2* — S — — 6 von 5 3 Eduard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. ceih- und Heſebedingungen. 1 Ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeven Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 6 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ 3 den angenmmen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und e für wöchentlich Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: —————————————— N— 1 W 2 W.— Pf. 5. Auswärtige Wonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung ß der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte zerriſſene“, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt B der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſe auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird F beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auchsdafür zu ſtehen haben. Leihbibliothekt deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Robe Ein Roman nach dem Engliſchen des Fohn Black Erſter Theil. Quedlinburg und Leipzig, 1824, bei Gottfried Baſſe. N „ ———— —————— ——— Erſter Theil. ——— Lorenz Workwich gehoͤrte einſt zu den tei⸗ chen Kaufleuten in London. Wer aber in England zu den wohlhabenden Handelsmän⸗ nern gerechnet wird, der beſitzt eine weit groͤ⸗ ßere Summe, als ein Heer von deutſcheu Krämern, welche einen Materialhandel trei⸗ ben, ſich auch Kaufleute nennen, ohne daß ſie es wiſſen, wo der Pfeffer wächſt, woher der Thran und Schwefel kömmt, mit dem ſie ihren Hauptverkehr treiben. Wenn man hie und da dem Scheine trauen darf, ſo ſtehn ſich dieſe Roſinen⸗ und Butterhändler i nicht ſchlecht. — Der großte Theil des Vermoͤgens, wel⸗ ches Workwich beſaß, war ihm fuͤr allerlei Luxusartikel, die er nach Deutſchland ſpedirte, zugefloſſen.„Wenn die Deutſchen,“ pflegte er zu ſagen,„nicht unerſchoͤpfliche Gold⸗ und Sitberquellen haben, ſo müſſen ſie am Ende verarmen. Im Vergleich der unermeßlichen Transporte, die von England aus nach ihren Kuͤſten abgehen und da wie in einem boden⸗ loſen Schlunde verſchlungen werden, ſind es doch wahre Lumpereien, die ſie uns gegen baare Zahlungen zufuͤhren. Wir erſticken im Fette, wenn ſie an der Schwindſucht ſterben. Aber ſo wollen ſie's! Wie ſinnloſe Ver⸗ ſchwender kommen ſie mir vor, die drauf los⸗ leben, ihre Beduͤrfniſſe vervielfachen und be⸗ friedigen und nicht an die Zeit denken, wo ihnen die Noth harte Entbehrungen auflegen wrird.“ Bei dieſer Sorge, welche Lorenz Work⸗ wich fuͤr die genußreichen und handelsarmen Deutſchen trug, die er wie Unmuͤndige ohne Vormund in der Seele bedauerte, welche er fur die ſchlechteſten Rechenmeiſter und Finan⸗ ziers hielt, lächelte und freuete er ſich doch, wenn ſich die Beſtellungen mit jedem Jahre vecgroͤßerten, und die Procente, welche er da⸗ von zog, ſeinen Reichthum vermehrten. Sollte er den zunehmenden Profit Andern uͤberlaſſen, und, um den traurigen Folgen der übertriebenen Ausgaben Deutſchlands bei ge⸗ ringen Einnahmen zu ſteuern und zu wehren, ſeine Kunden abweiſen, ihnen ſeine Waaren⸗ lager verſchließen und ſeine Schiffsſendungen zuruͤckhelten? So weit, meinte er, muͤſſe man es mit der vormundſchaftlichen Men⸗ ſchenliebe gegen die Deutſchen nicht treiben, da ſie ja muͤndig waͤren, ſich ihres Verſtan⸗ des, ihrer Klugheit, Geſchicklichkeit und wiſ⸗ ſenſchaftlichen Aufklärung in einem eben ſo hohen Grade ruͤhmten, als es bei dem hoch⸗ muͤthigen Engländer nur irgend der Fall ſey. Workwich war, aber im beſten Sinne des Worts, ein wahrer Britte. Eine ausge⸗ zeichnete, ächte Frömmigkeit— auf deutſchem Boden ttifft man ſie in reiner, göttlicher Klarheit nur ſelten an, wo Unglaube, Bigot⸗ terie, Myſticismus und Schwaͤrmerei an der Tagsordnung ſind; wo man mit Lehrformeln ſpielt und um das praktiſche Chriſtenthum wenig bekuͤmmert iſt— war die Zierde und der Schmuck ſeines Lebens. Das Heilige war ihm heilig; er ehete den Glauben und die Vernunft. Die Religiensgebräuche der Kirche, zu der er ſich bekannte, achtete er nach ihrer Bedeutung und der Sonntag war ihm der wichtigſte Tag in der Woche. Aber auch er blickte, wie viele ſeiner Lanbsleute, die fremde Länder nie betraten, mit ſtolzem Selbſtgefuͤhl beſonders auf die Deutſchen, welche von England die Erzeug⸗ niſſe der Natur und Kunſt hinnahmen und dafuͤr weiter nichts einlieferten, als einige rohe Produkte, nichts, was von Kunſt, Ge⸗ ——„—— —„ — — — —— ———— 9„ ſchmack, Induſtrie und Wiſſenſchaft zeigte und nur geprägtes Gold und Silber oder geſchriebene Wechſel. Aber dennoch regte ſich in ihm gegen die deutſche Nation eine beſon⸗ dere Vorliebe, auch darum wohl, weil ſie die beſten Kunden und, nur einzelne Fälle abge⸗ rechnet, die prompteſten Bezahler waren. Das Geld aber, als ſolches, war bei ihm nie Zweck, immer blieb er Herr deſſelben, und verfiel nicht, wie die Habſuͤchtigen, in die Metallſclaverei, welche ihm als die un⸗ ſinnigſte und ſchimpflichſte erſchien. Gemuͤnz⸗ tes Gut galt ihm fuͤr ein treffliches Mittel, ſich Freuden und Bequemlichkeiten aller Art zu verſchaffen, ſeinen Freunden frohliche Tage zu machen, viel Gutes zu ſtiften und Boͤſes zu verhuͤten, ſich bei dem judiſchen Poͤbel ge⸗ achtet zu machen, der bei der Wuͤrdigung des Naͤchſten nicht nach der Tugend, ſondern nach den Pfunden Sterlingen fragt, die er com⸗ mandirt. Er beſaß zu ſeinem Vergnuͤgen eines der koſtbarſten Landhauſer im Gebiete der Hauptſtadt. Es lag in einer anmuthigen. Gegend in dem ſchönſten Garten, wo Natur und Kunſt zu wetteifern ſchienen, um den Beſitzer deſſelben zu ergoͤtzen. Am gluͤcklich⸗ ſten fuͤhlte er,ſich da mit den Seinen, wenn ſein innigſter Freund, Thomas Berkley, ihn mit ſeiner Familie auf mehrere Tage beſuchte. In ſeinem Hauſe herrſchte wahre Gaſtfreund⸗ ſchaft. Vielen, die ihm wenig bekannt wa⸗ ren, half er aus peinlichen Verlegenheiten. Bei Geldſammlungen fuͤr Arme und Vetun⸗ gluckte unterzeichnete er immer anſehnliche Summen. So ſchlecht ihm auch von den Mehreſten gedankt wurde, denen er huͤlfreich veigeſtanden hatte, als ſie in großer Noth waren, dennoch wurde er im Gutesthun nicht muͤde. Er wurde von Allen, die ihn genauer kannten, geachtet und geliebt. Beſonders machte es ihm auch großes — 44 Vergnügen, wenn er die reiche Mitgift uber⸗ dachte, womit er ſeine beiden unausſprechlich geliebten Kinder ausſtatten konnte, wenn die Zeit eintrat, wo ſie ſich verheir etabliren wuͤrden. Sie Beide, Carl und Marie, waren der theuerſte Schatz ſeines Le⸗ bens, außer ſeiner Gattin hatte er in der Welt nichts, was ihm theurer war. Wie Blumen bluͤheten die Kinder auf. Fröhlich und ungetruͤbt war ihr Sinn. An koͤrper⸗ licher Schoͤnheit fehlte es ihnen nicht. In allen Kenntniſſen und Geſchicklichkeiten, die ihrem Alter und Stande angemeſſen waren, ließ er ihnen Unterricht ertheilen. Reich und dumm ſeyn, meinte er, das waͤre der groͤßte Uebelſtand. Gelegenheit, ſich ſittlich und fuͤr das geſellige Leben auszubilden, fehlte ihnen im Vaterhauſe nicht und dieſes zog er, aus wichtigen Gruͤnden, der beſten Penſionsan⸗ ſtalt, die er Dreſſuranſtalt nannte, vor. Alle guten Eigenſchaften eines vorzuͤg⸗ ℳ 12 lichen Gatten und eines ſchätzbaren Familien⸗ vaters wußte Workwich in ſich zu vereingen. Nach den beſchwerlichſten Geſchäften war er immer am liebſten unter den Seinen. Eben in dem traulichen Kreiſe derſelben fand er die Erholung und Unterhaltung, die fuͤr ſein Gemuͤth und ſeine ganze Denkweiſe die erwunſchteſte war.„Wer ſich durch ſeine Verwilderung,“ ſprach er,„durch ſeinen un⸗ reinen Sinn, durch Vergnügungs⸗ und Spielſucht verwoöhnt und entſittlicht, daß er ſich in ſeinem Hauſe ſo ungluͤcklich wie in einer Vorholle fuͤhlt und da nur Verdruß und Langeweile findet, ſeine Luſt in fremden Cirkeln; am Spiel⸗ und Trinktiſche oder auf eine andere unerlaubte Weiſe ſucht, der hat die Pforten zum Himmel herrlicher Freuden ſich ſelbſt verſperrt und iſt der Geiſtes⸗ und Herzensgenuͤſſe nicht würdig, die ihm ein treues, edles Weib, junge, ſchuldloſe und tiebevolle Kinder bereiten. Er entfremdet ſich ihnen, er leuchtet ihnen nicht durch Wort und — „——— 2 13 Beiſpiel, ſie haben keinen Troſt und keine Freude an ihm und ſie betrachten ihn zuletzt als einen Gaſtwirth, der ihnen freies Logis und Koſt giebt, welcher von ſeinen Gäſten keine Bezahlung fordert. Ohne Tugend giett es kein Verdienſt und ohne Verdienſt keine Achtung, keine Liebe und keinen Dank.“ Aber das frobe, hoͤchſt begluͤckte Leben in Workwichs Hauſe wurde bedroht und getruͤbt juſt zu einer Zeit, in der er ſich fruͤher am beneidenswertheſten getraͤumt hatte, und zwar von denen, deren Wohlthaͤter er war, an deren dankbarer Vergeltung er keinen Augenblick zweifelte. Seine beiden, ſchon erwachſenen Kinder ſtellten ihm den traurigen Beweis, daß unſere liebſten Hoffnungen unerfuͤllt, daß wir von dem Ziele unſerer Wuͤnſche fern bleiben, daß das Menſchenleben nichts Voll⸗ kommnes liefert, und daß uns eine unſicht⸗ bare Macht, fruͤher oder ſpaͤter, unvermeid⸗ lichen Kämpfen unterwirft. 4 Es war ihm gewiß, baß er in der Er⸗ ziehung ſeiner Kinder nichts verſäͤumt und uberſehen hatte und doch traten ſie mit einer Natur, mit einem Weſen gegen ihn hervor, das ihm vollig fremd war und ſeine Plane, pie er mit ihnen hatte, zu vereiteln ſchien. Bei ſeinem Reichthum, der ſich durch gelun⸗ gene Speculationen immer mehr anhaͤufte, fuhlte er ſich dennoch ungluͤcklich, verſtimmt und übelgelaunt, weil die, fuͤr die er geſorgt und geſammelt hatte, ihn betrübten; weil ſie ſeinem Willen ihre Neigungen und Triebe, ihre Freiheit nicht unterwarfen. Der Balſam des Troſtes, den ihm ſeine Gattin auf die ſchmerzhaften Wunden träufeln wollte, war ohne alle gute Wirkung. Der Grund, wodurch das Gluͤck und der Friede, die Liebe und Freude in Work⸗ wichs Hauſe eine Weile unterbrochen wurde, war dieſer: daß ſich bie beiden Geſchwiſter in ein Liebesverſtändmß eingelaſſen haiten, ——— * ————— welches durchaus nicht nach bem Sinne des Vaters war, und daß er von der geheimen Verbindung erſt dann Kundſchaft erhielt, als er die Flamme einer zaͤrtlichen Neigung nicht mehr loͤſchen konnte. Es verhielt ſich mit dieſen Liebesver⸗ ſtaͤndniſſen alſo: Thomas Berklei, wie wir erwaͤhnten, war der vertrauteſte Freund Workwichs. Mit bruͤderlicher Liebe waren ſie einander zu⸗ gethan und dieſe erbte von den Vatern auf ſie, die Sohne, fort. Berklei's Vater teiſtete dem verſtorbenen Workwich die weſentlichſten Dienſte und legte den Grund zu dem bedeu⸗ tenden Vermögen, was er ſeinen beiden Soh⸗ nen, Lorenz und Robert, nach ſeinem Tode hinterließ. Thomas Berklei war von neun Soͤhnen der juͤngſte und das väterliche Erb⸗ gut, was er erhielt, war nicht von großer Bedentung, Er war ein Kaufmann, aber 16 das Gläck zeigte ſich ihm abgeneigt. Inbeß Lorenz Workwichs Reichthum zunahm, verrin⸗ gerte ſich ſein Eigenthum. Durch einige ge⸗ wagte Speculationen wollte er ſich den ein⸗ tretenden Verlegenheiten entziehen, aber ſie mißlangen und ſeine Lage wurde bedenklicher. Seinem Freunde Lorenz entdeckte er ſich aus zartem Ehrgefuͤhl nicht. Er wurde einer Schuld wegen angeklagt, die er nicht ſogleich bezahlen konnte. Den Schimpf, verhaftet zu werden, konnte er nicht ertragen, er ſuchte ihm zu entgehen und— fand ſeinen Tod in der Themſe. 9 Alle Welt ſtaunte uͤber den Todesfall und Niemand wußte einen beſtimmten Grund davon anzugeben. Doß es mit Berklei's Vermogensumſtänden ſo ſchlecht ſtände, das hatte Niemand geahner, ſelbſt ſeine vertrau⸗ 4 ten Freunde nicht. Workwich wurde von der Nochricht, daß ſich ſein Freund vorſätzlich umgebracht hätte, ſo erſchüttert, daß er in den tiefſten Schmerz ſank. Man entbeckte in dem Schreibepulte des Selbſtmoͤrders eine von ſeiner Hand geſchriebene Schrift, die den Titel führte:„Meine Rechtfertigung.“ In derſelben fand man, von Jahr zu Jahr, die Unfaͤlle verzeichnet, die der allgeachtete Tho⸗ mas Berklei erlitten hatte. Am Schluſſe waren die ruͤhrendben Worte mit zitternder Hand geſchrieben und zum Theil von Thrä⸗ nen verlöſcht, was man deutlich erkennen konnte: „Ach, wie ſchwer wird mir's doch, mich von einer unſchätzbaren Gattin und treugeliebten Kindern zu trennen! Ach, ihr Theuern werdet wegen meiner Trennung von Euch mich nicht ſtrafbar, ſondern hoͤchſt bedauernswerth finden. In welch einer ſorgenvollen Lage muß ich Euch zu⸗ ruͤcklaſſen! Was ich zur Foͤrderung Eures irdiſchen Wohls that, das ſchlug mir fehl, das Gluͤck zuͤrnte mir, Den Jammer, 2 . 18 Euch in Armuth leiden zu ſehen, von wohlthätigen Menſchen Unterſtuͤtzung an⸗ nehmen zu muͤſſen, den konnte ich nicht ertragen. Der Schande, als ein ſchlechter Bezahler gefänglich verhaftet zu werden und als ein Gefangener eine Weile auf weine Loslaſſung zu harren, wollte ich mich nicht preis geben. Verdammt mich nicht, habt Mitleid mit mir. Denkt an meine Liebe, an die Beweiſe meiner Zärtlichkeit! Daß ich Euch nicht ſo gluͤcklich machen als ihr es verdientet, das war konnte, mein Schmerz. Es iſt mein Kummer, im Scheiden ein tröſtender Gedonke für mich, daß Workwich und ſein edler Bru⸗ der Robert in Jamaika Euch moglichen Beiſtand leiſten werden.— Mein Herz iſt zerriſſen, es ſchwimmt in Thränen! Lebt wohl! Das grauſame Schickſal reißt mich von Euch, ich muß fort, wir ſehen uns hier nicht wieder, aber dort!“ —— ———— „ 19 Lorenz Workwich eilte zu der ungluͤck⸗ lichen Wittwe hin. Sie wer verzweifelt, troſtlos und ſiel ihm in ſtummer Betäubung um den Hals, als ſie ihn erblickte. Endlich brach ihr Thränenſtrom hervor.„Ach,“ rief ſie aus,„mein armer Gatte, welch einen Schmerz hat er uͤber mich gebracht! Er war der edelſte, der beſte Menſch! Häͤtte ich nicht Mutterpflichten, ich folgte ihm nach; aber meine Kinder, die ungluͤcklichen Waiſen, feſſeln mich an ein Leben, das ich in Kum⸗ mer beſchließen werde.“ William und Eliſa⸗ beth lagen zu den Fuͤßen der Mutter, hiel⸗ ten ihre Knie umarmt und baten ſie mit Thraͤnen, nicht zu ſterben. „Euer Vater will ich ſeyn,“ ſprach Workwich tiefgeruͤhrt,„und gewiſſenhaft werde ich füͤr Euer Beſtes ſorgen. Die Liebe, die ich fuͤr Euern guten Vater hege, macht mir die Sorge fuͤr Euch zum heiligſten Geſeb.“ 20 Als es ausgemittelt war, wie armſelig Berkleis Vermögensumſtände waren⸗ als man die Gläubiger vefriedigt hatte, machte ſich Workwich zu einer ſo anſehnlichen Penſion anheiſchig, daß die Witzwe mit ihren Kindern ohne Nahrungsſorgen davon leben konnte. Seinem Bruder in Jamaika meldete er den Todesfall des von ihnen herzlich geliebten Berklei's, und dieſer ſchrieb:„Er ſey nicht nut geneigt, die beiden Waiſen zu ſich zu nehmen und ſie wie eigene Kinder erziehen zu laſſen, er wolle auch der Wittwe eine Unterſtuͤtzung gewaͤhren, daß ſie nie unter dem Drucke der Armuth ſeufzen ſolle.“ WVon den Kindern konnte ſich die Mut⸗ ter nicht trennen, ſie blieben bei ihr in Lon⸗ don, und durch die Guͤte der Freunde ihres hochgeſchätzten Gatten war ſie im Stande, den Unterhalt und die Erziehung derſelben auf's beſie beſorgen zu koͤnnen. Das freund⸗ liche, innige Verhaͤltniß mit Workwichs blieb unveraͤndert und wurde ein noch zärtlicheres, feſteres. Wochen lang war ſie in der ſchoͤnen Jahreszeit, wenn Workwichs ſich auf dem Landhauſe aufhielten, daſelbſt mit ihren Kin⸗ dern. Es war, als ob die vier Kinder einem Vater und einer Mutter angehoͤrten. Lieb und Friede her uſch te nte einen, nie trennte ſie ein Zwiſt. 1 Robert Workwich kam aus Jamaika, um ſeinen Bruder in London zu beſuchen. Eine zaͤrtliche Neigung, die er ſeit fruͤher Jugend fuͤr die ſchoͤne und lieben swürdige Berklei hegte, war, als er von dem Tode ih⸗ res Gatten, feines Freundes, Nachricht erhielt, in ihrer ganzen Stärke wieder in ihm erwacht. Suͤße Hoffnungen, in ein eheliches Verhält⸗ niß mit der Wiltwe zu treten, wurden in angefacht. Er ſagte zu ihr, daß er ſich r Kinder ſeines verſtorbenen Freundes wie ein Vater annehmen wollte. Feierlich that — 22 er ihr die Bitte, daß ſie ſeine Gattin werden moge. Die Wittwe uͤberraſchte ein ſolcher An⸗ trag, ſie erwiederte:„Durch die Guͤte meiner wohlthätigen Freunde bin ich alles Mangels überhoben und lebe in einer Art von Ueber⸗ fluß. Nichts darf ich meinen Kindern verſa⸗ gen, was zu ihrer Ausbildung gehört. Sie ſind mein hoͤchſtes Erdengluͤck. Beſitzen ſie auch kein zeitliches Gut, ſo wird es ihnen doch nie an den hoͤhern Guͤtern des Geiſtes und Her⸗ zens fehlen. Geſchworen habe ich's mir bei dem Tode meines Gatten, ihr Gemuͤth der Froͤm⸗ migkeit ganz zu heiligen. Was aber Ihren Antrag zu einer Verbindung mit mir betrifft, ſo muß ich ihn ablehnen, ſo annehmlich er mir auch in jeder Rückſicht erſcheint. Sie ſind der Freund meines verſtorbenen Gatten, mein Wohlthaͤter und wollen meinen Kindern ein Vater ſeyn. Wie ſollte ich Ihre Liebe, Ihr Vertrauen nicht hochachten! Wahrlich, * —— das beſte Herz traue ich Ihnen zu, und zweifle nicht, daß Sie mich und meine Kin⸗ der glucklich machen wuͤrden. Aber ewige Treue und Liebe habe ich meinem Gatten ge⸗ lobt, und ich muß ihm und mir Wort hal⸗ ten. Sein Bild ſteht immer vor meiner Seele und ich kann ihn nicht vergeſſen. Oft beweine ich ſeinen Verluſt. Die bitterſte Ar⸗ muth hätte ich ruhig mit ihm ertragen, ſein Tod hat mich nur ungluͤcklich gemacht. Kein Laſter, eine Schwäche mordete ihn, denn ſeine Seele war von jeder Suͤnde rein. Laſſen Sie mich einſam um ihn trauern, eh⸗ ren Sie meinen Schmerz, halten ſie mich nicht fuͤr eigenſinnig und— entziehen ſie uns Ihre Guͤte nicht.“ „Edles Weib,“ rief Robert aus,„wie es Wenige auf Erden giebt! Ich achte Ihre unausloſchliche Liebe gegen Berklei! Ich fuhte es, wie ſchwer es ihm werden mußte, ſich von einer ſolchen Gattin zu trennen! 24 Nein, ich bitte Sie nicht, mir Ihre Hand zu reichen. Aber das muͤſſen Sie mir ver⸗ ſprechen, daß Sie mir Ihren William nach Jamaika ſchicken wollen, wenn er erwachſen iſt. Auf eine Weiſe wenigſtens will ich ber ihm die Stelle eines Vaters vertreten. Wol⸗ len ſie das?“ „Hier haben ſie meine Hand,“ ſagte die Wittwe,„daß ich Ihnen zu ſeiner Zeit meinen William wie einen Sohn uͤbergebe und daß ich ſeiner Seele Liebe, Achtung und Vertrauen gegen Sie einpraͤgen will.“ Robert Workwich reifete traurig und ſinnig bald nach Jamaika wieder ab und be⸗ auftragte ſeinen Bruder, es der Berklei und ihren Kindern an nichts fehlen zu laſſen, er ſey gern erbötig, alle gemachten Auslagen zu erſetzen. Lorenz Workwich und ſeine Gattin achteten ſie nun um ſo hoͤher, da ſie's wuß⸗ ten, daß ſie aus Liebe zu ihrem entſeelten ſ 4 * . F 3 — — — 25 Gatten ein ſo glänzendes Gluͤck ausſchlug, was ihr angeboten wurde. Er meinte zwar, daß ſie's damit doch uͤbertreibe und daß ſie auch ihre Kinder hätte bedenken muſſen; aber ſie ſagte dagegen;„Ich wuͤrde, wenn Du ſtuͤrbeſt, nicht anders handeln. Wie waͤre in meinem Innern Raum fuͤr die Neigung zu dem zweiten Gatten! Sehr wichtige Grunde muß eine Frau yaben, die ſich zur zweiten Ehe entſchließt, wenn ich nicht von ihr glau⸗ ben ſoll, daß ſie den erſten Gatten wenig liebte, oder daß ſie leichtſinnig iſt. Wird ſie aber durch Noth und Armuth zu einer aber⸗ maligen Wahl gezwungen, dann bedaure ich ſie ſehr, ſie uͤbernimmt, um gegen großere Ue⸗ bel geſchuͤtzt zu werden, ein kleineres, das ihr immer an der Seele nagt, und ſie nie zu ei⸗ ner ungettuͤbten Freude kommen laͤßt. Die erſte Liebe iſt unſer Paradies und mit jener iſt auch dieſes auf ewig verſchwunden und keine Macht kann es zuruͤckrufen.“ 25 Die Ergotzlichkeiten und Zerſtreuungen einer ganzen Welt konnten Workwichs und Berklei's Kinder entbehren, wenn ſie nur bei einander waren. Das kleinſte Vergnuͤgen, was ſie gemeinſchaftlich genoſſen, war ihnen lieber als das großte, wenn von den Vieren Einer oder Zwei fehlten. Die Zeit, wo ſie beſonders auf dem Landhauſe waren, in dem großen, ſchoͤnen Garten und in der freien Natur umherſchwärmen konnten, war im Jahre ihr Feſt. Kein Zwiſt ſtörte dieſen wahrhaft kindlichen Verein. Sie waren alle gut, voll Liebe, und Einer achtete die Freude 6 des Andern hoͤher, als ſeine eigene. Sie bildeten ſich an einander. Fremde Kinder paßten nicht für ſie. William und Carl wa⸗ 3 ren die zärtlichſten Bruͤder, und Anna und* Eliſabeth die zärtlichſten Schweſtern. Sie alle aber waren durch das Bänd des Wohlwollens, der Gäte und Gefaͤlligkeit mit einander ver⸗ bunden. Anna, Workwichs Tochter, kleidete ſich burchaus nie anders als Eliſabeth, und — ₰ 27 Carl nahm kein Geſchenk von ſeinen Eltern an, was er mit William nicht theilen durfte. Von Armuth und Reichthum, von Wohlthun und Dank war unter ihnen nie die Rede. Es war ihnen ſo, als ob die Drei, Workwich, ſeine Gattin und die Wittwe Berklei, ihre gemeinſchaftlichen Eltern wären und ſie mach⸗ ten in der Behanblung ihrer Kinder auch gar keinen Unterſchied. Aber nun kam die Zeit, welche in jedem Menſchenleben eintritt, wo ſich in den Her⸗ zen der Kinder eine andere, ihnen bisher un⸗ bekannte Liebe, ein zärtliches Hinneigen, ein unbeſchreibliches Wohlgefallen, ein Seligfuͤh⸗ len in gegenſeitiger Nähe regte. Ihr Gluͤck ſtieg zu höhern Graben. Sie wurden ein⸗ ander unentbehrlicher, als bisher. William ging mit Annen in dem Garten gern allein, und Carl und Eliſabe'h waren gern ohne Zeugen. Was ſie einander ſagten, ſollte ein Fremder nicht hören. Bald verſtändigten ſie 28 ſich, daß ſie einander liebten. Mit ihrem Geheimniß, das ſie einander offenbarten, wa⸗ ren ſie jedoch gegen ihre Eltern verſchwiegen. Ueber den wahren Grund ihres Schweigens konnten ſie ſich ſelbſt keine beſtimmte Rechen⸗ ſchaft geben, da ſie doch ſonſt uͤberall ſo of⸗ fen und zutraulich waren. Aber jetzt trat in ibrem gluͤcklichen Verhältniß eine große Stoͤ⸗ rung ein, die ſie Alle in gleichem Grade ſchmerzhaft empfanden, Carl und William hatten das Alter er⸗ reicht, wo ſie ſich der Handlung im Großen weihen ſollten. Trennen wollte man die Ju⸗ gendfreunde nicht. Die Madam Berklei nahm es mit dem dankbarſten Herzen an, daß Workwich alle Ausgaben fuͤr ihren Sohn beſorgen wollte, daß er in allen Kenntniſſen eines tuͤchtigen Kaufmanns unterrichtet werde. William hatte Luſt zur Handlung, und ge⸗ ſchieden wollte er von ſeinem geliebten Carl auch nicht leben. — —————— 29 Als die Madam Berklei einſt mit ihren Kindern bei Workwichs war, ſagte Lorenz, als er ſich mit der Berklei ſchon verſtändigt hatte:„Da ihr euch Beide wie Bruͤder liebt, ſo ſollt ihr ferner noch in unzertrenn⸗ licher Verbindung mit einander leben. Wil⸗ liam, es iſt der Wille Deiner Mutter, daß Du mit Carln in Briſtol, bei meinem Vet⸗ ter Medem, mit dem ich euretwegen das Nö⸗ thige verabredet habe, das Ganze der Han⸗ dels⸗ und Waarenkunde kennen lerneſt. Auch in London bietet ſich dazu vielſeitige Gelegen⸗ heit dar; aber ich halte es aus vielen Gruͤn⸗ den fur beſſer, daß ihr auf etliche Jahre von euren Eltern entfernt lebt. Die nothigen Veranſtaltungen zu eurer Abreiſe ſollen in wenigen Tagen getroffen werden und ich glaube, daß ihr euch freudig und folgſam in unſere Anordnungen fuͤget.“ Der Vater, welcher ſeine ganze Aufmerk⸗ ſamkeit auf die beiden Juͤnglinge gerichtet 30 hatte, merkte es nicht, daß ſich die Geſichts⸗ farbe der Mädchen veränderte und ſie blaß vor Schreck wurden. Sie ſaßen neben ein⸗ ander, ergriffen unwillkuͤhrlich ſich bei den Händen, druͤckten und preßten ſie, als ob ſie einander den Schmerz kund thun und den Kummer mittheilen wollten, der in ihren Seelen plötzlich losbrach. Die Muͤtter wur⸗ den die Verwandlung wohl gewahr, die mit ihren Töchtern vorging und dieſe diente ih⸗ nen zu einem neuen Beweiſe, wie die Kin⸗ der ſich liebten. Es dauerte ſie gar ſehr, daß der herzliche Verein zerriſſen werden wuͤrde. Fruͤher hatte die Madam Workwich ihren Gatten dringend gebeten, Carln und William nicht aus London zu entfernen, weil man uͤber die Juͤnglinge eine ſpectellere Auf⸗ ſicht fuͤhren koͤnne. Er erwiederte:„Am Gäͤngelbanbe duͤrfen wir ſie nicht länger lei⸗ ten, es iſt Zeit, daß ſie das eigene Gehen lernen. Als ſie ſagte, wie bekuͤmmert ſie ſeyn werde, wenn ſie ihren Sohn nicht in — 5 ihrer Naͤhe hätte, antwortete er:„Er ſoll und darf nicht hier bleiben; wenn die Plane, die ich wit ihm habe, nicht ſcheitern ſollen, und Du wirſt Dich ihm doch nicht auf dem Wege zu ſeinem Gluͤcke, um Deiner uͤber⸗ triebenen Mutterzartlichkeit willen, als ein Hinderniß in den Weg ſtellen! Die Kinder muͤſſen getrennt werden, damit ihre Liebe nicht einen andern Charakter gewinnt und aus dem Scherze ein Ernſt wird, der mich ſehr betruͤben wuͤrde. Wir gebrauchen unſere Vernunft, wenn wir möglichen Uebeln vor⸗ beugen, und ſind dann, wenn ſie uns treffen und wir ſie fruher nicht von uns wieſen, als Thoren nicht zu beklagen.“ Sie ſchwieg und erlaubte ſich keine Bitte und Gegenvorſtellung mehr, denn ſie wußte es aus alter Erfahrung, daß Lorenz von ſeinen gefaßten Beſchluͤſſen ſo leicht nicht abzubringen war. ———————— 32 Als die Juͤnglinge beide ſchwiegen und ihm keine Antwort gaben, als er ſogar wabhr⸗ nahm, daß Carl nach Eliſabethen hinblickte, und ſein Auge auf ihr länger verweilte, ſagte er zu ſeinem Sohne mit ernſter Miene: „Wenn es mein Wille iſt, daß Du mit William nach Briſtol gehſt, ſo darfſt Du die Erlaubniß dazu von keinem Geſichte leſen. Der Vater will das Beſte ſeines Sohnes, und dieſer folgt ihm ohne Weigern. William iſt vernuͤnfrig, er ſieht ein, was zu ſeinem Gluͤcke dient und wird ſich nicht weigern. Gewiß ehrt er die heilige Pflicht, ſeiner gu⸗ ten Mutter Troſt und Freude zu ſchaffen, ſo viel er vermag. Ihr wollt doch nicht in der Heimath wie auf einem Neſte fortbruͤten? Ein Jüngling muß hinaus in's Weite flie⸗ gen, damit er Menſchen kennen lernt, ſich pildet und abſchleift und zu gehorchen weiß. Fehlt's euch auch an Neugierde?