eihbiblivthet deutſcher, engliſcher und ii öſiſcher Literatur Eduard Otlmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. ceih und Teſebedingungen. „ oftensein der Bibliotkek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ iergp und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines ieter Buches wird von — jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem W erthe deſſelben entſ ſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. ſt 4. Abonuement.3 Daſſelbe muß voraus zbezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf! 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mf. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 6 Auswärtige honnenten? haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Pire auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte zerriſſene, verlorene und Sſe Bücher(namentlich ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſ ſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt 6e t zum Erſ ſatzt des Ganzen verpflichtet.. nenen Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſ oßpers darauf aufmerkſ am gemacht, daß das Weiterverleihen . Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen,Lauch⸗ dafür zu ſtehen haben. E 33 ———————— Armand. „ Ein⸗Romanimzwei Bänden. Nach dem ſchwediſchen Original von Auguſt Rlanche Bans Wachenhuſen. Zweiter Band. Beßlag von Dtto 3 — —— . Ein Conrert. In Paris giebt es kaum eine Straße, die nicht ihre Geſchichte hätte, welche mit den Geſchicken Frank⸗ reichs, ja der ganzen Welt in Beziehung ſteht. Unter dieſen Straßen nimmt die jenſeits der Seine belegene Rue de lEcole de Medecine nicht den letzten Raum ein, wenn ſie auch ſo eng und düſter iſt, daß das Tages⸗ licht kaum auf die Straße hinab zu dringen vermag. Drei Häuſer namentlich ſind es, welche hier unſere Aufmerkſamkeit in Anſpruch nehmen. In dem einen, dem ſogenannten Commerce-Hofe wohnte Danton, einer der wildeſten Revolutionäre. Im Jahre 1794 am 31. März ward er nebſt ſeinem Freunde Lacroix aus dieſem Hauſe abgeführt, um am 5. April ſein Haupt unter die Guillotine zu legen. In dem anderen Hauſe, nicht weit von dem Danton's, wohnte Marat, die größte Hyäne der Republik. Es Armand. II. 1 2 — war am 13. Juli 1793 als ein ſchönes Landmädchen in dieſes Haus trat, nach Marat fragte und vorgab, ſie habe ihm etwas ſehr Wichtiges mitzutheilen. Marat befand ſich gerade im Hinterzimmer im Bade, er ließ ſie eintreten, und als ſie angab, ſie komme von Caen, wünſchte er von ihr die Namen der Flüchtlinge zu wiſſen, die ſich in dieſer Gegend vor den Henkern der Republik verbargen. Das Mädchen nannte ihm eine Anzahl Namen. Gut, ſagte er, ſie ſollen alle auf die Guillotine! Kaum aber hatte er geſprochen, als ihm das Mädchen ein Meſſer bis ans Heft in die Bruſt ſtieß. Ihr Name war Charlotte Corday, die wenige Tage darauf als Märtyrerin auf dem Schaffot endete.— In dem dritten Hauſe wohnte einer der Schakale der Republik, der Schuhmacher Simon, bekannt als der Gefängnißwärter von Ludwig's XVI. Sohn. Auch zu Anfang Februar des Jahres 1 848 hatte dieſe Straße ihre Geheimniſſe. Wir führen den Leſer in ein kleines Haus, ſteigen die düſtre, ſchmale, von einer kleinen Lampe ſchwach erhellte Treppe hinauf und treten in einen ziemlich geräumigen Saal, der nur durch eine Anzahl von rohen Bänken möblirt iſt. Vor jeder dieſer Bänke erhebt ſich ein Pult, auf jedem Pulte liegen dicke Notenbücher. An der Wand, nahe der Thür, ſteht eine Eſtrade, auf dieſer eine Art Katheder, und hinter 3 demſelben ein junger Mann, der eine ſehr lebhafte An⸗ rede an die auf den Bänken verſammelten Männer hält, von denen jeder mit einem muſikaliſchen Inſtru— ment bewaffnet iſt. Dieſe Rede ſteht in dem ſeltſamſten Contraſt mit der ſcheinbaren mußikaliſchen Beſchäftigung der Ver⸗ ſammelten; ſie wird auch ganz plötzlich durch ein Klopfen an der Thür unterbrochen.— Ein junger Mann trat eilig herein, flüſterte dem Vorſitzenden einige Worte zu, eilte dann zu ſeinem Platz und nahm ebenfalls ein Inſtru⸗ ment zur Hand. Allgemeine Stille herrſchte plötzlich im Saal; ebenſo plötzlich aber, auf ein Zeichen des Vor⸗ ſitzenden, erhob ſich eine ohrenzerreißende Muſik, da Alle gleichzeitig ihre Inſtrumente zu ſtimmen begannen. Ein Mann in Civil trat herein; die gräßliche Muſik verſtummte. Ohne ein Zeichen der Ueberraſchung wandte ſich der Vorſitzende an den Eingetretenen, der mit großer Verwunderung dieſe Geſellſchaft überſchaute. — Was verſchafft uns die Ehre Ihres Beſuchs, Herr Polizei⸗Commiſſair? fragte der Vorſitzende. Der Commiſſair, ein hoch und ſchlank gewachſener Mann, wandte ſich, ohne zu antworten, an den ihm zunächſt Sitzenden. — Sie ſind wieder nach Paris zurückgekehrt, Herr Armand Cambon? fragte er. 1. —,——— ——. ——— 4 — Seit einigen Tagen, ja! — Sie waren in Lyon? — Bei meinen Verwandten, zu dienen! — Wohnen aber nicht mehr in der Rue Etienne? — Nein; denn meine Wohnung wurde bei meiner Abreiſe von einem Andern eingenommen. — Der aber auch nicht dort wohnt! — Kein Wunder, antwortete Armand, die Schulter zuckend; Sie wiſſen ja, daß jenes Haus nicht allzu gemüthlich iſt. — Sie wohnen alſo jetzt hier? — Ja, ich beſitze zwei Zimmer in dieſem Hauſe. — Und haben, wie ich ſehe, viele Gäſte bei ſich! — Allerdings, Herr Didier; ich habe den Saal hier an dieſe Herren vermiethet, die allwöchentlich ſich hier verſammeln, um zu muſiciren. — So? Alſo um zu muſiciren? — Ja, und die Herren behaupten, es ſei dies der beſte Concert⸗Saal in ganz Paris. Der Commiſſair warf einen Blick auf die Geſell⸗ ſchaft; man ſah es ihm an, daß er ſich in ſeiner Er— wartung getäuſcht fühlte. — Meine Herren, ſagte er, es kann Ihnen nicht unbekannt ſein, daß der Polizei⸗Präfekt bei ſtrenger —ů˖—— 5 Strafe alle geheimen Verſammlungen ſtreng unter— ſagt hat! — Das Verbot iſt ſehr deutlich, antwortete einer der Anweſenden; wenn aber dieſe Verſammlung eine geheime wäre, ſo würden Sie vermuthlich die Thür verſchloſſen gefunden haben. — Mein Gott, was ſehe ich, Sie haben eine Geige in der Hand? antwortete der Commiſſair ironiſch. Ein ſo großer Advokat wie Sie ſpielt die Geige? — Halten Sie etwa die Advokaten für eine ſo unmuſikaliſche Zunft, Herr Commiſſair? antwortete dieſer. Wollen Sie einen Augenblick verweilen, ſo werde ich Ihnen einen beſſeren Begriff beibringen. Sagen Sie mir nur, was Sie am liebſten hören, ein Solo von Auber oder ein Quartett von Halevy? .. Wir können auch mit Robert dem Teufel auf— warten. — Und Sie, mein Herr, blaſen die Clarinette? wendete ſich der Commiſſair an einen Andren. — Sie ſollen es ſogleich hören, antwortete dieſer, in ſeinem Notenbuch blätternd. Es iſt gar keine Kunſt, wenn man nur die Noten kennt und ſich auf die Klappen verſteht! — Und Sie, Herr Gerlaine, ſind Orcheſter-Dirigent ——— 6 geworden? ſagte der Commiſſair in demſelben Tone zu dem Vorſitzenden. — Dieſes zufällige Amt rechne ich mir zur Ehre an, verſicherte der Dirigent, ohne von ſeiner Partitur aufzublicken. Wollen Sie gefälligſt Platz nehmen, ſo können Sie unſerm Concerte beiwohnen! — Mit Vergnügen! verſetzte der Commiſſair ſa⸗ tyriſch. Ich werde ganz Ohr ſein! Der Dirigent klopfte mit dem Violinbogen auf den Katheder. — Haben Sie Alle geſtimmt? fragte er. — Ja! riefen Einige. Nein! riefen Andre da⸗ zwiſchen. — Gut, ſo ſtimmen Sie! Abermals begann das Stimmen der Inſtrumente, gräßlicher noch als vorhin. Namentlich der Beſitzer der Pauken ſtimmte auf eine Weiſe, daß die Fenſter⸗ ſcheiben zitterten. Der Commiſſair hatte zu viel verſprochen, als er ſagte, er werde ganz Ohr ſein; er wand ſich auf ſeinem Stuhl und verſtopfte ſich beide Ohren. Eine ſolche Muſik hätte den Teufel ſelbſt verjagen können. — Genug, genug! Ich halt' es nicht aus! rief er aufſpringend. Der Dirigent klopfte abermals auf das Pult. Alles ward ſtill. — Herr Didier! ſagte er, dieſe Disharmanien ſind beim Stimmen nicht zu vermeiden; man ſieht, daß Sie nicht muſikaliſch ſind.... Haben Sie jetzt ge⸗ nug geſtimmt? fragte er ſeine Kapelle. — Nein, nein! hieß es von mehreren Seiten. — So ſtimmen Sie weiter! verſetzte der Kapell— meiſter. — Halt! ſchrie der Commiſſair, jetzt iſt an mir die Reihe. Ich fordre Sie auf, morgen Mittag um 12 Phr Alle vor dem Inſtructions-Richter zu er⸗ ſcheinen. — Und weſſen gedenken Sie uns anzuklagen, Herr Didier? fragte der Direktor. Unſer Forum iſt weniger der Inſtructions⸗Richter als die königliche Academie der Muſik, die allein hier urtheilsfähig ſein kann. — Ich habe nicht die Abſicht, Sie der Muſik wegen anzuklagen, ſondern um des ſchönen Textes willen! antwortete Herr Didier. — Und dieſer Text iſt? — Aufruhr, meine Herren! — Wenn das der Fall, Herr Commiſſair, ſo müſſen Sie verweilen, um unſern Text zu hören, ehe 8 Sie ihn verdammen! rief der Vorſitzende.... Meine Herren, ſetzte er hinzu; beenden Sie das Geſchäft des Stimmens, damit wir Herrn Didier zufrieden ſtellen können! Abermals erhob ſich die Koribanten⸗Muſik. Herr Didier verließ eilig den Saal, um ſein Trommelfell zu retten. — . Eine Opern- Maskernde. Eine franzöſiſche Maskerade iſt die unmaskirteſte Freude. Masken und Koſtüme ſcheinen hier weniger dazu beſtimmt zu ſein, die Geſichtszüge zu verſtecken und die Perſonen unkenntlich zu machen, als viel⸗ mehr ein Recht zu geben, ſich die äußerſte Wildheit zu erlauben und die Freude zum Uebermuth zu treiben. Alles iſt zügellos, Alles jubelt, Alles tobt. Hinreißend iſt dieſes wilde Spiel, dieſer ſtürmiſche Tanz, der über die Bretter jagt, beleuchtet von Tauſenden von Gas⸗ flammen, die das Auge blenden, während das Ohr der herrlichſten Muſik lauſcht. Keine Nation tanzt mit einer ſolchen Ausgelaſſenheit wie die Franzoſen; ſie kennen nur einen Tanz Hals über Kopf, man ſieht nur einen bunten Wirrwarr von Armen und Beinen und dieſe bleiben in ewiger Bewegung bis zu Ende. Selbſt wenn die letzte Trompete ertönt, tanzt der 10 Debardeur(die Franzöſin erſcheint zum DTanz auf der Maskerade nur als Debardeur, nämlich in weitem ſeidenen Pantalon, mit einem Jäckchen oder auch in feinem Hemde, und einem Käppchen oder Barett auf dem Kopf) auf die Boulevards hinaus, tanzt durch die Straßen bis nach ihrem Stübchen fünf oder ſechs Treppen hoch, tanzt ſogar in ihren Träumen und geht tanzend noch am andern Morgen an die Arbeit. Der Debardeur iſt die Heldin der Maskerade; ihre Kleidung beſteht, wie geſagt, nur aus Schuhen und Strümpfen, dem Pantalon und dem Hemde und bei ihrer ewigen Beweglichkeit geſchieht es wohl zuweilen, daß das letztere ein wenig außer Facon geräth. Das Pantalon iſt nicht ſo lang, daß es das ſchöne Bein ganz bedeckte und geht auch nicht höher als zur Hüfte; der Debardeur will ſich nicht die Schwindſucht an den Hals tanzen und deshalb läßt er das Schnürleib zu Hauſe; er will leicht, graziös und ungenirt ſein und dazu braucht er keine Planchette. Deshalb giebt auch der Debardeur ſeinem Cavalier nichts nach; er tobt und jubelt wie dieſer, er raucht und trinkt wie dieſer— der Debardeur iſt die Seele des Balls. Beobachten wir auf der Maskerade der großen Oper zwei Perſonen, welche eben in den großen Saal an die Treppe treten, welche in dieſen hinab führt. — — Welch ein Glanz, welch ein Leben! rief der Eine von ihnen, eine ſchlanke Geſtalt im Pierrot⸗ Koſtüm.... So etwas hab' ich nie geſehen! — Sagt' ich's Dir nicht? Armer Felix, Du glaubteſt, Lyon ſei das Paradies auf Erden! — Ja, Du hatteſt Recht, Armand! verſetzte der Erſte, ſeine Kappe jubelnd in der Luft ſchwenkend, bei welcher Gelegenheit wir uns erlauben, in dieſem heiteren Jüngling dem Leſer einen Couſin unſres Helden Armand vorzuſtellen, den Sohn derſelben Schweſter von Armand's Mutter, welche, wie wir in dem Vor— wort erwähnt, in Lyon an den Schneidermeiſter Lambert vermählt war. — Geh jetzt vorſichtig voran, Felix, damit ich Dich in dem Gewirr nicht verliere! rieth Armand. Felix aber hörte dies nicht mehr; jubelnd war er hinab geſtürmt und lag alsbald zum Jubel der Untenſtehenden der Länge nach am Boden, da ihm auf der Treppe Jemand ein Bein geſtellt hatte. Schnell wieder auf den Füßen, wollte er die Treppe hinauf zurück, ward aber von einem Municipal-Gardiſten feſtgehalten, der ihn aufforderte, einen andren Weg zu nehmen, da man hier wohl herein aber nicht hinaus gehe, wie es in Paris an ſolchen Orten ſtets die Sitte iſt. — Maske, das iſt Dir nicht geſchenkt! rief Felir einem Debardeur zu, der lachend in Jacke und ſchwarzem, reich mit Gold geſticktem Sammet-Pantalon auf der Mitte der Treppe ſtand und die Hände in die Seite ſtemmend die großen weißen Straußfedern ſeines Käppchens ſchüttelte. — Undankbarer Pierrot! rief ſie hinab, haſt Du je den Schmetterling darüber klagen gehört, daß er Flügel bekommen? — Flügel? Was für Flügel? fragte Felix, der nicht begreifen konnte, daß man von Flügeln ſprach, während er eben mit der Naſe auf dem Boden gelegen. — Die Du verlorſt, als Du gefallen! antwortete der Debardeur. Ich habe ſchon fünf, ſechs Andre vor Dir beflügelt und ſie fliegen noch im Saal umher. — Jedenfalls war das ſehr unſchicklich! fuhr Felix fort. — Unſchicklich? Oho! Warte nur, rief der Debar⸗ deur. Eine rieſige Figur kam eben, mit einem Tiger⸗ fell bedeckt, deſſen Kopf ihm als Helm diente, die Treppe majeſtätiſch und langſam hinab, polterte aber ebenſo wie Felix mit großem Lärm zu Boden. Auch er raffte ſich auf, auch er wollte dem Debardeur zu Leibe, ward aber ebenfalls durch den Gardiſten zurückgewieſen. Felix hatte bei dieſer Gelegenheit nicht nur den Rieſen hinab poltern, ſondern auch zugleich einen 13 reizenden kleinen Schuh geſehen, und da dieſer nicht kleiner ſein konnte als der Fuß, ſo begann er, den Debardeur aufmerkſamer zu betrachten. Dieſer löſte eben ſeine Larve, wahrſcheinlich um nach ſeiner An⸗ ſtrengung Athem zu ſchöpfen. Armand bemerkte ihr Antlitz und ſchien angenehm überraſcht. — Pierrot hat Unrecht, ſich zu beklagen! redete er den Debardeur an; ich aber, Maske, glaube Dich ſchon an Deiner Stimme erkannt zu haben. Der Debardeur richtete ſeine blitzenden, ſchwarzen Augen durch die Maske auf Armand. — Und wem gehört meine Stimme? fragte er. — Derſelben, die ich ſchon einmal ſah und nicht wieder zu ſehen glaubte! — Doppelter Pierrot mit der Maske vor dem Geſicht und vor der Stimme! antwortete der De— bardeur. — Der erſte Buchſtabe Deines Taufnamens iſt C, der andre o! ſagte Armand. — So? Und wer biſt denn Du? fragte ſie, ſicht⸗ bar überraſcht. — Gieb mir Deinen Arm und laß uns hinab gehen! ſagte Armand, als er bemerkte, daß Felix ſich be⸗ reits einen andren Debardeur eingefangen. Beide ſchritten die Treppe hinab. Haben Sie noch Ihre beneidenswerthe — 14 Stellung bei der Herzogin von Beaudreuil? fuhr Armand fort. — Wie? Sie wiſſen, daß ich bei der Herzogin bin? — Allerdings, Mademoiſelle Colette!... Wie befindet ſich die Herzogin? — Sonderbare Frage! rief der Debardeur, der nicht begreifen konnte, was ein ſimpler Pierrot der Opern⸗Maskerade mit einer Herzogin zu ſchaffen haben könne. — Allerdings; man ſollte annehmen, daß alle Neuvermählten glücklich ſeien! — Aber.... was haben Sie denn mit der armen Herzogin zu thun? — Sie haben ſich bereits verrathen! Sie iſt alſo nicht glücklich! Ich hab's mir wohl gedacht! ver⸗ ſetzte Armand in ſeinem Intereſſe für Adelaide etwas unüberlegt. — Sie erſchrecken mich, mein Herr, rief der De⸗ bardeur, Armand's Arm fahren laſſend. Sie miß— brauchen Ihr Incognito!... Armand Cambon! ſetzte ſie in froher Ueberraſchung hinzu, als dieſer die Larve abnahm. — Sie erinnern ſich meines Namens? Sie er⸗ kennen mich wieder? 15 — Aber ich bitte Sie, wo haben Sie ſich denn während dieſer zwei Monate aufgehalten? — Hat man etwa nach mir gefragt? verſetzte Armand in großer Spannung. — O, wir haben Sie zu ſehen gewünſcht, aber Sie waren ja wie von der Erde verſchwunden! Etwa die Herzogin? — An demſelben Tage, als die Herzogin von der Kirche nach Hauſe kam, fragte ſie nach Ihnen. — Und was wollte ſie von mir? — Ich weiß es nicht; wohl aber weiß ich, daß die Herzogin gleich nach der geheimen Unterredung, welche die Neuvermählten, als ſie aus der Kirche kamen, mit einander pflogen, mich beauftragte, nach Ihnen zu forſchen. — Wiſſen Sie vielleicht... — Wovon ſie ſprachen? Nein! Aber von jener Stunde an haben der Herzog und die Herzogin kaum ein Wort mit einander gewechſelt. — Sie leben alſo getrennt? — Sie bewohnen ein Haus, jedes aber eine Etage für ſich. Die arme Herzogin führt das einſamſte Leben!... Ich ahnte ſogleich, als ich Sie ſah, Herr Armand, daß Sie auf irgend eine Weiſe in dieſes 16 düſtre Familien⸗Verhältniß verwickelt ſeien. Vielleicht könnten Sie mir Aufſchluß geben? Eben war der Tanz beendet; die Muſik ſchwieg. Felix trat athemlos vom Tanzen heran. — Schöner Debardeur, Du biſt mir Genug⸗ thuung ſchuldig! rief er Colette zu. — Unglücklicher Pierrot, was forderſt Du? — Wenn Du ein Mann wäreſt, Dein Leben! antwortete Felix. — Gut, Pierrot; aber da ich kein Mann bin.. — So fordre ich die nächſte Quadrille. — Ein Tanz iſt oft mehr als das Leben! — Ein Thor, der nicht das Höchſte fordert! rief Felix, die ſchöne Geſtalt des Mädchens betrachtend. — Gut, ich gehöre Dir! rief Colette, ihm die Hand reichend. — Für den ganzen Abend? fragte Felir entzückt. — Du biſt kühn!... Laß uns erſt ſehen, wie Du Dich in der Quadrille beträgſt!... Und wahr⸗ ſcheinlich mehr zufrieden mit dem heiteren als mit dem grübelnden Pierrot, ſtürmte Colette davon. Die Quadrille ſchien indeß nicht am friedlichſten abgelaufen zu ſein, denn nach derſelben kam Colette auf Armand zu geeilt, um ihm zu erzählen, er habe einen wahren Helden zum Couſin, da Felix während 17 der Quadrille zwei Duelle, eins auf Säbel und eins auf Piſtolen, auf den Hals bekommen.— Ein prächtiger Junge! ſetzte ſie ganz glücklich hinzu, während Felir ihr dankbar beide Hände küßte. — Du, Felix? rief Armand betroffen; Du weißt ja weder Säbel noch Piſtole zu führen! — Gleichviel! antwortete Felix harmlos; ich habe den Einen auf morgen früh um 9, den Andren um 10 Uhr nach dem Boulogner Gehölz beſtellt. Du mußt mir vorher die Kunſtgriffe ein wenig beibringen!... Colette, ſetzte er lachend hinzu; ſieh nur den verrückten Kerl da mit der Notredame⸗Kirche auf der Naſe!. Süße Colette, kommt jetzt eine Polka oder eine Mazurka? — Mein erſter Rath iſt, mir Deine Gegner zu zeigen! ſagte Armand ernſt. Als Dein Secundant habe ich Verſchiedenes mit ihnen zu beſprechen. — Champagner! Erſt trinken wir Champagner! jubelte der ſorgloſe Felix. — Dort ſteht der Eine! unterbrach ihn Colette, auf einen unmaskirten Pierrot zeigend. Ohne ein Wort zu erwidern, eilte Armand auf dieſen zu.— Eugen, redete er ihn an, Sie ſind heraus⸗ gefordert worden? — Allerdings; und Sie kommen gerade à propos, Armand. H. 2 1 8 um mein Secundant zu ſein! antwortete der junge Mann. Ich habe ſo lange ein Vergnügen der Art entbehrt. — Für diesmal werden Sie auf das Vergnügen verzichten müſſen, Eugen! ſagte Armand. — Morbleu, das iſt unmöglich! — Ihr Gegner iſt mein Coufin. — Folglich wird er ein Herz in der Bruſt und Eiſen im Arm haben. Sie reizen meinen Durſt, an⸗ ſtatt ihn zu löſchen. — Eugen, ſagte Armand dringend, Sie wiſſen, wie ſehr ich Sie ſchätze. Geben Sie das Duell auf! — unmöglich; ich bin der Geforderte! — Gut, ſo bin ich trotz all meiner Freundſchaft für Sie genöthigt, mich mit Ihnen zu ſchlagen, Eugen. — Mit mir? rief dieſer verblüfft. — Mit mir! wiederholte Armand. Meine Sicher— heit nöthigte mich, einige Zeit bei meinen Verwandten in Lyon zu verweilen; ihr Sohn hat mich hierher be⸗ gleitet und da ich gelobt, ihn in Paris unter meinen Schutz zu nehmen, kann ich ihn nicht als Leiche zurück⸗ ſchicken. — Aber wie kann dies Anlaß zu einem Duell zwiſchen uns werden? rief Eugen. 40 — Ich werde eine Veranlaſſung ſuchen müſſen! — Und wie? — Indem ich Sie auf den Fuß trete oder Ihnen eine Ohrfeige gebe. Sie haben nur zu ſagen, was Sie vorziehen. — Pfui, Armand!. Sie zwingen mich nach— zugeben. Armand nahm Eugen beim Arm, führte ihn zu Colette und Felix, ſtellte ihn als einen jungen Studenten vor und nöthigte Felix, ſeine Forderung zurück zu nehmen. Eugen war ein leidenſchaftlicher Chanſon⸗ Dichter und redete Colette ſogleich mit einem graziöſen Couplet an, das ſie ſofort verſöhnlich ſtimmte. — Wo iſt jetzt der Andre? fragte Armand Colette. Dieſe ließ ihre Blicke über den Saal ſchweifen und heftete dieſelben endlich auf eine rieſige Geſtalt, die mit gekreuzten Armen daſtand. Es war derſelbe Rieſe, dem Colette vorhin ein Bein geſtellt. Er wollte mir die Maske abreißen, das Un⸗ geheuer! klagte Colette, und würde es auch gethan haben, wenn Felir ihn nicht gehindert hätte. Dies gab Veranlaſſung zum Wortwechſel, der damit endete, daß er Ihren Couſin forderte. Suchen Sie auch ihn zu verſöhnen, lieber Herr Armand! ſetzte ſie bittend 2 20 hinzu, denn wenn ich dieſe entſetzliche Geſtalt betrachte, ſehe ich Felix ſchon als Leiche! — Ich will's verſuchen! antwortete Armand. Gehen Sie inzwiſchen mit Felix und Eugen in die Reſtauration rechts hinab, ich werde bald bei Ihnen ſein. — Ja, ja, zum Champagner! rief der unverwüſt⸗ liche Felix, der es ſehr eilig hatte, ſeines Vaters Geld an den Mann zu bringen. Armand trennte ſich abermals von ſeiner Geſellſchaft und näherte ſich dem Rieſen, der von einer Anzahl ſcherzen⸗ der Masken umflattert wurde und von ihren Scherzen keine Notiz nahm. Das Koſtüm des Rieſen verrieth, näher betrachtet, weder Feinheit, noch Harmonie; es ſchien mehr auf das Abſtoßen als auf das Anziehen berechnet. Ueber ſeinem Kopf ragte der Tigerrachen hervor, das Fell ſchien einem Pelzhändler als Aushänge⸗“ ſchild gedient zu haben; der übrige Theil ſeines koloſſalen Körpers war in einem ſchäbigen Wolfspelz gehüllt, der bis auf die, zu ſeinem ganzen Leibe in Proportion ſtehenden Füße reichte. Vor ſeinem Geſicht trug er eine Maske von grauer Wolle, die das ganze Antlitz verbarg. Die ganze Geſtalt machte auf Armand den unheimlichſten Ein— druck; er entſetzte ſich ſogar davor, wenn er ſich ſeinen Vetter als Gegner eines ſolchen Ungeheuers vorſtellte. 21 Indeß, die Noth zwang ihn, heranzutreten, denn in Frankreich ſpielt man nicht mit Herausforderungen. — Fürſt der Wälder! begann Armand die Unter— haltung mit ihm. Der Kopf des Tigers und das Fell des Wolfes verrathen Grauſamkeit und Blutdurſt; das Lammfell vor Deinem Antlitz aber deutet auf mildere Gefühle. Erlaubſt Du mir, an dieſe einige Fragen zu ſtellen? Der Koloß ſchaute auf Armand herab, fixirte ihn einige Sekunden und nickte dann mit dem Kopfe. — Wer, fuhr Armand fort, ſollte ſich vorſtellen können, wenn er Dich ſo friedlich hier wandeln ſieht, daß Du morgen früh um 10 Uhr ein Lamm im Boulogner Gehölz zu verſchlingen beabſichtigſt! Das Gerücht behauptet es; ſpricht es die Wahrheit? Der Tigerkopf nickte abermals. — Das Gerücht behauptet aber auch, daß es der Tiger geweſen, der das Lamm heraus gefordert und daß das letztere, mehr ſeinem Muthe als der Vorſicht folgend, dieſe Forderung angenommen.... Iſt auch das die Wahrheit? Dieſelbe bejahende Antwort. — Es iſt nicht würdig eines Fürſten der Wälder, der nur ganze Heerden ſchlachtet, ein einziges Mit⸗ glied daraus als Gegner zu wählen. Um ſeine Ehre zu retten und zugleich mein Lamm zu ſchützen, bitte ich alſo, der Hirte dieſer Heerde, den Tiger, von ſeinem Vorhaben abzuſtehen und einen freundlichen Vergleich anzunehmen, den ich ihm hiemit biete. Der Koloß ſetzte ein kleines Meſſingrohr an den Mund und Armand vernahm mit dumpfer Stimme die Worte: Wenn der Fuchs zum Tiger kommt, um für das Lamm zu bitten, ſo verſchlingt der Tiger zu⸗ erſt den Einen, dann das Andre. Armand war nicht ſehr zufrieden mit dieſem Be⸗ ſcheid. Es ſteht kein Fuchs vor Dir, antwortete er, ſondern ein Hirte, und dieſer wirft ſich unerſchrocken dem wilden Thiere entgegen. Ich verbiete Dir alſo, mein Lamm anzurühren. — Gut! antwortete der Rieſe durch das Rohr; der Tiger ſpeiſt am liebſten Menſchenfleiſch, ſelbſt wenn es einem Schurken gehört! — Ihr habt ein zu großes Maul, um des Rohres zu bedürfen, und zu große Tatzen, um damit auf den Ball zu gehen, antwortete Armand, indem er mit ziemlichem Nachdruck dem Rieſen auf den Fuß trat. Dieſer ſtieß eine Art von Gebrüll aus und drohte mit dem Meſſingrohr. — Ihr verlangt Genugthuung, vermuthe ich? fragte Armand, nicht ohne Betroffenheit ſeinen Wilden firirend— Ja! antwortete er durch das Rohr. — Alſo morgen im Boulogner Gehölz..... Um 8 Uhr bei den vier Buchen! — Was für Waffen? fragte der Rieſe durch ſein Sprachrohr. Wählt ſelbſt! — Gut; alſo Säbel! — Auf Wiederſehen! ſagte Armand, dem Koloß den Rücken wendend. II. Dus Boulogner Gehöle. Eine Viertelſtunde bereits erwarteten Armand und Eugen, die Säbel unter dem Mantel, ihren Gegner. Ungeduldig vor ſich hin pfeifend ſchaute Eugen den Weg entlang, als er im Gehölze plötzlich zwei Ge⸗ ſtalten ſich nähern ſah. Armand warf einen Blick auf dieſelben, zog trotz der Kälte ſeinen Rock aus und hängte ihn an einen Baumaſt. Eugen, der den An⸗ kommenden entgegen geeilt war, befand ſich alsbald mit dem Einen von ihnen in eifriger Unterhaltung, und kehrte in deſſen Begleitung zu Armand zurück. Beide Zeugen trugen ein paar Palaſche unter dem Arm, die ſehr ſchwer ſchienen. — Ihre beiden Säbel ſind als Zahnſtocher zu⸗ rück gewieſen, lieber Armand, ſagte Eugen lächelnd. Der Secundant Ihres Gegners fragte mich: glauben Sie, mein Freund ſei ein Schneider, da Sie ihm 2 Nähnadeln offeriren? Was meinen Sie zu dieſen Palaſchen? — Ziemlich ſchwer ſind ſie, im Uebrigen aber ganz zweckmäßig! antwortete Armand, den einen ergreifend und einen Lufthieb machend. — Zweckmäßig? Allerdings, um Bäume damit zu fällen! Indeß, Ihr Arm ſcheint kräftig genug zu ſein. — Es iſt nicht das erſte Mal, daß ich mit ſolchen Waffen umgehe, ſagte Armand, einen Seitenblick nach der Stelle werfend, wo ſein Gegner ſtand. — Ich bin doch neugierig, wie man mit einer ſolchen Eiſenſtange repoſtirt! rief Eugen. — Sie werden es gleich ſehen! Sagen Sie dem Secundanten, daß ich dieſe Waffen billige, und meſſen Sie den Platz ab. Es iſt kühl und ich fühle das Bedürfniß, mich zu erwärmen. Kennen Sie den Secun⸗ danten und haben Sie ihn früher bereits geſehen? — Ich ihn kennen? rief Eugen mit ariſtokratiſcher Miene, er ſieht mir aus, als habe er täglich mit den Quais und den Brücken zu ſchaffen; auch Ihren Gegner, den Rieſen da, habe ich noch nicht zu ſehen die Ehre gehabt. — Es ſcheint mir, als ſei er maskirt? bemerkte Armand. — — So iſt es; indeß brauchen Sie nicht zu fürchten, einen verkleideten Prinzen vor ſich zu haben. Ich fürchte wirklich, wir haben mit ſehr gewöhnlichen Leuten zu ſchaffen. Mit dieſen Worten näherte ſich Eugen abermals dem Secundanten, maß mit dieſem den Platz ab und beſtimmte die Punkte, von welchen die beiden Duellanten ausgehen ſollten, um ſich zu treffen. Als dies geſchehen, zogen ſich die Secundanten zurück und überließen den Kämpfenden den Platz. Dieſe näherten ſich langſam einander auf Säbellänge. Anſtatt ſich in Parade zu ſtellen, ſenkte Armand die Spitze ſeiner Waffe zur Erde. — Mein Herr, ſagte er ſo leiſe, daß es die Secundanten nicht hören konnten, ehe ich ausfalle, habe ich Ihnen einige Worte zu ſagen, die Sie mit Geduld anhören müſſen. Der Rieſe mit der Larve vor dem Geſicht ſchüttelte unwillig den Kopf und hob den gefährlichen Palaſch. — Sie ſetzen die Maskerade von geſtern noch fort, ſagte Armand, ohne ſeine Stellung zu verändern. Ich ahne Ihre Gründe und vermuthe auch, wer Sie ſind. — Um ſo beſſer! antwortete der Rieſe. En garde, Monsieur! — Das werde ich nicht unterlaſſen, fuhr Armand 27 — fort; aber Sie müſſen mich anhören, ehe es vielleicht zu ſpät iſt. — Wenn Sie ſich nicht wehren, ſo haue ich Sie nieder wie einen Hund! rief der Rieſe. — Pfui, Simon! entgegnete Armand. Dergleichen Worte ſind eines tapferen Mannes nicht würdig! — So iſt es Deine eigene Schuld, Elender! brüllte der Rieſe und ſchwang dabei das Schwert über Armand's Kopf, ohne dieſem die Zeit zu laſſen, ſeine Waffe zur Parade zu heben. Armand wich dem Hiebe durch eine ſchnelle Volte aus und die Säbelſpitze drang tief in den Boden. — Ein ſo alter Meiſter im Säbelkampf ſollte doch die einfältigen Primen laſſen! ſagte Armand ruhig und ſtellte ſich endlich in Garde. — Er flieht, die Memme! ſchrie der Secundant des Rieſen, der Armand's Volte für einen Flucht⸗ verſuch hielt. — Mein Herr, fiel Eugen, zu dieſem gewandt, ein, es iſt durchaus nothwendig, daß Sie das tieſſte Schweigen beobachten. — Weshalb? — Weil die Zeit der Eulen erſt mit der Nacht beginnt. — Wer ſagt das? — z⸗ —— 2 — Ich, wenn Sie erlauben! Oder ſehe ich Ihnen nicht danach aus, daß ich mir dieſe Kühnheit erlauben dürfte? — Sie ſehen aus wie ein Narr! antwortete der Secundant. Eugen war ein wenig eitel, wie alle Poeten. Da er auf dieſe Bemerkung weder in Proſa noch in Verſen eine paſſende Antwort fand, nahm er die beiden zurück⸗ gewieſenen Säbel vom Boden und warf den einen davon ſeinem Gegner vor die Füße. Dieſer, ein grober und maſſiver Weinträger, nahm den Säbel, legte die Spitze deſſelben auf den Nagel des linken Daumen, und ſchwang und balancirte den Säbel, als wollte er ſeine Verachtung für ein ſolches Spielzeug von Waffe bezeugen. Endlich indeß machte er Ernſt und ging auf den Poeten los. Inzwiſchen wechſelten der weiße Bär und ſein einſtiger Schüler derbe Schläge, denn der dicke Palaſch war in der Hand des Erſteren leicht und in der des Andren nicht ſchwer. Simon ließ es weder an Terzen noch an Quarten fehlen; Armand hingegen vertheidigte ſich nur, und band ſeine Paraden zuſammen, ſo daß dieſe einen ununterbrochenen Zirkel bildeten, auf deſſen Peripherie der weiße Bär vergeblich hämmerte. Simon war heftig, Armand in höchſter Ruhe, und dieſe wiegt ja ſtets die Stärke auf. Armand bemerkte, daß ſein alter Freund in blindem Eifer oft ausfiel, ohne ſich ſelbſt zu decken. Da unſer Held ſeinem alten Freunde nichts Böſes wollte, aber F auch keine Luſt hatte, den Kampf ſo beſchloß er, die Unvorſichtigkeit benutzen. Nachdem er mit einer halben Simon's parirt, fiel er blitzſchnell Quarte aus und gab ſeinem alten lange fortzuſetzen, ſeines Gegners zu Terze einen Hieb mit einer ganzen Lehrer einen Hieb über das rechte Handgelenk, ſo daß dieſer wenigſtens für einen Moment die Klinge ſenkte. Armand benutzte dieſe Pauſe. — Simon, ſagte er, Sie thun Unrecht, auf mich zu zürnen; Sie müſſen mich anhören, ehe Sie verdammen! Ich betheure bei Allem, was heilig iſt, daß ich an dem Unglück, um deſſen willen Sie mich vielleicht anklagen, unſchuldig bin und daß ich ſelbſt gleich Ihnen ſchändlich hintergangen worden... . Ich betheure auch, daß ich Alles gethan, was in meinen Kräften ſtand, um Ihre Freiheit zu erwirken, und daß.. Der weiße Bär hob als Antwort ſeinen Säbel und obgleich das Blut aus ſeiner Hand drang und ſowohl das Heft als die Klinge färbte, fiel er 30 abermals und mit noch größerer Heftigkeit auf Ar⸗ mand aus. — Sie wiſſen nicht, was Sie thun! rief and mit derſelben Kälte den Hagel der Säbelhiebe parirend. Sie ſind toll! Sie ſind wahnſinnig! Das ruft auch Madelone aus ihrem Grabe! Hören Sie ihre Stimme nicht? Sie ruft: Simon, Du ſtörſt meinen Frieden im Himmel, wie Du ihn auf Erden ſtörteſt! Simon's Hand entfiel die ſchwere Waffe. Ein Kind würde ihn mit dieſem Zauberwort ent⸗ waffnet haben. Er führte ſeine blutende Hand zum Auge; die Blutstropfen miſchten ſich mit Thränen. Der Finger eines Schatten hatte den Stahlpanzer auf der Bruſt des Rieſen gebrochen und den Dämon des Haſſes aus ſeinem Herzen gejagt. Auch Armand warf den Palaſch von ſich und näherte ſich gerührt dem jetzt ſo weichen Manne. Kurz vorher hatte auch der Kampf der Secundanten aufgehört. Die Kraft des Arbeiters hatte vor der über⸗ legenen Gewandtheit des Troubadours ins Gras beißen müſſen. Als Simon und Armand Hand in Hand ſich ihnen näherten, fanden ſie den Arbeiter am Boden ſitzend, den Poeten über ihn gebeugt und beſchäftigt, ihm das 31 rechte Ohr zu verbinden, das aus einer tiefen Wunde blutete. — Unbegreifliches Volk, ſagte der Poet lächelnd. Wunderliches Volk, das man heute beſingen und dem man morgen die Ohren abhauen muß! w. Ber Brankenbeſurh. Spät am Vormittage hielt ein Wagen vor dem uns bekannten Hauſe in der Anjou⸗Straße. Ein Diener mit gepudertem Haar und weißen Seidenſtrümpfen ſprang von ſeinem Platze hinter den Wagen und öffnete die mit einem Wappen geſchmückte Thür deſſelben. Den einen Arm auf die Schulter des gekrümmten Dieners ſtützend, verließ der Herzog von Baudreuil den Wagen. Eine leichte und flüchtige Röthe bedeckte ſeine ſonſt ſo bleichen Wangen, während er durch die Pforte ſchritt; unbeſchreiblich mild war der Blick, welchen er dem Portier ſchenkte, der ſich faſt bis zur Erde verbeugte. — Herr Geronniere iſt unpäßlich, wie ich höre? fragte der Herzog. 33 — Als der Herr am Abend nach Hauſe kam, be⸗ fand er ſich unwohl, antwortete der Portier. — Wahrſcheinlich ſein altes Uebel? fragte der Herzog, den Kopf ſchüttelnd. Der Portier gaffte den Herzog mit großen Augen an. — Es ſcheint faſt, mein Freund, als wüßten Sie gar nicht, daß Ihr Herr in der letzteren Zeit häufig an Schwindel und Congeſtionen zum Kopf gelitten? fragte der Herzog. — Ach ja, ich glaube... ich erinnere mich! ver⸗ ſicherte der Portier, bemüht, jeden Verdacht der Un⸗ kenntniß in Betreff ſeines Herrn abſchüttelnd. — Aber ich hörte, er befinde ſich jetzt beſſer! fuhr der Herzog fort. — Ja, Monſeigneur; viel beſſer! — Dem Himmel ſei Dank dafür! rief der Herzog, mit einem Blick zum Gewölbe der Thür und einem Zeichen des Kreuzes auf der Bruſt. — Amen! flüſterte der Portier, ebenfalls ein Kreuz machend. — Sie lieben Ihren Herrn, und das ehrt Sie! erklärte der Herzog, indem er ein Goldſtück in die Hand des Portiers gleiten ließ. — Monſeigneur ſtammelte dieſer mit einem abermaligen und noch tieferen Bückling. Armand. II. 3 ——— 34 Der Herzog ſetzte ſeinen Weg über den Hof fort und erreichte die Freitreppe. — Herr Geronnieère iſt krank, wie ich höre? ſagte er zu dem ihm öffnenden Diener. — Ja, Monſeigneur; er war in dieſer Nacht nicht wohl! antwortete der Diener mit einer ebenſo tiefen Verbeugung. — Ich habe immer befürchtet, daß es ſo kommen würde! ſagte der Herzog kopfſchüttelnd. Der Bediente ſchaute den Herzog ebenſo dumm an wie vorhin der Portier. — Wie Sie wiſſen, hat Ihr Herr ſeit einiger Zeit öfter an Schwindel und Congeſtionen zum Kopf gelitten. Ich habe ihm deshalb immer gerathen, vor⸗ ſichtig zu ſein und Abends früher nach Hauſe zurück⸗ zukehren! — Ja, Herr Geronnidre ſind Abends immer viel zu lange auf, beſtätigte der Bediente, der nichts da⸗ gegen hatte, ſelbſt früher zu Bette gehen zu dürfen. — Unmöglich kann das für Jemanden gut ſein, der zu Congeſtionen geneigt iſt. — Nein, gewiß nicht, Monſeigneur! — Ich vermuthe, daß man ſogleich zum Doctor Leviſiere geſchickt? — Ja, Monſeigneur. Er kam auch auf der Stelle. 35 — Gut!... Aber warum legt man denn nicht Stroh auf die Straße? — Der Doctor ſagte nichts davon, Monſeigneur! — Das war unbedachtſam von ihm!... Laſſen Sie ſofort Stroh über die Straße ausbreiten, damit die Ruhe des Kranken nicht durch das Geräuſch der Wagen geſtört wird! Monſeigneur's Befehl ſoll ſofort ausgeführt werden! — Ich danke Ihnen! ſagte der Herzog, indem er ein Goldſtück in die Hand des Bedienten fallen ließ. — Monſeigneur ſind heute ſehr gnädig! ſtammelte der Bediente. — Meine Güte und meine Gnade richten ſich ganz nach der Aufmerkſamkeit und Liebe, welche Sie Ihrem Herrn widmen.... Herr Geronniere befindet ſich alſo wohler? — Er hat bis zum Morgen geſchlafen und ſich jetzt ein wenig auf das Bett gelegt. — Gott ſei gelobt! rief der Herzog, ſich aber⸗ mals bekreuzend und ſetzte ſeinen Weg nach dem Zim⸗ mer fort. Der Banquier lag in den koſtbaren Morgenrock gehüllt auf der Decke ſeines Bettes, als der Herzog in ein Schlafgemach trat, das in der That des glück⸗ lichen Beſitzers von 20 Millionen Franes würdig war. 3 7 36 Geronnidre ſuchte ſich auf ſeinem Ruhebett zu er⸗ heben, der Herzog aber zwang ihn mit der ſanfteſten Gewalt, liegen zu bleiben, und ſetzte ſich an das Bett. — Sie dürfen ſich nicht anſtrengen, bat der Her⸗ zog; ich ſehe aber zu meiner innigſten Freude, daß es nicht ſo ſchlimm, wie ich anfänglich gefürchtet. Ihr Bote erſchreckte mich... Wann fühlten Sie ſich zuerſt unwohl? — Auf dem Rückwege vom Baron St. Bris, antwortete der Banguier ſehr matt. Ich fürchte, daß ich zu viel am Buffet zu mir genommen; ich fühle mich ſtets unwohl, wenn ich Nachts ſpeiſe! — Und was fühlten Sie? — Einen unerträglichen Magenſchmerz. — Es iſt möglich, daß Sie zu ſtark zu Abend ge⸗ ſpeiſt! Der ehrenwerthe Baron iſt ein faſt zu liebens⸗ würdiger Wirth!... Aber es iſt auch möglich, daß Sie die Grippe bekommen, die jetzt Alles anfällt. Die Grippe pflegt in Paris ſtets heftig aufzutreten, wenn es gegen das Frühjahr geht; der Herzog konnte alſo nicht ganz Unrecht haben. — Haben Sie etwas zu ſich genommen? fragte der Herzog weiter indem er ſeinen Blick über den mit einigen Medizinflaſchen am Bette ſtehenden Tiſch ſchweifen ließ. 37 — Der Arzt gab mir ein kleines Pulver, das die Schmerzen ſtillte und mir zu ſchlafen erlaubte.. Als er zuletzt hier war, glaubte er, ich werde in einigen Stunden das Bett verlaſſen können. — Sie ſehen auch gar nicht mehr krank aus. — O, es muß bei mir ſchon ſehr ſtark kommen! meinte der Banquier, der indeß doch bleich wie der Tod war. — Sie können immerhin das größte Vertrauen zu dem Dr. Loviſiere haben. Wie Sie wiſſen, iſt er mein Arzt ſeit ich in Paris bin, und wenn er auch nicht gerade einen bedeutenden Namen hat, ſo kann man doch keinen zuverläſſigeren Arzt finden, als ihn. — Ich bin auch ſehr zufrieden mit Leviſiere und danke Ihnen, daß Sie mir dieſen Mann recomman⸗ dirt haben... Wie befindet ſich meine Nichte die Herzogin? — Ehe ich hierher fuhr, wollte ich mich von ihrem Befinden unterrichten und ihr zugleich Ihre Unpäß⸗ lichkeit melden laſſen; aber ſie war bereits ausgefahren, nach dem Luxembourg, wie gewöhnlich... Sie ver⸗ ſäumt die ſchönen Künſte niemals! Der Herzog ſtieß einen tiefen Seufzer auf und ſtarrte finſter auf den Teppich vor dem Bette. — Armer de Beaudreuil! ſagte der Banquier theil⸗ 38 nehmend und des Herzogs Hand erfaſſend... Sie iſt alſo unverbeſſerlich! fuhr er fort. Weder Ihre Geduld noch meine Ermahnungen fruchten bei ihr! — Dieſes unglückliche Verhältniß nagt an meinem Leben! verſicherte der Herzog. Kaum vermag ich es noch zu ertragen!... Wenn ich wenigſtens die Hoff⸗ nung hätte, daß... — Die Unwürdige! unterbrach ihn der Banquier Aber es iſt bei ihr zur firen Idee geworden, zu glau⸗ ben, daß Sie. — Ach, es iſt ja das nicht, was ich fürchte unterbrach ihn jetzt der Herzog. Wenn es nur dies wäre Aber — Sie haben alſo noch immer Verdacht?.. Aber haben Sie denn wirklich etwas entdeckt? — Nichts Anderes, als was ich Ihnen ſchon neu⸗ lich mittheilte. Wie Sie wiſſen, waren es nur meine Domeſtiken, die.. — und Sie haben abermals den Baron St. Bris mit ihr auf allen Promenaden, ſelbſt in den Glaerien des Luxembourg geſehen? — Ach, ich bin ſehr, ſehr unglücklich! rief der Her⸗ zog mit einem noch tieferen Seufzer aus. — Aber haben Sie ihr denn nicht geſagt... 