„ ——— deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 1 Ednard Ottmann in Gieſten, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und eſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe veſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus ſbezahlt werden und eträgt für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 3„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte zerriſſenel, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen,vauchzdafür zu ſtehen haben. r *————— S —— Armand. 1 Ein Roman in zwei Bänden. 6 Nach dem ſchwediſchen Original von Auguſt Rlanche 6 „ 3 bearbeitet 3 von 6 1 Bans Wachenhuſen. Erſter Band. Rerlin 1859. Verlag von Otto Janke. Ge iſt klar, daß ein Reiſender, der zum erſten Male nach Paris kommt und ſich länger dort aufhält, Vieles erfahren muß, was er bisher nicht gekannt, ja nicht einmal geträumt hat. Iſt nun dieſer Reiſende ein Schriftſteller, ſo iſt es eben ſo klar, daß er nicht allein Alles, was er geſehen, aufzeichnen, ſondern auch gern mittheilen möchte. In ſolchen Fällen ſammelt man ſeine Erfahrungen, faßt ſie zuſammen, nennt ſie„Reiſe⸗ briefe“,„Wanderungen im Auslande“,„ein Winter in Paris“ ꝛc., und ſchickt ſie dann auf Gewinn oder Ver⸗ luſt in die Welt hinaus. Aber es liegt doch etwas Mißliches in ſolchen „Reiſeeindrücken.“ Ich dachte alſo darüber nach, lieber einen Roman mit Pariſer Scenen zu ſchreiben. Aber der Stoff!— O, in Paris kann man um Stoff nicht verlegen ſein, die Luft allein enthält ſchon ganze Bände von Romanen, zumal in Zeiten wie dieſen. Und das Armand. I. 1 — 2 — Schickſal war auch mir günſtig, als ich mich eines Tages in den Omnibus ſetzte, um nach Bicetre, einem der größten Armen-Verſorgungshäuſer in Paris, zu fahren, und mich zu überzeugen, wie man in der Haupt⸗ ſtadt der Eiviliſation das unſchuldige oder das arme Alter pflegt, das ja noch unſchuldiger iſt. Mir gegenüber im Wagen ſaß eine Dame, mit der ich bald in das lebhafteſte Geſpräch kam; ſie war alt und zählte, wie ich erfuhr, ſchon achtzig Jahre; ihr Name war Antoinette Robert, alſo Madame Robert, ſeit zwanzig Jahren Wittwe. Ihr Mann, der Cou⸗ rier unter Napoleon geweſen, hatte viel für dieſen und die Marſchälle zu beſtellen gehabt und für Bernadotte eine Reiſe nach Schweden gemacht, mit dem auch Madame Robert viel in Berührung gekommen war. Da ich mehrere Stunden in Bicstre zu verbringen gedachte, ſo fragte ich, wo man in der Nachbarſchaft der erwähnten Anſtalt einen paſſenden Frühſtücksort finden könnte. Madame Robert war ſelbſt ſo artig, mich dorthin zu führen, wo wir bei einer Kalbspaſtete und einer Flaſche Wein beiſammen ſaßen. Niemals hatte ich tete-àtete mit einer achtzigjährigen Dame getrunken, aber auch ſelten meinen Wein mit ſo viel Genuß eingeſchlürft, denn Madame Robert kredenzte ihn mit einer intereſſanten Hiſtorie nach der andern; —₰ 3 ſie war ganz unerſchöpflich— kein Wunder! ſie hatte ja ſchon achtzig Jahre hinter ſich. Sie hatte mich eingeladen, ſie zu beſuchen. Ich that es und wurde bei dieſer Gelegenheit ihren zwei Freundinnen vorgeſtellt. Madame Voguet war die eine; geweſene Amme keiner geringeren Perſönlichkeit als Carls XIV. Sohn und Nachfolger des Königs Oskar von Schweden. Sie erzählte mir viel davon, wie ſie die erſten Thränen in den Augen eines Königs getrocknet, ſich glücklich geſchätzt habe, Den in ihren Armen zu tragen, der dereinſt die Schickſale zweier Reiche lenken ſollte.— Die andere Dame war Ma— dame Lambert, mit einem Schneider in Lyon verhei— rathet, und Schwedin von Geburt. Sie und ihre jüngere Schweſter, die nunmehr todt, waren die Töch⸗ ter eines Sattlermeiſters in Gothenburg, Namens Ahlgren, der nur zwei Töchter und trotz ſeiner großen Geſchäfte nur ein Kapital von 2000 Thalern hinter⸗ laſſen hatté, was offenbar nicht viel Rente abwerfen kann. Für ein zwanzigjähriges Weſen mit gůtem Appetit iſt es ſchwer, mit etwa 40 Thalern des Jahres zu leben; ja, es iſt auch ſchwer, mit einem Kapital von 1000 Thalern ſich als Magd zu vermiethen; ſchwer ferner, Gouvernante zu werden, wenn man nicht Sprach⸗ . 4 kenntniſſe beſitzt und Clavier ſpielt, noch ſchwerer aber, einigermaßen anſtändig ſich zu verheirathen, wenn man nur 40 Thaler Renten hat; am allerſchwerſten jedoch iſt es, ehrbar und was man anſtändig nennt zu leben, wenn man dabei ein hübſches Geſicht und einen vor⸗ theilhaften Wuchs beſitzt. Die Ahlgren'ſchen Töchter waren ganz hübſch, aber auch verſtändig und entſchloſſen. Sie hatten zufällig einen„Reiſeeindruck“ in die Hände bekommen und darin geleſen, daß junge Damen ſich in Frankreich, mit oder ohne Vermögen, leicht verheirathen können, wenn auch nicht mit Landsleuten, doch mit Franzoſen, die ja auch nicht zu verachten ſind. Dies gefiel ihnen, und ſie beſchloſſen alſo, nach Paris zu reiſen. Sie ließen ſich für mündig erklären, kauften ſich ein Die⸗ tionnaire und begaben ſich von dannen. Endlich hatten ſie in Paris auch Condition ge⸗ funden. Die Aeltere, gegenwärtig Madame Lambert, die von ihrem ſeligen Vater Fußſäcke machen und Wagenkiſſen ſtopfen gelernt hatte, zog mit ihren blauen Augen und dem hellen Haar die Aufmerkſamkeit eines 8 Schneiders auf ſich; dieſer heirathete ſie und ging mit ſeiner Frau, geb. Ahlgren, nach Lyon, einer kleinen Stadt in Frankreich mit etwa 205,962 Einwohnern. Sie hatten hier viel zu thun und lebten glücklich. 5 Ihre Schweſter, Marie Ahlgren, beſaß eine große Geſchicklichkeit, Metall zu poliren, denn ihres Vaters Schnallen an den Geſchirren hatten ſtets großes Auf⸗ ſehen gemacht, und würden ihm Unſterblichkeit ver⸗ ſchafft haben, wenn es für Sattler überhaupt eine ſolche gäbe. Marie ſetzte ihre Kunſt in Paris fort und be⸗ kam viel zu thun, namentlich aber in einer mechani⸗ ſchen Fabrik im ſüdlichen Theile der Stadt. In der⸗ ſelben lebte ein Werkmeiſter, Monſieur Cambon, ein Mann von edler Haltung und martialiſcher Geſtalt. Mamſell Marie mit ihrem warmen, offenen Sinn für alles Schöne, ſei es nun in Metall- oder andern Sachen, konnte dem ſchönen jungen Werkmeiſter nie begegnen, ohne über das ganze Geſicht zu erröthen. Der Werkmeiſter hatte ſeinerſeits auch nichts gegen blaue Augen und blonde Haare einzuwenden, die im Süden ſehr geſucht ſind; aber er konnte eine Geſichts⸗ farbe, die ſo päonienroth war, doch nicht goutiren, denn er meinte anfangs, Mamſell Mariens Haut ſei von Natur ſo roth, dieſe unglückliche Geſichtsfarbe ſei eine National⸗Eigenthümlichkeit in dem kalten Bären⸗ lande, aus dem das blauäugige Mädchen gekommen, und bedauerte dieſen Naturfehler ſehr. Wie groß war aber ſeine Ueberraſchung, als er bei einer ſchönen Ge⸗ legenheit, wo er Marie betrachtete, ohne daß ſie ihn gewahrt, entdeckte, daß ihre Haut ſo klar war wie der reinſte Schnee. Monſieur Cambon konnte den barbariſchen Namen Ahlgren nicht gut ausſprechen, deſto ſchöner fand er den Namen Cambon, und er gab ihr den ſeinigen.— Aber des ſeligen Sattlermeiſters Schatten ſuchte ver— gebens nach Kränzen auf ſeinem Grabe in Gothen⸗ burg; er beſchloß, eins ſeiner Kinder zu ſich zu rufen, um Rechenſchaft zu fordern, und da Marie ſtets ſein Augapfel geweſen, ſo wählte er ſie. Nach fünfjähriger glücklicher Ehe entſchlief Marie Cambon in ihres Gatten Armen, den letzten Blick auf einen vier Jahre alten Sohn gerichtet, der mit einem Cherubsgeſicht um das Bett hüpfte und nicht begreifen konnte, warum die Mutter ſo lange ſchlafe, oder warum der Vater über ihren geſunden Schlaf ſo betrübt ſei. Dieſer Sohn hieß Armand, und wenn Madame Lambert den Namen dieſes ihres Neffen nannte, ſtrahlte ihr Blick von Stolz, denn Armand, obwohl nur ihr Neffe, war ihr Held, ihr Abgott. Sie erzählte mir, wie Armand Cambon während der Februartage 1848 an der Spitze der Volkshaufen mehrere Barrikaden vertheidigt, und endlich Ludwig Philipps tapfere und treue Municipalgarde aus dem Hötel de Ville ver⸗ trieben, das er nachher einnahm und beſetzte— und — — ———„— — — wie derſelbe Armand Cambon im Juni darauf nicht allein daſſelbe Hotel de Ville gegen daſſelbe Volk ver⸗ theidigt, das er im Februar angeführt, ſondern auch eine Menge von Barrikaden erobert, die von den zahl⸗ loſen verführten Arbeitern in St. Antoine erbaut und vertheidigt wurden. Armand war mit einem Wort ein Kriegsgott, wo er ſich ſehen ließ.— Aber Armand war auch ein Liebesgott(hierbei ſpielte ein ſchelmiſches Lächeln um den Mund der Tante); Armand war der ſchönſte Junge in Paris, wie er der tapferſte war; er hatte ſo viel galante Abenteuer gehabt, ſo viel Er⸗ oberungen gemacht, und endlich—— — Doch ich vergeſſe, daß Armand Cambon der Held meiner Erzählung iſt, und ich nicht im Voraus in einer Einleitung ſeine Schickſale verrathen darf, welche einen großen Umfang zu ihrem Tummelplatz gebrauchen.— Madame Lambert alſo habe ich meine Bekanntſchaft mit Armand Cambon und ſeinen Lebens⸗ ereigniſſen zu verdanken, mit welcher Bemerkung ich dieſe kurze Einleitung ſchließe. 1. Bie Meſſingkette und das Fünffranrsſtürk. Auf einem offenen Platze im achten Arrondiſſement von Paris ſtand an einem klaren und milden December⸗ tage des Jahres 1847 ein junger Mann, der ſein Haupt entblößt und den Hut auf das Steinpflaſter geſetzt hatte. Der junge Mann war in eine Blouſe und Pantalons von ſehr feinem rothcarrirtem Baumwollen⸗ zeuge gekleidet; die erſtere fiel in reichen Falten über eine hochgewölbte Bruſt, und wurde an der ſchlanken Taille durch eine ganz neu lackirte Lederſchärpe zu⸗ ſammengehalten, deren kleine Stahlſchnalle wie ein Brillantſchmuck in der Sonne glänzte. Seine Geſtalt verrieth Kraft, Poeſie und einen gewiſſen heitern Stolz — Eigenſchaften, die ſich nicht ſelten unter einer Blouſe vereinigen, wenn ſie nämlich einem Franzoſen gehört; näher betrachtet, hatte ſein Antlitz ſehr feine Züge, eine lebhafte, ſehr klare Haut, ein blaues, aber doch —————— ———————————— ————————— ————————————— 9 feuriges Auge, einen halb offenen Mund(weil er näm— ſich viel ſprach und beſtändig lächelte), weiße Zähne, und alle dieſe Herrlichkeiten der Jugend und der Ge⸗ ſundheit waren in einen Rahmen von üppigen ſchwar⸗ zen Locken und dito Schnurrbart gefaßt. Die blonde Haut und das dunkle Haar aber betrachtet man, wenn ſie vereinigt ſind, als etwas Seltenes im Süden. Der junge Mann war bald von einer Menge Volks umgeben, denn man ſah es allen ſeinen Bewe⸗ gungen an, daß er eine Rede zu halten beabſichtigte. Die Franzoſen, ſonſt keine Zeitverſchwender, bleiben doch gern ſtehen, wenn es ſich darum handelt, einen Redner anzuhören, ſelbſt wenn ſie gar nicht durch ein hübſches Geſicht oder eine eben ſolche Figur angelockt werden, wie es hier der Fall war. Die Weiber in dem Volkshaufen hier ſchienen das Antlitz und die Haltung des jungen Mannes gar nicht genug bewundern zu können; ungeduldig warteten ſie darauf, daß er den Mund öffnen werde, während die Männer ihre Aufmerkſamkeit zwiſchen ihm und ſeinem Hute theilten, welcher letztere nichts Merkwürdiges hatte, als daß er, anſtatt auf dem Kopf zu ſitzen, mit dem Boden auf dem FPflaſter ſtand, und mehr als halb mit kleinen Päckchen gefüllt war. Während nun der Redner noch auf ein größeres Auditorium wartet, 3 ſchauen wir uns auf dem Platze um, auf welchem wir * uns befinden, denn er iſt merkwurdig durch die hohe majeſtätiſche Säule, welche ſich auf ihm erhebt. Der Platz iſt der Baſtilleplatz, und die Säule iſt die Juliſäule.— Welche Erinnerungen knüpfen ſich an Beide! Doch laſſen wir dieſe und bleiben bei der Ver⸗ ſammlung, die dem Redner jetzt vollzählig ſchien; unter ihr befanden ſich auch einige Perſonen aus den beſſe⸗ ren Klaſſen, Herren und Damen mit den ausgeſuch⸗ teſten Toiletten. — Meine Herren und Damen, begann der junge Mann, indem er den Verſammelten eins der kleinen Päckchen zeigte, das er aus dem Hute genommen; er⸗ räth wohl Jemand, was hier in dieſem kleinen Päck⸗ chen iſt?— Niemand?— Und doch haben Sie, meine Herren, Augen, deren Blicke Frankreichs Feinde tödten, und Sie, meine Damen, Blicke, deren Strahlen die Todten erwecken könnten! — Bravo! erſchallte es aus der dankbaren Peri⸗ pherie, denn in Paris iſt man eben ſo wenig für Schmeicheleien gefühllos wie anderswo. — Aber ich begreife die Urſache! fuhr der Redner nach einigen Verbeugungen fort; wir ſtehen hier an einer heiligen Stätte; Ihre Blicke, meine Herren, 11 ſuchen jetzt die Erinnerung an die drei Julitage, wie alſo ſollten Sie an dem unbedeutendem Gegenſtande Intereſſe finden können, den ich Ihnen hier zeige?.. .. Ihre Augen, meine Damen, vergießen Thränen bei dem Gedanken an den Tod ſo manches Jünglings, der den ſchönſten Hoffnungen der Liebe entriſſen wor— den... Doch warum ſie beklagen? Was ſie waren, können auch wir ſein! — Ja, ja! hieß es von allen Seiten. — Mit Entzücken höre ich dieſe großen Erinne⸗ rungen in Ihren Herzen einen Wiederhall finden! fuhr der Redner fort. Doch es genügt nicht, die Todten zu preiſen, man muß auch den Lebendigen das Leben möglich machen, und wer verdient dies mehr, als der arme Handwerker, der nur von ſeiner Hände Arbeit lebt? Wer für große Ideen ſterben kann, darf nicht vor Hunger umkommen! — Sehr richtig, ſehr richtig! hieß es rings umher. — Deshalb öffne ich dieſes Packet, ſagte der Red⸗ ner, eine Meſſingkette aus demſelben hervorziehend und ſie umherzeigend, während das Volk in ein„Ah!“ ausbrach.... Aber es iſt nicht genug, daß Sie die Waare bewundern, Sie müſſen ſie auch kaufen! Glücklicher Weiſe ſtehe ich hier unter einem edlen Volke, das die Ketten haßt, aber goldene Ketten zur Zierde für unſere Frauen ſchafft. — Es leben die Frauen! riefen einige Stimmen. — Ja, es leben die Frauen! ſtimmte der Kauf— mann ein; aber wie ſollen ſie leben, wenn man ihre Schönheit nicht nach Verdienſt ſchätzt wenn man nicht ihrem Geſchmack für das Schöne huldigt, wenn man nich — Man gebe ihnen Ketten, die einen oder zwei Sous werth ſind! fiel einer der Zuhörer ein. — Einen oder zwei Sous? wiederholte der Kauf⸗ mann. Wenn dieſe Kette z. B. bei einem unſerer großen Juweliere, bei den Herren Toſſin und Didier in der Rue Richelieu oder im Palais Royal aushinge, was würde ſie da wohl koſten?.. Zwei,, ja viel⸗ leicht dreihundert Franecs, denn außer dem Metall und dem Arbeitslohn müſſen ja die Ladenmiethe, das ge⸗ ſchliffene Spiegelglas der Fenſterſcheiben und die zahl⸗ loſen Gasflammen, die den Glanz der Fabrikate ver⸗ doppeln, bezahlt werden... Mein Laden aber beſteht in dem Hute hier, ich habe keine Fenſterſcheiben, als die durchſichtige Luft, keine andere Beleuchtung, als die Sonne, und kann die Kette möglicherweiſe für hundert Francs verkaufen. — Nur hundert Francs? Oh mon Dieu! welch ———— — 13 ein Edelmuth! riefen Mehrere; aber trotz dieſes Edel⸗ muthes wollte Niemand kaufen. — Sie halten hundert Francs für wenig, und doch will Niemand meinen Edelmuth belohnen? fuhr der Kaufmann fort. Armes Volk, es iſt leichter, Dir das Herz aus der Bruſt, als hundert Francs aus Deiner Taſche zu nehmen! Ich verlange Dein Herz nicht, denn es gehört dem Vaterlande!(Bravo) Ich verlange auch keine hundert Francs, denn wer hätte dieſe in ſolchen Zeiten wohl übrig(wahr, ſehr wahr!)? Glaubt nicht, ich taumle mit verbundenen Augen un⸗ ter den Ruinen unſeres früheren Wohlſtandes umher; ich bin nicht der Einzige, der da ſieht, wie täglich das commerzielle Leben dahin ſchwindet, wie der Credit ſinkt(hört, hört!), wie die Magazine aus Mangel an Käufern geſchloſſen werden und die Straßen von Ar⸗ beitern ohne Brod wimmeln... Dieſe betrübenden Umſtänden zwingen mich, den Preis auf die Hälfte herabzuſetzen— alſo fünfzig Francs für dieſe ſchöne Kette! — Bravo! Bravo! — Sie rufen Bravo! aber Sie kaufen nicht!... Nun denn, fünfzehn Sous für dieſe Kette, damit Sie nicht glauben, ſie ſei von Gold. Aber obwohl Niemand hierüber in Zweifel war, 14 wollte doch Keiner einmal fünfzehn Sous geben, ſon⸗ dern man hörte nur mit Wohlgefallen die Rede des jungen Mannes an. — Nicht einmal fünfzehn Sous? fragte er nach kurzer Pauſe. Denken Sie ſich, dieſe Kette wäre wirk⸗ lich von Gold und der Käufer, der dafür zwei— bis dreihundert Francs gegeben, verlöre ſie eines Tages, ohne ſie wiederfinden zu können— welch ein großer Verluſt wäre dies! Wenn er aber dieſe Kette, die nur fünfzehn Sous koſtet, verliert, ſo wäre der Ver— luſt nur fünfzehn Sous... ja, das nicht einmal, denn weit entfernt, ein Verluſt zu ſein, wäre es viel⸗ leicht ein Gewinn— ein Gewinn, ſo groß wie der Unterſchied zwiſchen dreihundert Francs und fünfzehn Sous. Wer alſo würde nicht gern eine Kette haben, die, wenn er ſie behält, nur fünfzehn Sous koſtet, wenn er ſie aber verliert, ihm einen Gewinn von drei⸗ hundert Francs verſchafft, d. h. gerade ſo viel, wie eine Kette von Gold gekoſtet haben würde?.. Doch, fuhr der Verkäufer fort, ich wundere mich nicht über Ihr Mißtrauen, da Sie täglich ſo viel predigen hören über den großen Gewinn, welchen Frankreich gemacht und beſonders jetzt durch ſeine Verluſte macht! Hört man nicht täglich gewiſſe Organe der Preſſe, ja die Miniſter und die Kammer erklären, daß der ſinkende ————— 15 Credit doch im Grunde und bei Lichte beſehen nur ein Glück für Frankreich ſei? Daß die Angelegen⸗ heiten in Spanien und in der Schweiz...(der Redner unterbrach ſich, da er einige Polizeiſergeanten ſich nähern ſah)— alſo verkaufe ich meine Waare unter dem Werthe: fünf Sous für dieſe Kette, ſo wahr ich Armand Cambon heiße! Starker Applaus belohnte dieſen hohen Beweis von Patriotismus; Einige langten bereits in die Taſchen, ſei es, daß ſie die Geduld des jungen Mannes ſchon ſtark genug geprüft zu haben, oder fünf Sous für eine ſolche Kette nicht zu viel glaubten. — Ich gebe fünf Sous für die Kette! rief eine Griſette mit einem Eifer, als fürchte ſie, daß ihr Jemand zuvorkommen könne. — Ich gebe fünf Francs dafür! hörte man eine andere weibliche Stimme, ſo melodiſch, daß ſie auch ohne dieſe liberale Offerte die Aufmerkſamkeit auf ſich gezogen haben würde. Am Arm eines älteren Herrn, der den Orden der Ehrenlegion im Knopfloch trug, ſtand nämlich dem überraſchten Kaufmann gegenüber ein Mädchen in der erſten Blüthe der Jugend und Schönheit. Die unter dem leichten, von ſchwarzem Seidenflor verfertigten Hute ſich hervorringelnden Locken bedurften ihrer dunkel⸗ braunen Farbe nicht, um die Weiße ihrer Geſichts⸗ farbe, eines Alabaſtergrundes zu erhöhen, auf welchen die Morgenröthe ihre ſchönſten Farben geprägt hatte Beim erſten Anblick dieſer regelmäßigen Geſi ichtszůg war es Einem, als habe Pſyche ihr Piedeſtal im b Muſeum des Louvre verlaſſen, um vom Baſtilleplatz aus zu unterſuchen, in wie weit der Freiheitsengel auf der Säule etwa ihr verlorener Amor ſein möge. Das Coſtüm der jungen Dame— eine Pſyche unſerer Zeit kann ſich ja natürlich nicht in der Toilette der Antike präſentiren— beſtand in einer ſchwarzen Mantille von Seidenſammet mit langen Brüſſeler Spitzen, unter welchen ſich in reichen Falten ein ſchwarzes Seiden⸗ 3 kleid mit ebenſo breiten Tüllvolants drapirte. Auch H 6 beſaß unſere Heldin— warum ſollten wir nicht ge⸗ ſtehen, daß ſie es iſt?— den niedlichſten Fuß, das ſchönſte weiße Händchen, welches letztere man um ſo leichter gewahren konnte, als ſie, ſei es aus Zu⸗ 3 fall oder aus Coquetterie, den rechten Handſchuh ab⸗ gelegt hatte. In dieſer kleinen Hand lag ein Fünf⸗ francſtück mit Louis Philipps Bild; ja wir meinen, 3 daß das Haupt dieſes Königs nie in einer ſchöneren Hand geruht hat, als in eben dieſer. — Welch eine Idee! Welch eine Thorheit! flüſterte j. ihr der Mann mit dem Orden der Ehrenlegion ins Ohr. 60 105 1n 17 — Ich gab geſtern zehn Francs für eine kleine Blune von Madame Fürſtenhoff, und vor einer n ein Fünffrancſtück für eine Torte bei Mon⸗ ſieur Felir am Boulevard! antwortete ſie eben ſo leiſe. Armand Cambon, der Ritter der Meſſingkette, näherte ſich ihr, ſichtbar überraſcht. — Es iſt wirklich ſo, ich will Ihre Kette für fünf Francs kaufen, ſagte ſie; was finden Sie denn Wunderbares darin, da Sie die Kette doch vorhin für hundert Franck ausboten? — Bravo! Bravo! jubelte man rings umher. — Um Gottes willen, compromittire uns nicht! flüſterte der Ritter der Ehrenlegion, über die Ehren⸗ bezeugung erſchreckend, welche ſeiner Dame widerfuhr. — Julie Griſi und Fanny Cerito könnten mich um ſo viel Beifall beneiden! antwortete lächelnd das junge Mädchen. — Freilich, ſchöne Dame! ſtotterte Cambon, ver⸗ legen die Kette betrachtend, denn er konnte ſich nicht verhehlen, daß dieſer Applaus weſentlich auf ſeine Koſten geſchehen war; freilich verlangte ich hundert Francs... aber es dürfte Ihnen nicht unbekannt ſein, daß ein armer Arbeiter, wie ich, viel reden muß, um wenig zu verkaufen. — Aber Viele reden auch nicht ſo wie Sie! ent⸗ Armand. T 2 18 gegnete das Mädchen. Mancher redet nicht den ze Theil von dem für Gold, was Sie für Meſſi ſprochen! ₰ — Es iſt wahr, ſehr wahr! rief man in Cambon redet wie Ledru Rollin; Cambor Deputirter werden! Der Ritter der Ehrenlegion ſtand wie auf Nadeln und zupfte unaufhörlich an der Mantille des Mädchens, ſo daß die koſtbaren Brüſſeler Spitzen nicht wenig in Gefahr waren. — Sein Sie ſo gütig, jetzt das Geld zu nehmen, und geben Sie mir die Kette! fuhr das Mädchen fort, ihm gleichzeitig das Geldſtück hinreichend. — Ich bitte um Verzeihung, ſagte Cambon, mit einer Verbeugung das Geld zurückſchiebend, dieſe Kette iſt bereits verkauft... verkauft für fünf Sous an das junge Mädchen dort, wie Sie ſelbſt gehört haben werden. — Das iſt Recht! riefen die Umſtehenden; ſie hat die Vorhand! — Gut! ſagte die Dame mit dem Fünffrancs⸗ ſtück; geben Sie ihr die Kette, ich ſehe, Sie haben noch mehrere in Ihrem Hute dort; aber eilen Sie, fügte ſie hinzu, da ſie ihre Brüſſeler Spitzen in Ge⸗ fahr ſah. 19 Armand Cambon ſchloß das Geſchäft mit der Griſette ab, die ihm erröthend ihr Kupferſtück in Papier gewickelt überreichte, denn die nackte Kupfermünze war natürlich zu häßlich, um ſie einem ſo hübſchen Manne, wie Armand Cambon, geben zu können. Nachdem unſer Kaufmann ihr die Kette gereicht und ihr dabei einige Artigkeiten ſowohl wegen des hübſchen Papier— umſchlages, als wegen ihrer hübſchen ſchwarzen Augen geſagt hatte, nahm er ſeinen Hut von der Straße und näherte ſich abermals der Pſyche mit dem Fünf⸗ francsſtück. Inzwiſchen verließ die Griſette den Haufen und eilte ihrer Wege. Um Alles in der Welt hätte ſie es nicht mit anſehen können, wie eine andere Dame ihm fünf Francs für eine Waare gab, welche ſie mit nur eben ſo viel Sous hatte bezahlen können. Während ſie aber davon eilte, befeſtigte ſie ihre Kette um einen Hals, der auch nicht zu verachten war, doch müſſen wir der Wahrheit die Ehre geben und geſtehen, daß ſie, während ſie ſich entfernte, zuweilen das Antlitz zurückwandte und dankbar für die Artigkeiten, welche er ihr geſagt, mit ihren großen ſchwarzen Augen den Meſſingarbeiter aufſuchte.— Ach, wie dankbar mit⸗ unter ſolche Augen ſind! Aber Armand Cambon, der Undankbare, ſah vor 2 20 den blauen die ſchwarzen Augen nicht. Wer ſchaut auch nach der im Weſten liegenden Nacht, wenn man m Oſten den Himmel ſich klären ſieht? — Ein rechtlicher Kaufmann handelt ſo, daß der Käufer den Kauf nicht zu bereuen braucht, ſagte Cambon zu dem Himmel im Oſten; wenn nun ein Käufer mehr für die Waare giebt, als ſie werth iſt, ſo wird natürlich der Ueberſchuß ein Geſchenk für den Verkäufer oder ein Verluſt für den Käufer... Ich aber will kein Geſchenk, aber auch nicht, daß Sie Verluſt erleiden ſollen. — Ach, ich verſtehe! ſagte ſie verlegen, denn feine, gefühlvolle Seelen verſtehen immer leicht. — An den Tagen, an welchen ich einen Frane für jede Kette erhalte, fuhr der Arbeiter fort, glaube ich immer ein gutes Geſchäft gemacht zu haben, und deren giebt es eben nicht viele— deshalb iſt auch jetzt ein Franc vollkommen gengg. — Aber, Monſieur, fiel ſie ein, es paſſirt ja doch eben ſo oft, und vielleicht noch öfter, daß Sie unter dieſem Preiſe verkaufen müſſen, wie z. B. vorhin, alſo können Sie doch eben ſo gut.. — um Verzeihung, unterbrach Armand ſie, wenn ich dies thue, ſo iſt es mein eigener Fehler, den kein Anderer büßen darf... Alſo einen Frane für die Kette, wenn Sie dieſelbe kaufen wollen! — 1 — Aber was ſoll ich thun? fragte die Schöne miß⸗ geſtimmt; ich habe keine kleinere Münze bei mir. — Ich weiß wohl, antwortete Cambon, daß Sie nicht auf die Kette boten, um ſie zu haben, ſondern weil Sie es für eine Sünde hielten, daß ein Ver⸗ käufer ſeine Lunge umſonſt anſtrenge. Ich will Ihnen daher einen Vorſchlag machen: Sie nehmen für dieſes Geld fünf Ketten, die Sie nicht behalten, ſondern verſchenken, an wen Sie wollen... Iſt Ihnen dies Recht? — Mit Vergnügen; eine der Ketten behalte ich, die andern überlaſſe ich Ihnen, nach Ihrem Belieben zu verſchenken. Der Ritter der Ehrenlegion huſtete und rieb ſich die Hände, als wollte er vor Kälte erſtarren. — Mademoiſelle, Sie ſind unendlich gütig, ſagte Cambon; aber dort ſtehen einige Mädchen, denen meine Ketten ſicherlich gefallen, und die noch mehr Werth auf dieſelben ſetzen würden, wenn ſie dieſe aus Ihrer Hand erhielten, die ſo... ſo... Er wollte fein und ſchön ſagen, unterbrach ſich aber, da ihm ein ſolches Compliment aus ſeinem Munde nicht an rechter Stelle zu ſein ſchien. Die junge Dame er⸗ röthete, doch verrieth kein Schatten um ihren Purpur⸗ mund auch nur die geringſte vornehme Mißachtung 22 gegen dieſe halb unterdrückte Artigkeit; wie ſollte ſie auch, da Armand nicht zu Ende geredet hatte! Es folgte ein kurzes Schweigen, während deſſen das Fünffrancsſtück gegen die fünf Meſſingketten aus⸗ getauſcht wurde. Die junge Dame war dem Finger des Kaufmanns gefolgt, mit welchem er die Mädchen in dem Kreiſe bezeichnete, welche er bereit ſah, die Ketten in Empfang zu nehmen. Ohne weiter zu überlegen, trat ſie zu den überraſchten Arbeitertöchtern, und theilte die vier Kleinode aus, indem ſie zugleich unbemerkt eine Goldmünze jeder Kette beifügte; die fünfte jedoch barg ſie in dem kleinen goldgeſtickten Korb, der an ihrem Arme hing. Die Empfängerinnen der Ketten waren natürlich ſehr glücklich, ſie faßten beide Hände der Geberin und küßten ſie. — Mademoiſelle, rief Eine von ihnen, vergönnen Sie uns das Glück, Ihren Namen kennen zu lernen, damit wir ihn in unſere Gebete einſchließen können. — Adelaide! antwortete die junge Dame ganz unbefangen. — Welche Unbedachtſamkeit! rief der Ritter, der ihr auf den Ferſen gefolgt war; welche Thorheit, hier mitten auf der Straße unter ſolchen Menſchen ſeinen Namen zu verbreiten! wiederholte der Ritter; bei Lichte ) 2 23 beſehen, war aber die Thorheit auf Seiten des Ritters der Ehrenlegion, der, was er dachte, am beſten für ſich hätte behalten ſollen. Die Folge ſeiner Unvor⸗ ſichtigkeit blieb denn auch nicht aus. — Was will denn Der? rief ein Gaſſenjunge jener bekannten Pariſer Sorte, die bei allen Volks⸗ aufläufen ihre Rolle zu ſpielen pflegt. — Donner und Wetter! brüllte ein Kohlenträger, indem er ſeine groben, ſchwarzen Fäuſte auf die Schul⸗ ter des Ritters legte. — Man will mich auf offener Straße überfallen! rief der Ritter, ſich zur Wehr ſetzend. Iſt denn keine Polizei da?... Hierher! Zu Hülfe! Laßt mich los, elendes Pack! Dieſes letztere Wort fiel wie ein Funke in das Pulverfaß. — Nieder mit dem Ariſtokraten, mit dem Geld— menſchen! ſchrie man von allen Seiten. Im nächſten Augenblick ſchon war der Ritter von ſeiner Begleiterin getrennt und von einer Anzahl wilder Figuren um— ringt, die einander überſchrieen und ihr Opfer immer mehr bedrängten. Alles dies war in wenigen Secunden geſchehen. Die junge Dame ſtand bleich, unbeweglich, faſt erſtarrt 24 da; um ſie herum, und ſie gleichſam beſchützend, ſtan⸗ den die vier Mädchen, welche ſoeben erſt einen Beweis ihrer Herzensgüte erfahren. Die Hauptfigur in dieſer Gruppe jedoch dachte nur an die Gefahr, welche einem Andern drohte, und ihr flehender Blick ſuchte den Mann mit den Meſſingketten, als habe ſie ein Recht auf ſeine Theilnahme gewonnen. Dieſer Blick ſuchte nicht vergebens, denn wie ein Pfeil warf ſich Armand Cambon in den Volkshaufen, wie man ſich in die Wellen ſtürzt, um einen Ertrin⸗ kenden zu retten. Schnell hatte er die Stürmiſchſten bei Seite gedrängt, und ſtand vor dem unglücklichen Ritter; er packte ihn, nahm ihn auf ſeinen Arm und näherte ſich dem die Juliſäule umgebenden Eiſengitter. Der Volkshaufen verhielt ſich ihm gegenüber paſſiv, in der feſten Ueberzeugung, daß der ehrenwerthe Ar⸗ mand Cambon keine andere Abſicht haben könne, als den verhaßten Ariſtokraten auf die Lanzen des Eiſen⸗ gitters zu ſpießen, ein Einfall, der ſo unerwartet, ſo neu und ſo pikant war, daß er alsbald den einſtim migſten Beifall hervorrief. Aber wider alle Erwartung hob Armand ſeinen Ritter über die Eiſenſpitzen hinweg, und ſtellte ihn auf die innere Seite des Gitters, das, da die Pforte 25 deſſelben von innen durch den Wachtpoſten gehütet wurde, dem armen Ritter auf dieſe Weiſe zu einem Bollwerk ward. Dieſer Strich durch die Rechnung gab Veranlaſſung zu allgemeinem Mißfallen; Armand war ein Verräther, ein heimlicher Anhänger der Ari⸗ ſtokratie, denn wie hätte er ſonſt fünf Francs von einer vornehmen Dame nehmen, wie hätte er es ſonſt unterlaſſen können, an dem vornehmen Herrn ſein Müthchen zu kühlen! Armand war ein Spion, ja vielleicht noch viel Schlimmeres; drohende Stimmen erhoben ſich von allen Seiten gegen unſeren Helden, hundert Arme ſtreckten ſich gegen ihn aus— der Ret⸗ ter war nahe daran, anſtatt des Geretteten den Scheiter⸗ haufen zu beſteigen. Armand indeß hob ſich auf ſeine Fußſpitzen. — Reſpect vor der Juliſäule! rief er den Stür⸗ menden zu. Der Haufen ſtutzte. — Wenn die Mächtigen dieſer Erde nicht mehr das Unglück ſchützt, fuhr er fort, wenn die Kirchen nicht länger eine Freiſtatt des Unglücks ſind, wo ſoll dieſes ſeinen Schutz finden, wenn nicht im Schatten der Juliſäule? Die erhobenen Arme ſenkten ſich; ein kurzes Schwei⸗ gen folgte. ) 6 D — Aber wie kann er uns Pack nennen? rief Einer aus dem Haufen. — Ja, er hat uns Pack genannt! ſtimmten An⸗ dere ein. — Ein verflogenes Wort iſt wie eine geplatzte Seifenblaſe! antwortete Cambon. — Aber ein Wort, das geſagt iſt, muß beſtraft werden! — Wer will hier ſtrafen? — Wir!... Tod dem Ariſtokraten! — Wir! wiederholte Cambon. Alſo Ihr Alle? Zwanzig, Fünfzig, Hundert wollen Einen tödten? Und dieſe Hundert ſind die Söhne der Julihelden? Armand hatte eine neue Feder berührt; ein aber⸗ maliges Schweigen trat ein. — Aber der Ariſtokrat entehrt durch ſeine Perſon die Juliſäule! rief eine Stimme, das Schweigen unter⸗ brechend. — Nieder mit dem Ariſtokraten! ſchrieen, hiérdurch aufgeſtachelt, ein Dutzend Stimmen, und wiederum erhob ſich der Sturm gegen Armand. In demſelben Augenblick jedoch hörte man Trom⸗ melwirbel, eine Compagnie Nationalgarde rückte vom Boulevard Beaumarchais zum Baſtilleplatz. Die Po⸗ lizeiſergenten, welche ſich zu ſchwach gefühlt, die ſich 27 immer vergrößernde Volksmaſſe zu zerſtreuen, hatten Sorge getragen, die Garde hierher zu führen, und, zum Theil überzeugt, daß Armand doch Recht habe, zum Theil der Gewalt weichend, zerſtreute ſich der Haufe. Wenige Minuten ſpäter hielt ein von Armand her⸗ bei geſchaffter Fiacre vor dem Gitter, und mit Hülfe des Letzteren ſtieg der Ritter der Ehrenlegion in den Wagen. Dieſer vergaß, ſeinem Retter für ſeine Be⸗ mühung zu danken; vermuthlich war er durch dieſe Auftritte zu ſehr erregt, vielleicht auch zu ſehr beküm⸗ mert um ſeine ziemlich derangirte Toilette: jedenfalls mußte er ſehr zerſtreut ſein, denn es bedarf gewiß ganz beſonderer Veranlaſſungen, wenn ein Franzoſe ſein„merci bien!“ vergeſſen ſoll. Was indeß der Ritter verſäumte, das ſuchte des Ritters Dame wieder gut zu machen. — Nie werde ich dieſen Tag vergeſſen, flüſterte ſie Armand zu, indem ſie den kleinen Fuß auf den Wagentritt ſetzte und ihm die rechte Hand reichte, na⸗ türlich nur, um ſich ebenfalls in den Wagen helfen zu laſſen; nie werde ich ihn vergeſſen, denn er erinnert mich an eine edle That, an das, was Sie für uns... — Und was hätte ich denn gethan? fragte Ar⸗ mand. Wer einem Menſchen das Leben retten kann 28 und dies unterläßt, iſt nicht viel weniger, als der Mörder ſelbſt... Uebrigens war die Sache nicht ſo gefährlich, wie ſie ſchien! — Sagen Sie mir: wie können wir Ihnen unſere Dankbarkeit bezeugen, ohne Ihrem Zartgefühl zu nahe zu treten? fragte das in Manches Augen vielleicht allzu romantiſche Mädchen. — Aber, mein Gott, die Sache iſt ja ſo unbe— deutend! ſtotterte der Arbeiter. — Wenn Sie unſerer einſt bedürfen ſollten... verzeihen Sie, wenn Sie uns einmal zu ſehen wün— ſchen ſollten... zu ſehen wünſchen, wie ſich diejeni— gen befinden, die ſo viel Veranlaſſung haben, an Sie zu denken, ſo vergeſſen Sie nicht den Namen Geron⸗ niere... Anjou⸗Straße, St. Honoré, Nummer 35 und wenn — Aber was zögerſt Du ſo lange, Adelaide? hörte man die klägliche Stimme des Ritters aus dem Wagen. — Ich komme! antwortete das Mädchen, indem ſie auf den Wagentritt ſtieg... und Sie vergeſſen meine Bitte nicht? wandte ſie ſich noch einmal an Armand. — Ich vergeſſe nicht, daß Sie meine Meſſingkette gekauft, antwortete Armand. 29 — Ich werde ſie treu bewahren! verſicherte Ade⸗ laide und verſchwand im Wagen. Der letztere ſetzte ſich in Bewegung. Armand ſchaute ihm lange nach, und als er verſchwunden, be⸗ trachtete er ſein Fünffrancsſtück. II. Die Strusse Anzou St. Honorẽ. Die obige Straße iſt eine der am wenigſten belebten — in Paris; ſie enthält ſo wenig Kramläden, daß man kaum glauben könnte, die Leute hier hätten irgend welche materielle Bedürfniſſe. Wirft man einen Blick durch die Pforten der niedrigen Mauern vor den Häu⸗ ſern, ſo entdeckt man große gepflaſterte Höfe und die— ſen entſprechende Paläſte, die, kaum ſichtbar von der Straße aus, der vornehmen Welt als Reſidenzen dienen. Dieſe vornehme Welt wohnt nämlich gern in der Nähe der Barrieren und in entlegenen Straßen, denn theils iſt es gut, der Berührung mit dem geräuſch⸗ vollen Leben im Mittelpunkt der Stadt zu entgehen, wenn man ſchlafen will, das Pflaſter mit Stroh zu bedecken, wenn man ſich kränklich fühlt; theils iſt es bequem, wenn es in den großen Volksquartieren zu kochen beginnt, ſeine ſchweren eiſernen Thüren ſchließen 2 81 und ſich hinter ſeinen Feſtungswällen verſtecken zu können. Die Straße Anjou St. Honoré hat ihre traurigen Erinnerungen, denn hier erhebt ſich ein Monument, das Ludwig XVI. und Marie Antoinette gewidmet iſt und la chapelle expiatoire genannt wird, ein düſteres Kreuzgebäude mit zwei langen Galerien, die mehrere vereinte Gräber vorſtellen. Der Platz, auf welchem dieſe Kapelle jetzt ſteht, war das große Grab, das ſo manches Opfer der erſten Revolution aufnahm, zu denen, wie wir wiſſen, auch Ludwig XVI. und ſeine Gattin gehörten. Die Straße Anjou St. Honors iſt uns ferner deshalb intereſſant, weil in dem Hauſe Nr. 35 die Heldin dieſer Geſchichte im Jahre 1847 wohnte. Das in Rede ſtehende Gebäude beſitzt auch ſeine niedrige Mauer mit einer Pforte nach der Straße zu, ſeinen großen Hof, über den man promeniren muß, ehe man zu dem wirklichen Palaſt gelangt, und ſeine breite, ſchloßähnliche Treppe, welche man natürlich paſſiren muß, um in die fürſtlich meublirte Wohnung zu kommen, welche dazumal Herr Geronniere be⸗ wohnte, einer der angeſehenſten Banquiers Frankreichs, und ſeine ſechszehnjährige Nichte— dieſelbe junge Dame, welche wir ihre koſtbare Toilette mit einer 32 —— Meſſingkette auf dem Baſtilleplatz haben berühren ſehen. Herr Geronniere galt für eine der gewaltigſten Säulen der Pariſer Börſe, denn ſein Piedeſtal beſtand aus einer Geldkiſte, eben ſo ungewöhnlich an Größe, wie an Solidität. Hierüber herrſchte nur eine Mei⸗ nung; anders war es mit dem Kapital der Säule, denn da er nicht minder als ſeine Bewunderer— wann hat ein reicher Mann nicht ſeine Bewunderer!