— — 5 Leihbiblivthet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Ottmunn in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih, und Ceſebedingungen. oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rüh eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deiſete entſprechende Summe hinter kegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet 3 wird. Daſſelbe ſmuß voraus ſbezahlt werden und beträct. 3 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 2 21 Mk.— Pf. 1 Wt. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5. Auswärtige ſponnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Pücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Bedurfte es doch nur eines Sturmes, oder anderer Unfälle, die den Schiffenden begegnen, und ſein Leben verlor ſich in den Wellen des Oceans. Sie fuͤhlte es zu gewiß, daß ihr Herz inniger und lie⸗ bender an dem Sohne hing, weil er ihr als ein Bedauernswerther erſchien, indeß ihre Tochter das Ziel ihrer Wuͤnſche erreicht hatte und eine in aller Hinſicht beneidenswerthe Gattin war. Carl trug ſie auf den Haͤnden, ihre Schwiegermutter uͤberhaͤufte ſie mit re⸗ denden Beweiſen eines muͤtterlichen Wohl⸗ wollens und nun, da die Heirath vollzogen war, vergaß auch Workwich ſeinen fruͤhern Verdruß und machte Eliſabeth zu ſeinem Liebling. Sie war dagegen auch die liebe⸗ vollſte, dankbarſte Tochter und gab es ihrem Schwiegervater ſo recht zu erkennen, wie werth ſie ſeiner Guͤte ſeyo. Nur Anna ließ es ihr merken, daß ſie ſo gluͤcklich nicht ſeyn könne, wenn ſie an eine ungluͤckliche Freun⸗ din denke und dieſe immer ver Augen habe. Die Berklei fand ein wehmuͤthiges Ver⸗ gnugen darin, ſich die Seelenſtimmung ihres Sohnes ganz zu vergegenwaͤrtigen und dachte ſie ſich als eine ſehr truͤbe und bemitleids⸗ werthe. Welchen Kampf hatte es William wohl gekoſtet, ſich ſo weit von einer Mutter zu entfernen, an die er mit den unaufloͤsli⸗ chen Banden der edelſten Kindesliebe gekettet war; wie mußte die Qual ſein Herz zerrei⸗ ßen, als er ſich von ſeiner theuern Anna in 7 der ungewiſſen Hoffnung trennte, ob er ſie je wiederſehen werde; ſeine Schweſter hatte er ſehr lieb, Carln achtete er fuͤr einen Bru⸗ der, Beide wußte er ſo gluͤcklich und ob ſein dunkeles Schickſal je heller werden wuͤrde, das wußte er nicht. Aus freiem Willen, von Neugierde oder Gewinnſucht getrieben, machte er die weite Reiſe uͤbers Meer gewiß nicht; er wurde von einer unſichtbaren Ge⸗ walt dazu gezwungen, er mußte das Wage⸗ ſtuͤck unternehmen, weil er glaubte, es ſey das Einzige, was ihm uͤbrig wäre, um ſeine Verbindung mit Annen zu erzielen. Dieſe erkannte das Opfer, das er ihr brachte, nach ſeinem ganzen Werthe und in einem hoͤhern Grade wuͤrde ſie ihn geachtet und geliebt ha⸗ ben, wenn es uͤberhaupt in ihrem Herzen hoͤhere Grade der Achtung und Liebe fuͤr William gab. Niemand war Annen jetzt theurer, als Williams Mutter; in der Geſellſchaft dieſer 8 Frau war ſie am liebſten. Ein Schmerz, ein Glaube, eine Hoffnung bewegte die Her⸗ zen der Beiden, ſie ſtimmten in einem Wun⸗ ſche zuſammen und hatten ein Verlangen, eine Sehnſucht. William war immer der Hauptgegenſtand ihres Geſpraͤchs, ſie ermuͤ⸗ deten nicht, von ihm zu reden und an Stoff fehlte es ihnen nie. Sie glaubten dann ru⸗ higer zu werden, wenn ſie nur erſt einen Brief von ihm empfangen haͤtten, der ihnen ſeine gluͤckliche Ueberkunft nach Jamaica und ſeinen Empfang bei dem Onkel Robert mel⸗ dete. Fuͤr eme beſondere Gnade des Him⸗ mels, zu ihrem Troſte, fuͤr Williams Erhal⸗ tung hielten ſie es, daß die Witterung in langer Zeit nicht ſtuͤrmiſch war, die ſie genau beobachteten und daß ſogar guͤnſtige Winde wehten, die ſeine Fahrt beſchleunigen konnten. Ach, was erforſcht nicht das Auhe, was er⸗ waͤgt nicht das Gemuͤth einer zaͤrtlich geſinn⸗ ten Seele, um ſich in weiter Ferne von ge⸗ ſiebten Menſchen zu troͤſten und— zu aͤng⸗ 9 ſtigen! Wie beſorgt und kummervoll iſt ſie oft um die Thenern, ob ſie von ihnen auch keine Gefahr abwenden und ihnen nicht huͤlf⸗ reich in derſelben beiſpringen kann. Wir bil⸗ den uns im Geiſte ihr Leben und Weben mit ſelbſterfundenen Farben, die uns bald entzuͤcken bald niederſchlagen und nehmen es ſpaͤter wahr, daß wir uns taͤuſchten, daß ſie lachten, wenn wir um ſie weinten und daß ſie weinten, wenn der Gedanke an ſie in uns ſchoͤn und heiter, wie eine Morgenſonne, auf⸗ ging. Aber um geliebter Menſchen willen iſt unſer Inneres in ſteter Geſchaͤftigkeit und kann nimmer ruhn. Die Madame Workwich hatte nichts da⸗ gegen, daß ihre Tochter Tage lang bei ihrer Freundin war, und die Urſache, warum Anna die Geſellſchaft der Berkley ſuchte und ſie jeder andern Unterhaltung vorzog, war ihr wohl bekannt. Zu gleichgeſtimmten Seelen, es ſey in Freude oder Schmerz, neigen wir 10 uns am meiſten hin und wo wir die großte Theilnahme in Leiden finden, da iſt die Quelle unſeres Troſtes, an der wir uns er⸗ quicken. Im Scherz ſagte die Workwich einſt zu ihrer Tochter:„Du gehſt ja mit der Berklei um, als ob ſie Deine Mutter wäre. Faſt moͤchte ich eiferſuͤchtig auf ſie werden, daß ſie mir das Herz meiner lieben Anna entzieht.“—„Mutter,“ erwiederte Anna, „wer moͤchte Dir mein kindliches, liebevolles Herz entziehen, das fuͤrchte nie; aber mit meinen Klagen will ich Dich nicht beſchweren, mit meinen Geſpraͤchen von William Dich nicht ermuͤden. Das Klagen, das Reden von ihm iſt mir aber Beduͤrfniß, wenn mein Herz ſich erleichtern ſoll. Sie iſt ja die Mutter meines Williams und ſpricht und klagt ſo gern mit mir. Welch eine Stuͤtze wuͤrde ſie verlieren, wenn ich mich ihr ent⸗ zoͤge! Einen großen Theil der Mutterliebe hat ſie von William auf mich uͤbergetragen und in meiner Nähe ſcheint ſich ihr bren⸗ —.——— 11 nender Schmerz uͤber den entfernten Sohn abzukuͤhlen. Soll ich ihr dieſen Dienſt nicht gewaͤhren? Meine Liebe, das ſagte ſie ſelbſt, iſt ihr Balſam. Eliſabeth iſt eine Gluͤck⸗ liche, die ſie nicht ſtoͤren will und ihre Trauer mit der Mutter koͤmmt ihr wie eine gebotene Pflicht vor, die darum den vollen Werth nicht hat, weil ſie dazu nöthigen muß. Workwich unterſagte Annen die fleißigen Beſuche auch nicht, die ſie bei der Berklei abſtattete; aber er ſah daraus auch die Groͤße der Liebe, mit der ſie William ergeben war und, das eben ruͤhrte ihn ſchmerzhaft. Er kam mit ſeinem Vatergefuͤhl in ein großes Gedraͤnge, aber ſein Vorſatz, die Heirath mit William nicht zuzugeben, ſtand unerſchuͤtter⸗ lich feſt. Anna wurde recht krank. Die Urſache und der Sitz ihrer Krankheit war leicht ge⸗ funden. Sie konnte ſich nicht zufrieden ge⸗ ben, daß ſie ſo weit von William ge⸗ trennt war, die Hoffnung, ihn wieder zu ſehen, wurde ihr immer zweifelhafter. Wer weißſ, ſo fuͤrchtete ſie, ob er den Tod nicht in den Wellen fand. Je mehr ſie ihren Gram unterdruͤcken wollte, deſto angrei⸗ fender und die Geſundheit zerſtoͤrender wur⸗ de er. Niemand war ihres Lebens wegen in groͤßerer Angſt, als ihr Vater. Liebe, beſte Anna, ſo ſprach er an ihrem Krankenbette, wenn Dir meine Erhaltung nicht gleichguͤltig iſt, ermaͤchtige Dich, faſſe Muth, ſuche Dein Herz zu ſtaͤrken. Es begegnet uns nichts von ohngefähr, bedenke, daß es des Himmels guͤtige Fuͤgung iſt, daß William nach Ja⸗ maica ging. Auf Deinem Schmerzenslager ſelbſt muß ich Dir's ſagen, es geht uͤber meine Macht, Deine Hand in Williams Hand zu legen. Einſt wirſt Du's erfahren, daß mein unerſchuͤtterliches Weigern nicht die 13 Frucht einer launiſchen Grille iſt. O, den Tod moͤchte ich mir wuͤnſchen, dann haſt Du Freiheit, ungehindert Deiner Neigung zu fol⸗ gen! Soll ich um Deinetwillen zu gewiſſen⸗ loſem Meineidigen werden? Koͤnnteſt Du nur Deines Gluͤcks willen, dem Vater vor Gott zu einem Verbrecher machen? Moͤgen Tau⸗ ſende gewiſſenlos uͤber das Heiligſte ren, aus der Religion und ſich ſelbſt ein ge⸗ meines Spiel machen und thun, i was das hoͤhere Gebot von ihnen fordert, ſondern was ihr Vortheil, die Gegenwart ihnen ein⸗ giebt und billigt, ſo kann und mag ich's doch nicht. i Sin fanden ſich bei dem al⸗ ten Glauben wohl und ich will mein Heil bei ihm nur ſuchen. Mit freiem Wihen kann ich nichts, michts fuͤr Deine Wuͤnſche thun; was mir aber mit einer Gewalt entriſſen wird, die ich nicht beſiegen kann, dafuͤr bin ich nicht verantwortlich. O, meine Anna, es wird eine Zeit kommen, wo ich in deutlicher Rede mit Dir ſprechen kann und Du wirſt dann den Mann, als Vater und Chriſt, ge⸗ rechtfertiget ſehn, den Du jetzt verkennſt. Mein Wille iſt gebunden, ich leide unbe⸗ ſchreiblich.“ 1 Workwich ſtanden die Thränen im Au⸗ gen, er reichte Annen die Hand und ſprach: „Kind, wenn Du kraͤnker wirſt, wird mich der Gram toͤdten. Es dringt Alles auf mich ein, daß ich zu Deiner Verbindung mit William, den ich doch wie ein zaͤrtlicher Va⸗ tttter liebe, ja ſagen ſoll, aber ich kann es nicht! Ich beklage Dich, habe auch Mitleid mit mir! Warum ließ ſich der fromme William von ſeinem Edelmuth beſiegen, iſt das auch meine Schuld, es iſt auch nicht ſeine, es iſt Gottes Sache, der es ſo ordnete und es muß, es muß gut ſeyn.“ Die Mutter war Zeuge der Rede, ſie war ihr und Annen räthſelhaft. Daß er voll Liſt nicht einen Vorwand erſann, um Vor⸗ 15 wuͤrfe, die ihm gemacht werden konnten, von ſich abzulehnen, das trauete ihm Niemandb zu. Wenn ihm auch der Arzt ſagte, er moͤge ſeiner Tochter nur die Zuſicherung ge⸗ ben, daß er ihre Verbindung mit dem jun⸗ gen Berklei genehmigen wolle, ſo werde ſie ohne Arzener geneſen, da erwiederte er: „Das wollte ich wohl gern, aber ich kann es nicht.“ Unbegreiflich war es Allen, daß Work⸗ wich die Heirath ſeiner Tochter nicht zuge⸗ ben wollte. Er war bekannt als ein from⸗ mer Mann und als ein zärtlicher Vater und juſt in einem Punkte ſcheiterte der Glaube an ſeine Guͤte.„Ach, die kurzſichtigen Men⸗ ſchen, ſie begreifen es nicht, daß es die in⸗ nere Gottesfurcht, die feſte Tugend, die red⸗ liche Treue iſt, die Dich, nach ihrem Urtheil, ſo tadelnswerth handeln läßt. Fügteſt Du Dich in ihren Willen, ſo begingſt Du ein unverzeihliches Unrecht und verloren waͤre die * 16 Ruhe Deines Gewiſſens. Soliſt Du's hin⸗ geben, dies hoͤchſte Menſchengluͤck, damit Deine Ehre gerechtfertigt werde, damit Du als ein gütiger Vater, der ſchwach und ver⸗ werflich, nach ſeinem Urtheile, handelt, geprie⸗ ſen werdeſt? Lieber, die Feindſchaft der gan⸗ zen Welt, als der Krieg mit unſerm Herzen. Mag ich verkannt werden, wenn ich nur weiß, was ich an mir habe. Der große, weiſe Geiſt, der mir ein heiliges Verſprechen abforderte, der wird, der kann mich deſſen al⸗ lein entbinden, die Welt kann es icht und ich ſelber nicht.“ Seine Gattin kam, als er noch denkend und in tiefe Gedanken verſenkt in ſeinem Lehnſtuhl ſaß und ſagte:„Anna laͤßt Dich's wiſſen, Du ſoüſt ruhiger ſeyn, ſie will ſich aufzurichten ſuchen. Es ſey ihre Schuld, ſagte ſie, daß ſie ſich durch vergeblichen Gram die Krankheit zugeiogen habe und nicht des Vaters. Auch Gehorſam mäſſe die Tochter ——— 17 ihm leiſten und wenn er ihr noch ſo ſauer wuͤrde. Du wirſt ſie freundlicher und beſſer finden, wenn Du ſie wiederſiehſt. Wie theil⸗ nehmend, wie guͤtig iſt mein Vater,“ ſprach ſie,„das glaubte ich von ihm nicht. O, er muß wichtige Gruͤnde haben, weshalb er mir die Liebe zu William unterſagt und er wird ſie mir wohl eröffnen, wenn es ihm gut und recht ſcheint. Lorenz, darf ich ſie nicht wiſ⸗ ſen? Soll ich das Geheimniß nicht erfahren? Du biſt ſonſt ſo redlich und ſo offen, warum verbirgſt Du mir's?“ Als ſich Workwich eine Weile geſammelt hatte, fing er alſo an:„Wie heilig mir von jeher ein Verſprechen war, wenn ich's gege⸗ ben hatte, das iſt Dir wohl bewußt, ich er⸗ fühte es, und was die Redlichkeit, mit der ich's hielt, mir auch koſtete. Wer das Wort bricht, was er ſich ſelbſt, oder was er Andern gab, der taugt zu keiner Tugend, dem fehlt zur edeln That der feſte Sinn. Du weißt's, II. 2 18 wie hart das Unglück vor achtzehn Jahren Unſern Wohlſtand bedrohte und wie nahe mir die Gefahr war, in Armuth oder gar in Duͤrftigkeit zu ſinken. Fuͤr mich zitterte ich nicht, aber fuͤr Dich und unſere beiden Kin⸗ der. Haͤtte meine Liebe zu Euch es ertragen koͤnnen, daß ich Euch mit Noth und Man⸗ gel kämpfen ſah? Damals hatte ich noch nicht ienes kindliche Vertrauen zur Vorſehung, das unſere Ruhe beſchuͤtzt, unſern Muth be⸗ ſchirmt, wenn wir auch auf brauſenden Wo⸗ gen umherſchweben und unabſehbare Abgruͤn de eines ſichern Verderbens unter uns ge⸗ wahr werden. Ich verbarg Dir meine Angſt, ich verſchwieg Dir meinen Kummer, nicht be⸗ truͤben ſollte Dich das Elend, das mir un⸗ vermeidlich ſchien. Aber auf einmal wurde meine Furcht Hoffnung, mein geglaubter Verluſt Gewinn, es hieß, das Schiff, was meinen Reichthum, mein Vermögen in ſich trug, ſey im Sturme nicht unterge⸗ gangen, wie die erſte Schreckensnachricht es —— xneee verkuͤndigte und— es lief im ſichern Hafen ein“ „Die raſchen Uebergaͤnge vom tiefſten Kummer zum lhoͤchſten Entzuͤcken, verträgt nicht jeder Menſch ohne Schaden fuͤr ſeine Geſundheit, ſo manches empfindungsreiche Weſen wird zerſtört, faͤngt an zu ſiecheln, er⸗ krankt und ſtirbt. Die Moglichkeit, mich durch eine ſchwere Krankheit zu verlieren, nachdem ich Dir die Urſoche derſelben offen⸗ bart hatte, konnte ich Dir nicht ausreden. Damals ſah ich's mit Wehmuth und Ent⸗ zuͤcken, wie lieb Du mich hatteſt. Deine Liebe, herrlicherer als die Liebe von tauſend Frauen, ſprach aus Deinen Thraͤnen, redete von Deinen erblaßten Lippen. Den Abſchied von Dir und meinen beiden unmundigen Kindern, dachte ich mir ſehr ſchwer und flehte zu Gott um ein laͤngeres Leben!“ Aber mehr, als die leibliche Arznei, 5 20 ſtaͤrkte mich das Wort des herrlichen Geiſtli⸗ chen Leland, der taͤglich mich beſuchte. Er lehrte es mich, mit welchem Sinn der Chriſt von dieſer Erde wuͤrdig ſcheiden muß und wie das fromme vollbrachte Leben Eingang in das Reich ewiger Belohnungen iſt. Der Balſam der Religion, der von ſeinen Lippen floß, ſtillte meine innere Unruhe, ich gewann Ergebung in Gottes Willen und ſah mit freudiger Faſſung empor zum Himmel. Als die Gefahr des Todes fuͤr mich voruͤber war, als meine Kräfte ſich ſtaͤrkten und ich in der Geneſung weiter kam, da hatte ich mit dem trefflichen Leland eine feierliche Stunde, wie ſie mir ſo licht und hell, ſo feierlich und ernſt dieſſeit der Grenzen des Grabes wohl nie wiederkehrt.“ „Als ein großes Dank⸗ und Freudenop⸗ fer waͤnſchte ich's, daß mir Leland das Abend⸗ mahl reichen ſollte. An einem Morgen, wo meine Stimmung eine rein religioͤſe war, wo in wrieder 3 die Erde mit ihrem Staube unter meinen Fuͤßen ſchwebte, wo mein Geiſt den Thron der ewigen Gnade umſchwebte, die mein ge⸗ glaubtes Ungluͤck in Glüͤck, den nahen Tod aufkeimendes Leben verwandelt hatte, feierte ich das Nachtmahl. Wie dieſer Geiſtliche betete, ſo hörte ich nie beten und — meine Seele war ein Gebet.“ „Da mein Geiſt in die irdiſche Wirklich⸗ keit zuruͤckgezogen war, ergriff ich mit dank⸗ varer Inbrunſt Lelands Hand und ſagte: „Freund, Sie haben meine Seele auf eine beſ⸗ ſere Bahn geleitet, in der Krankheit des Lei⸗ bes iſt ſie durch Ihre Zuſprache geneſen, laſ⸗ ſen Sie mich dankbar ſeyn, ich muß es ſeyn, es iſt mir eine heilige, ſuße Pflicht.“ Er ſah mich ſo ernſt an, als ob er mir einen Verweis geben wollte und ſprach dann:„Geld und Gut verlange ich ni von ihnen und ſie irren ſich, wenn ſie w 22 nen, daß meine Dienſte ſich damit bezahlen ließen. Aber wollen ſie ein gutes Werk ſiif⸗ ten, wollen ſie, ſtatt meiner einen Andern be⸗ gluͤcken, ſo ſey ihr Wille ungebunden.“ „O, ich habe es erkannt,“ erwiederte ich, „wie maͤchtig ein Geiſtlicher, der von der Heiligkeit ſeines Berufes durchdrungen iſt, auf die Seelen wirkt, wenn es ihnen an dem Sinn fuͤr das Göttliche und Religioſe nicht gebricht. Mein Sohn, das gelobe ich, ſoll ein Diener des hoͤchſten Gottes werden.“— Leland ſagte:„Nicht das geloben ſie, ſie möchten es nicht halten können. Eigentlich giebts doch nur wenige, denen Gott und Natur die Gabe verlieh, mit Herz und Mund und That wuͤrdige Verkuͤnder der Religion und ihre Muſterbilder zu ſeyn; das Gemeine, Gewöhnliche, ob's auch in Menge da iſt, taugt nicht fuͤr dieſen Stand, der es nur mit dem Idealen, dem Ueberſinnlichen, der es damit zu thun hat, was ich im Men⸗ . 23 ſchen die Bluͤthe fuͤr den Himmel nennen möchte. Sie wiſſen es doch nicht, ob Nei⸗ gung und Geſchick fuͤr einen ſo hohen Beruf in ihrem Sohne wohnt. Wollen ſie aber auf eine andere Weiſe ihren achtungsvollen Dank gegen den Stand, dem ich angehoͤre, beweiſen, ſo moͤgen ſie's und es wird meine Freude ſeyn.“ „Jetzt,“ ſo fuhr Workwich fort,„kamen Carl und Anna in's Zimmer gelaufen und ſchmiegten ſich mit kindlicher Freundlichkeit an mich und Leland an und jetzt ging ein Gedanke, wie ein helles Licht in mir auf. Ich hieß die Kinder von mir gehen und ſchwur: ſo wahr der Allmächtige mein Leben den Meinen erhalten und mir durch den Wuͤrdigſten ſeiner Diener wohlgethan hat, ſo wahr und gewiß will ich das Geluͤbde erful⸗ len, was ich jetzt ausſpreche: eins dieſer Kin⸗ der, ſey es der Sohn oder die Tochter, ſoll ſich mit einer Tochter oder dem Sohn eines 2 frommen Geiſtlichen vermaählen. Nicht irpi⸗ ſches Vermoͤgen, die Tugend ſoll in der Wahl entſcheiden.“ „Sie haben das Geluͤbde beſchworen, ehe ſie's thaten,“ ſprach Leland,„zum Wieder⸗ ruf darf ich ſie nicht bewegen, ob ich auch manchen Grund dagegen hätte; aber das bitte ich ſie, halten ſie Gott, halten ſie ſich ſelber Wort, ſo ſchwer es ihnen auch wird. uUnd warum follte es nicht der Fall ſeyn können, daß die Tochter eines Geiſtlichen ihrem Sohne ober der Sohn eines Lehrers ihrer Tochter gefiele? Ein anderes Geluͤbde konnten ſie waͤhlen; aber auch dieſes kann Beweis ihres Danks gegen die Religion Gottes ſeyn, de⸗ ren Schätze ſie eben in ihrer Krankheit ken⸗ nen lernten.“ „Dies Geluͤbde hat mich nie gereut,“ fuhr Workwich gegen ſeine Gattin fort,„und daß meine Kinder es waͤren, die ihm ein 4 ———— hbnh Hinberniß in den Weg legen wuͤrden, das ahnete ich nicht. Zu lange duldete ich ihren Uumgang mit den Berklei's und duldete ihn darum eben, weil ich waͤhnte, er ſey ein Schutzmittel, daß ſich keine andere zaͤrtliche Neigung in ihr Herz ſchliche. Mit Schmerz muß ich's erfahren, daß ich mich irrte. Daß Anna mir den Gehorſam verſagen wuͤrde, das glaubte ich nicht. Du kennſt den jun⸗ gen geſchätzten Leland, den Neffen meines Lelands, der in Orford als hoffnungsvoller Geiſtlicher ſo ſehr geachtet iſt, ihm hatte ich Annen zugedacht. Er weiß es ſchon, mehr als einmal ſah er bei ſeinem Onkel unſere Tochter, ſie hat ſeine Neigung entzuͤndet, er ehret ihre Tugend und ich habe bei meinem Freunde ſeine ſchriftliche Erklaͤrung geleſen, die dahin lautet: weiß ich's erſt gewiß, daß Anna Workwich ſo fromm iſt, wie ich ſie liebenswuͤrdig finde; weiß ich's, daß ſie mir gewogen iſt, dann werde ich bei den Eltern um ihre Hand werben.„„ Siehſt Du, in 26 welch einer verzweifelten Lage ich bin? Rie⸗ mand kann mir heraushelfen. Jeden Ver⸗ ſuch, dies zu erzielen, muß ich als einen An⸗ griff auf meine Tugend zuruͤckweiſen. Der Glaube an das Walten der Vorſehung, der nichts zu ſchwer iſt, beruhigt mich.“ „Aber, Lorenz, wie konnteſt Du auch ein ſolches Geluͤbde thun? Es betraf ja die Freiheit, die Neigung, das Gluͤck Deiner Kinder, uͤber die Du zu entſcheiden kein Recht hatteſt. Dein frommer, dankbarer Sinn hat Dich uͤbereilt, er hat Dir Uner⸗ laubtes geboten Wäre es Sünde ein Ver⸗ ſehen wieder gut zu machen? Ein Geluͤbde, was mit den Grundſaͤtzen der Vernunft und Religion, mit dem Gebote der Natur ſtreitet, darf nicht gethan und nicht erfuͤllt werden. Du handeiſt edler, wenn Du's brichſt, als wenn Du's haͤltſt.“ „Auf eine ſolche Weiſe,“ ſagte Workwich . „ 2 51 27 mit ernſter Miene,„mag ich nicht ebel han⸗ deln. Ich wiederhole meine Erklärung, ich glaube mich nur dann der Erfuͤllung meines Geluͤbdes entbunden, wenn mir die Macht dazu genommen wird. Ob aber Einer mir dieſe Macht nehmen darf, das iſt eine andere Frage, die mein Gewiſſen nicht angeht. Bin ich nun bei Dir entſchuldigt? Wirſt Du auch Annen uͤberzeugen koͤnnen, daß ich nicht ungerecht und hart gegen ſie war?“ „Ja,“ ſagte ſie,„Du biſt entſchuldigt. Anna hat Dein Betragen gegen ſie nicht be⸗ greifen konnen, es wird ihr nun wohl deut⸗ lich werden.“* Madam Workwich machte den beſten Gebrauch von dem Geheimniß, das ihr Gatte ihr entdeckt hatte und dieſe Entdeckung machte die Kranke bald geſund und verbrei⸗ tete uͤber die trauernden Gemuͤther ein heite⸗ res Licht. S 28 Die Madam Berklei erhielt ein Ant⸗ wortsſchreiben von Robert aus Jamaika. Er mißbilligte in demſelben das rauhe, unge⸗ buͤhrliche Betragen ſeies Bruders; aber er ermahnte ſie auch zur Nachſicht und Guͤte gegen denſelben und bat ſie, um einiger Flek⸗ ken willen den Werth dieſes köſtlichen Edel⸗ ſteins nicht zu verkennen.„Wer von den Sterblichen,“ ſagte er,„waͤre ohne alle Schwächen und ein Muſter motaliſcher Voll⸗ kommenheit! Einer habe mit dem Andern Geduld. Eine Kränkung, die wir erlitten, ſoll uns von dem beſten Freunde nicht zu⸗ ruͤckſcheuchen, er hat ja ſo viele Mittel und wendet ſie gewiß an, ſein Unrecht wieder gut zu machen. Es giebt ſo viele leichte Pflich⸗ un, auf deren Erfuͤllung ein geringer Lohn ſtczt, aber die ſchweren, die Kampf und Selbſtverleugnung fordern, die Edelmuth ge⸗ bieten, die ohne Selbſtbeherrſchung nicht voll⸗ bracht werden, die ſind des hoͤchſten Preiſes würdig. Segnet, die Euch fluchen.“ Jetzt 29 ſprach er auch von William und bat recht inſtaͤndig, daß ſie ihm die Reiſe nach Ja⸗ maica erlauben moͤchte. Er ſey feſt entſchloſ⸗ ſen, fuͤr den Juͤngling Alles zu thun, was in ſeinen Kraͤften ſtehe. Am Schluſſe des Briefs ſetzte er noch hinzu: von dem Miß⸗ verſtand, der zwiſchen Ihnen und meinem Bruder obwaltet, habe ich ihm keine Sylbe geſchrieben, weil ich uͤberzeugt bin, das Spre⸗ chen daruͤber haͤtte die Sache nur verſchlim⸗ mert. Ich weiß es auch, daß die alte Liebe und Freundſchaft wieder hergeſtellt wird. Ein Zwiſt unter edeln Seelen gleicht einem Hauche auf dem Spiegel, der bald wieder von demſelben verſchwindet und keine Spur zuruͤcklaͤßt.“ Workwich hatte von ſeinem Bruber auch Briefe empfangen und theilte den erfreuli⸗ chen Inhalt derſelben ſeinen Freunden mit. Der Berklei aber ſagte er beſonders, wie Robert ſich freuen, wie er vor Entzuͤcken außer ſich ſeyn werde, wenn er William in ſeiner Wohnung erblickte.„Und er kömmt aus freiem Willen, er iſt nicht dazu uͤber⸗ redet.