— deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 4„ 6* Ednard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und eſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr pffen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterleen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet S2. be ni Vaſebe jmuß voraus kbezahlt werden und i i ſet nhchentlich 6 4 Bücher: 6 Bücher: 6. Schadenersätz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defeete Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. . Ausleiheei Dieſelbe auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — c 2 2 D — Monat: 8 1 Mk.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mt.— Pf. Auswärtige Wonnenten haben für Hin- und Zurückſ endung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. —* E —— — ———————— Ein Roman nach dem Engliſchen Johen Blackwell. Dier hi. Quedlinburg und Leipzig, 1824, be i Gottfr ed Driter Fheil. ——————— ——————— — Ee war ein ſonderbares Zuſammentreffen, daß ſich der Profeſſor Kronhelm von ſeinem Freunde Carl Workwich in London ſo lange halten ließ, bis die Madame Medem mit ih⸗ rer reizenden Tochter daſelbſt bei ihren Freun⸗ den ankam. Er blieb auf Bitten eines be⸗ ſorgten Sohnes, um Lorenz Workwich mit ſeiner Kunſt, mit ſeiner rathenden und theil⸗ nehmenden Liebe beizuſtehen, wenn Anna's unerwartetes, plotzliches Verſchwinden auf den Geiſt und die Geſundheit des Vaters nachtheilig wirkte, gefaͤhrliche Ruͤckfälle zu verhuͤten. Dieſes laͤngere Bleiben entſchied ſein Schickſal fuͤrs ganze Leben, das oft durch ſolche kleine und unmerkliche Umſtände 6 — herbeigefuͤhrt wird, die wir nicht anotdnen, welche wir unſerer naͤhern Beachtung nicht wuͤrdig halten. Bei ſeinem erſten Aufenthalte in Lon⸗ don machte er die Bekanntſchaft mit Eliſa⸗ beth nur fluͤchtig. Ihre Erſcheinung ging feiner Seele wie ein gleichguͤltiges Bild vor⸗ uͤber, das in der Erinnerung keine Spur zu⸗ ruͤckläßt. Sie zog ſeine Aufmerkſamkeit auch wohl darum nicht auf ſich, weil es in ihm unbezweifelt war, daß man eine Verbindung zwiſchen ihr und einem andern Juͤnglinge be⸗ abſichtige. — Oft begegnen ſich die Gefuͤhle junger Herzen auf halbem Wege, und in demſelben Augenblicke koͤmmt die gegenſeitige Liebe in ihnen zur Sprache, oſt aber erwacht auch in der einen Seele eine zaͤrtliche Neigung fruͤ⸗ her als in der andern, welche ſpäter entzuͤn⸗ det wird. Ehe die troͤſtende Rede Kronhelms ————— S 7 von ihm geſprochen wurde, wodurch er ge⸗ beugte Elternherzen aufzurichten verſuchte, die von nicht gemeiner Geiſtes⸗ und Herzensbil⸗ dung zeigte, welche einen ſo tiefen Eindruck auf die ſchöne Eliſabeth machte und ihre Aufmerkſamkeit auch auf ſeine äußere Geſtalt lenkte, war es in Kronhelm ſchon entſchieden, daß ſie ein ſelten koͤſtliches, vorzuͤgliches und ganz fuͤr ſeine Wahl geſchaffenes Mäd⸗ chen ſey. Er kam zu der noͤthigen Faſ⸗ ſung wieder, daß ſeine Vernunft uͤber ſein Gefuͤhl ſiegte und dieſe ihm ſagte: Wie wird ſich eine reiche Englaͤnderin je mit einem Deutſchen verbinden, der ohne alle Gluͤcksguͤter iſt und weiter nichts als ſeine ungewiſſe Kunſt hat, von welcher er ſeinen Unterhalt zieht! Es war ſein Erſtes, als er mit Carln allein war, daß er, ihm unmerklich, um ſein Gefühl nicht zu verrathen, von der ſchoͤnen Medem zu ſprechen anfing, um von ihm nä⸗ 8 here Auskunft uͤber ihren Charakter zu er⸗ halten und insbeſondere ſich von ihm die Frage beantworten zu laſſen, wie es zugehe, daß ein ſo ſchoͤnes, liebenswuͤrdiges und rei⸗ ches Maͤdchen noch unverheirathet ſey. Carl nannte ſie ein gebildetes, ſittliches Weſen, auf dem kein Flecken hafte, das keinen ge⸗ gruͤndeten Tadel verdiene. Ueber ihre Ledig⸗ keit und daß ſie noch eine Jungfrau ſey, urtheilte er alſo:„Sie iſt vielleicht in ih⸗ rer Wahl forgſamer, als viele ihres Ge⸗ ſchlechts, und ein reiches Maͤdchen ſollte es immer ſeyn, da es oft nur ihr Geld iſt, was dem Juͤnglinge, der um ihre Hand wirbt, weit mehr anſteht als ihre Perſon.“ Laͤchelnd ſetzte Carl hinzu:„Ich dachte, lieber Kron⸗ helm, das wäre eine Frau fuͤr Sie. Soll⸗ ten Sie Abſichten auf ſie haben, ſo entdek⸗ ken Sie ſich mir, ich glaube, daß ich Ihnen zur Erreichung Ihres Zwecks ſehr behuͤlflich ſeyn kann. Gern waͤre ich Ihnen wieder gefaͤllig, da Sie es in einem ſo hohen Grade —— gegen mich waren.“—„Sie treiben nur Scherz,“ erwiederte Kronhelm und ſprach von andern Dingen. Als die Madame Medem mit Workwichs allein war, waͤhrend Eliſabeth bei Carls Gattin einen Beſuch abſtattete, die ſie noch uͤber die Abreiſe ihrer Mutter ſehr traurig fand, fing ſie alſo zu reden an:„Die Ab⸗ ſicht meiner Reiſe hieher, die ich meinen Freunden nicht verſchweigen darf, iſt eigent⸗ lich, daß ich meiner Tochter eine angenehme Zerſtreuung verſchaffen und ihretwegen mit einem Arzte, der ſich auf ſeine Kunſt ver⸗ ſteht, Ruͤckſprache nehmen wollte. Das liebe gute Kind hat ein verſtimmtes Gemuͤth, das ſich zu ſeiner ſonſtigen Heiterkeit nicht wieder erheben kann. Sie uͤberwand die Liebe, die ſie gegen den hertlichen William empfand, ſehr bald, und insbeſondere war es der Tod ihres Vaters, ihr Schmerz uͤber ſeinen Ver⸗ luſt, der ihrem ganzen Denken eine andere 40 Richtung gab und die Bilder der Hoffnung und Freude von ihr ſcheuchte. Es iſt nun bald ein Jahr verfloſſen, wo ſich ihr ein tadel⸗ loſer, herrlicher Juͤngling nahte, der ſie auffor⸗ derte, ihm die Hand zu einem unzerttennli⸗ chen Bunde nicht zu verweigern. Sie machte mich zur Vertrauten ihrer Liebe, ich rieth Vorſicht und warnte gegen Uebereilungen, zu denen das jugendliche Herz leicht verleitet. Alle naͤhern Erkundigungen, die ich uͤber den Charakter und das Betragen des Juͤnglings einzog, dienten zu ſeiner Empfehlung. Reich war er nicht, aber klug und einſichtsvoll. Die Mittel, die ich ihm in die Haͤnde geben konnte, waren nach meinem Denken hinrei⸗ chend, ſeinen Wohlſtand zu ſchaffen und zu begruͤnden. Eliſabeth ſollte nicht ſowohl durch ihren Gatten eine reiche, als eine durch ſeine Liebe begluͤckte Frau werden, das war mein Grundſatz.“ „Mehrere Beſuche verſtattete ich ihm in * — ———————— 11 meinem Hauſe, um ihn naͤher kennen zu ler⸗ nen, ich gewann ihn lieb und Fliſabeth ver⸗ band ſich inniger mit ibm. Im Auftrage ſeines Handlungshauſes mußte er eine Reiſe nach Hamburg, Luͤbeck und Bremen machen. Ungern und mit ſichtbarem Schmerz trennte er ſich von meiner Tochter, aber er wollte ſeinem Herrn bis auf den letzten Augenblick gefällig ſeyn, der ihn während ſeiner Dienſt⸗ zeit ſo guͤtig und väterlich behandelt hatte. Der Termin ſeiner Verlobung mit meiner Tochter war unmittelbar nach ſeiner Ruͤckreiſe beſtimmt. Sie ſprach von ihm, ſie ſehnte ſich nach ihm, ſie glaubte ſehr gluͤcklich mit ihm zu werden, ich hoffte es auch.“ „In einer Nacht hoͤrte ich meine Eliſa⸗ beth im Schlafe laut und aͤngſtlich feufzen. Durch mein Zurufen erwachte ſie mit einem Schreck und ſagte laut: Ach, ich Ungluͤck⸗ liche! Als ich ſie fragte, was ſie zu einer Ungluͤcklichen mache, erwiederte ſie: Mutter, 12 meine Augen ſind von Thraͤnen naß, ich hatte einen grauſenvollen Traum. Sie ſprang aus ihrem Bette und eilte zu mir, als ob ſie Schutz und Troſt ſuche. Es iſt ja nur ein Traum geweſen, ſprach ich, indem ich ſie in meine Arme nahm, aͤngſtige Dich deshalb weiter nicht.— Aber, ſagte ſie, es war doch ein boͤſer Traum! Wenn er nur nicht eine Vorbedeutung enthält.— Es iſt der ſeltenſte Fall, wo die Wirklichkeit mit unſern Träumen zufällig uͤbereintrifft, entgegnete ich, ſo daß wir nie glauben konnen, es ſey das geſchehen oder es werde geſchehen, was wir geträumt haben. Im Schlummer treibt die Phantaſie ihr Spiel, webt Hirngeſpinſte zuſammen, die wir wachend nicht entfädeln können. Was hatteſt Du denn fuͤr einen Traum, der Dir Thraͤnen auspreßte?“ „Sie erzählte alſo: Wilhelm, ſo hieß der Taufname des geliebten Juͤnglings, er⸗ ſchien mir im Traume. Ich ſah ihn in 3 S—— 13 einem ſinſtern Walde. Zwei baumſtarke Raͤuber, mit graͤßlichem Geſicht, fielen uͤber ihn her, ſtießen ihm ein Schwert durch den Leib, daß er leblos niederſtuͤrzte. Ich hoͤrte ſein Roͤcheln, ſah ihn leichenblaß, mit Blut uͤbergoſſen und ſank ohnmächtig neben ihm nieder. Mutter, Mutter, wenn ich die Nach⸗ richt erhielte, daß er graufam ermordet waͤre! — Was bildeſt Du Dir ein,“ ſagte ich. „Weil Du das getraͤumt haſt, alſo muß es wahr ſeyn? Du denkſt am Tage mit Aengſt⸗ lichkeit an ihn und da iſt es wohl moͤglich, natuͤrlich faſt, daß Du ſolche ſchwere Traͤume haben mußt. Seine baldige Ankunft wird Deine Täuſchung verbannen. Aengſtige Dich nicht, quale Dich nicht! Aber ſie konnte nicht wieder einſchlafen.“ „Am Nachmittage wat's, als Matie Wil⸗ lers, die Tochter Sir Willers, des Kauf⸗ manns, in deſſen Geſchaͤften Wilhelm auf Reiſen ging, die ihre Freundin geworden war, 14 meine Tochter zu einem Spaziergang einlud. Auf Anſtiften des Vaters wurde dieſer Gang veranſtaltet. Die Maͤdchen waren kaum eine Viertelſtunde aus meiner Wohnung, als Sir Willers mit einem verſtoͤrten Geſicht zu mir tam und mir mit Vorſicht und moͤglichſter Schonung die niederſchlagende Nachricht hin⸗ terbrachte, daß der Bräutigam meiner Toch⸗ ter in Hamburg, bei einem ſeiner Handels⸗ freunde, an einem Nervenfieber geſtorben ſey. WMein Schreck war niederwerfend. Ich dachte an meine Eliſabeth und ihren Traum. Wie ſollte ich ihr das ungluͤckliche Ereigniß bei⸗ bringen! Was mußte ich fuͤrchten, wenn ſie den Tod ihres Geliebten erfuhr! Ich kannte ihre Liebe, ihre zarte Empfindſamkeit, ihre leicht gereizten und erſchutterten Nerven. Es war ein Gluͤck, daß ſie erſt nach drei Stun⸗ den, als der Abend dämmerte, wieder heim⸗ kehrte. In dieſer Zwiſchenzeit konnte ich mich ſarmmeln und mir die Art und Weiſe ausdenken, wie ich ihr auf die ſchonendſte — ———„—— 15 Manier den unerwarteten Todesfall beibrachte. Sie ſchien nach ihrem Spaziergange heikerer geſtimmt zu ſeyn und an das naͤchtliche Traumbild nicht mehr zu denken.“ „Ihre erſte Frage, als ſie in die Stu⸗ benthuͤr trat, war: Iſt noch kein Brief von meinem Wilhelm angekommen? Diesmal laͤßt er mich zu lange warten! Ich bin ſeinetwe⸗ gen doch ängſtlich. Aber, das ſoll ich nicht ſeyn, nicht ſo, liebe Mutter? Aber wer kann ſich da ruhig erhalten, wo das Herz in ſteter Vewegung iſt? Vielleicht Hömmt er bald ſelbſt und giebt mir auf meine Fragen muͤnblichen Beſcheid. Alſo kein Brief?“ „Es iſt nicht gut, das weiß ich aus eige⸗ ner Erfahrung, wenn man den, dem wan ein Ungluͤck zu berichten hat, auf immer großere Foltern der Furcht und Angſt ſpannt, bis man ihm endlich den Verluſt, den er erlitten hat, of⸗ fenbart. So wie ich's auf der andern Seite nicht mehr! Sir Willers hat Briefe aus 16 auch nichl fuͤr gut halte, ihn mit der Schrek⸗ kenskunde ploͤtzlich, wie mit einem vom Him⸗ mel fallenden Blitze, niederzuſchlagen. Es iſt ſehr ſchwer, die Mittelſtraße zu halten, und unſer eigenes Gefuͤhl giebt uns auch hier einen richtigern Maßſtab an, als uns die Kunſt der Vernunft ihn nicht darreicht.“ „Nein, Eliſabeth, antwortete ich auf ihre Frage, keinen Brief und vielleicht nie einen wieder. Wilhelm liegt in Hamburg krank, ſehr krank danieder und wer kann es wiſſen, ob er nicht ſchon todt iſt.— Hier fuhr ſie mit aller Gewalt des Schmerzes her⸗ vor und rief laut: Herr Jeſus, mein Traum, Wilhelm iſt ermordet, ach, ich Unglückliche! Sie ſank auf's Sopha nieder und war emer Ohnmacht nahe.— Nein, liebe Tochter, ſagte ich, ermordet iſt er nicht, aber der Gott, der unſern Tagen ein Ende macht, ließ ihn fuͤr dieſe Welt entſchlafen. Er iſt —— 17 Hamburg, daß Wilhelm am Nervenfieber ſtard.—„Großer, barmherziger Gott, rief ſie aus, und ihre Augen waren ſtarr zur Decke empor gerichtet, welche Suͤnde habe ich begangen, daß Du mich ſo hart ſtrafeſt! Schickſal, wie grauſam haſt Du mich ge⸗ taͤuſcht! Du zeigteſt mir eine Zukunft mit allen Freuden und verwandelſt ſie in eine ſolche Kummernacht?“ „Ich ließ die Leidende ganz ausreden und unterbrach ſie in ihren Klagen nicht, dann aber machte ich ihr meine ganze Theilnahme begreiflich, ſchloß die Leidende in meine Arme und ſagte: Theure Elifabeth, was Gott ver⸗ fuͤgt, das ſoll den Menſchen nicht troſtlos und verzweifelt machen. Er läßt uns Hartes be⸗ gegnen, er prüft und verſucht unſere Tu⸗ gend und will durch Drangſale eben den Geiſt vom Irdiſchen abziehen und ibn auf das Himmliſche lenken. Mußteſt Du Dich nicht auch uͤber den Verluſt eines theuern III. 2 18 Vaters beruhigen?: Sahſt Du's nicht, wie mich die heilige Kraft der Religion tröſtete? Ach, welche Hoffnungen ſind mir im Leben vereitelt worden! Es ſteht hienieden Alles auf einem ungewiſſen Spiele und Niemand kann es vorausſehen, ob er gewinnen oder verlieren werde. Wir halten in der Ferne ſo Manches fuͤr ein Gluͤck, was fuͤr uns ein unglück wird, wenn es uns näher koͤmmt. Wir klagen oft Gott und die Vorſehung an, wenn uns ein ertraͤgliches Leiden begegnet, und unſern Augen bleibt es verborgen, daß wir eben dadurch einem unertraglichern ent⸗ gingen.“ „Meine Liebe, mein Mitleid, mein muͤt⸗ terlicher Umgang richtete Eliſabeth einiger⸗ maßen auf; aber zur vollen Ruhe wollte es in ihrem Gemuͤthe nicht kommen. Sie fing an zu kraͤnkeln, wurde öfter bettlaͤgerig, und die Kunſt aller Aerzte in Briſtol konnte ſie nicht zur Geneſung bringen. Sie ſelber —7 . 19 brachte mich auf den Gedanken, mit ihr nach London zu reiſen, um dort einen geſchickten Mann zu conſuliren. Das iſt die Hauptab⸗ ficht unſerer Reiſe, das Uebrige ſteht ihr nach.“ „So iſt doch kein Leben ohne ſchmerz⸗ hafte Erfahrungen,“ ſagte Madame Workwich. „Wie gluͤcklich pries ich Dich, daß Du eine ſolche Tochter hatteſt, der es wohl nie einfallen wird, die Mutter zu verlaſſen.“— „Je nun,“ entgegnete die Medem,„das glaube ich ſelber nicht. Aber es giebt Lei⸗ denſchaften, die mächtiger ſind als die kind⸗ liche Liebe, das haben wir einſt auch erfah⸗ ren. Zuͤrne der guten Anna nicht,) ſie wird die Gelegenheit gewiß wahrnehmen, wo ſie ein ſcheinbares Unrecht wieder gut machen kann.“ „Sie ſuchen einen Arzt, liebe Mebem,“ ſprach Sir Lorenz,„ich koͤnnte Ihnen einen — 20 recht geſchickten vorſchlagen, der ſich beſon⸗ ders auf die Heilung der Gemuͤthskranken verſteht. Wenn die Seele erſt geneſen iſt, ſo weicht auch die Krankheit des Koͤrpers deſto leichter. Der Arzt aber, den ich meine, iſt der Profeſſor Kronhelm. Er hat mehr geleiſtet, als viele Aerzte der Hauptſtadt. Meine Vernunft war durch einen Sturz vom Pferde ſehr zerruͤttet, und faſt möchte ich ſo ſagen, er hat die Gedanken in ihr wieder in Srdnung gebracht.“—„Aber,“ ſagte die Medem,„iſt Kronhelm nicht zu jung, zu wenig erfahren noch? Kann man ihm auch ein junges Mädchen anvertrauen?“—„Das Lönnen Sie gewiß. Ich glaube ihn genau zu kennen und muß ihm dos Zeugniß geben, daß er mit ſeinen feinen Sitten, die nicht ploß zußere Schminke ſind, zugleich einen herrlichen Charakter verbindet. Und was wäre es denn nun weiter, wenn ſich Eliſa⸗ veths ganze Krankheit mit der Liebe endet, die ſich in ihrem Herzen fur Kronhelm an⸗ 21 ſpinnt. Auf einen reichen Schwiegerſohn ſe⸗ hen Sie ja nicht, und wollen Sie einen guten von dem ſich's wenigſtens hoffe läßt, daß Ihre Tochter eine gluͤckliche Gattin wird, wahrlich, ſo könnte ich keinen beſſern em⸗ pfehlen, als dieſen Kronhelm.“ „Je nun, wie's der Himmel fuͤgt,“ ſagte die Medem,„ſo ſoll mir's recht ſeyn. Das Aeußere des Profeſſors gefaͤllt mir ſehr, und ich erinnere mich's noch, daß mein verſtorbener Gatte ſehr guͤnſtig von ihm ur⸗ theilte. Der Wille meiner Tochter iſt unge⸗ bunden, und wenn ich nicht wichtige Gruͤnde dagegen habe, ſo will ich ihre Wahl nicht beſchraͤnken. Sonderbar aber waͤt's, wenn ich mit ihr nach London kam und ſie faͤnde in einem Deutſchen ihren Gatten! Ob ſie ſich aber ſeiner Kur anvertrauen will, daruͤber muß ich mit ihr ſelber reden. Er iſt ein gu⸗ ter Menſch, das glauben Sie gewiß?“— „Daran zweifeln wir Beide, ich und meine 22 2 Frau, gewiß nicht. Nur Eins fällt mir ein, was ihm als Hinderniß in den Weg treten wird. Er hangt mit großer Liebe an ſein Vaterland und moͤchte es wohl ſchwerlich ge⸗ gen England vertauſchen, das er ſcherzweiſe den Blutigel nennt, der Deutſchland ſeine beſten Kräfte abſaugt, und es zu einem Ge⸗ rippe macht, dem ſelbſt die Haut fehlt.“— „Mein guter Workwich,“ ſagte die Medem, „dies Hinderniß fuͤrchte ich nicht, wenn die Macht der Liebe das Herz beherrſcht. Wir folgen ihr nach, wohin ſie uns zu den Ge⸗ nüſſen der Wonne einladet und waͤr's nach dem Nordpol, wir bleiben da, wo ſie uns an ihrer Bruſt häͤlt und uns begeiſtert und er⸗ warmt. Eben dieſe Liebe wird ihn auch mit England ausſöhnen, das freilich den Deut⸗ ſchen noch nie Roſen geſtreut hat.“ Ernſtlich redete jetzt die Medem von ihrer Handlung, und erbat ſich ſeinen Rath, ob ſie ſie fortfuͤhren oder ſie käuflich einem %— 23 Andern uͤberlaſſen ſollte. Er rieth das Letztere aus vielen wichtigen Gruͤnden, die ſie auch einſah, und verſprach, mit ſeinem Sohne ſelbſt nach Briſtol zu kommen, um die noͤthigen Einrichtungen zu treffen. Carl kam mit ſeiner Gattin und Eliſa⸗ beth im Vaterhauſe an. Er hatte den Brief bei ſich und wollte ihn dem Vater geben, wenn ſich dieſer aus dem Zimmer entfernt hatte, den er von William erhielt. Die iun⸗ ge Workwich war uͤber die Trennung ihrer Mutter um ſo trauriger, da ſie bei ihrer be⸗ vorſtehenden Niederkunft auf den Beiſtand derſelben ſo vorzuglich gerechnet hatte. Die Madame Workwich ſah ihre Traurigkeit, faßte ſie mit muͤtterlicher Herzlichkeit bei der Hand und ſagte:„Wir ſind zwei Leidende, Du haſt eine Mutter verloren und ich habe eine Tochter verloren. Sey Du nun meine Tochter ganz, wie ich ganz Deine Mutter ſeyn will. Du kannſt in keine Noth gera⸗ 4 24 then, in der Du nicht mit Gewißheit auf meinen Beiſtand rechnen kannſt. Ihr muͤßt in unſer Haus ziehen. Nur eine Perſon fehlt, aber ich fuͤhle mich ſo einſam wie in einer leeren Kirche. Die liebe Medem muß eine lange Weile bei uns bleiben, wir laſſen ſie nicht fort und Dir iſt die gute Eli⸗ ſabeth wie ein tröſtender Engel erſchienen. Sie ſoll hier auch die Heiterkeit wieder fin⸗ den, die ſie in Briſtol verloren hat, und bei unſerer Liebe und Sorgfalt fuͤr ſie, wird Voater Lorenz fuͤr einen geſchickten Arzt ſorgen.“ Waͤhrend dieſer Unterredungen kam der Profeſſor aus der Weſtminſter⸗Abtei zuruck und war voll von den Merkwuͤrdigkeiten, die er dort geſehen hatte. Die Beſchreibung, die er von den bekannten Sachen machte,“ war kurz, originell und verrieth den Kenner. Seine Bemerkungen waren intereſſant, Alle hörten ſie mit Vergnügen; aber Eliſabeth — —— —.— 25 war ganz Ohr und Herz, als er ſprach. Eine innere Stimme ſagte es ihr, das iſt der Mann, den Du zu Deinem Gatten waͤh⸗ len koͤnnteſt!“ Sollte es, dies bemerken wir nur bei⸗ laͤufig, Schoͤne gehen, welche die Naſe ruͤm⸗ pfen, daß Eliſabeth, welche einen Braͤutigam verloren hatte, Wohlgefallen an einem an⸗ dern Juͤnglinge finden konnte, ſo rathe ich, daß ſie vor allen Dingen in ihren Buſen greifen, und ich denke, ſie werden das Na⸗ ſenruͤmpfen wohl laſſen. Wir zeichnen nicht Romanenmenſchen, ſondern ſolche, wie ſie in der wirklichen Welt ſind. So alſo ſagt es uns eine lange Erfahrung, daß ſelten ein Maͤdchen den Brautkranz traͤgt, das nicht auf dieſe oder eine andere Weiſe wohl mehr als einen Braͤutigam verlor, bis es ihr end⸗ lich mit Ehren gelang, durch den Letzten eine junge Frau zu werden. Heirathen doch die Wittwen auch wieder. Und wer mochte dar⸗ 26 um eine alte Jungfer werden, wenn ein Juͤngling am Nervenfieber ſtarb! In vier Wochen aͤndert ſich in dem beſten Maͤdchen⸗ herzen gar vieles, es weint und lacht, und un⸗ ſere liebe Eliſabeth, wie wir verſichern konnen, eine recht herrliche Jungfrau, trauerte noch uͤber ihren Wilhelm, obgleich ſeit ſeinem Sterbetage ein Jahr verfloſſen war, das iſt doch eine Seltenheit. Kurz und gut, der deutſche Profeſſor gefiel der jungen Eng⸗ läͤnderin und das darf ihr Niemand uͤbel deuten. Als die Mutter mit der Tochter am Abend allein auf dem Zimmer war, um ſich zum Schlafen niederzulegen, ſagte ſie zu ihr: „Sir Workwich iſt gar ſehr der Meinung, daß wir uns von der großen Handlung los⸗ machen und ſie verkaufen ſollen. Er will mit ſeinem Sohne ſelbſt nach Briſtol kom⸗ men, um die Buͤcher und Beſtände gehoͤrig zu unterſuchen und dann den Verkauf abzu⸗ —„ ſchließen. Wir ſind in aller Hinſicht ruhiger, nicht ſo gebunden und koͤnnen, wenn Dir's gefällt, angenehme Reiſen unternehmen.“ „Auch von Deinem ſchmerzhaften Ver⸗ luſte, den Du in dem lieben Wilhelm erlit⸗ teſt, habe ich mit unſern Freunden geredet. Deine nicht ſo heitere Gemuͤthsſtimmung, die ſie fruͤher an Dir bemerkt hatten, war ihnen aufgefallen, darum mußte ich ihnen die Erklaͤrung geben, weshalb Du ſtiller, nicht mehr ſo wortreich und jetzt in Dich ge⸗ kehrt waͤreſt. Von Deinem koͤrperlichen Ue⸗ belbefinden redete ich auch, und daß wir dies⸗ mal insbeſondere daum nach London ge⸗ kommen waͤren, um den geſchickten Arzt zu wählen, der Dich von Deiner Krankheit, auch von der Deiner Seele, und mich von manchen Beſorgniſſen um Dich frei machte. Es kömmt viel auf das Vertrauen des Pa⸗ tienten an, was er zu dem Arzt hat, der ihm helfen ſoll. Der Glaube des Kranken zu 2 28 ſeinem Helfer iſt halbe Kur, und Mißtrauen und Zweifel vereitelt oft die Anſtrengungen der vorzuglichſten Heilkunſt. Freund Work⸗ wich, als ich ihm ganz Deinen Seelen⸗ und Koͤrperzuſtand geſchildert hatte, fuhr ploͤtz⸗ lich mit den Worten hervor, als ob ſie ihm wie eine theure Wahrheit von oben eingege⸗ ben wäre: der Profeſſor Kronhelm iſt ganz der Mann, der einer ſolchen Kranken helfen kann. Er hat ungemeine Geiſtesgewandtheit und iſt in ſeinem Fache gewiß ſehr bewan⸗ dert. Ein Meiſterſtuͤck hat er an mir ge⸗ macht.“ „Was meinſt Du zu dieſem Kronhelm, liebe Eliſabeth? Es iſt mir eingefallen, daß Dein ſeliger Vater ihm das Lob eines vor⸗ zuͤglichen Juͤnglings ertheilte. Aufdringen will ich ihn Dir nicht; ich kenne ſeine Ge⸗ ſchicklichkeit nicht, ich weiß nicht, was Du fuͤr oder wiber ihn haſt, gieb mir Beſcheid. Die moͤgliche Wiedetherſtellung Deiner vollen — ———————— 29 Geſundheit iſt Hauptzweck meiner Reiſe hieher, und ich darf keine Zeit verſaͤumen, um ihn wie ich's hoffe und wuͤnſche zu er⸗ reichen.“ Anſtatt, daß Eliſabeth ihrer Mutter eine Antwort auf die ihr vorgelegte Frage gab, ſagte ſie:„Warum ſoll ich's meiner Mutter verſchweigen, daß dieſer Profeſſor einen Eindruck auf mich gemacht hat, der mein Herz geruͤhrt hat, und daß ich ihn lieb gewonnen habe. An eine Verbindung mit ihm dachte ich im Ernſt noch nicht; aber es waltet ja ein ſonderbares Geſchick, das die Menſchen, die einander ſo fremd und unbe⸗ kannt ſind, zuſammenfuͤhrt und ſie durch die Bande der Freundſchaft und Liebe auf im⸗ mer vereinigt. Vielleicht, vielleicht auch nicht, hat unſere Reiſe nach London wichtige Er⸗ folge. Die junge Workwich ſprach ſehr ach⸗ tungsvoll von ihm und ruͤhmte ihn beſonders als einen Menſchen mit dem beſten Charal⸗ 30 ter. Er iſt Williams Freund. Wenn ſich ſo viele Stimmen zu ſeinem Lobe vereinigen, ſo muß ich's ſelber glauben, daß er kein bo⸗ ſes Gemuͤth hat. Da ich ſeine Kunſt ſo wenig als die jedes andern Arztes kenne, ſo fehlt mir das Vertrauen zu ihm nicht und meine Heilung wird es lehren, ob es gerecht⸗ fertigt wird. Ein genauerer Umgang mit ihm wird mir ſein Bild deutlicher zeichnen und davon wird es insbeſondere abhangen, ob ich mich ihm nahen darf, oder ob ich mich weiter mit meinem Gemuͤthe von ihm ſtellen muß.“ „Liebe Tochter, ob ich gleich gegen Deine Neigung nichts einzuwenden habe,“ ſagte die Mutter,„ſo muß ich Dich doch bitten, ſie in den Grenzen einer gewiſſen Mäßigung zu halten. Es wuͤrde Dich doch ſehr fchmerzen, wenn er durch fruͤhere Bande gehindert wuͤrde, Dein Wohlwollen in dem Grade zu erwie⸗ dern, als Du es für ihn empfindeſt. Sey 31 vorſichtig mit Deinem Herzen. Workwich hat mir's geſagt, daß er mit aller Gewalt an ſei⸗ nem Vaterlande haͤngt, ob dies reinet Patrio⸗ tismus iſt, oder ob ihn nicht die Macht der Liebe zu einer Jungfrau ſo nach Deutſch⸗ land zieht, das iſt eine Frage, die ich nicht beantworten kann.“—„Mutter,“ ſagte Eliſabeth,„er wird ſich mir bald verrathen, und mir das Botragen vorſchreiben, das ich gegen ihn beobachten muß. Bei dieſer in⸗ nern Neigung, die ich für ihn hege, bei mei⸗ nem Vertrauen und Glauben zu ſeiner Tu⸗ gend kommt mir's ſelbſt ſo vor, daß ich mir von ſeiner Kur Gutes verſprechen kann.“— „Wenn Dein Uebelbefinden nur nicht zu⸗ nimmt,“ ſagte dis Mutter.„Ein Maͤdchen mit getaͤuſchten Hoffnungen iſt nicht, glůͤcklich.⸗ —„Ich aber werde mich deshalb nicht un⸗ gluͤcklicher fuͤhlen,“ erwiederte Eliſabeth. Mit einem Worte, es war beſchloſſen daß Kronhelm als Arzt bei Eliſabeth ange⸗ 32 nommen werden ſollte, ſo lange ſie ſich mit ihrer Mutter in London aufhielt. Am Mor⸗ gen ſchon glaubte ſie's deutlich zu bemer⸗ ken, daß die Tochter aufgewecktern Gemuͤths war. Als ſie Beide in das Geſellſchaftszim⸗ mer gingen, fanden ſie in demſelben Sir Workwich, ſeine Gattin, Carl und Kronhelm verſammelt. Es herrſchte unter den Anwe⸗ ſenden eine Stimmung von beſonderer Art, die ſie nicht deuten konnten. Eliſabeth ſah den Profeſſor einigemal an, ihre Blicke be⸗ gegneten ſich und er wollte es wahrgenom⸗ men haben, daß ſie erroͤthend vor ſich nieder⸗ ſah. Die Madame Medem bemerkte es, daß Workwich zwei Briefe in der Hand hatte und daß ſich ſeine Gattin die Thränen ab⸗ trocknete.„Nicht Neugierde, aber freundliche Theilnahme,“ ſagte ſie,„läßt mich die Frage thun: woher ſind die Briefe? Sie ſcheinen auf die Gemuͤther tief gewirkt zu haben.