— ſich für einen großen Mann hielt, ſchien es ihm erwünſcht, neben der Börſe auch das ſchwere Portefeuille eines Finanz-Miniſters zu tragen. Allerdings war das Band der Ehrenlegion für dieſe Säule ein ganz ehren⸗ voller Schmuck, er glaubte ſich jedoch zu etwas viel Höherem geboren. Herr Geronniere war ein großer Freund der Symmetrie: alle Gemälde in ſeiner Galerie waren gleich groß, alle Trumeaux in ſeinem Vorzim⸗ mer gleich hoch und breit, alle Menſchen liebte er mit gleicher Liebe, vorausgeſetzt, daß ſie eben ſo reich wa⸗ ren, wie er. Gegen die, welche mehr oder weniger beſaßen als er, rümpfte er die Naſe und namentlich ſchmerzte es ihn, wenn man von ihm eine andere Mei⸗ nung hegte als er ſelbſt. Herr Geronniere hatte einen älteren Bruder be⸗ ſeſſen, deſſen Tod er ſicherlich ſehr beweint haben würde, 33 wenn er nur ein dem ſeinigen entſprechendes Vermögen hinterlaſſen hätte; der unglückliche Bruder hinterließ aber nur ein Kapital, das nicht mehr als 10,000 Franc Rente gab, und eine Tochter, die nicht gut in die Erb⸗ ſchaftsmaſſe aufgenommen werden konnte. Adelaide Geronniere war vater- und mutterlos, denn die Mutter war bereits vor dem Vater geſtorben. Dies war allerdings ſehr unglücklich für das junge Mädchen, aber deſto glücklicher für uns, denn nach Mo⸗ liere und Beaumarchais wird ein junges Mädchen, wie ſchön ſie auch ſein mag, nie recht intereſſant, wenn ihre Eltern nicht im Himmel ſind und ſie ſich im Hauſe eines ſchwer reichen Vormundes oder Onkels befindet, ganz beſonders, wenn dieſer unverheirathet und kinderlos iſt, wie es der Fall mit Herrn Geronniere war, weil derſelbe nie ein Weib hatte finden können, das ſo reich und ſymmetriſch geweſen wäre, wie er. Aber in dem Grade, in welchem Adelaide älter ward(denn ſie war erſt zwölf Jahre alt, da der Vater ſtarb) und ſchöner(denn ein Mädchen von zwölf Jah⸗ ren iſt ſelten ſchön), gewann ſie auch immer mehr in des Onkels Gunſt. Da es nun einmal ſo der Welt Lauf, dachte er, daß das wahre Verdienſt, ſelbſt unter⸗ ſtützt von dem ſonſt Alles vermögenden Gelde, nicht durch ſich ſelbſt in dieſer Welt fortkommen kann, ſo Armand. J. 3 34 will ich dieſen nackten, aber reinen Granitgrund mit den Ornamenten zweier ſchönen, blauen Augen und eines friſchen Purpurmundes ſchmücken, von dem Gelde gar nicht zu ſprechen, mit welchem ich den Fries be⸗ ſchlagen laſſen werde. Adelaide iſt ſchön wie eine Göttin der Mythe und wird reich wie Geronniere der Jüngere. Was wäre mir alſo leichter, als ſie mit einem Manne zu vermählen, der Einfluß genug beſitzt, um Se. Majeſtät von der Nothwendigkeit zu über⸗ zeugen, die Staatsfinanzen in beſſere Hände zu legen? Adelaide ſoll eine gute Partie machen, und dadurch die ſichere Brücke werden zwiſchen der Straße Anjou St. Honoré Nr. 35 und der Straße Rivoli Nr. 48, wo der Finanzminiſter wohnt, über welche Brücke ein Ge⸗ ronniere leicht zu den Finanzen und zur Unſterblichkeit gelangen kann. Vielleicht wird man ſchwatzen, Ge⸗ ronniere habe ſeiner Nichte für dieſe Stelle zu danken, als wenn dergleichen Mühſeligkeiten noch Dauk ver⸗ dienten. Was gewinne ich denn eigentlich! Eine Miniſterſtelle mit all ihrem Schweiß und Mühſal! Und was gebe ich? Schönheit und Reichthum an den Gatten meiner Nichte! Die Partie iſt, bei Gott, gleich! Ich thue es nur um meines Vaterlandes willen; Laffitte opferte ſein ganzes Vermögen, um die Juli⸗ 35 monarchie zu ſchaffen; ich will etwas opfern, um ſie zu ſtützen. Nur etwas alſo! Herr Geronniere hütete ſich wohl zu ſagen: Alles. Herr Geronniere beobachtete ſtets ſeine Prinzipien: Symmetrie in Allem, ſowohl im Reichthum wie in der Ehre. Ungefähr eine Stunde nach der Scene auf dem Baſtilleplatz finden wir den Ritter und ſeine Nichte, ieden in einem großen, reich vergoldeten Fauteuil, vor dem koſtbaren Marmorkamin in Geronnieres Kabinet. Eine gemüthliche Flamme praſſelte in dem Kamin und warf ihren röthlichen Schein auf die kleinen Marmor⸗ ſäulen deſſelben und auf die reich vergoldete Platte, auf welcher die koloſſale Stutzuhr mit zwei maſſiv⸗ ſilbernen Kreuzrittern ſtand, von denen der eine den andern aus dem Sattel warf. Wie oft hatte Herr Geronnieère ſeinen Blick auf dieſer theuern und be⸗ deutſamen Gruppe ruhen laſſen, denn wer waren dieſe Kreuzritter anders, als er, Herr Geronniere, der Herrn Dumon, den damaligen Finanzminiſter, aus dem Sattel warf. Ritter Geronniere hatte weder Helm noch Schild, was aber ſein Antlitz betraf, ſah er wirklich aus, als habe er kürzlich an irgend einem Kampf gegen die Sarazenen Theil genommen, denn ein großes ſchwarzes 3 36 Pflaſter ſaß mitten auf ſeiner Naſe und ein noch größeres auf ſeinem rechten Ohr— lauter friſche Erinnerungen an ſein Abenteuer auf dem Beaſtilleplatz — Parbleu! murmelte der Banquier; welch ein unerträglicher Schmerz!... Es fehlte nur, daß dieſe Wunden gar Narben hinterließen! ſetzte er angſtvoll hinzu. So viel wir wiſſen, war es nicht das Portefeuille eines Kriegsminiſters, nach welchem der Ritter ſtrebte; für einen Kriegsminiſter mag es angehen, die Inſignien des Krieges auf ſeinem Geſicht zu tragen, aber ein Finanzminiſter muß ein glattes und anſtändiges Geſicht haben. Und all dieſes Unglück iſt nur um Deinetwillen und durch Deinen Aufzug geſchehen! fuhr er ärgerlich fort. — Durch meinen Aufzug? wiederholte Adelaide; wie können Sie ſo ſprechen, lieber Onkel! — War es nicht auf Grund Deines Dringens, daß ich mich verleiten ließ, Dich zur Juliſäule zu begleiten? — Ich danke Ihnen für Ihre Güte, mir dieſe ein⸗ mal gezeigt zu haben, antwortete Adelaide.. Welch ein ſchönes Monument! — Ein ſchönes Monument, ja! Lauter Rebellen liegen darunter!... Ich wollte, all das übrige Pack läge daneben! 37 — Gewiß nehmen Sie aber doch den jungen Mann davon aus, der Ihr Leben rettete, lieber Onkel? — Ein Volksaufwiegler! Es ſollte mich nicht wundern, wenn man ihn in dieſem Augenblick ſchon hinter Schloß und Riegel gebracht hätte! — So wäre es Ihre Schuldigkeit, lieber Onkel, ihn im nächſten Augenblicke zu retten! ſagte Adelaide. — Boh! Glücklicherweiſe hab' ich ſeinen Namen behalten. — Und zu welchem Zweck? — Weil ich mich erkundigen werde, ob Jemand dieſes Namens verhaftet worden. — Und wenn es wäre? — So wäre er ſogleich frei, und Sie würden ihm zuerſt die Nachricht von ſeiner Befreiung bringen. Sie werden ebenſo wenig ſe in Schuldner bleiben wollen, wie der eines Andern; zuvörderſt werden Sie ihn in Stand ſetzen, goldene Ketten anſtatt der meſſingnen zu verkaufen... Nicht wahr, Sie werden es thun, lieber Onkel? — Ich werde mich hüten, antwortete der Banquier... Entſetzlich, ich glaube, die Naſe iſt mir geſchwollen! — Aber, Onkelchen, ich erinnere mich doch, daß Sie ſelbſt mit ſichtbarem Vergnügen ſeine Worte an⸗ hörten. 38 — Ich mit Vergnügen? fragte der Banquier. — Ja, Onkel, mehr als einmal las ich den Bei⸗ fall in Ihren Augen, und hieraus zog ich den Schluß, daß der junge Mann Dinge ſprach, die doch nicht ganz ungegründet ſein mußten. — Beklagenswerth die Geſellſchaft, rief der Onkel, in der ein ſolcher Aufwiegler auftreten kann, ohne daß irgend ein Mann von Bildung und Verſtand zu be⸗ haupten wagt, daß Alles, was er geſprochen, un⸗ wahr iſt! — Es iſt alſo der Fall, daß... — Ja, es iſt der Fall, antwortete der Banquier mit matter Stimme, daß der allgemeine Kredit ernſt⸗ lich bedroht... Die gefährliche Kriſe hat bereits ganze Legionen von kleinen Kapitaliſten verſchlungen und nähert ſich mit langen Schritten den größeren, die, wenn ſie nicht bei Zeiten auf ihrer Huth ſind, denſelben Weg gehen werden... Wer z. B. ſoll alle dieſe „billets de complaisance“ honoriren und tödten, die in einem Schwarm wie die egyptiſchen Heuſchrecken unſre Stadt überſchwemmen und ſich ſelbſt um die Bank ſammeln?... Nein, ohne einen neuen Finanz⸗ miniſter geht das nimmermehr! ſetzte er mit der großen Zuverſicht hinzu, die kleinen Menſchen ſtets eigen. In der That waren die ökonomiſchen Verhältniſſe 39 von Paris am Schluß des Jahres 1847 ſehr traurig. Ruinirte Kaufleute und Handwerker, die nicht ihre billets de complaisance einzulöſen vermochten; Discon⸗ teure, die zum Theil auskniffen, zum Theil ſich er⸗ hängten, weil ſie nicht der Bank gegenüber für dieſe Billets aufkommen konnten; und endlich eine Bank, welche überflügelt von mehr als 40 Millionen Francs in baaren billets de complaisance, die Niemand einlöſen wollte, ſich dem Banquerott ausgeſetzt ſah! Bringt man dies in Verbindung mit der großen politiſchen Verwirrung, ſo ſind die Folgen wohl zu erklären. — Alſo iſt es wahr, daß die Stadt von beſchäftigungs⸗ loſen Arbeitern wimmelt? fragte Adelaide, und daß es dieſen Unglücklichen an Brod fehlt? — Allerdings iſt es ſo; wenn die Fabriken ſchließen, müſſen wohl die Arbeiter ohne Arbeit ſein! Daß es ihnen aber an Brod fehle, iſt Uebertreibung, denn der Staat hat neulich dafür geſorgt, daß die Armen für den gewöhnlichen Preis, d. h. für die Hälfte ſeines jetzigen Preiſes, kaufen können. — Und was meinte er denn mit den Angelegen⸗ heiten in Spanien? fragte die neugierige Nichte. — Die Angelegenheiten in Spanien! rief der Banquier, lebhaft aufſpringend. Die unglücklichſten, 40 die Frankreich je erfahren hat!... Die Vermählung des Herzogs von Montpenſier mit einer ſpaniſchen Prinzeſſin, einer möglichen Erbin der ſpaniſchen Krone, wird in der nächſten Zeit Frankreich vielleicht in einen Krieg mit England verwickeln, der unſern ganzen Handel ruinirt. Es iſt verzeihlich, daß eine Notablität der Börſe nur an den Handel denkt, denn er kann vielleicht an allem andern Unglück verdienen, nur nicht an einem Ruin des Handels. Dieſe ſpaniſche Angelegenheit war es gerade, die unrettbar das bis dahin gute Ver⸗ hältniß Ludwig Philipps und der Börſen⸗Ariſtokratie ſtörte; ſie war Schuld, daß dieſe Klaſſe, die bis dahin mit dem Julikönig an einem Strange gezogen, ihn in der Gefahr vollſtändig verließ. — Und warum alles Dies? fuhr der Banquier fort; nur um eine Krone auf das Haupt eines Prinzen des Hauſes Orleans zu ſetzen!... Das iſt zu dynaſtiſch, bei Gott, allzu dynaſtiſch!... Wohin dachte der kluge Ludwig Philipp? Wohin dachte der ſonſt ſo ſchlaue Guizot?... Da ſieht man die Folgen des Uebels wenn man nicht einen Finanzminiſter zur Seite hat, der einen klaren Blick in die Zukunft beſitzt, um dem Unglück vorbeugen zu können! — Und die Schweiz? fuhr Adelaide fort, die ſich 41 heute auf die Politik verlegt zu haben ſchien. Er ſprach ja auch von den Schweizer Angelegenheiten, was hat denn die Regierung in dieſen Streitigkeiten gethan? — Was ſie gethan hat? Sie hat ganz einfach die Sache ihrer Glaubensverwandten unterſtützt. — Welcher Glaubensverwandten? — Der Katholiken in der Schweiz! — Aber es ſollen ja eigentlich die Jeſuiten ſein, die dieſen Streit angezettelt, ſo viel ich gehört habe! — Wo haſt Du das gehört? — In den Zeitungen las ich es, die Sie ja täg⸗ lich ſtudiren und in die ich auch zuweilen einen Blick werfe. — Das geht wirklich weit, wenn Mädchen in Deinem Alter die Zeitungen leſen! — Wohl möglich; aber da das Unglück einmal geſchehen iſt, ſo meine ich... — Daß Du wiſſen mußt, ob es die Jeſuiten ſind die das Alles angezettelt haben. — Gewiß, lieber Onkel! — Und wenn es alſo wirklich die Jeſuiten wä⸗ ren, was wäre da weiter? — Nun, mein Gott, nichts Anderes, als daß dann 42 ja auch Herr Guizot, Herr Duchatel und ſogar der König. — Was wären ſie? — Die Glaubensverwandten der Jeſuiten! ant⸗ wortete das unerſchrockene Mädchen. Der Banquier ſprang vom Stuhle und ſchaute furchtſam umher. — Haſt Du den Verſtand verloren? rief er aus. — Aber, beſter Onkel, das verſteht ſich doch von ſelbſt— — Still, um Gottes willen, Mädchen! Mit der⸗ gleichen Dingen iſt nicht zu ſcherzen! Adelaide hätte vielleicht dieſes Geſpräch noch weiter geführt, wenn ſie nicht durch einen Bedienten geſtört worden wäre, der eintrat und den Herzog von Beau⸗ dreuil meldete. Ehe der Bchiente noch mit ſeiner Meldung zu Ende war, ſtand der Herzog auch ſchon auf der Schwelle des Kabinets. Er war ein hochgewachſener, dreißigjähriger Mann, mit ſchönem, aber bleichem Ant⸗ litz; ſeine Haltung war elegant, aber ſteif; ſein Blick matt, aber gebietend. Er ſchien ein Mann voll That⸗ kraft, jedoch ohne tieferes Gefühl zu ſein; in ſeinem ganzen Weſen lag etwas, das an den Seeadler er⸗ innerte; auch bei ſeiner Annäherung war es Einem, WN 43 als fühle man den kalten Zug zweier großer Flügel, feucht vom Schaum und Nebel des Meeres. Der Herzog hielt in ſeiner rechten Hand ein außer⸗ ordentlich ſchönes Blumenbouquet, das er dem jungen Mädchen reichte, während er eine ihrer Hände mit einer gewiſſen vornehmen Vertraulichkeit an ſeine Lip⸗ pen führte. Er hatte das Recht, ihr dieſen Blumenſtrauß zu geben, er hatte das Recht, ihr ſo vertraulich die Hand zu küſſen, denn Adelaide Geronniere, die ſchwerreiche Banquiers- und Ehrenlegions⸗Ritters⸗Nichte und ein⸗ zige Erbin war des Herzogs Rigobert de Beaudreuils verlobte Braut und ſollte in einigen Wochen ſeine Gattin werden. II. Ber Jardin des Plantes. Wir verließen Armand Cambon auf dem Baſtille⸗ platz mit ſeinem Fünffrancſtück in der Hand. Aber er konnte doch nicht in alle Ewigkeit hinein ſo da⸗ ſtehen und das Geldſtück betrachten, denn das vorüber⸗ gehende Volk hätte leicht annehmen können, er ſtehe nur da, um mit ſeinem Reichthum zu prahlen. Fünf Francs ſind nämlich in der Hand eines Arbeiters im⸗ mer ein Reichthum, ſelbſt wenn nicht ein ſchönes Mäd⸗ chen die Geberin derſelben iſt. Cambon war heiterer, als wenn er ſeine ganze Boutike verkauft hätte, denn er dachte an die ſchöne Dame, die mit ihm ſo lange geſprochen und ihn end⸗ lich gebeten hatte, in Nr. 35 der Straße Anjou St. Honoré willkommen zu ſein. Manchem würde es vielleicht unverſchämt von Ar⸗ mand erſchienen ſein, daß er an ein Mädchen zu denken d⸗ d⸗ 45 wagte, die neben Jugend und Schönheit ein ſeidenes Kleid und eine Mantille vom feinſten Sammet trägt, überdies einen Herrn mit dem Bande der Ehrenlegion zur Seite hatte. Aber wie Fürſten von Göttinnen, Grafen von Prinzeſſinnen und Bürger von gnädigen Fräuleins träumen, ſo kann doch ein Arbeiter auch von einer Mademoiſelle träumen. Armand ſchlug endlich die Richtung nach der Auſterlitzbrücke ein und wollte von derſelben eben nach dem Boulevard de[Hopital gehen, als er ſeinen Na⸗ men von einer Stimme rufen hörte, gleich dem Lärm einer Kanone, die über eine Holzbrücke fährt. Armand fuhr zuſammen und ſchaute zurück, denn es giebt Stim⸗ men, die man hundertmal hören kann und die Einen beim hundert und erſten Male doch noch erſchrecken. Die Geſtalt, auf welche Armand's Auge fiel, war dieſer Stimme würdig. Der Mann, deſſen Alter ſich auf etwa vierzig Jahre taxiren ließ, hieß Simon, war ſeines Zeichens ein Weinträger, wurde eben der weiße Bär genannt, theils wegen ſeiner ungewöhn⸗ lichen Körperkräfte, theils, weil er beſtändig helle Klei⸗ der trug, zu welchen ein weißer Filzhut mit breiter Krempe und ungeſchwärzte Schuhe gehörten. Seinem Wuchſe nach war er ein würdiges Seitenſtück zu dem Rieſen in den Pariſer Geheimniſſen von Eugen Sue, 46 ſein Antlitz aber war hübſch und ausdrucksvoll; er hatte ſchwarze Augen, eine gebogene Naſe, einen gro⸗ ßen Mund mit ſtarken weißen Zähnen, ſchwarzen üp⸗ pigen Bart, aber dünnes Haar, was übrigens in Frankreich nichts ungewöhnliches iſt. So ungefähr findet ſich der weiße Bär von dem Verfaſſer geſchildert, der den ſpecielleren Theil der letz⸗ ten franzöſiſchen Revolutionsgeſchichte geſchrieben, an welcher er ſeinen redlichen Antheil gehabt. Seit ſei⸗ nen Jünglingsjahren beſaß er bereits großes Anſehen in den Volksquartieren und hatte ſich dieſes energiſch aufrecht zu erhalten gewußt. — Armer Kleiner! rief der Rieſe Armand zu; was iſt Dir heute widerfahren, da Du weder hören noch ſehen kannſt! Hat irgend eine Griſette in St. Antoine Dir den Kopf verdreht oder iſt ſie Dir in dem Kabriolet irgend eines Vicomte davon gefahren? Armand ſchwieg wie ein gutes Kind, denn wie kann man von St. Antoine ſprechen, wenn man mit St. Honoré beſchäftigt iſt! — Oder haſt Du nichts anderes als Deine Lippen, auf das Du beißen könnteſt, armer Junge? fragte der weiße Bär, ihm eine breite Hand voll geröſteter, dam⸗ pfender Kaſtanien reichend. Geröſtete Kaſtanien ſind nämlich die Hauptnahrung —— — 47 der unteren Volksklaſſen in Paris, auch findet man in den Volksvierteln ſelten ein Haus, in deſſen Thür nicht ein kleiner beweglicher Röſtofen ſtände, in dem fortwährend Kaſtanien zubereitet werden. — Danke, Simon, ich bin nicht hungrig! ant— wortete Armand, die breite Hand freundlich zurück⸗ ſchiebend. — So biſt Du, wie ich eben ſagte, verliebt oder von Deiner Liebſten betrogen, armer Junge! brummte der weiße Bär, an den von Armand verſchmähten Ka⸗ ſtanien knabbernd, die er ungeſchält in den Mund ſteckte. In Zeiten wie den jetzigen, wo Niemand was zu eſſen hat, ſollten alle Menſchen verliebt ſein. Als Madelone noch lebte, die arme Madelone, die, wenn ich das Geld dazu hätte, jetzt auf dem Pere⸗ Lachaiſe ſchlafen und ein Grabmahl haben ſollte ſo ſchön wie das Caſimir Perriers!... damals gab es Tage, wo ich von einem Sou lebte... Aber ſiehſt Du, Madelone wußte nicht, was Betrug und Kabrio⸗ lets ſagen wollen, ſetzte er auf ſeine Weiſe lächelnd hinzu; ſie war ein Unglück für Alle, die ſich ihr nä— herten, die arme Madelone... Ein Offizier von der Linie wagte es einmal, ſie zu belorgnettiren, und ich ſchlug ihm die Lorgnette in das rechte Auge, daß er mit dem linken viſiren lernen mußte... Ein Schreiber r————————————— vom Palais de Juſtice wagte einmal, ihr die Hand zu drücken und ich zerbrach ihm die Finger, daß er weder mehr ſchreiben noch Hände drücken konnte.. Die arme Madelone war, wie geſagt, ein Unglück für Alle Aber was thut das? ſie war ein Glück für mich, und ich brauchte ſie nur zu ſehen und zu hören, um Speiſe und Trank zu vergeſſen. — Ihr hieltet viel von Madelone, lieber Simon? fragte Armand zerſtreut. — Ob ich viel von ihr hielt!... Das können mir ſowohl der Offizier wie der Schreiber bezeugen. Zwei Zeugen ſind viel, drei aber ſind beſſer. — Drei? — Ja Drei! antwortete der weiße Bär mit einer Stimme, die ſich in einem heftigen Zähneknirſchen verlor. Zwei ſind bekannt und der Dritte wird es bald ſein! fuhr Simon höhniſch lachend ſort Aber wohin willſt Du gehen, Armchen? — Nach Bicetre! antwortete Armand, noch immer zerſtreut. — Willſt Du Deinem Vater ſeine tägliche Portion aufeſſen? — Ich habe ſeine Ketten verkauft und will ihm dafür das Geld bringen. — Wie viel haſt Du ihm zu geben? 2 49 — Zwiſchen ſechs und ſieben Franck. — Und das nur für einen Tag? — Ja! — Teufelskerl! Er verdient mehr in einem Tage, als die Krämer im Palais royal in der ganzen Wochel — Lebt wohl, lieber Simon! — Schon?... Halt mal, Armchen! Du kommſt doch noch zeitig genug nach Bicetre! — Lebt wohl... Ich habe meinen Vater ſeit zwei Tagen nicht geſehen, er wundert ſich gewiß ſchon. — Nein, Du mußt mit mir kommen! erklärte der weiße Bär, Armand beim Arm faſſend. — Und wohin? — Siehſt Du nicht, daß wir grade vor dem Jar⸗ din des Plantes ſtehen? — Nun? — Ich will hineingehen, um meinem Vater, dem Elephanten, einige Kaſtanien zu bieten, meinen Brü⸗ dern, den Bären, zuzunicken, und zu ſehen, wie mein Vetter, der Löwe, eine lebendige Weihe verſchlingt. — Eine lebendige Weihe? — Ja wohl... Die Herrſchaften im Jardin des Plantes leben eben ſo lecker, wie die in St. Germain. — Geſegnete Mahlzeit... ich muß gehen. Armand. I. 4 50 — Sei nicht ſo eigenſinnig, Armchen; Dein Vater bekommt das Geld doch noch zeitig genug, ehe er ein⸗ ſchläft. Ich habe nie einen Menſchen geſehen, der ſo eilig wäre, das Geld los zu werden.. Oder fürch⸗ teſt Du etwa, daß ich Dir die lumpigen ſechs, ſieben Francs ſtehlen könnte? fragte der weiße Bär lachend. — Was Ihr für dummes Zeug ſprecht! — Nun, ſo komm denn!... Bedenke: eine le⸗ bendige Weihe! War es die Neugierde, zu ſehen, wie ein Löwe einen lebendigen Raubvogel frißt, oder hatte er es wirklich nicht ſo eilig, das ihm ſo theure Fünffranken⸗ ſtück abzuliefern, genug, unſer Held folgte dem weißen Bären in den Jardin des Plantes. Letzterer iſt, wenn auch nicht der ſchönſte Garten von Europa, wie die beſcheidenen Franzoſen ſagen, wenigſtens der reichſte, denn er bietet Gewächſe aus allen vier Welttheilen; er hat ein reiches Muſeum für den, der die Naturgeſchichte liebt, eine große Mena⸗ gerie der merkwürdigſten wilden Thiere, und drei große Alleen von Linden und Kaſtanien, gepflanzt von dem unſterblichen Buffon, der Intendant dieſes Gartens von 1739 bis 1788 war und dort ſtarb. Als Armand mit dem weißen Bären in den Gar⸗ ten trat, war außer dem Thierwärter Niemand drinnen. M———„—„— 51 — Sehr dünn geſäet heute, ſagte Armand lachend; und dennoch ſpendirt man eine lebendige Weihe? — Ja, es iſt merkwürdig, antwortete der weiße Bär gleichgültig. — Hat man denn ein ſo ſeltenes Ereigniß nicht annoncirt? fragte Armand.. Und wer muß denn die Weihe bezahlen? — Es iſt zwei Uhr, und um drei Uhr werden die Thiere erſt gefüttert, antwortete Simon; möglicher⸗ weiſe können noch viel Leute kommen... Inzwiſchen können wir ja ſehen, was man den übrigen Herr⸗ ſchaften heute vorſetzen wird; ich vermuthe, daß man nicht Allen Vogelbraten geben wird... Nur der König der Thiere wird ſo regalirt. Während dieſes Geſpräches näherten ſie ſich der Menagerie, in welcher der Löwe, der Tiger und andere gefährliche Raubthiere bewahrt werden. Dieſelben ha⸗ ben immer zu Zweien einen Käfig, deſſen Gitter durch eine Barriere ſo abgeſperrt iſt, daß ſich die Zuſchauer dem letzteren nicht allzuſehr nähern können. Hinter dieſem Käfig iſt noch ein anderer, in welchem ſich die Thiere aufhalten, während der vordere gereinigt wird. Der weiße Bär und ſein Begleiter traten in die große Galerie, in welcher ſich die hinteren Käſige be⸗ fanden, und ſahen hier den Hofmeiſter derſelben mit 4 52 der Anrichtung beſchäftigt. Ein großer Korb, gefüllt mit Fleiſchſtücken, ſtand auf dem Boden, die lebendige Weihe aber war nicht zu ſehen. — Guten Tag, Mathieu, wie geht's? fragte der weiße Bär den beſchäftigten Aufwärter, einen Mann etwa von Simons Alter, aber von viel weniger menſch⸗ lichem Ausſehen, als der zweifüßige weiße Bär. Wer mit Löwen und Tigern umgeht, muß wohl auch etwas von deren Umgangston annehmen; Armand erſchien es daher, als wenn dieſer über den Fleiſchkorb gebeugte Aufwärter beſchäftigt ſei, ſeine eigene Mahlzeit anzu⸗ richten, denn ſtarrere Geſichtszüge und hinterliſtigere Augen als die dieſes Mannes hatte Armand nie ge⸗ ſehen. — Der weiße Bär kommt wohl, um ſeine Kame⸗ raden in der Grube draußen zu beſuchen? fragte der Tafeldecker der Thiere. — Nein, ich komme nur, um Euch für letztens zu danken, braver Mathieu. — Alſo für heute Morgen? — Richtig!... Ihr habt wohl unſere Wette vergeſſen? — Wann vergißt man, wenn man zu fordern hat? — Ihr habt alſo ſchon gewonnen? — Ich bin meiner Sache ſo gewiß, daß ich ſchon ———— 53 den Tabak für die kleine hübſche ſilberne Doſe gekauft habe, die Ihr gegen meinen großen, ſilberbeſchlagenen Meerſchaumkopf geſetzt habt. — Freilich hab' ich noch nicht den Tabak für die Pfeife gekauft, antwortete der weiße Bär, aber ich bin doch ganz gewiß, daß ich meine kleine ſilberne Doſe mit in's Grab nehmen werde, ſofern ſie nicht für die Begräbnißkoſten verkauft werden muß. Der weiße Bär zog hierbei eine ganz neue Schnupftabaksdoſe von Silber hervor. Armand be⸗ trachtete dieſelbe mit einiger Verwunderung, denn nie hatte er ein ſo koſtbares Stück in den Klauen des weißen Bären geſehen, konnte ſich auch nicht vorſtellen, wie derſelbe zu ſolchem Lurus komme. Der Hof⸗ meiſter der Thiere würdigte die Doſe ebenfalls eines Blickes und Armand war es, als nähmen ſeine Augen dabei einen milderen Glanz an. — Wann ſoll alſo die Sache abgemacht werden? fragte der Hofmeiſter, nachdem die Doſe wieder in des weißen Bären Taſche gewandert war. — Heute, wenn Ihr wollt, antwortete dieſer. — Meinetwegen! ſagte der Hofmeiſter mit einem Lächeln, das der Gier eines Tigers glich, wenn er auf ſeinen Raub lauert. Armand wandte ſich zu ſeinem Freunde Simon; auch deſſen Lippen öffneten ſich zu 54 einem Lächeln, dieſes aber glich mehr der Befriedigung eines Tigers, wenn er ſeinen Raub ſchon erfaßt hat. — Wann beginnt der Schmaus? fragte nach kur⸗ zem Schweigen der weiße Bär. — Schlag drei Uhr, wie gewöhnlich. — Und das Fleiſch wird nicht eher in die Käfige gelegt, als ich komme? — Nicht vor Schlag drei Uhr, wie geſagt. — Alſo auf Wiederſehen! — Was habt Ihr denn verabredet? fragte Ar⸗ mand, als der weiße Bär ſeinen Arm genommen hatte und mit ihm hinausgetreten war. — Wirſt ſchon ſehen, mein Junge! antwortete Simon mit zufriedenem Nicken. — Und wo iſt denn die lebendige Weihe? — Wirſt auch die ſehen, verlaß Dich darauf, Armchen! verſicherte der weiße Bär, ſeine Tatzen an einander reibend, daß es krachte. — Ihr verſprecht Euch viel Vergnügen von der lebendigen Weihe, Simon? — Muß wohl!... Stelle Dir die Weihe vor, auch ein Raubthier mit Klauen, die wie die des Lö⸗ wen bluten, wenn ſie die Taube packt, die arme un⸗ ſchuldige, wehrloſe Taube, die.. Der weiße Bär unterbrach ſich plötzlich; Armand — 55 blickte ihn erſtaunt an, denn wann hatte er in dieſer ſonſt dem Donner ähnlichen Stimme ſo weiche, rüh⸗ rende Töne gehört! Wann hatte er um dieſe Augen, die ſtets ſo drohend ausſahen, wenn ſie nicht die käl⸗ teſte Gleichgültigkeit ausdrückten, den rothen Bogen entdeckt, der die Thränen zu verkünden pflegt! — Ja, Du ſollſt nur die Weihe ſehen, fuhr der weiße Bär in ſeiner gewöhnlichen Tonart fort, wenn ſie im Löwenkäfig vergebens die Flügel zur Flucht ausbreitet!... Wie ſie von der einen Seite zur an⸗ dern flattert, daß die Federn umherfliegen; wie ſie, den Rachen des Löwen unter ſich, aufflattert und ſich den Kopf an der Decke ſtößt; wie ſie betäubt von dem Stoß ſinkt und endlich verſchwindet im Löwenrachen .. Was ſagſt Du zu einem ſolchen Anblick?... Iſt das Schauſpiel nicht zum Todtlachen? Bei dieſen Worten ſtieß der weiße Bär ein ſo er⸗ ſchütterndes Gelächter aus, daß die beiden Elephanten, in deren Nähe ſie ſich befanden, erſtaunt ihre rieſigen Köpfe nach dieſer Richtung wandten. — Guten Tag, Papa! rief der weiße Bär dem größten Elephanten zu— ich glaube, Du wächſt mit jedem Tage... Was haſt Du denn da zu ſpeiſen? Brod.. immer und alle Tage Brod!... Wenn Du nur Brod haſt, giebſt Du Dich zufrieden, duldeſt, ———————— 56 daß man Dich einſperrt, Dich auslacht.. Fürs Brod läßt man Dich niederknieen, die Zwerge auf Deinem Rücken ſitzen, die Du mit einem Athemzuge umblaſen könnteſt. Fürs Brod vergiſſeſt Du Dein Vaterland, Deine Freiheit... Doch ſtill, unterbrach ſich Simon, fuhr da nicht ein Wagen vor den Garten? Der weiße Bär lauſchte; Armand beobachtete alle Bewegungen dieſes Mannes, um errathen zu können, was eigentlich in dieſem ſtets ſonderbaren Weſen vor— ging, das aber nie ſo unerklärlich geweſen wie heute. — Komm, Armchen! rief Simon plötzlich, es iſt Zeit, die Thiere ſpeiſen zu ſehen. Komm, ſonſt iſt die Weihe verzehrt, ehe wir dabei ſind, und das ſollte mir leid thun, oder beſſer geſagt, ich würde es nimmer verſchmerzen, wenn die Weihe dem Rachen des Löwen entginge! Bei dieſen Worten nahm Simon einen Sprung, der einem Löwen Ehre gemacht haben würde, und der junge Mann, der ſich nicht von der Eiſenhand Si⸗ mons loszureißen vermochte, mußte ihm wider ſeinen Willen in gleicher Weiſe folgen. In wenigen Minuten hatten ſie wieder das Löwen⸗ haus erreicht. Ehe ſie jedoch die Thür der Galerie berührten, ſahen ſie zwei Damen, die ebenfalls auf dieſe Thür zuſchritten. Der weiße Bär ſchien ſie kaum 57 zu bemerken; Armand konnte aber nicht unterlaſſen, ſie genauer zu betrachten, namentlich die Eine, deren Aeußeres und Toilette nicht allein die der Anderen, ſondern überhaupt die der Meiſten ihres Geſchlechts übertrafen, mit Ausnahme natürlich derienigen, welche ihm das Fünffrancsſtück gegeben und ihn eingeladen hatte, in der Straße Anjou St. Honoré willkommen zu ſein. Die erwähnte Dame ſchien allerdings nicht ſo jung zu ſein, wie die Dame auf dem Baſtilleplatz, aber ſie war eben ſo ſchön, ja vielleicht ſchöner in den Augen Derer, welche das wollüſtig Ueppige über das jung⸗ fräulich Reine ſtellen. Ihre großen ſchwarzen Augen, ihre gebogene Naſe, ihre ſchwellende Oberlippe, die ſanft die untere überragte, ihre ſchönen Wangen mit den verführeriſchen Grübchen, ihr etwas zurückgeworfenes, ſtolz getragenes Haupt, das Haar, das ſich Farbe und Glanz von dem Raben geborgt zu haben ſchien, und aufgekämmt ſich unter den weißen, mit kleinen Rös⸗ chen gezierten, reich gekrauſten Spitzen verlor; der dunkelgrüne, von einer wehenden weißen Feder ſchattete Sammethut; die Stirn, die auf zwei Bogen der ſchönſten ſchwarzen Augenbrauen ruhte, wie ſie je der Süden gezeichnet hat— Alles verrieth eine Kö⸗ nigin im Reiche des Geſchmacks, bewußt ihrer Macht, 58 aber nicht im Stande, alle Triumphe zu fühlen, die ſie täglich zu feiern Gelegenheit hatte. Der ſchwarze, mit Hermelin beſetzte Mantel vom feinſten Sammet umſchloß die hohe Geſtalt und war nicht zu weit, um bequem um den Körper zuſammen gezogen zu werden, wenn es der Beſitzerin einfiel(und ſie ſchien reich an ſolchen Einfällen), die Welt mehr als ahnen zu laſſen, welch herrliche Formen ſich dar⸗ unter bargen. Ihre Begleiterin war ebenfalls jung und ſchön, und ihre Toilette würde den Neid mehr als einer Bürgerstochter erregt haben, aber man ſah bald, daß ſie jener Klaſſe von Frauen angehörte, deren ganzes Leben ein Studium zur Entdeckung und Befriedigung der Launen einer Herrin iſt, mit einem Worte: daß ſie ein Leben halb von Vertraulichkeit, halb von Scla⸗ verei führte, das da aufſchwillt bei einem Lächeln der Herrin, und zuſammenkriecht, wenn eine Wolke in den Augen derſelben ſteht. Der weiße Bär und Armand wichen zur Seite aus, als die beiden Damen ſich der Thür näherten. — Jetzt kommt an uns die Reihe, einzutreten, ſagte der weiße Bär, als die Damen hinein waren. Wir bekommen gute Geſellſchaft, wie Du ſiehſt. ————— 59 — Wer mag die vornehme Dame ſein? fragte Armand mit verzeihlicher Neugier. Der weiße Bär konnte dieſe Frage nicht hören, denn er war bereits in der Galerie; Armand folgte ihm, getrieben von einer Unruhe, die er ſich ſelbſt nicht erklären konnte. — Wir kommen doch nicht zu ſpät? fragte die Dame mit dem Hermelinmantel den Thierwärter. Dieſer krümmte ſich wie eine Boa Conſtrictor, denn er träumte mindeſtens von einem Louisd'or. — Es iſt noch eine Viertelſtunde Zeit, antwortete er; die äußeren Käfige ſind noch leer. Ich öffne die Thür zwiſchen den beiden Käfigen erſt um drei Uhr. Wollen Madame vielleicht mit anſehen, wie ich das Fleiſch in die Käfige lege, ſo folgen Sie mir. Der Wärter näherte ſich der Thür zur äußeren Galerie, um mit den nächſten Käfigen zu beginnen. Inzwiſchen hatten die großen Augen der ſchönen Dame, vermuthlich in Ermangelung des Anblicks der Thiere die Menſchen geſucht, welche nebſt ihr und ihrer Be⸗ gleiterin ſich in der Galerie befanden. Von dieſen Menſchen war Armand derjenige, der ihr am nächſten ſtand, denn der weiße Bär hielt ſich unbeweglich vor dem Käſig des Löwen, der weiter hinabſtand. Es 60 war alſo natürlich, daß Armand der einzige Gegen⸗ ſtand dieſer großen Augen ward. Armand, der ſich ſo tief vor den blauen Augen auf dem Baſtilleplatz gebeugt, hielt ohne die geringſte Verlegenheit das Feuer der großen ſchwarzen Augen aus, obgleich daſſelbe lange und ſtark auf ihm ſpielte. Wie lange indeß Rinaldo's Schild den Flammen von Armida's Augen getrotzt haben würde, iſt ſchwer zu wiſſen, denn die Stimme des Thierwärters erhob ſich und zog Aller Aufmerkſamkeit auf ſich, die des weißen Bären ausgenommen, der wie feſtgenagelt an ſeinem Platze ſtand. Vor jeden Käfig legte er ein Stück Fleiſch, groß oder klein, je nach den Anſprüchen der betreffenden Herrſchaften; hiernach brauchte er nur jeden Käfig zu öffnen und die Portion hinein zu werfen. Er konnte ſich alſo ungenirt ſeinen gewöhnlichen Vorleſungen über die Gaſtronomie der Raubthiere hingeben, während er die Portionen hineinwarf. Der Thierwärter, ein Franzoſe vom reinſten Waſſer, ſprach lange und viel, beſchrieb mit den lebhafteſten Farben den reſpectiven Geſchmack der Thiere und endete ſeine Vorleſung mit einer herzzerreißenden Tirade, wie er, obgleich Gatte und Familienvater, doch dem häus⸗ lichen Leben entzogen werde, um ſich ganz ſeinen 61 Lieblingen, den Thieren zu widmen, weshalb er natürlich nicht ſo für ſeine und der Seinigen Zukunft ſorgen könne, wie er wohl müſſe; ergſehe daher einem ſehr trüben Alter entgegen, wenn es nicht edle Menſchen gebe, die mit der Liebe für die Naturgeſchichte auch die nöthige Freigebigkeit vereinigten ꝛc. Inzwiſchen hatte er in jeden Käfig die nöthige Portion gelegt, ausgenommen in den des Löwen, vor welchem noch die Mahlzeit unberührt lag. — Madame wundern ſich, daß ich den Löwen ſo vernachläſſige, ſagte er; Madame ſind aber zur glück⸗ lichen Stunde hier angekommen, um ein merigjrdiges Schauſpiel zu erleben. — Wie ſo? fragte die Dame erſtaunt. — Ich habe mit jenem Herrn da gewettet, fuhr er auf den weißen Bär zeigend fort, der jetzt neben ihnen ſtand; er behauptet nämlich, daß, wenn man dem Löwen zugleich ein Stück Fleiſch und ein Stück Brod reiche, er das Fleiſch verſchmähen und das Brod ver⸗ ſchlingen werde. Armand ſah etwas verblüfft den weißen Bär an, denn er hatte von einer lebenden Weihe zu hören ge⸗ hofft, und jetzt handelte es ſich um ein Stück Brod. — Das klingt wenigſtens unglaublich! verſicherte 62 die Dame. Was meinſt Du, Deniſe? ſetzte ſie lachend und ſich an ihre Begleiterin wendend hinzu. — Madame, ich habe nie gehört, daß der Löwe Brod freſſe! antwortete dieſe. — Und Sie, mein Herr? wandte ſie ſich an Armand, der auch in der Gruppe ſtand. Entweder intereſſirte es wirklich die ſchöne und ohne Zweifel vornehme Dame, zu wiſſen, ob der Löwe lieber Brod als Fleiſch freſſe, oder ſie wollte ſich nur überzeugen, ob der junge Mann, den ſie mehr als einmal betrachtet, ebenſo hübſch ſei, wenn er ſprach, als weyn er ſchwieg. Armand machte eine Verbeugung, die einem Marquis Ehre gemacht haben würde. — Madame, ſagte er, ich wage kaum ein Urtheil in Gegenwart eines ſo gründlichen Natur-Hiſtorikers wie des Herrn Mathieu... Wenn ich jedoch eine überflüſſige Artigkeit ſagen wollte, ſetzte er lachend hinzu, ſo würde ich behaupten, daß der Löwe nur unter einer Bedingung das Brod ſeiner gewöhnlichen Nahrung vorziehen dürfte... — Nun? ermunterte ihn die vornehme Dame; wann würde eine Dame die Artigkeit wohl für über⸗ flüſſig anſehen? — Er würde das Brod wählen, ſagte Armand, 63 wenn eine ſo zarte Hand wie die Ihrige es ihm reichte! Armand ſchielte bei dieſen Worten zu dem weißen Bär hinüber, auf deſſen Antlitz eine wilde Flamme glühte. — Hahaha! lachte der Wärter; glaub's ſchon! Der Löwe würde das Brod um der Hand willen, zu⸗ gleich aber auch die Hand ſelbſt nehmen! — Hu! ſchauderte die Dame, die kleine Hand zurückziehend, als fühle ſie ſchon die Zähne des Raub⸗ thiers an derſelben. Aber, ſetzte ſie, ſich ſchnell er⸗ holend, mit einem Blick auf Armand hinzu: Sie würden doch die Artigkeit nicht ſo weit treiben, mich zu einem Verſuch aufzufordern? — Bewahre mich der Himmel, antwortete Armand mit mehr als gewöhnlichem Tongewicht. Ich würde Ihnen ſogar auf's ernſtlichſte rathen, ſich von dem Käfig mehr zurück zu ziehen. Armand ſchielte abermals und ebenſo unmerklich zu Simon hinüber, der mit aufgeſperrtem Mund und wilden Blicken daſtand und Armand anſtarrte. Letzterer konnte ſich nicht verhehlen, daß Simon irgend etwas Entſetzliches gegen die Dame im Sammetmantel im Schilde führe. — Und warum ſoll ich mich ſo von dem Käfig des Löwen zurückhalten? fragte die Dame. 64 — Weil... weil es mir erſcheint, als würde der Löwe mehr ein Auge auf Sie, als auf Andere haben! antwortete Armand. — Du hörſt, Deniſe, ſagte die Dame; ſelbſt der König der Thiere will mir den Hof machen. Kein Wunder! antwortete Deniſe mit einer tiefen Verneigung. Wie mancher Fürſt der Menſchen hat ſchon daſſelbe gethan! — Aber die Hand hat er doch nicht genommen! flüſterte ſie der Dienerin mit einem halb verächtlichen Zucken der Oberlippe zu. — Und noch weniger das Herz! antwortete dieſe tröſtend. — Sacre-Bleu! rief plötzlich der Wärter, es iſt ja drei Uhr! Mit dieſen Worten öffnete er die innere Thür der Käfige, indem er an einem Strick zog und von Käfig zu Käfig ging. Ein Thier nach dem andern ſtürzte aus dem hintern Käfig nach dem vorderen und warf ſich auf das Fleiſch, nur die Thür des Löwen ward nicht geöffnet. — Nun, Simon, ſeid Ihr bereit? fragte er, ſich dem weißen Bären nähernd und mit zwei eiſernen Stangen in der Hand. Ihr nehmt die eine Stange, ich die andere; auf die eine ſtecken wir das Brod, auf die andere das Fleiſch; wir reichen Beides zugleich 65 hinein, während ich die innere Thür aufziehe. Nimmt der Löwe zuerſt das Fleiſch, ſo ſchnupfe ich aus der ſilbernen Doſe; nimmt er zuerſt das Brod, ſo raucht Ihr aus dem Meerſchaumkopf. Der weiße Bär ging gedankenvoll hin und her und brummte wie ein wirklicher Bär vor ſich hin. — Wo habt Ihr Euer Brod? fragte der Wärter. Simon griff in die eine, dann in die andere Taſche, und dann mit einer Miene des Erſtaunens in beide zugleich. — Ich habe das Brod verloren! rief er ärgerlich. Es muß mir aus der Taſche geſtohlen ſein!... Doch nein, jetzt entſinne ich mich, daß ich es in meiner Zer⸗ ſtreuung dem Elephanten gab. — Ihr wollt mich nur um die Doſe betrügen, Monſieur Simon! rief der Wärter entrüſtet. Ihr bereuet Eure Wette! — Monſieur Mathieu, für dieſe Aeußerung könnte ich Euch die Beine entzwei ſchlagen, aber wir wollen Freunde bleiben. Ich eile ſogleich, um ein anderes Brod zu kaufen. 5 — Ihr wollt Euch nur aus der Affaire ziehen; Ihr werdet nicht wieder kommen! — Gut, ſo will ich mich nicht vom Fleck rühren! Geht Ihr und holt das Brod! Armand J. 5 66 — Ich darf nicht.... ſtrenges Pertot i Könnten wir nicht Euren Freund dort ſchicken? — Der würde erſt recht nicht wiederkommen, denn er fürchtet, daß ich meine Doſe verliere. — Verdammt, ſo muß ich ſchon gegen das Ver⸗ bot handeln.... Madame, fuhr er fort, verzeihen Sie, wenn ich mich einige Minuten entferne; es ge⸗ ſchieht nur der Wette wegen, die mein Freund ungeach⸗ tet meiner Vorſtellungen aufrecht erhalten ſehen will. — Mademoiſelle, ich bin böſe auf Sie, ſagte Si⸗ mon zu der Dienerin, während der Wärter der Herrin gegenüber tauſend Entſchuldigungen auskramte.... Sie haben meinem Freunde da ganz den Kopf ver⸗ dreht... Er vergißt mich ganz und folgt nur Ihren Schritten, als ſei ich gar nicht in der Welt... Mich wundert das nicht, denn Sie ſind eins der ſchönſten Mädchen, die er geſehen, ja ſchöner als manche Mar⸗ quiſe und Herzogin, die ſchon ihre Augen auf den hübſcheſten Jungen von ganz Paris geworfen.... Aber Sie ſind eben ſo gut wie ſchön und werden mit den Gefühlen des armen Jungen nicht Ihr Spiel treiben. Der Thierwärter verließ inzwiſchen die Galerie, nachdem er die Gäſte gewarnt, nicht zu nahe an die Käfige zu treten. Daß er ſorgfältig die Thür abſchloß 1 und den Schlüſſel zu ſich ſteckte, entſprang ebenſo ſehr aus alter Gewohnheit, wie aus Beſorgniß für ſeine Tabaksdoſe. — Wohin geht der Wärter? fragte Armand. — Natürlich, um die Weihe zu holen! antwortete Simon ganz ruhig. Mademoiſelle Deniſe, die mehr gut als ſchön war, wollte in der That mit den Gefühlen des hübſcheſten Jungen von Paris nicht ihr Spiel treiben, und ver⸗ muthlich, um ihn hiervon zu überzeugen, begann ſie eine ganz ernſte und von aller Koketterie ferne Unter⸗ haltung mit Armand, deren Gegenſtand der Tiger war, vor deſſen Käfig ſie ſich gerade befanden und deſſen Appetit ſie bewunderten. Der Tiger iſt kein ſchlechter Unterhaltungsſtoff. Der Tiger iſt ein ſo grauſames Thier; Tigerherzen ſind ſprüchwörtlich geworden. Armand war von die⸗ ſem Geſpräch ganz erbaut, zumal Deniſe ſchöne Lippen und äußerſt weiße Zähne beſaß. Im Allgemeinen haben die Franzöſinnen überhaupt ſchöne Zähne; kommt dies daher, daß ihre verſtändigen Mütter ſie von Kindheit an von dem Genuß heißer Suppen entfernt halten, oder weil man nirgend in der Welt ſo ſchöne und billige künſtliche Zähne kaufen * 0 68 kann, wie in Paris? Wir können unſerer Leſerin hier⸗ über nicht genaue Auskunft geben. Als der weiße Bär ſeinen jungen Freund ſo an— genehm beſchäftigt fand, näherte er ſich der vornehmen Dame. — Sollte es Madame Vergnügen machen, den Löwen eintreten zu ſehen, ſo habe ich von dem Thier⸗ wärter die Erlaubniß, die innere Thür zu öffnen, ſagte er zu ihr mit halber Stimme. — Gewiß! antwortete die Dame und eilte Simon nach, der ſehr bereit war, ihr dies Vergnügen zu ſchaffen. Zu ihrer großen Freude ſah ſie auch bald, wie der artige Rieſe an dem Strick zog, wie die Thür zu dem äußeren Käfig ſich öffnete und der Löwe, eins der ſchönſten und größten Thiere, die je mit ihrem Brüllen Nubiens Wälder erſchüttert, mit einem Sprung ſich an das Gitter ſtürzte und daſſelbe mit ſeiner breiten Schnauze berührte. Der Löwe, ſtets großartig und fürchterlich, iſt dies doch nie mehr, als in ſeinem Zorn. Letzteres Stadium war bei ihm eingetreten; der Löwe wußte, daß die Fütterungs-Stunde da war, ſeine einzige Freude in der Gefangenſchaft; er hörte, wie in den angrenzenden Käfigen die ihm ſo tief untergeordneten Unglücks⸗ 69 gefährten die Knochen benagten; er roch das Fleiſch, er ſah es ſogar vor ſeinem Käfig liegen, ohne ſich deſſelben bemächtigen zu können. Dieſe Hintanſetzung der Majeſtät der Wälder war zu groß, um verziehen zu werden, ein zu großer Hohn gegen den edlen Ge— fangenen, ein zu großer Spott, mit ſeinem Unglück getrieben. Wüthend rollte er die Augen, ſträubte er die Mähne; der Vordertheil des Kopfes ſenkte ſich zu Boden, das große Haupt ruhte auf den vorgeſtreckten Tatzen, der Schweif beſchrieb einen Bogen über ſeinem Rücken, peitſchte die Luft und die Seitenwände mit gewaltigen Schlägen; er ſtieß ein dumpfes Knurren, den Vorboten des Sturmes, aus. Gewiß würde Letzteres Armand's Aufmerkſamkeit erregt haben, wenn nicht der Tiger und die Bewegung der Thiere, vor welchen er ſich mit Deniſe befand, ihn ſo ſehr beſchäftigt hätten, während ſie nur Augen und Ohr für„den hübſcheſten Jungen von Paris“ hatte. Plötzlich aber wurden auch dieſe übrigen Thiere beim Freſſen geſtört. Wenn der König der Wälder zürnt, werden alle übrigen Thiere unruhig, rollt ſich die Hyäne ängſtlich auf dem Boden, flieht der Tiger, ſeinen Raub verlaſſend, ringelt ſich die Schlange um den Baum, um Schutz in ſeiner Krone zu finden. 