“ Die Berklei las Annen ihren Brief vor, die ſich insbeſondere uͤber die Guͤte freute, welche der Onkel ihrem William erweiſen wollte. Sie zweifelte nicht, daß er wahrhaft väterlich fuͤr den Juͤngling ſorgen und daß er bei ihrem Vater Alles in Anſpruch neh⸗ men werde, um ihre Verbindung mit Wil⸗ liam zu bewirken. Sie wuͤrde ſich in Hin⸗ ſicht der Zukunft gewiß mehr beruhigt haben, wenn ſie nur erſt einen Brief mit der be⸗ ſtimmten Nachricht von William empfangen haͤtte, daß er in Jamaica angekommen und bei dem Onkel war. So viel wurde indeß doch uͤber ihre Angſt und Beſorgniß gewon⸗ nen, daß ſie ſich derſelben nicht ganz hingab und die Zeit geduldiger und Gott vertrau⸗ ender abwarten wollte, bis ſie von dem Ge⸗ ——— 31 liebten Briefe erhalten konnte. Dieſe kamen zum Gluͤck fruͤher an, als man ſie erwartet hatte. Doch, ehe wir von William und ſei⸗ nen Briefen reden, muͤſſen wir eine Scene einſchieben, die ſo recht geeignet war, die Herzen zu offenbaren, und wo Edelmuth, Selbſtverleugnung, Liebe und Pflicht mit ein⸗ ander wetteiferten, um den hoͤchſten Preis zu gewinnen. Der Prediger und Profeſſor Leland wurde von ſeinem Onkel nach London ein⸗ geladen, als dieſer wußte, daß Anna von threr Krankheit geneſen war. Er ſelbſt ſah ſie in einer Geſellſchaft und fand ſie liebens⸗ wurdig und intereſſant; aber dies brachte die Idee in ihm zur Reife, daß der Neffe um das ſchoͤne, liebe Maͤdchen werben muͤſſe, ehe eine zärtliche Neigung fuͤr einen andern Jüngling ſich in ihrem Herzen anfädelte. Der junge Leland folgte der Einlabung 32 ſeines geachteten Onkels früher, als er be⸗ ſchloſſen hatte, ihn zu beſuchen, um ſeine Bewerbung um die ſchoͤne Anna ernſtlich zu betreiben. Er hatte ſich Zeit zur Wahl gelaſſen, damit er ſie nicht leidenſchaftlich vollziehen wollte. Oft ſtand das Bild des Maͤdchens vor ſeiner Seele und der Farben⸗ reiz deſſelben vermehrte ſich immer mehr. Ganz ausgezeichnet mußte ihre Tugend und moraliſche Guͤte ſeyn, ſonſt haͤtte ſie der weiſe, uͤberlegende Onkel ſie ihm nicht als Gattin empfohlen. Es kam nun lediglich auf die Jungfrau an, und das Gluͤck, das er erſehnte, war ihm gewährt. Auf ihren Reichthum ſah — der Gelehrte nicht, der es wohl erkannte, daß zu einer muſterhaften Ehe ein edler Geiſt, ein warmes, frommes Herz gehoͤrt und daß das kalte Gold die Luͤcke da, wo jene fehlen, weder auszufullen vermag, noch guͤltigen Er⸗ ſatz gewaͤhrt. Nach der erſten Umarmung des Wie⸗ 33 derſehens kam das Geſpraͤch bald auf die lie⸗ benswuͤrdige Anna. Der Onkel erklarte, daß gewiß keine Zeit zu verlieren ſey, wenn die ſchoͤne und fromme Workwich ſeine Verwandte werden ſolle. Er ſelbſt wolle Workwich mit den Seinen zu ſich laden, damit ſein Neffe Gelegenheit hätte, der Jungfrau ſo vorſich⸗ tig, als es geſchehen koͤnne, ſeine Wuͤnſche und Neigung offenbaren und entdecken konne, ob auch ſie Liebe fuͤr ihn fuͤhle. Das ſey eben nicht zu ſchwer zu erforſchen. Auf eine zuverſichtliche Hoffnung laſſe ſich dann die Bitte um ihre Hand bei den Eitern bauen, bie kein Bedenken tragen wuͤrden, ihm ihre Tochter zur Gattin zu geben. Er wenigſtens habe einen ſichern Grund, auf den ſich ſein gewiſſer Glaube ſtuͤtze. Leland ſchrieb dieſe geilen an Work⸗ wich:„Mein Neffe, der Prediger und Pro⸗ feſſor Leland iſt aus Opford hier angekom⸗ men. Ich lade Sie und die Ihrigen, auch 3 24ℳ Ihren Sohn mit ſeiner Gattin und deren Mutter, zu einem Mittagsmahl ein. Schla⸗ gen Sie mir die Bitte nicht ab, laſſen Sie von den Ihrigen keinen zuruͤck. Truͤgt mich mein Wunſch und meine Hoffnung nicht, ſo wird der morgende Tag in dem Leben zweier Menſchen ein wichtiger.“ Sollte Workwich die Einlabung anneh⸗ men, ſie ausſchlagen, er war zweifelhaft. Wohil ahnete er, was Leland mit ſeinem Nef⸗ fen im Sinne trug. Sich ihm aber als einen Mann darſtellen, der die Gelegenheit ſuchte, der Erfüllung eines gethanen Geluͤb⸗ des auszuweichen, das konnte er nicht. Er machte ſeiner Gattin und Tochter die Ein⸗ ladung bekannt und ſie wurde angenommen⸗ Wie hötte ein ſo vortrefflicher, nach ſei⸗ nen Fenntniſſen und ſeiner Gemuͤthsbildung ausgezeichneter Mann, als der junge Leland war, nicht allen Gliedern der Geſellſchaft 35 gefallen moͤſſen! Geiſtreich und angenehm war ſeine Unterhaltung, ſein Betragen ein einneh⸗ mendes und gefälliges. Zarter Ausdruck lag auf ſeinem Geſicht und Leben redete aus ſeinen Augen. Man ſah in ihm das Bild eines kenntnißreichen, durch die. Wiſſenſchaft gebil⸗ deten Monnes. Bald wurde er die Seele der Geſellſchaft. Anna war mit innerm Wohlgefallen in ſeiner Nähe und dies entging ſeinem Scharf⸗ bhck nicht. Ohne ſich zu verrathen, legte er's doch darauf an, ihr vorzugsweiſe zu ge⸗ fallen. Ohne daß die Naivität, der freund⸗ liche Ernſt, die Schoͤnheit ihrer Geſtalt ſei⸗ nen Verſtand blendete, ſo fuͤhlte ſich doch ſein Herz zu ihr hingezogen und er gloubte in ihr das Weſen gefunden zu haben, mit dem er Ewigkerten hindurch zu leben gedachte, Die kluge Madame Berklei errieth nur zu bald die Abſicht, die der junge Mann auf Annen hotte; aber ſie zitterte für ihren William nicht, ſie glaubte an die unerſchuͤt⸗ terliche Liebe ſeiner Braut und ſah fuͤr dieſe eine neue Gelegenheit, um es oͤffentlich zu veweiſen, wem ſie treu und eintig angehoͤre, Carl und Eliſabeth baten den jungen Leland, daß er ſie in ihrem Hauſe beſuche. Sie gingen nach Tiſche dahin und Anna lieb nicht zuruͤck.„Wie gefällt Ihnen mein Neffe?“ fragte der Prediger Leland, als er mit ſeinen Freunden allein war. Das ein⸗ ſtimmige Urtheil fiel ruͤhmend fuͤr ihn aus. „Lieber Workwich,“ ſagte er mit bedeutſamer Miene,„wenn es ſo die Neigung Ihrer Toch⸗ ter verſtattete, glauben Sie nicht, daß mein Neffe, von dem ich nur Gutes kenne, ein Mann fuͤr ſie wäre? Sie koͤnnten dann zu⸗ gleich Ihre alte Schuld bezahlen, und ich hoffe, es iſt Ihnen damit gedient.“ Die Berklei hoͤrte mit Verwunderung 2„ 0 die Worte Lelands, aber die letztern waren ihr dunkel. Was wird Workwich fuͤr eine Antwort geben, dachte ſie neugierig. Er ſagte:„Wenn Anna den jungen Mann liebt, ſo habe ich gegen ihre Verbindung mit ihm gar nichts. Ich vertraue Ihrer Empfehlung. Aber,“ ſo fuhr er nacht einigem Beſinnen fort,„es giebt in der Welt keinen Eid und rein Gelübde, wodurch ſich ein Vater die Verbindlichkeit auflegen kann, ſeine Tochter zu einer Heirath zu zwingen, die mit ihrem Herzen im Streite iſt.“—„Ja,“ ſagte Leland,„da haben Sie ganz recht.“. Es wurde kein Wort mehr davon geredet. Es kam bei Carl Workwich unter den jungen Leuten zu frohlichen Scherzen und Leland wußte ſie durch ſeine muntere Laune zur Heiterkeit zu ſtimmen. In der Freude nahen ſich bie Gemuͤther, werden offener ge⸗ gen einander und die Wand, welche die ver⸗ ſchiedenen Staͤnde und Geſchlechter von ein⸗ 38 ander ſcheidet, wird niedriger und duͤnner. Es wurde auch muſicitt. Jetzt faßte Leland die ſchoͤne Anna bei der Hand und ſagte laut:„Sie, Sie lie⸗ benswuͤrdige Anna konnten am meiſten„dazu 3 beitragen, daß ich mit Ihren beben Verwand⸗ ten inniger verbunden wuͤrde. Sie kennen mich, wie ich jetzt bin, ſo bin ich immer. Was wuͤrden Sie ſagen, wenn ich Site um Ihre Hand und Ihr Herz baͤte? Ehrlich geſtehe ich's, das, das eben iſt der Zweck meiner Reiſe.“„ Erroͤthend erwiederte ſie:„Herr Profeſſor, machen Sie mich durch Ihren Scherz nicht verlegen. Nein, das muͤſſen Sie nicht thun! Sonſt kann ich Ihnen nicht mehr ſo gut ſeyn.“—„Nehmen Sie eine ernſte Er⸗ klaͤrung nicht fuͤr Scherz,“ ſagte der Mofeſ⸗ ſor,„ein ſolcher wuͤrde dem Stande, dem ich angehoͤre, nicht wohl anſtehen.“—„Nun, Herr Profeſſor, ſo wiſſen Sie, daß ich ſeit der Zeit, wo mein Herz der Empfindung der ————————————————— 3 Liebe faͤhig war, die Braut und Verlobte William Berklei's bin. Er iſt in Jamaica vei meinem Onkel, und wenn er nach Lon⸗ don zuruͤckkömmt, wird er mein Gatte. Mein Vater will es zwar nicht, daß ich mich mit dem Jüngl inge verbin ol⸗ den er wie chem Gr te ber er wird wohl anderes Sinnes werden. Von dieſem William aber kann mich nur r der Tod trennen. Tadeln Sie meine Liebe, meine Treue?“ „Nein, die tadele ich nicht,“ erwiederte Leland. Verzeihen Sie meinem Antrage und entnehmen Sie daraus nur das Eine, wie viel Sie mir gelten, wie hoch ich Sie achte und welche Gefuͤhle mein Inneres fuͤr Sie hegte.“ Anna druͤckte ihm die Hand und ſagte: „Da fuͤt ich Ihnen auftichtig.“ Die frohe Laune des Profeſſors war verſchwunden, ſein Geſpraͤch wurde ernſt 1 40 er wuͤnſchte zu ſeinem Onkel zuruͤck zu kehren. „Onkel,“ ſagte er, als er wieder in der Geſellſchaft war,„ein ſuͤßer Wahn hat uns getäuſcht und mich ſchmerzt es empfind⸗ lich. Herr Workwich hat es Ihnen wohl nicht geſagt, daß ſeine Tochter William Ber⸗ klei's Braut iſt.“—„Das iſt ſie nicht,“ ſagte der Onkel,„ſie kann's nicht ſeyn, wenn ich an den beſſern Gefuͤhlen und nicht an dem verzweifeln ſoll, was dem Menſchen das Heiligſte ſeyn muß. Was wir Gott freiwil⸗ lig und in einer feierlichen Stunde geloben, wo unſere Seele ganz dem Ewigen angehoͤrt, das duͤrften wir brechen? Herr Workwich, ſprechen Sie mich ruhig, berichtigen Sie mein Urtheil.“„Er ſagte:„Nein, mit mei⸗ nem Willen iſt Anna nicht Berklei's Braut. Kann ich mir aber ihr Herz ſklaviſch unter⸗ werfen? Soll ich ſie wider ihre Neigung zwin⸗ 3 41 gen? Das will Gott nicht und ich, ach, ich kann es nicht. O, daß ich damals Ihrer Warnung nicht folgte! Ich ſehe mich in ein Netz ver⸗ ſtrickt und darf und werde es nie zerreißen. Anna, Du, nur Du kannſt mich von der Pein erloͤfen, die ich empfinde.“—„Vater,“ ſagte ſie,„ich, wie ich?“ Er entdeckte den Anweſenden ſein Ge⸗ luͤbde. Der junge Profeſſor ſagte zum On⸗ kel:„Ein ſolches Geluͤbde haͤtte ich nicht zu⸗ gegeben.“ Anna aber ergriff beide Hände ihres Vaters und ſprach:„Mein Vater, willſt Du mein Leben, ſo nimm es hin, kann ich mit meinem Tode Dich retten, ſo ſterbe ich; aber William verlaſſen und einen Andern mir zum Gatten waͤhlen, und wäre er der Edelſte aller Menſchen, das kann ich nicht, Du wirſt es nicht von mir fordern. Weiß ich's nun erſt, warum Du mir die Einwilligung zu meinem Gluͤcke verſagteſt? Ach, ich verarge es Dir nicht mehr! Der Himmel wird zu 42 —— ſeiner Zeit in's Mittel treten, das hoffe ich anz gewiß, und dann, dann mein guter Va⸗ ter, wenn es Dir unmoͤglich war, Dein Ge⸗ übde zu erfuͤllen, wenn ſie der Natur die Kechte wieder giebt, die Du ihr entziehen wollteſt, dann zuͤrne Deiner Tochtor nicht. Du biſt edel, Du verzeihſt dem Kinde eine That, durch die Dich's nicht betrüben will.“ — —— „Schweig,“ ſagte Workwich mit ernſter Miene, und verließ die Geſellſchaft, ohne daß man ihn zuruͤckhalten konnte. Anna weinte. Die Berklei breitete beide Arme aus und ſprach:„Komm, meine Anna, Du ſollſt Troſt unb Theilnahme an meinem Herzen finden! Der gute Vater ſchmerzt Dich nur, Du haſt ja nichts Boͤſes gethan! Wer aber um der Treue und der Tugend leidet, den läͤßt der Allgerechte nicht ohne Lohn.“ Die Berklei trocknete Annen die Thra⸗ nen von der Wange, welche ſie mit dankbar 43 räͤchelnder Miene anblickte, in welcher der Schmerz nachkaͤmpfte. Der Profeſſor Leland ſagte:„Es thut mir gar ſehr weh, daß ich, ſo ohne meine Schuld, Vater und Tochter in dieſe Trauer verſetzte. Mein Herz zog mich zu dieſer Jungfrau hin und mein Onkel hatte gewiſſe ſichere Gruͤnde, die ihm glaupen machten, daß ich keine Fehlbitte thun werde; aber er hat ſich geirrt. Wenn ich gegen mich ſelbſt ge⸗ recht ſeyn muß, ſo mitß ich's bekennen, ich fuͤhle es mit edelm'Stolz, daß ich der Hand einer ſolchen Jungfrau nicht unwuͤrdig war. Haͤtte ich alle Anſpruche auf ihre Liebe, be⸗ ſäße ich die Zuſtimm ung ihrer Eltern, fuͤr Suͤnde wuͤrde ich's achten, das Verhaͤltniß anzutaſten, in dem ſie mit ihrem Geliebten ſteht. Dem, ſchoͤne Unna, dem bleiben Sie treu, welche Verſuche man auch machen moͤchte, Sie von ihrn abzulenken, ein guter Gott wird Ihre Tr hre Treut iohnen. Die erſte, ju⸗ 44 genbliche Liebe, die gleichſam mit uns ſelbſt entſtand, als wir zum Selbſtbewußtſeyn ka⸗ men, die ſich in unſer Inneres ganz verwebt hat, iſt die begluͤckendſte, ſie macht uns die Erde zum Paradies und reicht uns Wonnen dar, die Tauſende nicht ahnen. Ets iſt eine chone Erfahrung, die mich fuͤr meine Reiſe lohnt, eine Jungftau kennen gelernt zu ha⸗ ben, die ich achten muß, wenn das Gefuͤhl der zaͤrtlichſten Liebe gegen ſie in mir von nun an auch ſchweigen muß.“ — Carl ergriff die Hand des jungen Le⸗ land und ſagte:„Wenn wir nicht Verwandte werden können, ſo laſſen Sie uns Freunde werden. Ein Mann, der einer ſolchen Spra⸗ che maͤchtig iſt, wenn ei ſich in ſeinen theu⸗ erſten Hoffnungen getäuſcht ſieht⸗ fuͤrwahr, der iſt der Achtung und der Liebe werth.“ Wegen des Vaters, der ſe mißmuthig, ſo truͤbe geſtummt die Geſellſchaft verließ, 3„ —————— —— —— —— 45 konnte man es bei dem Prediger Leland nicht laͤnger aushalten, man wht ihn aufrichten und beruhigen. Vor dem ſagte die Madame Workwich zu ihm:„Giebt es denn keine Art und zwar eine ſolche, wel⸗ che in dem Gewiſſen keinen verwundenden Stachel zuruͤcklaͤßt, auf die mein guter, from⸗ mer Lorenz ſeines Geluͤbdes entbunden wer⸗ den koͤnnte? Friede, Freude und Heil wuͤrde unſere Herzen erfüllen, wenn er davon los wäre. Er liebt William ſo innig mung.“— ie⸗ Fran, erwiederte der Prediger,„Ihr b r Gatte dauert mich ſelbſt, aber wenn Friede, Freude und Heil geſchafft werden ſoll, ſo wird dies dadurch nicht ge⸗ wonnen, wenn man ein Verſprechen bricht, was man bei vollem Verſtande, in einer dachtsvollen Seelenſtimmung, gegeben h Wer es nicht haͤlt, ber hat das Verbrechen eines Meineids verwirkt. Der fromme Menſch iſt im Worthalten getreu bis in 46 den Tod und bedient ſich keiner Ausflucht, um es zu umgehen und an ſich ſelbſt zum Betrüger zu werden. Was geſchehen ſoll, das Gelübde aufzuheben, was viele Her⸗ zen in Trauer ſetzt, das kann von Ihrem Gat⸗ ten nicht ausgehen. Wie es aber geſchehen muß, das weiß ich ſelber nicht. Und An⸗ ſchläge dazu geben, das moͤchte ich nicht. Es iſt einer meiner Grundſäße, die ich heilig halte, man fliehe die Theilnahme auch an ſcheinbarem Unrecht. Vortheil oder Schade darf unſere Handlungsweiſe nie beſtimmen, der innere, durch die Religion erleuchtete und geheiligte Geiſt ſey unſer Richter.“ Lorenz Workwich, als die Seinen mit Madame Berklei in dem Zimmer ankamen, ſaß in einem Lehnſtuhl und hielt ſeinen ſor⸗ genſchweren Kopf auf die Hand geſtüht. Anna nahte ſich zuerſt dem Vater, umſchlang mit ihren Armen ſeinen Nacken und ſprach mit rührender Summe:„Vater, ach, wie 8 £ 3 . 1 . . 1 1 ⸗ 3 † — 4 3 14 * ———————————— ¹ —— 47 ſchmerzt es mich, daß ich Dir Verdruß und Kummer machte; aber ich konnte es ja nicht verhuͤten! Du weißt“ dem Du auch ſo gut biſt. Wollteſt Du, daß ich treulos an ihm wuͤrde und er ſich zu Tode grämte? Vater, verbiete nicht, die Gott ſelbſt in mein Herz geſenkt hat! Zum Opfer Deines Geluͤbdes kann ich nicht werden, wenn es mir das Leben nicht koſten ſoll. Waͤre ich eine Ungehorſame, weil ich der innern Stimme folge und Dei⸗ nem Beſchluſſe mich nicht unterwerfen kann? ₰ i. s, wie ich William liebe, Ach, Vater, eine neue Krankheit mich an die Pforten des Todes bringen? Schone mei⸗ ner Schwaͤche und erwarte nicht von mir jene Kraft, welche die heiligſten Gefuͤhle der Notur uͤberwindet und nur das väterliche Gebot uͤber ſich herrſchen läßt. Du willſt mich nicht zu einer Ungluͤcklichen machen, dar⸗ um, Vater, Vater, laß mich meiner Neigung folgen“ — 48 „So folge Deiner Neigung,“ erwiederte der Vater,„wenn Du's ohne meine Zuſtim⸗ mung kannſt. Es kann leicht geſchehen, daß ich, als ein Hinderniß Deines Gluͤcks, bald hinweggeräumt werde. Der gute Medem iſt mir vorangegangen. Wahrlich, es lebt ſich nicht mehr gut fuͤr mich hienieden und meine heitern Tage haben ſich in traurige verwan⸗ delt. Laßt mich in Ruhe und quält mich nicht mit fruchtloſen Vorſtellungen. Wem die Haͤnde gebunden ſind, der kann fuͤr An⸗ dere nicht arbeiten. Thut ihr, was iht verantworten könnt; aber nur mich, mich zieht nicht in euer Spiel hinein.“ Carl bat inſtändig, von der Sache in des Vaters Gegenwart nie wieder zu reden. Es wurde uͤber andere Gegenſtände geſpro⸗ chen. Er aber hatte einen Plan gefaßt, den er noch geheim hielt, welcher den Knoten löſete und die Freude, nach kurzer Trauer, —— 49 E in den Schooß der frommen Familie zuruͤck⸗ führte. Rest bittere und ſchmerzvolle Gefuͤhle waren es, die Williams Herz beſtuͤrmten und er konnte in ſich nichts auffinden, um ſie zu mildern und ſich an irgend einer Art des Troſtes und der Heffnung autzurichten. Er ging einer verhaͤngnßvollen Zukunft entgegen, in der vor ihm Alles ſo dunkel und verwirrt lag, wo er ſelbſt das Grab ſeines Gluͤcks in naher Ferne zu ſehen wähnte. Als ein zärt⸗ licher Sohn fragte er ſich aͤngſtlich, ob er auch recht that, daß er, um ſich dem Ziele ſeiner Verbindung mit Annen mehr zu na⸗ hen, ſeine Mutter verließ, deren Stuͤtze er ſeyn konnte, die Troſt und Freude von ihm erwartete. Bei der großen Liebe, die ſie ge⸗ gen ihn hegte, konnte er ſich den Kummer, II. 4 50 pie marternden Zweifel deutlich vorſtellen, die ſie während ſeiner Abweſenheit beſturmten. Wäre es nicht edler gewefen, daß er, und wenn er auch ſein Gluͤck zu Grunde gehen ſah, lieber in ihrer Nähe blieb? Daß er es ausſchlug, in Briſtoll ein reicher Mann und der Gatte der herrlichen Eliſabeth zu werden; daß er dann ſeiner lieben Mutter alle Le⸗ vensbequemlichkeiten anbieten konnte, das ge⸗ reute ihn nicht, das wuͤrde ſeine Mutter, wenn er ihr Wohlleben mit einer Untreue ge⸗ gen Annen erkauft hätte, nicht angenommen haben. Ob er Annen wieder ſehen werde, auch das war ihm ungewiß, und dann waren ja alle die Opfer, welche er der Liebe zu ihr brachte, verloren. Er glaubte es nicht, daß ſie ſich in ihrem Harm troͤſten ließ, wenn nicht die Zeit, die alle Gefuͤhle fuͤr den Schmerz abſtumpft, ſie zu einiger Ruhe und zur ſtillen Ergebung brächte. Sie war ſo — S—— ——— * — ——— ————— —— 51 weich, ſo reizbar, und er mußte fürchten, daß ſie dem erſten Kampfe des tief eingreifendſten Kummets erliegen werde. Wuͤrde auch dem väterlichen Lorenz ſeine Reiſe nicht als ein trotziger Verſuch erſcheinen, um ihm ſeine Tochter abzuzwingen? Wie ein edler, from⸗ mer Mann, der jede Tugend ehrte, in deſſen Herzen keine Art des Laſters eine Stätte fand, ſo gegen ihn handeln konnte, das war ihm raͤthſelhaft. Wuͤrde er nie andern Sin⸗ nes werden? Hätte nicht vielmehr ſeine Ge⸗ genwart kräftiger auf Workwich wirken koͤn⸗ nen und ihn geneigt gemacht, fuͤr ſeine Ver⸗ bindung mit Annen zu ſtimmen? Solche Gedanken und andere, die er nicht erwog als er noch auf dem feſten Lande war, fielen William jetzt ein, ſie thuͤrmten ⸗ſich zu einer Rieſengroͤße auf, ſie druͤckten ihn nieder. Er wuͤnſchte ſich ſogar an die Kuſte zuruͤck, aber Wind und Wogen trieben ihn vorwarts und er konnte dem Schiffe L 2 —— . 2 2 — ——— ———— 4 2. 2— 2—— .————— d„ keine entgegengeſetzte Richtung geben. O, es iſt ein ſchmerzhaftes Gefuͤhl, wenn unſere Seele nach einem etwuͤnſchten Ziele hinſtrebt, und eine unſern Wuͤnſchen widerſtrebende Gewalt, die wir nicht beugen, die wir unſe⸗ rer Herrſchaft nicht unterwerfen koͤnnen, ſchleudert uns weiter von ihm hinweg. tit welchen kummervollen Empfindungen kämpft dann unſere Ohnmacht, bis wir endlich er⸗ liegen und uns gefallen laſſen muͤſſen, was wir nicht verhindern koͤnnen. William ſtand auf dem Verdeck und ſah nach der Himmels⸗ gegend hin, wo ſein, um Annens willen, ſo unaus ſprechlich geliebtes England lag. Er ſtarrte in die Oede hinaus, wo er nur das Spiel der Wellen, das grenzenloſe Meer und die uͤber daſſelbe unermeßlich ausgebreitete Himmelsdecke erblickte, Seine Augen fullten ſich mit Thraͤnen und bald erſchien ihm Alles wie in Trauerflor gehuͤlt. Seevoͤgel umflat⸗ Lerten das Schiff, ihre Fluͤgel wuͤnſchte er ſich. Klar und herrlich ging die Sonne un⸗ 53 ter, die ſich in den Ocean zu tauchen ſchien, aber das war kein Schauſpiel fuͤr ſein Herz, ſo groß und göttlich er es ſonſt gefunden haͤtte, duſtere Wolken wuͤnſchte er ſich, ein Dunkel, wie es ſein Inneres umzogen hatte. Den zartfuͤhlenden Schmerzvollen beruͤhrt ſelbſt die lachende, prachtvolle Herrlichkeit der Natur, weil ſie mit ſeinem Herzen in Miß⸗ klang ſteht, unſanft, ſtille Klage und Mit⸗ trauer will er allenthalben finden, die ihm von Theilnahme zeigt und ihn zu verſtehen ſcheint. Es befanden ſich mehrere Paſſagiere auf dem Schiffe, die frohen und heitern Gemuͤths waren, denen der Gedanke an die Zukunft kein truͤber war und die nur der Gegenwart mit ihrem Leben angeyoͤrten. Sie bekuͤm⸗ metten ſich wenig um ihn. Der Capiarn war der Mann, in dem er einen Freund fand. 54 „Sie gehen ungern nach Weſtindien,“ ſagte der Capitain zu William, als er neben ihm auf dem Verdeck ſtand,„das hat mir Ihe ganzes Weſen geſagt. Es reiſet ſich ſchlecht, wenn man Sehnſucht und Schmerz mit auf die Reiſe nimmt. Frei muß das Gemuͤth ſeyn, wenn die fremde Welt uns intereſſiren ſol. Sie werden ſich doch vor der mögli⸗ chen Gefahr nicht aͤngſtigen? Wer an die beſchirmende Allmacht des Hoͤchſten glauben lernen will, der muß ein Seemann werden. Die Lacher in der Kajuͤte gefallen mir nicht, das Ernſte und Schwermuͤthige zieht mich an. Ein Froher iſt ein Geſunder, ein Trau⸗ riger ein Kranker, der des Arztes bedarf. Sehen Sie, warum ich mich Ihnen gern nahe.“ Dieſe Anrede des Capitains heiterte Wiliams Trubſinn auf, er entdeckte ihm den Grund ſeines ſtillen, in ſich gekehrten We⸗ ſens. Als der Juͤngling ſchwieg, ſagte der —— 55 Capitain:„Warum trauern Sie, da Sie einer ſchönen Zukunft entgegen gehen! Seyn Sie ſtark, daß Sie der gegenwaͤrtige Schmerz, der doch ein vergeblicher iſt, nicht uͤberwindet. Verlangen Sie denn der Einzige zu ſeyn, dem das Geſchick erfüllte Wuͤnſche in den Schooß ſchuͤttet? Errungen will das hoͤchſte Gut ſeyn, wie Gemeines wird's uns nicht zuge⸗ worfen und jeder Schritt, der uns ihm naͤher fuͤhrt, iſt Lohn fuͤr Muͤhe und Arbeit. Ein treues Weib und zwei geliebte Kinder ließ ich in England zuruͤck und ging, wohin die Pflicht mich rief. Ob Sie Ihre Braut wohl mehr lieben, als ich meine Gattin? Aber wenn der Mann entſchieden hat, dann ſoll er unverzagt und muthig ſeine Bahn vollen⸗ den und ſie nicht mit Thränen der Weich⸗ lichkeit benetzen, noch Seufzer und Klagen hoͤten laſſen. Eine Laſt, recht gefaßt, iſt nur eine halbe Laſt. Verſtand und Gefuͤhl ſey des Mannes Krone, nicht der Verſtand, nicht das Gefuͤhl allein. Will's Gott, ſo ſehen Sie Ihre Anne wieder, will er's nicht, daß Sie ſie wiederſehen, ſo iſt's fuͤr Sie beſſer. Junger Freund wenn Sie das nicht begreifen können, ſo glauben Sie's. Seit das Licht des Glaubens unter den Menſchen dunkler wird und die Fackel der Vernunft heller lo⸗ dert, findet man Troſtarme, Mißvergnuͤgte, Verzweifelte und die Zahl der Verbrecher und Selbſtmoͤrder wird immer groͤßer. Das iſt natuͤrlich. Der Himmel verkuͤndet uns Sturm, morgen giebt's ein Wetter, dann wollen wir ſehen, was die Lacher in der Ka⸗ jüte fuͤr ein Geſicht machen werden. Lernen Sie Gleichmuth in ſtillen und in ſtuͤrmiſchen Tagen, der fehlt Ihnen noch. Der Menſch ſoll ſeinen Frieden in ſich tragen und ihn be⸗ haupten, auch wenn außer ihm wilde Kriege toben.“ William und der Capitain befreundeten ſich recht herzlich, und lernten ſich auf dem Schiffe kennen und achten. Er verſprach 57 . William in Kingston zu beſuchen, einen Brief nach London mitzunehmen und ihn ſei⸗ ner Mutter ſelbſt einzuhändigen. Mit dem innigſten Danke und wahrer, frommer Begeiſterung ſank William auf den amerikaniſchen Boden nieder und betete zu dem allmaͤchtigen, beſchirmenden Geiſte, der ihn gefund und errettet uͤber die ſtuͤrmenden Wogen hieher brachte, ſo inbruͤnſtig, wie er nie gebetet hatte, daß ihm die Thraͤnen uͤber das Geſicht liefen. Noch einmal ſchaute ſein Auge uͤber den unermeßlichen Waſſerſpiegel⸗ nach ſeinem Vaterlande hin, er ſah im Geiſte ſeine Lieben, am laͤngſten und deutlichſten ſeine Anna, und bann, vom Geſtade abge⸗ wandt, trat er in Geſellſchaft Mehrerer ſei⸗ nen Weg nach Kingston an. An ihren Ge⸗ ſprächen nahm er keinen Theil und war nur mit ſich ſelbſt beſhäftigt. Was wird Robert ſagen, dachte er, wenn er dich erkennt! Wie vaterlich wird er ſich uͤber deine Ankunft * . 58 3 freuen! Aber wird ſich ſeine Freundlichkeit nicht in Ernſt, ſeine Liebe nicht in Abnei⸗ gung verwandeln, wenn du ihm den wahren Grund, der dich zu ihm führte, nicht ver⸗ ſchweigen kannſt? Wird er Mittel anwenden, ſeinen Bruder zu verwögen, daß er dir Annen zur Gattin giebt? Wenn er jeden Verſuch ſcheut, der ihn mit ſeinem ſo hochgeliebten Bruder entzweien könnte? Neben der Freude, die in Williams Herzen auflebte, als er Kingston in der Raͤhe ſah, erhoben ſich auch aͤngſtliche Beſorg⸗ niſſe. Er ſuchte ſich moͤglichſt zu beruhigen. Die Wohnung Roberts war leicht erfragt. Foſt zitternd trat er uͤber die Schwelle. Es erſchien ein Diener des Hauſes, welcher ihn fragte, wer er ſey, wen er zu ſprechen wün⸗ ſche.—„Wer ich bin,“ erwiederte William, „das behalte ich fuͤr mich, melden Sie mich bei Sir Robert Workwich an, den wuͤnſche ich zu ſprechen.“ 59 William ſtand mit zunehmendem Herz⸗ klopfen auf einem prächtigen Vorſaal, wo an den Wänden koſtbare Schildereien hingen und erwartete ſehnſuchtsvoll den Augenblick, in dem er ſeinen väterlichen Freund und Wohl⸗ thäter erblicken wuͤrde. Die Thuͤr öffnete ſich und mit freundlicher Miene, wie man ſie bei der Begrußung eines Unbekannten zeigt, ſagte Robert:„Treten Sie näher.“ Es war das Arbeitszimmer, in das Robert den ihm noch fremden Juͤngling einzutreten noͤthigte, in dem ſechs junge Leute, mit Schreiben und Rechnen beſchaͤftigt, ſaßen. Aber jetzt, jetzt fielen ihm auch die Schuppen von den Au⸗ gen, er erkannte ſeinen geliebten William, der noch kein Wort geredet hatte und rief erſtaunt, entzuͤckt, vor Freude ganz außer ſich mit lauter Stimme aus:„Mein William! Mein Sohn!