“ 33 „Von meinem Bruder und William,“ entgegnete Sir Lorenz.„Robert entſchuldigt ſeine Abreiſe mit Annen und bietet Alles auf, was die bruͤderliche Liebe Guͤtiges und Ruͤhrendes hat, um mich zu beruhigen, meine Gattin zu troͤſten, und bittet uns um Ver⸗ zeihung. Wie weiß er Annen zu vertheidigen, ſo daß man ihr nicht mehr zuͤrnen kann! Ich will Ihnen die Stelle zu ihrer Rechtfer⸗ tigung vorleſen.“ Workwich ſuchte ſie, und als er ſie gefunden hatte, las er alſo: „Eine unbeſiegbare Gewalt uͤbt die Liebe, insbeſondere uͤber das weibliche Herz. Es giebt in der Natur keine Kraft, die ſich ihr mächtiger entgegenſtellen koͤnnte. Und wie edel und rein iſt dieſe Liebe! Als Keim lag ſie ſchon in dem Kinde, die Zeit hat ſie entwickelt, ſie fand kein Hinderniß, nur Stoff und Nahrung, mehr um ſich zu wur⸗ zeln, und ſich tiefer und unausrottbar der Seele einzupflanzen. Bei Annen gewann ſie ſogar einen religioͤſen Charakter. Wie hätte III. 3 — 34 ſie den Juͤngling verlaſſen konnen, den ihr Gott ſelbſt zugefuͤhrt hatte, und einen andern Gatten waͤhlen, deſſen Anblick ihr das Ver⸗ brechen täglich vorhielt, was ſie an William beging. Den Zeitpunkt ihrer Verbindung mit ihm, da doch jedes Herz nach Vereinigung mit dem geliebten Gegenſtande ſtrebt, ſah ſie nicht, ſie mußte alſo die hemmenden Bande zerbrechen, ſich frei machen und ſich in den Beſitz des Rechts zu ſetzen ſuchen, was ihr ſeit ihrer Geburt zugetheilt war, und was kein Menſch auf Erden, am wenigſten ein Vater, ihr ſtreitig machen und rauben durfte. Zurnt ihr derſelben jetzt, ſo wird das kältere Blut und ein Urtheil ohne Leidenſchaft auch Verzeihung gegen ſie gebieten.“ „Findeſt Du, daß Sir Robert Recht hat?“ fragte die Workwich ihre Freundin.— „Nach meinem Urtheile,“ Kwiederte die Me⸗ dem,„hat er ganz Recht, und ware ich Mut⸗ ter, ich wuͤrde Annen den Schtitt, den ſie —-———— ———— 35 that, gern verzeihen. Der Funke der Liebe fällt oft, wie vom Himmel, in ein Herz, und Vernunft und Vorſtellung vermogen es nicht, ihn zu loͤſchen, er lodert fort wie eine wunderbare Flamme, die Alles um uns her verklärt und uns die Welt ſchoͤn und herr⸗ ich wie im Morgenglanze zeigt. Die Ge⸗ walt richtet gegen die maͤchtigſten Triebe nichts aus, ſie uͤberſpringen die ihr gezoge⸗ nen Grenzen und fliegen in eine Freiheit hinaus, wo ſie finden was ſie verlangen.“ Dieſe Worte, von der Mutter geſprochen, ſchienen Eliſabeth ein treues Gemälde ihrer Seele zu enthalten, und insbeſondere die letzte Aeußerung, wo ſie von der Gewalt in⸗ nerer Triebe ſprach, eine Art von Mißbilli⸗ gung des Geſtändniſſes zu enthalten, das ſie ihr am letzten Abend gethan hatte. Aber die bittere Empfindung wurde ſchnell wieder verwiſcht, als Workwich ſagte:„Dies iſt ein Brief von Williaum. Den möchte ich ſehen, 36 der ihn geleſen hat, welcher ſein ganzes lie⸗ bvendes Herz dem Juͤnglinge nicht zuwendet. Er hat es wohl gezeigt, daß der Menſch faä⸗ hig iſt, ſeine Triebe und Neigungen zu be⸗ herrſchen, und daß die Vernunft hoͤhere Vor⸗ ſchriften, als die der feurigen Liebe kennt, die ſie befolgen kann.“—„Sir Workwich,“ ſiel ihm Kronhelm in's Wort,„ich will Wil⸗ liams Tugend Gerechtigkeit wiederfahren laſ⸗ ſen, nicht im geringſten will ich ſie antaſten, er iſt mein theurer Freund, aber das glaube ich behäupten zu müſſen, wer ſeiner Ueberle⸗ gungen, wer ſeiner Kraft noch maͤchtig iſt, wer ſich von ſeiner Geliebten trennen kann, wenn ihm ſo die Gelegenheit geboten wird, ſich ewig mit ihr zu vereinigen, der hat es noch nicht völlig empfunden, was Liebe iſt, der hat noch kalte Stellen in ſeinem Her⸗ zen, der ſteht nicht voͤllig unter ihrem Zepter. Aus eigener Erfahrung konnte ich bisher nicht reden, aber liebe ich einſt, ſo werde ich lieben, wie es uns die Madame Medem ge⸗ 37 ſchildert hat, und wahrlich, anders nicht. Was hat die Vernunft da noch zu comman⸗ diren, wo das Herz auf dem Throne ſeyn muß! Da lobe ich mir die herrliche Anna, ſie verlaͤßt Vater und Mutter und folgt dem Manne nach! Und was wäre mir zu theuer, das ich, um eines Maͤdchens willen, dem ich mit ganzer Seele weihe, nicht hingeben könnte?“—„Wollten Sie darum auch in England bleiben und nach Deutſchland nicht wieder zuruͤckkehren?“ fragte Workwich.— „Daruͤber entſcheide ich nicht,“ entgegnete Kronhelm,„da man mich hier ſchwerlich auf eine ſolche Probe ſtellen wird. Uebrigens kennt die Liebe kein Vaterland, da iſt's, wo ihm ihre Sonne leuchtet. Und wenn ich denn in England bliebe, ſo koͤnnte ich des⸗ halb zum Vortheil meines Vaterlandes den⸗ noch wirken, und wäre das nicht Dank und Liebe gegen daſſelbe? Giebt es einen beſſern Patriotismus?“—„Nun, was die Probe vetrifft,“ ſagte Workwich lächelnd,„ſo könnte 38 ſie fuͤr Sie doch moͤglich ſeyn, und wenn Sie conſequent und den Anſichten, die Sie von der Liebe offenbarten, treu bleiben wollen, ſo muͤſſen Sie ein Beitte werden.“—„Unter meinen gethanen Vorausſetzungen,“ ſagte Kronhelm,„werde ich auch ein Btitte.“ Elifateth freute ſich im Innern mit ih⸗ rer Mutter am meiſten uͤber dieſe Erklärung des Profeſſors. Am Nachmittage, als Alle auf Work⸗ wichs Landhauſe und im Garten waren, ſagte die Medem zu Kronhelm:„Erlauben Sie, daß ich einige Worte mit Ihnen uͤber meine Tochter rede.“ Sie ging mit ihm nach einer Allee und fing alſo an:„Vielleicht iſt es Ihrem Blicke entgangen, daß meine Toch⸗ ter unwohl iſt. Ihre Seele und ihr Koͤrper leiden zugleich. Seit ihr ein Juͤngling durch den Tod von der Seite geriſſen wurde, kann ſie nicht wieder zur voͤlligen Geneſung kom⸗ 39 — men. Ich ſuche in London einen Arzt und Sir Workwich hat mich zur Wahl fuͤr Sie beſtimmt. Meine Tochter hat Vertrauen zu Ihnen und dies wird Ihnen die Kur erleich⸗ tern. Daß Sie ſie uͤbernehmen, darum bitte ich Sie jetzt“— Kronhelm erwiederte:„Ei⸗ gentlich habe ich das Recht nicht, in London Kranke zu heilen, uͤbernähme ich alſo die Kur, ſo muͤßte ich gar ſehr um Verſchwie⸗ genheit bitten. Der Termin meines hieſigen Aufenthalts iſt ſchon laͤngſt abgelaufen, ich muß nach Deutſchland zuruͤck und ließ mich ſchon zu lange von der Freundſchaft, die ich fur Sir Lorenz und ſeine Familte empfinde, hier halten Indeß, um Ihnen vielleicht mit meinem Rathe nuͤtzlich zu ſeyn und in der Hoffnung, Ihrer Tochter heilſame Dienſte zu leiſten, will ich noch ſo lange, als es mir möglich iſt, hier bleiben. Eine Woche wird's ſchon ausweiſen, ob meine vorgeſchriebenen Mittel fruchten“... Darauf bat er um eine detaillirtete Erzählung der Krankheit Eli⸗ 40 ſabeths und fand nach kurzem Ueberlegen, daß der Hauptſitz derſelben vielmehr in der Verſtimmung ihres Gemuͤths, als in ihrem Koͤrper lag. Beſſer und erwuͤnſchter aber konnte ihm die Gelegenheit nicht geboten werden, mit Eliſabeth eine naͤhere Bekannt⸗ ſchaft zu machen und ſich in ihr Herz einzu⸗ ſchleichen, wenn es nicht ohne eine lende Neigung fuͤr ihn war. Als er mit der Medem wieder in der Geſellſchaft war, fand er auch die Eliſabeth Medem. Er wandte ſich bald an ſie und ſagte:„Sir Workwich hat mich Ihnen als Arzt empfohlen, wollen Sie ſich mir anver⸗ trauen?“—„So will es meine Mutter, und ich will es auch,“ erwiederte ſie.— Wie im Scherz fagte Sir Workwich:„Ich wette, liebe Eliſabeth, daß der Profeſſor Sie geſund macht“—„Wetten Sie nicht,“ er⸗ wiederte Kronhelm,„meine Kunſt thut keine Wunder und die gute Natur des Patienten * muß dem Arzt entgegenkommen und ihm hel⸗ fen..—„Das wird ſie gewiß, gewiß,“ ſagte Workwich. Als Kronhelm am Abend mit Eliſabeth allein auf ihrem Zimmer war, damit ſie ihm ihre Krankheitsgeſchichte recht umſtaͤndlich er⸗ zählte, ſagte er zu ihr:„Verſchweigen Sie mir nichts, was Sie als Veranlaſſung Ihres Uebelbefindens wiſſen, und laſſen Sie ſich durch keine Rückſicht binden, recht auftichtig gegen mich zu ſeyn. Ohne die Auskunft, die Sie mir geben, wuͤrde ich nur im Finſtern tappen und ſie wuͤrde Ihre Wiederherſtellung wo nicht unmoͤglich machen, doch erſchweren.“ So weit es geſchehen konnte, ohne das feine Gefühl jungfraͤulicher Schaam zu verletzen, geſtand ihm Fliſabeth Alles, was ſie vom Anfange und Fortgange ihrer Krankheit wußte. Ihr gegenwaͤrtiges Befinden, ein ganz neues, verſchwieg ſie nur. Er bemerkte es, wie ſie ihr Verhältniß, in dem ſie einſt mit ihrem 42 Geliebten ſtand, fluͤchtig beruͤhrte und ſchnell üͤber dies Kapitel hinging....„Ich weiß nun Alles,“ ſagte Kronhelm,„und darf bof⸗ fen, daß Sie London viel beſſer verlaſſen wer⸗ den.“„ Er pruͤfte ihren Puls und ſprach: „Ihr Blut iſt in heftiger Wallung, es muß ruhiger werden.“ 3 6 er von ihr geſchieden und auf ſei⸗ nem Zimmer war, voͤllig ungewiß, ob er einen Brief an ſie ſchreiben oder fuͤr ſie ein Recept verſchreiben ſollte; als er uͤberlegte, ob's nicht kluͤger waͤre, London morgen zu verlaſſen, oder Eliſabeths Kur zu uͤberneh⸗ men, oͤffnete ſich die Thuͤr und Carl erſchien. Seine erſten Worte waren:„Als die ſchone Eliſabeth in die Geſellſchaft trat, fiel uns Allen ihr Mienenſpiel, ihr Ernſt und ihre Roͤthe, noch mehr aber ihr ganz beſonderes Weſen auf. Was tuͤr eine Krankheit hat denn bas Madchen? Gewiß iſt ihr Herz ver⸗ wundet und ihr Blut drängt ſich in demſel⸗ 2————————————— 43 ben zuſammen und ſteigt ihr zu Kopfe. Sie ſchien verlegen zu ſeyn und ging mit meiner Gattin in den Garten. Kronhelm, ſeyn Sie auf Ihrer Hut! Sie wollen Eliſabeth kurtren und werden vielleicht ſo krank, daß Ihre Gegenliebe Sie nur kutiren kann.“— „Dem Freunde gebuͤhrt Aufrichtigkeit,“ er⸗ wiederte Kronhelm,„ich erwarte dagegen von ihm Verſchwiegenheit. Warum ſollte ich's denn leugnen, daß Eliſabeth mir kein ſo gleichguͤltiges Weſen iſt, das man mit kaltem Herzen anſehen kann.„ Ja, ich liebe ſie und nach meinem Urtheil und Gefuͤhl hat ſie einen Vorzug vor Allen ihres Geſchlechts. Es wäre das erwuͤnſchteſte Ereigniß fur mich, wenn ich ihr reine, wahre, freie Gegenliebe einfloͤßen koͤnnte. Ob ich dann mit ihr nach Deutſchland gehe, oder in England bleibe, das ſoll mir gleichviel gelten, wenn ich nur bei ihr bin. Mich haͤlt kein Band zuruͤck, ihr meine Hand zu reichen und ich muß glauben, daß ſie auch frei iſt. Ein reicher 44 Kaufmann bin ich nicht, und nur ein armer Profeſſor, der von ſeinem Kopfe, von ſeiner Kunſt und von dem Gluͤcke lebt. Aber fragt denn ein edles Madchen, das hohere Guͤter kennt, wie dieſe Eliſabeth, wenn ſie ſich mit einem Juͤnglinge verbinden will: wie viel Pfund hat Deine Kaſſe aufzuweiſen? Die Gelegenheit, mit ihr auf's innigſte be⸗ kannt und vertraut zu werden, und da meine Neigung mich zu ihr hinzieht, iſt mir gege⸗ ven, und ich waͤre wohl ein großer Thor, wenn ich ſie nicht benutzte. Vielleicht iſt es die Leere, die in ihrem Innern eingetreten iſt, da ſich ihr Gemuͤth an keinem geliebten Gegenſtande halten kann, die ſie ſo traurig und kränkelnd macht. Wäre ich der Mann, dem ſie ſich hingeben kann, ſo bin ich's über⸗ zeugt, daß ſie ohne den Gebrauch der Medi⸗ camente geneſen wird. Reden Sie aufrichtig, glaube und hoffe ich zu viel, denke ich mir nicht goldene Berge, die weiter nichts als Seifenblaſen ſind? Wie iſt Eliſabeth, Sie 45 kennen ſie genau, entwerfen Sie mir ein rich⸗ tiges Bild von ihr. Wo ich Ihrer Unter ſtuͤtzung,„ Ihres Fuͤrwortes bedarf, da verſage Sie mir's nicht, ich bin hier ein Fremdez, ge⸗ gen den ſich das liebende Vertrauen ſchwer erzeugt. Koͤnnen Sie auch Ihre Gattin fuͤr meine Wuͤnſche guͤnſtig ſtimmen und ſie zu⸗ gleich zur heiligſten Verſchwiegenheit verpflich⸗ ten, ſo bitte ich Sie auch darum. Was ein weibliches Weſen zu dem andern ſagt, wozu es raͤth, das hat eine uͤberredendere Kraft, als wenn es von unſern Lippen koͤmmt. Fuͤr einen Unwuͤrdigen verwenden Sie ſich nicht, das wird die Erfahrung beſtätigen. Darf ich den Dienſt von Ihrer Freundſchaft hoffen?“ v *2 „Von meinem Danke Alles, beſter Kron⸗ helm,“ ſagte Carl mit einem Geſichte, das die Freude verklaͤrte.„Wie tief ſind wir in Ihrer Schuld! Nur gut, daß Sie nicht frůͤ⸗ her abreiſeten! Die Hand des Himmels hat 46 Sie hier gehalten, um Sie zu begluͤcken. Ich kann es Ihnen betheuern, Eliſabeth iſt ein gar herrliches Mädchen. Sie verdient es, daß ſie die Gattin eines ſo wackern Mannes wird. Meine Frau, die Sie Beide liebt und achtet, wird gewiß gern Alles aufbieten, um fur Sie zu wirken. Aber Sie bedurfen gewiß keiner fremden Huͤlfe. Es ſcheint mir ſchon darin ein Etwas zu liegen, das Sie fuͤr ſich guͤnſtig deuten koͤnnen, daß man Sie, einen ſo jungen Mann, bei einem ſo reizen⸗ den Maͤdchen zum Arzte wählte. Die Me⸗ dem iſt eine ſehr vorſichtige Mutter, aber in dieſem Punkte beweiſet ſie es nicht, daß ſie es iſt. Kronhelm, denken Sie an mich, Sie ha⸗ ben das halbe Spiel ſchon gewonnen, ich wollte tauſend Pfund darauf wetten. Aber, mein deutſcher Freund, wie ſieht es nun aus mit dem Patriotismus? Werden Sie nun noch auf die Englaͤnder ſchelten? Es ſteht zu etwarten, daß die Liebe Sie in einen ächten Britten verwandelt. Es heißt ja ein Sprich⸗ 47 wort: wo unſer Gluͤck bluͤht, da iſt unſer Vaterland; ich hälte es auch damit, obgleich Manche ſagen, unſer Gluͤck muͤſſe da ſeyn, wo unſer Vaterland waͤre. Schreiten Sie nur ſein vorſichtig auf die Hauptſache los, ge⸗ wiß. Sie werden mit Ihrer Kur alle Ehre ein⸗ legen.“ Nach dieſer Uaterredung mit Carln ging der Profeſſor in's Geſellſchaftszimmer zuruͤck und fand daſelbſt Niemanden, als die beiden Muͤtter. Elifabeth war mit der jungen Work⸗ wich ſpazieren gefahren und Sir Lorenz auf ſeinem Arbeitszimmer. Es wurde von Wil⸗ liam und Annen geredet. Um die Workwich von dem Kapitel abzulenken, an das ſie mit ſchmerzlicher Unruhe nicht denken konnte, fragte ihn die Medem:„Was urtheilen Sie von dem Befinden meiner Tochter? Es iſt doch keine Gefahr fuͤr ſie da?“—„Keine, keine“ entgegnete Kronhelm,„wenn ſich die Patientin in meine Anordnungen fuͤgt, und „— 48 wenn ihre Umgebungen mir gehoͤrig beiſte⸗ hen.“—„Was fuͤr einen Beiſtand aber meinen Sie?“ fragte die Medem.—„Daß man ſie zu Zerſtreuungen auffordert, daß ſie ſich in freier Luft viel Beryegung macht, daß ſie eine ſorgſame Diät haͤlt. Die Kur wuͤn⸗ ſche ich aber recht bald anzufangen, da mein Aufenthalt in London nicht mehr von langer Dauer ſeyn kann... Mit einem recht freundlichen und einladenden Geſichte ſagte die Medem:„So reiſen Sie mit uns nach Briſtol. Es iſt zu wuͤnſchen, daß der Arzt ſeine Kranke immer vor Augen hat und ſie peobachten kann. Ich denke, die Zeit ſoll Ihnen bei uns auch nicht langweilig werden. Eliſabeth hat mir's zu verſtehen gegeben, daß ſie großes Vertrauen zu Ihnen gefaßt hat und daß ſie ſich ſchwerlich zur Wahl eines andern Arztes entſchließen werde. Die Briſtoler haben ihre Kunſt erſchöpft und mit dem Geſundheitszuſtande meiner Tochter iſt es doch nicht beſfer geworden.“—„Das 5—— B 49 Gemüth,“ ſagte Kronhelm,„muß eine andere Richtung erhalten, ſo wird ſich das körper⸗ liche Uebelbefinden, was ich fuͤr unbedeutend halte, durch den Gebrauch leichter Mittel verlieren.“—„Herr Profeſſor, da bin ich ganz Ihrer Meinung, Sie hoben gewiß das relbte Fleckchen getroffen. Reiſen Sie nur mit uns nach Btiſtol und verdienen Sie ſich den Dank einer zärtlichen Mutter.“ † Ehe Kronhelm die Antwort geben konnte, trat Eliſabeth mit der jungen Workwich in's Zimmer. Die friſche Luft und die Bewe⸗ gung hatte ihre Wangen roͤther gefaͤrbt und ſie erſchien ihm ſchoͤn, wie ein Engel. Sie war zuvorkommender und freundlicher, als ſie bisher geweſen war und aͤußerte gegen ihn ein Zutrauen, wie gegen einen Bekannten⸗ Die junge Workwich geſellte ſich zu den Muͤttern, Kronhelm und Eliſabeth aber ſtell⸗ ten ſich an ein Fenſter und ſprachen mit ein⸗ ander. Eliſabeth kam bald auf ihren Ge⸗ M. 4 — 50 ſundheitszuſtand zu reden und klagte uͤber Beaͤngſtigungen. Kronhelm ſchlug ihr die freie Luft als ein zweckdienliches Mittel da⸗ gegen vor und lud ſie zu einem Spaziergange in den Garten ein. Das Anerbieten des Arztes nahm ſie ohne Bebenken an, ſie wuͤnſchte es auch, unbelauſcht bei ihm zu ſeyn und ſagte im Weggehen zu ihrer Mut⸗ ter:„Ich komme bald wieder.“ Der Herr Profeſſor will mich in die freie Luft fuͤhren, er haͤlt das für mich fuͤr gut.“ Scherzhaft zwar, aber doch ernſtlich ge⸗ meint, ſagte die junge Workwich:„Welche Rechte ſich doch ein Arzt erlaubt und welche Freiheiten man ihm zugeſteht, als ob er ein kaltes Bild waͤre und ein Herz ohne Gefuͤhl hätte! Wuͤrden Sie wohl einen andern jun⸗ gen Menſchen mit Ihrer Tochter ſo allein in den Garten gehen laſſen?“—„Das wuͤrde ich,“ erwiederte die Medem,„weil ich meine Tochter kenne und der Tugend des Profeſſors vertraue. Und, was wäre es denn fuͤr ein ſo großes Ungluͤck, wenn Beide einander ge⸗ fielen! Es iſt doch kein unerhörtes Wunder, daß ein Deutſcher eine Engläͤnderin heira⸗ thet? Da mir der Pe als ein edler Mann von Menſchen geſchildert iſt, die ich hochachte, wuͤrde ich ihm, mit Eliſabeths Zu ſtimmung, keine abſchlägliche Antwort eiſt in einer Gemethsſtinmung; daß ich wahrlich ſehr hart ſeyn muͤßte, wenn ich ihr eine gerechte Bitte abſchlagen koͤnnte.“— „Sie ſind fuͤrwahr eine ſehr guͤtige Mutter, und diesmal gewiß nicht zur Unzeit. Kron⸗ helm iſt ein trefflicher Juͤngling.“—„Doch nicht guͤtiger, als es Deine Mutter war,“ erwiederte die Medem,„als ſie Deine Ver⸗ bindung mit Carl Workwich billigte.“ 3 Sit Lorenz hatte ſeine Arbeiten been⸗ digt und kam zu den Frauen. Seine erſte Frage war:„Iſt der Profeſſor nicht hierz““ — Er erhielt von ſeiner Gattin zur Ant⸗ wort:„der promenitt mit Eliſabeth im Gar⸗ ten und hat ihr zur Kur friſche Luft ange⸗ rathen.“— Er wandte ſich an die Medem und ſagte:„Setzen Sie nur keinen Zweifel weder in die Geſchicklichkeit, noch in die Tu⸗ gend meines geliebten Kronhelms, und ich ſtehe dafuͤr, es wird mit der kranken Eliſa⸗ beth beſſer werden. Er verſteht ſo recht die Kunſt, den Pattenten nach ſeinem jedesmali⸗ gen Gemuͤthszuſtande zu behandeln, denn ich weiß es, weil ich aus Erfahrung reden kann, und dieſer iſt es bei Ihrer Tochter, der ver⸗ beſſert werden muß. Körperlicher Weiſe ſehe ich ihr keine Noth an, außer, daß ich bemerkte, wie ſie ihre Farbe oft wechſelt, und das kann auch einen natuͤrlichen guten Grund haben.“ Der Profeſſor hatte ſo viel von ſeiner Abreiſe nach Deutſchland geredet, und daß er von Pflichten, die er nicht länger abwei⸗ ſen koͤnne, dahin gezogen werde, daß er nur auf vieles Bitten und Zureden noch eine 1 53 unbeſtimmte Zeit in London blieb. Seit die Medem mit ihrer Elifabeth daſelbſt angekom⸗ men war, wurde an die Fahrt nach Deutſch⸗ land nicht mehr gedacht. Das fiel Sir Lo⸗ renz ſehr auf, er dachte daruͤber nach, ahnete Wahrſcheinliches, aber er wollte das Gewiſſe von dem Profeſſor ſelbſt erfahren. „Es freuet mich doch, mein lieber Kron⸗ helm,“ ſagte er zu ihm, als er in dem Gar⸗ ten des Landhauſes mit ihm allein ging, in⸗ deß die Frauen im Gartenſaal waren,„daß Sie ſich mit England auszuſoͤhnen ſcheinen. Es iſt mir ſehr lieb, daß ein Mann, der mein Freund iſt, dem ich Liebe und Achtung gern zolle, auch der Freund meines Vater⸗ landes iſt, oder den Weg betreten hat, es zu werden.“—„Woraus ſchließen Sie das?“ fragte Kronhelm.—„Daß Sie nicht ſo ſchnel von uns wegeilen, als ob es Ihnen nicht länger bei uns gefiele und laͤnger blei⸗ ben, als Sie ſich's vorgeſeßt hatten. Das muß noch einen beſondern Haken haben, der Sie feſthaͤlt, England allein macht es nicht, das ſehe ich wohl ein. So leicht und ſchnell wird man in dem fremden Lande nicht ein⸗ heimiſch. Dieſen Haken woͤchte ich wohl kennen.“— Nicht mit vollem Ernſt erwie⸗ derte Kronhelm:„Ich daͤchte, Sie wuͤßten es, daß ich die Kur der jungen Medem vollen⸗ den will und deshalb meine Ruͤckreiſe ver⸗ ſpäte.“—„Sie ſcheint mir ganz andern Sinnes jetzt zu ſeyn, lieber Kronhelm, und raſche Fortſchritte in ihrer Geneſung zu ma⸗ chen. Fuͤrchten Sie Ruͤckfalle? Wäre die Kur nicht vollendet? Die Mutter ſcheint ſehr froh daruͤber zu ſeyn.“—„Wenn ich gegen einen edeln Mann aufrichtig ſeyn muß,„fing Kronhelm an,„der mir ſo viele Beweiſe der Guͤte gegeben hat, von dem ich's feſt glau⸗ ben muß, daß er's mit mir wie ein Vater mit ſeinem Sohne meint, ſo muß ich ihm ein Geſtändniß thun, vor dem ich mich bis⸗ her, ich weiß ſelbſt nicht aus welchem Grunde, ———— 55 geſcheuet habe. Hören Sie mich an, rathen Sie mir, beurtheilen Sie mich richtig.“— „Reden Sie nur ohne Umſchweife, ich höre Sie gern an, meine Achtung gegen Sie kann nicht wanken, und wo ich Ihnen dienen kann, da rechnen Sie auf meinen Beiſtand.“ „So wiſſen Sie denn, daß es die ſchoͤne liſabeth iſt, die mein Herz gefeſſelt hat,“ ſagte Kronhelm,„die es mir unmoͤglich machte, fruͤher meine Ruͤckfahrt nach Deutſch⸗ land anzutreten. Sie hat eine Liebe, ein Feuer, eine Neigung in mir angeregt, wie ſie meinem Herzen bisher fremd war. Nach meiner kurzen Erfahrung und nach den Ur⸗ theilen, die ich uber ſie faͤllen hoͤrte, muß ich ſie fuͤr eine fromme Jungfrau achten. Ich kann es ſchwoͤren, daß ich noch keine Sylbe von Liebe mit ihr geredet habe, aus vielen Gruͤnden wagte ich es nicht. Sie iſt eine Englaͤnderin und ich bin ein Deutſcher, ich habe das Vorurtheil, daß ſich der Stolz⸗ 56 Hochmuth möchte ich's nennen, allen Gliedern Ihrer Nation in einem Grade mitgetheilt hat, daß ſie uns Deutſche verachten; ſie iſt reich, ich bin geldarm, und im Allgemeinen wenigſtens gilt bei den Kaufleuten nur der Beguͤterte. Eine zuruͤckweiſende Antwort von der Mutter oder der Tochter, wenn ich ernſt⸗ lich auf eine Verbindung antruͤge, wuͤrde mich beſchaͤmen und niederſchlagen. Ich glaube es wohl, daß ſie mich Beide achten, weil ſie die Pflicht der Dankbarkeit gegen mich ehren; wie ſie mich aber anſehen wuͤr⸗ den, wenn ich mich zu der Bitte um Eliſa⸗ beths Hand erdreiſtete, das weiß ich nicht und ich bin deshalb ſogar ängſtlich. Carl und ſeine Gattin kennen meine Liebe, ſie haben mit Eliſabeth uͤber mich oͤfter geredet, ſie ſchweigen nun von mir, weil ſie zulett keine Sylbe von mir verlautete. Wie es heißt, treten Mutter und Tochter in dieſer Woche ihre Reiſe nach Briſtol an. Anfangs war Eliſabeth freundlicher und offen gegen 57 mich, auch ich nahte mich ihr; aber ſie wurde artig, höflich, verſchloſſener und zuruͤck⸗ haltender, als ich ihr meine Neigung, meine Liebe leiſe verrieth. Sie vermeidet jede Ge⸗ legenheit, wo ſie mit mir allein ſeyn könnte. Seitdem habe ich ihr ein ernſtes, faſt kal⸗ tes Weſen entgegengeſetzt, und ſo ſcheint es ihr recht zu ſeyn. Möchte ſie die Glut ken⸗ nen, die in meinem Innern brennt! Ich fuͤrchte, daß ich mit einer Wunde im Herzen nach Deutſchland zuruͤckkehren werde, die nicht ſo leicht heilen wird. Ueber die erſte„ ilfte der Zwanziger bin ich doch hinaus und haͤtte es nicht geglaubt, daß die Liebe eine ſolche Gewalt uͤber mich uͤben wuͤrde. Sir Workwich, rathen Sie, helfen Sie. Wäre es nicht klug, wenn ich Anſtalten zur Abreiſe machte und verließe?“ „Nein, lieber Profeſſor, das wäre nicht klug, Sie muͤßten denn einen Verſuch ma⸗ chen wollen, wie ſich Eliſabeth gebehrdete, ——.—————————————— 58 wenn Sie ſich von ihr trennten; aber das iſt nicht nöthig, es ſieht mir auch zu romanhaft aus, das kann ich nicht leiden, und wenn Sie Ernſt machen muͤßten, wuͤrde ich Sie zu fruh verlieren. Ich denke, wir Beide machen erſt eine Reiſe nach Jamadica und ſehen, wie's dort unſern Lieben geht, und feiern eine Hochzeit, wenn nicht gar eine doppelte. Mit einem Arzte reiſet ſich's ſehr gut, der kann immer helfen wenn die Geſundheit in Stok⸗ ken goräth, und Sie beſitzen als ein ſolcher mein ganzes Vertrauen.“ „Aber, aher, mein lieber Profeſſor, wie wenig kennen Sie den Charakter der Frauen,“ fuhr Workwich fort. Sie beweiſen es klar, daß Sie nur ſparſamen Umgang mit ihnen hatten, oder ſie nicht zum Gegenſtande Ihrer Beobachtungen machten. Auf Ihre Kunſt verſtehen Sie ſich herrlich, Recepte verſchrei⸗ ven Sie wie ein Meiſter, aber Ihre Frauen⸗ kenntniß, erlauben Sie, daß ich mich ſo platt 59 ausdruͤcken darf, iſt keinen Schuß Pulvers werth. Hoͤren Sie nur, das will ich Ihnen beweiſen, damit ich Sie beruhige.“ „Eliſabeth, das haben Sie ſelbſt geſagt, war im Anfange der Kur ſo freundlich, ſo offen gegen Sie, aber ſie blieb es nicht und wurde ernſter, verſchloſſener. Das eben finde ich vorſichtig und kiug. Wenn es ihr eige⸗ nes Herz nicht zuließ, zu dieſer ſcheinbär ge⸗ maͤßigten Ruhe und conventionellen Artigkeit zuruͤck zu kehren, ſo war es vielleicht die ſcharfſehende, weltkundige Mutter, die die unerfahrne Tochter in die Schranken eines gemäßigtern Betragens zuruͤckwies. Bei dem Anſchein einer äußern Kaͤlte lodert oft in dem Frauenherzen die Flamme der Liebe. Auf dieſe Art der Verſtellung, die wir ihm verzeihen wollen, verſteht ſich das weibliche Geſchlecht meiſterhaft. Eine Schoͤne, die den Kopf und das Herz auf dem rechten Flecke hat, weiß es wohl, daß ſie nicht ſo leicht —.—. 5 4 ————— 60 kommen muß, wenn der Geliebte ruft, ſie weicht ſo viele Schritte zuruͤck, als er ſich ihr noht, und will erobert ſeyn. Das richtige Spiel, was ſie mit uns treibt, beruht auf dem richtigen Grundſatze: wir halten ein Gut um deſto werther, je mehr Muͤhe es uns koſtete, es zu gewinnen. Nach unſern An⸗ ſtrengungen, Beſtrebungen und Wageſtuͤcken, ein Maädchen an unſer Herz zu fuͤhren, es mit uns auf ewig zu verbinden, kann ſie auch die Macht der innern Liebe, die wir für ſie hegen, beurtheilen, das macht ihr Freude, das giebt ihrer Neigung Nahrung, das hilft ſie beſiegen. Wer bei dem erſten mißlungenen Verſuche zuruͤckweicht, wer ſich leicht ſchrecken und durch angenommene Zu⸗ rückhaltung wegſcheuchen läßt, wird nie die Braut gewinnen, die es verdient, ſeine Gat⸗ tin zu werden, er muß dann gleichſam mit Mittelgute vorlieb nehmen, des man we ver⸗ legene Waare ausbietet. Dies Mittelgut fin⸗ den Sie in der Klaſſe der Jungfrauen, welche — 61 mit den Augen blinzeln, ſchoͤn thun, denen man das innere Entzuͤcken von der Stirn lieſet, daß ſie ſich von dem läſtigen Jung⸗ frauenſtande erloͤſet wahnen. Dieſe machen es ihnen leicht, ſie ſagen oft allzufruͤh Ja, und nur im äußerſten Falle Nein.