“ „Vater,“ erwiederte Carl,„wet von ———————— 5—„ uns hat ſich denn geweigert, auf Deinen Befehl nach Briſtol zu gehen? Dein Wille iſt uns heiliges Geſetz. Aber ware es denn ein Un⸗ recht, wenn uns die Kindesliebe ſo an das Elternhaus gefeſſelt hätte, daß wir ungern von jhm loslaſſen? Wäre es nicht Leichtſinn, verriethe es nicht ein Gemuͤth ohne Liebe und Dank, wenn es uns ſo leicht wuͤrde, un⸗ ſern gewohnten Aufenthalt gegen einen uns gewohnten zu vertauſchen? Ach, in dem al⸗ ten Neſte ſitzt ſich's ſehr zut und warm, die Eltern breiten ihre Fluͤgel uͤber daſſelbe aus, daß den Jungen kein Unfall begegne. Was wir in Briſtol lernen ſollen, wäre das in London nicht auch zu erlernen? Ach, und eine Abgeſchliffenheir, die oft auf Unkoſten hö⸗ herer Guͤter erkauft wird, iſt viel zu theuer bezahlt! Kannſt Du doch die hoͤflichen, ar⸗ tigen Maͤnnerchen auch nicht leiden, die Schminke im äußern Weſen, Honig auf der Zunge tragen, und arm an biederer Tugend ſind.“ 3 —— —*. 34 „Lieber Carl, in vſelen Stuͤcken haſt Du Recht,“ ſagte der Vater,„und ich lobe Dich deshalb; aber ich habe es mit der Ma⸗ dame Berklei feſt beſchloſſen, daß ihr nach Briſtol geht, und ihr werdet euch fuͤgen. William, nicht ſo voͤllig wie uͤber meinen Sohn, habe ich uͤber Dich zu gebieten, ſey ofſſen und ſage, wozu haſt Du Dich ent⸗ ſchloſſen?“—„Wenn meine Mutter ſchon entſchieden hat,“ erwiederte er,„wenn mir es von ihrer Guͤte geſtattet wird, mich von meinem Carl nicht zu trennen, ſo gehe ich.“ „ Den beiden Mäbchen traten bie Thra⸗ nen in die Augen, ſie ſtanden auf, um ſich zu entfernen, und Workwich ſagte zu ihnen: „Liebe Kinder beruhigt euch, daß ihr von euern Bruͤdern getrennt werdet, Briſtol liegt ja nicht in van Diemens⸗Land, ihr ſollt ſie alle halbe Jahre wieder ſehen. Die Ferien ſind ſchon beſtimmt. Fremd werden ſie uns nicht werden.“—„Vater,“ ſo flehte Anna, . —— —.* —— 35 „laß Carln hier.“—„Wohin William geht,“ ſprach Lorenz,„dahin folgt ihm Carl nach. Ein Vater kann ſeinen Kindern nicht jede Bitte erfuͤllen, zuͤrne deshalb auf mich nicht.“ Die Maͤdchen entfernten ſich und die Juͤnglinge folgten ihnen bald nach. Wei⸗ nend fielen ſie emander in die Arme und be⸗ klagten ſich uͤber ihr trauriges Geſchick. „Ach,“ ſagte Carl voll Unmuth,„der Vater allein iſt der Stifter unſerer Pein! Hat er es denn nie gefuͤhlt, was das ſagen will, Herzen, die ſich ſo innig lieben, von einan⸗ der reißen? Muͤßte ihn unſere Trauer nicht ruͤhren?“—„Carl,“ ſagte Anna zu dem Bruder,„verkenne den Vater nicht, er meint es gut. Er hat höhere Abſichten und kann auf unſere Wuͤnſche keine Ruͤckſicht nehmen. Weiß er's denn, wie theuer wir einander ſind? und kann denn die weiteſte Entfer⸗ nung die Liebe in unſerer Bruſt erloſchen? Wird ſie nicht eben dadurch genährt und ver⸗ * groͤßert? O, wie guͤtig iſt der Vater, er ſprach von Ferien, von Wiederſehen! Und wer wird es uns wehren, wenn wir unſere Gedanken und Gefuͤhle einander, ſo oft es geſchehen kann, ſchtiftlich mittheilen! Wir wiſſen es Alle nicht, ob uns das weiſe Schick⸗ ſal durch dieſen erſten Schmerz nicht auf andere Leiden vorbereiten will. Laßt uns Geduld und Ruhe, Ergebung lernen, damit uns dieſe Tugenden zu einer Zeit nicht feh⸗ len, wo wir ihrer gar ſehr beduͤrfen. O, ich ahne es, das Schiff unſeres Gluͤcks laͤuft nicht ohne Sturm und Klippen in den Ha⸗ fen. Nur das Ruder der Hoffnung laßt uns dann nicht verlieren, das Licht des Glaubens muͤſſe nicht verlöſchen und der Felſen unſerer Treue nicht wanken. Meie Seele iſt ſehr aufgeregt, verzeiht, daß ich bil⸗ derreich, faſt wie unſete Poeten rede.“— „Anna, Du haſt wahr und hertlich geredet“ ſagte William, indem er ihr zartlich die Hand druͤckte, und mit größerer Ruͤhrung in 37 ihr großes, thraͤnenvolles Auge ſah,„und faſt zweifle ich nicht, daß Deine Prophezei⸗ hung in Erfuͤlung geht, dann aber muͤſſe der Felſen unſerer Liebe und Treue nicht wanken. Mir ſcheint es ſo, der Vater ahnet unſere Liebe, ob er's auch mit keiner Miene noch verrathen hat, und abſichtlich ſucht er uns zu trennen um ihre Flamme zu loͤſchen. Aber ſeinen Zweck wird er nicht erreichen · Was ſo im Herzen feſtgewurzelt iſt, als meine Neigung zu Dir, Du koͤſtliche Anna, das rottet ein Menſch nicht aus Wer die Wurzel autreißt, der zerreißt mir das Herz.“ Schweigend umarmte Anna ihren Wil⸗ liam, und dankte ihm fuͤr ſolche Zärtlichkeit. Auch ſie gab ihm wiederholentlich das Ver⸗ ſprechen einer Liebe, die uͤber allen Wandel der Zeit und menſchliche Verhältniſſe unend⸗ lich erhaben ſey.„Mit meinem Leben,“ ſagte ſie,„iſt die Neigung zu Dir auf's in⸗ nigſte verwachſen, jenes muͤßte aufhören, — ————— 38 wenn dieſe nicht fortbeſtehen ſoll. Und waͤre es, daß der Vater, der Dich wie ſeinen ei⸗ genen Sohn ſchaͤtzt, Dir darum meine Hand verſagte, weil Du nicht reich an Golde biſt, Wilam, ſo gehen wir uͤber's Meer zum Onkel Robert, der nimmt uns auf in ſeine Arme und verſoͤhnt mit uns den zuͤrnenden Bruder“—„Nein, nein, meine Anna,“ ſagte Wilam,„flehen mit Dir, das werde ich nie. Des Vaters Fluch bauet den Kin⸗ dern keine Haͤuſer! Undankbar koͤnnte ich an meinem Wohlthaͤter nicht handeln! Der Eheſtand, der mit einem Verbrechen erzwun⸗ gen wird, fuͤhrt wahrlich nicht zum Gluͤck. Der Onkel Robert nähme uns als ſuͤndhafte Fluͤchtlinge auf und wuͤrde ſolche Schuldige, die aus Leidenſchaft die heiligſte der Pflichten verletzten, in ſeinem Hauſe nicht dulden O, laß das Schickſal walten, es iſt gutiger und weiſer als wir's denken, und durch unſern Eigenwillen ihm nicht eine Ruthe in die — Hand geben, womit es die Vermeſſenen zuͤchtigt.“ Indeß ſich William und Anna an ein⸗ ander aufrichteten und ihre Achtung gegen feine Tugend ſich in Anna's Seele zu hö⸗ hern Graden erhob, waren Carl und Eliſa⸗ beth beim Anſchauen ihrer baldigen Trennung in den groͤßten Schmerz verſunken. Sie hat⸗ ten fuͤr einander kernen Troſt. Eine verhäng⸗ nißvotle Dunkelhett umhuͤllte ſie, in die ſie mit Furcht und Bangigkeit hineinblickten. Sie fuͤrchteten ſogar, wenn ſie auch um die Fort⸗ dauer ihrer Liebe unbeſorgt waren, daß ſie einander nie wieder ſehen wuͤrden. Sich halbe Jahrelang einander nicht zu ſehen das achteten ſie fuͤr ein unertraͤgliches Leiden. PTraurige Nothbehuͤlfe, die nur von Neuem Wunden aufriſſen, ohne ſie zu heilen, nann⸗ ten ſie die Briefe, die ſie woͤchentlich an ein⸗ ander ſchreiben wollten. Selbſt William und Anna vermochten es nicht, ſie zu beruhigen, —— 40 und Carl fuhr mit den Worten heraus, als Anna ihn ſeiner tiefen Trauer wegen tadelte: „Du kaltes Herz, koͤnnteſt Du ſo lieben, wie wir uns lieben, ſo wuͤrdeſt Du eine ſolche Sprache nicht fuͤhren! Wir beneiden Dir wahrlich Deine Ruhe nicht; aber ehre auch unſern Schmerz.“ Lorenz Workwich hatte nichts dagegen, daß die Kinder in den letzten Tagen unzer⸗ trennlich bei einander waren; aber er glaubte auch um ſo mehr, daß es klug und gut ſey, wenn ihr Verhältniß nicht weiter fortbeſtehe. Mit ſeiner Gattin, die ſich wider den Auf⸗ enthalt ihres Sohnes in Briſtol deutlich er⸗ klärt hatte, ſprach er uͤber das Kapitel kein Wort. Die beiden Juͤnglinge aber hatten es beſchloſſen, am Morgen ihrer Abreiſe ihren Muͤttern das Geheimniß ihrer Liebe zu ent⸗ decken, auch aus dem Grunde, damit ſie deſto * 41 ſicherer den verabredeten Briefwechſel unter⸗ halten konnten. Als Carl ausgeredet und erklaͤrt hatte, er werde ſich me, me zur Wahl einer andern Jungfrau entſchließen, ſo wie er auch auf's feſteſte von Elifabeths Treue uͤberzeugt ſey, ſagte ſie im ſanften, muͤtterlichen Toner 1.„Sehe ich auf Eliſabeths Tugend, auf ihren reinen, ſchuldloſen Sinn, laſſe ich mich von der Hoffnung beſtimmen, die ich von ihrem wahrhaft frommen Gemuͤthe gefaßt habe, dann, mein Sohn, muß ich Deine Wahl biligen und kann als Mutter keine andere fuͤr Dich wuͤnſchen. Ach, wie wenige Maͤd⸗ chen haben den herrlichen Gehalt, den ich bei Eliſabeth finde! Durch ihren Mangel an 66ottesfurcht, durch ihre Unbekanntſchaft mit der Religion, durch ihre Eitelkeit und Ge⸗ fallſucht, durch ihre Phantaſien, die durch ein Heer von Romanen genaͤhrt und befeuert werden, treffen ſie alle Vordereitungen, ſich und ihre Gatten ungluͤcklich zu machen. In einer beſſern Schule als in der großen Welt iſt⸗Eliſabeth erzogen, und durch das Beiſpiel einer edeln Mutter gebildet, die ſelbſt das Muſter einer guten Gattin war. Aber, mein Carl, Du weißt nicht, ob Dein Vater mit Deiner Wahl einverſtanden iſt, und der hat dabei doch ein großes Wort zu reden, Du wirſt es nicht uͤberhoͤren. Verhalte Dich in Briſtol ruhig, lege Deine Wuͤnſche und Hoff⸗ nungen in die Hand der weiſen Vorſehung, wie Keime, ſollen ſie gedeihen, ſo wird ſie gůtig dafuͤr walten. Du weißt auch nicht, was ſich in mehrern Jahren ereignen kann, Guͤnſtiges oder Unguͤnſtiges, das von Dir nicht abhaͤngt, was Du nicht herbeifuͤhren und ablenken kannſt. Ich rathe ſchw ige von Deiner Liebe gegen Deinen Vater und — empoͤre ihn gegen Dich nicht.“ Das Geſpräch mußte hier abaebrochen werden, da Workwich ſeinen Sohn rief. ————— 43 William war reiſefertig bei ihm. Ehe er die Juͤnglinge zum Abſchiednehmen in das Ne⸗ benzimmef fuͤhrte, wo die Murter mit ihren Toͤchtern verſammelt waren, welche faſt alle in ſtummer Betäubung daſaßen, ſagte der Vater zu den beiden Juͤnglingen, mit allen Zeichen der Herzensruͤhrung:„Die maͤnn⸗ lche Faſſung, in der ich euch in der ernſten Stunde unſerer Trennung erſcheine, werdet ihr nicht fuͤr Kaͤlte und Gleichguͤltigkeit ach⸗ ten. Ihr kennt von mir andere Zeichen der Liebe, als Thränen und Seufzer. Unver⸗ meidliches, Wohlthätiges ertraͤgt der Mann gelaſſen und ruhig. Ich bin es feſt uͤber⸗ zeugt, euer Aufenthalt in Briſtol iſt der heil⸗ ſamſte fuͤr euer ganzes Leben. Den Haͤnden meines Freundes, eines ausgezeichneten Man⸗ nes, der ein chriſtlicher Familienvater, bei ſei⸗ ner ausgebreiteten Kenntniß und Geſchicklich⸗ keit, im beſten Sinne iſt, uͤbergebe ich euch mit unbeſchränktem Vertrauen. Wie ſeine Soͤhne wird er euch aufnehmen, wie einen * . 44 Vater ſeht ihn an. Der ruͤhmlichen Schilde⸗ rung, die ich ihm von euch gemacht habe, werdet ihr voͤllig entſprechen. So fromm wie er iſt ſeine Familte, und Laſter und Sünde findet keine Herberge in ſeinem Hauſe. Der klügſte, gebildetſte Menſch, ohne ein tu⸗ gendhaftes Gemüth, iſt ihm der verächtlichſte.“ „Und nun noch einige goldne Regeln mit auf den Weg, die ihr euch unausloſchlich in die Seele druͤcken muͤßt. Blebt eurer Religion und eurem Glauben mit feſter Treue ergeben, ehrt ihr Geſetz und leiſtet ihm wiligen und aufrichtigen Geborſam. Die Nichtachtung derſelben iſt der ſicherſte Weg⸗ weiſer in's Verderben. Ohne ſie ſeyd ihr Elende, Vfraͤchtliche, Ungluͤckliche, und wenn ruch Kunſt und Wiſſenſchaft ſchmuͤckte und ihr durch Sittenfeinheit bei den Menſchen noch ſo beliebt waͤret. Betet oft zu Gott und vergeßt den Allgegenwaͤrtigen, den Ge⸗ rechten, den belohnenden und ſtrafenden Rich⸗ ————————— 45 ter nicht. Beherrſcht eure Sinnlichkeit, traut ihren Lockungen nicht, flieht das Gift der Wolluſt, haltet euch nicht zu boͤſen Geſellen. Ein unerlaubtes Vergnuͤgen fuͤhrt zur Reue, und ſein Genuß zerſtoͤrt den Frieden der Un⸗ ſchuld, der durch keine Art der Beſſerung wieder zu erkaufen iſt. Einer veredle den Andern, Einer ſey der fromme Rathgeber des Andern. Kehrt ihr dann belehrter, aber auch vollkommner in der Tugend zuruͤck, dann dröcke ich euch freudig an mein Vaterherz und die Sorge fuͤr euer irdiſches Gluͤck ſoll mir die theuerſte ſeyn. Und nun geht in dem Namen Gottes, deſſen Schutze ich euch in meinem taͤglichen Gebete anempfehle, und bewahrt mir eure Achtung und Liebe““— Workwich kuͤßte ſie und fuͤhrte ſie an ſeinen Haͤnden in das Zimmer der Mütter und Schweſtern. „Ich bin mit unſern Söhnen fertig,“ ſagte er,„ſie kommen, um Abſchied von euch . v e —— 46 zu nehmen. Erſchwert ihnen das Herz durch vergebliche Klagen und Thraͤnen nicht. Der Wagen wattet auf ſie, ein langes Verweilen verlaͤngert nur den Schmerz der Trennung.“ William war weit gefaßter als Cark; als dieſer ſeine Mutter und Schweſter um⸗ armt hatte, und Elifabeth Berklei die Hand reichte, brach er in lautes Weinen aus. Er konnte kein Wort reden. Wie verſteinert ſtand er da. Der Vater mußte ihn aus dem Zimmer fuͤhren. Als der Wagen vorgefahren war und Workwich zuruͤck kam, fand er Eli⸗ ſabeth in Ohnmacht und die Muͤtter waren veſchäͤftigt, ſie wieder zu ſich ſelbſt zu brin⸗ gen.„So ſchwach,“ ſagte er,„hätte ich mir Carln doch nicht gedacht. Man kann es auch mit der Liebe und dem Schmerze uͤber⸗ treiben. Eliſabeth muß auch ganz anders werden, ſonſt taugt ſie fuͤr ein Leben nicht, wo es an heftigen Erſchuͤtterungen nicht fehlt. Es giebt hier nicht bloß Roſen, auch v. ——— 47 Dornen ſtechen uns. Liebe Berklei, ſuchen Sie ja den Fehler einer zu großen Empſind⸗ ſamkeit, den Ihre Tochter hat, zu verbeſſern. Sehen Sie dagegen meine Anna.“ Niemand antwortete ihm ein Wort, und mit einer Art von Mißmuth verließ er die Frauen. Um ſich zu zerſtreuen, wollte er heute nach ſeinem Landſitze fahren, ſogar al⸗ lein, wenn keiner ihn begleiten wollte. Eliſabeth erhielt ihr Bewußtſeyn wieder. Thraͤnen ſtuͤrzten über ihre Wangen. Sie ſprach die Worte:„Grauſames Schickſal, womit habe ich den Schmerz verdient, den Du mir bereiteſt!“—„Kind, faſſe Dich,“ ſagte die Mutter tröſtend,„und nenne eine wohlthätige Fuͤgung nicht graufam. Ehre ſie als ein großes Gluͤck, was Deinem Bruder begegnet.“—„Ach, ich kann mich nicht verſtellen,“ ſagte ſie,„ich kann mein Geheim⸗ niß nicht länger zuruckhalten, ich muß auf⸗ — 48 richtig ſeyn. Mutter, ich liebe Carln mehr als Williom, Mutter, ich liebe ihn mebr als mein Leben. Es iſt, als ob tauſend Dolche in meinem Herzen wuͤhlten! Es iſt unmoͤg⸗ lich, daß ich die Trennung von ihm ertrage. Wie Anna ſo ruhig daſteht, als ob ihr kein Unfall begegnet wäre, das iſt mir unbegreif⸗ lich. Anna, Anna haſt Du kein Herz, keine Liebe, kein Gefuͤhl?“ „Meine liebe Eliſabeth,“ ſagte die Mut⸗ ter im ſanften Tone,„wirklich, Du ubertreibſt Deinen Schmerz. Du tabelſt unſere Ruhe, und haben wir mit Dir nicht Gleiches erlit⸗ ten? Wie aber kann Dich der Abſchied von Carln ſo auszeichnend ſchmerzen! Er ſteht mit Dir in keiner andern Verbindung, als der eines jugendlichen Freundes. Thuſt Du doch, als ob er durch unauflösliche Bande mit Dir verbunden wäre!“—„Ja, Mut⸗ ter, das iſt er! Ewige, treue Liebe haben wir uns gelobt, und ſo auch Wihiam und ————— —.— — 49 Anna. Ach, doß ich nicht ſe kalt ſeyn kann wie die!“ „Und was richteſt Du vurch Deine Selbſtveinigungen aus?“ ſagte die Madame Workwich.„Kannſt Du Carln, den Du uͤber Alles liebſt, an Dein Herz zuruͤckführen? Durch Sturm und Unruhe erzwingt es der Menſch nicht, daß ihm ſein Gluͤck erſcheine, er macht ſich ſelbſt ungluͤcklich, wenn es ihm nicht erſcheint. Wiſſe, Mäßigung der zärt⸗ lichſten Neigungen, das iſt die erſte Pflicht einer Jungfrau. Du rechneſt auf's Gewiſſe, Du denkſt, es könne Dir nicht fehlen. Ach, meine liebe Eliſabeth, der kommende Augen⸗ blick zerſtört oft die Bluͤthe unſerer Hoffnun⸗ gen und Wuͤnſche, die uns jetzt noch entzuͤck⸗ ten. In dem wandelbaren Leben läßt ſich mit Sicherheit nichts erwarten. Es giebt kein Gut außer uns, was uns nicht genom⸗ men werden koͤnnte. Suche Dir ſelber ge⸗ nug zu werden, bleibe Deiner Vernunft mäch⸗ 4 50 tig, richte Deine Blicke nach oben, faſſe Ver⸗ trauen zu dem Allgütigen, und was er Dir giebt und wie er's giebt, das nimm als Gabe ſeiner Huld an. Ich weiß es wohl, daß mein Carl Dich liebt, und ich tiebe Dichz barum bitte ich Dich, daß Du Dich in ver⸗ geblichem Schmerze nicht aufteibſt. Sey ja vorſichtig mit dem Geheimniß Deiner Liebe, es konnte wohl ſeyn, daß es von gewiſſen WMenſchen nicht gut gedeutet wuͤrde. Ich wunſche Dich bald anders und ſo zu ſehen, wie meine Anna, die einen gleichen Schmerz ſtiller und gelaſſener ertraͤgt und gewiß nicht ohne Herz und Liebe und kalt iſt, wie Du's wähnſt.“ Die Wogen der Umuhe hatten ſich ge⸗ tegt, der äußere Friede war zuruͤckgekehrt, als Workwich erſchien und die Muͤtter und ⸗ Töchter zu einer Spazierfahrt nach ſeinem Landhauſe einlud. Sei gutiges Anerbieten wurde mit Dank angenommen, da man die ————— 51 „ liebreiche Abſicht nicht verkannte, die er da⸗ mit verband. Sie fuhren Alle in eine(m großen Wagen. Als London ihnen im Ruͤ⸗ cken lag und er's merkte, daß man abſichtlich der Trennung von den beiden Juͤnglingen nicht erwaͤhnte, fing er zuerſt alſo an:„Mir iſt doch recht bange um's Herz, daß ich Carln und William nicht mehr bei mir habe. Sie gehoörten recht eigentlich zu meiner Freude. Es iſt wahrlich kein kleines Opfer, was ich ihnen bringe, daß ich ſie von mir ließ. Moͤchte es nur recht erkannt werden! In die Fremde mußten ſie, um einen andern Ton, um ſich ſelber fuͤhren zu lernen, um die Probe zu machen, ob ihre Grundſätze feſt ſind und ſich ſelber zu behaupten, darum ent⸗ fernte ich ſie von London. Ich weiß, ſie ſind in guten Haͤnden. Eben ſind ſie abge⸗ reiſet und ſchon muß mich die Hoffnung, ſie wieder zu ſehen, troͤſten. Haltet mich nur nicht fuͤr fuͤhlos und hart, ich bin es wahr⸗ lich nicht, nur das kann ich nicht leiden, daß * man zu laut und heftig ſeinen innern Schmerz aͤußert. Welch eine Scene, wenn wir Alle wie unſere Eliſabeth waren!““— Das Maͤd⸗ chen faßte ſeine Hand, eine Thräne glaͤnzte ihr im Auge und ſie ſagte:„Zuͤrnen Sie mir nicht, ich will mein Gefuͤhl bekämpfen und vernünftiger werden. Ein ungewohnter Schmerz greift in's Mark der Seele. Un⸗ empfindlichkeit iſt doch an einem Mäͤdchen keine Tugend und das rechte Maaß der Ge⸗ fuͤhle und die Weiſe, ſie zu äußern, läßt ſich ſchwer abmeſſen.“ Gutmuͤthig und leicht verſoͤhnt, wie der wackere Workwich war, krgriff er Eliſabeths Hand, als ob er ihr eine zugefuͤgte Beleidi⸗ gung abbitten wollte und ſprach:„Liebes Kind, Du biſt ja ſonſt ſo gut, wie koͤnnte ich boͤſe auf Dich ſeyn! Denke nicht mehr daran, wenn ich gegen Dich harte Worte ſprach, Du weißt, doß ich's ſo nicht meine.“ 53 Die Madame Berklei hatte mit ihrer Tochter eine ſehr wichtige Unterredung, als ſie wieder mit ihr allein war. Sie fand es zwar ganz natuͤrlich, daß ſie Carln liebte, der kein alltäglicher Juͤngling war und ſich durch Schoͤnheit und vorzuͤgliche Eigenſchaften des Herzens auszeichnete, der ihr mit zaͤrtlicher, bruͤderlicher Neigung ergeben war, aber ſie warnte ihre geliebte Eliſabeth, nicht gewiſſe Hoffnungen zu faſſen, ihrem Glauben nicht zu vertrauen, um ſich die Moglichkeiten zu denken, daß Alles ganz anders kommen koͤnne, als ſie es wuͤnſchte. Das beſte Menſchenherz ſey ein veränderliches, ſie koͤnne fuͤr das ihre ſelbſt nicht ſtehen, die Zukunft geſtalte vieles durchaus nicht ſo, als wir es uns in der Gegenwart traͤumten. Es walte eine un⸗ ſichtbare Macht, die unſer Schickſal nicht ſo beſtimme, wie wir es uns träumten.„Der Nachen,“ ſagte ſie,„den wir mit den theuer⸗ ſten Guͤtern unſeres Lebens befrachten, ſchwimmt auf einem wellenvollen Meere; ob F 54 ihn die Wogen an einer Klippe zerſchmettern, oder ihn in einen ſichern Hafen bringen wer⸗ den, das iſt unſern Blicken verborgen. Wir werden von Hoffnungen und Zweifeln getra⸗ gen, und der iſt weiſe, der mit Gewißheit auf nichts bauet.“ Aber dieſe Lehren der Mutter, die ſie in der Schule harter Pruͤfungen geſammelt hatte, machten auf das jugendliche Herz nur einen ſchwachen Eindruck, welches ſeinen Wuͤnſchen vertraute und an ſeine Hoffnun⸗ gen glaubte.. Faſt unzertrennlich waren die beiden Maͤdchen bei einander, ſie trauerten und be⸗ ruhigten ſich. Geſellige Zerſtreuungen ver⸗ mieden ſie und fuͤhrten ein ſolches einſiedleri⸗ ſches Leben, daß ſich ihre Bekannten uͤber ſie wunderten und ſie Veranlaſſung zu man⸗ chem Spott und witzigen Deutungen gaben. Mit ſteigender Sehnſucht erwarteten ſie mit ₰. —————————— 55 dem erſten Poſttage Briefe von ihren Gelieb⸗ ten, und wie unruhig, wie angſtvoll wurden ſie, als keine ankamen. Aber in lauten Ju⸗ bel brachen ſie aus, als die Madam Workwich auf ihrem Zimmer erſchien und ihnen zurief: „Briefe von William und Carl!“ Sie ſchil⸗ derten den Schmerz ihrer Trennung, ſprachen von ihrer Liebe, erzaͤhlten Weniges von ihrer Reiſe und von der freundlichen Aufnahme in dem Hauſe des Herrn Medem. Nur die Hoffnung des Wiederſehens nannten ſie die Sonne, die die Nacht ihrer Traurigkeit er⸗ leuchtete und Fluͤgel wünſchten ſie der Zeit, um die Ruͤckreiſe nach London bald antreten zu köͤnnen. William ſprach auch mit weni⸗ gen Zeilen von der funfzehnjäͤhrigen Tochter des Herrn Medem, welche auch Eliſabeth heiße, aber ihm nur zum Schattenbilde diene, um ihn deſts lebhafter an ſeine herrliche, un⸗ vergleichliche Anna zu erinnern. Beide Maäd, chen konnten vor Rährung und Thränen, die ihnen in den Augen ſtanden, die Schrift ————— — 56 kaum leſen, Freude und Schmerz kämpfte in ihnen und eine größere Sehnſucht, die ſie nach den Geliebten binzog, war in ihnen ge⸗ weckt. Ein guter Theil der Nacht verfloß, in der ſie mit dem zärtlichſten Antwortsſchreiben veſchäftigt waren und die Pein, die ſie em⸗ pfanden, mit den dunkelſten Farben dar⸗ ſtelten.* Am Schluſſe des erſten halben Jahres ethielt Workwich von ſeinem Freunde Me⸗ dem die ruͤhmlichſten Zeugniſſe von den bei⸗ den Juͤnglingen. Mit ihrem wahrhaft muſter⸗ haften Betragen war er hoͤchſt zufrieden und ſagte:„Wenn ich Keinen dem Andern in Hinſicht der Herzensguͤte vorziehen kann, ſo muß ich's doch eingeſtändig ſeyn, das Wil⸗ liam in Hinſicht der Geiſtesanlage, des Ta⸗ lentes uͤber Carln ſteht. Der wird ein ſehr kluger Kaufmann werden. Aber wie demuͤ⸗ thig, wie beſcheiden, wie gutig iſt er gegen ſeinen Freund, er thut darum langſamere —— 57 Schritte, um dieſen nicht zuruͤckzulaſſen und faßt ihn liebreich bei der Hand, um ihn mit ſich zu fuͤhren. Du haätteſt fuͤr Deinen Sohn nichts beſſeres thun koͤnnen, als daß Du ihm dieſen William zum Geſellſchafter gabſt. Bewährt ſich der Charakter des jun⸗ gen Menſchen in der Folgezeit eben ſo, und hält er Probe, ſo habe ich, unter uns ſey es geſagt, mit ihm beſondere, und wie ich glaube, fuͤr ihn recht väterliche Abſichten. Er iſt ein Juͤngling, wie ich mir in der Idee meinen kuͤnftigen Schwiegerſohn gemalt habe. Meine Tochter iſt ihm nicht abgeneigt. Kann er ſie lieben, ſo wäre ſein Gluͤck ge⸗ macht. Seine Tugenden wiegen mir mehr, als wenn er die großten Reichthuͤmer haͤtte. Wohl dem Vater, der ſeiner Tochter eine an⸗ ſehnliche Mitgift zu geben im Stande iſt, und nicht fragen darf, wenn ihre Neigung in der Wahl eines Gatten entſchieden hat, ob er ihr auch Brodt geben kann! Kann ich meine Geſchaͤfte ſo ſtellen, ſs begleite ich 58 die Juͤnglinge Michaelis zu Dir und bringe vielleicht meine Gattin und Tochter mit ꝛc.“ Dieſes Schreiben machte Workwich un⸗ gemeine Freude. Welch em glücklicher Mann konnte dieſer William werden, wenn er fort⸗ geſetzt des Beifalls des wohlhabenden und hoͤchſt ſchätzbaren Medems wuͤrdig ſich erhielt! Als Gatte der Eliſabeth Medem, wenn die Jungfrau ihm nur gefiel, war ſeine⸗ Zukunft geſichert, ſeine Verſorgung gewiß und er hatte äberdies das unſchatzbore Vergnugen, die Seinen auf alle Weiſe unterſtuͤtzen, ja, ſie in ſeinem Hauſe zu Btiſtol aufnehmen zu kön⸗ nen. Was doch ein kluger, gewitzter Kopf, ein liebevolles Herz, ein beſcheidenes, einneh⸗ mendes Weſen fuͤr eine Mocht uͤver die Menſchen übt, ſagte Lorenz zu ſich ſelbſt, welche Freunde und Goͤnner es weckt, welche Achtung und welches Vertrauen es in den Seelen erzeugt! O, ihr großen Dummlinge, ihr hochmuͤthig daher fahrenden Juͤnglinge, „ 1— —,——— * 7 —— . . 39 „ die ihr von Stolz und Uebermuth, von Grob⸗ heit und Unart, von Selbſtduͤnkel und After⸗ „wiſſen ſtrotzt, wie thut ihr doch Alles, die ₰ Verſtän wigen von euch zu ſcheuchen, die Ge⸗ muͤther euch abgeneigt zu machen, und euch ſelber am meiſten zu ſchaden. Leget eure Narrheiten ab, laßt euch warnen, ehe die Zuchtmeiſterin Erfahrung ihre Seth thode an pr aktiſch ubt. Wenn Workwich die Aeußerungen der Liebe, welche ſeine geliebte Anna bei mehrern Gelegenheiten gegen Berklei vertieth, mit welchen auch dieſer nicht heimlich war, fuͤr weiter nichts hielt, als das kindliche Wohl⸗ wollen, welches jugendliche Seelen fuͤr einan⸗ der empfinden, ſo beſorgte er doch, daß die⸗ ſes Wohlwollen den Charakter einer ernſten, leidenſchaftlichen, nicht leicht zu bekaͤmpfen⸗ den Liebe annehmen könne, wenn die beiden jungen Leute einige Jahre älter geworden wären. Und es lag nicht in ſeinem Plane, 60 daß William der Gatte ſeiner Tochter wuͤrde. Ohne daß er ſich's ſo recht deutlich bewußt war, wuͤnſchte er's doch, daß ſie die Gattin des Sohnes einer angeſehenen Familie in London wuͤrde. Der Selbſtmord Berklei's hatte auf ſeine Hinterbliebenen, ſo rein von aller Schuld ſie auch waren, doch einen nach⸗ theiligen Schatten geworfen, welcher nicht wieder verſchwinden wollte; ihre Armurh und die Nothwendigkeit, daß ſie Unterſtützungen annehmen mußten, mochten ſie zwar zum Gegenſtande des Bedauerns, aber ſie lebten doch auch in einer oͤfſentlichen Nichtachtung, die er mit ihnen durch die Verbindung ſei⸗ ner Lochter mit dem jungen Berklei nicht theilen wollte. Uebrigens hatte er gegen den Juͤngling nichts, den er wie ſeinen Sohn ſchaͤtzte, und den trefflichen Medem ehrte er darum noch mehr, weit er ihn wirklich ed⸗ ler, vorurtheilsfreier handeln ſah, als er's vermochte. ——— 61 Was in ſeinen Kräften ſtand, bas wollte er thun, um die projektirte Heirath zu befoͤrdern, und wenn es ihm auch ein Capital koſtete, das er William wie eine Ausſteuer mitgab. Aber von dem Geheimniß, das ihm Medem mitgetheilt hatte, wollte er auch ſei⸗ ner Gattin keine Sylbe offenbaren, da er es aus Erfahrung wußte, wie ſchwer es den meiſten Frauen wird, dergleichen verſchwiegen zu halten. Bei ſeinem Beſuche, den er in Kurzem von ſeinem Sohne erwartete, dachte er dieſen zu erforſchen, von welcher Natur ſeine Ltebe gegen Eliſabeth Berklei war. Fände er, daß ſie auf Ernſtes hinziele und daß der junge Menſch eine Verbindung mit ihr im Sinne truͤge, ſo dachte er die noͤthigen Vorkehrun⸗ gen zu treffen, um kerſelben vorzubeugen. Man muͤſſe einer ſolchen Neigung fruͤbzeitig entgegenſtreben, meinte er, ehe ſie tiefere Wurzel ſchluͤge und ſich dann ohne Wunden 62 nicht ausrotten laſſe. Er ahnete es wirklich nicht, ob er gleich mit offenen Augen geſehen hatte, wie groß die zärtliche Liebe zwiſchen Carln und Anna war, doß alle ſeine Beſtre⸗ bungen und Anſtalten dagegen vergebliches Werk war, daß dieſe Herzen zerſtort werden mußten, wenn man ihre Neigung vernichten wolte. Er lud ſeinen Freund Medem mit den Seinen nach London ein und bat ihn recht inſtändig, daß er die beiden Söhne begleitete. Da er von dem Beſuche in Gegenwart ſei⸗ ner Gattin und der Berklei redete, als auch die beiden Jungfrauen zugegen waren, be⸗ merkte er die Freude deutlich, die auf ihren Geſichtern glänzte und aus ihren Worten ſprach. Man wünſchte es, daß morgen ſchon der Tag ihrer Ankunft ſeyn moͤchte. Das Entzuͤcken der Mädchen aber war ein doppel⸗ tes, denn ihnen erſchienen dann nicht bloß die gellebten Bruͤder, ſondern die Jünglinge, 1 —— 63 an welchen ihr Herz wie das der gluͤcklichſten Braͤute an den Verlobten hing. Stunden und Tage wurden gezaͤhlt. Er verſchwieg das gerechte Lob nicht, was Medem den beiden Soͤhnen ertheilt haͤtte und gelobte es, ihnen, ihres guten Ver⸗ haltens wegen, was ſich zwar ſelbſt am be⸗ ſten belohne, ein anſehnliches Geſchenk zu machen und ihr Vetweilen in London zu ei⸗ nem Freudenfeſte zu erheben.