Leihbiblivthekt deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur. vO 3 Eduard Ottmann in Gieſen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und geſebedingungen. 1. oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens ſ. 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2 Pesepreis. Bei Ruckgabe eines geliehenen Buches wird von ſee jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 2 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme 8 eines Buches, eine dem Werthe S entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß vvraus bezahlt werden und eträgt: für wöcheutlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 2 M. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 5. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ korene und defecte Buch ein Theil eines. größeren Werkes, ſo iſt der zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage 6 eſohders darauf aufmerkſam gemacht, daß. cher nicht ſtattfinden darf, indem Piezen gen, wrnr ore von mir geliehen, auch dafür zu rehen haben. 3 ℳ ——— —————————„ ———— E— — ick zWweifeln konnte,“ stum ihr soi — — 8 — ich einen aug ssie nicht schſefe enn da S Me N —— — — —— Die bigtigen Schatten, eine Gallerie von Wundern, ſeltſamen Ereigniſſen, nachtlichen Erſchei⸗ nungen, ſchauerigen Träumen, geheimen Verbrechen, ſchrecklichen Phaͤnomenen, geſchichtlich begruͤndeten Freveln, beweglichen Leichen, blutigen und belebten Koͤpfen, grauſamen Rachethaten und fortlaufenden Verwicklungen des Verbrechens; alles aus den Quellen der Wahrheit geſchoͤpft. Aus dem Franzoͤſiſchen. —— Es giebt kein Schreckensbild, das durch die Kunſt verſchönt, Die ſelbſt auch Schlangen malt, uns nicht mit ſich vesſöhnk⸗ Des Pinſels Zauberei kann alles umgeſtalten, und Engelskopfe ſchau'n dann ſelbſt aus Grabesſpalten. Die Thrän' des Oedipus im alten Trauerſpiel' Spricht, auch mit Blut vermiſcht, noch ruͤhrend zum Gefühl', Der Toͤne Harmonie, entlockt aus goldner Leyer, umhuͤllt Oreſtes Morb ſogar mit e e O1leau⸗ Zweiter Band. Mit einem Titelkupfer. Sondershauſen und Nordhauſen 1921, 5ei Bernhard Friedrich goig ———————— ——————— ———— Inhalts⸗Verzeichniß des zweiten Bandes. Sechster Schatten. Die Frau von Wachs, eine allegoriſche Novelle 6 Siebenter Schatten. Der falſche Capuzi⸗ ner oder der blutige und bewegliche Kopf Achter Schatten. Die blutigenSchlacht⸗ opfer der Bellona, oder der ruͤhmliche Tod des Fuͤrſten Poniatawsky. Neunter Schatten. Die Zigeunerin von Trapezunt; ein Gemaͤlde muſelmaͤnniſcher Sitten. Zehnter Schatten. Das Schilderhaus der Nonne, oder die liebende Veſtalin Eilfter Schatten. Der engliſche Fleiſcher, eine wirkliche Anecdote.. Schlußbemerkung. —. ** 122 225 255 309 332 362 Die blutigen Schatten. Sechster Schatten. ——— Die Frau von Wachs. Eine allegoriſche Novelle⸗ Ja, Frevel gieb'ts, ich ſag's mit Beben, Die nie der Himmel kann vergeben. Gott ſchuf die Nacht und die Geſtirne, um die Seele zu erheben, das Gemuͤth zu erwaͤr⸗ men, und im Herzen des Sterblichen die Ah⸗ nung der unendlichen Weisheit zu erwecken; aber der verwegene Menſch, der uͤberall den Plaͤnen des Himmels entgegenſtrebt, zerſtoͤrt die beſtehende Ordnung, und vereitelt die Wohltha⸗ ten der Natur. Aus dem heiligen, Ehrfurcht Biut. Schatt. Zweit. Bd. 12 3 gebietenden Schleier, der uͤber die Wunder der Schoͤpfung verbreitet iſt, macht er ſich eine Huͤlle, um Verbrechen darunter zu verſtecken. Die Frevler verbergen bei Tage ihre furchtba⸗ ren. Häupter; Räuber und Mörder ſchlafen in der Tiefe ihrer Hoͤhlen und finſtern Grotten, bis die Schatten der Nacht ſich verbreiten: dann erwachen ſie einmuͤthig, und gehen mit einander der Spur ihrer Beute nachz dann ſe⸗ hen die bleichen Geſtirne ſie mit kuͤhner Stirn in der Finſterniß ſchleichen, um die Schrecken der Nacht durch die Schreckniſſe ihrer Gräuel⸗ thaten zu verdoppeln Der karge Filz, welcher ſeinen Schatz vergraͤbt, wird belauſcht von dem Diebe, der ihn wieder ausgräbt, und am fol⸗ genden Tage ſteht der Ungluͤckliche als ein Bett⸗ ler auf. Die ſchwarzen Zuſammenrottungen, die heimlichen Verſchworungen ſind in Thaͤtig⸗ keit; die Dunkelheit iſt die Vertraute ihrer heil⸗ loſen Abſichten; fern vom Lichte legen ſie ihre verheerenden Plaͤne an, bereiten ſie die Gewalt⸗ thaten vor, wodurch Konigreiche erſchuͤttert, das Glück und das Leben friedlicher Bürger bedroht, und die Famllien durch Mord und Raub zu Grunde gerichtet werden ſollen. Auch die ſogenannten Kinder der Freud⸗ benutzen bieſe Zeit, indem ſie ſelbſt die laͤſtige Flarheit einiger ſchwachen Strahlen der nächt⸗ tichen Mondſichel ängſtlich vermeiden, um ſich — „ .——— — ₰ † 179 mit ungezuͤgelter Wuth den groͤbſten Ausſchwei⸗ fungen zu uͤberlaſſen und nur zu oft gießen ſie Blut in die Schale ihrer verderblichen Wol⸗ luſt.— In dieſen Stunden— ich kann es nicht uͤbergehen; o, warum ruht dein Donner gerechter Himmel— in dieſen Stunden, ſage ich, be⸗ ſteigt der ehrloſe Ehebruch mit frecher Kuͤhn⸗ heit das hochzeitliche Bette des Freundes, deſ⸗ ſen ſchlangenartige Gattin heimlich auf Vergif⸗ tung denkt, zum Hohn menſchlicher und goͤtt⸗ licher Geſetze. So tragen die unfinnigen Sterb⸗ lichen, immer im Widerſpruche mit Gott und mit ſich ſelbſt, kein Bedenken, ihre nackten Ver⸗ brechen ſchamlos vor dem heiligen Auge des Himmels auszuſtellen, während ſie vor dem An⸗ blick ihrer lirdiſchen Richter zitternd erblaſſen. Sind denn die hoͤhern Geſtirne der Nacht da⸗ zu gemacht, um Verbrechern zu dienen, und ſenken ſie ihren matten Flimmer bloß deswe⸗ gen in die Finſterniß um dem Meuchelmoͤrder gleichſam das Licht zu halten, damit ſein Dolch das Ziel nicht verfehle? Dieſe fuͤr die Menſchheit ſo niederſchlagen⸗ den Betrachtungen bilden einen natuͤrlichen Ue⸗ bergang zu den wunderbaren Abentheuern und unbegreiflichen Gaukeleien des beruͤchtigten Dom⸗ parelli, genannt Boca⸗Negra, eines der beru⸗ fenſten Raͤuber, welche jemals die Provinzen der Lombardei unter den Herzögen von Mai⸗ 19* land unſicher gemacht haben; denn auch dieſes Ungeheuer huͤllte ſich nur zu haͤufig in den Schleier der Nacht, um ſeine graͤßlichen Frevel⸗ thaten zu begehen. Domparelli, von dem Volke Boca⸗Negra benannt, war zu Cremona von einer ehrlichen, aber niedern Familie geboren. Er ſtudirte zu Mailand, und wenn er hier ſeltene Talente entfaltete und fruhzeitig ein glänzendes Genie hervorſtechen ließ, ſo konnte man darin ſchon damals den Keim der verworfenſten Neigungen entdecken. Sein Geſicht, obgleich ſchoͤn geformt, verrieth nur zu deutlich, durch ein ſprechendes Geberdenſpiel, die Verdorbenheit ſeiner Seele und wenn wir wirklich, nach dem tiefſinnigen Syſteme Doctor Gall's, angeborne Ideen ha⸗ ben, wenn die Natur uns die Organe der gu⸗ ten und boͤſen Neigungen giebt, ſo trug Dom⸗ parelli ſonder Zweifel ſeit ſeiner zarteſten Kind⸗ heit die markirten Eindrucke ſeines verbrecheri⸗ ſchen Berufs. Wir führen unſern Helden vor das Pu⸗ blikum in derjenigen Lebensepoche, wo er nach Beendigung ſeiner Studien, mit ausgebildeten phyſiſchen Kraͤften und einem in der Bluͤthe ſtehenden, unheilbringenden Geiſte zuerſt ſeine ungeheure Laufbahn begann. Wenn von der einen Seite er mit Vorliebe das Studium der — — * 181 Alten betrieben, und Alexandern den Großen ſich zum Muſter genommen hatte, ſo war er andernſeits von ſeiner Neigung zum Geheim⸗ nißvollen verleitet worden, zu dem zweideuti⸗ gen Streben, alle Geheimniſſe der Experimen⸗ tal⸗Phyſik und des angewandten Galvanismus zu ergruͤnden, ſo wie er auch alle die Gaukel⸗ ſpiele zu erforſchen ſuchte, welche die Orakel von Aegypten, von Griechenland und Rom an⸗ wendeten, um die Augen des gemeinen Volks zu verblenden, und durch angebliche Wunder ihr Anſehn zu ſichern; alle Geheimniſſe der Freimaurerei, in welchen Orden er ſich hatte aufnehmen laſſen, waren ihm bekannt;z und da er mit dieſen geheimen Wiſſenſchaften, auch noch eine allgemeine Kenntniß der Mathematik ver⸗ band, und vom Arichimedes den Gebrauch der Brennſpiegel und des griechiſchen Feuers er⸗ lernt hatte, ſo beſaß Dombarelli alles was no⸗ thig war, um auf die Einbildungskraft eines ſo aberglaͤubiſchen Volkes, als die Italiener damals waren, blendend zu wirken. Im Beſitz der kabbaliſtiſchen Wiſſenſchaf⸗ ten, mit einem zauberiſchen Hoͤllenzwange ver⸗ ſehen, und vollkommen Meiſter in den gehei⸗ men Kunſtgriffen der Roſenkreuzerei, verſchloß ſich unſer Held eines Abends in ſein einſames Kaͤmmerlein, und ging uͤber ſeine Beſtimmung alſo zu Rathe:„Aus zwei ſtets geoͤffneten Ton⸗ 182 „nen gießt Jupiter in Fluthen die Einflüſſe „des Guten und des Boͤſen auf die Sterblichen „herab, und die Welt,“ meinte er in ſeinen Trugſchluͤſſen,„iſt ein elendes Theater, wo der „einfältige, gutmuͤthige Menſch das Opfer des „ſtaͤrkern und ſchlauern wird. Welche von die⸗ ſen beiden entgegengeſetzten Rollen ſoll ich nun. „wählen? doch wohl nicht die der dummen „Einfalt?— RNein, dafuͤr bewahren mich mei⸗ „ne Talente, und mein Geiſt; das Geſchick mei⸗ „nes Lebens ruht alſo in meinen Haͤnden, wenn „ich die Mittel, welche mir die Natur ſo reich⸗ „lich verliehen hat, geſchickt anzuwenden ver⸗ „ſtehe. Ich ſehe nicht ein,“ fuhr er in ſeinem verbrecheriſchen Selbſtgeſpräche fort,„warum „ich nur einen Augenblick Bedenken tragen ſoll⸗ „te Dſchingiskan, Tamerlan, der Charlatan „Mahomet, o ſie zeichnen mir die Bahn des „Ruhms vor; je groͤßer und ungewoͤhnlicher „meine Verwegenheit, deſto außerordentlicher „wird auch mein Ruf ſeyn.— So komm denn „du maͤchtiger Genius des Boͤſen, werde mein „Beſchuͤtzer, und fuͤhre in mir einen deiner eif⸗ „rigſten Anhaͤnger unter gluͤcklichen Auſpicien nin ſeine ruͤhmliche Laufbahn ein.“— Nach dieſer hölliſchen Geiſterbeſchwörung ließ ſich eine ſchwarze Wolke in das Gemach herab und uͤberzog mit einem Trauerflor alle Lheile deſſelben. während eine reizende ————— 8—= 185 die Verfuͤhrung, von wohlriechenden Blu⸗ menduͤften umfloſſen, den Buſen mit glaͤnzen⸗ den Schlangen zugeſchnuͤrt, vor ihn hintrat, und ihn alſo anredete:„Menſch, du deiner ho⸗ „hen Beſtimmung durchaus wuͤrdig, ich erthei⸗ „le dir die Macht zu bezaubern und zu ver⸗ „fuͤhren, und zu dieſem Geſchenk fuͤge ich noch „die Gabe zu betriegen. Keine Frau wird „forthin deiner bezaubernden Stimme, deinen „beruͤckenden Augen widerſtehen koͤnnen; immer „wird dir die Liebe guͤnſtig ſeyn, und du brauchſt „dich nur zu zeigen, um jede noch ſo ſpröde „Lucretia beſiegt in deine verliebten Arme ſin⸗ „ken zu ſehen.“ Nach dieſen verfuͤhreriſchen Reden zeigten ſich ganze Schwaͤrme von reizenden Gaukelſpie⸗ len, welche unter dem unwiderſtehlichen Zauber⸗ ſtabe der Verfuͤhrung hervorgingenz koͤſtli⸗ che Wohlgeruͤche durchwehten die Luft mit ih⸗ ren balſamiſchen Wolken, und dieſer luftige Zauber loͤſ'te ſich in die angenehmſten Trugge⸗ bilde auf. Als dieſe Traumgeſtalten verflogen und in Domparelli's Zimmer nur noch die duf⸗ tenden Spuren von der Gegenwart der Ver⸗ fuͤhrung uͤbrig waren, warf er ſeine erſtaun⸗ ten Blicke nach allen Seiten hin, und entbeck⸗ te mit Entzuͤcken, auf einem Geſimſe ſtehend, Liebestränke, berauſchende Gifte, betäubende Fropfen, in drei hermetiſch verſchloſſenen, mit 134 rothen Zetteln verſehenen Gefaͤßen.„Mit bie⸗ ſen neuen Waffen,“ rief er voll hoher Freude aus,„kann ich mich ſelbſt an die Verfuͤhrung einer Fuͤrſtin wagen!“ Sein Entzuͤcken beſchraͤnkte ſich indeß nicht allein auf dieſe koſtbare Entdeckung, denn als er ſich gegen ſein Schreibepult wendete, ſahe er eine ſchoͤne ſchwarze Ka⸗ tze, welche ein Halsband mit folgender Auf⸗ ſchrift trug:„Nich verbrennen, meine Aſche ſammeln, wird fuͤr Domparelli der Ring des Gyges ſeyn.“ Man wird ſich, bei dieſer Ge⸗ legenheit erinnern, daß der Ring des Gyges die Eigenſchaft hatte, unſichtbar zu machen, und ſo dem griechiſchen Hirten, der ihn fand behuͤlflich war, die Heerden ſeines Königs zu ſtehlen. Domparelli ging ſchwer daran, dieſen grauſamen Befehl gegen ein ſo ſchoͤnes Thier, das ihm wie eine maͤchtige Fee vorkam, in Ausfuͤhrung zu bringen; allein die Befehle des hoͤlliſchen Zaubers brachten es ſo mit ſich, und mußten mit ehrerbietiger Puͤnktlichkeit vollzo⸗ gen werden. Der Frevler verbrannte demnach die praͤchtige ſchwarze Katze, ſammelte die Aſche in eine Flaſche von Bergkryſtall, welche er zu Folge anderer prophetiſchen Anweiſungen, die er von nächtlichen Erſcheinungen erhalten hat⸗ ſ in ſi enn e — 185 nem Spiegel mit inniger Seelenfrihde zu uͤber⸗ zeugen, daß er voͤllig unſichtbar geworden ſey. Dieſes verbrecheriſche Hingeben an die boͤſen Geiſter erforderte jedoch noch einige an⸗ dere Ceremonien, um ſich den Hof der Syl⸗ phen des Asmodi guͤnſtig zu machen, der als Fuͤrſt der Daͤmonen, Beſchuͤtzer des Laſters, und Schutzgott der Verbrecher verehrt wird. Domparelli faßte daher einige Tropfen von ſeinem Blute in einen Schädel; und ſchrieb auf ein Stuͤck Menſchenhaut, die vom Galgen geſtohlen war, einen fuͤrchterlichen Eid, forthin keiner andern Gottheit zu opfern, ſich vor kei⸗ nen andern Altaͤren, als denen der Hoͤllenmaͤch⸗ te zu beugen; und nachdem er ſo mit lauter Stimme die abſcheulichſten Fluͤche und Verwuͤn⸗ ſchungen ausgeſprochen hatte, ſchloß er ſeinen Vertrag mit dem Satan ab, und erſtickte vol⸗ lends in ſeinem ſchuldigen Herzen die ſchwa⸗ chen Keime der Tugend, welche die Natur hin⸗ ein gelegt haben mochte. Rach dieſem fuͤrchterlichen Vertrage fuͤllte ſich die Luft von neuem mit Schwefelduͤnſten, und blutige Schatten ſtiegen auf, welche in ihrem fluͤchtigen Voruͤberſchweben den Stoͤ⸗ ßen eines meuchelmoͤrderiſchen Dolches auszu⸗ weichen ſchienen; Donnerſchlaͤge fielen von Zeit zu Zeit in dieſes ſchwarze Trauerſpiel, und 186 auch noch, nachdem der Zauber verſchwunden war, blieb ein prächtiger mit Edelſteinen beſetz⸗ ter Dolch zuruͤck, welcher an einem ein⸗ zigen Haare an der Decke des Zimmers auf⸗ gehangen war. Bei dem Anblick dieſes glänzenden Stahls, dieſer in dem ſchoͤnſten Feuer ſtrahlenden Dia⸗ manten, tritt Domparelli naͤher, und zittert vor Freude und Vergnuͤgen. Auf der Klinge dieſes Dolches war mit blutigen Buchſtaben geſchrieben: Dem kuͤhnen Menſchenmoͤrder. „Mir kommt es demnach zu, ihn zu fuhren, „rief er in einem Anfall von raſender Begei⸗ „ſterung aus; und wenn irgend ein Menſch „auf das Scepter der Frevelthaten Anſpruch „machen kann, muß nicht Domparelli ſeine von „der Verfuͤhrung eingeweihten Haͤnde damit „ſchmuͤcken?“— Das Verbrechen hat ſeinen Heroismus, ſeinen Fanatismus, und die unſin⸗ nige Wuth dieſes der Hoͤlle geweihten Verbre⸗ chers erreichte in dieſer Beziehung den hoͤch⸗ ſten Grad von Begeiſterung. Indeß hielt noch eine Art von Ehrfurcht, eine gewiſſe ſchreckhafte Scheu unſern Helden zuruͤck; der bezauberte Dolch war an einem Haare aufgehangen, und dieſes zarte Band ohne Erlauhniß zu zerreißen, ſchien ihm ein Verbrechen gegen den Genius des Boͤſen. Er 187 ſchlaͤgt ſeinen Hoͤllenzwang nach, um die Ab⸗ ſicht ſeiner Schutzgeiſter kennen zu lernen; und auf der Seite, wo vom Vatermord gehandelt wird, lieſ't er folgende Worte:„So wie das „Schwert des Damokles an einem zarten Fa⸗ „den befeſtiget war, um die Gefahren eines „deſpotiſchen Throns anſchaulich zu machen, ſo, „lieber Sohn Domparelli, haben auch die Ver⸗ „brechen ihre ruͤhmlichen Gefahren, und die „Sicherheit eines Meuchelmoͤrders, hängt nur „an einem Haare.— Muth, aber Klug⸗ „heit!“ Domparelli dankte fuͤr dieſen neuen alle⸗ goriſchen Aufſchluß allen Goͤttern des Tänarus, zerriß das ſinnbildliche Haar, und verbarg das bedeutungsvolle Symbol und vorzuͤglichſte Werk⸗ zeug ſeiner kuͤnftigen Frevel, wie einen Schatz in ſeinem Buſen. Nun fehlte ihm nichts mehr, um die Erde zu verheeren, den Menſchen zu ſchaden, und einen Vertilgungskrieg gegen den Genius des Guten zu fuͤhren; hatte er doch die drei Zauberſchalen der Verfuͤhrung, konnte er ſich doch durch eine magiſche Flaſche unſicht⸗ bar machen, und, was noch wichtiger, ſchreck⸗ barer war, als dieſe verderblichen Talismane, war er doch im Beſitz eines moͤrderiſchen Ei⸗ ſens, welches, mit Kraft und mit Geſchicklich⸗ keit gefuͤhrt, das Herz des rechtſchaffenen Man⸗ nes, oder den Buſen einer jungen Schoͤnheit 188 mit gleicher Leichtigkeit zu durchbohren ver⸗ mochte.— Eine einzige ſchmerzhafte Betrachtung ver⸗ giftete Domparelli's Entzuͤcken, der Gedanke nämlich eines moͤglichen Mangels an conſequen⸗ ter Feſtigkeit; denn ſo unwiderſtehlich fortge⸗ riſſen zum Boͤſen er ſich auch fuͤhlte, ſo war er doch, ſelbſt unter den gluͤcklichſten Erfolgen ſeiner Abſichten, fuͤr ſich ſelbſt beſorgt; der Ge⸗ danke an Gewiſſensbiſſe, die Feſſeln eines laͤ⸗ ſtigen Bewußtſeyns, deſſen anklagende Stim⸗ men er fuͤrchtete, erſchreckten ſeinen Geiſt.— Schon ſchien ein nagender Wurm in ſeinen Eingeweiden zu wuͤhlen, welcher wie der Geier des Prometheus, ihm ſelbſt mitten in ſeinen e ſchoͤnſten Triumphen keine Ruhe ließ. Die Er⸗ innerung an den Muttermoͤrder Oreſtes, an die Schlangen der Alekto und Tiſiphone ſchweb⸗ ten ihm vor, und ſchon ſchien ſein Schritt auf der Bahn des Laſters viel von ſeiner erſten vertrauensvollen Keckheit zu verlieren, als er an die Wohlthathen des Asmodi dachte, und ihm in einer neuen Anrufung mit der Bitte nahete, ihn von dem Joche der Gewiſſensbiſſe— zu befreien. Auf dieſe Bitte erhielt er durch eine kläͤgliche Stimme folgende troſtloſe Ant⸗ wort: 189 „fluſſes der Höllenmächte;z hier triumphirt der „Genius des Guten im Herzen des Verbre⸗ „chers!“— Dieſe niederſchlagende Erklärung verſetzte Domparelli auf einige Zeit in eine peinliche Unruhe; indeß gelang es ihm doch bald, dieſe innere Stimme, welche ſelbſt mitten in ſeinen ſchoͤnſten Erfolgen nie erſtickt werden konnte, zu betaͤuben, und er entſchloß ſich nun, ſeine verbrecheriſche Bahn anzutreten, und ſeiner moͤr⸗ deriſchen Beſtimmung zu folgen. Er legte dem⸗ nach ſeine koſtbaren Zaubermittel in eine gol⸗ dene Buͤchſe, ſagte ſich von allen Geſetzen, ja von der ganzen Natur los, und drang ſofort in die Waldgebirge von Ferrara, von wo aus er zu den beruͤhmten, von ewigen Raͤuberban⸗ den durchſtreiften Apenninen gelangte. Wie ein junger Held, deſſen Tapferkeit das erſte Blut im Kriege zu vergießen ungeduldig ſtrebt, ſo war auch Domparelli begierig die Spitze ſei⸗ nes Dolches zu verſuchen.„Welcher Buſen,“ ſo fragte er ſich verwegen,„ſoll die Ehre ha⸗ „ben dieſes fuͤrchterliche Eiſen zuerſt zu färben, „dieſen Stahl, der, von Lucifer ſelbſt geweiht, „in ganz Italien einen unſterblichen Ruf erlan⸗ „gen wird, zuerſt im innerſten Herzen zu fuͤh⸗ „len?— Welches Schlachtopfer wird zuerſt „unter meinen Streichen rauchend bluten?— 190 Bald, ach nur zu bald, bot ſich die Ge⸗ legenheit zur Ausfuͤhrung ſeiner Entwuͤrfe dar. Ein toscaniſcher Graf, Signore Condé de Si⸗ los, war auf einer Reiſe nach Florenz begrif⸗ fen. Ihn angreifen, ihn mit ſeinem geſamm⸗ ten Gefolge erdolchen, war fuͤr unfern Helden die Sache eines Augenblicks; hierauf bemäch⸗ tigte er ſich des Wagens des Ermordeten, leg⸗ te die Kleider und Orden deſſelben an, und befahl ſeinen untergebenen Raubgenoſſen, wel⸗ che er in der Naͤhe einer, in dieſen beruͤchtig⸗ ten Gebirgen liegenden Hoͤhle eilig verſammelt hatte, die Livree der ermordeten Bedienten des Grafen ebenfalls zu nehmen und ihm zu folgen, nachdem ſie die blutigen Koͤrper in einen tie⸗ ſen Schlund geworfen hatten. Dieſe kurze und beſtimmte Art und Weiſe eine Sache abzuthun, dieſer Ton der Ueberlegenheit, welcher durch ſeinen thaͤtigen Geiſt und ſeine herrſchende Kuͤhn⸗ heit vollkommen gerechtfertiget wurde, machten einen ſolchen Endruck auf dieſe Verbrecher der zweiten Claſſe, daß ſie ſich mit einem ſtillen Ge⸗ fuͤhl der Bewunderung den Befehlen des Dom⸗ parelli unterwarfen, und einſtimmig den Dienſt eines beruͤchtigten Partheigaͤngers, Namens Ba⸗ rocal, verließen, welcher ſich einen ziemlich be⸗ deutenden Ruf in dem Gebiet von Bologna er⸗ worben hatte. Domparelli, heimlich eiferſuͤchtig auf einen 191 Nebenbuhler, deſſen großer Ruf ihm anſtoͤß ig war, erkundigt ſich ſcheinbar unbefangen niach dieſem Barocal, um den Schlupfwinkel dieſes Verwegenen zu erfahren. Frantzelli, einer der pfiffigſten von der Bande; nahm es auf ſich ihn in die Naͤhe ſeiner Hoͤhle zu fuͤhren;„aher,“ das bemerkt er dabei,„der Angriff wuͤrde äu⸗ ßerſt gefahrlich ſeyn, denn Barocal zaͤhlt ſech⸗ zig Mordthaten an eben ſo viel Ringen, die er, wie einen Roſenkranz auf der Bruſt traͤgt. Calabrien und das Meer von Tunis, fügt er hinzu, haben keinen beruͤhmteren Raͤuber, und ohne Erfolg verſuchten ſelbſt Linientruppen die⸗ ſe Geißel der Stadt⸗ und Landbewohner zu vernichten. Domparelli aber lachte hoͤhniſch bei die⸗ ſen uͤbelangebrachten Lobeserhebungen, und nach⸗ dem er ſeine Rotte geordnet, und die Aufſicht uͤber ſein Gepaͤck dem ebengenannten Frantzelli anvertraut hatte, marſchirt' er gerades Wegs nach der Hoͤhle des Barvcal, wie ein maͤchti⸗ ger Geiſt, der die ſchwachen Beſtrebungen der Sterblichen verſpottet. Der Kampf war aͤu⸗ ßerſt hartnaͤckig; aber Domparelli blieb Sieger, und nachdem er jedes in der Hoͤhle des Baro⸗ eal befindliche lebendige Weſen niedergemetzelt hatte, ſendete er an den Senat von Mailand den Kopf dieſes beruͤchtigten Raͤubers, in ei⸗ nem mit Gold angefuͤllten Kaſten, nebſt andern unermeßlichen Reichthuͤmern, die man bei dem fen von Silos; hierauf wenbete er ſich nach Modena, unterrichtete ſeine Leute in den Rol⸗ len, die ſie, als ſein anſehnliches Gefolge, zu ſpielen hatten, und beſchloß, ſich einige Zeit in dem blumigen Elemente der Galanterie herum zu treiben, um der Liebe zu opfern, bis ſich die Gelegenheit zu glaͤnzenderen Thaten darboͤte. Wir wollen jetzt ſehen, welchen Gebrauch er von den unwiederſtehlichen Zaubermitteln macht, die er von der Goͤttin der Verfuͤh⸗ rung empfangen hatte. Mit Bedauern wer⸗ den wir wahrnehmen, wie das ſchoͤne Geſchlecht mit ſeinen köſtlichſten Gunſtbezeugungen, mit ſeiner Unſchuld, ſeinem guten Ruf die falſche Liebe eines Ungeheuers, eines ſchlauen Lovelace eines verrätheriſchen Valmont bezahlen muß, während der Boͤſewicht die Zärtlichkeit nur auf der Zunge tragt, und im Innern ſeines Her⸗ zens das Verbrechen auf ſeine, durch die Ro⸗ ſen des Vergnuͤgens ſicher gemachte Beute lau⸗ errn laͤßt. 6 Kaum hatte er ſich zu Modena in den Beſitz eines prachtigen Pallaſtes geſetzt, und denſelben mit der groͤßten Eleganz eingerichtet, als die ausgezeichnetſten Perſonen der Stadt ſich beeilten, ihm ihre Aufwartung zu machen, „ Ueberwundenen fand, alles im Namen des Gra⸗ —— W—— un— n.* V W NM—— 193 und Gluͤckwuͤnſche darzubringen uͤber den Ex⸗ folg ſeines Muthes in Zerſtoͤrung der gefähr⸗ lichſten Boͤſewichter von Toscana. Jeder wuͤnſch⸗ te bey dieſer Gelegenheit die ſchmeichelhaften Briefe zu ſehen, welche er uͤber dieſe große Un⸗ ternehmung vom Senate von Mailand erhal⸗ ten hatte; jeder bewunderte das mit dieſen Briefen begleitete Großkreuz des Ordens der Lombardie, deſſen Decorationen ihm der Fuͤrſt zum Andenken dieſes großen, dem Vaterlande geleiſteten Dienſtes, ertheilte. Nun gab es nichts als Freudenfeſte, große Diners, Mas⸗ kenbälle, und dergl., wo der falſche Graf das Gold mit vollen Haͤnden ausſtreute, und ſich dadurch unter den Damen jenen glaͤnzenden Ruf erwarb, welcher in der Galanterie zu ſo ſchnellen Erfolgen fuͤhrt. Ach, welche Erfolge!— Wenn durch Leicht⸗ ſinn, durch die dem ſchoͤnen Geſchlecht ſo natuͤr⸗ liche Coquetterie, und durch jene Haupttriebfe⸗ der aller zaͤrtlichen Verbindungen, die Eigen⸗ liebe, die Weiber bewogen werden, auf halbem Wege entgegen zu kommen, wenn es Liebes⸗ intriken gilt, verdienen die Ungluͤcklichen fuͤr dieſe Schwachheitsfehler mit ihrem Leben zu buͤßen, und einen Moment falſcher Gluͤckſelig⸗ keit ſo theuer zu bezahlen?— denn verſchie⸗ dene junge ausgezeichnete Schoͤnheiten Mode⸗ nas waren verſchwunden, ohne daß man ſich Blut. Schatt. Zweit. Bd. 13 194 erklaͤren konnte auf welche Art und Weiſe; vor⸗ zuglich hatte der Wirrwarr gewiſſer Masken⸗ balle, welche Domparelli veranſtaltete, zur kuͤh⸗ nen Entfuͤhrung von drei Marquiſen, und von fuͤnf Gräfinnen und adlichen Fraͤuleins die Ver⸗ anlaſſung gegeben, ohne daß die thaͤtigſten Nach⸗ forſchungen der Polizei auch nur die geringſte Spur von dieſem verwegenen Raube entdecken konnten. Frantzelli, der Kammerdiener, oder vielmehr der vertraute Mitſchuldige aller dieſer Gewaltthaten, beguͤnſtigte dieſe Frevel, und wenn die Entfuͤhrung der jungen Schoͤnheit un⸗ vemerkt ſchon geſchehen war, veranſtaltete er die Verkleidung eines ſeiner Genoſſen in eine Frau, waͤhrend drei andere maskirte Vertraute dieſe ſcheinbare Dame auf dem Balle ſelbſt entfuͤhr⸗ ten, ſie vor ſich auf die Pferde nahmen, und ju der Tiefe des naͤchſten Waldes verſchwanden. Durch dieſe Kunſtgriffe täuſchte Dompa⸗ relli das Publikum, und die oͤffentlichen Be⸗ hoͤrden, welche ohnehin ſchon weit entfernt wa⸗ ren, auf die Unbeſcholtenheit ſeines Charakters auch nur den geringſten Argwohn zu werfen; die wahre Thatſache aber iſt, daß unſer Unge⸗ heuer mit den blutigen Schatten dieſer Ungluͤck⸗ lichen, die er lachend ſeine Muſen nannte, ſei⸗ nen Apollotempel meublirte— das iſt ſein eig⸗ ner Ausdruck— und um die goͤttliche Ver⸗ ſammlung zu ergaͤnzen, fehlte ihm nur noch die e 8 e e———— ¹ e — n — ie 195 gelehrte Urania: das war nämlich die junge Graͤfin von Cardini, welche das Schlachtopfer ſeiner grauſamſten Nachſtellungen werden, und die Gallerie dieſes blutigen Muſeums vollſtaͤn⸗ dig machen ſollte. Der Leſer iſt wahrſcheinlich begierig auf die Beſchreibung dieſer Thebaide, dieſes Harems des Todes, in welchem Dompa⸗ relli, ein neuer Raoul, die ungluͤcklichen Gelieb⸗ ten, welche in ſeine Schlingen gefallen waren, nach ihrer Ermordung aufſtellte.— Wir wol⸗ len ſeine Neugierde befriedigen. Unter den Gewoͤlben ſeines Pallaſtes be⸗ fand ſich ein den Strahlen der Sonne unzu⸗ gaͤnglicher Keller, welchen Domparelli ſelbſt, von ſeinem vertrauten Diener unterſtuͤtzt, ausge⸗ ſchmuͤckt hatte, indem er alles, was der Luxus an koſtbaren Verzierungen nur immer ausden⸗ ken kann, dahin verſetzte, und es an Bädern, duftenden Grotten, und andern wolluſtathmenden Einrichtungen nicht fehlen ließ. In einem ſei⸗ ner Zimmer hatte er eine Fallthuͤr angebracht, wohin er das Schlachtopfer zu locken verſtand, welches ſich dann, wie auf einer ſanften Schau⸗ kel hinuntergezogen fuͤhlte in die Mitte eines von tauſend Lichtern erhellten bezaubernden Ge⸗ machs. Kein Widerſtand, kein Geſchrei, keine Klage konnten hier etwas fruchten; eine Hand von Eiſen, beugte das zarte weibliche Weſen, unter die unbedingte Nothwendigkeit, einem 13* 196 ehrloſen Verfuͤhrer in die Haͤnde zu fallen, der erſt ihre Unſchuld toͤdtete, und dann wenn der Reiz der Neuheit ihn nicht mehr feſſelte, mit ihrem Blute ſeinen moͤrderiſchen Geſchmack be⸗ friedigte!—„Die Todten raͤchen ſich nicht mehr,“ das war Domparelli's abſcheuliche Maxi⸗ mez„ihr Schweigen iſt ewig, und laͤßt keine Entdeckung fuͤrchten.“ Die ſinnreiche Verfuͤhrungsart, welche ſich der Verruchte zu ſeinem abſcheulichen Vergnuͤ⸗ gen ausgedacht hatte, beſtand darin, daß er die unſchuldigen Schlachtopfer in ein Bad von RMilch ſetzte, und mit einem fuͤrchterlichen Dolchſtoß auf dieſe blendend weiße Fluth, die purpurnen Blutbaͤche der zaͤrtlichen Herzen rieſeln ließ.— ie Natur ſchaudert bei ſolchen unerhoͤrten Gräueln, und nur die Hoͤlle, welche im Herzen unſers Helden ihre Wohnung aufgeſchlagen hatte, konnte ſolche ungeheure Gedanken eingeben. Schon war er bei ſeinem achten Opfer; ſchon ſage ich, waren acht Badewannen, oder vielmehr acht blutige Saͤrge in einem amphitheatraliſchen Halbkreiſe geordnet, um aus dieſem Badegemach einen Aufenthalt des Schreckens und Entſetzens zu macheh, ſo wie dadurch Trauer und Verzweif⸗ in den Familen Modenas, die durch die⸗ ſen Räuber ihrer liebſten Verwandten waren beraubt worden verbreitet wurde,— aber er 4 wollte durchaus den himmliſchen Hof des Apollo vollſtaͤndig haben, und ſeine ehrgeizigen Blicke hatten ſich zu der obenerwaͤhnten Graͤfin Car⸗ dini erhoben. Das Unternehmen war nicht leicht; zwar gingen der Graͤfin, als junger Wittwe, die heilſamen Winke und der Beiſtand eines Gatten ab, aber dafuͤr beſaß ſie einen ungewoͤhnlichen Scharfſinn. Die erheuchelte Sanftmuth Domparelli's, ſein geordneter Geiſt wenn ich mich dieſes Ausdrucks bedienen darf, ſeine erkuͤnſtelte Empfindſamkeit, und der un⸗ beſcheidene Andrang ſeiner Leidenſchaft gefielen ihr ſo wenig, daß ſie dadurch vielmehr beſorgt gemacht wurde; die Zuͤge des Verbrechens, wel⸗ che ſie unter den Eindruͤcken verfuͤhreriſcher Luͤ⸗ ſternheit zu entdecken glaubte, hatten ihren fruͤ⸗ hern Verdacht nur noch mehr aufgeſchreckt; vergeblich ſetzte daher Domparelli bei ihr alle nur erdenkliche Verfuͤhrungskuͤnſte in Bewegung, ohne Erfolg wurden glaͤnzende Feſte herrliche Gaſtmahle veranſtaltet, um ſie auf den Boden ſeiner verraͤtheriſchen Fallen zu locken; die Grä⸗ fin hatte eine zu tiefe Ahnung von einem, im dunkeln Schooße der Zukunft verborgenen Miß⸗ geſchick, um nur das Gexingſte auf den Zufall zu wagen; und wenn ſie in der Folge Beſu⸗ che von Domparelli erhielt, ſo brauchte ſie im⸗ mer die Vorſicht, ihre Leute zu bewaffnen, und in nahen Gemaächern insgeheim auf die Lauer zu ſtellen. 