“ „Verlangen Sie denn, daß Elifabeth ſich Ihnen anbieten ſoll? Und was thaten Sie, um ſie von Ihrer Liebe zu überzeugen? Ob Sie ein Deutſcher oder ein Engländer ſind, darnach fragt die ſchoͤne Jungfrau bei ihrer Wahl nicht, ſie kann's auch nicht, wenn ſich die rechte, wahre Liebe ihres Herzens be⸗ maͤchtigt hat. Die zartliche Mutter legt der Tochter auch kein Hinderniß in den Weg, denn die hat mir's ſelbſt erklaͤrt, daß ſie ſich nicht ſowohl einen reichen Schwiegerſohn, als einen ſolchen wünſcht, von dem ſie's uͤberzeugt ſeyn kann, daß er ihr Kind zlůc⸗ lich macht,“ „In einer Sache aber, wo Sie ſelber reden muͤſſen, ſollen Sie ſich keines Fuͤr⸗ ſprechers dedienen. Das Wort der Liebe, von Ihren Lippen zur Tochter geſprochen, hat einen andern Ton, als wenn ich's ſage⸗ Wäre es ja nothig, die Mutter zu ſtimmen, was ich aber nicht glaube, ſo rechnen Sie auf meine Unterſtuͤtzung. Kömmt das Werk zu Stande, ſo bringen wir's dahin, daß die Madame Medem ihre Handlung verkauft, wozu ſie ſehr geneigt iſt. Sie zieht dann nach London und wir leben in Liebe un Freundſchaft bei einänder. Das iſt ein herr⸗ licher Plan, von dem ich mir viele Freuden verſpreche.“—„Sir Lorenz, wenn Sie nur keine Luftſchlöſſer bauen!“—„Wenn es welche ſind,“ ſagte Workwich,„ſo iſt das Ihre Schuld. Wer wird an ſeinem Gluͤcke verzweifeln! Ein junger Mann, wie Sie ſind, der in aller Hinſicht hervortreten kann, der muß glauben, daß ihm nichts unmoͤglich iſt, was er erreichen will.“ 3 63 „Sir Lorenz,“ ſagte Kronhelm, als er in der Ferne die Damen, begleitet von dem jungen Workwich, kommen ſah,„ich dächte, daß ich den Verſuch mit der vorgeblichen Ab⸗ reiſe machte! Er kann gelingen, er faͤdelt vielleicht ein Geſpraͤch an, das zu wichtigen Reſultaten fuͤhrt. Da, wo ich nur verbluͤmt reden kann, ſprechen Sie deutlich““—„Je nun jaz ich wih nichts dagegen haben. E hat ſo ein Jeder ſeine beſondere Weiſe, ge⸗ heime Gefuͤhle verſtaͤndlich 5 6b zu machen und den Sinn Anderer zu erforſchen. Es iſt eine bekannte Manier, hier will ich ſie aber nicht tadeln, daß die Leute unſerer Zeit auf als auf geraden. So wird auf dem großen Welttheater Komoͤdie geſpielt, die Schauſpieler ſtehen ſich dabei am beſten, und was ſie nährt, dazu müſſen die Luſchauer beiſtenern. So reden Sie von der fingirten Abreiſe, ich aber laſſe Sie noch nicht fort.“— 64 „Aber, mein Gott,“ ſagte die Madame Workwich zu ihrem Gatten und Kronhelm, „reißt denn der Stoff zu Euern Geſprächen gar nicht ab? Man ſollte das viele Sprechen nicht den Frauen allein Schuld geben. Es iſt doch Unrecht, die Geſellſchaft ſo lange zu verlaſſen! Wir kommen Euch nach, ſeht nur, wie Ihr uns fehltet.“—„Du thuſt uns auf der einen Seite eine große Ehre an,“ ſagte Workwich zu ſeiner Gattin und machte dazu ein treundliches Geſicht,„auf der andern Seite aber, damit wir uns nicht uͤber⸗ heben, demuͤthigſt Du uns durch einen Ta⸗ del. Das iſt aber ſo die Weiſe der Frauen, bald ſtechen ſie uns wund, bald heiten ſie uns wieder.“—„Das aber wäre keine gute Weiſe,“ ſagte die Medem,„wenigſtens kennen Sie ſie aus eigener Erfahrung nicht.““ —„Mein, wahrlich nicht,“ ſagte Workwich. „Ich lobe meine Frau als eine gute und die beſte, wenn ſie auch nicht zugegen iſt. Empfindlich kann ſie wohl bisweilen werden, 3 1 ————*— 65 aber das geht bald wieder voruͤber. Ihre Stiche jucken nur und brennen' nicht.“— „Aber,“ fragte die Workwich,„welch ein reichhaltiges Kapitel war denn an der Reihe, das Euch ſo viel zu ſprechen gab? Die Frauen ſind neugierig, das weißt Du wohl von mir.““ —„Ein ſehr wichtiges, wichtiges Kapitel,“ ſagte Workwich mit ernſter Miene,„es be⸗ trifft die Abreiſe unſeres lieben Kronhelms.“ „Der Profeſſor will abreiſen?“ fragte die Madame Medem,„nein, das kann er noch nicht, das darf er nicht. Eliſabeth iſt erſt auf dem Wege der Beſſerung, aber völig. hergeſtellt, iſt ſie noch nicht. Ein guter Arzt vollendet ſeine Kur.“„ Workwich beobach⸗ tete Elſabeth ſcharf und glaubte es wahrzuneh⸗ men, daß ein plötzlicher Schreck ſie erſchutterte. Ihre Wangen färbten ſich roͤther, ſie ſchlug den Blick vor ſich nieder, kurz, in einer ruhi⸗ gen Stimmung glaubte er ſie nicht. „Ja,“ fuhr Workwich fort,„das habe III. 5 jch ihm auch vorgeſtellt; aber er meint, er könne nicht tänger bleiben. Er hat mir wichtige Gruͤnde angefuͤhrt, die ſeine ſchnelle Avreiſe entſchuldigen. Das, was ihn fruͤher an England band, und ihm ein längeres Bleiben gebot, das, ſo ſagt er, ſtoͤßt ihn jetzt fort.“—„Und,“ fragte die Madame Me⸗ dem verwundert,„was wäre denn das?“— „Ich habe es ihm nicht abzwingen koͤnnen, es mir zu geſtehen, fragen Sie ihn ſelbſt, vielleicht iſt er auftichtiger gegen Sie.“— „Konnen Sie's gegen mich ſeyn, Herr Pro⸗ feſſor?“ fragte ſie.„Aber Sie wollten mit uns nach Briſtol gehen?“—„Verſprochen habe ich das nicht,“ entgegnete der Profeſ⸗ ſor,„aber es giebt Bedingungen, unter e⸗ nen ich meine Abreiſe noch aufſchiebe.“— „Und die wären?“—„Wollen Sie ſo gu⸗ tig ſeyn und mir folgen?“ bat Kronhelm. „Es giebt Geheimniſſe, die man zuerſt Einem anvertraut, ehe man ſie ſeinen Freunden mittheilt.“„„ Er entſernte ſich mit der 67 Madame Medem und ging mit ihr nach dem Gartenhauſe. „Nun, nun, was hat das zu bedeu⸗ ten,“ ſagte Workwich.„Ein Geheimniß, ein Geheimniß, das er der Mutter offenbart! Eliſabeth, Du biſt doch wohl? Kannſt Du nicht ahnen, nicht rathen?“— Sie konnte kaum die Worte uͤber ihre zitternden Lippen brin⸗ gen:„Was ſollte ich ahnen und rathen!“ Die junge Workwich ſah ihre veinliche Ver⸗ legenheit, die ſie ſchmerzte, ſie bat Eliſabeth, mit ihr einen Spaziergang in dem nahen Gebuͤſch zu machen. Das Maͤdchen folgte ibr gern und dankte ihr im Herzen fur den Freundſchafisdien den ſie ihr erwies. „Gewiß,“ ſagte die junge Workwich,„hat der Profeſſor Wichtiges mit Deiner Mutter zu ſprechen, was Bezug auf ſeine Liebe zu Dir hat.“—„JIch zweifele nicht daran,“ erwiederte ſie.„Wie ſehne ich mich nach Außſchluß! Warum ſoll ich's leugnen, baß mein ganzes Herz ihn liebt! Meine Mutter billigt meine Neigung. Liebend kam er mir entgegen, ich verſtand ihn wohl, durfte ich's aber mit Gewißheit glauben, daß es mit ſei⸗ ner Zäͤrtlichkeit ernſtlich gemeint war? Wenn ich mich durch mein Entgegenkommen ge⸗ täuſcht hätte! Ich mußte Ruͤckſchritte thun, ſo ſchwer ich das aber auch vermochte; meine Mutter rieth dazu und ihrem erfahrnen Rathe folgte ich. Wie wuͤrde es mich betruͤben, wenn er abreiſete! Was haͤtte ſeine Kur mir dann genutzt, mein Truͤbſinn wuͤrde finſterer werden! Sein Umgang, die Hoffnung, der Glaube an ſeine Liebe hat mich aufgeheitert und finſtere Bilder, die mir vor der Seele ſchwebten, hinweggeſcheucht. Ich bin in einer peinlichen Angſt, wie ſich das Räth⸗ ſel löſet.“ So gut ſie's konnte, ſuchte die junge Workwich ihre Freundin zu troͤſten, ohne daß ſie ihr Gewiſſes verhieß. Was ihr aber jetzt 69 noch dunkel und zweifethaft war, das ſollte ſie bald im lichten Glanze ſchanen. Sir Lorenz blieb mit den Seinen in der Laube und wollte die Redenden nicht ſtoͤren. Als aber Kronhelm mit der Medem allein war⸗ ſagte er A „Wenn ich mir die einzelnen Umſtande vorrechne, die mich bis zu Ihrer Ankunft in London hielten, ſo ſehe ich darin ein Gewebe, was von einer höhern Hand gewebt wurde. Waͤren Sie eine Woche ſpaͤter von Briſtol abgereiſet, ſo haͤtte Sie mein Auge vielleicht nie wieder erblickt. Welche Anordnungen trifft doch der Himmel, um unſerm Schick⸗ ſale eine Richtung zu geben, wie wir's nicht vermochten. Sehen Sie, das iſt ſo mein Sinn, daß ich Alles, was mir und Andern begegnet, nicht von dem Zufall, wie die Kin⸗ der dieſer Welt, ſondern vom Himmel ableite und der Vorſehung, die ihre weiſe und guͤtig fuͤhrende Hand nie von uns losläßt. Als 70 ihr Werk betrachte ich's daher auch, daß mein Herz von der zärtlichſten Liebe ergriffen wurde, als ich Ihre Tochter erblickte. Welch ein Antrag wurde mir gemacht, daß ich ſie von einer Krankheit heilen ſollte, die ihren Grund in dem ſchmerzhaften Verluſte eines geliebten Juͤnglings hotte! Ein Herz, ſo dachte ich, das ſo treu und dauernd. lieben kann, muß auch Gefuͤhl fuͤr eine andere Liebe haben, es kann ihm nicht abgeſtorben ſeyn. Was feine Sitte, innige Zartheit, Achtung für die Unſchuld erlaubt, das bot ich auf, um mir in dem Innern Ihrer Tochter einen bleibenden Rang zu begtünden. Meine Hoff⸗ nung leuchtete, ſie kam mit Wohlwollen mir entgegen, ich duͤnkte mich auf dem Gipfel —————————— meines Gluͤcks, ich glaubte dem Ziele meines innigſten Verlongens nahe zu ſeyn. Aber wie wutde ich aus meinen ſuͤßen Täuſchun⸗ Jungfrau durch eine zu große Vertraulichkeit beleidigt haͤtte, ſo ernſt trat ſie zuruͤck und gen aufgeſchreckt! Als ob ich die geliebte F — 71¹ ihr guͤtig offenes Weſen gegen mich verwan⸗ delte ſich in kalte Höflichkert. Madame Me⸗ dem, ich darf bei meiner Seelenſtimmung Ih⸗ rer Tochter nicht in der Naͤhe bleiben, wenn ich die kleinere Haͤlfte meiner Ruhe, meines Friedens, die mir noch uͤbrig geblieben iſt, nicht verlieren will, ich muß abreiſen. Mein Vaterland, mein alter Vater ruft mich zu⸗ ruͤck. Frei und ledig ſtehe ich noch da, als ein redlicher Juͤngling, der nie einem Maͤd⸗ chen das Verſprechen der Liebe gab und es ſchaͤndlich taͤuſchte, ich kann voͤllig uͤber meine Freiheit gebieten. Ein irdiſches Kapital, was morgen verloren gehen kann, worauf die Edeln den groͤßten Werth nicht legen,. was ſie nie fuͤr das hoͤchſte Gut hielten, habe ich nicht; aber gelernt habe ich ſo viel, daß ich mich ſelbſt und ein treues Weib ernähren kann. Halten Sie mich nicht länger hier zuruͤck, wenn Sie meine Ruhe achten, am wenigſten verlangen Sie von mir, daß ich Sie nach Briſtol begleite. Fuͤr Ihre Tochter ſteht 42 nichts mehr zu fuͤrchten, ihr Sinn hat ſic aufgeheitert und ſie iſt auf dem Wege einer volligen Geneſung, wo ſie keines Arztes weiter bedarf.“ „Und,“ fiel ihm die Madame Medem in die Rede,„wiſſen Sie denn, wem ſie ihre Geneſung verdankt?“—„Den Ge⸗ muͤthserheiterungen, den angemeſſenen Zer⸗ ſtreuungen, der neuen Lage, in die ſie ſich verſetzt fuͤhlt, und vielleicht auch ein kleines Theilchen den Arzeneimitteln, die ich ihr ver⸗ ſchrieb.“—„Nein, nein, mein lieber Pro⸗ feſſor, ich muß auſrichtig gegen Sie ſeyn, da Sie es gegen mich waren; die Liebe, und zwar die Liebe zu Ihnen hat meine Tochter gefund gemacht, die Hoffnung einer glůckti⸗ chen Zukunft. Nehmen Sie ihr dieſe und Sie ſollen es ſehen, daß ſie in ihre vorige Krankheit zuruckfaͤllt.“ Kronhelm gerieth in freudiges Staunen, ———— ——— S — 73 er faßte die Madame Medem dei der Hand und ſagte:„Kannte ich ſo wenig mein Gluͤck? Aber die Mutter, was ſagt die da⸗ zu?“—„Nichts weiter, als Ja,“ erwiederte die Medem.„Meine beſten Freunde nennen Sie einen frommen Mann, und ich kann nicht zweifeln, daß Sie's ſind. Haben Sie ſich nicht nach meiner Tochter erkundigt, ha⸗ ben Sie ſich im nähern Umgange nicht von ihrer moraliſchen Seite kennen gelernt? Wenn ſch Sie nicht als eine Tugendheldin anpreiſen kann, ſo darf ich ſie auch der Fehler micht beſchuldigen, mit denen ſo viele ihres Geſchlechts bei feiner Lebensweiſe, bei einer ausgebreiteten Lectuͤre und dem conven⸗ tionellen Betragen befleckt ſind. Ihr Geiſt iſt gebildet und ſittliche Kultur iſt ihr Schmuck. Heilige Gefuͤhle erfüllen ihre Bruſt und die Religion iſt das Licht, in dem ſie wandelt. Doch kein Wort von mei⸗ ner Tochter mehr, daß ich nicht in den Feh⸗ ler der Muͤtter falle, die fuͤr die Gebrechen 74 „ihrer Kinder kein Auge haben und ſie nur in engliſcher Geſtalt erblicken. Ich erkenne in Ihnen meinen wuͤrdigen Schwiegerſohn, ich vertraue Ihnen das Theuerſte an, was ich habe, ich hoffe von Ihnen ſehr viel, der Himmel gab Ihnen Kraft, Sie werden meine Wuͤnſche erfuͤllen. Und nun kommen Sie, mein theurer Sohn, daß wir Eliſabeth und unſern Freunden das frohe Ereigniß melden.“ Kronhelm wollte der Medem die Hand küſſen, er wollte ihr danken und es gebrach ihm an Worten. Sie küßte ſeine Lippe und ſagte geruͤhrt:„Ich trage gern meine Schuld an Sie ab, und gebe Ihnen meine Tochter. Sie war an der Seele krank und Sie haben ſie geſund gemacht.“ Als ſie Beide die Allee heraufkamen, ſagte Sir Lorenz:„Neugierde war eben mein Fehler nie, aber wiſſen moͤchte ſch's doch, was der Profeſſor der Medem geſagt und — * 75 was ſie ihm geantwortet hat. Daß die ganze Unterredung Eliſabeth betraf, daruͤber ſchwebt mir kein Zweifel. Von ihrem Beſcheib haͤngt es lediglich ab, ob er uns verlaͤßt oder hier bleibt. Es wird mir doch viel fehlen, wenn er nicht mehr hier iſt! Er iſt gar zu gut und ich habe mich an ſeinen umgang ge wohnt. Ohne Urſache ſprach er gewiß nicht von ſeiner Abreiſe. So mußte es kommen, um ein verborgenes Geheimniß an's Licht zu bringen!“ Als die Medem mit Kronhelm bei ih⸗ ren Freunden angekommen war und ihre Tochter nicht ſah, fragte ſie nach ihr. Die Madame Workwich erwiederte, daß ſie mit ihrer Schwiegertochter ſich entfernt habe und ſich mit ihr unterrede.„Kronhelm,“ ſagte die Medem mit einer ſo heitern Miene, die die innere Freude verklärte,„iſt mein Schwie⸗ gerſohn.“.. Alle wuͤnſchten ihr und ihm von ganzem Herzen Gluͤck.—„Er liebt ——— — ———————————— Eune 76 meine Tochter, er bat mich wit deutſcher Ehr⸗ lichkeit um ihre Hand, und ich habe ihm dagegen das Geheimniß, daß auch meine Tochter ihn liebt, offenbart. Nun lebe ich in der Hoffnung, da ſie den Arzt in der Naäͤhe hat, daß die Krankheit ſie verlaſſen wird.“— Halb im Ernſt, halb im Scherz ſogte Workwich:„Das können Sie ſicher hoffen! Koͤnnte man fuͤr manche kränkelnde Jungfrau einen ſolchen Arzt finden, ſie wuͤrde ſicher geneſen.“— Es gab ihm Nie⸗ mand darauf eine Antwort und es that ihm ſelber leid, daß ihm der Gedanke von der Lippe geflogen war. Der zartfuͤhlende Mann machte ſich im Innern deshalb Vorwuͤrfe. Aber es war ſo ſeine Gewohnheit, bisweilen einen Witz herauszuſtoßen, der ihn hinterher gereute. Ueber dem Sprechen kam Eliſabeth mit der jungen Workwich. Die Mutter rief ihr entgegen:„Eliſabeth, Kronhelm reiſet nicht — 77 ab, er geht mit uns nach Briſtol, er bleibt bei uns! Deine Hoffnung hat Dich nicht ge⸗ taͤuſcht, er liebt Dich, er warb bet mir um Dein Herz, ich konnte es ihm geloben.“ Dieſe Worte goſſen gleichſam ein lo⸗ derndes Feuer in Elſabeths Adern, ihre Wangen faͤrbten ſich purpurroth, ſie war ſich ihrer ſelbſt nicht maͤchtig. Da breitete Kron⸗ helm ſeine beiden Arme aus, druͤckte ſie an ſeine Bruſt und ſprach:„Eliſabeth, mein Herz gehoͤrt ganz Ihnen, ich liebe Sie, durch Sie bin ich der glͤcklichſte Menſch auf Erden! Preis der himmliſchen Fuͤgung, die mich nach London fuͤhrte! Gott, ſegne Du unſern Bund, von Dir köͤmmt aller Segen.“ Er köͤßte ihre Lippe, ſie ſank ihm faſt ohnmaͤchtig aus den Armen. Als ſie Worte gewann, um ihre Gefuͤhle auszudruͤcken, dankte ſie zuerſt der Mutter und hielt mit dem Geſtaͤndniß nicht zuruͤck, daß ſie Kronhelmen ſeit dem erſten 35 3 3 78 Augenblicke geliebt haͤtte, wo ſie ihn in Lon⸗ don ſah„„ch ſeufſte die Workwich, „wie wuͤrden ſich William und Anna freuen, wenn die hier wären! Ach, die ſchwimmen auf dem Meere und jeder Augenblick entfernt ſie von uns weiter. Wie ſich doch Schmerz und Freude miſchen!“—„So ſoll es ſeyn, ſo iſt' dem Menſchen beſchieden,“ ſagte Sir Lorenz,„und ändern kann er's nicht. Schone wich, beſte Frau, jede Deiner Klagen faͤhrt mir wie ein Dolchſtich in's Herz. Ich denke, daß Du mich fuͤr den Schuldigen achteſt, der Annen aus dem Vaterhauſe ſtieß und ſie nach Jamaica hin verbannte!“—„Das ſey von mir fetne, mein lieber Workwich! Aber iſt die Klage meiner Mutter nicht eine verzeihliche, die ſich ſo unerwartet von der Tochter verlaſſen ſah?“ Kronhelm und Eiliſabeth entfernten ſich aus der Geſellſchaft und gingen weiter in den Garten Wie viel Liebes und Gutes 79 hatten ſie einander zu ſagen! Am Abend wurde ihre Abreiſe nach Briſtol beſtimmt und die Medem bat Sir Lorenz Workwich mit ſeinem Sohne um einen baldigen Beſuch, damit ſie von ihrer Handlung frei wuͤrde, und ſie lud die Frauen zugleich ein. Sir Lorenz gab Kronhelm ein ſehr reiches Ge⸗ ſchenk, das dieſer nur auf vieles und ernſtes Bitten annahm. Als ſie in den Wagen ſtei⸗ gen und abreiſen wollten, ſagte Sir Lorenz zu der Madame Medem:„Kuͤnftig leben Sie von Ihren Zinſen und die verzehren Sie in London. Daß ihre Tochter die Gattin eines ſo redlichen Deutſchen wird, daran habe ich doch entfernten Antheil wenigſtens. Ziehen ſie mit den jungen Leuten nach London, daß ich ihn täglich ſehen kann, ich habe ihn gar zu lieb gewonnen.“ Die Thraͤnen ſtürz⸗ ten ihm von den Wangen, er umaemte ſei⸗ nen Kronhelm.... Die Madame Medem aber ſagte:„Sobald Sie meine Sachen ge⸗ „ 1 — 80 ordnet häden, kommen wir nach London, das verſpreche ich Ihnen heilig.“ Es war fuͤr das Gemüth und die Auf⸗ heiterung der trauernden Workwichs ſehr wohlthätig, daß ſich die Medem mit ihrer Tochter und der freundliche, theilnehmende Kronhelm eine lange Weile bei ihnen auf⸗. hielt, bis der groͤßte Schmerz uͤber die Tren⸗ nung von geliebten Menſchen ſeine volle Stärke verloren hatte und milder und erträg⸗ licher geworden war. Man hatte ſich über das Abſchiedskapitel wie ausgeredet, der Stoff von den Reiſenden nach Jamaica wurde erſchöpft und ſo fand ſich der Sinn wieder ein, daß man auch uͤber andere Ge⸗ genſtände zu ſprechen anfing, und In⸗ tereſſe an ihnen nahm. Wenn ſie auch nicht mehr in London, ſondern auf dem Wege nach e - 81 Briſtol waren, die guten, geliebten Menſchen, ſo beſchäftigte doch die Heirath, die Kron⸗ helm und Elifabeth ſchließen ſollten, die Gei⸗ ſter und Herzen auf eine vielſeitige und an⸗ ziehende Weiſe. Die Reiſe nach Briſtol durfte auch nicht aufgeſchoben werden, die beiden Workwichs wolten bald dahin und auch die junge Frau wollte nicht zuruͤckblei⸗ ben, ob ſie auch die Schwiegermutter warnte, ſich nicht einer Gefahr auszuſetzen. Car! verſprach für den bequemſten Wagen zu ſor⸗ gen und dem Kutſcher ſollte langſames Fah⸗ ren auf dem unebenen Boden anbefohlen werden, d Laͤngſt ſchon waren Briefe nach Famaica „ abgegangen. Götig, verzeihlich und liebevoll war Aües, was Sir Lorenz geſchrieben hatte. Seine Gattin abet ſchüttete in ihrem Schreis ben ihren ganzen mutterlichen Schmerz aus“ und ließ es ihrer Tochter und det Madame Berklei deutlich fuͤhlen, wie tief ſie durch eine 11I. 6 4 ſt ſo plotzliche, unerwartete Trennung betruͤbt worden ſeyo. Man hätte ſie immerhin zur Vertrauten des Geheimniſſes machen koͤnnen, ſie wuͤrde es nicht verrathen haben, ob ſie auch Annen zum Nachdenken gebracht haben wuͤrde, welche Pflichten eine Tochter der Mutter ſchuldig iſt.„Sey meiner Tochter eine rathende Mutter,“ ſchrieb ſie an die Berklei, „beweiſe ihr die Guͤte, die Deinem Herzen eigen iſt und glaube, daß die zärtlichſte Liebe mich dringt, Deiner herrlichen Eliſabeth Glei⸗ ches zu vergelten.“ Edel und verzeihlich nannte ſie insbeſondere Williams Betragen, welcher, bei ſeiner großen Liebe zu Annen, eine hoͤhere Tugend in ſich habe hertſchen laſſen. Als ſie den Brief ihrem Gatten zum Einſiegeln brachte, ſagte der zu ihr:„So wenig ich mich von jeher um Deme Corre⸗ ſpondenz bekuͤmmert habe, ſo moͤchte ich's diesmal doch wiſſen, was Du nach Jamaica 83 geſchrieben haſt.“ Sie trug kein Be⸗ denken, ihm ihr Geſchriebenes in Gegenwart ihres Sohnes und ſeiner Gattin vorzuleſen. Waͤhrend ſie las, ſchuͤttelte Sir Lorenz oͤfters den Kopf. Seine Stirn faltete ſich und er eiute inneres Mißvergnuͤgen. Als ſie das Leſen geendigt hatte, ſagte er:„Liebe Frau, Dein Brief iſt ſchon, aber einige Stellen dar⸗ in gefallen mit gar nicht. Du haſt Ruͤck⸗ ſichten uberſehen und ganz Dein Gefuͤhl re⸗ den laſſen. Es iſt gewiß nicht Dein Wille, daß Du die Berklei und Deine Tochter ſo ſchmerzhaft verwunden willſt. Wie lange werden ſie trauern, wie oft dovon reden, was Du ihnen Kränkendes geſchtieben haſt! Daß ihr Weiber doch oft ſo unbehutſam mit euern geſchriebenen Worten ſeyd! Was man ſeinen Freunden zum Leſen mittheilt, das muß man mit der Goldwage wiegen. Oft iſt es ein Wort, das er nach ſeiner Weiſe deutet, in dem er eine bittere Beleidigung findet. Sanfter, milder hätteſt Du reden 84 muͤſſen. Wie wird ſich Deine Anna über den Kummer betruͤben, den ſie Dir gemacht hat! Wie werden Deine Vorwuͤrfe die Ber⸗ klei ſtechen! Machſt Du Geſchehenes dadurch ungeſchehen, wird Dir die aufgelegte Burde darum leichter? Man ſage ſeinen Freunden und Bekannten ſelbſt Hartes und Unan⸗ genehmes, wenn man ein Recht dazu hat und ſie vor uns ſtehen, aber man huͤte ſich ja, es ihnen zu ſchreiben.“—„Du magſt Recht haben, lieber Workwich, aber ich will und mag keinen zweiten Brief ſchreiben,““ ſagi ſie,„da mich dieſet allzuſehr angegriffen hat. Moͤgen ſie's empfinden, daß mir ihre geheime Abreiſe nicht gleichguͤltig war, daß ich im Innern uber den Verluſt meiner Freundin und Tochter trauere, auch das hat ſein Gutes und eben ſo wuͤnſche ich's.“— „Nun, wenn Du das glaubſt,“ etwiederte Lorenz,„ſo nehme ich Deinen Brief in mein Couvert auf.“— Es war recht gut, daß der Brief eine weite Reiſe zu machen hatte, ehe er in Jamaica ankam. Haätten ihn die Entfernten fruͤher erhalten, als es in ihnen ruhiger geworden war, er wuͤrde ſie ſehr trau⸗ rig gemacht und niedergeſchlagen haben. Anna konnte den Gedanken nicht unterdrük⸗ ken, daß ſie durch ihre Abreiſe ihre Eltern tief betruͤbte, und das machte ſie oft traurig, wenn ſie allein war. William, der ſie un⸗ ausſprechlich liebte, war nicht ſo heiter ge⸗ ſtimmt wie ſie ihn in London ſah, und er geſtand es ihr offen, daß er erſt dann ſeines Lebens wieder froh ſeyn werde, wenn ihm ſein Wohlthaͤter verziehen habe. Mengſtlich ſagte er auch:„Kann denn Dein Vater ſeine Zuſtimmung zu unſerer Verbindung geben, ohne ſein Geluͤbde zu brechen?“— Der weib⸗ liche Scharfſinn Annens beruhigte William mit den Worten:„Es iſt in dem Geluͤbde des Va⸗ ters nicht enthalten, ſeiner Tochter das Jawort zu verſagen, die es laut und oͤffentlich durch ihre Entweichung erklärt hat, welchem Juͤng⸗ linge ſie ihre Hand und ihr Herz allein nur 86 geben konnte. Von dem wird er mich nicht losreißen, das verbietet ihm Relgion und Vernunft, um mir einen andern Gatten an⸗ zuſchmieden. Da aber, wo ſein Geluͤbde Nein ſagt wird ſeine Guͤte Ja ſagen und die Umſtände wie ſie nun einmal ſind, zwin⸗ gen ihn dazu.“ 6 Die Berklei bewohnte mit Annen ein Zimmer. Ungeſtoͤrte Liebe und Innigkeit herrſchte unter ihnen. An Stoff zur Unter⸗ haltung fehlte es ihnen nicht. Sie waren mit allerlei weiblichen Arbeiten beſchaͤftigt. An unterhaltenden Buͤchern, wenn ſie leſen wollten, hatten ſie keinen Mangel. Damit Anna ihr muſikaliſches Talent weiter aus⸗ bilden und ſich durch das Spiel ergoͤtzen konnte, hatte ſie ein Fortepiano und eine Guitarre, beide Inſtrumente von vorzuglicher Guͤte, auf ihrem Zimmer. Ein großen, ſcho⸗ ner Garten hinter dem Hauſe, mit Blumen — und Bäumen geſchmuͤckt, ſtand ihnen zu jeder 87 Zeit offen, in dem ſie täglich luſtwandelten. Oft forderte ſie Sir Robert zu Spazierfahr⸗ ten in die umliegende Gegend auf, wo die Anſicht eines neuen Landes und ſeiner Pro⸗ dukte ihnen viel Vergnuͤgen machte. Nur hatten ſie ſich's noch zum Geſetz gemacht, in keine Geſellſchaft zu gehen. Um unangeneh⸗ me Redereien zu vermeiden, nannte man die Berklei Roberts nahe Anverwandte und An⸗ nens Mutter. Unvermeidlich aber war's, der Vermuthung zu ſteuern, daß das junge Maͤd⸗ chen Williams Braut ſey. Sir Robert arbeitete jetzt insbeſondere dahin, daß er William in ſein Handelsge⸗ ſchaft ganz einweihte, dergeſtalt, daß es fort⸗ beſtehen konnte, wenn er auch adweſend war, oder auf immer von Jamaica ſchied, um dort in der Nähe ſeines Bruders und anderer Freunde zu leben. Willlam gab ihm bald den Beweis, daß er dem Geſcäfte völlig ge⸗ wachſen ſey und es, ohne beſondere Anleitung, 88 fortfüͤhren könne.— Die liebſten Stunden des Tages aber verlebte Sir Robert dei ſei⸗ nir geliebten Berklei. Auch Annen blieb es nicht unbekannt, welch eine zaͤttliche Neigung er fuͤr dieſe Frau in ſeinem Herzen trug. Alles was ihr angenehme Untechaltung ge⸗ währen, was ihr ein Vergnuͤgen machen, was ihren Aufenthalt bei ihm uͤberhaupt verſüßen konnte, das bot er auf. Sie war nicht undankbar gegen die vielen Beweiſe ſeiner Guͤte und gab ihm das deutlich genug zu verſtehen. Er erhielt von ihr die Erlaubniß, daß er ſeine liebſten Freunde mit ihren Frauen und erwachſenen Kindern in ſein Haus la⸗ den durfte. Die Geſelſchaft war zahlreich und in derſelben befanden ſich mehrere Frauen, die entweder geborne Englaͤnderinnen, oder in England erzogen und unterrichtet waren. Die Berklei und Anna konnten ſich ſo ange⸗ nehm unterhalten, als ob ſie in London wa⸗ — — —, 89 ren. Die Bildung des Geiſtes, die ſchöne Geſchmeidigkeit der Sitten, das Intereſſante und Freunoliche der Berklei, verbunden mit einem Körper, an dem ſich die Sputen ehe⸗ maltger Reize noch deutlich vertiethen, ver⸗ ſchafften ihr Freunde und Freundinnen. Alle draͤngten ſich um ſie, um ſich mit ihr auf eine laͤngere oder kuͤrzere Zeit zu unterhalten. Bald war die liebenswuͤrdige Berklei das Geſpräch der Stadt. In Annen, ihrer Toch⸗ ter, wie ſie hieß, ſah man ein ſchuldloſes, herrliches unverſtelltes Geſchöpf, ohne Ge⸗ zier und Schminke. Sie wurde von mehrern Jungfrauen freundlich und dringend eingela⸗ den, ſie zu beſuchen und gab das Verſpre⸗ chen, der Einladung zu folgen. Am andern Tage that die Berklei Sir Robert dasGeſtändniß, daß ſie ſich in der geſtrigen Geſellſchaft ſehr gefallen habe und daß ſie ſie ſo in Jamaica nicht zu finden ge⸗ glaubt hätte. Robert bezeigte ſeine Freude 90 darüber und ſagte:„Das Vergnügen können Sie öfter genießen und mein Freund Corn⸗ well mit ſeiner Gattin haben mich ſchon ge⸗ beten, einen Tag zu beſtimmen, wo wir bei ihm ſeyn woliten. Gewiſſes ſagte ich nicht zu, weil ich erſt Rückſprache mit Ihnen neh⸗ men wolte.