„Ihr aber,“ ſagte er zu den Maͤdchen,„werdet géwiß Al⸗ les aufbieten, daß ſich Eliſabeth, die einzige Tochter meines Freundes, unter euch gluͤcklich fuͤhlt. Sie ſoll ein ſehr liebenswuͤrdiges Maͤdchen ſeyn. Gewiß werdet ihr an ihr eine Freundin gewinnen, und gefiele es ihr bei euch beſonders, ſo behalten wir ſie, wenn ſich die Eltern von ihr trennen wollen, eine Weile in London, dann bringen wir ſie wie⸗ der nach Briſtol.“ ren Umgang und auf ihre Bekanntſchaf 64 Es ſiel den Töchtern auf, daß der Va⸗ ter ſo viel Redens von der Eliſabeth Medem machte, und der Beiname liebenswuͤrdig, da er ſie doch nicht perſönlich kannte, klang ih⸗ nen wie eine Schmeichelei. Sie entfernten ſich bold aus der Geſellſchaft und Anna ſagte zuerſt:„Wir werden uns doch nicht ungeſtört freuen koͤnnen, wenn die Bruͤder hier ſind. Wie verſchloſſen und verſchwiegen muſſen wir mit unſerer Freude und unſerm Vergnuͤgen ſeyn, da wir eine Fremde zum Zeugen haben! Gern verzichtete ich auf ih⸗ t —„Wenn weiter nichts zu fͤrchten ſteht,“ ſagte Eliſabeth,„ſo wollen wir die unwill⸗ kommne Fremde gern ertragen. Auftrichtig geſtehe ich's, daß ich eine ganz beſondere, faſt beunruhigende Neugierde habe, das lie⸗ venswuͤrdige Eliſabeichen kennen zu lernen. Ob ſie wirklich ſo ſchön, ſo einnehmend iſt, wie ſie Dein Vater geſchildert hat? Wer ihm doch wohl eine Beſchteibuns von ihr ——— —ꝛ, 65 machte! Gewiß keiner unſerer Bruͤder. Anna, ich muß Dir's nur geſtehen, ich bin recht ſchlecht. Dieſe Medem habe ich noch mit keinem Auge geſehen, Niemand hat mir etwas von ihr erzaͤhlt, und doch iſt mir's ſo, als ob ich auf ſie zuͤrnen muͤßte, und ihr nicht ſo recht gut ſeyn könnte. Sie hat mich nie beleidigt. Kann ſie denn dafuͤr, daß ſie mit unſern Bruͤdern in einem Hauſe wohnt, daß ſie die Tochter des Mannes iſt, der Carln und William wohlthut? Die aͤngſtliche, beſorgte Liebe, welche von der Angſt gequaͤlt wird, das Theuerſte koͤnne ihr genommen werden, macht doch hart und un⸗ gerecht. Nein, nein, ſo darf, ſo will ich nicht ſeyn!“ „Wohin, liebe Eliſabeth, füͤhren Dich Deine Gedanken und Phantaſien! So et⸗ was waäre mir gar nicht eingefallen! O, wie ruhig und freudig ſehe ich der Ankunft meines William entgegen! Er koͤnnte mir 5 —̃— 66 einen Theil ſeiner Liebe, oder ſie ganz entzie⸗ hen und ſie auf eine andere Jungfrau über⸗ tragen? Ach, das kann er nicht, das wird er nie. Weg mit einem ſolchen Mißtrauen, das mein Gluͤck zerſtört. Eine halbe Freude iſt fuͤr mich gar keine, und eine Hoffnung, die mit Zweifeln ringt, iſt weiter nichts als eine ſuͤße Pein. Zwar kennſt Du dieſe Eli⸗ ſabeth nicht und weißt es nicht, ob eine ge⸗ heime Neigung ſie nicht zu einem unſerer Bruder hinzieht, mit dem ſie Gedanken und Empſindungen bald austauſcht, wenn er ihr ein Inneres offenbart, das ihr mit zärtlichem Woblwollen enigegen kommt; aber unſere Vruder kennſt Du doch und weißt's, daß kei⸗ ner von ihnen faähig wäre, das Verbrechen der Untreue an uns zu begehen. Fuͤr ihre Tugend verbürge ich mich mit ganzer Seele. Ach, meine liebe Eliſabeth, ſchleicht der böſe Geiſt eines ſolchen Mißtrauens erſt in Dein Herz, ſo haſt Du ſelbſt den Kranz Deiner ſchoͤnſten Wonnen zertiſſen, Du vertrauſt 67 * meinem Bruber nicht mit ganzer Seele, Dein Verdacht ſpaͤht, ob er nicht Nahrung findet, und— ſie wird ihm gereicht werden.“ „Wie verſtändig Du redeſt, liebe Anna, wie gern moͤchte ich's glauben, daß jebes Deiner Worte Wahrheit enthaͤlt. Aber ver⸗ zeih, in Hinſicht des Verhältniſſes Deines und meines Bruders zu Eliſabeth und ihren Eltern herrſcht doch ein großer Unterſchied. Der Vater derſelben weiß es, daß William von der Wohlthätigkeit Deines Vaters lebt, und daß er ſeinen Unterhalt einſt mit ſeinem Kopfe und mit ſeiner Hand verdienen muß. Wie oft war es die Armuth des Jünglings oder der Jungfrau, die auf ewig den Bund ihrer Liebe zerſtörte, es nie dazu kommen ließ, ob er ſie auch zu den beneidenswerthe⸗ ſten Sterblichen gemacht haͤtte. Der edeln Seelen giebt's nur wenige, die ſich uͤber den eiteln Schimmer des Reichthums erheben und der Tugend als einem hoͤhern Gute huldigen⸗ B 5 3 ———— ——————. ₰* 5 — ——— 68 Und Medem, der beguͤterte Mann, gehoͤrt vielleicht zu den Ausnahmen nicht, die den Schätzen keinen höhern Rang anweiſen, als ihnen gebuͤhrt. Carl iſt dagegen ein reicher Jüngling, er ſteht an Liebe und Guͤte, ſelbſt an den Gaben, die die Natur verleiht, welche eine ſo unwiderſtehliche Gewalt uͤber die Herzen uͤben, meinem Bruder nicht nach und hat Vorzuͤge vor ihm, die er zwar dem Zu⸗ fall verdankt, welche aber nur zu oft ſelbſt die Flecken der Seele verſchleiern und man⸗ ches Auge verblenden, oder es Maͤngel und Unvolkommenheiten uͤberſehen laſſen, die bei dem, welcher ſich unbeguͤtert nennen muß, zu ſichtbar hervortreten und groͤßer erſcheinen, als ſie in Wahrheit ſind.“—„Wenn Du auf die Denkungsart ſchwacher Menſchen ſiehſt,“ erwiederte Anna,„die an dem Schimmer des Goldes kleben, ſo magſt Du Recht haben; aber was berechtigt Dich, da Du Medems nicht kennſt, ſie in dieſe Claſſe zu ſetzen? Wir Maͤdchen, und alſo auch Eliſabeth Me⸗ ——,— 69 — dem ganz gewiß, wir fragen bei der Wahl eines Geliebten nicht darnach, ob er Schatze beſitzt oder keine, wir folgen nur dem Zuge unſerer Neigung, und auch der Aermſte, kann er uns nur gekallen, iſt uns der Theuerſte. Nimmſt Du aber auf Carln ſelbſt Ruͤckſicht, ſo wird er ſein väterliches Vermögen nie als einen Beweggrund gelten laſſen, weshalb ihn eine Jungfrau liebt, ja, erriethe er's, daß es Eltern gäbe, die ihm ihre Zuſtimmung zu ihrer Tochter nur darum nicht verſagten, dann würde ſchon dies vermogend ſeyn, ihm ſeine beſchloſſene Wahl zu verleiden. So denkt Dein Cart, und fuͤrwahr, ich rede ihm aus der Seele. Was gilt ihm Reichthum ohne Tugend und Liebe! Erkennſt Du das nicht ſelbſt?“ „Aber,“ ſagte Eliſabeth,„da Carl dem Kaufmann Medem ſo gefaͤllt, wird er ſich ihm nicht zum Schwiegerſohne wuͤnſchen? Wird er ſich nicht vielleicht ber die Verbin⸗ 70 dung deſſelben mit ſeiner Eliſabeth mit Dei⸗ nem Vater verſtändigen und wird ſich dieſer, eben weil die Braut reich iſt, nicht leicht ge⸗ winnen laſſen? Faſt muß ich mir's denken, daß ſein Beſuch dieſen Zweck hat. Wie wuͤrde er ſonſt ſeine Tochter mit nach Lon⸗ don bringen! Gewiß, ſo ſcheint mir's, das thut er ohne Abſicht nicht.“—„Wie mein Vater in Abſicht einer reichen oder unbemit⸗ telten Braut fuͤr ſeinen Sohn denkt, das kann ich nicht mit Beſtimmtheit ſagen,“ er⸗ wiederte Anna;„aber das Gefuͤhl fuͤr wahre Tugend, die Schaͤtzung liebenswuͤrdicher Ei⸗ genſchaften wirſt Du ihm doch nicht abſpre⸗ chen. Daß er Dich aber mit vaͤterlicher Zu⸗ neigung liebt, das bezweifelſt Du nicht mehr. Sollte er nicht zu den Vaͤtern gehoͤren, welche, wenn ſie einen Sohn verheirathen wollen, die fromme der reichen, die bekannte der unbe⸗ kannten Braut vorziehen? Und wie mein Vater uͤber dieſen Punkt auch denken mag, deß bin ich doch ganz gewiß, daß Carl kein. „ 71 Wachs iſt, was jedem Drucke nachgiebt, daß er Feſtigkeit genug beſitzt, um. ſeine Freiheit zu behaupten, und daß er von einer Liebe zu Dir beherrſcht wird, die ihn uͤber alle Hin⸗ derniſſe erhebt, welche ſich einer Verbindung mit Dir entgegen ſtellen. Entferne darum Mißtrauen und Furcht, die unſere Hoffnun⸗ gen ſtören und dem Wiederſehen unſerer Bruder ihre ſchoönſten Wonnen rauben.“ Nicht ganz beruhigt ging Eliſabeth mit Annen zu ihren Eltern zurück, ſie kämpfte mit mancherlei aͤngſtlichen Vorſtellungen und tonnte die Zeichen eines innern Kummers nicht ganz untervruͤcken. Selbſt Lorenz Workwich merkte es wohl, daß ihre Stim⸗ mung keine heikere war und ſagte:„Ich glaubte, die Nachricht, daß eure Bruͤder nach wenigen Tagen kämen und euch in Eliſabeth Medem eine Freundin mitbraͤchten, ſollte ei⸗ nen heitern Glanz uͤber euer Weſen verbrei⸗ ten; aber ſeht ihr doch ſo aus, als ob euch 72 Unwillkommnes begegnet wäre. Die Maͤd⸗ chen haben oft beſondere Launen, die man nur ſchwer begreiſen kann, wenn ſie nicht ſelbſt dazu die Erklaͤrung geben.“ Dieſe Anrede des Vaters uͤberraſchte Eliſabeth und Anna ſo ſehr, daß ſie ſchwie⸗ gen und ihm die Erklaͤrung ſchuldig blieben. In der Zeit, bis zur Ankunft der Freunde aus Beiſtol, kam ein Brief aus Jamgica von Robert Workwich an die Ma⸗ dame Berklei an, in dem noch ein anderer an ſeinen Bruder lag, den ſie an ihn abzu⸗ geben gebeten war. Die Berklei erſtaunte über die Güte des unvergleichlichen Robert. Zur weitern Erztehung ihrer Kinder und zur Sicherſtellung ihres Unterhalts, hatte er ihr in Wechſeln eine anſehnliche Summe zuge⸗ ſtellt.„Was ich gebe,“ ſchrieb er,„nehmen Sie als eine Schuld an, die ich an den Va⸗ ter Ihres verſtorbenen Gatten auszahle, wel⸗ — 73 cher der Stifter des Reichthums der Work⸗ wichs iſt, und ſagen Sie mir dafuͤr ja keinen Dank. Wem das Geben leicht wird, der rechnet ſich's nicht zum Verdienſt, und wenn Andere ihm vehuͤlflich ſind, daß ſeine Gaben gut angewandt werden, ſo iſt er ihnen Dank vafur ſchuldig. Eins aber bitte ich Sie, daß Sie's der ganzen Welt, meinem Bruder ſelbſt, verſchweigen, daß ich Ihnen die Wech⸗ ſel uͤberſandte. Sie wiſſen es ja, der Geber und Empfänger iſt allerlei Urtheilen blosge⸗ ſtellt und der Neid und Unverſtand fällt ſel⸗ ten guͤnſtige. Sie wiſſen es, wie ich Sie achte und liebe, darum verſagen Sie mir die Freude nicht, Ihren herrlichen Kindern auf irgend eine Weiſe zu dienen. Erlauben Sie mir's, daß ich Eliſabeths Mitgift ganz beſor⸗ gen darf, wenn ſie ſich nach ihrer Neigung und dem Willen ihrer Mutter verheirathet. Koͤnnten Sie ſich nach einigen Jahren von William trennen, ſo wuͤrde ich ihm in mei⸗ nem Hauſe eine Aufnahme gewähren, wie er 4 * 4 ſie nut bei ſeinem Vater finden kann. Wol⸗ len Sie ihn nicht ſelbſt in meine Arme fuͤh⸗ ren? Wie keinen Juͤngling, ſo liebe ich Ihren Sohn. Fuͤr Carln hat mein guter Bruder geſorgt, William ſoll der Gegenſtand meiner Sorge ſeyn... Aber geben Sie Nie⸗ manden den Brief in die Hände, ich wün⸗ ſche es aus wichtigen Gruͤnden nicht, und was unter uns ein Geheimniß bleiben ſoll, das werden Sie nicht verrathen.“ Die Berklei freuete ſich uͤber den Brief, ob er auch auf der andern Seite ihr Gefuͤhl verwundete. Wie hoch ehrte dieſer Robert das Andenken ihres verſtorbenen Gatten, an den ſie mit ungeſchwächter Wehmuth dachte, der ihr immer noch gleich theuer war, der in ihrem liebenden Herzen immer noch den er⸗ ſten Rang behauptete! Wie leicht aber wird unſere Seele zur Achtung und zum Wohl⸗ wollen gegen die geſtimmt, die in der Werth⸗ ſchäbung und in der Liebe der Perſonen mit — — 75 uns zuſammen treffen, die für uns die ge⸗ liebteſten und beſten auf der Erde ſind! Seine dankbare Erinnerung an Freundſchafts⸗ dienſte, die die Vaͤter einander erwieſen, ehrte Robert ſo thätig und herrlich! In der Art und Weiſe, wie er gab, tag ſo viel Zartge⸗ fuͤhl, wodurch der Werth des Geſchenkes ſtieg, die den Geber ſo geachtet machte. Aber die Berklei konnte ſich des Gedankens nicht enthalten, daß Robert, dem ſie's nicht verwehren konnte, der Wohlthäter ihrer Kin⸗ der zu ſeyn, ſich auf eine feine, unvermerkte Manier ihr nahen, ihr Neigung gegen ſich einflößen und ſie durch ihr Dankgefuͤhl und ihre Achtung gegen ihn gleichſam zwingen wollte, endlich in ſeinen Wunſch zu willigen, der ſeine eheliche Verbindung mit ihr be⸗ zweckte. Sie war ungewiß und konnte das Mittel nicht finden, um ihm dieſen Wahn, wenn er von ihm geleitet werde, zu beneh⸗ men. Aber es blieb ihr auch nicht unver⸗ vorgen, wie kränkend es fuͤr ihn ſeyn mußte, 76 wie wehe ſie ihm that, wenn ſie's ihm ver⸗ rieth, daß ſie den Grund ſeiner Guͤte gegen ſie und ihre Kinder nur in ſeiner Liebe zu ihr fand, und daß ſie's ihm zu erkennen gab, wie ſie die redenden Beweiſe der edelmuͤthig⸗ ſten Freigebigkeit fuͤr nichts anders, als das Spiel der Klugheit achtete, die ſich auf ge⸗ heimen Wegen dem Ziele nahen und es er⸗ reichen will. Gern haͤtte ſie die Summe nicht angenommen, aber aus Ruͤckſicht gegen ihre Kinder mußte ſie ſich dazu entſchließen. Peinlich war's fuͤr ſie auch, daß ſie gegen Lorenz Workwich davon ſchweigen, und das Geheimniß ſeiner Gattin, ihrer vertrauteſten Freundin, nicht mittheilen durfte. Als ſie fuͤr den Wechſel, mit dem ſie an einen reichen Kaufmann gewieſen war, baares Geld empfangen hatte, ſagte dieſer miv laͤchelnder Miene, woruͤber ſie erroͤthete: „Madam Berklei, dies Geſchaͤft, was wir mit einander vollziehen, ſoll verſchwiegen ge⸗ ——————————————— „ 77 halten werden; ich bitte, baß Sie es nicht verrathen. Fuͤrwahr, Sie haben an Sir Ro⸗ hert einen Freund, wie es in unſerer Zeit nur wenige giebt. Sie haben, nach ſeinem Auſtrage, den er mir ſchriftlich hat zukom⸗ men laſſen, offene Caſſe bei mir, und koͤnnen davon, wenn Sie wollen, Gebrauch machen.“ —„Sir Robert iſt uͤberaus gütig gegen meine Kinder,“ erwiederte ſie, und fuͤhlte es, wie roth ſie wurde,„ihr Herz iſt ein dankba⸗ res, und ſie werden ſich der Achtung ihres Wohlthaͤters gewiß wuͤrdig machen.“ Es wurde der Madame Berklei ſehr ſchwer, den Brief, der als Einlage in den ihren mit eingeſiegelt war, Lorenz Workwich zu uberreichen. Als er an der Aufſchrift deſ⸗ ſelben die Hand ſeines Bruders erkannte, ſagte er mit ſonderbarer Miene, die ſie nicht deuten konnte:„Robert wählt einen eigenen Weg, auf dem er mir eine ſchriftliche Nachricht von ſich zukommen laͤßt und hat dazu einen Brieftraͤ⸗ 78 ger gewählt, welcher ihm auf alle Weiſe der liebſte iſt. Neugierig bin ich eben nichtz aber ich moͤchte es doch wiſſen, welches der Gegenſtand ſeiner Correſpondenz mit Ihnen iſt. Liebe Berklei, Sie ſollten nicht ſo hart⸗ näckig auf Ihrem Kopfe beſtehen, daß Sie ſich nie wieder verheirathen wollen.“— „Guter Workwich,“ entgegnete ſie,„mit mei⸗ nem Kopfe wollte ich mich bald abfinden, dieſer ſagt mir's ſogar, daß es ganz vernuͤnf⸗ tig und pflichtmäßig ware, wenn ich bedenke, daß ich eine arme Wittwe und die Mutter von zwei Kindern bin, die verwaiſet daſtehen, wenn ich nicht mehr bin, mich in eine ehe⸗ liche Verbindung mit Ihrem Bruder einzu⸗ laſſen; aber das Herz, das Herz hat andere Forderungen, an denen ich feſt halten muß, ſo lange ſich's bewegt.“—„Liebe Berklei,“ ſagte ihre Freundin Workwich,„hundert Frauen wuͤrden ganz anders wie Du, und Sie wuͤrden vernuͤnftig und mätterlich han⸗ deln.“—„Das iſt moͤglich,“ antwortete ſie 79 empſfinblich,„aber moͤchteſt Du ihre Hand⸗ lungsweiſe zu Deinem Maaßſtabe machen? Ich finde darin eine Tugend, ein belohnen⸗ des Gefuͤhl, dem bis in den Tod treu zu vleiben, der mich bis an ſein Lebensende treu geliebt hat. Die wohlthätigen Unterſtutzun⸗ gen, die ich von der edelmäthigſten Liebe empfange, heben mich uͤber alle Nahrungs⸗ ſorgen hinweg, und wenn mir jene ſelbſt ent⸗ zogen wuͤrden, ſo ſollten mich dieſe zu einer zweiten Verheirathung nicht zwingen. Kei⸗ nen elendern Grund kenne ich, als den, wo⸗ durch ſich Viele zur Ehe beſtimmen laſſen, daß ſie in dem Gatten einen Verſorger fin⸗ den. Einem gebildeten Gemuͤthe kann ich ihn nicht verzeihen, ſuͤndlich erſcheint er mir ſogar. Dazu alſo wäre der Mann gut ge⸗ nug, daß er ſeiner Frau den Unterhalt ſchaffte! Wird ihm denn die Herabwuͤrdigung nicht ſelbſt fuͤhlbar, die fuͤr ihn darin liegt?“ „Aber, ich dächte doch, beſte Berklei,“ 80 ſagte Lorenz,„daß Sie, wenn Sie gegen meinen Bruder in Ihrem urtheile gerecht ſind, in ihm noch andere Eigenſchaften, als die eines bloßen Ernöhrers faͤnden! Er iſt ein vollig guter Menſch und das erkenne ich wohl, viel beſſer als ich. Kam er Ihnen nicht mit einer herzlichen, wohl uͤberdachten Liebe entgegen? In ſeinem Alter laͤßt man ſich aus Leidenſchaft zu keiner Wahl beſtim⸗ men. Glauben Sie mir, er achtet Ihre Tugend, und eine auf Achtung gegruͤndete Liebe hat das Vorurtheil fur ſich, daß ſie zu einer gluͤcklichen Ehe fuͤhrt. Wenn Sie wol⸗ len, er hat es Ihnen angeboten, ſo zieht Ro⸗ pert nach London, ſeine Pflanzung kann William uͤbernehmen. Wie viel Dank wuͤrde ich Ihnen ſagen, wenn Sie es ſind, die mei⸗ nen einzigen, geliebten Bruder in meine Nähe fuͤhrt! Und, Madame Berklei, erkennen Sie's, wie uneigennuͤtzig ich denke, daß ich Sie zu dieſer Heirath berede! Bin ich nicht der Erbe meines Bruders, ſind es meine Kinder 81 nicht, wenn er ledig ſtirbt, die durch ſeine nachgelaſſenen Güter reich werden? Und ich kann nicht denken, daß Sie es fuͤr gleich⸗ guͤltig halten, ob man wohlhabend oder arm iſt.— Lorenz entfernte ſich aus dem Zimmer, mit dem Briefe in der Hand, und wollte ihn ohne Zeugen leſen. Mit einer gewiſſen Aengſtlichkeit ſah die Berklei ſeiner Ruͤckkehr entgegen und fürchtete, daß der Brief einen Auftrag an ſie enthielt, der ihr durch Work⸗ wich kund gethan werden ſollte. Sie faßte ihn forſchend in's Auge, wollte aus ſeinen Mienen ſeine Gedanken leſen und fuͤhlte ſich beruhigter, als Workwich alſo ſprach:„Fuͤr⸗ wahr, man muͤßte kein Herz haben, wenn es bei der Guͤte, die mein Bruder gegen Ihre Kinder beweiſet, ungeruͤhrt bliebe. Alle Aus⸗ lagen, die ich fuͤr Ihren William mache, will er als ein ihm geliehenes Capital angeſehen wiſſen, das er mir auf die erſte Forderung 6 82 zuruͤckzahlt. Er hat das Vertrauen zu Ih⸗ nen, daß Sie Ihren Sohn nicht zuruͤckhal⸗ ten, wenn er ſeine Lehrzeit vollendet hat und ihn nach Jamaica gehen laſſen, wenn er Luſt zu der Reiſe zeigt. Sie werden es William gern erlauben, daß er ſeinem Wohl⸗ thäter perſoͤnlich danken darf⸗ und mir ſcheint es, daß er die weite Reiſe nicht umſonſt übernimmt. Was meinen Sie dazu?“— „Man pflegt wohl zu ſagen, kommt Zeit, kommt Rath,“ erwiederte ſie.„Aber das glaube ich verſichern zu muͤſſen, daß die Trennung von dem geliebten Sohne mir ſehr ſchwer werden wird. Ach, was ein Mutter⸗ herz gegen ſeine Kinder fuͤhlt, davon haben die Väter keine Vorſtellung. Ob ſie deshalb zu beneiden ſind? Aengſtlich bin ich immer, wenn ich meine Kinder nicht in meiner Naͤhe weiß, und Jamiea, in welcher Entfernung liegt es von hier, durch welch ein Meer iſt es von unſerer Inſel getrennt! Sollte Sir Robert ein ſolches Dpfer von mir fordern?“ 1 —„Fordern wird er von der Pflicht nichts, ſagte er,„aber ein Herz, wie das ſeine⸗ glaubt auch, daß die Guͤte kein Opfer kennt, was ihr zu ſchwer waͤre, daß ſie es nicht bringen koͤnnte. Wir erwarten gemeiniglich von Andern das, was wir ihnen zu leiſten faͤhig ſind. Und, liebſte Berklei, es haͤngt ja lediglich von Ihnen ab, ob Sie aller der ſchmerzlichen Kaͤmpfe uͤberhoben ſeyn wollen. Was bedarf es mehr als eines treu gemein⸗ ten Wortes und— mein Bruder verlaͤßt Jamaica und zieht nach London.“ Lorenz Workwich laͤchelte und ſetzte hinzu:„Ich muͤßte die Frauen nicht kennen, wenn ich an dem Glauben verzweifeln ſollte, daß ſie die⸗ ſes Wort nicht von ſich geben. Man ſtraube ſich eine Weile und laͤßt ſich endlich doch er⸗ bitten, Ja zu ſagen. Sie haben kein ſtren⸗ ges Geluͤbde wie eine Kloſternonne gethan, das ſie halten muͤßten, und worauf Strafe ſteht, wenn es gebrochen wird. Gar ſehr Viele, wenn die harten Buͤßungen nicht droh⸗ ten, wuͤrden es gern abſchwören, daß ſie dem ledigen Stande nicht ergeben bleiben wollen. Nun, fuͤr jetzt verlange ich von Ihnen keine entſcheidende Antwort, nehmen Sie mir's aber nicht fuͤr ungut, wenn ich in allem Ernſt nach einer Weile wieder nachfrage, ob Sie Ihren Entſchluß noch nicht geaͤndert haben.“ Es war der Berklei wirklich aͤngſtlich, daß ſie von Sir Robert Geſchenke angenom⸗ men hatte, daß ſie ſich ſeine Unterſtützungen gefallen ließ, ohne daß ihr mehr dafuͤr zu thun erlaubt war, als daß ſie dankte. Das aber ſah ſie nur zu deutlich und gewiß ein, daß ſie den edeln Robert beleidigen werde, wenn ſie füͤr die Folge die Beweiſe ſeiner Wobhlthätigkeit von ſich ablehnte und ihm eine ſeiner weſentlichen Freuden raubte, ja, daß ſie eben dadurch ſeinen Bruder in Lon⸗ don erzuͤrnte, ohne deſſen Beiſtand, wenn er ihr dieſen als einer trotzigen, hochmuͤthigen 85 Armen entzog, ohne Nahrungsſorgen, die auch ihre Kinder hart betrafen, ſie nicht be⸗ ſtehen koͤnne. Sollte ſie die Veranlaſſung ſeyn, daß Lorenz Workwich ſeinen Kindern den Umgang mit den ihren unterſagte und daß ſie ſie als eine Freudenſtoͤrerin und die Feindin ihres Gluͤcks betrachten mußten? Sie kannte ja das Verhältniß, in dem die Kinder mit einander ſtanden, und ſo viele Gefahren ſie auch ſah, die es bedrohten, ſie wenigſtens wollte die Schuld der Vernichtung und Stoͤrung deſſelben nicht allein tragen. Als ſie in ihrer Wohnung angekommen war, ſchrieb ſie an Robert Workwich folgen⸗ den Brief nach Jamaica: „Verehrter Freund! Empfangen Sie ganz den Dank und Lohn, der einem menſchenfreundlichen, guͤ⸗ tigen Herzen nie fehlt, das im Wohlthun eine hochſte Freude ſucht und ſie findet, 86 Von keiner Schuld will ich reden, die Sie mir auflegen, denn dieſer Ausdruck bezeich⸗, net immer etwas Laͤſtiges und Beſchwer⸗ liches, und es liegt fuͤr mich in dem Ge⸗ danken Erfreuliches und Betuhigendes, daß ich Ihre Schuldnerin bin. Aber ſo viele Freude es Ihnen macht, an den Kindern reichlich zu vergelten, was der Großvater derſelben Ihrem verſtorbenen Voater Gutes erwies, was Sie gewiß allzu hoch anſchla⸗ gen; ſo ſchmerzt es doch mich, daß ich Ih⸗ nen im Namen meiner Kinder nichts, gar nichts dafuͤr erwiedern kann. Die dank⸗ bare Ruͤhrung, die in meiner Seele bei dem Gedanken an Ihre Guͤte vorgeht, ſey Ihnen Beweis, daß Sie Ihre Wohlthaten nicht an Unwuͤrdige verſchwenden. Ach, furtrefflicher Workwich, wie gern gaͤbe ich Ihnen meine Hand zum ehelichen Bunde! Als gewiß bin ich's im voraus uͤberzeugt, daß ich die glucklichſte Gattin durch Sie wuͤrde; aber ein unzerreißbares Band feſ⸗ 87 ſelt mich an den Todten, den ich nicht vergeſſen kann, und heilige Rechte, die er ſonſt an mich hatte, kann ich nicht ver⸗ lezen. Ueber meinem Leben ſchwebt eine Trauerwolke, die ſich nie aufklären wird. Meinen guten Kindern erſcheine ich oft heiter, wenn es in meinem Innern weint. Wie koͤnnten Sie jemals gluͤcklich mit ei⸗ ner Frau werden, deren Natur Truͤbſinn iſt und welche ſich zur Freude zwingen muß. Alles habe ich verſucht, aber es kann mich nichts aufrichten und troͤſten. Ach, warum fehlt mir die Geiſtesſtärke, mich uͤber unvermeidliche Unfälle zu erhe⸗ ben, und vergangene Truͤbſale in den Schleier der Vergeſſenheit zu verhuͤllen? Mir erſcheint ſie keineswegs als eine lo⸗ benswerthe Tugend.— Wenn mein Wil⸗ liam die Geſchicklichkeit eines brauchbaren Kaufmanns erlangt hat, ſo will ich ihm den freien Willen laſſen, zu ſeinem Wohl⸗ thaͤter nach Jamaica hinzueilen, um ihm N * 6 6 k 88 zu danken. Wenn die Trennung von dem Juͤnglinge mir nur moglich ſeyn wird, wenn ich ſie mir nur abringen kann! Ge⸗ wiß, Sie wollen es nicht, daß mein Herz zerriſſen wird, daß mein Gram immer fin⸗ ſterer und peinlicher werde! Vielleicht uberſchätze ich das Gluͤck, dieſe beiden Kin⸗ der zu haben, zu ſehr; aber ich trug ſie unter meinem Herzen, ſie ſind gute Kinder, ſie vergegenwaͤrtigen mir den ganzen Sinn und Charakter meines verſtorbenen Berklei; meine einzigen Hoffnungen ſind auf ſie gegruͤndet und ſie ſind allein mein großter Schatz im Leben, das nur durch ſie noch fortbeſteht ꝛc.“ Die Madame Berklei war am folgen⸗ den Tage, als ſie den Brief abſandte, der ein Heer von mannichfaltigen Vorſtellungen und Ueberlegungen in ihr erweckte, aus denen ſie ſelbſt nicht herausfinden konnte, nicht ſo geſtimmt, daß ſie Neigung fuͤhlte, in irgend 89 eine Geſellſchaft zu gehen. Sie wollte gern akein bleiben, um ihre innere Unruhe zu ſtillen und ſich wieder zufrieden zu ſprechen. Anna Workwich kam, um fie einzuladen, daß ſie zu ihren Eltern ſich verfuͤgen moͤge, 4 da ein Brief aus Priſtol angekommen ſey „ und man Hoffnung hätte, daß die Freunde von dorther morgen gewiß in London erſchei⸗ nen wuͤrden. Herr Medem habe nur allein geſchrieben.