198 Domparelli nahm bei dieſem unerwarteten Widerſtande ſeine Zuflucht zu den rothen Scha⸗ len der Verfuͤhrung; dieſe Zaubermittel thaten keine Wirkung, und zum erſten Male trafen ſeine Liebestraͤnke auf Hinderniſſe. Betroffen uͤber dieſen Mangel an Wirkſamkeit, beklagte er ſich daruͤber ehrfurchtsvoll bei ſeinen Schutz⸗ geiſtern, und bat ſie, mit dem magiſchen Dol— che in der Hand ſich vor ſeinem Hoͤllenzwan⸗ ge knieend hinwerfend, ihn zu belehren, wenn er in ſeinem Dienſte irgend ein wichtiges Ge⸗ heimniß vernachläſſigt haͤtte. Bei dieſen neuen Anrufungen uͤberzog ſich die Decke ſeines Zim⸗ mers mit Feuer und ſchwarzgrauen Wolken; keine guͤnſtige Stimme erſcholl; aber unter Gal⸗ gen und Blutgeruͤſten ſah Domparelli die un⸗ verſöhnliche Themis, mit der Wage in der Hand, begleitet von der Iſis, ihrer treuen Fuͤh⸗ rerin mit drohenden Bewegungen an ihm vor— uͤbergehen, indem ſie folgenden fuͤrchterlichen Spruch in einem beſchriebenen Zettel auf den Fußboden fallen ließ:„Kein Vertrag mit dem Laſter!“ S „ Seit dieſem ungluͤcklichen Zeitpunkte be⸗ maͤchtigte ſich eine ungewohnte Unruhe ſeines Geiſtes; ein Richterſtuhl, ein Richter, ein An⸗ klaͤger traten vor ſeine Phantaſie, und ſein Herz fuͤhlte ſich von fruchtloſer Reue zerriſſen. Sogar ſein Pallaſt erſchreckte ihn, und ſo oft 199 er uͤber die moͤrderiſchen Fallthuͤren, welche zu den acht blutigen Muſen fuͤhrten, hinging, kam es ihm vor, als wenn die Eumeniden, in glei⸗ cher Anzahl ihn mit ihren Schlangenpeitſchen verfolgten; haͤufig wandelten ihm ſelbſt in ſol⸗ chen Anfaͤllen von Todesangſt Ohnmachten anz der kalte Schweiß des Verbrechens bedeckte ſei⸗ nen zitternden Korper mit eiſigen Tropfen; ſei⸗ ne Haare ſträubten ſich empor; alle ſeine Ein⸗ geweide zuckten vor Entſetzen, und ſein Herz, von Gewiſſensbiſſen durchwuͤhlt, unterlag der fuͤchterlichſten Hoͤllenangſt.— Vergeblich ſtellte ihm Frantzelli die Ge⸗ fahr vor, die aus dieſer kindiſchen Kleinmuͤthig⸗ keit erwachſen koͤnnte; Domparelli, verlaſſen von dem Genius des Boͤſen, haͤlt ſich fuͤr ver⸗ loren, und ſchreitet nur mit furchtſamen Schritt auf der Bahn des Verbrechens vorwaͤrts. Seine Ahnungen von Gefahr waren nur zu gut gegruͤndet. Der wahre Graf von Silos, welchen Domparelli in einen tiefen Abgrund der Apenninen hatte werfen laſſen, in der Ueberzeugung, daß die verdoppelten Streiche ſeines Dolches ihm den Lebensfaden durchſchnit⸗ ten hatten, war ſo gluͤcklich geweſen, trotz des vielen Blutverluſtes aus zwanzig offnen Wun⸗ den, ſeine Augen dem Tage wieder zu oͤffnenz denn keine der Wunden war toͤdtlich. Mit An⸗ ſtrengung ſeine erſchoͤpften Lebensgeiſter empor richtend, verſucht er den letzten Reſt ſemer Kraͤfte, um aus dem Abgrunde heraus zu kom⸗ men, wo er auf den biutigen Koͤrpern ſeiner Leute lag, und durch Huͤlfe einiger Geſtrauche und hervorſpringender Steine gelingt es ihm, ſich aus dem Schlunde empor zu winden, und ſich auf die durch dieſe Gebirge fuͤhrende Heer⸗ ſtraße hinzuſchleppen Hier finden ihn Tosca⸗ niſche Landleute, welche ſich ihm huͤlfreich na⸗ hen, ihn mit einem Mantel bedecken, und auf einer, aus dem nächſten Dorfe geholten Trag⸗ bahre nach Florenz befoͤrdern, wo ſein ploͤtzli⸗ ches Verſchwinden eben alle Gemuͤther beſchaͤf⸗ tigte. Die Fabel des Betruͤgers, welcher zu Modena den Namen und die Ehrenzeichen des Grafen angenommen hatte, war ebenfalls der Gegenſtand aller geſellſchaftlichen Geſpraͤche. Die Ruͤckkehr des verwundeten Grafen begeg⸗ nete demnach allen dieſen von dem Betruͤger Domparelli verbreiteten falſchen Nachrichten mit der ſiegenden Kraft der Wahrheit. Der wahre Graf von Silos befand ſich zu ſchlecht, um faähig zu ſeyn, die Mittheilun⸗ gen aufzunehmen, die ihm in dieſer Beziehung ah angingen; bloß die Aerzte hatten das Recht ſich dem Pallaſte des Kranken zu nahen, und dieſe waren lange Zeit auf weiter nichts bedacht, als ſeine vollkommene Heilung zu be⸗ 201 gruͤnden. Erſt nach zwei ſorgenvoll verbrach⸗ ten Monaten eröffnete man ihm, daß ein unver⸗ ſchämter Betruͤger ſich zu Modena mit ſeinen Wuͤrden bekleidet, und ſich noch uͤberdies im uebermaß der Keckheit, die Ehre zugeeignet habe, der Ueberwinder und Vertilger des grau⸗ ſamſten Banditen Toscana's zu ſeyn. Man erwaͤhnte ferner der Belohnungen, welche ſein falſcher Stellvertreter vom Fuͤrſten erhalten, und was die oͤffentlichen Blaͤtter daruͤber be⸗ richtet hatten. Nach dieſem ſeltſamen Bericht, kommt es dem Grafen von Silos, der nach⸗ denkend alle Umſtaͤnde zuſammen haͤlt, hoͤchſt wahrſcheinlich vor, daß es ſein Moͤrder ſey, welcher ſeine, nun leer geglaubte Stelle verwe⸗ gen eingenommen habe.„Die Gleichfoͤrmigkeit ſeines Alters, ſeiner Leibesbildung mit der mei⸗ nigen,“ ſagt er bei ſich ſelbſt,„wird dieſe ab⸗ ſcheuliche Erfindung vorzuglich beguͤnſtiget ha⸗ ben.“ Er brennt daher vor Verlangen ſich zu den oͤffentlichen Behoͤrden von Modena zu begeben, um ihnen den Betrug zu enthuͤllen. Alle ſeine Freunde nehmen Theil an ſeinen Abſichten, laſſen ihm jedoch bemerken, daß man gegen einen Menſchen von dieſem Schlage mit der aͤußerſten Behutſamkeit und Geſchicklichkeit zu Werke gehen muͤſſe. Der Genius des Guten, billig erzuͤrnt uͤber die gluͤcklichen Erfolge ſeines abgeſagteſten Fein⸗ 202 des, war es demnach, welcher in dieſer Lage der Dinge ſchon unter der Hand beſchaͤftiget war, ſeine Rechte zuruͤck zu fordern, welch von Verbrechern zwar zuweilen auf Momente uſur⸗ pirt, aber nie zerſtoͤrt werden koͤnnen Beun⸗ ruhigt durch die haͤufigen vom Laſter und Ver⸗ brechen verurſachten Leiden hatte dieſer goͤttli⸗ che Genius, deſſen heilige Altaͤre nie von den Menſchen verlaſſen werden ſollten, ſeine himm⸗ liſche Schweſter die Tugend aufgeſucht, und auch Themis, die maͤchtige Beſchuͤtzerin derſel⸗ ben auf Erden, war zu dieſer Zuſammenkunft eingeladen worden, um vereint den Zuͤgelloſig⸗ keiten des unverſchaͤmteſten aller Verbrecher Einhalt zu thun. Das Ergebniß dieſer goͤttli⸗ chen Conferenzen war: die faſt wunderbare Zuruͤckkehr des Grafen zum Leben, die Unwirk⸗ ſamkeit der Talismane der Verfuͤhrung, und die raͤcheriſchen Gewiſſensbiſſe, welche Tag und Nacht den Buſen unſers Helden zerriſſen. Die Sterblichen, welche ſo gewoͤhnlich im⸗ mer nach eignen Antrieben und Zwecken zu handeln waͤhnen, ſind demnach bloß die blinden Werkzeuge in der Hand unſichtbarer Geiſter, welche ſowohl in ihre gute als boͤſe Handlun⸗ gen Einfluß haben; es jſt folglich unſere Pflicht dieſen hoͤhern Eingebungen, dieſem goͤttlichen Gewiſſen zu folgen, in welchem Gott die Tu⸗ gend mik dem Lichte des Himmels erleuchtet, ——.—— ——— — 203 und uns nicht verblenden zu laſſen durch die täuſchende Zaubermacht des boͤſen Genius. Aber wir verlaſſen dieſe Allegorieen, um das Betra⸗ gen des Domparelli zu beobachten. Der Graf von Silos hatte ſich, ſeinem Entſchluſſe gemaͤß, mit einem guten Gefolge, heimlich nach Modena begeben, und daſelbſt im Theater ganz genau ſeinen Moͤrder erkannt. Nachdem er daher bei dem Großrichter eine foͤrmliche Anklage mit allen Umſtänden des an ihm in den Apenninen verſuchten Mordes nie⸗ dergelegt hatte, wartete derſelbe es ruhig ab, bis die Juſtiz alle ihre Vorkehrungen getroffen haben wuͤrde, um Domparelli und ſeine Rit⸗ ſchuldigen, mit Vermeidung alles Blutvergie⸗ ßens von Seiten der zu dieſem gefährlichen Geſchaͤft noͤthigen Menſchen, zu ergreifen. End⸗ lich nach vielen geheimen Sitzungen wurde be⸗ ſchloſſen, die muthige Graͤfin von Cardini in die Mitwiſſenſchaft zu ziehen, und ſie zu erſu⸗ chen, daß ſie zur Feſtnehmung des unverſchaͤm⸗ ten Raͤubers nach beſten Kräften beitragen moͤchte. Sie entſagte demnach, in dieſen Zweck eingehend, nach und nach ihrer ſtrengen, Ehr⸗ furcht gebietenden Zuruͤckhaltung, welche ſie bis⸗ her gegen ihn in ſeinen Beſuchen hatte blicken laſſen; ihre ſchoͤnen faſt einwilligenden Augen ſchienen ihm zu ſagen, vaß ihre ſchwache Stun⸗ de bald ſchlagen wuͤrde, und da Domparelli 204 immer zudringlicher wird, ſo giebt ſie endlich ihre Einwilligung zu einem Rondezvous, und zwar in der ſtillen Stunde der Ritternacht, deren Dunkelheit der Liebe ſo guͤnſtig iſt, in⸗ dem ſie die Gegenwart eines gluͤcklichen Liebha⸗ bers erlaubt, ohne daß ſie ſelbſt dabey zu fuͤrch⸗ ten hat, dem Verdachte ihrer Dienſtleute aus⸗ geſetzt zu ſeyn. Dieſer ſchreckliche Moment, welcher fuͤr im⸗ mer den Genius des Guten rächen ſoll in der Perſon ſeines eifrigſten Feindes, dieſer koͤſtliche Moment, nach dem Wahne des Domparelli, wo ſeine grauſamen Blicke ſich zu weiden gedenken an dem blutigen Anblick der ſchoͤnſten Frau, iſt nun gekommen.— Welches Gluck! welche Won⸗ ne. Dieſes letzte Opfer entſpricht nicht allein ſeinen geheimen Abſichten, wodurch die Thätig⸗ keit ſeines Gewiſſens uͤbertaͤubt wird; ſondern er erhält dadurch zugleich einen Maßſtab zur Beſtimmung der Wirkſamkeit ſeiner Zaubermit⸗ tel, und er kann nun daraus abnehmen, mit welcher Sicherheit auf die Kraft ſeines Ver⸗ trags mit der Hoͤlle zu rechnen iſt. Er beweiſ't daher die genaueſte Puͤnktlich⸗ keit bei dieſem zärtlichen Stelldichein: mit Hül⸗ fe einer Blendlaterne durcheilt er einen langen Gang, welcher zum Gemach der Graͤfin fuhrt, und waͤhrend er ſo mit leiſen Schritten vor⸗ ————————————— 5 — 205 waͤrts eilt, fuͤhlt er eine weiche Hand, welche die ſeinige ergreift, um ihn geheimnißvoll durch die Dunkelheit zu leiten. Endlich verſchwindet die Perſon, welche ihn fuͤhrte, und er ſteht ne⸗ ben einem roſenfarbenen Sopha, auf welchem unſere ſchoͤne Heldin ruhete, leicht umhuͤllt mit einem langen faltigen Gewand von Mouſſelin, welches mit goldnen Borden und feinen Per⸗ len reich beſetzt war. Zur Erklaͤrung gewiſſer nachher vorkom⸗ mender Umſtaͤnde, macht es ſich noͤthig zu be⸗ merken, daß dieſes Sopha, eine Art von Lie⸗ besbett, auf einer Eſtrade etwas hoch ſtehend, abſichtlich ſehr ſchwach, gleichſam nur mit Halb⸗ ſchatten erleuchtet war, indem die Lichter mit einer dreifachen Gaze umhuͤllt, nur bleiche und ungewiſſe Schatten auf die Gegenſtaͤnde war⸗ fen; auch ſchloß eine halbzirkelfoͤrmige Gallerie, aus Feſtons von Myrten und Weinlaub gebil⸗ det, das Sopha ein, wodurch man gehindert“ wurde der Gräfin von Cardini ganz nahe zu kommen. In der Folge dieſer Geſchichte wird ſich das Motiv dieſer geheimnißvollen Vorſichts⸗ maßregeln ergeben. Bei dem Anblick dieſes reizenden Gegen⸗ ſtandes, dieſer halbentbloͤßten Reize, dieſes Bu⸗ ſens, der den Alabaſter an Weiße beſchämte, fuͤhlte ſich Domparelli, faſt von wahrer Liebe 206 angezogen; aber bald kamen ihm ſeine erſten unmenſchlichen Entwuͤrfe wieder in die Gedan⸗ ken, er erinnerte ſich an das, was er der Ehre ſeiner hoͤlliſchen Geluͤbde ſchuldig war, und er⸗ ſtickte in ſeiner Seele alles Gefuͤhl der Liebe und der Zärtlichkeit, um, wie ein zweiter Othello nur den Durſt nach Blut, und Mordluſt darin herrſchen zu laſſen. Weit entfernt alſo, wie ein gewoͤhnlicher Liebhaber, zu geluͤſten nach den Seufzern der Liebe, nach dem Schwelgen auf einem Buſen, wie aus Elfenbein gedreht, der zum zärtlichſten Hingeben einlud, gedachte er vielmehr, als verwegener auf die Bahn der groͤßten Verbrechen geſchleuderter Boͤſewicht, ſich, nach ſeinen fürchterlichen Grundſätzen, zu verewigen durch die entſetzlichſte That, die ein Sterblicher begehen kann. In dieſem Augenblicke ſtammelte die Graͤ⸗ ſin mit ſchmachtender Stimme die letzten Lau⸗ te ihres ſanften Widerſtandes, und indem ſie den Arm, vermoͤge einer kuͤnſtlich ange⸗ brachten Feder, ausſtreckte, um ihm einen diamantenenen Ring und eine entblaͤtterte Ro⸗ ſe zu reichen, ſprach ſie ſanft:„Dieſe Sinnbil⸗ der moͤgen die Pfänder unſerer ewigen Liebe ſeyn.“ Dieſe Roſe enthielt eine betaͤubende Fluſſigkeit, welches unſer Held ſogleich bemerk⸗ te; denn wenn auch der Genius des Boͤſen ihn zuweilen im Stiche ließ, ſo hatten doch die ge⸗ 207 woͤhnlichen Mittel der Liſt und Verfuͤhrung kei⸗ ne Gewalt uͤber ihn, indem er immer mit fei⸗ nem Dolche und ſeinem Zaubermitteln bewaffnet war. Wuͤthend bei dem bloßen Gedanken, daß die Graͤfin ihn habe betruͤgen, und in verräthe⸗ riſchen Abſichten ſeine Sinne betäuben wollen, ſtuͤrzt er ſich ohne weiteres vorwaͤrts, zerreiſ't die Einfaſſung von Blumen, zuckt ſeinen Dolch und ſtoͤßt ihn mit wiederholten Streichen in den Buſen der Graͤfin, während die aus zwan⸗ zig Wunden emporſpringenden Blutquellen ihn bedecken. In ſeiner blinden Wuth faͤllt es ihm nicht auf, daß er ſo wenig Widerſtand findet, und daß die Geſtalt der Graͤfin die er ſo bar⸗ bariſch erdolchte, bei der groͤßten Ruhe nicht einmal die Farbe des Geſichts veraͤnderte, un⸗ geachtet ihre Bruſt mit toͤdtlichen Wunden durchbohrt war. Aber wie groß war ſein Er— ſtaunen, als er bei naͤherer Unterſuchung der Perſon, die er in der uͤberall herrſchenden wol⸗ luͤſtigen Dämmerung nur undeutlich wahrgenom⸗ men hatte, ſich uͤberzeugte, daß er nur eine Frau von Wachs erſtochen hatte, nämlich das vollkommen ähnliche Bild der Gräfin Cardini, fuͤr welches dieſe geſprochen und geantwortet hatte, indem ſie ſich verborgen befand hinter einem Spiegel ohne Folie, welcher unter ſeide⸗ nen Vorhaͤngen halb verſteckt, und abſichtlich nur ſchwach erleuchtet war. Die ganze Ein⸗ richtung dieſer kuͤnſtlichen Perſon beguͤnſtigte 208 die Tauſchung, und um dieſe noch zu verſtaͤr⸗ ken, enthielt der Buſen dieſer Wachsfigur ei⸗ nen mit Thierblut angefuͤllteu Schlauch, wo⸗ durch unſer Held in ſeinem Irrthume beſtaͤrkt wurde. Bei dem gluͤcklichen Erfolg dieſer ſinnrei⸗ chen Taͤuſchung ſtieß die Graͤfin ein Freuden⸗ geſchrei aus, und gab damit den Polizeyperſo⸗ nen und Soldaten, die man in den anſtoßenden Zimmern verborgen gehalten hatte, das Zeichen vereint hervor zu ſtuͤrzen und ſich auf Dom⸗ parelli zu werfen. Die Gefahr unſers Helden war ſonder Zweifel eben ſo drohend, als der ihm geſpielte Streich unerwartet war. Wie ſollte er ſich gegen zwanzig Menſchen vertheidigen, welche, den rächenden Grafen von Silos an ihrer Spitze, mit erhobenen Schwertern, mit geſpann⸗ ten Piſtolen in den Haͤnden, Feuer und Flam⸗ men ſpruͤhten, um ſein Leben von allen Seiten zu bedrohen?— Aber Domparelli, deſſen ungemeine Tapferkeit „In der Gefahr erſt glaͤnzt, erſt ſtrahlt im harten Streit,“ hat ſich nicht ſo bald uberzeugt, daß ſeine Ret⸗ tung nur von ſeinem Muthe abhaͤnge, als er ſich wie der Daämon der ihn beſaß auf ſeine Fein⸗ 209 de ſtuͤrzt, und verſchiedene erſticht. Hierauf ſchleuderte er in die Mitte der Angreifenden eine kuͤnſtlich zubereitete Buͤchſe, welche platzte, und die groͤßte Finſterniß verbreitete, indem durch die Exploſion alle Lichter verloͤſchten; und mit Huͤlfe dieſer und anderer Gaukeleien ſeiner ſchwarzen Kunſt, gelang es ihm aus dem Pallaſte der Graͤfin zu entwiſchen waͤhrend ſei⸗ ne Feinde daſelbſt in dumpfem Erſtaunen mit langer Naſe ſtehen bleiben. Kaum iſt er zu Haufe angekommen, als er Frantzelli von den Gefahren in Kenntniß ſetzt, worin er ſich befunden; es war kein Au⸗ genblick zu verlieren, und unter den Winken, die ihm Lucifer giebt, iſt auch der Rath, in ſei⸗ nen Angelegenheiten mit der groͤßten Schnellig⸗ keit zu Werke zu gehen. Domparelli laͤßt ſo⸗ gleich die Pferde ſatteln, packt die beſten Koſt⸗ barkeiten in Mantelſaͤcke, und macht ſich mit ſeiner Bande, welche vom Volke nachher die ſchwarze Bande von der Wachsfrau ge⸗ nannt wurde, in der groͤßten Schnelligkeit aus dem Staube. Hier ſeufzte Themis uͤber die Unzulaͤng⸗ lichkeit ihrer Verſuche; die Hoͤlle aber lachte, und verdoppelte ihre Anſtrengung, um die Macht der Goͤttin zu ſchwächen. Domparelli trium⸗ phirte, und ſtattete ſeinen Goͤttern,— denn Blut. Schatt. Zweit. Bd. 14 210 er war jetzt unempfindlich gegen die Stimme des Gewiſſens,— ſeinen Dank ab, füͤr ihren gnaͤdigen Beiſtand. Rachdem er ſich mit ſeiner kleinen Rotte in die Schluͤnde von Cagliari vertieft, und in unzugaͤngliche Hoͤhlen eingehauen hatte, hielt er einen Rath, worin beſchloſſen wurde, daß man in Neapel ein Mitverſtaͤndniß unterhalten, auch ſich eines in der Naͤhe liegenden alten, von einem achtzigjaͤhrigen Herrn bewohnten Schloſ⸗ ſes bemaͤchtigen, und die Zugaͤnge zu denſelben ſo ſchwierig machen muͤſſe, daß dieſe Burg nur mit Kanonen und durch eine regelmaͤßige Bela⸗ getung zu erobern ſey. Domparelli verſicherte, daß er es auf ſich nehme, das Schloß zu be⸗ zaubern, und brachte es durch ſeine Redekuͤnſte und Marktſchreiereien ſo weit, daß ſeine Leute ſelbſt uͤberzeugt wurden, daß irgend ein mäch⸗ Geiſt der Hoͤlle in ihm wohne. Alles, was Leben hatte auf beſagten Schloſſe, wurde ermordet, die Leichname in die tiefen Gräben geworfen, und die Zugaͤnge und⸗ Außenwerke der Burg mit taͤuſchenden Gaukel⸗ werken und Zaubereien aller Art angefuͤllt; nicht mehr als vier und zwanzig Stunden brauchte unſer Räuberhauptmann zu allen die⸗ ſen Verrichtungen. Die erſten Monate vergin⸗ gen unter Raͤubereien und ſchrecklichen Mord 211 angriffen auf beruͤhmte Reiſende, indem ſelbſt Fuͤrſten und Geſandte, als Opfer des verweg⸗ nen Frevlers fielen, ja der Schrecken ſo wie der Aberglaube des gemeinen Volks war ſo groß, daß man es allgemein fuͤr unmoͤglich hielt, den magiſchen Streichen des diamantenen Dolches, welchen der Zauberer von der ſchwar⸗ zen Bande fuͤhrte, zu widerſtehen. um dieſen fanatiſchen Wahn zu befeſtigen, ließ Domparelli dieſen glänzenden Dolch auf einem der hoͤchſten Thuͤrme ſeines Schloſſes an eine Laͤrmſtange befeſtigen, und ein friſch ab⸗ geſchnittener blutiger Menſchenkopf, welcher ne⸗ ben jener Stange aufgeſteckt war, trug eben⸗ falls dazu bei, denen, welche bei nächtlicher Weile unwillkuͤhrlich in dieſe Nähe kamen, ei⸗ nen Todesſchrecken einzufloͤßten. Domparelli, nur das Ungeheuer Domparelli war ſolcher verruchten Erfindungen faͤhig. Der Genius des Boͤſen laͤchelte beifällig auf dieſe Frevel ſeines Guͤnſtlings herab, und ſetzte ihn ſchon in die erſte Klaſſe der beruͤchtigſten Raͤuber Italiens und Spaniens. Unſer Held zählte wirklich ſchon 70 von eigner Hand veruͤbte Mordthaten, nicht zu gedenken der abſcheulichen Ausſchweifungen ſeiner Wolluſt; und um die Beweiſe ſeiner ſchändlichen Thaten immer vor Augen zu haben, riß er jedem ſeiner Schlacht⸗ opfer ein Auge aus, das er g ein, hinter 147* dem Kopfkiſſen ſeines Bettes angebrachtes Brett von Ebenholz befeſtigte, welche Linie oder Guir⸗ lande von Augen eine graͤßliche Verzierung ſeines geheimen Gemachs bildete. Unter andern ſchreckbaren Zuͤgen der Grau⸗ ſamkeit erwaͤhnen wir nur folgender Unterneh⸗ mung. Einſt wurde Domparelli durch ſeine in Neapel aufgeſtellten Spione unterrichtet, daß eine gewiſſe ſchoͤne Dame, Namens Laura mit ihrem jungen Gatten, Giacomelli genannt, der als Oberſter bei den Dragonern der Koͤnigin ſtand, nach Rom abgereiſ't wäre; ſogleich be⸗ ſchtießt er ſich auf dieſe koſtbare Beute zu ſtür⸗ zen. Es hatte auch wirklich keine Schwierig⸗ keiten fuͤr ihn, dieſe zarte Schoͤne aus ihrem Reiſewagen zu reißen, nachdem er den ungluͤck⸗ lichen Gatten ſcheinbar todt in ſeinem Blute liegend, auf dem Boden zuruͤck gelaſſen. Laura, empoͤrt uͤber die Antraͤge Domparellis zog den Tod jeder andern Lage vor, und durch eine ſeltſame Schickung, fuͤhlte Domparelli zum er⸗ ſten Male die Gewalt der Liebe. Ohne Erfolg wurden Bitten, Drohungen, Verſprechungen bei der Beſiegerin ſeines Herzens in Anwendung gebracht; Laura hatte nur eine Antwort auf alles, das Wort Tod nämlich, und konnte den bluttriefenden Moͤrder ihres Gatten niemals ohne Entſetzen anſehen. „ ——— 213 Es wuͤrde indeſſen für Domparelli ein Leichtes geweſen ſeyn, das mit Gemalt zu er⸗ halten, was er nur einer freien Einwilligung verdanken wollte; aber,— und zwar nur in die⸗ ſem einzigen Falle— der Gedanke des Zwangs und der Brutalität empoͤrte ſeinen Geiſt. Die geehrte, angebetete Laura bekam ein eignes Zimmer, wovon ſie den Schluͤſſel beſaß, und warſonach frei und unabhaͤngig in ihren Hand⸗ lungen, in welcher zwangloſen Lage ſie nicht umhin konnte, die wunderbare Gewalt der Lie⸗ be heimlich zu bewundern, indem dadurch ſo⸗ gar das Herz des wildeſten Menſchen Italiens erweicht wurde. Sie war ubrigens ein Weib, und ſo widrig ihr auch dieſe Huldigung vor⸗ kam, ſo war dieſelbe doch an ihre Eitelkeit ge⸗ richtet, und die Eitelkeit, man mag es mir ver⸗ geben, weiſet bei dieſem Geſchlechte ſelten ein Opfer zuruͤck, wäre es auch noch ſo ſeltſam. Aber auf der andern Seite, wie hätte Laura, deren Herz von einer regen Leidenſchaft fur einen jungen ſchönen Gatten erfuͤllt war, dieſen in den Armen eines Moͤrders vergeſſen können? Gegen eine ſolche Forderung mußte ſich ihre Ehre ihr Gefuͤhl ſträͤuben; Dompa⸗ relli mußte daher ohne Hoffnung ſchmachten und ſeufzen, und dieſer rohe Moͤrder, welcher den toͤdtlichen Stahl in den Buſen der liebens⸗ würdigſten Frauen geſenkt hatte, vergoß zum 214 erſten Mal Thraͤnen, warf ſich bittend auf die Knie, und ließ ſeine Gefaͤhrten uber ſeine weich⸗ liche Schwaͤche erroͤthen. Während unſer neuer Seladon zu den Fuͤßen der unempfindlichen Laura ſich ohne Er⸗ folg in ungewohnten Liebesflammen verzehrte, war der Marcheſe Giacomelli von ſeinen leich⸗ ten Wunden wieder hergeſtellt worden, und nachdem er alles aufgeboten hatte um das laue Gouvernement zur Rache gegen den verbreche⸗ riſchen Domparelli zu begeiſtern, nachdem er zu dieſem Zwecke die in ſeinem Pallaſt zu Mo⸗ dena, und an den Grafen von Silos begange⸗ nen Schandthaten des Erzräubers in ein hel⸗ les Licht geſetzt und noch tauſend andere fluch⸗ wuͤrdige Frevel in Erwägung gebracht hatte, marſchirte er an der Spitze von 200 Mann Fußvolk und 150 Reiterei gegen das Zauber⸗ ſchloß, in der Ueberzeugung, daß es ihm mit dieſen Streitkräften ein Leichtes ſeyn werde, nicht allein Domparelli und ſeine Rotte, ſon⸗ dern auch das Schloß von Grund aus zu zer⸗ ugtzitet berennt er alle Auegaͤnge die⸗ ſer Räuberhöhle, und ſtellt ſeine Poſten ſo, daß nichts entſchluͤpfen kann; ſodann läßt er an einem der hoͤchſten Baͤume des Waldes eine Fahne befeſtigen, auf welcher man dieſe Worte ——,— 215 deuttich leſen kann: Liebe und Hoffnung. Dieſe tröſtliche Schrift war beſtimmt fuͤr die unglückliche Laura, welche ſie aus ihren Fenſtern erblicken, leſen und daraus mit inniger Freude die Nähe ihres muthigen Gatten ſchließen konn⸗ te. Der Marcheſe verlor keinen Augenblick und war Tag und Nacht in Thaͤtigkeit, um ſeinen Sieg zu ſichern und den theuern Gegenſtand ſeiner Liebe aus den Haͤnden eines Boͤſewichts zu erobern. In dieſer beunruhigenden Lage verſam⸗ meln ſich alle Raͤuber in dem Saale des Mords um Domparellis Lehnſtuhl herum, umfaſſen ſei⸗ ne Knſe, und verlangen, von einem ploͤtzlichen Schrecken ergriffen, ſeine Befehle, indem ſie ihn als ihre einzige Stuͤtze betrachten⸗ In dieſem Momente oͤffnet der treue Frantzelli die Thuͤ⸗ ren, und kuͤndigt mit allen Zeichen des Ent⸗ ſetzens an, daß ſchon Haubitzen gegen das Schloß aufgefahren ſind, daß ein Theil der Infanterie ſich der Zugbruͤcke naͤhert, während ein ande⸗ rer in dem nahen Walde beſchaͤftiget iſt, Lei⸗ tern zu verfertigen, um die Feſtungswerke zu erſteigen. Bei allen dieſen Beweiſen der Unruhe und der Furcht blieb Domparelli ruhig, und wie von einem hoͤlliſchen Schutzgeiſte belebt, redet er ſeine Genoſſen alſo an:„Elende, gemeine 216 „Menſchen, koͤnnt ihr wohl einen Augenblick „den Gedanken hegen, daß Domparelli bis jetzt „bloß durch natuͤrliche Mittel ſich behauptet „hat?— So wiſſet denn, ſchwache Staubge⸗ „ſchoͤpfe, daß es mir eben ſo leicht iſt die Ge⸗ „wölbe dieſes Saales einſturzen zu laſſen, als „ich mit einem einzigen Blick alle mich bela⸗ „gernden Feinde zermalmen kann. So komm „denn, mein Schutzgeiſt, mächtiger Asmodi, ſen⸗ „ke einen Strahl deines Feuerblicks in meinem „Buſen, und durchbohre mir lieber mit dieſem „Dolche das Herz, ehe du es duldeſt, daß dein „eifrigſter Apoſtel erniedriget werde.“ Bei dieſer gottloſen Beſchwoͤrung erzitter⸗ ten die Saͤulen des Mordſaales; ein Schwe⸗ felgeruch verbreitete ſich nach wiederholten Don⸗ nerſchlaͤgen und die Klinge von Domparellis Dolche wurde um die Hälfte länger, indem tau⸗ ſend Funken umher ſtoben, und ein Gerauſch gehoͤrt wurde, wie wenn man ein gluͤhendes Eiſen in Waſſer taucht. Auf dieſer Verlänge⸗ rung der Klinge las man die Worte: Waͤh⸗ rend vier und zwanzig Stunden un⸗ uͤberwindlich!„Ihr ſeht hieraus,“ rief un⸗ ſer Held,„die Hölle iſt mir guͤnſtig, und ich triumphire uͤber den Genius des Guten.“ Dieſer voruͤbergehende Erfolg ſollte zwar ſo wie alles zeitige Gluͤck des Verbrechens, 217 nicht von langer Dauer ſeyn, allein die letzte Anſtrengung des in den letzten Zuͤgen liegenden Genius des Boͤſen brachte nichts deſtoweniger noch großes Unheil hervor, wie dies nur gar zu haͤufig in der Welt geſchieht, wenn das boͤ⸗ ſe Prinzip gegen das Tribunal der Themis, und das Heiligthum der Tugend im Kampfe begriffen iſt. Domparelli fuͤhlt ſeine Adern wie von freſſenden Feuer durchwuͤhlt, ſein Geiſt lodert in Hoͤllenflammen auf, und ſo ſcheint er ein maͤchtiger Gott, den fortan nichts uberwältigen kann. Zum Beweiſe ſeiner Zauberkraft be⸗ fiehlt er Frantzelli, es zu verſuchen, ob er ihm den Degen in die Bruſt ſtoßen koͤnne; Frantzelli gehorcht mit Schaudern; aber der Degen beugt ſich und zerbricht, wie ein ſchwaches Rohr an einer ehernen Mauer. Seine Augen ſchleudern Blitze umher; es ſind Baſilisken⸗Augen, wel⸗ che durch den bloßen Anblick toͤdten; er winkt und es erſcheinen tauſend Fallſtricke, tauſend Fantome, tauſend moͤrderiſche Hinterhalte. Zuförderſt beſchloß dieſer Erzboͤſewicht, die⸗ ſes Teufelskind, ſeinen neuen Zauber an Lau⸗ ra's Herzen zu verſuchen; aber die Hoͤlle, wel⸗ che alles für das Laſter vermochte, hatte keine Gewalt uͤber die Liebe. Immer unerbittlich, in einen Fenſterausſchnitt ihres Zimmers ver⸗ 218 ſchanzt, drohte Laura ſich den Tod mit ihrem Dolche zu geben, wenn Domparelli mit einem einzigen Schritte ihr zu nahe kame. Ihre Kraͤfte hatten ſich durch den Anblick des hoff⸗ nungsvollen Signals des Giacomelli neubelebt, und Gott verlieh ihr im Gefuͤhl ihrer Un⸗ ſchuld die ſtaͤrkſten Vorahnungen der nahen Befreiung. Nach dieſen Vorgaͤngen erſchollen die ſchmet⸗ ternden Toͤne der Trompete unten an der Zug⸗ bruͤcke des Schloſſes: es iſt der Marcheſe ſelbſt, welcher, voll von Tapferkeit und Kuͤhnheit, den Domparelli durch einen Parlamentair zu einen Zweikampf herausfordern laͤßt. Anfangs ver⸗ werfen alle Räuber dieſes unkluge Duell; aber ihr Anfuͤhrer befiehlt, ſtatt aller Antwort, mit einem ſtolzen Lächeln, daß man die Zugbrücke herunter laſſe, und dem Marcheſe von Giacs⸗ melli den Eingang verſtatte. Dieſer, der keine Furcht kennt, und den Gedanken an ſeine liebe Laura zur Richtſchnur aller ſeiner Handlun⸗ gen nimmt, tritt in das Schloß, und weder das Hlirren der Ketten noch der ſcheußliche Anblick von hundert verſtümmelten, halb verfaulten Leichen, welche ſtuͤckweiſe in den Höͤfen, in den Gängen herum liegen, koͤnnen ihn hindern an dem Eintritte in einen großen, finſtern, gewoͤlb⸗ ten Saal, welcher nur von den feutigen gen eines Uhn erleuchtet war. ————————————————————————— 219 Giacomelli's Herz ſchlägt deswegen nicht ſchneller, und wenn etwas ihn beunruhigen kann, ſo iſt es die Stimme ſeiner theuren Laura, welche er zu hoͤren glaubt; ihre angſtlichen Seufzer tönen aus der Entfernung in ſein Ohr, und zerreißen ſeine Seele. Kaum befindet er ſich in der Mitte dieſes gewoͤlbten Saals, als, wie aus der Erde gewachſen, ein prächtiger goldener Lehnſtuhl, und ein Tiſchchen mit aus⸗ geſuchten Erfriſchungen erſcheinen, als waͤren dieſelben durch den Zauberſtab einer maͤchtigen Fee hervorgerufen. „Nicht Höflichkeiten und artige Behand⸗ „lung will ich hier,“ ſchreit Giacomelli,„ich „bin gekommen um dem niedertraͤchtigſten Boͤ⸗ „ſewicht den Tod zu geben, oder ihn ſelbſt von „ſeinen Händen zu empfangen.“ Bei dieſer neuen Aufforderung erſcheint Domparelli ohne Waffen, außer ſeinem Dolche, welcher niemals von ſeiner Seite kam.„Was „willſt du, junger Thor?“ ſagt er mit einem uberlegenen Tone;„dich mit mir meſſen? Mach „daß du fort kommſt, mein Ruhm bedarf eines „ſo kindiſchen Triumphes nicht, und ich muß „ſolche leichte Lorbeeren verachten.“ Dieſe hohnende Aeußerung bringt den Mar⸗ cheſe außer ſich, er hoͤrt nur ſeinen gerechten 220 Zorn, denn von den Geſetzen der Gaſtfreund⸗ ſchaft glaubt er ſich durch den Raub ſeiner Gattin entbunden; ja was noch mehr iſt, er hält ſich fur berufen an dieſem Tage die Ge⸗ ſetze, das Vaterland und die ganze Menſchheit zu raͤchen, und ſo zieht er ſofort ſeine Piſtolen aus ſeinem Guͤrtel und ſchießt ſie zugleich auf Domparelli's Bruſt ab.— Das Echo toͤnt mit furchtbavem Getoͤſe dieſen in den winkeligen Theilen des Schloſſes vervielfachten Schuß zuruͤck; aber Domparelli, der unverletzbare Domparelli iſt ganz ruhig und lächelnd mitten in den Wolken von Pulverdampfe, die ſich vor ſeinem Geſichte zerſtreuen, ſtehen geblieben und indem er dem Marcheſe in der bezauberten Hand, die auf ſeine Perſon ab⸗ geſchoſſenen Kugeln hinreicht, ſpricht er ganz unbefangen:„Da nimm, Giacomelli, mach in „Zukunft einen weiſern Gebrauch davon, und 5 „ſtehe nun von der Verwegenheit ab, mich mit „irdiſchen Waffen anzugreifen.