—— —— — Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Cdnard Otkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. SLeih und Keſebedingungen. 1 Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 5 2 Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt nchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 8.————— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mr. 50 Pf 2 N.— Pf. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Ich fuͤhlte gar wohl, daß ich an⸗ fangs Wilhelminens Scherz zu hoch aufnahm, und bedachte nicht, daß meine abſchlaͤgige Ant⸗ wort zu der vorgeſchlagenen Landpartie einen klei⸗ *) Ich habe wohl nicht zu erinnern noͤthig, daß alles, was Wiederhohlung des bereits erzaͤhlten war; aus der Correſpondenz der beiden Freunde hinweg gelaſ⸗ ſen wurde.— 4 3 3 nen Groll in ihrem Herzen zuruck gelaſſen, der ſich ganz ſichtbar auf ihrem Geſichte leſen ließ. Die Urſache dieſer abſchlaͤgigen Antwort war, ch muß es geſtehen, ziemlich aus der Luft gegriffen; aber Wilhelmine hatte auch bereits die Sache zu weit getrieben, ich konnte ſchon nicht mehr mit guter Art einlenken. Eine ſchnelle Entfernung— war daher alles, was mir noch uͤbrig blieb. Nun gieng elu Tag nach dem andern vor⸗ uͤber, ohne daß es zu einer Erklaͤrung kam; ich merkte ganz deutlich, daß ſie von mir den erſten Schritt erwartete, dies lief aber meinem einmal gefaßten Plan ſchnurſtracks entgegen; ich begnuͤgte mich daher, ſtets gleichmuͤthig und— heiter zu ſeyn, obgleich ihre taͤglich wachſende 4 Erbitternng, die ſich durch Blicke, hingeworfene Aeußerungen, und endlich durch die Heftigkeit, mit der ſie alles that und ſagte, ganz deutlich verrieth, mich nicht wenig beunruhigte. An⸗ fangs traf ich ſie immer zu Hauſe an, bald. ſeltener, endlich gar nicht mehr; ſie ſchien mich 5 zu vermeiden, ſelbſt im Schauſpielhauſe fand ich dfters mein gewoͤhnliches Plaͤzchen beſezt.—. Jezt, lieber Raßdorf! wurde mir ernſtlich bange“⸗ ₰ ich kenne Wilhelminens treflichen Karakter, aber auch ihre Heftigkeit; dieſe konnte ſie zu den ſeltſam⸗ ſteu Schritten gar leichte verleiten znun lenkte ich eir, und ließ keine Gelegenheit voruͤber, wo ich durch 8½ Anſpielungen, und treffende Bemerkungen Anlaß 5 — „ ————————————— zu einer beſtimmten Erklaͤrung haͤtte geben kon⸗ nen— aber jezt noch ſchien ſie mich nicht zu verſtehen; ich bemerkte ſogar, daß ſie geflißent⸗ lich dieſer Erklaͤrung auswich. Ihre Anlage zu unſchuldigen Scherzen hatte ſich in blttern Spott verwandelt, und ihre frohe Laune nahm merk⸗ lich ab; ich gieng zu ihr mit dem feſten Vorſatz, dieſer geſpannien Lage auf einmal ein Ende zu machen; gewiß, lieber Raßdorf! war ich dies⸗ mal feſt entſchloſſen, von melnem Plaue abzu⸗ weichen, denn ich fuͤhlte mich nicht ganz Schuld⸗ frey. Ich traf den Kammerherrn von Eberhorſt beym Geheimenrath an, der, im Namen der Fuͤrſtin, Wilhelminen proponirte dem Geſellſchafts⸗ Theater, von dem ich dir neulich ſchrieb, beizu⸗ treten. Wilhelmine wußte meine Meinung dar⸗ uͤber, und dennoch, ſelbſt ohne ihres Oheims Erklaͤrung