Gefahren der Wildniß. Eine Erzählung für die reifere Jugend. ji Nach dem Engliſchen des Pr⸗ Bird bearbeitet — ——— von —— Franz Hoffmann⸗ 6 Mit 16 Bildern. 1. Stuttgart Anton Stoppani. 1847. * 8 S = 6 8 = — — S — S S — — * 8 — 6 vorrede. Vor etwa ſechszig oder ſiebenzig Jahren war der Staat Ken⸗ tucky in Nordamerika lange nicht ſo bevölkert, wie jetzt, wo zum großen Theil die mächtigen Urwälder gelichtet ſind, und an den Stellen, wo ſonſt undurchdringliche Wildniß den Boden bedeckte, ſich freundliche Städtchen und Dörfer ausbreiten. Die wenigen Männer, welche dazumal kühn genug waren, in dieſe Wildniſſe einzudringen, um an geeigneten Orten Häuſer zu bauen und Pflanzungen anzulegen, mußten auf ungebahnten Wegen unendliche Leiden und Mühſeligkeiten ertragen. Sie mußten Berge überſteigen, über Sümpfe und Ströme ſetzen und die Wälder im Angeſichte von Feinden durchziehen, deren Auge jederzeit wachſam, deren Buͤchſe jederzeit geladen war, um den Tod in die Bruſt des verwegenen Eindringlings zu ſenden. Und wenn dieſer nun die Gefahren der Reiſe glücklich überwunden hatte, dann mußte er erſt noch den Grund und Boden, auf welchem er ſich anzubauen gedachte, von den Wilden erkämpfen, mußte ihn den Händen der Indianer entreißen, welche zugleich tapfer, grauſam, liſtig, und zu jeder That entſchloſſen, keine Luſt verſpuͤrten, ihre blühenden Gefilde und wildreichen Jagdgründe an unbekannte Fremdlinge abzutreten. Sie lauerten im Walde vor den Pforten der einſamen Blockhäuſer auf den kühnen An⸗ ſiedler, und wehe ihm, wenn er unvorſichtig genug war, ſeine Perſon den Blicken der Feinde Preis zu geben. Oft weckte ihn das Geheul der Wilden vom Schlummer auf, und in blutigen IV — Kämpfen rangen die Weißen und Rothhäute um die Herrſchaft über einen Landſtrich, den der Eine nicht laſſen„ der Andere aber behaupten wollte. In den Grafſchaften Fayette, Jefferſon und Lincoln waren die Anſiedelungen zwar bereits ziemlich zahl⸗ reich, aber ſie beſchränkten ſich größtentheils auf die Nachbar⸗ ſchaft der Stationen oder Forts, welche die einzigen Zufluchts⸗ orte waren, die einigen Schutz gewähren konnten, wenn die Indianer ihre Tomahawks zum Kampfe ſchwangen. Dieſe Sta⸗ tionen waren übrigens nichts, als eine dorfähnliche Anhäufung von Hütten, welche von ſtarken Palliſaden, gleich einem Walle, eingeſchloſſen wurden. Jedenfalls eine ſchwache Befeſtigung, die jedoch gegen Stürmende, welche keine andere Waffen als Meſſer, Tomahawks, und allenfalls Flinten hatten, mit leichter Muhe vertheidigt werden konnte. Welche Gefahren den Anſiedlern drohten, die in dieſe furcht⸗ baren Wildniſſe eindrangen, wirſt du, lieber Leſer, aus der vor⸗ liegenden Erzählung erkennen lernen. Sie iſt zum großen Theil auf wahrhafte Thatſachen gegründet, und gibt dir nicht nur getreue Schilderungen von dem Dunkel, der Einſamkeit und den Schrecken der faſt endloſen Urwälder Amerika's, ſondern auch von dem Charakter, den Sitten und Gewohnheiten eines Völker⸗ ſtammes, deſſen trauriges Schickſal nicht allein der freilich oft mißbrauchten Macht der Weißen, ſondern auch, und hauptſůch⸗ lich ſeinen eigenen Fehlern und Leidenſchaften zuzuſchreiben iſt. Die Abenteuer des wandernden Nathan, ſo wie des Pferdediebes Ralph Stackpole, ſind geſchichtlich wahr, und dieß wird ohne Zweifel dazu beitragen, das Intereſſe noch zu erhöhen, was Euch ohnedieß die Erzählung wunderbarer Ereigniſſe, blutiger Kämpfe, drohender Gefahren und glückicher Rettungen ein⸗ flößen wird. 35 Erſtes Kapitel. Die Auswanderer. Es war im Auguſt, und die Nachmittagsſonne brannte noch hell und freundlich auf den rohen Palliſaden und den Hütten einer der größeſten Stationen der Grafſchaft Lincoln, als ein Zug Aus⸗ wanderer ſich aus den ſüdlichen Wäldern her den früchtereichen Maisfeldern näherte, welche die kleine Feſtung auf allen Seiten vis an den Saum der Wildniß umgaben. Es war ein zahlreicher Zug, wohl an hundert und achtzig Perſonen ſtark, und aus Wei⸗ dern, Kindern und Männern beſtehend, welche Letztere ſammt und ſonders mit Büchſen, Flinten und Meſſern bewaffnet waren. Selbſt einige Knaben von vierzehn oder fünfzehn Jahren trugen mit ſtol⸗ zem Selbſtgefühle ihr Feuergewehr auf der Schulter, und zwei oder drei Neger waren mit derſelben furchtbaren Waffe verſehen. Eine Abtheilung der Männer ritt voraus; ihr folgte in geringer Entfernung der Haufe der Frauen und Kinder auf Saumthieren oder ſtattlichem Hornvieh, das mit einer Menge werthvoller Geräth⸗ ſchaften beladen war, und den Beſchluß machte wiederum eine wohl⸗ bewaffnete Abtheilung von Männern, welche den Rücken der wehr⸗ loſen Auswanderer zu decken hatte. Alles zeigte von großer Vorſicht und einer beinahe militäriſchen Wachſamkeit, deren man allerdings in dieſen Wäldern, welche ſo leicht blutdürſtige Indianer in ihrem undurchdringlichen Dickicht bergen konnten, wohl bedurfte. Man bemerkte übrigens jetzt, wo der Zug ſich einem ſicheren, wohlbefeſtigten Zufluchtsorte näherte, keine Spur von Aengſtlich⸗ keit oder Beſorgniß auf den Geſichtern der Auswanderer. Viel⸗ mehr ſchwebte ein frohes Lächeln auf Aller Lippen, das ſich zu dem Ausdrucke der höchſten Befriedigung ſteigerte, als nun die Pforten der Station geöffnet wurden, und die Bewohner derſelben heraus eilten, um den näher Kommenden eine Strecke Weges entgegen zu Gefahren der Wildniß. 1 eilen. Auch ſie waren zu Pferde, und begrüßten mit lautem und freudigem Zurufe die Fremdlinge, welche dieſe Zeichen der Freude und Freundſchaft bereitwillig mit lauten Hurrahs erwiederten. Büch⸗ ſen wurden zum Zeichen der Fröhlichkeit abgeſchoſſen, Mützen ge⸗ ſchwenkt, und Alles drängte mit ſtürmiſcher Haſt vorwärts, um den Willkommen zu empfangen und die Hände zu ſchütteln, welche ihnen frohherzig und gaſtfreundlich geboten wurden. Solches war zu jener Zeit und in jenem Lande immer die Aufnahme der Einwanderer. Denn nicht allein war jeder bewaff⸗ nete Fremdling eine Verſtärkung gegen die fortwährend drohenden Gefahren eines indianiſchen Ueberfalls, und alſo ſchon als ſolche willkommen, ſondern die neuen Anſiedler brachten ja auch in der Regel Nachrichten von fernen Freunden und von der unvergeßlichen Heimath mit, die mit der lebhafteſten Theilnahme angehört wurden. An der allgemeinen Freude, welche die Ankunft auf der Sta⸗ tion verbreitete, nahm nur ein einziger junger Mann nicht Theii, welcher gleichwohl, ſeiner Stellung nach, die meiſte Urſache dazu hätte haben ſollen. Es war der Anführer der Schaar, und von derſelben trotz ſeiner Jugend zu dieſer Würde erwählt worden, weil er eine große militäriſche Einſicht beſaß, die er ſich in den Kriegen des jungen Freiſtaats erworben hatte. Von den dreiundzwanzig Jahren, die er erlebt, waren fünf in Lagern und Schlachten ver⸗ gangen, und die Mühſale und Beſchwerden ſeines Berufes hatten ihm ſchon frühe die volle männliche Reife gegeben. Sein Antlitz mußte, trotz des ernſten, faſt ſchwermüthigen Ausdrucks ſchön ge⸗ nannt werden; ſein Wuchs war hoch, ſchlank und ſtattlich, und ſeine gerade, aufrechte und ſichere Haltung zeigten auf den erſten Blick, trotz des grünen Jagdrockes, den er trug, daß er ein Sol⸗ dat, und gewiß ein kühner und tapferer geweſen war. Er hatte ſich noch beſſer mit Waffen verſehen, als ſeine Gefährten. Vorn am Sattelbuge des ausgezeichnet ſchönen und kräftigen Roſſes, auf dem er ritt, hingen ein Paar Piſtolen, ein ſchwerer Säbel klirrte an ſeiner Hüfte, und außerdem hing über ſeine Schulter eine treff⸗ liche Büchſe, welche der gewöhnliche Begleiter des Auswanderers in die Wildniß iſt. Während faſt der ganze Zug vorwärts drängte, blieben nur drei Perſonen bei dem jungen Kriegsmanne zurück. Zwei davon waren berittene und bewaffnete Negerſclaven, welche in einiger Entfernung ihrem Gebieter folgten und die Saumroſſe führten. Die dritte war eine junge und ſchöne Dame, deren Auge mit dem 3 Ausdruck der wärmſten Theilnahme auf dem finſteren Antlitze ihres Begleiters ruhete. Sie war demſelben ſo ähnlich, daß man die Beiden leicht für ein Geſchwiſterpaar erkennen konnte. „Roland, lieber Bruder,“ ſagte Editha Forreſter, indem ſie ihre Hand auf ſeinen Arm legte,„was betrübt dich? Warum reiteſt du nicht mit den Uebrigen vorwärts, um die guten Leute zu begrüßen, welche uns ſo freundlich entgegen kommen?“ „Editha,“ erwiederte Roland,„ſoll es mich nicht ſchmerzen, daß ich dich in eine niedrige, elende, geringe Hütte führen muß, wie du ſie dort vor dir ſiehſt? denn kein beſſeres Haus wird in dieſen Wildniſſen für dich gebaut werden.“ „Und ich verlange auch kein beſſeres,“ lautete Editha's mit Feſtigkeit gegebene Antwort.„An deiner Seite, und von dir be⸗ ſchützt, hoffe ich in ſolcher Hütte eben ſo glücklich zu werden, als wenn ich mich noch im Hauſe unſeres Vaters befände.“ Ein Schimmer von Freude flog bei dieſen Worten über Rolands ernſte Züge.»Wohlan,«ſagte er,»ſo will ich mein Möglichſtes verſuchen, um dir einen Herd und eine Heimath zu verſchaffen, wie ſie dir zuſagen mag. Ich bin jung und ſtark, und mit Hülfe unſeres alten Sclaven Kaiſer hier will ich in den Wald dringen, ſeine Rieſenbäume niederhauen, und an die Stelle, wo ihre ſtolzen Wipfel gen Himmel ragten, Mais und Korn bauen, deſſen wir zum täglichen Lebensunterhalte bedürfen. Ach, wäre unſer Onkel nicht ſo grauſam geweſen, dich für meine Fehler büßen zu laſſen, es würde anders mit dir ſtehen. Ein ſchönes Gut mit allen Be⸗ quemlichkeiten des Lebens, mit allem Ueberfluſſe des Reichthums wäre dein, anſtatt deſſen du jetzt, und durch meine Schuld, gleich einer Heimathloſen durch die Wälder ſchweifen mußt. Daß ich, ich allein die Urſache deines Unglücks bin, das allein iſt es, was meinen Muth zur Erde beugt.“ „Roland, du irrſt,“ entgegnete Editha.„Um eines kleinen Fehles willen hat unſer Oheim ſeinen Grimm nicht ſo weit treiben können, mich erblos in die Welt hinaus zu ſtoßen. Die Zeit wird uns darüber aufklären, und bis dahin will ich freudig an deiner Seite verweilen, und mit Luſt die Mühen und Beſchwerden thei⸗ len, deren du dich großmüthig für mich unterzogen haſt.“ „Das iſt geſprochen, wie nur meine edle und gute Editha es vermag,“ entgegnete heiterer der junge Mann.„Aber ſieh da, wer kommt dort gegen uns angeſprengt? Wahrlich, ein ſtattlicher Mann, nach ſeinem Benehmen und Anzuge zu it S Befehls⸗ 4 baber der Station, der wackere und von den Indianern gefürchtete Oberſt Bruce ſein muß.“ Während er noch ſprach, näherte ſich ihnen der bezeichnete Mann in vollem Galopp, und zeigte eine Geſtalt, deren kraftvolle Männlichkeit faſt den Neid des jungen Forreſter rege gemacht hätte. Oberſt Bruce war ein Mann von etwa fünfzig Jahren, ſah aber bedeutend jünger und friſcher aus, wie denn noch kein einziges weißes Haar ſeine vollen, ſchwarzen Locken entſtellte, die in dichten Ringeln bis über ſeine Schultern hinabfielen. Er war muthig und gaſtfrei, und mit allen andern Tugenden und Eigenſchaften geziert, die in ſeiner gefahrvollen Stellung den Indianern gegenüber erfor⸗ derlich waren. Bei dem jungen Forreſter angelangt, ſchüttelte er ihm und ſeiner Schweſter treuherzig die Hand, und gab ihnen zu verſtehen, daß er ſie als beſonders angenehme Gäſte betrachte, in⸗ dem er ſich mit vieler Wärme auf die Waffenbrüderſchaft mit einem ihrer nächſten Verwandten berief, der freilich ſchon vor einiger Zeit das Zeitliche mit dem Ewigen geſegnet hatte. Dieſer herzliche Willkommen trug das ſeinige dazu bei, die letzten Spuren von Niedergeſchlagenheit und Betrübniß aus den Zügen des jungen Kriegers zu verwiſchen, und heiterer als bisher ritt er an der Seite ſeines neuen Freundes vorwärts, welcher ihm noch vor der Ankunft in der Station ſeinen älteſten Sohn vorſtellte, der mit den Uebrigen den Ankömmlingen entgegen geritten war. Tom zeigte ſich ganz ſeines Vaters würdig. Obgleich kaum zwan⸗ zig Jahre alt, maß er doch ſchon ſeine ſechs Fuß vom Scheitel bis zur Sohle, und ſein ganzes Benehmen war ſo einfach und herzlich, daß er ſogleich die ganze Zuneigung Rolands Forreſter gewann. „Ja ja, er iſt ein ganzer Burſch,“ ſagte der alte Oberſt Bruce, als ſein Sohn ſich wieder entfernt hatte.„Als er eben erſt ſein vierzehntes Jahr erreicht hatte, erbeutete der Junge ſchon den Skalp eines ausgewachſenen Shawnee⸗Indianers, und das in ehrlichem Kampfe Mann gegen Mann, wo Niemand ihm Beiſtand leiſten konnte. Die Sache ging ſo zu. Tom ſuchte draußen im Walde nach dem Pferde eines Nachbars umher, das ſich verlaufen hatte, und erblickt da plötzlich zwei große, ſtarke Shawnee's bei eben dem Thiere, das zu ſuchen er ausgegangen war. Tom ſchoß ſeine Büchſe ab, denn die Burſche eilten auf ihn los, und er konnte ſich von ihnen eben nicht viel Gutes verſehen. Anſtatt des Mannes trifft er aber den Gaul, welcher zuſammenſtürzte, und ſeinen Reiter über — 5 ſich wegſchleuderte. Tom ſpringt gleich auf ihn zu und packt ſeine Flinte. Da ſchießt der andere Shawnee, der zu Fuße war, auf ihn und ſpringt hinter einen Baum. „Ei,“ ſchreit mein Tom,„Ein Vogel in der Hand iſt mehr werth, als zehn im Buſche!“ rennt auf den geſtürzten Indianer los, zerſchmettert ihm den Schädel, gerade wie er ſich wieder auf⸗ raffen will, und dann fort auf die Station zu! Der andere Kerl jagte ihm zwar nach, konnte ihn aber nicht fangen, und ſo blieb mein Tom Sieger, obgleich er erſt vierzehn Jahre zählte. Aber genug davon; hier, meine ſchöne junge Dame, ſind wir in der Station, und ich heiße Euch Alle nochmals willkommen! Mögtet Ihr nie ein Haus betreten, wo Ihr weniger angenehm ſeid, als hier!“ Zweites Kapitel. Der wandernde Uathan. Als man von der Station aus die Auswanderer hatte ankom⸗ men ſehen, war Niemand in den Feſtungswerken zurückgeblieben, als die Gattin des Kommandanten mit ihren Töchtern, deren Aelteſte kaum ſiebenzehn Jahre zählte. Sie empfingen die neuen Gäſte in vollem Staate, und mit derſelben Herzlichkeit, wie alle Uebrigen, während der Oberſt Bruce dieſelben ihnen vorſtellte. Noch befand ſich in dem Gemache ein junges Mädchen, Telie Doe ge⸗ nannt, in deren Aeußerem ſich eine ſeltſame und auffallende Unruhe zeigte, als der Name des Capitains Roland Forreſter genannt wurde. Sie war, wie Oberſt Bruce dem Capitain erzählte, nicht ſeine Tochter oder Verwandte, ſondern die Tochter eines alten Bekannten von ihm, welche er zu ſich in ſein Haus nahm, als der Mann von den Shawnee's gefangen wurde, und die Kleine hilflos zurückließ. Abe Doe, ſo hieß der Vater Telie's, wurde ſpäter ſelbſt Indianer, das heißt, er hielt ſich zu dem Stamme, als ob er zu ihm gehöre, und kümmerte ſich nicht um ſeine Tochter, welche er ganz der Barmherzigkeit des Oberſt Bruce überließ. Den Capitain jammerte das verlaſſene, hülfloſe Kind, und er würde ihm gern einige Worte des Troſtes und der Theilnahme geſagt haben, wenn er nicht ſogleich gänzlich von ſeinem Gaſtfreunde, dem Oberſten, in Beſchlag genommen worden wäre. ——————————— 6 „Alſo morgen ſchon wollt Ihr Euern Weg weiter fortſetzen?“ fragte er den jungen Offizier.„Ich kann Euch nicht bitten, zu bleiben, da ich ſehr gut weiß, wie edel die Zeit in unſerem Lande iſt. Aber gern hätte ich's geſehen, wenn Ihr ein paar Monate geblieben wäret.“ Der Capitain dankte für dieſe freundliche Aeußerung ſeines 47 Wirthes, und fragte ihn dann, ob der Weg nach den Fällen des Ohio viele Gefahren und Schwierigkeiten böte. „Keine auf Erden!« entgegnete der Oberſt.„Der Pfad iſt breit und eben, und es führt eine ſo herrliche Spur durch den Wald, wie ſie Menſchen und Laſtthiere nur machen können. Und von Gefahren habt Ihr auch nichts zu befürchten, denn ſeit vori⸗ gem Jahr, wo es ein ziemlich hitziges Gefecht gab, haben wir hier zu Lande nichts von Indianern geſehen. Uebrigens halte ich es für ganz unnöthig, daß Ihr tiefer in die Wälder eindringt. Bleibt hier in unſerer Nähe, und ſchlagt Eure Zelte in dieſer Anſiedelung auf, welcher die Indianer nicht leicht nahe kommen werden. Hier findet Ihr Schutz für Eure Schweſter, und überdieß ein ſo gutes Land, wie pur an irgend einem andern Orte Amerika's. An Geld kann's Euch ju nicht fehlen, da Ihr ohne Zweifel der Erbe Eures Oheims ſeid.“ „Nein, leider, das bin ich nicht,“ erwiederte der Capitain;— „und dieß eben iſt der Grund, weßhalb ich einen Landſtrich auf⸗ ſuchen muß, wo die Ländereien weniger hoch im Preiſe ſtehen, als hier.“ „Was tauſend!“ rief der Major aus.„Der alte Forreſter war der reichſte Mann in Prince⸗Georgs⸗Land, wie ich von meinem alten Freunde Brapley oft genug gehört habe, und hatte, ſo viel ich weiß, keine Kinder. Wer iſt denn der Erbe?“ „Richard Braxley, Euer alter Freund, wie Ihr ihn nanntet,“ entgegnete Roland.„Und darum wandere ich in Kentucky ein, als ein Abenteurer und Glücksjäger, indem mein Capitainsgehalt nicht hinreicht, für mich und meine arme Schweſter zu ſorgen.“ Oberſt Bruce, neugierig geworden, legte dem Capitain noch mehrere Fragen vor, und erfuhr nun Folgendes, was wir unſern Leſern mittheilen müſſen, da es in genauem Zuſammenhange mit den Ereigniſſen ſteht, welche wir zu erzählen haben. Major Roland Forreſter, der Oheim unſeres Capitain Forre⸗ ſter und Editha's, war das Haupt einer reichen Familie am James⸗ fluſſe und der ältere von zwei Brüdern. Der Jüngere mußte, wie — . ——— dieß der gewöhnliche Fall in Virginien war, ſich nach dem Tode ſeines Vaters ſelbſt durch die Welt helfen, während der Aeltere ungetheilt die fürſtliche Beſitzung ſeiner Vorfahren ererbte. Die beiden Brüder geriethen in Feindſchaft, als Amerika die Herrſchaft der Engländer bekämpfte. Der jüngere Bruder griff für die Sache des Volks zu den Waffen, während der ältere getreu an der Sache des Königs feſthielt. Er verzieh ſeinem Bruder nie den thätigen Antheil, welchen derſelbe an dem Kampfe nahm; und aus Groll gegen ihn machte er ein Teſtament zu Gunſten eines angenommenen Kindes, das er in ſeinem Hauſe erzog. Dieſes Kind ſtarb jedoch bald, und zwar verbrannte es in dem Hauſe ſeiner Mutter, in dem es ſich auf Beſuch befand. Dieſer Unglücksfall änderte jedoch Roland Forreſter's Geſinnungen gegen ſeinen Bruder keineswegs, und erſt, als derſelbe mit den Waffen in der Hand in ehrenvollem Kampfe gefallen war, nahm er ſich der zurückgebliebenen Waiſen an. Es waren dieß der junge Roland, damals ein Jüngling von fünfzehn, und Editha, ein Kind von zehn Jahren. Der alte, bis⸗ her ſo ſtrenge Herr, gewann die Waiſen lieb, und ſprach öfter als einmal die Abſicht aus, ſie zu ſeinen Erben einzuſetzen. Roland's Unſtern aber fügte es, daß er den Oheim auf dieſelbe Weiſe belei⸗ digte, wie einſt ſein Vater vor ihm. Er verließ ſeines Beſchützers Haus, zwei Jahre, nachdem er es betreten hatte, und trat als Cornet in die Dienſte eines Reiterregiments, welches im Kampfe gegen die Herrſchaft Englands focht. Niemals erblickte er ſeinen Oheim wieder, und kümmerte ſich auch nicht im mindeſten um den Groll deſſelben, indem er zuverſichtlich hoffte, daß er wenigſtens ſeine Schweſter zur Erbin des großen Vermögens einſetzen werde⸗ Aber hierin täuſchte er ſich. Als der alte Oheim ſtarb, und Roland die Armee verließ, um ſeiner Schweſter zur Stütze zu dienen, fand er Editha nicht im Hauſe und auf den Beſitzungen ihrer Vorfahren, ſondern in dem Hanſe eines Fremden als eine heimathloſe Waiſe. In dem Nachlaß des Oheims hatte ſich kein Teſtament gefunden. Statt deſſen wurde das frühere zu Gunſten des angenommenen Kindes entworfene Teſtament von Richard Brapley, dem Anwalte des Verſtorbenen, vorgebracht, nach welchem derſelbe zum Vor⸗ munde des vermeintlich in den Flammen umgekommenen Mädchens ernannt worden war. Das Vorbringen dieſes Teſtamentes verunſachte ein allgemeines Erſtaunen, das durch die Handlungsweiſe des beſagten Brayley wenigſtens nicht vermindert wurde. Er nahm unverzüglich im Namen die Kleine noch am Leben ſei, und bald erſcheinen werde, um ihre Rechte wahrzunehmen. Er erbot ſich, den Beweis zu führen, daß die Erbin, ſtatt in den Flammen umgekommen zu ſein, vielmehr durch ihm unbekannte Perſonen weggelockt und entführt worden, der Brand des Hauſes ihrer Mutter aber nur erſonnen und ausge⸗ führt wäre, um die Nachricht des Todes glaubwürdig zu machen. Wer die Unthat verübt, behauptete er nicht zu wiſſen, obgleich er Winke fallen ließ, die für Editha und Roland peinlicher waren, als ſelbſt der Verluſt des Erbes. Er ſuchte Roland in den Ver⸗ dacht zu bringen, als ob er das Kind aus dem Wege geräumt und verborgen habe, um ſich und ſeiner Schweſter auf alle Fälle die reiche Erbſchaft des Oheims zu ſichern. Die Sache wurde von Brapyley ſo glaubwürdig gemacht, daß der junge Capitain Roland Forreſter die Hoffnung aufgab, den Advokaten aus dem Felde zu ſchlagen. Raſch entſchloſſen nahm er, da ohnehin mittlerweile der Krieg beendigt war, ſeinen Abſchied, verwandelte ſeine wenige Habe, bis auf das Nothdürftigſte, in Geld, und drang mit ſeiner Schweſter, deren Glück er ſich fortan ganz widmen wollte, in die Wälder des Weſtens ein. Seine Abſicht war, wie ſchon erwähnt, Land anzukaufen und als Anſiedler ſeine Lebenszeit hinzubringen. Die Lage des jungen Abenteurers, der ſo edelmüthig war, ſeine ganze Zukunft und die ſichere Hoffnung auf Ruhm, Auszeich⸗ nung und Ehre dem Wohle einer geliebten Schweſter aufzuopfern, nahm die ganze Theilnahme des wackeren Oberſt Bruce in Anſpruch. Er ſchüttelte kraftvoll und herzlich die Hand des Jünglings und ſagte mit ungewöhnlichem Nachdruck: „Hört, Capitain, ich liebe und ehre Euch, als wenn Ihr mein eigener Sohn wäret! Was übrigens den bewußten Brapyley anbetrifft, ſo iſt er nicht mehr und nicht weniger als ein bloßer Bekannter von mir, den ich nur aus alter Gewohnheit meinen Freund genannt habe. Die Wahrheit zu ſagen, halte ich ihn jetzt für einen ausgemachten Schurken, und zweifle nicht, daß dem von ihm vorgezeigten Teſtamente nichts als Schändlichkeit und Lüge zu Grunde liegen. Denkt an mich, die Wahrheit wird noch zu Tage kommen, und bis dahin betrachtet mich als einen Freund, der mit Freuden Leib und Leben für Euch opfern wird, wenn Ihr ſeiner bedürft.“ S der Erbin Beſchlag von der Erbſchaft, indem er behauptete, daß Telie Doe, die im Zimmer zurückgeblieben war, während die 9 andern Frauen und Mädchen ſich ſchon beim Beginn des Geſprächs zwiſchen dem Oberſt Bruce und dem Capitain entfernt hatten, wurde jetzt von dem Erſteren bemerkt. Sie hatte mit der geſpannteſten Aufmerkſamkeit der Erzählung des Capitains zugehört, und heftete jetzt ihre großen Augen auf ihn mit einem ſo tiefen und eifrigen Intereſſe, daß es dem Oberſten ſogleich auffiel. „Was haſt du hier zu thun, Telie?“ rief er ihr zu.„Mach' dich fort zu den Weibern, wohin du gehörſt! Bei uns darfſt du nicht bleiben.“ Telie erröthete und verſchwand ſogleich, indem ſie ſchüchtern die Halle verließ. Kaum hatte ſie ſich entfernt, ſo trat der junge Tom Bruce in das Gemach, und ſah ſo fröhlich aus, als ob er der Ueberbringer guter Botſchaften wäre. „Was gibt's, Tom?“ fragte ſein Vater, ein wenig überraſcht. „Seltſame Dinge, Vater,“ entgegnete der Jüngling.„Der Dſhibbenönoſeh wandelt wieder im Walde.“ „Und wo?“ rief der Vater haſtig.„Doch nicht in unſerem Bezirk 2“ „Nein, bei Jehoſaphat;“ erwiederte Tom,„am nördlichen Ufer des Kentucky, ganz nahe in unſerer Nachbarſchaft. Dort hat er ſein Wahrzeichen hinterlaſſen, ſo friſch, als ob es das Werk des heutigen Morgens wäre.“ „Und weißt du gewiß, daß kein Irrthum im Spiele iſt?“ fragte der Vater mit erhöhter Theilnahme. „Ganz gewiß! ein regelmäßiges Kreuz auf der Bruſt, und ein Tomahawkhieb durch den Schädel! Alles richtig bis auf's Jota!“ „Dann iſt freilich nicht zu zweifeln, daß der Dſhibbenönoſeh im Walde ſpukt!“ ſagte der Alte.„Ohne Zweifel ſteht uns ein Sturm bevor.“ „Und wer iſt der Dſhibbenönoſeh?“ fragte Roland Forreſter. „Ei nun, der Nick der Wälder, der Waldteufel mit einem Worte!“ rief Tom. „Da bin ich ſo klug, wie zuvor,“ ſagte Roland Forreſter ver⸗ wundert.„Wer iſt der Nick der Wälder?“ „Das läßt ſich ſo genau nicht ſagen,“ entgegnete Tom.„Die Einen denken Dieß von ihm, die Andern Anderes, und Viele gibt es, die ihn für den leibhaftigen Gottſeibeiuns halten.“ „Und was iſt das für ein Wahrzeichen, von dem Ihr eben noch ſo geheimnißvoll ſprachet?“ fragte Roland wieder. „Das läßt ſich leichter erklären,“ ſagte Tom.„Es iſt ein Meſſerſchnitt oder ein Paar in Geſtalt eines Kreuzes über die Rippen des Wilden, den der Dſhibbenönoſeh getödtet hat. So zeichnet er Jeden, der ſeiner Macht unterliegt. Doch iſt ein volles Jahr ver⸗ floſſen, ſeit wir zuletzt von ihm gehört haben.“ „Capitain,“ nahm jetzt der alte Bruce das Wort,„Ihr könntet dem Tom noch tauſend Fragen über den Dſhibbenönoſeh vorlegen, und er vermögte Euch immer nichts Anderes zu antworten, als was Ihr nun wißt. Es gibt ein Geſchöpf in unſern Wäldern, das von Station zu Station ſtreift, über uns Alle eine Art Schutz und Obhut ausübt, und jeden Indianer, der ihm in den Weg kommt, tödtet, ſkalpirt und mit ſeinem Wahrzeichen verſieht. Die Indianer nennen ihn Dſhibbenönoſeh, was ſo viel wie wanderndes Geſpenſt bedeutet, und wenn man ihren Sagen trauen darf, ſo iſt es weder Menſch noch Thier, ſondern ein mächtiger Geiſt, dem weder Meſſer noch Büchſe etwas anhaben kann. Jedenfalls ſind wir ihm Dank ſchuldig, da Er es war, der uns die Wilden auf lange Zeit vom Halſe geſchafft hat.“ „Aber wie iſt es möglich, daß man einem ſolchen Mährchen Glauben ſchenken kann?“ rief Roland aus. „Und warum nicht, da wir die Wirkungen ſeiner Gegenwart empfinden?« entgegnete der Oberſt.„Alle Indianerſtämme, beſon⸗ ders die Shawnee's, haben eine ſolche Furcht vor ihm, daß kaum Eine von dieſen wilden Kreaturen ſeit drei Jahren der Station auf eine Stunde nahe gekommen iſt, weil er ganz beſonders die Wälder hier in der Nähe herum durchſtreift und die Wilden tödtet, wo er ſie antrifft. Weil er's beſonders auf die Shawnee's abgeſehen zu haben ſcheint, nennen die andern Stämme ihn auch Shawnee⸗ wannawihn, Klaggeſchrei der Shawnee's, weil er ſie immer in Athem erhält und Heulen macht. Jedenfalls werdet Ihr zugeben, daß, wenn Ihr einen Indianer getödtet und ſkalpirt findet, Jemand da geweſen ſein muß, der getödtet und ſkalpirt hat.“ „Ohne Zweifel,“ verſetzte Roland,„doch kann eben ſo gut ein i wie ein übernatürliches Weſen die That verübt haben.“* „Fremder,“ nahm der Oberſt wieder das Wort und ſchüttelte lächelnd den Kopf—„bei uns zu Lande iſt es noch nie Sitte ge⸗ weſen, ſich die Ehre, einen feindlichen Indianer getödtet zu haben, von einem Andern wegnehmen zu laſſen. In ganz Kentucky lebt kein Mann, der nicht Freude daran faͤnde, einen Skalp, im ehrlichen Gefecht gewon⸗ nen, ſeinen Nachbaren zu zeigen. Und doch hat dieß noch Keiner gethan, 11 ſo oft man auch einen von Dſhibbenönoſeh gezeichneten Leichnam im Walde fand. Ueberdieß, Capitain,“ fügte der würdige Oberſt ſehr ernſt hinzu,—„gibt es Leute, welche das Geſpenſt mit ihren leiblichen Augen geſehen haben.“ „Das iſt freilich ein Beweis, gegen den ich nicht ſtreiten kann,“ bemerkte Capitain Forreſter, da er ſah, daß ſein Unglaube ſeinen neuen Freunden nicht ſehr willkommen war. „Ja, gewiß, geſehen,“ wiederholte der Oberſt.„Ben Jones, Samuel Sharp und Andere ſahen ihn durch die Wälder ſchreiten, und Alle behaupten, daß er mehr einem böſen Geiſte, als einem⸗ Menſchen ähnlich ſähe. Sie ſagen, es wäre eine große, hohe Ge, ſtalt mit Hörnern und einem dicht mit Haaren bewachſenen Kopfe faſt einem Büffelkopfe gleich, und ein Geſchöpf laufe vor ihm her in der Geſtalt eines Bären, und zeige ihm den Weg. Man trifft ihn nur im dickſten Dickicht der Urwälder, und darum iſt es geſche⸗ hen, daß wir ihn den Nick der Waldung nennen. Er iſt wohlgeſinnt gegen Alles, was nicht Indianer iſt, und niemals hat man gehört, daß er einem ehrlichen Weißen ein Leid zugefügt hätte. Ich bin nicht abergläubiſch, Capitain, gewiß nicht, aber auf den Dſhibbe⸗ nönoſeh, da lebe und ſterbe ich, denn ich weiß, was ich weiß, ob⸗ gleich mein Auge ihn ſelber noch niemals geſchauet hat. Erblickt man ihn in den Wäldern, ſo iſt es ein ſicheres Zeichen, daß In⸗ dianer in der Nähe ſind; ſieht man aber nur ſeine Spur, ſo iſt es ein gutes Zeichen, und man kann mit ziemlicher Beſtimmtheit dar⸗ auf rechnen, daß die Blutgierigen, heulenden Geſchöpfe ſich wieder entfernt haben; denn wo der Dſhibbenönoſeh wandert, da halten es die Wilden nie lange aus. Er iſt ihnen zu liſtig und zu ſtark. Früher entfernte er ſich niemals weit von der Station, ſeit einigen Jahren aber hat er angefangen, ſeine Streifereien weiter auszudeh⸗ nen. So will man ihn vorigen Sommer unten am Salzfluſſe in Jefferſon geſehen, und dann wieder ſoll er im Norden von Kentucky ſein Menſchenwild jagen. Ja, man ſagt, daß er die Shawnee's ſelbſt bis in ihr eigenes Lager verfolge, obgleich ich dieß nicht mit Beſtimmtheit behaupten will. Uebrigens,“ ſo wandte er ſich an Tom,„wer hat denn die Nachricht von Dſhibbenönoſeh ge⸗ bracht?“ „Der brüllende Ralph, Ralph Stackpole!“ verſetzte Tom und lächelte. „Was, der brüllende Ralph, Tom?“ rief der Oberſt aus. „Geh' ſogleich hinaus und ſieh nach den Pferden, mein Junge!“ „Ja wohl, ja wohl,“ nickte Tom.„Es ſind ſchon die nöthi⸗ gen Vorkehrungen getroffen worden. Kaum wurde es bekannt, daß Capitain Ralph ſich gezeigt habe, als ſofort ſechs Regulatoren (d. h. Leute, die freiwillig die Gerichtsbarkeit in jenen menſchen⸗ leeren Gegenden ausüben) zuſammen traten, und den Beſchluß faß⸗ ten, die Nacht hindurch zu wachen. Bei den Pferden der neuen Ankömmlinge ſind Manche, beſonders das edle Thier des Capitains Forreſter, das der Neger den Baiareus nennt, welche dem Ralph Stackpole des Stehlens werth ſcheinen könnten, und deßhalb ſoll nichts verabſäumt werden, die nöthigen Sicherheitsmaßregeln zu treffen.“ „Und wer iſt dieſer Ralph Stackpole, und was kann er mit meinem Baiareus zu ſchaffen haben,“ fragte der Capitain For⸗ reſter. „Je nuu, er iſt ein tüchtiger Burſch,“ erwiederte der junge Tom.„Tödtete einmal ganz allein zwei Indianer auf der Bären⸗ wieſe, und hat den böſen Halunken mehr Pferde entführt, als ſie ihm jemals verzeihen können. Aber er hat einen böſen, böſen Feh⸗ ler, nämlich den, daß er manchmal das Pferd eines ehrlichen Chri⸗ ſten für den Gaul eines Indianers anſieht, und ihn unverſehens mitgehen heißt.“ „Und ſolche Diebe werden in den Anſiedelungen zu Officieren gemacht?“ fragte Roland unwillig. „Nicht eigentlich,“ entgegnete Oberſt Bruce.„Hier iſt nicht von einer wirklichen Capitainsſtelle die Rede. Wenn eine Schaar von unſeren Leuten nach Pferden ausgehen und ihnen die Luſt kommt, den Indianern einen Trupp zu entführen, was eine ganz erlaubte Plünderung iſt, da wir den Burſchen nur wieder abnehmen, was ſie uns geraubt haben, nun, ſo müſſen ſie einen gewitzigten An⸗ führer haben, und können dann freilich weit und breit keinen beſſe⸗ ren ſinden, als den Ralph. Er iſt ein Raufbold vom Scheitel bis zur Sohle, und Niemand iſt geſchickter als Er in Erfindung von Liſten, die Indianer zu hintergehen. Aber freilich, das iſt ſchlimm, daß er zuweilen keinen Unterſchied zwiſchen Weißen und Wilden macht, und um dieſer Untugend willen iſt der Burſch nicht überall gern geſehen.“ Die Männer begaben ſich nun in's Freie, und trafen draußen eine ziemlich große Anzahl neugieriger Leute, welche mit Vergnü⸗ gen den Erzählungen Ralphs von den neueſten Thaten des Dſhibbe⸗ nönoſeh zuhörten. Dieſer Ralph war ein ſtämmiger, breitſchultri⸗ 13 ger und dickköpfiger Mann von gemeinem und grobem Ausſehen; aber in ſeinem ganzen Weſen prägte ſich eine ſo prahleriſche und zugleich luſtige Selbſtgenügſamkeit aus, daß man eher über ihn la⸗ chen mußte als mißvergnügt ſein konnte. Sein Anzug beſtand aus einem Rocke von grobem, ſchmutzigen Leinenzeuche und einem Paar lederner Beinkleider, die mit dem Rocke, was Schmutz und Zer⸗ lumptheit betraf, füglich wetteifern konnten. Ein alter, runder, zer⸗ riſſener Pelzhut bedeckte ſein ſchwarzes ſtruppiges Haar, und gab ſeinem Geſichte einen um ſo lächerlicheren Ausdruck, als auf der einen Seite der Rand gänzlich fehlte, während auf der andern ein Bruch⸗ ſtück deſſelben über ſeine Wangen herunter hing. Er war mit einer Flinte, einem Meſſer und einem Tomahawk bewaffnet. Mit der Erſteren focht er wild und unachtſam in der Luft herum, und machte dabei ſo ſeltſame Geberden, Fratzen und Sprünge, daß die Zuhö⸗ rer ſeiner wunderbaren Erzählungen mehr als einmal in ein lautes Gelächter über ihn ausbrachen. Als er den Commandanten der Station gewahr wurde, ſprang er mit einem einzigen, gewaltigen Satze aus dem ihn umgebenden Gedränge, und ſchuͤttelte dem Oberſt die Hand, ehe dieſer nur dar⸗ an dachte, ſie hinweg zu ziehen. „Freue mich, Euch zu ſehen, Oberſt!“ rief er aus.„Auch Euch, Fremder! Was bringt Ihr Neues aus Virginien? Wißt, Freund, ich bin Ralph Stackpole, der Alligator vom Salzfluſſe!“ „Nun denn, ſo geht Euren Geſchäften nach, und laßt mich un⸗ geſchoren,“ erwiederte Capitain Forreſter, der ſich von der Vertrau⸗ lichkeit des Menſchen nicht beſonders erbaut fühlte. „Ewiger Tod auf mich!“ ſchrie Ralph Stackpole,—„ich bin ein Gentleman und dürſte nach Streit! Mit Fauſt und Hand, mit Zahn, Nagel, Klaue oder Pfote, mit Meſſer, Flinte oder Toma⸗ hawkt᷑ ſtehe ich meinem Mann! Kikerikiki!“ Und während der unſinnige Thor dieſe Worte ſprach, hüpfte er mit beiden Füßen hoch auf und ſchlenkerte mit den Armen, wie ein Hahn, der ſeine Flügel vor dem beginnenden Kampfe ſchüttelt. Der Oberſt Bruce ſah ihn lächelnd an und fragte dann:„Sprecht doch, Ralph, wo habt Ihr die braune Stute hier geſtohlen?“ Augen⸗ blicklich verſchwand die Raufluſt, welche noch eben den brüllenden Ralph beſeelt zu haben ſchien, und er ſah mit einer Beſtürzung um⸗ her, die ſogleich ein allgemeines lautes Gelächter veranlaßte. Doch faßte er ſich ſogleich, und erwiederte: „Geſtohlen? Ich habe keine braune Stute geſtohlen! Seht ſie nur an! Ich ſtehle nur Indianern Pferde! Und wer etwas Anderes behauptet— ewiger Tod auf mich— der hat mit mir zu thun.“ „Nur ruhig, Ralph!“ ſagte der Oberſt kaltblütig.„Ich kenne das Pferd, es iſt die alte Stute des Peter Harper vom nördlichen Ufer drüben.“ „Ja wahrlich, Ihr habt Recht!“ ſagte Ralph, noch mehr als vorher betroffen.„Jedoch ich habe es nur geliehen, und Ihr mögt es meinetwegen hier behalten. Sagt mir nur, wo ich ein anderes finde, denn ich muß noch vor Sonnenuntergang weiter reiſen.“ „Wohin?“ fragte der Oberſt. „Noch fünfzehn Stunden weiter, nach der Station St. Aſaph.“ „Zu weit, als daß Euch die Regulatoren in den Augen behal⸗ ten könnten!“ entgegnete der Oberſt, und rief durch dieſes ausge⸗ ſprochene Mißtrauen von Neuem die Luſtigkeit der Zuhörer hervor. Ralph Stackpole geberdete ſich indeß, wie ein Närriſcher, um ſeine Verlegenheit zu bemaͤnteln, ſo gut es gehen wollte. Er ſchlug mit den Armen um ſich her, krähete wie ein Hahn, ſchnaubte und wieherte wie ein Pferd, brüllte wie ein Stier, bellte wie ein Hund, ſchrie wie ein Indianer, winſelte wie ein Panther, heulte wie ein Wolf, und ſchrie dann voller verſtellter Kampfluſt. „Wo iſt der Mann, der es mit mir aufnimmt? Wo iſt er, um mit mir zu kämpfen? Ich nehme es mit jedem auf, ſei er auch ſtark wie ein Büffel, oder gewandt, wie eine Katze!“ Jeder wußte, daß dieſe Herausforderung nichts als eine Prah⸗ lerei war, durch welche Ralph einem ferneren Zwiegeſpräch mit dem Oberſten Bruce auszuweichen ſuchte, und daher fiel es keinem der umherſtehenden jungen Leute ein, den hingeworfenen Handſchuh des Pferdediebes aufzunehmen. Vielmehr neckten ſie Alle den brüllen⸗ den Ralph und ſuchten ſeine ſcheinbare Wuth noch höher zu treiben, indem ſie ihm drohend vorwarfen, wie viele Pferde er in ſeinem Leben bereits entlehnt habe, ohne jemals an die Zurückgabe derſel⸗ ben zu denken. Den Capitain Roland langweilte endlich die Sache, und er war eben im Begriffe, wieder in das Innere des Hauſes zurückzukehren, als eine neue Perſon auf dem Schauplatze erſchien, welche der allgemeinen Fröhlichkeit einen neuen Aufſchwung zu geben verſprach. „Hört, brüllender Ralph,“ ſagte der junge Tom Bruce, „wenn Ihr wirklich ſo große Luſt zum Kämpfen habt, ſo kommt eben da der rechte Mann für Euch! Seht da den blutigen Nathan!“ — 15 Bei Nennung dieſes ſchrecklichen Mannes ertönte ein allge⸗ meines Geſchrei, begleitet von einem unendlichen Gelächter und jubelndem Händeklatſchen. „Wo iſt er?“ ſchrie Ralph Stackpole, indem er einen mäch⸗ tigen Luftſprung machte und ein lautes Triumphgeſchrei ausſtieß. „Ewiger Tod auf mich, wenn ich ihn nicht unterkriege! Immer hervor! Kikerikiki!“ „So iſt's Recht, Ralph Stackpole!“ ſagten die umherſtehen⸗ den jungen Leute, indem ſie ihn vertraulich auf die Schulter klopf⸗ ten.„Zeige deine Tapferkeit und laß uns ſehen, daß du wirklich ein Mann biſt.“ Das äußere Anſehen des näher kommenden Fremdlings ver⸗ ſprach kaum etwas Beſſeres, als der unſinnige Pferdedieb war. Dennoch ſchloß Roland aus der ungewöhnlichen Luſtigkeit der Ken⸗ tuckier, daß hinter dem blutigen Nathan mehr ſtecken müſſe, als der bloße Anſchein errathen ließ. Indem er nach dem neuen An⸗ kömmling hinüber ſah, erblickte er einen alten lahmen Schimmel, hinter welchem ein kleiner, lang und fein behaarter⸗dunkelfarbiger Hund hertrabte, der die ſichtbarſten Zeichen der Aengſtlichkeit in ſeinen ſcheuen Blicken und dem niederhängenden Schweife zu erken⸗ nen gab. „Ja ja,“ rief der Oberſt Bruce,„es iſt der alte, blutige Na⸗ than, der da mit ſeinem alten Gaule und ſeinem feigen Hunde heran⸗ gezogen kommt! Ein barmherziger Mann, der! Trägt ſein Gepäck auf dem Rücken, und führt das Pferd an der Hand! der Narr!“ Als Nathan näher ſchritt, gewahrte Roland, daß ſeine lange, ſchmächtige Geſtalt von oben bis unten ganz in Leder eingehüllt war. Selbſt ſeine Kopfbedeckung beſtand aus roh zuſammengenäh⸗ ter Lederſtreifen. Sein Oberkleid, von einem Gürtel zuſammen ge⸗ halten, glich einem gewöhnlichen Jagdrocke, nur daß ihm jegliche Verzierung fehlte, mit dem ſonſt der Waidmann ſeinen Anzug zu ſchmücken pflegt. Es ſchien für die ſchmächtige Geſtalt des bluti⸗ gen Nathans viel zu weit, und trug nicht nur, ebenſo wie die ledernen Beinkleider, deutliche Spuren hohen Alterthums, ſondern ließ auch eine Menge Blutflecke und andere Spuren von Schmutz ſehen, die es eben nicht einladend machten. Das ganze Ausſehen des Mannes war ungewöhnlich rauh und wild, und dieſer Ausdruck wurde noch durch eine lange Flinte, die er über der Schulter, und ein Meſſer, das er im Gürtel trug, um ein Bedeutendes verſtärkt. Auch dieſe Waffen waren alt, vielfach gebraucht und unſcheinbar; beſonders 16 der Schaft der Flinte ſah ſo roh und ermlos aus, daß man auf die Vermuthung kommen konnte, als öber von Nathans eigenen ungeſchickten Händen angefertigt ſein n So ſah der Mann aus, welcher den Beinamen„der Blu⸗ tige,“ dem Aeußeren nach zu urtheilen, nicht mit Unrecht zu führen ſchien. Eine genauere Betrachtung Zkigte jedoch dem Capitain For⸗ reſter, daß ihm dieſe Bezeichnung wohl mehr aus Spott und Hohn, als aus irgend einem andehn Grunde gegeben ſein mogte. Sein Geſicht, welches auf ein Aihh von fünfundvierzig bis fünfzig Jahre ſchließen ließ, zeigte verwittehte und eingefallene Züge, und ſeine lange krumme Naſe, ſein vorſtghendes Kinn, der ſchmale eingeknif⸗ fene Mund und beſonders ſeik mild ſchauenden Augen ließen auf eine außergewöhnlich ſanfte, demüthige und einfache Sinnesart ſchließen. Sein Gang war unſicher und ſchwankend, und von ſo wenig Energie belebt, daß maßdem Manne ſogleich anſah, wie er wohl bei Weitem leichter Unrech leiden, als Unrecht thun wuͤrde. Auch der Umſtand, daß er auf ſ eigenen Schultern einen ziem⸗ lich ſchweren Packen von Hirſch- ung andern Fellen ſchleppte, anſtatt denſelben ſeinem Pferde aufulsden zeß den Schluß ziehen, daß ſeine ganze Denkungsweiſe ſich eher zur Rächgiebigkeit als zur Streitſucht hinneigen möge. Auf alle Weiſe war das Ausſehen des Mannes gar nicht der Art, um in ihm einen ſo ſtarken blutgierigen und wilden Wen zu finden, wie ſein ſchrecklicher Beiname erwar⸗ ten i eland wußte ſelbſt nicht, ob er ihn bemitleiden, oder errizſ achen ſollte, wie der größte Theil der umherſtehenden Leute. Ein genauerer Blick jedoch, den er auf den blutigen Nathan heftete, erweckte ſeine Theilnahme, und das bereits auf ſeinen Lip⸗ pen ſchwebende, ſpöttiſche Lächeln machte ſeinem gewöhnlichen for⸗ ſchenden und ruhigen Ernſte Platz. „Nun, Ralph Stackpole, wie iſt's?“ fragte der junge Tom Bruce, indem er den Angeredeten auf die Schulter klopfte.„Wollt Ihrs mit dem blutigen Nathan aufnehmen?“ „Gewiß, ſo wahr ich der Alligator vom großen Salzfluſſe bin!“ ſchrie der wüthende Ralph.„Laßt ihn herankommen, den Bluti⸗ gen! Ich verſchlinge ihn mit Haut und Haar!“ „Ihr werdet dem unſinnigen Burſchen doch nicht erlauben, daß er wirklich dem armen Manne dort zu Leibe geht?“ fragte Roland Forreſter den Oberſt Bruce. „Nein, nein, er ſoll ihm nichts thun,“ entgegnete dieſer. 17 „Wir wollen nur eine kurze Zeit unſeren Spaß mit den Beiden haben.“ „Und wer iſt der blutige Nathan eigentlich, und warum hat man ihm einen ſo ſeltſamen Namen gegeben?“ „Aus Spott und Verachtung,“ ſagte der Oberſt,„weil er der einzige Mann in ganz Kentucky iſt, der nicht fechten will. Er iſt ein Quäcker aus Pennſylvanien, und nur der Himmel weiß, wo⸗ durch er hierher nach Kentucky verſchlagen ſein mag. Einige Leute behaupten, er ſei ein Schurke und Spitzbube; da er aber hier zu Lande noch niemals etwas Unrechtes that, ſo bezweifte ich das. Noch Andere ſagen, er ſei im Kopfe nicht ſo recht richtig, und dieß könnte wohl der Fall ſein, da er nirgends Ruhe findet, un⸗ aufhörlich im Lande umherſtreift, und bald hier, bald dort dem Wilde um der Felle willen nachſtellt. Manche nennen ihn darum auch den wandernden Nathan. Vor den Indianern ſcheint er keine große Furcht zu haben, wahrſcheinlich, weil es allgemein heißt, daß die Wilden- nicht leicht den pennſylvaniſchen Quäckern etwas zu Leide thun. Auch macht er ſich bisweilen nützlich, indem er oft Indianerſpuren findet, wo kein Menſch dergleichen erwartet hätte. Da kommt er denn und meldet es; nicht, um zum Kampfe aufzu⸗ fordern, ſondern um Blutvergießen zu vermeiden. So kam er auch einmal vor etwa drei Jahren zu mir und ſagte, nicht etwa:„Freund Thomas, an der untern Furth des Salzfluſſes liegen zwanzig In⸗ dianer, die Ihr fangen könnt,“ ſondern er ſprach ganz ernſthaft: „Freund Thomas, wahrlich, du mußt deine Leute fern halten von der unteren Furth, denn dort haben ſich Indianer verſteckt, die ih⸗ nen leicht Böſes zufügen können.“ Und nachher ſchlich er heimlich davon, während ich, wie ſich von ſelbſt verſteht, mit fünfundzwan⸗ zig jungen Leuten aufbrach und die blutdürſtigen Schurken tödtete oder in die Flucht trieb. Es iſt dem wandernden Nathan zuwei⸗ len nicht zum Beſten bei uns gegangen, weil wir alle ärgerlich darüber ſind, daß er ſo gar keine Kampfluſt zeigt und nie eine von dieſen mörderiſchen Rothhäuten tödten will. Einſt nahm ich ihm ſogar im Aerger ſeine Flinte weg, weil er bei der ausgeſchrie⸗ benen Muſterung nicht erſchien. Aber der arme Kerl dauerte mich dann doch, denn ſeine Hütte war leer von Wild und Korn und er hatte kein Gewehr, um einen Hirſch im Dickicht zu ſchießen. Da gab ich ihm denn die Büchſe wieder, und ſagte ihm, er ſoll in Gottes Namen Federvieh damit erlegen, wie es einmal ſeine jäm⸗ merliche Weiſe ſei.“ Gefahren der Wildniß⸗ 2 ———— —ů ũ“Ü“˙ ˙ ˙ ůũÜôñ+ꝓHGHY? F§SO—ÜZY§HũYH S———— 18 Während Oberſt Bruce auf ſolche Weiſe ſeinem Gaſte von dem Charakter des bluthigen Nathan erzählte, war dieſer von den jungen Leuten der Station umringt worden, welche ihn zur Ziel⸗ ſcheibe ihres Witzes erkoren hatten. Zuletzt näherte ſich ihm auch der brüllende Ralph und rief ihm übermüthig zu: „Höre du, blutiger Nathan, wenn du jemals ein Gebet nöthig hatteſt, ſo iſt es jetzt der Fall! Herunter mit deinem Packen von der Schulter, denn ich habe wohl Luſt, dich, aber nicht dein Hirſch⸗ leder zu verſchlucken!“ „Freund,“ entgegnete demuthsvoll der blutige Nathan,„laß mich, ich bitte dich, ungeſtört. Ich bin ein Mann des Friedens und der Ruhe.“ Mit dieſen Worten wollte er, ohne ſich um den bruͤllenden Ralph ferner zu bekümmern, weiter ſchreiten. Dieſer aber warf ſich ihm in den Weg, riß ihm den Packen von der Schulter, und ſchleuderte die Felle weit im umkreiſe umher. Die Zuſchauer lach⸗ ten laut; Nathan aber ertrug die Beleidigung mit muſterhafter Geduld. „Freund,“ ſagte er,„warum behandelſt du mich ſo rauh, und was willſt du von mir?“ „Einen Kampf! Einen Kampf, blutiger Nathan!“ „Den wirſt du nicht bei mir finden, und darum geh' und ſtöre mich nicht!“ „Was, biſt du denn nicht der blutige Bär von Pennſylvanien?“ ſchrie Ralph, der immer übermüthiger wurde. „Ich bin kein Bär; wahrlich, ich bin ein Mann des Friedens!“ ſagte Nathan, noch immer unterwürfig und ſanft. „Ja, wahrlich! wahrlich!“ rief Stackpole, indem er ſich äußerſt grimmig und wüthend anſtellte.„Ich habe von dir gehört! Du biſt der Mann, der es für ſündhaft hält, unſchuldige Weiber und ſch wache Kinder gegen die vlutdürſtigen Rothhäute zu vertheidigen, nur, weil du ein Mann des Friedens biſt und darum nicht fehlen darfſt, du langbeiniger, feiger und elender Geſell! Aber ſchau, ich will einen Mann aus dir machen. Weg mit der Flinte, und ewi⸗ gen Tod auf mich, wenn ich den Freiheitsteufel nicht aus dir her⸗ auspuffe!“ „Freund,“ erwiederte Nathan mit ſichtbarer und unverholener Verachtung,„du biſt wohl ſelber ein jämmerlicher Feigling, weil du ſonſt nicht abſichtlich mit einem Manne Händel ſuchen würdeſt, von dem dir bekannt iſt, daß et nicht mit dir kämpfen kann. Geh! 19 Du würdeſt weniger prahlen, wenn Einer von deines Gleichen vor dir ſtünde!“ Ohne ſich weiter um den bruͤllenden Ralph zu kümmern, buͤckte er ſich, und fing an, ſeine zerſtreuten Felle zuſammen zu leſen; aber auch dieß hinderte Stackpole, indem er Nathan am Kragen ergriff und aus Leibeskräften ſchüttelte. Auch dieß brachte den blutigen Nathan nicht aus der Faſſung. Als aber der brül⸗ lende Ralph dem kleinen Hündchen Nathan's, welches ſeinem Herrn zu Hilfe eilte und bellte, einen heftigen Fußtritt verſetzte, daß es heulend ſechs Ellen weit fortflog, da wurde ſein Geſicht finſter und ernſt ſagte er: „Freund, du mußt ſelbſt ein erbärmlicher Hund ſein, da du ſolchem armen Geſchöpf ſo wehe thun kannſt. Was begehrſt du von mir?“ „Einen Kampf! Einen Kampf! brüllte Ralph. Wie oft ſoll ich's noch ſagen?“ „Du weißt, kämpfen darf ich, nur will ich nicht mit dir,“ ent⸗ gegnete Nathan.„Wenn du aber durchaus eine Lehre haben willſt, gut, ſo will ich dir eine geben. Du machſt dich breit mit deinem Muth und deiner Stärke; wohlan, willſt du einen freundſchaftlichen Gang mit mir verſuchen?“ „Ein Hurrah ſei dem blutigen Nathan!“ ſchrieen die jungen Leute, während Forreſter ſich über den plötzlich erwachenden Muth des Quäckers verwunderte, und Ralph Stackpole vor Freuden wie ein Beſeſſener umherſprang. „Wohlan denn, fort mit deiner Flinte und deiner ledernen Mütze!“ ſchrie er dem Gegner zu.„Und nun nimm dich in Acht; denn ich werde deinen Kopf dermaßen gegen die Erde werfen, daß du meinen ſollſt, heute noch im Mittelpunkte derſelben anzu⸗ kommen.“ „Es könnte ſein, daß du irrteſt,“ erwiederte Nathan, indem er kaltblütig ſein Gewehr einem in der Nähe ſtehenden jungen Manne hinreichte.„Ich bin bereit, Freund, komm heran!“ „Kikeriki! Kikerikiki!“ krähete Ralph, und ſprang dann auf Nathan zu, deſſen linke Schulter er mit der einen Hand packte, während er mit der andern nach der rechten Hüfte deſſelben griff. „So! Biſt du nun fertig?“ „Ja!“ antwortete Nathan. „Nun denn, nieder mit dir!“ Bei dieſen Worten ſtrengte Ralph ſeine ganze, nicht ungewöhnliche Kraft an, um den Quäcker auf den Boden zu ſchleudern, dieſer aber ſtand, zu Roland's größ⸗ tem Erſtaunen, unerſchüttert und wankte nicht einmal in ſeiner Stellung. „Freund,“ ſagte er zu Ralph,„ du haſt dich getäuſcht, und nun komm' ich an's Spiel!« Er griff zu, und ehe man ſich's ver⸗ ſah, flogen die Beine des übermüͤthigen Ralph gen Himmel und ſein Kopf ſauſte gleich darauf mit ſolcher Geſchwindigkeit und Ge⸗ walt auf die Erde nieder, daß er unfehlbar in Stuͤcke gebrochen wäre, wenn ſein Schädel nicht die doppelte Dicke eines gewöhnli⸗ chen gehabt hätte. Die Zuſchauer ſahen ſich erſt ganz erſtaunt an, und brachen dann in ein allgemeines bewunderndes Geſchrei aus. Forreſter ſagte:„Er hat den Mann getödtet. Aber wir Alle müſſen bezeu⸗ gen, daß er ſelbſt an ſeinem ſchmählichen Ende Schuld iſt.“ „Nein, o nein, Fremder! rief Stackpole jetzt, indem er ſich langſam in die Höhe richtete und mit einer unaus ſprechlich komi⸗ ſchen Geberde ſeinen Kopf mit beiden Händen rieb.—„Ganz ſo todt bin ich noch nicht, wie Ihr glaubt, aber mein Kopf ſcheint mir wirklich nicht mehr an ſeiner alten Stelle zu ſitzen. Habe ich ihn noch, oder nicht?“ „Ein Hurrah für den blutigen Nathan!“ ſchrien die Umſtehen⸗ den.„Er hat den reißenden Tiger vom Salzfluſſe überwunden! Ein Hurrah für ihn!“ „Ja, ja, das hat er, wirklich!“ ſagte Ralph, der mehr und mehr ſeine Beſinnung wieder erlangte, und dem blutigen Nathan ſeine Hand hinreichte.„Da ſchlag ein in meine Pfote,“ rief er ihm zu.„Ich geſtehe dir ehrlich, daß ich genug habe und nichts weiter will! Aber ſchlimm iſt's, daß ein ſo ſtarker Mann, ja, wohl der Stärkſte in ganz Kentucky, nicht auf die heulenden Schurken, die Indianer, losgehen will. Ich für mein Theil denke, Jeder, der geſunde Glieder hat, muß zum Beſten ſeines Vaterlandes kämpfen; und wer das nicht thut, der iſt und bleibt in meinen Augen eine Memme und ein Schuft. Und damit Gott befohlen!“ Nach dieſen Worten wandte ſich Ralph an den Oberſt, und fragte:„Wo iſt das Pferd, das Ihr mir verſprochen habt, Oberſt Bruce? Ich bin ein geſchlagener Mann, und darf nun nicht länger hier verweilen. Gebt mir ein Pferd, und vertraut auf meine Ehre, daß ich's Euch wiederſchicke.“ „Gut, einen Gaul ſollt Ihr haben, wenn ich auch nicht geſon⸗ nen bin, allzuviel auf Eure Ehre zu bauen. Ich weiß etwas, auf — 21 das ich mich beſſer verlaſſen kann. Ihr ſollt ein Pferd haben, ja, aber der Himmel ſei Euch gnädig, wenn Ihr es weiter als bis nach Logan reitet. Laßt ihr es dort nicht zurück, ſo gebe ich Euch mein Wort, daß Ihr auf Einem von meinen Pferden nie wieder reiten ſollt. Laßt Euch das geſagt ſein, und denkt hübſch an den Richter Lynch.“ Nach dieſen Worten trat der Oberſt, ohne eine Erwiederung des berüchtigten Pferdediebes abzuwarten, zu Nathan, welcher ſich auf einen Baumſtumpfen zur Seite niedergelaſſen hatte. Sein kleines Hündchen ſaß vor ihm, ſeine Flinte lehnte nachläſſig im Arme, und in dieſer Stellung nahm er geduldig die Spöttereien hin, mit welchen die muthwilligen jungen Burſche, nachdem der erſte Eindruck des ſo unerwartet von ihm errungenen Sieges vor⸗ über war, ihn freigebig überſchütteten. Als der Befehlshaber der Station herantrat, hörten die Spöttereien auf, und den Moment Ruhe, welcher ihm dadurch verſchafft wurde, benutzte Nathan, ei⸗ nige Worte an ſein kleines Hündchen zu richten, welches mit aus⸗ nehmend klugen Augen zu ihm aufſchaute. „Nun, Peter,“ fragte er ſeufzend,„was ſagſt du zu all die⸗ ſen Dingen?“ Der Hund, als ob er ſeinen Herrn verſtanden hätte, rieb ſeine Naſe an der Hand deſſelben und lief dann hurtig ein paar Schritte vorwärts, als ob er ihm andeuten wolle, ſich ſobald als möglich aus der ungaſtlichen Nation zu entfernen. „Ja ja, Peter,“ ſagte Nathan, und nickte mit dem Kopfe,— „ja ja, wir müſſen fort je eher je lieber, denn hier iſt Niemand, von dem wir willkommen geheißen würden. Aber, Peter, erſt müſſen wir Pulver und Blei haben, und müſſen den armen Leuten hier erzählen, was wir wiſſen, wir Beide allein.“ „Nathan,“ ſagte der Oberſt, welcher jetzt herantrat und den Ouäcker in ſeiner Unterhaltung ſtörte,„ſprecht, was ſind denn das für Neuigkeiten für uns arme Leute? Erzählt ſie doch lieber mir, Ihr alberner Burſch, als Euerm Hunde, der ſie doch nicht ver⸗ ſteht. Habt Ihr vielleicht irgendwo in Kentucky den Dſhibbenö⸗ noſeh oder ſein Wahrzeichen bemerkt?“ „Das nicht,“ entgegnete Nathan.„Aber man ſpricht von einem großen Aufgebote in den Indianerlanden. Die böſen Men⸗ ſchen wollen mit einem ſo großen Heere in Kantucky einfallen, wie noch nie vorher daſelbſt geſehen wurde. F. n n m ſo en . en im Drittes Kapitel. Der Pferdedieb. Editha hatte nach dem Nachteſſen das ihr angewieſene Schlaf⸗ gemach aufgeſucht, und war eben im Begriff, das nach den Be⸗ ſchwerden der Reiſe doppelt willkommene Ruhelager zu beſteigen, als von außen leiſe an ihre Thür geklopft wurde, und Telie Doe in das Zimmer trat. „Was willſt du, junges Mädchen,“ fragte Editha, welcher die Störung gar nicht willkommen war.„Ich bin ſehr müde und ſchläfrig.“ Telie ſah verwirrt und ängſtlich umher, und es ſchien, als ob ſie verlegen nach Worten ſuche, ihre Abſichten auszuſprechen.„Ich will Euch nicht lange beſchwerlich fallen,“ ſagte ſie endlich,— „Nun, warum zögerſt du zu reden?“ fragte Editha ſanft. Telie trat näher an die Jungfrau und ſagte, ihren ganzen Muth zuſammen nehmend:„Lady, wenn Ihr nicht böſe ſein wollt, ſo mögte ich Euch bitten, mich als Eure Dienerin anzunehmen. Ich weiß, daß Ihr eine vornehme junge Dame und an die Bedienung gewöhnt ſeid. Nehmt mich darum mit in die Wälder, die mir ſo gut bekannt ſind, und ich will Euch eine treue und ſorgſame Die⸗ nerin ſein.“ „Das kann nimmer geſchehen,“ entgegnete Editha überraſcht. „Deine Mutter würde es niemals zugeben.“ „Meine Mutter?“ antwortete Telie traurig.„Ach, ich habe keine Mutter und keine Verwandten mehr.“ „Wie? Iſt denn Oberſt Bruce nicht dein Vater?“ „Nein, mein Vater iſt— ein Indianer geworden.“ Dieſe Worte ſprach Telie mit dem Ausdrucke der tiefſten Betrüb⸗ niß, und Edith ſah ihr an, wie ſchmerzlich es ihr war, daß ihr Vater ſo ganz ſeine Farbe und ſeine Gewohnheiten hatte vergeſſen und ſeine Tochter ſchutzlos verlaſſen können. Sie reichte der armen Telie mitleidig ihre Hand, welche dieſe ſogleich mit Küſſen bedeckte. „Ja, ja,“ ſagte ſie dann,„ich habe die Wahrheit geſprochen, und da ſeht Ihr wohl, daß ich mich nicht zu ſchämen brauche, eine Magd zu werden. Laßt mich denn mit Euch gehen und Euch 24 dienen, Lady! Gewiß, gewiß, ich kann Euch beſſere Dienſte leiſten, als Ihr zu ahnen vermögt.“ Sie ſprach dieſe Worte mit ſo großer Innigkeit, daß es Editha ſchwer wurde, ihre Bitte zurückzuweiſen.„Armes Kind,“ ſagte ſie, „ich muß mich daran gewöhnen, ohne Aufwartung und Bedienung auszukommen. Ich, die ich ſelbſt eine Heimath ſuche, vermag dir keine ſolche zu geben. Telie ſchüttelte den Kopf.„Das Alles habe ich ſchon gehört,“ ſagte ſie,„aber bedenkt, daß ich in den Wäldern zu leben gewohnt bin und für Euch ſorgen kann, bis ein Haus gebaut iſt. Ich kann für Euch arbeiten und will es, und gewiß, wenn Ihr erſt erfahren habt, welche Beſchwerden und Mühſeligkeiten Euch in dem öden Wald bevorſtehen, dann werdet Ihr meine Dienſte und meine An⸗ hänglichkeit zu ſchätzen wiſſen.“ Editha gab ſich alle Mühe, das Mädchen von ihrem Vorſatze abzubringen, und ſtellte ihr vor, wie undankbar es ſein würde, wenn ſie ihren gütigen Wohlthäter ohne Grund verlaſſen wolle. „Oh, ich habe Grund genug,“ ſagte Telie.„Es iſt unrecht von mir, daß ich ihm zur Laſt falle, da er doch ſelber ſo viele Kinder zu ernähren hat. Und dann— mein Vater! Ach, Lady, man ſpricht hier nur mit Verachtung von ihm, und alle Leute haſſen ihn, ob er gleich Niemanden Böſes gethan hat. Aber es iſt eine ſo große Schande, ſich zu den Indianern zu halten, und nun laſſen ſie mich entgelten, was der Vater gefehlt hat. Ach, vielleicht weiß man tiefer in den Wäldern nichts von Abel Doe, und dann wird mich keiner mit Verachtung die Tochter des weißen Indianers nennen.“ „Telie, dieß Alles ſind wirklich nur eingebildete Leiden,“ nahm Editha wieder das Wort.„Du biſt hier gluͤcklicher, als du jemals bei mir, unter lauter Fremden, ſein würdeſt.“ Lelie rang in bitteren Schmerzen ihre Hände.„Nehmt mich mit, wenn nicht um meinet⸗ ſo doch um Euretwillen,“ flehete ſie dringend.„Wahrlich, es dürfte ſehr gut und vortheilhaft für Euch ſein, wenn Telie Doe bei Euch in den Wäldern wäre.“ „Es kann nicht geſchehen,“ erwiederte Editha mild, aber mit einer Entſchiedenheit, die dem bittenden Mädchen jede Hoffnung auf Erfüllung ihres Wunſches benahm. Gleichwohl verſuchte ſie noch einen letzten Sturm auf Editha, und dieß mit einem ſo fle⸗ henden und leidenſchaftlichen Ernſte, daß es Editha Mühe koſtete, ihren Blicken, Bitten und Thränen Widerſtand zu leiſten. Den⸗ 25 noch blieb ſie feſt; und als Telie gewahrte, daß ihre Bitten ver⸗ gebens verſchwendet ſeien, erhob ſie ſich mit trauriger Miene von ihren Knieen, auf welche ſie flehend niedergeſunken war, und verließ mit dem Ausdrucke tiefen und bitteren Kummers das Gemach. Editha, welche herzliches Mitleiden mit dem armen Mädchen em⸗ pfand, hätte ſie beinahe wieder zurückgerufen. Aber noch zu rechter Zeit gab ſie der Stimme der Vernunft Gehör, welche ihr ſagen mußte, daß es in ihren jetzigen beſchränkten Verhältniſſen eine unzurechtfertigende Thorheit ſei, wenn ſie ihrem Bruder außer ſich ſelbſt noch eine ſolche Laſt aufbürden wolle. Sie legte ſich nieder, und ſchlummerte bald nachher ein. Mittlerweile hatte ſich auch Roland zum Schlafengehen ange⸗ ſchickt, und theilte ſein Lager mit der Familie, welche, des be⸗ ſchränkten Raums wegen, dieſe Nacht in der offenen Halle zubringen mußte. In ſeinen Mantel eingehüllt, und ſeinen Sattel zum Kiſſen nehmend, ſchlief er bald ein und träumte von glücklicheren Tagen, als denen, welche er in der naͤchſten Zukunft zu erwarten hatte. Plötzlich, Mitternacht mußte bereits vorüber ſein, fuhr er von ſeinem harten Lager empor, ünd es war ihm, als ob er eine ſanfte Stimme vernommen hätte, die ihm zugefluſtert:„Geht über die untere Furth des Fluſſes, dinn an der oberen droht Gefahr!“ Er blickte um ſich her, bemerkte aber nichts, und hörte auch nichts weiter, als die tiefen und regelmäßigen Athemzüge der um ihn her ſchlummernden Männer. „Wer ſprach!“ fragte er leiſe, erhielt aber keine Antwort. „Seltſam!“ murmelte er vor ſich hin—„Fluß, Furth, Gefahr— ich möchte darauf ſchwören, daß Jemand zu mir geſprochen hätte, und doch muß ich wohl nur getchumt haben 16 Nachdem er noch eine kurze Zeit gelauſcht hatte, ohne etwas Auffallendes zu vernehmen, legte er ſich wieder nieder, und war nach wenigen Minuten von Neuem eingeſchlummert. Er ſchlief ruhig fort, bis die aufſteigende Sonne den öſtlichen Himmel mit tiefer Purpurröthe färbte. Er ſchlug die Augen auf, und das Ge⸗ räuſch gedämpfter Stimmen und der Schall von Fußtritten belehrte ihn, daß der größte Theil ſeiner Reiſegeſellſchaft ſich ſchon zum Aufbruche rüſtete. Zugleich ertönte auch die Stimme des Stations⸗ kommandanten, der dem Kapitän mit kräftiger Stimme einen guten Morgen wünſchte, und dann, Zorn und Entrüſtung auf ſeiner breiten, drohend gerötheten Stirn dem Kapitän näher trat. 26 »Was giebt es?« fragte Roland, aufſpringend.„Iſt etwas Schlimmes vorgefallen 2* »Mehr, als Euch lieb ſein wird, mein werther Freund,« ent⸗ gegnete der Oberſt mit Donnerſtimme, um ſeiner innerlich kochenden Wuth auf dieſe Weiſe einen Ausweg zu verſchaffen.„Ein ſchwarzer Wolf iſt in unſere Hürden eingebrochen, oder, um es mit dürren Worten zu ſagen, der Spitzbube Ralph Starkpole hat über Nacht Euren Briareus geſtohlen.« „Geſtohlen?“ rief der Kapitän, auf das Unangenehmſte von dieſer Neuigkeit überraſcht. „Ja, bei allen Henkern, geſtohlen!“ wiederholte der Oberſt wüthend.„Und das, während wir Alle, der Ruhe bedürftig, im tiefſten Schlummer lagen, und trotzdem, daß ich der Kreatur, um ſie nur los zu ſein, eins von meinen eigenen Pferden übergab. Der Schurke ritt geſtern Abend auch richtig fort, aber nur, um uns zu täuſchen und ſicher zu machen; denn er wußte wohl, daß wir die Augen offen gehalten haben würden, wenn wir ihn in der Nähe vermuthet hätten. Eine Strecke von hier legt er ſich in den Hinterhalt, ſchleicht ſich dann in der Nacht zuruͤck, ſteckt mein Pferd unter die übrigen, und ſucht ſich dann das beſte Roß aus, Euren Braunen, Kapitän, und reißt damit aus, ſo ſchnell er kann.« „Wir müſſen dem Hallunken nachſetzen, wenn es irgend möglich iſt!“ rief Roland zornig aus.„Laßt uns keine Minute zögern, theurer Freund.« „Iſt ſchon beſorgt, Kapitän! Kaum zwei Minuten, nachdem der Diebſtahl entdeckt war, machten ſich mein Tom und ein Dutzend von den Uebrigen auf und jagten der Spur des Hallunken nach.“ „Herzlichen Dank dafür, Oberſt! Und meint Ihr, daß ſie das Pferd wiederbekommen werden 260 „Ohne Zweifel, wenn anders friſche Beine geſchwinder laufen können als müde. Und überdem hat ſich der thörichte Dieb nicht mit Eurem Briareus begnügt, ſondern noch einen jungen, zweijährigen Gaul geſtohlen, der ihm den Tod anthun wird. Das Chier iſt ſcheu und wild und wird ihn nicht zu ſchnell vorwärts kommen laſſen. Ueber das Wiederkriegen ſeid ganz unbeſorgt! Mich ärgert nur die Unverſchämtheit des Schurken, der meines Gaſtes Pferd ſtiehlt, während er unter meinem Dache ruht. Aber die Zeit ſeiner Strafe iſt gekommen. Es ſollte mich wundern, wenn nicht der Richter Lynch ſich mit ihm zu ſchaffen machte. Der Kerl iſt zwar tapfer gegen die Indianer, und darum mag ich ihn wohl leiden, —— 27 und habe ihn lange beſchützt. Aber er iſt unverbeſſerlich, und einen Pferdedieb, Herr, kann man nicht dulden.“ Roland, ſo ſehr ihn der Verluſt ſeines edeln Roſſes beküm⸗ merte, war doch noch verdrießlicher darüber, daß entweder ſämmtliche Auswanderer, oder er ſelbſt allein zurückbleiben mußte, bis das Pferd wieder erlangt war. Sein gütiger Wirth bot ihm zwar bereit⸗ willig ein Pferd aus ſeinem Stalle an, aber Roland zog es nach kurzer Ueberlegung vor, den Ausgang der Verfolgung abzuwarten, und mittlerweile ſeine Reiſegefährten vorauszuſchicken. Der Oberſt verſicherte ihm, daß er auf dem Wege durch den Wald keinerlei Gefahr zu beſorgen habe, und überdieß meinte er, die Vorange⸗ gangenen auf ſeinem ſchnellen Thiere bald wieder einholen zu können. Bis Mittag wollte er warten, und dann folgen. Demgemäß traf er ſeine Maßregeln. Seine Saumpferde wurden unter der Obhut des einen Negers mit den Uebrigen vorausgeſandt, indem er ver⸗ ſprach, ſie jedenfalls bei der untern Furth wieder einzuholen, und die Auswanderer machten ſich auf die Reiſe, nachdem ſie ihren Wirthen gedankt und ihnen am Thore der Station zum letzten Male herzlich die Hand geſchüttelt hatten. Bald waren ſie in dem Dunkel des Urwaldes verſchwunden, und Roland ahnte nicht, daß er ſie ſobald, als er hoffte, nicht wiederſehen würde. Etwa eine Stunde nach dem Abzuge der Reiſenden überzog ſich der bisher heitere Himmel mit trüben Wolken, und es fielen einzelne ſtarke Regenſchauer, welche Roland gar nicht ungerne ſah, da ſie die drückende Hitze des Tages einigermaßen zu mildern verſprachen. Sie ergoſſen ſich in einzelnen Zwiſchenräumen bis gegen neun Uhr, und Roland beſprach eben mit dem Oberſt die muthmaßliche Fortdauer derſelben, als ein lautes Jauchzen vom Dorfe herüberdrang und gleich darauf Tom Bruce erſchien, der mit dem Briareus des Kapitäns triumphirend heranſtolzirte. „Da habt Ihr Euer Thier wieder, Fremder,“ ſagte er fröhlich zu dem Kapitän.„Für den brüllenden Ralph war es zu wild, denn es ſetzte ihn ab, als ob er eine Fliege wäre. Zum Glück erwiſchten wir ihn noch zu rechter Zeit, ehe es ihm gelang, den Briareus zu bändigen.“ was iſt mit dem Spitzbuben geſchehen?