie glauben ſie habe ihre mütterlichen Pflichten gegen ſie gehörig erſüllt.“ „Gehen Sie heute Nacht in die Geſellſchaft zu Mrs. Vernon?“ fragte Frau Sydney, um dem Geſpräch eine andere Wendung zu geben. „Was ſollte ich um des Himmels Willen dort thun? Zuſehen wie die Ladies am Spieltiſche ihre Launen und ihren Mangel an guter Erziehung zei⸗ gen? Nein, ich gehe meinen whiſtſpielenden Lands⸗ männinnen ſo ſorgfältig aus dem Wege als ich die Londoner Spielhänſer vermeide und aus demſelben Grunde mag ich die ſchlimmen Seiten der menſch⸗ lichen Natur nicht ſehen. Sie lächeln, Fräulein Syd⸗ ney und machen eine ungläubige Miene; deſſenun⸗ 157 geachtet habe ich einen Widerwillen dagegen wenn ich die böſen Leidenſchaften in meiner Gegenwart entfeſſelt ſehe, am meiſten aber iſt mir das an Perſonen Ihres Geſchlechts zuwider, weil ſie vffen⸗ bar nie in ſo nachtheiligem Lichte erſcheinen als wenn ſie die Karten in der Hand haben.“ „Aber Sie finden bei Frau Vernon ebenſowohl mit etwas Anderem Unterhaltung als mit den Karten. Die jüngeren Leute ſingen und ſpielen, und die älteren welche wie Sie und ich kein Whiſt machen können, beſprechen ſich mit einander.“ „Wenn ich gewß wüßte, daß ich einen Platz in Ihrer Nähe fände, ſo wäre ich bereit zu Frau Vernon zu gehen; da dieſes aber ſchwer, wo nicht unmöglich ſein dürfte, ſo kann ich es nicht wagen. Denken Sie ſich, ich käme neben Lady Heinrich Mortimer zu ſitzen und wäre verdammt— wenig⸗ ſtens zum hundertſtenmale— die Geſchichte ihres Rheumatismus anzuhören. Wie er anfing, was ſie im Begiun deſſetben fühlte, wie ſie ihn bekam, was die Aerzte ſagten, was ſie erwiederte, dann Bemerkungen über die Grauſamkeit der Leute in London die durchaus ihre Zimmer bis zum Erſticken anfüllen und dann die Fenſter öffnen um ſie abzu⸗ kühlen, ein Verfahren, welches, wie ſie behauptet, zu allen ihren Leiden Veranlaſſung gegeben hat. Over ſtellen Sie ſich vor, daß ich bei Frau Os⸗ born Henley ſaße und bon gré, mal grè auf den 158 Bericht von Herrn Osborn Henley's Gicht horchen müßte. Und was er verſuchte, und was ihm zur Heilung derſelben angerathen wurde, und was ihm half und nicht half, und was ſie ausſtand wenn ſie bei den Unfällen zugegen war, und wie ſie fürchtet daß die warmen Schlammbäder Italiens und das kalte Waſſer zu Gräfenberg gleich un⸗ wirkſam gegen die Gicht ſein würden, und wie ſie hofft die Krankheit werde nicht erblich ſein. Und wenn ich nun dieſen Damen entrinne, könnte ich nicht durch meinen Unſtern in einen Stuhl neben Lady Alicia Borrowdale gerathen? Die würde mir dann von der auffallenden Schönheit ihres ält ſten Mädchens reden die jetzt ſieben Jahre alt iſt, und von den wunderbaren Anlagen ihres Kna⸗ ben der bei der letzren Prüfung um ein Haar den Preis in der Schule davon getragen hätte, und von der ergötzlichen Frühreife ihres jüngſten Mädchens das faſt ganz gut Pa⸗pa und Ma⸗ ma ſagen kann und doch erſt dritthalb Jahre alt iſt. Nein es iſt mir wohler daheim mit einem Buch und meinen eigenen Gedanken als in ſolchen Geſellſchaften wo meine Milzſucht durch die Thor⸗ heiten oder Laſter derer rege wird, die ich dabei treffe. Aber mein Beſuch bei Ihnen hat unver⸗ antwortlich lange gedauert, meine ſchönen Ladies, ich will Sie jetzt von mir erlöſen und mich Ihnen empfehlen.“ 159 „Er behauptet es ſei ihm zuwider wenn die ſchlimmen Leidenſchaften in ſeinem Dabeiſein ſich entfeſſelten,“ ſagte Louiſe Sydney,„und doch trägt er kein Bedenken die Thorheiten und ridicules aller ſeiner Bekannten blos zu ſtellen. Ich wäre neu⸗ gierig zu wiſſen wie er dieſen Hang zum Tadel benennt und möchte ihm ohne Weiteres eine Stelle unter den ſchlimmen Leidenſchaften anweiſen über die er ſich beſchwert. Ich meine das Kartenſpielen ſei zwar ein Zeitverderb und es verrathe einen Mangel an Erziehung wenn man dabei eine üble Laune zeigt, aber beides iſt weniger zu tadeln als die Gewohnheit, immerfort die Fehler aller mit denen er zuſammenkommt, durchzuhecheln.“ „Mit Herrn Strathern machte Herr Rhymer eine Ansnahme, ihn griff er nicht an,“ bemerkte Frau Sydney.. „Da er ſonſt Niemand verſchont hat von dem er geſprochen, ſo weiß ich kaum ob es Herr Stra⸗ thern zum Ruhme gereicht daß er ihn gelobt hat.“ „Darauf kannſt du dich verlaſſen, Louiſe, denn man weiß nicht daß Herr Rhymer je Einen gelobt hätte der ſich nicht durch gute Eigenſchaften aus⸗ gezeichnet hätte.“ „Ich geſtehe zu daß er geſcheid iſt und ſehr unterrichtet, und daß er ſich angenehm zu machen weiß, aber ſein böswilliges Weſen mißfällt mir und wenn ich mich darüber ertappe daß ich über 160 ſeine kränkenden mots lache ſo ſchäme ich mich vor mir ſelbſt.“ „Da haſt du Recht, mein liebes Kind, denn das Lachen über ſolche boshafte Bemerkungen gibt den Leuten den Muth ſolche zu machen und ſie thun das häufig blos um Andere zu beluſtigen und ihr eigenes Talent zu zeigen.“ Wenige Tage nach dieſer Unterredung mit Rhymer bei Frau Sydney ſaß Strathern in ſeinem Zimmer, in Gedanken an die ſchöne Louiſe ver⸗ ſunken die jetzt ſeine ganze Seele beſchäftigte, da wurde er durch einen Beſuch Lord Fitzwarren's ge⸗ ſtört. Er hatte den jungen Edelmann in der letz⸗ ten Zeit viel ſeltener geſehen, er konnte nicht ſagen ob durch Zufall oder abſichtlich. Das Wahre daran war, die Wirklichkeit hatte ihm zu viel Freude gemacht als daß er nach der Urſache hätte fragen ſollen. „Strathern, du ſollteſt mir einen Dienſt lei⸗ ſten,“ ſagte Lord Fizwarren.„Rühre es woher es wolle, ich glaube nicht daß ich mit Fräulein Syd⸗ ney voran komme. Sie wird jeden Tag ſtätiſcher und widerſpenſtiger und ich muß ſie zu einer Ent⸗ ſcheidung bringen, denn es kommt nichts dabei her⸗ aus wenn ich meine Zeit verliere und ihr den ge⸗ horſamen Diener mache, nicht wahr?“— „Ich glaube es wahrhaftig auch nicht,“ lautete die Antwort.* 161 „Nun, was ich von dir will iſt, daß du ſie darüber ausholeſt.“ „Du meinſt alſo ich ſoll für dich bei ihr anhalten?“ „Das nicht gerade; aber ich möchte nicht gerne doppelt in Schaden kommen, ich möchte nicht gerne abgewieſen werden und noch dem verdammten Kerl, dem Alerander Beaulieu fünfhundert Pfund zahlen. Du ſollteſt ſie blos im Laufe des Geſprächs fragen was ſie von mir hält und ausfindig machen ob ein Antrag von mir wohl aufgenommen würde oder nicht.“ „Eine ſolche Frage könnte ich wahrhaftig nicht herausbringen, Fitzwarren, und auch wenn ich könnte, ſo wäre das keine ordentliche Art dich deiner Wette zu entledigen.“ „Es war verzweifelt einfältig die Wette einzu⸗ gehen und ich wollte jetzt ich hätte ſie nicht gemacht; aber wer Teufels hätte ſich denn auch träumen laſſen daß ein junger Kerl mit vierzigtauſend Pfund im Jahr, der nicht ſchlechter ausſieht als ſeine Nachbarn(dabei warf Fitzwarren einen verſtohlenen Blick in den ihm gegenüberhängenden Spiegel) ſo gleichgültig behandelt werden würde wie ich von Miß Sydney. Da ſind Wellerby's Mädchen und ich fange an ſie für gar nicht ſo übel zu halten; die würden alle Finger nach mir ausſtrecken, wenn ich einer von ihnen einen Antrag machte. Es ſind auch teufelmäſſig gutartige Geſchöpfe, denn währenv ſie doch wiſſen daß ich tüchtig in Miß Sydney Strathern 1. 11 162 verſchoſſen bin und vermuthen ich werde ſie heirathen, ſind ſie gerade ſo artig gegen mich wie zuvor da ich mir vorſtellte daß all' ihre Höflichkeit nur von der Hoffnung herrühre mich zu fangen. Olivia wird nicht müde mir zuzuhören wenn ich ihr von meinem Marſtall rede und richtet tauſend Fragen in Bezug darauf an mich. Sie iſt ein verzweifelt geſcheides Mädchen, kann ich dir ſagen, und ver⸗ ſteht ausgezeichnet worauf es bei einem Roſſe be⸗ ſonders ankommt. Neulich traf ich ſie an wie ſie einen Gypsabguß von einem FPferde abzeichnete und ſie machte das ſehr gut, wahrhaſtig! und ſagte ſie wünſchte blos ein lebendiges Modell zum Zeichnen zu haben. Ja, und auch ihre Schweſter Sophie iſt ein verdammt gut geartetes Mädchen. Und als an einem der letzten Morgen Melbrook's Madchen ſagten ſie ſähen nichts ſo Merkwürdiges an Fräulein Sydncy, nahm ſich Sophie augenbick⸗ lich ihrer an— gewiß und wahrhaftig das that ſie— und ſchwur— nein das nicht,— ſie be⸗ hauptete blos— Fräulein Sydney wäre die voll⸗ kommenſte Schönheit die ſie je geſehen und Olivia trat ihr bei und erklärte Fräulein Sydney ſey nicht im Mindeſten eitel oder eingebildet wenn ſie ſchon ſo ſchön wäre. Nun, das heiße ich teufel⸗ mäſſig gutmüthig und es machte daß mir Weller⸗ by's Mavchen beſſer geſielen als ich je für möglich gehalten hätte!“ ————————— 163 Strathern konnte ſich nicht enthalten, über die Einfalt Fitzwarren's zu lächeln. Trotz ſeiner er⸗ klärten tendresse für Fräulein Sydney ſchien er gar nicht abgeneigt, ſich, wenn es ihm mißlänge, ihre Neigung zu erwerben, durch die Schmeicheleien zweier junger Frauenzimmer tröſten zu laſſen, die er kurz vorher mit Gefühlen betrachtet hatte, welche eher mit dem Widerwillen, als mit dem Wohlwollen verwandt waren. „Zu was würdeſt Du mir rathen, Strathern?“ fragte Fitzwarren.„Ich kann den Beaulien mein Geld nicht gewinnen laſſen.“ „Ich ſehe aber nicht ein, wie Du das abwenden könnteſt; denn wenn Du keinen Antrag machſt, ſo wird er die Wette als verloren betrachten; und thuſt Du das, ſo wirſt Du wahrſcheinlich zurück⸗ gewieſen und verlierſt alſo in jedem Fall.“ „Es iſt wahrhaftig eine verwickelte Geſchichtel nicht wahr? Wenn ich nicht um das Mädchen an⸗ halte, ſo iſt es gerade, wie wenn ich ſein Pferd allein rennen ließe und thu' ich's, ſo kann ich mich darauf verlaſſen, daß ich ausgeſtochen werde. Keines iſt angenehm. Aber ich will mich hängen laſſen, noch lieber zahle ich Axy Beaulien als daß ich mich der Schmach einer Abweiſung ausſetze, denn das würde in ganz Rom auspoſaunt und dann erfübren Wellerby's Mädchen und die ganze übrige Geſell⸗ ſchaft, daß man mich ausgeſchlagen hätte; und das 164 ſteht einem Mann immer verflucht dumm an. Ja, ich will die fünfhundert Pfund zahlen, dann bin ich die Sache los.“ Und auf und davon ging Lord Fitzwarren und ſah dabei aus wie ein Menſch, der ſein Gemüth durch Ergreifung eines feſten Entſchluſſes erleichtert fühlt. Zwei Tage, nachdem Lord Fitzwarren die ver⸗ lorene Wette an Lord Alexander Beaulien bezahlt hatte, ſchrieb dieſer einen wohlgeſetzten Brief an Fran Sydney und ſchloß demſelben einen andern an ihre ſchöne Tochter bei, in welchem er ſich ſelbſt ihr zu Füßen legte,(Vermögen hatte er wenig anzubieten) wie er ſich ausvrückte. Frau Sydney war nie mehr überraſcht geweſen, als wie ſie ſein Schreiben erhielt, aber die junge Lady gerieth in noch größeres Erſtaunen. Sie war ſich bewußt, daß ſie ihm nie die geringſte Begünſtigung hatte angedeihen laſſen und konnte ihm nicht verzeihen, daß er einen ſolchen ungewöhnlichen Grad von Eitekeit und Setbſtvertrauen verrieth, und auf„ eine ſo leichte Bekanntſchaft hin ſich unterſtand, einen derartigen Vorſchlag zu machen. „Du ſiehſt, Mutter, ich behandle nicht ohne Grund den jüngeren Theil unſerer männlichen Be⸗ kannten mit ſolcher Zurückhaltung,“ ſagte Louiſe, „wenn mir trotz meiner Kälte gegen ſie ſoszu Leibe gegangen wird. Wer möchte da noch reich ſein, 165 wenn man von jedem berechneten Glücksjäger, dem man begegnet, ſo zudringlich behandelt wird— von Leuten, die keine Kälte abſchreckt, denen keine Ge⸗ ringſchätzung begreiflich macht, daß ſie nicht die mindeſte Hoffnung haben, ihre Bewerbung ange⸗ nommen zu ſehen.“ „Diefer Antrag ärgert mich mehr als ich Dir ſagen kann, mein liebes Kind, denn ich fürchte, daß er die üble Wirkung haben werde, in Dir den Glauben zu befeſtigen, um deſſen Ausrottung ich mir ſo viel Mühe gegeben habe. Sei verſichert, daß zwar manche Männer blos durch gemeine Be⸗ weggründe geleitet werden, wenn ſie ein junges Weib von großem Vermögen zu gewinnen trachten. Aber nicht alle denken ſo niedrig und Du würdeſt Dir Deine eigene Ausſicht auf Glück verderben, wenn nicht zerſtören, falls Du ſolchen Argwohn nährteſt. Denk Dir, wie ſich ein hochſinniger und uneigennütziger Mann, der Dich blos um Deinet⸗ willen liebte, verletzt und beleivigt fühlen müßte, wenn er ſich mit dem feilen Haufen derer in eine Claſſe geworfen ſähe, die eine Erbin umflattern.“ Bei dieſen Worten dachte Frau Sydney an Strathern. Mit der Schnelligkeit, welche liebenden Müttern eigen iſt, ſah ſie gleich von Anfang an, daß er ihre Tochter bewunderte, und ſie hoffte, ſeine Bewunderung würde bei näherer Bekanntſ haft zu einem tieferen Gefühl heranreifen. Mit Schmerz 166 hatte ſie die kalte Zurückhaltung wahrgenommen, mit welcher Louiſe ſeine Verſuche zu Einleitung eines vertrauteren Verkehrs aufnahm, als ſolcher den anderen jungen Männern verſtattet war, die ſich ihr angenehm zu machen ſuchten. Es that ihr leid, daß zwiſchen ihm, der ihrer Gunſt ſo würdig war, und denen, welche ſo viel weniger Anſprüche darauf hatten, kein Unterſchied gemacht wurde. Neben tauſend ſchönen Eigenſchaften klebte Louiſen Sydney ein Fehler an, und zwar ein mehr ange⸗ eigneter, als in ihrem Weſen begründeter. Dies war der Argwohn, den ein zartes Gefühl, ein besoin d'étre aimé und zwar um ihret ſelbſt willen geliebt zu werden, erzeugt hatte. Dadurch gerieth ſie in Zweifel, ob der zufällige Umſtand, daß ſie eine Erbin war, ſie nicht für immer von dieſem Glück ausſchlöſſe. Bei einiger Eitelkeit, bei einigem Vertrauen in ihre eigenen Reize wäre ihr dieſer ſchmerzliche Zweifel nie in den Sinn gekommen, aber Louiſe war ein ſtolzes, kein eitles Weib und ihr Stolz ſowohl als ihr weibliches Zartgefühl empörte ſich gegen den Gedanken, daß man ſie als ein Mädchen betrachten könnte, der man blos ihres Reichthums wegen den Hof zu machen brauchte. Kurzum, das Weib war in ihr eiferſüchtig auf die Erbin und ſie hätte gerne ihrem glänzenden Ver⸗ mögen für ein zureichendes Auskommen entſagt, durch welches jede Möglichkeit eines Argwohns ab⸗ 61 geſchnitten worden wäre, daß man ſie blos ihres Geldes wegen zu heirathen wünſchte. Ihre Mutter hing mit zu großer Zärtlichkeit an ihr und hatte ihren Charakter zu gut ſtudirt, als daß ihr dieſer Fehler hätte entgehen können. Auch war Alles von ihr verſucht worden, um ihn zu beſiegen und ihre Bemühungen wären wohl von beſſerem Erfolg be⸗ gleitet geweſen, wenn nicht die Schaar von An⸗ betern, die ſie umflatterte, den Verdacht der Erbin beſtätigt hätte. Daher die Zurückhaltung und die gemeſſene Kälte, welche ſie gegen ihre Verehrer annahm und welche blos dazu beitrug, ſie in ihren Zweifeln zu beſtärken, weil nicht nur Lord Alexander Beaulieu, ſondern auch verſchiedvene Andere ſich dadurch nicht hatten abhalten laſſen, ihre Vermeſſen⸗ heit bis zu einer Bewerbung um ihre Hand zu treiben. Frau Sydney ſtand oft auf dem Punkt, ihre hohe Meinung von Strathern laut werden zu laſſen und darzuthun, daß wenigſtens bei ihm keine geld⸗ ſüchtigen Beweggründe zu vermuthen ſeien, da ſein eigenes großes Vermögen dergleichen für ihn über⸗ flüſſig machte. Aber ein augenblickliches Nachdenken bewies ihr, daß es klüger wäre, ihre Tochter durch Andere über die Stellung, welche Strathern in ſeinem Geburtslande einnahm und über die hohe Achtung aufklären zu laſſen, in welcher er bei Allen ſtand, deren Urtheil einigen Werth hatte. Solches 168 erſchien ihr beſſer, als wenn es das Ausſehen hätte, ſie wolle Louiſens Aufmerkſamkeit auf ihn lenken. Der Frau Sydney eheliches Leben war eine ununterbrochene Reihe von Glück geweſen, ſo weit„ dabei die gegenſeitige Neigung in Betracht kam. In Bezug auf dieſe hatte nie ein Wechſel zwiſchen ihr und ihrem trefflichen Gemahl Statt gefunden. Im ſiebenzehnten Jahre verheirathet, wurde ſie die beglückte Mutter eines Sohnes, ehe ſie achtzehn alt wurde und dieſes Ereigniß vermehrte, wo mög⸗ lich noch ihre Liebe zu ihrem Mann. Zwei Jahre darnach gab ſie Louiſen das Leben und von dieſer Zeit an blieb ihre Seligkeit ungeſtört bis zu dem plötzlichen Tode ihres Mannes, der durch das Zer⸗ ſpringen ſeines Gewehrs bei'm Schießen veranlaßt wurde und einen tödtlichen Riß in jenes Glück machte. Das liebende Weib war gerade auf dem Weg nach einem Wald, in welchem er, wie ſie wußte, der Jagd nachging, da begegnete ihr der Zug, welcher ſeinen lebloſen Körper zu ſeiner ſonſt ſo glücklichen Wohnung brachte. Der Schlag brachte ihr beinahe den Tod und viele Monate lang zweifelte man an ihrem Aufkommen. Die wunderthätige Zeit, welche allein gebrochene Herzen heilt, trug, wie gewöhnlich, auch über das ihrige den Sieg davon. Die Religion und die Liebe zu ihren Kindern be⸗ wirkte, daß ſie zu vergeſſen ſuchte, was ehemals und was ſo ſüß geweſen, da ein liebender Gemahl, ————— 169 deſſen Geſchmack mit dem ihrigen übereinſtimmte, ihre Freuden theilte und ihr Leben zu einer be⸗ ſtändigen Folge von Annehmlichkeiten machte. Mit ihm hatte ſie erwartet, unter gegenſeitiger Liebe und Sorge das Thal des Lebens hinabzuſteigen, und zuletzt mit ihm in das Grab zu ſinken— jetzt war es mit all dieſem Glück vorüber, all dieſe Hoffnungen waren verſchwunden; und doch mußte ſie leben, bis es dem Allmächtigen gefiele, ſie mit dem wieder zu vereinigen, den ſie ſo herz⸗ lich geliebt, ſo tief betrauert. Sie mußte in der Wohnung verweilen, worin ſie ſo ſelig geweſenz ſie mußte ſeinen leeren Sitz ſehen, ſie mußte auf dem Kiſſen weinen, auf welchem ſein theures Haupt geruht, und Stunden, Tagen, Wochen, Monaten und Jahren entgegen ſehen, die in trauriger, hoff⸗ nungsloſer Wittwenſchaft vorüber ſchlichen. Sie gelobte ſich ihm nie einen Nachfolger in ihrem Herzen zu geben, und ihre Neigung ſollte hinfort gänzlich ihren Kindern geweiht ſein. Und feſt hielt ſie dieſen Entſchluß, obgleich in ſpäteren Jahren viele Verſuche gemacht wurden, ſie zu einer Aen⸗ derung deſſelben zu bringen. Die Leute konnten nicht begreifen, warum die noch junge, ſchöne und reiche Frau Sydney ſo viele Anerbietungen aus⸗ ſchlug, an denen, wie ſie ſagten, nicht das Mindeſte auszuſetzen war. Ihre Nachbarn prophezeiten, ſie würde nicht immer ſo unerbittlich bleiben; da aber ————— 170 Jahr um Jahr verging, fingen ſie doch an zu glauben, daß ſie mit ihren Vorherſagungen Unrecht gehabt hätten. Sie ſchüttelten die Köpfe und ſprachen die Hoffnung aus, die Kinder würden der Mutter das Opfer vergelten, welches ſie um ihretwillen gebracht. Aber Frau Sydney hatte kein Opfer gebracht, da ſie alle Heirathsanträge zurückwies. Sie vermochte nicht, ihr Herz zum zweitenmal zu verſchenken; treu dem Andenken an ihre erſte Neigung, bebte ſie vor dem bloßen Gedanken zurück, eine zweite Ehe zu ſchließen oder ihren Kindern einen Stiefvater zu geben. Ihr Sohn, in welchem ſie das Bild ſeines verlorenen Vaters und viele von den edeln und ſchönen Eigenſchaften deſſelben wieder erkannte, hatte kaum ſein fünfzehntes Jahr erreicht, da machte eine Hirnentzündung ſeinem Daſein ein Ende. Wer könnte den Schmerz der liebenden und gebeugten Mutter bei dieſem furchtbaren Schlage beſchreiben! Die tiefe Wunde, die ihr zwölf Jahre zuvor ge⸗ riſſen worden war, ſchien bei dieſem neuen und entſetzlichen Unglücksfall auf's neue ſich zu öffnen und zu bluten. Ihre Geſundheit litt ſo heftig, daß die Aerzte ihr riethen, ſich in ein wärmeres Clima zu begeben. So ging ſie mit ihrer, damals dreizehnjährigen Tochter nach Italien und verbrachte den Winter daſelbſt. Es war ein Glück für Fran Sydney, daß ihre Gedanken durch die unabläſſige Sorge und Auf⸗ 171 — merkſamkeit, welche ſie auf die Erziehung ihrer Tochter verwendete, von der beſtändigen Betrachtung der Urſachen des Grams abgezogen wurden, den ſie durchgemacht hatte. Sie fühlte die Nothwen⸗ digkeit, ſich zu beſchäftigen und das Bedürfniß eines Gegenſtandes, der ihr ein lebhaftes, ſie gonz in Anſpruch nehmendes Intereſſe erregte. Nur ſo konnte ſie verhindert werden, zu häufig an die Vergangenheit zu denken. In dieſer Ueberzeugung entließ ſie die Lehrerin, welche ſie bisher in der Erziehung Louiſens unterſtützt hatte und gab ſich ſelbſt völlig dieſer Arbeit hin. Es bedurfte keines geringen Maßes von Selbſtüberwindung, um bei dieſem weiſen Entſchluß zu verharren. Solches werden alle zugeben, welche Kummer erfahren haben, denn die Nachgiebigkeit gegen den Kummer übt einen wirklich lähmenden Einfluß auf den Geiſt. Es iſt ſehr ſchwer, ihn zu überwinden, und mancher treff⸗ liche Verſtand iſt durch die zauberartige Gewalt deſſelben geſchwächt worden. Es erſcheint wie eine Untreue gegen die theuren Geſchiedenen, wenn man ſich über ihren Verluſt tröſtet, und ihr Andenken wird mit einer Innigkeit unterhalten, welche den Traurenden geneigter macht, auf die glücklichere Vergangenheit zurückzublicken, welche die Gegenwart des Todten verſchönerte, als die Wirklichkeit mit Geduld zu ertragen oder in die traurige Zukunft hinauszuſchauen. 172 Die Fflicht, welche ſie übernommen, durfte nicht vernachläſſigt werden und oft erbob ſich die gewiſſenhafte Mutter nach einer ſchlafloſen Nacht von ihrem bethränten Kiſſen, um ihrer Tochter den Morgenunterricht zu geben. Eine Frau mit einem weniger feſten Bewußtſein von der Wichtigkeit des ihr obllegenden Geſchäfts hätte ſich ſelbſtſüchtig ihrem Kummer überlaſſen. Dieſe muthige An⸗ ſtrengung brachte bald ihre Belohnung. Frau Sydney fand nach und nach, wenn auch langſam, den Frieden der Seele wieder, und während ſie dem empfänglichen Gemüth Louiſens die Grundſätze einflößte, die ihr ſeibſt den beſten Troſt gewährt hatten, als es dem Allmächtigen gefiel, Prüfungen über ſie zu verhängen, wurde ihr klar, daß ſie die ſicherſte Grundlage für das künftige Glück ihres Kindes legte. Siebentes Kapitel. —— „Vor Argwohn wahre Dich— laß ihn in Deine Bruſt Nicht dringen; er bringt Gift in jede Lebensluſt Und jedes theure, zarte Band Wird von ihm durchgeriſſen, Das Lieb' und Freundſchaft um dich wand, Das Leben zu verſüßen.“ Der Wechſel des Climas erwies ſich ſo heilſam für den Zuſtand der Frau Sydney und ihrer Tochter, daß die erſtere gerne nach England zurückgekehrt und ganz dort geblieben wäre. Ihre Geſundheit blieb aber doch noch immer ſo zart, daß ſie nur während der Sommermonate in ihrem Heimathland zu bleiben vermochte, und dieſes zu thun, machte ſie ſich denn auch zur Gewiſſensſache. Obgleich ſie aber in der rauhen Jahreszeit von Hauſe ab⸗ weſend war, vergaß ſie doch der Armen nicht und ihre milden Gaben, welche durch die Hände des Ortspfarrers und ſeiner trefflichen Frau gingen, floſſen ſo reichlich und ununterbrochen, als wäre die gütige Sckeakerin ſelbſt dageweſen. Der Tod ihres Bruders machte Louiſe Sydney zur Erbin bedeutender Güter, von denen blos vier⸗ tauſend Pfund jahrlich an ihre Mutter bezahlt 17⁴ werden mußten. Daneben überkam ſie ein beträcht⸗ liches Kapital, das in Folge der langen Minder⸗ jährigkeit mit jedem Jahre mehr anwuchs. Frau Sydney fürchtete, dieſe Beſitzthümer möchten, wenn ſie auch die Bedeutung ihrer Tochter vom weltlichen Geſichtspunkt aus betrachtet, ſteigerten, doch nichts zu Sicherung ihrer Ausſichten auf Glück beitragen. Denn ſie dachte, wie manche gutherzige Mutter ohne hochfliegende Plane, mehr daran ihr Kind glücklich zu machen, als ſie vornehm zu verheirathen und zitterte vor dem Gedanken, daß ihre hochſinnige und liebliche Tochter die Beute eines geldſüchtigen Mannes von Stande werden könnte, der ſeinem zerrütteteten Vermögen durch ihr Geld wieder auf⸗ zuhelfen ſuchte. Während ſie ſich gegen einen ſolchen Unglücksfall zu verwahren ſuchte, begriff Frau Sydney, wie es ferner nothwendig wäre, wo mög⸗ lich zu verhindern, daß ihre Tochter den Argwohn einſauge, der ſich ſo leicht erzengt, wenn die von der Klugheit gebotene Vorſicht angewendet wird. Aber eine alte und getreue Dienerin, welche immer im Hauſe geblieben war, ſeitdem ſie Herrn Sydney als Amme gedient hatte, vereitelte zum Unglück den Wunſch und die Sorgfalt der Frau Sodney in dieſem Punkte. Dieſelbe war nämlich immer um ihre Tochter von der Geburt der letzteren an und verſah jetzt die Stelle einer lemme de chambre bei dem jungen Fräulein. 175 Frau Murray, ſo hieß die Amme, liebte ihre kleine Lady faſt bis zur Abgötterei und glaubte ihr einen ausgezeichneten Beweis von Anhänglichkeit zu geben, wenn ſie dem reinen und einfachen Ge⸗ müth einen Verdacht einflößte, der ſonſt nie Eingang gefunden hätte. Sie wurde nicht müde, von den Gefahren zu reden, denen reiche Mädchen von Seiten der ſelbſtſüchtigen und ſchlauen Männer ausgeſetzt wären und wie wenig Ausſicht ſelbſt die ſchönſten aus dieſer unglücklichen Menſchenklaſſe hätten um ihret ſelbſt willen geliebt zu werden. Sie konnte ſeufzen, ja ſogar weinen, wenn ſie in das argloſe Ohr Louiſens Erzählungen von den Schickſalen reicher Mädchen ergoß, welche nach ihrer Angabe von einem gleiſſenden Verführer zur Ehe verlockt worden wären. Derſelbe hätte, fuhr ſie fort, eine nie empfundene Neigung geheuchelt, wenn der ver⸗ hängnißvolle Knoten, den man mit den Zähnen nicht mehr löſen kann, mit der Zunge geknüpft ge⸗ weſen wäre, ſo hätte er die Maske abgeworfen, die Unglückliche, mit der er ſein Spiel getrieben, mißhandelt, ihr Vermögen in Befriedigung ſeiner eigenen Genußſucht und ſeiner Laſter verſchwendet und ſie als ein Opfer ſeines Leichtſinns zurückgelaſſen. Solche Erzählungen wurden oft wiederholt und prägten ſich tief in Louiſens Gedächtniß ein; doch aber ſträubte ſich ihre edle Natur gegen den Arg⸗ wohn, den die Amme in ihr Ohr ſtreute, und ſie 176 fand oft Veranlaſſung zu Zweifeln darüber ob die Männer denn wirklich ſo nieverträchtig ſein könnten, oder ob alle Erbinnen zu dem Schickſal verdammi wären welches ihr die gute Murray beſchrieb. Sie ſagte oft— „Aber gewiß muß es doch auch Ausnahmen geben. Ein armer Mann kann ohne gemeine Be⸗ weggründe lieben und Männer die ein großes, eigenes, nicht verſchuldetes Vermögen beſitzen, kön⸗ nen eine reiche Frau ohne irgend einen Gedanken an ihr Vermögen lieben und heirathen.“ „Ach nein, meine theure Lady auf arme Männer hat die Sucht nach Reichthum immer Einfluß und ſelbſt die Reichen ſtreben mit derſelben Begierde nach Reichthum wie die Heruntergekommenen. Auch die ſchönſten Frauenzimmer finden, wenn ſie Er⸗ binnen ſind, aber nur zu ſpät, daß man ſie nie um ihret ſelbſt willen geliebt hat.“ Solche Eindrücke wurden Louiſen beigebracht, während ihr Gemüth noch weich genug war um dieſelben unwandelbar feſtzuhalten und zu einer Zeit da ihre Vernunft noch nicht Stärke genug gewonnen hatte um ihnen entgegenzuarbeiten. Da⸗ her brachten ſie gerade die Wirlung hervor welche ihre Mutter am meiſten fürchtete. Sie wurde kalt, verſchloſſen und bebutſam. Trotz tauſend ed⸗ ler und erhabener Gefühle und Regungen in der eigenen Bruſt, durch welche ſie zu dem Glauben 177 an das Daſein ähnlicher Empfindungen im Herzen Anderer hätte geführt werden können, erblickte ſie in jedem Mann, der ihr zu gefallen ſuchte, einen geldſüchtigen Freier, der blos an ihren Reichthum denke und verſchmähte die Huldigungen, weil ſie glaubte, ſie beruhen auf ſolchen unwürdigen Be⸗ weggründen. Frau Sydney erkannte mit tiefem Schmerz und mit Ueberraſchung den Eindruck, welcher auf das Gemüth ihrer Tochter hervorgebracht worden war; aber die Entdeckung wurde leider erſt gemacht, als es ſchon lange zu ſpät war den Fehler auszu⸗ rotten. Nachdem ſie die Sache lange in Erwägung gezogen, gelangte ſie zu der Ueberzeugung, daß es klüger ſein würde, den allmähligen Einfluß der Zeit wirken und durch ſie den Irrthum wegräumen zu laſſen als ſich dabei aufzuhalten und ihn durch Vernunftgründe vielleicht noch zu verſchlimmern. Die zärtliche Mutter wurde nämlich durch ihre Liebe nicht ſo ſehr geblendet, um ſich entgehen zu laſſen, daß in dem Charakter ihrer theuren Louiſe manchmal einiger Eigenſinn hervortrat und daß ſich ſolcher mehr durch ein hartnäckiges Feſthalten an ihren Anſichten, denn durch eine herzhafte Vertheidigung derſelben verrieth. Sie hoffte viel von dem Ein⸗ fluß der perſönlichen Eigenſchaften des Freiers, welcher das Herz ihrer Tochter feſſeln würde. Mit dieſer Hoffnung beſchwichtigte ſie ſich ſelbſt und Strathern 1. 12 ließ auch Louiſen in Ruhe, indem ſie den Gegen⸗ ſtand auch nicht berührte. 1 Frau Sydney hatte von Haus aus ein etwas gleichgültiges Weſen wahrſcheinlich als Folge eines Mangels an Reitzbarkeit des Temperaments. Ihre zarte Geſundheit machte ihr Ruhe und Stille nöthig und bewirkte daß ſie ſorgfältig alles vermied, was den Genuß dieſer Annehmlichkeiten beeinträchtigen 1 konnte. Dadurch lernte ihre Tochter ſich frühzeitig 1 von allem geiſtigen Zwang in Bezug auf ihre An⸗ ſichten losmachen, obgleich ihre zarte Anhänglichkeit und der Gehorſam gegen ihre ſanfte und freund⸗ liche Mutter jede Möglichkeit abſchnitt, auch nur in den mindeſten Streit mit der letzteren zu ge⸗ rathen. Vielmehr war dieſe der Gegenſtand einer unwandelbaren und eifrigen Aufmerkſamkeit von Seiten ihres Kindes und hatte keine Ahnung davon, daß ihre Geſinnungen und Anſichten über einen Punkt ſich völlig entgegengeſetzt waren. Offen wie der Tag und voll Vertrauen auf den inneren Werth Anderer kannte Frau Sydney keine Argliſt . und vermuthete keine. Und ſo wäre Wahrſcheinlich auch Louiſe geworden, hätte nicht die engherzige Murray, freilich in der beſten Abſicht, in ihrer jungfräulichen Bruſt Argwohn erregt. Ihr von Haus aus edles und großes Herz triumphirte zwar auch ſo noch manchmal über dieſen ange⸗ lernten Fehler, aber er übte bei anderen Gelegen⸗ 179 heiten eine augenſcheinliche Herrſchaft aus und be⸗ reitete ihrer Mutter Schmerz und Kummer. So viele Bewunderer auch die Schönheit und die Talente der Tochter herbeizogen, Strathern war der Einzige, den Frau Syoney für würdig achtete, den Beſitz ihrer Hand anzuſtreben, oder den ſie für geeignet hielt, den Argwohn zu beſeitigen, der, wie ſie jetzt nur zu deutlich erkannte, ſich in Louiſens Gemüth eingeſchlichen hatte und vermöge deſſen ſie Jedem geldſüchtige Abſichten unterſtellte, der ihr zu gefallen ſuchte. Sein offener Charakter hatte die von ihr angeſtellten Erkundigungen unter⸗ ſtützt und ſein Geſchmack wie ſeine Kenntniſſe führten ſie zu dem Glauben, daß ein Mann, der in dieſer Jugend ſchon ſolch' ſchöne Eigenſchaften entwickelt und die Thorheiten und Laſter vermieden hatte, in welche der Leichtſinn ſo viele ſeiner Altersgenoſſen ſtürzte, daß ein ſolcher Jüngling nothwendigerweiſe ein ausgezeichnetes Glied der Geſellſchaft und ein Mann werden mußte, deſſen Obhut man das Glück eines jungen und ſchönen Madchens vertrauensvoll übergeben kohte. Bei dieſer Ueberzeugung hatte ſie mit Vergnügen ſeine Bewunderung für ihre Tochter bemerkt, ehe Louiſe ſelbſt von derſelben etwas gewahr wurde; ſie hütete ſich aber ſorgfältig, ihre Gedanken darüber gegen ihr Kind auszuſprechen, um den Argwohn nicht rege zu machen, dem jeder neue Verehrer ausgeſetzt war. Sie wollte Stra⸗ 180 thern erſt Zeit laſſen, einen vortheilhaften Eindruck zu machen, mittelſt deſſen er jenen Verdacht be⸗ kämpfen könnte. Frau Sydney war darum ſtets bereit, ſeinen Beſuch anzunehmen und ſich mit ihm zu unterhalten. Loniſe ſaß dann gewöhnlich beiſeite und ſetzte ihr Malen oder Sticken ſo eifrig fort, als wäre er gar nicht zugegen. Nur bisweilen warf ſie ein paar Worte in das lebhafte Geſpräch, das eben Statt fand und dann auch nur, wenn ſte von einem der Redenden dazu aufgefordert ward. Obgleich ſie aber faſt blos ſchweigend zuhörte, gab ſie doch auf Alles genau Acht. Die Richtigkeit und Hochſinnigkeit in den Anſichten, die ihre Mutter durch ihre Bemerkungen mehr aus Strathern heraus⸗ lockte, als daß er ſie freiwillig darlegte, überraſchten ſie und gefielen ihr. Manchmal ſprach ſie eine von der der Anderen abweichende Anſicht aus, blos um das Vergnügen zu haben, von ihm wider⸗ legt zu werden. Denn er beſaß die glückliche Kunſt, die Vernunft der Leute zu überführen, ohne die amour propre Derer zu verletzen, von denen ihn eine Meinungsverſchiedenheit trennte. Wenn Stra⸗ thern um Erlaubniß bat, die Zeichnung zu betrach⸗ ten, an der ſie arbeitete, ſo war ſie erſtaunt, daß er abweichend von ihren anderen mäanlichen Be⸗ kaunten Ausſtellungen machte und Verbeſſerungen vorſchlug, während jene blos Vollkommenheiten entveckten und das übertriebenſte Lob ausſprachen. Die Fortſchritte,, Strathern in ihrer Achtung machte, waren zwar ſicher, aber langſam, und zwar ſo langſam, daß er ſich oft verſucht fühlte, ſeine Bewerbung aufzugeben. So wenig Ausſicht ſich jedoch auch zeigte, daß dieſelbe endlich mit Erſolg gekrönt werden würde, ſo übte das liebliche Ge⸗ ſchöpf doch eine ſo große Gewalt über ihn aus, daß er ſich nicht von ihr loszureißen vermochte. Auch Louiſe würde ſein Ausbleiben nicht ohne Bedauern geſehen haben und dieſes Gefühl war ihr früher nie vorgekommen, wenn ein Mann von ihr geſchieden war. Es war jetzt ſo weit gekommen, daß ſie ihn zu einer beſtimmten Stunde erwartete, daß ſie ſeinen Tritt kannte und daß ſie ihr Herz ſchneller ſchlagen fühlte, wenn er ſich ihr nahte; deſſenungeachtet aber wäre ſie lieber geſtorben, als daß ſie ihn den Zuſtand ihres Innern hätte merken laſſen. Auch ihre Mutter ſollte nichts davon ahnen; und doch wurde ſie ſich bewußt, daß ihre Gefühle nicht blos aus einer mädchenhaften Laune entſprangen und daß es für ſie keine leichte Auf⸗ gabe ſein würde, ſie zu bewältigen, wenn eine vertrautere Bekanntſchaft ſolches als unerläßlich erſcheinen ließe. Man hat geſagt, die Gefühle von Königinnen, die durch ihre Geburt zur Regierung berufen,— nicht derer, welche blos mit Königen verheirathet ſind— unterſcheiden ſich in vielen Beziehungen 182 von denen anderer Frauen und in keiner ſo ſehr als in den Befürchtungen und Zweifeln, die ſie erfahren, wenn die zärtliche Leidenſchaft in ihnen erwacht. Da ſie zu herrſchen gewöhnt werden, gerathen ſie leicht in Ungeduld, wenn man ihnen fühlbar macht, daß ſie, die bisher die Geſchicke ihrer Umgebung beſtimmt hatten, nun in Betreff ihres Glücks von einem Anderen abhängig ſein ſollen, der vielleicht nicht immer ſo ſehr von den Reizen des Weibes angezogen, als von dem Rang der Königin geblendet wird. Wie viele Beſorgniſſe und Befürchtungen iſt eine ſolche Stellung zu er⸗ regen geeignet! Jede iſt Gift für die erſte Em⸗ pfindung des Entzückens, welches die Liebe in einer jugendlichen Bruſt erregt. Die Erbinnen eines großen Vermögens laſſen ſich in dieſem Betracht mit Königinnen vergleichen und gerade der ſo ſehr erſehnte und beneidete Reichthum, der ſo viele Annehmlichkeiten verſchafft, beraubt ſie des reinen und lauteren Glücks das unbemittelten Mädchen aufbehalten iſt. Denn dieſe ſind ſicher, daß ſie um ihret ſelbſt willen gewählt und geliebt werden. „Ich will ihn genau beobachten, ſeinen eigent⸗ lichen Charakter und ſeine Denkungsart kennen zu lernen ſuchen,“ ſagte Louiſe Sydney zu ſich ſelbſt in der Einſamkeit ihres Zimmers,„und finde ich ſie ſo wie ich ſie wünſche, ſehe ich, daß ich ſelbſt und nicht mein Vermögen der Gegenſtand iſt, der 5 B 183 ihn an mich feſſelt, ſo will ich ihn gewahren laſſen, daß ich gegen ſeine Aufmerkſamkeit nicht gleichgül⸗ tig bin.“ Dann kamen ihr aber wieder Zweifel, ob dieſe Aufmerkſamkeiten ihr gälten und nicht ihrer Mutter erwieſen würden. Dieſer Zweifel war eine Marter für ſie. „Die Mutter iſt noch ſehr ſchön,“ ſagte Louiſe und ſeufzte bei dieſem Zugeſtändniß;„ſie iſt auch noch nicht zu alt, um eine zärtliche Leidenſchaft einzuflößen.“ Und dabei erſeufzte ſie noch tiefer. „Sie iſt bedeutend jünger als Lady L. oder Lady M., die noch immer die Herzen gefangen halten. Wie, wenn er in ſie verliebt wäre, während ich, eitle Thörin, die ich geweſen, mir einbildete, daß er gegen ſie blos den Angenehmen ſpiele, um mich zu gewinnen. Gewiß iſt es ſo, es muß ſo ſein.“ Und eine neue Qual erfaßte Louiſe, wenn ſie ſich die langen und intereſſanten Geſpräche und die lebhaften und freundlichen Blicke zurückrief, die faſt jeden Tag zwiſchen ihrer Mutter und Stra⸗ thern ausgetauſcht wurden. Solche Gedanken nagten an ihrer Seele und gaben ihren Zügen einen nach⸗ denklichen Ausdruck, als ſie in das Frühſtückszimmer trat. Sie hatte ungewöhnlich blaſſe Wangen an dem Morgen, nachdem jener beunruhigende Zweifel in ihr aufgeſtiegen war und ertappte ſich während des Frühſtücks ſelbſt häufig über Blicken auf ihre 184⁴ Mutter. Da ſie hiebei die Sanftheit und Zartheit ihres Geſichts, den Glanz ihrer Augen, ihre ſei⸗ denen, üppigen Haare und die Weiße ihrer Zähne bemerkte, ſo geſtand ſie ſich ſelbſt, daß nichts Auf⸗ fallendes darin läge, wenn eine ſolche Frau noch Eroberungen machte. „Aber er iſt ſo jung,“ dachte Louiſe,„daß eine Wahl, die bei einem Manne von der Mutter Alter natürlich genug ausſehen würde, an ihm etwas ſonderbar erſcheinen müßte, beſonders wenn eine Tochter von meinen Jahren da iſt“— Und in dem Augenblick war ſie geneigt zu glauben, daß ſie zu hinreichend reifem Alter gelangt ſei— um ihn an die Ungleichheit zu erinnern, die zwiſchen ihm und dem Gegenſtand ſeiner tendresse beſtehe.“ „Du biſt heute recht nachdenklich, Kind,“ ſagte Frau Sydney. „Wirklich, Mutter? Davon weiß ich nichts;“ und eine roſige Röthe verrieth die Unwahrheit dieſer Worte. „Ich glaube Rom fängt an Dir zu entleiden, Louiſe, und wenn dem ſo iſt, ſo bin ich bereit, es zu verlaſſen, ſobald Du willſt.“ „Nein, Mutter, ich verſichere Dich, daß ich Rom's gar nicht überdrüſſig bin; au contraire, ich gebe ihm den Vorzug vor allen anderen Gegenden Italiens. Ich finde Gefallen an ſeinem ernſten Anſehen, ſeinen Ruinen, an dem unvergleichlichen ——————————— 185 Vatikan und der herrlichen Peterskirche. Es miß⸗ fällt mir in der ewigen Stadt nichts als die Bälle, die Mahle und soirées, welche unſere Landsleute hier eingeführt haben. Sie ſcheinen zu vergeſſen, daß ſie nicht zu London ſind und beſchreiben hier wie dort, denſelben ſchwerfälligen und ungemüth⸗ lichen Kreis deſſen, was ſie mit Unrecht Verguügen nennen.“ „Du wirſt ein ganzer Philoſoph, Liebe; aber, die Wahrheit zu ſagen, auch ich mißbillige die Sitte der Engländer, nach welcher ſie in einer Stadt, die ſo geeignet iſt, ernſte Gedanken zu wecken, genau dieſelbe Lebensweiſe führen, wie während der Saturnalien einer Londoner saison, wo ſie ſich in die Luſtbarkeiten der Hauptſtadt ſtürzen, wenn ſie aus dem faden Gang des Land⸗ lebens heraustreten, wie ſie das nennen. Es ſcheint die einzige Beſchäftigung der Frauenzimmer von gewiſſem Alter zu ſein, daß ſie Jemand zu kriegen ſuchen, der mit ihnen einen Robber bei'm Whiſt macht und das einzige Streben der jüngeren geht dahin, ſich einen Begleiter durch's Leben zu ſichern. Ich ſollte meinen, ſolches ließe ſich leichter daheim bewerkſtelligen, und es ſieht höchſt ungereimt aus, wenn man die Leute betrachtet, die ſich hier auf⸗ halten und ſo wenig Sinn für die Herrlichkeiten haben, welche ſie umgeben.“ 186 „Gott ſei Dank, Mutter, Du biſt keine Karten⸗ ſpielerin und ich keine Männerjägerin.