zu erwarten, gab ſie ihre beſtiminte Einwilligung;— ich floh, da dies der Augen⸗ blick einer freundſchaftlichen Ergteß zung nicht ſeyu konnte, und gieng abermals unverrichteter Sache nach Hauſe. Laͤnger aber durfte ich weder, noch konnte lch ſchweigen ich ſezte mich alſo hin und ſchrieb ihr einen langen Brief uͤber die unvermeld⸗ lichen, theils ſchaͤdlichen, theils unangenehmen Folgen dieſes an ſich zwar unſchuldigen geſell⸗ ſchaftlichen Vergnuͤgens. Dieſer Brief ſollte, melner Meinung nach, die natuͤrlichſte Einleitung zu einer wechſelſeitigen Erklärung ſeyn— ich harrte mit eben ſo vieler als Gewiß⸗ „ S 3§ heit darauf— nun fiel jener ſo ſehr unerwarte⸗ te Auftritt vor, den ich dir in der erſten Aufwal⸗ lung in meinem lezten Briefe umſtaͤudlich detail⸗ lirte.— Dies alſo zur Erlaͤuterung, und zu⸗ gleich als Rechtfertlgung meines Entſchluſſes, Wilhelminen eine Zeit lang ſich ſelbſt zu uͤberlaſ⸗ ſen. Um mich vor eigener Schwachheit zu ſi⸗ chern, habe ich dem Geheimenrath geſchrieben, daß wichtiger Geſchaͤfte halber ich jeder Zerſtreu⸗ ung entſagen muͤßte.— Herr von Doͤrner nimmt ſo etwas buchſtaͤblich— Wilhelmine aber wird den Wink verſtehen— auch meine Meinung in Anſehung des Geſellſchaftstheaters iſt ihr bekannt, und ſpielt ſie dennoch mit. nein, nein! ich will dir's nur geſtehen, lieber Raßdorf! mein Herz iſt nicht kalt genug, um dieſe ſtoiſche Rolle mit Wuͤrde bis an's Ende ſpielen zu konnen!— ich werde eine Thorheit begehen, mich Wilhelmi⸗ nen zu Fuͤſſen werfen, und mit Bitten erflehen, was ich mit Gruͤnden haͤtte durchſetzen ſollen.— Daß dieſe demuͤthigende Scene dem kuͤnftigen Haus⸗PVater aͤußerſt nachtheilig ſeyn wird, ſehe ich ſehr wohl ein— ich gebe hierdurch der Ge⸗ liebten eine Bloͤße, welche die kuͤnftige Gattin leicht mißbrauchen koͤnnte.— Du wirſt mich ei⸗ nen Sonderling nennen— und da muß ich dir zum zehnten, zum hundertſtenmal, antworten — iſt es meine Schuld, wenn Temperament, Erziehung und umſtänz 5 ſo und nicht an⸗ ders fühlen, denken und handeln laſſen? Lebe An denſelben. Sie ſpielt mit.„ heute Abend iſt die erſte Probe und zwar von einem Stuͤck, welches, unter allen Produkten unſers Kotzebue, gerade das lezte waͤre, das ich fuͤr ein Geſellſchaftsthea⸗ ter waͤhlen wuͤrde— Die Indianer in England! und Wilhelmine hat die Rolle der Gurly ubernommen.— Was ſoll ich thun? ich befinde mich in der aͤuſſerſten Verlegenheit.— Sollte Wilhelmine wirklich mit mir in allem Ern⸗ ſte brechen wollen?— Wie iſt das moͤglich— neln, ach nein! das iſt nicht moͤglich.— An denſelben. Es war nicht mehr zu aͤndern!— ich muß mich ſchaͤmen, wenn ich denke, wozu ein erſter unuͤberlegter Schritt fuͤhren kann! Haͤtte ich in Zeiten noch eingelenkt, ſo waͤre ich jezt nicht ge⸗ zwungen worden, mich heimlich an Wilhelminens Kammermaͤdchen zu wenden.