“ Mit unglaublicher In⸗ niakeit druͤckte er ihn an ſeine Bruſt, Thrä⸗ nen rollten ihm uͤber die Wangen, er ſprach: „Wie ſoll ich meinem Schoͤpfer fuͤr die Freude 60* wuͤrdig danken, die mir Deine Erſcheinung in Jamaſca bereiter! O, Deine Liebe, Dein Vertrauen will ich lohnen! Eine theure Mut⸗ ter haſt Du verlaſſen und koͤmmſt hieher in meine Arme! Mein William!„„ Mein Sohn“„ Jetzt ließ er ihn aus ſeinen Armen los, wandte ſich zu ſeinen Leuten und ſagte: „Sehen Sie, dieſer iſt der Berklei, von dem ich oft geredet, den ich mir hergewuͤnſcht habe! Denken Sie mein Gluͤck und meine Freude!“. WMit Beifall und innerm Wohigefollen wurde er von Allen betrachtet. Robert fuͤhrte ihn bei der Hand in ſeine Wohnſtube. Als er weg war, machte einer der Comtoirbedienten die Bemerkung:„Ich irre nicht, wenn ich glaube, daß dieſer Berk⸗ lei ein natuͤrlicher Sohn unſeres Herrn iſt.“ Robert umarmte William von neuem, Ffeine erſte Frage war:„Nun erzähle mir 61 „ vor allem, wie geht es Deiner Mutter?“— William ſagte, daß er ſte geſund verließ und daß er ganz mit ihrer Zuſtimmung nach Jamatca abreiſete.—„So hat Sie doch Vertrauen zu mir,“ ſprach Robert, und ſeine Miene klärte ſich auf,„ſonſt haͤtte Sie mir den geliebten, einzigen Sohn nicht gegeben. Aber Du ſollſt es auch gut bei mir haben, mein William, und wenn ſie das erfaͤhrt, koͤmmt ſie Dir vielleicht nach und bringt Deine Schweſter mit. Ihre Treue, mit der Sie an Deinem verſtorbenen Vater haͤngt, muß ich fuͤr eine herrliche Tugend achten; aber es ſchmerzt mich doch, daß neben ihr kein Raum fuͤr Liebe zu mir iſt. Auch vor der Welt, wie ich's in meiner Seele bin, moͤchte ich Dein Vater ſeyn.“ „Das Meer ſchreckt meine Mutter,“ ſagte William,„und oft iſt's doch der Fall, daß die Muͤtter mit zaͤrtlicherer Innigkeit an den Toͤchtern, ais an den Soͤhnen hangen, 62 weil jene ihres Beiſtqndes mehr zu beduͤrfen. ſcheinen, als dieſe. Aber Eliſabeth iſt an ihren Gatten gebunden, den wird ſie nicht verlaſſen und wenn ſie in Jamaica mehe, als einen Bruder haͤtte“—„An welchen Gatten?“ fragte Robert.„Der kann doch wohl kein anderer' ſeyn, als Carl.“—„Der eben iſt's,“ erwiederte Wiliam.—„Siehſt Du wohl, wie guͤtig und nachgebend mein Bruder iſt? Wie leicht ſein Gemuͤth erweicht iſt? Drum zweifle nicht mehr, daß er Dir Annen zur Gattin giebt.“—„Onkel,“ ant⸗ wortete Wulliam,„das muß ich mehr, als je vezweifeln, ja, wenn ſich nicht eine guͤtige Macht in's Mittel ſchlaͤgt, wenn Sie als Beiſtand nicht auf meine Seite treten, ſo kann ich daran nicht mehr glauben.“— „Wie ſo? Waäre mein Bruder nur gegen Anna Eliſabeth gerecht und gütig? Was hätte er dazu fuͤr einen beſondern Grund?“ —„Aber ſo iſt's,“ ſagte William.„Als ich ihn frei und offen um die Hand ſeiner * Tochter bat, da ſprach er mit ernſtem Ge⸗ ſicht:„Ich kann nicht nachgeben, ich kann nicht einwilligen. Es wird mir ſchwer, dir die Bitte abzuſchlagen; aber ich kann nicht an⸗ ders“ Kein Wort konnte ich mehr reden, der Schmerz hatte mich ſtumm gemacht, mein Herz war zerriſſen, die Verzweiflung hatte mich ergriffen. Weiter konnte ich's nicht mehr thun, als daß ich der Mutter meine Abreiſe meldete und zur See ging„ „Ja, mein Bruder iſt ein ſonberbarer Menſch; doch an der Guͤte ſeines Herzens durfte ich niemals zweifeln. Sey Du nicht trautig, gieb Deine Hoffnungen nicht auf, Deine Wuͤnſche gehen in Erfuͤllung, dafür ſtelle ich Dir Buͤrgſchaft mit meiner Liebe. Daß ſeine Tochter Dir entriſſen und mit einem Andern verbunden werde, das giebt ſein frommes Gem uth nicht zu; und wollte er's, dann hat er mit ſo viel Gegenmächten zu kaͤmpfen, welche fuͤr Deinen Votthei ſtrei⸗ 62 weil jene ihres Beiſtandes mehr zu beduͤrfen. ſcheinen, als dieſe. Aber Eliſabeth iſt an ihren Gatten gebunden, den wird ſie nicht verlaſſen und wenn ſie in Jamaica mehr, als einen Bruder hätte.“—„An welchen Gatten?“ fragte Robert.„Der kann doch wohl kein anderer' ſeyn, als Carl.“—„Der eben iſt's,“ erwiederte Wiliam.—„Siehſt Du wohl, wie guͤtig und nachgebend mein Bruder iſt? Wie leicht ſein Gemuͤth erweicht iſt? Drum zweifle nicht mehr, daß er Dir Annen zur Gattin giebt.“—„Onkel,“ ant⸗ wortete William,„das muß ich mehr, als je vezweifeln, ja, wenn ſich nicht eine guͤtige Macht in's Mittel ſchlagt, wenn Sie als Beiſtand nicht auf meine Seite treten, ſo kann ich daran nicht mehr glauben.“— „Wie ſo? Wäre mein Bruder nur gegen Anna Eliſabeth gerecht und goͤtig? Was hätte er dazu fuͤr einen beſondern Grund?“ —„Aber ſo iſt's,“ ſagte William.„Als ich ihn frei und offen um die Hand ſeiner N 63 Tochter bat, da ſprach er mit ernſtem Ge⸗ ſicht:„Ich kann nicht nachgeben, ich kann nicht einwilligen. Es wird mir ſchwer, dir die Bitte abzuſchlagen; aber ich kann nicht an⸗ ders“ Kein Wort konnte ich mehr reden, der Schmerz hatte mich ſtumm gemacht, mein Herz war zerriſſen, die Verzweiflung hatte mich ergriffen. Weiter konnte ich's nicht mehr thun, als daß ich der Mutter meine Abreiſe meldete und zur See ging„ „Ja, mein Bruder iſt ein ſonberbarer Menſch; doch an der Guͤte ſeines Herzens durfte ich niemals zweifeln. Sey Du nicht traurig, gieb Deine Hoffnungen nicht auf, Deine Wuͤnſche gehen in Erfullung, dafür ſtelle ich Dir Buͤcgſchaft mit meiner Liebe. aß ſeine Tochter Dir entriſſen und mit einem Andern verbunden werde, das giebt ſein frommes Gemuͤth nicht zu; und wollte er's, dann hat er mit ſo viel Gegenmächten zu kaͤmpfen, welche für Deinen Vottheil ſtrei⸗ — ten, die er nicht überwinden kann. Wie könnte ſich die fromme, treue Anna mit einem Andern, als mit Dir, vetbinden! Das trauſt Du ihr nicht zu. Ueber dem Ganzen ſchwebt mir ein ſonderbares Dunkel, das ſich aufklaͤ⸗ ren wird und muß, und erſt dann iſt es uns erlaubt, ſichere Schritte zu thun, die zum Ziele fuͤhren. Es ſoll mem erſtes Geſchaͤft ſeyn, Briefe an meinen Bruder und an Deine Mutter zu ſchreiben und Du wirſt an Deine Mutter und Annen auch woh ſchrei⸗ pen. Das Schiff Minerva, welches im Ha⸗ fen liegt, geht in acht Tagen nach England.“ —„Mit demſelben bin ich angekommen,“ ſagte William.„Der Capitain, ein herili⸗ cher Menſch, hat mir einen Beſuch, waͤhrend ſeines Aufenthalts in Kingston, verſprochen, er hält ſicher Wort und die Briefe von mir, da er nach London kömmt, will er meiner Mutter ſelber einhändigen.“ „Nun bitte ich Dich um Alles,“ ſagte 3 65⁵ Robert und faßte ſo recht freundlich Wil⸗ liam's Hand,„mache Dir keinen vergeblichen Kummer und verbittere Dir Deinen hieſigen Aufenthalt nicht. Du ſelbſt kannſt Deinem Schickſal keine andere Wendung geben, es liegt in Gottes Hand, und der meint's mit uns Menſchen gut.“ Robert wollte Wiliams Sachen aus dem Hafen bringen laſſen, und lächelnd er⸗ wiederte er:„Ich könnte in Hinſicht meines Irdiſchen ſagen, was Bias von den Guͤtern ſeines Geiſtes ſagen konnte: was mich be⸗ trifft, ſo trage ich alle meine Guͤter bei mir*).—„Du haſt Recht, mein William,“ ſprach Robert,„der Geiſt und das Herz, was Du mir mitbringſt, gilt mir mehr als ein befrachtetes Schiff. Reichthum beſitze ich im Ueberfluß, er wächſt noch täglich, faſt *) Ego vere, bonä mea mecum porto omnia. II· 5 66 möchte ich nicht mehr und die Quelle verſtop⸗ fen, damit ſie auch Andern quolle; aber ein Gemüth wie das Deine, eine Liebe wie die Deine, ein Sohn meines Freundes und einer von mir hochverehrten Mutter fehlte mir, und den, den habe ich nun und er ſoll von mei⸗ ner Seite nicht wieder weichen, es ſey hier oder in London.“ Wie erheiterte Roberten das Geſpraͤch mit William! Wie gluckhich war der Mann! Er ſelbſt wies ihm einige koſtbar moblirte Zimmer als die ſeinen an, von wo man, da ſie im obern Geſtock waren, eine koͤſtliche Ausſicht nach der hohen und romantiſchen Gebirgsgegend hatte. Handwerker aller Art wurden in Bewegung geſetzt, um ihm aller⸗ hand Kleidung zu arbeiten. Rohbert be⸗ ſchenkte ihn mit Geld und einer koſtbaren Uhr. Leſebuͤcher aller Art brachte ihm der Bediente getragen. Die Tafel war koſtlich. Aber Willtam ließ ſich bald eine beſtimmte 67 Arbeit von Robert anweiſen und ſagte: „Ohne die Nothwendigkeit, beſtimmte Pflich⸗ ten zu erfuͤllen und einen Beruf zu haben, wuͤrde ich mich unnuͤtz und ungluͤcklich fuͤh⸗ len. Woher ſollte auch die Achtung der Hausgenoſſen gegen mich kommen, wenn ich ein Muͤßiggaͤnger waͤre, der ſich ernähren laͤßt.“ Er hatte nur etliche Tage in dem Comtoir unter der Aufſicht des Onkels Robert, gearbeitet, als dieſer uͤber ſeine Geſchicklichkeit ſtaunte und ihm die Corre⸗ ſpondenz in mehrern Sprachen und die Durch⸗ ſicht der Hauptrechnungen uͤbertrug. Er wurde bald von ſeinen Mitarbeitern als ein talentvoller, geſchickter, ſeinem Foche völ⸗ lig gewachſener, als ein beſcheidener, freund⸗ licher und lieber Menſch erkannt und ſo ge⸗ achtet wie geliebt. Robert uberzeugte ſich bald, daß William ſeine Stelle vertreten konnte und er beſchloß, ruhiger und mehr ſeinem Hauptvergnuͤgen, der Muſik und Lec⸗ tuͤre, zu leben. — 11 1 11 * — 3 6 * 3 68 Die Briefe nach London waren ge⸗ ſchrieben. Als der Capitain am fuͤnften Tage nach ſeiner Ankunft noch nicht zu Ro⸗ bert gekommen war, um William zu beſu⸗ chen, ließ man ihn aufſuchen und einladen. Der deshalb abgeſchickte Bediente kam mit dem Beſcheid zuruͤck: Der Capitain ſagte, er habe ſein Verſprechen, daß er Sir Wil⸗ liam gegeben haͤtte, keineswegs vergeſſen, aber bisher hätten ihm die uͤberhäuften Geſchäfte es auch nicht erlaubt, es zu erfüͤllen. Nach drei Tagen werde er ſich unfehlbar einſtellen und die Briefe abholen. „ Robert hatte ſeinen William, den er als einen Neffen praͤſentirte, in mehrere ge⸗ bildete Cirkel eingefuhrt, in denen er ſich ſehr gefiel und wegen ſeiner Juͤnglingsſchoͤn⸗ heit, ſeines Verſtandes und ſeiner feinen Sitten allgemeines Aufſehen machte. Zwei Tage aber wandte der Onkel an, um ihn einen Theil der Inſel kennen zu lehren 69 Die maͤchtigen hohen Gebirge, von denen die vlauen Gebirge eine Höhe von 8000 Fuß haben, welche die Inſel durchſchneiden; die vom Geſtade des Meeres ſich erhebenden Huͤgelreihen, die lachenden Thaͤler, die ſie trennten, und ſo viel ungeſehenes Herrliche, was Williams Auge nie erblickte, machte auf ihn einen gewaltigen, das Herz ergreifenden Eindruck. Er rief aus, als er auf einem Punkte ſtand:„Allenthalben, großes, herrli⸗ ches Weſen, haſt Du Dir Deine Tempel in der Natur aufgebauet, in welcher der ſinnige Menſch umherſchaut, ſtaunt und anbetend niederſinkt! Mache Du mein Herz ruhiger, ſtie Du meine Sehnſucht, daß ich ungeſtoͤrt es empfinde, wie guͤtig und wie freundlich Du biſt!“ Robert war geruͤhrt, er umarmte ſeinen geliebten Willam und wiederholte gethane Verſprechungen, ſich ſeiner vaͤterlich anzuneh⸗ men und fuͤr ſein Gläck und ſeine Wünſche zu wirken. Sie waren etliche Stunden in Kingston, als der Schiffscapitain erſchien, um ſein ge⸗ thanes Verſprechen zu erfuͤllen und Briefe mit nach London zu nehmen. William hatte von ihm viel Gutes Sir Robert erzaͤhlt, da⸗ her wurde er von dieſem auch mit ausgezeich⸗ neter Freundlichkeit und zuvorkommender Liebe aufgenommen. William umarmte den Mann wie einen Bruder und als dieſer von den Briefen nach London zu reden anfing, die er ſelbſt an den rechten Ort hinbringen wollte, da erwachte in dem Herzen des Juͤng⸗ lings die Sehnſucht mit aller Heftigkeit. Er wäre gern mit ihm nach ſeinem Vatorlande wieder zuruͤckgeſegelt. Die Thränen traten ihm in die Augen, er wollte ſie Sir Robert nicht ſehen leſſen, drehte ſich um und verließ das Zimmer. Als er ſich geſammelt hatte und wiederkam, ſagte Sir Robert zu ihm: — 7¹ „Glaube nicht, wein guter William, daß ich Dich tadele, wenn die Macht der Liebe Dich nach den Deinen zuruͤckziehen will. Ein ſol⸗ ches Gefuͤht ehre ich, und wuͤrde ich Gleich⸗ guͤltigkeit und Haͤrte an Dir gewahr, ſo önnte ich Dich nicht ſo lieben. Du ſollſt — bei mir Deine Theuern nicht vergeſſen, aber ſuche es uͤber Dich zu gewinnen, daß Du mit Ruhe und Hoffnung an ſie denkſt. Moͤchteſt Du auch mir einſt, wenn die Vor⸗ ſehung, uns von einander trennt, eine ſolche Thraͤne weinen, in der⸗ſich Dein Dank und Deine Liebe ſpiegelt, und ich werde mich beſtreben, ihrer werth zu ſeyn. Der Capi⸗ tain reiſet morgen ab, heute Abend haſt Du noch Zeit genug, Briefe zu ſchreiben, jetzt wollen wir uns von andern Gegenſtaͤnden un⸗ terhalten.“ Der Copitain war ein frohgelaunter S Mann, der Wein ſtimmte ihn noch heiterer 72 und er verſcheuchte die Grillen und Sorgen, welche William truͤbten. Sobald er mit Sir Robert am Abend allein war, ſagte dieſer:„Ich habe Wichtiges an meinen Bruder zu ſchreiben, und Du fuͤhtſt gewiß das Beduͤrfniß auch, Dich mit Deiner Mutter und insbeſondere mit Demer geliebten Anna ſchriftlich zu untethaiten. Melde Ihnen, wie herzlich willkommen Du mir biſt und wie ich gewiß für die Folge Alles thun wuͤrde, um Deine Hoffnungen und Wünſche zu verwirklichen.“ William meldete in ſeinem Schreiben der Mutter ſeine gluͤckliche Ueberfahrt nach Jamaica und die herzliche Aufnahme, die er bei Sir Robert in Kingston fand. Er bat ſie recht inſtändig, daß ſie ſich uͤber die Tren⸗ nung von ihm beruhigen ſolle. Die weiſe und guͤtige Vorſehung habe ihm dieſen Weg zu ſeinem Eluͤcke gezeigt, ein inneres Gebot haͤtte ihn gerathen und ihrer Leitung ſey er gefolgt. Er bat gar herzlich, daß ſie den inliegenden Brief Annen einhändigen und ſie in dem Glauben an die Guͤte des Him⸗ mels beſtaͤrken ſolle, der nie truͤge, ſo wenig auch die Fuͤgungen deſſelben mit menſchlichen Gedanken und Beſchluͤſſen uͤbereinſtimmten. Als er aber an Annen zu ſchreiben an⸗ fangen wollte, uͤberfiel ihn eine tiefe Schwer⸗ muth. Seine Hand zitterte, ſein Auge fuͤllte ſich mit Thränen, er mußte die Feder wegle⸗ gen und ging einigemal im Zimmer auf und nieder. Jetzt oͤffnete er das Fenſter, der Sternenhimmel in ghoͤttlicher Herrlichkeit leuchtete ihm entgegen und eine geheime Stimme ſchien ihm zuzurufen:„Siehe die hellen Sterne, ſie alle ſind Zeugen der All⸗ macht des Unſichtbaren, dem es ein Leichtes iſt, Traurigkeit in Freude zu verwandeln. —— — 74 Sie werden zwar von dunkeln Wolken uͤber⸗ zogen, aber nur auf eine kurze Zeit, dann ſtrahlen ſie wieder in anerſchaffener Pracht auf den Erdkreis hernieder. Glaͤubig blicke zu ihnen empor und bete den Vater an, der ſie an ſeiner Hand fuͤhrt und ſich des Wur⸗ mes im Staube erbarmt.“ Eben die Erhe⸗ bung des Geiſtes zu dem Unſichtharen gab ihm die noͤthige Faſſung des Gemuths wieder. In dem Briefe, welchen er an ſeine ge⸗ liebte Anna ſchrieb, unterdruͤckte er den Schmerz nicht, den er in der Trennung von ihr empfand, insbeſondere beklagte er ſich uͤber die Ungewißheit, ob und wann er ſie wiederſehen und unzertrennlich mit ihr ver⸗ bunden werde. Beruhigen und troͤſten konnte er ſie nicht, ob er's auch wollte. Am andern Morgen gab er Sir Robert die Briefe zum Durchleſen, ehe er ſie verſie⸗ gelte, und dieſer ſagte:„Anna wird ſich doch 75 ſehr betruͤben, wenn ſie erfaͤhrt, daß Du in ſolch einem hohen Grade traurig biſt. Kann Dich denn nichts aufheitern? Aber, ich haͤtte in Deiner Lage nicht anders geſchrieben, wie Du es gethan haſt. Ein von ſeiner Gelieb⸗ ten entfernter Juͤngling, die ihm das hoͤchſte Gut des Lebens iſt, kann ſich ja nicht tro⸗ ſten, da er ſich ſelbſt ſo ungluͤcklich fuͤhlt. Wer erſt die Kraft hat, daß er Andere auf⸗ richten und ſie zufrieden ſprechen kann, der giebt damit zu verſtehen, daß er den heftig⸗ ſten Schmerz uͤberwunden hat, und dieſe Herrſchaft uͤber ſeine Gefuͤhle dient ihm fuͤr⸗ wahr nicht immer bei denen zur Empfehlung, die an einer Krankheit des Geiſtes oder Her⸗ zens mit ihm leiden. So weit ich Deine Anna kenne, vernimmt ſie Deine Klagen lieber als Deine Troͤſtungen, jene beweiſen ihr Deine innigſte Liebe, da dieſe ihr vielleicht andeuten könnten, daß Du eine Faſſung er⸗ langt hätteſt, die ſie betruͤbht. Selbſt Thraͤ⸗ nen, die wir mit den Weinenden weinen, 76 ſind oft heilender Balſam auf ſeine Wun⸗ den.“ „ Der menſchenfteundliche Schiffscapitain erſchien in Roberts Wohnung, um die Briefe abzuholen. Es wurde ihm muͤndlich noch Vieles aufgetragen, was er in London beſtel⸗ len ſollte und er verſprach, keine Sylbe zu vergeſſen.„Druͤcken Sie insbeſondere meiner unvergleichlichen Anna die Hand, betheuern Sie's ihr in meinem Namen, ſo bat Wil⸗ liam,„daß ich, wenn dieſe Erde mir auch zum Himmel gemacht werden könnte, ich in ihm ohne ſie doch nicht gluͤcklich ſeyn koͤnnte.“ Er druͤckte dem Capitain die Hand dankbar und ſchied von ihm wie ein theurer Freund. Die Zeit, welche alle Schmerzen lindert, wenn ſie ſie auch nicht zu verlöſchen vermag, ſtihte in Williams Seele die peinlichſte Un⸗ ruhe. Mehr und mehr fand er ſich in ſein Schickfal, und mit ſeiner Lage, die Ro⸗ — 77 bert ihm zur gluͤcklichſten eines hochgeliebten Sohnes machte, war er voͤllig zufrieden. Sein ſo dankbares Gemuͤth verkannte die ausgezeichnete Guͤte nicht, mit der ihn ſein Wohlthäter wie ein frommer Vater behan⸗ delte, und er bot Alles auf, um ſich der Be⸗ weiſe einer ſolchen Liebe immer wuͤrdiger zu machen. Robert hatte ein aufmerkſames Auge auf ihn und ſuchte ihn von allen Sei⸗ ten zu erforſchen, um ſich in der Ueberzeu⸗ gung feſter zu beſtaͤrken, ob das Innere des Juͤnglings auch mit ſeiner einnehmenden Au⸗ ßenſeite uͤbereinſtimmte. Er machte die Ent⸗ deckung, daß William aus wahrer Beſchei⸗ denheit oft nicht ſo gut ſcheinen wollte, als er's wirklich war, um mit andern Menſchen von gewöhnlichem Charakter nicht in einen ſo großen Contraſt zu gerathen, der ihm Tadler, Spoͤtter und Feinde zuziehen konnte. Er beſaß die volle Liebe, das volle Ver⸗ trauen Roberts und hegte die gewiſſe Hoff⸗ — 78 nung, daß er einzig durch das Beſtreben dieſes Mannes, durch ſeine Fuͤrſprache ſeines hoͤchſten Gluͤcks, das wie ein Stern in ſei⸗ nem Herzen leuchtete, gewiß werden konnte. Um dieſen Preis war ihm keine Muͤhe zu ſchwer, der er ſich nicht willig unterzog. Wie von Robert, ſo wurde er von den Freunden dieſes edeln Mannes geliebt, welche Gelegen⸗ heit hatten, ihn naͤher kennen zu lernen, oder an Roberts Urtheilen nicht zweifelten, die er uͤber ihn hinter ſeinem Ruͤcken faͤllte. Herr⸗ licher, als in dieſem William, hat ſich der fromme, religioͤſe Sinn an keinem Juͤnglinge bewährt, aus keinem trat er ruhrender und ſchoͤner ins Leben. Robert hoͤrte ihn oft beten, oft wenn er in Williams Zimmer trat, fand er ihn auf den Knien und ſeine Wan⸗ gen naß. Die oͤffentlichen Andachtsſtunden verſaͤumte er nie, und kein Tag verfloß, wo er nicht in einem heiligen Vuche las. „Auch durch Deine Liebe zur Religion, „ „ ——— „ 6 — 79 durch Deinen Umgang mit Gott,“ ſagte Ro⸗ — bert eines Abends zu ihm,„„unterſcheideſt Du Dich von gar Vielen Deines Alters, die jede fromme Aeußerung verlachen und in froͤhlicher Zerſtreutheit ſich ihres beſſern We⸗ ſens und der himmliſchen Lehren nicht be⸗ wußt werden. Sie kleben am Sichtbaren und haben keine Gemeinſchaft mit dem Unſichtba⸗ ren. Sie ſind in dieſes Leben verſtrickt und erheben ihre Blicke nicht nach oben. Wie werth biſt Du mir auch von dieſer Seite, welch ein Vertrauen, welch eine Achtung er⸗ weckt dieſer Sinn in mir gegen Dich! Ach, ſo denke ich, wer ſo dem Heiligen angehort, der kann nichts Unheiliges treiben, wer mit Gott und ſeinem Geſetz in dieſer Be⸗ kanntſchaft bleibt, den kann die Suͤnde zwar verſuchen, aber uͤberwältigen wird ſie' ihn nicht Welche Waffen gegen jede Art des Laſters haſt Du, welche Anreizungen immer, nach dem Vollkommenen zu ſtreben! William, Du ſtreuſt herrliche Saat aus, Frucht und „ 82 oft er daran dachte, doch traurig. Um ihn ſo recht eigentlich auf die Probe zu ſtellen, ob ſeine Liebe zu Annen eine unerſchuͤtterliche ſey, ſagte Robert zu ihm an einem Abende, nachdem er ſich von ihm hatte Verſchwiegen⸗ heit geloben laſſen, was ihm Carl Cornwell, ſein Freund, ein reicher Kaufmann in Kings⸗ ton, mittheilte. „Lieber William, Du kennſt meinen Freund, Du achteſt ſeinen Charakter, den redlichen und biederherzigen Cornwell. Wie er als eine arme Waiſe zu dem großen Ver⸗ mögen gekommen iſt, das weißt Du, und daß ihn Tugend und Rechtſchaffenheit zum reichen Manne gemacht hat, wodurch es die Wenig⸗ ſten nur werden, das iſt Dir wohl bekannt. Peul als ich bei ihm allein war, nahm et's wie aus den Wolken und ſagte: das Atter fängt an mich zu druͤcken, und ich fuͤhle es, daß ich unluſtig und ungeſchickt fuͤr meine Geſchäfte werde. Wenn die Ordnung —.————————— 83 bei ſo bedeutenden Handelsgeſchaͤften in Stocken geraͤth, ſo hört ihr regelmaͤßiger Fort⸗ gang auf und der bisherige Gewinn verwan⸗ delt ſich in Schaden. Glaubſt Du, daß ich einen Menſchen finde, dem ich meine Stelle im Comptoir anvertrauen kann? Geſchicklich⸗ keit und Ehrlichkeit wohnen ſelten bei einan⸗ der und ſie gehoͤren doch fuͤr einander. Ja, fuhr Cornwell fort, wenn ich einen ſolchen Menſchen haͤtte, wie Deinen Berkler, ſo koöͤnnte ich mich groͤßtentheils in den Ruhe⸗ ſtand ſetzen. Kluge und ehrliche Leute laſ⸗ ſen ſich aber nicht aus London wie das Por⸗ terbier, verſchreiben. Meine ſo bluͤhende Handlung, die ihren Mann naͤhrt, möchte ich doch nicht wie eine unnuͤtze Leiche ins Grab ſinken ſehen, ſo ſehr den andern Kauf⸗ leuten damit gedient wäre.“ 4* „Denke Dir, William, Cornwell that mir den Vorſchlag, ich ſollte Dich ihm unter den vortheilhafteſten Bedingungen uͤberlaſſen, 84 Meine Antwort war: ich glaubte nicht, daß Du um eiteln Bewinnſtes willen von mir gehen und mich verlaſſen koͤnnteſt, da Du eine dankbare Seele haͤtteſt und gewiß nicht auf Wucher ausgingeſt. Er gab mir zu be⸗ denken, ich moͤge Deinem Gluͤcke nicht in dem Wege ſtehen und es nicht verhindern, da er Wichtiges in Hinſicht Deinert im Sinne truͤge, was Dein zeitliches Wohl fuͤr's ganze Leben begruͤnden könne.“ „William, Du kennſt ſeine liebenswuͤr⸗ dige Charlotte, ſie iſt ein hertliches Maͤdchen, ſchoͤn wie der Fruͤhling, rein und heiter wie der Himmel. Denke Dir, als ich Cornwell fragte, wie er denn Dich irdiſch gluͤcklich zu machen gedenke, gab er mir die Antwort: ich glaube, Wilnam Berklei wäre der rechte Mann fuͤr meine einzige Tochter. Abgeneigt iſt ſie ihm gewiß nicht, und was koͤnnte juſt er wider eine Jungfrau haben, um deren Hand ſchon mehrere Juͤnglinge warben, die 85 ich deshalb abkomplimentirte, weil ſie mit ihrem Innern als Schwiegerſoͤhne mir zu leicht zu wiegen ſchienen. Das groͤßte Ver⸗ trauen aber habe ich zu Deinem Berklei. Du darfſt ihn mir nicht ſtreitig machen, wenn Du ſein Gluͤck willſt und der zärtliche Vater gegen ihn biſt, fuͤr den man Dich haͤlt.“ „Onkel,“ ſo fiel ihm Berklei in die⸗ Rede,„und was gaben Sie dem guͤtigen Corn⸗“ well fuͤr eine Antwort?“—„Daß ich uͤber die Sache mit Dir reden und Deiner Neigung, Deinem Entſchluſſe kein Hinderniß in den Weg legen wollte.“—„Aber,“ ſagte Wil⸗ liam,„Sie konnten Ihren Freund ja auf dee Stelle beſcheiden, da Sie meine Liebe zu An⸗ nen kennen.“—„William, das durfte ich nach meinem Gewiſſen nicht.“—„Und war⸗ um nicht?“ fragte William.— Robert ſagte: „Cornwell hat Achtung und Liebe fuͤr Dich, er will Dich mit ſeinem Reichthum uͤber⸗ — 86 haͤufen. Es giebt herrliche Seelen, fuͤr wel⸗ che die Erdenſchaͤtze doch Reize haben, welche die Armuth nicht muthig ertragen konnen. Charlotte iſt ein koͤſtliches Geſchoͤpf unb haͤtte ich einen Sohn, ſo wuͤnſchte ich ihm keine andere Gattin als dieſes Maͤdchen. Laͤßt ſich's vorher berechnen, wie's noch mit An⸗ nen kommen wird? Mein Bruder iſt ein wunderlicher Menſch, und ſo ganz gewiß iſt es doch nicht, ob er ſich von mir ſtimmen laſſen wird. Wie, wenn er mir's unmoͤg⸗ lich machte, bei ihm für die Erreichung Dei— nes Zwecks wohlthaͤtig zu wirken? Ich muͤßte ihm jetzt wenigſtens ſchreiben, was er zu thun willens ſey, damit er nicht die Miturſache wird, daß Du ein zeitliches Gluͤck nicht ver⸗ ſcherzeſt. Anna muß Dich ſogar entſchuldi⸗ gen, da Dir ihr Vater unuͤberſteigliche Hin⸗ derniſſe in den Weg legt, Dein gegebenes Verſprechen zu halten. Bedenk? mein Sohn, Du biſt auch Dir und Deiner Mutter hei⸗ lige Pflichten ſchuldig.