“—„Beſtimmen Sie,“ erwie⸗ derte die Berslei.„Die Cornwell hat mir beſonders gefallen. Es ſcheint, daß wir, nach unſerm Charakter, einander ſehr gleichen. Bliebe ich laͤnger in Jamaica, ich glaube, ſie wuͤrde meine Freundin.“—„Sehen Sie wohl, daß es allenthalben gute Menſchen giebt, die uns lieben, gefallen, an die wir ns anſchließen können? Fuͤr ein Ungluͤck werden Sie's in der Folge gewiß nicht hal⸗ ten, an einem andern Otte ais in dem ge⸗ räuſchvollen London zu leben.“ Cornwell kam am folgenden Abend zu Sir Robert und brachte ſeine Gattin und Tochter mit. Man ſah den Beſuch der lie⸗ 9¹ ben Menſchen ſehr gern. Zuerſt war die Unterhaltung eine allgemeine, dann aber ge⸗ ſellte ſich die Cornwell mehr zur Berklei, William ſprach mit den beiden Mädchen in einer andern Gegend des Zimmers, und Cornwell entfernte ſich mit ſeinem Freunde, um uͤber Handelsgeſchaͤfte zu reden, wie er beim Weggehen zu den beiden Frauen ſagte, als ob er ſeine Entfernung aus ihrer Naͤhe entſchuldigen wollte. Als die beiden Freunde im Zimmer al⸗ lein waren und Cornwell ſich uͤberzeugt hatte, daß kein Hörer in der Naͤhe ſey, fing er al⸗ ſo an:„Es kann mir nicht gleichgultig ſeyn, was die beſſern Menſchen von Dir urtheilen, und wenn es Dir nicht zu Ohren koͤmmt, ſo habe ich die Verpflichtung auf mir, daß ich's Dir offenbare. Du biſt allein im Stande, das Geruͤcht zu widerlegen, wenn es die Luͤge erſonnen hat, und Dich zu rechtfer⸗ tigen, wenigſtens wirſt Du die beſten Mraß⸗ 92 regeln ergreifen, um jeden Schatten von Dir abzuwenden, den man auf Dich zu werfen ſucht“—„Und das Geruͤcht waͤre?“ fragte Sir Robert mit aͤngſtlicher Neugierde.— „Höre mich nur ruhig an, ich kann nicht ſo gerade herausfahren und verzeihe einer gewiſ⸗ ſen Umſtändlichkeit, die ich jedoch uner⸗ läßlich nothwendig halte.“ „Schon fruher, als geſtern, wo Du die große Geſellſchaft bei Dir hatteſt, haben meh⸗ rere nicht unbedeutende Kingstoner die Ma⸗ dame Berklei und ihre Tochter geſehen. Man fand ſie Beide in ihrer Art ſchön und rei⸗ zend. Wie das dem Menſchen natuͤrlich iſt, fragte man nach dem Grunde, warum Du ſie wohl aus England mit hieher gebracht hätteſt und welches der Zweck ihres Aufent⸗ halts bei Dir wäre. Dieienigen, welche die Handlungen ihrer Witneßſchen immer von der beſten Seite anſehen, weil ſte dem Loſter gram ſind und Tugend und Menſcheftiebe „* „* 93 ehren, ſagten: es liegt darin durchaus nichts Sonderbares, nichts was Sir Workwich zum Nochtheil gereichen könnte. Ein Mann, der ſeine Rechtſchaffenheit auf ein geachtetes Le⸗ ben gegruͤndet hat, iſt keiner unerlaubten That fähig. Es iſt ihm vielleicht zur Ehre anzurechnen, daß er Verwandte, Mutter und Tochter zu ſich nahm, um ihnen einen an⸗ genehmen, ſorgloſen Aufenthalt anzubieten. Er findet in ihrer Geſellſchaft Vergnügen, und das einſame Leben, was er bisher führte, iſt ihm zuwider. Denen, die ſo urtheilten, trat ich bei und beſtätigte ihre Meinung.“ —„Ja, ſo iſt's und nicht anders,“ ſagte Robert.„Sprach man auch anders von mit?“ „Hoͤre mir nur zu,“ fuhr Cornwell fort,„und waffne Dich mit moͤglichſter Ruhe. Du weißt ja wie gewiſſe Menſchen ſind, die mit den Dornen der Bosheit und des Witzes„ den Nächſten ſtechen und ſelbſt aus unſchul⸗ 3 ½ 1 1 — 94⁴ digen Hanblungen Gift ſaugen. Vor ihnen muß man ſich huͤten, ſie bewachen unſere Schritte, ſie lauſchen auf unſere Worte, ſie ſuchen eben den zu erniedrigen, den ſie durch eine vorzugliche Tugend uͤber ſich ſehen. Eben dieſe bösartigen, mißtrauiſchen und un⸗ geſitteten Weſen ſind es, die uns die ſorg⸗ ſamſte Aufmerkſamkeit auf uns ſelbſt gebie⸗ ten, die uns treiben und draͤngen, uns von Allem frei zu erhalten, was eine andere Deutung vertragt oder dem Verdacht unter⸗ worfen iſt.“ „Nun, was ſagen denn die Laͤſtermaͤu⸗ ler?“ fragte Sir Robert.—„Wenn Du Alle ſo nennſt, ſo thuſt Du ihnen Unrecht, das fuͤhle ich, das ſcheue ich mich nicht, Dir zu geſtehen. Wenn Zwer Daſſelbe thun, ſagt unſer Sprichwort, ſo iſt es nicht immer Daſſelbe, man kann es nicht unterſcheiden, und in der Regel glaubt man das Schlech⸗ tere. Setze den Fall, ein unverhetratheter 95⁵ Mann bei guten Jahren hat eine ſchöne, lie⸗ benswuͤrdige, noch unverbluͤhte Wittwe in ſeinem Hauſe, er fährt mit ihr aus, er ſitzt ihr im Wagen und bei Tiſche zur Seite, er wechſelt freundliche Worte mit ihr, was wür⸗ deſt Du von ihm im Allgemeinen urtheilen, wenn Du das innere, wahre Verhältniß nicht kennſt? Man kann ſich irren, den Irrthum fuͤr erwieſene Wahrheit halten, ſie unvorſich⸗ tig ausplaudern, ohne daß man juſt eine boͤſe Abſicht, die nur ſchaden will, damit verbin⸗ det. Waͤre man in diefem Falle auch ein Läſtermaul? Kurz, man hält die Madame Berklei für Deine heimliche Geliebte, mag ſie's ſeyn oder nicht, und wundert ſich gar ſehr, wie ein Mann von Deinem Charakter, von Deinen Jahren, die Zahl der gräͤulichen Unordnungen vermehren kann, die ſo ſchon Statt finden. Und, um die Sache voll zu machen, ſagt man, daß das junge Mädchen Williams Geliebte ſfey. Man ärgert ſich uͤber Dich, daß Du den jungen Leuten ein ſo boͤ⸗ 96 ſes Beiſpiel giebſt und kann es nicht begrei⸗ fen, wie die Berklei unter ſolchen Verpält⸗ niſſen in Deinem Hauſe wohnen und Ach⸗ tung fuͤr die heiligen Mutterpflichten haben kann. William heißt ein Tropf, daß er die Hand einer Tochter geben kann, die eine ſol⸗ che Mutter hat, und auf Dich ſchilt man, als den Stifter des ganzen Unheils. Wenn die Berklei ein Wort von dirſen Reden er⸗ fuͤhre, augenblicklich muͤßte ſie ſich von Dir trennen, da die Ebre und der gute Ruf einem Weibe das hoͤchſte gelten muß. Scha⸗ det ihr Bleiben bei Dir nicht auch dem Gluͤcke ihrer Tochter? Aber warum Du auch eine ſolche Frau mit aus London bringſtl Du konnteſt ſie ja dort laſſen, und wenn ſie der Huͤlfe bedarf, ſie unterſtuͤtzen! Du mußt ſie entweber von Dir laſſen, oder ſie heirathen, ein Deittes kannſt Du nicht wäh⸗ len. Bleibt das Vechaͤltniß ſo, wie es iſt, ſo iſt mit's auch unerklaͤrhch und ich weiß es nicht zu deuten. Sonderbar kam mir's 97 längſt ſchon vor, da Du es recht gefliſſentlich vermiedeſt, davon zu reden. Siehe, ich ſchenke Dir klaren Wein ein, ſey eben ſo aufrichtig gegen mich, Du weißt, ich kann ſchweigen und— gieb mir Aufſchluß.“ Sir Robert ſchwieg eine Weile und ſprach kein Wort, weil er in ſeinem Innern zuͤrnte. Als der erſte Anflug von Verdruß voruͤber war, den auch der beſte Menſch dann beſonders nicht uͤberwinden kann, wenn ihm von einem Freunde eine Schuld aufge⸗ buͤrdet wird, von der er ſich tein und frei fuͤhlt, ſagte er:„Wenn Du uͤber mein Ver⸗ hältniß mit der Madame Berklei im Zweifel biſt, und Aufſchluß daruͤber verlangſt, dann, mein lieber Cornwell, kann mich's nicht wun⸗ dern, wenn andere Leute, die keine Tugend in ſich tragen, die allenthalben nur auf La⸗ ſter und Verbrechen ſtoßen, es ſo falſch und gehaͤſſig beurtheilen. Aber dennoch danke ich Dir auftichtig fuͤr Deine wohlgemeinten Er⸗ 111 7 1 98 öffnungen, ſie beweiſen mir wirklich, daß ich nicht vorſichtig und klug handelte, wenn mir mein Gewiſſen auch nicht den mindeſten Vor⸗ wurf macht. Aber Du, mein beſter Freund, ſollſt nicht in Ungewißheit bleiben, Du mußt mit mir im Reinen ſtehen, auch das kleinſte Dunkel wirft auf die Freundſchaft einen Schatten, den ſie nicht verträgt, darum hoͤre die wenigen Worte, zu einer andern Zeit will ich ausfuͤhrlicher mit Dir ſprechen.“ „Dieſe Berklei liebte ich, da ſie noch ein junges Maͤdchen war. Ein Wort von Liebe gegen ſie kam nie uͤber meine Lippen. Als ich ven einer Reiſe nach Jamaica kam, lag ſie als Gottin in den Armen meines Freundes Berklei. Der Schmerz uͤber einen ſolchen Verluſt, da ich in ihr meine kuͤnf⸗ tige Getiebte ſah, jagte mich aus London. In Jamaica waͤhnte ich Balſam fuͤr meine Wunden zu finden. Ganz heilten ſie nicht, wenn auch die Länge der Zeit ihre Pein lin⸗ ————.— 99 derte. Ein treues Herz bewahrte ich ihr. Mit Berklei's Tode lebten neue Hoffnungen wieder in mir auf. Ich entdeckte ihr meine Neiqung, als ich in London war, ſie aber betheuerte, daß ſie ſich nie wieder verheirathen werde. In ihrer Armuth unterſtutzte ich ſie.“ „Aber ſonderbar“ ſagte Cornwell,„daß ſie Dich nicht heirathen will, und dennoch Lendon verläßt und mit Dir nach Jamaſca ziehr! Sie hätte vielmehr, da ſie Deine Liebe kannte, Deinen Umgang fliehen müſſen. Loſe mir dieſes Raͤthſel.“ „Dos kann ich,“ ſagte Sir Robert. „Dieſer William iſt ihr Sohn und Anng meines Bruders Tochter. Mein Bruder wollte eines Geluͤbdes wegen ſeine Tochter mit dieſem William nicht verheirathet wiſſen. Es war ihm leid, daß er's that, da er in ſeinem Innern uͤberzeugt ſeyn konnte, Anng würde durch dieſen Juͤngling eine gluͤcktche N 400 Gattin. Der Entſchluß der Abreiſe Annens mit William wurde gefaßt und ausgefuͤhrt, ich ſelbſt war dazu behuͤlflich und bin es uͤberzeugt, daß mir mein Bruder danken wird, als haͤtte ich ihm einen großen Dienſt erwie⸗ ſen. Die Berklei begleitete Annen und ihren Sohn. Wie gern verbaͤnde ich mich mit ihr, wenn ſie den Vorſatz, ſich nicht wieder zu verbinden, nicht gefaßt hätte. Nicht mehr wage ich es, ihn anzugreifen und zu erſchuͤt⸗ tern. So iſt's und Gott iſt Zeuge, es iſt nicht anders. Glaubſt Du, daß ich unedel pandeln koͤnnte? Daß die fromme Frau bei mir bliebe, wenn ich Miene dazu machte? Ach, eine Tugend, die man in funfzig Jah⸗ ren von Suͤnde und Laſter rein bewahrte, die iſt uns zum Heiligthum geworden, wir geben ſie in einem Alter fuͤr Sinnliches nicht preis, wo das Grab unſere Blicke auf ſich zieht und das Auge ſich vom Staube mehr und öfter wie ſonſt zum Him⸗ mel erhebt. Ein Mann bin ich und kein 104 faſelnder Juͤngling mehr, Leichtſinn und Ir⸗ religisſitaͤt war nie mein Fehler, ich glaube an einen Richter, und eine Unſchuld, die ich je betrog, flucht mir nicht und weint uͤber mich keine bittere Thräne. Aber es muß, es ſoll eine Aenderung eintreten, und ſollte ich ſie mit der Ruhe meines Lebens erkaufen und ſollte ich mich von der herrlichen Berklei wieder trennen muͤſſen, wenn ſie mir die Hand zum ehelichen Bunde nicht reichen will. Sie war es bisher, die Roſen auf meine Pfade ſtreute, die meine Muͤhen verſuͤßte! Dies Gluͤck goͤnnt mir die Welt nicht, ſie will es mir rauben! Den boͤſen Verdacht kann ich nicht ertragen, ſo rein auch mein Gewiſſen iſt, ich muß mich davon reinigen und will's, ſo weit ich's kann und die argen Monſchen mir glauben.“ Sir Robert ſing an zu kraͤnkeln und ſeinem Leben drohte Gefahr. Seine treueſte Pflegerin war die Berklei. Ganze Nächte 102 brachte ſie wachend bei ſeinem Bette zu. Er erkannte ihre innige Liebe und dankte ihr herz⸗ lich. Niemand freute ſich uͤber ſeine Wieder⸗ geneſung mehr, als eben ſie. In einer recht feierlichen Stunde, wo er mit ihr allein war und ſie Beide mit einander uͤber Leben und Tod, uͤber Zukunft und Unſterblichkeit ſpra⸗ chen, da warf er die Frage auf:„Sagen Sie aufrichtig, ob Sie feſt entſchloſſen ſind, den Bund der Ehe mie mit mir einzugehen? Ich bin in einem Verhaͤltniß, wo ich Sie um eine entſcheidende Antwort bitten muß“— „Sir Robert,“ erwiederte ſie,„welch einen Sprung machen Sie, wie weichen Sie auf einmal von unſerm Thema ab. Was ſoll ich Ihnen fuͤr eine Antwort geben, die Sie ſich nicht ſelder geben koͤnnten. Nur fordern Sie nichts Unmoͤgliches von mir, Sie wiſſen es, wie ſchwer es mir iſt, es nicht erfuͤllen zu koͤnnen“— Sir Robert fuhr fort: „Wie guͤtig, wie wohlthätig waren Sie in meiner Krantheit gegen mich! Ihre Naͤhe, 103 Ihre Pflege half mir mehr als alle Arzenei. Rechnen Sie auf meinen ungemeſſenen Dank. Aber haͤtten Sie das Alles, was Sie für mich aufopferten, fuͤr mich thaten, nur aus Pflicht gethan? Ach, die bloße Pflicht ohne Ließe, die uns dazu treibt, erſchien mir immer als ein kahles, kaltes Ding, moͤgen auch alle Philoſophen in der Welt ſie als das hoͤchſte Erreichbare preiſen. War die Thraͤne, die⸗ ich oft in Ihrem Auge ſchimmern ſah, wenn Sie mich mitleidig anblickten, auch ein Er⸗ zeugniß der Pflicht und nicht des Gefuͤhls? Sie wollen ſich ſelbſt nicht verſtehen, Sie wei⸗ ſen die Forderungen ihres Herzens von ſich, und warum? Um einer Chimaͤre willen. Sie köͤnnten mich ſo gluͤcklich machen und— wollen es nicht. Sagen Sie mir doch, wenn Sie mich vöm Tode retten konnten, koͤnnten Sie ſich dann nicht zu der Verbindung mit mir entſchließen, wollten Sie mich lieber ſter⸗ ben ſehen, ehe Sie Ihren Vorſatz aufgeben, der doch wahrlich nicht auf ſolchen Gruͤnden 1 104 ruht, welche die Religion und Vernunft recht⸗ fertigt. Verzeihen Sie, theure Berklei, wenn ich mich zu hart ausdruͤcke und ſchreiben Sie dies allein dem Schmerze einer hoffnungslo⸗ ſen Liebe zu. Keine Antwort auf meine Frage? Keine?“ Sir Robert ſah die Berklei forſchend an, er ſprach kein Wort mehr und ihre Mienen verriethen es ihm, daß ihr Inneres in hefti⸗ ger Bewegung war. Ihre Wange wurde roth und gluͤhte. Sie faßte Robert an die Hand und ſagte:„Edler Freund, verzeihen Sie meiner Aufrichtigkeit, wenn ich nicht an⸗ ders rede wie ich denke und empfinde. Aus reiner Liebe, die kein eigenes Intereſſe hat, der nur des Naͤchſten Wohl das Ziel des frommen Strebens iſt, war ich in Ihrer Krank⸗ heit fuͤr Sie ſo geſchaͤftig. Was iſt ſuͤßer als der Beiſtand, was belohnender als die Huͤlfe, die man ſeinem Wohlthaͤter leiſtet! Ich kenne Heiligeres und Goͤttlicheres in mir, was mich 105 zur frommen Thätigkeit begeiſtert, als das Geſetz der Pflicht. Wie ſtark und fähig fuͤhle ich mich, Ihnen weit groͤßere Opfer zu brin⸗ gen. Aber, aber, mein guter Workwich, nun, da ich bei Ihnen in Jamaica bin, da ich mit Ihnen unter einem Dache wohne, ſollten Sie am wenigſten eine Bitte wiederho⸗ len, uͤber die ich mich in London ſchon er⸗ klaͤrte. Wenn ich das voraus ſah, was ich nun weiß, es iſt ungewiß, ob ich mein Va⸗ terland verlaſſen haͤtte. Sie ſetzen mich in eine große Verlegenheit, daß Sie ſich mit dem Danke, mit der Liebe, zu der ich mich gegen Sie verpflichtet fuͤhle, nicht begnuͤgen und von mir verlangen, was uͤber die Grenzen meines Vermoͤgens hinausgeht. Moͤchten Sie den Kampf meines Herzens ſehen, Sie wuͤrden mich bemitleiden. Mit der nähern Kenntniß ihres Charakters hat meine Achtung gegen ſie einen neuen Zuwachs erhalten und die groͤßere Summe Ihrer Wohlthaten hat mei⸗ nen Dank vermehrt und mich zu einer groͤ⸗ 106 ßern Schuldnerin gemacht. Ach, recht himm⸗ liſch erſchienen Sie mir, wie die ewige Guͤte, die bei ihren Gaben keine andere Ruͤckſicht, als die Befoͤrderung des fremden Wohls hat, die nur aus reiner Liebe giebt und weiter keinen Lohn verlangt, als das Gluͤck, was ſie um ſich her verbreitet. Truͤben Sie dies ſchoͤne Bild nicht in mir, laſſen Sie es klar und helle ſcheinen. Wenn ſich's anders ge⸗ ſtaltete und geſtalten muͤßte, ich wuͤrde viel einbuͤßen. Sie ſind in einer aufgeregten Gemuͤthsſtimmung, meine Gegenwart koͤnnte ſie vermehren, da wiegt man Worte nicht. Eins könnte mir wie ein Pfeil in's Herz dringen, und verwunden wollen Sie mich nicht, die Reue will ich Ihnen auch erſparen. Er⸗ lauben Sie, daß ich mich entferne und Sie dem Nachdenken uͤberiaſſe. Fuͤhrt ader auch dieſes in Ihrer Seele keine andern Reſultate herbei und behorren Sie bei Ihrem Vorneh⸗ men, ſo muß ich fort, fort muß ich nach London, keine Macht, kein Gefuͤhl haͤlt mich 107 hier feſt, und die ſichere Reiſegelegenheit ver⸗ ſchaffen Sie mir.“— Sir Robert konnte vor Schmerz nicht reden, aber er ſah es, daß große Thraͤnen uͤber die Wangen der tief er⸗ ſchuͤtterten Berklei rollten und voll Wehmuth ſah er ihr nach. Sie einholen, ſie um Ver⸗ zeihung bitten, Verſprechungen machen, die er nicht zu halten vermochte, das konnte er nicht, er fuhlte ſich ſogar beleidigt, er zuͤrnte. Sie wohnte ja doch in ſeinem Hauſe, ſie flsh ſeinen Umgang nicht, ſie klagte uͤber Sehnſucht und Langweile, wenn er“ mehrere Tage abweſend war und dann wieder heim⸗ kehrte, ſie druͤckte ihm die Hand und ſah ihn oft mit Augen an, in denen eine himmliſche Freundlichkeit lächelte. Warum cthat ſie das, wenn ſie nicht Wohlwollen und Neigung da⸗ zu trieb! Kam das Aües aus einem kalten Herzen, das der Pflicht des Danks den Hof macht, den er gar nicht verlangte, am wenig⸗ ſten, wenn ihm denſelben eine Frau zollte, der er gar kein Wohlthäter ſcheinen wollte, 10⁸ * welcher ſich mit aͤußern Huldigungen abfin⸗ den laͤßt. Aber ihre Kraft mußte er bewun⸗ dern, mit der ſie ſprach, und den feſten, un⸗ erſchuͤtterlichen Charakter, wenn es darauf an⸗ kam, ſich ſelber Wort zu halten, wo die mei⸗ ſten Menſchen ſchwach ſind und ſich vom Winde der Umſtaͤnde, wie eine Wetterfahne, nach allen Himmelsgegenden drehen laſſen. Wenn ihm ihre Unbiegſamkeit auch das Hin⸗ derniß ſeines groͤßten Erdengluͤcks wurde, achten mußte er ſie doch und er gab ihr des⸗ halb das Lob einer ſeltenen Frau. O, wie ruhig und wie ſelig, dachte er, kann ein Mann ſeyn, der ein ſolches Weib zur Gat⸗ tin hat, die mit der ganzen Inbrunſt der Seele an ihm haͤngt, die ihm auch dann noch, und ihm allein, ungetheilt angehören will, wenn ſeine Gebeine ſchon im Grabe modern! Ach, wir wuͤrden keine Eheſcheidun⸗ gen mehr erleben, ihre Zahl wuͤrde ſich in neuern Zeiten nicht ſo vermehren, Zucht und Sitte, Keuſchheit und Unſchuld wuͤrde die ———————— ————————————————— 109 Ehre unſeres Geſchlechts werden, wenn die Berklei das Muſterbild fuͤr Alle wäre. Aber deutlich hatte es Sir Robert wahrgenommen, das fiel ihm jetzt erſt ein, daß ſie offener und guͤtiger, hingebender gegen ihn war, wenn ihm eine kleine oder groͤßere Unannehm⸗ lichkeit begegnete, wenn ſie ihn leiden ſah. Wie geſchaͤftig war ſie dann mit ihrer freund⸗ lichen Zuſprache, wie ſuchte ſie da das Bittere zu verſuͤßen und das aus dem Wege zu räu⸗ men, was ihn mehr verſtimmen konnte. Auf die Frage, ob ſie ihm ihre Hand geben wolle, wenn ſie ihn vom Tode retten koͤnne, war ſie ihm die Antwort ſchuldig geblieben. Sie ſchien nach ihrer Geſinnung den mitleidsvol⸗ len Seelen zu gleichen, welche von ihren ge⸗ liebten Freunden die durch ihr Wohlwollen auszeichnen, welche von ſchmerzhaften Leiden niedergedruͤckt ſind. Er wuͤnſchte ſich irgend ein Ungluͤck, was ihre Theilnahme in einem hohen Grade erweckte und glaubte, daß es ihm, wenn ſie in dieſer Stimmung waͤre, 110 vielleicht moglich wuͤrde von ihr das zu er⸗ halten, was ſie ihm ſtandhaft verweigerte, ſo lange er nicht vom Schickfal angefochten wuͤrde. Es ging Sir Roberten, wie Tau⸗ ſenden, denen in der Nacht der Zweifel und Ungewißheit, die ſie beſtuͤrmt, immer noch ein Strahl der Hoffnung bleibt, damit es nicht finſterer in ihnen wird, nach dem ſie, wie der« Schiffer auf dem klippenvollen Meere, ihre Augen, wie nach einem Leuchtthurm rich⸗ ten und waͤhnen, den ſichern Hafen zu erreichen. Mit hochbetruͤbtem und zetriſſenem Her⸗ zen, das Auge voll und die Wange naß von Thraͤnen, eilte die Berklei nach dem Gar⸗ ten. Da dachte ſie allein zu ſeyn, um ſich ihren Gefühlen ungeſtoͤrt uͤberlaſſen zu kon⸗ nen; um die verlorne Ruhe wieder zu gewin⸗ nen; um einen entſcheidenden Entſchluß zu faſſen und ſich auf die Trennung von Ja⸗ maica vorzubereiten. Sie wiederholt⸗ beſon⸗ ders die letten Worte Workwichs, ſie fahd 11¹ ſie hart, aber natuͤrlich, ſie werzieh ſie bem ſchmerzvollen Herzen eines Mannes, der ſeine liebſten Hoffnungen geſcheitert ſah, auf deren Erfuͤllung er rechnete. Als ein Haupthinder⸗ niß ihrer ſchnellen Abreiſe ſtellte ſich ihr auch die Trennung von William und Annen ent⸗ gegen. Was ſollte insbeſondere aus dieſer werden, wenn ſie ſie verließ! Und wie wuͤrde man ihre Ankunft in London aufnehmen, wenn ſie von dem jungen Maͤdchen ging, wo man ſicher glaubte, daß eben ihre Begleitung demſelben das Weggehen von ihren Eiltern erleichterte. Der Gedanke fiel ihr wohl ein, daß Alles eine heitere Anſicht um ſie ge⸗ wann, daß ſie Viele gluͤcklich machte, wenn ſie Sir Roberten ihr Jawort gab, den ſie als den beſten Menſchen ehrte und liebtez aber durch andere Vorſtellungen ſuchte ſie ſeine bewegende Kraft zu ſchwaͤchen und auch durch die, was man von ihr halten werde, wenn ſie die Feſtigkeit ihres Charakters ver⸗ dächtig und zweifelhaft nachte. 1¹2 Sie ging in ſchweren Gedonken, ſie Lonnte in ſich zu nichts Gewiſſem kommen, Zweifel und Bedenklichkeiten trugen ſie auf ihren Wogen, als ſie eben um eine Ecke im Garten vog, und wie hingezaubert ſtand William, der ſeine geliebte Anna am Arme fuͤhrte, vor ihr. Sie erſchrak, ſie wuͤnſchte ſich hinweg, in dieſer Erſchütterung des Ge⸗ muͤths wollte ſie vor dieſen jungen Leuten nicht erſcheinen. Die Mienen beider Lieben⸗ den erheiterte ein freundliches Lächeln, es war der Spiegel, in dem man das Gluͤck ſah, was ihr Inneres belebte. Ihr war, als ob ſie aus der dunkelſten Nacht ploͤtzlich in den hellſten Tag träte, deſſen Licht unſere Augen ſchmerzlich blendet. Außer ihr die Wonne und in ihr das Leid. Eine truͤbe Wolke überzog auf einmal die Stirn ihrer Kinder, als ſie die Thraͤnen der Mutter, ihr verſtoͤrtes Auge, die blaſſe Wange, die bebende Lippe ſahen. Sie ahne⸗ * — 113 ten ſogleich, daß ihr Trauriges oder Widriges begegnet ſey. Verſtellen, Andere unſere Ge⸗ fuhle unſichtbar machen, laͤcheln, wenn es in uns weint, das konnte ſie nicht, dazu fehlte ihr die Zeit, ſie war uͤberraſcht. „„Mutter, was iſt Dir?“ fragte William. „Du haſt geweint, was iſt Dir begegnet, verſchweige es uns nicht! Sind Briefe aus England angekommen, die uns Trauriges ver⸗ kuͤndigen? Ich fuͤrchte es! Die Strafe folgt der That! Ach, wie ſchnell verwandelt ſich unſere Ruhe in Unruhe, unſere Freude in Schmerz! Eben war ich mit Annen, durch Hoffnungen gehoben, ſo gluͤcklich und nun! Mutter, was iſt's denn?“ Eine Unwahrheit wollte die Berklei nicht ſagen und ſprach ſie die Wahrheit, ſo kannte ſie den Beſcheid, den ihr William geben wuͤr⸗ de, der mit Sir Robert vollig uͤbereinſtimmte. Sie war in großer Verlegenheit. Ohne vie⸗ 1I. 86 144 les Ueberlegen und Wortewiegen, zu der ihr die noͤthige Ruhe genommen war, ſprach ſie: „Aengſtigt Euch nicht, es ſind aus England keine Briefe angekommen und kommen die, ſie werden nichts enthalten, was Euch ſtraft. Gott weiß es, an einer unerlaubten That habe ich nie Theil genommen. Was mich ſo außer Faſſung geſetzt hat und mich ſo tief betruͤbt, das geht mich allein und Sir Robert an. Eine ſehr ernſte Unterredung knuͤpfte er mit mir an, er wiederholte eine Frage an mich, die ich ihm ſchon oft beantwortet habe. Endlich mußte ich ihm einen Beſcheid geben, der ihm weder Zweifel noch Hoffnung uͤbrig läßt. Sein Betragen muß entſcheiden, ob ich länger hier bleiben kann oder nicht. Das iſt Alles, ſonſt iſt nichts vorgefallen.“ „Mich verlaſſen, von mir gehen, das könnteſt Du?“ ſagte Anna.„Mutter, Mut⸗ ter, was ſoll ich von Deiner Liebe glauben! An Deiner Hand ging ich nach Jamaica 115 und Du wilſt nach England zuruͤck und ohne Dich ſoll ich hier bleiben? Ein großes Opfer haſt Du mir gebracht, Du weißt's, wie ich Dir dafuͤr danke und Guͤte und Wohlthat, die Du mir erwieſeſt, koͤnnteſt Du in Härte und Graufamkeit verwandeln? Wenn Du Dein Beſtes wahrnimmſt, darfſt Du keine Ruͤckſicht auf das meine nehmen? Welchen Empfang erwarteſt Du von meiner Mutter, mit weſchem Kunmer und Verdruß wirſt Du ihr Herz beſchweren! Ach wenn Du ſo handeln koͤnnteſt, dann thateſt Du beſſer, daß Du mich mit beiden Haͤnden in London zuruͤckhielteſt, ſtatt daß Du mir die Ueberfahrt nach Jamaica, die Trennung von meinen Eltern, erleichterteſt! Denkſt Du nicht auch an Deinen Sohn? Soll der On⸗ kel in gerechtem Unwillen das zuruͤcknehmen, was er ihm aus freiwilliger Guͤte gab? Ach, kann eine zärtliche, liebevolle Mutter ihre Kinder ſo ungluͤcklich machen?“—„Nicht ſo heftig, liebe Anna,“ ſagte William, ob er 116 ihr auch im Innern recht gab,„ruhig, Du ſiehſt, die Mutter leidet und Deine Worte klingen, wie Vorwuͤrfe, die ihr eben jetzt ver⸗ wundend bis in das Mark des Herzens dringen. Laß mich allein reden. Er ſprach alſo zur Mutter:„Daß es endlich zwiſchen Dir und Sir Robert zu ſolchen Auftritten kommen wuͤrde, das habe ich laͤngſt und nicht ohne ängſtliche Beſorgniſſe, voraus geſehen. Bewundert habe ich die unveränderliche Liebe, mit der er an Dir haͤngt. Eine ſolche Treue, eine ſolche Beſtändigkeit, die in einer ſo lan⸗ gen Reihe von Jahren ſich erhielt, die in's fruͤhe Jugendleben hineingreift, muß jedes Herz bewundern und rühren, das noch Ge⸗ fuͤht fuͤr Edles und Herrliches hat. Soll dieſe Liebe nun zu wanken, ſchwächer zu wer⸗ den anfangen, da ſie durch Deine Naͤhe, durch Dein frommes göuͤtiges Verhalten, durch Deine Gefaͤlligkeit, durch Dein Wohlwollen, was er in den hoͤchſten Graden verdient, täg lich neue Nahrung empfaͤngt? Verlange auch ——,—— . „ S 117 das Unmoͤgliche nicht. Wohlan, verſage ihm auf immer Deine Hand, die Folgen, die aus Deiner Weigerung eniſtehen, laſſen ſich be⸗ rechnen, ich ſchweige davon. Doch darum bitte ich Dich, thue das nicht aus Pflicht, wozu Dein Herz Dich nicht treibt⸗ Große Opfer haſt Du mir gebracht, ich preiſe Dich dafuͤr, aber dies verlange ich nicht, ich for⸗ dere es nicht, es wuͤrde den Grund zu einem ſo ungluͤcklichen Leben in mir legen, auf deſ⸗ ſen Fortbeſtehen ich gerne verzichte.