“ „Ich weiß kaum, Louiſe, ob ich mich darüber zu freuen Urſache habe, daß ich nicht Karten ſpielen kann, denn häufig macht man mir darob ſaure Geſichter und wirft ärgerlich den Kopf zurück, wenn es an einer Perſon fehlt, um einen Robber zu machen und ich erkläre, daß ich das nicht ver⸗ ſtehe. Erſt vor drei Nächten habe ich gehört, wie Lady Melderton die Bemerkung machte, daß die, welche nicht ſpielen, in Geſellſchaften nichts zu thun hätten, und daß ſie der Anſicht wäre, gewiſſe Leute lehnten das Spiel blos ab, um zu zeigen, daß ſie jung ſeien.“ Und dabei warf ſie einen ziemlich hämiſchen Blick auf mich. „Was für eine boshafte Frau!“ ſagte Louiſe. „Nein, nicht gerade boshaft, blos ſelbſtſüchtig und ärgerlich, wenn ihr Vergnügen geſtört wird. Die Karten bilden ihre einzige Unterhaltung und ſie kann es nicht verzeihen, wenn Jemand nicht dazu helfen will, ihr ſolche zu verſchaffen.“ „Mich wundert nur,“ bemerkte Louiſe,„daß die Leute an Etwas Vergnügen finden können, was ihnen ſo oft die Laune verderbt. Sieh nur ein⸗ mal Lady Melderton an, wenn ſie verliert; ihr ſonſt hübſches Geſicht wird dann völlig widerlich. Abwechſelungsweiſe wird ſie roth und blaß, ihre Augen funkeln, ihren Mund kneift ſie zuſammen, iyre Wangen verlängern ſich und ihre Hände zucken — kurz um, ein Blick auf ſie könnte jedes Frauen⸗ zimmer von der unweiblichen Spielwuth heilen.“ „Du vergißt, meine Liebe, daß ſich die Leute mit der Hoffnung auf Gewinn niederſetzen und auch die Mißlaunigen gerathen in eine beſſere Stimmung, wenn ſie gewinnen.“ „Ich weiß wahrhaftig nicht, Mutter, ob der Triumph, der ſich ſtets beim Gewinnen in den Geſichtern ausſpricht, obgleich ſie ihn zu verbergen ſuchen, nicht noch unangenehmer anzuſehen iſt, als ihr unverhüllter Aerger beim Verlieren. Nein, ich werde nie eine Spielerin werden.“ „Das haben Viele in Deinem Alter geſagt, meine theure Louiſe; aber in ſpäteren Jahren ändern ſich die Anſichten. Wenn das Alter kommt und die Gebrechen mit ſich bringt, welche von dem Daſeyn der vorgerückteren Jahre unzertrennlich ſind, wenn die Lebensgeiſter ſchwächer werden und das Geſicht abnimmt, findet man oft in einem Whiſtrobber ein Mittel, ſich die langen Winter⸗ abende zu vertreiben, die ohne dieſes ſchwer auf Leuten laſten würden, welche zu ſchläfrig ſind für die Unterhaltung.“ „Auch ſollen alte Leute das Vorrecht haben, Karten zu ſpielen, wenn ſie es nur mit Maß und Ziel thun und nicht das Geſchäft ihres Lebens daraus machen, oder zu viel Geld in's Spiel 188 ſtecken. Aber wie unverſtändig iſt es, wenn junge oder Leute von mittlerem Alter, die noch im Beſitz der Geſundheit und geiſtiger Kraft ſtehen, ihre Zuflucht zu den Karten nehmen, wie die älteren und ihren Abend mit Spielen verbringen. Das erſcheint mir ganz unbegreiflich.“ „Und gewiß verdient es auch großen Tadel. Aber die Faulheit, dieſes Gift des Lebens und die Sucht nach Aufregung führt Manche zum Spiel⸗ tiſch. Ich erinnere mich einen ausgemachten Spieler einmal behaupten gehört zu haben, daß ihm dieſe Unterhaltung ſo nothwendig ſei, als Eſſen und Kleidung und daß gerade die mit dem Verluſt ver⸗ bundene Aufregung den Vorzug verdiene vor dem Stillſtand des Geiſtes in den Stunden, die man nicht mit Spielen zubringe.“ „In welch' verkehrtem Geiſteszuſtand muß ein Menſch ſeyn, der ein ſolches Geſtandniß ablegt, während die Welt ſo viele Quellen reiner und der Vernunft angemeſſener Freuden für Alle enthält, die auch nur ihr Auskommen haben. Mir ſcheint es, daß die Betrachtung der Natur, des ſchönen Himmels, der grünenden Erde und Alles deſſen, was ſie ſchmückt, der Anblick des unbegränzten und erhabenen Meeres, der klaren und glänzenden Seen und Flüſſe voll unerſchöpflicher Vergnügungen iſt. Dann ſteht der unergründliche Schacht der Literatur Allen offen, welche ſeinen bleibenden Freuden nach⸗ 189 geben und das Studium der ſchönen Künſte und Wiſſenſchaften gewährt denen, welche ſie zu ſchätzen wiſſen, ein nie erlöſchendes Intereſſe. Wie mögen die Leute den Spieltiſch aufſuchen, um die Zeit zu tödten, da es doch ſo viele Mittel gibt, jede Stunde angenehm auszufüllen?“ „Der verderbliche Einfluß böſer Beiſpiele erzeugt dies gefährliche und immer mehr um ſich greifende Laſter und die Gewohnheit feſtigt es. Wer ihm nachhängt, wird dadurch unfähig für alles Beſſere und Eolere, und der Hang darnach hat viele vor⸗ nehme Familien zu Grunde gerichtet. Wie viele Männer habe ich gekannt, deren Leben unter den glänzendſten Ausſichten begann, die aber, ehe ſie zu reiferen Jahren gelangten, ſich und die ihnen theuer waren, in unabwendbares Verderben geſtürzt hatten. Unter allen Thorheiten kann ich dieſe am wenigſten begreifen und von allen Laſtern fürchte ich dieſes am meiſten, denn es iſt für alle, die ſich demſelben überlaſſen, ſo verderblich als die Nordſee, von der man ſagt, es komme nicht ein Fetzen voa dem Wrack der Schiffe mehr zum Vorſchein, welche in derſelben untergehen. Wie wenig Spuren bleiben von den guten Eigenſchaften zurück, die im Spiele Schiffbruch gelitten haben. Alle, alle werden ver⸗ ſchlungen und doch läßt ſich niemand durch die ſchrecklichen Beiſpiele warnen, die ſo oft vorkommen. Nein, jedes Jahr ſieh! man, wie Vermögen, Ruf * und Frieden auf dem Altare des Mammons geopfert werden.“ „Ich werde nie einen Mann heirathen, wenn er nicht vor dem Spiele eben ſo großen Abſcheu hat als Du, theuerſte Mutter,“ ſagte Louiſe Sydney ernſthaft und Frau Sydney vernahm den Entſchluß mit Freuden. Obgleich Lord Alexander Beaulien durch die abſchlägige Antwort des Fräuleins Sydney tief be⸗ leidigt und gekränkt war, ſo gab er doch ſeine Be⸗ ſuche bei ihr nicht auf. Zweierlei veranlaßte ihn dieſes Betragen einzuhalten. Erſtens nämlich wollte er nicht bekannt werden laſſen, daß ihn die junge Lady abgewieſen hatte. Er war ſehr beſorgt, vaß dieſe Thatſache geheim bliebe und die Leute wären doch auf derartige Vermuthungen gerathen, wenn er ſe ne Beſuche bei ihr eingeſtellt hätte. Zweitens war ihm ein anderer Plan in den Kopf gekommen und er wollte verſuchen, ob ſeine Heirathsanträge nicht einen beſſeren Erfolg haben würden, wenn er ſich damit an die Mutter wendete. Er machte jetzt der Frau Sydney auf's Eifrigſte den Hof und bot ihr bei jeder Gelegenheit den Arm an. Er hielt ſich in ihrer Nähe, wo ſie ſich ſehen ließ und er⸗ wies ihrer lieblichen Tochter plos ſo viel oberfläch⸗ liche und achtungsvolle Artigkeit, als jedes Frauen⸗ zimmer in der Geſellſchaft erwarten kann. Da weder Mutter noch Tochter das Geringſte davon 194 verriethen, daß er um die letztere angehalten hatte und da er ſelbſt ſich wohl hütete, die geringſte An⸗ deutung über die Sache fallen zu laſſen, ſo blieb dieſer Vorgang der Geſellſchaft, welche beide be⸗ ſuchten, völlig unbekannt. Blos Strathern hegte Vermuthungen darüber. Er hatte mit dem Scharf⸗ blick des Liebenden die früheren Aufmerkſamkeiten Lord Alexander Beaulieu's gegen Fräulein Sydney bemerkt und da er ſah, daß ſie aufgehört hatten, ſo errieth er den eigentlichen Stand der Sache. Daß aber Beaulien ſeine Bewerbung auf einmal von der Tochter auf die Mutter übertrug, diente nicht dazu, ihn in Strathern's Meinung höher zu ſtelen. Es verdroß den letzteren ernſtlich, daß eine in jeder Beziehung ſo hochſtehende Frau, als Frau Sydney, von dem geldſüchtigen jungen Manne zum Gegenſtand ſeines berechneten Treibens erleſen werden ſollte, während ſie ſeine Abſichten nicht argwöhnte und ihm dieſelbe Artigkeit erwies, wie allen ihren ſonſtigen Bekannten. Louiſe bemerkte mit einer Verachtung, die zu verbergen ſie ſich wenig Mühe gab, das unzarte Benehmen ihres früheren Anbeters und wunderte ſich hlos, daß ihre Mutter nicht einſah, welche Beweggründe demſelben zu Grunde lagen. Aber die Wahrheit war, Frau Sydney hielt dafür, ſie wäre ſo weit über Liebeständeleien und Bewerbungen hinaus, daß ihr der Gedanke nie zu Sinne kam, ein Mann und beſonders ein 192 junger Mann, der nach ihrer Tochter Hand ge⸗ trachtet, könnte Abſichten auf ſie ſelber haben. Dieſer neue Beweis von der Nieverträchtigkeit, zu welcher das Geld die ſo ihm nachjagen, ver⸗ führen und herunterbringen kann, beſtärkte Louiſe in der ſchlimmen Meinung, die ſie von der Männer⸗ welt hegte und führte ihrerſeits eine vermehrte Kälte nicht blos gegen den völlig unwürdigen Theil der⸗ ſelben herbei, ſondern auch gegen diejenigen, welche ganz frei waren von der ſelbſtiſchen Berechnung, die einen ſo heftigen Widerwillen in ihr erregte. Strathern bemerkte mit Schmerz die Veränderung in ihrem Betragen. Da er die eigentliche Urſache davon nicht kannte, fühlte er ſich verſucht ſie einer Laune zuzuſchreiben und es betrübte ihn einen ſol⸗ chen Fehler an einem Weſen zu entdecken, das er für frei von allen Mängeln gehalten hatte. Der Kummer darüber machte ſich auch in ſeinem Be⸗ nehmen ſichtbar und blieb von Loniſen nicht unbe⸗ merkt. Sie bildete ſich irrigerweiſe ein, das rühre von der Eiferſucht über die Aufmerkſamkeit her, welche Lord Alexander Beaulien ihrer Mutter er⸗ wies und dieſe Vermuthung trug nicht eben zu Vermehrung ihres Glückes bei. Sie bemerkte die verdrießlichen Blicke, mit denen Strathern ſeinen vermeintlichen Nebenbuhler betrachtete, wenn er ihn, wie das oft der Fall war, auf dem Sitze neben Frau Spdney antraf, den er ſonſt gewöhnlich ein⸗ genommen hatte. Dies befeſtigte ihren Argwohn. So ſchmerzlich aber die Gefühle auch waren, welche dadurch erregt wurden,— ſie führten zu einem unerwarteten Reſultat. Da ſie ſich jetzt nicht weiter einbilden konnte, Strathern hege irgend welche Abſichten auf ſie ſelbſt, ſo war es unnöthig, die bisherige Zurückhaltung gegen ihn zu beobachten. Während daher Lord Alexander Beaulieu ſich mit ſeinem Geſpräch blos an Frau Sydney wandte, unterhielt ſich ihre Tochter dann und wann mit Strathern. Nach und nach verſchwand nicht blos ihre ſtolze Kälte, wie der Schnee unter dem be⸗ lebenden Einfluß der Sonnenſtrahlen ſchmilzt, ſon⸗ dern ſie vergaß auch allen Argwohn, der ſie noch vor Kurzem gequält hatte, oder ſie hing demſelben nicht mehr nach. Frau Sydney bemerkte mit Vergnügen die Vertraulichkeit, die ſich langſam aber ſicher zwiſchen ihrer Tochter und dem einzigen Mann bildete, den ſie bisher von ſo guter Seite kennen gelernt, um ihm willig das Schickſal derſelben anzuvertrauen. Da ſie wünſchte, die beiden einander noch näher zu bringen, ſo ertrug ſie in Geduld die im⸗ mer zunehmende Artigkeit Lord Alerander Beaulieu's. Solches diente auch zu Beförderung ihrer Abſicht, denn es nöthigte Louiſen gewiſſermaßen zur Unter⸗ haltung mit Strathern, während die Mutter mit dem Andern redete. Lord Alexander Beaulien ließ ſich durch ſeine Strathern 1. 13 194 thörichte Eitelkeit verführen, die Höflichkeit der Frau Sydney aus einem zärt icheren Gefühle herzuleiten; er fand darin eine immer neue Aufmunterung und glaubte, es wäre jetzt Zeit, der Mutter dieſelbe Liebes e klärung zu machen, die er erſt ein paar Wochen zuvor an die Tochter gerichtet hatte. Wie bei der früheren Gelegenheit that er dies ſchriftlich. Selten war in Frau Sydney ein Gefühl aufgeſtiegen, das mehr Verwandtſchaft mit dem Zorn gehabt hätte, als da ſie ſeine Zuſchrift las; aber dieſes Gefühl verwandelte ſich in Verachtung über die ſchamloſe Frechheit, mit welcher der Schreiber ſich herausnahm von Liebe gegen ſie zu ſprechen, nach⸗ dem er noch vor ganz kurzer Zeit behauptet, er hege die brennendſte Leidenſchaft für Louiſen. Sie machte ſich Vorwürfe darüber, daß ſie bisher Lord Alerander Beaulien mit ſo viel Nachſicht behandelt hatte. Es war blos ihre Abſicht geweſen, ihn über die Vereitelung ſeiner Hoffnungen zu tröſten, nachdem ihn ihre Tochter abgewieſen und jetzt hatte er offenbar ihr Betragen ſo angeſehen, als wollte ſie ſeine Abſichten auf ſie ſelbſt begünſtigen. Sie gab ihm daher ihre abſchlägige Antwort in ſo kalten und ſtolzen Ausdrücken, daß ihm nicht einmal die Hoffnung blieb, eine fortgeſetzte Bekanntſchaft mit ihm würde ihr für die Zukunft noch angenehm ſeyn. Louiſe wurde bald gewahr, daß Etwas vorgegangen war und den gewöhnlichen Gleichmuth ihrer Mutter 195 geſtört hatte, obgleich Frau Sydney unterließ, von der Sache zu ſprechen. Die Wahrheit war, ſie ſchänte ſich ihre Tochter wiſſen zu laſſen, daß man ſich ſo viel Freiheit gegen ſie herausgenommen; denn ſie betrachtete den ihr gemachten Antrag als nichts anderes, denn als eine ihr angethane Be⸗ ſchimpfung. Da aber mehre Tage vergingen, ohne daß Lord Alexander Beaulien in ihrer Mutter salon erſchien, da er ſie auch offenbar vermied, wenn ſie irgendwo mit einander zuſammentrafen, ſo drang ein Strahl der Wahrheit in Louiſens Seele und ſie wagte es gegen ihre Mutter darauf anzuſpielen. „Wir wollen nicht von ihm reden, Liebe,“ ſagte Frau Sydney und ihre Wangen wurden roth vor Zorn.„Er iſt ein eitler, thörichter Menſch und ich habe ihm zu verſtehen gegeben, daß ſeine Be⸗ ſuche hier nicht länger angenehm ſind.“ Die Wuth des abgedankten Freiers kannte keine Gränzen. Was! ich ſoll von einem Weibe abge⸗ wieſen werden, die wenigſtens zwölf Jahre älter iſt als ich und noch dazu eine erwachſene Tochter hat. Das iſt zu ärgerlich!— Und er gab ſich ſelbſt das Verſprechen, wenn ſich Gelegenheit dazu böte, ſeine Rache an der Mutter wie an der Tochter vafür auszulaſſen, daß ſie ihm einen doppelten Strich durch die Rechnung gemacht. Er hatte ſich in Ge⸗ danken ſchon das bedentende Leibgedinge der Frau Sydney zugeeignet, er berechnete ſchon den wahr⸗ 2 196 ſcheinlichen Betrag der Erſparniſſe, die eine ſo kluge Frau gemacht haben mußte; er ging ſchon mit ſich zu Rathe, wie er es anzufangen hätte, um aus dem großen Vermögen ihrer Tochter einigen Nutzen zu ziehen, wenn ſie ſeine Stieftochter geworden wäre. Und jetzt waren alle dieſe glänzenden Träume verſchwunden und er ſah ſich im Beſitz von wenig mehr als der Hälfte der fünfhundert Pfund, die er ſo glücklich geweſen war, von Lord Fitzwarren zu gewinnen. Der Reſt davon war darauf gegangen, um ſeine Rechnungen in Rom zu bezahlen und damit ſollte er nun im nächſten Jahr den Krieg fortſetzen, wie er das nannte. Denn vor Ablauf dieſer Zeit konnte er es nicht wagen, nach England zurückzukehren;— ſein älterer Bruder hatte ihn blos auf dieſe Bedingung hin mit einem Darlehen unterſtützt und ſuchte unterdeſſen ſeine zahlreichen und ungeduldigen Gläubiger daheim zu längerem Warten zu vermögen. Was war zu thun? Wenn Frau Sydney es auch nicht verrieth, ſo mußte man errathen, daß ſie ihn ausgeſchlagen, weil man ſah, daß er ihr nicht mehr den Hof machte. Er ſetzte ſich dann dem Gelächter und Spott ſeiner clique aus und hatte an den Mitgliedern derſelben ſeine Gabe zu ſpotten ſo oft und ſo ſchonungslos geübt, daß dieſe über eine Gelegenheit ſich zu rächen er⸗ freut ſein mußten, und keine Schonung zu zeigen Luſt haben konnten. Etwas mußte indeſſen ge⸗ 197 ſchehen ehe es bekannt wurde, daß man ihn abge⸗ wieſen und er überlegte nun bei ſich worin dieſes Etwas beſtehen ſollte. Nach reiflicher Erwägung und ernſter Ueberlegung, wie die alten Geſchicht⸗ bücher ſagen, beſchloß er ſeine Huldigungen einem andern Frauenzimmer zuzuwenden und hoffte hiemit den beſten Ausweg gefunden zu haben um jedes üble Gerücht zum Schweigen zu bringen das er zu fürchten hatte. Aber welche Lady das ſein ſollte, darüber mußte jetzt zunächſt eine Entſchließung ge⸗ faßt werden. Es befand ſich damals unglücklicher⸗ weiſe keine andere Erbin, ja nicht einmal eine reiche Wittwe in Rom die ihn dafür hätte ſchadlos halten können, daß ſeine letzten Plane geſcheitert waren. Er rieb ſich die Stirne während er die verſchiede⸗ nen ledigen Frauenzimmer in der Geſellſchaft Muſte⸗ rung paſſiren ließ und rief:„Nein, es iſt keine mit Geld da.“ In dieſem Augenblick zog ihn ein Lärm auf der Straße an's Fenſter und er ſah den Wagen der Frau Maclaurin, der Wittwe des rei⸗ chen Papiermäklers vorüberfahren. Wie der Blitz fuhr ihm der Gedanke durch den Kopf ſeine Ab⸗ ſichten auf ſie überzutragen. Sie war freilich nicht jung, ſie war häßlich und von niedriger Herkunft— aber ſie war reich, ungehener reich und der Reich⸗ thum erſetzte nach ſeiner Anſicht jeglichen Fehle Ja, der Frau Maclaurin wollte er ohne Ar den Hof machen und ſich ſo das Anſehen geben lich gemacht würden. Die vornehme Welt, deren 198 hätte er mit Sydney's gebrochen, nicht ſie mit ihm. Aber wie ſollte er mit dieſem Frauenzimmer bekannt werden? da lag der Knoten In der Ge⸗ ſellſchaft die er beſuchte, hatte ſie keinen Zutritt und er kannte gar Niemand durch den er ſich ihr vorſtellen laſſen konnte. Ein neuer Plan fiel ihm ein. Er wollte ſeine Wohnung ändern, ſich in dem Gaſthof einquartieren wo ſie logirte und ein Mittel ausfindig zu machen ſuchen, wodurch er ſich bei ihr einführen könnte, wie ſehr daſſelbe auch gegen die Regel und die Sitte verſtoßen möchte. Com- me ce n'est que le premier pas qui coute, ſo zweifelte er nicht daran, daß, wäre dieſer Schritt einmal gethan, der Erfolg mit ſeinen Wünſchen vollkommen im Einklang ſtehen würde. Während er vor dem bloßen Gedanken zurück⸗ ſchreckte, daß er ſich dem Hohn der Geſellſchaft ausſetzen könnte, in welcher er ſich umtrieb, bedachte ſich Lord Alexander Beaulien nicht lange, Anſchläge und Entwürfe zu machen, wie er ſeine niedrigen und geldſüchtigen Pläne auf die gemeine Wittwe des Papiermäklers am beſten in Ausführung bringen könnte. Er war überzeugt, daß, wenn es ihm ge⸗ länge ſich in den Beſitz ihres Vermögens zu ſetzen, daß er dann— ſo groß iſt die Macht des Reich⸗ thums— den boshaften Bemerkungen Trotz bieten könnte die über eine ſolche mésalliance wahrſchein⸗ 199 Beifall für ihn allein Werth hatte oder auf deren Urtheil es ihm allein ankam, kannte er zu genau um nicht zu wiſſen, daß der Reichthum, mag er erworben ſein wie er will, dem Beſitzer deſſelben immer Duldung, wenn nicht Beachtung bei ihr verſchaffe. Der feiner fühlende Theil ſeiner Be⸗ kannten mochte wohl ſpöttiſch lachen über das häß⸗ liche und gemeine Weib die er zu ſeiner Braut machen wollte, man konnte eine Zeit lang froſtige Blicke auf ihn werfen, weil er eine ſolche Frau ausgeſucht, aber der Glanz ſeiner fétes und die häufige Wiederholung der recherchés Mahlzeiten die er zu geben gedachte, mußte ihren Tadel zum Schweigen bringen. Er wußte aus Erfahrung, daß unter allen Mitteln ſeinen vornehmen soi- disant Freunden den Mund zu ſtopfen, gute und oft wieder⸗ holte Mahlzeiten das wirkſamſte wäre. So ur⸗ theilte Lord Alerander Beaulieu, der Mann nach der Mode, der Weltmann. Und ſo würde noch wohl Mancher ſeiner Bekannten urtheilen, denn in den Kreiſen, welchen ſie angehören, gibt es nur zu viele, die zwar davor zittern ſich lächerlich zu ma⸗ chen, aber zu jeder Gemeinheit bereit ſtehen, wenn ſie dadurch die Plane verwirklichen können die ſie im Auge haben. Dieſe Schen vor dem Spott und dieſe Gleichgültigkeit gegen wohlverdienten Tadel iſt die Folge des gegenwärtigen Zuſtandes der Geſell⸗ ſchaft in gewiſſen Ständen. Dieſe glauben mit 200 Geld wie mit wohlthätigen Handlungen der Sünden Menge decken zu können. Der ſchreckliche Hohn der Welt iſt gefürchteter als die Vorwürfe des Gewiſ⸗ ſens oder ſelbſt der göttliche Zorn. Eine Geld⸗ heirath kommt heutzutage ſo oft vor, daß man nicht nur nichts dagegen zu erinnern findet, ſondern ſie ſogar für preiswürdig hält. Daher kommt es, daß Männer von guter Familie, aber mit geringem Ver⸗ mögen ſich ſelbſt als verkäufliche Waare betrachten die man dem überläßt, welcher am meiſten für ſie bie⸗ tet, und daß ſie alle ihre wirklichen oder eingebil⸗ deten Vorzüge benützen um ihre Anſprüche zu ſtei⸗ gern. Von dem ganzen feilen Haufen den man in den vornehmen Geſellſchaften antraf, hegte keiner eine höhere Meinung von ſich ſelbſt als Lord Aleran⸗ der Beaulieu. Und doch war dieſe ungemeſſene Selbſtbewunderung mit ſo wenig Selbſtachtung ver⸗ bunden, daß er ſeine Perſon und ſeinen Namen gegen Vermögen vertanſchen wollte. Er nahm da⸗ bei gar keine Rückſicht darauf ob die Frau, durch deren Ehelichung er ſich ſolches zu verſchaffen ge⸗ dachte, noch ſo einfältig, gemein und unwiſſend wäre. Ohne Zweifel wäre ihm die Heirath mit einem ſchönen und jungen Mädchen von guter Familie und großem Vermögen, wie Fräulein Sydney, lie⸗ ber geweſen, wenn dieſe ſeine Werbung begünſtigt hätte, oder er würde wohl auch ihre Mutter nicht verſchmäht haben, wenn ſein Antrag gut von ihr — — 201 aufgenommen worden wäre. Da er aber keine von beiden gewinnen konnte und keine anderen reichen Frauenzimmer von guter Familie ſich in Rom be⸗ fanden, ſo war er entſchloſſen, ſein Glück bei der Wittwe des Papiermäklers zu verſuchen. Achtes Kapitel⸗ Nach Männern ſieht man ſie ſtets auf der Lauer liegen, Wie ſich die Spinne müht um ſorgenloſe Fliegen; Sie ſpannen aus ihr Netz und erſt im lecken Boot Ringt dann das Opfer mit des Schickſals Machtgebot. Du armer Tropf! verdammt, in allen deinen Tagen Die Kette, die du nicht zerreißen kannſt, zu tragen, Und auf des langen Lebens trübem Gang vermählt Zu ſeyn mit einem Weib dem es am Herzen fehlt! Der Rath den Lady Wellerby ihren Töchtern gegeben, war von dieſen genau befolgt worden und ſolches hatte eine ſo vortheilhafte Wirkung gehabt, daß Lord Fitzwarren von der Zeit an da er aller Hoffnung auf einen Erfolg entſagte und ſeine Be⸗ werbung um Fräulein Sydney aufgegeben hatte, die Gewohnheit annahm bei Lady Wellerby saus cérémonie einzuſprechen um, wie er ſich ausdrückte, im Geplauder mit ihren Töchtern die Zeit todt⸗ 202 zuſchlagen. Nicht daß er wirklich Freude an ihrer Geſellſchaft fand oder die geringſte Neigung zu ih⸗ nen fühlte, nein, nicht darum machte er ihnen täg⸗ lich einen Beſuch, ſondern die Wahrheit war, er wußte nicht wie er anders die Stunden los werden ſollte die ihm ſo ſchwer auf dem Halſe lagen. Er ſuchte Wellerby's auf weil ſie allein ihm eine Zu⸗ flucht darboten, wenn er nicht ſeinen eigenen, nur geringfügigen Hilfsmitteln zu Bekämpfung des Fein⸗ des überlaſſen ſein wollte den er am meiſten fürch⸗ tete, das ennui. Wäre ein Roßkenner von einiger Berühmtheit in Rom geweſen, oder ein Club in dem er einige von ſeinen Bekannten getroffen hätte, die gleich ihm keine Freude an Alterthümern oder Kunſtwerken fanden, ſo wäre er nie zu Lady Wellerby gegangen. Wie aber die Sachen jetzt ſtanden, be⸗ ſuchte er ſie täglich. Für einen ſchwachen Menſchen iſt es etwas Gefährliches um die Gewohnheit. Sie macht ihm Dinge erträglich, welche er, ehe er jene Gewohnheit angenommen, nicht blos mit Gleich⸗ gültigkeit, ſondern ſogar mit Widerwillen betrachtete. So wird das Schnupfen oder Tabakrauchen, vor welchem die Leute Anfangs einen Abſcheu haben, nach einiger Zeit und durch häufige Uebung auch denen die es früher nicht leiden konnten nicht blos erträglich, ſondern ſogar angenehm. Bei den täg⸗ lichen Beſuchen Lord Fitzwarren's ſetzten die jungen Frauenzimmer gewöhnlich ihre Beſchäftigung fort, 203 ohne ſich durch ſeine Anweſenheit darin beirren zu laſſen— ja ſie nahmen ſgar ſolche Arbeiten vor, an denen er einigen Antheil zu nehmen ſchien. Lady Slivia that als würde ſie plötzlich von einem hef⸗ tigen Eifer erfaßt Pferde zu zeichnen, und ihre Schweſter verdarb manches Blatt Papier über Ver⸗ ſuchen etwas wie die Geſtalt jenes Thiers aus⸗ zuſchneiden. „Gut gemacht, bei Gott!— ein trefflicher Verſuch,“ ſagte Lord Fitzwarren eines Tags da er bei den Madchen ſaß und eine Zeichnung erblickte, mit welcher ſich Lady Olivia beſchäftigte.„Wahr⸗ lich, Sie haben ein wirkliches Genie Pferde zu zeichnen, und wenn ich ein ſchönes engliſches Roß von gutem Blute finden kann, ſo will ich es um jeden Preis kaufen, damit Sie ein gutes Modell zum Nachahmen haben.“ „Das wollten Sie wirklich? wie freundlich iſt das von Ihnen und wie dankbar würde ich Ihnen dafür ſein! Ich habe immer eine große Vorliebe für Pferde gehabt, aber ehe Sie mich gelehrt haben die wirklich guten herauszufinden und zu würdigen, war ich nicht im Stande ſolche zu zeich⸗ nen. Nun ſehe ich, wenn Sie nur Geduld mit mir haben und Ihren Unterricht fortſetzen wollen, daß ich bald dem edeln Thiere ſein Recht werde anthun können.“ „Der Rücken iſt etwas zu lang— machen Sie ——— ihn kürzer; machen Sie die Beine nicht ſo dünn, denn wenn gleich zarte Füße an einem Pferde etwas Schönes ſind, ſo dürfen ſie doch nicht zu ſchwach ſein, ſonſt würden ſie zu leicht brechen; auch die Schulter iſt plump und der Hals zu kurz und dick.“ „Ich will das gleich abändern,“ ſagte Lady Olivia, nahm ein Stück Gummi elaſticum, wiſchte die Linien ſchnell aus und zog neue an ihrer Statt. „Nun, lieber Lord Fitzwarren, ſagen Sie mir ob es jetzt beſſer iſt.“ Dabei hielt ſie ihm die Zeich⸗ nung mit der Folgſamkeit eines guten Kindes hin und wartete ab, bis er ſeine Meinung darüber ausſpräche. Dabei ſah ſie ihm mit bittenden Au⸗ gen ganz unſchuldig und mit verſtellter Freundlich⸗ keit in's Geſicht.“ „Ja, das iſt beſſer, um Vieles beſſer. Wahr⸗ haftig, Sie machen erſtaunliche Fortſchritte.“ „Das kommt von Ihrem Unterricht her,“ be⸗ merkte Lady Olivia mit einem Blick voll Dank⸗ barkeit.„Oh, was hätte ich für Freude an ſchönen Pferden,“ rief ſie mit erkünſtelter Begeiſterung, und wenn ich in den Stall gehen und die lieben edeln Thiere freſſen ſehen könnte.“ „Iſt das Ihr Ernſt?“ fragte Lord Fitzwarren mit verklärtem Geſicht. „Ich möchte in der Welt nichts lieber,“ fing die Lady wieder an,„außer auf die Jagd gehen. 205 Darnach habe ich immer am meiſten geſtrebt, mais, hélas! ich habe keine Ausſicht auf ein ſolchs Glück!“ Und dabei erſeufzte ſie tief. „Wer weiß? Geben Sie nur die Hoffnung nicht auf!“ ſagte Lord Fitzwarren. „Sie müffen keine eiteln Hoffnungen in mir nähren, denn die Mutter würde mich nie auf die Jagd gehen laſſen, wenn ich auch ein Pferd hätte,“ erwiederte Lady Olivia.„Oder würdeſt Du das, Mutter?“ Hiemit wandte ſie ſich an Lady Wellerby, die ſich ſtellte als wäre ſie eifrig beſchäftigt ihre Briefe aus England zu leſen. Sie ſaß am ande⸗ ren Ende des Zimmers, war aber eine aufmerkſame und vergnügte Zuſchauerin bei dem Auftritt, in welchem ihre ſchlaue und gut eingeſchulte Tochter ihre Rolle mit ſo viel Gewandtheit ſpielte. „Haſt Du etwas zu mir geſagt, Olivia?“ fragte die Mutter und erhob langſam die Augen von dem Briefe den ſie ſich zu leſen die Miene gab. „Ja, Mutter; ich habe Dich gefragt, ob Du mir erlauben würdeſt auf die Jagd zu gehen.“ „Auf die Jagd gehen, Kind! Ein lediges Frauen⸗ zimmer auf die Jagd! So etwas habe ich noch nie gehört.“ Und Lady Wellerby zog die Augenbraunen in die Höhe, riß die kleinen Augen ſo weit auf als möglich und ſah mit einem Blicke gut nachgemach⸗ ten Erſtaunens um ſich. „Sie ſehen, daß ich recht gehabt habe,“ ſagte 206 Lady Olivia und ſtieß einen tiefen Seufzer aus. „Nein, ein ſolches Glück iſt mir nicht aufbehalten. Ich werde nie auf die Jagd gehen können,“ dabei ſchüttelte ſie langſam den Kopf und blickte mit trauriger Miene auf Lord Fitzwarren. „Nicht ehe Sie verheirathet ſind,“ erwiederte dieſer. „Es gibt ſo wenig Männer die wirklich gut reiten können, und blos ein ſolcher könnte ſeine Frau reiten lehren, daß mir wenig Ausſicht bleibt, ich werde ſo glücklich ſein von einem ſolchen aus⸗ erkoren zu werden.“ Und Lady Olivia erſeufzte noch tiefer als zuvor. „Laſſen Sie den Muth nicht ſinken. Was wollen Sie wetten? Ehe ſechs Monate vergehen, ſind Sie mit einem tüchtigen Fuchsjäger verheirathet.“ „Sie ſpaßen, Lord Fitzwarren, das ſeh' ich wohl“ und dabei ließ das Fräulein das Maul hängen und ſah noch betrübter aus, als vorher. „Gewiß und wahrhaftig nein! Nie in meinem Leben bin ich ernſthafter geweſen. Ich wette mit Ihnen fünf Guineen gegen zwei; ich würde fünfzig ſetzen, aber ich weiß, daß junge Frauenzimmer ſel⸗ te viel Taſchengeld haben und möchte Ihnen nicht Alles das Ihrige abgewinnen.“ „Ich würde Ihre Wette annehmen,“ ſagte Lady Olivia mit leiſer Stimme,„aber damit würde ich die Mutter böſe machen, denn ſie erlaubt nie, daß wir uns in Wetten einlaſſen.“ 207 „Sie braucht ja nichts von der Sache zu wiſ⸗ ſen,“ flüſterte Lord Fitzwarren,„alſo gehen Sie auf meinen Vorſchlag ein.“ „Topp!“ erwiderte Lady Olivia und nickte mit dem Kopf zum Zeichen des Einverſtändniſſes. Da⸗ bei hielt ſie ihm die Hand hin und ſagte:„Ich bin überzeugt, daß ich Ihre fünf Guineen gewinne, denn ſo ſehr ich für Pferde eingenommen bin und ſo gerne ich auf die Jagd ginge, ſo kenne ich doch keinen einzigen Fuchsjäger den ich heirathen möchte.“ Lady Wellerby hatte nicht ein Wort von die⸗ ſem Geſpräche verloren und verſprach ſich den beſten Erfolg davon; über dieſen unerwarteten Ausdruck ihrer Tochter erſchrack ſie aber ſo ſehr, daß ſie wirklich zuſammenfuhr und die Augen der Decke zuwandte als wenn ſie dem Himmel die Dummheit des jungen Fräuleins klagen wollte. Aber Lady Olivia, der dieſe Bewegung nicht entging, lächeite bei ſich über ihre eigene größere Schlauheit, wäh⸗ rend ſie abwartete, welchen Eindruck die naivelé ihrer Erklärung auf den machen würde, an welchen ſie gerichtet war. Lord Fitzwarren ſah ganz er⸗ ſtaunt und niedergeſchlagen aus und ſuchte in dem unſchuldigen Geſicht das Lady Olivia annahm, zu leſen. Nach einer Pauſe von etlichen Minuten rief er:„Sie kennen alſo nicht einen einzigen Fuchsjäger den Sie heirathen möchten?“ „Nein,“ entgegnete die Lady. 208 „Da wollen Sie mich vermuthlich auch nicht heirathen?“ „Sie ſind ja kein Fuchsjäger,“ ſagte die Lady mit dem argloſeſten Geſicht von der Welt,„oder doch?“ „Für was Teufel haben Sie mich denn ſonſt gehalten?“ „Sie haben mir nie etwas davon geſagt und ich— ich.“— Und dabei ſchlug ſie die Augen nieder und hielt ſich in erkünſtelter Verwirrung das Sacktuch vor's Geſicht, nicht um ihr Erröthen, ſon⸗ dern den Mangel deſſelben zu verbergen. „Nun, ich hätte Sie nicht für ſo einfältig ge⸗ halten,“ ſagte Lord Fitzwarren und ſein Geſicht hellte ſich auf.„Aber jetzt wiſſen Sie, daß ich ein Fuchsjäger bin und einer von den ärgſten oben⸗ drein, und was ſagen Sie jetzt zu unſerer Wette? Wollen Sie nun geſtehen, daß Sie wenig Ausſicht haben ſie zu gewinnen?“ Lady Olivia hielt ſich noch immer das Sacktuch vor's Geſicht und ſchien ſprachlos vor Bewegung. „Was wollen Sie geben, wenn ich ſie Ihnen er⸗ laſſe? Aber der Henker ſoll mich holen wenn ich begreife wie Ihnen unbekannt bleiben konnte was Jedermann in meiner Bekanntſchaft weiß, nämlich daß es in Melton keinen größeren Nimrod gibt als mich. Nun, iſt jetzt noch kein Fuchsjäger un⸗ ter Ihren Bekannten den Sie heirathen möchten? Verſtecken Sie Ihr Geſicht nicht, ſondern ſagen Sie, ob Sie mich haben wollen oder nicht?“ Lady Olivia ſtreckte die Hand nach ihm aus und flüſterte:„Oh! ich bin ſo glücklich; aber fra⸗ gen Sie die Mama, denn ich bin ſo angegrif⸗ fen— ſo—“ Lord Fitzwarren drückte ſie ohne Weiteres an ſeine Bruſt, preßte einen Kuß auf ihre Lippen und ging dann auf Lady Wellerby zu die ſich ſtellte, als wurde ſie nichts von dem gewahr was am an⸗ deren Ende des Zimmers vor ſich ging. „Lady Wellerby,“ ſprach er,„ich bin ein Kerl der nicht viel Umſtände macht und friſch von der Leber weg redet. Ich wünſche Lady Olivia zu heirathen, und da ich glaube, daß Sie und ihr Vater keinen vernünftigen Einwurf dagegen zu ma⸗ chen haben, ſo iſt es mir deſto lieber, je ſchneller die Sache in Ordnung gebracht wird.“ „All' das kömmt ſo plötzlich, ſo völlig un⸗ erwartet, daß ich mich vor Staunen gar nicht kenne,“ ſagte die verſchmitzte Mutter.„Komm her, mein theures Kind;“ hier winkte ſie Lady Olivien die ſich ihr mit erkünſtelter Schüchternheit näherte. „Hegſt Du für Lord Fitzwarren die entſchiedene Vorlicbe und herzliche Zuneigung, ohne welche, wie ich hoffe, keines meiner Kinder daran denkt in den Eheſtand zu treten?“ Strathern k. 14 210 „Oh ja, liebe Mutter,“ und Lady Olivia ver⸗ deckte abermals ihr Geſicht mit dem Sacktuch. „So nehmet denn meinen Segen hin, Ihr bei⸗ den, und möge alles Glück Eure Verbindung be⸗ gleiten!“ dabei küßte Lady Wellerby zuerſt ihre Tochter und dann ihren zukünftigen Schwiegerſohn dem ſie Glück dazu wünſchte, daß ihm das gefühl⸗ vollſte und natürlichſte Weſen von der Welt zu Theil geworden ſei.“ „Natürlich genug, das weiß Gott!“ bemerkte Lord Fitzwarren.„Stellen Sie ſich einmal vor, der kleine Einfaltspinſel hat nicht einmal gewußt, daß ich ein Fuchsjäger bin.“ „Armes Kind! Ich bin ſo ſtreng in der Erzie⸗ hung meiner Mädchen geweſen, daß ſie mit dem Treiben der Welt viel unbekannter geblieben ſind als die meiſten Jungfrauen ihres Alters!“ „Nun, geſtehen Sie, Livy,“ ſagte Lord Fitz⸗ warren, der ſich gleich die Vertraulichkeit heraus⸗ nahm ihren Namen abzukürzen,„geſtehen Sie, daß Sie die Wette verloren haben?“ „Das gebe ich zu,“ murmelte die hocherfreute Lady Olivia. „Glauben Sie jetzt, daß Sie ſo glücklich ſein und auf die Jagd werden gehen können? Das ſollen Sie und zwar ohne die Mutter um Er⸗ laubniß dafür zu bitten. Aber die arme Sophie ſieht ſo verblüfft und niedergeſchlagen aus wie ein Jockey der bei'm Rennen verloren hat. Man hat Sie überholt, Sophie, aber laſſen Sie's nur gut ſein, ein andermal werden Sie mehr Glück habenz üben Sie ſich nur im Ausſchneiden von Pferden, dann nehme ich Sie und Livy die nächſte Saiſon mit nach Melton. Da finden Sie eine Menge wackerer Junggeſellen,“ und damit ging er auf Lady Sophie zu, und gab ihr einen brüderlichen Kuß. „Bringen Sie die Sache nur gleich mit dem alten Herrn auf's Reine,“ fuhr er gegen Lady Wellerby gewendet fort.„Ich habe keine Freude an langem Werben und da zwiſchen Livy und mir Alles abgemacht iſt, ſo ſehe ich nicht ab wozu lan⸗ ges Warten gut wäre. Ich gebe ihr ein teufel⸗ mäßig ſchönes Leibgedinge, kann ich Ihnen ſagen. Alle Liebhaber der Jagd und der Wettrennen ſoll⸗ ten große Leibgedinge für ihre Frauen ausſetzen und ihnen eine ordentliche runde Summe jährlich als Nadelgeld geben, wie ſie das heißen, denn wenn es mit ihnen einmal rückwärts geht, wie wir ſa⸗ gen— und das iſt nichts Ungewöhnliches bei uns die wir Tauſende bei einem Rennen wagen— ſo iſt es gar keine üble Ausſicht, wenn man ſich auf ads Einkommen der Frau verlaſſen kann. Ich kenne ein paar recht wackere Burſche die gehörig mitgemacht haben, und ſich jetzt an ſonſt nichts mehr halten können.“ „Ich hoffe, Lord Fitzwarren, Sie werden aus 2¹2 ſolchen ſchlimmen Beiſpielen Vortheil ziehen, ſie ſich zu Nutze machen und Ihr Vermögen nicht durch Jagd und Rennen zu Grunde richten,“ ſagte Lady Wellerby mit ängſtlicher Miene. „Nun, ob ich es an dieſem oder jenem grünen Ort durchbringe, auf dem grünen Raſen oder am Spieltiſch, das lauft wohl am Ende ganz auf daſ⸗ ſelbe hinaus,“ erwiederte Lord Fitzwarren.„Die meiſten Männer von meinem Rang und Vermögen verſuchen es mit dem einen oder mit dem anvern und manchmal mit beiden. Aber ich bin kein größe⸗ rer Narr als die Uebrigen und habe überdies das Glück einen Hauptburſchen zum Zureiten zu beſitzen. Er hält ſcharfe Wache und hinterbringt mir Alles was in den anderen Ställen vorgeht. Es gibt darin nicht ein Pferd das ein Rennen mitmachen oder auch nur galoppiren kann, ohne daß ich es im Augenblick erführe. Nein, ich verſtehe mein Geſchäft, das kann ich Ihnen ſagen, bis auf einen oder zwei Kunſtgriffe. Es koſtet mich freilich eine Menge Geld bis ich mir die nöthigen Kenntniſſe verſchaffe— ich heiße das Gelder für geheime Dienſte— aber es iſt der Mühe werth ſie zu be⸗ zahlen; und mein Bereiter, ein ausgezeichneter Kerl, macht die Sache ſo wohlfeil ab als er kann. Sie haben keinen Begriff davon, wie pfiffig dieſe Be⸗ reiter ſind. Sie ſchlafen mit offenen Augen, glaub' ich wahrhaftig, denn ſie wiſſen Alles was in den —— —— —— 213 andern Ställen vorgeht, bei Nacht ſo gut wie bei Tage. Ich bin noch ſelten überliſtet worden, ſo genau ſieht ſich mein Burſche um; und da es einmal vor⸗ kam, wurde er beinahe verrückt. Die Geſchichte ging ſo zu. Er hatte Wind davon bekommen, daß zwei Pferde aus anderen Ställen ein Proberennen halten ſollten; da ſchlich er ſich denn ſo nahe hin als er nur konnte, ohne geſehen zu werden, verſteckte ſich hinter einer Hecke und ſah ein Pferd mit weißen Füßen das ausgezeichnet lief, und eines mit ſchwar⸗ zen Beinen, ein Haupt⸗Gaul, der ſo langſam wie ein Kreiſel ging*). Dies machte ihn völlig irre, denn er kannte das weißfüßige nicht und ſo ſtattete er mir ſeinen Bericht ab. Sie kriegten mich dran und ich verlor baare fünſhundert Pfund. Hinterdrein brachte ich durch einen der Jungen die mein Burſche dran⸗ kriegte, heraus, daß die weißen Füße gemalt wa⸗ ren um die Zuſchauer irre zu führen. Manchmal thun die Bereiter dem Jockey Schrot in die Ta⸗ ſchen um ſein Gewicht zu vermehren und die Leute zu prellen. Es erfordert einen teufelmäßig hellen Kopf und Fähigkeiten erſter Art um ſich bei'm Ren⸗ nen gehörig zu behaupten. Man ſpricht davon wie es nöthig ſei geſcheide Leute zu erſten Miniſtern und Geheimeräthen zu haben, das iſt aber Alles nichts im Vergleich mit dem Scharfſinn deſſen es ——— *) D. h. nicht von der Stelle kam. U. 214⁴ bedarf um zu verhindern, daß man nicht bei'm Rennen zum Bettler wird. Ihr beſter Freund führt Sie an wenn er kann— ja, wahrhaftig, Ihr Bruder wenn Sie einen haben. Die Leute reden von geſcheiden Schriftſtellern und wie ſie gute Bü⸗ cher machen, aber man braucht fünfzigmal mehr Verſtand um ein ordentliches Wettbuch zu machen.“ Lord Fitzwarren hatte ſich jetzt, da er auf ſei⸗ nen Lieblingsgegenſtand gerathen war, ſo in's Feuer hineingeſprochen, daß er noch Stunden lang fort gemacht und alle, auch die verborgenſten Geheimniſſe aus den Ställen von Newmarket, die er für den wichtigſten aller Geſprächsgegenſtände hielt, enthüllt haben würde, wenn nicht der Lady Wellerby die Geduld ausgegangen wäre. Sie unterbrach ihn mit den Worten:„Ich hoffe, Sie werden heute mit uns ſpeiſen.“ „Kann nicht, meiner Seele. Ich habe das Eſſen den Morgen beſtellt, denn ich erwartete nichts weniger, als daß ich meine Werbung anbringen würde, ja, nicht einmal im Traum dachte ich an eine Heirath, ſo wenig als daß ich ein Wettren⸗ nen mitmachen würde— ich hatte ausgezeichnetes Schwarzwildpret aufgetrieben und bat einige meiner Landoleute es verzehren zu helfen. Wir haben genug zahmes Vieh hier, ſagte ich, ſo wollen wir es der Abwechſelung wegen einmal mit dem wilden verſuchen. Das war nicht übel, Livy, nicht wahr? 215 Sie lachten alle als wollten ſie zerplatzen, beſonders aber Webworth, der glaubte ich, würde gar nimmer aufhören. Zuletzt wurde er aber doch ruhig und beredete mich ihm zweihundert Pfund zu leihen.“ „Ich hoffe, lieber Lord Fitzwarren, wenn Sie ein verheiratheter Mann ſind, werden Sie ſich beſſer in Acht nehmen und Ihr Geld nicht dadurch ver⸗ ſchleudern, daß Sie es Ihren leichtſinnigen Be⸗ kannten leihen?