“ fragte der Oberſt. „Das weiß ich in der That nicht, Vater, aber ich will Euch gerne ſagen, was ich weiß. Wir folgten der Spur des Pferdediebes durch die Wälder, und ſahen bald, daß er die Thiere nur mit 28 Mühe vorwärts bringen konnte. An einer Stelle war ganz deut⸗ lich zu ſehen, daß er von dem unruhigen Briareus abgeworfen ſein mußte, den er dann auf ſeinem Klepper verfolgt zu haben ſchien, bis er ſich endlich überzeugte, daß ſolches ein ganz ver⸗ gebliches Bemühen ſei. Wir konnten ſeine Spur, die ganz deutlich zu erkennen war, leicht verfolgen, und der größere Theil von uns Verfolgern jagte ihm nach. Wir andern aber, die wir den Huf⸗ tritten des Briareus nachgingen, fanden ihn glücklich eine Stunde weit von der Station, wo er ſich auf einer grünen Wieſe ganz gemächlich von den Strapazen der unruhigen Nacht erholte. Was Stackpole anbetrifft, ſo erfuhren wir nichts von ihm, doch,“ fügte der junge Mann mit einem bedeutſamen Blicke hinzu,„doch iſt wohl kaum zu bezweifeln, daß er mit den Lynchmännern einen harten Stand bekommen hat. Auch werden wir von dieſen bald RNachricht über ihn erhalten.“ „Wenn er in ihre Hände gefallen iſt,“ meinte Oberſt Bruce, „ſo werden fortan manche wackere Leute wegen ihrer Pferde ruhiger ſein können. Der Schelm hat reichlich verdient, was man ihm auch angethan haben mag, und darum iſt er nicht werth, daß man ſein Schickſal bedauert.“ Hierauf wendete er ſich zu Roland, wünſchte ihm Glück zur Wiedererlangung ſeines trefflichen Pferdes, und bot ihm ſeine, ſo wie der jungen Leute Begleitung an, wenn er ſeinen Vorſatz aus⸗ führen und den Vorausgegangenen nachfolgen wolle, um ſie an dem beſtimmten Punkte einzuholen. Roland nahm dieß freudig an, aber das Schickſal fügte es, daß die freundſchaftliche Abſicht des Oberſten nicht zur Erfüllung kommen, und der junge Kapitän ſeine Pilgerfahrt allein antreten ſollte. Binnen einer Stunde verdichteten ſich die Regenwolken zu einer dunkeln ſchwarzen Maſſe, welche den ganzen Himmel verfinſterten, und feurige Blitze aus ihrem Schvoße verſandten. Dazu rollte der Donner immer näher und furchtbarer, und ein Sturm machte ſich auf, der die älteſten Bäume entwurzeln zu wollen ſchien. Dieſes Unwetter dauerte fort bis gegen zwei Uhr Nachmittags, und es verſtand ſich von ſelbſt, daß Roland ſo lange ſeine Abreiſe aufſchie⸗ ben mußte, indem er unmöglich ſeine Schweſter dem Ungeſtüm der empörten Elemente preisgeben konnte. Der Oberſt redete ihm zu, noch die nächſte Nacht bei ihm zu verweilen, indem er ſeinem jungen Freunde vorſtellte, daß ſeine Reiſegeſellſchaft ebenfalls durch das Wetter in der Fortſetzung der Reiſe behindert worden ſein 29 müſſe, und kaum fünf Stunden weit von der Station entfernt ſein könne, weshalb er ſie am nächſten Morgen ohne Mühe ein⸗ holen werde. Roland ſchien gar nicht abgeneigt, dem freundlichen Zureden ſeines Wirths nachzugeben. Während er die Umſtände in ſeinen Gedanken erwog, und mit heiteren Augen den erſten Sonnenſtrahl begrüßte, welcher hell und glänzend durch die zerriſſenen Wolken drang, vernahm er von den Außengebäuden der Station her ein wildes und ſchreckliches Geſchrei. Er eilte mit dem Oberſten hinaus, und erblickte einen mit Schmutz von oben bis unten bedeckten Reiter, um welchen ſich eine Schaar von Männern, Weibern und Kindern drängte, deren verſtörtes Weſen ihn als den Ueberbringer ſchlimmer Nachrichten ankündigte. Und dieß war er denn auch in der That; denn als der Oberſt ihn fragte: was es gäbe, lautete die Antwort, daß ſich Tauſende von Indianern, Shawnee's, Delawaren, Wyandots und andere Stämme des Nordens einen Einfall gemacht hätten, eine benachbarte Station belagerten, und wahrſcheinlich ſchon in dieſem Augenblicke zu Lexington mordeten, ſengten und brennten. „Wir bedürfen der Hülfe, Oberſt Bruce,“ ſetzte er erſchöpft hinzu.„Bietet Eure ganze Mannſchaft auf und eilt, was Ihr könnt, denn Gefahr, die höchſte, iſt im Verzuge.“ „Wo iſt Richard?“ donnerte der Oberſt, und ſchaute ſich nach ſeinem zweiten Sohne um, der ſogleich herbeieilte.„Richard, be⸗ ſteige ſogleich den langbeinigen Rothſchimmel und reite ſo ſchnell das Pferd laufen kann, nach St. Aſaph hinüber. Sage dem Kom⸗ mandanten der Station, was du geſehen und gehört haſt, und melde ihm, daß ich mit allen unſern kampffähigen Männern auf der Nordſeite von Kentucky ſein werde, ehe er nur ſeinen Rock zugegürtet hat. Mach' fort, Burſche, und reite, als ob dein Leben auf dem Spiele ſtände. Reite zu, reite zu, und brauche die Sporen! Hörſt du?“ Der Jüngling jauchzte wie ein junger Indianer, und verlor keinen Augenblick, die Befehle ſeines Vaters auszuführen, denn es drängte ihn ſelbſt, ſich in einem Kampfe mit den blutdürſtigen Wilden zu verſuchen. Während er davon jagte, daß die Funken ſtoben, gab ſein Vater mit ſeiner gewohnten Entſchiedenheit ſeine Befehle zur Aufbietung der geſammten Mannſchaft in der Umge⸗ gend, und ließ den Leuten ſagen, daß ſie an der Furth des Kentucky zu ihm ſtoßen ſollten. Träfen ſie ihn da nicht, ſo möchten ſie ihm eben dahin folgen, wo die Haufen der Indianer am dichteſten ſtänden. — — —————————— 30 »Und nun,“ rief er den Umſtehenden zu,„hurrah, Ihr Burſche, wo ſind Eure Büchſen und Pferde, Eure Meſſer und Tomahawks? Wo iſt Jonas, der Pfeifer? Er ſoll den luſtigſten Kriegsmarſch blaſen, und dann fort, fort auf die Wilden, die unſere Mütter, unſere Weiber und Kinder bedrohen. Wer nicht in fuͤnfundzwanzig Minuten zu Pferde ſitzt, iſt ein größerer Schelm, als ein rother Indianer! Vorwärts, Kinder, und ein Hurrah für Kentucky.“ Das Feuer des würdigen Befehlshabers theilte ſich blitzſchnell den verſammelten Männern mit. Nur wenige Augenblicke ver⸗ gingen, und ſchon erdröhnte die bisher ſo friedliche Anſiedelung vom Geräuſche der Waffen, vom Hufſchlag und Kriegsgeſchrei. Pferde wurden geſattelt, Büchſen probirt, Meſſer und Säbel ge⸗ ſchärft, und Alles wurde aufgeboten, um ſo ſchnell als möglich den Befehlen des tapfern Oberſten Bruce nachzukommen. Die neue Kunde war natürlich nicht ſpurlos an Roland For⸗ reſter vorüber gegangen. Es konnte ihm nicht in den Sinn kom⸗ men, bei den vorliegenden Umſtänden noch Anſprüche auf das verſprochene Geleit zu machen, und er ſah daher die Nothwendig⸗ keit ein, daß er ſich allein auf ſeine eigene Kraft und Klugheit werde verlaſſen müſſen. Jetzt bedauerte er, nicht ſeinetwillen, ſondern wegen Editha, daß er ſich von ſeiner Reiſebegleitung ge⸗ trennt hatte, und der Wunſch, ihr ſchnellmöglichſt zu folgen, und ſie wieder einzuholen, ſtieg ganz natürlich in ſeiner Seele auf. In ihrem Schutze hoffte er ſicherer zu reiſen, als ohne alle Begleitung; und daß er des Schutzes bedürfen würde, ließ ſich mit Recht ver⸗ muthen, indem die Indianer nach ihrer gewöhnlichen Kriegsweiſe in kleinen Abtheilungen ſich über das Land verbreiten und alle Wege und Päſſe unſicher machen würden. Er theilte alſo dem Oberſten mit, daß er ohne weiteres Zögern aufzubrechen gedenke, um ſo mehr, da der Regen aufgehört, und die finſtern Wolken ſich zertheilt hätten. „Alſo Ihr wollt uns verlaſſen?“ fragte der Oberſt.„Ich dachte, Ihr würdet mit uns in den Kampf ziehen und die Indianer die Stärke Eures Arms fühlen laſſen! Aber nein, es iſt beſſer, daß Ihr zu Euren Reiſegefährten ſtoßt. Warnt ſie vor der Ge⸗ fahr, und wenn muthige Männer dabei ſind, ſo führt ſie zurück und fechtet dann in unſerer Geſellſchaft gegen die ſpitzbübiſchen Rothhäute.“ „Gewiß, ich werde ſie nicht zurückhalten, wenn ſie am Kampfe Theil zu nehmen wünſchen,“ ſagte Roland.„Und damit wir auf 6 6 5 31 das Schnellſte zurückkehren können, will ich ſogleich meinen Weg antreten.“ „Aber wie iſt's mit dem Geleit, Kapitän, das wir Euch zu geben verſprachen? ſagte Oberſt Bruce ein wenig verlegen.„Ihr feht, wie die Sachen ſtehen.* „Natürlich denke ich nicht, Euch Eurer Streitkräfte zu berau⸗ ben,“ fiel ihm Roland in's Wort.„Ein einziger Führer genügt mir, und wenn Ihr den miſſen könntet, ſo wäre mir's lieb.“ „Er iſt nicht nöthig, Kapitän, gewiß nicht!“ erwiederte der Oberſt.„Der Weg nach der oberen Furth iſt nicht zu fehlen.“ „Die obere Furth?“ fragte Roland, dem plötzlich ſein ver⸗ meintlicher Traum einfiel.„Giebt es denn auch eine untere 26 „Ja, aber man kann nicht gut hinüber,“ erwiederte Bruce. „Ueberdieß ſcheut man den Ort, ſeit die Wilden den alten John Aſhburn dort mordeten und jedes einzelne Mitglied ſeiner Familie ſtalpirten. Es iſt unheimlich da, und das um ſo mehr, da die ganze Gegend zahlloſe Gelegenheit zu Hinterhalten bietet. Reitet nur ruhig, Kapitän, und macht Euch keine Sorge wegen des Pfades. Etwa anderthalb Stunden weit von hier geht der Weg bei einer vom Blitz zerſchmetterten Buche rechts ab, und dann ſeid Ihr kaum noch zwei Stunden von Eurer Geſellſchaft und der Furth entfernt. Ja, ja, der Pfad iſt breit und offen, und ein Führer würde nur eine ganz unnöthige Laſt für Euch ſein.“ Ueber dieſen letzteren Punkt war jedoch der junge Kapitän mit ſeinem Gaſtfreunde nicht ganz einverſtanden, indem ihm ſeiner Schweſter wegen daran liegen mußte, jede Abirrung vom rechten Wege zu vermeiden. Der Oberſt gab darum ſeinen wiederholten Bitten nach, und befehligte einen ſeiner Untergebenen, den Kapitän bis an die Furth zu begleiten. Der Mann gehorchte, obgleich mit ſichtlichem Widerwillen, und wenige Minuten ſpäter befand ſich Roland mit ſeiner kleinen Reiſebegleitung im Stande, ſofort auf⸗ zubrechen. Der Abſchied vom Oberſt und ſeiner Familie war kurz, denn es hatte Niemand Zeit, viele Worte zu machen. Oberſt Bruce gab den Abziehenden das Geleit bis an die Außenſeite der Palli⸗ ſaden, ſchüttelte hier dem Kapitän und Editha die Hand, und ver⸗ ſprach ihnen ſeine treue und ſchnelle Hülfe, wenn ja ein Unfall auf der Reiſe ſie betreffen ſollte. Hierauf nahm er Abſchied, und die beiden Geſchwiſter, von ihrem Neger und dem mürriſchen Führer begleitet, trabten hurtig in die düſtern Schatten des geheimnißvollen und ſchweigenden Urwaldes hinein. — Viertes Kapitel. Der Gehenkte. Die Sonne ſchien klar und heiter vom blauen Himmel nieder; die Baumwipfel rauſchten in den nun mäßiger wehenden Lüften, und Roland, auf deſſen Stimmung das heitere Wetter nicht ohne Einfluß blieb, zeigte ſeiner Schweſter ein frohes und ſorgloſes Geſicht. Und doch lag in der Umgebung der Reiſenden eine Feier⸗ lichkeit, die wohl dazu geeignet war, ernſtere Gefühle in ihren Herzen zu erwecken. Der Urwald, deſſen Schatten ſie umfingen, zeigte jenen großartigen und düſtern Charakter, den die üppige Fruchtbarkeit des Bodens ſo oft den weſtlichen Wäldern, beſonders in der Nähe von Flüſſen, verleiht. Eichen, Ulmen, Tulpenbäume, Buchen und Wallnußbäume erhoben maͤchtig ihre ſäulenartigen bemvoſten Stämme und breiteten weit ihre Zweige aus, über denen ſich ein prachtvoller Baldachin vom dunkelſten Blättergrün wölbte. So ſtreckte ſich endlos Baum an Baum, majeſtätiſche Bogen und Hallen bildend, welche ſeit Jahrhunderten kaum ein Sonnenſtrahl zu durchdringen vermocht hatte. Ihre Wurzeln, vft durch das üppig in die Höhe geſchoſſene Unterholz und durch Röhricht, welches ſelt⸗ ſame und größtentheils undurchdringliche Hecken bildete, verborgen, wurden nur hie und da ſichtbar, wo lichtere Oeffnungen den Wald durchſtrichen, unterbrochen durch umgeſtürzte Stämme und durch Ausläufer koloſſaler Schlingpflanzen, die wie Taue von den Zweigen niederhingen, während ihre üppigen Wipfel mit dem Laubdache, an welchem ſie in die Höhe rankten, zu Einer dunkeln Maſſe ver⸗ ſchmolzen. Dieſe Lichtungen, unüberſehbar, und doch zugleich ſchattig und beſchränkt, wirkten mächtig auf die Einbildungskraft und er⸗ regten in der Seele ein unbeſtimmtes Gefühl von Einſamkeit und Verlaſſenheit, mehr, ohne Zweifel, als wenn der Blick fortwährend durch eine dichte Wand undurchdringlichen Blättergrüns beſchränkt Die Straße, auf welcher unſere Reiſenden durch die ſchweig⸗ geweſen wäre. ſame Wildniß zogen, war eben nur ein einfacher Pfad, deſſen Grenzen durch Sterne, das heißt Apthiebe an den Bäumen, be⸗ zeichnet waren. An Stellen, wo dichtes Röhricht und Unterholz ſtand, war ein ſchmaler Weg gehauen, oft ſo eng, daß er kaum für zwei Reiter nebeneinander Platz bot. — , (C 28 — 8——— — ———— — 4—— ———— ———— 33 Dennoch ging anfangs die Reiſe der kleinen Geſellſchaft hurtig und munter vorwärts, und erſt, als ſie tiefer und immer tiefer in den Urwald eindrangen, wurde die Eile durch eine Menge von Lachen und moraſtigen Stellen, die in Folge des Unwetters ent⸗ ſtanden waren, einigermaßen gehindert. Dieſer Umſtand verurſachte dem Capitain Forreſter einige Beſorgniß, weil er fürchten mußte, daß er länger unterwegs werde bleiben müſſen, als er anfänglich berechnet hatte. Da er jedoch noch immer die Spuren der am Morgen vorausgeſchickten Reiſegefährten wahrnahm, ſo ſuchte er die aufſteigende Unruhe zu bemeiſtern, und rechnete mit Beſtimmt⸗ heit darauf, daß er wenigſtens noch vor Einbruch der Nacht die Furth, wo er die Geſellſchaft gelagert zu finden hoffte, erreichen werde. Die meiſte Sorge verurſachte dem Capitain ſein Führer, welcher von Anfang an nur unwillig dem Befehle des Oberſt Bruce gefolgt war, und jetzt mürriſch und verdrießlich dahin ritt, ohne auf die Bemühungen zu achten, durch welche ihn Roland in eine beſſere Stimmung zu bringen gedachte. Er zeigte durchaus keine Luſt, ſich in ein Geſpräch einzulaſſen, und beantwortete jede Frage, welche an ihn gerichtet wurde, kurz und in einem ſo ab⸗ ſtoßenden Tone, das er beinahe an Rohheit gränzte. Etwa zwei Stunden Weges mogten die Reiſenden zurückgelegt haben, als ſie an einen Sumpf gelangten, der breiter und tiefer als alle bisherigen war. Roland, in natürlicher Beſorgniß um ſeine Schweſter Editha, zögerte einen Augenblick, die Pferde vor⸗ wärts zu treiben, und dieſer kurze Aufenthalt preßte dem Führer einen Ausruf des Unwillens aus, der Roland in gerechte Entrüſtung verſetzte. Dennoch ſchwieg er, bis er mit dem Beiſtande Kaiſers, des alten Negers, Editha ſicher über die üble Stelle geholfen hatte, und wendete ſich nun erſt an den Führer, der nicht die geringſte Luſt gezeigt, bei dem nicht ganz gefahrloſen Uebergange ſeine Unter⸗ ſtützung anzubieten. „Mein Freund,“ ſagte er dann zu ihm,„habt Ihr wohl ſchon jemals in einem Lande gelebt, wo Artigkeit gegen Fremde und Achtung gegen Frauen zu den gewöhnlichen Tugenden eines Man⸗ nes gezählt werden?“ Der Mann gab keine Antwort, ſondern warf nur einen wilden Blick auf Roland, und gab dann ſeinem Pferde die Sporen, das in eiligem Laufe davon rannte. Roland aber hielt ſich immer an ſeiner Seite, und machte ihm gerechte Vorwürfe, weil er ſich ſo äußerſt theilnahmlos gegen ihn und beſonders gegen ſeine Schweſter Gefahren der Wildniß. 3 gezeigt habe. Eine Zeit lang hörte der Mann Alles trotzig und verſtockt an; endlich aber ſchien er ein wenig zum Bewußtſein ſeines Unrechts zu kommen, und ſagte, obgleich noch immer in abſtoßendem Tone, doch milder als bisher: „Fremder, ich bin weder ein Hund, noch eine Rothhaut, noch auch ein Neger, obgleich ich rauh genug von Sitten ſein mag. Darum wrill ich hiermit die Dame um Verzeihung bitten, wenn ich ſie durch mein Benehmen beleidigt haben ſollte, und meine, daß Ihr Euch mit dieſer Erklärung begnügen könnt. Und nun noch eins. Ihr habt vorhin eine Frage an mich gerichtet, und ich glaube daher ein Recht zu haben, eine ſolche auch an Euch zu ſtellen. Haltet Ihr es für klug und vernünftig, zu einer Zeit, wo Indianer im Lande Eures Nächſten Weiber und Kinder morden, wo alle Anſiedelungen im Aufruhre ſind, einen kampffähigen Mann auszu⸗ ſenden, damit er den Wegweiſer ſpielt auf einem Pfade, den ein Blinder finden könnte, ohne zu fehlen und ohne irgend Jemand um Rath zu fragen? Das iſt meine Frage, und ich bitte, gebt mir als Mann und Soldat eine runde und offene Antwort.“ „Mein guter Freund,“ erwiederte Roland, der durch die Frage des Mannes nicht wenig beleidigt und in Verlegenheit geſetzt worden war,—„Niemand kann beſſer wiſſen, als Ihr, ob wir auf dieſem Wege eines Führers bedürfen, oder nicht, und Ihr müßt daher Eure Frage ſelber beautworten. Wenn Ihr es nicht für ſündhaft haltet, uns zu verlaſſen, ſo geht in Gottes Namen! Ueberlegt aber wohl, ob Ihr Recht thut, ein hülfloſes Mädchen.. Der Führer ließ Roland nicht ausreden.„Da geht Eure Straße,“ ſagte er ſchnell,„ein ſo gerader Pfad, wie nur einer zwiſchen Wallnußbäumen führt, und hier geht die meinige, welche mich zu fechtenden Indianern leitet. Gott befohlen!“ Mit dieſem Ausrufe warf er ſein Pferd herum, ſchwenkte laut jauchzend ſeine Büchſe über dem Kopfe, jagte davon, und war im Nu hinter den Bäumen verſchwunden, ehe der beſtürzte Roland den ungetreuen Menſchen zu ſeiner Pflicht zurück⸗ zurufen. Man mußte ſich eben jetzt in das Schickſal fügen, und ſo ſehr erzürnt Roland auch war, beruhigte er ſich dennoch, als er die ungeſtörte Heiterkeit ſeiner Schweſter bemerkte, welche recht froh darüber zu ſein ſchien, daß ſie der Wegweiſer verlaſſen hatte. Auch erinnerte er ſich noch genau der Anweiſungen, welche ihm vom Oberſt Bruce ertheilt worden waren, und er zählte ſo feſt auf dieſe 35 Kenntniß, daß er es beinahe für eine Unmöglichkeit hielt, von dem Wege nach der Furth abzukommen. Jedenfalls blieb ihm weiter nichts übrig, als die Reiſe ſchleunigſt fortzuſetzen, und anſtatt in ein nutzloſes Hinbrüten zu verſinken, ſeinen ganzen Scharfſinn auf⸗ zubieten, um das Ziel derſelben ohne Unfall und Hinderniß zu erreichen. So brach er denn unverzüglich mit dem Neger, welcher die Nachhut bildete, und ſeiner Schweſter auf, und ritt mit geringer Unterbrechung etwa eine halbe Stunde fort, bis der Neger auf ein⸗ mal nach vorn ſprengte, und ihm die Nachricht überbrachte, daß er hinter ſich das Geklapper von Roſſeshufen vernähme. „Am Ende kommt der ſauertöpfiſche Burſche, unſer Führer, zuruͤck, um ſeine Grobheit wieder gut zu machen!“ ſagte Editha. „Wir werden es ſogleich ſehen!“ erwiederte Roland, indem er ſein Pferd in der Abſicht herumwarf, eine Unterſuchung anzuſtellen. Sie wurde ihm aber erſpart, denn in demſelben Augenblicke ſprengte ein Pferd um eine Waldecke, und zu ſeinem Erſtaunen bemerkte Roland, daß nicht der entwichene Führer, ſondern Telie Doe der näher kommende Reiter war. Sie hatte ſich, was ihren Anzug betraf, ganz zu einer längeren Reiſe eingerichtet, und ihr Lächeln be⸗ wies, wie froh ſie war, daß ſie die kleine Reiſegeſellſchaft glücklich eingeholt hatte. „Ich komme, Euch den abtrünnigen Wegweiſer zu erſetzen,“ rief ſie den Geſchwiſtern zu.„Es iſt nicht recht, daß man Euch ohne Führer läßt, und deßhalb habe ich mich aufgemacht, Euch meine Dienſte anzubieten.“ „Und wußteſt du, Telie, daß der Führer nicht bei uns aus⸗ harren würde?“ fragte Roland ernſt.„Er muß dich bereits reiſe⸗ fertig im Walde getroffen haben.“ Lelie erröthete und konnte ihre Verwirrung nicht verbergen. „Ich will Euch keine Unwahrheit ſagen,“ entgegnete ſie.„Nicht der Zufall, ſondern Abſicht führte mich hierher. Ich kannte die Abgeneigtheit und den Widerwillen Eures Führers und fürchtete das Ereigniß, was nun wirklich eingetroffen iſt. Ueberdieß iſt die Straße keineswegs ſo leicht aufzufinden, wie Ihr zu glauben ſcheint. Mehr als einmal beugt ſie nach Salzlecken aus, und die Spuren ſind von dem Regen ſo verwaſchen, daß nur eine genaue Kenntniß des Pfades verhindern kann, von ihm abzukommen.“ „Aber wie willſt du, nachdem du uns an Ort und Stelle ge⸗ bracht haſt, zu deinen Freunden zurückgelangen?“ fragte Editha, in welcher die Befürchtung aufſtieg, daß Telie ihren früͤhern Vorſatz als Dienerin begleiten wolle, um ſie nicht wieder zu verlaſſen. ausführen, und, ſelbſt wider ihren, Editha's, Willen, die Reiſenden Die Antwort Telie's zerſtreute jedoch dieſen Verdacht.„Nehmt mich nur bis zu Jackſon's Station mit,“ ſagte ſie, bittend und demüthig.„Dort finde ich Freunde genug, und vielleicht kommen auch die Meinigen, um mich abzuholen, da ſie öfters in den näher liegenden Stationen Beſuche machen.“ „Nun denn, ſo führe uns in Gottes Namen,“ ſprach Roland. „Wenn du ſo beſtimmt weißt, wie du wieder heim gelangen kannſt, ſo wollen wir dich gern zu unſerer Begleiterin und Führerin an⸗ nehmen. Aber nun auch raſch vorwärts, denn die Zeit iſt edel, und wir haben keine Minute zu verlieren.“ Bei dieſen Worten ſprengte Telie fröhlich voraus und an die Spitze des Zuges, als ob ſie geſonnen ſei, ohne Zögern ihr frei⸗ willig übernommenes Amt zu verwalten. Die ganze Geſellſchaft folgte ihr im hurtigen Trabe, und behielt eine Eile bei, welche ſie in kurzer Zeit an das Ufer des Fluſſes zu bringen verſprach. So mogten ſie wiederum etwa eine halbe Stunde geritten ſein, als eine plötzliche Lichtung im Dickicht zur Rechten eine vom Blitze halb zerſchmetterte Buche zeigte, wo der Weg, wie Oberſt Bruce dem jungen Capitain angedeutet hatte, zur oberen Furth abbog. Telie aber ſchlug eine entgegengeſetzte Richtung ein, welche ihn be⸗ wog, den Zügel ſeines Pferdes anzuziehen und dem Mädchen den begangenen Irrthum bemerklich zu machen. „Du irrſt dich!“ rief er. „Nein, nein, dieß iſt der rechte Pfad,“ erwiederte Telie, wurde dabei aber flammenroth im Geſichte. „Er kann es nicht ſein,“ ſagte Roland.„Hier iſt die zerſplit⸗ terte Buche, welche mir der Oberſt Bruce bezeichnet hat.“ „Ja, ohne Zweifel, man nennt ſie den Wegweiſer.“ „Und doch leiteſt du uns irre, Mädchen. Die von dir einge⸗ ſchlagene Richtung führt nach der unteren Furth, und wir dürfen ſie daher nicht verfolgen. Ich erinnere mich ganz genau der An⸗ weiſungen des Oberſten.“ „Ganz Recht, Herr! Wir müſſen die Buche zu unſerer Rechten laſſen und dann den Weg bis zum Waſſer verfolgen.“ „Umgekehrt, zur Linken ſollte die Buche bleiben; ſprich die Wahrheit, Mädchen!“ „Gewiß, gewiß, ich werde Euch richtig führen,“ ſtammelte Telie. Der Capitain warf einen ſcharfen Blick auf ſie, dachte einen 37 Augenblick nach und ſchlug dann entſchloſſen die Richtung ein, welche er für die einzig richtige erkannte. Editha und der Neger folgten ihm, Telie aber blieb unentſchloſſen und rathlos halten. „Warum zögerſt du?“ rief Editha ihr zu.„Komm, komm! du biſt ganz gewiß im Irrthum!“ „Ich bin nicht im Irrthum!“ erwiederte das Mädchen mit feierlichem Ernſte.„Dein Bruder wird es ſicherlich bereuen, meiner Führung nicht vertraut zu haben.“ „Wie das?“ fragte Edith.„Welche Urſache haſt du, das zu glauben?“ „Ich— ich— kann es nicht ſagen,“ antwortete Telie ver⸗ legen;—„aber jene Straße iſt manchmal gefährlich.“ „Das ſind manchmal alle Straßen,“ ſagte Editha ein wenig ungeduldig, als ſie ſah, daß Telie keine Gruͤnde zu ihrer Anſicht vorbringen konnte oder wollte.„Laß uns weiter; mein Bruder wartet, und wir dürfen keine Zeit durch unnützes Zögern verlieren.“ Mit dieſen Worten trabte ſie wieder vorwärts, und Telie hielt es nach kurzem Zögern für gerathen, ihr zu folgen. Gleichwohl that ſie es nur zögernd, und in ihrem ganzen Weſen drückte ſich eine ſolche Angſt und Verzweiflung aus, daß es Niemanden ver⸗ borgen blieb, am wenigſten Editha, welche öfter zu dem traurigen und ſchüchternen Mädchen zurückblickte. So ritt man ſchweigend weiter, bis Editha plötzlich ihre Hand auf Rolands Arm legte und mit zitternder Stimme ausrief: „Bruder, um Gotteswillen, was iſt das? Hörteſt du nichts?“ Roland hielt ſogleich ſein Pferd an und lauſchte. „Horch!“ ſagte ſie,„eben ettönt es wieder! Ein ſchrecklicher Schall, der mein Herz mit Entſetzen erfüllt.“ „Ja, ihn hören auch!“ rief der alte Kaiſer erſchrocken.„Gewiß Indianer ſein! Schreien nach Blut!“ Roland vernahm deutlich aus der Tiefe des Waldes zu ſeiner Rechten ein Geräuſch, wie das Schreien eines Menſchen, das aus weiter Ferne herüber tönt. Der Schrei wiederholte ſich, und tönte durch die ſchweigenden Waldeshallen wild und bang herüber, wie ein Ausbruch der Todesangſt und Verzweiflung, der jedes Herz in geheimem Schauder erzittern machte. „Das iſt der Dſhibbenönoſeh!“ flüſterte Telie mit bebender Stimme,—„in dieſen Wäldern ſchweift er am häufigſten umher, und die Leute erzählen, ſo wie jetzt ſchreie er nach ſeiner Beute. Ich bitte Euch, laßt uns umkehren! Noch iſt es Zeit.“ „Nein, nein, Indianer ſein!“ ſagte der Neger, der vor Todes⸗ angſt am ganzen Leibe zitterte.„Aber nicht fürchten, Miſſie Edith, alt Kaiſer fechten und ſterben wollen für Ench!“ „Still!“ befahl Roland, als eben jetzt ein neuer, lang dauern⸗ der und gellender Schrei ſich erhob, der ſchauerlich durch die Wild⸗ niß daherklang. „Es iſt der Nothſchrei eines bedrängten Menſchen,“ ſagte jetzt Edith.„Es kann nichts anderes ſein.“ „Du haſt Recht, Schweſter,“ ſtimmte Roland bei.„Bleibt hier auf dem Wege zurück, oder nein, folgt mir in einiger Ent⸗ fernung, ich will hin und ſchauen, was es giebt. Wiederfaäͤhrt mir etwas Schlimmes, ſo iſt wenigſtens Telie da, die Euch nach dem Fort zurückbringen kann.“ Mit dieſen Worten gab der muthige junge Mann ſeinem Pferde die Sporen, und lenkte es in das Dickicht hinein, gerades⸗ wegs der Richtung zu, aus welcher die ſchauerlichen Töne erklungen waren. Er befand ſich noch einige Minuten in der Nachbarſchaft des Ortes, wo es jetzt von Neuem erſcholl, und ſah ſich in einem dichten Buchenhaine, deſſen in einander verſchlungene Aeſte und Blätter ein ſo ſchattiges Dunkel verbreiteten, daß man kaum die weißlichen, ſäulenartig emporſteigenden Stämme zu unterſcheiden vermogte. Je näher Roland dem Orte kam, deſto furchtbarer ertönte das wilde angſterpreßte Gekreiſch, vermiſcht mit Stöhnen, Geheul, kurzen Stoßgebeten, Flüchen, und halb ausgeſprochenen Worten, welche bald eine flehentliche Bitte, bald wieder Drohungen und Befehle enthielten, welche, wie es ſchien, an eine zweite Perſon gerichtet wurden. Roland lauſchte ein paar Augenblicke in geſpannter Erwartung. Bald glaubte er auf einen Trupp Wilder geſtoßen zu ſein, die einen ungluͤcklichen Gefangenen am Marterpfahl peinigten, und dann wieder meinte er, das Geſtöhn eines Jägers zu hören, der von einem wilden Thiere, vielleicht von einem Panther oder einem Bären, Glied für Glied in Stücke zerriſſen würde. Um der peinigenden Ungewißheit ein Ende zu machen, ſtürzte er endlich mit der geſpannten Büchſe und den in Bereitſchaft geſetzten Piſtolen durch das Dickicht, und erblickte nun ein Schauſpiel, das ganz von alle dem verſchieden war, was er zu ſehen erwartet hatte. Er bemerkte einen Mann in einem zerriſſenen leinenen Rocke, der zu Pferde unter einer mächtigen Buche ſaß, und jenes fürchterliche Geſchrei, welches die Reiſenden ſo ſehr in Schrecken geſetzt hatte, ——— 39 wie es ſchien zu keinem anderen Zwecke, als zu ſeiner eigenen Be⸗ luſtigung, ausſtieß. Ein ſchärferer Blick überzeugte jedoch den jungen Kriegsmann ſogleich, daß jener ungluͤckliche Menſch hin⸗ reichende Veranlaſſung habe, ſein Angſtgeheul erſchallen zu laſſen. Er befand ſich in einer Lage, die ſchrecklicher war, als Alles, was Roland zu finden erwartet hatte. Seine Arme waren auf den Rüͤcken gebunden, und um ſeinen Hals ein Halfter geſchlungen, deſſen Enden an einem ſtarken Aſte unmittelbar über ſeinem Haupte befeſtigt erſchienen. Dieſen Halfter hatte man augenſcheinlich ſeinem Roſſe abgenommen, das frei und feſſellos ſeinen Reiter auf dem Rücken trug, ſo daß dieſer nichts zwiſchen ſich und dem Tode des Haͤngens hatte, als eben nur das Pferd, auf dem er ſaß, ein junges und ſcheues Thier, bei deſſen geringſtem Sprunge der Mann in der Luft ſchweben und umkommen mußte, während ihm kein Mittel zu Gebote ſtand, es zu halten, als nur die Stärke ſeiner Beine, und allenfalls die Wirkung, welche ſeine Stimme hervor⸗ bringen konnte. In dieſer fürchterlichen Lage mußte ſich der arme Menſch ſchon ſeit längerer Zeit befinden, denn ſeine Kleidung und ſein Haar waren von Regen durchnäßt. Sein dunkelrothes, blutunterlaufenes Geſicht, ſeine dick geſchwollenen, aus den Höhlen herausgetretenen Augen, mit dem fürchterlichen Blicke der entſetzlichſten Todesangſt, zeigten überdieß zur Genüge, wie oft ihn ſchon die Unruhe ſeines Pferdes, um deſſen Leib er mit der Kraft der Verzweiflung ſeine Beine geklemmt hielt, dem Tode des Hängens nahe gebracht hatte. Sobald dieſer Menſch den Capitain erblickte, verwandelte ſich ſein verzweifeltes Geſchrei augenblicklich in ein lautes Jauchzen des Entzückens. „Dem Ewigen ſei Dank!“ ſchrie er,—„Hülfe iſt da! um der Liebe des Heilandes willen, ſchneidet mich ab, Fremdling! Schneidet mich ab!“ Roland war ſogleich bereit, Hülfe zu leiſten, und hatte zu dieſem Ende bereits ſein Schwert aus der Scheide gezogen, als plötzlich die Stimme des Unglücklichen ihn verrieth, daß er in ſeiner Perſon den Pferdedieb Ralph Stackpole, den Räuber ſeines Bria⸗ reus, vor ſich ſähe. Sofort begriff er, daß die Lynchmänner den Spitzbuben ergriffen und für ſeine Verbrechen beſtraft haben müßten. Die Verfolger hatten ihn eingeholt, ſeine Arme zuſammengebunden, aus dem Halfter des geſtohlenen Pferdes eine Schlinge gedreht, und ihn dann zwiſchen Himmel und Erde ſchweben laſſen, bis das Thier müde geworden, ſeine Laſt noch länger zu tragen. Dieß war die gewöhnliche Strafe, welche das Lynchgeſetz den unverbeſſerlichen Pferdedieben zuerkannte, und es lag eine Art pve⸗ tiſcher aber furchtbarer Gerechtigkeit in dieſer Anordnung, welche das geſtohlene Pferd gewiſſermaßen zum Henker des Diebes beſtellte, welcher es ſeiner gewohnten Weide und dem Stalle ſeines recht⸗ mäßigen Gebieters entführt hatte. Sobald Roland merkte, zu welchen Gunſten er ſein Schwert gezogen hatte, ging eine vollkommene Umwandlung ſeiner Gefühle vor, und ſein Mitleid machte der Verachtung und der Unbarm⸗ heit Raum. Auch der Neger, welcher den Dieb erkannt hatte, rief ihm zu:„Recht ſo, Maſſa Capitain! Er ſtehlen braunen Briary! Er hängen! Sollen ich einen Stoß in Rippen geben Klepper? Ich große Luſt haben, ha!“ Während er ſprach, ſchickte er ſich auch ſchon an, den Gaul unter den Beinen Ralphs wegzujagen. Hieran hinderte ihn jedoch ein Wink ſeines Gebieters, welcher ſich mittlerweile angeſchickt hatte, zu den noch immer vor Schrecken zitternden Mädchen zurück⸗ zureiten. „Gottes Tod auf Euch, Capitain! Ihr werdet mich doch nicht ſtecken laſſen?“ ſchrie Ralph in vollſter Verzweiflung.„Das wäre ganz gegen das Chriſtenthum! Hülfe, wem Hülfe gebührt!“ „Euch wenigſtens, Ihr Schurke, gebührt ſie nicht, und ich werde mich auch hüten, ſie Euch zu verleihen,“ entgegnete Roland kalt.„Euch hat das Geſetz gerichtet, und ich habe keine Luſt, mich in ſeine Entſcheidungen zu miſchen. Ueberdieß habt Ihr mir ſolchen Schaden zufügen wollen, daß ich der letzte Menſch ſein ſollte, deſſen Mitleiden Ihr in Anſpruch nehmt.“ „Ewiger Tod auf mich, ich verlange kein Mitleid!“ ſchrie Ralph wüthend.„Hülfe will ich haben! Erſt ſchneidet mich los, und dann ſcheltet mich aus ganz nach Belieben. Ich ſtahl Euer Pferd! gut! Aber wem hat der Streich geſchadet? Euch nicht, denn Ihr habt die Beſtie wieder! Aber mich, mich hat ſie ab⸗ geſchüttelt und an den Rand des Todes gebracht! Schneidet mich los, Menſch, aber ſchnell! ſonſt komme mein Blut über Euch!“ „Hilf ihm, um Gotteswillen, Roland,“ bat Edith, welche in⸗ deſſen näher gekommen war.„Gewiß, du wirſt den armen Men⸗ ſchen nicht eines ſo ſchrecklichen Todes wollen ſterben laſſen.“ Roland, der den Verluſt ſeines Pferdes mitſammt den Folgen 41 deſſelben ſchon ſo bitter empfunden hatte, zeigte ſich gar nicht ge⸗ neigt, dieſe Bitte ſeiner Schweſter ſo ſchnell zu erfüllen. Sie aber ließ nicht ab zu flehen, bis er endlich doch von Neuem ſeinen Säbel zog, und mit Einem Hiebe den Halfter durchhieb, welcher um den Hals Ralph Stackpole's geſchlungen worden war. „Und jetzt noch den Buüffelriemen, der mir die Hände feſſelt!“ jauchzte Stackpole.„Haut ihn durch, Mann! Haut ihn durch!« Ein Schnitt mit dem Säbel machte auch die hinten zu⸗ ſammengebundenen Arme frei, und nun folgte ein Ausbruch der Freude, wie ihn dieſe alten Wälder wohl kaum ſchon einmal ge⸗ ſehen hatten. Ralph ſprang, laut aufjauchzend, an die Erde, und begann ſein Entzücken auf eine eben ſo neue, wie unſinnige Art zu äußern. Zuerſt ſchlang er ſeine Arme um den Nacken ſeines Pferdes und küßte es mit der feurigſten Zuneigung auf das Maul, um ihm für die bewieſene Geduld zu danken, welche zunächſt ſein Leben erhalten hatte; dann ſprang er unzählige Male in die Luft, rieb ſich mit komiſchen Geberden den Hals, und ſtieß ein mächtiges, weit ſchallendes Gejauchze aus, als ob er erproben wolle, daß ſeine Kehle keinen Schaden gelitten habe, dann fragte er den Ca⸗ pitain, wie lange es her ſei, ſeit er gehängt worden; ob es geſtern, vorgeſtern, oder ſeit einem Jahre geſchehen ſei? ſtieß eine Menge Verwuͤnſchungen gegen ſeine Richter aus, krähete ſein Kikeriki da⸗ zwiſchen, und lief endlich zu Editha, vor welcher er ſich auf die Knie niederwarf. „Engelleuchtende Dame!“ rief er ihr zu, indem er mit Inbrunſt den Saum ihres Kleides küßte,— Engel des Himmels, glanz⸗ ſtrahlende Jungfrau, hier liege ich, Ralph Stackpole, der Aligator vom Salzfluß, der es mit aller Welt aufnimmt, und ſage Euch, daß ich der Mann bin, für Euch bis an's Ende der Welt zu gehen, für Euch zu kämpfen, zu ſterben, zu betteln, zu arbeiten und Pferde zu ſtehlen! Ja, ewiger Tod auf mich, engelleuchtende Jungfrau, wenn ich nicht jede Stunde mit Vergnügen bereit bin, mich von Euch braten und aufeſſen zu laſſen. Ich bin der Mann, an dem eine Wohlthat nicht verſchwendet iſt, beſonders, wenn ſie mich vom Hängen rettet, und darum will ich fortan Euer Sclave ſein und Euch durch ganz Kentucky und bis an's Ende der Welt folgen!“ „Schweigt, Ihr elender Schuft und Hanswurſt!“ unterbrach Roland ſeine überſchwengliche Rede.„Dort iſt der Weg, macht, daß Ihr fortkommt!“. „Fremder,“ ſagte Ralph auf dieſe unfreundlichen Worte,„Ihr 42 habt den Halfter durchſchnitten und meine Arme frei gemacht, ob⸗ gleich erſt nach vielen Bitten und Flehen von mir und dieſer engel⸗ leuchtenden Dame. Darum könnt Ihr mich ſchimpfen, ſo viel Euch beliebt, und ich will es mir gefallen laſſen, und wenn auch ewiger Tod über mich käme. Im Uebrigen aber weihe ich mich dieſem Himmelsengel, und ich will ihn nicht verlaſſen, jetzt, in dieſer Stunde, wo von allen Seiten Gefahren drohen.“ „Gefahren?“ fragte Roland ein wenig beſtürzt.„Wie meint Ihr das? „Fremder,“ erwiederte Ralph mit einem Ernſte, der einen ſichtbaren Eindruck auf ſeine Zuhörer machte,—„Fremder, ich habe mit meinen leiblichen Augen den Dſhibbenönoſeh erblickt. Als ich noch da am Halfter hing, und ſchrie und brullte und fluchte, da ſah ich— ewigen Tod auf mich, wenn's nicht wahr iſt— da ſah ich eine mächtige Geſtalt durch den Forſt ſchreiten, mit rieſen⸗ haſten, geſpenſtiſchen Schritten, und vor ihm her, dort an jener umgeſtürtzten Eiche war's, ging ein Bär, wie noch kein ſchrecklicherer vor meine Augen kam.“ „Nun, und was hat das mit der Gefahr zu ſchaffen?“ fragte Roland. „Ei, genug,“ rief Stackpole,„weil Jeder weiß, daß Wilde im Gebüſch lauern, wo der Dſhibbenönoſeh erſcheint. Und darum rathe ich Euch, reitet blitzgeſchwind mit mir aus dem Walde zurück, im vollen Galopp, ohne nur einen Augenblick anzuhalten. Und wenn ich dann nicht die engelleuchtende Dame aus der Gefahr errette,— ewiger Tod auf mich!— dann ſollt Ihr Tagelang Fangeball mit mir ſpielen dürfen.“ „Nein, nein, ich will nichts mit Euch zu ſchaffen haben,“ er⸗ wiederte Roland mit einem verächtlichen Blicke.„Geht Eurer Wege und reitet wohin Ihr wollt, wir brauchen ſolche Burſche wie Ihr, nicht in unſerer Geſellſchaft!“ „Nun, nun, nur nicht ſo hitzig!“ rief Stackpole ärgerlich aus. „Um Euch fümmere ich mich keinen Strohhalm! Aber Ihr, o engelleuchtende Dame, entſcheidet Ihr, was mit mir geſchehen ſoll. Eurem Befehle will ich folgen, und wenn Ihr mir winkt, ſo reite ich Euch nach bis an's Ende der Welt und noch drüber hinaus.“ „Nein, nein, kümmert Euch nicht um uns,“ entgegnete Editha, die ebenfalls keine große Luſt verſpürte, mit einem ſolchen Land⸗ ſtreicher zuſammen zu reiſen. Wir bedürfen Eurer Hülfe nicht!“ „Nun denn, noch einmal ſchönen Dank und Lebewohl!“ ſchrie 43 Ralph, indem er ſein Pferd beſtieg und davon jagte. Binnen wenigen Minuten war er hinter dem dichten Gebüſch verſchwunden, und Alles ringsum war ſo ruhig und ſtill, als ob kein Laut die ſchweigſame Wildniß geſtört hätte. Fünftes Kapitel. Die Verirrung. Telie hatte dem davon geeilten Pferdediebe nachgeſchaut und geſehen, daß er auf einem Wege davon ritt, welcher der nächſte nach der untern Furth war. Sie machte Roland darauf aufmerk⸗ ſam und drang noch einmal in ihn, daß er dieſelbe Richtung ein⸗ ſchlagen mögte, um den Nachſtellungen der im Walde lauernden Indianer zu entgehen. Aber Roland wollte auch jetzt nichts davon hören. „Warum ſollen wir denn glauben, daß Indianer im Walde ſtecken?“ fragte er.„Etwa darum, weil dieſer halb verrückte Burſche ein Geſpenſt des Waldes geſehen haben will? Nein, nein, meine gute Telie, du müßteſt beſſere Gründe haben, wenn du mich be⸗ wegen wollteſt, die Straße zu verlaſſen. Ich glaube nicht an Euern Dſhibbenönoſeh!“ Ohne eine Antwort des Mädchens abzuwarten, und entſchloſſen, ſich von keiner fernern Störung in ſeiner Eile wieder aufhalten zu laſſen, ſchlug der Capitain den ſchon vorhin verfolgten Weg wieder ein. Aber dennoch wurde bald darauf durch neue und ernſtliche Hinderniſſe ſein Wille abermals geändert. Als er kaum den verlaſſenen Pfad wieder erreicht hatte, be⸗ merkte er an friſchen Hufſpuren, daß ein Reiter, von dem Fluſſe kommend, welchen er zu erreichen wünſchte, vorüber geeilt ſein müſſe, während er im Dickicht des Waldes mit der Befreiung des Pferdediebes beſchäftigt geweſen war. Dieß war ein Umſtand, der ihm auf der einen Seite angenehm, auf der andern mißfällig war⸗ Angenehm in ſo fern, als er zu beweiſen ſchien, daß die Straße nicht von den gefürchteten Wilden beunruhigt wurde; verdrießlich aber, weil er eine gute Gelegenheit verloren hatte, ſich nach ſeinen vorausgezogenen Reiſegefährten zu erkundigen, welche der Reiter ohne Zweifel geſehen und geſprochen haben mußte. Sein Aerger ſtieg noch, als er am Stande der Sonne bemerkte, daß bei der 44 Befreiung Ralphs viel Zeit verloren gegangen war, ſo daß jetzt der Tag ſchon ſchleunig ſich ſeinem Ende zuneigte. Er trieb daher ſeine Gefährten eben zu noch größerer Eile an, wie bisher, als man plötzlich im Rücken und in ziemlicher Entfernung ein donnerndes Krachen vernahm, als ob fünf oder ſechs Feuergewehre zu gleicher Zeit abgeſchoſſen worden wären. Hierauf folgte ein lautes Geſchrei, und gleich darauf vernahm man das Klappern von Roſſeshufen, und ein einzelner Reiter ſprengte mit wüthender Haſt auf Roland daher, welcher erſtaunt und beſorgt ſein Pferd angkhalten hatte. Der Fremde hatte ſeinen Hut verloren, ſein Haar flatterte im Winde, und ſein ganzes Aeußere verrieth den äußerſten Grad von Schrecken und Verwirrung. Gleichwohl war er gut bewaffnet, und trug eine lange Büchſe, ein Waidmeſſer und eine Hinter⸗ wäldleraxt bei ſich. Er blickte, wie wenn er von Feinden verfolgt würde, öfters auf dem zurückgelegten Wege hinter ſich, und befand ſich in ſolcher Angſt und Beſtürzung, daß er die auf dem Wege haltende Geſellſchaft nicht eher bemerkte, als bis er in unmittel⸗ barer Nähe von Roland angerufen wurde. Da riß er in die Zügel, daß ſein Pferd hoch aufbäumte, und ſah noch zehnmal erſchrockener aus, als bisher. „Ihr hölliſchen Kreaturen,“ ſchrie er verzweiflungsvoll, indem er ſeine Büchſe umkehrte, und mit der hoch geſchwungenen Waffe auf Roland zujagte,—„wollt Ihr das Aeußerſte an mir thun, ſo ſollt Ihr doch auch meinen Büchſenkolben ſchmecken lernen! Heran! du giftiges Gewürm!“ „Aber, Mann, ſeid Ihr toll, daß Ihr uns für Judianer hal⸗ tet?“ ſchrie ihm Roland zu. „Heiliger Gott, ſeid Ihr denn Chriſtenmenſchen?“ ſchrie der Fremde, indem ſeine Kampfeswuth ſich in ein freudiges Entzücken auflöſte.„Ja, wahrlich, Chriſtenmenſchen, und einer von ihnen iſt ein Neger! Ihr ſeid Capitain Roland Forreſter; ich habe ſchon von Euch gehört. O heilige Oſtern, ich dachte, es wären nur Indianer im Walde, und darum verſah ich mich anfangs! Aber Capitain, um's Himmelswillen, was bleibt Ihr hier halten? Gebt Eurem Pferde die Sporen und jagt davon, was die Thiere laufen können. Sie ſind hinter mir, die Schurken! Sechſe an der Zahl, nein fünfe, denn Einen von den Hallunken habe ich niedergeſchoſſen. Sie folgten mir von hinten, und ſtellten ſich vorn in den Weg, und da konnte es nichts helfen, ich mußte eine von den Kreaturen aus der Welt ſchaffen. Paff! da lag er, und fort jagte ich!“ —————— 45 „Menſch!“ rief der Capitain,—„redet Ihr im Ernſte, und ſind wirklich Indianer hinter uns?“ „Indianer, ſo wahr ich lebe, und zwar ihrer fünf!„wieder⸗ holte der Fremde.„Als ich den Einen niederſchoß, heiliger Him⸗ mel, da erhoben die Andern ein Geſchrei, und gleich darauf krach⸗ ten ihre Flinten, und ich dankte Gott, daß ich mit heiler Haut davon kam! Sie folgen mir nach, und wenn wir nur noch eine Viertelsminute länger warten, dann haben wir die brüllenden Teu⸗ fel auf unſeren Ferſen. Aber wohin nun in dieſem Walde? Hinter uns die Fünf, und vor uns die Furth, wo es von lauter Indianern wimmelt, wie ein Ameiſenhaufen!“ „Was, an der Furth?“ rief Roland erſchrocken.„Habt Ihr nicht ein Haufen Auswanderer dort getroffen?“ „Nicht dort! Ich ſah ſie durch den Schlamm patſchen, halb⸗ wegs von Jackſons! Logen mir vor, es gäbe keine Indianer im Walde, und nun, heilige Oſtern! ſteckt Alles voll.“ „Redet Ihr aber auch wirklich die Wahrheit?“ fragte Roland, der noch immer an der Ausſage des Fremden zu zweifeln ſchien. „Gewiß redet er wahr,“ nahm Telie Doe jetzt mit einer Ent⸗ ſchiedenheit das Wort, die in jedem anderen Augenblicke Verwun⸗ derung erregt haben würde.„Wir dürfen nicht länger zaudern, denn mit jedem Augenblicke kommen die blutgierigen Schurken uns näher. Vorwärts! Vorwärts! Der Wald liegt offen vor uns, und ohne Zweifel iſt die untere Furth noch frei.“ „Wenn du uns dorthin geleiten kannſt, ſo iſt noch nicht Alles verloren,“ ſagte Roland haſtig.„Sei unſere Führerin, Mädchen, und eile dich, denn ich ſehe ſchon, wir können jetzt weder mehr vorwärts, noch zurück.“ Dieſe raſch und beſorgt geſprochenen Worte zeigten Editha, daß ihr Bruder jetzt wirklich ihre Lage für bedenklich zu halten begann. Und in der That zitterte Roland, nicht für ſich, aber für ſeine ſchwachen Gefährtinnen, die ſo wenig dazu geeignet waren, einem etwaigen Angriffe der unbarmherzigen Indianer auch nur den geringſten Widerſtand zu leiſten. „Gut, ich werde Euch führen,“ ſagte Telie,„und hoffentlich ſollt Ihr es niemals bereuen, mir gefolgt zu ſein. Es wird den Wilden ſicher nicht einfallen, uns an der unteren Furth aufzulauern. Sie trabte ſogleich in den Wald hinein, und war bald mit den Uebrigen, welchen ſich auch der Fremde, Namens Pardon Fertig, „ * 46 angeſchloſſen hatte, eine gute Strecke Wegs von der bisher befolg⸗ ten Straße entfernt. Während ſie raſch dahin ritten, erzählte Pardon Fertig dem Capitain noch einmal ganz genau und ausführlich, was ihm mit den Indianern begegnet war. Darauf berichtete er von ſeinen Abentheuern und Schickſalen, ſagte wie er am oberen Ohio Handels⸗ Geſchäfte getrieben, von den Wilden ſchon früher beinahe ſeiner ganzen Habe beraubt worden ſei, und verwünſchte ſein böſes Schick⸗ ſal, das ihn immer von Neuem mit dieſer blutdürſtigen Rage von Menſchen zuſammen führe. Roland hörte ihm nicht ohne Theil⸗ nahme zu, obgleich er aus Allem, was er hörte, entnahm, daß Par⸗ don Fertig eine übermäßige Furcht vor den Wilden habe, und daher bei einem Zuſammentreffen mit dieſen wenig auf ſeine Hilfe zu rechnen ſei. Mittlerweile wurde jedoch ſeine Aufmerkſamkeit bald in ganz anderer Weiſe in Anſpruch genommen, indem Telie, welche bisher die Reiſenden mit großer Zuverſicht geführt hatte, auf einmal zu zögern, und ſichtliche Zeichen von Verlegenheit zu geben begann. In der That waren genügende Urſachen zur Zögerung vbr⸗ handen. Die bisher breiten und offenen Lichtungen, durch welche die Reiſenden geritten waren, wurden enger und öfters von Strauch⸗ werk und Gebüſch unterbrochen; der Wald zeigte ſich immer dich⸗ ter und finſterer; die Oberfläche des Bodens war durch jähe Ab⸗ hänge und ſumpfige Schluchten zerriſſen, durch welche es ſchwierig war, einen Weg zu finden; und das beſtändige Ausbeugen nach rechts oder links machte es ungemein ſchwierig, die Richtung feſt⸗ zuhalten, welche nach Lelie's Meinung eingeſchlagen werden mußte. „Mädchen,“ ſagte Roland zu ihr,—„wäre es möglich, daß du dich nicht zu finden wüßteſt?“ „Ich bin ganz verwirrt und erſchreckt!“ antwortete Telie be⸗ ſtürzt.„Wir hätten ſchon längſt auf den alten Pfad ſtoßen müſ⸗ ſen, der mir ganz genau bekannt iſt, aber die Moräſte und Schluch⸗ ten haben mich ſo in Verwirrung gebracht, daß ich nicht mehr weiß, wo wir uns befinden.“ Dieſe Antwort erfüllte das Herz des jungen Kriegsmannes mit Beſtürzung, indem er ganz ſicher auf Telie's Kenntniß des Waldes gerechnet hatte. Nun aber wurde es nothwendig, daß er ſelbſt die Leitung der Angelegenheiten übernahm, was ihm beſon⸗ ders ſchwierig erſcheinen mußte, da die Sonne bereits untergegan⸗ gen war, und der Tag mit ſchnellen Schritten ſeinem Ende zu eilte. 47 Er ritt, ſich ſeinem guten Glücke überlaſſend, auf Gerathewohl vor⸗ wärts, und hoffte, daß der Inſtinkt ſeines Pferdes ihn zu der Furth leiten werde, die unmöglich noch ſehr weit von ihnen entfernt ſein konnte. Telie, welche ſich indeß auch aus ihrer Beſtürzung auf⸗ raffte, ritt ein wenig voran, und gebrauchte fleißig ihre Augen, in der Hoffnung, daß irgend eine alte Spur ſie wieder auf den rechten Pfad zurückführen werde. Als ſie ſo umherſpähete und langſam vorwärts trabte, fing ihr Klepper plötzlich an zu ſchnauben, ſich zu bäumen, und andere Zei⸗ chen von Schrecken zu geben. LTelie ſelbſt wurde äußerſt unruhig und beſtürzt; ſie eilte zu der Reiſegeſellſchaft zurück, und ihre Au⸗ gen rollten wild von Buſch zu Buſch, wie wenn ſie jeden Augen⸗ blick einen Feind zu ſehen fürchtete. „Was gibt es?“ fragte Roland, indem er auf ſie zueilte. „Sind wir in einem bezauberten Walde, wo unſere Roſſe erſchrek⸗ ken, wie wir ſelbſt?“ „Ich fürchte, Indianer ſind in unſerer Nähe,“ antwortete Te⸗ lie mit bebender Stimme. „Thorheit!“ rief Roland, indem er hurtig umherblickte und ringsum nichts ſah, als offenen Wald, der weder Schirm noch Schutz für einen lauernden Feind darzubieten ſchien. Aber Editha ergriff ihn in dieſem Augenblicke am Arme, und in ihrem Antlitze malte ſich der höchſte Grad des Entſetzens, während ſie ſo erſchro⸗ cken war, daß ihre bebenden Lippen keinen Ton hervorzubringen vermogten. Sie deutete mit dem Finger auf einen dunkeln Gegen⸗ ſtand, und Roland fuhr zuſammen, als ſein Blick auf einen In⸗ dianer fiel, der ausgeſtreckt unter einem Baume lag, halb bedeckt von einem grünen Zweige, welchen eine fremde Hand über ihn ausgebreitet haben mußte. Denn als Roland ſchärfer auf ihn hin⸗ ſchaute, gewahrte er zu ſeinem Erſtaunen, daß aus dem Körper des Wilden das Leben entflohen war. „Der Schlächter iſt vor uns da geweſen,“ rief er aus.„Der Mann iſt todt und bereits ſkalpirt!“ Mit dieſen Worten ritt er dem Baume näher, und die Uebri⸗ gen folgten ihm. Mit Schaudern ſahen ſie den Leichnam eines rieſenhaften Indianers, mit dem Geſicht über den Wurzeln des Baumes liegend. Blut ſtrömte noch von ſeinem zerſchmetterten und ſkalpirten Schädel herab. Die Trümmer einer Flinte lagen, auf dem Boden zerſtreut, um ihn her, und außerdem gewahrte man noch ein zerbrochenes Pulverhorn, ein zerſplittertes Meſſer, den Griff eines Tomahawk und einige andere verſtuͤmmelte Geräthſchaf⸗ der unbekannte Sieger in Stücke geſchla⸗ ten, welche ohne Zweifel nach einem hartnä⸗ gen hatte. Der getödtete Krieger ſchien erſt Die Erde, wo er lag, ckigen Kampfe bezwungen worden zu ſein. war aufgeriſſen und zerſtampft, und ſeine krampfhaft in den Bo⸗ den gegrabene Hände zeigten ſich geröthet von Blute, von eigenem entweder, oder auch vom Blute ſeines Gegners. Während Roland das ſchreckliche Schauſpiel mit Beſtürzung betrachtete und daruber nachſann, auf welche Art und Weiſe der Ungluckliche zu ſeinem Tode gekommen ſein mogte, bemerkte er mit Entſetzen, daß plötzlich ein Schander über den anſcheinend lebloſen Körper lief. Die krampfhaft geſchloſſenen Hände öffneten ſich, ein erſticktes Röcheln wurde hörbar, und auf einmal richtete ſich der Indianer, auf ſeinem Arme geſtutzt, in die Höhe, und zeigte ein verzerrtes mit Blut bedecktes Antlitz. Dieß war die letzte Be⸗ wegung, welche er machte. Zu ſchwach, ſich aufrecht zu erhalten, fiel er zurück, wälzte ſich auf den Rücken, und hauchte mit einem Seufzer ſeinen letzten Athem aus. Jetzt erblickten die Zuſchauer, was ſie bisher nicht bemerken konnten, zwei blutige Einſchnitte auf der Bruſt des Todten. Sie zeigten die Geſtalt eines Kreuzes, und als Roland unwillkührlich in abentheuerlichen Schrecken zuſammen⸗ bebte, rief Telie voll Entſetzen aus:„das Zeichen des Dſhibbenö⸗ noſeh! Der Nick der Wälder ſchreitet wieder im Forſte umher!“ Sechstes Kapittel pie verfolger. nichts weniger, als zu Capitain Forreſter war im Grunde zu 3 d wußte daher ſogleich einem lächerlichen Aberglauben geneigt, un ſeinen erſten Schrecken über das Zeichen des Dſhibbenönoſeh nieder⸗ zukämpfen. Er ſprang vom Pferde, und beſichtigte die Leiche ge⸗ nauer, indem es ihm unbegreiflich vorkam, wie ein Mann ſo ganz in ſeiner Nähe getödtet werden konnte, ohne daß er irgend ein Geräuſch vom Kampfe vernommen atte. Er fand in der rechten Schulter eine Kugelwunde; aber ſie war nach Indianiſcher und ihr ganzes Ausſehe mit Blättern und Kräutern verſtopft, e⸗ wies, daß der Wilde ſie in einem frühern Kampfe erhalten ha 49 mußte. Seinen Tod hatte unzweifelhaft der Axthieb am Hinter⸗ kopfe veranlaßt, und dieß machte es Roland begreiflich, daß der Mann in ſo geringer Entfernung von ſeiner Geſellſchaft getödtet wurde, ohne daß Jemand einen Schuß hörte. Aber um ſo uner⸗ klärlicher war es ihm, wie irgend ein Feind dem Getödteten ſo nahe hatte kommen können, daß der Gebrauch der Büchſe zu ſeiner Ermordung unnöthig wurde. Denn er hatte ſo viel von der Schlauheit und Wachſamkeit der Wilden gehört, daß er ein ſolches Ereigniß für ganz unmöglich gehalten haben würde, wenn der Be⸗ weis nicht vor ſeinen Augen gelegen hätte. Während er noch in dieſes ſcheinbar unauflösliche Räthſel vertieft war, zog ein Ausruf Telie's ſeine Blicke nach einem anderen Gegenſtande. Mit Erſtau⸗ nen bemerkte er, als er aufſah, in der Entfernung eine Geſtalt, welche in der zunehmenden Dämmerung ſo hoch und rieſenhaft ſchien, daß man ſie für ein übernatürliches Weſen halten mußte. Sie eilte mit weit ausgeholten Schritten durch den Forſt, und ſchien mit geſenktem Haupte auf einen kleineren, ſchwarzen Gegenſtand niederzuſchauen, der vor ihr her trabte und ihr vermuthlich zum Wegweiſer diente. Anfaͤnglich hatte es den Anſchein, als ob das wunderbare We⸗ ſen in gerader Richtung auf die Geſellſchaft zukäme; gleich darauf aber bemerkte Roland, daß es zur Linken ausbeugte, und ſich mit ſchnellen Schritten von ihnen entfernte, immer dem Geſchöpfe fol⸗ gend, das die Reiſenden ſehr geneigt waren, für den Bären zu halten, welcher, der Sage nach, die Schritte des Dſhibbenönoſeh leiten ſollte. Roland war aber gar nicht geneigt, die Erſcheinung ſo ſpurlos verſchwinden zu laſſen. Er ſchwang ſich wieder auf ſein Pferd, und ſprengte vorwärts, indem er mit lauter Stimme rief: „Holla, Freund! Menſch oder Teufel, Dſhibbenönoſeh oder Hinter⸗ wäldler, ſteh, und gib Red' und Antwort!“ Während die Geſellſchaft Rolands zögernd nachfolgte, blieb 3 das vermeintliche Geſpenſt bei dem Zurufe des Capitains auf ein⸗ mal ſtehen und blickte in die Höhe; dann ging es, ohne die ge⸗ ————————— e 3 ringſte Neigung zum Verſchwinden oder Fliehen zu zeigen mit ei⸗ 1z ligem Schritte den Reiſenden entgegen, und mit Ueberraſchung er⸗ 2 kannten jetzt Alle in dem gefürchteten Geiſte der Wälder den— . harmloſen und friedliebenden wandernden Nathan, deſſen rieſenhafte Geſtalt beim Heranſchreiten immer mehr zuſammenſchrumpfte, wie ſich denn auch ſein Begleiter beim Näherkommen, aus dem Bä⸗ S Gefahren der Wildniß. 4 ren in das kleine, ſchwarze Hündchen verwandelte, das auf der Station von Ralph Stackpole ſo brutal behandelt worden war. Die Ueberraſchung war ſo plötzlich, die Verwandlung aus dem Geſpenſte in den demüthigen Quäker ſo komiſch, daß Roland ein leichtes Lachen nicht zu unterdrücken vermogte. Aber ſeine Fröhlich⸗ keit fand bei dem wandernden Nathan keinen Anklang und keine Erwiederung. Die Blicke deſſelben fielen zuerſt mit Erſtaunen auf Editha und Telie, als wundere er ſich, welcher Wahnſinn die Mädchen zu einer ſolchen Stunde in die Wildniß gebracht habe, und dann wandte er ſich an Roland, indem er mit Unheil verkün⸗ dendem Ernſte ſagte: Freund, bildeſt du dir ein, mit dieſen Frauen dich in deinem Geſellſchaftszimmer zu Hauſe zu befinden, weil du ſo laut lachſt? Weißt du nicht, daß du im wilden Kentuckywalde biſt, wo mörde⸗ riſche Indianer rings um dich her lauern?“ „Das will ich nicht fürchten, Mann!“ erwiederte Roland, ern⸗ ſter werdend.„Auch lachte ich nur, weil mir einen Augenblick Euch, den friedſamen Mann, für den blutigen Nick der Wälder hielten, und Ihr müßt geſtehen, daß dieſes Mißverſtändniß lächerlich genug iſt. Indianer mögen wohl im Walde ſein, denn hier unſer Be⸗ gleiter, Pardon Fertig, hat deren ſechs erblickt, und ich ſelber habe einen Todten dort unter dem Baume liegen ſehen, aber ich hoffe, wir werden ihnen mit leichter Mühe entrinnen können.“ „Freund, wahrlich, das iſt nicht ſo leicht, als du denkſt,“ entgegnete Nathan kopfſchüttelnd.„Wahrlich du wirſt mit ihnen zu thun bekommen.“ „Jetzt nicht mehr, hoffe ich, da Ihr uns ohne Zweifel aus dem Sagt mir nur, wo ich bin, und wohin Walde fuͤhren werdet. ich gehe?“ „Das iſt ſchwer zu indeſſen die gegenwärtige Richtung verfolgſt, ſo wirſt du binnen zwölf Minuten an der vberen Furth des Fluſſes und mitten unter einer im Hintergrunde lauernden Schaar blutgieriger Indianer ſein.“ „Großer Gott!“ rief Roland erſchrocken;„ſo haben wir uns alſo nur müde geritten, um dieſen Kehlabſchneidern immer näher zu kommen. Dem Himmel ſei Dank, daß er uns Euch zugeführt hat. Leitet uns, ich beſchwöre Euch, zu der unteren Furth oder in die Station zurück, oder an irgend einen anderen Ort, wo die ar⸗ men Mädchen Sicherheit finden mögen. nicht länger führen kann.“ Ich ſehe ein, daß ich ſie 51 »Wahrlich,“ ſagte Nathan höchlich verlegen,„ich möchte gern für dich thun, was ich kann, aber..„ »Aber?“ frug Roland ganz entrüſtet.„Ihr wollt uns doch nicht in der Gefahr umkommen laſſen? Ihr, der allein hier rathen und helfen kann?“ »Freund,“ erwiederte Nathan demüthig und unterwüͤrfig,„du weißt, ich bin ein Mann des Friedens! Wie leicht könnte es ſein, daß Indianer auf uns ſtoßen, und dann würden ſie mich wahrlich nicht verſchonen, ſo wenig, wie Euch; denn ſie tödten Alles, mag es kämpfen und Waffen tragen, oder nicht. Wahrlich, wahrlich, ich zittete für mich ſelbſt, obgleich ein einzelner Mann immer beſſer zu entkommen vermag, als eine ganze Geſellſchaft.« »Menſch!“ rief Roland, zitternd vor Entrüſtung, aus,— »wenn Ihr wirklich ein ſo feiger niederträchtiger Schurke ſeid, arme hilfloſe Frauen ihrem Schickſale überlaſſen zu wollen, ſo ſchwöre ich Euch, daß Euer erſter Schritt auch Euer letzter ſein wird. Ich ſchieße Euch eine Kugel durch den Kopf, ſobald Ihr Miene macht, uns zu verlaſſen.“ „Wahrlich,“ ſagte Nathan auf dieſe drohenden Worte ſanft und ruhig,—„ich hätte dich nicht für ſo gottlos gehalten. Jedoch wiſſe, daß es gar nicht meine Abſicht war, Euch zu verlaſſen. Meine Abſicht iſt nur, dir meinen Beiſtand zu verweigern, wenn es ja zu einem Handgemenge kommen ſollte, denn du weißt, wir Quäker ſind friedlichen Glaubens und dürfen nicht in den Krieg ziehen. Wenn nun aber die wilden rothen Männer kommen, ſo wirſt du zu mir ſagen:„Nathan, erhebe deine Flinte und ſchieß!“ und wenn ich dann„Nein“ antworte, ſo wirſt du mich ſchmähen wie jetzt, und wirſt mir eine Kugel durch den Kopf jagen wollen wie jetzt, obgleich ich ein Mann des Friedens bin. Wenn du daher „Macht Euch darum keine Sorgen, Freund Nathan,“ unter⸗ brach Roland den Quäker.„Wir werden jeglichen Kampf zu ver⸗ meiden ſuchen.“ »Wahrlich,“ erwiederte Nathan,—„das wird nicht von dir abhängen, Freund, denn die Indianer ſind rings um dich her.“ „Gut! wenn alſo ein Gefecht unvermeidlich wäre,“ ſagte Ro⸗ land, erbittert über die Feigheit des Mannes,„ſo verlange ich nichts weiter von dir, als daß du mit den Frauen abziehſt, während wir drei Männer, ich, Pardon Fertig und Kaiſer, den Rückzug decken. Wenn wir dann auch nicht den Sieg erringen, ſo können wir min⸗ deſtens fechten und ſterben.“ Dieſe kühnen Worte fanden bei den Männern erfreulichen An⸗ klang.„Ja, Maſſa,“ ſchrie der alte Kaiſer,—„ich mit Wonne ſterben für Miſſin und Maſſa!“ Pardon Fertig gab ähnliche Verſicherungen ſeines guten Wil⸗ lens und Heldenmuthes, und Nathan hörte dieſelben mit merklich aufgeheitertem Geſichte an. „Wahrlich,“ ſagte er,„obgleich ich ein Mann des Friedens bin, ſo will ich es doch nicht tadeln, wenn Anderen ihr Gewiſſen geſtattet, wie Männer des Grimmes und der Schlacht zu handeln. ich wahrlich Laßt uns denn ſehen, wie wir durchkommen, obſchon i in Verlegenheit bin, was zu thun iſt; denn vor uns, hinter uns, neben uns wimmelt es von Indianern. Wahrlich, wahrlich, das ſetzt mich ſehr in Verlegenheit!“ Nathan verſank in ein tiefes Nachdenken, ſchüttelte den Kopf, trommelte mit den Fingern auf dem Schafte ſeiner roh gearbeite⸗ ten Flinte, und hörte nicht auf Rolands Worte, welcher ihn bat, ſie ſo ſchnell als möglich nach der oberen Furth zu geleiten, wohin allem Anſcheine nach keine Indianer gekommen wären. Nathan achtete, wie geſagt, nicht hierauf, ſondern wendete ſich endlich an ſein kleines Hündchen, das er auf eine Weiſe anredete, als ob es ein vernünftiges Weſen ſei. „Peter,“ ſagte er,„kleiner Peter, ich weiß Was denkſt du von der Lage der Dinge?“ „Freund Nathan!“ rief Roland ungeduldig,—„dieß iſt keine mir nicht zu rathen! Sache, die man der Entſcheidung eines unvernünftigen Geſchöpfes mand hier, der uns anheim gibt.“ „Und doch,“ erwiederte Nathan,„iſt Nie veſſeren Rath, als der kleine Peter, ertheilen könnte! Oder wenn es Einer kann, ſo möge er reden! Du kennſt den kleinen Peter nicht, Freund, ſonſt würd gefolgt, und gar manches Mal k geholfen, wo Niemand, auch ich ſelbſt nicht, mir zu rathen wußte. Da ſieh' hin, was der kleine Hund thut. Er läuft zu den Spuren und wedelt mit dem Schwanze, und wahrlich, ich bin mit ihm ganz gleicher Meinung!“ „Und weſſen Spuren ſind dieß?“ fragte Roland, indem er Nathan zu dem Pfade folgte, welchen derſelbe eingeſchlagen hatte⸗ eſt du ihn nicht mit Verachtung behan⸗ deln. Wahrlich, manchen langen Tag iſt er mir durch den Wald Mal hat er mir aus der größten Noth 53 Der kleine Hund ſchnupperte da, hob zuweilen ſeinen Kopf empor, und wedelte mit dem Schweife, wie wenn er die Aufmerkſamkeit ſeines Gebieters erregen wollte. „Weſſen Spuren, fragt Ihr?“ wiederholte Nathan, indem er Roland erſt mit Erſtaunen, und dann mit einer gewiſſen mitlei⸗ digen Verachtung anblickte.„Wahrlich, Freund,“ ſetzte er dann hinzu, „du haſt die Vorſehung in Verſuchung geführt, als du es wagteſt, mit armen hilfloſen Frauen in dieſen Wald einzudringen. Kennſt du die Spuren deiner eigenen Pferde nicht? und hier, haſt du auch dieſe Fußtapfen vielleicht überſehen?“ „Ja, in der That, hier ſind die Spuren von Fußgängern,“ ſagte Roland.„Aber ich begreife nicht, wie ſie dahin gekommen ſein mögen!“ „Wahrlich, Freund, ich ſehe, daß du im Walde ganz und gar nicht an deinem Platze biſt,“ ſagte Nathan.„Sieh', dieß ſind die Spuren von fünf Indianern, welche immer auf den Zehen einher⸗ ſchreitend, dir ſchon ſeit länger als einer Stunde nachgeſchlichen ſind!“ „Entſetzlich!“ rief Roland, ſchaudernd vor der Gefahr, die ihn ſo nahe bedrohet hatte. „Ja, wahrlich, entſetzlich Freund!“ wiederholte Nathan.„Aber du wirſt ein wenig mehr Achtung vor den kleinen Peter haben, wenn ich dir ſage, daß er es war, welcher mir dieſes Geheimniß enthüllte, als ich ruhig im Walde mein Wild jagte. Er zeigte mir die Spuren von fünf umherſtreifenden Perſonen, welche durch den Wald ſtrichen, wie der Habicht in der Luft fliegt, die ganze Zeit immer im Kreiſe rundum, rundum, rundum, und er zeigte mir auch, daß fünf bösgeſinnte Shawnee's ihre Spur verfolgten. Da dachte ich denn:„dieſen armen Geſchöpfen kann ein Unglück wider⸗ fahren,“ und machte mich auf, und folgte dem kleinen Peter, um 8 ſie zu ſuchen. Und wahrlich, Freund, daß ich dich hier mitten in dem weiten Walde gefunden habe, das haſt du ganz allein dem kleinen Peter zu verdanken, dem alles Lob dafür zukommt.“ „Gewiß, wenn es ſo iſt, will ich nie wieder von einem Hunde Böſes denken,“ ſagte Roland.„Aber laßt uns eilen. Ich glaubte, der Weg führe uns nach der Furth, aber nun ſehe ich wohl, wie ſehr ich mich geirrt habe. Wir müſſen die entgegengeſetzte Rich⸗ tung einſchlagen.“ „Ganz gewiß nicht, Freund!“ ſagte Nathan kaltblütig.„Peter will, daß wir den Weg noch einmal machen, und wahrlich, ich bin ganz ſeiner Meinung. Wir müſſen dieſen fünf Indianern folgen, ſo lieb uns unſer Leben iſt.“ „Seid Ihr von Sinnen, Mann!“ rief Roland aus.„Das hieße uns ja gerade den Gurgelabſchneidern in die Hände liefern. Nein, nein, laßt uns dorthin fliehen, wo der Wald offen vor uns liegt „Und wie lange glaubſt du, Freund, daß er offen bleiben wird?“ fragte Nathan.„Ich ſage dir, daß du von Indianern umringt biſt. Im Süden liegen ſie an der Furth, im Weſten brauſen die tiefen Wogen des Stromes, und öſtlich von uns wandern die ſpä⸗ henden Shawnee's. Wahrlich, Freund, wir müſſen nach Norden ziehen, hinter den fünf mordluſtigen Kreaturen her. Dann kennen wir das Uebel, was uns bedroht, und vermögen ihm auszuweichen, während wir blind in die Gefahr hinein ſtürzen, wenn wir eine andere Richtung einſchlagen. „Aber wie ſollen wir dieſen fünf Schurken ausweichen?“ fragte Roland. „Einfach dadurch, indem wir ſie vor uns behalten,“ erwiederte Nathan.„Wir folgen ihnen, bis ſie umkehren, wo wir dann im glucklichen Faile ſie vorbeiſchlüpfen laſſen und dadurch einen Vor⸗ ₰ gewinnen, der uns ſo ziemlich vor ihren Nachſtellungen ert.“ „Nun, ſo folgt denn Eurer Anſicht, ſie iſt vielleicht die beſte!“ ſagte Roland.„Im äußerſten Falle haben wir nur fünf Gegner vor uns, und wenn Ihr nur die Mädchen rettet, ſo wollen wir Anderen ſchon mit den Halunken fertig werden.“ „Sei ohne Sorge, Freund!« ſagte Nathan.„Wir werden nicht unverſehens auf die Indianer ſtoßen, denn wir können uns auf den kleinen Peter verlaſſen. Du wirſt bald ſehen, welch' ein trefflicher Freund der kleine Peter iſt. Wahrlich, für einen fried⸗ liebenden Mann, wie ich bin, iſt es ſehr nothwendig, einen Beglei⸗ ter zu haben, der ihm die Nähe gefaͤhrlicher Perſonen verkündigt,“ Nach dieſen Worten ſchickte ſich Nathan an, die Reiſenden in eine Linie zu reihen, befahl ihnen, ihm in dieſer Ordnung zu gen, und ſchärfte ihnen mit großem Ernſte die Nothwendigkeit ein, gen tieſſte Stllſchweigen zu bevbachten. Hierauf ſchrüt er kühn vorwürts, und nahm ſeinen Platz zweihundert Schritt weit von den Uebrigen ein, was er durchaus für nothwendig erachtete, weil ſeine übrigen Begleiter beritten waren⸗ Sobald du ſiehſt, daß ich die Hand über dem Kopfe ſchwenke,“ ſagte er zu Roland, als er ihm ſeine letzten Verhaltungsbefehie ————— 55 ertheilte,—„ſo laß deine Leute unverzüglich Halt machen. Siehſt du, daß ich mich auf die Erde niederwerfe, ſo führe ſie in das erſte beſte Verſteck, und verhalte dich dort ganz ruhig; denn als⸗ dann kannſt du mit Sicherheit darauf zählen, daß die Gefahr nahe, und dringend iſt. Fürchte dich aber nicht, denn mit Hilfe des klei⸗ nen Peters werden wir ſchon alle Schwierigkeiten zu überwinden wiſſen.