“ „Wenn Sir Robert Dich nochmals um Deine Hand bat, und wie ich's nun wuͤn⸗ ſche und hoffe, zum Lebtenmale, und Du haſt ihn zuruͤckgewieſen und es ſteht in Dir feſt, daß Du ſie ihm nie, unter keiner Be⸗ dingung, geben kannſt: ſo handelſt Du ganz recht, daß Du nach London zuruͤckgehſt. Wozu die Pein verlaͤngern, welche Du ihm und Dir auflegſt! Aber kann man es mit einer eingebildeten Tugend nicht auch zu weit 118 treiben, daß ſie in Ueberſpanntheit ausartet? Was die Vernunft nicht billigt, das muß das Herz ſich auch nicht erlauben. Wäre Sir Robert ein Mann von gewoͤhnlichem Sclage, begruͤndete ſein anſtoͤßiges Betragen in Dir eine ſchuldige Abneigung gegen ihn, ſo ſollte das Wort verwuͤnſcht ſeyn, das ich fuͤr Deine Verbindung mit ihm redete. Wer für einen verwerflichen Menſchen ſpricht und ſich zum Vertheidiger ſeiner Laſter aufwirft, der fällt mit ihm in gleiche Verdammniß. Aber Du ehrſt Sir Robert, Du fuͤhlſt dank⸗ bare Neigungen gegen ihn, er hat ſich als den wohlthätigſten Menſchen an uns bewaͤhrt, er iſt der Gruͤnder unſeres Gluͤcks, den könn⸗ teſt Du nicht lieben, mit dem nicht als Gat⸗ tin, verbunden leben? Und geſetzt, es war nicht reines, gottliches Wohlthun, das er uns etwies; geſetzt, die unerloſchene Liebe gegen Dich war die Quelle aller Beweiſe, wodurch ſich ſeine Gute an uns, an mir verherrlichte, daß er mich, bei einer väterlichen Behandlung, 119 zum Erben ſeines großen Vermogens einſetzte, kannſt Du das tadeln, muͤßte es, nach menſchlichem Denken, nicht Deine Gegenliebe erwecken? Du ſcheinſt es nicht zu bedenken, welche Opfer er Dir, ſein Leben hindurch, gebracht hat! War es nicht die Neigung ge⸗ gen Dich, wie man ſie vielleicht nur ſelten unter der Sonne findet, daß er ſich darum nicht verheirathete, weil ihm die Verbindung mit Dir nicht gluͤckte? Das Alles verdient nicht auf die Wagſchale gelegt zu werden, um unſere Schätzung des echten Menſchen⸗ werthes zu beſtimmen, es wiegt nichts, gar nichts?“ Die Mutter war geruhrt, ſie wollte re⸗ den, ſie wollte ſich rechtfertigen, ſie wollte ihm beweiſen, daß es, auch ohne eheliche Verbindung eine Liebe zu einem Manne giebt, die edler, herrlicher Natur iſt, die dieſer ſichtbaren Bahde nicht bedarf, um fortzube⸗ ſtehen und ſich zu bewahrheiten. Ja, ſie 120 wollte es ſagen, daß Sir Robert zu viel ver⸗ lange, wenn er mehr von ihr fordere, daß er ſich bis zu diefer Liehe, die ohne Bund und Schwur, die innigſte, die zaͤrtlick ſte ſeyn kann, nicht zu erheben vermöge. Aber Wil⸗ liam entgegnete, als ſie die erſten Worte ge⸗ ſprochen hatte:“„Guͤtige Mutter, unterbrich mich nicht, erlaube, daß ich ausreden darf. Jetzt ſteht ſo Alles, was ich Dir noch ſagen moͤchte, mit klarer, heller Schrift in meiner Seele, es moͤchte unſcheinbarer werden und ſich verloͤſchen.“ Er fuhr alſo fort:„Es ſoll kein Vor⸗ wurf ſeyn, den ich einem Verſtorbenen mache, welcher die Burde des Lebens von ſich warf, die er länger nicht ertragen konnte; ich ehre meinen Vater der Tugenden wegen, die Du an ihm ruͤhmteſt, ich ſelbſt kannte ſie nicht, meine Jugend war noch zu unverſtändig, als daß ich ihn beurtheilen konnte; aber die Art und Weiſe, wie er von Dir ſchied, ſoll mir —————— 12¹ nie zum Vorbilde dienen. In Armuth und Elend ließ er uns zuruͤck und Deine Liebe zu ihm war groß genug, daß Du ihm auch das nicht uͤbel anrechneteſt. In welchen Kummer, in welche Noth waͤren wir verſun⸗ ken, wenn die Hand der edeln Workwichs, die das Verdienſt des Vaters in dem Sohne ehrten, uns nicht milde Gaben ſpendete und keinen Dank verlangten ſie dafuͤr, ſie dankten vielmehr Dir, daß Du ohne Straͤuben ihre Geſchenke annahmſt. Sind Deine Kinder nicht durch dieſe beiden Maͤnner gluͤcklich ge⸗ worden, Deine Eliſabeth und ich? Hat mein Vater Dich je geliebt, wie Du ihn liebteſt, und uns, wie Du uns auch im Grabe noch ihn lieben lehrteſt, könnteſt Du ſeine Stimme hoͤren, ſie wuͤrde Dir aus dem Geiſterreiche zurufen: gieb Sir Robert Deine Hand, er hat's um Dich und meine Kinder verdient! Und wuͤrdeſt Du dieſer Stimme Dein Ohr verſtopfen, Dein Herz verhaͤrten? Liebte er Sir Robert nicht als einen Bruder? Iſt 1. 122 Dein Bild, das er dem herrlichen Mann gab, nicht in Roberts Händen? Zürnte er eiferſuͤchtig auf Roberts Liebe gegen Dich, als er mit einem ſichtbaren Leibe noch im Staube wandelte und ſein Geiſt ſollte Deiner Ver⸗ bindung mit ihm zuͤrnen? Nein, er zuͤrnt, daß Du ſie verweigerſt. Wohl glaube ich's, auch ohne Ehe kann zwiſchen Mann und Weib eine reine, fromme, untadelhafte Liebe beſtehen, aber ſie iſt ohne heiligen Verband, ſie haͤlt nicht feſt zuſammen, ſie kann ſich leicht trennen und ſcheiden und, wenn ſie Statt findet, warum ſoll ſie nicht auch vor der Welt, als eine geſetzliche, als eine ſolche erſcheinen, die der Welt die innigſte Verbin⸗ dung und Uebereinſtimmung freier Seelen bekundet?“ „Bei Sir Robert, von dem Du Dich trenneſt, wenn Du nach England gehſt, dem Du das Herz zerreißeſt, vor dem Du fliehſt, als ob er ein Feind waͤre, der nur Dein — —— — — —— — 123 Verderben ſucht, bei dem kann ich auch nicht bleiben, ſeine großmuͤthige Guͤte wuͤrde mich zu Boden ſchlagen. Wie kann ein Sohn, der nicht ganz ſtumpf und fuͤhllos iſt, ferner noch Wohlthaten von einem Manne anneh⸗ men, den die Mutter von ſich weiſt, wenn er ihr ſein Heiligſtes, ſein Theuerſtes, was er hat, anbietet! Anna folgt mir nach, ſie geht einer Suͤnderin gleich, der man in Gnaden verzeiht, in ihr Vaterhaus zuruͤck, um ſich einem Gram zu uͤberliefern, der, wenn er ſie nicht ſchnell tödtet, ſie langſam verzehrt. Und, welchen Urtheilen willſt Du ihre Ehre Mreis geben! Das Alles bedenke und ſiehe dann zu, daß Du keinen Schritt thuſt, der Dich bitter gereuen könnte und welcher ſich durch die blutige Reue nicht ungeſchehen machen läßt. Ich bitte nicht fuͤr mich, fuͤr Dich ſelbſt bitte ich.“. Als William ſchwieg, ſagte die Mutter die wenigen Worte:„Sohn, Du magſt Recht 124 haben; aber ich habe auch nicht Unrecht und furchte die Strafe eines hoͤhern Richters nicht. Ein Jeder folge ſeinem Gewiſſen und achte der Menſchen nicht, die ihm eine Handlungs⸗ weiſe vorſchreiben, welche ſeine Uebeezeugung einer Suͤnde bezuͤchtigen, die haͤrter geahndet wird, als wir's glauben. Auf fremden Schmerz ſoll man ſeine Freude nicht bauen und von Anderk nicht Opfer fordern, die ſeine Ruhe gefährden und ſeine ſo lange be⸗ hauptete Tugend erſchuͤttern. Das iſt wahr⸗ lich die rechte Mutterliebe nicht, die ſich von den Kindern zu Fehltritten verlocken läßt.“ Nit langſamen Schtitten, den Kopf zur Erde niedergeſenkt, wie in tiefe Träume ver⸗ ſunken, kam Sir Robert den breiten Garten⸗ weg herauf gegangen. Der Berklei ſchlug das Herz ängſtlich, als ſie ihn ſah, ihre Rede ſtockte, ſie ſchwieg plötzlich und William ſagte, von heftigem Schmerz ergriffen:„Wer von uns Liebe und Theilnahme fuͤhlt, der gehe „ ————— —,—ĩ— 7 125 dem herrlichen Manne entgegen; er iſt es werth, wenn er trauert und bekuͤmmert iſt, daß wir ihn aufrichten. Ach, Mutter, Mutter, koͤnnte ich, was Du vermoͤchteſt, ein Wunder thate ich an ihm und verwandelte ſeine Trauer in Freude! Edel iſt's, dem Leidenden beiſtehen und ſeine Seufzer ſtillen.“ Sir Roberts Miene verkuͤndete innere Ruhe und Gram Kein Mißmuth, kein Zorn blitzte aus ſeinen Augen. Kein ruͤſtiges Streben, das wie gewaffnet erſcheint, aͤußere feindliche Angriffe von ſich abzuhalten, eine geheime Rache zu kuͤhlen, bemerkte man an ihm, vielmehr jene gelaſſene Ergebung, die ſich in das gewaltige Scickſal fuͤgt, was ſie nicht zu aͤndern mag. Dieſe Stimmung des Gemuͤths verrieth ſich durch ſeine gewoͤhn⸗ liche freundliche Miene und durch ſeine Rede beſonders. „Gewiß, liebe Berklei,“ ſprach er,„ha⸗ c ben Sie kein Geheimniß aus unſerer letzten Zuſammenkunft gemacht, die ich Ihnen durch meine Bitte um ihre Hand gewiß zu einem hoͤchſt unangenehmen Auftritte machte. Es thut mir leid, daß ich Sie ſo betruͤben konnte; aber das volle Herz kann die Berechnungen des Verſtandes nicht anſtellen, es uͤbereilt und vergißt ſich bisweilen, wird mit Aeuße⸗ rungen laut, die Andern mißbehagen, das aber muß man ihm nicht ſo uͤbel nehmen. Sie glaubten, daß ich zornig werden koͤnnte und darum gingen Sie von nur weg; aber das bin ich nicht geworden, nur. traurig, als ich feſt an den Untergang einer Hoffnung glau⸗ ben mußte, deren lette Strahlen mich noch beſchienen und meinen Glauben an ein Moͤg⸗ liches nicht ganz ſinken ließen. Nun aber bin ich meiner Sache ganz gewiß, ſie haben mir auch keinen tröſtenden Zweifel mehr ge⸗ laſſen und auch dafür bin ich Ihnen Dank ſouldig. Des ſchwöte ich Ihnen, nicht der leiſeſte Laut einer Bitte um Gegenliebe 127 ſoll je wieder uͤber meine Lippen gehen, das betheuere ich Ihnen. Ein Anderer, als ich, haͤtte ſchon laͤngſt davon geſchwiegen. Unſer Verhaͤltmß, das achtungsvolle, freund⸗ ſchaftliche, wie es bisher beſtand, laſſen Sie auch ferner fortdauern, ob es auch, nach meinem innerſten Gefuͤhl, fuͤr mich nun eine ganz andere Farbe annehmen muß, ich meine, eine ernſtere, eine nicht mehr verheißende. Auf keine Weiſe werden ſie mich anders fin⸗ den, wie bisher, vielleicht nicht fo aufgeweckt und wortreich, wie vorher. In meiner Seele folgt kein Haß auf die Liebe. Unmögliches forderte ich von Ihnen, das ſie nicht leiſten konnten, wie ſollte ich ſie darum haffen! Wol⸗ len Sie ihre Drohung erfuͤllen und nach London zuruͤckeilen, ſo liegt mir die Pflicht ob, Alles, was in meiner Kraft ſteht, zu thun, um ihre ſichere Ueberfahrt zu bewirken; ja, ich gebe Ihnen die beſte Begleitung in ihrem Sohne mit, der ſich dazu gewiß freu⸗ dig bereit fuͤhlt, ſeiner geliebten Mutter dieſen ——— 12 Dienſt zu erweiſen; Anna aber, wenn ſie mir folgt, bleibt hier. Sie weiß es, unter den obwaltenden Umſtänden wachſen fuͤr Sie in London, ſelbſt im Vaterhauſe nicht, keine Roſen. Sie, geehrte Berklei, mit Zwang, Verdruß und Widerwillen, welcher ſchweigt, an Jamaica zu feſſeln, das giebt meie Menſchlichkeit nicht zu. Sehen Sie, Sie ſind ungebunden und duͤrfen auf mich keine R ucſicht mehr nehmen. Ueberlegen Sie ſelbſt, was Ihnen ihr Verſtand und ihr Herz, als das Beſte, ein giebt, ich mag und darf öber ihren Entſchluß nicht beſtimmen. So haͤtte ich denn ausgeredet und uber die⸗ ſen Punkt Ihnen weiter kein Wort mehr zu ſagen.“ Die Ruhe, der Ernſt, die Beſtimmtheit, mit der Sir Robert ſprach, machte einen tie⸗ fen und erſchutternden Eindruck auf die Ge⸗ muͤther. Die Berklei, angegriffen von der Rede ihres Sohnes, niedergeſchlagen von Ro⸗ 129 berts Worten, der ſich von ihr losgeſagt hatte und ihr den freien Willen ließ, thun und laſſen zu können wie ſie's fuͤr gut fand, gerieth in die peinlichſte Verlegenhett. Es ſchien ihr jetzt unmoͤglich zu ſeyn, fernere Beweiſe der Guͤte von einem Manne anzu⸗ nehmen, der in dieſem Tone mit ihr ſprechen konnte, und doch bedurfte ſie derſelben, und doch erſchien er ihr auch in dieſer andern Ge⸗ ſtalt als der achtungswertheſte Menſch, der Herr ſeiner ſelbſt bleibt, ſo ſchwer es ihm gemacht wird, der ſich von ſeiner Leidenſchaft nicht unterjochen läßt. Schweigend blickte ſie umher, als ob ſie einen Zuſpruch, eine Aufforderung, einen Rath von irgend Je⸗ mand hoͤren wollte, aber es blieb Alles um ſie ſtille, und darin fand ſie eine Mißbilligung ihres Betragens gegen Sir Robert. „Wilſt Du mein Begleiter nach Eng⸗ land ſeyn?“ fragte ſie in einer Art von Ver⸗ zweiflung ihren Sohn, der ihr die Antwort 9 — 130 gab:„Wozu willſt Du Dich und mich ver⸗ geblichen Gefahren, die Allen zur See dro⸗ hen, ausſeben, da Du hier in ſicherer Ruhe leben kannſt?“ Dieſe Worte, in denen fuͤr ſie, da ſie ſo hoͤchſt gereizt war, ein abſchlaͤgli⸗ cher Beſcheid lag, entflammte ihren Unwillen, verſtärkte ihren Schmerz und ſie ſtieß die Rede aus:„Trug ich Dich nicht mit Gefahr meines Lebens unter dem Herzen, gebar ich Dich nicht mit Aengſten und Du willſt von Deiner Mutter weichen?“—„Mutter,“ ſprach er,„dieſer Erinnerung an meine Kin⸗ despflicht bedurfte es nicht, ich verließ Dich nicht! Durchbohre mit Vorwuͤrfen mein Herz nicht, ſtrafe mich nur, wenn ich's verdiene! Es liegt ein Schiff im Hafen, es ſegelt mor⸗ gen ab, mag mir der Abſchied von Jamaica blutige Thränen koſten, ich begleite Dich bis an die engliſche Kuͤſte, aber weiter nicht, nicht weiter. Soll ich uns als Poſſagiers zur ueberfahrt melden, ſo gehe ich gleich dahin. Ach, daß Du mein herzliches Wohlmeinen ſo Hauſe nachlufolgen. 131 deuten konnteſt!“—„Nein, nein, Onkel,“ ſagte Anna, indem ſie ihren William um den Hals fiel und ihn mit beiden Armen um⸗ klammerte,„ich muß mit ihm reiſen, ich will mit ihm leben und ſterben, hier kann ich nicht bleiben!“„ Ihre Thraͤnen floſſen. Sie rief der Berklei zu:„Ach, wie kannſt Du dach uns Alle in dieſe Trauer verſetzen und uns ſo ungluͤcklich machen! Das war ſonſt nicht Dein Sinn! Kann keine Bitte Dich erweichen?“ „Ruhig, ruhig, liebe Anne,“ bat Sir Robert,„beſtuͤrmt die Mutter nicht, laßt ſie erſt zur Beſinnung kommen, nach etli⸗ chen Tagen beurtheilt ſie vielleicht das Ganze anders. Recht boͤſe bin ich auf mich, denn mein iſt die Schuld alein, daß es zu ſolchen Auftritten kam.“ Er faßte die Berklei freundlich bei der Hand und bat ſie und Wiliam, mit ſeiner Braut ihm nach dem . 132 Abſichtlich veranſtaltete Robert für den folgenden Tag eine Reiſe, von der er ſagte, daß er ſie nicht aufſchieben und daß er Wil⸗ liam, mancherlei Geſchäfte wegen, womit er ihn bekannt machen wüſſe, als Begleiter nicht entbehren könne. Vor acht Tagen werde er ſie ſchwerlich beenden. Er bat, daß die Berklei und Anna bisweilen ausfahren, ſich angenehm zerſtreuen, Viſiten annehmen und geben moͤchten, damit ſie nicht von der Lang⸗ weile geplagt wuͤrden. Anna waͤre gern mit⸗ gereiſet, wenn ſie es gewagt haͤtte, die Ber⸗ klei zu verlaſſen. In dieſer Zwiſchenzeit, ſo glaubte Sir Robert und ſagte es auch Wil⸗ liam, werde ſich der Sturm in der Seele ſeiner Mutter legen, er werde ſie ruhiger fin⸗ den und ſie wuͤrde) wie er hoffe, den Plan einer Ruͤckreiſe nach England aufgegeben ha⸗ ben. Di⸗ Berklei war ſehr niedergeſchlagen, als Robert ihr die Hand beim Abſchiede vot, er ſah die Thraͤnen, die ihr in den Au⸗ gen glänzten und mit bebender Lippe ſagte —— 1³3 ſie:„Reiſen Sie nur ruhig, kehren Sie ge⸗ ſund zurück, bei Ihrer Wiederkunft ſollen Sie mich ganz anders finden.“„„ Er entgeg⸗ nete:„Ich wuͤnſche Sie nicht anders zu fin⸗ den, als Sie waren, ehe ich Ihnen Gegen⸗ liebe abringen und Sie gleichſam zwingen wollte, meine Gattin zu werden. Das ſol Ihnen mie wieder begegnen und an mir iſt die Reihe, daß Sie mich in einer andern Ge⸗ ſtalt als der bisherigen ſehen. Es ſoll ja eine Liebe ohne die Liebe geben, wie ich ſie meinte und empfand, ich habe ſo Manches in der Welt gelernt, ſollte ich ſi mir denn nicht auch einuben können?“„ Er druͤckte ihr die Hand recht herzlich und William umarmte ſeine Mutter und Braut beim Abſchiede. Nun, als die Berklei allein und Anna am Nachmittage, auf ihre Erlaubniß, zu Charlotte Cornwell, ihrer Freundin, zu einem Beſuch gegangen war, konnte ſie recht un⸗ 134 gehindert ͤber das Alles nachbenken, was ſich am geſtrigen Tage ereignet hatte. Wie eine helle, unbefleckte Geſtalt aus einer Wolke, die ſie bis jetzt umdunkelte, daß man ſie nicht ganz und völlig betrachten kann, ſo ſtand Sir Roberts Bild vor ihrer Seele. Sie hatte es bisher ſelbſt nicht geglaubt, daß es einen Mann gaͤbe, der einer ſolchen Liebe, eines ſolchen Edelmuths, einer ſolchen gärt⸗ lichkeit faͤhig wäre. Eine zärtliche Neigung, die ſich von fruͤher Jugend herſchrieb, die durch verſchiedene Lebensperioden ſich unge⸗ ſchwächt fort erhielt, die ſich auf allen Pro⸗ ben, auf die ſie geſtellt wurde, behauptete, war doch wohl einer ausgezeichneten Achtung werth. Durchforſchte ſie das Leben des WMannes uͤberhaupt, ſo war nach dem, was ſie von ihm wußte, kein Tadel auf demſel⸗ ben. Die beſten, edelſten Menſchen waren ſeine Freunde. In dem Verhältniſſe gegen ſie und ihre Kinder aber ſtand er da, wie ein liebender, wohlthätiger Engel. Und fragte 135 ſie nach dem erſten und letzten Grunde, der ihn zu dem ausgezeichneten, freigebigen und unermuͤdeten Wohlthäter machte, ſo war's die Liebe, die Liebe, die er fuͤr ſie empfand. Bei dieſem Punkte ſtand ſie eine lange Weile ſinnend ſtille. Was iſt's, ſagte ſie in ſich ſelbſt, und alle Stimmen ihres Herzens redeten, was iſt's, womit du ihm danken, ihn begluͤcken, ſeine Wuͤnſche wahr machen, ſeine Hoffnungen erfuͤllen kannſt? Deine Gegenliebe, ſonſt fordert er nichts, ſonſt verlangt er nichts, das iſt ihm Alles. Und, liebſt du ihn etwa nicht? Kannſt du es leugnen? Und dringt dich keine Pflicht, wenn's ſeyn muͤßte, ihm ſelbſt große Opfer zu bringen? Ja, ja, der Geiſt Berklei's kann Dir nicht zuͤrnen, wenn du dem Manne deine Hand giebſt⸗ der bei ſeiner verlaſſenen Familie die Stelle eines Verſorgers vertrat! William hat Recht. Kannſt du nach England gehen? So, wie und wer du jetzt biſt, kannſt du es nicht⸗ Wie, bei dieſer Vorſtellung bebte ſie ſchau⸗ — 136 derhaft zutuͤck, wie, wenn es einen Menſchen gäbe, der deinen Aufenthalt bei Sir Robert falſch beurtheilte, der ihn mit ſchmaͤhſüchti⸗ gen Schatten bedeckte, der ihn als einen un⸗ erlaubten Umgang darſtellte, konnteſt du auch das ertragen? Ach, bei den gehäſſigen Urthei⸗ len der Welt, die ſich oft nicht des Beſſern belehren, die ſich nicht vom Gegentheil deſſen überfuhren läht, was ſie glaubt, die man ncht uͤberzeugen kann, weil uns die Mittel dazu fehlen ſchutzt uns das Bewußtſeyn der Tugend und Unſchuld nicht gegen Schaam, Schmerz und Qual. Kannſt du die moögliche Laͤſterung nicht widerlegen? Es ſcheint dich wohl Mancher mit ſeiner Hoͤflichkeit zu eh⸗ ren, der dich in ſeinem Innern verachtet, und dieſe Art der Verachtung iſt es, die keine Rechtfertigung zulaͤßt. Dieſen letzten Gedanken hielt ſie feſt und er war ein Hauptmittel, der ihren Ent⸗ ſchluß wankend machte, ſich mit Sir Work⸗ —.—— ——— — 137 wich nie zu verheirathen. Vielleicht, ſo dachte ſie, hätte er ihn dir ſelbſt geoffenbart, wenn er Worte dafuͤr ſinden konnte, wenn er die Grenzen ſeiner Achtung gegen dich überſchrei⸗ ten wollte.. Es ging in ihr eine Revo⸗ lution vor, die zu Gunſten Sir Roberts ent⸗ ſchied, die wir aus den angefuͤhrten und an⸗ dern Gruͤnden nicht romanhaft, ſondern hoͤchſt natuͤrlich und ſo natuͤrlich ſinden, daß es mit ihr nicht anders kommen konnte. Die Erſcheinung der Madame Cornwell vollendete das Ganze. Nach einer kurzen Unterredung ſagte ſie:„Anna hat mit's ge⸗ ſagt, daß Sie ſo traurig waͤren, ich komme, wenn ich's vermag, Sie zu troͤſten. Gewiß denken Sie ſehnſuchtsvoller an Ihre Lieben nach England zuruͤck. Wenn ſich der Schmerz der Trennung, der anfangs uberwältigend war, in ſich ſelber auch abſtumpft, er er⸗ wacht wieder, er kehrt mit neuer Staͤrke zu⸗ ruͤck, je mehr Zeit uns verfloß und je ſchwe⸗ 138 rer es uns durch Berge und Meere gemacht wird, ein Beduͤrfniß des Herzens zu ſtillen, das durch nichts anderes, als das Wiederſe⸗ hen befriediget wird. Aber, haben Sie nicht auch eine geliebte Tochter hier? Warum Sie ſich aber von London trennten, warum Sie mit Annen hierher kamen, das iſt mir ein Geheimniß, zu dem ich keine Erklaͤrung weiß. Es iſt keine weibiſche Neugierde, die hier nach Aufſchluß verlangt, eine andere Forde⸗ rung, die ich an meine Freunde mache, ſehnt ſich nach Aufklaͤrung. An denen, die ich achte und liebe, wie Sie, meine Berklei, muß mir Alles klar und rein, eben und ohne Falten vor Augen ſtehen, wenn meinem Ver⸗ trauen, was in der Freundſchaft die große Hauptrolle ſpielt, kein Eintrag geſchehen ſoll. Können Sie aber nicht aufrichtig ſeyn, wer⸗ den Sie von beſondern Ruͤckſichten gebunden, wohlem, ſo erlaſſe ich Ihnen die Etklaͤrung und beſcheide mich gern.“ ——— — 139 Nicht ohne Verlegenheit erwiederte die Berklei: Wegen ſeines Betragens muß ſich ein Jeder und auch Andern Rede ſtehen koͤn⸗ ₰ nen, kann er aber das nicht, ſo ſenke er be⸗ ſchaͤmt den Blick zur Erde, fuͤhle Reue und heilige ein ſuͤndtiches Leben. Aber es giebt auch fuͤr die Tugend und Unſchuld. Geheim⸗ niſſe, die ſie nicht aller Welt offenbart und al⸗ lenfalls nur denen, von denen ſie ſich heilig⸗ ſte Verſchwiegenheit geloben kann. Sie dulde ſelbſt den Schein des Unrechts vor den Men⸗ ſchen und mehr gelte ihr das ſtille Bewußtſeyn untadelhafter Froͤmmigkeit, wenn ihre Recht⸗ fertigung nicht anders geſchehen koͤnne, als daß ſie irgend einen Schatten, eine Zweideu⸗ tigkeit auf geachtete Menſchen warf, denen man durch Dank verpflichtet ſey. Indeß wolle ſie ihr ein treues Gemaͤlde ihres lletz⸗ ten Lebens geben und ſie beſorge keines⸗ wegs, doß eine gute Frau dovon einen andern, als den beſten Gebrauch machen konne. Wahr und ohne Entſtellung legte die Berklei der Cornwell das Verhältniß vor lugen, in dem ſie mit Sir Robert ſtand, und verſchwieg die Unterredung nicht, die ſie kurz vor ſeiner Abreiſe mit ihm hatte. „Wollen Sie mir nun auch verzeihen,“ bat die Cornwell,„daß ich nichts verſchwei⸗ gen, daß ich Alles ſagen darf, was die Welt uͤber das benannte Verhältniß urtheilt und was ich ſelber davon denke? Die Freundin ſoll die Wahrheit unverſuͤßt hoͤren, wenn ſie ihr auch noch ſo bitter ſchmeckt. Der Fremde mag uns ſchmeicheln, der redliche Bekannte ſoll ehrlich mit uns umgehen. So will ich's ſelbſt auf die Gefahr, daß Sie mir öffentlich oder im Innern Ihre beginnende Freundſchaft aufkuͤndigen.“ „Sie kömmen mit Sir Robert und William aus England nach Jamaica und bringen Ihre vorgebliche oder wirkliche Tochter 141 mit. William heißt auch Berklei, iſt er der Bruder, der Vetter oder der Braͤutigam An⸗ nens, daruͤber zerbricht man ſich die Koͤpfe ₰ und erlaubt ſich allerlei Deutungen, die ich uͤbergehen will. Nur das Eine findet man ſonderbar, daß Sie uͤber eine Sache, die doch kein Geheimniß und kein Verbrechen ſeyn kann, ſelbſt keinen Aufſchluß geben. Man meint, Sie hätten Gruͤnde, weshalb Sie die Erklaͤrung' verheimlichten und bie Natur derſelben ſpricht fuͤr Ihre Ehre nicht. Doch auch davon kein Wort, ich er⸗ waͤhne nur das, was Ihie Perſon allein betrifft.“ „Sie ſind noch eine Frau in bluͤhenden Jahren, auch Sir Robert iſt noch unveral⸗ tet. Es iſt keinem Zweifel unterworfen, ſagt man, daß William und Anna Geſchwiſter ſind, mit Sir Robert außer der Ehe erzeugt. Da hat ſich nun das Räthſel auf einmal aufgeſchloſſen, warum er nicht heirathete. 142 Dies verzieh man ihm; daß er aber die Ge⸗ liebte in ſeinem Hauſe wohnen läßt, das beweiſet, die Tugend iſt nie ohne Flecken, und der Mann, von dem Jeder glaubte, er ginge ohne Fehl einher, hinkt doch. Noch mehr wundert man ſich aber, daß eine ſo kluge, gebildete, Dem Scheine nach ſo reine, fromme Frau, wie die Berklei iſt, ſich in einem ſol⸗ chen Verhaltniſſe gefallen, daß ſie darin bleiben und nicht auftreten kann, die Ehre vor der Welt zu retten⸗ die einer rechtmäßi⸗ gen, tadelloſen Ehefrau gebührt. Es gehoͤrt doch ein eigener Sinn dazu, um ſo gegen einen Mann zu ſtehen und ohne Errothen und geheime Schaam in Geſellſchaften zu et⸗ ſcheinen, als ob man die Geſetze einer religis⸗ ſen und burgerlichen Ordnung erfuͤllte. Und, liebe Freundin, mit kleinen Unterſchieden bin ich auch der Meinuns des Publicums, ver⸗ zeihen Sie mir das?“ „Gott iſt mein Zeuge,“ ſagte die Berklei,„einen gerechtern und heiligern ken⸗ ne ich nicht und keinen, vor dem ich eine ehrfurchtsvollere Scheu haͤtte, daß dreſes Ver⸗ haltniß, in dem ich mit Sir Robert ſtehe, kein Gedanke entweiht, der mich in der To⸗ desſtunde gereuen und aͤngſtigen kann. Rein und klar ſtehe ich da, wie eine fromme Frau, die das Gewiſſen nicht ſchlaͤgt. Treu war ich meinem verſtorhenen Gatten, bis er ſtarb, und treu bis zu dieſem Augenblicke bin ich geblieben. Um Sinnlichkeit, um keinen Preis der Welt habe ich meine Unſchuld und mein remes Herz verkauft, es war mir theurer als alle Guͤter der Erde, die ich ſonſt noch kenne. Wie koͤnnte ich Sir Robert ehren, achten, wenn er je Suͤnbliches von mir be⸗ gehrte! Und wie verkennt man dieſen ftom⸗ men Mann, wenn man von ihm das nur leiſe ahnen konnte! Kann denn keine Liebe, keine Freundſchaft zwiſchen einer Wittwe und einem unverheiratheten Mann beſtehen, ohne daß das Laſter ſie entweiht? So glaubt's 144 die boͤſe Welt, die keiner Tugend fähig iſt. Nun, meine liebe Cornwell, Sie ſind eine aufrichtige Freundin, deren es nicht wiele giebt, Sie haben mir einen großen Dienſt er⸗ wieſen und berzlich donke ich Ihnen daſür. Wie wichtig er mir iſt, und welcher Achtung ich ihn würdige, das ſollen Sie bald erfahren und— Sie zuerſt.“ Anna wunderte ſich am Abend, als ſie bei der Berklei war⸗ nicht wenig, daß ſie ſie ſo ruhig und faſt heiterer fand, als ſie ſie ſeit langer Zeit nicht geſehen hatte.„Mut⸗ ter,“ ſagte Anna,„wenn ich recht bemerke, Charlotte Cornwell war, eine große Verände⸗ rung in Deinem Innern vorgegangen, die aus Deinem äußern Weſen ſpricht. Deine Stirn hat ſich aufgekläͤrt, Dein Auge ſcheint mir heller, und munterer iſt der Ton Deiner Stimme. Nach dem, was Dir beasgnete und wie es auf Dich wirkte, muͤßteſt Du, ſo iſt während der kurzen Zeit, als ich bei ——————————— S —— ———————— 145 ſo denke ich, ſtiller, truͤber, ängſtlicher ſeyn. Du ſtehſt vor der Ausfuͤhrung eines großen Entſchluſſes, willſt nach England, und Ja⸗ maica verlaſſen, wo Dir ein Himmel ange⸗ boten wird, den Du verachteſt. Tauſche ich mich, oder iſt es Wahrheit, daß ich Dich ganz anders finde?