“ Der Marcheſe verſtand nichts von dieſem Wunder und zog ſich betreten und verzweiflungs⸗ voll zuruͤck; was aber ſein Herz am meiſten verwundete, war der Gedanke, ſeine geliebte, ſeine verehrte Laura den Ketten eines Boͤſewichts nicht entreißen zu koͤnnen. Als er uͤber die Zugbrucke zuruͤckkehrte, fand er verſchiedene von ———,— 12 ð *— — 5 S 221 ſeinen Wachtpoſten im Kampfe mit fliegenden Drachen, oder mit ungeheuern Schlangen be⸗ griffen, und uͤberall waren ſeine Truppen Op⸗ fer hoͤlliſcher Herenkuͤnſte und Zaubereien ge⸗ worden. Dennoch liegen ſeine Gefaͤhrten mit ihren angſtlichen dringenden Bitten, ihm ver⸗ gebens an, eine ſo gefährliche Unternehmung aufzugeben, und der Vorſehung das Schickſal der ungluͤcklichen Laura zu uͤberlaſſen. Giaco⸗ melli, weit entfernt dieſen ſcheinbaren Gruͤnden nachzugeben, ſieht in allen dieſen Gaukeleien nur einen vorübergehenden Triumph, und ein goͤttliches Vorgefuͤhl in ſeinem Buſen giebt ihm die Verſicherung, daß die Gerechtigkeit al⸗ lein Siegerin bleiben werde. Er beſchließt da⸗ her ſein kleines Lager in die Tiefe des Waldes zuruͤck zu ziehen, und erſt nach Verlauf von vier und zwanzig Stunden neue Verſuche zu machen: das war der Wendepunkt von Dom⸗ parelli's Macht, das Ziel, welches ihm indeß ſein Uebermuth und falſches Vertrauen aus den Augen geruͤckt hatten. Kaum vergoldeten die erſten Strahlen der Morgenroͤthe die Baumwipfel, als Giacomelli ſeine Truppen verſammelt und zu einen allge⸗ meinen Sturm anordnet. Er ſelbſt geht auf die Zugbruͤcke los, fuͤllt die Graͤben mit Faſchi⸗ nen aus, nnd erſteigt, den Degen in der Hand, zuerſt die Mauer. Dieſer Erfolg begeiſterte die Soldaten, welche nun, nicht mehr geſchreckt von Zaubereien, mit wuͤthendem Laͤrmen von al⸗ len Seiten in das Schloß eindrangen.— Nur die einzige Furcht beunruhigte Giaco⸗ melli, daß ſeine theure Laura der Preis wür⸗ de, womit er ſeinen Sieg erkaufen muͤßte, und daß die Raͤuber ihren Verluſt durch den Tod dieſer Ungluͤcklichen vielleicht raͤchen moͤchten; aber der Genius des Guten wachte uͤber ſie, und ſie ſelbſt hatte ſich eine Strickleiter verfer⸗ tiget, um ſich durch die Fenſter zu den Bela⸗ gerern zu retten. Schon haben Frantzelli und der größte Theil der Raͤuber von der ſchwar⸗ zen Bande in den Staub beißen muͤſſen. Dom⸗ parelli allein, ähnlich einer alten Eiche, welche die Windsbraut vergeblich zu entwurzeln ſtrebt, kämpft noch unermudet gegen alle ſeine zahl⸗ reichen Feinde, obgleich er mit Wunden bedeckt iſt. Dem Marcheſe war es vorbehalten dieſes böſe ſchwarze Böut zu vergießen; er giebt Feuer auf ihn, und durchbohrt ihm das Herz mit drei Kugeln. Nun war das erſte Geſchäft des Siegers nach Laura's Gefaͤngniß hinzufliegen; aber dieſe von Rache beſeelt, und begeiſtert von dem Gluͤcke ihren Geliebten wieder zu ſehen, wollte keine müßige Zuſchauerin in dieſem har⸗ ten Kampfe ſeyn; ſie kam vielmehr freudig ge⸗ laufen, um die Gefahren ihres Gatten zu thei⸗ —— ——— ken, welcher ſie nun mit der innigſten Zärtlich⸗ keit an ſeinen Buſen druͤckte.— Nachdem alle Raͤuber als Opfer der ſtra⸗ fenden Gerechtigkeit gefallen waren, ließ der Marcheſe alle Schätze, welche man in den Ge⸗ woͤlben des Schloſſes gefunden hatte, heraus tragen, den Koͤrper Domparelli's auf eine Trag⸗ bahre legen, und ſodann zum Ruͤckzug blaſen, nachdem er das Schloß durch eine große Men⸗ ge Pulverfäſſer in die Luſt geſprengt hatte. Als der Sieger in ſein Lager zuruͤck ge⸗ kommen war, nahm er ſelbſt ein Beil und trenn⸗ te eigenhändig Domparelli's Haupt vom Rum⸗ pfe. Der hoͤchſte Baum des Waldes wurde hierauf wie ein Maſt zubereitet, der blutige Kopf darauf geſteckt, und vor einem Leuchtthurm aufgeſtellt, um dem Volke und den Reiſenden ein Zeichen zu ſeyn, der gerechten Strafe eines der furchtbarſten Raͤuber Italiens, deſſen gan⸗ ze Macht auf einen Vertrag mit dem Teufel gegruͤndet war. So entging alſo Domparelli, genannt Boca⸗Negra der Strafe des Vergel⸗ tungsrechtes nicht, und die zoͤgernde Hand der Gerechtigkeit erreichte ihn doch endlich.— Sein magiſcher Dolch, welchen die uner⸗ ſchrockenſten Soldaten vorher nicht ohne Zittern erblicken konnten war nun entzaubert, kein ge⸗ 224 fährlicher Talisman mehr. Themis hatte ihm ſeine moͤrderiſche Wunderkraft genommen, und vor ihrem drohenden Blick war er zuruͤck ge⸗ ſunken in das Nichts der finſtern Maͤchte, welche nur zu lange eine verderbliche Herrſchaft uſur⸗ pirt hatten. Italien, befreit von ſeiner groͤßten Geißel, athmete nun wieder frei, denn die Luft war nicht mehr verpeſtet von dem vergifteten Hau⸗ che des Laſters. Giacomelli und ſeine tapfern Gefaͤhrten wurden von dem Fuͤrſten reichlich belohnt; und wenn der Schrecken, den Dom⸗ parelli, das unuͤberwindliche Haupt der ſchwar⸗ zen Bande, verbreitet hatte, ſich auch erſt all⸗ mählig verlor, ſo ſprach man doch nie davon, ohne der Thaten des Befreiers, welcher dieſen Ausbund der Hoͤlle zerſtorte, dankbar zu er⸗ waͤhnen. 5 2 —* 4 Siebenter Schatten. Der falſche Capuziner, dder der blutige und bewegliche Kopfz Eine wahre Geſchichte. „Der Menſch ohne Tugend iſt moraliſch todt, „wär er auch Koͤnig, ſein Koͤnigsmantel iſt nur „ein Leichentuch, worunter er begraben iſt.“— Aber zwiſchen dem Menſchen ohne Tugend, und dem Menſchen, welcher das geheiligte Ge⸗ bäude der oͤffentlichen Moralitat wie ein kin⸗ diſches, nur von ſchwachen Geiſtern errichtetes Monument betrachtet, iſt der Unterſchied gar ſehr bedeutend, und von dieſer letzten Art der Biut. Schatt. Zweit. Bd⸗ 16 226 Verworfenheit wollen wir ein Beiſpiel aufſtel⸗ len in der Perſon des Van⸗Deſuyten, eines beruͤhmten Wechſelers von Rotterdam. Von ſeiner zarteſten Kindheit an, zeigte unſer Held die verderblichſten Neigungen; die Jagdhunde ſeines Vaters zu vergiften, die Voͤ⸗ gel ſeiner Mutter durch tauſend verlängerte Martern hinzuopfern, darin beſtand ſchon in ſeiner Knabenzeit ſein groͤßtes Vergnuͤgen, und als er größer wurde, machte es ihm koͤſtlichen Spaß, Pferde lahm oder todt zu reiten. Selbſt die Dienſtboten erfuhren ſeine Grauſamkeiten und mehr als eine Kammerfrau mußte die ſchmerzhafteſte Behandlung von dem kleinen Barbaren erdulden. Deſuyten beſaß ibrigens eine ſehr einneh⸗ mende Geſichtsbildung, und durch dieſe betrü⸗ geriſche Maske wurde ſeine Bosheit nur zu ſehr beguͤnſtiget. Als er nach dem Tode ſeiner Eltern, bei welchem Ereigniß ein ſtarker Ver⸗ dacht von Vergiftung auf ihm haften blieb, in den Beſitz eines koloſſalen Vermoͤgens gekom⸗ men, nahmen ſeine verbrecheriſchen Neigungen einen Aufſchwung der um ſo kuͤhner war, je mehr der Zwang ihn gedruͤckt hatte, den er ihnen unter der vaͤterlichen Herrſchaft an⸗ thun mußte. Von dem Mißbrauch des Ver⸗ trauens in Verwaltung betraͤchtlicher Summen 227 und Güter, die man in ſeine Hände gelegt hatte, ging er uͤber zu den abſcheulichſten Er⸗ preſſungen, und nahm den Schimpf eines be⸗ truͤgeriſchen Kaſſenbruchs wie einen Ehrenkranz auf ſeine freche Stirn⸗ Wie die meiſten muth⸗ willigen Bankerottirer, welche ſich nur durch ihre vorgebliche Zahlungsunfaͤhigkeit zu berei⸗ chern ſuchen, waͤhlte Deſuyten einen Weg zum Reichthum, welcher uͤberall nur zum Galgen fuhren ſollte. Schon hatten drei auf einander folgende Bankbruͤche durch ihre ungeheure Groͤße die handelnde Welt erſchuͤttert, und den verderb⸗ lichſten Einfluß ſowohl auf den hollandiſchen, als auswaͤrtigen Handel geaͤußert, und unſer ſchamloſer Schurke trug dabey den anſtößigſten Luxus zur Schau; dennoch erfreute er ſich, durch ein ſeltſames Zuſammentreffen der Umſtaͤnde, ei⸗ ner hoͤchſt bequemen Strafloſigkeit. Mit Schan⸗ de gebrandmarkt in der Meinung, rechtlicher Leute, ſah' er nichtsdeſtoweniger die beſte Ge⸗ ſellſchaft von Rotterdam bei ſich, und wenn er auch heimlich tief verachtet wurde, ſo war doch durch dieſe Gelegenheiten ſeinen ſinnlichen Nei⸗ gungen freie Bahn geoͤffnet, und er konnt⸗ ſich manches guten Gluͤcks bei den beſten Modbeda⸗ men der Stadt ruͤhmen⸗ Dieſes ſein Glück in der Liebe bewegte 223 ſich anfangs bloß in den gewoͤhnlichen Formen der Galanterie. Taͤuſchende Liebesverſicherungen, ein raſches Streben zum erwuͤnſchten Ziele, ein ſchmetterlingartiges Herumflattern unter den Ro⸗ ſen des Vergnuͤgens, das waren die Beſtand⸗ theile, woraus ſich unſer hollaͤndiſcher Faublas den lieblichen Kreis ſeiner Erholungen bildete, den er immer durch neue Eroberungen zu ver⸗ groͤßern ſtrebte. Aber alles dies wurde endlich fuͤr ſeine begierigen Sinne, die einmal eine Rich⸗ tung zu ſtarken und ſelbſt grauſamen Erſchut⸗ terungen genommen hatten, ein gemeines un⸗ ſchmackhaftes Vergnuͤgen, weil es des Reizes der Neuheit ermangelte. Er hatte uͤbrigens ſchon ſein ſechs und dreyßigſtes Jahr, und ſo⸗ mit jene Lebensſtufe erreicht, wo die Leidenſchaf⸗ ten eine entſchiedene Richtung zum Laſter neh⸗ men, wenn keine guten Grundſaͤtze uns von Hauſe aus zu einer durch Rechtſchaffenheit und Weisheit ausgezeichneten Zukunft vorberei⸗ tet haben. In dieſem Alter flattern die abge⸗ ſtumpften Sinne eines Wolluͤſtlings gewoͤhnlich in den Irrgaͤrten der Einbildungskrafr herum, um einen neuen Reiz zu finden, welchen die Natur allein nicht mehr gewaͤhrt. Anfangs ſind es nur kindiſche Ausſchweifungen, mehr ge⸗ ſchickt das Lachen des Mitleids, als den Un⸗ willen des Haſſes zu erregen; es ſcheinen Kna⸗ benſtreiche, uͤber welche man nur die Schultern zucken kann; aber verwoͤhnt durch die erſten 229 Lockungen des Laſters, ſucht der mit wolluͤſtigen Bildern beſchäftigte Geiſt das Unvermoͤgen der phyſiſchen Kraͤfte durch verbrecheriſche Begier⸗ den zu ergaͤnzen, indem er waͤhnt, daß die Schale des Vergnuͤgens nur dann am ſchmack⸗ hafteſten ſey, wenn ſie mit dem koſtbaren Blu⸗ te einer veizenden Schoͤnheit angefüllt iſt.— Die Geſchichte liefert uns nur zu viele ſchau⸗ derhafte Beiſpiele von dieſen moͤrderiſchen Er⸗ ſindungen, wo das Vergnuͤgen der Sinne nur durch den Anblick des Schmerzens ſeine groͤßte Höhe zu erreichen ſtrebt. Nero, der abſcheu⸗ liche Nero, Tiberius, Caligula beſonders, wel⸗ cher auf den ſchrecklichen Einfall kam, den ſchoͤ⸗ nen Kopf ſeiner Geliebten auf dem Fußboden hinrollen zu laſſeu, Dionyſius, der Aeltere, Ty⸗ rann von Syrakus, welcher die Wolluſt immer mit Nord verband,— ferner, jene beruͤhmte Fuͤrſtin von Sardes, welche mit Wuͤrfeln um das Leben ihrer Sklaven ſpielte, ſo gleichgul⸗ tig unbefangen, wie man in Londen bei Wett⸗ rennen tauſend Guineen verwettet— alle dieſe beruͤchtigten Beiſpiele, wovon Griechenland und Aſien eine große Menge liefert, beweiſen nur zu ſehr, daß der durch die natuͤrlichen Mittel erſchoͤpfte Menſch dieſen Mangel durch die ſtar⸗ ken Erſchuͤtterungen des blutigen Frevels zu er⸗ ſetzen ſtrebt, während er im Grunde unter dem Bilde der reizenden Goͤttin von Guidos nur 230 den blutigen Schatten des Gewiſſens durch toͤd⸗ liche Umarmungen zu erdruͤcken ſtrebt. Deſuyten, erſchoͤpft durch Ausſchweifungen, angeekelt von einem Genuß ohne Schwierigkei⸗ ten, kuͤhn gemacht im Verbrechen durch den gluͤcklichen Erfolg, der bis jetzt niemals ausblieb, glaubt im Alterthum die beſte Apologie ſeiner neuen Geluͤſte zu finden, und betritt, auf die ſchändlichen Paradoren eines nur zu bekannten Buches geſtutzt, von jetzt an Cytherens Tem⸗ pel nicht anders, als mit einem ſcharfen Stah⸗ le in der Hand. Welches ſchauderhafte Ver⸗ gnügen! es iſt die Wolluſt der Hoͤlle. Anfangs erkaufte er durch Gold verworfene Weibsper⸗ ſonen, welche die Niedertraͤchtigkeit hatten, ſelbſt⸗ moͤrderiſch gegen ihre Reize, mit der Menge ihrer Wunden und Narben einen Handel zu treiben, und die Anzahl der Blutstropfen, wel⸗ che aus den zarteſten Umriſſen ihres Koͤrpers quellen ſollen, nach einem gewiſſen Tarif zu verkaufen. Dieſer entſetzliche Handel hat die Verworfenheit ſchon tauſendmal getrieben, und treibt ihn leider noch jetzt häufig genug. Deſuyten kannte nun in ſeinen laſterhaf⸗ ten Ausſchweifungen nicht Zaum und Zuͤgel mehr, und ſteigerte mit jedem Tage ſeine ent⸗ ſetzlichen Geluͤſte Mit Huͤlfe einiger Getaͤhr⸗ ten ſeiner ſchändlichen Unſittlichkeit, welche in —,— 231 einer verbrecheriſchen Verborgenheit die Schuld und die Frucht ſeiner Bankerotte theilten, hat⸗ te er eines ſeiner Zimmer ganz ſchwarz aus⸗ ſchlagen laſſen, und ihm den Namen der bren⸗ nenden Kammer gegeben; in demſelben ſah man einen mit Wachskerzen umrundeten Sarg, welcher auf einem prächtigen, mit ſilbernen Fran⸗ gen und Trauerurnen geſchmuͤckten Paradebett ſtand. In dieſen Sarg legte Deſuyten die ſchamloſe Creatur ganz nackend, welche ſeine Bedingungen eingegangen hatte. Der ſcharfe Contraſt der Farben, die blendende Weiße der Formen, welche ſo lebhaft aus den Faltenwuͤr⸗ fen des ſchwarzen Sammets hervor ſprang, der Charakter des Schmerzes und der Verzweif⸗ lung, welchen die Heldin der Scene annehmen mußte, indem ſie ſich in dieſem kuͤnſtlichen Gra⸗ be mit Heftigkeit abzuquaͤlen ſchien, dieſes gan⸗ ze Schaugepränge von Trauer und Todesſtille, das Gemiſch von blendenden Nacktheiten und Leichenfloͤren— alles dies ſetzte ſeine Einbil⸗ dungskraft in eine neue ungewohnliche Bewe⸗ gung, und reizte die abgeſtumpften Sinne. Dann ſturzte er ſich wuͤthend auf diejenige, welche den Gott der Liebe aus dem Schooße des Gra⸗ bes anrief und entweihte ſo die letzte Wohnung des Sterblichen durch verbrecheriſche Siſſe.— Aber auch dieſe ſinnreiche Erfindung ver⸗ lor nach und nach den Reiz der Neuheit fuͤr 7 unſern Helden; ſeine Einbildungskraft ſuchte ſich in unnatuͤrlichen Ausſchweifungen zu uͤber⸗ bieten, und die unvorſichtigen Maͤdchen, welche ſich zur Befriedigung ſeines ſeltſamen Geſchmacks hergaben, mußten in der Folge ihre Liederlich⸗ keit mit dem Leben büßen. Eben ſo wie andere Menſchen von den melodiſchen Toͤnen eines Inſtruments bezaubert werden, ſo fuͤhlte ſich unſer Luͤſtling nur an den abſtechendſten Uebergaͤngen der Farben lebhaft ergötzt. Das reinſte Weiß, das tiefſte Schwarz waren demnach fuͤr ihn die beiden entgegenge⸗ ſetzten Pole des Vergnuͤgens. Ein vermitteln⸗ der Uebergang, dachte er einſt bei ſich ſelber, fehlt noch in dieſem prächtigen Gemaͤlde, das iſt ein ſchoͤner Carmin.— So kam das Unge⸗ heuer auf den teufelſchen Gedanken, mit einem moͤrderiſchen Stylett die Ungluͤcklichen zu treffen, welche waͤhrend ſie ſich ſeiner Luſternheit hin⸗ gaben, wohl nicht dachten, daß ſie mit einem Meuchelmörder zu thun hätten. Seit dieſer Epoche ſank Deſuyten von ei⸗ nem Abgrund des Laſters zum andern; ſeine umarmungen wurden toͤdlich, wie die einer gife tigen Schlange, und um das Blutgeruͤſt zu ver⸗ meiden, verdammte er die Elenden welche er verfuͤhrt in brennende Lemer ge ———. 233 ſchleppt hatte, zum ewigen Stinſchweigen des Grabes. Dabei blieb er jedoch nicht ſtehen; „Die Tugend nicht allein, das Laſter auch hat Stufen.“ Da dieſer ausſchweifende Geſchmack, der zur Befriedigung unnatuͤrlicher Begierden blu⸗ tige Opfer verlangte, tauſend Gefahren mit ſich fuhrte, ſo mußte der Schaͤndliche auf nichts mehr bedacht ſeyn, als auf die dunkle Decke des tiefſten Geheimniſſes, womit er ſeine ver⸗ ſtohlnen Mordthaten geſchickt umhuͤllen koͤnnte;z und da ſeine naturliche Geſchicklichkeit der Ver⸗ rätherei und Buͤberei zu Huͤlfe kam, trieb er die Frechheit ſo weit, daß manche huͤbſche Frau des Abends auf den Straßen, auf den Wege aus dem Schauſpiele oder von einem Balle durch ſeine Veranſtaltung ergriffen, und in den verborgendſten Theilen verwundet wurde; meh⸗ rere dieſer Mißhandelten ſtarben entweder vor Schrecken, oder an der Tiefe ihrer Wunden.— Dieſe neue, bisher unbekannte Art pon Frevel erregte von allen Seiten den oͤffentlichen Unwillen, und forderte die Rache der Geſetze aufz ſchon bezeichnete man Deſuyten, der längſt die öffentliche Meinung gegen ſich hatte, — 234 als den einzigen Boͤſewicht, der ſolcher empoͤ⸗ render Vergehen fahig wäre. Da dieſer Ver⸗ dacht noch durch andere Anklagen unterſtutzt wurde, und ſein zuſammengeſchmolzener Reich⸗ thum ihm nicht erlaubte, die boͤſen Geruͤchte mit goldenen Ketten zu binden, ſo entſchloß er ſich mit den Truͤmmern ſeines Vermögens in Deutſchland ſein Gluͤck zu verſuchen. In dieſem Lande athmete Deſuyten wie⸗ der freier; und wenn auch hier tauſend ploͤtz⸗ liche Schreckniſſe, die unzertrennlichen Gefaͤhrten des Verbrechens ſeinen Schlaf ſtoͤrten; wenn auch das ſchauerliche Bild der reizenden Koͤr⸗ per, welche er in der Wuth ſeiner moͤrderiſchen Geluͤſte verwundend getroffen hatte, ihm immer vor Augen ſtand, ſo ſchreckte doch wenigſtens das Schwert des Scharfrichters nicht mehr ſein zerriſſenes Gewiſſen, und die Erinnerung ſeiner betriegeriſchen Bankerotte quälte ſeinen Geiſt in der Entfernung nicht ſo heftig. Als geſchickter Heuchler entwarf er den Plan ſich vor der Hand, als reiſender Kauf⸗ mann in Juͤlich, einer unfern der holländiſchen Grenze tiegenden Feſtung, niederzulaſſen, und ſich daſelbſt einen guten Ruf kuͤnſtlich zu bil⸗ den. In Kurzen war es ihm gelungen, ſich ein gewiſſes Zutrauen zu erwerben; wovon er nach ſeiner boͤſen Gewohnheit bald Gebrauch — w ———— —.————— 235 zu machen gedachte; aber das Miniſterium des Erbſtatthalters hatte ihn in ganz Belgien als einen gefaͤhrlichen Menſchen bezeichnet, und da⸗ durch die allgemeine Aufmerkſamkeit geweckt, ſo wie Naturforſcher bei der Erſcheinung einer bis⸗ her noch nie geſehenen Mißgeburt ſich gegen⸗ ſeitig aufmerkſam machen. So ſah ſich Deſuy⸗ ten uͤberall verfolgt, und zuletzt genoͤthigt, ei⸗ nen dichten, in Franken gelegenen Wald zu ſei⸗ nem Schlupfwinkel zu wählen. Das Gluͤck, oder vielmehr das betruͤgeriſche Laͤcheln des Gluͤcks, welches auf einige Zeit Verbrecher begleitet, war ihm bei dieſer ſeiner Flucht aͤußerſt gun⸗ ſtig. Da er in Erfahrung gebracht, daß bei dem Dorfe Oppendorf, zwiſchen Nuͤrnberg und Bamberg, auf einem ziemlich hohen Berge ein alter achtzigjähriger Einſiedler wohne, ſo be⸗ ſchloß er, nach dem im Gil⸗Blas vorkommen⸗ den Beyſpiele, denſelben zu ermorden, und ſich unter dem Barte und der Kutte deſſelben zu ſeiner Sicherheit ſo lange zu verſtecken, bis guͤn⸗ ſtigere Umſtaͤnde ihm eine glänzendere Rolle zu ſpielen erlaubten. Der moͤrderiſche Streich gelang nach Wun⸗ ſche; Deſuyten begrub ſorgfaͤltig den armen er⸗ ſchlagenen Eremiten, vermummte ſich in ſeine Capuzinerkutte, und da er vorher die Gewohn⸗ heiten, frommen Gebränche und ſelbſt die Spra⸗ che des Ermordeten ſorgfaltig beobachtet hatte⸗ . 1 1 3 13 3 1 1 2 236 und jetzt geſchickt nachahmte, ſo taͤuſchte er die ganze Nachbarſchaft, und ließ alle Baͤuerinnen, welche pilgernd zu ihm kamen, in den Glau⸗ ben, daß ſie nach wie vor mit dem Pater Am⸗ proſius ihr abergläͤubiſches Weſen trieben. Die Ruhe, welche er in dieſem neuen Stande genoß, weit entfernt ihn zur Reue und Buße zu veraulaſſen, ſchuͤrte nur ſeine verbreche⸗ riſchen Leidenſchaften⸗ wodurch er der buͤrger⸗ lichen Geſellſchaft ſo gefährlich geworden war, noch heftiger anz und nachdem er mit einigen Landmädchen, die in ihrer deutſchen Tracht ihm neuen Reiz darboten, bekannt geworden war, faßte er die grauſame Entſchließung, ſie zu Ge⸗ genſtaͤnden ſeiner moͤrderiſchen Neigungen zu machen. Die ſchoͤne Mariane Steinbach, die Roſe unter dem weiblichen Blumenflor ihres Dorfes, fiel zuerſt in ſeine Schlingen. Rein und unſchuldig wie eine zarte Lilie, war ihr unbefangenes Herz noch nicht von dem lei⸗ ſeſten Hauche des Laſters befleckt worden; wie hätte ſie das Verbrechen unter einem Kleide, das ihre Religion ihr zu ehren gebot, auch nur entfernt vermuthen ſollen? Mit Behut⸗ ſamkeit vermied Deſuyten anfangs eine offene Erklärung, ſchuͤchterte ihren Geiſt durch allerlei verfangliche Fragen ein, machte dabei manche verfuͤhreriſche Bewegung mit der Haud, und ſuchte ſo nach und nach eine Tugend zu ver⸗ — 2 237 derben, die ſo wenig von der Erfahrung un⸗ terſtutzt wurde, daß Mariane ſelbſt die aͤußern Formen des Laſters nicht kannte. Dreiſt ge⸗ macht durch ein übelverſtandenes Stillſchweigen von Seiten des Maädchens, warf Deſuyten mit theatraliſchen Anſtande Bart und Kutte von ſich, ſturzte ſich auf die Knie, und erklaͤrte dem armen Kinde, das er verderben wollte, daß ſie nichts weniger als einen alten Eremiten zu ihren Fuͤßen ſäͤhe, wohl aber den Grafen von Blinzſtein, welcher wegen eines politiſchen Ver⸗ gehens vom Hofe ſeines Koͤnigs entfernt wor⸗ den waͤre. Bei dieſer erſchuͤtternden Erklaͤrung, bei bieſer unerwarteten Veränderung, denkt Ma⸗ riane, mehr erſchreckt als geruͤhrt, auf nichts weiter als eine ſchnelle Flucht, indem ſie den Wahn nicht unterdruͤcken kann, daß der Satan in eigner Perſon in den Einſiedler gefahren ſey. Aber vergeblich ſucht ſie zu entſchluͤpfen, denn Deſuyten kommt ihrer Abſicht zuvor, in⸗ dem er ſie ergreift, mit ſeinen Armen umſtrickt, und mit einem ihrem Munde vorgehaltenen Schnupftuche ihr durchdringendes Geſchrei er⸗ ſtickt. Die Ungluͤckliche mußte ſich demnach ih⸗ rem traurigen Geſchick unterwerfen, und die Blume ihrer Jungfraͤulichkeit gegen eine bluti⸗ ge Cypreſſe vertauſchen. Nachdem ſie der Bar⸗ bar in den geheimſten Theilen, denen nur der 238 geſetzmäͤßige Gatte nahe zu kommen wagt, ver⸗ ſtummelt, und endlich getoͤdtet hatte, begrub er ſie in dem benachbarten Walde, bedeckte das Grab mit Blaͤttern, und verbreitete das Ge⸗ ruͤcht, daß ſie, wie er ſelbſt geſehen habe, mit einem Quartiermeiſter vom Huſarenregiment Barko, wovon eine Schwadron damals in die⸗ ſen Gegenden cantonnirte, entflohen ſey. Die damit zuſammen treffende Deſertion des genann⸗ ten Quartiermeiſters gab dieſem Betruge lange Zeit einen Anſtrich von Wahrheit. Der verklärten Mariane folgten bald meh⸗ rere Schlachtopfer; das Ungeheuer in ſeiner fuͤrchterlichen Verkehrtheit war nur dann glück⸗ lich, wenn er andern den Tod geben und ſich an ihren letzten Zuckungen ergoͤtzen konnte. Furcht und Schrecken verbreiteten ſich in der ganzen Umgegend; aber die Einfalt dieſer guten Leute erlaubte ihnen nicht ihren Verdacht auf einen Menſchen zu werfen, welchen ſie als einen von Gott ſelbſt eingeſetzten Schutzheiligen ihrer Provinz anſahen. Sie brachten ihm da⸗ her tauſend Gaben und Opfer, um den Teufel zu beſchwoͤren, der ihre Toͤchter und Gattinnen als einen Tribut verlangte, und Deſuyten ſuch⸗ te ſie durch fanatiſche Vorſtellungen zu beru hi⸗ er, um ſie zu verhindern, ihre Klagen am Throne ihres Fuͤrſten anzubringen⸗ 239 Unter andern hatte der Boͤſewicht auf ſei⸗ nen kleinen Entdeckungsreiſen eine recht huͤbſche junge Päͤchterin bemerkt, welche Mutter von drei Kindern, und deren Mann haͤufig abwe⸗ ſend war, um Getreide auf dem nächſten Mark⸗ te zu verkaufen; der Gedanke ſie zu beſitzen, ergriff ſeine Phantaſie, und ſo begab er ſich eines Morgens zu ihr, nachdem er in Erfah⸗ rung gebracht, daß ſie mit ihren Kindern ganz allein waͤre. Ohne Umſtände warf er die Mas⸗ ke ab, und erklärte dem ſchoͤnen Weibe ſeine Liebe in den feurigſten Ausdruͤcken. Die entruͤſte⸗ te Pächterin wollte ihre Leute rufen, um ſich ſeiner zu bemächtigen; allein Deſuyten, welcher alle Ortsverhaͤltniſſe genau unterſucht hatte, ehe er ſein Geſtändniß wagte, wußte wohl, daß der armen Frau alle Huͤlfe und Flucht abge⸗ ſchnitten ware, und um ihre Lage noch ſchwie⸗ riger zu machen, hatte er ſich ihrer drei Kin⸗ der bemaͤchtiget, und dieſelben in einen benach⸗ barten Saal, wovon er den Schluͤſſel abgezo⸗ gen, eingeſchloſſen. Bei dieſer Lage der Dinge erklaͤrte der Unmenſch dem ungluͤcklichen Weibe, daß allein von ihrer Geſchmeidigkeit und Fuͤgſamkeit in ſeine Wuͤnſche, das Leben ihrer Kinder abhin⸗ ge. Dieſe Alternative war freilich ſchrecklich; aber die Paͤchterin, von einem ploͤtzlichen Schau⸗ der ergriffen, fugte ſich nicht in dieſe entſetzli⸗ 240 che Capitulation, ſondern ſchloß ſich in ein Ge⸗ mach, und uͤberließ das Loos ihrer lieben Kin⸗ der den Haͤnden der Vorſehung. Der Boͤſe⸗ wicht machte noch verſchiedene Verſuche die ge⸗ ängſtigte Mutter zur Nachgiebigkeit zu bewe⸗ genz da er ſie aber unerbittlich fand, erwuͤrgte das Ungeheuer vor ihren Augen,— denn ſie konnte durch ein kleines Fenſter alles ſehen— eins von ihren armen Kindern; die beiden andern hatten daſſelbe Schickſal und erſt nach dieſen graͤulichen Blutbade nahm der Schandbube ſei⸗ nen Ruͤckzug⸗ Nun ſah er wohl ein, daß nicht mehr daran zu denken wäre, ſeine bisherige Eremi⸗ tenrolle fortzuſpielen, indem vorauszuſehen war, daß dieſe Schandthat bald ruchbar werden wuͤr⸗ de. Deſuyten faßt daher den Entſchluß zu fliehen, und ſich an die Spitze einiger gemei⸗ nen Raͤuber zu ſtellen, welche damals den Wald unſicher machten. In dieſer Abſicht reiſt er in voller Ruſtung ab; und mittelſt einiger Zeichen, die er den Banditen abgemerkt hatte, ſah er ſich bald mitten in die Geſellſchaft einer beträchtlichen Menge von Spitzbuben verſetzt. Das Gepräge von genialiſcher Schlauheit auf ſeiner Stirn, ſeine anſehnliche Groͤße, ſein gan⸗ zes Weſen, worin ſich Ueberlegenheit und Kuͤhn⸗ heit ausſprach, verſchaffen ihm eine gute Auf⸗ nahme bei der Rotte, und da ihr Anfuͤhrer 24 t vor einigen Wochen in der Gegend von Nuͤrn⸗ berg der Gerechtigkeit in die Haͤnde gefallen war, und in genannter Stadt ein tragiſches Ende genommen hatte, ſo wurde Deſuiten ein⸗ muͤthig als Hauptmann aufgenommen, welche Bereitwilligkeit beſonders in dem Umſtande einen Beſchleunigungsgrund fand, daß der neue An⸗ koͤmmling die Rolle des falſchen Eremiten ſo geſchickt geſpielt hatte. „Wir fuͤhren eben,“ ſagte nun der Unter⸗ anfuͤhrer der Bande, eine wichtige Unterneh⸗ mung im Sinne; der Streich ſoll einen reichen Gutsbeſitzer der Gegend treffen; allein es iſt ein feiner Fuchs, der uns große Schwierigkei⸗ ten entgegen ſetzen wird. Deſuiten ging ſogleich in die einzelnen Umſtände dieſe Unternehmung ein, und nach⸗ dem er ſie von allen Seiten in Ueberlegung gezogen, erklärte er, daß er ſich eine Ehre daraus mache, dieſelbe zu leiten, und fuͤr den gluͤcklichen Erfolg faſt ſtehen wolle. Die Raͤu⸗ ber verhehlten ihm indeß nicht, daß der in Rede ſtehende Herr, ein gewiſſer Baron von Neuſtadt, fruͤher Soldat geweſen, und aͤußerſt tapfer ſey; daß er eine Menge von Dienſtleuten beſäße, und man daher bei dieſer ruͤhmlichen Unternehmung auf den heftigſten Widerſtand gefaßt ſeyn muͤſſe. Deſuiten blieb indeß tuhig; Blut. Schatt. Zweit. Bb · 16 242 und beharrte bei ſeiner einmal gefaßten Ent⸗ ſchließung. Da das Landhaus dieſes Gutsbeſitzers 10 pis 12 Meilen von da entfernt war, ſo wurde beſchloſſen, daß man die ganze Nacht in der Richtung des Waldes, welche dahin fuͤhrte, marſchiren muͤſſe; in der Entfernung einer Meile, ſollte ſich die Rotte in die Umgegend zerſtreuen, und Deſuiten ſelbſt wollte mit ein⸗ tretender Daͤmmerung bei dem alten Herrn einſprechen unter der Verkleidung eines armen Almoſenſammlers aus dem Barfuͤßer⸗Kloſter zu Bamberg, und um ein Nachtquartier bitten. Einmal in das Haus aufgenommen, verſicherte der Raͤnkevolle, wuͤrde es ihm leicht ſeyn, den andern ſeine Signale zu geben und ihnen den Eingang zu offnen, ſie möchten nur nicht ver⸗ abſäumen ſich beim Eintritt der Nacht hinter den Hagebuchen des an das Haus ſtoßenden Gartens verborgen zu halten. Nachdem dieſe Vorkehrungen getroffen waren, reiſ't Deſuyten ab, mit Dolchen und Piſtolen bewaffnet, dringt in die Wohnung des Barons von Reuſtadt, und bittet mit der Fußerſten Demuth und Artigkeit um ein Nacht⸗ quartier, indem die große Entfernung ihm nicht erlaube, ſein Kloſter zu erreichen⸗— Sein ehrwürdiges Anſehn ruͤhrt den Baron ſo, daß 2 243 er ihn nicht allein freundlich aufnimmt, ſondern auch ſeinen beiden Toͤchtern als einen guten Moͤnch empfiehlt, deſſen Alter und Kleidung auf ihre Achtung und Ehrfurcht gleichen An⸗ ſpruch machten. Beim Anblick dieſer beiden liebenswuͤrdigen Perſonen ſtrauben ſich die Haare Deſuitens, ſeine Sinne empoͤren ſich, er fuͤhlt, was ein Tiger beim Anblick eines ſchuͤchternen Rehes empfinden wuͤrde. Man ladet ihn in⸗ deß ein, in das Zimmer zu treten, ſich zu ſetzen, ſeinen Bettelſack abzulegen, und vor der Hand einige Erfriſchungen zu nehmen, waͤhrend man Anſtalt zur Abendmahlzeit machte. Der falſche Kloſterbruder nahm alle die Hoͤflichkeiten mit gleißneriſcher Demuth an, und man war ſchon im Begriff ſich zu Tiſche zu ſetzen, als man mit verdoppelten Schlägen an die Thuͤr klopfen hoͤrte. Nach einigen durch dieſe ungewoͤhnliche Erſcheinung veranlaßten unruhigen Augenblicken meldete ein Bedienter, daß eine Ordonanz vom Huſaren⸗Regiment Barko, welche ſich im Walde verirrt haͤtte, um ein Nachtlager baͤte, indem es derſelben wegen der Ermuͤdung ihres Pferdes unmoͤglich waͤre, ihre Briefe an den noch weit entfernten Ort ihrer Beſtimmung zu tragen. Der Baron, der als alter Soldat eine große Vorliebe fuͤr Rilitärperſonen hegte, fand in dieſem Um⸗ ſtande eine ſchoͤne Gelegenheit mit dieſem neuen 16* — Gaſt von ſeinen alten Feldzuͤgen zu ſprechen. Deſuyten theilte dieſe Freude keinesweges, denn die Gegenwart dieſes Fremden, konnte leicht ſtoͤrend in ſeine Entwurfe eingreifen, und die Sicherheit ſeiner Leute gefahrden. Da indeß nicht mehr auszuweichen war, ahmte er das Beiſpiel des großen Cäſars nach, als dieſer den Rubicon überſchritt, und uͤberließ das Nißliche ſeiner Lage ſeinem guten Gluͤcke. Der Huſar trat mit hoͤflichen Entſchuldi⸗ gungen ein, wurde freundlich bewillkommt, und zur Tafel gezogen. Der Baron ſetzte ſich zwiſchen den Soldaten und den Kloſterbruder, waͤhrend ſeine beiden Toͤchter ihm gegenuber Platz nahmen, und das Geſpraͤch bewegte ſich durch eine verworrene Reihe von Belagerun⸗ gen, Schlachten und blutigen Gefechten. Der Huſar nahm zwar, zur Zufriedenheit des Ba⸗ rons, lebhaften Antheil an dieſer Unterhaltung, beobachtete aber doch dabei mit verſtohlnen Seitenblicken der Verräther Deſuyten, deſſen unverſchämte Blicke die beiden Fräulein kaum aushalten konnten, obgleich ſie weit entfernt waren, die wahre Bedeutung derſelben zu Nach Tiſche ſchlug der Kloſterbruder, ſo wie jeder andere Gaſt, ſein andächtiges Kreuz, man verneigte ſich gegenſeitig nach teutſcher ————— * —FDH̃,k.,— * ——— —————— 245 Sitte, und ging in den Geſellſchaftsſaal, um zu den Tabackspfeifen zu greifen. Dieſe Ge⸗ legenheit ergriff der edelmuͤthige Huſar, um dem Baron, ohne daß Deſuyten es bemerkte, in ein anſtoßendes Zimmer zu ziehen, und ihm folgende Eroͤffnung zu machen.