“ bemerkte Lady Wellerby. „uff! ſagte oder beſſer pfiff Lord Fitzwarren und zog die Lippen in die Höhe. Wollen Sie das eine Verſchlenderung meines Geldes nennen, wenn ich einem Freunde, der weniger gut daran iſt als ich, ein paar hundert Pfund leihe? Ich habe eine ganz andere Anſicht von der Sache. Ich heiße das Geld auf Zinſen austhun, denn wenn ich einem Freund in einer Klemme helfe und mir dadurch ſeine Achtung erwerbe, fahre ich dann nicht am Beſten? Lidy, wenn Sie wollen, daß ich Ihnen immer zugethan bleibe, ſo hüten Sie ſich ja, mich gegen meine Freunde aufzuhetzen. Beſonders thun Sie es nicht bei denen, die gerade meiner Unter⸗ ſtützung bedürfen. Ich könnte mich nicht mit einer Frau vertragen, die ſolches verſuchen würde; denn ich habe ſo viele wackere Burſche gekannt, die durch ihre Frauen verdorben wurden, daß man ſie zu gar nichts mehr brauchen konnte. Das hat mich halb und halb dem Heirathen abgeneigt ge⸗ 216 macht. Da war z. B. Robinſon; ein Haupt⸗ kerl, bevor er ſich verehelichte und ſtets bereit einem Freund in der Noth die rettende Hand zu reichen. Kaum aber hatte er ein Weib genommen, da ſchrieb ihm der arme Webworth aus einem Schuldgefängniß aus dem ihn dreihundert Pfund befreit hätten; und er gab zur Antwort es thäte ihm ſehr leid, daß er ihm nicht helfen könnte, aber er hätte ſeiner Frau das Wort gegeben niemals ſeinen Namen für Andere unter einen Wechſel zu ſetzen oder Geld wegzuleihen. Er hätte ſich ſollen ſchämen ſolches zu ſchreiben, der Weiberknecht, aber mich könnte keine Frau auf der Welt vermögen einen alten Freund in der Bedrängniß zu verlaſſen. Ich würde ſie haſſen, wenn ſie das verſuchte; hüten Sie ſich alſo davor, Livy, Sie kennen jetzt meinen Willen.“ „Lieber, gutherziger Lord Fitzwarren!“ murmelte Lady Olivia mit dem ſanfteſten Schmeichelton, denn ſie bemerkte, daß der eigennützige Rath ihrer Mut⸗ ihrem Geliebten mißfallen und ihn aufgebracht atte. „Wir treffen uns dieſe Nacht bei Lady Manger⸗ ſtien,“ ſagte er, drückte einen Kuß auf ihre Wange, nickte ihrer Mutter und Schweſter zu und ging davvn. „Du biſt ein glückliches Mädchen, Olivia,“ rief Lady Wellerby aus, nachdem ſie auf die Thüre geblickt und ihrem künftigen Schwiegerſohn Zeit ge⸗ laſſen hatte aus dem Hauſe zu kommen. Du haſt Dein Netz nicht vergebens ausgeworfen und Deinen Fiſch gefangen. Es iſt freilich ein Plattfiſch, aber mit einer gehörigen Menge Münzenbrühe wird er ſchon hinunter zu bringen ſein.“ „Ich habe geglaubt die Münzenbrühe komme blos zum Schafsfleiſch,“ warf Lady Olivia da⸗ zwiſchen. Sie machte dabei gegen ihre Mutter ein noch ſchnippiſcheres Geſicht als je zuvor, denn ſie fühlte ſich von derſelben beleidigt, weil ſie ſo verächtlich von ihrem Verlobten geſprochen. Nicht daß ſie ein lebhafteres Gefühl für ihn hegte als am Tage zuvor, wo ſie ihn in Verbindung mit Mutter und Schweſter lächerlich gemacht hatte, aber jetzt hatte ſie ihren goldenen Fang im Trocke⸗ nen, er war ihr Eigenthum und ſie nahm einen Angriff auf ihn gerade ſo auf wie eine Mißhandlung ihres Schoßhunds, bloß weil er ihr gehörte. „Nun, wahrhaftig, ich beneide Olivia nicht,“ ſagte Lady Sophie boshaft. „Was würdeſt Du darum geben, wenn Du an meiner Stelle wärſt?“ fragte Lady Olivia mit dem Lächeln unverhüllten Triumphs.„Vierzigtauſend Pfund jährlich, drei ſchöne Landſitze, ein artiges Haus in der Stadt und der Familienſchmuck iſt auch nicht zu verachten.“ „Gewiß nicht, wenn man ſie nur ohne den Mann 218 kriegen könnte, aber er iſt wahrhaftig ein ſo un⸗ geſchlachter, ungehobelter Kerl, daß— „Nicht ungeſchlachter oder ungehobelter als die Männer nach denen Du in den letzten zehen Jah⸗ ren vergebens Deine Netze ausgeſpannt haſt.“ „Laß das, Olivia. Sophie höre auf an dem zukünftigen Mann Deiner Schweſter Fehler aufzu⸗ ſuchen,“ ſagte Lady Wellerby mit ſtolzer Miene. „Du weißt, die Schranken ſtanden Euch allen bei⸗ den offen. Jede hatte es auf ihn angelegt und da Olivia nun den Preis davon getragen hat, ſo ſollteſt Du, Sophie, Dich darüber freuen, ſtatt Dich zu ärgern.“ „Ich ärgerlich, Mama! Ich habe wahrhaftig nicht daran gedacht und war nie in meinem Leben weniger zornig;“ damit brach Sophie in Thränen aus. „Wenn ihn Sophie erobert hätte, ſo wäre ich ganz gewiß nicht ärgerlich geworden und eben ſo wenig hätte ich darüber geflennt,“ bemerkte Lady Olivia ſchadenfroh. „Du irrſt Dich ſehr, wenn Du glaubſt ich ſei ärgerlich oder meine Thränen haben irgend etwas mit ſolch einem rohen ungezogenen Fuchsjäger zu ſchaffen, denn wenn ich hätte die närriſche Pferde⸗ liebhaberin ſpielen wollen, wenn ich ſo große Sehnſucht nach der Jagd gezeigt, und jeden Morgen damit zugebracht haben würde Roſſe zu zeichnen, ſo hätte ich ihn anſtatt Deiner bekommen können.“ 219 „Haſt Du nicht alle Tage Pferde in Papier ausgeſchnitten, während ich ſie zeichnete? Der ein⸗ zige Unterſchied zwiſchen uns iſt der, daß meine Bemühungen gelungen ſind und die Deinigen nicht. Wahrſcheinlich hat Lord Fitzwarren geſehen, daß Deine in Papier ausgeſchnittenen Pferde mit ſeinen Lieblingen weit weniger Aehnlichkeit hatten als meine Zeichnungen. Mag dem übrigens ſein wie ihm wolle, Sophie, Du haſt nie die geringſte Ausſicht gehabt, das kann ich Dir ſagen.“ „Ihr Mädchen, dieſe Vorwürfe ſind abſcheulich und wunderlich. Ihr ſolltet dieſen Glücksfall als nutzbar betrachten, nicht für eine Schweſter allein, ſondern für beide. Die Heirath Oliviens mit ei⸗ ner ſo trefflichen parti wird die Aufmerkſamkeit auf Dich lenken, Sophie, und in Kurzem eine Gele⸗ genheit herbeiführen, bei der Du Dir einen paſſen⸗ den Mann verſchaffen kannſt. Ich verlange, daß Ibr Euch augenblicklich mit einander ausſöhnt. Kommt, küßt Euch, ſeid freundlich zuſammen und beſchließet einen ſo glücklichen Tag nicht mit Eifer⸗ ſüchteleien und Zank.“ „Ich habe gewiß nichts dagegen einzuwenden,“ ſagte Lady Olivia und bot ihrer Schweſter die Hand hin. „Ich auch nicht,“ erwiderte Lady Sophie und gab den Kuß froſtig zurück den ihr Olivia reichte. „Wie iſt ſie mir ſo verhaßt, weil ſie ſo vornehm 220 damit thut, daß ſie ihren Tölpel erwiſcht hat,“ dachte Lady Sophie. „Wie neidiſch und eiferſüchtig auf mein Glück ſie iſt,“ dachte Lady Olivia. Jetzt kam der Alte von ſeinem täglichen Gang auf das Leſezimmer zurück. Er war nie guter Laune, jetzt aber mehr als gewöhnlich böſe, denn er hatte in der Morning⸗Poſt geleſen, daß die Lord⸗Statthalterſtelle in ſeiner Graſfſchaft, die durch den Tod des Carl von Caſtlehaven erledigt war, dem Lord Deloraine übertragen worden ſei. Er hatte ſich ſeit lange mit der Hoffnung getragen, wenn der Tod den Lord Caſtlehaven von allen ir⸗ diſchen Sorgen und Mühen erlöſe, ſo würde er und kein Anderer dazu auserſehen werden ſeinen Platz auszufüllen. Groß war daher ſein Zorn über dieſe getäuſchte Erwartung. Er fand den Grund dazu blos darin, daß er ſich auf das Feſt⸗ land entfernt hatte und daher abgehalten geweſen war den Miniſtern im Oberhauſe, wie gewöhnlich, ſeine Unterſtützung zu Theil werden zu laſſen. Er glaubte ihnen damit eine Entſchuldigung dafür ge⸗ geben zu haben, daß ſie jetzt ſeine früheren An⸗ ſprüche übergingen, und ſeinem Gegner den Poſten zuwieſen nach dem er trachtete. Nun war ſeine Reiſe völlig das Werk der Lady Wellerby, und was hatte ſie genützt? Waren ſeine Töchter dadurch ih⸗ rer Verheirathung näher gekommen? Nein, ihre 221 Ausſicht darauf ſchien ſo entfernt als je. Wenn er an dieſe Verdrießlichkeiten dachte, ſo ſteigerte ſich noch ſein Grimm und es gelüſtete ihn den ganzen Kelch deſſelben auf das verfluchte Haupt ſeines Weibes auszuſchütten. Dieſelbe hatte in letzter Zeit einen Vorſchuß auf ihr Nadelgeld verlangt, das kam ihm jetzt wieder zu Sinne und goß Oel in das Feuer ſeines Zorns. Seine zuſammen⸗ gezogene Stirn, ſeine blitzenden Augen und ſeine hochrothen Wangen verriethen gleich, wie er in's Zimmer eintrat, den Sturm der ihm im Buſen kochte. Hätte nicht ſeine Gemahlin gewußt, daß ſie ihm einen Balſam auflegen konnte, welcher auf ſeinen Grimm wirken mußte wie Oel das man in die erregten Wellen gießt, ſo würde ſie gezittert haben. Da ihr wohl bekannt war, daß es nach dem Ausbruch des Orkans ſchwer ſein würde der Wuth deſſelben Einhalt zu thun, ſo näherte ſie ſich ihm voller Freude und rief:„Gute Nachrichten! gute Nachrichten!“ „Dummes Zeug, Unſinn! ſprech mir nicht von guten Nachrichten; welche neue Narrheit haſt Du jetzt wieder im Kopf?“ „Keinen Unſinn, kein dummes Zeug, Wellerby,“ und dabei richtete ſich ſeine Gemahlin ſo hoch auf als möglich.„Mach mir nur nicht wieder Vor⸗ würfe, ich ſei keine ſorgſame und verſtändige Mutter. Lord Fitzwarren hat um Olivia angehalten.“ 222 „Den Teufel hat er! Iſt's gewiß wahr und nicht wieder ein Mißverſtand? Du wirſt noch wiſſen, wie Du und Sophie Euch eingebildet habt, Sir Thomas Mrston habe ihr einen Heirathsan⸗ trag gemacht, weil er ihr im Ranſch ein paar al⸗ berne Worte geſagt.“ „Da kann diesmal kein Irrthum obwalten, denn Lord Fitzwarren hat mit mir geſprochen und mich gebeten, Dir zu ſagen, wie ſehr er wünſchte, daß die Heirath ſo bald als möglich vor ſich ginge.“ „Ein guter Handel— ein teufelmäßig guter Handel. Hat er davon geſprochen, wie viel ſie Vermögen zu erwarten hätte? Ich kann mit keinem Geld herausrücken— eine Kleinigkeit bei meinem Tod— nichts weiter.“ „Davon hat er keine Sylbe geſagt und ich möchte behaupten, er werde es auch nie thun. Er hat blos erklärt, er wolle Olivien ein gehöriges Leibgedinge und ein anſtändiges Nadelgeld aus⸗ ſetzen.“ „Deſto einfältiger von ihMm— aber das iſt ſeine Sache, nicht die meine. Er wird ſchon ge⸗ ſcheider werden, ehe er in meine Jahre kommt. Nun, nun, die Partie gefällt mir. Wenn man ſich eine Tochter auf eine ordentliche Art vom Hals geſchafft hat, ſo kann das dazu beitragen, daß man die andere auch los wird; und dann können wir whig in Wellerby⸗Hall leben und Geld erſparen, 223 ſtatt daß wir jetzt in ſo unbehaglicher Weiſe von Ort zu Ort ziehen, ſchlecht eſſen und ſauern Wein trinken, der Einem den Magen verderbt. Der alte Caſtlehaven iſt geſtorben und die Lord⸗Statthalters⸗ ſtelle haben ſie dem Deloraine gegeben anſtatt mir. Alles das kommt daher, daß wir im Ausland leben.“ „Aber ſieh doch, was für eine glänzende Hei⸗ rath Olivia macht und das kommt auch daher, daß wir uns draußen aufhalten. In London hätte ſie nie Ausſicht dazu gehabt; denn dort gehen die Männer in ihre Clubs, haben im Theater ihre Geſellſchaftslogen, und führen ein ſo luſtiges Leben, daß ihnen keine Zeit bleibt, an's Heirathen zu denken.“ „Es mag etwas daran ſein,“ ſagte Lord Wel⸗ lerby. So entging ſeine Frau durch ihre Geſchick⸗ lichkeit den zornigen Vorwürfen, die er ihr zu machen vorgehabt hatte. „Wie angenehm iſt es für uns, Olivia ſo gut verſorgt zu ſehen, nicht wahr mein Lieber?“ ſagte ſie. „Ja, das muß ich ſagen. Es wird uns viel Ausgaben erſparen, denn die Kleider für ein Mäd⸗ chen koſten heutzutage ein ungeheures Geld. Und dabei kommt noch etwas anderes in Betracht, nämlich daß ich es unterwegs bequemer haben werde. Ich kann jetzt meine Füße an ihren leeren Platz ſtellen, und das wird eine große Erleichterung für meine Beine ſein, nachdem ich gewöhnlich dadurch ſo viel ausgeſtanden, daß ich ſie in unſerem Wagen immer hinaufgezogen halten mußte.“ „Ja, es iſt ein wahres Glück, daß wir unſerer Tochter eine ſo glänzende Unterkunft verſchafft ha⸗ ben. Und denk' nur wie ärgerlich und eiferſüchtig alle unſere Freunde und Bekannten ſein werden, die ihre Mädchen ſchon Jahre lang feil geboten und ſich Mühe gegeben haben, ſie fortzuſchaffen.“ „Nun, was das betrifft, das haben wir auch gethan, und es hat mich eine hübſche Summe ge⸗ koſtet.“ „Das kann dir doch nicht leid ſein, lieber Mann, da es einen ſo günſtigen Erfolg gehabt hat? Aber à propos der Ausgaben, ich muß dich bitten den Beutel aufzuthun und mir einiges Geld zu geben.“ „Geld, Geld und immer Geld. Wenn's ſchlecht geht, verlangſt du Geld, und wenn's gut geht, forderſt du auch. Die Tollheit und Verſchwen⸗ dung der Weiber hat kein Ende. Glücklich ſind die, welche ſie ſich vom Leibe halten, und ſich die Plage erſparen, die man mit Frauen und Kindern hat.“ „Das iſt nicht recht von dir, Wellerby, muß ich ſagen; beſonders jetzt, da meine fortgeſetzten und eifrigen Bemühungen deiner Tochter eine vor⸗ 225 theilhafte Heirath zu verſchaffen, ſo eben mit dem ſchönſten Erfolg gekrönt worden ſind.“ „Meiner Tochter, Lady Wellerby? Sie iſt eben ſo gut deine als meine Tochter und es lag eben ſo ſehr in Deinem als in meinem Intereſſe, die Anſtrengungen zu machen, auf welche du Dir ſo ungemein viel zu Gute thuſt.“ „Wir brauchen keinen Streit anzufangen, Wel⸗ lerby, und darum wollen wir auf die Hauptſache zurückkommen. Es iſt unumgänglich nöthig, daß Du mir Geld gibſt, denn Olivia muß ein paar neue Kleider haben, in denen ſie ſich jetzt ſehen laſſen kann, da Aller Augen auf ſie als auf die ſiancée Lord Fitzwarren's gerichtet ſind.“ „Ich ſehe die Nothwendigkeit davon nicht ein, und was noch mehr iſt Lady, Wellerby, ich will ſie nicht einſehen. Wenn ſie in den Kleidern, die ſie hat, einen Mann kriegen konnte, ſo iſt ganz offenbar, daß das große Ziel und der Zweck alles Putzes erreicht iſt, und daß wir den Teufel darnach zu fragen haben, was Andere hierüber denken und reden. Da ſie übri⸗ gens für ihre Heirath gehörig ausſtaffirt ſein muß, ſo haſt du vafür zu ſorgen, daß ihres Mannes Beutel und nicht der meine in Anſpruch genommen wird, und es hieße alſo das Geld wegwerfen, wenn wir ihr jetzt Kleider oder andere Kindereien kaufen wollten.“ Strathern 1. 15 226 „Du wirſt doch nicht ſo knauſerig ſein und Dich ſo herunterſetzen, daß Du die Ausgaben für ihr Trousseau und Corbeille de mariage dem Lord Fitz⸗ warren aufhalſen willſt?“ „Allerdings, will ich das.“ „Das wäre etwas Unerhörtes!“ „Nicht ſo ganz, denn Deine Frau Mutter hat es mir gerade ſo gemacht. Ich war damals jung und unerfahren; daher ließ ich mich anführen, und jetzt will ich das Wiedervergeltungsrecht üben. Ich habe nachher erfahren, daß dein Vater, ein gutmüthiger, gefälliger Mann, Deiner Mutter drei⸗ hundert Pfund gegeben hatte, um Dich auszuſtatten, daß ſie aber das Geld in die Taſche ſteckte und mich Alles bezahlen ließ.“ „Ich hätte nicht geglaubt, daß Du das Anden⸗ ken an meine ſelige Mutter ſo beſchimpfen würdeſt,“ und Lady Wellerby hielt ſich das Sacktuch vor die Augen. „Sie beſchimpfen! nein, daran habe ich nicht gedacht. Ich bin der Anſicht, daß ſie ihre Rolle gut geſpielt hat, ich verlange, daß Du ihrem Bei⸗ ſpiel folgeſt und es dem jungen Manne gerade ſo machſt, wie es mir vor fünfunddreißig Jahren ge⸗ ſchehen iſt. Ich weiß, daß Du keiner Anweiſung dazu bedürfteſt, wenn Du dreihundert Pfund ein⸗ ſtecken könnteſt, wie Deine Mutter. Ich werde mich aber wohl hüten, Dir hiezu Gelegenheit zu geben. Doch nein, ich will mit mir handeln laſſen und Dir hundert Pfund als eine Art von Belohnung dafür geben, daß Du uns Olivia vom Hals geſchafft haſt. Wenn Du auch Sophie anbringſt, ſo gebe ich Dir wieder ſo viel. Der junge Lord iſt ſehr reich und freigebig und weiß nichts von dem, was bei ſolchen Gelegenheiten gebräuchlich iſt. Du kannſt ihm leicht zu verſtehen geben, daß er Alles anſchaffen muß und daß wir ihn blos mit einer Frau verſorgen. Wenn Du ihn dann noch dazu bringen kannſt, daß er auch für Sophie etwas ab⸗ fallen läßt, ſo iſt es um ſo beſſer.“ „Es wird viel Gewandtheit nöthig ſein, um Alles das zuwege zu bringen, Wellerby;“ aber man hat mir noch nie den Vorwurf gemacht, daß ich es daran fehlen laſſe, wenn es ſich von dem Glück und dem Vortheil meines Mannes und meiner Kinder handelt. Aber ich hoffe, Du wirſt mir die hundert Pfund gleich auszahlen.“ „Wenn aber durch irgend einen Zufall die Heirath zurückginge— Du kennſt das alte Sprich⸗ wort. Zwiſchen Mund und Kelchesrand ſchwebt des Schickſals finſtre Hand.“ „Sie kann durch nichts rückgängig gemacht werden.“ „Nun denn, ſo ſollſt Du ſie morgen haben.“ Bei dieſen Worten entfernte ſich Lord Wellerby, denn er fürchtete, daß bei längerem Verweilen — 228 ſeine cara sposa neue Anforderungen an ſeinen Beutel machen würde.„Sie iſt doch nicht ſo dumm, als ich gemeint habe,“ brummte er vor ſich hin, während er dem Monte Pincio zuſchlen⸗ derte:„Sie hat das Geſchäft recht verſtändig durchgeführt, das muß ich ſagen und man muß ſie darum loben. Aber ich darf ſie nicht merken laſſen, daß ich eine ſo hohe Meinung von der Klugheit hege, mit der ſie die Angelegenheit beſorgt hat. Die Weiber können das Lob nicht vertragen. Sie bekommen dadurch gleich einen zu hohen Begriff von ſich ſelbſt, und erwarten, daß man ſich alle ihre unverſtändigen Forderungen gefallen laſſe. Die beſte von ihnen bleibt immer ein thörichtes ſchwaches Geſchöpf. Und immer tragen ſie ſich mit einem oder dem andern wunderlichen Einfall. Ich vermuthe, daß meine Frau neuerlich im Spiele verloren hat; ſie hat zwar nichts davon geſagt, denn ſie weiß, daß es ihr nur eine derbe Predigt von mir zuziehen würde. Ich kann es nicht leiden, wenn die Frauen um mehr, als um achtzehn Kreuzer ſpielen. Habe doch ich, der ich ſo ſicher ſpiele, wie die meiſten Männer, dieſe Woche etwa zwei⸗ hundert Pfund verloren. Und doch bin ich nie über ein halbes Pfund auf einmal hinausgegangen und habe blos ein Pfund auf den Robber gewettetz aber ich habe immer ſo verfluchtes Unglück gehabt. Doch kann dieß nicht beſtändig ſo fortgehen und ich werde mich dieſen Abend ſchon ſchadlos halten. Ich muß machen, daß meine Frau aufhört zu ſpielen, wenn ich ſehe, daß ſie verloren hat; denn ſolche Sachen kann ich nicht vertragen. Ich fürchte, der junge Burſche, der Fitzwarren iſt ein leichtſinniger Kerl, aber n' imporle, ich werde Sorge tragen für Oli⸗ viens Heirathsvertrag und Nadelgeld. Wenn er dann Luſt hat, ſich zu Grunde zu richten, ſo iſt ſie auf alle Fälle geſichert und fällt mir nicht wieder zur Laſt.“ Neuntes Kapitel. Ein Mancher ſtürzt wie toll ſich in den Eheſtand, Als wäre ihm das Hirn vom Schick al ſelbſt verbrannt; Die Schönheit lockt ihn an, die Blumen gleich vergeht, Die Blume welkt im Herbſt und wird vom Wind verweht. Aus Habgier, Ehr ucht, Stolz und Eitelkeit, Hat auch gar Mancher ſchon gehöfelt und gefreit. An Herz und Geiſt und was das Leven lieblich macht, Wenn ſich die Schönheit auch verliert, wird nicht gedacht⸗ Und doch bleibt nur wenn Stolz und Reichthum bleicht, und unſ're Freude dran mit unſ'rer Thorheit weicht. Wer ohne Kluahet freit wer ohne Achtung wählt, Wen auch die Lieve nicht bei dieſem Schritt beſeelt, Der iſt ein Narr und ſchon der Tollheit ſelbſt vermählt. „Haben Sie die Nenigkeit gebort?“ ſagte Strathern zu Frau Sydney, als die erſten Be⸗ —————————— 230 grüßungen vorüber waren, am Morgen nach dem Heirathsantrag den Lord Fitzwarren aus dem Steg⸗ reif der Lady Olivia Wellerby gemacht hatte. „Iſt ſie wirklich wahr, oder ſcherzen Sie?“ „Völlig wahr, ich verſichere Sie; ſie wurde verwichene Nacht von Lady Wellerby in der Ge⸗ ſellſchaft bei Lady Mangerſtien bekannt gemacht und das verlobte Paar ſpielte ſeine röle à mer- veille. Fitzwarren kam indeſſen nachher zu mir auf's Zimmer und erklärte mir, als die Aufregung der erſten paar Stunden ſich gelegt hatte, daß er jetzt, da Alles abgemacht ſei, gar nicht begreifen könne, wie es möglich geweſen wäre, die Sache zu Stande zu bringen. Hol' mich der Henker, wenn ich weiß, wie es hergegangen iſt, ſo lauten ſeine eigenen Worte; denn als ich Morgens hin⸗ ging einen Beſuch zu machen, dachte ich ſo wenig daran, um Livy anzuhalten, als an's Fliegen, und wie mir das Ding in den Kopf kam, kann ich für mein Leben nicht ſagen. Ich wollte, ich wäre nicht ſo verflucht eilig geweſen, denn es iſt wahrſcheinlich, daß ich gar keinen Antrag gemacht hätte, wenn ich mir Zeit zur Ueberlegung genommen haben würde. Jetzt ſieht die arme Sophie ſo niedergeſchlagen aus, weil ich ſie nicht genommen habe, daß es mir ſchmerzlich iſt, ſie nur anzuſehen. Du kennſt den alten Ausſpruch des Miniſters Sir Robert Wal⸗ pole, daß er durch Verleihung einer Stelle oder 231 eines Gnadengehalts ſich tauſend Feinde und einen Menſchen zum Undankbaren mache. Ich hoffe, das wird bei mir nicht der Fall ſein, denn es wäre voch gar zu arg, wenn alle Mädchen, denen ich den Hof gemacht, ſich in Feindinnen verwandelten, und Livy ſich undankbar erwieſe. Eines nur iſt gewiß. Sophie iſt gewaltig betrübt. Armes Närrchen, ich wollte, ich könnte irgend einen Ka⸗ meraden überreden, ſie zu nehmen und dafür zu tröſten, daß ſie ſich Livy vorgezogen ſehen muß.“ „Frau Sydney und Louiſe konnten ſich des Lachens nicht enthalten, als ſie hörten, wie gut Strathern den Lord Fitzwarren nachahmte. Hie⸗ durch aufgemuntert, ging er weiter und wiederholte ihnen auch das fernere Geſpräch.“ „Wenn Du Lady Wellerby, ohne die Abſicht einen Antrag zu machen, beſucht haſt, fragte ich, was hat dich denn dazu veranlaßt?“ „Ja, das kann ich ſelbſt nicht herausfinden; ich meine aber, es geſchah, weil ſich Livy ſo viel Mühe gab, mir durch Zeichnung eines Pferdes zu gefallen, weil ſie ſo viel Neigung für dieſe ſchönen Thiere blicken ließ und ein ſo ſehnliches Verlangen ausſprach, auf die Jagd zu gehen. Da bekam ich denn Mitleid mit dem armen Mädchen und hielt um ſie an, um ihr die Genüſſe zu verſchaffen, nach denen es ſie gelüſtete. Ich hatte auch eine 232 Wette mit ihr und das beſchleunigte die Sache noch.“ „So abgeſchmackt dieſes Alles auch ſein mag,“ fing Strathern wieder an, ſo wird Ihnen doch nicht entgangen ſein, daß der arme Fitzwarren durch ſeine Herzensgüte verſührt wurde, dieſen tollen Streich zu machen. Aller Wahrſcheinlichkeit nach wird derſelbe viel Unglück über ihn bringen, denn Lady Otivia iſt nach meiner Anſicht nicht geeignet, ihn zu einem beſſeren oder verſtändigeren Mann zu machen.“ „Eine Heirath iſt eine Lotterie,“ ſagte Rhymer, der eingetreten war, während Strathern ſein Ge⸗ ſpräch mit Fitzwarren wiederholte,„bei welcher mehr Nieten als Gewinnſte herauskommen.“ „Man kann die Sache blos ſo anſehen,“ be⸗ merkte Frau Sydney,“„wenn die dabei Betheiligten verbundene Augen haben, wie die, welche die Lot⸗ terielvoſe herausziehen. Das will ſagen, wenn die Leute heirathen, ehe ſie ihre beiderſeitigen, körper⸗ lichen wie geiſtigen Anlagen, Gewohnheiten und Neigungen gehörig kennen. Und doch hängt das Glück größtentheils davon ab, daß man hiemit be⸗ kannt iſt. Ein Mann wird ſchnell für ein ſchönes Madchen eingenommen. Er findet ſie ſanft und artig, wie es die Frauenzimmer in Geſellſchaft meiſtens ſind und hält ſie für ebenſo liebenswürdig als ſchön. Alle verliebten Männer ſind dieſer An⸗ 233 ſicht. Wenn nun das Mädchen nicht gerade mehr Verſtand und Ueberlegung beſitzt, als den meiſten jüngeren Perſonen ihres Geſchlechts zu Theil wird, ſo genügt es ihr daß ſie geliebt wird, und aus Dankbarkeit für den Vorzug, der ihr geworden, ſtattet ſie ihren Liebhaber freigebig mit jeder vor⸗ züglichen Eigenſchaft aus. So treten ſie unter dem Einfluß einer gegenſeitigen Täuſchung in die Ehe. Wie wenige, ſelbſt unter den trefflichſten Menſchen ſind im Stande die übertriebenen Vor⸗ ſtelungen und Erwartungen zu rechtfertigen, die man ſich vor der Heirath von ihnen gemacht hatte! Jeder Tag, ja jede Stunde zerreißt den Schleier mehr, der Fehler und Mängel verdeckt hielt, an deren Vorhandenſein man nie gedacht hätte; die ſo vereitelte Erwartung bringt ein Gefühl von Bit⸗ terkeit hervor die durchaus nicht geeignet iſt die entdeckten Unvollkommenheiten zu beſchönigen oder durch Ausübung der Geduld und RNachgiebigkeit zu verbeſſern, welche ſo nöthig iſt, wenn das Leben angenehm ſein ſoll. Der Mann, welcher ſich thö⸗ richter Weiſe darauf gefaßt hielt, die Frau die er geheirathet, im häuslichen Leben fehlerfrei zu fin⸗ den, wird, wenn nun Mängel hervortreten, ſie nur gar zu leicht von dem Engel den er in ihr vermuthete, gerade zum Gegentheil von einem eng⸗ liſchen Weſen in ſeiner Meinung herabſinken laſſen. Und die Frau, welche ſich unter ihrem Liebhaber ———.—— 234 einen Ausbund ſeines Geſchlechts vorſtellte, wird verſucht ſein den Mann der es ſich merken läßt, daß er ihre Unvollkommenheit entdeckt hat, für Al⸗ les andere, nur nicht für angenehm zu halten. Hie⸗ durch wird der Saamen der Uneinigkeit in einen fruchtbaren Boden ausgeſtreut und das Leben bie⸗ tet hintennach den kläglichen Anblick getäuſchter Hoffnungen und unaufhörlicher Meinungsverſchieden⸗ heit dar. „Sie haben ein düſteres Gemälde aufgerollt, meine werthe Lady,“ ſagte Rhymer,„und wäre ich nicht längſt über das Alter hinaus, in welchem ein ſolches Geſpräch perſönliches Intereſſe für mich haben könnte, ſo würde ich es mir zu Herzen neh⸗ men. Ich hoffe jedoch es werde diejenigen nicht abſchrecken die es näher angehen mag.“ Und da⸗ bei blickte er von Fräulein Sydney auf Strathern. „Frau Sydney hat blos von Perſonen geſpro⸗ chen, welche ſich heirathen ohne einander nach Cha⸗ rakter, Geſinnung und Gewohnheiten gehörig zu kennen,“ bemerkte Strathern. „Aber malt man nicht die Liebe blind, um anzudeuten, daß ſie keine Fehler zu entdecken ver⸗ mag?“ entgegnete Rhymer. „Die Liebe, welche keine Fehler ſieht, iſt die Liebe ſchwacher Knaben und Mädchen und es iſt nicht wahrſcheinlich, daß ſie Beſtand hat; aber eine Neigung, welche fortdauern kann, wenn man ſich Kenntniß der beiderſeitigen Mängel verſchafft hat, eine Neigung, welche ſie zu verbeſſern und mit Nachſicht zu ertragen vermag, das iſt die wahre, die vernünftige Liebe— die einzige Grundlage, auf welcher das eheliche Glück Wurzel faſſen kann,“ ſagte Frau Sydney.“ „Was halten Sie davon, mein ſchönes Fräu⸗ lein?“ fragte Rhymer indem er ſich an Fräulein Sydney wandte.„Würden Sie es einem Lieb⸗ haber vergeben, wenn er einen Fehler an Ihnen entdecken könnte? Wohl zu merken, ich halte das für eine Unmöglichkeit; denn man hat nie von ei⸗ ner Erbin gehört die deren gehabt hätte, ſo lange ſie unverheirathet war.“ Louiſe Sydney erröthete und biß ſich in die Lippen, denn jede Anſpielung auf Erbinnen war ihr ſchmerzlich und kränkend.„Es wäre ebenſo thöricht Erbinnen für fehlerfrei zu halten, als zu glauben, daß Männer mit großem Vermögen es ſeien. Der einzige Unterſchied zwiſchen Reichen und Armen beſteht nach meiner Anſicht darin, daß der Reichthum, indem er ſeinen Beſitzer in Stand ſetzt, ſeinen Neigungen nachzuhängen und ihn bis auf einen gewiſſen Grad von Anderen unabhängig macht, daß er ihn dadurch in Verſuchung bringt gegen ſich ſelbſt allzunachſichtig zu ſein. Dieſe Gefahr fällt für den Armen weg, während der Reiche noch 236 überdieß Neid und Eiferſucht erregt und ſeine Ver⸗ irrungen eher an's Licht gezogen ſehen muß.“ „Aber die Nachgiebigkeit gegen ſich ſelbſt, ſchöne Caſuiſtin, ſchließt eine ganze Schaar von Gebrechen in ſich.“ „Hängt das nicht davon ab ob die Neigungen denen man nachgibt, ſchlimm ſind oder nicht?“ „Gewiß,“ ſagte Strathern,„denn unſere gu⸗ ten Neigungen ſollten wir beſtändig befördern. Ei⸗ nige Leute— ihre Zahl iſt nicht unbedeutend— finden mehr Genuß dabei, wenn ſie ihre Glücks⸗ güter an diejenigen vertheilen, welche dieſelben nö⸗ thig haben, als wenn ſie ihren Reichthum auf ihre eigenen Vergnügungen verwenden.“ „Aber könnten nicht ſolch' edelmüthige Leute unter dem Einfluß der Großthuerei, des Stolzes und der Eitelkeit ſtehen, wenn ſie ihre Habe in ſolcher Weiſe als Almoſen ſpenden?“ fragte Rhymer. „Warum ſollten wir für ihre Freigebigkeit ſo un⸗ würdige Beweggründe ſuchen?“ erwiderte Strathern. „Wäre es nicht vernünftiger mit dem Guten zufrieden zu ſein das ſie thun, als die Beweg⸗ gründe dafür zu zergliedern?“ fügte Frau Sydney hinzu. „Wenn Sie mit Ihrer ſchönen Tochter und Strathern gegen mich gemeinſchaftliche Sache ma⸗ chen, ſo iſt der Ausgang des Streits nicht zweifel⸗ haft,“ verſetzte Rhymer.„Ich muß Sie indeſſen 237 varan erinnern, daß Sie weit über die Schranken hinausgegangen ſind, innerhalb welcher der Gegen⸗ ſtand hätte bleiben ſollen. Ich bin von dem Satz ausgegangen, daß die Frauenzimmer nicht ſehr ge⸗ neigt ſeien einem Liebhaber zu vergeben der auf einen Fehler anſpiele, und meine Annahme ging dahin, daß reiche Mädchen nie einen Fehler haben könnten, ſo lange ſie ledig wären. Aber, lieber Himmel, darüber vergeſſe ich, daß ich um vier Uhr zu dem Abbate Maufredi gehen muß und Ihre pendule ſagt mir, daß es nur noch eine Viertel⸗ ſtunde bis vahin iſt. Ich überlaſſe es meinem Freunde Strathern den Gegenſtand fortzuſühren und zweifle nicht er werde Fräulein Sydney zur Genüge beweiſen, daß ſie Recht hat und immer haben muß.“ Hier nahm Rhymer mit einem Blick voll verſteckten Spottes Abſchied. „Wie vollſtändig er die Kunſt inne hat Alle, mit denen er redet, unzufrieden mit ſich ſelber zu machen,“ bemerkte Frau Sydney. „Unzufrieden mit ihm ſelbſt, ſollt' ich meinen,“ erwiederte Louiſe.„Ich bin froh, daß er ſich nicht erboten hat uns auf den Vatikan zu begleiten; denn in dieſem Falle würde er uns zu beweiſen verſucht haben, daß das gerade am wenigſten Bewunderung verdiene, was wir gerade bewundert hätten. So wäre uns alle Freude dort verdorben geweſen.“ „Armer Rhymer,“ ſagte Strathern,„denn arm 238 iſt er und doch hat er Alles was ihn glücklich machen könnte, nur nicht den geſunden Sinn für das Glück. Aber ich entſchuldige ſein mürriſches Weſen, denn ich bin überzeugt, daß es aus Urſachen her⸗ rührt die im Körper liegen, nämlich von einem ſchlechten Magen und der hat mehr Murrköpfe ge⸗ macht als alle moraliſchen Urſachen zuſammen ge⸗ nommen, von denen ſo oft behauptet wird, ſie erzeugen dieſe Krankheit.“ Strathern folgte in ſeinem Wagen dem der Frau Sydney auf den Vatikan und hob eben die beiden Frauenzimmer aus dem ihrigen, als Lady Wellerby, ihre Töchter und Lord Fitzwarren auch daſelbſt ankamen. Fitzwarren ſah bei dem Zuſammentreffen etwas verlegen aus; nicht ſo Lady Olivia die an ſeinem Arme hing und eine triumphirende Miene annahm, als ſie Loniſe Sydney erſah. „Es wird Sie gewiß freuen, Frau Sydney, zu hören, daß die Hochzeit meiner Tochter Olivia und Lord Fitzwarrens nahe bevorſteht,“ ſagte Lady Wellerby.„Eine alte Neigung ſeinerſeits,“ flüſterte ſie,„aber er ging dabei ſo fein zu Werke, daß ich ſie erſt vor Kurzem zu muthmaßen anfing, und Olivia iſt ſo behutſam, daß ſie mir nie davon ſprach, ehe er förmlich um ſie anhielt.“* Nachdem Frau Sydney darauf die gewöhnliche und höfliche Erwiederung gegeben die man überall 239 erwartet, fuhr Lady Wellerby fort,„Ja, ich wußte wohl wie ſehr Sie das freuen würde. Olivia und Sophie haben allerdings ſchon ſo viele Anträge zurückgewieſen und ſind ſo überaus ſchwer zu befriedigen, daß ich im Ernſt zu fürchten anfing ſie würden gar keinen annehmen; aber gegen Lord Fitzwarren war nichts einzuwenden. Er iſt in jeder Beziehung untadelig, er beſitzt ſo viel Fähigkeiten, Verſtand und Unterhaltungsgabe, daß ihn kein Mäd⸗ chen auszuſchlagen vermöchte. Denken Sie nur, wie pfiffig er war. Ach, die Männer! er erwies anderen Frauenzimmern Aufmerkſamkeiten, während er nur an Olivien dachte, und zwar blos um, wie er jetzt eingeſteht, zu ſehen was das für eine Wir⸗ kung auf ſie machen würde. Und ſie, das arme liebe Kind, legte ſo viel Zartgefühl und Selbſt⸗ beherrſchung an den Tag, daß er ſich überwunden gab und ſeinen Antrag einen Monat eher machte als er früher im Sinn gehabt hatte.“ „Ich wundere mich, daß es Ihnen nicht ent⸗ leidet auf den Vatikan zu gehen,“ ſagte Lady Olivia zu Louiſe Sydney;„ich halte das für den lang⸗ weiligſten Ort in der Welt, nicht wahr, Lord Fitz⸗ warren?“ „Ja, ich auch, Livy, nur die Peterskirche iſt es noch mehr. Strathern iſt anderer Anſicht, ich weiß es, denn er wird nicht müde all' die Statuen und Vaſen und ſteinernen Särge mit den darauf 240 eingehauenen Figuren zu betrachten. Wie heißt man ſie— Sarko— 2 „Sarkophaguſen,“ erwiederte Lady Olivia. „Ja, Sarkophaguſen, ich kann nie den Namen behalten. Aber ich behaupte, Strathern, das iſt eine viel beſſere Art die Leute zu begraben als die unſere. Der tannene Kaſten, der bleierne Sarg, und dann der von Mahagonyholz, mit Sammet bedeckt und ſilbernen Nägeln und Krönchen, hat kei⸗ nen Nutzen den ich je entdecken konnte, als eben den, daß die Ratten und Motten etwas zu be⸗ nagen haben.“ „Ach, wie ſchrecklich! Wie kannſt du nur von ſo furchtbaren Sachen reden, Georg!“ rief Lady Olivia. „Hol' mich der Henker wenn ich nicht große Luſt habe einen von dieſen Sarko— Sarko⸗ phaguſen zu kaufen und nach England zu ſchicken, damit er ſchon vorräthig iſt wenn ich himmele. Und wenn ich einen finde, auf welchem eine Fuchs⸗ jagd eingegraben iſt, ſo geſchieht es auf jeden Fall, denn das wäre gerade ſo etwas für mich.“ „Du machſt mir wahrhaftig ganz übel, lieber Fitzwarren, wenn du von ſo ſchrecklichen Sachen redeſt,“ ſagte Lady Olivia. Wie ſo, Livy, du weißt doch, daß wir alle heute oder morgen ſterben müſſen— da können wir nichts machen, wir mögen es anfangen wie wir 241 wollen— und da iſt es am Beſten man hält ſich den ſteinernen Sarg in Bereitſchaft.“ Endlich erlöſte Lady Wellerby Frau Sydney von ihrem vertraulichen Geflüſter. Sie hatte da⸗ bei Allerlei enthüllt und mit Vielem geprahlt was blos in ihrem erfinderiſchen Kopfe beſtand. Jetzt brauchten auch Louiſe und Strathern nicht länger Zeugen der erkünſtelten Beweiſe von Zuneigung zu ſein, welche Lady Olivia mehr in Blicken als Wor⸗ ten an ihren Verlobten verſchwendete; jetzt brauch⸗ ten ſie auch nicht mehr die unverhüllte üble Laune der Lady Sophie mit anzuſehen, welche höhniſch auf ihre Schweſter blickte und während ihres Bei⸗ ſammenſtehens die Lippen nicht geöffnet hatte. „Doch ein verflucht ſchönes Mädchen,“ ſagte Fitzwarren und ſah ſich nach Fräulein Sydney um, „Schade daß ſie ſo ſcheu und ſtätiſch iſt.“ Hier ſeufzte er tief auf und ärgerte damit ſeine Braut nicht wenig. Aber dieſe hielt es für klüger ihr Mißvergnügen darüber zu verbergen. Louiſe Sydney konnte ſich eines Lächelns nicht enthalten, als die Angehörigen der Familie Wellerby von ihnen weggingen. Strathern ließ es noch deutlicher merken, denn wenn es ſchon nicht ſeine Gewohnheit war viel zu lachen, ſo konnte er doch hier nicht verbergen wie viel Spaß ihm der ganze Auftritt gemacht hatte. Auch Frau Sydney nahm Theil an ihrer Heiterkeit, denn es hatte ſie ſehr 16 Strathern 1. 