“—„Nein, meine gute Anna,“ erwiederte die Berklei,„Du irrſt Dich nicht, es iſt allerdings anders in mir gewor⸗ den, das hat die Cornwell bewirkt, und ob ich ihr dafuͤr danken kann, das muß die Zu⸗ kunft lehren. Ein ungewiſſes Schwanken der Gedanken und Gefuͤhle wirft uns gleich⸗ ſam auf den Wogen einer ſteten Unruhe um⸗ her, es kann zu keinem Frieden in uns kom⸗ men, ſtiller und ruhiger wird's in uns, wenn es zur Feſtigkeit gekommen iſt, wenn wir uns entſchieden haben und es beſtimmt wiſ⸗ ſen, wie wir mit uns ſelber daran ſind. Endlich iſt's mit mir ſo weit gekommen. Da haſt Du die Erklärung zu der Verwandlung, die mit mir vorgegangen iſt, welche Du ganz III- 10 146 richtig wahrgenommen haſt. Das Eine be⸗ merke ich nur noch, es iſt das Boͤſe oft, wo⸗ durch uns die Menſchen kränken, das zu manchem Guten fuͤhrt.“ „Aber,“ ſagte Anna,„Du haſt mir in Deiner Erklärung ein anderes Geheimniß aufgegtben, was ich noch ſchwerer errathen kann als das erſte.“—„Und welches wäre Las?“—„Daß Du mir den Grund ver⸗ ſchweigſt“ ſprach Anna,„der die Veraͤnde⸗ rung Deiner Gemuͤthsſtimmung erzeugte. Feſt biſt Du in Dir wohl und darum ruhi⸗ ger geworden, das ſagſt Du ſelbſt, und gern will ich Dir glauven, aber wie und wodurch wärſt Du es geworden? Sichert der Ent⸗ ſchluß, den Du gefaßt haſt. nicht bloß Deine Ruhe und ſtuͤrzt Andere, ich meine beſonders mich und William, in eine groͤßere Unruhe?“ —„So eigenfuͤchtig, meine liebe Anna, habe ich nie gelevt Auf dos Ungluͤck Anderer, auf chren Schmerz, habe mein Gluck und 14 meine Freude nie, nie gebaut. Wie könnte ich einer Ruhe genießen, die Euch in Unruhe ſtuͤrzt! Den Grund meiner Verwandlung kann ich Dir mit wenigen Worten offenbaren, ich kann es ohne Schaam, ich werde Sir Robert bei ſeiner Ruͤckkehr die Hand zum ehelichen Bunde reichen, er hat ſchon längſt mein Herz. Ich gebe mich beſiegt.“2 Die Freude Annens uͤber dieſe Entdek⸗ kung war ohne Grenzen. Sie fiel der Ber⸗ klei um den Hals und konnte keine Worte finden, nm ihren Dank auszuſprechen.— „Iſt's nun recht?“ ſagte die Berklein.— „Jo, ja, Mutter, ſo iſt es recht. Angſt und Furcht iſt mir verſchwunden, herrliche Hoff⸗ nungen gehen in mir auf, ich ſchaue mein Gluͤck nicht mehr in dunkler, ungewiſſer Ferne, es liegt wie im KLichtglanze noch vor meinen Augen! O, Du herrliche, Du liebe Mutter! Was wir Alle nicht vermoch⸗ ten, das hat die Cornwell bewirkt! Wie ſoß 5 14148 ich dieſer Frau wohl wuͤrdig danken!“—„Mit ihr,“ bat die Berklei,„ſprich kein Wort da⸗ von. Eine ſehr bittere, durchgreifende, mir in die Seele ſchneidende Arzenei hat ſie mir gereicht, die hat gewirkt. Auch für die Ehre vor der Welt muß man ſtreben, und liegt auch nur ein Staͤubchen auf der Achtung eines Andern, dem wir uͤberdies auch heilige Pflichten ſchuldig ſind, ſo muͤſſen wir's hin⸗ wegwiſchen, ſo viel es uns auch koſtet. Die urtheilende Welt hat ein ſchweres Gericht uͤber meinen Aufenthalt bei Sir Robert ge⸗ halten, moͤge er es nie erfahren. Um der Schmähſucht die Zunge zu laͤhmen, wenn ich auch das von ihr Geſagte nicht voͤllig werde verlöſchen koͤnnen, auch darum gebe ich ihm meme Hand, und wenn ihr, Du und Wil⸗ liom, nicht Aehnliches leiden wollt, ſo kann eure Hochzeit nicht auf eine längere Zeit verſchoben werden. Mit Sehnſucht erwarte ich Briefe aus England.“ —— 149 Am Morgen vor der Ankunft Sir Ro⸗ bert und Williams kamen die Briefe aus Eng⸗ land an. Der Brief vom Vater wurde zu⸗ erſt geleſen. Voll Entzuͤcken rief Anna aus: „Das iſt ein herrlicher Vater, wie es einen ſolchen nicht mehr in der Welt giebt, er hat mir verziehen! Steht meiner ehelichen Ver⸗ bindung mit William nun noch ein Hin⸗ derniß entgegen?“—„Kind,“ ſagte die Berklei, hoch erfreut,„nun wird es auch ruhiger in ſeinem Gemuͤthe werden, ſein Trauern wird ſich legen. Welche Freude können wir den Ankommenden bereiten! Wie wird ſich ihr finſterer Ernſt aufklären!“ Der Brief von der Mutter bezeichnete ihren Schmerz uͤber die Trennung von einer geliebten Tochter und enthielt mehrere bittere Verweiſe, aber die frohe Stimmung in der Seele der Berklei und Annens ließ es doch nicht zu einer tiefen Traurigkeit kommen. Ales, was die Mutter ſchrieb, ſo hart es 150 dem Ohre auch klang, zeugte von Liebe und Vertrouen. Ein Verbot, daß die Jungfrau ſich mit William nicht ehelich verbinden ſollte, den ſie ruͤhmlich auszeichnete, enthielt es nicht. Hätten die Beiden nur gewußt, auf welchem Wege Sir Robert und William nach Kingston zuruͤckkehrten, ſie wären ihnen gewiß entgegen geeilt, um ihnen wichtige Neuigkeiten mitzutheilen. Sir Robert und William ſtaunten bei ihrer Ankunft nicht wenig, als ſie mit lauter Freude empfangen wurden. So hatte Wil⸗ liam ſeine Mutter nicht zu finden geglaubt. Sie machte kein Geheimniß daraus, daß ſie der Heimkehr der Entfernten mit großem Verlangen entgegen geſehen haͤtte. Sir Ro⸗ berten war das Betragen der Frau raͤthſel⸗ haft, er konnte es nicht deuten. Sie ließ kein Wort von einer Reiſe nach England oder ihrem längern Aufenthalte in Jamaica fallen. Niemand hatte das Herz, ſie darnach ——— — — 15¹ zu fragen. Man wollte keine Gewißheit, weil man keine erfreuliche hoffte. Aber Annens Geſicht glaͤnzte vor Freude, Gram und Beſorgniß waren von ihrer Stirn verſchwunden. Sie ſchien zerſtreut zu ſeyn, ein Geheimniß auf dem Herzen zu haben, und ſiockte oͤfter in ihrer Rede. William fagte zu ihr:„Sind Briefe aus England ar kommen? Wenn das iſt, ſo enthalten ſie Erfreuliches, ich leſe es Dir von der Stirn. Deine Eltern haben uns verziehen, iſt's nicht ſo?“—„Jo, ſo iſt's, mein geliebter Wil⸗ liam,“ ſagte die ubergluckliche Anna und fiel ihm um den Hals und ſprach:„Gott bat uns vereinigt und unſere geliebten Ettern wollen uns nicht trennen.“— Im frohen Entzuͤcken rief William aus:„Nun erſt kehrt der Friede, die Ruhe in mein Herz zuruͤck, ohne den es fur mich keine Ruhe, kein Gluͤck giebt.“— Auf einmal aber, als er Sir Roberten anſah, dem die Freude, die 152 fromme Theilnahme aus den Augen leuchtete, indeß ſie bald von dem Gefuͤhl einer innern Wehmuth uͤberwältigt wurde, ſprach William: „Kann ich den Himmel auch preiſen fuͤr mein gutes Geſchick, da ich den theuern On⸗ kel leiden ſehe, dem das Ziel ſeiner liebſten Wuͤnſche wie ein Stern in Nacht und Ne⸗ bel untergegangen iſt?“—„Laß mich, laß mich, theurer William,“ erwiederte er,„Gott hat es ſo geordnet, daß Traurige und Frohe auf der Erde leben! Mein Truͤbſinn muͤſſe Deine Wonne nicht. ſchmalern. Ich habe es Dir ja unterwegs geſagt, was uns das Schickſal nicht gutwillig giebt, das ſoll der Menſch ihm nicht abtrotzen wollen, er wird's mit allen ſeinen Beſtrebungen dennoch nicht erreichen. Vielfach hat ſich eine höhere Guͤte an mir verherrlicht, wäre ich nicht un⸗ genuͤgſam, wenn ich Alles, Alles forderte, was mir auf Erden das Theuerſte iſt?“ „Mutter, Mutter,“ rief Anna aus, —— — 153 ℳ ⸗ „Du kannſt noch ſchweigen? Willſt Du denn den Onkel aus ſeinen ſchwermuͤthigen Traͤu⸗ men nicht wecken, ihm ſeine Freude nicht verkuͤnden? Jeder Augenblick, wo Du ihm ſein Gluͤck nicht verkuͤndigſt, iſt eine Verſuͤn⸗ digung, die Du an ihm begehſt. Rede, ſage es ihm, daß Du auch den erſten und lieb⸗ ſten ſeiner Wuͤnſche erfuͤllen wilſſt. Soll ich die Dolmetſcherin Deiner Gefuͤhle ſeyn? On⸗ kel, die Mutter reiſet nicht nach England, ſie bleibt bei Dir, ſie wird und will ſich nicht von Dir trennen. Und was ſie Dir ſonſt Erfreuliches noch zu ſagen hat, das darf ich nicht verrathen.“ Sir Robert ſah Annen mit großen Au⸗ gen an, er wußte es nicht, ob er ſie recht verſtanden hatte, und wandte ſich mit folgen⸗ den Worten an die Berklei:„Sie bleiben bei uns, Sie wollen uns nicht verlaſſen? Iſt das auch wahr? Darf ich Annen trauen? und was hätten Sie mir ſonſt noch Erfteu⸗ 154 liches zu ſagen, was Anna nicht verrathen darf? Befriedigen Sie meine brennende Neu⸗ gierde. Es flammen Hoffnungen in mir auf! Hoffe ich zu viel?“ Die Berklei nahm das Wort und ſprach:„Sir Robert, an der Wahrheit des frommen Ernſtes, mit dem Sie mich auf⸗ forderten, Ihre Gatun zu werden, kann ich nicht zweifeln. Niedergeſunken iſt die Schei⸗ dewand, die mich von Ihnen trennte. Fra⸗ gen Sie nicht, was dieſe Umwandlung ſo plotzlich in mir erzeugte. Eben in der Ge⸗ muͤthsſtimmung, in der ich jetzt bin, moͤchte mir der Ausdruck fehlen, Ihnen zu ſchildern, was in mir waährend Ihrer Abweſenheit vor⸗ gegangen iſt. An eine hoͤhere, maͤchtige Hand habe ich glauben gelernt, der jedes Mittel zu Gebote ſteht, um unſere Beſchluͤſſe zu vereiteln und uns auf eine Bahn zu leiten, die wir fruͤher nicht und me“ betreten woll⸗ ten. Meine Liebe gegen Sie gleicht der ——— — ——— — 15⁵ Achtung, die ich fuͤr Ihre Tugend hege. Hier iſt die Berklei, fuͤr die Ihr Herz als Jung⸗ ling ſchon ergluͤhte, die durch alle Jahre Ih⸗ res Lebens in Ihrer Seele den erſten Rang behauptete, Sie haben ihr und ihrel. Kindern immer wohlgethan, ſie dankt Ihnen, wie ſie Ihnen vertraut, und Ihnen naͤchſt Gott ihre Zukunft in die Haͤnde legt, hier bin ich und biete mich Ihnen zur Gattin an.“ „Guͤtiger Himmel,“ ſagte Sir Robert in einer betenden Stellung,„habe ich auch ein ſolches Gluͤck verdient?“ Er fiel der Ber⸗ klei ans Herz, er umarmte ſie, er nannte ſie mit liebevollen Namen. Keine Wonne glich der ſeinen. An demſelben Tage machte er ſeinen Freunden ſchriftlich bekannt, daß er ſich mit der Madame Berklei verlobt habe. Den freundlichſten Antheil nahmen Cornwells an dieſem Ereigniß und ſie bewieſen ihre Freude daruͤber durch einen Beſuch. Es war ſehr gut, daß Sir Robert keine von den — 156 Gloſſen hoͤrte, die ſich Andere uͤber dieſe Ver⸗ lobung erlaubten. Es wurde aber nun beſchloſſen, daß auch Williams und Annens Hochzeit, mit der Sir Roberts und der Berklei, in einem Tage gefeiert werden ſollte. Viele Gaͤſte zu dem Feſte, das man nicht auf eine längere Zeit hinausſchob, wurden geladen, und Niemand zweifelte, daß die Zahl der gluͤck⸗ lichen Ehen an dem Tage durch zwei Paar vermehrt waͤre. Gewiß waͤre Anna ganz gluͤcklich ge⸗weſen, wenn ihr die El⸗ tern, wenn ihr der Bruder und Eliſabeth nicht fehlten. So oft ſie an die entfernten Lieben dachte, rollten ihr Thraänen von den Wangen. Wenige Tage nach der Hochzeit ſchrieb man Briefe nach England und meldete die geſchloſſenen ehelichen Verbindungen. Mo⸗ nate hatte man gluͤcklich in der Liebe und ⸗ ——————— „ —,——— 157 im Frieden verlebt, als Briefe aus London zuruͤckkamen, in denen Sir Lorenz meldete, daß ſeine Gattin ſehr betruͤbt und niederge⸗ ſchlagen ſey, daß ſie von ihrer Tochter ſo weit getrennt leben muͤſſe und die Hoffnung nicht haͤtte, ſie je wieder zu ſehen. Auch Eliſadeth haͤrme ſich ſehr. Er that ſeinem Bruber den Vorſchlag, ſeine Handlung und Plantage zu verkaufen und nach London zu ziehen.„Du biſt reich genug,“ hieß es in dem Briefe,„um von Deinen Zinſen hier anſtaͤn⸗ dig leben zu koͤnnen. Die Mitgift, welche ich Annen zugedacht habe, reicht hin, daß William eine Handlung etabliren kann, die ihm hinreichende Beſchäftigung und Un⸗ terhalt gewährt. Komm, komm, mein theu⸗ rer Robert, daß wir in bruͤderlicher Gemein⸗ ſchaft unſere letzten Tage verleben.“ Sir Roberts Gattin ſprach oft von ih⸗ rem Vaterlande und verſchwieg ihm ihre Sehnſucht nach demſelben nicht. Auch Anng 158 geſtond es ihm, doß auch der gloͤcklichſten Gattin, wenn ſie ſo weit entfernt von gelieb⸗ ten Eltern lebe, ein weſentlicher Theil zu ih⸗ rem Gluͤcke fehle. wur William erklärte, ſo gern er ſeiner Gattin gefällig wäͤre, ſeinen Onkel werde und koͤnne er nicht verlaſſen. „Nun,“ ſo erklaͤrte Robert an einem Abend, „auch dieſen Wunſch, daß wir nach England ziehen, will ich erfuͤlen. Laßt mir aber Zeit, meine Sachen zu ordnen, und auch Anna kann in den Umſtänden, in denen ſie iſt, keine Seereiſe machen. Wir reiſen, ſobald alle Hinderniſſe beſeitigt ſind, wenn uns nicht Gott eins in den Weg legt.“ Wer aber fuͤhlte ſich gluͤcklicher als Sir Robert. Ein neues, hoͤchſt heiteres Leben war ihm aufgegangen. Nicht gluͤhende Jung⸗ lingsliebe, der es an Unruhe, an Sorgen und ſelbſt an Verdruß öfter nicht fehlt, erwaͤrmte ſeine Bruſt, es war ein zartes, inniges Wohlwollen, ein herzliches Hinneigen, was *. 159 er für ſeine Gattin empfand. Kefn Zwiſt, der die jugendlichen Gemuͤther trennt, in de⸗ nen ſich die Leidenſchaften noch nicht geſetzt haben, wo das Blut noch in voller Wallung iſt, der fuͤr das haͤuslich eheliche Gluͤck oft ſo ſtoͤrend wird, ob auch nach dem Ktiege ein deſto ſuͤßerer Friede wieder eintritt, ent⸗ zweite die Gatten. Eine beneidenswerthe Ruhe, in der ſich's ſo gluͤcklich lebt, wich nie von ihnen. Erſt jetzt lernte er die herrliche Frau ganz kennen, erſt jetzt ließ ſie ihn tiefer in ihr Herz ſehen und er erkannte es, daß ein edles Weib, was in inniger Uebereinſtim⸗ mung mit dem Manne lebt, ein Engel iſt, der Roſen auf ſeine Pfade ſtreut. Er konnte die Geſellſchaften nun entbehren, wo er ſonſt Zerſtreuung ſuchte und ſeine Abende verkürzte. Die erwuͤnſchteſte Untethaltung fand er an der Seite ſeiner Marie. Bedauernswerth nannte er die Maͤnner, denen nur wohl iſt, wenn ſie dem Hauſe, was ſie wie eine Mar⸗ terkammer fliehen, den Ruͤcken kehren, oder 160 „ an Herz und Geiſt verderbt, die keinen Sinn fuͤr das haͤusliche Leben, keine Liebe zu der. Gattin haben, welche alle Reize, alle Tugenden beſitzt, und dennoch den leichtſinni⸗ gen, unſteten, veraͤnderlichen Gatten nicht zu feſſeln vermag. Die Zeit, wo er nicht bei ſeiner Marie war, hielt er fuͤr verloren. Aber er wurde auch von ſeiner Gattin geliebt und verehrt, wie er's verdiente. Sie geſtand es ihm offen, daß ſeine Tugend und Liebe ſie oft bis zu Thraͤnen geruͤhrt habe. Jetzt ſaͤhe ſie es wohl ein, daß es ſuͤndliche Thorheit geweſen wäre, wenn ſie ihm ihre Hand nicht gegeben haͤtte. Aber die Zartheit ſeiner Neigung, ihre Treue und die unwan⸗ delbare Dauer derſelben muͤſſe ſie bewundern und glaube es nicht, daß ſich eine zweite Frau eines ſolchen Gatten ruͤhmen koͤnne. Marie behielt das Andenken an ihren verſtor⸗ venen Mann immer noch im Gedaͤchtniß, 16¹ aber ſie vermied es gern, mit Sir Robert von ihm zu reden. Sie verzieh es ihm noch, daß er ſich das Leben nahm, weil er Gefan⸗ genſchaft und Schande nicht ertragen konntez aber es wurde ihr unbegreiflicher, wie er bei einer Liebe, wie ſie Sir Robert bewies, ſein Weib und ſein Kind in dem Elende verlaſ⸗ ſen und dieſen Schmerz uͤber ſie bringen konnte. Ohne Tadel und Fehl ſtand ihr jetzi⸗ ger Gatte vor ihr, dem ſie ihre ganze Seele hingab, dem ſie jeden Wink und Wunſch von der Stirn las, um ihn zu erfuͤllen. Und wenn William und Anna eines Vorbildes bedurft haͤtten, wie man das ehe⸗ liche Leben zu einer Schule der Tugend, zu einer Quelle der Freude macht, die dem Her⸗ zen nie gereuen, ſo wurde es ihnen von die⸗ ſem Onkel und dieſer Mutter gegeben. Nach dem Willen Sir Roberts bezogen ſie, bald nach ihrer Verheirathung, ein anderes Haus, was von ſeinet Wohnung nicht weit entfernt 14 162 lag, und einen viel ſchönern Garten hatte. Sie wollten unzertrennlich bei dem Onkel bleiben und die Mutter wuͤnſchte das auch; aber Robert ſagte:„Wenn Ihr allein ſeyd, ſo werdet Ihr Euch inniger an einander ge⸗ wöhnen, Euch noch genauer kennen lernen und einſehen, wie unentbehrlich Ihr einander ſeyd. Es iſt doch noch ein ganz anderes Verhaͤltniß, in dem Braut und Bräutigam, als Gatte und Gattin, mit einander ſtehen und das wird Euch, wenn Ihr allein wohnet, klarer, als wenn Ihr bei uns bleibt. Wenn wir uns nur in der Ferne unſanft beruͤhrten, das wuͤrde mich unendlich ſchmerzen und wie leicht könnte dies geſchehen, wenn wir in der zu nahen Verbindung in einem Hauſe mit einander blieben. Wenn ihr täglich wieder zu uns kommt, ſo iſt Euer Erblicken immer eine neue Freude für uns. Man wird ſich oft auch zu hekannt, zu dreiſt und das fuͤhrt oft zu kleinern oder größern Unannehmlichkei⸗ ten. Was Ihr zu Eurer Haushaltung be⸗ 163 duͤrft, das ſoll Euch von mir, wie von einem Vorer, reichlich gegeben werden. Lernt Euer Hausweſen weiſe einrichten, uͤbt die rechte Sparſamkeit, ohne ſie, wenn Nahrungsſorgen, Verlegenheiten eintreten, wird das eheliche Gluͤck erſchuͤttert und die Liebe elbſt verliert ihre Wonnen.“ 7 Das junge Ehepaar fügte ſich gern in Sir Roberts Willen, weil es ſich leicht uber⸗ zeugte, daß er Recht hatte. Sie lebten ein gar bertliches Leben und das war die größte Freude Roberts und ſeiner Gattin. Er ließ es auch an nichts fehlen, was ihnen Ver⸗ gnuͤgen machen konnte. Ihr Gluͤck blieb ungeſchwächt und wurde ein großeres, da ſich der Bund ihrer Ehe auf Tugend und wahre Liede gruͤndete. Die Achtung und ſorgſame Schaam, die ſie im unverhetratheten Stande einander bewieſen, nahm nicht ab, ſie erhoͤhte ſich vrelmehr und Marie bemerkte das und außerte ſich daruͤber gegen ihre Kinder alſo: 164 „Wie verſtändig ſorgt Ihr doch fuͤr die Dauer eines beſtändigen Gluͤcks im ehelichen Leben, daß Ihr auch einander ſo zart und guͤ⸗ tig, ſo achtungsvoll und zuruͤckhaltend behan⸗ delt. So muß es immer unter Euch bleiben, es ſoll unter Euch nie zu einer zu weit ge⸗ triebenen Vertraulichkeit kommen, wo man es mit den Worten nicht mehr genau nimmt, wo man ungebuͤhrlich ſcherzt und ſolchen Dingen den Schleier hinwegnimmt, die immer in ein unſichtbares Dunkel gehuͤllt bleiben muͤſſen. Die Liebe wuͤrde da ihres ſchoͤnſten Schmucks beraubt, in ein veraͤchtliches Ge⸗ meine hinabgezogen, wo ſich's der Gatte er⸗ laubte, witzelnde Zweideutigkeiten zu reden und er die Gattin zwänge, ſie anzuhoͤren, die ſich ſo lange daruͤber entruͤſtet fuͤhlte, bis ſich ihr edler Sinn abſtumpfte, ſie dazu ſchwiege und endlich gar daruͤber laͤcheln koͤnnte. Bei einem ſolchen unreinen, wahrhaft gemeinen Umgange wird die edle Schaam niedergeſchla⸗ gen, ſie bleibt nicht mehr die Waͤchterin der 165 Unſchuld und ohne ſie, welche Gefahren dro⸗ hen der ehelichen Treue! Wo aber unreine Worte uͤber die Lippen gehen, da iſt auch kein heiliges Gemuͤth mehr, ohne daſſelbe ſinkt die gegenſeitige Achtung und Liebe, und damit iſt der Suͤnde und dem Laſter, an dem Tugend und Freude ſcheitert, Thor und Thuͤr geoͤffnet. Dieſe Art des Umgangs, der auch unter den ſogenannten vornehmen Eheleuten Statt findet, die ſo glaͤnzend und hoͤflich, ſo zart und ſittſam in großen Geſellſchaften er⸗ ſcheinen, hat Zwiſt und Streit, zuletzt Tren⸗ nung herbeigefuͤhrt. Ihr beduͤrft dieſer War⸗ nungen nicht; aber ich rede davon, um Euch zu ermuntern, von der ſchoͤnen Bahn, auf der Ihr wandelt, keinen Fingerbreit abzuwei⸗ chen. Und Du, meine theure, zuͤchtige Anna, hoͤrteſt Du je Worte aus dem Munde eines Mannes, die Dein Gefuͤhl beleidigten, die ge⸗ gen die Achtung zeugten, welche Du von ihm fordern kannſt fliehe aus der Nähe eines ſol⸗ chen Unholdes, wenn Du es der Muͤhe nicht 166 werth hältſt, ihn zum Schweigen zu bringen. Ein Weib, was da bleibt, wo unſaubere Zwet⸗ deutigkeiten geredet werden, ladet einen ſchwe⸗ ten Verdacht auf ſich, von dem ſie ſich nicht leicht reinigen kann.“ Es wurden Briefe nach Londen geſchrie⸗ ben, da man auf die letztern noch keine Ant⸗ wort erhalten hatte. Man fuͤrchtete, ſie waͤ⸗ ren auf der langen Seereiſe ganz verloren ge⸗ gangen. Abetmals meldete Sir Robert ſeine Verheirathung mit der Madame Berklei und ſchilderte ſein Gluͤck, als das groͤßte, was ihm vor ſeinem Ende noch haͤtte wiederfahren können. Das Verhaͤliniß des jungen Ehe⸗ paars, ihre Liebe, ihren Frieden, die Ueber⸗ einſtimmung ihrer Gemüther ſchilderte er mit den ſchoͤnſten Farben. Er ſprach in ſeinem 5 Briefe auch von einer Reiſe nach London, 5 wenn es Annens Geſundheitsumſtände erlaub⸗ ten, welche die Hoffnung haätte, Mutter zu werden. Von dem Verkaufe ſeiner liegenden ie 167 Gruͤnde und von ſeinem immetwaͤhrenden Aufenthalte in London aber ſchrieb er nichts Genwiſſes nach London. Dieſe Briefe, welche in London anka⸗ men, da man die fruͤhern nicht erhalten hatte, erregten im Allgemeinen große Freude. Sir Lorenz wunderte ſich uber ſeinen Bruder, der ſo ſpaͤt in den Eheſtand trat und ſagte: „Wäre die Berklei nicht eine ſo vortreffliche Frau, die er von allen Seiten kennen und ſchaͤtzen lernte, er hätte ſie nicht zu ſeiner Gattin genommen. Die jungen Leute grei⸗ fen oft zu, wo ſie außere Reize, wenn ih⸗ nen auch die innere Tugend fehlt, wahrneh⸗ men und ſich von ihnen blenden laſſen, aber der bejahrte, abgekuͤhlte, leidenſchaftsloſe Mann wird durch edlere Ruͤckſichten zu ſei⸗ ner Wahl beſtimmt. Das Geld konnte mei⸗ nen Bruder auch nicht verfuͤhren, denn die Berklei iſt arm.“—„Daruͤber, daß Robert die Berklei heirathete,“ ſagte ſeine Gattin, 168 „wundere ich mich weniger, ſo ſelten es auch iſt, daß eine jugendliche Liebe in einem Mannsherzen bis zum Alter einen feſten und den erſten Rang behauptet; aber uͤber die Berklei bin ich ungewiß und weiß nicht, was ich von ihr denken ſoll. Faſt mit einem Eide hatte ſie's gelobt, nie einem Andern ihre Hand zu geben. Den Grund, daß ſie an ihrem Verſprechen treulos geworden iſt, moͤchte ich wohl kennen, ein unlauterer kann es nicht ſeyn, das verbuͤrgt mir ihr frommes Leben, das keine Suͤnde befleckte“—„Aber verargen wirſt Du's ihr nicht,“ ſagte Lorenz. „Ich kenne wohl feſte, auf ihren Entſchluͤſ⸗ ſen beharrliche Männer, die unerſchuͤtterlich ſchienen und mit ihrer Conſequenz prahlten, und ein Paar ſchoͤne Augen, ein ſchoͤner Wuchs, ein liebenswuͤrdiges Betragen hat ſie uͤberwunden. Kann es nicht die Tugend meines Bruders ſeyn, wodurch ſich die Ber⸗ klei beſiegen ließ? Sie iſt ihm großen Dank ſchuldig und glaubte ſich vielleicht dadurch 169 eeiner druͤckenden Schuld zu entledigen, daß ſie ihm ihre Hand gab. Daß es ſo kommen wuͤrde, das habe ich geahnet, als ſie mit nach Jamaica ging.“ Das truͤbe Gemuͤth der Workwich hei⸗ terte ſich auf, als ſie von der gluͤcklichen Verheirathung ihrer Tochter mit William hoͤrte, und daß er ſie ſo zaͤrtich liebte, das erhöhte das Wohlwollen, das ſie immer fuͤr ihn empfand und beſtaͤrkte ſte in dem Glauben an ſeine Tugend. Bald aber fiel ſie in ihre Trau⸗ rigkeit zuruͤck, als ſie ſich's lebhaft dachte, daß ſie nicht Zeuge des Gluͤcks ihrer Kinder ſeyn konnte, daß ſie ſo weit von ihnen ent⸗ fernt war. Beſonders wuͤnſchte ſie dann trö⸗ ſtend und pflegend bei der lieben Tochter zu ſeyn, wenn ſich die ſchmerzliche Stunde ihrer Niederkunft nahte. Fluͤgel wuͤnſchte ſie ſich, um nach Jamaica eilen zu koͤnnen. Selbſt die Hoffnung, ſie nach Verlauf mehrerer 170 Monden in London zu ſehen gewährte ihr, nur eine kurze, vorubergehende Freude. Ach, welchen Kampf muß die liebe Anna erſt be⸗ ſtehen, ehe ſie zu dir kommen kann, und wer kann es vorausſehen, ob ſie in der Le⸗ bensgefahr nicht umkömmt? Und dann hätteſt du ſie nicht wieder geſehen, ſie waͤre dir vom Herzen geriſſen? Welche Sorgen hat doch eine Mutter, beſonders uͤber die entfernten Toͤchter! Sie aͤußerte ihre Beſorgniſſe laut und Thraͤnen floſſen uͤber ihre Wangen. Sir Lo⸗ renz erwiederte:„Was richteſt Du mit Dei⸗ nem Kummer, mit Deinen Thraͤnen aus? Willſt Du durch Gram Deine wankende Ge⸗ ſundheit noch mehr erſchuͤttern und mich mit Dir zugleich in's Grab ſtuͤrzen? Laß doch den lieben Gott walten, der macht Alles wohl, und lerne endlich der Guͤte ſeiner Vor⸗ ſehung vertrauen. Haſt Du es nicht ſchon tauſend Mal erfahren, daß Vieles gut wurde 17⁴ was Du Dir ſchlimm dachteſt? Aber, Ihr Frauen ſeyd immer ſo verzagt und ängſtlich, und ein Heer von Vorſtellungen, die ohne Grund und Boden Euch im Gehirn umher⸗ ſchwaͤrmen, verwunden Eure Herzen, verbit⸗ tern Euch das Leben und vergällen Euch die Freuden, die Ihr genießen könntet. Ihr feibſt ſeyd Eure Feinde. Das Gefuͤhl in Euch liegt mit der Vernunft in ewigem Streite und dieſe muß ſich in der Regel uͤberwun⸗ den geben, indeß jenes die Oberhand echaͤlt. Die Welt und unſer Schickſal erſcheint uns immer ſo, wie wir es uns denken, mit hei⸗ term Angeſicht oder in einen Trauerflor gehuͤllt.