“—„Aber, Anna,“ fragte die Berklei,„wenn William erſt morgen kommt, warum laſſen mich Deine Eltern ſchon zu heute einladen?“—„Das weiß ich auch nicht, liebe Tante,“ erwiederte das Maͤdchen; „aber ſie bitten Dich gar ſehr, daß Du juſt heute n6 wegbleibſt. Beeile Dich nur, mit uns zu gehen. Eliſabethen giebſt Du we⸗ nigſtens die Erlaubniß, daß ſie mich ſogleich begleiten darſ.“—„Kinder,“ ſagte die Ber⸗ klei,„eht nur voran, wenn ich mich leichter geſtimmt jühle, folge ich euch nach. Ihr 4 1 3 „ . 90 „ wißt's, mir lacht das Leben nicht ſo heiter wie euch mit euern Hoffnungen. Wenn man erſt eine Weile gelebt hat, ſo vereinigen ſich die verſchiedenartigſten Erfahrungen, um uns zum Ernſt zu ſtimmen. Die Freude geht uns voruͤber wie ein freundlicher Engel, den wir nur noch im Nachſchauen ſehen, und die Erinnerungen, die er in uns aufregt, ſind die friſchen nicht mehr, ſie haben ihr Anziehendes verloren, und kommen mir wie welkende Blumen vor.“—„Liebe Mutter,“ ſagte Eliſabeth, indem ſie beide Arme um ſie ſchlang,„ich ſoll Dich in Deiner Trau⸗ rigkeit allein laſſen? Was könnte mich denn erfreuen, wenn ich an Dich denke! Sey doch nicht ſo truͤbe geſtimmt! Wie muͤßteſt Du thun, wenn Du mich und William nicht haͤtteſt! Und wie oft haſt Du's geſagt, der Menſch, der ſich ungluͤcklich fuͤhlt, ſollte es doch bedenken, wie viel er noch hat, was ihm genommen werden kann, um ein Recht zur Traurigkeit und zu Klagen zu haben.“ — 91 „Du haſt Recht, meine beſte Eliſabeth,“ ſagte die Mutter,„ich klage und traure zu viel, das iſt mir zu einer Gewohnheit gewor⸗ den, die ſich ſchwer wieder ablegt. Aber, Du ſollſt nicht allein gehen, ich will Dir's bewei⸗ ſen, daß ich mich bezwingen kann. Vielleicht finde ich bei meinen lieben Workwichs auch Veranlaſſung, mich zu zerſtreuen, und wie das ſo oft ſchon der Foll war, meinen truͤ⸗ ben Sinn aufzuheitern.“ Wie immer, ſo war ſie auch diesmal eine willkommne Freun⸗ din. Es wurde von dem morgenden Feſte geredet, wo die geliebten Soͤhne ankamen. Die Berklei fuͤhlte es ſelbſt, daß Williams Wiederſehen in ihr eine ſo lebhafte Freude aufwecken werde, wie ſie ſie nur vor dem Tode ihres Gatten empfinden konnte. Das Herz der Mädchen war voll Freude, da ihnen die Hoffnung in der Nähe leuchtete, ihre Bruͤder und Geliebten wieder zu ſehen, und ſie zu umarmen. Ihre Sehnſucht 92 wurde groͤßer, ihr Verlangen beunruhigender, je näher die Stunde ruͤckte, in welcher ſie die Erfuͤllung ihres theuerſten Wunſches erwar⸗ teten. Eliſabeth konnte, durch mancherlei Beſorgniſſe gehindert, ſich nicht zu der Freude erheben, die aus dem Weſen der uͤbergluͤck⸗ lichen Anna hervorleuchtete.„Ach, meine liebe Anna,“ ſagte Eliſabeth,„waͤre ich doch ſo ſeelenfroh geſtimmt, als ich Dich finde! Ich weiß es nicht, woher die Aengßtlichkeit kommt, die meine Bruſt beklemmt. Staͤnde mir ein Ungluͤck bevor? Du ſcheinſt mir allzu froh. Ueberlaß Dich nicht mit vollem Glauben einem ſuͤßen Wahne, der iſt betruͤ⸗ geriſch. Sorglos ſchauen wir in die lachende Zukunft hinaus, und ſehen den Abgrund nicht, in den unſer Gluͤck hinabſtuͤrzt und wie ein irdenes Gefaß, in Scherben zertruͤm⸗ mert wird.“—„Liebe Eliſabeth,“ ſagte Anna dagegen,„Du magſt Recht haben, aber ich beneide Dir eine Weisheit nicht, die uns keine Freude, kein Vergnuͤgen ungeſchmaͤ⸗ — 93 lert und unverbittert genießen laͤßt. Was machte uns in der Kindheit ſo glächtich? Nichts anderes, als daß wir ſorglos und ohne ängſtlichen Kummer der Gegenwart uns freuten und an Schrecken und moͤgliche Ver⸗ luſte nicht dachten. Koͤnnteſt Du ruhig in einem Hauſe ausdauern, wenn Du immer fuͤrchteſt, daß die Decke einfallen und Dich zerſchmettern kann? Moglich iſt es doch. Verburgen kann ich's freilich nicht, ob ich in einer Stunde noch lebe, aber ſoll ich mich darum quälen? unſer Daſeyn, ſo ſpricht meine Mutter, wird durch wirkliche Unfälle oft geſtört und getruͤbt, man muß es durch leere Vorſtellungen, durch angſlliche Teaum⸗ bilder der Phantaſie nicht zu einer Laſt ma⸗ chen, die man lieber von ſich wirft, als daß man ſie weiter traͤgt. Und, ach! wie viel verliert der an Muth und Kraft, ein Uebel, das ihn trifft, gelaſſen zu erdulden, der ſich immer härmt, der immer fuͤrchtet. Wie eine Sonne, deren Strahlen durch kein Woͤlkchen 94 verfinſtert werden, ſo hell leuchtet in mir Hoffnung und Wonne, und kommt nicht Al⸗ les ſo, wie ich's erwarte, ſo hat der Vorge⸗ nuß mich doch entzuͤckt.“ Indeß Anna ſo philoſophirte, um ihrer Freundin eine heitere Stimmung zu geben, hoͤrten ſie im Hauſe ein freudiges Getöſe. „Komm, komm,“ ſagte ſie zu Eliſabeth, und ihr Geſicht glänzte vor Entzuͤcken,„unſere Lieben ſind angekommen, ich ahne es, mein Glaube truͤgt mich nicht!“ Ja, ihr Glaube taͤuſchte ſie nicht. Carl und William baten ihren Prinzipal, daß ſie um einen Tag voraus reiſen duͤrften, um ihn mit den Seinen in London anzumelden. Er geſtattete es ihnen gern, da er ihnen uͤberall gefällig war. Sie wollten die Zeit, wo Me⸗ dem mit ſeiner Gattin und Tochter noch nicht daſelbſt war, benutzen, um ungeſtört ſich mit ihren Bräuten unterhalten zu koͤnnen. Die 95 Sehnſucht nach denſelben wurde in ihnen auch beunruhigender, je näher ihnen der Zeit⸗ punkt war, wo ſie ſie ſehen, umarmen und ihnen die Betheuerung einer unwandelbaren, verſtarkten Liebe geben konnten. Ohne Auf⸗ enthalt reiſeten ſie Tag und Nacht. Der Abend daͤmmerte, als ſie in Lon⸗ don ankamen. Unbemerkt ſchlichen ſie ſich in Workwichs Wohnung, klopften leiſe an die Stubenthür, öffneten ſie und fanden ihre Eltern im traulichen Geſpraͤch bei einander. Welch eine Freude, welch eine Wonne, als ſie ſogleich erkannt wurden! Carl fragte zu⸗ erſt:„Wo ſind unſere Schweſtern?“ Er wartete kaum die Antwort ab, riß William mit ſich fort und ſagte:„Wir wollen ſie aufſuchen.“ Auf dem Hausflur kamen ih⸗ nen die Maͤdchen entgegen. Lorenz Workwich blieb im Zimmer zuruͤck, die Muͤtter aber eilten den Jünglingen nach, und waren Zeu⸗ gen, daß es eine mächtigere, uͤberwältigendere ——— 96 Liebe giebt, als die Geſchwiſter für einander empfinden. Anna lag in Williams Armen und Carl hielt Eliſabeth umſchlungen. Wer kann's nun ſagen, wer die Brüder, wer die Schweſtern ſind, oder wer Bruder und Schweſter iſt, dachte die Berklei. Ach, wenn dieſe Freude ſich nur nicht in Trauer endet! Als der erſte Rauſch vorüber war, be⸗ gruͤßte William auch ſeine geliebte Eliſabeth und Carl ſeine Schweſter Anna. Auf Bit⸗ ten der Muͤtter kehrten ſie bald zu dem Va⸗ ter zuruͤck. Madame Workwich ſagte mit be⸗ deutungsvollen Worten:„Vechaltet euch ruhiger, ihr wißt's, dem PVater iſt ein zu lautes, ſtürmiſches Weſen nicht angenehm. Der Menſch ſoll ſich und ſeine Gefühle ſe beherrſchen.“ Da ſie wieder im Zimmer waren und den Vater umringten, fragte dieſer:„Kommt ihr ſo allein, wird Medem euch nicht nach⸗ 97 kommen? Es wuͤrde mich betruͤben, wenn mir ſein Außenbleiben eine große Freude ver⸗ eitelte“—„Nein, Väterchen,“ antwortete Carl,„dieſe Freude wird Dir nicht vereitelt. Er kommt, und ſeine Gattin und Tochter mit ihm; aber morgen erſt. Wir melden ihn an, und ſind voraus geeikt. Keinen Au⸗ genblick hätte ich länger in Briſtol bleiben können. Eine unwiderſtehliche Macht trieb uns Beide fort. Je naͤher der Termin un⸗ ſerer Abreiſe kam, deſto peinigender wurde unſere Sehnſucht. Mehrere Nächte konnten wir vor Freude und Unruhe gar nicht ſchla⸗ fen.“—„Wie ſtürmiſch und leidenſchaftlich doch die Jugend iſt,“ ſagte Lorenz,„man muß Geduld mit ihr haben. Wartet nur, euer Blut wird ſich abkuͤhlen, wenn ihr in meine Jahre kommt. Sagt mir, iſt Medem nicht ein herrlicher Menſch?““— Beide ant⸗ worteten zugleich:„Ja, das iſt er.“— „Er hat euch ſo lieb, als ob ihr ſeine Söhne wäret. Ein muſterhaftes Betragen hoffte 7 £ S — N ich von euch, ihr habt es bewieſen und wie Lönnte es bei Juͤßglingen auch anders ſeyn, peren Geiſt durch die Wiſſenſchaft erleuchtet und deren Herz durch die Religion erwaͤrmt iſt.“ Es kam bald zu einem allgemeinen Ge⸗ ſpräch.„Wie lange werdet ihr bei uns blei⸗ ben?“ fragte Anna. Ihr Bruder antwor⸗ tete:„Gewiß nicht uͤber vier Tage.“— Der Vater merkte es, daß ein finſterer Ernſt über Anna's Stirn zog und daß Eliſabeth in tiefer Trauer vor ſich niederblickte.—„Ach ſagte Anna,„das iſt ja nicht des Kommens und der beſchwerlichen Reiſe werth.“— „Wollteſt Du,“ erwieberte Carl,„daß ich teber weggeblieben wäre? Willſt Du ein kürzeres Gluͤck von Dir weiſen, weil ein größeres Dir nicht vergoͤnnt iſt? Käme es auf uns an, wie blieben wohl vier Wochen hier; aber können wir uͤber unſere Zeit ge⸗ vieten?“—„So bitte ich mit euſcbech 99 Herrn Medem, daß er euch laͤnger bei uns läßt.“—„Bitte ihn nicht,“ ſagte der Bru⸗ der,„er laͤßt ſich nicht erweichen, wenn er einen feſten Entſchluß gefaßt hat. Lange Ferien, meint er, verderben die jungen Leute und veranlaſſen ſie zu Thorheiten. Wer kann mit Nichtsthun die ſchöne Zeit des Ler⸗ nens vergeuden! Eine geſchäftsloſfe Muſe taugt nichts. Iſt denn Arbeiten Strafe und Nichtsthun Belohnung? Er ſchilt auf älle gelehrte Anſtalten, wo in einem Jahre wohl drei Monat mit Nichtsthun verſchleudert wer⸗ den und ſagt: Das iſt die ſündlichſte Ein⸗ richtung, gegen die ſich alle Regierungen auf⸗ lehnen und ſie verbannen müßten. Einen Tag giebt Herr Medem vielleicht noch zu, aber mehrere gewiß nicht. Er iſt auch mit großen Geſchäften uͤberladen, die ihm eine laͤngere Abweſenheit nicht verſtatten.“ Man fragte nach der Madame Medem und beide Jünglinge ſtimmten in dem Ur — 1400 theile üͤberein, daß ſie ſowohl nach ihrem Verſtande, als nach ihrem Herzen eine ſel⸗ tene, ausgezeichnete Frau wäre. Es herrſche uͤberhaupt in dem Hauſe ein frommes, hei⸗ teres Familienleben, welches in ungeſtoͤrter Liebe und Eintracht fortbeſtehe. Durch den Wirrwarr allzu vieler Geſchäfte werde Herr Medem bisweilen verſtimmt, ſein Blut ſey hitzig und er brauſe dann aufz aber ihre Ruhe, ihre Guͤte erheitere und beſaͤnftige ihn bald wieder. Bei allem Reichthum haſſe man doch den Aufſehen erregenden Glanz, das koſtſpielige, unbelohnende Geſellſchafts⸗ leben und vergnüge ſich am liebſten in dem Kreiſe einer ſtillern Haͤuslichkeit. Die Abende, wo man ſich in einem Zimmer ver⸗ ſammele, in das Jeder das Bewußtſeyn er⸗ fuͤhter Pflicht mitbringe, verlebe man in er⸗ heiternden und belehrenden Geſprächen. Vor dem Schlafengehen trennten ſich Alle mit dem herzlichen Wunſche von einander, ſich geſund und froh wieder zu ſehen. 101 „Und,“ fragte Lorenz Workwich, nicht ohne eine geheime Abſicht,„was haltet ihr denn von der Tochter dieſer frommen und achtungswerthen Menſchen. William, rede Du.“— Er erwiederte:„Da ſie in der Schule ſolcher muſterhaften Eltern lebt, kann ich an ihrer Tugend und Güte nicht zwei⸗ feln. Wir ſehen ſie nur bei Tiſche und des Abends nicht immer, wo ſie mit der Mutter allein oder in weihlicher Geſellſchaft iſt. Ich glaube, daß ich noch nicht zehn Worte mit ihr wechſelte. Sie iſt der Liebling und die Wonne der Eltern. Das Clavier ſpielt ſie meiſterhaft und hat eine ſonore, kräftige Stimme.“—„Iſt ſie nicht huͤbſch, ſchoͤn vielleicht?““ fragte Lorenz, und ein freundliches Laͤcheln ſchwebte auf ſeiner Stirn.—„Fuͤr das Huͤbſch⸗ und Schoͤnſeyn hat Jeder ſei⸗ nen Manßſtab,“ antwortete William,„und der eines Einzelnen iſt kein guͤltiger. Haͤß⸗ liches finde ich in ihrer ganzen Geſtalt nicht, aber auch nichts, was mir als Schönheit be⸗ 4 102 ſonders aufgefallen wäre. Wenn ich meine liebe Eliſabeth nicht eitel mache,— er blickte mehr nach Anna als nach Eliſabeth hin— ſo muß ich aufrichtig das Geſtaͤndniß able⸗ gen, ſie gefällt mir mehr als die andere Eli⸗ ſabeth. Aber, wie ſchon geſagt, uͤber den Geſchmack laßt ſich nicht ſtreiten.“ Als man von Tiſche aufgeſtanden war, hatten die Eltern nichts dagegen, daß ſich die Kinder entfernten, nach einer andern Stube hingingen, um da allein zu ſeyn und ſich ungeſtoͤrt der Wonne des Wiederſehens zu uͤberlaſſen. Ihr Gluͤck, was ſie durch einander genoſſen, war grenzenlos. An die Trennung wurde noch nicht gedacht. Sie hielten einander umarmt. Zwei und Zwei ſaßen neben einander und ſprachen bald laut, bald leiſe. Liebende haben immer Geheim⸗ niſſe fuͤr ſich, die ein Deitter nicht wiſſen darf.„Wenn nur die liebenswuͤrdige Me⸗ dem nicht mitkäme,“ ſagte Eliſabeth,„ſie 103 wird unſerm Beieinanderſeyn, das von ſo kurzer Dauer iſt, großen Zwang auflegen und unſere Freuden ſehr verkuͤmmern.“—„Das wird ſie,“ erwiederte Carl,„und wir muͤſſen vorſichtig ſeyn, damit ſie unſere gegenſeitige Liebe nicht erräth.“—„Und,“ ſagte Eliſa⸗ veth,„waͤre denn das ein ſo großes Ungluͤck? * n Waos kein Unrecht iſt, mag alle Welt wiſſen.“ —„Wie Du doch ſprichſt,“ ſiel ihr Wil⸗ liam in's Wort,„als ob Geheimniſſe zu früh entdeckt werden durften, wenn ſie auch nichts als Gutes enthalten! Das„Gute, das iſt meine Moral, mag eine Weile verborgen bleiben, es richtet ja kein Unheil an, das Unrecht aber muͤſſe nicht verſchwiegen werden, es ſtiftet dann nur um ſo mehr Boͤſes. Die Stunde hat gewiß noch nicht geſchlagen, wo Vater Workwich von unſerer Liebe Kenntniß erhalten darf, ſonſt würden ihm die Mutter unſer Verhaͤltniß offenbart haben, noch weiß er davon keine Sytbe. Wenn uns aber am Tage die Gelegenheit genommen wird, frei N —————— — 104 und offen mit einander reden zu duͤrfen, ſo können wir ja des Nachts, wenn die An⸗ dern im ſuͤßen Schlaf vergraben liegen, bei einander ſeyn. Und bedarf es denn unter uns des vielen Redens? Ich dächte, die Betheuerung, daß wir uns treu und zaͤrtlich lieben, daß nichts vermoͤgend iſt, unſere Nei⸗ gung zu ſchwächen, das wärè auch die Haupt⸗ ſache. Ich bitte euch, nehmt die Eliſabeth wie eine Schweſter auf, ſie iſt eurer Liebe werth und behandelt ſie nicht fremd. Sie koͤmmt von Briſtol, um euch kennen und lie⸗ ben zu lernen. Wollt ihr es ihr als eine Schuld anrechnen, daß ſie euch unwillkom⸗ men iſt? Wuͤßte ſie das, ſie wuͤrde die Schwelle dieſes Hauſes nicht betreten. Ge⸗ wiß, ſie beſitzt Eigenſchaften, die ihr hoͤchſt ſchätzenswerth finden mußt. Ich achte ſie, ſoll ich das leugnen?“ Halb im Scherz und halb im Ernſt ſagte Anna:„William, ich muß Dich bit⸗ Si—— * 105 ten, daß Du mit Deiner Achtung gegen dieſe Eliſabeth nicht weiter gehſt. Das koͤnnte mich betruͤben und eiferſuͤchtig machen. Ich woͤchte Dir gern Alles, Alles ſeyn, und der Gedanke, daß Du ein anderes Weſen mit mir in einen Rang der Werthſchaͤtzung ſtellſt, kann mich quälen. Laß mich auf dieſe Weiſe nur eiferſuͤchtig ſeyn, es dient zur Vergroͤße⸗ rung Deines Gluͤcks. Glaube es, mein Ver⸗ trauen zu Deiner Tugend iſt ſo grenzenlos wie meine Liebe.“—„So muß es ſeyn und bleiben,“ ſagte William,„denn ohne jenes kann dieſe nicht fortbeſtehen.“ Die Neugierde der beiden Maͤdchen, zu der ſich eine kleine Portion Eiferſucht miſchte, die ſchöne Medem zu ſehen, die man liebens⸗ wuͤrdig und achtungswerth nannte, wurde immer groͤßer. Endlich ſchlug am folgenden Tage die Stunde, wo ſie mit ihren Eltern ankam. Sie war mit allen Reizen der auf⸗ bluͤhenden Jugend geſchmuͤckt, heitere Froͤh⸗ „ 406 — lichkeit ſprach aus ihren Blicken und ſie zeigte ein freies, unbefangenes Weſen. Ge⸗ ſchmackvoll und reich war ihr Anzug und zeigte an, daß ſie die Tochter eines wohlha⸗ benden Mannes ſey. Mit offener Guͤte, ohne alen Zwang, nahete ſie ſich den beiden Freundinnen, reichte ihnen mit einer gewiſſen Bieberkeit die Hand und ſagte:„Es hat mich ſehr verlangt, die beiden Schweſtern zweier Bruͤ der kennen zu lernen, die ſo treu und feſt an einander halten, welche von mei⸗ nen Eltern geachtet und geliebt werden. Ich wuͤnſche es auftichtig, daß unſere Bekannt⸗ ſchaft keine voruͤbergehende ſey, und daß ſich unſere Herzen ſo leicht nicht vergeſſen. Ge⸗ wiß, ich irte nicht, Sie ſind Williams und Sie Carls Schwelter.“ Dieſe iebenswördige Weiſe, auf die ſich Eliſabeth den Freundinnen nahete, gewann ihr ſogleich das Zutrauen derſelben und ſie blieben einander nicht lange fremd. Nur „ „ v ——— Wo—— 107 Eliſabeth fuͤhlte in ihrem Innern eine ge⸗ heime Scheu, die es nicht zur lautern Offen⸗ heit kommen ließ, Sie ſah in der Medem eine Nebenbuhlerin, die ihr in vieler Hinſicht gefährlich werden konnte. Sie war reich, ſchoͤn, klug, in ihren Sitten fein gebildet, und mußte einem Rnglinge⸗ der das Natuͤrliche, Einfache, Angenehme liebte, gefallen. Wie leicht, da Cart noch zwei Jahre von ihr ent⸗ fernt und in Briſtol leben mußte, konnte der Umgang mit dieſer Eliſabeth einen Funken von Zuneigung und Liebe in ſeiner Seele anzuͤnden, der, vielfach genährt, zu einer Flamme wurde, die ſeine Liebe zu ihr ver⸗ zehrte. Das Menſchenherz iſt ein ſchwaches, es laͤßt ſich durch Einbruͤcke lenken, und der letzte, der der ſtaͤrkſte iſt, bleibt oft der ſie⸗ gende. Wie ſehr wuͤrde Lorenz Workwich auch die Verheirathung ſeines Sohnes mit einer reichen Jungfrau, mit der Tochter ſei⸗ nes Freundes billigen, die die liebenswuͤrdi⸗ gen Eigenſchaften der Vorzüglichen ihres 6 „ MM aM ti —— e, —— 108 Geſchlechts beſaß. Sie war dagegen die Tochter eines ungluͤcklichen Vaters, den das Ehrgofühl zum Seldſtmoͤrder machte. Work⸗ wich bedauerte ihn zwor, aber die Gewalt, die er ſich anthat, mißbilligte er gar ſehr. So unſchuldig ſie auch war und ſo bedau⸗ ernswerth, daß ihr Vater auf dieſe Weiſe aus der Welt ging, ſo ſchien es ihr doch, als ob ſeine Handlung einen Schatten auf ſie warf. Ihr Vermögen war ein ſo kleines, daß ſie ohne mildthätige Unterſtützung nicht davon hätte leben koͤnnen, und ihren Unter⸗ halt mit Haͤndearbeit haͤtte verdienen muͤſſen. Sollte ſie dem Vater, der der Wohlthäter ihrer Mutter war, entgegenſtreben, wenn er's fuͤr gut fand, ſeinen Cart mit einer andern Jungfrau zu verbinden? Sollte ſie durch Trotz erzwingen, was ihr auf dem Wege der Guͤte nicht gewaͤhrt wurde? Auf keine Weiſe durfte ſie nach ihrer Ueberzeugung dazu bei⸗ tragen, daß zwiſchen dem Voter und Sohne eine feindliche Spaltung eintrat. Sie dachte 1— es koͤnnte Dir bei ihm nachtheilig werden 109 ſich die Moglichkeit, Carln zu verlieren und fragte ſich, ob es ihr nicht an Kraft fehlen werde, den härteſten Schlag des Schickſals zu ertragen. Sie mußte ſich's eingeſtaͤndig ſeyn, daß ſie den Tod einem Leben ohne Carln vorziehe, und daß ihr dieſes zur un⸗ erträglichſten Marter werden wuͤrde. In Workwichs Hauſe athmete Alles Freude, Feſttage wurden gefeiert; aber die im Innern leidende Eliſabeth waͤre gern in ihr Kaͤmmerchen gegangen und haͤtte dort einſam geweint. Der Mutter enideckte ſie ihre ſchmerzhaften Beſorgniſſe und wenn dieſe ſie nicht völlig beruhigen konnte, ſo verſuchte ſie's doch, ſie zu troͤſten.„Nur verrathe Nie⸗ manden Deinen Kummer,“ ſagte die Mutter, „Du könnteſt Dir damit ſchaden, ſelbſt Carln wuͤrde Dein Mißtrauen kränken und Es thut nichts ſo weh, als wenn man nicht an unſere Tugend glaubt, die unſer höchſtes —˖. —— 110 Heiligthum iſt. Wer findet nicht auf dem Wege zum Ziele Hinderniſſe, aber die guͤtige, himmliſche Macht iſt es, die ſie ohne unſer Zuthun hinwegſchafft. Vertraue der allmach⸗ tigen Hand, die nur ſegnen kann. Wie ganz anders führt ſie uns, als wir's ahnen! Wir gehen hier unter Raͤthfeln und Dunkelheiten, aber dieſe klären ſich auf und jene werden geloͤſet. Nicht was wir wuͤnſchen, glauben und hoffen, iſt das Beſte, ſondern wie es die ewige Vorſicht anordnet, die in der Nacht unſerer Schmerzen unſere beſten, dauerhafte⸗. ſten Freuden erzieht. Carl iſt ein edler, treuer Juͤngling, wie könnte der Dich ver⸗ laſſen, wie könnte ihm ein anderes Mädchen beſſer gefallen! Haͤlt er aber die Probe nicht aus, auf die er geſtellt wird, dann, meie liebe Tochter, waͤre er kein Mann fuͤr Dein zartes, weiches Gemuͤth geworden, das ſich mit einer halben, mangelhaften Liebe nicht abfinden läßt. Ueberhaupt, in einer Welt, wo Alles Wechſel und Veränderung ——— ktt. 11¹ iſt, wo das Theuerſte, was wir jeßt noch mit Entzuͤcken wie Seligkeit umfaßt hatten, uns in dem kommenden Augenblicke gera werden kann, wo der Schmerz von der Freude, der Tod vom Leben, Gewinn und Verluſt durch ſo ſchmale Linien von einan⸗ der getrennt ſind, in ſolch einer Welt muß man nicht allein glauben und hoffen, ſondern auch zweifeln und fuͤrchten. Aber truͤbe Die bie heitern Stunden nicht, wo Carl hier iſt, Beſorgniſſe, ſi ſie kehren ſo nicht wieder rück. Die Gegenwart mit reinem Herzen 3* die Zukunft Gott uͤberlaſſen, das iſt Chriſtenwei sheit, und die muͤſſe Dir nicht fehlen,“ Eüſabeth umarmte dankbar ihre Mut⸗ ter, ihre Thränen floſſen und ſie gelobte es ihr, daß ſie ſich zur Freude zwingen wolle, wenn ſie im Herzen auch nicht ganz ruhig ſeyn konne, —— — ————————————— ———————*— S Carl merkte es bald, baß ſeine liebe Eliſabeth nicht heitern Sinnes war, daß eine Laſt auf ihrer Seele lag. Er nahm die erſte Gelegenheit wahr, wo er ſie nach der Urſache ihrer Trauer allein fragen konnte. erwiederte ſie,„ich bin trubſinnig, wie kann ich froh ſeyn, da die Trennung von Dir mir mit jedem Augenblice näher eit! Ach, das fluͤchtige Wiederſehen iſt kein Erſatz für die Schmerzen, die ich nachher leiden muß.“— „Aber wollteſt Du, meine theure Eliſabeth, daß ich gar nicht gekommen und in Briſtol geblieben wäre? Wenn das Schickſal nicht alle unſere Wuͤnſche kroͤnen kann ſo laß uns ihm danken, wenn es auch nur den kkeinſten erfuͤllt. Wahrlich, ich bin uͤbergluͤck⸗ lich, bei Dir zu ſeyn und Du biſt es nicht“ —„und, Carl, habe ich keinen Grund, der meine Trauer bei Dir entſchuldigt? Du würdeſt ſie mir gern verzeihen, wenn Du die Größe meiner Liebe kennteſt, wenn Du's wähteſt, mit welchen Sorgen ſie verknuͤpft S—— — 113 iſt. Zum reinen Freudegenuß läßt mich die innere Aengſtlichkeit nicht kommen. Deiner Liebe vertraue ich, wie dem heiligen Worte der Religion, aber zur Ruhe will es mit mir doch nicht kommen.“—„Meine Eliſabeth, glaube es feſt, es wird und kann in meinem Leben nie eine Zeit eintreten, die unſer Ver⸗ haͤltniß zerſtoͤren koͤnnte, ſo hart es auch be⸗ droht wird. Ich ehre die Pflichten eines dankbaren Sohnes, aber ich kenne auch ihre Grenzen und weiß es, daß der kindliche Ge⸗ horſam ein Verbrechen nicht entſchuldigt, das ich gegen Dich begehen koͤnnte. Denkſt Du Dir meinen Vater ſo unedel, daß er mich zwingen koͤnnte, ein Unrecht zu begehen? Wenn es Zeit ſeyn wird, will ich's ihm ſa⸗ gen, was Du mir biſt. Zuͤrnt er eine Weile, ſo mag er's, ich weiß es im voraus, daß er mir ein liebenderes Herz dann zuwendet. Die Mutter iſt auf unſerer Seite, und Du weißt, ſo feſt der Vater in ſeinem Sinne iſt, ſie verſteht die Kunſt, ihn doch zu beugen. 8 114 Ach, und fuͤrchteſt Du, daß mit mir je eine Veränderung zu Deinem Nachtheil, zu mei⸗ ner Unehre vorgehen könme, ſo haſt Du es nicht begriffen, daß meine Liebe zu Dir, wie meine Liebe zu Gott, auf dem Fundamente der Religion erbauet iſt, dieſes wankt nicht und jene wird beſtehen. Du biſt mir theu⸗ rer als ich mir ſelbſt bin. O, Du beſorgte, ängſtliche Seele, daß es in Dir noch nicht zum frohen Glauben kommen will! Tadeln kann ich Dich auch nicht, denn es liegt in der Menſchennatur, daß wir ſelten das, was uns das Theuerſte iſt, mit zuverſichtlicher Gewißheit umfaſſen, neben der Wonne wan⸗ delt immer die niederſchlagende Beſorgniß, wir koͤnnten es verlieren.“ Die Untetredung der Liebenden endete ſich in der Art, daß Eliſabeth Carln das Verſprechen gab, daß ſie waͤhrend ſeines Auf⸗ enthalts in London ruhigern und leichtern Sinnes ſeyn wollte. Sie hielt Wort, ſo —,—— . — * 11⁵ weit es ihre zarte Empfindſamkeit verſtat⸗ tete. William und Anna waren unbeſorgt und heiter. Es fiel ihnen gar nicht ein, daß es unter ihnen je zu einer Trennung kom⸗ men könne. Sie wurden auf den Fittigen der Hoffnungen zu den ſuͤßeſten und edelſten Freuden empor gehoben. Die Gegenwart umſtrahlte ſie mit ihrem Lichte und an die Wolken der Zukunft dachten ſie nicht. Sie meinten, wenn der Vater anfangs auch Nein ſage, ſo werde er hinterher auch Ja ſagen. Der Onkel in Jamaica, ſo hofften ſie Beide, werde entſtehende Schwierigkeiten beſeitigen. Er konnte ein kraͤftiges Fuͤrwort reden. Gab ihm Williams Mutter die Hand, ſo war er ohne Widerſpruch der Erbe ſeines halben Vermoͤgens und dann eben ſo reich wie Carl. Und die zärtliche, die liebende Mutter trug, nach ſeinem Glauben, gewiß kein Bedenken, für das Wohl ihrer Kinder, wenn es nicht —————————— 116 anders gewonnen werden konnte, ſich aufzu⸗ opfern. Eliſabeth Medem mußte, als ein ſo lie⸗ bes, guͤtiges, herzvolles Weſen, Allen gefal⸗ len. Inniger verband ſie ſich bald mit Anna, als mit Eliſabeth, und das hatte ſei⸗ nen Grund. Sie hatte von Natur eine hei⸗ tere Gemuͤthsſtimmung, war frei in ihrem Weſen, unbefangen in ihren Aeußerungen und neigte ſich denen liebend zu, die ihr mit Vertrauen und Wohlwollen entgegen kamen. Sie ſah die Anna ſo munter und mädchen⸗ froh, dieſe ſang und hüpfte mit ihr, zeigte ihren Putz und ihre Koſtbarkeiten, wußte ihr Neues aus der Londoner⸗Welt zu erzählen, und bat ſie, ihren Aufenthalt zu verlaͤngern und ihre Eitern mit Carl und William allein nach Briſtol abreiſen zu laſſen. Eliſabeth ſchien ihr zwar feiner gebildet und in ihrem Weſen uͤberhaupt höher zu ſtehen, aber ſie war ihr zu ernſt, ihre Freundlichkeit ſchien ——,— ——,— ———————— 1 ihr keine natuͤrliche zu ſeyn, ihre Worte wa⸗ ren abgemeſſene. Es kam der Medem ſo vor, als ob ſie eiferſuͤchtig auf die Beweiſe ſchweſterlicher Vertraulichkeit war, mit der ſich Anna ihr hingab. Eliſabeth Medem fand es bei fluͤchtigem Ueberlegen, daß zwiſchen William und An⸗ nen und zwiſchen Carl und der ſtillern, ver⸗ ſchloſſenern Eliſabeth Berklei eine große Ue⸗ bereinſtimmung herrſche. Carl war es daher auch keineswegs, fuͤr den ſich ihre innere Neigung erklaͤrt hatte, deſto herzlicher fuͤhlte ſich ihr ganzer Sinn zu dem freundlichen, gefälligen Willam hingezogen, dem das liebe⸗ volle, redliche Gemuͤth wie auf die Stirn ge⸗ zeichnet ſtand und aus ſeinen Augen und Worten redete. Sie ſah es wohl, daß Wil⸗ liam und Anna mit einander ſcherzten, ſich bisweilen bewitzelten und daß eine vertrau⸗ liche Bekanntſchaft unter ihnen Statt fand; dies Alles aber ſchien ihr ganz natuͤrlich, da 118 ſie von zarter Jugend an wie Geſchwiſter bei einander gelebt hatten. Daß ſie Beide durch geheime, unauflösliche Bande der Liebe mit einander verbunden wären, das fiel ihr um ſo weniger ein, da ſie wußte, wie arm Wil⸗ liam und wie reich Anna war, und daß Sir Workwich den Juͤngling zwar zum Gegen⸗ ſtande ſeines Wohlthuns gemacht hatte, aber es nicht glaubte, daß er ſeine Tochter ihm je zur Gattin geben werde. Die Art und Weiſe, mit der Anna in Williams Nähe war, machte auch Eliſabeth Medem gegen ihn dreiſter, als ſie es bisher nicht ſeyn konnte, und er ſchien das freund⸗ lich und guͤtig aufzunehmen.