utshe ſumMltstl allonen in der Pfal Frzählung von Tr. Slan 5 „ —— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur V on.* Eduard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih und Feſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 2 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —z——————zz— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— 1f. 3 „„„„„. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer ſi Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —. 2 Die Zlüchtlinge in der Petershöhle bei Maſtricht. ——— =M 1 3 ————— . 6 Glanbrustrrur oder Die Wallonen in der Pfalz. —— E rz ählnn von . Pricdtid Blank⸗ Dekan in Germersheim a. Rh. Stutigart, 1874. Druck und Verlag von J. F. Steinkopf. Erſtes Kapitel. Der Auszug. Gehe aus deinem Vaterlande und von deiner Freundſchaft und aus deines Vaters Hauſe in ein Land, das ich dir zeigen will. 1 Moſ. 12, 1. Das Oſterfeſt des Jahres 1567 war gekommen, aber für die Niederlande nicht als ein fröhliches. Im gan⸗ zen Lande herrſchte Schrecken und Verwirrung, denn von den proteſtantiſchen Städten fiel eben eine nach der andern in die Gewalt der Herzogin Margaretha von Parma, die ihr Bruder, König Philipp I. von Spanien, als Regentin ſiber die Niederlande geſetzt hatte. Tauſende von Refor⸗ mirten, die nicht wieder in den Schooß der römiſch⸗katholi⸗ ſchen Kirche zurückkehren wollten, waren ſchon früher aus dem Lande geflohen, Tauſende kehrten eben jetzt um ihres Glaubens willen der lieben Heimat und allem, was ihnen dort theuer war, den Rücken, während andere in Gefangen⸗ ſchaft ſchmachteten oder unter dem Beile des Henkers ver⸗ bluteten. Und doch war in unzähligen Gemüthern die Furcht vor dem, was noch kommen ſollte, größer als der Schrecken, den die unheilvolle Gegenwart ihnen einflößte. 4 Erſtes Kapitel. Es hatte ſich ja das Gericht ſchon verbreitet, der finſter⸗ ſtrenge König habe den eiſernen Herzog von Alba auser⸗ ſehen, um mit einem ſpaniſchen Heere nach den Niederlanden zu ziehen und dort der Sache der Reformation mit einem Schlage ein Ende zu machen. Der Ruf, in welchem der Herzog von Alba und die ſpaniſchen Soldaten ſtanden, ließ keinen Zweifel über das, was man zu erwarten habe. Die große und reiche Stadt Antwerpen, die ſich längſt auch für die Reformation erklärt hatte, aber leider lange Zeit der Schauplatz großer und greulicher Verwirrungen geweſen war, fürchtete jetzt am meiſten die ſchon ziemlich gewiſſe Ankunft des grauſamen Herzogs. Der Rath ſchickte Ge⸗ ſandte an die Herzogin von Parma nach Brüſſel, um Un⸗ terhandlungen mit ihr anzuknüpfen. Die Regentin antwor⸗ tete, ſie könne ſich auf nichts einlaſſen, ſo lange die Stadt U. nicht eine Beſatzung eingenommen habe. 3 So ſtanden die Dinge, als am frühen Morgen des 9. Aprils der reformirte Prediger Clignet zu Antwerpen mit ſeiner Familie zur Morgen⸗Andacht in einem reinlichen, 3 aber einfach möblirten Zimmer verſammelt war. Aus fünf Perſonen beſtand die kleine Verſammlung. Clignet ſelbſt war ein Mann von etwa vierzig Jahren; in ſeinen Zügen prägte ſich ein milder Ernſt und zugleich eine eigenthümliche Feſtigkeit aus. Seine Gattin, eine Frau in den Dreißigen,* war von zarter Geſtalt, und auf ihrem ſchönen Angeſichte ſtanden die zwei kindlichen Tugenden Sanftmuth und Freund⸗ lichkeit geſchrieben. Ihr zur Seite ſtanden zwei Kinder, ——— Der Auszug. 5 ein hübſcher Knabe von etwa neun Jahren und ein bild⸗ ſchönes Mädchen, das kaum ein Jahr jünger ſein mochte. Der Knabe war Clignet's Sohn, mit Namen Paul; Marie, das Mädchen, war ein angenommenes Kind, eine Waiſe, deren Mutter weitläufig mit Clignet's Frau verwandt geweſen. Die Hauptperſon in der Familie war aber eine alte Matrone, die fünfundſiebenzigjährige Mutter des Predigers. Sie ſaß in einem gepolſterten Lehnſtuhle, hatte die Hände gefaltet, das ſchöne, ehrwürdige Greiſen⸗ haupt vorwärts geneigt und die Augen geſchloſſen. Denn das Licht ihrer Augen war dem Erlöſchen nahe, und die Tageshelle drang nur noch als ein gedämpfter Schimmer hinein. Sie konnte ſelbſt die Glieder der Familie nicht mehr erkennen, und unterſchied ſie nur an den Stimmen und Tritten oder durch Betaſten mit der Hand. Um die Großmutter Cornelia bewegte ſich gleichſam die ganze Umgebung. Man konnte nicht verkennen, daß ſie mit einer liebevollen Aufmerkſamkeit behandelt wurde, die an Verehrung grenzte. Paul ſtand an der Armlehne ihres Stuhles, und ſchmiegte ſich freundlich an ſie, Marie kniete vor ſie hin, legte ein aufgeſchlagenes Pſalmbuch auf ihre Kniee, und las ihr einen Pſalmen vor, welchen Alle mit der größten Andacht anhörten. Hierauf faltete Clig⸗ net die Hände und begann das Morgengebet, während deſſen nur die Großmutter ſitzen blieb, weil ſie an beiden Beinen faſt gelähmt war, und gewöhnlich mit ihrem Rollſtuhle von einer Stelle zur andern geſchoben wurde.— Clignet betete 6 Erſtes Kapitel. laut und heute beſonders inbrünſtig. Es war ein Gebet aus dem Herzen, das auch beinahe wie ein Pſalm klang. Das Flehen um Schutz in der gerechten Sache, um Hilfe und Troſt in Trübſal und vor allem um Bewahrung des Glaubens trat dabei beſonders hervor. Clignet hatte das Amen noch nicht ausgeſprochen, als man deutlich Trompe⸗ tenſchall von der Straße herauftönen hörte. „Der Herr behüte uns in Gnaden!“ ſagte Clignet ernſt, aber mit einer Stimme, an der man eine tiefe Bewe⸗ gung merkte.„Die Zeit der Heimſuchung beginnt. Von den Menſchen ſind wir verlaſſen, denn der Graf von Manns⸗ feld zieht mit ſeinen Schaaren in die verrathene und ver⸗ kaufte Stadt. Betet zum Herrn, daß nur er uns nicht ver⸗ laſſe.“ „Der Herr wird die Verſuchung ſolch ein Ende gewinnen laſſen, daß wir es tragen können,“ ſprach die Großmutter mit einer wunderbaren Ruhe in ihren Zügen. Ihre Schwieger⸗ tochter war nicht ſo ruhig. Stumm, aber mit Thränen in den Augen umarmte ſie ihren Gatten.„Eliſabeth,“ ſagte dieſer tröſtend:„wir ſtehen in Gottes Hand, ohne deſſen Willen kein Haar von unſerem Haupte fällt. Ihm laß uns vertrauen!“ Unterdeſſen hatte ſich der Lärm auf der Straße vermehrt und der kleine Paulrief:„Da kommen die Reiter! Marie, ſchau' her!“ In Schlachtordnung zogen die Schaaren ein, und es währte geraume Zeit, bis ſie vorüber waren. Wei⸗ nend verließ hierauf die Pfarrerin das Zimmer, um endlich 7 Der Auszug. 7 das Frühſtück aufzutragen. Marie ſchmiegte ſich wieder an die blinde Großmutter, und Clignet gieng in tiefe Gedanken verſunken auf und ab, bis die Hausfrau die Morgenſuppe brachte. Lange hatte die Familie keine ſo trübe Morgenſtunde zugebracht als heute, aber es ſollte noch nicht die trübſte Stunde des Tages ſein. Der Pfarrer ſagte nach einiger Zeit, er wolle ausgehen und ſehen und hören, was denn weiter vorgehe. „Geh', mein Sohn!“ ſagte Cornelia:„und der Herr ſtärke dich, damit du die andern ſtärken und aufrichten mögeſt.“ Während Clignet's Abweſenheit kamen jeden Augen⸗ blick Glieder ſeiner Gemeinde, die nach ihm fragten. Alle wußten nichts gutes zu verkündigen. Sie erzählten, der Graf von Mannsfeld habe den Rath der Stadt verſam⸗ melt und ſchreibe demſelben ſo eben auf dem Rathhauſe Bedingungen vor. Von dem eigentlichen Inhalte der Ver⸗ handlung verlautete aber noch nichts. Jetzt kam der Pre⸗ diger zurück. Er war bleich, und konnte nur mit Mühe ſeine gewöhnliche Faſſung behaupten.„Die Rathsſitzung iſt noch nicht vorüber,“ ſprach er:„aber man hört ſchon, daß unſer Glaube wird. Alle Einwohner ſollen wieder katholiſch werden.“ Während er noch ſprach, erſchollen anzit Trompeten⸗ ſtöße. Mit lauter Stimme verkündigte ein Herold auf der Straße, daß der Rath mit dem Grafen Mannsfeld einen Vertrag abgeſchloſſen habe, in Folge deſſen alle reformirten 8 Erſtes Kapitel. und lutheriſchen Prediger in und um Antwerpen innerhalb vierundzwanzig Stunden das Land zu räumen hätten. Eliſabeth brach in lautes Weinen aus, und auch die beiden Kinder fingen an zu weinen, obwohl ſie nicht ver⸗ ſtanden, was der Herold verkündigt hatte. Der Pfarrer ſtund wie eingewurzelt.„Innerhalb vierundzwanzig Stun⸗ den? das iſt hart!“ ſagte er hierauf.„Doch, Herr, dein Wille geſchehe an uns!“ „Amen!“ ſprach die Großmutter feierlich. Mitten in der Verwirrung und in dem Jammer richtete ſie das Haupt empor, öffnete die Augen, als wenn ſie ſähe, und ſprach mit feierlicher Stimme:„Der Herr ſprach zu Abraham: Gehe aus deinem Vaterlande und von deiner Freundſchaft und aus deines Vaters Hauſe in ein Land, das ich dir zei⸗ gen will. Und ich will dich zum großen Volk machen, und will dich ſegnen, und dir einen großen Namen machen, und ſollſt ein Segen ſein. Da zog Abraham aus, wie der Herr ihm geſagt hatte, er gieng aus, und wußte nicht, wo er hin⸗ käme.“ Cornelia ſprach nur dieſe Worte der Schrift und ſchwieg dann wieder. Auf die Umſtehenden aber hatten ſie einen wunderſamen Eindruck gemacht. Am meiſten fühlte ſich Clignet ſelbſt dadurch ergriffen und erhoben. Mit Blicken der Ehrfurcht ſah er ſeine alte, blinde Mutter an, faßte ſeines Weibes Hand und ſagte:„Eliſabeth, es ſei, wie der Herr durch den Mund unſerer Mutter mahnet. Wir werden ziehen, weil er es will. Weine nicht! wenn nur er unſere Wolke 4 —— 3 4 —— Der Auszug. 9 und Feuerſäule bleibt, ſo gehen wir ſicher auch durch Meer und Wüſte. Laß uns nicht kleinmüthig werden. Denke du jetzt ſogleich an unſern Auszug, mich ruft die Pflicht zu meiner Gemeinde. Ich will ſehen, was ſie thun wird.— Mutter,“ fuhr er zu Cornelia gewendet fort: „wohin aber werden wir uns wenden?“ „Vielleicht iſt drüben im deutſchen Lande noch eine ir⸗ diſche Ruhe vorhanden dem Volke Gottes,“ antwortete Cor⸗ nelia. „Du haſt Recht, liebe Mutter!“ ſagte Clignet, redete dann noch einmal ſeinem Weibe muthig, freundlich und troſtreich zu, und eilte hinaus. Unten im Hofe kam ihm ſchon eine große Schaar ſeiner Gemeindeglieder entgegen. Die meiſten weinten und klag⸗ ten laut, alle waren auf's äußerſte beſtürzt. Hier erfuhr Clignet den ganzen Inhalt des Vertrages, welchen der Rath eingegangen hatte. Der evangeliſche Gottesdienſt ſollte ganz aufgehoben, alle evangeliſchen Prediger verbannt werden. Wer nicht zur römiſch⸗katholiſchen Kirche zurück⸗ kehren wolle, ſollte einen Monat Zeit haben, ſein Vermö⸗ gen in Geld zu verwandeln und ſeine Perſon in Sicherheit zu bringen. Nur die Prediger mußten binnen vierundzwan⸗ zig Stunden außer Landes ſein. Clignet ſtand noch auf der Treppe, ie in den Hof hin⸗ abführte. Aller Augen waren auf den geliebten Seelſorger gerichtet. Mit jener Ruhe, die das Wort der Schrift aus dem Munde ſeiner verehrten Mutter noch befeſtigt hatte, 10 Erſtes Kapitel. ſah der Geiſtliche über die troſtloſe Verſammlung hin. „Liebe Freunde,“ ſprach er,„die ſchwere Heimſuchung kommt vom Herrn. Mich und meine Amtsbrüder trifft ſie zunächſt. Ich ziehe von dannen, weil es der Herr alſo will. Mit Trauern und Weinen geh' ich von euch.——“ Er konnte nicht ausreden.„Wir ziehen mit Euch!“ riefen einige Stimmen.„Ja, wir ziehen mit Euch!“ ſcholl es durch die ganze Verſammlung. Hierauf ergriff ein alter angeſehener Mann der Gemeinde das Wort, und ſprach: „Ehrwürdiger Herr, glaubet Ihr von uns, daß wir un⸗ ſern Glauben verleugnen oder abſchwören werden? Ihr habt uns oft genug die Worte des Heilandes vorgehalten: Wer verläßt Häuſer, oder Brüder, oder Schweſtern, oder Vater oder Mutter, oder Weib oder Kinder, oder Aeccker um meines Namens willen, der wird es hundertfältig neh⸗ men und das ewige Leben ererben; und wer nicht ſein Kreuz auf ſich nimmt und folget mir nach, der iſt meiner nicht werth. Wir haben das nicht vergeſſen und wollen es nicht vergeſſen, ich wenigſtens nicht, ſo war mir Gott helfe!“ „Wir auch nicht!“ riefen Alle.„Wir ziehen mit Euch!“ Clignet war tief ergriffen. Mit einem Blicke des Dankes ſah er gen Himmel, und dann wieder auf die Verſammlung, welche inzwiſchen ſich ſo vermehrt hatte, daß der ganze, ge⸗ räumige Hof mit Menſchen angefüllt war. Und als ſtünde er auf ſeiner lieben Kanzel, ſo begann er nun von der Treppe herab zu ſeinen Gemeindegliedern zu reden. Er nahm ge⸗ Der Auszug. 11 rade die Worte, welche ſeine blinde Mutter vorhin aus der Bibel angeführt hatte, ſprach von Abrahams Auszug auf Gottes Befehl und machte die Anwendung davon auf die Gegenwart. Er ſprach begeiſtert und wies darauf hin, daß wohl irgendwo noch eine Ruhe vorhanden ſein werde dem Volke Gottes. Nach der Rede betete Clignet warm und innig zu Gott, empfahl ſeine Gemeinde und alle Glau⸗ bensbrüder ſeinem Schutze, ja er betete ſelbſt für die grauſamen Feinde: Herr, behalte ihnen dieſe Sünde nicht! Hierauf ſegnete er die Verſammlung, und nun wurde be⸗ rathen, wie man den Auszug bewerkſtelligen und wohin man ſich zunächſt wenden wolle. Darüber waren alle ſo⸗ gleich einig, daß man nach Deutſchland ziehen müſſe, Frank⸗ furt am Main ſollte die Stadt ſein, die man aufſuchen wolle. Denn irgend ein Sammelpunkt mußte beſtimmt werden, da ja nicht alle augenblicklich mit einander ziehen konnten. Viele brauchten nämlich gar wohl die Monatsfriſt, die ihnen gewährt war, um ihre zeitlichen Angelegenheiten wenigſtens einigermaßen zu ordnen. Indeß verſprach Clig⸗ net, mit ſeinen Amtsbrüdern noch das Nähere zu verabre⸗ den. So ſchied denn die Verſammlung von ihm, zwar mit betrübtem, aber doch mit feſtem, glaubenstreuem Sinne. Er ſelbſt kehrte in das Haus zurück, um ſeiner tief beküm⸗ merten Hausfrau in den Anordnungen beizuſtehen, welche dieſer fluchtähnliche Abzug erforderte. Am Morgen des zehnten Aprils war ganz Antwerpen in Bewegung. Es war ja der Tag, an welchem alle pro⸗ 12 Erſtes Kapitel. teſtantiſchen Prediger die Stadt verlaſſen mußten. Aber ſie ſollten nicht allein ziehen. Hunderte, ja Tauſende woll⸗ ten jetzt ſchon ihr hartes Schickſal theilen. Sie hatten ſich ſo ſchnell als möglich fertig gemacht, der Stadt den Rücken zu kehren und ein anderes Land aufzuſuchen, wo ſie Gott in ihrer Weiſe ruhig und ungeſtört verehren dürften. In allen Straßen drängte ſich die Volksmenge. Da ſah man nichts als Thränen und Händeringen, da hörte man nichts als Jammern und Wehklagen. Wahrhaft herzzerreißend war es, zu ſehen, wie hier Eltern und Kinder, dort Ge— ſchwiſter und Freunde weinend von einander Abſchied nah— men. Um das Liebſte, den theuren verfolgten Glauben, zu retten, mußten die heiligſten Bande zerriſſen, die glänzend⸗ ſten Verhältniſſe aufgegeben werden. Gegen zehn Uhr öffnete ſich das Haus, welches der Pfarrer Clignet bisher bewohnt hatte. Vier Männer tru⸗ gen die Großmutter Cornelia auf ihrem Lehnſtuhle heraus. Ihr folgte Eliſabeth, die beiden Kinder an der Hand. Zu⸗ letzt kam der Geiſtliche ſelbſt. Die Kinder weinten, aber die Mutter erſchien gefaßter als geſtern, obwohl ſie ihre Thränen auch nicht zurückhalten konnte. Stieg ja ſelbſt dem feſten, glaubensvollen und muthigen Vater eine Thräne in das Auge, als er die Schwelle des Hauſes verließ.„Der Herr behüte unſern Ausgang und Eingang von nun an bis in Ewigkeit!“ rief er, und die Großmutter ſagte ihr lautes „Amen“ dazu, aber ohne Thräne. Hunderte ſeiner Ge⸗ meindeglieder und Glaubensgenoſſen ſtanden weinend umher,. Der Auszug. 13 oder drängten ſich zu dem geliebten Manne heran, um ihm die Hand zu reichen.„Wir ziehen mit Euch,“ ſagten die einen, und die andern:„Wir werden Euch nachfolgen.“ Clignet tröſtete und ermuthigte ſie mit Worten der Liebe. Unterdeſſen hatten die vier Träger die alte Cornelia ſammt ihrem Lehnſtuhle auf einen Wagen gehoben, auf welchem ſich Betten und einiges andere unentbehrliche Haus⸗ geräthe befand. Die übrigen Glieder des Hauſes folgten nun dem Wagen und eine große Menſchenmenge ſchloß ſich dem Zuge an, der ſich langſam nach dem Platze vor dem Rathhauſe bewegte. Dort war das Volk in Menge ver⸗ ſammelt. Die verbannten Geiſtlichen hatten nämlich verab⸗ redet, ſich dort zuſammen zu finden, um ſich gemeinſchaftlich beim Magiſtrate zu beurlauben. Clignet begab ſich dann mit mehreren ſeiner Amtsbrüder auf das Stadthaus, wo ſchon andre, namentlich auch die lutheriſchen Prediger, ſich eingefunden hatten. Hier machten nun die ſo ſchwer Ge⸗ mißhandelten ihren gepreßten Herzen Luft und hielten dem Magiſtrate das Unrecht vor, das an ihnen begangen wurde. Sie ſcheuten ſich nicht, ihm zu ſagen, daß man ſie unchriſt⸗ licher Weiſe aufgeopfert, ja daß man die Religion ſelbſt an die Spanier verrathen und verkauft habe. Clignet ermahnte noch den Magiſtrat, wenigſtens die Zurückbleibenden vor Gewaltthaten zu ſchützen, damit ſie ſich nicht noch mehr an den Seelen verſündigten und ihre Schuld vergrößerten. Unten auf der Treppe des Rathhauſes nahmen ſie denn, da ſie verſchiedene Straßen zogen, von einander Abſchied, 14 Erſtes Kapitel. und nun theilte ſich die auf dem Platze harrende Menge in einzelne Züge. Clignet wandte ſich mit den Seinigen nach Oſten und hatte bald das Thor erreicht. War vorher der Jammer ſchon groß, ſo erneuerte er ſich um ſo ſtärker, da nun die einen wieder in die Stadt zurückkehren, die andern aber auf ihrer Pilgerfahrt ins ungewiſſe weiter ziehen muß⸗ ten. Die blinde Cornelia, zu der die beiden Kinder auf den Wagen gehoben worden waren, hörte nur die lauten Klagen, die um ſie her erſchollen.„Kinder!“ rief ſie laut herab: „weinet nicht, unſer Weg geht nur aus der einen Heimat in die andere. Selbſt die, welche hier bleiben, müſſen bald von einander ſcheiden. Wohl denen, die ſich droben im Va⸗ terlande wiederſehen!“ Die Stimme der Greiſin hatte eine eigenthümliche Wir⸗ kung hervorgebracht. Clignets ehrwürdige Mutter war in ganz Antwerpen bekannt und die Glieder der Gemeinde, welcher ihr Sohn vorgeſtanden, hatten eine beſondere Ehr— furcht vor ihr. War ſie ihnen doch immer wie eine der hei— ligen Frauen aus der Schrift erſchienen. Ihre Worte ermu⸗ thigten darum jetzt wieder faſt die ganze Schaar. Selbſt Clignet fühlte ſich durch dieſe kurze Anſprache ſeiner lieben Mutter gehoben. Denn außer den Worten der Schrift hatte nichts ſolche Macht über ihn, als das Wort ſeiner treuen, glaubensſtarken Mutter. Er ging nun umher und brachte Rath und Troſt, wo es noth that. Er ordnete den Zug, er redete jedem einzelnen liebreich mit einer Glaubens⸗ freudigkeit zu, die ſich allmälig allen mittheilte. 7 — Der Auszug. 15 Eine kurze Strecke vor Antwerpen, bis wohin noch viele Einwohner gefolgt waren, hieß er anhalten, breitete die Hände aus, und ſprach den Segen über die Stadt, und betete für ſie. Die ganze Verſammlung betete mit. Hierauf ordnete er den Zug wieder, trat an die Spitze deſſelben, und ſtimmte mit lauter Stimme einen Pſalm an. Alle, die mit ihm zogen, ſangen freudig mit, und ſo tief betrübt bisher die meiſten waren, ſo wurden ſie jetzt getröſtet. Namentlich erſchien Eliſabeth, des Pfarrers treue Lebensgefährtin, wie umgewandelt. Ihre Thränen waren getrocknet, ſie trat hin zu ihrem Manne, ergriff ſeine Hand, und ſprach:„Clignet, der Herr iſt mein Hirte, mir wird nichts mangeln.“ „Eliſabeth,“ verſetzte Clignet leiſe:„ich bin doch glück⸗ lich, obgleich ein Verbannter. Ich habe ein Weib, das den Herrn lieb hat und ihm vertraut; ich habe eine Mutter, deren Glaube die Welt überwindet; ich habe Kinder, zwei Kinder, die heranwachſen in der Zucht und Vermahnung zum Herrn; ich habe eine Gemeinde, die alles verläßt und ihr Kreuz auf ſich nimmt um des Herrn und ſeines theuren Evangeliums willen. Eliſabeth, der Herr verläßt die Seinen nicht.“ Bald verſchwanden die Mauern und Häuſer der Stadt, bald auch die Thürme, zuletzt verſchwand der hohe Thurm der prächtigen Kathedrale von Antwerpen den Blicken der Verbannten. Clignet ſchlug mit ihnen den Weg nach Maſtricht und Aachen ein. Indeß ging der Zug nicht ſehr raſch voran, da nur wenige Wagen vorhanden 16 Erſtes Kapitel. waren, und die Frauen und Kinder keine große Tag⸗ reiſen machen konnten. Doch begegneten der flüchtigen Schaar auch keine weiteren Unfälle. So war der Abend des vierten Tages herangegekommen. Die verbannte Schaar war der Stadt Maſtricht bis auf eine Stunde etwa nahe. Clignet hatte ſie ſo eben zum Abend⸗ gebete verſammelt, als einige vorausgeſendete Männer ei⸗ lend und mit ängſtlichen Mienen zurückkamen. Sie brachten die ſchlimme Botſchaft, daß einzelne Truppen⸗Abtheilungen in der Umgebung der Stadt umherſchwärmten, daß man in keinem Dorfe vor ihnen ſicher ſei, und von einem Zuge durch die Stadt gar nicht die Rede ſein könne. Dieſe Nachricht brachte Angſt und Verwirrung unter die Flüchtlinge. Die Nacht war vor der Thüre, die gefürchteten Soldaten in der Nähe— was ſollte man beginnen? Der Geiſtliche hatte Mühe, die Zagenden zu beruhigen; doch als er ausrief: „Und wenn auch nur der Himmel unſer Dach iſt, ſo woh⸗ nen wir doch ſicher!“ da gaben ſich alle zufrieden. Indeß trat ein Mann herzu, und ſagte:„Ehrwürdiger Herr, wir können nicht weit von der weltbekannten Petershöhle ſein. Sollten wir nicht in ihr unſer Nachtlager ſuchen und Schutz gegen einen plötzlichen Ueberfall der Feinde?“ Clignet hatte die Steinbrüche im Petersberge bei Maſtricht noch nicht geſehen, aber ſchon von den unterirdi⸗ ſchen Gängen derſelben gehört. So auch viele ſeiner Be⸗ gleiter. Einer und der andere war auf ſeiner Wander⸗ ſchaft auch ſchon an oder ſogar in der Petershöhle geweſen. 1 7 —— Der Auszug. 17 Der Vorſchlag fand deßhalb Beifall und man machte ſich nun auf nach dem nahen Hügel, um den Eingang in den unterirdiſchen Steinbruch zu ſuchen. Die waldige Um⸗ gebung des Petersberges hatte bald die Verbannten aufge⸗ nommen, und obgleich es ſchon tief zu dämmern anfing, fühlte ſich doch jedermann weit ſicherer und ruhiger, als auf der offenen Landſtraße. Während nun einige für Holz, beſonders für Kienfackeln ſorgten, ſuchten andere einen Ein⸗ gang in die Höhle. Nach einiger Zeit war dieſer gefunden, und zwar ein ſo hoher, gewölbter Gang, daß man die Pferde und Wagen recht wohl hineinführen konnte. Eine hinreichende Zahl von Kienfackeln wurde nun angezündet, und die ganze Schaar zog in das unterirdiſche Nachtlager ein. Zweites Kapitel. Die Petershöhle. So ich im Finſtern ſitze, ſo iſt der Herr mein Licht. Micha 7, 8. Schon ſeit Jahrhunderten gehört die Petershöhle bei Maſtricht zu den Merkwürdigkeiten der Erde. Sie iſt eines von den Wundern der Unterwelt, das die arbei⸗ tende Menſchenhand nach und nach gebildet hat. Schon 9 Blanl, Glaubenstreue(2. A.) 18 Zweites K apitel. die Römer benutzten die Steinbrüche im Petersberge. Die Felſenmaſſe iſt in der Höhle ſehr weich und darum ganz leicht zu bearbeiten, verhärtet aber mehr und mehr an der Luft. Darum hatte es wenig Schwierigkeiten, den Berg im Laufe der Jahrhunderte mit ſolchen Gängen und Hallen zu unterhöhlen. Die Gänge kreuzen und verzweigen ſich ſo zu ſagen ins unendliche, und es ſind derſelben wahrhaft un⸗ zählig viele. Man nimmt an, daß ſich in dieſem unter⸗ irdiſchen Labyrinth, welches vier Stunden lang und zwei Stunden breit iſt, gegen zwanzigtauſend Wege kreuzen. Wehe dem, der dieſes unermeßliche Netz von Gängen und Höhlen ohne kundigen Führer betritt! wehe dem, der ſich in demſelben verirrt! es wäre faſt ein Wunder, wenn er das Tageslicht wieder erblickte. Auch unſere Verbannten konnten ſich des Grauens nicht erwehren, als ſie dieſe unterirdiſche Welt betraten. Wo jedoch viele beiſammen ſind, da ſchwindet bald die Furcht. Auch hatte ja Clignet allen aufs ſtrengſte eingeſchärft, daß niemand ſich in einen Seitengang wagen, niemand ſich von der Ver⸗ ſammlung entfernen dürfe. So ſchritten ſie denn in dem hohen gewölbartigen Hauptgange, den ſie betraten, gerade voran. Die wenigen Pferde und Wagen folgten ihnen. Der Boden war eben und trocken, nirgend ſtießen ſie auf eine ſchwierige oder ge⸗ fährliche Stelle. Aber das Licht der Kienfackeln ſcheuchte die Bewohner der dunkeln Höhle auf. Fledermäuſe ſchwirr⸗ ten in großer Zahl umher und verbrannten nicht ſelten ihre Flügel an dem Lichte, auf welches ſie zuflogen. Die Petershöhle. 