39 — Wie konnte ich hierzu die Kraft beſitzen! — Aber warum wollen Sie denn nicht mir er⸗ lauben, mit ihr zu ſprechen? — Ich glaubte immer, Sie würden heute oder morgen... — Nun gut denn! Alſo endlich! Ich werde mit ihr ſprechen; die Schändliche! rief der Banquier entrüſtet. — Um Gottes willen, ereifern Sie ſich nicht! Ihre Geſundheit könnte darunter leiden! rief der zärt⸗ liche Herzog... Laſſen Sie uns von etwas An⸗ derem ſprechen... Sie haben gewiß nicht die heu⸗ tigen Zeitungen leſen können, die ich unberührt Drt liegen ſehe. — Nein, ich habe ſie noch nicht leſen können!. Wie ſieht es denn draußen aus? — Ueberall Unruhe! Ihr Name auf der Liſte zu dem Reformbanket am 22. hat eine ganz uner⸗ wartete Wirkung gehabt. — Erzählen Sie! rief der Banquier eifrig. — Die Regierung beabſichtigt, wie ich höre, Sie deshalb öffentlich anzuklagen, da dieſelbe Sie an der Spitze des Reformbankets ſieht. — Mich anklagen! rief der Banquier außer ſich. — Und ich fürchte, daß dies auf Ihre Geſchäfte eine ſehr empfindliche Wirkung üben könnte. — Auf meine Geſchäfte! Ja, Sie haben Recht! ... Aber was ſoll ich denn thun? Wie kann ich zurück, ohne mir eine Blöße zu geben? — Benutzen Sie Ihre Unpäßlichkeit als Vorwand. Fühlen Sie ſich kräftig genug, um ſelbſt einige Zeilen ſchreiben zu können? — Gewiß! Ich muß ja! Geben Sie mir das Schreibzeug her! rief der Banquier ängſtlich .... Mich öffentlich anklagen!... Was ſoll ich ſchreiben? Der Herzog dictirte:„Herr Toilly! Im Verlaufe der letzten Monate ward ich öfter von Schwindel und Congeſtionen zum Kopfe befallen. Da meine Aerzte es nöthig finden, daß ich mich augenblicklich zu Hauſe halte, um zu mediciniren, ſo bitte ich Sie, die Leiter des Reformbankets zu benachrichtigen, daß ich aus obigen Gründen an demſelben nicht Theil nehmen kann. Paris, den 19. Febr. 1848. Ihr ergebener A. Geronnidre. Als der Banquier dies geſchrieben, brach er in lautes Lachen aus.— Ich Schwindel und Congeſtionen! 41 rief er. Wenn Alle Leute nur ſo klaren Kopf hätten, wie ich! — Ohne Zweifel, gab der Herzog zu; aber Sie wiſſen ja, daß man mit den Farben nicht Haus hal⸗ ten darf, wenn man den gehörigen Effect hervorbrin⸗ gen will. — Aber wir haben hier den 19. geſchrieben, wäh⸗ rend heute doch ſchon der 20. iſt, bemerkte der Banquier. — Es muß ſcheinen, als ſei das Billet ſchon geſtern geſchrieben, denn ſonſt könnte man glauben, es datire ſich von dem letzten Miniſter-Conſeil. Ich will es ſelbſt beſorgen. — Gut! ſagte der Banquier, das Billet zuſam⸗ menlegend, ſchrieb die beſagte Adreſſe und übergab es dem Herzog. i — Dr. Leviſidre! meldete eben der eintretende Bediente und ein Mann im mittleren Alter, mit blat⸗ ternarbigem Geſicht und glasartigen Augen trat ins Zimmer. — Willkommen, Herr Doctor! rief der Banquier ihm erfreut entgegen. Der Arzt hatte ſich vor dem Herzog verbeugt und näherte ſich dem Kranken. — Sie befinden ſich beſſer, wie es ſcheint? ſagte er. 42 — Ich habe geſchlafen und fühle nicht mehr das Schneiden im Unterleib. — Ihr Puls geht ruhig! Haben Sie keine wei⸗ teren Beſchwerden gehabt? — Nein, ich fühle mich beſſer! — Gut, ich habe hier ein neues Pulver mitge⸗ bracht, das Sie einnehmen müſſen, ſagte der Arzt mit einem flüchtigen Seitenblick auf den Herzog. Dieſer erhob ſich vom Stuhl, näherte ſich dem Fenſter und ſchaute in den Hof hinaus. Der Arzt goß das Pulver in ein Glas Waſſer und bat den Kranken, ſich aufzurichten, damit er ihm das Pulver eingeben könne. — Es ſchmeckt doch nicht zu ſchlecht? fragte der Banquier, indem er mit des Doctors Hülfe den Kopf vom Kiſſen hob. Als eben der Arzt das Glas an den Mund des Kranken führte, wandte ſich der Herzog ſchnell vom Fenſter. Sein Antlitz war entſetzlich bleich. — Halten Sie, rief er leiſe, aber doch ſo laut, daß es am Bette gehört werden konnte. Der Arzt der mit der einen Hand das Glas hielt, mit der andern den Rücken des Kranken ſtützte, wandte ſein Antlitz zum Herzog und warf auf dieſen einen Blick, ſo glänzend, wie der einer lauernden Schlange. 43 Nach einigen Augenblicken inneren und ſichtbaren Kampfes nickte der Herzog und kehrte ſich wieder zum Fenſter zurück, indem er ſeine Nägel in das Fenſter⸗ geſimſe bohrte. So ſtand er da, bis er Tritte hinter ſich auf dem Teppich hörte. — Er verſank ſogleich im Schlummer! vernahm er eine Stimme hinter ſich. — Gut! murmelte der Herzog vor ſich hin, ohne ſeine Stellung zu ändern. — Ich werde der Dienerſchaft ſagen, daß Nie⸗ mand den Schlafenden ſtöre, fuhr die Stimme fort. — Thun Sie das! war die Antwort, die ſich den bleichen, zitternden Lippen des Herzogs entpreßte. Hierauf hörte er die Thür des Schlafgemachs ſich öffnen und wieder ſchließen. Als er endlich ſein Ant⸗ litz vom Fenſter wandte, ſah er die Bettvorhänge ge⸗ ſchloſſen, das Waſſerglas leer auf dem Tiſch neben dem Bette ſtehen. Der Arzt war verſchwunden. V Schlots Luxembourg. Im Faubourg St. Germain, und ungefähr in der Mitte dieſes Stadttheiles liegt ſüdlich von der Seine das Schloß Luxembourg, eins der ſchönſten, welche Frankreich aufzuweiſen hat. Wenn es dem Beſchauer etwas düſter erſcheint, ſo iſt daran hauptſächlich ſeine Geſchichte Schuld. Die reiche und prachtliebende Maria Medicis erbaute ſich das Luxembourg zu Anfang des ſiebzehnten Jahrhunderts zu ihrer Reſidenz und fand in demſelben ihren Kerker, bis ſie nach Köln geführt wurde, um hier in der tiefſten Armuth zu ſterben. Nach Ludwig XIV. Tode gehörte das Schloß einer Her⸗ zogin von Berry, Frankreichs Meſſaline genannt, die daſſelbe zum Schauplatz der ſchändlichſten Saturnalien machte, in welchen Ludwig XV. ſchon als Kind eine Hauptrolle ſpielte. Während der erſten Revolution ward das Luxem⸗ 45 bourg ganz zum Gefängniß gemacht. Mehr als 2000 Perſonen beiderlei Geſchlechts und aus allen Ständen ſahen ſich in dieſen Mauern eingeſchloſſen; hier ſaßen Danton, Camille Desmoulins, Heralt de Sechelles, Fabre d'Englantine, bis ſie durch die Guil⸗ lotine befreit wurden. Hier ſeufzte Frau von Beau⸗ harnais, bis ſie von Barras befreit ward; hier ſaß auch der berühmte Maler David und zeichnete wäh⸗ rend der Haft ſeine Entwürfe zu den Gemälden, die ſpäter die Galerien Luxembourg und des Louvre zieren ſollten. In dieſem Schloß gab am 10. Dechr. 1797 das Directorium, welches damals hier reſidirte, dem Bonaparte ein Feſt; hierher zog derſelbe erſte Conſul, als er daſſelbe Directorium geſtürzt. Hier ſtand vor den Pairès der Reſtauration der Marſchall Ney, im Jahre 1815 des Hochverraths angeklagt; hier nahm er, zum Tode verurtheilt, von Gattin und Kindern Abſchied und in den Gartenmauern des Luxembourg ſieht man noch die Spuren von Kugeln, mit denen er erſchoſſen wurde. Zwanzigmal hat man dieſe Spuren bedeckt und zwanzigmal ſind ſie wieder zum Vorſchein gekommen. Die Uhr des Luxembourg zeigte halb zwei, als Armand Cambon den öſtlichen Flügel des Schloſſes betrat und in die reiche Bilder⸗Galerie dieſes Schloſſes 3 . —————— ——— eeepernee—— — — s 46 eilte, die täglich dem Publikum geöffnet iſt. Bei all ſeinem Kunſtſinn wagte er es nicht, vor den herr⸗ lichen Gemälden zu verweilen; er ſuchte offenbar einen beſonderen Gegenſtand und blieb endlich am Schluß der Galerie vor einem Künſtler ſtehen, der hier be⸗ ſchäftigt war, ein Gemälde zu kopiren. Dieſer Künſtler war eine Dame in einfachem ſchwarzen Seidenkleide und mit ſchlicht geordnetem, reichem kaſtanienbraunem Haar. Die Künſtlerin ſchien ganz von ihrer Arbeit in Anſpruch genommen; ſie war bleich, aber doch jung und ſchön; aus ihren blauen Augen leuchtete künſtleriſche Begeiſterung. Armand ſtand bereits mehrere Minuten im An⸗ ſchauen der Dame verſunken da, als ſie ihn bemerkte. Ein Freudenſtrahl leuchtete aus ihrem Auge, als ſie den jungen Mann erkannte. Dieſer trat mit einer ehrfurchtsvollen Verbeugung vor und an die Staffelei, vor welcher ſie ſaß. — Willkommen, Herr Armand! ſagte ſie, die Staffelei ein wenig zurückſchiebend. — Sie waren ſo gütig, mich rufen zu laſſen ſagte Armand verlegen. — Colette, meine Kammerjungfer, erzählte mir, daß ſie Ihnen begegnet, und da ich Sie lange zu ſehen gewünſcht... 47 — Sie haben mich alſo wirklich zu ſehen gewünſcht? unterbrach Armänd ſie mit freudig bewegter Stimme. — Freilich! Sie wiſſen, daß wir uns nicht mehr ge⸗ ſehen ſeit dem vorigen Jahre, wo Sie mich beſuchten.. — Ja, Madame!... Am Tage darauf fand ich mich vor dem Hapſe Ihres Oheims ein, wie Sie be⸗ fohlen... Aber Sie hatten wahrſcheinlich vergeſſen, daß Sie mich zu ſich beſchieden. — Nein, ich hatte es nicht vergeſſen.. Aber... Die Herzogin ſchwieg hier, als wolle ſie ſich von einer ungeheueren Erinnerung losmachen. — Aber ich verdiene die Vorwürfe, die ich von Ihnen ſowohl, als von mir ſelbſt zu erleiden habe! ſetzte ſie hinzu. — Großer Gott, rief Armand, wie hätte es mir jemals einfallen ſollen, Ihnen Vorwürfe zu machen! Habe ich Sie verletzt, ſo verzeihen Sie mir! rief der Jüngling, der hierdurch eine Anſpielung auf jenen unſeligen Handkuß machen wollte. Jetzt aber, da Sie die Güte hatten, mich ſehen zu wollen, wage ich um eine Gnade zu bitten. — Und welche? fragte Adelaide mit einer gewiſſen Schüchternheit vor Armands Heſftigkeit. — Wenn ich einige Fragen thun ſollte, darf ich auf eine aufrichtige Antwort hoffen? 48 — Ich werde aufrichtig ſein! Armand warf einen ſcheuen Seitenblick umher, um ſich zu überzeugen, ob er nicht von Andern gehört werden könne. Da er ſah, daß die übrigen Künſtler ruhig mit ihrer Arbeit beſchäftigt waren, wandte er ſich beruhigt zu Adelaide zurück. — Sie erinnern ſich eines Billets, das ich Ihnen gab, als ich zum letzten Male... — Ja, mein Herr! antwortete die Herzogin. — Als Sie daſſelbe geleſen, waren Sie überzeugt, daß der Herzog es geſchrieben. — Ja, ich war damals überzeugt. — Aber am folgenden Tage, an Ihrem Hoch⸗ zeitstage, hatten Sie eine andere Anſicht von dem Billet? — Ja, antwortete die Herzogin mit ſchwacher Stimme, als koſte es ſie Mühe, dies einzugeſtehen. — Sie glaubten, es ſei ein gefälſchtes Dokument? Die Herzogin ſchlug verlegen die Augen nieder. — Und wen hatten Sie in Verdacht? ˙ Die Herzogin, ſichtbar aufgeregt, zauderte mit der Antwort. — War es vielleicht die Kammerjungfer der Mar⸗ quiſe d'Eſtelle, die Sie im Verdacht hatten, dieſes Billet gefälſcht zu haben? 49 — Die Kammerjungfer der Marquiſe d'Eſtelle? wiederholte Adelaide erſtaunt. — Gott im Himmel, nun ſo war ich es alſo, auf dem der Verdacht ruhte! rief Armand im höchſten Schmerz aus. Ich wußte damals nicht, an welcher von den beiden Geſchichten, die man mir erzählte, ich mich halten ſollte; jetzt weiß ich, daß die Kammer⸗ jungfer der Marquiſe es geweſen, die Ihnen mitge— theilt, daß ich die Handſchrift des Herzogs nachge— gemacht und das Billet geſchrieben! Jetzt iſt mir Alles klar! Jetzt erſt blicke ich in die Tiefe dieſer ſchwarzen Intrigue! — Aber wie wiſſen Sie denn? fragte Adelaide. Wie können Sie wiſſen, daß... — Ich kannte dieſen ſchändlichen Plan, ehe er ins Werk geſetzt wurde! ſagte Armand. Ich hörte ihn aus dem eigenen Munde der Kammerjungfer; aber wie konnte ich wohl an das Gelingen eines ſo teufliſchen Planes glauben! — Aber in welchem Verhältniß ſtanden Sie denn zur Marquiſe und ihrer Kammerjungfer? fragte die Herzogin. — Ich will Ihnen Alles erklären! ſagte Armand und begann jetzt mit exemplariſcher Gewiſſenhaftigkeit Armand. II. 4 50 eine Darlegung ſeines Verhältniſſes zu dieſen beiden Frauen, von ſeinem erſten Zuſammentreffen mit ihnen im Jardin des Plantes, bis er, mit Hülfe des Portier— Rückens, den Netzen entronnen, welche die Marquiſe ihm in ihrem eigenen Hotel ausgeſpannt. Armand verſchwieg nichts, denn man kann einer Frau Vieles ſagen, was man um Alles in der Welt nicht vor einem Mädchen ausſprechen würde. — Jedes Wort, das ich eben geſagt, iſt eine Wahr⸗ heit, ſchloß Armand ſeine Erzählung. Was Sie jetzt auch von mir denken mögen, Sie werden mich nicht für einen Verbrecher halten... Großer Gott, wie konnten Sie einer ſolchen Niederträchtigkeit Glauben ſchenken! Adelaide hatte mit einem gemiſchten Gefühle von Theilnahme“ und Entſetzen Armand's Erzählung an⸗ gehört. — Ich wußte nicht, was ich denken ſollte, ant⸗ wortete ſie, oder richtiger geſagt, es fehlte mir jede Fähig⸗ keit zu denken an jenem unglücklichen Tage, der mir jetzt wie ein entfetzlicher Traum vorſchwebt. Doch er⸗ innere ich mich, daß meine unſelige Verirrung damals von der ſonderbaren Erklärung beſtärkt wurde, die Sie mir über die Art und Weiſe gaben, in welcher Sie zu dem Billet gekommen. — 51 — Konnte ich als Mann von Ehre die Schwäche eines Weibes verrathen? fragte Armand. — Ich verſtehe dies jetzt, ſagte Adelaide; indeß machte dieſer Umſtand im Verein mit.... mit Ihrem ſonderbaren Benehmen. Die Herzogin brach hier ab. — Ich weiß, was Sie ſagen wollen! fiel Armand erbleichend ein, denn ein neues Licht war vor ſeinen Augen aufgegangen und er ſchauderte vor deſſen Schein. Der Leſer erinnert ſich vielleicht, daß die Geſchichte, welche Deniſe, die Kammerjungfer der Marquiſe, der Nichte des Banquiers zu erzählen den Auftrag hatte, weſentlich darauf hinauslief, daß Armand in ſeiner blinden und wahnſinnigen Paſſion für Adelaide ſelbſt dieſes Billet geſchrieben habe, in der Abſicht, hier⸗ durch ihre Vermählung mit dem Herzog zu hinter— treiben. Dieſe Geſchichte war Armand bisher als zu ein⸗ fältig erſchienen, um geglaubt zu werden; dennoch aber war ſie geglaubt worden. Und was hette namentlich hierzu beigetragen? Armand's Benehmen bei ſeinem Abſchied von Adelaide! Was anders als dieſer verwünſchte Handkuß, den er ſelbſt auf der Stelle bereut! Weshalb hätte Adelaide nicht an dieſe 4* 52 gewaltſame Leidenſchaft glauben ſollen, da ſie doch die unzweideutigſten Beweiſe derſelben geſehen! Dies waren die Fragen, welche Armand ſich jetzt ſelbſt that und die er zu ſeiner eigenen Verzweiflung bejahen mußte. — Ich Unglücklicher! ſagte er traurig. Einmal gegen die Ehrfurcht gefehlt zu haben, die man Ihnen ſchuldig, iſt ſchon ein Verbrechen, und weshalb hätten Sie mir nicht auch das andere zutrauen ſollen. Ich ſelbſt habe alſo dieſe ſchwarze Intrigue fördern ge— holfen; ich habe zu dem Unglück Derſenigen mit bei⸗ getragen, für die ich tauſendmal hätte ſterben mögen! — Sie dürfen ſich nicht um meines Unglücks willen anklagen, ſagte die Herzogin, denn weshalb ſollte ich Ihnen, dem Einzigen, mißtrauen, der mir Theil⸗ nahme und Ergebenheit gezeigt? Gab es hiezu wohl einen vernünftigen Grund?... Aber das iſt einmal das Loos Derer, die ſo viel beneidet werden! Umgeben nur von kalten Egviſten, von Verwandten ohne Schutz, von Freunden ohne Freundſchaft, nehmen wir allmä— lig auch den Charakter derſelben an! Mißtrauen und Berechnung iſt Alles, was wir uns ſelber lehren, und fallen einmal die Schuppen von unſeren Augen, ſo iſt es gewöhnlich zu ſpät... Als ich nach dem Schluß der kirchlichen Ceremonie in der Madelaine-Kirche, 53 fuhr ſie ſchmerzlich fort, noch einmal Ihrem Blick be⸗ gegnete und das Warnungszeichen ſah, das Sie mir gaben, da dachte ich: Dieſer Blick kann nicht trügen, dieſe Hand nicht fälſchen! Ich fand, daß ich, indem ich Sie ungehört verurtheilt, ſelbſt verurtheilt worden war, jedoch ohne die Hoffnung, dieſes Urtheils jemals zurückgenommen zu ſehen.. Meine Unterredung mit dem Herzog nach der Rückkehr von der Kirche be⸗ ſtätigte mich noch in dieſer traurigen Ueberzeugung. Mit einer von Angſt gemiſchten Bereitwilligkeit kam er meinem Wunſche nach, ausſchließlich für mich ſelbſt leben und mich ungeſtört nur der Kunſt widmen zu wollen, die ich ſeit meiner Kindheit geliebt und in der ich noch einen Erſatz für ein freudenleeres Daſein zu finden hoffte... Ich habe dieſen gefunden und ich danke dem Himmel dafür! Die Herzogin ſchwieg. Armand ſtand mit ge⸗ falteten Händen vor ihr und wagte nicht, das Schwei⸗ gen zu unterbrechen. In ſeinem Heczen richtete er ein Gebet zum Himmel, mit ſeinem Blute wieder ver⸗ ſöhnen zu können, was die Welt an dieſem Engel gefrevelt. — Inzwiſchen, fuhr die Herzogin nach einer Pauſe fort, ward ich ſehr unruhig, da ich ſeit Monaten nichts mehr von Ihnen hörte; ich wollte Sie ſehen, wollte 54 mit Ihnen ſprechen, wollte beweiſen, daß ich nicht länger undankbar und ungerecht gegen Sie ſei. Ich wollte Sie auch bitten, dieſe unglückliche Geſchichte in das tiefſte Geheimniß zu begraben, denn in dieſer Sache leide ja ich nur allein und ich gebe Beide, ſie und mich, in Gottes allmächtige Hand... Jetzt fand ich Sie und unſer Zuſammentreffen hat mir unend— liche Freude bereitet; aber Sie mit Ihrem edlen Her— zen werden mir ja nicht einmal geſtatten, Ihnen meine Dankbarkeit an den Tag zu legen! Sie werden nicht begreifen, daß das Abtragen einer Schuld eine der ſüßeſten Freuden iſt! — Ja, antwortete Armand mit weicher Stimme; aber es iſt auch eine Freude, uneigennützig der Un⸗ ſchuld und Tugend dienen zu können! — Es bleibt mir nichts, als Ihren Namen in meine Gebete einzuſchließen, ſagte die Herzogin, indem ſie, ihre Augen mit der linken Hand bedeckend, Armand die Rechte bot. Dieſer beugte ſein Antlitz über die feine Hand und wagte nicht, dieſelbe mit dem Mund oder den Händen zu berühren. Haſtig zog Adelaide die Hand zurück und drückte ſie heftig an die Bruſt, als wolie ſie den innern Sturm beſchwichtigen. Eine heiße Thräne war aus Armands Augen auf dieſe Hand gefallen. — Ein Geräuſch weckte die Herzogin aus ihrem trüben Nachdenken. Auch Armand ward aufmerkſam; er wandte ſich zurück und ſah einen eleganten Herrn ſich in einiger Entfernung vor Adelaide tief verbeugen, ohne jedoch zu ihr heran zu treten. — Verzeihung, Madame, ſagte Armand halblaut und, als ſpreche er von ihrem Gemälde, auf dieſes zeigend, Sie ſcheinen bekannt mit dieſem Herrn? — Ja, antwortete dieſe, ohne ſeine Unruhe zu theilen. — Baron St. Bris geht bei Ihnen aus und ein? — Nicht bei mir, ſondern bei dem Herzoge, deſſen täglicher Gaſt er iſt. Ich begegne ihm oft auf der Promenade; er iſt faſt täglich hier in der Galerie.... Aber warum ſind Sie ſo beunruhigt? — Ich habe ihn in Geſellſchaft der Marquiſe d'Eſtelle geſehen. — Allerdings! Aber warum.. 2 — Madame's Wagen hält ſoeben vor dem Schloſſe! unterbrach ſie Baron St. Bris, der ſich jetzt Beiden näherte. — So iſt es Zeit für mich, nach Hauſe zu fahren! ſagte die Herzogin. 3 56 — Madame, ich muß Sie darauf vorbereiten, daß es ſehr unruhig auf den Straßen iſt! ſagte der Baron. Mehrere Volkshaufen ſind in Bewegung; mein Ca⸗ briolet mußte viel Umwege machen, um hierher zu kommen. — Sie glauben alſo, daß draußen Gefahr drohe? fragte die Herzogin etwas ängſtlich. — Gewiß nicht für uns! antwortete der Baron. Ich erwähne deſſen nur, damit Sie nicht erſchrecken, wenn uns auf dem Heimwege einige Schwierigkeiten begegnen ſollten. — Ich danke Ihnen, mein Herr! — Wenn etwas vorfallen ſollte, fiel Armand ein Ich meine, es dürfte vielleicht unpaſſend ſein, wenn ich Ihren Wagen begleitete. — Ich bitte tauſendmal um Verzeihung, mein Herr, unterbrach ihn der Baron; Sie erſchrecken die Herzogin zu ſehr... Wenn ihn die Herzogin nicht verſchmäht, dürfte mein Schutz hinreichend ſein! Uebri— gens hat ja die Herzogin ihre Bedienung, und dort ſehe ich ſchon einen der Diener. Ein Bedienter in reicher Livree trat in die Galerie und näherte ſich der Gruppe. Armand ſah jetzt, wie Adelaide dieſem Diener ihre Befehle ertheilte, wie derſelbe die Staffelei nahm 57 und ſie in das Zimmer trug, in welchem die Künſtler ihre Effecten aufbewahren. Er ſah auch, wie der Baron der Herzogin behülflich war, den mit Zobel beſetzten Sammetmantel anzulegen, wie er ihr den Arm bot, den ſie jedoch zu Armand's Troſt nicht annahm. Endlich ſah er ſie ſich in Bewegung ſetzen, um die Galerie zu verlaſſen. Indem die Herzogin ihrem Cavalier folgte, ging ſie an unſrem Helden vorbei und beantwortete ſeinen etwas betrübten Abſchiedsgruß mit einem herzlichen, aufmunternden Blick. Der Baron grüßte ſehr artig, aber kalt. Armand ſah ſie verſchwinden und da auch er keinen Grund hatte, länger in der Galerie zu bleiben, beſchloß er ſich ebenfalls zu entfernen. VI. Ber Berzog und die Manquiſt. Am nächſten Vormittage, am 21. Februar, ſaß die Marquiſe d'Eſtelle in ihrem Boudoir, ungeduldig den in der Mitte des Zimmers ſtehenden Bedienten anhörend. — Sie ſagten, der Herzog wollte ausfahren? fragte ſie. — Ja, Madame. Eben als ich kam, ſtiegen Mon⸗ ſeigneur in den Wagen. — Aber er wollte doch bald hierher kommen? — Ja, Madame. Sobald er von ſeinem erſten Beſuch zurückgekehrt. — Sie wiſſen nicht, wen er beſuchen wollte? — Nein, Madame. In demſelben Augenblick vernahm ſie Tritte im Vorzimmer. Die Thür öffnete ſich und der Herzog ſelbſt trat herein. E 59 Der Diener zog ſich eilig zurück. Des Herzogs Wangen waren bleicher als gewöhnlich, ſeine Stirn war finſter, ſeine Augenlider lagen ſtarr und ſchwer auf den Globen. Ohne die Marquiſe zu grüßen, ſank er auf einen Fauteuil in der Nähe des Divans nieder. — Sie ſind heute nicht bei guter Laune, lieber Herzog! begann die Marquiſe, und das wundert mich nicht. Es ſieht traurig genug mit der Politik aus; das Reform-Banquet iſt abgeſagt, die Orleans trium⸗ phiren und Niemand regt ſich für die Bourbonen! — Was kümmert mich das Reform-Banquet! ant— wortete der Herzog gleichgültig. — Vor einigen Tagen hofften Sie noch, daß Heinrich V. ſeinen Einzug in Paris halten werde, fuhr die Marquiſe fort; jetzt aber... Doch was iſt Ihnen, beſter Herzog? Was bedeutet dieſes düſtere Antlitz, dieſe ſtumme Zunge! Entweder Sie haben Ihre ge— wöhnliche Artigkeit zu Hauſe in Ihrem Hotel ver⸗ geſſen, oder Sie haben im Boulogner Gehölz eine Leiche zurückgelaſſen! — Eine Leiche! murmelte der Herzog dumpf. — Sie ſind nie recht liebenswürdig geweſen, be— hauptete die Marquiſe, heute aber ſind Sie es weniger als jemals. 60 — Sind Sie gewiß, daß Niemand uns im Neben⸗ zimmer belauſchen kann? — Ich habe meine Dienerſchaft nicht ans Lauſchen gewöhnt. Der Herzog erhob ſich, ging zu den beiden Thüren, öffnete dieſe und nachdem er ſich überzeugt, daß Nie⸗ mand hinter derſelben ſtehe, kehrte er wieder zu ſeinem Fauteuil zurück. — Ich komme von Geronnidre, ſagte er. — Ah, von Geronnidre! wiederholte die Marquiſe. Ich hatte ihn augenblicklich ganz vergeſſen, obgleich ich Sie um ſeinetwillen bat, zu kommen... Doch es iſt verzeihlich, wenn man in ſo unruhigen Zeiten ſeine beſten Freunde vergißt... Wie befindet ſich alſo der Oheim Ihrer Herzogin? — Er iſt todt! antwortete der Herzog mit zittern⸗ der und kaum hörbarer Stimme. — Todt! wiederholte die Marquiſe mit ebenſo ſchwacher Stimme, aber keineswegs zitternd. Der Herzog ſtarrte einige Male in dem Boudoir umher, als fürchte er noch immer die Anweſenheit einer dritten Perſon. Dann ſank er wieder in ſeinen vorigen Zuſtand, eine Art von Geiſtes-Abweſenheit, zurück. 8 Die Marquiſe ſpielte mit einer Locke, die ſie ſich 61 über der Stirn losgemacht, denn wenn ſie nicht mit Menſchen zu ſpielen hatte, ſpielte ſie mit ihren Locken. — Und Sie ſind gewiß, daß er todt iſt? fragte ſie nach einer Weile. Der Herzog ſchlug die Augen auf und betrachtete die Marquiſe ohne zu antworten. — Ungeachtet aller Bemühungen des Arztes? fuhr ſie mit eiſiger Kälte fort. Der Herzog ſchüttelte ſchweigend den Kopf und ſchloß die Augen wieder. Wollte er dadurch den An⸗ blick eines ihn verfolgenden Schattens oder den dieſes Weibes vermeiden? — Durch Ihre Klugheit, Geronnidre gleichſam ſelbſt der Welt von ſeinem Hinſcheiden Nachricht geben zu laſſen, haben Sie derſelben den Schmerz der Ueberraſchung erſpart! fuhr die Marquiſe fort. Der Herzog blieb ein ſchweigendes und dennoch beredtes Bild des Jammers. — Sie ſind ein Feigling, Herzog von Beaudreuil! ſagte die Marquiſe. Sie ſind ein lebendiges Bild der bourboniſchen Partei, welcher Sie angehören.. Muthig und ſtolz wie ein Adler im Entſchluß, krie⸗ chen Sie zu einer Mücke zuſammen im Augenblick des Handelns... Sie ſollten ſtrahlen von Glück und Sieg, aber Sie ſehen aus, als wären Sie zum — Tode verurtheilt... Ich begreife nicht, wie Se jemals habe lieben können! — Dieſe Liebe iſt mein Unglück geweſen! ant⸗ wortete der Herzog, ſeine Stirn trocknend. — Undankbarer! ſagte die Marquiſe, ſich eine zweite Locke als Spielkameradin für die erſte los⸗ machend. — Für was hätte ich Ihnen etwa zu danken? fragte der Herzog mit bitterem Lächeln. — Für die Millionen, welche Sie von dem Oheim Ihrer Gattin erben! — Sie waren und ſind noch heute der böſe Ge⸗ nius meines Lebens! ſagte der Herzog. — Hören Sie mich an, Herzog! rief die Mar⸗ quiſe. Ich nannte Sie einen Feigling, und jedes Wort, jeder Blick von Ihnen bekräftigt dieſe Bezeich⸗ nung... Sie verdienen dieſelbe aber in doppelter Hinſicht! Ich begreife wohl, daß man Unruhe nach einer ſolchen Handlung fühlt, wie Sie dieſelbe aus⸗ geführt, denn ſie iſt delicat, das will ich nicht beſtrei⸗ ten... Ein Geronnidre, wie elend er auch geweſen ſein mag, hat doch eine Lunge wie jeder andere Menſch! Aber daß Sie, der den Muth gehabt hat, den Schlüſſel zu dem Schloſſe zu ſchmieden, das Sie bisher von den Millionen trennte, daß Sie jetzt hin⸗ terdrein, nachdem Sie das Schloß geöffnet, wie ein nervenſchwacher Greis zuſammenſinken, das iſt eines Mannes nicht würdig, deſſen Vorfahren mit dem Schwert in der Hand die Schatzkammern Italiens und Spaniens geplündert, ihre Städte niedergebrannt und ihre Unterthanen geſchlachtet haben.... Doch nicht genug damit! Um Ihrer beklemmten Bruſt Luft zu machen, um Ihr Gewiſſen zu beruhigen, wollen Sie nicht allein mich zu Ihrer Mitſchuldigen machen, ſondern ſogar die ganze Schuld auf mich wälzen.... Das heißt die Feigheit über die Grenzen des Erlaub⸗ ten hinaustreiben, und deshalb ſind Sie ein doppelter Feigling!.. Aus dieſen Gründen, mein beſter Her⸗ zog, fuhr die Marquiſe fort, kann es nicht ſchaden, die Erinnerung an das Verfloſſene ein wenig aufzu⸗ friſchen, denn ich will Sie nicht in dem falſchen Glau⸗ ben erhalten, als habe ich das Unglück verſchuldet, über welches Sie ſich beklagen, während ich doch nur Ihr Glück befördere.... Sein Sie alſo ſo freundlich, meinen Worten einige Aufmerkſamkeit zu widmen. Der ſcheue Blick des Herzogs verrieth durchaus keinen aufmerkſamen Zuhörer. — Als ich vor zwei Jahren Paris verließ, dieſes Paris, das ich ſo ſehr liebe, begann die Marquiſe von Neuem, als ich nach Italien, nach Rom, reiſte, —— warum that ich dies?... Um Ihretwillen, de Beau⸗ dreuil, nur um Ihretwillen! Sie liebten mich und ich liebte Sie ebenfalls, ſo glaubte ich wenigſtens.... Ihre Verwandten, die mich haßten, widerſetzten ſich unſerer Vermählung und Ihre ökonomiſchen Verhältniſſe er⸗ laubten Ihnen nicht, ihnen zu trotzen.... Sie folgten mir dann nach Rom, wo wir eine heimliche Ehe 1 ſchloſſen.... Ich, eine Marquiſe d'Eſtelle, aus einem Geſchlecht, das dem Ihrigen gleich, entſchloß mich hierzu!... Dies war bereits ein Opfer, Herzog, das Sie zu ſchätzen verſtanden, wenigſtens damals ver⸗ ſtanden.... Ihre vielen Beſuche bei mir compromit⸗ tirten meinen guten Ruf vor der Welt, der wir die Bande nicht verrathen durften, welche uns vereinten; und dies war ein noch größeres, bitteres Opfer als das erſte.... Ich ſuchte mich indeß mit der Hoff⸗ nung zu tröſten, daß eine Veränderung in Ihrer Fa⸗ milie dieſes unbehagliche Verhältniß ändern und mir vor der Welt den Namen geben könne, den ich zu tragen ein Recht hatte.... Nach einiger Zeit des Zuſammenlebens verließen Sie mich, und dies war, milde geſagt, undankbar von Ihnen. — Undankbar! rief der Herzog. Was war es, das mich zwang, Sie zu verlaſſen? Was anders als Ihr Leichtſinn, Ihre Untreue? 65 — Mein Gott, woher haben Sie das Herz, die Capricen eines Weibes ſo ſtreng zu beurtheilen? ſprach die Marquiſe gleichgültig, denn Caprice iſt ein Wort, hinter welchem die Pariſer Damen gern alle ihre, Seitenſprünge, ſowohl die größeren als die kleineren verſtecken. — Sie reiſten nach Paris, fuhr die Marquiſe fort, und während eines ganzen Jahres erfreuten Sie mich nicht mit einer einzigen Nachricht.... Ich fürchtete, daß Ihnen ein Unglück widerfahren ſein könne, denn ich bin nicht ſo gefühllos, wie Sie ſich vor⸗ ſtellen.... Endlich entſchloß ich mich, Ihnen nach⸗ zureiſen.... Meine Furcht war begründet, denn ich fand Sie in einer ganz verzweifelten Lage.... Sie hatten ſich ſelbſt und Ihre Familie ruinirt; Sie hatten bereits zwei Oheime und Gott weiß wieviel Tiitet verſpeiſt. Die Unterſtützung, welche Ihnen Heinrich V. zur Förderung ſeiner Intereſſen zufließen ließ, reichte kaum für Ihre Pferde, Libréen und Lakaien aus.... Sie konnten ſich ſelbſt nicht helfen, viel weniger der Sache Ihres hohen Beſchützers; Sie hatten keine andere Wahl, als zwiſchen Clichy') und einer Piſtolen⸗ ſgel. Wer war es, der Sie da rettete? Wer *) Pariſer Schuldgefängniß. Armand. II. ——————————— 66 war es, der Ihnen rieth, eine vortheilhafte Partie zu ſuchen? Wer war es, der Ihnen die blauäugige Bür⸗ gertochter und ihre vielen Millionen zeigte?... Wer anders als ich!... Anſtatt einen Erſatz für die vielen Opfer zu ſuchen, welche ich gebracht, anſtatt mich für die Leiden zu rächen, die Sie mir bereitet, machte ich Sie zu einem der reichſten Männer Frankreichs, ſetzte Sie in Stand, für unſeren wahren und rechtmäßigen König zu wirken, und wenn er, wie ich hoffe, eines Tages in Paris einziehen wird, um die Krone ſeiner Väter aufs Haupt zu ſetzen, wer iſt es dann, der Sie zum Conſeil-Präſidenten gemacht haben wird. wer anders als ich? — Ja, Sie allein haben uneigennützig gehandelt! ſagte der Herzog ironiſch. — Allerdings, Herzog! antwortete die Marquiſe. — Und die zwei Millionen? — Die Sie mir verſprochen, die ich aber noch nicht erhalten und auch wohl nicht erhalten werde! Der Herzog ſah mit Verwunderung und Beſtür⸗ zung die Marquiſe an; ſeine Beſtürzung aber war als ſeine Verwunderung. Vermuthlich ſchätzte er dieſe Uneigennützigkeit nach ihrem rechten Werthe, wahrſcheinlich wuß ßte er, daß wenn die Löwin ein Lamm verſchmäht, es nur des⸗ 67 halb geſchieht, weil ſie einen größeren Raub in Aus⸗ ſicht hat. Die Marquiſe verließ den Divan, um, wie vor⸗ hin der Herzog, ſich zu vergewiſſern, daß kein Lauſcher vor der Thür ſtand. Hierauf kehrte ſie zum Divan zurück und nahm hier die Seite ein, welche dem Herzog am nächſten. Der Wirthin welchem drückend letztere folgte allen Bewegungen ſeiner ſchönen mit ſteigender Unruhe. Der Parfüm, von ſie umgeben war, kam ihm ſchwer und vor, wie die Sommerluft, die Donner und Sturm verkündet. — Geronnieère iſt todt! begann die Marquiſe von Neuem. Dies war nothwendig, nicht nur für Sie, ſondern auch für die Sache, welche jedem edlen Fran⸗ zoſen zunächſt am Herzen liegen muß.... Heinreich V. iſt nicht nur ihr rechtmäßiger König, ſondern auch Ihr Wohlthäter, und kein Op nicht für ihn hätten bringen müſſen. † † er iſt zu groß, das Sie Sie ſind ein zu alter Politiker, um ſich um ein Leben mehr oder .. Die Weltgeſchichte iſt weniger zu beunruhigen. zugleich Ihr Vorbild und Ihr Troſt. . Nennen Sie mir einen einzigen großen Staatsmann, der nicht 5*— ſeine Hand in Blut getaucht hätte; nennen Sie mir eines einzigen Kriegers Schwert, das mehr Opfer ge⸗ 5* 5 68 mäht hätte, als Richelieu's bloßer Finger... Alles, was nothwendig iſt, das iſt auch erlaubt, wenn es gilt, ein großes und für die ganze Welt vortheilhaſtes Ziel zu erreichen.... Es gab keinen andern Weg zu den Millionen des Banquiers, als den über ſein Grab.... Sie haben den Weg gefunden und ſtehen jetzt ſiegreich vor dem reichen Schatze! Der Herzog hatte mit ſichtbarem Intereſſe und geringerer Unruhe den Worten der Marquiſe zu⸗ gehört. Dieſe Prinzipien, welche ſie ihm entwickelt, hatten ſeine Stirn ein wenig geklärt und ſeinen Blick belebt. — Was Sie da ſagten, Marquiſe, erwiderte er, iſt in allen Theilen wahr und ich bin ganz Ihrer Anſicht... Aber ich verſtehe noch nicht, weßhalb Sie die zwei Millionen betrauern, die ich Ihnen verſprochen! — Sie haben mich noch nicht zu Ende angehört, veſter Herzog! ſagte die Marquiſe. — Ich erwarte daſſelbe mit Ungeduld! — So hören Sie denn.... Ich erwähnte vor⸗ hin, daß Sie den Weg zum Schatz gefunden; aber alles Dies iſt noch nicht genug für Sie. — Ich verſtehe Sie nicht! — Sie müſſen auch dafür ſorgen, daß Sie unge⸗ 6—,— 69 ſtört denſelben Weg zurückgehen und ohne Gefahr Ihren Schatz fortführen können.... Ein Grab, und wenn es noch ſo gut vermauert iſt, bleibt doch immer ein hohler Weg. — Jetzt verſtehe ich Sie! — Nun, Herzog? — Sie meinen, daß ich dieſen hohlen Weg mit einer neuen Mauer ausfüllen müßte, mit einem neuen Grabe! Die Marquiſe begann wieder mit ihren Locken zu ſpielen. — Sie machen mich ſchaudern, Marquiſe! fuhr der Herzog fort. — Schaudern Sie... aber ſchaudern Sie vor Ihrem eigenen Schickſal! Ihre bleiche Gattin wird Ihr Henker werden! — Nein, antwortete der Herzog ruhig; von dieſer Seite fürchte ich nichts!... Sie wird auf keinen Verdacht gerathen! — Weßhalb ſollte ihr Verdacht auf das Eine nicht ebenſo gut fallen wie auf das Andre?. Haben Sie etwa vergeſſen, daß Sie argwöhnt, Sie hätten eine Doppel⸗Ehe geſchloſſen? — Möglich, daß ſie dies thut! Aber ſo lange 70 dieſer Verdacht mir keine Ungelegenheit bereitet, habe ich mich darüber nicht zu beunruhigen. — Die Bügertochter ſoll alſo Ihre Gattin blei⸗ ben? fragte die Marquiſe, mit einem Gemiſch von Entrüſtung und Verachtung. — Meine Gattin! wiederholte der Herzog mit einem Seufzer. Sie wiſſen ja, daß ich ihr ſo fremd bin, wie ſie mir! — Sie ſcheinen von dieſem unglücklichen Ver⸗ hältniß gerührt! — Sie ſind grauſam, da Sie dem armen Weibe die dürftige Theilnahme mißgönnen, welche ich für ſie hege! — Ihre Theilnahme?... Wann erwachte dieſe, Herzog? Der Herzog ſchwieg und ſchaute zu Boden. — Geſchah es etwa aus Theilnahme, als Sie das Gerücht von ihrem vertraulichen Verhältniß zu dem Baron St. Bris ausſprengen ließen? — Auch dieſer teufliſche Plan war Ihr Werk, Marquiſe! — Sie erinnern ſich alſo endlich, daß dies ein Plan war! ſagte ſie kalt. Aber Sie ſcheinen nicht die Abſicht zu haben, ihn auszuführen. Nachdem Sie den Ruf Ihrer Gattin dem Geſpötte der Welt preis⸗ 71 gegeben, wollen Sie dieſelbe in Ihrem Hauſe behal⸗ ten und ruhig hinnehmen, daß man mit Fingern auf Sie zeigt! — Lieber dies als ein neues Verbrechen! antwor⸗ tete der Herzog. — Geſtern waren Sie aber doch weit entfernt, auf halbem Wege ſtehen zu bleiben. — Geſtern, ja! Aber heute iſt mein Gewiſſen der Anſicht, daß ich weit genug gegangen ſei. — Schwächling!... Dieſe Furcht die Sie in⸗ mitten Ihrer Bahn feſthält, wird Ihr Unglück ſein! .. Wenn es nun eines Tages Ihrer Herzogin ein— fiele, ſich von Ihnen ſcheiden zu laſſen und ſie zu dieſem Zweck Sie der Doppelehe anklagte? — Das wird ſie nicht thun, und zwar aus zwei Gründen. — Aus welchen? — Erſtens fürchtet ſie faſt ebenſo ſehr wie ich den Skandal, der aus einem ſolchen Prozeſſe entſtehen würde, und zweitens iſt ihr ſehr wohl bekannt, daß ſie nichts beweiſen kann. — Aber Sie haben Eins vergeſſen! bemerkte die Marquiſe. — Und was wäre dies? 72 — Sie haben vergeſſen, daß es auf der Welt einen Mann giebt, der ſich St. Bris nennt. St. Bris? — Sie haben die Verbindungen vergeſſen, in wel— chen Sie zu dieſem Manne ſtehen. — Nein, ich habe ſie nicht vergeſſen! — Aber das Verſprechen haben Sie vergeſſen das Sie ihm gaben? — St. Bris wird ſich mit Gold begnügen. — Der Geſchmack iſt ſehr verſchieden in dieſer Welt.... Es könnte ihm einfallen, mein beſter Her⸗ zog, die bleiche Herzogin mehr zu lieben als das Gold. — Es wird meine Sache ſein, ihn zufrieden zu ſtellen. — Es iſt alſo abgemacht, daß die Bürgerstochter die Herzogin von Beaudreuil bleibt? fragte abermals die Marquiſe, diesmal aber mit einer Ruhe, die viel— leicht mehr Unglück verkündend war, als die Verach⸗ tung, mit welcher ſie ihre Fragen bgleitete. — Wie die Sachen jetzt ſtehen, finde ich eine Veränderung nicht nothwendig, antwortete der Herzog. — Sie geſtehen aber doch zu, daß Ereigniſſe ein⸗ treffen könnten, welche eine derartige Veränderung erfordern?. — Ohne Zweifel Aber 3 73 — Und wenn nun eines dieſer Ereigniſſe bereits eingetroffen wäre? unterbrach ihn die Marquiſe. Der Herzog ſchaute ſie mit fragendem Blick an. — Ja, Herzog, es iſt ſchon eingetroffen! fuhr die Marquiſe fort; eingetroffen ſeit langer Zeit, ob⸗ gleich Sie in Ihrer Blindheit nichts gemerkt!.... Wer, frage ich Sie, gab Ihnen das Recht zu dem Uebermuth, in Allen, welche Sie umgeben, nur Mittel und Werkzeuge zu ſehen, die Ihren Launen gehorchen und Ihrer Habſucht, Ihrem Ehrgeiz dienen ſollen? Sie gleichen jenen undreſſirten Thieren, die das Wildpret auftreiben in dem Glauben, es für ſich ſelbſt zu thun, und deßhalb erſtaunt ſind, wenn ihr Herr, der Jäger, ihnen die Beute entreißt... Sie werden um der Wahrheit willen mir dieſen unhöflichen Ver⸗ gleich verzeihen. — Ich verſtehe Sie wieder nicht, Marquiſe! ſagte der Herzog, von aeuer Unruhe ergriffen. — Sie werden mich bald verſtehen, Herzog von Beaudreuil! Der Herzog ahnte, daß der Augenblick für Sturm und Blitz gekommen. — Als ich Ihnen den Weg zu Geronnière's Reichthümern zeigte, erklärte die Marquiſe, als ich Ihnen die Ausſicht auf Anſehen und Macht eröffnete, 74 that ich dies eben ſo wohl für meine, wie für Ihre Rechnung.... Ihr Weg war alſo der meinige, Ihre Ausſicht die meinige, und konnte es auch anders ſein? Wir waren ja Eins, Eins vor dem Altar, an welchem wir uns die Hände reichten, Eins vor Gott, der unſre Eide hörte! Der Herzog lauſchte mit ſtarrem Auge und weit geöffnetem Munde. — Ihr Name war von Rechtswegen der meinige, fuhr die Marquiſe fort, aber ich wollte ihn nur mit Stolz tragen... Ich wollte ihn nicht am Billard in Clichy hören, ſondern am Rathotiſch der Tuilerien, an der Seite unſeres dereinſtigen rechtmäßigen Königs .. Sie fangen an, mich zu verſtehen, Herzog von Beaudreil? — Uff! ſtöhnte dieſer, die Purpurfranzen ſeines Fauteuil zerzupfend. — Ich mache nur mein Recht geltend, wenn ich jetzt Ihren Namen fordere.... Ich will Herzogin von Beaudreuil ſein! — Großer Gott!... Großet Gott! jammerte der Herzog. — Und ich werde es ſein! ſagte die Marquiſe mit jener Beſtimmtheit, die nicht mit ſich han⸗ deln läßt. 75 — Sie! Sie! rief der Herzog mit von halb er⸗ ſtickter Raſerei zitternden Lippen. — Ich! antwortete die Marquiſe ruhig. — Das werden Sie nicht! rief der Herzog, aus dem Seſſel aufſpringend und außer Stande, ſich län⸗ ger zu halten. — Einfältiger! ſagte die Marquiſe. Sie ſollten ſich doch vorſehen, damit Sie in Ihrer Heftigkeit ſich nicht ſelbſt an der Kette erdroſſeln, welche ich an Ihren Hals gelegt! — Sie drohen? — Ich warne nur! — Sie ſuchen mich zu zwingen? — Ich ſuche nicht zu zwingen... ich zwinge! — Sie!... Mich zwingen! rief der Herzog außer ſich. Sie ſollten mich zwingen können! — Zählen Sie die Gelenke der Kette, ehe Sie fragen, ob ich kann. — Sie, meine Mitſchuldige! — Schwachet Thor!... Bin ich es etwa, welche die Doppelehe geſchhoſſen?... Bin ich es, die dem Ban⸗ quier Geronnidre den Doctor Leviſidre empfohlen hat? — Ich bin verloren! ſeufzte der Herzog in den Divan ſinkend und das Antlitz mit beiden Händen bedeckend. 