„Sie ſtehen wahrſcheinlich, ſagte er, in dem Wahne, einen heiligen Mann, einen ehrwuͤrdigen Moͤnch bei ſich zu bewirthen, aber, ich beſchwoͤre es bei der Ehre meiner Schwadron, es ein ſchnd⸗ licher Raͤuber,“ Bei dieſer ſeltſamen Mittheilung erblaßte der Baron, und ſah den Huſaren forſchend an, ob nicht vielleicht der Wein eine kleine Unordnung in ſeinem Gehirn hervorgebracht haͤtte.—„Ich weiß recht gut, was ich ſage,“ fuhr dieſer fort,„aber ich wiederhole es, daß der angebliche Bettelmoͤnch nichts mehr und nichts weniger iſt als ein nichtswuͤrdiger Ban⸗ dit, der ſich nicht ohne verderbliche Abſichten um dieſe Nachtzeit hier eingeſchlichen hat. Sie muͤſſen wiſſen, Herr Baron, daß ſein Bart falſch iſt, und an einem Faden haͤngt, den ich ganz deutlich an ſeinem Ohre wahrgenom⸗ men habe; auch bemerkte ich unter ſeiner Kutte, neben ſeinem Kſgre die glänzende Spitze eines Dolches.“ Nach dieſen neuen Cröffnungen zweifelte 246 der Baron nicht mehr an dem Scharfblick des Huſaren, und konnte keine Ausdruͤcke finden, ihm ſeine Dankbarkeit zu bezeigen.—„Still, ſtill, ſagte der Huſar; laſſen ſie mich nur machen, ich will den Handel leiten und ſtehe fuͤr alles. Hören Sie in zwei Worten, was zuvoͤrderſt zu thun iſt. Sie bewaffnen ſofort unter der Hand alle ihre Leute, ſtecken auch ſelbſt ein Paar Piſtolen zu ſich; und wenn ſie hernach in den Saal zuruͤck kommen, wo ich mit dem falſchen Capuziner ſeyn werde, ſo kuͤndigen Sie uns mit Bedauern an, daß ihr beſtes Gaſtzimmer, welches Sie dem ehrwuͤr⸗ digen Vater beſtimmt häͤtten, ſo eben von einer Ihrer Muhmen in Anſpruch genommen worden waͤre, und wir, ich und der Fremde, uns mit einer kleinen Kammer begnugen muͤßten.“ Nachdem dieſer Plan verabredet worden, ging der Huſar unbefangen in den Geſellſchafts⸗ faal zuruͤck, und ließ auf ſeinem Geſicht nicht den geringſten Zug von Mißtrauen merken, wodurch der falſche Moͤnch hätte aufmerkſam werden koͤnnen. Dieſer war eben in einem lebhaften Geſpräche mit den Töchtern des Ba⸗ rons begriffen, und bot ſeinen ganzen Witz auf, um ſie durch die Reize ſeiner Unterhal⸗ tung zu feſſeln. 237 Indeſſen erſchien der Baron, und gab mit der groͤßten Artigkeit zu verſtehen, daß er in dieſem Augenblicke nur eine Kammer mit zwei Betten zu ſeiner Dispoſition habe, indem er den Moͤnch bat, zu erlauben, daß der er⸗ muͤdete Huſar die Nacht in derſelben Kammer mit ihm zubringen duͤrfte. Dieſen Umſtand betrachtete Deſuyten mehr als eine Gunſt des Gluͤcks, als darin einen Streich des Ungluͤcks zu ahnen, da es ihm ein leichtes duͤnkte ſich dieſer läſtigen Einquar⸗ tierung waͤhrend des Schlafes zu entledigen. Nachdem man ſich nun noch einige Zeit uͤber allgemeine Gegenſtände unterhalten hatte, zog ſich jedermann in das ihm angewieſene Schlafgemach zuruͤck, bei welcher Gelegenheit der grauſame Deſuyten genau den Weg be⸗ merkte, welchen die beiden Toͤchter des Barons einſchlugen, in der Einbildung, daß alle Be⸗ wohner dieſes Hauſes ſich dem ſuͤßen Schlaf uͤberlaſſen wuͤrden. Aber ſo bald ſich der Baron von Neu⸗ ſtadt allein befand mit ſeinen Toͤchtern, theilte er ihnen die Bemerkungen des ſcharf⸗ blickenden Huſaren mit, und verhehlte ihnen nichts von allen den Vorkehrungen, welche nach der Anweiſung dieſes guten Menſchen waren 248 getroffen worden. Die erſchrockenen Fräulein denken nun nicht mehr an Schlaf und Ruhe, ſondern erwarten mit lebhafter Unruhe den Ausgang eines ſo ſeltſamen Ereigniſſes. Von ihrem Zimmer, welches von dem Baron und ſeinen bewaffneten Leuten ſorgfaͤl⸗ tig bewacht wird, wollen wir uns nun in das Gemach des Huſaren und des falſchen Moͤnchs begeben. Jener trank noch beim Kamine eine halbe Flaſche Rum, welche ihm der Baron als Schlaftrunk mitgegeben hatte, rauchte dazu einige Pfeifen Taback, und ſtellte ſich dann, als ob er dabei einſchliefe, nachdem er ſeinen Fien damascener Saͤbel ſorgfältig in ſeiner Nähe verſteckt hatte, während der Kloſterbru⸗ der ſeinerſeits auch that als wenn er ſich aus⸗ kleidete, und niederlegte. Der geneigte Leſer urtheile ſelbſt von den gegenſeitigen Intereſſe dieſer Lage; die Vor⸗ ſtellung thut hier mehr als die glänzendſten Rede⸗Figuren. Deſuyten ſeinerſeits, welcher vorausſetzte, daß der Huſar im erſten tiefen Schlafe läge, und dies fuͤr den ſchicklichſten Moment hielt, ſeinen Leuten das verabredete Signal zu geben, richtete ſich mit der groͤß⸗ ten Vorſicht von ſeinem Lager auf, nahm ſeinem Dolch, ſchlich auf den Zehen nach der Lampe, welche auf dem Tiſche brannte, blies 249 ſie aus, machte dann eine geſchickte Wendung, und hob den Arm um den Huſaren zu durch⸗ bohren. Aber dieſem war keine von den Be⸗ wegungen des Moͤnchs entgangen, und in dem Augenblicke, wo Deſuyten den toͤdtlichen Stoß zu thun ſich anſchickte, ergriff er mit Blitzes Schnelle dieſen Moment, um mit einem Hieb ſeiner damascener Klinge den Kopf des falſchen Capuziners vom Rumpfe fliegen zu laſſen, ſo daß dieſer Kopf in fuͤrchterlichen Zuckungen auf dem Fußboden hinrollte. Nach dieſer Heldenthat unterſuchte der Huſar Deſuytens Guͤrtel, nahm das zu ſeinem Zweck dienende Pfeifſchen, welches er darin fand, und flog nach dem Zimmer des Barons von Neuſtadt, um ihn von dem wichtigen Vor⸗ gange in Kenntniß zu ſetzen. Statt aller Ant⸗ wort ſchloß ihn der Freiherr zaͤrtlich in ſeine Arme, und nannte ihn im Uebermaaß der Dankbarkeit ſeinen lieben Sohn ſeinen Befreier. „Ich bin noch nicht fertig“, ſiel der uh⸗ erſchrockne Huſar ein;„wenn ich auf Unter⸗ ſtuͤtzung rechnen kann, ſo unternehme ich es, die ganze Bande auszurotten, deren Anfuͤhrer der Todte ſonder Zweifel war.“ Der Baron gab ihm volle Freiheit, die dazu dienlichen Anordnungen zu treffen. Der 250 Huſar verſteckte demnach die bewaffneten Leute in verſchiedenen Theilen des Hauſes, brachte die beiden Fräulein in Sicherheit, und nach⸗ dem er ſich ſelbſt Bart und Kutte des falſchen Bettelmoͤnchs angelegt hatte, ließ er nach den Hof hinaus ſein durchdringendes Pfeiflein er⸗ ſchallen. Als dieſes Signal ſeine Wirkung ge⸗ than, öffnete der Entſchloßene mit geheimniß⸗ vollen Schweigen die Hauptthuͤr des Gebaͤudes und ließ die betrogenen Raͤuber ein; frohen Muthes ſtroͤmten die Verruchten in das Schloß, als gingen ſie ihrem Triumphe entgegen; aber kaum hatten ſie ſich in den Zimmern zur Pluͤn⸗ derung angeſchickt, als alle Leute des Schloſſes, ſo wie der Baron ſelbſt ganz unerwartet uber ſie herfielen. Keiner entrann in dieſer noth⸗ wendigen Metzelei; und das unreine Blut aller dieſer Frevler verſoͤhnte wenigſtens zum Theil die Manen der von Deſuyten hingewuͤrgten Schlachtopfer. Der Sieg war ſchnell errungen und voll⸗ kommen; doch verhinderte der eben ſo kluge als tapfere Huſar die Toͤchter des Barons aus ihrem Zimmer zu gehen, damit ſie ihre Fuße nicht unter dieſen blutigen Truͤmmern verun⸗ reinigten, erſt nachdem man mit Tagesanbruch die Leichen weggetragen, und alle Spuren des Blutbades verwiſcht hatte, wurde den Fraͤu⸗ — ,—— ———— ð 251 lein erlaubt, an der allgemeinen Freude Theil zu nehmen. Der brave Huſar konnte nun dem Ver⸗ langen nicht widerſtehen, Deſuytens Koͤrper zu durchſuchen, um durch neue Merkmahle zu erfahren, mit wem ſie zu thun gehabt haͤtten. Als er aber mit dem Baron, welcher ein aͤhn⸗ liches Verlangen trug, in die genannte Kam⸗ mer zuruͤckkam, wie groß war ſein Erſtaunen, und das Entſetzen des Barons beim Anblick eines Feuerſchlundes, der ſich unter ihren Füßen öffnete, und in deſſen Flammenſchooße der Koͤrper des falſchen Capuziners ſich unter den Dolchen von tauſend hoͤlliſchen Furien ſchmerzhaft kruͤmmte. In heiliger Ehrfurcht zogen ſich beide, wieder zuruͤck; und ſiehe, da hört das Wunder auf; von einem Feuerſchlunde keine Spur mehr; aber Deſuytens blutiger Kopf zeigt ſich jetzt auf dem Tiſche, neben der Lampe, weiche er in einer morderiſchen Abſicht ausgeblaſen hatte; dieſe Lampe entzuͤndet ſich von ſelbſt, und der Kopf ſelbſt fäͤngt an zu ſprechen. Unter furchtbaren Verzuckungen haͤlt derſelbe einen Dolch zwiſchen den Zähnen, und ſcheint ſelbſt das Verbrechen, fuͤr welches er geboren war, uͤberleben zu wollen. Die Kinn⸗ backen, die Augen, die ſcheuslich verdrehten Muskeln druͤcken noch Mordbegierde, Blutdurſt, Rache aus, und die Lampe brennt ununter⸗ brochen fort, um dieſe ſchauderhafte Scene zu erleuchten. nn Vergeblich ſtrebt unſer braver Soldat hin zu laufen, um dieſe Gaukeleien, welche er fuͤr Wirkungen ſeiner, durch die Nachtabenteuer aufgeregten Phantaſie hält, zu vernichten; aber ſo wie er einen Schritt vorwaärts thut, oͤffnet ſich der Abgrund wieder, Feuerflammen ſpeiend, während der bewegliche blutige Kopf wit den Zahnen auf die Klinge des Dolches knir⸗ ſchend beißt, und ſich drohend zu neuer Wuth zu beleben ſcheint. Es war uͤbrigens nicht mehr das Geſicht eines heuchleriſchen Capuzi⸗ ners, unter einem falſchen Barte hervorblickend, nein, ſondern das entſetzliche Antlitz des grau⸗ ſamen Deſuyten ſelbſt, deſſen Strafe der Him⸗ mel verewigen wollte, indem er ihm auf der nämlichen Stelle, wo er den toͤdtlichen Streich empfangen hatte, das Leben verdammter See⸗ len leben ließ. Der Baron ſuchte daher ſeinen Befreier von dem Gedanken abzubringen, ein Wunder, welches die göttliche Allmacht ſo auf⸗ fallend bewies, länger zu bezweifeln, und ſo verließen beide dieſen ſchauerlichen Ort, um alle Hausbewohner von der ſeltſamen Erſchei⸗ nung in Kenntniß zu ſetzen. Einige Umglaͤu⸗ bige wagten es dieſen Bericht in Zweifel zu ziehen, aber wie groß war ihr Entſetzen, als ſie nach Eroͤffnung der Thur des beſagten be⸗ wM—— zauberten Gemachs, das Feuer, und dann durch Flammen und Rauchwolken jenh gſ lichen Kopf wahrnahmen. Man mußte daher dieſe ſchauerliche Beh. nung, welche Gott ſelbſt zur ewigen Strafe des Verbrechens beſtimmt hatte, verlaſſen; gluͤcklicher Weiſe war der Baron nicht auf dieſe einzige Beſitzung beſchraͤnkt; und ſo war er auch im Stande den edelmuͤthigen Huſaren nach Wuͤrden zu belohnen, indem er ihm den Abſchied verſchaffte, und ihm den Kampfpreis ſeiner Tapferkeit durch die Hand einer ſeiner eignen Toͤchter ertheilte. Was das verlaſſene Landhaus betrifft, ſo fand der Baron, als er einſt aus Neugier dahin gegangen war, daſſelbe rings von einem ungeheuern Moraſte eingeſchloſſen; die Landleute der Gegend ver⸗ ſicherten uͤberdieß, daß man des Nachts oft Schattengeſtalten wahrnaͤhme, welche ſich gegen⸗ ſeitig erdolchten, ſo daß das Blnt ihrer Wun⸗ den tropfenweiſe in den Moraſt floͤße, auch ſetzten ſich, nach der Angabe dieſer Leute, aller⸗ hand Phantome auf das Dach, und man hoͤrte das Waldecho oft ſeufzend folgende Worte wiederhallen:„Fliehet die Naͤhe von Deſuytens blutigem Kopfe!“ Der Baron von Neuſtadt, erſchreckt von ſo vielen Wunden, wollte gar nichts mehr —— 254 hören von dieſem Hauſe, und um die Erinne⸗ rung daran ganz zu verwiſchen, ließ er ſich mit ſeiner Familie in Regensburg nieder, wo er auch im Schooße des Friedens und des Gluͤcks ſeine Tage endigte. ————————— ————,——— Achter Schatten. Die blutigen Opfer Bellonæs, o der der heldenmuthige Tod des Fürſten Poniatowsky. „Willſt den Helden du loben, ſo nenne den Namen allein nur.“ ——— Schon haben die Zuͤge des Grabſtichels und der Malerei, ſchon haben die hundert Stimmen der Fama es ganz Europa verkuͤndet, daß der Fuͤrſt Joſeph Poniatowsky, ein neuer, aber minder glüͤcklicher Horatius Cocles, in der Schlacht bei Leipzig ein ruͤhmliches Grab im Bette der Elſter wählte, daß er, getrijeben — 236 von einer heldenmuͤthigen Ergebenheit, einen ehrenvollen Tod entehrender Sclaverei vorzog; ſchon, ſag ich, errichtete Polen, ſtolz, einen ſolchen Helden hervorgebracht zu haben, ihm praͤchtige Standbilder, und die geſchickteſten Kuͤnſtler haben eben in zartem Marmor die Zuͤge eines Kriegers, den die Welt bewundert, treu nachgebildet;—— aber wie unzuläng⸗ lich ſind dieſe Huldigungen! welkender Lorbeer, du taugſt nicht, die erlauchte Stirn eines ſolchen Helden wuͤrdig zu umkränzen; nicht Marmor, nicht Erz iſt dauerhaft genug, um dem Ruhme Poniatowsky's ein Denkmahl zu errichten. „„ . „Homer kann wuͤrdig nur den Ajar uns beſingen.“ Der Lyra eines poetiſchen Genius allein kommt es zu, in kriegeriſchen Accorden dieſe dreifache Schlacht zu beſingen, wo die Feuer⸗ ſchluͤnde von zwanzig verbundenen Voͤlkern nur kaum vermochten die ſtrahlenden Blitze der e Nation itſ zu machen;*) wo unge⸗ *) Die und die folgenden lächerlichen Hyperboten koͤnnen um ſo weniger auffallen, je mehr man derſelben von der Aufgeblaſ enheit der Franzoſen, die ihren beſchämten Stolz dahinter zu ver⸗ 3 fuchen, ſchon gewohnt iſt. 2½ Anmerk. des Ueberſ. 257 ungeheure Infanteriemaſſen, mit einem Stachel⸗ guͤrtel von Eiſen und Feuerflammen umgeben, ſich drei Tage umſonſt abmuͤhten, einer Armee den Sieg zu entreißen, welche vielleicht dennoch triumphirt haͤtte, wenn nicht aus ihrem eignen Schooße die verderblichſten Feinde hervorge⸗ gangen wären. Ihr unermeßlichen majeſtäti⸗ ſchen Gruͤfte, unter Leipzigs Mauern, vom Kriegsgotte ſelbſt gegraben, begeiſtert meine Erinnerungen in der Be ſchreibung dieſer blut⸗ triefenden Tage, und mich, wie man den ruͤhmlichen Tod von hunderttauſend Helden (2) wuͤrdig genug preiſen kann. Nicht als militairiſcher Geſchichtſchreiber, nicht als politiſcher Schriftſteller will ich die erhabenen ſchauerlichen Partien dieſes blutigen Gemaͤldes entwerfen; getreu meinem Plane, werde ich nur als philoſophiſcher Beobachter, als menſchenfrenndlicher Maler, einige unvoll⸗ kommene Skizzen zu entwerfen ſuchen, und nur von fern in den beruͤhmten Tagen des 17., 18. und 1oten Octobers 1313 dem blutigen Wagen des Mars nachfolgen, waͤhrend dieſer in einem Raume von ſechs Meilen Tod und Verderben bereitet, und ſich in ſeinen ſchrecklichen Zerſto⸗ rungen auch ſelbſt nicht durch die S der Nacht aufhalten läßt.— Die Schlacht bei Berlin, in welcher der Blut. Schatt. Zweit. Bd. 17 Rauch der franzoͤſiſchen Artillerie ſchon an den Thurmen diefer Hauptſtadt hinzog,*) war ver⸗ loren gegangen, und alle Corps zogen ſich gegen Leipzig, um einen ungeheuern Guͤrtel von undurchdringlichen Bataillonen um dieſe Stadt zu legen. Das war der Schauplatz, den die Verbindeten wählten, um das Schick⸗ ſal Europa's zu entſcheiden. So loderte unter den feuchten Nebeln und Reifen der Jahreszeit, unter dem kalten Hauche des Nordwinds, das Feuer der Tapferkeit plotzlich in den Herzen aller franzoͤſiſchen Krie⸗ ger auf, und der erſte Kanonenſchſtß theilte unſern nnuͤberwindlichen(²) Colonnen eine elec⸗ triſche Bewegung mit, wodurch ſie ſich dem Siege entgegen getrieben fuͤhlten. Hier, auf einem, unter den Hufen der tobenden Streit⸗ roſſe ſchon oft zerſtampften Boden ſtuͤrmen die feurigen Schwadronen unter dem Schmettern anführender Trompeten gegen di?, aus Ruſſen, Schweden, Preußen und Engländern zuſam nen gekitteten beweglichen Mauern, und durch⸗ brechen ſie. Aber wenn der Sieg auf der einen Seite errungen wird, geht er ſogleich auf der —— Soll vielleicht heißen der Wind der franzöſiſchen Prahlerei; wenigſtens zieht dieſer oft genug an unſern Ohren vorbei. Anmerk. d. Ueberſ. ——.—— 259 andern wieder verloren. Unſere ſiegreichen Schwadronen werden das Opfer einer Kriegs⸗ liſt, und finden den Tod auf einem Vulkan von Artillerie, welche durch die, jetzt niederge⸗ worfene Truppenwand maskirt wurde. Ueberall bedeckt die leichte Reiterei, aͤhnlich einer ge⸗ ſchwungenen Sichel in der Hand des Schnitters, welche die Schaͤtze der Ceres niedermähet, das Erdreich mit Leichen und blutigen Gliedern; und die aufgethurmten Haufen der Todten und Sterbenden, bilden allein einen Wall, welcher die Flucht der geſchlagenen Legionen beguͤnſtiget. In dieſem fuͤrchterlichen Gewitter, mitten unter dem Rollen des kuͤnſtlichen Donners fällt fortdauernd ein blutiger Regen, und fuͤllt die Furchen mit purpurnen Fluthen. Kothbe⸗ ſudelte Menſchenglieder liegen in grauſer Ver⸗ miſchung mit den Gliedern unreiner Thiere. Das mächtige Haupt eines Stieres, vor kurzen noch das Schrecken der Thaͤler, der Stolz der benachbarten Dorfheerden, und der Kopf einer zarten Kuh gruppiren ſich im ſeltſamen Gewirte mit dem blutigen Leibe eines Canoniers, der neben ſeinem Rohre ſiel.— Die Pferde, welche daſſelbe Donnerrohr zogen, liegen zu Boden geſtreckt durch eine Kugel, und vermiſchen den Schaum ihres Blutes mit dem Blute der Ar⸗ tilleriſten. In dieſer ſchmuzigen Fleiſchbank des Todes ſind die Zähne eines Pferdes in 17* 260 das Geſicht einer Menſchenleiche eingedruͤckt; und beide, Mund gegen Mund, haben ſich die letzten Seufzer ihrer Todesangſt zugeſchickt. — Aber wie wenig erreicht die Beſchreibung die ſchanderhafte Wirklichkeit dieſes haßlichen Schauſpiels! etzt wollen wir von den einzelnen Zgen zu den großen Bildern übergehen, welche ſich am ganzen Horizonte aus dem angegebenen Vittelpunkte zeigen. Dreißig brennende Doͤrfer bilden die furchtbar erhabene Decoration der Scenez die wehenden Flammen, das Gekrach der einſtuͤrzenden Kirchthuͤrme, geben gleichſam die Paukenſchlaͤge in dieſem ſchrecklichen Kriegs⸗ orcheſter; Tauſende von zahmen Tauben, von ihrem heimiſchen Dache verſcheucht, flattern laͤngſtlich umher, während Wolken von Raben, herbeigezogen aus den noͤrdlichen Gegenden, von dem Geruch der Schlächterei, durch ihr unheilbringendes Gekraͤchz ſchon die Feſtmahl⸗ zeit feiern, welche ihnen die kriegeriſchen Thor⸗ heiten der Menſchen bereiten. Aber alle menſch⸗ liche Empfindungen muͤſſen hier den kleinlichen Intereſſen der Ehre und des Ruhms weichen. „Durch dieſes Dorf wird eine Batterie maskirt,“ ſagt jener General der Artillerie, und ſogleich legen zwanzig Haubitzen, die feu⸗ — rigen Boten des Todes, daſſelbe in Aſche. 261 Jenes ſchoͤne Schloß, welches, ein Meiſterſtuͤck der alten Baukunſt aus zehn Jahrhunderten hervorragt, kann gefaͤhrlichen Plänklern zum Schutze dienen; das Feuer des Wurfgeſchuͤtzes muß es demnach ſogleich von Grund aus zer⸗ ſtoͤren. Bellona läßt ſich nichts abhandeln von ihrer blinden Wuth; was kuͤmmerts ſie wenn der Herr dieſes Schloſſes, und ſeine troſtloſe Gattin, die Mutter zarter Kinder, dem Kampfe auf keiner Seite ausweichen koͤnnen, und einem gewiſſen Tode, mitten unter Feuer und Truͤm⸗ mern zulaufen muͤſſen?— Es gilt den Sieg, gleichviel um welchen Preis; und wenn der Geſchichtſchreiber von dem Waffenruhm einer Nation zu reden ſich vornimmt, wirft er auch nicht den fluͤchtigſten Blick auf das Blut von tauſend unſchuldigen Schlachtopfern, welche auf einem dunkeln Erdhuͤgel wohnend, ihr Leben einſetzen mußten, um den Sieg zu erkaufen. Waͤhrend auf dieſe Art Schloͤſſer, Land⸗ haͤuſer und viele Doͤrfer ein Raub der Flam⸗ men werden; waͤhrend die in ihren Ställen verbrennenden Thiere ein Bild der allgemeinen Zerſtoͤrung geben, hinfaͤllige Greiſe auf ihren Kruͤcken hinſchleichen, und junge Landmaädchen mit fliegenden Haaren ſich zwiſchen die beſtäub⸗ ten Schwadronen ſtuͤrzen, um vielleicht den Tod durch eine Ricochet⸗Kugel zu finden, ſitzen die Fuͤrſten, die Marſchälle, die Generale ruhig N und kalt bei dieſer allgemeinen Feuersbrunſt in der Kriegskanzlei des Todes, und unter⸗ ſuchen, die Charte in der Hand mit topogra⸗ phiſcher Genauigkeit, in welchem Terrain man die meiſten Gräber für den Feind ausſchaufeln kann.— Verderbliche Wiſſenſchaft, aus der Holle hervorgegangen, wirſt du nie aufhören deine abſcheuliche Tactik zu entfalten? Aber die Schatten der erſten Nacht dieſer blutigen Schlacht flattern ſchon auf und ver⸗ huͤllen allmählig das Licht des Tages; mißver⸗ gnuͤgt ſieht der blutgierige Menſch das Dunkel ſich verbreiten; man kann die Schlachtopfer nicht mehr unterſcheiden, und muß dis Mor⸗ genroͤthe erwarten, die neuen Metzeleien zu beleuchten, die blanke Waffe bleibt muͤſſig, nur das kuͤnſtliche Feuer des Salpeters ſetzt ſeine Zerſtoͤrungen fort. Von allen Seiten glaubſt du von feuerſpeienden Bergen umpundet zu ſeyn, es ſind die Donnerröhre der Wanonen, welche auf die Colonnen ſchießen, Be⸗ wegung man durch Leuchtkugeln entdeckt hat; und das Echo der Bergkette, welche ſich in Form eines Amphittheaters hinter den Armeen erhebt, den entlegenen Städten, daß man ſich in einer Entfernung von zehn Meilen erwuͤrgt, und eine peinigende Unruhe uͤber den Ausgung des Kampfes aller Gemuͤther.— 263 In Haufen kommen die Verwundeten zu Fuße, zu Wagen und auf Tragbahren in Leipzig an, die beſtuͤrzten Einwohner befolgen den Befehl, ihre Straßen und Fenſter zu erleuchten, und oͤffnen dem umgluͤcklichen Muthe ihre Thore; mitleidige Frauen tragen eifrig Ballen von Zupflinnen*) in die Spitäler; oft werden zwan⸗ zig Amputationen in einem prächtigen Saale vorgenommen, wo den Tag zuvor eine glän⸗ zende Geſellſchaft ſich verſammelte, und endlich fliegen die Congrevſchen Feuerſpieße furchtbar drohend uͤber den Gipfel der Haͤuſer hin. — * Indeß ſind alle Anordnungen gemacht, damit der zweite Act des blutigen Drama's an Schreckniſſen dem erſten gleich komme. Kaum hat die Morgendaͤmmerung den Kampfplatz erhellt, als alle morderiſchen Maſchinen in voller Arbeit ſind; die Munition wird ergänzt, und das nur halb trockene Blut an den Lanzen vermiſcht ſich mit neuem Blute; die Muͤhen des Bivouac's, die Qualen des Hungers, nichts iſt im Stande die franzoͤſiſche Tapferkeit zu ſchwächen; um ſich gut zu ſchlagen brauchen unſere Regimenter nur moraliſche Kraͤfte. Die Abtheilungen bilden ſich, die Pferde ruͤcken in die Linie, man theilt Patronen aus, oder der Soldat nimmt ſelbige aus der Patrontaſche *) Charpie. 264½ ſeines geſtern getodteten Kameraden, deſſen Leichnam ihm wahrend der Nacht zum Kopf⸗ kiſſen diente, auch vertauſcht er wohl ſeine Waffen gegen beſſere, und ohne an die Gefahr zu denken, iſt er nur auf den Ruhm ſeines Regiments hedacht. ber waͤhrend dieſer F der Pa⸗ — eine ungluͤckliche Raquete in einen Pulverwagen und eine fuͤrchterliche ploſion reißt alles mit ſich fort; Menſchen, Pferde, Kanonen, alles wird aufgeſchleudert, und die Spl ſtter und Truͤmmer tragen den Tod ſelbſt in die Reihen einer fernſtehenden Reſerve, welche mit ruhendem Gewehr ungeduldig auf die Ehre wartete, Theil am Kampfe zu neh⸗ men. A'er vergleichen einzelne Zufaͤlle ſind nur unbedentende Gpiſoden des Kriegs; wie an einem Spieltiſche, wo Fuͤrſten oft den Werth eines reichen Kammerguts aufs Spiel ſetzen, man die unbedeutenden Einſaͤtze von einigen Goldſtuͤcken nicht bemerkt, eben ſo haben zwanzig in die Luft geſprengte Pulverwagen, hundert zerſchmetterte Artilleriſten, keinen Ein⸗ fluß auf die moͤrderiſche Vorſtellung des Schlacht⸗ ſtuͤcks, und wird ein Machiniſt unbrauchbar, ſo treten tauſend andere an ſeine Stelle. Dieſe unglücklichen entſtellten und geblendeten Con⸗ ſtabler moͤgen den Weg nach dem Hospitale ſuchen, wo ſie ihr Grab finden werden, wir 263 wir wenden uns zu jenen beweglichen Maſſen, welche, aͤhnlich fortgeſchobenen Veſuven, nur ſtill ſtehen, um methodiſch ihre Blitze zu ſchleudern. b6 6 3 Was that aber, wird man fragen der Anfuͤhrer mitten in dieſer ungeheuern Metzelei? — Er rang umſonſt gegen das Geſchick, deſſen eiſerne Hand von allen Seiten auf ſeinen tap⸗ fern Cohorten laſtete; er ſuchte allen Gefahren die*) Stirn zu bieten, nachdem er zu ſpät bemerkt hatte, daß er ſchon in einer Entfer⸗ nung von funfzehn Meilen von ganzen Natio⸗ nen eingeſchloſſen war. Nur unfruchtbare Lor⸗ beern konnte unſere Armee mit ihrem Blute erkaufen!— Nur um ſich in unnuͤtzen Anſtren⸗ gungen bewundern zu laſſen, ſtuͤrzte ſich die Infanterie der Marine bei Leipzig freudig in Gefahren, ſo wie ſie es ſo haͤufig uͤber den Abgruͤnden des Meers gethan hatte!— Der zweite Tag der Schlacht iſt indeß angebrochen, und das Morden dauert fort. Entſetzliches Hurrageſchrei dringt bei vollem Mittage in die Straßen der Vorſtädte, Gra⸗ naten ſchmettern in die Daͤcher, Haͤuſer bren⸗ nen, die Kanonen kommen immer naͤher, und unſere zuruͤckgeſchlagenen Armeecorps drohen, *) eiſerne. 266 die Stadt zu ihrer einzigen Zuflucht zu nehmen. In dieſem kritiſchen Moment verlaſſen der Koͤnig von Sachſen und die junge Prizeſſinn ihren Pallaſt, und fluͤchten ſich auf den großen Platz, in eine Wohnung, welche von zwei Bataillonen ſaͤchſiſcher Grenadiere beſetzte wird. Nun iſt demnach nicht mehr die Rede von einem entfernten Kampfe, deſſen Abſtand ein freies Feld laͤßt fuͤr gluͤckliche und ungluͤck⸗ liche Vermuthungen; auf den oͤffentlichen plätzen in friedliche Wohnungen wird nun das rau⸗ chende Blut fließen; die Hospitaͤler, die Kir⸗ chen, die zertruͤmmerten Pallaͤſte ſollen nun zu Kothgruben voller blutiger Glieder, Leichen und ekelhafter Ausleerungen umgeſtaltet werden. — Jeder ſchmuzige Winkel wird die letzte Frei⸗ ſtaͤtte eines Verwundeten, welcher mit wuͤthen⸗ den Hunger jeden Auswurf verſchlingt, und auf dem Kothe ſtirbt, der ihm zum Bette ge⸗ dient hat Dennoch wird der Befehl gegeben, — dem Geſchichtſchreiber wird dieſe Thatſache wichtig ſeyn— daß jeder Verſtuͤmmelte, dem nur ein Glied fehlt, die Stadt ver⸗ laſſen ſoll. Demnoch hatte bloß derjenige, dem zwei Arme oder zwei Fuͤße abgeſchnitten waren, dadurch das traurige Vorrecht erlangt, in dieſem ſchaudervollen bleiben zu dürfen. — 267 Die maͤchtigen Empfindungen des Schreckens und Entſetzens ſtroͤmen hier von ſo vieley Punk⸗ ten auf den Beobachter ein, daß ſein philoſo⸗ phiſcher Blick nicht weiß wo er verweilen ſoll; auf allen Seiten wird ſeine ſchmerzhafte Theil⸗ nahme in Anſpruch genommen; er iſt gewiſſer⸗ maßen ſtolz, noch lebend unter ſo vielen Trüm⸗ mern zu wandeln, und fiſt zu ſtehen, wie ein Felſen, den die tobenden nicht erreichen koͤnnen.— Aus dieſem Hauſe, z. B. ertoͤnt das Klaggeſchrei einer verzweifelnden Familie; hier unterliegen zarte Jungfrauen den Kuͤſſen roher Lippen, die noch ſchwarz ſind vom Pulver⸗ dampfe, dort wird ein Kind in der Wiege zer⸗ ſtuͤckelt; den grauen Kopf jenes Greiſes ſpaltet ein maͤchtiger Saͤbelhieb, und dort in jenem Zimmer liegt eine junge Braut in einer Stel⸗ lung, durch welche das Schamgefuͤhl empoͤrt wird, und traͤgt in ihrem Schooße noch den tuͤmmel des Degens, womit ſie durchbohrt urde.— Alle dieſe einzelnen Auftritte ſind freilich ſchauderhaft und empoͤrend, aber fuͤr den Geſchichtſchreiber gehoͤren ſie nicht eigentlich, und werden nur als Nebendinge beruͤhrt, die auf den Hauptplan keinen Einfluß haben. Obgleich mit fluͤchtigen Zuͤgen entworfen, glauben wir doch, daß das von uns gezeich⸗ 268 nete Bild, dem Leſer, welcher dergleichen Scenen noch nie ſah, eine ziemlich richtige Idee von einer entſcheidenden Schlacht geben wird; und man meg es uns erlaſſen, in ſolche Einz lheiten einzugehen, auf welche man mit jedem Schritte ſtoͤßt z. B. umgeworfene Kran⸗ kenwagen, Verwundete, die von Pferden ge⸗ ſchlagen, oder unter den Raͤdern eines Zwoͤlf⸗ pfuͤnders zermalmt werden;— oder auch das Gemälde von jenem braven General, der, von acht Grenadieren auf Baumzweigen— es ſchie⸗ nen friſche Lorbeern zu ſeyn,— aus dem Treffen getragen, ſeinen edelmuthigen Trägern befahl, auf das Feld der Ehre zuruͤck zu keh⸗ ren, und ihn mit ſeinen toͤdtlichen Wunden dem Schickſale zu uͤberlaſſen.— Alle dieſe Gemaͤlde wuͤrden zwar nicht ohne die lebhafteſte Theilnahme aufgenommen werden, aber wie unbedeutend erſcheinen ſie im großen Ganzen der Wirklichkeit! Man muß Theil genommen haben an der Gefahr, um „ die Erinnerung an alle dieſe Schreckniſſe 4. ihrer ganzen Stärke zu empfinden. So wer ich nie jener ruͤhmlichen heldenmuͤthigen Thraͤ⸗ nen eines jungen Huſarenoberſten vergeſſen, welcher nicht achtend ſeines zerſchmetterten Fußes, nur uͤber das Unglück ſeines um zwei Drittel geſchmolzenen Regiments ſeufzte, und, waͤhrend ſein Schenkel, oder dielmehr ein un⸗ förmlicher Haufe von Knochenſpittern, von * — 6 —— — b — 269 ſchmuzigem Blut und zerbrochenen Spornen, neben ſeinem Sattelbogen hing, in den Straßen der Stadt den Kern ſeiner Braven neu zu bilden ſuchte, um die Gefaͤhrten ſeines Phn zu raͤchen. Hier ſtoßen wir auf eine Scene voll See⸗ lengroͤße, dort auf einen Zug der Barbarei, wodurch ſich civiliſirte Nationen ſchaänden. Kranke verwundete Offiziere werden aus ihren Wohnungen verjagt, und der geheiligte Cha⸗ racter eines verwundeten Soldaten wird ſowohl von Wirthen als unverſchaͤmten Bedienten durch ſchmähliche Behandlungen verletzt; während in dem benachbarten Hauſe junge Mädchen ihre gaſtfreundliche Aufmerkſamkeit an Grenadieren von der alten Garde uͤben. Der Pinſel weiß nicht in welche Farben er tauchen ſoll, bei dieſem wunderlichen Gemenge, und der empfind⸗ ſame Menſch wird in einer Secunde von tau⸗ ſend ſchmerzhaften und ruͤhrenden Gefuͤhlen aufgeregt. Die Wohlthaͤtigkeit ſteht an der Seite der Grauſamkeit wilder Kalmuͤcken, und der Schriftſteller muß jeden Augenblick ſeine Urtheile veraͤndern. Aber das alles ſind nur unbedeutende Nebenumſtaͤnde; die großen Maſſen bewegen ſich ungehindert fort, und wenn eine Anzahl leichter Barken in dieſem Schiffbruche ſinken, ſo ſegelt das Schiff der Bellona nichts deſto weniger mit vollen Segeln auf einem blutigen Meere, ohne ſich an das Bruͤllen der Orkane zu kehren. Das Schiff der Franzoſen, um in dieſer Metapher zu bleiben, ſah ſich indeß nunmehr genoͤthiget, dem Kampfe auszuweichen, da der Fuͤrſt Bernadotte das Defile der Salinen beſetzt, und 60,000 Baiern, links und rechts der Straße von Hanau nach Frankfurt, den Ruͤckzug nach dem Rhein gaͤnzlich abgeſchnitten hatten. Man muß demnach auf nichts eifriger als auf den Ruͤckzug denken, und den Sieg auf einige Zeit unterbrechen, um in der Folge eine gunſtigere Gelegenheit dazu zu gewinnen. Wir kommen nun zu jenem ſchrecklichen Moment, wo das Abbrechen einer Bruͤcke uber die Elſter das Zeichen gab zu dem ungeheuern Opfer von 60,000 Menſchen, welche, gleich den drei hundert Spartanern des Leonidas in den engen Päſſen von Thermopilä, der Erhal⸗ tung der uͤbrigen Armee aufgeopfert wurden. Ihr waret dabei, ihr braven Polen! immer auf den gefaͤhrlichſten Poſten, bildetet ihr den Vortrab im Gluͤck, und den Nachtrab im Un⸗ gluͤck. Noch ſehe ich eure Lanzen blinken in den fluͤchtigen Strahlen einer nebelumhuͤllten Sonne; noch bewundere ich eure kraͤftige Hal⸗ tung, Franzoſen an Tapferkeit, Polen an Treue; nie wird das Bild euers jungen, edel⸗ 3 müthigen Fuͤrſten, des ruhmwuͤrdigen Ponia⸗ towsky, deſſen erhabner Schatten die Ufer der⸗ Elſter unſterblich gemacht hat, in meiner Er⸗ innerung verbleichen. In dem Alter der zart⸗ lichen Gefuͤhle, kannte er keine andere Leiden⸗ ſchaft, als die des Ruhms, und nicht achtend der Thränen einer Gattin, der Liebkoſung eines Sohnes, riß er ſich aus ihren Armen, um dahin zu fliegen, wohin ſeine Pflicht ihn rief. Wie ſchoͤn nimmt er ſich aus, an der Spitze ſeiner Schwadronen in der teichen glaͤnzenden Generalsuniform!