“ Die Medem, eine wahrhaft edle und theilnehmende Freundin war es, welche die Workwich noch am meiſten zu beruhigen verſtand. Die Demonſtrationen ihres Gat⸗ ten, ſo vernuͤnftig ſie ſie auch finden mußte, vermochten es nicht, ſie klangen ihr oft wie 172 Votwuͤrfe, wie Befehle, wie Belehrungen eines Lehrers, der ſeinen unverſtaͤndigen Schuͤler zurecht weiſen will. Sein Gutmei⸗ nen verkannte ſie nicht; aber daß er ſeinen Zweck nicht erreichte, das wußte, das fuͤhlte ſie. Eliſabeth, Carls Gattin, war in der Hoffnung gluͤcklich, ihre Mutter und Annen zu ſehen, ſie glaubte mit Gewißheit an die Erfuͤllung derſelben. Ein lieblicher, ge⸗ ſunder Knabe, den ſie geboren hatte, beſchaͤf⸗ tigte ihre ganze Seele, den wollte ſie der Großmutter entgegen tragen und ihm ihre Liebe erbitten. Wir ſehen uns genoͤthigt, hier die abge⸗ brochene Geſchichte von Kronhelm und ſeiner Liebe wieder anzureihen, auch in ihr findet 173 ſich ſo Manches, was unſere Theilnahme er⸗ regt, und ſie iſt innig in das Gewebe des Ganzen verſchlungen. Seine Reiſe nach Deutſchland, ſein Aufenthalt im Vaterhauſe, hat uns gar ſehr intereſſirt, und Leſern, die Sinn fuͤr Frommes, Gutes und Reli⸗ gioͤſes haben, die nicht auf den Wogen von erdichteten Abentheuern umhergetrieben wer⸗ den wollen, wird dieſe Epiſode, ſo wuͤnſchen wir's, auch wohl gefalen. Eigentlich, nach ihrem Leben und Thun, waren Ktonhelm und Eliſabeth Medem einan⸗ der fremd. Sie hatten ſich nur eine kurze Zeit geſehen, ihr Umgang war ein hoͤflicher und zuruͤckhaltender. Das Vechältniß, in welches Kronhelm mit dem jungen Maͤdchen als Arzt trat, brachte ſie ein Weilchen naͤher und ſtiftete unter ihnen eine vertrauliche, wohlwollende Offenheit. Als aber Eliſabeth furchtete, daß das liebende Herz ſie üher die Grenzen einer angenommenen Sitte hinaus⸗ 174 führen könne, da kam ſie zur Ueberlegung und die Mutter ſelbſt hielt ſie klug zuruͤck. Von ihrer eigenen Vorſicht wurde ſie ge⸗ warnt, daß ſie nicht weiter ging. Zur rechten Zeit ſtille ſtehen auf dem Pfade der Liebe, das iſt ſchwer, eine Froße Kunſt, und die wenigſten Jungfrauen, denen das Herz voll zaͤrtlicher Neigung iſt, verſtehen ſich auf ſie. Als es entſchieden war, daß ihre Her⸗ zen einander gehoͤrten, daß ſie den Bund fuͤr's Leben mit einander ſchließen wollten, da hoͤrte ein ängſtlicher Zwang auf und je⸗ nes Fremdthun verſchwand, wenn die See⸗ len einander ſchon kennen, das die Sitte gebietet. Sie ſanken einander in die Arme, ſie fühlten es, daß ſie fuͤr einander geſchaf⸗ fen wären, ſie gaben ihren Gefuͤhlen Worte, ſie geſtanden ſich, daß ſie durch die Liebe die gluͤcklichſten Sterblichen wäten. Sie kamen 175 „ ſich ſelber als ein ungetheiltes Ganze vor. Oft, wenn der Eine ſprechen wollte, ſagte der Andere daſſelbe. Die Medem ließ die Jugend ſprechen und ſtörte ſie auch in der Ferne nicht durch muͤtterlichen Ernſt, oder durch eine mißbilli⸗ gende Miene. Sie nahm nur wahr, ſie be⸗ obachtete nur, ſie war nur Freude und Dank gegen die Fuͤgungen des Himmels. Ihre Tochter hatte keine Klage mehr, ſie war an Geiſt und Körper geneſen. Aus der Nacht einer ſchwermuͤthigen Trauer ſchien ſie in das heitere Licht einer ungemiſchten Wonne hervorgetreten zu ſeyn. Die Erin⸗ nerung an die dunkle Vergangenheit war aus ihrer Seele verſchwunden und ſie hatte nur Sinn fuͤr die entzuͤckende Gegenwart, Ungewoͤhnlich, aber doch begreiftich war die Verwandlung, die mit ihr vorgegangen war, die aus ihren Mienen und Worten ſprach. Wie ſteht doch der unter der Ein⸗ „ 176 wirkung aͤußerer Umſtände, ſie reißen ihn mit ſich fort, ſie bilden und geſtalten ihn, und auch der ernſte Weltweiſe kann ſich doch nicht ganz uͤber ihre Einwirkungen erheben! Die Vergangenheit trat jetzt klarer und le⸗ bendiger als je vor die Seele der Medem, und verſetzte ſie in jene goldene, nie wiederkeh⸗ rende Zeit der Jugend, wo auch ſie mit lie⸗ vender Neigung an der Bruſt thres Gat⸗ ten ruhte, der in allen Perioden ſeines ehe⸗ lichen Lebens ſeine Guͤte, ſeine Treue und Redlichkeit ſo herrlich bewäͤhrte; der mit ihr ſo theilnehmend trauerte und der Schöpfer ihrer beſten Freuden war. Thraͤnen traten ihr in die Augen, Eliſabeth verſtand ſie nicht und glaubte, daß ſie eine freudige Ruͤhrung der Mutter auspreßte. Eliſabeth ergriff die mütterliche Hand und druͤckte ſie herzlich dankend an ihre Lippen. Die Mutter ent⸗ deckte es der gluͤcklichen Tochter nicht, daß ſie ſich irre, um ihre ſuͤße Täuſchung nicht zu verſcheuchen. Wie oft iſt's doch der Fall, * 177 daß das Gluͤck froher Menſchen den Schmerz uͤber ehemalige Unfälle in uns auffeiſcht, der uns niederbeugt, ſtatt uns die Mitfteunde er⸗ heben ſollte. Wenn Kronhelm ganz das Gluͤck em⸗ pfand, eine Jungfrau ſein nennen zu koͤn⸗ nen, die nach ſeinem Urtheil und Gefuͤhl mit allen Reizen des Geiſtes, mit allen Tugenden des Herzens und mit der ganzen Fuͤlle der Schoͤnheit geſchmuͤckt war, ſo verlor er ſich in ſeinem Entzuͤcken doch nicht ſo, daß er daruͤber die Mutter vergaß. Die achtungs⸗ volle Aufmerkſamkeit, die er ihr erwies, that ihr wohl und auch Eliſabeth wußte ihm Dank dafür, da ſie dieſe weiſe und zärtliche Mutter uͤber Alles liebte und ehrte. Auch in dieſem Punkte machte der gemuͤthsgute Kronhelm eine Ausnahme von vielen gewöhn⸗ lichen Juͤnglingen, die nur Sinn fuͤr ihre Braut haben, die Eltern ſo gleichguͤltig be⸗ handeln, als ob ſie keinen Werth hätten und III.. 12 178 den Himmel obendrein preiſen muͤßten, daß ſie durch den ruͤckſichtsloſen Juͤngling von einer Tochter, als ob ſie ihnen bisher eine läſtige Buͤrde geweſen waͤre, befreit wuͤrden. Ihr jungen, berauſchten Thoren, bedenkt ihr denn nicht, daß ihr ohne die Eltern die Braut nicht hättet und daß es die erſten al⸗ ler Pflichten iſt, das liebevolle Vertrauen, was ſie in Euch ſetzten, indem ſie euch das Jawort gaben, dankbar und achtungsvoll zu erwiedern? Kann eine Braut auch den Ge⸗ liebten ehren, der ihre Eltern nicht ehtt, wenn ſie nicht bloß von einem ſinnlichen, ſondern auch von einem ſittlichen Weſen re⸗ giert wird. Die Medem reichte dem Profeſſor oft mit herzlicher Freundlichkeit die Hand und ſagte:„Sie ſind mein lieber Kronhelm, mein Sohn, beweiſen Sie mir's ganz, daß Sie mich wie ihre Mutter achten.“ Fruͤher hatte es ſchon ein guͤnſtiges Vorurtheil fuͤr ihn er⸗ ⁸ 179 weckt, als er unterwegs ſagte:„Wie werden ſich meine guten Eltern freuen, wenn ich ih⸗ nen meine Verbindung melde,“ und er auf die Frage der Medem, wer ſein Vater ſey, die Antwort gab, daß er ein proteſtantiſcher Pfarrer auf dem Lande, nicht weit von der honnöverſchen Grenze, waͤre.—„Aber wer⸗ den Sie ſich nicht auch betruͤben,“ ſagte die Medem,„daß ein geliebter Sohn ſo weit von Ihnen entfernt lebt?“—„Ja,“ erwie⸗ derte er,„ſie werden ſich betruͤben, aber ihre Freude, mich ſo gluͤcklich zu wiſſen, wird die Trauer überwiegen. O, es ſind gar herrli⸗ che, gute Menſchen, wie man ſie ſelten fin⸗ det. Von jeher war ihnen kein Opfer zu groß, was ſie nicht freudig dem Beſten ih⸗ rer Kinder brachten. Bis auf eine Tochter, ein Mädchen von achtzehn Jahren, fromm, wie die Unſchuld, bluͤhend, wie eine Roſe, die die Wonne meiner alten Eltern, ihre treue Pflegerin iſt, und fuͤr uns Alle heilige Pflichten an unſern Wohlthätern erfuͤhlt, ſind „ 180 wir, ſechs Bruͤder an der Zahl, alle verſorgt, leben geachtet und ohne kuͤmmerliche Sorgen. Was wir nur erdenken können, dieſer treffli⸗ chen Schweſter an ihrem Geburtstage und zu Weihnachten eine Freude zu machen, das wird ihr geſchenkt. In dem letzten Briefe, wo ſie mir dankte, ſchrieb'ſie:„O ihr theuern Bruͤder, ihr belohnt meine Liebe zu den El⸗ tern viel zu reichlich, ich weiß die vielen Ga⸗ ben kaum zu gebrauchen. Wüßtet ihr nur, wie gluͤckich es mich macht, dieſe frommen Alten zu pflegen, jeden ihrer Winke zu ge⸗ horſamen, ihr wuͤrdet mich beneiden. Das Kind, was zuletzt im Elternhauſe bleibt, ge⸗ nießt ein ganz beſonderes Gluͤck; es iſt, als ob Vater und Mutter es mit groͤßerer In⸗ hrunſt und in ihm alle die entfernten Kin⸗ der zugleich liebten. Wie fromm und heilig wird mein Sinn durch das belehrende Bei⸗ ſpiel dieſer Eltern! Ich koͤnnte mich von ihnen nicht trennen und bleiben will ich ſo lange bei ihnen, bis ich ihnen die Augen 181 zudruͤcke, wenn ſie fruͤher ſterben. Dann ziehe ich zu Dir, Du biſt unverheirathet und fuͤhre Dir die Wrrthſchaft, darauf verſtehe ich mich ſchon und lerne es immer beſſer von meiner Mutter. Amalie Reichard iſt zu uns gezogen. Der Vater meinte, ich muͤſſe eine Freundin bei mir haben, die meine Ge⸗ ſellſchafterin ſey. Du kennſt bies herrliche Geſchoͤpf.“ Die Mebem war geruͤhrt und bat Kron⸗ helm, ihr Umſtaͤndliches von ſeiner Jugendge⸗ ſchichte und ſeinen Eltern zu erzählen; Eliſa⸗ veth fragte aber zuerſt, wie ſeine Schweſter heiße. Als er geantwortet hatte: Marie, er⸗ fullte er die Bitte der Medem und fing alſo an:„Die Liebe und Hochachtung, die ich gegen meine Eltern empfinde, mag mich viel⸗ leicht verleiten, daß ich in der Schaͤtzung ih⸗ res Werthes nicht den richtigſten und einen zu großen Masßſtab gebrauche; aber wiſſent⸗ tich will ich das Lob, was ſie verdienen, nicht 182 ubertreiben und kann ein Kind ſeine from⸗ men und herrlichen Eltern auch zu hoch er⸗ heben?“ „Mein Vater iſt ein Landgeiſtlicher. Mit dem heiligſten Vorſatze, im vollen Sinn des Worts, ein treuer Diener der heiligſten Religion zu ſeyn, die er lehri, trat er in ſein Amt. Er verband ſich mit meiner Mutter, der einzigen Tochter eines ehrwuͤrdigen Geiſt⸗ lichen, die er fruͤher gekannt, in ſeinem Her⸗ zen laͤngſt ſchon geachtet und geliebt hatte. Das eheliche Gluͤck dieſer beiden Menſchen war ein ungetruͤbtes, Frömmigkeit, Friede und Liebe wich nie aus ihrer Mitte. Mein Vater erzog und unterrichtete nach der Reihe drei ſeiner Bruͤder, die er von ſeinem armen Vater, den er reichlich unterſtuͤtzte, in ſein Haus nahm. Dieſe Bruder leben noch und ſind geachtete Geiſtliche. In ſeiner Gemeine ſtiftete er des Guten viel, ſie erkannte es und iſt ihm von Herzen zugethan.“ 183 „Sechs Soͤhne wurden in dieſer Ehe erzeugt. Uns Bruͤdern allen war der Vater der treuſte Lehrer, der guͤtigſte Verſorger. Viere davon haben ſtudirt und zwei ſind Kaufleute. Der Eltern Segen hat uns Haͤuſer gebaut und keinem von uns geht es uͤbel.“: „Den groͤßten Schmerz, den mein Vater erlitt, war der Verluſt ſeiner unausſprechlich geliebten Gattin. Sie ſtarb, als ich geboren wurde. Er verheirathete ſich mit einer na⸗ hen Verwandtin meiner Mutter, zum zwei⸗ ten Mal. Ach, wie guͤtig, wie zaͤrtlich, wie weiſe und fromm war dieſe Stiefmutter! Sie liebte uns, als ob wir ihre eigenen Kin⸗ der waͤren. Unſere Liebe gegen ſie hat keine Grenzen und wir Alle hangen ihr mit groͤße⸗ rer Neigung an, als dem Vater und achten ſie, wie dieſen, in gleichem Grade. Mit Wahrheit kann ich's von ihr ruͤhmen, ſie ver⸗ einigt in ſich alle Tugenden ihres Geſchlechts 184 Im achten Jahre ihrer Verheirathung gebar ſie eine Tochter, meine Schweſter Marie, die wir Bruͤder, als ob uns Gott das beſte Ge⸗ ſchenk verliehen haͤtte, auf den Haͤnden tra⸗ gen. O, welch ein koͤſtliches Geſchöpf iſt dieſe Marie! Aber wir haben es nie empfun⸗ den, nie wahrgenommen, daß die Mutter ih⸗ rem leiblichen Kinde einen Verzug vor uns verſtattete. Sie hatte mehrere Vorſchläge, ſich zu verheirathen; aber keinen nahm ſie bisher an, weil ſie erklaͤrte, daß es ihr un⸗ moͤglich ſey, ſich von den Eltern zu trennen. Ach, Eliſabeth, wenn Du dieſe Schweſter, dieſen Engel kennen lernteſt, Du wuͤrdeſt ſie, als eine theure Freundin, an Dein Herz druk⸗ ken und ſie nicht wieder loslaſſen,“ „Mein Vater iſt nun ſiebenzig Jahr alt, aber noch ein ruͤſtiger, munterer Greis, der ſein Amt vollig und ohne große Be⸗ ſchwerde redlich und gewiſſenhaft verrichtet. Ein weißes Silbethaar deckt ſeinen Scheitel. 185 Er hat noch nicht aufgehoͤrt, ſich in der Wiſſenſchaft weiter auszubilden. Ein heite⸗ res Laͤcheln ſchwebt auf ſeiner Wange, ein milder Geiſt ſpricht aus ſeinen Augen und die chriſtliche Liebe, die er predigt, wohnt in ſeinem Herzen und zeugt in ſeinem Leben. Er iſt, als der beſte, redlichſte Mann weit und breit bekannt und wen er empfiehlt, der wird nirgends zuruͤckgewieſen. Meine M⸗ ter, die nur fuͤr ihn lebt und ſtrebt, iſt in ihrem zwei und ſechszigſten Jahre immer noch eine geſchäftige Hausfrau und laͤßt ſich keinen Dienſt abnehmen, den ſie ſelbſt noch verrichten kann. Ihre groͤßte Freude ſind ihre Kinder und die Kinder meiner Bruͤder, die jährlich ihre lieben Eltern mit ihren Fa⸗ milien beſuchen. Sind die da, ſo werden Feſttage gefeiert.“ „Dieſe Eltern kann ich nicht unbeſucht laſſen, mündlich muß ich's ihnen ſagen, wie gluͤcklich ich bin, daß ich ihre Freude ſehe, 186 daß ich ihren Segen empfange.“—„Um Gottes willen,“ rief Eliſabeth aus,„nur nicht von mir reiſen! Koͤnnteſt Du das thun, Du wuͤrdeſt mich nicht lebendig wieder fin⸗ den!“—„Nein,“ ſagte die Medem,„dar⸗ um muß ich Sie bitten, daß Sie meine Toch⸗ ter nicht verlaſſen!“—„Aber,“ ſagte Kron⸗ helm,„kann ich meinem Herzen gebieten, das mich mit maͤchtiger Gewalt nach meinen Eitern hinzieht? Haͤtte ich nicht auch heilige Pflichten gegen ſie zu erfuͤllen, die ich nicht von mir weiſen kann? Es iſt auch keineswegs mein Wille, daß ich mich auf eine laͤngere Zeit von meiner Elifabeth trenne, ſie macht die Reiſe mit mir, lernt mein Vaterland kennen, meine unvergleichli⸗ chen Eltern, meine theure Schweſter und Sie, liebe Mutter, ſind guͤtig und begleiten ihre Kinder.“—„Ja, Eliſabeth, das wol⸗ len wir, dieſe Gefaͤlligkeit können wir unſerm Kronhelm nicht abſchlagen.“ 187 Es wurde unterwegs noch viel von Kronhelms Eltern geſprochen. Eliſabeth wuͤnſchte nichts mehr, als die Schweſter ihres Geliebten kennen zu lernen.„Nun,“ ſagte die Medem,„da Ihr Vater ein ſo frommer Geiſtlicher und Ihre Stiefmutter eine ſo edle Frau iſt, kann ich mir's auch leicht erklaͤren, daß Sie ein ſo frommer Mann geworden ſind. Das Beiſpiel der Eltern wirkt in der Kinderſeele Tugend und fruchtet mehr, als aller Unterricht, wenn dieſes fehlt.“ Unſere Reiſenden kamen heiter und wohlgemuth in Briſtol an. Kronhelm ſtaunte uͤber den Reichthum, den er in den Zimmern wahrnahm. Er konnte ſich ſogar nicht ent⸗ halten, ſeine Verwunderung daruͤber laut zu äußern, indem er ſagte:„Deine Liebe, beſte Elifabeth, gegen mich muß ſehr groß ſeyn, daß Du, eine ſo reiche Tochter, Deine Hand einem armen Arzte giebſt, wie ich bin.“— Das Maͤdchen fiel ihm um den Hals und 188 ſprach:„Lieber Kronhelm, ſo mußt Du nicht. wieder reden, es klingt faſt ſo, als ob ich Dir ein Opfer gebracht hätte und doch finde ich daß alle Erdenherrlichkeit mir gegen Deine Liebe nichts gilt“—„Nein, ſo reden Sie nicht wieder,“ ſagte die Medem,„da Sie's wiſſen, daß ein Quentchen Tugend mehr wiegt in der Wageſchale der ewigen Gerech⸗ tigkeit, als Centner Goldes. Sie bringen uns einen andern Schatz in's Haus, der viel ſchaͤtzbarer iſt, als aller Reichthum. Es macht mir Freude, die Liebe meiner Kin⸗ der gegen Nahrungsſorgen ſichern zu koͤn⸗ nen. Fordere ich denn mehr von Ihnen, als daß Sie meine Tochter glucklich machen? Und ein Mann, wie Sie, der ein Kapital in ſich tragt, was ihm kein Unfall rauben kann, gilt mir weit mehr, als ein verdienſt⸗ und kenninißloſer Reicher, der bis oͤber die Ohren in ſeinen Goldſtuͤcken ſitzt. Glauben Sie nur, daß es, wie in Deutſchland, ſo auch in England, Menſchen giebt, die die Wuͤrde 189 eines Mannes, nicht nach metallenen Schaͤtzen, ſondern nach ſeinen Kenntniſſen und ſeiner Tugend beurtheilen.“, Koͤſtliche Tage verlebte Kronhelm in Briſtol. Die Medem machte in der Stadt die Verlobung ihrer Tochter mit dem Profeſ⸗ ſor bekannt. Sie ſtatteten bei ihren Freun⸗ den und Verwandten Beſuche ab. Man wunderte ſich hoͤchlich, daß ein Deutſcher ſo die engliſche Sprache reden konnte, als ob er ein geborner Britte waͤre. Das Betragen des Profeſſors fand man gebildet, liebenswuͤr⸗ dig, einnehmend und wunderte ſich nicht, daß ſich das junge Mädchen in einen ſolchen ſchö⸗ nen Deutſchen verliebte, wie man es nannte. Aber Neid und Schmähſucht war hinter dem Ruͤcken der Liebenden und der Mutter, welche dieſe Verbindung zugab, gar ſehr geſchäftig, ollerlei boͤſen Saamen auszuſtreuen. Man nannte den Profeſſor einen umherztehenden, gewitzten, fein geriebenen Abentheurer, der 190 die Mutter und Tochter uͤberliſtet und ſie in ſeinem Netze gefangen habe. Es ſey einem unerfahrnen und unverſtaͤndigen Maͤd⸗ chen zu vergeben, das ſich leicht blenden und von der Sinnlichkeit beherrſchen laſſe, wenn ſie ſich ohne Nachfrage einem unbekannten Juͤnglinge hingäbe, aber der Mutter könne man dieſen Leichtſinn, dieſe Unklugheit nicht verzeihen. Es wurden ſogar von manchen Leuten, unter einem ſehr guten Schein, böſe Cabalen geſpielt, verwerfliche Plane geſchmie⸗ det, um die Verbindung wieder aufzuheben. Freunde und Freundinnen vereinigten ſich, um die Medem zu uͤberreden, den begangenen Fehler dadurch wieder gut zu machen, daß ſie dem vorgeblichen Profeſſor, der vielleicht weiter nichts, als ein deutſcher Quackſalber ſey, den Weg wieder nach Deutſchland wei⸗ ſen ſolle, woher er gekommen ſey. Alle diefe aus der Luft gegriffenen boshaften Vermu⸗ thungen konnten das Vertrauen, was die Medem zu Kronhelms Tugend gefaßt hatte, 191 im geringſten nicht erſchuͤttern. Sie erwie⸗ derte bloß, daß ſie den Profeſſor genauer kenne, die Zukunft werde die Sache, die einer Uebereilung gliche, ſchon rechtfertigen, fuͤr ihre Handlungsweiſe ſey ſie allein verantwortlich. Da man die Frau nicht auf beſſere Gedan⸗ ken bringen konnte, da der Profeſſor bei ihr blieb, da man ſogar von der nahen Hochzeit ſprach, troͤſtete man ſich zuletzt mit der Hoff⸗ nung, Mutter und Tochter wuͤrden zeitig ge⸗ nug fuͤr ihre Thorheit beſtraft werden, und man wuͤnſchte ſogar, daß dieſe Weiſſagung recht bald in Erfuͤllung gehen moͤchte. Es fanden ſich auch Freundinnen, die es darauf anlegten, Eliſabeth Mißtrauen und Verdacht gegen Kronhelm einzufloͤßen. Sie thaten das Alles aus lauter Liebe und aus Beſorgniß fuͤr ſie, aber dergleichen Reden fanden in dem Maͤdchen keinen Boden. Auf die Vorſtellungen der Medem, die „ 402 es nicht verſchmerzen konnte, daß man einen Profeſſor einen Quackſalber nannte, trug Kronhelm darauf an, daß er als ausuͤbender Arzt anerkannt wurde. Die Prufung, die er beſtehen mußte, fiel fuͤr ihn um ſo ehrenvol⸗ ler aus, je ſtrenger es die Examinatoren mit ihm nahmen. Es richtete in dem Hauſe der Medem große Freude an, als er das Zeug⸗ niß ruͤhmlicher Kenntniſſe und die ſchriftliche Erlaubniß, ſeine Kunſt praktiſch uͤben zu duͤrfen, vorzeigte. Seinen Widerſachern ſagte es die Medem doch, daß Kronhelm keines⸗ wegs ein Quackſalber, ſondern ein ruͤhmlicher Arzt ſey. Sie wollte ihnen die Zeugniſſe vor Augen legen; aber faſt einſtimmig er⸗ wiederten ſie:„daß man ſich in ſeinen Ur⸗ theilen irren koͤnne und glaube ihrem Worte gern. In kurzer Zeit verrichtete Kronhelm an Armen unentgeltlich etliche ſchwere Kuren, die leibliche Gliedergebrechen betrafen, da er zugleich Chirurg war und ſein Ruf bei den Vornehmen wurde immer mehr begruͤndet, 4 193 die ſeinen Beiſtand ſuchten, denen er ſich durch ſeine vorzuͤgliche Geſchcklichkeit empfahl. MNun hieß er ſchon ein geſcheuter, gebildeter und tiebenswuͤrdiger Mann, und daß die Medem ein ſchones Loos gezogen haͤtte. „Brauchen Sie nun noch eine reiche Braut?“ ſagte die Mutter lächelnd.„Ich hatte wohl Recht, wenn ich ſprach, daß Sie ein Kapital in ſich tragen, was ſich reichlich verzinſet. Weriſt nun keiche Sie oder meine Tochter.“ Die Achtung, die Liebe und das Vertrauen Aller, die Kronhelm kennen lernten, nahm gegen ihn immer mehr zu, und auch dies trug dazu bei, das Gluͤck der Tochter, die Freude der Mutter zu erhoͤhen. Ja, man dankte in Geſellſchaft Eliſabethen, daß ihre Reize einen ſolchen Mann nach Briſtol gezogen haͤtten, der mit ſeiner Geſchicklichkeit eine ſo menſchenfreundliche Geſihnung ver⸗ bände. Der Mutter aber gab man den wohlgemeinten Rath, die Verheirathung ihrer Tochter, da der Bräutigam mit ihr in einem III. 13 194 Hauſe wohne, nicht zu lange zu verzoͤgern. Sie erwiederte:„Ich erwarte taͤglich meine Freunde aus London, und ſind dieſe hier, ſo ſoll die Hochzeit ſeyn, denn ihnen verdanke ich das Gluͤck, daß mir vom Himmel ein ſolcher Schwiegerſohn beſcheert iſt.“ Die Mabame Medem ſchrieb an Sir Workwich und lud ihn mit den Seinen recht bittend zur Hochzeit ein. Dringend aber bat ſie um die Gefaͤligkeit, daß er mit ſeinem Sohne einige Zeit fruͤher kaͤme, um ihre Handelsangelegenheiten erſt voͤllig zu ordnen. Sie ſtehe bereits mit einem Kaͤufer in Un⸗ terhandlung, aber ſie wolle den Kaufcontrakt nicht eher unterſchreiben, bis ſie ſich ſeines (Workwichs) Raths bedient haͤtte. Zugleich veſtimmte ſie auch mit Zuſtimmung ihrer Kinder den Hochzeittag. Kronhelm ſchrieb auch und Eliſabeth, Beide redeten nur von dem Gluͤcke ihrer Liebe. Der Profeſſor nannte Sir Workwich ſeinen größten Wohl⸗ 195 thaͤter, dem er nicht genug danken könne, und pries in frommer Rede die guͤtige Fuͤgung der Vorſehung, die ihn nach England gefuͤhrt haͤtte. Die Briefe richteten in Workwichs Fa⸗ milie große Freude an und man goͤnnte der Medem das Gluͤck, was ſie an ihrer Tochter erlebte.„Sie iſt eine beneidenswerthe Mutter,“ ſeufzte die Workwich,„und ich bin eine ungluͤckliche!““—„Wie Du da wieder klagſt!“ ſagte Lorenz.„Anna will ja kom⸗ men, wir laſſen ſie nicht wieder abreiſen. Verdirb uns durch Deine vergebliche Trauer nur nicht das Hochzeitvergnuͤgen.“ Der Vater und Sohn ſchickten ſich bald zu ihrer Reiſe nach Briſtol an, und kurz vor ihrem Abſchiede mußte es die Madame Workwich heilig verſprechen, daß ſie mit Eli⸗ ſabeth nachkommen werde, wenn ſich ihr kein unvermeidliches Hinderniß in den Weg ſtehte⸗ 196 Wie herzlich wurden die theuern Gäͤſte von ihren Freunden in Briſtol empfangen! Die Medem ſprach faſt mehr von ihrer Mut⸗ terfreude, als Kronhelm und Eliſabeth von den Wonnen ihrer Liebe. Faſt zuͤrnte ſie, daß die Maͤnner ihre Frauen nicht mitge⸗ pracht haͤtten; aber ſie beruhigte ſich, als ſie hoͤrte, daß dieſe noch vor der Hochzeit nach⸗ kämen, wenn nicht ein Unfall irgend einer Art ſie zuruͤckhalte. „Aber,“ ſagte Workwich halb im Scherz, halb im Ernſt zu Kronhelm,„wie kann ein junger, thaͤtiger Mann ſeine ſchoͤne Zeit, die er zur Linderung der Schmerzen manches Kranken anwenden koͤnnte, ſo mit Nichtsthun vertändeln! Das, was wir dem Berufe und der Welt ſchuldig ſind, ſoll den oberſten Rang behaupten, und auch die Liebe darf un⸗ ſere Kräfte zur nuͤtzlichen Thätigkeit nicht lähmen.“— Ehe Kronhelm ſich rechtfertigen konnte, nahm die Mutter das Wort:„Der ½ * — ———— 197 vertaͤndelt fuͤrwahr nicht ſeine Zeit bei ber Braut und iſt am Tage und auch des Avends in ſeinen Geſchäften laͤnger abweſend, als es die arme Eliſabeth ertragen kann. Schon öfter iſt er in der Nacht zu Patien⸗ ten gerufen worben. Sein Eramen beſtand er ruͤhmlich und wird hald in Briſtol zu den geachteten Aerzten gehören. Menſchenfreund⸗ lich dient er den Armen ünentgeldlich.“— „Perrlich, herrlich, lieber Kronhelm, daß Sie ſich ſo vortheilhaft von manchen Ihrer Colle⸗ gen auszeichnen, die den des Todes ſterben laſſen, den ſie retten könnten, weil er ſie nicht wie der Reiche honoriren kann. Das iſt eine gar ſündliche Menſchenrace, die todt⸗ „ſchlagt, wenn ſie am Leben zu erhalten ver⸗ mochte. Ein Arzt, ohne ein menſchenfreund⸗ liches, wohlthötiges Herz, ſteht bei mir in der Klaſſe der veraͤchtlichen Kreaturen. Zu den Beſten gehoͤrt auch von dieſer Seite unſer Kronhelm. Ich kenne ſeinen Charakter.“ — 198 In den folgenden Tagen pruͤfte Workwich mit ſeinem Sohne den Contrakt, er fand ihn nicht unvortheilhaft fuͤr die Madame Medem und der Handel wurde abgeſchloſſen. Sie behielt eine ſo bedeutende Summe übrig, das ſie mit ihren Kindern ein ſorgenloſes, bequemes Le⸗ ben fuͤhren konnte. Von ihrem Hinziehen nach London war noch nicht die Rede. Kronhelm war in Briſtol ſehr zufrieden und es geſiel ihm daſelbſt ungemein, da er ein⸗ zelne, vorzuͤguche Männer kennen gelernt hatte, fuͤr die er bald Achtung und Liebe ge⸗ wann. Vor dem Hochzeittage kam auch die Madame Workwich mit ihrer Schwiegertoch⸗ ter an. Nun war die Freude voll. Die junge Workwich war recht frohen Geiſtes und ſchien Alles aufzubieten, um ihre geliebte Mutter aufzuheitern. Es kam an dem Abend, bei dem zubereiteten köſtlichen Mahle, wirklich zu Scherzen und zum Lachen. Be⸗ 1 199 ſonders war Carl Workwich, als er mehrere Gläſer des beſten Weins geleert hatte, faſt luſtiger Laune. Er ſtieß einige Späße aus, die ſich auf den morgenden Abend bezogen, nannte Eliſabeth Madame Kronhelm und ein baldiges Mitglied des Frauenordens. Als er ſo ſprach, wurde es bei Tiſche ſtiller, das Laͤcheln verzog ſich von den Geſichtern, hoch erröthend blickte die Braut vor ſich nieder und ſie wuͤrde weggegangen ſeyn, wenn ſie die Achtung, die ſie der Geſellſchaft ſchuldig zu ſeyn glaubte, nicht zuruͤckgehalten haͤtte. Sie liebte Carln, er war der Freund ihres Kronhelms, der Gatte ihrer geliebten Eliſabeth, und es ſchmerzte ſie in der Seele, daß ſie ihm zuͤrnen mußte. Sir Lorenz merkte die Verlegenheit, in die Alle bei Tiſche geriethen, er ſah die Angſt, welche insbeſondere auf dem Geſichte der Braut ſchwebte und die Urſache dazu welche den Frei⸗ und Frohſinn ſtörte, entdeckte er 200 leicht. Guͤtig und freunblich richtete er fol⸗ gende Rede an Carl:„Lieber Sohn, Du treibſt es mit Deiner Luſtigkeit zu weit und machſt es mir faſt ſchwer, Dir Deine Scherze zu verzeihen, ich kann dazu nicht ſchweigen und muß ihnen Einhalt thun. Die Un⸗ ſchuld gleicht einem Spiegel, der auch von dem leiſeſten Hauche getruht wird. Wer den Schleier dem Geheimsißvollen abreißt und es witzelnd zur Schau ſtellt, der verräth kein ſittlich gebildetes Gefuͤhl. Spaͤße, welche die Schaam errothen machen, das Herz be⸗ leidigen, ſind Pfeile, die Andere verwunden und die ſie gegen uns empoͤren. Es giebt im Menſchenleben Zartes, was mit uͤppiger MRede nicht beruͤhrt werden darf, wenn es ſeine ſchoͤnſten Reize nicht verlieren ſoll. Wer im Punkte der Liebe auch nur mit Worten fa⸗ ſelt, der vernichtet ihre ſchoͤnſten Freuden. Vergnuͤgen willſt Du uns, aber Deine Reden betruͤben uns. Es giebt andern Stoff, das Vergnügen unſerer Geſellſchaft zu erhoͤhen, —, 5 201 den, welchen Du waͤhlteſt, iſt für uns Alle der unpaſſendſte. Du verſtehſt mich ohne naͤhere Erklaͤrung.“ Carl verſtand den Vater wohl, er bat in ſeiner natuͤrlichen Gutmuͤthigkeit um Ver⸗ zeihung, und zum Beweiſe, daß er die ver⸗ diente Zurechtweiſung ſeines Vaters nicht uͤbel genommen hatte, ſtimmte er einen andern zu einer edeln Heiterkeit einladenden Ton an. Alle freuten ſich nun uber den lieben Carl. Als der Hochzeittag voruͤber war, kam die Rede auf Kronhelms Reiſe nach Deutſch⸗ land. Fruͤher ſchon, als er der Madame Medem und ſeiner jungen Frau die Ge⸗ ſchichte ſeines Jugendlebens, die Schilde⸗ rung ſeiner muſterhaften Eltern mitgetheilt patte, wußte Sir Lorenz mit ſeiner Fa⸗ wilie ſchon Alles, was Kronhelm ſo recht ausfuͤhrlich, da er Ohren und Herzen dafuͤr 202 fand und mit dem innerſten Wohlbehagen erzaͤhlte. „Sir Lorenz,“ ſagte die Medem zu ihm, „machen Sie Kronhelmen doch Vorſtellungen, daß er die Reiſe nach Deutſchland aufgiebt, die mit vielen Unbequemlichkeiten und ſogar mit Gefahren verknuͤpft iſt. Man kann auch erkranken und wohl gar ſterben. Er liebt Sie ſo ſehr, er wird Ihnen zuletzt, wenn er ſich anfangs auch ſtraͤubt, unbedingt folgen. Gewiß Sie erweiſen mir und meiner Tochter damit den groͤßten Dienſt. Das arme Kind zittert und bebt, wenn es an die Fahrt denkt, und doch will ſie nicht widerſprechen. Allein läßt ſie ihn nicht reiſen, und wenn es ihr das Leben koſten ſollte. Wie ungluͤck⸗ lich wuͤrde ich aber werden, wenn ich Eins von dieſen Kindern verlöre! Verſuchen Sie Ihr Heil, erweiſen Sie mir den unbezahl⸗ barſten Liebesdienſt, vielleicht laͤßt er ſich zu⸗ ruckhalten.