4 7—* 7 N 76 — Mann ohne eigenen Willen, Mann ohne eigene Kraft! rief die Marquiſe. Ihre Schwachheit würde ich Ihnen vielleicht verzeihen können, aber daß Sie mir zutrauen konnten, ich wolle die untergeordnete Rolle ſpielen, die Sie mir zu ertheilen beliebten, das vermag ich nicht, Ihnen zu vergeſſen.... Ich, eine Marquiſe d'Eſtelle, ſollte die gemiethete Dienerin eines Mannes ſein, der zu meinen Füßen gelegen? Ich ſollte die Maitreſſe eines Herzogs von Beaudreuil ſein?... Den Mann, der das zu glauben ſich unterſtände, würde ich tödten können; dem Thoren aber, der Alles glaubt, kann ich nur mein Mitleid ſchenken.... Aber ich hege ja auch Mitleid für Sie, Rigobert! fuhr ſie mit ſanf— terer Stimme fort, indem ſie die Hand auf des Her— zogs vorgebeugte Schulter legte; und überdies muß ja der Gedanke an das heilige Ziel, das wir gemein⸗ ſam erſtreben, manches verſöhnen... Um dieſes zu er⸗ reichen, bedürfen Sie Jemandes an Ihrer Seite, der im Unglück nicht den Muth verliert... Rigobert, was wäreſt Du ohne mich geweſen, und was würde fortab ohne mich aus Dir werden!... Du biſt mein Werk, Rigobert; ganz mein Werk!... Geduld, vielleicht kommt dereinſt noch der Tag, wo ich werde lieben können, was ich geſchaffen habe! — VII. Baron St. Bris. Man hörte Schritte im Vorzimmer. Der Herzog hob ſein Geſicht aus dem Kiſſen und die Marquiſe näherte ſich der Thür. Dieſe öffnete ſich in demſelben Augenblicke und der Diener der Marquiſe trat herein. — Baron St. Bris! meldete er. — Wie! rief die Marquiſe, wußten Sie nicht, daß ich heute Niemanden empfange? — Ich theilte dem Baron den Befehl der gnä⸗ digen Marquiſe mit, antwortete der Bediente, der Baron aber verſicherte, die Angelegenheit, die ihn her⸗ führe, dulde keinen Aufſchub. — Dies zu bekräftigen werde ich ſelbſt die Ehre haben! ſiel der Baron St. Bris ein, deſſen elegante Figur hinter dem Rücken des Lakaien erſchien. 78 — So ſeien Sie denn willkommen, Herr Baron, grüßte die Marquiſe. Der Baron trat in das Boudoir, der Diener ver⸗ ſchwand und die Thür ſchloß ſich. St. Bris beobachtete Schweigen, bis es draußen ſtill geworden. — Ich hatte die Ehre, Frau Marquiſe, Sie geſtern Nachmittag und den Herzog heute Vormittag aufzu⸗ ſuchen, leider aber vergebens, begann der Baron. Jetzt finde ich endlich meinen glücklichen Stern, in— dem ich die Ehre habe, Sie beide zuſammen zu ſehen. — Haben Sie die Güte, Platz zu nehmen, Baron! ſagte die Marquiſe. Ihre Angelegenheit betrifft alſo mich und den Herzog? — Ja, Madame! antwortete Baron St. Bris, ſich abermals vor Beiden verbeugend. Der Herzog ſchien weder Augen noch Ohren für den Baron zu haben. — Nun? Alſo zur Sache! ermahnte die Mar⸗ quiſe. — Ich war geſtern Vormittag in der Galerie des Luxembourg, begann der Baron — Sie ſind oft dort? bemerkte die Marquiſe mit kaltem Lächeln. — Allerdings, Madame!.. Wenn man dadurch 79 Künſtler werden könnte, daß man die ſchönen Künſte viel bewundert, ſo müßte ich bereits ein großer Maler ſein und.. — Verzeihen Sie, Baron; kommen Sie nur, hier von den Gemälden des Luxembourg zu ſprechen? fiel die Marquiſe ungeduldig ein. Wenn ich nicht irre, beſuchen Sie die Galerie weniger der Kunſt als der Natur wegen? Wie ich vermuthe, treffen Sie dort gewöhnlich die Herzogin von Beaudreuil? — So iſt es.... Geſtern aber war meine Ge⸗ ſellſchaft dort überflüſſiger als jemals. — Wie ſo? — Weil die Herzogin bereits Geſellſchaft hatte. — Was liegt darin Ungewöhnliches?. Die Galerie des Luxembourg wimmelt ja jeden Vormittag ( von Künſtlern! — Ich weiß nicht, ob die Perſon, von der ich ſpreche, zu der olympiſchen Schaar der Künſtler ge— zählt werden darf, wenn das aber der Fall, ſo iſt er nicht einer der am wenigſten glücklichen! — Er?... Von welchem Er ſprechen Sie?.. Vielleicht von einem unſerer Freunde? — Deaß er zu unſeren Freunden gehöre, glaube ich beſtreiten zu können.... Ich zweifle aber nicht, daß er zu denen der Herzogin gehöre. 80 — Aber wozu alle dieſe Umwege, beſter Baron? Von wem ſprechen Sie? — Von Einem, der nicht unſer Freund iſt, für den wir uns aber vielleicht eben deshalb um ſo mehr intereſſiren. Ich ſpreche von Armand Cambon. 5 — Von Armand Cambon! wiederholte die Mar⸗ quiſe, auf dem Divan zuſammenfahrend. — Armand Cambon! wiederholte auch der Herzog der durch dieſen Namen aus ſeinen düſteren Phantaſien geweckt wurde. — Ja, von keinem Andern! ſagte der Baton. Dieſer Menſch, den wir ſeit ſo lange nicht geſchen, den wir geſtorben und begraben glaubten, dieſer Phönix, der aus der Aſche.. — Und dieſen Menſchen haben Sie in der Galerie des Luxembourg geſehen? rief die Marquiſe. — Ebenſo deutlich, wie ich Sie vor mir ſehe, Madame! — Und Sie ſahen ihn in Geſellſchaft der Her⸗ zogin? — Allerdings? — In Geſellſchaft der Herzogin? wiederholte der Herzog, der immer aufmerkſamer ward. — Ich beobachtete Beide lange, ehe ich von ihnen 78 81 geſehen werden konnte, und wie hätte man auch von Perſonen bemerkt werden können, die nur Augen für einander hatten! — Sie ſind verrückt, Baron! ſagte die Marquiſe. — Was ſoll das Alles heißen? fragte der Herzog. — Das ſoll ganz einfach heißen, daß ich die Herzogin und Herrn Armand Cambon in der ver⸗ traulichſten Unterhaltung fand. — Sie ſprachen vertraulich mit einander? fragte der Herzog erſtaunt. Die Herzogin mit einem Ar⸗ mand Cambon vertraulich!.... Sie übertreiben, mein Herr! Iſt es nicht ſchon genug, wenn ſie mit ihm ſpricht, gleichviel: vertraulich oder nicht? fragte die Marquiſe den Herzog.... Lieber Baron, haben Sie gehört, was ſie ſprachen? — Leider hörte ich nicht, aber ich ſah deſto beſſer! — und was ſahen Sie? — Die ſchönſte rothe Farbe auf den Wangen des jungen Mannes! Der Herzog erhob ſich vom Divan und begann, im Boudoir auf und ab zu promeniren. — Die ſchönſte Röthe! fuhr der Baron fort. Ich brauche Ihnen wohl kaum zu ſagen, Marquiſe, Armand. II. 6 82 daß wenn ein junger Mann einem ſchönen Weibe gegenüber erröthet, derſelbe entweder ſehr ſchüchtern oder ſehr glücklich ſein muß, wenn er nicht Beides zugleich iſt. Und ſie? fragte die Marquiſe. — und die Herzogin? fragte der Herzog, indem er mit gekreuzten Armen vor dem Erzählenden ſtehen blieb. — Die Herzogin, antwortete der Baron, iſt eine von unſten bleichen Schönheiten und wenn man ſie im Salon oder in der Opernloge ſieht, würde man ſie für einen der ernſteſten Engel halten, die unſre Saiſon zieren... Wenn man ſie aber in der Galerie des Luxembourg und im Geſpräch mit Herrn Armand Cambon ſieht, ſo... — Run? So — Soo iſt ſie Franzöſin, vollkommen Franzöfin, meine Herrſchaften!.... Es war ein Leben, ein Farbenſpiel in ihrem Antlitz.. Und ihre Augen... ihre Augen.. — Nun ihre Augen? wiederholte die Mar⸗ quiſe, die während der Erzählung die ihrigen zwi⸗ ſchen dem Herzog und dem Erzähler hin- und her⸗ ſchweifen ließ. — Sie waren ſchmachtend und zärtlich, wie die 83 eines Täubchens, wenn ſie den erſten Strohhalm in ihr Neſt trägt. Die Marquiſe lachte laut auf; ein Beweis, daß ihr dieſe Erzählung großes Vergnügen machte. — Nun weiter, Baron! rief ſie. Sie ſind bilder⸗ reich in Ihrer Erzählung. — Ohne Zweifel, antwortete der Baron unter einem mißglückten Verſuch, zu lachen. — Wie lange blieben Sie ein ſtummer Zuſchauer dieſer rührenden Bilder? fragte die Marquiſe. — Um mich zu überzeugen, ob dies ein neues Gemälde unſrer gewöhnlichen Künſtler, oder ein Bild ſei, das der Teufel geſchickt, um in der nächſten Kunſt⸗ Ausſtellung den Preis über unſre ſterblichen Meiſter zu gewinnen, näherte ich mich endlich der unleugbar ſchönen Gruppe und machte dadurch einem der in⸗ tereſſanteſten Dialoge ein Ende. — Nun? — Herr Armand Cambon iſt ein vollendeter Ca⸗ valier, fuhr der Baron fort. Sie werden mir viel⸗ leicht nicht Glauben ſchenken, wenn ich ſage, ſeine Artigkeit ſei ſo weit gegangen, der Herzogin ſeine Geſellſchaft beim Nachhauſefahren anzubieten.... Jetzt ſagen Sie noch, die Ritterlichkeit ſei nur ein Privi⸗ legium für Frankreichs Adel, wenn die Blouſen darauf 6* * 84 Anſpruch haben, an der Seite von Herzoginnen zu fahren? Die Marquiſe lachte, daß ihre Augen ſich feuch⸗ teten, während der Herzog Feuer ſprühte. — Ich kämpfte männlich für die Ehre des Adels, fuhr der Baron fort, und ſiegte wenigſtens für dies⸗ mal.... Mit einem Worte: mir ward die Gnade, die Herzogin vom Luxembourg nach ihrem Hotel zurück zu führen. — und der Arbeiter? fragte die Marquiſe. — Er blieb, vermuthlich um den Staub zu küſſen, den ihre Füße berührt, und die Naſe in die Oel— farbe zu ſtecken, welche der Palette der Herzogin entfallen. — Aber während Sie die Herzogin nach Hauſe begleiteten, fragte die Marquiſe. Suchten Sie nicht 2 — Ihren ſchönen Lippen eine Erklärung über ihr Verhältniß zu der Blouſe zu entlocken? unterbrach ſich der Baron. Freilich that ich das. Aber ihr Mund war verſiegelt und ihr ganzes Weſen verrieth die voll⸗ ſtändigſte Geiſtes⸗Abweſenheit.... Sicher waren ihre Gedanken in der Galerie zurückgeblieben. Baron St. Bris ſchloß hier ſeinen Bericht. Unter der ſcherzhaften Weiſe, in welcher er ſich ausgedrückt, barg er die Entrüſtung, welche in ihm glühte. 85 — Nun, was denken Sie von all dieſem? fragte er mit dem einen Auge auf die Marquiſe, mit dem andren auf den Herzog. — Es iſt ſtets meine Anſicht geweſen, antwortete die erſtere, daß ſeit längerer Zeit ein geheimnißvoller Zuſammenhang zwiſchen dieſen beiden Perſonen herrſchte und daß aus dieſem früher oder ſpäter ein Sturm erwachſen kann, der heſtig genug, uns Alle zu ver⸗ derben... Was meinen Sie, Herzog von Beau⸗ dreuil? ſetzte ſie mit vor Triumph ſtrahlendem Antlitz ſich zu dieſem wendend, hinzu. — Ich glaube, antwortete der Herzog mit dumpfer Stimme; ich glaube, daß St. Bris Recht hatte, als er ſagte, daß der Teufel dieſes Bild in die Galerie des Luxembourg geſchickt, um.. — Den Preis zu gewinnen? fiel die Marguiſe ein.... Ja, gewiß! Und er wird ihn gewinnen, wenn wir nicht den Teufel durch Beelzebub austreiben! VIII. Bie Gerürhte. In das tiefſte Schwarz gekleidet, ging die Her⸗ zogin v. Beaudreuil in ihrem Kabinet auf und ab. Die dunkle Tracht machte ihr Antlitz noch bleicher und die matte Röthe um ihre Augen verrieth, daß ſie viel geweint. Colette, die Kammerjungfer, ebenfalls in ſchwarzem Koſtüm, ſtand an der Thür zu dem inneren Zimmer; ſie trug auf dem einen Arm eine ſchwarze Sammet⸗ mantille, die ſie ſoeben von den Schultern der Her⸗ zogin genommen. — Während Madame's Abweſenheit iſt der Her⸗ zog hier geweſen und fragte nach Madame! rappor⸗ tirte Colette. — Nach mir? fragte Adelaide zerſtreut. — Za! — Was wollte der Herzog? 87 — Er fragte, wohin Madame gefahren ſeien; ich antwortete, Sie ſeien nach dem Trauerhauſe. Die Herzogin trocknete abermals einige Thränen von ihren Augen und ſetzte ihren Spaziergang im Zimmer fort. — Sagte er nichts weiter? fragte ſie nach kurzem Schweigen. — Er fragte, ob Madame ihren Oheim ſehr be— trauerten. Ich antwortete ihm, Madame ſeien un⸗ tröſtlich darüber, daß ſie Ihren Oheim nicht vor ſeinem Tode noch geſprochen. — Und der Herzog? — Er ſchien betrübt, ſagte aber, dies ſei nicht ſeine Schuld geweſen, ſondern die des Arztes, der ver— boten habe, daß Jemand den Kranken ſtöre. Die Herzogin nahm auf einer kleinen Cauſeuſe Platz und ſtützte ihr Haupt auf die Lehne derſelben. — Der Herzog richtete auch noch andere Fragen an mich! fuhr Colette fort. — Und welche? — Ich weiß kaum, ob ich dieſelben Madame wie⸗ derholen darf, denn.... Warum nicht? — Es wäre überdies gerade jetzt unpaſſend, da Madame ſo aufgeregt... 88 — Sprich, Colette! — Vielleicht erlauben mir Madame ein andermal. — Wos für Fragen that der Herzog an Dich? — Es war eigentlich nur eine Wiederholung ge⸗ wiſſer Gerüchte, die ich ſchon früher gehört, die mir aber ſo einfältig erſchienen, daß ich es nicht für der Mühe werth hielt, Madame, davon zu ſprechen. — Gerüchte?... Und wen betreffen ſie? — Madame ſelbſt! — Mich? fragte die Herzogin, den Kopf von dem Kiſſen hebend. — Ja, Madame! antwortete Colette mit ſichtbarer Entrüſtung. Wenn ſelbſt Sie nicht von den böſen Zungen verſchont bleiben, die Sie doch ſo ſanft und gut wie ein Engel... Die Herzogin machte eine Bewegung der Un⸗ geduld. — Der Herzog fragte mich, ob Sie allein zum Trauerhauſe gefahren ſeien, begann endlich Colette. — Allein!... Und wer ſollte mich denn be⸗ gleiten? — Als ich ihm antwortete, Sie ſeien allein ge⸗ fahren, ſchüttelte der Herzog den Kopf, als glaube er meinen Worten nicht... Darauf ſagte er mit einem mißtrauiſchen Blick: ſind Sie gewiß Colette, daß 89 der Baron St. Bris die Herzogin nicht beglei⸗ tet hat? — Baron St. Bris! rief die Herzogin erſtaunt. Wie konnte der Herzog auf dieſen Gedanken ver⸗ fallen, daß Baron St. Bris mich begleitet habe? — Ungefähr ſo fragte ich auch den Herzog; er aber ſagte: Sollten Sie etwa nicht wiſſen, daß der Baron die Herzogin auf allen Promenaden begleitet? — Mich auf allen Promenaden begleitet! wieder⸗ holte Adelaide. — Und daß er ihr jeden Vormittag in der Ga⸗ lerie des Luxembourg begegnet? fragte der Herzog weiter. — Weßhalb ſollte er mir in der Galerie des Lu⸗ xembourg begegnen? — Auch dies wagte ich den Herzog zu ſrahen, denn ich konnte nicht ohne Entrüſtung einen ſo un⸗ würdigen Verdacht anhören. — Und was antwortete er da? — Er ſchüttelte abermals den Kopf.... Ich fragte abermals, warum denn die Herzogin dem Baron in der Galerie des Luxembourg begegnen ſolle, wenn ſie ihn nicht einmal zu Hauſe bei ſich empfange. — Nun? Und der Herzog? Er ſeufzte tief und ſagte: Alle Leute behaupten 90 dies doch!... Jetzt, ſetzte Colette hinzu, erinnerte ich mich, daß ich ſchon die Bedienten des Herzogs der⸗ gleichen Albernheiten hatte plaudern hören. — Auch ſie? — Dies ſagte ich ebenfalls dem Herzoge und bat ihn, doch ſeine Leute für die Verbreitung ſo ſchänd⸗ licher und grundloſer Gerüchte zu ſtrafen... Aber ich habe es auch von andrer Seite gehört! antwortete mir der Herzog. — Alſo auch von Andren! — Ja, ſo ſagte er und wandte ſich dann ab, als wolle er ſeinen Schmerz vor mir verbergen... Als ich ihm nun erklärte, ich würde ſofort der Herzogin wieder erzählen, was er ſowohl wie ſeine Diener ge⸗ ſprochen, wandte er ſich heftig zu mir und ſagte: Ich will nicht, daß ein einziges Wort hiervon der Her— zogin zu Ohren gebracht werde; ich will nicht, daß ſie auf irgend eine Weiſe beunruhigt werde; ich glaube nicht an alle dieſe Geſchichten, wie Sie ſich wohl denken können; ich werde meine Diener beſtrafen und ſelbſt die Gerüchte widerlegen, die außerhalb meines Hauſes umher getragen werden könnten... Als er dies geſagt, ſteckte er mir einen Louisd'or in die Hand und ging, ehe ich ihm noch das Goldſtück zurückgeben konnte, das mir in der Hand brannte.... Hiernach erſchien es mir, als habe er ſich mein Schweigen er⸗ Das Benehmen des Herzogs ſchien mir zugleich verdächtig, ſein Seufzer und ſeine trau⸗ rige Miene waren nicht watürlich.... Ja, wenn ich es recht bedenke, kommt es mir vor, als wolle er, daß die ganze Welt an die Wahrheit dieſer Gerüchte glaube, ohne daß Madame das Geringſte davon er⸗ fahre.. Was ſeine Abſicht iſt, mag Gott wiſſen, aber da es keine gute ſein kann, ſo hielt ich mich für verpflichtet, Madame ſogleich davon zu erzählen. — Du meinſt es brav, Colette; ich kenne Deine Ergebenheit für mich, ſagte die Herzogin mit Ruhe; aber Du darfſt Dich ſolcher Gerüchte willen auch nicht mehr beunruhigen als ich... Demnach verbiete ich Dir, irgend Jemand ahnen zu laſſen, was Du mir Es iſt ebenſo ſehr unter meiner Würde, auf dergleichen zu horchen, wie es mir nicht geziemt, mich deshalb zu beunruhigen... Haſt Du mich verſtanden, Colette? Ja, Madame! antwortete Colette etwas ver— kaufen wollen. eben mitgetheilt... ſtimmt. Die Herzogin legte die Stirn in die Hand und verſank in Nachdenken. — Iſt der Herzog zu Hauſe? fragte ſie nach kur⸗ zem Schweigen. 91 92 — Ich glaube wohl, Madame! — Laß den Herzog benachrichtigen, daß ich zurück⸗ gekehrt ſei und ihn zu ſprechen wünſche. — Sogleich, Madame! Die Kammerjungfer eilte hinaus. — Es geht etwas um mich her vor, das ich nicht zu faſſen vermag, ſagte die Herzogin für ſich. Was ich hievon faſſe, iſt das Gefühl, daß es etwas Dü⸗ ſteres und Unheilvolles iſt... O mein Gott, mein Gott!.... Wenn ich durch meine Nachſicht gegen ein Verbrechen ein andres noch größeres herbeigeführt, ſo bin ich beſtraft, hart beſtraft!... Wenn dieſes un⸗ heimliche Bild, das in dieſem Augenblicke meine ganze Seele einnimmt, nicht die Geburt meiner aufgeſcheuch⸗ ten Einbildung iſt, ſondern der Schatten einer entſetz⸗ lichen Wirklichkeit, der mich, gleich dem Geſpenſt des Hamlet, zur Rache mahnt, dann... dann.. Ja, ich muß einen Entſchluß faſſen, und iſt er einmal ge⸗ faßt, ſo muß er ohne Zögern ausgeführt werden! Wenige Minuten ſpäter trat der Herzog, wie Ade⸗ laide in tiefe Trauer gekleidet, ins Kabinet. — Ich danke Ihnen Madame, für Ihre Güte, mich ſehen zu wollen, begann der Herzog, auf einem Stuhl zunächſt der Cauſeuſe Platz nehmend, auf wel⸗ cher Adelaide ſaß. Ich ſuchte Sie bereits, während 93 Sie ausgefahren, wie Sie vielleicht ſchon gehört, mein Unglück aber, Sie verfehlt zu haben, iſt vollkommen durch das Glück wieder gut gemacht, das mir dieſer Augenblick bereitet. — Haben Sie ſchon beſtimmt, wann mein Oheim begraben werden ſoll? fragte Adelaide. Der Herzog blickte ſeine Gattin ein wenig über— raſcht an, als habe er eine andre Antwort auf ſeine artige Anrede erwartet. — Sie wiſſen ohne Zweifel, antwortete er, daß jede Leiche achtundvierzig Stunden nach dem Tode be⸗ graben werden muß. — Gewiß... Alſo? — Uebermorgen, Vormittags um zehn Uhr ſoll der Todte nach der Madelaine-Kirche geführt wer— den, vorher aber, um neun Uhr im Hausflur aufge⸗ ſtellt werden, der zu dieſem Zweck mit ſchwarzem von ſilbernen Franzen und Quaſten decorirtem Tuch beklei⸗ det wird. Zur Aufklärung für den Leſer müſſen wir hier ein— ſchalten, daß man in Frankreich eine oder zwei Stun⸗ den vor Abführung einer Leiche nach der Kirche oder dem Friedhofe den Sarg zur allgemeinen Beſchauung im Hausflur aufzuſtellen pflegt. Der Sarg wird ge⸗ ſchloſſen, ehe er auf den Hausflur gebracht wird; 94 ſehr ſelten wird die Leiche ſelbſt gezeigt, der man in Frankreich nicht eine ſo vollſtändige Toilette giebt, wie bei uns. Ein Hemd, ein Laken, ein bischen Papier⸗ ſpähne erachtet man für hinreichend für die Bewohner des Grabes. Im Hausflur iſt zugleich ein ſchwarz bekleideter Altar errichtet, auf welchem, je nach den Umſtänden, mehr oder weniger Lichte brennen. Jeder Vorbeigehende bleibt ſtehen, entblößt ſein Haupt und berührt mit den Fingerſpitzen das Weihwaſſer, das ihm von einem Kirchendiener gereicht wird. Die Höflichkeit verfolgt uns in Paris bis in das Grab, oder richtiger geſagt, ſie verfolgt den Tod, wo er ſich auch zeigen mag. — Alles iſt auf eine Weiſe angeordnet, wie ſie dem Anſehen Ihres Oheims und des Mitgliedes einer ſo mächtigen Corporation entſpricht, erklärte der Herzog. — Aber, Herzog, mein Oheim ſtarb doch gar zu plötzlich, wandte die Herzogin ein; ich vermuthe wohl mit Recht, daß man nicht alle Vorſichtsmaßregeln be⸗ obachtete, wie ſie bei dergleichen Fällen üblich. — Eine halbe Stunde nach dem Hinſcheiden ſtellte ſich der Todes⸗Doktor des Viertels ein, antwortete der Herzog. Nachdem dieſer die Leiche geſehen und 95 Kenntniß von der Urſache des Todes genommen, gab er ſein gewöhnliches Zeugniß und lieferte dies bei der betreffenden Behörde ab. In jedem Stadtviertel in Paris, müſſen wir hier abermals einſchalten, befindet ſich nämlich ein ſoge⸗ nannter„Médecin de mort“, der ſich nach jedem an⸗ gemeldeten Todesfall einſtellt und dem Diſtrikts⸗Vor⸗ ſteher das Todeszeugniß einhändigt. Ohne ein ſolches Atteſt kann der Todte nicht begraben werden. — Aber, bemerkte Adelaide wiederum, dieſe Vor⸗— ſichtsmaßregeln gelten ja bei allen Todesfällen. Ich hatte vermuthet, daß meines Oheims Leiche einer Ob⸗ duction unterzogen werde, wie dies meiner Anſicht nach bei allen ſo ſchnellen und unvermutheten Sterbefällen zu geſchehen pflegt! Der Herzog ſchielte ſeitwärts zu ſeiner Gattin hinab; ein leiſes Zucken bewegte ſeine Lippen. Den⸗ noch zögerte er mit der Antwort. — Sie vermuthen ganz richtig, Madame..... Auch ich habe hiefür bereits geſorgt.... Ihr Oheim ſoll obducirt werden. — Und wann? — Ich denke, morgen Nachmittag! — Und weßhalb nicht lieber heute? — Mir blieb heute nicht die Zeit hiezu; ich wollte 96 doch gern ſelbſt zugegen ſein... Haben Sie vielleicht etwas einzuwenden, wenn wir die Sache bis morgen Nachmittag aufſchieben? Die Herzogin ſchien nachdenkend. — Nein... O nein! antwortete ſie endlich... Alſo morgen Nachmittag? — Ja, Madame! — um welche Stunde? — Um fünf Uhr wäre es wohl am paſſendſten. — Haben Sie die Aerzte beſtimmt, welche zugegen ſein ſollen? — Noch nicht!... Doch wenn Sie wünſchen, können wir hierüber berathen.... Oder, wollen Sie vielleicht allein die Aerzte beſtimmen?.... Welche wünſchen Sie? — Ich habe noch nicht hierüber nachgedacht; wenn Sie mir jedoch die Beſtimmung überlaſſen, ſo werde ich Ihnen noch vor dem Abend meinen Wunſch mittheilen. — Wie Sie befehlen! — Sie erwähnten vorhin, Herzog, daß Sie ſelbſt zugegen ſein wollen? — Ja, Madame! — Auch ich wünſche dabei zu ſein! erklärte die Herzogin. 97 — Auch Sie? wiederholte der Herzog mit einem abermaligen Seitenblick und wiederholtem Zucken der Lippen. — Ja, Herzog! — Und iſt es Ihnen denn nicht unangenehm, bei einer derartigen Verrichtung zugegen zu ſein? fragte der Herzog. — Weßhalb ſollte mir dies unangenehm ſein? — Ich meinte weil Sie ein Weib... Warum ſollte der Tod für mich etwas Abſchrecken⸗ des haben? fragte Adelaide. — Gewiß nicht!... Aber... — Sie wünſchen meine Gegenwart nicht, Herzog? — Ich wünſchte ſie allerdings nicht, und zwar um Ihrer ſelbſt willen, Madame.... Jedoch, wenn Sie bei Ihrem Wunſche beharren werden, ſo verſteht es ſich von ſelbſt, daß ich demſelben will— fahre.... Sie haben hierin, wie in Allem ihren eigenen Willen!.. — Ich danke Ihnen hiefür, Herzog! Ein kurzes beiderſeitiges Schweigen trat ein. — Kann ich Ihnen vielleicht anderweitig zu Dien— ſten ſein? fragte endlich der Herzog. — Für den Augenblick nicht! Armand. II. 7 98 — Sie befehlen vielleicht, daß ich mich entferne? fragte Beaudreuil, ſich vom Stuhl erhebend. — Ich habe kein Recht, Ihnen länger zur Laſt zu ſein, antwortete Adelaide, auf dieſe Weiſe ihren Gemahl verabſchiedend. Der Herzog verbeugte ſich ehrerbietig und wollte gehen. — Herzog, rief ihm Adelaide nach, werden Sie den Baron St. Bris vielleicht ſehen? Der Herzog wandte ſich zurück. — Es iſt möglich, Madame! antwortete er. — Man ſagt, er gehöre zu Ihren täglichen Gä⸗ ſten, fuhr Adelaide fort. — Allerdings... Indeß... — Da er jedoch nicht einer der meinigen iſt und es nie werden kann, ſo bitten Sie den Baron, ſich überall aufzuhalten, nur nicht in meiner Nähe. — Ich verſtehe Sie nicht, Herzogin! — Sie verſtehen mich, aber ich verſtehe Sie nicht. Indeß, dies beunruhigt mich wenig.... Adieu, Herzog! Der Herzog verbeugte ſich abermals und ging. — Sollte es vielleicht nur ein Werk meiner Phan⸗ taſie ſein? fragte Adelaide ſich ſelbſt... Wie dem ſein möge, ich werde zugegen ſein... Die Pforte des Grabes darf ſich nicht ſchließen, ehe Alles dieſſeits ſo klar iſt, wie es jenſeits iſt... Keine Ungewißheit ſoll ihre dunklen Blätter in den Kranz flechten, den ich auf das Grab meines armen Oheims O, mein Gott! So ſtehe ich alſo einſam hier in der Welt.. Keine Anverwandte, keinen Freund!... Keinen Freund? wiederholte ſie lächelnd. Ich habe ja meinen Ritter vom Baſtillenplatz!... Meinen armen und unbemerkten, aber tapferen und treuen Ritter! Als der Herzog in ſeine Etage zurückkehrte, fand er den Baron St. Bris, der ihm guter Dinge ent— gegen kam. — Sie hier, mein Herr, begann der Herzog. — Ja, antwortete dieſer, und mit vielen Neuig⸗ keiten, von denen eine einzige für uns ſchon genügt. — Was meinen Sie hiemit? — Daß Paris in vollem Aufſtand begriffen; daß die Polizei ſich vor den Angriffen der Aufrührer zu⸗ rückgezogen und daß nichts erwünſchter ſein kann, für den Fall, daß Sie ein gewiſſes Gerücht zur Wirklich⸗ keit zu machen vorhaben ſollten. — Ja, es iſt wirklich hohe Zeit! ſtöhnte der Her⸗ zog, ſich die Stirn trocknend. Es iſt hohe Zeit, falls nicht ein neues Gerücht ſich Bahn brechen ſoll, das 100 ſich zu dem alten verhält, wie der Seufzer des Abend⸗ windes zur Poſaune des jüngſten Gerichts... Das erſtere ſchläfert die Lebendigen ein, das letztere aber weckt die Todten auf... Ja, St. Bris, der Augen⸗ blick iſt da, und wenn ein Munieipal-Gardiſt an je⸗ der Straßenecke, ein Polizei⸗Sergeant an jeder Thür ſtände! Es iſt hohe Zeit! IX. Ber Purhbar des Spukhuuſes. Bruder Bredot bewohnte nach wie vor das kleine Haus, das dem gegenüber belegen, in welchem Armand früher reſidirte. Er beſaß eine Wohnung von drei kleinen Zimmern, doch war nur das innerſte von dieſen möblirt, und zwar ſo dürftig, wie es ſeinem vorgeblichen Stande geziemte. Ein Bett, ein Tiſch, ein halbes Dutzend Stühle, ein Betſtuhl, einige Kruzifixe und einige geiſtliche Bücher waren ſeine ganze Einrichtung. Es war etwa 6 Uhr Nachmittags. Herr Bredot hatte eine gemüthliche Flamme in ſeinem Kamin und eine brennende Lampe auf dem Tiſch, an wel⸗ chem er ſaß. Vor ihm auf dem Tiſche glänzten ein halbes Dutzend der ſchönſten Cylinder-Uhren, die er mit dem 102 Kennerblick eines Uhrmachers prüfte. Inzwiſchen gab er zugleich einem jungen modern gekleideten Herrn ſeinen Beifall zu erkennen, der neben ihm ſaß und eine Geſchichte erzählte, die wir betiteln: Der Uhrmacher und der Morgenrock. In der Rue Vivienne wohnte ein Uhrmacher, der natürlich mehr Uhren beſaß, als er zu ſeinem eigenen Gebrauch nöthig hatte. Dieſe Uhren waren ſo theuer, daß kein Menſch ſie kaufen konnte. Von Morgens bis Abends ſammelten ſich eine Menge Leute vor ſeinem Schaufenſter, die ihre Zeit damit todt ſchlugen, zu ſehen, wie es an der Zeit ſei, und da die eine Uhr vor, die andere nach ging, ſo wurde natürlich Niemand aus der Zeit klug. Nirgendwo weiß man weniger genau, wie viel die Uhr iſt, als wenn man vor dem Laden eines Uhr⸗ machers ſteht. Eines Morgens alſo trat in dieſen ſchönen Laden ein junger Herr von eleganter Haltung, in den zier⸗ lichſten Morgenrock gehüllt. Der Uhrmacher, etwas erſtaunt, einen Kunden im Morgenrock eintreten zu ſehen, eilt ihm artig entgegen. 2 — Mein Herr! ruft der junge Mann im Morgen⸗ 103 rock, ich wohne im Hauſe nebenan und ſaß eben mit meiner Frau am Caffeetiſch, als ſie mich mit der Nachricht überraſchte, daß heute ihr zwanzigſter Ge⸗ burtstag ſei... Zwanzig Jahre ſind eine Gabe Gottes, aber die Geburtstage ſind ein Unglück! Der Uhrmacher gaffte den Herrn im Morgenrock eine Zeit lang an und begann endlich zu lächeln. — Gleichzeitig erinnerte mich meine Frau, daß ich ihr ſchon lange eine hübſche Cylinder-Uhr verſprochen, fuhr der Herr im Morgenrock fort. Sie iſt oft an Ihrem ſchönen Laden vorüber gegangen, mein Herr; Sie wohnen für unſere Ruhe viel zu nahe! — Ah, Sie haben Ihrer Frau Gemahlin eine Cylinder⸗Uhr verſprochen! rief der Uhrmacher erfreut .. Ich meine, man kann nichts Schöneres und Nützlicheres zum Geburtstag ſchenken! Haben Sie die Güte, umher zu ſehen; ich habe ein großes Lager und wenn Ihre Frau Gemahlin nicht auf den Preis ſieht.. — Ach, mein Herr, wann ſähe wohl eine Frau auf den Preis!... Das iſt ja das Schickſal der Männer!... Anfangs weigerte ich mich allerdings, abe — Aber wie kann man einer Gattin etwas ſo Unent⸗ behrliches wie eine Uhr, eine Cylinderuhr, verſagen! 104 — Sie haben Recht... Ein Mann kann ſeiner Gattin gar nichts verſagen, wenn ſie zwanzig Jahre alt und er ſelbſt im Morgenrock iſt, denn... Ich mußte alſo hinabſpringen, wie ich da war, weil ſie glaubte, ich könne mit der Toilette auch meine Ab⸗ ſichten ändern. — Ihre Frau Gemahlin dachte ſehr klug! ver⸗ ſetzte der Uhrmacher mit geſteigerter Artigkeit. Haben Sie die Güte, zu wählen... Ich verdiene, aufrichtig geſagt, mehr an den billigen, trotzdem würde ich Ihnen zu einer theuren rathen, damit Sie in zehn Jahren nicht abermals in die Nothwendigkeit gerathen, eine neue zu kaufen. — Ohne Zweifel! Aber Sie wiſſen auch, mein Herr, daß nichts ſo ſchwer iſt, als einer Frau irgend etwas zu Dank zu machen.... Wenn Sie alſo Zeit hätten, mich ſogleich hinauf zu begleiten und etwa ein halbes Dutzend zu verſchiedenen Preiſen mit ſich zu nehmen, ſo würden Sie meiner Frau den größten Dienſt erweiſen.. — Jetzt?... Sogleich? — Ja, ſo lange ich noch im Morgenrock bin, ant⸗ wortete der ſcherzhafte Kunde, denn Gott weiß, ob ich nicht wirklich mit dem Frack meine Geſinnung ändre. 105 Der Frack iſt eine Fortification gegen die Gewalt des Pantoffels, die... Der Uhrmacher ſuchte ſchnell ein halbes Dutzend Uhren zuſammen, jede in einem Etui und mit dem Preiſe verſehen. — Ich bin augenblicklich allein und darf meinen Laden nicht verlaſſen, ſagte er.... Haben Sie die Güte, die Uhren ſelbſt Ihrer Frau Gemahlin zu prã⸗ ſentiren.. Darf ich inzwiſchen um ihren Namen bitten? — Dicat, Advokat! In der zweiten Etage! ant⸗ wortete der Herr, ſteckte die Uhren zu ſich und ent⸗ fernte ſich. Der Uhrmacher begleitete ihn höflich bis zur Straße, blieb in ſeiner Hausthür ſtehen und verfolgte den Herrn mit den Augen. Dieſer trat richtig in das Nebenhaus. Der Uhrmacher ſtand eine Zeit lang da, wartete und verwünſchte die Unentſchloſſenheit der Frauen. Endlich ward er unruhig und trat in die Hausthür, durch welche der Herr verſchwunden war. Man denke ſich ſeine Ueberraſchung, als er den ſchönen Morgenrock auf der Treppe liegen ſah und vergeblich den Herrn und ſeine Cylinderuhren ſuchte. Jetzt weiß der Uhrmacher ganz genau, was die Glocke geſchlagen hat. 106 — Wie hoch ſchätzen Sie dieſe ſechs Uhren? wandte ſich fragend der Erzähler an Bredot. — Der Ertrag wird mindeſtens 1400 Francs ſein, antwortete dieſer. Sie ſind ein Genie, Plichon! Eine Ehre für unſere Brüderſchaft! Der vermeintliche Prieſter hatte während der Er⸗ zählung die Uhren in einen ledernen Beutel geſteckt. Hierauf öffnete er eine Tiſchlade und zog einen anderen Beutel hervor, deſſen Inhalt er auf den Tiſch leerte. Ein Haufen von goldenen Ringen und Brochen glänzten ihm entgegen. Bredot begann jeden einzelnen Gegenſtand zu unterſuchen. Ein Probierſtein, eine Flaſche Scheidewaſſer, ein paar kleine Waagſchalen mit Zubehör, Alles eines Juweliers oder Pfandleihers würdig, ſtanden auf dem Tiſch. — Nun, Plichon?, ſagte er. Auch dieſer Beutel hat vermuthlich ſeine Geſchichte? — Allerdings! antwortete Plichon und erzählte die Geſchichte von dem Perrückenmacher und dem Blumenbonquet. In der Rue de Stockholm, im Hauſe Nr. 4., wohnt Madame Pelion, die vierzigjährige Wittwe dreier 107 geſtorbener Männer, welche die Blumen, die ſie auf dieſe drei Gräber hätte pflanzen können, lieber in ihr Haar ſteckte. Madame Pelion hat all ihr Lebtag ganz ver⸗ zweifelt gern getanzt, und ihre drei Männer waren es, die davon die Lungenſchwindſucht an den Hals bekamen. Wer gern tanzt, iſt natürlich oft auf Bällen, und wer viel Bälle beſucht, gebraucht viel Schuhe und noch mehr Blumen. Madame Pelion iſt daher eine von den beſten Kunden der Madame Fürſtenhoff, erſter Fleuriſtin in Paris. Eines Tages, in der vergangenen Woche, wollte Madame Pelion wieder zum Ball gehen. Die Kam⸗ merzungfer führte einen jungen und gentilen Perruquier herein, der ſich hinter den Seſſel der tanzluſtigen Madame Pelion ſtellte. Er begann ſein wichtiges Werk, indem er den Kamm an das dichte ſchwarze Haar der Madame Pelion legte und artig jede Locke behandelte. Madame Pelion lächelte dankbar der neben ihr ſtehenden Kammerjungfer zu, die ihr einen ſo geſchickten und zierlichen Friſeur gebracht. Sie lächelte auch im Spiegel dem Bilde des Friſeurs ſelbſt zu; ihr Fuß bewegte ſich dabei, als träume ſie bereits von einer Mazurka. — 108 Endlich ſind die dicken Flechten zu einem hohen Korbe mitten in Madame Pelion's Nacken zuſammen⸗ gelegt, die Locken gehörig frifirt, und der Perrücken⸗ macher pflanzt ein großes Bouquet der ſchönſten Ca— melien in dieſen Haarkorb. Madame Pelion kann einen Ausruf des Entzückens nicht unterdrücken, denn ſie ſieht im Spiegel die Ca⸗ melien aus ihrem Haupte herausragen wie aus einer Porzellanvaſe. Auch die Kammerjungfer iſt außer ſich vor Bewunderung, und der Friſeur nimmt ein Licht, um bei dem Schein deſſelben ſein Werk beſſer in Augenſchein nehmen zu können. Da, o weh! faßt durch einen unglücklichen Zufall die Flamme des Lichtes die Camelien und ehe eine menſchliche Macht es hindern kann, geht Madame Fürſtenhoff's Blumenflor in Flammen auf. Nur mit der größten Mühe gelingt es dem Friſeur, das ſchöne Haar zu retten. Allgemeine Verzweiflung! Madame Pelion iſt nahe daran, in Ohnmacht zu fallen, und der Friſeur liegt flehend zu ihren Füßen! Die Camelien ſind verzehrt; zum Glück aber lebt Madame Fürſtenhoff noch und wohnt Rue de Gram⸗ mont Nr. 8. Die Kammerjungfer erhält den Befehl, ſofort neue Camelien zu kaufen, und eilt hinaus. 109 Madame Pelion und der unglückſelige Friſeur ſind allein. Die erſtere wirft einen betrübten Blick auf die Stutzuhr, denn ſie hat den erſten Tanz bereits einem Anbeter verſprochen, der gegen ihr Vermögen nicht gefühllos iſt. Beruhigt wirft ſie noch einen Blick in den Spiegel auf das Werk der Zerſtörung. Da ſieht ſie zu ihrer höchſten Ueberraſchung, wie der verhängnißvolle Friſeur zur Thür ſchleicht und den Riegel vorſchiebt. — Mein Herr! ruft ſie, ſich umwendend... Was?