„Anna,“ ſagte ſie ohne Verſtellung zu ihr,„Dein Bruder und Etiſabeth ſind ſo ernſt und in ſich ge⸗ eehrt, als ob ſie ſich verabredet hätten, nicht in unſere Freude einzuſtimmen. Du biſt da⸗ gegen mit William ſo heitern Gemuͤths, und, aufrichtig geſagt, ihr Beiden ſeyd mir die ————— * 119 liebſten. Iſt denn Eliſabeth immer ſo? Auch in Briſtol fand ich Deinen Bruder nicht ſo frohen, aufgeweckten Muths als William.“—„Liebe Eliſabeth,“ erwiederte Anna,„es hat ein jeder Menſch ſo ſeine ei⸗ gene Weiſe, der iſt lauter und jener ſtiller, der ernſter und jener ſcherzhafter, aber Du mußt wiſſen, das kann uͤber ſeinen innern Werth nicht entſcheiden, am wenigſten loll unſer groͤßeres oder geringeres Wohlgefallen der Maßſtab ſeyn, an dem wir ſeine wahre Guͤte meſſen und darnach unſere Achtung und unſere Liebe gegen ihn beſtimmen. Zu Parls Rechtfertigung ſage ich nichts, denn er iſt mein Bruder, den die Schweſter nicht lo⸗ ben darf; aber von Eliſabeth betheure ich's Dir, ihr Herz iſt klar wie Licht, ihre Liebe wie eine erwärmende Sonne, ihr ganzes Ge⸗ muͤth athmet Wohlwollen und Menſchen⸗ freundlichkeit. Das Andenken an ihren ver⸗ ſtorbenen Vater hat ihre Jugendfreuden mit einem Trauerflor überzogen; ſie leidet durch 120 Theilnahme mit ihrer herrlichen, liebevollen Mutter, und den Druck des Schmerzgefuͤhls, daß ſie ſo arm iſt, daß ſie Wohlthaten an⸗ nehmen muß, empfindet ſie ſehr hart. Denke Dir dazu ihren ehrliebenden, weichen, reizba⸗ ren Sinn, und leicht wirſt Du Dir's erklä⸗ ren, warum ſie ernſt iſt, indem wir ſcherzen. Wenn ſie zugegen iſt, dann bin ich nicht ſo froͤhlich. Ach, ſie verdient es, daß man ſie hebt und aufrichtet, daß man ihr mit Liebe entgegen kommt, daß ſie's nie fuͤhlt, welchen unverdienten Pruͤfungen ein unbegreifliches Schickſal ſie unterworfen hat. Sorgſam muß ich's vermeiden, daß ſie nie zum Miß⸗ trauen und zur Scheu veranlaßt wird, und weil ich ſie über Alles liebe, thue ich das gern. Mein Bruder liebt ſie unbeſchreiblich, und, das traue ich ihm zu, koͤnnte er ſie glucklich machen, ihm waͤre das ſchwerſte Opfer leicht.“ „Wird Dein Vater es zugeben,“ fragte —— —— 324 Eliſabeth,„daß Carl ſie einſt zu ſeiner Gat⸗ tin waͤhlt, da er ihr Gluͤck hoͤher achtet als das ſeine?“—„Meine liebe Medem, wenn ein Juͤngling ein Mädchen uͤber Alles ſchätzt, kann das nicht anders moͤglich ſeyn, als daß ſein Ziel, nach dem er ſtrebt, kein anderes iſt, als eine eheliche Verdindung mit ihr? Dieſe Art der Liebe iſt mir nicht die heiligſte, die edelſte, ihr iſt noch Irdiſches beigemiſcht, was ihren himmliſchen Glanz truͤbt. Kennſt Du kein Wohlwollen, keine zaͤrtliche Neigung, die, ohne weitere Nebenabſicht, die Freude, das Gluͤck des geliebten Gegenſtandes, ſich als die hoͤchſte und einzige Belohnung an⸗ rechnet? Ein kindlicher Verein herrſcht un⸗ ter den Beiden, der eben, weil er in der Gegenwart ſo ſelig macht, nicht nach der Zukunft und ihren Hoffnungen und Schätzen fragt, um eine Leere auszufüllen, um bem Beieinanderſeyn gleichſam eine fremde Würze zu geben. Was mein Vater dazu ſagen wuͤrde, wenn Carl ihn um ſeine Zuſtimmung —————— 42½ baäte, ſich mit Eliſabeth ehelich verbinden zu duͤrfen, das weiß ich nicht gewiß. Wenn ihm die Tugend mehr als der Reichthum gilt, dann hege ich keine Zweifel; aber die Zukunft liegt wie eine dunkele Wolke vor unſern Blicken, ob ſie verſchwinden und ein klarer, ſchoͤner Tag um uns aufgehen, oder ob ſie uns verderbliche Blitze und Schloſſen bringen wird, wer mag das mit Gewißheit vorausſagen!“ „Aber wie ſonberbar doch die Seelen und geiſtigen Naturen der Menſchen, ſogar unter den Geſchwiſtern ſind,“ ſagte die Me⸗ dem.„Auch William hat einen Vater ver⸗ loren, auch er leidet mit ſeiner Mutter, auch er iſt arm wie ſeine Schweſter, und wie froh iſt ſein Sinn! Iſt das Erhedung des Ge⸗ muͤths uͤber Unabaͤnderliches? Leichtfinn, der nichts beachtet, möchte ich's nicht nennen; iſt es das Licht ſußer Hoffnungen, wos ihn ſo anlacht? Und wer und was giebt ihm dieſe Schweſter geſchildert haſt. Und waͤre er's ———e e e.. E. 123 beneidenswerthe Stimmung? Fannſt Du mir uͤber das Raͤthſel eine Erklaͤrung geben? Ich bin geneigt, ihn nach ſeinem Charakter fuͤr eben ſo gut zu halten, wie Du mir ſeine nicht, wie koͤnnteſt Du dann ſo zutraulich und liebevoll mit ihm umgehen?“ Anna merkte es wohl, daß es Eliſabeth darauf anlegte, ihr ein Urtheil uͤber William abzufragen, und ſie erwiederte:„Daruͤber habe ich noch nicht nachgedacht, nur das kann ich Dir, erwiedern, daß derſelbe Schmerz, dieſelbe Freude“ auf verſchiedene Gemuͤther auch verſchieden wirkt. Der ertraͤgt eine Laſt leichter, die Jenem ſchwerer wird. Hat das maͤnnliche Geſchlecht nicht auch eine groͤ⸗ ßere Kraft, Widriges zu erdulden? Was den Juͤngling nur leiſe ruͤhrt, das erſchuͤttert das Mädchen. William wird auch durch viele Zerſtreuungen, ſelbſt durch ſeine Wiſſen⸗ ſchaft, von truͤben Gedanken abgezogen, er 124 muß ſie von ſich hinwegkaͤmpfen, andere Menſchen und andere Gegenſtaͤnde umringen ihn; aber Eliſabeth ſitzt oft einſam bei ihrer Mutter, ihr Gemuth laͤßt empfangene Ein⸗ druͤcke nicht fahren, das Leidenvolle wird zer⸗ gliedert und vor dem Blicke in die Vergan⸗ genheit und Gegenwart verliert ſich die hei⸗ tere Geſtalt der Zukunft. Mir erſcheint William als ein frommer, untadelhafter Juͤngling, und meine Achtung und Liebe kann ich Dir nicht anders bezeichnen, als damit, daß ich zwiſchen ihm und Carln keinen Un⸗ terſchied weiß.“ Das, was Anna der Eliſabeth Medem von ihrer Freundin und zu ihrer Rechtferti⸗ gung geſagt hatte, das machte einen tiefen Eindruck auf ſie. Liebe und Mitleid regte ſich in ihr ſie ſuchte ein Unrecht, was ſie an ihr begangen zu haben glaubte, durch einen hoͤhern Grad von Freundlichkeit und Wohl⸗ wollen wieder gut zu machen. Die Berklei 125 empfand das und wurde auch anſchmiegender und guͤtiget gegen ſie. Als ſie einſt Beide allein waren, ſprach die Medem ſehr ruͤhm⸗ lich von William, aber Carls erwähnte ſie mit keiner Sylbe.„Wie ſoll ich das deu⸗ ten,“ fragte Eliſabeth,„daß Du meinem Bruder eine Lobrede haͤltſt und Carls mit Stillſchweigen uͤbergehſt? Nach meinem Ur⸗ theile ſind ſie Beide gut, und Einer hat vor dem Andern keine Vorzuͤge.“—„Das mag wohl ſeyn,“ erwiederte die Medem,„aber hängt denn das Urtheil, das wir uͤber Andere fallen, immer von ſeinem Verdienſte und un⸗ ſerm Verſtande ab? Fuͤhrt nicht das Herz bisweilen das gtoße Wort? Ich bin Dir's aufrichtig eingeſtaͤndig, wenn ich meine Nei⸗ gung entſcheiden laſſe, ſo muß ich Deinen Bruder Carln vorziehen. Es kann Dich das nicht verdrießen, William iſt ja Dein Bru⸗ der und Carl nur Dein Jugendfreund. Aber verrathe mich nicht, ich habe Dir ein Geheimniß anvertraut, er darf es ſelbſt nicht 126 wiſſen; auch Annen ſage nichts davon, ſie liebt ihn auch, und, wer weiß, ob nicht in einem hoͤhern Grade als ihren Bruder.“ Die weitere Unterredung der beiden Maͤdchen wurde unterbrochen, als Willain und Anna kamen. Das Geſtaͤndniß, was ihr die Medem ablegte, war fuͤr die beſorgte Berklei ein Balſam auf ſchmerzhafte Wun⸗ den. Sie hatte ihr damit einen ſchweren Stein vom Herzen genommen. Ihr Sinn heiterte ſich auf, ſie wurde fröhlich, und Nie⸗ mand konnte ſich die plötzliche Veränderung erklären, die mit ihr vorgegangen war. Sie gab ſich nun der liebenzwuͤrdigen Medem ganz hin, die ſich's eingeſtändig wurde, daß Eliſabeth vorzuͤglicher ſey als Anna. Die Berklei verrieth das ihr anvertraute Geheim⸗ niß nur ihrer Mutter und dieſe bat ſie in⸗ ſtändig, Annen kein Wort davon zu ſagen, um ſie nicht vergeblich zu beunruhigen, indem 127 ſie ſagte:„Unſere Freude ſoll fuͤr Andere nie zum Schmerze werden.“ Indeß die Kinder ſo gluͤcklich mit ein⸗ ander waren, ſahen die Eltern ihr Ver⸗nu⸗ gen an ihnen; aber Wichtiges ſollte auch un⸗ ter ihnen verhandelt werden. Die Seele und der Geiſt der ganzen Geſelſchaft aber war Julie, Medems Gattin, ein wahres Muſter fuͤr viele Frauen. Dieſe Julie, eine geborne Irländerin, war noch unveraltet und konnte fuͤr eine ſchoͤne Frau gelten. Edel und hehr war ihre ganze Geſtalt, Kraft und Leben ſprach aus allen ihren“ Bewegungen. In ihrem Auge lag der Abdruck des hellen Geiſtes, der ſie beherrſchte, die milde, liebevolle Freund⸗ lichkeit, die in ihrem Herzen ruhte. Sie“ hatte Majeſtaͤtiſches in ihrem Weſen, was auch dem Fremden, der ihre fuͤrtrefflichen Eigenſchaften nicht kannte, Achtung einflößte; 128 aber ihre Sprache war ſo ſauft, ſo gewin⸗ nend, ihr Laͤcheln ſo heiter und gutmuͤthig, daß man augenblickiich Vertrauen zu ihr ge⸗ wonn und ſich's ſelbſt detheuerte, nur reine, ſtomme Güte kann in dieſem Weibe woh⸗ nen. Sie war von vornehmen und reichen Geſchlecht, und hatte die Sittenbildung, die den hoͤhern Menſchenklaſſen eigen iſt. Den härteſten Kampf mit ihren Verwandten mußte ſie beſtehen— ihre Eltern waren fruͤher ge⸗ ſtorben— ehe ſie die Erlaubniß erhielt, einen engliſchen Kaufmann zu heirathen, und ſie beſtand ihn mit Heldenmuth und uͤberwand alle die Schwierigkeiten, die ihr in den Weg gelegt wurden. Sie ſah den jungen Medem in einer großen Geſellſchaft, ihr Herz ent⸗ ſchied fur ihn, ſie kam ihm mit dem Ge⸗ ſtändniß ihrer Liebe zuvor, er ſtaunte uͤber ſein Gluck, und obgleich die Vornehmſten um ſie warben, nach Verlauf eines Jahrs war ———— 129 ſie ſeine Gattin.„Ich folgte der Stimme der Vorſehung und Natur, weiter konnte mich keine Ruͤckſicht blenden,“ ſagte ſie, „mein Herz, von der erſten Liebe begeiſtert, glaubte in Medem den Juͤngling gefunden zu haben, der meinem Leben Bedeutung, Wonne und Frieden zu geben vermochte, darum wählte ich ihn und darum bin ich auch das gluͤcklichſte Weib unter der Sonne geworden. Rein und ſchuldlos ſchmückte mein Haupt der Brautkranz; zuͤchtig und keuſch trat ich in's eheliche Leben, Tugend und Froͤmmigkeit war meine beſte Mitgift. Golden waren meine Tage, ſelig meine Ge⸗ genwart und herrliche Hoffnungen zieren meine Zukunft. Oft ſind wir ſtreitig, wer das Meiſte zu unſerm ehelichen Gluͤcke bei⸗ getragen hat, Einer will dem' Andern den Vor⸗ zug zuſprechen, und Keiner glaubt dafuͤr ſo viel gewirkt zu haben, als der Andere. O, du gutiger Vater im Himmsl, wie groß und herrlich ſind die Freuden, die du den Gat⸗ 9 „———— 1⁵0 ten beſchieden haſt; wie unerſchöpflich iſt ihre Quelle, es welken ihre Bluͤthen nicht. Tau⸗ ſenden fehlt das Gemuͤth, um das Paradies zu finden, in denen gleichgeſtimmte, durch Schmerz und Freude veredelte, durch jede Probe noch mehr bewährte Gatten, alle Bande der Liebe und Zaͤrtlichkeit vereinigen. Wem die Tugend im Herzen wohnt, der fin⸗ det allenthalben ſeinen Himmel.“ Die herrliche, unuͤbertreffliche Julie fuͤhlte ſich mit geheimer Neigung weit mehr zur Berklei, als zur Workwich hingezogen. Schon das Schickſal der erſtern, ihre geheime Wehmuth, ihre ärmliche Lage gab ihr ein gewiſſes Intereſſe, das mitleidsvolle Seelen nie unbeachtet laſſen. Die Workwich war dagegen eine Gluͤckliche, die keiner Theilnahme, keiner aufrichtenden Liebe, keiner Guͤte be⸗ durfte, die das aͤngſtliche, ſcheue, zagende Gemuͤth ſo nöthig hat. Die Schwermuth, die aus dem ganzen Weſen der Berklei ————— —,——— e 3 ſprach, das ruͤhrende Lächeln in ihren Augen, das Zarte, Hingebende in allen ihren Aeuße⸗ rungen, die Demuth und Beſcheidenheit in ihrem Betragen, dies Alles lockte ihr Juliens Seele naͤher. Sie war unter den Gluͤck⸗ lichen eine Ungluͤckliche, unter den Reichen eine Arme, unter den beneidenswerthen Gat⸗ tinnen eine verlaſſene Wittwe. Glucklich und beneidenswerth konnte man ſie nur als Mut⸗ ter von den zwei Kindern nennen, die ſie wie liebende Geiſter umſchwebten und wel⸗ chen in der ſichtbaren Schoͤpfung dieſe Mut⸗ ter das Hoͤchſte zu ſeyn ſchien. Venn die Workwich wirthſchaftliche Be⸗ ſorgungen hatte, da ſprach Julie nur mit der Wittwe. Die edeln Seelen ſchloſſen ſich bpald an einander auf und kamen ſich mit Vertrauen entgegen. Julie legte ihr das ſchöne, herzerfrenende Geſtaͤndniß ab:„Liebe Berklei, in Briſtol habe ich viele Bekannte, ſie nennen ſich meine Freundinnen, aber eine — —— 8 1¹ — 1½ — 43 8 7* 6 1„ . 1 6 8 132 Frau, wofuͤr ich Sie achte, fehlt mie doch. Es bedurfte zwiſchen uns keiner langen Zeit, um uns wie Schweſtern mit einander zu vereinen. Wollen Sie Ihrem lieben Wil⸗ liam naͤher ſeyn und ſich von Ihrer Eliſa⸗ beth nicht trennen, ſo ziehen Sie nach Bri⸗ ſtol, ich biete Ihnen mein Haus, meine Liebe an, und glaube, unſere beiden Töchter wuͤrden ſich lieben lernen.“ Es that der Berklei beſonders wohl, daß die achtungswerthe Medem ſo ruͤhmliche Ur⸗ theile uͤber William fällte. Sie ſagte ſogar: „Ich war ein reiches Maädchen, und hetrathete meinen armen Medem. Der Wille meiner Tochter iſt ungebunden, fiele ihre Wahl auch auf den ärmſten Juͤngling, der reich an Tu⸗ gend und edler Sitte iſt, ſo werde ich den mit Freuden für meinen Schwiegerſohn an⸗ erkennen. Nicht aus Bergen von Gold⸗ und Silbermetall zieht die wahre, dauernde Liebe ihre Nahrung, das Edelſte in dem Menſchen, 133 das uͤber allen Wechſel Echabene, das Goͤtt⸗ liche, was ewig beſteht, das, das iſt das hei⸗ lige Land, in dem ſie wächſt und gruͤnt, und Früchte traͤgt.“ Die Verklei war von dem Anerbieten geruͤhrt, welches ihr Julie Medem machte, daß ſie zu ihr nach Beiſtsl ziehen ſolltes aber annehmen konnte ſie's aus vielen Gruͤn⸗ den nicht. Sie durfte hier nicht ihrem Her⸗ zen, der Klugheit und Vorſicht mußte ſie Ge⸗ hor geben. Wie gern waͤre ſie in Williams Nähe geweſen! Aber konnte ſie ihre Toch⸗ ter Anna's umgange entziehen, die keinen Tag ohne die liebende Freundin zu leben vermochte! Wenn ſie London verließ und ſich von Workwichs trennte, konnten dieſe edel⸗ muͤthigen und treugeſinnten Menſchen ihr das nicht verdenken und ihr den beſten Theil ih⸗ res Wohlwollens verſagen? Die edelſten Menſchen, eben weil ſie am zarteſten fuͤhlen, ſind auch am leichteſten beleidigt, und ob ſie . — . 8 134 auch keine Rache uͤben, ſo entfernen ſie ſich doch von denen, die der hoͤchſten Tugend nicht zu huldigen und ihr Gemuͤth nicht zu ſchonen verſtehen. Wie konnte die gute Ber⸗ klei dann bei Workwichs nicht auch in den Verdacht gerathen, daß ſie Carln die Braut gleichſam zu einer Zeit zufuͤhre, wo er ſich ungeſtoͤrt der Wiſſenſchaft widmen mußte. Die Entdeckung, daß die jungen Leute ſich liebten, war dann leicht gemacht und Medem hätte ſie ſeinem Freunde Workwich nicht verſchwiegen. Sie hielt es alſo durchaus fuͤr gerathener, in London zu bleiben, ſich nicht mit groͤßern Verbindlichkeiten zu belä⸗ ſtigen und ſich nicht in unangenehme Verle⸗ genheiten zu verwickeln. Auch gehoͤrte ſie zu den beſſern Seelen, die, wenn ſie ſich nie entſchließen könnten, das kleinſte Unrecht mit Vorſatz zu begehen, auch den leiſeſten S deſſelben ſorglich meiden. Aber eine bange Ahnung ſtieg in ihr auf, —— 135 die ſie gar ſehr beunruhigte. Aus dem trau⸗ lichen Geſpraͤch der Medem mußte ſie ſchlie⸗ ßen, daß William bei ihr hoch angeſchrieben ſtand und daß ſie nicht abgeneigt war, wenn er ihrer Tochter Eliſabeth gefiele und er ſie hebte, ſeine Bitte um das Herz und die Hand der ſchonen Jungfrau auf alle Weiſe zu unterſtoͤtzen. Jetzt wurde es ihr auch klar, daß dieſe Elifabeth Medem mit ihrer Mutter ſich nicht unabſichtlich ſo liebend und guͤtig zu ihr hinneigten, daß ſie Beide den Plan hatten, das Vertrauen und die Liebe der Mutter des Juͤnglings zu gewinnen, den die Madame Medem mit den Worten be⸗ zeichnete:„Iſt er reich an Tugend und ed⸗ ler Sitte, ſo iſt er mein Schwiegerſohn.“ Sollte ſie ihren William warnen, daß er nicht ein näheres Verhältniß mit Eliſabeth Medem anknuͤpfte? Bei ſeiner reblichen Liebe gegen Annen glaubte ſie das nicht nö⸗ thig zu haben. Aber welches Betragen konnte ſie ihm als das beſte in Medems 136 Hauſe rathen? Er war in einer kritiſchen Lage. Ohne die Pflicht des Danks, des Wohlwollens und der feinen Sitte zu ver⸗ leten, durfte er ſich doch nichts erlauben, was in der Ferne Veranlaſſung geben konnte, daß er Medems Lochter auf irgend eine Weiſe auszeichnete und den Glauben in ihr anfachte, daß er ſie liebe. JFalt und zuruͤck⸗ ſtoßend ſie behandeln, das verbot die Achtung, die et ihr, die er ihren Eltern ſchuldig war. Aber, nach der Meinung der Berklei mußte doch Alles, Alles vermieden werden, was in Eliſabeths Herzen eine zartliche Neigung ent⸗ zunden und nähren konnte. Das liebe, herr⸗ liche Kind mußte moͤglichſt gegen die bittere Erfahrung geſchuͤtzt werden, die der Tauſchung in der wichtigſten Angelegenheit unſeres Le⸗ bens folgt; es mußte ihm klar werden, daß William, bei aller Achtung, bei allem Wohl⸗ wollen fuͤr ſie, ihr Gatte nicht werden konnte. Aber wie war das zu bewirken, ohne die ge⸗ heime Verbindung an's Licht zu ſtellen, in 137 der William mit Annen ſtand, welche mit dem Schleier der Nacht noch umhuͤllt blei⸗ ben mußte. Doch, wo wir zagend zweifeln, wo uns unſere Klugheit verlaͤßt, daß wir das Rechte nicht zu waͤhlen wiſſen, da erſcheint eine hohere Macht, die weiſe und vorſichtig das Verſchlungene entwickelt und uns zu dem lobpreiſenden Ausſpruche zwingt:„So war's am beſten; anders mußte es nicht kommen.“ Am Tage vor der Abreiſe war es, als Workwich zu Ehren ſeiner Gäſte ein großes Feſt auf ſeinem Landhauſe anſtellte. Seine beſten Freunde mit ihren Familien waren dazu eingeladen. Eliſabeth wäre mit ihrer Mutter gern in London geblieben, aber ſie durften nicht fehlen. Die Tochter ſagte: „Wie unpaſſend iſt doch dieſe Luſtbarkeit, wenige Stunden vor der Trennung von ge⸗ liebten Menſchen! Meint Workwich, daß man den Schmerz in der lauten Freude er⸗ 138 ſaͤufen ſoll? Wenn das Herz weint, da ſoll der Mund von innerer Luſt reden und der Fuß ſich zum Tanze bewegen? Ich wäre lieber in einem Leichenhauſe, als auf Work⸗ wichs Landhauſe. Der Mann will uns den Wechſel des Lebens recht verſinnlichen, wo der Kummer der Luſt ſchnell nachfolgt. O, wie Wenige wiſſen das Rechte zu wäͤhlen, was uns erheitern und beruhigen kann!“— „Liebe Eliſabeth,“ ſagte die Berklei,„ver⸗ lange nie von der Welt, daß ſie ſich nach Dir richten ſoll, und tadle ſie nicht, wenn ſie, um Dich unbekuͤmmert, ihren Gang geht! Wie Vieles muß der Menſch hienieden ſeiner Neigung zuwider thun! Lerne Dich fugen. Workwich läßt ſich's viel koſten, ſeinen Freunden eine Freude zu bereiten, die Abſicht mußt Du rühmen, wenn ſie auch nicht an Dir erreicht wird. Setze Deiner Traurigkeit uͤber die Trennung von Carln Grenzen, und glaube nur, ſie iſt das groͤßte Uebel nicht, was Dich hienieden treffen kann. Unmoͤg⸗ — —— 139 liches mußt Du auch nicht wuͤnſchen. Unter welcher Bedingung könnte er denn in Lon⸗ don bleiben, und kannſt Du ſie beſtimmen? Lerne unvermeidliches Uebel mit Faſſung er⸗ tragen, das iſt eine große Tugend. Wer ichmer Wuͤnſche hegt, die nicht erfuͤllt werden können, der ſchwimmt auf einem wellenvollen Meere, Furcht und Bangigkeit verlaͤßt ihn nicht. Die Zeit, in der Carl in Briſtol iſt, wird ſchnell verfließen, und wie ſie Dir ver⸗ ſtießen ſoll, das ſteht in Deiner Macht, un⸗ ter heitern Hoffnungen oder in vergeblichem Gram. Wenn er erſt wieder in London iſt, wenn er Dir die Hand als Gatte reichen will, wenn der Vater ſich ſeiner Verbindung entgegen ſtellt, wenn ihr Gefahren drohen: dann magfl Du ein Recht haben, Dich zu beklagen. Der Abſchied von ihm, wenn er nach Briſtol geht, muͤſſe Dich ſo nicht nie⸗ derſchlagen. Ueberhaupt, meine Tochter, tadle ich an Dir eine Zu reizbare Empfindſamkeit, die ſeit einiger Zeit in Dir herrſchend wird. —— 140 Wenn der ſtumpfe, fuͤhllofe Menſch ſeine gottliche Natur verleugnet, und ſich des Ge⸗ nuſſes der edelſten Menſchenfreuden beraubt, ſo iſt ein zu leicht angegriffenes, aufgeregtes Gefuͤhl ein feindlicher Geiſt, der uns ewig martert, den Religion und Vernunft austrei⸗ ben muß. So, wie die Welt nun einmal iſt, giebt es keine Roſen ohne Dornen, und * fuͤr uns keine Freude mehr, wenn wir dem Schmerze nicht mehr zu gebieten vermoͤgen. Feſt wie Diamant ſey die Menſchenſeele, daß der Zahn des Schmerzes ſie nicht zernagt, und weich zugleich wie Wachs fuͤr die Freube.“ „Mutter, Du lehrſt mich eine hohe Weisheit,“ ſagte Eliſabeth,„wer konnte ſie befolgen! Das Kind will Dich nicht tadeln; aber zeigen Deine Thraͤnen und Klagen auch von ihr, daß Du ihre Schuͤlerin biſt!“— „Das zeigen ſie nicht,“ ſagte die Mutter, „aber wie viel habe ich durch meine Empfind⸗ 141 ſamkeit gelitten, und iſt es nicht Liebe, die Dich vergeblichen Leiden uͤberheben und Dich im Dulden derſelben ſtaͤrken will? Darauf ſiehe und auf mein Beiſpiel nicht,“ Workwichs Wagen fuhr vor und holte die Berklei mit ihrer Tochter ab, um ſie nach dem Landhauſe zu bringen. Die Geſellſchaft war verſammelt und die Feſtmuſik toͤnte ih⸗ nen entgegen. Carl und William halfen ih⸗ nen aus dem Wagen. Leiſe ſagte Carl ſei⸗ ner Eliſabeth in's Ohr:„Ich bitte Dich, verrathe Deine Trauer nicht, vielleicht ſehen wir uns nach einem Monat wieder; mein Vater ſprach von einer Reiſe nach Brſtol.“ Schoͤner, reizender wie keine Jungfrau in der Geſellſchaft, fand Carl ſeine Braut. Eliſa⸗ beth Medem zeichnete ſich als Taͤnzerin aus. Wie eine Grazie ſchoͤn flog ſie dahin im leichten Fluge. Alles athmete an ihr Freude. Carl und William tanzten auch mit ihr. Scherz und froͤhliche Laune floß von ihren Lippen, man ſand ſie intereſſant und liebens⸗ wuͤrdig. Sie ruͤhrte ein Juͤnglingsherz, ſchlug dieſem eine Wunde, die erſt ſpäter wieder heilte. Als der Tumult vorbei war und Lorenz Workwich mit ſeinen Freunden in einem b⸗ ſondern Zimmer noch verſammelt war, ſagte Medem:„Wenn ihr uns einen Tag laͤnger noch hier behalten woüt, ſo bleiben wir. Wenn am Abend ein ſolcher Taumel geweſen iſt, dann reiſet ſich's am folgenden Tage ſehr ſchlecht. Wir mäſſen wieder ausſchla⸗ fen, und dann möchte ich morgen auch einen Beſuch in London abſtatten.“ Die allgemeine Freude, daß Medem ei⸗ nen Tag länger blieb, kann man ſich denken. Als Workwich mit ſeinen Freunden in London angekommen war, wurde ihm gemel⸗ det, daß ihn ein junger Deutſcher habe ſpro⸗ — ——— ——— 14⁴3 chen wollen, er werde gegen Mittag wieder ſeine Aufwartung machen.—„Die Deut⸗ ſchen ſind liebe Leute,“ ſagte Workwich,„ich mag ſie gern leiden, wenn ſie ſich nur beſſer auf ihren Vortheil verſtaͤnden.“— Laͤchelnd ſagte Medem:„Fruͤher, ehe Du der reiche Mann warſt, haſt Du dieſe chriſtlichen Wuͤnſche wohl nicht gehegt. Man iſt dann am geneigteſten, dem Naͤchſten alles Gute zu wuͤnſchen, wenn unſer Vortheil mit dem ſei⸗ nen in keine Colliſion mehr gerathen kann. Der Barometer unſerer Tugend und Men⸗ ſchenliebe iſt nicht ſelten die groͤßere oder kleinere Summe, die wir als Eigenthum oder Nichteigenthum in der Caſſe haben.“ Wie man ſich's denken kann, gab der geſtrige Vall, insbeſondere den jungen Leuten, am andern Morgen vielſeitigen Stoff zu Ge⸗ ſprächen. Die ſchoͤne Medem hatte ſich koͤſt⸗ lich ergotzt. Sie wußte es wohl, daß ſie die erſte Rolle hiette⸗ und das that der weib⸗ 6 .— ——— ———— 8 2 — S —————— 144 lichen Eitelkeit ungemein wohl. Ein junger Englaͤnder, der am meiſten mit ihr tanzte, war ihr ſehr aufgefallen. Sie fand ihn nicht häßuch, ſeine Bildung war vorzuͤglich, er tanzte am beſten, und was er mit ihr ſprach, verrieth Geiſt. Anna ſagte es ihr, als ſie nach ihm fragte: er ſey Thomas Hebert, ein Vetter von ihr. Sein Vater waͤre ein Rechtsgelehrter, und der Juͤngling ſelbſt ſtehe in dem beſten Rufe. Der junge Deutſche ließ ſich melden, und Workwich, der Beſtellungen irgend einer Att von ihm erwartete, ging ihm freunblich entgegen. Als er mit dem Fremden im Zim⸗ mer war und Workwich ihn⸗ ſeinen Freunden vorgeſtellt hatte, uͤberreichte ihm der Deutſche Empfehlungsbriefe von etlichen angeſehenen Handelshaͤuſern und ſagte in wohlklingender, engliſcher Sprache:„Mein Name iſt Kron⸗ heim. Die Abſicht meiner Reiſe nach Eng⸗ land iſt, daß ich meine Kenntniß als Arzt ——— ——— . C— erreiche. Ehe Sie mir eine Antwort geben, leſen Sie erſt die Briefe.