“ Nach dieſer tröſtlichen Verſicherung ſchritt er mit dem kleinen Peter voraus, bis er auf ſeinem Poſten ankam, wo der Hund noch etwa vierzig Schritte weiter lief, und ſtehen bleibend, die Befehle ſeines Herrn erwartete, welche durch einen Wink mit der Hand ertheilt wurden. Hierauf ſetzte ſich der ganze Zug in Bewegung. Wäre Roland weit genug vorne geweſen, um das Benehmen des kleinen Hundes beobachten zu können, ſo würde er die Klug⸗ heit des Thieres bewundert haben, welches mit unfehlbarer Sicher⸗ heit den Spuren folgte. Leiſe und geraͤuſchlos huſchte es vorwärts, blickte bald rechts bald links, ſchnoberte mit aufgehobener Naſe von Zeit zu Zeit in der Luft, und benahm ſich genau ſo, als ob es die Gefahr kenne, und wiſſe, daß das Wohl und Wehe von ſechs Men⸗ ſchen von der treuen Ausführung ſeines ganzen Scharfſinns ab⸗ hinge. Die Entfernung hinderte jedoch den jungen Kriegsmann, dieß Alles zu bemerken, und er mußte ſich begnügen, mit dem Auge der hohen Geſtalt Nathans zu folgen, welcher mit leichten und freien Schritten, ganz entgegengeſetzt ſeinem gewöhnlichen ſchlotternden Gange, durch die Schatten der Wälder von Hügel zu Hügel eilte. Er ſtieg eben eine niedrige, faſt ganz von Bäumen entblößte Höhe hinan, als der kleine Peter den erſten Beweis von jenem Scharfſinne gab, auf welchen der wandernde Nathan ein ſo hohes Vertrauen ſetzte. Kaum hatte der Hund den Gipfel des Hügels erreicht, als er plötzlich Halt machte, ſich zur Erde nieder⸗ kauerte, und durch ein leichtes Wedeln mit dem Schwanze andeutete, daß Indianer ſich in der Nähe befänden. Gleich darauf lag er regungslos da, wie Stein, und nicht die mindeſte Bewegung ver⸗ rieth, daß noch Leben in ihm ſei. Nathan ſtand ſtill, gab der Ge⸗ ſellſchaft das Zeichen zum Halten, und ſchlich dann mit der äußer⸗ ſten Vorſicht zum Gipfel des Hügels hinan. Kaum war er in der Nähe deſſelben angekommen, ſo ſah ihn Roland plötzlich auf die Erde niederfallen, und erkannte daraus, daß die äußerſte Gefahr in der nächſten Naͤhe drohte. Ohne Zögern befolgte Roland nun die Verhaltungsbefehle, welche ihm für dieſen Fall gegeben worden waren. Schleunig ſah er ſich nach einem paſſenden Verſtecke um, und führte ſeine Be⸗ gleiter hinter ein dicht verſchlungenes Gebüſch, wo er ihnen gebot, ſich ganz ruhig zu verhalten. Von dem Saume des Geſträuches aus konnte er ihren Führer beobachten, der fortwährend am Boden liegen blieb, aber wie eine Schlange, auf dem Bauche nach oben rutſchte, bis er vom äußerſten Gipfel des Hügels aus in die jen⸗ ſeitige Waldung hinunter blicken konnte. In dieſer Stellung verharrte Nathan mehrere Minuten, Ro⸗ land beobachtete ihn mit der angeſtrengteſten Aufmerkſamkeit, bis er ſeine Ungeduld nicht mehr bemeiſtern konnte, und ſein Pferd dem Neger übergab, um ſelber den Hügel hinan zu klimmen und mit eigenen Augen zu ſehen, von welcher Beſchaffenheit die heran⸗ nahende Gefahr ſein möge. Er gebrauchte dabei dieſelbe Vorſicht, wie Nathan, und warf ſich, gleich ihm, auf den Boden nieder, ſobald er in der Nähe des Gipfels angekommen war. Auf dieſe Weiſe kroch er an Nathans Seite, und wurde nun die Urſache der Zögerung gewahr. Jenſeits des Gipfels war der Wald auf eine beträchtliche Strecke offen und frei von Unterholz, und die Bäume ſtanden ſo weit auseinander, das ſie eine weite Ausſicht geſtatteten, welche nur durch die Schatten der mehr und mehr hereinbrechenden Nacht verringert wurde. Am äußerſten Saume des Geſichtskreiſes ge⸗ wahrte Roland dunkle und unbeſtimmte Schatten, welche indeß bald die Geſtalten von Menſchen annahmen, die Einer hinter dem An⸗ deren in einer Linie zogen, und ſich mit dem geräuſchloſen und doch ſchnellen Schritte der wilden Katze dem Hügel näherten, auf deſſen Gipfel die beiden Männer ausgeſtreckt lagen. Es waren ihrer fünf, und Roland konnte ſie ohne Mühe für Indianer erkennen. „Es ſind Wilde“ flüſterte er Nathan zu. „Ja, Shawnee⸗Indianer,“ erwiederte dieſer, und ſetzte kalt hinzu:„Sie werden die Sklape deiner Frauen nehmen, und deinen eigenen dazu, wenn wir nicht Mittel finden, ſie zu hintergehen⸗“ Ein Blick ingrimmiger Entſchloſſenheit ſtrahlte aus Roland's Augen, und unwillkührlich vallten ſich ſeine Hände, wie zum Kampfe. „Mann,“ ſagte er,„es ſind ihrer nur fuͤnf, und wir können ihnen nicht entrinnen, da unſere Pferde zu erſchöpft, um eine lange und eilige Flucht auszuhalten.“ „Wayrlich, es iſt genau ſo, wie du ſagſt, Freund,“ beſtätigte 57 Nathan.„Wir werden nicht im Stande ſein, mit den armen, er⸗ ſchrockenen Weibern dieſen giftigen Kreaturen zu entfliehen.“ »Und wir wollen es auch nicht,“ ſagte Roland kühn und muth⸗ voll.„Dieſe kriechenden Geſchöpfe haben uns nun ſchon Stunden⸗ lang nachgeſtellt, in der ſchrecklichen Abſicht, uns grauſam das Leben zu rauben, und ich kenne nur Ein Mittel, ihnen Einhalt zu thun, nämlich— das Vergeltungsrecht an ihnen üben!« »Aber wahrlich, Freund, es gibt kein ſolches Mittel, außer wenn wir einen Kampf mit ihnen wagen,“ flüſterte Nathan ängſtlich. „Und nach Kampf dürſte ich!« erwiederte Roland.„Es ſind nur fünf, und alle zu Fuß. Beim Himmel, Mann, wir müſſen ihnen entgegen, ſie angreifen, niederhauen und den Wald von ihnen befreien! Vier ſtarke Männer, und noch dazu kämpfend für ſchwache Frauen, es muß gelingen!“ „Vier?“ wiederholte Nathan mit ſichtlicher Beſtürzung und Betroffenheit.„Meinſt du, Freund, mich zum Kampfe bewegen zu können? Ich ſollte ruchlos Blut vergießen? Nein, wahrlich, Freund, du mußt nicht vergeſſen, daß ich ein Mann des Frie⸗ dens bin.“ »Was, Menſch,“ ſagte Roland mit Wärme,„du wollteſt dein Leben nicht gegen dieſe Schurken bis auf's Aeußerſte vertheidigen? Du wollteſt dich widerſtandlos vom Tomahawk zerſchmettern laſſen, während es nur eines Druckes am Schloſſe deiner Flinte bedarf, um dein Daſein zu retten?“ »„Wahrlich, Freund, ich mögte wohl fliehen,“ ſagte Nathan, »und wenn das nicht geht, Freund, wahrlich, dann wüßte ich nichts zu thun, als mich morden zu laſſen!« »Aber Menſch,“ zürnte Roland, und packte mit einem mäch⸗ tigen Griffe Nathans Arm,—„wenn du wirklich ſo feig oder wahnſinnig biſt, nicht für dich ſelbſt zu kämpfen, würdeſt du es denn nicht für ein Paar hilfloſe Mädchen thun? Bedenke, wenn du ein Weib, ein Kind, eine Mutter hätteſt, über deſſen Haupte der Tomahawk geſchwungen wäre, würdeſt du ruhig ſtehen bleiben und ihrer Ermordung unthätig zuſchauen? Ich ſage, ein Weib und Kind— das Kind Eures Herzens— würdeſt du es tödten laſſen?“ »Bei dieſen leidenſchaftlichen und kraͤftigen Worten des jungen Mannes wurde Nathan's gebräuntes Antlitz bleich wie Marmor, und ſein Arm zitterte unter dem Griffe des Soldaten. Er ſchoß einen Blick furchtbarer Wildheit auf ihn, und murmelte zwiſchen ſeinen Zähnen eine Antwort, die eben ſo ſehr von Verwirrung der Seele, als Aufregung des Herzens Zeugniß gab. „Freund,“ ſagte er,„dich kümmert es nicht, was ich in einem ſolchen Falle thun oder laſſen würde. Ich bin ein Mann, wie du, und habe ein Gewiſſen, wie du. Willſt du kämpfen, ſo kämpfe, und mache es mit deinem Gewiſſen ab. Willſt du die Ermordung deiner Schweſter verhindern und glaubſt du einen Beruf zum Fech⸗ it Flinte, Meſſer ten zu haben, wohlan, ſo thue dein Beſtes mi und Tomahawk! Tödte, erſchlage und verwunde nach Gefallen; wenn dein Gewiſſen dir keine Vorwürfe macht, ſo werde ich es auch nicht thun. Aber was mich betrifft, ſo laß mich in Frieden! Ich habe weder Weib noch Kind, und wenn du die ganze Welt durch⸗ zögeſt, du würdeſt nirgends einen Menſchen finden, der mein Bluts⸗ freund oder Verwandter wäre.“ „Aber ich frage Euch, was wuͤrdet Ihr thun, wenn Ihr Weib 20 und Kind hättet—— 2 ins von Beiden,“ unterbrach Nathan heftig „Ich habe aber kei den jungen Krieger.„Warum ſprichſt du von ihnen, Freund? Laß die Todten ruhen, ihre Stimme erreicht mich nicht mehr. Denke du an dein eigenes Blut, und thue dein Beſtes, es aus der Gefahr zu erretten!“ „Gewiß würde ich das thun, wenn ich auf deinen kräftigen Beiſtand rechnen könnte,“ erwiederte Roland.„Ich ſage Euch, Mann, ich fühle mein Blut kochen, wenn ich dieſe ſchleichenden ran denke, zu welchem Zwecke ſie ſich an Kreaturen ſehe und da unſere Ferſen heften. Ein ganzes Jahr meines Lebens gäbe ich darum, wenn ich ſie täuſchen oder mich rächen könnte.“ „Du kannſt wenigſtens ihre böſe Abſicht verhindern, wenn du den Leuten trauen darſſt, welche bei dir ſind,“ ſagte Nathan. „Wahrlich,“ fügte er hinzu,“ wir müſſen uns auf ein blut'ges Zu⸗ ſammentreffen gefaßt machen, denn die giftigen Kreaturen haben die Spur verlaſſen und kommen gegen uns heran.“ „Sie halten an“ rief Roland haſtig—„ſie ſchauen umher— ſie haben die Spur verloren— und da— kommen ſie! Nathan, wenn du nicht fechten kannſt, ſo vermagſt du wenigſtens guten Rath zu ertheilen. Darum ſprich, was kann ich thun?“ „Freund,“ erwiederte Nathan lebhaft,—„ich bin nicht im Stande, dir zu ſagen, was du thun kannſt; aber was ein gottloſer, kämpfender Kentuckymann in dieſer Lage thun würde, das will ich —— 59 dir mittheilen. Er würde ſich in das Dikicht ſtürzen, in dem er ſeine Frauen verborgen hat, und ſich mit ſeinen Kampfgenvſſen hinter einen Baumſtamm in Hinterhalt legen; und wahrlich, wenn dieſe bösgeſinnten Indianer ſo thöricht wären, näher heran zu kommen, ſo würde er mit ſeinen drei Flinten auf ſie feuern, ihnen einen heilſamen Schrecken einjagen, und vielleicht die größere Hälfte auf der Stelle kampfunfähig machen, dann..4 „Und dann,“ fiel Roland feurig ein,—„würde er ſich auf das Pferd ſchwingen, und dem Reſt mit Schwert und Piſtolen den Garaus machen.“ »Nein, wahrlich, das würde er nicht thun, in Betracht, daß er eine Indianerkugel im Schädel haben würde, ſobald er ſeinen Kopf hinter dem Baumſtamme hervorhöbe,“ erwiederte Nathan. „Nein, ein Kentuckier handle. Er würde ſeine Piſtolen nehmen, und ſie, wie die Flinten, auf die Halunken abfeuern, damit er die Indianer glauben machte, es ſeien ſo viele Feinde, wie Schießge⸗ wehre da. Und wahrlich, wenn ſie nach einer ſolchen Salve nicht ausriſſen, ſo wären ſie die thörichſten Geſchöpfe auf Erden.“ „Beim Himmel,“ rief Roland aus, das iſt ein guter Rath und ich will ihn befolgen.“ „Rath, Freund?“ ſagte Nathan beſtürzt.„Ich rathe dir nicht! Wahrlich, ich erzähle dir nur, was ein Kentuckymann in dei⸗ ner Lage thun würde, der es nicht nur für erlaubt, ſondern ſogar für ſeine Pflicht hält, das kriechende Gewürm niederzuſchießen, wo er es findet.“ „Oh, hätte ich nur Einen von dieſen Männern bei mir!“« ſeufzte Roland.„Aber das Wünſchen nützt nichts— ich muß eben mein Beſtes thun!“ „Wahrlich,“ ſagte Nathan, der mit immer ſteigendem Wohl⸗ gefallen die Kampfesluſt des jungen Soldaten bemerkt hatte,— „wahrlich, du haſt dein Gewiſſen, und wenn du mit dieſen India⸗ nern aus einem guten Hinterhalte fechten willſt, ſo werde ich dich nicht tadeln, oder dich zur Friedſamkeit ermahnen. Wenn du dich auf die beiden Männer, deine Begleiter, verlaſſen kannſt, ſo biſt du im Stande, den Kreaturen die Hölle tüchtig heiß zu machen.“ „Ach,“ ſagte Roland,„das iſt eben der Punkt, wo wir ſchwach ſind. Ich fürchte, Pardon Fertig iſt eine Memme, und der alte Kaiſer iſt nichts viel Beſſeres. Sie werden nur kämpfen, wenn ſie die Verzweiflung dazu treibt.“ „Wahrlich,“ ſagte Nathan ärgerlich und mit barſcher Stimme, dann war es ſehr thöricht von dir, mit ſolcher Geſellſchaft in die Wälder zu kommen. Aber gleichviel! Ich ſehe, du biſt hier ſo hilflos wie ein Kind, und mein Peter und ich müſſen für dich das Beſte thun, was wir können. Wahrlich, es iſt ein Glück, daß du wenigſtens fliehen kannſt, da es mit dem Fechten nichts iſt, und um deiner armen Frauen willen iſt es am Ende auch beſſer, wenn du die Wälder in Frieden verläßt!“ Die Indianer, welche von den beiden Männern, beobachtet wurden, hatten endlich die verlorne Fährte wieder gefunden, und ſich die Entdeckung durch ein Zeichen mitgetheilt, ohne daß nur ein Einziger einen Laut von ſich gegeben hätte. Jetzt kamen ſie wie⸗ der, in eine Reihe hintereinander geordnet, heran, richteten ihre Schritte aber nach einem abgelegeneren Theile des Hügels, welchen Roland und ſeine Gefährten früher betreten hatten. Sobald Nathan dieß bemerkte, ſagte er leiſe: Jetzt geh' hin⸗ unter zu deinen Leuten, und, ſobald du mich winken ſiehſt, geleite ſie dreiſt über den Hügel. Gehorche ſchnell, Freund, damit dich die giftigen Kreaturen nicht ſehen, was dein Verderben ſein würde.“ Roland, der einſah, daß ein Kampf mit den Indianern unter den vorliegenden Verhältniſſen eine baare Thorheit ſein würde, gehorchte ſchnell. Als er bei ſeinen Gefährten ankam, ſah er ſogleich, daß er ſich hinſichtlich ihres Muthes nicht in den beiden Männern ge⸗ irrt hatte, denn der Neger ſowohl, wie Pardon Fertig, gaben die unzweideutigſten Zeichen von Furcht und Entſetzen zu erkennen. „Wir müſſen fliehen,“ ſagte Roland zu Edith, nachdem er einen Blick voll Verachtung auf die beiden Männer geworfen hatte. „Nur noch wenige Augenblicke Geduld und tiefes Schweigen. Unſere Rettung hängt an einem Haar.“ Natürlich verhielten ſich Alle mäuschenſtill, und Roland harrte in banger Erwartung auf das Zeichen Nathans. Endlich erfolgte es, und nach einer Minute ſchon befanden ſich die Reiſenden, nach⸗ dem ſie hurtig über den Hügel geritten waren, in dem jenſeitigen Walde, und überließen es ihren überliſteten Verfolgern, ihnen ſpäter nachzuſetzen, wenn ſie könnten. „Jetzt,“ ſagte Nathan, indem er zu Roland trat,„jetzt, Freund, haben wir die Kreaturen hinter uns, und wollen ſie da wahrlich, auch laſſen. Nun aber, wenn die Rettung gelingen ſoll, mußt du deine Pferde auch bis auf's Aeußerſte ihre Pflicht thun laſſen, damit wir die Furth erreichen, ehe noch völlige Finſterniß eingetreten iſt. — Horch, Freund! Hörteſt du?“ ſetzte er nach einem kurzen Still⸗ 61 ſchweigen hinzu, welches durch ein furchtbares Geſchrei, das von der jenſeitigen Waldſtrecke hertönte, veranlaßt worden war.„Sag⸗ nicht, du wäreſt im Walde auf einen todten Indianer ge⸗ oßen?“ „Ja, gewiß, wir fanden eine ſchreckliche verſtümmelte Leiche i dem bekannten Wahrzeichen des Shibbenönoſeh! erwiederte oland. »Nun, dann kann ich dir etwas Tröſtliches für deine Frauen mittheilen, Freund,“ ſagte Nathan.„Die fünf Indianer haben die todte Kreatur gefunden, welche ohne Zweifel einer ihrer Kund⸗ ſchafter war, und man ſagt, daß ſie immer in ſolchen Fällen ihre böſen Pläne aufgeben, ſo daß wir vor der Hand gar nichts von ihrer Verfolgung zu befürchten haben. So folge mir denn getroſt, Freund! Wahrlich, wenn ich und der kleine Peter es verhindern können, ſo ſoll deinen Frauen für dieß Mal kein Leid angethan werden.“ Nach dieſen Worten führte Nathan mit hurtigem Schritte die Reiſenden aus dem offenen Walde in ein Labyrinth von Geſtrüpp und Sümpfen, und zwar auf Pfaden, die eher von Wölfen und Bären, als von Menſchen gebahnt zu ſchein ſchienen. Dabei rückte die Nacht immer ſchneller heran, und ein fernes Donnergeroll, Vorboten neuer Gewitter, ließ ſich hören. Roland fürchtete, daß Nathan bei völliger Dunkelheit, trotz ſeiner Kenntniß des Waldes, die Richtung verlieren würde. Aber die Nacht brach ein, und der Führer ſchritt immer mit unverminderter Zuverſicht und Behendig⸗ keit vorwärts, ſprach ſeine tiefſte Verachtung gegen alle Gefahren und Hinderniſſe des Waldes aus, und betheuerte mehr als einmal, daß auf Stunden in der Runde kein Winkel im Walde ſei, den er nicht eben ſo genau kenne, wie die Taſchen ſeines ledernen Anzuges. „Wahrlich,“ ſagte er,„da ich zuerſt in dieſes Land kam, baute ich mir an dieſer Stelle eine kleine Hütte auf. Aber die Indianer verbrannten ſie, und wahrlich, wenn mich der kleine Peter nicht zu rechter Zeit gewarnt hätte, ſo wäre ich ohne Zweifel mit verbrannt worden. Sei nur ganz unbeſorgt, Freund! Ich führe dich ſicher durch all dieß Röhricht und Geſtrüpp, und ehe du es denkſt, wirſt du an der Furth und bei deinen vorausgegangenen Freunden ſein.“« Dieſe Worte wirkten ſehr beruhigend auf alle Zuhörer, und da eben der Wald ein wenig lichter wurde, trabte Roland näher an Nathans Seite, um einige nähere Kunde von den Schickſalen — —.———— dieſes Mannes zu erhalten, der ihm ſo wichtige Dienſte geleiſtet hatte, und noch leiſtete. Nathan zeigte jedoch keine große Luſt, ſeine Fragen zu beantworten, und Alles, was Roland von ſeinem Leben erfuhr, war Folgendes: Als er nach Kentucky gekommen war, hatte er ſich Hütten gebaut, wie andere einſame Anſiedler, aus denen er von Zeit zu Zeit von den böſen Shawnee's vertrieben worden und in mannich⸗ faltige Gefahren gekommen war. Dies, ſammt den Verfolgungen, die er von ſeinen Kriegeriſchen und unduldſamen Nachbaren erlei⸗ den mußte, hatte ihn allmälig in den Wald getrieben, wo er ſein Leben durch die unſichere Beute, welche die Jagd ihm austrug, zu friſten ſuchte. Von ſeinem früheren Leben wollte er durchaus nichts erzählen, und wußte die Ausforſchung Rolands ſo geſchickt zu um⸗ gehen, daß dieſer endlich den Gegenſtand gänzlich fallen ließ, in der Hoffnung, daß Nathan ihm vielleicht ſpäter mehr Vertrauen ſchenken werde. Auch wurden ſeine Fragen jetzt durch einen plötz⸗ lichen Wechſel der Scene unterbrochen. Der Wald lichtete ſich, z der Himmel ſchimmerte ſtatt des dunkeln Blätterbaldachins über dem Haupte der Reiſenden, und vor ihnen lag eine tiefe Schlucht, aus welcher das dumpfe Brauſen eines ungeſtüm daher ſchießenden Stromes hervortönte. Siebentes Kapitel. Das Blockhaus. Das Gebrüll der tobenden Fluth, das immer ſchrecklicher er⸗ tönte, je näher Nathan die Reiſenden an die Furth geleitete, weckte in den Herzen derſelben eine bange Furcht. „Seid nur guten Muthes,“ ſprach Nathan, welcher dieß be⸗ merkte;„ein einziger lauernder Shawnee iſt viel gefährlicher, als zwanzig ſolche tobenden Waldbäche. Die Furth iſt gut, Freund Roland, und wenn das Waſſer auch das Gewand deiner jungen Begleiterin ein wenig benetzen ſollte, ſo erinnere dich nur, daß die Tomahawks der ſtalpirenden Wilden viel häßlichere Flecke machen.“ „Macht nur zu, alter Kauz!“ nahm Pardon Fertig des Wort. „Ich fürchte mich nicht vor dem Waſſer, denn mein Pferd iſt gut und ſchwimmt wie eine Ente.“ 63 „Wohlan, Freund, wenn dieß der Fall iſt, ſo will ich hinter dir aufſitzen, wenn du es erlaubſt,“ ſagte Nathan. Pardon Fertig hatte nicht das Mindeſte gegen dieſen billigen Wunſch ihres Führers einzuwenden, und Nathan war eben im Be⸗ griff, ſich auf das Pferd zu ſchwingen, als der kleine Peter das kluge Verlangen zu aͤußern begann, ebenfalls trockenen Fußes durch die Furth zu kommen, indem er an den Ferſen ſeines Herrn kratzte, und deſſen Aufmerkſamkeit durch ein leiſes Gewinſel zu erregen verſuchte. Das wenigſtens war die Deutung, welche Roland den Bewegungen des kleinen Thiers zu geben geneigt war. Wie groß war nun ſein Erſtaunen, als Nathan raſch aus den Steigbügel wieder zur Erde ſprang, und mit allen Zeichen großer Beſorgniß links und rechts umherſpähete. „Wahrlich, Peter,“ ſagte er dann,„deine Augen ſind nicht ſchlechter als deine Naſe! Du willſt, daß die armen Frauenzimmer nicht ermordet werden ſollen.“ „Was gibts?“ fragte Roland.„Was ſprecht Ihr von er⸗ morden?“ „Sprich leiſe, und ſieh hinüber an das jenſeitige Ufer des Fluſſes,“ erwiederte Nathan.„Bemerkſt du nicht das glänzende Licht zwiſchen den Felſen dort?“ „Ja, ich ſeh's! Es iſt wie der Schein eines Irrlichts!“ „Nein, Freund, es iſt der Feuerbrand in den Haͤnden eines lauernden Shawnee!“ ſagte Nathan ernſt.„Wahrlich, Freund, er bläßt ihn zur Flamme an; du wirſt ſogleich das ganze Ufer er⸗ leuchtet ſehen.“ Nathans Vorausſage bewährte ſich. Das anfangs ſchwache Licht wuchs und wurde immer größer, bis es zu einer gewaltigen Flamme anſtieg, die Berg und Fluß und ſelbſt die beſtürzten Mie⸗ nen der Reiſenden beleuchtete. Zugleich konnte man die dunkle Ge⸗ ſtald eines Mannes ſehen, der ſich beſchäftigte, Holz in das Feuer zu werfen. Wie viele ſeiner Gefährten ſchlummernd oder wachend noch in den nächſten Büſchen umherliegen mogten, das ließ ſich indeß nicht errathen. Die Reiſenden waren natürlich in äußerſter Beſtürzung, denn ſie hatten nun die niederſchlagende Ueberzeugung erlangt, daß beide Furthen beſetzt waren, und ihnen auch der letzte Hoffnungsſchim⸗ mer auf Rettung erloſchen ſchien. Roland gerieth in eine verzwei⸗ felte Wuth, welche in ihrer Raſerei ſich den ſchrecklichſten Gefah⸗ ren entgegenſtürzt, um nur dem Unangenehmen und Drückenden —— E—— des Augenblicks zu entgehen. Er drang darauf, trotz der Indianer, durch die Furth zu ſetzen, indem er darauf rechne, daß die tobende Fluth das Geräuſch des Ueberganges übertäuben werde. Und wenn ſie uns auch bemerken ſollten,“ ſetzte er hinzu,„ſo ſchicken wir den Hunden am Feuer eine tüchtige Salve zu und be⸗ nutzen ihre Verwirrung, uns durch die Flucht zu retten. Nathan, nimm dich der Frauen an, und Pardon Fertig und Kaiſer, folgt mir, und thut, wäs Ihr mich ſelber thun ſeht!“ „Wahrlich,“ ſagte Nathan mit Ruhe aber ſichtlicher Zufrieden⸗ heit,„wahrlich, Freund, du biſt ein muthiger, junger Mann, und auch ein Mann von Verſtand und Einſicht, ſobald du es nicht mit den Gefahren der Wälder zu thun haſt. Aber, Freund, deinen Plan können wir nicht ausführen, denn man würde uns ſehen, ehe wir das jenſeitige Ufer erreichen. Wahrlich, man wird auf uns ſchießen, denn ſiehſt du dicht, wie das Feuer auf dem Waſſer ſchimmert? Und wahrlich, Freund, es ſollte mich ſehr betrüben, wenn dabei die armen Frauenzimmer verwundet würden. Rein, nein, wir müſſen den Schuften aus dem Wege gehn!“ „Und wohin?“ fragte Roland traurig und niedergeſchlagen. „An einen Ort der Sicherheit und Ruhe,“ erwiederte Nathan, „an einen nicht weit entfernten Ort, wo wir ohne Furcht verweilen können, bis wir an einer Stelle über das Waſſer ſetzen können, die nicht von den blutgierigen Indianern bewacht wird.“ „Nun, ſo laß uns keine Minute verlieren, obgleich ich nicht einſehe, wo wir in dieſen abſcheulichen Wäldern einen Platz der Sicherheit und Ruhe finden ſollen.“ „Und doch iſt es ein Platz der Ruhe, wenigſtens für die Tod⸗ ten,“ entgegnete Nathan mit keiſer und zitternder Stimme, indem er ſeine Freunde wieder das Ufer hinanführte.„Neun arme Men⸗ ſchen ſchlummern den letzten Schlaf unter der Schwelle, Vater und Mutter, Großmutter und ſechs Kinder. Ja, ja, es gibt Wenige, die freiwillig nach Einbruch der Nacht über die armen ermordeten Geſchöpfe ſteigen, denn es geht die Sage, ſie ſtünden um Mitter⸗ nacht auf, und umſchwebten wehklagend ihr früheres Eigenthum. Bei alledem aber iſt es ein guter Verſteck für Leute, die ſich in Noth vefinden. Ich und der kleine Peter haben oft unter dem zerſtörten Dache geſchlafen, ohne Furcht vor Geſpenſtern und Indianern, ob⸗ ſchon wir öfters in den Bäumen ringsum befremdliche Klaglaute gehört haben. Joa, es iſt ein trauriger und ärmlicher Ort, aber er 8 —— 65 wird deinen Frauen eine ſichere Zufluchtsſtätte bieten, bis wir in ſpäterer Stunde über den Fluß ſetzen können.“ Dieſe Worte erinnerten Noland an die Geſchichte der Aſhburns, welche ihm von Oberſt Bruce erzählt worden war. Dieſe Leute waren ſämmtlich auf ihrer Pflanzung von den Indianern erſchlagen und gemordet, und dieſe Erinnerung weckte in Roland eine geheime Abneigung, ſich mit ſeiner kleinen Begleitung nach dem von Nathan erwähnten Schlupfwinkel zurückzuziehen. Doch galt hier kein Be⸗ denken, wo es ſich um die Sicherheit ſeiner Schweſter und Telie's handelte, und er ſuchte daher die Schritte ſeines Führers nach dem zerſtörten und einſamen Bau eher zu beſchleunigen als zu ver⸗ hindern. Nach wenigen Minuten war die Reiſegeſellſchaft wieder das Ufer hinan, und ſah, vorſichtig weiter eilend, zum letzten Mal nach der Furth und dem hellen Feuer, das ſie, wie es ſchien, ſo zur rechten Zeit vor drohenden Gefahren gewarnt hatte. Hierauf eilte die Geſellſchaft auf einem Pfade weiter, der einſt von Menſchen⸗ händen gelichtet, ſeit langer Zeit aber ungangbar und nun von Hecken und Büſchen faſt ganz überwachſen war. Bald gelangten ſie in eine Art Lichtung, welche, wie man gleichfalls nicht verkennen konnte, ehemals bebauter Boden war, und mehrere Morgen im Umfange hatte. Auf dieſem ganzen Raume ſah man die Stämme der alten Waldbäume leblos, abgeſtorben im Lichte des umwölkten Himmels düſter umherſtehen, und einen traurigen Anblick darbieten. In der jetzigen Stunde war das Schauſpiel beſonders ſchrecklich und ergreifend. Die tiefe Einſamkeit des Waldes— die ſpäte Stunde— das mels— das gelegentliche Rauſchen des Windes, der ſturmähnlich durch die Wälder brauſte und welchem dann ein tiefes, grabähn⸗ liches Schweigen folgte— das Rollen des fernen Donners, der in den Bergen wiederhallte— mehr aber, als Alles, die Erinnerung an das ſchauderhafte Ergebniß, welches dieſe unglückliche Anſiede⸗ lung vernachläſſigen und meiden ließ, gab der Scene den ödeſten, düſterſten Charakter. Als die Reiſenden in die Lichtungen traten, begab ſich eine jener Zufälligkeiten, welche an ſolchen Orten ſo oft die Beſucher mit Schrecken erfüllen. Der Wind ſchwieg, und kein Blatt regte ſich; die Luft ſchien einen Augenblick ganz bewegungslos zu ſein. Da ſahen die Rei⸗ ſenden einen ſchlanken, majeſtätiſchen Stamm aus ſeiner ſenkrechten Gefahren der Wildniß. 5 B finſtere Ausſehen des in Wolken gehüllten Him⸗ Stellung weichen, langſam durch die Luft ſinken, und dann mit einem Krach, wie der Stoß eines Erdbebens, auf den Boden niederſtürzen. Der Sturz des Baumes diente dazu, die ſchwächeren Mitglie⸗ der der Geſellſchaft noch mehr zu beunruhigen, und Editha ſchien das Ereigniß für ein ungünſtiges Vorzeichen zu halten. Unver⸗ kennbar weckte es in dem kleinen Peter und ſeinem Herrn traurige Erinnerungen. Als der erſtere vorbei kam, fing er an zu ſchnup⸗ pern und leiſe zu winſeln, während Nathan dieſer Anſprache ſeines Hundes augenblicklich antwortete. „Ja ja, Peter, du haſt ein gutes Gedächtniß von der Sache, obgleich fuͤnf Jahre eine merkwürdig lange Zeit für deinen kleinen Kopf ſind. Unter eben dieſem Baume haben ſie die alte Großmut⸗ ter ermordet, und dem kleinen hilfloſen Kinde das Hirn eingeſchla⸗ gen. Wahrlich, es war ein Anblick, der mein innerſtes Herz er⸗ ſchütterte. „Wie?“ rief Roland, der dicht hinter ihm war, und dieſe Worte, die Nathan halb für ſich ſelbſt ſprach, hörte;„wie, Ihr waret bei dem Blutbade anweſend?“ „Ach, Freund,“ verſetzte Nathan,„es war weder das erſte noch das letzte Blutbad, bei dem ich anweſend ſein mußte. Ich bewohnte in jenen Tagen eine Hütte, die etwas weiter am Fluſſe hinab lag, und dieſe armen Aſhburns waren meine Nachbarn. Sie betrugen ſich eben nicht gegen mich wie Nachbarn ſich betragen ſollten, ſon⸗ dern ſahen mich meines Glaubens wegen mit ungünſtigen Augen an, und trieben mich oft mit Hohn und böſem Willen von ihrer Thüre weg. Dennoch dauerten ſie mich, der kleinen Kinder wegen, die ſie im Hauſe hatten, und als ich die Spuren einer Bande Indianer im Walde ſah, und bemerkte, daß ſie ihre Schritte meinem eigenen kleinen Hauſe zugewendet hatten, ſagte ich zu mir ſelbſt: „Während ſie meine Hütte anſtecken, kann ich zu Freund Aſhburn gehen und ihn warnen, damit er, ſo lange es noch Zeit iſt, mit ſeinen Leuten und ſeinem Vieh ſich in das nächſte Fort, welches, wie Ihr wißt, unter dem Befehle des Oberſt Bruce ſteht, flüchten könne.“ Und ſo that ich.„ „Aber wahrlich, ſie nahmen meine Erzählung leicht hin, ver⸗ lachten und verhöhnten mich; denn in jenen Tagen ſchon hatten die Leute ihr Herz gegen mich verhärtet und mir ihre Ohren ver⸗ ſchloſſen, weil ich es gegen mein Gewiſſen erachte, Indianer zu 67 tödten, wie ſie. Und ſo, Freund, hörten ſie kaum auf mich, ſondern vertrieben mich von ihrer Thür.“ „Als ich das ſah und gewahrte, daß die armen Leute, ſo zu ſagen, behext ſeien, und ihren Untergang durchaus wollten, wendete ich meine Schritte und lief, ſo ſchnell ich konnte, zum Oberſt Bruce, erzählte ihm die ganze Geſchichte, und rieth ihm, ſogleich mit einer ſtarken Reiterſchaar aufzubrechen und an den Ort zu eilen, um die böswilligen Geſchöpfe wegzuſcheuchen; denn in der That, ich hielt es nicht für Recht, daß Blut vergoſſen würde.“ „Aber wahrlich und ach, Freund, in dem Fort erging es mir nicht beſſer, und vielleicht noch ſchlimmer, als es mir bei Aſhburns ergangen war. Ich gerieth in Verzweiflung und ſagte zu mir:„Ich will in die Wälder gehen, mich verſtecken und nicht mehr an den Fluß zurückkehren, damit ich nicht gezwungen werde, auch das Blutbad zu ſchauen, und die armen Frauen und die armen Kinder morden zu ſehen— Dinge, die ich zu verhüten nicht mehr im Stande war.“ „Es kam mir jedoch in den Sinn, die Indianer mögten ſich, wenn ſie mich nicht in meinem Wigwam fänden, um daſſelbe in den Hinterhalt legen, meine Rückkehr erwarten und ſo den Angriff auf die Wohnung des Freundes Aſhburns hinausſchieben, wodurch mir Zeit bliebe, ihn zu erreichen und noch einmal vor der Gefahr, die ihm drohte, zu warnen.“ „Dieſer Gedanke faßte ſo ſtark Wurzel bei mir, daß ich mich aufmachte, und mit dem kleinen Peter an meiner Seite zurücklief, bis ich dieſes Feld hier erreicht hatte, wo Peter mir zu verſtehen gab, daß Indianer ganz nahe wären.“ „Du kennſt den kleinen Peter nicht, Freund! Wahrlich, er hat die beſte Naſe, die ich je gekannt, um Indianer auszuſpüren. Hörſt du nicht, wie er winſelt und am Graſe ſchnuppert? Nun, Freund, wüßte ich nicht, daß Peter ſich dieſer blutigen Stelle erinnert und der böſen Thaten gedenkt, die hier geſchehen ſind, ſo ſagte mir ſein Winſeln, und das ſo deutlich, als wenn er ſeinen Mund öffnete und es mir in Worten mittheilte, daß böſe Indianer in der Nähe wären und ich auf der Hut ſein müſſe.“ „Gut, Freund, wie ich geſagt habe, mit ſolchen Zeichen deutete mir der kleine Peter àn, es ſei Gefahr in der Rähe; und wahrlich, ich hatte kaum Zeit, mich in den Mais zu verſtecken, der damals hoch ſtand, als ich das ſchreckliche Gellen hörte, mit welchem die blutdürſtigen Geſchöpfe, die das Haus rings vna er⸗ ſchreckte Bewohner weckten.“ 5 68 „Wahrlich, Freund, ich will dir das Herz nicht mit der Er⸗ zählung deſſen, was ich ſah und hörte, erſchuttern.“ „Die Familie ſchien bezaubert zu ſein; ſelbſt die Thiere, ſo ſchien es, waren behext worden. Weder Pferd noch Kuh regte ſich, ſelbſt der Hofhund, auf deſſen Schutz ſie bauten, ſchlief ſo feſt, daß die Feinde dürres Gebüſch und Reiſig in die Vorhalle brachten und anzündeten, ehe Jemand die Gefahr ahnete. Erſt als die Flamme überall herausſchlug, wurde das Kriegsgeſchrei angeſtimmt, und als ſich die Augen der Schläfer öffneten, ſahen ſie nichts um ſich, als raſende Shawnee's und Flammen.“ „Jetzt, Freund,“ fuhr Nathan fort, und ſeine Stimme bebte, und er ſprach leiſer, ſo daß nur Roland, für den die Geſchichte beſtimmt war, ſeine Worte hören konnte— vjetzt, Freund, ſtürzten, wie du denken kannſt, Männer, Frauen und Kinder heraus— die Büchſen knallten, die Tomahawks ſchwirrten— die Meſſer glänzten, und das Gellen und Brüllen war ſo furchtbar, daß dein Herz er⸗ ſtarrt wäre, hätteſt du es gehört. Es war ein ſchreckliches Gemetzel. Aber, Freund, ſo ſchauderhaft es auch war, dieſe meine Augen hatten früher ſchon ein Schauderhafteres geſehen. Du würdeſt es nicht glauben, Freund— aber du weißt nicht, was die ſehen, welche ihr Leben an den Indianergrenzen hinbringen.“ „Gut, Freund,“ fuhr der Erzähler nach dieſer kurzen Abſchwei⸗ fung fort,—„während ſie die Stärkeren mordeten, ſah ich die Schwächſte von Allen— die alte Großmutter mit dem jüngſten Kindchen auf den Armen, in den Mais flüchten, und ſie hatte dieſen Baum hier, der ſo eben erſt geſtürzt iſt, als wollte er mich an die Geſchichte erinnern, gerade erreicht, als der Verfolger— denn ſie hatten der armen alten Frau nur einen einzigen Mann nachgeſchickt— ſie erreichte und mit ſeinem Tomahawk niederſtreckte.“ „Jetzt, Freund— denn wahrlich, ich ſah Alles im Scheine des Feuers, dem ich ganz nahe war— jetzt riß er das kleine Kind aus den Armen der ſterbenden Frau, und zerſchmetterte es mit derſelben blutigen Art—“ „Und Ihr,“ rief Roland, und faßte den Erzähler hart am Kragen, denn Nathan's kaltblütige Feigheit erfüllte ihn mit einem unbeſiegbaren Zorne, der an Wuth grenzte:„Ihr,“ rief er, und faßte ihn, als wollte er ihn in Stücke zerreißen—„Ihr, unglück⸗ licher Wicht— Ihr ſtandet dabei und ließet das Kind morden?“ „Freund,“ ſagte Nathan, von dem unerwarteten Angriffe ein wenig überraſcht, aber mit großer Demuth,— Freund, du „5 5 45 5 69 biſt ungerecht gegen mich! Waͤre es mir auch ſo leicht geweſen, wie dir, Blut zu vergießen, ſo hätte ich doch auf keine Weiſe das Leben des armen Kindes retten können, denn meine Büchſe war mir genommen worden und ich hatte keine Waffe. Ich vergaß zu ſagen, daß Oberſt Bruce, als ich ihm die Geſchichte von den Wilden erzählte, mir meine Büchſe nahm und ſagte: da ich nicht Mann genug ſei, ſie zu brauchen, ſollte mir auch nicht erlaubt ſein, ſie zu tragen,— nach welchen Worten er mich wehrlos aus dem Fort trieb.“ „Gewiß, er that nicht recht, mir das zu nehmen, was mir meine Nahrung gab; und wahrlich, es war doppelt unrecht von ihm, da es das Leben des Kindes galt; denn ich ſage dir, Freund, als ich in dem Mais ſtand und den großen rauhen Indianer ſah, wie er die Ayt erhob um das kleine Kind zu treffen— wäre ein Gewehr in meiner Hand geweſen, würde ich,— ich kann dir nicht ſagen, Freund, was ich gethan haben würde, aber gewiß— ich bösgeſinnten Wilden die blutige That nie vollbringen aſſen!“ „Ich dachte das, beim Himmel!“ ſagte Roland, der ſeine Hand zurückgezogen hatte, ſobald Nathan der Abnahme ſeiner Büchſe gedachte—„ich dachte das! Kein menſchliches Weſen, ſelbſt kein Indianer, ſelbſt die feigſte Memme, die je gelebt, könnte Waffen in der Hand haben, und ſie bei einer ſolchen Gelegenheit unbenützt laſſen. Aber Ihr waret nicht gefuͤhllos— Ihr habt Etwas gethan?“ „Freund,“ ſagte Nathan ſanft,„ich that, was ich konnte— aber wahrlich— was konnte ich thun? Wohl, Freund— ich war durch den Anblick in meiner Seele erſchüttert, riß das Kind aus den Armen des Mannes und floh in den Wald, hoffend, es könnte, ſo ſchwer es auch verwundet war, noch gerettet werden.“ „Aber ich war kaum eine Meile gelaufen, als es in meinen Armen ſtarb.“ „Ich war vom Kopfe bis zu den Füßen mit ſeinem Blute bedeckt. Es war ein trauriger Anblick für den Oberſt Bruce, welcher mit ſeinen Leuten der Furth zueilte, um zu ſehen, was an meiner Geſchichte wäre. Als ich fort war, konnte er, wie er mir ſagte, keine Ruhe finden, weil er ſtets glaubte, ich hätte vielleicht doch die Wahrheit geſagt. Und bald fand er, daß ich leider wahr genug geſprochen; er ritt unmittelbar vor Aſhburns Wohnung und fand dort nichts, als die Leichen der Leute und das theilweiſe ver⸗ 70 brannte Gebäude,— es war nämlich von grünen Stämmen auf⸗ geführt, und konnte nicht ganz abbrennen. Kein einziges Mitglied der Familie war verſchont geblieben.“ „Und hat man ſie gerächt?“ fragte Roland düſter. „Wenn du den Mord der Mörder Rache heißeſt, ſo fehlte es nicht an Rache,“ verſetzte Nathan.„Von den vierzehn Mördern — denn ſo viele waren ihrer— wurden elf getödtet, ehe der Tag graute, denn die Verfolger hatten ſie da, wo ſie ihre Feuer ange⸗ zündet, überraſcht, und eine ſündhafte Metzelei angefangen; die drei übrigen betreffend, welche entkamen, ſo hörte man ſpäter von Ge⸗ fangenen, die aus dem Gebiete der Indianer zurückkehrten, daß nur Einer ſich bei den Seinigen wieder eingefunden habe; die Anderen waren, man weiß nicht wie, in den Wäldern umgekom⸗ men. Aber wahrlich,“ fuhr Nathan fort, und lenkte ſeine Aufmerk⸗ ſamkeit von den tragiſchen Gegenſtänden auf die Bewegungen ſeines Hundes—„der kleine Peter iſt unruhiger, als er ſonſt zu ſein pflegt. Wahrlich, er hatte nie Wohlgefallen an dem Orte, und ich habe Leute gekannt, welche behaupteten, ein Hund ſpüre die Anweſenheit von Geiſtern.“ „Nach meiner Anſicht,“ ſagte Roland,„hat er wahrſcheinlicher den Geruch einer andern Schaar dieſer verruchten Indianer in der Naſe, als ſolche herrenloſe, ihres Körpers entkleidete Geiſter.“ „Freund,“ ſagte Nathan,„es iſt möglich, daß Indianer heute über dieſes Feld gekommen ſind, da⸗der ganze Wald voll von ihnen iſt; und es iſt ziemlich wahrſcheinlich, daß ſich einige hieher geſchlichen haben, um ihre Augen an dem Anblick der Trümmer zu weiden, wo das Blut von neun armen Weißen in einer ein⸗ zigen Nacht von ihren Brüdern vergoſſen worden; wahrlich haben ſie in dieſem Falle aber auch an die dreizehn Mörder gedacht, welche für die Opfer bluteten, wodurch denn ihre Freude nicht wenig ge⸗ mindert worden ſein mag. Nein, Freund, Peter hat, wie ein Menſch, ſeine Zuneigungen und ſeine Abneigungen, und dem Platze hier nähert er ſich ſtets mit Abſcheu— wie es mir, wahrlich, ſelbſt ergeht; daher ich ihn auch nur beſuche, wenn mich die Noth, wie jetzt, dazu zwingt. Wenn du aber Beſorgniß hegſt, Freund, ſo werde ich vor dir in die Trümmer gehen, welche du dort an der Schlucht ſiehſt, und Nachforſchungen anſtellen.“ „Es iſt nicht nöthig,« ſagte Roland, der nun die Hütte, welche ſie ſuchten, ganz nahe ſah, und, da er ſich überzeugte, daß Peter's Unbehaglichkeit geſchwunden war, mit froherem Muthe um ſich 71 ſchaute. Dennoch hielt er es, als Nathan voranſchritt, für zweck⸗ mäßig, ſelbſt hinan zu reiten, um den Zuſtand des Gebäudes zu unterſuchen, welchem er im Begriffe war, die Sicherheit des Weſens anzuvertrauen, welches er auf Erden am meiſten liebte. Das Gebände war ein niedriges Blockhaus, und ſtand, wie es ſchien, an dem Rande einer tiefen Schlucht, in welcher man den Fluß ungeſtüm toben hörte, als ob er über Felſen oder andere Hinderniſſe dahinbrauſte. Es war eine Doppelhütte, wie man ſie oft in den weſtlichen Gebieten findet, das heißt, ſie beſtand aus zwei Abtheilungen, welche durch einen kleinen Raum getrennt, aber durch ein gemeinſames Dach vereinigt waren, welches die offene Halle oder den Durchgang ſchützte, während das Dach an den beiden Giebelſeiten gleichfalls weit vorſprang, und auch hier einen geſchützten Platz bildete, wo die Sommer⸗Reiſenden, welche in einer ſolchen Hütte raſten, ſtets den angenehmſten Aufenthalt finden. Wie wenig Umſicht oder Klugheit die Erbauer nach dem Looſe, das ſie traf, gehabt haben mogten, ſo hatten ſie doch nicht ver⸗ ſäumt, ihre einſame Wohnung mit ſolchen Schutzmitteln zu umgeben, wie man ſie damals überall in dem Lande fand. Eine Reihe Palliſaden, die vielleicht ſorglos und ſchwach an⸗ gelegt, aber dem Zwecke ziemlich entſprechend waren, umſchloß den Grund, auf welchem die Hütte ſtand; und da dieſe ſich gerade in der Mitte erhob, und mit den beiden Seiten die Verpfählung be⸗ rührte, entſtanden auf dieſe Weiſe zwei kleine Höfe, der eine vorn und der andere hinten, wo Raum genug für Pferde und Hornvieh, ſo wie im Falle eines Angriffs fuͤr die Beſatzung war. Die Umzäu⸗ nung hinten dehnte ſich bis an den Rand des Ufers aus, das hier einen vierzig bis fünfzig Fuß tiefen Abſturz hatte und keine Ver⸗ pfählung brauchte, auch hier nie eine ſolche gehabt zu haben ſchien, während der Zaun auf der Vorderſeite einen Theil des ganz baum⸗ loſen und faſt auch von allem Buſchwerk entblößten Feldes umſchioß. Das Gebäude war jetzt verfallen und bot einen traurigen Anblick dar. Die Verpfählung, vorzüglich auf der Vorderſeite, wo die Pfähle von den Wilden aus der Erde geriſſen oder ver⸗ modert zu ſein ſchienen, war größtentheils zerſtört; und der rechte Flügel, der am meiſten von den Flammen gelitten zu haben ſchien, war nur ein ſchwarzer, modernder Haufen wirr durcheinander ge⸗ worfener Balken.. Der einzige Theil des noch ſtehenden Gebändes war die Hütte linket Hand, welche nur aus einem Gemache beſtand, und, wie Roland auf den erſten Blick ſah, faſt dachlos und dem Einſturze nahe war. Man konnte ſich wahrlich nichts troſtloſeres und düſtereres denken, als den Anblick dieſer Trümmer; und das wilde ungeſtüme Rauſchen des Fluſſes unten, das man in Folge eines tiefen Felſen⸗ riſſes der von dem hintern Hofe an das Waſſer hinablief, und durch welchen der Ton in hohlem Wiederhalle emporſtieg, um ſo deutlicher hörte, trug viel zu dem Grauſenhaften der ganzen Scene bei. Ueberdieß war der Ort augenſcheinlich gegen einen entſchloſſe⸗ nen Feind nicht zu halten, da die Trümmer des zerfallenen Flügels und der Verpfählung ihm Schutz, und zumal Gelegenheit boten, dem Inſaſſen in jeder Weiſe beſchwerlich zu fallen. Der Widerwille jedoch, welchen Roland empfand, dieſen Ort auch nur für wenige Stunden zu bewohnen, wurde von Nathan bekämpft, welcher vorſtellte, daß die Furth, wo er über den Fluß zu ſetzen gedächte, mehrere Meilen abwärts ſei, und der Uebergang erſt verſucht werden könne, wenn der Mond aufginge, oder die Wolken ſich zerſtreuten und das ſpärliche Licht der Sterne ihnen leuchtete; daß der Pfad dorthin durch Schluchten und Sümpfe führe, und ſich daſelbſt nirgends ein Ruheplatz für die bereits ſo ſehr erſchöpften Mädchen fände; und daß endlich die Trümmer ſich hinlänglich ſicher machen ließen. „Denn wahrlich,“ fuhr er fort,„es iſt weder meiner Gewohn⸗ heit noch meinem Gewiſſen gemäß, etwas dem Zufalle oder dem Schickſale zu überlaſſen, wenn ein Indianer im Walde iſt, und wäre er zehn Meilen weit von mir. Wahrlich, Freund, meine Abſicht iſt, mit dem kleinen Peter rund um die Trümmer Wache zu halten, ſo lange deine arme, ermüdete Schweſter ſchlummert; und wenn du ſelbſt und deine zwei männlichen Begleiter Kraft genug haben, daſſelbe zu thun, ſo wird es deſto beſſer ſein.“ „Es ſoll geſchehen,“ ſagte Roland;„meine zwei Gefährten ſollen wachen, und ich werde Sorge tragen, daß ſie ihre Augen nicht zuſchließen.“ Nachdem dieß abgemacht war, traf man Anſtalten, von de⸗ Trümmern Beſitz zu nehmen. Roland trat mit dem Neger ein und ließ ein Licht anzünden, worauf er ſeine müde Schweſter und Telie hineingeleitete. Nathan und Pardon Fertig führten mittlerweile die Pferde in die Schlucht, wo ſie Gras und Waſſer ———————————————————————— 73 nach Belieben fanden, und ſich weder verlaufen, noch einem viel⸗ leicht in dem Walde umherſtreichenden Wilden zu Geſicht kom⸗ men konnten. Achtes Kapitel. Die Velagerung. Bald flammte ein Feuer empor, für welches ſich in den Trümmern reichliche Nahrung fand, und als es auf dem zerfallenen, lange verlaſſenen Herde erglänzte, bot ſich den Wanderern Gelegen⸗ heit, das Grauſenhafte der ganzen Umgebung genauer in's Auge zu faſſen. Die Hütte beſtand, wie bereits geſagt, aus einem einzigen Gemache, deſſen Wände unbehauene Balken bildeten, aus deren Zwiſchenräumen der Mörtel, welcher ſie einſt bekleidet, längſt ver⸗ ſchwunden war. Da und dort fehlte ſelbſt ein Holzſtück, ſo daß für Wind und Regen tauſend Zugänge blieben. Die Decke war der Schwere des vermodernden Daches gewichen, von dem nur ein kleiner Theil übrig war; der Fußboden von Bohlen zeigte ſich eben ſo verfallen, denn das Holz war größtentheils verfault und mit der Erde vermiſcht, auf welcher es ruhte. Fenſter und Thüren fehlten ganz; aber zwei verfallene Oeff⸗ nungen auf der Vorderſeite und den Rückwänden, und eine dritte von größerem Umfange, welche ſeitwärts auf den ehemaligen Durch⸗ gang, der jetzt mit verkohltem Gebälk bedeckt war, ging, ließhen ſehen, wo früher der enge Eingang und die ſchießſchartenähnlichen Fenſter angebracht geweſen waren. Das andere Gemach war ſo eingeſtürzt, daß die Thür faſt ganz vermacht, und ein Aus⸗ und Eingang nur gegen die Hinter⸗ ſeite des Gebäudes möglich war. Für den Fall eines plötzlichen Eindringens durch den einzigen Eingang befanden ſich hinten in der Mauer mehrere Oeffnungen, durch deren eine beſonders es leicht geweſen wäre, ſich den Rückzug zu decken. Hier war der Boden ohne alle Bekleidung und theilweiſe weggeſchwemmt, ſo daß er mit der oben erwähnten Felſenſchlucht in Verbindung ſtand, und als deren Gipfel angeſehen werden konnte. Aber die Blicke Rolands weilten nicht lange auf dieſer düſtern Scene der Verwüſtung; ſie wendeten ſich raſch Editha zu, und er bat ſeine Schweſter eindringlich, ſich durch einige Stunden Schlaf zu erholen und zu ſtärken. Zu dieſem Zwecke ſah er ſich nach einem paſſenden Platze um, wo er ihr ein Lager von Laub und Moos bereiten könne. „Sieh' da, hier iſt ja ſchon ein ſolches Lager bereitet,“ rief ſie mit erzwungenem Lächeln, und deutete auf eine Ecke, wo ein Haufen von Blättern lag, die ſo grün und friſch ausſahen, als wären ſie erſt den Tag vorher gebrochen worden.„Wahrlich, Nathan hat mich nicht in ſeinen Verſteck geladen, um mir eine ſchlechte Woh⸗ nung zu bieten, oder mich ohne Nachteſſen zu Bette zu ſenden.— Seht wohl zu,“ ſetzte ſie hinzu und deutete auf einen kleinen metal⸗ lenen Keſſel, welchen ihr lebhaftes Auge ſogleich unter den Blättern entdeckt hatte, und welchem bald ein zweiter folgte, den der Neger aus ſeinem Verſteck hervorbrachte, die beide noch den Geruch einer friſchen, ſchmackhaften Speiſe an ſich trugen.„Seht wohl zu, Kaiſer— wo die Küche iſt, da kann auch der Speck nicht ferne ſein. Ich bürge dafür, wir werden finden, daß Nathan für ein gutes Nachteſſen geſorgt hat.“ „Vielleicht ein Nachteſſen, wie es nur der Hinterwäldler eſſen kann,“ ſagte Roland, der über die überflüſſige Anzahl der Geräth⸗ ſchaften Nathan's— denn dieſem gehörten ſie, wie er nicht be⸗ zweifelte— ein wenig verwundert, die Blätter zu durchſuchen an⸗ gefangen hatte, und mit ſeiner Büchſe endlich einen mit Getreide gefüllten Beutel vorfand.„Ein ſeltſamer Geſell, dieſer Nathan,“ murmelte er vor ſich hin.„Er äußerte ſich doch, als hätte er die Trümmer ſeit einer geraumen Zeit nicht beſucht, während es augen⸗ ſcheinlich iſt, daß er die vergangene Nacht hier zugebracht hat. Aber er ſcheint Alles, was ſein Thun und Weſen betrifft, in ein Geheimniß hüllen zu wollen. Freilich aber— dieß iſt der Cha⸗ rakter der Quäkerſekte, der er angehört.“ Während Roland und die Frauen die angebliche Habe Nathans unterſuchten, trat der Führer ſelbſt in das Gemach. Seine Züge verriethen einige Beſorgniß. Der getreue Peter, der ihm auf den Ferſen folgte, zeigte eine ähnliche Unbehaglichkeit, ſchnupperte die Luft ein, winſelte und rieb ſich häufig an dem Fuße ſeines Herrn. „Freunde!“ rief dieſer raſch,„Peter ſpricht zu verſtändlich, als daß es mißdeutet werden könnte— Unheil iſt nahe zur Hand, obgleich ich, der thörichte und ſündhafte Mann, nicht ſagen kann, wo oder wie. Wir müſſen das wärmende Feuer und das ſanfte Lager wieder aufgeben und Zuflucht in den Wäldern ſuchen.“ 75 Dieſe unerwartete Verkündigung trieb das Blut wieder aus Editha's Wangen. Bei Nathans Eintritte hatte ſie den Beutel mit dem Getreide aus Rolands Händen genommen, um ihn dem Führer zu reichen und ihn auf eine Weiſe anzureden, die ihren Bruder überzeugen ſollte, daß ihr oft erſchütterter Muth wieder zurückgekehrt ſei; aber Nathans Geſicht und Worte machten ſie ſtumm, und ſie ſtand wie verſteinert, und hielt ſprachlos den Beutel in der Hand. Sobald Nathan dieſen erblickte, riß er ihr denſelben aus der Hand, betrachtete ihn mit Erſtaunen, ja ſelbſt mit Unruhe, und wendete erſt dann den Blick von ihm ab, als der kleine Peter, der in die Ecke und unter das Blätterlager gelaufen war, lauter als vorher zu winſeln begann. Der Beutel fiel aus Nathans Hand, als er die glänzenden Keſſel erblickte, und ſeine Augen hingen ſtarr an ihnen. „Was gibt es, um des Himmelswillen?“ fragte Roland, der ſelbſt unruhig zu werden anfing.„Erſchreckt Ihr über Euer eigenes Geräth?“ „Mein Geräth?“ rief Nathan, ſchlug ſeine Hände zuſammen, und ſah wie ein Bild des Schreckens und der Gewiſſensbiſſe drein.— „Wenn du mich tödten willſt, Freund, ſo wirſt du kaum Unrecht thun— denn, unglücklicher, blinder Sünder, der ich bin— ich habe deine armen Frauen gerade in den Rachen des Löwen geführt— in das Verſteck und Hauptlager der Mörder, welche dein Leben bedrohen. Auf und davon! Hörſt du den kleinen Peter nicht am Eingange winſeln?— Still, Peter, ſtill!— Wahrlich, hier kannſt du deine Geſchicklichkeit zeigen, wandernder Nathan!— Horch, ſind ſie nicht in der Nähe?— Hörteſt du nichts?“ Ich höre das Heulen der Eule und die Antwort ihrer Freun⸗ din!“ antwortete Roland, aber er konnte nicht weiter reden. Der kleine Peter ließ ein lauteres Winſeln hören, und Nathan rief leiſe: „Auf, wenn du nicht behext biſt; zieh' deine Frauen an der Hand hinaus und folge mir!“ Bei dieſen Worten ſprang Nathan auf die Thüröffnung zu, als ein Ruf Rolands ihn zurückhielt. Er blickte um, und bemerkte, daß Editha ohnmächtig in den Armen des jungen Mannes lag. „Ich will das arme Kind ſtatt deiner retten!“ rief er.„Hilf du der andern!“ So rief Nathan, hob Editha auf, als hätte er eine Feder in 76 der Hand, und eilte wieder auf den Ausgang zu, als ihn ein weit ſchreckenvolleres Begebniß zum Stehen brachte. Auf einen Schrei Kaiſers, des Mohren, den ihm der plötzliche Schrecken entlockte, folgte ein ſeltſam wildes, rauhes, gurgelndes, Triumph und Hohn zumal ausdrückendes Lachen, das vom Ein⸗ gange herkam. Als Roland und Nathan ihre Augen dahin wendeten, er⸗ blickten ſie einen großen nackten Indianer in der Malerei des Kriegs, die Büchſe in ſeiner Hand, das grimmige Lachen noch in ſeinen Geſichtszügen. „Guten Tag, Bruder— Indianer gut Freund!“ So rief der Indianer und nickte höhniſch freundlich, indem er raſch in die Hütte trat. Und als reichten dieſer Anblick und dieſe Worte nicht hin, das Herzblut unſerer Freunde in Eis zu verwandeln, ſah man über ſeinen Schultern die glänzenden Augen, und hörte man hinter ſeinem Rücken das hölliſche Lachen von drei oder vier gleich wilden, blutdürſtigen Gefährten. „An den Eingang, wenn du ein Mann biſt— hin!“ So rief Nathan mit einer Stimme, die eher dem Schmettern der Kriegstrompete, als den Tönen eines erſchreckten Friedensmannes glichen. Er ließ Editha an den Boden gleiten, und gab das Bei⸗ ſpiel zum Angriff oder zur Flucht— Roland wußte nicht, ob zum erſteren oder zum letzteren— indem er dem kühnen Eindringling an die Bruſt ſprang. Beide ſtürzten über die Schwelle, und Roland, welcher mit dem Ungeſtüm und der Gluth derVerzweiflung der Aufforderung gehorchte, fiel über ihre Körper und lag der Länge nach in den Durchgang hingeſtreckt, wodurch er dem ſicheren Tode entging, denn in dieſem Augenblicke wurden kaum drei Schritte entfernt drei Büchſen auf ihn abgefeuert. „Drauf, wenn dein Gewiſſen es erlaubt!“ So hörte er Nathan rufen, und in dem nächſten Augenblick fiel ein Schuß aus dem Innern der Hütte.. „Alle Welt!— niemals in mein Leben ein Indianern etwas gethan!“ ſcholl ein bebender Ruf von dem Neger in den Knall des Schuſſes. Die abgefeuerte Kugel riß das Beil aus der zerſplitterten Hand eines Feindes, der Roland's Fall gewahrend, im Begriff war, ihm einen Schlag mit der Axt zu geben. Der verſtümmelte Krieger ſtieß einen Schrei aus, in welchem ſich körperlicher Schmerz 77 und Wuth über ſein vereiteltes Hoffen wild miſchten, ſprang über die ſchwarzen Trümmer vor dem Eingange, und entging ſo dem Schlag des Büchſenkolbens, mit welchem Roland ihn ſeinerſeits bedrohte, da die Büchſe bei ſeinem Sturze losgegangen war. Auf den Schrei des fliehenden Indianers antworteten, wie es Roland bedünkte, wenigſtens fünfzig Gefährten, von denen er zwei nur wenige Schritte weit von ſich ſah, die ihre Aexte ſchwangen als wollten eben ſie dem faſt Wehrloſen die Wucht derſelben fühlen laſſen. In dieſem Augenblicke kam ihm Hülfe, woher er ſie am wenigſten erwartet hatte. Aus der Schlucht wurde eine Büchſe abgefeuert, und indem einer der wildeſten Feinde tödtlich getroffen zu Boden ſtürzte, hörte er die Stimme Pardon Fertig's verzweiflungsvoll rufen: „Wenn es gilt, mit ihnen fertig zu werden, ſo bin ich der Mann dazu— das muß wahr ſein!“ „Brav! ſehr brav, Ihr Beiden, Pardon Fertig und Kaiſer!“ rief Roland, dem dieſe glückliche Ermuthigung ſeiner Begleiter und deren glücklicher Erfolg einen Grad von Zuverſicht und Hoffnung gab, den er vorher nicht empfunden hatte; denn bis zu dieſem Augenblicke waren ſeine Gefühle der bloße Wahnſinn der Ver⸗ zweiflung. „Muth, und drauf losgefeuert!“ ſchrie er und wandte ſich dann ohne Zögern auf einen der noch übrigen Wilden, ſchlug die erhobene Apt mit ſeiner Buͤchſe hinweg, und wollte mit ſeiner Waffe das Geſicht des Feindes treffen. Es gelang ihm wirklich, den Tomahawk zur Seite zu ſchleu⸗ dern; die Büchſe aber wurde ihm plötzlich aus der Hand gewunden, und im nächſten Augenblicke fühlte er ſich umſchlungen, als wäre er in den Armen eines Bären, und ſein kühner Gegner drückte ihn mit furchtbarer Gewalt an die Bruſt. „Bruder,“ heulte der Wilde, und der Schaum floß ihm von den grinſenden Lippen, die er ſo nahe als möglich an das Geſicht Rolands brachte—„Bruder!“ wiederholte er im Stolze ſeines Sieges, und klammerte ſeine Arme noch dichter um den Körper des jungen Mannes:„Langmeſſer nichts! Hab' ein Skalp, Ich Shawnee!“ Bei dieſen Worten ſprang er von der modernden Flur des Durchgangs, wo dieſer Kampf begonnen, auf, zog Roland fort, und ſchien ihn lebendig wegbringen zu wollen. Obgleich Roland ſich in den Händen eines Mannes von über⸗ legener Körperkraft fuhlte, ſo bewahrte ihn ſeine Entſchloſſenheit und Energie dennoch vor einem Schickſale, welches eben ſo furcht⸗ bar, als ſchmachvoll geweſen wäre. Die Kraft, welche ihm geblieben, machte er in dem Augen⸗ blicke geltend, wo der ſtarke Indianer von der Flur auf den zer⸗ riſſenen Fels niederſprang, und obgleich er ſich nicht ganz von ſei⸗ nem Griffe losmachte, riß er ihn doch mit ſich auf den Boden nieder, von dem ſich beide nach einem kurzen, blinden Kampfe er⸗ hoben, und die Hände mit Rieſenkraft um die Waffe ſchlugen, welche am früheſten den Kampf zu entſcheiden verſprach. Die Piſtolen des jungen Mannes, welche der friedliche Na⸗ than die Vorſicht gehabt hatte, nebſt denen des Negers mit ſich in die Trümmer zu nehmen, waren bei der Raſchheit und Eile des Angriffs vergeſſen worden. Seine Büchſe war ihm aus der Hand geriſſen und weggeworfen, er wußte nicht, wohin. Das Meſſer hatte er, als ächter Wäldler, in den Gürtel ge⸗ ſteckt, und ſchickte ſich an, darnach zu greifen; der Inſtinkt langer Gewohnheit jedoch führte ſeine Hand an das Schwert, das er noch umgürtet hatte; dieſes verſuchte er, als er aufſprang, zu ziehen, denn er zweifelte nicht, daß ein einziger Streich des Stahles ihn von ſeinem wilden Gegner befreien würde. Der Indianer jedoch, der eben ſo kühn, eben ſo raſch, und bei weitem verſchlagener und an ſolche wilden perſönlichen Kämpfe mehr gewöhnt war, hatte ſein Meſſer ſchon gezogen, ehe Roland auf den Füßen war; und bevor des Offizier's Schwert halb aus der Scheide blitzte, fühlte er ſeine Hand gefaßt und mit Rieſen⸗ kraft feſtgehalten, während der indianiſche Krieger ſeine freie Waffe über den Kopf erhob, und ſich unter einem furchtbarem Lachen und Siegesgellen anſchickte, ſie in Rolands Kehle zu ſtoßen. Sein Geſicht, ſcheußlich durch die Färbung, ſcheußlicher noch durch den wilden Triumpf, war deutlich zu ſehen; denn die Flam⸗ men des Feuers brachen hell durch die Oeffnungen der Hütte, ſo daß man jeden Zug genau unterſcheiden konnte, und Roland war, als er ſich an den erhobenen Arm klammerte, um den drohenden Stich abzuwehren, im Stande, jede Bewegung der Waffe und jeden Wechſel in den Zügen des Wilden zu beobachten. Aber ſelbſt jetzt verzweifelte er nicht; denn er war in allen Lagen, wo es ſich um ihn ſelbſt handelte, ein Mann von ächter Unerſchrockenheit; und erſt, als plötzlich das Licht in der L 79 erloſch, als wenn die Brände auseinander gezogen und ausgetreten worden wären, begann er zu fürchten, daß der Vortheil, den ſein Gegner errungen, zu einem unglückiichen Ende führen könnte. In dieſem Augenblicke aber, und während er, von der plötz⸗ ichen Dunkelheit geblendet, den Todesſtreich, den er abzuwenden cein Mittel mehr hatte, erwartete, verwandelte ſich das Gelaͤchter des Wilden, das jetzt lauter und triumphirender geworden, als vorher, plötzlich in ein Todesgebrüll. Zugleich quoll ein Strom warmen Blutes über Rolands rechten Arm, und der Indianer, den das Meſſer einer unbekannten Hand, oder eine in das dunkel fliegende Kugel getroffen, ſtürzte todt zu Rolands Füßen nieder, und riß ihn mit ſich zu Boden. „Auf, auf, und handle nach deinem Gewiſſen!“ rief der wan⸗ dernde Nathan, deſſen freundlicher Arm, kräftiger als der des Gegners unſeres jungen Kriegsmannes, ihn unter der Leiche des Wilden her⸗ vorriß.—„Wahrlich, du kämpfſt wie ein junger Löwe oder ein alter Bär; und wahrlich— ich werde dich nicht tadeln, wenn du ein ganzes Dutzend dieſer gottloſen Kehlabſchneider umbringſt. Hier iſt deine Büchſe— hier deine Piſtolen— feure, laß deine Stimme laut erſchallen; denn wahrlich, deine Entſchloſſenheit hat den Feind in Verwirrung gebracht. Laß ihn glauben, du habeſt Verſtärkung erhalten!“ Und nun erhob der friedliebende Nathan ſeine Stimme, ſprang in den Trümmern von einem Blocke zum andern, und ließ eine Reihe von gellenden Tönen hören, welche den Anſchein haben ſoll⸗ ten, als kämen ſie aus verſchiedenen Kehlen, und die ſo viel Trotz und mannhaften Muth ausdrückten, daß ſelbſt Pardon Fertig, welcher noch in dem Felſengeklüft der Schlucht verſteckt lag, und Kaiſer, der Neger, welcher, wie es ſchien, hinter den Trümmern am Eingange Poſto gefaßt hatte, ſich geſtärkt und ermuthigt fühlten, und ihre Stimmen in Nathans Zettergeſcrei miſchten, indem der Eine rief:„Kommt, Ihr ewigen Seken, wenn Ihr kommen müßt!«— während der Andere„ben ſo beſorgt ſchrie:„Keine Sorge für Neger! Er kämpfen,— er fechten für Maſſa und Miſſie!“ Alles was ſich von dem Augenblicke an begeben, wo der wilde Krieger in der Thür erſchien, bis zu dem lauten Geſchrei der be⸗ lagerten Wanderer, das dem Kriegsgellen und Triumpfgebrüll des Indianers folgte, war in wenigen Augenblicken vor ſich gegangen. Der Anſturm Nathans auf den Auführer— die Verwundung des einen und den Tod der zwei anderen Wilden waren in der That, wie es Roland vorkam, nur das Werk eines einzigen Augenblicks, und er ward ſich des Angriffs kaum bewußt, als er auch ſchon vorüber war. Der erfolgreiche und ohne Zweifel ganz unerwartete Wider⸗ ſtand der kleinen Schaar, welche für den vorgeſchobenen Poſten der Angreifenden ſo unglucklich endete, hatte in die ganze wilde Bande, deren Anweſenheit nur durch ihr gellendes Geſchrei ſich kund that, da ſie nicht einen einzigen Schuß gethan, Schrecken und Verwirrung gebracht. In dieſem Augenblicke der Unordnung ſprang Nathan an Rolands Seite, der in der Eile ſeine Büchſe wieder lud, faßte ihn bei der Hand und ſagte mit einer Stimme, welche die höchſte Be⸗ wegung verrieth, obgleich ſeine Züge in Nacht gehüllt waren: „Freund, durch mich iſt deine arme Schweſter in Gefahr und Noth gekommen, ſo daß nun die Axt und das Skalpirmeſſer ihrem unſchul— digen Haupte nahe ſind.“ „Kein Wort jetzt davon,“ ſagte Roland, und ſetzte haſtig hinzu: „Der lange Heide, der zuerſt in die Hütte trat— habt Ihr ihn getödtet?“ „Tödten? Freund, ich tödten?“ erwiederte Nathan, und ſeine Stimme bebte ſtärker, als jemals.„Willſt du mich zum Mörder machen! Wahrlich, ich kroch über ihn hinweg, und verließ die Hütte.“ „Und Ihr habt ihn lebendig darin gelaſſen?“ rief Roland und wollte in die Hütte ſtürzen. Nathan hielt ihn zurück und ſagte:„Sei unbeſorgt, Freund! Wahrlich, du kannſt glauben, ich habe unrecht gethan, ſo ungeſtüm auf ihn zu fallen; aber wahrlich, er muß ſich den Kopf an einem Block zerſchlagen oder an einem Balken verwundet haben— viel⸗ leicht hat ihn auch der farbige Menſch mit ſeinem Meſſer getroffen; aber, wahrlich, es begab ſich ſo, daß ſein Blut auf meine Hand ſpritzte, und zwar in Folge des Stoßes oder Stiches, den er erhielt. ſo daß ich ihn rein todt liegen ließ⸗“ „Gut!“ ſagte Roland.„Aber, beim Himmel, ich hoffte und glaubte, Ihr haͤttet ihn wie ein Mann in die andere Welt geſendet. Aber die Zeit drängt, wir müſſen wieder in die Wälder zurück— noch ſtehen ſie uns vffen.“ Du irrſt dich, Freund,“ ſagte Nathan; und in demſelben Augenblick ließ ſich, gleichſam als Beſtätigung ſeiner Worte, ein . 81 lautes Kriegsgeſchrei und der Schall von einem Dutzend Büchſen hören, und alles deutete darauf hin, daß die Trümmer von dem Feinde bereits umzingelt ſeien. „Die Schlucht! der Fluß!“ rief Roland.„Wir können mit den Pferden hinüberſchwimmen!“ „Der Strom iſt wild und ungeſtüm, und ich fürchte, er würde dich und das ſtärkſte Roß mit ſich fortreißen,“ murmelte Nathan. „Hörſt du nicht, wie er an die Felſen und Klüftungen ſtürmt und tobt? Er iſt hier tief, enge und felſig; und obgleich zuweilen ein Kind von Fels zu Fels waten kann, iſt er doch in jetziger Zeit, angeſchwollen von Regengüſſen, ein Waſſerſturz. Doch müſſen wir das Möglichſte verſuchen, wenn uns weiter nichts ubrig bleibt. Vorläufig rathe ich dir, guten Muthes zu ſein, und dein Möglich⸗ ſtes zu thun, um die Zahl deiner Feinde auf alle Weiſe zu ver⸗ mindern, da du die deiner Freunde nicht vermehren kannſt. Willſt du zu dieſem Zwecke,“ ſetzte er raſch hinzu,„dort das bösgeſinnte Geſchöpf, das wie ein Block auf der Erde liegt und den Trümmern zukriecht, erſchießen, ſo habe ich nichts dagegen.“ Bei dieſen leiſe geflüſterten Worten zog Nathan den jungen Mann hinter einen Haufen zerfallener Balken, dem ſie nahe ſtanden, und bemühte ſich, ihm den Feind zu zeigen, welchen ſein Auge in dem Moment erſpäht hatte, wo er mit der gleitenden Bewegung einer Schlange der Hütte zukroch. Rolands Auge war aber noch nicht daran gewöhnt, Gegen⸗ ſtände in der Dunkelheit der Wälder zu unterſcheiden, und es ge⸗ lang ihm nicht, den herannahenden Feind zu entdecken. „Wahrlich!“ ſagte Nathan etwas ungeduldig,—„wenn du mir es nicht als Sünde oder Blutſchuld anrechneſt, ſo will ich dir die Büchſe halten und du ſollſt nur losdrücken.“ Der Mann des Friedens war im Begriffe, Roland dieſen Freundſchaftsdienſt, wegen deſſen er ſich mit ſeinem Gewiſſen ab⸗ gefunden zu haben ſchien, zu leiſten, als die gute Abſicht dadurch vereitelt wurde, daß der Wilde plötzlich aufſprang und nebſt einem Dutzend Anderer, die Alle aus der Erde zu ſteigen ſchienen, auf die Trümmer losſtürmte und ein furchtbares Gellen hören ließ. Die Raſchheit und der Ungeſtüm des Angriffs erfüllten Roland's Seele mit Bangen; er ſchoß ſeine Büchſe los und ergriff ſeine Piſtolen, während er im Geiſte die blutigen Finger eines Wilden ſchon die glänzenden Locken ſeiner Schweſter erfaſſen ſah, als Nathan ausrief: Gefahren der Wildniß⸗ 6 „Blut auf meine Hände, aber nicht auf mein Haupt! Drauf X auf die mörderiſchen Hunde!“ X Bei dieſen Worten ſchoß er ſeine Büchſe auf die Bande abz Roland ließ augenblicklich ſeine Piſtolen folgen, und die Wirkung war ſo kräftig, daß die Angreifer bis auf Einen, zauderten und ſtehen blieben; dieſer hatte jedoch Muth genug, gegen die Einge⸗ ſchloſſenen vorzuſchreiten, während er ſeinen Gefährten vergebens zurief, ihm zu folgen. „Du wirſt nicht vergeſſen, daß ich nur fechte, um das Leben deiner unſchuldigen Begleiterinnen zu ſchützen,“ flüſterte Nathan in Roland's Ohr. und nun war es, als hätte ſeine erſte kriegeriſche That ihn für immer ſeiner friedlichen Verpflichtungen überhoben; ein Muth, ein Durſt nach Blut, größer ſelbſt, als der des jungen Kriegs⸗ mannes, erwachte in ihm und ſchien ihn blind zu beherrſchen. Er ſtürmte auf den heranrückenden Shawnee ein, gab ihm mit dem Schaft ſeiner ſchweren Büchſe einen Schlag, der ihm den Kopf zerſchmetterte, als ſei er von Glas, und tödtete den Mann auf der Stelle. Dann eilte er mit der Leichtigkeit eines Hirſches in die Trümmer zurück, um den Kugeln der übrigen Wilden auszu⸗ weichen, faßte die Hand des erſtaunten und erfreuten jungen Man⸗ nes, drückte ſie mit aller Kraft und rief: „Du ſiehſt, Freund, wohin du mich gebracht haſt! Du ſaheſt mich Menſchenblut vergießen! Demungeachtet, Freund, ſollen die Schurken deine arme Schweſter nicht tödten und kein Haar auf ihrem und Lelie's Haupte berühren.