212 beluſtigt, wie ſich Lady Wellerby bemühte zu be⸗ weiſen, daß Lord Fitzwarren nie daran gedacht hätte um eine andere als Lady Olivia zu freien, und daß ſeine Neigung zu ihr ſchon von lange herrühre. Die Leidenſchaft, welche Louiſe Sydney Stra⸗ thern eingeflößt, wuchs von Tag zu Tah, und je mehr ihre Zurückhaltung ſich minderte, deſto mehr ſchöne und edle Eigenſchaften entdeckte er an ihr und deſto mehr ward er ſich bewußt, daß ſein Glück gänzlich von ihr abhänge. Obgleich er ihr ſeine Liebe nicht geſtand, ſo that ſie doch jeder ſeiner Blicke kund und Louiſe lächelte jetzt, wenn ſie ſich des Verdachts erinnerte, nach welchem ſie ihre Mutter für den Gegenſtand ſeiner Aufmerkſamkeiten gehalten hatte. Nunmehr lernte ſie auch die Er⸗ oberung ſchätzen die ſie gemacht. Es war unmög⸗ lich Strathern nicht gut zu ſein wenn man ihn kannte. Hochſinnig, edelmüthig und warmfühlend beſaß er neben einem natürlichen und ſehr feinen Betragen ein außerordentlich mildes und ruhiges Gemüth und dieſe Eigenſchaften gelangten zu ge⸗ bührender Geltung, da er ſie im täglichen Verkehr und gegen diejenigen entfaltete, mit denen er lebte. Sein Stolz, oder beſſer ſeine Achtung vor ſich ſelbſt waren ſo groß, daß ſie es ihn ſchmerzlich empfinden ließen, wenn irgend ein Zweifel an ſeinen Grund⸗ ſätzen ſich fühlbar machte. Sein hauptſächlichſter Fehler beſtand darin, daß er ſich unverſöhnlich gegen „— — 243 Diejenigen zeigte, welche einen ſolchen Zweifel merken ließen. Hiezu kam der eifrige Wunſch, um ſeinetſelbſt willen geliebt zu werden und in dieſem Streben glich er vollkommen dem Gegenſtand ſeiner Neigung. Es lag ihm nichts an ihrem Reichthum an ſich, aber es war ihm doch nicht unlieb, daß ſie reich war; denn wenn er ihre Hand gewann, ſo mußte hiedurch in ihm ſelbſt jedem Zweifel da⸗ rüber vorgebengt werden, als hätte man ihm aus geldſüchtigen Beweggründen den Vorzug gegeben, und die häufigen Beiſpiele von dem allmächtigen Einfluß ſolcher ſchmutzigen Geſinnungen, die er geſehen, hatten ihn etwas mißtrauiſch dagegen ge⸗ macht, wenn unbemittelte Mädchen reichen Bewer⸗ bern die Hand reichten. Während es ihn aber freute, daß ihm jede Veranlaſſung zu Zweifeln über dieſen Punkt erſpart blieb, fiel es ihm nie⸗ mals ein, daß ſeine Geliebte auch nur den Schatten eines ſolchen in Bezug auf die Beweggründe hegen könnte, die ihn leiteten. War er nicht reich ge⸗ nug, um dem Verdacht zu entgehen? Und war Louiſe nicht lieblich genug, ihn zu ihren Füßen zu treiben, auch wenn ſie arm geweſen wäre? Ja, er würde nach ihrer Hand, als nach einem unſchätzbaren Kleinod geſtrebt haben, auch wenn ihr das Glück gar nichts beſcheert gehabt hätte; und er war ſeiner Gefühle hierüber ſo ſicher, daß ihm der Gedanke an ihr Vermögen blos in ſo fern 244 Vergnügen gewährte, als dieſer zufällige Umſtand jeden Zweifel darüber entfernte, daß ſie unter dem Einfluß geldſüchtiger Beweggründe ſtehen könnte. Die Uebereinſtimmung ihres Geſchmacks und ihrer Sinnesweiſe, über welche Frau Sydney längſt im klaren war, wurde nun auch Strathern und Loui⸗ ſen fühlbar. Wenn ſie ihn eine Meinung aus⸗ ſprechen hörte, die mit ihrer eigenen völlig im Einklang ſtand, rief ſie oft aus:„Ich habe wohl gewußt, Sie würden dieſer Anſicht ſein,“ und er ſeinerſeits pflichtete ihr bereitwillig bei, wenn ſie ſeinen eigenen Gedanken Worte lieh, ehe er jene ausgeſprochen. Als die Leidenſchaft der Liebe, jung und Alles überwältigend ſich im Buſen der ſchönen Louiſe entfaltete, gewann das Daſeyn für ſie ein ſtrahlen⸗ deres Ausſehen. Die Natur ſchien ſich mit neuen Reizen geſchmückt zu haben, die Luft ſogar erſchien ihr leichter und Träume von Glück zogen durch ihre Seele. Wo blieben jetzt alle die Entſchlüſſe, die ſie gefaßt und nach denen ſie kalt und mit Ueberlegung die Denkungs⸗ und Gemüthsart Stra⸗ thern's prüfen wollte, ehe ſie ihm ihr Herz hingab? Jetzt war dieſes Herz ſein unwiderrufliches Eigen⸗ thum und ſie konnte es ebenſo wenig zurückfordern, als wenn ſie nie eine Gewalt darüber gehabt hätte. Ihre Neigung war nach und nach entſtanden und ſtand in voller Lebenskraft, ehe ſie nur die Größe 2 und Macht derſelben gewahr wurde; ſie hatte ſich ſo innig mit allen ihren Träumen und Hoffnungen von Glück verwoben, daß ihr Friede auf immer zerſtört geweſen wäre, wenn man ſie ihr aus dem Herzen geriſſen hätte. Ihre Mutter lächelte, ſo oft ſie bemerkte, daß Louiſe jetzt mehr Sorgfalt als gewöhnlich auf ihre toilette verwandte und dabei auf Strathern's Geſchmack Rückſicht nahm. Er hatte eines Tags geäußert, ſeine Lieblingsfarben wären blaßroth, blau und lila und von dieſer Stunde an trug das liebliche Mädchen der Reihe nach beſtändig Bänder von dieſen Farben. O Liebe, welch' gewaltige Herrſchaft übſt du über jugendliche Herzen; und wie vermagſt du Alles in deine fröhlichen und glänzenden Farben zu kleiden! Am Morgen mit der Gewißheit zu er⸗ wachen, daß man am Tage mit dem Gegenſtand ſeiner Neigung zuſammentrifft, am Abend die Augen zu ſchließen, um von ihm zu träumen, iſt ſchon an ſich Glück genug, um für lange die jugendliche und reine Bruſt eines Mädchens zu befriedigen, die zum erſtenmale liebt und an die Unzerſtörbar⸗ keit der Leidenſchaft glaubt, von der ſie beſeelt iſt. Bei Strathern's Annäherung ſchlug Louiſens Herz ſchneller; ſeine Anweſenheit erfüllte ihre Seele mit Wonne; ſie begnügte ſich mit der Gegenwart und fragte nicht und dachte nicht was die Zukunft bringen würde. Wie entzückte Strathern die Ver⸗ E —— 246 änderung, welche mit dem Abgott ſeiner Seele vorgegangen war! Jetzt entfalteten ſich vor ihm alle Reize ihres Gemüths, die ſie ſo lange unter der Zurückhaltung verborgen gehalten. Viele Wochen hatte ſie die letztere beobachtet, nun aber umgaben ſie ihre ſprudelnde Lebhaftigkeit, ihr Muthwille mit neuen Reizen und machten ſie noch einnehmender als zuvor. Strathern war kein eitler Menſch und verließ ſich, wie alle wahrhaft Liebenden, nicht auf ſein Glück. Daher fürchtete er ſich, ſeine Leidenſchaft vor der Zeit zu geſtehen und dies hinderte ihn zu ſehen, was keinem bei der Sache weniger Bethei⸗ ligten entgehen konnte— nämlich, daß er keine abſchlägige Antwort zu fürchten brauchte. Dieſe Beſcheidenheit von ſeiner Seite that ſeinen Intereſſen bei Louiſen Sydney beſſeren Vorſchub, als irgend ein anderes Verfahren. Wäre er ſtatt ein hoch⸗ ſinniger, ein ſchlauer Liebhaber geweſen, ſo hätte er auf kein wirkſameres Mittel verfallen können, um ſich die zu eigen zu machen, die er zu gewin⸗ nen ſuchte. Frauen von feiner Denkungsweiſe und ſtolze Gemüther fühlen ſich durch die Schüchternheit ihrer Anbeter geſchmeichelt und ſchenken ihr Herz leichter einem Mann, der ſich die Miene gibt, als zweifle er an einem günſtigen Erfolg ſeiner Be⸗ werbung, denn einem, der ſeines Glücks gewiß zu ſeyn ſcheint. Ueberdies macht die Schüchternheit 5 247 die Großmuth im weiblichen Charakter rege, wäh⸗ rend ihr Stolz durch die Dreiſtigkeit und Zuverſicht eines Liebhabers verletzt wird. Louiſe fühlte, daß ſie geliebt wurde. Tauſend nicht genau zu bezeich⸗ nende aber befriedigende Beweiſe gaben jeden Tag ihrem Herzen dieſe beſeligende Ueberzeugung. Das Herz hat ſeinen Inſtinkt ſo gut als der Verſtand, und alle Bemühungen des letzteren würden nicht zugereicht haben, die Eindrücke zu verwiſchen, die das erſtere erhalten hatte. Louiſe verbrachte jeden Tag einige Stunden in Strathern's Geſellſchaft. Sie begegnete ſeinem aufmerkſamen Blicke, wie er ihn mit einem Ausdruck von Zärtlichkeit auf ihr Geſicht heftete, der ſich nicht mißverſtehen ließ; ſie ſah, daß ſie ſeine ganze Aufmerkſamkeit in An⸗ ſpruch nahm. Dennoch geſtand er ihr ſeine Liebe nicht und wie Tag um Tag eilig vorüberging, und die Zeit herannahte, da Jedermann Rom verläßt, da fühlte ſie ſich von einer Beklemmung und Un⸗ ruhe, nicht ohne einige Beimiſchung von Furcht ergriffen, es möchte ein Hinderniß obwalten und die Erklärung verhindern, von der ſie nun ihr Glück abhängen fühlte. Der Farbenwechſel ihrer Wangen, ihr niedergeſchlagenes Auge verriethen Strathern, daß der Augenblick gekommen war die Hand zu fordern, nach der er ſo lange und in⸗ brünſtig geſeufzt und er beſchloß die erſte Gelegen⸗ heit, die der Zufall böte, zu benutzen und der 248 liebenswürdigen Louiſe ſeine Liebe zu erklären. Es lag Etwas in ſeinem Benehmen, das ihr verrieth, was in ſeiner Seele vorging; und jetzt zitterte ſie mit der Scheue und Beſcheidenheit, die dem weib⸗ lichen Herzen eigen ſind, vor dem bevorſtehenden Geſtändniß, nach welchem ſie ſich noch vor Kurzem ſo eifrig geſehnt. Sie vermied es voll Blödigkeit, Strathern die Gelegenheit zu Darlegung ſeiner Gefühle zu geben, die er offenbar ſuchte. Dieſes verſchämte Weſen verlieh ihrem ganzen Betragen eine neue Anmuth. Louiſe war jetzt nicht mehr die zurückhaltende und etwas ſtolze Erbin, die nach den Abſichten ihrer Anbeter forſchte und ihre Ver⸗ achtung denjenigen zeigte, bei welchen ſie geldſüchtige Beweggründe vermuthete; ſie war jetzt blos das blöde, ſchüchterne Mädchen, die mit Zittern fühlt, daß ſie liebt und geliebt wird und wie ihr Ver⸗ ehrer völlig vergißt, daß ſie Geld beſitzt und dieſes eine Anziehungskraft auf ihn äußern kann. Die Gelegenheit, nach welcher Strathern ſtrebte, bot ſich von ſelbſt wenige Tage nachdem er ſich entſchloſſen Louiſen ſeine Neigung zu offenbaren. Frau Sydney hatte den Vorſchlag gemacht, die Pamphiliſchen Gärten zu beſuchen und Strathern begleitete ſie dahin. Bei ihrer Ankunft daſelbſt trafen ſie Lady Melbrook, die ſich ihnen anſchloß, Frau Sydney's Aufmerkſamkeit völlig in Anſpruch nahm und dadurch Strathern Zeit ließ, mit Louiſen 249 allein zu ſprechen, während ſie hinter ihrer Mutter herging.„Werden Sie mir verzeihen,“ fing er an, „wenn ich dieſen günſtigen Augenblick ergreife und Ihnen von dem Gegenſtande rede, der meinem Her⸗ zen der theuerſte iſt? Ich habe lange nach einer Gelegenheit getrachtet, Ihnen zu entdecken, was Sie errathen haben müſſen, geliebteſtes Fräulein Sydney.“ „O, Herr Strathern! nicht jetzt, ein andermal!“ erwiederte Louiſe und wurde roth wie die Roſe, wenn ſich ihre Blätter zuerſt der Sonne öffnen. „Sagen Sie nur, daß ich Ihnen nicht ganz gleich⸗ gültig bin, laſſen Sie mich hoffen, theure, liebenswür⸗ dige Louiſe— ein Wort macht mich zum glücklichſten Manne auf Erden, Sie wenden ſich ab von mir— wollen Sie mir nicht ſagen, ob ich hoffen darf?“ Louiſe ſah ihn an und als ihre ſchönen Augen den ſeinen begegneten, ſprachen ſie deutlicher aus, was in ihrer Seele vorging, als Worte ſolches hätten thun können. Sie gab ihm die Hand und dieſe zitterte von der inneren Erregung; er brachte dieſelbe einen Augenblick an ſeine Lippen und in dieſem kurzen Moment empfanden beide, daß ihr Geſchick beſiegelt— daß ſie unauflöslich verbunden waren. Thränen glänzten in Louiſens dunkeln und ſchimmernden Augen, bethauten die zarten, geröthe⸗ ten Wangen und funkelten darauf wie die Perlen des Morgenlands auf einem Roſenblatt. Sie wiſchte ſie mit ihrem Sacktuche ab, und als ſie 250 das gethan, bat Strathern ſo eifrig um ſolches, daß es ihm gewährt wurde. Nachdem er das Tuch zu wiederholtenmalen an die Lippen gedrückt, ver⸗ wahrte er es auf der Bruſt.„Darf ich mit Ihrer Mutter ſprechen, theuerſte, beſte Louiſe?“ flüſterte er. „Ja,“ war die leiſe Antwort und nie zuvor hatte dieſes Wörtchen ſo ſüß in ſeinen Ohren ge⸗ klungen. Wie reizend dünkte nun die Gegend umher den Liebenden. Die wuchernden Pflanzen und wohlriechenden Blumen, das reiche Blätterwerk und das klare Waſſer der Springbrunnen waren ihnen nie früher ſo ſchön erſchienen. Selbſt die ſteifen Hecken von Rainweiden und Buchsbaum kamen ihnen nicht mehr abgeſchmackt und gekünſtelt vor und die grünen Eidechſen, die in den ſchief auffallenden Sonnenſtrahlen an den Mauern ſpiel⸗ ten, ſahen für ſie nicht wie gewöhnlich blos glän⸗ zend grün aus, ſondern ſchimmerten wie lauter Smaragde. „Laſſen Sie mich den Ton Ihrer lieben Stimme wieder hören. Reden Sie mit mir, angebetete Louiſe! Nennen Sie mich Heinrich, denn ich lechze darnach, meinen Namen von dieſen theuern, ſchönen Lippen ausſprechen zu hören.“ „Heinrich, lieber Heinrich!“ flüſterte Louiſe in ſo ſanften, ſo zärtlichen Lauten, daß⸗ſich ihr Ge⸗ liebter verſucht fühlte, auf die Knie zu ſtürzen, ihr zu danken und die kleinen, zierlich geformten 251 Füße an die Lippen zu drücken. Beide empfanden, daß dies die glücklichſte Stunde ihres Lebens wäre. Alle Befürchtungen und Zweifel waren nun entferntz da Jedes von der Neigung des Andern überzeugt war, ſchwelgten ſie in der Wonne der Gegenwart und die Zukunft bot ihnen nur die glänzende und unbegränzte Ausſicht auf eine unendliche Liebe, auf unbeſchränktes Glück. „Gehen Sie dieſen Abend nicht zu Lady Manger⸗ ſtein, Theuerſte, ſondern laſſen Sie mich zu Ihnen kommen und den Abend mit Ihnen und Ihrer Mutter zubringen. Ich weiß, daß Frau Sydney lieber zu Hauſe bleibt und ich möchte am Abend du plus beau jour de ma vie nicht gerne unter ſo viel Menſchen ſeyn.“ „Ich könnte es auch nicht über mich gewinnen, hinzugehen,“ erwiederte Louiſe und ihr Geliebter dankte ihr mit den Augen. Frau Sydney wendete ſich jetzt, um mit ihrer Tochter zu ſprechen und gewahrte mit dem den Frauen eigenen Scharfblick, daß dieſe durch irgend Etwas ſehr aufgeregt worden ſeyn müßte. Sie erſah aber auch aus Louiſens freundlicher Miene, daß ihr etwas Angenehmes begegnet wäre und die zärtliche Mutter war zufrieden. Strathern kam ſich den übrigen Theil des Tages vor, als ſchwebte er auf Wolken, in ſo gehobener Stimmung war er über den Erfolg ſeines 252 kurzen téte-à-töte mit der ſchönen Louiſe. Seine Leidenſchaft für ſie hatte ſich wirklich geſteigert, ſeitdem er erfahren, daß er ihr theuer war; denn jetzt kam noch die Dankbarkeit zu den übrigen Gründen, die früher ſeine Neigung auf dies lieb⸗ liche und liebenswürdige Mädchen gelenkt hatten. Wie wenige Männer aus der jetzigen Zeit,— deren vorherrſchende Eigenthümlichkeiten die Eitel⸗ keit und der Eigendünkel bilden— würden die Gefühle empfunden oder auch nur verſtanden haben, welche Strathern's Bruſt bei dieſer Veranlaſſung erfüllten? Die meiſten ſeiner Altersgenoſſen hätten geglaubt, für das Frauenzimmer, das er ſich er⸗ koren, ſey Urſache zur Dankbarkeit vorhanden, nicht aber für ihren Liebhaber. Sie hätten ſich nicht träumen laſſen, daß der Vorzug, den ein junges und unverdorbenes Mädchen einem Mann gibt, ein Segen iſt, für welchen Jeder, der das Glück hat, ihn zu erlangen, Gefühl haben und den Keiner vergeſſen ſollte. Sie beurtheilen das Herz der Frauen nach ihrem eigenen und daher iſt es nicht zu verwundern, daß ſie ein ſolches Geſchenk nicht hoch anſchlagen und nicht lange behalten. Strathern unterſchied ſich himmelweit von dieſen alltäglichen, eiteln und ſelbſtſüchtigen Laffen und fühlte ſich Louiſen Sydney für die Annahme ſeiner Gelübde ebenſo verpflichtet, als wenn er keinen einzigen Anſpruch hätte geltend machen können, ſeine Be⸗ 253 werbung um ihre Gunſt zu rechtfertigen. Obſchon er nunmehr ihrer Liebe ſicher war, gab er ſich, ganz gegen die Sitte gewöhnlicher junger Männer doch darum nicht weniger Mühe, ihr zu gefallen, denn bisher. Nein, er wollte ihr beweiſen, daß ſie ihr Herz keinem Manne gegeben, der gegen den unſchätzbaren Werth des Geſchenks gleichgültig wäre; ſein ganzes Leben ſollte der Bemühung, ſie glücklich zu machen, gewidmet ſein. Als er in ſeine Wohnung trat, verlangte er, daß man keinen Beſuch zulaſſen ſollte und warf ſich auf einen Stuhl, um frei von Unterbrechung den wonnevollen Gefühlen nachzu⸗ hängen, die ſeine Seele erfüllten. Wie viele ängſt⸗ liche Beſorgniſſe, wie viele Zweifel und Befürch⸗ tungen hatte er in dieſem Zimmer durchgemacht, ſeitdem er die ſchöne Louiſe lieben gelernt; wie oft war er in Verzweiflung über ihre Zurückhaltung und Kälte dahin zurückgekehrt und hatte dann jeden Blick, jedes Wort von ihr zurückgerufen, mit denen ſie ſeine jungen, aber ſchwachen Hoffnungen ent⸗ muthigt und niedergeſchlagen. Und nun war es mit allen ſeinen Beſorgniſſen am Ende. Sie hatte ſeiner Neigung ihre Weihe ertheilt, ja noch mehr, ſie hatte ihm gezeigt, daß ſie dieſelbe theile. Wie pries er ſie dafür! und der Gegenwart, wie be⸗ ſeligend ſie auch war, ſollte noch größeres Glück folgen— ſie ſollte ganz ſein eigen werden. Hatte er nicht Urſache zum Dank gegen das liebliche 254 Weſen, welches den Sonnenſchein ihrer Liebe auf ſein Leben geworfen und Alles was bisher farblos und traurig geweſen war, in Glanz und Freude verwandelt hatte? Zehntes Kapitel. „Viel Wiſſen zeigt wie wenig Menſchen wiſſen, Und großer Reichthum macht uns klar, wie wenig Genüſſe ſich ein Weltmenſch ſchaffen kann. Im beſten Fall erhalten wir durch ſie Beſtändig was zum Spielen, wie die Kinder. Und Kindern gleich erhalten ſie uns auch, Bis wir zuletzt in Staub zuſammenfallen. Die Menſchen ſehen in des Reichthums Glanz Des Glückes Angeſicht und merken nicht, Daß ſie nur einen Schatten vor ſich haben, Sie ſtarren's an, betaſten's und betrachten's, Begucken's wieder, ſehnen ſich darnach, Und wundern ſich, wenn's ihnen ſtets entgeht.“ Wir haben Lord Alexander Beaulien im Nach⸗ denken über die beſte Art und Weiſe verlaſſen, wie er die Bekanntſchaft der Frau Maclaurin machen könnte, der Wittwe des reichen Papiermäklers. Als einen vorbereitenden Schritt zu dieſem gewünſchten Ziel ſetzte er ſich an jenem Tag in den Beſitz einer Wohnung in dem Gaſthof, wo ſie ihren Aufenthalt 255 genommen hatte; denn er dachte, daß eine ſo nahe Nachbarſchaft ihm Gelegenheit verſchaffen würde den Zweck zu erreichen den er im Auge hatte. Wenn der Zufall ihm dabei nicht zu Hilfe kam, ſo wollte er ſich ſeiner eigenen Klugheit überlaſſen, denn er war ebenſo unerſchöpflich darin Gelegen⸗ heiten herbeizuführen und ſeine Plane in's Werk zu ſetzen, als geſchickt jene zu ergreifen. Nachdem er den feſten Entſchluß gefaßt, die Citadelle zu ſtürmen, machte er ſich wie ein erfahrener General zuerſt daran über die Auſſenpoſten die nöthigen Erkundigungen einzuziehen und richtete zu dem Ende ſeine Aufmerkſamkeit auf die enkourage der Wittwe. Eine dame de compagnie in der Perſon eines Frauenzimmers von mittlerem Alter, welche die Armuth, nicht eigener Wille zu Uebernahme dieſer Stelle gebracht hatte, war die demüthige Geſell⸗ ſchafterin der Frau Maclaurin. Und demüthig mußte das unglückliche Geſchöpf wahrhaftig ſeyn, ſonſt würde ſie ihren Platz nicht lange behalten haben, denn die Lady, in deren Lohn ſie ſtand und deren Brod ſie aß, gehörte nicht zu denen die Leu⸗ ten, welche von ihnen abhängen, die Freiheit zu denken, zu ſprechen oder zu handeln laſſen. Frau Bernard, ſo hieß die unglückliche Geſellſchafterin, war durch die ſtrenge Schule des Unglücks gegangen. Sie hatte den Kelch der Armuth bis auf die Hefen durchgekoſtet und gelernt, daß das Brod der Dienſt⸗ 256 barkeit bitter, aber dennoch unendlich beſſer iſt, als gar kein Brod. Dieſe Ueberzeugung war ihr durch trübe Erfahrungen aufgedrungen worden und ihre Abſicht ging jetzt blos dahin, die Gunſt der Frau Maclaurin zu erwerben, ſich der Lady unenkbehrlich zu machen und ſich ſo eine bleibende Stelle in ihrem Haushalt zu ſichern. Frau Bernard, die verwaiste Tochter eines armen Geiſtlichen, hatte in früher Jugend den Pfarrvikar ihres Vaters geheirathet. Dieſer ſtarb bald und überließ es ſeiner Wittwe, ſich durch die mitleidsloſe Welt ihren Weg zu bahnen und ihren ſpärlichen Unterhalt dadurch zu verdienen, daß ſie die Stelle einer untergeordneten Freundin oder Dienerin bei Ladies übernahm, die nicht mit Töchtern, Nichten oder Baſen geſegnet waren und zu Hauſe eine Geſellſchafterin wünſchten. Frau Bernard hatte in den verſchiedenen Häuſern, wohin ſie ihr Mißgeſchick geworfen, viel gelitten und dieſe Prüfungen in Geduld ertragen. Von zarter Geſundheit und gebrochenen Gemüths unter⸗ warf ſie ſich einer Behandlung, deren Ungerechtig⸗ keit ihr manche Wunde ſchlug, verhehlte aber ſorg⸗ fältig jedes Zeichen von Unzufriedenheit mit denen, von welchen ihr eine ſolche zu Theil wurde; denn ſie wußte wohl, daß weder Vorſtellungen noch Bitten eine Verbeſſerung ihrer Lage herbeiführen würden. Der Heldenmuth kommt nicht bei den Großen der Erde oder bei den Männern allein vor. Oft 257 findet man ihn bei den Armen und Niedrigen und er zeigt ſich in den Beiſpielen von Standhaftigkeit, mit der ſolche Menſchen gleich Spartanern verbergen, was ihnen am Herzen nagt. Wie viele blaſſe Wangen, wie manche magere Geſtalt, wie mancher trübe Blick verräth den Kummer, welchen die Zunge niemals ausſpricht; wie oft offenbart ſich auf dieſe Weiſe der Gram, der am Tage zum Schweigen gebracht wird und blos freien Lauf erhält, wenn die Nacht einige Stunden der Einſamkeit bringt— eine Wohlthat, welche diejenigen ſo hoch ſchätzen, deren Zeit Anderen gehört! In allen Stellen, die Frau Bernard bekleidet, hatte ihre Herrſchaft gefunden, daß ſie ſchwermüthig und nicht zur Un⸗ terhaltung geeignet wäre. Eine Lady erklärte, das trübſelige Geſicht derſelben verurſache ihr Nerven⸗ zufälle, verſuchte aber nie, es durch gütige Be⸗ handlung aufzuhellen. Eine andere behauptete, ſie ſei ſo langweilig und ohne alles Leben, daß unab⸗ änderlich überall und immer eine Düſterheit eintrete, wo ſie ſich ſehen laſſe; und eine dritte verſicherte, ſie ſey der Anſicht, daß Frau Bernard gar kein BGefühl beſitze, weil ſie ſich mit ſo viel Gelaſſenheit ausſchelten laſſe. Eine vierte entließ dieſelbe, weil ſie einmal bemerkte, daß der Armen eine Thräne die Wange herunterrollte, da man ihr wegen eines ganz unerheblichen Verſehens harte Vorwürfe machte. Sie hatte umſonſt verſucht, ihre Thränen zurückzu⸗ Strathern 1. 17 258 halten, die Herrſchaft erklärte aber, ſie könnte die verdrießlichen Menſchen nicht leiden. Bei einer Familie verlor ſie ihren Platz, weil der Lady femmé de chambre gedroht hatte, ſie gehe aus dem Dienſte, wenn nicht die träumeriſche Speichellekerin entlaſſen würde, die, wie ſie ſich ausdrückte, ja oder nein ſagen müßte, je nachdem es ihre Gebieterin wünſchte. Sie ſelbſt, ſagte ſie, hätte keine Luſt, ſich die Un⸗ verſchämtheit der Frau Bernard gefallen zu laſſen, die nicht einmal in das Zimmer der Haushälterin komme und in ihrer Geſellſchaft eine Taſſe Thee trinken oder die Karte anrühren wolle, wenn ihre Lady ſie zu Hauſe laſſe. Welche Frau, beſonders wenn ſie in gewiſſen Jahren ſteht und den Putz liebt, hätte ſich lange beſinnen können, ob ſie eine dame de compagnie verabſchieden ſollte, die blos dazu war ihre Briefe und ſonſtige Haushaltungsſachen zu ſchreiben, ihr bei'm Einſchlafen vorzuleſen, die Glocke zu ziehen, und ihre üble Laune zu ertragen, oder eine Kemme de chambre die in alle verborgenen Körpermängel ihrer Gebieterin eingeweiht und ſehr vertraut war mit den Geheimniſſen der ioilette die zu Verdek⸗ kung jener Mängel unentbehrlich ſind,— ein Frauen⸗ zimmer, welches die Kunſt inne hatte, falſche Locken u machen, die den natürlichen Haaren täuſchend ähnlich waren, wenn man ſie aus der Ferne be⸗ trachtete, ein Frauenzimmer, welches das Perlen⸗ e⸗ 259 pulver und die Schminke ſo künſtlich anzubringen verſtand, daß wenigſtens die, welcher jene aufge⸗ legt wurden, verführt war, zu glauben, ſie könnte Andere über die Farbe der Geſundheit und Jugend irre führen, ein Frauenzimmer endlich, welches dem Mangel an embon point durch geſchickte An⸗ wendung von Baumwolle und Muſſelin abzuhelfen, oder einen unziemlichen Ueberfluß daran, ſo ſinn⸗ reich zu verwenden wußte, daß fette Frauenzimmer einen Anſchein von Schlankheit erhielten. Wenn es Frauen gibt, die im Stande ſind, ſolche Opfer zu bringen und ſo gewandte femmes de chambre fahren zu laſſen, ſo hatte Frau Bernard nicht das Glück gehabt, eine ſolche zu finden, und ſie ge⸗ langte bald zu der Ueberzeugung, daß die röle einer Kammerfrau in einem Hauſe von weit größerer Bedeutung iſt, als die einer dame de compagnie, welche, wenn auch dabei, doch nie von der Ge⸗ ſellſchaft iſt. Als ſie aber ihren congé von einer Stelle erhielt, in der ſie mehr ertragen und ge⸗ duldet, als je ein menſchliches Weſen zuvor, und das, weil der Schvoßhund der Lady ſie ſo heftig gebiſſen, daß er ihr wirklich ein Stück aus dem Fuß herausriß; als dabei ihre Gebieterin erklärte: „ſie fürchte, es könnte den armen Fidel krank machen,“ da gelangte das arme Geſchöpf zu der Erkenntniß, daß nicht blos die Kammerfrauen, ſondern ſogar die Schooßhunde für ihre Eigen⸗ S 260 thümerinnen nöthiger wären, als dames de com- pagnie. Dieſe Ueberzeugung machte ſie noch nie⸗ dergeſchlagener und kleinmüthiger. Frau Bernard ſchätzte ſich glücklich, als ſie von Frau Maclaurin gedungen wurde, ſie nach Italien zu begleiten. Der wohlbekannte Reichthum dieſer Lady und ein Anſchein von Gutmüthigkeit in ihrem Benehmen brachte ſie auf die Vermuthung, daß ſie bei ihr einigen, wenn nicht allen Prüfungen und Placke⸗ reien entgehen würde, welchen ſie in den früher von ihr bekleideten Stellen ausgeſetzt geweſen war. Die Geſchichte der parvenue Wittwe war kein Geheimniß in der engliſchen Welt, ihr ungeheurer Reichthum und verſchwenderiſcher Aufwand hatte viel Aufmerkſamkeit erregt und, wie es in ſolchen Fällen gewöhnlich iſt, viele Bemerkungen über ihre Herkunft veranlaßt. Aber die on dits in Bezug auf dieſen berüchtigten weiblichen Cröſus zeigten der Frau Bernard nur, daß ſie von niedriger Geburt, ohne Erziehung und Kenntniſſe war und ließen ſie hoffen, daß eine Frau, die ein ſolches Glück gemacht, gutmüthig und freundlich ſein würde. Mit dieſen Erwartungen trat ſie ihre Stelle an. Frau Maclaurin war von iriſcher extraction (Abkunft) oder, wie ſie ſich ſelber darüber aus⸗ drückte, von iriſcher distraction(Zerſtreutheit, auch Narrheit.) Sie hatte ſich in einem kleinen Städt⸗ chen der Grafſchaft, worin ſie geboren worden, 261 als Kindermädchen an die Familie des Oberſten Fairfax verdungen, deſſen Regiment daſelbſt ſeinen Standort hatte. Sie betrug ſich hierbei ſo gut, daß ſie, als das Regiment nach England zurückbe⸗ rufen wurde, ihre Herrſchaft nicht ungern nach London begleitete, denn es war, wie ſie ſich gegen die übrigen Dienerinnen ausdrückte, ihr eifrigſter Wunſch England zu ſehen, und ſie hoffte dort ihr Glück zu machen. Jene lachten über dieſen Einfall und dachten nicht von Weitem daran, daß eine Ausſicht zu Verwirklichung deſſelben vorhanden wäre, denn Molly Malowny beſaß weder ein hüb⸗ ſches Aeuſſere noch ein einnehmendes Betragen. Indeſſen hatte ihr die Natur etwas Anderes ge⸗ geben, und das war eine reine, ſanfte und wohl⸗ klingende Stimme. Sie ſang die Balladen ihres Geburtslandes mit einer Anmuth, deren Wirkung nicht einmal die ihren Standesgenoſſen eigene harte Ausſprache zu beeinträchtigen vermochte. Auf die⸗ ſen einzelnen Vorzug gründete ſie ihre Hoffnung auf Lebensglück und war daher eifrig bemüht ihn zu zeigen, ſo oft ſie nur konnte. Damit brachte ſie die Kinder des Oberſten Fairfax in Schlummer, und dieſe gewöhnten ſich ſo ſehr an ihre melo⸗ diſchen Wiegenlieder, daß ſie ohne ſolche nicht mehr ſchlafen wollten. Ihre Anhänglichkeit an Molly erwarb dieſer das Wohlwollen der Aeltern, wenn die letzteren ſchon nicht blind waren gegen eine ge⸗ 262 wiſſe Heftigkeit der Gemüthsart, gegen ihren Eigen⸗ ſinn und den falſchen Stolz, der ſich nur zu häufig an ihr wahrnehmen ließ. Im Herbſte machte Fairfar einmal einen Be⸗ ſuch in Brighton, und Molly begleitete ihre Ge⸗ bieterin mit den Kindern dahin. Der Zufall wollte, daß ſie ihre Wohnung in einem Gaſthof nahmen, wo der reiche Herr Maclaurin, ein wohl⸗ bekannter Papiermäkler aus London ſich aufhielt. Seine Zimmer ſtießen zufällig gerade an die, wel die Kinder des Oberſten Fairfax inne hatten, und er konnte die nächtlichen Wiegenlieder Molly's eben ſo gut hören, als die, an welche ſie gerichtet wurden. Auch brachten dieſelben einen eben ſo wohlthuenden Eindruck auf ihn hervor. Als Kind ſchottiſcher Aeltern, die ſich des Handels wegen in Irland niedergelaſſen, erblickte Maclaurin das Licht der Welt auf der Smaragd⸗Inſel. Er verließ ſie zwar im ſiebenzehnten Jahre, um als Handlungsdiener bei einem Londoner Kaufmann einzutreten und hatte jetzt ein Alter von ſiebenzig Jahren erreicht; aber doch rief ihm ſein Ohr ſchnell die ſanften und klagenden Lieder zurück, die ihm in ſeiner Jugend ſo vertraut geweſen waren. Mit ihnen kehrte ihm auch die Erinnerung an jene fröhliche Zeit wieder und erweckte in ihm die erſten zarten Gefühle, die er ſeit langen, langen Jahren kennen gelernt. Es überraſchte ihn ſeine Augen feucht 263 zu finden, während er ſo den ſüßen Harmonien aus der alten Zeit lauſchte, und er ſchlürfte die Laute mit einem Vergnügen ein, das ihm, ſo traurige Empfindungen ſich auch damit miſchten, doch die ſchönſte italieniſche Muſik nicht verurſacht haben würde, und wäre ſie von den bewundertſten prima donnas der Oper geſungen worden. Als die Töne ſchwiegen, wie ſehnte er ſich da noch mehr zu hören, wie verlangte es ihn zu erfahren, wer die Sirene wäre, die ihn ſo hoch entzückt. Er träumte in jener Nacht von den Tagen ſeiner Jugend, von den ſchauerlichen Gebirgen, den grünen Thälern und klaren Flüſſen, unter denen ſeine Jugend verfloſſen war. Die Kammern des Gedächtniſſes, die ein halbes Jahrhundert geſchloſſen geweſen, thaten ſich, wie vor der Hand eines Zauberers auf und ließen Bilder und Empfindungen heraustreten, welche lange, lange geſchlummert hatten. Der alte Mann wurde wenigſtens in Gedanken wieder von den warmen Gefühlen an⸗ derer, glücklicherer Tage ergriffen, da er noch nicht gelernt hatte, all' ſein Trachten auf Anhäufung von Gold zu wenden und blos an der Sammlung von Schätzen Freude zu finden. Und der Zauberer, der dieſes Wunder bewirkte, war kein anderer, als die klare, ſanfte, aber unausgebildete Stimme, die aus dem Kehlkopf Molly Malowny's hervorkam. Dieſe wußte nicht das Mindeſte von der Wirkung 264 die ſie hervorbrachte und„trillerte ihre Naturtöne“ blos in der Abſicht, ihre kleinen Pflegebefohlenen in Schlaf zu bringen. „Wer ſchläft in dem Zimmer gerade neben mir, Donald?“ fragte Maclaurin am Morgen, nachdem er Molly zum erſtenmal ſingen gehört, als ſein Diener in's Zimmer trat. „Wüßt's Ihnen wahrhaftig nicht genau zu ſagen,“ erwiederte der Schotte. „Ich möchte gerne, daß Du Dich danach erkun⸗ digteſt,“ fuhr der Herr fort. „Ganz recht, ich will es thun, wenn ich Ihr Frühſtück beſtelle.“ Geh' gleich im Augenblick und mach' mir das ausfindig.“ „Potz Kreuz!“ brummte Donald vor ſich hin, während er ſeinen Auftrag auszurichten ging;„ich weiß gar nicht, was der alte Mann hat; offenbar fehlt's ihm unter'm Hut, armer, alter Kerl; aber man darf ihn nicht ärgern, daher will ich nur meiner Wege gehen und nachfragen.“ Das Stubenmädchen verrieth Donald, daß die Kinder des Oberſten Fairfax in dem Zimmer neben dem ſeines Herrn ſchliefen. „Ja, das iſt nicht in der Ordnung. Die Kinder machen immer ſo viel Lärmen. Ich ſetze meinen Kopf zum Pfand, ſie haben meinen Herrn in der Ruhe geſtört, und ich muß ſagen, 265 es war nicht ſehr klug von Euch, die Kleinen ſo nahe zu einem alten Mann hinzuthun. Er iſt an derlei nicht gewöhnt, ſuchet alſo nur ein anderes Zimmer für ſie aus, oder gebt meinem Herrn eins.“ „Du biſt ſo langſam, wie eine Schnecke, Do⸗ nald,“ ſagte Maclaurin, als ſein Diener wieder in's Zimmer trat. „Ach, lieber Herr, ich bin nicht mehr ſo flink wie ſonſt, das muß ich ſagen, aber, lieber Gott, alt werden wir Alle— Reiche und Arme, Gute und Böſe— da kann Keiner was machen.“ „Haſt du herausgebracht, wer im nächſten Zimmer wohnt?“ „Sie müſſen nicht böſe ſein, Herr;z es war ein Verſehen von mir, daß ich das Mädchen, welches die Betten macht, nicht gleich gefragt habe, wer in dem Zimmer gerade neben dem Ihrigen ſchläft; aber ich hatte es wahrhaftig ganz vergeſſen, bis Sie mich dieſen Morgen danach gefragt haben. Jetzt weiß ich, daß es die Kinder eines Oberſten Fairfax ſind; ein bischen laut, natürlich, aber ich habe dem Stubenmädchen geſagt, ſie ſollte ſie von Ihrem Zimmer wegthun, ſonſt gingen Sie ſelber in ein anderes.“ „Dann biſt du ein Narr trotz deiner Sorgfalt, das biſt du,“ ſagte Maclaukin in größerem Eifer, als ihn Donald ſeit vielen Jahren geſehen.“ Ich will um keinen Preis, daß die Kinder ausziehen. 266 Ja, ich möchte nicht um tauſend Pfund haben, daß ſie das nächſte Zimmer verließen.“ „Potz Kreuz, Herr, tauſend Pfund ſind viel Geld, aber wahrſcheinlich wollen Sie ſich ſelber ein anderes Zimmer geben laſſen.“ „Ich ſage dir, daß ich nicht will; die armen kleinen Kinder ſollen bleiben wo ſie ſind, und ich will nicht von da weg, ſo lang ſich das machen läßt. Geh' alſo auf der Stelle und ſag' dem Stubenmädchen, daß man keine Aenderung vorzu⸗ nehmen braucht und horch! kundſchafte mir aus, wer die Perſon iſt, die im nächſten Zimmer ſingt?“ „Armer Mann! er iſt heute recht kurios. Ich weiß nicht, was ihn ankommt. Vielleicht iſt es das letzte Aufflackern vor dem Sterben. Die alte Moggy Macpherſon, die die Gabe des andern Geſichts hatte, behauptete oft, wenn alte Leute ſo wunderliche Einfälle bekämen, ſo wäre das ein ſchlimmes und kein gutes Zeichen. Und der arme Mann iſt nimmer ſo jung, wie vor fünfzig Jahren. Es würde mich gar nicht wundern, wenn es mit ihm zu Ende ginge. Ich glaube, er iſt ſo etwa fünf Jahre älter als ich; armer Mann, es thäte mir leid, wenn ich ihm mit der Leiche gehen müßte; aber de iſt nichts zu machen, wir müſſen Alle früher oder ſpäter dran glauben. Aber wenn er todt iſt, nehme ich das Vermächtniß, das er mir, wie er geſagt, in ſeinem Teſtament ausgeſetzt hat, 267 gehe in das fröhliche Schottland und mache mir's dort in meinen alten Tagen bequem.“ All das murmelte der alte Donald vor ſich hin, während er das Stubenmädchen aufſuchte, um den Befehl zu widerrufen, den er ihr eben gegeben. Dieſer Gegenbefehl veranlaßte ihrerſeits die Be⸗ merkung:„Sie wünſchte, die Leute wüßten, was ſie wollten, dann würden ſie anderen Leuten nicht ſo viel Unruhe verurſachen.“ „Aber wer ſchläft denn in der Stube neben meinem Herrn?“ fragte Donald. „Ein Methodiſten⸗Prediger.“ „Singt er?“ fragte Donald weiter. „Ja, ich höre ihn manchmal Loblieder abſingen, und er hat eine recht widerliche Stimme, denn er näſelt dabei ſchrecklich.“ „Richtig, nun wiſſen wir endlich wo der Butzen ſteckt; das hat der alte Herr gemeint; er ſagte mir, ich ſollte ausfindig machen, wer die Perſon ſei, die im nächſten Zimmer ſinge. Könntet Ihr den Prediger nicht in ein anderes Zimmer legen?“ „O j, es liegt mir nichts daran, denn er iſt ein filziger Hund und es iſt unnöthig, daß man Rückſicht auf ihn nimmt.“ „Wie lang biſt du doch ausgeblieben, Do⸗ nald?“ rief Maclaurin, als ſein Diener zurückfam. „Du wirſt wahrhaftig ſo alt und gebrechlich, daß Du Deinen Dienſt nicht mehr verſehen kannſt. Ich 268 muß mir einen jungen rüſtigen Menſchen nehmen, denn bei Dir geht mir die Geduld aus.“ „Das Alter iſt ehrenwerth, habe ich ſagen ge⸗ hört,“ erwiederte Donald,„und ich ſchäme mich nicht, meine grauen Haare zu zeigen. Ich muß ſagen, es iſt recht lieblos von Ihnen, daß ſie ſo mit Ihrem armen Diener umgehen, nachdem ich mir ſo viele Jahre Mühe gegeben habe, Sie zu⸗ frieden zu ſtellen.“ Und Donald ſchüttelte ſeine grauen Locken, zog das Sacktuch aus der Taſche und hielt es vor die Angen. „Haſt du herausgefunden, wer die Perſon iſt die ſingt?“ fragte Maclaurin, den der Vorwurf ſeines alten Dieners halb beſänftigt hatte. „Ja, Herr; es iſt ein Methodiſten⸗Prediger, der Loblieder ſingt, und das Stubenmädchen will ihn in ein anderes Zimmer bringen.“ „Ein Methodiſten⸗Prediger! Du und das Stubenmädchen, ihr ſeid mit einander verrückt. Ich ſage Dir die Stimme, welche ich meine, iſt die eines Frauenzimmers, und die ſanfteſte iſt es, die ich ſeit fünfzig Jahren gehört. Ihr Geſang hat mit dem Genäſel eines Methodiſten⸗Predigers ſo wenig Aehnlichkeit, als ich— mit dem, der ich vor fünfzig Jahren war,“ ſagte Maclaurin und holte einen tiefen Seufzer.“ Erkundige dich, wer das Frauenzimmer iſt. Ich muß ſie wieder ſingen hören und das ſo oft als möglich. Mache 260 ihren Stand ausfindig und verliere dabei keine Zeit. Aber halt, ich will mich ſo ſchnell als ich kann, anziehen, und wenn ich bei'm Frühſtück bin, kannſt Du Deine Nachforſchungen anſtellen.“ „Alſo ein Weibsbild iſt es, was ihm die ganze Zeit in dem armen, alten Kopf herumgeht!“ dachte Donald;„armer, alter Mann, ich glaube, er iſt nicht bei Sinnen. Nun, da iſt nicht zu helfen, wenn das Alter kommt, werden die Leute kindiſch. Gott bewahre mich davor, daß ich meine Gedanken auf die Weibsleute werfe, jetzt da ich vald ſiebenzig werde; da hat man ſeine liebe Noth; aber ich habe noch etwa fünf Jahre vor mir, bis ich ſiebenzig werde und fünf Jahre ſind eine lange Zeit. Ich will nur noch auf mein Vermächtniß warten, dann gehe ich nach Auld Reekin“*). Als Maclaurin gefrühſtückt hatte, und er genoß diesmal dabei weit weniger als gewöhnlich, ſo ſehr waren ſeine Gedanken von der Sängerin in An⸗ ſpruch genommen, ſchellte er ſeinem Diener und fühlte ſich verſucht mit ihm, als er keuchend und außer Athem vom Treppenſteigen in's Zimmer trat, wegen der Zeit zu zanken, die er ſich ge⸗ nommen hatte, um dem Rufe zu folgen. „Haſt Du herausgebracht wer die Perſon iſt?“ *) Edinburg. Ueberſ. 270 fragte er, ehe Donald noch Zeit hatte die Thüre zuzumachen. „Ja, Herr; es iſt ein iriſches Mädchen; ſie dient bei den Kindern des Oberſten Fairfax.“ „Ich wußte wohl, daß ſie eine Irländerin wäre; aber iſt ſie Erzieherin, oder blos Kinder⸗ mädchen, Donald?“ „Sie muß eine Magd ſein, ſollt' ich meinen, Herr, denn ſie ißt mit der übrigen Dienerſchaft, und ich habe in allen Familien, die ich kenne, be⸗ merkt, daß die Erzieherin mit dem Herrn und der Frau vom Hauſe ißt, oder mit den Kindern, die ſie unterrichtet.“ „Ja, dann muß ſie eine Magd ſein. Das thut mir leid, denn ich hätte ſie gerne eine Stufe höher geſehen. Eine Erzieherin wäre gerade recht geweſen, arm— das ſind alle dieſe unglücklichen Geſchöpfe— arm und gebildet. Ich hätte ſie als Freundin behandelt, und ihre Muſik und ſon⸗ ſtigen Kenntniſſe würden meine alten Tage erheitert haben,“ murmelte Maclaurin, doch nicht ſo leiſe, daß es dem Ohre ſeines Bedienten entgangen wäre. „Er iſt ganz toll, der arme Herr,“ dachte Donald,“ denn man ſieht wohl, er iſt verdrießlich darüber, daß das Mädchen eine Magd iſt. Lieber Gott, ſein armer Kopf iſt ganz verwirrt. Im ſiebenzigſten Jahre noch an Mädchen zu denken! Wer hat je ſo etwas gehört. Ich bin doch nur 271 fünfundſechzig alt, mir aber kommt ſo etwas nicht zu Sinn. Ach, ach, er muß ganz verrückt ſein, der arme Mann!“ „Nun, da ſie alſo eine Magd iſt, ſo iſt es nicht wahrſcheinlich, daß ſie ſich beleidigt fühlt, wenn man ihr ein Geſchenk macht. Hier, Donald ſind fünf Guineen.“ Und dabei machte Maclaurin den Beutel auf und zählte bedächtig das Geld heraus. „Gib das dem jungen Frauenzimmer und ſag' ihr, es komme von einem alten Mann, dem ihr Ge⸗ ſang Freude gemacht habe und dem es ſehr ange⸗ nehm ſein würde, ſie wieder zu hören, wenn es ihr beliebte.“ „Fünf Goldſtücke! Nun, ich muß ſagen, Sie ſind doch gar zu freigebig mit Ihrem Gold. Wenn ich ihr eins davon gebe, wird das Mädchen recht froh ſein; aber fünf— es wäre eine Sünde und eine Schande.“ „Ich will Deine Meinung hierüber nicht wiſſen, Donald. Thu, was man Dich heißt!“ „Herr Maclaurin, ich habe Ihnen ſechs und dreißig Jahre, drei Monate und ſechs Tage treu und redlich gedient und bis auf den heutigen Tag haben Sie mir noch keinen ſolchen Schimpf ange⸗ than und das iſt nicht ſchön von Ihnen, denn, wenn ich ſchon nur ein Bedienter bin, ich kenne meine Schuldigkeit, und ich gehe jeden Sonntag in die Kirche, und es iſt nicht recht von Ihnen, 272 daß Sie mich fortſchicken, und ein junges Mädchen mit Ihrem Geld beſtechen.“ 63 Maclaurin riß die Augen ſo weit als möglich auf und ſtarrte Donald ganz außer ſich vor Ver⸗ wunderung an. „Was in aller Welt haſt du dir in den Kopf geſetzt, Du dummer, alter Eſel?“ rief er aus. „Ich ſchicke Dich fort, ein junges Mädchen zu beſtechen? Wahrhaftig, Du mußt verrückt, ganz ſtocktoll ſein.“ „Nicht ganz, Herr. Aber was kann ein Menſch denken, wenn ſein Herr von ihm verlangt, er ſolle Alles umſtändlich auskundſchaften, was ein junges Mädchen angeht und wenn er ihr dann noch ſo viel Geld ſchickt als ſie im ganzen Jahr verdient?“ „Blos ein alter, argwöhniſcher Narr wie Du, kann ſolch' ſchlimme Verdächtigung gegen ſeinen Herrn aufbringen,“ erwiederte Maclaurin. Die Bemerkungen ſeines Dieners hatten ihn nicht wenig aufgebracht, und doch fühlte er ſich— ſo groß iſt die Schwäche der menſchlichen Natur— einiger⸗ maßen dadurch geſchmeichelt, daß man ihn noch für jung genug hielt, um die Abſichten auf das in Rede ſtehende Mädchen zu hegen, die man ihm beimaß.„Du weigerſt dich alſo, der Perſon das Geld zu überbringen?“ „Ja, Herr, es thut mir leid, daß ich Ihren 273 Befehlen den Gehorſam verweigern muß, aber ich kann nicht gegen mein Gewiſſen und gegen die Vorſchriften der Kirche handeln.“ „Du wäreſt im Stande einen Heiligen in Wuth zu bringen,“ das iſt gewiß, Du alter Eſel; aber ich werde Dich Deines Dienſtes entlaſſen und einen jungen, rüſtigen Menſchen nehmen, der meine Sachen beſorgt.“ „Sie können das machen, wie Sie wollen, Herr; und wahrhaftig, wenn Sie darauf ausgehen, junge Mädchen mit Ihrem Gelde zu beſtechen, ſo wäre es freilich beſſer, Sie nähmen ſich einen jungen Menſchen, der kein Gewiſſen hat und in keine Kirche geht, als einen Mann mit grauen Haaren, wie ich.“ „Geh' aus dem Zimmer, mach' daß Du fort⸗ kommſt, jetzt reißt mir die Geduld,“ rief Maclaurin, nunmehr ernſtlich böſe über den Eigenſinn, mit dem Donald ſeiner Freigebigkeit gegen die Sängerin, deren Stimme ihn bezaubert, unziemliche Beweg⸗ gründe unterſtellte und über die Weigerung deſſelben ihr ſein Geſchenk zu überbringen. Als Maclaurin einige Zeit nach dem Frühſtück in ſein Schlafzimmer ging— und die Wahrheit zwingt uns zu ſagen, daß er dies in der Hoffnung that ſeine unſichtbare Sirene nochmals ſingen zu hören— war er ſehr erfreut, zu finden, daß ſie folgendes Lied trillerte. Die Muſik daran glich Strathern 1. 18 den Mangel an Poeſie in den Worten und dem breiten iriſchen Dialekt, in welchem ſie geſprochen wurden, mehr als hinreichend aus; es lautete alſo: „Dring' nicht in mich der Heimath abzuſagen, Dem theuern Land wo meine Wiege ſtand, In fremde Zonen mich hinauszuwagen Und dort herumzuzieh'n von Strand zu Strand. Ich kann nicht von den hohen Bergen ſcheiden⸗ Die aufwärts ſteigen zu der Sonne hin, Richt von den Thälern grün und ihren Weiden, Nicht von den Bächlein blar, die ſie durchzieh'n. Den Vater ſollt ich laſſen und die Meinen? Da bliebe ja das Mütterchen allein, Ich kann's nicht bergen, wenn mich's zwingt zu weinen Und deine Braut kann ich gewiß nicht ſein. Such' Dir ein Mädchen, das des Glückes Gaben Mehr ſchätzt als ich, ihr reiche deine Hand, Mein treues Herz iſt nicht für Geld zu haben, Ich bleibe ſtets in meinem Heimathland.