“ L— 37 Als Robert ſchwieg, ſenkte William ſei⸗ nen Blick zur Erde traurig nieder und ſagte dann, als er eine Weile nachgebacht hatte: „Das Vertrauen und dir Güte Herrn Corn⸗ wells verkenne ich nicht, ich muß es ehren; aber, wenn ich von ſeinem Anerbieten, in ſei⸗ nem ganzen Umfange, Gebrauch machte, ſo wuͤrde ich mir wie ein Verbrecher erſcheinen, der die Geſetze der Religion und Vernunft mit Fußen tritt. Ich kam nicht nach Kings⸗ ton, um einem andern Herrn als Ihnen zu dienen. Ein Gluͤck, wie mir hier geboten wird, konnte ich fruͤher und näher in Bri⸗ ſtol haben, warum ich's von mir wies, das, veſter Onkel, erklärte ich Ihnen ſchon früher. Könnten Sie mich miſſen, ſo wuͤrde ich nach England zuruͤckeilen, hier bliebe ich nicht. Wie könnte ich mich zur Untreue gegen An⸗ nen erniedrigen! Von meinem Worte und meinem Schmerz machen mich alle Hinder⸗ niſſe nicht frei, die mir Ihr Bruder der Ver⸗ bindung mit Annen in den Weg legt. Hat 88 ſich Anna von mir losgeſagt? Glauben Sie, daß ich außer ihr mein Gluͤck im Beſitz einer andern Jungfrau finden koͤnnte? Wie wenig verſtehen Sie mein Herz, das ich Ih⸗ nen doch ſo offen darlegte! Wie wenig Liebe, Dank⸗ und Pflichtgefuͤhl trauen Sie mir zu! Wenn ich das, was Sie von einer Heirath zwiſchen mir und der ſchoͤnen Charlotte ſag⸗ ten, fuͤr Ernſt halten muͤßte, ſo wuͤrde mich das in Ihrem Charakter irre machen. Nicht wahr, Sie wollten mich auf eine Probe ſtellen? Wie leicht laͤßt ſich dieſe beſtehen! Koͤnnen Sie aber fuͤr mich bei Ihrem Bruder nichts wirken, iſt er der wunderliche Mann, der ſich nicht erweichen und biegen läßt, ſo ſtelle ich meine Sache Gott anheim. Das glaube ich aber feſt, daß ich die Verpflichtung nicht auf mir habe, durch ein Verbrechen mir und mei⸗ ner Mutter ein ſcheinbares Gluͤck zu erwer⸗ ben, das ewig, wie ein Richter mit dem Schwerte vor dem Miſſethaͤter, vor mir ſte⸗ hen und mir meine Schuld und ihre Strafe 89 vorhalten wuͤrde. Onkel, ich bin ſehr tief betruͤbt und muß in die Einſamkeit gehen, um mich zu troͤſten.“ Robert ergriff Williams Hand, er hielt ihn zuruͤck als er gehen wollte und ſagte: „Rein und klar ſtehſt Du vor mir wie ein Engel, Du haſt die Probe beſtanden!“„. Er umarmte den Juͤngling, Thräͤnen ſtanden ihm in den Augen und ſprach:„So weit meine Kraft reicht, will ich zu Deinem Gluͤcke beitragen, und wiſſe, morgen mache ich Dich vor den Gerichten zum Etben meines ganzen Vermoͤgens. Oft belohnt ein guͤtiger Gott die Tugend auch mit zeitlichen Guͤtern. Sey mein Sohn, wie ich Dein Vater bin. Je⸗ des Deiner Worte will ich Cornwell wie⸗ der ſagen, und er wird Dich um Dei⸗ ner edeln Geſinnung willen hoͤher achten, herzlicher lieben, da er ſie zu ſchaͤtzen weiß.„ 90 Seit dieſer Zeit liehten ſich Robert und William noch herzucher, inniger. . Lorenz Workwich hatte ſeiner Familie vas Geheimniß verrathen, weshalb er,in die Verbindung Williams und Annens nicht wil⸗ ligen konnte, und war nun ruhiger und hei⸗ terer. Vorwuͤrfe machte man ihm deshalb nicht, er erregte vielmehr Bedauern, Oft ſah man es ihm an, wie weh es thut, wenn man durch ein Angeloben dem Willen ſeines Herzens Feſſeln angelegt hat, und behandelte ihn mit mitleibsvoller Schonung. Alle, be⸗ ſonders die leidende Anna, trauerten. Nicht die Trennung von William allein war's, die ſie betruͤbte, nein, das Geluͤbde des Vaters, das ſie zur Erde beugte. Wie ſollte es ge⸗ löſet werden! Nur mit dem Tode des Vaters erhielt ſie volle Freiheit, unbeſchraͤnkt ihrer 91 Neigung folgen zu können. Mit groͤßter Sehnſucht werwartete ſie Briefe von Ja⸗ maica; aber Carl ſagte es chr oͤfter, wie un⸗ moͤglich dies fuͤr jetzt noch ſey. Als Workwich nach Briſtol in Geſchaͤf⸗ ten verreiſet und die ganze Familie verſam⸗ melt war, und das Geſpraͤch wie oͤfter auf das Geluͤbde kam, das man wie den Zerſtoͤ⸗ rer eines großen Gluͤcks betrachtete, da nahm Carl das Wort und ſagte:„Faͤllt mir doch eben ein Gedanke ein, den ich noch nicht dachte, welcher alle Schwierigkeiten heben und Annen von ihrer Trauer aufrichten kann. Eine Aeußerung des Vaters hat ihn ſelbſt veranlaßt. Moͤge uns nur William, der es mit ſeiner Gewiſſenhaftigkeit zu weit treibt, nicht hinderlich werden.“— Alle riefen faſt zugleich: was fuͤr ein Gedanke iſt der, halte ihn keinen Augenblick zuruͤck!—„Ich erin⸗ nere mich's deutlich,“ fuhr Carl fort,„daß der Vater, als er von ſeinem Geluͤbde ſprach, 92 hinzuſetzte: es kann mir nicht als ein Un⸗ recht angerechnet werden, wenn es mir un⸗ möglich gemacht wird, es erfuͤllen zu koͤnnen. Ich ſelbſt rechne es mir nicht zur Suͤnde, ihm deſſelben zu entbinden, da er's wuͤnſcht, er hätte es nicht gethan, und was ich dazu beitragen kann, ſeine fortbeſtehende Kraft zu vereiteln, das thue ich gern.“—„Und,“ fragte die Mutter,„was wollteſt Du thun?“ —„Kopf und Hände gebrauchen, es zu zer⸗ ſtoͤren. Wie, wenn ich William beredete, daß er Annen ohne Wiſſen des Vaters ent⸗ fuͤhrte? Ich denke mir die Sache etwa ſo: Der Onkel Robert koͤmmt mit ihm zu einem Beſuch hieher aus Jamaica. Wir machen den Onkel zum Theilnehmer unſeres Plans, der damit dem Vater und den Liebenden den groͤßten Gefallen thut. Sie alle verſchwinden plotzlich, Anna folgt William. Zuͤrnen wird der Vater, vielleicht ſcheinbar nur, und verſoͤh⸗ nen laͤßt er ſich leicht.“ N ——— 93 Annen, als ihr Bruder ausgeſprochen hatte, huͤpfte das Herz vor Freude, ſie fuhr mit den Worten heraus:„Wenn mich Wil⸗ liam durch eine Entfuͤhrung mit, ſich verbin⸗ den kann, ſo biete ich ihm gern die Hand. Der Rath iſt der beſte, einen andern giebt es nicht, der ſicherer zum Ziele fuͤhrt.“— „Aber,“ ſagte die Berklei bedenklich,„Anna, fuͤrchteſt Du nicht eine Suͤnde zu begehen? Verhinderſt Du Deinen Vater nicht, ſein Wort halten zu koͤnnen? Wirſt Du nicht einen ewigen Vorwurf auf Dein Leben la⸗ den?“—„Tante, Mutter,“ erwiederte ſie, „die Verantwortung fuͤr eine ſolche That fuͤrchte ich auch bei dem ewigen Richter nicht. Er wird mir nicht zuͤrnen, daß ich der Liebe folgte, die er mir erſchuf, die kein Menſch beherrſchen, uͤber die auch ein Vater nicht ge⸗ bieten ſoll.“—„Wenn Du auch ſo bereit⸗ willig biſt,“ ſprach die Berklei,„den Schritt zu thun, uͤber deſſen Beſchaffenheit ich nicht ſo leicht aburtheilen will, wird mein William 94 in die Ausfuͤhrung eines ſolchen Plans wil⸗ ligen? Er iſt gewohnt, es mit ſeinem Thun ſehr genau zu nehmen, und das möchte ich ihm doch picht als eine Schwäche anrech⸗ nen.“—„Aber,“ ſagte Anna,„er liebt mich doch, er will mein Gluͤck. Koͤnnte er's uber ſich gewinnen, mich länger in dieſer zweifelhaften Ungewißheit ſchmachten zu laſ⸗ ſen?“—„Nur ruhig, ruhig, meine liebe Anna,“ bat ihr Bruder. Liebe es nicht vermag, unſern frommen Wil⸗ liam zu einer ſundlichen That fortzureißen, ſo wird ſie doch in dieſem Punkte eine un⸗ widerſtehliche Macht ſeyn, die alles andere Einreden zum Schweigen bringt. Der Ver⸗ ſtand fuͤhrt ſein Scepter, aber die Neigung und der Wille ſind ja auch keine Sklaven, die ſich ihm unbedingt unterwerfen, und oft, gar oft waͤhlen ſie das Rechte, wenn jener mit Irrthuͤmern befangen iſt⸗ „ „ „Wenn die feurigſte Es wurde von dem Entfuͤhrungsplane 95 weiter nicht geredet; aber Carl ſchrieb einen Brief an William, in dem er ihn einlud, mit dem Onkel nach London zu kommen, wo er ihm Wichtiges entdecken werde Er be⸗ merkte es ausdruͤcklich, wie unentbehrlich der Onkel ſey, wenn das Vorhaben gelingen ſolle. Von der Entfuͤhrung ſelbſt aber redete er kein Wort, weil er glaubte, daß ſich muͤndlich, und wenn William Annen ſelber ſahe, an die abermalige Trennung von ihr denke, am beſten davon ſprechen ließe. Der Brief wurde mit der erſten und ſicherſten Gelegenheit nach Jamaica uͤberſandt. Alle ſchwiegen von dem Plane, nur Carl, ſeine Gattin und Anna unterhielten ſich oft davon. Lorenz Workwich war erſt einige Tage wieder in London, als die Briefe von ſeinem Bruder und Wilkam ankamen. Der Capitain ließ es ſein erſtes Geſchaͤft ſeyn, als er nach London kam, die Abgabe der Briefe zu beſorgen. Ein geheimes Gefuͤhl, . 96 von dem wir uns nicht immer Rechenſchaft geben, was aber in vielen Fällen richtiger als der Verſtand entſcheidet, fuͤhrte ihn zu⸗ erſt nach Sir Workwich hin, um der Gelieb⸗ ten Williams das Schreiben einzuhaͤndigen, dann wollte er auch zu ſeiner Mutter gehen. Der Zufall wollte es, daß Herr Lorenz mehrere Freunde zu einem Mittagsmahl ver⸗ ſammelt hatte, da er den Geburtstag ſeiner geliebten Schwiegertochter feierte, die er uͤber Alles liebte. Die Geiſter waren in einer fröhlichen Stim⸗ mung, nur Anna konnte ſo recht nicht mit⸗ lachen, da ihr die Töne der Freude, wo ſie ſie hoͤrte, mißbehagten. Sie trug ſich immer mit ängſtlichen Sorgen um William, von dem ſie's nicht gewiß wußte, ob er wohlbe⸗ halten in Jamaica angekommen war, oder in den Wellen ſein Leben geendet hatte. Und da es viele Menſchen giebt, die den unerklär⸗ üichen Hang haben, der ihre Tage ſehr trubt, Die Berklei war dabei zugegen. 97 das Aergſte zu glauben, ſo wurde ſie auch mehr von einer peinlichen Furcht gefoltert, als von erheiternden Hoffnungen getroͤſtet. Den Vater dauerte die Tochter gar ſehr, er troͤſtete ſie oft, aber die Urſache ihres Kum⸗ mers verbannen, das vermochte er nicht. Durch einen Bedienten ließ ſich ber Capitain bei Annen melden und ſagte dieſem zugleich, daß er aus Jamaica komme und erwünſchte Nachrichten mitbringe. Der Menſch nahte ſich Annen und theilte ihr mit denſelben Worten den erhaltenen Auftrag mit. Sie hatte kaum das letzte Wort ver⸗ ſtanden, als ſie vom Tiſche aufſprang und ſo laut rief, daß es die ganze Geſellſchaft hoͤ⸗ ren konnte:„Nein, nein, ich irre mich nicht, mein William iſt da! Er iſt es ſelbſt!““ Wie ein Pfeil flog ſie zur Thuͤr hinaus und hoͤrte die Worte nicht, die der Bediente ihr nach⸗ rief, daß ein fremder Mann, und nicht Sit Berklei ihm die Beſtellung gemacht habe. I. 7 98 Alle Gäſte geriethen in Aufruhr und die, welche den innigſten Antheil an Annens Liebe und Trauer nahmen, eilten ihr nach. Selbſt Workwich wurde es ſchwer, im Sagle zu bleiben und den Ausgang des Er⸗ eigniſſes ruhig abzuwarten. Alle Stimmen der Liebe, die er fuͤr den Juͤngling empfand, wurden in ſeinem Herzen laut. Die arme, getäuſchte Anna haͤtte ohn⸗ mächtig vor Schreck niederſinken moͤgen, als ſie ſich in ihrer Hoffnung ſo betrogen ſah, und ſtatt Williams, den Capitain ſah. Als er ſie mit offenen Armen auf ſich zueilen ſah, als er's wahrnahm, daß ſie plotzlich ent⸗ zaubert wurde, da ihr ſuͤßer Wahn zerfloß und ſie ſtumm und verlegen vor ihm ſtand, ohne daß ſie eine Sylbe hervorzubringen ver⸗ mochte, da verging auch ihm die Rede. Er ſammelte ſich zuerſt wieder, und da er An⸗ nen von ihren Freunden umringt fah, die alle große Augen machten, da ſagte er: 99 „Man wird mir fuͤr meinen Liebesdienſt nun wenig Dank wiſſen, da ich, wie man glaubte, Sir Berklei nicht bin, und ich fuͤrchte, daß ich mehr Trauer als Freude angerichtet habe. Auf den Bedienten moͤchte ich zuͤrnen, der meinen Auftrag falſch beſtellte, oder auf die Perſonen, die ihn mißverſtanden. Ich fuhle mich ſehr unbehaglich.“ Anna wandte ihre Kraft an, ſuchte ſich ſelbſt zu uͤberwinden und fragte mit Thraͤnen im Auge:„Nicht ſo, Sie kommen aus Ja⸗ matca? Sie haben meinen William geſehen? Sie bringen mir Gruͤße oder einen Brief von ihm? Er lebt doch? Nur die letzte Frage beantworten Sie zuerſt.“—„Ja, er lebt,“ erwiederte der Capitain.„Auf dem Schiffe, das ich befehligte, machte er die Ue⸗ berfahrt nach Jamaica. Bei Herrn Work⸗ wich fuͤhlt er ſich dort wie in dem Schooße des Vaters. Sein Herz trauert. Alles bot ich auf, ihn auf dem Meere zu beruhigen. 100 Er wäre gern mit mir zuruͤckgefahren. Seine Verhältniſſe ſcheinen ihm beſondere Feſſeln anzulegen. O, er iſt ein herrlicher, frommer Juͤngling. Auf dem Meere, wo die Grenze zwiſchen Leben und Tod eine ſo feine iſt, lernt man die Leute in einem Monat genauer kennen, als wenn man auf dem feſten Lande Jahre lang in einem Zimmer mit zu⸗ ſammen wohnt.“ Das Geſicht Annens klaͤrte ſich mehr auf, mit Entzuͤcken hoͤrte ſie die Lobrede, die der Capitain ihrem William hielt und fragte dann: „Hat er mit Ihnen nicht von mir geredet? Gab er Ihnen keine geſchriebene Zeile an mich mit?“— Waͤhrend der Capitain die Briefe aus ſeiner Schreibtafel zog, ſagte er: „Es wuͤrde viel Zeit dozu gehoren, um das Alles wieder zu erzählen, was er von ſeiner zaͤrtlich geliebten Anna ſprach, und die Art und Weiſe, wie er's ſprach, machte mich zum innigſten Theilnehmer ſeiner Liebe. Hier iſt 101 der Brief an Sie, da, ein anderer an ſeine Mutter. Von Sir Robert habe ich auch einige Zeilen an ſeinen Bruder.“ Anna nahm ihren Brief, eilte damit vavon und bekoͤmmerte ſich um die ganze Welt nicht mehr.„Verzeihen Sie meiner Schweſter,“ bat Carl Workwich,„wenn ihre Unruhe es nicht erlaubte, Ihnen zu danken. Sie wiſſen es ja, wie ein junges feuriges Maädchen iſt. Das Herz lodert in Flammen auf, wenn ſie einen ſolchen Brief in den Hän⸗ den hat. Nur ein Gedanke, ein Gefuhl durch⸗ gluͤht ihre Seele, alles Andere iſt fuͤr ſie todt. Sie ſind uns recht herzlich willkom⸗ men, und eben ſo aufrichtig dankbar ſind wir Alle gegen Ihre Guͤte, da uns das Leben Williams ein ſehr theures iſt. Kommen Sie mit uns, oben im Saal finden Sie vie Per⸗ ſonen, an die Ihre andern Briefe addreſſirt ſind. Einen Mann perſönlich kennen zu ler⸗ nen, der von dem Freunde kommt, den wir 102 Alle in gleichem Grade lieben, das wird ſei⸗ ner Mutter und meinem Vater große Freude machen.“ Der Capitain nahm die Einladung an und ließ ſich von Carln in den Saal fuͤhren, indeß die Andern ihm folgten. Er las Freude und Schmerz aus dem Geſicht der Berklei, als er ihr den Brief von ihrem Sohne hingab, und hatte viele Fragen zu beantworten, die ſie an ihn that. Auch ſie verließ mit dem Brief in der Hand die Geſellſchaft bald und nahm den Weg nach Annens Zimmer, wo ſie ſie zu finden hoffte. Mit ihr wollte ſie gemeinſchaftlich ſich freuen und trauern. Sir Workwich aber las eine Stelle des Briefs, den er von ſei⸗ nem Bruder erhalten hatte, vor, die alſo lau⸗ tete:„Der reiche Kaufmann Cornwell, der beſte Menſch und mein liebſter Freund, ließ bur mich William ſeine einzige Tochter zur ——————— 103 Gattin anbieten; aber der Juͤngling erwie⸗ derte: mein Wort, das ich Annen gab, iſt mir ein heiliges, und der Tod allein kann mich von der Erfuͤllung deſſelben entbinden. Es giebt kein Gut der Erde, was ſie auf⸗ wiegt. Mein Leben haͤngt an dem ihren. Im Geiſte bin ich Eins mit ihr, Gott wird mich von ihr nicht trennen und Menſchen vermögen es nicht. Lieber Bruder, wie kannſt Du noch einen Augenblick zoͤgern, einem ſol⸗ chen Juͤnglinge Deine Tochter zur Gattin zu geben? Stößt Du Dich an ſeine Armuth, ſo betheure ich's Dir, ſeine Mitgift iſt mein ganzes Vermogen, er iſt mein Erbe.“ Workwich ſeufzte tief auf und ſprach: „So ſchwer es mir die Menſchen auch ma⸗ chen, ein Verſprechen zu erfuͤllen, was ich Gott gab, ich werde es halten und ſollte mir's das Leben koſten. Wir reden von an⸗ dern Dingen und wollen uns in der frohli⸗ chen Feier des Geburtsfeſtes nicht ſtoͤren laſ⸗ 104 ſen. Der liebe William lebe hoch!“ Alle ſtießen die Glaͤſer an einander. Viel Ruͤhmliches ſagte er noch von William, daß es der Capitain hoͤrte und— ſich uͤber den ſonderbaren Mann wunderte, Vom hoͤchſten Intereſſe aber war die Unterhaltung, die jetzt zwiſchen der Berklei und Annen Statt fand. Als die Berklei in's Zimmer trat, fand ſie Annen auf den Knien und der Brief ihres Sohnes lag neben der Betenden.„Was thuſt Du?“ fragte ſie Annen, und dieſe erwiederte:„Dank, Freude, Glauben und Hoffnung machte, daß ich mich nicht laͤnger aufrecht halten konnte, ich ſank auf die Knie nieder, vor dem Gott liege ich, der Schmerz in Freude, Kummer in Entzuͤk⸗ ken verwandeln⸗kann; vot dem Gott, zu dem auch mein William betet, daß er die Zeit unſerer Trennung abkuͤrzen und das Wieder⸗ ſehen herbeifuͤhren moͤge, wie nach einer fin⸗ ſtern Nacht den hellen Morgen, und uns fuͤr 105 die Erde vereinigen, bis uns bas Auge im Tode bricht. Da liegt der Brief von ihm, er entſank meiner Hand, als ich die Hände zum Gebet faltete, er hat mich tief geruͤhrt. Jetzt haͤtte ich keine Kraft, ihn noch einmal zu leſen. Licht und Schatten wechſelt in mir wunderbar, und fuͤrwahr, ich weiß es nicht, welches Gefuͤhl mir die Thraͤnen ausge⸗ preßt hat. Mutter, haſt Du auch von Dei⸗ nem Sohne einen Brief? Lies ihn mir vor, vielleicht ſind iü ihm Balſamtropfen, die auf meine brennenden Wunden fallen und ihre Glut loͤſchen. Ach, auf welchen Wogen der Hoffnung und des Zweifels und des Glau⸗ bens wird meine Seele getragen! Kann auch die Religion, die ſo manchen Schwankenden Ruhe gab, mir keine Feſtigkeit gewaͤhren? Was ſoll ich noch hoffen!“„ Die Berklei war ſehr geruͤhrt, als ſie Annen in dieſer Stellung fand und ſie ſolche Werte reden hörte.„Stehe auf, meine Toch⸗ 106 ter,“ ſagte ſie zu ihr, indem ſie ihre Hand ergriff,„die erwuͤnſchten Tage ſind es oft, die den Menſchen von Gott entfernen, aber die traurigen ziehen ihn zu ihm hin, darum laß auch uns ihn fuͤr dieſe preiſen. Alles, was ihm dient, mit dem hoͤchſten Weſen in innigere Gemeinſchaft zu treten, das ſoll er fuͤr Wohlthat annehmen und die Hand kuͤſ⸗ ſen, die ihn ſchlug. Sag, was ſchreibt Wil⸗ liam?“—„Nimm den Brief,“ ſagte ſie, „es ſteht darin geſchrieben, ich kann mit ſei⸗ nen Worten nicht reden, ohne daß Schauer meine Seele befallen; aber erfuͤlle meine Bitte und lies mir den Brief an Dich.“ Sie that's. Beide weinten. Da kam Eliſabeth, welche den Inhalt der Briefe hö⸗ ren wollte. Es wurde ihr gewillfahrt; aber waͤhrend des Leſens entfernte ſich Anna in ein Nebenzimmer und ihr Geiſt war bei Willam in Jamaica. Als ſie von Eliſabeth zuruͤckgerufen wurde, ſagte dieſe zu ihr:„Anna, 107 Du kommſt dem Ziele naͤher, in dem Du die Erfuͤllung aller Deiner Hoffnungen und Wuͤnſche ſiehſt. Als einen Beweis väter⸗ licher Liebe hat Robert unſern William zum Erben ſeines Vermoͤgens eingeſetzt. Wie bat er Deinen Vater, ihm Deine Hand nicht zu verfagen! Sir Robert ſchrieb das in einem Briefe. Ich ſoll euch in die Geſellſchaft zuruͤckfuͤhren, der Vater will's.“ Anna konnte ſich nicht ſogleich ent⸗ ſchließen, der Einladung ihrer ſchweſterlichen Eliſabeth zu folgen und bat ſie, ihr noch eine kleine Friſt zu verſtatten, bis es in ihr ruhiger geworden waͤre, da Freude und Schmerz, Liebe und Sehnſucht ihr Herz im⸗ mer nock zu heftig bewege. Faſt zuͤrnend ſagte Eliſabeth:„Der Menſch darf ja nicht bloß Gefuhl, er muß ja auch Vernunft ſeyn und ſeine Neigungen beherrſchen lernen. Du und Willtam, ihr Beide uͤbertreibt es. Nach menſchlicher Anſicht ſeyd ihr eures Gluͤcks 108 gewiß, wozu alſo die Unruhe und Heftigkeit. Komm, komm, der Vater wuͤnſcht Dich in ſeiner Naͤhe zu ſehen.“— Anna ſah ihre Freundin befremdend an und ſprach:„Eine ſolche Weiſe, wie Du mir jetzt erſcheinſt, warſt Du fruͤher auch nicht. Deine Thraͤnen habe ich geſehen und Deine Seufzer gehoͤrt, als mein Bruder noch in Briſtol war und der Ausgang Deines Schickſals auf einem ungewiſſen Spiele ſtand. Du wirſt doch nicht im Gluͤcke die herrlichen Tugenden der Theilnahme und des Mitleids verlernen? Vergiß nicht, daß auch Du geweint haſt. Der Froͤhliche will es, daß Alles um und mit ihm lachen ſoll. Iſt er am erwuͤnſchten Ziele, ſo wendet er oft ſeine Blicke von den Pilgern hinweg, die mit Angſt und Sorge auf der Bahn nach demſelben wandeln und nicht gewiß ſind, ob ſie es je erreichen wer⸗ den. Laß mich noch ein Weilchen hier, ich folge Dir mit der Mutter bald nach.“— Mit truͤbem Auge ſagte Eliſabeth:„Liebe 109 Anna, die bittere Wahrheit, die Du da eben herausſtießeſt, trifft mich nicht als eine Schuldige, aber ſie ſchmerzt mich doch, An eine Pflicht, die ich mir oder Dir ſchuldig bin, darf ich von außen her nicht erinnert weiden. Nie werde ich's vergeſſen, ſo gluͤcklich ich mich jetzt auch fühle, wie ich einſtens litt. Suche Dir eine theilnehmendere Freundin als ich bin, ob Du ſie finden wirſt? Tröſten wollte ich Dich, und das mißdeuteſt Du ſo! Du biſt mit Deiner Liebe wie ein Kranker, den ein ſanftes Luͤftchen ſchmerzhaft anweht.“— „Kinder, vertragt euch,“ bat die Mutter, „ihr koͤnnt euch nicht entbehren. Liebe und Friede muͤſſe keinen Augenblick unter euch wanken. Zart und feſt ſind die Bande, die euch verbinden und keine Macht, woher ſie auch kommt, muͤſſe ſie antaſten.“ Die Freundinnen umarmten ſich und zum Zeichen, daß ſie einander nicht zuͤrnten, 110 blieb Eliſabeth noch ein Weilchen auf dem Zimmer und ihre Mutter und Anna folgten ihr dann nach. Als ſie in dem Saale er⸗ ſchienen fragte Sir Lorenz ſeine Tochter: „Nun, was hat denn der liebe William an Dich geſchrieben?“—„Vater,“ erwiſderte ſie,„das laͤßt ſich ſo nicht erzaͤhlen; heute Abend will ich Dir den Brief zum Durchle⸗ ſen geben.“—„Du weichſt von der Weiſe anderer Toͤchter ganz ab,“ ſagte Lorenz,„daß Du mit Deiner Liebe ganz offen biſt, jene ſind ſo verſchwiegen, ſo geheimnißvoll, als ob ſie mit einer Tugend oder Suͤnde nicht ans Licht treten duͤrften. Aber Du liebſt Wil⸗ liam, wie eine Schweſter, anders, anders liebe ihn nie! Mein Bruder ſchaͤtzt ihn nach ſei⸗ nem Werthe, wie er's verdient, und er ſoll einſt ſein Erbe werden.“ Jetzt wurde es ernſt und finſter auf Lorenzens Stirn und in wehmuͤthigem Tone ſagte er die bedeu⸗ tungsvollen Worte:„Man gilt ſich in der Welt ſelbſt mcht mehr viel, wenn man An⸗ 11¹¹ dern auf dem Pfade zu ihrem Gluͤcke wie ein hinderndes Geſpenſt im Wege ſtehen muß. Die Pflichten, die ein innerer Geiſt von uns fordert, ſind einander oft ſo widerſpre⸗ chend, laufen ſo gegen einander an, daß man die eine nicht uͤben kann, ohne ſich an der andern zu verſuͤndigen. Doch weg, weg mit dieſem ernſten Kapitel, es verſtimmt mich mehr, und juſt heute, am Geburtsfeſte mei⸗ ner lieben Eliſabeth, habe ich mir's vorge⸗ nommen, alle Sorgen zu vergeſſen und un⸗ geſtort froͤhlich zu ſeyn. Stoßt nochmals die Glaͤſer an, wir wollen meinen Bruder und William hoch leben laſſen.