70 — Sehen Sie nur, Mademoiſelle! rief Armand Deniſe zu, auf den Käfig des Tigers zeigend. Was fehlt nur dem Tiger, daß er zu freſſen aufhört?... Und die Uebrigen drängen ſich ebenfalls ſo ängſtlich an die Wand... Sehen Sie nur! — Ach, es iſt ſchön! Schrecklich ſchön! hörte man weiter unten die Stimme der vornehmen Dame. Armand wandte ſeine Augen nach jener Richtung und ſah die Dame mit dem Sammetmantel in halb— gebeugter Stellung vor dem Käſig des Löwen, kaum eine Elle von demſelben entfernt. Sie war entzückt von dem Anblick. Hinter und über ihr zeigte ſich die rieſige Geſtalt des weißen Bären wie ein Baumſtamm über einer Blume. 2 — Was ſieht ſie nur da? Und was gefällt ihr ſo? fragte ſich Armand. Der Käfig iſt ja ſeer Und wenn er leer iſt, was kann ſo Merkwürdiges dort zu ſehen ſein? Armand warf von Neuem ſeinen Blick auf den weißen Bär. Es kam ihm vor, als wenn der knor⸗ rige Stamm, anſtatt der zierlichen Roſe ſeinen Schutz zu bieten, ſie allmählig zu beugen begann und zu fallen drohte. In demſelben Augenblick hörte man ein neues 71 Gebrüll, viel ſtärker als das vorige. Alle Thiere ſtimmten mit ein und veranſtalteten ein entſetzliches Concert in der Galerie. In der That wankte der Stamm, er fiel und im Fallen berührten zwei von ſeinen Aeſten wie durch zufall die beiden Seiten der Blume, ihre Krone nach vorn beugend— nach vorn, dicht an den Käfig, an die Eiſenſtangen, die bereits dampften von dem Athem, der ſo ſchrecklich an denſelben glühte. Abermals ein Gebrüll, das die ganze Galerie er— zittern macht, diesmal aber vermiſcht mit dem Angſt⸗ ſchrei einer menſchlichen Stimme. Ein harter Schlag und ein noch härterer Sturz folgen ſich. Der Stamm iſt gefallen, aber nicht nach vorn, wie es ſeine Richtung andeutete, ſondern wohl— weislich zur Seite, die arme Blume mit unwiderſteh⸗ licher Gewalt an die Eiſenſtäbe, an den Rachen und die Tatzen des wüthenden Löwen preſſend. Die ſtolze Blume, deren Krone, von unwiderſteh— licher Hand gepreßt, ihre Blätter bereits zwiſchen die Eiſenſtangen des Käfigs fallen ließ, ward plötzlich von dieſem zurückgeriſſen und ruhte ohnmächtig in Armand Cambon's Armen, der noch jetzt mit dem König der Thiere um ſeine Beute kämpfte. Der Löwe, deſſen ſcharfe Zähne eine Secunde zu 72 ſpät kamen, um ſich in das Antlitz der vornehmen Dame zu graben, hatte mit einer ſeiner durch das Gitter geſtreckten Tatzen das dicke Seidenkleid der Dame erfaßt, und es galt alſo jetzt, das vereinte Werk des Seidenwurms und des Seidenfabrikanten zu prüfen. Dank der Gewinnſucht des Letzteren riß das Ge⸗ webe und der neue Sanct Georg fiel rücklings auf den Steinboden der Galerie, mit ſeiner geretteten Prinzeſſin in den Armen, während der neue Drache ſeine Raſerei an einem abgeriſſenen Stück Seidenzeug ausließ. In demſelben Augenblick ſtürzte der Thierwärter in die Galerie. Er hielt ein Brod in der Hand, ſein aufgeriſſener Mund aber erſchien ſo groß, als habe er die Abſicht, dies ſelbſt zu verſchlingen. Seine Augen traten aus ihren Höhlen, und entſetzt betrachtete er die verſchiedenen Gruppen. 8 Dort weiter hin ſaß nämlich auf dem Steinboden der weiße Bär, mit der Hand an der einen Schläfe, blutend aus einer tiefen Wunde, welche ihm der Fall verurſacht; und dort, in der Nähe des Thierwärters, lag Armand Cambon, halb betäubt durch den Sturz ſeines Kopfes auf den Boden, und auf ihm, eng um— ſchloſſen von ſeinen Armen, die ſchöne ohnmächtige Dame. Ganz nahe bei dem Wärter ſtand Deniſe, 73 bleich und unbeweglich wie ein Marmorbild, und dort wieder ſtand, nein, raſte der Löwe, mit ſeinen entſetzlichen Zähnen die feinen Seidenzeuge zerfetzend, während aus allen Käfigen ein betäubendes Geheul und Gebrüll erſchallte. — Was, um aller Heiligen willen, hat das zu bedeuten? rief endlich der ſo lange ſprachloſe Wärter. — Ich weiß es wahrhaftig nicht, antwortete der weiße Bär, ſich vom Boden aufrichtend. Ich bin oft von der fallenden Sucht behaftet, und dieſe über— fiel mich gerade, als der Löwe in den Käfig trat... Ich darf die wilden Thiere niemals wieder ſehen, ich merke wohl, daß ich ihren Anblick nicht ertragen kann! — Aber wer, in des Teufels Namen, hat denn den Löwen hereingelaſſen? rief der Wärter. — Das weiß ich eben ſo wenig, antwortete der weiße Bär; wenn er nicht von ſelbſt hereingekommen iſt.. Ihr habt gewiß vergeſſen, die Thür ordentlich zu ſchließen... Es war ſehr unvorſichtig von Euch, Monſieur Matthieu! — Uund wer, zum Henker, hat dem Löwen Seide zu freſſen gegeben? ſchrie der Wärter. Ohne aber die Antwort hierauf abzuwarten, ſtürzte ſich der verzweifelte Wärter zum Käfig des Löwen und begann mit Hilfe des Spießes die Fleiſchſtücke in den⸗ 74 ſelben zu ſtecken, während er ſich in den wüthendſten Verwünſchungen ausließ, wie ſie nur ein Thierwärter verſteht. Dann, als er auf dieſe Weiſe den König der Thiere ein wenig beſänftigt, wandte er ſich zurück, um mit demſelben Spieß die Unterthanen eines andern Königs zu tractiren. Aber der Fluch erſtarb auf ſeinen Lippen, weil gerade Diejenigen, welche er verfluchen wollte, ver⸗ ſchwunden waren. In der ganzen großen Galerie gab es, mit Ausnahme des Wärters und ſeiner Thiere, kein lebendes Weſen. Wer aber ſollte ihm jetzt erklären, wie der Löwe in den äußeren Käfig gekommen, wie man auf den Einfall gekommen, ſeinen Hunger mit Seide zu ſtillen, und was alle die ſeltſamen Gruppen bedeuteten, deren Zeuge er geweſen? Er faßte ſich ſelbſt beim Kopf, als wolle er ſich vergewiſſern, ob dies kein Traum geweſen; er fand, daß er nicht ſchlafe, aber wie ſollte er den Schlüſſel dieſes Räthſels finden? Die Sache war die: daß, während Monſieur Matthieu des Löwen Hunger ſtillte, Armand Cambon, der ſchnell ſeine Beſinnung wieder erhalten, mit Deniſens Hilfe, die doch auch nicht in alle Ewigkeit hinein wie ein Marmorbild daſtehen konnte, die vornehme Dame hinaus getragen, welche ihrerſeits in die Ewigkeit hinein geſchlummert zu ſein ſchien. Sie trugen die — S Ohnmächtige zum Wagen und ſetzten ſie, unterſtützt durch den Bedienten, in denſelben, welcher, gezogen von zwei ſchönen Vollblutpferden, den Jardin des Plantes ſchnell hinter ſich ließ. Armand Cambon, den Niemand gebeten, Geſell⸗ ſchaft zu leiſten, blieb natürlich zurück. Als er ſich zurück wandte, fiel ſein Blick auf den weißen Bären, der ſeinerſeits auch keine Veranlaſſung hatte, ſich länger die wilden Thiere anzuſehen. Die beiden Freunde betrachteten einander eine Zeit lang, und zwar mit nicht gerade freundlichen Blicken. — Unbegreiflich! unterbrach Simon endlich das Schweigen. Ich weiß nicht was mir geſchehen iſt... Es war, als ergreife mich ein Schwindel... Ohne Dich, mein braver Junge, wäre ich die Veranlaſſung eines großen Unglücks geworden! ſetzte er mit einem Ausdruck hinzu, der nicht frei von Ironie war. — Unglücklicher! rief Armand heftig. Ihr wolltet einen Mord begehen... einen Mord! — Still! Schrei nicht ſo! ermahnte der weiße Bär, um ſich ſchauend. Hörteſt Du nicht, daß ich einen Schwindel bekam und daß... — Ihr wolltet einen Menſchen ermorden vorſätzlich einen Menſchen ermorden!... fuhr Armand mit ſteigender Entrüſtung fort. Ein Mann wie Ihr, 76 Simon, morden!... Und ein Weib, ein ſchwaches Weib!... Das iſt nicht nur entſetzlich, es iſt ſchmäh— lich!... Es giebt keine Worte, ein ſolches Verbrechen zu bezeichnen! — Du biſt einfältig, Armand, mit Deinem ewigen Morden!... Wie könnte es ſich hier um einen Mord handeln... wie kann man morden, wenn man am Käfig ſteht mit armdicken eiſernen Stangen vor ſich! Ein paar Schrammen, das iſt Alles... Ein Auge oder eine Naſe weniger, weiter nichts... Wie Mancher hat ſich nicht ſchon ohne beide Augen, ohne die Naſe und ohne die Mittel, ſich neue zu kaufen, behelfen müſſen... Du biſt ein Narr, Armchen, und weißt nicht, was Du ſprichſt? — Und mich wolltet Ihr als Euren Mitſchuldigen haben! fuhr der entrüſtete junge Mann fort. Was anders konnte Eure Abſicht ſein, als Ihr mich in die Galerie locktet?... Zu welchem Zweck nahmt Ihr mich ſonſt mit, als um die läſtigen Perſonen zu be⸗ ſchäftigen, damit Ihr deſto ungenirter Euren Schurken⸗ ſtreich ausführen konntet... Ja rollt nur die Augen! Es war ein Schurkenſtreich, Unglücklicher! — Dank' es meiner Freundſchaft für Deinen alten Vater, ſagte der weiße Bär mit halb erſtickter Stimme, denn ſeine Galle begann zu kochen, dank' es dieſer 77 Freundſchaft, daß die Worte, die Du eben ſprachſt,“ nicht Deine letzten waren! — Ich fürchte Euch nicht! antwortete Armand ruhig und den rechten Arm erhebend. Dieſer Arm, der Euch hinderte, das eine Verbrechen zu begehen, wird Euch auch an dem andern verhindern. — So danke denn dem Himmel, wenn Du mir nicht danken willſt, verſetzte Simon, daß Du Gelegen— heit hatteſt, ein hübſches Frauenzimmer zu retten und obenein eine vornehme und reiche Dame, die ihren Retter mit ebenſo viel goldenen Ketten bezahlen kann, als Du von Meſſing verkauft haſt! Armand wandte dem weißen Bären verächtlich den Rücken und ging. — Armchen! rief dieſer ihm nach, grüß' Deinen alten Papa und prahle damit, daß Du die lebendige Weihe gerettet haſt! * W. Ein lebendetz Bild. Armand Cambon hatte das Glück gehabt, an einem Tage zwei gute Handlungen zu begehen. Um 1 Uhr hatte er auf dem Baſtilleplatz das Volk gehindert, einen Banquier zu zerreißen, und um 3 Uhr hatte er im Jardin des Plantes eine vornehme Dame aus den Klauen des Löwen geriſſen. Wir überlaſſen ihn einſtweilen ſeinem Schickſal und führen uns ſelber ein lebendes Bild vor Augen, das ſich uns nur vermittelſt der Zauberruthe der Poeſie eröffnet.. Wir treten in ein Boudoir, prachtvoller, als es ſich ein Ungeweihter zu träumen vermag: Seide und Gold, Spiegel und Kryſtalle wetteifern in blendenden Strahlenbrechungen. Ein Bett, von welchem nur die goldene Eſtrade ſichtbar, denn das Uebrige verliert ſich in einer Wolke von ſchneeweißen Draperien, zwiſchen 7 79 . welchen hier und dort Schnüre und Quaſten von Gold hervorblitzen. Auf der koſtbaren Seidendecke ein Weih, deſſen leiſeſter Blick die Pracht des Boudoirs verdun⸗ kelt und deſſen mindeſte Bewegung, von Spiegeln auf allen Seiten zurückgegeben, das Herz in Flammen ſetzt. Vor dem Bett eine andere weibliche Geſtalt, aber knieend und eine vergoldete Silberplatte in der Hand, auf welcher man rubinglühende Kryſtallflaſchen mit Stöpſeln von Gold und duftend von den ſchönſten Wohlgerüchen des Morgenlandes, gewahrt. Das Schweigen wird nur durch die Bewegung einer Stutz⸗ uhr unterbrochen, die auf allen Seiten von Amorinen und Grazien umgeben iſt, welche, die Liebe und die Wolluſt vorſtellend, mit lächelnden Blicken die Zeit zu tödten ſuchen. Dieſes Bild iſt nicht nur ein lebendes, ſondern auch ein ſprechendes. — Deniſe, ſagt die Herrin, ich will heut Abend allein ſein und empfange alſo Niemanden. — Niemanden? wiederholt Deniſe. — Nein!... Man würde meine Gemüthsauf— regung bemerken, mich nach der Urſache fragen.. Ich will die erſtere nicht zeigen, um die letztere nicht erklären zu brauchen. — Madame befinden ſich ſchon viel beſſer! 80 — Viel beſſer?... Ich fühle mich vollkommen .. Zieh die Gardine ein wenig zurück; es iſt ſo warm hier! — Dem Himmel ſei Dank, daß Alles ſo gut ab⸗ gelaufen! ſagt Deniſe, dem Befehl gehorchend. — Was denn? — Nun, der Vorfall im Jardin des Plantes! Das Blut erſtarrt mir noch in den Adern, wenn ich daran denke! — Aber was für ein Vorfall? — Hm! antwortet Deniſe, ihre Herrin verwun⸗ dert betrachtend. — Ah, Du meinſt den Löwen! — Ich meine auch den muthigen jungen Mann, pe — Den jungen ſchönen Mann, willſt Du ſagen, Deniſe!... Ja, Du haſt Geſchmack!... Es war ein Adonis in der Blouſe, den ſelbſt die Göttin der Liebe nicht verachten würde... Du intereſſirſt Dich wohl ſehr für den ſchönen jungen Mann? — Ich werde für ſein Wohl beten, ſo lange ich lebe.. Er hat ja eine Perſon gerettet, für die ich tauſend Leben opfern würde, wenn ich ſie hätte. — Wen hat er gerettet? fragt die Herrin. — Dieſelbe, die ohne ihn ein Opfer des Löwen 81 geworden wäre, antwortet Deniſe, von Neuem ver⸗ wundert. — Was für dummes Zeug Du ſprichſt, Deniſe! ruft die Herrin. Iſt denn der Jardin des Plantes einer von Afrika's Wäldern, wo die Löwen und Tiger umherſpringen und ihren Raub verſchlingen, wenn ſie ihn gepackt? — Hat man denn aber noch nie von Unglücks⸗ fällen im Jardin des Plantes gehört? Es iſt doch gar nicht lange her, daß. — Du übertreibſt ſiets, einfüllige Mädchen! — O, wenn nur Madame geſehen hätten, was ich ſah! Ich werde es nie vergeſſen, wie dieſer Menſch, der hinter Ihnen ſtand... Hu, es war ein entſetz⸗ licher Menſch!... Er hatte Böſes gegen Sie im Sinne! — Gegen mich? Ich hatte noch nicht die Ehre, ihn zu kennen, und daſſelbe wird er von mir ſagen können. — Und doch ſah es aus, als dränge er Sie ab⸗ ſichtlich gegen den Käfig. — Abſichtlich? Du faſelſt!... Gewiß war er ebenſo neugierig wie ich... — Aber Sie hatten doch Ihr Geſicht ganz dicht an den Eiſenſtäben! Sie fielen in Ohnmacht! Armand. I. 6 82 — Allerdings; ich erſtickte vor dem häßlichen Geruch. — Und da kam der hübſche junge Mann. Er ſtürzte herzu und mit einem einzigen Schlage vi er den Rieſen zu Boden. — Den Rieſen! Immer beſſer! rief die Herrin, ſich erhebend, auf den Ellenbogen ſtützend und lachend. Du malſt die Zeiten der Ritter und Sagen! — Und als er den Rieſen nieder geſchlagen, fuhr Deniſe fort ohne ſich ſtören zu laſſen, riß er, ſchneller als der Blitz, Sie von dem Käfig zurück, als eben der Löwe ſeine Tatzen in Ihr Antlitz, in das ſchönſte Antlitz der Welt, ſchlagen wollte! — Vortrefflich, Du vergißt mein Antlitz nicht in Deinem Märchen! — Aber der Löwe hatte Ihre Robe erfaßt... Hu, es war fürchterlich! — Meine ſchöne neue Robe, Madame Barenné's Meiſterſtück!... Doch tröſte Dich, Deniſe; mit dieſer Vermehrung Deiner Toilette wirſt Du alle Deine Ri⸗ valinnen in der Salle Valentino ſchlagen! — Ach, Madame! rief Deniſe, die Hand ihrer Herrin küſſend, Sie ſind ſo gut, ſo engelgut!... Be⸗ komme ich wirklich dieſe Robe? — Ja, aber geh' damit nicht dem Löwen zu 83 nahe; dieſe Herren nehmen ſich ein Andenken auf eine Weiſe, die uns wirklich derangirt... Aber Dein Ro⸗ man iſt noch nicht zu Ende; oder iſt das Abreißen der Garnirung mit der Auflöſung Deines Romanes verknüpft? — Als die Garnirung abriß, fiel der junge Mann rücklings zu Boden. — Und ich natürlich mit, oder folgte ich der Gar⸗ nirung? — Ja, Madame! — Pfui! Ich in den Armen einer Blouſe!.. Höre mich an, Deniſe! Aus Deiner Dankbarkeit für das neue Kleid folgt natürlich, daß Du dieſes Vor⸗ falls mit keiner Sylbe erwähnſt; ich will nicht die Heldin in einem Roman mit Löwen und Tigern zu⸗ ſammen ſpielen! Gott ſei Dank, daß mich Niemand kannte.. Alſo reinen Mund, Deniſe! — Ich bin ſtumm wie das Grab! — Gut! Was Deinen Helden betrifft, ſo bedenke erſtens, daß ein Löwe im Käfig Niemand durch die Eiſenſtäbe hindurch verſpeiſen kann, und zweitens, daß der Thierwärter, wenn er zur Stelle geweſen wäre, ſeine Sache gewiß viel beſſer gemacht haben würde als der junge Mann, denn ſicherlich wäre er nicht auf 6. 84 den Boden gefallen und hätte mich nicht mit ſich ge⸗ zogen, was ebenſo unſchicklich wie ungalant war. — Aber Madame! — Was übrigens den jungen, hübſchen Mann im Allgemeinen anbetrifft, den Du zum Helden Dei⸗ nes Romans gemacht, ſo... Die Herrin hatte Deniſe an ſich gezogen und flüſterte ihr dieſe Worte mit einem gewiſſen feuchten Glanz im Auge zu; plötzlich aber fuhr ſie zurück. — Kommt nicht Jemand? rief ſie aus... Spute Dich, Deniſe! Du weißt, ich empfange heut Abend Niemand. — Aber wenn es der Herzog iſt? — Gleich viel! Deniſe eilte hinaus; die Herrin war allein. — Deniſe iſt nicht ſo dumm! ſagte ſie nachdenkend zu ſich ſelbſt... Er iſt wirklich bezaubernd, dieſer Held in der Menagerie!... Welch ein ſchönes, regel⸗ mäßiges Geſicht! Welch eine edle, kräftige Haltung! Welch ein milder Glanz in ſeinem offenen Blick! Die Herrin lehnte ſchweigend aber gedankenvoll das Köpfchen in die Hand. Wozu dieſes Nachdenken? Woran konnte ein ſo ſchönes und glücklich begabtes Weib in dieſem Augenblick denken? Gedachte ſie der großen Gefahr, in der ſie ſo eben geſchwebt, und aus 5. 85 der ſie ſo glücklich errettet worden? Ach nein, ſie hat ja ſoeben erſt und mit vollkommener Ueberzeugung zu beweiſen geſucht, daß dieſe Gefahr gar nichts zu be⸗ deuten hatte! Dachte ſie an die Mittel und Wege, den armen Arbeiter dafür zu belohnen, daß er, an das Vorhan⸗ denſein einer Gefahr glaubend, in ſeiner wohlgemein⸗ ten Abſicht ſie derſelben zu entreißen ſuchte? Ach nein, ſie hat ja, obgleich ſo verſöhnlich gegen den Löwen, ihre Entrüſtung über den Arbeiter an den Tag gelegt, weil er ſo unſchicklich war, ſie beim Fallen mit ſich zu Boden zu reißen! Woran alſo dachte ſie? Vielleicht überlegte ſie, daß Vieles ſich in der Wirklichkeit paßt, was ſie für einen Roman nicht paſſend hält. V. Birétrr. Es iſt Zeit, Armand Cambon nachzueilen, der ſeinen Weg nach Bicetre fortſetzte, während wir unſer lebendes Bild betrachteten. Er dachte nicht im Ent⸗ fernteſten an die beiden edlen Thaten, die er verübt, er dachte auch weder an die blauen noch an die ſchwarzen Augen— was unverzeihlich genug iſt— er dachte ausſchließlich an die Naturgeſchichte und zwar an einen weißen Bären und an eine Weihe, ohne daß er ſich zu erklären vermochte, was Beide mit einander zu ſchaffen haben konnten. Den weißen Bär kannte er von ſeiner Kindheit an. Mehr als einmal hatte er als Knabe auf den Knieen deſſelben geſeſſen und ſich von ihm mit Kaſtanien und Weintrauben tractiren laſſen. Der weiße Bär hatte ihn gelehrt, mit Händen und Füßen zugleich zu ſchlagen, eine Kunſt, die man in Paris für einen Franc 87 die Stunde erlernen kann; er hatte ihn auch mit dem Säbel ſchlagen und das Schießgewehr hantieren gelehrt; denn der weiße Bär hatte in der Revolution von 1830 debutirt und in derſelben mancherlei andere Künſte, als die des Rollens der Weinfaſtagen, gelernt. Armand war dankbar für alle dieſe Wohlthaten und wußte außerdem, daß ſein Vater großen Werth auf den weißen Bären legte. Eben deshalb that es ihm weh, in dem⸗ ſelben einen Mörder zu finden, und zwar den grauſamſten von allen Mördern, denn was giebt es Grauſameres, als lebendige Menſchen den wilden Thieren vorzuwerfen. Sein Vater ſollte ihm jetzt das Räthſel von der Weihe auflöſen, dieſer mochte vielleicht den Zuſammen— hang zwiſchen Simon und der ſchönen und der vor⸗ nehmen Dame kennen. Deshalb beeilte er ſich nach Möglichkeit, erreichte die Barriére von Fontainebleau, und befand ſich endlich an den Pforten von Bicétre. Bicstre! Es gab in Frankreich eine Zeit, wo der Name Bicetre das unheimlichſte Wort in der ganzen franzöſiſchen Sprache war; wo bei dem Klange dieſes Namens der Mann erbleichte, die Frau zitterte, das ſchreiende Kind plötzlich verſtummte, wo der vornehme Verführer, wenn die armen Eltern der von ihm ver⸗ führten Tochter Genugthuung verlangten, nur dies Wort zuzuflüſtern brauchte, um ſie verſtummen zu — 88 machen; denn dieſes Wort bedeutete zugleich Wahnſinn und Verbrechen, Thränen und Blut, und umfaßte Alles, was das Leben Unglückliches, Elendes und Ent⸗ ſetzliches aufzuweiſen hat. Erbaut von einem engliſchen Biſchof zur Zeit Ludwigs des Heiligen, war Bicetre zuerſt ein Karthäuſerkloſter! danach ward es von Fürſten bewohnt; unter beiden aber barg es in ſeinen großen unterirdiſchen Zellen zahlreiche Gefangene, die zur Hälfte im Waſſer ſaßen. Was die Baſtille für den Adel war, das war Bicétre für die unteren Klaſſen. Als die Fürſten Bicetre ver⸗ ließen, ward der größte Theil zu Gefängniſſen eingerichtet; den Reſt des Gebäudes öffnete man den Wahnſinnigen. Verbrecher und Wahnſinnige wurden alſo Nachbarn. Indeß öffnete Biestre ſeine Pforten nicht nur denen, welche von dem Geſetz und der Heilkunde aufgegeben wurden, ſondern auch die berühmten„Ordres du Roi“ oder„lettres de cachet“ ſandten bald eine Menge von Unglücklichen dahin, die zu jener traurigen Zeit entweder zu Verbrechern geſtempelt wurden, weil ſie zu viel Tugend beſaßen, oder für wahnſinnig erklärt wurden, weil ſie zu viel Verſtand hatten. Bicetre war mit einem Wort ein Ort des Schreckens, und wenn es irgendwo in der Welt ſpukt, ſo muß es dort geſchehen. Wer z. B. iſt jener bleiche Mann, der in der 89 Sträflingsjacke, mit Thränen in den halb erloſchenen Augen, Allen zurief:„Befreit mich! befreit mich! ich habe eine Entdeckung gemacht, die mein Vater⸗ land bereichern und der Welt Nutzen ſchaffen wird!— Wer iſt er?—„Es iſt der größte Narr in Bicetre!“ antwortete das ſiebzehnte Jahrhundert.—„Nein!“ behauptet das neunzehnte,„er iſt eins der größten Genies der Welt, er iſt der Erfinder der Dampfkraft, es iſt Salomon de Caus!“ Während der Regierung des Cardinal Richelieu Fam Salomon de Caus, ein Deutſcher, nach Paris. Damals war er erſt 20 Jahr alt, aber bereits ein geſchickter Architect, ausgezeichneter Maler und großer Ingenieur, dabei aber hatte er ſich in den Kopf ge⸗ ſetzt, man könne den Dampf als treibende Kraft an⸗ wenden, und eben deshalb war der unglückliche Träumer nach Paris gegangen, wo er dem Miniſter⸗Cardinal den Plan einer atmoſphäriſchen Maſchine vorlegen wollte. An den Ober-Intendanten der Finanzen Michel Particelli empfohlen, ward er von dieſem ganz artig aufgenommen und erhielt von ihm den ehrenvollen Auftrag, einen Palaſt zu repariren und zu tapezieren für die durch ihre Schönheit und ihren Leichtſinn bekannte Marion Delorme, die damals zufällig die Maitreſſe des Ober⸗-Intendanten der Finanzen war. 90 Salomon de Caus ward der ſchönen Marion Delorme vorgeſtellt. Es dauerte auch nicht lange, ſo ward ihr Palaſt ein Schloß, um welches ſelbſt die Feen ſie beneidet haben würden. Als dies geſchehen war, ſollte er auch ihr Portrait malen.— Ein junger Künſtler ſollte nie ſchöne Frauen portraitiren und dieſe auch jungen Künſtlern nicht ſitzen; die Erfahrung zeigt uns die traurigſten Reſultate. Aber was thut man nicht Alles um der Kunſt willen! Man kann doch nicht bloß häß liche Portraits in die Galerien ſchicken. Marion Delorme wußte, daß ſie mehr als hin⸗ reichend ſchön war, um eins der ſchönſten Portraits zu erhalten, aber ſie wollte eins haben, das noch ſchöner als die ſchönſten, und deshalb nahm ſie eine Miene und einen Blick an, der den armen Salomon de Caus zur Verzweiflung brachte und ihm Pinſel und Palette aus der Hand fallen ließ. — Madame, rief er, haben Sie Mitleid, haben Sie Barmherzigkeit mit mir! Zwingen Sie mich nicht, Sie ſo nahe zu betrachten, zu bewundern! Mein Auge verdunkelt ſich, meine Hand zittert, mein Herz wird zerriſſen, mein Kopf ſchwindelt!... Ich werde wahnſinnig; ich liebe Sie und ich ſterbe! — Monſieur Salomon! antwortete die Courtiſane, ich habe Mitleid mit Ihnen; ich verzeihe Ihnen, ich 91 verurtheile Sie, zu leben, und— was ſagſt Du dazu? fügte ſie hinzu, den Mund zu einem Kuß formend. Salomon de Caus ſtürzte zu ihren Füßen. Dies war zu viel für ihn und dennoch war er nicht zu⸗ frieden. Er forderte von ſeiner Geliebten das größte Opfer; er fordert von ihr— das klingt unglaublich— Treue! Und Marion Delorme— das iſt noch un⸗ glaublicher!— beſaß Edelmuth genug, ihm wirklich vierzehn Tage hindurch treu zu ſein. Sie verabſchiedete die Notablitäten und Elegants ihrer Zeit, einen Briſſac, einen Saint⸗Evremont, ein Cinq-Mars, von dem Ober⸗Intendanten der Finanzen gar nicht zu ſprechen, welcher ſeinen Abſchied erhielt am Tage, nachdem er die Rechnung für die Reparatur von Marions Palaſt bezahlt. Doch nicht genug hiermit; ſie ließ ſich auch vor dem Miniſter⸗Cardinal verleugnen, indem ſie vorgab, ſie ſei in der Meſſe. Der Cardinal ſeinerſeits hatte nichts gegen Marions Gottesfurcht einzuwenden, aber es ſchien ihm doch, als ſeien die Abende nicht die paſſende Zeit für die Meſſe. Der glückliche Salomon war inzwiſchen recht unglücklich. Er liebte Marion unbeſchreiblich, aber nicht ihre unzähligen Seitenſprünge, die ſie zu auf⸗ richtig war, ihm zu verhehlen. Um den letzteren 92 ein Ende zu machen, beſchloß er, ſich mit Marion zu vermählen und ſchl ug— dies in einer feierlichen Stunde vor. — Was ſoll das heißen? fragte Marion. Iſt nicht die Liebe die einzig g Ehe? Lieben wir alſo einander! — So liebe mich für das ganze Leben! bat Sa⸗ lomon naiv. — So lange ich kann! antwortete die Courtiſane. — Marion's„So lange ich kann“ ſollte nur zwei Tage bedeuten; am dritten ſchrieb ſie mit einer Treu⸗ loſigkeit und Kaltblütigkeit ſonder gleichen ein Billet an den Cardinal-Miniſter, in welchem ſie Se. Emi⸗ nenz bat, ſie doch von einem Wahnſinnigen zu be⸗ freien, der nicht nur die fixe Idee habe, ſie zu lieben, ſondern auch in ſeiner tollen Eiferſucht geſchworen habe, allen denen Arme und Beine entzwei zu ſchlagen, die es wagten, ſie zu beſuchen. Sr. Eminenz erge⸗ benſte Dienerin Marion Delorme. Der Cardinal, der ſeine Arme und Beine ſehr lieb hatte, ließ den Salomon de Caus ſofort greifen und ihn zu den andern Wahnſinnigen in Bicstre einſperren. Einige Jahre ſpäter ſpazierte Marion Delorme eines Tages in Geſellſchaft eines engliſchen Edel— mannes, Marquis Worceſter, vor Bicétre. Der Eng⸗ 93 länder wollte gern das Hoſpital beſehen, und Marior gewohnt, mit ſo manchem freien Thoren umzugehen, hatte nichts dagegen, ſich einmal zu überzeugen, wie die eingeſperrten ausſehen. So kamen ſie auch an einer Zelle vorbei, in deren Thür ein kleines mit Eiſen⸗ gittern verſehenes Fenſter war. — Marion! Marion! Ich bin es! hörten ſie durch dies Fenſter rufen.— Ich erkenne Dich wieder, ich liebe Dich... Ich habe eine Erfindung gemacht, die mein Vaterland reich machen wird! Befreie mich, ich bin Salomon de Caus! — Kennen Sie dieſen Unglücklichen? fragte der Marquis Marion. — Es iſt möglich! antwwortete Marion erblei⸗ chend. Laſſen Sie uns gehen!— — Was iſt das für eine Erfindung, von der er ſpricht! fragte der Marquis einen der Wächter. — Ach! antwortete dieſer lachend; er will den Dampf des kochenden Waſſers anwenden. Am nächſten Tage beſuchte der Marquis allein das Hoſpital. Als er zurückkehrte, ſagte er zu Marion in Gegenwart ihrer ſehr vornehmen Freunde: — Anſtatt dieſen Mann einzuſperren, würde man ihn in meinem Vaterlande mit Ehren und Reichthü⸗ mern überhäuft haben. Jetzt iſt er wirklich verrückt. ——— 94 Verzweiflung und Gefangenſchaft haben ihn niederge⸗ drückt; Sie, nur Sie ſind es, die ihn wahnſinnig gemacht! Indem man dieſen Mann in's Gefängniß ſperrte, hat man das größte Genie des Jahrhunderts getödtet! Das größte Genie des ſiebzehnten Jahrhunderts alſo ſtarb im Hoſpital; ſeine Worte und Schriften aber gingen für den Marquis Worceſter, für England und die Welt nicht verloren. Dies war eine Geſchichte aus Bicetres Vergangen⸗ heit. Was ſeine Gegenwart betrifft, giebt es aller⸗ dings dort noch ein Hoſpital für ſchwachſinnige Kin⸗ der; das ganze Local aber iſt im Uebrigen eine Ver⸗ ſorgungsAnſtalt für arme Greiſe und ſolche, die durch Körperſchäden arbeitsuntauglich geworden. Die Zahl der hier Verſorgten beläuft ſich auf 4000, alle männ⸗ lichen Geſchlechts, und unter dieſen finden wir auch Armand Cambon's Vater. Armand ward eingelaſſen und richtete ſeine Schritte direct nach dem beſonderen Gebäude, in welchem ſich eine Menge kleiner Werkſtätten befinden. Ueberall ſah er die alten Männer mit leichter Arbeit beſchäftigt; bekannt mit ihnen, rief er ihnen ſeinen guten Abend zu und trat endlich vor ſeinen Vater, der, ein Mann von funfzig Jahren, mit keiner einzigen Falte auf der 95 Stirn, keinem einzigen grauen Haar auf dem Kopf, aber mit zwei Holzbeinen daſaß, die er ſich hatte an⸗ ſchaffen müſſen, als ihm anno 1830 eine Kanonen⸗ kugel ſeine beiden natürlichen Beine weggeriſſen. Frü⸗ her ein geſchickter Werkmeiſter in einer Fabrik, beſchäf⸗ tigte er ſich jetzt mit dem Anfertigen von Meſſing⸗ ketten, Uhrſchlüſſeln ꝛc., deren Erlös er für die innere Ausbildung ſeines Sohnes verwendete, während ſein Freund, der weiße Bär, für die Ausbildung von Ar⸗ mand's Körperkraft ſorgte. Armand's Mutter war eine fromme Frau geweſen, und hielt ihn ſtets zur Gottesfurcht an; Armand war der Sohn eines Fran⸗ zoſen und einer Schwedin, folglich war er der Sohn des Südens und des Nordens, und mit ſeiner fran⸗ zöſiſchen Leichtigkeit verband er zugleich die ihm von der Mutter überkommene Innigkeit des Gemüthes. Lange hatten ſich Vater und Sohn heute über die damaligen Zuſtände von Paris und deſſen Geſellſchaft unterhalten, als Armand's Vater es für nöthig fand, die ökonomiſche Frage zu berühren. — Haſt Du heute viel verkauft? fragte er. — Ja, antwortete Armand, indem er ſeine kleinen Pakete hervorholte, das Geld aufzählte und dabei na⸗ türlich auch das merkwürdige Fünffrancsſtück nicht ver⸗ 96 gaß, das, freilich aus andern Gründen, auch für den Vater nicht minder merkwürdig war. Es iſt klar, daß Armand nicht unterlaſſen konnte, dabei ſein erſtes Abenteuer auf dem Baſtillenplatz zu erwähnen; ebenſo klar iſt es, daß er mit mehr als ge⸗ wöhnlicher Wärme das junge Mädchen mit den ſchö⸗ nen blauen Augen beſchrieb. — Hüte Dich, Armand! warnte der Vater, dem dieſe Wärme doch etwas auffallend erſchien. Niemand hat zu allen Zeiten ſo ſchlechte Geſchäfte gemacht wie die Liebe, und in Frankreich iſt ſie nicht glücklicher als in andern Ländern.. Ungeachtet unſeres ſechzig⸗ jährigen Kampfes gegen die Standesvorurtheile, unge⸗ achtet der Behauptung, daß der Streit geſchloſſen und der Tractat zu unſrem Vortheil unterzeichnet ſei, ſpielt doch noch immer das Feuer auf der ganzen Linie Wie oft haſt Du gehört, daß der Sohn eines Hand⸗ werkers die Tochter eines Edelmannes geheirathet, oder umgekehrt? Du findeſt dies kaum in den Romanen, denn wenn auch einer von dieſen die Möglichkeit eines intimen Verhältniſſes zwiſchen jungen Leuten ungleichen Standes hinſtellt, ſo ſchließt der Roman größtentheils doch damit, daß er aus dem Bürgerſohn oder der Bürgertochter ein untergeſchobenes Kind macht, das man an einem kleinen Diamantkreuz, das auf ſeiner 97 Bruſt in den Windeln gehangen, oder an einem, auf ſein Hemd geſtickten Wappen erkennt. Armand, ärgerlich darüber, daß er die Röthe nicht verhindern konnte, welche während dieſer Warnung zuweilen auf ſeine Wangen ſtieg, war ſehr froh, daß er zur Erzählung eines andern Abenteuers ſeine Zu⸗ flucht nehmen konnte. Er beeilte ſich daher, nachdem er dem Vater die Tageskaſſe überantwortet, dieſem ſo lang und breit wie möglich das Benehmen des weißen Bären im Jardin des Plantes zu erzählen. Cambon Vater hörte mit großer Aufmerkſam⸗ keit zu. — Endlich, ſchloß Armand ſeine Erzählung, bat er mich, meinen Vater zu grüßen und ihm auch zu ſagen, daß ich die lebendige Weihe gerettet. — Die lebendige Weihe! rief Cambon Vater ſehr gedankenvoll. — Ich nahm mir gleich vor, Sie deshalb zu be⸗ fragen, Vater, ſagte Armand. — Hat Simon Dir nicht den Namen dieſes Frauenzimmers genannt? — Nein, er macht nicht einmal die Miene, als kenne er ſie... Aber ich weiß beſtimmt, daß er ſie kennt! — Sie iſt, wie Du ſagſt, ein hübſches Weib? — Ja! Armand. I. 7 98 — Hoch gewachſen? — Ja, Vater. — Und von vornehmem Aeußern? — Sie ſchien gewohnt, zu befehlen und zu herrſchen. — Prächtige Toilette natürlich? — Wie eine Fürſtin. — Ja, ſie muß es ſein! verſicherte Cambon Va⸗ ter mit derſelben gedankenvollen Miene. — Wer, mein Vater? — Höre an, was ich Dir zu erzählen habe! 3 Ich höre mit der größten Spannung. — Der weiße Bär war ſtets ein ſonderbares We⸗ ſen, begann der Vater. Im Gegenſatz zu anderen Männern mit Rieſenkräften war er immer heftig, zankſüchtig, bereit dreinzuſchlagen bei der kleinſten Ge⸗ legenheit, und wie er am erſten Tage war, als ich ihn kennen lernte, ſo iſt er heute noch... Jetzt wie früher iſt er der Schrecken der Vorſtädte, der Einzige, der es verſtanden, ſich bei den Polizei-Sergenten und Municipal-Gardiſten Reſpekt zu verſchaffen, die ihm ſeinen Uebermuth und ſeine etwas plumpen Späße nachſehen, weil er immer zu ihrem Dienſte ſteht, wenn es ſich darum handelt, Mörder und Diebe zu ergrei⸗ fen, die er beſſer als jeder Andere aufſpürt und packt .. Dennoch würde Niemand behaupten, daß er im 99 Dienſte der Polizei ſtehe, weil er derſelben im Uebri⸗ gen Aergerniß genug verurſacht; denn nur um ſelbſt thun zu können, was er will, iſt er der Polizei häufig gefällig... Im Ganzen genommen, iſt der weiße Bär ein ehrlicher Menſch, und wenn man auch mancher⸗ lei gegen ſeine Fäuſte einzuwenden haben mag, ſo darf doch Niemand etwas gegen ſeine Finger ſagen. Wie Du weißt, ſtand ich immer in gutem Verhältniß zu ihm und ſchätze ihn ungeachtet ſeines Uebermuths. — Ich weiß es, mein Vater. — Der weiße Bär war ungefähr in Deinem Al⸗ ter, als die Juli⸗Revolution ausbrach, fuhr Cambon Vater fort. Ich ſah ihn allein gegen ſechs Rieſen von Carl X. Schweizergarde kämpfen, und als ich neben ihm von einer Kanonenkugel getroffen hinſank, nahm er mich auf den Arm und bahnte ſich mit ſei⸗ ner Keule einen Weg durch die Kämpfenden. — Er rettete Ihr Leben, ſagte Armand, und des⸗ halb werde ich ihm ewig dankbar ſein. — Ich habe Dir auch erzählt, wie er mich in das Haus trug, in welchem man mich amputirte; wie er mich während der Operation hielt und fortwährend über die verwünſchte Kanonenkugel brummte... Und doch wurde dieſer Rieſe ohne Gnade und Barmherzig⸗ keit von den ſchwächſten Zügeln in der ſchwächſten Hand ¹ 100 geleitet, durch das leiſeſte Wort aus dem Munde eines jungen Weibes gezähmt. — Von Madelone! ſetzte Armand hinzu. Ja, Madelone vermochte Alles über ihn! — Was für eine Kunſt ſie anwendete, um dieſen Bären zu dreſſiren, weiß ich nicht, aber daß nie ein Bär ſo nach der Pfeife eines Menſchen getanzt, wie der weiße Bär nach der Madelonens, vavon bin ich oft Zeuge geweſen. Wie oft ſah ich nicht dieſen Ko⸗ loß vor dem zarten kleinen Weſen wie ein Schuljunge vor ſeinem Lehrer ſtehen! Wenn Madelone böſe war, ſah ich ihn vor ihr auf den Knieen liegen und ihre kleinen Hände mit einer Zartheit und Artigkeit küſſen, die einem Höfling aus Ludwig XIV. Zeit Ehre gemacht haben würde. Ohne Madelonens Erlaubniß wagte er nicht einen Schritt zu thun, er wagte nicht zu ath⸗ men, aus Furcht, ſie zu erſchrecken. Die Pariſer hätten Madelonen eine Ehrenkrone ſchenken ſollen, aus Dankbarkeit für die vielen Arme und Beine, welche ſie während der vier Jahre rettete, die ſie mit ihm verlebte. — Aber warum verheirathete er ſich nicht mit Madelonen? fragte Armand. — Er wollte es ſchon, aber Madelone war zu klug, ſich mit dem weißen Bären zu vermählen. Es ————— — 101 iſt durchaus nothwendig, hörte ich ſie oft ſagen, daß ich mit ihm auf ſolchem Fuß ſtehe, um ihn jeden Augenblick verlaſſen zu können, ohne daß er ein Recht hat, mich zurückzufordern. Madelone hatte Recht; ſchon der bloße Gedanke, daß Madelone ihn verlaſſen könne, machte ihn zahm wie ein Lamm; er würde lie⸗ ber ſeine beiden Augen als Madelonen gemißt haben, obgleich letztere faſt täglich ihn ſchalt, ja ſogar, wie die Nachbarn behaupteten, ihre Unzufriedenheit zuwei⸗ len mit einer Ohrfeige von ihrer kleinen Hand unter⸗ ſtützte. Man darf aber Modelonen dies nicht ver⸗ denken, denn ſicherlich gehörte dieſe Ohrfeige mit zur Dreſſur. — Aber, lieber Vater, wie war es denn mit der lebendigen Weihe? fragte Armand ungeduldig, denn es war bald Zeit, Bicetre zu verlaſſen. — Ich komme jetzt auf ſie, antwortete der Vater. Die ſchöne Madelone beſaß neben ihrer Geſchicklichkeit, wilde Thiere zu bändigen, auch eine ungewöhnliche Fertigkeit im Waſchen von feinen Spitzen. Man be⸗ hauptete, daß Niemand ſie hierin übertreffe, und hier⸗ aus folgte natürlich, daß Madelone von einer großen Anzahl vornehmer und reicher Damen geſucht wurde, die ihrer Hülfe bedurften und dieſelbe ſehr gut bezahlten. Die geſchickte Madelone verdiente alſo ein hübſches 102 Stück Geld und ihre Garderobe war ſtets die aus⸗ geſuchteſte. Der weiße Bär war nicht wenig ſtolz, wenn er an den Sonntags⸗Vormittagen in den Champs⸗ Elyſees mit ſeiner Madelone ſpazieren ging, die ſo geputzt war, daß ihr der feinſte Herr den Arm ge⸗ boten haben würde. Der weiße Bär hingegen ließ nicht von ſeiner gewöhnlichen Tracht, und es war faſt lächerlich zu ſehen, wie er mit ſeinen unmäßig großen Füßen neben Madelone einherſchritt, deren Hand im⸗ mer auf ſeinem Arm ruhte, weil ſie dieſen nicht mit dem ihrigen erreichen konnte. — Eines Tages alſo— es ſind wohl zwei Jahre her— fuhr Cambon Vater fort, um dieſelbe Zeit, als Du in Lyon warſt, nahm Madelone ihren kleinen Korb in den Arm und ging in ein ſehr vornehmes Haus— der Straße entſinne ich mich nicht mehr. Durch eine lange Reihe der ſchönſten Zimmer kam ſie in ein kleines Kabinet, das noch koſtbarer als alle die übrigen Gemächer. Hier fand ſie eine junge und ſehr ſchöne Dame in Reiſekleidern, zu deren Füßen ein großer Race-Hund von ſeltener Schönheit und mit ungewöhnlich großen Zähnen lag. Die vornehme Dame war ſehr böſe, denn ſie ſtand im Begriff nach Italien zu reiſen und würde ſchon vor einer Stunde abgereiſt ſein, wenn ſie nicht gezwungen geweſen wäre, 103 auf ihren ganzen Spitzenvorrath zu warten, den Ma⸗ delone zum Waſchen in Empfang genommen hatte. Madelone, wie die meiſten kleinen Frauenzimmer ſehr kurz angebunden, erklärte ganz unerſchrocken, daß ſie, anſtatt Vorwurf und Tadel, ſich großes Lob und namentlich gute Bezahlung verdient habe, wenn ſie ſo zeitig die Spitzen zurück liefere, die ſie erſt vor zwei Tagen erhalten. Die vornehme Dame, ſtolz wie alle großen Frauenzimmer, warf Madelonen ſchweigend einen verächtlichen Blick zu und begann die Spitzen ſehr genau zu prüfen. — Nun? — Die vornehme Dame verwarf Madelonens Wäſche ganz und gar, beklagte ſich bitter darüber, daß man ihre ſchönen Spitzen ganz verdorben und erging ſich in Aeußerungen, welche nothwendig die erſte Spitzenwäſcherin von Paris verletzen mußten. — Und Madelone? — Madelonens Augen wurden anfangs groß vor Erſtaunen und dann funkelnd vor Zorn. In den hef⸗ tigſten Ausdrücken erklärte ſie der vornehmen Dame, ſie verſtehe von der Wäſche eben ſo wenig, wie der Hund, der auf dem Teppich lag. Dies war allerdings etwas ſtark! Die vornehme Dame faßte ſogleich nach der Schelle, vermuthlich, um die unverſchämte Wäſcherin 104 durch einen Domeſtiken hinauswerfen zu laſſen. Viel⸗ leicht waren die Diener mit den Vorbereitungen zur Reiſe beſchäftigt, denn es ließ ſich keiner von ihnen ſehen. Madelone errieth die Abſicht der vornehmen Dame und wiederholte, dieſelbe habe überhaupt nicht mehr Verſtand, als der Hund, der zu ihren Füßen liege. Dieſe fuhr fort zu ſchellen, ohne daß Jemand kam, Madelone aber brach über ihre ohnmächtige Wuth in lautes Gelächter aus... Ich vergaß, zu bemerken, daß der Hund ſchon bei der erſten Wolke, welche über die Stirn ſeiner Herrin ſtrich, drohende Blicke auf die Geliebte des weißen Bären warf und ihr ſeine Zähne zeigte. Die vornehme Pame verlor inzwiſchen den letzten Reſt ihrer Geduld, ſie verlor ihre Beſonnenheit und gab dem Hunde ein Zeichen— — Großer Gott!. — Mit der Gewandtheit eines Panthers warf ſich der Hund auf die arme Madelone, die im nächſten Augenblick, aus mehreren Geſichtswunden blutend, am Boden lag, denn ihre Grauſamkeit zu ſpät bereuend, gab die Dame ihrem Hunde zu ſpät Contreordre. — O jetzt verſtehe ich, was er mit der lebendigen Weihe meinte! rief Armand.. Arme Madelone! Armer Simon! — Die Raſerei des weißen Bären iſt nicht mit —— 105 Worten zu beſchreiben, fuhr der Vater fort. Aber wie ſollte er ſich rächen? Die vornehme Dame war abge⸗ reiſt, nachdem ſie der armen Madelone ein paar hun⸗ dert Franc zur Salbe auf ihre Wunden geſchickt. Der weiße Bär warf die Geldſcheine ins Feuer, denn er dachte nur an Blutſalbe. Er würde die vornehme Dame bis ans Ende der Welt verfolgt haben; aber wie konnte er ſeine unglückliche Madelone verlaſſen? Dieſe genaß allerdings, aber ſie hatte ein Auge ver⸗ loren und eine tiefe Narbe entſtellte die ſchöne Naſe... — Ein Jahr darauf erkrankte Madelone, entweder aus Verzweiflung über ihre verlorene Schönheit oder aus Kummer über die troſtloſe Lage des weißen Bären, der weder Madelonens Unglück, noch die lebendige Weihe, wie er die vornehme Dame ſtets nannte, ver⸗ geſſen konnte. Madelone genaß diesmal nicht; ſie ſtarb in den Armen des weißen Bären, der ſie auch einſam zum Grabe trug, indem er den Sarg unter den Arm nahm und ihn wie den eines Kindes auf den Friedhof brachte. Nach dem Begräbniß kam er hierher zu mir und entſetzte alle alten Männer, indem er heulte wie zehn Bären und ſich nicht tröſten laſſen wollte... Er hat ſich noch heute nicht getröſtet! — Sie kennen doch den Namen der vornehmen Dame? fragte Armand. 