“ Glücklicherweiſe wurde die Tapferkeit des friedfertigen Mannes vei dieſer Gelegenheit von Pardon Fertig und dem Neger unter⸗ ſtützt, indem Jener aus ſeinem Verſtecke in der Schlucht, dieſer aus den Trümmern thätig war. Die Feinde, die auf dieſe Weiſe ernſt vor der Gefahr gewarnt wurden, ſich einer Veſte zu nahen, welche, wie ſie ganz natürlich annahmen, von acht tüchtigen Män⸗ nern,— denn ſo groß war, die Piſtolen mit eingerechnet, die Zahl der Feuergewehre— beſetzt war, zogen ſich ſchleunigſt in die Wälder zurück, wo ſie die Feindſeligkeiten bloß durch einen gele⸗ gentlichen Kriegsruf, oder durch einen Schuß fortſetzten, der ohn⸗ mächtig auf die Trümmer gerichtet war. Roland benutzte die Einſtellung der Feindſeligkeiten, um in die Hütte zu kriechen und Edithen ein tröſtendes Wort mitzutheilen. Sie zeigte einen Grad von Ruhe, welchen er kaum erwartet hatte.— 83 Es war jedoch nur die Ruhe der Verzweiflung und Erſtarrung, eine Lähmung des Geiſtes, welche von dem überreizten Gefühle herruͤhrte, und in welchem ſie, des um ſie Vorgehenden unbe⸗ wußt, verblieb. Neuntes Kapitel. Die Flucht. Der Feind, welcher zwei Mal zurückgetrieben worden und jedes Mal bedeutenden Verluſt erlitten hatte, ſah nun ein, wie thöricht es ſei, ſich dem Feuer der Reiſenden zu offen bloß zu ſtellen; ob⸗ gleich er aber hatte fliehen müſſen, zeigte er ſich doch nicht geneigt, weiter, als nöthig war, um ſich geſchirmt zu ſehen, zurückzuwei⸗ chen, oder ſeine wilde Abſicht aufzugeben. Die Indianer bargen ſich auf verſchiedenen Punkten hinter Holzſtämmen, Fels und Gebüſch, und vertheilten ſich ſo, daß ſie einen Kreis rund um die Trümmer bildeten, welcher nur gegen den Fluß hin offen war, auf dem ſie die Flucht für unmöglich hielten. Sie waren bemüht, die Hütte auf das Genaueſte im Auge zu haben, und feuerten von Zeit zu Zeit Schüſſe gegen ſie ab, denen ſtets ein furchtbares Gebrüll folgte, wodurch ſie die Herzen der Wanderer mit Furcht zu erfüllen ſuchten. Dann und wann kroch ein einzelner Krieger, der muthiger, als die übrigen war, in die Nähe der Trümmer, ſuchte ſich durch irgend etwas zu ſchirmen, und ſchoß ſeine Büchſe gegen einen modernden Balken oder einen anderen Gegenſtand ab, welchen ſeine Phantaſie in den bloßgeſtellten Körper eines der Reiſenden ver⸗ wandelte. Dieſe aber hatten Sorge getroffen, ſich in den Trümmern ſolche Standpunkte zu wählen, die ihnen den beſten Schutz gewähr⸗ ten, und obgleich die Kugeln ſcharf und ganz nahe um ſie her pfiffen, war doch noch Keiner vewundet worden; auch war, ſo lange die Dunkelheit der Nacht ſie begünſtigte, kein Grund zur Beſorgniß vorhanden. Dennoch ſahen ſie Alle leicht ein, daß dieſer Zuſtand der Sicherheit nicht lange dauern konnte, und daß ſie ihn nur dem Umſtande zu danken hatten, daß der Feind ſeinen Vortheil noch nicht wahrgenommen. Der Zuſtand der Trümmer war der Art, 6* daß ein Dutzend Männer von Muth und Entſchloſſenheit, welche ſich vertheilten und dem Boden entlang krochen, jeden Augenblick ungeſehen in einen jeglichen Theil der Hütte gelangen konnten, wo ein raſcher Anfall die Belagerten in ihre Gewalt bringen mußte. Ein offener Angriff der Geſammtzahl der Belagerer, welche Nathan auf fünfzehn bis zwanzig berechnete, hätte allerdings die⸗ ſelbe Wirkung gehabt, allein der Verluſt mehrerer Leben haͤtte ſich daran geknüpft. Ein Schuß auf's Ungefähr konnte jeden Augenblick einen von der Beſatzung verwunden oder kampfunfähig machen, und ſo eine bedeutende Seite der Hütte bloßſtellen, deren verfallener Zuſtand die Vertheidigung von innen ganz unmöglich machte. Die ſchlimmſte Beſorgniß war jedoch die, welche Nathan ſchon vorher angedeutet hatte: wenn auch Alle die Gefahren der Nacht überlebten— welches Schickſal konnte ſie erwarten, wenn nun der Tag kam und dem Auge des Feindes die ganze Schwäche der Wanderer offen darlegte? Roland fühlte, daß die Hülfe vor An⸗ bruch des Tages kommen müſſe, wenn ſie nicht zu ſpät kommen ſollte. Aber nur ſie ſelbſt konnten ſich helfen, denn Roland wußte ja, daß Oberſt Bruce längſt ausgezogen war, um an dem Kampfe im Norden von Kentucky Antheil zu nehmen. Und ſeine Freunde, die übrigen Auswanderer,— wie ſollten dieſe von ſeiner Lage Kenntniß erlangen? Er dachte daran, ſich kühn durch die Reihe der Belagerer durchzuſchlagen, und brachte hundert Pläne vor, wie ſie ihre Flucht bewerkſtelligen könnten. Jetzt wollte er ſein getreues Roß beſteigen, ſich auf die Feinde werfen, ihrem Feuer ſich preisgeben, ihre Auf⸗ merkſamkeit ablenken, und ſie vielleicht verleiten, ihn zu verfolgen, während Nathan und die Uebrigen mit Edithe und Telie auf einer andern Seite davonſprengten; dann wollte er ſich wieder mit ihnen in den wilden Strom werfen, und es der Kraft der Pferde anheim⸗ ſtellen, ſie ſicher an das jenſeitige Ufer zu bringen. Während dieſer Pläne Rolands zeigte Nathan keine Neigung, trotz ſeiner Gewiſſensbiſſe und ſeiner Zerknirſchung, den Kampf auf⸗ zugeben; im Gegentheil ſchoß er mit der größten Bereitwilligkeit auf jedes böſe Shawneegeſchöpf, welches ſich zeigte; er ermuthigte Roland, ein Gleiches zu thun, und zeigte während des ganzen ne e muſterhafte Entſchloſſenheit und wahrhaft männlichen uth. Allein Roland fühlte, daß Entſchloſſenheit und Muth, ſo ſehr — 85 auch alle ſeine Gefühle dieſe Eigenſchaften an den Tag legten, nur dazu dienten, das Schickſal der Geſellſchaft um einige Stunden zu verzögern. Die Nacht ging raſch zu Ende— die Angreifenden wurden kühner, und aus dem lauteren Geſchrei und den häufigeren Schüſſen zu ſchließen, ſchien ihre Zahl nicht nur durch das von innen unter⸗ haltene Feuer ſich nicht vermindert, ſondern durch die allmählig aus dem Walde eintreffenden Kundſchafter vermehrt zu haben. Zugleich mußte Roland gewahren, daß es bald an Pulver und Blei fehlen würde. „Freund,“ ſagte Nathan, als Roland ihm dieſe Befürchtung mittheilte,„es ſtehet geſchrieben, daß deine Frauen vor deinen Augen gemordet werden ſollen. Trotzdem will ich mein Beſtes thun, ſie zu retten. Ich muß dich verlaſſen, Freund, und Beiſtand herbeiſchaffen. Kannſt du die Hütte bis zum Morgen halten? Aber es iſt thöricht, nur ſo zu fragen; du mußt ſie halten, ob du auch keine weitere Hülfe haſt, als den alten Kaiſer und Pardon Fertig. Denn wahrlich, Freund, ich muß durch die Reihen der Indianer brechen, um Hülfe für dich zu finden.“ Aber wie wollt Ihr unverletzt an ihnen vorüber kommen?“ fragte Roland.„Doch ich weiß es, wir machen alleſammt einen Scheinangriff auf die Schurken, und während deſſen macht Ihr Euch auf meinen Baiareus und jagt mit Windeseile auf ihm davon.“ „Wahrlich, Freund, es wäre gut, wenn ich mich der ſchnellen Beine deines Pferdes bedienen könnte,“ erwiederte Nathan;„aber das Reiten durch eine Bande blutdürſtiger Indianer iſt nicht ſo leicht, als du denkſt. Nein, wahrlich, ich muß ganz insgeheim entwiſchen und durch die Reihen der Feinde kriechen, damit ſie nicht wiſſen, daß deine Streitmacht geſchwächt iſt.“ „Aber es iſt unmöglich, ganz unmöglich!“ rief Roland be⸗ trübt aus. „Wahrlich, es iſt nicht ohne Gefahr, aber um der armen Frauen willen muß es gewagt werden,“ antwortete Nathan.„Gelingt es mir, durchzukommen und zu deinen Freunden zu gelangen, ſo werde ich ohne Zweifel Euer Leben retten; mißlingt es aber, nun ſo ent⸗ gehe ich wenigſtens dem ſchrecklichen Anblicke, die armen Weiber fkalpirt zu ſehen. Wahrlich, Freund, ich muß durch die Feinde kriechen, wie eine Schlange, und mit Hülfe Gottes und des kleinen Peter, hoffe ich, ſoll es gelingen.“ „Nun denn, ſo geht, und der Himmel ſei mit Euch,“ ſagte 86 Roland, der in ſeiner verzweifelten Lage kein Bedenken trug, das edelmüthige Anerbieten Nathan's zu benutzen.„Unſer Leben ſteht in Eurer Hand. So ermattet denn nicht und zögert nicht, und das Wenige, was ich beſitze, ſoll fortan Euer ſein.“ „Wahrlich, Freund,“ erwiederte Nathan ſtolz,„was ich thue, geſchieht nicht um elenden Gewinns halber, ſondern aus Mitleid gegen die hülfloſen Frauen. Ich werde thun, was ich vermag, und wenn ich erſt glücklich die Feinde hinter mir habe, ſo werde ich eilen und ſchneller als dein Pferd laufen, um zu deinen Freun⸗ den zu gelangen. Spare indeß dein Pulver, und kämpfe tapfer; wenn du das thuſt, wahrlich, ſo werde ich zu rechter Zeit mit ſicherer Hülfe zurückkehren.“ Roland verſprach, ſein Beſtes zu thun, und nun traf Nathan ſeine Anſtalten, ſeine Reiſe anzutreten. Er bedurfte dazu nur weniger Vorbereitungen. Sein Pulver und Blei gab er Roland, ſchürzte ſodann die Schöße ſeines Lederwerks auf, um im Gehen nicht behindert zu ſein, und rief endlich den kleinen Peter herbei, welcher die ganze Zeit über ruhig in einem ſicheren Winkel der Hütte gelegen hatte. So, mit ſeiner Flinte und ſeinem Meſſer bewaffnet, einen einzigen Schuß Pulver im Schrotſack, und vor ſich den kleinen Peter, der ihm zum Wegweiſer diente, ſchickte ſich Nathan mit einer Freudigkeit zu ſeinem gefährlichen Unternehmen, die in Roland's Herzen plötzlich einigen Argwohn erweckte. „Nathan,“ ſagte er, und preßte gewaltſam ſeine Hand,„Ihr werdet doch nicht gehen, um uns für immer zu verlaſſen? Beim Himmel, wenn Ihr uns alſo ſchändlich dem Tode preis geben könntet, würde Gott auch Euch verlaſſen in der Stunde der höch⸗ ſten Noth!“ „Freund,“ erwiederte Nathan ruhig und kalt,„wahrlich, wenn du wüßteſt, was es heißen will, durch ein Lager der Wilden zu ſchleichen, ſo würdeſt du bald einſehen, daß ein Feigling und Ver⸗ räther einen andern Weg zu ſeiner Rettung einſchlagen würde. Bleibe du auf deinem Poſten ſo treu, wie ich auf dem meinigen, und Alles wird gut gehen. Lebe wohl, Freund! Entweder ich falle, und dann werde ich das Wehegeſchrei der armen Frauen nicht hören, oder ich bleibe am Leben, und dann iſt Hülfe und Rettung dir gewiß.“ Mit dieſen Worten ſchüttelte er Roland die Hand, und ging dann mit einem Muthe und einer Selbſtverleugnung an ſein ge⸗ fährliches Werk, die Rolands ganze Bewunderung erweckt haben 87 würde, wenn er ſie in ihrem vollen Werthe zu ſchätzen gewußt hätte. Er warf ſich auf die Erde und flüſterte dem kleinen Peter zu: „Jetzt, Peter, wenn du jemals deinem Herrn getreulich gedient haſt, ſo zeige, was du vermagſt.“ Dann glitt er unhörbar durch die Ruinen hin, und fand ſeinen Weg von Stamm zu Stamm, von Strauch zu Strauch, immer dem Thiere folgend, welches die Rich⸗ tung des einzuſchlagenden Weges zu beſtimmen ſchien. Nach wenigen Augenblicken war Nathan aus dem Geſichtskreiſe Rolands verſchwunden, welcher nun von ſeinen zurückgebliebenen Freunden eine volle Salve auf die Feinde geben ließ, um die Auf⸗ merkſamkeit derſelben von Nathan abzuwenden. Mit wildem Ge⸗ ſchrei wurden die Schüſſe erwiedert, und dieß ſetzte Nathan in den Stand, die ungefähre Stellung der Indianer kennen zu lernen. Noch eine Salve und eine dritte wurde abgefeuert, und nun, nach⸗ dem das Geſchrei und Getümmel vorüber war, lauſchte Roland mit pochendem Herzen in die Nacht hinaus, um den Erfolg von Nathans Wagſtuck wenigſtens muthmaßlich kennen zu lernen. Er horchte auf jedes Geräuſch— aber umſonſt. Man vernahm nichts, als von Zeit zu Zeit das Krachen einer abgeſchoſſenen Büchſe, das Geheul eines Wilden, das Brauſen des Sturms, das Rollen des Donners, und das Rauſchen der Gewäſſer. Sonſt blieb Alles ruhig, und Roland gab ſich ſchon der Hoffnung hin, daß Nathan entkommen ſein möge, als plötzlich ein gellender Schrei, von der Richtung her ertönend, welche Nathan auf der Flucht eingeſchlagen hatte, ſein Herzblut zu Eis erſtarren machte. Ihm ſchien es, als ob Nathan gefangen ſein müſſe, und dieſe Beſorgniß ſteigerte ſich noch, als plötzlich alles Schießen und Geheul aufhörte, und zehn Minuten hindurch eine ſo vollkommene Stille herrſchte, daß man deutlicher als je das Rauſchen des Windes in den Wipfeln der Bäume vernahm. „Sie haben ihn gefangen, den Unglücklichen!“ ſeufzte Roland. HUnſer Loos iſt entſchieden!“ Dieſe Vermuthung ſchien durch ein lautes, jauchzendes Geheul der Feinde beſtätigt zu werden, und im nächſten Augenblicke erfolgte ein Sturm auf die Trümmer, wie von der geſammten Macht des Feindes. Dieß gab Roland ſeine Entſchloſſenheit zurück. „Feuer! Gebt Feuer!“ rief er mit Donnerſtimme ſeinen Ge⸗ fährten zu.„Wenn wir ſterben müſſen, dann wenigſtens wollen wir wie Männer fallen!“ Er ſelbſt befolgte ſein Geheiß, und feuerte ſeine Flinte und 88 ſeine Piſtolen auf die dunkeln Geſtalten ab, welche in die Ruine drangen. Pardon Fertig und der Neger unterſtützten ihn auf's Kräftigſte, indem ſie die übrigen Piſtolen und Flinten abſchoſſen, und dieſe entſchloſſene Vertheidigung bewirkte, daß die Angreifen⸗ den, eingeſchuchtert, ſich wieder zurückzogen. Sie nahmen ihre vorigen Stellungen wieder ein, und unterhielten von dort aus ein unaufhörliches Feuer. Einige der Verwegenſten ſchlichen ſich vor⸗ ſichtig heran, und bargen ſich in einem fernen Theile der Trümmer, von wo aus ſie, ohne ſich in ein Handgemenge einlaſſen zu wollen, den Kampf in einer Weiſe fortſetzten, der Rolands Herz mit der lebhafteſten Beſorgniß erfüllen mußte. Denn ihre Kugeln flogen ſo dicht um das Blockhaus, daß er fürchtete, eine oder die andere mögte die unglücklichen Bewohnerinnen derſelben erreichen. Schon überlegte er, ob es nicht beſſer ſein möge, die Frauen in die nahe geſicherte Schlucht hinab zu geleiten, als auf ein⸗ mal ein Blitzſtrahl, wie er meinte, aus dem näͤchſten Haufen der Feinde ſchoß, über ſeinem Haupte hinweg flog, und jetzt, flam⸗ mend und zitternd, als ein feuriger Pfeil in den Ueberreſten des Daches zitterte. Dieſe Geſchoße, denen immer mehrere folgten, bekräftigten Roland in dem gefaßten Entſchluſſe, die Frauen weg⸗ zubringen, indem ſie zugleich ſeine Beſorgniſſe ſteigerten. Zwar hatte er nicht zu fürchten, daß das feuchte, von Regen getränkte Dach Feuer fangen werde; aber dennoch diente jeder Pfeil, ſo lange er brannte, den Feinden gleich einer Fackel, welche ihnen bald die Hülfloſigkeit der ſchwachen Reiſegeſellſchaft verrathen mußte. Von ſolchen Sorgen erfüllt, führte er die Frauen in die Schlucht, ver⸗ barg ſie unter Felſen und Geſtrüpp, und kehrte dann, obgleich faſt hoffnungslos, doch mit dem feſten Vorſatze in die Ruine zurück, ſein Leben bis auf's Aeußerſte gegen die blutdürſtigen Indianer zu vertheidigen. Auf den erſten Blick bemerkte Roland, daß die feurigen Pfeile noch immer auf das Dach des Blockhauſes abgeſchoſſen wurden. Da ſie jedoch bei der Näſſe deſſelben nur unvollkommen ihren Zweck erfüllten, ſo ſtellten die Indianer bald nachher ihre Verſuche damit ein. Ein beſſerer Verbündeter ſchien ihnen der Mond werden zu wollen, der eben jetzt über den Wald aufſtieg, und von Zeit zu Zeit ſein bleiches Licht durch die zerriſſenen Wolken ſcheinen ließ. Obgleich ſchwach, war es doch immer leuchtend genug, um die ſchwarze Finſterniß zu erhellen, welche bisher der beſte Schutz Rolands und ſeiner Gefährten geweſen war. Roland wußte dieß 89 wohl; gleichwohl aber zeigte er äußerlich Muth und Entſchloſſenheit, obſchon ſeine Seele von bangen Ahnungen erfüllt war. Aller Muth und alle Wachſamkeit konnte indeß dem Feinde den Vortheil nicht rauben, den er durch die Beſetzung der Außen⸗ werke der Ruine errungen hatte. Von hier aus unterhielten vier oder fünf Krieger ein ununterbrochenes Feuer auf die Hütte, wel⸗ ches glücklicher Weiſe nicht mehr viel ſchaden konnte, ſeit die Frauen aus derſelben entfernt worden waren. Wie ſollte es aber werden, wenn die Hütte ſelbſt in ihre Hände fiel? Von der Schlucht aus war kaum eine Vertheidigung möglich, indem ſie vollkommen von der Hütte beherrſcht wurde. Etwa anderthalb Stunden waren nun ſeit der Entfernung Nathans verſtrichen, und von Neuem dämmerte die Hoffnung in Rolands Seele auf, daß er doch wohl den Nachſtellungen der Feinde entronnen ſein könne. „Und wenn er es iſt,“ dachte er,„ſo muß er ſich auch ſchon nahe bei dem Lager meiner Freunde befinden, und es kann nicht lange währen, bis mir und uns Allen die erſehnte Hülfe von dort kommt. Dem Himmel ſei Dank, der Mond verbirgt ſein Licht wieder hinter Wolken, und von Neuem rollt der Donner einher. Könnte ich mich nur noch eine einzige Stunde in der Ruine halten!“ Der Wunſch des jungen Mannes ſchien in Erfüllung gehen zu wollen. Während immer neue Wolken ſich vor dem Monde aufthürmten, begann das Feuer der Feinde matter zu werden und hörte endlich ganz auf. Roland benutzte dieſen Augenblick der Ruhe, um zu dem Fluſſe hinabzuſteigen, und ſich durch einen Trunk Waſſer zu ſtärken, deſſen er bei ſeiner Erſchöpfung dringend bedurfte. Er warf hier ſeine Blicke auf den Strom, deſſen ſchäumende Wellen raſch vorüberbrausten, und ernſtlicher, als jemals, überlegte er, ob er nicht nach dieſer Seite hin ſeine Flucht bewerkſtelligen könnte. Freilich war das Waſſer wild und brauſend; aber der Schlucht gegenüber breitete ſich der Fluß zu einer weiten Fläche aus, in welcher das Waſſer ruhiger ſtrömte und ſicher gefahrlos zu paſſiren geweſen wäre, wenn nicht eine Inſel inmitten des Waſſers ſeinen Abfluß gehemmt hätte. Sie war durch die Wurzeln unzähliger Weiden befeſtigt, und bildete zur Zeit der Anſchwellung, wo ſie mit Treibholz, das ſich in den Bäumen fieng, bedeckt war, einen Wall, an deſſen Seiten der Strom mit raſender Eile vorübertobte, ob ſich ihm gleich, wie es ſchien, keine Felſen widerſetzten. Roland wähnte, ein ſolcher Strom ſei nicht ungewöhnlich furchtbar. Ein guter Schwimmer konnte leicht die erwähnte Inſel erreichen, und von dort aus, wenn der weiteren Flucht Hinderniſſe entgegen ſtehen ſollten, ſich mit Sicherheit gegen Feinde vertheidi⸗ gen, die vom Ufer aus auf ihn ſchöſſen. Sein Herz ſchöpfte Hoff⸗ nung, und er ſann bereits über die Möglichkeit nach, mit ſeinen Gefährten zu Roß der Inſel zuzuſchwimmen, als ein heller Blitz⸗ ſtrahl ihm zeigte, daß die Inſel nur aus hin und her wogenden Baumwipfeln beſtand, deren Stämme tief unter dem angeſchwolle⸗ nen Waſſer verborgen lagen. Zugleich bemerkte er in dem hellen Lichte die Stärke der Strömung in der Mitte des Kanals, und er ſah ein, daß er ſich derſelben nicht anvertrauen dürfe, ohne an den Triebholzſtämmen der Inſel zerſchmettert zu werden. So er⸗ loſch ſchnell der letzte Hoffnungsſtrahl, und ſeufzend ſagte er: „So ſind wir denn wirklich eingekerkert, und der Himmel ſelbſt hat uns verlaſſen!“ Noch ſprach er dieſe klagenden, muthloſen und thörichten Worte, als plötzlich ein kleiner Nachen an der Mündung der Bucht anfuhr, und ſich in den Büſchen deſſelben feſt einkeilte. Ein Mann ſprang heraus, und Roland erſchrak, indem er nichts Anderes glauben konnte, als, die Wilden hätten Mittel gefunden, ihn auch von der Waſſerſeite her anzugreifen. Er raffte ſeinen ganzen Muth zuſammen, ſtürzte, den Säbel in der Hand, auf den Fremdling los, welcher eben beſchäftigt war, ſeinen Kahn am Ufer zu befeſti⸗ gen, und verſetzte ihm einen ſolchen Hieb, wie er meinte, auf den Kopf, daß er ſogleich, ſcheinbar todt, zuſammen ſtürzte. „Stirb, Hund!“ rief er, und hob ſchon den Fuß auf, um die Leiche in das Waſſer zu ſtoßen! als der Schawnee plötzlich ſeinen Mund öffnete und in gutem Engliſch ſchrie:„Ewiger Tod auf Euch, Weißer! Was habt Ihr vor?“ Roland erkannte zu ſeinem Erſtaunen ſogleich die unvergeßliche Stimme Ralph Stackpole's, des Pferdediebes, der hurtig von dem Boden in die Höhe ſprang, und nun, während er ſeinen Hut, den Roland's Schwert mitten durch gehauen hatte, ohne glücklicher Weiſe den Mann zu verletzen, in das Waſſer ſchleuderte, auf ihn losſtürzte, um den Streich zu vergelten, der ihm in böſer Ab⸗ ſicht zugedacht war. Ein neuer Blitzſtrahl ließ ihn jedoch in ſeinem Gegner den Capitain Roland Forreſter erkennen, und er brüllte bei dieſem Anblicke vor Freude laut auf. „Ewiger Tod auf mich!“ kreiſchte er, und klatſchte mit den Händen, während er ſpringend ſeine Ferſen zuſammenſchlug— ———„——,„—„——— „—— 5 91 „ewiger Tod auf mich, Ihr ſeid es, Capitain! Schaut, ich wußte, daß Ihr im Kampfe laget, denn ich hörte das Krachen der Büchſen und das Geheul der Indianer. Ewiger Tod auf mich, dachte ich, du mußt hin und der engelleuchtenden Dame beiſtehen, die dir vom Galgen half! Und nun, Fremder, bin ich hier, und will fechten gegen alle Kreaturen, weiße und rothe, ſchwarze und geſprenkelte, damit der engelleuchtenden Dame kein Leides geſchieht. Bringt mich zu ihr, und, ewiger Tod auf mich, ich will ihre Feinde auf⸗ freſſen und verſchlingen, bis nichts mehr, als Haare und Nägel, von ihnen übrig iſt!“ Roland achtete wenig auf dieſe verwirrten Reden des halb verrückten Menſchen, und fragte ihn nur, auf welche Weiſe er hergekommen ſei. ¹ „Dort im Canve!“ erwiederte Ralph.„Ich fand ihn unter Büſchen verſteckt, hieb mir im Nu mit dem Tomahawk ein Ruder zurecht, ſprang hinein, dachte an die engelleuchtende Dame, und ſchoß blitzſchnell den Strom hinunter, wie eine Waſſerfliege. Ewiger Tod auf mich, Fremder, da bin ich, aber nicht hergekommen, um zu ſchwatzen, ſondern nur, um Euch zu zeigen, daß ich wie ein Hund ſterben kann für die engelleuchtende Dame. Wo iſt ſie, Fremder? Laßt ſie mich ſchauen, damit die Wuth des Wolfes über mich kommt, und ich unter die Rothhäute ſpringe, wie ein Tiger unter Lämmer!“ Roland gab ihm keine Antwort, ſondern führte ihn ohne Wei⸗ teres zu den Frauen, welche auf dem nackten Felſen ſaßen, und im Gefühl ihres Unglücks bitterlich weinten. „Ewiger Tod auf mich,“ brüllte Ralph, als er Editha's bleiches Geſicht ſah, wenn mich ſolch' ein Anblick nicht zum Panther macht, ſo möge ich ſelber mit Haut und Haar verſchlungen wer⸗ den! O, engelleuchtende Dame, blickt auf und ſagt nur ein Wort, denn ich bin bereit, wie eine wilde Katze zu fechten. Seid frohen Muthes, und vergeht nicht im Leiden! Denn bin ich nicht Ralph Stackpole, Euer Sclave? Bin ich nicht gekommen, um Alles auf⸗ zufreſſen, was wider Euch iſt, Mingo, Schawnee, Delaware und Alles? O, engelleuchtende Dame, ſterbt nur jetzt nicht, ſondern blickt auf, und ſeht, wie ich ſie verſchlinge.“ „Mann, keine Worte mehr,“ ſagte Roland, der trotz ſeines Widerwillens gegen den Pferdedieb doch erfreut über ſeinen Eifer war.„Zeigt Eure Dankbarkeit durch Thaten, und ſagt mir um's Himmels willen, wie es Euch gelang, dieſen Platz zu erreichen, und ob Hoffnung da iſt, daß wir ihn wieder verlaſſen können?“ Nach vieler Mühe brachte Roland den Burſchen dahin, daß er erzählte, und es zeigte ſich nun, daß dieſer Tag für den Pferde⸗ dieb eben ſo ereignißreich und unglücklich geweſen war, wie für den jungen Kriegsmann. Ralph hatte ſich kaum aus ſeiner gefährlichen Lage befreit geſehen, als das junge Pferd, welches er ritt, ihn abgeworfen hatte und nach ſeiner Heimath zurückgalopirt war. Er verfolgte es eine ganze Weile, aber ohne allen Erfolg, und mußte daher ſeine Abſicht, es wieder zu erlangen, aufgeben. Die Nacht überfiel ihn, als er am Ufer des Fluſſes ankam, und da derſelbe gar zu ungeſtüm tobte, wagte er es nicht, darüber zu gehen. Er machte daher ein Feuer am Wege an, in der Abſicht, dort die ganze Nacht über zu campiren. „Menſch!“ rief Roland aus,— alſo Euer Feuer war es, das uns am Ueberſetzen des Fluſſes hinderte, weil wir es für ein Indianerfener hielten?“ „Indianer, ſagt Ihr, und habt Recht,“ entgegnete Stackpole ganz unbefangen;„ich ſah einen Haufen über die Furth ſchleichen, und gerade, wie ich auf ſie anlegte und zwei auf einen Schuß zu fällen dachte, ſchießt Einer hinter mir, Tod und Vernichtung treffe ihn, und jagt mich aus meinem Verſteck. Wohlan, Fremder, ich ſprang hurtig in das Gebüſch und machte mich davon, denn ich glaubte, die ganze Schaar wäre hinter mir. Und ſo ſpringe ich ſchnell zu meiner Schlucht, und kollere, Kopf oben, Kopf unten, den Felſen hinunter. Und, ewiger Tod auf mich, als ich mir noch den Kopf kratzte, hörte ich die Flinten vom andern Ufer her knallen und dachte gleich an die engelleuchtende Dame. Und, Fremder, ewiger Tod auf mich, während ich darüber grüble, was anzufangen, fällt mir der Canve in's Auge, und ich ſpringe bei'm Scheine der Blitze hinein und rudere fort, bis ich endlich unter Gefahren, unter Tod und Maſſakrirung, hieher gelange. Und wenn Ihr mich fragt, warum? So antworte ich, bloß wegen der engelleuchtenden Dame hier, deren Sclave ich bin. Ja, Fremdling, ewiger Tod auf mich, ich will mit den Schawnee's fechten und für ſie ſterben, als wenn der Tod ein Freudeneſſen wäre!“ „Elender,“ rief Roland, deſſen ganzer Groll gegen den Pferde⸗ dieb wieder erwachte, da er einſah, daß deſſen Anweſenheit an der Furth und ſein zur Unzeit angezündetes Feuer ihn in die jetzige bedrängte Lage gebracht hatte,—„Elender,“ wahrlich, Ihr ſeid —————— 8—- S—— r — 93 zu unſerem Verderben geboren! Ohne Euch wäre meine arme Schweſter jetzt in Sicherheit! Hätte ſie Euch an der Buche haͤngen laſſen, ſo würdet Ihr nicht am Fluſſe geweſen ſein, um uns die einzige Rettung abzuſchneiden, während die blutdürſtigen Schawnee's uns auf dem Fuße folgten.“ Dieſer Vorwurf machte Stackpole zuerſt mit dem Umfange des Elendes bekannt, welches er, freilich vhne Wollen und Abſicht, über ſeine Wohlthäterin gebracht hatte. Seine Gefühle ſteigerten ſich zur höchſten Reue und Verzweiflung, und leidenſchaftlich warf er ſich vor Editha auf die Knie. „Ewiger Tod auf mich,“ ſchrie er,„wenn ich die Kreatur bin, die ſie in Gefahr ſtürzte, ſo bin ich auch die Kreatur, ihr wieder herauszuhelfen. Ewiger Tod, wo ſind die Hunde von Indianer? Ich will ſie verſchlingen!“ Bei dieſen Worten ſprang er wieder auf, brüllte, wie beſeſſen, rannte in die Ruine, ſprang hierhin und dorthin, und wiederholte ſein lautes Gebrüll ſo unaufhörlich, daß der lauernde Feind es nicht lange ohne Antwort ließ. „Hört, Ihr langbeinigen, ewig⸗zeitlichen, ſchlangenköpfigen Hundsgeſichter,“ brüllte er von einem Trümmerhaufen vor der Hütte herab, in welche Roland ihm ſchnell gefolgt war,—„hört, Ihr kahlköpfigen, geräucherten, ſtinkenden Rothhäute! Ihr Neger⸗ brut! Ihr Waſchbären, Krötengezücht und Gewürme! Hört, Ihr Schufte, die Ihr die engelleuchtende Dame zu erſchrecken Euch er⸗ frecht, hört, wie ich Euch zum Kampfe herausfordere! Hervor, und zeigt Eure Skalpbüſchel! Ich bin der Mann, ſie zu nehmen, ich, der Alligator vom Salzfluſſe! Kikeriki! Kikerikiki!“ Mit ſolchem Gekrähe ſchloß der würdige Pferdedieb ſeine Her⸗ ausforderung, welche eine große Aufregung unter den Indianern hervorbrachte. Ein wüthendes Gebrüll erhob ſich, und man hörte Stimmen, welche in gebrochenem Engliſch und mit wilder Haſt riefen:„Wir ihn kennen! Er Hundeſchurk! Er Stackpole, der In⸗ diſch Pferdedieb!“ Dieſen Worten der Wuth folgten alsbald Flintenſchüſſe gegen den gefürchteten Feind der Pferde, welcher ebenfalls ſeine Büchſe krachen ließ, und jeden Schuß mit einem Gejauchz und Geheul begleitete, das an Energie ſelbſt dem Zorngeſchrei der Indianer überlegen war. Dabei trotzte er ſtandhaft den Kugeln der Feinde, und würde noch lange in ſeiner ausgeſetzten Stellung geblieben ſein, wenn Roland ihn nicht von dem Trümmerhaufen herabgezogen und in das Blockhaus zu den übrigen Vertheidigern gezerrt hätte. Hier ſetzte er indeß die begonnenen Feindſeligkeiten unaufhörlich fort, indem er mit erſtaunlicher Behendigkeit ſeine Flinte lud, und jeden Schuß mit einem Gebrülle begleitete, als ob er allemal zehn Feinde niedergeſtreckt hätte. Roland beobachtete ihn mit Erſtaunen und nicht ohne Zufrie⸗ denheit. Bald aber fing er zu fürchten an, daß der unheilbrin⸗ gende Einfluß Ralphs noch immer nicht ſeine Wirkſamkeit verloren habe, indem die Wilden durch die Entdeckung von ſeiner Anweſen⸗ heit zu verdoppelter Wuth gereizt worden waren. Sie erneuerten ihre Angriffe, ihr Feuer wurde lebhafter, ihr Gebrüll immer wilder und blutdürſtiger, und ſie drängten näher und immer näher an die Ruinen heran. Die Lage der Beſatzung wurde bald ſo gefährlich, daß Roland, der einen allgemeinen Sturm fürchtete, insgeheim die Ruine verließ, und unter den Felſen am Eingange der Schlucht Schutz ſuchte. Die Feinde, welche von der plötzlichen Räumung des Platzes nichts wußten, und ohne Zweifel glaubten, ſie hätten die Verthei⸗ diger nur in das Innere getrieben, feuerten jetzt ein Dutzend Salven gegen das Blockhaus ab, ohne Zweifel, um den allgemeinen Sturm, welchen Roland fürchtete, vorzubereiten. Dieſer wandte ſich nun an Stackpole, und fragte ihn, ob er es nicht für möglich halte, 6 Frauen in ſeinem Nachen an einen ſichern Zufluchtsort zu ringen. „Ewiger Tod auf mich!“ rief Stackpole!—„es iſt ein ſchwie⸗ rig Ding, aber ich bin der Mann dazu, und ich will die engel⸗ leuchtende Dame hinunter führen!“ „Und warum habt Ihr das nicht früher geſagt?“ fragte Roland. „Ei, ewiger Tod auf mich, weil ich zuerſt für fie fechten wollte!“ rief Stackpole. Nun nur noch einen Schuß auf die Beſtien, und dann, Fremdling, ſoll es fortgehen. Aber das ſage ich Euch vorher, eine Luſtfahrt wird's nicht, und die Pferde werden nur ſchwierig durch den Strudel zu bringen ſein!“ „Denkt nicht an uns, und nicht an die Pferde,“ erwiederte Roland.„Nur die Frauen gerettet, und ich bin zufrieden. Wir Uebrigen wollen die Schlucht vertheidigen, bis Hülfe kommt, was nicht lange währen kann, wenn anders Nathan noch am Leben iſt. Ohne weitere unnütze Worte eilte Ralph an die Furth hinab um den Nachen zur Rettung der Frauen in Bereitſchaft zu ſetze während Roland ſeine Gefaͤhrten Kaiſer und Pardon Fertig auf⸗ ———— n MN S—* 95 forderte,, ſich männlich und ſtandhaft gegen die Angriffe der In⸗ dianer zu vertheidigen. Zehntes Kapitel. Die Gefangennahme. Das Brauſen des Stromes, verbunden mit dem Rollen des Donners, das jetzt wieder immer lauter und heftiger ertönte, mach⸗ ten Roland erbangen, als er ſeine Schweſter von der Erde aufhob, um ſie in den Kahn hinab zu tragen. Und ſeine Angſt minderte ſich nicht, als er das Fahrzeug in genaueren Augenſchein nahm und bemerkte, daß es bei ſeiner Kleinheit kaum das Gewicht ſeiner Reiſegefährten tragen zu können ſchien. Außerdem war es nur plump gebaut, ein bloßer an beiden Enden zugeſpitzter, ausgehöhlter Baumſtamm, der mehr wie ein Trog, als ein Nachen ausſah. Wenn Roland die Hoffnung gehegt hatte, ſelbſt mit den Männern in dem Kahne zu entfliehen, ſo mußte er ſie jetzt aufgeben, denn kaum die Frauen konnten allenfalls in ihm gerettet werden. Er beſchloß daher, daß nur Editha und Lelie den Kahn be⸗ ſteigen ſollten, während ſich die Uebrigen der Sicherheit ihrer Pferde anvertrauen müßten. »Und nun vorwärts, Leute,“ rief Stackpole den Männern zu, welche ſich nach und nach ganz an den Fluß hinabgezogen hatten. „Wenn Ihr reiten wollt, ſo gebt mir Eure Flinten herein, und macht ſchnell, denn, ewiger Tod auf mich, die Schurken ſtürmen bereits die Hütte!“ Wenn Roland wirklich den Gedanken gehegt hatte, den Platz bis zur Ankunft Nathans zu halten, ſo gab er ihn jetzt völlig auf. Während Ralph noch ſprach, flogen Feuerbrände durch die Luft, und fielen durch das verwitterte Dach in das Innere des Blockhauſes hinein, es halb mit ihrem Scheine beleuchtend. Mit furchtbarem Jauchzen ſtürmten die Wilden hinterher. Aber im nächſten Augen⸗ blicke vernahm man das wilde Geſchrei getäuſchter Wuth und des Erſtaunens, und Schritte erſchallten, welche ſich eilig der Schlucht näherten. „Vorwärts!“ ſchrie Ralph.„Fremdlinge, haltet Euch dicht am Nachen, wenn Euer Leben Euch lieb iſt.“— Der Kahn ſtieß ab; Roland, das Pferd ſeiner Schweſter ——— am Zügel führend, trieb ſeinen Briareus an, in die ſchäumenden Fluthen zu ſetzen, und rief Pardon Fertig und Kaiſer zu, ſeinem Beiſpiele zu folgen. Ob dieß aber geſchah, vermochte er nicht zu beurtheilen; denn im nächſten Augenblicke befand er ſich mitten in den ſtürzenden Wirbeln des Waſſers, ein heller Blitz, dem die dichteſte Finſterniß folgte, zuckte über den Himmel hin und blendete ihn, und die Strömung wirbelte ihn unaufhaltſam fort, während der furchtbar krachende Donner jedes andere Geräuſch verſchlang, als das immer wilder ertönende Gebrauſe der Wellen. Ein zweiter Blitz flammte, und bei ſeinem Scheine ſah Roland, wie er durch die Gewäſſer flog, fortgeriſſen von dem wüthenden Strome zwiſchen zwei hohen Mauern, welche durch Felſen und angeſchwemmtes Triebholz gebildet wurden. Er bebte in Entſetzen zuſammen; denn dieſe finſtern und ſchroffen Mauern an beiden Seiten und der ſchäumende Abgrund zwiſchen ihnen waren ein Schauſpiel, welches das feſteſte Herz zu erſchüttern vermochte. Roland haſchte nach Athem, als er den Kahn in den engen Strudel ſchießen, und im nächſten Momente, ehe noch der Schimmer des Blitzes erloſchen war, verſchwinden ſah, als ob er von dem kochen⸗ den Strudel verſchlungen worden wäre. Aber in dieſen ſchrecklichen Momenten blieb ihm nicht viel Zeit zur Beſorgniß und Ueberlegung. Er ließ den Zügel los, an welchem er das Pferd ſeiner Schweſter gehalten, wendete den Kopf ſeines Briareus dem Abgrunde zu, ſchoß im nächſten Augenblicke in völ⸗ liger Finſterniß und mit der Schnelligkeit eines Pfeils zwiſchen den einengenden Wänden hin, und fand dann auf einmal, daß ſein Roß in vergleichungsweiſe ruhigem Waſſer ſchwimme. Ein neuer Blitz erhellte Felſen und Strom, und er ſah kaum fünfzig Ellen vor ſich, den kleinen Nachen in völliger Sicherheit tanzen, während der Pferdedieb Stackpole laut jauchzte und ſein Ruder freudig über dem Kopfe ſchwang. Noch tönte das luſtige Hurrah des brullenden Ralph, als Roland hinter ſich ein ſchreckliches Geſchrei vernahm, welches ſelbſt das Getöſe des brandenden Stroms übertäubte. Es dauerte nur einen kurzen Moment, und wenn es ein vom Todeskampfe erpreßter Schrei war, ſo hatte die Qual nicht lange dauern können. Roland bemerkte ſogleich die Urſache; denn als er im erſten Drange, Hülfe zu leiſten, den Kopf ſeines Pferdes ſtromaufwärts richtete, bemerkte er bei dem Lichte eines ſchwächeren Blitzes zwei oder drei dunkle Gegenſtände, den Körpern von Pferden ähnlich, fortgetrieben von 6 97 den Wellen, während eine menſchliche Geſtalt dicht neben ihm aus der Tiefe des Stroms auftauchte. Er packte dieſelbe mit ſtarker Hand, riß ſie über ſeinen Sattelbug, und überzeugte ſich durch den Augenſchein, daß er das Leben ſeines treuen Negers, des alten Kaiſers, gerettet hatte. Halt dich feſt am Sattel!“ rief er ihm zu; und während der Schwarze mit inſtinktmäßiger Haſt gehorchte, wendete ſich Ro⸗ land wieder ſtromabwärts, um abermals nach dem Kahn auszu⸗ ſchauen. Im nächſten Augenblicke jedoch faßte ſein Pferd feſten Grund und Boden, und Roland bemerkte zu ſeiner unausſprech⸗ lichen Freude, daß er an einer vorragenden Bank gelandet war, an welche der Sturz der Wellen auch den leichten Nachen getrieben hatte. „Wenn das nicht gleich einem Wetterſtrahle durch den Strom geſchoſſen heißt, ſo ſoll man mich einen Bullfroſch nennen!« jauchzte Ralph Stackpole dem Capitain entgegen.„Immer ſtröme hin, du wüthendes Waſſer! Ich bin der Mann für dich und kann dich verſchlingen, wenn es die Rettung der engelleuchtenden Dame gilt. Und nun, was die Indianer angeht,— ewiger Tod auf mich!— ſo mögen ſie meinetwegen dem Fluſſe ſeinen Skalp nehmen, denn die Unſrigen werden ſie ſchwerlich bekommen!“ Rolands erſte Bewegung war, ſeine glücklich gerettete Schwe⸗ ſter in die Arme zu ſchließen, und dann ſah er ſich nach Pardon Fertig um, von welchem nirgends eine Spur zu ſchauen war. Er rief laut ſeinen Namen; aber ſtatt einer Antwort ertönte nur das Gebrüll des Waſſers und das Rollen des Donners. Auch der alte Kaiſer wußte keine Nachricht über ihn zu ertheilen. Er erin⸗ nerte ſich nur, daß ihn die Strömung gegen die Baumſtämme getrieben hatte, wo er die Beſinnung verlor und nicht eher wieder zu ſich kam, als bis er ſich von der Hand ſeines Herrn ergriffen fühlte. Roland vermuthete daher zu ſeiner Betrübniß, daß der arme Pardon Fertig den Tod in den Wellen gefunden haben müſſe. Dieſe Anſicht wurde noch dadurch beſtärkt, daß von den fünf Pferden nur drei das Ufer erreicht hatten, der Briareus, und die Pferde ſeiner Schweſter und des muthmaßlich verunglückten Fertig. Die Uebrigen waren entweder an den Felſen und Triebholzſtämmen zerſchmettert, oder von den Gewäſſern fortgeriſſen worden. Dieſe Verluſte betrübten Roland, aber er hatte keine Zeit, ſich lange darüber zu beklagen. Denn ſeine Reiſegefährten konnten noch keineswegs als gerettet angeſehen werden, und er mußte eilen, Gefahren der Wildniß. 7 *—* —— ſie noch vor Tagesanbruch an einen ſichern Ort zu geleiten. Ralph erbot ſich, die Reiſenden nach einer ſicheren Furth weiter unten zu genen Auswanderer zu bringen. Dieſer Vorſchlag wurde einſtim⸗ g angenommen. Roland hob ſeine Schweſter auf ihren Zelter, Telie Doe auf das Pferd des verunglückten Pardon Fertig, gab ſeinen Priareus dem völlig erſchöpften Neger, und ſchickte ſich an, für ſeine Perſon die Reiſe zu Fuß fortzuſetzen. Er übernahm die Nachhut, winkte Ralph Stackpole, den Zug anzutreten, und aber⸗ mals drangen die Reiſenden in die vielverſchlungenen Wildniſſe des Urwaldes ein. bemerkt haben, Wolken bedeckt geweſen wäre. Sie mu Minuten der noch herrſchenden bruch des Tages dem Bereiche der argliſtigen Indianer zu entgehen. ſten Kräfte an, und obgleich dichtes Geſtrüpp und ſchlammige Sumpfſtellen ihnen mancherlei Hinderniſſe entgegenſetzte, behauptete Ralph dennoch, daß die verlaſſenen Ruinen wenigſtens eine Weg⸗ ſtunde weit hinter ihnen lägen, als endlich der Tag in den dichten Forſt eindrang. Die Reiſenden athmeten froh auf, und ihre freu⸗ dige Zuverſicht mehrte ſich noch, als die Wolken ſich plötzlich zer⸗ theilten, und die Sonne in ihrer ganzen ungetrübten Herr vom Himmel hernieder leuchtete. ſich zwiſchen dem Röhricht und Moräſten durchzuarbeiten, welchen er vor dem offene handelte er hierin klug und mit E indianiſche Kundſchafter zu ſtoßen, in dieſem Falle übertrieben war. Für ihn ſelbſt un wäre es ein Glück geweſen, wenn er, Stunde der Flucht, auf dem geradeſten Wege davon geeilt wäre, anſtatt in den faſt ungangbaren Moräſten eine zu verlieren. n und ſie von dort aus an den Lagerplatz der vorausgegan⸗ Als der neue Weg begann, war der Morgen bereits im An⸗ und man würde die erſten Lichtſtreifen am öſtlichen Himmel wenn nicht der Himmel noch immer mit dichten ßten daher die wenigen Dunkelheit benutzen, um vor An⸗ Alle, ſo erſchöpft ſie auch bereits waren, ſtrengten ihre äußer⸗ lichkeit Abermals verging eine Stunde, welche Ralph dazu benutzte, n Walde den Vorzug gab. Und in der That inſicht; denn die Gefahr, auf war im Hochwalde unbedingt er, als in dieſem finſteren pfadloſen Geſtrüpp.— Bei alledem zeigte ſich nur zu vald, daß Stackpole's Schlauheit d für die Uebrigen wenigſtens in der erſten koſtbare Stunde Die Flüchtlinge kamen jetzt aus dem Geſtrüppe hervor, und betraten einen engen Pfad, den die Büffel zwiſchen verkrüppeltem 99 Geſträuch und verſengtem Graſe ausgetreten hatten. Er führte in eine tiefe Schlucht hinab, wo ſie das Gemurmel und das ſchim⸗ mernde Waſfer des Fluſſes, über welchen ſie ſetzen mußten, hören und ſehen konnten. „Ewiger Tod auf mich, engelleuchtende Dame!“ ſchrie Ralph jauchzend,—„da iſt er, und kaum ſo tief, um Euch den Schmutz von den zarten Sohlen abzuwaſchen. Jetzt haben wir gewonnen, und können die indianiſchen Schufte tüchtig auslachen. Kikeriki! Kikerikiki!“ Mit dieſem Geſchrei, das hell und laut durch die Wildniß er⸗ ſcholl, wollte ſich Ralph eben dem Abhange des Fluſſes nähern, als plötzlich ſein Jubel verſtummte, und einem Schrei des Schreckens Platz machte. Eine Flintenkugel, kaum ſechs Ellen von ihm aus dem Gebüſch abgeſchoſſen, pfiff durch ſein Haar, und nahm einige Büſchel davon mit ſich fort. Zu gleicher Zeit fielen noch ein Dutzend andere Schüſſe auf die übrigen Mitglieder der erſchrockenen Reiſe⸗ geſellſchaft, und vierzehn oder fünfzehn Wilde ſprangen mit lautem Geſchrei hinter den Buͤſchen vor, wo ſie ſich bis dahin verborgen gehalten hatten. Drei von ihnen ergriffen den Zügel von Editha's Pferde; die doppelte Anzahl warf ſich auf Roland Forreſter, und ehe er nur eine Hand zu ſeiner Vertheidigung heben konnte, ſah er ſich bereits niedergeriſſen und hülflos gebunden. Dem beſtürzten Ralph ſchien es nicht beſſer gehen zu wollen. Vier Indianer ſtürzten mit geſchwungenen Meſſern auf ihn, und riefen jauchzend:„Haben Euch nun, Pferdedieb! Haben Euch, Captain Stackpole! Und nun nicht mehr fortlaſſen! Euch braten an groß mächtig Feuer!“ „Ewiger Tod auf mich,“ brüllte Ralph,„ſo ſchnell geht das nicht!« Er feuerte ſeine Büchſe auf's Gerathewohl gegen die Wilden ab, ſprang dann mit Einem Satze in das nächſte Gebüſch, wo ſich ein ziemlich ſtarker Abhang befand, und rannte mit der Schnelligkeit eines Hirſches davon. Schüſſe knallten ihm nach, und drei bis vier Indianer verfolgten ihn unverzüglich. Ihr Geſchrei, das in immer weiterer Ferne verhallte, miſchte ſich in den lauten Siegesjubel, in welchen nun die auf der Höhe zurückgebliebenen Wilden ausbrachen. Roland war wie betaäubt; er ſah wie der alte Kaiſer blutig unter die Füße der Indianer getreten wurde, wie man ſeine todt⸗ blaſſe ohnmächtige Schweſter vom Pferde riß, und eine grimmige Wuth erfüllte ſo ganz ſein Herz, daß er rieſenhafte, aber vergeb⸗ 78 liche Anſtrengun Er erreichte dadurch ni ein barbariſches Vergnügen daran fanden, ihn ſich ſo umſonſt quälen zu ſehen. Gleichwoh ihm ſeine Hände mit einem Riemen von dem Rücken, vorbehalten. Er ſah, wie Schweſter vor Entſetzen entſtellt war, den er ihr doch nicht zu ge⸗ ———.— gen machte, um ſich von ſeinen Feſſeln zu befreien. chts, als den Hohn ſeiner Feinde, welche l verdoppelten ſie ſeine Feſſeln, und banden Buffelleder ſo feſt auf daß er vor Schmerz beinahe laut aufgeſchrieen hätte. Aber noch ganz andere, und bitterere Schmerzen waren ihm das bleiche Antlitz ſeiner geliebten ſah, wie ſie um Hülfe fle⸗ hend ihren Arm nach ihm ausſtreckte, währen vermogte, ſah die rohe Freude der herzloſen und grauſamen Wilden, und erwartete jeden Augenblick, daß man den Kopf des zarten Weibes mit dem Tomahawk zerſchmettern werde. Er wollte um Gnade und Erbarmen flehen, aber das Entſetzen lähmte ſeine Stimme, und ſeine Sinne vergingen ihm. Eine Ohnmacht breitete ihre dunkeln Fittige über ihn aus, und er verſank in eine gänzliche Bewußtloſigkeit, in welcher er eine Zeitlang liegen blieb, ohne glücklicher Weiſe zu bemerken, was rings um ihn her vorging. Elftes Kapitel. Per Perſuch zur Reitung⸗ Als Roland wieder zu ſich kam, hatte ſich die Scene um ihn her gänzlich verändert. Der laute hohnvolle Jubel der Wilden war verſtummt, und nichts ſtörte die tiefe Stille der Wildniß, als das Rauſchen des Laubes im Winde und das leiſe murmeln der plät⸗ ſchernden Wellen. Die Wilden ſelbſt waren verſchwunden, und als Roland umherſchaute, entdeckte er kein lebendes Weſen, als einen Haupte in den Zweigen umher⸗ kleinen Vogel, der über ſeinem ungen Kriegers waren jedoch noch hüpfte. Die Bewegungen des immer durch die Feſſeln gehemmt, und der ſchreckliche Gedanke ſtieg daher in ihm auf, daß die Wilden die grauſame Abſicht haben könnten, ihn hier in der Wildniß einſam und hilflos verſchmachten zu laſſen. Dieſe Befürchtung dauerte jedoch nicht lange; denn als er eine machte, um ſich von ſeinen Banden zu verzweifelte Anſtrengung befreien, fühlte er eine rauhe Fauſt an ſeiner Kehle, und eine tiefe Stimme flüſterte in ſein Ohr: 101 „Langmeſſer ſtill liegen! Sehen, wie Piankiſchaw die Brüder Langmeſſer's tödtet! Piankiſchaw großer Krieger.“ Roland drehte mühſam den Kopf herum und ſah im Gebüſch hinter ſich einen wildausſehenden, grimmigen, alten Krieger, deſſen Blick ihn bald mit der kalten Grauſamkeit einer wilden Katze beob⸗ achtete, bald wieder ſich nach dem Bergabhange richtete, wo irgend etwas Wichtiges im Werke ſein mochte. Roland, der noch immer ganz verwirrt und beſtürzt war, wollte einige Fragen an ſeinen Wächter richten, öffnete aber kaum den Mund, als dieſer ein blankes Meſſer auf ſeine Kehle ſetzte und nachdrücklich ſagte:„Wenn Langmeſſer ſprechen, er ſterben! Pian⸗ kiſchaw fechten mit Langmeſſer's Brüder! Piankiſchaw großer Krieger!“ Roland ſchwieg, und überließ ſich ſeinen Gedanken, die eben nicht die erfreulichſten ſein konnten. Er wurde aber bald durch ein fernes, trappelndes Geraͤuſch davon abgezogen, das er anfänglich für das Geſtampf einer nahenden Büffelheerde hielt, bald aber bemerkte, daß es von Pferden herrühren müſſe, die eilig den ſtei⸗ nigen Pfad heran ſprengten, auf welchem er gefangen genommen war. Sein Herz pochte in froher Hoffnung. Denn wer anders konn⸗ ten die Reiter ſein, als eine Schaar tapferer Kentuckier, welche vielleicht von Nathan zu ſeiner Hülfe herbeigerufen waren? Mit Leichtigkeit konnte er ſich nun das Verſchwinden der Indianer er⸗ klären, die ohne Zweifel bei Annäherung des Streithaufens ihre Verſtecke wieder aufgeſucht hatten. „Aber verbergt Euch nur, Ihr Unholden,“ murmelte er grim⸗ mig;„dießmal werdet Ihr nicht entkommen, wo Ihr es mit ta⸗ pfern Männern, und nicht mit erſchrockenen flüchtigen Frauen zu thun habt!“ In der Aufregung ſeiner Gefühle verſuchte er es, den Kopf in die Höhe zu heben, um ſobald als möglich die nahenden Freunde zu erblicken. Wider ſein Erwarten wurden ſeine Bemühungen von dem Wilden unterſtützt, der ihn in die bequemſte Lage brachte, und mit ſchrecklichem Hohne ſagte:„So, jetzt du können ſehen, wie Piankiſchaw die Skalpe der Langmeſſer, deiner Brüder, nimmt! Piankiſchaw großer Krieger, Langmeſſer nichts!“ Mehrere Male wiederholte der Indianer dieſe Worte, während Roland aufmerkſam die Gegend betrachtete, welche muthmaßlich bald der Schauplatz eines grimmigen Kampfes werden mußte. Der Berg, über welchen der Büffelpfad hinweg führte, war beinahe 102 ganz von Bäumen entblößt; nur hie und da ſtanden im Graſe einige verkrüppelte Cedernſtämme, während an vielen Stellen der Boden tiefe Riſſe und Spalten zeigte, welche den Bewegungen der Reiter nothwendig hinderlich ſein mußten. Die Wilden lauerten mitten auf dem Abhange, wo es nur wenige Bäume gab, welche den Angreifenden Schutz gewähren konnten, während Jene eine ſo gute, durch Felſen und Gebüſch gedeckte Stellung eingenommen hatten, daß ſie den Andringenden vielen Schaden zufügen konnten. Gleichwohl empfand Roland faſt gar keine Beſorgniß über den Ausgang des bevorſtehenden Kampfes. Die Zahl der Wilden konnte ſich ſeiner Anſicht nach kaum auf fünfzehn oder ſechszehn Krieger belaufen, während ſeine Freunde gewiß in zahlreicher Menge herankamen. Wie groß war nun ſeine Enttäuſchung, als die Schaar aus den Wäldern vordrang und ſeine Augen nur ein kleines Häuflein junger Leute zeigte, die in ſo großer Eile herannahten, als ob ſie gar keine Ahnung von dem ihnen gelegten Hinterhalte hätten. In dem Anführer erkannte er ſogleich den jungen Tom Bruce, welchem etwa zehn Jünglinge folgten, wohl bewaffnet und Alle mit Flinten verſehen, die ſie zum augenblicklichen Gebrauche bereit hielten. In der Angſt, daß ſie dem Feinde geradezu in die Hände liefen, ver⸗ gaß Roland ſeine eigene ſchlimme Lage, und ſchrie ſo laut er konnte:„Hütet Euch vor dem Verſteck! Halt!“ Mehr Worte konnte er nicht ſprechen, denn ſein Wächter packte ihn bei der Kehle und ſchien ganz geneigt, ihm ſein hoch geſchwun⸗ genes Meſſer in die Bruſt zu ſtoßen. Doch bemerkte Roland zu ſeiner Freude, daß ſein Ruf wenigſtens nicht ungehört verhallt war. Die Kentuckier machten augenblicklich Halt, und Roland ſah ſie von ihren Pferden ſpringen, welche von Einem der jungen Leute unverzüglich hinter den Rücken des Berges geführt wurden. Jetzt ſchwang Tom Bruce ſeine Flinte, deutete mit der Hand nach dem Hinterhalte der Wilden hinunter, und rief ſeinen Gefährten zu: „Nun, meine Jungen, dort ſind die armen gefangenen Weiber und die Rothhäute. Kämpft zur Ehre von Kentucky und den Frauen zu Liebe. Jeder Mann nach ſeinem Buſch, und jede Kugel auf eine Rothhaut! Treibt die Beſtien aus ihrem Verſteck hervor!“ Dieſe Anrede wurde durch ein lautes Jauchzen der jungen Männer erwiedert, welche hierauf den Befehlen ihres Anführers gehorchten. Sie vertheilten ſich, und kaum ſahen dieß die India⸗ ner, ſo feuerten ſie aus den Büchſen in der Nähe Rolands eine 6 103 Salve von ſechs oder ſieben Schüſſen ab, welche jedoch aber keinen Schaden verurſachten. „Dort ſind die Hunde!“ ſchrie Tom, als er mit ſeinen Ge⸗ fährten hinter die nächſten Büſche ſprang.„Zeigt ihnen, daß Ihr Männer ſeid!“ „Langmeſſer großer Narr!“ ſchrie der alte Krieger, welcher Roland bewachte.„Piankiſchaw ſie freſſen!“ Mit dieſen Worten eilte er davon, um ſich ſeinen Gefährten zuzugeſellen, und überließ es Roland, ſich in ſeinen Feſſeln zu tröſten, ſo gut er konnte. Der Kampf, welcher jetzt erfolgte, hatte für den jungen Kriegs⸗ mann etwas ganz Neues und Eigenthümliches. In allen Gefechten, denen er beigewohnt hatte, ſtanden ſich die feindlichen Schaaren offen gegenüber, ſo daß ſie ſich einander in's Auge ſchauen konnten. Hier aber ſah Niemand ſeinen Feind, indem beide Partheien im Graſe verſteckt lagen, und ſich durch Fels und Geſtraͤuch ſo ſorg⸗ fältig verbargen, daß man nur durch das gelegentliche Abfeuern einer Büchſe ihre Anweſenheit gewahr wurde. Ueberdieß focht hier Jeder für ſich, während in den Schlachten der Weißen Maſſe gegen Maſſe ſtand, und aus der Unterſtützung des nächſten Kameraden immer neuen Muth und neue Zuverſicht ſchöpfte. Roland meinte, daß bei einem Kampfe, wie dem bevorſtehen⸗ den, keiner Partei großer Schaden zugefügt werden könne; aber es dauerte nicht lange, ſo kam er von dieſem Irrthum zurück. Die Kämpfenden krochen einander, ſich immer ſorgfältig gedeckt haltend, näher und näher, und die Schüſſe, welche anfangs nur ſpärlich fielen, krachten jetzt immer häufiger. Auch bewies dann und wann das Jauchzen eines Indianers, oder der wilde Kriegsruf eines Kentuckymanns, daß auf beiden Seiten das Kampfesfeuer in leb⸗ haftem Zunehmen begriffen war. Zu gleicher Zeit bemerkte Ro⸗ land, daß beide Parteien ſich in eine breite Linie ausdehnten, und er ſchloß daraus, daß die Kentuckier nicht gemeint ſeien, ihren Rücken und Flanke bloß zu ſtellen, ſondern vielmehr entſchloſſen waren, ihren Gegnern auf alle Weiſe und unter jeden Verhält⸗ niſſen die Stirn zu bieten. Auf dieſe Weiſe dauerte der Kampf mehrere Minuten hindurch fort, zur größten Seelenqual Rolands, der von den Streitenden nur wenig ſah, und nicht die Macht beſaß, ſich in das Gefecht zu miſchen, von deſſen Ausgange ſein ganzes Schickſal abhing. Auf einmal ſprangen, von Wuth und Kampfbegier hingeriſſen, ——————— drei junge Krieger aus ihrem Verſteck hervor, und ſtürzten den Kentuckiern mit lautem Kriegsgeſchrei entgegen. Roland zitterte; denn er fürchtete, daß dieſe verwegene That das Vorſpiel eines Angriffs der ganzen Indianerſchaar ſei, welche ohne Zweifel ihre an Zahl ſchwächeren Gegner zurückwerfen würde. Aber der junge Krieger täuſchte ſich; denn kaum erhoben ſich die braunen Geſtalten der Wilden aus dem Graſe, als zu gleicher Zeit drei Flinten gegen ſie abgefeuert wurden. Jeder Schuß brachte den tollkühnen Krie⸗ gern Verderben. Zwei von ihnen ſtürzten auf der Stelle todt zu Boden, während der Dritte, wild ſeine Streitaxt ſchwingend, nur ein Paar Schritte weit vorwärts taumelte, und dann gleichfalls, ſein Leben aushauchend, niederſank. Das Jauchzen der Kentuckier über dieſen günſtigen Erfolg erſcholl laut und freudig, und ſie verſäumten keinen Augenblick, den ſo glucklich errungenen Vortheil zu benutzen. „Hoch lebe unſer altes Kentucky!“ ſchrie Tom Bruce mit jubelnder Stimme.„Noch einmal, Burſche! Gebt es ihnen ordent⸗ lich, und dann vorwärts, den ſchwachen Frauen zu Hülfe!“ Der Schall der Freundesſtimme, aus ſo geringer Entfernung herüber tönend, füllte Rolands Herz mit entzückenden Hoffnungen, und er ſchrie laut nach Hülfe, ohne ſich an die Indianer zu kehren. Aber ſeine Stimme wurde übertönt von einem wilden und wüthen⸗ den Gebrüll, durch welches die Indianer ihren Schmerz und Grimm über den Fall ihrer drei Genoſſen zu erkennen gaben. Der Zorn machte ſie ſo blind, daß ſie ganz ihrer bisherigen weiſen Vorſicht vergaßen. Alle ſtürzten, wie von Einer Impulſe getrieben, aus ihren Verſtecken in's Freie, und eilten mit gellendem Geheul den Kentuckiern entgegen. Aber ihr unzeitiger Eifer wurde bald ge⸗ dämpft. Jeder Kentuckier nahm mit der kaltblütigſten Ruhe ſeinen Mann aufs Korn, und als die Salve krachte, verſchwanden ſie ſchnell wieder im Graſe und hinter den Büſchen, und ſetzten den Kampf in der früheren Weiſe fort, welcher ihnen größere Sicher⸗ heit verſprach. Von beiden Seiten wurde nun unaufhörlich und hitzig gefenert, beſonders von den Kentuckiern, welche, durch den günſtigen Erfolg ermuthigt, kühner und immer kühner vorwärts drangen, ohne jedoch ihre Perſonen mehr als dringend nothwendig war, auszu⸗ ſetzen. Jetzt ſteigerten ſich auch Rolands Hoffnungen mehr und mehr, und ſeine frühere Muthloſigkeit ſchwand gänzlich dahin. Ueber dem lebhaften Antheile, den er an dem Gefechte nahm, ver⸗ 105 gaß er ſogar die Schmerzen, welche die tief in ſein Fleiſch ſchneiden⸗ den Feſſeln ihm verurſachten, und die luſtigen Hurrahs der befreun⸗ deten Krieger thaten ſeinem Herzen unendlich wohl. Jetzt hörte er, wie Tom Bruce mitten im Getöſe des Kampfes ſeinen Gefährten zurief:„Nun, Burſchen, laßt noch einmal die e krachen, und dann zu Kolben, Meſſer und Streitaxt!“ In der That hatte es den Anſchein, als ob die ſchweren Ver⸗ luſte, welche die Indianer betroffen hatten, den Kampf zu Gunſten der Weißen entſcheiden werde, und Roland bemerkte auch, daß die Indianer langſam zurückwichen und ihre früheren Verſtecke wieder aufſuchten. Das Geſchrei Tom Bruce's ſchien jetzt der ganzen Sache den Ausſchlag zu geben, indem es einen Entſchluß ausſprach, welcher ſein zuverſichtliches Vertrauen auf den Sieg ankündigte. „Fertig, meine Jungen!“ hörte Roland ihn von Neuem rufen. „Zum Angriff mit den geladenen Büchſen, und gebt es ihnen tüchtig!“ In dieſem Augenblick der äußerſten Entſcheidung, und als Roland zuverſichtlich auf einen günſtigen Erfolg rechnete, ereignete ſich ein Vorfall, welcher mit einem Male die Geſtalt der Dinge änderte, und den tapferen Kentuckiern die Frucht ihrer kühnen und männlichen Entſchloſſenheit entriß. Tom Bruce hatte kaum die vorhin erwähnten Worte ausgeſprochen, als eine noch durchdringen⸗ dere Stimme, als die Seinige, aus einem Buſche neben ihm ertönte, welche den Kentuckiern zubrüllte:„So iſt's Recht! Ewiger Tod auf mich, drauf auf ſie, wie eine Fleiſcherdogge mit Zähnen und Klauen! Meſſer und Schädelſplitter, laßt die Hunde euren Stahl fühlen! Kikeriki! Kikerikiki!“ Bei dieſem Geſchrei, ſo unverhofft erſchallend, blickte der junge Tom Bruce zurück, und ſah das Antlitz Ralph Stackpole's, der ſich eben einen Weg durch niedriges Haſelgebüſch gebahnt hatte. Mit Beſtürzung ſchaute er auf den Pferdedieb hin, und ſein bisher ſo kühner Muth machte auf einmal dem Entſetzen und Schrecken Platz, er glaubte Ralph längſt gehängt und geſtorben, und nun vernahm er plötzlich deſſen wohlbekannte Stimme, welche ihn mit ſo paniſcher abergläubiſcher Furcht erfüllte, daß er ſeine Stellung, ſeine Gefährten, die Wilden und Alles, nur nicht die Thatſache, vergaß, daß der Geiſt eines Gehängten ſeinen Weg gekreuzt habe. „Himmel und Erde,“ rief er aus,„hier iſt Ralph Stackpole.“ 5 Mit dieſen Worten rannte er davon und lief gerade zu blind auf den Feind los, den er in wenigen Augenblicken erreicht haben 40⁰7 Zwölftes Kapitel. Die Trennung. Die Verfolgung, welche auf den, zwar heißen, aber nur kur⸗ zen Kampf folgte, dauerte über eine Stunde. Erſt da kamen die Wilden mit ihrer Beute, zwei Pferden, zurück, auf deren Rücken ſo viele Indianer ſaßen, als nur irgend Platz fanden, jauchzend und jubelnd, und ſich mehr als muthwillige Schulbuben, denn als Männer benehmend, welche eben erſt eine Schlacht gewonnen haben. Aber der Jubel dauerte nicht lange. Als ſie auf dem Schlacht⸗ felde ankamen, verwandelte er ſich in ein Trauergeſchrei, welches, wie Roland nicht zweifelte, dem Andenken ihrer gefallenen Freunde galt. Auch das Wehklagen machte bald einem anderen Ausbruche der Empfindung Platz. Es ging, da die Wilden die Leichen der gefallenen Feinde, außer dem alten Kaiſer noch zwei, bemerkten, in ein ſchauerliches Wuthgebrüll über. Sie ſtürzten auf ihre Opfer zu, traten ſie mit Füßen, durchbohrten die lebloſen Körper mit ihren Meſſern, ſchlugen ihnen mit den Tomahawks tiefe Wunden, und ſuchten einander, ſo groß war ihr Grimm, in dieſen Ausbrü⸗ chen ihrer Leidenſchaft zu übertreffen. Mitten unter dieſen barbariſchen Thaten nicht zu ſättigender Wuth näherten ſich mehrere Wilde, unter denen ſich auch ihr An⸗ führer Piankiſchaw befand, dem unglücklichen Roland. Piankiſchaw erhob ſeine von Blut bereits triefende Apt, und mit einem teuf⸗ liſchen Blicke zu ihm niederſehend, ſuchte er Roland mit einem Schlage den Kopf zu zerſchmettern. Seine Gefährten fielen ihm jedoch in den Arm und flüſterten ihm einige Worte zu, welche ſei⸗ 3 Grimm in ein lautes und unmäßiges Lachgebrüll verwan⸗ elten. „Gut!« ſchrie er, und nickte dem Capitain mit höhniſch⸗grinſen⸗ der Freundlichkeit zu,—„nichts thun, Langmeſſer! Dich nehmen zu Piankiſchaw⸗Nation!“ Nach dieſen Worten, deren Sinn Roland nicht verſtand, ent⸗ fernten ſich die Männer wieder, um die Leichen der gefallenen Krieger begraben zu helfen. Dieſelben wurden an den Fuß des Berges getragen, und hier ſchweigend unter dem Dickicht oder in Felsſpalten niedergelegt. Nach dieſer Ceremonie wendeten ſich die Männer von Neuem zu Roland, den Piankiſchaw kaum wiederſah, als von Neuem die Luſt in ihm aufſtieg, den Gefangenen zu töd⸗ 108 ten. Jedoch abermals thaten ihm ſeine Begleiter Einhalt, indem ſie ihm Worte zuflüſterten, die, wie früher, ſeinen Grimm in Lu⸗ ſtigkeit verwandelten. „Gut!“ ſchrie er.„Langmeſſer gehen zu Piankiſchaw⸗Nation! Machen große Schau für Piankiſchaw!“ Zugleich fing er an, umher zu tanzen, und ſchnitt dabei ſolche Grimaſſen, verdrehte ſo wunderlich ſeinen Körper, daß Roland nur mit dem größten Erſtaunen ihn anſehen konnte. Hierauf bega⸗ ben ſich die Männer an den Platz, wo bereits die übrigen In⸗ dianer ſich verſammelt hatten, um über das Schickſal der Gefan⸗ genen einen Entſchluß zu faſſen. Roland blickte ihnen nach und auf die Verſammlung hinüber. Er ſah, daß die Indianer im vergangenen Kampfe bedeutende Ver⸗ luſte erlitten hatten, aber von ſeiner Schweſter wie von Telie Doe erblickte er keine Spur. Doch vemerkte er hinter einem Gebüſch in der Nähe der Berathſchlagenden einen ſtämmigen Indianer, der unverkennbar als Wachpoſten aufgeſtellt war; und er ſchloß dar⸗ aus, daß die Wilden hinter jenem Gebüſch die armen Frauen ver⸗ borgen haben müßten. Unter der Beute, welche zunächſt vertheilt wurde, befanden ſich außer Tuchſtücken, Schmuckſachen, Korallen, Waffen, Pfeifen und Pulver, auch ein paar Fäßchen Feuerwaſſer(Branntwein). Ein Mann von hellerer Farbe gab einem jedem Indianer ſeinen An⸗ theil, und die Art, wie er ſich dabei benahm, zeigte, daß er einiges Anſehen bei den Indianern genoß, obgleich er Alles der letzten Entſcheidung eines alten Wilden anheimſtellte. Dieſer hatte ein außerordentlich wildes und grimmiges Ausſehen, obſchon er, alt und abgezehrt, einem verwitterten Wolfe glich; er ſaß in düſtere Gedanken verſunken, auf einem Steine, und gab mit vielem Ernſte und großer Würde ſeine Befehle hinſichtlich der Vertheilung der Koſtbarkeiten. Nachdem dieſe Angelegenheit zur allgemeinen Befriedigung ge⸗ ordnet war, wendeten die Wilden ihre Blicke mit höhniſchem Stolze auf den Gefangenen, und der⸗alte Häuptling aus ſeinem Hinbrü⸗ ten erwachend, ſtand auf und hielt eine Rede, vermiſcht mit eng⸗ liſchen Worten, was Roland in den Stand ſetzte, einen Theil von dem, was er ſagte, zu verſtehen. Der Hauptinhalt ſeiner Rede ſchien zu ſein, daß Er, der Wilde, ein großer Häuptling wäre, viele Blaßgeſichter getödtet habe, deren Skalpe in ſeinem Rauch⸗ fange hingen, daß er ſehr tapfer ſei, und nie einen Weißen aus 109 Mitleid ſchone, und daß er daher mit vollem Rechte den Namen Hartherz, auf welchen er Anſpruch mache, führen dürfe; denn ſein Inneres ſei ſo ſteinhart, wie der Felſen unter ſeinen Füßen. Hierauf ſchalt er den Gefangenen, welcher ſeinen Kriegern ſo viele Mühe gemacht und Einige von ihnen getödtet habe, ſprach Worte der Wuth gegen den Dſhibbenönoſeh, und ſchwur, daß er ihn tödten und ſeinen Skalp nehmen würde, wo er ihn fände. Dieſer wilden Rede folgte eine Berathſchlagung, ob der Ge⸗ fangene ſogleich zu tödten oder in ihre Heimath mitzuſchleppen und dort zu foltern ſei. Der alte Piankiſchaw war der letzte Red⸗ ner. Seine Worte wurden von ſo ausdrucksvollen Geberden unter⸗ ſtützt, daß ſie eine große Wirkung, ſelbſt auf den Häuptling, der ſich ſelbſt Steinherz nannte, hervorbrachte. Dieſer gab am Schluſſe der Rede einem jungen Krieger ein Zeichen, welcher ſo⸗ gleich eins der erbeuteten Pferde herbeiführte, das dem Piankiſchaw übergeben und von dieſem zwei Indianern überliefert wurde, die zu ſeinem eigenen Stamme zu gehören ſchienen. Hierauf empfing der alte Piankiſchaw ein Fäßchen mit Feuerwaſſer, deſſen Inhalt er mit unverholenem Entzücken beroch, und zuletzt übergab man ihm auch den gefeſſelten Roland, welcher mit einem Freudengejauchz empfan⸗ gen wurde, in das alle verſammelten Indianer mit einſtimmten. Dieſer allgemeine Jubel ſchien das Zeichen zur Aufhebung der Zuſammenkunft zu ſein. Alle ſprangen auf ihre Füße, und wieder⸗ holten ihr gellendes Geſchrei, während Piankiſchaw eine Schlinge an dem Riemen, der die Arme ſeines Gefangenen feſſelte, befeſtigte und ihn zu dem Pferde zu ſchleppen ſuchte, auf welches ſeine beiden jungen Krieger bereits das Branntweinfäßchen geladen hatten. Rolands letzter Troſt, in der Nähe ſeiner armen Schweſter bleiben zu dürfen, ſchwand dahin. Die Hauptſchaar der Wilden nahm von dem kleineren Truppe Piankiſchaw's Abſchied, und man war im Begriffe, aufzubrechen, als plötzlich Telie Doe vorſtürzte, auf Roland zueilte, und dem alten Piankiſchaw den Strick zu ent⸗ reißen ſuchte, an welchem derſelbe ſeinen Gefangenen hinwegführte. Sie faßte den Strick mit unerwarteter Kraft, und ihre Augen roll⸗ ten blitzend im Kreiſe umher, bis ſie auf dem Manne haften blie⸗ ben, der von hellerer Farbe, als die Indianer, vorhin die Verthei⸗ lung der Preiſe beſorgt hatte. „O, Vater, Vater!“ rief ſie ihm zu,—„was beginnt Ihr? Ihr dürft ihn nicht den Mördern ausliefern! Ihr verſprachet—“ „Still, du Närrin!“ unterbrach ſie der alſo angeredete Mann, indem er Telie am Arme ergriff, und von dem Gefangenen wegzu⸗ ſchleudern verſuchte.„Fort an deinen Platz und ſchweige!“ „Nein, ich will nicht ſchweigen, ich will nicht, Vater!“ verſetzte Telie.“ Ihr ſeid ein weißer Mann, Vater, und kein Indianer, und Ihr verſprachet mir, daß ihm nichts zu Leide geſchehen ſolle. Das habt Ihr verſprochen, Vater, gewiß, daß habt Ihr!“ „Verdammte Närrin, fort, ſage ich!