„ Wie 2 — Ach, Madame, ruft der Friſeur, zu ihr zurück⸗ eilend, ich kann mich nicht länger verſtellen! — Mein Herr! ruft Madame Pelion, rother als ihre Camelien geweſen, was iſt ihre Abſicht? Warum verriegeln Sie die Thür?. Madame, Sie müſſen.. — Junger Mann! unterbrach ihn Madame Pelion, ihr Antlitz abwendend und den Mund mit beiden Händen bedeckend. Sie wollen meine Einſamkeit mißbrauchen!... Sie vergeſſen, daß.„Aberüſo nehmen Sie doch Vernunft an!... Junger Mann, was wollen Sie von mir? ſetzte ſie mit niedergeſchla⸗ genen Augen hinzu. — Was ich will?. Ich will nur Ihre Ringe, 110 Ihr Halsgeſchmeide, Ihre Uhr und Ihre Armbänder, mit einem Wort, Alles, was leicht zu transportiren iſt, folglich nicht Ihre werthe Perſon, für welche ich den tiefſten Reſpect fühle... Sie haben eine Schwäche für den Tanz; gut, tanzen Sie; man bedarf hierzu der Geſchmeide nicht; ich hingegen bin ein großer Sammler von dergleichen... Sein Sie alſo ſo freund— lich, dies Alles abzulegen, ehe die Kammerjungfer zu⸗ rückkehrt und uns genirt... — Himmel! - Schreien Sie nicht, Madame Pelion! warnte der Friſeur, ein Meſſer aus der Taſche ziehend. Es ſollte mir außerordentlich ſchmerzlich ſein, wenn ich genöthigt würde, Ihren ſchönen Hals in irgend einer Weiſe zu derangiren. — Ich beſchwöre Sie... — Beſchwören Sie nicht, Madame Pelion! ant⸗ wortet der Friſeur, ihr ein Geſchmeide nach dem andern abnehmend. Wenn ich auch Friſeur bin, verſpreche ich Ihnen doch, kein Haar auf Ihrem Haupte zu krümmen. — Ach! ſeufzt Madame Pelion zum dritten Mal und ſinkt ohnmächtig vom Stuhl. Der Friſeur verſchwindet, und Madame Pelion verſäumt heute zum erſten Male einen Ball. 11 — Wie hoch ſchätzen Sie Madame Pelions Ju⸗ welen? fragte der Erzähler ſeinen Nachbar. — 5000 Francs dürften dafür zu bekommen ſein, antwortete der erfahrene Bredot. Sie haben eine eigenthümliche Geſchäftsweiſe und ſollten in Marmor ausgehauen werden.... Dieſer hier, ſetzte er, einen dritten Beutel hervorholend, hinzu, iſt jedoch viel ſchwerer, ſeine Geſchichte muß auch inhaltsreicher ſein, nicht wahr? Der luſtige Plichon begann ſeine dritte Geſchichte von der Tänzerin und dem Lakaien. Am Boulevard des Italiens in einer der ſchönſten Etagen wohnt Mademoiſelle Clary Moulin, ſchön, glücklich, gefeiert und mit 30,000 Francs jährlicher Renten. Vor einem Jahre hatte ſie das Theater verlaſſen, deſſen Zierde ſie geweſen. Herzoge und Lords hatten zu ihren Füßen gelegen und alle Journaliſten Frank⸗ reichs an ihren Fingerſpitzen gehangen. — Sie braucht nicht mehr zu tanzen, denn außer ihrer jährlichen Rente beſitzt ſie Juwelen wie Heu. Unrecht aber iſt es trotzdem, wenn eine ſo große Tän⸗ zerin der Kunſt untreu wird, der ſie doch ſo viel 112 nützen kann; es iſt Unrecht gegen die Gottheit, die ihr doch Glück, Reichthum und Ehre verſchafft. Rühm⸗ lich iſt daher jeder Verſuch, ſie der Kunſt zurück zu geben und ſie wieder unter die verlaſſene Fahne zu bringen. Eines Vormittags ſtellt ſich bei der ſchönen, ge⸗ feierten Tänzerin ein ſtattlicher Lakai in lackirten Stiefeln, gelben Caſimir-Pantalons, feinem grünen Frack mit fürſtlichen gelben Wappenknöpfen und einem Hut mit breiten Goldgallons, ein. Der fürſtliche Lakai präſentirt der ſchönen Dame ein ungeheueres Blumenbouquet, das einer Prinzeſſin von Geblüt würdig. — Wer ſchickt mir dieſes reizende Bouquet? fragt die Tänzerin, indem ſie die duftenden Blumen an das ſchönſte griechiſche Näschen führt. — Se. Königliche Hoheit! antwortete der Lakai leiſe und mit einer unterthänigen Verbeugung. — Se. Königliche Hoheit?... Aber wer iſt Se. Königliche Hoheit? fragt die frühere Künſtlerin, aber— mals die Blumen an die Naſe führend. — Der hohe Geber wünſcht unbekannt zu blei— ben, antwortete der Lakai mit geheimnißvoller Miene. Se. Königliche Hoheit wünſchten Ihnen einen Beweis Seines Wohlwollens für Ihre Perſon und Seiner 113 Hochachtung für Ihr Talent zu geben. Seine Hoheit laſſen Sie bitten, um der ſchönen Blumen willen die ſchüchternen Thautropfen nicht zu verſchmähen, die auf den Blättern ruhen. Die Tänzerin bohrt ihr ganzes Geſicht in das reiche Bouquet und ſieht auf jedem Blatt einen Dia⸗ manten ihr entgegenſchimmern. Königinnen und Prinzeſſinnen giebt man einfache Bouquets, den Tänzerinnen und Sängerinnen jedoch Bouquets mit Diamanten. Der ſtattliche Lakai wird mit einem entſprechenden Douceur belohnt und ent— fernt ſich mit dem unterthänigſten Danke der Tänzerin. Acht Tage ſpäter ſteht abermals derſelbe Lakai im Vorzimmer der Tänzerin, mit einem neuen Bouquet in der Hand. Die Blumen deſſelben ſind ebenſo koſtbar wie die vorigen, die Thautropfen jedoch viel zahlreicher. — Aber mein Gott, das iſt zu viel! Zu viel! ruft die Tänzerin entzückt. — Ach! ſagt der Lakai, viel gefühlvoller als man es von einem ſolchen gewohnt iſt; was gäbe ich darum, wenn Se. Hoheit zugegen ſein könnte, um Ihre Freude zu ſehen über eine Gabe, die er im Verhältniß zu Ihrer Schönheit und Ihrem Talent für ſo gering hält! Armand. M. 114 — Aber ſoll mir denn gar nicht die Ehre ver⸗ gönnt werden, Sr. Hoheit meine Erkenntlichkeit für ſo viel Gnade auszudrücken? fragt die Tänzerin, indem ſie die Thautropfen in der Sonne glitzern läßt. — Se. Hoheit beſuchen Niemanden, antwortete der Lakai, die Schultern zuckend. — Niemanden? — Nein! — Se. Hoheit ſind aus einem fremden Lande? — Er iſt Kronprinz eines der größten Länder Deutſchlands. Die Tänzerin ſcheint erfreut darüber, nicht mit einem franzöſiſchen Prinzen zu thun zu haben. Kein Prophet gilt im eigenen Lande. — Se. Hoheit ſind noch jung? — Eben funfzig Jahre alt. — Se. Hoheit reiſen der Geſundheit halber? — Der Prinz reiſt aus Liebe zu den Künſten und Wiſſenſchaften. Die Tänzerin lächelt. Vielleicht bedeutet dieſes Lächeln: Niemand iſt ſo leicht zu betrügen wie 1) ein Kronprinz, 2) ein Mann von funfzig Jahren und 3) ein Liebhaber der Künſte und Wiſſenſchaften. Wenn nun alſo dieſe Drei ſich in einer Perſon vereinigen, 115 — Se. Hoheit logiren..2 — Se. Hoheit wünſchen incognito zu bleiben und wohnen nicht in Paris. — Nicht in Paris? — Se. Hoheit bewohnen eine Villa in der Nähe der Stadt? — Etwa in St. Germain? — Näher! — In St. Cloud? — Näher! — Aber wo denn? — Es iſt mir verboten, dies zu ſagen. — Se. Hoheit nehmen alſo auch keine Be⸗ ſuche an? — Ein einziges Mal hat der König von Frank⸗ reich ihn beſucht. — Er empfängt wohl nur Könige? — Ich kenne doch eine Perſon, die er lieber empfangen würde als alle Könige der Welt! — Und dieſe beneidenswerthe Perſon iſt? fragt die Tänzerin, mit dem Bouquet ſpielend. — Dieſelbe, die ſo freundlich die Blumen ſeiner Hoheit entgegennimmt, antwortete der Lakai mit einer tiefen Verbeugung. 8* 116 — Ich könnte auf den Einfall kommen, mich zu überzeugen, ob Sie die Wahrheit ſprechen! — Dadurch würden Sie Sr. Hoheit eine Freude bereiten, für welche Seine Dankbarkeit unermeßlich? — Wann glauben Sie alſo, daß ich Sr. Hoheit meine Aufwartung machen könnte? — Wie, es wäre alſo Ihr Ernſt, Madame? — Warum ſollt' es nicht mein Ernſt ſein? Wenn ich nur wüßte, daß Se. Hoheit mit Vergnügen... — Wie können Sie daran zweifeln!... Se. Hoheit haben... Aber ich weiß nicht, ob ich dies ausplau⸗ dern darf. — Sprechen Sie, ich bitte Sie! ruft die Tän⸗ zerin lebhaft. — Se. Hoheit haben mich verſtehen laſſen, daß ich, falls Sie ihn beſuchen wollten, Sie nach ſeiner Villa führen ſolle. — Und wann? — Vielleicht würden Sie heut Abend...7 Wie glücklich werden Se. Hoheit bei der Rachricht ſein, daß Sie heut Abend... — Aber wenn ich doch nicht weiß, wo der Prinz wohnt! — Ich verſtehe.. Darf ich vielleicht heut Abend um acht Uhr den Wagen Sr. Hoheit vor der Thür halten laſſen? 117 — Ich werde pünktlich um acht Uhr bereit ſein! verſpricht die Tänzerin mit ſchlecht verſteckter Freude. — Und Sie werden Se. Hoheit nicht warten laſſen? Die Tänzerin wirft einen Blick verletzten Stolzes auf den Lakaien. Mademoiſelle Clary Moulin hat auch Urſach hiezu, denn ſie hat noch nie einen Prin⸗ zen warten laſſen. — Aber Sie erlauben mir noch eine Bemerkung, Madame? — Sprechen Sie! — Se. Hoheit würden ſehr betrübt ſein, wenn... — Se. Hoheit können ganz unbeſorgt ſein! — Eine einzige unbedachte Aeußerung zu einer dritten Perſon und Se. Hoheit würden von Neu⸗ gierigen überlaufen werden, ja ſich hierdurch vielleicht veranlaßt finden, wieder abzureiſen.. — Ich werde Sr. Hoheit Incognito zu reſpectiren wiſſen.... Bitten Sie Se. Hoheit, ſich auf mein Wort zu verlaſſen... Ich habe noch nie Jemanden verrathen. — Alſo pünktlich um acht Uhr? fragt nochmals der Lakai mit tiefer Verbeugung. — Um acht Uhr! Der Lakai will gehen, kehrt aber nochmals zurück. 118 — Madame, ſagt er zurückhaltend, ich weiß nicht, ob ichs wagen darf.. — Sie wünſchen? — Es dürfte kindiſch erſcheinen... Se. Hoheit wiſſen, daß Sie von dem Könige von“ ein Halsge⸗ ſchmeide und von dem Kaiſer von“** ein Diadem zum Geſchenk erhalten... — Allerdings! Und das wiſſen Se. Hoheit? fragt die Tänzerin lächelnd. — Auch Se. Hoheit haben die Idee... Aber Sie könnten mich verrathen? — Ihr Mißtrauen verletzt mich, mein Herr!... Was haben Se. Hoheit für eine Idee? — Ihnen ebenfalls einen Schmuck zu übergeben, aber... aber Se. Hoheit, obgleich bis jetzt weder König noch Kaiſer, möchte Ihnen kein geringeres Präſent machen als.. — Se. Hoheit wollen mich alſo erdrücken durch ſo viel Gnade! ruft Clary Moulin mit Thränen in den Augen. — Se. Hoheit kennen weder das Halsgeſchmeide noch das Diadem.. — Wohlan, ſo werde ich heute Abend mit beiden erſcheinen! — Aber um des Himmels willen, kein Wort davon gegen Se. Hoheit! Die Tänzerin ſchaut verwundert den Lakaien an. — Ich werde Sr. Hoheit nur zuflüſtern: Clary Moulin kommt heut Abend! fährt der Bediente fort und belohnt für ſeine Artigkeit durch ein neues Lächeln und ein großes Goldſtück entfernt ſich der Bediente. Endlich iſt der Abend gekommen. Um acht Uhr ſteht der vornehme Lakai zum dritten Male im Vor⸗ gemach der Tänzerin. Wir brauchen kaum zu erwähnen, daß ihre ſchwarze Sammetrobe von Gold und Diamanten blitzt. Die ſchöne Clary Moulin hat ſich mit einem ganzen Fir⸗ mament von Sternen umgeben, am koſtbarſten aber ſtrahlen doch der königliche Halsſchmuck und das kai⸗ ſerliche Diadem. Der ſtattliche Lakai, obgleich an den Glanz der Höfe gewöhnt, ſtutzt doch vor ſo viel Schönheit zurück, denn er hat ſich keine Idee von ſolch königlicher Frei⸗ gebigkeit gemacht. Er weiß nicht, daß die kluge Tänzerin am Mittage ſowohl den Halsſchmuck als das Diadem durch einen Juwelier um eine Anzahl Diamanten hat verſchönern laſſen, entweder um zu prahlen oder aber es Sr. Ho⸗ 120 heit ſo ſchwer als möglich zu machen, dieſen Glanz noch zu übertreffen. Clary Moulin umhüllte jetzt ihr Sternenfirma⸗ ment mit einer Wolke von echtem Zobel und folgte ihrem Trabanten in den vor der Thür haltenden Wagen, der in der That einer Königin der Nacht oder einer Tänzerin(was daſſelbe ſagen will) ſehr würdig iſt. Der Wagen ſchließt ſich hinter der Göttin und fort geht es durch Straßen und Plätze, durch Bar— ridren und Fortificationen. Nach etwa halbſtündiger ſchleuniger Fahrt hält der Wagen. Der ſtattliche Lakai öffnet die Thür deſſelben. — Belieben Madame auszuſteigen, fragt er höflich. — Sind wir da? flüſtert die Schöne, deren klei⸗ ner Fuß ſchon vor Ungeduld zittert... Aber ich ſehe ja die Villa Sr. Hoheit nicht? Sie hat inzwiſchen den Wagen verlaſſen und merkt wohl, daß ihr Fuß einen Raſenplatz berührt, ſie ſieht aber nichts als entlaubte Büſche und Bäume, über welchen der Himmel ſeinen ſchwarzen Dom wölbt. — Sr. Hoheit Villa iſt ganz in der Nähe! ant⸗ wortet der Lakai; aber ich habe etwas Wichtiges vergeſſen. Se. Hoheit wünſchen nämlich, Sie in einer 121 Ihrer Rollen zu ſehen, in welcher Sie die Welt be⸗ zaubern. — Aber mein Gott, wie ſo das? fragt die Tän⸗ zerin, beſorgt umherſchauend. — Es würde Sr. Hoheit unendliches Vergnügen bereiten, wenn Sie bei Ihrem erſten Zuſammentreffen ſich ihm als Sylphide präſentirten. — Als Sylphide? ruft die Tänzerin immer un⸗ ruhiger. Aber bedenken Sie doch, mein Herr, daß.. Und warum ſagten Sie denn das nicht, ehe wir abfuhren?.. Sie ſehen doch ein, daß dies jetzt unmöglich... — Für Clary Moulin iſt nichts unmöglich, fällt der Bediente ein. Sie müſſen ſich Sr. Hoheit als Sylphide zeigen, denn dies war ſein ausdrücklicher Be⸗ fehl... Als luftige, fliegende Sylphide!... Paupin! ſetzte er hinzu; kommen Sie und helfen Sie der Syl⸗ phide den Zobelpelz abnehmen.... Eine Sylphide im Pelz... unerhört! Der Kutſcher ſprang herab, zog ein Meſſer aus der Taſche und zerſchnitt das Band, welches den Pelz über den ſchönen Schultern hielt. — Verrath! Hülfe, Hülfe! ſchreit die Tänzerin, die ſich jetzt ihrer Lage bewußt wird. — Still, Sie vergeſſen Ihre Rolle! ruft der Lakai. 122 Eine Tänzerin iſt flink, aber auch ſtumm wie ein Fiſch... Kein Wort, ſchöne Clary, ſofern Sie nicht morgen unter einem Marmordach auf dem Kirchhof Pdre-Lachaise wohnen wollen! — Man mordet mich! Zu Hülfe! jammert die arme Clary. — Nein, man giebt Sie nur der Kunſt zurück, die Sie ſo treulos verlaſſen! antwortet der Lakai, in⸗ dem er ihr einen Schmuck nach dem andern abpflückt. — Meine Juwelen! Meine Juwelen! klagt die Tänzerin. — Gehören nicht zur Rolle! erklärt der Stattliche. Schönheit und Unſterblichkeit ſind die Juwelen der Sylphide.. Welch ein herrliches Diadem!... Und dieſer Halsſchmuck!... Sie behalten aber Ihre ſchön⸗ ſten Juwelen, Ihre wunderbaren blitzenden Augen, reizende Clary! Wirklich ſind dieſe auch das einzige Blitzende, was der armen Clary verbleibt. Alles Uebrige iſt ſchnell in den weiten Taſchen des Lakaien verſchwunden. Ver⸗ zweifelt ringt ſie ihre nackten Hände. — Sie beginnen zu früh, ſchöne Künſtlerin! er⸗ innert der Lakai; erſt wenn Sie Ihren Schleier ver⸗ loren, geräth die Sylphide in Verzweiflung. Eine Sylphide in ſchwarzem Sammet! Hat man ſo et⸗ 123 was erlebt!... Bitte, verhalten Sie ſich ſtill, wäh⸗ rend ich.. — Großer Gott, man will mir doch nicht auch... — Dieſe ſchwere Sammetſchleppe nehmen, die Ihre Bewegungen hindert, allerdings!... Frei müſ⸗ ſen die Grazien ſein!... Mein Gott, wie eng Sie geſchnürt ſind; Sie müſſen ja erſticken!... Endlich!.. Paupin, legen Sie den Sammetmantel in den Wagen; jetzt erſt iſt die Sylphide frei... Welch göttliche Arme Sie haben!... JZetzt erſt begreife ich, daß Sie die ganze Welt umarmen konnten! — Zum Teufel ich höre Lärm auf der Landſtraße! rief Paupin's Baßſtimme vom Wagen herab. — Schnell fort, rief auch der Lakai und ſprang in den Wagen, der pfeilſchnell davon jagte.. Clary Moulin, weiß wie ein Geſpenſt der Nacht und mit aufgelöſtem, um ihre Schulter flatterndem Haar, eilt mit ausgeſtreckten Armen der Richtung zu, in welcher ſie das Geräuſch hört. Ein feiner Staub⸗ regen ſtreut zu den Füßen der Sylphide ſeine himm⸗ liſchen, aber anſpruchsloſen Perlen aus. Wenige Se⸗ kunden ſpäter iſt Alles wieder ſtill. — Hundert und fünf tauſend Franck, nur in Steinen! rief Bredot, der jetzt ſeine Arbeit mit dem 124 dritten Beutel beendet, faſt zu Thränen gerührt. Sie ſind ein Goldmenſch, Plichon! ſetzte er hinzu, während er in Plichon's ausgeſtreckte Hand zwei Rollen mit Goldſtücken legte. — Entweder meine Hand iſt ſtärker geworden, ſeit ich zum letzten Mal hier war, oder dies ſind we⸗ niger als dreitauſend Francs, ſagte Plichon, die Rol⸗ len wiegend. — Es ſind auch nur zweitauſend, antwortete Bredot. — Zwei tauſend für hundert und elf tauſend! ſeufzte Plichon. — Aber bedenken Sie, wandte Bredot ein, daß Sie dieſelben nach Belieben vervielfachen können, während ich dieſe hunderttauſend nur mit der höchſten Gefahr in baares Geld umſetze. — Gut, ich will für heute zufrieden ſein! ſagte Plichon, ſich erhebend. — Sie wollen gehen, Plichon? — Ja, es giebt vollauf zu thun in den Straßen, ganz Paris iſt in Aufregung. — Hüten Sie ſich nur, in Zukunft nicht wieder ein Terzerol anſtatt eine Börſe in fremden Taſchen zu attrapiren, wie damals auf dem Vendome-Platz!... Apropos, iſt Ihnen der junge Arbeiter, mein früherer Nachbar, nicht wieder begegnet? Er ſoll ſich wieder gezeigt haben. 125 — Ich ſehe dergleichen Volk kaum noch an; ich gehe nur mit den höhern Kreiſen um. — So laſſen Sie künftighin auch die Taſchen ſolcher Leute in Ruhe. — Das geſchah nur des Handgriffs wegen, um nicht aus der Uebung zu kommen. Ein Soldat muß ja auch oft laden und mit loſem Pulver ſchießen, um das Laden nicht zu verlernen. — Ich wollte nur damit ſagen, daß Sie ſolche Kindereien unterlaſſen ſollen, die uns früher oder ſpä⸗ ter ins Verderben bringen müſſen. — Sie bezweifeln meine Geſchicklichkeit?... Ich fühle mich glücklich, Sie vom Gegentheil überzeugen zu können. — Wie ſo? — Ehe Sie den dritten Beutel ſchloſſen, verſteck⸗ ten Sie unbemerkt in einer Ihrer innerſten Taſchen einen Ring mit einem Diamanten, der größer iſt als alle übrigen... Sie ſcheinen die großen Diamanten zu lieben? Bredot fuhr ſich betroffen nach der Taſche. — Bemühen Sie ſich nicht, hier iſt er! ſagte Plichon ironiſch lachend. Plichon verbeugte ſich zugleich ſehr höflich; Bredot, etwas verlegen, ergriff das Licht und leuchtete ſeinem 126 Conſorten hinaus. Wieder zurückgekehrt, nahm er die auf dem Tiſch liegenden drei Beutel und näherte ſich dem Kamin. Hier faßte er eine Zange und ſchob die Aſche mit den glühenden Kohlen bei Seite. Dann hob er einen Stein aus dem Kamin und ließ die drei Beutel in dem unter dem Stein befindlichen hohlen Raum verſchwinden. Eben noch beſchäftigt, die Aſche wieder an ihren Platz zu ſchieben, hörte er eine Glocke im Vorderzim⸗ mer. Aufmerkſam lauſchte er auf dieſelbe, nahm aber⸗ mals das Licht, trat hinaus und kehrte, vom Baron St. Bris gefolgt, in ſein Arbeitszimmer zurück. Der Letztere warf ſich, ohne den Mantel abzulegen, in einen Stuhl. — Sie kommen zu Fuß, Herr Baron? — Nein; ich ließ mein Cabriolet an der Ecke halten und nach Hauſe fahren... Es iſt augenblick⸗ lich nicht ſehr rathſam, in Cabriolets zu fahren. — Es fängt alſo an, ernſthaft zu werden? fragte Bredot heiter. — Paris ſieht wenigſtens ſehr ernſt aus und das hat, wie Sie wiſſen, ſtets etwas zu bedeuten... Apropos, wie ſteht es mit unſerer Angelegenheit? — Ich werde thun, was ich vermag! — Gut, ſo überlaſſe ich die Sache ganz Ihrer 127 Geſchicklichkeit... Haben Sie inzwiſchen nicht die Spur des Arbeiters gefunden? — Ich habe meine Leute nach allen Richtungen ausgeſchickt. — Es iſt nothwendig, ihn zu finden, vielleicht iſt es ſogar das Allernothwendigſte. — Ich weiß es. — Zwanzigtauſend Franc für den erſten Dolch⸗ ſtoß, der ſein Herz trifft! — Mein früherer Nachbar iſt alſo mehr werth, als er jemals geahnt hat. — Haben Sie Flauret heute geſehen? — Unſern berühmten Doctor Leviſiere? Ja, er war vor einigen Stunden hier. — War er zufrieden? — Er ſchien heute ganz zufrieden zu ſein. — Aber morgen iſt er es vielleicht nicht? — Flauret's Laune iſt ſehr veränderlich und ſeine Zufriedenheit iſt ſelten von langer Dauer. — So iſt es vielleicht nothwendig, ſeine Laune gleichmäßiger und ſeine Zufriedenheit von ewiger Dauer zu machen! — Unſere Gedanken ſtimmen ganz überein! ſagte Bredot mit widrigem Grinſen.. Inzwiſchen iſt aber 128 unſer edler Herzog ein ſehr reicher Mann! ſetzte er nach einer Pauſe hinzu. — Ja, und unſer edler Herzog ſoll mit ſich theilen. — Und unſere bezaubernde Marquiſe? — Sancta Eulalia hat augenblicklich den ſoge⸗ nannten Abbe St. Romme und das ganze Collegium bei ſich. Die Unterhaltung wurde durch viermaliges Ziehen an der Glocke unterbrochen. — Einer von den Unſern! ſagte Bredot, ſich er⸗ hebend. Baron St. Bris nahm eine ſchwarze Sammet⸗ maske hervor, die er bisher unter dem Mantel ver⸗ ſteckt, und legte dieſelbe vor das Geſicht. X. Der bluue Fnnn. In der niedern Parterre-Wohnung eines Hauſes in der Rue de la Paix, einer der ſchönſten in der Nähe des Vendome-Platzes und des Boulevards be⸗ legenen Straße wohnte und wohnt vielleicht noch heute ein alter Mann, der ſeit langer Zeit in Paris unter dem Namen„der blaue Mann“ bekannt war und dieſe Bezeichnung dadurch ſich erworben hatte, daß man ihn ſeit Menſchengedenken nur in einem hellblauen Rock, gleichfarbigem Pantalon und Mütze geſehen hatte. Niemand wußte ihn mit einem andern Namen zu bezeichnen, ja, wenn er von ſich ſelbſt ſprach(was ſehr ſelten geſchah), ſo titulirte er ſich ſelbſt der blaue Mann. Was er war, was für einen Stand oder Gewerbe er in der Geſellſchaft inne gehabt, davon war nichts bekannt. Was man aber allgemein wußte, war, daß Armand. II. 9 130 der blaue Mann während einer Reihe von vierzig Jahren tagtäglich die am dichteſten und namentlich von der Armuth bewohnten Stadtviertel durchſtreifte und an alle ihm begegnenden Bedürſtigen Almoſen austheilte. Nicht genug hiermit: er ſtieg auch die dunkelſten und ſteilſten Treppen hinauf um der Noth zu helfen, die nicht Kraft genug beſaß, auf die Straße herab zu ſteigen und ſich der Welt zu zeigen. Er begann ſeine Wanderungen zeitig des Mor⸗ gens und kam erſt ſpät in der Racht zurück. Er war in ſteter Bewegung für Andere; nie aber hatte man geſehen, daß er einem Vergnügen, einem Schauſpiele oder einem Volksfeſte beigewohnt. Durch langjährige Erfahrung hatte er ſich gelehrt, die wahre Noth von der geheuchelten zu unterſcheiden, er wußte alſo beſſer in den verſchiedenen Volksvierteln Beſcheid als die Polizeikommiſſarien mit allen ihren Beamten. Auf dieſe Weiſe hatte er es 40 Jahre hindurch getrieben; ſein Haar war inzwiſchen weiß geworden und lag wie ein Silberkranz um ſeinen nackten Schei⸗ tel. Seine kurzen Beine jedoch ſchienen vom Alter noch nicht gelitten zu haben. Sein Rücken hatte ſich vielleicht in den letzten zehn Jahren ein wenig gekrümmt, 131 aber trotzdem trug er ſein Haupt noch eben ſo gerade wie in ſeiner Jugend, und der Blick, welchen er zum Himmel richtete, glänzte von jugendlichem Feuer. Sein Antlitz hatte manche Falte, aber wenn er lächelte, ver— ſchwanden dieſelben, und er lachte oft, denn er ſprach viel mit ſich ſelbſt, und immer lächelnd. Was er ſprach, wußte man nicht, aber es mußte etwas Gutes ſein, nach ſeinem Lächeln zu urtheilen. Man ſagte, daß er weder Verwandte, noch nähere Be— kannte habe, daß ihn Niemand beſuche, daß er ſich ſo— gar auf der Straße nie in Jemandes Geſellſchaft zeige. Niemand gehört dem blauen Mann, obgleich er ſelbſt der ganzen Welt angehört. Man hatte berechnet, daß der blaue Mann täglich eine anſtändige Summe für Almoſen ausgebe, aber Niemand wußte, woher er das Geld nahm, weil er nie einer philantropiſchen oder Wohlthätigkeits⸗Geſell— ſchaft, weder im In- noch im Auslande angehört; man vermuthete, daß er in ſeiner Jugend ein großes Kapital geerbt habe. Die Abergläubigen meinten, er ſtehe in Verbindung mit unſichtbaren Mächten, guten oder böſen, Niemand aber wagte zu behaupten, daß er ihm jemals einen Pakt mit Blut oder rother Dinte habe unterſchreiben müſſen. 9* 132 Der blaue Mann hatte nie ein anderes Lokal inne gehabt, als die Parterrewohnung in der Rue de la Paix. Gewiß hätte man ihn gern aus dieſer Woh⸗ nung verdrängt, um dieſelbe in einen Laden umzu⸗ wandeln, aber wie oft auch das Haus inzwiſchen den Wirth gewechſelt, der blaue Mann ließ ſich nicht fort⸗ bringen. Da die Beſitzer ihn auf Grund eines alten Contractes nicht los werden konnten, ſo ſuchten ſie ihn durch Steigerung des Miethzinſes zu verjagen, und namentlich zwei Wirthe hatten ſich gegen ihn einer ſchändlichen Prellerei ſchuldig gemacht. Aber man er— zählte auch, daß der Eine kurze Zeit darauf Bankerott gemacht und der Andere eines Morgens an einem Fenſterkreuz gefunden worden, an welchem er ſich erhenkt. Die ſpäteren Beſitzer des Hauſes mochten dies viel⸗ leicht als eine gerechte Strafe Gottes angeſehen haben, und um ſich den Segen des Himmels zu ſichern, hat⸗ ten ſie die Miethe wieder herabgeſetzt. Seitdem hatte man weder von Bankerott noch Erhenkungen gehört. Daß den blauen Mann Niemand beſuchte, war wohl ſehr natürlich, denn da er ſchon ſehr zeitig aus⸗ ging, blieben ſeine Fenſterladen den ganzen Tag hin⸗ durch geſchloſſen, und ſein Stubenſchlüſſel befand ſich ſtets in ſeiner Taſche. Der blaue Mann beſaß nicht einmal eine Magd, einen Diener oder eine Aufwärterin, welche Viſiten⸗ karten hätte in Empfang nehmen können, falls Je⸗ mand geneigt geweſen wäre, eine ſolche bei ihm ab⸗ zugeben. Neugierige, die gern hatten ſehen wollen, wie die— ſer Mann, der doch reich ſein mußte, ſich ohne alle Dienerſchaft behelfen könne, hatten zeitig ihr Bett ver⸗ laſſen, um an dem niederen Parterrefenſter vorbei zu gehen. Sie hatten dies Fenſter offen gefunden und den blauen Mann geſehen, wie er beſchäftigt war, ſein Bett zu machen und ſeine Stube zu reinigen. Trotz all ihrer Neugierde hatten ſie in dem Zim⸗ mer an Meublement nichts als das dürftige Bett, einen einfachen Stuhl und einen Tiſch bemerken kön— nen, auf welchem letzteren ein halbes Dutzend Bücher mit häßlichen, vom Alter vergilbten Pergament⸗ deckeln lag. Ein einziges Möbel war jedoch noch erwähnens⸗ werth, nämlich ein etwa drei Fuß hoher Stein in Form eines Altars, der an der Wand ſtand. Aber auch dieſer Altar hatte keinerlei Schmuck, nicht ein⸗ mal ein Crucifit. Was konnte ein ſolcher Altar be⸗ deuten? Niemand hatte den blauen Mann in der Kirche geſehen, Niemand gehört, daß er vor irgend einem 134 Prieſter gebeichtet. Wenn alſo der blaue Mann keine Gottesfurcht beſaß, wozu dieſer Altar? Trotz alledem und all dem Gerede und Mißtrauen der Nachbarn brauchte der blaue Mann ſich nur in irgend einem Volksviertel zu zeigen, ſo rief man über⸗ all: Seht, da iſt der blaue Mann! und Aller Häup⸗ ter entblößen ſich vor ihm, Aller Blicke folgten ihm und Thränen der Dankbarkeit glänzten auf dem Wege des blauen Mannes. Er aber wendet ſich nie zurück, um ſich an ihnen zu freuen oder auf ſie ſtolz zu ſein. Die Regierung, entzückt über einen Mann, der ſo uneigennützig nicht nur die Armen ernährte, ſondern ſie auch zur Geduld und zum Frieden ermahnte, ſchlug den blauen Mann im Jahre 1840 zum Ritter der Ehrenlegion. Der Tag aber, an welchem er zum Ritter ernannt ward, war fuür den blauen Mann ein Tag des Kummers. Anfangs weigerte er ſich, den Orden anzunehmen, man ſagte im aber, das ſei nothwendig um des Bei— ſpiels willen. Wenn nur, ſo ealculirte man, ſich erſt ein Ordensband im Volksviertel zeigte, ſo kommen noch mehrere hinterdrein, und je mehr Ordensbänder, deſto mehr Almoſen. So ſagte man, und dies hatte in der That ſeine 135 Wirkung. Er heftete alſo Band und Stern an den blauen Rock, und begann, ſo ausgerüſtet, ſeine Wan⸗ derung. Auf den Boulevards lachte man nicht mehr über ihn wie über eine poſſierliche Figur. Wenn er in die Volksquartiere kam, umgab ihn eine Menge von Leu⸗ ten, von denen Einige ihm zu dieſer Ehre gratulirten, während Andere ihr Mißvergnügen darüber ausſprachen, daß man ihn nicht, anſtatt zum einfachen Ritter, zum Offizier der Ehrenlegion ernannt. Die Meiſten jedoch murmelten, der Stern werde bald alle die ſchö⸗ nen Almoſen aufeſſen. Der blaue Mann grämte ſich bald, daß der Stern ſo wenig Segen bringe; aber er trug ihn doch gedul⸗ dig drei Monate lang, immer erwartend, daß ſich noch andre Sterne an dem dunklen Horizonte des Volks⸗ lebens offenbaren würden. Er wartete vergebens. Nur des Himmels Sterne leuchten im Dunkel, die der Erde haben die Natur der Planeten und können nur leuchten, wenn ſie ſich gegen die Sonne wenden, von der ſie ihren Glanz erhalten. Nach Verlauf dieſer drei Monate legte der blaue Mann die Ehrenlegion ab und man behauptet, daß er dieſelbe in Almoſen verwandelt habe. 136 Gegen Abend alſo ſaß der blaue Mann an dem geöffneten Parterrefenſter ſeiner Wohnung. Seit lange hatte man ihn nicht um dieſe Zeit ſchon zu Hauſe geſehen und er ſelbſt ſchien auch keineswegs damit zufrieden zu ſein. Er war bleich, gedanken⸗ voll ſtarrte er in die immer dunkler werdende, leere Straße. — Ein verlorener Tag! murmelte er vor ſich hin... Ein für immer verlorener Tag!... Nie⸗ mand im Faubourg du Temple, Niemand im Fau⸗ bourg St. Antoine hat ſeinen alten Freund auch nur anſehen wollen!... Man kennt ihn nicht mehr, man hört ihn nicht mehr, man ſtößt ſeine Hand zu⸗ rück... Ich habe meine Kinder, meine Freunde verloren!. Meine Kinder ſind Hyänen, meine Freunde ſind Tiger geworden!... Sie wenden ſich gegen mich; ſie haben mein Blut geſchont, aber mein Herz zerriſſen! Der blaue Mann barg ſein Antlitz in den Hän⸗ den. Er trauerte darüber, daß Niemand heute von ſeinem Almoſen hatte wiſſen wollen. Plötzlich ſtörte ihn das Geräuſch eines Wagens aus ſeiner Trauer, er ſchaute zum Fenſter hinaus und ſah einen geſchloſſenen Wagen vor dem Nebenhauſe 137 halten. Sich weiter nicht um denſelben kümmernd, ſank er wieder zurück. — Es wird wie 1830! ſeufzte er. Blut wird in den Straßen fließen, Häuſer werden in Flammen auf— gehen, Kinder werden vaterlos und die Weiber werden Wittwen werden... Wittwen und Waiſen! wieder⸗ holte er; o, ich werde viel zu thun bekommen! Eine ganz in der Nähe ſeines Fenſters gepflogene halblaute Unterhaltung ſtörte ihn aus ſeinen Betrach⸗ tungen. Er lauſchte. — Flauret! hörte er leiſe rufen. — Ja, Monſeigneur! — Haſt Du Ordre bekommen? — Ja! — Du fährſt erſt über den Vendome-Platz und gerade aus zur Rivoliſtraße. — Ich weiß ſchon! — Du fährſt die Rivoliſtraße entlang, bis Du an dem nördlichen Flügel des Tuilerien⸗Palaſtes vor⸗ beikommſt. — Ja! — Dann biegſt Du rechts zum Carouſſel-Platz ein. — Zu Befehl! — Fährſt durch den ſüdlichen Flügel des Schloſ⸗ 138 ſes, und wenn Du auf dem Quai des Louvre biſt, fährſt Du über den Pont National. — Ich verſtehe! — Dieſen Weg fährſt Du wie gewöhnlich, biſt Du aber über die Brücke, ſo ſputeſt Du Dich. — Soll geſchehen! — Fährſt ſo raſch wie möglich und wählſt den nächſten Weg zur Straße St. Etienne. Dort hältſt Du an. — Soll ich vor's Haus fahren? — Du bleibſt an der Ecke der Rue des Foſſées und der Straße St. Etienne. Dort erwarteſt Du weitere Ordre. — Vom Baron? — Ja, vom Baron! Du vergißt nichts von dem, was ich Dir geſagt? — Nein, Monſeigneur! — Gut! Wenn Alles gelingt, ſo iſt Deine Zu⸗ kunft geſichert. — Es wird gelingen, Monſeigneur! Das Geſpräch hörte auf. Der blaue Mann hörte eine Hausthür öffnen und ſchließen. Es ward wieder ſtill in der Straße. — Flauret! murmelte der blaue Mann. Sein Name!... Es war auch ſeine Stimme!... Kann 139 er es geweſen ſein, der in der ſtolzen Livrée auf dem Kutſcherbock ſaß?... Aber mit wem ſprach er?.. Wer war der Monſeigneur?... Was kann eine ſo vornehme Perſon mit Flauret zu ſchaffen haben? Der blaue Mann verſank abermals in Nachdenken. Xl. Biel für einen verlorenen Tag. Es war gegen 7 Uhr, als ein junges Paar, Arm in Arm vom Boulevard in die Rue de la Pair einbog. Wir erkennen in ihnen Felix und Colette, die beide im angelegentlichſten Geſpräch begriffen waren, denn es handelte ſich zwiſchen Beiden um nichts Geringeres als um ihre Hochzeit. — Du haſt alſo der Herzogin ſchon davon geſagt, liebe Colette? fragte Felix. — Ich habe ihr davon geſagt und ſie hat mir eine tüchtige Ausſteuer verſprochen, lieber Felix! ant⸗ wortete Colette. Du glaubſt mir vielleicht nicht, wenn 6ch Dir ſage, daß ſie uns dreißigtauſend Franch zu r Einrichtung geben will. reißigtauſend Francs! rief Felix, indem er ſtehen blieb. 141 — Außerdem hat ſie verſprochen, uns auch ferner⸗ hin nützlich zu ſein, wenn wir ihrer bedürfen. — Sie hält alſo doch viel von Dir, die gute Herzogin! — Ich meine auch, ſie hätte Urſach, mit mir zu⸗ frieden zu ſein!... Aber mir ſcheint dabei doch, als wenn ſie nicht ganz allein um meinetwegen ſo viel Geld hergäbe. — Und für wen ſonſt? — Die Herzogin'ſetzt großen Werth auf Deinen vortrefflichen Couſin, Felir! — Auf Armand? — Auf denſelben!... Ich weiß nicht, was für Dienſte Dein Couſin der Herzogin hat leiſten können, als ſie aber hörte, daß ich mich mit einem ſo nahen Verwandten deſſelben verheirathen werde, da ward ſie heiterer als ich ſie ſeit lange geſehen... Ich glaube, wenn ich hunderttauſend Francs von ihr begehrt hätte, ſie würde mir ſo viel gegeben haben! — Das iſt brav von ihr!.... Wir ſind alſo reich, Colette! — Aber wir müſſen doch anfangen, als wären wir arm! bemerkte die verſtändige Franzöſin, denn nur auf dieſe Weiſe können wir wirklich reich wer⸗ den und der Zeit entgegen ſehen, wo ich alle Abende ins Theater gehen und Du Deine Cigarre zu vier 142 Sous rauchen kannſt. Unter dieſem Geplauder näherten ſie ſich dem Hauſe der Herzogin. Als ſie vor der Thür deſſelben ſtanden, hörte ſie Geräuſch drinnen und einer der Diener, der ſie entdeckt hatte, ſprang eilig auf Colette zu. — Ach, welch ein Unglück! Welch ein entſetzliches Unglück! jammerte er. — Ein Unglück?... Was iſt paſſirt? — Die Herzogin..„ — Was iſt mit der Herzogin? rief Colette er⸗ ſchreckt. — Sie iſt fort gefahren... — Nun?.... Sie wollte ja am Nachmittag ausfahren! Colette mußte ſich auf Felix Arm ſtützen, um nicht zu Boden zu ſinken. Ihnen, Aber Sie iſt entflohen! Die Herzogin? Ja, entflohen mit dem Baron! Mit welchem Baron? St. Bris! Das iſt unmöglich! rief ſie endlich. Ich ſage es iſt unmöglich! Aber es iſt doch wahr! bezeugte einer der 143 Diener des Herzogs herzutretend. Die Herzogin wollte, wie ſie vorgab, um 4 Uhr nach dem Trauer⸗ hauſe fahren, und dies geſchah auch... Eine Stunde darauf erhielt der Herzog einen Brief... — Von der Herzogin? — Nein, vom Baron St. Bris! — Und in dieſem Brief?. — Und in dieſem Briefe, welchen der Herzog, faſt wahnſinnig vor Schmerz und Wuth, uns Allen, vorlas. — Nun? Und was las der Herzog vor? rief Colette in namenloſer Beſtürzung. — Der Baron zeigte ihm ganz einfach an, daß er und die Herzogin, die nicht ohne einander exiſtiren könnten.. — Die nicht ohne einander exiſtiren können! wie⸗ derholte Colette. Der Baron und die Herzogin!... Das iſt eine ſchändliche Lüge!.... Eine Lüge, ſo ſchwarz wie die Nacht! — Aber ſo ſteht es doch in dem Briefe des Barons! — So? Und was ſteht denn weiter darin? — Wer kann das Alles im Gedächtniß behal Es war Alles recht artig geſchrieben und auch Gruß von der Herzogin... 144 — Schändlich! rief Colette. Und wohin ſollen ſie ſich begeben haben? — Das hüteten ſie ſich wohl zu ſagen, meinte der Bediente. — Aber die Herzogin... hat ſie nichts ge⸗ ſchrieben? fragte Colette. — Das weiß man nicht... Es iſt wohl möglich, daß ſie früher oder ſpäter dem armen Herzog einige Troſtesworte ſchreiben wird, denn ſie war ja ein ſolcher Engel an Güte, Ihre ſchöne Herzogin! ſetzte der Diener ironiſch hinzu. — Ein ſchöner Engel! warf ein andrer Lakai ein Aber ich ahnte wohl, daß es ſo enden werde! ... Der Baron un flatterte ſie ja überall wie ein Schmetterling die Blume! — Das iſt eine ſchändliche Intrigue! Das geht nimmermehr mit rechten Dingen zu! rief Colette. — Nein, das thut es auch nicht, ſagte der Be⸗ diente; ich für meinen Theil hab' es wenigſtens nicht auf dem Gewiſſen, daß ich ſah und die Augen ſchloß, daß ich hörte und doch ſchwieg. — Und was haben Sie geſehen und gehört? — Das Verhältniß der Herzogin zu dem Baron! warnte den Herzog, aber er war ja taub gegen eine Warnungen. 