““„ Anna ſtieß ihr Glas an das des Vaters, ſie dankte ihm und er ſah es, daß eine große Thräne ihr im Auge funkelte, die ihr uͤber die Wunge rollte. Den Gäaͤſten aber kamen die Worte Sir Workwichs geheimnißvoll und ſonderbar vor, es konnte ſie keiner ſo deuten wie die Seinen, die das verhaßte Geluͤbde wußtenz aber um nähern Aufſchluß wagte es 112 Niemand ihn zu fragen. Freunden und Bekannten eine unbezweifelte Sache, daß William der Braͤutigam Annens ſey, und eben weil man dies algemein glaubte und es bekannt war, fand ſich kein Juͤngling ein, welcher der ſchoͤnen und reichen Anna ſeine Hand bot, oder ihre Eltern dar⸗ um erſuchte. Erſt am ſpaͤren Abend verließ der Ca⸗ pitain die Geſellſchaft, in der er ſich nicht ſowohl als ein gebildeter Mann, als viel⸗ mehr als ein verſtaͤndiger, redlicher und gut⸗ geſinnter auszeichnete. Cärl nahm den Platz bei Tiſche neben ihm ein, ſuchte ſein Ver⸗ trauen und ſeine Liebe zu gewinnen und bat ihn recht herzlich, daß er, ehe er wieder zur See ginge, zu ihm kommen, oder ihm erlauben ſolle, zu ihm kommen zu duͤrfen. Der Capitain erwiederte: daß er in dieſem Jahre das Schiff nicht wieder betreten werde und er bat um Carls Beſuche. Der junge Es war ja ſeinen 113. Workwich, der es wußte, wie ſehr ſich Wil⸗ liam dieſem Capitain empfohlen hatte, ſuchte auch darum ſeine Freundſchaft, weil er in Hinſicht der Flucht Williams und ſeiner Schweſter einen wichtigen Dienſt von ihm erwartete. Es wurde kein Verſuch mehr gemacht, Lorenz Workwich zu bewegen, daß er ſeine Zuſtimmung gab, ſeine Tochter mit William zu verbinden, da er vergeblich war und er ein gegebenes Geluͤbde nicht brechen wollte. Die Ruhe, daß er von dieſer Seite nicht an⸗ getaſtet wurde, war ihm erwuͤnſcht und es ſchien ſich Alles um ihn aufzuheitern. Er ſelbſt aber fuͤhlte ſich auch nicht verpflichtet, da weder ein reicher noch ein armer Juͤng⸗ ling nach ſeiner Tochter fragte, irgend einen herbeizufuͤhren und ihrer Neigung, die er wohl kannte, Zwang anzuthun. Das liebe⸗ volle und herzliche Verhaͤltniß zwiſchen ihm und ſeiner Tochter war voͤllig wieder herge⸗ II. 8 114 ſtellt. Das Geluͤbde ſelbſt und dieſes al⸗ lein war es, was ihn jetzt am meiſten beun⸗ tuhigte und er wuͤnſchte es aufrichtig, daß ers nie, nie gethan hätte. Es ſelbſt verei⸗ teln und aufheben, unter welchem Vorwande es auch geſchehen mochte, das konnte er nicht, das erſchien ihm als eine ſtrafbare Suͤnde, zu der er ſich nie entſchloſſen haͤtte. Robert hatte Willtam zum Erben ſeines Vermoͤgens gemacht, welch eine reiche Frau baͤtte ſie durch dieſen Juͤngling werden können. Daß es ihr bei ihm an ehelichem Gluͤcke nicht feylte, davon war er feſt uͤberzeugt. Ohne Neid und Scheelſucht goͤnnte er William die reiche Erbſchaft, beſſer, baß dieſer ſie erhielt, als ein Anderer. Ueberdies war ſein Reich⸗ 3 thum ſo anfehnlich, doß er fuͤr die Zukunft ſeiner Kinder nicht beſorgt ſeyn durfte. Daß aber William von Annen nicht ließ, daß ſie ihm mit feſter Treue ergeben blieb, daran zweifelte er keinen Augenblick. Wie ſich die⸗ ſes Raͤthſel loͤſen werde, dem er als eine hin⸗ 115 dernde Macht im Wege ſtand, das machte ihn neugierig und aͤngſtlich. Aber auch hier beruhigte ihn endlich, wie es in allen Lebens⸗ verhältniſſen peinlicher Art der Fall war, der Glaube an einen Gott, der es da helle macht, wo es dunkel iſt; der Mittel und Wege bat, welche dem Menſchenauge verbor⸗ gen ſind, die zum Ziele fuͤhren; der gleichſam Wunder thun kann, um die verſchlungenſten Knoten unſers Schickſals zu loͤſen. Auch hier, wie in ſeinem Leben immer, bewährte ſich Lorenzen die erleuchtende und troͤſtende Kraft der Religion, die Keinen losläßt, der ihre Hand ergreift und an ihr feſthaͤlt; die eine treue Gefaͤhrtin im dunkeln Thale des Lebens bleibt und welche den Schmerz der Dornſtiche mildert, wovon die Grabespilger verwundet werden. Was kann dem wahren Freunde der Religion hienieden begegnen, das ihn außer Faſſung braͤchte, ſeinen Muth nie⸗ derſchluͤge, ſeine Hoffnung vernichtete und ihn einem verzweiflungsvollen Unmuth uͤber⸗ 116 lieferte, ihn zum Laſter, zur Säͤnde irgend einer Art, zum Selbſtmorde reizte? Sie waff⸗ net und panzert, ſie ſchuͤtzt und ſichert, ſie troͤſtet und ermuthigt ihre Getreuen, daß ſie feſt ſtehen wie Rieſen in Gefahr und Sturm, indeß die Irreligioͤſen, wenn die guͤnſtige Witterung ihres Lebens ſich in eine rauhe, unfreundliche verwandelt, wie Muͤcken hin⸗ ſinken, denen Froſt und Kaͤlte den ſichern Tod mitbringt. Der Troſt, die Freude, aus einer irdiſchen Quelle geſchoͤpft, die leicht ver⸗ ſiegt, faͤllt wie eine unreife Frucht vom Le⸗ bensbaume ab, aber das Goͤttliche, was die Religion uns darbietet, iſt herrlich und un⸗ vergaͤnglich. Ehe ſich die Berklei, Anna und Lorenz niederſetzten, um Briefe nach Jamaica zu ſchreiben und ehe ſich die Gelegenheit fand, ſie dahin abgehen zu laſſen, hatte ein Schrei⸗ ben von Carl die Haͤlfte der Waſſerreiſe ſchon zuruͤckgelegt, und kam in Kingston in —,— 117 Roberts Hauſe an, als dieſer auf einer Ge⸗ ſchäftsreiſe nach Port⸗Royal war. Als der Brief William von dem Poſtboten eingehän⸗ digt wurde, erkannte er's ſogleich an der Auf⸗ ſchrift, daß er von ſeinem Freunde Carl zam. Er vermuthete es, daß er Wichtiges fuͤr ihn enthalten muͤſſe. Auch mit der Hoffnung ſchmeichelte er ſich, daß er vielleicht in dem Couvert Geſchriebenes von ſeiner ge⸗ liebten Anna finden werde. Schnell fand er ſich mit dem Boten ab und eilte in ſein Zimmer, um ungeſtört zu leſen. Aber ſchmerzhaftes Erſtaunen ergriff ihn, als er die Entdeckung machte, daß keine Zeile von Annen da war. Was bedeutet bas, ſagte es in ihm, lebt ſie nicht mehr? Durfte oder konnte ſie nicht ſchreiben? Will Carl dich auf einen Unfall vorbereiten, will er dik ein Ungluͤck melden? Alles, alles ertraͤgſt du ru⸗ hig, nur den Tod Annens und ihre Trennung von dir nicht. Er hatte kaum einige Zeilen geleſen, als er ſich in Hinſicht dieſes Punk⸗ —— 118 tes wieder beruhigte. Carl ſchrieb:„Das Ge⸗ luͤbde, was mein Vater gethan hat, macht es ihm durchaus unmoͤglich, je in Deine Ver⸗ bindung mit meiner Schweſter zu willigen und nun um ſo weniger, da der edle Onkel, der Deine Tugend und Liebe ſo herrlich be⸗ lohnt, Dich zum Erben ſeines Reichthums erhoben hat. Ohne Neid blicken wir auf Dein Glück hin, jo, wir preiſen den Pimmel und danken dem herrlichen Onkel. Aber, ſo länge Du in Jamaica bleibſt, wirſt Du das Ziel, was Dir das hoöchſte und theuerſte iſt, nie erreichen. Du haſt die heilige Ver⸗ pflichtung auf Dir, den Kummer der Sehn⸗ lucht, mit dem Anna nach Dir ſeufzt, der ihr Leben abzehrt und es vielleicht aufreibt, abzukuͤrzen. Du mußt nach London kommen, Du mußt es, wenn Du auch nach Jamaica zuruͤckkehrſt; aber nicht allein. Deine Ge⸗ genwart, ohne den Onkel, wuͤrde wenig aus⸗ richten und koͤnnte leicht die groͤßte Verlegen⸗ heit herbeifuͤhren. Er, der Dir wie ein Va⸗ 119 ter begegnet, der im Herzen nur Liebe fuͤr Dich hat, der nur lebt, um Ruhe und Freude um ſich zu verbreiten, wird ſich einem Dienſte nicht entziehen, der ihn zum Stifter Deines Gluͤcks macht. Bitte ihn, daß er Dich hie⸗ her begleitet, auch die Bruderliebe muß ihn zu meinem Vater hinziehen, welcher trauert und ſeines Troſtes gar ſehr bedarf. Vor⸗ ſicht und Klugheit aber gebietet es, daß ge⸗ gen meinen Vater dieſes Briefs mit keiner Sylbe erwaͤhnt wird. Euer Kommen ſey, nach ſeinem Dafürhalten, ein freiwilliges, durch die Liebe gewirktes, und kein erbetenes. Aufſchluͤſſe von großer Wichtiskeit kann ich nur mundlich mittheilen, die ich aus vielen Gruͤnden einem Briefe nicht anvertraue. William, folge meinem Rathe und verkenne in ihm nicht den Ruf zu Deinem Gluͤcke.“ As William den langen Brief geleſen hatte, legte er ihn auf den Tiſch und uͤber⸗ ließ ſich ſeinem Nachdenken. Er ſelbſt war 1 4120 auf der Stelle entſchloſſen, die Reiſe nach London bei der erſten Gelegenheit anzutreten, und zweifeite auch nicht an der Guͤte Sir Roberts, der ihm die Erlaubniß dazu geben werde; nur aͤngſtigte er ſich, da er allein nicht kommen ſollte, ob ihn der Onkel begleiten werde, deſſen Geſundheit ſo ſtark nicht war, daß er ſich ſo leicht zu einer Reiſe der Art entſchließen konnte. Er war in vielartige Gedanken vertieft, maͤchtige Gefuͤhle regten ſich in ſeiner Bruſt, lebhafter ſtand das Bild der haͤrmenden, weinenden Anna vor ſeinen Geiſtesblicken. Er ſah ſie auf dem Kranken⸗ lager, im Sarge ſogar, und hielt ſich, durch ſeine Trennung von ihr, fuͤr die Urſache ihres Todes. Das aber war in ihm ent⸗ ſchieden, daß er in Kurzem nach England wollte, wenn Robert ihn auch allein reiſen ließ, wenn auch die Bedingung, die ihm Carl geſtellt hatte, unerfuͤht blieb. * . In der heftigen Gemuthsbewegung, in v — ——.—— —— 12¹ der er war, die ſein Geſicht mit einer feuri⸗ gen Röthe uͤbergoß, hatte er's nicht be⸗ merkt, daß Sir Robert, der von ſeiner Ge⸗ ſchaͤftereiſe zuruͤckgekehrt war, die Treppe hin⸗ aufkam. Als er ſeinen Liebling nicht im Comptoir fand und nach ihm fragte, erfuhr er, daß er auf ſeinem Zimmer war. Dahin alſo eilte er, um ihn nach einer Tzennung von wenigen Tagen deſto freudiger zu um⸗ armen. Die Thuͤr öffnete ſich, William uͤber⸗ fiel ein Schreck, Sir Robert trat herein, er ſtand vor dem Jünglinge, umarmte ihn und wurde es bald gewahr, doß er ihn in einer nicht gewohnlichen Gemüthsſtimmung fand. „William, was iſt in Deinem Innern vorgegangen,“ fragte Sir Robert,„ich finde Deine Geſichtszuge ſo veraͤndert, Deine Farbe ſo roth und Dein Wefen in einer ſtuͤrmiſchen Bewegung? Sind unangenehme Nachrichten aus London eingelaufen? Will Dein Glaube an ein hoͤheres und weiſes Walten Dir ſeine 122 Dienſte verſagen? Viele Menſchen ſind nur bis zu gewiſſen Punkten ſtark und mächtig durch die Religion, und wie Andere, Schwa⸗ che, wenn ſie uͤber dieſe hinausgefuͤhrt wer⸗ den. Gehoͤrſt Du auch zu dieſen? Da liegt ein entſiegelter Brief, was enthaͤlt er? Darf ich ihn leſen?“—„Sie duͤrfen es,“ erwie⸗ derte William,„ich hätte Sie ſogar darum bitten muͤſſen. Unangenehmes enthaͤlt er nicht, aber er fordert wichtige Vermittlungen, wenn es unterdruͤckt werden ſoll.“ Jetzt nahm Sir Robert den Brief, ſtellte ſich ans Fenſter und fing an zu leſen. Als er fertig war, ſagte er:„Denkt denn Carl, daß der Weg von hier nach London eine Spazierfahrt iſt? Ich wuͤrde mich weni⸗ ger vor der weiten Reiſe ſcheuen, wenn es mit meiner Geſundheit beſſer ſtunde. Eine Seereiſe fordert Kraͤfte, und der Schwache, der ſie wagt, ſucht ſein ſicheres Grab in den Wellen. Aber in einer peinlichen Verlegen⸗ 123 heit bin ich doch, daß ich nicht kann wie mein Herz will. Wohl iſt es eine Wahrheit, die ich auf mich anwenden kann: der Geiſt iſt willig, aber das Fleiſch iſt ſchwach. Der fatale Leib legt uns ſo oft Feſſeln an, daß wir unſere liebſten Wuͤnſche nicht befriedigen, und weniger guͤtig und wohlthaͤtig ſeyn koͤn⸗ nen, als wir es wollen. Was das wohl fuͤr ein Geluͤbde iſt, das mein Bruder that! Es hindert ihn, ein gutes Werk zu vollziehen; aber er thut recht, daß er's heilig haͤlt. Sondetbar, daß man in London ein ſo gro⸗ ßes Gewicht auf meine Perſon legt! Von mir wird man es am wenigſten erlangen, daß ich mich zum Theilnehmer eines Unrechts mache. Dir und jedem Naͤchſten diene ich mit Allem, was ich habe, aber meine Tugend muß es nicht angreifen und truͤben. So et⸗ was koͤnnteſt Du von mir nicht verlangen. Aber beruhige Dich nur, wer weiß, ob ich nicht ſtaͤrker werde, und dann, mein lieber Wihiam, begleite ich Dich zu den Meinen.“ 124 Er ſchwieg eine Weile, als ob er eine Sache von großer Wichtigkeit uͤberlegte und ſagte dann:„William, Du biſt zu den Jah⸗ ren und dem Verſtonde gekommen, daß ich offen und ohne Ruͤckhalt mit Dir reden Lann. Geſtehen will ich's Dir, daß mein Herz mich auch nach London hinzieht, es iſt nicht das feurige Gefuͤhl der Liebe eines Juͤnglings, aber es iſt eine Neigung, die zwar auf andern Gruͤnden beruht und viel⸗ leicht nicht weniger maͤchtig, wenn auch nicht ſo verlangend und beunruhigend iſt. Nach ſorgfaltiger Prüfung meines Innern bin ich zu der Ueberzeugung gekommen, daß es dieſe Neigung war, die mich zum Wohlthun gegen Deine Mutter hintrieb und es mir ſo leicht machte; ja, wenn Du es fuͤr ein Gluͤck hal⸗ ten kannſt, daß ich Dir mit Vaterliebe entge⸗ gen kam, daß ſie ſo unwiderſtehlich in mir fuͤr Dein Beſtes ſprach; daß ich den Ent⸗ ſchluß faßte, Dich zum alleinigen Erben meines irdiſchen Vermögens zu machen, ſo —— 125⁵ leitete mich dieſe Neigung, ſo verdankeſt Du ihr Dein Wohlbefinden in meinem Hauſe, und Alles, was ich fuͤr Dich noch zu thun willens bin. Ich bin es gern eingeſtaͤndig, daß die Beweggruͤnde, Deiner Mutter und Dir wohlzuthun, aus dem reinſten Quell nicht geſchoͤpft ſind, ich muß es glauben, daß es hienieden uͤberhaupt keine Tugend ohne irdiſche oder ſinnliche Beimiſchung giebt. Wenn der Edelſte, der zum Muſter des Gu⸗ ten aufgeſtellt zu werden verdient, die Motive zergliedert und wuͤrdigt, die ihn zu den hö⸗ hern Stufen der Sittlichkeit erhoben, ach, dann muß er demuͤthig die Blicke zur Erde niederkehren und ſagen: ein vollkommnes Weſen bin ich nicht.“ „William, nach dieſer Einleitung ſage ich Dir's dreiſt, meine Seele, mein Leben hängt mit allen Fäden an Deiner Mutter. Gott nur weiß es, ich weiß es nicht, was mich ſo zu ihr hinzieht. Sie war eine W 426 ſchöne, reizende Jungfrau, ſie trus, wie die Edelſten ihres Geſchlechts, die Krone der Unſchuld. Damals war mein Herz, mein Auge auf ſie gerichtet. Jedes Wort, wenn ich ihr meine Liebe offenbaren wollte, erſtarb auf meinen Lippen. Es war gleichſam eine heilige Scheu, die mich zuruͤckhielt, ihr meine Gefuhle zu verrathen. In Handelsgeſchäften ſchickte mich mein Vater nach Jamaica. Mein Inneres blutete, als ich den Gehorſam nicht verweigern durfte, ich fuͤrchtete durch dieſe Reiſe mein hoͤchſtes Gut zu verlieren. Auf der Reiſe faßte ich den Entſchluß, bei meiner Wiederkehr ſie um ihre Hand zu bit⸗ ten. Wie ſuchte ich mein Geſchaͤft in Ja⸗ maica eilig zu beſchleunigen, um den voter⸗ ländiſchen Boden wieder zu betreten! Aber einige Tage vor meiner Abreiſe ſiel ich in eine heftige Krankheit, die meine Ankunft in England um drei Monate verſpätete und weiter verſchob. Meine erſte Frage, als ich in London angekommen war, betraf Deine 6 127 Mutter. Die Antwort, daß ſie mit Deinem Vater verheirathet ſey, machte mich ſtarr und wirkte wie das Feuer des Blitzes auf mich. Wie mußte ich mich bekämpfen, um mich nicht als einen Feind Deines Vaters zu zei⸗ gen, der mein Freund bisher geweſen war! Ich mied ſeinen Umgang. Ein Wort von ſeiner Liebe und ſeinem Gluͤcke haͤtte mich niedergeſchlagen. Nie, nie wuͤnſchte ich Deine Mutter wieder zu ſehen, die ich in meinem Herzen unausſprechlich fortliebte. Waos ich auch verſuchte, ſie zu vergeſſen, den Gedanken an ſie aus meiner Seele zu ver⸗ bannen, nach einem kurzen, ſcheinbaren Ver⸗ geſſen, kehrte er nur mit neuer und größerer Gewalt in meine Seele zuruͤck. Freudeleer und ſchmerzvoll war mein Leben.“ „Mein Vater wunderte ſich nicht wenig, als ich ihn inſtaͤndig bat, daß er mir Em⸗ pfehlungsſchreiben an ein Handlungshaus nach Jamaica geben ſollte, weil ich dort angeſtellt zu werden wuͤnſchte. Er wollte mich nicht ven ſich laſſen und ſuchte durch wichtige Ge⸗ gengruͤnde meinen Entſchluß zu entkraͤften und zu vereitein.“ Als ich ihm aber mein Ungluͤck kund that, als ich ihm die Groͤße des Verluſtes ſchilderte, den ich erlitten hatte, da umarmte er mich theilnehmend und ſagte: Du biſt ein Kranker, der an dem Orte nicht wieder geſund wird, wo er den Stoff zu der Krankheit einſog. Reiſe, mein Robert, Du wirſt Dich im Getuͤmmel verſchiedenartiger Gegenſtaͤnde zerſtreuen und geheilt in meine Arme zuruͤckkehren. Mein Auge hat den Tod des herrlichen Vaters beweint und— ich umarmte ihn nicht wieder.“ „Glaube es mir, daß mir einigemal die Gelegenheit, mich dem Anſcheine nach er⸗ wuͤnſcht und vortheilhaft zu verheirathen, ge⸗ boten wurde, aber konnte ich ſie bei mei⸗ nem Herzen annehmen? Deiner Mutter hatte ich unverbruͤchliche Treue geſchworen und den 129 Eid mußte ich halten, ach, ich hielt ihn, ohne daß es mir das geringſte Opfer koſtete. Mein Bruder, dem ich meine Liebe entdeckte, gab mir zu verſchiedenen Zeiten auf meie Bitte Nachricht von dem Befinden und dem ganzen Seyn Deiner Mutter, und ſo nährte ich den Keim der Liebe gegen ſie in mir. Er tadelte meine Neigung, er bewies es mir, daß ich mir damit ſchade, aber hatte ich denn ein Ohr fuͤr feine Ermahnungen und Warnun⸗ gen? Seine Kaͤlte empoͤrte mich, er erſchien mir als ein Fuͤhlloſer, als ein Schwacher, dem die Kraft fehlte, ſich bis zu meiner Liebe, zu meinem Gefuͤht zu erheben.“ „Caltron, mein Herr, bei dem ich in Dienſten ſtand, ſchenkte mir ſeine Gunſt, er machte mich zu ſeinem Liebling. Der edle Mann ſtarb in meinen Armen, als ich ſechs Jahr mit Treue und Puͤnktlichkeit ſeine aus⸗ gebreiteten Geſchaͤfte verwaltet hatte. Das Teſtament, was er kurz vor ſeinem Tode II. 9 130 machte, wurde erbrochen und ich erbte den groͤßten Theil ſeines V Er, er hat den Grund zu meinem gelegt, ich danke ihm im Grabe dafuͤr, da er mich dadurch in den Stand ſetzte, der Wohlthäter vieler Huͤlfsbedurftigen ſeyn zu können. Nun erſt, da ich ein wohlhabender, unverheiratheter Mann war, wurde ich wirklich mit Heiraths⸗ anträgen beſtuͤrmt. Manche Schlinge wurde mir gelegt, in der ich mich fangen ſollte, aber ich fing mich in keiner. Endlich erklaͤrte ich oͤffentlich, daß ich nie heirathen werde. Als man merkte, daß ich's mit dieſer Erkiärung ernſtlich meinte, da verſchloſſen ſich mir die Thuͤren und Herzen, die mir ſonſt gesffnet wurden. Welche ehrenrührigen Fabeln wur⸗ den erdichtet, um zu beweiſen, daß ich nicht heirathen duͤrfe und könne! Ich lächelte, ich zuͤrnte daruͤber; aber ich ſchwieg und ließ die Leute ſich bis zum Schweigen ſatt reden.“ 131 „Mein Bruder, als er mit Deinem Va⸗ ter einſt in traulicher Stimmung war, war ſo unvorſichtig, daß er mit ihm von meiner Liebe zu Deiner Mutter ſprach. Dein Va⸗ ter war daruͤber geruͤhrt und bedauerte mich. Er holte das Bild ſeiner Gattin, die ſich fuͤr ihn als Braut hatte malen laſſen und uͤberteichte es meinem Bruder mit den Worten: uͤberſende es meinem Freunde Ro⸗ bert, es wird fuͤr ihn gewiß ein liebes An⸗ denken ſeyn. Betheure ihm meine Freund⸗ ſchaft, melde ihm, daß ich ihm nie zuͤrnte und daß er unrecht that, daß er ſich ſo kalt und feindlich von mir trennte. Willſt Du ihm als einen Beweis meiner Liebe und Freundſchaft dies Bild zuſchicken? Sonſt gebe ich Dir's nicht. Gelobe mir Verſchwie⸗ genheit. Mein Bruder nahm das Bild, er gelobte, es mir zu überſenden und hielt Wort, da er ſich ſcheute, es zuruͤckzugeben.“ „Es war an einem Sonntage, wo ich eine gar herrliche Prepigt, uͤber die geheimen Leiden, die wir keinem Menſchen, ſondern nur Gott klagen, gehoͤrt hatte. Dem Geiſt⸗ lichen kam jedes Wort aus dem Herzen und fand daher auch leicht den Weg zum Herzen. War mir's doch, als ob die Predigt lediglich fuͤr mich gemacht ſey, um mich zu beruhigen. Meine Stimmung war eine durchaus heilige. Nach dem Gottesdienſte ging ich eilig nach meiner Wohnung zurück, weil ich mich auf⸗ gelegt fühlte, recht inbruͤnſtig zu beten.“ In meinem Zimmer fand ich an der gewohnlichen Stelke Briefe, ich ſah ſie nicht an und fing an, meine Seele zu Gott zu erheben. O, ich weiß es noch als ob es heute geſchehen waͤre, auch fuͤr das Wohl Deiner Mutter betete ich. Erkenne daraus, wie heilig meine Liebe zu ihr war, daß ich mich nicht ſcheute, von ihr zu dem Heilig⸗ ſten und Allwiſſenden zu reden,“ ———————— 133 „Als ich die Briefe ſah, erkannte ich einen von meinem Bruder mit einem verſie⸗ gelten, wohlverwahrten Paͤckchen. Es iſt bei mir Inſtinkt, wenn ich's nicht aͤchte Ver⸗ wandten⸗ und Freundesliebe nennen ſoll, daß ich nach den Btriefen der Menſchen am erſten greife und ſie leſe, die meinem Herzen die theuerſten ſind, und ſo war es auch das Schrei⸗ ben meines einzigen Bruders, der ſeiner vie⸗ len Tugenden wegen in meinem Gemuͤthe ſo hoch angeſchrieben ſteht, das ich zuerſt waͤhlte und durchlas. Erſt am Schluſſe des Briefes erwähnte er des Päckchens mit den Worten: ich weiß es gewiß, daß ich Dir diesmal ein Geſchenk mache, wie es Dir kein Koͤnig der Erde unſchätzbarer gewähren kann. Sein Anblick wird Dich erſchrecken und ent⸗ zuͤcken. Faſt war ich zweifelhaft, ob ich's Dir zuſenden ſollte! Mache es nicht zu einem Gifte fuͤr Deine Geſundheit. Wer immer und vergebens uͤber den Verluſt eines Gutes ſeufzt, den fehlt die edle Kraft der Selbſt⸗ 134 uͤberwindung und Selbſtbeherrſchung. Die Beſchreibung, wie ich zu dem Geſchenke kam, wer es mir einhaͤndigte, um es Dir zu ge⸗ ven, und was der Geber damit bezweckte, die findeſt Du in dem Päckchen ſelbſt.“ „Meine Neugierde war brennend, ich zit⸗ terte und bebte, ich wollte die Umhuͤllung des Geſchenkes zerreißen, zerbrechen. Unbeſtimmte Ahnungen zogen in meinem Kopfe umber; aber ich wußte ncht was ich denken ſollte. Jetzt, jetzt ſah ich ein Gemälde, das Origi⸗ nal deſſelben war mit in dem Augenblicke gegenwaͤrtig, ich erkannte es, es war Deine Mutter. War's ein lauter Seufzer, oder ein Ausruf der Freude, wie beim Wiederſe⸗ hen geliebter Menſchen, von denen wir lange getrennt waren, ich fuhr mit den Worten heraus: ſie iſt's, ſie iſt's! Ja, ſo reizend war ihr Geſicht, ſo unſchuldig und himmliſch ihr Auge, als ich aus Verzweiflung nach Ja⸗ maica reiſete. Faſt habe ich mit dem Bilde wo ich's nicht betrachte und wobei ich ve ſie haͤtte Dich zum gluͤcklichſten Sterblichen gemacht! Siehſt Du, auch ein Mann in meinen Jahren kann noch ſchwaͤrmen, wenn man eine treue, unwandelbare Liebe zu einem weiblichen Weſen eine Schwärmerei nennen kann. Ihr Andenken iſt meinein Herzen un⸗ ausrottbar eingegraben und vielleicht iſt im Sterben Deine Mutter mein letzter Gedanke. Du ſollſt das Bild hernach ſehen, es iſt ein getroffenes und Du wirſt ſie erkennen. Die Hauptzuͤge deſſelben hat die Zeit, in der die ſchoͤnſten Blumen ihre Farben verlieren und welken, nicht verloͤſcht.“ „Als ich vom ploͤtzlichen Tode Deines Vaters hörte, da betrauerte ich nur Deine ungluͤckliche Mutter, da die Verſtorbenen nicht zu beklagen ſind, weil ich's durch mei⸗ nen Bruder wußte, wie einig und muſterhaft 136 die Gatten mit einander lebten. Aus dem Dunkel meiner Trauer und meines Mitleids hob ſich die Hoffnung empor, die immer hel⸗ ler und leuchtender wurde, ob ſie mir nun nicht die Hand geben und ſich mit mir ver⸗ binden werbe; aber die Zeit, wo der Schmerz ſie niederwarf, wo das Andenken an den Ver⸗ lornen noch friſch in ihrer Seele ſtand, mußte ich kluͤglich voruͤbergehen laſſen. Wir empo⸗ ren ein zaͤrtliches, frommes Herz, wenn wir zur Unzeit auch die gerechteſten Forderungen an daſſelbe machen.“ „Ich ſchiffte nach England uͤber, die Meinen zu beſuchen, aber in der Abſicht be⸗ ſonders, Deiner Mutter den Antrag zu ma⸗ chen, ſich ehelich mit mir zu verbinden. Sie fuͤhrte Gruͤnde an, weshalb ſie nie wieder heirathen werde, die mir die Zunge banden, ſie zu widerlegen und um ihre Hand zu bit⸗ ten, ich mußte ſie deshalb hoͤher achten und liebte ſie noch mehr,“ 5 1 1 2 3 3 3 — 3 — i 3 3 5 ½ 3 1 . —— * 137 „William, Du weißt's, wie ich das hei⸗ ligſte Beduͤrfniß meines Herzens befriedigte und ihr Gutes zu erweiſen ſtrebte! Sie wies die Beweiſe einer Güte, die von der zartlich⸗ ſten Neigung kamen, nicht zuruͤck, da ſie die wahre Veranlaſſung dazu nicht kannte. Es iſt moͤglich, ſo ſchmeichelt mich der Glaube, daß ſie von dem Vorſatze, ſich nie wieder zu verheirathen, abgegangen iſt. Scheut ſie die Reiſe nach Jamaica, will ſie lieber in Lon⸗ don bleiben, ſo lege ich meine Hanblung in Deine Haͤnde und— ziehe dahin.“ „Von der Liebe, die ich fuͤr ſie hege, die mich als Juͤngling entzückte, weiß ſie keine Sylbe. Warum mußte ich davon ſchweigen? Warum gab, ich ihr kein Zeichen da⸗ von? Ihr Bild, das in meinen Händen iſt, muß es ihr beweiſen, mein Bruder kann es und vor allen Dingen ich, wenn ſie an die Wahrheit meiner Ausſagen glaubt. Ich glaube es wohl, daß ſie mich achtet, daß ſie 138 mir dankt; ja, ich glaube es, meinem Ziele näher geruͤckt zu ſeyn, das ich noch nicht aus den Augen verloren habe. Mag ſie einſehen, daß ich Alles, was ich bisher fuͤr ſie that, nur aus Liebe fuͤr ſie, nur dazu angetrieben von einer fruͤhern Neigung fuͤr ſie that, daß es nicht aus dem reinſten Quell des Wohl⸗ thuns kam, dies kann ſie von der Groͤße meiner Liebe und ihrer Dauer uͤberzeugen, wenn der Glaube an meine Tugend in ihr auch geſchmaͤlert wird, die mehr Sache der kalten Vernunft, als des warmen Herzens iſt. Pflichten, die die geſetzgebende Vernunft erfuͤllt, bei denen das Gemuͤth den kleinſten Antheil hat, haben, nach meinem Urtheil, nur einen einſeitigen Werth. Und, hätte denn eine Liebe nicht einen vorzuͤglichen, die zwar im Gebiete der Sinnlichkeit entſprun⸗ gen, ſich gelaͤutert und geheiligt hat, welche Entfernung, Zeit und Alter nicht zerſtören konnte, die in mir wie ein helles Licht fort⸗ 139 brennt, an dem ich mich noch verklaͤre und erwaͤrme?“ „Ach, mein William, wenn Deine Mut⸗ ter das Alles wuͤßte, ſie koͤnhte, ſo glaube ich, meinem innigſten und zaͤrtlichſten Wun⸗ ſche die Erfuͤllung nicht verſagen! Ich male mir's ſo ſchoͤn aus, wenn ich die kleinere und letzte Haͤlfte meiner Tage an ihrer Hand vollenden könnte! Du kannſt, Du mußt mein Fuͤrſprecher bei Deiner Mutter ſeyn, Du kennſt mich, Du weißt's, wie ich Dich liebe.“ Der Juͤngling fiel Sir Roberten um den Hals, ſeine Thraͤnen floſſen und er ſagte:„Onkel, ich will Alles, Alles, was fuͤr die Erfuͤllung Ihrer Wuͤnſche ſpricht! Die Mutter hat ein Herz fuͤr die Bitten ih⸗ res Sohnes! Sie ſind mein Vater, ſo werde ich Sie hinfort nennen! Koͤnnte ich meiner Mutter die Liebe, die Sie fuͤr ſie, als Juͤngling, empfanden, die Sie als Mann in — 140 der Bruſt ſo treu bewahrten, ſo ruͤhrend ſchildern, wie Sie es thaten, Achtung und Dank muß ſie zwingen, Ihnen ihr gan⸗ zes Herz hinzugeben. Gewiß, Onkel, Sie wollen es nicht, daß ich das an ſie ſchreibe, was nur muͤndlich geſagt ſeyn will, um rich⸗ tig und ohne Abzug verſtanden zu werden. Das Herz laͤßt ſich oft durch die rührendſten Briefe, da der uͤberlegenden Vernunft ein zu großer Spielraum bleibt, nicht völlig gewin⸗ nen.“—„Nein, nein, William, Du ſchreibſt kein Wort davon. Sey aber auch nun, in Hinſicht Deiner Reiſe nach London, ruhig, uͤbereile Dich damit nicht, ich werde Dich be⸗ gleiten und dafuͤr, als fuͤr eine Gefälligkeit, darfſt Du mir nicht danken, ich handele fur mein eigenes und fuͤr ein großes Intereſſe. Die Hoffnung eines möglichen Glückes wird meine Geſundheit ſtärken. Geht alles nach Wunſch, ſo kann der Fall wohl eintreten, daß Du mit Annen nach Jamaica reiſeſt, und wenn es Deine Mutter ſo will— 144 bleibe ich mit ihr in London. Auf dieſen moͤglichen Fall laß uns in der Zwiſchenzeit, wo wir noch hier ſind, manche Veranſtaltungen treffen. Meine Buͤcher werde ich Dir uͤder⸗ geben, Du ſollſt meinen Vermoͤgensſtand ken⸗ nen lernen und die Summe, die Du mir in Jahresterminen giebſt, will ich Dir auf's billigſte beſtimmen. Du biſt ja mein Sohn, Du haſt meine ganze Liebe und darfſt nicht fuͤrchten, daß ich Dich uͤbervortheile.