“ donnerte der Menſch, und verſuchte noch einmal Telie wegzuzerren⸗ Aber das Mäd⸗ chen klammerte ſich mit ſo verzweifelter Kraft an Roland an, daß noch Andere zu Hilfe herbei eilen mußten, um ihre Arme von ihm loszumachen. Auch ihnen widerſtand ſie, bis ihr Vater ſein Meſ⸗ ſer zog und mit wüthender Geberde drohete, es ihr in's Herz zu ſtoßen. Erſchrocken, bleich und entſetzt, ließ ſie jetzt vom Wider⸗ ſtande ab, indem ſie ſich ihrem barbariſchen Vater zu Füßen warf, und um ihr Leben flehte. Dieſer Augenblick wurde benutzt. Man ſchleppte ohne Zögern Roland hinweg, und bemächtigte ſich Telie's, welche vergebens verzweifelte Anſtrengungen machte, dem Gefange⸗ nen zu folgen und den Händen ſeiner blutgierigen Feinde zu ent⸗ reißen. Noch aus weiter Ferne hörte Roland ihr Geſchrei, und es ſchnitt ihm durch die Seele, obgleich der Schmerz über die Tren⸗ nung von ſeiner armen Schweſter alle anderen bitteren Gefühle übertäuben zu wollen ſchien. Nachdem Piankiſchaw und ſeine Begleiter den Hügel hinab⸗ geſtiegen waren, ſchwang ſich der alte auf das Pferd, ergriff das Ende des Strickes, an dem Roland gebunden war, ritt in die Furth hinein, und ſchleppte den unglücklichen Gefangenen hinter ſich her. Die Furth war breit, tief und felſig, und die Strömung ſo heftig, daß Roland mehr als einmal umgeriſſen und ohne Zweifel umgekommen ſein würde, wenn nicht die anderen Beiden Wilden immer zu ſeinem Beiſtande in der Näͤhe geblieben wären. Endlich gelangte man durch den Fluß, und die Krieger eilten das jenſeitige Ufer hinan, wo ſie noch einmal halten blieben, um ihren Bundesgenoſſen den letzten Abſchiedsgruß hinüber zu ſenden. Auch Roland warf einen Blick auf die abziehenden Wilden, und wie ein Stich fuhr es ihm in's Herz, als er mitten unter ihnen Editha zu erkennen glaubte, welche, von dem Arme eines rieſen⸗ haften Indianers gehalten, auf einem Pferde ſaß, aber bald hinter der nächſten Waldecke verſchwand. Ein kleiner Trupp Indianer weitte noch auf dem Kamme des Hügels, und erwiederte das Ab⸗ ſchiedsjauchzen Piankiſchaws, welcher hierauf eine weſtliche Richtung freundlich, bald nachher aber verwandelte ſich ſeine Laune in Wuth, 111 einſchlug, und, ſeinen Gefangenen hinter ſich nachſchleppend, in die dicht verſchlungenen Wälder eindrang. Dreizehntes Kapitel. piankiſchaw. Der Schmerz, welchen die feſt angezogenen Riemen dem un⸗ glücklichen Roland verurſachten, war ſo heftig, daß er mehr als einmal das Bewußtſein verlor. Hierdurch wurde die Eile der In⸗ dianer nicht wenig gehemmt, und dieß mogte wohl die Urſache ſein, daß ſie ihn endlich ſeiner Bande entledigten. Mitleid, oder vielmehr die Furcht, den Gefangenen durch den Tod zu verlieren, bewog ſie ferner, ihm eine gewiſſe Theilnahme zu bezeigen. Sie wuſchen ſeine geſchwollenen Handgelenke mit dem friſchen Waſſer einer Quelle, an deren Rande ſie kurze Zeit raſteten, verbanden einige leichte Wunden, die er empfangen hatte, mit zerquetſchten, heilkräftigen Kräu'ern, und reichten ihm zur Stärkung einen kleinen, hölzernen Becher voll Branntwein. Roland aber wies dieſe Er⸗ quickung zurück, was Piankiſchaw mit großem Wohlgefallen be⸗ merkte und ſelbſt den Becher leerte, welcher für den Gefangenen beſtimmt war. „Gut!“ rief er.„Sehr gut! Piankiſchaw Freund von Blaß⸗ geſicht. Blaßgeſicht machen guten Trank!“ Das Benehmen der Indianer blieb von nun an freundlich, und obgleich der alte Piankiſchaw, als die Reiſe weiter fortgeſetzt wurde, ſeinen Strick dem Gefangenen um den Hals warf, damit er nicht entſpringen könne, ſchwatzten ſie doch ganz vertraulich mit Roland, der indeß ihre Worte, da er der indianiſchen Sprache nicht mächtig war, nicht verſtehen konnte. Selbſt Piankiſchaw ſchien ſich in der heiterſten Laune zu befinden. Er klopfte ſeinem Gefangenen auf die Schulter, erklärte ihm in gebrochenem Engliſch, ſo gut er konnte, daß er ihn an den Hauptſitz ſeiner Nation führen und zu ſeinem Sohne annehmen wolle, und gab ihm noch andere Beweiſe ſeiner plötzlich erwachten Zuneigung. Aber dieſe war äußerſt wan⸗ delbar, und hatte ihren Grund zum großen Theile in der An⸗ weſenheit des Branntweinfäßchens, das der Alte öfter, als ſeinen Gefährten lieb war, an die Lippen führte. Beim Trinken war er — ———— —— — und er drohete mehremals, ſeinen Gefangenen auf der Stelle zu tödten. Nur die Anweſenheit der beiden jüngeren Krieger rettete Roland öfter vor einem plötzlichen Tode. Die beiden Krieger machten ihrem Gefährten Vorwürfe über ſein Betragen, und warfen ihm vor, daß ſein Hang zum Trinken eines Kriegers in Feindes Land völlig unwürdig ſei. In der That benahm ſich Piankiſchaw auch in Bezug auf das Fäßchen wie ein Fiſch, der um die Lockſpeiſe des Anglers ſpielt, unſchlüſſig, ob er anbeißen ſoll, oder nicht, bis er der Verſuchung nicht länger wider⸗ ſtehen kann und nach dem fetten Biſſen, der ihm Tod und Verder⸗ ben bringt, ſchnappt. So ging es dem Alten mit dem Feuerwaſſer. Er zögerte und zögerte, und trank dann wieder mit einer Gier, deren Folge war, daß ſeine Anfälle von Wuth und Zuneigung immer heftiger wurden. Nachgerade nahmen zwar die Wuthausbrüche ab, aber die Geläufigkeit ſeiner Zunge verdoppelte ſich, und er fing an, in engliſcher Sprache von den Leiden zu erzählen, die er in ſeinem langen Leben erduldet hatte. Auch an Roland richtete er ſeine Klagen, welcher dadurch mit der Urſache ſeines Grames bekannt wurde. Er betraf den Verluſt eines Sohnes, der im Kampf mit den Weißen gefallen war. „Verloren Sohn!“ rief er aus.„War guter Jäger, tödten Büffel und Bär und Hirſch, und füttern alte Squaw und junge Squaw! War großer Krieger! Tödten Kentucky⸗Mann und nehmen Skalp! Jetzt todt! Jetzt nicht mehr großer Jäger und Krieger! Er nicht heimkehren! Piankiſchaw nicht mehr ſehen tapferen Sohn!“ So klagte er, und wüthete dann wieder gegen Roland, den er im nächſten Augenblicke von Neuem mit Zärtlichkeiten überhäufte, und ſchwieg nur, wenn er das Fäßchen wieder an die Lippen ſetzte, deſſen Inhalt ihm auf angenehme Weiſe die Zeit zu vertrei⸗ ben ſchien. Nach und nach begann er die unzweideutigſten Zeichen völliger Trunkenheit zu geben. Als die Sonne ſich dem Untergange zu⸗ neigte, wankte er im Sattel ſeines Pferdes, und reichte ſeine Flinte dem Gefangenen hin, weil ihre Laſt ihm nachgerade zu ſchwer würde. Roland griff eifrig darnach; aber die Waffe wurde ihm ſogleich durch einen der jüngeren Indianer entriſſen, welcher zu klug war, ſie den Händen eines Gefangenen anzuvertrauen. Dem alten Piankiſchaw ſchien es gleichgiltig zu ſein, wer ihm die Laſt erleichtert habe. Er ſetzte ſich behaglich im Sattel zurecht trabte unter Schwatzen und Weinen, je nach der Laune des Augen⸗ ) 7). 2 36 99— We S . — —— blicks vorwärts, und ſang bald ein indianiſches Lied, bald nickte er vor Schläfrigkeit mit dem Kopfe. Zuletzt übermannte ihn der Schlummer vollkommen; er war nicht mehr im Stande, ſein Roß zu lenken, und als das müde Thier einen Augenblick ſtill ſtand, um an den grünen Blättern eines Strauches zu nagen, verlor Pi⸗ ankiſchaw das Gleichgewicht, und fiel, wie ein Klotz, aus dem Sat⸗ tel auf die Erde. Die beiden jungen Krieger, welche ſchon längſt ihren Unwillen nur mit Mühe unterdrückt hatten, brachen jetzt in einen heftigen Wuthanfall aus. Sie ergriffen das Branntweinfäßchen, warfen es mit Gewalt auf die Erde, zerſchmetterten es mit ihren Tomahawks, und hielten nicht eher inne, als bis der ganze Inhalt deſſelben, über das Gras hinweg fließend, die Erde tränkte. Während ſie auf dieſe Weiſe beſchäftigt waren, erhob der alte Piankiſchaw ſein Haupt, ſtierte dumm umher, und ergriff darauf, als er den ihm widerfahrenen Unfall zu begreifen begann, voll Wuth nach der Flinte, ſetzte die Mündung dem Pferde an den Kopf, und ſchoß das Thier auf dem Flecke todt. „Verflucht Blaßgeſichtpferd!“ brüllte er;„abwerfen alten Pian⸗ kiſchaw! Sterben, du Hund!“ Dieſe übereilte Handlung trunkener Wildheit brachte die beiden Gefährten Piankiſchaws noch mehr auf. Sie ſchalten ihn tüchtig aus; der Alte vertheidigte ſich ſo gut er konnte, indem er ihnen vorwarf, daß ſie unnöthiger Weiſe das Feuerwaſſer vergendet hät⸗ ten, und der Streit endigte zuletzt damit, daß ſie ihre gegenſeitige Wuth an ihrem gänzlich unſchuldigen, armen Gefangenen ausließen. Ihre gute Laune ſchwand gänzlich dahin; der alte Piankiſchaw taumelte auf Roland zu, und ſchalt ihn mit allen möglichen Schimpfnamen, während die jüngeren Krieger von Neuem ſeine Arme feſſelten, und ihm drei ſchwere Packete nebſt dem Sattel und Zaume des erſchoſſenen Pferdes auf den Rücken luden. Hierzu kam noch ein großes Stück Fleiſch, welches Piankiſchaw vom Pferde ſchnitt und zum Nachteſſen beſtimmte, und unter dieſer ſchweren Laſt mußte Roland ſeinen Gebietern auf dem ferneren Wege nachfolgen, der zum Glück für ihn nicht mehr lange fortgeſetzt wurde. Die Nacht brach herein, und da man eine kleine Lichtung im Walde erreichte, wo eine kleine Quelle ſprudelte, ſo machten die Wilden Halt und gaben dadurch ihre Abſicht kund, dieſen Ort zum Nachtquartiere zu erwäͤhlen. Man zündete ein Feuer an; das Pferdefleiſch wurde an einen hölzernen Spieß geſteckt und gebraten, und die Wilden Gefahren der Wildniß. ſchmauſten mit großem Behagen davon, während Roland ſich be⸗ gnügte, mit der hohlen Hand eine Erquickung aus der klar ſpru⸗ delnden Quelle zu genießen. Nach beendigter Mahlzeit trugen die Indianer einen Haufen Blätter zuſammen, aus denen ſie unter einem Baume nahe am Feuer ein Lager bereiteten. Roland wurde gezwungen, ſich darauf auszuſtrecken, und die Wilden banden ihn für die Nacht mit ſo grauſamer Sorgfalt, daß an ein Entrinnen auf keine Weiſe zu den⸗ ken war. Ein Pfahl wurde zugehauen, quer über ſeine Bruſt ge⸗ legt, und an demſelben ſeine ausgeſtreckten Arme an dem Fauſt⸗ gelenke ſowohl, wie auch an den Elbogen gebunden. Dann wurde eine Stange der Länge nach über ſeinen Körper gelegt, und an die Enden derſelben ſeine Füße und ſein Hals gebunden, ſo daß er nur unter einem Kreuze lag, das ihn vollkommen an jeder Bewe⸗ gung der Hände oder Füße verhinderte. Außerdem legten die bar⸗ variſchen Wilden noch einen Strick um ſeinen Hals, welchen Einer der jungen Krieger nochmals um den Arm wickelte, ſo daß die geringſte Bewegung des Gefangenen von ihm bemerkt werden mußte. Nachdem dieſe Vorſichtsmaßregeln getroffen worden waren, warfen ſich die Indianer an der Seite ihres Gefangenen nieder, und verſanken gleich darauf in tiefen und feſten Schlaf. Roland vermogte nicht einzuſchlummern; denn nicht allein die Trauer um ſein und ſeiner Schweſter ſchreckliches Schickſal, ſondern auch die furchtbaren Schmerzen, welche die feſt angezogenen harten Feſſeln ihm verurſachten, hielten ihn lange Zeit wach. Er machte einige Verſuche, ſich von den Banden zu befreien; aber er mußte ſeufzend davon abſtehen, denn ſie hielten ſo feſt, als ob ſie von Erz geweſen wären. Gleichwohl wiederholte er von Zeit zu Zeit die Anſtrengung; jedoch immer umſonſt. Das Kreuz über ihm lag ſo feſt, daß es ſeiner Kraft um keines Haares Breite wich, und Roland ſah endlich ein, daß er ein Gefangener ohne Mittel, ohne Hilfe und ohne Hoffnung ſei. Dennoch verlor er den Muth nicht ganz, indem er dar⸗ auf rechnete, daß ſich im Verlaufe der ferneren Reiſe ſicher eine Gelegenheit finden werde, die er zum Entwiſchen benutzen könhe. Unter ſolchen Gedanken verſtrich ihm ein großer Theil der Nacht. Der Mond ſtieg über die Wälder herauf, deren duſtere Finſterniß er um ein Geringe s erhellte, und endlich zeigte ſich ein ſchwacher 115 Lichtſchimmer am Firmamente, der den baldigen Anbruch eines neuen Tages verkündigte. Das Wachtfeuer war um dieſe Zeit beinahe ganz niederge⸗ brannt. Stille herrſchte ringsum, nur unterbrochen von einem leiſen Rauſchen der Büſche, wenn irgend ein lebendes Weſen, ein Kaninchen oder ein Vogel, hindurch ſchlüpfte, oder wenn die er⸗ löſchenden Flammen noch einmal aufflackerten und kniſterten. Dieſe tiefe Stille war dem armen Roland doppelt peinlich, und mit wilder Ungeduld ſehnte er den Tag herbei, der ihn von den Banden befreien mußte, die ſo ſchwer und drückend auf ihn laſteten. In ſolcher Stimmung des Gemüthes mußte ihm jede Abwechſelung, auch die kleinſte, willkommen ſein, weil ſie ſeinen Ge⸗ danken eine andere Richtung gab, und ſo war ihm denn auch der zufällige Sturz eines halbverzehrten Brandes auf die Funken und deſſen raſches Auflodern zur Flamme, ein angenehmes Er⸗ eigniß. Er beobachtete das Spiel des Lichts an den von Feuer gerötheten Zweigen über ſeinem Haupte, und vergaß darüber einen Augenblick die bitteren Leiden, welche ſeit ſeiner Gefangennahme unaufhörlich ſein Herz folterten. Plötzlich ſchrak er zuſammen. In dem Augenblicke, als eben der Feuerbrand am hellſten leuchtete, vernahm er einen Knall, der wie ein Donnerſchlag über ſeinem Haupte erſcholl, ohne daß er in der Beſtürzung zu unterſcheiden vermogte, ob es ein wirklicher Donner oder der Schall einer abgefeuerten Waffe war. Ehe er wieder zur Beſinnung kam, ſprang ein ſchwarzer rieſenhafter Schat⸗ ten über ſeinen Körper hinweg, und er vernahm das dumpfe Ge⸗ ſchmetter einer Axt, welche mit furchtbarer Wucht auf den Körper eines der neben ihm ſchlummernden Indianer niederfuhr. Ein gel⸗ lender Schrei folgte, den Angſt, Schrecken und Schmerz der Bruſt des getroffenen Wilden entriß. Dann vernahm Roland das Ge⸗ räuſch enteilender Schritte, und er hörte, wie Jemand laut brül⸗ lend in die Tiefe des Waldes ſtürzte, verfolgt von einem Anderen, der ihm hart auf dem Fuße war. Hierauf war Alles ſtill, bis auf das Todesſtöhnen des Getroffen, und das Raſcheln, welches deſſen zuckende Glieder in dem welken Laube verurſachten. Roland war wie betäubt, durch dieſes unbegreifliche Ereigniß, welches kaum eines Augenblickes Länge gedauert hatte. Er würde, da er in ſeiner Lage nichts hatte ſehen können, Alles für einen äußern Traum gehalten haben, wenn nicht das Stöhnen und Rö⸗ cheln des jungen Indianers an ſeiner Seite, das immer leiſer und 117 um Beiſtand an.“ Die Wälder tönten wieder von ſeinem Geſchrei, und das Echo ringsum wachte auf. Aber keine Antwort erſcholl, kein Fußtritt nahete heran, und Roland zitterte bei dem ſchreck⸗ lichen Gedanken, daß er von ſeinen Feinden nur befreit ſein möge, um unter ihren blutigen Leichen hilflos und verzweifelnd verſchmach⸗ ten zu müſſen. Die Angſt vor dieſem entſetzlichen Schickſale, und der beklemmende Druck, welchen der Leichnam des alten Pianki⸗ ſchaw auf ſeine Bruſt ausübte, war mehr, als ſeine bereits er⸗ ſchöpfte Kraft noch zu ertragen im Stande war. Er verlor ſeine Beſinnung, und das Benußtſein ſeiner Selbſt ſchwand in einer tiefen Ohnmacht dahin, aus welcher er jedoch zu ſeinem Glücke bald wieder erweckt werden ſollte. Vierzehntes Kapitel. Die Befreiung. Als Roland ſeine Augen wieder öffnete, lag er nicht mehr als ein Gefangener unter dem ſchrecklichen Kreuze ausgeſtreckt. Seine Glieder waren frei und feſſellos, und ſein Haupt ruhete im Schooße eines Mannes, welcher theilnehmend ſeine Stirn und Bruſt mit dem friſchen Waſſer aus der nahe gelegenen Quelle benetzte, wohin er während ſeiner Ohnmacht getragen worden ſein mußte. Wild und verwirrt ſtierte Roland umher, und ſein erſter Blick fiel auf die blutigen Leichen der Indianer, deren Gefangener er bis dahin geweſen war. Schaudernd wendete er ſeine Augen von dieſem ſchrecklichen Schauſpiele ab und erhob ſie zu dem Antlitze ſeines Retters und Befreiers, in welchem er jetzt, da es mittlerweile Tag geworden war, mit dem höchſten Erſtaunen und der freudigſten Ueberraſchung, ſeinen früheren Führer und Boten, den treuen, wackeren Nathan, den Quäker, erkannte. Dieſer betrieb eifrig das menſchenfreundliche Werk ſeiner Wiederbelebung, und der kleine Peter ſtand neben ihm, freundlich mit dem Schwanze wedelnd, als ob es ihn freue, in Roland einen alten Bekannten wiederge⸗ funden zu haben. „Nathan, Ihr ſeid es?“ rief Roland aus, indem er die Hand des Quäkers ergriff und eine vergebliche Anſtrengung machte, ſich von ſeinem Schooße zu erheben.„Träume ich, oder wache ich? 3 118 um des Himmels willen, wie tommt Ihr hierher? Und ſeid Ihr es denn auch wirklich?“ „Wahrlich, ich bin es, Freund,“ erwiederte Nathan läͤchelnd⸗ —„ich und der kleine Peter, ſonſt Niemand!“ „Und ich?“ ſchrie Roland jauchzend,—„ich bin wieder frei, frei? Und die Wilden? Und Piankiſchaw? Sind ſie alle todt, überrumpelt, jeder Hund von ihnen erſchlagen?“ „Wahrlich, ſo iſt es,“ ſagte Nathan ein wenig zögernd— „die böſen Geſchöpfe werden dich nie wieder veläſtigen, Freund.“ „Und wer,“ fragte Roland haſtig und mit Feuer,„wer war es, der mich befreite? Ha, Nathan, Blut klebt an Eurem Antlitz und an Euren Händen! Waret Ihr es, der mich aus der ſchreck⸗ lichen Gefangenſchaft erlöſte? O, redet, Nathan, wackerer Nathan, tapferer, guter Nathan!“ „Du hältſt es alſo nicht für Sünde und Ruchloſigkeit, daß ich nach meiner Büchſe griff, und auf jene ſchurkiſchen Indianer ſchoß, um deine Freiheit und dein Leben zu retten?“ ſagte Nathan. „Wahrlich, Freund, einzig und allein aus dieſem Grunde geſchah es, weil ich einſah, daß ich mit einer friedlichen Hand dir un⸗ möglich helfen konnte. Ich ſah die Feinde an deiner Seite liegen, jederzeit fertig und bereit, deinen armen Schädel mit dem Toma⸗ hawk zu zerſchmettern, und da, Freund, wahrlich, konnte ich mich nicht zurückhalten, und ich hoffe, daß mich dein Gewiſſen um dieſer That willen nicht verdammen wird.“ „Verdammen?“ ſchrie Roland, indem er mit Wärme Nathans Hand druckte.„Bei Gott, es war eine That, für die ich Euch ewige Dankbarkeit ſchuldig bin, eine That, die Euch die Bewun⸗ derung und Hochachtung der ganzen Welt erwerben muß, ſobald ich ſie erſt werde erzählt haben!“ „Nein, Freund, erzählen mußt du davon nichts!“ unterbrach ihn Nathan.„Wahrlich, es iſt genug, wenn du in deinem Ge⸗ wiſſen von der Rechtmäßigkeit meiner That überzeugt biſt. Halte darum reinen Mund über Alles, was du von mir ſaheſt und ſehen wirſt, und vergiß nicht, daß ich ein Mann des Friedens bin.“ „Aber, Nathan,“ fragte Roland, nachdem er dem Quäker ſeine Verſchwiegenheit verſichert hatte,—„wie ſteht es nun um meine arme Schweſter? Habt Ihr nichts von ihr gehört oder geſehen? Und meine Freunde, die Auswanderer? Sind ſie nicht den Wilden gefolgt und haben Editha befreit?“. „Nein, wahrlich, Freund, du mußt nicht gar zu viel auf ein⸗ — 119 mal fragen!“ antwortete Nathan, indem über ſein bisher froh⸗ ſinniges Geſicht ein Schatten von Trauer und Verwirrung flog. „Gieb dich eine Weile zufrieden und halte dich ruhig, bis deine eiskalten Füße erwärmt und deine Wunden beſſer verbunden ſind. Wenn du aufſtehen und gehen kannſt, ſollſt du Alles erfahren, was ich weiß, Gutes und Böſes. Vor der Hand laß dir genügen, daß du in Sicherheit biſt.“ „Oh!“ rief Roland betrübt,—„ich ſehe aus Allem, daß meine arme Schweſter noch eine Gefangene iſt, und ich— ich muß hier liegen, gekrüͤmmt, wie ein Wurm, und kann nichts thun, ihr Beiſtand zu leiſten. Aber meine Freunde, die Auswanderer, ſind ſie nicht wenigſtens in der Verfolgung begriffen?“ „Wahrlich, Freund, du ſetzeſt mich mit deinen vielen Fragen in Verwirrung,“ ſagte Nathan.„Wenn du deine arme Schweſter aus der Gefangenſchaft erlöſen willſt, ſo mußt du vor allen Dingen Geduld haben und wieder auf deinen Füßen ſtehen. Hieran wollen wir zuerſt denken, und nachher, Freund, wahrlich, ſoll dir auch mein Rath nicht fehlen, wenn es die Befreiung deiner Schweſter gilt.“ Bei dieſen Worten fing Nathan wieder an, eifrig die halb⸗ erſtorbenen Glieder Rolands warm zu reiben, und die verſchiedenen leichten Wunden zy verbinden, die er im Kampfe erhalten hatte. Da Roland dieß geduldig aushielt, und nur fortwährend Nathan bat, ihm Alles zu erzählen, was er wiſſe, ſo gab der Quäker endlich nach, und fing ſeinen Bericht an. Der Verſuch des kühnen Mannes, durch die Reihen der Wil⸗ den, welche die Rnine belagerten, zu ſchleichen, war ihm trotz aller Gefahr glücklich gelungen, und er eilte nun geraden Weges durch die Wälder nach der Station, als er zufällig und zum Glück auf eine Schaar junger Männer ſtieß, welche unter Anführung Tom Bruce's einhertrabten. Nathan theilte den Jünglingen ſogleich die bedrängte Lage Rolands mit, und fand ſie alsbald bereit, ihm zu Hülfe zu eilen, ohne erſt den Beiſtand der Auswanderer oder der Nachbarn in der Station in Anſpruch zu nehmen. Tom Bruce nahm Nathan hinter ſich auf ſein Pferd, und nun ging es im Galopp durch die Wälder, bis die kleine Schaar mit Anbruch des Tages die Trümmer des Blockhauſes erreichte. Zum Erſtaunen Aller fand man die Ruine gänzlich verlaſſen; da man jedoch die Spuren der Pferde in der Schlucht genau in Augenſchein nahm und bis zum äußerſten Rande des Fluſſes verfolgte, ſo ſchloß man mit Recht, daß die Reiſenden den verzweifelten Verſuch gewagt hätten, 120 zu Waſſer zu entrinnen, wobei vermuthlich Alle umgekommen ſein mußten. Dieſer Gedanke entflammte die Herzen der wackeren Kentuckier zur Wuth. Sie ſuchten im Geſtrüpp nach den Spuren der Indianer, und Rache dürſtend folgten ſie ihren Fußtapfen, feſt entſchloſſen, ihren Grimm in dem Blute der mörderiſchen Rothbäute zu kühlen. Nathan wurde jetzt, da man ſeiner Dienſte als Weg⸗ weiſer nicht mehr bedurfte, entlaſſen. Aber es lag nicht in der Abſicht dieſes kühnen Mannes, zurückzuhleiben, obwohl es ihm lieb war, daß die Anderen nichts von ſeinen kriegeriſchen Thaten er⸗ fuhren. Es peinigte ihn, daß er an dem Unglücke Editha's und ihrer Begleiter Schuld war, und er wollte nicht ruhen, bis er auf's Genaueſte ausfindig gemacht hatte, daß ſie auch wirklich ſeines treuen Beiſtandes nicht mehr bedürften. Zunächſt ſetzte er ſeine Nachforſchungen ohne weiteren Erfolg in der Schlucht fort, folgte dann den jungen Männern, beobachtete die Stelle, wo die Indianer von den jungen Kentuckiern ange⸗ griffen worden waren, und gelangte bald zu der Gewißheit, daß die Reiſenden auf eine unbegreifliche Weiſe ſich aus dem tobenden Strome gerettet haben müßten. Ehe Nathan auf dem Schlacht⸗ felde ankam, war das Gefecht ſchon zum Nachtheile der jungen Kentuckier entſchieden worden, und Einer von den Flüchtlingen, dem er begegnete, erzählte ihm, daß einzig und allein der Geiſt Ralph Stackpole's am ganzen Unglück Schuld ſei. Beim Weiterreiten forderte der Mann unſern Nathan auf, ſich mit auf den Rücken ſeines Pferdes zu ſchwingen, was dieſer jedoch ausſchlug, um ſeine Nachforſchungen fortzuſetzen. Mit ſeinem kleinen Peter im Dickicht verborgen, lauerte er auf die Indianer, bis ſie die Verfolgung aufgegeben hatten, und nach dem Schlachtfelde zurückgekehrt waren⸗ „Und nun, Freund,“ erzählte Nathan weiter,„fragte ich den kleinen Peter um Rath, was wir beginnen ſollten, und wahrlich, wir waren Beide der Meinung, daß wir den mörderiſchen Krea⸗ turen folgen müßten, bis wir erfahren hätten, was aus dir und deinen armen Frauen geworden wäre. Wir krochen hinüber nach dem Bergabhange, und hier fanden wir, daß die Indianer ſammt und ſonders bereits abgezogen waren. Da kam ich nicht wenig in Verlegenheit; aber wahrlich, Freund, du weißt nicht, was der kleine Peter für eine Naſe hat. Er führte mich auf die rechte Spur, und nun bemerkte ich, daß die Indianer ſich getheilt haben mußten, Die Hauptſchaar war den Weg über den Berg gezogen, während eine kleinere Abtheilung mit einem Pferde und einem Gefangenen 121 über den Fluß gegangen ſein mußte. Wahrlich, Freund, es war Peters Meinung, der Gefangene ſeieſt du, und ich dachte dir wohl helfen zu können, wenn ich dir folgte, indem deine B gleiter nur wenige waren.“ „So wateten wir denn durch den Fluß und folgten deiner Spur, bis die Nacht einbrach, und hier übernahm es dann der kleine Peter, dir mit der Naſe im Finſtern nachzuſpüren, was glücklich von Statten ging, bis wir den Platz erreichten, wo die Wilden ihr Branntweinfäßchen zerſchlagen hatten. Der Geruch des Feuerwaſſers betäubte Peters Naſe, und wahrlich, Freund, ich fürchtete ſchon, alle Hoffnung aufgeben zu müſſen, bis es mir ein⸗ fiel, ſeine Naſe mit friſchem Waſſer aus der Quelle zu waſchen, die ich zum guten Glücke entdeckte. Wahrlich, dieß war ſehr gut, denn du mußt wiſſen, Freund, daß von des kleinen Peters Naſe das Wohl und Wehe meines ganzen Lebens abhängt. Nun, ich brachte den kleinen Peter glücklich wieder zur Vernunft, und er fand deine Spur wieder auf. Hierauf zogen wir wieder unſeres Weges, bis wir endlich auf das Lagerfeuer der Kreaturen ſtießen, ehe wahrlich, als ich ſelber zu hoffen gewagt hatte.“ „Gut, Freund! ich kroch ganz nahe heran und ſah nun wohl, wie feſt du an die Pfähle gebunden wareſt, ſo daß du dich nicht rühren konnteſt, und wie drei Wilde neben dir lagen, die Flinten im Arme, ſo daß ſie jeden Augenblick Gebrauch davon machen konnten. Wahrlich, Freund, dieſer Anblick machte mich ſehr ver⸗ legen, und ich grübelte wohl eine Stunde lang darüber nach, auf welche Weiſe ich dir wohl ſicher Hülfe zu bringen im Stande wäre.“ „Nathan, o Nathan!“ rief Roland aus.„Wie konnteſt du es über's Herz bringen, mich ſo lange ſchmachten zu laſſen. Warum zerſchnitteſt du nicht die Stricke und gabſt mir ein Meſſer in die Fauſt?“ „Wahrlich, das hätte ich wohl thun mögen,“ erwiederte Nathan. „Aber wahrlich, es ging nicht, denn ich ſah, daß du ſo feſt ge⸗ bunden wareſt, daß ich mindeſtens eine Stunde gebraucht hätte, um dich frei zu machen, und dann wußte ich auch, daß deine Glie⸗ der ſo erſtarrt ſein nußten, daß du ſie unmöglich gebrauchen konn⸗ teſt. Und dann, wie leicht konnte ein Schrei der Ueberraſchung, ein einziges Wort dich und mich den wilden Kreaturen verrathen?“ „Nein, Freund, das ging nicht an, und darum befand ich mich, wahrlich, in großer Verlegenheit, und der kleine Peter und ich grübelten eine ganze Stunde hindurch, wie dir zu helfen ſei. Da fiel plötzlich ein Feuerbrand auf die Funken, und als er hell auf⸗ loderte, ſah ich, daß zwei Köpfe der Wilden ſo nahe bei einander lagen, als ob ſie aus einer Schulter gewachſen wären, und ſo nahe, daß ich ſie beinahe mit der Flinte erreichen konnte.“ „Und wahrlich, Freund,“ fuhr Nathan feurig fort,—„wahr⸗ lich, da geſchah es, daß ich, aus Zufall oder Abſicht, ich kann es nicht entſcheiden, den Drücker meiner Flinte berührte, und da krachte der Schuß, und blies den beiden wilden Kreaturen das Hirn aus. Und nun, Freund, da ich einmal ſo viel gethan hatte, ſiehſt du ein, daß die Rache zu Ende geführt werden mußte. Und ſo ſprang ich denn wahrlich auf den letzten Schurken los, und— Sünder, der ich bin!— gab ihm einen Streich mit der Axt, die ich zu dieſem Zwecke aus dem Gürtel genommen hatte. Er auf und davon! Und ich hinter ihm her, aus Angſt, daß er zurück⸗ kehren und dich tödten könne, bedor es mir gelänge, dich zu be⸗ freien. Und ſo kam es, Freund, daß ich auch ihn tödtete, was du gewiß nicht tadeln wirſt, in Betreff, weil ich die Sünde nur um deinetwillen beging. Wahrlich, Freund, es iſt wunderbar, zu welchen Thaten meine Freundſchaft zu dir mich gebracht hat.“ „Beruhige dein Gewiſſen, Nathan!“ ſagte Roland mit einem kräftigen Händedruck.„Und wenn du zwanzig Wilde erſchlagen haͤtteſt, ſo würde ich es dennoch für die edelmüthigſte That erklären, die jemals ein Chriſt für einen andern Chriſten begehen konnte.“ Nathan nahm dieſe Worte ſchweigend hin, und fuhr eifrig fort, die Glieder des jungen Kriegers mit friſchem Waſſer zu reiben, bis derſelbe endlich im Stande war, ſich zu erheben und mit einiger Sicherheit auf den Füßen zu halten. Hierauf beſchwor Roland noch einmal ſeinen Befreier, das gute Werk, welches er ſo glücklich begonnen, auch ganz auszuführen, und die Schweſter zu retten, welche ſich noch in der Gewalt der blutdürſtigen Wilden befand. „Rufe Beiſtand herbei,“ ſagte er,„führe die Männer in den Kampf, und ſei verſichert, daß Keiner beſſer für Editha fechten wird, als ich, ihr Bruder, der zu ihrem natürlichen Beſchützer berufen iſt. „Wenn du wirklich die Jungfrau befreien willſt, ſo—“ „Ja, ich will, oder ſterben ſ« rief Roland aus.„Ach, wäret Ihr nur ihrer Spur gefolgt, und hättet Editha den Dienſt geleiſtet, den Ihr mir erwieſen habt.“ Wahrlich,, das ging nicht an,“ erwiederte Nathan,„denn 123 zehn Indianer ſind nicht ſo leicht zu tödten, als zwei oder drei. Aber, Freund, ehe ich dir meine Abſicht mittheile, erzähle mir, was dir ſeit unſrer Trennung begegnete. Ich muß Alles wiſſen, denn wahrlich, Freund, es hängt mehr davon ab, als du vielleicht meinſt.“ Roland, ſo ungeduldig er war, erzählte doch Alles, was er wußte, auf's Genaueſte, und hob beſonders den Umſtand hervor, daß Telie Doe ſich ſo lebhaft ſeiner angenommen hatte. Nathan lauſchte geſpannt.„Wo Abel Doe iſt,“ ſagte er dann, „liegt auch immer eine Schurkerei zu Grunde. Aber haſt du keinen andern Weißen unter den Wilden geſehen?“ „Nein,“ erwiederte Roland.„Doch,“ ſetzte er nach kurzem Beſinnen hinzu,„eines großen Mannes erinnere ich mich in einem Leinentuche, der einen rothen Turban trug. Vielleicht war dieſer ein Weißer.“ „Und befehligte Er die Schaar? Nicht?“ fragte Nathan. „Nein, nicht er,“ erwiederte Roland.„Der Anführer war ein grimmiger, alter Häuptling, den ſie Kehoga oder Kenoga nannten, öbe „Wenonga?“ ſchrie Nathan mit außerordentlicher Lebhaftigkeit, und funkelnden Augen.„Ein alter, hochgewachſener, ſtarkknochiger, Mann, mit einer Narbe über Naſe und Wange, hinkenden Ganges, der linke Mittelfinger um ein Glied zu kurz, und an der Skalp⸗ locke Schnabel und Fänge eines Büſſards! Er iſt Wenonga, der ſchwarze Geier! Wahrlich, wahrlich, Peter, du biſt ein Tropf und Hund, das du mir das nicht geſagt haſt!“ Roland bemerkte mit Verwunderung die lebhafte Aufregung Nathans, und konnte ſich nicht enthalten, zu fragen:„Und wer iſt denn dieſer Wenonga, über den du Alles, ſelbſt das Schickſal meiner armen Schweſter vergißſt?“ „Wer er iſt!« rief Nathan.„Wahrlich, Freund, du biſt noch ein Kind in den Wäldern, wenn du noch nie von Wenonga gehört haſt. Seiner Axt iſt mancher unſchuldige Anſiedler erlegen, und mit Recht rühmt er ſich, kein Herz zu haben, denn er iſt ein Mann, der das Blut von Weibern und Kindern getrunken hat! Freund, ich fürchte, der Skalp deiner Schweſter hängt bereits an ſeinem Gürtel.“ Bei dieſer fürchterlichen Ankündigung gefror das Blut in Rolands Adern, und eine ſo ſchreckliche Veränderung ging in ſeinen Zügen vor, daß ſelbſt Nathan erbebte und haſtig den Eindruck ſeiner Worte zu verwiſchen ſuchte. „Wahrlich, Freund,“ rief er aus,„ich habe nicht die Wahrheit geſprochen. Deine Schweſter iſt geborgen, gefangen zwar, aber ihres Lebens ſicher!“ „Ihr ſagtet mir, ſie wäre todt, geſchlachtet und ſkalpirt von dieſen gräßlichen Mördern,“ ſagte Roland, und ſetzte grimmig und verzweifelnd hinzu:„Und wahrlich, wenn es ſo iſt, ſo rufe ich Himmel und Erde zu Zeugen an, daß ich nicht ruhen und raſten will, bis ich ihren Tod gerächt habe in dem Blute dieſer Schurken, denen kein Leben heilig iſt, nicht einmal das Leben unſchuldiger Frauen und Kinder. Das will ich, ſo wahr Gott mir helfe!“ „Du ſprichſt wie ein Mann!“ rief Nathan freudig aus, indem er Rolands Hand mit faſt zermalmendem Drucke ſchüttelte,— „heißt das,“ fuhr er fort, und ließ plötzlich, wie veſchämt über die Heſtigkeit ſeiner Theilnahme, dieſelbe los,—„heißt das, wie ein Mann nach deiner eigenen Anſicht von den Sachen und Dingen. Aber nur ruhig; das Mädchen iſt noch am Leben und wird es hoffentlich auch bleiben. Und damit du dich ſelbſt davon über⸗ zeugſt, werde ich dir ſogleich meine Gedanken mittheilen. Beant⸗ worte mir nur die Frage, ob du Feinde unter den Indianern haſt, irgend einen abtrünnigen weißen Mann, wie Abel Doe, der dir Böſes zu thun wünſcht?“ Roland, erſtaunt über die Frage, verneinte ſie. „Aber du haſt vielleicht daheim einen Feind, der ſo erbittert gegen dich iſt, daß er ein Bündniß mit den Indianern eingehen würde, um dich umzubringen?“ fragte Nathan wieder. „Gewiß habe ich Feinde,“ erwiederte Roland,„aber keinen, den ich für ſo boshaft halte, wie du zu glauben ſcheinſt.“ „Dann, wahrlich, bringſt du mich in Verlegenheit, Freund,“ ſagte Nathan kopfſchüttelnd.„So gewiß, wie ich hier ſtehe, ſo gewiß ſah ich in jener Nacht, als ich die Ruinen verließ, und durch die Linien der Indianer ſchlüpfte, einen weißen Mann, der, abſeits von den Uebrigen, mit Abel Doe an einem Feuer ſaß, und mit ihm berathſchlagte, wie das Blockhaus am beſten zu ſtürmen ſei, ohne die Frauen in Gefahr zu bringen. Wahrlich, Freund, ich wunderte mich ſchon, daß die Beſtien uns ſo wenig Schaden zu⸗ fügten, und nun ſah ich wohl, daß es aus Rückſicht auf die Frauen geſchah. Wahrlich, Freund, zwiſchen dieſen beiden Menſchen war eine Schurkerei abgekartet, denn ich hörte, wie ſie ſich um einen Preis oder eine Belohnung zankten, welche Abel Doe von dem Andern für die Hülfe forderte, die er ihm leiſtete, um dich ſammt deiner 125 Schweſter in eine Falle zu liefern. Ich habe mich nicht geirrt, Freund, denn da ich den rothen Shawl um den Kopf des Mannes am Feuer ſah, ſo kroch ich ganz nahe heran, und hörte, was ich dir erzählte, Wort ſür Wort.“ In Rolands Bruſt wachte bei dieſen Worten Nathans ein Verdacht auf, über den er ſich gern Gewißheit verſchafft hätte. Nathan aber fuhr fort: „Glaubſt du, daß die Flinten, die Korallen und das Tuch, was Alles nach der Schlacht vertheilt wurde, Beute war, welche man den jungen Kentuckiern abgenommen hatte? Nein, Freund, dieſe Dinge waren der Preis, womit der weiße Mann im rothen Turban die Schurken bezahlte, daß ſie dich und deine Schweſter zu Gefangenen machten. Seine Söldlinge waren Vagabunden aus allen Stämmen, wie ich wohl bemerkte, und der alte Wenonga iſt der ärgſte Schurke von Allen, und von ſeinem Stamme ſelbſt wegen Trunkenheit und anderer Laſter ſeiner Häuptlingswürde entſetzt worden. Ich denke, der weiße Mann dürſtete nach deinem Blute, weil er dich dem alten Piankiſchaw übergab, der dich ohne Zweifel ermordet hätte, wenn du in ſeinem Dorfe angelangt wäreſt. Was er aber für eine Abſicht mit deiner Schweſter hat, vermag ich nicht zu erforſchen, da ich deine Geſchichte nicht kenne.“ „Ihr ſollt ſie hören,“ ſagte Roland,„damit wir, wo möglich, dieſem Gewebe von Liſt und Bosheit auf die Spur kommen. Es lebt allerdings ein ſchlechter, ſchurkiſcher Mann, den ich ſtets für unſern Feind gehalten habe, obgleich ich ihn nicht für fähig hielt, eine ſolche, alles Maaß überſteigende Spitzbüberei zu begehen. Dieſer Mann heißt Brayley, und brachte mich und meine Schweſter um das Vermögen unſeres Oheims, deſſen natürliche Erben wir Beide nach ſeinem Tode waren.“ Roland erzählte, wie derſelbe ein Teſtament von altem Datum vorgebracht habe, worin ſämmtliche Beſitzungen des Verſtorbenen einem angenommenen Kinde vermacht wurden, welches, wie Nie⸗ mand zweifelte, ſchon vor vielen Jahren bei einem Brande um⸗ gekommen war. Brayley hätte jedoch geſchworen, es ſei noch am Leben, und ſein Eid gründete ſich, wie er gerichtlich ausſagte, auf die Erklärung eines Mannes, Namens Atkinſon, der das Mädchen geſehen und erkannt haben wolle, ohne jedoch zu verrathen, in welcher Gegend und an welchem Orte. Dieſer Atkinſon ſei ein übel berüchtigter Menſch, der an den Grenzen des Landes umher⸗ ſchweife, um der Strafe für begangene Verbrechen zu entgehen. Brayley aber hätte bethenert, daß er Schritte gethan habe, ihn aufzufinden, und durch ihn die verlorene Erbin wieder zu erlangen. Roland bemerkte ſeinem Zuhörer ganz offen, daß er dieſe Geſchichte für eine lügenhafte Erfindung Brayley's halte, um ſich ſelbſt im Namen der verſchwundenen Erbin in den Beſitz der reichen Ländereien ſeines, Rolands, Oheim zu ſetzen. Auch beſchuldigte er Braxley, daß von demſelben ein zweites Teſtament, welches ſein Oheim nur wenige Monate vor ſeinem Tode niedergeſchrieben, und worin derſelbe Editha zu ſeiner Erbin erklärt habe, vernichtet worden ſei. Daß ein ſolches Teſtament da geweſen war, erhellte aus Aeußerungen, welche der verſtorbene Oheim öfters gegen Editha ausgeſprochen hatte, und ſogar Brapley gab die Thatſache zu, mit der Behauptung jedoch, daß der Oheim ſelbſt dieß zweite Teſtament wieder vernichtet habe. Nathan hatte die weitläufigen Auseinanderſetzungen Rolands ſehr aufmerkſam angehört, und nach kurzem Beſinnen ſagte er? „Jetzt zweifle ich nicht länger, daß der Mann mit dem rothen Turban jener Schurke Brayley war, der ſich nur mit den India⸗ nern verbunden hat, um dich aus der Welt und Editha in einen verborgenen Winkel der Erde zu ſchaffen, wo er nichts mehr von ihren Anſprüchen auf die reiche Erbſchaft zu beſorgen hat. Aber ſei guten Muthes, Freund! Denn wahrlich, der Herr verlaͤßt die Seinen nicht, und er wird es an das Tageslicht bringen, wenn jener Brayley, woran ich nicht zweifle, wirklich ein Dieb und Räuber iſt. Noch nie hat die Lüge über die Wahrheit einen dauernden Sieg davon getragen, und wahrlich, in dieſem Falle wird ſich ein ſpolches Wunder nicht zum erſten Male ereignen. Wahrlich, wir müſſen nun ſehen, wie wir deine arme Schweſter befreien können.“ ⁵„Wir müſſen Beiſtand ſuchen, Nathan!“ rief Roland aus. „Und dann ihr nach!“ „Und wo ſollen wir Beiſtand finden?“ fragte Nathan.„Haſt du vergeſſen, daß das große Indianerheer im Norden von Ken⸗ tucky iſt, und alle kampffähigen Männer der Station gegen die Schurken aufgeboten ſind? Nein, Freund, Niemand kann dir beiſtehen?“ „Aber die Auswanderer« rief Roland verzweifelnd.„Sie werden mich nicht in der Noth verlaſſen.“ „Auch auf ſie kannſt du nicht rechnen,“ entgegnete Nathan. „Bei der Ankunft der Indianer ſetzten ſie, wie ich hörte, ſchleunigſt 127 ihre Reiſe fort, ohne dich an der Furth zu erwarten, und ſo iſt denn Niemand zu deinem Beiſtande bereit, als ich.“ Roland rang betrübt ſeine Hände und blickte traurig vor ſich nieder.„Ich bin in der That freundlos und elend,“ ſagte er niedergeſchlagen.„Wollte Gott, wir Beide, Edith und ich, wären umgekommen, dann brauchte ich doch ihretwegen nicht in ſo ſchreck⸗ licher Unruhe zu ſein. Beim Himmel, ich mögte ſie lieber todt, als zeitlebens in der Gefangenſchaft der Wilden wiſſen.“ „Freund,“ ſagte Nathan, der mit unverhohlenem Mißfallen Rolands Kleinmuth bemerkte,—„Freund, wahrlich, du biſt nur ein Thor, da du ſo wenig auf den Beiſtand des Ewigen vertrauſt. Du wünſcheſt die todt, die noch der Troſt deines Lebens ſein wird? Freund, du weißt nicht, was es heißt, das Liebſte auf Erden ver⸗ lieren zu müſſen.“ „Sieh, Freund,“ fuhr er fort, und ſchüttelte ſanft Rolands Arm, um ſeine Aufmerkſamkeit rege zu machen,—„du erblickſt hier einen Mann vor dir, der einſt jung und glücklich war, wie du, ja noch glücklicher, indem ein treues Weib an meiner Seite lebte und viele Kinder, die mich liebten, und die ich liebte, mehr als mein Leben. Ja, Freund, wahrlich, vor zehn Jahren war ich ein anderer Mann, als jetzt, und ein glücklicherer. Ich hatte Weib und Kind, aber jetzt iſt nichts mehr übrig von ihnen, als nur ich allein, ich, ein trauernder, alter Mann, der einſam ſteht in der Welt, und keine Stätte kennt, wo ein lebendes Weſen ſeiner mit Liebe gedächte.“ „Damals wohnte ich an den Grenzen von Bedford, weit ab von hier, in den Bergen von Pennſylvanien. Dort ſtand das Haus, welches ich mir baute, und es enthielt Alles, was mir lieb und theuer war, meine alte, graue Mutter, mein gutes Weib, und die Kinder meines Herzens. Es waren ihrer fünf, Söhne und Töchter, alle geſund und blühend, alle kleine, unſchuldige Geſchöpfe, die Niemanden ein Leides gethan hatten, und wahrlich, Freund, ich liebte ſie ſehr.“ „Wohlan, Freund,“ fuhr Nathan nach einer kurzen, ſchwermüthigen Pauſe fort,—„da umzingelten uns die Indianer, denn ich hatte mich kühnlich an der Grenze niedergelaſſen, weil mich mein Glaube zu einem Mann des Friedens machte, der aller Menſchen Freund iſt, und alle Menſchen als Freunde betrachtet. Aber die Shawnee's kamen daher, geröthet vom Blute meiner Nachbarn, die ſie ermordet hatten, und ſie erhoben ihre Hände gegen meine unſchuldigen Kin⸗ 128 der. Du fragteſt mich einſt im Walde, was ich in einem ſolchen Falle thun würde, wenn mir Waffen zu Gebote ſtänden. Nun, Freund, ich hatte Waffen in der Hand, und ich reichte meine Flinte und mein Meſſer vertrauensvoll dem Häuptling der Shawnee's, damit er erkennen ſolle, daß ich freundlich gegen ihn geſinnt ſei.“ „Freund, wenn du mich nun nach meinen Kindern frägſt, wahrlich, ſo will ich dir Beſcheid geben. Mit meinem eigenen Meſſer erſtach der Häuptling meinen älteſten Sohn! Mit meiner Flinte erſchoß er die Mutter meiner Kinder!— Wenn du leben ſollteſt, bis dein Haar grau iſt, ſo wirſt du doch niemals ſehen, was ich, ich ſah an jenem Tage! Freund, erſt, wenn du Kinder haſt, die von den Indianern vor deinen Augen gemordet werden, wenn du ein Weib haſt, das in der Todesangſt deine Knie um⸗ klammert, während ihr Blut von der durchſchoſſenen Bruſt nieder⸗ rieſelt, wenn eine alte Mutter in ihrer letzten Noth vergeblich deine Hülfe anruft,— dann erſt, Freund, wahrlich, darfſt du den Muth und die Lebensluſt verlieren und dich für elend halten. Ja, dann erſt magſt du dich elend wiſſen, und elend fühlen, und elend nennen; denn alsdann wirſt du elend ſein. Hier war mein kleiner Sohn — ſiehſt du? Hier ſeine beiden Schweſtern— verſtehſt du?— Hier— du wirſt denken, daß ich nach einer Waffe griff, um ihnen zu helfen— aber— es war zu ſpät! Ermordet, Freund!— Alle, Alle ermordet— Alle grauſam, vor meinen Augen geſchlachtet!“ Nathans Stimme brach; er ſank nieder, verbarg ſein Geſicht in den Händen, und athmete hörbar, tief und ſchwer. Roland ſchaute mit unendlicher Theilnahme zu ihm nieder und eine Thräne zitterte in ſeinen Augen⸗ Der kleine Peter aber ſchmiegte ſich wimmernd an ſeinen Gebieter, und ſchien mit ihm zu trauern und zu klagen über das grenzenloſe Elend, das ihn betroffen hatte. Der bittere Schmerz, welcher den armen Nathan darnieder⸗ veugte, wurde bald von ihm überwältigt. Nach wenigen Minuten ſtand er auf, und ſein verwittertes Geſicht war ruhig, wenn auch todtenblaß. Er bemerkte die Thräne an Rolands Wimper, ergriff die Hand des jungen Mannes und drückte ſie auf eine Weiſe, die deutlich genug ſagte, wie wohlthuend ihm die Theilnahme Rolands ſei. Dann ſagte er gefaßt:„du haſt nun gehört, Freund, und weißt, was mir die Shawnee's gethan haben. Sie tödteten Alles, was ich liebte und woran meine Seele hing, obgleich ich ihnen vertrauensvoll entgegenkam. Sage an, Freund, wenn ſie dir 129 ein gleiches Schickſal bereitet hätten, was würdeſt du dann gethan haben?“ „Ich?“ rief Roland, und der Schmerz wich von ſeinen Zügen, und Grimm und Wuth ſtrahlten aus ſeinen Augen,—„ich würde ihnen ewigen Krieg erklärt, ich würde ihnen unſterbliche Rache geſchworen, und würde ſie geſucht und verfolgt haben, geſucht und verfolgt ohne Unterlaß. Bei Tag und bei Nacht, im Sommer und Winter, an den Grenzen und in ihrem eigenen Lande, bis in ihre Dörfer und Hütten würde ich die Elenden verfolgt haben bis zum Tode. Denn Solches wäre nicht allein Rache, es wäre auch Pflicht geweſen gegen meine Nebenmenſchen, die ein gleiches furchtbares Schickſal hätte erreichen können.“ „Wahrlich, Freund,“ ſagte Nathan mit Donnerſtimme, und ſeine Augen ſchoſſen Blitze,—„wahrlich, das habe ich gethan! Ich habe an meine Kinder gedacht, und an mein Weib, und an meine alte Mutter, und an das Wohl meiner Nebenmenſchen, und da habe ich die Mörder verfolgt, und der Himmel verlieh meinem Arme Kraft, daß ich das Ungeziefer ausrotten half von der Erde. Ich danke dir, Freund, daß du geſinnt biſt, wie ich, und daß du mir Theilnahme und Freundſchaft bewieſen haſt. Und wahrlich, Freund, du ſollſt Beiſtand haben. Du biſt ein tapferer Mann, und haſt mich nicht verhöhnt und geſcholten, wie die Uebrigen, und wahrlich, die Jungfrau, die du verloren haſt, deine arme Schweſter, ſoll dir wieder zurückgegeben werden!“ „Aber wo, wo, Nathan, ſollen wir Beiſtand finden?“ fragte Roland.„Du und ich, wir ſind allein in der Wildniß.“ „Und von dir und mir muß die Hülfe kommen, und von Niemand ſonſt!“ entgegnete Nathan.„Wir wollen dieſe mörde⸗ riſchen Räuber verfolgen, und deine Schweſter aus ihrer Gewalt befreien!“ „Wir Beide allein? Ohne Hülfe und Beiſtand?“ „Allein, Freund, ja!“ ſagte Nathan.„Mit Hülfe des kleinen Peter, und im Vertrauen auf die ewige Vorſehung. Wahrlich, ich habe mir die Sache überlegt, und ich ſehe, daß wir gute Hoff⸗ nung haben, obzuſiegen. Du weißt, daß die Shawneekrieger auf einem Raubzuge im Norden von Kentucky begriffen ſind. In Folge deſſen ſtehen ihre Dörfer leer und ſind von Niemand bewacht, als von ſchwachen Greiſen, Weibern und Kindern. Darum friſch vor⸗ wärts! denn wir werden auf keinen Widerſtand treffen, welchen wir nicht durch Liſt, Kraft oder Tapferkeit überwältigen könnten.“ Gefahren der Wildniß⸗ 9 „Aber wie ſollen wir die Spur der Wilden finden?“ ſagte Roland.„Und woher ſollen wir Waffen nehmen? „Freund,“ entgegnete Nathan,„Waffen ſind dort genug, und du haſt die Wahl unter der Beute dieſer Schurken, die ich zu deiner Befreiung tödtete. Was dann die Spur anbetrifft, ſo laß ſie dich nicht weiter kümmern, denn Peter und ich, wir werden ſie ſchon aufzufinden und ihr zu folgen wiſſen.“ „Nun denn,“ ſagte Roland entſchloſſen,„ſo laß uns nicht län⸗ ger zögern. Jeder Augenblick iſt koſtbar.“ „Du redeſt die Wahrheit, Freund, und wenn du dich kräftig genug fühlſt,—“ „Oh, ich bin ſtark von Hoffnung und Zuverſicht,“ ſagte Ro⸗ land.„Du haſt mir neues Leben eingeflößt, und ich werde dir mit Freuden bis an das Ende der Welt folgen!“ Ohne weiter ein Wort zu ſagen, ging Nathan auf die getöd⸗ teten Indianer zu, und nahm ihnen ihre Flinten, Meſſer und Schießvorräthe ab, aus welchen Roland das Beſte zu ſeinem Ge⸗ brauche auswählte. Hierauf machten ſich Beide auf den Weg und ſchritten munter vorwärts, bis ſie an den Saum der kleinen Wald⸗ lichtung kamen, wo Nathan noch einmal ſtehen blieb und nach den getödteten Indianern zurück blickte. Der bisher kühne Ausdruck ſeines Geſichtes verſchwand und machte einer verlegenen und ſchüch⸗ ternen Miene Platz, eine Veränderung, welche Roland mit Erſtau⸗ nen bemerkte. „Freund,“ ſagte dann der Quäcker mit unſicherer und leiſer Stimme,—„du biſt ein tapferer Soldat, und weißt zu kämpfen, wie die Männer von Kentucky. Hältſt du es nicht für angeme⸗ ₰ ſen, jenen todten Vagabunden als Siegeszeichen ihre Skalpe zu 6 nehmen? Wayrlich, Freund, wenn du ſolches im Sinne haſt, ſo werde ich mich deinem Vorhaben nicht widerſetzen.« „Skalpiren?“ rief Roland.„Ich ſie ſkalpiren? Bin ich denn ein Schlächter, oder ein ehrlicher Soldat? Nein, Nathan, tödten will ich die Indianer, wo ich ſie finde, aber ſtalpiren, das kannſt du nicht von mir verlangen., „Halte das, wie du willſt, Freund,“ entgegnete Nathan, und ſchritt ohne weitere Bemerkung in den Wald hinein, bis er die Stelle erreichte, wo Tags vorher die Shawnee's ihr Branntwein⸗ fäßchen zerſchlagen hatten. Hier hielt er inne, und ſagte, als ob er von inneren Vorwürfen gepeinigt würde:„Setze dich nieder, Freund, und ruhe eine Weile aus. Wahrlich, ich habe zwei in⸗ 131 dianiſche Flinten am Wege liegen laſſen, und das betrübt mich. Welche von den Schurken könnten ſie finden, und unſeren weißen Brüdern damit Schaden zufügen. Ich will hin, um ſie in einem hohlen Baume zu verbergen.“ Ohne eine Erwiederung abzuwarten, eilte Nathan davon, kam aber nach wenigen Minuten zuruͤck. Sein Gang war jetzt ſtolz, ſein Auge funkelte, und Roland hörte ihn die Worte murmeln:„Man ſoll niemals eine Sache nur halb thun!“ Zugleich ſah Roland, daß die Spitze ſeines Meſſers blutig war, erlaubte ſich darüber aber keine Bemerkung, indem Nathan fortwährend ſchweigend ſeinem jungen Freunde voranſchritt. „Gehe ich dir zu ſchnell, Freund?“ ſagte er einmal.„Du darfſt heute nicht müde werden, bis die Nacht angebrochen iſt, denn die Wilden haben vor uns einen großen Vorſprung. Die Nacht hindurch aber magſt du ruhig ſchlafen, und wahrlich, mor⸗ 1 wirſt du dich ſehr wohl, wenn auch ein wenig fieberhaft, be⸗ nden.“ Solche Ermunterungen gab Nathan ſeinem Begleiter öfters, und ſchritt dabei unaufhaltſam und mit einer Kraft und Schnel⸗ ligkeit durch die Wildniß voran, daß er Roland in das höchſte Erſtaunen ſetzte, da derſelbe wußte, wie wenig Nathan in den ver⸗ gangenen drei Nächten hatte ſchlafen können. Bei ſolcher Eile dauerte es natürlich nicht ſehr lange, bis die Wanderer die Furth im Fluſſe wieder erreicht hatten. Hier verließ Nathan die breite Büffelſtraße, ſetzte über die Furth, und drang noch etwa eine Vier⸗ telſtunde tiefer in den Wald ein. Hier endlich machte er unter einem mit Bäumen und Brombeerſträuchen bewachſenen Felſen Halt, und deutete dadurch an, daß dieſe natürliche Höhle zum Schlafgemache für die Nacht dienen ſolle. „Hier iſt gut ſein,“ ſagte er zu Roland.„Man darf nie dicht an der Straße ſein Nachtquartier bereiten, wenn man vor Beſu⸗ chen der Wilden geſichert ſein will. Hier wird uns Keiner ſtören, wie ich aus langer Erfahrung weiß.“ Hurtig ſuchte er einige dürre Zweige zuſammen und ſchleppte ſie in die Grotte, in welcher bald darauf ein munteres Feuer auf⸗ loderte. Dann zog er ſeine Vorräthe an Lebensmitteln aus der Taſche, Korn und getrocknetes Fleiſch, und brachte endlich noch eine Subſtanz zum Vorſchein, von welcher er verſicherte, daß ſie guter und vortrefflicher Ahornzucker wäre. „Wahrlich,“ fügte er hinzu,„er könnte freilich beſſer aus⸗ wenn er beſſer gemacht wäre, aber wahrlich, da mir die Indianer meine Hütte verbrannten und mein kupfernes Geſchirr als gute Beute betrachteten, ſo mußte ich meinen Zucker in höl⸗ zernen Trögen bereiten, und ihn mit heißen Steinen gahr kochen. Wahrlich, Freund, auf langen Märſchen iſt er gut gegen den Hun⸗ ger, und hat mir ſchon oft den Mangel des Salzes erſetzen müſſen.“ Roland war zu erſchöpft, um ſehr hungrig zu ſein. Obgleich Na⸗ than faſt alle ſeine Herrlichkeiten in einer nahen Quelle abwuſch, um ſie appetitlich zuzurichten, genoß der junge Soldat doch nur wenige Biſſen, und ſtreckte ſich dann auf ſeinem Lager von Laub aus, um ſeine Kräfte durch den Schlaf wieder zu erneuern. Nach wenigen Augenblicken war er eingeſchlummert, und auch Nathan folgte bald ſeinem Beiſpiele, nachdem er noch einen Haufen Holz geſammelt, ſeine Waffen zum augenblicklichen Ergreifen zurecht gelegt, und den kleinen Peter ermahnt hatte, dieſe Nacht ja recht wachſam zu ſein. Zwei Minuten darauf ſchlummerkte er ſo feſt wie ein Mann, der in achtundvierzig Stunden kein Auge zugethan und während die⸗ ſer Zeit die größten Mühſeligkeiten ertragen hat. ſehen, Fünfzehntes Kapitel. Uathan und Roland befreien Ralph Stackpole aus der Hand der Wilden. Der Morgenſtern funkelte noch hell und klar am Himmel, als Roland ſchon wieder von Nathan geweckt und ermahnt wurde, ein Frühſtück zu ſich zu nehmen. Der junge Kriegsmann folgte dieſer Weiſung, denn er empfand Hunger, und fühlte ſich, vb zwar ſteif in allen Gliedern, doch weit kräftiger, als die Tage vorher. Auch ſeine Seele war ruhiger und heiterer, und er hielt feſt an der Hoffnung, daß er ohne Zweifel ſeine Schweſter aus der Ge⸗ fangenſchaft der Wilden vefreien werde. Nathan bemerkte dies Alles mit Vergnügen, und gab ſeine Freude darüber mit einigen herzlichen Worten zu erkennen. So⸗ bald dann das einfache Mahl verzehrt war, machten ſie ſich wie⸗ der auf die Wanderung und ſchlugen einen wilden und einſamen 133 Pfad ein, der ſie tief in die dicht verſchlungendſte Wildniß des Urwaldes hinein führte. Während ſie unter den Bäumen dahin ſchritten, erörterte Nathan die Umſtände, welche einen glücklichen Erfolg ihres Kriegs⸗ zuges zu verheißen ſchienen, und überzeugte Roland ſehr bald, daß er dem gefäͤhrlichen Unternehmen vollkommen gewachſen ſei. Un⸗ ter ſolchen Geſpraͤchen gingen ſie immer vorwärts, bis ſie das Ufer des Kentucky erreichten, was bei herannahender Nacht geſchah. Hier wurde Halt gemacht, und am nächſten Morgen ſetzten die beiden Männer auf einem in aller Eile gezimmerten Floß über den Strom, und gelangten am nächſten Tage an die Ufer des Ohio. Hier wurde abermals ein Floß gezimmert, und als ſie das jenſeitige Ufer betraten, faßten ſie ihre Waffen, wie Männer, welche wußten, daß ſie ſich auf Feindes Gebiet befanden und bei je⸗ dem Schritte von einer Gefahr überraſcht werden konnten. Sie ſetzten ihren Weg mit einer ſolchen Kraft und Behendigkeit fort, daß ſie ſich am Schluſſe des Tages nach Nathans Berechnung kaum noch zehn Stunden von dem Dorfe des ſchwarzen Geiers entfernt befanden, und es am folgenden Tage leicht erreichen konn⸗ ten. Am nächſten Tage ging es natürlich noch weiter fort; ſie vermieden aber jeden gebahnten Pfad, und ſtablen ſich mit einer Vorſicht durch die unbeſuchteſten Tiefen des Waldes, die zum Gelingen ihres kühnen Unternehmens jetzt immer nothwendiger wurde. Bis hierher hatte ſich auf ihrem ganzen langen Wege nichts Auſ⸗ ſerordentliches zugetragen. Jetzt aber ereignete ſich ein Vorfall, der in ſeinen Folgen beſtimmt war, einen großen Einfluß auf die Schickſale der Wanderer auszuüben. Sie richteten ihre Pläne ſo ein, daß ſie das indianiſche Dorf erſt bei Anbruch der Nacht erreichen konnten, und ſchritten ſo lang⸗ ſam vorwärts, daß ſie um Mittag kaum die Hälfte des ganzen Weges zurückgelegt hatten. Hier erreichten ſie eine kleine Schlucht, ſo wild und einſam, daß Nathan vorſchlug, einige Stunden Raſt zu halten und ſich durch eine warme Mahlzeit zu erquicken, welche ihnen in den letzten Tagen, wo ſie nur von Mais und Korn ge⸗ lebt hatten, nicht zu Theil geworden war. Der Zufall hatte ihnen kurz vorher zu einem ſchmackhaften Mahle verholfen. Sie waren auf einen Hirſch geſtoßen, welcher eben unter den Klauen eines Panthers ſein Leben aushauchte, hatten das Raubthier in die Flucht gejagt, und ſich auf ſolche Weiſe in den Beſitz eines delikaten Bratens geſetzt. Eine nähere Beſichtigung der Beute zeigte, daß der Hirſch vor dem Anfall des Panthers pereits von einer Flintenkugel getroffen war; ein Umſtand, welcher den mißtrauiſchen Nathan etwas beun⸗ ruhigte. Bei näherer Prüfung überzeugte er ſich jedoch, daß die weder ſchwere noch tödtliche Wunde das Thier nicht gehindert hatte, noch einige Stunden weit zu laufen, bis es völlig erſchöpft dem Panther in die Klauen fiel. Dieſer Umſtand beſchwichtigte Na⸗ thans Beſorgniß, der eine Keule von dem Hirſche abſchnitt, ſie auf ſeine Schultern lud, und nun in der erwähnten kleinen Thalſchlucht Anſtalt machte, den Leckerbiſſen zum Verſpeiſen zuzubereiten. Der Platz, auf welchem ſich die Reiſenden befanden, war gänz⸗ lich von Bergen eingeſchloſſen. Die eine Seite, von welcher ſie hergekommen, ſenkte ſich in einer ſanften mit Bäumen bedeckten Neigung in das Thal hinab, während die andere ſteil und ſchroff ſich aus dem Grunde erhob. Ein kleiner Bach durchſchlängelte das Thal, und bildete hie und da ſumpfige Stellen, bis er am fern⸗ ſten Ende des Thales in einer Biegung hinter den Bergen ver⸗ ſchwand. Hier war es, in dieſer einſamen Schlucht, wo Roland und Nathan ihre Waffen von ſich legten, und ſich der vollkommenſten Bequemlichkeit hingeben zu wollen ſchienen. Nicht ſo handelte der kleine Peter. Er war unruhig, erhob ſeine Naſe und ſchnupperte auf eine Weiſe, welche die Aufmerkſamkeit Nathans erregte, beroch den Rand der Quelle, an welcher die Reiſenden Halt gemacht, blickte aufwärts und niederwärts in der Schlucht, und lief endlich den felſigen Bergrücken hinan, wobei er beſtändig nach ſeinem Herrn zurückblickte und um deſſen Aufmerkſamkeit durch das We⸗ deln ſeines Schweifes zu bitten ſchien. „Wahrlich,“ ſagte Nathan, und ſprang auf, indem er nach ſeiner Büchſe griff,„du haſt mir Ein Mal umſonſt zugewedelt, aber zum zweiten Male ſoll es nicht wieder geſchehen, obgleich ich wahrlich nicht weiß, kleiner Peter, was du hier riechen kannſt, wo es weder Spuren von Wilden noch Weißen gibt!“ Mit dieſen Worten glimmte er ſelbſt den Berg hinan, und Roland folgte ſeinem Beiſpiele, obgleich er den Bewegungen des Hundes nicht die gleiche Wichtigkeit, wie Nathan, zulegte. Vorſichtig in die Höhe ſchreitend, erreichten die Wanderer bald den Kamm des Hügels, von welchem ſie in einen Abſturz von etwa 135 fünfzig Fuß Liefe ſchauten, der in ein wildes aber ſchönes Thal hinunter ging. Hier gewahrten ſie ein Schauſpiel, das ſie ihre Vorſicht ſegnen ließ, die Warnung ihres kleinen vierbeinigen Bun⸗ desgenoſſen nicht verachtet zu haben. Das Thal unten öffnete ſich in ein weiteres Tiefgelände, dem Bette einer Flußeinbucht, die ſie unter Bäumen, welche den üppi⸗ gen, angeſchwemmten Boden überſchatteten, ſchimmern ſehen konn⸗ ten. Und in dieſe Bucht ergoß ſich ein Bach, der zu ihren Füßen in dem Thale, worin er auch entſprungen war, munter plätſcherte und rauſchte. Der Berg auf der anderen Seite des Thales war rauh und ſteil, gleich dem, auf welchem ſie lagen, und hing an ſeinem oberen Ende mit dieſem, ein großes Halbrund bildend, zu⸗ ſammen. Das Thal ſelbſt zeigte ſich hie und da zerklüftet und nur an der einen Seite mit Bäumen bewachſen, welche mit ihren grü⸗ nen, üppigen Zweigen ein Dach über dem murmelnden Flüßchen bildeten. Unter dieſen Bäumen, etwa drei⸗ oder vierhundert Schritte von Roland und Nathan entfernt, erblickten die Wanderer zuerſt den Rauch eines großen Feuers, deſſen Schein auf fünf indianiſche Krieger fiel, welche in lebhafter Unterhaltung begriffen waren. In ihrer Naͤhe befand ſich ein Weißer, augenſcheinlich ein unglücklicher Gefangener, da er mit den Füßen feſt an einen Baum gebunden worden war. Jetzt ſprangen die Wilden auf, tanzten um ihr Opfer herum, jauchzten laut, und ſchlugen den Gebundenen mit Ruthen und Gerten über Kopf und Schultern, was ihnen ohne Zweifel mehr Vergnügen machte, als dem Gepeinigten, welcher bei jeder Gelegenheit mit ſeinen freien Fäuſten ſo grimmig auf die Indianer losſchlug, daß wirklich einmal Einer von dieſen, der ſich zu nahe herangemacht hatte, von der Wucht ſeiner Hiebe zu Boden geſtürzt wurde. Die Anderen lachten darüber und jubelten, ſetzten aber dabei unaufhörlich ihre grauſamen Neckereien mit dem größ⸗ ten Eifer fort. Dieß Schauſpiel machte natürlich einen tiefen Eindruck auf die beiden Wanderer, welche nicht ohne lebhafte Theilnahme die Leiden eines Mitmenſchen und Landsmannes anſehen konnten, denen ohne Zweifel bald noch grauſamere Martern und der Tod folgen muß⸗ ten. Sie ſchauten ſich mit funkelnden Blicken an, und Nathan ſagte, indem er ſeine Flinte feſter packte:„Sprich, Freund, was denkſt du von dieſem Falle?“ „Nathan,“ antwortete der junge Krieger,„ſie ſind ihrer fuͤnf, „ — —————— 136 und wir nur zwei, aber dieß Mal iſt keine Editha da, welche frü⸗ her meinen Arm lähmte, indem ich ihr Heil zunaͤchſt berückſichtigen mußte!“ warf einen nachdenkenden Blick auf die Wilden, und ſah dann ſeinen Begleiter mit beſorgter Miene an. „Wahrlich, Freund, du haſt Recht,“ ſagte er.„Wir ſind nur unſer zwei gegen fünf blutdürſtige Teufel, und wahrlich, es iſt kein Spaß, ſie am hellen Tage anzugreifen. Bei alledem ſind wir tapfre und kräftige Männer, und ich denke, wir könnten wohl den armen Gefangenen befreien und jenen Schurken beträchtlichen Scha⸗ den zufügen.— Aber, du ſpracheſt von der Jungfrau, deiner Schweſter. Wenn du dich in dieſen Kampf begibſt, ſo könnte es wohl ſein, daß du ſie niemals wiederſiehſt.“ „Wenn ich falle,“ entgegnete Roland feurig,—„ſo.. Nathan unterbrach ihn raſch. „Das iſt es nicht, woran du zu denken brauchſt,“ ſagte er. „Wahrlich, Freund, du kannſt ruhig mit dieſen Wilden kämpfen, und wirſt ihnen obſiegen. Aber wenn dein Gewiſſen dir nicht ge⸗ ſtatten ſollte, Alle umzubringen, ſo⸗ 120 „Aber warum Alle?“ fragte Roland.„Es iſt genug, wenn wir den Gefangenen befreien!“ „Nein, Freund, wahrlich nicht!« erwiederte Nathan.„Denn wenn nur ein Einziger von dieſen Schurken lebendig in ſein Dorf entkommt, ſo ſchlägt er Lärmen, und um die Befreiung deiner Schweſter iſt es geſchehen. Du mußt wählen, und entweder den Gefangenen hier oder deine Schweſter erretten.“ Roland ſtutzte. Die Anſicht Nathans hatte viel Wahrſchein⸗ liches für ſich, und er zitterte, wenn er an die Möglichkeit dachte, daß der eigentliche Zweck ſeiner Reiſe gänzlich vereitelt werden könnte. Aber einen Mitbruder, einen Landsmann feige in der Gefahr ſtecken zu laſſen, wo es in ſeiner Hand lag, ihm Hilfe zu bringen, das vermogte er auch nicht, und ſein beſſeres Gefühl ſträubte ſich dagegen. Er erinnerte ſich an ſeine eigene hilfloſe Lage, aus der Nathan ihn gerettet hatte, und entſchloſſen wandte er ſich zu Nathan, indem er ſagte: „Nathan, wir können den Gefangenen befreien! Ich war ein Gefangener, wie er, ich lag hilflos und gebunden, wie er, und drei Indianer hüteten mich, während nur Ein Freundesauge wachte. Und dieſer Freund verließ mich nicht! Schande über mich, wenn Ich jenen Armen verlaſſen wollte. Das Loos meiner armen Schwe⸗ 137 ſter ſteht bei Gott, wir aber, Nathan, wir müſſen jenen Mann befreien!“ „Wahrlich, Freund,“ ſagte Nathan, und ein Freudenblitz ſtrahlte aus ſeinem kühnen Auge,„wahrlich, du biſt ein Mann, jeder Zoll an dir! Du ſollſt deinen Willen haben, was dieſe elenden Shawnee⸗ hunde anbetrifft, und deine Schweſter, Freund, ſoll vielleicht deßhalb nicht ſchlechter wegkommen.“ Ohne weitere Worte zu verlieren, gab er Roland einen Wink, und kroch mit ihm über den Rand des Hügels, wo er anhielt, um in aller Eile zu berathen, welche Schritte bei dem bevorſtehenden, gefährlichen Abentheuer die beſten ſein mögten. Roland ſchlug vor, der Eine von ihnen ſolle am oberen, der Andere am unteren Ende des Thales Poſto faſſen, dann dem Feinde ſo nahe als möglich kriechen, und feuern. Ehe ſich dann die Wilden von ihrer Be⸗ ſtürzung erholt hätten, ſollten ſie Beide vorſtürzen, und den Kampf, die Apt in der Fauſt, zu Ende bringen. „Wahrlich, Freund,“ ſagte Nathan, der mittlerweile die Sache ſcharf überlegt hatte,—„wahrlich, wir wollen den mörderiſchen Dieben möglichſt nahe kommen, ſo daß es uns im glücklichen Falle gelingen kann, Jeder zwei von ihnen auf Einen Schuß zu treffen. Oder,“ fuhr er fort,„wir können vielleicht auch die Land⸗ ſtreicher fangen, während ſie ſich von ihren Flinten entfernen, um Holz für ihr Feuer zu holen. Und wahrlich, Freund, dann kön⸗ nen wir ihnen vielleicht zu einer zweiten Salve aus ihren eigenen Gewehren verhelfen. Und, wenn es zum Schlimmſten kommen ſollte, ſo kenne ich eine Liſt, die jedenfalls die Schurken in unſere Hände liefern ſoll.« Nach dieſen Worten machte er ſeine Waffe ſchußfertig, und befahl dem kleinen Peter, ſich in einem Buſche zu verſtecken, wel⸗ cher Befehl auch ſogleich befolgt wurde. Jetzt eilte er mit Ro⸗ land auf dem Bergrücken entlang, bis er ein dichtes Gebüſch er⸗ reichte, unter deſſen Schutz er unentdeckt in das Thal zu gelangen hoffte. Aber ſeine Erwartung ward noch übertroffen. Eine tieſe Rinne, von Regengüſſen ausgewaſchen, zog ſich hier bis in das Thal hinab, überwölbt von den Büſchen, welche auf beiden Seiten derſelben wuchſen. Ein kleiner Bach floß in ihr hinab, und ſein Rauſchen und Plätſchern war laut genug, um jedes Geräuſch, welches die Wanderer beim Hinabſteigen verurſachen konnten, zu übertönen und zu verbergen. „Wahrlich, wahrlich,“ ſagte Nathan mit einem Lächeln grim⸗ 138 miger Freude,„die Schurken ſind in unſeren Händen, und kein Haar von ihnen ſoll uns entwiſchen.