145 — Aber ich, die ich täglich bei ihr war, habe doch nichts geſehen und gehört! erklärte Colette mit Entſchiedenheit. — Ach, die Frauenzimmer ſehen und hören auf ihre Weiſe!.... Wenn es ſich um eine Liebesge⸗ ſchichte handelt, haben ſie ganz eigenthümliche Augen und Ohren!... Ich wette darauf, Mademoiſelle Colette, daß Sie mehr als ein Liebesbriefchen von der Herzogin zu dem Baron getragen und um nicht mit leeren Händen zurück zu kehren, manchen Louisd'or in die Taſche geſteckt haben. — Verläumder! rief Colette, zitternd vor Auf⸗ regung. — Mein Herr! miſchte ſich Felix in das Geſpräch; es könnte mir einfallen, Ihnen für ewig den warnen⸗ den Mund zu ſchließen, wenn Sie ihn nicht freiwil— lig halten. Die Bedienten antworteten mit einer Lachſalve. Der Lyoneſer riß ſich von Colette's Arm los, um ſeinen Einfall unverzüglich ins Werk zu ſetzen. — Felix! bat Colette, ſich aus Leibeskräften an ihn klammernd. Felix, keine Uebereilung! Es giebt Beleidigungen, die zu rächen unter unſrer Würde iſt! .O, meine arme Herzogin! Man hörte eine Glocke lärmen. Armand. II. 146 — Der Herzog! riefen die Bedienten, ſich eilig aus der Hausthür zurückziehend und verſchwindend. — Wollen denn Mademvoiſelle Colette nicht ein⸗ treten? fragte der Portier. Colette antwortete nicht. An Felir' Arm hangend, ſchien ſie taub für Alles umher. — Sie lieben die Abendluft, Mademoiſelle!.. Meinetwegen, ſagte der Portier. Sehen Sie ſich nur vor, daß Sie nicht von der Patrouille entführt wer⸗ den, was noch ſchlimmer iſt, als von einem Baron entführt zu werden. Der Portier trat ins Haus und ſchloß die Thür hinter ſich. Felir und Colette ſtanden, in ſich verſunken, unſchlüſſig und verſtimmt, auf der Straße da. Sie hörten nicht die ſchnellen Tritte einer Perſon, welche vom Boulevard her die Straße herauf kam. — Armand! rief Felix plötzlich. — Seid Ihr's? fragte Armand's Stimme.... Ich wollte eben nach der andren Seite der Seine, da ich aber Felir bei Ihnen vermuthete, Fräulein Colette ſo wollte ich unterweges hier vorſprechen und Ihnen einen vergnügten Abend wünſchen. — Einen vergnügten Abend! wiederholte Felir düſter. Es ſieht ſchlimm, ſehr ſchlimm aus! 147 — Ja, Herr Armand! ſetzte Colette ſchluchzend hinzu... Ein entſetzliches Unglück! — Aber ſo ſprecht doch! rief Armand beſtürzt, als ahne er, wie nahe ihn dies Unglück angehe... Um des Himmels willen, ſprecht, was iſt geſchehen? — Die Herzogin... ſchluchzte Colette. — Die Herzogin! rief Armand, die Hände ſeines Couſins und Colettens ergreifend und dieſe ſo heftig drückend, daß Colette aufſchrie. Sprecht, was iſt geſchehen? Unterbrochen von Schluchzen und Wehklagen er⸗ zählte ihm Colette, was ſie ſoeben von den Bedienten gehört. Armand ſtand wie verſteinert da. — Wenn ich dies mit den Gerüchten in Zuſam⸗ menhang bringe, welche die Bedienten des Herzogs und er ſelbſt mir mit ſo viel Eifer erzählten, ſchloß Colette ihre Erzählung, ſo gelange ich zu der feſten Ueberzeugung, daß gegen meine arme Herzogin das ſchändlichſte Complot geſchmiedet worden, und daß dieſer Bubenſtreich gelingen wird, wenn der Himmel ſie nicht beſchützt. — Ja, murmelte Armand mit dumpfer Stimme. Dieſer teufliſche Plan, den ich geahnt, den ich ge⸗ fürchtet, iſt endlich gereift und gelungen.... Aber, 10* 148 ſetzte er mit geballten Fäuſten hinzu, wie will ich die Arme aus den Klauen dieſer Beſtien veißen? Wie ſoll ich ſie vor dem Verderben retten, das ihr droht?.... Ewiger Gott, gieb mir Licht in dieſer Nacht, nur einen Funken, nur eine Spur, und ich werde dieſe Räuberhöhle finden und ſollte ich den Montmartre durchgraben... Gott im Himmel, gieb mir Licht! Verzweifelt hob der arme Jüngling die Arme zum Himmel empor..... Und der Himmel erhörte ihn. — Still, und kommen Sie näher! bat eine milde Stimme ganz in Armand's Nähe. Armand, Felix und Colette wandten ſich nach der Richtung, aus welcher die Stimme ſprach und be⸗ merkten in dem offenen Parterre⸗Fenſter des Neben⸗ hauſes ein weißes Haupt. — Der blaue Mann! rief Colette, Athem ſchöpfend. — Der blaue Mann! rief auch Armand. Er ſtürzte ans Fenſter, erfaßte mit beiden Händen das weiße Haupt und küßte den kahlen Scheitel. — Still, ſtill! Sie erdrücken mich, junger Mann! keuchte der Blaue. — Sie baten mich, näher zu kommen! rief Ar⸗ mand. Sie wiſſen etwas..... Sie haben etwas 149 gehört... Ein Wort! Nur ein einziges Wort!... Mein ganzes Leben für ein einziges Wort! — Aber ſo beruhigen Sie ſich nur und laſſen Sie mich ſprechen! bat der blaue Mann. — Ich habe mich beruhigt... ich bin ja ruhig! Sprechen Sie! bat Armand, ſein Ohr dicht an den Mund des blauen Mannes legend. — Ich habe Alles gehört, was heut Abend auf der Straße geſprochen wurde, begann der blaue Mann. Ich habe gehört, was Sie ſoeben ſprachen und was Andre vor Ihnen geſprochen haben. — Sie haben gehört? — Gegen Abend ſah ich einen Wagen vor die Thür des Herzogs fahren. — Sie ſahen den Wagen? — Ich ſah einen Mann auf dem Kutſcherſitz den ich zu erkennen glaubte. — Und dieſer war..2 — Einer von jenen Unglücklichen, welche nur die Hand der Polizei vom Verbrechen zurückhalten kann, die aber ſtets auf dieſelbe Bahn zurückkehren. — Weiter! Weiter! — Ich hörte ihn mit einer Perſon ſprechen, die er Monſeigneur nannte. 150 — Das war der Herzog!... Kennen Sie den Herzog perſönlich? — Nein; aber ich hörte, wie dieſer Monſeigneur dem Kutſcher ſeine Befehle gab. — Befehle!... Der Herzog alſo gab dem Banditen auf dem Kutſcherſitz Befehle!.... Um Gotteswillen, weiter! Der blaue Mann erzählte jetzt Armand das ge⸗ heimnißvolle Geſpräch auf der Straße, das er mit angehört. — Sie ſagten, der Kutſcher habe einen Baron treffen ſollen? fragte Armand. — Ja; aber ich hörte nicht ſeinen Namen! ant⸗ wortete der blaue Mann. — Baron St. Bris! Kein Andrer als Baron St. Bris! murmelte Armand... Aber wo ſollte er den Wagen treffen?... Sie ſehen doch ein, daß dies am wichtigſten iſt, daß Alles von dieſem Orte abhängt!.... Himmel, wenn Sie dies vergeſſen hätten!... Es wäre Alles verloren! — Ich habe auch den Ort gehört..... Laſſen Sie mich nachdenken! — War es eine Straße oder ein offener Platz? — Eine Straße... Ja, es war eine Straße... 151 Es war die Rue St. Etienne, rief der blaue Mann mit ſichtbarer Freude. — Rue St. Etienne! wiederholte Armand zurück⸗ fahrend und ſich mit der Hand über die Stirn ſtrei⸗ chend.... Ja, ja! ſetzte er überglücklich hinzu, und abermals ſtürzte er ſich an das Fenſter. Der blaue Mann zog ſich ſchnell zurück; vermuth⸗ lich erwartete er eine neue Umarmung. Armand be⸗ gann zu überlegen. Felir und Colette, die bis dahin ganz Ohr geweſen, beſtürmten ihn jetzt mit Fragen. — Aber ſo antworten Sie uns doch! bat Colette. Sie ſcheinen ſo froh, ſo hoffnungsreich, und laſſen uns doch auf Kohlen ſtehen!..... Glauben Sie daß 22 — Ja, ich rette ſie! rief Armand... Ich rette ſie, oder ich ſterbe!... Wenn Sie mich wiederſehen, Colette, ſo ſehen Sie mich mit ihr... und ſehen Sie mich nicht wieder, ſo zünden Sie in der Kirche eine Kerze für Ihre Herzogin und für mich an.. Aber es wird mir gelingen; ich fühle, daß es gelingen wird... Gott, der mir den Weg gezeigt, wird mich auch ans Ziel führen! Die ſchöne Colette küßte überglücklich Armand's Hände. — Jetzt an's Werk! ſagte dieſer mit der größten 152 Entſchloſſenheit. Sie, Colette, gehen in das Haus zurück und ſtellen ſich, als glaubten Sie an dieſe Fabel.. Wenn man argwöhnte, daß Sie das wahre Verhältniß ahnen, ſo wären Sie verloren, denn dieſe Buben ſind zu Allem im Stande... Du aber, Felix, mußt ein wichtiges Geſchäft für mich ausrichten. — Ich bin bereit! erklärte Felix. — Du eilſt zum Baſtilleplatz, flüſterte Armand ſeinem Couſin ins Ohr. Dort biegſt Du in die Straße des Faubourg St. Antoine ein und findeſt an der Ecke der Straße de la bonne Grain eine Wein⸗ ſtube mit verſchloſſener eiſerner Thür, die kaum zwei Ellen hoch iſt... An dieſe Thür klopfſt Du vier⸗ mal; fragt man drinnen, wer da ſei, ſo antworteſt Du nur: Brot oder Tod! und man öffnet Dir. Ein⸗ getreten, fragſt Du nach Simon. — Gut; ich kenne ihn ja! — Haſt Du Simon gefunden, ſo ſagſt Du zu ihm, wenn ich mich nicht um zehn Uhr, wie verab⸗ redet, einfinde, ſo ſolle er, ohne auf mich zu warten, unſeren Plan ins Werk ſetzen. — Weiter nichts? — Nein!... Es iſt möglich, daß er Dich nach der Urſache meines Ausbleibens fragt, Du aber ant⸗ worteſt, es halte mich eine Sache von der höchſten 153 Wichtigkeit an einem anderen Orte zurück.... Kein Wort von dem, was Du geſehen und gehört! — Gut, ich eile! — Und ſoll denn Felix dieſen ganzen Weg allein machen? fragte Colette ängſtlich. Felir lachte über Colette's Beſorgniß. — Herr Armand, ſagte ſie, ich fürchte mich, allein in das Hotel des Herzogs zurück zu gehen; vermuth⸗ lich glaubt man, ich ahne die Wahrheit... Am klügſten wäre es gewiß, wenn ich Felix begleitete! — und vielleicht auch ſehr nützlich für ihn, ant— wortete Armand zu Beider Freude. In Begleitung einer Dame riskirt Felix nicht, von den Patrouillen angehalten zu werden.... Vergiß aber nicht, Felix, daß ich Dir verboten habe, an irgend einem Schar⸗ mützel Theil zu nehmen, das Du unterwegs treffen könnteſt! Ich habe die Verantwortlichkeit für Deine Perſon übernommen, und was auch in Paris bevor⸗ ſtehen mag, Du wirſt neutral bleiben! Felix brummte etwas vor ſich hin. — Sobald Du alſo meinen Auftrag ausgerichtet, fuhr Armand fort, läßt Du Dich durch nichts dort feſthalten, ſondern gehſt nach Hauſe.... Es wird Dir leicht ſein, mir zu gehorchen, wenn Du an Deine Mutter denkſt. Felir ſchwieg und blickte zu Boden. — Es iſt alſo abgemacht, daß ich Felix be⸗ gleite! rief Colette, ſich vor Freude in die Hände ſchlagend. — Ja, und ich bewundere Ihre Bereitwilligkeit, Mademvoiſelle Colette..... Aber ſetzt fort Lebt wohl! Felix und Colette umarmten den jungen Mann und ſprangen ihres Weges. Armand wandte ſich noch einmal zum Fenſter, in welchem das weiße Haupt ſich wieder zeigte. — Mein Herr, ſagte er, das ſeinige entblößend, nennen Sie mir morgen das Feuer oder das Waſſer, in welches ich für Sie ſpringen ſoll, und ich ſtehe Ihnen zu Dienſten. — Sie glauben alſo, daß der unbedeutende Fin⸗ gerzeig, den ich geben konnte, Ihnen von Nutzen ſein wird? fragte der blaue Mann. — Sie haben ein Menſchenleben gerettet! ant⸗ wortete Armand. — Ein Menſchenleben! wiederholte der blaue Mann und ſein Antlitz verklärte ſich. — Ja, und mehr als ein Menſchenleben! betheuerte Armand, die Hand auf das Herz legend. Sie haben die beſte und edelſte der Frauen gerettet! Armand verſchwand in der Dunkelheit. Der blaue Mann ſtand allein am Fenſter. Seufzer entrang ſich ſeiner Bruſt. — Ich danke Dir, mein Gott! flüſterte er.. Das war viel für einen verlorenen Tag! XII. Plieden dns Spnkhaus. Eben um dieſelbe Zeit, wo Felix und Colette vor der keinen Eiſenthür in Faubourg St. Antoine an⸗ langten und auf das von ihnen gegebene Signal ein⸗ gelaſſen wurden, ſtand Armand vor dem kleinen Hauſe in der Straße St. Etienne, in welchem, wie wir wiſſen, Herr Bredot wohnte. Wie dem Leſer ebenfalls bekannt, hatte Armand nach der Rückkehr von Lyon ſeine frühere Wohnung im Spukhauſe nicht wieder bezogen. Es hatte ihn ſtets ein wenig verdroſſen, daß er nie hatte entdecken können, wer eigentlich dieſer Bredot war und in welchem Verhältniß dieſer vorgebliche Geiſtliche zu den Schätzen ſtehe, die Armand in dem geheimnißvollen Keller deſſelben entdeckt. Allmählig indeß war es ihm klar geworden, daß der Baron St. Bris in irgend einer nahen Beziehung 157 zu dieſem Bredot ſtehen müſſe, und als ihm nun der blaue Mann die Straße St. Etienne genannt, fuhr es ihm ſofort durch den Kopf, daß der falſche Prieſter in der Intrigue gegen die arme Herzogin ſeine Hand mit im Spiel haben müſſe. Armand befand ſich alſo jetzt vor der Wohnung Bredots. Er begnügte ſich jedoch nicht damit, dazuſtehen und um das Haus herum zu gehen; er legte ſich ſogar auf alle Viere und zwar ſo tief, daß er mit ſeinen Augen beinahe die Straße berührte.„ Das Pflaſter der Rue St. Etienne war äußerſt ſchlecht und mangelhaft. Ganze Stellen in demſelben beſtanden aus lockerem Sande, und gerade dieſen Stellen widmete Armand ſeine beſondere Aufmerk⸗ ſamkeit. — Es unterliegt keinem Zweifel! ſagte er für ſich, indem er umher kroch; man ſieht die Spuren eines Wagens mit breiten Rädern ganz deutlich, und dieſe Spuren hier ſind genau dieſelben, welche ich an der Ecke der Straße gefunden.... hier vor der Thür aber drehen ſie ſich in einem Halbkreis herum... der Wagen hat alſo vor dieſer Thür gehalten und iſt dann denſelben Weg zurückgekehrt... hierher haben ſie die Arme gebracht..... hier muß ſie ſein und hier muß ich ſie finden! Armand warf einen Blick zu den Fenſtern Bre⸗ dots hinauf. Eins von dieſen Fenſtern war erleuchtet, zwiſchen dem Licht und den Fenſterſcheiben aber befand ſich eine Gardine, welche dem Neugierigen Alles verſteckte, was im Zimmer vorging. Armand näherte ſich der Thür; er legte behutſam die Hand auf das Schloß. Die Thür war von innen zugemacht. Er legte das Ohr an die Thür... aber er hörte keinen Laut. Was hätte er auch durch eine Thür hören ſollen! — Ich kann nicht anders als bis neun Uhr warten, das heißt, bis meine Kameraden kommen, die ich mir herbeſtellt, ſagte er für ſich... Dann ſtür⸗ men wir das Haus und ſchlagen Thüren und Wände ein; wenn es gilt, durchſuchen wir jeden Winkel dieſer Räuberhöhle, ergreifen die Schurken unde retten ſie... O, warum iſt es noch nicht neun Uhr!... — Und doch fuhr er nach kurzem Sinnen fort; es iſt noch eine ganze Stunde bis dahin, und eine Stunde hat ſechszig Minuten.... In weniger als einer Minute kann das entſetzliche Verbrechen verübt werden... Ich darf alſo nicht eine einzige Minute warten, viel weniger eine ganze Stunde... O, mein Gott, vielleicht iſt es ſchon zu ſpät!.... Ich muß ganz allein die Thür ſprengen, muß ganz allein das Haus ſtürmen, ganz allein dieſe Buben niederſchlagen, ganz allein die Arme retten!.... Aber was bleibt mir anders übrig!... Wohlan, ans Werk! Armand war entſchloſſen, die Thür zu ſtürmen, und ſchickte ſich hiezu an. Plötzlich hielt er jedoch inne. — Ich Thor! rief er aus. Ich bin unbewaffnet .. ſie ſind ihrer mehrere und können Waffen haben .. Es genügt nicht, daß ich ſterbe, denn was ſollte mein Tod ihr nutzen können!.... Wenn ich nur einen Dolch, ein Meſſer hätte!... Dieſe verwünſchten Patrouillen!... Nur um ihretwillen wagte ich nicht Waffen zu tragen! Der junge Mann ſchaute verzweifelt umher, aber vergebens ſuchte er eine Waffe. Er hoffte immer noch, ein menſchliches Weſen in der Straße zu ſehen, aber die Gegend des Spukhauſes war allzu berüchtigt, als daß man hier irgend einen Vorübergehenden, und namentlich am Abend, hätte entdecken können. Plötzlich ſchlug er ſich vor die Stirn. 160 — Narr, der ich bin! rief er aus. Ich vergeude hier die Zeit, indem ich mir den Kopf darüber zerbreche, wie ich Waffen finde, und habe doch noch einen ganzen Vorrath hier in der Nachbarſchaft, habe ſogar den Schlüſſel dazu in der Taſche! Armand verließ Bredots Haus, eilte in den be⸗ kannten Garten, ſtürzte in das verödete Haus und be⸗ fand ſich alsbald in dem Gemach, das er im vorigen Jahre bewohnt. Wie es ſchien, mußte er in dieſem Hauſe noch oft heimliche Beſuche abgeſtattet haben, denn er zog unter dem Tiſch eine Laterne hervor und zündete dieſe an. Auch das Mobiliar dieſes Gemachs war noch ganz daſſelbe; das Bett ſtand an der alten Stelle. Er zog es fort, öffnete die darunter befindliche Luke, beobachtete dabei jedoch nicht mehr die Vorſichtsmaß⸗ regeln, die wir ihn früher bei dieſer Gelegenheit an⸗ wenden ſahen. Ebenſo wenig konnte man den geheimnißvollen Draht entdecken, der früher in ſo gefährlichem Zu⸗ ſammenhange mit dem Keller geſtanden. Demnach ſtieg Armand diesmal auch viel ſchnel— ler in die unterirdiſchen Räume hinab und langte als⸗ 161 bald in ſeinem kleinen Arſenal an, in welchem ſich noch Alles in der früheren Ordnung befand. Armand ergriff ohne Zögern zwei Terzerole, lud dieſelben, und ſteckte einige Patronen zu ſich. Ebenſo nahm er einen Hirſchfänger mit breiter und ſcharf zugeſpitzter Klinge, den er um ſeine Blouſe befeſtigte. So ausgerüſtet wollte er eben ans Werk gehen als ihm einfiel, daß er noch eines Inſtrumentes be⸗ dürfe, um Thüren und Wände zu ſprengen, zu wel⸗ chem Stück Arbeit Terzerole und Säbel doch nicht ausreichten. Er unterſuchte alſo einige Büchſen, um ſich der Kolben zu bedienen, und wählte die handfeſteſte der⸗ ſelben. Doch auch dieſe ſchienen ihm nicht zweckmäßig genug; er ſtellte ſie wieder an ihren Ort und griff nach einer eiſernen Stange, die jedenfalls vortreffliche Dienſte leiſten konnte. Aber dieſe Eiſenſtange war tief in die Erde ge⸗ ſtoßen und an ihrem oberen Ende in der Wand befeſtigt. Armand erinnerte ſich jetzt, daß er ſelbſt ſie hier angebracht, um ſeinen Keller gegen jeden Einfall von Seiten des Nachbars zu ſichern. Durch dieſen Umſtand nahmen auch ſeine Ideen plötzlich eine ganz andere Wendung. Er war bisher Armand. U 11 —— — 162 nur auf Sprengung von Thüren und Wänden und dergleichen Gewaltmaßregeln bedacht geweſen.... Wohin konnte der Keller ſeines Nachbars führen?... Noch unſchlüſſig, welchen Weg er wählen ſolle, hörte er plötzlich den dumpfen Laut einer zugeſchlagenen eiſernen Thür an ſein Ohr dringen. Dieſes Geräuſch kam aus dem Nachbarkeller. Armand lauſchte und legte ſein Ohr an die Wand. Alles blieb ſtill. Entweder es iſt Jemand in den Keller drüben getreten oder auch hinausgegangen, ſagte er zu ſich um ſo aufmerkſamer. Nicht ein Laut war zu hören. Seine einmal gefaßte Idee erlangte jetzt ihre Aus⸗ führung. — Allerdings, ſagte er zu ſich ſelbſt, wird es mir gelingen durch die Hausthür in dieſe Höhle da zu dringen, indem ich dieſelbe erbreche; aber das läßt ſich ohne Lärm nicht machen... Durch dieſen Lärm ge— warnt und vorbereitet, werden die Buben ſich zur Vertheidigung rüſten und mir den Sieg ſtreitig machen ... ja, wer weiß, ſetzte er ſchaudernd hinzu, ſie können vielleicht ihr Opfer tödten, um es nicht in meine Hände gelangen zu laſſen!... — Wenn ich aber, ſetzte er nach einer Pauſe hinzu, 163 wenn ich durch ihren Keller, deſſen Verbindung mit dem meinigen Niemand ahnt, mich unbemerkt zu den Banditen hineinſchleiche, ſo gewinne ich jedenfalls dadurch ein großes Uebergewicht gegen ſie!... Mag die Eiſenthür drüben auch geſchloſſen ſein, es wird mir auf jeden Fall leichter ſein, als von der Straße aus das Neſt anzugreifen... Raſch an's Werk; aber vorſichtig!... Es iſt keine Zeit zu verlieren! Armand ſetzte die Laterne an den Fuß der Wand und riß entſchloſſen die eiſerne Stange aus dem Boden. Hierauf beugte er ſich und begann die Erde fortzu⸗ ſchaffen. Nachdem dies geſchehen, nahm er den Hirſchfänger aus der Scheide und legte ihn neben ſich. Ebenſo zog er ſeine Terzerole hervor, um, wäh⸗ rend er durch die Oeffnung kroch, nicht von dieſen beläſtigt zu ſein oder dieſelben unvorſichtiger Weiſe zu entladen; doch legte er ſie ſo, daß er nur nach ihnen zu greifen brauchte. Endlich, nachdem alle dieſe Vorſichtsmaßregeln ge— troffen, erfaßte er mit beiden Händen die verroſtete Eiſenplatte, mit welcher die Oeffnung verſchloſſen war und zog ſie behutſam zurück. Abermals lauſchte er. Nicht das leiſeſte Geräuſch war zu hören. 1 164 Er ſchaute durch die Oeffnung.... Zu ſeiner Befremdung ſah er etwas, das ihm früher nicht auf⸗ gefallen war, als er zum erſten Mal durch dieſes Loch in den geheimnißvollen Nachbarkeller gekrochen, näm⸗ lich ein Stück grauen Zeuges, das vor der Oeff⸗ nung hing. Er fühlte mit der Hand danach und berührte ein Stück groben Gewebes. Er drückte daran und fand, daß dieſes Zeug, das unbedeutend nachgab, ſtraff an der Wand ausgeſpannt war und nur einen kleinen Theil einer großen Wand⸗ bekleidung bildete. Mit der Hand zum Boden hinabreichend, über⸗ zeugte er ſich, daß dieſer Vorhang unten an einer Holzleiſte befeſtigt war. Er verſuchte dieſe Leiſte herauf zu ziehen, aber ſie ſaß am Boden feſt. Ein Stück Zeug iſt keine ganze Welt, dachte Armand. Ohne Zögern griff er nach dem ſcharfen Hirſchfänger, durchbohrte mit der Spitze deſſelben das Gewebe, ſchnitt ſich ein viereckiges Stück von der Größe der Maueröffnung heraus, um bequem hin⸗ durchkriechen zu können, und warf das herausge⸗ ſchnittene Stückchen verächtlich bei Seite. 165 Jetzt hinderte ihn nichts mehr, den fremden Keller zu betreten. Er blickte durch die Oeffnung, vermochte aber nur mit Mühe einen Ausruf der höchſten Ueberraſchung zu unterdrücken. XIII. Her Brſuch brim Bachbar. Armand's Augen wurden nämlich durch einen Lichtſchein geblendet, der ſo grell, daß er im erſten Moment glaubte, der ganze Keller ſtehe in Flammen. Armand ließ ſich indeß hierdurch nicht ſtören; er legte mit der größten Geiſtesgegenwart ſeine Waf⸗ fen in die Maueröffnung und kroch gewandt durch dieſelbe. Einmal hindurch, ſtand er ſchnell auf den Füßen; er mußte jedoch die Hand vors Auge fähren, denn er ward durch das Licht geblendet, das ihm von allen Seiten feenhaft entgegendrang. Was war aus dem früheren Keller mit ſeinen rauen, ſchwarzen Wänden und ſeinem nackten, feuch— ten Fußboden geworden! War das Gold, das Armand früher hier in gan— zen Haufen liegen geſehen, durch irgend eine Zauber⸗ 167 macht beſchworen, die Wände hinangeſtiegen, um die⸗ ſelben mit all ſeinem Glanz zu übergießen? Goldene Sterne leuchteten an den koſtbaren Pur— purtapeten, und die Decke ſtrahlte von reichen Dra— perien, deren goldene Franzen und Quaſten in das Gemach herabhingen. Am Boden breitete ſich eine der reichſten geſtickten NRatten aus, ſo koſtbar, wie ſie kaum in Paläſten zu finden. Von einer goldenen Roſette in der Mitte der Decke hing eine vielarmige Krone herab, mit der man einen der eleganteſten Pariſer Salons hätte erhellen können. Auf beiden Seiten erhoben ſich ſchlanke Kande⸗ laber. An der einen Wand brüſtete ſich ein Ruhebett mit ſeidener, von Spitzen beſetzter Decke. Ueber dieſes Bett fiel ein durchſichtiger Vorhang herab, ſo zart und duftig wie ein Schleier einer Na— jade Armand ſtand da und mußte ſich erſt die Augen reiben, um ſich zu überzeugen, daß er nicht träume. Bald aber entdeckte er einen Gegenſtand, der ihn erweckt haben würde, wenn er ſelbſt im Todesſchlafe gelegen hätte, ein Gegenſtand, den er bemerkt haben 168 würde, ſelbſt wenn er von dieſem Lichtglanz erblindet wäre. Auf einem großen, mit von Roſen durchwirktem, weißem Seidenſtoff überzogenen Divan lag, in ſich ſelbſt verſunken und zurückgelehnt, ein junges Weib in ſchwarzem Kaſimir-Kleide, welches Buſen und Hals bedeckte. Unbeweglich hingen ihre Arme herab. Ein ſchwar— zes Sammetband, mit Blonden von derſelben Farbe garnirt, ſchaute zwiſchen den dicken Haarflechten hervor. Armand's Blick überflog ſchnell dieſe einfache Trauer— kleidung und haftete auf dem Antlitz des jungen Wei⸗ bes, deſſen reine, edle Züge die Bläſſe des Todes zeig⸗ ten und deren Augen geſchloſſen und von den langen ſchwarzen Wimpern beſchattet waren. Armand näherte ſich auf den Fußſpitzen dem blei⸗ chen, in Trauer gekleideten Weibe und beugte ſich mit verhaltenem Athem über ſie. Es war ihm, als habe ſein eigenes Herz aufge⸗ hört zu ſchlagen. Er näherte ſein Ohr leiſe den bleichen Lippen, um ihren Athem zu belauſchen, und glaubte den leiſen Hauch eines erſterbenden Abendwindes zu fühlen. Indeß beunruhigt durch ihren unbeweglichen, be⸗ wußtloſen Zuſtand, beugte er das Knie vor dem 169 Divan und wagte die herabhängende weiße Hand zu berühren. Kaum aber geſchah dieß, als ſich die zarten Finger konvulſiviſch zurückzogen, als ſei ein Funke auf dieſelben gefallen. Ein Paar große blaue Augen mit dem Ausdruck halben Wahnſinns öffneten ſich und ſchloſſen ſich ſo— fort wieder. — O mein Gott! hauchte es matt über die blei⸗ chen Lippen. Erſchreckt hob Armand ſeine Knie von der Matte und ſtand jetzt aufrecht vor dem jungen Weibe, bis allmählig das Leben auf ihre matten Geſichtszüge zurückzukehren begann. Der Jüngling wußte nicht, was er beginnen ſollte. Er wagte es nicht, irgend ein Mittel anzuwenden, um ſie zum Bewußtſein zurückzuführen, aber er fürch⸗ tete auch, daß eine zu lange Bewußtloſigkeit böſe Folgen haben könne. Endlich entſchloß er ſich und beugte ſich zu ihrem Ohr hinab. — Sie ſind gerettet! flüſterte er.... Gerettet und frei. Wie von einem electriſchen Schlage getroffen, er⸗ hob ſich das arme Weib blitzſchnell vom Divan, 170 öffnete die Augen und ſtarrte den jungen Mann lange an. — Ich bin es, Madame! ſagte Armand, ſeine Arme nach ihr ausſtreckend.... Ich, Armand Cambon... Kein Anderer als ich! Das junge Weib ſtieß einen Laut der Ueber⸗ raſchung aus und lag im nächſten Augenblick in den Armen unſeres Helden. Es war nahe daran, daß die Bewußtloſigkeit, welche die Herzogin eben verlaſſen, ſich des jungen Mannes bemächtigt hätte. Seine Augen, die das Licht ſuchten und fanden, erblindeten durch ſeinen Strahl; ſein Herz, das die Seligkeit ſuchte und fand, wollte brechen unter der Umarmung dieſer Seligkeit. Glücklicherweiſe hatte Armand, ehe die gefährliche Kriſe eintrat, die Herzogin zu dem Divan zurückge— führt, ſetzte ſie auf denſelben und ſtellte ſich mit ge⸗ falteten Händen vor ſie hin. — Dem Himmel ſei Dank.. ich kam nicht zu ſpät! ſprach er in tieſer Rührung. Ja, ja, es giebt einen Gott, der über das Gute hienieden wacht! rief er inbrünſtig aus. — Aber, rief die Herzogin, zuſammenfahrend und einen ängſtlichen Blick zur Wand werfend; ſie wer— 171 den kommen... Man wird Sie tödten, wie ſie mich tödten wollen! — Nein, ſie werden uns nicht tödten! rief Ar⸗ mand, den rechten Arm erhebend. Aber ich werde ſie tödten, werde ſie vernichten, unter meinen Füßen zer⸗ treten! Möge mir Gott verzeihen, aber ich fühle et⸗ was in meiner Bruſt, das ich nie gekannt, die Wolluſt der Rache, und ich muß ſterben, wenn ich ihr nicht Luft verſchaffe! — Alſo von jener Wand dort erwarten Sie die Buben! fuhr Armand fort, indem er den Augen der Herzogin folgte.... Es iſt alſo eine Thür in jener Wand dort... Aber dieſe Thür werden ſie nicht zu öffnen brauchen, denn ich habe Kugeln für Zwei und eine Klinge für Zehn! Armand ſprang zu der Oeffnung, durch welche er gekommen und griff nach ſeinen Waffen. Die blanke Klinge blitzte in ſeiner Hand, ſein Auge glühte vor Begeiſterung. Das eine Terzerol ſteckte in dem Gürtel ſeiner Blouſe, während das andere in ſeiner linken Hand ruhte. Armand that einen Schritt zur Thür, hielt jedoch plötzlich inne. Sein Blick ſuchte die Herzogin. Das arme junge Weib war auf die Knie geſun⸗ 172 ken; ſie faltete die Hände und richtete flehend die Blicke gen Himmel. Die Gluth auf ihren Wangen verrieth die Gewißheit der Rettung, der Glanz ihres Blickes ſandte ein Dankgebet zum Himmel. Adelaide betete... aber leiſe und ſtumm. Armand, gerührt durch dieſen Anblick, ſenkte die Klinge zu Boden. Es war ihm, als ſei ſeine Kraft nicht mehr von Nöthen, denn er ſah in dem betenden Weibe einen Engel, der ihn und ſie beſchützte. Die Herzogin hatte ihr Gebet beendet, erhob ihre ſchlanke Geſtalt, näherte ſich dem Jüngling und be— rührte ſeinen rechten Arm. Sie war nicht mehr das geängſtigte, halb bewußt⸗ loſe, unter dem Schlage des Schickſals zuſammen⸗ brechende Weib. — Armand, ſagte ſie mit einer Stimme, die nicht mehr zitterte. Sie werden nicht tödten!... Sie werden Ihre Hände nicht mit dem Blute dieſer Elen— den beflecken... Sie werden der Rache keine Gewalt über Ihr edles Herz geben! — Ich gehorche! antwortete Armand mit ſchwacher Stimme; aber, ſetzte er etwas lauter hinzu, die Ge⸗ rechtigkeit und die allgemeine Sicherheit verlangen, daß ich dieſe Verbrecher dem Arm des Geſetzes über⸗ liefere! 173 Die Herzogin ſchaute in dem koſtbaren, unterirdi⸗ ſchen Gemach umher. — Wie ſind Sie hier hereingekommen? fragte ſie. Armand zeigte auf die Oeffnung in der Mauer. — Ich kroch von einem anſtoßenden Keller hier herein; derſelbe muß dieſen Buben nicht bekannt ſein. — O, ſo waren Sie es, den ich hörte, als ich Verwirrt durch all die Gewaltſamkeiten, welche man ſchon gegen mich geübt und mit denen man mich noch bedrohte, träumte ich nur von Gefahren und Entſetzen... Ich ſah Alligatoren aus der Erde ſtei⸗ gen und... — So war ich alſo die Veranlaſſung der Ohn⸗ macht, welche.. — Aber wir können doch denſelben Weg zurück⸗ gehen? unterbrach ihn die Herzogin, den Blick zur Oeffnung der Mauer gerichtet. — Ohne Zweifel... Aber.. — Mein Gott, wie aber wußten Sie, daß man mich hierher geführt? Armand erzählte jetzt in kurzen Worten, wie er die Entführung der Herzogin erfahren, und den Grund, weshalb er vermuthete, daß Baron St. Bris ſie in das Haus des falſchen Prieſters in der Straße St. Etienne gebracht. 174 — Man wollte durch ein Verbrechen die Spu⸗ ren des andern verwiſchen! ſagte die Herzogin, als Armand zu Ende war. Heute Nachmittag ſollte die Leiche meines Oheims geöffnet werden, und ich hatte mir vorbehalten, zugegen zu ſein. Ich beſtieg alſo den Wagen, um mich nach dem Hauſe meines ſeligen Oheim zu begeben.... Der Wagen fährt; bald aber erſcheint mir der Weg länger ais ich gewohnt, und ich vermuthe, daß der Kutſcher irre gefahren... Ich will die Jalouſien des Wagens öffnen, um ihm zu⸗ zurufen, dieſe aber ſind feſtgenagelt und trotzen allen meinen Anſtrengungen... Ich rufe, aber Niemand hört mich... Niemand konnte mich auch durch das Geräuſch des Wagens hören, der ſeine Fahrt immer mehr beſchleunigte... Endlich hielt er in einer ent— legenen und finſtern Straße... Die Wagenthür öffnet ſich, und ich ſehe den Baron St. Bris. — Dieſer Schurke! rief Armand, mit den Zähnen knirſchend. — Man erſtickte mein Rufen gewaltſam und ſchleppte mich über mehrere Treppen hier hinab... — Und dieſe Buben ſoll ich ſchonen! knirſchte Armand. — Sie ſollen noch mehr erfahren... Aber vor allen Dingen fort von hier! Fort von dieſer Stätte des Entſetzens! rief Adehide. 175 Gleichzeitig näherte ſie ſich der Wand, durch welche Armand gekommen. Dieſer beugte ſich nieder und entfernte die Erde mit den Händen. Eben war die Herzogin im Begriff, ſich in die Oeffnung hinein zu zwängen, als das laute Knarren einer eiſernen Thür Beider Augen nach der entgegen— geſetzten Wand lenkte. — Man kommt! man kommt! rief die Herzogin. — Um ſo beſſer! antwortete Armand heiter. Je⸗ ner andere Weg da iſt viel bequemer! — Aber um Gotteswillen... — Ein Weib wie Sie, Madame, entbehrt weder des Muthes, noch der Geiſtesgegenwart... Haben Sie die Güte, auf dem Divan dort Platz zu neh— men, und Sie werden ſich überzeugen, mit welcher Leichtigkeit ich den Fuchs fange, ohne ihm den Pelz zu verletzen. Hierauf ſchob er eilig einen Seſſel vor ſeine Mauer— öffnung, ſprang hinter den Bettvorhang und verſteckte ſich dort. Die Herzogin hatte kaum ihren Platz eingenom— men, als ein Theil der Wand in dem Zauberſchloß ſich bewegte und eine Thür ſich öffnete. Baron St. Bris trat mit einer ſilbernen Platte 176 in der Hand ein, auf welcher ein kleiner Becher von demſelben Metall ſtand. Der Baron, in ſeinem Aeußern ſtets elegant, war an dieſem Abend mit dem ausgeſuchteſten Geſchmack gekleidet. Als ein unleugbar ganz hübſcher Mann, hätte er für jede Lorette, ja vielleicht für manche Marquiſe und Ducheſſe gefährlich ſein können, und dies ſchien der Baron auch zu wiſſen. Er ſtellte die ſilberne Platte mit dem Becher auf einen kleinen, vor dem Bett ſtehenden Marmortiſch. Dann näherte er ſich der Herzogin, blieb vor ihr ſtehen und betrachtete ſie lange, ohne ein Wort zu äußern. — In der That, Herzogin, ſagte er endlich; ich finde Sie ganz anders wieder, als ich Sie vorhin verlaſſen... Ihre Wangen blühen, Ihre Augen ſtrah— len... Welcher Gottheit habe ich für dieſe glückliche Veränderung zu danken?... Sie haben alſo endlich eingeſehen, daß die Nothwendigkeit auch eine Tugend iſt, und daß dieſelbe, wie ihre Colleginnen, auch ihren Cultus erlangt?... Erlauben Sie mir daher, Ihnen zu geſtehen, daß ich Sie ſchöner als je finde, was gewiß viel, ſehr viel ſagen will.... Man könnte das Licht in dieſem Salon löſchen, und er würde dennoch 177 von dieſem blendenden Antlitz, von dieſen himmliſchen Augen ſtrahlen! Die Herzogin betrachtete den Baron mit einem Ausdruck des tiefſten Abſcheus, ſchwieg jedoch. — Ich ſchaudre, fuhr der Baron fort, wenn ich jetzt denke, daß dieſelbe Nothwendigkeit, aus welcher Sie jetzt eine Tugend machen, mich faſt zu einem Schritt gezwungen hätte, der eine entſetzliche That zur Folge gehabt haben würde... eine That, die mich in die tiefſte Tiefe geſchleudert haben würde. Ja, ſchöne Dame, Sie ſind von uns Beiden nicht am meiſten zu beklagen! Die Herzogin blickte auf die Matte nieder, er⸗ ſichtlich nicht ſehr aufmerkſam auf die Worte des Barons. Vielleicht dachte ſie an den bevorſtehenden Augen⸗ blick, wo ſie in dieſem Zimmer die Zeugin eines Kam⸗ pfes um Leben und Tod ſein werde; und wenn ſie hinſichts des Ausgangs auch nicht zweifelnd war, ſo beunruhigte ſie doch dieſer Gedanke. — Sie haben mich noch nicht gefragt, was in dem Becher dort auf dem Tiſche ſei! fuhr der Baron fort. Adelaide hob den Blick vom Boden und ſchaute nach dem Becher, ohne irgend welche Nengier zu ver⸗ rathen. Armand. U 12 — S 178 — In dieſem Becher, ſetzte der Baron hinzu, ſo klein er auch iſt, liegt doch ein Grab von viel Jugend, Schönheit und Talenten. Die Herzogin konnte einen Schauder nichl unter⸗ drücken, faßte ſich jedoch. — Unglücklicher! rief ſie mit einem Ausdruck, der mehr Mitleiden als Entſetzen verrieth; es war alſo Ihre Abſicht, mich zu morden! — Aber mein Gott, Herzogin, wie Sie ſprechen! antwortete St. Bris. Brauche ich Ihnen zu wieder⸗ holen, was ich Ihnen vorhin ſagte?... Es iſt ja der Herzog, Ihr nicht gerade ſehr liebenswürdiger Ge⸗ mahl, der Ihren Tod beſchloſſen hat; nur um Sie vor dieſem zu retten, entriß ich Sie ſeinen Händen... Einem Andern überlaſſen, wäre Ihr Tod unvermeid⸗ lich; mir überlaſſen, ſollen Sie leben! — Und der Becher dort auf dem Tiſch? — Iſt der Tod, wenn Sie nicht leben wollen! Und der Preis für mein Leben? fragte Adelaide mit einem Tone grenzenloſer Verachtung. — Sie kennen ihn, Herzogin! antwortete der Ba⸗ ron, indem er einen Schritt näher that. Die Herzogin warf einen Blick zur Wand. Vielleicht glaubte ſie, es ſei jetzt Zeit, daß ihr Befreier wie ein Blitz auf das Haupt dieſes Schurken herabfahre. ————————— — Und Sie glauben, wenn ich wählen darf, ich 179 könnte in dieſer Wahl zaudern? — Wenn Sie dürften! wiederholte er. müſſen wählen, Madame, weil ich, der ich Sie jetzt beherrſche, ſelbſt von meinem Schickſal beherrſcht werde! .. Sie müſſen ſterben oder mir gehören, wenn wir nicht Beide verloren ſein ſollen! — Flender, Du biſt verloren! rief Armand, ſich mit einem Sprunge, der eines Panthers würdig, auf den- Baron werfend und ihn zu Boden reißend, ehe noch ein Ausruf der Ueberraſchung ſeinem Munde ent⸗ fliehen konnte. Sie XIV. Srhluss des Beſurhes. Armand ſetzte dem Baron das Knie auf die Bruſt und legte die Hand an ſeine Kehle, ihn auf dieſe Weiſe verhindernd, ſich zu rühren oder um Hülfe zu ſchreien. — Tödten Sie ihn nicht, bat die Herzogin, ent⸗ ſetzt durch die konvulſiviſchen Zuckungen auf dem Ant⸗ litz des Barons. — Nein, Madame, antwortete Armand. Er ge⸗ hört nicht mir, ſondern dem Geſetze; ich beabſichtige nicht den Galeeren ein ſo wohlverdientes Opfer zu entziehen... Nicht des Scherzes halber wollte ich mit anhören, was er Ihnen zu ſagen habe und was ſeine Abſicht ſei... Ich werde jetzt vor den Gerichten ein Zeuge ſein, der gewiß nothwendig iſt, falls dieſer Schurke dort leugnen will.... Aber ich muß ihn binden... Hätte ich nur... nur eine von den koſt⸗ 181 baren goldenen Schnüren, die dort von der Decke herabhangen... Ach, wenn ich Sie bitten dürfte, Madame..2 Die Herzogin eilte zur Wand, erfaßte eine von den Quaſten und ſuchte ſie ſammt der Schnur herab zu reißen. Während ſie mit dieſer Arbeit beſchäftigt war, die für ſie nicht leicht zu ſein ſchien, zog Armand aus der Taſche des Barons ein großes oſtindiſches Tuch und ſtopfte dieſes in den Mund des Barons. Der Letztere verſuchte bei dieſer Gelegenheit ſich loözu⸗ machen, ſeine Bemühungen ſcheiterten aber an Ar⸗ mands Jugendkraft. Die Herzogin, erſchreckt durch die Anſtrengungen des Barons, ſich frei zu machen, ließ die Schnur fah⸗ ren, an welcher ſie vergebens gezogen hatte und erfaßt eine andere, welche näher hing. Sie riß heftig an derſelben und Schnur und Quaſte fielen herab. Gleichzeitig aber erſchallte eine kleine Glocke. — Großer Gott, ich habe an einem Glockenzug geriſſen! rief Adelaide voller Angſt. — Hat nichts zu bedeuten; geben Sie mir nur die Schnur, Madame! antwortete Armand und drehte den Baron herum, ſo daß dieſer jetzt mit dem Geſicht 182 Rücken... Ich bitte um Verzeihung, Madame, ſagte er lächelnd; dieſe harte Schnur wird Ihre zarten Hände verletzt haben! Die Herzogin konnte nicht umhin, über einen jun⸗ gen Mann zu lächeln, der, während er einem Spitz⸗ buben die Hände ſchnürte, noch Zeit hatte, die ihrigen zu bewundern. — Himmel! Ich höre Tritte draußen! rief ſie plötzlich... Großer Gott, man kommt hieher! — Gerade zur rechten Zeit, antwortete Armand aufſpringend und den Divan über ſeinen Gefangenen ziehend. Das eine Terzerol ſpannend, wandte er ſich zur Thür. Jetzt ertönte ein Klopfen an derſelben. — Wenn ich nicht den Baron ſtumm gemacht hätte, flüſterte Armand, ſo würde ich ihn jetzt bitten, auf dieſes Klopfen zu antworten; wenn Sie aber, Madame, die Güte haben wollten... — Was ſoll ich thun? — Nur fragen, wer an der Thür iſt. — Wer iſt da? fragte Adelaide mit lauter, wenn auch nicht ſehr ſicherer Stimme. — Ich glaubte der Baran habe geſchellt, antwor⸗ 3 am Boden lag, und band ihm die Hände auf den 183 tete draußen eine Stimme, die ſich ſo wohlklingend wie möglich machte. Die Herzogin warf ihrem Ritter einen fragenden Blick zu. — Bitten Sie ihn gefälligſt einzutreten! flüſterte Armand. — Treten Sie ein! ſagte Adelaide. Die Thür öffnete ſich und Bredot's häßliches Ge⸗ ſicht ſchaute herein. Noch ein Schritt, und er ſtand im Zimmer. Ein widriges Lächeln überflog ſeine Züge. Aber dieſes Lächeln erſtarrte ganz plötzlich beim Anblick der Piſtolenmündung, die ſich unter ſeine Naſe ſtreckte. Erbleichend wollte er wieder hinaus. — Keinen Schritt zur Flucht! rief Armand, oder Sie haben eine Kugel im Leibe! Bredot ſtarrte die kleine Piſtolenmündung an und vermochte keine Sylbe hervorzubringen. — Haben Sie die Güte näher zu treten, mein würdiger Herr! rief Armand. Wir ſind alte Bekannte, und Sie ſehen, ich habe Ihnen den Beſuch erwiedert, mit welchem Sie mich im vorigen Jahre beehrt... Sie wohnen wie ein Kardinal und ſind ebenſo gaſt⸗ frei als ein ſolcher.... Treten Sie näher und zwingen Sie mich nicht, Sie herein zu führen, denn ich verſichere Sie, meine Hand iſt etwas unſanft! ——— — —— —— 184 Mit ſchlotternden Beinen und leichenblaſſem Ge⸗ ſichte näherte ſich der falſche Geiſtliche. Wie er ſich auch rang und drehte, immer hatte er das fatale Terzerol unter der Naſe. Da ſtand er jetzt in ſeinem koſtbaren, unterirdiſchen Salon, ohne ſein Werk bewundern zu können. — Haben Sie die Güte, die Thür zu ſchließen! erſuchte der ungebetene Gaſt ſeinen Wirth. Auch dies that der Arme, obgleich er es noch lie⸗ ber gethan hätte, wenn er ſich draußen befunden. — Haben Sie jetzt die Freundlichkeit, nach rechts zu ſchauen, fuhr Armand fort. Bredot blickte nach rechts und that einen tiefen Seufzer, obgleich er nichts ſah als den von der Wand abgezogenen Divan und ein paar lackirte Stiefel, die unter demſelben hervorſchauten. — Still, ich höre etwas! rief plötzlich die Her— zogin Armand zu. — Was? fragte dieſer. — Ich höre Lärm im Keller drüben! antwortete Adelaide mit ſteigender Angſt. — Ah, rief Armand froh, das ſind meine Freunde, die ich leider zu ſpät hieher beſtellt habe.... Es iſt neun Uhr! Sie ſind pünktlich! ſt 185 — Seht, da iſt ein Loch in der Mauer! hörte man eine Stimme vom Nachbarkeller. — Und Licht dahinter! ſetzte eine andere hinzu. — Wer iſt da? fragte Armand, ohne Bredot aus ſeinen Augen zu laſſen. Es iſt Armand's Stimme! rief man von drüben. — Iſt Armand drinnen? fragten mehrere andere Stimmen. — Ja! antwortete Armand. Einer von Euch ſoll durch das Loch kriegen; aber nur Einer!... Ma⸗ dame, ſetzte er hinzu, dort auf dem Stuhle liegt ein ſchwarzer Schleier, der ohne Zweifel Ihnen gehört.. Es iſt vielleicht nicht nöthig, daß Sie an dieſem un— heimlichen Orte der Welt Ihr Antlitz zeigen! Adelaide warf ihrem Ritter einen dankbaren Blick zu und legte den Schleier über ihr Haupt. — Man muß ja Schultern haben wie ein Kind von fünf Jahren, um durch dieſes Loch zu kommen! fluchte ein Kind von ſechs Fuß, indem es ſich vor der Oeffnung aufrichtete. Aber sacredieu, was iſt denn das hier für ein verzaubertes Schloß? Wer hätte dergleichen in Deinem Spukhauſe ge⸗ ſucht, Armand! Wir ſehen Eugen, den Dichter, vor uns, der mit dem höchſten Erſtaunen umher blickte. 