106 — Nein, der weiße Bär hat ihn mir niemals ſagen wollen... Uebrigens bat er mich, Niemandem die wahre Urſache von Madelonens traurigem Schick⸗ ſal zu erzählen. Vermuthlich hatte er hierzu ſeine Gründe: vielleicht glaubte er hierdurch ſein Opfer ein⸗ zuſchläfern, es glauben zu machen, es ſei Alles ver⸗ geſſen, um dadurch ſeine Rache deſto gewiſſer auszu⸗ führen. Ich bin überzeugt, daß er nur deshalb den Jardin des Plantes beſuchte. Die vornehme Dame iſt alſo nach Paris zurückgekehrt; mag ſie ſich vor dem weißen Bären in Acht nehmen, denn durch einen miß⸗ lungenen Verſuch läßt er ſich nicht abſchrecken; er wird nicht eher ruhen, bis er die vornehme Dame ebenſo zugerichtet, wie die arme Madelone. Etwas Schlim⸗ meres hat er keinenfalls im Sinn. — Jedenfalls aber muß man doch die vornehme Dame warnen, mein Vater! rief Armand. Wenn man nur ihren Namen und ihre Wohnung erfahren könnte! — Ich werde mit dem weißen Bären ſprechen, verſicherte der Vater; hartnäckig iſt er, aber ich hoffe, ihm doch eine weiche Seite abzugewinnen... Jetzt, lieber Armand, iſt es Zeit, daß Du gehſt; man ſchließt ſonſt die Thür!... Gute Nacht, mein Sohn! Gott ſegne Dich und laſſe Dich morgen wiederkehren! — 107 Der Vater umarmte und küßte ſeinen Sohn und dieſer ging. — Armand! rief er ihm nach. Armand kehrte um. — Es koſtet Dich gewiß viel, dies Fünffrancſtück von Dir zu geben, ſagte der Vater lächelnd. Armand erröthete und ward verlegen. — Nimm es zurück, mein Junge! bat der Alte, ihm die Silbermünze reichend. Nimm' es und be⸗ halte es, wenn's Dir Vergnügen macht. In Deinem Alter bewahrt man ſo Manches, was nicht einen Franc werth iſt, was man aber nicht für tauſend fortgeben möchte. — Nein, behalten Sie das Geld nur, bat Armand, es zurückweiſend. Das wäre ja kindiſch! — Es freut mich, daß Du ſo vernünftig biſt! ſagte Cambon der Aeltere, das Geld in ſeine Taſche zurück— ſteckend... Aber, ſetzte er dem forteilenden Armand nachſehend, hinzu: ich fürchte, dieſe Vernunft wird nicht lange vorhalten. VI. Das Spuk-Gaus. Die Straße St. Etienne⸗des⸗Grés, die ihren Na⸗ men von einer Kirche hat, welche im neunten Jahr⸗ hundert gebaut wurde, aber im achtzehnten zuſammen⸗ fiel, ward im Jahre 1846 der Gegenſtand der Neu⸗ gier und des Erſtaunens, nicht nur der Bevölkerung Frankreichs, ſondern gab auch in andern Ländern Waſſer auf die Mühle Derjenigen, die an übernatürliche Er⸗ eigniſſe glauben, denn die Nachricht von ſolchem ging aus den franzöſiſchen Journalen in die Zeitungen aller andern Länder über. In beſagtem Jahre nämlich ſollte eine neue Straße zwiſchen der Rue St. Etienne⸗des⸗Grés und der Rue Soufflet eröffnet werden und zu dieſem Zweck wurden Arbeitsleute dahin geſchickt. Aber beim erſten Spaten⸗ ſtich in die Erde wurden die Arbeitsleute durch eine 109 Menge von Steinen überraſcht, welche auf ihre Köpfe fielen und Einige ſchwer verwundeten. Dieſe Steine kamen aus einem kleinen Garten, in welchem ſich ein kleines Haus befand, das damals von einem Schuhmacher und ſeiner Gattin, ſehr armen aber frommen Leuten, bewohnt ward. Der Garten ſowohl wie das Haus wurden genau unterſucht, ohne daß man aber eine Aufklärung über die Veranlaſſung der Steinwürfe gewinnen konnte. Die Polizei erhielt ſchnell Kenntniß hiervon und fand ſich ein; aber der Spuk hatte ebenſo wenig Re⸗ ſpekt vor der Behörde wie vor den Arbeitsleuten. Die Steinwürfe dauerten aus derſelben Richtung fort. Man ſtellte Wachen in das kleine Haus und in den Garten, aber Alles half nicht. Dieſelben Steinwürfe und die⸗ ſelben fruchtloſen Forſchungen nach der Urſache. Diejenigen, welche außerhalb der Holzwand des Gartens ſtanden, ſahen deutlich, wie die Steine hoch über dieſelbe herüber flogen, die aber, welche inner⸗ halb derſelben ſtanden, ſahen ebenſo wenig die Steine wie denjenigen der ſie warf. Die ganze Bevölkerung von Paris, die bäld Kunde von dieſem ſeltſamen Spuk erhielt, ſtürrte mehrere Wochen hindurch nach dieſer Straße und es gab Niemand, der nicht einen in der 110 Luft fliegenden Zauberſtein geſehen hätte. Wer dieſe aber warf, das war und blieb ein Geheimniß. Nichts kann ſich in Paris lange als Neuigkeit be⸗ haupten, ſelbſt nicht einmal eine Spukgeſchichte. Die Anzahl der Neugierigen ward immer kleiner, und bald ſprach man in Paris gar nicht mehr von dem kleinen Hauſe bei der Rue Etienne⸗des⸗Grés. Diejenigen aber, welche Häuſer in der Nachbarſchaft dieſes Spuk⸗ hauſes beſaßen, ſchrieen jämmerlich, denn die Miether zogen aus, weil Niemand in einer Gegend wohnen wollte, wo ſchwere Steine wie die Vögel in der Luft umherflogen. In Folge deſſen ſtanden nicht nur das Spukhaus, ſondern auch vier bis fünf der Nachbarhäuſer öde. Dieſer für die Hausbeſitzer ſehr beklagenswerthe Umſtand dauerte bis zum Herbſt 1847, wo es dieſen endlich gelang, zwei Perſonen zu finden, die mit dem Muthe, dem Spuk zu trotzen, zugleich die Luſt vereinten, mieths⸗ frei dieſe geräumigen Lokalitäten zu beziehen. Die Wirthe würden ſie gern noch obenein dafür bezahlt haben, nur um durch ſie Andere herbei zu locken. Der erſte dieſer Beiden— mehr meldeten ſich nicht— war Armand Cambon, deſſen Kühnheit ſo weit ging, das gefürchtete Spukhaus ſelbſt in Beſitz zu nehmen. Der Andere war ein Prieſter von etwa 111 dreißig Jahren mit bleichem Antlitz und ſchwarzem Bart. Dieſer zog in das Haus, welches der Garten⸗ wand des Spuk⸗Hauſes zunächſt lag. Warum er ge⸗ rade dieſes Haus wählte, das unanſehnlicher als das Spukhaus ſelbſt und obenein noch näher an demſelben lag, während doch die entfernteren Häuſer bequemer und ſchöner waren, das konnte Niemand begreifen. Indeß glaubte ſich Mancher die Vorliebe des Prieſters für dieſes Haus erklären zu können, weil daſſelbe einen klöſterlichen Styl zeigte; man wußte, daß ſowohl eine Kirche als ein Kloſter in dieſer Straße geſtanden, und es alſo nicht unmöglich, daß gerade dies Haus ein Ueberbleibſel dieſes Kloſters ſein konnte. Was nun aber einen ſo jungen und hübſchen Jüngling, wie Armand Cambon, der doch kein Prieſter war, vermögen konnte, einen ſo öden Ort wie das Spukhaus zu bewohnen, das war weit unerklärlicher. In Paris aber beſchäftigt man ſich nicht lange mit dem, was Andere treiben, und die beiden Einſiedler waren alſo ſehr bald ſich ſelbſt überlaſſen, und hier⸗ mit ſchienen ſie denn auch ganz zufrieden zu ſein. Die Fenſter des Zimmers, welches Armand be⸗ wohnte, gingen nach dem Theile des Gartens, auf welchen man von denen der Wohnung des Prieſters ſchaute. Dieſer konnte alſo ohne Schwierigkeiten ſehen, 112 wenn Armand Licht in ſeinem Zimmer hatte, wie denn auch Armand bemerken konnte, wenn die Fenſter des Prieſters erleuchtet waren. Die beiden Nachbaren ſchienen einander nicht im Geringſten bekannt zu ſein, und machten auch keine Miene, ſich zu nähern, um dadurch ihre Einſamkeit zu mildern. Vielleicht glaubten ſie beiderſeitig gar nicht ſehr an dieſe ihre ſcheinbare Einſamkeit. Der Prieſter nämlich, der nicht jede Nacht ſchlief, mußte ſehr leicht gewahren können, wie zuweilen die Schatten mehrerer Köpfe ſich an den Gardinen von Armand's Zimmer abzeichneten, und Armand ſeiner⸗ ſeits, der auch kein Siebenſchläfer war, konnte eben ſo wenig unterlaſſen, zuweilen verſchiedene Köpfe hinter den Rollgardinen des Prieſters zu entdecken. Man iſt in Paris nicht ſo neugierig auf einander; die einzige Volksklaſſe dort, die man allenfalls der Neugier beſchuldigen könnte, iſt die Polizei mit ihren öffentlichen oder geheimen, dienſtbaren Geiſtern. Dieſe aber ſchienen ſich um die Spukgeſchichte nicht gern weiter zu kümmern, da ſie in den lebendigen Quartieren der Stadt vollauf zu thun hatten. Es war eines Abends, etwa acht Tage nach dem in den vorigen Kapiteln erzählten Ereigniß, als Armand 113 in ſeine düſtere Wohnung zurückkehrte. Er kam von ſeinem Vater, denn ſelten verging ein Tag, ohne daß er den Alten beſuchte. Armand ſteckte den Schlüſſel in das Schloß, um das Zimmer zu öffnen, als er bemerkte, daß bereits etwas im Schlüſſelloch ſitze. Wirklich zog er ein kleines, vom ſchönſten Parfüm duftendes Billet heraus. In ſein Zimmer getreten, zündete er eiligſt Licht an und las folgende, von der zierlichſten Frauenhep geſchriebene Zeilen: „Herr Armand Cambon! Eine Dame, welche ſich ſehr für Sie intereſſirt, wünſcht ſie morgen zu ſehen. Sollten auch Sie ein gleiches Verlangen hegen, ſo bittet ſie, ſich den Bedingungen oder Vorſichtsmaßregeln zu unter— werfen, welche ſie anwenden muß, und welche Sie als ein Mann von Ehre reſpectiren werden. Morgen Abend um 8 Uhr erwartet Sie auf dem Vendome⸗-Platz an der nördlichen Seite ein Wagen mit zwei Pferden. Eine maskirte Dienerin wird Ihnen die Wagenthür öffnen und mit Ihnen den Wagen beſteigen. Darauf, und nachdem ſie Ihnen die Augen verbunden, wozu Sie ſich bequemen müſſen, wird dieſelbe Sie zu der Dame und zu dem Armand. I. 8 114 Rendez⸗vous begleiten, um welches Sie mancher Sterbliche beneiden würde. Gehorſam! Vorſicht! Schweigen Das Billet hatte keine Unterſchrift. Man braucht nicht gerade zwanzigjähriges Blut in ſeinen Adern zu haben, um durch ein ſolches Billet warm zu werden. Armand aber war vorſichtig. Er hatte mancherlei Dinge auf Händen, die ſehr geheim waren; er war Conſpirateur und mußte demnach auf ſeiner Hut ſein.* Sollte man Dir eine Schlinge ſtellen, Dich aus dem Hauſe haben wollen, um dies inzwiſchen zu durchſuchen? dachte er... Doch nein, wer anders als ein Frauenzimmer kann ein ſolches und ſo fein parfümirtes Billet ſchreiben... Aber in aller Welt, was für ein Frauenzimmer kann dies ſein? Zu den ſogenannten beſſeren Klaſſen muß ſie gehören: ich kenne nun aber nur zwei ſolche, die ſich möglicherweiſe für mich intereſſiren könnten; nur zwei, die ſich ſo viel Umſtände zu machen brauchen, um mich zu ſehen; nur zwei, welche die Nittel beſitzen, mich durch einen Wagen mit zwei Pferden und einer Kammerjungfer mit der Maske vor dem Geſicht abholen zu laſſen?. Aber welche von dieſen beiden iſt es? Helle blaue Augen können unmöglich ein ſolches Billet ſchreiben; 115 man ſollte es mehr den ſchwarzen, funkelnden zu⸗ muthen!(Armand hatte, wie wir ſehen, eine beſſere Meinung von den blauen, als von den ſchwarzen) Ja, ja, gewiß iſt das meine Dame aus dem Jardin de Plantes! fuhr er fort; es kann keine Andere ſein! Ich war nicht ſo blind, um nicht zu bemerken, wie ſie mich damals betrachtete, und jetzt iſt ſie von Dankbar⸗ keit gerührt, weil ich ſie den Zähnen des Löwen ent— riſſen... Aber ſoll ich denn gehen? Sooll ich mich blind einem Abenteuer in die Arme werfen, das ſehr bedenkliche Folgen haben kann?... Doch, gewiß hat die Dame viel Mühe gehabt, meine Wohnung zu entdecken; dies beweiſt, wie ſehr ihr daran gelegen, mich zu ſehen und mir ihren Dank zu ſagen... Es wäre alſo ſehr Unrecht von mir, wenn ich nicht folgte, zumal ſie morgen expreß um meinetwillen einen Wagen nach dem Vendome-Platze ſchickt.. Es kommt mir wirklich vor, ſetzte er in ſeinen Betrachtungen fort, als ſeien ſchwarze Augen die Schilder viel gefühlvollerer und zärtlicherer Herzen, als die blauen... Ein unſchuldiges Herz würde nicht Pferde und Wagen ſchicken, um in der Dunkelheit einen Mann abholen zu laſſen; es würde ſich auch nicht maskirter Kammerjungfern bedienen, die einem jungen Mann eine Binde vor die Augen legen; würde auch ſicher⸗ 8* 116 lich dabei nicht zu verſtehen geben, daß er um die Gunſt, welche man ihm gewährt, von manchem Sterblichen zu beneiden ſei... Wenn ich dies be⸗ denke, ſollte ich mich doch eigentlich nicht auf dem Platze einfinden, mich nicht zum blinden Werkzeug der Launen einer vornehmen Dame machen, denn ich habe doch viel wichtigere Dinge vor, als... Von der anderen Seite aber betrachtet: war es nicht immer meine Ab⸗ ſicht, dieſe Dame vor den Fallſtricken zu warnen, welche der weiße Bär ihrem Leben oder ihren Gliedern gelegt? Wenn ihr nun von dieſer Seite ein Unglück paſſirte, würde ich mir nicht mit Recht Vorwürfe machen müſſen, weil ich ſie nicht bei Zeiten von der Gefahr unterrichtet.?... Ja, es iſt doch nothwendig, daß ich mich einfinde; es iſt von höchſtem Gewicht, daß ich morgen Abend um 8 Uhr in den Wagen ſteige und mir die Augen verbinden laſſe, denn nur auf dieſe Weiſe iſt möglich, die ſchöne Unbekannte vor Madelonens traurigem Schickſal zu retten. So raiſonnirte Armand, während er in ſeinem dürftig möblirten Zimmer auf und ab ging. Plötzlich ſtand er ſtill. Ein ganz neuer Gedanke nahm ihn in Anſpruch. Er eilte zur Thür, riegelte dieſe zu, eilte dann zum Fenſter und ließ die Rollgardine herab. Hierauf zog er das Bett von ſeinem gewöhnlichen 117 Platz und ſtellte es vor die Thür, und zog dann auch einen Schrank vor das eine Fenſter, um daſſelbe da⸗ durch unſchädlich zu machen. Nach dieſen Vorſichtsmaßregeln nahm er das Licht und näherte ſich dem Platze, an welchem das Bett geſtanden. Auf dieſem Platz kniete er nieder, legte das Auge dicht an die Bretter des Fußbodens und fand in einer Spalte deſſelben einen Stahldraht, der mit Fleiß gebogen und über das eine Brett gelegt zu ſein ſchien. Vorſichtig erfaßte er den Draht, richtete ihn und drückte ihn hinab, bis er nicht mehr zu ſehen war. Vermuthlich um ſich zu überzeugen, daß der Draht nicht mehr in der Spalte ſtecke, zog er eine Nadel aus der Taſche, ſteckte dieſelbe in daſſelbe Loch, aus welchem der Draht herausgeſchaut, und die Nadel drang unbehindert hinein. Hierauf wandte er Augen und Hände zu einem anderen Brett des Bodens und erfaßte einen faſt unbemerkbaren eiſernen Riegel; nach⸗ dem er denſelben berührt, führte er eine Meſſerklinge in die Spalte und hob auf dieſe Weiſe eine Platte heraus, welche eine ſo große Oeffnung hinterließ, daß ein Menſch bequem hinabſteigen konnte. Armand nahm jetzt das Licht und ſtieg durch dieſe Oeffnung. Er befand ſich in einem Keller, der ſo 118 niedrig war, daß er faſt kriechend ſich fortbewegen mußte. Auf dem Steinboden des Kellers ſuchte er nach etwas und fand denſelben Draht, den er oben hinab geſtoßen. Mit vieler Vorſicht Acht gebend, daß er den Draht, der ſich bis zum Ende des Kellers hin⸗ zuziehen ſchien, nicht mit den Füßen berühre, kroch er in derſelben Richtung fort, das Licht vor ſich und die Augen unverwandt auf den ſonderbaren Draht gerichtet. Der Draht verlor ſich in einer Wand, und dieſe ward gleichfalls der Gegenſtand von Armand's ſonder⸗ barer Aufmerkſamkeit. Beim Schein des Lichtes fand er in der Wand ebenfalls einen kleinen Riegel, den er berührte. Dies hatte die Wirkung, daß vier Steine der Wand ſich zurückbogen und eine Oeffnung zurück⸗ ließen, ſo groß, daß Armand gerade hindurch ſchlüpfen konnte, nachdem er das Licht in dem niederen Keller gelaſſen. Armand befand ſich jetzt in einem anderen Keller, der ungleich tiefer und länger als der andere, auch von einem Schein ſchwach erleuchtet wurde, der von der Tiefe zu dämmern ſchien. Armand ſtieg etwa zwölf Stufen einer Treppe hinab und befand ſich jetzr auf einem feuchten Boden; er näherte ſich der Stelle, von welcher der Lichtſchein kam und beugte ſich über ——— 119 eine offene Laterne, die er vorſichtig an ſich zog und deren kleines Glasfenſter er ſchloß. Dann unterſuchte er den Griff der Laterne, an welchem der Draht be— feſtigt war, und begann, ſich in dieſer unterirdiſchen Wohnung umzuſchauen. Ganz in der Nähe der Stelle, auf welcher die La— terne geſtanden, befand ſich ein Faß, in dieſes legte er verſchiedene Pakete, die er aus der Taſche zog. Bei dieſer Gelegenheit fiel der Lichtſchimmer auf verſchie⸗ dene blanke Gegenſtände, und dieſe waren nichts An— deres, als— Säbel und Musketen!— Armand, mit was für Dingen gehſt Du um! Eben im Begriff, dieſe ominöſen Waffen zu unter⸗ ſuchen, wandte er plötzlich den Blick nach der entfern— teſten Wand des Kellers. — Wieder daſſelbe Geräuſch! murmelte er. Schon der vierte Abend, an welchem ich dies höre!— Was für ein Gemach kann ſich nur hier nebenan befinden; wer kann daſſelbe beſuchen und was kann da vorgehen? Armand ſtand eine Zeit lang da und überlegte bei ſich ſelbſt. Schließlich nahm er ſeine Partie. Er näherte ſich der Wand, von welcher her er den Laut zu hören glaubte, legte ſich mit dem Ohr an dieſelbe und ver⸗ blieb lange in dieſer Stellung. 120 — Es klingt gerade, als hämmere man Metall dort! ſagte er nach einer lange Pauſe. Gewiß iſt es dort im Keller wie hier... Aber wie kommt man dort hinein?... Der Eingang iſt nicht von dem Hauſe, welches ich bewohne... Aber woher mag er er ſonſt führen? Armand überlegte, daß von den nächſten Häuſern nur eins gegenwärtig bewohnt war, nämlich das, welches gerade der Holzwand ſeines Gartens gegen⸗ über lag. Ein Theil des Kellers, in welchem ſich ſeine Rüſtkammer befand, lag unter dem Garten, und es war alſo ſehr möglich, daß dieſer Keller nur durch eine Mauer von einem andern geſchieden wurde, der ſich unterhalb deſſelben Gartens befand und auf irgend eine Weiſe mit dem Fundament vereint war, auf wel⸗ chem das erwähnte und bewohnte Haus ſtand. In dieſem Hauſe aber wohnte, wie wir bereits wiſſen, eine andere Perſon, nämlich der Prieſter, der ſich ebenſo wenig vor Geſpenſtern fürchtete, wie Armand. Der letztere fuhr nun fort zu lauſchen und ward vollſtändig überzeugt, daß man drüben Metall hämmre. Nach einer Weile hörte das Geräuſch auf; es herrſchte Stille mehrere Minuten hindurch. Armand behielt nichtsdeſtoweniger ſeine lauſchende Stellung. Bald aber glaubte er ein andres Geräuſch 121 zu hören, ähnlich dem einer eiſernen Thür, wenn ſie geöffnet, in ihren Angeln knarrt und dann geſchloſſen wird. Hierauf ward Alles ſtill.— Armand lauſchte noch eine gute Viertelſtunde hin⸗ durch. Drüben regte ſich nichts mehr. — Soollte die Perſon, die ſich eben drüben befand, ihres Weges gegangen ſein? fragte ſich Armand. War das Geräuſch, das ich zuletzt hörte, wirklich das einer eiſernen Thür, die mein geheimnißvoller Nachbar ge⸗ öffnet und hinter ſich geſchloſſen? Noch eine Viertelſtunde lauſchte Armand. Das Schweigen aber blieb ungeſtört. Ueberzeugt alſo, daß kein lebendes Weſen ſich augen⸗ blicklich in ſeiner Nachbarſchaft befinde, beſchloß er jetzt die Wand zu unterſuchen, um ſich zu überzeugen, ob vielleicht dieſe beiden, ſo nahe aneinander gelegenen Keller eine gemeinſame Thür oder Luke hätten. Auf Händen und Füßen kriechend unterſuchte er die Wand und ließ keine Stelle unberührt. Man denke ſich alſo ſein Erſtaunen, als er in der Mauer, dicht am Boden einen Riegel entdeckte, ganz ähnlich dem, durch welchen man von dem niederen Keller in ſeine Rüſtkammer gelangte. Armand erhob ſich, ergriff aus feiner Waffenſamm⸗ lung ein paar Piſtolen und einen Dolch, ſteckte die 122 erſteren zu ſich und benutzte den Dolch, um die Erde wegzuſcharren, welche das Oeffnen dieſer Luke hinderte. Hierauf erfaßte er mit beiden Händen das Eiſenblech, in welchem der Riegel ſaß. Die Luke wollte nicht nachgeben; gewaltſam klemmte er den Dolch dazwiſchen und in der That gelang es ihm auf dieſe Weiſe, ſich einen Weg in den Nachbar⸗ keller zu öffnen. Armand war keinesweges erfreut über dieſe Ent⸗ deckung, welche er gemacht; er zitterte vor einer ge⸗ fährlichen Nachbarſchaft. Inzwiſchen war kein Augen⸗ blick zu verlieren; er mußte die Zeit benutzen, wo ſein Nachbar abweſend, denn daß dies der Fall war, ſchloß er nicht allein aus der tiefen Stille, ſondern auch aus der eben ſo tiefen Dunkelheit. Wie nun aber, wenn der geheimnißvolle Nachbar zurückkehrte und den ungebetenen Gaſt vorfand?... Nun, was konnte es mehr geben, als im ſchlimmſten Falle einen Kampf auf Leben und Tod! Armand ſchauderte. Nicht vor dem Kampf, nicht vor dem eigenen Tode, ſondern vor dem Gedanken, vielleicht einen Menſchen tödten zu müſſen; indeß, er konnte nicht zaudern. Entſchloſſen ſchob er die Lampe durch die Oeffnung, kroch ſelbſt hindurch und ſtand, mit der Laterne in der Linken, dem Dolch in der 123 Rechten, da, bereit ſich zu vertheidigen, wenn es ſein mußte. Alles aber blieb ſtill. Keine Stimme ſchlug an ſein Ohr, kein Arm erhob ſich gegen ſeine Bruſt. Er war allein. Um ſo mehr Zeit und Luſt alſo hatte er, die Localität zu unterſuchen. Der Keller, in welchem ſich Armand jetzt befand, war ebenſo hoch und ſo breit wie der ſeinige, aber bedeutend länger, und erſtreckte ſich, wie Armand ſchon vermuthete, unter dem Garten dahin, war alſo nur eine größere Fortſetzung des erſten Kellers. Beim Vorſchreiten ſah ſich Armand einer eiſernen Thür gegenüber, die jetzt von draußen zugeſchloſſen war. Ohne Zweifel hatte ſich der geheimnißvolle Nachbar durch dieſe entfernt. Armand gab ſich nicht Zeit, nachzugrübeln, wo⸗ hin dieſe Thür führen könne; er begann ſofort die Seitenwände zu unterſuchen. Plötzlich ſtieß er mit dem Fuß an etwas, das ſich an ſeiner Wand erhob. Er beleuchtete dies mit der Laterne und ſah, was er ſchon früher ſehr oft geſehen, nämlich einen transportablen eiſernen Ofen. Letzterer war von einer Anzahl eiſerner Tiegel um⸗ geben, lauter Gegenſtände, wie ſie die Goldſchmiede zum Schmelzen edler Metalle benutzen. ——————————————— 124 Auf dem Boden dieſer Tiegel glänzte es und Armand erkannte alsbald die edlen Metalle. Mit Recht erſtaunt über dieſen Anblick, ſetzte er ſeine Entdeckungsreiſe fort. Ein Ruf der Ueberraſchung entflog ſeinen Lippen, als er ſich der anderen Seitenwand näherte, denn an dieſer erglänzte ein wirklicher Haufen von Gold und Silber. Hatte Armand einen Schatz entdeckt? War dieſer Schatz, wie ſo mancher andere, im Mittelalter in dieſen Keller geflüchtet worden, der damals ohne Zweifel dem Kloſter oder der Kirche gehört, die hier geſtanden? Allerdings ſah Armand, daß dies ein Schatz und zwar ein bedeutender Schatz, aber derſelbe trug doch keineswegs das Gepräge des Mittelalters. Hier lagen Meſſer, Gabeln, Zucker- und andere Doſen, Gefäße, Armbänder, Uhrketten ꝛc., und Alles von ſo moderner Form, daß Armand bei näherer Be⸗ ſichtigung der Herrlichkeit nicht ganz ſicher war, ob nicht einzelne von dieſen koſtbaren Piecen ſchon durch ſeine eigenen Hände gegangen ſeien, denn, wie wir ſchon gehört, war Armand ein geſchickter Gold⸗ und Silberarbeiter. Gewiß war, daß er mehrere Stempel von den Fabrikanten entdeckte, die damals am meiſten„en vogue“ waren. 125 Letzteres hinderte indeß nicht, daß verſchiedene Gegenſtände auch einer ältern Zeit angehörten, und bewies nur, daß ihr Beſitzer kein einſeitiger Bewunderer des Neuen war. Was Armands Aufmerkſamkeit am meiſten erregte, war der Umſtand, daß verſchiedene Gegenſtände un⸗ geachtet der koſtbaren Arbeit, welche an ſie verwendet worden, auf eine höchſt ſchonungsloſe Weiſe zuſammen gebogen oder geſchlagen waren, woraus zu entnehmen, daß eigentlich nur der wahre Werth der Metalle dem Beſitzer am Herzen lag. Armand konnte beim Anblick dieſer Zerſtörung einen Seufzer nicht unterdrücken. Wie viel Mühe, wie viel unſchätzbare Erfindungsgabe war hier grauſam zerſtört! Indeß, der Augenblick war nicht zu Betrachtungen über die Art und Weiſe, wie man Kunſtwerke be⸗ handeln müſſe, geeignet. Armand that ſich natürlich zunächſt die Frage: wer war der glückliche Beſitzer von all dieſem Gold und Silber? Warum hatte er dieſes in den Keller niedergelegt, und endlich: warum wollte er alles Dies einſchmelzen? Er iſt ein Dieb! war Armands erſte Antwort. Ein Dieb, der all dies auf den verſchiedenſten Stellen geſtohlen und ſein Diebesgut hierher gebracht, um es zu ſchmelzen und unter der Hand zu verkaufen! 126 Armand betrachtete indeß die Sache nicht einſeitig. Vielleicht konnte irgend Jemand aus Furcht vor möglichen Stürmen der Zeit, wie ſie ja vorher zu ſehen waren, ſeine Schätze hier verborgen haben, um ſie in Sicherheit zu bringen. Aber wenn dies der Fall, wer war der Eigenthümer? Von den Beſitzern der umliegenden Häuſer, die durch die Spukgeſchichten ohnehin ſehr unglücklich geworden, konnte Niemand der Eigenthümer ſein; ſomit mußte man dieſe Sachen einem Fommiſſionär anvertraut haben. Dieſer Com⸗ miſſionär aber konnte nur der ſein, der jetzt das Haus bewohnte, zu dem der Keller gehörte, und dieſer Be⸗ wohner war der Prieſter, der möglicherweiſe alle dieſe Schätze für Rechnung irgend eines reichen und vorneh⸗ men Beichtkindes in Verwahrſam genommen. Aber war es denn auch der Prieſter, der den Schmelzofen und die Tiegel hierher gebracht? War er es, der dieſe koſtbaren Gegenſtände ſo vandaliſch zuſammen gehämmert?.... Wer konnte ſich dies Alles erklären! So viel war inzwiſchen gewiß, daß Armand nicht immerfort ſo in dieſer Schatzkammer daſtehen und über Möglichkeiten nachdenken konnte. Nachdem er alſo noch einen letzten Blick auf die Koſtbarkeiten geworfen, kroch er in ſeinen Keller zurück und ſchloß dieſen auf's 127 Sorgfältigſte, befeſtigte ihn auch von ſeiner Seite der⸗ maßen, daß man ihm wenigſtens keinen Beſuch ab⸗ ſtatten durfte. Hierauf befeſtigte Armand wiederum den Draht an der Leuchte, ſtellte dieſe offen neben das Pulver⸗ faß— denn ein ſolches war es— und zwar dicht neben eine Anzahl von Körnern, die um das Faß herum geſtreut lagen, warf noch einen Blick auf dieſe gefährlichen Anſtalten und kroch auf Händen und Fü⸗ ßen, ſtets mit peinlicher Aufmerkſamkeit den Draht vermeidend, zurück. Im Zimmer angelangt, befeſtigte er den Draht ſo ſorgfältig, daß man die Wichtigkeit und Gefährlichkeit dieſer Manipulation eingeſehen ha⸗ ben würde, ſelbſt wenn man Armand's bleiches und ängſtliches Geſicht dabei nicht beobachtet hätte. Als er im Zimmer Alles wieder an ſeine alte Stelle gerückt, begab er ſich zu Bette. Ehe er ein⸗ ſchlief, durchlas er noch mehrmals das parfümirte, roſenfarbige Billet; dann löſchte er das Licht. Ar⸗ mand träumte von Gold und Silber, ſo groß wie Berge, und von ſchwarzen Drachen, die darüber wach⸗ ten. Er träumte von blauen und ſchwarzen Augen .. Mitten in dieſen Träumen aber war es ihm, als ſchleiche Etwas unter ſein Bett, als reiße man die Luke unter demſelben auf, ohne erſt den Draht 128 von derſelben gelöſt und zurückgebogen zu haben. Er hörte einen fürchterlichen Knall und ſah ſich ſelbſt ſo hoch in die Luft geſchleudert, wie die Thürme von Notre⸗Dame. Er erwachte, fuhr im Bett auf und trocknete ſich den Angſtſchweiß von der Stirn. — Gott ſei Dank, es war nur ein Traum! mur⸗ melte er, legte ſich wieder zurück und ſchlief von Neuem ein. VII. Die Mnske. Mit Andacht betrachtete Armand die rieſige Säule auf dem Vendome-Platz mit dem eiſernen Napoleon auf ihrer Spitze, als er ſich zur feſtgeſetzten Zeit zu dem Rendez⸗vous einfand. Es war erſt ein Viertel auf acht Uhr; unſerem Helden aber war die Viertel— ſtunde, die er bereits auf dem Platze verbracht, wie eine Ewigkeit vorgekommen. Sich die Zeit vertrei— bend, wanderte er zwiſchen den beiden Ecken des Platzes hin und her. An einem der letzteren ſtand ein Händler mit alten Kleidern, der mit blühenden Redensarten ſeine alten Kleidungsſtücke empfahl und ſich auf dieſe Weiſe ein Auditorium von etwa zwanzig Perſonen heran gezogen hatte. Der Mann hatte ein bleiches Geſicht, ſein Körper aber ſchien ungewöhnlich grobe und fette Di⸗ menſionen zu beſitzen. Bei näherer Beſichtigung jedoch Armand. I. 9 130 überzeugte man ſich, daß dieſes wenig proportionirte Verhältniß daher kam, daß er ſein halbes Waaren⸗ lager auf dem Leibe trug. In demſelben Maße, in welchem er ſeine alten Waaren los ward, wurde auch er immer ſchmaler und ſchlanker; endlich— und dies beweiſt ſeine guten Ge— ſchäfte— ſtand er im Hemde und Beinkleidern da, und entfernte ſich unter lautem Gelächter der An⸗ weſenden. Armand lachte mit, fühlte ſich aber zugleich von einer der in dem Haufen ſtehenden Perſonen geſtoßen. Er führte unverzüglich die Hand dahin, wo er die Berührung fühlte und kam gerade zu rechter Zeit, um eine andere Hand zu faſſen, in welcher er ſein eigenes kleines Terzerol erkannte. — Was ſoll das? fragte er Denjenigen, welchem die Hand gehörte, eine Perſon, welche den beſſeren Volksklaſſen anzugehören ſchien. — Ich bitte um Verzeihung! ſtotterte dieſer, ließ das Terzerol auf die Straße fallen und ſuchte ſich fort zu ſchleichen. — Sie hätten es lieber geſehen, wenn dieſer Gegen⸗ ſtand eine Börſe geweſen wäre? fragte Armand, in⸗ dem er, ſelbſt etwas verlegen, ſich hinabbeugte, um das Terzerol aufzuheben, das er ſchnell verſteckte. ————————————— 131 Durchaus nicht geneigt, ſich unter ſolchen Verhält⸗ niſſen mit einem Taſchendiebe weiter zu befaſſen, eilte Armand auf die andere Seite des Platzes. Hier fiel ſein Blick zufällig auf zwei männliche Geſtalten, die ihm begegneten. Da der Schein des Mondes auf die Geſichter derſelben fiel, ward es ihm leicht, ihre Züge zu erkennen. Der Eine von ihnen war derſelbe, welcher ſoeben mit ſeinem Terzerol Bekanntſchaft gemacht; der An⸗ dere ſchien ebenfalls ihm nicht unbekannt zu ſein. Dieſer Letztere trug einen niedrigen ſchwarzen Hut mit breiten Krempen und einen langen Rock, wie ihn die Prieſter zu tragen pflegen. Armand blieb ſtehen, um ſein Gedächtniß anzu— ſtrengen. Dieſes bleiche, ſchwarzbärtige Geſicht hatte er be— reits geſehen; es war, als gehe ihm ganz plötzlich ein Licht auf. — Sollte er es wirklich ſein? rief er für ſich— Nein, es iſt nicht möglich!... Und dennoch ſieht er dem Prieſter, meinem Nachbarn, ſo ähnlich, wie ein Ei dem anderen! In dieſem Augenblick ſchlug es 8 Uhr. Armand eilte nach der nördlichen Seite der Ven—⸗ dome-Säule. Hier fand er einen verdeckten Wagen 132 mit zwei Pferden und einem Kutſcher auf dem Bocke. Vor der halb geöffneten Wagenthür ſtand eine weib⸗ liche Geſtalt in Mantel und Hut, von welchem letzte⸗ ren ein großer Schleier herab fiel. Armand näherte ſich unerſchrocken dieſer Dame, welche, den Schleier ein wenig zur Seite ſchiebend, ihn mit einem Auge firirte. — Mein Herr, Sie erwarten Jemanden? fragte die Unbekannte mit leiſer Stimme. — Ja! antwortete Armand, indem er ſich frucht⸗ los bemühte, durch den Schleier das Geſicht zu ent⸗ decken, das noch durch eine ſchwarze Larve bedeckt war. — Wen erwarten Sie, mein Herr? fragte ſie abermals. — Einen Wagen mit zwei Pferden, der um 8 Uhr hier an dieſer Säule halten ſollte! antwortete Armand. Eine maskirte Dame ſollte mir einen Platz in dieſem Wagen bieten. — Richtig! flüſterte die Dame. Sie ſind der Rechte... Haben Sie die Güte, einzuſteigen! — Ich danke Ihnen, komplimentirte Armand. Aber Sie erlauben mir wohl, Ihnen erſt beim Ein⸗ ſteigen behülflich zu ſein! — Sie ſind ſehr galant! antwortete die Dame, die dargereichte Hand annehmend. 133 Die maskirte Dame ſaß jetzt im Wagen. — Mit Ihrer Erlaubniß ſetze ich mich an Ihre Seite, ſagte Armand, indem er in den Wagen ſprang und neben ihr Platz nahm. In demſelben Augenblick gab der Kutſcher den Pferden die Peitſche und der Wagen jagte davon. Armand erinnerte ſich nicht, jemals ſo bequem ge⸗ fahren zu ſein; da er aber noch niemals in Geſellſchaft maskirter Damen ſpazieren gefahren, war ſeine Lage eine höchſt ſonderbare. Das Bequeme und Angenehme hört auf dieſes zu ſein, ſobald man nicht nach ſeinem Belieben fahren kann, wohin man will. Armand fühlte dies; indeß ſtörte ihn ſehr bald ein Seufzer aus ſeinen Betrach⸗ tungen. — Mein Herr, begann endlich die Unbekannte, Sie haben ſich bisher mit großer Bereitwilligkeit der gegebenen Ordre unterzogen! — Mit großer Bereitwilligkeit? wiederholte Ar⸗ mand. Das glaube ich ſchon! Man bietet mir einen Wagen, in welchem ein Prinz zu fahren ſich nicht ge⸗ niren würde; man bietet mir eine Geſellſchaft, die— 134 — Mein Herr, ich habe etwas Wichtiges ver⸗ geſſen! unterbrach ihn die Dame. — Und was, wenn ich fragen darf? — Sie erinnern ſich wohl noch einer weiteren Vorſchrift? — Daß man mir die Augen verbinden ſolle... Wer könnte etwas ſo Wichtiges vergeſſen! — Haben Sie alſo die Freundlichkeit, dieſes Tuch zu nehmen... Sie ſollen ſich damit ſelbſt die Augen verbinden. — und Sie halten mich für ehrlich genug⸗ daß ich dies gewiſſenhaft thun werde? — Ja! — Im Grunde weiß ich nicht, wozu dies dienen ſoll, denn Neugier gehört nicht zu meinen Schwächen. — Ich weiß wohl, daß es überflüſſig iſt, aber da einmal die Vorſchrift ſo lautet... — So muß man ihr gehorchen!... Damit Sie aber durch mich nicht in Ungelegenheiten kommen, ſo folge ich dem Befehl! Was hilft es mir auch zu ſehen, wenn ich neben einer neidiſchen Larve ſitze! Armand hatte, als er das Tuch nahm, große Luſt, die Hand zu drücken, welche ihm dies reichte; aber er ſah ein, daß es unverſtändig, den Domeſtiken die Cour 135 zu machen, wenn man den möglichen Händedruck einer Herrin in Perſpective hat. Eine kleine Pauſe trat ein. — Ich ſagte vorhin, daß die Neugier nicht zu meinen Schwächen gehöre, begann Armand wieder; aber ohne Ihrem Zartgefühl zu nahe zu treten, möchte ich mir doch die beſcheidene Frage erlauben, wie es für einen Unbekannten möglich geweſen, meine Woh⸗ nung zu finden! — Sie wohnen ſehr entlegen, mein Herr! — Ohne Zweifel! — und was noch ſchlimmer: Sie wohnen in einer ſo unheimlichen Gegend der Stadt! — Sie meinen wegen der Spukgeſchichten? — Sie wohnen in dem Spukhauſe ſelbſt und in dem Garten dort... hu, ich zittere noch, wenn ich daran denke, daß ich... — Durch den unheimlichen Garten ſpazieren mußte, ſetzte Armand hinzu... Glauben Sie mir, ich ſehe Ihnen die Angſt an, welche Ihnen dieſer Weg ver⸗ urſachte! — Man hat Sie zwei Tage hindurch geſucht, verſicherte die Maske. Als man Sie durchaus nicht zu Hauſe finden konnte, beſchloß man, Ihnen einige Zeilen zu hinterlaſſen. 136 — Dieſe entzückenden Zeilen! rief Armand aus. — Dieſe Zeilen haben Sie ſo glücklich gemacht? fragte die Maske nicht ohne einen gewiſſen Schmerz im Ausdruck.... Man befürchtete indeß, daß dieſe Zeilen in die Hände irgend einer dritten Perſon ge⸗ rathen könnten! — Das hat keine Gefahr! verſicherte Armand. Wenn man mit Geſpenſtern zuſammen wohnt, wird man durch keinerlei andere Beſuche geſtört. In dieſem Augenblick hielt der Wagen. — Wir ſind zur Stelle! ſagte die Maske. — Und was habe ich jetzt zu thun? fragte Armand. — Steigen Sie aus und folgen Sie mir alsdann. — Und die Binde? — Laſſen Sie ſitzen, bis man Sie bitten wird, dieſelbe abzulegen. Armand hörte, wie die Wagenthür von außen geöffnet ward. — Sie ſind ſchon ausgeſtiegen? fragte Armand. — Ja. Ich bitte, mir Ihre Hand zu reichen! antwortete die Maske. Geleitet von der zarten kleinen Hand der Dame kam Armand vor eine Treppe, und über dieſe in einen Garten, was er aus dem Kniſtern der Zweige um ſich her entnahm. 