“ Hurtig eilte er in die Schlucht, Roland folgte ihm nach, und bald hatten ſie eine Stelle erreicht, wo ſie das ganze Thal über⸗ ſchauen und die Wilden mit Leichtigkeit niederſchießen konnten. Sie ſahen dieſelben, kaum vierzig Schritte von ihnen entfernt und ohne alle Ahnung von der Gefahr, die ſo nahe über ihren Häup⸗ tern ſchwebte. Sie hatten ihr grauſames Spiel mit dem Gefan⸗ genen aufgegeben, der ein Mann von ſtarkem und kräftigem Kör⸗ perbau ſchien. Er lag keuchend unter dem Baume ausgeſtreckt, ſo nahe, daß die Verſteckten deutlich das raſche Heben und Sinken ſeiner nach Athem haſchenden Bruſt ſehen konnten. Zwei India⸗ ner, die Tomahawks in der Fauſt, ſaßen an ſeiner Seite im Graſe und hielten Wache. Ihre Flinten hatten ſie an den Stamm eines halbvermoderten Baumes gelehnt, deſſen letzte Aeſte ein Dritter mit ſeiner Art abhieb. Die beiden übrigen Wilden kauerten am Feuer und wendeten, die Flinten im Arme, ihre Aufmerkſamkeit einem Braten zu, der an einem Stocke über den Flammen zum Eſſen zubereitet wurde. Die Blicke, welche ſie von Zeit zu Zeit dem Gefangenen zuwarfen, weiſſagten dieſem nichts Gutes, und ſchienen die kannibaliſche Hoffnung auszuſprechen, ihn bald an einem ähnlichen Feuer braten zu ſehen. „Die Stellung der Indianer vereitelte Nathans Plan, deren zwei auf einen Schuß erlegen zu können; aber dieſer Umſtand kühlte weder ſeinen Eifer ad, noch ließ er ſich von ihm in Ver⸗ legenheit bringen. Sein Plan war für alle möglichen Fälle ent⸗ worfen, und wenige, leiſe geflüſterte Worte genügten, Roland von ſeinen Abſichten in Kenntniß zu ſetzen. Dieſer folgte der empfan⸗ genen Weiſung, legte neben ſich auf den Rand der Rinne ſeine Apxt, deckte ſeine Mütze darauf, und nahm nun einen der am Feuer ſizenden Wilden auf's Korn. Nathan that wie er, und richtete die Mündung der Büchſe auf den anderen Wilden. Beide ſchie⸗ nen keine Ahnung von der Gefahr zu ahnen. Sie ſaßen ganz ſtill. Aber irgend ein Geräuſch, vielleicht von einem fallenden Steine herrührend, den Roland von der Rinne abbröckelte, erreichte jetzt ihr Ohr, und veranlaßte ſie, in die Höhe zu fahren und for⸗ ſchende Blicke umherzuwerfen. „Jetzt, Freund,“ flüſterte Nathan,„aufgepaßt. Ein Fehlſchuß kann dich dein Leben koſten! Biſt du bereit?“ „Bereit!“ erwiederte Roland. —————————————— 139 „Nun denn,“ ſagte Nathan,“ ſo jage deine Kugel dem Schur⸗ ken durch's Gehirn! Feuer!“ Die Buͤchſen krachten, und beide Indianer ſtürzten getroffen zu Boden. Die Uebrigen ſprangen erſchreckt in die Höhe, griffen mit Gebrüll nach ihren Waffen, und ſchauten nach dem unſicht⸗ baren Feinde umher, der ſo plötzlich den Tod in ihre Reihen ge⸗ ſendet hatte. Auch der Gefangene erhob ſeinen Kopf, und ſchien aus ſeiner ſtumpfen Verzweiflung aufgeſchreckt. Die blauen, leicht gekräuſelten Pulverwolken, welche ſich aus dem Gebüſche hervorringelten, verriethen den Indianern den Stand⸗ ort ihrer Feinde. Sie ſahen die Mützen durch das Laub ſchim⸗ mern, hielten ſie für die Köpfe ihrer Feinde, und gingen blind in die Falle, welche der wandernde Nathan liſtiger Weiſe ihnen ge⸗ legt hatte. Mit einem jauchzenden Gebrüll ſchoſſen ſie ihre Flin⸗ ten gegen den vermeintlichen Feind ab. Die Mützen ſielen, und Nathans donnernde Stimme erſcholl, indem er rief:„Jetzt, Freund, den Tomahwak zur Hand, und drauf auf die Hunde!“ Kaum war dieſer Aufruf ergangen, ſo rauſchten die Gebüſche und die beiden Männer ſtürmten mit kräftigem Hurrah auf das Feuer zu, wo die noch geladenen Flinten der erſchoſſenen Indianer lagen. Auch die Wilden jauchzten laut, und eilten den Angreifen⸗ den entgegen, um ihnen die Beute ſtreitig zu machen. Einer blieb jedoch zuruͤck, und ein jubelnder Siegesruf tönte von ſeinen Lippen. Er allein hatte ſich von der Liſt Nathans nicht täuſchen laſſen. Sein Gewehr war noch geladen, und mit hohnvoller Freude richtete er die Mündung deſſelben grade auf Nathans Bruſt. Aber ſein Triumph dauerte nicht lange, und der Schuß, wel⸗ cher Nathans Leben bedrohte, wurde durch ein unerwartetes Ereig⸗ niß glücklich von ſeinem Ziele abgelenkt. Der Gefangene, welcher bis dahin auf dem Boden gelegen hatte, fühlte ſeine Kraft ver⸗ doppelt, als er die Freunde zu ſeiner Hilfe herbei eilen ſah. Mit einer gewaltſamen Anſtrengung zerriß er ſeine Bande, ſprang mit einem donnernden Jubelgebrüll vom Boden auf, ſtürzte ſich auf den Wilden, ſchlug ihm das Gewehr aus der Hand, packte ihn mit ſeinen mächtigen Fäuſten, und ſchmetterte ihn mit dem Rufe: „Hurrah! Kentucky für immer!“ auf den Boden nieder. Er warf ſich auf ihn, und ein ſchrecklicher Kampf, Fauſt gegen Fauſt, be⸗ gann. Sie kugelten über einander hinweg, knirrſchten mit den Zähnen, heulten laut, riſſen ſich hin und her, wie wilde Thiere, und rollten endlich, in eine unauflösliche Umarmung verkettet, von — — dem Raſen abwaͤrts den ſehr ſteilen und hohen Ufern des Baches zu, in welchen ſie plötzlich hinabſtürzten und den Uebrigen ganz aus dem Geſichte kamen. Während dieß geſchah, waren auch die Anderen in ein leb⸗ haftes Handgemenge gekommen. Keiner von den Indianern und den Angreifenden dachte mehr an die Flinten, ſondern ſie ſtürzten auf einander los, wie Männer, deren einziger Gedanke Sieg oder Sterben iſt. Nathan erhob hoch ſeine Apt und warf ſich auf den ſtärkſten der beiden Gegner, welcher ebenfalls ſeinen Tomahawk zum Schleudern fertig hielt. Die ſchrecklichen Waffen ſausten durch die Luft, trafen mitten in ihrem Fluge zuſammen, klirrten an einander, und ſanken dann, machtlos und ohne Schaden ge⸗ than zu haben, zu Boden. Der Indianer eilte vorwärts, griff mit Blitzes ſchnelle nach ſeiner Waffe, und kam— zu ſpät⸗ Na⸗ thans Hand packte mit Rieſenkraft ſeine Schulter, und eine ein⸗ zige Anſtrengung ſeines muskelſtarken Armes reichte hin, den Gegner auf die Erde zu ſchleudern. Nathan ſtemmte ſein Knie auf die Bruſt des Gefallenen, packte mit der einen Hand ſeine Gurgel, wahrend er mit der andern nach einem Tomahawk griff, und rief mit einem Blicke erbarmungsloſen Grimmes:„Hund, du mußt ſterben, und wenn das Leben deines ganzen Stammes in deiner Bruſt wäre!« Dreimal erhob er den Tomahawk, und drei⸗ mal ſchmetterte er ihn nieder auf des Indianers Haupt. Dieſer lag da, eine regungsloſe, blutüberſtrömte Leiche. Jetzt erhob ſich Nathan wieder, ſchwang mit einem gellenden Schrei die blutige Ayt über ſeinem Haupte, und blickte nach Roland um⸗ her. Er ſah ihn auf der Bruſt des letzten Wilden knien, welcher der ungeſtümen Tapferkeit ſeines jungen und kühnen Gegners nicht zu widerſtehen vermogt hatte. Beide hatten ihre Tomahawks gegen einander geſchleudert, ohne den Feind getroffen zu haben; Roland, weil ihm die Uebung im Gebrauch dieſer Waffe mangelte, und der Wilde, weil er in blinder Wuth über einen Leichnam ge⸗ ſtolpert, und ſogar zu Boden geſtürzt war. Roland ließ ihn nicht wieder in die Höhe kommen. Er hielt ihn ſtandhaft feſt, vermogte ihn aber nicht zu tödten, da ihm eine Waffe fehlte. Nathan ſah es, und eilte ſeinem Freunde zu Hilfe. Ein einziger Schlag mit dem Tomahawk genügte, den jungen Indianer für immer un⸗ ſchädlich zu machen und ſeinen vorangegangenen Stammesgenoſſen in die Ewigkeit nachzuſenden. Die Sieger ſprangen nun auf, und ſchauten nach dem fünf⸗ ten Indianer und dem Gefangenen umher, welche Beide ſie na⸗ türlich im Eifer des Gefechts nicht hatten beobachten können. Ein ſchreckliches Getöſe aus dem Bache, ein Schreien, Jauchzen, Stöh⸗ nen, Fluchen und Plätſchern, führte ſie an den Rand des Ufers, und hier ſahen ſie nun eine Scene, welche vielleicht die ſchrecklichſte im ganzen Kampfſpiele war. Der Indianer lag auf dem Rücken tief in Schlamm und Waſſer begraben, das ihn beinahe erſtickte, und der Gefangene ritt quer auf dem Leibe deſſelben, vom Kopf bis zu den Füßen mit Schlamm und geronnenem Blute bedeckt, und mit ſeinen bloßen Fäuſten,— denn Waffen hatte er keine — unaufhörlich auf Kopf und Antlitz ſeines Feindes niederſchmet⸗ ternd. Seine Fäuſte glichen Schmiedehämmern, und ſeine Hiebe wurden mit ſolcher Kraft und ſolcher Wuth geführt, daß ſie den Schädel des Wilden in eine formloſe Maſſe verwandelten. Und während er ſo das Leben aus dem Indianer hinaus hämmerte, erſcholl eine unaufhörliche Fluth von Verwünſchungen aus ſeinem Munde, die nicht weniger, als die Hiebe, ſeinen unauslöſchlichen Grimm gegen einen Feind verkündigten, der ihn vor wenigen Mi⸗ nuten noch nach Herzensluſt gemartert und gepeinigt hatte. „Du Spießruthenteufel!“ ſchrie er.„Peitſche jetzt noch ein⸗ mal, du rothhäutiger, abſcheulicher Hundeſohn! Jetzt ſollſt du dei⸗ nen Lohn bekommen, wie du ihn verdienſt, du mörderiſcher, heim⸗ tüͤckiſcher, niederträchtiger Quälgeiſt! Das für dich, und dieß, und dieß! Siehſt du, ſo bezahle ich dir dein Hohnnecken und Martern mit kleiner puffender Münze!“ So ſchrie er, und hämmerte, bis Roland und Nathan zu⸗ ſprangen, und den erbitterten, muthvollen Mann an den Schul⸗ tern von ſeinem Opfer hinwegriſſen. Als ſie ſpäter die Leiche un⸗ terſuchten, fanden ſie wirklich ſeinen Schädel in Atome zerſchmet⸗ tert, und mußten die Gewalt der Fäuſte bewundern, die eine ſolche Wirkung zu erzielen vermogten. Der Sieger ſprang indeß auf ſeine Füße, ſchüttelte ſeine Arme, und ſchrie mit donnernder Stim⸗ me:„Habe ich ihn nicht trefflich bearbeitet? Hoch Kentucky und der Alligator vom Salzfluſſe! Kikeriki! Kikerikiki!“ Roland horchte hoch auf und ſchaute Nathan mit unbeſchreib⸗ lichem Erſtaunen an. Sie Beide erkannten jetzt an ſeiner Stim⸗ me und an ſeinem Krähen, was die Blut⸗ und Schlammkruſte auf ſeinem Geſichte bisher verhindert hatte, den würdigen Ralph Stackpole, den übel berüchtigten Capitain aller Pferdediebe. ——— 142 Sechszehntes Kapitel. DPie Erzühlung Ralphs. Die Ueberraſchung Stackpole's, als er bemerkte, wem er ſeine unverhoffte Befreiung zu verdanken hatte, war kaum geringer, als das Eſtaunen Rolands und Nathans. Sie ging jedoch ſogleich in die lebhafteſten Ausbrüche der Freude über. Ralph umarmte den wandernden Nathan, umarmte Roland, der ſich vergeblich ſeiner Annäherung erwehrte, und drückte beide mit der leidenſchaftlichſten Liebe und dem unbeſchreiblichſten Entzücken an ſein Herz. „Fremder,“ ſchrie er, als er an Rolands Halſe hing,„Ihr habt mich vom Stricke gerettet, obgleich es nur auf Anſuchen der engelleuchtenden Dame geſchah! Und jetzt habt Ihr mich befreit aus freien Stücken, und ohne daß es einer Bitte von mir bedurfte! Fremder, ich kann nicht Euer Hund ſein, weil ich ſchon der Hund der engelleuchtenden Dame bin! Aber, Euer Mann bin ich, Euer Mann Ralph Stackpole, und will treu zu Euch halten in Zeit und Ewigkeit, und wo Ihr meiner Dienſte jemals bedürft! Ewiger Tod auf mich, Fremdling, Ihr könnt auf mich rechnen, und wenn Ihr einen Soldaten braucht, ſo iſt Ralph Stackpole von heute an Euer Mann!“ „Aber, um's Himmels Willen, Menſch, wie kommt Ihr hier⸗ her?“ unterbrach Roland Ralphs Ergüſſe ſeiner allzu lebhaften Dankbarkeit.„Ich ſah Euch doch mit dieſen meinen eigenen Augen den Wilden entrinnen!“ „Fremder,“ entgegnete Ralph,»und wenn Ihr mich bis zum jüngſten Tage früget, ſo könnte ich Euch doch immer nur Eine Antwort geben. Meine Abſicht iſt, die engelleuchtende Dame aus den Klauen des indianiſchen Gezüchtes zu befreien, und ich war ihr ſchon hart auf der Spur, als die todten Schurken hier mich fingen und in Feſſein ſchlugen?“ „Was?“ rief Roland, der eine Art von Zuneigung zu dem Pferdediebe in ſeinem Herzen erwachen fühlte, als er hörte, daß derſelbe ſeiner armen Schweſter treulich nachgefolgt war,—„Ihr hattet die Abſicht, ihr zu helfen? Ihr ſeid nicht als Gefangener hierher geſchleppt?“ „Erſchoſſen will ich werden, wenn das iſt!“ ſagte Ralph Stack⸗ pole.„Erſt eine halbe Stunde von hier fingen mich die Hunde, † gerade als ich mein Gewehr auf einen Hirſch abgeſchoſſen hatte. 143 Da ſprangen ſie auf mich ein, ehe ich wieder laden konnte, und ſo kam ich in ihre Gewalt. Ich will Euch Alles berichten. Sobald Tom Bruce wieder zu ſich kam—“ „Wie?“ unterbrach ihn Roland,—„iſt der junge Mann nicht erſchoſſen?“ „Nein, nein, ewiger Tod auf mich, nur verwundet. Es war eine Art Nervenſchwäche über ihn gekommen, wie ſie die Leute gewöhnlich fühlen, wenn ihnen eine Kugel zwiſchen die Rippen fährt. Und nun ſagte ich eben zum Tom Bruce, ich wolle fort, um der engelleuchtenden Dame zu helfen. Doch erſt brachte ich den jungen Kentuckier in Sicherheit, und Bruce ſchwur mir, daß er mir ſogleich mit ſeinem Vater und aller Mannſchaft folgen wolle, die er aufbringen könne, um die Gefangenen zu befreien.“ Ferner erzählte Ralph, daß er den Wilden nachgeſchlichen ſei, und ihnen immer auf den Ferſen geblieben wäre. Seine Hoffnung, Editha zu helfen, habe auf der Kenntniß einiger der Dörfer der Indianer beruht, in denen er ſchon öfter als einmal Pferde ge⸗ ſtohlen habe.“ Da Ralph nur ſpärlich mit Lebensmitteln verſehen war, und ſich nicht zu jagen getraute, ſo litt er natürlich bald Mangel. Drei Tage widerſtand er dem Hunger; endlich aber ſiegte die Natur über ſeinen Willen, und da gerade ein Hirſch vor ihm aufſprang, ſo jagte er ihm eine Kugel in den Leib. Daß er das Thier ge⸗ troffen hatte, ſah er an der Blutſpur, die er ſo eifrig verfolgte, daß er darüber vergaß, ſeine Flinte wieder zu laden. Dieß war eine große Unvorſichtigkeit; denn bald geſchah es, daß die fünf Indianer(wie es ſich auswies, eine Abtheilung, und zwar die Nachhut der Schaar, welche er verfolgte) von dem Knall ſeiner Flinte angelockt wurden, unverſehens über ihn herfielen, und ihn zum Gefangenen machten. Ralph wurde ſogleich von den Wilden als der berüchtigte Pferdedieb erkannt, und ihr Haß gegen ihn war ſo groß, daß ſie, anſtatt ſogleich der Hauptſchaar zu folgen, in dem Thale verweilten, nur um dem Gefangenen ein kleines Vorſpiel von den Martern zu geben, welche ihn ſpäter erwarteten. Sie banden und geißelten ihn, und würden ihn unfehlbar noch weiter gepeinigt haben, wenn er nicht noch zu rechter Zeit von Roland und Nathan befreit worden wäre. Aus dieſen Mittheilungen, welche Ralph machte, ging hervor, daß ſich die Hauptſchaar der Räuber mit ihren Gefangenen noch auf dem Marſche befand, wenn auch zu weit voraus, um eingeholt — ————— 2 werden zu können. Dennoch drang Roland, nachdem die drei Männer ihre Mahlzeit verzehrt hatten, ernſtlich in Nathan, die Verfolgung der Indianer unverzüglich zu beginnen. „Ohne Zweifel,“ ſagte er,»haben ſie, wie dieſe fünf, irgend⸗ wo Halt gemacht, und wir können ſie daher eben ſo beſchleichen und aus dem Hinterhalte tödten, um ſo mehr, da unſere Streit⸗ kräfte durch Ralph vermehrt worden ſind.“ Nathan hörte ihn ruhig an, ſchien aber wenig geneigt, den Gründen des jungen Mannes Glauben zu ſchenken. „Wahrlich, Freund,“ ſagte er,„es wird beſſer ſein für mich, für dich und die Jungfrau, wenn wir den Verſuch machen, ſie Nachts aus dem Dorfe zu ſtehlen, als wenn wir es wagen, ſie aus dem Lager einer bewaffneten Schaar zu holen. Habe nur Geduld, und wahrlich, du wirſt ſehen, daß manches Gute daraus entſprin⸗ gen kann.“ Roland, die überwiegende Erfahrung Nathans anerkennend, mußte ſich deſſen Anordnungen fügen, obgleich er brennend danach verlangte, ſeiner armen Schweſter die ſchleunigſte Hülfe zu bringen. Nathan ſchlug nun zunächſt vor, die Leichname der Indianer in irgend einen vom Regen ausgewaſchenen Graben zu ſtürzen, damit kein vorübergehender Wilder ſie bemerken könne. Dieß ge⸗ ſchah, jedoch nicht, bevor Ralph und Nathan die Taſchen der Ge⸗ tödteten durchſucht und ſich der darin befindlichen, irgend werthvollen Dinge bemächtigt hatten. Dann nahm der Quäker dem Einen ein leichtes indianiſches Jagdhemd; einem Zweiten einen Leinwandüber⸗ wurf, ein Weibertuch und ein Säckchen mit Arzneikräutern; einem Dritten verſchiedene Kleinigkeiten, Nadeln, Schellen und ein Säck⸗ chen mit Roth und andern Farben, den Hauptartikeln des Schmuckes eines Wilden. Alle dieſe Dinge band er in ein Bündel, um ſie zu einem Zwecke zu gebrauchen, welchen er ſeinen Gefährten keines⸗ wegs verheimlichte. Hierauf nahm er die Flinten der Getödteten, ſchraubte die Schlöſſer ab, und verbarg ſie in Felſenſpalten, wo ſie nicht leicht ein menſchliches Auge wiederfinden konnte. Dann ver⸗ wiſchte er noch ſorgfaͤltig die Spuren des Kampfes mit den Wilden, und gab endlich das Zeichen zum Aufbruch, welches bereitwillig von Roland und Ralph Stackpole befolgt wurde. — —5, 0— S — — 0 . 0 Siebenzehntes Kapitel. Uathan ſchleicht in das Porf. Der Abend fing bereits an hereinzudunkeln, als unſere Freunde, die ſich durch verworrenes Dickicht und an einſamen Bergkämmen hinſtahlen und ſorgfältig jeden betretenen Pfad vermieden, endlich von dem Gipfel eines Hügels aus das Thal erblickten, in welchem das Dorf des ſchwarzen Geier's gelegen war. Das letzte Roth der von der untergegangenen Sonne noch überlichteten Wolken übergoß die kleinen, grünen Wieſen des Thales mit einem verklärenden Schimmer. Ein heller Fluß plätſcherte durch das Thal, der ſeine Waſſer bald unter ſchattigen Baumgruppen verbarg, bald zwiſchen Blumen daher ſtrömte, und der ganzen Gegend ein äußerſt lieb⸗ liches und freundliches Anſehen gab. Weiterhin im Thale erblickte man Felder mit reifenden Mais, und jenſeits derſelben, wo ſich das Thal hinter vorgeſchobenen Bergen verlor, zeigten die bläulichen leichten Rauchwölkchen, die ſich aus Dächern von Rinde und Fellen erhoben, das Daſein des indianiſchen Dorfes an. Die Wanderer, nun endlich angelangt am Ziele ihrer mühe⸗ vollen Reiſe, betrachteten die Gegend, welche der Schauplatz ihrer Thaten werden ſollte, eine Weile mit tiefen Schweigen, und Jeder dachte der Gefahren und Schwierigkeiten, welche noch überwunden werden mußten, wenn ſie ihr letztes heiß erſehntes Ziel erreichen wollten. Endlich ſuchten ſie eine tiefe, verſteckte Schlucht auf, hiel⸗ ten ihre letzte Berathſchlagung, und trafen endlich ihre Vorberei⸗ tungen, um in das Dorf zu gelangen. Nathan erbot ſich, zuerſt allein in's Dorf zu gehen, um den Zuſtand deſſelben in Augen⸗ ſchein zu nehmen, und, wo möglich, den Ort auszukundſchaften, wohin die geraubte Editha gebracht worden war.. Dieß wollte jedoch Ralph durchaus nicht zugeben, indem er darauf beſtand, daß man ihm dieſes Geſchäft übertragen müſſe. „Glaubt Ihr denn, alter Nathan,“ ſagte er,„daß ich nur darum der engelleuchtenden Dame ſo lange nachgelaufen bin, um ſie von irgend einer anderen zweibeinigen Kreatur befreien zu laſſen? Ewiger Tod auf mich, ich bin der Mann, der dieß Dorf am beſten kennt, denn ich habe ſchon öfter als ein Mal Pferde daraus geſtohlen.“ „Wahrlich,“ entgegnete Nathan, du könnteſt allerdings der Jungfrau auf deine Weiſe nützen, aber wahrlich, Freund, du biſt Gefahren der Wildniß. 10 — ——— —— 146 ein Unglücksvogel, und wo du erſcheinſt, bringſt du auch Unheil mit. Ich habe Furcht vor dir, Freund, was dieß betrifft.“ „Fürchte dich lieber vor deiner eigenen Naſe, blutiger Nathan,“ erwiederte Ralph lachend.„Ewiger Tod auf mich, iſt es nicht Glück genug, aus den Klauen von fünf Indianern befreit zu wer⸗ den? Laß uns dann mit einander gehen, Nathan. Spüre du die engelleuchtende Dame aus, und während du dabei biſt, will ich ein Pferd für ſie ſtehlen, auf dem ſie davon reiten kann.“ „Wahrlich,“ entgegnete Nathan beifällig,„daran habe ich eben gedacht, Freund, denn es iſt nothwendig, daß die ſchwache Jungfran ein Thier zum Reiten bekommt. Wohlan, Freund, wenn du in deinem Gewiſſen überzeugt biſt, daß du ihr ein Thier ver⸗ ſchaffen kannſt, ohne geſehen und erwiſcht zu werden, ſo habe ich nichts dagegen, daß du mich begleiteſt. Und in Wahrheit, wenn du zwei oder drei ſtehlen kannſt, ſo wird es nicht nur der Jungfrau, ſondern auch uns von großem Nutzen ſein.“ „Jetzt ſprecht Ihr, wie ein Mann von Verſtand,“ erwiederte Ralph.„Gebt mir nur Stricke, aus denen ſich Halfter machen laſſen, und dann ſollt Ihr einen Pferdedieb kennen lernen, wie noch nie Einer auf Erden geſehen worden iſt.“ „Wahrlich,“ ſagte Nathan,„an Halftern ſoll es dir nicht fehlen, wenn man ſie aus Leder machen kann. Nimm meinen ledernen Rock, und ſchneide ihn in Riemen, denn ich kann doch keinen Gebrauch davon machen, wenn ich in das indianiſche Dorf wandere. Mit dieſen Worten zog Nathan das erwähnte Kleidungsſtück aus, welches Ralph ſogleich in dünne Streifen zerſchnitt, welche er zu Halftern zuſammenflocht. Nathan aber zog ſtatt des Rockes das Calicohemd an, welches er den getödteten Indianern abgenom⸗ men hatte, und hing darüber, gleich einem Mantel, den ſchon er⸗ wähnten indianiſchen Leinwandüberwurf. Um ſeinen Kopf band er ein buntes Tuch, und behing ſich mit verſchiedenen, zu dieſem Zwecke mitgenommenen Beuteln und verzierten Gürteln. Dann be⸗ ſtrich er Antlitz, Arme und Bruſt mit Streifen von rother, ſchwarzer und grüner Farbe, welche Schnecken, Eidechſen und andere Kriech⸗ thiere vorſtellen ſollten, und verwandelte ſich auf ſolche Weiſe zu einem Wilden, der ſo grimmig und Schrecken erregend ausſah, wie ihn nur ſein Anzug und ſeine Malerei, verbunden mit ſeiner hohen, magern Geſtalt, irgend machen konnten. Während dieſe Umwandlung mit Nathan vorging, beſtand Roland darauf, den Uebrigen in das Dorf zu folgen, indem er nicht die geringſte Luſt hatte, ſich zu einer ruhmloſen Unthätigkeit verurtheilen zu laſſen. „Ich fürchte die Gefahr nicht,“ ſagte er,„ſondern will alle theilen, von denen Ihr Euch bedroht ſehen werdet.“ „Wahrlich,“ entgegnete Nathan,„wenn es ſich nur um Gefahr handelte, ſo ſollteſt du mit uns gehen und uns willkommen ſein. Aber du kannſt uns nur geringe Dienſte leiſten, die in keinem Ver⸗ haäͤltniß mit der Gefahr ſtehen, welcher deine gänzliche Unerfahren⸗ heit uns ausſetzt. Alles hängt jetzt von Gewandtheit, Schlauheit und Geiſtesgegenwart ab, und die geringſte Unklugheit würde Ver⸗ nichtung über uns Alle herabziehen.“ Dieſen und anderen Vorſtellungen mußte der junge Soldat ſich endlich fügen, doch that er es nur unter der Bedingung, daß er ſich dicht an der Gränze des Dorfes verbergen dürfe, um bei irgend auf den erſten Ruf nach Hülfe zur Hand ſein zu önnen. Als die Dämmerung endlich in Nacht überging, verließen die drei Männer den Hügel, und ſtiegen kühn aber vorſichtig in das Thal hinab. Das Bellen der Hunde, das gelegentliche Jauchzen eines halb trunkenen Wilden, und der rothe Schimmer eines Feuers, das aus den Spalten einer Hütte hervorleuchtete, machte es ihnen leicht, ſich dem Dorfe zu nähern. Es lag an dem jenſeitigen Ufer des Stromes, und zwar, wie ſchon erwaͤhnt, grade hinter einer Krümmung des Thales, am Fuße eines ſteilen, aber nicht ſehr hohen Berges. Derſelbe ſprang faſt bis an das Ufer des Fluſſes vor, und ließ eben nur Raum genug für die vierzig oder fünfzig Hütten, aus denen das Dorf beſtand. An dem Ufer, wo unſere Freunde ſtanden, war das Thal breiter, und hier hatten auch die Indianer ihre Kornfelder angelegt. Als die drei Männer am Saume der bebauten Felder anlang⸗ ten, wateten ſie durch den weder breiten noch tiefen Fluß, und ſtiegen über Baumſtämme und Stumpen am Fuße des Berges, wo vor Jahren einmal ein fleißiger Indianer ein Feld gerodet hatte, das jedoch niemals bepflanzt worden zu ſein ſchien. Hier verbargen ſie ſich, um zu warten, bis der ungewöhnliche Lärmen im Dorfe, eine Folge der Ausſchweifungen, welcher ſich nach Nathans Anſicht die Sieger überließen, ſich gelegt haben würde. Hierauf mußten ſie indeß lange warten. Die drei Freunde konnten in ihrem Verſtecke manches Gejauchze vernehmen, das bald 10* — 1 grimmig und furchtbar, bald klagend und trauernd erſcholl, je nach⸗ dem es der Freude des Sieges oder dem Andenken der Gefallenen galt. Mitunter löste ſich dies Geſchrei in ein brüllendes Gelächter, Geſchnatter der Weiber, Gekreiſch der Kinder und Gebläff der Hunde auf, und dieß zeigte, daß das ganze Dorf an einer Feſilichkeit Theil nahm, bei welcher ohne Zweifel der Rum nicht geſchont wurde. Endlich, nach mancher Stunde ängſtlichen Harrens legte ſich das Getöſe, und nach Mitternacht erklärte Nathan, daß nun die Zeit gekommen ſei, in das Dorf einzudringen. Er erhob ſich von ſeinem Lager, ermahnte Roland, ſich nicht von der Stelle zu ent⸗ fernen, bis er den Ausgang ſeines eigenen Beſuchs kennen würde, und gab ihm beim Scheiden den Rath, ſich beim erſten Grauen des Tages auf die Flucht zu begeben, wenn bis dahin Ralph oder Er nicht zurückgekommen ſein würden. „Wahrlich, Freund,“ ſagte er,„ein indianiſches Dorf iſt zu⸗ weilen wie eine Falle, in welche man wohl hinein, aber nicht wieder heraus kommt. Wenn ich ſterbe, ſo bediene dich des klei⸗ nen Peters, zu deſſen Herrn ich dich mache. Er wird dich treulich durch die Wildniß führen, denn wahrlich, er hat Zuneigung zu dir gefaßt, weil du ihn immer gut und freundlich vehandelt haſt, was ich nicht von jedem Menſchen ſagen kann.“ Nach dieſen Worten legte er ſeine Flinte, als bei ſolchem Unternehmen völlig unnütz, auf die Seite, ermahnte Ralph, ein Gleiches zu thun, und wendete ſich dann an den kleinen Peter, den er ganz ernſthaft anredete. „Peter,“ ſagte er,„ich überlaſſe dich dir ſelbſt und der Obhut des jungen Mannes, der bei dir iſt; ſei gut, treu und gehorſam, wie du immer geweſen biſt, und hüte dich, damit du fern von Unheil und Gefahren bleibſt.“ Wie es ſchien, verſtand Peter ſeinen Herrn vollkommen, denn er kauerte ſich auf den Erdboden nieder, ohne nur einen Verſuch zu machen, ihm zu folgen. Nathan entfernte ſich darauf mit Ralph, und ließ Roland allein mit ſeinen Gedanken und Empfindungen, die in ſeiner Lage eben nicht die angenehmſten ſein mogten. 149 Achtzehntes Kapitel. Uathan entdeckt Telie. Die Nacht war klar und ſternhell, ein Umſtand, welcher dem wandernden Nathan bei ſeinem Vorhaben nicht ſehr angenehm war. Zum Glück für ihn lag das Dorf größtentheils im Schatten des Berges, der mit rieſenhaften Ahorn⸗ und Tulpenbaͤumen bedeckt war, welche ihn und ſeinen Begleiter vollkommen verbargen. Ralph an ſeiner Seite, ſchritt er dem Dorfe zu, aus welchem auch jetzt noch von Zeit zu Zeit das Brüllen eines trunkenen Wilden erſchallte, begleitet von dem Geheul, welches die unruhigen Hunde ausſtießen. Ob dieſe Töne oder irgend eine düſtere Ahnung die Beſorg⸗ niſſe Nathans weckte, iſt ſchwer zu entſcheiden, da er ſelbſt ſeine Gedanken ſorgfältig verbarg. Noch wenig Schritte nur von einer elenden Hütte, aus Zweigen und Häuten beſtehend, entfernt, machte er plötzlich Halt, zog ſeinen Begleiter ein wenig abſeits, und redete ihn mit leiſer Stimme folgendermaßen an. „Du ſagſt, Freund, daß du aus dieſem Dorfe bereits Pferde geſtohlen haſt und es genau kennſt?“ „So genau, wie die Knöchel meines Daumens!“ entgegnete Ralph.„Heißt das, die Orte, wo ſich die Pferde aufhalten, denn weiter bin ich nicht in dem Neſte herumgekommen. Der Weg zu den Pferden geht hier gerade um die Hütte herum, und dann jener Schlucht zu, wo Ihr ſie mehr als einmal wiehern hören könnt, wenn Ihr die Ohren ſpitzt. „Freund,“ fuhr Nathan fort,„wahrlich auf deinen Thaten weit mehr als auf den meinen beruht der Erfolg unſeres Wageſtückes. Wenn du dich gut benimmſt, ſo mag es wohl geſchehen, daß wir nicht nur der unglücklichen Damen Gefängniß entdecken, ſondern ſie auch daraus entführen, ohne daß die Indianer etwas davon merken. Wenn du aber handelſt, als ein thörichter Menſch, und wahrlich, ich hege deßhalb große Beſorgniſſe, Freund, ſo wirſt du ihr nicht nur nicht helfen können, ſondern noch obendrein auch Andere hindern, es zu thun.“ „Nathan,“ ſagte Ralph, und man hörte am Klang ſeiner Stimme, daß er es ehrlich meinte,—„Nathan, ewiger Tod auf mich, wenn ich nicht mein Beſtes thue, um die engelleuchtende Dame zu befreien. Hier ſtehe ich, Mann, bereit, Euch Gehör zu geben, und Eure Rathſchläge zu befolgen. Tragt die Sache vor, ich will ſie geduldig anhören.“ „Wohlan, Freund,“ nahm Nathan das Wort,„mein Rath beſteht darin, daß du bleibſt, wo du biſt, und mir allein die ganze Sache überläßt. Denn da ich ſehe, daß du von dem ganzen Dorfe nur den Pferdepferch kennſt, ſo wäre es unklug, wollteſt du dich zwiſchen die Hütten wagen. Bleibe hier, wo du biſt, und ich werde den Verſteck der Jungfrau auskundſchaften.“ „Ewiger Tod auf mich,“ ſprach Ralph,— valter Burſche, Ihr werdet doch nicht behaupten, daß Ihr das Dorf beſſer kennt, als ich? Habt Ihr denn ſchon jemals Pferde daraus geſtohlen?“ „Freund,“ erwiederte Nathan,„begnüge dich, wenn ich dir ſage, daß es in dieſem ganzen Dorfe keine einzige Hütte gibt, die mir nicht genau bekannt wäre! Du darfſt nicht nach dem Pferch gehen, ehe du nicht beſtimmt weißt, daß die Jungfrau gerettet werden kann. Denn wahrlich, Freund, es könnte ſich wohl ereignen, daß wir die ganze Sache bis morgen Nacht aufſchieben müßten.“ „Ja ja, ich ſehe ein, daß es Unſinn wäre, ein Pferd zu ſtehlen, ehe nicht die engelleuchtende Dame zugegen iſt,“ ſagte Ralph.„Und alſo, blutiger Nathan, wenn es deine Meinung iſt, daß ich dir beſſer helfe, wenn ich dir gar nicht helfe, ſo will ich mich unter dieſen Baum kauern, und will ruhig liegen bleiben, ganz wie es die Vernunft erheiſcht.“ Dieſe Erklärung ſchien Nathan von einer großen Sorge zu befreien. Er beſchwor noch einmal den Pferdedieb, Wort zu halten, und den Erfolg ſeines Beſuchs im Dorfe abzuwarten, und dann machte er ſich auf den Weg. Er ging aber jetzt nicht mehr mit dem ſchüchternen und zögernden Schritte eines ſchleichenden Spions, ſondern er zog ſeinen Leinenmantel dicht über die Schultern, nahm den Gang und das Weſen eines Wilden an, und ſchritt kühn und ſicher vorwärts. Und dabei klimperte er, wie es ſchien, um vor⸗ ſätzlich die Aufmerkſamkeit der Dorfbewohner zu erregen, ganz laut mit einem Bündel Schellen, die er unter ſeinem Mantel ver⸗ borgen trug. Dieſe vermeintliche Thorheit, für welche es anfänglich auch Ralph hielt, zeigte ſich jedoch bald als ein Beweis von Klugheit, und ihre Wirkung diente dazu, eines der erſten und größten Hinderniſſe aus dem Wege des Wanderers zu räumen. Bei der erſten Hütte befand ſich eine Truppe kläffender und bellender Hunde, welche, aus ihrer Ruhe aufgeſtört, große Luſt zu haben ſchienen, ————————ÜÜÜY—— 151 dem blutigen Nathan das weitere Vordringen in das Dorf zu verwehren. Ein einziges Schütteln der Schellen reichte jedoch hin, dieß Hinderniß in einem Augenblicke aus dem Wege zu räumen. Die Thiere vernahmen kaum das Geklimper, ſo zogen ſie die Schwaͤnze zwiſchen die Beine und rannten eiligſt davon, als fürch⸗ teten ſie den Wurf eines Tomahawks, welcher die gewöhnliche Strafe für ihre Verwegenheit, einen Krieger anzubellen, zu ſein pflegt. „Ewiger Tod auf mich, ein vortrefflich ſchöner Einfall,“ mur⸗ melte Ralph, welcher den Erfolg von Nathans Liſt beobachtet hatte, mit Erſtaunen.„Wenn ich das nächſte Mal Pferde ſtehlen will und nehme nicht einen Scheffel voll Schellen mit, ſo ſoll man mich einen Eſel heißen. Dieſe Indianerhunde ſind es gerade, die einem allein das Spiel verderben können.“ Obgleich Nathan mit anſcheinender Sorgloſigkeit vorwärts ſchritt, und großes Vertrauen in ſeine Verkleidung ſetzte, ſuchte er dennoch alle Gefahren ſorgfältig zu vermeiden, denen er ſich nicht durchaus ausſetzen mußte. Wo noch irgend ein von wachenden Indianern behütetes Feuer aus der offen ſtehenden Thür eines Wigwam ſchimmerte, ſchleicht er mit der größten Vorſicht vorüber, und jedem lauernden und brüllenden Wilden, der ihm noch begeg⸗ nete, wich er ſo weit aus, wie es der Raum irgend erlaubte. Auch war in der That volle Urſache zur äußerſten Vorſicht vorhanden. Das Dorf war keineswegs von Vertheidigern ſo ent⸗ blößt, wie Nathan geglaubt hatte. Die Krieger Wenonda's waren ihrem Anführer nicht Alle zu dem Einfalle in Kentucky gefolgt, ſondern eine ziemliche Anzahl war faul und ruhig in ihren Hütten zurückgeblieben. Wenigſtens vermuthete dieß Nathan, indem er ſich nicht anders den Umſtand erklären konnte, daß er hie und da in der Nähe von Feuern, wo ſie im Freien gezecht hatten, auf Tagediebe ſtieß, welche quer über dem Wege lagen und auf dem Flecke eingeſchlafen ſein mußten, wo die Dünſte des genoſſenen Getränkes ſie überwältigt hatten. Nathan ſchlich leiſe an ihnen vorbei, kroch ſogar, wenn ihm der Schlummer nicht feſt genug ſchien, auf allen Vieren vorüber, und kam endlich glücklich in der Mitte des Dorfes an. Hier zeigte das Daſein mehrerer aus Baumſtämmen aufgerichteter Hütten, welche an Schönheit allen übrigen im Dorfe weit überlegen waren, den Wohnort der Häuptlinge des Stammes an, oder auch vielleicht jener weißen Männer, welche Nathan bei den auf den Kriegspfad gezogenen Wilden bemerkt hatte. 1 152 Der Quäker näherte ſich leiſe einer dieſer Hütten, ſchaute durch eine Ritze zwiſchen den Baumſtämmen, und bemerkte auf den erſten Blick, daß hier ein weißer Abtrünniger feine Wohnung aufgeſchlagen haben müſſe. Ein halbes Dutzend Kinder von hellerer Farbe, als die Wilden, ſchlief auf Matten um ein Feuer, neben welchem, ebenfalls ſchlummernd, die indianiſche Mutter ſaß. Nathan zögerte hier nicht lange. Nach einem kurzen, ſcharfen Blicke ſchlich er einer andern, nahe ſtehenden Hütte zu, und dieß mit noch größerer Vorſicht und Sorgfalt, als er bereits bisher gezeigt hatte. Die Hütte glich allen übrigen, war aber weit beſſer und hübſcher gebaut und zeigte einen aus Holzſtücken und Lehm gefertigten Schornſtein, ein Vorzug, deſſen ſich keine andere Hütte des Dorfes rühmen konnte. Dichte Rauchwolken drangen daraus hervor, geröthet vom Scheine der Flammen, welche ſie ausſpieen. Auch hier bediente ſich Nathan einer Ritze, um das Innere des Hauſes zu überſchauen, und ſah nackte Holzwände von Stämmen, deren Zwiſchenräume mit Moos und Lehm nothdürftig verſtopft waren, einige roh gearbeitete hölzerne Stühle, einen eben ſolchen Liſch, ein Lager von Thierhäuten, und einiges Kriegs⸗ und Jagd⸗ geräthe, was hie und da an den Wänden hing. Dieſe Gegen⸗ ſtände feſſelten jedoch Nathans Blicke bei weitem weniger, als zwei weiße Männer, welche bei einem elenden Talglichte in der Nähe des noch immer hell brennenden Feuers ſaßen. Der Eine von ihnen, ein großer und ſtarker Mann, war mit einem Leinenüber⸗ wurf, einem Baumwollenhemd und einem rothen Shawle, der ihm als Kopfbedeckung diente, bekleidet. Er mogte etwa vierzig Jahre alt ſein, und ſein Antlitz hätte noch immer ſchön genannt werden können, wenn nicht wilde und zügelloſe Leidenſchaften ihre Spuren auf ihm zurückgelaſſen gehabt haͤtten. Den andern Mann, kleiner als der Erſte, erkannte Nathan ſogleich als Telie Doe's Vater, den er zuerſt bei dem Angriffe auf die Ruinen unter der blutdür⸗ ſtigen Schaar der Wilden geſehen hatte. Der Anblick dieſer beiden Männer erregte Nathans ganze Neugierde, und er ſtrengte Augen und Ohren an, um Alles, was vorging, genau beobachten zu können. Doe ſah finſter und mür⸗ riſch aus; er ſaß bewegungslos da und ſtierte in die Flammen des Feuers, ohne ſich um ſeinen Gefährten zu bekümmern, welcher je feinen rothen Turban vom Kopfe nahm, auf die Seite warf, und dem Vater Telie's einige Worte in's Ohr flüſterte, welche Nathan trotz des angeſtrengteſten Horchens nicht verſtehen konnte. Er wie⸗ 153 derholte ſein Geflüſter mehrere Mal; da jedoch Doe nicht darauf achtete, ſo ward er ungeduldig und ſprach zu Nathans Freude und mit lauter Stimme: „Hört, Ihr, Jack, Atkinſon, Doe, Schawgenaw, Klapper⸗ ſchlange, oder welchen Namen Ihr Euch ſonſt zu geben beliebt,— ſeid Ihr toll oder betrunken, daß Ihr mich ſchwatzen laßt, ohne nur darauf hinzuhorchen? Erwacht, Mann, und ſagt mir wenig⸗ ſtens, wovon Ihr träumt, wenn Ihr mir ſonſt nichts zu ſagen habt.“ „Je nun,“ erwiederte der Andere zornig, indem er nach einem irdenen Kruge griff und einen tüchtigen Schluck daraus nahm, ehe er redete,„wenn Ihr es durchaus wiſſen wollt, ſo ſage ich Euch, daß ich an den jungen Mann dachte, dem wir einen ſo ſchändlichen Tod bereitet haben. Es war ein recht chriſtliches Werk, das, wahrhaftig!“ „Ach was! Thorheit!“ entgegnete der Andere.„Wir waren im Kampfe, Burſche, und der Beſiegte muß ſein Loos tragen, wie es ihm eben zufällt.“ „Freilich wohl, Richard,“ erwiederte Doe oder Atkinſon,„je⸗ doch vergeßt Ihr einen Umſtand bei der Sache, der mir wenigſtens weſentlich zu ſein ſcheint, nämlich den Umſtand, daß es Chriſten⸗ menſchen und nicht Indianer waren, welche den unglücklichen Mann auf die Schlachtbank geliefert haben. Es wird mir ganz unheim⸗ lich zu Muthe, wenn ich daran denke.“ „Pah, Ihr werdet noch ein vollkommener Thor,“ rief der Andere verächtlich aus. Das kommt davon, weil Ihr die unſin⸗ nigen Reden der närriſchen Telie ſo geduldig anhört.“ „Schweigt von dem Mädchen, Menſch!“ rief Doe zornig und finſter aus.„Gegen mich mögt Ihr reden, was Ihr wollt, denn ich bin ein ſchlechter Kerl, aber ich dulde es nicht, daß Ihr das Mädchen ſchimpſt.“ „Nun, nun, nur nicht ſo heftig,“ ſagte der Andere begüti⸗ gend.„Wenn ſie nur nicht ſo treu zu Editha hielte, die mich ſo viel gekoſtet hat.“ „Ja, ein theurer Kauf iſt das Mädchen für uns Alle gewor⸗ den,« ſagte Dve, indem er wieder den noch halb gefüllten Krug an die Lippen ſetzte.„Sie hat uns elf Mann gekoſtet, und ein Glück iſt es, daß nur vier davon zu unſerem Dorfe gehörten, ſonſt würde ſie ohne Gnade getödtet und ſkalpirt worden ſein, trotz Eurem Geld und Euren Spielereien. Ja, vier von uns, und zwei davon hat der Dſhibbenönoſeh geholt. Wißt Ihr wohl, Richard, ————— — ich bin kein Feigling, aber daß dieſer böſe Waldgeiſt gerade er⸗ ſcheinen mußte, als wir das Mädchen und ihren Bruder fingen, das ſcheint mir ein Ding von übler Vorbedeutung zu ſein. Und ſo wie ich, denken auch die Indianer, denn Ihr ſahet wohl, wie ſchwer es war, ſie wieder in's Treffen zu bringen, als ſie einmal die kreuzweis durchſchnittenen Rippen der Getödteten geſehen hatten. Ich halte den Dſhibbenönoſeh für den leibhaftigen Gott⸗ ſeibeiuns.“ „Ein klarer Beweis, daß Ihr ein Narr ſeid,“ entgegnete ſein Gefährte.„Ich bin nicht ein ſolcher Eſel, daß ich an dergleichen Dinge glaubte!“ „Nun freilich,“ murmelte Doe,„wer nicht an die Hölle glaubt, die ihn erwartet, glaubt auch nicht an den Böſen. Aber ſeht,“ fügte er lauter hinzu,„Ihr habt doch mit eigenen Augen jenen Indianer unter dem Baume todt erblickt, obgleich die fünf Kund⸗ ſchafter ihn lebendig verlaſſen hatten!“ „Das habe ich freilich,“ antwortete der Mann mit dem Turban, „aber er war von dem Reiter verwundet worden, den Ihr bei der Furth entſchlüpfen ließet, und ich finde es ganz natürlich, daß der junge Soldat, der ihn fand, nach Art Eures Dſhibbenönoſeh auf⸗ ſchlitzte, um ſich die aberglaͤubiſche Furcht der Indianer zu Nutze zu machen.“ „Gut, zugegeben,“ erwiederte Dve—„was ſagt Ihr aber zu dem Krieger, der, als wir die Ruine belagerten, mitten unter uns getödtet und gezeichnet ward? Ihr könnt doch nicht behaupten, daß der Soldat, der in der Ruine gleichſam gefangen war, auch dieſem Indianer das Kreuz eingeſchnitten hat.“ „Und doch behaupte ich's,“ ſagte der Andere,—„denn es iſt eine Liſt, die ein kühner Mann, begünſtigt von der herrſchenden Dunkelheit, wohl ausführen konnte.“ „Nun, meinetwegen auch das,“ verſetzte Doe voller Verdruß, —„aber wie wollt Ihr beweiſen, daß dieſer nämliche junge Soldat, der früher nie in Kentucky geweſen, Shawnee's hier geſchlachtet hat, hier in dieſem Dorfe, und das ſeit zehn Jahren, wie ſich gar nicht abläugnen läßt. Ja, ja, Dick, mehr als ein volles Dutzend In⸗ dianer ſind hier in dieſen Hütten geſchlachtet und ſkalpirt worden, und zwar immer mitten in der Nacht, und des Morgens ſah man nichts, als das Zeichen des Dſhibbenönoſeh, an dem wir den Schlächter zu unſerm Schrecken erkannten. Unter allen unſern Kriegern iſt auch nicht Einer, der ſich Nachts ohne Furcht auf ſeinem Lager ausſtreckte, denn Keiner kann wiſſen, ob nicht der Dſhibbenö⸗ noſeh über ihn herfallen wird. Ihr müßt wiſſen, daß in vergan⸗ genen Jahren von den Leuten unſeres Stammes hier eine ſchreck⸗ liche Blutthat an einer unſchuldigen Familie begangen worden iſt, deren zahlreiche Mitglieder Alle von Wenonga und ſeinen Leuten ermordet wurden. Seit jener Zeit hat der Dſhibbenönoſeh ihre Reihen gelichtet, was ſie für eine Beſtrafung des Stammes halten, die es ohne Zweifel auch iſt. Deßwegen iſt auch der alte Häupt⸗ ling ein ſo trauriger Vagabund geworden, denn das Gewiſſen ſchläft niemals. Der Stamm iſt gegen ihn ergrimmt, weil er ihm den Dſhibbenönoſeh auf den Hals gehetzt hat, und kein Menſch will ihm in die Schlacht folgen, außer elendes Geſindel, das nicht beſſer iſt, als er. Darum iſt er wüthend auf den Dſhib⸗ benönoſeh, und mehr als einmal hat er geſchworen, das Geſpenſt zu tödten, denn er iſt ein Kerl, der ſich vor nichts fürchtet, nicht einmal vor dem Gottſeibeiuns.“ „Das iſt lauter albernes Geſchwätz,“ entgegnete Doe's Gefährte. „Wir haben den Sieg errungen, und wollen ihn nun auch genießen. Jedoch ich muß zu meinen Gefangenen gehen.“ „Und zu was Gutem ſoll das führen?“ fragte Dve.„Das Mädchen iſt halb todt und beinahe wahnſinnig, ſagte mir Telie.“ „Und gerade Telie wird Alles verderben,“ rief der Andere. „Ihr ſolltet ſie fern von dem Mädchen halten, denn dieſe ſoll wiſſen, wo ſie iſt, und ſoll ſpüren, was es heißt, eine Gefangene unter den Wilden zu ſein.“ „Und wozu das?“ fragte Doe.„Wozu dieſe nutzloſe Grau⸗ ſamkeit?“ „Nicht ſo nutzlos, als Ihr Euch einbildet, Doe! Das Mädchen wird uns ſicher ſtellen.“ „Nun, ich dächte, Ihr ſtändet ſicher genug ohne ſie,“ entgeg⸗ nete Doe.„Ihr ſeid im Beſitz der Ländereien, und—“ „Ihr habt,“ unterbrach ihn der Andere,„in der That nur wenig Verſtand, wenn Ihr meint, daß dieſer Beſitz lange unan⸗ gefochten bleiben wird. Ich muß ein beſſeres Recht auf die Län⸗ dereien haben, als mir die vorgeblich noch lebende Erbin des alten Forreſter verſchafft. Unſere Lügen ſind zu fein geſponnen, um lange vorhalten zu können, und darum will ich Editha zur Frau nehmen. Sie iſt die wahre und einzige Erbin, nachdem wir jenen Burſchen, den Roland, glücklich auf die Seite gebracht haben, und 156 wenn ſie alſo meine Frau iſt, ſo bin ich mit gutem Rechte und reinem Gewiſſen der Herr der Beſitzung.“ „Aber Ihr vergeßt ja das Teſtament!“ rief Doe.„Was iſt eine geſetzliche Erbin gegen ein LTeſtament? Wenn Ihr auch Editha heirathet, ſo wird man immer fragen, wo iſt die wirkliche Erbin, das verbrannte Mädchen? Ich glaube, Ihr habt Euch da in Eurer eigenen Schlinge gefangen.“ „Nicht ſo ganz,“ verſetzte der Andere.„Denn wenn ſie mein Weib iſt, ſo fangen wir an, ehrlich zu handeln, und finden nach langem Suchen und Forſchen endlich das zweite und letzte Teſta⸗ ment des alten Forreſter!“ „Aber ſagtet Ihr mir nicht, daß Ihr dieſes verbrannt hättet?“ fragte Doe überraſcht. „Freilich that ich das, aber nur um Euch zu beruhigen. In Wahrheit hob ich aber das Dokument ſorgfältig auf, um für alle Fälle einen Ausweg zu haben. Hier iſt es, Jack,“ fügte er hinzu, indem er aus der Taſche ſeines Kleides eine Pergamentrolle vorzog, und vor Dve ausbreitete.„Hier iſt das Teſtament⸗ in dem Roland und Editha zu Erben eingeſetzt ſind. Da nun Jener vermuthlich todt iſt, ſo fällt dieſer das ganze Vermögen zu. Seid Ihr nun überzeugt, daß wir ganz ſicher auf den Füßen ſtehen, ehrlicher Doe?“ „Ja, gewiß,“ erwiederte dieſer.„Kein Gerichtshof in der Welt kann Euch unter dieſen Umſtänden etwas anhaben.“ „Recht, mein Burſche,“ ſagte der Andere.„Und nun, wo iſt das Mädchen? Ich muß mit ihr reden.“ „In der Hütte bei Wenonga's Squaw(Weibe), gerade dem Berathungshauſe gegenüber,“ entgegnete Doe.„Ihr ſollt mir aber nicht von der Stelle, ehe ich nicht weiß, was meine Belohnung für den Antheil iſt, den ich an der Sache genommen habe. Wir Beide ſind ausgemachte Schurken, und darum traue ich Euch eben ſo wenig, wie Ihr mir.“ „Gut, morgen ſollt Ihr dieß wiſſen, erwiederte der Andere. „Nein, nein, noch dieſe Nacht,“ wiederholte Doe.„Ich laſſe mich nicht betrügen, und Ihr ſollt das Mädchen nicht bekommen, ehe Ihr nicht den Preis dafür beſtimmt habt.“ „Verſtändig geſprochen, mein Alter,“ ſagte der Fremde im Tone der Billigung, obgleich er dabei einen zornigen Blick auf Doe warf, was Nathan von ſeinem Verſtecke aus genau bemerkte. Dann ſprach er, wie es ſchien, beſchwichtigend dem Genoſſen ſeiner ———— 2— 157 Schurkerei zu, aber mit ſo leiſer Stimme, daß Nathan ſeine Worte nicht mehr vernehmen konnte. Der Quäker hatte jedoch genug gehört. Das Geſpräch, welches er belauſchte, hatte ihm klar und deutlich gezeigt, daß Roland und Editha die Opfer von Betrügern geworden waren, und er zwei⸗ felte keinen Augenblick daran, daß der Fremde im rothen Turban der ſchon öfters erwähnte Richard Braxley war, welchen Roland von Anfang an als den Urheber der Schurkerei bezeichnet hatte. Nathan grübelte jedoch hierüber nicht lange nach, denn er hatte jetzt erfahren, an welchem Orte Editha gefangen gehalten wurde, und dieß war ihm vor der Hand das Wichtigſte, indem er ja nur um dieſes Zweckes willen ſich in das Dorf gewagt hatte. Ihr Kerker war das Wigwam Wenonda's, und Nathan beſchloß, ſeine Schritte unverzüglich hierhin zu lenken. Wie aber ſollte er die Hütte des Häuptlings unter einem Dutzend anderer Baracken, welche das Verſammlungshaus umgaben, herausfinden? Dieß war eine Frage, die Nathan vielleicht ſich ſelbſt nicht ſtellte, denn er ſchlich leiſe von Doe's Hütte weg, bog in eine Straße ein, und eilte ſo ohne Zögern und Zweifel vorwärts, als ob er ſeit Jahren ſchon auf's Genaueſte mit jedem Winkel im Dorfe bekannt wäre. In der Zeit, wo Nathan an der Hütte Doe's geſtanden und gelauſcht hatte, war eine Veränderung vorgegangen, welche ſeine Pläne nicht wenig begünſtigte. Der bisher helle und ſternklare Himmel hatte ſich nämlich mit dichtem Gewölk überzogen, und eine undurchdringliche Finſterniß lag über dem Dorfe der Wilden. Einzelne Windſtöße ſtrichen mit klagendem Tone über die nahen Berge, rauſchten mit Macht in den Wäldern, brauſten über das Dorf und erfüllten die Luft mit einem dumpfen Getöſe. Unter ſolchen Umſtänden, eingehüllt und verborgen von der Finſterniß, ſetzte Nathan ohne Beſorgniß ſeinen Weg fort. Nach wenigen Minuten ſchon befand er ſich auf dem öffentlichen Platze, wenn man ſo einen offenen Raum in der Mitte des Dorfes nennen kann, wo ein roher Schuppen von Baumrinde und Zweigen ſtand, von Pfählen getragen und nach allen Seiten hin offen, der durch ein altes Herkommen den ehrwürdigen Namen des Berathungs⸗ hauſes bekommen hatte. Die Hütten lagen unregelmäßig um das Viereck, wie auch Bäume und Gebüſch, die zwiſchen und hinter ihnen beſonders am Fuße des Berges auf der einen, und auf der andern Seite längs 3 . 158 dem Fluſſe wuchſen, den man in geringer Entfernung über ſein felſiges Bett hineinrauſchen hören konnte. Auf dem Platze ſelbſt wuchſen Büſche, und hier und da erhoben ſich die mächtigen Stämme einiger Bäume, die letzten Reſte des Urwaldes, welcher einſt den ganzen Platz beſchattet hatte. Der Sturm ſchüttelte gewaltig ihre Gipfel, und die Blätter rauſchten, während die Zweige klappernd an einander ſchlugen. Ueber dieſen Platz mußte Nathan gehen. Er that es ohne Furcht, obgleich ihm ein Hinderniß aufſtieß, das einen minder kühnen und entſchloſſenen Mann wohl hätte einſchüchtern können. Dicht neben dem Berathungshanſe erblickte er nämlich ein Feuer, das zwar herabgebrannt war, aber, da der Wind von Zeit zu Zeit die erlöſchenden Funken wieder anfachte, hinreichende Helle verbreitete, um ihn etwa ein Dutzend Indianer gewahren zu laſſen, welche im Schlummer lagen, während ihre Flinten dicht neben ihnen an einem Pfahle lehnten. Dieſe unvermuthete Erſcheinung erſchreckte zwar Nathan nicht, ſetzte ihn aber doch in Verlegenheit. Anfänglich glaubte er, die Indianer ſeien eine Art Wache, denen die Sicherheit des Dorfes anvertraut wäre, ſo lange die Uebrigen geſchwelgt und gezecht hätten. Nach kurzer Ueberlegung aber kam er zu der Anſicht, daß dieſe Schläfer eine Bande aus einem benachbarten Dorfe ſein würden, welche zum Unglück für ihn im Dorfe geweilt, und die Gaſtfreundſchaft ſeiner Bewohner genoſſen hätten. Dieß ſchloß er beſonders daraus, daß neben dem Feuer ein Haufen getrocknetes Maisſtroh und Prairieheu lag, offenbar zu einem Lager beſtimmt, welches die Dorfbewohner gewiß nicht herbeigeſchafft haben würden, wenn es nicht zu Ehren ihrer Gäſte geſchehen wäre. Daß dieſe übrigens an dem Gelage Theil genommen haben mußten, bewies der Umſtand, daß nur Wenige neben einander auf dem Lager, und die Mehrzahl in ſolcher Verwirrung und in Stellungen ſchliefen, wie ſie nur die Folge völliger Trunkenheit ſein konnten. Nathan ſtutzte, aber nicht lange. Er ließ ſich durch die Ent⸗ deckung dieſer unwillkommenen Nachbarſchaft nicht einſchüchtern, ſondern vermied ſie leicht, indem er einen Umweg um den Platz machte. Er ſchlüpfte leiſe von Baum zu Baum, von Strauch zu Strauch, bis er die Schlummernden hinter ſich hatte und in die Näͤhe eines Wigwams gelangte, welche man mit Recht für die Wohnung eines ausgezeichneten Häuptlings halten konnte. Sie war aus roh behauenen Stämmen erbaut, und enthielt nur ein einziges Gemach. Doch waren noch ein paar Sommergemäͤcher angebracht, eigentlich nur Zelte aus Thierfellen, welche auf beiden Seiten wie Flügel angeklebt waren, und wahrſcheinlich mit dem Innern in Verbindung ſtanden, obgleich Jedes ſeine eigene Thür von geflochtenen Matten hatte, welche auf den Platz hinaus ging. Dieß Alles konnte Nathan deutlich bei dem Schimmer des zuweilen aufflammenden Feuers gewahr werden, indem das Licht deſſelben voll auf die rohe Hütte fiel und deren Umriſſe zeigte. Das Gebaͤude ſtand, wie es ſich für die Wohnung eines Häupt⸗ lings geziemte, allein und abgeſondert, die nächſte Umgebung deſ⸗ ſelben war mit Gebüſch und Strauchwerk bewachſen, und eine alte Ulme, die ſich dazwiſchen erhob und ihre mächtigen Arme weit umher breitete, ſtand da wie ein rieſiger Wächter, um jedes neu⸗ gierige Auge aus der Nähe zu verſcheuchen. Die Einſamkeit, das Gebüſch und der tiefe Schatten der Ulme waren lauter Umſtände, welche dem wandernden Nathan zum Vor⸗ theile gereichten. Er warf noch einen Blick auf das Feuer zuruck, und richtete dann ſeine Aufmerkſamkeit auf eins der Zelte, aus welchem ein Schimmer von Licht ſtrahlte, wenn der Wind die Häute ein wenig lüftete. Auch glaubte er ein leiſes Murmeln von Stim⸗ men daraus zu hören, und kroch daher unter den Buͤſchen vorwärts, indem er nicht daran zweifelte, daß er ſich in der Nähe der Jung⸗ frau befand, deren Befreiung das Ziel ſeines Strebens war. Er glaubte, einen Weg, gaͤnzlich von Hinderniſſen frei zu finden, täuſchte ſich aber in dieſer Vorausſetzung bald. Kaum war er durch einige Gebüſche geſchlüpft, als ein heller Strahl des auf⸗ flackernden Feuers durch die Dunkelheit drang und ihn das dunkle, grimmige Geſicht eines Wilden ſehen ließ, den er beinahe mit der Hand erreichen konnte. Es mußte ein Indiaher ſein, welcher in der Trunkenheit vermuthlich über die Büſche geſtrauchelt, nieder⸗ geſtürzt und ſogleich vom Schlafe übermannt worden war. Zum erſten Male ſchrak jetzt Nathan zuſammen, doch nicht aus Furcht oder Entſetzen, indem das Ausſehen des trunkenen Schläfers nicht geeignet war, einem Manne, wie ihm, Schrecken einzuflößen. Der Indianer war in völlig hülfloſer Ohnmacht, und ſchien noch dazu gänzlich ohne Waffen; wenigſtens bemerkte Nathan weder Meſſer noch Tomahawk an ihm oder in ſeiner Nähe. Aber in dem grimmigen Geſicht, verſchrumpft vor Alter und von vielen Narben durchfurcht, in der verſtümmelten aber ſehnigen und noch immer kräftigen Hand, die auf der Bruſt ruhte, und in den Er⸗ 160 ——————— s in Nathans Seele zuruckrief, lag etwas, das ein zwar nicht minder aufregendes, aber bei weitem weniger unwürdiges Gefühl erregte, als das der Furcht. Im erſten Antriebe der Ueberraſchung fuhr er allerdings zurück und warf ſich flach auf den Boden, als wollte er ſich verbergen, wenn etwa der Schlummernde durch ſein Kommen geſtört worden innerungen an die Vergangenheit, die dieß Alle ſein ſollte. Aber der Wilde ſchlief fort, gleichſam vergiftet durch das betäubende Getränk, welches er im Uebermaße genoſſen haben mußte. Nathan blieb nicht lange ſchlangenähnlich auf den Boden gekauert. Nach wenigen Augenblicken erhob er ſich langſam, den Körper auf ſeine Hände geſtützt, und bog ſich lauernd über das Antlitz des bewußtloſen Indianers hinweg. Der Schimmer des Feuers war jedoch jetzt wieder erloſchen und beleuchtete die ſchlummernde Geſtalt nicht mehr. Mit einer Verwegenheit, welche nur die Folge einer auf das Aeußerſte ge⸗ ſpannten Neugier ſein konnte, bog jetzt Nathan die Büſche auf die Seite, welche dem Lichte wehrten, bis zu ihm zu dringen, und bemerkte mit Vergnügen, daß wieder ein Schein des Feuers über das ſchwärzliche Geſicht des Feindes glitt. Und nun erkannte er deutlich, mit Gefühlen, die ihn Alles vergeſſen ließen, die Züge eines Antlitzes, welche Ereigniſſe früherer Jahre mit unauslöſch⸗ lichen Farben ſeinem Gedächtniſſe eingegraben hatten. Es war das Antlitz eines Kriegers, alt, aber mit Narben bedeckt, wie ſich ihrer nur der ausgezeichnetſte Held ſeines Stammes rühmen konnte. Tiefe Einſchnitte durchfurchten auch die nackte Bruſt des Schläfers, und in ſeinem Anzuge von gegerbten Fellen, welche, obſchon ſehr ſchmutzig, mit vielen ſilbernen Nadeln und Büſcheln von Menſchenhaaren verziert waren, während hier und da ein breiter ſpaniſcher Thaler auf der Haut prunkte, lag etwas, das nicht auf einen gewöhnlichen Räuber ſchließen ließ. Von jedem Ohr hing eine Kette Silbermünzen, unregelmäßig von der kleinſten bis zur größten aneinandergereihet, eine Verſchwendung von Reich⸗ thum und Pracht, wie nur ein Häuptling ſie ſich geſtatten konnte. Zum Beweiſe, daß er in der That ein Solcher ſei, gewahrte man auf ſeinem Haupte einen Zierrath, der aus dem Schnabel und den Fängen eines Geiers, nebſt einem Dutzend ſchwarzer Federn dieſes Vogels beſtand. Dieß war, wie Nathan bereits Roland erzäͤhlt hatte, das beſondere Abzeichen Wenonga's, des ſchwarzen Geiers, und Wenonga alſo, der älteſte, berühmteſte und einſt mächtigſte Häuptling ſeines Stammes, lag hier vor Nathan, ————— 161 ſchmutzig, trunken und elend in der Nähe der Thür ſeines eigenen Wigwams, das er nicht mehr zu erreichen im Stande geweſen war. Nathan ſah mit einem ſchrecklichen Blick des Haſſes auf den Wilden nieder. Ein grimmiges Lächeln ſpielte um ſeine ſchmalen Lippen, als er nun langſam aus der Scheide im Gürtel ſein oft gebrauchtes, aber noch immer blankes und ſcharfes Meſſer zog und es in der einen Hand wiegte, während er voll rückſichtsloſer Verwegenheit und Zuverſicht mit der anderen die nackte Bruſt des Schlafenden betaſtete, deſſen Erwachen er nicht im mindeſten zu fürchten ſchien. Wenonga ſchlummerte indeß fort, obſchon die Hand des weißen Mannes feſt auf ſeinen Rippen lag, und mit dem Pochen ſeines Herzens ſich hob und ſenkte. Nathan nahm die Hand weg und ſetzte das Meſſer an die Stelle, wo er den Herz⸗ ſchlag ſeines Feindes geſucht und gefunden hatte. Ein einziger Stoß würde es tief in das Herz hinein getrieben haben, welches niemals weder Mitleid noch Reue kennen gelernt hatte, und dieſen Stoß war Nathan im Begriffe zu thun, der Alles um ſich her zu vergeſſen ſchien, nur nicht ſein Opfer, das ahnungslos im Schlafe vor ihm lag. Die Muskeln ſeines Armes ſpannten ſich an, aber ſeine Hand zitterte vor zu großer Begier. Er zögerte einen Augenblick, in der Abſicht, ſeine Bewegung zu beherrſchen; nun aber traf eine Stimme aus dem Wigwam ſein Ohr, und ſeine Kraft erſchlaffte gänzlich. Er fuhr zuruͤck, und das Bewußtſein ſeiner Lage und Ab⸗ ſichten kehrte zurück. Das Wehklagen einer weiblichen Stimme, welches er in den Pauſen des Sturmes vernahm, weckten neue Gefühle in ſeinem Herzen. Er erinnerte ſich wieder der armen Gefangenen, und daß er gekommen ſei, die Unglückliche ihrem ſchrecklichen Schickſale zu entreißen. Er wollte ja ein Werk der Liebe und Barmherzigkeit, nicht aber der Rache üben, und, tief und ſchmerzlich aufathmend, ſagte er leiſe:„Nein, du ſollſt nicht umſonſt nach mir rufen.“ Leiſe und vorſichtig ſteckte er ſein Meſſer wieder in die Scheide, überließ den Häuptling ſeiner Betäubung, und kroch wie eine Schlange durch die Büſche, bis er dicht zu dem Zelte kam, aus welchem die klagenden Töne erklungen waren. Immer auf dem Bauche weiter kriechend, gelangte er an die Thür, ſah durch eine Ecke der Matte, die ſich vor ihm im Winde bewegte, und bemerkte auf den erſten Blick, daß er das Ziel ſeiner gefahrvollen Wanderung erreicht habe. Das Zelt war nicht groß, da indeß nur ein ſchwaches Feuer Gefahren der Wildniß. 11 3 5 — 1 162 in ihm brannte, und ſchwarze Rauchwolken an den Wänden deſ⸗ ſelben hinzogen, ſo vermogte das Auge doch kaum in das fernere, dunkle Ende deſſelven zu dringen. Wie ſchon erwähnt, beſtand es aus Häuten, die von Stangen getragen wurden. Ein Pfeiler in der Mitte des Gemaches ſtützte das Dach, und an ihm, wie an den Sparren des Letzteren hingen verſchiedene Küchen⸗ und Haus⸗ geräthe, wie hölzerne Becher, irdene Pfannen, meſſingene Töpfe, auch Flinten, Aexte, Fiſchſpieße, Kornähren, gedörrte Wurzeln, Linnentücher, Häute, und noch viele andere Dinge, die vielleicht vor Zeiten aus den Anſiedlungen der Weißen geraubt worden waren, z. B. Halfter, Zäume, Hüte, Röcke, Shawls, Schürzen und mehr dergleichen. Befonders zeichnete ſich ein Bündel Skalpe aus, unter denen einige mit langem Frauenhaar waren, den Beweiſen der rohen Tapferkeit eines großen Kriegers, der, wie andere Helden ſeines Stammes, die Locken einer hülfloſen Jungfrau für eine eben ſo edle Trophäe der Tapferkeit hielt, wie den Haarſchopf eines alten, kampferfahrenen Kriegers. m Boden des Zeltes, und in einem entfernteren Ende an den Seiten deſſelben aufgeſchichtet, lagen Häute übereinander, welche zu Schlafſtellen dienten. Darüber hingeworfen lagen unordent⸗ lich leinene Tücher, Kleidungsſtücke und mehr dergleichen, wie denn das ganze Ausſehen des Zeltes bewies, daß es ſeit langer Zeit zu einer Art Rumpelkammer gedient haben mogte, welche plötzlich und in Eile für unerwartete Gäſte eingerichtet worden war. Nathan achtete indeß auf alle dieſe Dinge, welche er mit Cinem Blicke überſehen konnte, nur wenig. Seine Aufmerkſam⸗ keit wurde durch eine Gruppe von Frauen angezogen. Eine von ihnen war Editha, welche mit aufgelöſten Haaren und todtbleichem Geſicht die Gewänder einer Frau gefaßt hielt, als ob ſie deren Mitleid und Erbarmen anflehen wolle. Dieſe zweite Jungfrau war Telie, die Tochter des weißen Indianers, die ſich der Umar⸗ mung Ediths zu entziehen ſuchte, und gleichwohl Thränen vergoß und haſtig eilige Worte ausſtieß, welche dazu dienen ſollten, die Gefangene zu tröſten und ihre Aufregung zu vermindern. Die dritte Perſon im Zelte war eine alte, runzelvolle Indianer⸗Squaw, welche einer Hexe ſo ähnlich ſah, wie ein Ei dem andern. Sie hatte ſich am Feuer niedergekauert, und wärmte ihre knochigen⸗ fteiſchloſen Hände, während ſie auf Edith und Telie von Zeit zu Zeit Blicke des ingrimmigſten und giftigſten Haſſes und Argwohns warf. 163 Obgleich noch immer der Wind einherbrauſte und laut durch die Blätter und Zweige des Ulmenbaumes rauſchte, konnte Nathan dennoch beinahe jedes Wort der Gefangenen verſtehen, welche Telie anflehete, ſie doch nicht in ihrer Lage und in einem ſolchen Augen⸗ blicke zu verlaſſen. Telie aber, Thränen vergießend, welche ſowohl Scham als Schmerz ihr zu erpreſſen ſchienen, bat ſie dagegen, doch nur nichts zu fürchten, und ihr zu erlauben fortzugehen. „Man wird Euch kein Leid zufügen, gewiß nicht,“ ſagte ſie. „Mein Vater hat mir das verſprochen, und hier ſeid Ihr im Hauſe des Häuptlings, dem ſich Niemand zu nahen wagt. Ihr ſeid ſicher, Editha, aber mich, ach! wird mein Vater tödten, wenn er mich hier findet.“ „Dein Vater!“ rief Edith.„Ja freilich, dein Vater war es, der uns in's Unglück geſtürzt hat, der uns verrieth, der meinen armen Bruder dem Tode in die Arme warf. Geh', geh', ich haſſe dich, denn auch du haſt uns verrathen, und gewiß, der Himmel wird dir nie dieſen Verrath und den an Roland begangenen Mord verzeihen. Geh' nur, man wird mich tödten, und das iſt gut, denn alsdann wird Alles vorüber ſein.“ Telie, auf ſolche Weiſe mit Klagen und Vorwürfen beſtürmt, machte keinen Verſuch mehr, ſich hinweg zu begeben. Vielmehr ſuchte ſie die Hand, von der ſie zurückgeſtoßen wurde, zu erhaſchen und mit Küſſen zu bedecken, indem ſie dabei bitterlich weinte und mehrmals ihre Betheurungen wiederholte, daß man durchaus nichts Böſes gegen ſie beabſichtige. „Nichts Böſes?“ rief Editha aus, indem ſie abermals von Angſt ergriffen wurde, und von Neuem Telie's Arm ergriff.„Telie, du gleichſt deinem Vater nicht, und wirſt mich nicht zum zweiten Male verrathen, obgleich du es einmal gethan haſt. Bleibe bei mir, ja, bleibe bei mir, und Alles ſoll dir verziehen ſein. Dieſer Menſch, dieſer ſchreckliche Menſch, Er, der meinen Bruder gemor⸗ det hat, Er wird kommen. Bleibe hier, Lelie, und ſchütze mich vor dieſem entſetzlichen Schurken, und Alles, ich wiederhole es, Alles ſei dir verziehen.“ Mit ſolchen Bitten drang Edith, deren Verſtand von der ſchrecklichen Aufregung, in welcher ſie ſich befand, zerrüttet ſchien, in Telie, ſie nicht zu verlaſſen. Telie dagegen betheuerte noch vft, daß kein Menſch daran denke, ihr Böſes zuzufügen, und daß die Alte am Feuer ja ausdrücklich dazu beſtellt ſei, ſie gegen jegliche Gefahr zu beſchützen; was ſie auch ohne Zweifel thun werde. . * — 1 Dann erbat ſie ſich von Neuem die Erlaubniß, gehen zu dürfen, indem ſie mit unverkennbarer Angſt die Befürchtung ausſprach, daß ihr Vater ſie tödten werde, wenn ſie bliebe; daß er ihr ver⸗ boten habe, ſich der Gefangenen zu nähern, daß ſie es aber den⸗ noch insgeheim gethan, und wieder thun würde, wenn ſie nur dießmal der Entdeckung entgehen könne. Ihre Betheurungen, ſo aufrichtig und dringend ſie auch waren, vermogten indeß nicht, Edith eines Beſſeren zu überzeugen, und erſt, als dieſelbe, überwältigt von Leiden und Kummer, ſchwach und hulflos auf das Lager ſank, riß ſich Telie los, jedoch nur zö⸗ gernd und unter unverkennbaren Zeichen ſchmerzlicher Betrübniß. Sie drückte die Hand der Gefangenen an ihre Lippen, bethaute ſie mit ihren Thränen, und ſtahl ſich dann erſt, und noch manchen kummervollen und mitleidigen Blick zurückwerfend, auf den Zehen aus der Hütte. Nathan kauerte ſich ſchnell nieder, als ſie heraustrat, und wartete geduldig, bis ſie über den Platz geflohen war, bevor er ſeinen Poſten als Lauſcher und Beobachter wieder einnahm. Aber⸗ mals blickte er dann in das Innere des Zeltes, und ſein Herz wurde von Mitleid erfüllt, als er die Verzweiflung der armen Edith ſah, welche, das Haupt auf die Bruſt geſunken, die Hände gefaltet, und mit zuckendem Munde, ein Bild völliger Troſtloſig⸗ keit da ſaß. Sie ſchien zu beten, brachte aber keinen Laut über ihre Lippen. „Arme Jungfrau,“ flüſterte Nathan,„du flehſt den Himmel um Hülfe an, und der Himmel hat dich erhört, noch ehe du bateſt. Du biſt nicht verlaſſen.“ Er zog ſein ſcharfes Meſſer aus der Scheide, und heftete ſeinen Blick auf die alte Heye, welche noch immer am Feuer ſaß, und mit tödtlicher Bosheit die Gefangene anſtarrte. Nathan packte das Meſſer feſter, und hob leiſe einen Zipfel der Matte auf, entſchloſſen, wie es ſchien, die Alte ohne Barmherzigkeit zu ermor⸗ den. Aber andere Gefühle gewannen die Oberhand; er zögerte, trat einen Schritt zurück, ließ die Matte niederfallen, und entfernte ſich ſtill von der Thüre. Dann ſteckte er ſein Meſſer wieder in die Scheide, horchte eine Weile, ob der ſchlummernde Häuptling ſich nicht auf ſeinem Lager rege, ſah nach den Schläfern, welche in wilder Verwirrung um das noch immer glimmende Feuer lagen, ſtahl ſich dann leiſe fort, und kehrte durch das Dorf an den Ort zurück, wo er Ralph Stackpole, den Pferdedieb, gelaſſen hatte. Er fand ihn im feſten Schlafe, und der Burſche, zu ſeiner Schande ſei es geſagt, ſchnarchte ſo laut, daß er das ganze Dorf in Allarm gebracht haben würde, wenn die Bewohner deſſelben nicht glück⸗ licherweiſe von den Dünſten des genoſſenen Getränks betäubt ge⸗ weſen wären. „Ewiger Tod auf mich!« rief er, als Nathan ihn am Arm packte und tüchtig ſchüttelte,—„beinahe wäre ich in einen Todes⸗ ſchlaf verſunken. Gut, daß die Schufte mein Schnarchen nicht gehört haben. Und was bringſt du für Nachrichten von den lang⸗ beinigen Hallunken und unſrer ſchönen, engelleuchtenden Dame2« »Alles geht gut,“ antwortete Nathan.