“ Medem knüpfte ein Geſpraͤch mit dem Juͤnglinge an und Workwich verließ das Zim⸗ mer und kam mit einer heitern Miene wie⸗ der. Er reichte Kronhelmen die Hand und ſagte:„Sie ſind mir von meinen Freunden beſtens empfohlen, ſeyn Sie mir willkommen. Ich bitte Sie, daß Sie bei mir wohnen, ſo lange Sie ſich in London aufhalten. Was durch mich, oder meine Freunde geſchehen kann, daß Sie unſer Land befriedigt verlaſ⸗ ſen, das biete ich mit Vergnuͤgen auf. Der junge Mann iſt Profeſſor,“ ſagte Workwich zu den Seinen, So artig und otienit hatte ſich Kronhelm einen reichen Englaͤnder nicht ge⸗ 10 bereichern, ſo viel ich kann dieſes intereſſante Reich kennen lernen will, und ich bitte Sie, nür geſaͤllig zu ſeyn, daß ich meinen Zweck 146 dacht. Das Anerbieten, daß ihm Workwich Gelegenheit verſchaffen wollte, das Merkwuͤr⸗ digſte in der Hauptſtadt zu ſehen, nahm er mit Vergnügen an, aber fuͤr das Wohnen in ſeinem Hauſe dankte er verbindlich. Nach einer Stunde etwa beurlaubte ſich Workwich von ihm, weil er einen nothwendigen Gang mit ſeinem Freunde Medem habe, der mor⸗ gen nach Briſtol abreile und bat ihn, ſeine Familie, bis er wieder kame, nicht zu ver⸗ laſſen. William insbeſondere ließ ſich, aus Artigkeit, mit dem jungen Profeſſor in ein intereſſantes Geſpräch ein und fand bald, daß er ein Mann von vorzüglichen Geiſtes⸗ gaben ſey. Die Juͤnglinge gewannen einan⸗ der lieb. Carl aber nahm keine Notiz von ihm, er ging zu ſeiner Eliſabeth und wollte die letzten Stunden ſeines Hierſeyns nicht an einen Fremden verſchwenden. Daß ein Liebesverſtändniß zwiſchen Carl und Eliſabeth herrſche, das merkte die Me⸗ 147 dem wohl, ſie aͤußerte ſich daruͤber auch gegen Annen, die zu ihr ſagte:„Was nennſt Du ein Liebesverſtändniß? Eine Liebe, die von zarter Jugend an ihre Herzen verband, be⸗ herrſcht ſie noch, und es waͤre nicht gut, wenn die ſich aus ihrem Innern verloͤre. Vom Heirathen iſt da nicht immer die Rede, wo ein Juͤngling und eine Jungfrau durch die Bande der Achtung mit einander ver⸗ knuͤpft ſind.“— Lächelnd erwiederte Eliſa⸗ beth:„Das glaube ich wohl, aber der Schritt von einer ſolchen Jugenbliebe zur Heirath iſt leicht gethan.“ Workwich und Mebem beſuchten die Berklei in einer ſehr wichtigen Abſicht und fanden ſie allein. Bie gute Frau war uͤber den Beſuch gar ſehr erfreut und zeigte das durch ihr freundliches, liebevolles Weſen. Medem lenkte das Geſpraͤch gar bald auf William und ruͤhmte von neuem ſeine Tu⸗ genden und liebenswuͤrdigen Eigenſchaften. „Wie ſehr Sie damit mein Herz erfreuen,“ ſagte ſie,„wie ich Ihnen dafur danke, das kann ich Ihnen nicht mit Worten bezeichnen. Es iſt mein einziges, mein groͤßtes Gluͤck auf Erden, daß ich gute Kinder habe. Wohl ihnen, daß ſie von der guͤtigen Natur mit alen Gaben ausgeſtattet ſind, welche den veſſern Menſchen gefallen. Wie ſehr iſt ih⸗ nen der Weg dadurch erleichtert, ihr Fort⸗ kommen zu ſchaffen! Ich bin eine arme Wittwe, und was ich zu ihrer Bildung an⸗ wende, empfange ich aus den Händen wohl⸗ thätiger Menſchen, und an ihrer Spite ſtehen Lorenz und Robert Workwich. Guter Me⸗ dem, bleiben Sie ia der Freund meines Sohnes, rathen Sie ihm weiſe, er hat ja keinen Vater mehr, der ihn leiten kann. Aus Vorſatz kann er kein Unrecht begehen, aber vielleicht fehlt er aus Irrtham und Mangel an Erfahrung, wie alle jungen Leute, und da nehmen Sie ſich des Strauchelnden an und tichten ihn auf. Was Sie William 149 Gutes erweiſen, das vergelte Ihnen Gott, Ihr Herz, und ich mit meinem Sohne, wir werden Ihrer Liebe nie vergeſſen.“ „Hoͤren Sie, liebe Berklei, ich habe mit Ihnen ein Kapitel abzuhandeln, das für uns Eltern von großer Wichtigkeit iſt. Ja, ich will mich Williams annehmen, als ob ich ſein Vater wäre. Sein edles Weſen zwingt mich, daß ich ihn wie meinen eigenen Sohn liebe. Sie haben meine Tochter geſehen. Zu ihrem Lobe darf ich, als Vater, kein Wort ſagen, nur das Eine glaube ich Ihnen betheuern zu muͤſſen: ſie iſt eine fromme, ſchuldloſe Jungfrau, ein liebevolles, herz⸗ liches Kind.“ „Hören Sie mich weiter. Eine be⸗ ſtimmte Erklärung hat ſie mir ſo wenig, als ihrer Mutter gegeben, daß ſie fuͤr William eine entſchtedene Neigung empfindet; aber aus manchen Aeußerungen, die ihr ſo unwill⸗ ———— S2— 2 S S—— 1⁵⁰ kührlich, ſo ihrer gleichſam ſelbſt unbewußt, entſchluͤpften, glauben wir's doch, daß der Keim zur Liebe in ihr liegt, der ſich leicht entwickelt, wenn er genaͤhrt wird.“ „Da wir, ich und meine Gattin, ein ſo großes Vertrauen zut ſittlichen Guͤte Ih⸗ res Sohnes haben; da wir nicht zweifeln, unſere Tochter wird durch ihn glucklich wer⸗ den, ſo vergnuͤgen wir uns an dem Plane, ſie ihm, nach etwa zwei Jahren, zur Gat⸗ tin zu geben. Zwang ſoll bei dieſer Ver⸗ bindung durchaus nicht Statt finden, wir laſſen den Beiden freien Willen. Gelegen⸗ heit, ſich kennen, ſchaͤtzen und lieben zu ler⸗ nen, finden ſie in meinem Hauſe. Aber ehe ſich die Liede zu William in das Herz meiner Tochter ſchleicht, muß ich's vorher wiſſen, was ich von ihm zu erwarten habe, ich ſelbſt kann ihn nicht darnach fragen. Waͤre es der Fall, daß er ſich mit meiner Eliſabeth nicht in Liebe einigen kann, ſo ſoll 454 ihm dies keinen Nachtheil bringen; aber meine Tochter muß ich dann warnen, ein Ge⸗ fuͤhl nicht zu nähren, das, ſo ſuͤß es auch iſt, nur zu ſchmerzhaften Kaͤmpfen fuͤhrt. Daß ich mit dieſer Vorſicht zu Werke gehe, werden Sie der Liebe verzeihen, die ich gegen meine Tochter hege. Sie bitte ich nun, daß Sie Ihren Sohn erforſchen, ob er zärtlichen Sinn fuͤr mein Kind hegt. Ich daͤchte, ge⸗ gen eine ſolche Verbindung könnten Sie nicht Gegruͤndetes einwenden. Meine Julie hat Sie eingeladen, eine Weile in Briſtol bei uns zu wohnen, thun Sie das, dann wird Ihnen genug Gelegenheit gegeben werden, den Charakter meiner Eliſabeth zu beurthei⸗ len, ob ſie eine Frau fuͤr Ihren Sohn iſt, ob ſie ſich für ihn paßt. Es muß der Mut⸗ ter hoͤchſt wichtig ſeyn, ſich zu uͤberzeugen, ob Williams Gattin nicht bloß jugendlich, ſchoͤn, feingebildet und reich iſt, ſondern ob ſie ein keuſches, frommes Herz in der Bruſt trägt, und von allen den Tugenden geziert ———FFFPFÜTYTF,————— 152 iſt, welche der Grund alles Gluͤcks im ehe⸗ lichen Leben ſind. Was meinen Sie zu die⸗ ſem Vorſchlage? Reden Sie aufrichtig.“ „Gern geſtehe ich's,“ erwiederte die Berklei,„daß er mich uͤberraſcht. Es liegt darin Ihr edler Sinn. Sir Medem, der Tugend und Liebe hoͤher achtet, als den ei⸗ teln Tand des irdiſchen Reichthums. Welch ein Vertrauen muͤſſen Sie zu meinem Sohne haben, wie hoch ſchaͤtzen Sie ihn, daß Sie ihm Ihre Tochter zur Gattin geben wollen! Kein Herz muͤßte ich haben, wenn mich das nicht ruͤhrte, wenn nicht dankbare Gefuͤhle mich bewegten, An der Guͤte Ihrer Tochter zweifle ich keinen Augenblick, ja, ſo weit ich ſie kenne, muß ich's glauben, es fehlt ihr keine der herrlichen Eigenſchaften, die einer Jungfrau verliehen ſind, um einſt eine gluͤck⸗ liche Gattin zu werden und ihren Gatten gluͤcklich zu machen. Aber, wie kann die Mutter den Sohn fragen, ob er Neigung fuͤr Ihre Tochter empfindet? Der Auftrag, 153 den Sie mir gaben, iſt nicht ſo leicht erfüllt. Faſt moͤchte ich's vorausſagen, daß ihm der Gedanke an eine Verbindung mit der liebens⸗ wuͤrdigen Eliſabeth noch nicht eingefallen iſt, und daß er eine jede zärtliche Neigung gegen ſie, wenn ſie ihn anwandelte, im Entſtehen unterdruͤckt hat. Konnte er in der Ferne auch nur die Moͤglichkeit ahnen, daß ihm ein reicher Mann einſt ſeine Tochter zur Gat⸗ tin geben werde, ihm, der weiter nichts als ſich, ſein Talent, ſeine erlernte Geſchichlic⸗ keit und ſeine Tugend hat? Nach der ge⸗ wohnlichen Denkungsart der Menſchen, die ihm nicht unbekannt iſt, uͤberwiegt das Gold die herrlichſten Eigenſchaften des Charakters, und von dieſem Wahn ſind ſogar Valer be⸗ fallen, die man zu den beſſern zählen muß. William iſt vernuͤnftig genug, keine Verbin⸗ dung anzuknuͤpfen, die, nach ſeinem Urtheile, nicht in Erfuͤllung gehen und nur von uͤbeln Folgen begleitet ſeyn kann. und, Sir Me⸗ dem, Jugendſeelen ſind veränderlich, was ————* —,———FPFPFHFYHF nach zwei Jahren erſt in Erfuͤllung gehen ſoll, das kann heute nicht als gewiß beſchloſ⸗ ſen werden. Laſſen wir vielmehr die Sache auf ſich beruhen und thun dann das Moͤg⸗ liche und Erlaubte, um den Heirathsplan zu verwirklichen.“ „Wiſſen Sie, liebe Berklei,“ ſagte Workwich,„daß Sie es mit Ihren Bedenk⸗ lichkeiten zu weit treiben? Bedenken Ste, daß Ihnen die Gelegenheit, Ihren Sohn ſo verheirathet zu ſehen, wohl im Leben nicht wieder geboten wird. Es giebt auch reiche Juͤnglinge, die mindeſtens ſo gut ſind als Ihr William; aber mein Freund hat ihn ganz beſonders lieb gewonnen. Warum woll⸗ ten Sie Ihren Sohn nicht fragen können, ob er der Eliſabeth Medem in einem höhern Grade ſich ergeben fuͤhle, als irgend einer andern Jungfrau. Er muß Ihnen eine Ant⸗ wort geben, dieſe theilen Sie meinem Freunde mit, er verlangt ja weiter nichts. Wollen Wenn ich Sie darum erſuche, werden Sie mir die Erfuͤhung der Bitte nicht gewaͤhren? Uebrigens ſage ich's Ihnen, das brüderlich ſchweßterliche Verhältniß, in dem unſere Kin⸗ der bisher lebten, kann ſo nicht fortbeſtehen. Ich fuͤhle mich als Vater gedrungen, eine Aenderung eintreten zu laſſen. Mit meiner Gattin werde ich davon beſonders reden. Nach dem Alter unſerer Kinder gerechnet, iſt die Zeit wirklich vorüber, wo ſie ſo unbe⸗ wacht mit einander ſpielen und ſcherzen konn⸗ ten. Die Muͤtter ſind oft viel zu zaͤrtlich und verderben mit ihrer Nachſicht gar viel, wo das der Vater merkt, da ſoll ihn keine Ruͤckſicht binden, er muß durchgreifen. Haͤtte mich Medem aufgefordert, meinen Carl zu fragen, ob er ſeine Tochter liebe, auf der Stelle wuͤrde ich's thun, und wäre er blind gegen ſein Gluck, ſo haͤtte ich ihm die Au⸗ gen geoͤffnet.“ „Lieber Workwich, was Sie in Hinſicht . Sie ihm dieſe Gefälligkeit nicht erweiſen? ————— 8 * 2**.— — 156 Ihrer Kinder thun und nicht thun,“ ſagte die Berklei,„das will und barf ich nicht beurtheilen und tadeln, denn ein Jeder folgt ſeiner Ueberzeugung, die er fuͤr die beſte haͤlt; aber Ihre Handlungsweiſe kann keine Richt⸗ ſchnur für mich werden, und zu einem Ge⸗ ſetze wollen Sie ſie fuͤr mich nicht machen, dem ich mich unbedingt unterwerfen muß. Recht viel Gluck wuͤnſche ich Ihnen zu dem Verſuche, unſere beiderſeitigen Kinder von einander zu trennen, und ein anderes Ver⸗ haͤltniß, deſſen Beſchaffenheit Sie nicht näher bezeichneten, zwiſchen ihnen eintreten zu laſ⸗ ſen. Meine Mitwirkung verſage ich Ihnen durchaus, wenn Sie mich nicht dazu zwin⸗ gen. Ein fleckenloſer Umgang ſoll aufhoͤren, Herzen, die durch die Laͤnge der Zeit gleich⸗ ſam verwachſen ſind, wollen Sie von einan⸗ der reißen, gefäͤhrlich und ſchädlich ſoll ihnen Liebe und Wohlwollen, das ſie für einander empfinden, dargeſtellt werden. Warum ſie einander meiden muſſen, warum ihr kindlicher 157 Verein hinfort nicht mehr beſtehen ſoll, da⸗ von werden ſie Gruͤnde wiſſen wollen, und welche koͤnnen Sie anfuͤhren, die als halt⸗ bare erſcheinen? Workwich, Sie unternehmen ein ſchweres Werkzund enden Sie's glüͤcklich, ſo haben Sie ein Meiſterſtuͤck vollbracht. Ich kann dafuͤr keinen Finger aufheben.“ In einem etwas empfindlichen Tone ſagte Workwich:„Liebe Frau, ich verlange Ihren Beiſtand auch nicht, ich kann das Alles allein ausrichten“—„Das glauben Sie?“ erwiederte die Berklei.„Iſt das Feuer ſchon gelöſcht, wenn man die Flamme nicht mehr ſieht? Die Gluth glimmt unſichtbar unter der Aſche fort und iſt ſo leicht nicht gedämpft. Verſuchen Sie's doch und ſchla⸗ gen Sie Carln ein reizendes, reiches Mäb⸗ chen vor, hoͤren Sie, was er Ihnen fuͤr eine Antwort giebt, dann will ich meinen William auch fragen.“ Betroffen, aber lächelnd ſagte Medem: 158 „Sie ſind eine kluge Frau, ich verſtehe Sie wohl und entbinde Sie meines Auftrages ganz. Sie haben mir wit leſerlichen Buch⸗ ſtaben die Weiſe vorgeſchrieben, wie ich in Hinſicht meines Heirathsplüns verfahren muß, und ich werde nach ihr handein. „Nun, nun,“ ſagte Workwich, indem ihm eine Portion Blut ins Geſicht trat und er roth wurde, wobei er ſeinen Freund Me⸗ dem anſah,„was denkt denn die Frau? Träumt ſie von einer Doppelheirath unſerer Kinder? Nur ans Hemathen denken die Frauen. Da will ich eine Wand dazwiſchen ziehen, die man nicht uͤberſpringen ſoll. Da⸗ hin wäre es alſo mit meiner Liebe und Guͤte gekommen? So wuͤrde mir dafür gelohnt? Aufrichtig geſagt, Madame Berklei, ich denke anders wie mein Freund Medem, und daher erkläre ich's Ihnen dreiſt und offen: William iſt kein Mann fur meine Anpa und Ihre Eliſabeth keine Ftau fuͤr meinen Carl.“ 166 „Lieber Workwich,“ ſagte Medem,„er⸗ eifire Dich doch nicht.. Ich ſehe doch 4 wahrlich von keiner Seite ein Ungluͤck fur Dich und Deine Kinder. Was der Berklei an Heirathsritgift fehlt, das ſchenkt Dein Bruder Robert in Jamaica. Ach, und ich denke mir's als das großte Gluͤck, wenn Kinder, in deren Herzen die Liebe mit den Jahren wuchs, den Bund der Ehe mit ein⸗ ander ſchließen. Haͤtte meine Eliſabeth auch nur einen ſolchen Jugendfreund. Von den Tugenden Williams und Eliſabeths haſt Du mir genug geruͤhmt, ſind denn dieſe nicht die weſentlichſten Bedingniſſe des Gluͤcks im ehe⸗ lichen Leben? Andere kenne ich nicht. Was iſt Reichthum ohne ſie? Kannſt Du ſie da⸗ fur einkaufen? Kennſt Du nicht laſterhafte und ungluͤckliche Reiche? William hat Kopf, er kann ſich Ehre und Geld erwerben, wie Du's erworben haſt, was haſt Du wider ihn?“— „Weiter nichts, als daß er mein Schwie⸗ 160 gerſohn nicht werden kann, und— das ſoll er heute noch erfahren, und eine gute Lehre und Warnung will ich ihm uͤberdies noch mit auf den Weg geben. Er wird ſein Hit5 be⸗ denken und es Ber verſcherzen.“ „Kränken Sie meinen Sohn nicht ohne Schuld,“ ſagte die Berklei.„Machen Sie ihm eine Liebe nicht zum Verbrechen, die Sie bisher nicht mißbilligten! Stoßen Sie ihn nicht von ſich, er liebt in Ihnen einen Vater, und der Verluſt eines ſolchen Freun⸗ des, der ſein Wohlthäter iſt, moͤchte ihm das S zerreißen. Was wollen Sie ihm ſagen?“ „Daß meine Anna nie ſeine Gattin wer⸗ den in—„Wiſſen Sie's denn ſo ge⸗ wiß,“ fragte die Berklei,„daß er dies beab⸗ ſichtigt?“—„So ſagen Sie's ihm, daß—“ —„Nein, nein, das werde ich nicht. Aber er⸗ fahren ſoll er's, wie Sie von ihm denken, in dem nächſten Briefe, den ich an ihn ſcreibe. Die Trauer bei ſeinem Abſchiede 161 will ich nicht vergroͤßern“—„Sie ſähen es wohl gern, wenn William und Anna auf dieſe Weiſe ihr Gluͤck machten?“—„Wenn Kinder ihr Gluͤck machen,“ erwiederte ſie, „warum ſollte das die Mutter nicht gern ſehen?“—„Aber ich will es nicht,“ ſprach Workwich.—„So verhindern Sie es doch. Ein edles Unternehmen!“ Dieſe letzten Worte jagten Workwich in Harniſch, das Beleidigende fiel wie eine brennende Flamme auf ſeine Seele. Er fuhr ſie mit den Worten an:„Das alſo waͤre der Dank fuͤr meine Wohlthaten?“— Erſchuͤttert ſagte die Berklei:„Welch einen Dank verlangen Sie von mir fuͤr Ihre Wohl⸗ thaten? War ich je undankbar? Einer armen Wittwe mit ſolchen Vorwürfen tiefe Wun⸗ den zu ſchlagen! Bisher nahm ich die Gabe mit frohem Herzen von Ihnen an, ich werde es nicht mehr thun. O, koͤnnte ich zuruͤck⸗ geben und als eine Schuld abtragen, was 11 ————— ———— — — ————— 5 ————— — 162 Sie mir zufließen ließen! Sie haben ſich mir anders offenbart, als ich Sie glaubte! Sir Medem, entſcheiden Sie, ſoll mich eine ſolche Behandlung nicht ſchmerzen? Ja, zer⸗ riſſen ſind die Bande, die mich an Workwich knuͤpften! Ach, mein Thomas, wenn Du es im Grabe hoͤrteſt, wie Dein theuerſter Freund gegen Deine arme, ungluͤckliche Wittwe ver⸗ faͤhrt!“ „Stille, ſtille, liebe Frau!“ tröſtete Medem,„rechnen Sie eine Uebereilung in der Hitze meinem Freunde nicht zu hoch an. Es war ein kurzer Sturm, der bald voruͤber⸗ geht.“—„Das mag er ſeyn,“ ſagte die Berklei,„aber wie ein Hagelwetter hat er gewirkt, das alle Pflanzen niederſchlägt, die nicht wieder aufſtehen“„ Sie weinte. „Komm, laß uns gehen,“ ſagte Work⸗ wich zu ſeinem Freunde,„hier iſt nicht gut ſeyn. Die Frau iſt zu empfindlch und —— h. 163 aufgebracht. Gott weiß, boͤſe meinte ich's nicht!“ Lorenz war nicht lange mit Medem in ſeiner Wohnung angekommen, der ihn unter⸗ wegs von ſeinem Unrecht und der edeln Ge⸗ ſinnung der Berklei überzeugen wollte, als ein Bote von ihr kam, der William und Eliſabeth zur Mutter abrief, die ſich unwohl fühle. Sie gingen nicht allein, Carl und Anna begleiteten ſie, und Workwich konnte es nicht durch einen Machtſpruch verhuͤten. Er mußte ſich mit dem deutſchen Profeſſor un⸗ terhalten, und dieſe Unterredung war ihm die groͤßte Pein. Medem ging mit ſeiner Gattin und Tochter allein nach dem Garten, indeß die Madame Workwich mit haͤuslichen Angelegen⸗ heiten beſchäftigt wär. Als ſie in einem der entlegenen Gaͤnge waren, fing er alſo an: „Ich war Zeuge einer Scene, die zwiſchen ——————— — ————.˖. S ——————— — ———— — ——— — 164 Workwich und der Berklei vorfiel, die mich ſehr ongegriffen hat, und ſie iſt gewiß auch die Urſache, daß ſich die Frau unwohl fuͤhlt. O, es iſt eine vortreffliche Frau, in einer halben Stunde habe ich ſie mehr kennen ge⸗ lernt, als es vielleicht außerdem in einem Jahre nicht geſchehen waͤre.“ Seine Gattin war neugierig, ba ſie es wußte, weshalb Medem und Workwich die Berklei beſuchten, und bat, daß er ſich bei der Vorrede nicht lange verweilen moͤchte. Er fuhr alſo fort:„Wäre ich nur nicht mit meinem Freunde zur Berklei gegangen, da hätte⸗ich mir einen Auftritt erſpart, der mich doch ſehr erſchuttert hat. Es kam ſo die Rede auf unſere Kinder, und Workwich meinte, es ſey nun hohe Zeit, daß zwiſchen ſeinen Kindern und denen der Berklei ein anderes als das bisher beſtandene geſchwiſter⸗ liche Verhältniß eintraͤte. Da die beiden ——— F— 165 Paare doch nicht beſtimmt waͤren, ſich mit einander zu verheirathen, ſo müͤſſe man ſie mehr von einander ziehen, damit es nicht zu gegenſeitigen Vertraulichkeiten und Auf⸗ ſchluͤſſen käme, die ſie nur betruͤben wuͤrden, wenn man keine Ruͤckſicht darauf nehmen könne. Er bat die Berklei, fuͤr ſeinen Plan mitzuwirken. Das lehnte ſie ab. Er erkläͤrte ohne Schonung, daß er ihres Beiſtandes nicht beduͤrfe und den Jugendfreundſchaften allein ein Ende machen werde, die in der bisherigen Art nicht fortdauern ſollten. Dies ſchien die Berklei hart zu finden und ſie äußerte ihre Meinung dahin dagegen, als ob ſte glaube, ein väterlicher Machtſpruch werde nicht hinreichen, das Band dieſer Herzen zu zerſtören und ſie einander zu entfremden. Daruber wurde Workwich zornig, ihm ſchien es, als ob unter den Kindern eine Verbin⸗ dung Statt fände, die man ihm verheim⸗ licht habe, welche auf großen Ernſt hinziele. Er erinnerte die Berklei an den Dank, den 166 ſie ihm fuͤr ſein Wohlthun ſchuldig ſey und. ſie betheuerte, wie ſchmerzhaft es ihr ſey, ihm das empfangene Gute nicht zuruckgeben zu koͤnnen, und daß ſie inskünftige nichts mehr von ihm annehmen werde. Die Trau⸗ rigkeit der Frau, ſich ſo behandelt zu ſehen, verwandelte ſich in Unwillen, ſie hrach in Thränen aus und fuͤhlte ſich hoͤchſt ungluͤck⸗ lich. Die Arme! Workwich vergaß ſich und verſagte ihr die Schonung, die man beſon⸗ bers einer Leidenden ſchuldig iſt.“ „Lieber Medem,“ ſagte ſeine Gattin, „wenn man das Ganze unpartheiiſch anſieht, ſo hat Dein Freund ſo unrecht nicht; nur in der Art und Weiſe, wie er ſich gegen die Berklei aͤußerte, kann ſein Vergehen liegen. Muß ſich's denn ein Vater gefallen laſſen, was ihm die Kinder bieten? Wenn er die Verheirathung ſeines Carls und ſeiner Anna mit den jungen Workwichs nicht will, ſo hat er ſeine Gründe dazu, welche vielleicht reſpek⸗ —,—— tirt zu werden verdienen. That man ohne ſein Wiſſen Schritte, um die man ihn vor allen Dingen haͤtte befragen muͤſſen, ſo finde ich ſeinen Unwillen ganz naturlich, daß man ihn mit Stillſchweigen bisher voruͤberging. Es iſt gewiß ein ſehr ſchmerzhaftes Gefuͤhl, wenn Kinder in der wichtigſten Angelegenheit ihres Lebens ſo eigenmaͤchtig, ſo fuͤr ſich handeln, als ob die Eltern kein anderes Wort darein zu reden haͤtten, als Ja zu ſagen. Hätten ſie denn keinen Rath zu geben, und iſt bisweilen nicht auch die Warnung noͤthig? So frei ich einſt es wünſchte, daß unſere Eliſabeth in der Wahl eines Gatten handeln moͤge, ſo weh wurde mir es doch thun, wenn ſie ſie ohne unſer Wiſſen und ohne unſere Zuſtimmung vollziehen konnte. Wir wollen nicht Parthei nehmen, wir durchſchauen das Ganze in ſeinen Einzelnheiten nicht und koͤn⸗ nen dieſe gegen einander nicht abwiegen. Es iſt mir unangenehm, daß Du Zeuge der Scene ſeyn mußteſt, doch, vielleicht hat auch 168 das ſeinen Nutzen, der fuͤr uns und am meiſten fuͤr unſere Eliſabeth von Gewinn iſt.“ Das Maͤdchen trocknete ſich Thraͤnen von der Wange und da ſie offen und unver⸗ ſtellt war, that ſie ihren Eltern dies Ge⸗ ſtäͤndniß:„Ich will es nicht verſchweigen, daß ich William in meinem Herzen lieb⸗ gewonnen habe, und daß ich mich mit ſuͤßer Neigung zu ihm hingezogen fuͤhle. Daß zwiſchen ihm und Anna ein freundliches Ein⸗ verſtändniß Statt fand, das entging mir nicht, ſie verbargen es auch nicht vor meinen Augen, als ob es ein Geheimniß waͤre; aber konnte ich's fuͤr etwas anders als fuͤr Ju⸗ gendfreundſchaft halten, weiche die ſchöne Frucht fruͤherer Jahre iſt? Ich wuͤnſche mir großes Gluck, daß mir die Entdeckung ſo fruͤh geworden iſt. Mit vergeblichen Hoffnungen haͤtte ich mich gelaͤuſcht und vielleicht auf eine lange Zeit meine Ruhe eingebüßt und in Kummer gelebt. Aber nun, nun zwingt ————— —————————————— —,————— ————,FܓܓYYÜ —,——— 2 7 169 mich eine heilige Pflicht, die Gränzen der Achtung gegen William nicht zu uͤberſchrei⸗ ten, wozu ich nur zu geneigt war. Wie konnte ich mich nur in Williams Herz ein⸗ drängen wollen, deſſen innern Raum Anna eingenommen hat? Wie koͤnnte ich den Bei⸗ den eine Verbindung erſchweren, zu der ich ihnen Gluͤck wuͤnſche! Wie ſollte ich ein Hin⸗ derniß ihrer Verbindung werden! Das ver⸗ trägt ſich mit meinem Gefuͤhl nicht, das halte ich fuͤr eine der großten Suͤnden. Wer uns ein Herz raubt, auf welche Weiſe es auch ſeyn mag, Entſchuldigung verdient keine, das uns im Leben das theuerſte Kleinod iſt, der begeht an uns das unverzeihlichſte Verbrechen.“ Die Eltern umarmten die verſtaͤndige und gutmuthige Tochter und bezeigten der⸗ ſelben ihre Liebe, ihren Beifall. Man gab ſich gegenſeitig das Verſprechen, uͤber die Sache keine Sylbe zu verlauten und durch⸗ aus nicht Parthei fuͤr und wider einen zu —— — —— — —— — — v— 170 nehmen. Den Wunſch aber ußerte Eliſa⸗ beth laut, daß ſie heute nach Briſtol zuruͤck⸗ zureiſen wuͤnſche, und daß ſie bei ſo bewand⸗ ten Umſtaͤnden ihren Aufenthalt in London durchaus nicht verlängern werde. So gefaßt und ruhig, wie Eliſabeth ih⸗ ren Eltern erſchien, war ſie doch nicht in ihrem Innern. Es duͤnkte ſie, als ob ſie einen Verluſt erlitten hätte, der durch nichts erſetzt werden konnte. Ungern gab ſie Hoff⸗ nungen auf, mit denen ſie ſich eine Weile ſchmeichelte. Aber zum Haſſe gegen den, welchen ſie geliebt hatte, ließ ſie ſich nicht ſtimmen. Sie litt im Stillen und hoffte Linderung von der Zeit. Nur fuͤrchtete ſie, daß ſie Williams Naͤhe nicht gleichguͤltig er⸗ tragen werde und wuͤnſchte es gar ſehr, daß er ſeine Lehrjahre vollendet und ihr vaͤter⸗ liches Haus verlaſſen haben moͤchte. — Der deutſche Profeſſor hatte ſich von 17¹ Workwich verabſchiedet; als Medem mit den Seinen aus dem Garten zuruͤckkehrte, und als ſie vor der Thuͤr des Wohnzimmers wa⸗ ren, hoͤrten ſie in demſelben einen lauten Wortwechſel. Er ſchwieg augenblicklich, als ſie eintraten. Die Workwich trocknete ſich die Thraͤnen von den Augen und blickte die Madame Medem freundlich an, welche ſagte: „Zärtliche Mutter, weinen Sie heute ſchon, daß Ihr Sohn morgen von Ihnen geht?“ —„Ach,“ erwiederte ſie,„das ſind ſuͤße Thraͤ⸗ nen, wenn ihnen auch Bitteres beigemiſcht iſt; aber jede der Thränen, die Sie mich weinen ſehen, preßt mir ein gluͤhender Schmerz aus. Warum ſoll ich nicht die Wahrheit reden? Es giebt ein Leid, was wir nicht verſchweigen koͤnnen. Die Berklei iſt meine theuerſte Freundin, ich liebe ihrr Kinder wie die meinen, und juſt mein Gatte iſt's, der ſie kränkt und damit mein innerſtes Gefühl verwundet. Er waͤhnt, wir Alle hät⸗ ten ein Complott wider ihn geſchloſſen, das — ———— ———— — 2 172 nichts anderes bezwecke, als eine Doppelhei⸗ rath zwiſchen den vier Kindern. Und, wenn die Liebe Jugendfreunde mit einander ver⸗ vaͤnde, wäre denn das ein ſo großes Unglück?“ „Allerdings,“ fiel Workwich ſeiner Gat⸗ tin ins Wort,„wäre das ein Ungluͤck fuͤr mich, weil es die Gluͤcksplane zerſtoͤrt, die ich in Hinſicht meiner Kinder habe.“— „Gluͤcksplane“ wiederholte ſeine Gattin, „als ob die Weisheit des Himmels fuͤr die Unſern nicht beſſer ſorgte, als wir's ver⸗ mögen! Als ob die menſchliche Kurzſichtig⸗ keit, die Alles bei vier Enden anzufaſſen waͤhnt, ihres Irrthums nicht ſchon öfter hätte eingeſtändig ſeyn muͤſfen! Es thue nur ein Jeder redlich ſeine Pflicht und laſſe dann die Vorſehung, ohne ſie zu meiſtern, frei walten.“—„Du meinſt alſo,“ ſagte Workwich,„man muß die Augen der Vernunft zumachen und es dann gehen laſ⸗ ſen wie es will, das wäre Walten der ——————— ——————— 7 173. Vorſehung, der man blindlings vertraut. Man thue alſo huͤbſch nichts dafuͤr und da⸗ wider, wie die Kinder auch handeln, ſey's recht oder unrecht, die Folgen davon, und wenn es auch ſtrafende ſind, betrachten wir als das unverhinderliche Werk der Vorſehung. Ein ſchöner Glaube, bei dem man ſich den Hals abſchneiden und ihn Andern abſchneiden kann. Wenn Unrecht geſchieht, ſo laſſe ich mir das nicht bieten; und mit meinen Kin⸗ dern werde ich handeln, wie ich's fuͤr vernuͤnf⸗ tig und pflichtmäßig erklären kann, und da⸗ mit Punktum. 