“ — 203 „Freundin,“ erwiederte Lorenz ohne Nachdenken,„denken Sie an mich, es ſind alle Verſuche vergebens, ihn zuruͤckzuhalten. Sein Vaterland behauptet in ſeiner Seele einen hohen Rang, und ſo lange er in Eng⸗ land lebt, wird ee mit Dank und Liebe im⸗ mer an ihm hangen. Und wiſſen Sie, was ihn ſo nach ſeinem Vaterlande hinzieht? Es ſind ſeine Eltern und Geſchwiſter. Wenn man ihn ſelber kennen lernt, ſo kann man an der herrlichen Guͤte, an der ſeltenen Vor⸗ trefflichkeit dieſer guten Menſchen nicht zwei⸗ feln, die ihn bildeten, in deren Kreiſe er aufwuchs. Was laͤßt ſich einem Sohne Gruͤndliches dawider ſagen, wenn er, nach langer Entfernung, einen ſiebenzigjährigen Vater, der ein Mann iſt, wie ich mich einen ehrwuͤrdigen Patriarchen denke, eine theure Mutter wieder ſehen, ihnen um den Hals fallen und ſie mit ſeinem Gluͤcke bekannt machen will, das ihr Alter erheitert und zu ihren letzten Lebensfreuden gehoͤrt. Er 204 könnte mir erwiedern, ob ich ihn für einen undankbaren Sohn halte, der ſeine Eltern vergißt, wenn es ihm wohlgeht, bei dem es nur wenig koſtet, um ihn die Erfuͤllung ſei⸗ ner heiligſten Pflicht zu verleiden. Was fuͤr eine Kleinigkeit iſt denn auch eine Reiſe von den engliſchen nach den deutſchen Kuͤſten hin! Bei guͤnſtigem Winde ein Sprung, den man ohne Gefahr thut. Reiſen Sie doch mit, das wird Ihnen ſehr wohl bekommen. Daß Sie ihn nicht allein gehen laſſen wollen, das verdenke ich Ihnen nicht.“ Waͤhrend die Freunde noch in Beiſtol waren, kam folgender Plan zu Stande: Kronhelm wollte mit der Mutter und Toch⸗ ter in wenigen Tagen nach Deutſchland ab⸗ reiſen, da die Witterung ſo guͤnſtig war. Unterdeß ſollte Lorenz Workwich in der Naͤhe ſeiner Wohnung ein Haus miethen, das ſie nach ihrer Wiederkehr ſo lange bewohnen wollten, bis ſich Gelegenheit faͤnde, ein eige⸗ 205 — nes zu kaufen. Das Zuſammenleben dachte man ſich als das erfteulichſte.„Nur William 1 und Anna fehlen uns noch, um unſer Gluͤck vollkommen zu machen,“ ſagte die Madame Workwich.—„Nun, darum kümmere Dich 4 nicht,“ bat Lorenz ſeine Gattin.„Sie kom⸗ men aus Jamaica zu uns, and habe ich ihre Verheirathung nicht verhindern koͤnnen, ſo will ich dech Alles in Bewegung ſetzen, und ihr helft mir redlich mit, daß ſie bei uns 2 bleiben.“—„Nein, nein,“ ſagte Eliſabeth . mit iker natuͤrlichen Lebendigkeit,„ich laſſe die Mutter nicht wieder aus meinen Urmen und— ſie wird mich nicht verlaſſen. Ge⸗ wiß ſehnt ſie ſich ſchon ſchmerzlich nach uns aus der Fremde zuruͤck.“ — Nach Verlauf von acht Tagen reiſeten die Londoner ab und wünſchten ihren Freun⸗ den eine gluͤckliche Reiſe und eine frohe 1n⸗ ₰ kunft in London. Da die erforderlichen An⸗ 5 ſtalten bereits getroffen waren, gingen Kron⸗ 206 helm, ſeine Gattin und Mutter auf einem beſonders dazu eingerichteten Schiffe nach Deutſchland ab. Man hatte ſich mit reichen Geſchenken für die lieben Anverwandten ver⸗ ſehen, und dachte ſich's als die hoͤchſte Freude, ſie vielleicht im Vaterhauſe verſam⸗ melt zu finden. Wer von den Bruͤdern nicht kommen konnte, der ſollte beſucht werden.. Die Seereiſe wurde ehne die mindeſte Gefahr zuruͤckgelegt. Die kleinen unvermeid⸗ ſichen Krankheitsubel, welche ſich auf der See fuͤr die Paſſagiere einfinden, hatte Kron⸗ helm vorausgeſagt und ſich mit Mitteln ver⸗ ſehen, um ſie zu erleichtern. Als man ſich in Hamburg einige Tage ausgeruht hatte, wurde die Reiſe mit Extrapoſt nach dem preußiſchen Dorfe Soltenberg angetreten, wo man die verehrten Eltern angenehm uͤber⸗ raſchen wollte. Am meiſten freute ſich Eli⸗ ſabeth auf die gute, ihr ſo ſchoͤn geſchilderte . KX— — KX— 207 Marie. Aber waͤhrend ſich die gluͤcklichen Reiſenden im Wagen freuten, ſah man im Pfarrhauſe Thraäͤnen und hoͤrte nur Seufzer. Die Macht der Religion und die groͤßere Staͤrke hielt den greiſen Vater noch quf⸗ recht; aber die leidende Mutter wollte ſich nicht tröſten laſſen, ihr war ein unglück be⸗ gegnet, das ſie bald ins Grab zu ziehen drohte. Ein ausgezeichneter Juͤngling, dem es an Talent, Kenntniſſen und Herzensgůte nicht fehlte, der Sohn eines Freundes des alten Pfarrers Kronhelm, war von ihm ſchrift⸗ lich gebeten, da er an einem Schnupfenfieber litt, fuͤr ihn an drei Sonntagen in Solten⸗ berg zu predigen. Der junge Mann, wel⸗ cher mit ſeinem Vater jährlich in Soltenberg war, ubernahm dieſen Auftrag um ſo bereit⸗ williger, ais er dadurch die Gelegenheit fand, die herrliche Marie zu ſehen, fuͤr die er ſchon längſt eine geheime Liebe in ſeinem 208 Herzen trug. Sein Vater ſagte zu ihm, als er das erſte Mal nach Soltenberg fuhr: „Kronhelm iſt zwar ei fuͤr ſein Alter noch ungemein kräftiger Mann, aber man wird in den Jahren oft in kurzer Zeit ſchwach. Viel⸗ teicht fuͤgt's der guͤtige Himmel ſo, daß Du ſein Adjunctus wirſt. Braucht er den, ſo wählt er gewiß nur Dich. Damit wäre Dir gedient, die Stelle iſt eine der einträglichſten, die Familie eine untadelhafte, und wenn es darauf abgeſehen wäre, würdeſt Du Dich auch wohl nicht weigern, der lieben Marie Deine Hand zu geben“—„Das wuͤrde ich nicht,“ ſagte der Juͤngling erröthend, als er in den Wagen ſtieg,„wenn's der Wille meiner Eltern iſt.“ Jedesmal drei Tage mußte ber junge Mann in Soltenberg bleiben und er lieb gern. Der alte Kronhelm lernte ſeine Grund⸗ ſaͤtze, ſein Wiſſen genauer kennen und war der Meinung, dieſer und kein Anderer ſey 209 der rechte Mann fuͤr ſeine Tochter. Mutter und Tochter hatten ihn auch lieb gewonnen. Bei der Umfrage im Dorfe, wie ihnen der neue Prediger gefallen hätte, ertheilte ihm die Gemeine das verdiente Lob. Es wurde Kronhelm nicht ſchwer, den jungen Luͤtkemuͤl⸗ ler— ſo hieß der Candidat— von dem Patron, deſſen Lehrer er geweſen war, als Nachfolger zu erhalten. Am dritten Sonntage wurden auch die Eitern Luͤtkemuͤllers noch Seltenberg zum Mittaasmahl gebeten. An dieſem Tage ſolite das Verſprechen der jungen Leute zu Stande kommen, daß ſie ſich ewig lieben wollten. Sie waren Beide darauf rprbereiter. Bei Tiſche berrſchte eine heitere Stimmung. Alle freuten ſich auch uͤber Vater Kronhelm, der ſo munter war und er ſelbſt freute ſich in der Hoffnung, am naͤchſten Sonntage wieder predigen zu können. Jetzt überraſchte er*die Geſellſchaft mit dem Toaſt:„Wenn ſich un⸗ III. 14 210 ſere beiden Kinder lieben, wenn ſie ſich Herz und Hand fuͤr's Leben geben wollen; ſo laßt die Glaͤſer erklingen!“ Die Glaͤſer erklangen. Der Juͤngling umarmte das ſchoͤne Mädchen, ſie ſagte ja, die Eltern ſprachen den Segen und der Bund war geſchloſſen.„Gute Men⸗ ſchen“ ſprach der Greis voll Rührung,„duͤr⸗ fen ſich nicht lange beſinnen, wenn ſie den ehelichen Verband ſchließen wollen, Gott iſt Ihnen gnaͤdig! Nun, Marie,“ ſprach er in der Freude ſeines Herzens,„gehe noch ei⸗ nen Gang und hole die beiden Flaſchen mei⸗ nes beſten Weins; Du kennſt die geheime Stelle, wo ſie liegen. Seit dreißig Jahren wurde er fuͤr einen ſolchen Tag aufgeſpart! Schoͤner, wie der heutige, iſt mir in der ganzen Zeit noch keiner erſchienen.“ Der Gang war fuͤr Marien ein To⸗ besgang. Als ſie die Kellertreppe, vielleicht zu 2 raſch, heraufging, gleitete ſie auf einer Stufe, ſte! ruͤckwaͤrts, eine Bouteille zerbrach, die Glasſcherben durchſchnitten die Sehnen des rechten Beins uͤber dem Knoͤchel und ſie konnte auf den Fuß nicht treten. Das Blut ſtroͤmte aus der Wunde. Sie ſchtie laut um Hulfe. Als die Mutter, weil ſie zu lange wegblieb, nachging, fand ſie dos geliebte Kind in einer Ohnmacht auf der Erde liegen und ihr vergoſſenes Blut. Sie rief laut. Alle ſtuͤrzten in den Keller hinab. Die Ohnmächtige wurdf hinaufgetragen, mit er⸗ blaßtem Geſicht auf ein Sopha gelegt, ſie ſchlug kein Auge auf. Welch ein Schreck, welch eine Angſt, welch ein Schmerz! Es wurde ein Wundarzt aus der nächſten Stadt geholt, da der Dorfchirurgus das Blut nicht ſtilen konnte. Der Arzt kam, Menſchenhuͤlfe war vergebens. Marie fiel in den Todkrampf und ſchon am dritten Morgen endete ihr kindlich frommes Leben. 2¹2 Wer beſchreibt die Trauer der Eltern! Der Braͤutigam war faſt ohne Verſtand. Der fromme Kronhelm troͤſtete ſich mit den weiſen, uns verborgenen Wegen der Vorſe⸗ hung, aber ſeine Gattin konnte er zu dieſem Glauben nicht bringen.„Ach,“ ſeufzte ſie, „warum hat mir Gott das gethan! Sechs Stiefkindern war ich eine rechte Mutter, das ſiebente trug ich unter dem Herzen und das, das entreißt er mir? Meine Freude ſo zu Schmerz zu machen!“ Täglich tag ſie auf dem Grabe der Tochter, weinte und flehte zu Gott, daß er ſie von der jammervollen Erde wegnähme! Drei Monat waren ſeit dieſem Todes⸗ fall verfloſſen, man hatte denſelben dem Sohne in London deshalb nicht gemeldet, weil er mit der zärtlichſten Bruderliebe an ſeiner ein⸗ zigen Schweſter, mehr, als die uͤbrigen Bru⸗ der, hing. Unter der großen Linde vor dem Pfarrhauſe ſaßen der Prediger, ſeine Gattin 213 und Maria's Freundin, die nicht von den Traurigen weichen wollte, als ein großer, ſchöner Wagen in's Dorf gefahren kam und man den Poſtillon blaſen hoͤrte.„Nun,“ ſagte der Pfarrer,„was iſt das?“—„Der Profeſſor!“ ſagte ſeine Gattin.„Ach, wie wird er ſich erfchrecken, wenn er Marias Tod erfährt!“ Weiße Tuͤcher wehten aus dem Wagen, als er naher kam und der alte Vater ſagte:„Nun glaube ich's ſelbſt, daß er's iſt!“ Freude bewegte ſein Herz. Ja, der Sohn war's. Wonne erfullte die Herzen der Ankommenden. Der junge Mann zeigte auf die Medem und ſprach:„Dies iſt meine Schwiegermutter und dann,“ indem er Eli⸗ ſabeth die Hand reichte,„dieſe iſt meine Gattin! Ich bin der gluͤcklichſte Menſch un⸗ ter der Sonne, um Euern Segen bitte ich⸗ Wo iſt Marie?“ „Marie, Marie,“ ſagte ſeine Mutter mit ſtockender Rede und zuternder Lippe 2¹4 „dort auf dem Gottesacker, im Grabe. Wie im Sturme wurde ſie uns entriſſen!“ Ihre Thraͤnen floſſen. Kronheim erblaßte, der Schreck hatte ihn ſtarr gemacht. Der Va⸗ ter erzählte ihm in aller Kuͤrze die Ge⸗ ſchichte der ungluͤcklichen Marie und ſagte, indem er auf ſeine Gattin zeigte:„Wir werden uns auf der Erde nicht lange mehr aufhalten, das Ziel unſerer Abreiſe iſt nah und bald ſehen wir das theure Kind, die ein Engel iſt, wieder. Ach ich kann mich wohl beruhigen, aber Deine troſtloſe Mutter kann es nicht,“ Als ſich die S Trauer einiger⸗ maßen gemildert hatte, wurde Kronhelm auf⸗ gofordert, ſeine Verhetrathungsgeſchichte zu er⸗ zaͤhlen. Mit der zaͤrtlichſten Theilnahme ſchmiegte ſich Eliſabeth an Kronhelms Mutter an 245 und ſagte:„Nehmen Sie mich als Ihre Tochter an.“ In einem Zeitraum von drei Monaten lernten ſich die guten Menſchen einander naͤ⸗ her kennen und lieben. Luͤtkemuͤller wurde der Adjunctus des alten Kronhelm, den er väterlich liebte, und er vermehrte das Gluͤck der Familie. Aber ſeit die Medem mit ihrer Tochter das ſelten herrliche und fromme Le⸗ ben in dieſem Pfarrhauſe ſah, das ein Tem⸗ pel aller Tugenden war, konnten ſie ſich nicht mehr uͤber die moraliſche Guͤte ihres Kron⸗ helms wundern. Unerſchutterlich gruͤndete ſich ihnen der Glaube, daß ſie durch ihn im höchſten Grade glucklich werden wuͤrden. Aber alle Gemüther fingen an zu trau⸗ ern und auch die Bruͤder, die nach der Reihe ihre Eltern beſuchten, um ſie zu troͤſten und den geliebten Bruder zu umarmen, als die Rede von der Abreiſe war. Der Pfar⸗ „ 216 rer ſagte:„Mein Amt habe ich in gute Pände gelegt, wenn Du, lieber Sohn, nur nicht ſo entfernt von mir wohnteſt, ſo uͤber⸗ tedete ich die Mutter und wir zoͤgen mit Dir und Du druͤckteſt uns die Augen zu, wenn wir ſterben. Es iſt auch gut, daß ſich die Mutter aus einem Hauſe und Dorfe ent⸗ fernt, wo ihr taͤglich ſchmerzhafte Erinnerun⸗ gen begeunen, die es in ihr nie zu einer fe⸗ ſten Ruhe kommen laſſen.“—„Du haſt ganz recht,“ ſagte ſie zu ihrem Gatten. „Jetzt liebe ich Alberten am meiſten— ſo hieß der Profeſſor—„er war ein Jahr alt, als ich zu Dir kam und meine Marie liebte ihn mehr, als ihre andern Bruͤder. Er haͤrmt ſich auch am meiſten um ſie. Wenn nur das große Meer nicht zwiſchen uns laͤge!“ Die Medem ſchilderte die Fahrt nach England ſehr leicht, die ſie ſich vorher ſo ſchwer und gefaͤhrlich gedacht hätte. Aller — 247 Bitten vereinigten ſich, daß die Eltern mit nach England reiſen und dort bleiben ſollten. Die Sache von ſo großer Wichtrakeit wurde reiflich uͤberlegt und— der Greis ſagte: „Wir Beide ſind entſchloſſen, den Reſt un⸗ ſerer Tage bei Euch zu verleben. Unſere Herzen habt ihr gefeſſelt. Die Mutter liebt Elifabeth, wie ihre Tochter und ſie wuͤnſcht ſich keine beſſere Freundin, als die liebe Me⸗ dem. Ehrt unſer Zutrauen und unſere Liebe.“ Alle fielen einander in die Arme und thaten ſich heilige Geluͤbde. Der Profeſſor fagte:„Es giebt fuͤr einen dankbaren Sohn auf Erden kein höheres Gluͤck, als, ſeine be⸗ tagten Eltern zu pflegen und ihnen den Abend des Lebens zu erheitern!“ Freudethrä⸗ nen ſtuͤrzten ihm aus den Augen, er war lauter Liebe und Dank. Kurz vor der Abreiſe hatte die Mutter X * 1 218 das Grab ihrer Tochter noch einmal beſucht, ſich ſatt geweint und bat Luͤtkemuͤllern, es jaͤhrlſch mit friſchem Raſen belegen zu laſſen und wenn ein Roſenſtock darauf verdorre, einen andern wieder zu pflanzen. Oefter werde ſie ſich darnach erkundigen. Die Trennung bon dem Dorfe war hoͤchſt ruͤhrend. Die Gemeine wollte zuerſt ihren treuen Seelſorger gar nicht von ſich laſſen, bis er ſagte:„Das Herz zieht mich zu weinem Sohne hin, um des Lebens mei⸗ ner Gattin willen, muß ich mich trennen. Gott gab Euch in dem neuen Prediger wie⸗ der, was ihr an mir verliert. Er iſt es werth, daß ihr ihn liebet, ehret und vertrauet. Dort ſehen wir uns wieder!“ Alle Gemeineglieder ſtanden um den Wagen ver⸗ ſammelt, es war faſt keins, dem der Pfarrer nicht mit Lehre, Beiſpiel, Troſt, Rath und That wohlgethan hatte, und Alle weinten bit⸗ terlich. Seine Gattin weinte mit ihm. * 2¹9 Sie mußten Allen die Hände geben. Ma⸗ rias Freundin aber wurde ſo reichlich beſchenkt, daß ſie fuͤr ihre Ausſtattung nicht ſorgen durfte. Was Marien beſtimmt war, das er⸗ hielt ſie. Traurig ſchied auch ſie von dem lieben Dorfe; aber Lutkemuͤller, der in ihr ſeine Marie noch liebte, fuͤhrte ſie nach Ver⸗ lauf eines Jahres, als Predigerfrau in das Pfarrhaus zuruͤck. Während unſere Reiſenden in Deutſch⸗ land waren, trugen ſich auch in London wichtige Ereigniſſe zu. Sir Workwich war mit den Seinen, wegen der Medem, Kron⸗ helms und ſeiner Gattin in großen Aengſten, daß ſich ihre Ankunft ſo weit verſpätete. Man fuͤrchtete faſt, daß ihnen ein Ungluͤck 220 begegnet ſeyo. Mehrere Briefe, die an die Medem nach Briſtol abgingen, blieben unbe⸗ antwortet. Endlich kam ein Abend, der die Herzen mit Freude erfuͤllte und ſie auf eine lange Weile alle Beſorgniſſe um die entfien ten Freunde vergeſſen⸗ machte. Sir Robert hatte ſeine Handlung und Plantage ſehr vortheilhaft verkauft. Anna gebar eine Tochter. Das Kind war ſchon, geſund, ſtark und ſelbſt Aerzte, die man des⸗ halb befragte, verſicherten, daß die Reiſe dem⸗ ſelben nicht gefaͤhrlich ſeyo. Das eigene Schiff, was Sir Robert ſelbſt befrachtete, war auf's bequemſte eingerichtet“ Aber ohne ſchmerzhafte Erfahrungen ſollte dieſe Reiſe nicht vollendet werden, welche Sir Robert insbeſondere, der Jamaica liebte, dem er ſein Gluͤck verdankte, wo er theure Freunde ver⸗ ließ, mit der tiefſten Wehmuth antrat. Er wurde vormgs gezogen, orüegipaitt und war mit ſeinem Herzen in dem peinlichſten 2 221 Gedraͤnge. Seine Trauer konnte er nicht verbergen und die Andern ſuchten ihre Freude uͤber die Abfahrt zu unterdruͤcken. Kaum waren ſie vier Tage auf der See, als das Kind anfing zu kraͤnkeln. Es wurde in kurzer Zeit mit ihm ſehr ſchlimm, ſo, daß man ſein Ende mit jeder Stunde erwarten mußte. Der Schiffsarzt erklaͤrte es offen und ohne Hehl daß das Kind fuͤr eine ſol⸗ che Seereiſe noch viel zu jung und zart ſey, und daß man es erſt ein Vierteljahr wenig⸗ ſtens hätte älter werden laſſen muͤſſen, ehe man das Wageſtuck unternahm. In Ja⸗ maica gäbe es Aerzte in Menge und man hatte Einen um Rath fragen ſollen. Der Mann ſagte das mit unwilliger Miene, im einſten Tone, aber mit aufrichtiger Theilnah⸗ me und herzlichem Mitleid. Es war ihm hoͤchſt unbehaglich, daß er die herrlichen Leute, mit denen er ſich viel unterhalten, die er achten gelernt hatte, um des Kindeswillen, 222 das wirklich einem Engel glich, ſo leiden ſah und daß er die erwuͤnſchte Huͤlfe nicht leiſten konnte.—„Lieber, beſter Doctor, machen Sie uns keinen Vorwurf, als ob wir, ohne die geſchickteſten Aerzte zu fragen, aus Ja⸗ maica gereiſt waͤten. Sie wuͤnſchten uns eine gluͤckliche Reiſe und meinten, das Kind ſey ſtark genug dafuͤr.“— Da rief der Arzt: „Wo ſoll nun das Vertrauen gegen die Rerzte herkommen, wenn ſie in ſolchem Wi⸗ derſpruche gegen einander ſiehen! Idre Kunſt iſt eine ungewiſſe und ſchwankende und die Wenigſten wiſſen es ſo recht, wie ſie damit daran ſind. Man möchte es von vielen Kranken ſagen, die wieder geneſen: Euer Glaube hat geholfen! Da lobe ich mir die Chirurgen, die ſollen leben! Was der Menſch nicht mit Augen ſehen, mit den Fingern nicht beruͤhren kann, wie den inwendigen Leib eines lebendigen Menſchen, da geht er, im Allgemeinen wenigſtens, im Dunkeln, ſtoͤßt ſich mit all ſeiner Kunſt oft an die Naſe, 223 * oft auch, weil er unrichtig ſchließt, ahnet und meint, den Patienten in's Grab, wo kein Arzt mehr nöthig iſt. Das Kind wurde wieder geſund, aber Anna hatte ſich ſo ſehr geangſtigt, daß ſie auch erkrankte. Einige Tage ſpäter legte ſich auch William nieder. So wandelt ein Un⸗ gluͤck faſt nie allein, ſondern in Begleitung anderer groͤßerer Uebel. Hier zeigte der Arzt nicht allein ſeine Kunſt, ſondern auch ſeine Menſchenliebe und Theilnahme. Den größ⸗ ten Theil der Naͤchte durchwachte er hei den Patienten. Die Berklei war eigentlich troſt⸗ los und dachte, daß ſie durch ihr Eilen nach England den Tod ihrer Kinder verſchuldet haͤtte. Sie hatte mit dem Säaͤugling viel zu thun, um ihm die dienliche Nahrung zu ge⸗ ben, da die Mutter ihm die Bruſt nicht mehr reichen konnte und er entwoͤhnt werden mußte. 224 Nicht ohne geheimen Schmerz, aber ihn beherrſchend und durch den Balſam der Re⸗ ligion mildernd, ſtand Sir Robert da, wie ein Fels in den Wellen. Er ſuwte nur zu beruhigen und zu troͤſten, wenn ſeine Gattin verzagte und verzweifelte, indem er ſprach: „Unſer Leben und Schickfal ruht in der Hand einer weiſen und gütigen Allmacht und da iſt es am beſten aufgehoben, ſo wenig der kurzſichtige Menſch das auch glauben mag. Er führt uns durch Leiden und Freu⸗ den zum Ziele, wenn wir uns gläubig und geduldig füͤgen. Bedenke doch, er hat das ſchwache Leden des Säualings erhalten ſollte er denn das ſtaͤrkere ſeiner Eltern nicht ret⸗ ten können? Wie es aber auch kommen mag, ſo wollen wir uns der Waiſe annehmen!“ Der Arzt hatte eine unbeſchreibliche Freude, daß es mit ſeinen Patienten endlich beſſer wuͤrde. Er war der Freund und Ver⸗ traute der ganzen Familie geworden. Er 225 gab Gott die Ehre der Kur und ſagte:„Ich war weiter nichts, als das Werkzeug einer hoͤhern Macht, die mich mit den rechten Mit⸗ teln verſah, die Krankheit zu heben. Er wurde von den Dankbaren auf den Haͤnden getragen und im Herzen gelobte ihm Sir Robert eine Belohnung, die er aber jetzt gewiß nicht angenommen haͤtte. Ihm galt die Geneſung der beiden Kranken mehr als ein Gelbgeſchenk. Als die Reiſenden ans Land traten, mußten ſie wohl noch vierzehn Tage ſich von London entfernt halten, um ſich erſt voͤllig wieder zu erholen. Endlich fuhren Alle, froh und geſund, nach der Hauptſtadt ab. Wie prieſen ſie Gott, wie dankten ſie dem großen Erhalter des Lebens! Wirklich läßt ſich die Freude, als ſie ankamen, mit Worten nicht be⸗ ſchreiben. Die Madame Workwich war ganz Entzuͤcken, als ſie ihre Anna mit dem ſchoͤnen Knaben auf dem Arm erblickte. Kummer und Sehnſucht war aus ihrer Seele entſchwunden. III. 15 226 Die junge Workwich, die mit ihrem Gatten bei den Schwiegeteltern war, ſank in Ohnmacht, als ſie ihre Mutter erkannte. Auf dem hal⸗ ven Wege zu ihr fiel ſie nieder. Sir Lo⸗ renz umarmte zuerſt ſeinen Bruder, dann Willtam, der an Carls Bruſt lag und ſprach: „Daß Du es mir unmoͤguch gemacht haſt, mrin Geluͤbde erfuͤllen zu können, das wird Dir Gott vergeben mein Herz bat Dir ver⸗ ziehen, ich erkenne Dich fuͤr meinen Sohn.“ Ais der erſte Tumult der Freude vor⸗ über war, ſagte die Workwich, welche ſich eine abermalige Trennung von ihrer Tochter dachte:„Nun ſoll Dich keine Welt von mir wieder trennen! Giengeſt Du von mir, ſo wäre es um mein Leben geſchehen!“ Sir Robert wollte es erſt ſpäter ſagen, daß er nicht mehr an Jamaica gebunden ſey, und daß auch William und Anna in London blie⸗ ben; aber der unwiderſtehliche Drang, die Wonne des erſten Wiederſehens noch zu er⸗ 227 hoͤhen, und bamit ſie ungeſchmälert genoſſen werden koͤnnte, üeß ihn die Worte ausſtoßen: „Ja, Schweſter, wir Alle bleiben in Lohdon, ich habe kein Eigenthum in Jamaica mehr und der großte Theil der dafuͤr gelöſeten Summe iſt in dem Schiffe, das uns hieher fuͤhrte.“. Keinem Wohlthaͤter iſt je herz⸗ licher fuͤr eine edle That gedankt worden, als Sir Robert. Alle umarmten, kuͤßten ihn und prieſen ſeine Liebe. Er aber ſprach: „Was that ich denn ane als daß ich der Stimme meines Herzens folgte, das den Bitten der theuerſten Freunde, die ich auf Erden habe, nicht widerſtehen konnte Friede, Liebe, Vertrauen und Freundſchaft wohne kuͤnftig in unſerer Mitte und ſey der Stern, der unſere Tage erleuchtet, die uns Gott noch leben laͤßt.“ An einem der Freudenfeſte, welches über die gluͤckliche Ruckkehr gefeiert wurde⸗ erſchie⸗ nen Kronhelm, die Medem und ihre Tochter 228 in Workwichs Gartenhauſe. Ein allgemeiner Jubel brach los. Das Erblicken der Freunde aus Jamaica entzuͤckte die Ankommenden. Kronhelm, welcher ſeine Reiſegeſchichte in al⸗ ler Kurze erzaͤhlte, ſagte:„Wie meine Eltern mir vertrauen, wie ſie meine Eliſabeth lie⸗ ben, das bewieſen ſie damit, daß ſie uns nach London folgten. Hier wollen ſie ſter⸗ ben, und ich preiſe den Himmel, daß ich einen Theil meiner Kindesſchuld an ſie ab⸗ tragen kann.“— Freudig ſagte Sir Lorenz: „Wer ein edler Menſch iſt, der muß auch ein dankbarer Sohn ſeyn.“ Taͤglich waren dieſe Freunde verſammelt. Der Vater Kronhelm wurde von Allen mit ſeiner Gattin verehrt, als ob ſie Heilige waͤ⸗ ten. Er ſprach,„Guͤtig und wunderbar iſt Gott, der mich hieher fuͤhrte, gelobt ſey der Name des Herrn!“ *„ Nochſtehende, ſehr unterhaltende Romane und Scauſpiele ſind in allen Buchhandlungen Deutſchlands zu haben: Grab, das, am Veſuv. Von C. Nicolai. 8. 1 Thlr. 4 Gr. Graf Albert von Reinſtein, oder das heimliche Gericht der Teufelsmauer. Rittergeſchichte aus den Zeiten der Vehme. 3 Theile. Mit 1 Kupfer. S. 3 Thlr. 4 Gr. Haidebluͤthen, nordiſche. Von F. C. B. Waͤchtter. Mit 1 Kupfer. 1 Thlr. 8 Gr. Heldentod, der, fuͤr's Vaterland. Ein dra⸗ matiſches Gemalde in 3 Aufzugen. 8. 18 Gr. Helene, oder die wunderbare Erſcheinung im Muͤnſter zu Straßburg. Ein Roman aus der Vorzeit. 3 Theile. 8. 2 Thir. 20 Gr. Herrmann von der Heideburg, oder der Eremit in der Waldklauſe. Von H. Muͤller. 8. 20 Gr. Herrmann Streit, oder Leben und merkwuͤrdige S ickſale eines Preußiſchen Landwehrman⸗ nes. Keine Dichtung.(Vom Verf. des Fiorenzo). 2 Baͤnde. 8. 1 Thlr. 18 Gr. Horatier, die. Trauerſpiel in 5 Akten. Nach Corneille. gr. 8. 12 Gr. Huſar, der. Roman von C. Hildebrondt. 3 Theile. Mit 1 Kupfer. 8. 3 Thir. 8 Gr. Jacob Schwänzlein und die Seinen. Ein komiſcher Roman vom Verfaſſer der Mit⸗ ternachtsglocke und des Zweikampfs. 8.⸗ 1 Thlr. Ignez und Leonelli, eine ſpaniſche Geſchichte. — Lorenza, oder das Unſchuldsopfer aus Kindesliebe.— Adelaide und Adalbert, ein Feenmaͤbrchen.— Franciscus, oder die Mitternachtsſtunde im Kioſtergarten. Neue Ausgabe 8. 18 Gr. Ina, das geraubte Mädchen aus Algier, oder ſchreckliche Abentheuer und Schickſale eines jungen Svpaniers. Vom Verfaſſer des Fiorenzo. 2 Baͤnde. Mit 1 Kupfer. 8. 1 Thlr. 16 Gr. Joachims Abentheuer, oder die Kunſt, ein großer Herr zu werden. Eine Geſchichte aus den Zeiten der Bülletins. Von Bap⸗ tiſt von Heinsburg. 2 Theile. 8 2 Thlr. Joſeph und Wilbelmine, oder der Liebe Sieg uͤber den Glauben. Geſchichte eines Ju⸗ den und einer Chriſtin. 2 Tbeile. 8. 1 Thlr. 16 Gr. Indenkirſchen. Enthaltend: Anekdoten, Schnur⸗ ren und Lächerlichkeiten von Juden und Jadengenoſſen. Dritte vermehrte Auf⸗ lage. Mit 1 illuminirten Kupf. 3 Baͤnd⸗ chen. 8. geh. 1 Tblr. 6 Gr. Julie, oder Leichtſinn und Ausſchweifung. Eine abentheuerliche Geſchichte. 8. 18 Gr. Julius Wartberg, oder die dunkeln Wege des Geſchicks. Roman vom Verfaſſer der Pau⸗ lowna, 2 Thle. 3. 1 Thlr. 16 Gr, Slausner, der, im Schwarzwalde. Ritrer⸗ roman aus dem Liten Jahrhundert. Von C. Hildebrandt. 2 Theile. S. 1 Thlr. 16 Gr. Kloſterſturm, der, oder wunderbare Rettung aus dem Schlachtgetuͤmmel. Roman vom Verfaſſer des Pfarrhauſes zu Remsdorf. 3 Thle. 8. 3 Thlr. 6 Gr. Knackmandeln. Unterhaltungsbuͤchlein fuͤr heitere Geſellſchaften und Freunde einer frohen Tafelrunde. Enthaltend Witz⸗ und Blitzfunken, Schwänke, Anekdoten, Aben⸗ theuer, Launen und humoriſtiſche Erzaͤh⸗ lungen. Zweite, gaͤnzlich umgearbeitete Auflage. 8. 1 Thlr. hblAhe.e — — re ven