“ „Aber,“ fuhr Robett fort,„eine lange Erfahrung hat michs gelehrt, daß der ein Thor iſt, der unbedingt auf die Erfuͤllung ſei⸗ ner Wuͤnſche baut, daß der ſich nur ungluͤck⸗ licher macht als er iſt, der ſein Gluͤck auf ungewiſſe Hoffnungen ſetzt, die ſo leicht ſchei⸗ tern koͤnnen. Es iſt ja moͤglich, daß Deine Mutter bei ihrem Vorſotz beharrt. Aber auch dies kann meinem Verhaͤltniß gegen ſie, das habe ich ihr gezeigt, keinen Eintrag thun, auch die Liebe zu ihr kann es nicht 142 ſchwaͤchen. Wie, wenn ſie die Menſchenliebe die ich ihr bewies, und die Unterſtützung die ich ihr reichte, als die Beſtechung, als die Frucht eines Eigennuͤtzigen anſähe, der Klei⸗ nes giebt, um Groͤßeres dafür wieder zu empfangen? Doch nein, ich will mich nicht in muͤßige Vermuthungen verlieren. Meine Zu⸗ kunft ſey Gott uͤberlaſſen, er weiß es, ob es mir beſſer iſt, daß ſie ſich ſo oder anders geſtalte, ich lege mein Schickſal in ſeine Hände.“ S Robert entfernte ſich ein Weilchen und kam dann mit dem Bilde zuruͤck, was er mit ſichtbarer Ruͤhrung William zeigte, welcher ſogleich ſeine Mutter erkannte und ausrief: „Ja, das iſt ſie! Verbluͤht ſind zwar die Roſen auf ihren Wangen, aber frommes, guͤtiges, liebevolles Herz ſpricht noch aus al⸗ len Zuͤgen.“ Indeß Robert und William beſchaͤftigt 143 waren, die nöthigen Voranſtalten zu ihrer Reiſe zu machen und im Geiſte ſchon in London waren, ereignete ſich daſelbſt Man⸗ ches, was, ohne den Entfuͤhrungsplan noͤthig zu machen, die Liebenden zum Ziele zu fuͤhren ſchien. Workwich war mit einem ſeiner Freunde nach ſeinem Landhauſe geritten, um mit ihm neue Gartenanlagen zu verabreden. Nach der Tafel, als ihr Geſchaft vollendet war, erquickte er ſeinen Gaſt durch die vorzäglich⸗ ſten Weinſorten. Die Geiſter heiterten ſich auf und wurden froͤhlich geſtimmt. Work⸗ wich ſagte es ſelbſt, daß er ſich ſeit ſehr lan⸗ ger Zeit nicht ſo wohl und leicht gefuͤhlt habe, als eben heute.„Wenn es nach dem heitern Tage nur nicht um deſto trüber um Dich wird, ſagte ſein Freund.„Das Leben iſt voll 144 ſolcher Abwechſelungen. Iſt die Freude in der Stube, ſo ſteht die Trauer vor der Thuͤr und will hinein. Aber es iſt doch Deine Schuld, daß Du Dir manchen vergeblichen Verdruß machſt und Dir ein Vergnuͤgen ver⸗ vitterſt, was Du genießen koͤnnteſt.“—„Und wie meinſt Du das?“ fragte Wörkwich. Du veſchuldigſt mich einer Thorheit, die ich an mir nicht finde.“—„Nicht? Nicht?“ ſagte Hume.„Deine Anne trauert. Ein Vater kann nicht froͤhlich ſeyn, wenn ſein Kind klagt. Es waͤre fuͤrwahr ein Leichtes, die Traurigkeit in Freude zu verwandeln. Warum ſagſt Du zu ihrer Verbindung mit William nicht Ja. Welch ein heiteres Leben wuͤrde dann um Dich anheben! Es kann Dich, was die⸗ ſen Punkt betrifft, Niemand begreifen. Willſt Du mir Aufſchluß geben?“—„Und wozu ſollte der Dir dienen? Der Abend dämmert, meine Geſchaͤfte rufen mich zuruͤck. Daß Du das Geſpräch auch auf ein Capitel brachteſt, von dem ich ſo ungern reden hoͤrte! * 145 Nun iſt meine Heiterkeit wieder dahin und Du, Du haſt ſie in mir ausgeloͤſcht. Wer ein Uebel nicht gut machen kann, den ſoll man auch nicht daran erinnern.“ Ehe die Pferde vorgefuͤhrt waren, wur⸗ den noch einige Glaͤſer in aller Eile ausge⸗ leert. Es war, als ob Workwich die aufge⸗ ſtegenen Grillen im Weine ertraͤnken wollte. Berauſcht aber war ſo wenig er als Hume, wiewohl Beide doch nicht in dem Zuſtande einer voͤlligen Nuͤchternheit waren. Es drohte von Oſten her ein Gewitter. Einzelne Re⸗ gentropfen fielen.„Wenn wir manche Trop⸗ fen uns hineingegoſſen haben,“ ſagte Hume ſcherzend,„ſo wollen wir uns äußerlich doch nicht mit Regenwaſſer naß machen laſſen. Ich dächte, wir ritten raſch zu, damit wit vor dem Gewitter unter Dach und Fach kom⸗ men. Das Feuer vom Himmel ſo im Freien kann ich auch nicht vertragen.“ II. 10 146 Beide ritten ſo raſch, daß der Bediente, der ein nicht ſo gutes Pferd hatte, ihnen nur im Galopp nachkommen konnte. Er durfte es nicht wagen, ſeinen Herrn zu bitten, daß er langſamer reiten moͤchte. Der unevene Boden, das fuͤrchtete er, konnte leicht die Veranlaſſung zu einem großen Ungluͤcke wer⸗ den. Er wurde immer aͤngſtlicher, das Wort ſchwebte ihm auf der Zunge, daß er ſeinen Herrn bitten wollte, langſamer und vorſichti⸗ ger zu reiten, als das Pferd, auf dem Work⸗ wich ſaß, ſtuͤrzte und der Reiter mehrere Schritte uͤber den Kopf des Pferdes hinweg⸗ flog und— ohne ein Glied zu ruͤhren— wie ein Todter auf dem holprigen Boden lag. „Hert Jeſus, Herr Jeſus,“ rief der Reitknecht aus,„was ſoll ich nun anfangen, mein Herr iſt todt! Das koͤmmt von dem tollen Reiten!“ Er wandte ſich zu Herrn Hume im groͤßten Unwillen und ſagte:„Hät⸗ 147 ten Sie nicht verſtaͤndiger ſeyn und langſamer reiten koͤnnen? Mit Ihrer Furcht vor dem Gewitter ſind Sie an allem Schuld!“ Hume war erſchrocken und ſtarr. Man ruͤttelte und ſchuͤttelte Workwichen, aber er gab kein Lebenszeichen von ſich. „Bleib bei Deinem Herrn,“ befahl Hume dem Bedienten,„ich will davon ſprengen und in groͤßter Eile einen Arzt und Wagen her⸗ beiholen. Während er weg war, uͤberlief Workwichs Geſicht eine wahre Todtenblaͤſſe; aber er fing an zu athmen, er bewegte die Lippen, er ſchlug die Augen eine kurze Weile auf, ſie fielen ihm wieder zu. Erſt jetzt wurde der Bediente eine Wunde uͤber der Stirn in den Haaren und das Blut gewahr, das ſich auf beiden Seiten des Hauptes durch die Haare auf den Boden ergoß. Er nahm das Taſchentuch ſeines Herrn und band es ihm feſt um die Stirn und die Wunde, um den Blutlauf zu hemmen. Er war in To⸗ 148 desangſt. Er rief ſeinen Herrn laut in's Ohr; aber er erhielt keine Antwort. Der Ungluͤckliche ſchien gar nicht auf ſein Rufen zu achten. Jetzt erſt, als er einen Wagen von ferne kommen ſah, wurde er's gewahr, daß die beiden Pferde davon gelaufen waren. Jetzt kam Herr Hume mit einem Arzte und noch mit einem Chirurgus in einem Wagen angefahren, der reichlich mit Betten verſehen war. Der Kranke wurde, nachdem ihm ein Aderlaß geſchehen war, in den Wa⸗ gen gehoben. Langſam, in duͤſterer Dämme⸗ rung, fuhr man nach London zuruͤck und Herr Hume nahm ſeinen ungluͤcklichen Freund in ſeinem Hauſe auf, damit die Gattin und Finder deſſelben durch den Schreck nicht lei⸗ den ſollten. Workwich kehrte in's Leben mit einem heftigen Erbrechen zuruͤck. Die Aerzte tha⸗ ten, was ſie zu ſeiner Erhaltung vermochten. 149 Er fing an zu toben und zu wuͤthen und mußte von ſtarken Maͤnnern gehalten werden. Als Hume die Aerzte fragte, wie es mit dem Patienten ſtehe, wurde ihm die Antwort:„Mit Gewißheit kann es Niemand ſagen, ob Work⸗ wich worgen noch lebt; ob er den Verſtand vehaͤlt, wenn er wieder geſund wird, das weiß nur Gott. Gehen Sie, Sie ſind es ſeiner Familie ſchuldig, und melden Sie ihr mit möglichſter Schonung das Ungluͤck.“ In Workwichs Wohnung herrſchte die groͤßte Unruhe und Angſt. Die beiden Pferbe waren ohne Reiter angekommen. Man ver⸗ muthete und beſorgte, daß Herr Workwich ein Ungluͤck gehabt habe, oder daß die Pferde wenigſtens dem Reitknecht vielleicht davon ge⸗ laufen wären. Es wurden Eilboten nach dem Landhauſe geſchickt, welche den naͤchſten Weg und darum nicht den nahmen, wo Work⸗ wich den Sturz erlitten hatte. Die Boten kamen mit der Nachricht, daß ber Herr ge⸗ 15⁰ ſund unb wohlbehalten von ſeinem Landhauſe mit Herrn Hume abgereiſet ſey. Erſt jetzt kam man, in der Furcht und Angſt, auf den Gedanken, nach ſeinem Begleiter hinzuſchicken und in deſſen Wohnung anfragen zu laſſen, ob der von dem Spazierritt zuruͤck ſey, als er ſelbſt mit zerſtoͤrtem Geſicht in die Thuͤr trat. „Sie kommen ſo allein,“ rief ihm die Madame Workwich entgegen,„wo iſt mein Gatte? Wir ſind außer uns! Reden Sie, iſt ihm ein Ungluͤck begegnet? Iſt er vom Pferde geſtuͤrzt, hat er Schaden genommen?“— Indem die Mutter ſo fragte, bat Anna, welche zitterte, der die Thraͤnen uͤber die Wangen ſtuͤrzten:„Sir Hume, um Gottes willen bitte ich Sie, reißen Sie mich aus der Ungewißheit, ſie toͤdtet mich.“. Hume erzahlte den Vorfall ſo vorſichtig“ und ſchonend, als er's vermochte. Er ſagte, * 151 daß ſein Freund lebe und nur eine leichte Wunde am Kopfe habe, und daß er unter der Aufſicht der geſchickteſten Aerzte in ſei⸗ nem Hauſe ſty. Aber wer kann uns eine traurige Botſchaft von unſern Geliebten bei⸗ bringen, daß ihnen Widriges begegnete, ſo kluhz und zart er's auch macht, ohne daß un⸗ ſer Herz auf's heftigſte erſchuttert wird? Mut⸗ ter und Tochter brachen in ein lautes Wei⸗ nen aus, ſie ſchickten ſich in aller Eile an, zu dem Kranken hinzugehen. Auf der Straße noch ſchluchzten und ſeufzten ſie laut. Ob auch der brave Workwich manche Laune hatte und bisweilen eine rauhe Seite zeigte, wodurch er den Seinen hart fiel, ſie Alle mußten ihn als den redlichſten, herzlich⸗ ſten Mann verehren, der ſich um das Gluͤck ſeiner Familie durch ſeine Liebe und Thälig⸗ keit, durch ſeine Fuͤrſorge fuͤr ihr Beſtes aller Art, die entſchiedenſten Verdienſte erworben 152 hatte. Selbſt Anna haͤtte in dieſen Augen⸗ blicken des Schmerzes ihr Theuerſtes hinge⸗ geben, wenn ſie damit das Leben des Vaters erkaufen konnte. Athemlos und bebend ka⸗ men Mutter und Tochter in Sir Hume's Wohnung an und drangen, ohne ſich zuruͤck⸗ halten zu laſſen, in's Krankenzimmer. Ach, wie wurde ihnen, als ſie ihren liebſten Freund, ihren guͤtigſten Wohlthaͤter mit verbundenem Kopfe, leichenblaß auf einem Ruhebette lie⸗ gen ſahen! Er hatte die Augen weit geoͤffnet, ſah ſie ſtarr an und ſprach keine Sylbe. Sie redeten ihn Beide an, er kannte ſie nicht und fing jetzt an, mehrere Redensarten wie ein Wahnſinniger bunt und kraus durch einander zu werfen.„Ach, himmliſcher Va⸗ ter,“ ſagte die Workwich, indem ſie die Aerzte anſah,„wird er ſo bleiben? Iſt er in Todes⸗ gefahr?“—„Ruhig, ruhig, Mutter und Tochter,“ ſagte der eine Arzt mit troſtender Theilnahme,„der Menſch thut Alles, um einen Kranken wieder zur Geneſung zu bringen; 153 aber die Hauptſache, da das Stuͤckwerk der Kunſt nirgends zureicht, muͤſſen wir Gott, dem Arzt aller Aerzte, uͤberlaſſen. In eini⸗ gen Tagen kann es mit unſerm Patienten beſſer ſtehen“—„Dann,“ fiel ihm Anna ſchluchzend ins Wort,„fuͤhlt er keine Schmer⸗ zen mehr, dann iſt ſeine Verſtandeszerrüttung gehoben, dann iſt mein guter Vater todt! Ach, was wird mich über einen ſolchen Ver⸗ uuſt tröſten?“—„Der Gott,“ ſprach der⸗ ſelbe Arzt in feierlichem Ton,„ohne deſſen Willen kein Haar auf unſerm Lie ge⸗ kruͤmmt wird,“ Erſt am folgenden Morgen erfuhr Carl, ſeine Gattin und die Berklei durch ſeine Mutter ſelbſt das Ungluͤck, was dem Vater begegnet war. Sie Alle eilten zu dem Pa⸗ tienten hin und Carl wich nicht eher von dem Bette des Vaters, als bis er ſo weit wriederhergeſtellt war, daß er in ſeine Woh⸗ nung zuruͤckgebracht werden konnte, ——— 154 Workwich war nach ſeinem Koͤrper ganz geneſen; aber er war ſich einer großen Ver⸗ ſtandesſchwaͤche bewußt, ſein Gedächtniß hatte ſehr gelitten und ein truͤber, aͤngſtlicher Sinn verbreitete ſich uͤber ſein ganzes Weſen. Man wußte keine Arzenei, um ihn von dieſer Gei⸗ ſtesſchwäche zu heilen. Mit welcher Liebe und Guͤte wurde er von ſeinen theilnehmen⸗ den, mitleidsvollen Freunden gehegt und ge⸗ tragen! Alle kamen ſeinen Wuͤnſchen zuvor, Allen war es heilige Pflicht, ihn gegen die kleinſten Unannehmlichkeiten zu ſchuͤtzen. Einſt ſagte er, und ſeine Freunde, Carl und Anna insbeſondere, ſchrieben ſich dieſe Worte tnef in's Herz:„Wenn ich geſtorben waͤre, dann, meine liede Anna, konnteſt Du Deine Hand dem guten William reichen! Das Ge⸗ lübde, das Geluͤbde, es hindert mich, es er⸗ laubt mir's nicht, ſo guͤtig an Dir zu han⸗ vdeln, als Du es um mich in meiner Krank⸗ heit verdient haſt. Welcher Kronen haſt Du Dich um mich wuͤrdig gemacht, und ihr Ale! 155 O, es iſt ein herrlicher Lohn fuͤr eine lange Muͤhe, wenn man ſich uͤberzeugt, wie die Unſern uns lieben! Wird denn keine Macht vermittelnd eingreifen, die das Geluͤbde loͤſet? Ich hoffe auf ſie, ich wuͤnſche ſie. Aber,“ fuhr er fort,„ich darf vom Traurigen nicht reden, es greift mich zu ſehr an, ſprecht von andern Dingen, die mich aufhertern.“ Als der Vater einſt eingeſchlummert war und Carl, Anna und Eliſabeth allein bei einander waren, ſagte er:„Zweifelt ihr nun noch daran, daß der Vater es wuͤnſcht, daß wir es ihm unmöglich machen, fein Ge⸗ luͤbde erfuͤllen zu können? Sein Gewiſſen verlangt nichts weiter, als daß wir ihn aller Verantwortlichkeit dei ihm ſelbſt uͤberheben. Nun, den Dienſt will ich ihm thun, ihr werdet mir dazu behuͤlflich und meine Zeu⸗ gen ſeyn, wenn der Onkel Robert und Wil⸗ liam hier angekommen ſind. Schweſter, ſträubſt Du Dich, ohne Wiſſen des Vaters — —— ℳ₰ 1 1 1 3 r. 1 1 . 2 1 5 1 3 3 3 4 156 in Roberts Geſellſchaft mit William nach Jamaica zu fliehen?“—„Wenn ich den Vater nicht erzuͤrne, wenn meine Flucht ihn nicht ſchmerzlich erſchuͤttert, ſo ſtraͤube ich mich nicht,“ erwiederte ſie.„Ach, ich fuͤhle ein ſchmerzliches Verlangen nach William. Waäͤre mir das zu verargen? Mein Schickſal lege ich in Gottes Haͤnde, und, Carl, was Du thun kannſt, um es einer gluͤcklichen Entſcheidung naͤher zu bringen, das darf ich von Deiner Bruderliebe und von Deiner Freundſchaft gegen William erwarten.“ So alſo ſtanden bie Sachen, als der Profeſſor Kronhelm, dem es in London gar ſehr gefiel, der fuͤr ſeine Wiſſenſchaft und Kunſt daſelbſt nochmals eine Ernte als Arzt zu halten gedachte, von Paris in der britti⸗ ſchen Hauptſtadt ankam. Es war ſein er⸗ ſter Beſuch, den er bei Sir Workwich ablegte. Er fand es bald, daß mit dem gemuͤthsfro⸗ hen Mann eine große Veraͤnderung vorgegan⸗ — — ——— 157 gen war. Auf ſeine Frage, ob er krank ge⸗ weſen ſey, erzaͤhlte ihm Workwich ſeine Un⸗ gluͤcksgeſchichte. Kronhelm ſagte:„Ich gebe mich zwar fuͤr keinen Wunderdoktor aus, wie es dieſer allenthalben, die ihren Profit von der aberglaͤubiſchen Thorheit vieler Narren ziehen, giebt, welchen man unbeſtraft ihr Weſen treiben läßt, zur Schande unſerer Aufklaͤrung; indeß glaube ich doch geriß, wenn Sie ſich vertrauungsvol meiner Kur un⸗ terwerfen wollen, Ihnen nuͤtzlich ſeyn zu kön⸗ nen. Vier Wochen bleibe ich hier. Durch⸗ aus unſchaͤdliche Mittel, aus denen ich Ih⸗ nen kein Geheimniß machen darf, will ich zu Ihrer Wiederherſtellung anwenden und hoffe davon den beſten Erfolg.“ Workwich wollte es mit dem auslaͤndiſchen Arzt verſuchen und auch die Seinen riethen dazu. * Kronhelm bezog Workwichs Wohnung und hatte ſo zu ſeiner Beobachtung den Pa⸗ tienten immer vor Augen. Er ſuchte mehr 158 auf das geiſtige Weſen des Patienten, als auf ſeine koͤrperliche Kur einzuwitken. Was ihn innerlich erſchuͤttern konnte, wurde ver⸗ mieden. Er ſchrieb eine paſſende Diät vor, in die ſich Workwich folgſam fuͤgte. Die Folgen der zweckmäßigen Kur zeigten ſich nach etlichen Wochen ſchon. Der Profeſſor mußte ſeine Abreiſe verſchieben. Mit Freude, Liebe und Dank kamen ihm Alle entgegen. „Kann ich Ihnen je einen Dienſt von Wich⸗ tigkeit erweiſen,“ ſagte Workwich zu ihm, —„ſo rechnen Sie auf mich, und bin ich nicht mehr, ſo werden meine Kinder es thun.“ Kronhelms Abreiſe war beſtimmt, aber ſie verzogerte ſich durch die Ankunft erſehnter Menſchen noch lange und Carl machte es ihm um jeden Preis zur heiligſten Pflicht, daß er ſeinen Vater nicht eher verlaſſen durfte, bis, eines wichtigen Ereigniſſes wegen, das unvermeidlich eintreten mußte, fuͤr Work⸗ wich kein Ruͤckfall zu fürchten war. Kron⸗ 159 * helm meldete in Deutſchland ſein laͤngeres Wegbleiben und gab Carls gerechten Bitten nach, der ihn wie ein Bruder lieben gelernt hatte. Robert trat die Reiſe früher nach Lon⸗ don an, als es William geglaubt hatte. Manches Geſchaͤft ließ er unvollendet liegen, um ſeine Ankunft bei ſeinen Freunden nicht länger zu verzogern, und dadurch erwies er William einen Dienſt, wofuͤr dieſer ihm nicht genug danken konnte.„Sprich nicht zu viel von Dank,“ ſagte der redliche, aufrichtige Robert zu ihm, der unverdientes Lob nie annahm und vor der Welt micht mehr gelten wollte, als er ſich ſelber galt;„die Gefälligkert gegen Dich iſt die Hauptſache nicht, die mich ſo eilig von Jamaica wegtreibt. Auch ich habe ein Herz, welches ein inniges Verlangen trägt, die Meinen wieder zu ſehen. Soll ich Dir's auch geſtehen, daß ich bald den Schleier hin⸗ weggezogen wuͤnſche, der die Entſcheidung 160 meines Schickſals noch verbirgt? Sey Du mir nur ein gutiger Fuͤrſprecher.“ William konnte ſeine Gefuͤhle nicht ausſprechen, die in ſeiner Seele entſtanden und ſie erfuͤllten, als er den Boden des Va⸗ terlandes wieder beruͤhrte. Ihm war, als ob er aus der Fremde in die geliebte Heimath zuruͤckkehrte, wo ihm Alles ſo verſtaͤndlich war, wo Alles Sprache und Leben fuͤr ihn hatte, wo er ſich wie in ſeinem rechten Ele⸗ mente fuͤhlte. Er richtete ſeine Blicke dan⸗ kend zum Himmel empor; er fiel ſeinem Wohlthäter um den Hals; der Gedanke an Annen flammte wie ein heiliges Feuer in ſeiner Seele auf. Mit groͤßter Eile, ohne Aufenthalt, wurde die Reiſe nach London fortgeſetzt und ſelbſt Sir Robert, wie durch unbeſtimmte Hoffnungen geſtärkt und auf ihren Fittigen getragen, fuͤhlte ſich ſo wohl als ſeit längerer Zeit nicht, und unerſchoͤpft. 161 Als ſie ſchon in London einpaſſirt wa⸗ ren, that Sir Robert an William die Frage: „Wo aber kehren wir zuerſt ein?—„Das Herz zieht mich zu Annen hin,“ erwiederte William,„aber eine heiligere Pflicht gebtetet mir, daß ich meine gute Mutter zuerſt umar⸗ me. Wollen Sie's aber, theurer Onkel, ſo blerbe ich unzertrennlich an Ihrer Seite. Iſt doch das unſichere Meer hinter mir, wo das ungewiſſe Gluͤck von den Wogen getragen wird und ſo leicht verſchlungen werden kann, ſind wir doch auf feſtem Boden, wo mir Alles bleibender und zuverläſſiger erſcheint.“ —„So Zehe zuerſt zu Deiner Mutrer, ſie verdient es, daß Du ihr vor dem Liebſten auf Erden den Vorzug zugeſtehſt,“ ſagte Sir Robert,„denn das Herz, das am zar⸗ teſten liebt, fuͤhlt ſich am leichteſten, ſelbſt durch den Schatten einer Zuruͤckſetzung, ge⸗ troffen und gekränkt. Soll ich Dir's beken⸗ nen, ſo folge ich Dir eben zu ihr am lieb⸗ ſten nach, und den Grund kannſt Du leicht II. 11 162 errathen. Du wirſt große Freude in ihr an⸗ richten und ich darf nicht fuͤrchten, daß meine Gegenwart das Entzuͤcken, Dich wieder zu ſehen, verkuͤmmern wird. Haſt Du der Pflicht erſt genuͤgt, ſo magſt Du dann Dei⸗ ner Neigung huldigen.“ Sie ließen Beide bie bei ſich habenden Sachen, unter denen auch das Bild der Berklei und der Brief war, den er von ſei⸗ nem Bruder zugleich mit jenem erhielt, auf der Poſt liegen und traten den Weg nach ih⸗ rer Wohnung an. Als ſie unangemeldet die Thuͤr oͤffneten, ſaß ſie auf einem Lehnſtuhl und beſchäftigte ſich mit Stricken und Leſen. Sie blickte auf, erkannte ſogleich ihren Wil⸗ liam, rief laut aus:„Herr Jeſus, mein Wiliam!“ und ſtuͤrzte ihm in die Arme. Thränen waren die Sprache ihres mächtigen Gefuͤhls. Fortgeriſſen von einer unwider⸗ ſtehichen Gewalt, ergriff ſie Roberts Hand, 163 kußte ſeine Lippe und nannte ihn den Vater ihres Sohnes und ihren Wohlthaͤter!.„ So nahe war ſie ihm noch nie getreten, ſo herzlich und ruͤhrend hatte ſie ihm noch nie gedankt! Sir Robert war ergriffen, er umarmte die begeiſterte Freundin und druͤckte den erſten Kuß auf ihre Lippen. Als Beide ſchwiegen und ein hohes Roth ihre Wangen färbte und ſie in großer Verlegenheit vor ihm ſtand, nahm William das Wort und ſagte:„Mutter, dieſem edeln Mann iſt es hoͤher anzurechnen als einem leiblichen Vater, daß er ſo guͤtig an mich handelt! Wie gering iſt mein Dank gegen die Liebe, mit der er mich überſchuͤttet! Haſt Du keine Gelegen⸗ heit, ihm zu vergelten, was ich nicht vermag und doch moͤchte? Du ſiehſt in mir ſeinen Sohn, er iſt mein Vater und Alles, Alles was er im Herzen hat, und was er außer demſelben ſein Eigenthum nennt, das iſt mein. Mutter, ſey ihm eine dankbare Freun⸗ 164 din, dies iſt der Preis, um den er ſo liebe⸗ voll, ſo guͤtig uns erſcheint.“ Sir Robert wollte es abſichtlich nicht, daß William uͤber ein delicates Kapitel, das nur zu leicht gegen das weibliche Gefuͤhl anſtoͤßt und es zuruͤckſcheucht, noch ein Wort verlieren ſollte und fragte daher:„Wie ſteht's um Annen und meinen Bruder?“ Als ſich Alle zum Sitzen niedergelaſſen hatten, ſagte die Berklei:„Anna iſt ſtille und gebeugt. Nichts kann ſie erheitern, ihr truͤber Blick iſt nach Jamaiea gerichtet, als ob ſie dort den Aufgang einer Sonne erwar⸗ tete, die ihn aufzuheitern vermoͤchte. Wenn ſie mit mir allein iſt, redet ſie nur von ih⸗ rem William. Der Vater hat ihr das Ziel ihres Glucks nicht näher geruͤckt, ob er ſie auch als eine treue theilnehmende Tochter, deren innigſte Liebe er ganz erkannt hat, auf den Haͤnden traͤgt. Carl hat zwar in ihr 165 das Licht einer Hoffnung angezundet, das es auf Augenblicke heller in ihr macht, aber ob darauf nicht eine finſtere Nacht folgen wird, das wiſſen nur die Goͤtter. Ich darf davon nicht reden, ſein Geheimniß wird er' offenba⸗ ren und eben dieſes iſt's, was ihn antrieb, den letzten Brief nach Jamaica an Dich zu ſchreiben, dem ich wahrſcheinlich das Gluͤck verdanke, Sir Robert und Dich hier zu ſe⸗ hen. Ach, wie gutig ſind Sie meinem Sohnel Er hat wohl Recht, wenn er ſich arm fuͤhlt, Ihnen wuͤrdig danken zu koͤnnen!“ „Und,“ fragte Robert,„wie ſteht es mit meinem Bruder? Haͤlt er immer noch bei ſeiner Grille feſt? Mir wird er nachge⸗ ben! Sollte ich ihn nicht umſtimmen koͤn⸗ nen?“—„Vor längerer Zeit,“ ſagte die Berklei,„ſtand es ſehr ſchlecht mit ihm. Ein Sturz vom Pferde drohte ihm die Ge⸗ fahr, ſein Leben oder ſeinen Verſtand zu verlie⸗ ren. Seine völlige Wiedergeneſung verdankt 166 er dem Profeſſor Kronhelm, der noch hier iſt. Während ſeiner Krankheit bewies es Anna, wie die Kindesliebe ſiegt, welch eine Gewalt ſie uͤber Gefuͤhle hat, was ihr ein Vater galt, der der Erfuͤllung⸗ihres liebſten Wunſches wie ein unerſchuͤtterucher Fels im Wege ſteht!“ Sir Robert freute ſich uͤber die Gene⸗ ſung ſeines Bruders, William üver Annens edles Betragen und auch uͤber Kronhelms Wiederſehen, den er ſehr lieb gewonnen hatte. Wenn wir Wichtiges in der Seele tra⸗ gen, an das wir unſere Liebe und Freude, die Wonne und das Heil unſerer Zukunft knuͤpfen, dann zoͤgern wir nicht, die Gewiß⸗ heit herbeizufuͤhren, die uns giebt was wir hoffen, oder die auf immer untere Etwartun⸗ gen vereitelt. Nur ein ſchwankender, unſiche⸗ rer Zuſtand iſt's, wo wir uns am unbehag⸗ lichſten fuͤhlen, der uns unerträglicher wird, 167 je länger ſeine Dauer iſt. Juſt ſo dachte, ſo empfand Sir Robert. Die Madame Ber⸗ klei war uͤber die unerwartete Erſcheinung ihres Sohnes in einer geſpannten und vor⸗ zuͤglich gluͤcklichen Stimmung; die Guͤte Ro⸗ berts gegen ihren Sohn leuchtete ihr im hell⸗ ſten Lichte; er bemerkte es leicht, wie zuvor⸗ kommend, wie hingebend, wie traulich ſie ge⸗ gen ihn war. Sie aber konnte ſich, nach der letzten abſchlaͤglichen Antwort, die ſie ihm auf ſeine Bitte um ihre Hand gab, den Gedanken nicht denken, daß er ſein Geſuch erneuern und ſie abermals in Verlegenheit ſetzen werde. Haͤtte ſie das nur geahnet, Pflicht und Vorſicht wuͤrde ihr ein ganz an⸗ deres Betragen geboten haben. William wurde von dem geheimen Ver⸗ langen, Annen zu ſehen, fortgezogen und ſprach laut davon. Sir Robert ſagte zu ihm:„Geh Du zu Carln voraus, ich folge Dir nach einer Weile mit Deiner Mutter 168 nach; aber verrathe es nicht, daß ich hier bin. Findeſt Du Annen nicht dort, ſo kann ſie Dir Eliſabeth oder Carl leicht holen. Liebe Berklei,“ ſagte er zu ihr,„erlauben Sie mir's, daß ich mich bei Ihnen noch ein Stuͤndchen ausruhen darf? Die Muͤdiakeit nach einer ſoſchen Reiſe zeigt ſich hinterher.