19 Als man nun weit genug vorgedrungen zu ſein glaubte, wurden zwei Männer an den Eingang der Höhle zurück geſchickt, welche genau angeben ſollten, ob man von außen weder den Schein der Fackeln ſehen, noch den Schall der Stimmen oder das Stampfen der Pferde hören könne. Dieſe kamen zurück und erklärten, man könne vor dem Eingange nicht bemerken, daß jemand in der Höhle ſei. Nun fühlten ſich die Flüchtlinge beruhigt, und es war ihnen ſo⸗ gar ordentlich behaglich, da in dieſen Gängen fortwährend eine recht angenehme Wärme herrſcht. Es wurden nun ein⸗ zelne Feuer angezündet und von den mitgenommenen oder unterwegs eingekauften Vorräthen ein gemeinſchaftliches Nachteſſen bereitet. Nach dem Eſſen ſprach der Geiſtliche das Dankgebet und empfahl ſeine kleine Heerde dem Schutze des allmächtigen Gottes. Hierauf wurde für die Nachtruhe geſorgt. Die älteren Frauen und die Kinder bettete man ſo gut als möglich auf die Wagen, die übrigen ſuchten ſich ein nothdürftiges Lager auf dem Boden zu bereiten, oder ſchliefen auf der bloßen Erde. Vier Männer hielten ab⸗ wechſelnd Wache und unterhielten das Feuer. Selbſt Clig⸗ net ließ ſich nicht abhalten, einige Stunden für ſeine Ge⸗ meinde zu wachen. Auch war er zuerſt munter, als er glaubte, der Tag ſei nahe. In Begleitung eines Mannes begab er ſich ſelbſt an den Eingang und ſah dort, daß ſo eben der Morgen zu grauen anfing. Nachdem die Morgen⸗Andacht abgehalten war, wurden einige Kundſchafter ausgeſchickt, um die Gegend zu durch⸗ 2* — 20 Zweites Kapitel. ſpähen und wo möglich für ferneren Vorrath an Lebensmit⸗ teln zu ſorgen. Gegen Mittag kehrten dieſe auf verſchiedenen Wegen zurück, und brachten alle die niederſchlagende Bot⸗ ſchaft, daß das Land umher noch immer ſehr unſicher ſei. Sie hatten in einem Dorfe beſonders viel von der wilden Rohheit der umherſtreifenden Soldaten gehört. Die Landleute wurden von denſelben auf jegliche Weiſe gedrückt, mißhandelt und beraubt; friedliche Reiſende, beſonders proteſtantiſche Auswanderer, waren von ihnen geplündert, einige ſogar getödtet worden. Daß es unter ſolchen Umſtänden nicht rathſam ſei, weiter zu ziehen, darüber waren alle ſogleich einig. Der einzige Troſt, den die Kundſchafter zurückge⸗ bracht, war der, daß ſie Brod und einige andere Lebens⸗ mittel gekauft hatten. Auch hatten ſie einen einſam wohnen⸗ den Mann gefunden, einen Steinhauer, der die unterirdiſchen Gänge des Peterberges ſehr genau kannte, und ihnen verſprach, nicht nur Lebensmittel in die Petershöhle zu ſchaffen, ſon⸗ dern auch öfters Nachricht zu bringen, wie es in Beziehung auf die Sicherheit oder Unſicherheit der Wege und Straßen ſtehe. Nicht ohne Unruhe brachten die Verbannten den Tag in dem unterirdiſchen Raume zu, während nur einzelne derſel⸗ ben ſich hinauswagten, um das nöthige Futter für die Pferde und das Holz zur Unterhaltung der Feuer herbeizu⸗ ſchaffen. Als aber gegen Abend der Steinhauer wirklich mit einem wohl gefüllten Sack in die Höhle trat und Clig⸗ net nach einem kurzen Geſpräche mit demſelben ſeiner Ge⸗ meinde erklärte, der Mann ſei ein Glaubensbruder, dem Die Petershöhle. 21 man wohl vertrauen möge: da war den armen Flüchtlingen ſo leicht um das Herz, als wenn ſie ſchon aller Gefahr ent⸗ ronnen wären. Der Steinhauer blieb bei ihnen bis nach dem Abendſegen, und ging noch mit dem Prediger und einigen andern Männern tiefer in die Höhle hinein. Der kleine Paul bat ſeinen Vater mitgehen zu dürfen, denn die Geheimniſſe dieſer unterirdiſchen Welt ſchienen ſeine ganze Neugier rege gemacht zu haben. Als ihm der Stein⸗ hauer gar einige verſteinerte Thiere zeigte, die in dem Feuer⸗ ſteine häufig vorkommen, als er einzelne Tropfſtein⸗Gebilde ſah, die wie Eiszapfen von dem Gewölbe niederhingen und beim Fackellichte wie durchſichtig erſchienen, da war die Freude des Knaben überaus groß. Er jubelte laut beim Anblicke dieſer nie geſehenen Dinge. Auch für Clignet war die Wanderung ſehr intereſſant und belehrend, doch fürch⸗ tete er, die Seinigen möchten ſich ängſtigen, und bat nun den Führer wieder umzukehren. „Folget mir nur noch eine kurze Strecke, ehrwürdiger Herr!“ verſetzte der Steinhauer.„Ich möcht' Euch gern den Brunnen, den ſchönſten und merkwürdigſten Punkt der ganzen Höhle, zeigen.“ Damit führte er ſie noch eine kleine Weile fort, und ſagte dann:„Wir ſind am Ziele!“ Er hieß nun die Fackelträger etwas auseinandertreten, und alle waren überraſcht, als ſie ſich in einer weiten, hochgewölbten Halle ſahen. Einen ſo großen Raum hatten ſie in dieſen Gängen nicht vermuthet. Dem Geiſtlichen kam es vor, als ſei er in eine unterirdiſche Kapelle eingetreten. Nun zeigte ihnen der 22 Zweites Kapitel. Führer den eigentlichen Brunnen. Es iſt eine Stelle, und zwar die einzige Stelle in dem ganzen Labyrinthe, an wel⸗ cher Waſſer von der Decke herabtropft. Und dieſe Waſſer⸗ tropfen fallen gerade auf den Stumpf eines verſteinerten Baumes, der mehrere Fuß über den Boden emporragt, wäh⸗ rend der obere Theil abgebrochen iſt. Die fallenden Tropfen haben eine Vertiefung in den Stamm gehöhlt, ſo daß das Waſſer daraus geſchöpft werden kann. Clignet und ſeine Begleiter tranken von dieſem Waſſer, und fanden es rein, wohlſchmeckend und kalt. Der Geiſtliche betrachtete die weite Halle mit ernſtem Nachdenken.„Lieber Freund,“ ſprach er hierauf zu dem Steinhauer,„es iſt morgen Sonntag, und ich möchte einen feierlichen Gottesdienſt halten mit meiner Gemeinde. Hier wäre die Kirche dazu. Möchtet ihr nicht morgen in der Frühe wiederkommen und uns hier⸗ herführen, weil wir ohne kundigen Führer den Weg nicht wohl finden würden?“ „O recht gern,“ erwiderte der Steinhauer:„ ich ſelbſt würde mich freuen, euerm Gottesdienſte hier beizuwohnen. Und höret nur, wie hier die Töne klingen, die draußen kein menſchliches Ohr vernehmen kann.“ Er rief nun laut, und nach einer Weile klang ſein Ruf weit aus den fernen Gängen zurück. Er ſchlug an die harten Tropfſteinzacken, und es klang durch die nächtliche Halle wie Orgeltöne. Wenn aber alle ſchwiegen, da hörte man nur das eintönige Fallen der Waſſertropfen auf den verſteinerten Baumſtrunk, was in der tiefen Grabesſtille wahrhaft ſchaurig klang. — 12 0 H Die Petershöhle. Paul, der lebhafte Knabe, war ganz entzückt von dem allem, und ſein Vater mußte wiederholt dar an mahnen, daß ſie jetzt wieder zurückkehren müßten. Der Sonntagsmorgen kam. Früh fand ſich der ehrliche Steinhauer ein, und die kleine Gemeinde, ihren Geiſtlichen an der Spitze, folgte ihm nach der Halle des Brunnens; ein Mann hielt ſich als Wächter nahe bei dem Eingange der Höhle auf. Um die dunkle Halle des Brunnens, welche heute die Kirche abgeben ſollte, möglichſt zu erleuchten, hatte man in der Mitte ein helles Feuer angezündet. Ueberdies trugen viele Männer Kienfackeln, einzelne Frauen Oellampen in der Hand. Großmutter Cornelia war von vier Männern auf ihrem Rollſtuhle getragen worden, und ſaß faſt in der Mitte des Raumes, während ſich die Männer auf der einen, die Frauen auf der andern Seite im Halbkr eiſe auf⸗ geſtellt hatten. Der Geiſtliche hatte ſeinen Platz un mittelbar hinter dem verſteinerten Baumſtrunk genommen. Als tiefe Stille eingetreten war, ſtimmte er den ſiebenundzw anzigſten Pſalm an. In gedämpften Tönen ſang die Ver ſammlung dieſes Troſtlied:„Der Herr iſt mein Licht und mein Heil, vor wem ſollte ich mich fürchten? Der Herr iſt meines Lebens Kraft, vor wem ſollte mir grauen?“ Feierlich und ergreifend ſcholl der Geſang durch die hohe Halle, und ſchien ſich in dem weiten Labyrinthe der zahll oſen Gänge zu verlieren. Wenn aber eine Pauſe eintrat, da mußte jedes Ohr unwillkürlich lauſchen, denn es war, als ob 24 Zweites Kapitel. weit in der Ferne ein anderer Chor daſſelbe Lied in noch tieferen, feierlicheren Tönen wiederholte. Nach Beendigung des Geſanges begann Clignet ſeine Predigt. Er hatte den ſehr paſſenden Text Micha 7, Vers 8 und 9 gewählt:„Freue dich nicht, meine Feindin, daß ich darniederliege ich werde wieder aufkommen. Und ſo ich im Finſtern ſitze, ſo iſt doch der Herr mein Licht. Ich will des Herrn Zorn tragen, denn ich habe wider ihn geſündiget, bis er meine Sache ausführe und mir Recht ſchaffe. Er wird mich an das Licht bringen, daß ich meine Luſt an ſeiner Gnade ſehe.“— Er zeigte ſeinen Zuhörern, daß ſie ein ähnliches Schickſal hätten, wie die erſten Chriſten, die auch nicht ſelten in unterirdiſchen Höhlen und Gewölben ihren Gottesdienſt feiern mußten. Noch nie hatte er inni⸗ ger zu den Herzen geſprochen und niemals war die Erbau⸗ ung ſeiner Gemeinde größer geweſen, als hier unten im Bauch der Erde, in dieſer dunkeln, ſchauerlichen Felſenhöhle. Nach dem Gebete des Geiſtlichen folgte eine Handlung, welche die ganze Verſammlung faſt noch tiefer ergriff. Ein geſtern in der unterirdiſchen Höhle zur Welt gekommenes Kind ſollte auch hier in der Tiefe der Erde die Weihe der heiligen Taufe empfangen. Die ganze Gemeinde wollte Pathenſtelle bei dem Kinde vertreten, und die verehrteſte Perſon in derſelben, die alte Mutter Cornelia, ſollte die ganze Gemeinde vertreten und das Kind aus der Taufe heben. Ihr wurde der Säugling in die Arme gelegt, und ſie ward mit ihm vor den verſteinerten Stamm getragen, Die Petershöhle. 25 der hier als Taufſtein galt. Ihr zur Seite ſtand der Vater des Kindes. Der Knabe ſollte Peter heißen zum Andenken an die Petershöhle, in der er geboren ſei. Sodann taufte er das Kind mit dem Waſſer, das ſich in der Aushöhlung des Baumſtammes, wie in einem Gefäße, geſammelt hatte. Cornelia wurde hierauf wieder an ihren vorigen Platz zurückgetragen, und ſie, die älteſte der Verſammlung ſtimmte mit einemmal den dreiundzwanzigſten Pſalm an. Ihr Sohn und mit ihm die ganze Verſammlung war überraſcht, aber alsbald ſtimmten ſie alle mit ein, denn kein anderes Lied hätte paſſender dieſen Gottesdienſt ſchließen können. Wie wunderſam tröſtend klangen in dieſer unterirdiſchen Nacht die vom Echo ſpät und leiſe wiederholten Worte: „Der Herr iſt mein Hirt, mir wird nichts mangeln. Und ob ich ſchon wanderte im finſtern Thal, ſo fürchte ich kein Unglück, denn Du biſt bei mir, Dein Stecken und Stab tröſten mich.“ Drittes Kapitel. Das verlorene Kind. Du läſſeſt mich erfahren viele und große Angſt und machſt mich wieder lebendig und holeſt mich wieder aus der Tiefe der Erde herauf. Pſ. 71, 20. Fünf Tage hatten die Verbannten unter Furcht und Hoffnung in ihrem unterirdiſchen Verſtecke zugebracht, als 26 Drittes Kapitel. ſpät Abends der brave Steinhauer erſchien und erklärte, die wilden Soldaten⸗Horden ſeien abgezogen und er glaube, daß man ohne große Gefahr weiterziehen könne. Zu größerer Sicherheit verſprach er, die Auswanderer auf einem einſa⸗ meren Seitenwege einige Stunden weit zu führen. Die Nachricht erfüllte Aller Herzen mit großer Freude. Denn der traurige Aufenthalt in der dunkeln Felſenhöhle war ihnen nach und nach außerordentlich drückend geworden. Sie ſehnten ſich unausſprechlich nach dem hellen Tageslichte und nach der friſchen, freien Frühlingsluft, die draußen wehte. Es wurde alſo beſchloſſen, mit dem früheſten Morgen auf⸗ zubrechen. Ja man wollte noch den Mondſchein zur Reiſe benützen und darum ſchon einige Stunden nach Mittern acht die Höhle verlaſſen. Der abnehmende Mond ſtand hoch am Himmel, als man die Wagen und Pferde aus der Petershöhle zog und dann möglichſt ſtill, aber doch in gedrängtem Schwarme aus der beengenden Höhle unter die Bäume des Waldes herauseilte. Der Pfarrer ordnete den Zug, damit nament⸗ lich in der Nacht und Dämmerung weder Unordnung noch Gefahr entſtehen könne. Als die Glieder der einzelnen Fa⸗ milien beiſammen waren, ſuchte der Geiſtliche auch die Seinigen auf. Die Großmutter ſaß bereits auf dem Wagen, die kleine Marie bei ihr, aber Paul fehlte.„Wo iſt unſer Paul?“ fragte Eliſabeth voller Beſorgniß ihren Gatten. Weder der Vater noch Marie wußten es. Das Mädchen behauptete, ſie habe ihn noch nicht geſehen, ſeit —— e„—„———+„———— S e Sr—„ — Das verlorene Kind. 27 ſie aus der Höhle ſeien. Die ängſtliche Mutter lief umher und fragte allenthalben, ob der Knabe nicht da ſei, ob ihn niemand geſehen habe. Weder ſie noch der ſuchende Vater konnte ihn finden oder eine genügende Antwort erhalten. Eliſabeths Angſt wuchs von Augenblick zu Augenblick. Auch den Vater ergriff die Angſt immer mehr, und in die ganze Schaar kam Verwirrung. Clignet eilte an den Eingang der Höhle, und ſeine Frau folgte ihm.„Paul!“ rief er laut in die Höhle hinein, aber das lauſchende Ohr hörte nur einen dumpfen Widerhall des ausgerufenen Namens. „Paul!“ ſchrie auch die Mutter in der höchſten Angſt. Sie erhielt eben ſo wenig eine Antwort. Mit einem lauten Jammerſchrei und dem Ausrufe:„Mein Kind! mein Kind!“ ſtürzte ſie in die Höhle. Der Vater, dem kaum weni⸗ ger ängſtlich zu Muthe war, wollte ſie zurückhalten, aber ſie riß ſich los, und eilte hinein in das tiefe, nächtliche Dun⸗ kel. Clignet rief nach Licht, folgte aber ſeinem Weibe ohne Verzug. Der nächſte hinter ihm war der Steinhauer. „Haltet ein!“ rief dieſer:„es gibt ein Unglück, wenn ihr den Weg verfehlet.“ Aber Eliſabeth hörte nicht auf ihn. Trotz der undurchdringlichen Finſterniß flog ſie ordentlich mit vorgehaltenen Händen dahin und rief unaufhörlich den Na⸗ men ihres Kindes in herzzerreißenden Tönen. Erſt an der Lagerſtelle, wo noch das Feuer brannte, holten Clignet und der Steinhauer ſie ein. Da ſtand ſie und ſtarrte umher, aber kein Paul war zu entdecken.„Clignet! Clignet!“ rief ſie,„wo iſt unſer Kind?“ 28 Drittes Kapitel. „Eliſabeth,“ ſagte der Pfarrer,„es iſt in Gottes Hand. Beruhige dich, Paul wird ja wohl nicht verloren ſein.“ Er ſprach dies ſo ruhig als möglich, und doch war ſein eigenes Herz voll unausſprechlicher Angſt, die er ver⸗ gebens niederzukämpfen ſuchte. „Gott! mein Gott!“ rief die verzweifelnde Mutter, „wo mag er ſein? Denke dir den armen Knaben in dieſen dunkeln, ſchauerlichen Gängen verirrt; denke dir ſeine Angſt in dieſem unermeßlichen Grabe.“ „Dieſer Mann hier,“ verſetzte Clignet auf den Stein⸗ hauer deutend,„wird uns behilflich ſein, ihn zu ſuchen. Kehre du zurück, liebe Eliſabeth, zu Marien und der Groß⸗ mutter, wir wollen die Gänge durchſuchen.“ „Nein, nein!“ erwiederte ſie raſch und beſtimmt,„ich muß ihn finden.“ „Sollte der Knabe nicht etwa nach der Halle des Brun⸗ nens gegangen ſein, wo es ihm ſo wohl gefiel?“ bemerkte einer der nachgefolgten Männer. „Ja, fort, fort nach dem Brunnen!“ rief die Pfarrerin. Sie wollte forteilen, aber ihr Mann hielt ſie zurück, bis die Männer ſich mit brennenden Kienfackeln und Lichtern ver⸗ ſehen hatten. Unterdeſſen rief er nach allen Seiten hin den Namen des Knaben, jedoch vergebens. Hierauf eilten die Suchenden nach der Halle des Brunnens, denn daß ſie in die verſchiedenen Seitengänge ſich vertheilten, ging nicht an. Der Steinhauer warnte ernſtlich davor, weil die Gefahr des Verirrens zu groß wäre. Unter fortgeſetztem Rufen und Nv„ 285 Das verlorene Kind. 29 Lauſchen gelangte man in den jüngſt zur Kirche geweihten Raum. Auch hier war keine Spur von dem Knaben. Nur das ferne Echo gab den Namen Paul zurück. Da ſchwand die letzte Kraft der auf's äußerſte geängſteten Mutter. Ihre Sinne fingen an ſich zu verwirren, und mit dem Jammer⸗ ruf:„Gott, mein Gott! gib mir mein Kind wieder!“ brach ſie bewußtlos zuſammen. Sie mußte aus der Höhle getra⸗ gen werden. Wehklagend empfingen ſie die draußen ängſtlich Harren⸗ den. Die Nachricht, daß Paul immer noch nicht aufgefun⸗ den ſei, vergrößerte die Beſtürzung und den Jammer der Verbannten. Nur Mutter Cornelia mit ihrem ſtarken Geiſte ſprach noch Worte der Beruhigung, obgleich auch ihr Herz unausſprechlich betrübt war. Die kleine Marie dagegen war ganz aufgelöst in Thränen und warf ſich jammernd neben der bleichen, ohnmächtigen Pflegemutter nieder, mit deren Wiederbelebung ſich die Frauen emſig beſchäftigten. Clignet war in der Petershöhle zurückgeblieben, um ſeine Nachforſchungen fortzuſetzen. Am Brunnen warf er ſich auf die Kniee nieder und rief laut:„Herr! ſuche uns nicht zu ſchwer heim! prüfe uns nicht zu hart! ſondern laß die Verſuchung ſo ein Ende gewinnen, daß wir's tragen können.“ Mittlerweile hatte ſich der Steinhauer beſonnen, welchen Weg er nun einſchlagen ſolle. Die Suchenden ſetzten nun in möglichſter Eile, aber doch mit der nöthigen Vorſicht, ihre Nachforſchungen fort. 30 Drittes Kapitel. Sie durchwanderten eine Unzahl größerer und kleinerer Gänge, die ſich in viel hundert Verzweigungen und Win⸗ dungen unter der Erde hinziehen. Sie riefen, ſie lauſchten, aber immer vergeblich. Ihre Fackeln brannten allmälig herab, die Flämmchen der Oellampen wurden ſchwächer. Der Steinhauer mahnte zur Eile, denn wenn die Leuchten erlöſchen würden, ſei er ſelbſt nicht mehr im Stande, in der undurchdringlichen Finſterniß einen Ausgang zu finden. Indeß erreichten ſie endlich glücklich einen ſolchen, aber ſie ſahen ihn nicht eher, als bis ſie ganz nahe davor ſtanden, denn die Krümmungen der Gänge erlaubten keinen Blick in weitere Ferne. In einer ganz anderen Gegend waren ſie aus dieſer Unterwelt herausgetreten, aber von Paul war auch da nichts zu ſehen, und kein Rufen nützte etwas. War es ein Wun⸗ der, wenn Clignets ſonſt ſo feſtes und muthiges Herz zu zagen begann, wenn er bitterlich weinte um ſein einziges liebes Kind, das er allen Schrecken der Angſt und Verzweif⸗ lung preisgegeben wußte? Indeß war der helle Tag am Himmel heraufgekommen. Man mußte zu den Gefährten zurückeilen, um dieſe nicht länger in großer Beſorgniß um die Suchenden zu laſſen. Und Clignet eilte um ſo mehr, da er ja nicht wußte, wie es um ſeine liebe Hausfrau ſtehe. Der Steinhauer führte ſeine Begleiter auf dem kürzeſten Pfade über die Höhe, und doch brauchten ſie beinahe eine volle Stunde, um an den Haupt⸗ eingang zu gelangen. Ohne Rath und Troſt, wie ſie ſelbſt, 7 Das verlorene Kind. 31 fanden ſie die ganze Verſammlung. Der Geiſtliche ſah ſich ſogleich nach ſeinem Weibe um. Sie ſaß bleich und kraft⸗ los auf einem Steine, die Stirne in die hohle Hand geſtützt. Als Elignet ihren Namen rief, that ſie einen lauten Schrei. Ihr Ange irrte ſuchend umher, und als es den Knaben nicht fand, bedeckte ſie mit beiden Händen das Geſicht und ſagte leiſe wimmernd:„O, mein Kind iſt lebendig begraben! Er⸗ barme dich, mein Gott und Herr!“ Kein Auge war thränenleer bei dem Jammer der lieben Pfarrers⸗Familie. Der Geiſtliche ſelbſt ermannte ſich zu⸗ erſt wieder, beugte ſich zu ſeinem bekümmerten Weibe nieder und ſagte laut:„Eliſabeth, laß uns den Knaben dem treuen Menſchenhüter befehlen, aber noch nicht alle Hoffnung auf⸗ geben. Wir haben die Höhle nach einer Seite hin durch⸗ ſucht, wir wollen nicht ablaſſen zu ſuchen, ob uns der Herr vielleicht unſern Sohn wieder finden laſſen möchte.“ „Ja, geht, geht!“ verſetzte die Pfarrerin ſchnell.„ Eilet, jede Minute iſt eine Ewigkeit der Todesangſt für das arme Kind. Es könnte zu ſpät ſein, wenn ihr länger ſäumet.“ So wurde denn ſchleunigſt Anſtalt getroffen, die Nach⸗ forſchungen von neuem zu beginnen. Man ſorgte für hin⸗ reichende Leuchten; man band alle Seile und Schnüre zu⸗ ſammen, um einen Leitfaden für die zu machen, welche in der Höhle einen andern Weg, als der Steinhauer, nehmen wollten. An einer ſolchen im Hauptgange befeſtigten Schnur konnten ſie unfehlbar wieder den Rückweg finden. So begab ſich denn noch eine größere Zahl von beherzten Männern in 32 Drittes Kapitel. das Höhlen⸗Labyrinth und begann von neuem mit allem Eifer die Nachforſchung nach dem verſchwundenen Paul. In größter Spannung und unter innigem Gebete harr⸗ ten die Zurückgebliebenen Stunden lang. Endlich kam eine Abtheilung der Suchenden nach der andern ganz niederge⸗ ſchlagen zurück. Zuletzt erſchien der Pfarrer mit dem Stein⸗ hauer ebenfalls ohne Paul, und bleicher und verſtörter als zuvor. Sie waren in einem der Gänge auf ein menſchliches Gerippe geſtoßen. Da hatte vor vielen Jahren wohl auch ein Unglücklicher vergebens einen Ausgang geſucht und einen jämmerlichen Tod in der Höhle gefunden. Der Eindruck, den dieſe Entdeckung auf den armen Vater machte, war fürch⸗ terlich, doch ſprach er keine Sylbe davon. Der Jammer der Pfarrerin und das Wehklagen der Gemeinde war nun herzzerreißend. Der Stuhl der Groß⸗ mutter ſtand auf der Erde, Eliſabeth lag vor ihr auf den Knieen und drückte ihr Geſicht in ihren Schooß, die kleine Marie hing ſchluchzend an ihr. Cornelia hatte die Hand auf das Haupt ihrer Schwiegertochter gelegt; aus ihren blinden Augen rannen große Thränen. Elignet drückte einige Minuten lang die linke Hand feſt auf ſeine Augen, dann richtete er ſich gerade auf, und ſprach mit bebender Stimme, aber ernſt und feierlich:„Herr, nicht unſer, ſondern dein Wille geſchehe! Eliſabeth, das Kind, das Gott uns gege⸗ ben, war nicht unſer, ſondern ſein. Der Herr hat es gege⸗ ben, der Herr hat es genommen, der Name des Herrn ſei gelobt.“ Das verlorene Kind. 33 Eliſabeth hob ihr Haupt empor und ſagte im Ton der tiefen, demüthigen Ergebung:„Ja, Clignet, du haſt recht. Gegen Gott wollen wir nicht murren.“ „Eliſabeth,“ ſprach Cornelia,„der Herr tröſte und ſtärke dein betrübtes und zagendes Herz, damit dir nie das Wort gelte: Wer Sohn oder Tochter mehr liebt, denn mich, der iſt meiner nicht werth. Harre auf Gott, denn du wirſt ihm noch danken, daß er deines Angeſichtes Hilfe und dein Gott iſt.“ „Ja,“ ſagte Eliſabeth mit einem Blick gen Himmel, „weß ſoll ich mich tröſten? Ich hoffe auf dich. Ich will ſchweigen und meinen Mund nicht aufthun; du wirſt es wohl machen.“ Clignet hatte ihre Hand gefaßt, und ſo ſchmerzlich be⸗ wegt ſeine Seele war, ſo mußte er ſie doch freundlich an⸗ ſehen. Er ſprach kein Wort, aber ſeine Seele erkannte mit Dank, welch ein köſtlicher Schatz ihm in ſeinem Weibe und in ſeiner Mutter geblieben. In dieſem Augenblicke kam des Steinhauers Weib athem⸗ los gelaufen und meldete, daß ſich ein Trupp Soldaten in der Nähe zeige. Clignet trieb daher zum ſchleunigen Aufbruche. Er ſelbſt erklärte, er müſſe zurückbleiben, um weitere Nachforſchungen nach ſeinem Sohne anzuſtellen. Zwei beherzte junge Männer blieben zum Schutze und zur Hilfe bei ihm. Eliſabeth wollte zwar Einwendungen machen, aber ihr Gatte redete ihr freundlich zu, und ſo ergab ſie ſich denn ſtill in das Unver⸗ Blaul, Glaubenstreue.(. A.) 3 34 Drittes Kapitel. meidliche. Der Steinhauer befahl ſeinem Weibe, die Flücht⸗ linge auf dem Seitenwege eine oder zwei Stunden weit zu führen, weil er ſich mit dem Geiſtlichen wieder in die Pe⸗ tershöhle begeben müſſe. Es wurde verabredet, daß der Zug in Aachen den Pfarrer oder doch einen der beiden jungen Männer erwarten ſolle, und nun ging es in möglichſter Eile voran. Wir müſſen nun den verlorenen Knaben aufſuchen und ſehen, was aus ihm geworden iſt. Paul war wirklich in der Petershöhle zurückgeblieben, oder vielmehr in dieſelbe zurückgekehrt. Es fiel ihm ein, daß er die ſchönen Verſteinerungen, welche ihm der brave Steinhauer geſucht und geſchenkt hatte, ganz vergeſſen habe. Dieſen ſeinen Schatz wollte er nicht zurücklaſſen. Schnell raffte er eine am Ausgang weggeworfene Fackel vom Boden auf und eilte in die Höhle zurück, ohne daß dies von Je⸗ manden bemerkt worden wäre. Jedermann war zu ſehr mit ſich ſelbſt beſchäftigt. Glücklich kam der Knabe bei den Feuern am Lagerplatz an und fand bald wieder das Eckchen, in welchem er die hübſchen Sachen aufbewahrt hatte. Nach⸗ dem er ſie alle zu ſich geſteckt, machte er ſich eilig auf den Rückweg. Aber ſtatt den Gang zu wählen, den er gekom⸗ men war, ſchlug er ahnungslos einen andern ein. Er hatte ſich bei ſeiner Beſchäftigung einigemal umgedreht, und in⸗ dem er nun meinte, er dürfe nur gerade fortgehen, war er in einen der zahlreichen Seitengänge gerathen. Eine ziem⸗ Das verlorene Kind. 35 liche Strecke weit lief er fort, ohne zu bemerken, daß er auf falſchem Wege ſei. Als er aber nach ſeiner Berechnung nahe am Ausgange ſein mußte und immer noch kein Ge⸗ räuſch hörte, immer noch keine Helle erblickte, da ward ihm allmälig bange. Raſcher lief er voran, doch überzeugte er ſich noch deutlicher, daß er auf dieſem Wege nicht zu den Seinigen komme. Er blieb ſtehen, ſah ſich um, rief laut und lauſchte. Keine Antwort erfolgte. Da ſtieg ſeine Angſt von Sekunde zu Sekunde. Vorwärts wagte er nicht mehr zu dringen. Er wandte ſich rückwärts, und ſchlug einen der nächſten Seitenwege ein, von welchem er glaubte, er müſſe nach dem Ausgange führen. Aber bald ſah er ſich in eine(m Gewirre gewundener Gänge, von denen immer einer in den andern führte. Jeden Angenblick war erunſchlüſſig, welchen er einſchlagen ſollte, und ſchlug wirklich jeden Augenblick einen andern ein, ohne es ſelbſt zu wiſſen. Die Angſt be⸗ flügelte ſeine Schritte, und wie ein gehetztes Wild eilte er fort ſo ſchnell es die Windungen der Gänge und manche Unebenheiten des Bodens erlaubten. Er fing an zu weinen und ſchrie laut. Er blieb ſtehen, um zu horchen, und da er nur den fernen Widerhall ſeiner eigenen Stimme ver⸗ nahm, floh er dann noch mehr geängſtigt weiter. Seine Angſt erreichte den entſetzlichſten Grad, als ſeine Kienfackel bis nahe an ſeine Hand herabgebrannt war. Seine Stimme wurde heiſer durch das unaufhörliche Angſtgeſchrei, unter ſeiner Stirne pochte es, als ob ſie zerſpringen wollte. Die Todesangſt hatte ihn dem Wahnſinne nahe gebracht. End⸗ 36 Drittes Kapitel. lich erloſch auch die Fackel noch, und er ſtand umgeben von der undurchdringlichen Finſterniß dieſes unermeßlichen Gra⸗ bes.