„Gieb mir jetzt einen Halftern, und höre genau auf das, was ich dir ſagen werde.“— »Was, eine Halfter?“ rief Stackpole grimmig.„Ewiger Tod auf mich, Ihr wollt mir doch nicht in's Handwerk pfuſchen, und auch Pferde ſtehlen?“ »Nein, Freund,“ entgegnete Nathan.„Mit dieſer Halfter muß ich ein Weib binden, das der Jungfrau, die wir befreien wollen, zum Wächter geſetzt iſt, denn wahrlich, ich mag die Alte nicht tödten, um meine Hände nicht mit dem Blute von Weibern zu beflecken.“ »Alſo Ihr habt die engelleuchtende Dame gefunden, blutiger Nathan?“ ſagte Ralph freudig.„Wohlan, ſo laßt uns den Ca⸗ pitain rufen, und ohne Zögern an's Werk gehen.“ „Nein, Freund,“ erwiederte Nathan.„Der Capitain iſt zwar ein Mann, in deſſen Bruſt ein muthvolles Herz ſchlägt, aber er kann uns nicht helfen, wenn es den Weg in's Indianer Dorf gilt. Wahrlich, Freund, das Dorf iſt voll indianiſcher Krieger. Vierzehn bemalte Wyantoks ſchlafen auf dem Platze vor dem Be⸗ rathungshauſe. Aber erſchrecke nicht zu ſehr darüber, Freund; denn ſie ſind alle trunken, und wenn wir nur ein Dutzend Män⸗ ner aus Kentucky zu unſerer Hilfe hätten, ſo wollten wir ſie tref⸗ fen, daß ſie nie wieder ihr Kriegsgeſchrei erhöben. Merke auf, Freund! Eile nach dem Pferche, wo die Pferde ſtehen, was du ohne Gefahr thun kannſt, wenn du am Fuße des Berges hinſchleichſt. Wähle einige ſtarke und flüchtige Thiere aus, und bringe ſie be⸗ hutſam fort. Merke wohl, Freund, du mußt dann das Thal auf⸗ wärts reiten, als wollteſt du, anſtatt nach Kentucky, an den gro⸗ ßen See eilen. Wenn du dann eine halbe Stunde Weges zurück⸗ gelegt haſt, ſo ſetzeſt du über den Bach und ſchleichſt an den Ber⸗ —* ———— 2 166 gen hin, bis du an den Ort kommſt, von dem aus wir nach die⸗ ſem Dorfe ausſpäheten. Dort, verſtehe mich wohl, Freund, wirſt du die Jungfrau finden, welche ich jetzt aus dem Dorfe holen werde! Säume nicht, Freund; du haſt mich gehört, und mußt nun deine Pflicht thun.“ „Ewiger Tod auf mich, blutiger Nathan, wenn ich nicht die beſten Pferde aus dem Pferche hole, ſo ſollt Ihr mich einen ewi⸗ gen Schuft heißen. Und hier meine Vorderpfote darauf, daß ich pünktlich Eure Anordnungen befolgen will.“ Nathan bezeigte ſich mit dem Eifer Ralphs zufrieden, und die Männer trennten ſich dann, um das Abentheuer zu beſtehen, bei welchem der Capitain ſo wenig zu thun haben ſollte. Roland war indeſſen voll quälender Sorge in dem Verſteck zurück geblieben, in welchem ihn Nathan verlaſſen hatte. Nach etwa einer Stunde vermogte er ſeine Unruhe nicht mehr zu über⸗ wältigen, und beſchloß, ſich dem Dorfe mehr zu nähern, um wo möglich die Lage der Dinge auszukundſchaften. In der Naͤhe Na⸗ thans und Ralphs angekommen, verſtand er zwar nicht Alles, was ſie ſprachen, erfuhr jedoch genug, um überzeugt zu ſein, daß Editha's Gefängniß aufgefunden ſei, und daß der entſcheidende Schlag zu ihrer Befreiung nahe bevor ſtände. Seine zwei Bun⸗ desgenoſſen trennten ſich, ehe er ſie ganz erreichen konnte; Ralph verlor ſich in die Büſche, und Nathan ſchritt, wie früher, kühn in das Dorf zurück. Roland rief leiſe ſeinen Namen; aber der Schall ſeiner Stimme wurde vom Sturme verweht, und Nathan ging wei⸗ ter, ohne Rolands Anweſenheit zu bemerken. Dieſer zögerte einen Augenblick, und überlegte, ob er folgen oder zum kleinen Peter, der klüger, wie Er, ruhig auf den ihm angewieſenen Poſten ge⸗ blieben war, zurückkehren ſoll. Seine Ungeduld war ſtärker als ſeine Beſonnenheit, und nach kurzem Beſinnen entſchied er ſich für das erſtere, indem es ihm vollkommen unmöglich ſchien, bei einem Abentheuer, welches zum Beſten Editha's unternommen wurde, ein völlig unthätiger Zuſchauer zu bleiben. Nathans Art und Weiſe und ſeinen Gang nachahmend, ſchritt er hinter der dunkeln Geſtalt deſſelben her, in der Hoffnung, ihn bald einzuholen, und nach we⸗ nigen Minuten befand er ſich in dem Dorfe, wo er auf allen Sei⸗ ten von Gefahren umringt war. Achtzehntes Kapitel. Nathan wird gefangen. Während dieß Alles geſchah, ſaß Edith im Zelte des Wilden, ein Raub ihrer hoffnungsloſen und verzweiflungsvollen Gefühle. Alles, was ſie auf dem Marſche in das Dorf erlebt hatte, ihre Gefangennahme, ihre Trennung von Roland, die ſchrecklichen Aus⸗ ſichten, welche ihr bevorſtanden, kam ihr vor, wie ein furchtbarer Traum. Sie fuhr aus ihren troſtloſen Gedanken nur auf, um durch die boshaften Blicke ihrer alten Wächterin wieder in neue Schrecken gejagt zu werden; denn dieſe kauerte fortwährend am Feuer, und bewachte jede Bewegung und jede Veränderung in Editha's Zügen mit der Wachſamkeit einer lauernden giftge⸗ ſchwollenen Schlange. In ihrem häßlichen Antlitz zeigte ſich keine Spur von Barmherzigkeit und Mitleiden; ſie ſprach kein Wort, gab kein Zeichen von Theilnahme, ſondern fing, um ihre vollkom⸗ mene Gleichgiltigkeit gegen das Schickſal der Gefangenen zu zeigen, oder um ſich die Zeit zu vertreiben, allmählig eine Art mißtönen⸗ den Geſanges an, indem ſie eine unzuſammenhängende Reihe von rauhen und grunzenden Tönen ausſtieß. Dieſer barbariſche Geſang verurſachte anfänglich der Gefan⸗ genen neuen Schrecken, und vermehrte noch ihre Angſt; das Ein⸗ tönige deſſelben brachte aber endlich eine Wirkung hervor, welche vermuthlich gar nicht mit den Abſichten des alten Weibes überein⸗ ſtimmte. Er lenkte die Seele der Jungfrau nach und nach von den Gedanken, welche ſie marterten, ab, und verlieh ihr eine Art von Faſſung, während Alles zuvor nur peinigende Aufregung geweſen war. Editha, welche bisher angſtvolle und entſetzte Blicke auf die häßliche und grimmige Geſtalt der Alten geworfen hatte, ſenkte jetzt ihr Haupt auf die Bruſt, und gab ſich einer Abſpan⸗ nung des Geiſtes hin, welche, wenn auch nicht ſo wohlthätig, wie Schlaf, doch einigermaßen die Wirkungen deſſelben zu erſetzen pflegt. Aus dieſem Zuſtande wurde ſie plötzlich durch das Aufhören des mißlautenden Geſanges wieder emporgeſchreckt. Sie fuhr in die Höhe und ſah zu ihrem Entſetzen einen ſtarken hochgewachſe⸗ nen Mann vor ſich ſtehen. Geſicht und Geſtalt waren unter einem weiten leinenen Ueberwurfe verborgen, aber ein Paar brennende, auf ſie gerichtete Augen konnte ſie aus der Umhüllung hervorblitzen 168 ſehen. Sie wendete ihren Blick ab, und bemerkte, daß ihre alte Wächterin im Begriff war, verſtohlen aus dem Zelte zu ſchleichen. Von Schrecken überwältigt, wollte ſie ihr nacheilen oder doch ihren Schutz anflehen, der Fremde jedoch verhinderte ſie an dieſem Vor⸗ haben, indem er ihren Arm ergriff und ſie feſt hielt. Zugleich ließ er die leinene Hülle von ſeiner Geſtalt gleiten, und zeigte der Jungfrau ein Antlitz, welches ſie nicht ohne Gefühle der lebhafte⸗ ſten Abneigung ſehen konnte. Der Mann aber, anſtatt ihr Ent⸗ ſetzen durch rauhe Worte zu ſteigern, flüſterte leiſe:„Fürchtet Euch nicht vor mir, Editha, noch bin ich nicht Euer Feind. Kennt Ihr mich?“ „Ja, gewiß kenne ich Euch,“ erwiederte Editha, indem der Abſcheu vor dieſem Manne aus allen ihren Zügen und Bewegun⸗ gen ſprach.„Ich kenne Euch genau⸗ Ihr ſeid Richard Brayley, der mich arme Waiſe beraubte und verfolgt, deſſen Hand, die mich jetzt feſt hält, von dem Blute meines unglücklichen Bruders ge⸗ röthet iſt. O, Elender, biſt du noch nicht mit dem Unglück zu⸗ frieden, das du über ſchuldloſe Waiſen gebracht haſt?“ „Editha, Ihr irrt!“ entgegnete Braxley mit einem Lächeln. „Allerdings bin ich Richard Brayley, nicht aber Euer Feind und Verfolger, ſondern ein treuer und redlicher, wenn auch ein wenig rauher und eigenſinniger Freund. Hört mich ruhig an, und ich bin überzeugt, daß Ihr dann anders von mir denken werdet.“ Während Editha nur gezwungen den Betrüger anhörte, ſtellte dieſer ihr vor, daß ſie eine Gefangene der grauſamen und erbar⸗ mungsloſen Wilden ſei, und ſchilderte ihr alle die Schrecken, mit welchen ſie durch dieſe Gefangenſchaft bedroht war. Dann erklärte er ihr, wie Er, Richard Brapyley, der Einzige ſei, welcher ſie aus ihrer furchtbaren Lage erlöſen könne, und daß er keinen Augenblick zögern werde, ſie wirklich in Freiheit zu ſetzen, wenn ſie ſich ent⸗ ſchließen könnte, ſeine Gattin zu werden. Auf ſolche Weiſe verfolgte der gewiſſenloſe Schurke den Plan, ſich das Vermögen der beraubten Waiſe auf rechtmäßigem Wege anzueignen, und zweifelte nicht, daß Editha, von Angſt, Entſetzen und Todesfurcht getrieben, bereitwillig ihre Hand in die ſeinige legen werde. Aber hierin täuſchte ſich die Liſt des ſchlauen Betrügers. „Nein,“ ſagte Edith,„ehe ich Eure Gattin werde, die Gattin eines ausgemacht nichtswürdigen Mannes, will ich lieber eines — — tauſendfachen Todes ſterben. Geht, und mordet auch mich, wie Ihr meinen Bruder gemordet habt.“ „Ich habe Niemand ermordet,“ ſagte Braxley mit frecher Stirn.“ Euer Bruder lebt und iſt ſo geſund, wie ich und Ihr. „Ihr lügt, Ihr lügt!“ rief Editha aus.„Ich ſelbſt habe mit meinen eigenen Augen ſein Blut fließen ſehen.“ „Ja, aus einer Wunde, die keineswegs tödtlich, ſondern ganz unbedeutend und gefahrlos war,“ ſagte Braxlei.„Sein Leben iſt ſicher und ſeine Befreiung— denn ich leugne nicht, daß er gefan⸗ gen iſt,— hängt nur von Eurem Entſchluſſe ad. Reicht mir Eure Hand, und im nämlichen Augenblicke ſoll er frei ſein, wie der Vogel in der Luft.“ „Nein, nie, niemals!“ rief Editha, verzweiflungsvoll ihre Hände ringend.„Selbſt um dieſen Preis vermag ich mein Schick⸗ ſal nicht mit einem ſo niederträchtigen, falſchen und verrätheriſchen Manne, wie Ihr, verbinden!“ „Nun denn, ſo erleidet den Tod, oder werdet die Sklavin eines grauſamen und ſchmutzigen Wilden!“ ſchrie Braxley wüthend, da er alle ſeine habſuͤchtigen Pläne an der Standhaftigkeit der edlen Jungfrau ſcheitern ſah.„Ich rühre keine Hand an zu Eurer Befreiung!“ „O Gott, ſo ſteh' du mir bei in der Noth!“ flehte Editha, und richtete ihr thraͤnenvolles Auge zum Himmel auf.“ „Vergebens ruft Ihr den Himmel an,“ ſagte Brayley mit höhniſchem Lachen.“ Hier iſt keine Hilfe, als bei mir!“ Aber kaum hatte er dieſe Worte geſprochen, ſo packten ihn plötzlich ein Paar ſtarke, ſehnige Arme, und umklammerten ihn mit einer Gewalt gleich dem Griff eines zornigen Bären. Im Nu ſah er ſich zu Boden geriſſen, ein Knie ſtemmte ſich auf ſeine Bruſt, eine Fauſt packte ihn an der Kehle, und ein Meſſer, blutroth funkelnd im Scheine des Feuers, wurde kaum einen Zoll weit von ſeinen Augen geſchwungen, während eine, flüſternd gedämpfte, aber doch ſo deutliche Stimme, als ſpräche ſie mit der Zunge des Don⸗ ners, in ſein Ohr raunte:„Sprich und du ſtirbſt!“ Dieſer ſo plötzliche und unerwartete Angriff wirkte mit betäubender und unwiderſtehlicher Gewalt, Braxley lag keuchend am Boden, und der Schrecken hatte ihn ſo vollkommen alles männlichen Mu⸗ thes beraubt, daß er auch nicht den mindeſten Verſuch zum Wider⸗ ſtande machte. Der Angreifer ließ jetzt das Meſſer fallen, zog — 2 S * einen langen Strick von geflochtenen Lederſtreifen hervor, und band“ 170 die Gliedmaßen des Beſiegten mit einer Schnelligkeit, Gewandheit und Feſtigkeit, welche Erſtaunen erregen mußte. Im erſten Augen⸗ blicke waren Hände und Füße gebunden; im Zweiten wurde dem Böſewichte ein Knebel in den Mund geſteckt und um ſeinen Hals befeſtigt; und im dritten ward ihm das untergeſchlagene Teſtament aus der Bruſttaſche geriſſen, welches der Sieger unverzüglich in ſeinem Gewande verbarg. Hierauf ſchleppte dieſer den Schurken in eine Ecke, warf einen Bündel Felle und Decken über ſeine Geſtalt, bis nichts mehr von derſelben zu ſehen war, und überließ ihn dann den verſchiedenen Martern der Furcht, der Finſterniß, und der Angſt vor dem Erſticken. Die ganze Begebenheit trug ſich mit einer Schnelligkeit zu, daß Brayley kaum einen Blick auf das Antlitz ſeines Ueberwälti⸗ gers werfen konnte, in welchem er zu ſeinem nicht geringen Erſtau⸗ nen einen Indianer zu erkennen vermeinte. Ehe er jedoch dieſer Entdeckung länger nachzuforſchen vermogte, lag er ſchon hilflos in einem Winkel, und die Decken und Häute flogen über ihn her, Alles vor ſeinen Augen mit undurchdringlicher Nacht verhüllend. Mittlerweile ſaß Edith da, nicht minder überraſcht und in Schrecken geſetzt, wie ihr Verfolger. Der Sieger ſprang jetzt an ihre Seite, rief ihr mit warnender Geberde zu: Fürchte nichts, ſprich kein Wort, auf und davon le und faßte ſie dann in ſeine Arme, um ſie fortzutragen, da er auf den erſten Blick bemerkte, daß ſie zu ſchwach ſei, um ſelber gehen zu können. Während er mit ihr davon eilte, flüſterte er ihr in's Ohr:„Sei unbeſorgt, deine Freunde ſind nahe, und du biſt gerettet!“ Dann ſchwieg er, und ſchlüpfte leicht und geräuſchlos zum Zelte hinaus. Die Nacht war noch dunkler, als zuvor, das Feuer des Wy⸗ andots auf dem offenen Platze war ſo weit herabgebrannt, daß es auch nicht den geringſten Schimmer mehr auf Wenonga's Hütte warf, und obſchon die Heftigkeit des Sturmes ein wenig nachge⸗ laſſen hatte, rauſchte er doch noch immer laut genug, um den Schall leichter und flüchtiger Fußtritte zu übertäuben. Dieſe gün⸗ ſtigen Umſtände benutzend, ſchritt Nathan, welchen man gewiß ſchon in dem Befreier Editha's erkannt hat, kühn von der Hütte weg, und zweifelte keinen Augenblick, daß er das unter ſo glück⸗ i Auſpicien begonnene Werk auch glcklich zu Ende führen werde. Aber noch mußte er eine Gefahr beſtehen, auf welche der Mann des Friedens nicht gerechnet hatte, und die auch keinenfalls 171 eingetreten wäre, wenn er jede Hilfe, auch der des würdigen Ralph Stackpole, entſagt und ſich nur auf ſeine eigene Kraft und Einſicht verlaſſen hätte. Kaum hatte er ſich von der Thüre des Zeltes ent⸗ fernt, als plötzlich und nicht ſehr weit von dem Platze, über wel⸗ chen er mit ſeiner koſtbaren Beute eilte, ſich ein ſchrecklicher Lärmen erhob, ein Stampfen, Schnauben, Galloppiren und Wiehern von Pferden, wie wenn ein Dutzend halb verhungerter Bären oder Wölfe plötzlich in den indianiſchen Pferch gedrungen wären, und Tod und Verheerung unter der ganzen Heerde verbreiteten. Und auf dieſes, Unglück weiſſagende, Getöſe erfolgte unverzüglich eine ſolche Zunahme des Lärmens, als wären die wilden Thiere aus dem Pferch ausgebrochen, und ſprengten in tollem Schrecken nach dem Mittelpunkte des Dorfes. Beim erſten Ausbruche des Tumultes hatte ſich Nathan ſogleich unter das Gebüſch in der Nähe des Wigwams geduckt; als er jedoch bemerkte, daß der Lärmen nicht nur zunahm, ſondern ſogar immer näher erſcholl, und daß die Schlummernden auf dem Platze davon aus dem Schlafe geſtört wurden, ſprang er blitzſchnell wieder auf ſeine Füße, warf ein linnenes Tuch über Edith, die noch immer nicht Kraft genug hatte, ſich ſelber zu helfen, und beſchloß einen kühnen Verſuch zum Entrinnen zu machen, ſo lange die Finſterniß und die allgemeine Verwirrung ein ſolches Wagſtück begünſtigte. Er durfte in der That auch keinen Augenblick verlieren. Der Schlaf der Wilden, zu allen Zeiten leicht zu ſtören, war auch durch die vorhergehende Trunkenheit nicht allzufeſt geworden. Ein gellender Schrei der Beſtürzung, der ſich an dem einen Punkte erhob, wurde hier und da von einem ähnlichen beantwortet, und in einem Augen⸗ blicke erdröhnte der ganze Platz von Lärmgebrüll, und wilde Stim⸗ men kreiſchten:„Blaßgeſichter! Langmeſſer!“ als ob die Indianer glaubten, daß eine Schaar tapferer Kentuckier nächtlicher Weile in ihr Dorf eingedrungen wären. In dieſem Momente allgemeiner und völliger Verwirrung ſprang Nathan von der Erde auf, und eilte, da jeder andere Weg ihm verſchloſſen war, über eine Ecke des öffentlichen Platzes dem Fluſſe zu, indem er hoffte, ſich ſo von dem Schauplatze des Ge⸗ tümmels zu entfernen, und unter dem ſchattigen Erlengebüſch am Ufer des Stromes leicht verborgen zu bleiben. Und wirklich würde ihm dieſer kühne Verſuch gelungen ſein, wenn nicht das Unglück, das in dieſer Nacht alle ſeine Launen erſchöpfen zu wollen ſchien, ihm einen Strich durch die Rechnung gemacht hätte. Als er ſich aus dem Geſträuche aufrichtete, ſchleuderte ein Wilder, der ſich größerer Geiſtesgegenwart, als ſeine Brüder, rüh⸗ men konnte, einen noch glimmenden Feuerbrand in den Haufen trockenen Laubes und Heues, welcher den Gäſten zum Lager gedient hatte. Er fing ſogleich Feuer, und eine mächtige Flamme loderte auf, den ganzen Platz erleuchtend und auf einmal die Urſache des ganzen Lärmens und Getöſes enthüllend. Mehr als ein Dutzend Pferde ſah man auf den Platz zu galloppiren, und hintendrein prauſte eine noch größere, dicht gedrängte Heerde, Alle wie von Angſt beſeſſen, Alle ſich bäumend und vorn und hinten ausſchlagend, als würden ſie von einer Schaar böſer Geiſter verfolgt. Und doch zeigte ſich bald, wie auch die Indianer mit lautem Jauchzen be⸗ merkten, daß ſie nur unter dem Einfluſſe eines menſchlichen Weſens ſtanden, das die ganze Störung veranlaßt haben mußte. Beim erſten Aufblitze der Flamme, welche im Winde bald zu einem rieſenhaften Feuer anwuchs, gab Nathan ſein verwegenes Spiel verloren, und hoffte nicht mehr unbemerkt entrinnen zu kön⸗ nen. Jedoch der Anblick der Pferde, die wie raſend auf den Platz ſprengten, ſammt der Perſon eines weißen Mannes, welcher ſich ver⸗ geblich gegen den Sturm ſträubte, von deſſen Wirbeln er mit fort⸗ geriſſen wurde, zog die Augen der Indianer von dem Quäker ab. Nathan bemerkte ſogleich, daß er bei der allgemein herrſchenden Ver⸗ wirrung nicht nur bis jetzt ungeſehen geblieben ſei, ſondern auch, daß man ihn kaum beachten werde, bis es ihm geglückt ſei, das Gebüſch zwiſchen ſich und die Gefahr der Entdeckung zu bringen. „Der Schuft hat uns durch ſeine unſinnige Thorheit in die größte Gefahr gebracht,“ murmelte er vor ſich hin,„aber leider wird er ſie mit ſeinem Skalpe bezahlen müſſen. Ich kann ihm nicht helfen und kaum ihn bedauern, da ſein Untergang der armen Jungfrau Rettung ſein wird.“ Er eilte haſiig vorwärts, aber leider waren ſeine unvorſichtigen Worte von einem Manne gehört worden, der gleich ihm in der Nähe von Wenonga's Hütte im Gebüſche gelegen hatte. Er ſprang jetzt empor, und der beſtürzte Nathan erkannte in ihm den jungen Kapitain Forreſter, welcher auf ihn zuſtürzte, die ohnmächtige Editha ſeinen Armen entriß und ausrief:„Vorwärts! Um Gottes willen vorwärts! Vorwärts!“ „Du haſt Alles verdorben,“ ſagte Nathan im Tone des bitter⸗ ſten Vorwurfs, als Editha jetzt aus ihre Betäubung erwachte, und, als ſie das Antlitz ihres Bruders erkannte, ein lautes Freudenge⸗ ————— ſchrei ausſtieß, einen Ruf der Wonne, der alles Rauſchen des Windes und alles Getöſe von Menſchen und Thieren übertönend, über den ganzen Platz hinweg erſcholl. „Du haſt uns Alle in's Verderben geſtürzt,“ wiederholte „dich ſelbſt und die Jungfrau! Rette nun dein eigenes eben!« Mit dieſen Worten bemühte er ſich, Edith Rolands Armen zu entreißen, um noch einen letzten verzweifelten Verſuch zu ihrer Rettung zu machen, Roland überließ ſie ſeiner überlegenen Staͤrke, und da er gewahrte, daß ein Dutzend Indianer ihnen nachſtürzten, ſchwang er ſeinen Tomahawk, winkte mit einer Selbſtaufopferung, welche aus dem Bewußtſein ſeines verderblichen Fehlers entſprang, Nathan hinweg, und ſtürzte den Verfolgern entgegen, weniger in der vergeblichen Hoffnung, ihnen den Weg ſtreitig zu machen, als vielmehr, um nur Zeit zu gewinnen, welche zur Rettung Editha's benutzt werden konnte. Dieſe unerwartete, und beiſpielloſe That der Kühnheit entlockte ſelbſt den Kehlen der Wilden, die bisher nur Wuthgeſchrei ausge⸗ ſtoßen hatten, einen lauten Ausruf der Bewunderung. Aber es ſchwand bald in ein wildes Gelächter dahin, als die Indianer, ohne ſeine drohende Stellung weiter zu beachten, in Maſſe auf ihn zuſtürzten, dem einzigen Streiche den er zu führen vermogte, mit Geſchicklichkeit ausweichen, und dann in einem Nu ihn ergiffen und entwaffneten. Zwei von ihnen blieben zur Bewachung bei ihm zu⸗ rück, die Uebrigen aber ſetzten Nathan nach, welcher ſeine ganze Kraft anſtrengte, ihrer Verfolgung zu entrinnen. Er lief mit Editha, deren Gewicht ihn ſo wenig kümmerte, als ob er eine Flaumfeder im Arme hätte, einige Zeit mit erſtaunenswürdiger Schnelligkeit vorwärts, und ſprang über Gebüſch und Regenlöcher, wo ſolche Hinderniſſe ſeinen Pfad kreuzten, mit ſo außerordentlicher Kraft und Behendigkeit hinweg, daß es den Wilden nicht anders, als wie ein Wunder vorkam. Ohne Zweifel hätte er auch ſeine Rettung ungehindert bewerkſtelligen können, wenn nicht Editha geweſen wäre, die er um keinen Preis hilflos ihrem Schickſale über⸗ laſſen wollte. Und auch mit dieſem Hinderniſſe that er eine Zeit lang alles Mögliche, um zu entrinnen. Schon hatte er das Ge⸗ büſch erreicht, welches die Ufer des rettenden Fluſſes umſäumte, und nur noch einen Schritt galt es, um wenigſtens für einige Zeit gegen jede Verfolgung geſichert zu ſein. Aber dieſen Schritt ſollte Nathan nicht thun. Als er ſich dem — —— kümmerte ſich indeß um ihre forſchenden Blicke und um die Fra⸗ gen, welche ihm in gebrochenem Engliſch und auch in indianiſcher Sprache vorgelegt wurden, eben ſo wenig, wie um ihren Hohn und ihre Drohungen, und erwiederte dieſe ſo wie alles Uebrige nur mit einem ſo wilden und gräßlichen Starrblicke, daß einige der jüngeren Krieger davon eingeſchüchtert wurden und bedeutungsvolle Blicke mit einander wechſelten. Endlich, als ſie dem Feuer immer naͤher kamen, wankte ein alter Indianer auf die Gruppe zu, welche ihm mit der gebührenden Achtung Platz machte; denn kein Anderer, als Wenonga, der alte ſchwarze Geyer war es, der herankam. Mit ſo viel Wuth, als ſeine noch immer andauernde Trunkenheit geſtattete, hinkte er auf den Gefangenen zu, legte die eine Hand auf ſeine Schulter, und holte mit der anderen zu einem fürchterlichen Hiebe mit dem Tomahawk aus, der unfehlbar Nathans Schädel zer⸗ ſchmettert haben würde, wenn er gefallen wäre. Aber noch zu rechter Zeit wurde derſelbe von Abel Doe, auch Atkinſon genannt, abgewendet, welcher zu gleicher Zeit mit dem greiſen Häuptlinge erſchienen war, und demſelben jetzt einige leiſe Worte in's Ohr flüſterte, die für den Augenblick die Wuth des alten Wilden zu beſänftigen ſchienen. „Ich Indianer⸗Mann,“ ſagte der Häuptling, ſeine Worte an den Gefangenen richtend, deſſen Sprache er ſich auch dabei bediente. „Ich morden alle weiße Männer! Ich, Wenonga, trinken weißen Mannes Blut, denn in mich kein Herz!“ Und um die Wahrheit ſeiner Behauptung der Seele des Ge⸗ fangenen recht tief einzuprägen, legte er ſeine rechte Hand, welcher man mit ſanfter Gewalt den drohenden Tomahawk entwunden hatte, eben ſo wie ſeine linke auf Nathans Schulter, hielt ſich in dieſer Stellung aufrecht, und nickte und wackelte mit ſeinem Kopfe dicht vor dem Antlitze des Anderen hin und her, indem er Blicke einer ſo haßgeſättigten Bosheit auf ihn heftete, wie er ſie bei ſeiner Trun⸗ kenheit nur immer aus ſeinen Augen zu ſchleudern vermogte. Na⸗ than erwiederte dieſe Blicke, indem er ſein Auge auf den Häupt⸗ ling heftete, und das mit einem noch gräßlicheren Ausdrucke, als dieſer dem ſeinigen verleihen konnte. Dabei verzog er auf eine ſeltſam unnatürliche und abſcheuliche Weiſe ſein Geſicht, fletſchte die Zähne gegen Wenonga, und irgend eine tiefe aber namenloſe Leidenſchaft ſprach ſich in ſeinen verzerrten Zügen und in den Au⸗ gen aus, welche ein ſo wildes beinahe unirdiſches Feuer von ſich ſprühten, daß ſelbſt Wenonga, dieſer tapfere und unerſchutterliche 176 Haͤuptling, der ſich noch obendrein in einer aufgeregten und nicht leicht einzuſchüchternden Stimmung befand, langſam zurücktrat, und ſeine Hände von den Schultern des Gefangenen entfernte. Dieſer ſtürzte hierauf plötzlich zu Boden, und das Uebermaß ſeiner mächtig aufgeregten Gefühle überwältigte ihn d maßen, daß er in convulſiviſche Zuckungen verfiel, während ſeink Finger gichteriſch zuckten und ſich tief in das Fleiſch der beiden Wilden eingruben, welche ihre ganze Kraft anſtrengen mußten, um den Raſenden zu ke und triumphirende Jauchzen der Indianer hörte auf, und ihre Fragen verſtummten. Scheu zogen ſie ſich von ihrem un⸗ glücklichen Gefangenen zurück, und betrachteten ihn mit Blicken unver⸗ holenen Erſtaunens und ſichtlichen Schreckens. Der Einzige, deſſen Herz von dem ſeltſamen Vorfalle unerſchüttert zu bleiben ſchien, war Abel Doe, welcher, als Nathan ſich auf dem Boden wand und krümmte, die Ecke eines Stückes Pergament aus dem Buſenſtreifen ſeines Hem⸗ des ragen ſah, welches in Form und Geſtalt ganz dem Teſtamente glich, welches er erſt vor wenigen Stunden noch in den Händen ſeines Spießgeſellen Richard Brayley geſehen hatte. Er bückte ſich zu Nathan nieder, ſtellte ſich an, als ob er den in Zuckungen liegenden Mann in ſeine Arme faſſen wollte, und zog dabei, ohne daß es Jemand merkte, das Dokument aus Nathans Buſenſtreif, das er hier⸗ auf ohne Zögern in einer ſicheren Taſche ſeines eigenen Gewandes ver⸗ barg. Dann erhob er ſich wieder und ſtand da gleich den Uebri⸗ gen, unbefangen und ſorglos den Gefangenen betrachtend, bis deſ⸗ ſen Anfall vorüber war, was in wenigen Minuten geſchah. Nathan ſtellte ſich wieder auf ſeine Füße, ſtierte mit wilden Blicken um ſich, und ſchien für einen kurzen Moment weder des Anfalls, der ihn ſo eben niedergeworfen hatte, noch auch ſelbſt ſeiner Gefangen⸗ ſchaft ſich bewußt zu ſein. Die Unkenntniß des letzteren Unglücks wurde indeß bald durch den alten Häuptling verſcheucht. Seine Wuth war jetzt verflogen, und hatte einem Gefühle von Achtung Platz gemacht, das deutlich aus ſeinen trüben Augen ſchimmerte. „Mein weißer Bruder groß Medicinmann!“ ſagte er.„Ich Wenonga! Ich groß Indianer⸗Häuptling, morden all Mann, Squaw und kleine Papus. Weißer Medicinmann ſoll ſein großer Häuptlings Bruder. Medicinmann mir ſagen, wo ich finden Dſhib⸗ benönoſeh? Wo iſt Dſhibbenönoſeh? Ich ihn morden, ich, großer Häuptling, mit dem Tomahawk erſchlagen den Geiſt des Waldes. ℳ S S S S S 177 Groß Medicinmann ſagen Indianer-Häuptling, warum er gekom⸗ men in Indianerdorf? Warum ſtehlen Gefangenen von Indianer? Warum ſtehlen Indianerpferd? Ich Wenonga, ich guter Bruder von groß Medicinmann!“ Der alte Häuptling ſprach dieſe Worte mit ungewöhnlicher Milde und Feierlichkeit, welche Zeugniß von ſeiner plötzlich entſtan⸗ denen Zuneigung geben ſollte, und zugleich die Urſache derſelben verrieth, welche ihren Grund einfach in dem Umſtande hatte, daß er den Gefangenen für einen großen weißen Zauberer hielt, der ihm zu Löſung manches Geheimniſſes und zur Beantwortung man⸗ cher Fragen dienen konnte, auf welche er bisher vergeblich eine Antwort geſucht hatte. Vermuthlich würde er das Geſpräch auch noch lange nicht beendigt haben, da ſeine eigenen Landsleute ihn mit der größten Theilnahme anhörten, wenn er nicht plötzlich in ſeiner beginnenden neuen Rede geſtört worden wäre. Die Indianer, welche Roland bewachten, ſtießen nämlich auf einmal ein lautes Geſchrei aus. Abel Doe, der weiße Indianer hatte daſſelbe veranlaßt, indem er die Wächter darauf aufmerkſam machte, daß ihr Gefangener kein Andrer ſei, als der Capitain Ro⸗ land Forreſter, welcher vor Kurzem hilflos und gefeſſelt den Hän⸗ den der erbarmungsloſen Piankiſchaws überliefert worden war. Sein Entrinnen, ſo wie ſein plötzliches und unverhofftes Erſcheinen im Shawneedorfe war für die Wilden ein eben ſo aufregendes Ereigniß, wie die vermeintlichen Wunderkräfte des weißen Medicin⸗ Mannes, und der Ausruf der Wächter lockte daher den ganzen der Wilden an das Feuer, wo man Roland niedergelegt hatte.. Aber es häuften ſich Wunder auf Wunder. Der dritte Ge⸗ fangene wurde zwiſchen den Pferden hervor an das Feuer geſchleppt, und faſt im nämlichen Augenblicke von fünf oder ſechs verſchiedenen Kriegern als der gefürchtete, unverbeſſerliche Pferdedieb Ralph Stackpole erkannt. Der„wunderbare“ Zauberer und das„wun⸗ derbare junge Langmeſſer,“ Roland nämlich, der in dieſem Augen⸗ blicke ein Gefangener in den Händen der Piankiſchaws an den Ufern des Wabaſch, und in dem anderen ein Angreifer in dem Thale des Biami war, wurden beide vergeſſen, denn der Capitain der Pferdediebe war eine noch bei weitem wunderbarere Perſon, und auf jeden Fall ein viel wichtigerer Fang. Man rief mit lau⸗ tem Geheul ſeinen Namen, er ging von Munde zu Munde, jede Zunge wiederholte ihn, und nach wenigen Minuten ſah ſich Ralph Gefahren der Wildniß 12 178 — von den ſämmtlichen Einwohnern des Dorfes umzingelt, von Män⸗ nern, Weibern und Kindern, die Alle, durch das Geſchrei heran⸗ gezogen, ſich auf dem allgemeinen Berathungsplatze verſammelt hatten. Das Triumphgeſchrei, das Jauchzen der Freude über den Fang eines zugleich ſo berühmten und verabſcheuten Mannes, brachte ein Getöſe zu Wege, zehnmal ärger, als Alles, was bis dahin die Ohren der Gefangenen betäubt hatte. In der That, es war Stackpole, Ralph Stackpole, der Sclave jener engelleuchtenden Dame, wie er ſie nannte, welcher er durch ein ſeltſames Mißgeſchick nichts als Unheil bereitete, während er ihr nützlich zu werden ſuchte. Auch in dieſem Falle wieder, hatte er ſich und ſeine Mitgefangenen in Banden und Knechtſchaft ge⸗ bracht, weil er ſich gar zu eifrig im Dienſte der Dame bezeigen wollte. Später erzählte er, daß er mit dem Entſchluſſe in den Pferch der Indianer eindrang, buchſtäblich die Anweiſungen Na⸗ thans zu befolgen. Er wählte daher vier der beſten Pferde aus der Heerde, und ſeiner ungewöhnlichen Geſchicklichkeit gelang es ohne viele Mühe, ihnen die Halfter, ohne ein Geräuſch zu verur⸗ ſachen, überzuwerfen. Wenn er ſich nun mit dieſer Beute begnügt hätte, ſo würde er ſich aus dem Pferche wieder entfernt haben können, ohne eine Entdeckung befürchten zu müſſen. Aber dieſe herrliche Gelegenheit, die beſte, die ihm noch je in ſeinem Leben gelächelt hatte, dazu die Tüchtigkeit und Vortrefflichkeit der Pferde, deren Zahl ſich an vierzig belief, die niedlichſten und ſchönſten Kreaturen, wie er ſelbſt ſie bezeichnete, gaben ihm den unglückſeli⸗ gen Gedanken ein, die ganze Heerde aus dem Pferche mitzunehmen, um die engelleuchtende Dame mit einem recht großen Reichthume der vierbeinigen Geſchöpfe zu erfreuen. Einmal auf den Gedanken gekommen, entſchloß er ſich auch ſchnell zur Ausführung deſſelben. Wie Nathan, bei einer früheren Gelegenheit, zog er ſeinen ledernen Rock aus, ſchnitt ihn in Rie⸗ men, die er ſchnell zu Halftern verknüpfte, warf ſie noch einem halben Dutzend der beſten Pferde über, und eilte mit dieſen und den vier zuerſt ausgeſuchten davon, indem er keinen Augenblick daran zweifelte, daß ihm der ganze Reſt der Heerde freiwillig fol⸗ gen würde. Aus dem Pferche hinaus reitend, ſchlug er die von Nathan bezeichnete Richtung ein, um zu dem Platze zu gelangen, welcher als der Ort der Zuſammenkunft beſtimmt worden war. Dieß war jedoch eine Richtung, welche, wie er bald zu ſeinem Schrecken erfahren mußte, weder die Pferde, deren Halfter er in der Hand hatte, noch die frei brauſende nachfolgende Heerde einzu⸗ ſchlagen die geringſte Luſt bezeigten. Es entſtand augenblicklich ein Kampf zwiſchen dem Diebe und den geſtohlenen Roſſen, welcher nach wenigen Augenblicken damit endigte, daß die ganze Heerde mit ſtürmiſcher Eile den Weg nach dem Mittelpunkte des Dorfes einſchlug. Es gelang den Pferden nicht nur, hierhin zu entkom⸗ men, ſondern ſie riſſen auch den unglückſeligen Ralph mit ſich fort, der ſich ganz vergeblich anſtrengte, den entfeſſelten Strom in ein anderes Bett zu leiten. Er wurde von der ungeſtümen Fluth mit fortgeriſſen, gleich unfaͤhig, ihr zu widerſtehen, wie ihr zu ent⸗ rinnen. So wurde denn der würdige Capitain in einer Falle gefangen, die er ſelbſt ſich gelegt hatte, wie es ſo manchem ergeht, der nicht gewiſſenhaft auf dem Wege der ſtrengſten Rechtlichkeit wandelt, und der Gedanke, daß er durch ſeinen gränzenloſen Leichtſinn auch ſeine Genoſſen mit in's Elend geſtürzt, und die beſten und letzten Hoff⸗ nungen der engelleuchtenden Dame vernichtet hatte, diente eben nicht dazu, ſeine äußerſt trübſelige Lage zu erleichtern und die Bit⸗ terkeit der Selbſtvorwürfe, welche er ſich machen mußte, zu verſüßen. Mit nagenden Gewiſſensbiſſen im Herzen, wurde er an das Feuer geſchleppt, um dort verhöhnt und geſchmähet zu werden, ſo lange ſeine unbarmherzigen Feinde ihre Freude daran haben würden. Aber die Letzteren, noch erſchöpft von den Gelagen des vorhergehen⸗ den Tages, und zufrieden mit ihrem vollſtändigen und zugleich ſo unblutigen Siege, hörten bald auf, ihn zu quälen, indem ſie ſich vorbehielten, ihn am nächſten Morgen, zu ihrer beſonderen Freude wie zum Vergnügen der Wyandots, ihrer Gäſte, recht tuͤchtig Spieß⸗ ruthen laufen zu laſſen. Nach dieſem einſtimmig gefaßten Beſchluſſe wurde er gleich Nathan und Roland gefeſſelt hinweggeführt, und Jeder ward in eine beſondere Hütte gebracht, wo er auf das Strengſte von zu⸗ verläſſigen Kriegern bewacht wurde. Eine Stunde nachher lag das Dorf wieder in äußerſter Ruhe, als ob nichts Ungewöhnliches vor⸗ gefallen wäre. Am ſpateſten ſuchten indeß Abel Doe und Richard Brayley ihr Lager wieder auf, welcher Letztere von ſeinem Spieß⸗ geſellen gefunden, und ſeiner unwillkommenen Knebel und Banden entledigt worden war, gleich nachdem man Edith wieder in das kaum verlaſſene Zelt zurückgebracht hatte. Erſt als Brapley in Doe's Hütte eintrat, entdeckte er den Verluſt des koſtbaren Teſta⸗ mentes, auf deſſen Beſitz das Gelingen ſeiner ſo liſtig angelegten 180 und bis dahin ſo ſchlau durchgeführten Pläne beruhte. Seine Angſt, Beſtürzung und Verwirrung bei Nathans plötzlichem Ueberfalle war ſo groß geweſen, daß er es gar nicht merkte, als der Quäker ihm die Urkunde aus der Taſche zog. Doe dagegen, in deſſen Be⸗ ſitze ſich jetzt, wie wir wiſſen, das Dokument befand, zeigte ſich gar nicht geneigt, es gutwillig wieder herauszugeben. Er baute kühne Hoffnungen darauf, und hatte bereits einen Plan gemacht, es zu ſeinem Portheile zu benutzen. Darum tröſtete er ſeinen Ge⸗ fährten mit heuchleriſchen Worten, ſagte, daß derſelbe es nur zu⸗ fällig verloren haben könne, und gab ihm die falſche Verſicherung, daß es ſich ohne Zweifel am nächſten Morgen wiederfinden müſſe, indem das wichtige Blatt für einen Indianer nicht den geringſten Werth haben könne. Brapley, dem dieß Alles wahrſcheinlich genug vorkam, beru⸗ higte ſich darüber. Gin anderer Gegenſtand ſeiner Beſorgniß war jedoch das Wiedererſcheinen des Capitain Forreſters, welchen er ſchon längſt dieſer ſchönen Erde entrückt glaubte. Auch über dieſen Punkt ſuchte Doe ihn zu tröſten, indem er verſicherte, daß Roland jetzt ſo gewiß ein todter Mann ſei, als ob zwanzig Kugeln durch ſeinen Leib geſchoſſen wären. „Er iſt in den Händen des ſchwarzen Geyers, Dick,“ ſagte er grimmig,„und wenn wir ſelber ihn nicht retten, wird er ſo ge⸗ wiß verbrannt werden, wie wir Beide einſt in die Hölle kommen.“ „Wir, Abel Doe,“ erwiederte Brayley lachend;„davor ſind wir ſicher! Jedoch, wer weiß, welcher Wind Euch noch treiben wird. Vor Kurzem noch fühltet Ihr Gewiſſensbiſſe über den ver⸗ meintlichen Tod des jungen Mannes, und jetzt, wo ſein Tod, wie Ihr ſagt, gewiß iſt, macht Ihr Euch ſo wenig daraus, als ob es ſich um das Leben eines Huhnes handelte.“ „Das iſt wahr, aber es iſt auch ein Unterſchied zwiſchen da⸗ mals und jetzt,“ erwiederte Doe.„Als die Piankiſchaws ihn ver⸗ brannten, oder vielmehr, als ich glaubte, daß die Hunde es thun würden, war ich es, ich allein, der an ſeinem traurigen Tode Schuld war, Ich hatte ihm auf den Scheiterhaufen geholfen. Aber jetzt ſtehen die Dinge anders. Er iſt auf ſeine eigene Fauſt hierherge⸗ kommen, die Indianer fingen ihn, und ſo mögen ſie ihn verbren⸗ nen, die elenden Schurken, wann ſie Luſt haben. Mich kümmert's nicht, denn ich habe ihn nicht hergelockt. In dieſem Umſtande, Dick Brapyley, liegt der Unterſchied, und Ihr müßt geſtehen, daß er keineswegs gering genannt werden kann.“ 181 Die Erklärung Doe's genügte ſeinem mißtrauiſchen Genoſſen, und nachdem die beiden Halunken noch eine Zeit lang über die Um⸗ ſtände, welche ihnen bei dieſem Befreiungsverſuche Editha's am merkwürdigſten und wunderbarſten vorkamen, geſprochen hatten, legten ſie ſich zur Ruhe, um bis zum nächſten Morgen nicht wieder darin geſtört zu werden. Neunzehntes Kapitel. Abel Doe. Der nächſte Tag war für die Indianer, wie ſelbſt ihre Ge⸗ fangenen aus ihren verſchiedenen Kerkern wahrnehmen konnten, ein ungewöhnlich lebhafter und geräuſchvoller. Von Aufgang der Sonne an bis gegen die Mittagsſtunde hin, vernahm man von Zeit zu Zeit Gewehrſalven, welche an den äußerſten Enden des Dorfes abgefeuert wurden, und gleich darauf erſchallte immer das gellende Hurrah der Männer, welche ihre Flinten abgeſchoſſen hatten. Alle Kehlen des Dorfes erwiederten dieß Geheul, und Männer, Weiber und Kinder vereinigten ſich zu einem Geſchrei, welches offenbar nichts Anderes, als der Ausdruck wilder Freude und Wonne ſein konnte. Es ſchien, als ob Abtheilungen von Kriegern, die aus den Landſtrichen der Blaßgeſichter ſiegreich zurückkehrten, von Zeit zu Zeit in und durch das Dorf zogen, um die blutigen Trophäen ihrer erkämpften Triumphe zu zeigen. Das Getöſe nahm zu, das Geſchrei wurde immer lebhafter und allgemeiner, und allem Anſchein nach hatten die Wilden die Abſicht, zum zweiten Male ein Feſt zu feiern, bei dem ſie ſich der unſinnigſten Völlerei, wie am geſtrigen Tage, hingeben konnten. Während dieß draußen im Freien geſchah, lag Roland For⸗ reſter gebunden in einer Hütte, und ſah ſich von zwei alten grim⸗ migen Kriegern bewacht. Dieſe vertrieben ſich die Stunden bei ihrem langweiligen Geſchäfte dadurch, daß ſie von Zeit zu Zeit an die Thür gingen und gleich klaffenden Hunden, den vorübergehenden Wanderern ihre Aufmerkſamkeit durch ihr Gebell zu bezeigen, ihre rau⸗ hen Stimmen ertönen ließen, und immer ein paar Mal zum Be⸗ weiſe ihrer Billigung deſſen, was draußen vorging, laut aufjauchz⸗ ten. Dann und wann verließen ſie ſogar das Wigwam, obgleich nie länger, als nur für wenige Augenblicke. Hatten ſie ſich auf — ee . . f . 3 ſolche Weiſe ein wenig von der Langweiligkeit des ihnen übertra⸗ genen Geſchäftes erholt, ſo kauerten ſie ſich neben den Gefangenen nieder und ſuchten ihn durch lange Reden in ihrer Sprache zu un⸗ terhalten, von den Roland natürlich keine Sylbe verſtand. In bittere und ſchmerzliche Gedanken verſunken, in ſeiner letz⸗ ten Hoffnung auf ſchreckliche Weiſe getäuſcht d dadurch nun gleichgültig gegen jedes Schickſal geworden, es ſeine Feinde ihm bereiten konnten, lag er den ganzen Tag über auf der bloßen Erde, und erwartete jeden Augenblick eine Schaar Indianer, welche kommen und ihn zu den Martern abholen würden, zu welchen er, wie er nicht zweifelte, beſtimmt war, da ſie das gewöhnliche Loos der indianiſchen Kriegsgefangenen waren⸗ Jedoch manche Stunde entſchwand, und ſeine Einſamkeit wurde durch Niemand geſtört, als durch ſeine zwei alten Kerkermeiſter. Erſt, als der Abend wieder dämmerte, erblickte er noch ein drittes menſchliches Antlitz. Telie Doe kam zitternd in ſeine Hütte herein geſchlichen, brachte dem Gefangenen Speiſe, und zeigte dabei eine ſo tiefe Niedergeſchlagenheit, einen ſo ſichtlichen Schmerz, daß der unglückliche Roland ihn bemerken mußte. Einen Angenblick glaubte er, daß dieſe bitteren Gefühle aus Schaam und Reue herrührten, weil Telie eine Rolle in dem Complot zu ſeiner Gefangennehmung geſpielt hatte. Aber er verwarf dieſen Gedanken wieder, da ihn die Erfahrung gelehrt hatte, daß ſie, obſchon mit der beabſichtigten Unthat bekannt, doch aufrichtig und aus allen Kräften darnach ge⸗ ſtrebt hatte, dieſelbe von ſeinem Haupte abzuwenden. Ihr Erſcheinen weckte ſeine ſchlummernden Lebenszeichen wieder, und rief das Andenken an ſeine Schweſter in ſeine tief betrübte Seele zurück. Er fragte Telie nach ihrer Lage und bat ſie, von Editha zu ſprechen, obgleich er im Voraus wußte, daß ihre Ant⸗ wort weder Troſt noch Hoffnung für ihn enthalten konnte. Kaum aber hatte Telie den Mund geöffnet, um dem Unglücklichen die geforderte Auskunft zu ertheilen, als einer der alten Indianer mit drohender Geberde auf ſie zutrat, ſie am Arme ergriff, an die Thür der Hutte führte, und ihr durch nicht zu verkennende Geber⸗ den andeutete, daß eine ſchlimmere Behandlung ihrer warte, wenn ſie es noch einmal wagen würde, in dem Gefängniſſe Rolands zu erſcheinen. Auf ſolche Weiſe von jeder Mittheilung und jeder Nachricht von Editha abgeſchnitten, überließ ſich Roland ohne Widerſtand der immer mehr in ſeinem Herzen überhand nehmenden Troſtloſig⸗ 4 — 183 —— keit, und erwartete mit düſterem Gleichmuthe das trautige Schick⸗ ſal, welches, wie er gar nicht zweifelte, für ihn in Bereitſchaft gehalten wurde. Gleichwohl war er dazu beſtimmt, noch einmal alle Gemüthsbewegungen durchzuempfinden, welche im Gefolge der Hoffnung zu erſcheinen pflegen, und die ſo bitter und ſchmerzlich ſind, wenn die fnung ſich als eine täuſchende und trügeriſche auswies.. Bald nach dem Einbruche der Nacht, und als ſeine Seele von keinem hellen Freudenſtrahle erleuchtet wurde, vernahm er Fußtritte an dem Eingange des Zeltes, und gleich darauf ein kurzes Ge⸗ ſpräch zwiſchen dem neuen Ankömmling und ſeinen Wäͤchtern, wel⸗ ches damit endete, daß die Letzteren die Hütte verlaſſen mußten. Der Erſtere trat in das Gemach, ſchritt zu dem Feuer, deſſen er⸗ löſchende Gluth er zur hellen Flamme anfachte, ſetzte ſich ſo, daß er von dem Lichte deſſelben voll beſchienen wurde, und zeigte nun Roland, zu deſſen nicht geringem Erſtaunen, die Geſtalt und das Antlitz Abel Doe's, deſſen Züge ſich dem Gedächtniſſe des jungen Kriegers feſt genug, um nie wieder zu erlöſchen, eingeprägt hatten. Er heftete ſeine Augen auf den Gefangenen, und blickte ihn, ohne ein Wort zu reden, ernſt an, bis endlich Roland ſelber das drü⸗ ckende Schweigen unterbrach. —— 2 *„. 2 — 1 ——— Obgleich der junge Kriegsmann entſchloſſen war, jenen finſte⸗ ren Gleichmuth feſtzuhalten, welcher, obſchon er der Seele eine gewiſſe Faſſung verleiht, doch nur ein ſchlechter Stellvertreter wah⸗ rer und aufrichtiger Ergebung in die Fügungen des Himmels iſt, reichte doch das Erſcheinen dieſes Mannes hin, um in ſeiner Bruſt ſtuͤrmiſche Gefühle der Entrüſtung und des Grimmes zu erregen. Wenn auch Andere die Unthat, welche Elend und Verderben über ihn und Editha gebracht, erſonnen haben mogten, ſo war und blieb doch immer Abel Doe der Mann, welcher gegen Banditenlohn und mit der Niederträchtigkeit eines Banditen ihm Schlingen geſtellt und den tödtlichen Streich geführt hatte. Rur durch den Beiſtand und die Hülfe eines ſolchen Mitſchuldigen war es Brapley möglich geworden, ſeine Pläne auszuführen, oder auch nur den Verſuch dazu zu wagen. Das Blut kochte in Rolands Adern, als er den elenden Schurken betrachtete, und er machte einige verzweifelte, aber vergebliche Verſuche, ſich von ſeinen Banden zu befreien und auf den Elenden loszuſtürzen, deſſen Schlechtigkeit er nie tiefer, als in ₰ dieſem Augenblicke der Hülftoſigkeit und Entrüſtung empfand. „Schurke!“ rief er dem Manne zu, da ſeine Anſtrengungen, ſich von den feſſelnden Stricken zu befreien, nutzlos blieben,— „niederträchtiger und nichtswürdiger Schurke, du wagſt es, auch noch zu kommen, um dich der Fruchte deines abſcheulichen Verbre⸗ chens zu rühmen? Niedriger, elender, gemeiner Schurke!“ „Das iſt die rechte Bezeichnung, Capitain,“ verſetzte Abel Doe mit einem beiſtimmenden Kopfnicken.„Ihr h ir den wahren Namen gegeben, der mir zukommt. Schurke nz edas rechte Wort, um anzufangen, und wird auch das letzt ort ſein, um damit zu enden, das heißt, je nachdem wir die Sachen abſchließen, wenn wir ſie vollkommen beſprochen haben werden.“ „Hinweg, Elender!“ rief Roland voller Entrüſtung.„Be⸗ läſtige mich nicht durch deine Gegenwart, denn ich habe dir nichts zu ſagen, als daß ich den Fluch des Himmels auf dich herab fordere.“ „Auch dieß finde ich in der Ordnung,“ erwiederte Abel kalt⸗ blütig;„ich ſehe ein, daß ich es gewiſſermaßen verdient habe. Bei alledem müſſen alle Dinge ein Ende nehmen, auch das Verwünſchen und Verfluchen, und vielleicht, wenn Ihr mich ruhig bis zu Ende hört, verwandelt Ihr gar den Fluch noch in Segen. Das Sprich⸗ wort ſagt: heute Freund, worgen Feind! Dreht es einmal um, und vielleicht kann es dann wahr werden, in Betracht, daß ich jetzt keineswegs als ein ganz verſtockter, hartnäckiger Feind zu Euch komme. Ich will Euch eine Friedensrede halten, will den Toma⸗ hawk vergraben und die Pfeife der Freundſchaft mit Euch rauchen. Ja, dieß iſt meine Abſicht, und Euer Fluchen ſoll mich nicht davon abbringen. Flucht immer zu, bis Ihr deſſen genug habt; ich hin⸗ dere Euch nicht. Was aber das Fortgehen betrifft, ſo iſt das eine andere Sache, und ich habe nicht die mindeſte Luſt dazu. Ich bin gekommen, Mann, um einen Handel abzuſchließen, und wenn Ihr meine Vorſchläge gehört habt, ſo werdet Ihr, hoffe ich, nicht mehr ſo grimmig gegen mich ſein, wie bisher. Ehe wir aber anfangen, dieſe Sache zu beſprechen, müßt Ihr mir erzählen, auf welche Weiſe Ihr vom alten Piankiſchä und ſeinen beiden Begleitern, den Höllen⸗ kindern, losgekommen ſeid. Denn das mögte ich um Alles in der Welt gern erfahen.“ „Wenn Ihr mir einen Vorſchlag zu machen habt,“ erwiederte Roland, indem er ſich Mühe gab, ſeinen überſchwellenden Grimm etwas zu mäßigen,—„ſo ſagt kurz und gerade heraus, was Ihr wollt, und beläſtigt mich nicht vorher noch mit überflüſſigen Fragen.“ 185 »Nun nun, nicht ſo hitzig, Mann,“ entgegnete Doe kaltblütig. „Eine höfliche Frage hätte, denk' ich, wohl eine höfliche Antwort verdient. Wenn Ihr den alten Schuft mit den beiden Burſchen erſchlagen habt, braucht Ihr Euch nicht zu fürchten, es mir zu ſa⸗ gen, denn ich werde deßhalb keineswegs ſchlechter von Euch denken. Es gelingt nicht jedem Burſchen, die Indianer zu tödten, die ihn noch dazu mit guten büffelledernen Riemen gebunden haben; aber ich vermuthe, die Schufte haben ſich an den Branntwein gemacht, denn Indianer bleiben Indianer und laſſen nicht von ihrer Natur, und da fielet Ihr dann über ſie her und bezahltet ihnen Cure Schuld bei Heller und Pfennig, wie die Halunken es verdienten. Wenn Ihr es thatet, ſo habt Ihr mir dadurch eine große Freude gemacht; denn ſeht, ich war es, der Euch in ihre Hände gab, und das wurmte mich, wurmte mich tief im Herzen, weil ich wußte, daß Euch die Schurken verbrennen würden, wie ein Scheit Holz, wenn Ihr Euch nicht von ihnen befreitet. Aber ein thörichter Ein⸗ fall von Euch war es, uns zu verfolgen. Indeß will ich davon ſchweigen, denn geſchehene Dinge laſſen ſich nicht ändern. Sagt mir nur, wo Ihr den Kerl aufgeleſen habt, der beinahe wie ein In⸗ dianer ausſieht und um ein Haar Eure Schweſter fortgeſchleppt hätte? Die Indianer behaupten, er ſei ein großer Zauberer; ich aber, der nie von einem Zauberer unter den Weißen hörte, ſo lange ich mich bei ihnen aufhielt, glaube dergleichen Unſinn nicht, und mögte doch gern meine Neugierde über dieſen Gegenſtand be⸗ friedigt ſehen. Ich ſtelle Euch hiermit nur eine höfliche Frage, und habe nichts Arges dabei im Hintergrunde. Kein Menſch kann heraus⸗ bringen, wer der Burſch iſt, und Ralph Stackpole, den ich auch fragte, will die Kreatur noch nie in ſeinem Leben geſehen haben.“ »Wenn Ihr wollt, Menſch, daß ich Eure Fragen beantworte, ſo müßt Ihr zuvor auf die meinigen eine Erwiederung geben,“ ſagte Roland.„Alſo, was wird das Schickſal des Mannes ſein, von dem Ihr ſo eben geſprochen habt?“ »Der Feuertod, glaube ich,“ entgegnete Abel Doe ruhig.„Je⸗ doch hängt das noch immer von der Laune Wenonga's, des alten ſchwarzen Geiers ab; denn wenn der Mann herausbringt, was noch kein indianiſcher Zauberer erforſchen konnte, ſo füttert ihn der alte Häuptling vielleicht mit den beſten Leckerbiſſen und macht ihn zu ſeinem eigenen Zauberer. Er iſt eben jetzt in einer Unterredung mit ihm begriffen.“ 186 FUnd was wird man mit Ralph Stackpole beginnen 26 fragte Roland weiter. „Der wird verbrannt, ohne allen Zweifel,“ lautete die Ant⸗ wort.„Sie warten nur noch auf die Rückkehr der ausgezogenen Krieger, und dann wird der Burſche bei lebendigem Leibe mit Haut und Haar gebraten werden.“ i „Und mich,“ fragte Roland,„hat man ſicher zu demſelben Schickſale beſtimmt?“ „Ja, gewiß! Auch dieſer Umſtand kann nicht bezweifelt wer⸗ den,“ entgegnete Doe mit einem Unglück weiſſagenden Kopfnicken. „Einige unter den Indianern ſprachen zwar gut von Euch, weil Ihr Muth genug habt, um in ihren Stamm aufgenommen zu werden, aber die Meiſten haben geſchworen, daß Ihr brennen ſollt; und prennen müßt Ihr, außer wenn——* „Halt! noch Eine Frage,“ unterbrach Roland haſtig den kräch⸗ zenden Unglücksraben.„Was wird das Loos meiner armen, freund⸗ lichen, ſchuldloſen Schweſter ſein?“ „Oh, was die betrifft, ſo könnt Ihr ganz außer Sorgen ſein, wenigſtens, wenn es ſich um das Verbrennen handelt,“ erwiederte Doe.„Wir haben das Mädchen nicht gefangen, um ſie zu braten. Sie iſt ſicher genug, denn es gibt einen Mann, der ſie in ſeine Obhut genommen hat.“ „Und dieſer Mann iſt Richard Brayley, der elendeſte und nichtswürdigſte Schurke, der jemals die ſchöne Erde mit ſeinem Athem verpeſtete,“ rief Roland aus.„Schurke, der Ihr ſeid, wie konntet Ihr es über's Herz bringen, das unſchuldige Mädchen ei⸗ nem ſolchen Buben anzuvertrauen?“ „Und warum nicht,« erwiederte Doe kalt.„Er will ſie heira⸗ then, um ſich zum Beſitz der Ländereien zu verhelfen, die Euer Oheim hinterlaſſen hat, und die eigentlich Euch und Eurer Schweſter gehören. Seht, das iſt der ganze Grund, warum wir Euch am Salzfluſſe auflauerten und Euch in unſere Gewalt zu bringen ſuchten.“ „Ihr geſteht es alſo,“ ſagte Roland bitter,—„geſteht, daß Ihr Euch an den Schurken verkauft habt. Elender, wie konnteſt du um Gold das Glück meiner Schweſter zerſtören und mein Leben vernichten?“ „Einfach, weil ich ein ausgemachter Schurke bin,“ lautete Doe's Antwort.„Wir wollen darüber keine Worte verlieren, denn ich gebe ohne Weiteres die Thatſache zu⸗ Einſt war ich ein ehr⸗ 187 licher Mann, Capitain, ja, und das waren beſſere Zeiten; jetzt aber bin ich ein Schurke durch und durch, bis in das innerſte Mark hinein. Seht doch nicht ſo aus, als ob Ihr darüber erſtaunt wä⸗ ret! Ihr werdet Dinge von mir hören, die Euch noch ganz anders in Harniſch bringen werden. Zunächſt beantwortet mir nur die Frage, ob Ihr ein beſonderes Verlangen empfindet, aus dieſem Indianerdorf wegzukommen und der Feuerpein zu entgehen, die Eure feſten Knochen in Aſche verwandeln wird.“ „Ob ich frei zu werden wünſche? Unſinnige Frage.“ „Nun, wohlan, Capitain,“ fuhr Doe fort,„wenn Ihr Euch nach Freiheit ſehnt, ſo bin ich gerade der Mann, der Euch dazu verhelfen kann. Ich ganz allein, denn die Anderen, die es könnten, wollen nicht, und die wohl mögten, können nicht. Alſo bin ich bereit, Euch zu befreien und vor dem Feuertode zu bewahren; aber zuerſt muß zwiſchen uns ein Handel geſchloſſen werden, den Ihr eingehen müßt. Ich will Euch ziemlich leichte Bedingungen ſtellen, leicht in Betracht, daß Ihr doch ohnehin ganz und gar verloren ſeid.“ „Heraus damit, Menſch!“ ſagte Roland.„Wenn es in meiner Macht ſteht, ſie zu erfüllen, ſo mögt ihr immerhin auf meine Be⸗ reitwilligkeit zählen.“ „Nun, Capitain,« erwiederte Dve,—„ich muß Euch nur ſagen, daß ich ein noch viel größerer Schurke bin, als Ihr anzu⸗ nehmen ſcheint. Seht, ſeit vollen ſechszehn Jahren ſtrebe ich da⸗ nach, Euch die Güter Eures Oheims aus den Zähnen zu reißen; ferner bin ich jener Atkinſon, deſſen ſich Brayley bediente, um an Euch zum Schurken zu werden. Ehe dieſer Brayley kam, war ich ein ehrlicher Mann. Erſt, als er zu mir ſprach:„Schaffe mir das Mädchen weg, das dereinſt den Major beerben ſoll, und ich will dein Glück machen,“— erſt da, ſage ich, wurde ich ein Schurke.“ „Und Ihr waret es alſo, der das arme Kind ermordete?“ rief Roland aus. „Ermordet, nein!“ entgegnete Dve.„Es handelte ſich nur um's Verbergen, und wir brachten die Kleine auch gut genug in einem Schlupfwinkel unter. Dann wurde die Hütte niedergebrannt und das Gerücht ausgeſtreut, das Kind wäre in den Flammen umgekommen. Dann begab ich mich an die indianiſche Gränze, wo mich Niemand kannte, nahm einen andern Namen an, und gab die geraubte Kleine für meine eigene Tochter aus.“ „Für Eure Tochter« ſagte Roland erſtaunt.„Telie iſt alſo die eigentliche Erbin meines Hheims?“ „ünd wenn ſie es wäre, was dann?“ fragte Abel.„Ihr ſeid doch wohl ſchwerlich der Mann, der ihr zu ihren Rechten verhel⸗ fen wird?“ „ki, beim Himmel, gewiß würde ich das, wenn die Rechte vegründet ſind!“ entgegnete Roland. „Das wollte ich nur wiſſen,“ murmelte Dye.„Ja, ja, in ſolchen Geſinnungen, da zeigt ſich recht der Unterſchied zwiſchen einem Schurken und einem rechtlichen Manne. Es gibt kein beſſe⸗ res Mädchen in der Welt, als Telie, Capitain,“ fuhr er fort. „Ihr wißt es nicht, aber dieſes furchtſame Kind, das ſonſt vor ihrem eigenen Schatten erſchrickt, ſetzte ſich muthig der äußerſten Gefahr aus, um Euch vor der Gefangenſchaft zu bewahren. In der Racht, wo Ihr in Oberſt Bruce's Zelt ſchliefet und wir bei der Furth auf Euch lauerten, da weinte und bat und flehte ſie, ja drohte ſogar, die ganze Geſchichte von dem Hinterhalte Euch und dem Oberſt Bruce zu ſagen, bis ich mit dem Tomahawk auf ſie losging. Da erſchrak ſie, denn vor der Ermordung hat ſie Furcht, und ſchwor mir, daß ſie ſchweigen wolle. Als ſie Euch ſpäter in die Wälder nachkam, wollte ſie nichts weiter, als uns überliſten und Euch retten, indem ſie Euch an die alte Furth ge⸗ leitete, wo wir keinen Hinterhalt gelegt hatten; und gewiß wäre ihr Alles wohl gelungen, wenn Eure Hartnäckigkeit uns nicht or⸗ dentlich in die Hand gearbeitet hätte. Bei alledem, lügen mag ich nicht, und ſo ſage ich Euch denn, daß Lelie keineswegs jene Erbin des Majors, ſondern meine Tochter iſt. Jene wurde krank, ſiechte hin, und ſtarb ein Jahr, nachdem ſie von uns geraubt wor⸗ den war; und ſo half uns denn all unſer Lügen, Stehlen und Brandſtiften nichts, ſintemal das Kind auch ohnehin gewiß bald geſtorben wäre. Nun, Capitain, ich erzähle Euch hier eine lange Geſchichte über nichts, und das Kurze an der Sache iſt, daß ich nichts erwarb, in Noth gerieth und zuletzt ein elender Indianer werden mußte. Der Oberſt Bruce nahm meine Tochter zu ſich, und das war recht gut und löblich von ihm; mich aber grollt es, daß Jedermann ſie höhnt und verachtet, nur um ihres ſchurkiſchen Vaters willen. Das ſoll anders werden, Capitain, denn ſie iſt mein Kind, und ich liebe ſie.“ Abel Doe ſchwieg eine Weile, und fuhr dann wieder fort: „Seht, Capitain, das Schickſal des armen Kindes dauerte mich .——— 189 immer, und ſo ging ich denn einmal zu Braxley, um mit dem über die Sache zu reden. Der ſagte, er wolle das Kind zu einer großen Dame machen, wolle ſie zur Frau nehmen, und ſie ſolle die Erbin des Majors werden, indem wir ſie für das geſtorbene Kind ausgäben. Das Ding war nicht übel, hatte aber einen 6 Haken, denn ich konnte mich nicht entſchließen, dem Schurken meine Tochter anzuvertrauen. Dennoch wurden wir über einen anderen Plan einig, und als Euer Oheim, der Major, ſtarb, ſandte Dick zu mir, und die Schurkerei ging los. Zuerſt wollten wir—“ »Mich morden, Elender!« ſchrie Roland, der mit der geſpann⸗ teſten Theilnahme den Erörterungen Abels zuhörte. „Nein, wenigſtens nicht mit unſeren eigenen Händen,“ erwie⸗ derte Doe.„Doch wollten wir Euch aus dem Wege ſchaffen, da⸗ mit Ibr nie nach Virginien zurückkehren könntet. Brayley ſollte denn Eure Schweſter heirathen, und ſich mittelſt des zweiten Te⸗ 8 ſtamentes Eures Oheims in ſein Beſitzthum ſetzen, jenes Teſtamen⸗ tes nämlich, von dem er behauptete, Euer Oheim habe es ver⸗ nichtet.“ „Und beſitzt der Schurke dieſes Dokument noch?“ fragte Roland. „Nein, nein, es befindet ſich in beſſeren Händen,“ erwiederte Doe, und zog das erwähnte Pergament aus ſeiner Bruſttaſche. „Da lest es. Das ganze Vermögen iſt Euch und Edithe ver⸗ macht, um zwiſchen Euch getheilt zu werden, wie Ihr es für gut befindet. Lest es ſelbſt.“ Roland nahm das Leſtament mit haſtiger Hand, und der erſte Blick, den er darauf warf, überzengte ihn, daß Doe den Inhalt deſſelben ganz richtig angegeben hatte. Es war von ſeines Oheims eigener Hand geſchrieben, und eben ſo klug als verſtändlich. Was Roland beſonders freute, war, daß ſein Oheim keinerlei Groll ge⸗ gen ihn gehabt zu haben ſchien, obſchon er, wie wir wiſſen, heim⸗ lich das Haus deſſelben verlaſſen hatte, um im Kampfe für das Vaterland Lorbeeren einzuernten. Der beſte Beweis, daß er nie die Achtung und Liebe ſeines Oheims verloren hatte, lag indeß in der Beſtimmung, daß Roland kraft des Teſtamentes als Voll⸗ e deſſelben dem Anwalte Richard Brayley beigegeben wor⸗ en war. „Das iſt in Wahrheit ein guter Fund!“ ſagte Roland, von tiefer Bewegung ergriffen.„Befreit mich von meinen Feſſeln, — 190 Freund, errettet meine Schweſter und die übrigen Gefangenen aus der Gewalt der Indianer, und die beſte Meierei in meines Oheims Beſitzungen ſoll Euer Lohn ſein, ja, Ihr ſollt ſelbſt die Bedin⸗ gungen für Euch und Eure Tochter beſtimmen.“ „Ja, eben um die Bedingungen handelt es ſich,“ erwiederte Doe, und ſchob das Teſtament bedächtig wieder in ſeine Bruſt⸗ taſche.„Ueber dieſe müſſen wir genauer ſprechen, damit kein Irrthum mit unterläuft. Ehe ich ſie aber ausſpreche, Capitain, erinnert Euch, daß, wenn Ihr nicht mit mir einig werdet, Ihr ſo gewiß an einem indianiſchen Pfahle braten müßt, als Ihr Euch jetzt an einem indianiſchen Feuer wärmt. Ihr habt keine Wahl, gar keine, müßt Ihr wiſſen.“ „Sagt Eure Bedingungen, Mann,“ ſchrie Roland,—„ich werde nicht lange mit Euch feilſchen, denke ich.“ Abel Doe bezeigte jedoch keineswegs Eile, den Wunſch des Gefangenen zu erfüllen. „Wohlan, Capitain,“ ſagte er nach einem minutenlangen Schweigen,„Ihr wißt, ich bin ein Schurke, und Brapley iſt ein noch viel ärgerer Schurke, als ich, aber dennoch muß ich ihm bei⸗ ſtehen, aus Gründen, die Ihr natürlich finden werdet. Alſo die Bedingungen ſind folgende; erſtens, müßt Ihr die Hälfte des Vermögens an meine Telie abtreten, damit dieſe in Zukunft als eine Dame leben kann und nicht länger von jedem Elenden ver⸗ höhnt wird, weil ihr Vater ein Indianer iſt,— und zweitens, müßt Ihr Richard Brayley die Hand Eurer Schweſter, und mit ihr die andere Hälfte des Vermögens geben. Das ſind meine Be⸗ dingungen, und ich ſage Euch, daß ich um kein Jota davon ab⸗ gehen werde.“ Roland ſaß eine Weile ſprachlos vor Erſtaunen da.„Was?“ ſchrie er endlich,„Ihr verlangt, ich ſolle jenem Schurken die Hand meiner Schweſter geben? Nimmermehr! Eher will ich ſie vor meinen Augen ſterben ſehen, als eine ſolche Schmach, ein ſolches Leiden über ſie bringen. Nehmt die Hälfte unſeres Vermögens hin, nehmt das Ganze, aber das— nein, das verlangt nicht!“ „Ich muß darauf beſtehen, Capitain,“ entgegnete Doe kalt⸗ blütig.„Denn wißt, wenn ich Brapley ganz und gar hintergehen und betrügen wollte, ſo würde mich ſeine Rache treffen, ohne daß ich es verhindern kann. Er iſt ein vollkommen verhärteter Schurke, und weiß, wo er mich am tödtlichſten zu verletzen vermag. Er würde meine Tochter aus der Welt ſchaffen, durch Dolch oder durch Gift, und das iſt etwas, was ich vermeiden will, denn ich liebe Telie mehr als mich ſelbſt.“ „Aber, meine Schweſter— nimmer, nimmermehr!“ ſchrie Roland.„Ihr ſeid wahnſinnig, Menſch! Stellt andere Bedingun⸗ gen, ſetzt eine Verſchreibung auf, nehmt das Erbe des Majors hin, nur—“ „Nichts da, ich habe Euch meine Bedingungen und meine Gründe geſagt, und ich wiederhole Euch, daß ich kein Haar breit davon abweiche. Alſo entſchließt Euch kurz— wollt Ihr oder wollt Ihr nicht?“ „Ich will nicht!“ erwiederte Roland mit feſter Stimme.„Lie⸗ ber tauſendfachen Tod, als ſolches Elend.“ „Gut denn, ſo möge geſchehen, was nicht zu ändern iſt,“ ſagte Abel Doe.„Mit Eurer Weigerung verhindert Ihr nichts. Edithe wird, gezwungen, Brapyley's Gattin werden, und ich, ich werde mich gegen die Schliche des Halunken ſicher zu ſtellen ſuchen, ſo weit es möglich iſt. Sagt nun nicht, Capitain, daß ich Euch in's Verderben geſtürzt habe. Ich wollte Euch befreien, das wollte ich, und Ihr, wenn Ihr auch mögtet, könnt es nicht läugnen.