3 Men verſuchte es, Workwichen zum Nachgeben zu ſtimmen, aber er meinte, ein Mann in ſeinen Jahren muͤſſe einen feſten Gang gehen, und durch aͤußere Beruͤhrungen nicht zur Rechten und Linken ſchwanken. Er bat ſeine Gattin inſtaͤndig, in Gegenwart der Kinder nicht von der Sache zu reden, wenn ſie unangenehme Auftritte vermeiden — ——— — SS———— —— 174 wolle, und mit ihm in Uebereinſtimmung zu handeln. Er moge von Carln und William nicht feindlich ſcheiden. Die Zeit werde das wieder einlenken, was von der rechten Bahn gewichen wäre. Die Workwich weinte und verließ mit ihrer Freundin Medem das Zim⸗ mer. Elifabeth hartte auf ihrer Stube der Ruͤckkehr Anna's⸗ Aber welch eine Trauer und Niederge⸗ ſchlagenheit herrſchte bei der Berklei, als die Kinder zu ihr kamen! Ihre Wange war von Thränen naß. Kein Wort im Zorn ſtieß ſie gegen Workwich aus. Nachdem ſie die Un⸗ terredung, die ſie mit ihm hatte, vom Her⸗ zen los war, ſagte ſie:„Anna, verarge mir's nicht, wenn ich nicht mehr zu Euch komme. Mein Gefuͤhl erlaubt es nicht, entſchuldige mich deshalb bei Deiner Mutter. Weiß ich's gewiß, daß es Dein Vater nicht ungern ſieht, wenn Eliſabeth Dich beſucht, ſo werde ich ihr das nicht verwehren. Verachten muͤßte 1 3 v ich nuch ſelbſt, wenn ich von Deinem Vater eine Wohlthat noch annaͤhme. Wer erwie⸗ ſenes Gute uns ſo anrechnet, den kann kein Dank befriedigen, er entledigt ſich unſerer und feine Erklaͤrung ſcheucht uns weit von ihm hinweg. William, danke Herrn Work⸗ wich fuͤr Alles, was er Dir bisher Liebes mit reinem und uneigennuͤtzigen Herzen er⸗ zeigte; aber ſage es ihm mit aller der Ach⸗ tung, die Du ihm ſchuldig biſt, daß Du keine Art von Unterſtuͤtzung von ihm weiter erbaͤteſt. Medem, das weiß ich, wird fuͤr Dich redlich ſorgen. Und was iſt's, warum Euer Vater in ſolchen Zorn gerteth,“ er glaubt, wie es auch ſo iſt, daß Ihr Euch durch die Ehe mit einander zu verbinden gedenket. Berechnet nach ſeinem Benehmen die Hin⸗ derniſſe ſelbſt, die er Euch in den Weg legen wird, und trauet Euch nicht eine zu große Kraft zu, ſie zu uͤberwinden. Wie muͤſſen ihm meine Kinder erſcheinen! Das eben kränkt mich. Könnt Ihr dafuͤr, daß Ihr N 176 Euern Vater verloret und arm ſeyd? Doch weg, weg mit allen Seitenbemerkungen, ſie empören das Gemuͤth, was bei den beſſern Menſchen, auch wenn ſie an den empfind⸗ lichſten Seiten verwundet werden, in heiliger Ruhe bleibt. Säß iſt die Rache fuͤr den thieriſchen Menſchen, aber himmliſch das Verzeihen edler Seelen.“. Die Thraͤnen rannen der Berklei von den Wangen und die tief gerührten Töchter kußten ſie auf und redeten Worte des Troſtes. Carl ſchwieg in finſterm Gram; aber William nahm das Wort und ſagte:„Liebe, gute, herrliche Mutter, ſo könnte der voruͤber— gehende Unwille des frommen und edelgeſinn⸗ ten Workwich Dich empoͤren? Nein, das iſt nicht Dein Gemuͤth, nur eine leidenſchaftliche Aufwallung iſt's, in der ein Menſch ſeiner veſſern Kraft nicht mächtig iſt. Sollte er ruhig und ohne Gefuͤhl bleiben, als er eine 177 unerwartete, uͤberraſchende Entdeckung machte, die ſeinen lange gefaßten Planen die Ver⸗ nichtung drohten? Er ahnete ja unſer Ver⸗ haͤltniß nicht, in dem wir ſtehen, und Mie⸗ mand hat ihm davon geſagt. Es wird ihn mehr ſchmerzen, daß er Dich beeidigt hat, als es Dich kraͤnken kann, von ihm beleidigt zu ſeyn. Das alſo waͤre der Dank, daß ich ſeiner Liebe und Wohlthäͤtigkeit entſagte, fur das viele Gute, das er uns erwies, was wir ihm nicht wieder vergelten koͤnnen! Ach, daß Du dem alten, gepruͤften Freunde ein kurzes Vergeſſen Seiner nicht verzeihen kannſt! Nein, gute Mutter, wenn Du auch den gehorſam⸗ ſten Sohn an mir haſt, das verlange nicht, daß ich gegen Workwich rachſuͤchtig, entehrend handeln ſol! Dee Trotz verwuͤſtet alle meine Hoffnungen, Guͤte und Lrebe wird ſie be⸗ ſchitmen. Soll ich ihm Sloff zum Haſſe geben? Meine feſte Treue im Danke, meine unwandelbare Achtung wied ihn beſiegen, Handle ich doch auch nicht fuͤr mich allein, 12 ſteht doch Anna's Gluͤck auch auf bem Spiele, und bin ich dieſer nicht jede Pflicht ſchuldig? Selbſtuͤberwindung, das iſt eine herrliche Tu⸗ gend, und die Liebe erleichtert ſie mir. Be⸗ ſchwichtigen will ich unſern Wohlthäter, aber ihn nicht zu groͤßerm Zorn reizen. Schon im voraus ſtelle ich die Prophezeihung, er wird Alles aufbieten, um einen Fehler wieder gut zu machen, der ihn wohl jetzt ſchon gereuet, das iſt ſo die Weiſe edler Seelen. Mutter, liebe Mutter, Deine Kinder bitten Dich, ver⸗ gieb dem Freunde unſers Vaters, vergieb unſerm Wohlthaͤter die Beleidigung, das iſt edel und wird ſich herrlich lohnen.“ Geruͤhrt umarmte die Mutter ihren William und ſagte:„Du biſt ein theurer Sohn, Gott erhalte Dir dieſen chriſtlichen Sinn. Wohlan, ich will vergeſſen und ver⸗ zeihen; aber noch bin ich zu ſehr erſchuͤttert, goͤnnt mir Ruhe, daß ich wieder zur Be⸗ ſinnung und zu mir ſelber kommen kann. — —„ 179 Vor Deinem Abſchiede aber werde ich es ſchwerlich uͤber mich gewinnen können, zu Workwichs zu gehen. Woher Euch aber die Dreiſtigkeit kommt, ſeine Schwelle zu betre⸗ ten, das weiß ich nicht.“—„Mutter,“ ſagte Carl,„was will uns der Vater, wenn wir ihm das Geheimniß unſerer Herzen offenba⸗ ren? Wenn er mich auf irgend eine Weiſe dazu reizt, ſo bin ich ihm ein aufrichtiges Geſtaͤndniß ſchuldig. Ach, meine liebe Mut⸗ ter glaubſt Du's wohl, daß ich fuͤr meine Eliſabeth Alles, ſelbſt die Liebe, die meine Eltern gegen mich hegen, autopfern konnte? Nur ein Gut, ach, nur eins hat der Menſch im Leben, das iſt ſein höchſtes, dafoͤr kann er bluten, ſterben, und wird's ihm geraubt, ſo geht er in ſeinem Schmerze unter. Ge⸗ lobe mir eine Welt ohne meine Eliſabeth, ich muß ſie verlaſſen.“ Die Berklei ließ es gern geſchehen, daß ihre Kinder mit nach Workwichs gehen . —— ——— 180 durften, als es ſtiller in ihrem Innern ge⸗ worden war und die Zeichen des geheimen Grams ihnen nicht mehr von dem Geſichte zu leſen waren, ſie ſelber aber blieb zuruͤck. Eliſabeth bebte vor Angſt, aber ſie begleitete die liebe Anng dennoch. Der Vater war offen und frei, guͤtig und freundlich, als die Kinder ankamen, aber ganz konnte er die Zuͤge einer innern Ver⸗ ſtimmung doch nicht von ſeiner Stirn ver⸗ wiſchen. Er ſagte zu den beiden Toͤchtern: „Es iſt doch nicht artig, daß Ihr Eure Freundin allein laßt und von ihr geht. Ihr haͤttet ſie mitnehmen muͤſſen. William, was macht Deine Mutter? Es thut mir weh wenn ſie leidet, und ich bedauere ſie. Hat ſie Dir von der Veranlaſſung zu ihrem Uebel⸗ befinden nichts geſagt? Nein, ſchweige lieber und laß mich's nicht wiſſen. Auch die beſten Freunde mißverſtehen ſich ja bisweilen, doch kommt es unter ihnen bald wieder zum Frie⸗ 181 den. Wir ſind Alle Menſchen, wir irren und fehlen; aber wir ſohten mehr Nachſicht und Geduld mit einander haben. Es hat ein Jeder ſeinen eigenen Weg, den er geht, und er laͤßt ſich ſo leicht nicht davon ablen⸗ ken. Manchmal uͤberraſcht uns auch Unge⸗ glaubtes, es truͤbt heitere Hoffnungen und ſchlaͤgt den frohen Muth nieder, der mit Ge⸗ wißheit auf die Erfuͤllung ſeiner liebſten Wuͤnſche rechnete, und dies raubt uns eine Weile die rechte Faſſung, aber wir gewin⸗ nen ſie bald wieder. Doch, wir wollen uns die wenigen Stunden unſeres Beieinander⸗ ſeyns nicht truͤben, der Abſchied iſt nahe und ob Einer, der uͤber die Schwelle ſchreitet, den Andern, welcher im Hauſe bleibt, wieder ſieht, das iſt eine große Frage. Vielleicht beſuche ich Euch in Briſtol, vielleicht auch nicht, uͤber die Zukunft laͤßt ſich nichts Ge⸗ wiſſes beſtimmen. Wichtiges hätte ich Euch Beiden zu ſagen, aber mir möchte das rechte Wort dafur fehlen; in dem erſten Briefe, ——————— —— * 182 den ich nach Briſtol an Euch ſchreibe, werde ich's Euch mittheilen. Laßt mich dann nicht lange mit der Antwort warten.“— Zu naͤhern Eiklaͤrungen kam es nicht, da Medem, ſeine Gattin und Tochter ins Zimmer traten.„Nun, lieben Soͤhne,“ ſagte Medem,„eben habe ich einen Brief von Hauſe erhalten, hier iſt er, er macht meine Gegenwart ſehr nöthig. Es iſt mir nicht moͤglich, ſo raſch zu reiſen. Ihr werdet mir einen großen Gefallen thun, wenn Ihr in einer Stunde nach Briſtol abgeht, und wenn es noch fruher geſchehen könnte. Unterdeß Ihr Euch zur Avreiſe anſchickt, will ich die nöthigr Inſttuction fuͤr Euch niederſchreiben.“ William ſagte:„Ich bin in jeder Minute bereit, Ihre Befehle zu erfuͤllen. Wo die Pflicht redet, da muß das Herz mit ſeinen Forderungen ſchweigen.“—„Kann William“ die Beſtelung allein ausrichten?“ fragte Carl. —„Deinen Freund koͤnnteſt Du allein rei⸗ — — „183 ſen laſſen?“ ſagte Lorenz Workwich.— Der Juͤngling erwiederte mit geheimen Verdruß: „Wenn der Vater ſo redet, ſo muß das kind⸗ liche Gefuͤhl ſchweigen. Herr Medem, ich bin zur Abreiſe bereit.—„Es thut mir ſel⸗ ber weh,“ ſagte Medem, daß ich Euch einige gluͤckliche Stunden raube, aber geht und lernt, wie wohl thaͤtig es iſt, ſich in der ſchwe⸗ ren Kunſt zu uͤben, daß man ſeine Schul⸗ digkeit hoher ſetzt als ſein Vergnuͤgen, und wäre es auch das ſizeſe⸗ unſchuldigſte und erlaubteſte.“* Den Maädchen rollten die Thraͤnen von den Wangen, ihre Lippen zitterten, ſie wag⸗ ten kein Wort fuͤr das laͤngere Bleiben der Bruͤder zu reden. William eilte zu feiner Mutter, erzaͤhlte ihr jedes Wort wieder, was Workwich geſprochen hatte und ſagte dann: „Lebe wohl, gute Mutter, in dieſer Stunde reiſe ich mit Carln ab, ſo will's Medem und ich gehorche. Ob dies nicht auf eine geheime S 184 Verabredung veranlaßt iſt, das erfahre ich 6 um ſie in der Liebe zu mir treu und feſt zu vielleicht. Fängt man ſchon an, an der Kluft zu arbeiten, durch die man mich von Annen trennen wil? O, ihr ſchwachen Menſchen, ihr ſetzt ſo viele Federn in Bewegung, ihr ſchmiedet ſo mancherlei Plane, um Zwecke zu erreichen die ihr euch vorgeſetzt habt, und was koſtet es der Vorſehung mehr als einen Hauch, und ßie ſind in Nichts zerſtoben! Sorgt und klügelt, arbeitet und bemuͤht euch nur, was werdet ihr ausrichten im Streite mit einer himmliſchen Macht! So trotzig und widerſpenſtig ihr euch ſtellt, um euern Wil⸗ len durchzuſetzen, ihre Hand wird ihn brechen, und wenn ihr heute Nein ſagt, werdet ihr morgen Ja ſagen muͤſſen. Lebe wohl, meine Mutter, Dein Sohn wird Dich nicht betruͤ⸗ ben. Beſuche Workwichs, troſte meine Anna, erhalten, dazu wird's Deines Zuſpruchs nicht beduͤrfen, ich weiß wer ſie iſt und was ich an ihr habe. Wenn Du an Robert Work⸗ wich nach Jamaica ſchreibſt, melde ihm, daß 185 ich zu ihm kommen wuͤrde. England iſt das Land nicht, wo ich zu leben und zu ſterben wuͤnſche. Dort bluͤhen meine Roſen, ſo ſagt mein Geiſt, wenn ich hier nur Dornen finde.“ 5 N 5 William war ſehr geruͤhrt, als er von ſeiner Mutter kam. Den angeſpannten Rei⸗ ſewagen ſah er vor Workwichs Thuͤr.„Wo bleibſt Du,“ ſagte Carl, von Schmerz uͤber⸗ waͤltigt,„ich habe auf Dich gewartet.“— „Ohne Abſchied zu nehmen,“ erwiederte er, „kann der dankbare Sohn von der tichepot⸗ len Mutter nicht gehen.“ Die geſchriebene Inſtruction hatte Carl von ſeinem Herrn erhalten und nahm Ab⸗ ſchied von ſeinen Eltern, ſeiner Schweſter und den Uebrigen. Als die Reihe an Eli⸗ ſabeth kam, war ſie einer Ohnmacht nahe. Seine Thraͤnen ſtuͤrzten uͤber die Wangen. Ohne irgend eine Ruͤckſicht zu nehmen, ent⸗ fuhren ihm die Worte:„Faſſe Dich, meine — ————.—.———— 186 Elifabett, trennt uns der Tod nicht, ſo biſt Du mein, ewig mein!“ Fort ging er. Als William Annen beim Weggehen die Hand geben wollte, fiel ihm dieſe um den Hals und ſprach:„Gott hat Dich mir gegeben, und liebevolle Eltern trennen ihre Kinder nicht. Sey auch mein, ewig mein!“, William eilte Carln nach, der Wagen fuhr davon. Staunend, emport und zornig ſtand Lorenz Workwich da und ſprach:„Da ſpielt man wohl nur Comödie; denn wäre es Ernſt, ſo wuͤrde ich mit Blitz und Donner unter die Liebespaare fahren. Hat man denn keine Scheu mehr? Spottet man denn der vater⸗ lichen Gewalt? O, welch eine Jugend iſt die unſere! Das alſo waͤren die Früchte n meiner Sh Dieſe Worte des Vaters erſchütterten die Toͤchter dergeſtalt, daß ſie ſich in ſeiner Nähe kaum aufrecht halten konnten. Sie fuͤhiten es, daß in dieſer Rede eine große 187 Härte lag. Sie bedurften der Beruhigung und der Vater redete in einem ſo bittern Tone, er haͤufte ſolche Vorwuͤrfe auf einan⸗ der. Warum that er das? Das Verhält⸗ niß unter den Soͤhnen und Töchtern war ihm doch kein unbekanntes mehr! Die Ber⸗ klei hatte es ihm ja verſtändlich genug offen⸗ bart. Seine Leidenſchaft nahm ſeiner Seele die rechte Stimmung, welche er als Vater hätte behaupten muͤſſen. Mit dieſer Weife, wo der Geiſt wahrer Klugheit von uns ge⸗ wichen iſt, wo wir untheilnehmend, unbarm⸗ herzig und grauſam ſogar ſeyn können, rich⸗ ten wir nichts Gutes aus, ſondern eitel Bo⸗ ſes und geben denen, die wir unrichtig be⸗ handeln, Waffen und Rechte in die Hand, die ſie ſonſt nie gebraucht haͤtten, welche ſie fhren, um ihren Willen durchzuſetzen, ihren Zweck zu erreichen, ob ſie uns damit auch zu nahe treten und kraͤnken. Alles wäre viel beſſer gegangen, wenn Workwichs Betragen nur ruhiger, beſonnener und blieb, 188 wenn er nicht erzuͤrnt von ſeinen Kindern losließ, wenn er nicht eine entſchiedene Op⸗ poſition gegen ſie bildete, ſondern liebevoll und verſtändig mit ihnen, wie ein Vater und Freund, redete. Mit unſeter Hitze, wenn unſere Kinder nicht nach unſerm Sinne ge⸗ handelt haben, wenn ſie die Freihertt, zu der wir ſie erzogen, nach unſerer Anſicht nicht gebrauchten ꝛc., verderben wir Alles. Wir verlieren ihr Vertrauen, ihre Liebe, ihren Dank, und eben damit die erſten Mächte, durch die wir gewaltig auf ſie wirken koͤnnen. Hat aber die jugendliche, leidenſchaftliche Liebe ein junges Herz ergriffen, dann hilft kein Befehlen, Verbieten oder Ausloͤſchen, man kann dann nur ein Steuermann ſeyn, der das Schiff des Heils der Verliebten und Vetlobten auf dem klippenvollen Meere lenkt, damit es nicht untetgeht. „Nein, nein,“ ſagte Lorenz Workwich, „das ſoll und muß anders werden, es kann ————————— 189 ſo nichi bleiben“ Medem redete ihm freundlich zu, that ihm vernuͤnftige Vorſtel⸗ lungen, ſuchte ſein aufgebrachtes Gemuͤth zu beruhigen; aber er konnte ſich immer noch nicht zufrieden geben. Seine Gattin trauerte und ſagte kein Wort dazu. Er that an Me⸗ dem die Bitte, daß er Corln und William zu uͤberzeugen ſuchte, wie er ihre Verbindung mit den beiden Mädchen nicht zugeben werde. Medem erwiederte dagegen, einem undank⸗ baren Geſchafte, von dem er den Nutzen und Erfolg nicht ſaͤhe, pflege er ſich nur ungern zu unterztehen. Auf ſein Reden würden die Juͤnglinge nicht achten. Er ſähe uͤberdies auch nichts Schreckliches darin, wenn ſich die jungen Leute, die ſich zaͤrtlich liebten, die fuͤr einander geſchaffen waͤren, deren Liebe ſich auf Uebereinſtimmung der Gemüthet, Tugend und alte Bekanntſchaft gründe, einander hei⸗ ratheten. Er moͤge ſich nicht ärgern, ſich nicht ſtraͤuben, es fruchte das zu nichts. Es ſey in Romanen ſo wie in der wirklichen Welt, X 190 daß die zornigſten Väter enblich doch die gutigſten wuͤrden. Er moͤge auch wohl be⸗ denken, ob das Ungluͤck, was er nach ſeinem Beduͤnken verhuͤten wollte, nicht das eigent⸗ liche Gluͤck ſeiner Kinder ware, und dies werde er ſeiner Idee und ſeinen Beſchlüſſen doch nicht aufopfern wollen. Ein weiſes Nachgeben ſey oft die klügſte Parthie, die man ergreifen könne, da Trotz und Eigen⸗ wille viel Schädliches herbeifuͤhre.„Und,“ ſagte Medem,„welche Freuden raubt ſich ein Vater Deiner Art, welchen Verdruß macht er ſich, wie ſcheucht er liebende Gemuͤther aus ſeiner Nähe! Lorenz, denke an mich, Du zerquälſt Dich ein Johr oder mehrere verge⸗ bens, und was Du nicht verhindern konn⸗ teſt, das mußt Du endlich befoͤrdern. An⸗ ders, wie tauſend Vätern, wird Dir's nicht ergehen.“ Workwich ſchuͤttelte verdrießlich den Kopf und bat, von der fatalen Sache nicht mehr 191 zu reden. Während Medem von einigen Freunden in London Abſchied nahm und ſeine Gattin mit der Madame Workwich zur Ber⸗ klei gegangen war, um ſie zu beruhigen, ſetzte ſich Lorenz nieder und ſchrieb an die beiden Juͤngunge nach Beiſtol einen Brief, welcher weiter nichts als die Erklaͤrung enthielt, die ſie ſchon wußten, daß ſie auf ihre Verbin⸗ dung mit Elſabeth und Annen nicht rechnen ſollten, die er nicht zugeben werde. Ihr folg⸗ ten Warnungen, Vorſtellungen, Bitten und Drohungen ſogar Er ſchickte das Schrei⸗ ben ſogleich auf die eoſt Medem war wit ſeiner Fomilie in Bri⸗ ſtol wieder angekommen, er behandelte die Juͤnglinge mit gleicher Guͤte, ſprach aber von ihrem Verhältniß zum Vater und von ihrer Liebe zu den Maͤdchen keine Sylbe. Sie achteten den Mann ungemein, ſchätzten ihn uͤber Alles und leiſteten, was ſie vermochten, um ſeines Beifalls in einem hoͤhern Grade 192 wuͤrdig zu werden. Die Madame Medem aber hatte einen andern Ton gegen ſie und beſonders gegen William angenommen, ſie war immer noch die hoͤfliche, artige Frau, aber nicht mehr ſo freundlich und ſcherzhaft, und Eliſabeth ſprach ſelten ein Wort mit William, eher mit Carln. Das Beieinander⸗ ſeyn an den Abenden, wo auch Eliſabeth zu⸗ gegen war, hatte ganz aufgehoͤrt. So war's den Juͤnglingen recht und ſie wünſchten es nicht anders. Der Brief, den ſie von dem Vater er⸗ hielten, der in Leidenſchaft und Verdruß ge⸗ ſchrieben war, machte keinen ſchmerzhaften Eindruck auf ſie. Es war ihnen lieb, daß er um ihre Liebe wußte, und ſie hofften es von der Zeit, daß ſie ſeinen Zorn abkuͤhlen, ihn zur ruhigen Ueberlegung ſtimmen und bewegen würde, ihnen eine Einwilligung zu geben, die er ihnen jetzt verſagte. Auf ſein frommes, guͤtiges Vaterherz⸗ das am Ende 193 doch immer den Sieg davon trug, tn ſie mit Gewißheit. Voll von dieſer Geſinnung gegen den Vater, den ſie achteten und liebten, ſchrieben ſie an ihn einen Brief, der keine beleidigende Sylbe enthielt. Wahr und ruͤhrend entwar⸗ fen ſie ihm das Gemaͤlde ihrer Liebe gegen die beiden Jungftauen, und wie nach und nach, Zug vor Zug in demſelben entſtanden ſey. Sie behaupteten, es habe ja gar nicht anders ſeyn und unter ihnen nothwendig zu dieſer Liebe kommen moͤſſen. Sie baten um ſeine Guͤte. Er las den Brief durch, konnte ihnen nicht Unrecht geben, tadelte ſeine Un⸗ klugheit, daß er den Umgang ſo lange dul⸗ dete und legte donn das Schreiben auf die Seite. Aber mit der Idee, die Doppelhei⸗ rath zu verſtatten, blieb er immer noch im Streite. Um ſich nicht hartnäckig zu zeigen, wollte er wemaſtens etwas thun, um ſein gutges Nachgeben zu beweiſen, und ſagte da⸗ 13 5— . ———————— — ———— 194 her an einem Abend, als er mit ſeiner Gat⸗ tin allein war:„Wenn Carl auf ſeinem Kopfe und Herzen beſteht, wenn er, im Ge⸗ genſatze mit mir, ſeiner Neigung folgen wil, ſo mag er's, ich gebe meine Zuſtimmung. Er kann von Briſtol kommen, wenn er will, und den Termin ſeiner Verheirathung mit Eliſabeth beſtimmen, wenn es ihm gut duͤnkt. Somit glaube ich Alles gethan zu haben, was ein Vater, dem das groͤßte Nachgeben inwohnt, zu thun vermag. Dies hoffe ich, wird auch die Berklei mit mir ausſoͤhnen, die es immer noch nicht vergeſſen kann, daß ich ihr einmal hart fiel. Aber mit Annen will und muß ich meinen Willen haben und es mag daraus entſtehen was da will. Hei⸗ rathet ſie William dennoch, ſo erkläre ich's, daß ſie meine Tochter nicht mehr iſt. Kann ich mehr thun?“ „Wenn Du nicht mehr thun kannſt,“ erwiederte ſeine Gattin,„ſo thue lieber nichts, 195 denn das iſt beſſer. Meinſt Du denn, daß Carl und Eliſabeth Dein guͤtiges Anerbieten annehmen werden? Ich glaube es nicht. Ihr ſcheinbares Gluͤck wird ja William und Annen nur zum Schmerze dienen, und wie konnten ſie dazu Veranlaſſung geben! Sie machen Alle ein Ganzes aus, Freude und Leid theilen ſie mit einander, der Eine ver⸗ langt nichts, was dem Andern nicht gewährt werden kann. Und geſetzt, Carl erlaͤge der Macht ſeiner Liebe und auch Eliſabeth; ge⸗ ſetzt, William wäre mit Annen edel genug, ihnen kein Hinderniß in den Weg zu legen, ſie ſogar zu uͤberreden, Dein guͤtiges Aner⸗ bieten anzunehmen, in welchem Lichte wirſt Du den Kinbern erſcheinen! Willſt Du nicht gegen William und Annen gerecht ſeyn, wenn Du gutig gegen Carl und Eliſabeth biſt? Denkſt Du durch dieſen Akt Deines Nach⸗ gebens Dich von dem Verdachte einer un⸗ biegſamen Feſtigkeit zu reinigen? Dem Einen eine Wohlthat erweiſen, die dem Andern wie — ein Pfeil ins Mark der Seele dringt, das iſt weder weiſe noch menſchlich, es ſagt uns Niemand dafür Dank und unſer Herz muß es uns ſelber ſagen, daß wir ihn nicht ver⸗ dienen.“ „Nun,“ ſagte Workwich,„wenn das, was ich zu thun geneigt bin, auch nicht ge⸗ nuͤgt, ſo mag's beim Alten bleiben! So ſind aber die Leute, ſie wollen Alles verlieren, wenn ſie nicht Alles gewinnen koͤnnen. Wie ein Kind behandelt man mich, das auch B ſagen ſoll, wenn es A geſagt hat.“—„Da⸗ von, lieber Lorenz, konn nicht die Rede ſeyn, und Du irrſt Dich gar ſehr, wenn Du mir die Thorheit zutraueſt, daß ich einen Mann, wie Du biſt, zum Kinde machen will. Aber bedenke nur, was entſtehen wuͤrde, wenn Du Deinen Plan ausfuͤhrteſt! Gegen Verdruß wrill ich Dich ſchuͤtzen. Wäre ich nicht ſo offenherzig und gut mit Dir, ſo wuͤrde ich die erſte Heirath nicht zu verhindern ſuchen, 197 weil die andere dann nothwendig erfolgen muͤßtr. Grund konnteſt Du Annen und der ganzen Welt entgegen ſetzen, daß Du ihr das verfagſt, was Du Carln geſtat⸗ teteſt. Vater, ſo koͤnnte ſie zu Dir reden, bin ich denn nicht ſo gut Dein Kind wie, mein Bruder? Habe ich Dich weniger ge⸗ liebt als er, daß Du mich ſo hart ſtrafeſt, indeß Du ihn beguͤnſtigeſt? Kränkte ich Dich durch eine Untugend? Achteſt Du nur auf meine Thränen und Schmerzen nicht? Wiegt William in der Wage Deiner Liebe und Schätzung nicht ſo viel als Eliſabeth? Ach, ihr Maͤnner, daß ihr doch eure Frauen ſo oft mißverſteht und ihrem Rathe darum nicht folgt, weil ihr euch einbildet, ſie wollen Ein⸗ griffe in eure Rechte und in das erleuchtete Gebiet eures Verſtandes thun. Offen habe ich Dir meine Meinung geſagt, handle Du nach Deiner beſten Ueberzeugung.. Workwich war in einer bedenklichen Lage, 198 und nach reiflichem Ueberlegen ſchrieb er an die Söhne einen Brief, in welchem er er⸗ klaͤrte:„Ich will es zugeben, daß ein Paar von Euch heirathen kann; Ihr moͤgt es un⸗ ter einander ſelbſt entſcheiden, welches.“ Dieſe auffallende, hoͤchſt ſonderbare Erklärung wurde anfangs ganz verworfen.„Kennte ich die Guͤte meines Vaters nicht,“ ſagte Carl,„ſo wuͤrde ich den Vorſchlag fuͤr eine Liſt halten, um Krieg und Zwieſpalt unter uns zu brin⸗ gen.“ Es entſtand endlich unter den Juͤng⸗ lingen ein edler Wettſtreit, in dem der Eine den Andern in Liebe und Aufopferung zu uͤbertreffen ſuchte. Nachdem ſie mehrere Tage ſich unterredet hatten, theilten ſie auch Herrn Medem das Geheimniß mit, laſen ihm den Brief vom Vater vor und forderten ſeine Entſcheidung. Nachbem er ſich ein Weilchen beſonnen hatte, ſagte er:„Der Vater glaubt guͤtig zu handeln, und da muͤßt Ihr ihm kein Hin⸗ 199 derniß in den Weg legen, was ihn unange⸗ nehm bewegen konnte. Nach meiner Mei⸗ nung ſoll das, was einen Andern gluͤckle cher machen kann als uns, uns in unſerer Ge⸗ muͤthsruhe nicht ſtoͤren, ja, ſie wird dadurch in edeln Seelen befördert. Welchen Gewinn hätte William davon, wenn Carl das Aner⸗ bieten ſeines Vaters nicht annahme? Und wäre das eine edle Denkungsart, wenn Carl ſeine Eliſabeth darum nicht heirathete, weil es William verboten wird, ſich mit Annen zu verbinden? Nach meinem Dafuͤrhalten kann daruber gar keine Frage entſtehen, was in der Sache zu thun iſt, mir liegt ſie klar vor Augen, ja, es ſcheint mir ſogar, daß William ſeinem Ziele naͤher kommt, wenn Carl den Antrag des Vaters mit Dank annimmt. Er reiſe nach London, verſoͤhne den Vater mit ſich und werde Eliſabeths Gatte. Das Gluͤck der fruͤher verheiratheten Kinder wird ihn be⸗ wegen, ſeine Tochter und William eben gluͤcklich zu machen.“ 200 „Siehſt Du, Carl,“ ſagte Williom,„daß mein Rath der beſte war? Er werde ohne Weigern befolgt,“—„Du biſt wohl mit dem Plane zufrieden, aber wird es Anna auch ſeyn, kann ſie es? Was muß ſie von einem Vater denken, der mich vorzieht und ſie zuruͤckſetzt, und was wird ſie von mir denken? William, Willam, huͤte Dich, die Maͤdchen ſind mißtrauiſch, ſie ahnen leicht Boͤſes, daß ſie Deine edle Ruhe, mit der Du dem Gange Deines Schickſals zuſiehſt, Deine edle Selbſtverleugnung, nicht als Man⸗ gel einer Liebe betrachtet, die ſo gern der Zeit Fluͤgel leiht und der jeder Augenblick eine Erigkeit iſt, der ihr Beieinanderſeyn verzö⸗ gert!“—„Nein, das wird die fromme Anna nicht, und fielen ihr dergleichen Gedanken ein, ſo habe ſch Dich ja zum Fuͤrſprecher. Ru⸗ hig harren, die Raͤder des Geſchicks nicht raſcher umdrehen wollen als ſie gehen, ſtill warten, bis der Himmel uns die Freudens⸗ pforte aufthut, das iſt eine Weisheit, die 201 Wenige verſtehen, die ich lernen will.“— Carl ſchickte ſich zur Reiſe an und morgen in aller Fruͤhe wollte er Briſtol verlaſſen. Ob er wieder kommen werde, das hing von umſtänden ab, die er nicht beſtimmen konnte. Er war bald traurig, bald froh; aber die Freude war in ihm doch das ſiegende Ge⸗ fuhl. Sein Glück, mit Eliſabeth bald un⸗ zertrennlich verbunden zu werben, umleuchtete ihn mit himmliſchem Glanze. Er ehrte ſei⸗ nen William mehr als je, er bewunderte ihn ſogar. Er geſtand ſich's ſelbſt, daß er ſo edel nicht habe handeln koͤnnen und glaubte, daß das Temperament, unſer ganzes yhyſiſchrs und moraliſches Weſen, ſehe viel dazn bei⸗ teuͤge, ob uns die Uebung einer Tugend leich⸗ ter oder ſchwerer werden ſoll, und doß wir uͤberhaupt mit ihr von einer andern Macht als der ſichtbaren und menſchlichen abhingen. Nur die Hoffnung, daß der Vater ſich bald bewogen finden werde, auch Annen mit Wil⸗ liam ehelich zu verbinden, konnte ihn troͤſten. 202 Indeß er ſo mit ſich ſelbſt und ſeinem Gluͤcke beſchaͤftigt war, ſchrieb William Briefe nach London an ſeine Freunde, welche Carl mitnehmen ſollte. Medem ſchrieb auch an ſeinen Freund Workwich. Der Abſchied der beiden Freunde, die ihr ganzes Leben hindurch faſt nie einen Tag von einander getrennt waren, war ſehr ruͤh⸗ rend. William konnte ſich der Thranen nicht enthalten. Carl ſagte:„Sey nicht zu ttau⸗ rig, das ſchlaͤgt mich nieder. Gewiß, Du kommſt mir bald nach, und die Sorge, daß unſer Leben bald in unzertrennlicher Verbin⸗ dung anhebt, ſoll meine großte ſeyn. Du weißt's ja, daß ich ohne Deine Nähe nicht gluͤcklich ſeyn kann.