„Ach Gott! ach lieber Gott, rette mich!“ rief er ver⸗ zweifelnd aus. Wer könnte oder möchte die unausſprechliche Todesangſt des armen Knaben ſchildern? Stehen bleiben konnte und durfte er jedoch nicht. Mit vorgehaltenen Händen tappte er weiter, ſo ſchnell es ihm dieſe undurchdringliche Finſterniß erlaubte. Oft ſtrauchelte er, oft ſtieß er an die Felswände, aber er hielt nicht mehr an. Die Verzweiflung trieb ihn vorwärts. Endlich nach langer und ſchrecklicher Todesangſt verſpürte er einen friſchen Luftzug, und ſah bald darauf einen matten Lichtſchimmer aus der Ferne in die Höhle dringen. Alle ſeine Kraft nahm er zuſammen, und flog im ſchnellſten Laufe dem nahen Aus⸗ gange zu. Eine halbe Stunde etwa von der alten Stadt Lüttich iſt der äußerſte Ausgang aus der Petershöhle. Dieſer war es, den Paul nach ſeiner unterirdiſchen Irrfahrt erreichte. Er ſtürzte hinaus und fiel unter dem freien Himmel weinend nieder auf ſein Angeſicht. Der arme Knabe zitterte an allen Gliedern. Und doch war in ſeiner Seele ein klares Gefühl, das des Dankes gegen den lieben Gott, der ihn von einem ſchrecklichen Tode gerettet hatte. Worte hatte er nicht, um dieſen Dank auszudrücken, aber ſeine Seele war davon erfüllt. Nach einiger Zeit erhob er ſich von der Erde und ſchaute 7 Das verlorene Kind. nun um ſich, als ob er eben aus einem tiefen Traum er⸗ wache. Dieſe Gegend hatte er noch nicht geſehen; das war nicht die Pforte, durch welche er mit ſeinen Eltern und Be⸗ kannten in die unterirdiſche Wohnung gezogen war. Hoch oben ſtand er auf einer hohen Felswand, die mit Geſträuch und Bäumen bekleidet war. Unter ſich hörte er ein Waſſer rauſchen, und etwas weiter ſah er in die Fluthen eines kla⸗ ren Fluſſes, in dem ſich der freundliche blaue Frühlings⸗ himmel ſpiegelte. In weiterer Ferne erhoben ſich die Thürme einer Stadt. Die Stadt war Lüttich, der Fluß die Maas. Staunend betrachtete Paul die liebliche Ausſicht. O wie ganz anders war es da, als vorhin da unten im Bauch der Erde! Aber alle dieſe Schönheiten und alle Freude darüber verſchwanden für Paul, als er ſeiner Eltern gedachte. Er ſah ſich ja ganz allein; weit und breit war kein Menſch. Wie weit mochte er durch ſeine unterirdiſche Wanderung von den Seinigen ſich entfernt haben? Dieſer Gedanke überfiel den armen Knaben mit aller ſeiner Qual. Aber quälender noch war ſein Durſt. Zunge und Gaumen waren ihm wie vertrocknet. Doch da unten war ja ein Fluß, er hörte ja das Rauſchen des Waſſers. Da hinab mußte er, um ſeinen brennenden Durſt zu ſtillen. Er eilte vorwärts durch das Gebüſch, das die jäh abſchüſſige Felswand vor ſeinen Blicken verhüllte. Er ſah und hörte kaum, ſo fieberiſch brannte ſein Kopf. Zu raſch ſtürmte er deßhalb voran, und mit einem 8 Drittes Kapitel. 2 gellenden Schrei ſtürzte er plötzlich tief hinab, und das Waſſer der Maas ſchlug über ihm zuſammen. Sicherlich wäre Paul ertrunken, wenn nicht unweit der Felswand ein Fiſcher in ſeinem Kahne mit Fiſchen beſchäftigt geweſen wäre. Dieſer Mann ſah glücklicherweiſe einen Ge⸗ genſtand über die Felſen herabſtürzen, er hörte den Schrei, ſah, wie das Waſſer hoch aufſpritzte, und fuhr nun mit ſeinem Kahn haſtig der Stelle zu, wo der Knabe unter dem Waſſer verſchwunden war. Eine kleine Strecke ſtromabwärts ſah er einen Arm aus der Fluth auftauchen. Schnell eilte er dahin, und es gelang ihm in der That, den Verunglückten aus dem Waſſer zu ziehen. Ob der Knabe noch lebe oder nicht, konnte der Fiſcher nicht ſo bald unterſcheiden. Paul lag wenigſtens wie eine Leiche in dem Kahne. Ohne Säu⸗ men griff der Mann zum Ruder, fuhr gegen das andere Ufer hinüber und dann ſo ſchnell als möglich den Fluß hin⸗ auf. An einer Hütte, die einſam nicht fern vom Ufer ſtand, legte er an, und trug nun den Knaben ſchleunigſt in die niedrige Stube, welche zugleich zur Küche diente, und wo ſeine Frau am Herde ſtand, um das Mittageſſen zu bereiten. Das Weib fuhr erſchreckt zurück, als ſie den lebloſen Kna⸗ ben in den Armen ihres Mannes hängen ſah. Sie warf Alles beiſeite und half den Knaben entkleiden. Die beiden Leute rieben den lebloſen Körper, ſchlugen ihn in warme Tücher ein, und gaben ſich alle erdenkliche Mühe, ihn wie⸗ der in's Leben zurückzurufen. Während ſie nun ſo beſchäftigt waren und der Fiſcher Das verlorene Kind. 39 ſeinem Weibe erzählte, wo und wie er den Knaben aufge⸗ fiſcht habe, hatten ſie die große Freude, ihre menſchenfreund⸗ liche Bemühung durch einen günſtigen Erfolg belohnt zu ſehen. Pauls Leben war noch nicht entflohen. Er athmete wieder. Im warmen Bette kehrte das Leben vollends zurück, nicht ſo die Beſinnung des Knaben. Ein heftiges Fieber ſchüttelte ihn, und in ſeinen Phantaſieen redete er allerlei durcheinander. Er rief bald ſeinem Vater und ſeiner Mutter, bald nach Marien und der Großmutter; am öfterſten ſprach er von der finſtern, ſchrecklichen Höhle, und zwar mit allen Zeichen und Ausdrücken des Entſetzens. Der Fiſcher und ſeine Fran ſtanden voll Mitleid und Erſtaunen vor dem Lager Pauls. Sie hatten keinen Zweifel mehr darüber, daß dieſer in der Petershöhle geweſen ſein müſſe. Darüber aber zerbrachen ſie ſich die Köpfe vergeblich, wo er her und wer ſeine Eltern ſein möchten. Daß er nicht gemeiner Leute Kind ſei, bewieſen ſchon ſeine Kleider. Viel⸗ leicht war das ein Beweggrund mehr, den Kleinen recht ſorgfültig zu pflegen. Jedenfalls thaten die armen Leute an ihm, was in ihren Kräften ſtand. Der Fiſcher, deſſen Hütte nur einige tauſend Schritte von Lüttichs Mauern entfernt lag, kam faſt täglich in die Stadt, erkundigte ſich aber vergeblich nach den Eltern des geretteten Knaben. Kein Menſch wußte etwas von einem verloren gegangenen Kinde. Eines Abends, als der Fiſcher von ſeiner Tagesarbeit heimkehrte und den Nachen an die Kette legte, kam ihm ſein 40 Drittes Kapitel. Weib eilig aus der Hütte entgegen und rief:„Philipp, es iſt, wie wir vermuthet haben: der Bube gehört zu den flüch⸗ tigen Reformirten, und iſt gar eines Pfarrers Kind aus Antwerpen. Iſt's denn auch vor unſerm Herr⸗Gott recht, daß wir an einem ketzeriſchen Kinde ſo viel thun?“ „Geh', Frau,“ verſetzte der Fiſcher,„wie magſt du doch ſo reden? Proteſtant hin oder her, er iſt ein Menſch. Und ſage nur, was kann der Junge dafür, daß er keine chriſtlichen Eltern hat? Aber ſprich, iſt er denn völlig bei ſich?“ „Seit er aus ſeinem tiefen und langen Schlaf aufge⸗ wacht iſt, redet er ganz vernünftig,“ antwortete die Frau. „Laß ſehen!“ ſagte der Fiſcher, und ging in die Hütte. Paul lag noch matt auf dem Bette, aber er hatte ſeine volle Beſinnung wieder. Das hitzige Fieber, in dem er mehrere Tage lang gelegen, war gebrochen. Doch war dem armen Knaben noch Alles wie ein Traum. Der Fiſcher merkte wohl, daß man noch nicht viel mit ihm reden dürfe, und fragte nur, wie es ihm gehe.„Gut,“ antwortete Paul, „nur matt bin ich. Aber wo iſt mein Vater und meine Mutter? Bringet mich zu ihnen.“ Frage und Wunſch des Knaben brachten die Leute in große Verlegenheit. Die Wahrheit durften ſie ihm jetzt noch nicht ſagen; was ſollten ſie ihm alſo antworten? Der Fi⸗ ſcher half ſich ſo gut als möglich, und vertröſtete ihn auf morgen. Paul, der ſehr matt war, gab ſich wirklich zufrie⸗ den, und ſchlief bald wieder ein. Des andern Tages aber Das verlorene Kind. 41 — — —— wachte er munterer auf, und fragte angelegentlicher nach den Seinigen. Da konnte der Fiſcher nicht mehr anders, er mußte ihm ſagen, wie er ihn aus den Fluthen der Moas gezogen. Allmälig erinnerte ſich Paul ſeines Sturzes von der Felswand und ſeiner Irrfahrt in der Petershöhle. Das Alles erzählte er jetzt den beiden Leuten unter Thränen. Aber dieſe Thränen floßen noch reichlicher und der Jammer des armen Knaben war unſäglich, als ihm der Fiſcher ge⸗ ſtehen mußte, daß er bis jetzt noch nichts von ſeinen Eltern habe erfahren können. Doch ſuchte ihn Philipp damit zu tröſten, daß er verſprach, recht angelegentlich nach den Aus⸗ wanderern zu forſchen. Das that er denn auch, während Paul noch den größten Theil des Tages über das Bett hü⸗ ten mußte und nur bisweilen aufſtand, um mit matten, wankenden Schritten vor die Thüre der Hütte zu ſchleichen. Dort ſaß er öfters auf einem Baumſtamm im warmen Sonnenſchein, und wartete mit Thränen der Sehnſucht auf die Heimkehr des Fiſchers, der auf Erkundigung nach ſeinen Eltern ausgegangen war. Philipp kehrte aber jedesmal un⸗ errichteter Sache zurück. Da hatten denn die armen Leute alle Mühe, den troſtlos jammernden Knaben einigermaßen zu beruhigen. Wenn er dann fragte, welcher Weg nach der Stadt Frankfurt in Deutſchland führe, wenn er davon ſprach, daß er dahin laufen wolle, um die Seinigen wieder zu fin⸗ den, da ſchlug die Fiſchersfrau die Hände zuſammen und ſagte:„Kind, das iſt weit, entſetzlich weit, dahin kannſt du 42 Drittes Kapitel. ſo allein nicht gehen, du würdeſt unterwegs ſicherlich zu Grunde gehen.“ Um ihn zu zerſtreuen, nahm der Fiſcher den unglück⸗ lichen Knaben bisweilen mit auf den Fluß, auch hatte er ihm eine Angel gegeben, mit welcher er oft am Ufer ſaß. Aber immer größer ward ſein Heimweh nach den Seinigen. Er kam nun auf den Gedanken, nach Antwerpen zu wandern. Dort hoffte er noch bekannte und befreundete Familien zu treffen, mit denen er ſeinen Eltern nachziehen könnte. We⸗ nigſtens glaubte er, dort ſicherlich etwas von dieſen zu hören. Als er den Fiſchersleuten dieſen Plan mittheilte, ſchien er dem Manne wohl einzuleuchten, aber die Frau wußte allerlei dagegen einzuwenden. Es ſchien in der That, als ob ſie den Knaben nicht mehr gern von ſich laſſe. Sie hatte Gefallen an ihm, um ſo mehr, da ſie ſelbſt keine Kinder hatte. Nur eines war ihr ein Dorn im Auge, nämlich daß Paul proteſtantiſch war. Sie war eben auch von dem unſeligen Wahn befangen, daß nur ein Katholik ein wahrer Chriſt ſei, daß nur ein Katholik ſelig werden könne, ein Proteſtant aber ohne Gnade verdammt werden müſſe. Sie glaubte das wirklich feſt, und betrachtete deßhalb den kleinen Reformirten mit aufrichtigem Mitleiden. Es war ihr ein Gräuel, wenn er betete und dabei nicht das Kreuz ſchlug, nicht die Jung⸗ frau Maria und keinen Heiligen anrief. Und doch betete er das Gebet des Herrn mit den nämlichen Worten, wie ſie, und bekannte mit denſelben Worten, wie ſie, den Glauben an Gott Vater, Sohn und heiligen Geiſt! Er galt nun 7 Das verlorene Kind. 43 einmal in ihren verblendeten Augen für ein der Hölle ver⸗ fallenes Kind, ſo lange er in ſeinem reformirten Glauben bliebe. Nach ihrem Sinne wäre es beſſer geweſen, wenn der arme Knabe auf immer von den Seinigen getrennt blei⸗ ben müßte, als daß er ſie wieder finden und als Proteſtant leben und ſterben ſollte. Das war der Hauptgrund für alle die Schwierigkeiten und Hinderniſſe, die ſie jedem Schritt in den Weg legte, der zur Wiedervereinigung Pauls mit ſeinen bekümmerten El⸗ tern hätte gethan werden können. Sie hatte, wie geſagt, den Knaben lieb gewonnen, aber ſie war ſelbſt nicht Mutter, ſie hatte darum kein Mutterherz, ſonſt hätte ſie ihn wahrlich nicht zurückzuhalten vermocht. Viertes Kapitel. Die Verſuchung. Wie ihr nun angenommen habt den Herrn Je⸗ ſum Chriſtum, ſo wandelt in ihm, und ſeid ge⸗ wurzelt und erbauet in ihm, und ſeid feſt im Glauben, wie ihr gelehret ſeid. Kol. 2, 6. 7. Ein Jahr vergieng, und in der freien Luft, draußen auf dem Fluſſe, wo er dem Fiſcher bei ſeinem Gewerbe fort⸗ 44 Viertes Kapitel. während Handreichung that, wurde Paul ein noch viel kräf⸗ tigerer Knabe, als er es früher ſchon zu werden verſprach. Sein Geſicht war friſch, von der Sonne gebräunt und von dichtem, dunkelbraunem Haare überſchattet. Aber auf den Zügen dieſes Geſichtes lag ein ungewöhnlicher Ernſt, und ſeinem ganzen Ausdrucke ſah man an, daß in dieſem jungen Kopfe ein bedeutender Grad von Willensſtärke und Feſtig⸗ keit wohnte. Die Fiſcherin namentlich hatte nicht ſelten Gelegenheit, Proben dieſes feſten Willens zu ſehen. Seit geraumer Zeit ſchon wiederholte ſie faſt täglich ihre Verſuche, den Knaben in den Schoos der katholiſchen Kirche zu führen, aber immer vergebens. So oft ſie davon anfing, ſo oft ſie ihn bewegen wollte, ſo wie ſie zu beten, oder mit ihr und ihrem Manne in eine der Kirchen Lüttichs zur Meſſe zu gehen, ſtellte er ihr eine beharrliche Weigerung entgegen. Zwar bezeigte er ſich bei dieſen Gelegenheiten nie eigentlich trotzig oder mür⸗ riſch, er war nicht undankbar gegen die Leute, die ihn vom Tode gerettet und ſo gaſtlich aufgenommen hatten und ihn wie ihr Kind behandelten; er bat jedesmal nur, man möge ihm das nicht zumuthen, weil es gegen den evangeliſchen Glauben ſtreite, in dem er getauft und von ſeinem frommen Vater bisher erzogen und unterrichtet worden ſei. Damit blieb er unverrückt bei ſeiner bisherigen Art zu beten und zu denken. War er draußen allein, ſo ſang er die Pſalmlieder, die er gelernt hatte, und an den Sonntagen ging er gewöhn⸗ lich in ein nahes Wäldchen, ſuchte ſich ein ſtilles Plätzchen Die Verſuchung. 45 auf, und ſuchte ſich alle die Erzählungen aus der heiligen Schrift, alles, was er in Kirche und Schule und beſonders von ſeinen theuren Eltern und der lieben Großmutter Cor⸗ nelia gehört oder ſelbſt ſchon geleſen hatte, in das S niß zurückzurufen. Da unter freiem Himmel oder in der Stille des Wal⸗ des weinte er über ſein hartes Geſchick, ſo lange ſchon von ſeinen Eltern getrennt zu ſein; da bat er Gott mit heißem Flehen, er möge ihn doch wieder zu ſeinen Lieben führen. Nie vergaß er dabei, den Herrn um Kraft und Beiſtand zu bitten, damit er nie den Glauben verleugnen möge, um deſſen willen Vater und Mutter und viel tauſend Menſchen das theure Vaterland verlaſſen und alle zeitlichen Güter und Vortheile aufgegeben. Bei ſolcher Geſinnung des durch Unglück frühzeitig heimgeſuchten, aber dadurch auch innerlich gekräftigten Kna⸗ ben war es kein Wunder, daß alle Verſuche der Fiſcherin, ihn zu ihrem Glauben herüber zu ziehen, erfolglos blieben. Dennoch ließ ſie nicht von denſelben ab, ja ſie hatte ſich in der letzten Zeit ſogar einen kräftigeren Beiſtand zu ihrem, wie ſie meinte, Gott wohlgefälligen Bekehrungswerke geſucht. Wir werden bald ſehen, wer derſelbe war. Am Tage vor Mariä Himmelfahrt machte Mutter Anna wieder den Verſuch, Paul zu bereden, am folgenden Tage mit zur großen Prozeſſion zu gehen. Paul ſchüttelte den Kopf und erwiederte:„Nein, Mutter Anna, zur Meſſe kann ich nicht gehen und mit der Prozeſſion 46 Viertes Kapitel. auch nicht. Ich hab' es Euch ſchon oft geſagt, daß das ge⸗ gen meinen evangeliſch⸗reformirten Glauben iſt.“ „Du lieber Himmel!“ rief das Weib ärgerlich;„ biſt du denn immer noch ſo verſtockt? Willſt du denn ewig ein Ketzer bleiben? Aber du magſt dich wehren oder nicht, es bleibt dir nichts anders übrig, du mußt doch katholiſch werden.“ Paul ſah ſie ſtarr und erſchrocken an. Was ſie bisher nur auf gelinde Weiſe gewünſcht, worum ſie ihn nur freund⸗ lich gebeten hatte, das ſagte ſie jetzt ſchroff und beſtimmt heraus. So hatte er ſie noch nicht geſehen. Allein Paul hatte in ſeinem Weſen etwas Feſtes, wonach er am wenig⸗ ſten durch Zwang zu etwas zu bringen war. Nach einigen Augenblicken ſagte er freundlich:„Mutter Anna, das iſt euer Ernſt nicht.“ „Ja es iſt mein Ernſt, mein voller Ernſt,“ fuhr das Weib heraus. „Das werdet ihr nicht erleben,“ ſprach Paul feſt und beſtimmt. „Nicht?“ rief die Fiſcherin.„Das wollen wir ſehen. Was willſt du denn anfangen?“ „Ich will thun, was ich ſchon längſt wollte,“ antwor⸗ tete Paul.„Ich will fortgehen und meinen Vater und meine Mutter aufſuchen.“ Während ſie ihm nun die Unmöglichkeit ſchilderte, den ſpaniſchen Soldaten zu entkommen, ſah Paul plötzlich einen Mönch auf die Fiſcherhütte zukommen. Es war Anna's . Die Verſuchung. 47 Beichtvater, dem dieſe vor kurzem endlich vertraut hatte, daß ſie ſchon länger als ein Jahr einen proteſtantiſchen Knaben, den Sohn eines Predigers aus Antwerpen, beher⸗ berge. Er hatte ihr Vorwürfe gemacht, daß ſie ihm dies ſo lange verheimlicht habe. Indeß war er doch mit ihr nicht unzufrieden, weil er ſah, daß ſie ernſtlich darauf ausging, den Jungen der katholiſchen Kirche zuzuführen. Er hatte ihr geſagt, er werde in dieſen Tagen ſelbſt einmal kommen und zuſehen, was mit Paul zu machen ſei. Da war er nun zur unglücklichen, freilich wie Anna meinte, zur glücklichen Stunde. „Das iſt wohl Paul?“ hob der Ordensmann an mit einem fragenden Blick auf ſeine Beichtbefohlene. Dieſe bejahte, und fuhr dann ſogleich fort zu berichten, wie ſie ſo eben verſucht habe, ſeinen ſtarren Sinn zu erwei⸗ chen, wie er aber rund heraus erklärt habe, daß er nicht zur Meſſe und nicht mit der Prozeſſion gehen werde, daß er die heilige Jungfrau nicht verehren wolle und ihr immer mit Bibelſprüchen Widerpart halte. Nun ſtellte der ehrwürdige Pater dem Knaben ſein, ſei⸗ ner Eltern und aller Proteſtanten Unglück dar als eine Strafe Gottes für ihre greuliche Verirrung und halsſtarrige Verſtocktheit. Er ſuchte dem Knaben kurz zu beweiſen, der Glaube der Proteſtanten ſei gar nicht chriſtlich, ſondern eine Ketzerei. Er ſprach viel von der katholiſchen als der allein ſeligmachenden Kirche, und von der Verdammniß aller derer, die ihr nicht angehörten. 48 Viertes Kapitel. Bei Paul bewirkte der Pater durch ſeine Reden das ge⸗ rade Gegentheil von dem, was er bewirken wollte. Der Knabe war trotz ſeiner Jugend ſchon tiefer begründet in den Lehren ſeines evangeliſchen Glaubens, als daß ihn der Pater hätte wankend machen können. Er erklärte beſcheiden, aber beſtimmt, daß er gelernt habe und glaube, die Lehre der proteſtantiſchen Kirche ſei die Lehre der heiligen Schrift, und fügte hinzu, er wolle, wie ſein Vater, darauf leben und ſterben. „Weißt du nicht,“ ſagte der Mönch,„daß kein Prote⸗ ſtant mehr im Lande geduldet wird, und daß jedem hart⸗ näckigen Ketzer der Tod bevorſteht?“ „So will ich heute noch fortgehen,“ verſetzte Paul. „Daraus wird nichts, mein Beſter!“ rief der Mönch, „ſondern du gehſt mit mir. In unſerem Kloſter ſoll es dir an nichts fehlen, du wirſt es gut haben, und ſicherlich deinen Irrthum einſehen.“ Der Pater ergriff Pauls Hand. Da blitzte das Auge des Knaben, raſch zog er die Hand zurück und ſagte erregt: „Herr Pater, ich gehe nicht mit in's Kloſter.“ Dieſer hatte ihn jedoch ſogleich wieder am Arme gefaßt und hielt ihn feſt. „Burſche,“ ſprach er ſtreng,„nimm Vernunft an und folge mir willig, es möchte dir ſonſt übel ergehen.“ In demſelben Augenblicke kam der Fiſcher, der nach der Stadt gegangen war.„Vater Philipp,“ rief ihm Paul entgegen,„o helfet ihr mir! Sie wollen mich in ein Klo⸗ ſter führen.“ Die Verſuchung. 49 Der Fiſcher eilte herzu, verbeugte ſich tief vor dem Or⸗ densmanne, und fragte:„Ehrwürdiger Vater, was wollt Ihr mit dem Knaben?“ „Ins Kloſter will ich ihn führen, damit er einmal unterrichtet und aus ſeinem verdammlichen Irrthume he⸗ rausgeriſſen werde.“ „O laſſet ihn bei mir,“ bat der Fiſcher, und nahm Paul bei der Hand.„Er iſt ein folgſamer Junge und wird mit der Zeit ſchon einſehen, daß er im Irrthum war.“ „Mit der Zeit?“ rief der Mönch.„Höre du haſt ihn ſchon allzulange bei dir verheimlicht und nichts für ſein Seelenheil gethan. Du haſt zugleich ſchlecht für deine Kirche geſorgt. Was meinſt du, was dir geſchehen würde, wenn ich dein Vergehen anzeigte? Wenn du nicht auch in die Strafe verfallen willſt, die auf der Ketzerei ſteht, ſo laß ihn augenblicklich los. Ich muß wiſſen, was mit ihm zu thun iſt.“ Der Fiſcher, welcher wohl wußte, wie theuer ihn ſelbſt jeder Widerſpruch zu ſtehen kommen würde, ließ den Kna⸗ ben los. Paul aber bebte, als der Mönch wieder ſeine Hand ergriff. Er warf einen ängſtlichen Blick umher, und ſagte raſch:„Alſo ihr könnt und wollt mich auch nicht ſchützen, Vater Philipp? Gott ſei mir gnädig!“ Und im Nu hatte er ſeine Hand aus der des Ordensgeiſtlichen ge⸗ riſſen, ſprang wie ein flüchtiges Reh eine kurze Strecke am Blaul, Glaubenstreue.(2. A.) 4 50 Viertes Kapitel. Ufer hinab, ſtürzte ſich dann in den Strom und ſchwamm mit Anſtrengung aller ſeiner Kräfte einem Fahrzeuge zu, das eben von den Wellen hinabgetragen wurde. Entſetzt ſtanden zuerſt die drei Perſonen in der Nähe der Fiſcherhütte.„Auf! ihm nach!“ ſchrie jetzt der Mönch, und Philipp eilte ans Ufer, um ſeinen Nachen loszuketten. Dieſem war es am wenigſten bange um den Knaben, er kannte ihn ja als ſehr geübten Schwimmer. Mit ſcharfem Auge ſah er ihm nach, und da er alsbald ſeine Abſicht er⸗ rathen hatte, das Schiff zu erreichen: ſo beeilte er ſich nicht allzuſehr, ſondern that, als ob er vor lauter Eile den Kahn nicht ſchnell genug vom Pflocke löſen könne. Er hätte den Jungen ſehr ungern in die Hände des Mönchs geliefert. Während indeſſen Philipp vom Lande ſtieß und ſtrom⸗ abwärts ruderte, eilten Anna und ihr Beichtvater am Lande hinab. Aber der kräftige Knabe bewies ſich als rüſtigen Schwimmer. Bald war er dem Schiffe nahe. Auf dieſem befand ſich ein Herr und eine Dame, beide in reicher Klei⸗ dung, wie ſie die vornehmen Leute in Frankreich zu jener Zeit trugen. Dieſe waren von ihren Sitzen aufgeſprungen und ſahen ängſtlich dem heranſchwimmenden Knaben zu. Die Schiffer hielten die Ruder an, und Spannung und lebhafte Theilnahme zeigte ſich auf jedem Geſichte.„Werfet ihm ein Tau zu!“ befahl die Dame, und ſchnell gehorchten die Schiffer. Paul ergriff das Tauende mitkräftiger Hand, und in wenig Sekunden hatte er ſich an dem Fahrzeuge heraufgearbeitet. Erſchöpft ſank er in der Nähe der Dame 7 Die Verſuchung. 51 in die Kniee und rief flehend:„Edle Frau, rettet mich, ſie wollen mich in ein Kloſter ſperren.“ „Ah! iſt es das?“ ſagte die Dame.„Sind denn dieſe Leute nicht deine Eltern?“ „Nein! nein!“ rief Paul:„ich habe hier keine Eltern.“ In dieſem Augenblicke war der Fiſcher nur noch eine kleine Strecke von dem Schiffe entfernt:„Haltet! gebt mir den Knaben heraus!“ ſchrie er von weitem, und ähnliche Rufe ertönten vom Ufer her. „Um Gottes Willen, edle Frau, rettet mich!“ bat Paul in reinem Franzöſiſch! Die Dame horchte auf, als ſie den Knaben ſo gut fran⸗ zöſiſch reden hörte. Ohne ſich lange zu beſinnen, rief ſie den Ruderern zu:„Fort, ſo ſchnell als möglich!“ Dieſe ſetzten die Ruder ein, und das leichte Fahrzeug flog pfeilſchnell den Strom hinab. Fiſcher, Mönch und Weib waren bei der nächſten Krümmung des Fluſſes aus den Augen des ge⸗ ängſteten Knaben entſchwunden. 4* 52 Fünftes Kapitel. Fünftes Kapitel. Die Hugenotten in Frankreich. Sie verführen mein Volk und ſagen: Frieden! ſo doch kein Friede iſt. Ezech. 