“ Mit dieſen Worten, welche mit finſterer Entſchloſſenheit ge⸗ ſprochen waren, ſtand Abel Doe auf und verließ die Hütte, ohne auf Roland's Vorſtellungen zu achten, der ihn noch einmal be⸗ ſchwor, die Güter ſeines Oheims anzunehmen, aber ihn und die übrigen Gefangenen um dieſen Preis zu befreien. Kaum hatte ſich Abel entfernt, ſo traten die beiden Indianer wieder in das Gemach, nahmen ihren früheren Poſten als Wächter wieder ein, und verharrten die ganze Nacht in einem düſteren Schweigen, wel⸗ ches Roland die beſte Gelegenheit gab, über ſeine troſtloſe und unausſprechlich traurige Lage ohne Unterbrechung nachzudenken. Zwanzigſtes Kapitel. Der ſchwarze Geier. Während der junge Virginier von Abel Doe's Vorſchlägen gemartert wurde, zu derſelben Zeit, und faſt in derſelben Stunde, ereignete ſich ein Auftritt in der Hütte Wenonga's, bei welchem „ einer von Rolands Leidensgefährten beſtimmt war, eine merkwür⸗ — — dige und wichtige Rolle zu ſpielen. In dieſer Hütte wurde näm⸗ lich Nathan gefangen gehalten, Nathan, das unglückliche Opfer nicht ſowohl ſeiner Verwegenheit, als vielmehr des übertriebenen Eifers ſeiner unvorſichtigen Gehülfen. Erſt vor wenigen Stunden war er hierher gebracht worden, nachdem er die vergangene Nacht und den Tag über in einem minder ehrenvollen Kerker zugebracht hatte, der jedoch, wie es ſich auswies, durch die Anweſenheit eines ſolchen Gaſtes eine beſondere Auszeichnung erlangte. Sein außerordentliches Ausſehen, das ſo ſehr dem eines in⸗ dianiſchen Gauklers glich, hatte einen mächtigen Eindruck auf die Seelen ſeiner Feinde hervorgebracht, welche von jeher, wie alle Indianer, geneigt waren, ſich dem kraſſeſten Aberglauben hinzu⸗ geben. Dieſer Eindruck wurde noch durch den Krankheitsanfall, welcher den unglücklichen Nathan, wie wir erzählten, zu Boden warf, um ein Bedeutendes vermehrt, indem die Wilden glaubten, ihr Gefangener ſei von einem mächtigen Teufel beſeſſen, der in ſeinen Körper gefahren war⸗ Als der Anfall ausgetobt hatte, wurde Nathan zwar, wie ſeine übrigen Genoſſen, ſorgfältig mit Riemen von Buͤffelleder gebunden und in einen feſten Gewahrſam gebracht; aber man bezeigte ihm dabei einen Grad von Milde und Achtung, welche die Stärke des Glaubens an ſeine übernatürlichen Gaben bewies. Dieſer Glaube zeigte ſich am nächſten Tage auch durch die Schaaren von Wilden, die nach dem Wigwam ſtrömten, in wel⸗ chem Nathan eingeſperrt war. Einige kamen um ihn anzugaffen, Andere, um ihm Fragen über die Geheimniſſe der Zukunft vorzu⸗ legen, und noch Andere, die weniger Leichtgläubigkeit zeigten, als die Uebrigen, ſuchten vorher das Räthſel ſeines Erſcheinens zu ergründen, ehe ſie ihm vollen Glauben an ſeine übernatürlichen Kräfte ſchenkten. Zu den Letzteren gehörte auch Abel Doe und einige alte erfahrene und einſichtsvollere Indianer, welche den Ge⸗ fangenen mit Fragen beſtürmten, die darauf berechnet waren, alle ſeine Geheimniſſe zu enthüllen. Aber dieß Alles brachte auf Nathan nicht die mindeſte Wir⸗ kung hervor. Der vermeintliche Zauber war wie von einem ſchwei⸗ genden Teufel beſeſſen, und er ſchenkte weder den Indianern noch auch dem Vater Telie's die mindeſte Aufmerkſamkeit. In ſtarrer Gleichgültigkeit ſaß er da, als ob ihn endlich ſein Muth verlaſſen, und ſein trauriges Schickſal alle ſeine Seelenkräfte gefangen ge⸗ nommen und tief gebeugt habe. 3 Abel Doe hatte ſchon vorher den Verſuch gemacht, den Ge⸗ fangenen Ralph Stackpole über Nathan auszuforſchen; aber Ralph, der auf einmal klug geworden war, verweigerte jede Mittheilung, und ſchwur hoch und theuer, daß er auch nicht die geringſte Aus⸗ kunft über ſeinen Mitgefangenen zu geben vermöge. Der Burſche behauptete ſogar ſteif und feſt, ſelbſt den Capitain Roland For⸗ reſter gar nicht zu kennen, und in ſeinem Eifer, den ganzen Zorn der Indianer auf ſein eigenes ſchuldbelaſtetes Haupt zu lenken, verſicherte er, daß der ganze Pferdediebſtahl,— welchen nach ſei⸗ ner Meinung die Indianer als das Unverzeihlichſte bei der ganzen Sache anſehen mußten,— lediglich ein Stück Privatvergnügen von ihm ſelbſt geweſen, daß Niemand ihm bei dem Unternehmen Beiſtand geleiſtet habe, und daß er nichts zu erzählen wiſſe, als von dem verwünſchten Eigenſinne der indianiſchen Pferde. Kurz, es war nichts aus ihm heraus zu bekommen, und dieß vermehrte noch die Bewunderung der Indianer, welche ſich nun ungeſtört ihrer abergläubiſchen Furcht freuen konnten. WMit Einbruch der Nacht wurde Nathan in Wenonga's Hütte gebracht, wo der Häuptling, umgeben von mehr als einem Dutzend der berühmteſten und angeſehenſten Krieger, in engliſchem Kauder⸗ wälſch eine lange Rede an ihn hielt, und ihm die ſchon früher gemachte Mittheilung wiederholte, daß Er, Wenonga nämlich, ein großer Häuptling, und der Gefangene ein großer Medicinmann ſei. Zum Beſchluß ſtellte er das Verlangen an den großen Me⸗ dicinmann, daß derſelbe durch ſeine Zauberkunſt den Dſhibbenönoſeh, den geheimnißvollen Schlächter ſeines Volkes und den Fluch ſei⸗ nes Stammes, zum Vorſchein bringe, damit er, der große Häupt⸗ ling, welcher weder Krieger noch Teufel fürchte, mit ihm kämpfen könne, wie ein Menſch, und ihn tödten, damit der Dſhibbenö⸗ noſeh nicht mehr im Dunkeln heranſchleiche, um ſeine ſchlummern⸗ den jungen Krieger zu ermorden. Nathan hörte auch dieſe Rede ohne irgend ein Zeichen der Theilnahme an, obgleich die indianiſchen Krieger ſie ohne Zweifel für ein ausgezeichnetes Muſter der Beredſamkeit hielten, und die⸗ ſelbe mit den lebhaften Zeichen äußerſten Beifalls aufnahmen. Die Wilden verzweifelten nun daran, den Gefangenen dahin zu bringen, ihnen den Willen zu thun; hofften aber noch immer, ihn einmal zu anderer Zeit in beſſerer Laune zu finden. Sie verließen ihn, unterſuchten jedoch vorher mit großer Sorgfall die Büffelrie⸗ men, mit denen er gebunden war, und überzeugten ſich durch den Gefahren der Wildniß⸗ 13 4* „ 1 194 Augenſchein, daß die Knoten ſtark und verwickelt genug geſchlun⸗ gen waren, um auch den mächtigſten Zauberer ſeiner freien Be⸗ wegung zu berauben. Auch ſtellten ſie Speiſe und Trank neben ihn, aber auf eine Art, welche ihren Glauben an ſeine Zauber⸗ kunſt faſt mehr als alles Andere darthat; denn da Nathans Hände auf ſeinem Rücken zuſammen gebunden waren, hätte er wirklich ein Zauberer ſein müſſen, um ſich an dem Eſſen und Trinken er⸗ quicken zu können. Sobald Nathan ſich allein ſah, verſchwand auf einmal die dumpfe Gleichgültigkeit gegen alle irdiſchen Dinge, welche Nathan während des ganzen vorhergegangenen Auftrittes deutlich zur Schau getragen hatte. Während noch die Schritte der ſich entfernenden Wilden in dem Gebüſche rauſchten, welches Wenonga's Hütte um⸗ gab, richtete er ſich mit gewaltſamer Anſtrengung aus ſeiner lie⸗ genden Stellung auf, und durchſpähte nun mit haſtigen und ſchar⸗ fen Blicken das ganze Gemach, welches durch ein am Fußboden brennendes Feuer ſpärlich erleuchtet wurde. Die Haufen von Fel⸗ len lagen noch da;z auch die Hausgeräthſchaften hingen noch um⸗ her, wie in der verfloſſenen Nacht, und das Zimmer, wenn man es ſo nennen darf, zeigte keine weitere Veränderung, als daß ſämmtliche Waffen verſchwunden waren, welche, ſo lange Editha das Gemach bewohnt hatte, hie und da an den Wänden und dem mittelſten, das Dach ſtützenden Pfeiler gehangen hatten. Ueber dem Feuer hing das Buͤndel Skalpe, deſſen Haare und lange Locken vom Luftzuge und Rauche hin und her bewegt wurden, und welches einer der erſten Gegenſtände war, denen Nathans Auge begegnete. Nachdem der Gefangene einen ſcharfen Blick umhergeworfen, und jede Ecke, jeden Winkel auf das Genaueſte durchforſcht hatte, um ſich zu überzeugen, daß kein Wilder im Verborgenen auf ſeine Bewegungen laure, begann er unverzüglich die Stärke der Riemen zu erproben, mit denen ſeine Hände gebunden waren. Seine ver⸗ zweifelten Anſtrengungen wurden jedoch nicht von einem günſtigen Erfolge begleitet. Der Strick war ſtark, der Knoten feſt geſchürzt, und nachdem er fünf Minuten ſeine Kräfte bis auf das Aeußerſte angeſtrengt hatte, die Feſſeln zu ſprengen, ohne auf die Schmer⸗ zen Rückſicht zu nehmen, welche dieß Bemühen ihm verurſachte, mußte er endlich mit innerem Wiederſtreben von dem Verſuche abſtehen. Eine kurze Zeit widmete er der Erholung. Dann raffte er 195 nochmals ſeine Kraft zuſammen, und erneuerte ſeine Anſtrengun⸗ gen aber⸗ und abermals— immer vergebens. Endlich, überzeugt von der augenſcheinlichen Unmöglichkeit, ſich ſelbſt zu helfen, lehnte er ſich erſchöpft an ein Bündel Felle, und ſchien über die Hoff⸗ nungen und Möglichkeiten nachzudenken, welche er ſich in ſeiner Lage, die in der That nicht beneidenswerth genannt werden konnte, etwa noch hingeben dürfe. In dieſen Augenblicken, und während Nathan faſt alle und jede Hoffnnng auf einen glücklichen Ausgang des unternommenen Abentheuers ſchwinden ließ, wurde aus einer Ecke des Zeltes, je⸗ doch von außen her, ein leiſes Winſeln hörbar. Zugleich raſchelte und kratzte es, als ſuchte ſich irgend ein Thier zwiſchen den Fellen und der Erde einen Weg in die Hütte zu bahnen. Nathan fuhr auf, und in dem wilden und freudigen Blicke, der aus ſeinen Augen ſtrahlte, konnte man leſen, daß er das Geſchöpf erkannt habe, welches ihm in ſeiner troſtloſen Einſamkeit einen Beſuch ab⸗ zuſtatten gedachte. „Bſt! Bſt!“ flüſterte er ſo leiſe, daß ſein Ruf kaum die Luft zu erſchüttern ſchien.„Kleiner Peter, wenn du jemals Klugheit in deinem Gehirne hatteſt, ſo beweiſe es jetzt.“ Das Winſeln verſtummte, das Kratzen und Raſcheln aber dauerte noch einige Minuten ununterbrochen fort, und nun erſchien, aus der Wand von Fellen auftauchend, unter denen er ſich müh⸗ ſam ſeinen Weg gebahnt hatte, der kleine Peter, dieſer zuverläſſige, ſcharfſinnige und bisher unzertrennliche Gefährte Nathans, auf welchen er mit leiſen, verſtohlenen Schritten, aber funkelnden und von Freude ſtrahlenden Augen zulief. „Ich kann dich nicht umarmen, kleiner Peter,“ ſagte der ge⸗ bundene und hilfloſe Gefangene, als der kleine Peter auf ihn zu⸗ eilte, ſeine Pfote zutraulich auf ſein Knie legte, und ihm mit einem vielſagenden Blicke in das Auge ſah.„Ja, Peter, ich kann dich nicht umarmen, ſo gern ich's thäte; aber du ſiehſt, wie die Sachen ſtehn, die Indianer haben mich ſo ſtark gefeſſelt, daß ich nicht im Stande bin, eine Hand zu rühren. Jedoch, Peter, wo du biſt, da iſt auch noch Hoffnung. Schnell, kleiner Peter,“ fuͤgte er hin⸗ zu, indem er ihm ſeine auf den Rücken gebundene Hände hinhielt, „ſchnell, du haſt ſcharfe Zähne und weißt ſie auch zu gebrauchen. Schnell mache mich frei! Bediene dich deiner kleinen Zähne, wie ſcharfer Meſſer, und nage, nage, Peter, bis du die Riemen durch⸗ biſſen haſt.“ 13* 196 Der kluge Hund, deſſen merkwürdige Gelehrigkeit wir bereits kennen gelernt haben, ſchien in der That jedes Wort ſeines Gebie⸗ ters zu verſtehen und ſeine Zeichen und Geberden ganz richtig zu. deuten. Ohne weiteres Zaudern machte er ſich mit ſeinen Zähnen an den Riemen, der Nathans Handgelenke unbrauchbar machte, und nagte und zerrte mit einem Eifer und einer Ausdauer, welche die Befreiung ſeines Herrn früher oder ſpäter herbeiführen mußte. Nathan ſchärfte noch den Eifer des gelehrigen Hündchens, indem er ihm mit leiſer Stimme Worte zuftüſterte, die ihn anſpornten, ſeine Bemühungen und Anſtrengungen mit unvermindertem Fleiße fortzuſetzen. „Schon einmal haſt du mich losgenagt, kleiner Peter,“ ſagte er,—„weißt du noch, in jener Nacht an den Ufern des Kenhawa, als die vier rothhäutigen Schurken mich gebunden und neben ihr Feuer geworfen hatten? Ja, ja, kleiner Peter, das thateſt du, während die Halunken im Schlafe lagen, von dem ſie nie wieder erwachen ſollten, nie wieder, kein Einziger von ihnen Allen! Weißt du es wohl noch, kleiner Peter? Nage nur, immer nage, ſcharf und ſchnell, und kehre dich nicht daran, wenn du mich auch einmal mit deinen Zähnen verwundeſt, denn wahrlich, ich wollte es dir verzeihen, ſelbſt wenn du Haut und Fleiſch bis auf den Knochen durchbiſſeſt. Schnell, kleiner Peter, immer ſchneller! Mache dir nichts daraus, daß das Leder hart und ſpröde iſt! Haſt ja doch ſchon manchen Marksknochen durchgebiſſen, wenn eben nichts Anderes da war, deinen Hunger zu ſtillen, wie wirſt du nun vor dem Leder zurückſchrecken? So iſt's recht, Peter! Immer darauf, und bald wirſt du deinen Herrn wieder in Freiheit ehen.“ Mit ſolchen und ähnlichen, leiſe geflüſterten Worten ſpornte Nathan den brennenden Eifer ſeines Hündchens an, welches un⸗ verdroſſen in ſeiner Arbeit fortfuhr. Nach etwa vier oder fünf Mi⸗ nuten ſtrengte Nathan ſeine Muskeln und Sehnen an, um dem kleinen Peter zu Hilfe zu kommen. Er erprobte die Feſtigkeit des Strickes durch einen heftigen Ruck, und ſiehe da, die Bande gaben ein wenig nach, und das Leder knarrte, als ob die Faſern bereits auseinander wichen. „Nun, Peter, nage und zerre, was du kannſt!“ rief er aus, indem ſeine Hoffnungen ſich bis zum Entzücken ſteigerten.„Drauf, Peter, nur noch ein wenig, nur ein paar Biſſe noch, noch wenige, Peter, wenn du deinen Herrn lieb haſt! Ja, Peter, bald werden ———— —— 197 wir wieder frei und ungehindert durch die Wälder ſtreifen! Jetzt, mein Hündchen, noch einen, den letzten Biß!“ Aber dieſen einen, letzten Biß zu thun ſchien Peter, bisher ſo eifrig, nicht die mindeſte Luſt zu haben. Er ließ von ſeiner Arbeit ab, rieb ſich an der Seite ſeines Gebieters, und ließ ein Gewinſel hören, ſo leiſe und unterdrückt, daß nur ein ſcharfes und geübtes Ohr es vernehmen konnte. „Ha!“ rief Nathan, als er in demſelben Augenblicke das Ge⸗ räuſch von Fußtritten hörte, welche ſich der Hütte zu nähern ſchie— nen,—„ha, Peter, du redeſt die Wahrheit! Die rothhäͤutigen Schurken ſind über uns! Fort, fort, mein gutes Thier, du ſollſt nachher deine ſowohl begonnene Arbeit vollenden!“ Der Hund gehorchte ohne Zögern dieſem Befehle ſeines Ge⸗ bieters, indem er wohl ſelbſt einſah, was in einem ſolchen Falle erforderlich war, und ſprang haſtig unter die Felle und andere Ge⸗ genſtände, welche auf dem Boden des Gemaches umhergeſtreut la⸗ gen. In einem Nu war er aus den Augen verſchwunden, und Nathan ſelbſt wußte nicht, ob er das Gemach verlaſſen, oder ſich in einem dunkeln Winkel deſſelben verborgen hatte. Die Schritte näherten ſich indeß mehr und mehr, und erſchallten jetzt dicht bei der Thür. Sofort warf ſich Nathan wieder auf den Rücken, lehnte den Kopf gegen einen Haufen Felle, und richtete ſeinen Blick auf die Matten, welche den Eingang des Zeltes verdeckten. Sie wur⸗ den gleich darauf auf die Seite geſchoben, und der alte Häuptling Wenonga trat in das Gemach, mit einem Schritte, welcher den ganzen Stolz und die Würde eines berühmten Kriegers verkünden ſollte. Seine Haut war bemalt wie zum Kriege, und er trug ſeine Waffen in der Hand, als ob er augenblicklich bereit ſei, in den Kampf hinaus zu ziehen. Sein grimmiges Antlitz war auf der einen Hälfte ſcheußlich mit Scharlachroth, und auf der andern mit ſchwarzer Farbe beſchmiert; ein langes Skalpmeſſer funkelte ohne Scheide in ſeinem Gürtel, und in der Fauſt trug er eine Ayt, deren Klinge und Griff von polirtem Stahl waren. S Auf ſolche Weiſe gerüſtet ſchritt er auf den Gefangenen los, und ſeine Augen funkelten ſo grimmig von Wuth und Trunkenheit, als ob er die Abſicht habe, Nathan mit einem Hiebe ſeines Toma⸗ hawks niederzuſchmettern. Augenſcheinlich ſah man, daß ſeine Seele von Grimm und Wuth erfuͤllt war, jedoch zeigte ſich bald, daß er, vor der Hand wenigſtens, noch keine tödtlichen Abſichten gegen ſeinen Gefangenen hegte. Drei oder vier Schritte vor ihm 198 — blieb er ſtehen, und heftete einen Blick auf ihn, der ſein Blut in den Adern gerinnen machen und ihn ganz in Furcht und Schrecken verſetzen ſollte. Dann ſtreckte er ſeinen mit dem glänzenden Toma⸗ hawk bewaffneten Arm aus, nicht aber, um den Todesſtreich gegen Nathan zu führen, ſondern nur, um eine impoſante und Ehrfurcht gebietende Stellung einzunehmen, welche die Rede unterſtützen ſollte, die er an den Gefangenen zu richten gedachte. „Ich bin Wenonga!“ ſchrie er in indianiſcher Sprache, da er augenſcheinlich zu erhitzt war, um ſich der Engliſchen bedienen zu können.„Wenonga bin ich, ein großer Häuptling der Shawnee's. Ich habe die Blaßgeſichter bekriegt und ihr Blut getrunken! Sie zittern, wenn ſie meine Stimme hören! Wenn die Squaws ſie geißeln, ſo laufen ſie vor dem Feuer, wie heulende Hunde! Keiner konnte jemals gegen Wenonga Stand halten! Wenonga hat ſeine Feinde bekämpft und ſie getödtet! Nie hat Wenonga ein Blaß⸗ geſicht gefürchtet, warum ſollte er nun vor dem Teufel der Blaß⸗ geſichter erſchrecken? Wo iſt der Dſhibbenönoſeh? Wo iſt der Fluch meines Stammes, das Wehgeſchrei meines Volkes? Er tödtet meine jungen Krieger und kriecht im Finſtern über ihre Lei⸗ ber, aber er fuͤrchtet ſich vor dem Antlitze eines Häuptlings, und wagt es nicht, ſich ihm gegenüber zu ſtellen! Bin ich ein Hund? Bin ich ein Weib? Die Squaws und die Kinder verwünſchen mich, wenn ich an ihnen vorübergehe; ſie ſagen, ich ſei der Mör⸗ der ihrer Gatten und Väter; ſie behaupten, Wenonga's That ſei es geweſen, die den Teufel der Blaßgeſichter über ſie brachte, um ſie zu tödten; wenn Wenonga ein tapferer Häuptling wäre, ſchreien ſie, dann müſſe er den Fluch ihres Stammes ſchlachten! Und ich, ich bin Wenonga, ich bin ein Mann, der nichts fürchtet, ich habe den Dſhibbenönoſeh aufgeſucht. Aber der Dſhibbenönoſeh iſt eine Memme! Er ſchleicht im Dunkeln, tödtet die Krieger im Schlafe und fürchtet ſich mit einem tapfern Häuptlinge zu kämpfen! Mein Bruder iſt ein Medicinmann, er iſt ein Blaßgeſicht, und weiß da⸗ her den Teufel der Blaßgeſichter zu finden. Möge mein Bruder ſeinen Mund öffnen und zu mir reden! Möge er mir enthüllen, wo der Dſhibbenönoſeh zu finden iſt, und er ſoll ein großer Häupt⸗ ling ſein, und der Sohn eines Häuptlings, denn Wenonga wird ihn zu ſeinem Sohne annehmen, und er ſoll ein Shawnee ſein.“ „Fühlt Wenonga endlich, daß er den Teufel über ſein Volk gebracht hat?“⸗ fragte Nathan, zum erſten Male ſeit ſeiner Gefan⸗ genſchaft den Mund öffnend, und zwar auf eine Weiſe, welche im alten = * ——— Wenonga kein geringes Erſtaunen hervorbrachte. Nathans Antlitz überflog das Hohnlächeln befriedigter Rachgier, welches ſelbſt durch die Farben hindurch ſchimmerte, mit denen noch immer ſeine Wan⸗ gen bemalt waren; zudem wurden ſeine Worte in der Shawnee⸗ ſprache geſprochen, ſo richtig und ſo geläufig, daß Wenonga dieß ſchon an und für ſich als ein Wunder, alſo als einen Beweis von übernatürlichen Kräften nahm, welche dem vermeintlichen Zau⸗ berer inne wohnen mußten. Der alte Häuptling fuhr zurück, als die Worte ſein Ohr be⸗ rührten, und blickte furchtſam um ſich, als ob der Gefangene be⸗ reits einen Geiſt herauf beſchworen hätte. „Ich habe die Stimme der Todten vernommen!“ rief er aus. „Mein Bruder iſt ein großer Zauberer, aber ich bin ein Häupt⸗ ling, und kenne keine Furcht.“ „Der Häuptling füllt mein Ohr mit Lügen,“ entgegnete Na⸗ than, welcher, nachdem einmal ſeine Zunge gelöst war, nicht in ſein voriges Schweigen zurückverfallen zu wollen ſchien.„Es gibt keinen Blaßgeſichtsteufel, der den Shawnee's Schaden zufügt.“ „Ich bin ein alter Mann und rede die Wahrheit,“ verſetzte Wenonga nicht ohne Würde.„Wiſſe, Menſch, ich hatte Söhne und Enkel, junge Krieger und Knaben, welche bald auf dem Kriegs⸗ pfade gehen ſollten— wo ſind ſie? Der Dſhibbenönoſeh iſt in meinem Dorfe, iſt in meinem Wigwam geweſen. Keiner von ihnen iſt mehr übrig, der Dſhibbenönoſeh hat ſie Alle ge⸗ tödtet.“ „Ja!“ rief der Gefangene aus, und ſeine Augen glühten,— „ja, ſie fielen unter ſeiner Hand, Mann und Knabe, Keiner wurde verſchont, denn ſie gehörten zu Wenonga's Familie!“ „Wenonga iſt ein großer Haͤuptling,“ ſchrie der ſchwarze Geier;„er hat keine Kinder, aber er hat auch die Blaßgeſchter kinderlos gemacht.“ „Ja, die Blaßgeſichter und den Sohn des milden Vaters, den ihr Onvae's*) nanntet,“ ſagte Nathan. Der Häuptling wankte zuruͤck, wie vom Blitze getroffen, und ſtarrte mit wilden Blicken den Gefangenen an.„Mein Bruder iſt ein großer Zauberer!“ rief er aus.„Er weiß alle Dinge und . ²) Der Name, welchen die Indianer dem Quäker William Penn gegeben hatten. 200 ſpricht die Wahrheit. Wenonga iſt ein großer Krieger, er nahm den Skalp des Quäkers.“ „Und die Skalpe ſeines Weibes und ſeiner Kinder!“ rief Nathan mit Donnerſtimme, indem er einen Wuthblick auf den Häuptling ſchleuderte.„Keins von ihnen haſt du verſchont! Du haſt ſie Alle erſchlagen! Und Er, der ungluckliche Gatte und Va⸗ ter, er war der Freund der Shawnee's, der Freund Wenonga's!“ „Die Blaßgeſichter ſind Hunde und Räuber,“ entgegnete der Häuptling.„Der Quäker war mein Bruder, aber ich tödtete ihn, denn ich liebe das Blut der Blaßgeſichter. Mein Volk mit dem weichen Herzen klagte um den Quäker, aber ich, ich bin ein Krie⸗ ger ohne Herz. Ich tödtete Alle und ihre Skalpe dörren in mei⸗ nem Rauchfang. Ich fühle keine Reue und kenne keine Furcht!“ Nathan folgte dem Finger des Häuptlings, welcher mit gräß⸗ lichem Triumphe auf die zuſammengeſchrumpften Skalpe deutete, de⸗ ren Locken einſt die Häupter unſchuldiger Kinder geſchmückt hatten. Sein Körper bebte, ſeine Augen erloſchen, und von einem neuen Fieberanfall ergriffen, ſank er kraftlos auf die Felle zurück. „Mein Bruder iſt ein großer Zauberer!“ fuhr Wenonga fort. „Er muß mir den Dſhibbenönoſeh zeigen oder ſterben.“ „Der Hauptling lügt!“ ſchrie Nathan mit einem bitteren Hohngelächter.„Er fürchtet den Dſhibbenönoſeh, und prahlt nur gegen den Gefangenen.“ „Ich bin ein Häuptling und großer Krieger!“ ſchrie Wenonga. „Ich will mit dem Blaßgeſichtsteufel kämpfen.“ „Dann ſoll ihn der Krieger ſchauen!“ rief Nathan mit unge⸗ wöhnlicher Lebhaftigkeit.„Durchſchneide meine Bande, und ich will den Dſhibbenönoſeh bringen.“ Während er ſprach, ſtreckte er ſeine Beine aus, damit We⸗ nonga durch einen Hieb mit dem Tomahawk die Bande löſen könne, welche noch ſeine Füße feſſelten. Wenonga aber zögerte, aus angewöhnter Vorſicht und Klugheit, den Streich zu führen. „Ha!“ ſchrie Nathan und lachte höhniſch—„ha, der Häupt⸗ ling will den Dſhibbenönoſeh bekämpfen, und fürchtet ſich vor einem waffenloſen Gefangenen!“ Der Hohn wirkte. Der Tomahawk fiel und zerſchnitt die Rie⸗ men. Nathan hielt ſeine Handgelenke hin, aber noch einmal zö⸗ gerte Wenonga.„Der Häuptling ſoll den Dſhibbenönoſeh er⸗ blicken!“ ſchrie Nathan,— und auch die letzte Feſſel fiel. Der Gefangene wendete ſich um, und während ſein Auge ſich wild und —— 201 feurig auf Wenonga heftete, lachte er laut und gellend auf, und trat Wenonga einen Schritt näher. „Sieh her!“ ſchrie er laut.„Du haſt deinen Willen! In mir ſiehſt du den Verderber deines Volkes! Ich bin es, mörderi⸗ ſcher Hund, der Unheil über dich und deine Familie gebracht hat!“ Und ehe ſich der betäubte Häuptling von dem Erſtaunen über dieſe überraſchende Entdeckung erholt hatte, ſprang er mit der grimmigen Wildheit eines hungrigen Wolfes auf ihn los, packte mit der einen Hand ſeine Kehle, entriß ihm mit der anderen den ſtählernen Tomahawk, warf den Feind auf den Boden, ohne ihn dem Griffe ſeiner Fauſt entſchlüpfen zu laſſen, und ſchmetterte die glänzende Waffe mit einer ſolchen Kraft und Geſchicklichkeit auf ſein Haupt hernieder, daß Blut und Gehirn aus dem zerſchmetter⸗ ten Schädel herum ſpritzte. Noch einen Hieb und noch einen ver⸗ ſetzte er dem verhaßten Feinde, der ſein Vertrauen getäuſcht und ihn zu einem elenden und unglücklichen Manne gemacht hatte, und Wenonga betrat den Pfad nach dem Lande der Geiſter, auf wel⸗ chen er vor Jahren mit blutiger und unmenſchlicher Grauſamkeit Nathans Weib und ſeine unſchuldigen Kleinen geſandt hatte. „Stirb, Hund!« ſchrie Nathan.„Endlich, endlich habe ich dich in meiner Gewalt, und nun ſollſt du ſterben!“ Noch einen Hieb verſetzte er dem Feinde, dann trieb er das Tomahawk in ſeine Bruſt, riß das Skalpiermeſſer aus ſeinem Gür⸗ . tel, und trennte mit Einem Schnitte und einem Schwunge den Skalp vom Haupte des Erſchlagenen. Hierauf zog er einen Schnitt in der Form eines Kreuzes über Wenonga's Bruſt, das nie feh⸗ lende Zeichen des gefürchteten Dſhibbenönoſeh, und ſo ſcharf war die Klinge, ſo kräftig die Hand, welche ſie führte, daß Haut und Fleiſch und Knorpel bis auf die Knochen hinunter zerſchnitten wurde. Dann ſprang Nathan auf die Füße, riß das Bündel verdorrter Skalpe, die Locken und das Haar ſeiner eigenen ermordeten Kin⸗ der aus dem Rauchfange, und betrachtete ſie mit einem Strome ₰— gemiſchter Gefühle und Empfindungen. Hierauf ſprang er aus der Thür der Hütte und entwich aus dem Dorfe, jedoch nicht, ohne in der wahnſinnigen Aufregung des Augenblickes einen wilden gel⸗ lenden Schrei auszuſtoßen, welcher den Triumph lange vergebens geſuchter und endlich befriedigter Rache verkündigte. Dieſer wilde Ruf, in der tiefen und ſchweigenden Ruhe der Nacht ſich erhebend, ſchreckte manchen wachſamen Krieger und manche ängſtliche Mut⸗ ter aus dem Schlafe auf. Aber ſolche Klänge waren in einem —— 202 Indianerdorfe doch zu gewöhnlich, um Beſorgniß oder Unruhe zu erwecken; die Frauen und Krieger verſanken wieder in ihre unter⸗ brochenen Träume, und der Körper ihres Häuptlings erſtarrte un⸗ bemerkt und ungerächt auf dem nackten Fußboden ſeines eigenen Wigwams. Einundzwanzigſtes Kapitel. Der Ueberfall des Vorfes. Roland erwachte aus einem unruhigen und wenig erquickenden Schlummer am andern Morgen durch einen lauten und ſchreck⸗ lichen Lärm, welcher plötzlich bei Tagesanbruch im Dorfe entſtand. Zuerſt vernahm man ein langes, durchdringendes Gekreiſch, welches ohne allen Zweifel von einem Weibe herrührte; dann erfolgte ein wildes Jauchzen aus der Kehle eines Kriegers, das alsbald von anderen Stimmen beantwortet und wiederholt wurde, und gleich nachher erdröhnte das ganze Dorf von einem wilden und ſchauer⸗ Geſchrei, das zugleich Erſtaunen, Furcht und Entſetzen aus⸗ rückte. Der Gefangene, welcher natürlich die uUrſache des Getümmels nicht zu erforſchen vermogte, blickte ſeine Wächter an, die bei dem erſten Laute aufgefahren waren, zu den Waffen gegriffen hatten, und einander nun mit verſtörten Blicken der geſpannteſten Erwar⸗ tung betrachteten. Der Schrei wurde wiederholt von vier, zwan⸗ zig, hundert Kehlen, und nun ſtürzten die beiden Krieger mit wil⸗ der Haſt aus der Hütte, indem ſie es ihrem Gefangenen überlie⸗ ßen, ſich das Räthſel zu löſen, ſo gut er konnte. Roland ſtrengte indeß ſeinen Scharfſinn völlig vergeblich an. Sein erſter Gedanke, der ihm alles Blut frendig nach dem Herzen trieb, war, daß Oberſt Bruce mit einer Schaar tapferer Kentuckier gekommen ſein mögte, um ihn und ſeine Unglücksgefährten zu befreien. Aber dieſer freudenvolle Gedanke ſchwand bald wieder dahin; denn in das Ge⸗ ſchrei der Wilden miſchte ſich kein luſtiges Hurrah, und keine Büchſen⸗ ſalve ertönte, welche das Beginnen eines Kampfes verkundigt hätte. Dennoch merkte er, daß nicht Staunen und Schrecken allein das Geſchrei hervor gerufen haben konnte. Einige Stimmen erhoben ſich wie von Wuth ſchwellend, und dieſes Gefühl theilte ſich bald allen Uebrigen mit, und verdraͤngte alle andern Leidenſchaften aus .— 203 ihrem Herzen. Während der Lärm noch fortdauerte, und Roland in Erſtaunen und Verwunderung verſunken war, ſtürzte Abel Doe plötzlich ganz bleich und entſetzt in das Wigwam. „Capitain,“ ſchrie er,„ſie werden Euch morden, und es iſt keine Zeit zum Zaudern mehr. Nehmt meine Bedingungen an, und ich rette jetzt noch Euer Leben. Das ganze Dorf iſt in Auf⸗ ruhr, Männer, Weiber und Kinder ſchreien nach Blut, und kein Menſch in der Welt lebt, der ihnen in ſolchen Augenblicken Ein⸗ halt zu thun vermögte. „Aber was gibt es denn, in des Himmels Namen?“ fragte Roland. „Himmel und Hölle ſind los,“ verſetzte Doe.„Der Dſhibbe⸗ nönoſeh iſt im Dorfe geweſen und hat den Häuptling getödtet, in ſeinem eigenen Wigwam und an ſeinem eigenen Feuer. Er liegt todt und ſkalpirt und bekreuzt auf dem Boden der Hütte. Der Zauberer iſt fort, ohne Zweifel vom Dſhibbenönoſeh befreit, und Wenonga iſt ſtarr und ſteif! Hört Ihr das Geheul nicht? Die Wilden ſchreien nach Rache, und Euch wird ſie treffen! Man wird Euch morden, verbrennen, in Stücke zerreißen. Das werden ſie, ſo wahr ein Himmel über uns iſt. In wenigen Minuten ſind ſie hier, und dann, wehe Euch!“ „Und gibt es keine Rettung?“ fragte Roland, deſſen Blut jetzt in den Adern erſtarrte, als er das ſchauerliche Geſchrei hörte, welches immer lauter ertönte, gleich als ob die wüthenden India⸗ ner wie wahnſinnig durch das Dorf liefen, um Waffen zu holen und die Gefangenen zu tödten.„Iſt keine Rettung mehr möglich?“ „Nur eine!“ antwortete Doe.„Nehmt meine Bedingungen an, und ich will verdammt ſein, wenn ich Euch nicht befreie oder mit Euch ſterbe. Erklärt Euch ſchnell, und ich ſchneide Euch los. Hurtig, hurtig! Hört Ihr, wie die Wölfe heulen? Die Hunde kommen! Die Arme her, und ich ſchneide zu! Wollt Ihr?——“ „Alles will ich thun für mein Leben!“ antwortete Roland⸗ „Aber wenn ich es nur um das Unglück und die Schmach Editha's erkaufen kann, nein, bei'm Himmel, dann will ich lieber tauſend⸗ fachen Tod erleiden.“ »Aber, Mann, ich ſage Euch, Ihr werdet ermordet!“ ſchrie Doe immer dringender.„Sie kommen, und ich habe nicht die ge⸗ ringſte Luſt, Euch vor meinen Augen ſchlachten zu ſehen. Capitain, entſchließt Euch raſch!“ 204 „Ich bin entſchloſſen, und will niemals in meine Schande willigen!“ verſetzte Roland feſt.„Niemals, ſage ich, niemals!“ Doe mogte indeß, trotz der Betheuerungen des Capitains, der Anſicht ſein, daß derſelbe wohl noch auf ſeine Bedingungen ein⸗ gehen werde, denn er hatte bereits, während er ſprach, die Bande an den Armen Rolands zerſchnitten, und wollte eben auch die Riemen an ſeinen Knöcheln durchſchneiden, als plötzlich mehr als zwölf Wilde in die Hütte ſtürmten, auf den jungen Virginier los⸗ ſturzten, und heulten und fluchten und ihre Meſſer und Toma⸗ hawks ſchwangen, als ob ſie ihn augenblicklich in tauſend Stücke zerhacken wollten. Und dieß war auch ohne Zweifel die Abſicht der jungen Maͤnner, welche einige Hiebe nach ihm führten, die nicht ohne Mühe von einigen älteren und beſonneneren Kriegern abgewehrt wurden. Ein Streit, ein Kampf, ein blutiges und in⸗ grimmiges Ringen erhob ſich, wie der Kampf einer Meute wüthen⸗ der Hunde über einen zum Tode verwundeten Panther, den Alle zu gleicher Zeit zerzauſen und zerreißen wollen. Einen Augenblick wüthete die ſchreckliche Verwirrung, dann wurde der junge Vir⸗ ginier von zwei oder drei ſtarken Männern ergriffen und auf ihren Armen aus der Hütte getragen. Draußen ſah er ſich ſogleich von einem Haufen Männer, Weiber und Kinder umringt, die mit glei⸗ cher Wuth, wie die jungen Krieger, über ihn herfielen, ihn mit Stöcken ſchlugen, mit ihren Meſſern auf ihn los ſtachen, und ſich ſo toll und unzähmbar bewieſen, daß die Krieger ihn kaum vor ihren Angriffen zu ſchützen vermogten. Jedoch eilten ſogleich noch andere beſonnenere Maͤnner ihnen zur Hilfe herbei, und ſie brach⸗ ten den bedroheten Gefangenen in Sicherheit, um ihn für ein Schick⸗ ſal aufzubewahren, das ohne Zweifel viel ſchrecklicher und entſetz⸗ licher war, als der Tod von den Händen der Menge, die ihn eben noch blutdürſtig umringt hatte. Das Getöſe hatte auch Editha aus dem Schlummer aufge⸗ ſchreckt, welche zwar nicht mehr in dem Zelte, wo ſie zuerſt ein⸗ gekerkert geweſen, aber doch noch immer in der Hütte Wenonga's gefangen ſaß. Das Geſchrei des alten Weibes Wenonga's, die zuerſt die Leiche fand⸗ hatte den nächſten Anlaß zu dem beginnen⸗ den Getümmel gegeben. Die Bewohner des Dorfes ſtürzten nach der Hütte, heulten vor Beſtürzung und Entſetzen laut auf, und erhoben dicht vor Editha's Ohren ein Geſchrei, welches im Stande geweſen wäre, einen Todten zu erwecken. Sie fuhr von ihrem ärmlichen Lager in die Höhe, und kauerte ſich ſchwach und zitternd S2———— 205 im finſtern Winkel der Hütte zuſammen, um auf ſolche Weiſe den erbarmungsloſen Geſchöpfen zu entgehen, welche, wie ſie fürchtete, ſchon nach ihrem Blute lechzten. Dieſe Furcht ſteigerte ſich noch, als jetzt plötzlich ein Mann in das Gemach ſtürzte, ſie aus ihrem Verſtecke riß und mit ihr der Thür zueilte. Ihre Angſt vermin⸗ derte ſich auch dann kaum, als der Räuber auf ihre verzweiflungs⸗ vollen Bitten, ſie nicht zu tödten, mit der wohlbekannten Stimme Brayley's antwortete: „Seid ohne Furcht! Ich komme nicht, Euch zu tödten, ſon⸗ dern um Euch zu retten. Die wahnſinnigen Schurken morden jetzt Alles, was weiß iſt, und darum müſſen wir ſchnell fliehen. Mein Pferd iſt geſattelt, die Wälder ſind offen, ich rette Euch!“ Ohne auf das Sträuben Editha's zu achten, welche lieber ſter⸗ ben, als dieſem Elenden ihre Rettung verdanken wollte, zu achten, trug er ſie ohne weitere Worte aus der Hütte, hielt ſie feſt mit ſeinen Armen umſchlungen, und ſchwang ſich mit ihr auf das bereit ſtehende Pferd. Es ſtand unter der Ulme und zitterte kaum weniger vor Angſt bei der Schreckensſcene, welche jetzt auf dem öffent⸗ lichen Platze des Dorfes vor ſich ging. Auf dem erwähnten Raume hatte ſich nun die ganze Ein⸗ wohnerſchaft des Dorfes verſammelt, Alle, Weib und Kind, Jung und Alt, die Starken und die Schwachen, von den grimmigſten Leidenſchaften aufgeregt. Selbſt Editha fürchtete Braxley weniger, als ihr Auge auf die ſchreckliche Horde fiel, welche ſich auf dem Mittelpunkte des Platzes um einen Gegenſtand drängte, den ihre Körper verdeckten, während Andere, ſie konnten nicht errathen, warum? wüthend hin und her ſprangen, ihre Waffen ſchwenkten, und ein anhaltendes, lautes und durchdringendes Geheul ausſtie⸗ ßen. Eine beträchtliche Anzahl drängte ſich aus der Hütte ſelbſt hervor, und ihr Geheul, obgleich nicht minder laut und durchdrin⸗ gend, als das der Uebrigen, wechſelte jedoch zuweilen mit traurigem Klaggeheule ab. Sie trugen die Leiche des ermordeten Häupt⸗ lings in ihren Armen, welche ſo entſetzlich ausſah, daß Editha kaum ihre Blicke wieder davon losreißen konnte, da ihr Auge erſt einmal darauf gefallen war; denn ſie fühlte ſich vor Schrecken bei⸗ nah verſteinert. Ein noch furchtbarerer Anblick ſtand ihr jedoch bevor; die Squaw Wenonga's ſtürzte plötzlich aus ihrer Hütte und hielt einen Feuerbrand in der Fauſt. Sie rannte zur Leiche des Haͤuptlings, betrachtete ſie einen Moment mit dem Blicke einer Tigerin, welcher 206 man ihr Junges geraubt hat, ſtieß ſodann ein Geheul aus, wel⸗ ches gellend uber den ganzen Platz hinweg tönte, ſchwang den glimmenden Brand um ihr Haupt, bis er in lichten Flammen auf⸗ loderte, und rannte dann auf den Mittelpunkt des Platzes zu, einer Furie ähnlich, und die Luft mit einem Gekreiſch erfullend, das die Menge mit kaum minder wildem und ſchauerlichem Ge⸗ heul beantwortete. Als das Volk zu beiden Seiten zurück wich, gewann Editha die Ausſicht auf den inneren Raum des Platzes, und ſie konnte deutlich den Gegenſtand erkennen, welcher Aller Auf⸗ merkſamkeit am lebhafteſten auf ſich zog. Sie ſah zwei unglückliche Gefangene. Man hatte ſie an zwei ſtarke Pfähle in der Nähe des Berathungshauſes angekettet, ihre Arme 3 hoch über das Haupt hinauf gezogen, und ihre Geſtalten mit einem Haufen Reisholz, Prairieheu und anderen ieicht brennbaren Stof⸗ fen umgeben. Es waren Weiße, und etwa zwölf oder dreizehn Wilde zeigten ſich eben damit beſchäftigt, ihnen die Kleider vom Leibe zu reißen, während Andere noch immer neuen Brennſtoff herbei ſchleppten, und um die Gefangenen aufhäuften. Einer jener gefeſſelten Männer war, wie Editha, die ſich kaum hundert Schritte von dem traurigen Schauſpiele befand, deutlich ſehen konnte, Ralph Stackpole, der bekannte Pferdedieb; und in dem Andern erkannte ſie mit einem Schrecken, der ihr Blut zu Eis erſtarrte, ihren Bru⸗ der Roland. Ja, es war Roland, ſie täuſchte ſich nicht; ſie ſah ihn an den Pfahl gebunden und umringt von gefühlloſen, jauchzen⸗ den Geſchöpfen, welche mit Ungeduld den Anfang des hölliſchen Schauſpiels erwarteten, während das Weib des von Nathan er⸗ ſchlagenen Häuptlings an dem Holzhaufen kniete, und ſich alle mögliche Mühe gab, ihn mit ihrem flackernden Brande in Flam⸗ men zu ſetzen. Der laute, jammernde Schrei, welchen Editha bei dieſem ent⸗ ſetzlichen Anblicke ausſtieß, hätte Herzen von Stein rühren müſſen. Aber Indianer, welche einmal in der Wonne begriffen ſind, einen Gefangenen zu martern, haben nicht einmal ein Herz von Stein, ſondern gar keines. In ſolchen Augenblicken kennt der rothe Mann kein Mitleid und kein Erbarmen, obwohl zu anderen Zeiten ein Indianer eben ſo gefühlvoll, eben ſo barmherzig und wohlwollend ſein kann, wie ein Blaßgeſicht. Alle beſſeren Gefühle gehen unter in dem Rauſche der Leidenſchaft, und kein anderer Trieb beſeelt die indianiſchen Krieger und Weiber, als eine unerbittliche, wahr⸗ haft dämoniſche Grauſamkeit, welche ſich nur mit dem Blute und .— 6 5— ———— 6 4 — 207 durch den Tod des unglücklichen Gegenſtandes ihrer Wuth ſättigen läßt. Man kennt kein Beiſpiel, auch nicht ein einziges, daß ein Indianer, der einen Gefangenen am Pfahle marterte, wenn die Qual einmal begonnen hatte, je zum Mitleiden gerührt worden wäre, oder die Todesſchmerzen des Gefangenen jemals mit anderen Gefühlen, als denen des Triumphes und höchſten Entzückens be⸗ trachtet hätte. Der ſchneidende Schrei Editha's wurde von den Wilden ent⸗ weder nicht vernommen, oder, was wahrſcheinlicher iſt, nicht be⸗ achtet. Braxley, ſelbſt ergriffen und erſchüttert von dem entſetz⸗ lichen Schauſpiele, vergaß einen Augenblick ſein Vorhaben. Aber bald ſammelte er ſich, umſchlang Editha feſter mit ſeinen Armen, deren ſie ſich beinahe ſchon entriſſen hatte, um zu ihrem Bruder hinzuſtürzen, ſtieß dem Pferde die Ferſen in die Weichen, und wandte ſich zur Flucht. Keiner von den Wilden bemerkte oder achtete auf ihn, was ſeinen Grund wohl mit in dem Umſtande hatte, daß er mit indianiſchen Gewändern bekleidet war. Noch im Fliehen konnte er ſich nicht verſagen, noch einen Blick auf die Opfer ſeiner ſchändlichen Betrügerei zurück zu werfen. Ein allge⸗ meines Triumphgeſchrei gellte über den Platz; die Flammen ſchlu⸗ gen bereits aus dem Holzhaufen hervor, und man ſah, daß die Marter ihren Anfang genommen hatte. Ja, ſie hatte begonnen, aber nicht, um lange anzuhalten. Noch erſchütterte das Triumphgeſchrei die Luft und weckte das Echo in den benachbarten Bergen, als das Krachen von mindeſtens fünfzig Büchſen, ſcharf, praſſelnd und tödtlich, erſcholl. Zugleich erhob ſich ein weitſchallendes, donnerndes Hurrah aus den Kehlen weißer, chriſtlicher Männer, und Reiter gallopirten mit fliegendem Hufſchlag in das Dorf hinab, und verwandelten mit einem Male das ganze Schauſpiel in eine Scene allgemeiner Beſtürzung und paniſchen Schreckens. Die Salven wurden wiederholt, und zwar von einer doppelten Anzahl Büchſen, und im nächſten Augenblicke ſprengten mindeſtens hundert gut berittene Weiße auf den Platz. Ihre Roſſe waren von Schaum bedeckt und brachen vor Ermat⸗ tung beinahe zuſammen; aber dennoch wurden ſie von den Rei⸗ tern mit wüthendem Eifer angeſpornt. Zweimal ſo viel rüſtige Fußgänger drangen mit lebhaftem Wetteifer nach, und antworte⸗ ten ihrem Führer mit lautem und jauchzendem Geſchrei, der, an der Spitze der Reiter einher fliegend, mit Donnerſtimme über den — —. 209 ſchon das plötzliche und unverhoffte Erſcheinen ihrer hilfreichen Landsleute ſie mit neuen und beſeligenden Hoffnungen erfüllte, noch keineswegs ihrer Bande entledigt und der Gefahr, zu ver⸗ brennen, entriſſen worden. Obgleich die meiſten Wilden, wie er⸗ wähnt, ſich in regelloſe Flucht ergoſſen, gab es doch Einige unter ihnen, welche ſich der Gefangenen erinnerten, und den kecken Ent⸗ ſchluß faßten, ihnen den ſüßen Becher der Freiheit noch vor dem Munde hinweg zu reißen. Das Weib Wenonga's beſchäftigte ſich noch fortwährend damit, die Flamme des brennenden Holz⸗ ſtoßes anzufachen, und von ihrer Arbeit durch das Geſchrei des Feindes und das Geheul ihres eigenen fliehenden Volkes aufge⸗ ſchreckt, blickte ſie einen Augenblick empor, ergriff ein Meſſer, wel⸗ ches einer der Flüchtlinge in der erſten Beſtürzung hatte fallen laſſen, und ſtürzte, einen wilden Racheſchrei aus ſtoßend, auf Ralph Stackpole zu, der ihr am nächſten ſtand. Der entſchloſſene Pferde⸗ dieb ſuchte dem gefährlichen Stoße der alten Furie auszuweichen, ſo gut er konnte. Seine Füße waren nicht gebunden, und ſobald das Weib mit funkelnden Augen, einer Tigerin gleich, auf ihn zuſtürzte, verſetzte er ihr mit dem einen Fuße einen Stoß gegen den Leib, daß ſie, wie von den Hörnern eines wüthenden Stieres emporgeſchleudert, mehrere Schritte weit zurückflog, und betäubt mitten in die Flammen niederſiel, mit denen ſie die Gefangenen zu martern gedacht hatte. Sie verzehrten jetzt ihren eigenen Kör⸗ per, ehe ſie Kraft gewann, ſich aus ihrer Betäubung wieder auf⸗ zurichten. Ein hochgewachſener Krieger, eine Ayt in der Fauſt ſchwingend, und von einem Dutzend ſeiner entſchloſſenſten Landsleute gefolgt, ſtürzte auf Capitain Forreſter zu. Der junge Virginier ſchien verloren; aber ehe der Indianer den tödtlichen Streich zu führen vermogte, ſprang mit ungeheuren Sätzen über die Verwundeten und Sterbenden hinweg, und mitten in den Kreis des Feuers hinein, eine Geſtalt, welche ſelbſt den beſten und tapferſten Krieger mit Entſetzen und Schrecken hätte erfüllen können. Es war der entflohene Gefan⸗ gene, der vermeintliche Zauberer der Blaßgeſichter, auf deſſen Kör⸗ per und Antlitz, obſchon Beide mit Blut befleckt und beſchmiert erſchienen, noch die indianiſche Tracht und Malerei zu erblicken war. In ſeiner linken Hand trug er das Bündel Skalpe, welche er aus Wenonga's Hütte genommen hatte; der graue Skalp des erſchlagenen Häuptlings, deutlich erkennbar an den Federn, dem Schnabel und den Fängen eines ſchwarzen Geiers, die noch daran Gefahren der Wildniß. 14 .—————— 210 befeſtigt waren, hing von ſeinem Gürtel nieder, und in ſeiner rech⸗ ten Hand ſchimmerte hoch geſchwungen die ſtählerne Streitayt, welche früher ſo oft in Wenonga's Fauſt gedräuet hatte. Der Wilde, welcher eben den tödtlichen Streich auf Roland führen wollte, wich, von Entſetzen gepackt, zurück, und wandte ſich mit dem lauten Geheul:„Der Dſhibbenönoſeh! der Dſhibbenönoſeh!“ zur Flucht. Auch die Krieger, welche ihm folgten, hielten nicht Stand, beſonders als Nathan, der vermeint⸗ liche Teufel, auf den fliehenden Anführer der Truppe zuſtürzte, und ihm mit einem einzigen Hiebe des Tomahawk das Haupt zerſchmet⸗ terte. In demſelben Augenblicke jagte die Reiterſchaar mit Hurrah⸗ geſchrei heran. Ein Theil von ihnen ſetzte den flüͤchtigen Wilden nach, während die Uebrigen vom Pferde ſprangen, um die Gefan⸗ genen von ihren Banden zu befreien. Dieſer Dienſt war jedoch, wenigſtens dem Capitain Forreſter, bereits geleiſtet worden. We⸗ nonga's Ayt, von Blute triefend, zerſchnitt die Riemen mit einem einzigen Hiebe, und dann ergriff Nathan Rolands Hand, preßte ſie mit einem feurigen Drucke, und rief jauchzend vor Freude: „Siehſt du, Freund? du glaubteſt, ich hätte dich verlaſſen! Aber wahrlich, wahrlich, du haſt dich geirrt!“ „Ein Hurrah dem alten blurigen Nathan!“ rief eine andere Stimme, in welcher Roland die des jungen Tom Bruce erkannte. „Hurrah, hoch Kentucky!“ ſchrie jetzt der Oberſt Bruce, dicht vei Roland vom Pferde ſpringend, und mit derber Herzlichkeit ſeine Hand ſchüttelnd.„Da ſind wir, Capitain, und haben Euch aus dem Rachen des Todes erlöst! Schwuren, Euch zu befreien, oder zu ſterben, trommelten ein Heer von ein tauſend und mehr Mann zuſammen, marſchirten im doppelten Geſchwindſchritt hier⸗ her, trafen den blutigen Nathan in den Wäldern, erzählte uns Eure Noth, und Hurrah, da ſind wir und haben die Kreaturen auf's Haupt geſchlagen!“ Mit dieſen haſtigen Worten erklärte der Oberſt das Räthſel ſeiner beglückenden Ankunft; aber Roland, ganz verwirrt und be⸗ täubt von dem ſchnellen und plötzlichen Wechſel ſeines Schickſals, verſtand von ſeiner Rede kein Wort. Das Getümmel des Kampfes, das Krachen der Büchſen, das Geheul der Indianer, das Kriegs⸗ geſchrei der Weißen, was Alles noch fortdauerte, verſchlang ohne⸗ hin noch einen Theil der Worte, ſo daß Roland kaum zu ſich ſelbſt fommen konnte. Der erſte Gedanke, welchen er zu faſſen vermogte, war der Gedanke an Edith und ihr Schickſal. Eben wollte er nach 211 ihr fragen, als plötzlich mit lautem Geſchrei Richard Bruce, der jüngſte Sohn des Oberſten heranſprengte, im Uebermaß ſeiner Luſt die Mütze in die Luft ſchleuderte, und mit den Fingern hinter ſich auf einen Mann deutete, in welchem Roland zu ſeinem höchſten Erſtaunen den vermeintlich ertrunkenen Pardon Fertig erkannte. Er ſprengte mit Windeseile heran, und in ſeinen Armen lag, o Wonne und Freude, Editha, die ihrem Bruder entzückt die Arme entgegenbreitet, als er mit Einem Satze ſich an ihrer Seite befand und ſie an die hochſchlagende, tief bewegte Bruſt drückte. „Da iſt ſie, Eapitain,“ ſchrie Pardon Fertig jauchzend.„Sah den ſchurkiſchen Indianerburſchen mit ihr davon reiten, ſchoß ihn vom Pferde nieder, daß er zur Erde fiel, ſetzte die Jungfrau vor mich auf den Sattel, und nun ſind wir da, heil und ganz, wie aus des Schöpfers Hand hervorgegangen.“ „Oh,“ rief Tom Bruce jetzt mit ſchwacher Stimme, und ergriff ſeines Vaters Arm, während er mit zitterndem Finger auf das beglückte Geſchwiſterpaar deutete,—„v, Vater, das iſt ein An⸗ blick, wohl werth, dafür zu ſterben!“ „Sterben, mein Junge!“ rief der Vater voller Angſt und Beſtürzung.„Du biſt doch nicht verwundet, Tom?“ „Doch, Vater, hier, nahe beim Herzen, und ich fühle, daß es ſchnell mit mir zu Ende geht!“ ſagte Tom.„Und ſo, Vater, will ich Euch nur fragen, ob ich redlich meine Pflicht gethan habe, ohne weiter Lärmen um das Bischen Sterben zu machen.“ „Sterben, Junge?“ wiederholte der Vater und ergriff die Hand ſeines Sohnes, während die Uebrigen erſchreckt näher traten, und mit Beſtürzung auf des Jünglings ſchnell ſich verändernden Züge blickten,—„wie, Tom, mein guter Junge, du wirſt doch nicht ſterben wollen?“ „Vater, es nützt nichts, ſich zu ſträuben!“ erwiederte der Jüngling matt.„Sagt mir nur, ob ich meine Pflicht gegen den Fremden und die Dame, und gegen Euch, Vater, gegen Euch und die Mutter, und alle Uebrigen redlich erfüllt“— „Das haſt du, Tom,“ ſfiel ihm der Oberſt tief gerührt und mit etwas wankender Stimme in's Wort,— gegen die reiſenden Fremden, gegen Vater, Mutter, und Alle!“ „Und auch gegen Kentucky?“ murmelte der ſterbende Jüngling. „Auch gegen Kentucky, gewiß!“ antwortete der Vater. „Nun, Vater, dann iſt Alles gut, und es liegt weiter nichts daran, daß mich der Himmel mitten in meiner Jugend abruft. 212 Richard wird Euch meine Stelle erſetzen, Vater, er iſt ein guter Burſch, Und nun noch Eins, Vater“— „Und was denn, mein Junge? Sprich!“ ſagte der Oberſt. „Vater, ich will Euch nicht beleidigen,“ ſprach der Jüngling, —„aber— ich bitte Euch, daß Ihr nie wieder einen armen Wanderer in die Wälder gehen laßt, ohne ihm einen zuverläſſigen Mann mitzugeben.“ „Ja, Tom, ja, du haſt Recht, ich werde das nie wieder thun!“ „Und dann, Vater, laßt den blutigen Nathan nicht wieder von den Uebrigen verhöhnen, denn ich weiß, daß er fechten wird, wenn man ihn ſeinen eigenen Weg gehen läßt. Und, Vater— laßt es den Ralph Stackpole nicht zu ſehr büßen, wenn er Euch wieder einmal ein oder zwei Pferde ſtiehlt. Wißt, er ſtand mir damals bei, als wir den Capitain befreien wollten, und das mögte ich ihm nicht vergeſſen.“ „Laß' ihn ſtehlen, mein Junge! Laß' ihn!“ verſetzte der Alte, indem er verſtohlen eine Thräne aus ſeinen Augen wiſchte.„Es ſoll ihm darum nicht ſchlechter gehen.“ „Wohlan, Vater“— der junge Mann ſprach mit größerem Feuer, und anſcheinend wiederkehrender Kraft,—„und Ihr glaubt, daß wir die Indianer hier, auf dieſem Platze hier, tüchtig ge⸗ klopft haben?“ „Gewiß, mein Junge, daran iſt nicht zu zweifeln. Und wir werden ſie abermals klopfen, bis ſie uns für immer in Ruhe laſſen.“ „Dann Hurrah, hoch Kentucky,“ rief der junge Mann, ſeine letzten Kräfte in dieſem triumphirenden Rufe anſtrengend. Dann ſank er zurück, ſein Auge brach, er drückte zum letzten Male die Hand ſeines Vaters und ſeines Bruders, und verſchied. Ein Lächeln der Siegesfreude ſpielte um ſeine Lippen. „Er war ein braver Burſch,“ ſagte der Alte mit wankender Stimme, indem er einen Blick unendlicher Liebe auf das bleiche Antlitz des theuren Dahingeſchiedenen richtete.„Brav bis zum letzten Angenblicke ſeines Lebens!“ Alle Umſtehenden fühlten die Wahrheit dieſer Worte des er⸗ ſchütterten Vaters, und in manchem Auge perlte eine Thräne des Mitleids, der Theilnahme und des Schmerzes. 213 Zweinndzwanzigſtes Kapitel. Schluß. Die Indianer waren auf die beſchriebene Art und Weiſe aus dem Dorſe vertrieben worden, und zeigten nicht die Abſicht zum Fechten, ſondern nur zum Fliehen. Da ſie jedoch auf allen Seiten von den Angreifenden abgeſchnitten wurden, und hier auf tödtliche Salven aus den Gebüſchen am Abhange des Berges, dort auf Reiter ſtießen, welche durch die Fluren und Kornfelder ſprengten, wurden ſie wieder in's Dorf zurückgeworfen, wo ſie jetzt, zum Aeußerſten getrieben, entſchloſſen ſchienen, ihr Leben ſo theuer als wöglich zu verkaufen. An der Gränze des Dorfes ſtießen ſie auf jene Abtheilung von Reitern und Fußgängern, welche ſie zuerſt vertrieben hatte. Sie wagten mit denſelben einen grimmigen und blutigen, aber kurzen Kampf. Von den Angreifenden hinten mehr und mehr gedrängt, ſchlugen ſie ſich nach dem Platze durch, auf welchem der junge Tom Bruce ſein Leben ausgehaucht hatte. Der bis dahin leere Platz füllte ſich jetzt plötzlich mit Gruppen von Menſchen, die, um ihr Leben zu retten, flohen, oder auf Sieg und Tod mit einander kämpften, während Weiber und Kinder in Todesangſt kreiſchten und ſchrieen, und ſo das Schreckliche der Scene verdoppelten. Das Getümmel des Kampfes brachte auf die Männer, welche dem Tode Toms beigewohnt hatten, eine raſche Wirkung hervor. Ralph Stackpole ergriff ſogleich eine am Boden liegende Ayt, eilte zu dem nächſten Haufen der Kämpfenden und ſchrie dem ſchmerz⸗ zerriſſenen Vater als Troſt oder Beweis der Theilnahme zu: „Nehmt es nicht ſo ſchwer, Oberſt! Um Toms willen will ich Euch einen Skalp holen in weniger, als keiner Zeit!“ Der blutige Nathan war kurz zuvor mit den meiſten der Reiter, die mit dem Oberſten auf den Verſammlungsplatz ſprengten, ver⸗ ſchwunden, offenbar zu grimmig erregt, als daß er hätte ein müßi⸗ ger Zuſchauer des Kampfes bleiben können. So war denn Nie⸗ mand auf dem Platze zurückgeblieben, als der Oberſt und ſein Sohn Richard, das wieder vereinigte glückliche Geſchwiſterpaar und Pardon Fertig, welcher ſich aus alter Kameradſchaft nicht von Roland gleich wieder trennen wollte. Aber Alle wurden von der trauervollen Betrachtung des Todten abgezögen, als die Woge der 3 214 ———— Schlacht ihre blutigen Wellen wieder über den Hauptplatz des Dorfes ſpritzte. „Das iſt jetzt keine Zeit zum Weinen,“ ſagte Oberſt Bruce, als er den Leichnam des in ſeinen Armen verſchiedenen Sohnes ſanft auf dem Boden legte. „Er ſtarb wie ein Mann, und das iſt das Ende vom Liede. Auf, Richard, und ſchütze die junge Dame. Es gibt noch mehr für uns zu thun.— Schließt Euch um die Dame!“ wiederholte der Oberſt, indem eine plötzliche Bewegung in der Maſſe der Kämpfenden erfolgte. Ein Dutzend oder mehr indianiſcher Krieger ergriffen nämlich voll Beſtürzung die Flucht, verfolgt von einer dreifachen Anzahl weißer Männer, welche Alle gerade auf den Platz zuritten, wo der Oberſt Bruce noch mit ſeiner Umgebung ſtand. „Ich bin der Mann für ſie!“ ſchrie Pardon Fertig, und ſchoß ſeine geladene Flinte auf den vorderſten Indianer ab, welcher ſo⸗ gleich todt zu Boden ſtürzte. Dieſe That wendete ſogleich alle Gefahr ab; denn die Wilden, eingeſchüchtert durch den Fall ihres Füh⸗ rers und durch die Entdeckung, daß ſie auch vor ſich noch Feinde hatten, warfen ſich ſeitwärts und wurden ſogleich von einer über⸗ legenen Anzahl Kentuckier verfolgt. Während dieß geſchah, ereignete ſich ein Schauſpiel, welches wohl dazu dienen konnte, der Gruppe am Pfahle Mitleid und Schrecken einzuflößen. Der Wilde, welchen Pardon Fertig erſchoſſen hatte, wurde unverzüglich von einem der Verfolger ſtalpirt, indeß fünf oder ſechs ſeiner Kameraden auf einen zweiten Mann los⸗ ſtürzten, und ihn wüthend mit Meſſer und Aeyten angriffen, wäh⸗ rend der Unglückliche mit aufgehobenen Armen vergeblich um Gnade flehte. Und als ob dieſes Schauſpiel nicht an und für ſich ſchon entſetzlich genug wäre, ſah man eine zarte Mädchengeſtalt zur Seite des Angegriffenen kämpfen, welche, von Schrecken erg rif⸗ und ohne Unterlaß ein herzzerreißendes Geſchrei ausſtieß. „Um Gottes willen, es iſt Telie Doe!“ rief Roland aus, in⸗ dem er mit Blitzesſchnelle zu ihrem Beiſtande hinwegeilte. Faſt eben ſo ſchnell folgte ihm der Oberſt Bruce, der ebenfalls Telie erkannte, und aus dem Geſchrei der Angreifenden abnahm, daß es ihr Vater war, welcher unter den hageldicht fallenden Streichen ſeiner Feinde dem Tode entgegen ging. „Halt, Freunde! Halt!“ ſchrie Roland, welcher mitten unter die Kämpfenden ſprang, und ſie für einen Augenblick wirklich von — 6 *——— 215 ihrem Opfer verſcheuchte. Die Ueberraſchung hielt die tödtlichen Streiche zurück, und Doe benutzte die Pauſe, um ſich aufzuraffen und davon zu eilen. Aber nach wenigen Schritten ſchon ſtürzte er wieder zuſammen. Die zürnenden Kentuckier ſtürzten von Neuem auf ihre Beute los. Roland aber kam ihnen zuvor und ſtellte ſich vor den ver⸗ wundeten Mann. Zu gleicher Zeit eilte Bruce herbei, faßte die halb wahnſinnige Tochter Doe's in ſeine Arme, und rief mit ſeiner Donnerſtimme:„Fort, ihr abſcheulichen Beſtien! Wollt Ihr den Mann vor den Augen ſeiner leiblichen Tochter ermorden? Tödtet Indianer, Ihr Unmenſchen! Das wird ſich beſſer für Euch ſchicken!“ Die Männer kamen zur Beſinnung, brachten dem Oberſten ein lautes Hurrah, und eilten dann von hinnen, um andere Gegen⸗ ſtande ihrer Feindſchaft aufzuſuchen. Aber es war nicht ſo ganz gewiß, ob ſie deren noch finden würden, denn in den Siegesruf der weißen Männer miſchte ſich nur noch wenig das Geſchrei der überall beſiegten indianiſchen Krieger. Mittlerweile hatte Roland verſucht, den verwundeten Abel Doe wieder auf die Beine zu bringen, aber es war umſonſt, ob⸗ gleich der Unglückliche ſelbſt ſeine Bemühungen unterſtützte. Der⸗ ſelbe erhob noch immer ſeine Hände, wie um die Streiche der er⸗ barmungsloſen Feinde abzuwenden, und dazu ertönte ſein wilder Ruf:„Es iſt nichts! Es iſt mir nur um das Mädchen! Mordet einen Vater nicht vor den Augen ſeines eigenen Kindes!“ „Fürchtet nichts, Ihr ſeid in Sicherheit!“ rief Roland ihm zu, während im nämlichen Augenblicke Telie in ihres Vaters Arme ſturzte und mit herzergreifender Stimme ſchrie:„Sie ſind fort, Vater! Steht auf, ſie werden Euch nichts mehr thun; der gute Capitain hat Euch gerettet, Vater!“ „Der Capitain?“ fragte Doe, und machte einen neuen Ver⸗ ſuch, ſich zu erheben.„Iſt es der Capitain? Die Hunde haben Euch alſo nicht ermordet? Nun, das freut mich, Capitain, und gewiß, ich werde leichter ſterben, da ich es weiß! Und das Mäd⸗ chen, Editha, ſie iſt auch gerettet? Dem Himmel ſei Dank! Jetzt iſt Alles gut, Capitain. Sagt mir nur, wo iſt Dick? Richard Braxyley, meine ich! Ihr habt ihn doch nicht getödtet?“ „Denkt nicht an ihn, Mann,“ erwiederte Roland.„Ich weiß nichts von ihm.“ „Ach, Capitain,“ rief Doe aus,—„ich bin ein ſterbender Mann, und ich wußte, daß dieſes das Ende ſein würde. Wenn 216 Dick ein Gefangener iſt, ſo bringt ihn her, und laßt mich mit ihm ſprechen. Es wird zu Eurem Beſten ſein, Capitain!“ „Ich weiß nichts von dem Schurken,“ entgegnete Roland, „denkt nur an Euch ſelbſt!“ „Ha, da iſt ja ſein rothes Tuch!“ rief Doe aus, indem er auf Pardon Fertig deutete, welcher den Shawl wie eine Schärpe um ſeinen Leib gebunden hatte. „Das Tuch hier?“ ſagte Pardon Fertig.„Das nahm ich einem Indianerkerl ab, welcher mit der jungen Dame hier davon jagen wollte. Ich rief ihm zu, er ſolle halten; da ers aber nicht that, ſo pfefferte ich ihm eins in den Rücken, ſchlug ihn nieder, und nahm ihm ſeinen Skalp, ehe man eins, zwei, drei zählen kann. Da iſt er, wenn Ihr ihn ſehen wollt!“ Bei den letzten Worten zog er einen Büſchel ſchwarzer Haare hervor, bei deſſen Anblick Editha faſt ohnmächtig geworden wäre. „Roland,“ ſagte ſie, und lehnte ſich an ihren Bruder, um nicht zu Boden zu ſinken,—„Richard Braxley war es, der mich fort⸗ ſchleppte. Er war es, ja, Er!“ „Hahaha,“ lachte Abel Doe, welcher die Worte Editha's ge⸗ hört hatte,—„ich habe Dick immer geſagt, daß der Böſe uns holen würde, und nun hat ihn das Lvos noch früher, wie mich, getroffen! Erſchoſſen, ſkalpirt, ganz ſo behandelt, wie ein india⸗ niſcher Hund! Wohlan, ſo iſt denn das Spiel völlig aus, und wir Beide haben unſern Lohn dahin!— Capitain,“ fuhr er fort, indem er ſich an Roland wendete, ich bin ein Schurke geweſen, und ſterbe als ein Solcher! Gleichwohl will ich noch gut machen, ſo viel in meiner Macht ſteht. Hier, Capitain, iſt das richtige Teſtament eures Oheims“— er zog daſſelbe mit Anſtrengung aus ſeiner Bruſttaſche hervor—„nehmt es hin, nehmt es ohne alle Bedingungen. Aber, Capitain, Ihr werdet ſie nicht vergeſſen, Telie, meine ich, meine Tochter! Ihr werdet für ſie ſorgen, Capitain!“ „Nie ſoll es ihr an einem Freunde fehlen, ſo lange ich lebe,“ ſagte Roland feſt. „Nun, ſo ſterbe ich gern!“ ſagte Abel mit ſeinem letzten Athemzuge. Ich vertraue Euch, Capitain! Ich vertraue Euch!“ Bei den letzten Worten ſank er zurück. Bruce aber rief halb vorwurfsvoll aus:„dem Mädchen fehlte nie ein Freund und Be⸗ ſchützer, ehe ſie aus meinem Hauſe floh! Ich habe immer wie ein Vater an ihr gehandelt!“ Während dieß geſchah, war der Kampf zu Ende gefochten, — 217 und die Schlacht vollſtändig für die Maͤnner aus Kentucky ge⸗ gewonnen. Faſt alle Indianer waren gefallen, und die Sieger dagegen hatten nur einen geringen Verluſt an Todten und Ver⸗ wundeten zu beklagen. Um den Triumph vollſtändig zu machen, wurde das Dorf fammt den Feldern mit dem Korn den Flammen übergeben und vollſtändig vernichtet. Als die letzte der rohen Wohnungen zerſtört worden war, traten die Sieger den Rückzug an, und kamen ungehindert und bei guter Zeit wieder in ihre Heimath zurück.. Hiemit wäre unſere Erzählung nun eigentlich zu Ende, denn wir haben geſehen, daß der Triumph der Schlachten vernichtet ward, und daß Roland und Editha durch den Fund des Teſta⸗ mentes in den ungehinderten Beſitz ihrer Glücksgüter gelangten, die ihnen fernerhin nicht mehr ſtreitig gemacht werden konnten. Bevor wir jedoch von unſerem freundlichen Leſer Abſchied nehmen, möchten wir noch über Manches Bericht erſtatten, was entweder bisher noch unklar geblieben iſt, oder was ihn intereſſiren wird, indem es die ſpäteren Lebensſchickſale der Perſonen betrifft, deren Bekanntſchaft wir im Verlaufe unſerer Erzählung gemacht haben. Zunächſt alſo einige Worte über Pardon Fertig, der, wie wir fürchteten, bei dem Verſuche der Rettung aus dem bekagerten Blockhauſe ſeinen Tod im Waſſer gefunden hatte, und jetzt auf einmal friſch und lebendig wieder auf dem Schauplatz erſchienen iſt. Sein Auferſtehen von den Todten, ſo überraſchend es für uns war, hatte jedoch, wie er ſelber erzählte, durchaus nichts Wunder⸗ bares. Während der Flucht durch die Heftigkeit des Stromes von ſeinem Pferde geriſſen, hatte ihn ein glücklicher Zufall auf das Holzwehr gebracht, welches die verderbliche Stromſchnelle begränzte. Da er der Wuth des Stromes wegen nicht zweifelte, daß alle ſeine Gefährten umgekommen wären, und er alſo allein gegen die Wilden zu kämpfen haben würde, hatte er ein Verſteck unter den Holz⸗ blöcken geſucht, wo er den Ueberreſt der Nacht und einen großen Theil des folgenden Tages geblieben war, bis er überzengt geweſen, daß die Indianer ſich nicht mehr in der Nähe befänden. Dann ſei er das felſige Ufer des Fluſſes emporgeſtiegen, habe ſich durch die Wälder geſchlichen, und ſei endlich glücklicher Weiſe zu dem Heer⸗ haufen Bruce's gelangt, dem er ſich angeſchloſſen habe, um ihm in das Gebiet der indianiſchen Feinde zu folgen. Was Nathan anbetrifft, ſo war er nach ſeiner glücklich be⸗ werkſtelligten Flucht davon gerannt, um Hülfe für ſeine Freunde 218 herbeizuholen. Er traf auf die Abtheilung Bruce's, und ſein Aus⸗ ſehen, ſo wie ſeine indianiſche Tracht und Malerei erregte allge⸗ meines Aufſehen und Erſtaunen. Der Mann kam ſowohl dem Oberſten, wie ſeinen Kriegern ganz verändert vor. Der Skalp⸗ bündel, den er in ſeiner Hand hielt, und jener noch von Blut rauchende, der an ſeinem Gürtel hing, ſo wie die Axt Wenonga's, blutig bis zum Heft, und von einer nicht minder blutbefleckten Fauſt gehalten, waren kaum merkwürdigere Zeichen ſeiner Ver⸗ wandlung, als jene, welche ſich in ſeinem Antlitz, ſeinem ganzen Betragen, und in allen ſeinen Ausdrücken kund gaben. Sein Auge leuchtete in wilder Aufregung, und ſtrahlte von Triumph, gemiſcht mit Wuth; ſein Schritt war ſtolz, behend, feſt und elaſtiſch, gleich dem eines Kriegers, der den Reigen des Waffentanzes tritt, und wenn er ſprach, hauchten ſeine Worte Kampf und Blutvergießen. Er ſchwang die Streitaxt Wenonga's, deutete grimmig nach dem Dorfe, und forderte die Krieger auf, ihm eiligſt dahin zu folgen. Als der Marſch nach kurzer Berathſchlagung beſchloſſen und angetreten wurde, führte er die Truppen mit einer Schnelligkeit und Sicherheit, welche ſeine Vertrautheit mit allen Zugängen des Dorfes bewies; und während des nun beginnenden Kampfes voll⸗ brachte er Heldenthaten, die Alle, welche ihn ſahen, mit Erſtaunen und Bewunderung erfüllten. Erſt als der Rückzug aus dem Dorfe angetreten wurde, fiel Nathan wieder in den früheren Zuſtand zurück, welchen er gewöhn⸗ lich zu zeigen pflegte. Das kriegeriſche Feuer blitzte nicht mehr aus ſeinen Augen, ſein Schritt verlor die Elaſticität der Kühnheit und Zuverſicht, und er ſah die Männer, welche ihn mit Worten der Bewunderung und des Lobes überhäuften, voll Unruhe, Ver⸗ legenheit und Entſetzen an. Er beſchäftigte ſich, um ſeine Gefühle zu verbergen, oder um die Aufmerkſamkeit der Uebrigen von ſich abzulenken, mit ſeinem Hunde, dem kleinen Peter; aber auch der kleine Peter vermochte die Lobſprüche nicht von ihm abzuwenden, mit denen alle Krieger ihn fortwährend überhäuften. In dieſer Verlegenheit erblickte er den jungen Virginier, wel⸗ cher neben ſeiner Schweſter im Walde dahin ritt, und eilte auf ihn zu, um ihm das Daſein des Teſtamentes anzuzeigen, von welchem er, wie wir wiſſen, Kunde erhalten hatte. Er wußte nicht, daß dieſes wichtige Dokument mittlerweile in Rolands Hand gefallen war, der ihn mit Freude ſtrahlenden Blicken empfing. „Nathan,“ ſagte er, indem er dem jetzt wieder ganz demüthi⸗ ——— ,—————— —————— 219 gen Quäker ſeine Hand entgegenſtreckte, Euch verdanken wir Leben, Vermögen, Alles, und nie werden wir dieß vergeſſen! Aber wie kommt es, Nathan,“ fügte er lächelnd hizu, als er des Bündel Skalpe gewahrte, welches der Quäker noch immer in der Hand trug,—„wie kommt es, daß Ihr die Beweiſe Eurer Tapferkeit ſo offen zeigt? das war doch früher Eure Gewohnheit nicht!“ „»Freund,“ ſagte Nathan, einen verſtörten Blick erſt auf die Skalpe und dann auf Roland werfend,„du ſiehſt hier Locken, die einſt die Häupter meiner Kinder ſchmückten. Und hier iſt,“ ſetzte er hinzu, und zeigte mit unverhehltem Triumphe auf den Skalp Wenonga's,„hier iſt der Skalp deſſen, der ſie mordete! Aber genug, Freund! du kennſt meine Geſchichte und wirſt mich nicht tadeln! Doch habe ich dir noch etwas zu ſagen, was dich beſonders angeht. Es gibt ein Teſtament deines verſtorbenen Oheims, welches dir und deiner Schweſter—“ „Ganz recht, Nathan,“ unterbrach ihn Roland, indem er das Dokument hervorzog.„Hier iſt es! Es macht mich zu einem reichen Manne, und Ihr, Nathan, ſollt der Erſte ſein, der die Glücksgüter mit mir theilt. Ihr müßt dieß wilde Leben an der Gränze aufgeben, und mit mir nach Virginien gehen!“ „Ich, Freund?“ rief Nathan mit einem traurigen Blicke aus,—„nein, wahrlich, das Schickſal hat mich an die Wälder angewieſen, und in ihnen will ich leben und ſterben. Ich finde dort, was ich bedarf, Nahrung und Kleidung, und mehr verlange ich nicht. Doch um Eine Gunſt mögte ich dich wohl bitten, die du mir gewähren könnteſt.“ 5 Nathan, ſie iſt im Voraus gewährt,“ ſagte Roland chnell. „Nun, Freund,“ murmelte Nathan, und warf einen flehen⸗ den Blick auf Roland,—„ſo bitte ich dich, rede nie von dem, was du mich in den Wäldern thun ſaheſt.“ Roland verſprach es, und Nathan wollte ſich darauf entfernen. Editha hielt ihn aber zurück, indem ſie ſagte: „Komm mit uns, guter Nathan! Komm mit in unſer Haus! Dort wird Niemand dich ſchmähen, oder dir deinen Glauben vor⸗ werfen, was du am meiſten zu fürchten ſcheinſt.“ „Wahrlich, du biſt eine gute Jungfran,“ erwiederte Nathan mit einem dankbaren Blicke.„Aber folgen kann ich dir nicht, denn ich habe keine Heimath mehr auf dieſer Erde. Niemand iſt mir geblieben, der mich mit Lachen und Freude empfinge, Niemand, 3 — 220 um mich bei der Heimkehr aus dem Felde oder Forſte mit der Stimme der Liebe zu bewillkommnen, nein, wahrlich, Niemand, Riemand! Darum ſoll mein Aufenthalt die Wildniß ſein, wo der. Aunblick fremder Haͤuslichkeit mich nicht an mein Elend erinnert.“ Und als Nathan dieſe Worte ſprach, zitterte ſeine Stimme, bebten ſeine Lippen, und ſein ganzes Antlitz verrieth den tiefen Schmerz einer einſamen, träumenden Seele. Schweigend gingsger von dannen, und verſchwand im nächſten Dickicht. Roland hoffte ihn ſpäter auf der Station Bruce's wieder zu finden. Aber Nathan kam nicht, und niemals erblickte Roland wieder ſein treues und ehrliches Antlitz. Nathan verließ den Wald nicht mehr; er begrub ſich und ſeinen Schmerz in die tiefſte Einſamkeit deſſelben, und kein Menſch hat wieder eine Nachricht von ihm vernommen. Roland verweilte noch einige Wochen als Gaſt in der Station des Oberſt Bruce, und verließ ſie erſt, als er Telie, welche es vorzog, in der Familie des Oberſten zu bleiben, reichlich beſchenkt hatte. Auch Ralph Stackpole und Pardon Fertig fanden Gelegen⸗ heit, ſeine Großmuth zu bewundern, indem er ihnen beiden Lände⸗ reien zum Geſchenk machte, welche ihnen ein ſorgenloſes und glück⸗ liches Leben ſicherten. In ſpäteren Jahren vernahm Roland, daß Telie die Frau Richard Bruce's geworden ſei, und daß Ralph Stackpole, welcher nie in ſeinen alten Fehler, Pferde zu ſtehlen, zurückverfiel, ſo wie Pardon Fertig ſich den Ruf als achtungs⸗ werthe und wohlhabende Männer errungen hatten. Er ſelbſt genoß mit Editha die Gaben des Glückes, welche ihnen der Himmel beſchieden hatte, in vollkommener Zufriedenheit, und nur der Gedanke an Nathan, der ihm ſo treulich in der Ge⸗ fahr beigeſtanden und dem er ſo gern alle ſeine Theilnahme ver⸗ golten hätte, trübte zuweilen den wolkenloſen Himmel ſeines Lebens, der fernerhin von keinerlei Stürmen mehr bedrohet wurde. ———— * — 2 * 7. . E 3 ₰ *%„ 4 * ½ 7 1 7 . 6 6. 3 .*2 1* . 1 1 * 3 5i 1 3 * 5 4 7 6 S 3 — „ 8 ℳ 8 6 1 . 5 * * 5 *„ . „ 3 3* ℳ 6 ——