“—„Carl,“ erwiederte William, wenn ich ruhig ſeyn koͤnnte, ſo wärr mein Herz ein Stein, es wäte micht das Herz, was ſo leicht von Schmerz und Freude geruͤhrt wird. Gott iſt mein Zeuge, daß ich Dir Dein Gluͤck goͤnne, daß ich ſehr viel — NN NN 203 aufopfern kann, um es Dir zu gewinnen, aber ich bin ein Menſch, darum iſt mir's nicht gleichguͤltig, daß Du am Ziele Deiner Wuͤnſche biſt, dem ich vielleicht noch ſo fern ſtehe. Ach, eine bange Ahnung hat ſich mei⸗ ner bemaͤchtigt, ich fuͤrchte, daß ich durch eine lange truͤbe Nacht noch gehen muß, ehe mir ein Licht anbricht. Welche Hinderniſſe können ſich mir in den Weg ſtellen, ehe mit ein froherer Tag erſcheint, und ob er mir je erſcheinen wird? Unſer Gluͤck erhebt ſich oͤf⸗ ter dann aus dem dunkeln Grabe der Schmer⸗ zen, wenn wir keine Sinne mebr für daſſelbe haben und es nicht genießen koͤnnen. Aber, reiſe Du nur ruhig, kuͤmmere Dich meinet⸗ wegen nicht, ich habe einen allmächtigen Freund uͤber den Wolken und den Freund im Her⸗ zen, der noch tröſtet, wenn alle äußere Herr⸗ lichkeit und Wonne wie eine Blume, die der Sonnenſtrahl verſengte, dahinwelkt. Kuͤſſe alle meine Lieben, ſage ihnen, daß es mir wohl geht; aber Annen ſage, daß ich trauere.“ 8 204 Unter den herzlichſten Umarmungen ſchie⸗ den die Freunde von einander. William hatte an ſeine Mutter einen Brief geſchrieben, der dem Herzen dieſes Juͤnglings Ehre machte. Er bat ſie um der Liebe willen, die ſie fuͤr ihn⸗hegte, den Um⸗ gang mit Workwichs wieder anzuknuͤpfen und das Andenken an die Beleidigung zu ver⸗ geſſen. Sie ſolle das Gluͤck recht hoch prei⸗ ſen, daß Eliſabeth mit Carln verbunden werde und das Dankgefuͤhl in ihrer Bruſt nicht unterdruͤcken, daß Workwich dieſe Ver⸗ bindung zugab. Nun habe ſie fuͤr das ſpä⸗ tere Leben an ihrer Tochter eine ſichere Stuͤtze und hange nicht von der Wohlthaͤtigkeit Tn⸗ derer mehr ab. In dem Gluͤcke Eliſabeths gehe ihr eine herrliche Freude auf. Fuͤr ihn möge ſie unbeſorgt ſeyn, ſein Schickſal ſey in dem Buche der weisheitsvollen Allmacht geſchrteben und Menſchen vermoͤchten keinen Titel davon auszuloͤſchen. Er. vertraue der —— „ 205 Vorſehung, darum ſey er ſo ruhig ꝛc.— Ganz beſonders bot er ſeine Mutter, daß ſie in einem Briefe an Sir Robert der Spal⸗ tung, die zwiſchen ihr und Workwich vorfiel, ja mit keiner Syibe erwaͤhnen ſolle. Es koͤnne dies eine vdruͤbergehende Feindſchaft unter den Bruͤdern erzeugen, die ſich damit enden werde, daß ſie der verlierende Theil ſeyo. Das Nachgeben fordere man von dee Frau, und Robert habe wichtigere Grunde, Guͤte und Verfoͤhnlichkeit von ihr zu ver⸗ langen, In dem Screiben an Workwich er⸗ wähnte William mit dankbarem Herzen der vielen Beweiſe des Wohlwollens, die er von zarter Kindheit an von ihm empfing. Er ge⸗ dachte der ſchmerzlichen Trennung von Carln und ſagte:„Der Himmel will es ſo, er ſod F gluͤcklich ſeyn und ich trauern. Waͤre ich nicht ein Thor, wenn ich ſeine Fuͤgungen idz frommen Glauben nicht ehrte? Ohne ihr Zu⸗ laſſen begegnet mir nichts und als Wohlthat nehme ich an, was ſie giebt oder verſagt. Nur Eins bitte ich, wenn Anna weint, fallen Sie ihr nicht hart. Thränen ſind Zeugen unſeres innern Schmerzes, der Wunden, die uns geſchlagen ſind, und ein Leidender heiſcht Erbarmen und Mitleid. Seyn Sie ſchonend gegen die Schwache, die ſich nicht beherrſchen kann und gonnen Sie ihr Zeit, an Stäaͤrke zu gewinnen. Ich kann dafuͤr nicht, daß ſie mich liebt, und ihre Liebe iſt das Hoͤchſte, was meine Seele hat. Zuͤrnen Sie mir des⸗ yalb? Koͤnnten Sie mir's rauben? Bleiben Sie mein Wohlthäter, ich bedarf Ihrer Guͤte noch und erſt dann, wenn ich mir ſelber hel⸗ fen kann, ſoll mein rechter Dank anheben.— Verzeihen Sie auch der Empfindlichkeit mei⸗ ner Mutter und rechnen Sie ihr dieſelbe nicht mehr uͤbel an. Eine Reihe von ſtechen⸗ den Leiden hat ſie fur den Schmerz zu em⸗ yfindlich gemachi. Ach, und der, den der Himmel zu harte Pruͤfungen durchgehen ließ, —————— 207 in dem es zur voͤlligen Ruhe nie kommt, der fuhlt ſich leicht verletzt. Sie ſind edel, Sie kennen die uͤberwiegend herrlichen Eigenſchaf⸗ ten meiner guten Mutter und werden ſich in Guͤte mit ihr vertragen zc.“ Der dritte Brief war an ſeine geliebte Anna gerichtet. Er ermahnte ſie zur Faſſung und Ruhe und bat ſie insbeſondere, daß ſie ſich mit keiner Miene, mit keinem Worte es merken laſſen ſollte, wie ungerecht ſie ſeine Art zu handeln faͤnde. Den Tadel des Kin⸗ des verzeihe ein Vater ſehr ſchwer.„Laß uns nur mit innerer Ruhe,“ ſagte er,„das Walten des Himmels betrachten, Alles, was uns begegnet, iſt nicht der Menſchen, es iſt Gottes Sache und in ſeiner Hand liegen ihre Herzen. Unſere Verbindung, die ſich Dein Vater jetzt nicht abzwingen läͤßt, wird er uns ſpäter anbieten. Die Natur vergiebt ſich keins von ihren heiligen Rechten und jede menſchliche Abweichung von demſelben fuͤhrt W. — 208 endlich doch zur Ruͤckkehr. Wir wollen ein⸗ ander nur nicht verlaſſen, das Uebrige, was in unſerer Macht nicht ſteht, ordnet ein wei⸗ ſes Weſen. Ich beie fuͤr Dich, fuͤr Deine Lieben. Werde ich zu Carls Hochzeit ge⸗ laden, ſo komme ich, und dann ſoll uns kein Gram in der Freude unſeres Wieder⸗ ſehens ſtsren. Es verlangt mich ſehr nach einem Briefe von Dir. Leb' wohl, meine Anna, und, wenn Du mich liebſt, dann dulde ſo fromm und gelaſſen, wie Du edel und tugendhaft biſt.“ Als Carlt bei ſeinen Eltern unerwartet in London ankam, erregte ſeine Erſcheinung eine große Freude Der Vater nahm ihn ſogleich bei der Hand und fuhrte ihn in ein anderes Zimmer. 4 „Kommſt Du mit einer Rachricht von Briſtol“ ſagte der Voter,„die mich beſonders intereſſiren kann? Daß ich Dir, oder Annen 209 den Conſens zu einer Verbindung gebe, die ſo nicht ganz nach meinem Sinne iſt, eben weil ſie mir abgezwungen, und das Werk meiner Schuld iſt, davon weiß hier noch Niemand ein Wort. Was haſt Du denn mit William beſchloſſen?“ Carl erwiederte: „Ohne ſich zu beſinnen, uͤberließ er mir den Vorzug... Ich alſo waͤre der Gluͤckliche und er iſt der Ungluͤckliche.“—„Vom Gluͤck und Unglöck kann hier nicht die Rede ſeyn, wenn er Dir, ohne ſich zu bedenken, den Vorzug uͤberließ. Des Menſchen Wille, pflegt man zu ſagen, iſt ſein Himmelreich.“ Carl zog ſeine Brieftaſche heraus und uͤberreichte dem Vater die Briefe. Als er den Brief von ſeinem Freunde Medem ge⸗ leſen hatte, ſprach er:„Der Mann meint's gut, das iſt unverkennbar; aber wenn die Leute doch nicht Forderungen an uns machten, die, wenn man ſie an ſie ergehen ließe, gewiß unerfuͤhlt blieben!“ Nachdem er Willtams Brief 14 2¹0 * auch geleſen hatte, ſprach er:„Ja, der Wil⸗ liam iſt eine fromme, vortreffliche Seele, ganz wie ſein Vater, und kann ich zu ſeinem weitern Fortkommen in der Welt beitragen, ſo will ich das fuͤr meine erſte Pflicht achten. Von dem Wahne einer chelichen Verbindung mit Annen wird er ſchon loslaſſen, und erſt dann kann ich mich ſeiner in einem hohen Grade annehmen.“ Als Lorenz Workwich ſah, daß Carl auch Briefe an Annen und die Berklei hatte, nahm er ſie ihm mit den Worten ab:„Jetzt iſt es noch nicht Zeit, daß ſie leſen, was William geſchrieben hat, ich werde den Bei⸗ den die Briefe ſelbſt einhändigen.“ Voll Sehnſucht erwartete insbeſondere Anna die Ruͤckkehr ihres Bruders, weil ſie durch ihn auch ſchriftliche Nachticht von Wil⸗ liam zu erhalten hoffte. Die Mutter aber konnte ſich das Räthſel nicht deuten, daß 211 Carl allein und ohne ſeinen Freund kam. Als er daher mit dem Vater wieder im Zim⸗ mer war, fragte ſi ſie, warum er jetzt und war⸗ um er allein und ohne William komme. Der Juͤngling dlickte den Vater pöchſt verlegen an, ehne der Mutter eine Antwort zu geben, und dieſer nahm das Wort und ſagte:„Hoͤrt nun ruhig und ohne l⸗denſchaftliche Bewegung zu, ich will euch das Raͤthſel loͤſen. Ich habe an Carl und William nach Briſtol einen Brief mit der Ecklärung geſchrieben, daß Einer von ihnen ganz nach ſeiner Neigung ſich verheirathen koͤnne. Die Freunde haben ſich dayin verglichen, daß der wackere William Carln den Vorzug uͤberlaſſen hat. Wir fei⸗ ern nun ſeine Verlobung mit Eliſabeth Ber⸗ klei. Das iſt das ganze Geheimniß.“ „Vater,“ ſagte Anna unerſchrocken und mehr in dem Glauben, daß er ihr eine freu⸗ dige Uederraſchung bereiten wollte,„aber da haͤtteſt Du auch zwiſchen mir und Eliſa⸗ 212 beth eine ſolche Ausgleichung eintreten laſſen muͤſſen. Bei Dir hat die Tochter mit dem Sohne gleiche Rechte, und ich ſchwoͤre es Dir, daß ich nicht ſo edel denke wie Wil⸗ liam, und Eliſabethen wuͤrde ich auf keine Weiſe den Vorzug eingeräumt haben, ſo ſehr ich ſie auch liebe. Eine ſolche Tugendprobe hätte ich nicht beſtanden, da ich überdies glaube, daß ſie dem Herzen deſſen mehr Ehre macht, der ſie nicht beſteht. Wenn es mit der Sache, die ich fuͤr einen Scherz halte, wirklicher Ernſt iſt, Vater, ſo weiß ich nicht wie Du dazu kommen und Du ihn Dir ver⸗ zeihen konnteſt!“ „Ruhig, Anna,“ ſagte die Mutter, „und erlaube Dir gegen den Vater kein unge⸗ buͤhrliches Wort. Er glaubt Macht zu ha⸗ ben, mit ſeinen Kindern thun zu können, was er will.“—„Und“ ſagte Anna zu ihrem Bru⸗ der,„durch Edelmuth konnteſt Du Dich von Deinem Freunde beſiegen laſſen?“—„Haſt 213 Du nicht eben erklart,“ erwiederte er⸗„daß Du nicht anders gehandelt hätteſt?“— „Nun, nun,“ ſagte der Vater,„gerathet nicht in Streit, William und Carl haben entſchieden und Eliſabeth iſt ſeine erklaͤrte Braut.„—„PVater, und ich?“ fragte Anna. „Davon reden wir ein andermal. Ver⸗ dirb uns die Freude nicht, und wenn Du ein edies Gemuͤth haſt, ſo hole uns Eliſabeth mit ihrer Mutter her, der wir die frohe Bot⸗ ſchaft verkuͤndigen wollen. Da ſind Briefe von William, einer an ſeine Mutter und einer an Dich.“ Anna zitterte, die Thränen ſtanden ihr in den Augen, ihre Wange erblaßte, ſie ſchwankte aus dem Zimmer und die Mutter folgte ihr nach.„Welch ein wunderliches Spiel treibt dieſer Vtie mit ſeinen Kindern,“ ſagte Anna, wie ſoll ich das deuten! Soll ich an ſeinem Verſtande oder an ſeinem Her⸗ zen zweifeln. Warum mahht er meinen Bru“ ——— 2¹4 der gluͤcklich und mich ſo ungluͤcklich?“— „Wiege die Worte,“ ſagte die Mutter,„daß Du nicht ſuͤndhafte gegen den Vater aus⸗ ſtoͤßeſt. Gort verzeiht ſie nicht, wenn ſie auch in leidenſchaftlicher Uebereilung geſpro⸗ chen ſind. Ehren muß ein Kind ſeine El⸗ tern. Macht Dich der Vater darum ungluͤck⸗ lich, weil er Deinen Bruder gluͤcklich macht? Kann Deine Schweſterliebe Neid und Miß⸗ gunſt nicht beherrſchen? Was wirſt Du durch lauten Unmuth ausrichten! Willſt Du weniger edel ſeyn, als William es war? Empoͤre den Vater ja micht wider Dich, das moͤchte Dir und Wilam, dem Du auch Pflichten ſchul⸗ dig biſt, wahrlich keinen Segen bringen. Und kannſt Du denn die Abſichten, die Dein Vater hat, durchſchauen? Ungerecht war er im Leben nie und gegen ſeine Tochter ſollte er's ſeyn? Das bilde Dir nicht ein. Wenn Du zu der Sache kein frohes Geſicht machen kannſt, ſo mache auch kein muͤrriſches. Ge⸗ duld und Ruhe, Ergebung und Hoffnung führt uns am ſicherſten zum Ziel. Lies nur Williams Brief, er wird Dir Balſam auf die Wunden gießen.“ Sie hatte den Brief geleſen und rief aus:„Wer aber kann ſo edel als dieſer Wiliam handeln! Ja, Mutter, ich will ruhig ſeyn, und an der Güte und Gerechtigkeit meines Vaters nicht verzweifeln. Eliſabeths Freude ſoll mich nicht betruͤben. Die Hoff⸗ nung, daß ich das nur ſpäter erlange, was ihr fruͤher gewaͤhrt wird, ſoll mich aufrecht erhalten. Aber bleibe Du nur meine troͤſtende, hülfreiche Freundin, wenn ich Deines Troſtes und Beiſtandes bedarf.“ Die Mutter umarmte tief geruͤhrt ihre geliebte Anna und ſprach:„Wann hat eine zartliche Mutter ihre Tochter verlaſſen! Ihr Beide, Du und William, ſeyd mir ins Herz geſchrieben, ihr ſeyd meine liebſten Kinder, und was Guͤte und Liebe fuͤr euch Gutes 2¹6 und Erwuͤnſchtes zu wirken vermag, darauf könnt ihr ſo gewiß rechnen, als der Fromme auf ſein unvergängliches Heil. Nun aber, meine Anna, halte auch Wert und bleibe ruhig.“ Workwich war ſehr erfreut, als er ſeine Gattin und Tochter in dieſer ruhigen Stim⸗ mung ſah, aber die Gruͤnde, womit ſie ſich tröſteten, waren ihm unbekannt und mußten ihm verſchwiegen werden. Er hatte ſeinen Wagen zur Berklei geſchickt und ließ ſie mit ihrer Tochter zu ſich holen. Als ſie ins Zim⸗ mer trat, reichte er ihr mit alter Herzlichkeit die Hand und kuͤßte Eliſabeth. Carl hatte ſich entfernen muͤſſen. Die Berklei fand in dem Geſichte der Workwich Zuͤge, die ſie nicht deuten konnte, es war ein Gemiſch von Freundlichkeit und Ernſt. Elifabeth ſah es Anna's Augen an, daß ſie geweint hatte. Ziemlich laut fragte ſie:„Sind gute oder boͤſe Nachtichten von Briſtol angekommen?“ 17 Ehe ſie ihr eine Antwort geben konnte, ſagte Workwich:„Gute, ſehr gute, durch einen ſichern Boten.“ „Liebe Berklei,“ fuhr er fort,„ich weiß es, Sie ſind nicht abgeneigt, Ihre Tochter meinem Sohne zur Gattin zu geben, und ich erkenne ſie hiermit als meine liebe Schwie⸗ geetochter an. Den Termin der Hochzeit mögen unſere Kinder beſtimmen; aber ihre Verlobung feiern wir morgen in der Geſell⸗ ſchaft unſerer beſten Freunde auf meinem Landbauſe. Es iſt die Sorge der Muͤtter, die nothigen Vorbereitungen dazu zu treffen.“ Eliſabeth erſtartte foſt, ſie wollte ihren Ohren nicht trauen, ſie konnte keine Sylbe reden und ſah Annen ſo an, als ob ſie von ihr eine Erklärung des Räthſels erwartete. Die Berklei ſagte voll Erſtaunen:„Faſt kann ich's nicht unterſcheiden, ob ich wache oder träume! Iſt das Ihr Ernſt?“— es folge mir Niemand nach, ich will Carln „Liebe Berklei, mit wichtigen Angelegen⸗ heiten pflegte ich nie Scherz zu treiben.“— „Nun,“ fagte ſie voll heiliger Ruͤhrung,„ſo mag der allmaͤchtige und guͤtige Gott unſere Kinder ſegnen. Unſchuld und Tugend iſt das einzige Erbzut meiner Tochter, und eine Liebe, wie ſie Carl im Leben nur ein Mal finden konn.“. Eiiſabeth ſank an Workwichs Bruſt, um ihm zu danken, aber der muͤnd⸗ liche Ausdruck ſtand ihr nicht zu Gebote. Sie umatmte im ſtummen Entzuͤcken auch die Madame Workwich, und als ſie zu Annen kam, ſagte ſie:„Wie gluͤcklch macht uns der Vater, ach, wie guͤtig iſt er, wie ſolleu wir ihm danken!“ Sie war der feſten Mei⸗ nung, daß auch ihr Bruder ſich mit ihr ver⸗ heirathe. Anna ſchwieg. „Aber, lieber Workwich,“ ſagte die Ber⸗ klei,„morgen ſchon die Verlobung, wo iſt der Braͤutigam?“—„Bleibt alle, Alle hier, 219 holen.“— Waäͤhrend ſeiner Abweſenheit ſuchte die Workwich ihre Freundin uͤber den Heirathsplan zu verſtaͤndigen und bat ſie in⸗ ſtaͤndig, keine Bitte an den Vater zu thun, welche auf die Verbindung zwiſchen William und Annen hinzielte. Anna ſey in ihrem Innern ruhig, weil ſie ſicher hoffen koͤnne, daß auch ihr die Stunde des Gluͤcks und erfuͤtter Wuͤnſche ſchlagen werde.„. An⸗ nen perlten die Thraͤnen uͤber die Wangen. Die Berklei nahm ihre Hand und ſagte: „Harre ruhig, Du haſt einen guͤtigen Vater und einen treuen Geliebten, das ſpätere Gluͤck iſt kein verlornes, und oft ein herrlicheres.“ Jetzt oͤffnete ſich die Thür und die Lie⸗ benden flogen einander mit unbeſchreiblicher Wonne in die Arme. Ihr Erſtes war kind⸗ licher Dank, den ſie dem Vater und den Muͤttern ſagten, dann nahmen ſie Annen veim Arm und fuͤhrten ſie mit ſich. Workwich übetreichte der Berklei den abgeſandt. Da Workwich nicht in das Herz 220 Brief von William. Sie las ihn durch und frzuete ſich uͤber den frommen, Gott ver⸗ trauenden Sinn ihres Sohnes. Was er aber von Robert in Jamaica ſchrieb, das fiel ihr wie ein Stein auf's Herz. Sie hatte einen Brief dahin abgehen laſſen, in dem ſie Work⸗ wichs hartes und unfreundliches Betragen ſchilderte. Sie beſorgte, daß eine bittere Ant⸗ wort von Jamaica ankommen werde. Damit ſie nicht in Lorenz Hände gerieth, mußte ſiz kluge Vorkehrungen mit der Workwich treffen. Das Verlobungsfeſt wurde gefeiert. Anna trauerte. Große Freude herrſchte. Die Geſundheit des edelmuͤthigen Workwichs wurde mit lautem Jubel getrunken. Allen galt er fuͤr das Muſter eines guͤtigen Vaters. Nach Briſtol zu Herrn Medem noch eine Weile zu gehen, dazu hatte Carl keine Luſt, ſeine Braut hielt ihn zuruͤck und der Vater zwang ihn nicht dazu. Es wurden Briefe dahin ſeiner Tochter ſehen konnte und ihre äußere Ruhe ſah, bildete er ſich ein, es werde nicht zu ſchwer halten, ſie von William zu trennen; aber geredet hatte er uͤber dieſen Punkt noch nicht, er fuͤrchtete ſich ſelbſt davor. Die Hochzeit wurde nicht lange aufge⸗ ſchoben, und als der Tag dazu beſtimmt war, lud man auch William dazu ein; aber die⸗ ſer kam nicht, und zwar aus einem ſehr wich⸗ tigen Grunde. Workwich war ſein Außen⸗ bleiben erwünſcht, ob ihm gleich das Hinder⸗ niß, was Williams Kommen vereitelte, eine tiefe Wunde ſchlug. Etliche Tage vor dem Hochzeitfeſte kam ein Beief von William bei ſeiner Mutter an in dem er ihr den plotzlichen Tod ſeines vä⸗ terlichen Freundes Medem meldete. Er ſagte wie unmöglich es ihm nun ſey, Briſtol zu verlaſſen, wie er der leidenden Gattin zur Stuͤtze und der hochbetruͤbten Tochter zum 222 Troſte dienen muͤſſe. Er habe den Traurigen die Bitte nicht abſchlagen koͤnnen, bei ihnen zu bleiben. Sein eigenes Herz ſey von ſchmerzvoller Theilnahme auch ſo angegriffen, daß ihm jede Art der Freude nur noch mehr verſtimmen werde. In dem edeln Medem habe er den edelſten Freund verloren. Bliebe Workwich feſt dabei, daß er ihm ſeine Toch⸗ ter nicht zur Gattin geben wolle, ſo ſehe er ſich gezwungen, einem innern Rufe zu folgen und nach Jamaica zu gehen. Dort, ſo glaube er, werde er ſeine Anna gewinnen, die ihm in England verſagt wuͤrde. Zu de⸗ muͤthigen Bitten um ſie, oder zu Liſt und entehrenden Ränken, um dem Vater den Conſens abzunoͤthigen, werde ſich ſein mora⸗ liſches Gefuͤhl nie verſtehen. Was er nicht von der freien Liebe erhalten koͤnne, das möge er auf keine Weiſe. Auf den herrlichen Ro⸗ bert allein ſey ſeine Hoffnung gebaut. Sie möge Annen troͤſten und ihr die Betheuerung geben, daß er ihr bis zu ſeinem letzten Athem⸗ 223 F zuge treu bliebe.— Medems Tod erſchuͤtterte Alle, die ihn kannten und liebten. Annen aber ſchmerzte es am meiſten, daß ſie auf eine Freude verzichten mußte, an die ſie ge⸗ wiß glaubte. Sie ſchtieb einen langen Brief an William, in dem ſie ihm ihre Traurigkeit ſchilderte, den er bald in troͤſtenden Aus⸗ druͤcken beantwortete. Der Gedanke, daß William nach Ja⸗ maica gehen wollte, ängſtigte ſeine Mutter gar ſehr, und doch konnte ſie ihm nicht ab⸗ rathen, da ſie ſeinen Aufenthalt dort ſelbſt fuͤr den ſicherſten Weg zu dem Ziele hielt, mit Annen verbunden zu werden. Dem Maͤd⸗ chen aber ſagte ſie kein Wort davon und wollte die Sache bis zur wirklichen Abreiſe Alen geheim halten. Die Hochzeit wurde auf Workwichs Laud⸗ hauſe recht glaͤnzend vollzogen. Man fand die Braut uͤberaus ſchön, pochſt intereſſant 224 und liebenswuͤrdig; aber es regte ſich⸗gegen ſie doch Neid in manchem jungfräulichen Herzen. Sie hatte nur Sinn fuͤr ihr Gluͤck und beachtete die Ge ſell ſchaft wenig. Das Geſtirn der Liebe leuchtete ihr ſo glaͤnzend, und Carl war der Gegenſtand ihrer innigſten Gefuͤhle und Huldigungen. Aber ſo gluck⸗ lich Alle waren, ihre Freude wurde doch ge⸗ truht, daß William nicht Theilnehmer des Feſtes ſeyn konnte. Beſonders kam das An⸗ denken an ihn nicht aus Anna's Seele. Es nahte ſich ihr mit geheimer Hoffnung wohl ſo mancher Juͤngling mit ſeinen Artigkeiten und Schmeicheleien; aber wegen ihrer Kälte, mit der ſie ſich ihm entgegenſtellte, 18 jeder von ihr zuruͤck. Die Berklei gab den inſtaͤndigen Bitten Carls und Eliſabeths nach und zog zu ihnen in das Haus, was der Vater ihm gekauft hatte. Er uͤberließ ihm den groͤßten Theil ſei⸗ ner Handelsgeſchäͤfte und wollte ein ruhigeres 225 und freieres Leben fuͤhren. Das junge Paar wäre mit der Mutter gewiß glücklich bis zum Beneiden geweſen, wenn die klagende Anna zu mehrerer Ruhe haͤtte kommen koͤnnen. Mit großem Schmerz ſehnte ſie ſich nach Wil⸗ liam und der Gedanke an ihn verließ ſie nicht. Ehe man es ſich verſah, kam William aus Briſtol an, als ſeine Stelle durch einen Andern bei der Mebem beſetzt war und er auch ſeine Studien in Handelsgeſchaͤften, da Medem, ſein Lehrer, nicht mehr war, mit nutzlichem Erfolg nicht fortſetzen konnte. Er hatte es auch erklaͤrt, daß er die Reiſe nach Jamaica antreten muͤſſe, weil ein längerer Aufenthalt in England nur ſein Ziel weiter hinausrücke. Anna war vor Entzücken außer ſich, als ſie ihn bei ihrem Bruder fand. Am folgenden Tage wollte er Lorenz Workwich beſuchen. Aber, als bie Rede von ſeiner Verbin⸗ 15⁵ 226 dung mit Annen war, ſagte Carl zu ihm: „Du haſt ja bei dem Vater nicht ernſtüch um Annens Hand geworben, verlangſt Du, daß er ſie Dir anbieten ſoll?“—„Ich werde mir weiter nichts als eine abſchlaͤgliche Ant⸗ wort einholen,“ erwiederte William,„und die erſpart man ſich gern.“—„Aber, lieber William,“ bat Anna,„der Verſuch ſteht zu wagen und bedenke doch, daß Du die Mut⸗ ter auf Deiner Seite haſt.“—„Wenn Du's willſt, meine Anna, ſo ſoll's geſchehen,“ erwiederte er,„ſo ſcheue ich nichts, nichts.“— „Vergiß nicht,“ ſagte Carl,„daß mein Vater ſich das mit Härte nicht abtrotzen laͤßt, was er nichr mit Guͤte giebt.“—„JIch, trotzen,“ ſagte William,„meinem Wohlthaͤter, wie ſollte ich mir das beikommen laſſen! Aber, ſagt er Nein, läßt er ſich nicht erbitten, ſo iſt mein Entſchluß gefaßt. Was in Eng⸗ land nicht zu gewinnen ſteht, das will ich in Jamaica erobern, Dich, Dich meine Anna.“ —„Um Gottes willen,“ bat ſie,„nur nicht N 227 nach Jamaica. Ach, Du ſiehſt mich dann nicht wieder, ich ſterbe vor Angſt und Be⸗ ſorgniß.“—„Liebes Kind,“ troͤſtete er,„es gingen wohl Tauſende dahin und kehrten ge⸗ ſund wieder. Iſt der allmäͤchtige, uns be⸗ ſchuͤtzende Gott auf den Wellen nicht auch? Mein Vertrauen zu ſeiner Huld wird mich nicht täuſchen. Kurz, mir ſagt's mein Geiſt, nur die Reiſe dahin fuͤhrt mich zum Ziel. Was ſoll ich nun in London? Etwa um Brodt dienen? Carls Untergebener werden? Anna, wenn Du mich liebſt, wenn mein Leben Dir theuer iſt, mache meinen Entſchluß nicht wankend, ſey nicht die Stifterin meiner längern Schmerzen!“ Sie umarmte ihn und ſprach:„So gehe im Namen Gottes, ich muß mich fuͤgen. Im ſtillen Gebete will ich meinen Troſt ſuchen, und wenn des Kummers Buͤrde mein Herz zu ſchwer belaſtet, dan mogen Thraͤ⸗ nen ſie erleichtern“ 228 William erklaͤrte es Allen begreiflich, wie Roberts Guͤte, Lorenzens Bruder, der ſo maͤchtig auf iyn wirken koͤnne, allein der Stifter ſeines Gluͤcks werden wuͤrde. Freundlich wurde er am Morgen von Workwich empfangen. Als er mit ihm und der Madame Workwich allein war, ſagte er: „Ohne viele Worte frage ich Sie, wollen Sie mir Ihre Tochter zur Gattin geben? Sie kennen mich, Sie wiſſen es, wie ich ſie liebe. Bin ich mit ihr weniger in Ihren Augen werth, als Carl und Eliſabeth?“ Workwich erwiederte mit ernſter Stimme: „William, fordere nicht von mir, was ich nicht leiſten kann. Biſt Du ſo edel, wie ich mir Dich denke, dann gieb den Plan auf, Dich mit Annen zu verbinden. Fuͤr Dein Fortkommen ſoll auf alle Weiſe geſorgt wer⸗ den. Ich kann diesmal nicht nachgeben, nicht einwilligen! Soll ich gar keinen Wil⸗ — iiie — 229 len haben und mich wie ein unmuͤndiges Kind lenken laſſen? Wenn Du mich liebſt, wenn Du Dich ehrſt, thue keine Bitte mehr an mich. Es wird mir ſo ſchwer, Dir ſie abzuſchlagen und ich kann's doch nicht anders.“ Thränen rollten von Williams Wange, er ſchwieg und— entfernte ſich mit einer Verbeugung. Mit den Worten:„Du biſt unmenfchlich, Du biſt hart und kalt wie ein Stein,“ ging Madame Workwich aus dem Zim⸗ mer, um William einige Troſtworte zu ſagen⸗ aber er war ſchon verſchwunden. Am ſpäͤten Abend kam ein Bote und brachte der Madame Berklei folgende, von William mit zitternder Hand geſchriebenen Zei⸗ len:„Mein Verſuch iſt mißlungen. Unſer Freund und Roberts Freund hat mir die Reiſekoſten nach Jamaica vorgeſchoſſen. Keine 230 Macht fuͤhrt mich nach London zuruͤck. Troͤſte Dich, theure Mutter, ſprich meiner Anna Ruhe ein. Zu Gott hoffe ich's, wir ſchei⸗ den in Schmerz und ſehen uns in Freu⸗ den wieder. Ende des erſten Theils. — Nachſtehende, ſehr unterhaltende Romane und Schauſpiele ſind in allen Buchhand⸗ lungen Deutſchlands zu haben: Felſenmännchen, das graue. Ritter⸗ und Raͤubergeſchichte aus dem Mittelalter. Von J. Albiny. 2 Theile. 8. 1823. 1 Thlr. 18 Gr. Fernando Lomelli, der kuͤhne Raͤuber, z oder die Hoͤhlen der Rache. Von C. Hil⸗ debrandt. 3 Bdchn. 8. 1827. 3 Thlr. 4 Gr. Feſttagslaunen von C. Nicolai. 2 Bde. Findlinge, hiſtoriſche. Rittergeſchichten und Erzaͤhlungen. 8. 1823. 1 Thlr. Fluch, der, der Weiſſagung. Roman von Philippine von Mettingh. 2 Theile. 8. 1819. 1 Thlr. 12 Gr. Fodor und Athanaſia, oder die Schreckens⸗ nächte in den Qualgefängniſſen det ſieben Thuͤrme zu Conſtantinopel. Ein Schau⸗ 3 — S— —————— ———— dergemälde aus dem gegenwärtigen Frei⸗ heitsktiege der Griechen. Roman von C. Hildebrandt. 4 Theile, 8. 1822. 4 Thlr. Geheimen, die, des Bundes. Roman von C. Hildebrandt. 8. 1818. 3 Thlr. 12 Gr. Geiſter, die, der Schauerhoͤhle, oder das Wunderbluͤmchen. Erzählungen von C. Hildebrandt und Andern. 8. 1822. 1 Thlr. Gemälde des weiblichen Lebens, in Erzaͤh⸗ lungen. Zweite durchgeſehene und wohl⸗ feilere Auflage, von C. Nicslai. 8. 1818. 1 Thlr. Geſchichten vom Teufel. 8. 1827. 20 Gr. Gewalt, die, der erſten Liebe. Von H. Müller. 2 Theile. 8. 1822. 2 Thlr. 8 Gr. Giftmiſcherin, die, oder die Geheimniſſe des Grabes. Vom Verfaſſer des Romans: Ritter Golo der Grauſame. 2 Theile. 8. 1822. 1 Thlr. 20 Gr. ——