13, 10. Der junge reiche Kaufmann Renaud von Rochelle, der auf früheren Reiſen öfters nach Lüttich gekommen war, hatte dort die Tochter eines Handelsfreundes kennen gelernt und ſie gerade an dem Tage als ſeine Gattin heimgeführt, an welchem Paul den Händen des Mönches überliefert und in ein Kloſter gebracht werden ſollte. Mit den beiden jungen Eheleuten war der Knabe die Maas hinab bis nach Rotter⸗ dam gefahren, wo Renand's Schiff lag, das ihn mit Weib und Gütern nach der Heimath bringen ſollte. Wohl war der Knabe tief betrübt geweſen, als er einſah, wie er ſich immer weiter von ſeinen lieben Eltern entferne, aber was hätte er thun ſollen? Allein konnte er ja nicht in dem Va⸗ terlande bleiben, das unter der eiſernen Ruthe des Herzogs Alba ſich krümmte, und den Bekennern ſeines Glaubens gar keine Sicherheit mehr bot. Schon um ſein Leben zu retten, mußte er mit ſeinen Beſchützern das Schiff beſteigen, das ſie nach der fernen Küſte Frankreichs bringen ſollte. Zu dem bezeigten ſich Renaud und ſeine junge Gattin ſo freundlich gegen den verlaſſenen Jungen, tröſteten und er⸗ muthigten ihn ſo liebreich, daß er am Ende froh war, in ſolche Hände gerathen zu ſein. Die Hugenotten in Frankreich. Als das Schiff im Hafen von Rochelle landete, fanden die Reiſenden die feſte Seeſtadt in eigenthümlicher Bewegung. Die Reformirten hatten in dem Religionskrieg gegen die Katholiken dieſe wohl befeſtigte Stadt zu ihrem hauptſächlichſten Sammelplatz gemacht. Sie wimmelte von proteſtantiſchen Kriegern, deren Zahl täglich zunahm, ſeit der Prinz von Condé und der tapfere Admiral Coligny in⸗ nerhalb der feſten Mauern weilten. Auch Renaud's ſchönes und geräumiges Haus war theilweiſe beſetzt. Indeß waren die Gäſte dem Hausherrn keineswegs unangenehm, ſie waren ſeine nächſten Verwandten, nämlich ſeine leibliche Schweſter ſammt ihrem Gemahl, dem Herrn von Sevre, einem Hauptmanne im proteſtantiſchen Heere. Dieſer Edelmann zeigte alsbald ein lebhaftes Intereſſe für den jungen Clignet, der um des Glaubens willen ſchon ſo frühe Schweres erduldet und wahrhaft männliche Feſtig⸗ keit bewieſen hatte. Auch Paul, der wie ein Glied der Familie behandelt wurde, fühlte bald eine herzliche Zunei⸗ gung zu dem Edelmanne. Gewöhnt an die Stille des Pfarrhauſes zu Antwerpen und an die Einſamkeit der Fi⸗ ſcherhütte bei Lüttich, kam ihm das bunte, kriegeriſche Leben und Treiben in la Rochelle ganz eigenthümlich vor. Seine Neugier wurde gereizt, und der Hauptmann mußte ihm oft über dieſes und jenes Rede ſtehen. Mit Ehrfurcht betrachtete er die Helden Condé und Coligny, welche den Glauben vertheidigten, um deſſen willen ſein Vater mit der ganzen Gemeinde in die Verbannung gezogen war. 54 Fünftes Kapitel. Herr von Sevre erzählte ihm, daß auch deutſche Fürſten den franzöſiſchen Proteſtanten zu Hilfe kämen, und verſprach ihm, gelegentlich Erkundigung über die nach Deutſchland ausgewanderten Wallonen einzuziehen. Das belebte in Pauls Seele die Hoffnung, einſtens doch wieder mit den Seinigen vereinigt zu werden. Beſonders lieb war es ihm, daß er hier wieder, wie in Antwerpen, die Kirche beſuchen und die Prediger das Wort Gottes verkündigen hören konnte. Zu Hauſe hatte Paul auch wieder eine Bibel, las fleißig das Wort Gottes und weinte oft ſtille Thränen, wenn ihm einer jener gewaltigen Ausſprüche aufſtieß, die er oft aus dem Munde der blinden Großmutter Cornelia gehört hatte. Es war ihm dabei, als höre er die fromme Frau wieder, und die Sprüche, die aus ihrem Munde wie wunderbar tröſtliche Weisſagungen klangen, tröſteten dann auch ſein zagendes und ſehnſucht⸗ volles Herz. Herr von Sevre konnte nicht gar lange zu Rochelle wei⸗ len, der Krieg hatte wieder begonnen. Harte Kämpfe bezeichnen dieſes und das folgende Jahr. Die Proteſtanten wurden in denſelben zwar nicht über⸗ wunden, doch war ihnen das Glück meiſt nicht günſtig. Indeß zwangen ſie doch ihre Gegner, Frieden zu ſchließen und ihnen völlig freie Uebung ihrer Religion zu geſtatten. Dieſer Friede kam im Anguſt 1570 zu Stande. Ruhe und Sicherheit ſchienen von da an für immer in Frankreich eingekehrt zu ſein. Die Hugenotten in Frankreich. 55 Herr von Sevre begab ſich auf ſein Stammſchloß, das ſüdöſtlich von der Stadt Nantes an dem Flüßchen Sevre lag. Paul Clignet lebte nun abwechſelnd auf dieſem Schloſſe und in Renaud's Hauſe zu la Rochelle. Der wackere zwölfjährige Knabe war beiden Familien ſo lieb ge⸗ worden, daß keine derſelben ihre Anſprüche auf ihn auf⸗ geben wollte. Er aber gefiel ſich wohl am beſten auf dem Schloſſe des Hauptmannes, denn das Leben und Treiben in der freien Natur behagte ihm beſſer, als das in der feſten und engen Stadt. Dort konnte er den Edelmann ſchon auf der Jagd begleiten, und der Fluß und die zahlreichen Fiſchteiche boten ihm Gelegenheit genug, jenes Lieblingsge⸗ geſchäft wieder zu betreiben, das er bei dem Fiſcher Philipp an der Maas gelernt hatte. Ueberdieß hatte Herr von Sevre einen Sohn, der nur zwei Jahre jünger war als Paul, und mit dem er eine wahrhaft brüderliche Freund⸗ ſchaft geſchloſſen hatte. So vergiengen zwei ruhige Jahre. Pauls Leben wäre in jeder Weiſe das angenehmſte geweſen, hätte nicht der Gedanke an ſeine Eltern und die Sehnſucht nach denſelben ſeinen Frieden getrübt. Die Lage der Proteſtanten in Frankreich war während dieſer beiden Jahre in jeder Weiſe befriedigend. König Karl M. legte gnädige und freundliche Geſinnungen gegen ſie an den Tag, und ſchien aufrichtig eine völlige Ausſöh⸗ nung zu wünſchen, ja er verlobte ſeine Schweſter Marga⸗ retha mit dem Oberhaupte der Proteſtanten, dem jungen 56 Fünftes Kapitel. Heinrich von Navarra. Auch ſuchte er die andern Häupter derſelben an ſeinen Hof zu ziehen. Selbſt der greiſe Ad⸗ miral Coligny erſchien daſelbſt und wurde überaus gnädig aufgenommen. Manche Proteſtanten waren zwar mißtrauiſch und hielten dieſe Gunſtbezeugungen nur für eine Falle, in welche man ſie locken wolle, andere aber glaubten feſt, es ſei dem Hofe aufrichtig um dauernden Frieden und um gänzliche Ausſöh⸗ nung der Parteien zu thun. Unter die Zahl der letzteren gehörte auch Herr von Sevre. Ganz vergnügt kam er eines Tages von einer kleinen Reiſe zurück, und ſagte zu ſeiner Gemahlin: „Triff Anſtalten zur Reiſe, wir gehen nach Paris. Die Vermählung des Prinzen Heinrich ſoll ſchon im Auguſt ge⸗ feiert werden, alles ſtrömt nach der Hauptſtadt, wir wollen auch nicht fehlen. Für unſern Glauben iſt eine beſſere Zeit angebrochen, wir wollen uns derſelben freuen.“ Frau von Sevre machte wohl einige Bemerkungen, aber ihr Mann wußte alle Bedenklichkeiten zu beſeitigen. Die An⸗ ſtalten zu der bevorſtehenden Reiſe wurden getroffen, und ſchon in der zweiten Woche des Monats Auguſt verließ eine an⸗ ſehnliche Reiſegeſellſchaft das Schloß Sevre und zog dahin auf der Straße nach der Hauptſtadt des Reiches. Und Paul durfte nicht zurückbleiben; neben ſeinem jungen Freunde, dem Sohne des Hauſes, ritt der vierzehnjährige Knabe fröhlich dahin, den Kopf voll Erwartung aller der Herrlich⸗ keiten, welche er in der Hauptſtadt ſchauen ſollte. Der 18. Augnſt 1572 war der Tag, an welchem die Die Hugenotten in Frankreich. 57 Vermählung Heinrichs von Navarra mit Margarethe von Valois, des Königs jüngſter Schweſter, gefeiert wurde. Die Menge des herbeigeſtrömten Volks, der Fürſten und Edelleute war außerordentlich und der Jubel unbeſchreiblich. Vornehmlich freuten ſich die Proteſtanten, welche in großer Zahl nach der Hauptſtadt gekommen waren und an eine aufrichtige Verſöhnung zwiſchen den beiden Religionsparteien und an einen dauerhaften Frieden glaubten; es that ihnen ſehr wohl, daß ihr vorzüglichſter Mann, der alte Admiral Coligny, ſo beſonders viel bei dem Könige galt, und ſie bauten darauf die ſchönſten Hoffnungen für ihre Zukunft. Auf Coligny hatte unſer Paul auch hier wieder ſein vorzügliches Augenmerk gerichtet. Er war dem Knaben noch ehr⸗- und bewunderungswürdiger geworden, ſeit er wußte, daß er damit umging, nächſtens ein Heer in die Niederlande zu führen, um Pauls Landsleuten und Glaubensgenoſſen gegen die ſchrecklichen Spanier beizuſtehen. Wo es alſo Gelegenheit gab, den weiſen und tapfern Greis zu ſehen, da fehlte Paul Clignet in dieſen Tagen nicht. So folgte er Coligny am vierten Tage nach der königlichen Hochzeit, als er ihn eben aus dem Louvre, dem damaligen Palaſte der franzöſiſchen Könige, kommen ſah. Da fiel ein Schuß aus einem nahen Hauſe, offenbar auf Coligny's Haupt gerichtet, und traf ſeine rechte Hand und ſeinen linken Arm. Der greiſe Held war zurückge⸗ taumelt, faßte ſich aber alsbald wieder, und zeigte nur mit der blutenden Hand nach dem Hauſe, aus welchem der Schuß gefallen war. 58 Fünftes Kapitel. Schon auf den Schuß, dann auf das Geſchrei des Kna⸗ ben und der Umſtehenden hatte ſich alsbald eine große Men⸗ ſchenzahl auf der Straße geſammelt. Die Proteſtanten waren wüthend über die meuchelmörderiſche Unthat mitten im tiefſten Frieden. Paul rannte nach Hauſe und erzählte in athemloſer Haſt, was vorgefallen ſei. Herr von Sevre eilte flugs zu der Stelle der Unthat und von dort in Coligny's Woh⸗ nung. Da fand er ſchon viele vornehme Herren verſammelt. Sie redeten dem meuchleriſch verwundeten Helden zu, er möge Paris verlaſſen. Aber Coligny war ein zu edler Menſch, als daß er hätte an einen ſo ſchändlichen Verrath glauben können. Zudem erſchien nicht lange nach dem be⸗ denklichen Vorfalle ſchon König Karl mit einem zahlreichen Gefolge von Hofleuten in der Wohnung des Admirals und ſprach ihm ſein großes Leidweſen über die verübte Unthat aus. Auch Herr von Sevre hätte es gern geſehen, wenn der Admiral ſich von Paris entfernt hätte, und auch er hatte dazu gerathen; als er aber ſah, daß das Haupt der prote⸗ ſtantiſchen Partei blieb, dachte er am allerwenigſten an's Weggehen. Seine Gattin rieth zwar dazu, doch er war nicht zu bewegen. Er wollte ſie und die beiden Kinder in die Heimath bringen, er ſelbſt aber erklärte, er werde we⸗ nigſtens ſo lange bleiben, bis der Admiral völlig wieder hergeſtellt ſei. Paul, der bei dieſer Unterredung zugegen war, erklärte ſogleich, er wolle Herrn von Sevre nicht ver⸗ laſſen, und bat flehentlich, man möge ihm ſeinen Willen Die Hugenotten in Frankreich. 59 thun, ſelbſt wenn Frau von Sevre mit ihrem Sohne auf ihr Schloß zürückkehre. Noch am nämlichen Abende ſprach man wiederholt von der Sache, und der Hauptmann drang darauf, daß ſeine Gattin und ſein Sohn morgen ſchon die Hauptſtadt verlaſſen ſollten. Beide widerſetzten ſich, aber er beſtand darauf, und in guter Begleitung zogen beide ab. Frau von Sevre war tief ergriffen und ſagte im Augenblicke der Abreiſe:„Lieber Paul, verlaß meinen Mann nicht, wo du nur immer um ihn ſein kannſt. Du biſt ein kluger und gewandter Junge, du kannſt ihm vielleicht von Nutzen ſein.“ „Seid ruhig, gnädige Frau,“ gab Paul zur Antwort: „ich werde nicht von ihm weichen. Großmutter Cornelia aber würde ſagen: Wir ſtehen in Gottes Hand, ohne deſſen Willen kein Haar von unſerem Haupte fällt.“ Sechstes Kapitel. Die Bartholomäusnacht. Plötzlich müſſen die Leute ſterben und zu Mitternacht erſchrecken und vergehen; die Mächtigen werden kraftlos weggenommen. Hiob 32, 20. Die Sonne des 24. Auguſts war längſt untergegangen, und ſelbſt die Straßen der Hauptſtadt, die gewöhnlich bis 60 Sechstes Kapitel. tief in die Nacht hinein belebt waren, lagen da wie ausge⸗ ſtorben. Es ſchien, als ob ganz Paris von den rauſchenden Feſtlichkeiten der vergangenen Tage ſo abgeſpannt und er⸗ müdet wäre, daß es ſich einmal wieder durch längeren Schlaf erholen müſſe. Unſer Paul hatte zwar das nicht nöthig, aber doch war er frühzeitig zur Ruhe gegangen, und zwar ehe Herr von Sevre nach Hauſe gekommen war. Der Knabe ſchlief jedoch keinen ruhigen Schlaf, er träumte heute ſchwer, und rief plötzlich laut im Traume:„Ach! ſie haben ihn geſtochen!“ Sein Schrei war ſo laut, daß der alte Diener, der im Vorzimmer auf ſeinen Herrn wartete, mit der Lampe hereintrat und fragte:„Paul, was iſt dir?“ Paul war über ſeinem eigenen Ausrufe völlig erwacht, und ſagte:„Ach lieber Simon, ich habe nur geträumt, aber ſo lebhaft und ſo entſetzlich, daß ich meinte, es ſei alles wirklich ſo zu⸗ gegangen.“ „Was war's denn?“ fragte der alte Simon, der lang⸗ jährige treue Diener des Hauſes Sevre, ein Deutſcher von Geburt. „Mir träumte,“ ſprach Paul:„es wäre ein großer Mann herein gekommen mit einem langen, langen Degen, der habe den alten Admiral durchſtochen und zugleich den Herrn von Sevre mit, und die Degenſpitze ſei noch ſo weit durchgedrungen, daß ſie mir faſt bis an das Herz reichte. Da ſchrie ich laut und erwachte. Gott ſei Dank, daß es nur ein Traum war!“ „Warte Paul,“ verſetzte der alte Diener:„ich will Die Bartholomäusnacht. 61 dir einen Becher Waſſer geben, das beruhigt dein Blut, und du magſt dann ruhiger fortſchlafen. Seit der Affäre mit dem alten Admiral biſt du zu ſehr aufgeregt und daher kommen deine böſen Träume.“ Simon reichte ihm wirklich einen Becher Waſſer, Paul trank und wurde nun noch munterer als zuvor. Dann fragte er:„Schläft der Herr Hauptmann ſchon?“ „Er iſt noch nicht heimgekommen,“ erwiederte Simon: „aber es iſt auch noch nicht ſpät.“ Paul richtete ſich raſch im Bette auf und ſagte: „Simon, am Ende könnte ihm doch ein Unglück begegnen. Du weißt, ich habe der Frau von Sevre verſprochen, wo möglich immer um ihn zu ſein, und jetzt ſchon habe ich meine Pflicht vergeſſen. Ich will hinaus und ihn aufſuchen.“ Mit dieſen Worten war der Knabe ſchon aus dem Bette. „Thörichter Junge!“ ſprach der Alte:„wohin willſt du in der Nacht? wo meinſt du den Herrn zu finden? Lege dich ruhig nieder, es iſt ja draußen auf den Gaſſen ſo ſtill und friedlich, was ſoll denn zu fürchten ſein?“ Paul hatte indeſſen keine Ruhe. Er bat den Alten, er möge ihn nur gehen laſſeu, bald werde er wieder zurück ſein. So ließ er den Knaben gehen, nachdem dieſer ihm geſagt hatte, wo er den Herrn von Sevre ſuchen wolle. Aber einen Degen mußte Paul umſchnallen, das that der ſorgſame Diener nicht anders; und daß der Knabe dieſen ſchon zu führen verſtand, das wußte er ja. So trat Paul hinaus auf die Straße. Die warme 62 Sechstes Kapitel. Sommernacht war faſt unheimlich ſtille; kaum ein Laut oder ein Tritt war in den Straßen zu hören. Flüchtigen Schrittes eilte er dahin. Sein Weg führte ihn an dem Louvre, dem königlichen Palaſte, vorüber, und als fürchte er ſich vor dieſem Schloſſe, drückte er ſich tiefer in den Schatten der Gebäude. Plötzlich blieb er überraſcht ſtehen, denn er hörte ganz in der Nähe flüſternde Stimmen, und ſah zwei Männer, gleich dunkeln Schatten, um eine nahe Ecke treten. So viel konnte er bald unterſcheiden, daß ſie vollſtändig bewaffnet waren. Er blieb regungslos an die Mauer gedrückt, und hörte da folgendes kurze Zwiegeſpräch. „Noch iſt kein Zeichen gegeben,“ ſprach der eine:„und ich ſehe noch kein Licht im Saale des großen Balkons. Es wird doch den König nicht reuen, er wird doch kein Mitleid mit den Ketzern bekommen haben?“ „Glaube das nicht,“ verſetzte der andere:„die Königin⸗ Mutter wird ſchon dafür geſorgt haben, daß er nicht kalt wird. Sie haßt die Hugenotten ſo gründlich, daß ſie an keine Schonung denkt.“ Dem athemlos lauſchenden Knaben wollte das Blut in den Adern ſtocken. Eine unſägliche Angſt ergriff ihn, und doch durfte er es nicht wagen, ſeine Stelle zu verlaſſen. Horch! da tönte durch die Stille der Nacht der helle Ton einer Glocke.„Das iſt's!“ riefen die beiden Bewaffneten zugleich, und rannten eilend davon. Mit gleicher Eile floh der entſetzte Paul. Er erreichte das Haus, das er ſuchte, ſtürzte hinein und ſchrie mit gellender Stimme:„Herr Die Bartholomäusnacht. 63 von Sevre, wir werden alle ermordet!“ Unter den verſam⸗ melten Edelleuten entſtand auf dieſen Ruf ein großer Tu⸗ mult. Paul berichtete ſeinem väterlichen Freunde in athemloſer Haſt, was er in der Nähe des königlichen Palaſtes gehört, und wie die Glocke ſchon das Zeichen gegeben habe. Da war nun von keiner Berathung, von keinem Plane zur Ver⸗ theidigung die Rede. Alle Anweſenden ſtürzten hinaus, Herr von Sevre mit dem Rufe:„Gott ſchütze den Ad⸗ miral! fort zu ihm!“ Der Knabe drängte ſich dicht an ihn, entſchloſſen, nicht von ſeiner Seite zu weichen. Draußen ſcholl ihnen ſchon von weitem lautes Getümmel entgegen, und zwar gerade von der Seite her, wo der Ad⸗ miral Coligny wohnte. Die Edelleute, die nach Coligny's Wohnung eilten, fanden die Straße mit Ketten geſperrt, ſie ſahen im Fackelſcheine die weißen Armbinden und Kreuze, durch welche ſich ihre Gegner kenntlich gemacht hatten. Mit Entſetzen wurden ſie gewahr, daß es nicht bloß der Freiheit oder dem Leben eines Einzelnen galt, ſondern auf alle Pro⸗ teſtanten abgeſehen war. Vor ihren Augen wurden viele niedergeſchoſſen und zuſammengehauen, ſobald ſie, vom Schlafe aufgeſchreckt, nur ihre Häuſer öffneten. Keine Gefahr achtend, ſtürmte Herr von Sevre mit den entſchloſſenſten ſeiner Begleiter vorwärts. Mit dem Muthe der Verzweiflung brachen ſie ſich Bahn durch die meuchel⸗ mörderiſche Rotte, welche ſich eben durch das offene Thor in das Haus des Admirals ſtürzte. Aber die feindliche Partei hatte in der Stille ihre Anordnungen zu gut getroffen, 64 Sechstes Kapitel. und ihre Uebermacht war für eine Hand voll auch der mu⸗ thigſten Streiter viel zu groß. Die wenigen nur unvoll⸗ ſtändig bewaffneten Proteſtanten fielen unter den Schüſſen und Schwertſtreichen der zum Morde wohl vorbereiteten und bewaffneten Gegner, freilich nicht, ohne ihr Leben theuer zu verkaufen. Nur Herrn von Sevre und einem andern hugenottiſchen Edelmanne gelang es, in das Haus des Ad⸗ mirals vorzudringen, und Paul war noch an ſeiner Seite. Doch auch in den Räumen dieſer Wohnung des alten Helden wüthete bereits der Mord. Die Thorwächter waren ſchon unter den Streichen der Mörder gefallen, andere hatten ſich vor der raſenden Menge, die im Namen des Königs herein⸗ brach, verkrochen, wieder andere waren in die Vorzimmer des Admirals geſtürzt, um vielleicht ſich und ihn noch zu retten. Aber die wüthenden Feinde erreichten ſie ſchnell und Coligny hörte, wie ſie vor der Thüre ſeines Schlafgemaches nieder⸗ gemetzelt wurden. Der verwundete Held hatte ſich aus dem erſten Schlafe aufgerafft, und als die Thüre ſeines Schlafzimmers mit Gewalt aufgeriſſen war, ſah man ihn betend an die Wand gelehnt, unfähig ſich zu vertheidigen. Drei Oberſten drangen zuerſt hinein, unter ihnen auch ein deutſcher Diener des Herzogs von Guiſe Namens Behm.„Biſt du Coligny?“ ſchrie dieſer mit gezücktem Schwerte.„Ich bins,“ antwor⸗ tete mit feſter Stimme der Greis:„aber du, junger Menſch, ſollteſt Achtung haben vor meinem grauen Haupt und meinem hilfloſen Zuſtunde. Doch du wirſt freilich meinem Leben. Die Bartholomäusnacht. 65 nichts abkürzen.“ Die Antwort war ein gottloſer Fluch und ein Stoß mit dem Schwerte, und durchbohrt ſank das edle Haupt der franzöſiſchen Proteſtanten zuſammen. Herr von Sevre ſah von ferne, was geſchah. Außer ſich drang er vorwärts. Rechts und links warf er nieder, wer ihm im Wege war. Behms Schwert zerhieb ſchon Co⸗ lignys ehrwürdige Züge, ehe Sevre das Gemach erreicht hatte. Und hier traf auch dieſen der Todesſtreich von an⸗ derer Hand. Unſer Paul, der nicht von ihm gewichen war, ſah ein Schwert über ihm gezückt. Er ſchrie laut und ſchlug mit dem Degen nach der Hand, die es führte.„Ha, junge Ketzerbrut!“ knirſchte ein anderer, und während Pauls Wohl⸗ thäter von einigen Stichen und Hieben getroffen zuſammen⸗ ſank, ſtürzte auch der Knabe, von einem Schwertſtreiche ge⸗ troffen, unter die Füße der mordgierigen Schaar. Er hatte das Verſprechen, welches er der Frau von Sevre gegeben, treulich gehalten bis in den Tod. Der Zweck dieſer Erzählung iſt es nicht, die ferneren Gräuel zu ſchildern, welche jene Bartholomäusnacht zur entſetzlichlichſten in der Weltgeſchichte gemacht haben. Wer ſie kennen lernen will, leſe die Geſchichte jener blutigen Tage überhaupt und jener ſchrecklichen Nacht, in welcher die arg⸗ loſen Proteſtanten aus dem Schlaf erwachten, um jählings in den Tod zu ſtürzen. Und wer es ſieht, wie im Namen Gottes Treuloſigkeit und ſchändlicher Verrath und Mord geübt wurden, wie politiſcher und religöſer Haß ſelbſt einen König zu ſolchem Wahnſinne trieb, daß er vom Balkon Blaul, Glaubenstreue(2. A.) 8 66 Sechstes Kapitel. ſeines Schloſſes auf ſeine wehrloſen Unterthanen ſchoß, weil ſie nicht ſeinen Glauben hatten; wer im Geiſte den un⸗ geheuren Blutſtrom fließen ſieht, der ſich in jener Nacht durch die Straßen von Paris und in den folgenden Tagen durch die Provinzen Frankreichs wälzte, der bete: Herr Gott, laß nimmer zu, daß der Glaube zum Deckmantel weltlicher Leidenſchaften werde, bewahre die Welt vor fin⸗ ſterm Glaubenshaſſe und vor allen religiöſen Kämpfen, die mit andern Waffen geführt werden, als mit dem Schwerte des Geiſtes, welches iſt dein Wort! — Siebentes Kapitel. Die neue Heimat. Kann auch ein Weib ihres Kindleins vergeſſen? Jeſ. 49, 15. Zwei Stunden nordöſtlich von Heidelberg, in einem anmuthigen Wieſenthale, welches ſich gegen den nahen Neckar hinabſenkt, liegt der Flecken Schönau. Vor der Zeit, in in welche unſere Geſchichte fällt, ſtand in der Einſamkeit dieſes Thales nur ein großes, weit berühmtes Ciſterzienſer⸗ Kloſter, von dem heutzutage noch einzelne Reſte vorhanden ſind. In den Räumen dieſes zu jener Zeit ganz wohl er⸗ haltenen Kloſters und in den um daſſelbe neu aufgebauten Häuſern finden wir den Pfarrer Clignet und ſeine Gemeinde wieder. Daß Clignets Nachforſchungen nach ſeinem Sohne ver⸗ geblich ſein mußten, wiſſen wir bereits. Tief gebeugt war der arme Vater nach all ſeinen fruchtloſen Bemühungen ſeiner Familie und deren Begleitern nachgefolgt, nicht ohne Gefahr für ſein eigenes Leben. Welch ein Jammer, als er ſie in der Gegend von Aachen erreichte! Wir wollen davon keine weitere Schilderung entwerfen. Die alte, glaubensſtarke Mutter Cornelia bewahrte die betrübten Gemüther vor dem 5* 68 Siebentes Kapitel. völligen Verzagen. Sie hoffte ſicher Paul wieder zu ſehen. Die arme Mutter jedoch glich einer zerknickten Blume. Unter mancherlei Beſchwerden und Fährlichkeiten kam damals die Karawane nach Frankfurt am Main und fand dort zunächſt nothdürftige Aufnahme. Nach und nach lang⸗ ten auch die andern Glieder der Gemeinde von Antwerpen an. Clignet ſah indeß bald, daß ihres Bleibens in Frank⸗ furt nicht ſein könne und richtete deßhalb ſein Augenmerk auf die Pfalz, wohin ſchon ſeit dem Jahre 1562 einige Abtheilungen niederländiſcher Flüchtlinge von Frankfurt aus gegangen waren, weil ihnen Kurfürſt Friedrich UI., der ſich der Reformirten freundlich annahm, die Klöſter Frankenthal und Schönau als Zufluchtsſtätten angeboten hatte. Kurfürſt Friedrich, der neben ſeiner Vorliebe für die Reformirten auch daran ſeine Freude hatte, daß ſein Land an den glaubenstreuen Flüchtlingen fleißige und geſchickte Arbeiter, beſonders Tuchmacher, gewann, war gern bereit, auch Clignet und ſeine Gemeinde in ſeinem Lande aufzu⸗ nehmen, doch dauerte es einige Zeit, bis ſich ein Wohnſitz finden ließ, wo ſie ungetrennt zuſammen leben konnten. Da machte eine greuliche Peſt in Schönau Platz. Faſt die ganze Gemeinde ſtarb aus oder floh aus dem ſtillen Thale und Clig⸗ net zog mit ſeinen Wallonen in den faſt ganz verödeten Ort. In Schönau ſchien alſo unſere kleine walloniſche Ge⸗ meinde eine feſte Heimat gefunden zu haben. Acht Jahre lang lebten die Verbannten in dieſer ihrer neuen Heimat Die neue Heimat. 