— Nicht aber auf ſeinen Sternen und Orden verweilen meine Blicke, ſondern auf ſeiner einnehmenden, und doch Ehrfurcht gebietenden Geſichtsbildung, welche oft die Regungen lebhafter innerer Unruhe ausſpricht. Die Armee⸗ Corps, welche ſich rechts und links an die Fluͤgel ſeiner Schwa⸗ dronen anſchließen, betrachtet er, eben ſo, wie ſich ſelbſt, als ruͤhmliche Spfer, deren Hinge⸗ bung nothwendig iſt, um die Rettung der Hauptarmee zu ſichern. Aber während unſer Held auf den Wällen von Leipzig den Kugeln und Granaten, welche ſeine Regimenter hinraffen, eine unerſchoͤtterliche Stirn entgegenſetzt, verſperren die Truͤmmer von Wagen, von zerbrochenen Raͤdern, von gefallenen Pferden dieſe ſo wichtige Bruͤcke moͤrderiſchen Andenkens; die Gnanaten ſchlagen —— — 6 . i 272 ein; die Leichen, die Sterbenden häͤufen ſich, und um zwei Uhr Nachmittags des ungluͤcklichen 19ten muß man erſt uber drei Lagen verſchie⸗ denartiger Trämmer weg ſteigen, um dieſen furchterlichen Uebergang zu vollenden, gluͤcklich wenn man dabei entgangen iſt dem Beißen und Schlagen wuͤthender Pferde, den ringenden Armen geſturzter Soldaten, welche ſich durch unſern Fall aufzurichten ſtreben, und den her⸗ umfliehenden Stuͤcken der Granaten, welche die Erſchlagenen von neuem tödten wuͤrden, wenn ſie mehr als ein Leben zu verlieren haͤtten. Die umgebungen bilden ein ähnliches Bild des Entſetzens. Die benachbarten Häuſer ſtur⸗ zen ein, und begraben unter ihren Ruinen die gedraͤngten Colonnen, welche darunter hin⸗ zogen; der Fluß traͤgt ſchon die verſchiedenar⸗ tigſten Bruchſtucke als Ankuͤndigung eines voll⸗ ſtaͤndigen Untergangs; Flintenſchuͤſſe fliegen aus allen anliegenden Quartieren, welche die Schwe⸗ den eingenommen hatten; Kiſten und Kaſten werden erbrochen, die verborgendſten Schätze geplundert, aber das umhergeſtreute Gold muß bald wieder verlaſſen werden von Menſchen, welche von allen Seiten einen gewiſſen Tod uber ihren Haͤuptern ſchweben ſehen. Die leichte Artillerie vereiniget ſich mit dem Bela⸗ gerungscorps; die Kugel dringt in gerader Richtung auf die dichten Menſchenmaſſen, richtet eine 273 eine egeelicht Niederlage darin an, und ver⸗ liert ihre Staͤrke nicht eher, als bis ihr moͤr⸗ deriſcher Lauf eine dicke Fleiſch- und Knochen⸗ mauer durchdrungen hat. Endlich ſpringt dieſe verhaͤngnißvolle Bruͤcke, welche unterminirt war, in die Luft; rauchende Eingeweide, entſtellte Menſchenkoͤpfe, Kaſten, Helme, ungeheure Steine, Stuͤcke von Leichen, ganze Pferde fliegen in grauſem Gemiſch empor, und fallen, nachdem ſie in der Luft in einer bren⸗ nenden Rauchhuͤlle kein unaͤhnliches Bild eines vulkaniſchen Ausbruchs vorgeſtellt haben, gleich⸗ zeitig zuruͤck in das gemeinſchaftliche Grab, nämlich in die Fluthen der Elſter, welche alles verſchlingen ſollte. Vollte Gott, daß dieſes ſchreckliche Un⸗ gluͤck, welches zuweilen durch die Umſtände nothwendig gemacht wird, das letzte dieſes Tages geweſen waͤre! Aber der Feind, in der Ueberzeugung, daß durch die Zerſtörung der Bruͤcke jedes Mittel zur Rettung fuͤr die Re⸗ ſerve und den Nachtrab, wozu der edle Ponia⸗ towsky gehoͤrte, abgeſchnitten wäre, ſtuͤrzte mit Ungeſtuͤm von allen Seiten auf ſie, und ließ den Beſiegten keine andere Wahl, als den Tod, oder den Verſuch einen Fluß zu durch⸗ ſchwimmen, der auf beiden Ufern mit einer Mauer von gehauenen Steinen verſehen war, Blut. Schatt. Zweit. Bb 18 274 ſo daß der Zugang fuͤr Menſchen, und beſon⸗ ders fuͤr Pferde unmoͤglich ſchien; hier mußte alſo ſeinen Untergang finden, was das Feuer und Schwert der Ruſſen, die Lanzen der Ko⸗ ſacken, und die Carabiner der ſchwediſchen Vol⸗ tigeurs verſchont hatten. Wie einſt die roͤmiſchen Helden in die Tiber, ſturzten ſich in dieſen Fluß bunt durch einander Euiraſſiere, Dragoner, Grenadiere, welche groß genug dachten, die Gefahren dieſer ungewoͤhnlichen Flucht einer ſchimpflichen Ge⸗ fangenſchaft vorzuziehen. In wenig Minuten war der Strom bedeckt mit halb erſaͤuften Koͤrpern, mit verwirrten betäubten Köpfen von Menſchen, deren erſtarrtes Auge beim An⸗ blick des Todes, der unter tauſend Geſtalten auf ſie eindrang, auf der Oberflaͤche des Waſſers eine ſchauderhafte Wirkung hervorbrachte. Einige, die ſich in ihrer blinden Ver⸗ zweiflung ohne Ueberlegung mit der ganzen Laſt ihrer Waffen und Ruſtungen hinein ge⸗ worfen hatten, ſpielten ihre tragiſchen Rollen bald aus auf dieſem Theater von Waſſer und Blut; und dieſelben Waffen, welche ſo oft ihren Ruhm begruͤndet hatten, wurden ihnen zum Verderben. Einſt, wenn dieſer Fluß vielleicht durch irgend eine Veranlaſſung aus⸗ trocknen ſollte, wird die Nachwelt die Menge N 275 der darin liegenden Gerippe anſtaunen, und es kaum glauben, daß dieſelben durch einen Krieg des roten Jahrhunderts verurſacht wur⸗ den, noch weniger, daß ſi ſie Franzoſen gehoͤr⸗ ten, welche zwanzig Jahre lang die Sieger Europa's waren. Bemerkſt du jenen gierigen Jäger, welcher an dieſem Tage der Vertilgung noch ſeine Lieb⸗ lingsneinung, die Habſucht zu befriedigen ſucht? Mit einem geraubten Fäßchen voll Gold auf den Schultern, vertraut er ſich den Gewaͤſſern der Elſter.— Der Thor! das, was ſein Gluͤck machen ſollte, wird die Urſache ſeines Unter⸗ gangs, und der Fluß verſchlingt ſowohl den Mann, als ſein ſchweres Metall. Dieſer erreicht unter ungeheuern Anſtren⸗ gungen wunderbar das Ufer; jenen ſtreckt bei ſeiner gluͤcklichen Ankunft eine Kugel gleichſam hoͤhnend zu Boden. Mehr als ein ruͤhrendes Gemaͤlde, tritt hier, ſo wie bei der Bereſina, vor die Augen des erſchrocknen Beobachters. Jene ungluͤckliche Marketenderin, ihr Kind auf dem Arme, noch keuchend von dem langen Laufe, hofft ſich mit Huͤlfe ihres Pferdes zu retten; aber bald uͤberſchläͤgt ſich daſſelbe, wie ein Knaͤuel ballt ſich das Ganze zuſammen, und nur die kleinen Aermchen des Kindes, welche die Zuckungen der i auſprechen 8. ſieht man zuletzt in ben Stuun ber npirten Wogen.— Hier prauchen wir keine Magie, keine Bezauberungen und Wunder; ſelbſt das Wahre, umringt von ſo ungewoͤhnlichen Schreckniſſen, hoͤrt auf wahrſcheinlich zu ſeyn, und der dritte Act dieſes blutigen Schauſpiels grenzt an das Wunderbare. Was ſollten auch eitle Gauke⸗ leien und kindiſches Feenweſen wenn die Ge⸗ ſchichte uns einen ſo ſchoͤnen Zug liefert, wie Poniatowsky's freiwillige Aufopferung?„Der Sieg iſt unmoͤglich geworden, ſagt er zu ſich ſelbſt, die Unordnung iſt aufs aͤußerſte geſtie⸗ gen; aber, iſt der eine Weg abgeſchnitten, ſo fuͤhrt auch der andere zum Ruhme, und ich waͤhle den inesygwiſſeuqdeße⸗ Begeiſtert von dieſer heldenmuͤthigen Ent⸗ ſagung, ſprengt er ſein feuriges Schlachtroß in den Fluß, mit jener unerſchuͤtterlichen Ruhe, welche den Helden charakteriſirt. Vorher aber muß er es noch mit tiefer Wehmuth ſehen, wie ſein beſter Freund, von einer Kugel ge⸗ troffen mit zerſchmetterter Stirn zu ſeinen Fuͤßen fällt; er beklagt ihn in ſeinem unauf⸗ haltſamen Laufe, und beneidet heimlich ſein Loos.— Ach bald wird er ihm nachfolgen,— denn umſonſt ſtrebt das treffliche Pferd, welches er reitet, mit ungeheurer Kraft die ſteile Mauer — —— 277 des andern ufers zu erklimmen; jeder Verſuch iſt vergebens! Poniatowsky, der ungluckliche Poniatowsky, hat ſich freilich mit Ruhm be⸗ deckt, aber auch mit den Schatten des Todes; kalter Schauer ergreift ſeine Sinne, die allge⸗ meine Verwirrung macht jede Rettung unmoͤg⸗ lich, und erſt nach drei Tagen hat man das traurige Gluͤck, ſeinen Koͤrper zu finden, den die Najaden der Elſter aufgenommtn hatten, um die Unſterblichkeit ſeines Ruhms zu feiern. Sein Leichenbegaͤngniß war ſeiner erlauch⸗ ten Perſon wuͤrdig; ſein Vaterland hat ihm die Ehren gegeben, welche ſeine Aſche verdiente; aber ſind unſere Augen deswegen getrocknet, die Wunden geheilt, welche dieſer große Ver⸗ luſt unſern Herzen ſchlug?— Nein, ſie bluten noch, kein Menſch, der Gefuͤhl fuͤr wahre See⸗ lengroͤße hat, konnte ſeine Blicke auf den, das traurige Ende dieſes Fuͤrſten vorſtellenden Kupferſtich werfen, ohne von inniger Wehmuth durchdrungen zu werden. Wie vielmehr wird dieſes erſt der Fall ſeyn, wenn der empfind⸗ ſame Reiſende an den Ufern der Elſter hingeht und ſein melancholiſcher Blick auf dem Orte verweilt, wo der ungluͤckliche Held ſeinen Un⸗ tergang fand? Selbſt nach Verlauf eines Jahr⸗ hunderts werden noch Thränen fließen, wie uͤber ein gegenwaͤrtiges Mißgeſchick. 278 Hier alſo, ſo wird der fuͤhlende Enkel mit gepreßtem Herzen ausrufen, hier iſt die Stelle, wo der glänzende Heros, wie ein Geſtirn, unterſank! Von da hineilend in Leipzigs Fluren, wird er ſich von dem Landmann die Orte zei⸗ gen laſſen, wo die breiten Gruͤfte gegraben ſind, welche ſo viele Leichen verſchlungen haben; aber die Einwohner der Stadt werden ihn auf die Waͤlle fuͤhren, und ihm ſagen:„Hier, in dieſe zirkelfoͤrmigen Graͤben, welche zehn tau⸗ ſend Arbeiter in zwei Jahren nicht wuͤrden ausgefuͤllt haben, ſtuͤrzten unſere Vorfahren. die unzähligen Schlachtopfer der Bellona: Menſchen, Pferde und die andern R inen der Zerſtorung mußten dazu dienen einen Plan auszufuͤhren, den man ſchon lange entworfen, aber aus Mangel an Ritteln nicht ins Werk richten konnte; der Tod lieferte die Materialien dazu. Denn als man die Unmoͤglichkeit ſahe, ſo viele faulende Koͤrper zu begraben, ſo be⸗ ſchloß man, um die Gefahren einer Peſt zu vermeiden, von einem ſchon fertigen Sarge Ge⸗ brauch zu machen; und nachdem das Erdreich durch einige Lagen Kalk und Schutt wieder gleich gemacht worden war, koͤnnen nun unſere Füße auf der Aſche unſerer Sieger und unſerer Verbundeten ungehindert hinwandeln. Ihr blutigen Schatten, umhült mit Ruhm, 279 beſaͤnftiget eure Klagen; eure Seufzer ſind in das Herz des Vaterlands gedrungen, und in dem Buſen aller aͤchten Franzoſen ſind euch neben dem Tempel Poniatowsky's der Erinne⸗ rung Altare errichtet worden.— ——„——— Neunter Schatten. Die Zigeunerin von Trapezunt, o der eine Zechine fuͤr jeden Chriſtenkopf. Eein Gemaͤlde muſelmaͤnniſcher Sitten. ——— De Fürſt Potemkin, ſo berühmt in den Fahr⸗ buͤchern von St. Petersburg, ſtand auf dem hoͤchſten Gipfel der Gunſt bei der großen Ca⸗ tharina II., Kaiſerinn und Selbſtbeherrſcherinn aller Reußen; durch ſeine vorzuͤglichen Talente hatte er viel zur Vergroͤßerung der Staaten dieſer beruͤhmten Fuͤrſtin beigetragen, vorzuͤg⸗ lich waren die Grenzen gegen die Tuͤrkei hin erweitert worden, zu einer Zeit, wo dieſe Macht um ſo gegruͤndeter einen allgemeinen feindlichen Einfall furchtete, als ſie ſich zu gleicher Zeit 281 auch von der Seite Ungarns und der Wallachei vom Kaiſer Leopold angegriffen ſah. Im Jahr 1789 wuͤthete demnach der Krieg in dieſen Gegenden mit ſeiner ganzen Heftigkeit, und die erhabene Pforte, von allen Seiten ange⸗ griffen, zitterte ſchon fuͤr den Ruhm ihres Halbmondes. Erſt nach vielen Belagerungen, Stuͤrmen und hartnackigen Gefechten, ſchloß der Großherr einen Friedenstractat mit der furchtbaren Kaiſerinn, und bekam nun freie Hände, da ihm nur ein Feind übrig blieb, die Ehre ſeiner Waffen mit beſſern Erfolg zu vertheidigen.*) Das Haupttheater des Kriegs mit den Kaiſerlichen hatte ſich nach der Dal⸗ maziſchen Grenze in die Gegend von Raguſa hingezogen, und das Blut floß ſchon ſeit meh⸗ rern Jahren zwiſchen den Janitſcharen des Sultans und den oͤſterreichiſchen Truppen mit einer Erbitterung, woruͤber die Menſchheit ſeufzte.— Aber da unſer Plan es nicht mit ſich bringt politiſche und kriegeriſche Ereigniſſe zu erzählen, oder uns mit den großen Ange⸗ *) Dieſe Angaben ſind geſchichtlich nicht ganz richtig; denn der Friede zu Sziſtowa, mit mit Seſterreich, wurde im Jahr 1790 und der zu Jaſſy, mit Rußland im Jahr 1792 abge⸗ ſchloſſen; folglich konnte nach dieſem letztern Frieden kein Krieg zwiſchen der Pforte und Oeſterreich fortgefuͤhrt werden. Anmerk. d. Ueberſ⸗ tegenheiten der Europäiſchen Fuͤrſten zu beſchäf⸗ tigen, ſo gehen wir nicht tiefer ein in dieſen ernſten Stoff, als nothwendig iſt, um aus den Feindſeligkeiten der Turken und Oeſterreicher eine kleine Epiſode heraus zu finden, welche ein nicht gemeines Intereſſe fuͤr den Leſer zu haben ſcheint. Man weiß, daß Boͤhmen*) einen großen ueberfluß hat an jenen ſchlauen Wahrſagerinnen, jenen modernen Pythoniſſen, welche nach Art der beruͤhmten Sibyllen Griechenlands, Zeichen deuten, ſich mit aſtrologiſchen Traͤumereien herumtragen, und ſtark in der Wahrſagerkunſt, *) Der Verfaſſer läßt ſich hier von dem franzoͤſi⸗ ſchen Ausdrucke Bohémiens(igeuner) verlei⸗ ten zu glauben, daß dieſes herumſchweifende Volk aus Boͤhmen ſtamme, oder doch daſelbſt ſeinen Hauptſitz habe, da es doch aus Aſien ſtammt, und die Zigeuner ſich ſelbſt Sinte nennen; Sinde aber heißen die Hindus.. Nach Grellmann ſind die Zigeuner indiſchen Urſprungs, und zwar aus der Küſte der Sudders. Sie ſollen bei dem Einzuge Tamerlan's aus dem nördlichen Hindoſtan verdrängt worden ſeyn, und ſich eine Zeitlang im Lande der Zingaren aufgehalten haben, ehe ſie nach Europa zogen, wo Grellmann ihre Ankunft in Ungarn und Deutſchland auf das Jahr 1410 ſetzte. Anm. d. Ueberſ. — e —— ————— —— 283 „Zwar alles in der Zukunft Auen, Nur nicht ihr eigen Schickſal ſchauen.“ Großmuͤthig gegen ihr Zeitalter, beſchraͤnken ſie ſich nicht auf ihr Vaterland bei Vertheilung der Wohlthaten ihrer geheimen Kunſt; alle Laͤnder Europa's, namentllich Aegypten, Spa⸗ nien, Italien, Deutſchland und Frankreich kennen dieſe wandelnden Hrakel, welche, ele⸗ gante Halbſtiefel an den Fuͤßen, den Kopf mit einer ſchwarzen Kappe bedeckt, alle Nationen heimſuchen. Eine ſolche Zigeunerinn, Namens Talmira Alisca wird die Heldinn dieſer kleinen Geſchichte ſeyn. Obgleich zu Trapezunt geboren, war der Vater der Talmira Alisca ein Chriſt, und nachdem er als Goldſchmidt kein ſonderliches Gluͤck in Frankreich gemacht hatte, ließ er ſich mit ſeiner Frau in Pera, einer Vorſtadt von Conſtantinopel häuslich nieder. Hier wurde Talmira nach muſelmaͤnniſchen Sitten erzogen, obgleich ſie ſich von vielen handelnden Europaͤern umgeben fand. Sie wurde folglich von Kind⸗ heit an ganz in die Gebraͤuche und Ceremonien der mahomedaniſchen Religion eingeweiht, ſo wie ſie ſchon bei der Geburt den angegebenen ori⸗ entaliſchen Namen erhielt, welcher in tuͤrkiſcher Sprache Augenweide bedeutet, gemaͤß dem Gebrauch der Morgenländer, beſonders der Aſia⸗ 284 ten, den Weibern immer allegoriſche Benennun⸗ gen beizulegen. Talmira rechtfertigte dieſen Namen in jeder Hinſicht, denn die Natur, welche in dieſen Ge⸗ genden die Einbildungskraft ſo ſehr beguͤnſtiget, hatte niemals eine vollkommenere Schoͤnheit her⸗ vorgebracht. Nie vereinigte ſich Grazie und Lieb⸗ reiz, nie der Gegenſatz einer blendenten orienta⸗ liſchen Schoͤnheit, mit der lebhaften und feinen Bildung einer artigen Pariſerinn in einem weib⸗ lichen Weſen ſo vollkommen, als in Talmira; und wenn ihre ſchwarzen Augenbraunen majeſtaͤ⸗ tiſche Bogen auf der blendend weißen Stirn bil⸗ deten, ſo ſiel, um den Contraſt zu vollenden ihr ſchoͤnes blondes Haar in dichten Locken auf ihre Schultern, die aus Alabaſter gedrehet ſchienen. Die zarteſten korallenen Lippen be⸗ deckten mit unbeſchreiblicher Anmuth die Perlen ihrer Zähne, und der Mund duftete wie der Kelch einer Roſe. ii Nicht ohne geheimen Stolz ſahen ihre Eltern ſo viel Reize ſich entfalten; es war ihr einziges Kind, aber anſtatt ihr eine ſorg⸗ fältige, ihrem Stande und Vermoͤgen ange⸗ meſſene Erziehung zu geben, und in der Reli⸗ gion ihrer Vaͤter zu erziehen, begingen ſie nicht allein den uuverzeihlichen Fehler, ſie an die Geſetze des Propheten und der Fakiren zu —————— ——— —— ——— 285 gewöhnen, ſondern ſie gingen ſelbſt mit der abſcheulichen Speculation um, ſie gegen die Summe von einigen tauſend Zechinen in das Serail eines Baſcha, oder Vezier's zu verkau⸗ fen. In dieſer Abſicht unterwarfen ſie ihr Kind einer gewiſſen, ägyptiſchen Operation, welche die ſchönen Sclavinnen von Georgien, Tſchirkaſſien, Memphis und Alexandrien gemei⸗ niglich in ihrer Kindheit aushalten muͤſſen, bevor ſie in einem reifern Alter zu Groß⸗Ka⸗ hira auf den Markt gebracht und ganz nackend zur Schau ausgeſtellt wurden. Der Leſer wird wahrſcheinlich neugierig ſeyn, die eigentliche Beſchaffenheit dieſer ſon⸗ derbaren Operation kennen zu lernen, vermoͤge welcher die Araber, die Tuͤrken und Aegypter ſich der Erſtlinge der Liebesfrucht an einer jungen Frau ſchon vor dem wirklichen Beſitze verſichern; er moͤchte ſonder Zweifel wiſſen, wie es moͤglich iſt, ohne Beruͤckſichtigung der freilich etwas zerbrechlichen Tugend des ſchoͤnen Geſchlecht, durch untruͤgliche materielle Proben die Gewißheit zu erhalten, daß die Kuͤſſe des Zephyrs niemals die Knospe der Jungfraͤulich⸗ keit angehaucht haben.— Durch welchen ſelt⸗ ſamen ausgeſuchten Kunſtgriff, wird er fragen, konnte man das Mittel entdecken jenen idealen Schatz, auf welchen Aſiens Voͤlker einen ſo hohen Preis ſetzen, und woraus die Bewohner der ufer der Seine ſo wenig machen, unver⸗ letzt zu erhalten? Wahrhaftig, ich bin in Verlegenheit, welche verhuͤllte Ausdruͤcke meine ſchamhafte Feder waͤhlen ſoll, um dieſes luͤſterne Geheim⸗ niß, dieſes pretium virginei floris zu offen⸗ paren.— Welcher Wendung ſoll ich mich be⸗ dienen, um zarte Ohren nicht zu beleidigen?— Wir wollen indeß ſehen, wie wir dieſes lite⸗ rariſche Kunſtſtuͤck zu Stande bringen, wobei wir auf einige Nachſicht rechnen, wenn eine kindiſche Wohlanſtändigkeit dem Intereſſe dieſer Geſchichte aufgeopfert wird. Talmira hatte demnach kaum ihr fuͤnftes Jahr erreicht, als einſt in der Nacht, während ſie in einem tiefen Schlaf verſenkt war, die Mutter, von einem Arzte begleitet, in das Gemach trat, ihr zuvorderſt die unſchuldigen Haͤnde band, ſodann mit einer ſcharfen Nadel dem noch unausgebildeten Sitze der Schamhaf⸗ tigkeit nahte, um unter dem Beiſtande ihres Gehuͤlfen, den Eingang mit einem ſeidnen, in Gummi präparirten Faden zu verſchließen, jedoch mit der Vorſicht, daß dabei eine enge Oeffnung fuͤr die natuͤrlichen Beduͤrfniſſe blieb. Dergleichen Fäden werden von beſondern kunſt⸗ verſtändigen Leuten zu dieſem Zweck bereitet, und auf ſolche Art verſichert man ſich in Aſien * —————————————— 287 der Keuſchheit der Weiber, deren Ehre von Kindheit an unter der Sicherheitswache eines ſchuͤtzenden Fadens iſt, welcher nothwendig durch⸗ ſchnitten werden muß, wenn Amor ſeine Rechte in Anſpruch nimmt. Nachdem der Schmerz voruͤber war, uͤber⸗ ließ ſich Talmira den gewoͤhnlichen Spielen ihtes Alters; aber bald mußte ſie noch einen empſindlicheren Angriff dulden. Ihre Mutter, wenn ein niedertraͤchtiges Weib dieſen Namen verdient, verkaufte ſie um klingende Muͤnze an einen jungen und reichen Cadi von Adria⸗ nopel, einen Wolluͤſtling, dem Acibiades ähn⸗ lich, welcher auf ſeinen haͤufigen Reiſen nach Conſtantinopel oft in die Vorſtadt Pera kam, wo ihn die bluͤhende Schoͤnheit Talmira's zu kuͤhnen Hoffnungen begeiſtert hatte; ſich eine ſchoͤne Zukunft von ihren Reizen verſprechend, ſuchte er demnach den Vorrath ſeiner Liebes⸗ genuͤſſe durch dieſe koſtbare Acquiſition zu ver⸗ mehren, und Talmira's Eltern kamen ſeinen Abſichten entgegen. Talmira Alisca war noch zu jung, um den Verluſt der elterlichen Liebe zu empfinden; dieſes Gefuͤhl erwachte erſt in der bedenklichen Epoche, wo die Roſen und Lilien ihrer Schoͤn⸗ heit ſich mit dem erſten Thau der Mannbarkeit bedeckten, und ihr nun, ein neues Lehen aus 288 der Unbedeutenheit ihrer erſten Jahre aufging. Aber nun, nachdem ihre Vernunft in dem Harem des Cadi von verſchiedenartigen Leh⸗ rern ausgebildet worden war, wurde es ihr klar, daß ihre Eltern zu einer Zeit wo ihre Schwaͤche und Unſchuld der ſorglichen Theil⸗ nahme am meiſten bedurften, mit ihrer Perſon und ihren Reizen einen ſchändlichen Handel getrieben hatten, und ſo faßte ſie einen unver⸗ ſonlichen Haß gegen ihre Erzeuger, feſt ent⸗ ſchloſſen die galanten Speculationen des Cadi zu täuſchen, und ſich lieber dem letzten ſeiner Diener hinzugeben, als ihm eine Blume zu erhalten, deren ſeine unzarte Denkungsart nicht werth war. Indeß unterließ der verliebte Cadi nichts, um das Herz der ſchoͤnen Jungfrau durch ver⸗ ſchwenderiſche Geſchenke zu ruͤhren. Praͤchtiger Schmuck, Simarren,*) reich beſetzt mit Rubi⸗ nen, und den reinſten Perlen des Orients, goldgeſtickte Schleier, glänzende Feſte, koſtbare Mahlzeiten, kleine, beſonders fur ſie erfundene Schautänze, Sklaven, Spezereien, Tonfeſte nach europaiſcher Art, wolluͤſtige Baͤder und Vergnügungen aller Art, das waren die NRittel, welche *) Lange, nachſchleppende Kleider. 2 Anmerk. d. Ueberſ. — 289 welche Olmaſis⸗Kipſan, ſo hieß der Cadi, in Bewegung ſetzte, um ſich die Zuneigung ſeiner allerliebſten Favorit⸗Sultaninn zu erwerben, indem er mit Ungeduld den guͤnſtigen Moment erwartete, ihr das Schnupftuch zuzuwerfen. Talmira, weit entfernt ſich durch den Beweg⸗ grund dieſes zuvorkommenden Eifers geſchmei⸗ chelt zu fuͤhlen, fand ſich vielmehr durch den Gedanken an ihre niedrige Beſtimmung empoͤrt, und das Bette ihres unumſchränkten Herrn kam ihr vor, wie der Altar, an welchen das geſchmuͤckte Schlachtopfer gefuͤhrt werden ſoll, ſo wie der Vorzug den ſie genießen ſollte ihr nur ein Zeichen der Knechtſchaft ſchien. Stolz, wie eine Spanierinn, einer Raxelane gleich an Selbſtſtändigkeit des Charakters, ſchwoͤrt ſie, ſich ſelbſt auf Gefahr ihres Lebens aus dieſer entehrenden Sklaverei zu befreien, und der mercantiliſchen Liebe des tuͤrkiſchen Fuͤrſten, wenigſtens den erſten Kuß zu entziehen, um freie Liebe damit zu begluͤcken. Anfangs verſucht ſie einige Odalisken, oder Haremsweiber fuͤr ihren kuͤhnen Plan zu ge⸗ winnen; aber dieſe Geſchoͤpfe waren ſo furcht⸗ ſam, ſo ſehr an ihre Ketten, an ihren ewigen Muͤſſiggang gewoͤhnt, daß ſie kaum die Kraft hatten, ſich den Schlaf aus den Augen zu wiſchen, zu geſchweigen, daß ſie an einer ſo verwegenen Unternehmung Theil nehmen ſollten. Blut. Schatt. Zweit. Bd. 19 290 Nur drei Gaͤrtner, geborne Franzoſen, welche bei der Orangerie der Moſchee angeſtellt waren, gingen in Talmira's Plan ein. Sehr wahr ſagt einer unſerer Dichter: „Der Hauch der Sklaverei iſt todtlich fuͤr Franzoſen.“ Das Wort, die Hoffnung der Freiheit bringen ihre edeln Herzen zu ſchnellen Schlä⸗ gen; der Gedanke, von einer Frau ſich an Muthe uͤbertreffen zu laſſen, beſchämt ſie, und entflammt zugleich ihren thätigſten Eifer; ſollten ſie ſelbſt Gefahr laufen lebendig geſpießt zu werden, ſie ſchwoͤren doch auf ihre Ehre, auf ihre Religion, ihr ganzes Schickſal in die ge⸗ ſchickten Haͤnde der ſchoͤnen Talmira zu legen. Die Nacht, welche ſie zu ihrer gemein⸗ ſchaftlichen Flucht feſtgeſetzt hatten, war auch von dem leidenſchaftlichen Cadi zum Triumph ſeiner Liebe und ſeiner tyranniſchen Rechte aus⸗ erſehen. Nie war ein orientaliſches Serail, ſeit den ſtolzen Satrapen von Sardes zur Zeit des Cyrus, bis zur Regierung Solimans II. ſo praͤchtig eingerichtet geweſen, wie das des Cadi. Wenn Talmira Ketten trug, ſo waren es doch goldene, und man konnte ſie eher fuͤr eine Koͤniginn halten, die mit gebietenden Scep⸗ ter in dieſem Tempel uͤber ihren Liebhaber und —————————— 6 291 die andern Frauen herrſchte, als fuͤr eine Chri⸗ ſtenſelavinn von niederm Herkommen. Ein ausgeſuchtes Feſt war begangen wor⸗ den; unzählige Lichter ſtrahlten uͤberall; ſchwarze Verſchnittene hatten unſerer Heldinn riſche Ge⸗ ſchenke gebracht; ein koſtbares Gemach war durch die Sorge des Oberaufſehers der Ver⸗ ſchnittenen zubereitet und mit allem verſehen worden, was Geſchmack und Wolluſt in ihren ausſchweifendſten Forderungen nur immer er⸗ denken koͤnnen; und alles verkuͤndigte Talmiren, daß in dieſer Nacht, ohne weitere Beruͤckſich⸗ tigung der Neigung ihres Herzens, Beſitz von ihrer Perſon genommen werden ſollte. Dieſer Gedanke vermehrt nur ihr Mißbehagen; ſchon ſieht ihre Einbildungskraft das verhaͤngnißvolle Schnupftuch zu ihren Fuͤßen niederfallen, und dann iſt nicht auszuweichen. Ohne in unnuͤtzen Ueberlegungen die Zeit zu verlieren, rafft ſie ſich demnach ſchnell zuſam⸗ men, nimmt ihr Gold und ihre Diamanten, oͤffnet die Fenſterladen, ſteigt uͤber den Balcon ihres Zimmers, und gelangt durch Huͤlfe einer, aus Leibbinden und Tuͤchern verfertigten Leiter in den Garten des Cadi, wo ſie die treuen franzoͤſiſchen Gärtner empfangen, welche ſchon am Morgen von ihr den Wink erhalten hatten, ſich auf alle Faͤlle in Bereitſchaft zu halten. 19* 29. Ohne Schwierigkeit uͤberſtieg Talmira die ne Mauern, und ein kleiner Kahn nahm alle vier Fluͤchtlinge in einer Entfernung von einigen Meilen auf. Durch die ſonderbarſten Kreuz⸗ und Querfahrten wußte das liſtige Mädchen die Verſuche ihrer Verfolger zu taͤu⸗ ſchen, und nachdem ſie viele Gegenden durch⸗ ſtreift hatte, und ihre Freiheit in vollkomme⸗ ner Sicherheit ſah, faßte ſie den Entſchluß ſich in Trapezunt niederzulaſſen. In einem praͤch⸗ tigen Palanquin, mit einem zahlreichen Ge⸗ folge von Sklaven und Kamelen hielt ſie da⸗ ſelbſt ihren Einzug, indem ſie ſich fuͤr die Schweſter eines mächtigen Emirs von Armenien, die zu ihren Vergnuͤgen reiſ'te, ausgab. Mit vieler Klugheit verabſchiedete ſie nach ihrer An⸗ kunft in dieſer Stadt, die drei franzoͤſiſchen Gaͤrtner, welche mit Geſchenken uͤberhäuft Fn in ihr Vaterland zuruͤckkehrten.— Einige Monate hindurch genoß Talmira der koͤſtlichen Freiheit mit einer Art von trun⸗ kenem Entzuͤcken, kein anderes Gluͤck kam, nach ihrem Gefuͤhle, dieſem ungewohnten Ge⸗ nuſſe bei. Den goldenen Ketten eines verlieb⸗ ten Herrn mit Schlauheit entronnen, vermißte ſie im Schooße des Reichthums nichts an ihrem Gluͤcke, und wenn noch ein Verlangen ſich in ihrem Buſen regte, ſo war es der Wunſch einen Mann zu finden, der ihrer werth waͤre — ———— ———————— 293 Aus dieſem Zuſtande des innigſten Wohl⸗ behagens wurde ſie ſchreckhaft aufgeſtoͤrt, durch die Kunde, daß Olmaſis⸗Kipſan, nachdem er ſie unaufhoͤrlich verfolgt, endlich ihre Spuren entdeckt habe, und mit nichts geringern um⸗ gehe, als ihr durch einen ſeiner Diener die verhängnißvolle ſeidene Schnur zu ſenden, oder ihr ſelbſt den Dolch ins Herz zu ſtoßen zur Strafe ihrer Treuloſigkeit. Es iſt bekannt, daß die Großen in der Tuͤrkei und in Aſien das Recht uͤber Leben und Tod in Betreff ihrer Sklaven haben, und daß ſchon manche Bewohnerinn des Serails auf Veranlaſſung des leiſeſten Verdachts der Un⸗ treue, das moͤrderiſche Eiſen in ihrem Buſen fuͤhlen mußte. In einigen Provinzen hat man ſogar die barbariſche Gewohnheit, die Schul⸗ dige in einen Sack zu ſtecken, und ſo lange darauf zu ſchlagen, bis ſie ihren Geiſt auf⸗ giebt, worauf ſie ins Meer geworfen wird. Auch die Aegypter zu Groß⸗Kahiro und Aler⸗ andrien ſtrafen ihre Veſtalinnen, die ſich eines Fehltritts ſchuldig gemacht haben, auf dieſelbe unmenſchliche Art. Talmira, von den grauſamen Abſichten des Olmaſis⸗Kipſan benachrichtiget, geraͤth in die äußerſte Wuth; ihr Character, von Natur ſchon zum Romantiſchen hingezogen, hatte ſich 294 ſeit ihrer Flucht ganz vorzuglich entwickelt; die mit ihrer Reiſe verbundene Gefahren, das Un⸗ gewoͤhnliche ihrer Schickfale, hatten ihr den Gedanken eingefluͤſtert, den ſie fuͤr eine prophe⸗ tiſche Eingebung nahm, daß ſie zu etwas Großem geboren ſeyz und weit entfernt, durch eine neue Flucht ihren Kleinmuth zu ver⸗ rathen, zachte ſie vielmehr darauf, ſich den Genuß einer vollſtändigen Rache an en Manne zu verſchaffen, der ſie von Kindheit an ſo S verfolgt hatte. Oimaſis⸗ Kipſan ſeinerſeits war uͤber ſeine eigentlichen Zwecke deſto unſchluſſiger; ſoll er die toͤdtliche Schnur dem reizenden Weſen ſchicken, das er ſo ſehr vovehrrs kann er ſo viele Schönheiten im ſchoͤnſten Lenz des Alters verderben? hat er nur deswegen ſo viele Mittel angewenbekf fuͤr ſich die Reize einer bluͤhenden Jungfrau unentweiht aufzuſparen, um ſie wie eine zarte Lilie zu knicken, und gewaltſam in das fruͤhe Grab ſteigen zu laſſen. Dieſe untopche Zweifel haͤtte ſich Oimaſis erſparen konnen, denn Talmira war feſt ent⸗ ſchloſſen, nur der Uebermacht zu weichen, und ihren ganzen Scharfſinn anzuwenden, um ſich auf eine empfindliche Art an ihrem Tyrann zu rächen. Sich ſtellend, als wenn ſie allen Widerwillen aufgabe, ſendet ſie an Olmaſis * * 295 einen zärtlichen Brief, in welchem ſie die auf⸗ richtigſte Reue an den Tag zu legen ſcheint; ſie verlangt nur ein kurzes Gehoͤr, um ſich vollkommen zu rechtfertigen, und zn beweiſen, daß ihr Herz an ihrer Flucht mehr Theil habe, als man wohl denken ſollte. Der durch dieſe vorgebliche Bekehrung ge⸗ täuſchte Olmaſis weiß nicht was er denken ſoll, und immer noch von dem Wunſche ge⸗ qualt, dieſe rebelliſche Schoͤnheit in ſeine Arme zu ſchließen, bevor er ſie der Strafe uͤbergaͤbe, welche von der Ehre ſeiner Wuͤrde und den Geſetze des Serails erheiſcht wird, laͤßt er ſich verleiten ſeine Schoͤne ganz incognito zu beſuchen. Er ſteckt indeß zur Vorſicht einen kleinen ſcharfen Stahl zu ſich, womit die großen Herrn in der Türkei aus eigner Machtvollkom⸗ menheit ihren ungetreuen oder fluͤchtigen Ge⸗ liebten, Naſe und Ohren abſchneiden. Ein junger Aga vom Gefolge des Fuͤrſten, welcher ſich ſehr fur Talmira verwendete, unterrichtete ſie jedoch von dieſem beunruhigenden Umſtande. Als der Cadi ankam lag Talmira in einer reizenden Stellung ausgeſtreckt auf einem Sopha in einem kleinen bezaubernden Gemache, welches von den ſuͤßeſten Wohlgeruͤchen durchwallt wur⸗ dez da ihr einziger Zweck war die Sinne ihres Verfolgers zu betaͤubrn, ſo unterdruͤckte ſie 296 den Abſcheu, welchen ihr ſein Anblick einfloͤßte, und heuchelte eine Zaͤrtlichkeit, eine Hingebung, die um ſo aufrichtiger ſchien, da ihren ſchoͤnen blauen Augen die heißeſten Thränen entſtroͤm⸗ ten, wobei, wie von innerer Bewegung ge⸗ draͤngt, ein Theil des ſchoͤnen weißen Buſens, auf welchen die Locken ihrer Haare reizend — zum Vorſchein kam, auch ließ ie mit ſchlauer Kunſt, indem ſie ihre Simarrn zuruͤck ſchlug einen Fuß ſehen, den Terpſy⸗ chore wuͤrde beneidet haben, und ſo gelang es der liſtigen Talmira das Feuer der heftigſten Begierden in dem ſinnlichen Olmaſis anzufachen. — Kein Gedanke an den Stolz ſeiner verach⸗ teten Liebe, an die Flucht einer verbrecheriſchen Harems⸗Sklavinn, findet mehr Raum in ſeinem bezauberten Gemuͤthe, nur das wonnevolle Ver⸗ langen, ſo viele Reize zu beſitzen, zuerſt das kuͤnſtliche Netz der Schamhaftigkeit zu durch⸗ brechen, begeiſtert den verliebten Cadi, und die ſchoͤne Talmira ſieht zuletzt ihren ſtrengen Richter zu ihren Fuͤßen kniend liegen.