186 Willkommen, Eugen! rief Armand, ohne ſich zu ihm zu wenden und immer nur ſeinen Gefangenen im Auge behaltend.... Siehſt Du die Figur hier, auf die ich eben ziele? — Dein Nachbar, der falſche Prieſter! rief Eugen überraſcht. — Derſelbe, den ich auf ſeinem wahren Handwerk ertappt... Nimm alſo, was Dir am zweckmäßigſten erſcheint, um ihm Hände und Füße zu binden! Bredot's Antlitz wechſelte in allen Farben, er ſtieß ein tiefes Aechzen aus. — Soll ich ihn binden? fragte Eugen luſtig, oder wollen wir ihn gleich hängen? — Bemühe Dich nicht damit; thu nur, wie ich Dir geſagt. — Aber es wäre doch wohl beſſer, wenn wir...2 fragte Eugen mit bittender Stimme. — Du hörſt, es darf nicht ſein, obgleich ihm da⸗ mit noch eine Ehre geſchähe! ſagte Armand.... Spute Dich nur... Doch warte lieber, ſetzte er mit einem Blick auf die Herzogin hinzu, die ſich ſchau⸗ dernd von der Scene abwendete, welche ſich abermals vor ihren Augen bereitete. Zieh ihn lieber erſt in unſern Keller, aber ohne ihm den geringſten Schaden zuzu⸗ fügen, denn wie er da ſteht, iſt er dem Geſetze ver⸗ 187 fallen... Thu daſſelbe mit dem Gefangenen, der dort unter dem Divan liegt! — Ach ſo! noch Einer! rief Eugen.... Was zum Teufel, ſind das hier für Leute? — Er iſt Baron, lieber Eugen; alſo Achtung! Eugen näherte ſich dem zitternden Bredot und legte ihm die Hand auf die Schulter, während Ar⸗ mand das Terzerol in den Gürtel ſteckte und zur Oeff⸗ nung der Mauer trat. — Zwei von Euch, rief er durch dieſelbe, ver⸗ laſſen augenblicklich den Keller, eilen über die Straße und poſtiren ſich vor das kleine Haus, das dieſer Gartenmauer gegenüber liegt... Aber gut bewaffnet, hört Ihr? — Ja! riefen mehrere Stimmen. Jetzt legte Armand mit Hand an, um Eugen bei ſeiner Arbeit behülflich zu ſein. — Giebts noch mehr? fragte Eugen, als er fer⸗ tig war, im Zimmer umher blickend. — Nein, aber Du folgſt ihnen und biſt mir für die Gefangenen verantwortlich, Eugen! antwortete Armand. — Gut! verſetzte Eugen und verſchwand durch die Oeffnung, ein luſtiges Lied vor ſich hinſummend. Adelaide und Armand waren jetzt allein. 188 Die erſtere hatte in einem Seſſel Platz genommen und ihr Antlitz von dieſen Scenen abgewendet. — Madame, begann Armand ſich ihr nähernd; es war nicht möglich, Sie mit Auftritten zu verſcho⸗ nen, die Sie natürlich ſehr aufregen mußten... Jetzt iſt Alles glücklich überſtanden und ich harre Ihrer Be⸗ fehle! Die Herzogin ſchlug den ſchwarzen Schleier von ihrem Antlitz zurück. Ein ſanftes Lächeln umſpielte ihren ſchönen Mund. Sie reichte Armand herzlich die Hand. — Armand, ſagte ſie, dieſer Abend iſt mir unver⸗ geßlich, denn.. Das Wort, das heilige Wort der Dankbarkeit, erſtarb auf ihren Lippen, lebte aber in den heißen Thränen wieder auf, welche klarer als Diamanten und beredter als alle Worte der Erde aus Adelaide's ſchö⸗ nem Auge perlten. ——— —————— XV. Gruf von Bandeul. Seit dem frühen Morgen war die Hausthür des Hotels des Herzogs von Beaudreuil in unaufhörlicher Bewegung geweſen. Die vielen Freunde des Herzogs, die bereits von ſeinem Mißgeſchick Kunde erhalten, eilten zu ihm in der Hoffnung, ihn tröſten zu können, kehrten aber unverrichteter Sache zurück. Ganz Paris würde von ſeinem Gram gehört und denſelben getheilt haben, wenn nicht die ſtürmiſchen und blutigen Ereigniſſe, deren Schauplatz die Straßen von Paris waren, alle übrigen Vorfälle vertuſcht hätten. Der arme, arme Herzog! An der Bahre eines theuren Schwiegervaters zu ſtehen und zugleich eine treuloſe Gattin beweinen zu müſſen, das war zu viel! 190 Daß ein Oheim ſtirbt, iſt vielleicht ganz in ſeiner natürlichen Ordnung, beſonders wenn er Millionen hinterläßt; aber nach zweimonatlicher Ehe eine junge, ſchöne und talentvolle Gattin zu verlieren, das iſt hart, und noch härter, wenn man die Art und Weiſe erwägt, in welcher er ſie verloren! Wäre ſie mit Tode abgegangen, ſo hätte man nur den Hirmel deshalb anklagen und ſich vielleicht mit dem Umſtande tröſten können, daß ſie nach ihrem Oheim geſtorben und daß demnach das Erbrecht des ſie überlebenden Gatten keinem Zweifel unterworfen werden dürfe. Aber wenn, wie es hier geſchen, eine Gattin mit einem Andern davon läuft, das wirft, neben dem Ver⸗ luſte, auch den Schatten der Lächerlichkeit auf den verlaſſenen Gatten, der ſchwerer zu ertragen iſt, als der Verluſt ſelbſt. Gewiß könnte man ſich auch damit tröſten, daß eine Frau, die ſich ſo gern entführen läßt, an ihren verlaſſenen Gatten all ihr eingebrachtes Eigenthum verwirkt hat; aber ungeachtet aller Vorſtellungen der Freunde, welche ihm namentlich dieſen Troſtgrund vor Augen führten(denn zu was für Troſtgründen greift man nicht, um einen ſo großen Kummer zu lindern); 191 ungeachtet aller dieſer Vorſtellungen blieb der Herzog untröſtlich. Die Einzige, welche ihn einigermaßen gefaßt und den Vernunftsgründen zugänglich fand, war die Mar⸗ quiſe Eulalie d'Eſtelle, die nicht verſäumt hatte, ſich ebenfalls einzufinden. — Mein beſter Herzog, Sie können vollkommen ruhig ſein! ſagte ſie mit jenem Lächeln, welchem kein Sterblicher zu widerſtehen vermochte. Seien Sie nur vorſichtig!... Nicht ſo viel Ach! und O!... Dies könnte das Mißtrauen ihrer Feinde erwecken und ſetzt ſie zugleich in den Augen Ihrer Freunde herab, die nicht begreifen, wie ein Herzog von Beaudreuil eine ſimple Banquierstochter ſo betrauern kann. — Aber ich fürchte! ſagte der Herzog. — Was, wenn ich fragen darf? — Daß St. Bris ſie nicht mit der nöthigen Vor⸗ ſicht bewacht! — Sie fürchten, daß ſie ihm entwiſchen könnte? — Wenn ſie ihm entwiſchen könnte, wäre Alles verloren! ſagte der Herzog, bei dem bloßen Gedanken hieran erbleichend. — Allerdings; aber das iſt unmöglich, verſicherte die Marquiſe. Die eigene Sicherheit des werthen Barons iſt uns eine Bürgſchaft, nicht zu ſprechen —————— 192 von den vielen Louisd'ors, welche er für den Ihrer ſchönen, jungen Gemahlin gewährten Schutz zu er⸗ warten hat... Vielleicht mag ſie ſich auch ſchon be⸗ ruhigt haben.... Baron St. Bris iſt ein hübſcher Mann und kann wohl mehr als einer Bürgerstochter gefährlich werden. — Marquiſe, Sie kennen dieſe Bürgerstochter nicht... Nein, ſie iſt zu ſtolz! — Sie fürchten daß ſie eine Tragödie ſpielen wolle?... Seien Sie unbeſorgt!... Mademviſelle Rachel hat unſeren Franzöſinnen eine Abneigung gegen alle Heldinnen eingeflößt, denn wer möchte ſich wohl ſo ſchrecklichen Leiden unterwerfen, wie ſie uns dar⸗ ſtellt!... Wer möchte wohl die traurigen Schickſale einer Lucretia oder Virginia beneiden!... Glauben Sie mir, man bringt ſich nicht mehr ums Leben, um einem hübſchen Mann zu entfliehen, und noch weniger hinterdrein, um ſeine Schande an ſich ſelbſt zu rächen ... Heut zu Tage iſt man geſcheidter als ehedem! „ Die armen Poeten, ſie müſſen in der Zeit ſehr weit zurückgreifen, um für ihre armſeligen Tragödien Stoffe zu finden! — Es ſetzt mich aber doch in Erſtaunen, daß ich noch gar keine Nachricht von St. Bris erhalten habe, wandte der Herzog ein.... Wir haben doch verab⸗ 193 redet, daß er mir zeitig am Morgen eine Botſchaft ſenden ſolle! — Gerade der Umſtand, daß Sie noch keine Nach⸗ richt erhalten, beweiſt, daß Alles gut ſteht!... Es wäre zu viel von dem armen Baron verlangt, daß er mitten im Schooße ſeiner Freuden ſich Zeit nehmen ſollte uns Bülletins zu ſenden. Laſſen Sie uns von etwas Anderem ſprechen, Herzog!.... Ihr tiefer Schmerz hat ſie wahrſcheinlich verhindert, auf die merkwürdigen Ereigniſſe des Tages Acht zu geben und dem Donner der Kanonen und Musketen zu lauſchen!... Wie es ſcheint, geht es beſſer als wir uns träumen ließen! — Es neigt ſich mehr zu einer einfachen Emeute, ſagte der Herzog, der mit ſichtbarem Widerſtreben ſich auf ein anderes Thema einließ. — Man behauptet, Ludwig Philipp wage nicht die Nationalgarde zuſammenzurufen, und das iſt ein gutes Zeichen! — Allerdings... Man behauptet auch, daß Molé in die Tuilerien gerufen worden ſei. — Und man bildet ſich ein, daß Molé die Barri⸗ kaden umblaſen werde!... Die Thoren! Alles geht vortrefflich... Das einzige, was fehlt, iſt, daß der Graf Chambord nicht anweſend, denn dann wäre Armand. II. 13 194 13 Alles entſchieden!... Apropos, Rigobert, es iſt eilf Uhr, und alſo Zeit für Sie, zum Trauerhauſe zu fahren, während ich mich zu Berryer begebe. — Und dann? — Während Sie die ſterblichen Reſte Geronnisre's vom Katafalk heben und ſie zur Madelaine-Kirche führen, erhebe ich Sie auf den Stuhl eines Conſeil— präſidenten und führe Sie an das Staatsruder... Unſere Partei muß ſiegen, und Ihr Glück iſt ge⸗ macht! — Sie ſind ſehr raſch Eulalie!... Sie glauben, es werde gelingen? — Allerdings! Ein Bedienter trat ein und meldete den Grafen von Vandeul. — Ein neuer Condolenz⸗Beſuch! ſagte die Mar⸗ quiſe ſich erhebend, um zu gehen. — O mein Gott, wie langweilig! rief der Herzog, dieſer allgemeinen Theilnahme bereits müde. — Schnell vom Dur zum Moll, Herzog! ermahnte Eulalie, ihm die Hand reichend. — Adieu, Eulalie! ſagte der Herzog, ihr die Hand küſſend. Nach dem Begräbniß beſuche ich Sie. — Willkommen, Herr Conſeilpräſident! verſetzte die Marquiſe... Aber was ſehe ich? räf ſie lachend. 195 Sie haben zwei Trauerflore anſtatt des einen um Ihren Arm gebunden? — Ach, meine Zerſtreutheit! ſagte der Herzog, den einen Flor löſend. — Es erſcheint faſt, als wollten Sie mit dem einen Flor eine entführte Gattin betrauern, ſcherzte die Marquiſe; oder Sie ſind am Ende nicht mehr ein verlaſſener Gatte, ſondern bereits Wittwer!... Doch ſeien Sie getroſt; die neue Lucretia ſtürzt keinen König, nicht einmal einen Herzog!... Am beſten, ſie wäre todt, denn es giebt kein ſicheres Sinnbild des Schwei⸗ gens als das Grab! — Hm! murmelte der Herzog erbleichend. — Sie erbleichen zu ſehr, Rigobert! ſagte die Marquiſe. Vergeſſen Sie um Gotteswillen nicht, daß die ſchwarze Tracht das Antlitz ſchon bleich macht... Auf Wiederſehen! Die Marquiſe begegnete im Vorzimmer dem Grafen v. Vandeul, einem Mann von ſechszig Jahren, von ſtolzer Haltung und mit edlen Geſichtszügen. — Wie befindet ſich der Herzog? fragte der Graf. — Betrübter, als ich ihn mir vorgeſtellt hatte, antwortete die Marquiſe.... Er hätte doch ahnen können, daß es ſo kommen werde. — Weßhalb hätte er dies ahnen ſollen? 13* 196 — Weil Jeder, der Metalle ſucht, darauf gefaßt ſein muß, auch Schlacke zu finden! — Geprägte Metalle pflegen doch von Schlacken frei zu ſein. — Aber in ſchlechten Zeiten prägt man nicht nur edle Metalle! — Wie verſtehen Sie dies, Madame? — Ich meine, daß man nicht ungeſtraft Mes⸗ alliancen ſchließt, daß man nicht ungeſtraft unſere Paläſte der Bourgeviſie öffnet, denn das Gold, das ſie mit ſich bringt, trägt ſtets das Zeichen der Hand, welche es geſcharrt hat. Die Marquiſe entfernte ſich und der Graf trat ein. — Auch Sie, Graf Vandeul, haben mich in mei⸗ nem Unglück nicht vergeſſen! rief der Herzog, ihm entgegen eilend. Sie erzeigten der armen Verirrten ſtets ſo viel Wohlwollen! — Ich und meine ganze Familie ſetzten hohen Werth auf die Herzogin! antwortete der Graf. — Nicht wahr, Sie würden dergleichen nicht von ihr erwartet haben? — Nein! — Wie Sie, ahnte auch ich es nicht!... O,ich kann es noch jetzt kaum glauben, obgleich es eine Wahrheit iſt, eine Wahrheit, die den Tod in meine 197 Bruſt gegoſſen!... Graf Vandeul, ich bin unglück⸗ lich, entſetzlich unglücklich! — Ja, Sie ſind ſehr unglücklich! wiederholte der Graf. — Aus Gnade, aus Barmherzigkeit, ſprechen Sie nicht mehr von ihr! bat der Herzog. — Ich werde nicht mehr von ihr ſprechen! ver⸗ ſicherte Vandeul. Der Herzog wandte ſein Antlitz zum Fenſter, als wolle er ſeine Thränen verbergen. Der Graf folgte ihm mit einem traurigen Blick. — Ich ſah Ihren Wagen bereit halten, ſagte er nach einer Pauſe. — Ja, es iſt wahr, ich hatte ihn vergeſſen! rief der Herzog. Sind Sie zu Fuß gekommen? — Ja, und deßhalb wollte ich Sie bitten, Ihren Wagen benutzen zu dürfen. — Ihre Geſellſchaft wird mir Troſt und Freude bereiten, ſagte der Herzog. — Gut; ſo begleite ich Sie... Wir haben aller⸗ dings noch eine halbe Stunde Zeit, aber es iſt ganz in der Ordnung, wenn Sie etwas früher kommen als die Uebrigen! — Sie hatten Recht; laſſen Sie uns ſogleich fahren? 198 Der Herzog und der Graf begaben ſich die Treppe hinab und ſtiegen in den Wagen des erſteren. Dieſer ſetzte ſich in Bewegung. Während der Fahrt vernahmen beide Herren das Dröhnen von Gewehrſalven und Kanonen, beobachteten aber trotzdem das tiefſte Schweigen. Der Eine ſchien ſich ausſchließlich ſeinem Schmerz zu überlaſſen, der Andre war zu delicat, um denſelben zu ſtören. Da dem Wagen des Herzogs trotz der großen in Paris herrſchenden Verwirrung und der ſtrömenden Volkshaufen kein Hinderniß begegnete, ſo hielt er etwa nach zehn Minuten vor der Thür des verſtor⸗ benen Bankiers. Die beiden Diener des Herzogs, mit Trauerflor an Hüten und Armen, öffneten den Wagen und der Herzog und der Graf befanden ſich unter dem Portal. Daſſelbe war mit ſchwarzem Tuch ausgeſchlagen, ſchwere Silberfranzen zierten daſſelbe, der Katafalk aber. Ein Sarg kann niemals ein angenehmer Anblick ſein, ſelbſt wenn man der Erbe des darin Liegenden iſt; aber einen Sarg nicht an der Stelle zu finden, 199 wo man ihn mit Beſtimmtheit erwartet, das iſt viel⸗ leicht noch unangenehmer. Der Herzog ſah nur den ſchwarz bekleideten und mit Silberfranzen garnirten Katafalk, auf welchem der Sarg ſtehen ſollte, aber nicht ſtand. — Was bedeutet das? fragte er mit etwas un⸗ ſicherer Stimme den Portier, der mit dem Hut in der Hand, ſich tief verbeugend, neben ihm ſtand... Es iſt bald eilf Uhr und man hat den Sarg noch nicht herab gebracht! — Er war bereits hierher geſtellt, Monſeigneur! antwortete der Portier. — Er war....7 wiederholte der Herzog... War hierher geſtellt? — Wie iſt es möglich, daß man die Leiche ſchon zur Kirche geführt, ohne mich und die Prozeſſion zu erwarten! — Nein, Monſeigneur, das nicht!.. — Und wo iſt denn der Sarg? fragte der Her— zog, das Antlitz abwendend, um die Farbe zu verber⸗ gen, vor welcher ihn die Marquiſe gewarnt hatte. — Er iſt ſoeben wieder hinauf getragen! antwor— tete der Portier. — Wieder hinauf getragen? fragte der Herzog, ein Knie gegen den Katafalk ſtützend.. Hinauf ge⸗ 200 tragen ohne meinen Befehl?. Warum hat man ihn hinauf getragen? — Ich weiß es nicht, Monſeigneur; es geſchah vor einer halben Stunde... — Auf weſſen Befehl iſt das geſchehen? — Auf den Befehl der Herzogin! antwortete der Portier. — Der Herzogin? ſchrie Beaudreuil. Graf Vandeul ſchien die Beſtürzung des Herzogs nicht zu theilen, aber der Blick, mit welchem er das Geſicht deſſelben ſuchte, ruhte mit tiefem Ernſt auf den marmorbleichen Zügen. — Welcher Herzogin? rief der Herzog, ſich Ge⸗ walt anthuend, um ſeine Zunge los zu reißen. — Hm! antwortete der Portier; was für eine Herzogin ſollte es anders ſein als Madame la du- chesse, Monſeigneurs Gemahlin? Der Herzog ſank auf den Katafalk, der, wenn er ſoeben eine Leiche verloren, eine andere dafür erhalten zu haben ſchien. Der Portier verlor ſeinen Hut und ſtarrte den Herzog verblüfft an! — Geht hinein und holt mir ein Glas Waſſer! befahl der Graf dem Portier. Ihr ſeht ja, daß der Herzog ſich unwohl fühlt! 201 — O mein Gott! rief der Portier und eilte in ſeine Loge. — Ihren Arm, Herzog! ſagte der Graf zu Beau⸗ dreuil, nachdem der Portier verſchwunden.... Ich werde Sie zu Ihrem Wagen zurückführen. Mechaniſch nahm der Herzog den Arm des Grafen und ließ ſich zum Portal hinaus führen. — Oeffnet die Wagenthür! befahl der Graf den beiden Bedienten, die beſtürzt durch die Jammermiene ihres Herrn dem Befehle gehorchten. Der Graf war dem Herzog beim Einſteigen be⸗ hülflich. — Auf Eure Plätze! rief der Graf den Bedienten zu. Der Herzog fährt nach Hauſe! Die Bedienten entfernten ſich von der Wagenthür, deren ſich der Graf jetzt bemächtigte. Nachdem die Diener ihre gewöhnlichen Plätze ein⸗ genommen, beugte der Graf ſich in den Wagen. — Die Herzogin von Beaudreuil, ſagte er ſo leiſe, daß nur der Herzog ihn hören konnte, hat die letzte Nacht im Schooße meiner Familie verbracht; augenblicklich verweilt ſie in dieſem Hauſe, in welchem die Aerzte eben beſchäftigt ſind, die Leiche ihres Oheims zu öffnen.... Man wollte auch Sie zugegen ſein laſſen, aber Sie ſtürzten über den Katafalk, Sie be⸗ 202 ſaßen nicht die Karft, die Treppe zu erſteigen und deshalb erſchien es mir am beſten, wenn Sie zurück⸗ kehrten!... — Herzog von Beaudreuil! Sie ein Mörder! Sie ein Schurke! fuhr der Graf fort. Sie und Andere mit Ihnen ſind es, welche den Stand entehrt haben, dem Sie unglücklicher Weiſe angehören!... Sie und Ihres Gleichen ſind es, welche dieſen Stand von der Höhe hinabgeſtürzt haben, die er auf Grund ſeiner Geburt und ſeiner Bildung für immer innehaben ſollte!.... Herzog von Beaudreuil! ſetzte er hinzu, während Thränen in den Augen des alten Legitimiſten perlten, häufen Sie nicht die Schande durch Feig⸗ heit!... Möge dieſe Thür, die ich jetzt hinter Ihnen ſchließe, für Sie die Thür des Grabes ſein! Mit dieſen Worten ſchloß er den Wagen. — Der Herzog fährt nach Hauſe! rief er dem Kut⸗ ſcher zu und kehrte in das Haus des Bankiers zurück. XIV. Dns Prusifiz. In der Straße de Lille, im Faubourg St. Ger⸗ main wohnte der Graf Vandeul. Wie die meiſten alten Häuſer in Paris hatte auch das Hotel Vandeul ſeine hiſtoriſche Denkwürdigkeit. Hier nämlich wohnte und ſtarb der Marſchall Maſſena, nächſt Napoleon vielleicht der größte Feld⸗ herr ſeiner Zeit, der ſich durch ſeine zahlreichen Siege auf italieniſchem Boden den Beinamen'enfant chéri de la victoire(der Liebling des Sieges) gewann. Maſſena überlebte die Reſtauration, die Wieder⸗ einſetzung der legitimen Königsfamilie, aber er führte nur ein Leben voll Gram und Trauer. Er war Zeuge aller der Demüthigungen, welche Frankreich erdulden mußte, Zeuge der Zerſtörung der alten Armee, des Verluſtes der vielen theuer erkauften 204 Trophäen und des Undanks Derer, welche er beſchützt oder denen er gedient hatte. Wenn ein Maſſena trauert, ſo trauert er ſich zu Tode, und Maſſena ſtarb den 4. April 1817, kaum neun und funfzig Jahre alt. Dieſes Hotel oder Haus alſo bewohnte jetzt der Graf von Vandeul mit ſeiner Gattin und einer acht⸗ zehnjährigen Tochter, der ſchönen Diana, dem jüngſten und einzig noch lebenden der ſechs Kinder, mit welchen dieſe echt legitimiſtiſche Familie geſegnet wor⸗ den war. Adelaide Geronnidre und Diana von Vandeul waren Penſionskameradinnen geweſen; ſie hatten in jener Zeit eine enge Freundſchaft geſchloſſen, die aller⸗ dings nach Schluß ihrer Penſion einige Unterbrechung erlitten, weil es nicht mit dem legitimen Prinzip übereinſtimmte, daß die Tochter des Grafen Vondeul ſo vertraut mit der Nichte eines Bankiers umgehe, mochte dieſer ſo reich und mächtig ſein, wie er wollte. Adelaidens Vermählung mit dem Herzog von Beaudreuil hatte nun freilich dieſe kleine Kluft wieder ausgefüllt, doch war die Freundſchaft dadurch doch nicht ganz die alte geworden. Graf Vandeul und ſeine Gattin gehörten zu den ſtarrſten Legitimiſten; auch ſie waren reich geweſen, hatten aber durch allzu große Wohlthätigkeit den größten Theil ihres Vermögens zerſtört; jetzt lebten ſie daher ſehr eingezogen und wenn ſie auch vergaßen, daß ſie reich geweſen, vergaßen ſie doch das Wohl⸗ thun nicht. Die Herzogin von Beaudreuil konnte daher keine beſſere Freiſtatt wählen, als ſie nach dem entſetzlichen Auftritt in dem unterirdiſchen Salon des Herrn Bre⸗ dot ſich, begleitet von ihrem Retter Armand Cambon, in das Hotel des Grafen Vandeul begab. Wir brauchen nicht zu erwähnen, daß ſie mi offenen Armen von dieſer edlen Familie empfangen wurde, und daß Diana ihre Thränen mit denen der Freundin miſchte, als dieſe ihr Abenteuer erzählte. Der Graf und die Gräfin gingen ſogar ſo weit, daß ſie mit Wärme die Hand des jungen Arbeiters drückten und ihn mit den heißeſten und reichſten Lob⸗ ſprüchen überhäuften. Auch Diana, die den jungen Mann mit der höchſten Bewunderung betrachtet, unterließ nicht, ihrer Freun⸗ din zu geſtehen, daß der Heldenmuth deſſelben nur durch ſeine Schönheit übertroffen werde... Es war etwa 4 Uhr Nachmittags. Die beiden Penſionsfreundinnen befanden ſich allein in Diana's Boudoir, deſſen goldene Kryſtall⸗ —— 206 Lampe ihren klaren Schein über den weißen, kleinen Marmortiſch warf, an welchem Beide Platz ge⸗ nommen. Mitten auf der Marmorſcheibe lag ein kleines Kruzifir von der Länge eines Fingers; das Kreuz deſſelben war von Ebenholz, das Bild des Erlöſers von Gold. — Und Du ſagſt, liebe Diana, daß Derjenige, der dieſes Kruzifir auf ſeiner Bruſt trägt, gegen Feuer und Schwert geſchützt ſei? fragte Adelaide lächelnd. — Ich wiederhole nur, was mir der ſpaniſche Mönch ſagte, als er mir in Madrid die beiden Kru⸗ zifire verkaufte, antwortete Diana. — Die beiden Kruzifixe? wiederholte Adelaide. Es giebt alſo zwei ſolche? — Ja, es exiſtiren zwei, antwortete Diana er⸗ röthend, denn Diana's Wangen waren in der Regel faſt ebenſo bleich wie die der jungen Herzogin. — Du haſt alſo das andere fortgegeben? fragte Adelaide. — Ja, antwortete Diana, während ihre Wangen ſich noch höher färbten. Jetzt war an Adelaide die Reihe, Diana zu fixiren. 207 Die letztere ſtützte die Stirn in die Hand, Adelaide aber ſah, wie die rothe Farbe ſchnell wieder ihrer krankhaften Bläſſe wich; ſie hörte, wie furchtbar Diana ſich bemühte, den ſchwindſüchtigen Huſten zu erſticken, der ihre Bruſt erſchütterte. — Du leideſt, Diana! ſagte Adelaide, ihren Arm um den Nacken der Freundin legend.... Du, die Du eine ſo innige Theilnahme für meine Leiden zeig⸗ teſt, wirſt mir auch vergönnen, an den Deinigen Theil zu nehmen!... Du haſt kein Vertrauen zu Deiner Kindheitsgeſpielin; Du kränkſt mich. Diana! — Wie ſollte ich kein Vertrauen zu Dir haben, antwortete Diana, ihr Antlitz an die Bruſt der Freun⸗ din lehnend. — So gieb mir einen Beweis davon!... Nenne mir den geheimen Schmerz, der Dich verzehrt!... Wer weiß, vielleicht gelingt es mir, ein Heilmittel zu finden! — Kein Heilmittel, aber vielleicht einigen Troſt, und der Troſt iſt ja ein Kind des Himmels! ſeufzte Diana. — Sprich, Diana, denn Du redeſt zu einem Herzen, das Dich liebt! — Wohlan denn, Adelaide, ſagte Diana, einen Blick im Boudoir umher werfend. — Nun? — Ich liebe! flüſterte Diana... Ja, Adelaide, ich liebe! — Du liebſt? rief Adelaide betroffen. — Ja, aber ich liebe ohne Hoffnung, und iſt Liebe ohne Hoffnung nicht Verzweiflung? — Meine arme Diana! rief Adelaide, ſich enger an ſie ſchmiegend. Diana ſchien nicht zu wiſſen, wie ſie ihre Er⸗ zählung einleiten ſollte, endlich ſchien ſie Worte zu finden. — Vor einem Jahre etwa war ich mit meinen Eltern in Verſailles und beſuchte die dortige große Gemälde⸗Galerie. Ueberall ſah ich mich in einiger Entfernung von einem jungen Manne mit den edel— ſten Geſichtszügen und ritterlicher Haltung verfolgt. ... Er war, wie ich bald darauf erfuhr, ein Lieute⸗ nant der Kuiraſſire, Namens Jourau, Ritter der Ehrenlegion, welche er ſich auf dem Schlachtfelde ver⸗ dient — Der junge Mann, fuhr Diana fort, begegnete mir ſeitdem faſt auf allen meinen Wegen, wagte aber niemals, ſich mir zu nähern. Dieſe Schüchternheit machte ihn mir noch intereſſanter; ich konnte nicht unterlaſſen, ihm dann und wann einen Blick zuzu⸗ 209 werfen. Vielleicht mag dieſer Blick etwas Er⸗ muthigendes enthalten haben, denn ſeine Augen ſtrahl⸗ ten jedesmal und er eilte fort, als ſei ein Blick von mir genug geweſen, ihn glücklich zu machen.... Ich fühlte mich immer mehr zu ihm hingezogen; Tag und Nacht träumte ich von ihm. — Er liebt Dich alſo, und Du nennſt Deine Liebe hoffnungslos? fragte Adelaide. — Jourau iſt der Sohn eines armen Handwerkers im Faubourg du Temple; als ſimpler Soldat hat er ſich in wenigen Jahren zum Lieutenant aufgeſchwun⸗ gen. Er beſitzt alſo kein anderes Wappen als ſein Schwert, keinen anderen Reichthum als ſein Ehren⸗ kreuz, keine andere Ahnen als ſeine Tugend, denn Jourau iſt nicht allein ſeines Muthes, ſondern auch ſeiner edlen Denkweiſe wegen beliebt. — Aber er hat mit Dir geſprochen? — Geſtern zum erſten Male, denn er weiß, daß ſeine Liebe ebenſo hoffnungslos iſt wie die meinige. — Aber wiſſen Deine Eltern nichts davon? — Sie haben geſehen, daß ſeine Schritte mir und meine Blicke ihm folgten, aber ſie haben nichts geſagt und werden auch nichts ſagen, denn ſie wiſſen wohl, daß ich ſchweigen werde.... Sie wiſſen, daß die Tochter des Grafen von Vandeul nicht gegen die Armand. 11 14 210 Achtung fehlen kann, welche ſie ihrer Familie ſchuldig; ſie wiſſen auch, daß Jourau es niemals wagen wird, zu ihnen zu treten und meine Hand zu begehren. — Aber Du ſagteſt, Du habeſt geſtern mit ihm geſprochen? — Ja, und zwar zum erſtem Male! Ich ſaß an dem geöffnetem Fenſter, denn die Winterſonne war milde und wohlthuend. Da hörte ich den Hufſchlag eines Pferdes und blickte auf die Straße hinab. Ich begegnete Jourau's Blick. Er war in Uniform, zu Pferde und wie zum Kampfe gerüſtet. — Verzeihen Sie, ſagte er, aber meine erſten Worte, an Sie gerichtet, werden auch meine letzten ſein. Ich habe die Ordre zu einem Kampf erhalten, in welchem ich nicht ſiegen will; meine Pflicht er⸗ füllend, will ich ſterben, und ich ahne, daß ich ſterben werde. Vorher aber wollte ich von Ihren Lippen hören, ob Sie mir des Gefühles wegen zürnen, das ich Ihnen zu widmen gewagt. Ich habe das Gefühl abſichtlich nicht erſtickt, weil es meine einzige Selig⸗ keit war, und komme nun, Sie nur um ein Wort, um ein Ja oder Nein, ſo offen wie Ihr Blick, ſo rein wie Ihr Herz, zu bitten! — Und was antworteteſt Du ihm? fragte Adelaide in höchſter Bewegung. 211 — Ich antwortete ihm, was ich ihm zu ant⸗ worten gewagt haben würde, wenn ſelbſt meine Eltern zugegen geweſen wären.... Jourau, ſagte ich zu ihm, ich kann Niemandem zürnen, am wenig⸗ ſten dem, welchen ich liebe... Aber Sie dürfen nicht ſterben, wenn Sie wollen, daß ich leben ſoll... Obgleich getrennt, wollen wir dennoch für einander leben! Mit beifallſtrahlendem Blick küßte Adelaide ihre Freundin. — Während ich zu Jourau ſprach, fuhr Diana fort, fiel mein Blick auf die beiden Kruzifixe, welche zufällig am Fenſter lagen. Ich nahm eins von ihnen und ſtreckte es zum Fenſter hinaus über Jourau's Haupt. Dieſes Amulet, ſagte ich ihm, wird Ihr Leben ſchützen, das ſeit dieſem Augenblick auch mir gehört. Zwiſchen uns Beiden erhebt ſich die Erde, aber zwi⸗ ſchen unſern Gedanken, unſern Gefühlen giebt es nur die Luft, die Sonne und den Himmel, und dieſe hin⸗ dern nicht die Vereinigung der Seelen... Nehmen Sie das Amulet; es iſt von meinen Thränen genetzt, von meinen Gebeten erwärmt.... Nehmen Sie es, Jou⸗ rau; ſiegen und leben Sie! — Jourau nahm das Kruzifir und barg es an 14* 212 ſeiner Bruſt. Wie der Wind verſchwand er.... Ich habe ihn ſeitdem nicht geſehen! — Ebles, reiches Herz! rief Adelaide. Er wird zurückkehren, denn zwei Engel ſchützen ihn, das Bild des Erlöſers und das Deinige!.... Faſſe Muth, Diana, und verzweifle nicht! Diana warf ſich in die Arme der Freundin. Lange noch plauderten Beide von Jourau. — Diana, ſagte endlich die Herzogin, wenn ich Dich nun um dies andere Kruzifir hier bäte, wür⸗ deſt Du es mir geben? — Ja, Adelaide! antwortete Diana, unter Thrã⸗ nen lächelnd. Nimm es! — In einer Stunde ſiehſt Du mich wieder, fuhr die Herzogin fort und indem ſie das Kruzifir im Bu⸗ ſen verbarg, verließ ſie Dianas Zimmer, um in das des Grafen Vandeul zu eilen, Dieſer ſaß an ſeinem Schreibtiſch. Als er Adelaide eintreten ſah, erhob er ſich und ging ihr entgegen. — Herr Graf, begann Adelaide, ehe ich noch die Beweiſe Ihrer Güte und Ihres Wohlwollens für mich erhielt, wußte ich, daß Sie ein edler Mann ſind, ein Mann von Herz und Ehre. — Ihr Lob ſchmeichelt mir, weil ich Sie hoch⸗ 213 ſchätze, Herzogin! antwortete der Graf, indem er ſie zum Sopha führte und neben ihr Platz nahm. — Werden Sie mir nicht zürnen, wenn ich offen zu Ihnen ſpreche? — Gewiß nicht, Madame! Was aus Ihrem Munde kommt, kann nur Gutes ſein. — Es handelt ſich um Ihre Tochter, Herr Graf. um meine Tochter?... Ich höre! — Diana leidet... leidet tief! — Ich weiß es. — Dieſes Leiden trägt den Tod in ſeinem Schooße, wenn man es nicht bei Zeiten heilt. — Es iſt möglich, antwortete der Graf mit leiſem Zittern der Stimme. — Diana liebt einen Mann, der ihrer Liebe wür⸗ dig iſt. Der Graf ſchaute die Herzogin etwas verwun⸗ dert an. — Auch das weiß ich! ſagte er endlich. — Dieſer Mann wird nicht nur ihr Glück ſein, ſondern er iſt auch im Stande, ihr ein Loos zu be⸗ reiten, wie es ihr Stand erfordert. Der Graf blickte die Herzogin abermals an, aber weniger erſtaunt als vorher. — Wenn ich Sie recht verſtehe, ſagte er, ſo 214 wollen Sie mir andeuten, daß der junge Mann reich ſei? — Er iſt reich, Herr Grafl — Sie kennen alſo den jungen Mann, Madame? fragte der Graf. — Ich weiß, daß er reich iſt! antwortete Adelaide mit leichtem Erröthen. — Ich glaube beinahe, Sie ſind im Stande, mir auf Heller und Pfennig anzugeben, wie viel dieſer Lieutenant beſitzt, ſagte der Graf lachend. — Das kann ich allerdings nicht, aber ich weiß, daß er reicher iſt, als die meiſten jungen Leute in Frankreich! Der Graf betrachtete die Herzogin lächelnd; dieſe wurde hierdurch immer mehr verlegen. — Wenn ich Sie fragte, Madame, fuhr der Graf fort, ob der junge Kuiraſſier-Offizier einen reichen Oheim in Oſtindien gehabt, ſo würden Sie, falls Sie aufrichtig ſein wollen, mir antworten, daß die reichen Onkel als altmodiſch längſt ausgeſtorben.... Wenn ich Sie fragte, aus was Afrika's Wüſten beſtehen, ſo würden Sie mir antworten, ſie beſtehen aus allerlei Sand, den Goldſand ausgenommen... Höchſtens findet man dort ein kleines Kreuz der Ehrenlegion, das man in der Verfolgung eines fliehenden Kabylen 215 aufrafft... Eine mäßige Belohnung, aber ganz der Mühe entſprechend!... Madame, ſetzte der Graf ern⸗ ſter hinzu; der Mann, von welchem Sie ſprechen, glänzt aus Ihrem eigenen guten Herzen, aber Sie haben vergeſſen, daß, wenn Graf Vandeul für das Gold ſchwach wäre, er nicht ſein ſchönes Schloß in der Bretagne hätte verkaufen brauchen, das er ſo ſehr betrauert! Adelaide ſah zu ihrer Verzweiflung ein, daß ſie verletzt hatte, anſtatt zu verſöhnen, und daß ſie ſich vom Ziel entfernt, anſtatt ihm näher zu rücken! — Gnade, Herr Graf! Gnade für Diana! rief ſie, ſich vor ihm auf die Knie werfend und ihm das kleine Kruzifir entgegenſtreckend. Gnade um deſſen willen, der für uns Alle geſtorben, der uns nur nach unſern Herzen richtet!... Erbarmen Sie ſich Ihrer Tochter, denn ſie leidet, ſie wird ſterben! — Sie ſetzen mich in Verlegenheit, Herzogin! ſagte der Graf, indem er Adelaide aufrichtete und ihre Hand küßte. Entweder Diana vermählt ſich ihrem Stande gemäß oder ſie vermählt ſich niemals.... Sie bedienen ſich ſtarker Mittel, Madame, indem Sie das Kruzifir anrufen! Aber Gott wohnt nicht allein in dem Kreuz, er wohnt in der ganzen Natur.... Er hat dem Golde ſeinen Platz gegeben und auch dem 216 Eiſen... Er vermiſchte beide nicht, denn er weiß, daß jedes von ihnen getrennt nur ſeinen Werth hat... So iſt es auch mit den Geſchlechtern der Erde, und ſo wird es ewig bleiben! — Aber ohne das Eiſen hätte das Gold ewig in ſeinem Felſen geſchlummert! antwortete Adelaide; nur das Eiſen hat ſeinen Kerker geöffnet, und beide hel⸗ fen und ſtützen ſich einander.... O Graf Vandeul, anſtatt lächelnd in das Paradies von Ihrer Tochter Glück zu blicken, wollen Sie an Ihrem Grabe wei— nen! Anſtatt in Ihrer Todesſtunde von Ihrem Kinde geſegnet zu ſein, wollen Sie das Glück deſſelben zer— ſtören!.. — Madame! unterbrach ſie der Graf, ſich erhe— bend. Sprechen Sie nicht mehr von dieſer unange— nehmen Angelegenheit... Man hat uns aller unſerer Rechte beraubt, aber man wird uns das Eine nicht nehmen, nämlich das Recht, in unſerm Hauſe nach Belieben und beſter Einſicht zu ſchalten.... Möge meine Tochter, die Comteſſe Vandeul, ſterben, wenn ſie nicht leben kann! Mit dieſenWorten nahm der alte Legitimiſt die Hand der Herzogin, küßte dieſelbe und begleitete Ade⸗ laide zur Thür. — O mein Gott! ſeufzte ſie, als ſie draußen ſtand. 217 Giebt es denn keine Tugend, die ſtark genug, der Macht des Vorurtheils zu trotzen?... — Arme Adelaide! hörte ſie plötzlich Diana's Stimme; ich wußte, wohin Du gingſt, und ich wußte, wie hoffnungslos dieſer Weg war... Du gutes Herz .. Laß uns dulden und.. ſchweigen! XVII. Bus andere Pruzifi. Es klopfte an die Thür des Boudoirs und Diana's Kammerjungfer trat ein. — Die Perſon, welche die Frau Herzogin erwar⸗ tet und nach der ſie mehrmals gefragt, iſt angekom⸗ men, meldete die Zofe. — Welche Perſon? fragte Adelaide zerſtreut. — Ich erinnere mich ſeines Namens nicht mehr, es iſt aber derſelbe, der geſtern hier war, der junge Arbeiter. — Ach, Armand Cambon! rief die Herzogin und verließ das Boudoir. Als Adelaide das kleine Kabinet betrat, in wel⸗ chem ſie ihre Wohnung aufgeſchlagen, fand ſie Armand, der an der Thür ſtand und ſie erwartete. Das kleine Gemach war von einer Lampe beleuch⸗ tet, deren großer, die matt geſchliffene Glaskuppel be⸗ 219 deckender Schirm das Zimmer in ein Halbdunkel hüllte, welches das ſonſt ſo geſchmackvolle Kabinet etwas düſter machte. Die Herzogin ſchritt an dem jungen Mann vor⸗ über, deſſen Geſtalt durch den Schatten faſt unſichtbar gemacht wurde. Sie ſetzte ſich in einen Fauteuil, ganz in der Nähe des Tiſches, auf welchem die Lampe ſtand. Adelaide ſchien zerſtreut und dies war ſie in der That. Ihre ganze Seele war noch mit der Freundin beſchäftigt, die ſie im Boudoir zurückgelaſſen, ſie ſchien den eigenen Freund vergeſſen zu haben, der ihr augenblicklich doch ſo nahe war. Beide Arme auf den Tiſch ſtützend, barg ſie ihr Antlitz in den Händen. Unſer Held bemerkte, daß eine neue Unannehmlich⸗ keit der jungen Dame zugeſtoßen ſein müſſe; er brannte vor Verlangen, dieſelbe kennen zu lernen, wagte aber doch nicht das Schweigen zu unterbrechen, deſſen ſie zu bedürfen ſchien. In wie fern Armand etwas unangenehm dadurch berührt ward, daß ſie ihn nicht bemerkte, obgleich ſie doch von ſeiner Anweſenheit benachrichtigt worden, das wiſſen wir nicht; ſo viel aber iſt gewiß, daß er der Stütze bedurfte, welche ihm der Thürpfoſten gewährte. 