69 glücklich dahin und Gottes Segen war auch im Zeitlichen mit ihnen. Von den durch die Peſt vertriebenen früheren Anſiedlern waren einzelne zurückgekehrt, neue Flüchtlinge waren hinzugekommen. Da trat plötzlich eine große Veränderung ein. Am 26. Oktober 1576 ſtarb der Kurfürſt, und ſein Sohn Lugwig VI. kam von Amberg nach Heidelberg, um die Re⸗ gierung zu übernehmen. Ludwig war bei der früher in der Pfalz eingeführten lutheriſchen Lehre geblieben, und ſtand unter dem Einfluß ſeiner Gemahlin Eliſabeth, einer Landgräfin von Heſſen, die ihren Gemahl antrieb, die reformirte Lehre in der Pfalz zu unterdrücken. O es war eine betrübte Zeit! Während die Evange⸗ liſchen hätten recht einig ſein ſollen, um innerlich und äußer⸗ lich ſtark zu werden, trennten und bekämpften ſie ſich. Clignet mit ſeiner Familie und mit ſeiner Gemeinde ſollte noch einmal eine harte Zeit erleben, ähnlich der, welche ſie in Antwerpen und anderwärts erlebt hatten. Es war ein freundlicher, warmer Oktobertag im Jahre 1577, einer von den ſonnigen Herbſttagen, die der Himmel bisweilen noch der Erde ſchenkt, um ſie zu entſchädigen für die trüben Tage und die ſtürmiſchen Nächte, die ihr den gan⸗ zen Schmuck rauben, den ſie bisher getragen. Die Sonne ſtand noch über den waldigen Höhen, welche das Wieſenthal um⸗ kränzen, in dem Schönau liegt. Das Thor zu einem der Höfe des Kloſters ſtand offen, und wer vorübergieng konnte hineinſchauen in den weiten Ranm, der mit Raſen bewachſen 70 Siebentes Kapitel. war, und in dem ſich auf der einen Seite ein ſchmales Gärtchen längs der Mauer des Gebäudes hinzog. In die⸗ ſem Hofe ſaß Mutter Cornelia in ihrem Lehnſtuhle an einer Stelle, wo die Sonne am wärmſten ſchien. In ihrer Nähe waren Eliſabeth und ihre Pflegetochter Marie beſchäftigt. Zehn Jahre waren ſeit dem Auszuge aus Antwerpen über die Häupter dieſer drei Menſchen hingegangen, und zwar zehn Jahre voll ſchwerer Prüfungen. Sie hatten be⸗ deutende Veränderungen an ihnen hervorgebracht, die auf⸗ fallendſten an der guten Pfarrfrau. Ihr Haar war merklich grau geworden, auf den ſanften Zügen ihres Geſichtes lag ein ſtiller Kummer, und ſelbſt ihre Geſtalt war ſchon eini⸗ germaßen gebeugt. Auch Cornelia war noch mehr gealtert. Das Haar, das unter ihrer Haube hervorſah, war weiß wie Schnee und das Licht ihrer Augen völlig erloſchen. Aber immer war es ihr Muth und ihre Glaubeusſtärke, an welchen ſich die Familie aufrichtete und die Gemeinde erbaute. Marie war zur achtzehnjährigen Jungfrau herange⸗ blüht, und ſo tief ſie allen Kummer der Familie mitgefühlt hatte, ſo behielt doch die Friſche und Kraft der Jugend ihr Recht. Sie war die Freude und der Troſt Clignets und ſeiner gebeugten Gattin ſie mußte der Familie den verlo⸗ renen Paul erſetzen. Und ſo weit ihr das nur möglich war, erſetzte ſie den Sohn. Heute, wo ſie mit den beiden Frauen in dem Hofe des Kloſters verweilte, ſchien ſie nicht ganz ſo heiter, wie Die neue Heimat. S ſonſt. In ihrem ganzen Weſen zeigte ſich Spannung und Unruhe, ängſtlich blickte ſie zuweilen auf ihre gute Pflege⸗ mutter. Dieſe näherte ſich öfters dem offenen Thore, ſchaute forſchend hinaus, und ſo oft ſie zurückkehrte, war ihr Auge von einer Thräne umflort, welche ſie nur mit Mühe zu⸗ rückdrängte. Nur auf Cornelias ruhigen Zügen bemerkte man keine Unruhe, keine Bewegung: ſie tröſtete die Andern und richtete ſie auf. Während des Geſprächs zog eine kleine Wolke an der Sonne vorüber. Cornelia fühlte den Schatten, den die Wolke auf ſie warf, und ſchwieg. Als aber der warme Strahl der Sonne ihr Antlitz wieder traf, fuhr ſie fort: „Eliſabeth, Marie, habt ihr geſehen, wie eben eine Wolke die Sonne verdüſterte und uns die Wärme derſelben entzog? Ich habe es nur gffühlt, ihr habt es geſehen. Siehe, ſo ſcheint oft der Herr ſeine Gnade und Erbarmung uns ent⸗ zogen zu haben, wenn die Wolken der Trübſal über unſern Häuptern ſtehen, aber die Sonne kommt doch wieder, der Herr erfreut uns wieder nach Trübſal und Anfechtung; er läßt uns eine kleine Zeit verlaſſen ſein, aber mit Ehre und Schmuck wird er uns krönen.. „Liebe Mutter,“ ſprach die Pfarrerin:„er wolle uns führen, wie es ihm wohlgefällt. Härter kann uns ja ſeine Hand nicht mehr ſchlagen, als ſie es ſchon gethan. Wenn ich aber da hinüberſehe auf die hübſchen, neuen Häuschen, wenn ich daran denke, welche große Unruhe noch über die kommen kann, welche ſie bisher im Frieden bewohnten, dann werde ich tief betrübt,“ 72 Siebentes Kapitel. „Sei zufrieden meine Tochter,“ entgegnete Cornelia: „dein Mann bringt vielleicht beſſere Nachrichten, als wir zu hoffen wagen. Der Herr lenkt ja die Herzen der Könige wie Waſſerbäche und neiget ſie, wohin er will; er wird wohl auch das Herz des edlen Kurfürſten lenken, daß er uns nicht mehr in unſerm Glauben beirret und uns ſeinen Schutz nicht entzicht.“ Die Großmutter hatte noch nicht ganz ausgeredet, als Marie, die durch das Thor geblickt hatte, frendig ausrief: „Der Vater, der Vater!“ Eliſabeth eilte vor das Hofthor und begrüßte ihren Gatten. Er küßte ſie freundlich, reichte dem Mädchen die Hand und trat ſodann zu ſeiner Mutter, um auch ſie mit der gewohnten Ehrerbietung zu begrüßen. „Gott ſei Dank, daß du wieder bei uns biſt, mein Sohn,“ ſprach Cornelia.„Wir ſind geſpannt auf die Nach⸗ richten, welche du mitbringſt. Gott gebe, daß es gute ſind! Erzähle, mein Sohn!“ „Wollte Gott, ich könnte beſſere Botſchaft bringen, als ich zu berichten habe,“ verſetzte der Pfarrer.„Es ſtehen uns nicht die beſten Tage bevor. Es bleibt dabei, alle re⸗ formirten Prediger müſſen das Land räumen.“ „O Gott! was ſoll aus uns noch werden?“ ſeufzte Eliſabeth. „Was Gott will!“ erwiedete Clignet raſch, indem er ſeines Weibes Hand ergriff.„Eliſabeth, wir ſind Gäſte und Pilgrime hienieden, aber doch beides, Gottes Pilger Die neue Heimat. 73 und Gottes Bürger. Er wird ja wieder für die Seinen ſorgen. „Das iſt doch ein Jammer, lieber Vater,“ ſagte Marie:„daß Glaubensbrüder einander ſo haſſen und ver⸗ folgen. Könnte denn nicht jeder ſeines Glaubens leben und doch friedlich und einträchtig neben ſeinem Bruder wohnen?“ „Du haſt Recht, mein Kind,“ antwortete der Pfarrer: „es könnte und es ſollte wohl ſo ſein; der Herr Jeſus will nicht, daß die, welche ſeinen Namen bekennen, fleiſch⸗ liche Waffen gegen die Ungläubigen führen, geſchweige denn gegen einander ſelbſt. Mann kam nun wieder auf die früheren Drangſale und auf den Verluſt Pauls zu reden, ſo ſehr es auch ſonſt der Geiſtliche vermied, die Wunden in ſeinem und ſeiner Gattin Herzen aufzureißen. Das Geſpräch der Familie wurde durch den Hufſchlag mehrerer Pferde unterbrochen, und als Clignet das Geſicht nach dem offenen Hofthor wandte, ſah er einen ſtattlichen Herren im Jagdkleide zum Thore hereinreiten. Auf den erſten Blick erkannte der Pfarrer den Kürfürſten, und be⸗ eilte ſich, denſelben mit einer tiefen Verbeugung zu begrüßen. Ludwig ritt herein bis in die Mitte des Hofes, ihm folgten einige Herren des Jagdgefolges und die Büchſenſpanner hiel⸗ ten draußen vor dem Thore. Der Kurfürſt ſah ſich um, als wolle er das alterthümliche Kloſtergebäude betrachten, dann warf er einen Blick auf die drei Frauenzimmer und fragte end⸗ 74 Siebentes Kapitel. lich Clignet in franzöſiſcher Sprache:„Ihr ſeid wohl der Prediger der Wallonen?“ „Euer kurfürſtlichen Gnaden zu dienen,“ antwortete Clignet. „Wie lange ſeid ihr hier?“ „Vor neun Jahren,“ ſagte der Pfarrer:„nahm uns Euer Gnaden in Gott ruhender Herr Vater in dieſes ſtille Thal auf.“ Der Kurfürſt wandte ſich gegen die Herren, welche hinter ihm hielten, und ſagte:„Ja ſie ſind fleißig dieſe Niederländer und Franzoſen. Es iſt das erſtemal, daß wir in dieſes Thal kommen, und wir müſſen erſtaunen über die hübſchen Häuſer, die ſie hier gebaut haben. Unſere pfälziſchen Unterthanen können etwas lernen von dieſen Fremden.“ „Es iſt nur ſchade, daß ſie den calviniſtiſchen Irr⸗ lehren zugethan ſind,“ verſetzte einer der angeredeten Herren. Der Kurfürſt nickte, wendete ſich wieder zu dem Geiſtli⸗ chen und ſagte:„Herr Prediger, habt ihr ſchon gehört, welche Befehle wir in Sachen der Religion und Kirche haben ausgehen laſſen, und was gedenkt ihr zu thun?“ „Herr Kurfürſt,“ ſagte Clignet freimüthig:„ich ge⸗ denke mit Gottes Hilfe bei meinem Glauben zu bleiben. Ich habe um meines Glaubens willen mein Vaterland ver⸗ laſſen und viel Leid getragen; ich habe in dieſem Glauben meinen Troſt und Frieden gefunden, und ich lebe der feſten Hoffnung, daß ich in dieſem Glauben ſelig ſterben werde.“ 7 Die neue Heimat. 75 „Herr Prediger,“ ſprach der Kurfürſt,„wir ſind nicht geſonnen, einen theologiſchen Disput mit euch zu führen. Es iſt unſer fürſtlicher Wille, daß man in den pfälziſchen Landen das Evangelium verkünde und die Sakramente ver⸗ walte nach der reinen Lehre der lutheriſchen Confeſſion. Jeder Geiſtliche, der ſich dieſem Willen nicht fügen mag, hat das Land zu räumen.“ Mit weicher, faſt bittender Stimme erwiederte Clignet: „Gnädigſter Herr! Wäre es denn nicht möglich, daß die beiden evangeliſchen Confeſſionsverwandten in Frieden neben einander in eurem Lande wohnten? Wollt ihr uns wirk⸗ lich um unſeres Glaubens willen in's Elend jagen? Die Welt nennt euch einen ſtrengen, aber auch einen frommen, gerechten und gütigen Herrn; o ſeid auch uns ein gerechter, ein gütiger Herr. O zwinget enre Unterthanen nicht, ihren Glauben zu ändern; verjagt uns arme Diener des Wortes Gottes nicht aus eurem Lande; laſſet mich in dieſem ſtillen Thale friedlich wohnen mit meiner Gemeinde. Sie iſt von einem harten Herrn vertrieben worden, ein milder hat ſie aufgenommen; ſie hat Alles verlaſſen, nur um ihren theu⸗ ren Glauben zu behalten: o wollet ihr denſelben nicht entreißen! Wir werden nicht Zank und Streit beginnen in eurem Lande, ſondern ruhig unſerem Berufe nachgehen und euch und euer Haus in unſern Gebeten ſegnen.“ Der Kurfürſt ſchien mit ſich ſelbſt zu kämpfen.„Es geht nicht,“ ſprach er nach einiger Zeit;„ich kann nicht dul⸗ den, daß ſo verſchiedene Lehre in meinen Landen gepredigt werde.“ ——— 76 Siebentes Kapitel. „Wenn ihr nicht anders könnt, ſo geſchehe des Herrn Wille an uns!“ ſagte der Pfarrer.„Sehet, gnädigſter Herr, dort ſitzt meine alte fünfundachtzigjährige Mutter. Sie hat das Augenlicht verloren, und ihre Füße ſind ge⸗ lähmt; aber ſie iſt mit uns fortgezogen aus der lieben Hei⸗ mat um des Evangeliums willen. Da ſteht mein armes Weib mit dem gebrochenen Mutterherzen. Sie hat das Härteſte erlebt, was einer Mutter widerfahren kann. Denn als wir ausgezogen waren, mußten wir in einer Höhle un⸗ ter der Erde Zuflucht ſuchen vor den Verfolgern, und unſer einziges Kind, ein Knabe von neuen Jahren, iſt in der Höhle verſchwunden, wir haben keine Spur mehr von ihm auffin⸗ den können, und wiſſen heute noch nicht, was aus ihm ge⸗ worden iſt. Hier ſteht eine Waiſe, die weder Vater noch Mutter hat. Wenn ihr uns um dieſes Glaubens willen auch aus dieſem ſtillen Zufluchtsort verjagen wollet, ſo wer⸗ den wir von dannen ziehen, obgleich wir nicht wiſſen, wohin unſer Fuß ſich wenden ſoll.“ „Du haſt Recht, mein Sohn,“ ſprach Mutter Cornelia, „wir werden dir folgen, wie vor zehn Jahren; wir werden ziehen, wohin der Herr uns führen wird. Ich traue auf ihn. Aber um eines bitte den gnädigen Herrn Kurfürſten, daß unſre Flucht nicht geſchehe im Winter.“ Ludwig VI., der bei all ſeiner Härte gegen Andersglau⸗ bende doch ein edles und gütiges Herz beſaß, konnte ſich einer gewiſſen Rührung nicht erwehren, als er Fliſabeths und Mariens Thränen ſah und der alten Cornelia in das ——— Die neue Heimat. 77 ernſte, aber milde Angeſicht ſchaute, deſſen glanzloſe Augen gegen ihn gerichtet waren. Zeigen mochte er es jedoch nicht, daß er ergriffen ſei. Raſch warf er deßhalb ſein Pferd her⸗ um und ſagte im Wegreiten:„Ihr werdet noch beſon⸗ dere Weiſung erhalten.“ Damit verließ er den Kloſterhof. Draußen aber ſagte er zu ſeinen Begleitern:„Ihr Herren, es geht mir doch durch's Herz und gegen die Natur, daß ich ſolche Menſchen in's Elend jagen muß.“ ———— — — Achtes Kapitel. Die böſe Botſchaft. Pſ. 118, 8. Unter Hoffen und Fürchten verſtrichen der walloniſchen Gemeinde zu Schönau der Herbſt und der Winter. Wäh⸗ rend allenthalben die reformirten Prediger und Lehrer das kurpfälziſche Land verließen, blieben die Bewohner Schönau's mit ihrem wackeren Geiſtlichen ungeſtört. Man glaubte ſo⸗ nach, die Wallonen würden von der allgemeinen Maßregel gegen die Reformirten ausgenommen bleiben. Ganz trauten jedoch die Wallonen der Ruhe nicht, die man ihnen zu gönnen ſchien. Sie befanden ſich vielmehr in Es iſt gut, auf den Herrn vertrauen. ———— ——————— 5 5 ———— 78 Achtes Kapitel. unaufhörlicher Spannung und Beſorgniß. Clignet aber verwaltete ſein Amt als Prediger und Seelſorger unausge⸗ ſetzt mit derſelben Ruhe, mit der alten Treue, ja man kann ſagen mit noch freudigerem Eifer. Bei aller Milde und Sanftmuth ſeines Weſens gehörte er zu den feſten Naturen, welche ſich durch bevorſtehende Gefahren nicht entmuthigen oder beugen laſſen, ſondern nur noch kräftiger und entſchie⸗ dener werden, wenn ein Leiden bevorſteht oder ſchon herein⸗ gebrochen iſt. Wie die Eiche ihre Wurzeln nur um ſo feſter in die Erde ſchlägt, je wilder der Sturm ſie umtobt, ſo wurde Clignet nur immer entſchiedener und kräftiger in ſei⸗ nem Glauben, je mehr er von der Vertreibung der refor⸗ mirten Geiſtlichen und der gewaltſamen Bekehrung der Ge⸗ meinden hörte und je näher ihm ſeine eigene Verbannung zu rücken ſchien. Er glich hierin ſeiner alten, kräftigen Mutter, die auch kein Zweifeln und Verzagen kannte, wo es die Verheißungen des theuren Gotteswortes und das Vertrauen auf den Herrn der Kirche galt. Clignet und ſeine Gemeinde ſchloſſen ſich in dieſer Zeit der Furcht und Hoffnung noch inniger zuſammen. Es iſt ja ſo; gemeinſame Gefahr und gemeinſames Leid ſchließen die See len feſter aneinander, als gemeinſame Freude. Mehr als je war Clignet in dieſer Zeit der Vater ſeiner Gemeinde. Wie Kinder hingen alle die Ausgewanderten an ihm. Alle ſuchten ſie Rath und Troſt bei ihm; er war der Vertraute von Allen. Aber er verdiente auch ſolches Vertrauen. Denn nie ſuchte er eine Herrſchaft über die Ge⸗ 7 Die böſe Botſchaft. 79 meinde zu üben, nie mengte er ſich in Dinge, die ſeines Amtes nicht waren. Wo aber ſein Zuſpruch, ſein Rath oder ſein Troſt begehrt wurde, oder wo er ihn ſeinem Amte zu⸗ folge nothwendig fand, da war er raſtlos thätig, zu vermit⸗ 6 teln, zu verſöhnen, zu rathen, zu tröſten und zu helfen. Er war ernſt und freundlich, ſtreng und milde, alles zu ſeiner Zeit. Und je länger ſeine Gemeinde ſeine Predigten hörte, deſto mehr glaubte ſie, er predige mit jedem Tage erweck⸗ licher und erbaulicher. Wäre es unter dieſen Umſtänden zu verwundern gewe⸗ ſen, wenn die Gemeinde gebangt und gezagt hätte bei dem Gedanken, ſie müſſe von dieſem ihrem geiſtlichen Vater ſich trennen? Doch daran dachte auch Niemand. Darüber wa⸗ ren Alle einig, daß, wenn er verbannt werden ſollte, ſie mit ihm zögen, wohin es auch immer ſei. Sie hatten ihm dies oft genug geſagt. So innig aber Clignet über dieſe Liebe ſeiner Gemeinde ſich freute, ſo hoch ihn auch die Glaubens⸗ treue derſelben aufrichtete, ſo that es ihm doch weh, tief im Herzen weh, wenn er daran dachte, daß ſeine arme Ge⸗ meinde, die kaum einige Jahre in Ruhe und Frieden lebte, die ſich eben erſt von dem harten Schlage, der ſie getroffen, zu erholen begann, ſchon wieder herausgeriſſen werden ſollte aus ihrem Frieden. Mehr als einmal ſtiegen ihm die Thränen in's Auge, wenn er die hübſchen neuen Häuſer überblickte, welche ſeine Wallonen und die franzöſiſchen Hu⸗ genotten in das ſtille Wieſenthal gebaut hatten. An einem heiteren Märztage des Jahres 1578 war Achtes Kapitel. Clignet mit den Seinigen in der Wohnſtube zuſammen. Er ſtand am Fenſter, von welchem aus man einen großen Theil des Thales und der angränzenden Berge überſchauen konnte. „Mutter,“ begann Clignet,„du haſt vom Kurfürſten erbeten, daß unſere Flucht nicht geſchehe im Winter. Der Winter iſt vorüber, die Erde wird grün, und der Storch hat bereits wieder Beſitz von ſeinem Neſte dort drüben auf dem alten Thurme genommen. Der Zugvogel erinnert mich daran, daß wohl jetzt die Zeit gekommen ſein dürfte, in welcher wir von dannen ziehen müſſen.“ Marie trat zu ihrem Pflegevater hin, ſchmiegte ſich an ihn und ſagte:„O ſei nicht traurig, lieber Vater! Siehe, ich habe dem Kurfürſten in das Geſicht geſchaut, als die Großmutter um Aufſchub bat, und ich habe geſehen, daß er gerührt war. Er hat doch ein freundliches Herz, das ſagen auch viele Leute von ihm, er wird gewiß Rückſicht genommen haben auf unſer Unglück, er wird die ſchon einmal Vertrie⸗ benen nicht noch einmal in's Elend ſchicken. Ich glaube wenigſtens nicht, daß er mit Gewalt verlangen wird, daß wir unſerem Glauben entſagen.“ „Glaubſt du?“ ſprach Clignet mit einem ſchwermüthi⸗ gen Lächeln, indem er dem Mädchen die Hand auf das Haupt legte.„Laß dich durch deine Beobachtung auf dem Angeſichte des Kurfürſten nicht zu ſicher machen, der Schlag könnte dir ſonſt um ſo weher thun. Wohl iſt Ludwig ein gerechter und wohl auch ein gütiger Herr, aber hierin kennt „ Die böſe Botſchaft. 81 er keine Rachſicht, das Vorſpiel hat ja längſt begonnen. Ich glaube zwar nicht, daß der Kurfürſt mit roher Gewalt, mit Feuer und Schwert die Glaubensänderung erzwingen will, wie dies die Könige von Frankreich und von Spanien ge⸗ than haben und noch gegenwärtig thun; aber manch anderes Zwangsmittel wird er nicht für unrecht halten, davon bin ich überzeugt.“ Das letzte Wort war kaum aus Clignets Munde, da klopfte es an die Thüre. Ein Bote mit einem Briefe trat herein. Clignet öffnete das Schreiben, las, und obgleich ſeine Züge ſich kaum merklich veränderten, ſo entfärbte ſich doch ſein Geſicht.„Des Herrn Wille geſchehe!“ ſagte er ruhig, aber doch mit einigem Zittern der Stimme.„ Kinder, während wir von unſerem künftigen Schickſale ſprachen, ſtand es ſchon draußen vor der Thüre. Es iſt, wie ich ſagte, der dieſer Friſt muß ich mich entweder zur lutheriſchen Lehre bekannt oder das Land verlaſſen haben.“ Clignet befahl ſeiner Pflegetochter, dem Boten Speiſe und Trank vorzuſetzen, und ging hinüber auf ſeine Studir⸗ ſtube, um das Schreiben zu beantworten. Seine Antwort war ruhig und würdevoll. Er ſagte dem Kurfürſten und ſeinem Kirchenrathe, daß er ſeinen Glauben nicht wechſeln könne und darum dem Befehl nachkommen und in der ge⸗ ſetzten Friſt das Land verlaſſen werde. Am Schluſſe ſprach er noch den Segen über den Kurfürſten und deſſen Haus. Schnell hatte ſich das Gerücht verbreitet, der Pfarrer Blaul, Glaubenstrene.(2. A.) 6 ———— 82 Achtes Kapitel. habe ein Schreiben vom Kurfürſten erhalten. In einer hal⸗ ben Stunde war ganz Schönau auf den Beinen, und wie einſt der Pfarrhof in Antwerpen, ſo füllte ſich jetzt der Kloſterhof mit Menſchen. Clignet ließ der Verſammlung ſagen, er wolle in das Kapitelshaus hinüberkommen und dort mit ihr reden. Der weite Raum des Kapitelshauſes füllte ſich alsbald mit Männern und Frauen. Auch Mutter Cornelia ließ ſich hinübertragen. Als der Geiſtliche erſchien, war kein Auge trocken. Nur Clignet ſelbſt erſchien ruhig; er hatte ſich ja längſt mit dem Gedanken vertraut gemacht, daß es ſo und nicht anders kommen werde. Er ſagte der Gemeinde kurz, welchen Befehl er erhalten habe, und daß ſein Amt unter ihnen zu Ende ſei. Als Clignet inne hielt, entſtand ein Gemurmel in der Verſammlung. Ein alter Mann trat vor und ſprach:„Ehr⸗ würdiger Herr, ich glaube nicht, daß ein Glied in der Ge⸗ meinde iſt, das in eine Trennung von euch willigen würde. Wie wir vor elf Jahren in Antwerpen dachten, ſo denken wir heute noch, und ebenſo unſere Brüder und Schweſtern aus Frankreich, die vor uns hier waren oder nach uns ein⸗ gewandert ſind.“ „So iſt es!“ riefen einzelne Hugenotten. „Kinder,“ verſetzte der Pfarrer,„übereilet euch nicht! Ihr habt hier eine Zuflucht gefunden und euern Herd ge⸗ gründet. Wollt ihr auf's Ungewiſſe hin fortziehen und wie⸗ der von Neuem anfangen? Es wäre Sünde von mir, wenn ich duldete, daß ihr dies um meinetwillen thätet.“ . Die böſe Botſchaft. 83 „Und wenn wir es auch nicht um euretwillen thäten,“ ſprach ein Anderer aus der Verſammlung,„ſo müßte es um unſers theuern Glaubens willen geſchehen. Denn ehe wir uns einen andern Glauben aufzwingen laſſen, wandern wir lieber bis an das Ende der Erde.“ Und wie damals im Pfarrhofe zu Antwerpen, ſo riefen auch jetzt wieder Alle zuſammen:„Wir ziehen mit euch!“ Mutter Cornelia erhob die welke Hand zum Zeichen, daß auch ſie ein Wort reden wolle. Sogleich trat eine tiefe Stille ein.„Freunde,“ ſprach die Greiſin,„eure Treue im Glauben und eure Liebe zu meinem Sohne erfreut innig mein altes Herz, und doch thut es auch mir wehe, wenn ich bedenke, daß ihr abermals in die Verbannung wandern ſollet. Laſſet uns darum vorher Alles verſuchen, ob nicht der Sinn des Kurfürſten erweicht werden kann. Wählt aus eurer Mitte eine Geſandtſchaft, die nach Heidelberg gehe und den Kurfürſten inſtändig anflehe, daß er uns beiſammen hier und zwar bei unſerm bisherigen Glauben belaſſe. Ein gutes Wort findet vielleicht doch eine gute Statt.“ „Mutter Cornelia,“ verſetzte einer der Männer,„ich glaube nicht, daß der Schritt, den ihr vorſchlaget, zum Ziele führen wird. Der Kurfürſt zwar wäre zu erweichen, aber ſeine ſtrenge Gemahlin iſt es nicht.“ „O ſaget das nicht,“ entgegnete die Großmutter.„Ich kann das von der edlen Frau nicht glauben. Wohlan denn, ich will ſelbſt mit der Kurfürſtin reden. Fahret oder traget 6* 84 Achtes Kapitel. mich nach der Stadt und auf das Schloß, wir wollen ſehen, was wir ausrichten.“ Der Vorſchlag Cornelia's fand lebhaften Anklang in der Verſammlung. Ihre zuverſichtliche Sprache belebte die ſchon tief geſunkene Hoffnung der Gemeinde wieder. Nur Clignet ſagte ernſt und bedenklich:„Der Herr gebe, daß es gelinge!“ Hierauf wählte man eine Deputation, welche den Geiſtlichen und Cornelia auf dem wichtigen Gange begleiten ſollte, und die Verſammlung ging auseinander. — — Das Schloß zu Heidelberg war zu jener Zeit wohl die ſchönſte der fürſtlichen Reſidenzen auf deutſchem Boden. Selbſt wenn die Schloßgebäude minder ſchön und großartig geweſen wären, die unbeſchreiblich herrliche Ausſicht in das Neckarthal und über die weite pfälziſche Rheinebene hin wäre allein ſchon hinreichend geweſen, das Kurfürſtenſchloß zu einem Aufenthalte zu machen, der weithin vergebens ſeines Gleichen ſuchte. Der Kurfürſtin Eliſabeth gefiel es auch hier ungleich beſſer, als in Amberg. Es war ihr ein hoher Genuß, aus den Fenſtern dieſer Gemächer und Säle, oder von dem großen Altan vor der Kapelle, oder vom Schloß⸗ garten hinauszuſchauen in die reiche, ſchöne, blühende Pfalz. Kaum hatte die liebliche Märzſonne die letzten Spuren des Winterſchnee's hinweggetilgt, ſo ſuchte ſie auch ſchon in den Mittagsſtunden den Schloßgarten auf, um ſich der milden Die böſe Botſchaft. 85 Frühlingsluft, der lieblichen Sonnenwärme und der ſproſ⸗ ſenden Gräſer und Kräuter zu erfreuen. So war ſie eines Tages nach der Mahlzeit luſtwandeln gegangen, und ihr Gemahl hatte ſich zu ihr geſellt. Bald bildeten aber weder Frühlingsluft, noch Sonnenſchein, noch junges Grün den Gegenſtand der Unterhaltung, ſondern das Geſpräch lenkte ſich wieder auf den ernſten Punkt, welcher die Gedanken der Kurfürſtin am meiſten beſchäftigte. Das Geſpräch wurde unterbrochen durch den Haus⸗ marſchall, der daherkam und ſich tief verbeugte.„Durch⸗ lauchtigſter Herr,“ ſprach er,„verzeihet mir, daß ich euch ſtören muß. Es iſt eine Deputation der Schönauer Calvi⸗ niſten vor dem Thore des Schloſſes, die euch und die gnä⸗ digſte Frau Kurfürſtin behelligen möchte. Ich wollte ſie abweiſen, aber die Leute wollen nicht vom Flecke weichen. Beſonders iſt dabei eine alte blinde Frau, die geradezu er⸗ klärt, ſie würde vor dem Thore ſitzen bleiben, bis ihr ſie hörtet oder mit Gewalt fortſchaffen ließet. Befehlet gnä⸗ digſt, was ich mit den Leuten anfangen ſoll.“ Die Kurfürſtin ſah ihren Gemahl bedeutſam an; doch ehe ſie ein Wort ſprechen konnte, ſagte dieſer:„Laſſet ſie in Gottes Namen in den Schloßhof treten.“ Während nun der Marſchall ſich entfernte, ſprach der Kurfürſt, der noch immer die Hand ſeiner Gemahlin feſt⸗ hielt:„Kommt, liebe Elsbeth, die Leute wollen auch mit euch reden, und eine Landesmutter muß ihre Kinder hören.“ Die Kurfürſtin entgegnete kein Wort, ſondern ging —— 86 Achtes Kapitel. mit ihrem Gemahl dem Schloſſe zu. Als ſie in den weiten Schloßhof traten, bot ſich ihnen ein eigenthümliches Schau⸗ ſpiel dar. Den Thorweg neben der Schloßkapelle herauf kam der kleine Zug der Schönauer Deputation. Sie be⸗ ſtand aus dem Pfarrer Clignet und fünf der angeſehenſten alten Männer ſeiner Gemeinde. Vor allen aber war es Mutter Cornelia, welche Aller Augen auf ſich zog. Sie ſaß wie gewöhnlich auf ihrem Stuhle, an deſſen Seiten je zwei eiſerne Ringe angebracht waren. In dieſen Ringen ſtacken zwei Stangen, deren Enden vier kräftige Männer hielten und ſo die Matrone in den Schloßhof trugen. Sie war einfach ſchwarz gekleidet, und unter der Haube quoll das reiche, ſchneeweiße Haar hervor. Dieſes Haar und das weiße, an ehemalige Schönheit erinnernde Geſicht ſtachen ganz eigenthümlich von der ſchwarzen Kleidung ab, und er⸗ höhten das an ſich ſchon ſo ehrwürdige Aeußere der hochbe⸗ tagten Frau. Die Kurfürſtin, die einen Augenblick ſtehen geblieben war, um den ſeltſamen Aufzug zu betrachten, konnte ſich nicht enthalten, zu ihrem Gemahle zu ſagen:„Eine ſchöne alte Frau!