“ Sie bat inſtaͤndig, daß er bei ihr bliebe. Zuerſt aber ging er mit William zur Poſt, und nahm, außer andern Kleinigkeiten, auch das Bild und den Brief aus einem großen Kaſten und verbarg es in ſeiner Schreibtafel. Vor dem Hauſe ſeiner Mutter trennte ſich Wiliam von Robert und eilte mit fliegenden Schritten nach Carls Wohnung hin, indeß dieſer ernſt und bedaͤchtig wieder zur Berklei ging. Sie hatte während ſeiner Abweſenheit fuͤr die Erquickungen aller Art geſorgt, die er zu ſeiner Stärkung genießen ſollte. Da ſie ihn hoͤflich und freundlich noö⸗ thigte, von dem Aufgetragenen nach Belieben 169 anzunehmen, ſagte er alſo, indem er ihr das Bild hinreichte und ihr den Brief zum Durchleſen gab:„Sehen Sie das Bild an, Sie muͤſſen es leicht erkennen; leſen Sie den Brief bedaͤchtig durch und dann erlauben Sie mir's, daß ich Ihnen die Erklaͤrung dazu ge⸗ bon darf.„ Als die Berklei das Bild erblickte und erkannte, fuhr ihr ein Schreck durch die Glie⸗ der. Der Athem fehlte ihr faſt, als ſie die Frage an ihn that:„Wer gab Ihnen mein Bild? Ich ließ mich als Braut fuͤr meinen Berklei malen!“— Robert antwortete in ruhigem Tone, waͤhrend er die neben ihm ſitzende Berklei ſcharf in's Auge faßte:„Ha⸗ ben Sie den Brief mit dem rechten Denken durchgeleſen, ſo können Sie die an mich ge⸗ richtete Frage ſich ſelbſt beantworten. Von Ihrem verſtorbenen Gatten ſelbſt, als er meh⸗ rere Jahre mit Ihnen verheirathet war, em⸗ pfing ich dies Bild zum Geſchenk. Mit den 5—— —— 170 mir denkwuͤrbigen Worten ließ er mir's durch meinen Bruder uͤberreichen! Welch eine Liebe, welch ein Vertrauen offenbarte Berklei ge⸗ gen mich, daß er mir dies Bild übergeben ließ! Es ſoll fuͤr ihn kein Tadel ſeyn, denn dieſen Verſtorbenen achte ich noch wie einen Bruder, mir aber waͤre es unmoͤglich gewe⸗ ſen, einem Andern mit dem Gemaͤlde, das meine Geliebte vorſtellt, eine Freude zu ma⸗ chen, und mochte er der beſte meiner Freunde ſeyn! Schließen Sie daraus, meine verehrte Berklei, wie hoch ich in dem Herzen Ihres Gatten angeſchrieben ſtand; ſchließen Sie dar⸗ aus, was Sie mir galten. Ruhiger kann ich jetzt von dem Schmerze reden, der meine Jugend trubte, der mich nach Jamaica trieb, wo ich wenigſtens mit irdiſchen Guͤtern be⸗ lohnt wurde, ob auch die ganze Welt nach meinem Urtheil und Gefuͤhl nicht Schaͤtze ge⸗ nug hatte, mich fuͤr einen erlittenen Verluſt zu entſchaͤdigen, der mein Herz in eine na⸗ menloſe Traurigkeit verſetzte. William kennt 171 die Geſchichte meiner Liebe zu ſeiner Mutter und ſie iſt ſo geartet, daß der Sohn ſie Ih⸗ nen mittheilen kann, ohne daß Sie eine miß⸗ biligende Empfindung anwandeln wird. Hoͤ⸗ ren Sie mich einige Augenblicke guͤtig an und verzeihen Sie's meiner Zerſtreuung, wenn die Gedanken nicht recht geordnet ſind und oſt abgebrochen und bunt durch einander laufen. Ich verlange wohl zu viel von Ihnen, ich falle Ihnen laͤſtig, wollen Sie mich nicht hö⸗ ren, ſo geſtehen Sie's dreiſt, dann will, dann muß ich ſchweigen.“ Mit einer Miene, die Liebe, Guͤte und aͤngſtliche Verlegenheit zugleich verrieth, ſagte die Berklei, indem ſie Roberts Hand druͤckte: „Sir Robert, reden Sie, ich bitte darum, ich höre Sie gern.“ „Was ich Ihnen bei meinem letzten Beſuche in England verſchwieg,“ fuhr Sir Robert fort,„da ich mich der Hoffnung ———— —— ſchmeichelte, Sie wuͤrden ſich gegen eine le⸗ benswierige, innige Verbindung mit mir nicht ſtraͤuben und was ich, durch mancherlei Gruͤnde verhindert, Ihnen nicht zu geſtehen wagte, das will ich Ihnen nun in dem Glau⸗ ben offenbaren, es worde vielleicht Ihren Vor⸗ ſatz erſchuttern und Sie nachgebender ſtimmen. Ueberdies, denke ich auch, daß mir ein Fuͤr⸗ ſprecher an William zur Seite ſteht, der mir damals fehlte. Mit kurzen Worten beruͤhre ich Alles, Sie werden es verſtehen, es wird nicht ohne Sinn und Bedeutung füͤr Sie ſeyn.“ „Ehe ich ein Wort von Ihrem Liebesver⸗ ſtändniß mit Berklei hörte, da ſchon war mein ganzes Herz von der zaͤttlichſten Nei⸗ gung gegen Sie entbrannt. Eine jugendliche Bloͤdigkeit hielt mich zuruͤck, Ihnen irgend ein Zeichen zu geben, das Ihnen meine treu⸗ gemeinte Liebe verſtaͤndlich machen konnte. Bei der Ruͤckkehr von einer langen Reiſe, die 173 überbies eine gefährliche Krankheit verſpätete, erfuhr ich zu meinem groͤßten Schreck Ihre Verbindung mit Berklei. In London war nun meines Bleibens nicht mehr. Meinem Vater und Bruder geſtand ich meinen Ver⸗ luſt, meine Pein daruͤher, und eilte wie ein Sinnloſer nach Jamaicao. Mein Bruder entdeckte ihren Gatten, meinem Jugendfreunde mein Herz und er, von meinem Kummer ge⸗ ruͤhrt, von der Liebe zu mir bewegt, ließ mir dies Bild einhaͤndigen. Kein Fuͤrſt der Erde hätte mir ein theureres Geſchenk ma⸗ chen köͤnnen. Wie oft ſah ich's mit unver⸗ wandten Blicken an, bis es Leben und Spra⸗ che fuͤr mich gewann und ich mich ſelbſt ver⸗ gaß und im Innern mit ihm redete und Antworten von ihm erhielt. Eine eheliche Verbindung mit einer andern Jungfrau ein⸗ gehen, die mir unſchuldig, rein, ſchoͤn und reich geboten wurde, das vermochte ich nicht. Bis zu dieſer Stunde habe ich nur Ihnen die redliche Treue bewahrt. Alles, Alles . 174 was ich bisher fuͤr Sie und Williom that, ich ſelbec rechne ſeinen Werth mir nicht als Tu⸗ gend an, floß aus der Quelle dieſer Liebe.“ „Dies Alles, was ich nur mit einzelnen Zugen andeutete, erwägen Sie in Ihrem Ge⸗ muͤthe und ſagen Sie dann, ob es Ihnen ſon⸗ perbar vorkömmt, daß ich noch, noch in mei⸗ nem funfzigſten Jahre, wo Blut und Lei⸗ denſchaft ſich in mir abgekuhlt hat, wo der Verſtand, die Ueberlegung vorhertſcht, wo das Herz durch heftige Wallungen nicht mehr be⸗ wegt wird, um Ihr Herz und Ihre Hand bitte. Die abſchlagtiche Amwort, die Sie mir aus Gruͤnden gaben, deren Stärke ich nicht an⸗ taſten will, hat mich nicht abſchrecken konnen, dieſen neuen Verſuch zu wagen, nicht ohne Hoffnung und Glauben. Schließen Sie auch daraus, von welcher Art meine Liebe gegen Sie iſt und in welch einem hohen Grade ich Sie achte und wie ich das Gluͤck meiner noch ubrigen Lebenstage nur von der Verbindung — 175 mit Ihnen hoffe. Aber, auch darum bitte ich, meine liebe, theure Berklei, daß Sie Ih⸗ rem Herzen keinen Zwang anthun, daß Sie ſich durch keine anderen Ruͤckſichten treiben und draͤngen laſſen; daß Sie dankbaren Ge⸗ fuͤhlen nicht das gewaͤhren, was nur die froͤmmſte, edelſte Liebe geſtatten kann. Fiele Ihre Antwort auch verneinend aus, ſo wird ſie auf das Verhaͤltniß, in dem ich mit ih⸗ rem Sohne ſtehe, keinen nachtheiligen Einfluß haben. Meine Liebe gegen ihn iſt darum in mir ſo feſt gebaut, weil er Ihr Sohn, weil er der beſte Juͤngling iſt, weil er die Tochter meines Bruders, die zaͤrtliche, treue Anna gluͤcktich machen wird.“ Er faßte ihre Hand, ſah ſie mit innerer Ruͤhrung an, bemerkte die Verlegenheit und fragte nochmals:„Welche Antwort koͤnnen Sie mir geben?“ „O, mein theurer, verehrter Robert, mein 176 Woblthäter, Freund und Verſorger meiner Kinder, welche Geſinnung haben Sie mir of⸗ fenbart! Könnten Sie in meiner Seele leſen, um zu ſehen, wie ergtiffen, wie geruͤhrt, wie ich ganz Achtung, Vertrauen und Liebe gegen Sie bin! Der Himmel hat es nicht gewollt, daß uns der Bund der Ehe vereinigte, ſonſt haͤtte es ihm an Mitteln, ihn zu ſtiften, nicht gefehit. Groß und herrlich iſt die Zahl der Freuden, die ich an Beiklei's Seite genoß, dort noch werde ich ihm dafur recht danken, und ſo ſcheint es wir, daß ich glücklicher, gls mit ihm, mit keinem Manne in der Welt werden konnte. Sie wiſſen es, wie plötzlich der Stern aller meiner Wonnen ſich in eine grauenvolle Nacht verlor, und den Kummer, an dem ich erkrankte, der niemals von mir weichen wird, kann ich Gott nur klagen, der einſt alle Schmerzensthraͤnen trock⸗ net. Doch, kein Wort von jener Ungluͤcks⸗ zeit mehr. Sie haben die Armuth von mir geſcheucht, die mich in meiner größten Noth * 1W — zur Verzweiflung gebracht haben wuͤrds; aber eine trauernde Wittwe bin ich noch, wenn mir ein gütiger Himmel auch in meinen Kindern die Quelle herrlicher, unbezahlbarer Freuden geoͤffnet hat.“ „Zu welch einem Kampfe mit den hei⸗ ligſten Gefuͤhlen rufen Sie mich auf, theurer Robert! Woher ſoll ich die Staͤrke nehmen, ihn wuͤrdig zu beſtehen! Ihnen eine Bitte abſchlagen, wie unmoͤglich, wie ſchrecklich, wie undankbar erſcheint mir das, und ſie erfuͤllen, welch ein Selbſtvergeſſen, welch eine Ver⸗ nichtung hoͤherer Grundſaͤtze gehoͤrt dazu! In welchen Streit gerathe ich mit mir ſelbſt! Nach goͤttlichen und menſchlichen Geſetzen bin ich frei von aller Verbindung mit einem Manne, ich kann mit unbeſchraͤnkter Freiheit uͤber mich gebieten; aber hat der Verſtorbene get keine Anſpruͤche an die Lebenden mehr? Sind es nicht Forderungen, die ich an mich ſelber mache, die ich nicht vereiteln darf, ohne I.— 12 178 mit mir ſelbſt in feindlichen Widerſpruch zu gerathen? Kann neben der Liebe zu Berklei⸗ die meiner Seele unvertilgbar eingegraben iſt, eine andere Liebe beſtehen, mit ihr von glei⸗ cher Art und Natur? Soll dieſe wachſen und jene verwelken? Zwei Pflanzen, in einen Boden, auf einer Stelle eingeſenkt, gedeihen beide nicht, die eine prangt in uͤppiger Fuͤlle, indeß die andere kuͤmmerlich kränkelt. Wä⸗ ren Sie mit einer Liebe zufrieden, der wan einen untergeordneten Rang anweiſet?“— „Auch mit der,“ ſagte Sir Robert.„Aber, iſt es denn unmöglich, verſchiedene Menſchen in gleichem Grade zu lieben?“— Die Berklei faßte Roberts Hand und ſprach:„Verzeihen Sie mir's, wenn ich mich nicht ſogleich entſcheide, erſt muß ich Wichti⸗ ges mit mir ſelbſt abmachen, ehe ich eine be⸗ ſtimmte Antwort geben kann. Was Sie mir von Ihrer fruͤhen Liebe erzaͤhlten, das hat meinem Denken und Empfinden eine beſon⸗ 179 dere Richtung gegeben und auch mein Bild, in deſſen Beſitze Sie ſind, das Ihnen mein verſtorbener Gatte uͤberließ, iſt ein Zeuge, der fuͤr Sie redet. Den Brief ihres Bruders laſſen Sie mir bis morgen, damit ich ihn mit Ruhe erwagen und ſeinen Inhalt mir richtig deuten kann. Alſo,“ ſie legte ſanft ihre Hand an Roberts linke Seite und ſagte, „Liede, treue, redliche und zärtliche Liebe ſchlug dies Herz in Jamaica fuͤr mich? Un⸗ verſchuldet machte ich Ihnen den Kummer. Weiß ich's nun, was Sie bewog, in ſolch einem Grade mein Wohlthaͤter zu ſeyn? Ach, ich muͤßte eine Seele ohne alles reli⸗ gioͤſe und herzliche Gefuͤht haben, wenn ſie nicht von dem innigſten Danke ganz, ganz durchdrungen wäre. Sir Robert, glauben Sie unbezweifelt, es giebt kein Weſen auf der weiten Erde, das Sie hoͤher achtet als ich, ſollte ich's aber uͤber mich nicht gewinnen können, die Liebe zu erwiedern, die Sie gegen mich hegen, ſo beklagen Sie mich, anſtatt Sie 180 mir zuͤrnen, ich bin dann eine Ungluͤckliche, mit der man Mitleid haben muß.“—„Wie könnte ich Ihnen zuͤrnen,“ erwiederte Sir Robert,„wenn Sie der Stimme der Wahrheit, den Eingebungen Ihres Herzens folgen!“ Schwankend zwiſchen Hoffnung und Zweifel, nicht ruhig in ſeinem Innern, ſtand Sir Robert auf und ſagte:„Waͤr's Ihnen gefaͤllig, mit mir zu Carln zu gehen? Inna iſt gewiß ſchon bei William und wir finden unſere Lieben alle in einem freudigen Tumult! Ach, wer ſo ſeines Gluͤcks gewiß iſt, wie William, der kann wohl jubeln! Vielleicht dämmert auch mir die Morgenroͤthe einer beſ⸗ ſern Zeit!„Er ſah die Berklei an, als er dieſe Worte ſprach, ſie blickte ſchweigend vor ſich nieder und erroͤthete. Ja wohl herrſchte ein großer Jubel bei Carl Workwich und es wurden Freudenfeſte 3 181 — gefeiert. Anna durfte nicht erſt von ihren Eitern gerufen werden, ſie war mit dem Pro⸗ feſſor Kronhelm bei ihrem Bruder. Dieſer Kronhelm war der hoch geachtete Freund der ganzen Famtlie, und er verdiente es wegen ſeines vorzuͤglichen Charakters zu ſeyn. Ade glaubten ihm emen nicht gewoͤhnlichen Dank ſchuldig zu ſeyn, da man ſeiner Kunſt die völlige Wiederherſtellung des geliebten Va⸗ ters zuſchrieb. Er war die wahre Guͤte, Liebe und Beſcheidenheit ſelbſt. Er hatte es bei einer beſondern Veranlaſſung ſelbſt ge⸗ ſtanden, in welch einem Grade er die jugend⸗ lich ſchoͤne; fromm geſinnte und freundliche Anna liebe. Gern, ſehr gern haͤtte ſie ihm der Vater zur Gattin gegeben, weil er ſeiner Tugend gläubig vertraute, weil er ſo die Dienſte, die er ihm erwies, am wuͤrdigſten zu belohnen glaubte. Aber ſie wurde nicht befragt, ob ſie Kronhelmen auch als Gatten lieben koͤnne, weil dieſer ſelbſt erklärte, daß it ein Mädchen nie zu einer Untreue verlei⸗ 182 ten werde, am wenigſten wolle er durch einen thoͤrichten Verſuch das Herz einer Jungfrau gegen ſich empören, deren Wohlwollen ihm ſehr ſchaͤtzbar ſeyo. Anna kannte ſeine edle Geſinnung in dem Punkte der Liebe gegen ſie und achtete ihn deshalb um ſo hoͤher. Offen und ſchweſterlich war ſie in dem Um⸗ gange mit ihm und ſprach oft mit ihm von William, den auch er liebte, den er naͤher kennen zu lernen wuͤnſchte. Eben wurde von William gerebet und von ſeiner projektirten Flucht mit Annen. Das Maädchen erklärte, daß ſie ihm ohne Bedenken folgen werde, wenn ſie nur nicht furchten duͤrfe, daß ihr Verſchwinden nachthei⸗ lig auf die Geſundheit und das Gemuͤth des Vaters wirke.„Das wird es nicht,“ ſagte Carl,„ich betheuere es Dir und fuͤhrte hin⸗ reichende Gruͤnde fuͤr ſeine Behauptungen an. Kronhelmen wurde das Verſprechen abgenoͤ⸗ thigt, nach der Flucht noch eine Weile bei 183 dem Vater zu bleiben, um jeden moͤglichen Ruͤckfall von ihm abzuwenden.„Auch ich habe ein Vaterland und Freunde,“ ſagte er, „die mein Herz zuruͤckziehen, ich will noch zwei Wochen bleiben, wenn William in der Zeit aus Jamaica koͤmmt.“ Er hatte das letzte Wort geſprochen, als der erſehnte William das Zimmer offnete und hereintrat. Wer beſchreibt die Freude, als man ihn erhlickte! Anna war außer ſich, ſie ruhte an ſeiner Bruſt, er druͤckte ſie unbe⸗ ſchreiblich feſt an ſein Herz. Auch die An⸗ dern, Kronhelmen nicht ausgenommen, um⸗ armte er.„Aber, Du koͤmmſt ſo allein,“ fragte Carl,„das iſt nicht zut, das wird der Ausfuͤhrung meines Plans ein großes Hin⸗ derniß in den Weg legen! Konnteſt Du denn den Onkel Robert nicht bewegen, mit Dir zu reiſen? Wenn er Dich ſo liebt, wie er's ſchreibt und mit der That beweiſet, ſo hätte er Dir eine Gefaͤlligkeit erweiſen muͤſſen 484 durch die Dir vielleicht ein größeres Gut ge⸗ wonnen wird, als Dir eme teiche Erbſchaft werth iſt.“ Wihiam begriff den Sinn nicht, der in Carls Worten lag, er war nicht ſo geſtimmt, daß er darnach fragte, die Naͤhe Anna's be⸗ ſchaͤftigte ſeine ganze Seele, er hatte ſie in ſeinen Armen und keine Seligkeit glich der ſei⸗ nen. Was hatten ſich die Liebenden nicht zu ſagen, öffentlich und insgeheim! Sie theilten ſich der Gefellſchaft wenig mit und gingen end⸗ lich in ein Nebenzimmer, um offen und frei mit einander zu reden. Annen ſagte es Wil⸗ liam, daß der Onkel Robert mit ihm zu⸗ gleich in London angekommen, daß er bei ſeiner Mutter ſey, die er zärtlich liebe, und daß er ihm mit ihr bald nachkommen werde. Bei dieſer Nachricht gerieth Anna in eine ſolche Freude, daß ſie laut ausrief:„Es iſt das größte Gluͤck fuͤr uns, daß der Onkel 185 mit Dir in London ankam!“—„Wie ſo2“ fragte William. Glaubſt Du, daß es in ſei⸗ ner Macht ſteht, Deinen Vater zu bewegen, das Jawort zu unſerer Verbindung zu ge⸗ ben? Ich glaube es ſelbſt nicht und er ſetbſt ſcheint es zu bezweifeln.“—„William, von meinem Bruder wirſt Du's erfahren, wie wichtig die Gegenwart des Onkels iſt, ich aber darf das Geheimniß auch Dir nicht ver⸗ rathen. Bald, bald werde ich Dir den re⸗ denden Beweis geben, daß Du der Menſch auf Erden biſt, den ich uͤber Alles liebe, um deſſentwillen ich das Theuerſte verlaſſen, dem ich nachfolgen kann, wohin er mich fuͤhrt. Laß mich durch die Liebe nicht größer und ſtarker ſeyn, als Du es biſt. Lege unſerer Vereinigung kein Hinderniß in den Weg. Glaube an die Stimme eines weiſen und all⸗ maͤchtigen Gottes, wenn ſie ruft. Gieb auch mir den Beweis, daß Du Dich uͤber Unge⸗ wißheit und Zweifel, wenn ſie Dein Inneres verdunkeln, Deine Kraft zum Handeln ſchwä⸗ ———— ——— ———— 186 chen wollen, uͤber alle Bedenklichkeiten erhebt. Es muß Dir das Alles unbegreiflich vorkom⸗ men, was ich rede; aber es wird Dir heller werden, und Carl, der Dich wie ſeinen Bru⸗ der liebt, wird Dir das Geheimniß offenba⸗ ren, ich aber kann es nicht.“ Als William ſeine Anna verwundert und neugierig anblickte, entſtand im Nebenzimmer ein lautes Freudengeraͤuſch. Sir Robert er⸗ ſchien mit der Berklei in der Geſellſchaft. Er hatte es nicht erwartet, daß er eine ſol⸗ che frohe Aufnahme finden werde. Bald hing auch Anna an ſeinem Halſe mit einer ſolchen Freude und Herzlichkeit, als ob in ihm der Mann erſchiene, von dem ſie die Gruͤndung ihres Lebensgluͤcks erwartete. „Wie gluͤcklich iſt doch eine Braut,“ ſagte er.„Wie theilt ſie ihre Wonne Allen mit und ſchafft um ſich gleichſam einen Freuden⸗ himmel!“—„Und,“ ſagte ſie,„dieſe Won⸗ nen verdanke ich Ihnen!“—„Nun ja, ——— — * 187 wenn's moͤglich iſt, ſollen ſie ſich nicht in Schmerzen der Trennung verwandeln. Nie ſchlug mir Dein Vater eine Bitte ab.“ So ſprach Robert. Nach einer Viertelſtunde, als die Ge⸗ muͤther wieder zur Ruhe gekommen waren, übernahm es Kronhelm, Sir Lorenz Work⸗ wich auf die Ankunft ſeines Bruders vorzu⸗ bereiten. Seine Freude war ſehr groß; aber ſie verzog ſich wie eine Lichtgeſtalt, die von einer dunkeln Wolke überſchattet wird, als er auf die Frage, ob William auch hier und mit ſeinem Bruder gekommen ſey, eine be⸗ jahende Antwort erhielt.„Ich fuͤrchte, ich fuͤrchte, daß die Erſcheinung dieſer geliebten und geachteten Menſchen,“ ſeufzte er,„mir viel Unruhe machen wird. Man will mich zu einer Sache zwingen, die ich gutwillig nicht geſtatten kann. Darf ich denn auf keine Erloſung von einer geheimen Pein hof⸗ 188 fen, die mir und Andern ſo viele Freuden verbittert?“ Kronhelm verſtand jedes Wort, was Lorenz ſagte und das beſtaͤrkte ihn in dem Glauben, daß Carl dem Vater einen großen Dienſt erwieſe, wenn er dazu beitrug, daß Anna mit William die Flucht ergriff. Als Robert und William mit allen Freunden bei Lorenz erſchienen, offenbarte ſich ſeine große Freude auf eine unzweideutige Weiſe. Es wurde von ſeinem Sturze vom Pferde geſprochen. William war es zuerſt, welcher ſagte: wie preiſe ich den wunderbaren Erhalter, der einen frommen Vater, welcher mein Wohlthäter iſt, gerettet hat!..„Wil⸗ liam,“ ſo fiel ihm Lorenz in's Wort,„Deine Seele iſt ohne Falſch und ich weiß es ge⸗ wiß, daß Du redeſt wie Du's meinſt; aber hoͤre auf, dem Himmel für meine Rettung —— 189 ²* zu danken, jedes Wort klingt mir wie ein Fluch, der mich trifft, wie ein Dank, den ich nicht verdiene! Es wuͤrde mit Dir vielleicht heute ſchon beſſer ſtehen, wenn ich geſtorben wäre! Ich mochte Dich ſo gern recht glůͤck⸗ lich machen und— kann es doch nicht! Nicht, weil ich den Willen dazu nicht haͤtte, ſondern weil ich durch eine Feſſel gebunden bin, die ich nicht zerreißen kann. Raͤthſelhaft mag Dir, mein Bruder, und Dir, lieber William, dieſe Sprache klingen; doch ich kann ſie Euch nicht deuten, Carl wird ſie Euch erklaͤren.“ „Carl hat ſie uns erklart, ehe Du ge⸗ gen uns ihrer erwaͤhnteſt,“ ſagte Robert. „Ein Geluͤbde, was Du, unter welchen Um⸗ ſtänden es auch ſeyn mochte, thateſt, kannſt Du nicht zuruͤcknehmen. Der redliche Mann, der in der Achtung gegen ſich ſelbſt nicht ſinken will, kann ein gegebenes Wort nicht 190 brechen. Was wir Gott gelobten, das ſey uns heilig, mag es uns Blut und Leben koſten; aber, laß uns jetzt das vergeſſen, was Dich und uns alle ſo unangenehm beruͤhrt und unſer Zuſammenſeyn durch die Freude wuͤrzen. Wir haben doch' viel Anlaß, recht gluͤcklich zu ſeyn. Nimmſt Du nicht auch herzlichen Antheil, daß mir der Himmel in William einen ſo lieben Sohn geſchenkt hat? Er iſt mein Erbe und durch ihn will ich ein Maͤdchen gluͤcklich machen, dem auch ich mit voller Seele gewogen bin. O, mein Bruder, es ſteht mir uͤberhaupt Vieles bevor, was meine Zukunft heiter geſtalten kann; aber eines hoͤhern Beiſtandes kann ich nicht ent⸗ behren, wenn meine Wuͤnſche in Erfuͤllung gehen ſollen.“„ Sir Robert that einen Blick nach der Berklei hin und wurde es allein gewahr, daß ſie vor ſich niederſah „Das ſind Euch auch Geheimniſſe,“ fuhr Robert fort,„vielleicht ſchließen ſie ſich Euch ——————— auf, vielleicht auch nicht. Fragt mich weiter ntcht, ich darf ſie nicht verrathen.“ An einem Abend war's, wo Workwich mit ſeiner Gattin die Geſelſchaft ſchon ver⸗ laſſen hatte, als die andern Freunde, mehrere Tage vorher, ehe Sir Robert mit William nach Jamaica wieder zuruͤckreiſen wollte, noch bei einander ſaßen. Carl hatte recht abſicht⸗ lich bis dahin den Entfuͤhrungsplan verſchwie⸗ gen und es insbeſondere ſeiner Schweſter zur heiligſten Pflicht gemacht, ihn William nicht zu verrathen. Sir Robert hielt es durchaus fuͤr unerlaubt, ein Wort von der Verheira⸗ thung der beiden jungen Leute fallen zu laſ⸗ ſen, da ihm ſein Bruder die Erklaͤrung ge⸗ geben hatte, daß er ſie aus Gewiſſenhaftig⸗ keit nicht zugeben könne, und da er es über⸗ haupt fuͤr Suͤnde hielt, einen Menſchen, der ſich Gott mit einem Gelübde verbindlich ge⸗ macht hat, zu verlocken, daß er es nicht er⸗ fuͤht. So viel merkte er wohl, daß Lorenzen 192 das Verſprechen leid that; aber er ehrte ihn um ſo mebr, daß er's dennoch nicht aufgab. Indeß war ihm die Rede ſeines Bruders doch aufgefalen und darum blieb ſie ſo feſt in ſeinem Gevächtniſſe, daß er ſagte:„Wenn ich außer Stand geſetzt werde, meinem Ge⸗ läbde treu bleiben zu können, ſo bin ich nicht dafuͤr verantwortlich, und ob ein Ande⸗ rer, der es vereitelt, eine Suͤnde begeht, dar⸗ uber entſcheide ich nicht.“ Als William mit Annen Arm in Arm ſaß und ihr die Thränen über die Wangen floſſen, indem ihrem Geiſte die nahe Ab⸗ ſchiedsſtunde vorſchwebte, nahm Sir Robert das Wert und ſagte:„Wuͤßte ich doch nur ein Mittel, Euch unzertrennlich zu verbinden, was mir's auch koſtete, ich wuͤrde Alles an⸗ wenden. Es waltet uͤber Euch ein unfreund⸗ liches Geſchick. Kann denn Niemand zu einem Schritte rathen, der dieſe zum Ziele fuͤhrt? Carl, Du biſt ja ſonſt nicht ohne — 193 Erfindungsgabe, haſt Du denn nicht daran gedacht? Wer ſo gluͤcklich iſt, wie Du, der ſtattet dem Himmel ſeinen beſten Dank ab., wenn er ſein Moͤglichſtes auch zum Gluͤcke Anderer beizutragen ſucht. Es thut meinem Bruder weh, daß er etwas verſprach, was die Freiheit, das Gluͤck feines geliebten Kin⸗ des beeinträchtigt. Ehe unſere Anna nicht majorenn iſt und uͤber ſich ſelbſt gebieten kann, wird ſie mein Bruder nicht von ſich laſſen. Daruͤber aber muͤſſen noch mehrere Jahre hingehen, die den Liebenden ſo lang wie eine Ewigkeit erſcheinen, und in ihnen kann ſich auch Unverhofftes ereignen, was ihrer Verbindung hinderlich werden kann.“ Carl nahm das Wort und ſagte:„Al⸗ lerdings habe ich ſchon längſt auf einen aus⸗ fuͤhrbaren Plan gedacht, zu dem Sie uns ins⸗ beſondere die Hand reichen muͤſſen, geliebter Onkel. Eben darum ſchrieb ich ja an Wil⸗ liam, daß er Sie zur Mitreiſe zu bewegen II. 43 194 ſuchen ſollte. Fuͤr ihn ſelbſt iſt er von der groͤßten Wichtigkeit. Sie haben ganz richtig bemerkt, daß meinem Vater das Geluͤbde leid thut und daß er ſich nach einer außer⸗ ordentlichen Huͤlfe umſieht, die ihn davon er⸗ löſet. Sollte die Art und Weiſe, die ihn davon befreiet, einen boͤſen Eindruck auf ihn machen, ſo ſteht ihm der liebe Kronhelm zur Seite, der durch ſeine Kunſt jede Gefahr von ſeiner Geſundheit und ſeinem Leben ab⸗ wendet. Fuͤr's Erſte geht er von London nicht weg, das hat er mir heilig verſprochen.“ Anna zitterte in ihrem Herzen vor Hoffnung und Zweifel, als Carl ſo ſprach, da ſie es nicht vorherſehen konnte, welchen Ausgang die Sache nehmen wuͤrde. Sie ließ die Hand von Williams Schulter ſinken und ſah Carln ſtarr an, ja, ſie machte eine Bewegung, als pb ſie ſich entfernen wollte, aber William hielt ſie zuruͤck. „Nun, Carl,“ fragte Robert,„laß doch hoͤren, welcher waͤre denn der Plan?“ fragte Sir Robert.— Mit wenigen Worten ſagte Carl:„Daß William mit Annen, verſteht ſich ohne Wiſſen meiner Eltern, die Flucht nach Jamaica ergreift und Sie die Liebenden begleiten. Der Vater läßt ſich bald verſoöh⸗ nen, er giebt ſein Jawort oder giebt es nicht, das kann ihre Verbindung nicht hin⸗ dern. Ein anderes Mittel ſehe ich nicht.