— Anfangs ſchwankt ſie in ihren Entſchluͤſſen; ſie fuhlt ſich faſt entwaffnet von ſo viel Zaͤrt⸗ lichkeit und Liebesbetheuerungen; aber bald be⸗ denkt ſie wieder, daß ein einziger unvorſichti⸗ ger und ſchwacher Augenblick ihre Freiheit und ſelbſt ihr Leben bedrohen kann; dieſer Gedanke beflugelt ihren Entſchluß, und ſo zieht ſie, 297 von dem Halbdunkel beguͤnſtiget, welches im Zimmer herrſchte, einen Dolch aus den Falten ihrer Simarre und ſtoͤßt ihn ſchnell in den Buſen des getaͤuſchten Olmaſis, welcher ſogleich ſeinen Geiſt fluchend auf Talmira, und ſeine eigne Einfalt, aufgiebt. Der junge Aga, welcher an der Thuͤr Wache hielt, lief auf das Geſchrei ſeines Herrn ſogleich herbei; aber weit entfernt unſere Heldin zu verrathen, deren Ritſchuldiger er gewiſſer⸗ maßen durch die ihr gegebenen Winke und Mittheilungen geworden war, unterſtuͤtzte er ſie vielmehr in ihren ſchnellen Vorkehrungen zur neuen Flucht, um ſo bereitwilliger, da er ſchon ſeit langer Zeit eine geheime Liebe fuͤr ſie fuͤhlte, und ſich von dieſer Empfindung in ſeinen Handlungen leiten ließ. Dieſer junge Aga war der Meinung, daß man vor der Flucht dem Fuͤrſten den Kopf abſchneiden, und ſeinen Koͤrper ganz unkennt⸗ lich machen muͤſſe. Nachdem dieſes blutige Geſchaͤft verrichtet worden war, legte man den noch blutigen Kopf in einen großen Becher von Bergkryſtall; aber ſiehe, von dieſem Augen⸗ blicke an wurde dieſes Haupt ein wunderbarer Talisman fuͤr die Perſon, welche daſſelbe be⸗ ſaß, indem es ihr die Gabe der ſchwarzen Kunſt oder Nekromantie verlieh; denn kaum 293 hatte Talmira ſelbiges in ihre Kiſten geſchloſſen, als vor ihren begeiſterten Augen das Gemaͤlde einer unuͤberſehbaren Zukunft ſich aufrollte und entfaltete: nicht ohne Vergnuͤgen wurde es ihr dabei klar, daß der Aga ihr Liebhaber werden ſollte. Aber welche Verkettung von ſonderbaren Begebenheiten ſah ſie nach allen Seiten in ihrer Einbildungskraft ſich entwickeln.— Lange Reiſen, Gefahren aller Art, die Hoͤhen und Tiefen, die Freuden und Leiden ihres Lebens, mit einem Worte, eine deutliche Skizze ihres ganzen kuͤnftigen Seyns lag por ihren Augen ausgebreitet; und ſonderbar genug, wenn ihr Blick dieſe kommenden Schickungen durchirrte, wurde es ihr leider nur zu gewiß, daß ſie ſich dem Mißgeſchick, das ſie treffen ſollte, entziehen können. Noch in derſelben Nacht des an Dmaſis. Fipſan begangenen Mordes verließ ſie Trape⸗ unt in Geſellſchaft des Aga, der ihrer gehei⸗ men Neigung entgegen kam, und ſein Schickſal nit dem ihrigen vereinte. Sie durchſtreiften nun zuſammen einen Theil von Rußland, Lithauen und Liefland; ſodann zog Talmira den Zauberbecher zu Rathe, und erhielt die Weiſung, daß die Schickſals⸗ maͤchte ihnen befoͤhlen, ſich auf die Grenzen von Dalmatien zu begeben, obgleich durch eine L— 299 Verkettung umgluͤcklicher Umſtände Talmira da⸗ ſelbſt alle ihre Reichthuͤmer verlieren, und ihr lieber Aga von den herumſtreifenden Tataren getödtet werden wuͤrde; ferner bringe es ein unvermeidliches Geſetz der Schickung mit ſich, daß ſie Marketenderinn bei einem ungariſchen Huſarenregimente würde, da, wie wir im Anfange dieſer Blätter erinnerten, Oeſterreich mit dem Großvezir damals Krieg fuͤhrte. Talmira war nicht wenig beſtuͤrzt bei dem Gemälde ſo vieler unvermeidlichen Widerwaͤr⸗ tigkeiten. Das groͤßte aller Uebel iſt die Ge⸗ wißheit, daß dieſe uns treffen muͤſſen. Oft bereuete ſie den verwegenen Mord, dem ſie ihr ganzes Ungluͤck zuſchrieb; oft faßte ſie ſeibſt den Entſchluß den verhaßten Kopf als die Ur⸗ ſache dieſes geweiſſagten Mißgeſchicks in einen Fluß zu werfen, oder ihn in die Erde zu be⸗ graben; aber wenn ſie denſelben mit zitternder Hand aus dem Becher zu ziehen verſuchte, er⸗ hob ſich ein fuͤrchterliches unterirdiſches Ges räuſch, wie das tobende Rauſchen eines Waſſer⸗ falls; ſchreckliches Gebruͤll entſtroͤmte den blu⸗ tigen Lippen des Olmaſis, und ſeine Augen ſpruͤhten blitzende Funken umher. Eben ſo, wenn Talmira den bezauberten Kopf in den Schooß der Erde ſenken wollte, ſtieg eine vulkaniſche Flamme daraus empor, und die ganze Natur ſchien ihr durch dieſe ſeltſamen Erſcheinungen zu ſagen, daß ſie vom Schickſal verdammt ſey, die druͤckende Laſt ihrer Mordthat mit ſich herumzuſchleppen. Nicht genug, auch ihr Schlaf, mit fortwaͤh⸗ rendem Alpdruͤcken verbunden, fuͤhrte ihrer Seele die ſchrecklichſten Bilder vor, und oft ſchien Blut aus abgeſchnittenen Koͤpfen auf ihr Lager zu ſtroͤmen; geſpießte Verbrecher, Raͤder und Blutgeruͤſte ſtanden vor ihr, und ununterbrochen ertoͤnte aus dem Munde des Olmaſis⸗Kipſan der Schreckegsruf:„Du wirſt einſt im Lager der ungariſchen Huſaren gehan⸗ gen werden.“ Wirklich gingen alle dieſe Prophezeiungen in Erfuͤllung: ihr theurer Aga wurde unter ihren Augen durch eine Bande herumſtreifender Tatarn in einem polniſchen Walde ermordet, bei welcher Gelegenheit ſie ihre ſaͤmmtlichen Schaͤtze verlor, und ſich nur unter Beguͤnſti⸗ gung der Nacht aus den Händen der Moͤrder wunderbar rettete; durch einen ſonderbaren Zufall, oder vielmehr durch eine Fuͤgung der ſtrafenden Gerechtigkeit Gottes, blieb ihr von allen ihren Reichthuͤmern, von allen ihren praͤchtigen Kleidungsſtücken nur jener Kopf von nglickſcher Vorbedeutung, welcher mitten im Gewirr der Pluͤnderung in ſeiner Buͤchſe von Kryſtall ihr nachrollte, und ſich wie ein bluti⸗ — —— 301 ger Schatten an alle ihre Schritte zu heften und mit verhaßter Treue ſich mit Talmiren auf Leben und Tod zu vereinigen ſchien. Als die Morgendämmerung anbrach, und unſere Dame nun den in ſeinem Blute ſchwim⸗ menden Koͤrper ihres geliebten Aga, alle ihre Leute ermordet und ſich ſelbſt beraubt ſah, raufte ſie ſich die Haare aus und zerriß, außer ſich vor Schmerz und Trauer ihre Kleider. Wuͤthend ſtieß ſie die Urſache ihres Ungluͤcks, den redenden Kopf, mit dem Fuße von ſich in der Abſicht ihn unter das Geſträuch zu ſchleudern; aber durch ein neues Wunder, blieb die Spitze ihres Fußes zwiſchen den Zaͤh⸗ nen dieſes Kopfes ſtecken, und ſchmerzhafte Spuren bleiben auf dem Fuße zuruͤck, ſelbſt nachdem der Kopf ſeine Beute hatte fahren laſſen. So muß ſich Talmira entſchließen dieſen grauſamen, auf ihren Untergang lauern⸗ den Kobold mit ſich zu nehmen, indem ſie ihn in eine Art von Torniſter ſteckt, den ſie ſelbſt aus einigen von den Raͤubern zerſtreuten Fetzen verfertiget. Hierauf begab ſie ſich, vor Kälte erſtarrt, in ein Dorf, wo die Bauern ſie gaſtfreund⸗ ſchaftlich aufnahmen; hier wurde ſie mit kaiſer⸗ lichen Huſaren bekannt, welche ſie recht huͤbſch fanden, und ihr den Antrag machten, als 302 Narketenderinn mit ihrer Schwabron zu ziehen. Talmira, die in ihrem heilloſen Zuſtande keine Wahl hatte, nahm dieſen Vorſchlag an, ob ſie gleich mit Seufzen gewahr wurde, daß die ungluckliche Weiſſagungen in Erfuͤllungen gingen; das ſchreckbare Schattenbild eines Galgens trat nun immer naͤher, und kam ihr nicht mehr aus den Gedanken.— Gern willigen die Ofſiziere der Schwa⸗ dron in die Annahme Talmirens als Marke⸗ tenderinn, ihre Schoͤnheit ſiegt uber alle Schwie⸗ rigkeiten. Der Oberſt kauft ihr einen Wagen mit zwei Pferden, und ſämmtliche Offiziere unterſtutzen ſie bei Anſchaffung des noͤthigen Vorraths von Lebensmitteln. Eine große Schenkwirthſchaft wird eingerichtet, und in kurzer Zeit iſt unſere Heldinn die reichſte Mar⸗ ketenderinn der Armee. Da ſie mehrere Sprachen gelaͤufig ſprach, geſchickt auf der Zither und Mandoline ſpielte, und in ihrem Betragen eine Anmuth entfaltete, wie ſie ihrer, im Se⸗ rail genoſſenen Erziehung entſprach, ſo bezau⸗ berte ſie auch ſelbſt die angeſehenſten Staabs⸗ offiziere und verſchiedene ehrenvolle Antrage wurden ihr gemacht. Dieſes Gluͤck war indeß nur oberfläͤchlich; die ſchreckenden Erſcheinungen der Nacht hoͤrten deßhalb nicht auf, und der blutige Schatten ———— —————————————— 303 Olmaſis verfolgte ſie mehr als jemals. Ver⸗ gebens verſuchte ſie alle erſinnliche Mittel der Zerſtreuung; der Zauber verlor nichts von ſeiner Staͤrke und Dauer.„Nun wohlan,“ rief ſie aus, ſo will ich ganz und gar die Wahrfagerinn, die Zigeunerinn machen; der⸗ ſelbe Talismann, deſſen Beſitz mich ſo ſehr quaͤlt, ſoll fortan meinen Nutzen zu dienen gezwungen werden, und mir zum Erwerb eines koloſſalen Vermoͤgens behuͤlflich ſeyn. Die ganze Armee iſt erſtaunt uͤber Tal⸗ mira's Scharfblick; hat ſie den Generalen einen Unfall angekuͤndiget, ſo erfolgt das Ungluck nur zu gewiß; die öſterreichiſchen Truppen werden geſchlagen, und muͤſſen ſich in der groͤßten Unordnung zuruͤckziehen. Haben aber ihre magiſchen Begeiſterungen einen glaͤnzenden Sieg angekuͤndiget, hat ſie, in den Kriegs⸗ rath gezogen, die Anordnungen zum Kampfe gemacht, ſo werden ihre Weiſſagungen gewiß mit Lorbeern gekroͤnt. So iſt ſie fuͤr die kai⸗ ſerliche Armee bald ein himmliſcher Engel, bald ein Daͤmon der Hoͤlle, frei uͤber das Schickſal ſchaltend; und man wagt ſich ihr nicht anders, als mit fanatiſcher Ehrfurcht zu nahen. Eines Abends tritt der Oberſt des ſchon 304 erwähnten Huſarenregiments in die Bude der Talmira, um ihr ſcherzhaft den Hof zu machen. „Gut, daß Sie kommen, lieber Oberſt,“ ſagt ſie ihm bei ſeinem Eintritt, ohne ſich umzuſehen;„meine Karten, die ich eben zu Rathe ziehe, ſagen mir, daß ſie naͤchſten Don⸗ nerſtag Nachts mit einer ihrer Schwadronen auf Entdeckung ausgehen, aber leider von einem Haufen feindlicher Cavallerie uͤberfallen, und mit allen ihren Leuten bei dieſem gewagten Unternehmen umkommen werden.“ Der Oberſt lachte herzlich uͤber dieſe Mit⸗ theilung, indem er ſcherzhaft bemerkte, daß wenn Talmira ihm geweiſſaget hätte, er werde ſie immer ſchoͤn finden, er keinen Augenblick an ihrer Prophezeihung zweifeln wuͤrde; was die Karten betraͤfe, ſo haͤtte er kein Ver⸗ Als nun die Nacht des Donnerſtags an⸗ kam, wurde unſer Oberſt unerwartet zum Dienſt commandirt, um eine Recognoscirung, uͤber die Vorpoſten hinaus, vorzunehmenz zwar ſtand dieſer Dienſt nicht an ihm; aber da ſein Vordermann ploͤtzlich krank geworden wat, mußte er an deſſen Stelle das Commando uͤbernehmen. Die Nacht war ſehr dunkel, ſo daß man keinen Gegenſtand deutlich erkennen und 305 und alſo auch keine nahende Gefahr unterſchei⸗ den konnte. Kaum iſt demnach der Oberſt in das Gebuͤſch eines Waldes, den er durchſuchen wollte, eingedrungen, als große Haufen Tuͤr⸗ ken uͤber ihn herfallen, und ihn mit ſeiner ganzen Truppe niederhauen, ſo daß auch nicht ein einziger Huſar dem Gemetzel entſchluͤpft.— Unſer Oberſt ſelbſt ſchwimmt, mit tiefen Wunden bedeckt, in ſeinem Blute, und fuͤhlt ſich ſchon in der Naͤhe der Schatten des Todes; jedoch oͤffnet er nach einer langen Bewußtlo⸗ ſigkeit die Augen wieder bei den erſten Strah⸗ len der Morgenroͤthe; ſiehe da gewahrt er mit Schaudern einen Muſelmann von ungeheurer Größe auf dem Schlachtfelde unter den Leichen herumwandeln, beſchaͤftiget, mit ſeinem damas⸗ cener Säͤbel die Köpfe der Todten, und ſelbſt der Sterbenden, abzuſchneiden.— Bei den Tuͤr⸗ ken iſt naͤmlich der Gebrauch eingefuͤhrt, in ihren Kriegen mit chriſtlichen Maͤchten, eine Zechine fuͤr einen Chriſtenkopf zu geben. Dieſer Bewegungsgrund leitete unſern geldgie⸗ rigen Muſelmann in ſeiner blutigen Verrichtung, und er war eben damit beſchaͤftiget, die auf einander gehaͤuften Koͤpfe in einen ſehr weiten Sack zu ſtecken, worauf er ſich gegen den Oberſten wendete, in der Abſicht, auch ihn zu enthaupten, als dieſer, von der neuen Gefahr aufgeruttelt, alle ſeine Kräfte zuſammen nahm, Blut. Schatt. Zweit. Bb 20 306 ſich halb aufrichtete, um in turkiſcher Sprache, die er ein wenig verſtand, den Muſelmann zu bitten, ſeines Lebens zu ſchonen, und ihn lieber gefangen zu nehmen, wobei er weit mehr ge⸗ winnen wuͤrde, naͤmlich wie der Bittende hin⸗ zuſetzte, ein Loͤſegeld von tauſend Zechinen⸗ welches der Oberſt von ſeinen Guͤtern in Tyrol zu zahlen verſprach. Der abſcheuliche Muſelmann ging jedoch nicht in dieſen Vorſchlag ein, eine einzige Zechine, gleich zahlbar, gilt ihm mehr als tauſend, die erſt in zwei Tagen fällig ſind⸗ Er ſchickt ſich daher von neuem an, dem armen Oberſten den Kopf abzuſchlagen; aber dieſer, dem die Verzweiflung neue Kräfte verlieh, er⸗ greift einen ſchweren ſtaͤhlernen Hammer, den die Tuͤrken beim Laden ihrer kurzen Gewehre brauchen, und deshalb am Dolman tragen, und führt damit einen heftigen Schlag nach der Stirn ſeines Feindes, wovon derſelbe be⸗ täubt zu Boden fällt; hierauf nimmt der Sieger den damascener Säbel, und ſenkt denſelben mit wiederholten Streichen in den Buſen des Mü⸗ ſelmanns. ii Nach dieſem Siege, der indeß die letzte Kraft des Oberſten erſchöpft hatte, geht ſein einziger Wunſch dahin, die Vorpoſten der öſterreichiſchen Armee zu erreichen. Gluͤcklicher⸗ N —,—— iSiS————————————— 307 weiſe erſcheint in dieſem Augenblicke eine Streif⸗ wache von Huſaren und Uhlanen, welche aus⸗ geſchickt waren, um Erkundigungen uͤber die waͤhrend der Nacht abgegangenen Schwadronen einzuziehen. Dieſes Piket ſindet den Oberſten zwar erſchoͤpft aber noch lebend unter den Leichen, und nimmt ihn mit ſich fort. Da ſeine Wun⸗ den nicht toͤdtlich waren, ſo wird er in kurzer Zeit wieder hergeſtellt; aber Talmira's Pro⸗ phezeiung lag ihm immer in den Gedanken, und da er wenig geneigt war, an Zaubereien zu glauben, ſo kam er auf die Vermuthung, daß irgend ein Betrug und verbrecheriſches Einverſtändniß mit dem Feinde an der erlittenen Niederlage ſchuld ſey. Nachdem er daher wieder im Lager er⸗ ſchienen war, zog er unter der Hand die ge⸗ nauſten Erkundigungen ein, belauerte alle Hand⸗ lungen und Schliche der Zigeunerinn von Tra⸗ pezunt, und entdeckt, endlich, daß ſie, in der Abſicht ſich ſchnell zu bereichern ein heimliches Einverſtändniß mit dem Feinde unterhalten, ihm oft die Poſition der Armee fuͤr Geld ver⸗ rathen, und ſo durch dieſes ſchändliche Ver⸗ haͤltniß ſowohl zu den Siegen als zu den Nie⸗ derlagen der Oeſterreicher die heimliche Anlage gemacht habe. Was nun den Oberſter beſonders anging, ſo hatte Talmira, in der Ahſicht ihn zu ver⸗ 20* 308 derben, dem Offizier, welcher in der ungluͤck⸗ lichen Nacht des Donnerſtages den Dienſt hätte thun ſollen, einen ſchaͤdlichen Trank beigebracht, wodurch unſer Oberſter genoͤthiget wurde, ſeine Stelle zu übernehmen. Ueberdies waren die Tuͤrken zeitig von der vorzunehmenden Expe⸗ dition benachrichtiget worden, und hatten in der Gegend, welche die Huſaren durchſtreifen mußten, ihre Stärke um das dreifache vermehrtz ſo mußte der ganzen Anlage nach die Unter⸗ nehmung den ungluͤcklichen Erfolg haben, den wir oben erzaͤhlten. Nachdem nun der Oberſt ſich uͤber dieſe Lage der Dinge vollkommene Gewißheit ver⸗ ſchafft hatte, forderte er Talmiren vor Gericht, wo ſie bald des Verbrechens des Spionirens uͤberwieſen und verurtheilt wurde, vor ihrem Rarketenderzelte gehangen zu werden. Umſonſt nahm ſie zu der Zauberei ihres eryſtallnen Bechers ihre Zuflucht; ſie fand an der Stelle von Hlmaſis Kopfe, einen blutigen Galgen, von welchem eine Schlinge herabhing, deren Bedeutung ihr nur zu deutlich war. Wirklich wurde nach wenig Stunden ihr Urtheil voll⸗ zogen, waͤhrend ſie ihr Schickſal verfluchte. So erlitt die Zigeunerinn von Trapezunt die gerechte Strafe ihrer Untreue, und ſtarb zur Warnung vor ähnlichen Verbrechen. Zehnter Schatten. Das Schilderhaus der Nonne, die liebende Veſtalinn; eine geſchichtliche Thatſache. Improbe amor, quid non mortalia pec- tora cogis! Virgil. Sey auf der Todtengruft, in Thranen ganz zerfloſſen, Palmire, die du liebſt, tiefſeufzend hingegoſſen, Sie liege am Altar mit gottgeweihtem Flehn, Der Altar und die Gruft, des heilgen Ortes Wehn, — kann dein liebes Bild dem innern Ang entziehn.. * 310 Im feierlichen Graun der heilgen Weiheſtunden, Wo ſich das Sterbliche dem Ewigen verbunden, Wenn bruͤnſtig ſich das Herz dem Himmel ſtrebt zu nahn Dann betet ſie nur Dich, und immer Dich nur an. So roͤnen die Klagen liebender Sehnſucht aus dem Runde unſerer Heldinn, der Dona Palmira Monte Hermoſo, einer Spanierinn zu Salamanca geboren, welche ſich in einem Kloſter dieſer Stadt befand, wo ſie ohne reif⸗ liche Ueberlegung ihr Geluͤbde abgelegt hatte, und ſich nun vergebllch beſtrebte, in ihrem Herzen die heftigſte Leidenſchaft zu bekampfen, welche die Liebe jemals im Buſen einer Caſti⸗ lianerinn angezuͤndet hatte⸗ Hoffentlich wird man kein Aergerniß daran nehmen, wenn ich die Scenen meiner Erzäh⸗ lungen, wie mit Armida's Zauberſtabe, haͤufig von einer Weltgegend in die andere verſetze, und ſo die Einheit des Orts und der Hand⸗ lung verletze. Es iſt doch in der That recht bequem, in einem Augenblick ſo weite Reiſen machen zu koͤnnen, und der Leſer wuͤrde Un⸗ recht haben, ſich daruͤber zu beklagen; uͤberdies iſt das menſchliche Herz, kleine Schattirungen ausgenommen, welche die Localitäten darauf werfen, uͤberall daſſelbe; naͤmlich ein ſchwaches gebrechliches Ding. —. 311 Aber um dieſer kleinen Einleitung ſchnell ein Ziel zu ſetzen, ſo ſtellen wir jetzt in unſerer Gallerie von Trauerbildern das Gemälde der verbrecheriſchen Auffuͤhrung auf, welche ſich der Oberſt Don Fernando Durvina Hermoſo zu Schulden kommen ließ. Es war im Jahr 1770,*) da nach dem abgeſchloſſenen Frieden, welcher einen der vielen Kriege zwiſchen Spanien und Portugal ein Ende machte, die Truppen in ihre Standquartiere zuruͤckgingen, als unſer Sberſter unter den uͤbrigen, durch ſeine Talente und ſeinen Muth wohlverdienten Auszeichnun⸗ gen und Belohnungen auch die Erlaubniß er⸗ hielt auf einige Zeit der Ruhe des Friedens im Schooße ſeiner Familie zu genießen. Die heftige Leidenſchaft, die er fur Palmiren fuͤhlte, hatte nicht geringen Antheil an der Sehnſucht, die er nach ſeiner Heimath hegte. Kaum war er mit ſeinen Leuten zu Cindad⸗Rodrigo ange⸗ kommen, als er ungeduldig uͤber den langſa⸗ men Gang der Wagen ſein Gefolg verließ, in der Abſicht ſich zu Pferde nach Salamanca zu begeben. *) Wenn dieſe Jahrzahl kein Druckfehler iſt, ſo kommt in dieſer Erzahlung ein ſtarker Anachro⸗ nismus vor, indem der Tempelherrnorden, von welchem nachher die Rede ſeyn wird, bekannt⸗ lich ſchon im Jahr 1311 ausgerottet wurde. . Anmerk. d. Ueberſ. 312 Hier angekommen ſtieg er ganz in der Stille in einem Gaſthofe der Mohrenſtraße (calle de los moros) ab, verſchaffte ſich von einem Troͤdler den Anzug eines Ritters vom Tempelherrnorden,(welcher damals ſo maͤchtig war, als der Koͤnig von der pyrenäiſchen Halb⸗ inſel ſelbſt) und machte ſich dadurch um ſo un⸗ kenatlicher in den Augen ſeiner Landsleute, da er ſchon mehrere Jahre abweſend von Caſtilien geweſen war. Seine erſte Sorge ging nun dahin, ſich durch Vermittlung eines ſchlauen Barbiers— eine Klaſſe von Menſchen, welche ſich in Spa⸗ nien vortrefflich auf den Mercurius⸗Dienſt ver⸗ ſtehen— allerlei Nachrichten von der Familie Palmirens, beſonders uͤber die Lage und Le⸗ bensweiſe dieſes Maͤdchens während ſeiner Ab⸗ weſenheit, zu verſchaffen. Dieſe Erkundigungen belehrten ihn, daß Dona Palmira, welche ihm immer treu geblieben, von ihrer Familie, in der Abſicht, ihr andere Verbindungen aufzu⸗ zwingen, grauſam verfolgt worden ſey; daß man alle ſeine Briefe unterſchlagen, und als alle gelindern Maaßregeln an ihrer Standhaf⸗ tigkeit nichts gefruchtet, man ſie mit Gewalt in das Kloſter de la Penitercia gebracht habe, wo ſie durch die emporendſten Mittel gezwungen worden, den Schleier zu nehmen, und Profeß zu thun; endlich, daß Palmira's 3¹3 Mutter, Segnora Monte Hermoſo, aus Gram uͤber alle dieſe Ereigniſſe geſtorben ſey.— So ſah Durvina eine unuͤberſteigliche Scheidewand ſich erheben zwiſchen ſeinem Her⸗ zen und dem Gegenſtande ſeiner Liebe. In der Verzweiflung achtet er nicht der Lorbeeren, womit die Tapferkeit ſeine Stirn in den ruͤhm⸗ lichen Feldzuͤgen bekraͤnzt hat; gern wuͤrde er ſie gegen den kleinſten Myrtenkranz gluͤcklicher Liebe vertauſchen; und da Palmira ihm auf immer entriſſen iſt, verachtet er Ruhm und Ehre, welche nur dem kalten Stolze dienen. „Wie,“ ſo rief er mit bitterm Schmerz aus,„ſollte meine theure Palmira, welche ge⸗ taͤuſcht uͤber die wahren Urſachen meines Still⸗ ſchweigens, darin vielleicht einen Beweis mei⸗ ner Untreue zu finden glaubte, mich wohl ſo wenig achten, um mich fuͤr unbeſtaͤndig zu hal⸗ ten? O gewiß konnte ſie den letzten Bitten einer Mutter nicht widerſtehen, welche auf dem Todtenbette, im Augenblicke wo dieſelbe vor Gott erſcheinen wollte, von ihr ein ſo großes Opfer verlangte.“„Aber,“ fuhr er in ſeinen Liebesklagen fort,„daß ſie bei dem gethanen Schritt mehr von Verdruß, von dem Unmuthe des beleidigten Stolzes, als von einem innern Berufe fuͤr das Kloſterleben geleitet wurde, moͤchte ich wohl behaupten. Es waͤre demnach moͤglich, daß ſie mich noch liebte,“— mit neuauflebenden Entzuͤcken that der Oberſte dieſen Ausruf— „O wie gern wollte ich mein Leben aufopfern, im dieſe köſtlich Sereit zu erlangen. 4— „Lermes, mein lieber Lermes, ſagtet der Krieger zu ſeinem Vertrauten, dem Barbier, wenn du mich in meinen Ent⸗ würfen unterſtützeſt, ſo iſt dein Gluͤck gemacht, und meine ewige Dankbarkeit wird in goldenen Quellen auf dich uͤberſtroͤmen.— Ich muß durchaus, fuhr Durvina fort, die Geſinnungen meiner Geliebten genau kennen lernen; mein Leben hängt von dieſem wichtigen Geheimniſſe ab; es iſt moͤglich, daß ich mich zur Erreichung meines Zwecks an den heiligſten unſerer reli⸗ gioſen Inſtitutionen vergreifen muß; aber ſo bringt es mein Verhaͤngniß mit ſich; der Tod iſt mir weniger verhaßt, als der Gedanke, das Herz Palmirens aufi immer zu verlieren.“ Nachdem Durvina in ſolchen Klagen ſeinem Liebesſchmerze Luft gemacht hatte, ſetzte er ſich, um mit ſympathetiſcher aus Eitronenſaft bereiteten Dinte einen feurigen Liebesbrief zu ſchreiben, in welchem er ſich, nach einer ge⸗ nauen Erzählung ſeines bisherigen Lebens und ſeiner Ruͤckkehr, in die feierlichſten Verſiche⸗ rungen ſeiner zaͤrtlichſten Treue und ſeiner Verzweiflung ergoß, und am Schluſſ von —,——— 315 feinem angebeteten Gegenſtande nur einen Blick, einen einzigen der Heiligkeit der Altaͤre, ent⸗ zogenen Blick forderte.— Lermes faltete dieſes Briefchen goſchickt zuſammen, fuͤgte es kuͤnſtlich mit einer Pfrieme in das Innere einer Orange, und verſprach ſeinem Herrn es mit dieſem un⸗ gewoͤhnlichen Couvert auf den Balcon(Mrador) des Kloſters de la Penitencia in der St. Annen⸗Straße in dem Augenblick zu ſchleudern, wo Palmira, um freie Luft zu ſchoͤpfen, da⸗ ſelbſt ſichtbar wäre. Wir verlaſſen unſern Oberſten auf einige Augenblicke, um einige Zeilen unſter intereſſan⸗ ten Heldin zu weihen. Sie ſtand damals in ihrem ein und zwanzigſten Jahre, und die Schoͤnheit ihrer Zuͤge ſowohl als die Anmuth ihrer Geſtalt ließ nichts zu wuͤnſchen uͤbrig. Ihre neue Nonnentracht, weit entfernt ihre Reize zu verdunkeln, hob dieſelben vielmehr durch den Contraſt nur noch auffallender heraus. Eine regelmäßige Geſichtsbildung, halb verhuͤllt unter einem blendend weißen Schleier, die be⸗ zaubernden Reize des Buſens, gleichſam herme⸗ tiſch verſchloſſen unter einem einfachen Buſen⸗ tuche von Batiſt, eine ſchlanke Nymphengeſtalt in ein ſchwarzes Leibchen eingeengt, große dunkle Augen, in deren feuchten Blicken die erzwungene Heiligkeit mit der natuͤrlichen Luͤ⸗ ſternheit im ungleichen Streite lag,— das waren die Gegenſaͤtze, welche jetzt Palmiren zu dem bezauberndſten Weſen machten, das je ein menſchliches Herz verfuͤhrt hatte. Doch ſprach ſich die tiefſte Schwermuth in ihrem Geſicht aus, und die bleiche Farbe deſſelben verrieth nur zu deutlich die Unruhe, welche in ihrem Herzen herrſchte; ach ſie liebte, ſie betete ja noch immer ihren theuern Durvina an, und empfand nur zu ſpat, daß ein blinder Mißmuth ſie geleitet, ihr jede Ausſicht auf ein veſſeres Geſchick verſchloſſen habe; ſie beſeufzte daher heimlich das unuͤberlegte Geluͤbde, welchem ihre unuͤberwindliche Leidenſchaft ſtets feindlich entgegen trat. Wo ſie auch war, in der Zelle, auf der Gallerie, im Garten; uͤberall, auf allen ihren einſamen Spaziergängen, begleiteten ſie wehmuͤthige Erinnerungen, uͤberall flatterte das Bild des ſchoͤnen Oberſten, wie ein geliebter Schatten, um die ſtillen Oerter, die ſie bewohnte; ſie verſcheuchte ihn nicht, dieſen angebeteten, dieſen ungetreuen Schatten, und durch dieſe Tauſchung, die ſie leidenſchaftlich unterhielt, vermehrte ſich von Tag zu Tag ihre verliebte Traurigkeit. Einſam ſtehend in der Welt, war ihr der Troſt verſagt, ihre Thraͤnen in den Schooß einer Freundinn zu ethießen; jeder⸗ mann ſchien ihr verdaͤchtig, und ſie huͤtete ſich ſorgfältig, ſich ihren Schickſalsgenoſſen anzu⸗ vertrauen, welche vielleicht boshaft von ihren 317 Rittheilungen einen verrätheriſchen Gebrauch gemacht haben wuͤrden. Ihre beſte Erholung war, auf den Balcon zu ſteigen, um von da nach den Orten hinzuſehen, welche Zeugen ihrer Liebesſchwüre geweſen waren, z. B. die oͤffent⸗ liche Promenade, wo der praͤchtige Oberſt ihr ſo oft zur Seite ging, und das Haus ihres Vaters, wo ſie ihn ſo oft verſtohlen ſah; ach dann küͤßte ſie unbemerkt mit unheiligem Munde einen Haarring, welchen in jener gluͤcklichen Zeit der Oberſte gegen einen Ring von ihren Haaren ausgetauſcht hatte.— So ſtand ſie nun eines Tags, in zaͤrt⸗ lichen Gedanken verſunken, an einer Saͤule ge⸗ lehnt, auf ihrem Balcon, als eine Orange geſchleudert mit ungewöhnlicher Kraft, an die Decke des Soͤllers ſchlug, von da auf den Boden zuruͤckprallte und dann zu ihren Fuͤßen hinrollte.— Die betretene Palmira weiß anfangs nicht, ob ſie dieſe Mittheilung fuͤr einen Beweis der Galanterie, oder fuͤr eine Beleidigung nehmen ſoll; ſie ergreift jedoch die Hrange, betrachtet ſie, und bei genauerer Anſicht entdeckt ſie eine abſichtlich gemachte Oeffnung in derſelben.— Ihr Herz ſchlägt heftig, ihr Athem wird kurz, die Hände zittern, die Kniee wanken— eine wunderbare Ahnung ſagt ihr ganz leiſe, daß 318 ihr ganzes Gluͤck in dieſer Okange enthalten iſt. — Endlich, als ſie die Frucht entzwei ſchneibet, faͤnt ihr ein kleines zwanzigmal gofaitetes Pa⸗ pier in die Haͤndez ſie ſchlägt es auseinander, aber keine Schriftzuge erſcheinen, um ihr das Geheimniß zu enthuͤllen, das darin verborgen liegen mag.— 48 Indeß erinnert ſie ſich eines Mittels welches der ſcharfſinnige Durvina in beſondern ſchwie⸗ rigen Umſtänden als Dinte zum Schreiben an⸗ wendete, naͤmlich des Citronenſaftes, und ver⸗ muthet, daß auch dieſes Briefchen damit ge⸗ ſchrieben ſey. Nachdem ſie demnach das Blatt auf ihrem Buſen gelegt, um es von der bren⸗ nenden Hitze, welche denſelben in dieſem Mo⸗ mente bewegt, durchdringen zu laſſen, erſchei⸗ nen zu ihrer großen Freude lesbare Ausdrucke, welche ihr Auge ſchnell durchlaͤuft um mit Ent⸗ zucken die Verſicherung zu leſen, daß ihr theurer Oberſter nur lebt um ſie zu lieben, daß er ſie immer liebte, ſie nur noch ein Mal ſehen will, um dann zu ſterben; eine geſchickte Verkleidnng, fährt der Brief fort, ſoll ihm zu dieſem Zwecke behuͤlflich ſeyn; und ein ſchlauer Unterhaͤndler wird alle Hoffnungen ihrer gegenſeitigen Liebe beguͤnſtigen.— „— 3. Ach geliebter Durvina, tuft Palmira heftig bewegt aus, ſo iſt es denn wahr, daß 3 3¹9 ich dir immer theuer war, du mich immer tren liebteſt? o nun ſind alle meine Leiden vergeſſen, und das Gluͤck lächelt mir wieder.