“ Der Kurfürſt nickte.„Sie iſt gelähmt und blind dabei,“ verſetzte er,„und hat ſchon viel Leid getragen. Sie iſt die Mutter des Predigers dort.“ Mittlerweile hielt der kleine Zug an, die Träger hatten den Seſſel niedergeſtellt, und die Männer harrten mit ent⸗ blößten Häuptern auf einen Wink oder Befehl des Kur⸗ fürſten, welchen Clignet von ferne bereits erkannt hatte. Die böſe Botſchaft. 87 Das fürſtliche Paar ließ indeß nicht lange auf ſich war⸗ ten, ſondern trat ſelbſt näher zu der harrenden Gruppe heran. Ehrfurchtsvoll verbeugten ſich die Abgeordneten der Schönauer Gemeinde, und als der Kurfürſt fragte:„Herr Prediger, was führt euch zu uns, was iſt euer Begehr?“ da antwortete Clignet:„Durchlauchtigſter Kurfürſt und Herr! Haltet zu Gnaden, daß wir euch durch unſer An⸗ dringen beſchwerlich fallen. Ich habe euern fürſtlichen Be⸗ fehl erhalten, binnen drei Wochen die lutheriſche Lehre an⸗ zunehmen, oder das Land zu räumen. 6 Der Kurfürſt unterbrach ihn:„Unſer Befehl kann euch nicht mehr überraſcht haben; ihr kennet unſern Willen in dieſem Stücke längſt, und habt ihn aus unſerem eigenen Munde vernommen. Auch werdet ihr euch nicht beklagen wollen, vielmehr mögt ihr unſrer Milde danken, daß wir Rückſicht genommen haben auf das Wort eurer alten Mutter hier, die uns damals bat, daß eure Flucht nicht geſchehen möge im Winter.“ „Gnädigſter Herr!“ nahm Cornelia das Wort,„ge⸗ ſtattet einer alten Frau, ein Wort vor Euch zu reden. Ich vermag nicht aufzuſtehen und euch und eurer hohen Ge⸗ mahlin meine Ehrfurcht zu bezengen, wie ich es ſollte und möchte; auch danken kann ich nicht, wie ich es möchte. Gott ſegne euch und euer hohes Haus reichlich dafür, daß ihr der Bitte eines armen blinden Weibes gedachtet, und uns ſo lange Friſt geſchenkt und den ſtrengen Winter über habt ruhig wohnen laſſen. Wollet es uns auch nicht verargen, 88 Achtes Kapitel. wenn unſere hoffenden Herzen auf eure gnädige Milde noch mehr gebaut haben. Wir hofften, ihr ließet uns vielleicht doch in unſerm ſtillen Thale mit unſerm Glauben ruhig woh⸗ wohnen. O thut es doch, gnädiger Herr— ſeid barmherzig!“ „Seid barmherzig!“ ſagte Clignet ſammt den fünf andern Abgeſandten, wie im Chore. Der Kurfürſt ſah gedankenvoll zu Boden, ſeine Gemahlin aber ſtand neben ihm mit ernſter Miene und ſah nur bis⸗ weilen in Cornelia's erloſchene Augen. Mutter Cornelia, da ſie keine Antwort auf ihre inſtändige Bitte erhielt, glaubte nun ihr Wort an Eliſabeth richten zu müſſen.„Gnädige Frau Kurfürſtin,“ hob ſie an:„Gott hat mir das Augen⸗ licht genommen, ich kann euch nicht von Angeſicht ſchauen, ich kann nicht zu euch hintreten, um bittend den Saum eu⸗ res Kleides zu faſſen, aber ich vertraue auf ein weiblich Herz und bitte flehentlich, leget ein geneigtes Wort bei euerm hohen Gemahl für uns arme Verbannte ein. Der Herr wolle es euch und euren Kindern und Kindeskindern ver⸗ geltend lohnen!“ „Gute Frau,“ ſprach Eliſabeth:„mein Gemahl hat be⸗ ſchloſſen, daß in ſeinen Landen ferner keine religiöſe Zertren⸗ nung ſtattfinde, ſondern daß alle ſeine Unterthanen dem reinen evangeliſchen Glauben, wie ihn Doktor Martin Luther an das Licht geſtellt, angehören ſollen. Soll ich ihn bitten, von einem Beſchluſſe abzulaſſen, der das Heil der Seelen und überdies des Landes Ruhe und Frieden bezweckt?“ „So wahr der Herr lebt,“ ſprach Cornelia:„weder „ Die böſe Botſchaft. 89 mein Sohn noch irgend ein Glied ſeiner Gemeinde hat im Sinne, die Ruhe und den Frieden des Landes zu ſtören. So lange ſie ſtill und friedlich im Lande wohnen und ihr eigenes Brod eſſen, laſſet ſie wohnen und für das Heil ihrer Seelen ſorgen nach ihrer Weiſe.“ Die Kurfürſtin erwiederte in etwas ſchärferem Tone: „Meinet ihr, es dürfe einem chriſtlichen Fürſten ganz gleich⸗ giltigſein, weß Glaubens oder Unglaubens ſeine Unterthanen ſind? Wahrlich, er hat eine höhere Verantwortung vor Gott!“ „Ihr habt recht, gnädigſte Frau!“ entgegnete Cornelia: „es iſt nicht gleichgiltig, ob in einem Lande Glaube oder Unglaube herrſcht. Der Glaube ſchützt, erhält und bringt Segen, der Unglaube aber iſt das Verderben eines Volkes und ſtürzt es allemal in Jammer und Untergang. Ein chriſt⸗ licher Landesherr kann darum nimmermehr ruhig zuſehen, wenn das Evangelium mit Füßen getreten, wenn Chriſtus verleugnet und geſchmäht und eitles Menſchenwort an die Stelle des Wortes Gottes geſetzt werden ſoll. Aber wo haben ſich die Reformirten jemals ſolcher Gräuel ſchuldig gemacht? Alle ihre Schriften bezeugen, daß ſie mit ihren luth eriſchen Brüdern Gottes Wort über alles ſetzen, ſich einzig und allein nach dieſem richten und nur durch die Gnade unſers Herrn Jeſu Chriſti ſelig werden wollen.“ In den Augen der Kurfürſtin blitzte ein lebhaftes Feuer auf. Es war kein Zornfeuer, vielmehr ein Leuchten der Freude.„Wohlan!“ ſprach ſie:„wenn ihr denn mit uns im Glauben ſo eins ſeid, wie ihr behauptet, warum wei⸗ 90 Achtes Kapitel. gert ihr euch ſo hartnäckig, von dem zu laſſen, worin ihr noch im Irrthum ſeid, und das reine Evangelium nach Luthers Lehre anzunehmen?“ Auf dem ehrwürdigen Angeſichte Cornelia's prägte ſich deutlich ein tief ſchmerzlicher Zug aus.„Irrthum?“ ſagte ſie langſam und leiſe:„gnädige Frau Kurfürſtin, was ihr Irrthum nennet, halten wir für volle, bibliſche Wahrheit, und darum können wir nicht davon laſſen.— Mein Sohn,“ fuhr ſie nach einem kurzen Schweigen fort:„es wird ſein, wie du geſagt haſt, wir werden ziehen müſſen.“ „Gnädiger Herr, muß es wirklich alſo ſein?“ fragte Clignet. „Ich kann keine Ausnahme machen und meinen wohl überlegten und gemeſſenen Befehl um euretwillen nicht zu⸗ rücknehmen,“ ſprach Ludwig, doch in ziemlich mildem Tone. „Es geſchehe an uns des Herrn Wille!“ ſagte der Prediger. Noch aber verabſchiedete ſich die kleine Deputation nicht. Erſt trat noch der älteſte der fünf Männer einen Schritt vor und ſagte:„Durchlauchtiger Herr und Fürſt, wollet ihr den Termin unſeres Abzuges nicht gnädigſt weiter erſtrecken, als bis zu drei Wochen? Es iſt eine gar zu kurze Zeit, um alles zum Zuge zu beſtellen. Wir haben Tücher zu liefern verſprochen und manches andere zu ordnen——“ „Wie? wollet ihr ſammt und ſonders ziehen?“ rief der Kurfürſt betroffen.„Ich dachte, ihr hättet euch eines beſſeren beſonnen, als euer Prediger.“ Die böſe Botſchaft. 91 „Verzeihet, gnädigſter Herr,“ verſetzte der Sprecher: „wir wollen ſein Schickſal theilen und mit ihm ziehen, da⸗ rüber iſt die ganze Gemeinde einig.“ „Dazu hat er ſie beredet und verlockt,“ ſprach die Kurfürſtin raſch. „Das habe ich nicht, gnädigſte Frau!“ ſprach Clignet ruhig und mit Würde.„Fraget jeden einzelnen ſelbſt.“ „Nein, bei Gott! das hat er nicht,“ ſagte der Alte. „Schon aus Antwerpen wollte er allein ziehen, wir ſind aber um des Glaubens willen mit ihm gezogen. Er hat alles Leid mit uns getragen und mehr als wir alle, ſchon darum würde ihn die Gemeinde nicht verlaſſen. Als der kurfürſtliche Befehl an ihn erging, das Land zu räumen, wollte er wieder nicht haben, daß wir die neue Heimat mit ihm verließen, aber es iſt keine Seele in der Gemeinde, die ihn verlaſſen und ihrem bisherigen Glauben abſagen wollte. Und wenn der Entſchluß unſeres gnädigſten Herrn nicht zu ändern iſt, ſo bitten wir nur um Friſt, die dringendſten Geſchäfte zu ordnen.“ Der Kurfürſt kniff die Lippen zuſammen. Man ſah ihm an, daß ihm die ganze Sache peinlich war. Die Kurfürſtin ſtand halb erzürnt, halb verlegen da. Sie ſprach kein Wort. Clignet und ſeine fünf Begleiter verabſchiedeten ſich ehrerbietig von dem kurfürſtlichen Paare. Die vier Träger faßten die Tragſtangen an Cornelia's Stuhl, und der kleine Zug verſchwand in der gewölbten Halle unterhalb der Kapelle. 92 Neuntes Kapitel. Kurfürſt Ludwig ging finſter und ſchweigend neben ſeiner ſchweigenden Gemahlin der Treppe des von ihm bewohnten Schloßflügels zu. Neuntes Kapitel. Neues Hoffen und neues Leid. Wir haben hier keine bleibende Stadt, ſondern die zukünftige ſuchen wir. Hebr. 13, 14. Auf dem Kornmarkte zu Heidelberg, da wo der ſchmale Burgweg beginnt oder endet, trafen die Schönauer Abge⸗ ſandten mit einigen andern zuſammen, welche ſie nach der Stadt begleitet und in ängſtlicher Spannung auf den Erfolg der Sendung gewartet hatten. Dieſe waren jedoch nicht mehr allein. Hunderte von Heidelberger Bürgern hatten ſich um ſie verſammelt. Es hatte immer einer dem andern zuge⸗ flüſtert, was im Augenblicke droben auf dem Schloſſe vor⸗ gehe, und jeder, der davon gehört, war in Spannung über den Ausgang. Gieng ja doch die Sache alle bisher refor⸗ mirten Bewohner des Landes an. Und wenn es auch manche gab, denen lutheriſch oder calviniſch gleich galt, ſo wollte doch der angewendete Zwang keinem gefallen. Als ſie nun erfuh⸗ ren, wie es ergangen ſei, da lief ein Gemurre durch die ganze . Neues Hoffen und neues Leid. 93 Menſchenmenge, welche den Kornmarkt bedeckte. Clignet mahnte zum Aufbruche, denn es war ihm ſchon unangenehm, daß um ihretwillen ſich eine ſolche Menſchenzahl herbeigezogen hatte. Indeſſen kamen ſie doch ſo ſchnell nicht vom Flecke. Immer hielt ſie wieder ein anderer mit einer Frage auf. Auf dem Schloſſe droben war mittlerweile der Zuſammen⸗ lauf auf dem Kornmarkte ſchon bemerkt worden, und ſchnell wurden einige Soldaten von der Schloßwache abgeſchickt, um zuzuſehen, was es da unten gebe. Zum Glücke war Clignet mit ſeinen Begleitern bereits auf dem Wege nach der Neckarbrücke. Ein etwas längerer Aufenthalt hätte ihnen ſicherlich eine große Verlegenheit bereitet. Unangefochten kamen ſie nach Schönau zurück. Man kann ſich denken, welche laute Wehklage ſich im erſten Augenblicke in dem ſtillen Thale erhob, als ſich die Nachricht verbreitete, daß auch der letzte Schritt vergeblich geweſen, daß alle Hoffnung fehlgeſchlagen ſei. Clignet ſuchte allenthalben zu tröſten und aufzurichten, obwohl ihm ſelbſt das Herz blutete. Noch einmal ſtellte er der verſammel⸗ ten Gemeinde vor, daß es doch vielleicht beſſer für ſie wäre, wenn ſie ihn vorderſamſt allein ziehen ließe und ruhig das äußerſte erwarte. Niemand wollte davon etwas hören. Der nächſte Morgen ſchon beſtärkte die Gemeinde in ihrem gefaßten und feſtgehaltenen Entſchluß. Es erſchien nämlich abermals ein kurfürſtlicher Befehl, welcher beſagte, es ſei der unabänderliche Wille des Landesherrn, daß Clig⸗ net binnen der anberaumten Zeit von drei Wochen das Land 94 Neuntes Kapitel. verlaſſe. Der gute Mann wurde in dem Schreiben geradezu ein Unruheſtifter und Aufwiegler genannt, und ihm bei ſchwerer Strafe verboten, die Kanzel zu Schönau wieder zu betreten, überhaupt das Predigtamt bei der Gemeinde zu verwalten. Bezüglich der Gemeinde ſagte das kurfürſtliche Schreiben, ſie könne bei ruhigem Weſen ungefährdet in Schönau wohnen, der Kurfürſt werde aber fürs erſte einen ſeiner Prediger, der der franzöſiſchen Sprache kundig, jeden Sonntag ſenden, damit ihr Gottes Wort recht ausgelegt werde, bis ein tauglicher Mann für ſie gefunden ſei. In Schönau hätte die Art des Zwanges, welchen der Kurfürſt anlegen wollte, die Gemeinde in dem Entſchluſſe auszuwandern, nur noch beſtärkt, wenn es einer ſolchen Beſtärkung noch bedurft hätte. Die ganze Bevölkerung des alten Kloſters und des neuen Ortes arbeitete nun Tag und Nacht, um alles für den Auszug zu ordnen. Freilich wurden dabei in manches noch zu vollendende Stück Tuch heiße und ſchwere Thränen mit eingewoben. Unterdeſſen wußte die bedrängte Gemeinde immer noch nicht, wo ſie eine Freiſtätte finden werde, wenn die kurze Friſt von drei Wochen vollends zu Ende gegangen ſein wür⸗ de. Herzog Johann Caſimir, des Fürſten Bruder, hatte zwar ſchon viele reformirte Prediger und Familien in ſeinen beiden Oberämtern jenſeits des Rheins aufgenommen, ob er aber einer ganzen Gemeinde eine Wohnſtätte werde an⸗ weiſen können, das war noch ſehr zweifelhaft. Clignet begab ſich darum mit zwei Männern aus der Gemeinde nach Neu⸗ . Neues Hoffen und neues Leid. 95 ſtadt, den Herzog um eine Zufluchtsſtätte zu bitten. Pfalzgraf Johann Caſimir war ein trefflicher Fürſt. In dem Landestheile, über den er nach dem Teſtament ſei⸗ nes Vaters für ſeine Lebzeit als Herzog regierte, ſorgte er mit Eifer und weiſer Umſicht für die leiblichen wie für die geiſti gen und geiſtlichen Bedürfniſſe ſeiner Unterthanen. Er wendete dem Landbau, den Gewerben und Fabriken und eben ſo den Schulen und höheren Bildungsanſtalten ſeine ganze Sorge zu. Gerade im März des Jahres 1578 war er lebhaft damit beſchäftigt, in Neuſtadt an der Haardt eine höhere Lehranſtalt, eine Art von Univerſität, zu errichten. Es ſollten daran namentlich jene Profeſſoren angeſtellt werden, welche der Kurfürſt von der Univerſität Heidelberg entlaſſen hatte, weil ſie das reformirte Bekenntniß nicht mit dem lutheriſchen vertauſchen wollten. Noch jetzt führt das Gebäude, welches der Pfalzgraf für ſeine neue Hochſchule zu Neuſtadt herrichten ließ, den Namen„Caſimirian.“ Dort traf Clignet den Pfalzgrafen, wie er eben ſelbſt nachſah, damit die Arbeiter die Herſtellung der Säle für ſeine neue Lehranſtalt eifrig förderten. Johann Caſimir empfing ihn freundlich, hörte ſeine Bitte um Schutz und Aufnahme für ſich und ſeine treue Gemeinde gütig an und ſagte dann: „Mein Herr Bruder verführt hart mit euch armen Leuten, Gott verzeih' es ihm! Ich möchte nicht das nämliche gegen die Lutheriſchen in meinem Lande thun, obwohl ich dasſelbe Recht dazu hätte.“ So dachte Johann Cafimir damals noch, und redete 96 Neuntes Kapitel. manches Wort darüber, wie die beiden evangeliſchen Con⸗ feſſionen in Eintracht neben einander beſtehen und ſich in der Lehre friedlich verſtändigen könnten, ohne das Wort Gottes zu ſchwächen oder gar zu verfälſchen, ohne den ewigen Grund des evangeliſch⸗chriſtlichen Glaubens zu verlaſſen. Und doch war derſelbe Pfalzgraf Johann Caſimir ſchon nach fünf Jahren nicht mehr ganz derſelbe Mann. Denn als er nach dem Tode ſeines Bruders, des Kurfürſten, die Vormund⸗ ſchaft über deſſen unmündigen Sohn führte, ließ er nicht nur dieſen in der reformirten Lehre erziehen, ſondern er führte auch mit derſelben Strenge und Härte die reformirte Con⸗ feſſion wieder in der Pfalz ein, mit welcher vorher ſein Bruder Ludwig VI. die lutheriſche begünſtigt hatte. Clignet war noch nicht am Ziele ſeiner Wünſche, ob⸗ gleich der Pfalzgraf ſein Mitleid mit ihm und ſeiner Ge⸗ meinde geäußert hatte. Der Fürſt ſtand nämlich eine Zeit lang nachdenklich, dann hob er das geſenkte Haupt wieder, ſah den harrenden Geiſtlichen faſt traurig an und ſprach:„Herr Prediger, euer Schickſal geht mir nahe, aber ich weiß nicht, an welchem Ort in meinem Lande ich eine ganze Gemeinde unterbringen könnte. Die Klöſter Frankenthal und St. Lambrecht ſind bereits euren Lands⸗ leuten und den franzöſiſchen Flüchtlingen eingeräumt, wo ſollt' ich euch eine Stätte anweiſen? Aufnehmen will ich euch alle herzlich gern, aber es bleibt dann nichts anderes übrig, als daß ihr euch trennet und eure Wohnungen in verſchiedenen Städten und Orten aufſchlaget.“ Neues Hoffen und neues Leid. 97 Mit bebender Stimme ſprach Clignet:„Durchlauch⸗ tigſter Herr, eine ſolche Trennung würde mir ſchwer. So viele Jahre hindurch haben wir gemeinſam geduldet und getragen und uns gegenſeitig aufgerichtet, und nun ſollten wir auseinander gehen und in der Zerſtreuung wohnen? Zudem verſtehen und ſprechen wir ja nicht einmal die Sprache derer, unter welchen wir auf ſolche Weiſe zerſtreut leben müßten. Habt ihr denn nicht noch irgend einen ſtillen Winkel, wo wir endlich einmal zur Ruhe kommen und mit⸗ einander unſere Geſchäfte in Frieden treiben könnten?“ Der Herzog zuckte die Achſeln.„Ich weiß keinen;“ erwiderte er;„zwar hab' ich der ſtillen Thäler genug, aber ich müßte das Obdach für eine Gemeinde aus der Erde ſtampfen können, wenn ich euch ein ſolches zuſagen wollte.“ Jetzt nahm der dabeiſtehende Prediger Toſſanus das Wort und ſagte:„Haltet zu Gnaden, durchlauchtigſter Herr, L habt außer Frankenthal und St. Lambrecht noch ein Kloſter, das ſich vielleicht zum Wohnſitze für eine ſolche Gemeinde eignete: das Kloſter Otterberg bei Kai⸗ ſerslautern.“ Es war, als blitze mit dieſen Worten ein neuer Ge⸗ danke in dem Pfalzgrafen auf.„Ihr habt Recht, Herr Doktor!“ rief er aus.„Ich muß mir das überlegen, Herr Prediger,“ ſagte er zu Clignet gewendet:„kommet in ei⸗ niger Zeit wieder, ich will unterdeſſen mit mir zu Rathe gehen.“ Blaul, Glaubenstreue(2. A.) 7 — 98 Neuntes Kapitel. „Ich habe nur noch vierzehn Tage Friſt,“ erwiderte Clignet kleinlaut. „Ihr ſollt noch früher wiſſen, woran ihr ſeid,“ ſagte Caſimir. Uebrigens verlaſſet euch auf mich, und wenn mein Herr Bruder euch vertreiben will, ehe ihr wiſſet, wo ihr eine bleibende Stätte findet, laſſet es mich nur wiſſen, und ziehet getroſt herüber über den Rhein, ich werde Rath ſchaffen. Damit Gott befohlen!“ Clignet drückte mit wenigen herzlichen Worten ſeinen Dank aus, und verabſchiedete ſich mit weſentlich erleichtertem Herzen. Sein nächſter Gang führte ihn thaleinwärts an der Ruine des alten Schloſſes Wolfsberg vorüber. Das Kloſter St. Lambrecht war ſein Ziel. Dort wollte er ſeine Lands⸗ leute, ſeine Glaubens⸗ und Leidensgenoſſen beſuchen, die ſeit beinahe zwei Jahren hier ihre Zufluchtsſtätte gefunden. Wie in Schönau, ſo war in und um das Kloſter St. Lambrecht an die Stelle der früheren klöſterlichen Stille be⸗ reits ein bewegteres Leben getreten. Die Webſtühle der Tuchmacher knarrten laut in den Zellen, deren Wände früher nur die leiſen Gebete der Benedictiner⸗Nonnen gehört hatten. Andere Gewerke verurſachten anderes Geräuſch, und das Picken der Maurer und die Axtſchläge der Zim⸗ merleute bewieſen, daß die neue Colonie mehr Raum und darum neue Häuſer und Hütten brauchte. Clignet über⸗ zeugte ſich auf den erſten Blick, daß hier kein Raum mehr ſei für ſeine Gemeinde. Das berührte ihn wohl ſchmerzlich, . Neues Hoffen und neues Leid. 99 und doch freute er ſich wieder des Friedens und des neuen Lebens ſeiner Glaubensbrüder, die erſt ſeit kurzem ſich hier angeſiedelt hatten. Der kurze Umgang mit den Genoſſen ſeines Glaubens und ſeiner Leiden, die noch dazu meiſt walloniſcher Abkunft waren, wie er ſelbſt, wirkte in der That ſtärkend und erhebend auf ſein Gemüth. Der wahrhaft Gläubige kann ja nicht lange niedergedrückt bleiben, das Licht des Troſtes geht immer wieder auf, ſobald er die Spuren deſſen wieder ſiehet, der die Seinen wunderlich führet, ohne deſſen Willen aber kein Haar von unſerm Haupte fällt. Während Clignet die ſchöne gothiſche Kirche betrachtete, ſammelte ſich nach und nach faſt die ganze Bewohnerſchaft des Kloſters und der neu entſtandenen Häuschen um ihn, und des Fragens und Erzählens wurde viel. Man ſchien ſich gegenſeitig an einander aufzurichten. Beſonders tröſt⸗ lich waren die Augenblicke für unſern guten Pfarrer und ſeine beiden Begleiter, die mit ihm nach St. Lambrecht ge⸗ gangen waren. Die Theilnahme, welche die Landsleute an dem Geſchicke ihrer Schönauer Brüder bewieſen, that den Herzen der drei Männer überaus wohl. Sie erſahen, daß ſie auch von den Menſchen nicht ganz verlaſſen waren. Als der Pfarrer tief im Geſpräche begriffen war, trat ein ältlicher Mann, der nurmehr einen Arm hatte, zu einem der beiden Schönauer Abgeſandten und fragte ihn leiſe: „Wie iſt der Name euers Pfarrers?“ „Clignet heißt er,“ antwortete jener. 100 Neuntes Kapitel. „Clignet— Clignet!“ ſprach der Mann nachdenklich vor ſich hin, als beſinne er ſich auf etwas.„Der Name iſt mir auch in Frankreich vorgekommen. Da iſt bei der Blut⸗ hochzeit ein wackerer Knabe gefallen, von dem viel geredet wurde, der hieß Paul Clignet.“ „Paul Clignet ſaget Ihr?“ rrief der Schönauer er⸗ ſchreckt. Der Ausruf war zum Ohre des Vaters gedrungen. Raſch wendete er ſich um und ſagte bewegt:„Wer ſpricht von meinem Kinde?“ „Herr Pfarrer,“ ſprach der Schönauer:„dieſer Mann da will in Frankreich von einem Knaben Namens Paul Clignet gehört haben.“ „Das iſt mein Sohn!“ rief der Geiſtliche, und ſtand in demſelben Augenblick vor dem einarmigen Manne. Sein ganzer Körper zitterte, ſein Angeſicht war bleich.„Schnell,“ rief er:„ſchnell ſaget mir, was ihr von ihm wiſſet.“ „Ehrwürdiger Herr,“ verſetzte der Hugenotte halb ver⸗ legen:„geſehen habe ich den Knaben nicht, nur von ihm gehört. Ich habe in meinem Vaterlande Frankreich mitge⸗ kämpft gegen die Verfolger unſeres Glaubens und war auch zur Zeit der Bluthochzeit in Paris. In jener Schreckens⸗ nacht ſind viele unſrer Edelleute gefallen, mit einem der⸗ ſelben ein Knabe Namens Paul Clignet, und zwar im Hauſe des Admirals Coligny, den ſie gegen die Mörder ſchützen wollten. So haben meine Kameraden erzählt und den Muth und die Treue des Knaben gelobt.“ ———————— Neues Hoffen und neues Leid. 101 „Ihr habt ihn nicht geſehen? Ihr wißt nicht mehr von ihm?“ ſprach der Pfarrer mit einem Blicke, als wolle er in der Seele des Mannes leſen.„O ich bitte euch um Gottes willen, ſaget mir alles, was ihr von dem Knaben wiſſet, denn er war doch wohl mein Kind.“ „Ich weiß nicht mehr,“ ſagte der Hugenotte. „Alſo todt!“ ſprach der Pfarrer ruhig, aber mit einem ſchweren Seufzer. Er ſelbſt hatte ſich längſt mit dem Ge⸗ danken vertraut gemacht, aber er gedachte in dieſem Augen⸗ blicke an die Hoffnung ſeiner greiſen Mutter und wie ſie mit ihren Worten nicht ſelten auch in ihm und ſeinem Weibe noch einen ſolchen Hoffnungsgedanken erweckt hatte. Damit war es nun auch aus und er hatte eine Botſchaft heimzu⸗ bringen, welche die vielgeprüfte Familie wieder um eine Hoffnung ärmer machte. Es fiel ihm gar nicht ein, daran zu zweifeln, daß der Paul Clignet, von welchem der Huge⸗ notte gehört haben wollte, ſein verlorenes Kind ſei, obgleich er dafür in keiner Art einen beſtimmten Beweis hatte. Ja er fand ſogar einen gewiſſen Troſt darin, daß er nun wußte, was aus ſeinem Sohne geworden ſei, und glaubte damit auch ſeine Gattin noch mehr beruhigen und tröſten zu können. Der Gedanke, daß ſein Paul aus der Höhle ſo wunderbar geführt worden und im Kampfe um ſeinen Glauben gefallen ſei, hatte etwas erhebendes für ihn, obwohl er die Trauer ſeines Herzens nicht ganz beſiegen konnte. Am weheſten that es ihm, daß er nichts näheres über das Schickſal ſeines Kindes erfahren konnte. Und ſo verließ er denn mit 102 Zehntes Kapitel. ſeinen beiden Begleitern die Brüder in St. Lambrecht mit einem Herzen, von dem er ſelbſt nicht ſagen konnte, ob es leichter oder ſchwerer geworden. Zehntes Kapitel. Der geheime Rath. Sie ſuchen falſche Sachen wider die Stillen im Lande. Pſalm 35, 20. Während Clignet auf dem linken Ufer des Rheines eine Zufluchtsſtätte für ſeine bedrängte Gemeinde ſuchte, ſaß eines Abends die Kurfürſtin Eliſabeth in ihrem ſchönen Gemache, das aber ſo einfach möblirt und verziert war, daß die halbweg vornehmen Leute unſerer Tage ſolche beſcheidene Einfachheit kaum begreifen könnten. Vor ihr lag die Bibel aufgeſchlagen, und obwohl ſie in ihren Seſſel zurück⸗ gelehnt war und eben nicht in dem Buche las, ſo war der Zeigefinger ihrer linken Hand doch feſt auf eine Stelle desſelben gedrückt. Durch das Zimmer aber ſchritt ihr Ge⸗ mahl, Kurfürſt Ludwig VI. Er hatte das Haupt vorwärts geneigt und die Hände auf dem Rücken gekreuzt. Offenbar woar ſchon ein Geſpräch vorangegangen und darauf wieder eine Pauſe eingetreten, denn beide ſchwiegen eine geraume Zeit. Plötzlich aber hielt der Kurfürſt in ſeinem Auf⸗ und 0 Der geheime Rath. 103 Abſchreiten inne und ſagte:„Elsbeth, ſaget, was ihr wollet, ich kann es nicht für gut und heilſam halten, daß dieſe braven, fleißigen, und ſtillen Leute außer Landes ſollen. Ich möchte ſie im Lande behalten, und weiß doch nicht, wie ich das anfangen ſoll.“ „Das wäre wohl wünſchenswerth,“ verſetzte die Kur⸗ fürſtin:„aber es wird kein anderes Mittel geben, als daß man ihren ſtarrſinnigen Prediger davonjagt und ſie zurück⸗ hält.