“ Maclaurin wagte kaum zu athmen, ſo ſehr fürchtete er auch nur einen Ton von dem Liede zu verlieren, und als es zu Ende war, hätte er es noch einmal zu hören gewünſcht. Er wickelte fünf Guineen, dieſelben, die ſich Donald geweigert hatte, dem iriſchen Mädchen zu bringen, in ein Papier und ſchrieb in den Umſchlag ein paar Zeilen welche beſagten, daß es einem alten Mann und leidenſchaftlichen Liebhaber der Muſik viel Ver⸗ 275 gnügen gemacht habe, die Perſon im nächſten Zimmer ſingen zu hören; er erſuchte ſie deshalb die beigeſchloſſene Summe anzunehmen. Dieſem war die Bitte beigefügt, ſie möchte ſo gefällig ſein und in ihrem Zimmer ſingen, wenn er in dem ſeinigen wäre; er würde dieſes durch leiſes Pochen an der Scheidewand zu erkennen geben. Nachdem er das Päckchen verſiegelt, war die nächſte und ſchwierige Frage, wie es überreicht werden ſollte. Donald wollte dies nicht thun und wenn er den Kellner oder das Stubenmädchen um Beſorgung deſſelben gebeten hätte, ſo wäre dadurch die Ir⸗ länderin ihrem Verdacht und ihren Bemerkungen ausgeſetzt worden. Was ſollte er anfangen? Da fiel ihm bei, der ſicherſte und einfachſte Ausweg würde ſein, wenn er wartete bis die Sängerin ihr Zimmer verließe, dann ihr entgegenginge und ihr den Brief in die Hand ſteckte. Er harrte auch wirklich einige Zeit; da er aber ſah daß ſie nicht aus ihrer Stube herauskam, faßte er Muth, näherte ſich ihrer Thüre und klopfte mit zitternder Hand an. Alsbald hieß ihn eine weit weniger muſikaliſche Stimme, als er erwartete, hereinkom⸗ men. Er hatte vermuthet, wenn er an die Thüre der Perſon klopfte, mit der er ſo eifrig zuſammen⸗ zukommen wünſchte, ſo würde dieſe ſelbſt aufmachen und ihn dadurch der Nothwendigkeit überheben ſelbſt in das Zimmer einzutreten. Dieſes wünſchte 276 er, als ein ſehr furchtſamer und ernſthafter Mann zu vermeiden, denn er hielt es für unſchicklich. Als er aber noch einmal anklopfte, wurden die Worte:„Das Wetter auf Sie, können Sie nicht hereinkommen, wenn man es Sie heißt,“ laut und mit rauher Stimme ausgerufen. Dies brachte einen ſolchen Eindruck auf ihn hervor, daß er ſich eilig in ſein eigenes Zimmer flüchtete. Da aber lief Molly Malowny, welche meinte, es wolle ſie Je⸗ mand zum Beſten haben, in den Gang heraus. Wie ſie Maclaurin ſah, der ſo ſchnell davon lief, als es ihm ſeine ſchwachen Beine verſtatteten, eilte ſie ihm nach, packte ihn heftig am Rock und rief: „Schämen Sie ſich nicht vor ſich ſelber, ſo ein alter Mann wie Sie, daß Sie daher kommen und an die Thüre eines ehrbaren Mädchens klopfen und dann davon laufen, wie wenn Sie geſtohlen hätten? Was haben Sie damit gewollt?“ „Werden Sie nicht zornig— ich bitte Sie darum; ich habe es nicht böſe gemeint— gewiß nicht— ich wollte Ihnen nur das da geben.“ Und dabei bot er ihr den Brief hin.„Von wem iſt er und was ſoll damit werden? Reden Sie; warum ſind Sie ſo ängſtlich und furchtſam, haben Sie nicht etwas Unrechtes im Sinn, Sie mit Ihrem alten Kopf?“ „Nehmen Sie den Brief, ich bitte Sie, der wird Ihnen Alles erklären.“ Ehe Molly Malowny antworten konnte und während ſie den Brief noch in der Hand hatte, kamen der Oberſt Fairfax und ſeine Frau plötzlich um eine Ecke im Gang und ſtanden dicht bei ihnen. Beiden ſah man ihre Ueberraſchung an. „Was ſoll das bedeuten?“ fragte der Oberſt ernſthaft. „Wahrhaftig, Herr, das möchte ich auch wiſſen,“ erwiederte Molly Malowuy.„Dieſer alte Herr, und das macht ihm noch mehr Schande, kommt an meine Thüre, während ich an der Arbeit ſitze und an gar nichts denke und klopft. Herein, ſag' ich, denn es fiel mir nicht im Schlaf ein, wer da ſein könnte; aber ſtatt hereinzukommen, klopfte er noch einmal. Das Wetter auf Sie, ſagte ich,„wer Sie auch ſein mögen; warum kommen Sie nicht herein, wenn man es Ihnen ſagt.“ Aber nicht eine Maus ließ ſich ſehen; ich legte daher meine Arbeit weg; ich kann's noch zeigen, es war das Kinderhemd, was mir die gnã⸗ dige Frau zu machen gegeben hat, lief auf die Thüre zu und machte ſie auf. Und was ſah ich da, dieſen nämlichen alten Mann, der ſo ſchnell, als ein Lampenputzer davon ſprang. Daraus konnte abnehmen, daß er mich durch Anklopfen und Davonlaufen zum Narren halten wollte. Da be⸗ ſann ich mich nicht lange, ſondern rannte ihm nach und fragte ihn, was das bedeute, daß er ſolche 278 Sachen mit einem ehrbaren Mädchen, wie ich mache. Er antwortete, er—— hätte mir blos einen Brief bringen wollen und gab mir den da in die Hand. Das iſt die reine Wahrheit bei der Sache, ich kann einen Eid darauf ablegen, Herr Oberſt, und ich hoffe, Sie werden mich nicht dafür ſchelten, daß ſich der alte Mann ſchlecht betragen hat.“ „Wenn des Mädchens Angabe richtig iſt, Herr,“ ſagte Oberſt Fairfar,„ſo verdienen Sie allein Tadel bei der Sache.“ „Gewiß, Herr, ihre Angabe iſt völlig richtig, und es würde mir leid thun, wenn irgend eine meiner Handlungen, iſt ſie gleich durchaus nicht böſe gemeint, nachtheilige Folgen für ſie hätte. Thun Sie mir den Gefallen, Herr, und leſen Sie die paar Zeilen, die ich an ſie gerichtet habe; ſie werden deutlich machen, was jetzt unerklärbar oder ſchlimmer ausſieht.“ „Thun Sie das doch, Herr Oberſt, leſen Sie das bischen Geſchreibſel,“ ſagte Molly, denn da ich nicht einen Buchſtaben vom Alphabet kenne und ein B. nicht von einem Ochſenfuß zu unterſcheiden vermag, möchte ich gerne durch Sie erfahren, was der alte Mann gewollt hat.“ „Ich bin ſo in Verlegenheit und nehme mich Ihnen gegenüber ſo lächerlich aus, daß ich Sie um Nachſicht bitten muß,“ bemerkte Maclaurin und wendete ſich mit einer Verbeugung gegen Frau 279 Fairfar.„Sein Sie verſichert, daß ich nicht im Entfernteſten die Abſicht gehabt habe, dieſem Mädchen eine Beleidigung anzuthun oder unziem⸗ liche Anträge zu machen— mein Alter muß jeden Verdacht der Art zurückweiſen; aber meine Leiden⸗ ſchaft für die Muſik und der Genuß, welchen mir die Stimme dieſes Mädchens gewährt, hat mich in die Verlegenheit gebracht. Ich bedaure das ſehr, hoffe jedoch, Sie werden dem Frauenzimmer erlauben, ein Geſchenk zu behalten, welches ich ihr ohne irgend einen ſchlimmen Beweggrund ange⸗ boten habe.“ Oberſt Fairfax öffnete den Brief und hielt ihn ſeiner Frau hin. Dieſe lächelte, nachdem ſie ihn geleſen und ſagte Molly Malowny, es ſtände bei ihr, ob ſie die Gabe, die man ihr biete, anneh⸗ men wolle. Molly nahm die fünf Guineen, machte einen Knicks vor Maclaurin und ſagte,„Ich bin dem Herrn ſehr verbunden, und wenn Ihnen mein Geſang gefällt, ſo können Sie ſich darauf verlaſ⸗ ſen, daß ich ſo oft ſingen werde, als Sie es wünſchen, wenn nämlich der Herr Oberſt und ſeine Frau nichts dagegen haben, und ich bitte Sie um Verzeihung, daß ich Sie ſo heftig gezerrt habez aber was konnte ein ehrbares Mädchen in einem ſolchen Falle thun, und ich meinte eben„ Sie wollten ſich einen Spaß mit mir machen?“ Der Oberſt Fairfar und ſeine Frau hießen 280 ihr Kindermädchen fortgehen. Auch Maclaurin, der ſich herzlich vor ſich ſelber ſchämte und äußerſt niedergeſchlagen ausſah, machte ihnen beiden eine Verbeugung und entfernte ſich. „Fünf goldene Guineen!“ ſagte Molly Malo⸗ wny, nachdem ſie dieſelben überzählt.„Nun, ich bin ein glückliches Mädchen, und habe ſie noch dazu für nichts, für gar nichts, als dafür bekom⸗ men, daß ich ihm alte Lieder ſang, die mich meine Großmutter gelehrt hat. Es fiel mir nicht ein, daß Jemand in der weiten Welt auf mich horchte, außer die Kinder! Ja gewiß, ich bin ein glück⸗ liches Mädchen, das muß ich ſagen. Und jetzt denk' ich dran, mein Traum iſt wahr geworden. Hat es mir nicht geträumt, ich ſehe einen Beutel voll Geld, den ein Hund im Maul trug, und da gab ich ihm einen Knochen, und er ließ das Gold in meinen Schvoß fallen. Der alte Mann iſt der Hund und hier iſt, ſo wahr ich lebe, das Gold. Meiner Treu, ich will ihm vom Morgen bis Abend vorſingen, wenn er mir ſolche Geſchenke macht wie das da. Laß ſehen— fünf und fünf macht zehen und fünf iſt fünfzehen und noch fünf gibt zwanzig. Gibt er mir noch dreimal fünf, ſo bin ich ſo reich wie ein Jude. Mein Glück wäre dann gemacht, und ich könnte ſchönere Kleider tragen, als eine von den Kammerjungfern, die über mich die Naſen rumpfen, weil ich nicht ſo — — — 281. gut angezogen bin wie ſie. Ich könnte wahrhaftig ein ſeidenes Kleid kaufen und eine Haube mit Blumen daran und eine Mantille, wie ich ſie an den Kammerjungfern ſehe, wenn ſie auf dem Steyne*) ſpazieren gehen. Was für ein wunder⸗ licher alter Herr, klopft an meine Thür und läuft dann fort wie toll. Ich habe ihm aber einen tüchtigen Stoß gegeben, dem armen alten Mann, denn ich meinte, er wollte mir einen Poſſen ſpielen. Und dann die Furcht, in die ich gerieth, als ich den Oberſten und ſeine Frau mir dicht auf den Ferſen ſtehen ſah, ehe mir nur im Traume einfiel, ſie ſeyen in der Nähe, und wie ſie mich ſo finſter anſahen! Nun, das iſt jetzt Alles vorüber und ſie wiſſen, daß ich keinen Zank verdient hatte; ich habe doch fünf Guineen davongetragen, und alſo iſt heute ein glücklicher Tag für mich geweſen. *) Ein Spaziergang in Brighton. Ueberſ. 282 Elftes Kapitel. Der Liebe baar, der Ehre, ſchwach und alt, So ſteht er da, zerfallen an Geſtalt, Der nutzlos ſich um Haufen Golds gemüht;— Was nütt's ihn nun, wenn er ſie blitzen ſieht? Geſundheit, Jugend, Friede ſind dahin, Und Gold hilft Kranken nicht und trübem Sinn, Es bringt auch alte Tage nicht zurück. Wie eitel iſt, um was er allem Glück Ein mühevolles Leben durch entſagt Und unter Furcht und Zweifeln ſich geplagt! Wie gern entſagte jetzt der arme Mann Dem Unrath, den er nicht gebrauchen kann, Könnt' er ſich der Geſundheit nur erfreu'n Und wieder jung wie ſonſt und fröhlich ſeyn! Als Maclaurin in ſeinem Zimmer wieder ein⸗ ſam und allein war, gingen ihm allerlei trübe Gedanken durch den Kopf.„Was nützt mich all' der Reichthum, an deſſen Aufhänfung ich ſo viele, lange und mühſelige Jahre gearbeitet habe?“ dachte er.„Hat er mich glücklich gemacht, oder kann er mir Genüſſe verſchaffen? Ich bin ſo eifrig darauf bedacht geweſen Geld zu ſammeln, daß ich darüber vergeſſen habe, mir Freunde zu erwerben, oder auch nur Bekanntſchaften zu machen; meine Verwandten habe ich überlebt und ſtehe in der Welt allein— ein ungeliebter, einſamer, alter 8 283 Mann. Niemand iſt, auf den ich mich ſtützen könnte, während ich das Thal des Lebens hinunter⸗ ſchreite, keine freundliche Hand glättet mein Kiſſen, keine liebreiche Geſellſchaft bringt Erheiterung in meine ewig langen Abende oder Freude in mein trauriges Gemüth; zu keines Menſchen Glück kann ich beitragen, und keiner kümmert ſich um das meine. Mein Reichthum kommt mir vor wie eine Neckerei des Schickſals, denn er verhilft mir nicht zu einem einzigen der höheren Genüſſe, nach denen mein Herz ſich ſehnt. Der ſterbende Geizhals, deſſen ſchlimmer Zuſtand dadurch herbeigeführt worden iſt, daß er ſich alle Bequemlichkeiten, ja ſelbſt die gewöhnlichſten Lebensbedürfniſſe ver⸗ ſagt hat, kann ebenſo wenig Vergnügen finden an der Betrachtung des Goldes welches er, wie er wohl fühlt, bald dahinten laſſen muß, als mir mein Reichthum unter den gegenwärtigen Um⸗ ſtänden Troſt gewähren kann. Wie ſo ganz werth⸗ los erſcheint er mir jetzt, da ein unbedeutender Theil davon hinreichen würde, um den wenigen Bedürfniſſen abzuhelfen, die mir noch übrig ſind. Ich betrachte Alle mit neidiſchen Augen, die Kin⸗ der haben, welche in der Traurigkeit des Alters für ſie ſorgen, oder auch nur Freunde, welche ihnen durch ihre Geſellſchaft die Düſterheit deſſelben erheitern. An all' das dachte ich nicht im Traum, da ich meine Jugendzeit und mein Mannesalter unter 284 den freſſenden Sorgen verbrachte, welche die un⸗ aufhörliche Plackerei des Gelderwerbs auferlegt. Laßt mich nur erſt reich werden! war mein beſtän⸗ diger Gedanke, und bin ich es, ſo wird es Zeit ſeyn das Geſchäft aufzugeben, es mir wohl ſeyn zu laſſen und in der Behaglichkeit und mit dem Aufwand zu leben, die ich mir jetzt verſage. In den erſten Jahren meines mühſeligen Treibens nahm ich mir vor, mich von der harten Arbeit dann zurückzuziehen, wenn ich eine Summe von fünf und zwanzigtauſend Pfund zuſammengebracht hätte. Damals hegte ich noch gemäßigte Wünſche. Das junge Blut floß mir raſch durch die Adern, und die Geſundheit machte die Sehnſucht nach manchen Genüſſen in mir rege, von denen die Klugheit abrieth. So verſchob ich alle Vergnü⸗ ungen, bis ich die fünf und zwanzigtauſend Pfund beſäße und wartete mit Ungeduld auf den Augen⸗ blick, in welchem dies der Fall ſeyn würde. Er kam,— langſam zwar, aber er kam— und nun hätte ich mich von Beſchwerden und Sorgen los⸗ gemacht und der Liebe und Freundſchaſt gelebt, wenn ich vernünftig geweſen wäre. Aber der böſe Geiſt der Gewohnheit hatte ſich mit der Sucht nach Reichthum vergeſellſchaftet. Die Entbehrungen und die Einſamkeit waren mir allmählig zur zwei⸗ ten Natur geworden, und als die Einflüſterungen der Habſucht mich verführten fortzumachen, bis ich — — 285 noch weitere fünf und zwanzigtauſend Pfund zu den bereits verdienten erworben hätte, nahm ich ſie irrigerweiſe für Eingebungen der Klugheit und ſchaffte fort bis ich über fünfzigtauſend Pfund zu gebieten hätte. Als ich auch dieſe errungen, wünſchte ich es auf hunderttauſend zu bringen. So gewöhnte ich mich an den ermüdenden Schlen⸗ drian des Lebens, der mir Anfangs ſo zuwider geweſen. Der Saft meines Daſeyns vertrocknete, das Blut kreiste nur langſam in den Gefäſſen, die Sehnſucht nach Genüſſen verlor ſich und nur die Einſamkeit, in der ich mich befand, verurſachte mir Schrecken. Meine Verwandten gingen, eines nach dem andern aus der Welt; ich hatte mich geweigert ſie in ihrer Armuth zu unterſtützen oder ihnen zu beſſerem Fortkommen zu verhelfen bis ich es zum erſtenmal zu der Summe gebracht, die ich zu Sicherung meines eigenen künftigen Unter⸗ halts für nöthig hielt. Als ſich dieſelbe verdoppelt verdrei— vervierfacht hatte, war Niemand mehr übrig, der Anſpüche an meine Neigung gehabt hätte. Die Veranlaſſung zur Arbeit war nicht mehr vorhanden, aber die Gewohnheit machte, daß ich mich ihr immer noch unterzog. Geld er⸗ zeugt Geld; ich bin jetzt reicher, weit reicher als ich je erwarten konnte zu werden, aber was hilft es mich? Das einzige Vergnügen, dem ich je nachgehängt bin, iſt die Muſik, in häufigen Beſuchen 286 der Oper hat meine einzige Verſchwendung be⸗ ſtanden. Aber wenn auch die ſüßeſten Töne vor meinen Ohren erklangen, zu meinem Herzen dran⸗ gen ſie nicht. Sie trafen keine Saite, die in Schwingungen gerieth— ſie weckten keine Erin⸗ nerung an die alte Zeit. Das blieb dem Geſang des Mädchens vorbehalten, die ich hier getroffen; und meine Gedanken kehren, ſeitdem ich ſie gehört, immer wieder und wieder zu den Tagen meiner Jugend zurück und mein Herz ſehnt ſich nach einer Fortdauer der ſüßen, wenn gleich wehmüthigen Rührung, die ihre Stimme aus ihrem langen tod⸗ ähnlichen Schlummer wach gerufen hat. Könnte ich nur zuwege bringen, daß dieſe Stimme meine Einſamkeit verſüßte und mir das Gedächtniß ver⸗ gangener Tage zurückbrächte, wie gerne wollte ich einen großen Theil meines nutzloſen Reichthums hingeben, um dieſe Erwerbung zu machen. Dem Oberſt und ſeiner Frau gewähren die Lieder des iriſchen Mädchens keine Freude, ſie wiſſen vielleicht gar nicht, daß ſie eine ſchöne Stimme hat, und ſie beſitzen das, was ich mit ſchwerem Gelde erkaufen würde. Warum ſollte ich es nicht zu erlangen ſuchen? Ja, ich will ihr eine unabhängige Lage ſichern, wenn ſie ihren Dienſt bei der Familie auf⸗ gibt, mit der ſie jetzt lebt, und bei mir eintritt. Ihre Geſchäfte ſollen leicht ſeyn; ich werde von ihr nichts verlangen, als daß ſie mir jeden Abend — — — —— —— vorſingt und mich in Schlaf lullt wie die Kinder, die ſie jetzt wartet. Bin ich nicht wieder zum Kinde geworden, und bedarf ich nicht ihres Ge⸗ ſangs zu meiner Erheiterung ebenſo gut— ja noch eher als die unſchuldigen Geſchöpfe, denen die Ermüdung von den Freuden und dem Zeitver⸗ treib eines langen Tages eine ununterbrochene Ruhe ſichert?“ Solches waren die Gedanken, die Maclaurin durch den Kopf gingen, während Stunde um Stunde in der Einſamkeit ſeines Zimmers an ihm vorrüberrollte. Hätte er ſie aufgezeichnet, ſo würde er ihnen denſelben Ausdruck gegeben haben, wie wir, geneigter Leſer, es an ſeiner Statt thun. Die Folge davon war, daß er beſchloß, ſich an den Oberſt Fairfax zu wenden, ihm ſeine traurige Lage auseinanderzuſetzen und ihm zu ſagen, wie ſehnlich er wünſchte, die Stimme ſeines Kinder⸗ mädchens zu hören. Dann wollte er denſelben, als um die größte Gunſt, die ihm gewährt werden könnte, bitten, dieſes Kindermädchen in ſeine Dienſte übergehen zu laſſen. Dann aber überkam ihn die Blödigkeit, der Widerwille dagegen vor einem Mann und noch dazu vor einem Soldaten, die geheimen Gefühle darzulegen, die ſo lange in ſei⸗ nem vertrockneten Herzen verſchloſſen geweſen waren. Denn der ſchüchterne Bürgersmann glaubte, par parenthése geſagt, die Angehörigen dieſes Standes 288 ſeyen aus roheren Stoffen gebildet als andere Leute. Er bebte davor zurück, und ſo würde es den meiſten Männern in ähnlicher Lage gehen, denn fie wiſſen Alle, daß man das Mitleid oder Mit⸗ gefühl nicht bei Männern ſuchen darf, wenn man deſſen bedarf. Nein, er wollte ſich an Frau Fair⸗ far wenden; eine Frau mußte ſeinen Zuſtand be⸗ greifen und Bedauern damit fühlen. Er erinnerte ſich der wahren Worte: „Das Mitleid iſt im Herzen einer Frau daheim.“ und zollte ihnen Beifall. Ja, der Frau Fairfar wollte er Alles offen⸗ baren, was Betreffs ihrer Kindermagd in ſeiner Seele vorging. Wenn er ſich des milden Aus⸗ drucks im Geſicht der Lady erinnerte, ſo fühlte er die Gewißheit, daß ſie ſeinen Abſichten und ſeinem Betragen keine ungünſtige Deutung geben würde. Er ergriff eine Feder, um an ſie zu ſchreiben; da er aber eben ſein Schreibbuch aufmachte, begann Molly Malowny ein Lied, das er oft in ſeiner Jugend vernommen und von dem jeder Laut in ſeinem Herzen wiederklang. Wie wunderbar iſt die Macht der Ideenverbindung! Gerade der Ton und die Ausſprache, welche dem Stande der Sän⸗ gerin eigen und für die Ohren der Eingeborenen anderer Länder meiſt ſo gar nicht angenehm iſt, kam ihm äußerſt lieblich vor, denn der breite iriſche Dialekt erinnerte ihn an die Sprache, die er in 289 ſeiner Kindheit gehört, der glücklichſten, ja der einzig glücklichen Zeit ſeines Lebens. Ob die Freude über die erhaltenen fünf Guineen Einfluß auf die Sängerin äußerte— denn ſie war nie zuvor im Beſitz ſo vielen Geldes geweſen,— ob ſie Ma⸗ claurin zu gefallen wünſchte, den ſie im nächſten Zimmer wußte— ſind wir nicht im Stande zu ſagen, aber Molly Malowny hatte noch nie ſo ſchön geſungen, als da ſie ihre helle, wohlklingende Stimme in folgendem Lied ausließ: „O Ehre, du biſt Honig, o Liebe, du biſt wonnig, Doch eine Weile nur, wenn jung ihr ſeid; Doch wenn die Liebe alt wird,— die heiße Liebe kalt wird Und ſchwindet wie der Thau zur Morgenzeit. In vergangenen Jahren, da wir uns nahe waren Stand Blick und Gedanke nach dir allein; Und da wir ſchieden im Schmerz, da wollte breche mein Herz, Und ich bat den Tod mich bald zu befrei'n. Da ſchwureſt du mir Liebchen, daß du für und für, Liebchen, Mir Treue bewahreſt in Ewigkeit. Es ſollte dir kein Dringen, es ſollte dir kein Zwingen Erſchüttern des Herzens Beſtändigkeit. Ich kehrte endlich wieder, mir zitterten die Glieder,— Die frühere Liebe brannte noch fort. Ich flog dir ſchnell entgegen mit lauten Herzensſchlägen, Mit Thränen und Lächeln und zartem Wort. Strathern r. 19 Ach, ſollt' ich ewig leben, ſo denk' ich ſtets mit Beben An deinen ſo kalten ruhigen Blick; Deine eiſigen Mienen, die ſchreckten meine kühnen, Vertraulichen, warmen Grüße zurück. Erſt war ich wie gelähmet und hab' mich ſehr gegrämet, Und deine Falſchheit bitterlich beklagt; Doch ſah ich bald, o Liebe, du ſüßeſter der Triebe, Wie thöricht iſt, wer liebt und hofft und zagt. Der alte Mann ward ganz entzückt, während er ſo lauſchte, und der Geſang erregte ihn ſo ge⸗ waltig, daß er den Muth faßte eine Unterredung mit Frau Fairfax nachzuſuchen, ſtatt ſich in ſchrift⸗ lichen Verkehr mit ihr zu ſetzen. Er fürchtete ſich auch einigermaßen vor dieſem letzteren, denn er war ſich bewußt, daß ſeine Gewandtheit im Brief⸗ ſchreiben nicht eben bedeutend ſei. Alſo zog er die Glocke und ſchickte den Kellner, der ſeinem Rufe folgte, mit der Bitte an Frau Fairfax, ſie möchte ihm erlauben ihr ſeine Aufwartung zu machen. Als ihm dieſes bewilligt wurde, machte er ſogleich Ge⸗ brauch davon und die ſanfte Miene wie das gütige Betragen der Lady ermuthigte ihn ſo weit, daß er ſeine gewöhnliche Schüchternheit und krankhafte Scheu bezwang und ihr ſeine Gefühle offen dar⸗ legte. Die beredteſte Schilderung ſeines abgeſchie⸗ denen und einſamen Lebens hätte nicht ſo viel zu bewirken vermocht als die einfache, ſchlichte Be⸗ ſchreibung, die er ihr davon machte. Sie fühlte 291 Theilnahme für den alten Einſiedler, und wenn ſie ihre Lage mit der ſeinigen verglich, wenn ſie daran dachte, daß ein liebender und geliebter Ge⸗ mahl ihr Daſein beglückte und daß Kinder ihrem Leben noch mehr Reiz verliehen, ſo erfaßte ſie noch innigeres Mitleid mit einem Manne, der bei all ſeinem Reichthum Niemand hatte, um ihm ſein trauriges Alter zu erheitern oder bei dem Verfall ſeiner Kräfte mit Zärtlichkeit über ihn zu wachen. „Hätte ich nur Ihre Magd, daß ſie mir vor⸗ ſänge, Madame, ſo wäre ich zufrieden; und wenn Sie mir dieſelbe abtreten wollten, ſo würden Sie ſich für immer Anſprüche auf meine Dankbarkeit erwerben,“ ſagte Maclaurin. „Ich habe ihrer Mutter, aus deren Hauſe weg ich ſie bekam, mein Wort gegeben, ich wollte ſie nicht entlaſſen, ſo lange ſie ſich ordentlich betragen würde und ſie ihren Verwandten zurückſchicken, wenn ſie mir Urſache zur Unzufriedenheit gäbe. Wenn ich ſie Ihnen abträte, blos damit ſie Ihnen vor⸗ ſänge, ſo würde ich ſie dadurch gewiß in Gefahr bringen, ſich die ſchlimmen Gewohnheiten des Müſ⸗ ſiggangs anzueignen und eine ſolche Handlungs⸗ weiſe könnte ich mit meinem Gewiſſen nicht verein⸗ baren.“ „Meine Haushälterin, eine alte Frau von feſten Grundſätzen, könnte vielleicht Beſchäftigung für ſie 12 292 finden— ihr zu nähen oder andere leichte Sachen zu thun geben, Madame.“ „Es iſt zu fürchten, mein Herr, daß das Mäd⸗ chen, wenn ſie wahrnähme, daß man ſie blos ihrer Stimme wegen genommen hätte, wenig Luſt zeigen möchte, den Anordnungen Ihrer Haushälterin Folge zu leiſten und die Einführung Molly Malowny's in Ihr Haus würde alſo ſehr wahrſcheinlich viele unangenehme Auftritte mit Ihrer alten Dienerin herbeiführen.“ „Molly Malowny, ſagen Sie, Madame? Woher,— aus welcher Gegend von Irland ſtammt ſie ab?“ „Ich habe ſie, mein Herr, in Kilkenny gedun⸗ gen, in deſſen Nähe ihre Familie wohnte.“ „Wahrhaftig, das iſt— das muß ſo— ſie muß die Tochter Molly Malowny's ſeyn— mei⸗ ner erſten, meiner einzigen Liebe.“ „Sie iſt die Enkelin einer Perſon dieſes Na⸗ mens, mein Herr,“ erwiederte Frau Fairfax,„und ſie hat die ſchöne Stimme, wenn auch nicht die vortheilhafte Geſichtsbildung derſelben geerbt; denn ich habe die alte Frau geſehen und dieſe beſitzt noch jetzt, trotz ihres vorgerückten Alters, einen guten Theil der Schönheit, wegen der ſie einmal ſo berühmt geweſen ſein ſoll.“ „Ach, Madame, da iſt es kein Wunder, daß der Klang der Stimme und die alten Lieder einen 293. ſolchen Eindruck auf mein Gemüth gemacht haben. Ich darf dieſes Mädchen nicht aus dem Geſicht verlieren; lieber wollte ich Tauſende, ja Zehntau⸗ ſende verlieren, als ihren Geſang entbehren; ich wollte lieber,— ja, bei Allem, was heilig iſt, ich wollte lieber einen Schritt thun, der mich zum Gelächter aller meiner Bekannten machen und mir den Namen eines alten, kindiſchen Narren zuziehen würde. Ich würde ſie lieber hei—, ja, heirathen, als der Stimme entſagen, die mir das Andenken an die einzigen, glücklichen Tage meines Lebens zurückruft.“ Frau Fairfax fuhr auf vor Verwunderung. „Ich ſehe, Sie ſind überraſcht, Madame, durch den Gedanken, daß ich eine Magd heirathen will. Aber erwägen Sie, daß ich in der Welt allein ſtehe; blos an der Börſe kennt man mich als den alten, reichen Maclaurin, über deſſen Schwelle nie weder Freunde noch Bekannte treten. Was küm⸗ merts mich, wer darüber lacht, wenn ich nur eine treue Seele beſitze, die mir zu Dank verpflich⸗ tet iſt und deren ſüße Stimme mich erheitert? Ja, Madame, ich ſehe, das iſt der einzige Aus⸗ weg, um mir das Glück zu ſichern, nach dem ich trachte. Der Eintritt Molly's in mein Haus in einer andern Eigenſchaft als in der der Gebieterin deſſelben— als in der meines Weibes würde für ſie und mich von Seiten meiner alten Diener 294 vielerlei Verdrießlichkeiten nach ſich ziehen. Sie ſind eigenwillig geworden, aber meine Heirath mit ihr wird alle Schwierigkeiten beſeitigen. Viel⸗ leicht hat aber ſie Einwendungen dagegen zu ma⸗ chen;“ und der arme alte Mann ſah dabei ſo ängſtlich aus, als dächte er, die arme Kindermagd mit dem kärglichen Lohn von jährlichen acht Gui⸗ neen wäre im Stande, den reichen Herrn Maclau⸗ rin auszuſchlagen. Frau Fairfar lächelte und erwiederte, ſie glaube nicht, daß Molly, die ein ſehr verſtändiges Mädchen ſei, eine ſo vortheilhafte Heirath ablehnen werde. „Wäre es übrigens,“ fuhr ſie fort,„nicht gut wenn Sie ſich einige Bedenkzeit nähmen, ehe Sie ihr den Antrag machen? Wäre es nicht paſſend, einen Freund zu Rathe zu ziehen?“ „Ich habe keinen Freund, Madame, und bei dieſer Gelegenheit iſt es mir gerade recht, daß ich keinen habe, denn ein Freund würde mich gewiß davon abmahnen und eine thörichte Heirath nen⸗ nen, was mir nach meiner Anſicht einen Schimmer von Glückſeligkeit verſchaffen wird, ehedenn ich ſterbe. Ich wiederhole Ihnen, Mavame, ich ſtehe allein in der Welt.“ „Molly iſt zwar ein rechtſchaffenes und gut⸗ artiges Mädchen, aber ohne alle Erziehung— ſie kann weder leſen noch ſchreiben.“ „Macht nichts, Madame, macht nichts; ich ——— — —— — —— ——— 295 verlange von ihr weder das Eine noch das Andere. Alles, was ich von ihr begehre, iſt, daß ſie mir vorſinge; ſonſt nichts, gar nichts.“ „Bevor ich einen Schritt in der Sache thue, müſſen Sie mir erlauben, daß ich meinen Mann um Rath frage.“ Gerade in dieſem Augenblick trat der Oberſt Fairfax in's Zimmer und ſeine Frau ſetzte ihm mit dem Takt und Zartgefühl, die ihr eigen waren, den Zweck von Maclaurin's Beſuch auseinander. „Wenn der Geſang unſerer Kindermagd die einzige Urſache iſt, warum Sie dieſelbe heirathen wollen, ſo erlauben Sie mir die Bemerkung, mein Herr,“ ſagte der Oberſt Fairfar darauf,„daß Sie viele Jungfrauen finden können, welche die Muſik von Grund aus kennen, wohl erzogen ſind und ſich, wie ich nicht zweifle, glücklich ſchätzen würden, mit Ihnen in die Ehe zu treten. Dann brauchten Sie nicht eine Verbindung zu ſchließen, die man ſo betrachten muß, als wäre ſie unter dem Stande eines Mannes von Ihrem Reichthum.“ „Das könnte ſein, mein Herr, das könnte ſein. Es gibt immer,— ſchlimm genug, daß es ſo iſt, — eine Menge armer Mädchen von guter Geburt und Erziehung, die um der Verſorgung willen einen gebrechlichen, alten Mann, wie ich, heirathen wür⸗ den, um nicht als Erzieherinnen unartiger Kinder oder als Geſellſchafterinnen bei launenhaften alten 296 Frauen ihr unſicheres Brod verdienen zu müſſen. Aber ihr Geſang möchte noch ſo ſchön und kunſt⸗ gerecht ſein, er würde doch nicht dieſelbe Wirkung auf mein Gemüth hervorbringen— er vermöchte mich nicht in die Tage meiner Jugend zurückzuver⸗ ſetzen und mir Bilder vorzuführen, die ſeit langen Jahren aus meiner Seele entſchwunden ſind.“ Der Oberſt Fairfax machte Maclaurin, wie zuvor ſeine Frau, darauf aufmerkſam, ob es nicht wohl gethan ſein würde, einen Freund zu Rathe zu ziehen und bei einem ſo ernſten Schritt, wie eine Heirath, nicht eher einen beſtimmten Entſchluß zu faſſen, als bis er ſich die gehörige Zeit zur Ueberlegung genommen; aber der alte Mann be⸗ harrte auf ſeinem Vorſatz und erklärte, daß nichts ihn abhalten würde, Molly Malowny zu ehelichen, wenn ſie ſeine Hand annehmen wollte. „Wenn Sie, Madame, nachdem Sie mit ſo vieler Güte und Nachſicht meine Eröffnungen an⸗ gehört haben, ſich herbeilaſſen, das Mädchen dar⸗ über zu befragen und ihr die freie, unbeſchränkte Wahl laſſen wollten, ob ſie meine Frau werden will oder nicht, ſo würden Sie zu den Verpflich⸗ tungen, die ich bereits gegen Sie habe, neue hin⸗ zufügen. Und wenn Sie dieſe Frage in meiner Gegenwart an ſie richten wollten, damit ich beur⸗ theilen könnte, ob ſie nicht etwa einen Widerwillen dagegen hat, auf meinen Antrag einzugehen, ſo 297 würden Sie mich zu noch größerem Danke ver⸗ binden.“ Die Glocke wurde gezogen und Molly Malowny herbeibeſchieden. Ein paar Minuten danach erſchien ſie. Wer würde aber ihre Freude und Ueber⸗ raſchung malen, als ihre Gebieterin ihr erklärte, welche Abſichten Herr Maeclaurin auf ſie hätte. „Und iſt es dem guten alten Herrn damit Ernſt, Madame?“ fragte Molly. „Gewiß,“ erwiederte Maclaurin. „Nun denn, wenn das der Foll iſt, hier iſt meine Hand, es ſoll gelten und ich heiße Sie will⸗ kommen! Gott ſegne Sie, lieber, guter, alter Herr, und mögen Sie lange leben und über uns regieren. Ich bin willig und geneigt— und ſtolz noch obendrein— Euer Ehren rechtmäßige Frau zu werden. Es iſt gewiß eine große Gnade und Ehre und eine, die ich nie erwarten konnte und nie ver⸗ geſſen werde; aber ich hoffe, Sie werden mich nicht von den Kindern des Oberſten wegnehmen, bis meine gnädige Frau— und ſie iſt eine gute und freundliche Herrſchaft gegen mich geweſen— an meiner Statt mit einer andern Kindermagd ver⸗ ſehen iſt.“ Dieſer Zug von Sitteneinfalt und Dankbarkeit gefiel Maclaurin; er bat Frau Fairfax, ſo gefällig zu ſein und für Molly einen Kleider⸗ und Weißzeug⸗ Vorrath zu beſtellen, wie er ſich für die Stellung 28 gezieme, die ſie einzunehmen im Begriff ſtehe, auch ſollte ſie mit des Oberſten Zuſtimmung ſich herbei⸗ laſſen und der Hochzeit anwohnen. Dem Geſuch ward freundlich gewillfahrt und Molly ergriff halb toll vor Freude des alten Man⸗ nes Hand, küßte ſie und ſagte:„Mögen Sie lang leben, Sie Ausbund von einem alten Herrn. Es war gewiß ein glücklicher Tag für mich, da Sie Freude an meinem Singen fanden und ich zum erſtenmal auf ihr altes Geſicht ſchaute. Was wird das für eine Freude in Ballamacraſh geben, wenn ſie die Neuigkeit hören, daß Molly Malowny ſich an einen Gentleman verheirathet— an einen rech⸗ ten Gentleman, der ſich im Beiſein des Herrn Oberſten und ſeiner Frau ſetzt und ein Dienſtmäd⸗ chen nimmt? Sie werden es niemals glauben, das iſt gewiß, bis ſie es von des Oberſten eignen Hand leſen. O, wie Schade iſt es, daß ich ihnen nicht ſchreiben und von meinem Glück reden kann!“ „Sie haben, glaub' ich, von Ballamacraſh ge⸗ ſprochen; ſind Sie dorther?“ „Ei freilich, woher denn ſonſt? Meiner Treu, ich und alle meine Leute vor mir. Ich bin auch gar nie von dort weggekommen, bis ich zu dem Oberſten kam, und das war ein glücklicher Tag. Ach, wenn meine Großmutter Etwas davon hört, ſo wird ſie vor Freude aus der Haut fahren wollen. „Geh' nach England, Molly,“ ſagte ſie,„obgleich 299 ich mich wahrhaftig ungern von Dir trenne, aber wenn Dich der Herr Oberſt und ſeine Frau neh⸗ men, ſo geh', denn England iſt gar groß und Manche, die dahin gehen, machen ihr Glück. Da war z. B. Patrik Maclaurin, der Herr vergebe ihm allen Kummer, den er mir gemacht hat“— Maclaurin fuhr zuſammen—„er ging hin, wie er noch ein junger Menſch war und die Leute ſagen, er habe viel, viel Gold zuſammengebracht; und es giebt noch viele Andere, die auch ihr Glück in der großen Stadt London gemacht haben.“ Wenn die arme Großmutter auf Herrn Patrik Maclaurin zu reden kam, ſo war es nicht leicht, ſie zum Auf⸗ hören zu bringen, denn der alte Schatz hatte ein Neſtei in ihrem armen Herzen zurückgelaſſen, wel⸗ ches zwar nicht ausgebrütet wurde, aber doch im⸗ mer gut verwahrt blieb.“ Maclaurin ſchüttelte langſam den Kopf und ſeufzte;„die Großmutter dachte ſo oft und viel an Herrn Patrik, als wäre er der Generalſtatthalter, ja wahrhaftig noch mehr, als ob er Herr O'Connell ſelber wäre. Sie wei⸗ gerte ſich auch, wie ſie oft zu mir ſagte, einen ehrlichen Burſchen zu heirathen, denn ſie dachte immer, Herr Patrik würde wieder kommen und ſie heimholen, wenn er ſein Glück gemacht hätte, nicht als ob er— das geſtand ſie zu— jemals geſagt hätte, daß er dies thun wollte; aber wenn ein Mann zu einem Mädchen ſagt, er liebe ſie, ſo 300 kann ſie doch ſonſt nichts Anderes meinen„ wenn er auch von vornehmeren Leuten herkommt, als ſie. Nachdem ſie aber zwölf Jahre gewartet hatte, ohne auch nur ein Wort von ihm zu hören, ſo ließ ſie ſich bereden, meinen Großvater zu nehmen. Der wußte wohl, wie lieb ſie Herrn Patrik gehabt, aber er wußte auch, daß ſie nie vergeſſen hatte, wie ſie demſelben nichts hätte ſein können, wenn er ſie nicht geheirathet haben würde. Und ſo lange mein Großvater lebte— und er ſtarb erſt, da er ein alter Mann geworden war— nannte ſie nie Herrn Patrik's Namen; aber hernach und beſon⸗ ders ſeitdem ſie ſo alt geworden iſt, hat ſie immer gern von der Zeit geſprochen, da ſie ein Mädchen war und Herr Patrik ſie liebte. Das iſt ſeltſam genug, denn ſie beſinnt ſich nicht mehr auf Sachen, die viel ſpäter vorkamen.“ Während ſich Molly ſo weitläufig in ihren Erinnerungen erging, hörte der Oberſt Fairfax und ſeine Frau geduldig zu, die größte Aufmertſamkeit aber und der größte Antheil war auf Maclaurin's Seite.„Ja, wahrhaftig,“ ſagte er,„Ibre Groß⸗ mutter war ein gutes und rechtſchaffenes Mädchen.“ „Waren Sie denn mit ihr bekannt, Herr?“ fragte Molly. „Ja wohl habe ich ſie gekannt, denn ich bin der Patrik Maclaurin, von dem Sie dieſelbe reden gehört haben.“ —— ——— ce— —„——. — — — —„—— — 8 u 8 8S—— — —— 301 „Iſt es möglich? Nun, wer hätte das gedacht? Sind Sie ſelber der alte Schatz, über den ſich meine Großmutter ſo oft gegrämt hat? Aber Sie müſſen ſich ſehr verändert haben, denn ſie ſagte immer, Sie wären ein ſo ſchöner und ſchmucker Burſche geweſen, als man in ganz Irland einen hätte ſehen können. Aber das Alter ſucht Jeder⸗ mann heim.“ Molly fühlte, ſobald ſie dieſe Wahrheit in ihrer Unbeſonnenheit ausgeſprochen, daß ſie thöricht daran gethan hätte und ſuchte ſie alsbald dadurch wieder gut zu machen, daß ſie hinzuſetzte— „Aber wir werden eben Alle alt und wenn Sie auch nicht mehr ſo jung ſind als vor fünfzig Jah⸗ ren, ſo ſind Sie doch noch ein recht hübſcher alter Herr, das ſind Sie wahrhaftig, ob ich es gleich nicht ſagen ſollte, da ich bald Ihre Frau ſein werde.“ Es war augenfällig, daß Maclaurin bei weitem weniger Gefallen fand an der Unterhaltungsgabe ſeiner erwählten Braut, denn an ihrer Stimme und er verrieth dies durch verſchiedene Zeichen von Unzufriedenheit, während ſie die Erinnerungen an ihre Großmutter Preis gab. Er war keineswegs fein gebildet, aber doch ſtieß er ſich an der aus⸗ nehmenden Rohheit in Molly's Ton und Betra⸗ gen und blos das Andenken an ihre liebliche Stimme ſöhnte ihn wieder mit dem Schritte aus, den er ——————————————————— . E bereits gethan und mit dem, welchen er unwider⸗ ruflich zu thun entſchloſſen war. „Wäre es nicht am beſten, mein Herr, wenn Sie Ihre Hochzeit in London feierten?“ bemerkte Frau Fairfax. „Vielleicht, vielleicht, aber“— hier hielt er inne—„ich möchte doch lieber erſt nach meiner Heirath nach Finsbury⸗Square heimkehren. Meine Haushälterin, Frau Macgillacuddy, iſt ſo zank⸗ ſüchtig.“ Hier machte der alte Mann ein ängſt⸗ liches Geſicht.„Alte Dienſtleute, wiſſen Sie wohl, Madame, halten ſich für bevorrechtet und ich möchte gerne ihre Bemerkungen vermeiden, ehe die Sache vor ſich geht. Iſt ſie einmal abgethan, ſo wird ſie begreifen, daß es nichts mehr hilft, wenn ſie auch Etwas ſagt; dann wird ſie eher auch ferner⸗ hin ihre Pflichten in Ruhe erfüllen oder aus dem Dienſt gehen.“ „Ah, Sie fürchten ſich alſo vor Ihrer alten Haushälterin,“ warf Molly dazwiſchen.„Um die brauchen Sie ſich nicht zu kümmern, mein Beſter, ich werde die Sache ſchon allein für Sie in Ord⸗ nung bringen und ihr den Hochmuth vertreiben, wenn ſie unverſchämt werden will, ich will's ihr ſagen.“ Dabei wurde Molly im Geſicht roth vor Zorn. „Nein, nein, Sie müſſen ſie in Ruhe laſſen. Ich möchte nicht, daß wegen irgend Etwas in meinem — WM — v u—„— 8 — ——— 303 Hauſe Streit entſtünde. Frau Macgillacuddy und Donald ſtehen ſehr gut mit einander, ſie würden geradezu gemeinſame Sache machen und mich in meiner Behaglichkeit ſtören, wenn man Eins von ihnen erzürnte.“ „Der Herr ſei mit Ihnen, Sie gute alte Seele! Ich würde mich wenig um ſie ſcheeren oder es mit beiden zuſammen aufnehmen, wenn mir die Galle in den Magen liefe. Laſſen Sie mich nur einmal hören, daß ſie Ihnen Etwas zu Leide thun, wenn ich ihnen dann nicht gehörig heimgebe, Aug' um Auge, Zahn um Zahn, ſo will ich nicht Molly Malowny heißen. Ich werde Ihnen beiſtehen, Sie altes Püppchen von einem Mann, das will ich und da brauchen Sie ſich nicht zu fürchten.“ Der Oberſt Fairfax und ſeine Frau vermoch⸗ ten kaum ihre Lachluſt zu bemeiſtern, als Molly verſprach, ihrem zukünftigen Gemahl Beiſtand und Schutz zu gewähren und dieſer dabei ausſah, als fürchtete er ſich ebenſoſehr vor ihr als vor Frau Macgillacuddy. „Sie könnten ja in London in einen Gaſthof ziehen und dort bleiben, bis die Heirath vollzogen wäre,“ ſagte Frau Fairfax, die mit der Ver⸗ legenheit des ſchwachen, alten Mannes Mitleid fühlte. 8 „Dann, Madame, würde ich aber auf das Vergnügen verzichten müſſen, Sie und den Herrn 304 Oberſt dabei zu ſehen, und darauf lege ich großen Werth.“ „Ich habe in ein paar Tagen in London Ge⸗ ſchäfte abzuthun,“ bemerkte Oberſt Fairfar,„und es wird mir nur wenig Umſtände verurſachen, wenn ich dort bleibe, bis die Feierlichkeit Statt findet.“ „Ich ſage Ihnen hiefür tauſend, tauſendmal Danf, mein Herr, und werde nie vergeſſen, wie gütig Sie und Ihre Frau Gemahlin gegen mich geweſen.“ Dabei machte er der Frau Fairfar eine tiefe Verbeugung. „Darf ich Ihnen einen Vorſchlag machen?“ fragte der Oberſt. „Gewiß, mein Herr, gewiß.“— „Er beſteht darin, daß wir uns alsbald mit einer Stellvertreterin für Molly verſehen und ſie der Obhut einer zwar armen, aber achtungswer⸗ then Freundin übergeben, die wir in London haben. Sie iſt eine ausgezeichnete Frau und viele Jahre lang Geſellſchafterin bei meiner Schwiegermutter geweſen; auf unſere Bitte wird ſie Molly ohne Anſtand zu ſich nehmen. Bei dieſem Verfahren beugen wir allen Bemerkungen über den Stand Ihrer zukünftigen Gattin vor; ſie tritt auf dieſe Art aus dem Hauſe einer Frau in die Ehe, bei der ſie ſich nicht in der Eigenſchaft einer Dienerin befunden hat und kann in Ihr Hausweſen auf eine 305 Art eintreten, die beſſer für Ihre Stellung im Leben paßt.“ „Ein vortrefflicher Plan, mein Herr, ein ganz trefflicher Plan, und ich bin Ihnen ſehr dafür ver⸗ pflichtet, daß Sie mir ihn eingegeben.