137 — Wir kommen jetzt an eine kleine Brücke! be⸗ merkte die Führerin. — Wohin führt ſie? — Ueber einen Teich! — Und in dem Teiche ziehen vermuthlich Schwäne, ſagte Armand ſcherzend. Es wird hier mit jedem Schritte romantiſcher. — Wir befinden uns abermals vor einer Treppe, ſagte die Führerin, als ſie die Brücke paſſirt. — Es giebt hier viel Treppen in dieſem Garten, wie mir ſcheint? — Dieſe aber führt abwärts.... Seien Sie vorſichtig! — Der Garten hier ſcheint in der That nicht zur Promenade für Blinde angelegt zu ſein!... Wenn ich nicht irre, ſtehen wir abermals vor einer neuen Treppe! — Allerdings! Dieſe aber führt aufwärts und iſt ſehr lang. — Wir kommen alſo dann wohl zu einem Hauſe? — Ja, mein Herr! — Prächtige breite Stufen, wie die eines Palaſtes! rief Armand aus. — Wir ſind auch in einem Palaſt. ————— 138 — Um ſo beſſer! Vornehme Damen müſſen immer in Paläſten wohnen. — Still! Wir ſind jetzt vor einer Thür! Armand hörte, wie ſeine Führerin einen Schlüſſel in die Thür ſteckte und dieſe öffnete. — Folgen Sie mir jetzt vorſichtig! flüſterte ſie ihm zu. — Ich folge! antwortete Armand ebenſo und ließ ſich wieder von derſelben Hand faſſen, die während des Spaziergangs mehr als einmal in der ſeinigen gezittert hatte. Armand, der große Theilnahme für die ſeufzende Unbekannte hatte, konnte nicht unterlaſſen, ihr einen tröſtenden Händedruck zu ſpenden. Sein gutes Herz ward aber auch belohnt, denn es war ihm, als ſtrahle das Antlitz der Maskirten vor Freude durch die Larve. Abermals eine neue Thür. — Wir ſind zur Stelle! flüſterte die Maskirte dem Blinden zu. — Um ſo beſſer! verſicherte Armand. Ich bin des Blindekuhſpielens wirklich überdrüſſig! — Wenn wir in das nächſte Zimmer getreten ſind, ſagte die Maskirte, ſo ſein Sie ſo gütig nicht von der Stelle zu gehen, auf der ich Sie laſſe. 139 — Sie wollen alſo von mir gehen? — Ja, mein Herr! antwortete ſie mit dem traurigen Ausdruck, der bereits vorhin Armand's Aufmerkſamkeit erregt und der mit dem Zittern der kleinen Hand ſo ſehr übereinſtimmte. — Und was mache ich dann? — Sie warten, bis man ſie erſucht, die Binde abzulegen... Jetzt kommen Sie, mein Herr! Dieſes„kommen Sie, mein Herr!“ klang wirklich ſo jämmerlich, daß Armand ganz ſonderbar zu Muthe ward. — Dieſe Dame, dachte Armand, maskirt nicht nur ihr Antlitz, ſondern auch ein Gefühl, deſſen ſie nicht mächtig iſt!... Indeß fand er nicht lange Zeit zu überlegen, denn er fühlte, wie ſeine Füße ſich auf einer weichen, elaſtiſchen Matte ſchaukelten, während ſeine Sinne in paradieſiſchen Wohlgerüchen faſt be⸗ rauſcht wurden. — Vergeſſen Sie nicht, die Binde ſo lange zu behalten, bis man Ihnen befehlen wird, ſie abzunehmen! ſagte ſeine Begleiterin, diesmal aber mit einem Aus⸗ druck kalter Gleichgiltigkeit, der bedeutend von der Tonart abſtach, in der ſie vorhin geſprochen. Armand hörte, wie ſie ſich entfernte; er hörte eine Thür öffnen und ſchließen. Dann ward es ſtill um ihn her wie in einem Grabe. 140 Armand blieb unbeweglich an dem Platze ſtehen, auf welchen man ihn hingeſtellt hatte. Schließlich aber ward ihm dieſer Zuſtand der Hitze und der betäubenden Wohlgerüche wegen unerträglich, denn das Blut drang ihm zu Kopfe. — Sie ſind ein wahrhafter Ritter, junger Mann! hörte er noch zu rechter Zeit eine Stimme. Ohne die Dame zu kennen, welche Ihnen Befehle ertheilt, gehorchen Sie ihr blind. Jetzt aber ſind Sie genug geprüft; ich erlaube Ihnen, die Binde abzulegen. Armand ließ ſich dies nicht zwei Mal ſagen. Aber die Verwirrung, welche die Hitze und die Wohlgerüche bisher in ſeinem Kopfe angerichtet, waren nichts gegen die Ueberraſchung, welche ſich ſeinen Augen darbot. Er befand ſich im Schooße der ausgeſuchteſten morgenländiſchen Pracht; aber die Spiegel, die Kryſtall— kronen, die geſtickten Tapeten und Teppiche wurden noch von dem Gemälde verdunkelt, das ſich ganz in unmittelbarer Nähe darbot. Grade vor ihm, in einer Entfernung von kaum zwei Ellen, erhob ſich ein ſehr niedriger aber breiter Sopha von Seidenplüſch mit eingewebten kleinen Gold⸗ blumen, auf deſſen ſchwellenden Kiſſen in halb ruhender Stellung ſich die bezaubernde Geſtalt eines jungen Weibes in einem Gewande von üppigen Spitzen zeigte, 141 deren Hals und halb entblößter Buſen durch ihre blendende Weiße den Jüngling noch confuſer machten, als er bereits war. Der Nacken der Schönen war halb umſchloſſen von einem feinen weißen Häubchen, deſſen reiche Blonden⸗ ſpitzen das Haar gänzlich bedeckten und jede Locke verhüllten, als bedürfe es gar nicht dieſes Theiles der weiblichen Reize, um des Sieges gewiß zu ſein. Aber nicht nur das Haar war bedeckt, auch die Augen, die Naſe und die obere Hälfte der Wangen ſteckten unter einer Halbmaske von Sammet, und ſo mußte der Jüngling ſich alſo mit der Schönheit der Stirn, des Mundes und des Kinnes begnügen, die über den Reſt des Antlitzes gar keine Zweifel ließen. Was außerdem noch dazu beitrug, den jungen Mann in die höchſte Verwirrung zu bringen, waren die von goldgeſtickten Pantoffeln eingefaßten Füße, die gekreuzt auf einem Atlas⸗Schemel lagen, ſowie die ſchneeweißen ſchönen Hände, von denen die eine den etwas zurückgelehnten Nacken ſtützte, während die andere über die Sophaecke herabhing. Das Allerſchönſte und Ver⸗ führeriſche an dieſer Geſtalt waren indeß die ſchwarzen, feurigen Blicke, die unaufhörlich aus der ſchwarzen Larve heraus blitzten und ein gefährliches Feuer auf den armen Jüngling richteten. 142 Die Sirene ſchien ſich an der Verlegenheit und der zunehmenden Verwirrung Armand's zu weiden. — Welch' ein ſchöner Junge! ſagte ſie zu ſich ſelbſt. Er erröthet wie ein Mädchen!.... Mein Herr, ſetzte ſie laut hinzu, man hatte Ihre Augen in tiefe Nacht gehüllt, und ich finde es daher ganz natürlich, daß das Licht Ihre Augen blendet..... Nehmen Sie Platz neben dem Divan hier, wenn Sie zu ſchüchtern ſind, ſich hier auf den Schemel zu meinen Füßen zu ſetzen! Armand rührte ſich nicht von der Stelle. — Nein, ſagte er, Sie irren, wenn Sie glauben, daß der Wechſel von Dunkelheit und Licht meine Augen geblendet; Sie ſelbſt ſind es, Madame, Ihre Schön⸗ heit iſt es, die mich verwirrt, und dennoch.. dennoch.. .— Aber warum nehmen Sie denn nicht Platz, mein Freund? unterbrach ihn die Schöne. Warum unterbrechen Sie dieſes artige Compliment mit einem Dennoch? — Ich dachte eben daran, daß mir an dieſem Abend das wunderbarſte Abenteuer meines Lebens be⸗ ſchieden worden! — Uud was finden Sie Wunderbares daran? 143 — Weil es eine Maskerade von Anfang bis zu Ende iſt! antwortete Armand, ſich ermannend. — Sie meinen die ſchwarzen Larven, mein Herr! Aber wie können Sie ſchon vom Ende ſprechen? Sind Sie im Stande, dieſes Ende ſchon zu errathen? fragte ſie mit dem bezauberndſten Lächeln, das je den Mund eines Weibes umſpielt. — Die Dame, welche mich hierher führte, war maskirt; die Dame, zu welcher man mich geführt, iſt maskirt! fuhr Armand hartnäckig fort. — Aber, mein Gott! rief die Dame, ſich heftig aus ihrer halbliegenden Stellung aufrichtend. Ich glaube faſt, Sie fordern eine Erklärung von mir! Doch ich vergeſſe, daß Sie noch faſt ein Kind und ganz unbekannt mit der Welt ſind! Ich muß Sie wohl belehren!.... Aber laſſen Sie ſich nicht zum vierten Male auffordern, Platz zu nehmen! Die Dame machte eine Bewegung mit der Hand zum Stuhl; dieſe war unwiderſtehlich; Armand ſetzte ſich. — Himmel, was ſehe ich! rief ſie plötzlich, den Blick auf Armand's Taſche geheftet; denn während dieſer Platz nahm, fiel ihr Auge zufällig auf den Kolben des Terzerols, das aus ſeiner Taſche heraus⸗ ſchaute.... Sie tragen Waffen bei ſich! Sie — x—— 144 erſchrecken mich! fuhr ſie fort, indem ſie ihren Gaſt mißtrauiſch fixirte. Stotternd und erröthend geſtand ihr Armand, daß in einer Zeit, in welcher die Parteien gewiſſermaßen bewaffnet einander gegenüber ſtänden, er es für zweck⸗ mäßig gehalten habe, ſich nicht ohne Vorſicht in ein Abenteuer zu vertiefen, deſſen Natur er unmöglich habe voraus wiſſen können. Welch' eine Kinderei! rief die Dame. Geben Sie mir das Terzerol! — Ich muß Ihnen geſtehen, daß es geladen iſt! Amor's Köcher iſt nicht für Terzerole eingerichtet. Armand legte die Waffe auf den Tiſch und nahm ſeinen Platz wieder ein. — Vom erſten Augenblick, wo ich Sie ſah, be— gann jetzt die Sirene, kam es mir vor, als gehörten Sie nicht dem Stande an, welchen ihre Blouſe an⸗ deutet. Sie konnten ein Räuberhauptmann oder ein Prinz von irgend einer Seitenlinie ſein..... Sie wiſſen, daß wir keinen Mangel an dergleichen Prinzen haben. Sie wiſſen, daß es z. B. bekannt, wie Emil Girardin unſren Ludwig Philipp Onkel nennen und daß der Redacteur der„Preſſe“ unſerer tugendhaften Prinzeſſin Adelaide die Hand küſſen und rufen könnte: 4 ℳ— ℳ₰,.—8 „Mutter, — Ah, Sie ſind Legitimiſtin, Madame! ſagte Armand. — Und Sie, wie es ſcheint, Republikaner! ant— wortete die Dame... Doch, ſetzte ſie hinzu, indem ſie ihm mit Wärme die Hand drückte, laſſen wir die Politik und ſprechen wir von etwas Anderem. Sie äußerten vorhin Ihr Mißvergnügen darüber, daß man Sie auf eine Maskerade geſchickt, fuhr ſie fort, während Armand von dem Schreck ſich erholte, den ihm dieſer Händedruck bereitet. Hören Sie mir auf— merkſam zu und ſein Sie überzeugt, daß ich nicht Je⸗ den einer Erklärung meiner Handlungsweiſe würdig erachten dürfte! — Ich bin Ihnen dankbar für Ihre Güte, ant⸗ wortete Armand, dem es immer glühender um das Herz wurde, denn der Druck ihrer Hand, welche die ſeinige nicht fahren laſſen wollte, ward immer heißer und heißer. — Wenn ein Weib ſein Antlitz maskirt, begann ſie, ſo geſchieht dies entweder, um ihre Häßlichkeit zu verbergen, oder auch aus inneren, vielleicht noch wich⸗ tigeren Gründen. Um Sie zu beruhigen, bitte ich Sie, überzeugt zu ſein, daß das Erſtere hier nicht in Armand. I. 10 N— ——— — —— 6 3 — Fvage kommen. ſagte. n einem. das den größten Zweifler hätte überzeugen können⸗ Nur — von Ihnen wird es abhängen, ob Sie in einer Zu⸗ die vielleicht nicht ſo fern iſt, das Antlitz ſehen — werden, welches ich Ihnen heute zu verbergen gezwun⸗ gen bin... Jetzt alſo zu den wichtigeren Gründen! Sie ſind ein Naturkind und ich will deshalb ebenfalls aufrichtig und natürlich gegen Sie ſein!... Durch einen Zufall hatte ich das Vergnügen, Ihnen zu be⸗ gegnen... — Ich weiß es! fiel Armand lächelnd ein. — Sie wiſſen es?... Unmöglich! rief die Dame mit ſichtbarem Erſtaunen. — Ich weiß es, Madame, denn es war bei der— ſelben Gelegenheit, wo ich zum erſten Male die Ehre hatte, Sie zu ſehen. — Noch einmal: es iſt unmöglich!... Bei wel⸗ cher Gelegenheit?... — Im Jardin des Plantes, Madame! — Im Jardin des Plantes?.... Und wann? — Vor etwa acht Tagen. — Ich bin ſeit vier Jahren nicht im Jardin des Plantes geweſen! — Nicht ſeit vier Jahren?... Alſo auch nicht vor acht Tagen? 147 — Nein, mein Herr! betheuerte die Dame mit einem Ausdruck vollkommener Gewiſſenhaftigkeit. Armand ſtarrte verblüfft die Sammetmaske an. — um Gotteswillen, wer ſind Sie denn? rief er in höchſter Verwirrung, denn Armand, welcher der Gaſt der ſchwarzen Schönen aus dem Jardin des Plantes zu ſein glaubte, fand ſich jetzt plötzlich vor einem ihm ganz fremden Weibe, deren aus der ſchwar⸗ zen Maske hervorblitzende Augen ihrer ganzen Geſtalt etwas Dämoniſches gaben. Er konnte ſich von dem Gedanken nicht los machen, ſich vor einem böſen Ge⸗ nius zu befinden, deſſen gefährliche Macht mit anderen Waffen als mit Dolchen und Terzerolen bekämpft werden mußte. Mit einem Worte: Armand ward es zum erſten Male in ſeinem Leben bange um's Herz. — Schweigen Sie, bis ich zu Ende bin! befahl die Dame mit Strenge. Sie entziehen mir Ihre Hand, Sie fliehen mich!... Sie ſind weniger als ein Kind, denn Sie ſind ein Thor! Sis ſind weniger als ein Thor, denn Sie ſind ein Mann ohne Muth! Armand ſah, daß die Dame in ſeinem Innern las. Er nahm alle ſeine Kraft zu einer trotzigen Miene zuſammen, aber dieſe mißlang total, denn er ſah ſich unter dem Einfluß eines Dämons. 10 148 — Ich ſah Sie, fuhr die Sirene nach kurzer Pauſe fort; mir gefiel Ihre männliche, kräftige Hal— tung, Ihr edles, ſeelenvolles Antlitz... Ihre Klei⸗ dung verrieth einen Arbeiter, aber die Art und Weiſe, wie Sie dieſelben trugen, gehörte nicht einem Manne aus der Volksmenge... Es ſchien mir, als ver⸗ dienten Sie ein beſſeres Loos; ich wollte Sie mit Dem überhäufen, was mir und was Anderen als ein Glück erſcheint, denn ich war dieſer betitelten und de⸗ corirten Götzenanbeter ſatt, deren ganzer Vorzug oft nur das Werk des Schneiders oder des Perrückenma⸗ chers iſt.... Mit einem Worte: ich wollte einen Mann nach meinem Sinn haben, einen Mann, der unverdorben an Seele und Körper, einen Mann, der als Entgelt für das Glück, das ich ihm biete, mir ſeine Dankbarkeit, ſeine ganze Ergebenheit ſchenkt... Ehe ich jedoch handle, wollte ich prüfen, denn ich durfte mich eines Mißgriffs nicht ſchuldig machen, um deſſent⸗ willen die Welt mich verlachen würde, ich wollte mich durch eine mögliche Prahlerei von Ihrer Seite nicht vor der Welt bloßſtellen.... Deßhalb, mein Herr, dieſe Vorſichtsmaßregeln, deßhalb dieſe ſchwarze Maske, die Sie nicht leiden können, weil dieſelbe Sie waffen⸗ los gegen mich macht! Während dieſer letzten Worte hatte ſich die erzürnte 149 Juno erhoben und einen blauen ſeidenen Mantel über ihre weißen Schultern geworfen. Sie that recht daran, denn wozu den Becher des Olymp einem Munde rei⸗ chen, der niemals nach dem Nectar gedürſtet. — Wir haben uns beide geirrt, fuhr ſie mit jenem Lächeln fort, das der Sieggewohnte niemals, ſelbſt nicht im Augenblick der Niederlage, verſäumt; Sie, als Sie Ihrem Glücke die Hand entzogen; ich, als ich ſeine Goldkörner auf einen unfruchtbaren Boden ſtreute Sie haben mich jetzt verſtanden und können nu gehen.... Ich habe Ihr Antlitz geſehen, aber ich werde ſchweigen; Sie haben das meinige nicht ge⸗ ſehen und werden alſo auch ſchweigen. — Und wenn ich auch Ihr Antlitz geſehen hätte, ſagte Armand mit unbeſchreiblich weicher Stimme, würde ich dennoch geſchwiegen und mein Geheimniß unverbrüchlich bewahrt haben, Madame! — Ich traue Ihnen ſo viel, wie ich allen Andern traue, ſagte der Dämon mit halb bitterem, halb höhni⸗ ſchem Lächeln. Indeß, Sie haben Ihre Freiheit wieder .. Der Wagen, der Sie hierher geführt, erwartet Sie, um Sie wieder zurückzubringen. — Sie ſind zu gütig! antwortete Armand, deſſen Eitelkeit etwas verletzt war, als er ſich ſo zur Thür =—————— 150 gewieſen ſah.... Ich gehe, aber... ſetzte er, im Zimmer umherblickend, hinzu. — Was ſuchen Sie? fragte die Unbekannte kalt. — Die Binde!... Dort iſt ſie ja! — Mir fällt da ein, daß ich Sie den ganzen Abend hindurch beläſtigt, Sie Ihrer Arbeit entzogen und Ihnen dadurch vielleicht einen Verluſt bereitet habe, den ich nicht gern auf meinem Gewiſſen be⸗ halten möchte..... Was kann ich für Sie thun? Sagen Sie mir aufrichtig, was Sie wünſchen! — Mein Wunſch iſt der: Haben Sie die Güte, mich durch die junge Dame, die mich hier herein ge⸗ führt, auch wieder hinausführen zu laſſen, denn es iſt ſchwer, mit verbundenen Augen über Treppen und Brücken zu marſchiren. Ich möchte Ihnen auch die Gewißheit zurücklaſſen, daß ich Ihren Palaſt nicht ge⸗ ſehen und ihn nicht wieder erkenne. — Ich danke Ihnen für dies Zartgefühl!.... Nehmen Sie dieſen Ring als Erinnerung an die ſonder— bare Maskerade, welche Sie heute erlebten! ſagte die Dame, indem ſie einen Diamantring von großem Werthe vom Finger zog. Armand näherte ſich der Unbekannten; anſtatt aber das koſtbare Präſent anzunehmen, ſchob er die feine Hand artig zurück. 151 — Sie werden mir dieſen Ring nicht geben, ſagte er, denn Sie könnten in der Zukunft Ungelegen⸗ heiten davon haben. Weiß auch Niemand von denen, mit welchen ich in Berührung komme, daß er an Ihrem ſchönen Finger geſteckt, ſo würde man ſich doch fragen, woher ich denſelben bekommen... Die Zeiten ſind wirklich der Art, daß ein Arbeiter, der mehr als ſein tägliches Brod beſitzt, als eine verdächtige Perſon erſcheinen muß.... Dahingegen bin ich über⸗ zeugt, daß Sie ohne Furcht etwas von mir an⸗ nehmen können. — Von Ihnen? fragte die Dame höflichſt er⸗ ſtaunt. — Ja, Madame, und zwar dieſes kleine, ſchöne Papier! antwortete Armand, ihr das roſafarbene Billet überreichend. Mit einem Ah! erfaßte ſie das Billet, ihre Hand zog ſich jedoch eben ſo ſchnell zurück, denn ihre kleinen Finger hatten die Hand des Jünglings berührt.— Ich danke Ihnen! rief ſie halb flüſternd.... Welch' ein Charakter! welch' ein Herz! ſetzte ſie für ſich ſelbſt hinzu.... Beantworten Sie mir noch eine Frage: Wie kam es, daß Sie auf Grund dieſes Billets von unbekannter Hand und ohne Unterſchrift ſich zu dieſem Rendezvous entſchloſſen? 152 — Weil ich glaubte, dies Billet komme von der Dame im Jardin des Plantes. In den Augenhöhlen der ſchwarzen Dame war es während der letzten Minuten ſehr dunkel geweſen, jetzt begann es wieder aus denſelben zu blitzen. — Dieſe Dame im Jardin des Plantes beſchäftigte Sie alſo fehr lebhaft?... Sie war wohl ſehr ſchön? — Gewiß war ſie bezaubernd, aber... — Sie war auch nicht maskirt wie ich? fiel die Unbekannte lachend ein. — Das war es nicht, was ich ſagen wollte, ver⸗ ſetzte Armand; ich dachte keineswegs an ihre Schön⸗ heit, als ich, in der Ueberzeugung, daß das Billet von ihr komme, demſelben folgte. — Und woran alſo dachten Sie? fragte die Dame, ihre Heiterkeit bemeiſternd, denn abermals erlitt die Schönheit eine Niederlage. — Ich wollte nur die Gelegenheit benutzen, um ſie zu warnen... — Und wovor? — Vor einer großen Eefahr, die über ihrem Haupte ſchwebt. — Vor einer Gefahr? fragte die Unbekannte, einen Schritt zu ihm thuend... Von welcher Seite droht ihr dieſe Gefahr? Worin beſteht dieſelbe? Dieſe Fragen verriethen mehr als bloße Neugier. Armand konnte nicht umhin, einen forſchenden Blick auf ſeine Wirthin zu heften. — Sie wollen nicht ſagen, worin dieſe Gefahr beſteht? fuhr ſie heftiger fort. Sie müſſen es! — Allerdings muß und will ich es, ſobald ich ihr begegne! — Und warum haben Sie die Dame nicht ſchon früher gewarnt? — Weil ich weder ihren Namen, noch ihre Wohnung kenne! In der größten Unruhe bin ich ſeit acht Tagen, ſeit jenem Tage, wo ich ſie im Jardin des Plantes ſah, überall umhergeſtreift; ich habe die öffentlichen Prome⸗ naden beſucht, Alles umſonſt... Stellen Sie ſich alſo meine Freude vor, als ich dieſes Billet empfing! — Und Sie wollen mir nichts von dieſem Ge⸗ heimniß ſagen? — Nichts, weil ich es nur der Dame ſelbſt ſagen darf! — Menſch, Du machſt mich wahnſinnig! rief die Dame, die jetzt nicht länger maskirt war. Die ſchwarze Sammetmaske lag auf der Marmor⸗ platte des vergoldeten Tiſches und bedeckte bei ihrem ſchleunigen Fall eine kleine Porzellangruppe, welche die Grazien der Mythe darſtellten. 154 — O, ich ahnte wohl, daß Sie es dennoch ſeien! rief Armand in höchſter Freude, denn anſtatt des ge⸗ fürchteten Dämon, ſah er jetzt ein bekanntes Antlitz vor ſich— Und was für ein Antlitz! — Ich habe mich meines einzigen Schutzes be⸗ raubt, ſagte die Dame mit ſchwacher, reuevoller Stimme; ſeit dieſem Augenblick hängt mein Ruf nur von Ihrer Ehrenhaftigkeit ab. — Er iſt alſo ungefährdet! verſicherte Armand. — Sie ſind ein edler Mann! flüſterte die Dame, ihr Haupt auf Armand's Schulter lehnend und den Arm um ſeinen Hals legend, vermuthlich, weil ſie in heftiger Gemüthsbewegung einer Stütze bedurfte. Indeß, wozu braucht man zu ſtehen, wenn man einen Divan und einen Fauteuil vor ſich hat! Die Wirthin nahm den erſteren ein, der Gaſt den letzteren. Eine artige Wirthin aber ſetzt ſich nicht in den Sopha und bietet nicht dem Gaſte den Stuhl; die Dame erſuchte alſo Armand, den kleinen Schemel zu ihren Füßen einzunehmen, ja ſie ließ es nicht bei der Einladung, ſie half ihm ſogar den Fauteuil verlaſſen und ſich zu ihren Füßen ſetzen. — Die Herzogin von Valliere hatte einen König zu ihren Füßen, begann jetzt die Unmaskirte, ich aber habe einen Republikaner.... Und dennoch möchte ich dieſen nicht gegen einen König vertauſchen! 155 Armand war nicht gefühllos für dieſes Compliment; er drückte einen dankbaren Kuß auf die ſchönſte Hand der Welt. Alsdann begann er ſeine Erzählung. Zu⸗ erſt ſprach er von dem teufliſchen Vorhaben des weißen Bären im Jardin des Plantes gegen die ſtolze Dame im Hermelinmantel; dann ging er zwei Jahre zurück und berührte die Scene zwiſchen der vornehmen Dame, der Wäſcherin, und dem Hunde, bei welcher Erzählung Armand ſeine Dame ſcharf fixirte. Armand brauchte ſeine Augen nicht allzuſehr anzuſtrengen, denn ſie hatte ihr Antlitz dicht an das ſeinige gebeugt, natür⸗ lich nur, um ſeiner Erzählung deſto aufmerkſamer lauſchen zu können. Anfangs ſchien die Dame ſich jenes Auftritts nicht entſinnen zu können, allmälig aber rief ſie ſich denſelben ins Gedächtniß zurück und ſchien gerührt. Was hätte ſie nicht Alles darum gegeben, wenn ſie jenen Unfall hätte ungeſchehen machen können; da dies aber zu ſpät war, wollte ſie wenigſtens eine Summe Geldes opfern zu einem glänzenden Grab⸗ ſtein für die arme Madelone, eine zweite Summe zu einem Lager für den weißen Bären, und Gott weiß, was ſie ſonſt noch Alles thun wollte. Wenn er ſich aber nicht mit dem begnügt, was ich zu thun mich erbiete? fragte ſie endlich. 156 — Er muß! antwortete Armand. Ich werde mit ihm ſprechen und auch mein Vater ſoll ihn über⸗ reden. — Wenn er aber nicht einwilligt?... Sie, mein edler Freund, haben ihn ja ſelbſt als den unverſöhn⸗ lichſten Menſchen geſchildert!.... Es iſt entſetzlich, ſich ſo beſtändig von einem ſolchen wilden Thier ver⸗ folgt zu ſehen!... Man müßte die Sache der Polizei anzeigen! — Und was könnte dieſe dagegen ausrichten? — Sie könnten ein wachſames Auge auf dieſen boshaften Menſchen haben. — Niemand würde der Polizei ſo leicht ein Schnippchen ſchlagen, als er! — So müßte man ihn verhaften laſſen! Es wird mir leicht ſein, einen Verhaftsbefehl gegen ihn aus⸗ zuwirken. — Aber er hat ja Ihnen noch nichts Böſes ge— than! wandte Armand ein. — Sie wollen alſo abwarten, bis es wirklich ge⸗ ſchehen? — Habe ich Ihnen nicht geſagt, daß ich Alles zum Beſten lenken will? In dieſem Grabſtein für Madelone liegt eine große Macht! Er wird ihn be⸗ ſänftigen. 157 — Und wenn er ſich nun nicht beſänftigen läßt?... Gewiß, das Beſte iſt, ihn verhaften zu laſſen! — Bedenken Sie, daß er der Freund meines Vaters und auch der meinige ſeit meiner Kindheit iſt! — So muß ich Paris verlaſſen!... Sie wollen, Armand, daß ich abreiſen ſoll?... Unmöglich! Ach Armand, Sie werden mir nicht ſtets ſo nahe ſein... Ach ja, Sie müſſen es!... Sie, der Sie mich ein⸗ mal vor dieſem wilden Thiere gerettet, werden es auch ferner thun. Von dieſer Stunde an.... O mein Gott! Die ſchönſte der Weiber war in dieſem Augenblick auch die beſorgteſte, und dies war ſehr erklärlich, denn es galt ja ihr Leben, ja noch mehr: es galt ihre Schön⸗ heit, welcher der weiße Bär ja eigentlich nachſtellte. Iſt es da ein Wunder, daß ſie in ihrer Angſt die runden Arme um des Jünglings Haupt ſchlang und dieſes Haupt an ihren Buſen drückte? — Von jetzt ab dürfen Sie mich nicht mehr ver⸗ laſſen! ſchwärmte ſie, ihre brennende Wange an Armand's ſchon ſo glühende Stirn legend... Nein, Sie können es nicht, denn Sie werden mich lieben, wie ich Sie liebe!... O, es iſt ja eine Wolluſt, eine Seligkeit, ſich von Dir geliebt zu wiſſen! Wie durch einen Zufall ſank in dieſem Augenblick das feine Blondenhäubchen von dem ſchönen unruhigen 158 Kopf und die ſchwarzen Locken fielen über Armand's glühendes Antlitz, wie die Nacht im Süden über den Tag herabfällt in dem Moment, wo dieſer des Himmels Gluth am eifrigſten genießt. Doch weit entfernt, dieſe Nacht zu fliehen, eilt man ſo gern in ihre Arme; man hüllt ſich in die bunte Welt der Träume, man ver⸗ gißt den Tag, der geweſen, der kommt; man hat genug an dem Schweigen, an den Sternen, an den Träumen! Joſeph gehört den Zeiten des alten Teſtaments an. Ein milde Gottheit, die nicht will, daß das neue Teſtament den ſeinigen entbehren ſoll, naht ſich im rechten Augenblick der Thür der modernen Potiphar und ruft durch dieſelbe mit einer zarten Stimme: — Madame! Madame! Die ſchöne Herrſcherin des Boudoirs zuckt aus ihren ſüßen Träumen auf, wirft abermals den blauen Seidenmantel über die Schulter und fliegt zur Thür. — Madame!.. Der Herzog! ruft dieſelbe Stimme. — Der Herzog! wiederholt auch die Dame. — Er will die Frau Marquiſe unverzüglich ſprechen! — Sagteſt Du ihm nicht, daß ich Niemanden empfange? — Ich ſagte ihm ſogar, Madame ſeien ausge⸗ fahren? — Nun? 159 — Er glaubt es nicht.. Der Herzog iſt durch den Garten gekommen und hat den Wagen geſehen, der draußen hält. — Wer heißt ihn durch den Garten kommen? — Der Herzog ſagt, er komme, um ſich eine mündliche Antwort auf das Billet zu holen, das er der Frau Marguiſe vor zwei Stunden geſchickt. — Ja, ja... Ich erinnere mich des Billets... — Es ſoll ſehr eilig ſein!... Was antworte ich dem Herzog? — Bitte ihn, mich im Salon zu erwarten.. Komm dann zurück!.. Eile! Die Dame mit dem Seidenmantel wandte ſich ſchnell von der Thür zurück, ſie legte den Zeigefinger auf den Mund und ſchien nachzudenken. Armand ſtand während der obigen Unterhaltung an dem Marmortiſch, die Hand auf denſelben geſtützt und betrachtete unruhig ſeine Wirthin. — Sie haben nichts zu fürchten, mein Freund! ſagte ſie lächelnd zu ihm. — Ich bin nur um Ihretwillen beſorgt, Madame! antwortete er. — Einfältiges Kind! In dieſem Augenblick hörte man ein Klopfen an derſelben Thür. 160 — Ich bin's, Madame! erklang draußen dieſelbe Stimme; der Herzog wartet im Salon! Die Dame näherte ſich wiederum der Thür und berührte einen Riegel; die Thür öffnete ſich und ein Mädchen trat ein, in welchem Armand ſeine Führerin erkannte. — Haſt Du die Larve vor dem Geſicht ge⸗ habt, als Du mit dem Herzog ſprachſt? fragte die Herrin. — Nein; ich lege ſie nur an, als ich eben ein⸗ trat, denn ich glaubte... — Es iſt unnöthig, Deniſe! Wir ſind beide ver⸗ rathen, wie Du ſiehſt! ſagte die Herrin lachend. Deniſe demaskirte ſich ebenfalls und Armand hatte alſo abermals eine Bekannte vor ſich. — Gieb Ordre, daß man die Pferde ausſpannt, Deniſe! — Herr Armand fährt alſo nicht? fragte Deniſe mit einer Stimme, welche Armand etwas unſicher vorkam. — Nein; Herr Armand geht auch nicht; er wird mit mir ſoupiren. — Haben Madame keine weiteren Befehle? fragte Deniſe kaum hörbar. — Nein! 161 Deniſe machte eine tiefe Verneigung und entfernte ſich mit bleichem Antlitz. — Kommen Sie! befahl die Herrin, als ſie allein waren. Sie erfaßte Armand's Hand und führte ihn durch eine verſteckte Thür in ein anderes Zimmer, das noch viel ſchöner und bedeutungsvoller als das vorige, denn es war daſſelbe Boudoir, in welchem wir dem Leſer kürzlich das lebende Bild gezeigt. — Bleiben Sie hier, mein Freund, während ich einen Herzog verabſchiede! ſagte die Dame mit großer Betonung. — Marquiſe! ſtotterte Armand, indem er ihre beiden Hände an ſeine Lippen fuͤhrte. — Vor der Welt Marquiſe Eulalie d'Eſtelle, ant⸗ wortete ſie; für Sie, für Dich aber nur.... Eulalie!... Du ſollſt glücklich ſein, mein Kind! Die Marquiſe Eulalie d'Eſtelle küßte den armen Gold⸗ und Silberarbeiter Armand Cambon und ver⸗ ſchwand durch die geheime Thür. Armand. I. IX. Gin Geheimniss. Armand war allein. Er holte tief Athem, denn es war lange her, daß er hiezu keine Zeit gehabt. Er rieb ſich die Augen mit den Fingern, denn es war lange her, ſeit er nicht recht klar hatte ſehen können. Aber Alles vergebens! Er glich einem Be⸗ trunkenen, der mit verſchleiertem Blick und zitternder Hand nach dem letzten Glaſe ſucht, fürchtend zu ſtraucheln, ehe er den letzten Tropfen geleert. Alles was ihn hier umgab, war auch keineswegs geeignet, ihn nüchtern zu machen. Das Boudoir war allerdings bei weitem nicht ſo glänzend erleuchtet wie das Kabinet, denn nur ein einziges Spermaceti⸗Licht brannte inmitten der Glaskrone; hiedurch aber erhielt das Gemach ein höchſt wunderliches und myſtiſches Ausſehen, denn von der Mitte der Decke, an welcher eine Broncehand die Krone hielt, liefen gleich Radien 163 die zahlloſen feinen Schatten oder Broncefäden aus, welche mit ihren aufgezogenen Kriſtallkugeln ſich durch die Krone wanden; dieſe Schatten zeichneten ſich zu⸗ erſt an der Decke und gingen dann, ſich in rechten Winkeln brechend, über die goldenen Leiſten an den hell— blauen Wänden und die an denſelben ſtehenden Möbeln bis zum Parket hinab, brachen ſich auch hier im rechten Winkel und liefen auf allen vier Seiten über die bunte Matte, auf welcher ſie ſich in einem großen, durch die Glaskrone gebildeten Schattenkranz wieder vereinten. Das Boudoir glich alſo einem künſtlich gearbeiteten Vogelbauer, zwiſchen deſſen ſchwarzem Gitter ein bunter Wirrwar von Tüllſpitzen und Seidendamaſt, von Silber und Gold in allen möglichen Brechungen und wunder⸗ lichen Formen hervorſchimmerte. Armand ſuchte, um ſich zu erholen, einen prüfenden Kennerblick auf die Gold- und Silberarbeiten zu werfen, unter welchen der Doilettentiſch ſeufzte; aber auf dem ſilbernen Deckel jedes Gefäßes, an dem goldnen Stöpſel jeder Kriſtallflaſche ſah er die weißen zarten Finger der Sirene. Er näherte ſich der goldnen Eſtrade, auf welcher das Bett ruhte, um ſich zu überzeugen, ob dieſe Krone unter den Möbeln nicht von wunder⸗ barerer Eigenſchaft als alle andern deſſelben Schlages ſei; aber kaum zog er die weißen, ſeidenbefranzten 1 164 Mouſſelingardinen zurück, als er ſtutzte, denn er glaubte in dem Halbdunkel ein lebendiges Geſicht ihm gegen⸗ über zu erblicken, das ihn von dem Innern des Bettes anſtarrte; und als er erſtaunt aufblickte zu dem Betthimmel, begegnete er demſelben ihn anſtarrenden Geſicht. Armer ulyſſes! Du haſt keine Minerva, deren Götterhand ſchützend über Deinem Haupte ſchwebt! Unvermuthet brechen ſich plötzlich einige der Zauber⸗ ſtäbe in dem Zauberkäfig; eine Thür öffnet ſich in der Nähe des Bettes und ein weibliches Weſen er⸗ ſcheint in dem Boudvir. Iſt es Calypſo, die ihren Ulyſſes ſucht? Iſt es Eulalie d'Eſtelle, die, nachdem ſie einen gedemüthigten Herzog verabſchiedet, kommt, um die goldnen Feſſeln um den Nacken eines freien Arbeiters zu legen? Nein, es iſt nicht Calypſo! Es iſt auch nicht die Marquiſe Eulalie d'Eſtelle, ſondern— Deniſe, die Kammerjungfer der Marquiſe! — Verzeihen Sie mir, Herr Armand! ſagte ſie mit zitternder Stimme. Armand, der in ſeinem Zauberboudvir alle ſeine Beſinnung verloren hatte, konnte unmöglich begreifen, was er hier zu verzeihen habe. — Herr Armand! fuhr ſie fort, als habe ſie keine „—„—„———— 7— ———+„— t! eln die die ſie ine ine 165 Antwort erwartet, Sie wundern ſich gewiß, daß ich hier in dies Boudoir komme? Armand, dem es durchaus nicht wunderlich erſcheinen konnte, die Kammerjungfer im Boudoir ihrer Herrin zu ſehen, war keineswegs erſtaunt. — Sie lieben alſo die Marquiſe? fragte Deniſe mit halber Stimme, da ſie ſein Schweigen für ein Zeichen des Mißfallens über ihr Eintreten hielt. Armand fuhr wie aus einem Traume auf. Er hatte, wie alle Jünglinge von der Liebe einen höchſt ſublimen Begriff; das ſiedende, vulkaniſche Gefühl aber, welches ſich ſeiner augenblicklich bemächtigt, hatte durchaus nichts mit dieſem ſublimen Begriff gemein, denn dieſes verhielt ſich etwa wie das Heulen einer Sturmglocke zu dem Geläute eines Dorfglöckchens. Er fühlte auch, daß ſich bei dieſer Mahnung Deniſe's die Stimme ſeines guten Genius in ihm regte, aber er beſaß nicht die Kraft, der des Böſen ſein Ohr zu verſchließen. — Es wird auch Ihnen ergehen, wie ſchon ſo manchen Andren! ſetzte Deniſe hinzu. Aber um Sie iſt es eine Sünde, denn Sie ſind ſo gut, ſo unſchuldig! — Was iſt denn ſo manchen Andren ſchon paſſirt? fragte Armand, ſich der ſonderbaren Zofe nähernd. — Geliebt und verſtoßen, umarmt und verachtet 166 zu werden; zu genießen und zu ſterben! antwortete Deniſe mit dem unheimlichen Ton einer Prophetin. Dies iſt ſo manchen Andern ſchon widerfahren, und dennoch waren dieſe reich und mächtig, während Sie, Herr Armand.. — Während ich...? fragte Armand, ſich ihr abermals nähernd. 5 — Während Sie, der Sie weder reich noch mächtig ſind, ſobald Sie fortgegeben und zernichtet zurück er⸗ halten haben, was Sie beſaßen, nämlich Ihr redliches, vertrauensvolles Herz, nichts mehr übrig behalten werden, als Kummer und grenzenloſe Verzweiflung. — Sie glauben alſo, daß die Marquiſe...7 — Sehr viel anders, als alle übrigen Weiber iſt, denn während dieſe eine Liebe bieten, die mit der Erde beginnt und mit dem Himmel endet, beſitzt ſie eine Liebe, die mit dem Himmel anfängt und mit der Erde... ja unter der Erde endet! Der junge Mann fühlte einen eiſigen Schauder durch ſeine Seele eilen, denn die Worte der Prophetin hatten in der That einige Verwandtſchaft mit der Ahnung, die ihn beſchlichen, ehe Deniſe eingetreten. — Und dennoch iſt ſie ſo ſchön! rief trotzdem Ar⸗ mand unwillkürlich aus; ihr Auge iſt ſo klar, ihr Mund ſo warm, ihre Worte ſind ſo glühend. —————— 167 — Wenn die Luft klar iſt, iſt auch die Seine klar, antwortete Deniſe, und man ſieht in ihrem Waſſer die Sonne und den Himmel ſich ſpiegeln; aber werfen Sie ſich hinein und Sie werden um Somf und Himmel betrogen ſein. — Aber, Mademoiſelle, was kann Si⸗ veranlaſſen, Ihre Herrin ſo zu beurtheilen, die... — Die mich mit Wohlwollen und Vertrauen überhäuft? fiel Deniſe ein. Ja, ich begreife wohl, daß dies Ihr Erſtaunen weckt! — Aber warum haben Sie, da Sie die Marquiſe kennen, nicht Andre ſchon früher gewarnt? fragte Armand, dem die Aeußerungen der Zofe doch etwas verdächtig zu werden anfingen. — So fragen Sie, Herr Armand!... O mein Gott, ich habe es Ihnen ja ſchon geſagt! — Was haben Sie mir geſagt? — Daß es eine Sünde um Sie wäre! — Und weshalb um mich mehr als um Andere? Soll man nicht Alle vor Betrug und Verrath ſchützen? — Wenn Sie wüßten, wie ſehr mich Ihre Frage in Verlegenheit ſetzt, Herr Armand! — Gleichviel, Sie müſſen mir Alles ſagen, wenn ich Sie nicht für eine Verläumderin gegen Ihre Herrin halten ſoll! 168 Deniſe erſchrak; ihr Antlitz entfärbte ſich; ihre Hand zitterte. — Wohlan denn! ſagte ſie, ſich Muth faſſend, mit ſchwacher Stimme und zu Boden geſenktem Blick. Ich warnte Sie, weil ich Sie lieber habe als die Uebrigen!.... Weil ich für Sie ein Gefühl hege, das ich, ja Herr Armand, ich geſtehe es, das ich für keinen Andren in der Welt hegen könnte! Der junge Mann that einen Schritt zurück. Er erinnerte ſich jetzt der Seufzer und des Händedrucks namentlich im Garten; er zog das abwechſelnde Er⸗ röthen und Erbleichen des Mädchens in Betracht und entnahm hieraus, daß die Zofe der Marquiſe ganz einfach ſich in den Gold- und Silberarbeiter Armand Cambon verliebt habe. Indeß ſelbſt dieſer uner⸗ fahrene Gold- und Silberarbeiter hatte bereits ſagen hören, daß die blondgelockte Liebe eine jüngere, brü— nette Schweſter, die Eiferſucht beſitze, und daß ſelbſt eine Kammerjungfer im Stande ſei, ihre Herrin um gewiſſe Vorzüge zu beneiden. Er beſchloß daher, hie⸗ nach ſeine Maßregeln zu treffen. — Ihre freundliche Aufmerkſamkeit ſchmeichelt mir ſehr, ſagte er kalt; aber ich kann nicht einſehen, in wie fern ich dieſelbe verdient habe. — Ach, er glaubt mir nicht! Er glaubt mir ————b 169 nicht! rief die verzweifelnde Deniſe, die wohl wußte, was ein ſo vornehmer Ton bedeutete. — Aber, beſte Mademoiſelle, fuhr der Geliebte der Marquiſe fort; Sie verlangen, daß ich ſo unend⸗ lich viel glauben ſoll, während Sie ſelbſt nicht das Mindeſte beweiſen! — Sie fordern Beweiſe? Und wenn ich Ihnen dieſe nun liefern könnte? — So würden Sie mich außerordentlich verpflich⸗ ten! verſetzte Armand mit jener Vornehmheit, die uns ſo leicht beſchleichen kann, wenn wir als Günſtling in dem Boudoir einer ſo noblen Dame ſtehen. — und wenn ich nun z. B. ſagte, daß die Mar⸗ quiſe verheirathet ſei? fragte die Zofe, ihren Ge⸗ ſellſchafter ſcharf fixirend. — Verheirathet! rief Armand, ohne zu Boden zu fallen. Ich glaubte, ſie ſei Wittwe. Dieſes nämlich glaubt ein Jeder von Damen beſſe⸗ rer Klaſſen, welche Gäſte empfangen, ohne dieſelben ihrem Gatten zu präſentiren, und Armand hatte ſeine Gründe gehabt, dies auch hier zu glauben. — Wohnt denn der Gatte der Marquiſe im Hauſe? fragte er trocken. — Nein! — So iſt er auf Reiſen?... Es iſt merkwür⸗ —————— ——— — ————— 4 170 dig, daß diejenigen, welche die ſchönſten Frauen haben, immer die größten Touriſten ſein müſſen! — Nein; er befindet ſich gegenwärtig in Paris. — In Paris? Und er wohnt nicht bei ſeiner Gattin? rief Armand mit etwas unſicherem Gewiſſen. Das Verhältniß zwiſchen den beiden Gatten iſt wohl nicht das beſte, da ſie getrennt leben? — Getrennt und dennoch nicht getrennt! — Wie belieben Sie? — Sie wohnen nicht zuſammen und ſehen ſich dennoch täglich. Die Perſon, welche die Marquiſe in dieſem Augenblick in ihrem Salon empfängt, iſt kein anderer als ihr Gemahl. — Der Herzog! — Ja, der Herzog iſt ihr Gemahl! — Aber weshalb läßt ſie ſich denn nicht Herzo⸗ gin nennen?.... Die Legitimiſtin pflegen doch be⸗ ſorgter um den Titel als um die Seele zu ſein! — Weil Niemand weiß, daß ſie vermählt ſind, außer dem Prieſter, der ſie getraut hat, und mir, die ich dies erſt vor einer Stunde erfahren, jedoch nicht von ihnen ſelbſt. — Sie ſind alſo heimlich vermählt? — Ja; es muß in Italien geſchehen ſein, wohin 171 ſie vor zwei Jahren reiſten und wo die Marquiſe zwei, der Herzog jedoch nur ein Jahr blieb. — Er verließ alſo ſeine Gattin? Sie aber reiſte ihm nach, um ihre Pflicht als ſolche zu erfüllen, und hieraus ſchließe ich, daß die Schuld nicht auf ihrer Seite iſt. — Ein Beweis, daß ſie ſich gut vertragen, iſt: daß der Herzog ſich in dieſen Tagen vermählen will. — Das heißt alſo: öffentlich mit der Marquiſe! Das finde ich in der Ordnung! — Nein, nicht mit der Marquiſe, ſondern mit einer Andren, die natürlich nicht weiß, daß der Her⸗ zog ſchon vermählt iſt! — Mit einer Andren! rief Armand, vor Erſtaunen gleichſam an den Boden genagelt. — Und die Marquiſe geſtattet dies nicht nur, ſondern redet ihm ſogar zu!.... Was ich Ihnen ſage, kann ich Ihnen bei Allem, was heilig iſt, be⸗ ſchwören! verſicherte Deniſe. Armand riß gewaltſam ſeine Füßen vom Boden los und begann mit langen Schritten das Zimmer zu meſſen. Endlich blieb er vor Deniſe ſtehen. — Aber das wäre ja eine Niederträchtigkeit! rief er aus. Das wäre ein Schurkenſtreich gegen eine dritte unſchuldige Perſon, ein Verbrechen gegen die das iſt unmöglich!... Du lügſt, Weib! — Ich lüge nicht; ich will es beweiſen, denn ich will nicht als Lügnerin vor Ihnen ſtehen! ant⸗ wortete Deniſe mit feſter Stimme.... Leſen Sie fuhr ſie fort, indem ſie ein Billet hervorzog und es Armand reichte. Ueberzeugen Sie ſich ſelbſt! Wäh⸗ rend Sie mit der Marquiſe allein waren, fand ich im Salon dies Billet, das ſie in ihrer Ungeduld, Sie zu finden, zu verbrennen vergaß, wie ſie es mit allen früheren derartigen Schreiben zu thun pflegte. Leſen Sie! Armand ſtand mit dem Billet unter der Glas⸗ krone da und las. Verſtand ſich Deniſe auf Phy⸗ ſiognomien(wie dies ſonſt die Zofen gewohnt) ſo mußte ſie in Armand's bleichem Antlitz Entſetzen und die höchſte Entrüſtung leſen, die je eine ſterbliche Bruſt erfüllt. Deniſe aber ſah in dieſem Antlitz nur den Schmerz eines Liebenden und dies entpreßte ihrer Bruſt einen halb unterdrückten Seufzer. — Die lebende Weihe! Die lebende Weihe! mur⸗ melte Armand zwiſchen den Zähnen; während Deniſe, welche die Naturgeſchichte der Vögel und der weißen Bären zu wenig ſtudirt, nicht begreifen konnte, was dieſe Aeußerung heißen ſolle... Ha, dieſer Buben⸗ 173 ſtreich! drückte ſich Armand deutlicher aus. Aber ich will ſie entlarven... ich will ſie vernichten! Hiermit that er einen Schritt zu der Thür, welche in's Kabinet führte. Deniſe, die jetzt vollſtändig zu begreifen anfing, eilte ihm nach, erfaßte ſeinen Arm und klammerte ſich an denſelben. — Unglücklicher! rief ſie aus. Sie wollen mich und ſich umbringen! Mich tödten, die ich das Ge⸗ heimniß verrathen; ſich, der Sie es kennen! Ich bin nicht das erſte Weib, das ihre Rache trifft, und Sie werden nicht der erſte Mann ſein! Um Gottes⸗ willen, beruhigen Sie ſich! Armand hielt inne, denn er fühlte Mitleid mit der Angſt des jungen Mädchens; gleichwohl beruhigte er ſich nicht. — Ich muß hinaus, muß fort aus dieſer Räuber⸗ höhle! rief er aus. Ich fürchte dieſe Räuberbande nicht, und deshalb will ich dieſem ſchändlichen Ver⸗ brechen zuvorkommen, das man im Sinne hat! — Still! Ich beſchwöre Sie, ſprechen Sie leiſe! bat Deniſe... Was wollen Sie thun?... Geben Sie mir das Billet zurück! Armand ſteckte daſſelbe in die Bruſttaſche. — Sie wollen mich verrathen! rief Deniſe, die Hände ringend. 