220 Nach und nach ward indeß das Schweigen lang⸗ weilig. Die junge Dame ließ die Stirn in den Hän⸗ den ruhen, der junge Mann blieb an den Thürpfoſten gelehnt und führte zuweilen ſeine Hände an die Stirn. Hätte nur ein einziger Strahl der Lampe auf ſeine Geſichtszüge fallen können, ſo würde derſelbe dieſes Antlitz eben ſo bleich gefunden haben, wie das der Herzogin. Endlich taſtete Armand's Hand nach dem Schloß der Thür. — Madame, ſagte er, das Schweigen brechend, Sie befahlen mir geſtern, heute um ein Uhr hierher zu kommen; leider war es mir unmöglich, mich früher als jetzt einzufinden... Vielleicht befehlen Sie, daß ich ein andermal wiederkomme? Entweder war Armand's Stimme zu matt, als daß ſie hätte gehört werden können, oder das Gehör der Herzogin war ebenſo abweſend wie ihre übrigen Sinne. Abermals verfloß eine Minute tiefſten Schweigens. Endlich begannen die auf den Tiſch geſtützten Arme ſich zu bewegen, das bisher verſteckte Antlitz zeigte ſich. Der Tiſch bekam Leben. — O mein Gott! rief Adelaide, indem ſie den grünen, das Zimmer beſchattenden Schirm von der 221 Lampe nahm. Ich vergaß, daß Sie hier ſind!... Kommen Sie näher, Armand!... Näher an dieſen Tiſch, mein Freund! Ich habe ja ſo viel mit Ihnen zu ſprechen! Jetzt aber war der Thürpfoſten eben ſo ſtumm ge⸗ worden, wie es der Tiſch geweſen. Die Herzogin erhob ſich und ging zur Thür. Sie ſah, daß ſie allein im Kabinet war. — Unbegreiflich! ſagte ſie zu ſich ſelbſt... Ich meinte doch, er ſei hier!... Um Gotteswillen, was iſt das? Die Herzogin entdeckte auf dem der Thür zunächſt befindlichen Stuhl eine Männermütze von gewöhn⸗ lichem Zeug. — Es iſt Jemand hier geweſen! ſagte ſie, die Mütze betrachtend... Aber... ewiger Himmel! ſetzte ſie, an allen Gliedern zitternd, hinzu. Die Sache war die, daß der Blick der Herzogin, der das Innere der Mütze geprüft, entdeckte, daß die⸗ ſelbe mit Blut befleckt war. Adelaide ließ die Mütze fallen und eilte hinaus. Sie ſtürzte durch einen kleineren, ſchwach von einer! Anpel erleuchteten Salon und befand ſich bald in einem Vorzimmer. Hier erſtarrte ſie faſt vor dem Anblick, der ſich ihren Augen bot. Die Dienerſchaft hatte ſich um einen Stuhl grup⸗ pirt, auf welchem ein junger Mann ſaß, deſſen Tracht der Arbeitsklaſſe angehörte, deſſen herabhangende Arme jedoch eine in Ohnmacht gefallene Perſon verriethen. — Das iſt der junge Mann, der ſo eben aus dem Kabinet der Frau Herzogin gekommen, ſagte ein Be⸗ dienter. Als er das Vorzimmer hier erreichte, ſank er zu Boden... Er hat ein großes Loch im Kopf, aber er muß es ſchon mit hierher gebracht haben, denn man ſieht deutlich, daß die Wunde ſchon verbunden geweſen. — Himmel, er iſt todt! ſchrie Adelaide, indem ſie ſich zum Erſtaunen der Dienerſchaft vor dem Stuhl niederwarf, die beiden Hände des Ohnmächtigen er⸗ faßte und ſie konvulſiviſch an ihre Bruſt drückte. — Todt? wiederholte der Diener.... O nein, Ew. Gnaden, er ſchlug ſo eben noch die Augen auf .. Aber vielleicht iſt es am beſten, den Arzt holen zu laſſen. — Den Arzt? fiel ein Anderer der Dienerſchaft ein. Wie ſoll man bei der in den Straßen herrſchen⸗ den Verwirrung einen Arzt finden!... Am beſten wär's, wir brächten ihn in unſere Kammer hinab und pflegen ihn, ſo gut es angeht... Ah, jetzt öffnet er die Augen wieder! —— Die Herzogin erhob ſich vom Boden und beugte ſich über den Beſinnungsloſen; ſie lauſchte auf ſeinen Athem und legte ihre Hand auf ſein Herz. — Tragt ihn ſogleich auf mein Zimmer! befahl Adelaide. Die Dienerſchaft blickte, erſchreckt durch ſo viel Menſchenliebe der Herzogin die junge Frau ganz ver⸗ dutzt an. Trotzdem gehorchte man ſchweigend und gleich darauf lag Armand auf einem weichen Divan. — Eine Börſe mit Gold für den, der einen Arzt findet! rief Adelaide. Alle Diener ſtürzten gleichzeitig zur Thür. Nur eine Dienerin blieb und vereinigte ihre Sorgfalt mit der der Herzogin, um den Bewußtloſen zum Leben zurückzurufen. Man übergoß ihn mit Eſſenzen, mit dem koſtbar⸗ ſten Eau de Cologne, dem theuerſten Vinaigre de toilette und anderen Wohlgerüchen, welche zur Toi⸗ lette einer Prinzeſſin ausgereicht hätten. Aber nicht genug hiermit; man mußte ihm auch das verwundete Haupt verbinden. Die Dienerin war rathlos, denn woher ſollte man in der Eile Charpie nehmen? Adelaide ihrerſeits wußte zu helfen. Sie machte aus einem nagelneuen Cachemir⸗ ſhawl eine Binde und Charpie aus Brüſſeler Spitzen. — 224 Alles war jetzt angewandt, das bleiche Haupt gut verbunden und verwahrt. Ach, welch feine Züge! ſchwärmte jetzt die Kam⸗ merjungfer, das ſchöne, bleiche Antlitz des Jünglings betrachtend, das vollſtändig mit Cachemir und Brüſſe⸗ ler Spitzen garnirt war. — Aber dieſe ſo lange anhaltende Ohnmacht er— ſchreckt mich! ſagte die Herzogin, die ſo gern Leben in dieſem Antlitz ſehen wollte und ſich ſo dicht über daſſelbe beugte, daß ihre Lippen faſt ſeine Haut be⸗ rührten. In kritiſchen Augenblicken muß ja Alles verſucht werden. Man mußte aber ein Stein ſein, um bei die⸗ ſer Berührung nicht lebendig zu werden. Armand öffnete endlich die Augen und begann umher zu ſtarren. Er murmelte einige unzuſammenhängende Worte; er lag offenbar in den Phantaſien des Wundfiebers. Adelaide glaubte in den letzteren auch den Namen Felix wiederholt zu hören. Sie erinnerte ſich, daß ihre Kammerjungfer ihr zuweilen dieſen Namen ge⸗ nannt, und war einigermaßen beſorgt, als Armand in ſeinem Delirium ihn fortwährend„armer unglücklicher Felix“ nannte. Adelaide hatte im Verlaufe des Tages mehrmals u einen Boten nach dem Hotel des Herzogs geſchickt, um Colette, ihre Kammerjungfer holen zu laſſen, aber das war bis jetzt vergeblich geweſen... Wo war die arme Colette geblieben und was war ihr Schickſal, ſeit Rdelaide von ihr getrennt worden? Endlich trat in Armand's Phantaſien auch der Name„Adelaide“ auf. Die Herzogin erbleichte, als ſie den Verwundeten mit ſolcher Begeiſterung ihren Namen rufen hörte. In ihrer Verlegenheit legte ſie dem Ohnmächtigen die Hand auf den Mund. Mehr als ein elektriſcher Funke flog von dieſer kalten Hand zu dem warmen Mund; die Wirkung konnte nicht unterbleiben. Armand verſtummte. Die Fieberröthe, welche auf ſeinen Wangen flammte, ward ſchwächer, ſeine Augen, die ſo wild umher geſchaut, wurden milder in ihrem Ausdruck. Langſam führte er ſeine Hände zu den Spitzen, welche ſein Antlitz umhingen und taſtete verwundert an denſelben herum. — O mein Gott, wo bin ich? rief er endlich, ſich von dem Divan aufrichtend... Wo bin ich? Ach... Die Herzogin!... Verzeihung! Ver⸗ zeihung! Armand hatte den Divan verlaſſen, ſeine Knie Armand. II. 15 226 ſanken auf den Boden und flehend ſtreckte er ſeine Hände zu Adelaide hinauf. Dieſe gab der Kammerjungfer einen Wink. Die⸗ ſelbe entfernte ſich. — Beruhigen Sie ſich, Armand; Sie ſind bei Freunden, ſagte Adelaide, ſich ihm nähernd... Sie ſind außer aller Gefahr, und ich danke Gott dafür... Sie erkennen mich wieder... Sie befinden ſich wohler... O Gott, wie Sie mich erſchreckt haben! Wie ich für Sie gezittert habe! Adelaide reichte ihm bei dieſen Worten die Hand. Armand blieb in ſeiner knieenden Stellung; ſeine Hände falteten ſich. — Verzeihung! Verzeihung! waren die einzigen Worte, welche er zu ſtammeln vermochte. Diana von Vandeul blieb lange allein, nachdem Armand das kleine Boudoir verlaſſen, und lehnte ſich faſt unbeweglich in die Sophaecke. Plötzlich klopfte es wieder an die Thür und zum zweiten Male trat ihre Kammerjungfer ein. — Ein Offizier der Kuiraſſiere bittet um die Ehte eintreten zu dürfen! meldete die Kammer⸗ jungfer. 227 — Ein Offizier der Kuiraſſiere? rief Diana, ſich ſchnell erhebend. Sein Name! Sein Name! — Herr Rodin! antwortete die Kammerjungfer. — Rodin! wiederholte Diana, wieder in das Sopha zurückſinkend... Ich kenne ihn nicht! Diana preßte beide Hände ängſtlich auf die Bruſt. Ein junger Kuiraſſier-Offizier in voller Uniform trat über die Schwelle und ſchloß die Thür hin⸗ ter ſich. — Mein Herr, ich verſtehe nicht, was dies be⸗ deuten ſoll! ſagte die ahnende Diana mit eiſiger Kälte. Haben Sie die Güte, Ihre Angelegenheit mit möglichſter Kürze und ohne Einleitung mir mit— zutheilen! — Heute um die Mittagszeit, begann der Offi⸗ zier, fiel der Lieutenant Albert Jourau, von einer Musketenkugel in die Bruſt getroffen, im Kampfe mit den Inſurgenten.... Sterbend trug er mir auf die⸗ ſes Kreuz in die eigenen Hände des Fräulein von Vandeul zu legen. Mit dieſen Worten nahm der Offizier ein kleines Packet hervor und näherte ſich mit dieſem dem Sopha. — Und der Lieutenant Jourau iſt jetzt todt? fragte Diana, ohne das leiſeſte Zittern ihrer Stimme zu verrathen. 15* — —— 228 — Ja, mein Fräulein! antwortete der Offizier... Vor zwei Stunden habe ich dem armen Kameraden die Augen zugedrückt. — Ihre Hand, mein Herr! Der Offizier reichte ihr mit einer ehrfurchtsvollen Verbeugung die rechte Hand. — Mit dieſer Hand haben Sie ihm die Augen geſchloſſen? fragte Digna mit leiſer Stimme. — Ja, mein Fräulein! — Ich danke Ihnen! ſagte ſie, die Hand des Of⸗ fiziers mit ihren beiden Händen umſchließend... Doch verzeihen Sie mir... Leben Sie wohl!... Der Offizier verbeugte ſich abermals, trocknete eine Thräne, welche ſich aus ſeinem Auge hervordrängte und ging. Als Diana ſich wieder allein befand, riß ſie das kleine Päckchen auf, führte das Kruzifix an ihre Augen und warf ſich auf das Sopha zurück, indem ſie das Kruzifix und ihr Antlitz in dem weichen Kiſſen verbarg. So lag ſie eine Stunde lang da, bis die Her⸗ zogin wieder in das Boudvir trat. Diana ſprang auf. — Adelaide! rief ſie, ihr entgegen eilend. Gieb 229 mir das Kruzifir zurück, das Du von mir er⸗ hielteſt! Adelaide blickte ihre Freundin verwundert an. — Dieſer ſpaniſche Mönch hat die Unwahrheit geſprochen! fuhr Diana fort, denn dieſe Kruzifire ſchützen nicht vor Feuer und Schwert... Sie tragen den Tod in die Bruſt deſſen, der ſie trägt!... Gieb mir das Kruzifir wieder, Adelaide! — um des Himmels willen, was iſt geſchehen? ... Weshalb willſt Du dieſes Geſchenk zurück haben? — Haſt Du nicht gehört? Sie bringen Dem⸗ jenigen den Tod, der ſie trägt!... Wo iſt das Kru⸗ zifir?.. Adelaide, gieb es zurück! — Ich verſtehe Dich nicht, beſte Diana!... Es iſt nicht mehr in meinem Beſitz! — Großer Gott! Du haſt es nicht mehr? — Nein Diana! — Du haſt es fort gegeben? — Ich that es! antwortete Adelaide, ein wenig verlegen. — O Gott! So haſt Du es ihm gegeben? rief Diana. Du haſt es dem jungen Mann ge⸗ geben, Deinem Befreier, Deinem Retter, nicht 230 wahr„ Du haſt es Armand Cambon ge⸗ — Ja, antwortete Adelaide mit purpurrothen Wangen. — Unglückliche, ſo haſt Du ihm den Tod ge— geben, der Dein Leben rettete!.... Arme, arme Adelaide! — Aber, Diana, Du erſchrickſt, Du tödteſt mich! Was iſt in meiner Abweſenheit geſchehen?. Sprich, Diana! — Sieh hier das andere... das andere Kru⸗ zifir! rief Diana, ihrer Freundin das Kruzifir zei⸗ gend, welches ihr der Offizier übergeben. Man hat es mir zurückgebracht, man hat es von einer edlen Bruſt, von einem treuen Herzen genommen. Du wirſt weinen, wirſt zittern wie ich, Ade⸗ laide, wenn auch Du das Deinige zurück erhalten wirſt! — Doch nein! ſetzte ſie hinzu, indem ſie mit einem ſanften Blick in das Auge der Freundin ſchaute; nur ich bin ja die Verurtheilte, nur ich bin von Ketten gefeſſelt, welche der Tod allein trennen kann!.. — Du Adelaide, Du biſt frei, und in Deiner Freiheit liegt das ganze Glück Deines Lebens.... 231 Aber auch ich werde dereinſt frei ſein, und dann werde auch ich vermählt werden.... Ja, Adelaide, meine Freundin, meine Schweſter, es wird eine Ver⸗ mählung werden, aber eine Vermählung zwiſchen zwei Gräbern!.. XVIII. Ein Morgenbeſurh in St. Germnin. Der Faubourg St. Germain, das Hauptquartier der vornehmen Legitimiſten, lag in tiefſter Ruhe, während drüben jenſeits der Seine der unſeligſte Kampf der Revolution wüthete und ſeine blutigen Schrecken über das arme Paris verbreitete. St. Germain lauſchte mit verhaltenem Athem, aber mit ſtrahlenden Augen, denn auch dort hoffte man den Sturz des von ihnen gehaßten Ludwig Philipp. Bei jedem Schuß, welchen man fallen hörte, glaubte man einen Stein aus der Grundmauer der Juli⸗ Dynaſtie fallen zu hören; man war alſo in der äußer⸗ ſten Spannung und hielt ſich bereit, die Früchte dieſes unſeligen Kampfes zu ernten. Die einzige nicht ganz Glückliche im ganzen Faubourg — 233 St. Germain war vielleicht die ſchöne Marquiſe Eulalie d'Eſtelle. Einſam in ihrem koſtbaren Boudoir, maß ſie den ſchönen Gobelin-Teppich mit ihren bewundernswürdigen kleinen Füßen und den purporrothen, goldgeſtickten Sammetſchuhen. Bald ſchloß ſie die Diamant⸗Agraffe des ſeidenen Gürtels, der ihr Morgengewand von weißen Spitzen zuſammen hielt, und zwar ſo eng, als müßte ihr der Athem vergehen; bald löſte ſie die Schärpe gänzlich, ſo daß das Spitzengewand nachläſſig ſich um ihre wunderbare Geſtalt drapirte wie das klaſſiſche Gewand einer antiquen Statue. Unruhig hob und ſenkte ſich ihr blendender Buſen, der vielleicht ſelbſt für eine Morgentvilette allzu ſehr entblößt war, was aber ein Bewunderer ſchöner For⸗ men ſicherlich entſchuldigt haben würde. Schatten um Schatten jagten über die ſchönen Lilien ihrer Wangen, ohne daß ſie deren wollüſtige Schönheit verdunkeln oder den großen ſchwarzen Augen ihren hinreißenden Glanz entziehen konnten. Eulalie erſchien faſt ſchöner als ſonſt in dieſem herrlichen Schattenſpiel. Erſcheint doch auch die Blume immer ſchöner, oder iſt doch wenigſtens ihr Duft feiner in dem 234 Augenblick, wo eine Wolke ſie vor der glühenden Sonne ſchützt! Die Marquiſe blieb während ihrer Promenade oft vor einem kleinen vergoldeten Tiſch mit etwas phantaſtiſcher Moſaik⸗Platte ſtehen. Es waren indeß keineswegs die phantaſtiſchen Figuren, die chineſiſchen Kahlköpfe mit langen Zöpfen und die chineſiſchen Fuße mit viereckigen Schuhen, auf welchen ihre Blicke ruhten. Gerade auf einem dieſer Kahlköpfe lag nämlich ein kleines erbrochenes Billet. Oft, ſehr oft blickte ſie auf dieſes Billet, öffnete, las es und legte es wieder zuſammen. Es ſchien, als komme ſie immer wieder auf dieſes Billet zurück. Was, um Gotteswillen, konnte dieſes Billet ent⸗ halten? Ein Liebesbrief konnte es nicht gut ſein, denn die Marquiſe würde es in dieſein Falle flüchtig über⸗ blickt und dann in den Marmor-Kamin geworfen haben, deſſen Flamme das Cedernholz verzehrte und das Zimmer mit Wohlgeruch erfüllte. Nie kann ein unglücklicher Liebesbrief ein koſt⸗ bareres Grab finden als in einer ſolchen Cederholz⸗ Flamme. 235 Aber, nochmals: was war denn das für ein ſelt⸗ ſames Billet?... Wiederum öffnete es die Marquiſe, vielleicht zum zwanzigſten Male. Wir benutzen dieſe Gelegenheit, um unſere Neugier zu befriedigen, und leſen folgenden Inhalt: „Eulalie! Alles iſt entdeckt und Alles iſt verloren! Die Herzogin iſt frei und wohnt bei dem Grafen Vandeul. St. Bris und Bredot ſind gefangen und wohnen in den Kellern des Juſtizpalaſtes. Ich habe mich gerettet und wohne, wenn Sie Dieſes leſen, im Grabe. Relten auch Sie ſich auf dieſelbe Weiſe ſofern Sie es nicht vorziehen in St. Lazare zu wohnen inmitten der Schande und der Erinnerung an Den, deſſen Untergang Sie verſchuldet. Dies waren die wenigen Zeilen, welche die Mar⸗ quiſe gar nicht genug zu leſen vermochte, daß ſie Rigobert.“ ʒ aber nach gerade wohl aus dem Kopfe wußte. — Alſo auf dieſelbe Weiſe! ſagte ſie für ſich oder vielmehr, ſie dachte es. Linkiſcher Menſch! hülflicher, rathloſer Thor bis in den Tod hinein!... Unbe⸗ 236 Du willſt, ich ſoll ſterben... Ich, ich ſoll ſterben? ſetzte ſie mit einem lächelnden Blick in dem Spiegel hinzu, der nie ein ſchöneres Bild zurück gegeben. Ein ſolches Haupt beugt man nicht freiwillig auf den grünen Raſen nieder; nimmermehr übergiebt man gern der kalten, feuchten Erde einen Körper, ſo ſtolz und ſchön wie der Eulaliens. Die Marquiſe hatte Recht. Der Herzog von Beaudreuil war ein rathloſer, unbehülflicher Thor bis in den Tod hinein. — Mich retten ſoll ich?... Ich mich retten? Vor wem?... Vor was?.... Weil ein Herzog einem Bankier eine Doſe Gift gegeben?.... Weil derſelbe, deſſen Wittwe ich bin, noch eine zweite Wittwe hinterläßt?... Weil der eine Gatte den andern ver⸗ kauft und dann, nachdem er einen ſchlechten Kauf ge⸗ macht, ſich eine Kugel in die eigene Stirn jagt?.. Alles Das iſt gewiß ſehr unbehaglich, aber was geht es mich an?... Was wäre es, das ich zu fürchten hätte?... St. Bris und Bredot ſind gefangen und werden Gegenſtand eines Criminalprozeſſes werden; das iſt wahr; aber was können ſie gegen mich aus⸗ ſagen?.... Bildete er ſich etwa ein, dieſer arme Herzog, daß ich dieſe Schelme tiefer in meine Karten habe blicken laſſen, als ich für gut fand?.. 237 — Rigobert! fuhr ſie fort. Nur ein einziges Mal biſt Du in Deinem Leben vernünftig geweſen, und das war, als Du die Piſtolenmündung an die eigene Stirn ſetzteſt!... Ich bin an Deinem Untergange ſchuld, ſchreibſt Du! Dieſelbe Melodie haben ſchon Andre vor Dir geſungen und ich kann in der That nicht dafür ſtehen, daß ſie nicht noch Andre nach Dir ſingen werden!... Dieſe Narren! Man ſchenkt ihnen den Himmel in einer Umarmung, und wenn man die Arme ſchließt, haben ſie keine andere Zuflucht als das Grab!... Aber wer kann denn dafür?.... Wer kann denn Allen für ewige Zeiten den Himmel ſchen— ken? Ich bin, wie man behauptet, eine Göttin 7 7 ſetzte ſie mit einem abermaligen, lächelnden Blick in den Spiegel hinzu; aber leider bin ich kein Gott!.. Ich kann wohl den Lebenden die Seligkeit geben, aber nicht den Todten!.. Nach dieſen beruhigenden Betrachtungen ſetzte ſich die Marquiſe in den Divan und löſte ihre üppigen ſchwarzen Haarflechten auf, was, wie wir wiſſen, eine ihrer Lieblingsbeſchäftigungen war, wenn ſie nichts zu thun hatte. Die Marquiſe hätte dieſe Haarflechten wohl mit den ſchwarzen Brettern vergleichen können, mit welchen man einen armen Sünder ins Grab ſenkt. 6— ———— Aber die Phantaſieen der Marquiſe trugen nie ſchwarze Trauergewänder, ſie folgten nie einer Leichen⸗ Prozeſſion und hatten nie Gräber mit Immortellen geſchmückt. Haſtig ſprang ſie vom Sopha auf und ließ die Haarflechten fahren, was ſehr viel zu bedeuten hatte. — Deniſe! Deniſe! murmelte ſie.... bei allen Teufeln, ich habe dieſe Deniſe vergeſſen! Die Sammetfüße der Marquiſe begannen aber⸗ mals den Teppich zu meſſen. — Deniſe!... Deniſe weiß in der That, was kein Sterblicher wiſſen darf!... Wenn man ſie vor den Richterſtuhl führte und ſie dort Alles ausſagte, was ſie weiß, ſie könnte.... Beim Styr! Dieſes Mädchen iſt gefährlich! Ich habe ſie wirklich zu fürch— ten!.. Verzeih mir, Rigobert, daß ich ſo ungerech⸗ terweiſe Deine Aſche geſchmäht! — Deniſe iſt in der letzten Zeit ſo ſcheu und unruhig geworden! fuhr die Marquiſe fort. Ich habe ſie oft erſchrecken und zuſammen fahren geſehen, ohne daß ich wußte, warum!.... Dieſes Mädchen kann mir gefährlich, ſehr gefährlich werden! Die vor dem hohen Spiegel ſtehende Marquiſe wandte plötzlich das Antlitz von dieſem ab. Sie war ganz gelb im Geſichte geworden und wie es ſchien, war ihr dieſer Farbenwechſel nicht ſehr will⸗ kommen. Allmälich indeß nahm ſie ihre vorige Farbe und mit dieſer auch wieder die alte Laune an. Sie ergriff das kleine ſilberne Glöckchen, ſetzte dies in Bewegung und nahm dann wieder ihren Platz im Divan ein. Deniſe trat ein. Die Marquiſe hatte Recht, denn die Kammerjungfer zeigte wirklich das ſcheue Weſen, welches ihre Herrin ſo beunruhigte. — Welch ein entſetzliches Ereigniß! rief die Marquiſe. — Ja, Madame, ein entſetzliches Ereigniß! wie⸗ derholte Deniſe mit einem weit wahreren Ausdruck von Betrübniß als ihre Herrin. — Du ſagteſt, der arme Herzog habe ſich mit zwei Kugeln...7 O mein Gott!... — Ja, Madame!.... Als der Kammerdiener heute Morgen zeitig nach ſeiner Gewohnheit in das Schlafgemach trat, um die Tagesbefehle entgegen zu nehmen, ſah er den armen Herzog todt und von zwei Kugeln durchbohrt in ſeinem Bette liegen. — Schrecklich!... Fürchterlich!... Ich fühle mich unwohl... mein Kopf ſchwindelt.. Gieb *— ſ .————— 240 die Ordre, daß man heute Niemanden zu mir laſſe ... Champagner mit Eis, Deniſe! Die Kammerjungfer trat hinaus. Gleich darauf erhob ſich die Marquiſe. Sie eilte zu einem kleinen mit Perlmutter⸗Roſetten ausgelegten Bureau, öffnete eine Lade und nahm etwas aus der⸗ ſelben, das ſie in ihrem Buſen verſteckte. Hierauf warf ſie ſich wieder auf den Divan zurück und lehnte die Stirn in ihre ſchönen Hände. Deniſe kehrte nach kurzer Zeit wieder; ſie trug eine ſilberne Platte, auf welcher neben einem großen Kryſtallglaſe eine ſilberne Terrine mit Eis und in dieſem Eiſe eine Flaſche mit Champagner ſtand. — Befehlen Madame, daß ich ſervire? fragte Deniſe. — Ja! Deniſe erfaßte die Flaſche an dem ſilbernen Henkel. Der Kork, von der Hand der beſorgten Kammer⸗ jungfer gehemmt, flog nicht zur Decke auf, denn dies gilt bekanntlich in vornéhmen Kreiſen nicht für gentil. Die edlen Perlen der Trauben, glücklich, ihre Freiheit wieder gewonnen zu haben, ſtrömten in das Kryſtallglas hinab wie frohe, ausgelaſſene Kinder. Die Marquiſe führte den Kryſtall an ihre Lippen 241 und leerte den Inhalt mit einer Eile, welche den Neid einer Lorette erweckt haben würde. — Biscuit! befahl die Marquiſe. Deniſe eilte hinaus. — Die arme Deniſe! ſagte die Marquiſe für ſich. Sie leidet noch von ihrer Paſſion für jenen elenden, undankbaren Abenteurer!... Ich war längſt darauf gefaßt, daß ſie einen verzweifelten Schritt thun werde es ſollte mich nicht wundern, wenn ſie eines ſchönen Tages... Sie wäre, bei Gott, nicht das erſte Opfer einer unglücklichen Liebe!... Die arme, arme Deniſe! Wenn ihr etwas zuſtieße, wer würde in dieſen ſturmbewegten Zeiten nach einer armen Kammerjungfer fragen! Während dieſes Monologes füllte ſie das Glas. Die Perlen hüpften und tanzten von Neuem, am lebendigſten jedoch waren diejenigen, welche vom Boden zur Oberfläche herauf tauchten, denn ſie hatten es ſo eilig, ſich mit ihren Schweſtern zu vereinigen. Die Marquiſe nahm nun den kleinen Gegenſtand hervor, den ſie im Buſen verſteckt hatte. Es war eine kleine grüne Flaſche mit einem Glasſtöpſel. Aber nur einige Tropfen ließ ſie von ihrem Inhalt in das Champagnerglas fallen. Armand. II. 6 242 Das Leben im Glaſe hörte im Nu auf. Die Perlen auf der Oberfläche ſtarben augenblick⸗ lich und die Schweſtern in der Tiefe ſtiegen nicht mehr herauf. Es war ſtill, ganz ſtill in dem Glaſe. Die hellgelbe Traube erbleichte. Eben trat Deniſe mit überzuckertem Biscuit herein, der zierlich wie eine kleine Pyramide ſich auf einer ſilbernen Platte erhob. — Dank, Deniſe! ſagte die Marquiſe, ein Stück von der Pyramide abbröckelnd. Du ſiehſt ja ſo er⸗ froren aus, mein Kind!... Trink; ich habe dieſes Glas ſoeben für Dich gefüllt! Deniſe verneigte ſich tief und berührte das Glas, denn auch Kammerjungfern trinken gern Champagner. Da plötzlich hörte man Schritte im äußeren Zimmer. Deniſe zog die Hand von dem Glaſe zurück und lauſchte. — Wie! rief die Marquiſe aus. Es iſt Jemand draußen, und ich habe doch befohlen, daß Niemand herein gelaſſen werde!... Höre ſogleich, wer es iſt und verabſchiede ihn, wer es auch ſein möge! 6 Kehre aber ſogleich zurück! Deniſe verſchwand zum dritten Mal. 243 — Ich will nicht hoffen, daß der Champagner im Glaſe verdirbt, murmelte die Marquiſe mit einem häßlichen Lächeln.... Aber es iſt merkwürdig, wie lange ſie draußen bleibt! ſetzte ſie nach einer Pauſe hinzu.... Der Fremde muß doch ſchon wieder ge⸗ gangen ſein, da es ſtill im Vorzimmer iſt!... Wohin ſie nur denken mag, da ſie nicht zurückkommt und mich hier ſitzen läßt!... Sie pflegt doch ſonſt nicht zu zögern, wenn es den Champagner gilt! Wohin Deniſe in dieſem Augenblick dachte, das mochte Gott wiſſen; aber ſie kehrte nicht zurück. Die Marquiſe verlor endlich die Geduld, deren ſie ohnehin nicht allzu viel beſaß. Sie ſetzte die kleine ſilberne Glocke heftig in Bewegung. Aber auch dies half nicht. Wieder verſtrichen einige Secunden. Da plötzlich öffnete ſich die Thür leiſe und ein Kopf ſtreckte ſich durch die Oeffnung. Das aber war nicht Deniſens hübſches Köpf⸗ chen! Es war ein ſehr dicker Kopf, deſſen Antlitz, ob⸗ gleich im Uebrigen nicht häßlich, einen großen Mund mit breiten Zähnen und ein Paar Augen zeigte, die mehr Fackeln als Sternen glichen. Selbſt der Schädel 16* 244 war kahl, aber als Erſatz hiefür trug dieſes Geſicht einen dichten ſchwarzen Bart. — Bonjour! grüßte dieſer Kopf mehr heiter und vertraulich als artig und achtungsvoll. — Wo iſt Deniſe? rief Eulalie, der dieſer große Kopf nicht ſonderlich gefiel, obgleich er ihr völlig un⸗ kannt war.... Wo ſind meine Bedienten, meine Leute!... Man läßt unangemeldet fremde Menſchen herein!... Deniſe!.. Deniſe!. Der gße Kopf verzog ſein Geſicht zu einem Lachen. — Deniſe plaudert eben mit einem meiner Freunde, ſagte er ganz heiter und vertraulich. Ihre Bedienten plaudern mit anderen von meinen Freunden... Jeder hat ſein Vergnügen, und wenn ich mit Ihnen plau⸗ dere, ſo hab' ich das meinige. Nicht nur der Kopf, ſondern auch der übrige Körper des Unangemeldeten zeigte ſich jetzt. Die Thür ſchloß ſich hinter ihm. Der Körper dieſes ungebetenen Gaſtes, der voll⸗ kommen der Größe des Kopfes entſprach, konnte die Marquiſe an jene Titanen erinnern, welche den Oſſa auf den Pelion thürmten, um den Olymp zu erreichen. Dazu kam noch, daß der neue Titan ein Koſtüm viel ſchrecklicher als das ſeiner Vorfahren trug. Die Kleidung dieſes Menſchen war an mehreren Stellen arg zerriſſen, überall mit Staub und ſogar mit Blut bedeckt. Ein langer Reiterſäbel mit eiſerner Scheide klap⸗ perte an ſeiner Seite. Was in aller Welt ſuchte dieſer Titan in den Olymp der Marquiſe? Arme Juno, wo iſt Jupiter mit ſeinen Blitzen! Die Marquiſe that einen Schritt, um nach dem innern Zimmer zu fliehen. Gleichzeitig aber that der Titan vier Schritte, länger als die ihrigen und erfaßte mit ſeiner koloſſalen Fauſt den Arm der Marquiſe. Hierauf ſetzte er ſie wieder in den Divan und nahm ſelbſt Platz neben ihr. Eulalie, faſt gelähmt durch dieſen Auftritt, war nicht im Stande, den Mund zu öffnen. — Was wollen Sie?... Wer ſind Sie? Das war Alles, was ihre zitternde Zunge zu lallen vermochte. — Sie kennen mich nicht wieder, Madame! ant⸗ wortete der Titan... Und doch bin ich derſelbe, der Sie einmal mit dem Löwen im Jardin des Plantes bekannt machen wollte, um Ihnen eine Reiſe nach Afrika zu erſparen! 246 — Eine undeutliche, längſt begrabene Erinnerung be⸗ gann in dem Kopfe der Marquiſe zu ſpuken. Ihr Antlitz ward bleich; ſelbſt die Lippen ent⸗ färbten ſich. — Sie fragten, was ich wolle, fuhr der weiße Bär fort, welchen der Leſer vielleicht wieder erkannt hat.... Vor allen Dingen wollte ich Ihnen meinen Dank dafür ſagen, daß Sie die Koſten meiner Reiſe nach Afrika beſtritten, obgleich ich Sie nicht darum gebeten hatte... Aber Sie vergaßen, Madame, auch die Koſten der Rückreiſe zu beſtreiten, und ſo mußte ich mich alſo durchſchlagen, ſo gut es anging..... Wie dem ſein mag, ich habe Ihnen einen Gruß von Ihrer Familie und Ihren Freunden in Afrika zu be⸗ ſtellen... Die Hyäne befindet ſich wohl und braucht, wie Sie, niemals ihre Krallen zu beſchneiden..... Lange Krallen ſind in Afrika gerade ſo modern wie in Paris, Madame!... Das Krokodil befindet ſich leidlich, ungeachtet ſeines hohen Alters, und hat ſich auch noch keine falſche Zähne einzuſetzen gebraucht... ganz wie Sie, Madame, wenn ich richtig vermuthe. .. Mit einem Wort, ſie befinden ſich Alle wohl, ge⸗ deihen in ihren grünen, ungeheuren Boudoirs und kokettiren auf ihre Weiſe.... Einige Bildung und etwas feinere Sitten könnten ihnen indeß nicht ſchaden 247 Sie, Madame, könnten dieſem Uebelſtand recht gut abhelfen..... Als Anfang z. B. könnten Sie dieſe Armen lehren, mit andren Zähnen zu beißen, das wäre ein großer Schritt auf der Bahn der Civi⸗ liſation, Madame! Sicher konnte der Vortrag des weißen Bärs für die Marquiſe d'Eſtelle nicht ſehr erbaulich ſein, indeß hatte die Art und Weiſe, in welcher er ſprach, durch⸗ aus nichts Drohendes oder Erſchreckendes. Die Marquiſe begann daher, ſich von ihrer erſten Beſtürzung ein wenig zu erholen. Sie bemühte ſich ſogar, zu lächeln, und dies ge⸗ lang ihr in der That. — Mein Herr, ſagte ſie, Ihre Beſchreibung Afrikas iſt unleugbar ganz maleriſch und ich wäre faſt ver⸗ ſucht, zu thun, was Sie mir vorſchlagen..... Es ſetzt mich in Erſtaunen, daß Sie ſelbſt nicht in dieſer Hinſicht einige Verſuche gemacht, da Sie doch an Ort und Stelle waren! — Zum Teufel, nein! Wie ſollte ich, da ich ſtets mit meinen eigenen Zähnen beiße! antwortete der weiße Bär lachend. — Was übrigens Ihre Rückreiſe von Afrika be⸗ trifft, ſagte die Marquiſe, ſo dürfte ich beweiſen können, daß es meine Abſicht geweſen, auch dieſe zu beſtreiten. 248 Jetzt ſind Sie mir allerdings zuvorgekommen; aber das kann mich nicht hindern, die Reiſekoſten zu erſtatten, ohne mir die Rechnung vorlegen zu laſſen. .. Ebenſo erinnere ich mich, daß es ſich um ein Grab⸗ mal handelte, um ein gewiſſes Grabmal, das... — Kein Wort von dem Grabmal, Madame! ſagte der weiße Bär mit dumpfer Stimme, während die Adern ſeiner Stirn ſchwollen. Kein Wort davon! .. Ich habe weder hievon, noch von den Reiſekoſten mit Ihnen zu ſprechen... es handelt ſich um etwas ganz Anderes, Madame! Aber, mein Freund, was kann denn das ſein? fragte die Marquiſe mit ihrem ſüßeſten Ton, während ſie ſich artig bemühte, ihren Arm von der groben Hand zu befreien. Die Mühe war indeß ganz vergeblich. Der weiße Bär hielt feſt, was er einmal in den Klauen hatte. — Es ſind nur ein paar kleine Geſchichten, Madame! antwortete er. — Ein paar kleine Geſchichten, ſagen Sie?.. Und wovon handeln ſie? zwei unglücklichen Weinhändlern, Madame! antwortete der weiße Bär zur großen Ueberraſchung der Marquiſe und wahrſcheinlich auch des Leſers. — Ü XIX. Lwei unglücklicht Wleinhändler. Die Marquiſe begann zu vermuthen, daß ein Flücht⸗ ling des Irrenhauſes neben ihr ſitze, und dieſer Ge⸗ danke belebte ihren Muth. Wahrſcheinlich hielt ſie einen närriſchen Bären für weniger gefährlich als einen klugen. Sie beſchloß daher den närriſchen mit aller mög⸗ lichen Vorſicht zu behandeln. — Alſo von zwei unglücklichen Weinhändlern! wiederholte ſie mit ſcheinbar großer Theilnahme... Aber was iſt denn mit dieſen beiden armen Menſchen geſchehen? — Das ſollen Sie hören, Madame! antwortete der weiße Bär und begann darauf ſeine kleinen Ge⸗ ſchichten. 250 Die erſte handelte von Herrn Dudeffant und ſeiner Gattin. Herr Dudeffant hatte ſeine Weinhandlung in der Straße Notre Dame de Grace und hatte ſein Aus⸗ kommen, wie alle Weinhändler, die an Seen und Flüſſen wohnen. Dudeffant hatte eine junge und ſehr ſchöne Frau. Madame Dudeffant aber, die durchaus keinen Ge⸗ ſchmack am Wein fand, hatte deſto mehr Sinn für Früchte und namentlich für die verbotene Frucht. Eines Tages ließ ſie ihren braven Mann allein zwiſchen ſeinen Faſtagen und entfloh nach ihrem Luſt⸗ garten, deſſen Herr Offizier bei den Lanciers war. Der Mann verfolgte ſie und traf den Offizier. — Mein Herr, ſagte er zu dieſem mit Thränen in den Augen; ich kann nicht ohne meine Frau leben. Geben Sie mir daher mein Weib zurück oder geben Sie mir den Tod! Obgleich es durchaus keinen Mangel an Wein⸗ händlern in Paris giebt, ſo daß es auf einen mehr oder weniger gar nicht hätte ankommen können, wollte doch der brave Offizier Herrn Dudeffant nicht tödten, ſondern gab dem armen Weinhändler ſeine Frau zurück. 251 Der Mann bat jetzt ſeine Gattin, dergleichen in Zukunft zu unterlaſſen, und um ſie deſto mehr zu überreden, fiel er vor ihr auf die Knie und küßte ihre Hände. Die Frau gelobte Beſſerung und entfloh nach acht Tagen in einen andern Luſtgarten, deſſen Be⸗ ſitzer ein Richter war. Der Mann eilte zu dem Richter und ſagte zu dieſem ungefähr daſſelbe, was er zu dem Offizier geſagt, nämlich: meine Frau oder den Tod! Der gerechte Richter, einſehend, daß der Tod eine allzu harte Strafe für einen Mann ſei, der ſeine Frau ſucht, gab ihm die Entflohene zurück. Der Mann führte ſie wiederum heim, bat, kniete und weinte. Die Frau gelobte zum zweiten Male Beſſerung, entfloh aber zum dritten Male in einen größeren Luſtgarten, deſſen Beſitzer und Schöpfer ein Herzog, aber auch weiter gar nichts war, wie dies mit Her⸗ zogen oft der Fall iſt. — Geben Sice mir meine Frau zurück oder tödten Sie mich! rief der verzweifelte Mann dem Herzog zu. Der Herzog ſchlug einen Mittelweg ein und ſagte zu dem Armen: 252 — Suchen Sie Ihre Frau in meinem Luſtgarten! Der Mann ſtürzte ſich in dieſen und ſuchte. Er durcheilte jammernd den ganzen Garten, fand aber nirgend ſein Weib. Er rief ihren Namen. Das Echo eines Stallgebäudes gab ihm den Namen zurück, aber nicht ſeine Frau. Der arme Mann ſah ſeine theure Hälfte niemals wieder. Der Weinhändler trauerte und leidet jetzt an einer firen Idee. Er glaubt nämlich, es ſei der häßlichſte Mann in der Welt. Dies ginge noch an, aber er glaubt zugleich, daß alle Weiber ihn verabſcheuen, und darin eben liegt die fixe Idee. — Iſt dieſer arme Teufel nicht ſehr unglücklich? fragte der weiße Bär. — Gewiß!.... Der arme Mann! gab die Marquiſe zu. — Ich bin überzeugt, Madame, daß Sie Alles in der Welt thun werden, um dem Unglücklichen ſeinen Verſtand zurückzugeben! — Ohne Zweifel! beſtätigte die Marquiſe, denn man muß in Alles einwilligen, was ein Thor begehrt. — Ich wußte es, denn Sie haben ein gutes Herz, behauptete der weiße Bär. 253 Es war kein Zweifel mehr: der Weinträger war verrückt geworden wie der Weinhändler. Der weiße Bär rückte jetzt mit ſeiner zweiten Ge⸗ ſchichte hervor. Dieſe handelte von Herrn Maugiron und ſeinen unſchuldigen Weinen. In der Straße Jacob hatte Herr Maugiron ſeine Weinhandlung. Er war einer der reichſten Weinhändler in Paris und hatte mehr Kunden als alle ſeine Concurrenten. Auf ſeinem Schilde nannte er ſich„Nachfolger ſeines Vaters“, obgleich ſein Vater nichts anderes als Waſſerträger geweſen war. Aber die ganze Welt glaubte, daß„Nachfolger ſeines Vaters“ eine große Firma ſei, und glaubte daran, bis alle Welt ſchrieb: Nachfolger ſeines Vaters, ſeiner Mutter, ſeines Bruders oder ſonſt eines Ver⸗ wandten. Eines aber vermochte ſich die Welt nicht zu er— klären. Herr Maugiron hatte, wie geſagt, die meiſten Kunden, obgleich er am wenigſten Wein kommen ließ, und als man ſich dies endlich erklären konnte, hatte Herr Maugiron bereits Namen und Vermögen erworben. 254 Da Niemand wußte, daß ſein Vater Waſſerträger geweſen, ſo konnte auch Niemand ahnen, daß dieſes Element den Sohn reich gemacht. Freilich erweckte es Verdacht, daß man vom Mor— gen bis auf den Abend Wein trinken konnte, ohne den geringſten Rauſch zu bekommen; freilich zuckte man mit den Achſeln, wenn er von ſeinen leichten, geſunden und unſchuldigen Weinen ſprach, aber daß er in ſo enger Beziehung zu den Najaden des Seine⸗ fluſſes ſtehe, ahnte Niemand, obgleich man einem Wein⸗ händler Alles zutrauen kann. Der Seine-Fluß war, mit einem Wort, die uner— ſchöpfliche Quelle ſeiner Weine und ſeiner Reichthümer. Endlich war Alles klar, ausgenommen das Waſſer der Seine, welches ſtets trübe iſt, was aber Herrn Maugiron nicht genirte. Wenn man des Morgens ſah, daß die Seine ihr gewöhnliches Maaß überſtiegen, ſo hieß es: dieſe Nacht hat Herr Maugiron geſchlafen! woraus natür⸗ lich folgte, daß, wenn die Seine gefallen war, Alles ſagte: Dieſe Nacht iſt Herr Maugiron auf dem Poſten geweſen! Alles dies ſagte man Herrn Maugiron ins Ge— ſicht, während man ſeine unſchuldigen Weine trank. Maugiron ſchwieg und ſtrich das Geld geduldig — 255 ein. Was aber die Seine betraf, ſo ſprach er nie von dieſem ſchönen Fluß. Eine gute Sache ſpricht für ſich ſelbſt! dachte er, an ſeine unſchuldigen Weine denkend. Wer aber ſowohl das Geld nahm als auch lachte, das war ſeine Frau, die eine tüchtige Wirthin und tüchtige Rechenmeiſterin war und dies bis ans Ende einer dreißigjährigen Ehe blieb, wo ſie ſtarb⸗ Herr Maugiron war durch dieſen Verluſt ſo un— glücklich, da ihm das Leben unerträglich erſchien. Auch er wollte ſterben. Er dachte über verſchie⸗ dene Todesarten nach, obgleich ſeine Tochter lebte. Endlich ſchloß er ſich eines Abends ein, er legte Holz in den Kamin, berſchloß die Oeffnung deſſelben, damit der Rauch nicht hinaus könne, zündete einige Schwefelhölzchen unter dieſem Holz an und legte ſich zu Bette, um zu erſticken. Er ſchlief ein, als er aber am andern Morgen erwachte, war ſein Leben und ſein Holz unverſehrt. Er begab ſich alſo ans Ufer der Seine, da er ein⸗ mal des Lebens überdrüſſig war. Er faßte ſich ein Herz und ſprang hinein. Aber es ſchien, als ſolle er nicht umkommen, es fand ſich, daß er eine ſeichte Stelle im Fluſſe ge⸗ 256 troffen, denn er ſtand auf ſeinen Füßen und nur bis an die Bruſt im Waſſer. Maugiron wurde mit Hilfe barmherziger Leute wieder aus der Seine geholt und in ſeine Weinhandlung zurückgebracht. Alle Welt ſprach damals von ihm, und ſeine Wein⸗ ſtube ward mehr beſucht als jemals. Maugiron iſt jetzt ganz geſund, aber ſeine Wein⸗ ſtube iſt leer. Niemand beſucht ſie, der arme Mann irrt wie ein Schatten zwiſchen ſeinen Faſtagen um⸗ her, denn ſeine Tochter war ihm verſchwunden. Seine fixe Idee iſt jetzt, daß er vor Durſt unter allen ſeinen unſchuldigen Weinen ſterben ſoll. WMie mun Weinhändler glürklich marht. — Iſt der arme Teufel nicht ſehr unglücklich? fragte der Bär, nachdem er die Geſchichte von dem andern Weinhändler etwa ebenſo erzählt, wie wir ſie hier wieder gegeben haben. — Sehr unglücklich! antwortete die Marquiſe, welche mit der Geduld eines Engels zugehört hatte. — Sie könnten ihn ſo leicht glücklich machen! ſagte der weiße Bär. — Sie haben eine ſehr gute Meinung von meiner Fähigkeit, andere Menſchen glücklich zu machen!... Ich will auch mit Vergnügen thun, was ich kann! — Ja, ja! Ich hab's ja immer geſagt, Sie be⸗ ſitzen das trefflichſte Herz! komplimentirte der Weinträger. — Wird mich denn Niemand von dieſen Toll⸗ häusler befreien? ſeufzte die Marquiſe innerlich. — Erlauben Sie mir alſo, Madame, eine neue Art und Weiſe, Weinhändler glücklich zu machen, vorzuſchlagen? Armand. I1 17 258 — Immerhin, mein Freund! — Wenn Sie, Madame, den Namen des Herrn Dudeffant trügen, Sie, die doch das ſchönſte Weib in Paris, glauben Sie nicht, daß der arme Herr Dudeffant alsdann ſeine fixe Idee loswerden würde, als verab⸗ ſcheuten ihn alle Frauen? — Das glaube ich in der That! antwortete die Marquiſe, die ein Lächeln nicht unterdrücken konnte. — und wenn Sie, Madame, den Namen des Herrn Maugiron trügen, Sie, die doch eine der vor⸗— nehmſten Damen in Paris, glauben Sie nicht, daß dann der arme Maugiron ſeinen Kredit, ſeine Kunden und ſeine frühere Laune wieder gewinnen würde? — Allerdings, ich theile vollkommen Ihre Ueber⸗ zeugung! erklärte die Marquiſe mit ungekünſtelter Heiterkeit, denn die Verrücktheit des Weinträgers war in der That ſehr komiſcher Natur. — Sie verachten es alſo nicht, die Namen beider Weinhändler zu tragen? fuhr der Tollhäusler mit ſeinen verrückten Fragen fort. — Ich ſollte dieſen Namen verachten? Wie wäre das möglich, wenn Sie es wünſchen, mein ehren⸗ werther Freund! rief die Marquiſe. ————— 259 — Und Sie verſprechen alſo, dieſe Namen zu tragen? — Allerdings! antwortete die Marquiſe.. Aber Sie werden zugeben, daß zwei ſo bedeutende Namen auf einmal nicht ſo leicht zu tragen ſind! Ich begreife kaum, wie dies zu ermöglichen wäre! — Ach, das iſt leichter als Sie glauben! ver— ſicherte der weiße Bär mit einem ſo gutmüthigen Ge⸗ ſicht, daß die Marquiſe ſich faſt des Mitleids für den armen Thoren nicht erwehren konnte. Das Einzige, was ſie beunruhigte, war, daß er fortwährend ihren Arm mit ſeiner Hand gepackt hielt, freilich nicht ſo hart, daß es ſie ſchmerzte, aber doch feſt genug, daß es ſie beeinträchtigen mußte. Für ſolche Hände ſind ja ſo ſchöne Arme nicht geſchaffen! Der weiße Bär fuhr jetzt mit ſeiner freien Hand in die großen Taſchen ſeiner groben, ungefärbten Blouſe und zog zwei kleine Gegenſtände hervor, die beide mit einem Griff verſehen und beide einander ganz gleich waren. — Was haben Sie denn da? fragte die Mar⸗ quiſe, dieſe beiden Gegenſtände neugierig betrach⸗ tend. 1 260 — Ach nun, antwortete der weiße Bär gleichgül⸗ tig, es ſind nur zwei eiſerne Stempel, wie ſie die Weinhändler für ihre Liqueur-Fäßchen anwenden, denn die guten Weinhändler verfertigen ja auch Liqueure! Die Marquiſe fühlte, wie er bei dieſen Worten ihren Arm heſtiger in ſeine Hand ſchloß, und das erweckte von Neuem ihre Unruhe. — Die Sache wird ſo gemacht, fuhr der weiße Bär fort: man legt dieſe Stempel erſt ins Feuer, bis ſie glühend geworden, und dann drückt man ſie auf den Boden des Fäßchens.. Von den beiden Stem⸗ peln, welche ich Ihnen hier zu zeigen die Ehre habe, trägt der eine den Namen Dudeffant, der andere den Namen Mougiron.... Beide ſind, wie Sie ſehen, von der Länge eines Fingers und von einer Zollbreite. Vielleicht, Madame, wird es Ihnen jetzt begreif⸗ lich ſein, wie man zugleich den Namen zweier un⸗ glücklicher Weinhändler tragen kann. Die Marquiſe antwortete nicht, aber ſie begann bereits zu begreifen. Hätte ſie den erfinderiſchſten aller weißen Bären genauer gekannt, ſie würde ihn ſicherlich nicht für einen Tollhäusler gehalten haben. Jetzt entſetzte ſie ſich vor ſeiner Klugheit. . 