“ „Wir werden Brighton morgen verlaſſen, wir nehmen Molly mit, bringen ſie bei Frau Middle⸗ ton, der eben erwähnten Dame unter, und Sie können dann nachkommen, ſobald es Ihnen beliebt.“ Maclaurin verabſchiedete ſich jetzt; als er aber das Zimmer verließ, trat Molly zu ihm, machte ihm eine tiefe Verbeugung und ſagte:„Ich bin Ihnen ſehr verbunden, mein Herr; und wenn wir verheirathet ſind, ſo will ich mein Beſtes thun, um Ihnen zu gefallen und Sie glücklich zu machen, denn es iſt wahrhaftig ein herrlicher und großer Tag für Eine meines gleichen, wenn ſie von einem ſo hübſchen alten Herrn zur rechtmäßigen Frau ge⸗ wählt wird.“ Maclaurin nickte ihr gutmüthig zu und drückte mehr mit der Miene eines Lehrers, denn eines Freiers den Wunſch aus, ſie möchte ſich nicht der Kälte ausſetzen, damit ihre Stimme keinen Scha⸗ den nähme. Dadurch gab er deutlich genug zu verſtehen, daß ihn blos dieſe zu ihr hingezogen hätte. Frau Fairfax war kaum allein als ſie Molly gute Rathſchläge für ihr künftiges S6 zu Strathern k. 306 ertheilen anfing. Obgleich aber dieſelben mit Ehr⸗ erbietung aufgenommen wurden, konnte man doch ſehen, daß das unwiſſende Mädchen von ihrem Glück, wie ſie es nannte, zu trunken war, um den gehörigen Nutzen aus dieſer Unterweiſung zu ziehen. „Ach, denken Sie nur, Madame, was werden ſie in Ballamacraſh erſtaunen, wenn ſie hören, daß ich an einen Gentleman verheirathet bin, der ein Dienſtmädchen nimmt und ein ſo großes Ver⸗ mögen hat. Ich bin begierig, was Aennchen O'Shea und Brigitte Hoolaghan dazu ſagen. Sie haben mich immer verſpottet, weil ich nicht ſo hübſch war wie ſie. Sicher werden ſie recht nei⸗ diſch ſein. Und dann die Burſchen, die immer ſo auf mich herunterſchauten— Paddy Murphy, Tim Callaghan und Rody Maguire, die bei Pathern's nicht mit mir tanzen wollten und ſagten, ich ſei ſo häßlich. Ich wöchte wiſſen, was ſie für Ge⸗ ſichter machen, wenn ſie mich in Kleidern ſehen, ganz wie eine ächte Lady mit einem feinen Schleier über dem Geſicht, ein mit Spitzen beſetztes Taſchen⸗ tuch in einer und ein ſchönes Riechfläſchchen in der andern Hand, wie die vornehme Lady, die ich letzt⸗ hin in einer Kutſche geſehen habe.“ „Denk doch nicht an ſolche Kleinigkeiten,“ ſagte Frau Fairfax.„Denke nur daran, wie Du Herrn Maclaurin Deine Dankbarkeit beweiſen kannſt.“ 307 „Gewiß, Madame, ich werde mein Möglichſtes thun, um ſie ihm zu zeigen; aber es iſt doch na⸗ türlich, daß ich auch an das Staunen und den Neid aller der Leute denke, die mich immer verhöhnt haben, wenn ſie jetzt erfahren, daß ich faſt einer rechten Lady gleich ſtehe. Und, Madame, da der alte Herr geſagt hat, ich müßte neue Gewänder haben, ſo würde ich es Ihnen danken, wenn Sie mich ein Kleid kaufen ließen, das ich geſtern an einem Ladenfenſter geſehen habe. Es iſt etwas ganz Prächtiges und ganz paſſend für eine Lady — gelber Grund mit ſcharlachrothen Streifen und grünen Blümchen dazwiſchen.“ Frau Fairfax konnte ſich eines Lächelns über Molly's Geſchmack nicht enthalten, ſagte ihr aber, daß es unnöthig wäre in Brighton Etwas zu kau⸗ fen, da ſie ja am folgenden Tage nach London gingen. „Rede mit Niemand hier davon,“ ſetzte Frau Fairfax hinzu,„daß Du Dich nächſtens verheira⸗ then wirſt.“ 4 ½ „Darf ich es nicht der Kammerjungfer in dem Zimmer neben dem meinigen ſagen? Sie ſieht mich ſo hochmüthig an, wenn ſie mir begegnet, gerade als ob es ſich für ſie durchaus nicht ſchickte mit mir zu reden.“ „Nein, Du darfſt es Niemand kundthun.“ „Oh, wie Schade! das ſchrecklich 308 ärgern. Aber ich hoffe, Madame wird es mich dem Stubenmädchen ſagen laſſen, denn ſie iſt ein äußerſt ehrbares und artiges Mädchen.“ „Nein, Molly, ich muß Dir verbieten deſſen ß gegen irgend Jemand zu erwähnen.“ „Nun denn, Madame, ich will nicht davon reden, aber es iſt ſehr ſchwer ein Geheimniß zu bewahren, das, wie ich weiß, ſo Viele ärgern würde. Wahrhaftig, es iſt recht ſchwer.“ Und Molly holte einen tiefen Seufzer. Beim Nachdenken über den Handel, in den er ſich eingelaſſen, ſtiegen zwar Maclaurin im weite⸗ ren Verlaufe des Tages einige Bedenklichkeiten darüber auf, ob er daran auch wohl gethan hätte, aber ſie verſchwanden, als er in ſein Schlafzim⸗ mer trat und hörte, wie Molly eines ihrer iriſchen Lieder ſang. Ihre Stimme bebte manchmal vor Freude und klang ihm ſüßer als je in die Ohren. Da vergaß er das gemeine Geſicht, die unge⸗ ſchlachte Geſtalt, die breite Ausſprache und das pöbelhafte Betragen ſeiner Sirene über dem Ge⸗ nuß, den ihm ihr Geſang verſchaffte. Und dieſe ſüße und weiche Stimme ſollte hinfort ihm zu Ge⸗ bote ſtehen, ſollte ihn in Schlaf lullen und aus dem Schlummer erwecken! Ja, er war froh, daß er ſich entſchloſſen hatte ſie um jeden Preis in ſeinen Beſitz zu bringen und mit dieſem Gefühl der Zufriedenheit überließ er ſich dem Schlafe. † — 309 Zwölftes Kapitel. „O alter, ſchwacher Mann, willſt du dich noch bequemen Für deine Lebenszeit dir eine Frau zu nehmen, Die, ungebildet, roh an Geiſt und an Gemüth, Kein dir verwandter Sinn an deine Seite zieht, In deinen Jahren muß man toll und thöricht ſein, Läßt man in einen ſo ungleichen Bund ſich ein. Halt an, ſonſt iſt's zu ſpät, fang' an zu überlegen, Nur ſo entgehſt du noch des harten Schickſals Schlägen.“ Zwei Tage, nachdem Oberſt Fairfax mit ſeiner Familie aus Brighton abgereist war, verließ auch Maclaurin dieſe Stadt und kehrte, im Wider⸗ ſpruche mit ſeiner früheren Abſicht, in ſein eignes Haus zurück, ſtatt in einen Gaſthof zu gehen. Da er eine Woche früher zurückkam, als er erwartet wurde, gab ſich ſeine Haushälterin wenig Mühe, den Aerger zu verhehlen, den ſie über dieſes ſein ungewöhnliches Verfahren empfand. „Ich meine denn doch, Herr,“ ſagte ſie in ihrem kreiſchendſten Tone,„Sie hätten eine oder zwei Zeilen ſchicken und darin ſagen können, daß Sie heimkommen, ſtatt Einen zu überfallen, wenn noch Alles durcheinander liegt. Sie können ſich ſelber die Schuld beimeſſen und nicht andern Leu⸗ ten, wenn Sie nichts an ſeinem Platze finden; es 31 iſt nicht mein Fehler, und es wäre doch äußerſt unbillig, wenn ein armer Dienſtbote dafür büßen ſollte, daß Sie ſelber nicht wiſſen, was Sie wollen.“ „Halt das Maul und quäle mich nicht,“ er⸗ wiederte Maclaurin mit einem Muthe, den er viele Jahre nicht gezeigt hatte. Denn er war zornig ſein Haus in einem ſo unordentlichen Zu⸗ ſtande zu finven und hatte gar keine Luſt ſich die üble Laune der Frau Macgillacuddy gefallen zu laſſen. „Mein Maul halten! Iſt es ſo weit gekom⸗ men? Ich hätte nicht erwartet, daß mich nach ſechs und dreißig ſchweren Dienſtjahren und in meinen alten Tagen ein Herr heißen würde das Maul halten, dem ich mit ſo viel Eifer und Redlichkeit gedient; aber es gibt heutzutage keinen dankbaren Menſchen mehr und treue Dienſtboten haben eine ſehr ſchlechte Vergeltung von denen zu hoffen, für die ſie ſich geſchoren und geplackt und abgearbeitet haben früh und ſpät.“ Maclaurin ließ die zornige Haushälterin ſtehen und murmelte einige blos halb verſtändliche Worte davon, wie er entſchloſſen ſei, in ſeinem Hauſe Herr und Meiſter zu bleiben. „Das wird etwas Sauberes werden, wenn Sie in Ihrem Hauſe Herr und Meiſter ſind,“ ent⸗ gegnete Frau Macgillaenddy;„Sie verſtehen viel 32 32 311 von der Haushaltung, Sie armer alter Mann! Aber ich will zu Donald gehen und hören, was dieſe üble Laune zu bedeuten hat. Es muß etwas mehr als Gewöhnliches vorgegangen ſein, daß der alte Mann ſo wild wird, wenn ich ihm ein wenig meine Meinung ſage, da er es doch ſechs und dreißig Jahre lang nicht übel genommen hat.“ Donald ſagte ſeiner alten Freundin und Dienſt⸗ genoſſin Alles, was er wußte, ja noch mehr, Alles, was er vermuthete. Sie verkehrte die Au⸗ gen und hob während der Erzählung die Hände vor übergroßem Erſtaunen in die Höhe.„Und Ihr ſaget Ihr werdet verabſchiedet, weil Ihr den Lohn der Sünde nicht erndten und nicht dazu hel⸗ fen wolltet, daß der alte, wahnſinnige Mann das Mädchen mit ſeinem Golde beſtechen kann. So etwas habe ich noch nie gehört. Weh' mir, daß ich dieſen Tag ſehen mußte! Aber wenn Ihr fort⸗ geht, Donald, ſo ſoll man nicht ſagen, Moggy Macgillacuddy habe Euch allein ziehen laſſen. Ich will ſogar mit Euch nach Schottland gehen und dort wollen wir uns den Segen der Kirche geben laſſen, und wenn ich die Erſparniſſe, die ich aus⸗ ſtehen habe,— es ſind etwa zweitauſend Pfund— zu den Eurigen lege, ſo wird es uns ganz gut gehen in unſern alten Tagen und wir können den gottloſen, alten Menſchen im Stich daß er für ſeine Undankbarkeit büße.“ ———— 312 „Aber Moggy, was er uns vermacht und ver⸗ ſchrieben hat! Wenn wir fortgehen, ſo hinterläßt er uns keinen Dreier. Ich kenne ihn wohl und unſere ſechs und dreißig harten, mühſeligen Jahre ſind umſonſt geweſen.“ „Da habt Ihr Recht, Donald, ganz Recht. Es iſt arg den Lohn für ſo viele Jahre der Arbeit und Unruhe zu verlieren, beſonders wenn man, wie wir, ſo lange Herr und Frau im Hauſe geweſen iſt. Er hat ſich nie um das Hausweſen beküm⸗ mert, ſich nie darein gemiſcht, nie nach den Rech⸗ nungen geſehen und nie Etwas auszuſetzen gehabt an dem, was wir thaten. Wir ſpielten in Allem die Herrſchaft, nur daß wir das Silber nicht be⸗ kamen. Aber wir haben manchen Gewinn gemacht und viel erſpart, das darf ich ſagen, auf die oder jene Art. Wir ſind auch noch jung genug, um aus dem Dienſt zu treten und die Hoffnung auf die Vermächtniſſe fahren zu laſſen. Der alte Mann kann's nicht mehr lange treiben. Er iſt ja etwa ſieben Jahre älter als ich und drei älter als Ihr ſelber, Donald.“ „Da irrt Ihr Euch, Moggy, ganz gewiß, der alte Herr iſt fünf Jahre älter denn ich und was Euch angeht, ſo glaube ich nicht, daß Ihr einen Tag jünger ſeid, als ich; macht euch alſo nicht ſo groß damit, daß Ihr noch ſo jung ſeid, denn das iſt höchſt lächerlich.“ 3¹3 „Ei, der Tauſend, Mann! ſucht Euch nur nicht für ſo jung wie ich auszugeben. Das will ich wiſſen, daß ich bedeutend jünger bin. Ihr konntet ſchon Haberkuchen eſſen und ein Rebhuhn zurechtmachen, ehe ich meine Augen in dieſer Welt voll Sorge aufgethan habe. Und wenn ich daran dachte Euch zu heirathen, ſo that ich das, weil die Leute ſagen, der Mann müſſe viele Jahre älter ſein denn ſeine Frau. Ich weiß zwar nicht warum, denn die Weibsleute erhalten ſich viel beſſer als die Männer. Ihr armen Burſche ſeht alt und abgelebt drein, während wir uns noch friſch und jugendlich ausnehmen. Aber ich denke, es macht Euch um ſo höflicher, wenn Ihr ſehet, wie lange wir im gehörigen Stand bleiben; und Ihr wißt wie Jedermann, daß Euresgleichen ſehr zur Herrſch⸗ ſucht geneigt iſt.“ Hier unterbrach der Schall von Maclaurin's Glocke die zornige Erwiederung, die Donald eben loslaſſen wollte. Dieſelbe würde wahrſcheinlich für immer den Heirathsplanen ein Ende gemacht haben, mit denen ſich beide ſo lange getragen hatten und deren Ausführung blos verſchoben worden war, bis der Tod ihres Herrn ihnen verſtatten würde, ihr Vermögen zuſammenzuwerfen und nach Schottland zurückzukehren. Auf dieſe Art blieb die Haushäl⸗ terin allein zurück, um über die Anſprüche auf Jugend, die Donald machte, nachzudenken und höh⸗ 314 niſch darüber zu lächeln, daß er Zweifel über die Genauigkeit ihrer Angaben in Betreff ihres eigenen Alters geäußert. „Donald,“ ſagte Maclaurin,„ich habe Dich kommen laſſen, um Dir zu ſagen, daß es nicht meine Abſicht iſt, Dich oder Frau Macgillacuddy länger in meinem Dienſte zu behalten. Da Ihr mir aber beide ſo viele Jahre treu gedient habt, ſo will ich jedem von Euch fünfhundert Pfund zur Belohnung geben, und das iſt gerade ſo viel, als ich Euch in meinem Teſtamente hatte vermachen wollen. In einer Woche wird ein Mann kommen, der deinen Platz übernimmt und eine Haushälterin an ihrer Statt. Ihr werdet dann beide Euern Nachfolgern Alles übergeben, was unter Eurer Auf⸗ ſicht ſteht und wenn das vorüber iſt, will ich das Verſprechen halten, das ich Euch ſo eben gegeben.“ „Das ſteht ganz in ihrem Belieben, Herr. Es thut mir leid, herzlich leid, Sie zu verlaſſen, und Frau Maegillacuddy wird es auch ſo gehen, aber wenn es Ihr Wunſch iſt, daß wir Ihrem Haus Lebewohl ſagen, ſo wollen wir thun, was Sie wünſchen, aber es iſt für uns beide eine harte Probe.“ Hier zog Donald ſein Sacktuch heraus und hielt es vor die Augen, denn er glaubte, wenn er auf dieſe Weiſe ſeinen Schmerz und ſeine An⸗ hänglichkeit kund thue, ſo könnte es nicht fehlen, daß ſein alter Herr zum Mitleid bewegt und viel⸗ „„ 315 leicht veranlaßt würde, das Entlaſſungsurtheil zu⸗ rückzunehmen. Aber Maclaurin war feſt entſchloſſen ſich ſeiner beiden Dienſtboten zu entledigen, denn er wußte wohl, daß ſeine Heirath von ihnen nicht allein Be⸗ merkungen, ſondern den offenen Ausdruck ihrer Ge⸗ danken zur Folge haben würde, wie ſie ihm dieſelben ſo viele Jahre her ohne alle Umſtände zu ſagen ge⸗ wohnt geweſen waren. Er fühlte, daß ſeine Frau wünſchen müßte in ſeinem Hauſe ein Geſinde zu finden, das mit ihrem früheren Stande völlig un⸗ bekannt und darauf vorbereitet wäre ſie mit Ach⸗ tung zu behandeln. Aber weder von Seiten Do⸗ nald's, der ſie als Magd gekannt hatte, noch von Seiten der Frau Maegillacuddy, der er ganz ſicher mitgetheilt hatte, was er über ihre frühere Stel⸗ lung in der Geſellſchaft wußte, konnte die zukünf⸗ tige Frau Maclaurin ſich Hoffnung auf die Ehr⸗ erbietung machen, welche Dienſtboten ihrer Gebie⸗ terin ſchuldig ſind. Durch Vermittlung des Ober⸗ ſten Fairfax und ſeiner gutherzigen Frau ſollten für die neue ménage paſſende Dienſtleute gedungen werden und als er dieſe Uebereinkunft mit ihnen getroffen, athmete Maclaurin etwas leichter. Er war erſtaunt zu ſehen, wie höflich und achtungs⸗ voll ſein alter Diener Donald und die Haushälte⸗ rin wurden, gerade ſeitdem er ihnen aufgekündigt hatte. Er empfand auch nicht wenig Freude und 316 Stolz über den Muth, durch den er den Sieg über zwei Perſonen davon getragen, welche ihm, die Wahrheit zu ſagen, ſechs und dreißig Jahre lang fühlbar gemacht hatten, daß ſie mehr Herrn im Hauſe waren als er ſelbſt. Sie wurden völlig verblüfft über ſeinen Entſchluß und ſehnten ſich, beſonders Frau Macgillacuddy darnach, die Bitter⸗ keiten und Spöttereien herauszulaſſen, welche ihnen bei dieſer Veranlaſſung einfielen. Aber die Klug⸗ heit und der Eigennutz halten die Gereiztheit am Beſten im Zaum, oder verhindern wenigſtens die Darlegung derſelben gegenüber von Denen, welche ſolche ſtrafen können, indem ſie ihre Geldhilfe zu⸗ rückhalten. Sie wirkten auch ſo ſchnell auf die reizbare alte Haushälterin, daß ſie ihren Zorn nicht im Geringſten merken ließ und ihrem Herrn mit höflichen Worten und ſanften Blicken überall ent⸗ gegenkam, wo er ihr in den Weg trat. Der tousseau der Fräulein Malowny, wie man Molly nunmehr nannte, wurde von Frau Fairfax beſtellt und Maclaurin machte ſeiner er⸗ wählten Braut täglich einen Beſuch. Dafür ſang ſie ihm das ganze répertoire ihrer iriſchen Balla⸗ den zu ſeinem außerordentlichen Vergnügen. Ihre Wirthin machte ſich auf die Bitte der Frau Fair⸗ fax daran ſie in den erſten Anfangsgründen der Höflichkeit und den allgemeinen Geſellſchaftsbräuchen zu unterrichten. Vor allem Andern empfahl ſie 317 ihr ſich ein zurückhaltendes und beſcheidenes Be⸗ tragen anzugewöhnen und das viele Reden zu un⸗ terlaſſen, weil dies die beſten Mittel waren, um Molly's Mangel an Erziehung und ihre Unbekannt⸗ ſchaft mit den Regeln des Anſtandes zu verdecken. Molly bewies eine lobenswürdige Gelehrigkeit, wenn ſie den Rathſchlägen der würdigen Frau Middleton zuhörte, obgleich ſie dieſelbe manchmal fragte, ob es Herr Maclaurin nicht übel nehmen würde, wenn ſie ſich ihm nicht angenehm machte.„Gewiß, Ma⸗ dame, es iſt nicht fein, wenn die Frau vom Hauſe daſitzt gleich einem Opferſtock, wie man in Irland ſagt, ſtatt zu plaudern und zu lachen und zu ſcherzen und Alles um ſich her luſtig und fröhlich zu machen.“ Die Sanftmuth und der Verſtand der Frau Middleton gewann bald das Vertrauen und die Achtung des unverdorbenen iriſchen Mädchens und Maclaurin gewahrte mit Vergnügen, daß ſeine künf⸗ tige Frau unter ihrer Leitung geſitteter wurde. Auch Frau Fairfax nahm lebhaften Antheil an ihrer ci- devant Kindermagd, ſie gab ihr Anweiſungen darüber, wie ſie ſich zu kleiden hätte und bewirkte ſowohl durch ihr Beiſpiel als ihre Lehren eine große Umwandelung in dem Aeußeren und dem Benehmen des Fräuleins Malowny. „Ja, gewiß, Madame, Sie ſind ein Kleinod von Frau— Lady, wollt' ich ſagen— und 318 wahrhaftig, Sie ſind eine rechte, da iſt kein Zwei⸗ fel, da Sie mich lehren, wie man ſich anſtändig beträgt. Könnte ich nur leſen und ſchreiben, dann würde das Andere von ſelber kommen und ich wollte recht eifrig darauf aus ſein richtig ſprechen zu lernen und im Gebetbuch leſen zu können: denn ich würde mich gewiß wie eine geborne Lady ausnehmen, wenn man mich meine Gebete ableſen ſähe.“ „Frau Middleton wird ganz gewiß nichts da⸗ gegen haben Dich darin zu unterrichten,“ erwie⸗ derte Frau Fairfax. Noch am nämlichen Tage wurden für Molly Vorſchriften und ein Schreib⸗ Buch gekauft und der Unterricht nahm ſeinen An⸗ fang. Das Alphabet hatte die Schülerin bald inne; aber das Buchſtabiren ſtellte die Geduld der Lehrerin wie des Zöglings auf eine harte Probe. Was ſetzt aber die Beharrlichkeit nicht durch? Und Molly war wirklich unermüdlich. Es fiel der Frau Fairfax oft ſchwer das Lachen zu unterdrücken, wenn ſie Fräulein Malowny antraf, wie ſie das Buch in der Hand mit triumphirender Miene buchſtabirte „ab, eb, ib, ob, ub,“ und Molly dann ſagte: „Oh, Madame, komme ich nicht gut zurecht mit meinen Aufgaben; fragen Sie nur Frau Middle⸗ ton, ob ich nicht eine aufmerkſame Schülerin bin.“ Endlich kam der Tag, an welchem die Hoch⸗ zeitsfeierlichkeiten Statt finden ſollten. Der Oberſt Fairfar mit ſeiner Gemahlin und Frau Middleton 319 waren dabei zugegen. Molly betrug ſich mit gro⸗ ßem Anſtand, bis der Geiſtliche fragte, ob ſie Pa⸗ trik Maelaurin zum Manne nehmen wollte u. ſ. w. da antwortete ſie:„freilich will ich das mit Eurer Ehrwürden Erlaubniß, denn wegen was bin ich denn ſonſt da, als um ihn zu heirathen?“ Dieſe Erwiederung brachte alle Anweſenden, den Geiſt⸗ lichen ſelbſt nicht ausgenommen, zum Lachen; aber ein ſcharfer Beobachter hätte bemerken können, daß ſich Maeclaurin's Wangen vor Schaam rötheten. Das glückliche Paar, wie alle Neuvermählten im Zeituͤngsſtyl heißen, ging nach Southend, um dort den Honigmonat zu verbringen und die junge Frau vertrieb die Zeit, die man unterwegs zu⸗ brachte, ihrem Gatten mit Singen ſo gut, daß dieſer in die glücklichſte Stimmung gerieth, die man ſich denken kann und ſich glücklich pries für Lebenszeit eine Perſon ſich geſichert zu haben, de⸗ ren Noten ihm mehr Vergnügen machten als alle Banknoten, um deren Erwerb er ſich ſo viele Jahre gemüht. Seine Zufriedenheit war ſo groß, daß er bei ſeiner Heimkehr für jedes der zwei Kinder des Oberſten Fairfar tauſend Pfund als Capital anlegte, daß er dem Oberſten ſelbſt eine ſilberne Suppenſchüſſel und vier verſilberte Platten zum Geſchenk machte und der Frau deſſelben als Zeichen der Erkenntlichkeit für die ſeiner Ehehälfte bewieſene Güte ein ſchönes Halsband, ein Paar Ohrringe 320 und Armbänder beifügte. Auch Frau Middleton wurde nicht vergeſſen. Maclaurin drückte ihr am Hochzeitsmorgen eine fünfhundert Pfundnote in die Hand, und erbat ſich von ihr als eine Gunſt, daß ſie ſein Haus ſo oft beſuchen möchte, als es ihr gelegen wäre. Da war denn nun Frau Maclaurin in Fins⸗ bury⸗Square eingerichtet und von allen Bequemlich⸗ keiten umgeben, denn ihres Mannes Herz ging auf bei dem Zauberſchlüſſel der Muſik, der auch Stumpf⸗ ſinnige zu Menſchen macht. Jetzt fühlte er ſich ge⸗ neigt eben ſo freigebig zu werden, als er früher ſchmutzig geweſen war. Seiner Frau Familie in Irland erhielt Geld, um ihre Stellung mehr in die Höhe zu bringen, und Molly hätte ſich ganz glücklich gefühlt, wenn ſie im Stande geweſen wäre, einen ausführlichen Bericht von aller ihrer Herrlichkeit, wie ſie ſich ausdrückte, an ihre früheren Freunde und Geſell⸗ ſchafterinnen zu ſchreiben. Sie hatte dabei, wie ſie geſtand, blos die Abſicht, den Neid und die Ei⸗ ferſucht derſelben auf ihr Glück rege zu machen. Der Wunſch, ihre früheren Dienſtgenoſſen durch Darlegung ihres Putzes zu demüthigen, kam ihr ebenfalls oft zu Sinn, aber der kluge Rath der Frau Middleton, die häufig zu Beſuch nach Fins⸗ bury⸗Square kam, hielt ſie ab dieſen niedrigen Wunſch zu befriedigen. Drei Stunden im Tage 321 widmete Frau Maclaurin, während ihr Mann in ſeinem Geſchäftszimmer war, der Erlernung des Leſens und Schreibens unter der Leitung der Frau Middleton, die Abendſtunden brachte ſie mit Muſik hin, denn ihr alter Mann wurde mit jeder Stunde mehr eingenommen für den Geſang ſeiner jungen und einfachen Frau und immer nachſichtiger gegen ſie. Ihre Freude war ſehr groß als ſie endlich ein Buch mit Kindergeſchichten leſen und ihren Na⸗ men ſchreiben konnte. Es machte Frau Middleton einige Schwierigkeit ihr begreiflich zu machen, daß ſie Maria und nicht Molly Maelaurin ſchreiben müßte; als man ihr aber erklärte, daß Marie die vornehmere Schreibart wäre, nahm ſie dieſelbe an, ja ſie bat Maeclaurin, ſie für die Zukunft ſo zu nennen. Das für den Sitz in Finsbury⸗Square gedungene Geſinde entdeckte bald, daß ihre Gebie⸗ terin, wie ſie ſagten, nicht viel von einer Lady an ſich habe, oder noch nicht lange an die Bequem⸗ lichkeiten und Annehmlichkeiten des Lebens gewöhnt ſei, deren ſie ſich jetzt erfreute. Ihr übermäßiges Vergnügen an dem Beſitz derſelben und die Groß⸗ thuerei, mit der ſie ſolches zur Schau ſtellte, bewies den vier Dienſtboten, daß der alte Mann eine niedrige Heirath geſchloſſen hatte. Bei dieſer Ueber⸗ zengung hätten ſie wohl Luſt gehabt, ſich Freiheiten gegen ihre neue Herrſchaft herauszunehmen. Sie würden ſich nicht haben einfallen daß dieſelbe Strathern 1. 21 322 ihnen ſolche nachſehen würde, wenn ſie nicht ihrer Unwiſſenheit und niedrigen Herkunft verſichert ge⸗ weſen wären. Aber ſie fanden bald, daß die un⸗ erſchrockene Frau Maelaurin gleich bei den erſten 2 Anfängen ihrer Unbeſcheidenheit gehörig entgegen⸗ trat. Dieſe bemerkte alsbald ihr geringſchätziges Betragen gegen ſie, und rügte daſſelbe eben ſo ſchnell mit einer Schärfe und Entſchiedenheit, die jedem Verſuch der Art für die Zukunft ein Ende machte. Deſſenungeachtet wurde der angreifende Theil nur noch mehr in ſeiner Anſicht von der ge⸗ meinen Abſtammung der Gebieterin gerade durch den Zorn befeſtigt, den ihr Betragen erregt hatte. „Eine eigentliche Lady,“ ſagte einer von ihnen in einem Geſpräch über dieſe Sache,„würde nie ge⸗ ſehen haben auf was wir hinzielten, aber wenn wir unſere Plätze behalten wollen, und bei der jetzigen Zeit iſt es das klügſte was wir thun kön⸗ nen, ſo wird es nöthig ſein, wir laſſen ſie nicht merken was wir wiſſen, nämlich, daß ſie ſo wenig eine vornehme Frau iſt als wir ſelber.“„ „Die braucht ſich aufzulaſſen,“ ſagte die Haus⸗ jongfer, die auch die röle der f[emme de chambre bei ihrer Gebieterin ſpielte.„Es thäte mir leid, wenn ich nicht ein beſſeres Herkommen hätte als ſie. Wäre ſie eine Lady, ſo würde ſie mich nicht, ſo oft ſie ein neues Kleid anzieht, oder einen Hut oder eine Haube aufſetzt, fragen, ob ich je zuvor 323 etwas ſo Schönes geſehen hätte, und ob ſie nicht ein Glückskind ſei, da ſie eine ſolche Menge ſchö⸗ ner Sachen beſäſſe? Meiner Meinung nach iſt ſie eine Bänkelſängerin geweſen wie ſie in den Stra⸗ ßen herumlaufen, der alte Mann het ſich in ſie verliebt und ſie um ihres Geſangs willen gehei⸗ rathet.“ „Ich bin überzeugt, daß Sie Recht haben,“ verſetzte darauf der Koch.„Ich meinte immer, ich hätte ihr Geſicht ſchon irgendwo geſehen, und jetzt fällt mir ein und ich weiß ganz gewiß, daß ich ſie auf meinem letzten Platz vor unſerer Thüre ſingen gehört habe.“ Der verſtändige Rath der Frau Middleton hielt Frau Maclaurin von vielen thörichten Handlungen zurück und bewirkte ſo viel, daß ſie dadurch ver⸗ mocht wurde, die größte Ehrerbietung und Aufmerk⸗ ſamkeit gegen ihren Mann zu beobachten. Doch blieb die natürliche Sinnesart und das eigenſinnige Weſen der Lady unverändert, und es bevurfte kei⸗ ner kleinen Selbſtbeherrſchung, um die Ausbrüche des Letzteren zu verhindern und die Ruhe ihres alten Gemahls nicht zu ſtören. Frau Middleton hatte erwartet, wenn Frau Maclaurin im Stande wäre geläufig zu leſen, ſo würde es ihr Vergnügen ma⸗ chen, ſich mit guten Büchern zu beſchäftigen. Da⸗ her wählte ſie ihr eine Anzahl auserleſener Werke aus. Die würdige Frau wurde jedoch in ihren 324 Erwartungen getäuſcht, denn ihr Zögling überblickte blos ein paar Seiten von jedem und erklärte dann, ſtatt ihr Unterhaltung zu verſchaffen, erregten ſie ihr nur Verdruß, und ſie läſe bloß die Zeitung gerne, weil ſie dort Erzählungen von Lords und Lady's und vornehmen Geſellſchaften fände. „Aus der Ungeduld, mit der Sie leſen zu ler⸗ nen wünſchten,“ bemerkte Frau Middleton,„glaubte ich abnehmen zu können, Sie wollten ſich mit Stu⸗ diren beſchäftigen.“ „Nein, gewiß nicht,“ erwiederte Frau Maclaurin, „ich wollte bloß in meinem Gebetbuch in der Kirche leſen lernen, ohne mich dem Gelächter auszuſetzen, wenn ich es umgekehrt in die Hand genommen hätte. Das geſchah mir von der Jungfer der Frau Fairfax, da ich noch bei dieſer war. Ich wollte das eingebildete Geſchöpf nicht merken laſſen, daß ich nicht leſen konnte, ſtellte mich aber ſo an. Und das Schreiben habe ich blos gelernt, um allen meinen alten Freundinnen in Irland zu wiſſen thun zu können, um wie viel beſſer ich daran bin, als je bei ihnen der Fall ſein wird.“ Dieſes naive Geſtändniß der Beweggründe, welche die Schülerin zum Lernen gebracht, erregte bei Frau Middleton Staunen und Widerwillen, und ſie ſuchte ihr begreiflich zu machen, daß ſowohl Un⸗ terhaltung als Nutzen aus dem Studium der Ge⸗ ſchichte und den belles lettres gezogen werden könnte. 24 325 „Was kann mich die Geſchichte Anderes lehren, als eine Menge altes Zeug von verſtorbenen Leu⸗ ten, an denen mir nichts liegt; und von den Erzäh⸗ lungen iſt vielleicht die Hälfte nicht wahr. Und wenn ſie das auch wären, ſo gäbe ich doch keiue Stecknadel darum, wenn ich ſie wüßte. Was die belles lettres betrifft, ſo hätte ich, wenn man dar⸗ unter„Bell's Life in London“*) verſteht, das ich letzthin in dem Speiſeſchrank des Geſindes geſehen habe, nichts dagegen, dann und wann darin zu le⸗ ſen, denn es kam mir recht unterhaltend vor.“ Frau Middleton fand, daß alle ihre Bemühungen vergeblich waren, der Frau Maclaurin die angebo⸗ rene Gemeinheit und Rohheit abzuthun. Sie war unverbeſſerlich, und die freundliche Lehrerin ſah ſich genöthigt, mit den ſonſtigen Fortſchritten ſich zu begnügen, welche die beſchränkten Fähigkeiten der⸗ ſelben ihr zu machen verſtatteten. Sie machte ſich allmählig einen weniger gemeinen Ausdruck für ihre Gedanken zu eigen, obgleich ſie nie einer Erhebung ihrer Gefühle fähig wurde. Nach und nach nahm ſie auch einen feineren Ton und ein anſtändigeres Betragen an als man hätte von einem Mädchen erwarten ſollen, die ſo außerordentlich roh und un⸗ *) Eine ſehr verbreitete Zeitung, an der Leute, wie Frau Maclaurin Geſchmack finden. D. Ueberſ. 326 gebildet war, als Frau Maclaurin urſprünglich ge⸗ weſen. Sehr auffallend erſchien der Frau Middle⸗ ton, daß Maclaurin ſo wenig Intereſſe für Ver⸗ vollkommnung der geiſtigen Fähigkeiten ſeiner Frau zeigte; und in dieſer Beziehung trat die außeror⸗ dentliche Selbſtſucht des alten Mannes ganz offen zu Tage. Wenn Marie ſich bereit finden ließ, ihn jeden Abend in ſeinem Sorgenſtuhl in Schlaf zu ſingen, ſo war er zufrieden und verlangte keine an⸗ dere Ausübung ihrer ehelichen Pflicht oder Neigung; aber wenn eine Erkältung oder ſonſtiges Unwohl⸗ ſein ihrer Stimme Eintrag that, ſo verrieth er ſeinen Aerger ohne die geringſte Rückſicht auf die Schmerzen, die ſie auszuſtehen haben mochte. Er ſchien ſie gerade wie ein muſikaliſches Inſtrument anzuſehen, von welchem ſein Glück ſo ſehr abhing, daß es nicht verſtimmt ſein durfte. Zum Glück für ſeine Anſprüche war Frau Maclaurin von kräf⸗ tiger Leibesbeſchaffenheit, ihre Stimme litt ſelten unter dem Wechſel der Witterung, der auf die Stim⸗ men ſo vieler anderer Menſchen Einfluß äußert; ſo mußte ihr Mann nur ſelten ſeine Abendunterhal⸗ tung entbehren, und folglich bereute er auch nicht die ungewöhnliche Heirath die er eingegangen hatte. Seine Frau fand ſich dadurch weniger befriedigt; ſie hätte gerne einen größeren Schauplatz gehabt, um ihre ſchönen Kleider und ihren Reichthum zu zeigen; die Bewunderung ihrer Dienſtboten reichte nicht — Se 327 hin, ihre ſtets wachſende Eitelkeit zu befriedigen; aber ihr Gemahl beharrte ſteif und feſt auf dem eingezogenen Leben, das ihm durch lange Uebung zur Gewohnheit geworden war, und ließ keine Be⸗ ſuche zu als Frau Middleton und einen oder zwei von ſeinen alten Ladendienern, die dann und wann Sonntags zum Mittageſſen eingeladen wurden. „Es thäte mir nicht leid, daß ich immer ſo eingeſperrt bin,“ ſagte Frau Maclaurin oft zu Frau Middleton,„wenn ich nicht ſo geſchmackvolle Klei⸗ der zu tragen hätte. Aber was nutzt ein ſchöner Anzug, wenn mich Niemand ſieht als Sie, die alten Ladendiener und das Geſinde?“ Obſchon ſie jedoch keineswegs vergnügt war, veſaß ſie doch Klugheit genug vor ihrem caro sposo nicht das Geringſte davon merken zu laſſen. Derſelbe wurde drei Jahre nach ihrer Verehelichung durch einen Schlaganfall aus dem Leben weggerafft, wäh⸗ rend er eben auf eines ſeiner Lieblingslieder horchte, und wahrſcheinlich in Folge davon, daß er beim Mittageſſen etwas zu viel von einer Schildkröten⸗ ſuppe genoſſen hatte. Bei Eröffnung ſeines letzten Willens, den er nur ein paar Monate zuvor abge⸗ faßt hatte, fand ſich, daß ſein ganzer ungeheurer Reichthum, mit Ausnahme eines Legats von fünf⸗ tauſend Pfund für den Oberſten Fairfar, der Hälfte dieſer Summe für Frau Middleton und tauſend Pfund für jeden ſeiner Handlungsdiener, der Wittwe 328 vermacht war. In der Freude über Erlangung dieſes Reichthums wurde aller Kummer um den Erblaſſer vergeſſen, und Frau Middleton fing zum erſtenmale an wahrzunehmen, daß ihre ci-devant Schülerin weder ſo gutmüthig noch ſo dankbar wäre, als ſie geglaubt. Ihre Anſicht davon hatte aber wenig Einfluß auf die reiche Wittwe, denn dieſe behauptete weit früher als der Anſtand ge⸗ ſtattete, ſie bedürfe durchaus keiner Rathſchläge und hege einen Widerwillen gegen die, welche ihr ſolche ertheilen wollten. Kaum lagen die ſterblichen Ueberreſte ihres Gat⸗ ten im Grabe, als Frau Maclaurin die Abſicht zu erkennen gab, ſie wollte nach Brighton gehen. Sie ließ hiezu einen prächtigen Wagen bauen und alles dazu Gehörige ſo in Stand ſetzen, wie es ſich für eine Lady von großem Vermögen ſchickte. Sie ſchlug es aus, die Tracht anzulegen, welche Witt⸗ wen gewöhnlich tragen und behauptete, dieſelbe ſehe ſehr gemein und armſelig aus. Dagegen kleidete ſie ſich in den reichſten Sammet und Atlas, und ließ dieſe mit einer Unzahl ſchwarzer Spitzen beſetzen. Blos die Farbe der Trauer behielt ſie bei, wollte aber nichts von den Stoffen wiſſen, die man gewöhnlich hiezu verwendete. In Brighton zog ihre Großthuerei, die Sonderbarkeit ihres Be⸗ tragens und Anzugs Aller Augen auf ſich. Ihr Reichthum wurde durch das Gerücht verzehnfacht, ———— ⸗ 329 und ihre niedrige Herkunft gab Anlaß zu hundert Mährchen, eins wo möglich immer abgeſchmackter als das andere. Der einen Nachricht zu Folge ſollte ſie eine Zigeunerin geweſen ſein, welche der alte Kaufmann in ſeiner Narrheit auf einer Ge⸗ meindeweide in Hampſhire gefunden hätte. Eine andere Sage lautete dahin, ſie wäre eine Bänkel⸗ ſängerin geweſen, die er auf der Straße angetrof⸗ fen hätte, kurz, es wurde eine unglaubliche Menge von Geſchichten über ſie erfunden und in Umlauf geſetzt. Man lief ihr nach, ſtaunte ſie an und lachte ſie aus. Daß man ſie ſo überall kannte, ſchmeichelte ihrer Eitelkeit und ermuthigte ſie noch größere Thorheiten zu begehen, ſtatt ihr zu miß⸗ fallen oder ſie in Verlegenheit zu bringen. Jeden Morgen machte ihr eine Menge Putz⸗ und Klei⸗ dermacherinnen in ihrem Gaſthofe die Aufwartung, und dabei gab ſie ſich ganz das Anſehen und entwi⸗ ckelte allen Uebermuth einer parvenue ohne Erzie⸗ hung oder Geſchmack. Obgleich aber die Leute die ge⸗ meine Wittwe und ihren übertriebenen Putz lächerlich machten, ſo fehlte es doch unter den Spöttern nicht an ſolchen, die gar nicht abgeneigt waren, der rei⸗ chen Frau Maclaurin ihre Huldigungen darzubrin⸗ gen. Der Reichthum wird in allen Ländern ge⸗ bührend gewürdigt, nirgends aber findet er ſo viele Beachtung wie in England. Wer ſolchen beſitzt, mag Fehler haben ſo viel er will, er kann ſich 1 330 darauf verlaſſen, daß man ihm Artigkeiten erweiſt, auf welche Menſchen von den größten Verdienſten, aber ohne Vermögen nur geringe Ausſichten haben. Selbſt die, welche über die bäuriſche Sprache und das rohe Benehmen der Frau Maclaurin lachten, ließen ſich bereit finden, mit ihr in Verbindung zu treten; ſo groß iſt die Macht, welche der Reich⸗ thum auf die Menſchen im Allgemeinen ausübt. Eine Lady entſchuldigte ihre Beſuche bei der rei⸗ chen Wittwe gegen ihre Bekannten damit daß ſie ſagte, ſie hätte einen Verwandten, einen ausgezeich⸗ neten jungen Mann ohne Vermögen, für den jene eine treffliche Frau abgeben würde; eine andere hatte einen Bruder oder Neffen, und ſelbſt ſolche, denen ein männlicher Angehöriger, der eine Frau ſuchte, abging, die ſich alſo mit einem ſolchen nicht ausreden konnten, wenn ſie ſich um die Bekannt⸗ ſchaft der Frau Maeclaurin bemühten, führten dafür die Menge ihrer Töchter an, die nicht verſorgt wären und meinten, eine ſo reiche und allein lebende Frau könnte leicht eine Neigung für eine davon faſſen und ſie ausſtatten. Es gab zu Brighton keinen zu Gruͤnde gerichteten, verſchwenderiſchen Junggeſellen, keinen luſtigen Abenteurer, der nicht auf die reiche Wittwe Hoffnungen gebaut, nicht auf ſie ſeine Entwürfe gerichtet und ſie nicht umflattert hätte, um ihr zu gefallen. Obgleich Frau Maclaurin unmäßig aufgeblaſen „ — 331 war über ein Glück, das ihre kühnſten Erwartun⸗ gen weit übertraf, hatte ſie doch durchaus keine Luſt ihre Unabhängigkeit einem Manne zu Liebe aufzugeben, wenn derſelbe nicht von hohem Adel wäre und einen Titel aufweiſen könnte. Eine rechte Lady wollte ſie werden, wie ſie ſich aus⸗ drückte, eine Krone wollte ſie am Wagen haben, denn das erſchien ihr, ſeitdem ſie ein großes Ver⸗ mögen erlangt, als vie beneidenswertheſte Auszeich⸗ nung von der Welt. Ja, nur einen Lord wollte ſie heirathen, und ſie lächelte verächtlich über die vergeblichen Bemühungen, welche die geldſüchtigen Freier um ſie her machten, ihre Gunſt zu erringen. Ihr auffallendes Treiben hatte ſie in Brighton allgemein bekannt gemacht und ihr Ruf folgte ihr auch nach London, wo ſie ihre Wohnung in einem nur von der vornehmen Welt beſuchten Gaſthof nahm. Sie miethete in der Oper eine Doppel⸗ Loge, hielt zwei oder drei Wägen, die durch ihre überladene Pracht und Geſchmackloſigkeit Jedermann auffielen,, und zeigte ſich ſelbſt immer ſo übertrie⸗ ben geputzt, daß ſie Aller Augen auf ſich zog wo ſie erſchien. Eine franzöſiſche femme de chambre wurde nunmehr ihrem Haushalt beigefügt, und eine dame de compagnie angenommen, welche die Ver⸗ pflichtung hatte, ſie zu begleiten, wenn ſie öffent⸗ lich ſich ſehen ließ, und ſie in müßigen Stunden zu unterhalten. Ein Schooßhund, dieſe unerläßliche 332 Zugabe für Frauen, denen die Fähigkeit abgeht, ſich geiſtig zu beſchäftigen, und die deßhalb genö⸗ thigt ſind, ihren Unmuth an dem einen oder dem andern Opfer auszulaſſen, ward angekauft, und ein mit Diamanten beſetztes Halsband, an dem ein mit Edelſteinen derſelben Art verziertes Herz herunter⸗ hing, diente dem Lieblingsyund als Schmuck. Frau Maclaurin zeigte ſich jeden Tag auf den Straßen und in den Anlagen in ihrer lächerlich ſchimmern⸗ den Equipage; dabei ſaß ihr denn die dame de compagnie mit dem Hund auf dem Schooße gegen⸗ über, und ſo zog ſie die Blicke der Menge auf ſich, von welcher ſie verhöhnt wurde, während ſie der Gegenſtand der allgemeinen Bewunderung und der Leitſtern neugieriger Augen zu ſein glaubte. Nachdem ſie ſich zwei oder drei Jahre in der Hauptſtadt und in verſchiedenen Badeorten zur Schau geſtellt, ohne die Eroberung eines Lords ge⸗ macht zu haben, beſchloß ſie einen andern Schau⸗ platz aufzuſuchen, auf dem ſie die röle der reichen Wittwe auf der Jagd nach einem Titel ſpielen könnte, und entſchied ſich den Winter in Rom zu verbringen. Da ſie eben ihre dame de compagnie entlaſſen hatte, die ſiebente, die innerhalb drei Jah⸗ ren dieſe Stelle bei ihr verſehen, ſo wurde ihr Frau Bernard zur Nachfolgerin derſelben empfoh⸗ len, und mit ihr machte ſie ſich auf den Weg nach Italien. Lange ehe der halbe Weg zurückgelegt — — —— war, nahm die unglückliche Wittwe mit Schrecken wahr, daß es auf ihrer neuen Stelle eben ſo we⸗ nig auszuhalten ſein würde, als auf einer ihrer früheren. Frau Maclaurin verband mit einer Un⸗ wiſſenheit, welche ſie unfähig machte, die Vorzüge Anderer zu würdigen, eine ſo heftige Gemüthsart und wurde bei der unbedeutendſten Veranlaſſung ſo ungeduldig, daß es denen, welche bei ihr dien⸗ ten, rein unmöglich fiel, mit ihr Frieden zu halten. Die geringſte Meinungsverſchiedenheit, wenn ſie ſich auch nur durch Schweigen zu erkennen gab, wurde ernſtlich gerügt und ſtreng geahndet durch Aus⸗ brüche des Zorns und Schimpfreden, an denen ſich der in dieſer Kunſt ausgezeichnetſte Meiſter in den durch Scheltworte berüchtigten Umgebungen von Billingsgate nicht hätte ſchämen dürfen. Ein Bett, das ihr weniger bequem vorkam, als das, an wel⸗ ches ſie zu Hauſe gewöhnt geweſen, oder eine we⸗ niger ſchwelgeriſche Mahlzeit übte den ſchlimmſten Einfluß auf ihre Laune, und da ſie vermöge ihrer geringen Sprachkenntniſſe nicht im Stande war gegen den erſtaunten Curier der ſie begleitete, oder die Gaſthalter in deren Häuſern ſie anhielt, ihre Wuth auszulaſſen, ſo erhielt Frau Bernard den Befehl, die Schmähungen zu überſetzen, welche ihre ſtolze Herrin auf ſie herunterregnen ließ. Wäh⸗ rend deſſen gab die Lady genau auf die Geſichter derer Acht, denen ein Verweis ertheilt ward, um 334 die Wirkung beurtheilen zu können, welche ihr Miß⸗ fallen auf ſie hervorbrächte. Fand ſie dann, daß ihre Blicke nicht ſo viel Furcht verriethen als, wie ſie meinte, ihr Zorn erregen mußte, ſo ſchloß ſie daraus ſogleich daß Frau Bernard ihre Worte nicht getreu wiedergegeben hätte und überſchüttete ſodann das wehrloſe Haupt dieſer armen Frau mit jedem beleidigenden Beiwort, das ſie eine im Schimpfen unerſchöpfliche Einbildungskraft erfinden ließ, und das ihre an gemeine Reden gewöhnte Zunge auszuſprechen vermochte. Die Unpäßlichkeiten, die in Folge großer Vollſaftigkeit Frau Maclaurin be⸗ fielen— und ſie kamen weder ſelten noch lange auseinander vor— vermehrten noch das rauhe und herbe Weſen des in der gemeinſten Selbſtſucht befangenen Weibes. Sie hatte ſich von Frankreich und Italien die verkehrteſten Begriffe gebildet, und wurde nun halb raſend, wenn ſie fand, wie wenig die Wirklichkeit ihren vorgefaßten Ideen entſprach. „Warum haben Sie mir denn nicht geſagt, daß nicht ein einziges anſtändiges Wirthshaus auf dem gan⸗ zen Wege iſt?