“ Ehe Sir Robert ein Wort dazu ſprach, fuhr William hervor und ſagte:„Dem Va⸗ ter ſollte ich die Tochter rauben? Nein, nein das kann ich nicht und ſollte ich in dem Abgrunde meines Grams untergehen! Haätte mein Freund und Wohlthaͤter das um mich verdient, daß ich ihn ſo undankbar behan⸗ delte? Koͤnnte ich auch ein Gluͤck genießen, auf dem ſein Fluch ruht? Wenn ich auf er⸗ laubten Wegen Annen nicht gewinnen kann, ſo will, ſo muß ich ſie auf ewig verlieren. 196 Sie wird meinen Tod beweinen, aber ihre Trauer iſt nicht meine Schuld. Anna, koͤnn⸗ teſt Du Deinem Vater den Schmerz ma⸗ chen?“—„Wenn ich's wuͤßte,“ erwiederte ſie,„daß es ein Schmerz fuͤr ihn waͤre, wahr⸗ lich nicht! Wohlan, trenne Dich nochmals von mir, Du wirſt bald meinen Tod bewei⸗ nen! Wie ich Dich liebe, ſo haſt Du mich nie geliebt!. Sie ſchwieg und— weinte. —„Meinſt Du, Wihiam,“ ſagte Cark mit Ernſt,„daß ich meinen Vater nicht liebe? Glaubſt Du, daß ich gewiſſenlos an ihm handeln könnte? Wuͤrde ich zur Flucht ge⸗ rathen haben, wenn ich damit eine boͤſe That an ihm beginge? Wohlan, reiſe Du nur allein ab, laß ſie zuruͤck, aber vorher mußt Du Dich von der Liebe zu ihr auch losſagen, damit ſie weiß, woran ſie mit Dir iſt. Denkſt Du denn, daß es mir ſo leicht wird, mich von einer ſo geliebten Schweſter zu trennen? Du willſt von ihr gehen, ſtolz auf heilige Pflichten, die Du er⸗ —— füͤllt zu haben glaubſt, und ſie uns in Thrä⸗ nen, in Kummer zuruͤcklaſſen, der ihr Leben verzehrt? Wer als Menſch nicht alle Pflich⸗ ten erfuͤllen kann, der weiht ſich dem Dienſte der wichtigſten, und dieſe ſind hier leicht zu finden. Deine Entfuͤhrung iſt kein Verbre⸗ chen, dem Vater erweiſeſt Du damit eine Wohlthat. Glaubſt Du, daß ich einem Ju⸗ gendfreunde Falſches, Böſes rathen koͤnnte? Wann habe ich Dich betrogen? Kannſt Du Deine Tugend hoͤher ſtellen, als die meine? Onkel, entſcheiden Sie, weiſen Sie mich zu⸗ recht, wenn ich irrte!“ Sir Robert war ſehr betroffen, aber er ſagte:„Ich ſtehe auf Deiner Seite, Flucht, Flucht, ich rathe dazu!““ Jetzt erhob ſich William und ſprach:„Wohlan, Flucht, Flucht! Ihr wollt es Alle und ich will es! Wenn ich eine Suͤnde begehe, Gott, vergieb ſie mir!“„ Anna fiel ihm in die Arme, er war uͤberwunden„Aber ſo,“ ſprach er 198 mit wehmuͤthigem Ton der Stimme,„Sir Workwich kann ich nicht wieder ſehen, ich wuͤrde mich ihm verrathen! Wie koͤnnte ich ihn mit falſcher Freundlichkeit täuſchen? Nein, das kann ich nicht! In dieſem Augenblicke moͤchte ich zu Schiffe gehen! Mutter, Mut⸗ ter,“ flehte er,„Du gehſt mit uns, Du darfſt nicht zuruͤckbleiben!“ Sie erwiederte: „Ein Entſchluß von ſolcher Wichtigkeit, iſt nicht in einem Augenblicke gefaßt, laß mir Zeit zum Ueberlegen!“ Anna fiel ihr um den Hals, beſtuͤrmte ſie mit ihren Bitten und ſie ſagte:„Koͤnnt Ihr mir in Jamaica ein Ob⸗ dach anbieten? Traut Ihr der Guͤte Sir Roberts nicht zu viel zu? Anna, Du haſt's vergeſſen, daß Dein Vater nicht in Jamaica, ſondern in London wohnt.“—„Darf ich noch nicht hoffen,“ ſagte Sir Robert mit einer bittenden und wehmuthsvollen Miene, „daß Sie mein Haus wie das Ihrige an⸗ ſehen?“ Was er damit ſagen wollte, das war nur ihr und ihrem Sohne voͤllig ver⸗ —— ——— — 199 ſtändlich; ſie aber erwiederte:„Schon längſt hat ſich Ihre Guͤte gegen mich und meine Kinder herrlich erprobt, an ſie glaube ich, ſie ehre ich.“„ Jetzt nahte ſich Eliſa⸗ beth der Mutter und fragte mit Thraͤnen im Auge:„Mich könnteſt Du verlaſſen, ohne deren Umgang ich keinen Tag leben kann, deren Liebe mir zum ſuͤßeſten und heiligſten Bedürfniß geworden iſt? Hängt das Mutter⸗ herz nicht immer am ſtärkſten an den Toͤch⸗ tern? Auch Dein Rath und Beiſtand iſt mir unentbehrlich.“ Eliſabeth ſchlang beide Arme um ihre Mutter und ſprach:„Nein, nein, Dich laſſe ich nicht von mir, Du kannſt nicht von mir gehen, Ihr duͤrft ſie mir nicht nehmen!“ „Liebe Eliſabeth,“ bat Carl,„ſey nicht ſo ungeſtͤn, mache ihr das Herz nicht ſchwer! Verliert Auna thre Mutter nicht auf eine Zeit und willſt Du ihr die nahe Huͤlfe und Liebe Deiner Mutter nicht goͤnnen? 200 Sie iſt in Jamaica einſam und Du biſt hier von Freunden umringt! Waͤrſt Du ſo ſchwach, daß Du den Menſchen, die Dir ſo theuer ſind, kein Opfer dringen koͤnnteſt? Was muͤßte ich von Dir glauben, wenn Du Dei⸗ ner Mutter die Mitreiſe nach Jamaica ver⸗ leiden koͤnnteſt! Sie ſtiftet ein bherrliches Werk, Du darfſt es nicht verhindern!“ Sir Robert bot wichtige Gruͤnde auf, um Eliſabeth zu beruhigen und es der Ma⸗ dame Berklei als eine unerlaͤßliche Pflicht dar⸗ zuſtellen, daß ſie Annen begleitete. Eliſabeth ſchien ſich in ihr Schickſal zu ergeben, da ſie die Mutter entſchloſſen ſah, auf eine un⸗ gewiſſe Zeit von ihr zu ſcheiden. Thränen floſſen und in einer wehmuͤthigen Stimmung ging man aus einander. Es wurden in aller Stille die noͤthigen Anſtalten zur Abreiſe gemacht. 201 William fuͤhlte ſich von einer großen Laſt niedergedruͤckt. Er konnte ſich die That nicht verzeihen, die er an ſeinem Wohlthaͤter verübte. Es blieb ihm immer unbegreiflich, wie ſich alle die guten Menſchen eine ſolche Handlungsweiſe erlauben, dazu rathen und ſie billigen konnten. Diesmal gab er ſich ih⸗ nen als ein todtes Werkzeug hin, das weder Willen noch Freiheit hat. Sein Gluͤck, ſo groß er ſich's auch dachte, mit Annen nun unzertrennlich verbunden zu leben, wurde durch innere Vorwuͤrſe gar ſehr getruͤbt. Als man ihn nöthigte, daß er Sir Lorenz beſuchen ſollte, erklärte er, daß er die Schwelle eines Mannes, dem er eine Kränkung zufuͤgen wolle, nicht betreten moͤge. Er könne ſich nicht verſtellen, und mit dem freundlich reden, den er fälſch⸗ lich zu hintergehen gedenke. Er wuͤnſche ſich die Zeit herbei, wo er ihm Abbitte thun koͤnne und dieſer ihm ſein Unrecht verziehen habe. Als Sir Lorenz nach William fragte, hieß es, er befinde ſich nicht ganz wohl ⸗ 4 — 202 Am Tage vor der Abreiſe von London war es, wo Sir Robert mit der Berklei eine wichtige Unterredung hatte, welche einzig ihre Zuſtimmung zur Verbindung mit ihm betraf. Das unbezweifelte Verſprechen, den Bund er Ehe mit ihm zu ſchließen, gab ſie ihm nicht; aber ſie erklaͤrte, daß ſie mit ihm und ihrem Sohne nach Jamaica reiſen und bei der lieben Anna, um auch ihre Eltern deſto leichter uͤber die Flucht derſelben zu beruhi⸗ gen, Mutterſtelle vertreten wolle. Dies war ihm genug, mehr forderte er nicht, er bewun⸗ derte ihre zarte Tugend, ihr feines Gefuͤhl und baute im Geiſte auf ein Gluͤck, daß er als ein gegenwärtiges noch nicht genießen konnte. Am Abend vor der Abfahrt von Lon⸗ don waren alle Freunde bei Workwich ver⸗ ſammelt, um ihr letztes Zuſammenſeyn recht feierlich zu begehen, nur William fehlte. Er war in ſeiner Wohnung geblieben und ſchrieb —— 203 einen langen Brief an ſeinen Wohlthäter. Robert konnte ſeinen Bruder nur mit dem Verſprechen zuruͤckhalten, der zu ihm gehen und ihn abholen wollte, daß er morgen zu ihm kommen und Abſchied von ihm nehmen werde.„Ach,“ ſeufzte Lorenz,„William zuͤrnt auf mich und ich kann ihm das nicht verargen! Findet ſich denn Niemand, der meine Rechtfertigung bei ihm uͤbernehmen will? Wie meinen Sohn liebe ich ihn! Ach, wie ſchmerzt es uns, wenn wir gebun⸗ den ſind, die billigſten Wuͤnſche unſerer theuerſten Freunde nicht erfuͤllen zu koͤnnen! Doch, ich will unſere Traurigkeit durch mei⸗ nen Kummer nicht vermehren!“ Die Gemüther waren alle in einer truͤ⸗ ben Stimmung. Einer ſuchte dem Andern ſeinen Schmerz zu verheimlichen; Einer wollte den Andern aufheitern; nur von der Zukunft und dem Wiederſehen ſollte geredet werden. Wie verſchieden waren die Gefuͤhle, die ſich 1½ 204 in den Herzen durchkreuzten! Der Gedanke, auf eine ſolche Weiſe von den geliebten El⸗ tern zu ſcheiden, preßte Annen einen Strom von Thränen aus. Der Vater ſagte mit großer Ruͤhrung zu ihr:„Beruhige Dich, meine Tochter, betruͤbe mich nicht zu tief, vielleicht biſt Du Deiner Vereinigung naͤher als wir's wähnen. Der Himmel hat eine wundertare Macht, mit der er uns das Ent⸗ fernte nachruͤckt und das uns unmoglich Schei⸗ nende vollbringt. Weine nicht ſo troſtlos, jede Thräne ſticht mich wie ein Dorn. Wie gern erfullte ich in dieſem Augenblick Deine Wuͤnſche; aber Du weißt's, ich kann es ja nicht.“„ Auch die Berklei weinte, nicht, wie Lorenz glaubte, uͤber den Abſchied von ihrem Sohne, ſondern uͤber die Trennung von London und ihren Freunden. Sie fuͤhlte es, daß ſie ſich zu einem zu großen Opfer anheiſchig gemacht hatte, indeß, ihr Wort, das ſie gegeben hatte, wollte ſie nicht bre⸗ chen. Rm heftigſten aͤußerte ſich Eliſabeths N* 205 Schmerz, die den nahen Verluſt einer Mut⸗ ter, eines hochgeliebten Bruders, der ſeine Tugend, als von der Flucht die Rede war, noch herrlicher bewaͤhrte, den Abſchied von ih⸗ rer ſchweſterlichen Anna beweinte. Sie wollte ſich nicht tröſten laſſen und Lorenz, der die Groͤße ihrer Trauer nicht kannte, nahm ihr das uͤbertriebene Wehklagen faſt uͤbel. Ro⸗ bert war ruhig und gefaßt, wie ein Mann, der ſchmerzlichen Ereigniſſen ſeine Kraft ent⸗ gegenſtellt, geduldig leidet, weil ihm das Licht einer ſchoͤnern Zukunft entgegen glaͤnzte. So alſo aͤußerten Alle ihre wahren Gefuͤhle, aber von Lorenz wurden ſie nicht verſtanden. Wir nehmen ein Lächeln und ein Weinen auf mancher Miene wahr, wir geben ihm einen Sinn und beurtheilen darnach die Ge⸗ muͤthsſtimmung des Nächſten, aber in ſeinem Innern ſteht es ganz anders, als es uns die äußern Zeichen andeuten. Als ſie Alle ſo traulich bei einanber 206 ſaßen und ihre Empfindungen in ſich herrſchen ließen, kam ein Wagen vorgefahren. Ehe man ſich entſchloß, gewiß zu werden, wohin der Wagen fuͤhre und welche Perſonen in demſelben waͤren, trat die Madame Medem aus Briſtol in's Zimmer und mit ihr zu⸗ gleich ihre ſchöne Tochter Eliſabeth. Eine faſt allgemeine Freude nach der Trauer ver⸗ preitete ſich, als man die beiden geliebten Menſchen erkannte. Als die herzlichen Be⸗ gruͤßungen voruͤber waren, ſagte die Medem zu Lorenz Workwich:„Wenn mich zunächſt Liebe und Freundſchaft hieher fuͤhrte, damit unſer ehemaliges ſchoͤnes Verhaͤltniß nicht ganz verloͤſcht, ſo verbinde ich mit meinem Beſuche noch andere wichtige Zwecke. Sie, Freund meines verſtorbenen Gatten, ſollen mir rathen, da ich im Begriff bin, mein ſchweres Handlungsgeſchäft aufzugeben, das ich durch fremde Menſchen verwditen laffen muß. Dann aber wuͤnſche ich einen recht ge⸗ ſchickten Arzt, der ſich meiner lieben Eliſabeth beſonders annimmt, die ſeit einiger Zeit kraͤn⸗ kelt und ſo truͤbe und aͤngſtlich geſtimmt iſt. Sie werden mich wohl auf eine Woche be⸗ herbergen. Waͤre ich in einem Gaſthofe ein⸗ gekehrt, ſo haͤtte ich Sie erzuͤrnt. Mißtrauen, das man gegen die Guͤte eines Freundes zeigt, nimmt er wie eine Beleidigung auf.“ Die Erſcheinung der Medem mit bder Tochter war Allen willkommen. Eliſabeth lag in den Armen Eliſabeths und Annens. Die Theilnehmer der verabredeten Flucht wa⸗ ren in ihrem Innern einſtimmig der Mei⸗ nung, daß die Ankunft dieſer Menſchen eine guͤtige, göttliche Fügung ſey, um Sir Lorenz, ſeine Gattin und Eliſabeth zu tro⸗ ſten. Es wurde bis tief in die Nacht ge⸗ plaubert, ehe man ſich zur Ruhe niederlegte. Aber manches Auge ſchloß der Schlummer nicht zu, der Gedanke an die Trennung hielt es von Thraͤnen naß, und geheime Un⸗ ruhe ließ es nicht zum Einſchlafen kommen. 208 Anna hatte ſich die Erlaubniß erbeten⸗ mit der Berklei den ſcheidenden William auf eine Strecke begleiten zu duͤrfen, die ihr zu⸗ geſtanden wurde. Das Herz ſchlug ihr ge⸗ waltig, die Lippen zitterten ihr, die Knie ſchwankten unter ihr, als ihr jene Erlaubniß unter der Bedingung geſtattet wurde, bald wieder zuruͤckzukehren, da ſie Eliſabeth Me⸗ dem Geſelſchaft leiſten muͤſſe. Sie ſchwieg und ging. Der Mutter gab ſie einen ſo ſtarken Kuß, daß dieſe ſagte:„Iſt's doch, als ob Du auf ewig von mir Abſchied neh⸗ men wollteſt.“ Anna ſprach kein Wort und entfernte ſich ſchnell. Sie eilte zur Berklei und fand ſie und William zur Abreiſe fertig. Sie ſprach kein Wort von der Trennung von ihren Eltern; aber wie ſchmerzhaft ihr dieſe geweſen war, das las William aus den Thränen, die ihr im Auge ſtanden und von der naſſen Wange vollten. Er umarmte ſie mit entzuͤckter und ſchmerzhafter Heftigkeit und ſprach:„Nun biſt Du ganz mein, ſo 209 lange es Gott will. Wenn die Eltern uns nur verzeihen!„Jetzt richtete er ſeinen Blick zum Himmel und betete:„Allbarmherziger, rechne uns die Suͤnde nicht zu, verzeihe uns, um Deiner Gnade willen; Amen.“ Auch die Berklei weinte und ſprach nur wenige, aber guͤtige und muͤtterliche Worte zu Annen. Jetzt erſchien Si Robert mit Carln.„Raſch, raſch,“ ſagte Robert,„nun iſt keine Zeit mehr zu verſaͤumen. Mein Bruder will William durchous ſprechen. Er moͤchte ſelbſt hieher kommen.„Im Gehen gab William Carln den Brief an ſeinen Va⸗ ter, und bat ihn, daß er ihn demſelben zu gelegener Zeit einhaͤndigte. Faſt Alle gin⸗ gen ſprachlos neben einander, der Schmerz hatte ſie ſtumm gemacht. Auch Sir Robert hatte einen Brief an ſeinen Bruder geſchrie⸗ ben und ihn mit dem Beſcheid auf die Poſt geben laſſen, daß er ihm erſt am folgenden Tage eingehaͤndigt werden ſollte. I. 14 210 „Lebt Alle wohl, bleibet geſund, reiſet gluͤcklich, kommt bald wieder!“ ſagte Carl beim Abſchiede und helle Thraͤnen floſſen ihm von den Wangen. Mehr konnte er nicht ſa⸗ gen. Er entfernte ſich ſchnell, als ob er die WPein eines größern Schmerzes nicht aushal⸗ ten koͤnne. Aber die Berklei ſah ihm nach und weinte heftiger.„Leb wohl,“ ſprach ſie, „geliebtes Vaterland, wo die Wiege meiner Jugend ſtand, wo ich Freude und Liebe em⸗ pfand, wo ich geweint habe, wo ich ſo theure Menſchen verlaſſe, lebe wohl, vielleicht ſehe ich dich nie wieder! Aber nun auch ruhig, du Herz, daß ich nicht durch Kummer und Klage die Gegenwart geliebter Menſchen ver⸗ bittere!““ Anna lag an Williams Bruſt und verbarg ihr Geſicht. Oft druͤckte ſie ihn krampfhaft die Hand, als wollte ſie ihm den Schmerz und die Liebe ihres Innern zugleich offenbaren. Er hiekt ſie ſo feſt, als wenn er ſie ſich nicht rauben laſſen wollte; aber * 2 „ ———,— 241 troͤſten konnte er ſie nicht. Er ſagte bloß: „Der gethane Schritt laͤßt ſich nicht zuruͤck⸗ thun, nun, mit Gott vorwaͤrts! Mutter, Deine Liebe zu uns iſt großer, als daß ſie belohnt werden könnte! Der Himmel lohne ſie.“ Als die Gemoͤther ruhiger geworden waren, ſprach Sir Robert:„Oft geht der Schmerz der Freude vorher, das laßt uns hoffen, und dieſe Hoffnung hat mich nie ge⸗ taͤuſcht, ſo wie der Freude im Leben der Schmerz oft folgt. Truͤbe Wolken ziehen voruͤber und ſchoner tritt des Himmels Blaue hervor. Was wir aus eigenem Willen be⸗ ſchloſſen, das ſoll uns nicht gereuen! Hier iſt Gott und dort iſt Gott, es kann uns keine Macht ſeine Hand entziehen, wenn wir ſie nicht ſelber von uns ſtoßen. Wes alſo mit vergeblichen Sorgen, die den gegenwärtigen Augenblick vergällen und einen Frieden ſtoͤren, den wir ſonſt genießen koͤnnten.“ 2¹2 Guͤnſtige Winde ſchwellten die Sesgel, der Tag war heiter und kein Sturm machte die Fahrt gefahrvol. William wäre der gluͤcklichſte Sterbliche geweſen, wenn der Ge⸗ danke an Workwich ihn zu dem vollen Ge⸗ nuſſe derſelben hätte kommen laſſen. Robert befreundete ſich durch ſein edles, vorſichtiges und herzliches Benehmen mit der trefflichen Berklei immer mehr, mit der er ſich oft Stunden lang allein unterhielt. Aber Alle prieſen den Himmel, als die Seereiſe geen⸗ bigt war und ſie den Fuß auf den Boden von Jamaica ſetzten. Carl war kaum in ſeine Wohnung zu⸗ ruͤcgekommen, als er ſeine Gattin einlud, ihn zu ſeinen Eltern zu begleiten. Als dieſe ſich dagegen ſträubte und offen geſtand, daß ſie nicht zugegen zu ſeyn wuͤnſche, wenn er ſeinem Vater die Entdeckung mache, daß Anna mit Wilſiam, in der Geſellſchaft Sir — ——— 213 Roberts und ihrer Mutter, nach Jamaica abgereiſet ſey und bat ſie zuruͤckzulaſſen, bis der erſte Sturm voruͤber ſey. Er erwiederte kein Wort und ging von ihr. Er fand ſeine Eltern mit der Madame Medem und ihrer Tochter in einem Zimmer. Die Mutter fragte zuerſt nach Annen. Ehe er ihr die rechte Antwort geben konnte, ſagte der Vater:„Ihr ſeyd ſehr lange weggeblieben! Eliſabeth ſah oͤfter nach der Stubenthuͤr, als ob ſie Annens Ankunft erwarte. Willſt Du Deine Frau nicht rufen laſſen? Warum brachteſt Du ſie nicht mit? Gewiß bedarf ſie heute der Aufheiterung, da ihr guter Bruder von ihr Abſchied nahm. William zuͤrnt gewiß auf mich, er iſt nicht hergekom⸗ men. Das iſt doch Unrecht, da er's weiß, ob er mich im Leben wiederſieht. Zweifelt er noch an meiner Liebe? Da verkennt er mich.“ 2¹4 „Vater, ſeine Mutter und Anna haben Sir Robert und William viel weitet beglei⸗ tet, als ich,“ ſagte Carl.„Fuͤr's Erſte kommen ſie nicht zuruͤck. Sie fahren weiter und weiter, bis ſie endlich nach Jamaica kommen.“ Jetzt war es, als ob dem Vater ein Licht aufging, er gerieth in Staunen, er ſragte:„Iſt dos wirklich ſo? Scherzeſt Du nicht?“ Carl erwiederte:„Vater, ihr letztes Wort war, daß ich Sie um Verzeihung bit⸗ ten ſollte. Ja, ja, Anna folgte William nach Jamaica nach, der Onkel billigte den Schritt, den ſie thaten, die edle Berklei folgte ihr wie eine Mutter der Tochter nach, und wenn es Unrecht iſt, daß meine Schweſter das Vaterhaus ohne Erlaubniß verließ, ſo iſt das meine Schuld, ich, ich allein rieth dazu. Wie ſträubte ſich William dagegen! Wie ſchwer konnte er uͤberwunden werden! * tN ——— „————— 245 Nein, nein, ſprach er, einen Mann, ber von zarter Jugend an mein Wohlthäter war, den ſollte ich betruͤben? Welche Ueberredun⸗ gen mußte ich anwenden, ihn eines Beſſern zu belehren! Ihr Geluͤbde, mein Vater, ha⸗ ben Sie nicht gebrochen und ich habe es Ih⸗ nen unmoͤglich gemacht, es erfuͤllen zu koͤn⸗ nen. Beging der Sohn ein Unrecht, ſo wird es ihm Gott verzeihen und ein menſchlicher Vater wird ſich mit ihm verſoͤhnen laſſen.“ Workwich verließ das Zimmer und bat den Profeſſor Kronhelm, ihm zu folgen. Die Mutter konnte ihren Schmerz nicht uͤberwaͤltigen, Thränen ſtürzten aus ihren Au⸗ gen, ſie rief:„Anna, Anna, ſo haͤtte ich Dich verloren? Das habe ich nicht an Dich verdient, daß Du Dich ſo heimlich von mir trennteſt! Ach, meine Anna! Carl, wie tief haſt Du mich betruͤbt!“—„Micht ſo, liebe Mutter, als wenn Du über den Tod einer 7— 216 geliebten Tochter, die Gram und Sehnſucht verzehrte, hätteſt weinen moͤſſen! Sie lebt, ſie wird ihr Ziel erreichen und mit kindlicher Liebe Dir in die Arme ſinken! Tröſte Dich, ſie iſt nicht allein, die fromme Berklei, die ſie zärtlich liebt, ſteht ihr muͤtterlich zur Seite. Darfſt Du auch ſorgen, ob ſie durch William gluͤcklich wird? War's eine ſtrafbare That, die ſie veruͤbte, der Onkel haͤtte ſeine Hand zu ihrer Vollziehung nicht dargebo⸗ ten. Dem guten Vater glaubte ich den groͤßten Dienſt zu erweiſen, und feſt bin ich's in meiner Seele uͤberzeugt, ich habe ihm den⸗ ſelben erwieſen, kannſt Du mir darum zuͤr⸗ nen?“ Die Mutter ſchwieg und weinte fort. Als ſich die Medem von ihrem Stau⸗ nen erholt hatte ſagte ſie:„Liebe Workwich, ich kenne Deinen Schmerz, aber ſetze ihm Grenzen. Deine Anna wird glücklich.“ — — 2— —— —— Ruhiger und gefaßter trat Sir Lorenz mit Kronhelm in's Zimmer und ließ ſich von ſeinem Sohne Alles erzaͤhlen, was dieſer von der Entfernung ſeiner Anna wußte.„Einem Herzen, was von der Liebe entbrannt, ſolche Schritte thut, ſein Ziel zu erreichen, darf Niemand zuͤrnen,“ ſagte Workwich.„Wenn ſich Anna an ihren Eltern verging, ihr ſey verziehen. Ich habe mehr gelobt als ich durfte und halten konnte. Wenn Unſchuld und Tugend gluͤcklich macht, ſo werden es unſere Kinder ſeyn. Kein Fluch, mein Se⸗ gen folgt ihnen nach.“ Er ſuchte ſeine Gattin zu beruhigen, die ſich auch um ſei⸗ netwillen ſo geaͤngſtigt hatte. Aber Kronhelm hielt William eine wahre Lobrede. Die Art und Weiſe, wie er von dem edlen Juͤnglinge ſprach, war ſo ruͤhrend und eindringlich, daß ſie alle Gemuͤther er⸗ griff. Eliſabeth Medem hoͤrte ihm mit groͤß⸗ ter Aufmerkſamkeit zu, und von dieſem Au⸗ 248 genblicke an fiel ber Funke einer unausloͤſch⸗ lichen Liehe gegen den Redner in ihr Heez. Den Juͤngling, den ſie laͤngſt vergebens ſuct⸗ den hatte ſie in ihm gefunden. Ende des zweiten Banbes. ———— Leihbibliotheken und Leſezirkeln ſind noch fol⸗ gende, ſehr intereſſante Romane ganz vor⸗ zuͤglich zu empfehlen: Abenderheiterungen, mit proſaiſchen und poe⸗ tiſchen Beitraͤgen von Klamer Schmidt, Gramberg, Schluͤter, Eliſe Buͤrger, Hor⸗ ſtig, Nonne, Goldmann, Reſe, Depping, Prätzel u. a. m. Herausgegeben von Fr. Raßmann. 8. 1Thlr. 8 Gr. Abentheuer im Walde, das, oder Thereſe. Roman vom Verfaſſer der Liebesprobe. 2 Baͤndchen mit 1 Kupfer. 8. 1 Thlr 20 Gr. Abentheuer und Walfahrten, merkwuͤrdige, einer Baroneſſe. Oder Libertine in der; Jugend und Betſchweſter im Alter. Ko⸗ miſcher Roman aus der Gegenwart. 2 Thle. 8. 1 Thlr. 12 Gr. Adele, ober das grauſame Verhaͤngniß. Ein Roman vom Verfaſſer der Blutſauger. 8. 18 Gr. Ahnherr, der, oder bas Geſpenſt in der Fels⸗ kluft. Ritter⸗ und Geiſtergeſchichte von C. Hildebrandt. 3 Theile. Mit 1 Kupf. 8. 3 Thlr. 6 Gr. Almathologie, proſaiſche. Enthaltend Erzäh⸗ lungen von Langbein, Lafontaine, Schrei⸗ ber, Rochlis, Rembeck und St. Schuͤtz. 8. 1 Thir 8 Gr. Aimine, oder die wiebergefundene Tochter. Nach dem 8 der Miſtris Nobinſon. 8. 1 Thlr. 4 Gr. Artur, der ſchöne Murmelthierfuͤhrer, oder das einſame Welhaus in den Vogeſen. 6 1Thlr 4 Gr. Aurelie, die ungluͤckliche Fuͤrſtentochter, oder Wahrheit und Trugſchluͤſſe. Roman von Philippine von Mettingh. S. 1 Thlr. 18 Gr. Aurors, Graͤfin von Königsmark. Ein hiſto⸗ riſcher Roman von Wilhelmine von Gers⸗ dorf. 2 Theile. 8. 2 Thlr. Auſternſchmaus, der. Die Liebſchaft im Kel⸗ — — —— 4 — ler. Die Tanzwieſe, Von C. Nicolai. 8. 16 Gr. Valduin und Amanda, oder Moͤnchswuth und Kloſtergreuel. Ein hiſtoriſch⸗vomanti⸗ ſches Gemaͤlde deutſcher Seelengroße und Nichtswuͤrdigkeit. Aus den Ritterzeiten. Mit 1 Kupfer. 8. 1 Thlr. Bandit, der, in Rom,„oder die ſchreckliche Verwechſelung. Vom Verfaſſer des„Al⸗ bert von Reinſtein.“ 3 Theile. g. 3 Thlr. 4 Gr. Bonditenhöhte, bie, von Cataſtro. Roman von C. Nicolai. 8. 1 Thſr. Bankerott, der. Die Hiobspoſt und Schwanke und Erzählungen von C. Hilde⸗ brandt. 8. 1 Thlr. Beiſpielſammlung von ehlen Thaten und Niedertraͤchtigkeiten aus dem Leben guter und boͤſer Menſchen neuerer Zeit. 3 Thle. 8. geh. 1 Thlr. 18 Gr. Belzebulo, oder die entdeckte Entfuͤh⸗ rung. Ein Roman in 12 Kapiteln. 8. 18 Gr. Bennb von Rabeneck, oder das warnende Gerippe im Brautgemach. Eine Ritterge⸗ ſchichte aus dem 13ten Jahrhundert. Vom Vufoſſe des„Albert von Reinſtein“ 2 Thle. 5 1 Thlr. 16 Gr. Bilber edler und unedler Weiblichkeit, in Ge⸗ ſchichten tugendhafter und nichtswuͤrdiger Weiber, aus den Zeiten der Griechen und Roͤmer. Eine Lecture fuͤr Deutſchlands edle Toͤchter. 12. geh. 20 Gr. Bilder, ſchwarze, aus der Vorzeit, von C. Hildebrandt. 8. 20 Gr. Blätter, bunte, enthaltend launige Erzählun⸗ gen aus der wirklichen Welt, fuͤr Leſer mit und ohne Brille. 8. 1 Thlr. Blutſauger, die. Ein Roman. 8. 1 Thlr. 4 Gr. „ Blutſchwerdt, das, auf der Gerosburg, oder die ſtrafenden Geiſter. Rittergeſchichte aus dem 23ten Jahrhundert. 3 Theile. 8. 3 Thlr. 4 Gr. — Brautnacht, die, ohne Braut. Roman von C. Nicolai. Z. 16 Gr. Brautraub, der. Roman vom Verf. der Paulowna. 2 Thle. 8. 1 Thlr. 18 Gr. Briefſteller, Dummlinger und Kraͤhwinkeler. Enthaltend merkwuͤrdige Liebesbriefe und andere lächerliche Auffaͤtze. Ein Recept zur Aufheiterung und zum Sattlachen. Herausgegeben von Jocoſus Federkiel. 12. geh. 12 Gr. Broͤmſer von Ruͤdesheim, oder die Todten⸗ mohnung. Ritterroman aus dem xgten Jahrhundert, von C. Hildebrandt. 3 Thle. 8. Mit 1 Kpf. 3 Thlr. 8 Gr. Burg Helfenſtein, bie, oder das feurige Ra⸗ cheſchwerdt. 2 Theile. g. 1 Thlr. 18 Gr, Burgverließ, das, oder die blutrothe Todten⸗ fackel. Rittergeſchichte aus dem 14ten Jahrhundert. 3 Thle. Mit 1 Kupfer. g. 3 Thlr. 12 Gr. Carl Bern, oder Schwaͤrmerei und Liebe. Ein Roman aus der wirklichen Welt. 8. 1 Thlr. Carlo Cellini, oder die Männer der Nacht. Seitenſtuͤk zum Rinaldo Rinaldini. S. 1 Thlr. 4 Gr. Carl und Hermine, oder Liebe und Taͤuſchung. Ein Warnungsſpiegel fuͤr Muͤtter und ihre Töchter. Von H. Muͤller. 8. 1 Thlr. 4 Gr. Cart von Thellheim und Minna von Barn⸗ helm. Ein kriegeriſches Gemälde aus den Zeiten Friedrichs des Großen. Von C. Hildebrandt. 3 Theile. 3. 3 Thlr 8. Gr. 1 — .. N 2 . 3 — 1 8 8 1* M 2 ₰ 7 2 3 — S 3 A —. — 5 2 7 „ x. 3.. *— 2 7. 2