174 — Nein, Niemand ſoll erfahren, daß Sie mir dieſen Brief gegeben, betheuerte Armand; Niemand ſoll wiſſen, daß Sie mir davon erzählt... Beruhi⸗ gen Sie ſich alſo, gutes Kind! — Aber was beabſichtigen Sie mit dieſem unſe⸗ ligen Billet zu thun? fragte Deniſe, durch ſeine freund⸗ lichen Worte etwas getröſtet. — Was ich auch damit zu thun beabſichtige, Sie werden nie in die Sache hinein verwickelt werden, antwortete Armand. Aber ſind Sie denn gezwungen, noch länger in der Nähe dieſes Ungeheuers zu bleiben? — Ach, ich bin ja mit den ſtärkſten Banden an ſie gefeſſelt! bekannte Deniſe. Ohne Sie wäre ich vielleicht ihre Mitſchuldige geworden, aber meine Freundſchaft, meine Liebe für Sie war ſtärker als meine Ergebenheit für die Marquiſe.... Dennoch würde ich ihrem Zorn trotzen können, wenn ich nur wüßte... Ach, Herr Armand... 1 — Aber wie ſoll ich hier hinauskommen, ohne ihr zu begegnen? fragte Armand, der jetzt einen Grund gefunden hatte, dieſes Haus zu verlaſſen. Ich darf ihr nicht begegnen! — Nein, nein, das dürfen Sie nicht! gab Deniſe eifrig zu, als fürchte ſie, daß eine ſolche Begegnung —— ——ÜꝓYũꝗôò—”—GA ů 175 Alles verändern könnte. Aber ſie wird toll darüber werden, daß ich Sie habe gehen laſſen! — Wie könnten Sie mich hindern, und wenn Sie auch alle Ihre Lakaien zu Hülfe nähmen! ant⸗ wortete Armand. Ich bin Mann und dazu bewaffnet! Die Marquiſe weiß, daß ich Waffen trage.. Sa⸗ gen Sie ihr, ich hätte Sie mit dem Terzerol gezwun⸗ gen, mir die Thür zu öffnen. — Aber was für Gründe ſoll ich für Ihre Ent⸗ fernung angeben? — Sagen Sie ihr, ich ſei unwohl geworden, ich ſei empört darüber geweſen, daß ſie mich allein ge⸗ laſſen, ſei wahnſinnig geworden, daß ſie mit einem andren Manne im Salon geblieben, mit dieſem Bu⸗ ben, dieſem Schurken!... Sagen Sie ihr, was Sie wollen! — So eilen Sie! ermahnte jetzt Deniſe, indem ſie dieſelbe Thür geöffnet, durch welche ſie gekommen. In dieſem Vorzimmer iſt eine Treppe, die zum Gar⸗ ten denſelben Weg führt, den Sie gekommen.. Aber wie ſollen Sie in der Dunkelheit zurecht finden! .. Ach wenn ich Sie nur begleiten dürfte? — Nein, nein, rief Armand. Ich habe Augen wie eine Katze, wie ein Tiger... Doch laſſen Sie mich ietzt, Deniſe; ſie könnte kommen! 176 — Ja, ſie könnte kommen!... Aber, wie und wo kann ich Sie treffen, Herr Armand, um Sie zu unterrichten, um Ihnen zu ſagen...2 — Allerdings werden wir uns treffen!... Alſo von dieſem Flur? — Ach Armand! — Gute Nacht, mein braves Mädchen!.... Ich werde nie vergeſſen... Hier iſt ja die erſte Treppe! — Ich könnte ja Alles für Sie thun, Armand! — Sie ſind zu gütig!... Dieſe Treppe alſo, ſagen Sie, führt zum Garten? — Und Sie werden mich nie vergeſſen, guter Armand? — Verlaſſen Sie ſich auf meine Dankbarkeit!... Gute Nacht! — Treue in Leben und Tod! rief die exaltirte Zofe. — Schreien Sie jetzt, damit man glaubt, ich wolle Sie umbringen! rief Armand, indem er die Treppe hinab ſtürzte. Die tiefſte Dunkelheit herrſchte im Garten. Armand konnte den Weg nicht finden, er ſprang jedoch über Hecken und Rabatten, ohne etwas Andrem als ſeinen Kleidern Schaden zu thun, denn der Herbſt hatte be⸗ reits Blätter und Blumen hinweg gepflückt. Er fand FTꝓÜũñ“Ü“˙ ˖““ÜÜ ˙ ˙ Ü“ ÜÜ“ Ü Ü 177 ſich mit den Brücken nicht zurecht und ſprang deshalb über die Gräben; er entdeckte keine Pforte im Garten und deshalb ſprang er über die Mauer deſſelben. Es regnete und ſtürmte auf ſeine dunklen Locken herab, denn ſein Hut war als Entgelt für die ſchönſte der Eroberungen in dem Kabinet liegen geblieben. Unſer Held befand ſich, was das Aeußere betraf, im jämmerlichſten Zuſtande; aber eine innere Stimme hielt ihn ſchadlos für alle ſeine Opfer und machte ihn zufrieden mit ſich ſelbſt. Anſtatt alſo traurig zu ſein über den ſchmählichen Ausgang eines Abenteuers, das ſo brillant begonnen, freute er ſich darüber im Innerſten ſeines Herzens, und in ſeiner Freude ſegnete er Regen, Nacht und Sturm. Armand. JL. 12 X. Mndelone's Grabſtein. Paris, wo Alles einen großartigen Maaßſtab hat, beſitzt natürlich auch Niederlageplätze für Weine(entre- pots des vins), die hierin mit allem Uebrigen über⸗ einſtimmen. Einen ſolchen von ungeheurer Größe, der über und unter der Erde mindeſtens 175,000 Faſtagen bergen kann, finden wir ganz in der Nähe des Jardin des Plantes. Die Gebäude ſind weit und alterthümlich, die Kellereien von enormem Umfang! man behauptet, daß auch an dieſem Ort ein Kloſter geſtanden. Am Morgen nach jener Nacht, in welcher wir Armand über die Hecken ſpringen ſahen, eilte der junge Mann in ſeiner gewöhnlichen bunten Blouſe zwiſchen den Faſtagen dieſes Niederlagsplatzes dahin und fragte nach dem weißen Bären, der ja, wie wir wiſſen, dem Stande der Weinträger angehörte. ————————— 178 — Guten Morgen, Vater Simon! rief Armand endlich, als er ſeiner habhaft geworden, ihm die großen Hände drückend. Ich habe Euch eine frohe Neuig⸗ keit zu erzählen! — Eine Neuigkeit? Das wäre! — Ihr erinnert Euch doch, daß ich Euch vor einigen Tagen beſuchte und mit Euch von einer ge⸗ wiſſen Angelegenheit ſprach. — Es war dieſelbe, von der mir auch Dein Vater Langes und Breites erzählte.... Höre mal, mein Sohn, grüße Deinen Vater und ſag' ihm, er ſolle ſich einen Schädel von Holz an Stelle deſſen machen laſſen, den er zu verlieren im Begriff iſt. — Simon, ſchmäht meinen BVater nicht! rief Ar⸗ mand aus. — Sonſt willſt Du mich freſſen, mein Sohn? fragte Simon laut auf lachend. — Das wäre mir ein hartes Gericht! meinte Armand. Sagt mir, Simon, habe ich denn gar nichts dieſer lebendigen Weihe zu antworten? — Der lebendigen Weihe! rief der weiße Bär, mit der Fauſt auf die Faſtage ſchlagend, daß dieſe zuſammen zu brechen drohte. Was ſagſt Du da von der lebendigen Weihe? — Ich hätte wohl viel von ihr zu erzählen, ant⸗ 12 180 wortete Armand; aber Ihr ſeid ja ſo unbändig, daß ich heute kaum mit Euch zu ſprechen wage. — Sollteſt Du ihr etwa begegnet ſein? fragte Simon mit mißtrauiſchem Blick. — Ja; ich bin ſogar bei ihr geweſen!... Was ſagt Ihr dazu, Vater Simon? — Wann warſt Du dort? — Geſtern! — Und wie kamſt Du dazu, mein Junge?... Wie konnteſt Du... wie wußteſt Du... Ach, jetzt verſteh' ich erſt! ſetzte Simon hinzu, ſich mit der großen Hand vor die Stirn ſchlagend. — Was verſteht Ihr jetzt? fragte Armand. — Deßhalb nur, um mich zu prellen, kam der Fuchs, der Thierwärter, vor einigen Tagen und wollte wiſſen, wer Du ſeiſt und wo Du wohneſt... Und ich Schafskopf ſagte ihm das Alles; ich ahnte nicht den Haken!... Aber ich werd's ihm vergelten! Ich will ihn lehren, mir die Würmer aus der Naſe ziehen! — Aber, Simon, weßhalb verdrießt Euch dies ſo ſehr? Der Mann hätte ja auch ebenſo gut von Andren meine Adreſſe erfahren können! — Haſt Recht, mein Sohn! gab Simon zu. Aber ſiehſt Du, ich wollte nur bemerken, daß doch Alles ſo gekommen iſt, wie ich voraus ſagte! Ich 181 behauptete, ſie werde dankbar gegen ihren Wohlthäter ſein, ſie werde Dich zu ſich laden, um Dich zu be⸗ lohnen... Wieviel Hände voll Louisd'vre hat ſie Dir gegeben, mein Kind?... Aber Du Schelm haſt be⸗ ſtimmt mehr als Gold erhalten... Ja ja, ſich nur nicht ſo böſe aus, denn es wäre ja nichts billiger als diel Die ſchönen Augen gehörten Dir gewiſſer⸗ maßen, weil Du ſie gerettet haſt... Die lebendige Weihe hackt gewiß nicht Allen die Augen aus, ſie wird auch ſchnäbeln und liebkoſen können... Du haſt wohl Urſach, vergnügt zu ſein, Armchen! — Ihr ſeid ein ſonderbarer Menſch, Simon! antwortete Armand mit einer gewiſſen Strenge im Blick. Ihr ſeid ſonſt ſo brav und gut, und doch ſeid Ihr im Stande, ein ſchwaches Weib zu verfolgen! Ihr betrachtet Jemanden, der einen Hund auf einen ſchwachen Menſchen hetzt, wie einen Verbrecher, und doch ſteht Ihr nicht an, ein andres, ebenſo ſchwaches Weſen den Zähnen eines Löwen auszuſetzen! Ihr wollt mit einem großen Verbrechen ein kleines ſtrafen.... Bei Gott, ich erkenne Euch nicht wieder, Simon! Der weiße Bär ſchlug ſchweigend ſeine Augen nieder; vielleicht fühlte er ſich durch die Worte ſeines Schülers getroffen. — Glaubt Ihr denn, daß es kein andres und 182 edleres Mittel gebe, den Schatten Eurer Madelone zu verſöhnen? fragte Armand. Der weiße Bär ließ ſeinen Blick am Boden haften. — Wenn ich Euch nun ein ſolches Mittel böte? fuhr Armand fort. — Und welches? fragte Simon mit einem ſcheuen Seitenblick. — Wenn ich z. B. ein ſchönes Lager für den weißen Bären und einen noch ſchöneren Grabſtein für Madelone hätte? — Für Madelone? fragte er ſanft, denn ſeine Stimme ward jedesmal weicher, wenn er von Madelone ſprach; und dies war eine Frucht jener Lehren und Ermahnungen, welche ihm Madelone einſt gegeben. — Ja, antwortete Armand. Als ich geſtern mit der Marquiſe über dieſe Angelegenheit ſprach, war ſie ſogleich bereit, zehntauſend Francs für Euch, lieber Simon, und fünftauſend für ein Grabmal für Madelone zu geben. — Weshalb zehntauſend für mich? fragte der weiße Bär. Weshalb nicht zehntauſend für den Grabſtein, und warum nicht Alles für Madelone? — Das iſt natürlich Eure Sache, erklärte Armand, denn wenn Ihr das Geld erhalten habt, könnt Ihr es ja verwenden, wie es Euch beliebt. — —————— 183 — Freilich!... Für fünftauſend kann man das prächtigſte Grabmal haben!... Haſt Du das Geld ſchon erhalten, Armchen? Deine Taſchen ſehen mir ſehr dünn aus! — Noch nicht, aber ich habe ihr Verſprechen! — Ja ſo, ihr Verſprechen!..... Hahaha! lachte der weiße Bär. — Ich geſtehe Euch, daß ich anfangs nicht ſehr ſtark daran glaubte; ich bin aber außer Zweifel, ſeit ich dieſes Billet im Schlüſſelloch meiner Stubenthür fand... Da, leſit! ſagte Armand, Simon ein roſen⸗ farbiges Billet reichend. Dieſer langte danach, ließ den Blick über die Schrift ſchweifen und gab es zurück. — Lies Du ſelber, Armchen! bat er. Es wird mir ſauer, dieſe zierlichen Handſchriften zu leſen! Der weiße Bär hatte Recht, denn er hatte es niemals für die Mühe werth gehalten, leſen und ſchreiben zu lernen, und konnte ſich alſo am wenigſten mit dieſen zierlichen Handſchriften abfinden. Armand that, als fühle er Mitleid für Simon's ſchwache Augen und las: Herr Armand Cambon! Ihr geſtriges ſchnelles Fortgehen machte eine Uebereinkunft hinſichts Ihres alten Freundes un⸗ 184 möglich. Derſelbe verdient ohne Zweifel die wärmſte Theilnahme, und welches Menſchen Herz möchte nicht gern Alles aufbieten, um ein ſo großes Un⸗ glück nach Kräften zu mildern! Was man daher geſtern verſprochen, will man heute bereitwillig er⸗ füllen. Sie erinnern ſich wohl, daß das Ihnen geſtern gegebene Verſprechen ſich auf Ihren Rath gründete, und da nun zu vermuthen iſt, daß Nie⸗ mand beſſer als Sie die Anſprüche dieſes ehren⸗ werthen, wenn auch etwas originellen Mannes kennt, ſo wird man mit Vergnügen auf Alles ein⸗ gehen, was Sie verlangen werden. — Lies das Billet noch einmal, Armchen! bat Simon mit ſehr zufriedener Miene. Armand erfüllte Simon's Wunſch. — Ich bin wirklich erſtaunt, daß es unter dieſer Klaſſe von Menſchen ſo viel Ehre und Gewiſſen giebt! ſagte der weiße Bär nachdenkend. — ſo i Fen Sing Steht kein Name unter den Lillt? — Nein; ſie kann hiezu ihre Gründe vielleicht thut ſie es aus Beſcheidenheit. — Ich danke Dir im Namen Madelone's, mein Junge! ſagte der weiße Bär gerührt. Ich danke Dir, 185 daß Du dieſes Weib vor den Zähnen des Löwen ge⸗ rettet; ich danke Dir ſogar dafür, daß Du mich nieder⸗ geſchlagen. Auch Madelone wird Dir danken, denn Du haſt wirklich ein edles Weib gerettet! — Ein edles Weib! murmelte Armand zwiſchen den Zähnen, denn er dachte an ein andres Billet, das er in der andren Taſche hatte. — Madelone hatte ihr verziehen, fuhr der weiße Bär fort; denn Madelone erhält ein Grabmal auf dem Pere Lachaiſe... Es iſt doch klar, daß es im Pere Lachaiſe ſtehen wird? — Gewiß, Simon! — Und das Grabmal wird eines der größten und ſchönſten auf dem ganzen Kirchhofe ſein! Ich werde es täglich beſuchen; es ſoll mein einziges Vergnügen n, demn Simon wandte ſich ab; er wollte die Rührung nicht ſehen laſſen, die ihn überwältigte. — Armand! ſagte er nach einer Pauſe, gieb mir das kleine Billet! — Was wollt Ihr damit? — Ich habe eine Idee! Ich will es in ein klei⸗ nes ſilbernes Käſtchen ſtecken und es in den Grund⸗ ſtein von Madelone's Grabmal legen! — Ein ſchöner Gedanke, Simon... Hier iſt es! 186 — Wo treffe ich Dich wieder, Armchen? fragte Simon, das Billet überglücklich zu ſich ſteckend. — Ich bin heute Abend bei meinem Vater... Adieu, Simon! Armand entfernte ſich, nachdem ihm der weiße Bär dreimal die Hand gedrückt. — ℳ XI. Der weisze Bür bekommt ein Tager. Am Abend machte ſich Simon auf den Weg nach Bicetre, um ſeinen Freund, den alten Cambon, zu be⸗ ſuchen. An der Pforte des Jardin des Plantes vor⸗ überkommend, hörte er plötzlich ſeinen Namen rufen. — Guten Abend, Monſieur Simon! rief ihn Ma⸗ thieu, der Thierwärter, an. Iſt Euch nicht Herr Carlion begegnet? — Herr Carlion? wiederholte der weiße B Weshalb ſollte ich ihm begegnen? — Nun, weil er nach Euch gefragt hat! — Wann? — Heute Mittag! — Was will er von mir? — Das wird er Euch ſchon ſelbſt ſagem ant⸗ wortete der Thierwärter mit Betonung. — Ich habe nichts mit ihm zu reden! * „ 188 — Wahrſcheinlich hat Herr Carlion aber mit Euch zu reden! Aergerlich wandte Simon Herrn Matthieu, deſſen heimliche Schadenfreude ihn entrüſtete, den Rücken und trat in der nächſten Straße in den Liqueurladen der Madame Moreau. — Man hat heute nach Ihnen gefragt, Monſieur Simon! rief ihm die Wirthin entgegen. Der weiße Bär ſchaute die Madame groß an; er erinnerte ſich der Worte des Thierwärters. — Nach mir gefragt? Und wer denn? — Herr Carlion! — Und wiſſen Sie nicht, was er von mir will? — Nein, Monſieur Simon!... Aber ſehen Sie nur, da kommt er ſchon ſelbſt! Der weiße Bär ſchaute zur Thür und ſah einen Mann eintreten in einem langen dunkelblauen Rock mit verſilberten Knöpfen, auf welchem ein Schiff, das Wappen der Stadt Paris, abgebildet war. Sowohl dieſer Rock als ſein dreieckiger Hut bezeichneten ihn als einen Sergent de Ville, einen Polizeiſergeanten, deſſen imponirende, hohe Geſtalt und ſtolze Haltung die Achtung einflößten, welche man ſeinem Amte ſchul⸗ dig war. 5 Monſieur Carlion nickte dem weißen Bären ———————— 189 freundlich zu, wie einem alten Freunde, trat dann an den Silbertiſch, ließ ſich einen Pflaumenliqueur ein⸗ ſchenken und bezahlte dafür ſeine 2 Sous. — Sie haben nach mir gefragt, Herr Carlion? — Ja, Herr Simon, antwortete der Sergent mit derſelben Freundlichkeit; ich habe heute wirklich mehr als gewöhnlich an Sie gedacht. — Sehr verbunden!... Aber Sie haben nicht nur an mich gedacht, ſondern mich auch geſucht! — Das gerade nicht; aber ich habe im Vorüber⸗ gehen Ihre Bekannte nach Ihnen gefragt. — Sie haben mir alſo etwas zu ſagen? — Ohne Zweifel! — Iſt es ſehr wichtig? — Weniger für mich, als für Sie, Herr Simon. — Ein Geheimniß? — O nein; wenn es Madame Moreau erlaubt, können wir gern davon ſprechen! antwortete der Ser⸗ gent, indem er ſich neben Simon auf einen Stuhl niederließ. — Nun, Herr Carlion? — Sind Sie neugierig? Haben Sie Ihren Freund Armand Cambon heute getroffen? fragte der Sergent. — Allerdings! antwortete Simon, Herrn Carlion ſcharf fixirend. — So hat er Ihnen vermuthlich geſagt, daß... daß ſich eine gewiſſe vornehme Dame ſehr für Sie intereſſirt? Der weiße Bär machte große Augen, auch die der Madame Moreau wurden größer als gewöhnlich. — Doch, das wiſſen Sie wohl ſchon durch Ihren Freund Armand Cambon? ſetzte der Sergent hinzu. — Ja, antwortete der weiße Bär, zitternd vor Freude; er hat mir ſchon erzählt... — Daß die Marquiſe d'Eſtelle etwas für Sie thun will? ergänzte Carlion, mit den Augen blinkend. Was ſagen Sie dazu? — Nun, Sie begreifen wohl, Herr Carlion, daß die Güte der Marquiſe mich außerordentlich rührt; ich bin weit entfernt, böſe auf ſie zu ſein... — Aber Sie waren doch ſehr böſe auf Sie, Herr Simon! Ihre Bosheit hätte ſogar für ihr Leben gefährlich werden können.... Jener Auftritt im Jardin des Plantes hätte einen ſchlimmen Aus⸗ gang nehmen können!„2 — Der Auftritt im Jardin des Plantes?.... Was für ein Auftritt? fragte der weiße Bär, zu klug, 191 um ſich von einem Stadtſergenten in die Karten blicken zu laſſen. — Die Marquiſe hat mir Alles erzählt, lieber Herr Simon, und auch der junge Cambon... — Was hat der junge Cambon erzählt? — Daſſelbe, was mir die Marquiſe ſagte! — Hat er erzählt? Armand Cambon ſollte er— zählt haben....7 — Daß Monſieur Simon eine große Vorliebe für den Löwen im Jardin des Plantes hegt. — Was? rief Simon, mit ſeiner breiten Fauſt ſich auf das Knie ſchlagend, daß Madame Moreau hinter den Buffet auf ihrem Stuhl in die Höhe fuhr. — Wie heftig Sie ſind! rief der Sergent mit der freundlichſten Stimme. Sie zürnen dem braven Jungen! Sie ſollten ihm doch dankbar ſein, denn was die Marquiſe für Sie zu thun gedenkt, iſt doch nur ſein Werk! Der weiße Bär beruhigte ſich, denn ſeine Gedanken kehrten wieder zu dem Grabmal zurück. — Sie ſind alſo mit dem zufrieden, was Ihnen die Marquiſe verſprochen? fuhr Carlion fort. — O ja; ich werde ihr ſogar ſehr dankbar ſein! — Das läßt ſich hören! Ich habe auch gleich 192 geſagt, daß Sie mit der großten Dankbarkeit ihren Wunſch erfüllen würden.. — Aber Eins verwundert mich doch, Herr Carlion! unterbrach ihn Simon. — Und was, wenn ich fragen darf? — Daß ſie ſich in dieſer Angelegenheit an Sie wandte! — Finden Sie das ſo ſonderbar? Die Mar⸗ quiſe hat doch das Recht, ſich zu wenden an wen ſie will. — Freilich! Alſo hat Sie Ihnen den Auftrag übergeben? — Natürlich, und ich werde das meinige zu einem glücklichen Ausgang beitragen. — Sie hat Ihnen alſo auch das Geld übergeben? Jü — Fünftauſend Francs? — So viel? fragte der Sergent ſichtbar ver⸗ wundert. — Allerdings.. Gerade fünftauſend! verſicherte Simon mit Eifer. — Und ſie hat Ihnen ſo viel verſprochen? — ueberzeugen Sie ſich ſelbſt! Hier iſt das Schreiben der Marquiſe! verſetzte Simon, ihm das Billet reichend. 193 — Ich leſe hier nichts von Fünftauſend Franc, Herr Simon! — Ich erinnere mich; es war Armand Cambon, der mir ſagte, ſie habe ſo viel zugeſagt. — Das muß ein Mißverſtändniß ſein, Herr Simon, denn die Marquiſe behauptete, der junge Mann habe ſelbſt die Affaire vorgeſchlagen und die Koſten be⸗ rechnet.... So viel iſt auch gar nicht nothwendig! — Nun meinetwegen, gab Simon zu; wenn es nur recht ſchön wird! — Sind Sie alſo fertig? fragte der Sergeant. — Fertig? Freilich bin ich fertig! — Und wo haben Sie Ihre Sachen? — Meine Sachen?... Allerdings habe ich eine Zeichnung auf dem Tapet! — Eine Zeichnung?... So haben Sie ſelbſt Ihre Marſchroute gemacht?... Um ſo beſſer! Wo haben Sie Ihren Koffer? — Meinen Koffer?... Sind Sie von Sinnen, Herr Carlion? rief der weiße Bär, aus vollem Halſe lachend. — Aber mein Gott, Sie wiſſen doch, daß der Eiſenbahnzug nach Lyon um halb zehn Uhr geht? — Was kümmert mich das, Herr Carlion? Armand. I. 13 194 — und daß man von Lyon nach Marſeille fährt? ſetzte dieſer ruhig hinzu. — Nach Marſeille? — und von da mit dem Dampfboot nach Algier! — Nach Algier? — Ich glaube, es geht dieſer Tage ein Schiff von Marſeille nach Algier, lieber Herr Simon. — Aber was kümmert mich denn das Alles? rief Simon, der nicht anders glaubte, als daß der Sergent mit ihm einen ſchlechten Scherz treibe oder den Ver⸗ ſtand verloren habe. — Hat Ihnen denn der brave Armand Cambon nicht geſagt, daß Sie um halb zehn Uhr abreiſen ſollen? fragte der unerſchütterliche Carlion. Der weiße Bär ſchaute ihn von oben bis unten groß an. — Hat er Ihnen nicht geſagt, daß die Marquiſe Ihre Reiſe nach Algier bezahlen will? Der weiße Bär ſtand wie eine Bildſäule da. — Er muß Ihnen davon geſagt haben, fuhr der unermüdliche Carlion fort, denn von ihm kam ja eigent⸗ lich der Vorſchlag, und Sie ſagten ja ſelbſt, daß Sie damit zufrieden ſeien.... Was iſt Ihnen mit einem Male, Herr Simon? 195 — Madelone's Grabmal!... wiederholte er nach einer Pauſe dumpf und unheimlich. — Wovon ſprechen Sie da, Herr Simon? — Die lebendige Weihe! murmelte Simon, ſich vom Stuhl erhebend und näherte ſich dem Büffet. Auch der Stadtſergent erhob ſich und folgte dem Weinträger. — Noch einen Liqueur, Madame Moreau! bat der weiße Bär, ſich mit dem Rockärmel den Schweiß von der Stirn wiſchend. Madame Moreau ergriff die Liqueurflaſche, vergaß aber das Einſchenken, denn ihr Auge ruhte auf Simon's bleichem Antlitz. — Aber um des Himmels willen, beſter Herr Carlion, was bedeutet das Alles? rief ſie aus. — Meine Gnädigſte, antwortete dieſer; ſo müßte eigentlich ich fragen! Stellen Sie ſich nur vor: eine vornehme Dame, die für Herrn Simon das höchſte Intereſſe fühlt, erfährt, daß Herr Simon, des be⸗ ſchwerlichen Weinträger-Geſchäftes müde, nach Algier zu reiſen beabſichtige, um ſich dort mit den Coloniſten zu vereinigen und jenes ſchöne Land bebauen zu helfen, wo man niemals weiß, was Kälte... — Aber um ſo mehr, was Hitze bedeutet! fiel Madame Moreau ein, die Simon nie über Froſt 13* 196 hatte klagen hören, wohl aber bemerkte, wie ſiedend heiß es ihm augenblicklich war. — Dieſe vornehme Dame, fuhr Carlion fort, übergiebt mir eine Summe, um Herrn Simon's Reiſe zu beſtreiten, und ich habe auch bereits das Fahr⸗ billet gelöſt. — Aber es ſcheint doch, als ſei Herr Simon keines⸗ wegs ganz reiſefertig! bemerkte die Madame. — Ja, das iſt freilich ſonderbar! rief der Sergent. Und dennoch hat ſein beſter Freund, Armand Cambon, den Sie ja auch kennen, ihn nicht allein darauf vor⸗ bereitet, ſondern auch der vornehmen Dame ſeinen Wunſch mitgetheilt. Die Folge hiervon iſt, daß es mir, nicht zufrieden, ihm nur das Billet zu verſchaffen, ſchon gelungen iſt, ihm einen ſicheren Begleiter zu ver⸗ ſchaffen, damit er auf dieſer langen Reiſe Unterhaltung habe; ja, nicht genug hiermit, ich habe mir ſogar die eigenhändige Ordre des Polizei⸗Präfecten verſchafft. — Hier ſind meine zwei Sous für den Liqueur! ſagte der weiße Bär, das Geld auf den Tiſch werfend und wandte ſich zur Thür. Der Stadtſergent hatte dieſelbe jedoch bereits erreicht und ſtellte ſich zwiſchen ihn und dieſe. — Sie wollen mich hindern, zu gehen? fragte Simon mit verächtlichem Lächeln. tte en gte 197 — Sie hörten ja, daß ich die eigenhändige Ordre des Polizei⸗Präfecten habe! antwortete Carlion, indem er ein Papier hervorzog und es Simon vor Augen hielt. — Monſieur Carlion, ſagte dieſer, haben Sie die Güte, bei Seite zu treten, ſonſt... — Sonſt 2 — Sonſt gehe ich über Sie hinweg, und dies dürfte Ihnen nicht angenehm ſein, da meine Schuhe doppelte Sohlen haben. — Aber Sie werden vermuthlich nicht über die Ordre des Polizeipräfecten hinweg gehen? — Selbſt über die Tuilerien, wenn ſie mir im Wege liegen! — Sie ſind zu ſchwer und ungelenkig für ein Salto mortale, Herr Simon! Ich wette, Sie ſpringen nicht einmal über ſechs Bajonette! Der Sergent trat näher an die Thür, Simon folgte ihm nicht, denn er hörte Waffengeklirr und ſah vor der offenen Thür die gläszende Uniform der Municipalgarde. — Sie haben ſich viel Umſtände gemacht, Herr Carlion! ſagte der weiße Bär. — Durchaus nicht, Herr Simon! antwortete dieſer mit einer Verbeugung. Sie ſind übrigens nicht die erſte bedeutende Perſon, die Paris mit Eöcorte verläßt! 198 — So will man mich alſo mit Gewalt aus Paris führen? rief Simon. — Mit Gewalt? Gott behüte! — Ohne Unterſuchung mich nach Algier ſchleppen? — Wie können Sie ſo etwas glauben! — und wenn ich mich nun weigere, zu folgen? Wenn ich gegen dieſen Angriff auf die perſönliche Frei⸗ heit proteſtire? — Falls dies ein Angriff auf die perſönliche Freiheit iſt, ſo iſt es klar, daß Sie proteſtiren müſſen. — Wohlan, ich proteſtire! — Das muß ſchriftlich geſchehen. — Gut, ich thue es ſchriftlich! — Das iſt in der Ordnung; aber der Proteſt muß von Algier datirt ſein! — Herr Carlion! brüllte der weiße Bär, dem die Sache jetzt zu arg wurde, eine drohende Stellung annehmend. — Es iſt bereits halb neun Uhr und Sie wiſſen, daß der Bahnzug um halb zehn abgeht. — Es wird ein Tag blutiger Vergeltung für dieſe Schmach kommen! — Nicht unmöglich; aber dies kann eine ſo dringende Reiſe nicht aufſchieben. 199 — Sie ſind im Begriff, eine der ſchwärzeſten Intriguen auszuführen, die jemals geſponnen worden! — Was iſt eine Reiſe nach Algier gegen eine Reiſe in den Rachen des Löwen! — Herr Carlion! Die Blicke des weißen Bären irrten ſuchend im Zimmer umher und hafteten auf dem breiten Tiſch, an welchen ſich ſeine Fäuſte klammerten. Wie gern er aber auch dieſen ſchweren Gegenſtand als Waffe gebraucht hätte, der Tiſch war durch große Schrauben am Boden befeſtigt; der weiße Bär zog alſo ſeine Hände zurück, denn Simon war kein Simſon. — Machen Sie ſich nicht unglücklich, Herr Simon! rief Madame Moreau, ihre runden Arme ängſtlich und ſchützend über den koſtbaren Tiſch legend. Es iſt vielleicht nicht ſo gefährlich, wie Sie ſich vorſtellen... Ein fruchtloſer Widerſtand wäre Wahnſinn, lieber Herr Simon! — Madelone Madelone! knirſchte Simon zwiſchen den Zähnen. — Iſt dies Alles, was Sie beunruhigt, armer Simon, ſprach Madame Moreau mit herzlicher Theil⸗ nahme, ſo ſeien Sie verſichert, daß ſo lange ich lebe kein welker Kranz auf Madelone's Grabe liegen ſoll! Ein dankbarer Blick aus Simon's Auge belohnte 200 Madame Moreau für ihr troſtreiches Verſprechen. Dann wendete er ſich zu dem Sergenten und den Municipalgardiſten, deren glänzende Bajonette drohend gegen ſeine Bruſt gerichtet waren. — Ich folge Euch, weil ich will! rief er ihnen zu; weil ich dieſer neuen Geſetzwidrigkeit bedarf, um Euer Meritenverzeichniß voll zu haben..... Führt mich über's Meer bis zur äußerſten Grenze von Afrika's Wildniß, ich werde mich durch ſie hindurch graben, ich werde wieder kehren, und dann wehe, wehe Euch! Simon übergab ſich den Gardiſten und verſchwand mit ihnen. XII. Ein Handkuss. Weshalb kam Armand Cambon nicht, wie er mit Simon verabredet, an dieſem Abend nach Bicstre? Warum brach er ſein Verſprechen? Warum vergaß er eine ſo wichtige Angelegenheit wie Madelones Grabmal? Armand konnte nicht nach Bicstre kommen, weil er im Parterre der großen Oper ſaß, wo man St. Leons reizendes Ballet„le violon du diable“ gab und wo Fanny Cerrito, die göttliche Cerrito, tanzte. Armand's Auge ſuchte mit einer gewiſſen Unruhe un⸗ ter den eleganten Toiletten des erſten Ranges und haftete endlich auf einer Loge— er ſchien gefunden zu haben, was er ſuchte, denn in dieſer Loge ſaßen der Bangier Geronniére, deſſen Nichte Adelaide und der Verlobte, Herzog Rigobert von Beaudreuil, mit welchem der Leſer bereits flüchtige Bekanntſchaft ge⸗ macht hat. Armand hatte nur Aufmerkſamkeit für die bezau⸗ bernde Adelaide; was kümmerte ihn die Cerrito, was das ganze Ballet; unverwandt beobachtete er die Gruppe in der Loge, und ein eiſiger Schauer durch⸗ lief ihn jedesmal, wenn ſein Auge auf das Antlitz des Herzogs fiel. Plötzlich glaubte er zu bemerken, wie ſowohl Adelaide als ihre beiden Kavaliere Jemanden grüßten, der ihnen gegenüber ſitzen mußte. Er folgte derſelben Richtung und glaubte ſeinen Augen kaum trauen zu dürfen, als er eine bis dahin leer gebliebene Loge jetzt von zwei Damen und zwei Herren einge⸗ nommen ſah, von denen er nur eine Perſon, nämlich die Marquiſe Eulalie d'Eſtelle kannte, die kaum einge⸗ treten, der Gegenſtand ſämmtlicher Operngläſer wurde. Auch die Marquiſe ſetzte ihr Elfenbein-Glas in Bewegung und muſterte die Logen; ſogar das Parterre verſchmähte ſie nicht. Gegen ihren eigenen Willen ruhte ihr Blick länger als zu erwarten auf einer Stelle des Parterre's; ihr Antlitz übergoß ſich mit tiefem Roth, das Glas zitterte in ihrer zarten Hand. Auch Armand ſchlug ſeine Augen nieder; auch er erröthete, denn er fühlte ſich von dem Blitz getroffen, der aus dem Opernglaſe auf ihn hernieder fuhr. 203 — Armes Weib! ſagte er zu ſich ſelbſt. Sie er⸗ röthet; es wäre ſchlecht von mir, ihr nicht wenigſtens im Namen Simons durch einen Blick zu danken! Der gute Armand wußte noch gar nichts von Si⸗ mons Reiſe nach Algier, und war alſo zu entſchuldigen. Eben hob er das Auge, als er gewahrte, daß die Marquiſe ihr Glas ſich gerade gegenüber richtete, während um ihre Lippen ein ſo häßliches, widriges Lächeln ſpielte, daß Armand unwillkührlich den Blick ebenfalls nach dem Gegenſtand ihrer Aufmerkſamkeit wendete. Er ſah den Herzog, der durch ſein Glas die Marquiſe anſchaute, er ſah ein teufliſches Lächeln auch um des Herzogs Mund ſpielen. Das Blut ſtieg ihm zu Kopf, in ſeinen Schläfen hämmerte es, ſeine Zähne knirſchten, denn er gedachte des Bubenſtreiches, welchen dieſe beiden Perſonen im Sinne hatten. — Um Verzeihung, kennen Sie die vornehme Dame dort? wandte ſich ein Nachbar an ihn, da er bemerkt hatte, welche Gemüthsbewegung ihm jene Loge verurſachte. — Welche denn? fragte Armand zerſtreut. — Nun jene dort, deren Frechheit mir auffällt; dieſelbe, die dort neben dem Baron Saint⸗-Bris ſitzt! — Sie meinen die Marquiſe d'Eſtelle! rief Ar⸗ mand, ſich faſſend.. 204 — Ach ſo! Alſo eine Marquiſe!... Hätte mir wohl ſo etwas denken können! — Aber wer iſt dieſer Baron Saint-Bris? fragte Armand ſeinerſeits. — Nun, jener Herr da mit dem Schnurrbart und den vielen Orden, der ſeinen Platz neben der Mar⸗ quiſe hat; er wohnt im Hötel de Bode, Boulevard des Italiens.... Er beſitzt die ſchönſten Pferde in Paris und ſo viel Geld, daß er ſich den ganzen Boule⸗ vard kaufen könnte. Armand betrachtete ſeinen Nachbarn näher, erin— nerte ſich aber nicht, ihn je geſehen zu haben. — So kennen Sie vielleicht den andren Ritter dort in der Loge? fragte Armand, der jetzt auch die übrigen Perſonen in Eulalie's Geſellſchaft firirt hatte. — Welchen? — Den, der neben dem Baron Saint-Bris ſitzt. — Er iſt mir unbekannt, aber er ſieht mir nicht gerade ſehr ritterlich aus. — Ich aber kenne ihn! ſagte Armand für ſich, während er mit immer zunehmendem Erſtaunen dieſen Mann beobachtete. Kein Zweifel, er iſt es! brummte Armand halblaut, denn er hatte denſelben Herrn mit der dicken Naſe und den lang geſchnittenen Augen 205 erkannt, der ihm auf dem Vendome⸗-Platze ſeine Taſchen unterſucht. Der letzte Akt begann. Um ſich zu zerſtreuen, folgte er der Entwickelung des Ballets. Unter einem Beifallsſturm ſchloß daſſelbe und Armand's Begeiſte⸗ rung für die Cerrito war Schuld daran, daß, als er wieder zu der Loge der Marquife hinauf ſchaute, dieſe bereits leer und die Geſellſchaft aus derſelben ver⸗ ſchwunden war. Wie ein Wahnſinniger ſprang er auf; ſich durch die herausſtrömende Menge hindurch arbeitend, langte er auf der Straße an. Er miſchte ſich unter die Menge, rannte bald hier, bald dort zwiſchen die Pferde oder in die Arme der ihn zurecht weiſenden Sergenten— nirgend fand er, was er mit einer ſolchen Verzweiflung ſuchte.—————— Am andern Morgen lärmte Armand an der Thür des Hauſes Nr. 35. in der Rue d'Anjou St. Honoré. — Was wollen Sie? fragte der Concierge, den Arbeiter mürriſch anſchnauzend. — Iſt Herr Geronnidre zu Hauſe? fragte Armand. — Allerdings! war die Antwort. — Iſt Fräulein Geronnière ebenfalls zu Hauſe? — Mein Herr, antwotete der Portier, halten Sie etwa Herrn Geronnidre für einen Kohlenträger und 206 das Fräulein für eine Griſette, daß Sie fragen, ob ſie um acht Uhr Morgens zu Hauſe ſind? Armand war etwas verlegen um eine Antwort. — Sie erinnern ſich vielleicht nicht, wie oft Sie geſtern hier waren? fragte der Portier. Ich habe es ſatt, Ihnen wie geſtern zwölf Mal Rede zu ſtehen! — Aber, mein Herr, was kann ich denn dafür, daß weder Herr Geronnisre noch das Fräulein geſtern zu Hauſe waren! rief Armand aus. — Und ich ſagte Ihnen geſtern, daß man hier keinerlei Perſonen empfängt, die nicht Ihre Karte ab⸗ zugeben haben! — Sie wiſſen doch, daß ich Herrn Geronnidre ein Geheimniß mitzutheilen habe! — Und worin beſteht dies Geheimniß, wenn ich fragen darf? — Sie wiſſen doch, mein Herr, daß eine Sache, die man dem erſten Beſten erzählt, kein Geheimniß iſt! — Gut; ſo behalten Sie das Ihrige für ſich! verſetzte der Portier und ſchlug Armand die Thür vor der Naſe zu. Armand patroullirte geduldig vor dem Hötel auf und ab, denn diesmal mußte er ſeinen Willen haben. Um zehn Uhr lärmte er wieder an der Schelle. Der Portier fuhr ihn mit neuen Grobheiten an; Armand 207 aber überlegte, daß ſelbſt die Vornehmſten um zehn Uhr wohl ausgeſchlafen haben könnten; er ſchob den Portier gelaſſen bei Seite, drang in den Hof und eilte über denſelben in das Wohnhaus. — Mein Herr, was wollen Sie? ſchnob ihn in der erſten Etage ein Diener in reicher Livrée an. — Ich wünſche Fräulein Geronnidre zu ſprechen! Der Diener maß den Arbeiter von Kopf bis zu Füßen und wandte ihm den Rücken. — Ich habe Ihnen geſagt, daß ich Fräulein Ge⸗ ronnière zu ſprechen wünſche! wiederholte Armand. — Und ich ſage Ihnen, daß Sie Ihrer Wege gehen ſollen! antwortete der Diener trocken. — Ich habe Ihrer Herrin etwas ſehr Wichtiges mitzutheilen. — Kommen Sie zu Neujahr wieder! — Und ich habe Luſt, Ihnen ſofort die Zähne einzuſchlagen, wenn Sie nicht ſogleich Ihre Schuldig⸗ keit thun! rief Armand aus. — Was giebt es? hörte man plötzlich von oben eine zarte weibliche Stimme. Armand ließ den Bedienten fahren, den er bereits am Kragen erfaßt hatte, und eilte die Treppe hinauf, an welcher ſich eine wohlgekleidete Geſtalt zeigte. 208 — Ah, Sie ſind es, mein Herr! Sie fragten ſchon geſtern nach... — Fräulein Geronniere, ganz recht! Herr Ge⸗ ronnière hat hier eine ſehr rohe Bedienung, da dies aber nicht mit der des Fräuleins der Fall iſt, jo bitte ich Sie, Ihrer Herrin meinen Beſuch anzumelden. Mein Name iſt Armand Cambon; Ihre Herrin wird ſich deſſelben vielleicht nicht erinnern; ſagen Sie ihr alſo, ich ſei derſelbe junge Mann, dem ſie die Meſſing⸗ kette abgekauft.... Sagen Sie ihr, es drohe ihr die höchſte Gefahr.... Die Kammerjungfer wußte nicht, was ſie von dem ſonderbaren Menſchen halten ſolle: indeß er war hübſch, er hatte von drohender großer Gefahr geſprochen, ſie eilte daher zu ihrer Herrin, um den Fremden an⸗ zumelden. Armand hatte bereits eine halbe Stunde im Corridor gewartet. Die Kammerjungfer kehrte zurück und führte den Arbeiter in ein Vorgemach. Erröthend ſtand der junge Mann da, als er vor ſich die Nichte des Banquier's in hellblauem Seidenkleide erſcheinen ſah. — Es freut mich außerordentlich, Sie wieder zu ſehen! begann Adelaide, indem ſie, ſelbſt in einem Fauteuil Platz nehmend, ihn bat, in dem ihr zunächſt 209 ſche Seſſel Platz zu nehmen. Auf einen Wink der Herrin verſchwand die Kammerjungfer. — Erlauben Sie mir, zu ſtehen! bat Armand, m als paſſe der ſchöne Seſſel nicht für ſeine Blouſe; ich kann ſo beſſer ſprechen. — Wie Sie wünſchen, antwortete Adelaide. Ich hörte, daß Sie mich mehrmals ſuchten. Ich habe den großen Dienſt nicht vergeſſen, welchen Sie mir auf dem Baſtilleplatz erwieſen. Sowohl ich als mein Oheim haben längſt gewünſcht, Sie einmal wieder zu ſehen, um Ihnen einen Beweis unſerer Erkenntlichkeit zu geben. — Alſo erwarteten Sie, daß ich kommen würde, um Ihnen zu ſag Sie mir ſo und ſo viel Franc dafür, daß eine Pflicht als Menſch erfüllt? Der reinſte Pu färbte Adelaide's Wangen; ſie ſchlug die Augen nieder. — Sie mißverſtehen mich, mein Herr, verſetzte Adelaide mit ſanfter, freundlicher Stimme. Doch verzeihen Sie die Frage: was iſt die Urſache Ihres geſtrigen und heutigen Beſuches? Suchten Sie meinen Oheim oder mich? — Ich habe gehört, daß Sie ſich morgen ver⸗ mählen werden! ſagte Armand, um gleich zur Sache zu kommen. Armand. I. 14 — Sie? Wiſſen Sie dies? So haben Sie auch gehört, daß der Herzog von Beaudreuil mein Gemahl wird? ˙ — Ja, ich habe auch das gehö werden nicht die Gemahlin des„ antwortete Armand mit ſeltener Beſtimmtheit. — Wie?.. Was heißt das? rief Adelaide aus dem Seſſel aufſpringend. — Hat Ihnen Ihre Kammerjungfer nicht geſagt, daß ich Ihnen von einer großen Gefahr zu ſagen habe, und glauben Sie, daß ich mich umſonſt der unwürdigen Behandlung Ihrer Dienerſchaft ausgeſetzt haben würde? .. Nur um Sie ſchon geſtern zu finden, beſuchte ich die Oper, weil man mir geſagt, daß Sie dort ſeien; es gelang mir jedoch — Aber mein Gott, warum peinigen Sie mich mit allen dieſen Umwegen? rief Adelaide bleich. — Ich weiß nicht, wie ich Ihr edles Herz anders auf das Schlimmſte vorbereiten, Sie mit dem Ge⸗ danken an ein Ihnen drohendes, entſetzliches Unglück verſöhnen ſoll.... — Gott, wie viel überflüſſige Worte! rief Adelaide aus. Warum ſoll ich nicht die Gemahlin des Herzogs werden? 