“ lsbeth, wo denket ihr hin?“ rrief der Kurfürſt. „Dieſe Leute ſind nicht wie das ſchwanke Rohr, das der Wind hin und her wehet. Es ſind keine von denen, die aus purem Unglauben Lärm machen und deren Hitze dem Strohfeuer gleichet. Es ſind das Leute, die im Feuer⸗ ofen der Trübſal hart und feſt geworden, ſie fallen nicht ſo leicht ab, wie die Kinder des Unglaubens. Zudem haben ſie mein fürſtlich Wort, daß ſie ungehindert ziehen dürfen, das werd' ich nimmer brechen. Wenn ihr nichts beſſeres zu räthen wiſſet Der Kurfürſt redete nicht aus, ſondern ſchritt in ſeinem Gange, den er wieder durch das Zimmer gemacht, gerade zur Thüre hinaus. Er war offenbar unzufrieden, faſt unwillig. Die Kurfürſtin blieb ruhig ſitzen und verſank auf einige Augenblicke in tiefes Sinnen. Es iſt gewiß, die Kurfürſtin Eliſabeth war eine fromme Frau. Es war ihr hoch ernſt um die Sache des Evange⸗ 104 Zehntes Kapitel. liums, und mit Eifer ſuchte ſie nicht nur ihr eigenes See⸗ lenheil, ſie wollte auch das anderer befördern. Leider war ſie aber zu tief in die unſeligen Religionsſtreitigkeiten ihrer Zeit eingegangen, als daß ſie hätte ein unbefangenes Urtheil haben können. Richten wir ſie nicht! Sie war ein Kind ihrer Zeit, und glaubte vor Gott und ihrem Gewiſſen recht zu thun. Auch kam wenigſtens nicht der Gedanke in ihr Herz, die, welche anders glaubten als ſie, mit Feuer und Schwert entweder zu bekehren oder zu vernichten. Heute war die Kurfürſtin mit ſich ſebſt in ſchwerem Kampfe. Sie glanbte nun einmal, ihr Gemahl dürfe nicht nachgeben, und fürchtete, er werde es am Ende doch thun. Zugleich wünſchte ſie ſelbſt, gerade dieſe Wallonen und Hu⸗ genotten zurückzuhalten und zu bekehren. So ſaß ſie in tiefes Nachſinnen verloren, als eine ihrer Hofdamen hereintrat und Herrn von Walden meldete. „Er ſoll kommen!“ rief die Kurfürſtin raſch, und nach⸗ dem ſich die Hofdame entfernt hatte, trat ein ſtattlicher Ca⸗ valier in das Zimmer, und verbeugte ſich ehrerbietig. „Ihr ſeid zurück, Herr von Walden?“ ſprach Eliſabeth. „Tretet näher und berichtet mir ſchnell den Erfolg eurer Sendung. Ich hoffe, er war ein guter.“ Der Cavalier trat einen Schritt näher und ſagte mit einem leichten Achſelzucken:„Kurfürſtliche Gnaden, ich wollte, ich könnte ihn loben, ich kann es aber nicht.“ „Wie? auch nichts ausgerichtet?“ rief die Kurfürſtin ſichtbar erregt. 105 Der geheime Rath. „Leider ſo viel wie nichts,“ verſetzte Herr von Wal⸗ den.„Ich begab mich auf euer kurfürſtlichen Gnaden Be⸗ fehl alsbald nach Schönau, um den walloniſchen Prediger zu ſprechen, erfuhr aber, er ſei vereiſt, und zwar über den Rhein. Indeß ging ich doch nach ſeiner Wohnung. Ich dachte, mit den Frauen ließe ſich vielleicht am erſten reden. Da traf ich denn zuerſt mit der Pflegetochter des Predigers zuſam⸗ men. Mit dieſer ließ ich mich in ein Geſpräch ein, und da ich ſah, daß ſie ſchüchtern und verlegen war, hoffte ich ſie zu beſtimmen, daß ſie ihren Pflegevater bitte, ſich dem lan⸗ desherrlichen Willen zu fügen. Als ich aber auf dieſes Ka⸗ pitel kam, fand ich ſie, trotz ihrem beſcheidenen Weſen, ei⸗ ſenfeſt. Sie ſagte, ſie könne und werde das nicht thun. Ich verſprach ihr ſo zu ſagen goldene Berge. Aber ſie ſagte mir rund heraus, ſie danke für jede Ehre und glän⸗ zende Verſorgung, denn ſie werde lieber ins Elend gehen, als auf ſolche Weiſe ein irdiſches Glück erkaufen. Ich ließ endlich Drohungen durchblicken, aber ſelbſt das wollte nicht verfangen. Sie ſagte darauf nur: Wir ſtehen in Gottes Hand und werden tragen, was dieſe Hand uns auferlegt! Ich ließ mich nicht abſchrecken, ſondern ging auch zur Frau des Predigers. Da war aber die blinde Alte, und dieſe hat mir in der That warm gemacht. Die iſt bibelfeſt, wie ein Superintendent, und hat mich geradezu einen Ver⸗ ſucher genannt. Des Predigers Frau ſcheint ein weiches Gemüth zu haben, ſie hatte nur Thränen, und doch irrte ich mich, als ich meinte, ſie würde ſich bereden oder durch 106 Zehntes Kapitel. Drohungen ſchrecken laſſen. Sie blieb einfach bei dem ſtehen, was die blinde Großmutter ſagte. Da iſt an kein Nachgeben zu denken.“ Die Kurfürſtin erhob ſich.„Sie müſſen fort,“ ſagte ſie feſt und beſtimmt:„fort ſo ſchnell als möglich, wenn größeres Unheil verhütet werden ſoll.“ „Wenn man den Prediger mit ſeiner Familie in aller Stille über die Grenze ſchaffen könnte,“ verſetzte Herr von Walden:„ſo wäre ſchon viel gewonnen. Ohne ihn würde ſich die Gemeinde vielleicht eines beſſeren beſinnen.“ „Wie ſoll man das anfangen?“ ſprach die Kurfürſtin. „Ein wenig Gewalt würde vielleicht“—— Eliſabeth ließ den Cavalier nicht ausreden:„Gewalt?“ ſagte ſie:„nein, Herr von Walden, das ſei ferne! Wir würden uns am Ende gar verſündigen und das Uebel nur noch ärger machen.“ „Ich meine nicht gerade ſo,“ verſetzte der glatte Hof⸗ mann einlenkend:„ich dachte nur, man ſollte dem halsſtar⸗ rigen Prädikanten zeigen, daß es Geſetze gibt, nach welchen die Aufhetzer und Unruheſtifter im Lande beſtraft werden. Vielleicht würde er ſich von ſelbſt ſchneller davon machen.“ „Erklärt euch näher, wie ihr das eigentlich meinet,“ ſagte die Kurfürſtin mit einem forſchenden Blicke. „Es iſt nicht zu leugnen,“erklärte Herr von Walden: „daß der Prädikant durch ſein Benehmen nicht nur ſeine Gemeinde zur offenen Auflehnung verleitet, ſondern auch anderwärts böſes Blut gegen die allergnädigſten kurfürſt⸗ . Der geheime Rath. 107 lichen Befehle erregt. Noch jüngſt, als er mit ſeiner De⸗ putation hier auf dem Schloſſe war, iſt ein großer Theil der Heidelberger Bürgerſchaft in ziemliche Aufregung ge⸗ rathen. Gegenwärtig treibt er ſich wieder anderwärts herum, und wird wohl auch nichts anderes ſtiften, als Erbitterung und Unruhe. Zuletzt wird er mit ſeiner ganzen Gemeinde ausziehen und dadurch großen Allarm erregen.“ „Das muß verhütet werden!“ fiel die Kurfürſtin raſch ein. „Eben darum,“ fuhr Walden fort:„wäre es meine unvorgreifliche Meinung, man müſſe den Mann früher zum Abzuge bewegen. Freiwillig wird er nicht früher gehen. Wenn man ihm aber unter die Füße legt, daß er leicht zur Verantwortung gezogen werden könnte für alles, was ſchon geſchehen iſt und noch geſchehen dürfte, ſo möchte das ſchon von Wirkung ſein.“ „So übernehmet ihr das!“ ſprach Eliſabeth:„Ver⸗ ſuchet es, ihn mit ſeiner Familie zu ſchnellem Abzuge zu bewegen.“ „Ich ſtehe euer kurfürſtlichen Gnaden zu Befehl,“ verſetzte von Walden mit einer tiefen Verbeugung.„ Nur etwas bedürfte ich dazu noch, nämlich eine fürſtliche Voll⸗ macht, im rechten Augenblick auch handelnd einzuſchreiten, wenn es etwa noth thun ſollte.“ „Aber keine Gewalt!“ ſagte die Kurfürſtin ernſt. „Höret ihr es, Herr von Walden? keine Gewalt!“ „Behüte der Himmel!“ verſetzte der Hofmann mit einem Bückling. 108 Zehntes Kapitel. „Nun denn, ich will mit meinem Gemahl darüber reden. Morgen in der Frühe ſollt ihr das Weitere erfahren.“ WMit dieſen Worten entließ die Fürſtin den Cavalier. Dieſer entfernte ſich unter tiefen Verbeugungen. Sie ſelbſt aber ſchickte ſich an, den Kurfürſten aufzuſuchen. Ohne das mindeſte zu ahnen von dem neuen Sturme, der ſich gegen ihn erheben ſollte, eilte Clignet mit ſeinen beiden Begleitern dem Rheine zu, um wieder in die Heimat zu kommen, die leider in kurzer Friſt nicht mehr ſeine Hei⸗ mat ſein ſollte. Er hatte mit ſeinen beiden Freunden glücklich wie⸗ der das Ufer des Rheines er reicht, und zwar an der Stelle, wo ſich gegenwärtig die neu gegründete Stadt Lndwigshafen erhebt. In jener Zeit ſtanden hier nur ein paar kleine Häuſer, dar⸗ unter eine Herberge, in welcher die Fuhrleute und Reiſenden warteten, bis ſie mit der Fähre über den Strom geſetzt wer⸗ den konnten. Denn damals verband hier noch keine Brücke die beiden Ufer des Rheins. Und wenn der Blick vom linken Ufer nach dem rechten hinüberſchweifte, ſah er wohl Mannheim vor ſich liegen; aber das war keine Stadt, ſon⸗ dern ein geringes Dorf. Zur Rechten dieſes Dorfes ſpie⸗ gelten ſich die Mauern und Thürme des alten feſten Schloſſes Eicholsheim in den Fluthen des alten, majeſtäti⸗ ſchen Stromes, und etwas weiter zurück erhob ſich die noch ältere Burg Rheinhauſen. Hier ſtanden die drei Wanderer und ſchauten über den Strom, deſſen ruhige Fluth die Strahlen der warmen Frühlingsſonne blitzend zurückwarf. Sie waren zu ſpät ge⸗ Der geheime Rath. 109 kommen und mußten auf die Rückkehr der Fähre warten; indeſſen traten ſie in die am Ufer gelegene Herberge, um dort einſtweilen auszuruhen. In der niedrigen Stube ſaß eben nur ein einziger Gaſt, der Kleidung und dem ſonſtigen Ausſehen nach ein Stadt⸗ bürger. Er trank ruhig ſeine Kanne Wein und ſchien wenig auf die neuen Ankömmlinge zu achten, doch warfer zuweilen einen flüchtigen Blick auf den Prediger. Erſt als die drei Schönauer eine Zeit lang im Geſpräch begriffen waren, er⸗ hob er ſich, trat näher und ſagte in ſchlechtem, gebrochenem Franzöſiſch:„Verzeihet, meine Herren, habe ich hier nicht den Herrn Prediger von Schönau vor mir?“ „Der war ich,“ antwortete Clignet,„ ehe mich der Kur⸗ fürſt meines Amtes entſetzte und mir zu predigen verbot.“ „Ihr ſeid wohl wieder auf dem Wege nach Schönau?“ „So iſt's!“ erwiderte der Prediger. „Ehrwürdiger Herr,“ fuhr der Fremde fort,„ laſſet euch warnen. Mir ſcheint beinahe, als wiſſet ihr noch nicht, was der Kurfürſt neuerdings über euch beſchloſſen hat. Aus ganz guter Quelle weiß ich, daß ihr als Unruh⸗ ſtifter und Aufhetzer gefänglich eingezogen werden ſollet, und ich möchte euch dringend anrathen, das jenſeitige Ufer nicht mehr zu betreten. Ihr miüßtet ja doch bald herüber ziehen, warum wolltet ihr euch der Gefahr ausſetzen, vielleicht längere Zeit gefangen gehalten zu werden? Bleibet auf die⸗ ſem ſicheren Boden und laſſet eure Familie und eure Ge⸗ meinde nachkommen.“ 110 Zehntes Kapitel. „Es iſt viel möglich in dieſer ſchweren Zeit der Heim⸗ ſuchung,“ ſprach Clignet.„Aber daß man aus mir einen Unruheſtifter und Aufhetzer mache, das wäre doch zu viel. Auch kann ich mir nicht denken, daß ein ſonſt ſo gerechter Fürſt mir ſolch großes Unrecht zufügen werde. Sagt an, werther Herr, iſt denn eure Nachricht wirklich ſo ſicher, oder ruht ſie mehr auf Vermuthung?“ „Ihr könnt euch feſt darauf verlaſſen, ehrwürdiger Herr,“ verſetzte der Fremde.„Ich habe ſie nicht aus der Luft gegriffen. Sie kommt vom Schloſſe zu Heidelberg ſelbſt, wo ich einen vertrauten Bekannten habe. Fraget mich nicht weiter über meine Perſon, noch über Andere; ihr wißt, es iſt nicht rathſam, etwas geſagt zu haben in dieſer Zeit.“ „Es wäre denn doch möglich,“ ſagte der eine von Clig⸗ nets Begleitern.„Ihr werdet euch erinnern, daß euch ſchon in dem letzten Schreiben ein ſolcher Vorwurf gemacht wurde. Ich möchte darum auch rathen: bleibet dieſſeits des Rheins, wir aber wollen nach Schönau eilen und euch donn Nachricht geben, wie es ſich verhält. Im ſchlimmſten Falle werden wir ſorgen, daß eure Familie recht bald wohlbe⸗ halten bei euch iſt.“ Auch der andere Begleiter ſtimmte lebhaft bei. Um den Mund des Pfarrers aber legte ſich ein ſchmerzli⸗ cher Zug. Leiſe ſchüttelte er das Haupt und ſprach:„Ich danke euch, werther Herr, für eure wohlgemeinte Warnung und euch allen für den wohlgemeinten Rath, aber befolgen kann ich ihn nicht. Ich weiß mich frei von ſolcher Schuld, 0 Der geheime Rath. 111 warum ſollt' ich feige aus dem Wege gehen? Ich bin es meiner Familie und meiner treuen Gemeinde ſchuldig, daß ich nicht zuerſt an mich denke. Wenn der Hirte zuerſt zaghaft wird und fliehet, was ſoll die Heerde denken und thun?“ Sowohl der Fremde als auch die beiden Begleiter Clig⸗ nets machten Einwände. Die beiden letzteren hegten offen⸗ bar große Beſorgniß um ihren lieben Pfarrer. Dieſer aber blieb feſt bei ſeinem Vorſatze.„Liebe Herren,“ ſprach er zuletzt,„redet mir nicht mehr ein, ich will, ich muß noch einmal in die bisherige Heimat ziehen.“ Mit dieſen Worten ſtand er auf und blickte durch das Fenſter.„Kommt, Freunde!“ rief er,„die Fähre wird ſo⸗ gleich wieder am Lande ſein. Wir wollen gehen, und Gott möge uns geleiten.“ Sie gingen, und der Fremde gab ihnen das Geleite bis unter die Hausthüre. Dort ſagte er noch:„Ich wünſche von Herzen, daß meine Warnung unnöthig geweſen ſein möchte; reiſet glücklich, ihr Herren!“ Während die drei ihm den Rücken zukehrten, ſah er ſcharf nach dem jenſeitigen Ufer hinüber. Da drüben hielt ein Reiter, der auf etwas zu warten ſchien. Der Fremde ſah ihn, zog ein weißes Tuch aus der Taſche und ſchwenkte es dreimal in der Luft. Siehe, da trabte der Reiter am jenſeitigen Ufer raſch davon. Clignet und ſeine beiden Freunde ſahen davon nichts. Sie ahnten auch nicht, daß der eifrige Warner ein verabredetes Spiel getrieben haben könne. Während aber ihr Kahn raſch über den Rhein da⸗ 112 Elftes Kapitel. hinglitt, ſagte der Eine:„Ueber Heidelberg gehen wir aber nicht, ehrwürdiger Herr, ſondern über Ladenburg und von dort über die Berge hinein. Vorſicht ſchadet in keinem Falle.“ Elftes Kapitel. Die Ueberraſchung. Täglich fechten ſie meine Worte an. Sie halten zu Hauf und lauern und haben Acht auf meine Ferſen, wie ſie meine Seele erhaſchen. Pſalm 50, 6. 7. Die Dämmerung eines ungewöhnlich milden Frühlings⸗ abendes hatte ſich über den Thalkeſſel von Schönau gebreitet. Die Stimmen der Vögel, dieſer lieblichen Boten des Früh⸗ lings, waren verſtummt, dagegen tönten die Klänge einer weichen, lieblich reinen Mädchenſtimme durch die laue Luft des ſtillen Abends, den bereits die hellen Sterne und die ſchmale Mondſichel zu verklären begannen. Es war Ma⸗ riens Stimme. Sie ſaß am offenen Fenſter und wartete mit ſchwerem Herzen, gleich der Mutter Eliſabeth und der Großmutter Cornelia, auf die Heimkehr des Vaters. Kein Die Ueberraſchung. 113 Licht brannte noch im Zimmer und in der tiefen Stille hatte Marie, faſt ohne es ſelbſt zu wiſſen, die wehmüthige Weiſe eines Liedes angeſtimmt, zuerſt ganz leiſe, bis allmälig die Töne lauter und klarer klangen. Sie ſang: Ach! ſollt' ich fürder nicht mehr hoffen Auf Dich, dem ich bisher vertraut? Dein Gnadenaug', ſteht's nicht mehr offen? Iſt mir der Weg zu Dir verbaut? Wie ſoll ſich meine Seele faſſen, Wenn Der, auf den ich mich verließ, Mich auch verſtoßen und verlaſſen, Wie mich die Welt ſchon längſt verſtieß? Der letzte Ton dieſes Verſes war noch nicht verklungen, die Sängerin hatte nicht Zeit, die zweite Strophe zu be⸗ ginnen, als ſich draußen in geringer Entfernung eine tiefere, ſtärkere Stimme vernehmen ließ, welche die andere Strophe des Liedes ſang: O Seele, gib dich nur zufrieden, Dein Gott und Herr verläßt dich nicht. Was Er an Trübſal dir beſchieden, Verkehrt Er bald in Freudenlicht. O halt' im Glauben, Lieben, Hoffen Nur eine kurze Nacht noch aus, Des Hüters Gnadenaug' iſt offen, Und offen auch Sein Vaterhaus. „Es iſt der Vater!“ riefen Marie und die Pfarrerin zugleich, und mit der Raſchheit der Jugend eilte das Mäd⸗ chen der Mutter voraus, um den ſehnlichſt Erwarteten zu begrüßen. Bhaul, Glaubenstreue.(2. A.) — 0 114 Elftes Kapitel. Es war, als ob neuer Troſt in den bekümmerten Her⸗ zen der Frauen aufblühte, ſobald der Prediger nur unter das Dach getreten war. Und in der That fanden ſie die⸗ ſen Troſt auch in dem, was er ihnen nach der erſten Be⸗ grüßung mittheilte. Es war die freundliche Zuſage des Pfalz⸗ grafen Johann Caſimir, die Clignet von Neuſtadt mitbrachte. Sie richtete die niedergebeugten Gemüther weſentlich auf. Indeſſen blieb auf beiden Seiten immer noch ein ſchwerer Stein auf den Herzen, welchen abzuwälzen in den erſten Augenblicken des Wiederſehens noch kein Theil ſich getraute. Clignet hatte noch die immerhin erſchütternde Botſchaft von ſeines Sohnes Tode auf dem Herzen, die drei Frauen aber das, was ſich während der Abweſenheit des Hausvaters zugetragen, nämlich den bedenklichen Beſuch des kurfürſtli⸗ chen Höflings von Walden. Noch war alſo von allem dem nichts über eine Lippe gekommen, als unten im Kloſterhofe Stimmen laut wurden. Nichts war natürlicher, als daß die erwartungsvolle Ge⸗ meinde aus dem Munde ihres zurückgekehrten Geiſtlichen den Erfolg ſeiner Sendung zu dem Herzoge Johann Caſimir zu erfahren wünſchte. Hing ja doch davon ihr künftiges Schickſal zunächſt ab. Clignet, der die Urſache des Ge⸗ räuſches im Hofe ſogleich erkannte, eilte hinab, um ſeiner Gemeinde zu berichten, daß er gute Botſchaft von jenſeit des Rheines bringe. Der Kloſterhof füllte ſich mittlerweile immer mehr mit Menſchen. An den Fenſtern, die auf denſelben heraus⸗ Die Ueberraſchung. 115 gingen, zeigten ſich die gegenwärtigen Bewohner der ehema⸗ ligen Zellen und ſonſtigen Räume mit einzelnen Lichtern. Wie einſt im Pfarrhofe zu Antwerpen ſtand Clignet wieder auf einer Treppe, vor ihm die harrende Gemeinde. Er fühlte ſich eigenthümlich bewegt. Alles um ihn und über ihm, die Nacht und der Sternenhimmel, die eigenthümliche Beleuchtung des Ortes und das erwartungsvolle Schweigen in der Verſammlung, alles ergriff ihn auf wunderbare Weiſe. Er hatte ſeit zwei Sonntagen nicht mehr predigen dürfen, und es drängte ihn hier mächtig, nicht blos Bericht über ſeine Sendung abzuſtatten, ſondern auch einige Worte zur zur Erbauung, zum Troſte und zur Aufrichtung ſeiner ſchwerge⸗ prüften aber glaubenstrenen Gemeinde zu reden. Und er that's. „Wir haben hier keine bleibende Stadt, die zukünftige ſuchen wir.“ Das war das Grundwort ſeiner Anrede an die Verſammlung. Die Zuhörer wußten ja, wie dies Wort auf ſie paſſe, und er knüpfte daran den Bericht über das, was der Beſchützer ihres Glaubens jenſeits des Rheines verſprochen habe. Sodann wies er darauf hin, wie die Gnade des Herrn noch nicht aus ſei, und wie die Gemeinde in dankbarer Liebe gegen ihn beharren und im Glauben an ihn die zukünftige Stadt ſuchen ſolle, nämlich das Jeruſa⸗ lem, das droben iſt im Himmel. Mit einigen dankenden Gebetsworten ſchloß er ſeine kurze Anſprache. Kaum hatte der Geiſtliche das letzte Wort geſprochen, da hob mitten in der Verſammlung eine Stimme zu ſingen an:„Lobe den Herrn, meine Seele,“ und die ganze 8* 116 Elftes Kapitel. Gemeinde ſtimmte ernſt und feierlich mit ein und ſang die erhebenden Worte des Pſalms, als wäre ſie in der Kirche. Das leiſe Wehen der Nacht zog dabei wie der Odem Got⸗ tes über den Häuptern der ergriffenen Gemeinde hin, und rauſchte in den Kronen der alten Bäume wie ferner Orgel⸗ ton.— Es war eine erhebende Feier. „Holla!“ rief plötzlich eine laute, rauhe Stimme mitten in den feierlich gedämpften Geſang hinein, und alle Sänger verſtummten, und alle Augen kehrten ſich nach dem offenen Thore des Kloſterhofes. Dort hielt eine kleine Schaar kurfürſtlicher Reiter, an ihrer Spitze Herr von Walden. Der trieb ſein Pferd mitten durch die Menge, welche ſcheu zur Seite wich, gerade der Pforte zu, vor welcher Clignet ſtand. „So reſpektirt man alſo die kurfürſtlichen Befehle, Herr Prediger?“ rief der Kavalier dem Geiſtlichen entgegen. „Steht denn in dem Verbote geſchrieben, daß ihr blos die Kirche meiden ſollt, aber unter freiem Himmel Gottesdienſt halten und predigen dürfet?“ „Verzeiht, edler Herr,“ verſetzte ruhig der Geiſtliche, der ſich nach der erſten Ueberraſchung ſchnell wieder geſam⸗ melt hatte:„es war das kein Gottesdienſt, dieſe Leute hier waren weder zu einem ſolchen zuſammenberufen, noch hatten ſie ſich zu dieſem Zwecke nicht verſammelt.“ „Habe ich nicht eure Predigt gehört?“ rief Herr von Walden,„bin ich nicht mitten in den Geſang hineinge⸗ fahren? Ihr ſolltet euch ſolcher Ausrede ſchämen.“ „Es iſt weder eine Ausrede, noch ſchäme ich mich mei⸗ Die itertuſchunt 117 ner Worte,“ ſprach der Prediger ernſt und mit Nachdruck. „Ich wiederhole vielmehr, daß keine gottesdienſtliche Ver⸗ ſammlung beabſichtigt war. Dieſe Leute kamen ungerufen, um zu erfahren, welche Nachricht ich ihnen von Neuſtadt bringe. Wenn ihr meine Anſprache gehört habt, ſo werdet ihr ſelbſt bezeugen müſſen, daß ich ihnen ſolche verkündigt habe. Daß ich es in meiner Weiſe als Pfarrer gethan, das leugne ich nicht und ſchäme mich deſſen nicht; daß die Zuhörer den Herrn darob laut lobten, wird ihnen hoffentlich kein Chriſt zum Verbrechen machen wollen.“ Als Herr v. Walden hierauf ſeine Stimme wieder barſch gegen den Prediger erhob, lief ein dumpfes Murren durch die ganze Verſammlung. Clignet reckte die rechte Hand empor, und ſagte in ſeiner gewöhnlichen ſanften Weiſe: „Ruhig meine Freunde!“ Augenblicklich trat die tiefſte Stille ein. Hierauf wandte er ſich an Herrn v. Walden mit den Worten:„Edler Herr, euer ſpäter Beſuch gilt doch wohl nur meiner Perſon. Seid ſo gütig und laſſet dieſe friedlichen Leute ruhig nach Hauſe gehen. Sollte ein Fehler gegen kurfürſtlichen Befehl begangen worden ſein, laſſet mich allein die Folgen tragen.“ „Sie mögen gehen und ſich ruhig verhalten,“ ſprach Herr von Walden laut:„denn die geringſte Widerſetzlichkeit würde die bitterſten Folgen haben. Wenn die Gemeinde ruhig bleibt, wird mein gnädigſter Herr ſie ſchützen und ihr ſein Wort treulich halten.“ Die Verſammlung ſchien indeß nicht Luſt zu haben, 118 Elftes Kapitel. ſich zu entfernen. Erſt als Clignet ihr noch einmal freund⸗ lich zuredete und ſie ermahnte zu vertrauen, ging ſie ſtill auseinander. Die Herzen aber waren voll Sorge um den Prediger. Die Gemeinde hatte ſich entfernt, die Reiter hielten Thor und Hof beſetzt, Herr von Walden aber ſtieg vom Pferde und ſagte etwas milder als vorher:„Herr Prediger, führet mich in euer Zimmer, ich habe im Namen des Kur⸗ fürſten mit euch zu reden.“ Clignet gehorchte ſchweigend. Im Vorübergehen drückte er ſeiner weinenden Gattin und ſeiner Pflegetochter die Hand und ſagte leiſe:„Getroſt!“ Lauter fügte er hinzu: „Marie, Licht in mein Zimmer!“ Der Kavalier grüßte die Frauen einfach, aber nicht unfreundlich, und ſchritt hin⸗ ter der voranleuchtenden Jungfrau in das Studirzimmer des Pfarrers. Die Unterredung der beiden Männer dauerte ziemlich lange. Clignet erſah daraus, daß Herr von Walden ihn wegen Widerſetzlichkeit gegen die fürſtlichen Befehle verhaf⸗ ten und gefangen nach Heidelberg führen werde, wenn er ſich nicht darein fügen wolle, das Land freiwillig, und zwar ſo ſchnell als möglich, zu verlaſſen. Zugleich erfuhr er, der Kurfürſt werde nimmermehr zugeben, daß der Prediger mit der geſammten Gemeinde in öffentlichem, feierlichem Zuge ausziehe, weil dadurch nur Aufſehen und Unruhe im Lande erregt würde. Anfangs war der Geiſtliche entſchloſſen, Alles, ſelbſt das Aeußerſte, über ſich ergehen zu laſſen. Herr Die Ueberraſchung. 119 von Walden aber redete ihm ernſtlich ein und ſuchte ihm zu beweiſen, daß er nur ſich und ſeine Gemeinde in große Ungelegenheiten bringen könne, wenn er ſich nicht füge. Nach Allem, was geſchehen war, konnte Clignet ſich das ſelbſt nicht mehr verhehlen. Er bat darum nur noch um die Erlaubniß, ſich mit ſeiner Familie und den Vorſtehern ſeiner Gemeinde kurz zu berathen. Auch das geſtand ihm Waolden nach einigem Bedenken zu. Die Vorſteher wurden ſchleunig in die Pfarrwohnung beſchieden, und ihre, ſo wie die Stimmen der neuerdings geängſtigten Frauen beſtimmten den Prediger, dem Befehle Folge zu leiſten. Niemand war zufriedener, als Herr von Walden. Er hatte ſeinen Auftrag glücklich vollführt, und zwar, wie er meinte, wirklich ohne Anwendung von Gewalt. Von den Vorſtehern ließ er ſich das Wort geben, daß ſie erſt morgen am Tage der Gemeinde von dem Abzuge des Predigers Kunde geben und für die ruhige Haltung derſelben bürgen wollten. Hierauf verabſchiedete er ſich freundlich, und die Gemeindeglieder, welche einzeln noch ihr Augenmerk auf die Pforte des Kloſterhofes gerichtet hatten, ſahen ihn ohne den Pfarrer mit ſeinen Reitern von dannen ziehen.— Am Morgen nach dieſer ſchweren Nacht, als eben der Tag zu grauen begann, glitt ein kleines Schifflein den Neckar hinab an der Stadt Heidelberg vorüber. Der Prediger mit den drei Frauen ſaß darin, die Herzen voll Weh, die Augen voll Thränen. Außer den Ruderern waren noch vier treue Männer der walloniſchen Gemeinde dabei, die noch 120 Zwölftes Kapitel. nichts von der Entfernung ihres Geiſtlichen ahnte. Als das Fahrzeug den Neckar hinter ſich und den Rhein quer durch⸗ ſchnitten hatte, ſtieg Clignet zuerſt auf das linke Rheinufer. Die Sonne war eben freundlich aufgegangen.