“ Von dieſem gluͤcklichen Augenblicke an iſt fuͤr unſere Nonne das Kloſter kein Kerker mehr, aus deſſen unerträglicher Gefangenſchaft nur der Tod befreien kann; nun lacht ihr das Leben wieder; der Altar der Gottheit, ihre Zelle, der Garten, die Blumen, die ſonſt unbeachtet verwelkten, kurz alles gewinnt eine freundliche Anſicht, alles bekleidet ſich mit den muntern Farben der Liebe, und das Bild des ſchoͤnen Oberſten tritt ihr allenthalben entgegen. Welche Oede verſchonert ſich nicht in den Augen einer leidenſchaftlich liebenden Frau! Nachdem die erſten Momente des ſüßen Wahnſinns, womit die Ruͤckkehr der treuen Liebe gefeiert wurde, voruͤber ſind, fuͤhlt Pal⸗ mira freilich die Bitterkeit der Reue, und die quälenden Regungen des Gewiſſens; die Hei⸗ ligkeit ihrer kloͤſterlichen Pflichten erſchreckt ſie, und ſie ſieht mit Schaudern, daß ſie dieſelben ſchon übertreten hat; Ihr Verſtand macht ihr ſcharfe Vorwuͤrfe, und ihre Liebe iſt fortwäh⸗ rend von Unruhe und Beſorgniſſen begleitet; ſie zittert fur ihre Tugend, und brennt doch vor Verlangen den theuern Geliebten in ihre Arme zu ſchließen. In aͤngſtlicher Schlafloſig⸗ —— 320 keit ſchleichen ihr die Nächte voruͤber, und der vleiche Harm wacht unter tauſend ſchauerlichen Geſtalten an ihrem Bette! Vergeblich iſt ihr Streben, ſich in die Arme der Liebe zu werfenz es ſtoßt ſich der kuͤhne Wunſch an die ehernen Ketten, welche ſie auf immer an den Aufent⸗ halt des Ungluͤcks feſſeln. Soll ſie ſich der Schande preis geben? die ungewiſſenhaften Wuͤnſche eines unternehmenden Liebhabers erhoͤren?— Verſchiedene angſtvolle Nächte waren ihr ſo voruͤber gegangen, als ſie eines Morgens durch das Sprachgitter einen Tempelherrn ge⸗ wahr wurde, welcher die Superiorin in Auf⸗ trägen ſeines Ordens zu ſprechen verlangte.— Es war Durvina ſelbſt, welcher, von Verlan⸗ gen getrieben, ſich dem Aſyle ſeiner Geliebten zu nahen, auf dieſe Liſt gefallen war, um die Ortsverhältniſſe auszukundſchaften. Sein Erſcheinen wußte er ſo gut zu bemaͤnteln, daß kein Verdacht in der Aebtiſſinn aufkommen konnte.— Aber Palmira vermochte bei dieſer Er⸗ ſcheinung die heftigen Bewegungen ihres Ge⸗ muͤths nicht zu verbergen; halb ohnmaͤchtig ſtieß ſie einen lauten Schrei aus, der ſie wuͤrde verrathen haben, wenn der Oberſt nicht beſſer die Herrſchaft uber ſeine Gefuhle behauptet, S und 5 321 und ihr mit dem auf den Mund gelegten Fin⸗ ger Stillſchweigen geboten hätte. Bei dieſer Gelegenheit machte der ſpaͤhende Durvina die Bemerkung, daß ein ſtarkes Gitter mit dichten Staͤben den Kreuzgang auf der weſtlichen Seite des Kloſters verſchließe, und daß derſelbe Gang durch kleine Fenſter von der Seite des Kuͤchen⸗ gartens erleuchtet werde. Da er vorher In⸗ genieur⸗Officier geweſen war, ſo fiel es ihm nicht ſchwer, einen genauen Plan davon auf⸗ zunehmen, dem er ſeinem getreuen Lermes vor⸗ legte, indem er ihn uͤber die zu ergreifenden Maaßregeln zu Rathe zog. Lermes vertraute ihm hiermit, daß er ein unfehlbares Mittel kenne, ohne den Beiſtand eines Schloͤſſers, bloß durch Huͤlfe einer Uhr⸗ feder und eines Meſſers die ſtärkſten Eiſenbarren zu durchfeilen. Durvina findet dieſen verbre⸗ cheriſchen Gedanken vortrefflich, weil dadurch ſeine Liebe zu ihrem Zweck zu gelangen hofft; er ſchließt den Beſitzer dieſes Geheimniſſes mit Entzuͤcken in ſeine Arme. Alles wird verab⸗ redet; die Heiligkeit des Orts, der ehrwuͤrdige Charakter eines Kloſters ſind nichts in den Augen des verbrecheriſchen Liebhabers; die blinde Wuth der Leidenſchaft treibt ihn unauf⸗ haltſam uͤber die Grenzen der Ehre und der Religion.— Es genuͤgt ihm nicht, der Un⸗ ſchuld einer Jungfrau nachzuſtellen, er ſucht Blut. Schatt. Zweit. Bd. 21 —— —— 1 1 3 1 1 1 1 1 . . 1 † 1 ————— 322 zum Schauplatz dieſes Verbrechens das Heilig⸗ thum des himmliſchen Kreuzes aus, und fuͤhlt nichts bei dieſer Entweihung. Auch Palmira ihrerſeits hat alle laͤſtigen Feſſeln ihres heiligen Berufs abgeworfen; der Schein keuſcher Sitte giebt ſich nur in ihrem Gewande kund, waͤhrend die heftigſte Liebe in ihrem Buſen, in ihren Augen brennt. Stets beſchaͤftiget mit ihrem theuern Durvina, denkt ſie ſelbſt bei ihren gottesdienſtlichen Uebungen auf Mittel, ihn zu ſehen, ſich mit ihm zu ver⸗ einigen, ſollte es auch auf Koſten ihres Lebens geſchehen. Wenn die erſten Srahlen der Mor⸗ genroͤthe ſie aus dem Schlummer wecken, iſt iht erſter Gedanke an den Geliebten gerichtet, und die Nacht malt eine lange Reihe von wollüͤſtigen Bildern, welche die Schwaͤrmereien des Abends mit den Entwuͤrfen des Morgens verbinden. Die kleinſten günſtigen Umſtände mit Geſchicklichkeit benutzend, fliegt ſie haͤufig auf den Balcon, um irgendwo neue Spuren von dem Idole ihres Herzens zu entdecken, und traurig ſchleicht ſie zuruͤck, wenn ihre Ab⸗ ſicht verfehlt wurde.— Frndeſſen läßt ſich Durvina durch kein Hinderniß entmuthigen, ſondern wird dadurch nur zu groͤßerer Thätigkeit geſpornt. Schon waven vier ſtarke Barten des beſagten Gitters N — 323 während der Nacht entzwei geſaͤget, ſo daß man ſie unbemerkt wegnehmen und wieder einſetzen konnte; ſchon hatte der verwegne Durvina, ebenfalls bei Nachts, die ganze Gallerie durch⸗ laufen, welche zu den Zellen der Nonnen fuͤhrt, und die Unſchuld Palmirens liegt in ſeiner Hand, denn es gelang ihm, ihre Zelle an den Anfangsbuchſtaben ihres Namens zu erkennen. Einſt war er ſelbſt entſchloſſen, in der Trunkenheit ſeiner Liebe alle Schaam bei Seite ſetzend, ſich in das Kaͤmmerlein ſeiner Geliebten zu ſchleichen, um ihre nackenden Reize in ſeine Arme ſchließen, als ein Fantom, eingehuͤllt in ein bluttriefendes Faltengewand, in der Hand die Symbole der Religion und der Keuſchheit, ein Kreuz und eine Lilie haltend, ihm entgegen trat und den Frevelnden, der uͤber den furcht⸗ baren Anblick erſchrack, zuruͤck hielt; das Geſpenſt aber zog vor ſeinen Augen mit einem entblößten Schwerte, eine blutige Furche von Palmira's Zelle bis zur Gitterthuͤr, und zeich⸗ nete ihm ſo ſeine Pflicht und den Ruͤckweg vor⸗ Durvina zog ſich bei dieſem Anblick mit Entſetzen zuruͤck, und theilte am folgenden Mor⸗ gen ſeinem Vertrauten Lermes die Kunde von dem Wunder mit, welches in der vergangenen Nacht ſeinen Zweck vereitelt hatte; allein dieſer vehandelte dieſe Erſcheinung als eine Chimaͤre, 31* 3 4 als die Geburt einer aufgeregten Einbildungs⸗ kraft.„Sie muͤſſen ſich,“ bemerkt' er,„nicht durch kindiſche Gaukeleien, durch aberglaͤubi⸗ ſche Einbildungen abſchrecken laſſen; und da ſie nun einmal nicht ohne die ſchoͤne Palmira gluͤck⸗ lich ſeyn koͤnnen, ſo muß Ihr einziger Zweck dahin gehen, ſie zu beſitzen und zu entfuͤhren.“ 68 ſuchte der rohe Lermes, der nur ſeinen Vortheil beruͤckſichtigte, durch verfuͤhreriſche Scheingruͤnde der Unentſchloſſenheit Durvina's zu Huͤlfe zu kommen. Zufolge dieſer Unterre⸗ dung wurde beſchloſſen, daß eine zweite Hrange auf den Balcon geworfen, und darin, neben den Verſicherungen der heftigſten Liebe, die Bitte um ein mitternaͤchtliches Rendezvous ent⸗ halten ſeyn ſollte, um ſich uͤber die Vist einer Entſühtung zu berathen. Als Palmira dieſe Sendung i hatte, regte ſich ihr Gewiſſen mehr als jemals; aber ihr ungluͤckliches Geſchick trieb ſie unaufhaltſam zur Verletzung ihrer Geluͤbde; ſie antwortete demnach durch daſſelbe Kunſtmittel der Mitthei⸗ lung, und unſer Oberſter, der immer um die Mauern des Kloſters herumſchlich, erhielt die günſtige Antwort mit freudigem Suise hat die Thurmuhr der Cathedral⸗ kirche eilf Uhr und drei Viertel ausgetont, ſo ——————— 323 eilt Durvina fort wie ein Pfeil, ein entbloͤßtes Schwert unter ſeinem Rocke tragend, entſchloſſen alles ſeiner Leidenſchaft aufzuopfern, ſelbſt wenn der blutige Schatten, welcher ſeine Unterneh⸗ mung ſchon einmal vereitelte, ihm von neuem in den Weg träte.— Aber ſiehe, als er die zitternde Hand an die eiſernen Gitterſtäbe legt, findet er ſie gluͤhend, und ſtrahlende Funken fahren bei der Beruͤhrung daraus hervor, welche ihm, wie Irrwiſche, vor den Augen herum flattern. Er weiß nicht, was er von dieſer Erſcheinung denken ſoll; denn irgend ein Kunſtſtuͤckchen aus der natuͤrlichen Magie ſeines Lermes kann es wohl nicht ſeyn; Zorn und Furcht bewegen abwechſelnd ſein Gemuͤth, und endlich verſucht er zum drittenmal mit ſeiner ganzen Kraft die Stangen wegzureißen. Jetzt gelingt es ihm zwar, aber heftige Brand⸗ ſchmerzen machen ſich in ſeinen Haͤnden fuͤhlbar. Palmira, welche die Stunde genau be⸗ merkt hatte, war ſchon in der Galleriez aber im Augenblicke, als Durvina ſie gewahr wird, und ſich in die Arme ſturzen will, erſcheint der blutige Schatten, und haͤlt ihnen, ſich mit drohenden Geberden zwiſchen ſie hinſtellend, die Lilie und das Kreuz entgegen Palmira entſetzt ſich, ſtoͤßt einen durchdringenden Schrei aus, und entſchluͤpft mit der Schnelligkeit eines Blitzes in ihre Zelle. Ein kalter Schauer er⸗ 326 greift unſern Oberſten, der nun, den Degen in der Hand, allein daſtand, und nur mit der groͤßten Anſtrengung gelangt er wieder zum Gitterthor, und in ſeiner Wohnung zuruͤck. Lermes wird wieder zu Rathe gezogen, aber immer noch macht er den Ungläubigen, und antwortet auf alle Fragen und Mitthei⸗ lungen nur durch ein hoͤhniſches Laͤcheln, indem er verſpricht, in Zukunft den Oberſten auf ſeinen naͤchtlichen Gängen zu begleiten; und wirklich bei der naͤchſten Zuſammenkunft hat der Zauber aufgehoͤrt, die Liebe ſiegt; ſelbſt der Himmel iſt heiter, ein balſamiſcher Duft ſteigt auf aus allen Pflanzen des Gartens und die ganze Natur ſcheint mit den Ergießungen zaͤrtlicher Herzen zu ſympathiſiren. Nicht verſtanden wurden demnach von den beiden Liebenden in ihrer verbrecheriſchen Ver⸗ ſtocktheit, die Warnungen des Himmels, mögen ſie nun in der Wirklichkeit oder bloß in ihrer ſchuldbewußten Einbildungskraft exiſtirt haben. Ohne weitere Bedenklichkeiten uͤberlaſſen ſie ſich ihren gegenſeitigen Aufwallungen; ein weicher Raſenplatz iſt der Sitz der verbrecheriſchen Liebe, eine Buche bildet das Dach des Brautgemachs; das Wehen zaͤrtlicher Zephiren ſtreut von Zeit zu Zeit einen Regen von Blumen und Roſen⸗ blattern auf das gluͤckliche Paar, und der Halb⸗ . —— mond auf ſeinem ſilbernen Thron ſcheint ſich abſichtlich mit einigen Woͤlkchen bedeckt zu haben, um die Umgrmungen der beiden Liebenden zu verſchleiern. Dieſe Zuſ ammenkunfte werden fortgeſetzt; Ehre und Schaam kommen nicht in Betrachtz nur die Liebe herrſcht in einem Gebiete, das ihrer Herrſchaft verſchloſſen ſeyn ſoll; und die jungfräuliche Bluͤthe einer ausſchweifenden Ve⸗ ſtalinn verwelkt an der Schwelle des Tempels, der ſie auf immer beſchuͤtzen ſollte. Eine Zeit lang ſchwimmt Palmira berauſcht in einem Meere von Wonne: die Arme aus⸗ breiten zum Empfang des Geliebten; ihn an ihren Buſen druͤcken, Schleier und Huͤlle ver⸗ geſſen, wenn ſeine verwegenen Hände, ſeine lei⸗ denſchaftlichen Begierden andringen, das waren die Zauberbilder des Traums, in welchem ſie in ſeligem Vergeſſen aller andern Ruckſichten hinlebte; aber ſchrechlich mußte das Erwachen aus dieſem Traume ſeyn. Nach Verlauf einiger Monate erhob ſich unter ihren Augen das Monument ihrer Schwach⸗ heit; ihre zunehmende Leibesgeſtalt verrieth die naͤchtlichen Genüſſe, und das Gebaͤude ihres kurzen Gluͤck ſtuͤrzte ein, um toͤdtlicher Verle⸗ genheit Platz zu machen. Jetzt ſah ſie die —— 3*. 3. ——— 3*⁸ ungeheure Größe ihres Fehltritts. Durvina, davon in Kenntniß geſetzt, theilt ihr⸗Entſetzen nicht, ſondern denkt nur darauf, ſich und ſeine Geliebte der Rache der Geſetze zu entziehen. Er macht Anſtalten um die Entfuͤhrung und Flucht Palmirens zu ſichern; aber Gott läßt es nicht zu, daß dem Verbrechen alles nach Wunſch gehe, und obgleich unſer kuͤhner Oberſt mit ſeinem Vertrauten Lermes die beſten Maaß⸗ regeln, um ſich gegen jede Ueberraſchung ſicher zu ſtellen, genommen hatte, ſo fügte es doch das Schickſal ganz anders. Es iſt in dieſer Beehunz; zu bemerken, daß dicht an den Gartenmauern des Kloſters de la Penitencia ein Schilderhaus befindlich war, wobei eine Schildwache ihren Poſten be⸗ hauptete. Nun hatte zwar Durvina, der ſo vertraut war mit allem, was der militaͤriſche Dienſt mit ſich bringt, nicht vernachläſſiget, dieſe Schildwache durch einige Goldſtuͤcke in fein Intereſſe zu ziehen, indem er ihr ſagte, daß eine junge Nonne, welche von ihrer Fa⸗ milie gegen ihre Neigung zum Kloſterleben ge⸗ zwungen worden, in einigen Minuten vorbei gehen werde; die Schildwache ſolle ſich daher wohl huͤten dieſe ungluckliche Perſon anzugrei⸗ fen, auch muͤſſe ſie ſich nicht beunruhigen laſſen durch den Trab einiger Maulthiere, vh in der Zit hielten. —.————— 329 Aber dieſer ſo gut abgerichtete Soldat wurde in der Zwiſchenzeit abgeloͤſet, und da er von dem erhaltenen Gelde durch einen Kame⸗ raden Branntwein holen laſſen und ſich betrun⸗ ken hatte, ſo vergaß er die erhaltene Inſtruk⸗ tion dem abloͤſenden Nachfolger zu üͤberliefern. So war die zu dieſer Entfuͤhrung noͤthige Zeit ſchlecht berechnet, oder vielmehr der Himmel hatte es ſo angeordnet, um die Verirrungen einer ausſchweifenden Nonne zu beſtrafen. Kaum erſchien dieſe demnach auf leichten fluͤch⸗ tigen Fuͤßen vor den Augen der neuen Schild⸗ wache, als dieſe mit energiſcher Stimme ihr ein furchtbares: Wer da? entgegen donnerte, wodurch ſich indeß Palmira, in der Voraus⸗ ſetzung, daß alle Anſtalten auf das beſte ge⸗ troffen waͤren, nicht aufhalten ließ, ſondern ihren Lauf verfolgte, ohne ſich an die Stentor⸗ ſtimme der Schildwache zu kehren. Ungluͤck⸗ licherweiſe war dieſem zweiten Soldaten, wie ſchon geſagt, von allen dieſen Vorgaͤngen nichts mitgetheilt worden; treu ſeiner Pflicht giebt er Feuer— die Kugel pfeift durch die Luft, und, o Jammer! durchbohrt das Herz der ungluͤcklichen Palmire.— Durvina, beſtuͤrzt uͤber den Schuß, fliegt nach dem Orte hin; aber ſeine Geliebte gab ſchon ihren Geiſt auf, und oͤffnete nur noch einmal den Mund, um mit ſterbender Stimme 330 dem Geliebten ein letztes Lebewohl zu ſtammeln, und ihn zur Flucht zu mahnen. Der Vet⸗ zweiflung hingegeben beim Anblick ſeiner ſter⸗ benden Palmira, entſchloß ſich Durvina doch, der Schande zu entfliehen die ihn erwartete, und verließ auf den bereitſtehenden Mazlthieren das Theater ſeiner verbrecheriſchen Verwegen⸗ heit. Man erfuhr nachher, daß er ſich nach Weſtindien eingeſchifft habe, wir wollen ihm jedoch nicht dahin folgen; da wir uberzeugt ſind, daß die Qualen der Reue und der Ge⸗ wiſſensbiſſe ihn ſtets werden begleitet haben. Mach dem tragiſchen Tode unſerer Heldin, die, als ein Opfer der Verfuͤhrung, unter ſo ſeltſamen umſtaänden fiel, pflanzte ſich die Sage dieſer Begebenheit in Alt⸗Caſtilien unter dem Titel des Schilderhauſes der Nonne fort, und ich ſelbſt habe zu Salamanca die nähern Umſtände dieſes traurigen Ereigniſſes geſammelt. Der allgemeine Glaube fugt noch hinzu, daß lange nachher noch, am Jahres⸗ tage der Entfuͤhrung, geflugelte Ungehener das Schilderhaus umflattern, und die Luft mit dem Geſchrei erfullen:„Sod dem Meineidig i Die erſchrocknen Schildwachen mußten ihren Poſten dieſen Nachtgeſpenſtern uͤberlaſſen, welche erſt beim Anbruch des Morgens verſchwanden, und einen abſcheulichen Schwefelgeruch in der Luft zuruͤck ließen. Man ſetzt ſogar hinzu, 331 daß zu derſelben Zeit das ſchon erwähnte Git⸗ terthor des Kloſters gluͤhend werde, und ein bluttriefendes Geſpenſt dann an die Thuͤr der verlaſſenen Zelle Palmirens anpocht.— 0o dieſe angeblichen Wunder im Aber⸗ glauben oder in der Wahrheit gegruͤndet ſind, wollen wir nicht entſcheiden, wir beſchränken . uns bloß darauf, dem Leſer bemerklich zu machen, wie deutlich der Finger des Himmels ſich in dem ſonderbaren Ende dieſer ſchuldbe⸗ ladenen Nonne unſern gläͤubigen Augen zeigt. 3———— * 6 3 6 eüfter Abſchnitt. Derengliſche Fleiſcer, oder die furchtbare Lampe. Eine wahre Anecdote. Der Grenzen ſetzt empoͤrter Meeres⸗Fluth, Haͤlt auch den Zaum fur des Verbrechers Wuth. Die Natur bringt gluͤcklicherweiſe nur ſelten jene Ungeheuer hervor, deren ungewoͤhnliche Wildheit und verbrecheriſche Richtuug fuͤr die Menſchheit um ſo niederſchlagender iſt, je mehr dadurch alle Speculationen der tiefſinnigſten Philoſophen zu Schande gemacht werden.— Will⸗Briſtol, zu Handeley, einem kleinen Flecken der engliſchen Grafſchaft Devonſhire geboren, liefert hiervon ein trauriges Beiſpiel. S Briſtol's Vater welcher in dieſem Bezirke ——— 333 das Amt eines Richters mit dem Rufe einer gefälligen Gelindigkeit bekleidete, und der als Wittwer lebte, hatte nichts geſpart, um die verderblichen Anlagen ſeines einzigen Sohnes zzu verbeſſern. Sanfte väterliche Warnungen, zzaͤrtliche Vorſtellungen, gute Grundſaͤtze, reli⸗ gioͤſe und vernuͤnftige Erziehung, Schulen und uUniverſitäten, alles bot dieſer ungluͤckliche Vater auf, um Briſtol zu den Gefühlen der Ehre und des Edelſinns zuruͤck zu fuͤhren, und ſeine natürliche Wildheit zu mäßigen.— Umſonſt; ſchon fruͤh entfalteten ſich die Keime des Boͤſen in der Seele Briſtol's, der zu Verbrechen ge⸗ boren ſchien. Ein geſchworner Feind alles deſſen, was ſich innerhalb der Schranken des Anſtandes und der Tugend bewegte, betrachtete er ſeine An⸗ lagen zum Laſter, anſtatt ſie zu verbeſſern, vielmehr als ſo viel Stufen, welche ihn zum Gipfel des Ruhms fuͤhren ſollten. Als aus⸗ gemachter Taugenichts betrug er ſich ſchon auf der Schule, und als er endlich wegen ſeiner boshaften Streiche fortgejagt wurde, nahm er nicht allein den gerechten Zorn ſeiner Lehrer, ſondern auch den Haß und die Verachtung ſeiner Mitſchuͤler mit ſich. Das väterliche Haus nahm den zwanzigfährigen Juͤngling auf, der ſich nun ohne Scheu den niedrigſten Ausſchwei⸗ fungen hingab, und den zaͤrtlichen Vater, 334 welchen der Gram verzehrte, bald in die Grube brachte. Fetzt ſah ſich der Wuͤſtling im Beſitz eines betraͤchtlichen Vermoͤgens, das er bald ver⸗ praßte; aber ach, welches waren die Gefährten ſeiner Ausſchweifungen? die. niedrigſten Men⸗ ſchen, ſelbſt die Knechte von Scharfrichtern waren nicht von ſeinem Umgang ausgeſchloſſen, ja er ſuchte die Geſellſchaft der letztern mit einer gewiſſen Vorliebe, denn alles, was ſich auf Blutvergießen bezog, war nach ſeinem Ge⸗ ſchmack. Deshalb verſäumte er auch keine Hin⸗ richtung, und wenn er zu dieſer Zeit ſich noch nicht auf das Blutgeruͤſt draͤngte, um den Hen⸗ kersknechten huͤlfreiche Hand zu leiſten, ſo ge⸗ ſchah es nur durch einen Reſt von Schamge⸗ fuhl, welches ihn im Angeſichte ſeines Vater⸗ landes zuruͤck hielt. Bald werden wir ihn alle 5 ſchreiten ſ ehen. 2 Auf der andern Seite war die Natur bei 3 Briſtols Geburt nicht karg geweſen, ihn mit ſeltenen koͤrperlichen Vorzuͤgen auszuſtatten; er gehoͤrte, was das Aeußere betrifft, gewiß unter die ſchoͤnſten Koryphaͤen des Laſters, wenn ich mich dieſes Ausdrucks bedienen darf. Nachdem er ſein volles Wachsthum erreicht hatte, zeich⸗ Schranken des Anſtandes und der Ehre über⸗, nete er ſich auf das auffallendſte aus durch. —— 335 einen gigantiſchen Koͤrper von ſechs Fuß vier Zoll Laͤnge, und uͤbrigens vollkommen propor⸗ tionirten Gliederbau, dabei wurde bieſes impo⸗ nirende Anſehn nicht vermindert durch ein Paar durchdringende feurige Augen, dichtes Haar, ſtarken Bart, und eine ungeheure Muskelkraft, welche wohl eine Vergleichung ausgehalten haͤtte mit der Staͤrke des beruͤchtigten Antaͤs, welchen Herkules dieſelbe Strafe erleiden tieß, die der⸗ felbe ſo oft an den Reiſenden Lybiens verſucht hatte, indem er ihn zwiſchen ſeinen Armen er⸗ ſtickte. Auch wurde Briſtol in der ganzen Grafſchaft Devonſhire der Herkules Großbri⸗ tanniens genannt, und allgemeines Schrecken begleitete dieſen Namen.— Viele junge Leute von guter Familie waren durch ihn im Zweikampf gefallen, worin ſeine große Erfahrenheit in Fuͤhrung der Waffen ihm immer den Sieg verſchafften; aber auch außerdem ließ er nicht wenigen, die Händel mit ihm bekamen, ſeine Ueberlegenheit im Fauſt⸗ kampfe fuͤhlen, da er einſtimmig den groͤßten Baxern Londons an die Seite geſetzt wurde. Ungeheure Laſten heben, einen ungewoͤhnlich dicken Menſchen ergreifen, auf eine zehn Schritt entfernte Mauer ſchleudern, und ihn ſo wie ein Glas zerbrechen; das Rad eines ſchweren Poſtwagens in nächtlicher Dunkelheit ergreifen, und mit einem einzigen Ruck den Wagen mit 336 den Reiſenden und Pferden umwerfen,— das waren fuͤr Briſtol nur Spielereien. Oft machte er ſich auch den Spaß, einem Pferde zwiſchen ſeinen Schenkeln den Athem zu benehmen, einen Stier mit einem einzigen Fauſtſchlag niederzu⸗ ſturzen, und die Hand eines ſtarken Laſttraͤ⸗ gers ſo zu druͤcken, daß das Blut unter den Ztgeln hervorſprang. Eein Lieblingskunſtſtuͤck, das er oft macht, beſtand darin, ſich nach dem Beiſpiel der romiſchen Gladiatoren die Stirn mit einem dicken Strick zu umwinden, und dann die Adern ſo gewaltig anſchwellen zu laſſen, daß dadurch dieſer Strickbund zerſprengt wurde. Da, wie bekannt, die reichen Lord's und Gent⸗ lemen Englands große Liebhaber von Kaͤmpfen und Wetten ſind, ſo nahmen ſie gar haͤufig dieſen Briſtol zum Gegenſtande derſelben; ganz London drängte ſich dann herbei, und es reg⸗ nete Guineen auf den beruͤhmten Athleten. Bei einer einzigen Gelegenheit mußte unſer nnuͤberwindliche Ringer dennoch unterliegen. Es kam auf eine Wette an, welche zwei vor⸗ nehme Herrn vom Hofe gemacht, und wobei ſie eine anſehnliche Summe eingeſetzt hatten. Der erſte wäͤhlte Briſtol zu ſeinem Champion, der andere aber ließ aus Schottland einen der ſihiterſen Hochlaͤnder kommen, die dieſes 6 —— — 337 Reich je hervorbrachte.— Die Geſtalt dieſes Bergſchotten floͤßte Schrecken ein, faſt kugel⸗ feſt ſchien ſein Knochengebäude zu ſeyn, und ein dicker Pelz bedeckte ſeinen Koͤrper. Milo von Krotona ſelbſt wuͤrde ſich bei ſeinem An⸗ blick entſetzt haben. Nie war nur der leiſeſte Anflug von Furcht in die Seele dieſes neuen Atlas gekommen; ſein angenehmſter Zeitver⸗ treib in ſeinen Gebuͤrgen beſtand darin, im Sprunge einen wilden Ochſen an den Hoͤrnern zu ergreifen, mit unwiderſtehlichem Arm ihn umzuwerfen, und das Thier mit den Hoͤrnern gleichſam in die Erde zu nageln, ſo daß daſſelbe auf der Stelle angefeſſelt und gefan⸗ gen gehalten wurde. Dieſen furchtbaren Antago⸗ niſten ſtellte der Herzog von Northumberland, einer der vorerwähnten beiden Herrn, dem maͤchtigſten Boxer von England entgegen. Das Theater von Drury⸗Lane wurde mit dem groͤßten Koſtenaufwand zu dieſem Zwecke eingerichtet, und die angeſehenſten Perſonen Londons begaben ſich eines Morgens dahin, um Zeugen des ſeltſamſten Kampfes zu ſeyn, der jemals die Aufmerkſamkeit der Hauptſtadt in Anſpruch genommen hatte. Frauen wurden nicht zugelaſſen, weil die Nacktheit der Kaͤm⸗ pfer ihre Gegenwart ausſchloß. Das Parterre war, wie bei Maskenbällen, zu gleicher Hoͤhe mit der Scene gebracht, und die Zuſchauev Blut. Schatt. Zweit Bb 22 5 bildeten um den Kampfplatz herum ein laͤng⸗ liches amphitheaterformiges Rund, wodurch jedermann⸗ eine guͤnſtige Geſichtslinie erhielt. Einige Trompetenſtöße verkündigten den Anfang des Streites, und zwei Reihen von Waffenherolden eroͤffneten zur Rechten und zur Linken die Thore des Circus, worauf mit feſten majeſtätiſchem Schritt die furchtbarſten Weſen der Schopfung ſtolz einhertraten. Der Schot⸗ tiſche Ringer, rauh und haarig wie ein Baͤr, aus deſſen krausbärtigem Geſicht ein kleines tief⸗ ligendes Auge funkelte, glich mehr einem zwei⸗ beinigen wilden Thiere, als einer menſchlichen Creatur. Wie das Knarren eines ſchweren eiſernen Gitterthors, das ſich auf verroſteten Angeln bewegt, ſo toͤnt das Knirſchen ſeiner Zähne; ſein Haar ſtraͤubt ſich beim Anblick ſeines Widerſachers, und er brennt ſchon vor Verlangen ihn in ſeinen ehernen Armen zu Btiſtol auf der andern Seite, weniger furchtbar, aber menſchlicher, männlicher und martialiſcher, zeigt ſich mit Wuͤrde, nicht als wilder blutgieriger Krieger, ſondern als groß⸗ muͤthiger Nebenbuhler, bereit als wahrer Held zu fechten. Seine koloſſale Groͤße, ſein Mus⸗ keiſpiel, die Schwungkraft ſeiner Kniegelenke, „ ſeine fleiſchigen Huͤften, ſeine breiten Schuldern, 339 deren geringſte Bewegung einen ungehenuern Mechanismus innerer Kraͤfte verraͤth, erregen zwar auch die groͤßten Erwartungen von ſeinen Leiſtungen, aber, wie geſagt, es iſt kein zuruck⸗ ſchreckendes Ungeheuer wie der andere Borer, und in ſeinen Stellungen und Bewegungen iſt die Schoͤnheit nicht weniger ſichtbar als die Staͤrke. Nach dem Gebrauch der Lacedamonier hatten ſich unſere beiden Fechter den Koͤrper mit wohlriechendem Oel beſtrichen, um dadurch mehr Geſchmeidigkeit in ihren Bewegungen zu gewinnen. Von lauten Beifallsbezeigungen hallte der Saal wieder, als ſie die Arena betraten, und tiefes Stillſchweigen trat ſodann ein. Ein Speiſetiſch, beſetzt mit einer Menge rohen Fleiſches, und ein Dutzend Flaſchen Rum, wurde herbeigetragen; auch lebendige Thiere, Schaafe, Hunde, ſelbſt zwei aus der Mena⸗ gerie gekaufte Woͤlfe, fuͤhrte man herzu; und unſere beiden Helden tranken Bruͤderſchaft, indem jeder 7— 8 Pfund Fleiſch verſchlang. Hierauf ergriffen ſie die Thiere, und während ſie dieſelben mit ihren eiſernen Faͤuſten er⸗ droſſelten, ſchlugen ſie gleichſam ſpielend ihre eignen Zähne in die Schädel ein, um ſie zu zerbrechen, und das Gehirn daraus zu ſchluͤrfen. Der Schottlaͤnder, den wir Nimrod nennen 22* 340 wollen, unterhielt die Zuſchauer unter andern auch damit, einem Wolfe die Eingeweide aus⸗ zureißen, um ſich an den ſchmerzhaften Bewe⸗ gungen des Thiers zu ergotzen, indem er es an den auseinandergebreiteten Pfoten hielt. Briſtol aber ahmte darin das Beiſpiel ſeines Gegners nicht nach, vielmehr bezeigte er ſeinen Abſcheu das Fleiſch der beiden Raubthiere an die Lippen zu bringen, waͤhrend ſie der Schott⸗ länder⸗ mit einer Art von Wolluſt zerſtuͤckte. Wachdem dieſe entſetzliche Mahlzeit geen⸗ diget war, leerten ſie zuſammen zehn Flaſchen Branntwein, wobei ſie gegenſeitig verſchiedene Toaſte ausbrachten, unter andern auf die Freiheit Englands, auf den Sieg und dergl.; ſodann trennten ſie ſich auf Befehl der Conſtabler, welche das Schauſpiel leiteten, wie zwei Feinde, die ſich ſchätzen, um einen Kampf zu beginnen, der vielleicht ſeit dem Kampfe der Horazier und Curiazier, wo das Schickſal von Rom und Alba entſchieden wurde, icht ſeinesgleichen gehabt hat. Anfangs ergötzten die Lämpfer das Pub⸗ likum bloß mit Finten, kuͤnſtlichen Bewegungen, verſtellten Angriffen, liſtigen Ruͤckzuͤgen und andern Kunſiſtücken, worin die Gewandheit des Tigers ſich mit der freien Kraft des Löwen vereinigte— Zwar fgllen guch Streiche; aber 34 6 die Kunſt und Vorſicht benimmt denſelben die eindringende Gewalt, und beſchränkt die Wuth, welche bald ohne weitere Ruͤckſicht hervor brechen ſoll. Der Zuſchauer fuhlt ſich beängſtget; mit unterdruͤcktem Athem fuͤrchtet er den Stoß und däs gewaltſame Zuſammenſchmettern dieſer bei⸗ den lebendigen Felſen, als traͤf es ihn ſelbſt; er ſieht mit unbeſchreiblichem Schauer die erſten Wirkungen, welche der Zorn und die Liebe zum Sieg auf den Korpern der furchtbaren Athleten hervorbringen. Bei dem Fauſtkampfe toönen die Streiche auf den Magen Briſtols und des Schotten dumpf und hohl, wie der Schlag auf ein weites Gewoölbe; und wenn beide mit ihren Armen, wie mit eiſernen Ringen ſich umſchlingen, ſich mit eingekrallten Nägeln feſthalten und preſſen, ſo droͤhnt der Boden unter ihren aufgeſtämmten Fußen, und ſcheint nachzugeben unter det Laſt der zwei Ungeheuer.— Schon rieſelt das Blut, mit Schweiß ver⸗ miſcht, aus mehr als einer Quelle, und die wunden Stellen werden nur Zielpunkte fuͤr die gegenſeitigen Angriffe, welche durch den erreg⸗ ten Schmerz die Wuth aufs hoͤchſte trieben. Oft erſcheinen ſie unbeweglich, wenn gleiche Kraͤfte ſich begegnen, bis eine ſchwache Seite ausgeſpähet und durch Benutzung derſelben das Gleichgewicht aufgehoben wird. Indeſſen, ob⸗ gleich das Blut von allen Seiten rinnt und 340 an beiden Kaͤmpfern furchtbare Quetſchungen ſichtbar ſind, ſo ſcheinen doch beide bisjetzt an Kraͤften gleich, und ein letzter Angriff muß den Sieg entſcheiden. Der wilde Schottlaͤnder verſuchte zuerſt dieſen entſcheidenden Streich; mit ſeiner ganzen Kraft hob er ſeinen Feind auf, hielt ihn mit nervigem Arm ein Weilchen in der Luft, und ſturzte ſich dann mit ihm unter fuͤrchterlichem Gebruͤll auf den Boden, ſo daß bei dieſem ſchmetternden Fall ſich allgemeines Siſeher vete Briſtol lag unten, und war demnach be⸗ ſiegt. Der Feind ſetzte ihm das Knie auf die Bruſt, ſchnurte ihm den Hals mit ſeinen Fin⸗ gern, wie mit Kneipzangen zu, und zwang ihn ſo ſich fuͤr uͤberwunden zu erklären, da alle ſeine Gegenbeſtrebungen nichts fruchteten. Der Sieg wurde nun ausgerufen, die Wette entſchieden, und Briſtol, deſſen Wunden bald wieder heilten, troͤſtete ſich durch andere, beſſere Erfolge. Bis jetzt haben wir ihn blos Eiſenfreſſer, als Gladiator kennen lernen; er ſtand dem WMiniſterium der Themis noch nicht feindlich entgegen; es iſt nun Zeit ihn auf einem blu⸗ 343 tigern Theater zu zeigen, wohin ſeine ver⸗ brecheriſchen Neigungen ihn unfehlbar fuͤhren mußten.