3 — Weil der Herzog ein Schurke iſt, der nicht 211 einmal verdient, daß ihm ein ehrlicher Mann die Klinge durch die Bruſt rennt... Die Beſtätigung meiner Worte finden Sie in dieſem Billet, das mir glücklicher⸗ weiſe in die Hände fiel, ehe es zu ſpät war. Armand überreichte ihr das Billet, welches Deniſe gefunden. Das Haupt in die Hand ſtützend, las Adelaide dieſe Zeilen. Armand ſah, wie ihr Antlitz die Farbe wechſelte, wie das Billet ihr entfiel und ſie, das Geſicht in den Händen verbergend, zurück ſank. Er ſah, wie heftig ihre Bruſt arbeitete; er näherte ſich ihr, nahm das verhängnißvolle Billet vom Boden und ſtand rathlos vor dem unglücklichen Minuten vergingen, ehe ſie ſich zu faſſen vermochte; ruhig, entſchloſſen, aber mit feuchtem Auge blickte ſie endlich auf. — Wie iſt dieſes Billet in Ihre Hände gekommen? fragte ſie mit ſicherem Ton. Keine Frage konnte natürlicher ſein; dennoch er⸗ röthete Armand; denn es fiel ihm begreiflicher Weiſe ſchwer, offen zu bekennen, wie er das Billet erhalten. Er war auf dieſe Frage nicht vorbereitet geweſen. Adelaide ſchien ſowohl über ſein Erröthen, wie über ſein Zögern erſtaunt. — Ich erhielt dies Schreiben bei der Marquiſe 212 d'Eſtelle, an welche es adreſſirt iſt, antwortete endlich unſer Held. — Ich ſehe, daß es an ſie adreſſirt iſt, ſagte Adelaide.... Sie ſind alſo perſönlich mit ihr bekannt? La mei Fräulein! — und Sie ſind bei ihr geweſen? — Ja, aber nur ein einziges Mal! beeilte ſich Armand zu antworten, als fürchte er, der ſimple Arbeiter, in den Verdacht häufiger Beſuche bei der Marquiſe zu kommen. — Wann waren Sie zum letzten Male bei der Marquiſe, fragte Adelaide mit einem Ernſt und einer Ruhe, welchen einem Polizeibeamten Ehre gemacht haben würde. — Vorgeſtern, mein Fräulein! antwortete Armand. — und damals erhielten Sie das Billet? — Ja, mein Fräulein!* Aler da es nicht denkbar iſt, daß Sie es von der Marquiſe ſelbſt empfingen, ſo iſt es ſchwer für mich zu begreifen, wie dieſer Brief in Ihre Hand kam. — Ich erhielt es nicht von ihr. — Ich habe eine zu gute Meinung von Ihnen, als daß ich annehmen könnte, Sie hätten ſich aus bloßer Neugier eines Briefes bemächtigt, der Ihnen 113 nicht gehörte! ſagte Adelaide, den Blick feſt auf den jungen Mann gerichtet. Armand erröthete von Neuem; das Mißtrauen Adelaiden's jagte ihm wiederum das Blut zu Kopf. — Wenn Sie dieſe gute Meinung von mir hegen, ſagte er, ſo laſſen Sie mir nur Gerechtigkeit wider⸗ fahren. — Sie haben alſo das Billet aus fremder Hand? — Ja, aus fremder! — Und können Sie mir dieſe Perſon nennen? Der arme Jüngling gerieth in neue Verlegen⸗ heit, denn er hatte ja Deniſe verſprochen, ſie nicht in die Sache hinein zu verwickeln; auf der anderen Seite war es ihm fatal, ſich als den Vertrauten oder gar Geliebten einer Kammerjungfer betrachten zu laſſen. Armand rettete ſich alſo dadurch, daß er von der Defenſive zur Offenſive ſchritt. — Iſt dieſer Brief nicht von dem Herzog ge⸗ ſchrieben? fragte er. — Ja, er iſt von ihm geſchrieben... O mein Gott, ja! antwortete Adelaide mit einem Ausdruck in Blick und Stimme, der verrieth, wie ſchwer der Kampf zwiſchen ihrem Stolz und ihrem Herzen war. — Und iſt er nicht an die Marquiſe d'Eſtelle adreſſirt? 114 — Ja, ja!... Aber wozu dieſe Fragen? — Welcher näheren Aufklärung können Sie alſo weiter bedürfen? Verzeihen Sie mir, wenn ich die Perſon nicht bloßſtellen darf, der ich es zu⸗ nächſt zu danken habe, daß ich eine ſo niedrige, gegen Ihr ganzes Leben geſponnene Intrigue ver⸗ nichten kann. Adelaide lehnte die Stirn in die rechte Hand und überlegte bei ſich; Armand wagte nicht, das Schweigen zu unterbrechen. Endlich erhob ſich Adelaide; ſie zog an der Schelle. — Iſt der Herzog ſchon gekommen? fragte ſie die eintretende Kammerjungfer. — Ja, gnädiges Fräulein; er iſt bei dem Herrn! — Hat der Herzog nach mir gefragt? — Jal — Was antworteteſt Du ihm? — Daß das Fräulein noch nicht empfange. — Weiß er, daß ich Beſuch habe? — Ich glaube nicht. — Iſt ſonſt Beſuch bei meinem Oheim? — Nein! — Gut. Du kannſt im Salon warten, Collette! Die Kammerjungfer entfernte ſich, jedoch nicht Armand neugierig zu muſtern. — 215 — Mein Herr, begann Adelaide wieder, haben Sie den Brief? — Hier iſt er, mein Fräulein! antwortete Armand, ihr denſelben darreichend. — Ich danke Ihnen.... Können Sie mich morgen beſuchen, falls ich Sie darum bitten ſollte? — Ich ſtehe zu Ihren Dienſten. — Es iſt nur der Wunſch, die Bitte einer Un⸗ glücklichen, mein Herr! — Und wann wünſchen Sie, daß ich komme? — Am Vormittage.... Es iſt möglich, daß ich Ihrer bedürfen könnte! — Zu welcher Stunde? — Um zwölf Uhr, wenn es Ihre Zeit erlaubt.... Aber Sie dürfen nicht allein herauf kommen; meine Kammerjungfer wird Sie erwarten und zu mir führen. — Ich werde pünktlich vor dem Hauſe hier ſein. — Noch einmal alſo, mein Herr, danke ich... danke ich Ihnen von ganzem Herzen! — Ich habe Sie tief betrübt, mein Fräulein! — Nein, Sie haben mich gerettet, mich und meinen Oheim.... Doch meine Verpflichtung gegen Sie iſt größer als die ſeine, denn ihn haben Sie nur dem Tode entriſſen, mich aber aus... O, Sie haben Recht! Es war ein entſetzliches Schickſal, das man 216 mir zugedacht.... Nie werde ich vergeſſen, was Sie für mich thaten... nie, ſo lange ich athme!... Aber der Himmel wird thun, was ich nicht vermag; er wird Sie belohnen! Adelaide reichte dem jungen Manne ihre Hand; Armand ſchloß ſie in die ſeinige und heftete ſeine glühenden Blicke auf die zarte, feine Hand. Wie gern hätte er dieſelbe an ſeine Bruſt, an ſeine Lippen ge⸗ drückt; freilich, das ſchickte ſich nicht; und dennoch konnte er es nicht unterlaſſen, dieſe Hand zu küſſen, was wiederum die Folge hatte, daß Adelaide ihre Hand zurück⸗ zog und faſt mit Beſtürzung den überglücklichen Jüngling anſchaute.— Verzeihung! ſtotterte dieſer, aus allen ſeinen Himmeln fallend, und näherte ſich der Thür, denn es war ihm, als habe er durch ſeine Unvorſichtigkeit das eigene gute Werk zerſtört. Wie er die Treppe hinab, über den Hof und auf die Straße kam, wußte er ſelbſt nicht; er dachte nur an den unglückſeligen Handkuß, ja er war mit dem⸗ ſelben ſo beſchäftigt, daß er einem die Straße herauf kommenden Wagen gerade in die Pferde lief. Glücklicher⸗ weiſe kam er unbeſchädigt davon, und zu ſich ſelbſt. Er faßte den Entſchluß, ſich nicht wieder durch eine ſchöne Hand um ſeine Beſonnenheit bringen zu laſſen, und eilte gelaſſener ſeines Weges. XIII. Dns verhüngnissvolle Billet. Während Armand ſich bei Fräulein Geronnidre befand, unterhielt der Herzog ſich in dem Kabinet des Banquiers. Herr Geronnière ſaß mit ſeinem Gaſt an der praſſelnden Kaminflamme, gehüllt in einen koſtbaren Morgenrock, wie ihn nur Herr Geronnière beſitzen konnte. — Es iſt bereits 11 Uhr! ſagte der Herzog. Vielleicht ſtöre ich Sie in Ihrer Toilette, denn Sie werden unmöglich die Sitzung der Deputirtenkammer verſäumen wollen, die heute eröffnet wird. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß ein Mann, der ſo viel Millionen beſaß, auch Deputirter ſein mußte. — Die Sitzung beginnt, wie Sie wiſſen, erſt um 2 Uhr, wir haben alſo noch Zeit. Beide plauderten ſehr angelegentlich über die da⸗ maligen politiſchen Zuſtände, von der Thronrede Lud⸗ 218 wig Philipp's, auf die man ſehr geſpannt war; von der Börſe, von Herrn Guizot, von den unſeligen Re⸗ form-Banketten, von Herrn Thiers und Odilon⸗Bar⸗ rot, den Stiftern dieſer Bankets, von Ludwig Philipp ſelbſt und tauſend anderen Dingen, die in der gegen⸗ wärtigen kritiſchen Lage eine bedeutſame Rolle ſpielten. Plötzlich wurde die Unterhaltung durch Adelaide geſtört, die mit dem Billet in der Hand in das Ka⸗ binet trat. Mit der Aufmerkſamkeit, die natürlich einem Bräu⸗ tigam gebührte, eilte der Herzog ſeiner Verlobten ent⸗ gegen und ſuchte ihre Hand zu faſſen. Der Bräutigam aber ſtutzte, denn die Hand, welche er ſuchte, zog ſich haſtig zurück, der Blick, welcher ihm begegnete, enthielt Verachtung. Adelaide näherte ſich ihrem Oheim, der erſtaunt bald den Einen, bald den Anderen anſchaute. — Wollen Sie ſo freundlich ſein, lieber Oheim, dieſes Billet zu leſen, und zwar laut zu leſen, denn es betrifft den Herzog ebenſo nahe wie uns! bat ſie den Oheim. — Mein Fräulein, rief der Herzog, geſtatten Sie mir die Andeutung, daß dieſes Benehmen mich überraſcht! —Es iſt unmöglich, daß Ihre Ueberraſchung 219 größer ſein kann als die meinige! antwortete Adelaide mit Würde. — Aber was ſoll denn das Alles heißen? rief der Banquier, unſchlüſſig das Billet nehmend. — Sie haben die Antwort in der Hand, lieber Onkel! verſetzte die Nichte. — Frau Marquiſe Eulalie d'Eſtelle, las der Ban⸗ quier die Adreſſe.... Das iſt Ihre Handſchrift, Herzog! — Die meinige? rief dieſer, ſich heftig dem Ban⸗ quier nähernd. Adelaide eilte herzu und ſtellte ſich zwiſchen dieſen und den Herzog. — Hören Sie nicht, mein Herr, daß der Onkel laut leſen ſoll? fragte ſie. — Ich ſuche vergebens, dies Räthſel zu löſen! ſagte der Herzog. Was mir laut vorgeleſen werden ſoll, kann ich ja auch ſelbſt leſen! Ein von meiner Hand geſchriebener Brief muß doch, meiner Anſicht nach, mein ausſchließliches Eigenthum ſein! — Sie irren ſich, mein Herr! antwortete Adelaide. Dieſer Brief gehört der Marquiſe d'Eſtelle. Obgleich er nur durch Zufall und ohne mein Verſchulden in meine Hände gekommen iſt, hat er doch aufgehört, Ihr Eigenthum zu ſein! 220 Der Herzog biß ſich in die Lippen. Seine Blicke ſuchten, wie die Adelaide's, das Antlitz des Banquiers, während dieſer beſchäftigt war, ſchweigend den Inhalt des Briefes zu entziffern.. Wenn es ein Beweis von der Größe eines Staats⸗ mannes iſt, vor irgend etwas in der Welt weder zu erröthen, noch zu erbleichen, ſo rechtfertigte Herr Ge⸗ ronnidre weder vor dem Herzog noch vor ſeiner Nichte die hohen Begriffe, welche er in dieſer Hinſicht von ſich ſelbſt hegte. Beide hatten ſich bis dahin nicht vorſtellen können, daß des Banquiers ſonſt ſo bedeu⸗ tungsloſes Geſicht ſo farbenreich ſein könne, wie es ſich eben zeigte; denn bald waren ſeine Wangen wie Alabaſter, bald roth wie das Ordensband an ſeinem Morgenrock, während ſich ſeine Lippen blau und die Ringe um ſeine Augen grün und gelb färbten. — Wollen Sie nicht laut leſen, lieber Onkel? fragte Adelaide, die durch dieſes Farbenſpiel nicht überraſcht ſchien. Mit ſichtbar zitternden Knieen näherte ſich. Banquier dem Herzog und überreichte ihm ſchweigend das Billet.— Der Herzog warf ſich auf daſſelbe wie ein Geier auf ſeinen Raub, Adelaide aber ſtieß einen Angſtruf 221 aus, als ſie das Papier in ſeiner Hand ſah. Es ſchien, als fürchte ſie, daß er es vernichten werde. Der Verlobte warf einen haſtigen Blick auf den Inhalt. Sowohl dem Banquier als ſeiner Nichte kam es vor, als breite ſich eine dunkle Wolke über des Herzogs Antlitz. Die Wolke aber, nur ein Kind des Augenblicks, zerſtreute ſich ſchnell und der Herzog erſchien wieder ſo ruhig, als ſei gar nichts vorgefallen. — Und dieſes Schreiben war es, was Sie ſo in Aufregung verſetzte? fragte er lächelnd, halb mitleidig, halb verächtlich. Der Banquier und ſeine Nichte ſchauten ſich ſchweigend an. — Dieſes Billet war es, mein Fräulein, das Sie mit ſolcher Feierlichkeit Ihren Oheim zu leſen baten? fuhr Herr von Baudreuil fort; das Sie aber, Herr Geronnidre, nicht vorzuleſen wagten?.... Wohlan denn, ich werde es vorleſen, ohne eine Zeile, ohne ein einziges Wort zu überſchlagen.... Aber verzeihen Sie, wenn ich weder Ihre Ueberraſchung theilen, noch von Ihrer Beſtürzung angeſteckt werden kann. Und mit lauter Stimme las der Herzog Folgendes: „Eulalie! Die Antwort von Rom iſt angelangt. Pater 222 Angelini iſt, wie ich ſchon im Voraus überzeugt war, auf Alles eingegangen. Er wird nicht nur ſchweigen, ſondern auch alle Spuren verwiſchen, welche der Welt unſere heimliche Ehe verrathen könnten. Ich ſchreibe, um Sie hiervon in Kennt⸗ niß zu ſetzen, und Sie zu bitten, ſich heute Abend um 9 Uhr zu Hauſe zu halten, da ich Sie zu be⸗ ſuchen gedenke. Sie wiſſen, wie Vieles wir zu be⸗ ſprechen haben, und daß keine Zeit zu verlieren iſt. Der Tag iſt bereits feſtgeſetzt; am 29ſten führe ich Adelaide Geronnidre zum Altar. Ich brauche nicht zu wiederholen, wie wichtig es für uns Beide iſt, daß dieſe Angelegenheit nicht länger aufgeſchoben werde. Einmal im Trocknen, brauchen wir den Sturm nicht zu fürchten. Die Vorſicht verlangt, daß Sie dieſes Billet verbrennen. Am 26. Dezember. Rigobert.“ Dies war der Inhalt des Billets, das ſchon ſo viel Unruhe verurſacht, das aber ſeine Wirkung auf den Herzog gänzlich verfehlte, obgleich dieſer von der⸗ ſelben am meiſten hätte ergriffen werden müſſen. Baudreuil hatte das Alles geleſen, ohne das leiſeſte Zittern in ſeiner Stimme zu verrathen. Der Banquier und ſeine Nichte ſtarrten einander noch immer an. Wer ſollte Ihnen dieſes Benehmen erklären? — Ein ſo tief kränkendes Mißtrauen am Tage vor der Hochzeit giebt keine Bürgſchaft für ein zu⸗ künftiges Glück! ſagte der Herzog. Von dieſem Augenblick ab iſt alſo die Verbindung zwiſchen unſeren Familien unmöglich geworden. Ehe ich mich indeß aus dieſem Hauſe entferne, muß ich wiſſen, wer die⸗ ſes Billet geſchrieben und wie es in Ihre Hände gekommen. — Sie haben es alſo nicht geſchrieben? fragte Adelaide, ſich anſtrengend, um das Antlitz des Herzogs zu durchſchauen, das immer mehr die Kälte des Mar— mors annahm. Der Herzog antwortete mit einem ſtolzen, ver— ächtlichen Lächeln. — Wenn Sie, mein Fräulein, ſagte er nach einer Pauſe, ſich zu Adelaide wendend, wenn Sie mich eines Verbrechens für fähig halten, ſo beweiſt dies, daß die gute Meinung, welche man in Ihrem Alter von der Menſchheit zu hegen pflegt, nicht ſo tiefe Wurzeln ge⸗ ſchlagen hat, wie man wünſchen ſollte; indeß verräth es zugleich einen Mangel an Lebenserfahrung, und deshalb müßte man Ihnen verzeihen... Daß Sie aber, Herr Geronnidre, ſagte er, ſich zum Banquier 224 wendend, daß Sie mit Ihrer Erfahrung in dieſem Schreiben, das falſch iſt von Anfang bis zu Ende, nicht das Werk irgend eines Rivalen ſehen, den ich nicht kenne, oder eines Menſchen, der aus politiſchen Gründen die Verbindung unſerer Familien hintertreiben möchte, das überraſcht mich! — Nein, Herzog! rief Geronnidre aus, ich habe mich nicht einen Augenblick hinter's Licht führen laſſen! Es war nur die erſtaunliche Aehnlichkeit dieſer Hand⸗ ſchrift mit der Ihrigen! Ich ahnte gleich, daß irgend ein heimlicher Feind von uns Beiden Ihre Handſchrift nachgeahmt, um durch einen öffentlichen Scandal das gute Verhältniß zu ſtören, welches zwiſchen uns bisher geherrſcht, und das, wie ich hoffe, auch ferner beſtehen wird... Adelaide iſt ja noch ein Kind, und deshalb müſſen Sie ihr verzeihen! — Ich habe ihr bereits verziehen, antwortete der Herzog. Aber ihr Mißtrauen hat, wenn es auch nur ein augenblickliches geweſen, doch für ewig alle zärt⸗ lichen Bande zwiſchen uns zerriſſen! — Und unſere Feinde ſollen alſo triumphiren! rief der Banquier heftig aus. Nimmermehr! — Noch habe ich dies Papier in meiner Hand, fuhr der Herzog mit derſelben Ruhe fort. Ich könnte es zerſtören und dadurch den einzigen Beweis meines 225 vermeintlichen Verbrechens beſeitigen.... Aber ich werde es nicht zerſtören... Nehmen Sie es, Herr Ge⸗ ronniere; Sie können mir jetzt den Prozeß machen, ſetzte er mit einem Lächeln, würdig der Unſchuld hinzu. Der Banquier nahm das Billet, zerriß es und warf die Stücke auf den Boden. — Unglücklicher! was thun Sie! rief der Herzog, die Papierſtücken vom Boden aufſuchend. Sie haben uns des einzigen Mittels beraubt, den Schurken zu entdecken und zu beſtrafen, der meine Handſchrift, meinen Namen gefälſcht!... — Und Sie können wirklich glauben, ſagte der Banquier, daß ich dieſen Scandal in die Seffentlich⸗ keit bringen würde? Sie begreifen alſo nicht, daß unſere Feinde, ſobald dies bekannt würde, ſich darüber herſtürzen werden; daß ſie dies benützen würden, um uns unſchädlich zu machen? — Sie haben dem Arm des Geſetzes einen großen Verbrecher entriſſen, Herr Geronniére, ſagte der Herzog; aber Sie werden ihn nicht dem meinigen entreißen... Mein Degen ſoll ihn finden, und hätte er ſich in der Hölle ſelbſt verborgen! — Sie, Herzog wollten Ihren Degen mit dem Blute eines Schurken beflecken? rief der Banquier aus. Das werde ich niemals zugeben!... Komm, Adelaide! Armand. I. 15 226 fuhr er fort, indem er die Hand ſeiner Nichte ergriff; komm! bitte den Herzog um Verzeihung für Deinen Unverſtand! Er wird dieſen unangenehmen Auftritt vergeſſen! Lieber wollt' ich mein halbes Vermögen opfern, als zugeben, daß dieſer Zwiſchenfall irgend welchen Einfluß auf unſere Pläne, auf Dein Lebens⸗ glück hätte!... Nichts in der Welt ſoll mich hindern morgen, wie es beſtimmt war, Euch beide zum Maire und vom Maire zur Madelaine-Kirche zu führen! — Ich aber, antwortete Adelaide, ihre Hand der des Oheims entziehend; ich folge Ihnen weder zum Maire, noch zur Madelaine⸗Kirche! — Adelaide! rief der Herzog mit weicher Stimme und einer Thräne im Auge. Es bedarf eines ſolchen Urtheils nicht von Ihren Lippen!... Ich habe Ihnen bereits geſagt, daß Ihr Mißtrauen keine Bürgſchaft für unſer Glück gewährt und daß alſo unſere Verbindung eine Unmöglichkeit geworden iſt! ——— XIV. Seniſr. Als Armand am Abend deſſelben Tages nach Hauſe kam, ſah er einen Fiaker vor ſeinem öden Hauſe in der Rue Etienne halten. Eine gewiſſe Unruhe be⸗ mächtigte ſich ſeiner, denn wer in aller Welt konnte ihn ſo ſpät beſuchen wollen! Entſchloſſen näherte er ſich indeß dem Wagen. Der Kutſcher ſchlief; die Kutſcher aller Nationen haben ja dieſelbe Gewohnheit: zu ſchlafen, ſobald ihr Wagen anhält. — Ach, Herr Armand! rief plötzlich eine Stimme aus dem Innern des Wagens, während Armand noch beſchäſtigt war, den Kutſcher am Mantel zu zupfen. Unſer Held war ſehr überraſcht, eine Damenſtimme zu erkennen; er näherte ſich der Thür, dieſe öffnete ſich ſchnell und er entdeckte bei dem ſchwachen Schein der Wagenlaterne ein hübſch geformtes Bein, das nach dem Wagentritt ſuchte. Galant reichte er der ſchlanken, 15 228 verſchleierten Dame ſeine Hilfe und dieſe hängte ſich ängſtlich mit beiden Armen an den Kavalier. — Ach, Armand! fuhr die Dame fort, den Schleier zurückſchlagend. Wenn Sie wüßten, wie lange ich auf Sie gewartet habe; wie unruhig ich war! Ich fürchtete, Sie würden gar nicht nach Hauſe kommen!... Ach, Armand! — Aber ſo beruhigen Sie ſich doch, beſte Made⸗ moiſelle! bat Armand, ſich bemühend, die Arme los zu machen, die ſich feſt um ſeinen Hals geſchlungen hatten. — Weshalb ſagen Sie: Mademoiſelle? fragte die Dame vorwurfsvoll. Warum nicht ſchlechtweg Deniſe? Sie haben mich doch erkannt? — Allerdings!... Aber wenn ich fragen darf: was verſchafft mir die Ehre...? — Sie ahnen alſo nichts, Armand?... Achl — Wie kann ich ahnen!... Aber beruhigen Sie ſich doch und machen Sie ſich Ihre koſtbaren Kleider nicht an meiner Blouſe naß; Sie wiſſen doch, daß es geregnet hat! — Mein Gott, hat es geregnet? Ich habe nichts bemerkt! antwortete Deniſe, und mit einer Aufopferung, würdig des beſten Herzens, fuhr Deniſe fort, nicht nur ſich ihre Kleider zu näſſen, ſondern ſogar mit ihrem — E 229 feinen Spitzentuch den armen Jungen von den Regen⸗ tropfen zu befreien.... Warum gehen Sie aber auch ohne Regenſchirm, Armand! — Ich habe keinen. — Ach, und ich habe zwei, Armand; ich werde Ihnen einen abgeben.... mit weißer Krücke! — Mit weißer Krücke! rief Armand in halber Verzweiflung.... Aber ſo ſagen Sie mir doch... — Und wie kalt Sie ſind, Armand! — Freilich, es iſt nicht allzu warm heute.... Aber wenn ich fragen... — Laſſen Sie uns hinein gehen, Armand! Ich habe Ihnen Wichtiges zu erzählen.... Wenn es hier regnet, ſo hagelt und blitzt es zu Hauſe. — Armand bot der Dame den Arm und führte ſie in ſeine Wohnung. — Hu, wie düſter es hier iſt! — Freilich, ein Salon iſt es nicht! antwortete Armand, nach den Zündhölzern ſuchend. — Ach, Armand, es giebt doch Augenblicke, wo ſelbſt die düſterſte Hütte ein Palaſt des Lichtes ſein kann! rief Deniſe, und wenn eine Hütte und ein Herz erſt im Kopf einer franzöſiſchen Kammerjungfer zu ſpuken beginnen, ſo iſt es weit gekommen. Unſer Held hatte keine Luſt zur Schwärmerei. 230 — Sie haben wirklich viel Mühe um meinetwillen, beſte Deniſe, ſagte er. Erſt geſtern Morgen mußten Sie hierher, und ich war leider nicht zu Hauſe! — Sie haben alſo das Billet der Marquiſe er— halten?.. Verſtehen Sie den Sinn deſſelben? — Er iſt nicht ſchwer zu verſtehen; es handelte ſich um eine Perſon, welche die Marquiſe einſt ſehr grauſam behandelte und der ſie jetzt eine Genugthuung verſprochen. — Ja, ja, ich erinnere mich; es handelte ſich um Simon, um den Weinträger.... Die Marquiſe ver— ſprach eine Genugthuung, aber hat ſie dieſelbe gegeben? — Sie gemahnen mich daran, daß ich ſeit geſtern Morgen nichts von Simon gehört... morgen ganz zeitig werde ich zu ihm gehen.... Aber es ſcheint, Deniſe, als zweifelten Sie an der guten Abſicht der Marquiſe! — Als ſie mir das Billet gab mit dem Befehl, es Ihnen ſogleich zu überbringen, lächelte ſie auf eine Weiſe, die... die ganz gewiß nichts Gutes be⸗ deutet.... So viel iſt gewiß, daß, als ich zu Ihnen eilte, ſie zum Polizeipräfecten fuhr. — Was wollte ſie bei dieſem? — Nun, was kann man bei einem Polizeipräfecten wollen! 231 — Apropos, Deniſe, wer iſt eigentlich dieſer Baron Saint⸗Bris, den ich vorgeſtern mit der Marquiſe in der Oper ſah? — Sie waren alſo wirklich in der Oper? fragte Deniſe mit ſonderbarem Blick. — Warum ſollte ich die Oper nicht eben ſo gut beſuchen können, wie Alle Andern? Ich ſah auch noch einen zweiten Herrn bei ihr... Aber was iſt Ihnen denn, Deniſe? Woran denken Sie? Deniſe antwortete nicht; in liefe Gedanken verſunken ſchien ſie nicht zu hören.— Sie kannten alſo Fräulein Adelaide Geronniere bereits früher? fragte ſie endlich zaudernd. Armand erröthete und ſchien verlegen. — O mein Gott! rief die Kammerjungfer. — Warum fragen Sie dies? ſagte Armand etwas ärgerlich über ſeine Verlegenheit. — und Sie haben ihr bereits das Schreiben des Herzogs an die Marquiſe gezeigt? — Allerdings! Ich meine, es war die höchſte Zeit! — Ach, ich bin entſetzlich unglücklich! rief Deniſe mit Thränen in den Augen. — Argwöhnt etwa die Marquiſe, daß Sie mir jenes Billet gegeben? — Wenn ſie das argwöhnte, glauben Sie, daß ich 232 dann hier ſäße, daß ich noch zu den Lebendigen ge⸗ hörte?... Ich habe viel für Sie gewagt, Armand; viel! rief Deniſe und begann zu ſchluchzen.... Aber nein, es kann nicht ſein, es iſt unmöglich! ſette ſi ſich an ihren Wirth lehnend, hinzu. — Was iſt unmöglich? fragte Armand etwas ver⸗ legen durch dieſe Anlehnung. — Daß Sie den ganzen Abend hindurch nur Außen für die Braut des Herzogs gehabt! Armand drückte das Antlitz der Zofe heftig an ſeine Bruſt, damit ſie nicht die Roſen bemerke, welche aber⸗ mals auf ſeine Wangen traten.— Aber ſo erzählen Sie doch, rief er, als die Roſen wieder verblüht waren. Sie ſagten vorhin, es hagle und blitze zu Hauſe! — Am Mittage kam der Herzog zur Marquiſe und Beide ſprachen lange heimlich mit einander, be⸗ gann Deniſe ruhiger. Als er gegangen war, rief mich die Marquiſe und fragte, ob ich mich des jungen Mannes erinnere, den ich vor einigen Abenden zu ihr geführt... Ob ich mich erinnerte! Ach, Armand, wie ſollte ich Sie vergeſſen! — Sehr verbunden!... Aber was ſagte ſie weiter? — Sie erzählte mir, daß Sie... Aber das iſt ja eine Albernheit!.. — Allerdings aber was denn? 233 — Daß Sie bis zum Wahnſinn in die Braut des Herzogs verliebt ſeien... Denken Sie einen ſolchen Wahnſinn! — Freilich; ſehr wahnſinnig! beſtätigte Armand, beugte ſich nieder und that, als ſuche er etwas am Boden. — Sie ſagte, ſie habe Sie an jenem Abend auf⸗ merkſam beobachtet und ſei vollſtändig überzeugt von Ihrer tollen Liebe, die Sie zu einem Verbrechen ge⸗ trieben habe. — Was beliebt? — Zu einem groben Verbrechen, ſagte welch' ſchändliche Beſchuldigung, Armand! — Und worin beſteht dies Verbrechen? — uUm die Vermählung des Herzogs mit Ihrer Geliebten zu hindern, ſollten Sie... Aber man merkt es ja ganz klar, daß das nur eine Erfindung iſt, um die Wirkung des Billets zu vernichten, das, wie ſie glaubt, Sie bei ihr gefunden. — Was ſollte ich? — Sie ſollten die Handſchrift des Herzogs nach⸗ geahmt haben.... — Des Herzogs Handſchrift nachgeahmt? rief Armand von ſeinem Stuhl ſpringend. — Ja, und geſchrieben haben, daß er und die 234 Marquiſe bereits heimlich vermählt ſeien. Darauf hätten Sie dieſen Brief, den Sie bei ihr gefunden haben wollten, dem Fräulein Adelaide überbracht, um ſie dadurch mit dem Herzog zu entzweien.... Alles das iſt nur eine Lüge der Marquiſe, um ſich aus der Schlinge zu ziehen; ich kenne ſie! — Eine teufliſche Lüge! murmelte Armand, mit ſprühenden Augen auf- und niederſchreitend; man ſollte nicht denken, daß ein vernünftiger Menſch darin Glauben ſetzen könne! fuhr er ruhiger fort. — Dafür hat man bereits geſorgt, rief Deniſe; man hat Ihnen bereits Netze gelegt, ſetzte ſie hinzu, ihre hingebeugte Stellung wieder annehmend; und das ſtärkſte Netz ſollte die arme Deniſe ſein. Doch ſeien Sie unbeſorgt, geliebter Freund; Deniſe will Sie viel⸗ leicht fangen, Sie Böſer, aber nicht verderben! — Ich verſtehe von all Dem kein Wort! rief der verſtockte Armand. Erklären Sie mir um des Himmels willen, was ſollen dieſe Netze? — Die Marquiſe verſprach mir eine ſehr bedeutende Summe, wenn ich mich ſogleich zu Fräulein Geronniere begebe und ihr ſage... — Was denn? — Daß Armand Cambon mein Liebhaber geweſen. ———.————— 235 — Welche Gemeinheit! rief Armand in brauſender Heftigkeit aus. Deniſe ſtarrte den unartigſten aller Cavaliere an. — Und daß er mich als ſolcher ein Jahr hindurch jeden Abend beſucht habe, fuhr ſie fort. — Das iſt niederträchtig! rief Armand in blinder Wuth. Deniſe erbleichte. Niederträchtig alſo wäre es von einem ſimplen Arbeiter, der Geliebte der Kammerjungfer einer Marquiſe zu ſein, die ſelbſt ohne Hilfe der frei— herrlichen Garderobe und Schminktöpfe auf allen Pariſer Bällen Furore gemacht haben würde! — Verſtehen Sie mich recht, gute Deniſe, beeilte ſich Armand hinzu zu ſetzen, da er den ganzen Umfang ſeiner Unart einſah. Sie, mit Ihrem unbefleckten Ruf, ſollten ſich ſelbſt einen Liebhaber anlügen, der Sie jeden Abend beſucht! Dies verbeſſerte die Sache keineswegs. Ein Mädchen von Deniſe's Reizen ſollte ſich erſt einen Liebhaber an⸗ lügén müſſen? Es war ſchon eine Unart zu behaupten, daß ſie keinen ſolchen habe, denn nur die Häßlichen prauchen ſich Liebes⸗Abenteuer zu erdichten, um die Velt von ihrer Schönheit zu überzeugen. — Wer möchte nicht gern von Ihnen geliebt ſein! ſagte Armand, der endlich fand, daß er ſehr viel gut 236 zu machen habe.... Aber war das Alles, was Sie Fräulein Sinet ſagen ſollten? — Ach nein, antwortete Deniſe etwas getröſtet. Ich ſollte ihr auch ſagen, daß Sie mir in der letzten Zeit weniger Zärtlichkeit bewieſen als ſonſt, daß Sie mich ſogar mit Gleichgiltigkeit und Verachtung be⸗ handelt.... Die Marquiſe iſt ein ſchlechtes Weib nicht wahr, Armand? — Sehr ſchlecht!... Aber fahren Sie fort, liebe Deniſe! Warum ſollten Sie dies ſagen? — Weil Sie gelegentlich Fräulein Adelaidä ge⸗ ſehen und ſich bis zur Raſerci in ſie verliebt hätten. Nicht wahr, das wäre auch Raſerei geweſen, Armand? — Allerdings!... Und weiter? — Daß Sie Kütem verblendet durch Ihrt un⸗ glückliche Leidenſchaft, nur daran gedacht, die Ver— bindung des Fräuleins mit dem Herzog zu brechen. Unter Andrem hätten Sie mich auch einmal geibeten, Ihnen eines von den Billeten zu zeigen, welche der Herzog als Bevollmächtigter der Marquiſe an ſne ge⸗ ſchrieben, da er als ihr Curator natürlich viel mist ihr correſpondire.... In meiner Schwachheit hätte ic dieſe Bitte erfüllt, Ihnen ein ſolches Billet ſoar gegeben.. — Und nach dieſem Muſter alſo ſollte ich jenes 237 Billet geſchrieben haben?... Ja, Sie haben Recht, Deniſe, es war ein Netz, aber ein Vogelnetz, das ich nur zu zerreißen brauche. — Endlich, fuhr Deniſe fort, ſollte ich, da ich Sie noch immer liebe, fußfällig das Fräulein und ihren Oheim für Sie um Verzeihung bitten! — Und die Folge von dieſer ganzen ſauberen Ge⸗ ſchichte ſollte alſo ſein, daß die Betrogene dem Be⸗ trüger morgen die Hand reiche.....— Aber können Sie mir erklären, weshalb der Marquiſe ſo viel an der Hochzeit des Herzogs mit dem Fräulein liegt? — Der Herzog ſowohl als die Marquiſe haben große Schulden und ſo viel ich weiß, ſoll das Fräulein das reichſte Mädchen in Frankreich ſein. — Ich begreife! Die Nichte des Banquiers ſoll die Schulden des Herzogs, der Herzog die der Marquiſe bezahlen.... Sehr hübſch das! — Aber Sie wiſſen auch, was für Folgen mich dafür treffen, daß ich jetzt hier bin, anſtatt, wie die Marquiſe glaubt, bei dem Fräulein zu ſein? — Sie verlieren die Belohnung, welche ſie Ihnen verſprochen, aber Ihr gutes Gewiſſen wird Ihnen dafür ein reicher Erſatz ſein. — Ich kehre nie zurück, will die Marquiſe nicht wiederſehen! Ich habe deshalb auch mein Eigenthum 238 und meine Koſtbarkeiten bereits mit mir in den Wagen genommen. O, ich habe mir viel erſpart bei der Marquiſe!... Ach Armand, weshalb habe ich Ihnen nicht Millionen zu geben! Weshalb bin ich nicht ſo reich wie Fräulein Geronnière! — Um Gottes willen, beruhigen Sie ſich! rief Armand, erſchreckt durch Deniſe's Emphaſe. Wes⸗ halb wollten Sie mir Millionen geben? — Damit Sie mich lieben ſollen, wie ich Sie liebe! rief Deniſe, ihre Arme um des jungen Mannes Hals ſchlingend. Daß wir uns nimmer zu trennen brauchten! Ja, mein Armand, wir werden glücklich ſein! — Sie ſind von Sinnen, Deniſe! rief Armand, alle ſeine Kraft zuſammen nehmend, um ſich los zu machen. Gewiß hege ich viel Zuneigung, Freund⸗ ſchaft und Achtung für Sie, ich würde ſogar mein Leben für Sie hingeben, wenn es gälte... Aber ich muß aufrichtig gegen Sie ſein, ich darf Sie nicht täuſchen: ich liebe Sie wie ein Bruder, anders aber Deniſe.... unmöglich! Faſſen Sie ſich; blicken Sie mich nicht ſo entſetzlich an, Deniſe! Ich kann Sie nicht heirathen, aber ſo lange ich lebe, will ich.... Deniſe ſtieß einen Schrei aus, der alle Geſpenſter des Spukhauſes in die Flucht ſchlagen mußte; ſie 239 ſprang vom Stuhl auf, als habe eine Natter ſie ge⸗ ſtochen. — Ha, ſo iſt es doch wahr! ſchrie ſie. Er liebt eine Andere! Er liebt Fräulein Geronnidre!... Sie hatte Recht, die Marquiſe, fuhr ſie fort, da Armand ſeine Verlegenheit nicht bemeiſtern konnte. Er liebt ſie bis zum Wahnſinn! Und ich Thörin bemerkte das nicht! Weh mir!... Aber wehe auch ihr, wehe uns Allen! rief ſie aus, wickelte ſich in den Mantel und ſtürzte zur Thür. Armand ſtand einige Sekunden ganz verblüfft da, ohne zu wiſſen, was er thun ſollte. Endlich eilte er ihr nach, kam aber gerade zur rechten Zeit, um zu ſehen, wie ſie in den Garten flog, in den Wagen ſprang, die Thür deſſelben hinter ſich zu ſchlug und der Wagen eilig ſich entfernte. Eine Zeit lang ſtand Armand wartend in der Thür des Gartens; er hoffte, Deniſe werde umkehren, aber vergebens. — Wenn Sie nun nach der Rue d'Anjou führe! dachte er bei ſich. Aber mag ſie fahren! Ich komme morgen nach.... Mögen ſie ſich in Acht nehmen, wenn ſie es wagen ſollten, mir mit dieſer albernen Geſchichte auf den Leib zu rücken!... XV. Ber urhbar les Spukhnuſes. Eben in den Garten zurückkehrend, fiel Armand's Blick zufällig auf das kleine Haus, deſſen Fenſter nach 1 demſelben Garten gingen und das, wie ſchon erwähnt, von einem in Spukangelegenheiten ebenfalls ſehr furcht⸗ loſen Prieſter bewohnt wurde. Eine kleine Laterne hing über der Thür dieſes Hauſes und verbreitete einen matten Schein über die Vorderſeite deſſelben; da ſie aber höher ging als die Gartenwand, ſo fielen auch einige ihrer Strahlen in den Garten ſelbſt. Armand ſah, daß eines der Fenſter des Prieſters . geöffnet war; er entdeckte einen Kopf in demſelben und bemerkte ſogar, daß dieſer Kopf ſich oft hob und — ſeine Blicke auf einen Punkt in dem Garten richtete; ja daß der Kopf durch gewiſſe Zeichen und Bewegungen mit dieſem Punkt im geheimen Einverſtändniß ſtehe. Der Garten war ſeit lange nicht mehr bebaut, er ent— 241 hielt mehrere Fruchtbäume, die jetzt, im Monat Dezember, ganz nackt waren, im Uebrigen befand ſich kein Gegen⸗ ſtand darin, der irgend einer Aufmerkſamkeit werth geweſen wäre. Da nun Armand beobachten konnte, ohne ſelbſt bemerkt zu werden, gelang es ſeinem Späher— auge bald, dieſer geheimen Correſpondenz auf die Spur zu kommen. Mitten in dem Steige zwiſchen der Gartenpforte und dem Eingange des Spukhauſes erhob ſich ein grob gearbeitetes, hohes und breites Piedeſtal von Stein, auf welchem ehemals eine Bildſäule geſtanden haben mußte; möglicherweiſe konnte ſie auch als Altar ge⸗ dient haben zu jener Zeit, wo hier ein Kloſter ſtand. Armand pflegte ſich nicht mit Alterthümern zu be⸗ ſchäftigen und hatte ſich um dieſen Stein alſo gar nicht bekümmert; jetzt aber erſchien es ihm, als ſei gerade dieſer ein Gegenſtand von des Prieſters Auf— merkſamkeit und bald zog er auch die ſeinige in hohem Grade auf ſich. Armand fiel es nämlich auf, daß gerade nach der Seite der Laterne das Piedeſtal einen ſehr merkbar hervorſtehenden Sockel bekommen hatte, den er früher nie bemerkt; ja noch größer ward ſeine Ueberraſchung, als er ſah, daß dieſer Sockei ſich be⸗ wegte, ſich nach innen ſchloß und verſchwand. In demſelben Augenblick hatte ſich auch der Fries des Armand. J. 16 242 Piedeſtals ebenſo erweitert und zog ſich ſchnell wieder zuſammen. Was Armand's Verwunderung dabei am meiſten erregte, waren die Conturen eines Menſchen— kopfes, die dabei zum Vorſchein gekommen waren, und dies brachte ihn auf die Idee, daß der Sockel, den er ſo eben geſehen, vielleicht gar ein Menſchen⸗ fuß geweſen ſein könne und daß alſo ſich ein Menſch hinter dem Piedeſtal verberge, ein Menſch, der natür⸗ lich verdächtig war, weil er ſich verſteckte. Armand hegte von ſeinem Nachbar, wie wir wiſſen, nicht die beſten Gedanken, eben ſo wenig von ſeinen Freunden. Er beſchloß, dieſen Geheimnißmann näher in Augen⸗ ſchein zu nehmen, ſchlich daher vorſichtig an dem Garten⸗ zaun entlang, erreichte die Hinterſeite ſeines Hauſes, und, auf der Erde kriechend, die Vorderſeite und die Thür; bewaffnete ſich mit zwei Piſtolen und trat dann entſchloſſen in den Garten zurück. Hatte er von der andren Seite nur eine Perſon hinter dem Piedeſtal entdeckt, ſo bemerkte er jetzt deren zw ei, die ſich hinter demſelben niedergehockt. Unbemerkt drang er bis auf zehn Ellen von dem Stein vor. — Meine Herren, rief er, was ſuchen Sie hier?— Wie vom Blitz emporgeſchnellt erhoben ſich die beiden Männer.— Ich muß Sie darauf vorbereiten, fuhr Armand fort, daß ich in jeder Hand ein Piſtol halte 243 und auf den erſten, der ſich von der Stelle bewegt, Feuer geben werde. Hüten Sie ſich alſo, einen Schritt zu thun, ehe ich Ihnen die Erlaubniß gebe.... Wen ſuchen Sie hier? Die beiden Männer ſteckten die Köpfe zuſammen, um zu berathen. — Sie ſcheinen ſtumm zu ſein, als hätten Sie meine Kugel ſchon in der Bruſt; doch beruhigen Sie ſich, ich werde nur auf den Magen zielen. Ich habe jetzt aber zum letzten Male gefragt, alſo heraus mit der Antwort, oder... — Mein Herr, antwortete endlich der Eine; wir begreifen nicht, wie Sie auf den Einfall kommen, auf Leute zu ſchießen, die Ihnen nichts zu Leide gethan. — Jeder hat ſeine Einfälle, antwortete Armand, Sie z. B. haben den Einfall ſich auf andrer Leute Grund und Boden in Hinterhalt zu legen, um zu rauben und zu morden, während ich den Einfall habe, Räuber und Mörder nieder zu ſchießen, wo ich ſie finde. — Aber wie können Sie denn glauben, daß wir rauben und morden wollen! fragte der Andere. — Wir waren müde, und traten hier nur ein, um uns auszuruhen! ſetzte der Erſtere hinzu. — Auf der naſſen Erde auszuruhen? fragte Armand. 16* 244 So anſtändig gekleidete Leute wie Sie brauchen ſich nicht ein ſolches Obdach zu wählen, zumal wenn Sie einen Freund in der Nähe haben, den ich ſoeben dort im Fenſter liegen und Ihnen Zeichen geben ſah. Es iſt unchriſtlich von einem Geiſtlichen, ſeine Mitmenſchen der kalten Nachtluft auszuſetzen. — Wir verſtehen nicht, was Sie meinen! — Wir kennen weder Sie noch Ihren Nachbarn, betheuerle der Andere; Sie haben alſo kein Recht, uns ſo zu behandeln. — Möglich; aber ich wette Hundert gegen Eins, daß Sie ein Meſſer in der Taſche haben, um einem armen Schlafenden die Kehle abzuſchneiden, wenn er ſich nicht gutwillig ausplündern läßt! — Dieſe Beſchuldigung ſollen Sie verantworten! rief der Eine. — Gut, ſo ſchreien Sie um Hilfe, verſetzte Armand, denn es iſt meine feſte Abſicht, Sie nicht ſo mit heiler Haut davon zu laſſen. Rufen Sie alſo, ſo lange Sie noch Zeit haben! — uUm Gottes willen, was geht hier vor! hörte Armand plötzlich eine Stimme hinter ſich. Armand wandte ſich und die beiden Kerle benutzten dieſen Augenblick, um ſich eiligſt aus dem Staube zu 245 machen. Armand ſah dies und wollte ſie verfolgen, fühlte ſich aber am Arm zurückgehalten. — Was giebt es und weshalb ſind Sie bewaffnet? fragte dieſelbe Stimme. — Warum hindern Sie mich, dieſe beiden Böſe⸗ wichter zu ergreifen? antwortete Armand, ſeinen Nach⸗ barn, den Prieſter erkennend. — Welche Böſewichter? fragte der Letztere. — Die hinter dem Stein lagen und Ihre Dazwiſchen⸗ kunft benutzten, um zu entſpringen. — Es waren alſo Böſewichter im Garten? fragte der Prieſter. Das iſt etwas andres.... Laſſen Sie uns ihnen nacheilen! Armand ſah, daß dies zu ſpät war und verbiß mühſam ſeinen Zorn. — Ich lag im Fenſter, fuhr der Nachbar fort, als ich plötzlich einen heftigen Wortwechſel vernahm und herab eilte.... Was waren denn das für Leute? — Sollten Sie dieſelben nicht erkannt haben? fragte Armand, ſich dem Nachbar nähernd. — Es iſt ſchwer, von meinem Fenſter aus Ge⸗ ſichter zu erkennen, und wenn es wirklich Verbrecher waren, für mich um ſo ſchwerer. — Wie ſo? — Weil Leute meines Standes nur mit ſolchen 246 Leuten Umgang haben, die wir in den Gefängniſſen zum Tode vorbereiten. — So. alſo nur in den Gefängniſſen.. nicht etwa auf dem Vendome-Platz? — Auf dem Vendome⸗Platz?... Ich verſtehe Sie nicht! — Nun, ich meine, daß ich Sie neulich auf dieſem Platz in Geſellſchaft einer Perſon ſah, die kurz vorher meine Taſchen unterſucht hatte. — Das iſt ſonderbar, obgleich nicht unmöglich. Ich beſuche dieſen Platz öfter, weil dort Bekannte von mir wohnen; auch mag ich auf meiner Promenade zuweilen Leuten begegnen, die nicht die beſte Conduite haben; Sie wiſſen ja, daß ein Prieſter mit allerlei Leuten zuſammen kommt, ebenſo wiſſen Sie, daß nicht lauter Engel zum Beichtſtuhl gehen. — Der Taſchendieb war alſo Ihr Beichtkind, ehrwürdiger Vater? — Aber, mein Sohn, wenn Sie wußten, daß wirklich ein Taſchendieb in meiner Geſellſchaft, warum übergaben Sie ihn nicht dem nächſten Polizei⸗Sergenten? Sie ſahen mich in ſo gefährlicher Geſellſchaft, ohne mich zu warnen.... Glauben Sie etwa, daß Taſchen⸗ diebe vor den Taſchen eines Prieſters mehr Achtung haben als vor denen Andrer? Wäre ich damals be⸗ 5 247 ſtohlen worden, ſo hätte ich dies nur Ihnen zu danken gehabt! Armand ſchwieg etwas verlegen, denn, wie wir wiſſen, hatte er ſeine triftigen Gründe gehabt, dieſen Taſchendieb auf jenem Platze laufen zu laſſen. — Entweder Sie haben ſich in der Perſon voll— ſtändig geirrt oder Sie ſind irre, mein Sohn, fuhr der Prieſter fort, denn wie könnten Sie ſonſt auf den Gedanken kommen, daß ich mit Dieben verkehre! — Aber was bedeuteten denn dieſe Zeichen, die ich Sie im Fenſter machen ſah? fragte Armand. — Ich verſtehe Sie nicht; wem ſollte ich Zeichen gegeben haben? — Nun, den Perſonen im Garten! — Sie ſind von Sinnen! Ich wollte mich nur überzeugen, ob es dieſelben Perſonen ſeien, die.... die ich ſchon früher Nachts in Ihrem Garten bemerkt, und die wohl Ihre Freunde ſein müſſen, da Sie die— ſelben ſtets ſo artig empfingen. Armand ſtutzte. — Anfangs erſchien es mir ſonderbar, fuhr der Prieſter fort, daß ſie ſtets zur Nachtzeit kommen; ich dachte mir aber: der junge Mann hat Tags zu arbeiten und hat alſo nur des Nachts Zeit, Beſuche zu empfangen. 