“ ſchrie ſie oft und warf Dolchblicke auf ihre unglückliche dame de compagnie.„Wenn ich gewußt hätte, daß nicht an jedem Ort wo man übernachten muß, ein gutes Bett mit vier Stollen und zizenen Vorhängen zu finden wäre, eben ſo ein reichliches Nachteſſen, Steinbutten in einer Hum⸗ merbrühe oder Stockfiſch mit Auſtern, und fetten — 335 Ochſen⸗ oder Hammelsbraten, ſo wäre ich nie ein ſolcher Narr geweſen, nach Frankreich oder Italien zu gehen. Und dann ihre abſcheulichen, ſauren, 6 leichten Weine, ganz wie Eſſig mit unſerem Claret und Waſſer vermiſcht, ſchon das wäre genug, die veſte Geſundheit zu ſchwächen.“ Wenn Frau Ber⸗ nard verſuchte, ihr zu erklären, daß ſie früher nie in Frankreich oder Italien geweſen ſei, alſo den Unterſchied zwiſchen den Gaſthöfen in dieſen Län⸗ dern und in England nicht gekannt habe, ward ſie augenblicklich mit den Worten unterbrochen:„Re⸗ den Sie mir keinen ſolchen Unſinn. Da gibt's gar keine Entſchuldigung, denn es war Ihr Geſchäft, ſich nach Allem, was die Wirthshäuſer betrifft, zu erkundigen, und mich davor zu warnen, daß ich meine Geſundheit auf's Spiel ſetzte und in ſolche „Länder ginge.“ Die Wahrheit war, daß Frau Maelaurin, wie alle parvenues in ihrer Jugend nicht einmal an die allgemeinſten Bequemlichkeiten gewöhnt geweſen, jetzt aber, ſeitdem ſie ihren großen Reichthum erlangt, und beſonders ſeit der Tod ihres Mannes ſie von allem Zwang befreit hatte, eine ausgemachte gour- mande geworden war. Die Zuſammenſetzung ihres Mittageſſens wurde in reifliche Ueberlegung gezo⸗ gen, ihr Frühſtück und die Zwiſchenmahlzeit zwi⸗ ⸗ ſchen jenem und dieſem ſpielte eine nur wenig un⸗ bedeutendere Rolle, und wenn ſie ſich getäuſcht ſah 336 und eines dieſer Eſſen nicht ſo gut fand, als ſie erwartete, ſo wurde ihre Stimmung ganz unerträg⸗ lich, und Frau Bernard mußte für ihre unbezähm⸗ bare Wuth büßen. Das Glück hatte, wie es bei Menſchen der Fall iſt, die von Haus aus nicht lie⸗ benswürdig ſind, alle ſchlimmen Eigenſchaften der Frau Mackaurin noch weiter entwickelt. Da ſie ſich bloß darauf verlegte, ihre ſelbſtſüchtigen Gelüſte zu befriedigen, ſo nahm ſie durchaus keine Rückſicht auf die Gefühle Anderer, und glaubte, ihre Um⸗ gebungen wären bloß auf der Welt um für ihre Bequemlichkeit und ihr Vergnügen zu ſorgen. Das war die Frau auf welche Lord Alexander Beaulien ſeine ſchmutzigen Abſichten richtete. Weder die Gerüchte von ihrem niedrigen Herkommen, no ihre gemeinen Sitten und ihr unangenehmes Aeußere konnten ihn abhalten, nach dem goldenen Preis zu ſtreben. Denn der Reichthum war in ſeinen, wie in den Augen vieler Männer ſeines Standes, das Ende und Ziel alles ſeines Dichtens und Trach⸗ tens, und ihn zu erwerben, war er entſchloſſen die abſcheuliche Laft die daran hing, ſich gefallen zu laſſen. 337 Dreizehntes Kapitel. „Mein iſt ſie nun, und im Beſitz des Kleinods Bin ich ſo reich als zwanzig Meere wären, Wenn all' ihr Sand zu Perlen würde, Nektar Ihr Waſſer und die Felſen laut'res Gold.“ Wir haben Strathern und den ſchönen Gegen⸗ ſtand ſeiner Zuneigung in aller der Freude verlaſ⸗ ſen, welches auf das völlige éclaircissement über den Zuſtand ihrer gegenſeitigen Empfindungen folgte. Es gibt vielleicht im Leben der Liebenden keinen Zeitpunkt, der lichter und ſo ohne alle unreine Beimiſchung wäre, als der, in welchem ſie nach Beſeitigung aller Zweifel und Beſorgniſſe, der be⸗ ſtändigen Begleiter ächter Liebe, einander ihre Herzen geöffnet haben und ein ſüßes und zartes Vertrauen an die Stelle der zuvor ſtattgehabten quälenden Aengſtlichkeit getreten iſt. Jedes iſt nun der Liebe des Andern gewiß, jedes ſieht nur Seligkeit in der Gegenwart und Entzücken in der Zukunft; und die Bekanntſchaft mit der wechſelſeitigen Neigung iſt noch nicht in die feſte Gewißheit ausgeartet, welche ſo oft einem Liebhaber mehr das Anſehen eines Mannes gibt, der ein Jahr in der Ehe lebt, denn das eines Menſchen, der die Augenblicke zählt, bis Strathern 1. 22 338 er die Gebieterin ſeines Herzens zu dem Traualtar führen kann. Alles bekam jetzt ein anderes Ausſehen in den Augen Strathern's und der ſchönen Louiſe, denn ſie ſahen Alles durch das glänzende Me⸗ dium wechſelſeitiger Liebe, und da ſie ſelber glücklich waren, wünſchten ſie auch Alle um ſich her glücklich zu machen. Am folgenden Tage ſuchte Strathern eine geheime Unterredung mit Frau Sydney nach und entdeckte ihr ſeine Leidenſchaft für ihre liebliche Tochter, ſo wie, daß ihm dieſe die Erlaubniß gegeben hätte, ſich wegen der Sache an ihre Mutter zu wenden. Die zärtlich beſorgte Mutter vernahm die Erklärung mit Vergnügen, denn unter allen Bewerbern, die ihrer Tochter Herz zu gewinnen geſucht, war Strathern der einzige, der ihr gefiel. Nachdem er ſich entdeckt hatte, verließ ſie ihn und ging in Louiſens Zimmer. Als dieſe ſie her⸗ eintreten ſah, errieth ſie Alles was vorgegangen war, ſie ſtand auf, warf ſich in ihrer Mutter Arme und verbarg ihr glühendes Geſicht an der Bruſt der Mutter, die ihrem Kopfe in der Kindheit ſo oft zum Pfühle gedient hatte. Freudenthränen ent⸗ floſſen ihren Augen, ſie fielen auf ihre ſchönen Wangen wie Thautropfen auf Blumen herab, und machten ſie noch reizender als zuvor. Frau Syd⸗ ney führte hierauf ihre Tochter in das Zimmer, ——————————————— 339 wo ſie Strathern gelaſſen, fügte ihre Hände inein⸗ ander und ſprach ihren mütterlichen Segen über beide. Die Liebenden preßten ſie in die Arme und Strathern verſicherte ſie, ſtatt bei der beabſichteten Verbindung eine Tochter zu verlieren, würde ſie finden, daß ſie einen Sohn gewonnen hätte, deſſen Streben in Zukunft dahin ginge ihr ſeine Dank⸗ barkeit für das Kleinod zu beweiſen, das ſie ihm zu überlaſſen eingewilligt. Mit Louiſen Sydney ſchien eine völlige Veränderung vorgegangen zu ſein. Die Kälte und Zurückhaltung, die früher einen Schatten auf ſie geworfen, war jetzt ganz ver⸗ ſchwunden. Wie eine ſeltene und koſtbare, exotiſche Blume, deren Blätter ſich ſchließen, wenn ſie lange dem belebenden Einfluß der Sonne entzogen bleibt, wenn ſie aber den glänzenden Strahlen derſelben ausgeſetzt wird, ihr Inneres alsbald wieder der wohlthuenden Wärme erſchließt; ſo gewann ſie jetzt neue Schönheit und blendete ihren Geliebten mehr als je. Denn dieſem entging die Verwandlung nicht, welche die Neigung in ihr bewirkte, die er ihrem jugendlichen und argloſen Herzen eingeflößt hatte. Jeder Tag, jede Stunde wurde für die Liebenden jetzt eine Quelle von Glück. Beſtändig wa⸗ ren ſie beiſammen, und ſchieden von einander Nachts mit einer Betrübniß, als wäre die Trennung eine ewige. Begierig harrten ſie des Zuſammentreffens am Morgen, um dann die vertraulichen Geſpräche 6 340 wieder aufzunehmen, welche die Gefühle des Einen dem Andern theuer machten, während ſie ſich die⸗ ſelben offenbarten. Wie Vieles hatten ſie mitein⸗ ander zu reden, was für ſie voller Intereſſe war, wenn es ſchon dritten und unbetheiligten Perſonen kindiſch erſcheinen mußte. Wie oft kamen ſie auf ihre erſte Unterredung zurück, und wie oft ſchilder⸗ ten ſie ſich den Eindruck, den ſie auf jedes von ihnen hervorgebracht. „Ich hielt dich für ſo ſtolz und meinte, du wäreſt dir bewußt, daß du Eroberungen machen müßteſt,“ ſagte Louiſe, während ſie Strathern ihre kleine weiße Hand überließ,„und da nahm ich mir vor, dich nicht lieb zu haben, wie artig du auch ſein möchteſt.“ Und er preßte die kleine, weiße Hand an ſeine Lippen und flüſterte:„Du warſt ſo kalt, ſo ſtolz. Wie konnteſt du ſo grauſam, ſo hart ſein, Louiſe? Du mußt gleich im Anfang geſehen haben, wie ich von dir hingeriſſen war, daß ich dich liebte; und doch haſt du mir Wochen lang keinen freundlichen Blick gegönnt.“ Und Frau Sydney lächelte, wenn ſie Zeuge ihres Glückes war. Aber es war ein ſchwermüthi⸗ ges Lächeln, denn ſie dachte an die Zeit, da ſie ähnliche Wonne genoß, da ein Mann, jung und zärtlich wie Strathern, um ihre jugendliche Nei⸗ gung warb und ſie gewann. Mit ihm hatte ſie 341 ein paar Jahre ſo viel Seligkeit durchgekoſtet, als jemals einer Erdentochter zugemeſſen wurde, und dann das Unglück gehabt, ihn durch den unbarm⸗ herzigen Tod von ihrer Seite geriſſen zu ſehen. Sie dachte daran, welche Freude es ihm, der jetzt ſchon ſo lange in ſeinem frühen Grabe lag, wie ihr ſelber gemacht haben würde, wenn er am Le⸗ ben geblieben wäre, und ſeine Tochter von einem Manne erkoren geſehen hätte, der in jeder Bezie⸗ hung ihre Hand ſowohl verdiente. Wie ſehr würde ihr eigenes Glück geſteigert worden ſein, wenn ſie den Wiederſchein deſſelben in dem ihrer Kinder er⸗ blickt hätten! Wie oft werden traurige und zarte Erinnerungen, die manchmal ſchlummern, niemals ſterben, durch vorkommende Ereigniſſe erweckt! „Was würde der Geſchiedene bei einem ſolchen Vorfall empfunden haben?“ iſt eine Frage, die ein Herz, das Verluſte erlitten, häufig an ſich rich⸗ tet. Wenn auch neue trübe Erfahrungen und Küm⸗ merniſſe Einen dankbar dafür machen, daß der ge⸗ liebte Todte mit ihnen verſchont geblieben iſt, ſo gemahnt uns doch Etwas, was uns wieder Freude macht, daran, daß die, welche ſie getheilt haben wür⸗ den, von der Erde entflohen ſind. Wir ſeufzen und wundern uns, wie wir noch ein Vergnügen empfin⸗ den können, nachdem uns ſo viel entriſſen worden. Solcherlei waren die Gedanken, welche Frau Syd⸗ ney durch den Kopf gingen, während ſie den Ver⸗ lobten zuhörte. Dieſe machten ſchöne Plane für die Zukunft, eine Zukunft, welche Gott in Gnaden vor unſeren Blicken verhüllt hat. Auch die Mutter hatte auf eine ſolche gerechnet, und Einer, der jetzt im Sarge ſchlief, hatte eben ſo glänzende Bilder von Glück vor ihr aufgerollt, als Strathern ſie entwarf; auch ſie hatte ſich darauf verlaſſen, daß ſie in's Leben treten würden, ſo blindlings als jetzt ihre Tochter. Und doch waren dieſe ſchönen Hoff⸗ nungen nach wenigen Jahren in die Erde verſun⸗ ken und ihr Leben durch den Verluſt deſſen verbit⸗ tert worden, auf dem all' ihr Glück beruhte. Dieſe düſteren Gedanken verſchloß Frau Sydney jedoch in ihre Bruſt, denn ſie wollte den Sonnenſchein, blick trüben; aber heiße Gebete ſandte ſie zu dem Allmächtigen empor, daß das Geſchick ihres Kindes ein beglückteres werden möchte, als ihr eigenes, und ihr das ſchwerſte aller Leiden erſpart bliebe, was ein liebendes Herz treffen kann, nämlich den Ge⸗ genſtand ſeiner zarteſten Neigung zu überleben. Strathern drang darauf, daß ſein Glück ſo bald als möglich ſeine Beſtätigung erhielte, aber Louiſe ging nicht darauf ein, die urſprünglich feſt⸗ geſetzte Zeit abzukürzen und zu heirathen, ehe ſie ihr achtzehntes Jahr erreicht hätte. Hiezu fehlten noch ſechs Monate. Frau Sydney und ihre Toch⸗ ter wollten dann nach England zurückkehren und in welchem ſich Louiſe wärmte, nicht einen Augen⸗ 343 dort ſollte die Hochzeit gefeiert werden. Zu dieſer Anordnung mußte der ungeduldige Liebhaber, wie zuwider ihm das Warten auch ſein mochte, ſeine Zuſtimmung geben. Strathern hatte als anerkaun⸗ ter Liebhaber nunmehr das Recht, beſtändig um Frau Sydney und ihre Tochter zu ſein, und machte ihnen ſeine Geſellſchaft täglich angenehmer, je mehr ſeine edeln und gewinnenden Eigenſchaften hervortraten. Auch in ihm wurde der Wunſch immer ſtärker, die liebliche Louiſe die ſeinige zu nennen. Mit einander beſuchten ſie die Werkſtät⸗ ten der Maler und Bildhauer, und beſichtigten die Fortſchritte in den Arbeiten, welche für Strathern⸗ houſe ausgeführt wurden; immer wieder und wie⸗ der ſchlenderten ſie unter den anziehenden Trüm⸗ mern umher, die ſich zu Rom in ſo großer Anzahl finden, oder in den Kirchen, die ſo reich an Kunſt⸗ gegenſtänden ſind, und denkenden Gemüthern ſo viel Intereſſe darbieten. Eine wahre Liebe erzeugt, wenn ſie auch mit Erfolg gekrönt wird, immer ein gewiſſes, nachdenk⸗ liches Weſen in der Bruſt derer, welche ſie em⸗ pfinden; aber dieſe Gedanken ſind nicht ohne ihre beſondern Reize, und Strathern ſowohl als Louiſe, waren ſich dieſes beglückenden Einfluſſes derſelben wohl bewußt. Oft verrieth ein Schweigen, beredter als Worte, die ſüße Uebereinſtimmung, welche ihre liebenden Herzen an einander knüpfte, und ein 344 Druck der Hand oder ein Blick, aus dem die Seele hervorleuchtete, erſetzte die Stelle der Rede. „Bevor ich Dich kennen lernte, Theuerſte,“ ſagte Strathern, führte mich der Anblick dieſer Trümmer blos zu Betrachtungen über den Unbeſtand menſch⸗ licher Herrlichkeit und die Nichtigkeit der Größe und Macht. Jetzt aber mahnen ſie mich an die Kürze des Lebens und die Erinnerung daran wird mir jetzt zum erſtenmale ſchmerzlich, denn ſie zwingt mir das Bewußtſein auf, an welch' ſchwachen Fäden der Beſtand des Glücks hängt— wie ungewiß die Dauer deſſelben iſt. Wenn eine Liebe, wie ich ſie für Dich fühle, Beſitz von einem Herzen ergreift, ſo zieht auch der Wunſch nach Unſterblichkeit mit ihr ein. Ich erſchrecke bei der Vorſtellung von der Möglich⸗ keit eines Daſeins ohne Dich und doch, wie vielen Gefahren iſt das Leben täglich ausgeſetzt? Das fällt mir ein, wenn ich auf die Ueberbleibſel vergangener Zeiten blicke, die um uns her liegen und dann kann ich nicht mehr wie ſonſt philoſophiſche Be⸗ trachtungen darüber anſtellen.“ „Die Philoſophie, mein Lieber, gibt nur we⸗ nig Beruhigung bei ſolchen traurigen Gedanken. Wir wollen den Troſt da ſuchen, wo er allein zu finden iſt, in der beglückenden Hoffnung, der wir uns überlaſſen dürfen, daß wir uns in einer an⸗ dern Welt mit einander der Unſterblichkeit zu er⸗ freuen haben werden, nach welcher die Liebe hier 345 vergeblich ſchmachtet. Das Glück auf der Erde iſt unbeſtändig und im beſten Fall von kurzer Dauer, aber wer, der wirklich in Wahrheit liebt, kann ſich enthalten, ſeine Gedanken auf jene reineren, lich⸗ teren Räume zu wenden, in welche die Furcht nicht eindringt und wo keine Trennung mehr iſt?“ So antwortete Louiſe und als Strathern ihre ſchöne und offene Stirne, ihre mild ſtrahlenden Augen betrachtete, da erkannte er, daß der Himmel irrenden Menſchen kaum ein größeres Wohlwollen beweiſen kann, als wenn er ihnen ein Weſen ſchenkt, wie das, welches vor ihm ſtand. Ein ſolches, fühlte er, mußte ſie vermögen an die Welt zu denken und ſich auf ſie vorzubereiten, der ſie jeder Tag, jede Stunde näher bringt. Er ſchaute auf Louiſen als auf einen Engel, der geſandt wäre, ihn durch den dornigten Pfad des Lebens in den Himmel zu füh⸗ ren, welchem ſie anzugehören ſchien, und ein Ge⸗ fühl von Ehrfurcht miſchte ſich mit der innigen Liebe, die er für ſie empfand. Eines Abends, da das Wetter für die Jahres⸗ zeit ungewöhnlich mild war, ſchlug Frau Sydney vor, ſie wollten das Coliſeum bei Mondſchein be⸗ ſuchen. Das war eine Frende, nach der ihre Toch⸗ ter ſich lange geſehnt, welche ihr aber die ſorgliche Mutter abgeſchlagen hatte, damit die Nachtluft dem geliebten Kinde nicht zu hart zuſetzte, von deſſen Daſein, wie man wohl ſagen konnte, ihr eigenes 346 abhing. In einen indiſchen Shawl wurde ihre an⸗ muthige Geſtalt gehüllt und Strathern ſelbſt be⸗ ſchäftigte ſich damit ihr ihn ſo anzulegen, daß keine Luft eindringen könnte. Die Augen der Frau Syd⸗ ney glänzten, da ſie die Vorſicht und Sorgfalt be⸗ merkte, welche er auf ihr beiderſeitiges Kleinod verwandte, und Louiſe lächelnd ſagte:„Du wirſt mich ganz gewiß verderben, wenn Du ſo viel We⸗ ſen mit mir machſt, wie das liebe Mütterlein.“ Aber Strathern widmete ſeine Aufmerkſamkeit nicht ausſchließlich nur ſeiner Verlobten. Auch um ihre Mutter nahm er ſich zärtlich an und Louiſe war nie von ſeiner Anhänglichkeit an ſie ſo über⸗ zeugt, nie ſo dankbar für dieſelbe, als da er ſolche erfreuliche Beweiſe von ſeiner Liebe und Achtung für ihre Mutter gab. Nie war eine Nacht gün⸗ ſtiger geweſen, um das Coliſeum zu beſichtigen, als die, welche Frau Sydney dafür wählte. Der Mond ging mit beſonderem Glanz an einem Him⸗ mel auf, blau und klar wie Sapphir. Er warf ſein Silberlicht auf einzelne Theile des prächtigen Gebäudes und ließ andere Stücke deſſelben in tie⸗ fem Schatten. Wo ſich einſt der Gladiatoren Blut mit dem der wilden Thiere vermiſchte, denen ſie gegenüberſtanden, während der gewaltige Bau das Geſchrei der rohen Menge zurückwarf, die durch den Anblick des grimmigen Kampfes aufgeregt wurde, erhoben ſich jetzt in der Arena die einfachen, der 347 Gottheit geweihten Altäre und nur die Stimme des Prieſters in weißem Gewande, der ſeine Ge⸗ bete verrichtete, ließ ſich durch die ſchweigende Nacht vernehmen. Die Scene mußte Eindruck machen und die Gefühle der drei Perſonen, welche eben langſam und ſchweigend über den Platz hinſchritten, ſtanden im Einklang damit. Nicht lange aber blieb es ihnen vergönnt ſich den Gedanken hinzugeben, die ein ſolcher Anblick hervorzurufen ſo wohl geeignet war. Ein lautes Gelächter und der Ton engliſcher Stimmen ließ ſich hören und ſtörte auf widerliche Art ihr Sinnen. Ehe ſie noch Zeit hatten ſich zu entfernen und ſo, wie ſie wünſchten, ein Zuſam⸗ mentreffen mit den Leuten zu vermeiden, deren aus⸗ gelaſſene Luſtigkeit ſo wenig Uebereinſtimmung mit ihren eigenen Gefühlen verrieth, drang folgendes Geſpräch an ihre Ohren:— „Ich wollte, ich hätte meine Windbüchſe mit⸗ genommen, daß ich ein paar Schüſſe auf die Nacht⸗ eulen thun könnte, denn ich bin überzeugt, daß es deren in einem ſo alten Neſt wie dieſes eine Menge geben muß.“ „Ach, lieber Himmel! Fitzwarren, was für ein Einfall! Wie ſo gar nicht poetiſch!“ „Nun, ich möchte doch wiſſen, was ich ſonſt hier thun ſollte? Es ginge ſchon an, wenn hier irgend etwas Unterhaltendes zum Beſten gegeben würde— etwa ein Boxen, ein Stiergefecht oder 348 auch nur ein Hahnenkampf; aber auf lockern Stei⸗ nen herumzuſtolpern und dabei nichts als dieſe zer⸗ fallenen Mauern zu betrachten, nichts als das Ge⸗ näſel des Prieſters zu hören, der ſeine Gebete in einer Sprache hermurmelt, welche man nicht ver⸗ ſteht, iſt in meinen Augen ein ganz ſeltſames Ge⸗ lüſte.“ „Aber Jedermann macht es ſich doch zur Auf⸗ gabe, das Coliſeum einmal im Mondſcheine zu be⸗ ſuchen, ehe man Rom verläßt,“ bemerkte Lady Olivia. „Für was aber,“ erwiederte Lord Fitzwarren, „außer um ſich eine Erkältung an einem ſo feuch⸗ ten Ort zu holen?“ „Lies nur einmal, was Lord Byron im dritten Geſang von„Childe Harold's Pilgerfahrt“ über das Coliſeum ſagt,“ verſetzte die Lady,„und dann wirſt Du begreifen, warum die Leute ſo gerne bei Mondenſchein hieher gehen.“ „Ich ſoll alſo ein Gedicht leſen,— und das thue ich nie, wenn ich es vermeiden kann,— um zu erfahren, warum ein Haufen mondſüchtiger Nar⸗ ren in einer feuchten Nacht da hergeht, um mit einem Huſten und Schnupfen und Keuchen und mit einer Erkältung nach Hauſe zu kommen, daß ſie wünſchten, ſie wären lieber zu Hauſe geblieben. Von Byron war es ganz Recht, daß er Verſe über derartige Sachen ſchrieb— er war lahm, der 6 349 arme Teufel und konnte ſich deshalb nicht mit Be⸗ luſtigungen im Freien abgeben, wie das jede Manns⸗ perſon thun ſollte. Ueberdies verdiente er mit ſei⸗ nem Geſchmiere eine Menge Geld, wie ich gehört habe, aber für vernünftige Leute iſt es etwas An⸗ deres hin zu gehen.“ „Denk' nur einmal, an dem Tage, da die Arena eröffnet wurde, ſind fünftauſend wilde Thiere darin getödtet worden,“ entgegnete Lady Olivia mit der Miene eines Gelehrten. „Da muß es eine gehörige Unterhaltung dar⸗ geboten haben,“ bemerkte Lord Fitzwarren.„Da⸗ mals wäre es der Mühe werth geweſen in's Co⸗ liſeum zu gehen und ſich den Spaß anzuſehen.“ „Du weißt ohne Zweifel, daß das Gebänude von Flavius Veſpaſian errichtet wurde und daß man glaubt, es ſtehe da, wo ſich ſonſt die Fiſch⸗ teiche Neros befanden.“ „Davon weiß ich wahrhaftig nichts.“ „Man vermuthet, es habe ſeinen Namen von einer koloſſalen Bidſäule des Nero, dargeſtellt als Apoll, welche Titus Veſpaſian hier aufſtellen ließ,“ ſagte Lady Olivia ſtolz. „Ich will mich hängen laſſen, wenn die kleine Livy nicht verſpricht eine eben ſo große Geſchicht⸗ ſchreiberin zu werden als ihr Namensvetter; aber es wundert mich nur, wo ſie alle ihre Kenntniſſe aufgegabelt hat.“ 350 „Wo Sie ſolche ſich in ein paar Minuten verſchaffen können, wenn Sie Luſt dazu haben,“ verſetzte Lady Sophie boshaft—„in der Reiſe⸗ beſchreibung von Mariana Starke. Ich ſah ſie heute darin nachſchlagen, als wir ausgemacht hat⸗ ten, daß wir hieher gehen wollten, und ſie hat Ihnen Wort für Wort wiedergegeben, was ſie aus dem Buche gelernt.“ „Es iſt beſſer, man weiß etwas von den Or⸗ ten, die man zu beſuchen geht, als daß man, wie du, völlig unbekannt mit denſelben bleibt,“ verſetzte Lady Olivia und ihre Wangen wurden roth vor Zorn, während ſie ihrer Schweſter einen grimmi⸗ gen Blick zuwarf. „Ja, vielleicht iſt es beſſer,“ gab Lady Sophie zur Antwort;„aber es iſt nicht ganz in der Ord⸗ nung, daß Du gerade nur die Worte des Weg⸗ weiſers mit einer ſo gelehrten Miene angeführt haſt, als wäreſt Du ein Profeſſor.“ Jetzt wurde Lord Fitzwarren und die Frauen⸗ zimmer, die ihn begleiteten, gewahr, daß Strathern mit ſeiner Geſellſchaft nicht weit von ihnen ſtand, und alsbald rief er:„Was, Du biſt da, alter Junge, und Sie, meine Damen! Nun, es freut mich, daß ich nicht allein dumme Streiche mache. Sag' mir einmal aufrichtig, Strathern, iſt es nicht ein wirklicher Unſinn daher zu laufen und ſich eine Erkältung zu holen? Und Sie, Ladies, können Sie — ——————— — — 351 Etwas herausfinden, das man nicht am hellen Tage beſſer zu ſehen vermöchte?“ „Fitzwarren iſt ſo originell, daß es eine Freude iſt,“ lispelte Lady Olivia. „Und nimmt Alles ſo ſchön für baare Münze,“ fügte Sophie ſpöttiſch hinzu. „Ich muß geſtehen, ich bin ganz der Meinung Lord Fitzwarren's,“ warf hier Lady Wellerby ein, denn ich empfinde ſtets die ſchlimmen Wirkungen der feuchten Nachtluft und ſehe die Ruinen bei weitem lieber am Tage. Lord Wellerby machte mich auf die Folgen aufmerkſam, die es haben könnte, wenn ich hieher ginge; er iſt immer ſo be⸗ ſorgt, ſo prévoyant für die, welche ihm theuer ſind. Ach, Frau Sydney, es geht doch nichts über einen Gemahl, wenn es ſich darum handelt für Einen zu ſorgen— nicht wahr?“ Lady Wellerby hatte bemerkt, daß jede An⸗ ſpielung auf liebevolle Ehemänner Frau Sydney ſchmerzlich berührte. Dies verrieth ſich dadurch, daß ihre Wangen bläſſer wurden als gewöhnlich und daß ſie unwillkührlich ſeufzte. Seit dieſer Entdeckung ließ die Lady keine Gelegenheit vorbei⸗ gehen, ohne darauf anzuſpielen, wie ſelig ſie im Beſitz eines zärtlichen Gemahls wäre— ein Glück, deſſen Frau Sydney beraubt war. „Ja, der alte Herr iſt verflucht ſorglich, das muß ich ſagen,“ ſagte Lord Fitzwarren,„und das 352 aus einem triftigen Grunde. Erinnern Sie ſich noch, daß er ſagte, wenn Sie ſich Ihren Rheu⸗ matismus dadurch wieder zuzögen, daß Sie ſich der Nachtluft ausſetzten, ſo würde er einen Arzt und eine lange Apothekersrechnung zu zahlen haben. Ja, der alte Herr weiß, wo er daran iſt; darum ſtellen Sie ſich ja nicht vor, es ſei etwas Anderes als Sparſamkeit, was ihn Ihrer Geſundheit wegen bekümmert macht.“ Lady Wellerby biß ſich in die Lippen und ſah recht verdrießlich aus; ihr künftiger Tochtermann aber lachte laut über ſeinen eigenen Scharfſinn und darüber, daß ſie ihren Verdruß ſo deutlich merken ließ. Frau Sydney und ihre Tochter konnten kaum ein Lächeln unterdrücken, da ſie die hochmüthige Miene bemerkten, welche Lady Olivia gegen die letztere annahm und als ſie ſahen, wie ſie ſich be⸗ mühte Lord Fitzwarren's Aufmerkſamkeit von ſeiner früheren Geliebten abzulenken. Denn er, der eben ſo natürlich war als ſeine erwählte Braut geziert, ſtarrte auf Louiſen mit unverhehlter Bewunde⸗ rung und äußerte laut, ihm komme Fräulein Syd⸗ ney's Geſicht bei Mondſchein vor wie das ſchöne Antlitz der Bildſäule, die er Tags zuvor bei Gib⸗ ſon geſehen. „Ich will mich hängen laſſen, wenn ſie nicht jeden Tag ſchöner wird,“ ſagte er ganz naiv zu Olivien, während ſie aus dem Coliſeum weggingen. — 6 -—— „Der Strathern iſt ein verflucht glücklicher Kerl, hat der Strick da das Herz eines ſo lieblichen Mädchens gewonnen.“ Und ein tief heraufgeholter Seufzer bewies, daß Lord Fitzwarren fühlte, was er ſprach. Wie ſehnte ſich Olivia auszuſprechen, wie ſehr ihre Meinung in dieſem Punkt von der ihres zu⸗ künftigen caro sposo abwich, denn die unverhüllte Bewunderung, die er für Louiſen Sydney an den Tag legte, brachte ſie auf und beleidigte ihre Ei⸗ telkeit. Aber die Klugheit ſiegte über die Eitelkeit und ſie tröſtete ſich dafür, daß ſie bei dieſer Ge⸗ legenheit ihre von der ſeinigen verſchiedene Anſicht nicht offen ausſprechen durfte, indem ſie ſich vor⸗ nahm, ſobald das unauflösliche Band der Ehe ge⸗ knüpft wäre, nicht mehr ſtillſchweigend zuzuhören, wenn ihr Herr andere Frauen und beſonders, wenn er ein Mädchen lobte, das ſie nicht leiden konnte. Sophien, welche den Charakter ihrer Schweſter ge⸗ nau kannte, war der Verdruß nicht entgangen, welchen Lord Fitzwarren's Bewunderung für Fräu⸗ lein Sydney bei ihr erregte. Sie wünſchte Oli⸗ vien einige von den vielen geringſchätzigen und är⸗ gerlichen Reden heimzugeben, welche dieſe ihr zu koſten gegeben hatte, ſeitdem ſie verſprochen war; daher ſtimmte ſie mit der größten Wärme in Fitz⸗ warren's Lobeserhebungen über Louiſen ein und pflichtete ihm bei, als er von dem Glück ſprach, Strathern 1. 23 354 das Strathern durch die Eroberung einer ſolchen Braut gemacht hätte. „Wahrhaftig, er wird den Neid aller ſeiner Bekannten rege machen,“ ſagte ſie,„denn wer läßt ſich mit Fräulein Sydney vergleichen! Jedes Frauen⸗ zimmer ſieht neben ihr unbedeutend aus; ſo dachte ich, als ich ſie vor ein paar Minuten ſah, wäh⸗ rend das Licht des Mondes auf ihr ſchönes Geſicht fiel.“ Dabei warf die Sprecherin einen hämiſchen Blick auf ihre Schweſter. „Die kleine Sophie hat Recht,“ bemerkte Fitz⸗ warren;„ſie verdunkelt wirklich jedes andere Mäd⸗ chen und Strathern iſt ein verfluchter Kerl, ein wahres Glückskind.“ Lady Wellerby ſah ängſtlich aus und machte Sophien ein Zeichen, ſie ſollte den Gegenſtand fallen laſſen. Dieſe aber fand Freude an dem Aerger, den ſie ihrer Schweſter verurſachte und hatte durchaus keine Luſt ſich ihr Vergnügen ſchmä⸗ lern zu laſſen. Sie ſtellte ſich daher, als gewahrte ſie die telegraphiſchen Winke ihrer zornigen Mutter nicht und fuhr fort,—„kein Mädchen hat ſo viel Freier ausgeſchlagen als Fräulein Sydney. Wenn das Gerücht wahr redet, ſo hat ſie allen Jung⸗ geſellen in Rom einen Korb gegeben.“ Lord Fitzwarren fühlte, daß ſein Geſicht roth wurde und Olivia ſchleuderte Dolchblicke auf ihre boshafte Schweſter. —,—— 355 „Glauben Sie, daß ſie ſo viele Männer ab⸗ gewieſen hat?“ fragte Sophie. „Ich weiß darüber nichts,“ gab Fitzwarren zur Antwort,„blos ſo viel iſt mir bekannt, daß das in Bezug auf mich nicht der Fall iſt und das aus dem triftigſten aller Gründe— ich habe nicht um ſie angehalten.“ Oliviens Stirne hellte ſich bei dieſer Erklärung auf und ſie lächelte ihrem künftigen Gemahl huld⸗ reich zu. „Ich hoffe, Sophie, Du biſt jetzt überzeugt, daß Lord Fitzwarren nicht um Fräulein Sydney gefreit hat und von ihr verſchmäht worden iſt?“ ſagte ſie geringſchätzig. Sophie ſchüttelte ungläubig den Kopf. „Ich habe nie einem Mädchen einen Antrag gemacht als Dir, Livy, und will mich hängen laſſen, wenn ich ſagen kann, warum ich es damals that.“ „Eine ſehr ſchmeichelhafte Sprache, muß ich ſagen,“ bemerkte Sophie, während ſich ihre Schwe⸗ ſter in die Lippen biß und vor Zorn feuerroth wurde. „Sei nicht böſe, Livy, was liegt denn jetzt noch daran? Ich habe ja um Dich angehalten— Alles iſt im Reinen und ich meine, wir werden recht gut mit einander fertig werden, denn Du wirſt nicht verſuchen Dich in mein Treiben zu 356 miſchen. Alle Weiber in der Welt würden mich nicht vermögen von demſelben abzugehen. Im Grunde bin ich ein teufelmäßig guter Kerl, wenn man mich nur in Allem meinen eignen Weg gehen läßt und ich bin entſchloſſen mich nicht davon ab⸗ bringen zu laſſen. Wir werden alſo, denk' ich, ſo glücklich ſein wie unſre Nachbarn,“ und damit ſchüttelte er Olivien freundlich die Hand. „Ich weiß, daß keine meiner Töchter jemals dem Beiſpiel und den Lehren Schande machen wird, die ich ihr gegeben habe,“ ſagte Lady Wellerby und warf den Kopf ſtolz in die Höhe.„Lord Wellerby läßt mir nach einer vieljährigen Ehe die Gerechtigkeit widerfahren, daß er erklärt, er habe mir all ſein Glück zu verdanken.“ „Thut er das wirklich? Nun, der alte Herr muß das am beſten wiſſen; aber ich will mich hängen laſſen, wenn ich glaube, das Glück eines Mannes könne blos von einer Frau abhängen. Es iſt, das geb' ich zu, etwas recht Angenehmes, eine muntere, aufgeräumte Frau zu haben, der es immer Freude macht, des Mannes Freunde bei ſich zu ſehen und Einem das Haus angenehm zu machenz aber wenn auch eine Frau ſtörriſch iſt und bös⸗ artig, wie es bei Manchen der Fall iſt, ei, ſo kann man doch gut zu Mittag eſſen, Wein von der erſten Sorte trinken und ihr zum Trotz eine Nacht mit ſeinen Freunden verjubeln. Macht ſie 357 ein Geſicht, ſo braucht man ſich nur nicht darum zu kümmern, dann wird ſie's ſchon von ſelber müde werden. Wäre eine Frau ein vollkommener Engel, ſie könnte doch das Glück ſolcher Burſche, wie ich, nicht machen. Ich muß ausgezeichnete Jagdpferde haben, flinke Reitroſſe, ſchöne Hunde, gute Jäger⸗ burſchen und Hundeführer, luſtige Kameraden, die mit mir reiten, einen Koch erſten Rangs, auser⸗ leſene alte Weine, große Güter mit vorzüglichen Jagden, die beſten Gewehre, gut dreſſirte Spür⸗ hunde und tüchtige Waldhüter, um glücklich zu ſein. Die beſte Frau von der Welt würde ohne das Alles mich nicht dazu machen können und eine, die gegen derartige Dinge gleichgültig wäre, vermöchte mich nicht unglücklich zu machen. Wenn Du die Hälfte oder drei Viertheile der Burſche, mit denen ich in England lebe, ſo gut kennteſt, wie ich, ſo würdeſt Du ſehen, daß ſie gerade dieſelbe Anſicht haben wie ich, wenn ſie es auch nicht ſo offen und ehrlich eingeſtänden, wie ich es gethan habe. Nein, ſie machen die Frauenzimmer vor der Hei⸗ rath glauben, daß ihr ganzes Glück von ihnen abhänge und vielleicht bilden ſie ſich das Anfangs ſelber ein, wenn ſie an einem Mädchen Gefallen finden. Aber wenn die Zeit für Jagd und Waid⸗ werk eintritt, bekommen ſie eine ganz andere An⸗ ſicht und die arme Frau, die Alles für ein Evan⸗ gelium genommen hat, was ihr der Mann geſchworen, 38 ſieht ſich zu Hauſe den ganzen Tag allein gelaſſen und mag ſich unterhalten, ſo gut ſie kann. Abends darf ſie froh ſein, wenn ihr Mann mit ſeinen Freunden ſpät zum Thee kommt und muß zuhören, während jene halb im Schlaf, gähnend und müde in Folge der ſtarken Bewegung, die ſie ſich ge⸗ macht, von ihren Beluſtigungen den Tag über ſprechen.“ „Welches Gemälde von dem Leben der Frau eines Waidmannes!“ ſagte Sophie und richtete die Augen gen Himmel;„wer ſollte mit einem ſolchen Looſe nicht Mitleid fühlen!“ „Es kann Leute geben, die ſich ſtellen, als hät⸗ ten ſie einen Abſchen davor,“ bemerkte Olivia,„aber ſi ie wären herzlich froh, wenn ſie Ausſicht hätten einen Waidmann zu heirathen.“ Und dabei blickte ſie unwillig auf ihre Schweſter. „Setzen Sie die Waidmänner nicht herunter, Sophie, denn ich habe mir vorgenommen Ihnen unter meinen Freunden nächſtens einen Mann zu ſuchen. Studiren Sie alſo, was ſich auf Pferde bezieht, ſchneiden Sie dieſelben beſſer in Papier aus, lernen Sie tüchtig reiten und das Weitere überlaſſen Sie mir.“ „Machen Sie ſich damit keine Mühe,“ gab Sophie zur Antwort,„ich habe keine Luſt einen Nimrod zu heirathen, das verſichere ich Sie; denn ich bin der Meinung, es ſei beſſer als alte Jungfer — 359 zu ſterben, denn ſich ſein Leben lang an einen Narren zu binden.“ „Dann muß ich annehmen, daß Sie die Waid⸗ männer für Narren anſehen,“ erwiederte Fitzwar⸗ ren ärgerlich. „Sophie macht nur Spaß,“ ſagte Lady Wel⸗ lerby, welche fürchtete, ihre Tochter möchte ihren künftigen Eidam im Ernſt beleidigen. Sie warf dem jungen Fräulein einen ernſten, drohenden Blick zu und gab ihr, ehe ſie Nachts ihr Lager ſuchte, einen derben Verweis über das unverſtändige Be⸗ tragen, welches ſie gegen ihre Schweſter und ihren zukünftigen Schwager angenommen hatte. „Er iſt aber in Wahrheit ſo böéte, daß man ſeine Narrheit nicht aushalten kann,“ verſetzte Sophie. „Aber Du brauchſt ja nicht mit ihm zu leben und haſt Dich alſo nichts um ſeine Sonderbarkeiten zu kümmern,“ entgegnete die Mutter.„Du ſoll⸗ teſt froh ſein, wenn Du ſiehſt, daß Deine Schwe⸗ ſter heirathet und uns vom Halſe kommt und keine Fehler an dem aufſuchen, der ſie nimmt. Die Leute werden ſagen, Du ſeiſt neidiſch über ihr Glück, wenn Du Deine Gereiztheit auf dieſe Weiſe zeigſt.“ „Ich eiferſüchtig! ſagen Sie mir doch, auf was ich es ſein ſollte? Darauf, daß ſie einen Ein⸗ faltspinſel heirathet, der nicht zwei Ideen im Kopfe hat und unfähig iſt zu denken oder zu fühlen?“ 360 „Du weißt aber doch gar gut, Sophie, und ich auch, daß es Dir ganz recht geweſen wäre, wenn Lord Fitzwarren um Dich ſtatt um Deine Schweſter angehalten haben würde und daß Du ihn Dir mit Freuden hätteſt gefallen laſſen.“ „Nein, gewiß, das hätte ich nicht. 4 „Dann biſt Du einfältiger, Sophie, als ich Dich dafür gehalten hätte, und es iſt ganz unbe⸗ greiflich, daß Du ſo viel Mühe darauf verwendet haſt, Lord Fitzwarren zu gefallen, ehe er um Oli⸗ vien freite.“ Mit dieſen Worten ging Lady Wel⸗ lerby aus dem Zimmer ihrer Tochter und ließ das junge Fräulein in größter Entrüſtung über die Vor⸗ würfe zurück, welche ihr die Mutter gemacht. „Olivia iſt wirklich recht in Gunſt,“ dachte Sophie,„weil ſie den Schwachkopf von Fitzwarren erobert hat. Hätte ich ihn gefangen, ſo würden all' die Schmeicheleien, die ſie jetzt empfängt, mir zu Theil werden; aber es iſt noch nicht aller Tage Abend, es kann ſein, daß die Reihe auch einmal an mich kommt und daß man dann mir gute Worte gibt und Complimente macht. Ich wollte der Tag wäre ſchon da.“ Wahrend dieſes Selbſigeſprächs trat Lady Olivia mit der Miene größter nonchalance herein, ſetzte ſich vor einen Spiegel und ſagte nach einem Schwei⸗ gen von ein paar Minuten,„ich wollte wir wären in Paris oder London, denn zu Rom iſt es kaum 361 der Mühe werth ſich über ſeinen Brautſtand zu freuen. Da gibt es keinen Storr und Mortimer, keinen Howell und James, die Einem jeden Tag ihre köſtlichen grünen Wollenbeutel zuſchicken. Der vlitzende Inhalt der écrins, mit denen ſie gefüllt ſind, glänzt und ſtrahlt ſo ſchön und man vergißt darüber, daß unſerer nebeligen Hauptſtadt der Sonnenſchein abgeht. Oh, welche Wonne, wenn man zuſieht, wie die Saffian⸗ und Sammet⸗Käſt⸗ chen eins nach dem andern aufgehen, daß man ſage, ob Einem Etwas gefällt. Der dienſtfertige Ladendiener hält jedes davon an die Helle, damit ſie ſich deſto vortheilhafter ausnehmen und man beſſer ſehen kann, wie ſie funkeln, er rühmt die Feinheit und Reinheit morgenländiſcher Perlen und ſpielt darauf an, wie ſehr ſie ſich für gewiſſe in⸗ tereſſante Veranlaſſungen eignen, er erinnert Braut und Bräutigam daran, daß der Herzog von M der Marquis von B., der Graf von E. und der Vicomte von D. ihren fiancées von dieſen ächten und paſſenden Schmuckſachen parures zum Geſchenk gemacht hätten. Sind die Perlen genug bewundert und vielleicht gekauft, ſo wird ein écrin mit Sapphi⸗ ren, mit Diamanten gefaßt, geöffnet. Mit welcher Geſchicklichkeit verweilt der verſchmitzte Menſch, der ſie vorweist, auf der vollen tiefblauen Farbe und dem ſammetartigen Ausſehen der koſtbaren Steine, auf ihrer ungewöhnlichen Größe und wie ſo gar 362 keine leichtere Schattirung ſich gegen die Kanten hin finde, wodurch die Aechtheit der Farbe der Kleinodien dargethan werde. Dann verbreitet er ſich über die glänzende Weiße der Diamanten, die um jeden Stein her ſitzen und über die ausgeſucht geſchmackvolle Faſſung. Iſt die Braut blond, ſo ſagt er ihr, Sapphiren könnten nur von Ladies mit ganz heller Hautfarbe getragen werden; iſt ſie aber zufällig eine Brünette, ſo wird ihre wunder⸗ bare Wirkung bei Frauenzimmern von dunkeln Haaren mit der größten Gewandtheit erwieſen. Kommen nun die Smaragden. Wie hell und glän⸗ zend grün und wohlthuend für das Auge; ſie ſtehen von den Diamanten, von denen ſie umgeben ſind, ab und vermehren dadurch noch den Glanz der letzteren. Wer kann Smaragden widerſtehen, wenn ſie in Diamanten gefaßt ſind? Ich einmal nicht. Der Ladendieuer macht ſich meine ſichtbare Freude an der entzückenden parure zu Nutze. Er er⸗ zählt, wie ein kaiſerlich ruſſiſcher Herzog ſie ge⸗ prüft, belobt und Alles gethan, nur ſie nicht ge⸗ kauft und wie eine franzöſiſche altesse royale be⸗ dauert hätte, daß durch die neuerliche Erwerbung einer ſehr großen terre alle ſeine erſparten Tau⸗ ſende in Anſpruch genommen worden ſeien und er dadurch verhindert wäre ſie ſich anzueignen. Der Herzog von Auburnland, deſſen iſt er ſicher, kauft ſie für ſeine Gemahlin, ſobald er in die Stadt — — x— 363 kommt. Welcher Liebende könnte eine parure fah⸗ ren laſſen, nach welcher Herzoge und königliche Hoheiten trachten? Der Ladendiener wird nach dem Preiſe gefragt und gibt mit einer Verbeugung zur Antwort,„ganz wohlfeil, blos zehntauſend Pfund.“ Der harrende Bräutigam ſtutzt ein wenig; offenbar hätte er nicht geglaubt daß ihn der Handel ſo hoch zu ſtehen kommen würde, aber man erinnert ihn daran, daß ſolche Juwelen in vornehmen Familien Erbſtücke wären, welche von Vater auf Sohn über⸗ gingen. Die fancée wird roth, oder was dieſelben Dienſte leiſtet, ſie ſtellt ſich ſo an und ſenkt den Kopf. Da begehrt der Liebhaber, daß die Sma⸗ ragden bei Seite gelegt werden, bis er zu einem beſtimmten Entſchluß gekommen ſei. Ein andres écrin wird hervorgezogen und aufgemacht und Ru⸗ binen, reich, roth und glühend funkeln zwiſchen den Brillanten hervor. Nein, es gibt nichts— ge⸗ wiß nichts, was den Rubinen gleich käme. So ruft Jedermann im Zimmer. Dieſe hier ſind von der ächten Schattirung, weder zu dunkel noch zu licht. Welche Farbentiefe und wie lebhaft iſt das glänzende Scharlachroth!“ „Ja, ſie ſind einzig in ihrer Art, gnädiges Fräulein. Sie haben vollkommen Recht, wenn Sie ſagen, dieſelben ſeien ohne Fehl, und überdies ſtehen ſie Ihnen ſo wohl an. Unſer Haus hat viele Jahre an den Steinen geſammelt. Wir 364 glaubten, wir würden nie im Stande ſein ſie zu⸗ ſammenzubringen, aber wir ſiegten endlich über alle Schwierigkeiten und die Mühe reut uns nicht, wenn wir auch nicht hoffen können, je gehörig da⸗ für bezahlt zu werden.