261 Sie richtete einen verzweifelten Blick zur Thür und machte eine ebenſo verzweifelte Anſtrengung, ihren Arm zu befreien. Den Blick konnte Simon nicht hindern, aber der Arm blieb in ſeinem entſetzlichen Schraubſtock. — Sie haben ja dort Feuer im Kamin, fuhr der weiße Bär fort. Es ſcheint faſt, als hätten Sie geahnt, daß Sie heute mehr als eine gute That verüben würden.... Es kann nur einige Minuten dauern, bis die Stempel glühend ſind.... Ach, wie glücklich wird der arme Dudeffant werden, wenn er erfährt, daß die Marquiſe d'Eſtelle ſeinen Namen auf der linken Wange trägt.... Und wie wird ſich der arme Maugiron freuen, wenn er hört, daß die Marquiſe d'Eſtelle ſeinen Nomen auf der rechten Wange, und vielleicht ſogar noch obendrein eine kleine Lilie auf der Stirn trägt!... Sie werden da wie ein Schild ausſehen, ſchöne Marquiſe; die Boulevards werden kein hübſcheres aufzuweiſen haben! Die Marquiſe ſtieß einen Angſtruf aus, der durch die Wände hätte dringen müſſen. Der weiße Bär ſeinerſeits rief ebenfalls, und zwar ſo laut, daß man es im ganzen Faubourg St. Germain hätte vernehmen müſſen. 262 Die Thür des Boudoirs öffnete ſich, jedoch nicht auf den Ruf der Marquiſe. Eine andere Figur, nicht ungleich der des weißen Bären, wenigſtens was die Geſtalt und die Toilette anging, betrat den koſtbaren Gobelin⸗Teppich. — Pascal! ſagte der weiße Bär zu dem Ein— tretenden, nimm jetzt das ſchöne Kind hier in Deinen Schooß und halte es feſt, während ich die Stempel heiß mache.... Aber glaube nicht, daß ſie ſo zahm iſt wie Deine hübſche Bathilde! Pascal lachte; höflich ſchnallte er ſeinen Säbel ab und ſtellte ihn an die Thür, wie es die Herren Militärs zu thun pflegen, wenn ſie zum Tanz auß⸗ fordern. Hierauf nahm er die faſt bewußtloſe Dame aus den Armen des weißen Bären, ſetzte ſich in den Divan und nahm ſie auf den Schooß. Es war eine Gruppe, die etwa den Pluto mit der betrübten Proſerpina im Arme darſtellen konnte. Der weiße Bär ging zum Kamin, legte die beiden Stempel in die Gluth mit einer Sicherheit und Ge⸗ wohnheit, welche verrieth, daß er nicht zu erſten Male dieſe Stempel handtierte, um die Namen von Wein— händlern zu verewigen. 263 Inzwiſchen erwachte die Marquiſe aus ihrer Be— täubung. — Mein ganzes Vermögen und alle meine Juwelen, wenn Sie mich retten! flüſterte ſie dem Menſchen in's Ohr, der ſie in ſeinen Armen hielt. Pascal lachte und küßte, ohne um Erlaubniß zu fragen, die ſchöne Marquiſe auf den Mund, was ihm und manchem Andern viel verlockender erſchien als alle ihre Juwelen. Er hatte Geſchmack, wie man ſieht, der häßliche Pascal! Aber die Marquiſe— wer hätte das geglaubt!— erwiederte nicht nur den Kuß des häßlichen Pascal, ſondern folgte ſogar ſeinen Lippen, als dieſer, wahr⸗ ſcheinlich geſättigt dieſelben zurückzog. Jetzt war ſie es, die den häßlichen Pascal küßte! Pfui, ſchöne Marquiſe! Die Noth kennt ja kein Gebot, und die Mar⸗ quiſe d'Eſtelle war eins der ſchlauſten Weiber ihrer Zeit. — Bei meiner ewigen Seligkeit! flüſterte ſie. Meine ewige Liebe Demjenigen, der mich rettet! Der weiße Bär ſchürte inzwiſchen ruhig das Feuer. Er hatte einen kleinen zierlichen, mit Perlen be— 264 ſetzten Blaſebalg erfaßt und blies damit das Feuer an, das luſtig kniſterte. Endlich erſchien es ihm, als ob es auch hinter ihm puſte. Er wandte ſich zurück und entdeckte zu ſeiner nicht geringen Verwunderung ein anderes Feuer, das der weiße Bär nicht angeblaſen. Es waren Pascals Wangen, welche brannten, und inmitten dieſer Gluth ruhte die kleine weiße Hand der Marquiſe, ohne zu verbrennen. — Was ſoll das bedeuten? brummte der weiße Bär vor dem Kamin. — Simon! rief Pascal mit halblauter Stimme Iſt das nicht doch etwas allzu grauſam? — Alle Teufel! brummte der weiße Bär, ſich vom Kamin erhebend. — Ein ſchwaches, ſchutzloſes Weib, Simon! fuhr Pascal fort.... Der Himmel wird das niemals ver⸗ zeihen, Simon! — Alle tauſend Teufel! brummte der Weiße Bär weiter, indem er ſich der Gruppe auf dem Divan näherte.... Wer hätte es geglaubt, Pascal, daß die Schlange das Herz eines Büffels gewinnen könne! Bei der heiligen Genoveva! antwortete Pascal. Ich will lieber ganz allein eine Feſtung erſtürmen, als zu⸗ ———————————— 265 geben, daß ein ſchwaches Weib auf ſolche Weiſe miß⸗ handelt werde!... Sie iſt bereits halb todt vor Schreck, und damit mag es genug ſein! Der weiße, glänzende Arm der Halbtodten ſchlang ſich dankbar um Pascals Hals wie der Epheu um den Stamm einer Eiche. — Pascal! rief der weiße Bär, der jetzt vor der Gruppe ſtand.... Du biſt ein erbärmlicher Menſch, Du biſt ein Schaf!... Aber um unſerer alten Freund⸗ ſchaft willen ſollſt Du behandelt werden wie ein Ochſe! Kaum hatte er das letzte Wort ausgeſprochen, als er mit ſeiner rechten Fauſt ſeinem Freunde Pascal einen ſo heſtigen Schlag auf den Kopf verſetzte, daß dieſer bewußtlos zurückſinkend, die Marquiſe los ließ. Der letzte ſtarke Nothanker war geriſſen. Die Marquiſe war verloren. Küſſe und Um⸗ armungen waren umſonſt geweſen. Arme Marquiſe! — Gnadel!... Gnade! ſtammelte ſie, die Knie des weißen Bären umſchlingend. — Denk an die Spitzen⸗Wäſcherin! antwortete der weiße Bär. — Gnade!... Gnade! jammerte die Marquiſe. — Denk an Afrika's Wüſte, vor allen Dingen aber an die arme Madelone, die keine Gnade vor Dir 266 ſand! antwortete Simon, ſein Opfer zum Feuer ſchleppend. — Ha! ſchrie die Marquiſe mit einem Strahl von Hoffnung in ihren erlöſchenden Augen. Sie handeln gerecht, unverſöhnlicher Menſch!... Aber eine einzige Bitte.... Nur eine einzige!... Ihre Hand zittert, ich fühle es.... Sie würden mich fürchterlicher be⸗ handeln, als ſie eigentlich wollen.... Sie würden mich tödten, und das wollen Sie ja nicht!... Ja, ja, Ihre Hand zittert heftig, und daß iſt ja ſo natürlich, denn es gehört viel Muth dazu, ein ſchwaches Weib zu behandeln, wie Sie mich behandeln.... Dort auf dem Tiſche ſteht ein Glas Champagner, das ich ſveben für mich gefüllt.... Leeren Sie es, trinken Sie Champagner!... Er wird Ihnen Muth geben, Ihre Hand wird aufhören zu beben, Sie werden grau⸗ ſamer gegen mich werden, als Sie es ſein wollten.. Trinken Sie! Es giebt Muth! Der weiße Bär blickte verwundert auf die Flehende, die ihm Champagner bot. — Ein luſtiger Gedanke! rief er aus... Meine Hand ſollte zittern!... Der weiße Bär zittern!.. Nur ein einziges Mal habe ich gezittert, und das ge⸗ ſchah, als ich Madelonens gebrochenes Auge zudrückte, denn das, Weib, hatteſt Du gethan... Tod und 267 Hölle! brüllte er ſchäumend; Weib, ich könnte Dich brandmarken vom Scheitel bis zur Zehe, Dich dann Gott zeigen und eine Belohnung für die gute That verlangen!.. Zum Feuer, Weib, das Du verdient haſt! So riß auch der andere Anker, auf den die Un⸗ glückliche noch gerechnet hatte. Aber noch einmal ſchoß ein Strahl aus dem Auge des neben dem Feuer knieenden Weibes. Es war ein Strahl der Entſchloſſenheit; ſein wilder Glanz ſchien dem Tode zu trotzen. — Sie zittern nicht! ſagte die Marquiſe mit einer Ruhe, welche jedem Andern nur nicht dem weißen Bären hätte imponiren können.... Aber ich, ich zittere!... Fühlen Sie nicht, wie ich zittere? Simon betrachtete die Marquiſe mit neuer Ver— wunderung, denn er konnte nicht das leiſeſte Zittern an ihr bemerken. — Dieſe meine letzte Bitte werden Sie nicht ver⸗ ſagen, fuhr die Marquiſe fort. Laſſen Sie mich das gefüllte Glas dort leeren, denn ich bedarf deſſelben. .. Laſſen Sie mich trinken und ich werde ruhiger ſein als Sie, grauſamer Menſch!... Ich beſchwöre Sie bei dem Namen, welchen Sie ſoeben nannten!... Ich beſchwöre Sie bei dem Andenken an... an... Madelone! — — S— 268 Anſtatt zu antworten, ſchleppte Simon ſein Opfer zum Divan zurück, vor welchem der Moſaiktiſch ſtand. Er nahm das bis zum Rande mit Champagner gefüllte Glas, welches für Deniſe beſtimmt geweſen, und reichte es der Marquiſe. — Trink! rief er. Aber ſchnell Du, Weib, magſt vielleicht eines ſtärkenden Trunkes be— dürfen, aber bei der Hölle, nimm Madelonens Namen nicht wieder in Deinen Mund, wenn Du nicht wie eine Natter in Stücke zerhauen ſein willſt! Die Marquiſe ordnete erſt ihre reichen Haarflechten, welche in Unordnung gerathen waren, nahm das Glas und führte es an den Mund. Es giebt Augenblicke, in welchen der Tod eine Wolluſt iſt gegen ein Leben, ſelbſt mit Andrem als mit glühendem Eiſen gebrandmarkt; und gewiß war das letztere für die Marquiſe entſetzlicher als der Tod. Der weiße Bär, ihren andern Arm in ſeiner Hand haltend, wandte ſchnell das Geſicht zur Thür. Er hörte draußen Stimmen und eilige Schritte. Die Thür ſprang auf und Armand Cambon ſtürzte in das Boudoir. Armands erſter Blick fiel auf die Marquiſe, die 269 auf den Knieen neben dem Divan lag und jetzt das Glas neben ſich auf den Teppich ſtellte. Sein anderer Blick fiel auf Pascal, der an die eine Ecke des Divans gelehnt, ſich zu rühren begann und allmälig von dem erhalten Schlage erwachte. Sein dritter Blick haftete auf dem weißen Bären, der, verblüfft durch das Eintreten ſeines Schülers, endlich den Arm der Marquiſe fahren ließ. Unſer Held ſprang herzu, warf ſich zwiſchen die Marquiſe und den weißen Bären, und knuffte dieſen, der auf ſeinen Sprung unvorbereitet war, gegen den Kamin, in welchem ſeine Eiſen glühten. — Ich hörte, Simon, daß Sie ſich hierher ge⸗ ſchlichen! rief Armand... Glücklicherweiſe bin ich nicht zu ſpät gekommen!... Mit welchem Höllen⸗ werk gehen Sie hier um, Simon?.. Was ſuchen Sie hier? — Ich will nur die Frau Marquiſe d'Eſtelle brandmarken, antwortete Simon trotzig, und ich habe hier auch ſchon die Eiſen im Feuer, ſetzte er hinzu, indem er einen der Stempel herauszog und Armand das rothe Eiſen zeigte.... Aber was ich will, das ſoll auch ausgeführt werden.... Aus dem Wege, Knabe! Du ſtellſt Dich mir überall in den Weg, und das kann auf die Dauer nimmermehr gut thun! 270 — Unglücklicher! rief Armand. Mit einem Ver⸗ brechen wollten Sie ſich und uns beflecken?.... Zurück, oder ich haue Sie nieder, Simon!... Zurück, oder Sie ſind des Todes! Armand ergriff ſeinen Säbel, und zog die Klinge⸗ Ohne zu antworten, zog auch Simon die Seinige und zum zweiten Male kreuzten ſich die Klingen des Meiſters und des Schülers. Das reiche, aber enge Boudoir war keineswegs geeignet zum Tummelplatz ſolcher Arme und Waffen. Es war zum Tempel einer Venus und eines Cupido beſtimmt, aber nicht für Bellona und den Mars. Eine Kriſtallkrone und ein koſtbarer Spiegel lagen bereits in Scherben auf dem ſchönen Teppich. Simon kämpfte gegen Denjenigen, der es gewagt, ſich zwiſchen ihn und ſeine Rache zu drängen. Armand ſeinerſeits kämpfte weniger für ein Weib, das er verabſcheuen mußte, als für die allgemeine Sache, welche er durch Gewaltthat gegen eine einzelne Perſon befleckt glaubte. Augen und Klingen ſtoben Funken. Es war ein Meiſterkampf. — Zu ſpät! Zu ſpät! Ich ſterbe! erſchallte plötzlich durch den Lärm der Säbelhiebe eine Stimme, ) 71 1 ſo hohl und unheimlich, daß beide Kämpfenden un— willkürlich und gleichzeitig die Waffen ſtreckten. Armand wandte ſich und ſah die Marquiſe zu Boden ſinken. Ihre Lippen färbten ſich blau, ihr Antlitz war entſtellt. Er eilte ihr zu Hilfe und legte ſie auf den Divan, welchen Pascal inzwiſchen verlaſſen, um mit noch halb betäubtem Kopfe dem Streit mit zuzuſehen, ohne ſich klar machen zu können, was er eigentlich ſah. Auch der weiße Bär war zum Divan geeilt und blickte mit einem gewiſſen Erſtaunen auf die convul⸗ ſiviſchen Bewegungen ſeines Opfers. — Es iſt zu ſpätt WDas Giſt das Gift!... O welche Qual! jammerte die Marquiſe, ſich auf dem Divan windend. — Unglückliche, wer hat Ihnen das Gift gegeben? fragte Armand, ſich über ſie beugend. — Ich... ich! ſtammelte die Sterbende.... Rächender Gott!... Alſo mir ſelbſt mußte ich... O, welche Qual.. welche Qual! Alſo Gift war in dem Glaſe, das ſie mir bot! rief Simon mit einem wahnſinnigen Blick auf das Glas, das nur bis zur Hälfte geleert am Boden ſtand. Sie hatte bereits die Hälfte des Glaſes getrunken, 2 72 als die Hilfe gekommen war; aber dieſe Hälfte hatte genügt. — Die lebende Weihe, murmelte Simon. — Still, Simon! rief Armand.... Eine höhere Macht hat ſie Ihrer elenden Rache entzogen! — Gnade!... Erbarmen! rief die Sterbende, in⸗ dem ſie Armands Hand an ihre kalten Lippen führte. Ewiger Gott!... Heilige Maria!.. Gnade, Gnade! Armand erinnerte ſich, daß er das kleine Kruzifir an ſeiner Bruſt trage. Er zog daſſelbe hervor und hielt es vor die brechenden Augen der Sterbenden. Es war ihm als verleihe das goldene Bild des Erlöſers einen Schimmer ſeines Glanzes den Zügen der Sterbenden. Heftig riß dieſe das Kruzifix an ſich und drückte es ſammt Armands Hand an ihre Bruſt. Die Marquiſe d'Eſtelle hatte, wie wir wiſſen, ſo— wohl Armand als die Herzogin von Beaudreuil zu vernichten geſucht, und gerade die Hand des erſteren und das Kruzifix der letzteren mußten es ſein, welche ihr die letzten Augenblicke erleichterten. * — ————— ud. ——— ——————— „———————— — —— ud. XXI. Im Monnt uni. Frankreich war nach dem blutigſten, unſeligſten Kampfe zur Republik geworden. Es war in den letzten Tagen des Monat Juni. General Cavaignac, der Dictator und dann bis auf Weiteres Präſident, hatte eine große Geſellſchaft von Herren und Damen in ſeinem Hotel. Man begann, ſich allmälig von den ſchrecklichen Stürmen zu erholen; aber man tanzte doch noch nicht, denn der Boden war noch ſchlüpfrig von dem ſo ſcheußlich vergoſſenen Blut und noch zu warm von dem ausgebrannten Vulkan. Man ſprach von den Mißgeſchicken, welche man erlebt, von den Stürmen der Zeit und vielen andern Dingen, denn die Franzoſen, an ſtürmiſche und wech— ſelnde Zeiten gewöhnt, halten ſich nicht lange bei einem Gegenſtande auf. Armand. II. 18 274 Das Leben dieſes unruhigen Volkes iſt ja ein unaufhörliches Hin- und Herklettern zwiſchen der Sturmglocke der Notredame-Kirche und dem Geſange der Nachtigallen in Trianons Hainen. Der ernſte Wirth, damals noch ein Gegenſtand von aller Dankbarkeit und Bewunderung, zehn Jahre ſpäter aber begraben in aller Stille und Vergeſſen⸗ heit, hatte für jeden ſeiner Gäſte ein paar liebens⸗ würdige Worte, oft aber wandte er das Antlitz zur Thür des Salons, als erwarte er noch einen Gaſt. Endlich öffnete ſich dieſe Thür und ein Bedienter meldete: — Herr Armand Cambon! Konnte es unſer Held ſein, welchen der General erwartete? So faſt erſchien es, nach dem ſeltenen Lächeln zu urtheilen, mit welchem der ſonſt ſo ſtrenge Krieger ſeinen neuen Gaſt empfing. Unſer Held war etwas verändert, jedoch nur zu ſeinem Vortheil, denn was machen nicht die— Kleider! Die einfache, doch geſchmackvolle Officiers-Uniform der Mobilgarde kleidete den jungen und ſchlank ge— wachſenen Mann vortrefflich. Der ſchlanke Körper, die hochgewölbte Bruſt und die breiten Schultern füllten den hübſchen Waffenrock — 25 vortrefflich, und dieſer wiederum wurde durch das Band und das Kreuz der Ehrenlegion auch keineswegs entſtellt. Armand hatte, ſeit wir ihn zum letzten Male ſahen, ſich etwas zugelegt, das den Frauen beim erſten Blick gerade nicht mißfallen wird, das ſie aber ſchließlich vollkommen entſchuldigen, nämlich eine breite und ziem— lich friſche Wunde quer über die Wange, die von einer guten Klinge und einem kräftigen Arm zeugte. Der Wirth nahm den jungen Officier bei der Hand und führte ihn in den Salon, mitten in einen Kreis von Herren in Uniformen und von Damen in Juwelen. Selbſt für den ehemaligen Goldarbeiter waren hier zu viel Gold und Juwelen beiſammen. — Ich habe die Ehre, meine edlen Gäſte, begann der General, Ihnen hier einen jungen Helden zu präſentiren. Herr Armand Cambon iſt der Premier⸗ Lieutenant der tapfern Mobilgarde; wenn ich aber er⸗ kläre, daß er der Tapferſte ſeines Regiments iſt, ſo erzeige ich ihm eine Gerechtigkeit, welche keiner ſeiner Kameraden beſtreiten oder mißbilligen wird. Solche Worte von ſolchen Lippen wollten viel be⸗ deuten. Ein Gemurmel der Ueberraſchung ging durch den Salon. Die rothe Narbe auf Armands Wange war nicht 18* —— 276 mehr zu bemerken, denn ſein ganzes Antlitz hatte ſich purpurn gefärbt. Dieſer Purpur bewies deutlicher als die blauen Augen die nördliche Heimath ſeiner Mutter. Der Franzoſe wird nie verlegen, erröthet nie vor Lobſprüchen, mögen ſie ihm nun Andre geben oder mag er ſie ſich ſelber ſagen. Dieſelben ſind ganz in der Ordnung, denkt er. Der General alſo fuhr fort: Mit großem Lobe mir von meinem geehrten Freunde Lamartine empfohlen, deſſen ſtete Ordonnanz er in den Tagen der Gefahr geweſen, hat er unter meinem Be⸗ fehl gedient und unter meinen Augen gegen die Anarchie gekämpft. Er hat Das gemeinſam mit ſeinem Regi⸗ mente, daß er die Geſellſchaft vor der größten Gefahr gerettet. Was aber die Geſellſchaft ihm ganz beſonders zu danken hat, iſt, daß der productivſte Theil von Paris in dieſem Augenblicke nicht in Aſche und Tauſende von verirrten Individuen nicht darunter begraben liegen. — Der Faubourg St. Antoine war in den Händen einer verzweifelten, ſcheußlichen Rotte, von der wir Alle gehört, fuhr der Genercl fort! und der Anführer derſelben, der wilde Simon, hatte geſchworen zu ſterben ehe er ſich ergebe. Vergebens hatte mein Freund und Waffenbruder Lamoricière die Barrikaden beſchoſſen; 277 es blieb mir nichts Anderes übrig, als das am dichteſten bewohnte Stadtviertel von Paris mit allen ſeinen Fabriken und Werkſtätten in Brand zu ſtecken. Bomben und Pechkränze waren in Ordnung, das Kommando⸗ Wort lag mir bereits auf der Zunge.. Da traf Armand Cambon an der Spitze ſeiner Compagnie an. „Tröſten Sie meinen alten Vater, denn ich ſterbe wenn ich nicht ſiege!“ rief er mir zu und ſtürmte die Barrikade. — Seine Compagnie, würdig ihres Anführers, folgte ihm, aber Wenige nur erreichten die Spitze der Barrikade..... Bald auch ſah ich meinen tapferen Lieutenant im Kampfe mit dem wilden Simon ſelbſt, und die Streiter beider Theile ſenkten ihre Waffen, um einen ſo entſetzlichen Zweikampf mit anzuſehen.... Endlich aber ſank die rothe Fahne und Simon ſtürzte mit geſpaltenem Schädel rücklings hinab. Die Inſur⸗ genten ſtreckten ſofort die Waffen, als habe ſich ihr ganzer Widerſtand in der Perſon ihres Anführers concentrirt, und der Faubourg St. Antoine war ge⸗ rettet! — Ich nahm das Kreuz der Ehrenlegion von meiner Bruſt und heftete es an die des Siegers, fuhr der General mit tiefer Rührung fort. Der junge Held nahm das Kreuz, küßte es und rief:„Wie wird ſich — ———— 278 mein alter Vater freuen!“ Und der Sohn heiligte mit ſeinen Thränen, was der Krieger mit ſeinem Blut erobert!... Ich weiß nicht, was ich am meiſten be⸗ wundern ſoll; den fabelhaften Muth des Kriegers oder die Liebe des Sohnes, die mitten in dem berauſchenden Augenblick des Siegers nur für die Freude des Vaters Sinn hatte. Der General machte eine Pauſe. Kaum fand ſich im Salon ein Auge, das nicht feucht geweſen wäre. Namentlich aber waren es ein paar blaue Augen, die gleich bei Armands Eintritt in den Salon ihre Blicke auf ſein Antlitz geheftet und dieſelben nicht wieder von ihm losmachen konnten. Dieſes Augenpaar, bald leuchtend vom Glanz der Begeiſterung, bald von dem der Thränen, gehörte einer von Schönheit und Diamanten ſtrahlenden jungen Dame. Dieſe Dame hatte ihren Platz zwiſchen zwei älteren Frauen, die mit Verwunderung und Unruhe auf die unwillkürlichen Aeußerungen ihrer ſchönen Nachbarin lauſchten, während der General von Armands Helden⸗ muth ſprach. — Sie kennen alſo den jungen Officier? fragte die Eine von ihnen. — Ich ſollte ihn nicht kennen! rief die Jüngere. 279 Ach, wenn der General Alles wüßte, was ich von ihm weiß!... Was würde der General ſagen! Welch ein Mann!.... Welch ein Held! — Ein braver Mann, das iſt nicht zu leugnen! gab die Aeltere zu.... Und auch von ganz vortheil⸗ haftem Aeußeren!... Aber ſo enthuſiasmirt zu ſein wi Sie — Ich kann es gar nicht zu viel ſein! — Ein Glück, daß der Herzog von Arlenton Sie nicht hört! — Und weshalb? — Nun, weil Ihnen der Herzog von Arlenton den Hof macht! — Ich habe niemals an den Herzog von Arlenton gedacht! Die beiden älteren Damen betrachteten die junge faſt mit Beſtürzung. Für einen Mann aus dem Volke ſich zu enthuſiasmiren und an einen Herzog nicht ein⸗ mal zu denken, der doch in ſeinen Adern einige Tropfen königlichen Blutes haben ſollte.... Das war unerhört! — um des Himmels willen, beruhigen Sie ſich, Herzogin! warnte die andere der beiden älteren Damen. Dies iſt zu viel,... viel zu viel, und wenn es der große Conde ſelbſt wäre! „— 1 280 — Es war meine Abſicht, dieſen jungen Mann an Paris zu feſſeln, begann der General von Neuem, denn ein Arm und ein Herz wie das ſeinige ſind in unſerer Zeit unſchätzbar.... Aber er ſelbſt hat dringend um ein Kommando in Arfrika gebeten und deshalb habe ich dieſe Gelegenheit benutzen wollen, um als einen Beweis von Frankreichs Dankbarkeit und meiner Hochachtung in Ihrer aller Gegenwart ihm ſein Patent als Kapitain beim erſten Jäger⸗Regiment zu über⸗ reichen, das in acht Tagen nach Algier abgeht.... Ich wünſche der Compagnie Glück, an deren Spitze er uns verläßt, und es ſoll mich nicht wundern, wenn der jetzige Compagnie-Chef an der Spitze eines ganzen Regiments, ja vielleicht ſogar einer Brigade zurück⸗ kehrt. Glück zu, Kapitain Cambon! Der General überreichte mit dieſen Worten dem jungen Kapitain das Patent und dieſer wurde jetzt von allen Seiten mit Komplimenten und Glückwünſchen überhäuft. Alle ſchienen ſie durch das Avancement des tapfern Officiers ſehr erfreut. Nur die Eine, welche wir vorhin Herzogin nennen hörten, theilte nicht die Freude der Uebrigen. — Er will Paris verlaſſen! rief ſie erbleichend aus... Großer Gott, er geht nach Algier, nach Afrika! 281 Mit dieſen Worten verließ ſie ihre erſtaunten Be⸗ gleiterinnen. Inzwiſchen war der Held des Tages buchſtäblich in der Geſellſchaft von Hand zu Hand gegangen. Jeder hatte ein Wort, einen Handdruck für ihn. Als er auf dieſe Weiſe Alle paſſirt, kam man endlich zur Ruhe und zur Beſinnung, und begann ſich mit der Frage zu unterhalten, wie man die gänzlich ruinirten Theater von Paris wieder aufrichten könne, damit man der Langenweile nicht anheim falle. Man wollte Julia Griſi, Rubini und Lablache von London zurück haben, wohin ſie ſich geflüchtet. Man hoffte auch, daß Jenny Lind endlich kommen werde, um mit ihren Tönen das halbtodte Paris zu beleben. Armand, der leider in dieſen Angelegenheiten keinen Vorſchlag zu machen wußte und ſich durch dieſelben auch nicht intereſſirt fühlte, zog ſich aus dem Salon zurück. Zufällig fand er in einem kleinen Kabinet ein niedliches Sopha leer, er nahm alſo Platz darin, um ungeſtört ſein Kapitains⸗Patent ſtudiren zu können, eine Lecture, die namenelich für einen Menſchen ſehr intereſſant ſein muß, der erſt ſeit vier Wochen Lieute⸗ nant iſt. Aber nichts deſto weniger flogen die Augen des ———— k—————— 282 Kapitains oft über das Patent hinweg und ſtarrten auf Gott weiß was. Sie ſtarrten auf die Fauteuils und Tiſche, ohne trotzdem an denſelben etwas Beſonderes zu entdecken. So ergeht es den Blicken der Menſchen oft; ſie ſtarren kalt auf Alles, ohne ſich an irgend etwas zu heften. Wie anders iſt es mit den Strahlen der Sonne, die doch mindeſtens Wärme zurücklaſſen! Auch Armand ward übrigens ganz plötzlich warm, denn er blickte mitten in die Sonne hinein, obgleich es Abend war und das Kabinet von Wachskerzen er⸗ hellt war. Die Wittwe des unglücklichen Herzogs von Beau⸗ dreuil war nämlich in das Kabinet getreten, und ſie war es, welche dem Kapitain in die Augen ſtach, ob— gleich er ſie bereits im Kopf und im Herzen hatte. Armand erhob ſich von dem Sopha, denn man bleibt vor einer Herzogin nicht ſitzen und verbeugte ſich tief vor ihr. — Laſſen Sie uns hier Platz nehmen und ein wenig plaudern, ſagte die Herzogin und ſetzte ſich in das kleine Sopha, das gerade für Zwei Platz hatte. — Ich brauche kaum zu erwähnen, wie innig ich an Ihrem Glück und Ihrer Ehre Theil nehme, fuhr 283 die Herzogin fort. Als Sie aber bei Empfang der wohlverdienten Ehrenlegion und Kreuzes an die Freude Ihres Vaters dachten, vergaßen Sie, auch an die mei— nige zu denken! Das klang faſt wie Neid auf den armen Invaliden in Bicétre. — Wie hätte ich wagen können, hieran zu denken! antwortete der Kapitain. — Sie ſind ein wenig Egoiſt, mein beſter Kapitain, ſagte die Herzogin, denn Sie allein wollen nur gut denken... Auch iſt es ungerecht, mich wie ein gefühl— loſes Weſen zu betrachten! — Ich beſchwöre Sie, Madame, geben Sie meinen Worten nicht eine ſolche Deutung!... Bei Gett, dies war nicht meine Meinung! — Ich weiß es wohl! fuhr die Herzogin mit Milde und gleichſam ihren Vorwurf bereuend fort. Ich weiß ja, daß Sie eben ſo anſpruchslos und ſchüchtern, wie tapfer und unerſchrocken ſind!... Vielleicht hatten Sie auch Grund, mir etwas vorzuwerfen; leider weit entfernt von Paris während der verfloſſenen, unſeligen Monate, fand ich keine günſtige Gelegenheit, Ihnen Nachricht von mir zu geben... Ich bin Ihnen aber dennoch mit Aufmerkſamkeit gefolgt, und Alles, was ich von Ihnen hörte, rechtfertigte nur meine gute 284 Meinung von Ihnen, hat dieſelbe ſogar noch erhöht Doch, nicht von mir wollte ich ſprechen, ſondern von Ihrer Zukunft... Ich höre ſoeben, Sie wollen Paris verlaſſen und nach Afrika gehen? — Ja, Madame! — Weshalb?... Haben Sie nicht Ehre a ug geerntet? — Traurige Ehre! antwortete Arman Lobeswort, das mir der General vorhin ſper mir wie ein Stich ins Herz... Jeder St eis redet ja von dem Blute eines Mitmenſche — Sie ſcheinen den großen Dienſt zu bereuen, welchen Sie dem Vaterlande erwieſen? — Weit entfernt, Madame!... Aber ich beklage ſo viele Verirrungen, ſo viel Elend! — Ich verſtehe Sie, ſagte die Herzogin, und ich verſtehe auch, warum Sie in Paris ſich nicht wohl fühlen.... Aber Frankreich iſt ja groß; warum wollen Sie nach Afrika? — Ich ward, ohne daran zu denken, in die militai⸗ riſche Laufbahn hineingeſchleudert und einmal in dieſer, muß ich vorwärts! — Und Sie würden vorwärts kommen, ich bin davon überzeugt, ohne daß ich dies von dem General hätte zu hören gebraucht... Aber es liegen viel Gräbet zwiſchen den Epauletten eines Kapitains ur eines Generals, und zwiſchen dieſen vielleicht eigenes! — Das iſt wahr, Madame... Aber ich zittre weniger für das meinige, als für Anderer Gräber. — Sie reiſen alſo nach Afrika, um zu ſterben? Armand ſchwieg. — Ich hatte mir dies nicht vorſtellen können, fuhr die Herzogin fort... Ein Mann in der Blüthe ſeines Alters und mit Ihrer Kraft, dem Vaterlande zu nützen, ſollte ſchon des Lebens müde ſein?... Verzeihen Sie mir, aber ich erkenne den früheren Armand Cambon nicht wieder! — Ach, ich erkenne mich ſelbſt ja nicht wieder! antwortete Armand. Während der verfloſſenen Monate vin ich alt, ſehr alt geworden.. Es iſt mir, als ſei meine Seele ergraut, als beſäße ich nichts mehr, für das ich leben könnte. — und und Ihr Vater, den ſie ſo innig lieben? Mein Vater!.. Mein guter, edler Vater! Er iſt ein Krüppel, mein Vater!.. Aber er iſt dennoch jünger, als ſein Sohn!. Aus Er⸗ barmen, Herzogin! ſetzte er, ſich erhebend, hinzu.. Erlauben Sie mir, mich zu verabſchieden.. Man 286 ſucht Sie im Salon; gewiß, man wird Sie ſuchen; man wird ſich darüber wundern... — Ueber was? Daß Sie hier ſitzen, Madame! — Ich kann Niemand hindern, ſich zu wundern, antwortete die Herzogin; aber ich geſtatte Niemandem, mir ſeine Verwunderung zu äußern. Haben Sie die Güte, Ihren Platz wieder einzunehmen, Kapitain Cambon! — Unmöglich! verſetzte Armand, zugleich einen ſcheuen Blick auf einen jungen und eleganten Herrn werfend, der in das Kabinet trat und wirklich Jemand zu ſuchen ſchien. — Sie hörten nicht, Kapitain, daß ich Sie bat, Ihren Platz zu behalten! ſagte die Herzogin laut und faſt befehlend, ohne den jungen Herrn eines Blickes zu würdigen. Armand ſank faſt mechaniſch auf das Sopha zurück. Der junge Elegant ſetzte ſeinen Weg durch das Kabinet fort und verſchwand, nachdem er gefunden, aber nicht bekommen, was er ſuchte. — Weshalb erblaßten Sie beim Anblick dieſes Mannes? fragte die Herzogin lächelnd. — Ich ſollte blaß geworden ſein? ſtammelte der Held des Tages. 287 — Kannten Sie dieſen Herrn? — Ich?... Ich glaube, es war der junge Herzog von Arlenton, antwortete Armand, dem es ſehr beklommen ums Herz war. — Und Armand Cambon, der Tapferſte der Tapferen, ſollte vor einem Herzog von Arlenton er— bleichen? Armands Miene in dieſem Augenblick ſtrafte wirk⸗ lich ſeinen Heldenmuth Lügen. — So iſt alſo dieſes Gerücht auch zu Ihnen ge⸗ drungen? ſagte die Herzogin. Ich bin nicht böſe dar⸗ über, daß Sie mir mit Aufmerkſamkeit gefolgt ſind; daß Sie aber nur auf die falſchen Gerüchte lauſchten, das gefällt mir nicht! — Ach, Herzogin!... rief der Kapitain aus. — Armand, wollen Sie mir einen Beweis Ihrer Ergebenheit zeigen, ſo nennen Sie mich nicht bei dieſem Namen!... Ich habe ihn nie geliebt und werde ihn auch nie lieben! Armand ſtieß einen Seufzer aus, als ſei eine ganze Barrikade von ſeiner Bruſt gefallen. Wie ſelten iſt es aber auch, daß ein Weib den vielleicht pikanteſten Titel der ganzen Chriſtenheit verſchmäht. — Ich hatte eine beſſere Idee von Ihrer Abſicht nach Afrika zu gehen, begann ſie von Neuem, und ich 288 werde Ihnen dieſe offen mittheilen..... Ich glaubte nämlich, Sie ſehnten ſich dorthin, um durch neue Heldenthaten und höheres Avancement ſich dem Weibe zu nähern, das Sie lieben. Angelegenheit denkt..... Armand betrachtete ſeine Dame mit unbeſchreib⸗ licher Verwirrung. — Sie glaubten, daß Sie nur auf dieſe Weiſe ihrer ſich würdig machen könnten, fuhr die Herzogin fort, ohne ſcheinbar ſeine Verwirrung zu bemerken; da ich aber Diejenige ſehr wohl kenne, welche Sie lieben, ſo kann ich Ihnen auch ſagen, wie ſie in dieſer Sie denkt nämlich, daß Ihre Ehre nicht größer wird dadurch, daß Ihr un— widerſtehlicher Arm ein oder zwei Dutzend der armen Kabylen niederſchlägt, die meines Wiſſens nichts Schlim— meres gethan als ihren Glauben und ihr Vaterland vertheidigt haben Ebenſo wenig würde ſie ſich ſonderlich glücklich ſchätzen, einſam nach Afrika zu reiſen und einen Kranz auf Ihr Grab in Gott weiß was für einer Wildniß dieſes keineswegs behaglichen Welttheils zu legen.... ſie auf Ueberdies würde ſie, falls richtig ſein wollte, Ihnen ſagen, daß Ihr Ant⸗ litz zu hübſch iſt, um ein Probierſtein für die Mauren⸗ ſäbel zu werden und daß Sie alſo mit Dem zufrieden ſein können, was Sie in dieſer Hinſicht ſchon davon ge⸗ —— — ——4 289 tragen haben.... Armand! ſetzte ſie mit Zärtlichkeit hinzu, wo hatten Sie mein Kruzifix an dem Tage, als Sie dieſe ſchreckliche Bleſſur erhielten? — Ach, ich trug es ja ſtets auf der Bruſt! rief Armand, faſt ſchwindelnd vor Selie keit. Es iſt ja ein Geſchenk, das mein Leben geſchützt, meinen Muth aufrecht erhalten hat! — Laſſen Sie mich glauben, daß dieſer Talismann Ihr Leben beſchützt, für Ihren Muth bedarf es eines ſolchen nicht.... Sie trugen ihn nicht, als Sie wie ein Schutzengel mich umſchwebten; Sie trugen ihn nicht an Ihrer Bruſt, als Sie mich vor dem entſetz⸗ das je ein wehrloſes Weib S lichſten Schickſal retteten, bedroht... Ja, Armand, Sie waren mir Alles, un— vergleichliches, treues Herz!. Und an dem Tage, wo ich dies vergeſſe, wo ich nicht Alles für Sie bin.. Armand, wie wunderbar lenkt Gott dieſe Welt, und dennoch ſchließlich immer zum Guten!... Ach, mein Freund.. Adelaide barg ihre Thränen in dem kleinen, zier⸗ lichen Spitzentuch, während ihre andere Hand die des jungen Mannes ſuchte und fand. Alſo lebewohl, Afrika! rief ſie jetzt, ſtrahlend vor Freude, an ſeiner heißen Küſte blühen keine glück⸗ lichen Inſeln.... Jetzt aber, Armand, müſſen Sie IH. 19 Armand. . 290 mich anhören und meinen Wünſchen folgen, denn noch bin ich Ihre alleinige Herrſcherin! — Stets, ſtets meine einzige Herrſcherin! ſchwor Armand, denn was gelobt man nicht in ſolchen Augenblicken. — Aufrichtig geſagt, verlöre ich auch ungern meine Gewalt über Sie, ſagte Adelaide.... Doch jetzt hören und gehorchen Sie!... Morgen um zehn Uhr reichen Sie Ihr Geſuch um Ihren Abſchied als Kapitän ein, denn es gilt, Paris, ja Frankreich auf ein oder zwei Jahre zu verlaſſen. Um zwölf Uhr nehmen Sie zwei Ihrer angeſehenſten Freunde und treffen mich.... — Wo? wo? fragte Armand mit verhaltenem Athem. — Beim Maire des erſten Arrondiſſements, wo wir unſern Bund beſchließen! antwortete Adelaide. Armand ſank auf ſeine Knie und bedeckte ihre Hand mit Küſſen. — Wider Ihre Gewohnheit denken Sie in dieſem Augenblick mehr an ſich ſelbſt, als an mich! ſagte Adelaide. Sie bedenken nicht, daß auch ich einmal glücklich werden will, und daß ich weiß, wo ich mein Glück finde.... Hören Sie es, eigennütziger Menſch? ſetzte Sie mit einem bezaubernden Lächeln hinzu, ich habe Sie vor allen Anderen gewählt, weil ich weiß, 291 daß ich an Ihrer Seite das glücklichſte Weib auf Er— den ſein werde! — O mein Gott, erinnern Sie ſich noch der Bildergalerie des Luxembourg, fuhr ſie fort. Erinnern Sie ſich des Ritters Rogers, des Ungeheuers und der an den Felſen geſchmiedeten Angelique?... Komm, mein Ritter, Du haſt das Ungeheuer getödtet und Angelique harrt Deiner!... Bieten Sie jetzt Ihrer Dame den Arm und geleiten Sie dieſelbe in den Sa— lon.... Man wird ſie um die Eroberung des Hel— den des Tages beneiden... und vielleicht iſt auch Einer da, der Sie beneidet, Armand, ſetzte ſie mit der feinen und unwiderſtehlichen Koketterie hinzu, die nur der Franzöſin eigen iſt. Armand Cambon, der Ueberglückliche, der Selige, führte ſeine Dame in den Salon. Adelaide hatte Recht gehabt in einem Fall, aber nicht in dem andern. Obgleich ſie am Arme des Tageshelden erſchien, war doch Niemand, der ihr dieſe große Ehre beneidete; dahingegen gab es gewiß Viele, welche den Kapitän um ſeine letzte Eroberung beneideten. Geronniere's großes Vermögen hatte allerdings einige kleine Verluſte erlitten, aber es waren noch immer Neunzehntheil davon vorhanden und dies war offen⸗ ——— — 292 bar in den Augen der Leute zu viel für einen jungen Mann, der doch nur den Faubourg St. Antoine gerettet. Niemand begriff, wie die reizende Wittwe eines Her⸗ zogs auf eine ſo wunderliche Idee hatte gerathen können. Wer aber am meiſten, obgleich ohne Hinſicht auf die Millionen, dieſe Idee bedauerte, war der edle Graf l, der die Herzogin von Beaudreuil ſehr hoch— Vandeul, ſchätzte, aber doch unmöglich einer Madame Cambon ſeinen Salon öffnen konnte. Dennoch wird erzählt, daß, als Madame Cambon nach zweijährigem Aufenthalt im Auslande mit ihrem Gatten und einem kleinen blauäugigen Sohn zurück⸗ die bleiche Diana von Vandeul einige Monate kehrte, Provence verweilte, welches auf einem Schloß in der ihrer Penſionsfreundin Adelaide gehörte und von dieſer bewohnt wurde. Während dieſer Zeit hatte Diana an ihre hohen Eltern im Faubourg St. Germain mehrere Briefe ge⸗ ſchrieben, in welchen ſie das Glück der ehemaligen Her⸗ zogin und die unübertrefflichen Eigenſchaften des Herrn Cambon nicht genug preiſen konnte, auch oft eines alten Invaliden mit Holzbeinen erwähnte, welcher den kleinen Armand Eugen Cambon exerciren lehrte. ——— Druck von J. Blu menthal in Berlin, Adlerſtr. 9.