— 8 Schon laͤngſt wuͤrden die liſtigen Betruͤ⸗ gereien mancherlei Art, und ſelbſt viele groͤbere Verbrechen, welche bei der Aeußerung eines ſolchen Charakters unvermeidlich waren, unſern Helden in den Kerker gefuͤhrt haben, wenn nicht die Protection einiger Großen ihn, in⸗ Betracht ſeines großen Rufes als Fauſtkämpfer, dieſem Schickſale entzogen hatten. Da Briſtol indeß bemerkte, daß die Polizei ihn ſcharf ins Auge gefaßt hatte, ſo reiſte,] oder vielmehr entfloh er nach der Grafſchaft Nottingham, wo er ſich zu Dowley, einer kleinen, von einem uͤbelberüchtigten Walde eingeſchloſſenen Stadt, als Fleiſcher niederließ, wozu er eine kleine Summe Geldes benutzte, die er von London mitgebracht hatte. Der neue Handel hatte anfangs guten Fortgang; denn da er ſeine verbrecheriſchen Abſichten geſchickt zu verſtecken wußte, ſo erwarb er ſich in kurzer Zeit den Ruf eines ehrlichen Mannes, den man zwar in ſeinem aͤußern Weſen außerordentlich rauh, aber nichtsdeſto⸗ weniger brav und rechtſchaffen fand. Nun muß man wiſſen, daß drei Meilen 344 von Dowley, an der Stelle, wo der Wald am gefaͤhrlichſten zu paſſiren war, ſich ein Wirths⸗ haus befand, das man fuͤr eine Spitzbüben⸗ Herberge hielt, ohne jedoch durch genaue That⸗ ſachen disſen Verdacht belegen zu koͤnnen. Briſtol ging oft dahin, um vertraute Bekannt⸗ ſchaft mit dem Wirthe anzuknuͤpfen, und nach⸗ dem ihm dieſes gelungen, eroͤffneten beide Boͤ⸗ ſewichter ſich gegenſeitig, bei einem Glaſe Wein ihre Herzen und beſchloſſen in Zukunft bei ihten Raͤubereien vereint zu Werke zu gehen. Anna Weſtern, die ſchoͤne Tochter des Wirths, welche von Jugend auf durch das Beiſpiel des Vaters mit Laſtern und Verbrechen vertraut geworden war, wurde des Pfand dieſer abſcheulichen Verbindung, und Hymen befeſtigte den verbrecheriſchen Vertrag.— Briſtol vertauſchte nun nach und nach ſeine Fleiſcherburſche gegen Raͤuber von Hand⸗ werk, welche vorher unter der Fahne ſeines Schwiegervaters gedient hatten, und waͤhrend dieſer ein guͤnſtiges Local zur Ausfuͤhrung der Verbrechen hergab, ſorgte der Schwiegerſohn, im edeln Wetteifer, fuͤr die 3 Wtn zu dieſem Zweck.— Aus dieſer Lage der Dinge ſlocht ſich eine Geißel fuͤr die Provinz, dergleichen ſeit undenk⸗ 345 lichen Zeiten nie darauf gelaſtet hatte. Jeden Tag, jede Nacht wurde irgend ein angeſehner Reeiſender, irgend ein reich beladener Wagen in dem bezeichneten Walde angegriffen; die tchaͤtigſten Nachforſchungen der Juſtiz waren umſonſt; die Schlachtopfer ſowohl als die ge⸗ raubten Sachen waren verſchwunden, wie unter dem Zauberſtabe eines Höllengeiſtes. Während die Koͤrper der Ermordeten in tiefen Gruben moderten, bereicherten ſich Briſtol und ſeine Gefährten, und blieben mehrere Jahre zum größten Aergerniß und Verderben dieſer Gegen⸗ den ungeſtraft. Endlich aber ſetzte Gott ihren unthaten eine Grenze, wie wir ſogleich erzäh⸗ len wollen. 3„Bis jetzt geht alles vortrefflich, ſagt eines Abends Briſtol zu ſeiner Frau; wir be⸗ ſitzen mehr als 8000 Guineen in Golde und Koſibarkeiten; dein Vater hat ebenfalls große Reichthuͤmer in den Haͤnden, und unſern Leuten geht nichts ab, denn wir theilen immer redlich. Noch einen Schlag zu guter letzt, noch dieſen einzigen köſtllichen Fang Anna, und wir ſind unermeßlich reich und koͤnnen dann die Graf⸗ ſchaft verlaſſen, um unſer Heil in der Fremde zu ſuchen.“ Anna war entzuͤckt, und ließ ſich die Vor⸗ theile und die Hoffnungen, die ans dieſem 346 geruͤhmten etten Schlag hervorgehen ſollten — ſetzen. Nachdem Briſtol alle Thuͤ⸗ ren ſorgfaͤltig verſchloſſen hatte, zog er mit geheimnißvoller Miene einen Brief ſeines Schwiegervaters aus der Taſche, in welchem dieſer ihn unterrichtete, daß Ladi Herwort ſich in einer reichen Equipage mit ihrer Tochter Miß Clariſſe nach Not⸗ tingham begeben wuͤrde, und da ſie nur von wenigen Bedienten begleitet ſey, ſo könnte es nicht ſchwer fallen, ſich dieſer reichen Beute zu bemächti⸗ gen. Noch an demſelben Abend, um eilf Uhr des Nachts ſollte, wie man ihm mde⸗ be⸗ ſagte Lady vorbei reiſen. Nach dieſen nſehichen i welche Briſtol mit einem teufliſchen Lächeln begleitete, ſetzte er ſeine Dolche, ſeine Piſtolen in Stand, ließ ſeine falſchen Fleiſcherknechte aufſitzen, waͤhrend er ihnen die Unternehmung eroͤffnete, jedem ſeine angemeſſene Rolle anwies, und die Stunde der Abreiſe beſtimmte. Die Freude glaͤnzte gleichfalls in den Augen der ſchaͤndlichen Anna, und ihre verbrecheriſche Einbildungskraft weidete ſich ſchon am Anblick der geraubten Koſtbarkeiten. Sie ſchmuͤckte ſich ſchon im Geiſt mit den Diamanten und den goldgeſtickten Kleidern der reichen Lady, und brachte es in i entſetzlichen Gier gar ſßo —— i — 347 in Anſchlag, daß dieſer Raub nur durch einen abſcheulichen Mord in ihre blutbefleckten Haͤnde kommen koͤnnte. Es war im Monat December, wo ſchon der Winter eingetreten iſt, und die Nacht zwei Drittel des Tages einnimmt. Der Schnee fiel in großen Flocken, ſchmolz aber im Fallen und erhellte folglich die Wege des Reiſenden keinesweges, ſondern machte ſie vielmehr noch ſchwieriger und gefährlicher, indem dadurch vor dem Auge ein beweglicher Vorhang gebildet wurde, hinter welchem ſich die lauernden Schliche eines Räubers um ſo ſicherer verſtecken konnten. —„Dieſes Wetter iſt uns ſehr guͤnſtig,“ ſagte Briſtol zu ſeiner Frau bei der Abreiſe, indem er um ſeine Waffen einen weiten Mantel ſchlug. „Dein Vater wird ſchon bei der Halsbreche im Hinterhalt liegen; wir wollen uns in dem Naͤhe der Mordgrube poſtiren.“— Anna verſchloß ſorgfaͤltig die Thuͤr hinter den Banditen, indem ſie ihnen die Warnung nachrief, es nicht zu machen, wie bei dem letztern Rencontre mit einem Reiſenden, deſſen Domeſtiken bei dem allgemeinen Gemetzel ent⸗ ſchlupft waren. Hierauf ſchickte ſie ſich an, eine gute Mahlzeit zur Verherrlichung der ruͤhmlichen Expedition anzurichten; aber wäh⸗ rend ſie damit beſchäftiget iſt, wird heftig an 348 die Thuͤr geklopft. Wer kann es ſeyn?— Nichts von Bedeutung; ihre kleine eilfjaͤhrige Nichte Polly naͤmlich, welche auf ihrem Wege nach Sutland, einem kleinen zwei Stunden entfernten Veiler, hier einkehrt und um ein Nachtlager bittet, weil ſie zu ſpät von Hauſe weggegangen, und der noch zu machende Weg zu ſchlecht iſt, um ihn ohne Gefahr in dieſer Nächt zu vollenden. Da Anna nichts Bedenk⸗ liches in dieſem Antrage findet, ſo nimmt ſie ihre Nichte auf, giebt ihr ein Abendbrod, und weiſ't ihr dann ein, an ihr eignes Zinmer ſtoßendes Schlafgemach an. Waͤhrend ſo in dieſem ſcheinbar unbedeu⸗ tenden Zufalle die Vorſehung wirkſam iſt, han⸗ delt das Verbrechen mit einer ungewoͤhnlichen Thätigkeit. Angekommen an den Hohlweg der Mordgrube, poſtirte ſich Briſtol mit ſeinen Leuten an die Stelle, wo der Waldweg durch enge Bergſchluchten ſich windend, fuͤr Wagen ſehr ſchwierig zu paſſiren war, und erwartete in der Finſterniß den guͤnſtigen Augen⸗ blick zu ſeinem ſchwarzen Unternehmen.— Durch abgemeſſene bekannte Pfeifentoͤne unter⸗ Dhielt er die Verbindung mit den Räubern vom Wirthshauſe, an deren Spitze ſein Schwieger⸗ vater in der Halsbreche ſtand, und von dieſem Punkte wurde durch andere Signale die Verſicherung gegeben, daß alle Boͤſewich⸗ ——— 349 ter in dem verabredeten Hinterhalte auf der Lauer lägen. Endlich erſchien mit langſamen Gang der Wagen der ungluͤcklichen Lady Herwort, welche mit ihrer zarten liebenswuͤrdigen Tochter Cla⸗ riſſa beſtimmt ſchien in dieſer ſchaudervollen Nacht, unter der Hand verruchter Meuchler, als Opfer eines unvermeidlichen Todes zu fallen. Sehr verſchieden war die Stimmung der beiden Damen; denn während die Mutter ſich heiter verlor in die Ausſichten des aus Clariſſens Verheirathung hervorgehenden Gluͤcks, konnte ſich die Tochter einer gewiſſen langen Ahnung nicht entſchlagen, und die Schauer der Nacht, die ſtille Oede eines uͤbelberuͤchtigten Waldes waren nicht geeignet, die ſchmerzhaften Empfin⸗ dungen zu beſänftigen. Nichts fruchteten gegen dieſe ängſtlichen Vorſtellungen Clariſſens die beruhigenden Mah⸗ nungen der Kammerfrau, welche ihr vorſtellte, daß die beiden Bedienten und auch die Poſt⸗ knechte gut. bewaffnet, und wohl im Stande wären, ſie zu vertheidigen; die Bangigkeit des zarten Fraͤuleins nahm von Minute zu Minute zu, ihre aufgeregte Phantaſie ſah Ge⸗ ſpenſter, verſteckte Räuber und Schreckensge⸗ ſtalten in jedem Baumſtamme; ſelbſt die Mond⸗ ſichel und die grauen Wolken geſtalteten ſich 35 in ihren getäuſchten Augen zu ſchauerlichen Bildern. „Sehen ſie doch, liebe Mutter, ſagte ſie unter andern, dieſe Spitze des ſilbernen Halb⸗ mondes ſollte man nicht darauf ſchwören, es ſey die ſcharfe Spitze eines Dolches?— und dieſe ſchwarzgrauen Wolken, ſehen ſie nicht eben ſo aus wie vermummte Köpfe von Raͤu⸗ vern, welche in ſchwarzen Maͤnteln und Kappen geheimnißvoll durch das Dunkel ſchleichen?— Ach beſte Mutter, fuhr ſie mit beklommener Stimme fort, und Thränen entquollen ihren Augen, wir haben recht unbeſonnen gehandelt, daß wir uns durch die Erzählung aller der entſetzlichen Abenteuer, die in dieſem gefähr⸗ lichen Walde vorgefallen ſeyn ſollen, nicht von dieſer Reiſe haben abhalten laſſen.. In dieſem Momente wurde die ungluͤck⸗ liche Kutſche, welche ſich jetzt zwiſchen der Halsbreche und der Morgrube befand, ganz in der Stille von allen Seiten umringt, ſo daß an keine Rettung mehr zu denken war, und während Lady Herwort das ängſtliche Weſen ihrer Tochter, der empfindſamen, ihrem zurten Alter natuͤrlichen Schwache zuſchrieb, war ſchon das Todesurtheil, wie es ſchien, unwiderruflich gegen dieſe beiden intereſſante Weſen ausgeſprochen. — —— 5 351 Indeſſen bewegte ſich der Wagen in tie⸗ fen kothigen Gleiſen langſamer als je den ſteilen Berg aufwärts. Tiefes Schweigen herrſchte ringsum; nur das unheimliche Ge⸗ krächz einiger Raubvogel, der nächtlichen Be⸗ wohner dieſes Waldes, unterbrach zuweilen die ſchauerliche Stille, ſo erwuͤnſcht dem Verbrechen. Es fiel kein Schnee mehr, aber die zerriſſenen Wolken, welche von Norden gegen Weſten in großen Maſſen hinzogen, bildeten ſeltſam täu⸗ ſchende Schatten und Lichtſchimmer, welche in dem Prisma der Phantaſie ſich zu einer Art von ſchreckbarer Phantasmagorie oder Schein⸗ zauberei geſtalteten. Eine voͤllige Dunkelheit wuͤrde der armen Clariſſa weniger fuͤrchterlich geweſen ſeyn, als dieſe zufälligen, unterbroche⸗ nen Daͤmmerlichter es waren; daher ſchmiegte ſie ſich auch mit beengtem Buſen athemlos an die Mutter, und in jeder Lage ſchien ein Schwert uͤber ihrem Haupte an einem zarten Faden, den jeder Windhauch zerreißen kann, aufge⸗ hangen und herab zu drohen; ihre ſtarren Augen ergriffen jeden bedenklich ſcheinenden Ge⸗ genſtand, um die Bedienten zu erinnern ſich in Vertheidigungsſtand zu ſetzen. Sie wieder⸗ holte ſich mit aͤngſtlicher Genauigkeit alle die traurigen Raͤubergeſchichten, die ihr in ihren fruͤhern Jahren ſo viel Furcht gemacht hatten. „Der Tod ſchreckt mich am wenigſten,“ dachte ſie bei ſich ſelbſt mit frommer Ergebung in die Fuͤgungen des Himmels;—„aber die Entehrung— ha, entſetzlich! meine Perſon ent⸗ weiht von unreinen verbrecheriſchen Händen!. Dieſer Gedanke erfuͤllte ihre Seele mit Schaudern und Entſetzen. Sié malte das Jammerbild noch weiter aus; auch ihre ange⸗ betete Mutter, die noch in der vollen Bluͤthe der Schönheit ſtand, ſah ſie blutig und ent⸗ kleidet im Innern eines abſcheulichen Mord⸗ kellers; alle dieſe Vorſtellungen verſetzten natuͤr⸗ licherweiſe das arme Kind in einen Zuſtand der fuͤrchterlichſten Todesangſt, der ſo weit ging, daß ſie einen ſchmerzhaften Schrei aus⸗ ſtieß, als ſie die Hände ihrer Mutter beruͤhrte und dieſelben ſehr kalt fand, weil ſie ſich ein⸗ bildete, dieſe Haͤnde waͤren ſchon mit dem edeln Blute befeuchtet, das ihrer kindlichen Liebe ſo theuer war. Langſam wie ein Leichenwagen ging indeß die Kutſche vorwärts, und die Schauer der Furcht wurden durch dieſen Schneckengang nur noch vermehrt. Die Lady bemerkte zuerſt, trotz der Dunkelheit, einen Menſchen, welcher in einer gebuͤckten Stellung mit einer kurzen Flinte bewaffnet, hinter einem Baumſtamme herpor⸗ kam und ſich mit einem andern, ebenfalls hin⸗ ter einem Baume lauernden Keri zu verabteden ſchien; bei dieſer Entdeckung Lonnte ſie ſich 1⁸ — N——* u e —— ———— 353 des Schreckens nicht erwehren, und da eben Glariſſens Hand in der ihrigen lag, ſo druͤckte ſie dieſelbe unwillkuͤhrlich mit ungewoͤhnlicher Heftigkeit.„Was iſt Ihnen, beſte Mutter,“ rief dieſe, haben Sie vielleicht Raͤuber geſe⸗ hen?—„Nicht doch, verſetzte die Lady, mit ſcheinbarer Unbefangenheit, das Rad ſtieß blos etwas heftig an, und dieſe Crſchuͤtterung er⸗ ſchreckte mich unwillkuͤhrlich. Aber in dieſem Augenblicke ſah auch Cla⸗ riſſa ihrerſeits den Schatten eines Menſchen, welcher Verabredung zu treffen ſchien, auf einem ſchneebedeckten Geſträuch im Mondſchein ſich bewegen; aber auch ſie ließ ſich aus kindlichem Zartgefuͤhl nichts merken, indem ſie fuͤrchtete die Mutter zu erſchrecken; nur den Gedanken erlaubte ſie ſich zu aͤußern, daß ſie nun bald auf die Stelle kaͤmen, welche der Poſtmeiſter als ſehr gefaͤhrlich geſchildert habe. Das Wirthshaus lag ſchon einige hundert Schritt hinter ihnen, und man ſah nach dieſer Gegend hin ein ſchwaches Licht, welches, nach ſeinen verdaͤchtigen Bewegungen zu ſchließen, im Einverſtändniß mit dem Verbrechen zu ſte⸗ hen ſchien. Endlich dringt die Gefahr mit fürchter⸗ licher Gewißheit auf die armen Reiſenden ein. Blut. Schatt. Zweit. Bd⸗ 23 — ———— 364 Die Bedienten, welche vorn auf dem Kutſch⸗ bocke ſitzen, werden ploͤtzlich von einer Rotte Boͤſewichter angefallen, ſtoßen ein fürchterliches Angſtgeſchrei aus, und ſchießen ihre Piſtolen gerade auf die Rauber ab; Pfeifentone er⸗ ſchallen von dem Punkte der nahen MWord⸗ grube, um die hintere Bande an der Hals⸗ breche zur Theilnahme an dem Angriff zu rufen. — Die Poſtknechte liegen ſchon von Kugeln durchbohrt, todt hingeſtreckt; die Bedienten ſind ebenfalls von ihrem Sitze gefallen, und werden mit Dolchen vollends hingewürgt.— Euch, ihr weiblichen Engel muͤſſen wir nun die ganze Kraft, die ganze Empfindſamkeit unſerer Feder weihen, um eure fuͤrchterliche Verzweiflung⸗ eure Todesangſt, euer herzzer⸗ reißendes Jammern mitten auf dieſem Theater des Mords mit ergreifenden Zuͤgen zu ſchildern. — Welcher mitfuͤhlende Leſer wuͤrde nicht gern euch zu Gunſten auf ein Wunder hoffen, euch aus dieſem Abgrunde zu retten! Vergeb⸗ liche Wuͤnſche, wir koͤnnen nur euern Unter⸗ gang beweinen, er iſt beſchloſſen. Außer ſich vor Schrecken, gepreßt von dem bitterſten Schmerze ſchlang Clariſſa ihre zarten Arme um den Leib ihrer geliebten Mut⸗ ter, und ihre zum Himmel empor blinkenden Angen ſchienen nur um die einzige Gunſt zu ſtehen⸗ ſie vor dieſer verehrten Mutter ſterben 5b n—— —— zu laſſen. Die Lady, ihrerſeits nahm alle ihre Kräfte zuſammen, um nur ihre Tochter in dieſer Todesnoth zu retten; ſie bedeckte ihr JFind mit ihrem eigenen Koͤrper, und ſuchte, mit ihrem muͤtterlichen Buſen den moͤrderiſchen Dolch vom Buſen der Tochter abzuwehren. Aber der entſetzliche Briſtol, ſich aus dem Haufen der andern Moͤrder raſch vordraͤngend, ſtieß ein langes Meſſer in die Seite der edeln Lady, riß darauf die ohnmächtige Clariſſa aus den Armen der ſterbenden Mutter, und ließ das Fraͤulein in die Mordgrube tragen, welcher abſcheuliche Ort zum Begräbniß der zahlreichen Schlachtopfer des Mordwaldes be⸗ ſtimmt war; ein in die Erde geſteckter Fackel⸗ brand erleuchtete dieſen entſetzlichen Aufenthalt, wohin ſich nun das ſchoͤnſte zarteſte weibliche Weſen verſetzt ſah!— Die Arme! an die weichen Hände die weichen Kiſſen der Liebe gewöhnt, ach iſt der Sitz, das Bette der Hol⸗ den jetzt ein modernder Haufen verſtuͤmmelter ſtarrer Leichen.— Der Leſer mache ſich indeß keine weitere Sorge um ſie; Clariſſa hat nichts mehr zu fürchten, ſie fuͤhlt den Schlaf der Engel, Gott hat ihrer Seele Flugel verliehen, auf welchen ſie aus dieſer dunkeln Mordhoͤhle ſich zu den Heiligen des Himmels aufgeſchwungen hat⸗ Dort wird ſie auch die theure Mutter wieder 23* ¹ 3 9, — 3 — — 356 gnben und in ihre liebenden Armen ſiesen um nie wieder von ihr getrennt zu werden. S Bei dem Anblick der ſözen Flariſa, in der reizenden Unordnung ihrer Kleidung, er⸗ wachten in Briſtols verruchtem Herzen wolluͤ⸗ ſtige Begierden, und er ſuchte daher das holde Maochen wieder ins Leben zu bringen. Uim⸗ ſonſt machen ihm die ubrigen Rä uber bemerk⸗ lich, daß ſeinem eignen Befehle zu Folge, nichts⸗ durchaus nichts verſchont werden und am Leben bleiben duͤrfe; Briſtol bemuͤht ſich fortgeſetzt, die holde Glariſſa aus ihrem ewigen Schlummer, den er fuͤr eine lange Ohn⸗ macht hält, wieder zu wecken.—„Hernach iſt es immer noch Zeit,“ erwiderte der Schaͤnd⸗ liche ſeinen Genoſſen“ wahren der mit unerhoͤr⸗ ter Barbarei den todten Koͤrper in ſeine Arme ſchloß, und wenn Clariſſens Seele in glänzen⸗ e Reinheit zum Himmel aufſtieg, ſo wurde doch ihre Hülle von dem Geifer des i lichſten Uungeziefere beſudelt. Von da wendete ſich Briſtol wieder gegen den Wagen, und ließ ihn nach dem Wirths⸗ haufe fahren. Man hob nun die Leichen auf, . ſie aus und begrub ſie in die Hoͤhlen der ordgrube. Hierauf wurde der Wagen Stuͤck fuͤr Stuck zerlegt, das Gold, die Kleider und die andern Koſibarkeiten getheilt, und es blieb N 5 357 nichts auf dem entſetzlichen Theater der Schand⸗ that, als die breiten Spuren von Blut, welches in Baͤchen gefloſſen war. Stolz auf ſeinen verbrecheriſchen Triumph, war Briſtol begierig ſich von ſeiner Frau be⸗ wundern zu laſſen, er verſammelte demnach ſeine ſogenannten Fleiſcherknechte, und befahl ihnen ſich zur Ruͤckkehr nach Dowley in Be⸗ reitſchaft zu ſetzen. Es mochte jetzt wohl halb zwei Uhr des Morgens ſeyn.— Anna erwartete ſie mit leb⸗ hafter Ungeduld, mit freudig klopfendem Her⸗ zen laͤuft ſie beim erſten Geräuſch an die Thur, ihrem Mann ſchnell entgegen, und dieſer er⸗ zählt wahrend er die Treppe hinaufſteigt mit lauter Stimme die gluͤcklichen Erfolge dieſer Nacht. Die andern Räuber folgen ihm, und man verſchließt die Thuͤr wieder ſorgfaältig, Briſtol, ſich etwas einbildend auf die Reſultate der Expedition, wirft mit eitler Ruhmredigkeit hundert Rollen Guineen geräuſchvoll auf den Tiſch, und uͤbergiebt ſeiner Frau die koſtbaren Schmuckkäſichen und die Ringe der ungluͤck⸗ lichen Lady, ſo wie Clariſſens Bruſtbild, welches noch von Blut rauchte und ſogar das feine Spitzen⸗Gewand der letztern.— Im Rauſch der Freude hatte er ſich, unbeſonnen genug, die kleinſten Einzelheiten ſeiner haͤufigen Mordtha⸗ 358 ten beruͤhmt, und das Verbrechen war an ſich ſelbſt zum Verräther geworden, als Anna ploͤtz⸗ lich ausrief, indem ſie ſich verlegen die Stirne rieb:„Ich Ungluͤckliche, was hab' ich gethan, Briſtol! Meine NRichte, die mich um ein Nacht⸗ lager gebeten, befindet ſich hier; wenn ſie das glles gehoͤrt hat, ſo ſind wir verloren.— Statt zu antworten, zieht der ſchaͤndliche Briſtol die Stirn in fuͤrchterlichkrauſe Falten, nimmt die Lampe, und ſpricht mit leiſer Stimme, indem er ſeinen Dolch zieht:„Koͤnnte ich nur einen Augenblick zweifeln, daß ſie ſchlaͤft, ſo waͤr's um ſie geſchehenz un⸗ ſere gemeinſchaftliche Sicherhelt erfor⸗ dert dieſes Opfer⸗ 3 * 5 Nan ſtelle ſich die entſetzliche Lage der armen kleinen Polly vor, welche in der That alles gehoͤrt und geſehen hatte, da ſie durch das Geräuſch beim Eintritt der Raͤuber aus ihrem erſten Schlafe war aufgeweckt wordeu. Da jedoch die Ungluͤckliche ſchnell einſah, daß von ihrer Geſchicklichkeit in der Verſtellungs⸗ kunſt ihr Leben abhinge, ſo that ſie, als wenn ſie in dem tiefſten Schlafe läge, und obgleich der ungeheure Briſtol mit geſtrecktem Halſe, einen blinkenden Stahl in der Hand an ihr Bette ttitt, und ihr mit dem flackernden Schein ſeiner Schveckenslampe das Geſicht beleuch⸗ 359 tet, obgleich ein Tropfen brennendes Oel auf ihre entbloͤßten Schultern faͤllt, ſo richtet und vewegt ſich das liſtige Mädchen doch nicht im geringſten, ihr Athem bleibt immer natuͤrlich, und ihr halbgeſchloſſener Mund ſpricht die Un⸗ ſchuld und Unhefangenheit ihres Alters ausz wahrhaftig, ein Engel des Himmels ſchien ihr in dieſem furchtbaren Momente die Kunſt zu lehren, wie ein großer Verbrecher in die von ihm ſelbſt gelegte Schlinge zu locken ſey. Briſtol kehrt zufrieden und vollkommen betrogen zu der Bande zuruͤck, und verſichert ſeiner Anna, daß er von Polly's ununterbro⸗ chenem Schlafe vollkommen uͤberzeugt, und kein neues Blutvergießen noͤthig ſeyo. RNachdem alſo die Räuber ſich mit Speiſen und Getran⸗ ken guͤtlich gethan, gingen ſie alle zu Bette mit gegenſeitigem Gluͤckwuͤnſchen uͤber die gun⸗ ſtigen Erfolge des Tages, als wäre von einer guten That die Rede geweſen, und Polly dankte Gott fuͤr die unerwartete Befreiung aus dieſer großen Gefahr. Am folgenden Morgen ſtieg das Mädchen fehr früh auf, ſteckte ganz unbefangen ihe Fruͤhſtuͤck in die Taſche, umarmte die Baſe, beſtellte viele Gruͤße an den noch ſchlafenden Oheim, und ſchien ihren Weg nach dem Weiler zu nehmen, wovon ſie geſtern geſprachen hatte, 360 äber als ſich unſere kleine Heldin von niemand mehr bemerkt glaubte, kehrte ſie mit geheimen Schauder durch eine andere Straße nach der Stadt zuruͤck, ließ ſich die Wohnung des Con⸗ ſtables— ſo heißen in England die Polizey⸗ diener— zeigen, und legte daſelbſt, noch zit⸗ ternd von der Gefahr in welcher ſie unter dem ſchlagfertigen Dolche Briſtols geſchwebt hatte, die Erklärung nieder, daß ihr Oheim der An⸗ führer einer Raͤuberbande ſey, indem ſie ihn in der vergangenen Nacht mit blutigen Haͤnden den Rauh von mehrern ermordeten Perſonen unter ſeine Mitſchuldigen und ſeine—— vertheilen ſehen. Der erſtaunte Conſtable 3 ee Abſcheulichteiten kaum glauben; indeß that er ſeine Pflicht und nachdem er eine große Anzahl von Schergen, mit Ketten und Stricken verſe⸗ hen, zuſammen gebracht hatte, wurde ſogleich das Wirthshaus des Waldes, als auch das Haus des engliſchen⸗ Fleiſchers Seſebe Das Gold, Sitber, die Juwelen, und alle die koſtbaren Kleidnngsſtuͤcke welche man daſelbſt fand, ließen keinen Zweifel uͤber die Richtigkeit von Polly's Anzeigen uͤbrig, und der Criminal⸗Prozeß wurde auf der Stelle 5 inſtruirt. Dieſe Rotte von Raubmoͤrdern muß⸗ te daher zur Verſoͤhnung des beleidigten ———— — 7—— 3 5. ————— F—— — ſetzes als Opfer fallen, und die Boͤſewichter verloren unbedauert auf dem Blutgeruͤſte ein Leben, das ſie mit ſo vielen Verbrechen beſu⸗ delt hatten. Briſtol und Anna mußten zuletzt bluten, weil man ſie füͤr die Veruchteſten hielt, und Briſtol wiederholte bei der Hinrichtung den Ausruf, welchen er vor Gericht ſo oft gethan hatte, wenn ſeine Nichte ihm entgegen geſtellt wurde:„Ha! kleine Verrätherin, wenn ich nur einen Augenblick hätte vermu⸗ then können, daß du nicht ſchliefeſt— 1 Schlußbemerkung. o ſoneze jett mit einigen apologetiſchen Bemerkungen dieſe Leichengallerie; deren In⸗ halt ein trauriges Monument von Verbrechen und Frevelthaten bildet, wodurch freilich die Menſchheit nicht geehrt wird.— Gluͤcklich, wenn ich durch die in meinen Dichtungen auf⸗ geſtellten Schreckbilder in den Herzen der Men⸗ ſchen jene heilſame Scheu erregt habe, welche ihrer Neigung zum Boͤſen warnend entgegen tritt, und ſie am Rande des Abgrundes noch abhaͤlt den entſcheidenden Schritt zu thun; uͤbergluͤcklich, ſage ich, wenn meine blutigen Schatten ihren Trauerflor in der aufgeregten Einbildungskraft meiner Leſer ſchuͤtteln, und ihnen dieſelbe Moral predigen, wodurch ſie in meinem Geiſte entſtanden ſind! denn dieſes ſchoͤne Ziel habe ich bei meinen Wundern, Gaukeleien und Bezauberungen immer im Auge behalten, und wenn die Kunſt in dieſen mit⸗ unter fabelhaften Geſchichten mit meiner guten Abſicht nicht immer Hand in Hand gegangen iſt, ſo ſchmeichele ich mir wenigſtens, daß die Kritik in Ruckſicht der untadeihaften Motive, 363 die mich in dieſem Werke geleitet haben, etwas von ihrer Strenge ablegen werde. Wer koͤnnte mir widerſprechen, wenn ich behaupte, daß alle Mittel, wodurch man Rein⸗ heit der Sitten zu bewirken ſtrebt, gut und zu billigen ſind, auch wenn, um dieſen Zweck zu erreichen, das Laſter in den grellſten Farben dargeſtellt werden muß, um dadurch ſchwache Seelen vor Verſuchungen ſicher zu ſtellen.— Eine ſolche Darſtellungsart, ſolche allego⸗ riſche Warnungen wirken, in Ermangelung guter Grundſätze, auf den Aberglaͤubiſchen und Un⸗ wiſſenden vielleicht am beſten.— Der Blut⸗ ſchaͤnder, der Betruͤger, der Meuchelmoͤrder, jeder Schuldige uͤberhaupt kann durchaus keinen Blick in meine Hoͤhlen, meine Mordgruben und Blutkammern thun, ohne die lebhafteſten Ge⸗ wiſſensbiſſe zu empfinden. Von bieſer erſten ſchauderhaften Empfindung zu einer frommen Reue iſt oft nur ein einziger Schritt, und der Verbrecher hat noch die Kraft ihn zu thun, um ſich dadurch in den Schooß des barmher⸗ zigen Gottes zu retten. So koͤnnen die koͤſt⸗ lichſten Fruͤchte der Buße unter dem Zauber⸗ ſtabe meiner magiſchen Tauſchungen hervorge⸗ hen, und dann waͤre es mir erlaubt zu hoffen, durch meine wunderbaren Gaukeleien eben ſo heilſame Betrachtungen veranlaßt zu haben, als Religion und Rechtslehre nur immer ein⸗ floͤßen koͤnnen⸗ 364 Aber auf der andern Seite wird mir der Leſer vielleicht meine eigne in der Einleitung gemachte Bemerkung entgegenſetzen, nach welcher ich keinen andern Zweck zu haben ſcheine, als den, ſtarke Bewegungen zu erregen, und das Vergnuͤgen aus den Empfindungen des Schauers und der Furcht*) hervorgehen zu laſſen.— I„†ch muß es geſtehen, auch dieſer Punkt iſt das Ziel meines literariſchen Ehrgeizes ge⸗ weſen, und ſollte man mich wohl deswegen ſtrenger beurtheilen, weil ich ſcherzhaft vorge⸗ geben habe, mit meiner bezauberten Feder in allem Ernſte die Leute fuͤrchten zu machen?— Nein, ich glaube im Gegentheil, daß man es mir Dank wiſſen werde, wenn ich meine Fi⸗ guren zuweilen auf gigantiſchen Stelzen gehen loſſe, um den Reiſenden deſto ſchreckhafter zu uͤberraſchen in meinen dunkeln Waͤldern und finſtern Hoͤhlen, in meinen einſamen verwünſch⸗ ten Schloͤſſern, oder in jenen labyrinthiſchen Gaͤngen und Gallerien, welche mit blutigen 2) Die Empfindungen der Furcht und des Schauers, haben nur dann etwas wenn die Geiſterwelt und die Ewigkeit das menſchliche Gemuth zu beruͤhren ſcheint, das geheimnißvolle Wehen aus dieſen Regionen bringt ein gewiſſes Schwanken zwiſchen angenehmen und unange⸗ nehmen Gefuͤhlen in der Seele hervor, welches an ſich etwas Anziehendes und Intereſſantes hat.— Jede andere Furcht iſt aber immer unangenehm. Anm. d. Ueberſ. 365 moderndeu Leichen bedeckt ſind;— und wenn man die Dunſt⸗ und Truggeſtalten meines Thea⸗ ters nur nicht zu feindlich anhaucht, nur nicht zu ſtark beleuchtet mit dem Lichte des kalten Verſtandes, ſo iſt es wohl moͤgllch, daß ſie durch ihr Spiel jene Taäuſchung hervorbringen, welche ich in Beziehung auf die Unterhaltung meiner Le⸗ ſer beabſichtigte, und ſo haͤtte ich denn das Nütz⸗ liche mit dem Angenehmen vermiſcht, welches der Zweck jedes guten Schriftſtellers ſeyn ſoll. Was nun der Weihrauch betrifft, nach wel⸗ chen doch immer auch der beſcheidenſte Schriftſtel⸗ ler ſtrebt, ſo muß ich geſtehen, daß es mir weit ſchmeichelhafter ſeyn wuͤrde, auf das orientaliſche Diadem der Tauſend und einen Nacht An⸗ ſpruch machen zu koͤnnen, als mit dem bleier⸗ nen Scepter zu herrſchen, welches die Verfaſſer unſerer beliebten Melodramen fuͤhren. Meine kleine Eitelkeit wuͤrde ſchon wollkommen befriedi⸗ get ſeyn, wenn meine Schatten mit der bluti⸗ gen None*) Hand in Hand gingen; weil aber dieſe Hoffnung meinen ſchwachen Talenten ver⸗ verſagt iſt, maßen ſchon viel phantaſtiſche Träu⸗ mer ihre dicke aufgeſchwollene Begeiſterung aus den Conſtellationen der naͤchtlichen Geſtirne her⸗ *) Die None,(9te Stunde) iſt das letzte von den kleinen kurzen Stundengebeten der Katho⸗ liken. Es wird hier auf eine mir unbekannte Erzaͤhlung unter dieſem Titel angeſpielt. Anmerk. d. Ueberſ. —— 366 geholt haben, ehe ich an ein aͤhnliches Unterneh⸗ men dachte, ſo wollen wir uns in unſer Schickſal fuͤgen, welches uns nur eine Rachleſe von einigen Cypreſſen erlaubt in jenen unermeßlichen Garten, der mit glaͤnzenden Sternen ausgelegt iſt, um mich eines Ausdrucks des unſterblichen Saͤngers der Nacht, des beruͤhmten Young, zu bedienen. Der hoͤchſte Wunſch, der mich beſeelt, indem ich dieſe blutigen Schatten vor dem Publikum auftreten laſſe, iſt, daß der empfäng⸗ liche Leſer die Blaͤtter immer mit einer gewiſſen Neugier umwenden, das junge Maͤdchen, welches noch den ſuͤßen Taͤuſchungen der Jugend unter⸗ worfen iſt, dabei einen unnennbaren Schauer em⸗ pfinden, und andere guten ehrliche Leute meine Hirngeſpinſte fuͤr Wahrheiten nehmen moͤgen⸗ Dann, dann, unter dieſer gluͤcklichen Voraus⸗ ſetzung wuͤrden meine Schatten auf den Mu⸗ ſterkarten der erſten Buchhandlungen der Haupt⸗ ſtadt heller als die Mittahsſonne glänzen, und nachdem ſie die Unſterblichkeit einer dritten Edi⸗ tion erreicht, der Nachwelt des Jahres 182* zurufen: „Man durchlaͤuft dieſe Todtenhal⸗ len nicht ohne einige Theilnahme, nie⸗ mand freut ſich mehr daruͤber als der Unternehmer. Druckfehler des zweiten Bandes. Seite 181 Zeile 4 von oben; nach: worden ſtreiche das Comma weg⸗ S 193 3. 9 von oben lies Lombardei ſtatt Lombardie. S. 196 Z. 9 von oben lies Verfahrungsart ſt. Verfuͤhrungart. S. 299 Z. 1 von unt. lies Gnidos oder Knidos ſt. Guidos⸗ S. 231 3. 7 von oben lies Franſen ſtatt Frangen⸗ S. 238 3. 3 von unt. lies beruhigen ſtatt beruhiger.* 241 Z. 12 von unt. lies dieſer ſtatt dieſe. 244 Z. 8 lies den ſtatt der. 256 3. 6. von unt, lies Hyperbeln ſtatt Hyperboten. 282 Z. 3 von unt. lies Kaſte ſtatt Kuͤſte. 286 Z. 12 von oben lies werden ſtatt wurden. 289 3. 15 von oben lies Roxelane ſtatt Raxelane. 3 332 3. 4 von oben lies furchtbare ſtatt furchtbare. 338 Z. 8 von oben lies Antaus ſtatt Antäs. 336 3. 9 von oben lies machte ſtatt macht. 3 340 Z. 12 von unten ließ Conſtables ſtatt Conſtabler. S.342 3. 4 von unten nach bloß muß als eingeſchaltet werden. S. 349 3. 12 von oben lies bangen ſtatt langen. 6 6 6 6 6 6 6 8 65 5 —— —— —