“ „Was koſten ſie?“ fragt der Bräutigam und macht ein Geſicht, als wäre er ſchon zehn Jahre verheirathet. „Ihre Herrlichkeit werden ſich wundern, wenn ich Ihnen ſage, wie äußerſt mäßig der Preis iſt, den wir dafür ſetzen. Blos achtzehntauſend Pfund.“ „Ach, daß ich in London wäre, um dieſe douceurs des Brautſtands zu genießen,“ rief Lady Olivia und brach ihr Sinnen ab.„Dann würde ich alle Vor⸗ theile genießen, die es bringt, wenn man eine glänzende Heirath macht; aber hier in Rom, wo es keine anderen Schmuckſachen zu kaufen gibt, als Cameen, die passés de mode ſind, Muſivarbeiten, die blos für den Pöbel paſſen und römiſche Perlen, mit denen man Niemand anführt, als die einfäl⸗ tigen Leute, welche ſie erſtehen— gehen alle Freu⸗ den und wirklichen Vortheile für eine Braut ver⸗ loren. Ach, ach!“ „Ich geſtehe, Du haſt genau genug in Fitz⸗ warren's Charakter geblickt, Olivia, um zu wiſſen, daß er nach dreimonatlicher Ehe, wenn Ihr nach Paris und London zurückgeht, wenig Luſt haben wird, noch ferner ſolche Thorheiten und übertrie⸗ * „ 365 bene Ausgaben zu machen, wie ſie den Männern gegenüber von ihren erwählten Frauen avant, pen- dant, aber nicht drei Monate après der Hochzeit vorkommen.“ „Was liegt denn daran, ob er Luſt hat oder nicht, gegen mich freigebig zu ſein? Als ſeine Frau habe ich unbegränzten Kredit und gedenke, mir dieſe Gerechtſame gehörig zu Nutze zu machen, das kann ich Dir ſagen. Er mag toben, wenn die Rech⸗ nungen gebracht werden, aber er muß zahlen und die Sachen, nach welchen ich trachte, ſind ſchon werth, daß man einen kleinen Wortwechſel ihret⸗ wegen aushält.“ „Wenn ein Mädchen ſo ein Vieh heirathet, wie Fitzwarren, ſollte ſie ſich freilich nichts ver⸗ ſagen.“ „Und doch, Sophie, haſt du Dir alle Mühe gegeben, dieſes Vieh in die Schlinge zu kriegen, und jetzt platzeſt du faſt vor Neid, weil ich ihn erobert habe. Meinſt Du, ich hätte deine niedrige Bosheit heute Abend im Coliſeum nicht durchſchaut? Deine übertriebenen Lobeserhebungen auf Louiſen Sydney und Deine Sticheleien auf Fitzwarren?“ „Da darf man alſo wahrhaftig in Deiner Gegenwart kein anderes Frauenzimmer rühmen, ohne daß Du es als eine Beleidigung aufnimmſt. Und was Deinen einfältigen Liebhaber betrifft, wer kann ſich denn enthalten, über einen ſolchen Tölpel zu lachen?“ „Ich mag mich nicht mit Dir herumſtreiten, Sophie, und will es wegen des Verdruſſes, den Du über das Fehlſchlagen Deiner Hoffnungen empfindeſt, ſo genau mit Dir nicht nehmen; ich mag auch ein Geſpräch nicht fortſetzen, das mir ſo wenig Unterhaltung gewährt. Bon soir!“ Da⸗ mit ging Lady Olivia hinweg und ſummte ſich ein Liedchen dabei. Vierzehntes Kapitel. „Willſt du zu ſolch' gemeinen Mitteln greifen, Um Geld zu kriegen, willſt der eig'nen Achtung Entſagen und verſcherzen die der Welt? Meinſt du, das werde die Verachtung ſtillen, Die Schande decken und dir Glück bereiten? Ach nein und wieder nein, du ſchwacher Menſch!“ Nachdem Lord Alexander Beaulieu ſein Quar⸗ tier in dem Gaſthof aufgeſchlagen hatte, wo Frau Maclaurin wohnte, machte er ſich daran, die Plane in's Werk zu ſetzen, welche ihm die Bekanntſchaft dieſer Lady verſchaffen ſollten. Sein erfinderiſcher — E 367 Kopf gab ihm verſchiedene Entwürfe dazu an die Hand; ehe er ſich aber für einen davon entſchied, ging er darauf aus, zu reconnaitre le terrain, d. h. die örtliche Beſchaffenheit des Gangs zu erkunden, auf welchen die Reihe der geräumigen Gemächer der reichen Wittwe ſowohl, als ſein eignes kleines Gelaß hinausgingen. Während er ſich damit be⸗ ſchäftigte, kam ein Bedienter die Treppe herauf, denn Frau Maclaurin hatte geſchellt, und Lord Alexander fand kaum noch Zeit, in das Vorzimmer ſeiner Stube einzutreten, ohne geſehen zu werden. Da nun der Diener die Thüre zu ſeiner Herrſchaft aufmachte, rannte der Schvoßhund der letzteren, ohne daß es jener gewahr wurde, auf den Vorplatz her⸗ aus. Angenblicklich blitzte in der Seele Lord Alexan⸗ der's, der an ſeiner halb geöffneten Thüre ſtand, der Gedanke auf, ſich des Thieres zu bemächtigen. Er machte noch weiter auf und der Hund lief aus eignem Antrieb in das Gemach. Schnell ſchloß er nun die Thüre, hob das kleine Geſchöpf auf und ſchmeichelte ihm, indem er ſein mit Diamanten beſetztes Halsband betrachtete, welches für die ge⸗ meine Großthuerei der Beſitzerin ſo bezeichnend, aber auch ein deutlicher Beweis von ihrem Reich⸗ thum war. Das Hündchen blieb völlig ruhig auf ſeinem Arm. Nach ein paar Minuten ſperrte er daſſelbe in ſein Schlafzimmer, weil dieſes von der Wohnung der Frau Maclaurin am weiteſten ab 368 lag, ſtellte ſich dann an die innere Seite der Thüre des Vorzimmers und ließ ſolche wieder halb offen, um hören zu können, was außen vorging. Bald erſchallte der Ruf„Bijou,“„Bijou“ von allen Seiten her. In Frau Maclaurin's salon erklang die Glocke laut, man hörte nach allen Richtungen hin Bediente laufen und die Stimme der Frau Bernard ließ ſich vernehmen, wie ſie die Diener zag⸗ haft erſuchte, nach dem Hund überall zu fahnden. Frau Maclaurin dagegen ſtieß mit halb erſtickter Stimme laut grobe und drohende Schimpfreden aus über die Nachläſſigkeit und Dummheit ihres Geſindes, beſonders aber ſchalt ſie auf Frau Bernard, weil ſie zugegeben hätte, daß ihr der Hund aus dem Geſicht ging. „Ah quel malheur!“ rief die femme de chambre, die ſich jetzt zu den Andern geſellte. Das ſchönſte Hündchen in der Welt. Wie Schade, daß die Madame es nicht mir zur Aufſicht gegeben hat. Ich habe es ſo gern und würde es nie aus den Augen gelaſſen haben. Und das superbe collier mit all' den diamants. Oh mon dieu, jetzt hat ihn Jemand wegen des collier geſtohlen und umgebracht. Wie Schade, daß Frau Bernard nicht beſſer auf das liebe, ſchöne Thier Acht gegeben hat.“ „Sie hat Recht; an Ihnen allein liegt der Fehler,“ ſagte Frau Maclaurin.„Habe ich Ihnen nicht ſchon oft geſagt, Sie ſollen meinen theuern 369 Liebling nicht aus dem Zimmer laſſen, ohne einen Diener, ihn zu hüten?“ „Ich war mit dem Brief beſchäftigt, den Sie mir zu ſchreiben befohlen hatten, Madame.“ „Das iſt wahrhaftig eine ſchöne Entſchuldigung! Konnten Sie den Hund nicht auf dem Knie behal⸗ ten, während Sie ſchrieben, oder auf alle Fälle beſtändig nach ihm ſehen? Wozu hab' ich denn eine Geſellſchafterin oder eine dame de compagnie, wie die Franzoſen ſagen, als dazu, daß ſie die Glocke zieht oder meinen Schooßhund beauſſichtet?“ „Ah, Madame, que je suis fachée! Hätte die gnädige Frau es gemacht, wie ich wollte, ſo würden Sie das liebe Hündchen nicht verloren haben.“ „Was nützt es mir, das jetzt zu ſagen?“ rief Frau Maclaurin.„Sie thun das blos, um mich zu ärgern. Steht doch nicht alle da her und reißt die Augen auf wie geſtochene Böcke, ſondern lauft rechts und links, bis Ihr meinen Liebling Bijon findet. Ich wollte lieber, Ihr läget alle im Grund des Meeres, als daß ich meinen Hund verlieren möchte— und das Halsband obendrein, das mich ſo viel Geld koſtet! Nie war Jemand ſo angeführt mit ſeinem Geſinde wie ich: immer peinigen und e ſie mich mit ihrer Nachläſſigkeit und Dumm⸗ 4 „Wäre es nicht beſſer, eine Belohnung für den auszuſetzen, der Ihnen den Hund zurückbringt, Strathern 1. 24 370 Madame?“ fragte Frau Bernard, ſo demüthig als möglich. „Was, auch noch eine Belohnung ausſetzen! Wahrhaftig, Sie müſſen völlig verrückt ſein. Nur eine bedeutende Summe würde einen Schurken, der ihn findet, in Verſuchung führen, das koſtbare Hals⸗ band herzugeben, das ihm, wenn er es losſchlägt, ein tüchtiges Stück Geld einbringt.“ „Der Wink ſoll nicht verloren ſein, wenn mir das Halsband in die Hände kommt,“ dachte der laquais de place, der engliſch genug gelernt hatte, um die unkluge Bemerkung der Frau Maeclaurin zu verſtehen, und deſſen Habgier dadurch rege ge⸗ worden war. Alle Dienſtleute hatten ſich zufolge der Befehle ihrer herriſchen Gebieterin nach verſchiedenen Rich⸗ tungen hin zerſtreut, um Bijon zu ſuchen und Frau Bernard blieb allein zurück, um den Zornausbruch des gemeinen Weibes über ſich ergehen zu laſſen. Laut ſtieß dieſe rohe Schimpfreden aus, während die erſchrockene dame de compagnie blaß und zitternd vor ihr ſtand und keine Antwort zu geben wagte. Sie verſuchte auch nicht, den Strom von Vorwür⸗ fen zu hemmen, der ſich jetzt über ihr ſchutzloſes Haupt ergoß, nachdem die Schleuſen von Frau Maclaurin's Grimm ſich geöffnet hatten—„Gewiß, Madame“— „Reden Sie mir doch keinen Unſinn; es nutzt 371 doch nichts, kann ich Sie verſichern, denn ich laſſe mich nicht durch gute Worte aus meinem gerechten Zorn herausbringen. Es war Ihr Geſchäft, mei⸗ nen Hund genau zu überwachen und jetzt behaupten Sie noch, Sie hätten das nicht thun können, wäh⸗ rend Sie einen Brief geſchrieben hätten. Sie ha⸗ ben doch zwei Augen, konnten Sie da nicht mit dem einen zum Schreiben ſehen und mit dem an⸗ dern auf den Hund Acht geben?“ Dieſe Unkenntniß der Geſetze, welchen die Seh⸗ werkzeuge folgen, hätte jeder andern, weniger furcht⸗ ſamen und unerſchrockenen Perſon, als Frau Ber⸗ nard, ein Lächeln abgenöthigt, aber ſie wurde ſich dadurch blos bewußt, wie zweck⸗ und hoffnungslos jeder Verſuch ſein würde, eine Frau, wie die Mac⸗ laurin, zur Vernunft zu bringen. Sie ſchwieg alſo und die gnädige Herrſchaft ſah darin eine Auffor⸗ derung, ihre Strafpredigt von Neuem anzufangen. „Sie ſind,“ ſchrie ſie,„das ärgerlichſte und dummſte Weibsbild, mit dem ich je das Unglück hatte, zuſammen zu kommen, und die Strafe und Qual meines Lebens. Schicken Sie Juſting her (ſo ſprach ſie gewöhnlich Juſtine aus) denn ſie hat doch einigen Verſtand und kann mir vielleicht ſagen, wie wir am Beſten etwas anfangen können.“ Ja, ich bin eine unglückliche Frau, das iſt gewiß wahr,“ ſagte Frau Maclaurin, als ihre bedauernswerthe dame de compagnie das Zimmer verlaſſen hatte. 372 „Alles geht verkehrt und Jedermann ſcheint ſich verſchworen zu haben, mich zu ärgern und zu quä⸗ len. Ich kann nichts kriegen, was ich gerne eſſe oder trinke. Eine Menge abſcheulicher franzöſiſcher Gerichte ſetzt man mir alle Tage vor, daß mir übel wird, wenn ich ſie nur anſehe, einen ſchwachen, geſchmierten, ſauern Miſchmaſch mit tollen Namen geben ſie für Wein aus, rechnen mir dafür unge⸗ heures Geld auf, und machen mich gewiß noch krank damit. Dann werde ich herumgeführt, um Kirchen zu betrachten, welche einander, die zu St. Peter abgerechnet, ſo ähnlich ſehen, daß ich ſie nicht aus einander kenne, und von alten Ruinen plaudert der Lakei, wie ſie ihn nennen, Stunden lang, ohne daß ich ein Wort von dem verſtehe, was er ſagt. Ich weiß nicht, wie ich die Zeit zubringen oder mich unterhalten ſoll, und doch gehe ich überall hin, betrachte Alles, was zu ſehen iſt, und halte täglich vier regelmäßige Mahlzeiten. Wenn nicht einige Zeit mit Eſſen, Anziehen und Schelten ver⸗ ginge, würde ich gewiß vor Annuy ſterben, wie Juſting ſagt. Ich wollte, ich hätte England gar nicht verlaſſen, denn das iſt doch das einzige Land für Leute wie ich, die Geld in Hülle und Fülle haben. Auch würde ich gleich wieder zurückkehren, nur fürchte ich, die Leute könnten mich auslachen, denn ſie behaupten alle, es gefalle ihnen in Rom, wenn ich gleich gewiß weiß, daß ſie bei ſich ſelbſt 373 ganz anders denken. Ach du lieber Himmel, wie find mir die fremden Länder entleidet, und jetzt verliere ich auch noch den Bijon und das Halsband, das mich ſo eine Menge Geld gekoſtet hat. Lieber hätte ich zweimal den Hund verloren, als das Halsband. Habe ich es ja doch blos gekauft, um den hochmüthigen Herzoginnen und Gräfinnen in London zu zeigen, daß ich meinem Hund ein Hals⸗ band mit Diamanten anſchaffen kann, während ſie blos ſolche von Gold oder Silber haben. Wahr⸗ haftig, ich habe ſie ganz ausgeſtochen und im Park geſehen, wie feindſelige Blicke ſie auf mich warfen, obgleich ſie ſich ſtellten, als lachten ſie. Wer hätte je in Ballymaeraſch daran gedacht, daß Molly Malowny einen Schooßhund mit einem Diamanten⸗ halsband halten würde!“ Lord Alexander Beaulien verlor nicht ein Wort von dieſem Selbſtgeſpräch, denn er hatte ſeine Thüre halb offen gelaſſen und ſich dahinter ver⸗ ſteckt. So konnte er Alles deutlich hören, weil die Thüre von Frau Maclaurin's Zimmer nicht verſchloſſen war. Das exposé ihrer angebornen Gemeinheit hätte ihn ſonſt vielleicht zum Lachen gebracht, aber jetzt lag ihm mehr an dem Vortheil, den es ihm verſchaffte. Er erhielt dadurch eine genaue Kenntniß ihres Charakters und nahm ſich vor, von derſelben mit ſo wenig Aufſchub als möglich, gehörigen Vortheil zu ziehen. Juſtine 374 trat jetzt zu ihrer Gebieterin und ihr folgte die traurige Frau Bernard mit einem Geſicht, das ſchon jetzt wieder die Furcht vor Grobheiten ver⸗ rieth.„Was iſt zu thun, Juſting?“ fragte Frau Maclaurin.„Ich könnte den Verluſt Bijou' ſchon verſchmerzen, denn ich habe mir eigentlich nie viel aus Hunden gemacht und den da blos angeſchafft, weil ich ſah, wie viele vornehme Frauen ſolche hatten. Aber das ärgert mich, daß ich das Dia⸗ mantenhalsband einbüßen ſoll.“ „Oni, Madame, je concois,“ d. h. ich verſtehe, Sie haben mehr Freude an den Diamanten als an dem Hunde. Am beſten iſt's, Sie ſchreiben eine affiche— was man bei Ihnen eine öffentliche Anzeige heißt— und bieten demjenigen eine Beloh⸗ nung an, der Ihnen das Halsband mit dem Hunde wieder bringt.“ „Oder das Halsband ohne den Hund,“ fiel ihr Frau Maclaurin in die Rede. „Comme vous voudrez, Madame— d. h. wie Sie wollen; aber die Leute würden ſich darüber luſtig machen, wenn ſie ſähen, daß Ihnen das Halsband lieber iſt als der Hund; ich rathe Ihnen nicht dazu.“ „Schreiben Sie augenblicklich eine Anzeige, Frau Bernard, und zwar ſchreiben Sie, was ich Ihnen ſage— Einer Dame aus der vornehmen Welt iſt ihr Schvoßhund verloren gegangen, der ein Dia⸗ 375 mantenhalsband anhatte. Sie verſpricht demjenigen eine Belohnung von zwanzig Pfund, der das Hals⸗ vand und den Hund wieder beiſchafft. Und dann ſetzen Sie hinzu— die Diamanten ſind nicht ächt, obgleich ſie ſo ausſehen. Das iſt ein guter Ein⸗ fall, nicht wahr Juſting?“ „Die gnädige Frau iſt ſo klug— in Wahrheit ſo verſtändig.“ „Ja Juſting, ich bin nicht ſo dumm, nicht wahr?“ „Dumm, gnädige Frau; Sie ſind die verſtän⸗ digſte Dame, die ich je geſehen.“ „Haben Sie die Anzeige geſchrieben?“ „Ja Madame, hier iſt ſie.“ Ziehen Sie die Glocke und ſchicken Sie den Lohnbedienten damit zu den Herausgebern von Zei⸗ tungen, laſſen Sie es auch durch den Ausrufer verkündigen. Schreiben Sie eine andere Ankün⸗ digung für dieſen und fangen ſie ſo an:„Geſtoh⸗ len oder verlaufen, verloren oder verlegt, ein Diamanthalsband mit einem Hund. Nota bene— die Diamanten ſind alle falſch.“ „Ich glaube, gnädige Frau, es gibt in Rom keine Ausſcheller.“ Und wenn es anch ſolche gäbe, würde das die engliſchen Lords und Myladies nicht auf den Ge⸗ danken bringen, Ihr ſchönes Halsband, das von Jedermann ſo ſehr bewundert wurde, ſei falſch 376 geweſen; da könnten ſie alle glauben, Sie wären keine ſo riche oder ſo grande dame.“ „Sie haben Recht Juſting, ganz Recht. Warum geben Sie mir nie ſo guten Rath, wie Juſting, Frau Bernard, das möchte ich doch gern wiſſen?“ „Ich fürchte, Sie zu beleidigen, Madame.“ „Den Teufel fürchten Sie ſich. Sagen Sie mir nur nicht ſo viel dummes und unſinniges Zeug, Sie ſind ſich doch bei ſich ſelber bewußt, daß Sie mich durch Ihre Narrheit und Einfalt jeden Tag meines Lebens halb um den Verſtand bringen.“ „Pauvre chére dame! Niemand ſollte die gnä⸗ dige Frau ärgern; das gibt Ihrem Geſicht ein recht böſes Ausſehen, ſchadet Ihrer Schönheit und macht, daß Ihnen alle die hübſchen Hüte und toques und Turbane nicht recht ſtehen. Die gnä⸗ dige Frau iſt charmanle, wenn ſie nicht zornig iſt.“ „Hören Sie es, Frau Bernard? Juſting hat ganz Recht; Sie machen ein ganzes Scheuſal aus mir, weil Sie mich ſo in die Hitze bringen.“ „Ich verſichere Sie, Madame, daß es mir herzlich leid thut, wenn ich Sie beleidige; und wenn mir ein ſolches Unglück begegnet, ſo geſchieht es ganz ohne alle Abſicht.“ „So ſagen Sie immer; aber ich möchte wiſſen, was es für einen Unterſchied macht, wenn Sie mich in Zorn bringen, ob Sie es vorſätzlich thun oder nicht?“ 4 „Die gnädige Frau hat raison und was ſie ſagt, iſt ganz in der Ordnung;“ dabei richtete die ſchlaue Juſtine einen vorwurfsvollen Blick auf die arme Frau Bernard. „Wenn Jedermann, der um mich iſt, nur daran dächte, mir Freude zu machen und zu er⸗ rathen ſuchte, was ich zu hören und zu ſehen wünſche, ſo würde ich nie in Eifer gerathen,“ be⸗ merkte Frau Maclaurin.„Nicht wahr, Juſting?“ „Nein, gewiß nicht, Madame; und dann wür⸗ den Sie ſo ſchön ſein, ach ſo ſchön.“ „Sie können ſich mein braunes Sammetkleid * nehmen, Juſting, welches in Paris gemacht wor⸗ den iſt; ich mag es nicht mehr tragen.“ „Merci Madame. Die gnädige Frau iſt ſo gut, ſo aimable gegen ihre pauvre Juſtine.“ „Wenn alle Leute in meiner Umgebung,“ hier warf Frau Maclaurin einen finſtern Blick auf Frau Bernard,„ſo aufmerkſam und klug wären, wie Sie, Juſting, ſo käme ich nie in eine üble Laune. Es würde den Leuten gar nicht ſchwer werden, zu errathen, was mir gefällt. Bei Ihnen iſt das immer ſo, Juſting, das muß ich ſagen.“ „Madame est trop bonne und ich ſage das auch immer den andern kemmes de chambre in allen auberges, wohin wir kommen. Mylady iſt die beſte Frau in der Welt, ſage ich. So zierlich, ſo ſchön, ſo freigebig und ſo comme il faut, und 378 daun die andern femmes de chambre sont si ja- louses;— d. h. neidiſch werden ſie— wenn ſie die belles robes ſehen, die geſchmackvollen Anzüge, welche mir die gnädige Frau gibt; und ich ſage: Eure maſtresses ſchenken Euch keine ſo hübſchen Kleider, Eure maitresses ſind nicht ſo reich, wie die meinige, und das ärgert ſie immer ſo.“ „Sie können ſich den blauen Sammethut neh⸗ men, Juſting, mit den ſchwarzen Spitzen. Ich meine, er ſteht mir nicht ſo gut an, wie meine andern Hüte.“ „Merci, Madame. Comme Madame est bonne.“ „Ich wünſchte, Sie machten es wie Juſting, Frau Bernard, und zögen ſich ſo gut an wie ſie. Sie iſt immer vorzüglich gekleidet und Sie ſehen ganz armſelig aus. Die Geſellſchaftsdame einer Lady, wie ich, ſollte immer zierlich gekleidet ſein, um meinem Anſehen nicht zu ſchaden.“ „Ich wollte, ich wäre im Stande, meinem Aeußeren ein vortheilhaftes Anſehen zu geben, Ma⸗ dame, aber meine Mittel ſind beſchränkt. Indeſſen glaube ich ſagen zu dürfen, daß ich immer äußerſt reinlich angezogen bin.“ „Darauf brauchen Sie ſich nichts zu gut zu thun, denn Sie wiſſen wohl, daß ich Sie nicht behielte, wenn Sie das nicht wären.“ Juſtine konnte ihren Triumph darüber nicht verbergen, daß ſie Zeugin der verächtlichen Be⸗ M—— M—— 379 handlung war, welche der unſchuldige und harmloſe Gegenſtand des Mißfallens ihrer Gebieterin von dieſer erfuhr. Sie blickte mit höhniſchem Lächeln auf Frau Bernard. „Wenn Sie zu arm ſind, um ſich einen Hut und einen Mantel zu kaufen, welche Sie ſehen laſſen dürften, ſo oft Sie mit mir ausgehen, ſo will ich Ihnen einen Vierteljahrsgehalt voraus⸗ geben, wenn ich das ſchon nicht gern thue. Denn es bringt die Leute auf den Glauben, man müſſe ſie lange behalten, und ich habe ſchon Geld ver⸗ loren, wenn ich Dienſtboten ſchnell entlaſſen mußte, denen ich einen Vorſchuß gegeben hatte.“ „Wenn Sie nichts dagegen haben, gnädige Frau, möchte ich lieber, daß Sie mir nichts zum Voraus gäben, denn ich bin wirklich nicht im Stande, einen neuen Hut und Mantel zu kaufen, nachdem ich mir beides erſt vor Kurzem auf Ihre Aufforderung hin in Paris angeſchafft habe.“ Lord Alerander Beaulien hatte nunmehr genug gehört, um völlig au fait über den Charakter der Frau zu ſein, nach deren Vermögen er trachtete, und um ihre dame de compagnie und femme de chambre beurtheilen zu können. Es war ihm klar, daß die erſte nicht den geringſten Einfluß auf Frau Maclaurin beſäße und daß es alſo ganz unnöthig ſein würde, ſie für ſich zu gewinnen; aber die letztere, ſah er, konnte mit ihr machen, was ſie wollte, und er nahm ſich deshalb vor, ſich mit der verſchmitzten Juſtine in ein gutes Einverneh⸗ men zu ſetzen. Für jetzt hüllte er ſich in einen weiten Mantel und verſteckte Bijon darunter, ge⸗ brauchte aber erſt die Vorſicht, ihm ein ſeidnes Tuch um das Maul zu binden, und ihn dadurch am Bellen zu hindern. Dann begab er ſich in eine der am wenigſten beſuchten Straßen und nach⸗ dem er lange genug ausgeblieben, um ſeinem Vor⸗ geben einen Schein von Wahrheit zu geben, kehrte er in den Gaſthof zurück, ſandte ſeine Karte durch einen Diener, und ließ um die Erlaubniß zu einem Beſuche bei der Lady bitten. „Was, ein rechter Lord?“ rief Frau Ma⸗ elaurin.„Leſen Sie mir den Namen noch einmal vor, Frau Bernard. Lord, was das für einen guten Klang hat— gerade wie Alexander der Große, von dem der Oberſt Fairfar oft laut geleſen hat. Sagen Sie dem Bedienten, es würde mir großes Vergnügen machen, wenn Se. Herrlichkeit kämen. Schellen Sie doch ſchnell, Frau Bernard— wie Sie ſo lahm ſind; nein, laufen Sie und ſchicken Sie Juſting in mein Ankleidezimmer. Nun, wie ärgerlich, daß ich heute mein neues karmoiſinrothes Sammetkleid mit den Spitzen nicht angezogen habe, für welches ich in Paris ſo viel bezahlen mußte. Jetzt trage ich gerade das purpurſammetne, das ich ſchon zwei⸗ oder dreimal angehabt habe. Wie verdammt widerwärtig!“ Frau Maclaurin rannte in ihr Ankleidezimmer und rief gleich, wie ſie, halb außer Athem vor innerer Bewegung, hineintrat, „geben Sie mir, Juſting, meine Diamant⸗Ohrringe und die kleine Ferse— wie heißt man es?“ „Feroniere, Madame.“ „Ja, ich kann den Namen nie behalten. Da, machen Sie mir ſie feſt. Nun machen Sie mir meine Ohrringe hinein und geben Sie mir meine Spitzenhaube mit den karmoiſinrothen Georginen und den Spitzenkragen. O, das hab' ich vergeſſen, geben Sie mir meine Diamantkette und die Dia⸗ mant⸗Armbänder, denn vor einem Lord möchte ich gern comme il faut erſcheinen, wie, Sie ſagen. So, nun iſt's Recht, Juſting, wie ſeh' ich aus?“ „Charmant, Madame— ſchön.“ Frau Maclaurin eilte in ihren salon zurück und fand daſelbſt Lord Alexander Beaulieu, der ſich bei ihrem Eintritt achtungsvoll verbeugte. „Wie befinden Sie ſich, Mylord,“ ſagte ſie, „ich hoffe, Ihre Herrlichkeit ſind ganz wohl. Woll⸗ ten Ihre Herrlichkeit nicht Platz nehmen?“ „Ich habe mir die Freiheit genommen, bei Ihnen einzuſprechen, Madame, um—“ „Nicht die geringſte Freiheit haben Sie ſich genommen; ich bin gewiß ſehr erfreut und ſtolz dazu, daß Ihre Herrlichkeit mir einen Beſuch machen.“ 382 „Ich würde es nicht gewagt haben, Ihnen meine Aufwartung zu machen, Madame, wenn ich nicht glücklicherweiſe im Stande wäre, Ihnen einen koſtbaren Gegenſtand zurückzuſtellen, den Sie vor Kurzem verloren haben.“ „Das Diamanthalsband— das Diamanthals⸗ band meines Hundes! Ach da haben Sie es ge⸗ funden; haben Ihre Herrlichkeit es wirklich gefun⸗ den?“ „Ja Madame, und den Hund obendrein.“ „O, was den betrifft, ein Hund iſt nichts Seltenes— man kann immer genug haben; aber um Diamanten iſt es etwas Theures, und wie Ihre Herrlichkeit mit Recht ſagen, etwas Koſtbares. Wenn ich gleich eine ganze Menge Diamanten habe und Geld genug, um mir ſo viel zu kaufen, als mir beliebt, ſo ärgert es mich doch, etwas zu ver⸗ lieren, was mich ſo viel koſtet. Ich habe fünf⸗ hundert Pfund baares Geld— denn es iſt mein Grundſatz, Alles, was ich kaufe, gleich zu bezahlen — für das Halsband gegeben und glaube, daß es keine Lady in England gibt, die jemals auch nur halb ſo viel für ein Hundshalsband aufgewendet hätte.“ „Es macht mir eine außerordentliche Freude, Madame, daß ich im Stande bin, es Ihnen un⸗ verletzt zurückgeben zu können.“ 383 „Und wie, Mylord, iſt Eure Herrlichkeit dazu gekommen?“ „Ich machte einen Spaziergang auf der Piazza de Navona, da wurde ich einen Mann gewahr, der mit dem Hund auf dem Arm vorbei lief. Augen⸗ blicklich erkannte ich das Thier für Ihr Eigenthum und—“ „Wie wußte denn Eure Herrlichkeit, daß es mir gehörte? Ich glaube nicht, daß wir uns je zuvor getroffen haben.“ „Sie haben mich wahrſcheinlich nicht bemerkt, Madame, aber wer könnte Sie vergeſſen, wenn er Sie einmal geſehen?“ „O Mylord, Sie ſchmeicheln mir.“ „Nein, Madame, ich möchte mich durchaus nicht unterſtehen, das zu thun. Ich habe nur die Wahr⸗ heit geſagt, wenn ich behaupte, daß man Frau Maclaurin nicht mehr vergeſſen kann, wenn man ſie einmal geſehen hat. Ich kannte Ihren Namen nicht, als ich ſo glücklich war, Ihnen dieſen kleinen Dienſt zu leiſten, und erfuhr ihn erſt, als ich in dieſen Gaſthof zurückkam, wo ich ebenfalls wohne. Ich hielt den Mann auf und erklärte ihm, daß er mir den Hund überlaſſen müßte. Er ſagte, er hätte ihn auf der Straße gefunden und würde ihn nur gegen eine Belohnung hergeben. Es gewährte mir das größte Vergnügen, ihm zahlen zu können, was er begehrte und dann nahm ich den Hund mit 384 mir hieher in der Abſicht, genaue Nachrichten da⸗ rüber einzuziehen, wo man Sie antreffen könnte. Da erfuhr ich auf meine Fragen, daß Sie in dem⸗ ſelben Gaſthof ſich einquartiert hätten, wo ich logire. Weil ich aber fürchtete, eine Lady von Ihrem fei⸗ nen und zarten Gefühle möchte zu ſehr erſchüttert werden, wenn ich den Hund ſo ohne Weiteres zu Ihnen brächte, ließ ich ihn der Vorſicht wegen in meinem Zimmer zurück und will jetzt mit Ihrer Erlaubniß gehen, ihn zu holen.“ „Oh Mylord, wie kann ich Ihnen genugſam danken?“ „Bitte, reden Sie doch nicht davon, Madame.“ „Aber Sie müſſen mir erlauben, daß ich Ihnen die Summe zurückerſtatte, die Sie dem Manne gegeben haben.“ „Verzeihen Sie mir, Madame, Sie müſſen er⸗ lauben, daß ich jede Entſchädigung ablehne. Es war eine bloße bagalelle,— fünfzig Pfund— nicht der Rede werth.“ Damit ging Lord Alexan⸗ der Beaulien weg und kehrte ſogleich wieder mit Bijon zurück. Das Erſte, was Fran Maclaurin that, war, daß ſie das Halsband ſorgfältig unterſuchte, und groß war ihre Freude, da ſie Alles unbeſchädigt fand; hierauf richtete ſie ein paar Worte an den Hund und erneuerte Lord Alexander Beaulien ihre Dankſagungen. S 1 dame de compagnie und meine Dienerſchaft habe ich „Ich bin hier ganz allein, Mylord; blos eine bei mir. Da fühle ich mich denn ſo einſam und gelangweilt, daß ich herzlich wünſchte, ich wäre wieder in England zurück. Rom iſt durchaus nicht der Ort, für den ich es hielt; ich ſtellte es mir ganz ſo luſtig vor, wie Brighton, nur noch von anſtändigeren Leuten bewohnt, weil es zu entfernt iſt, als daß gemeines Volk das Geld auftreiben und hieher kommen könnte. Ich glaubte, da würde es auf Bällen Feſtordner geben und Concerte und Lotterielooſe*) auf den Leihbibliotheken, und alle Arten von anderen Beluſtigungen würden da vor ſich gehen; aber ſtatt deſſen finde ich keinerlei Zer⸗ ſtreuung und es kommt mir abgeſchmackt vor wie laues Waſſer.“ „Wenn ich wagen dürfte, zu hoffen, daß Ihnen meine Beſuche nicht mißſielen, ſo hätte ich kaum nöthig, zu ſagen, wie glücklich es mich machen würde, Ihnen Ihre Einſamkeit erheitern zu helfen.“ „Oh, Mylord, wie gütig und herablaſſend iſt Ihre Herrlichkeit! Ich bin ſehr erfreut, die Be⸗ kanntſchaft eines ſo artigen und feinen Edelmanns gemacht zu haben und wenn Ihre Herrlichkeit heute *) Der engl. Sitte zufolge findet man an verſchie⸗ denen Orten in Leihbibliotheken Gelegenheit, in Lotterien zu ſetzen. U. Strathern 1. 25 386 zu mir kommen und mit mir ſpeiſen will, ſo werde ich glücklich und ſtolz ſein, Sie zu empfangen.“ „Sie ſind zu gütig, Madame, und ob ich gleich ſchon ſeit lange her anders wohin verſprochen bin, ſo werde ich doch die Einladung unberückſichtigt laſſen und die Ehre haben, Ihnen aufzuwarten.“ Lord Alexander Beaulieu nahm hier Abſchied; er legte dabei ſo viel empressement und tendresse in Blick und Betragen, als er nur konnte, und war völlig überzeugt, daß er einen äußerſt günſtigen Eindruck auf Frau Maclaurin gemacht hatte. Und diesmal täuſchte ihn ſeine Eitelkeit nicht. Ein Lord, und beſonders der erſte mit dem ſie je geſprochen, mußte nothwendigerweiſe der Gegenſtand des größ⸗ ten Intereſſes für eine parvenue von ſo niedriger Denkungsart werden. Wenn er aber, wie in dem gegenwärtigen Falle, noch ein erträgliches Aeußeres hatte und in Betragen und Haltung bei weitem über den wenigen Männern ſtand, mit denen Frau Maclaurin in England bekannt geworden war, ſo kann man ſich nicht darüber wundern, daß er ihr als ein Muſter der Vollkommenheit erſchien. Sie eilte zum Spiegel, ſobald er nur das Zimmer ver⸗ laſſen hatte, um zu ſehen, ob ſie ſich ordentlich aus⸗ nehme. Ein paar Minuten lang betrachtete ſie das Bild, das er zurückſtrahlte, und ſchien dadurch völ⸗ lig zufrieden geſtellt. Dann bat ſie Frau Bernard 387 zu ſchellen und das beſte Mittageſſen zu beſtellen, welches zu haben wäre. „Sagen Sie, ſie ſollen Schildkröte bringen und Wildpret und jede andere köſtliche Speiſe, die es in dieſer Jahreszeit gibt, und keine Koſten ſcheuen, auch Champagner in Eis ſollen ſie hergeben.“ „Ich fürchte, gnädige Frau, das ſind Leckereien die man ſich in Rom nicht verſchaffen kann.“ „Was, keine Schildkröte und kein Wildpret ſollte zu kriegen ſein? Welch' abſcheuliches Land!“ Nun ging ſie in ihr Ankleidezimmer, ſchellte Juſtinen und trat mit ihr in Berathung darüber, was ſie anziehen ſollte. „Haben Sie einmal einen Lord, einen wirklichen Lord kennen gelernt, Juſting?“ fragte ſie. „Oui, Madame, mehrere.“ „Und meinen Sie nicht, ſie ſeien völlig ver⸗ ſchieden von anderen Leuten? So vornehm und fein.“ „Ich habe einige Lords gekannt, die ſehr artig waren, trés-bien élevés.“ „Jo, ſie ſtehen alle ſehr hoch*), wie Sie wohl wiſſen.“ „Das meine ich nicht, gnädige Frau.“ „Aha, ich errathe jetzt, was Sie ſagen wollen, *) Das Wortſpiel dreht ſich um das franzöſiſche elevé und das engliſche elevate. D. U. 25* Juſting; Sie meinen ſie ſeien manchmal etwas be⸗ geiſtert, ſie trinken zu viel Wein. Sie haben wahr⸗ ſcheinlich ſagen gehört, betrunken wie ein Lord?“ „Nein, gnädige Frau, ich glaube nicht, daß die Mylords mehr trinken, als andere Menſchen.“ „Nun, es liegt nichts daran, was Sie meinten; aber es iſt von großer Wichtigkeit, daß ich mich heute geſchmackvoll anziehe, denn ich habe Lord Ale⸗ rander Bowler*) zum Eſſen eingeladen. Ach! das iſt ein ſo hübſcher und artiger Mann. Er hat den Bijon gefunden und das Halsband iſt völlig un⸗ verſehrt, und er hat dem Mann fünfzig Pfund ge⸗ geben, der ihn geſtohlen hatte, damit dieſer ihm das Thier überließ, blos weil er wußte, daß der Hund mir gehörte. War das nicht ſchön von ihm?“ „Aber wer war es denn, der Ihnen dieſen Mylord vorgeſtellt hat, Madame?“ „Er ſeibſt natürlicherweiſe.“ „Ma fois! das war un peu trop sans céré- monie.“ „Was haben Sie geſagt. Sie vergeſſen immer, daß ich nicht franzöſiſch kann.“ „Ich habe geſagt, Madame, daß Mylord zu wenig Umſtände gemacht habe, wenn er ſich Ihnen vorſtellte, ohne Sie vorher zu kennen, und ſich nicht *) Kegelſchieber. U. 389 durch ein Frauenzimmer oder einen Herrn bei Ihnen einführen ließ.“ „Ein Lord braucht keine Umſtände zu machen, Juſting, er weiß, daß es eine Ehre iſt, mit ihm bekannt zu werden; daher geht er hin und macht Beſuche, wo es ihm gefällt.“ „Quelle dröle de chose!“ „Taſchenſpieler*à)— davon hat er mir nichts geſagt; aber wenn es ſolche in Rom gibt, will ich ihn bitten, mich hin zu begleiten und ſie mir zu zeigen. Ich will meine Diamantenhalsſchnur an⸗ legen, Juſting— nein, wenn ich mir das Ding recht überlege, ich will meine Perlen umthun, denn er hat jetzt meine Ohrringe und meine Kette von Diamanten und meinen Kopfputz geſehen, nun wird es gut ſein, ihm zu zeigen, daß ich auch noch au⸗ dere Sachen habe. Ach, Juſtine, es iſt ſo ein ſchöner und feiner Mann!“ „Eh bien, Madame.“ „Was iſt das, hang(bien)?“ „Ich kann es nicht recht auf engliſch ſagen. Ich glaube faſt gnädige Frau, daß Sie in den Mylord verliebt ſind.“ „Ach, Juſting, wenn er in mich verliebt wäre!“ „Peut-ötre iſt er das Madame.“ *) Das Wortſpiel bezieht ſich auf dröle de chose und droll-shows. 6 u. 390 „Ich wollte, ich wüßte das gewiß, dann wäre ich glücklich. Stellen Sie ſich einmal vor, wenn ich einen ſolchen Mann bekäme, Juſting, und man ſagte zu mir: Mylady und gnädige Frau! Dann hätte ich eine Grafenkrone an meinem Wagen und auf den Rockknöpfen meiner Bedienten. Ach, was wäre das für ein Glück. Und mein Lord gäbe mir den Arm, ich möchte hingehen, wo ich wollte. Würde ich da nicht eine glückliche Frau ſein?“ „Ah, qa dépend, Madame.“ „Sprechen Sie engliſch, Juſting, Sie bringen mich um alle Geduld, wenn Sie Etwas ſagen, was ich nicht verſtehe.“ „Nun, Madame, ich ſage, daß viel davon ab⸗ hängt, ob der Mylord Sie auch wirklich liebt, und nicht blos, weil er hört, daß Sie viel Geld haben.“ „Nun, Juſtine, Sie reden gerade, als wäre ich eine alte Frau und als lohnte es ſich nicht der Mühe, mich anzuſehen. Warum ſollte mich Lord Alexander Bowler nicht aufrichtig lieben?“ Hier wurde Frau Maclaurin's Geſicht roth vor Zorn. Die verſchmitzte femme de chambre ſah, daß ſie zu weit gegangen war in ihrem Eifer, Zweifel an den redlichen Abſichten Lord Alexander Beaulieus in dem Gemüthe ihrer Gebieterin zu erregen. Sie wünſchte ſehr, dieſe mal- adresse wieder gut zu machen und nahm daher ſogleich ihre Zuflucht zu der Schmeichelei. ——— 391 „Es iſt kein Grund vorhanden, warum Mylord die Madame nicht à la folie lieben ſollte, und das⸗ ſelbe ließe ſich von allen Männern erwarten, denn die Madame iſt ſchön genug, um les grandes pas- sions zu faire— d. h. alle Männer in der Welt in ſich verliebt zu machen, aber ich höre von ſo vielen Mylords die ein großes Vermögen verthun, und dann riche Frauen heirathen wollen, um mehr Geld ausgeben zu können.“ „Die Leute haben ſehr Unrecht, Juſting, wenn ſie ſolche Sachen von dem hohen Adel ſagen.“ „Ich habe nicht gewußt, daß die Madame für dieſen Stand ſo ſehr eingenommen iſt.“ „Ich wollte, daß ich zu dem hohen Adel ge⸗ hörte; aber vielleicht iſt das früher vder ſpäter der Fall, Juſting.“ Und Frau Maclaurin richtete ſich höher auf, und das mit einer ſolch' vornehmen Miene, als ſie nur annehmen konnte. „Madame würde certainement der pairie zur Ehre gereichen, d. h. dem Reichsadel, das muß ich ſagen,“ bemerkte Juſtine und ihre Gebieterin be⸗ trachtete ſich im Spiegel und lächelte ſelbſtgefällig. „Aha, Madame, ich ſehe wo ich daran bin, die⸗ ſer Mylord hat Ihnen das Herz gerührt, oder, was wahrſcheinlicher iſt, ſein Titel hat das gethan,“ ſagte die verſchmitzte lemme de chambre bei ſich 392 ſelbſt, als ſie allein und ihren eigenen Gedanken überlaſſen war. Voyons, wird es für mich beſſer ſein, wenn ſie heirathet oder nicht? Wenn der Mylord freigebig iſt, comme il faut et aimable, ſo wäre es vielleicht am beſten, ſie nähme ihn, iſt er aber au contraire ladre, méchant et mal élevé, ſo wäre das für mich ſehr ſchlimm. Ich werde es bald ſehen. Hat er einen valet de chambre, ſo will ich connaisance avec lui machen und Alles aus⸗ kundſchaften was ſeinen Herrn betrifft. Wir fem- mes de chambres wiſſen wohl, was wir zu thun haben und können Alles ſchnell herausbringen, was wir erfahren wollen. Quelle femme vulgaire est ma maitresse! Wie war ſie ſo vergnügt über einen Beſuch von einem Mylord. Es ſcheint, ſie hat früher nie mit einem Mylord geſprochen. Legt ſie nicht Morgens ihre Diamanten an, um eine einzige visile zu empfangen, quelle horreur! Und jetzt will ſie bei Tiſche eine parure tragen, die ſich für eine grande réception eignete. Und doch iſt Nie⸗ mand da, als Mytord und das béte, die Frau Bernard. Es iſt umſonſt, wenn ich ihr ſage, daß die Frauen de bon ton außer en grande toilette, nie grandes parures tragen und bei petits diners et soirées en demi-toilette ſind, mit robes beau- coup plus simples, langen Aermeln und nicht de- colletées: aber die dames anglaises haben die Sucht, immer zu viel oder zu wenig geputzt ſein zu wol⸗ 393 len, oder, wie der Fürſt Talleyrand geſagt hat, ihre Kleider fangen zu ſpät an und hören zu früh auf. Oh, wie habe ich gelacht, da der valet de chambre des Fürſten mir das ſagte; es iſt ſo rich⸗ tig, denn bei vielen von den dames anglaises be⸗ deckt der Anzug die Schultern und den Oberleib zu wenig und der Unterrock iſt viel zu kurz. Nun, nun, wenn der Mylord im Sinn hat, meine mai- tresse zu heirathen, ſo weiß ich, er thäte gut da⸗ ran, mir ein wenig zu faire la cour. Thut er das nicht, ſo will ich machen, daß ſie ihm einen Korb gibt. Nein, nein, ſie ſoll nur heirathen, wenn ich will. Aber probablement er hat nie an dies tolle, gemeine Weib gedacht. Nous verrons, nous verrons.“ Während ſich Juſtine dieſem Selbſtgeſpräch über⸗ ließ, befragte Frau Maclaurin Frau Bernard um ihre Meinung von Lord Alerander Beaulien:„Ha⸗ ben Sie ſchon einen ſo ſchönen Mann geſehen?“ redete ſie dieſelbe an. „Ich habe nicht viel auf Se. Herrlichkeit Acht gegeben, Madame.“ „Das ſieht Ihnen ganz gleich. Es gibt keine ſolche Menge von Lords, daß Sie nicht einige Neu⸗ gierde hätten fühlen ſollen, einen zu ſehen. Ver⸗ muthlich haben Sie aber ſo viele Lords ſchon ken⸗ nen gelernt, daß Sie ſich nicht mehr viel um ſie tämmern. Aber wollen Sie damit ſagen, daß Sie 394 ſchon einen ausgezeichneteren Edelmann geſehen ha⸗ ben, als Lord Alexander Bowler?“ „Ich habe ſchon einige geſehen, Madame, die auf mich den Eindruck machten, als wären ſie noch vornehmer.“ „Das zeigt mir, daß Ihnen kein Urtheil darü⸗ ber zukommt, denn ich muß mich doch bei meinem großen Vermögen einigermaßen auf Lords verſtehen und bin überzeugt, daß dieſer der ausgezeichnetſte von allen iſt. Wer eine andere Anſicht hat, be⸗ weist blos ſeine Unwiſſenheit. Ich verlange, daß Sie Sr. Herrlichkeit heute bei Tiſche die gehörige Ehrerbietung erweiſen, denn es iſt für Sie eine große Ehre, mit einem Edelmann von ſo hohem Rang zu ſpeiſen.“ Frau Bernard war an die Grobheiten der Frau Maclaurin ſo gewöhnt, daß ſie jetzt keinen ſchmerz⸗ lichen Eindruck mehr auf ſie machten, wie das An⸗ fangs und bei ihrem Eintritt in den Dienſt der Lady der Fall geweſen war. Deſſenungeachtet hatte die Furcht vor einer Rüge einen ſo ſtarken Einfluß auf ſie, daß ſie ſich immer bedachte, ihre Anſicht über irgend Etwas auszuſprechen, auch wenn ſie von Frau Maclaurin dazu aufgefordert wurde. Und oft zog ihr gerade dieſe Schüchternheit den Tadel zu, welchen ſie zu vermeiden wünſchte. Sie begriff jetzt, daß Lord Alexander Beaulien bei ſeinem Be⸗ 395 ſuche am Morgen einen tiefen Eindruck gemacht hatte und ſah mit Aengſtlichkeit dem Mittageſſen entgegen; denn ſie zweifelte nicht, daß die Wirthin während deſſelben ſich noch mehr bloßſtellen würde. Ende des erſten Theils. ———