248 Armand trat der Angſtſchweiß auf die Stirn; er ſah ein, daß er belauſcht worden.— Die Perſonen, die Sie vielleicht Nachts zu mir kommen ſahen, antwortete er ſich faſſend, ſind Arbeiter ohne Arbeit wie ich ſelbſt... Wir kommen zuſammen, um gemeinſchaftlich die Mittel zu verabreden, durch welche wir uns helfen können. Dahingegen bin ich neugierig, zu erfahren, was die nächtlichen Beſuche, welche Sie empfangen, bedeuten mögen! ſetzte Armand, ſich der Schatten erinnernd, welche er oft an den Vorhängen des Prieſters geſehen, hinzu. — Ich kann nicht beſtreiten, daß auch ich oft des Nachts Beſuche empfangen, antwortete der Prieſter. Aber nennen Sie mir eine einzige Klaſſe der Geſell⸗ ſchaft, innerhalb welcher nicht heute Berathſchlagungen ſtattfänden! Auch die Prieſterſchaft hat ihren Kummer in dieſer Zeit der Angſt, wir berathſchlagen nicht um unſer Wohl, ſondern um das der Menſchheit.... Doch, es iſt ſpät, und wohl Zeit, daß wir uns trennen!... Es freut mich ſehr, Ihre Bekanntſchaft gemacht zu haben; Gott ſei mit Ihnen, mein Sohn! Der Prieſter machte ein Zeichen des Kreuzes, er⸗ hob ſegnend die Arme und verließ mit feſtem Schritt den Garten. Armand ſchaute ihm nach, kopfſchüttelnd kehrte auch er in ſein Haus zurück. ——;———— XVI. Die Berbrerherin. Der nächſte Tag war einer von den im Winter nicht ſeltenen, wo man vor lauter Nebel in den Wolken zu ſchwimmen glaubt und die Polizei in Paris ihre Poſten an den Quais ausſtellt, damit die Leute nicht in den Seinefluß hinabklettern. Ein undurchdringlicher Nebel verhüllte die große Stadt, man ſah kaum die Hand vor den Augen. Armand Cambon, der ſeine Gründe hatte, heute auszugehen, wußte deshalb wohl, daß er ſich im Quartier St. Germain befand, aber nicht in welcher Straße er am Morgen um 10 Uhr herumtappte. Im Faubourg St. Germain wohnen, wie ſchon früher geſagt, die meiſten adeligen Familien hinter ihren hohen Mauern und Höfen; was China für die ganze übrige Welt, das iſt St. Germain für Paris; denn die Ariſtokratie führt hier eine Art Familienleben zwiſchen ihren großen Spiegeln und Vaſen. „ 250 Zwiſchen den hohen Mauern dahin ſchlendernd und um die Ecke biegend, ſtieß Armand mit einer ſchwarzen Nebelfigur zuſainmen, die ebenfalls gerade um dieſelbe Ecke bog. Er beſah ſich den Mann von oben bis unten und erkannte ſeinen Nachbar. — Guten Morgen! grüßte dieſer mit einem häßlichen Lächeln.... Schlechtes Wetter! ſetzte er hinzu, als Armand den Gruß mürriſch beantwortete. — Und dennoch hier draußen? fragte Armand. — Prieſter und dürfen vor keinem Wetter zurückbeben! — Auch ich bebe vor Nichts zurück, wie Sie ſehen! antwortete Armand. — Das beweiſt ein gutes Gewiſſen! — Nicht immer! Es giebt auch böſe Gewiſſen, die vor nichts zurückbeben! Leben Sie wohl, mein Sohn! Armand verfolgte ſeinen Weg; bald aber erſchien es ihm, als folgte ihm Jemand. Er blickte zurück, ſah aber in dem Nebel nichts. Trotzdem vernahm er immer dieſelben Tritte. Er kehrte alſo entſchloſſen um, ging dem Schatten gerade auf den Leib und attrapirte wirklich ſeinen Nachbar. — Ah, Sie verfolgen mich, ehrwürdiger Vater? rief er höhniſch. 251 — Ich hatte vergeſſen, Ihnen für geſtern Abend zu danken! erklärte dieſer. — Gleichfalls! — Ich vermuthe, daß Sie die Nacht hindurch ungeſtört geſchlafen? fragte der Prieſter. — Nein, ich habe gar nicht geſchlafen; ich habe die Nacht wieder Beſuche gehabt! antwortete Armand. — Sie beſitzen wirklich eine glückliche Natur, mein Sohn! Sie ſchlafen alſo nie? — Niemals! Merken Sie ſich das, falls ſie an meiner Wachſamkeit zweifeln ſollten! — Sie ſind ſehr zuvorkommend, mein Sohn! — Aber ich dulde trotzdem nicht, daß mir Jemand auf den Ferſen folgt! antwortete Armand, drehte dem Nachbar den Rücken und ſetzte ſeinen Weg fort. Nach wenigen Minuten ſtand er vor der Thür eines großen Hauſes; er zo8 die Glocke und die Pforte eröffnete ſich. — Frau Marquiſe d'Eſtelle wohnt hier? fragte er den Portier. — Ja.... Aber weßhalb die Frage? antwortete dieſer mürriſch, denn Armand's Blouſe. Unglück bei allen Portiers. — Sie wohnt in der erſten Etage? fuhr Armand fort, denn allerdings war er bereits in dieſem Hauſe 6 252 geweſen, aber doch auf einem anderen Wege gekommen und hatte alſo nicht Gelegenheit gehabt, die Bekannt⸗ ſchaft dieſes Eingangs und dieſes Portiers zu machen. Ohne die Antwort abzuwarten, ließ er den Mann ſtehen und eilte die Treppe hinauf. Ein Diener in reicher Livree öffnete ihm hier. — Haben Sie die Güte, der Frau Marquiſe zu melden, daß Armand Cambon um eine Audienz bitte! meldete er ſich an. Der Bediente maß ihn vom Kopf bis zu Fuße. — Was ſehen Sie meine Hände und meine Füße an? fragte Armand grob. Ich habe Sie weder ge⸗ beten, mich zu friſiren, noch mir die Schuhe zu putzen! — Wer ſind Sie? fragte der Bediente etwas verblüfft. — Wer ich bin?.... Derſelbe, der mit der Marquiſe zu ſprechen wünſcht! antwortete Armand, ſich in den Corridor drängend. Armand hatte eine Art und Weiſe, mit Portiers und Bedienten umzugehen, daß man hätte glauben können, er gehöre zur faſhionablen Welt. Der Be⸗ diente der Marquiſe, dem ſo viel Kühnheit in einer Blouſe noch nicht begegnet war, vermuthete in der⸗ ſelben einen verkleideten Prinzen und entfernte ſich mit tiefer Verbeugung, um ihn anzumelden. Bald darauf kehrte er zurück, öffnete beide Thüren zum Salon, was ſonſt nur vornehmen Perſonen paſſirte, und bat den Herrn, einzutreten. Armand ſah ſich in einem großen Salon, mit den Büſten von Regenten, Staatsmännern und Kriegern alter Zeiten geſchmückt; zwiſchen dieſen ſteinernen Figuren entdeckte er ein lebendiges Geſicht, das weiß und unbeweglich wie der Marmor war und der Kammerjungfer der Marquiſe gehörte. — Ich ſoll den Herrn einführen, begann ſie mit zitternder Stimme, zum Bedienten zugewandt; dieſer entfernte ſich nach einer tiefen Verbeugung vor dem verkleideten Prinzen, Deniſe aber ſtürzte ſich auf den jungen Mann. — Um des Himmels willen, weshalb kommen Sie hierher? rief ſie angſtvoll. — Um mit der Marquiſe zu ſprechen. — Sie kommen, um mich zu verrathen! Großer Gott! — Daran habe ich nicht gedacht! — Um ihr zu ſagen, daß ich Sie beſucht, um ihr wieder zu erzählen, was ich Ihnen geſagt! — Haben Sie ſonſt nichts zu fürchten, ſo ſein Sie unbeſorgt, Mademviſelle! — Kann ich mich darauf verlaſſen? Werden Sie mich nicht unglücklich machen? Sein Sie überzeugt, daß ich nicht ſo un⸗ verſöhnlich bin wie Sie, Deniſe! — Aber was wollen Sie denn bei der Marquiſe? fragte ſie, noch immer verzweifelt. — Bauen Sie auf mein Verſprechen, das ich nie⸗ mals breche! — So kommen Sie; ich werde Sie zur Marquiſe führen! Aber ich bleibe vor der Thür und höre, was Sie ſprechen! Brechen Sie ihr Wort, ſo verlaſſe ich augenblicklich dies Haus und ſtürze mich in die Seine! — Für einen ſo ſchönen Raub ſoll mir die Seine nie zu danken haben! antwortete Armand lächelnd. Im nächſten Augenblick befand ſich Armand in demſelben Zimmer, in welchem er ſchon einmal ge⸗ weſen. Die Marquiſe, in einem Morgengewand von hellgelbem Taffet, hatte, halb liegend, dieſelbe Stellung inne wie damals; vermuthlich war es ſo ihre Manier, zu empfangen. Armand hingegen war heute ſehr ge⸗ faßt, denn er hatte ja keine Binde vor den Augen. — Sie wünſchten mich zu ſprechen! begann die Marquiſe, ohne ihn zum Sitzen aufzufordern. — Ja, Madame! — Was wünſchen Sie? 255 — Zu wiſſen, weshalb Sie den armen Simon nach Algier ſchicken ließen! — Wenn ich Ihnen ſagte, daß dies geſchah, um ihn von ſeinem Orte zu entfernen, wo ihn Alles an ſeinen erlittenen ſchweren Verluſt erinnern muß, ſo würden Sie mir nicht glauben, ſagte die Marquiſe, mit einer Haarlocke ſpielend, die auf ihre Schulter gefallen war. — Nein, Madame! antwortete Armand kalt, und weder von der Locke, noch von den ſchönen Schultern Notiz nehmend. — Wenn ich Ihnen aber ſage, daß ich mich da⸗ durch vor einem Ungeheuer retten wollte, das beſtändig meine perſönliche Sicherheit bedrohte, ſo glauben Sie mir? — Ja, Madame! Was aber bedeutete das Schreiben, das ich von Ihnen zu empfangen die Ehre hatte? — Es bedeutete, was ich damals dachte. Heute denke ich anders.... Wir Frauen ſind ſehr ver⸗ änderlich! — Weshalb aber thaten Sie, als ſei es Simon's eigener Wunſch, nach Algier zu gehen? Es geſchah vermuthlich, um deſto leichter von dem Präfecten den Deportationsbefehl zu erwirken? — Möglich! 256 — Sie werden demnach denſelben Einfluß ver⸗ wenden, um den armen Mann wieder zu laſſen. — Sie glauben alſo, ich habe Einfluß? Leider! Es ſieht traurig aus um uns; ich glaubte, die Zeit der Lettres de eachet ſei längſt Sorüber Wie dem ſei, Sie werden Simon zurück⸗ ſchaffen, ſonſt.. — Sonſt nachen Sie mir den Prozeß oder ſetzen mich in die Zeitungen? — Schon möglich; ehe dies aber geſchieht, wende ich mich an den Herzog v. Beaudreuil, erklärte Armand, einen durchdringenden Blick auf die Marquiſe heftend; ich will wenigſtens ihn für Simon's Sache zu ge⸗ winnen ſuchen. — Sie glauben alſo, ſehr gut bei dem Herzog angeſchrieben zu ſtehen? fragte die Marquiſe mit ſicht⸗ barer Verwirrung. Es iſt gerade das Gegentheil der Fall! — Sie wollen an das merkwürdige Billet er⸗ innern, das. — Das Sie mit ſich nahmen, als Sie neulich des Abends im Zimmer meiner Kammerjungfer waren! — Und das der Herzog an Sie geſchrieben, ſetzte Armand ſchnell hinzu, allerdings verwundert, ſie 257 vvn dem Zimmer ihrer Kammerjunger ſprechen zu hören. Die Marquiſe brach in ein lautes Gelächter aus. — Wollen Sie durch dieſes Lachen mir zu ver⸗ ſtehen geben, daß der Herzog jenes Billet nicht ge⸗ ſchrieben? — Fragen Sie meine Kammerjungfer! antwortete ſie mit derſelben Munterkeit. — Und was für Aufſchlüſſe ſollte ſie in dieſer Sache geben können? — Alle, wenn ſie will.... Junger Mann, Sie waren nahe daran, ein ganz hübſches Mädchen nach Saint⸗Lazare*) zu bringen! — Wollen Sie etwa behaupten, daß Ihre Kammer— jungfer das Billet geſchrieben?... In dieſem Falle ſetzt mich nur Eins in Erſtaunen! fuhr er fort, als er die Marquiſe ſchweigend mit dem Kopfe nicken ſah. — Und was? — Daß Ihre Kammerjungfer nach einem ſolchen Verbrechen noch in Ihrem Hauſe iſt! — Ein Weib verzeiht gern ein Verbrechen, wenn es nur aus Liebe geſchah! — Aus Liebe? *) Zuchthaus für Frauen. Armand. J. 17 258 — Nun ja! Oder iſt es ſo undenkbar, daß eine Kamerjungfer einen Herzog liebt? — Ihre Kammerjungfer ſollte den Herzog von Beaudreuil lieben?... Und ſie beweiſt dieſe Liebe dadurch, daß ſie ſeine Handſchrift verfälſcht? — Sie wiſſen alſo nicht, daß die glühendſte Liebe, wenn ſie ſich verrathen ſieht, zum glühendſten Haß wird?... Doch ich vergaß, daß Sie noch ein Kind ſind und die Welt nicht kennen! — Möglich! Aber ich bitte Sie, nicht zu ver⸗ geſſen, daß ich nicht die Leichtgläubigkeit eines Kindes beſitze! Ja, es iſt ſogar mein Vorſatz, alle Andern aufzuklären, die vielleicht eben ſo leichtgläubig ſind, wie Sie mich vermuthen! Ein heftiger Blick ſchoß aus den ſchwarzen Augen der Marquiſe. Armand begegnete demſelben mit einem trotzigen Lächeln. — Sie glauben mir alſo nicht? fragte ſie mit der vorigen Kälte. — Nein! Die Marquiſe ergriff die auf dem Tiſche ſtehende goldene Schelle. Deniſe, bleich und zitternd, trat ein. — Deniſe, ſagte ſie, nachdem ſie lange das er⸗ ſchreckte Mädchen betrachtet; es handelt ſich ſchon wieder um das Billet, das bereits ſo viel Unheil angerichtet. 259 Der junge Mann dort glaubt, es ſei ein Schreiben des Herzogs an mich.... Iſt es ſo? Deniſe ſah jämmerlich aus; ihre Lippen bewegten ſich, ohne einen Laut von ſich zu geben. — Antworte, Deniſe! befahl die Herrin. Hat der Herzog das Billet geſchrieben? — Nein, Madame! antwortete Deniſe endlich, auf den Boden ſtarrend. — Soll ich das arme Kind noch weiter fragen? wandte ſich die Marquiſe an Armand. — Ich möchte natürlich wiſſen, wer es denn ge⸗ ſchrieben! antwortete dieſer. — Und Sie wollen, daß ich dieſe Frage in eines Fremden Gegenwart ſtelle? — Ja, ſo fern Ihnen daran liegt, mich von der Wahrheit zu überzeugen! — Sie treiben Ihre Unbarmherzigkeit ſehr weit, mein Herr, ſagte die Marquiſe mit einem mitleidigen Blick auf die Zofe. Deniſe, Du mußt dem jungen Mann aufrichtig ſagen, wer es geſchrieben. — Ich? rief Deniſe, bald auf die Marquiſe, bald Armand ſtarrend, während ſie an allen Gliedern zitterte. — Du haſt nichts zu fürchten, mein Kind, fuhr die Marquiſe fort; Du haſt meine Verzeihung und bedarfſt der eines Andern nicht. Auch glaube ich, daß 17* —— 20 Herr Armand Urſache hat, nicht unverſöhnlicher zu ſein als ich, denn er war es ja, der das Billet nahm, es dem Fräulein Geronniere zeigte und dadurch die Welt in Bewegung ſetzte; das iſt nicht Dein Fehler, ſondern der ſeinige.... Fürchte alſo nichts, ſondern ſag' ihm daſſelbe, was Du mir geſtanden, nämlich, daß Du, Du ſelbſt, dieſes fatale oder vielmehr ein⸗ fältige Billet geſchrieben. Deniſe rang ihre Hände. — Spute Dich, Mädchen! ermahnte die Marquiſe mit befehlender Stimme. Du warſt es, die es ge⸗ ſchrieben! — Ja! ſtammelte Deniſe faſt vernichtet. — Sie! Sie! rief Armand, die Kammerjungfer mit Beſtürzung anſtarrend. — Mein Herr, ſagte die Marquiſe; ich hoffe, Sie trauen ſich nicht das Recht zu, dem armen Mädchen Vorwürfe zu machen.... Auch erwarte ich von Ihrer Ritterlichkeit, daß Sie zu Niemandem, wer es auch ſei, von dieſem Vorgange ſprechen, der, wie ich Ihnen ſchon geſagt, nur aus kindiſcher Eiferſucht entſprungen. — Aber, rief Armand. aber.. iſt denn Fräulein Geronniere davon unterrichtet? — Allerdings! Ich erſtaune, wie Sie hieran zweifeln können! Deniſe wollte mich mit einem Herzog kräger, betrift ich ihm gegeben; ich will daher meinen Einfluß an⸗ wenden, um ihn zurückkehren zu laſſen.... Und jetzt leben Sie wohl, mein Herr! Armand verbeugte ſich, zögerte aber, denn er war beſchäftigt, die Geſichtszüge der verzweifelten Kammer⸗ jungfer zu ſtudiren. — Geh in das Schlafzimmer, Deniſe; ich will meine Toilette machen! befahl die Marquiſe. Schwankend, mit bebenden Gliedern ſchritt Deniſe zur Thür und verſchwand. Gleichzeitig erſchien der Bediente und meldete den Baron Saint-Bris an, der eintrat, ſich der Marquiſe näherte und von dieſer mit einem verbindlichen Lächeln empfangen wurde. Armand erkannte in ihm denſelben Kavalier, den er in der Oper neben der Marquiſe geſehen. — Begleite den Herrn hinaus! rief die Marquiſe dem Bedienten zu, gleichzeitig Armand mit einer artigen Verneigung beurlaubend. Dieſer hatte allerdings in 4 neben dem Divan Platz nehmend. — Sahen Sie dieſen Mann? — Ja; ich wußte bereits, daß er hier ſei. — Und dieſen gefährlichen Menſchen ließen die Elenden entkommen? fuhr die Marquiſe fort. — Es iſt ſchrecklich, was für Eile man hatte, Sie davon zu unterrichten, Madame! — Nun, und was iſt jetzt zu thun? fragte die Marquiſe unruhig. — Seien Sie unbeſorgt, Madame! Ehe der Abend da iſt, hat er aufgehört gefährlich zu ſein. — Ehe der Abend da iſt? wiederholte die Mar⸗ quiſe erſtaunt. — Ehe der Mittag da iſt; wollt' ich ſagen, be⸗ richtigte der Baron.... In einer Stunde ſchon!.. Aber was wollte er bei Ihnen? — In einer Stunde, ſagten Sie? — In weniger als einer Stunde! Die Marquiſe ſchien beruhigt. F. In der Flle. Armand folgte dem Bedienten, der mit tiefer Ehr⸗ furcht die Thür vor dem vermeintlichen Prinzen auf— ſchlug und in dieſer Anſicht von Armand's hohem Stande noch mehr beſtärkt worden war, als er die kalte Verbeugung bemerkte, mit welcher ſich der junge Mann von der Marquiſe entfernte. Nur ein Prinz konnte eine ſo vornehme Verbeugung machen. Armand ſeinerſeits achtete auf die Demuth des Bedienten nicht; er grübelte über das nach, was er ſoeben erlebt. Deniſe's ganze Verfaſſung, als ſie jenes Bekenntniß ablegte, hatte Angſt und Furcht verrathen, woraus ſich der Schluß ziehen ließ, daß eine andre Macht als die Liebe zur Wahrheit ſie beherrſchte; aber dies konnte auch eine Folge davon ſein, daß ſie am Tage vorher ihm eine andre Geſchichte zum Nachtheil der Marquiſe erzählt und ſie fürchtete, daß Armand dieſelbe ihrer 264 Herrin verrathen könne. Gewiß bedurfte es einer großen Schreibfertigkeit, um die Handſchrift eines Andren zu verfälſchen; Armand traute in dieſer Be— ziehung einer Kammerjungfer freilich nicht viel zu, aber gab es nicht Andre, die dies für gute Bezahlung thun konnten? Armand wußte nicht, was er glauben ſollte. — Mein Herr, Ihr Bediente wartet unten mit dem Mantel! unterbrach ihn der Diener in ſeinem Nachdenken, denn dieſer konnte doch unmöglich glauben, daß ein ſo vornehmer Herr ſelbſt in ſolcher Verkleidung ohne Mantel gekommen ſei. — Mein Bedienter? fragte Armand verwundert. — Es ſchien mir ſogar, als ſeien es zwei Be⸗ diente, die unten warten! — Zwei? fragte Armand noch mehr verwundert. Haben Sie die Bedienten geſehen? — Ja, ich war vor Kurzem unten und öffnete die Thür; es ſtanden zwei Männer auf der Straße, die ich nicht kenne. — Und dieſe ſagten, ſie ſeien meine Diener? — Das gerade nicht, denn ſie zogen ſich ſchnell zurück, aber ich glaubte. — Hat etwa der Herr, der ſoeben gekommen, Be⸗ diente bei ſich? unterbrach ihn Armand. 265 — Der Baron?... Nein, ich kenne ſeine Be⸗ dienten. Armand trat an das Fenſter des Hausflurs und ſchaute hinaus; in dem Nebel aber war Niemand zu ſehen. Mit einem trocknen Bonjour! ließ er den Bedienten daſtehen und eilte die Treppe hinab. Vor der Loge des Portiers ſah er den dicken Portier ſtehen, der ihn mit tiefen Bücklingen empfing. Die hohen Ideen des Bedienten waren alſo ſchon in die Concierge-Stube gedrungen. — Befehlen Sie, daß ich die Thür öffne? fragte der Portier mit dem ſüßeſten Lächeln. Armand ſtand mit der Hand am Kinn vor dem Portier da, wie Einer, der einen vernünftigen Be⸗ ſchluß faſſen will. Auch die Frau des Portiers er⸗ ſchien mit tiefen Kratzfüßen in der Thür. — um Verzeihung, Madame, redete Armand ſie an, darf ich mir vielleicht bei Ihnen eine Cigarre an— zünden? — Tauſend, wenn Sie wünſchen! antwortete dieſe, nöthigte Armand in die enge Stube und ſuchte nach den Zündhölzern. Armand trat ein, und ſuchte mit der Hand erſt in der einen, dann in der andern Taſche. — 266 — Mein Gott, ich glaube, ich habe meine Cigarren⸗ taſche verloren! rief er erſchreckt. — Himmel, und gewiß eine ſehr koſtbare! riefen der Portier und ſeine Frau aus einem Munde. — Allerdings! Ich hätte lieber hundert Francs verloren! Sie war von Gold! — Von Gold? rief das würdige Portierspaar.... Wenn der Bediente ſie gefunden hat, ſo iſt ſie ver— loren! ſetzte die Frau hinzu. — Ich erinnere mich, daß ich beim Eintritt in dieſes Haus ſie in eine andere Taſche ſteckte.... ge⸗ wiß habe ich ſie nebenbei geſteckt.... Sie muß alſo auf der Straße, hier vor der Thür verloren ge⸗ gangen ſein. — Auf der Straße!... Was ſtehſt Du noch da? Geh und ſuche ſchnell! rief die Frau, ihren Mann zur Thür drängend. Vielleicht liegt ſie noch da! Während die Frau ihren Mann hinaus puffte, trat Armand an das Fenſter; die Frau ihrerſeits machte viel Complimente, um ſeine Aufmerkſamkeit von der Straße abzuziehen und ihrem Mann Gelegenheit zu geben, die Cigarrenbüchſe einzuſtecken, wenn er ſie finde; Armand ließ ſich aber dadurch nicht irre machen. Spähend hafteten ſeine Augen auf zwei dunklen Schatten, die ſich auf der Straße bewegten; ſie zu erkennen vermochte er —— 267 nicht, wohl aber bemerkte er, daß ſich die Schatten ſchnell zurückzogen, als der Portier auf die Straße trat. Dieſe Entdeckung genügte ihm übrigens; er ver— ließ das Fenſter. Mit betrübter Miene trat der Portier wieder ein. Die Cigarrentaſche war nicht zu finden. — Sahen Sie Niemanden draußen auf der Straße? fragte Armand, ſeinen Verluſt großmüthig verſchmerzend. — Zwei Männer; ja! — Kannten Sie dieſelben? — Nein, Monſeigneur! Dieſe beiden Männer erwarten keinen Andren als Dich! dachte Armand, und ſind es auch nicht dieſelben, die Dir geſtern Abend im Garten begegneten, ſo ſind es Andre, die nichts Gutes im Schilde führen; da Du nun unbewaffnet biſt und ſie ihrer zwei ſind, ſo iſt es am beſten, ihnen aus dem Wege zu gehen. — Kennen Sie einen Prieſter Namens Bredot? fragte Armand, anſcheinend zerſtreut. — Den Bruder Bredot? rief die Frau; wie ſollten wir den Gottesmann nicht kennen! — Kommt er oſt hieher? — Nicht oft, aber er war kurz vor ihnen hier, Monſeigneur! Sie müſſen ihm auf der Straße be— gegnet ſein! 268 Armand ging ein Licht nach dem andren auf; er blickte nach der Stutzuhr des Portiers und erinnerte ſich, daß er um 12 Uhr an einer andren Stelle zu ſein verſprochen hatte. — Sahen Sie draußen nicht einen Wagen? fragte er den Portier.... Er muß in der Nähe des Hauſes halten! — Ich habe keinen Wagen geſehen, Monſeigneur! Durchlaucht erwarten alſo Ihren Wagen? — Doch nein, ich erinnere mich, daß er mich in der Univerſitätsſtraße erwarten ſoll! verbeſſerte ſich Armand. — Und warum dort, Wonſeigneurf — Weil die nach ken Straße zu liegt. — Durchlaucht wiſſen up daß don; ein Eingang zu dieſem Hauſe? — Allerdings, weil 65 dort oft herengerten bin! antwortete Armand, mit einem Lächeln, das natürlich die Sdeen des Portiers von ſeiner Perſon noch erhöhte. Vermuthlich haben Sie den Schlüſſel zu der kleinen Pfotte? — Nein, den hat die Marquiſe! Wünſchen Sie, daß ich hinauf gehe, ihn zu holen! — Um Gottes willen nicht; das wäre eine Un⸗ —— — 269 ſchicklichkeit!... Uebrigens iſt es nicht nöthig, da ich einen Schlüſſel ſtets bei mir trage.... Begleiten Sie mich durch den Garten, ich könnte ſonſt bei dem Nebel in einen der Gräben laufen! — Durchlaucht haben zu befehlen! Ich ſchätze mich glücklich, Monſeigneur begleiten zu dürfen! ant— wortete der Portier demüthig, auf ein ungeheures Trinkgeld rechnend. — Laß ihn nicht fort, ehe Du mindeſtens einen Louis'dor bekommen! flüſterte ihm ſeine Gattin zu. Begleitet von dem Portier kam Armand glücklich über die kleinen Brücken und durch die vielen Hecken, die alle in dichten Nebel gehüllt waren. Endlich an die kleine Pforte gelangt, legte der Portier beide Hände an den Mund und rief: Ohoi! — Aber was ſchreien Sie denn? unterbrach ihn Armand. Der Wagen iſt ganz in der Nähe; Sie machen mir die Pferde ſcheu! — Unbegreiflich, daß der Kutſcher nicht antwortet! meinte der Portier. — Wie wollen Sie, daß man in ſolchem Nebel hören ſoll! Der Portier ſchaute Armand verblüfft an; er hatte nie gehört, daß der Nebel ſich auf die Ohren lege. — Mein Schlüſſel paßt nicht, ſagte Armand, nach⸗ — e 270 dem er vergeblich das Schloß mit einem ſolchen zu öffnen geſucht; ich habe in der Eile einen falſchen Schlüſſel mitgenommen. Doch das thut nichts; ſein Sie ſo gütig, ſich auf Ihre vier Füße zu legen! — Wie?... Ich ſoll mich auf die Erde legen? rief der dicke Portier. — Auf alle Viere, ja! — Aber Monſeigneur!... — Begreifen Sie denn nicht, daß ich auf Ihren Rücken ſteigen muß, um über die Mauer zu klettern? — Freilich iſt das bequemer.... Aber Mon⸗ igneür — Keine Umſtände; ich habe Eile! rief Armand, den Portier niederdrückend. — Um Ihretwillen, Durchlaucht, mag es ſein! jammerte der Portier, ſich wie ein Nilpferd auf alle Viere legend und den Rücken in die Höhe ſtreckend, um Armand das Klettern ſo leicht als möglich zu machen, der dann die Mauer auch ſchnell erſtiegen hatte. — Ew. Durchlaucht haben mir den ganzen Rock verdorben! klagte der Portier, ſich wieder aufrichtend. Für einen Andren hätt' ich das nicht gethan, und wenn er zwanzig Louisd'ors geboten hätte! — Mein Lieber, antwortete Armand, auf der Mauer 271 ſitend, wenn Sie jetzt zu der Margquiſe gehen und ihr ſagen, Sie hätten mir über die Gartenmauer ge⸗ holfen, ſo giebt ſie Ihnen mehr Trinkgeld als Sie das ganze Jahr hindurch erhalten..... Jetzt leben Sie wohl, mein Freund, und grüßen Sie Ihre werthe Ehehälfte! Armand verſchwand. Stumm wie ein Marmor⸗ bild ſtand der Portier da, vergebens auf das Ge⸗ räuſch eines Wagens lauſchend. Beruhigt indeß durch die Ausſicht auf das Douceur der Marquiſe kehrte er zurück. Im Hauſe fand er bereits die Thür geöffnet und ſah den geſchloſſenen Wagen der Marquiſe vor derſelben halten. Jetzt war keine Zeit zu verlieren, und eilig rannte er die Treppe hinauf. Im Salon fand er die Marquiſe in voller Toilette, als wolle ſie in die Tuilerien fahren; Deniſe war eben im Begriff, ihr den Hermelinmantel über die Schulter zu legen. In der Nähe der Thür ſtand Baron Saint⸗ Bris mit dem Hut in der Hand, bereit den Mantel zu nehmen, welchen ein Bediente hinter ſeinem Rücken ausbreitete. — Ich ſoll die Frau Marquiſe von Monſeigneur grüßen, begann er in aller Eile. Monſeigneur be⸗ fahlen mir, der gnädigen Frau Marquiſe zu ſagen, daß ich ihm über die Gartenmauer geholfen und daß 272 ich das Trinkgeld dafür von der Frau Marquiſe er⸗ halten würde. Dieſe Marquiſe und der Baron, die Kammerjungfer und der Bediente ſtarrten den Portier an, der athem— los vor ihnen ſtand. — Monſeigneur hatte den Schlüſſel zur Garten⸗ thür vergeſſen, fuhr er fort; ich legte mich aber auf alle Viere und ſo ging das vortrefflich! — Was ſagen Sie da, Menſch? fuhr ihn die Marquiſe an. — Er iſt betrunken, meinte der Baron. — Von welchem Monſeigneur ſprechen Sie? fragte die Marquiſe. — Nun von ihm, dem ich über die Gartenmauer half! — Der Menſch hat den Verſtand verloren! rief die Marquiſe. — Ich meine denſelben Monſeigneur, der ſoeben bei Ew. Gnaden war! antwortete der Portier. — Hat mich heute irgend ein Monſeigneur beſucht? fragte die Marquiſe den Bedienten. — Nicht, daß ich wüßte, Madame! antwortete dieſer. Wenn nicht... — Ihr wart es ja gerade, der mir ſagte, daß es ein Monſeigneur ſei! fiel ihm der Portier ins Wort. 273 Ihr ſagtet es meiner Frau; wahrſcheinlich habt Ihr auch die Cigarrenbüchſe gefunden, die. — Schweigt! befahl die Marquiſe dem uner⸗ müdlichen Portier.... Sprechen Sie, Gaudin, was bedeutet das Alles? wandte ſie ſich an den Bedienten. — Ich glaube faſt, er meint den jungen Mann, der vorhin fortging! antwortete dieſer. — Wie? den jungen Arbeiter?... Und den tituliren Sie Monſeigneur? rief ſie lachend. — Dieſe Blouſe nennt er Monſeigneur? fiel auch der Baron lachend ein. — Arbeiter... Blouſe? ſtotterte der Portier ganz verblüfft... Großer Gott, er war alſo ein ſimpler Arbeiter? rief er umherſchauend und nur lachenden Geſichtern begegnend.... Und ich Dummkopf begleite ihn in den Garten, ließ ihn auf meinen Rücken klettern! jammerte er faſt weinend. Deniſe lachte, der Bediente lachte, daß er ſich den Bauch halten mußte; die Marquiſe und der Baron aber waren plötzlich ſehr ernſt geworden. — Durch den Garten! wiederholte die Marquiſe. Was wollte er im Garten? — Er gab vor, ſein Wagen halte vor der Garten— thür, der Betrüger! Er ſagte, er beſitze den Schlüſſel Armand. I. 18 F 274½ zu der Pforte und habe dieſen Weg ſchon oſt gemacht, der Lügner! Die Marquiſe ward ganz gelb im Geſicht. — Sie begleiteten ihn durch den Garten, ſagten Sie? fragte der Baron mit tiefen Runzeln auf der Stirn. — Ja, ich war ein Eſel! bekannte der Portier. Und als wir an die Pforte kamen und ſie verſchloſſen war, zwang er mich obenein, mich auf alle Viere zu legen, und ſo ſtieg er über die Mauer, der Schelm! — Und dann? fragten die Marquiſe und der Baron zugleich, einen Blick mit einander wechſelnd, der nur ihnen verſtändlich war. Dann ſagte er zu mir, die Marquiſe werde mir das Trinkgeld bezahlen, und ſprang hinab. — Auf die Straße? — Allerdings! Alſo einen andren Weg! murmelte der Baron, — die Zähne zuſammen beißend. — Alſo entkommen! murmelte auch die Marquiſe, ſich in höchſter Wuth zum Fenſter wendend, vermuthlich um dieſe zu verbergen. e 1een— XVlII. Die Mullelnine-Pirrkr. Eine Viertelſtunde nach der feſtgeſetzten Zeit hatte Armand ſich in der Rue d'Anjou vor dem Hauſe Geron⸗ nidre's eingefunden. Eine halbe Stunde hatte er bereits dageſtanden, ohne eine Botſchaft von der Nichte des Banquiers zu erhalten. Der Nebel begann ſich aller— dings zu zerſtreuen, war aber doch noch ſo dicht, daß Armand es für nothwendig hielt, ſich ſo dicht vor die Thür zu poſtiren, damit ihn die Botſchaft Adelaide's finde. Armand brannte vor Ungeduld, das junge Mädchen zu ſprechen, theils um ihr ſeine Dienſte zu bieten, fallé ſie deren bedurfte, theils um von ihr ſich aufklären zu laſſen, welcher Mittel man ſich bedient haben mochte, um jenem Billet ſeine Wirkung zu nehmen, an deſſen Echtheit er keinen Augenblick zweifelte. Endlich fühlte er auch das Bedürfniß, den Fehler wieder gut zu machen, 18* 276 welchen er begangen, als er beim Abſchiede Adelaide's Hand geküßt, und dieſe naürlich dadurch verletzte. Das Raſſeln von Wagen ſtörte Armand aus ſeinen Betrachtungen. Da er in dem Nebel weder die Wagen noch die Pferde ſehen konnte, zog er ſich näher an das Portal zurück. Bald wurden die Wagen ſichtbar, und Armand hatte Gelegenheit, dieſelben näher zu betrachten, da ſie gerade vor der Thür des Banquiers hielten. Vergebens wartete er, daß Jemand heraus⸗ ſteigen werde; kein Bedienter kam, um die Thür des Wagens zu öffnen. Ebenſo unbeweglich ſaß der ſtattliche Kutſcher auf ſeinem Bock. Abermals fuhr ein anderer Wagen, ebenſo vor⸗ nehm wie der erſtere, heran; ein dritter, ein vierter kam— alle hielten ſie geduldig hinter einander. Armand ward unruhig; noch war er unſchlüſſig, an welchen von den Kutſchern er ſich mit einer Frage wenden ſolle, als ſich die beiden Flügel des Portals öffneten und zwei Diener in derſelben Livree wie der erſte Kutſcher herauseilten und die Thür des vorderſten Wagens öffneten. Unſer Held ſchlich näher heran, um beſſer ſehen zu können, denn Alles erſchien ihm wie durch einen weißen Schleier. So ſah er zwei Perſonen in den erſten Wagen ſteigen: einen Herrn, deſſen Antlitz er nicht unterſcheiden konnte und um den er 277 ſich auch nicht viel Mühe gab, und eine Dame in weißem Schleier, der bis auf die Füße herabfiel, jedoch über einen mit Marder beſetzten ſchwarzen Sammet— mantel zurückgeworfen war. Armand war alſo im Stande, das Antlitz der Dame zu beobachten, als ſie in den Wagen ſtieg. Mühſelig unterdrückte er einen Ausruf der Ueber⸗ raſchung und zog ſich zurück. Von dieſem Augen⸗ blick wußte er kaum, was weiter paſſirte; erſt als der letzte Wagen ſeine Gäſte aufgenommen hatte, kam er wieder zu ſich und eilte ohne Ueberlegung der Richtung der Equipagen nach. Wenige Minuten ſpäter hielten die Wagen vor einem größeren Hauſe derſelben Straße. Armand näherte ſich dem letzten. — Weshalb hält man hier? fragte er. — Nun, man muß doch erſt zum Maire! ant⸗ wortete der Kutſcher. — Und wohin fahrt Ihr dann? — Nach der Madelaine⸗Kirche natürlich! war des Kutſchers ſchnippiſche Antwort. Schweigend ſchlug Armand den Weg nach dieſer Kirche ein, vor welcher er bereits einige glänzende Equipagen halten ſah. Alles überzeugte ihn, daß es ſich um eine Hochzeit handle. In Frankreich nämlich ————— 278 wird, wie wir zur Informirung des Leſers einſchalten müſſen, eine chriſtliche Ehe der Art geſchloſſen, daß die Contrahenten ſich an einen Notar wenden, der einen Ehe⸗ Contrack“ aufſetzt; mit dieſem unterzeichneten Contract findet man ſich nebſt den Zeugen vor dem Maire, dem Bürgermeiſter des betreffenden Arrondiſſe⸗ ments, ein, der an die Thür ſeines Amtshauſes die Namen derjenigen anſchlagen läßt, welche ſich zu ver⸗ mählen wünſchen. Vierzehn Tage ſpäter findet man ſich abermals beim Maire ein, und iſt inzwiſchen keine Ein⸗ ſprache gegen dieſe Heirath erhoben, ſo verlieſt der Moire den Verlobten den betreffenden Paragraphen des Code civile und vereinigt ſie danach vermittelſt eines paſſenden Glückwunſches. Die Ehe iſt nun gültig geſchloſſen; will man ſich auch noch den Segen der Kirche holen, ſo fährt man vom Maire zum Gottes⸗ hauſe, eine Sitte, welche namentlich die Vornehmen und Reichen nicht verſäumen. Eine Zeit lang ſchweiſte Armand's Blick von der Höhe der Kirchtreppe über den Madelaine⸗Platz. Endlich ſah er eine Equipage nahen, die vor dem Eiſengitter der Kirche hielt und aus welcher ein Herr und eine Dame herausſtiegen. Armand erkannte den Baron Saint⸗Bris und die Marquiſe d'Eſtelle. Beide ſtiegen die Treppe hinan und eilten an unſerm Helden vor— 279 über, der mit einem unwillkürlichen Schauder ihren Blicken begegnete. Beide bemerkten ihn nicht, oder thaten, als ſähen ſie ihn nicht, und verſchwanden in der Kirche. Eine Viertelſtunde verſtrich ihm unter vergeblichem Warten; endlich trat auch er in die Kirche, eilte zu dem Gitter vor dem Hochaltar und ſuchte einen Platz an demſelben zu gewinnen. Letzteres aber mißlang, denn das Gittter war ſchon durch eine Anzahl Neu⸗ gieriger in Anſpruch genommen, die ſich ihr Vorrecht durch keinerlei Gewalt von Seiten des Neuhinzu⸗ kommenden ſtreitig machen laſſen wollten. Er mußte ſich alſo mit einem hinteren Platz begnügen und konnte hier wenigſtens das Brautpaar dicht an ſich vorbei paſſiren ſehen. Doch auch dieſe Hoffnung trübte ſich bald, denn die vor ihm Gekommenen ſchienen ſich nicht damit zu begnügen, ihn von dem Gitter fern zu halten, ſondern drängten ihn auch weit zurück, um ihm jede Ausſicht zu verſperren. Armand aber war nicht derjenige, der ſich ſein Recht nehmen ließ, und wie ſehr und wie abſichtlich ihn auch die breitſchultrigen Burſchen zurückzuſchieben ſuchten, er wich nicht von der Stelle. Eins aber fiel ihm auf: dieſe Kerle hier, mehr oder minder gut gekleidet, mußten einen beſonderen Zweck haben, ihn in den Schatten zu drängen— ——— — 2—.———— *— — F. 280 indeß, das war doppelter Grund, trotz allem Complot und heftigem Wortwechſel ſeinen Poſten zu behaupten. Jetzt entſtand das ärgſte Gedränge. Armand ſetzte ſeine Ellenbogen in Bewegung, um wenigſtens dem an⸗ langenden Brautpaar im Vorübergehen am nächſten zu ſtehen. Der Herzog von Beaudreuil, ſchwarz ge⸗ kleidet und mit mehreren Orden dekorirt, führt ſeine Braut an der Hand; dieſe trug einen Kranz von Orangeblüthen(die Bräute des Südens tragen nicht die Myrthe) im Haar; ihr Brautkleid war von weißer moirée antiqne, der Brabanter Spitzenſchleier war an dem Orangekranz befeſtigt, in welchem jede Blüthe einen Diamant trug, einen Thautropfen, den keine Sonne auf⸗ zuſaugen vermag. Ein Brillantſchmuck glänzte auf Adelaide's Bruſt. Eben war ſie im Begriff, an Armand vorüber⸗ zuſtreifen, als durch Zufall ihr Blick auf den jungen Arbeiter fiel; aber welch ein Blick, gemiſcht von Er⸗ ſtaunen, Verachtung und Mitleid! Armand verſtand denſelben; er that einen Schritt vor, um ihr zu folgen, ohne zu wiſſen, wozu dies nützen ſolle; in demſelben Moment aber fühlte er ſich durch mehrere Hände feſt⸗ gehalten, die wie ein Schraubſtock ſeine beiden Arme um⸗ faßten. Erſt als der Brautzug durch das ſich ſchließende Gitter von ihm getrennt war, ließ man ihn wieder los. — XN — M 281 Die Töne der Orgel brauſten; die Neuvermählten knieten vor dem Hochaltar in ihren Betſtühlen nieder. Der Prieſter begann die Hochzeitsmeſſe zu leſen; die Ringe wurden gewechſelt, der Gott Abraham's, Iſaak's und Jakob's zum Schutz für die Vermählten angerufen. Zwei andre Prieſter traten vor den Hochaltar, unter dem Schwenken der Weihrauchsfäſſer ging die Cere— monie vor ſich, und Lablache's Donnerſtimme erfüllte mit ſeinem Adoremus in aeternum das Schiff der Kirche. Gloria patri, gloria filio, gloria spiritu sancto, Amen! ſang der Chor, und die Feierlichkeit war zu Ende. Die Neuvermählten am Hochaltar verließen ihre Betſtühle und knieten betend noch an einem kleineren Altar nieder, obgleich die Kirche mit ihrer Ceremonie fertig. Endlich erhoben ſie ſich; die rieſigen Schweizer ſchwangen ihre goldenen Stäbe; der Hochzeitszug ſetzte ſich nach dem Portal in Bewegung. Abermals begann das Gedränge am Gitter. Armand, dem es erſchienen war, äls ſei ſeine Perſon während der Feierlichkeit mehr als das Brautpaar der Gegenſtand der Auf— merkſamkeit der Zunächſtſtehenden, ließ ſich jetzt ebenſo wenig zurückdrängen wie vorhin. Noch einmal ſtreifte das Moiree⸗Kleid an ihm vorüber, noch einmal be— —————— —————— 8 —————— A— S —— 282 gegnete er dem Auge der Braut, das ſich mit dem⸗ ſelben Ausdruck wieder von ihm abwendete. Mit der Hand auf dem Herzen und dem tieſſten Schmerz auf ſeinem Antlitz ſtand er da. Als die Braut bereits einige Schritte vorüber war, hielt ſie ſchnell inne und wandte ſich zurück. Vielleicht bereute ſie den verachtenden Blick, mit welchem ſie den ſichtbaren Schmerz des Jünglings belohnt. Armand gewahrte dies, er hob den Blick gen Himmel und gab ihr mit der Hand ein Warnungszeichen. Die Braut zauderte, ſie erblaßte und riß ihre Hand aus der des Gatten. In demſelben Moment aber warfen ſich die Perſonen, welche während der ganzen kirchlichen Ceremonie jede ſeiner Bewegungen überwacht, vor ihn, ſo daß er weder die Braut noch ihre Umgebung mehr ſehen konnte. Die Volksmaſſe drängte heran; von ihrem Wivbel fort⸗ geriſſen, erreichte Armand den Ausgang der Kirche in demſelben Augenblick, wo die Equipagen davon rollten. Druck von J. Blumenthal in Berlin, Adlerſtr. 9. ———————— 2 in der nte. ort ten. n —— — — —— ½ 7 4+ . S. . * . — 7 1 — 3 —