„Herr Gott, bringe uns wieder zuſammen, daß wir danken deinem Namen und rühmen dein Lob,“ ſprach der Prediger laut. Kurze Zeit darauf war die kleine Karawane auf dem Wege nach Frankenthal, wo Clignet mit den Seinen zu⸗ nächſt bei ſeinen Glaubensbrüdern und Freunden verweilen wollte, bis ihr ferneres Schickſal entſchieden wäre. Zwölftes Kapitel. Das Wiederfinden. Die Erlöſeten des Herne wiederkommen und gen Zion kommen mit Jauchzen. Je 0 Etwa drei Stunden nördlich von der Stadt Kaiſers⸗ lautern liegt in einem weiten, von niederen Hügeln um⸗ ſchloſſenen Grunde das Dorf Schalodenbach, vor Zeiten auch ein Ritterſitz, im ſechzehnten Jahrhunderte aber Hauptort der Sickingen'ſchen Herrſchaft Schalodenbach. Im Sommer des Jahres 1579 war es in der ſonſt ziemlich einſamen Burg auf kurze Zeit ſehr lebendig. Ein 0 Das Wiederfinden. 121 junger Sickingen, Urenkel des berühmten Franz von Sickin⸗ gen, war von Zweibrücken, wo er ſich am herzoglichen Hof aufgehalten, mit einigen Freunden nach Schalodenbach ge⸗ kommen, um die Freuden der Jagd in den bedeutenden Wäl⸗ dern und der Fiſcherei in den großen Teichen des Thales zu genießen. Unter den Fremden waren zwei junge Männer aus Frankreich, welche die Dienerſchaft nur die beiden Hu⸗ genotten nannte. Es hieß, ſie wollten von Zweibrücken an den Hof des Pfalzgrafen Caſimir reiſen. Der einzige Die⸗ ner, den ſie mit ſich führten, war ein alter Mann mit wei⸗ ßem Haare, von Geburt ein Deutſcher, doch ſprach er die faſt verlernte Mutterſprache nicht viel beſſer, als wenn er ein geborner Franzoſe geweſen wäre und ſpäter erſt deutſch gelernt hätte. Während die Herren in dem ſogenannten Saal der Burg beim Mittagsmahle ſaßen, waren die Diener in einer Halle, die zugleich als Küche und Geſindeſtube galt, in dem nämlichen Geſchäfte begriffen. Als der erſte Sturm auf die vollen Schüſſeln vorüber war, nahm Einer das Wort und ſagte:„Herr Deutſchfranzos, ihr ſeid uns noch ein großes Stück eurer Erzählung ſchuldig, jetzt wäre die ſchönſte Ge⸗ legenheit, die Sache zu Ende zu führen. Ihr hattet abge⸗ brochen mitten in der ſchrecklichen Bartholomäusnacht.“ „O daß ich nicht mehr an jene Schreckensnacht denken müßte!“ begann der Alte;„aber ich kann ſie ewig nicht ver⸗ geſſen. Ich hatte den Knaben ausgehen laſſen, meinen Herrn zu ſuchen, weil er ſich ſo ſehr um denſelben ängſtigte, und Zwölftes Kapitel. nun tobte plötzlich der Mord durch alle Straßen, und weder der Knabe noch Herr von Sevre waren zurückgekommen. Mein Entſetzen, ja meine Verzweiflung könnt ihr euch nicht vorſtellen. Ich weckte die zwei andern Diener, ließ den einen zur Bewachung des Hauſes zurück, und ſtürzte mit dem an⸗ dern hinaus, um meinen Herrn aufzuſuchen. Wir waren beide wohl bewaffnet, aber was konnte das helfen? Die zahlreichen und wohl vorbereiteten Feinde hieben und ſchoſſen in beſeſſener Wuth Jeden nieder, der nicht ihr Zeichen, nämlich das weiße Kreuz, an ſich trug. Da konnte nur Liſt helfen. Schnell zog ich mich mit meinem Begleiter wieder in unſere Wohnung zurück, und ehe eine Viertelſtunde ver⸗ ging, hatten wir uns weiße Kreuze angeheftet und waren wieder draußen mitten im Gewühle. O der Anblick war entſetzlich! Ich bin in Frankreich alt geworden und habe manch Blutbad mit angeſehen und durchgemacht, aber ſolch gräßliches Schlachten hatte ich noch nie geſehen. Wir ſuch⸗ ten nur vorwärts zu kommen, denn mein Ziel war die Woh⸗ nung des Admirals. Ich wußte, daß mein Herr jedenfalls zu dieſem eilen würde. Er war ja nur in Paris geblieben, um zum Schutze deſſelben zur Hand zu ſein. Glücklich er⸗ reichten wir auch das Haus, aber dort war leider ſchon Alles vorbei. Coligny's verſtümmelte Leiche hatten die Mörder zum Fenſter hinausgeſtürzt, die meines Herrn lag zerfetzt und zertreten in einem Vorzimmer, und nicht weit davon entfernt der kleine Paul. Der Junge hatte den De⸗ gen noch feſt in der Hand. Wie mir altem Kerl da war, 0 Das Wiederfinden. 123 nein, das kann kein Menſch ſich denken. Ich hätte heulen mögen wie ein Kind, und doch war dazu nicht Zeit. Ich dachte jetzt nur daran, wie es möglich wäre, die beiden Lei⸗ chen beiſeite zu ſchaffen, ohne daß es ein Menſch merkte. Wir warteten ab, bis das Mordgewühl ſich noch weiter in die Ferne gezogen hatte, und ſchleppten dann die Leichen, ſo gut als möglich verhüllt, in unſere Wohnung. Aber wie war die zugerichtet! Der, den ich als Wächter zurückge⸗ laſſen, lag todt auf der Schwelle, alles war entweder zer⸗ ſchlagen oder geraubt. Wir verbargen uns mit unſern Todten in der Wüſtenei den kommenden Schreckenstag hin⸗ durch bis wieder die Nacht kam, immer in Gefahr, noch⸗ mals überfallen zu werden. Während dieſer entſetzlichen Zeit wollte es mir einmal vorkommen, als ſei noch Leben in dem Knaben; und in der That es war ſo. Jetzt galt's, den wieder zum Leben und in Sicherheit zu bringen. Das erſtere gelang uns nach angeſtrengten Bemühungen, das letztere hatte größere Schwierigkeit. Eine Bäuerin, die täg⸗ lich mit Milch und mit andern Lebensmitteln vom Lande kam, und die ich bereits kannte, mußte uns dazu behilflich ſein. Auf ihrem Karren, zu dem ſie ſelber das Pferd ab⸗ gab, brachte ſie den Lebendigen und ſogar den Todten unbe⸗ merkt aus dem Thore der Stadt, und wir beide flüchteten ebenfalls, ohne ertappt zu werden. „In dem Hauſe der mitleidigen Bäuerin wurde Paul untergebracht und wirklich recht ſorgſam verpflegt. Reſpekt vor dieſer Katholikin, die ſolche Samariterdienſte an uns 124 Zwölftes Kapitel. that, und zwar mit Gefahr ihres eigenen Lebens. Meinen Kameraden ließ ich einſtweilen dort bei dem Knaben, und er galt als Knecht im Hauſe. Ich ſelbſt machte mich auf, um meiner unglücklichen Herrin die Trauerbotſchaft zu bringen. Auf meinem ganzen Wege hatte ich nur greuliche Spuren der Verwüſtung geſehen. Der Mord, der in Paris ſo ſchauderhaft begonnen hatte, war auf königlichen Befehl in den Provinzen fortgeſetzt worden. Ich kam an das Flüßchen Sevre und in die Nähe unſeres ſchönen Schloſſes, und Alles, was ich umher ſah, ließ mich nichts Gutes ahnen. Ich fand das Schloß zerſtört, die ſchönen Gärten verwüſtet. O ich hätte auf den Trümmern ſterben mögen vor Leid. Indeß mußte ich nach la Rochelle eilen, denn nur dorthin konnte Frau von Sevre mit ihrem Sohne ſich geflüchtet ha⸗ ben, wenn ſie noch am Leben waren. Ich fand ſie dort im Hauſe ihres Schwagers Renaud, aber krank. Die Kunde von der Pariſer Mordnacht war meinen alten Beinen längſt vorangeeilt, und die gute Dame hatte im erſten Augen⸗ blicke ſchon die Hoffnung aufgegeben, ihren Gemahl wie⸗ derzuſehen. „Mittlerweile rückte das feindliche Heer wieder vor die feſte Stadt, um dieſe letzte Schutzwehr der Proteſtanten zu brechen und ſo den großen Schlag der Vernichtung zu voll⸗ enden. Nicht Mann noch Maus konnte aus der Feſtung hinaus, noch herein. Wie wir da wieder in Sorge waren um den verwundeten Paul, zu dem ich nicht zurückkehren konnte! Die Belagerung zu Land und zu Waſſer dauerte Das Wiederfinden. 125 bis in den Juni des nächſten Jahres. Es war eine harte Zeit; aber neunmal ſchlugen wir die Stürme zu Land und See zurück, der Feind mußte abziehen und ſich zu einem Frieden verſtehen, der den Proteſtanten faſt mehr Rechte gab, als ſie zuvor beſeſſen hatten. „Jetzt gab's Luft, und ſchleunig eilte ich aus den engen Mauern der Nähe der Hauptſtadt zu, um zu ſehen, was aus Paul geworden ſei. In dem Dorfe bei Paris fand ich zwar die brave Bäuerin noch, aber den Jungen und ſeinen Begleiter nicht mehr. Paul war von ſeiner ſchweren Wunde geneſen und hatte mit dankbarem Herzen ſeine Wohlthäterin verlaſſen, um ſich nach Sevre oder nach la Rochelle zu be⸗ geben. Er hatte nicht gewußt, wie es an dieſen beiden Or⸗ ten ausſah. Neuer Kummer für mich. Was konnte aus den Beiden geworden ſein? Ich fürchtete ſehr, ſie möchten den Feinden in die Hände gefallen ſein. Mit dieſer Sorge im Herzen kehrte ich zurück. Zu meiner großen Freude fand ich Paul und den Diener ſchon in la Rochelle. Sie hatten ſich unterdeſſen viele Wochen lang in den Trümmern des Schloſſes Sevre aufgehalten, und Paul, der damals ein ge⸗ wandter Fiſcher war, hatte die ſchönen Teiche benützt und mit ſeinem Gefährten in den Forſten Wild gefangen, ſo gut es ohne Waffen gehen konnte. So hatten ſie ſich genährt, bis die Belagerung von la Rochelle aufgehoben war. „Schon dachte man daran, das Schloß Sevre wieder aufzubauen, aber mit dem Anfange des Jahres 1574 brach der Religionskrieg wieder los. Er dauerte über zwei Jahre. 126 Zwölftes Kapitel. Im Mai 1576 wurde wieder Friede geſchloſſen. Paul, der jetzt zum achtzehnjährigen Jüngling herangewachſen war, ging nun unabläßig mit dem Gedanken um, nach Deutſch⸗ land zu gehen, um ſeine Eltern aufzuſuchen, wenn ſie noch am Leben wären. Denn obgleich er von der Familie Re naud und Frau von Sevre wie ein Kind des Hauſes behan⸗ delt und geliebt wurde, ſo hatte er eine unbegrenzte Sehn⸗ 6 ſucht nach ſeinen Eltern. Der junge Herr von Sevre wollte die Reiſe mit ihm machen, aber die kränkliche Mutter kam in Verzweiflung, wenn ſie nur ein Wort davon hörte. So verging ein Tag, ein Monat nach dem andern, und Paul konnte ſein Vorhaben immer noch nicht in's Werk ſetzen. Zum Ueberfluſſe brach auch der unglückſelige Krieg von neuem aus. Es war ſchon der ſechste, den ich in fünf Jah⸗ ren erlebte. Im September 1577 war aber ſchon wieder Friede, und der ſcheint ein wenig anhalten zu wollen, wie lang, das weiß Gott. Ich wenigſtens traue dem Landfrie⸗ den nicht. Meine Herrin hat noch ein Stück des gegenwär⸗ tigen Friedens erlebt und wollte nun wirklich das Schloß Sevre wieder bauen, ſie iſt aber leider nicht mehr dazu ge⸗ kommen. Sie haben ihr bald das letzte kleine Haus gebaut, das Schloß, das wir Alle beziehen müſſen. Nach ihrem Tode hatte Paul durchaus keine Ruhe mehr, und die beiden jungen Herren rüſteten ſich nun zum Zuge nach Deutſchland. Ich habe mir's ausgebeten, ſie begleiten zu dürfen. Ich wollte gern mein Vaterland vor meinem Ende noch ſehen, und, will's Gott, ſo begraben ſie mich in deutſcher Erde im Frieden.“ Das Wiederfinden. 127 „Simon!“ rief in dieſem Augenblicke eine Stimme, und der alte Diener ſtand raſch auf, um zu dem jungen Manne zu treten, der unter dem Eingang der Halle erſchien. „Sehet, ihr Herren, das iſt die Art von Angeln, die ich vorhin beſchreiben wollte,“ ſprach Paul Clignet, als er wieder in den Saal zu der kleinen Tiſchgenoſſenſchaft trat. Damit hielt er ihnen einen ziemlich ſtarken Angelhaken hin, den ihm der alte Simon ſo eben hervorgeſucht hatte. „Pah!“ rief Einer aus der Geſellſchaft;„Monſieur Clignet, der iſt zu ſchwach für die Hechte, wie ſie in den hundert Weihern vorkommen, die ſich um das Städtlein Lautern und das Kloſter Otterberg befinden. Den Haken hätte Kaiſer Friedrichs Hecht zehnmal zum Frühſtück ver⸗ ſpeist, ohne Bauchgrimmen zu bekommen.“ „Was war das für ein Hecht?“ fiel der junge Herr von Sevre ein. „Das ſollt ihr hören. Das Schloß Lautern war ein Lieblingsaufenthalt der beiden hohenſtaufiſchen Kaiſer, Fried⸗ richs des Rothbarts und Friedrichs des Zweiten; denn die roßen Wälder, welche das Städtlein rings umgeben, und ie i Teiche wae Fiſche d n Wild. Den großen Woog hinter dem Schloſſe, den man den Kai⸗ ſerswoog nennt, ſoll Kaiſer Friedrich H. angelegt haben. Da hinein ſetzte er mit eigener Hand einen Hecht. Dieſem Fiſche ließ er einen goldenen Ring mnlegen, ſo künſtlich ein⸗ — — 128 Zwölftes Kapitel. gerichtet, daß er ſich gehörig ausdehnen konnte, wenn der Fiſch größer wurde. Auf dem Ringe ſtanden in griechiſcher Sprache die Worte: Ich bin jener Fiſch, welcher von allen zuerſt durch die Hände des Kaiſers Friedrich M. in dieſen Woog geſetzt worden iſt am 5. Oktober 1230.— Und wißt ihr, wie lange der Fiſch in dem Woog ſaß? Nicht weniger als 267 Jahre. Anno 1497 wurde er erſt ge⸗ fangen und nach Heidelberg auf Kurfürſt Philipps Tafel gebracht. Rathet einmal, wie groß er war und was er wog? — Neunzehn Werkſchuhe war er lang und 350 Pfund hat er gewogen. So ſteht's im Lauterer Schloß gemalt und in den Büchern ſchwarz auf weiß. Ihr ſeht, Monſieur Clignet, daß es kein erlogenes Jägerſtücklein iſt.“ „Klingt etwas ſtark,“ ſagte Paul;„wenn's aber wahr iſt, muß ich's eben glauben. Uebrigens bin ich begierig, die Teiche zu ſehen.“ „Das könnt ihr, ehe eine Stunde vergeht,“ ſagte der junge Sickingen.„Da ihr Herren euch doch nicht länger wollt halten laſſen, ſo wollen wir euch eine Strecke begleiten. Wir reiten dann nach der Abtei Otterberg. Dort und auf dem ganzen Wege bis Lautern habt ihr die Fiſchwooge nach einander, wie ihr ſie ſehen wollet.“ Paul ſprang ſogleich vom Tiſche auf. Das Zeichen zum allgemeinen Aufbruch war gegeben, und bald ſtanden die Roſſe geſattelt im Hofe des alten Schloſſes. Eine Zeit lang ritt die kleine Geſellſchaft am Saume eines kräftigen Buchenwaldes hin. Dann ging es in ein Das Wiederfinden. 129 enges, waldiges Thal hinab, durch deſſen ſchmale Wieſen⸗ ſohle ein klares Bächlein murmelnd eilte. Noch eine kurze Strecke und das Thal erweiterte ſich ein wenig, und die beiden Fremdlinge hielten überraſcht ihre Pferde an. In mäßiger Entfernung vor ihnen ſchaute die Ruine einer alten Burg von einem frei hervorſpringenden, abgerundeten Hügel herab. „Das iſt die Otterburg,“ ſagte Sickingen;„und am Fuße jenes Hügels liegt die alte, prächtige Abtei. Wir wer⸗ den ſie in wenigen Minuten erreicht haben. Jetzt verbirgt ſie uns noch die niedrige Anhöhe.“ In dieſem Augenblicke ertönte der gedämpfte, aber doch volle, tiefe Ton einer großen Glocke, und gleich darauf fielen noch zwei andere ein. Die Reiter trieben die Roſſe an und trabten den wenig anſteigenden Sandweg hinan. Bald waren ſie auf der niederen Anhöhe und blickten in ein ſchmales grünes Thal, aus dem nah und fern die glänzenden Spiegel der Fiſch⸗ teiche blitzten, welche heutzutage in grüne Wieſen umge⸗ wandelt ſind. Nahe bei ihnen lagen die Gebäude eines Bauernhofes, drunten im Thale aber ſtieg ein koloſſales prachtvolles Bauwerk empor, eine domartige Kirche in Kreu⸗ zesform, deren grauen Quadern man anſah, daß die Stürme von Jahrhunderten ſchon über ſie hingegangen. Und an dieſe Kirche ſchloſſen ſich die weitläufigen Gebäude einer großen Abtei. Was aber Pauls Aufmerkſamkeit am meiſten in Anſpruch nahm, war ein Zug, der ſich unter dem Ge⸗ Blanl, Glaubenstreue.(2. A.) 9 130 Zwölftes Kapitel. läute der Glocken langſam durch das Portal der Kirche be⸗ wegte. Er ſchien bereits zum größten Theile in derſelben verſchwunden zu ſein. Die Reiter ſahen nur noch die letzten Perſonen desſelben, aber doch rief Paul plötzlich in lebhafter Erregung:„Das müſſen Niederländer ſein! Ja, ja, ſo war ihre Tracht!“ Ohne ein Wort weiter zu reden, gab er ſeinem Pferde die Sporen und ſprengte die kleine Anhöhe hinab der Kirche zu. Die andern folgten und holten ihn ein, als er eben aus dem Sattel ſprang. Er warf dem alten Simon den Zügel zu und trat mit hochklopfendem Herzen durch die ſchöne Hauptpforte in die hohe weite Kirche, deren dreifache Hallen von zwanzig mächtigen viereckigen Pfeilern getragen werden. Paul, der eine Störung zu verurſachen fürchtete, wagte nicht, mitten durch die Kirche zu ſchreiten. Er trat rechts in das leere Seitenſchiff und ging leiſen Schrittes hinauf. Hinter einem Pfeiler blieb er ſtehen, und dahin folgten ihm auch die Begleiter, die dem alten Simon ebenfalls die Sorge für die Pferde überlaſſen hatten. Jetzt ſchwieg der Geſang. Als die letzten Töne verhallt waren, begann eine bewegte, aber doch kräftige Stimme das Gebet mit den Worten des 84. Pſalms:„Wie lieblich ſind deine Wohnungen, Herr Zebaoth, mein König und mein Gott. Wohl denen, die in deinem Hauſe wohnen, die loben dich immerdar.“ Und nun ſtrömte es von den Lippen des Be⸗ tenden wie ein Strom heiliger Begeiſterung. Seine ganze Seele ſchien ein Dank und Preis dem Herrn. Das Wiederfinden. 131 Paul war bleich und zitterte. Ueber ſeine Wangen roll⸗ ten große Thränen. Er konnte von ſeinem Standpunkte aus den Betenden nicht ſehen, aber die Stimme ging ihm durch's Herz. Als das Gebet zu Ende war, und wieder ein Ge⸗ ſang begann, trat er einige Schritte weiter vor. Starr heftete ſich ſein Auge auf eine greiſe Geſtalt, die mitten in dem Hauptgange der Kirche in einem Lehnſtuhle ſaß. Alle Erinnerungen ſeiner Kindheit wachten mit doppelter Stärke in ihm auf, alle ſeine Gefühle waren in der höchſten Er⸗ regung, denn die greiſe Geſtalt konnte niemand anders ſein, als ſeine Großmutter Cornelia. Schweigend griff er hinter ſich, faßte die Hand ſeines jungen Freundes und drückte ſie krampfhaft. Sevre fühlte, wie er zitterte, und ſein Auge richtete ſich ebenfalls dahin, wohin Paul das ſeine geheftet hatte. Er begriff jetzt, was in ſeinem Freunde vorging, denn er ſah Cornelien, von der Paul ſo oft erzählt, von der er immer mit der tiefſten Ehrfurcht geſprochen hatte. Jetzt ſtieg der Geiſtliche auf die Kanzel. Paul hätte laut hinausſchreien mögen:„Mein Vater!“ Er mußte ſich an die Säule lehnen, um nicht umzuſinken. Noch ſuchte ſein Auge die treue Mutter und Marien, die Geſpielin ſeiner Kindheit. Er ſah ſie beide, aber er kannte ſie nicht. Die Mutter hatte der Gram alt gemacht, und Marien hatte die Jugend verändert. Durch die Seele des Jünglings ging mitten in der unausſprechlichen Freude ein tiefer Schmerz. Er glaubte, ſeine Mutter habe der Kummer getödtet. Wieder ſchwieg der Geſang, und Clignet, an dem Paul 132 Zwölftes Kapitel. wenig mehr als das Haar verändert fand, begann die Pre⸗ digt. Er redete über die Schriftworte: Es iſt noch eine Ruhe vorhanden dem Volke Gottes. Seine Rede war lieblich und gewaltig. Sie zog aus dem verheißenden Gottesworte eine Fülle des Troſtes, des Friedens und der erhebenden Hoffnung für die vielgeprüfte Gemeinde, die ſich hier wieder zuſammengefunden hatte. Er erinnerte an alle überſtandenen Trübſale und pries die gnädige Durch⸗ hilfe Gottes, der ſie hier hoffentlich zur dauernden zeitlichen Ruhe gebracht. Er ging über von der irdiſchen Ruhe zu der ewigen, und mahnte die Gemeinde, zu beharren und treu zu ſein bis an den Tod, um wenigſtens der ewigen Ruhe theilhaftig zu werden. Die ganze Gemeinde weinte und ſchluchzte laut. Paul war ſo überwältigt von all den Gefühlen, die auf ihn ein⸗ ſtürmten, daß er raſch die Kirche verließ, ſobald ſein Vater das Amen ausgeſprochen. Draußen ſtürzte er an die Bruſt ſeines jungen Freundes und rief vor Freude weinend:„Es iſt mein Vater, es iſt meine Großmutter! Allmächtiger Gott, wie wunderbar ſind deine Wege!“ Jetzt begriffen die beiden andern Begleiter erſt ganz, warum Paul in der Kirche ſo außerordentlich bewegt war. Während ſie ſelbſt ſtaunend und ergriffen von der wunder⸗ ſamen Fügung reden wollten, hatte Paul unverwandt ſein Auge auf die Kirchenpforte geheftet. Jetzt war der Schluß⸗ geſang zu Ende— jetzt hatte der Geiſtliche den Segen über die Gemeinde geſprochen— jetzt bewegte ſich der Zug aus Das Wiederfinden. 133 der Kirche. Verwundert ſahen die Leute mit ihren noch thrä⸗ nenfeuchten Augen auf die Gruppe der fremden Reiter, de⸗ ren einer unaufhaltſam weinte. Da kam die Großmutter Cornelia auf ihrem Rollſtuhle, wie gewöhnlich von vier Männern getragen. Paul konnte ſich nicht mehr halten, er ſtürzte ihr entgegen, er umfaßte ihre Kniee, und rief mit erſtickter Stimme:„Großmutter Cornelia!“ Die alte, blinde Frau zuckte jählings zuſammen, ihr glanzloſes Auge öffnete ſich groß. Haſtig griff ſie mit beiden Händen nach dem Haupte des Jünglings und ſtrich damit von dem krau⸗ ſen Haare herab um Wangen und Kinn desſelben.„Paul, biſt du's? hat der Herr die Todten auferweckt?“ So rief ſie, wohl etwas erregter, aber doch in ihrer gewohnten, groß⸗ artig ruhigen Weiſe. „Ich bin's, Großmutter!“ ſchluchzte der Jüngling. In⸗ dem er dabei den Kopf erhob, um in das alte, geliebte An⸗ geſicht zu ſchauen, ſah er hinter dem Lehnſeſſel Cornelias eine blaſſe Frau ohnmächtig in die Arme einer ſchönen, blühenden Jungfrau ſinken. „Mutter! Mutter!“ rief er voll ſeliger Freude, ſprang auf, umfaßte die Ohnmächtige und bedeckte das bleiche Ge⸗ ſicht mit Küſſen.„Marie! Marie!“ rief er dazwiſchen, ſtreckte der Jungfrau die Hand hin und zog die Weinende mit in die Umarmung. In dieſem Augenblicke trat Clignet, als der letzte, aus der Kirche. Er ſah die ganze Gemeinde in großer Bewegung, ſah, wie ſich alle vor der Kirchenpforte zuſammendrängten. 134 Zuyölſtes Kapitel. „Ehrwürdiger Herr, da iſt euer todt geglaubter Sohn!“ rief ihm einer der Aelteſten aus der Gemeinde entgegen. Raſch öffnete ſich in der Menge ein Durchgang für den Geiſtlichen. Er ſah, wie ſeine Gattin eben die Augen auf⸗ ſchlug und ihre Arme feſt um den Sohn ſchlang, als fürchte ſie, er werde ihr wieder entriſſen. Sie konnte kein Wort ſprechen. Er ſelbſt aber ſtand einen Augenblick zitternd da⸗ neben, dann ſprach er halblaut:„Herr, ich bin zu geringe aller Barmherzigkeit und Treue, die du an deinem Knechte thuſt. Wer bin ich und was iſt mein Haus, daß du uns bis hierher gebracht haſt?“ „Vater! Vater!“ rief Paul und ſtürzte nun in ſeine Arme. Die Menge ſtand ſchweigend, erſchüttert, kein Auge war trocken, keine Seele darunter, die nicht die Gnade Got⸗ tes und ſeine wunderbaren Wege anbetend geprieſen hätte. Cornelia hatte die Hände gefaltet, ihr glanzloſes Ange war emporgerichtet und die zum Untergang ſich neigende Sonne verklärte ihr Angeſicht und die ganze Scene. „Hab' ich's nicht immer geſagt?“ ſprach ſie leiſe. „Den Gerechten muß das Licht immer wieder aufgehen, und Freude den frommen Herzen.— Herr, nun laß deine Dienerin im Frieden hinfahren!“ Wer möchte hier weiter ſchildern? wer die ſelige Freude meſſen? Zum Schluſſe dieſer Erzählung nur noch einige Worte. Die walloniſche Gemeinde, die ohne weiteres Aufſehen nach . —— —— Das Wiederfinden. 135 und nach aus Schönau ausgezogen war, hatte ihren Prediger in der Hauptſtadt der Wallonen, in Frankenthal, wieder ge⸗ funden. Sie lebte eine Zeitlang zerſtreut im Lande, bis Her⸗ zog Johann Caſimir das große Kloſter Otterberg ihr ein⸗ geräumt hatte. Hier begann eine neue, beſſere Zeit für ſie. Herzog Johann Caſimir erhob den neu entſtehenden Ort bald zur Stadt, und friedlich trieben die Einwohner in der⸗ ſelben ihre Gewerbe. Clignet lebte mit ſeiner Familie ein neues Leben. Seine gebeugte Gattin lebte friſch wieder auf, und als Cornelia im Frieden heim ging, hatte ſie noch ein Urenkelchen auf ihrem Schooße gewiegt, denn Paul und die liebliche Marie waren ein Ehepaar geworden. Paul wurde durch die Güte des Pfalzgrafen zunächſt herzoglicher Jagd⸗ und Fiſchmeiſter zu Otterberg und nach ſeiner Eltern Tode ward ihm noch ein erweiterter Wirkungskreis in der Nähe Johann Caſimirs, der nach Ludwigs VI. Tode als Vor⸗ mund von deſſen Sohne die Regentſchaft in der Pfalz führte. Die franzöſiſchen Gemeinden zu Frankenthal, St. Lam⸗ brecht und Otterberg ſind im Laufe der Zeit deutſche Gemein⸗ den geworden und nur franzöſiſche Familiennamen erinnern noch an ihren Urſprung. Möge der Herr ſie und alle Evangeliſchen nie vergeſſen laſſen, was ihre Väter für den Glauben gelitten haben, und ſie feſt und treu erhalten bei dem Worte der Wahrheit, welches in Ewigkeit bleibt. Unſer Glaube iſt der Sieg, der die Welt überwun⸗ den hat. Bei J. F. Steinkvpf in Stuttgart, Holzſtraße 16, iſt ſpeben erſchienen und durch alle Buchhandlungen zu beziehen: Blüten geiſtlicher Dichtkunſt aus allen Zeiten der Kirche, Eine Klitgabe auf die Pebensreiſe, Sechste mit dem evang. Namenkalender(nach Dr. Piper und nach der Eiſenacher Conferenz) vermehrte Auflage. Min Format. Gebunden in Goldſchnitt mit Deckel⸗ zeichnung von Eugen Beck. 1 thlr. od. 1 fl. 45 kr. Die herrlichen Hymnen der altchriſtlichen Kirche, die geiſt⸗ lichen Volkslieder des Mittelalters, die Dichter der Reformation bis herauf zu den noch lebenden Sängern deutſcher und anderer Nation winden hier goldenen Schmuck um den Lauf des Jahres, um ſeine Feſt⸗ und Jahreszeiten. Ein Büchlein von hoher Schönheit. 6 —— ſſſſſſſſſſſſiſſſiiſſiſſ 6 8 6 9 n n hn