— Lache mich nicht aus Raßdorf! ich bitte dich!.. Durch dleſen Kanal habe ich nun erfahren, daß 8 ihre Ueberellung herzlich bereut, ſie wollte Aus⸗ fluͤchte ſuchen, aber ihr Oheim litt es nicht. weil ſie bereits zu weit gegangen war, um nun mit Anſtand zuruͤck treten zu koͤnnen.. Mein Brief, den ich in der erſten Aufwallung zerriß, du wirſt dich des Vorfalls noch erinnern, licgt in ihrem Schreibetiſch, ſie hatte die Stuͤcken zuſammen gelegt, ihn oͤfters geleſen, und dabey Thraͤnen in den Augen gehabt.— Liebes theueres Min⸗ chen! nun darf ich nicht zu deinen Fuͤßen flie⸗ gen„dich an mein Herz druͤcken— und wa⸗ rum nicht?— mein Raßdorf, ich darf durch⸗ aus nicht! Sie weiß, wie hochſt ungerne ich ſie Komddle ſpielen ſehe— ſie konnte glauben, ich wollte jezt erſchmeicheln, was ich nicht ertrotzen konnte.— Das ſoll ſie nicht!— und gerieth ſie nun vollends auf den Gedanken, der verſohn⸗ ten Liebe die Convenlenz aufzuopfern, ſo wuͤrde mir's der aͤngſtliche Geheimerath nicht vergeben konnen, und ſo ganz uurecht haͤtte er nicht— ſie ſoll, ſie muß jezt mitſpielen; denn auch eine angefangene Thorheit muß man, wenn es durch⸗ aus nicht zu redreſſiren iſt, conſequent durchſe⸗ tzen— aber bey dieſer erſten Vorſtellung, dafuͤr ſteh' ich, ſoll es ſein Bewenden haben, denn nun werde ich unſere Verbindung, die ich mit epikuriſchem Muthwlllen verſchob, ſo viel es in meinen Kraͤften ſteht zu beſchleunigen ſu⸗ chen. — ————— . Jezt muß ich dir einen Vorfall erzaͤhlen, der mir eine zwar verdrießliche, aber werthe und hel⸗ lige Pflicht auferlegt.— Ich bin beglerig zu er⸗ fahren, was du an meiner Stelle gethan und noch thun wuͤrdeſt.— Seit dem ich nicht mehr zu dem Geheimenrath gehe, pflege ich dieſe Stunden, die ſonſt der Liebe und meiner Wil⸗ helmine gewidmet waren, in dem Hauſe des Hofraths Leiger, eines verdienſtvollen Mannes, zuzubringen. Geſtern gleng ich ſpäter von ihm als gewohnlich, es war ſchon dunkel— ich waͤhlte den kuͤrzeſten Weg durch eine abgelege⸗ ve Straße— ich gehe in Gedanken den Haͤu⸗ ſern nach, ploͤzlich fahre ich erſchrocken zuruͤck — eine wimmernde Menſchengeſtalt ſchwebte etwa vier Schuh von der Erde vor mir in der Luft— ich faſſe mich, trete naͤher— Barm⸗ herzigkeit! rettet mich! rief jezt eine weibliche Stimme von oben herab, und ließ ſich herun⸗ ter in meine Arme fallen— und brach ohne Zeichen des Lebens zuſammen. In dem nem⸗ lichen Augenblick horte ich Lermen im Hauſe, und ſah Lichter hin und her tragen. Ich ent⸗ ſchloß mich kurz, raffte die Ohnmaͤchtige auf, trug ſie um die Ecke an den naͤchſten Brun⸗ nen, und begoß ſie mit der hohlen Hand— ſehen konnte ich ſie nicht— aber einige un⸗ verſtaͤndliche Toͤne, die dle ſchreckliche Angſt ihrer Seele verriethen, und einige matte Be⸗ wegungen zeigten an, daß ihre Lebensgeiſter — wieder zuruͤck kehrten. Nun ſprach ich ihr Muth zu, faßte ſie unterm Arm, und trug ſie mehr als ſie gieng, bis vor meine Woh⸗ nung. Sie fiel auf den naͤchſten Stuhl erſchoͤpft nieder, indem ihr aͤngſtlich großer Blick im Zim⸗ mer herum ſchweifte. Waͤhrend die Lichter an⸗ geſteckt wurden, hatte ich Zeit ſie zu betrachten. — Gott gebe! dacht' ich, daß dies ſchoͤne Ge⸗ ſicht nur durch unverſchuldete Leiden ſo gebleicht iſt!— Mein Georg hatte ſich entfernt, und die Ungluͤckliche ſank zu meinen Fuͤſſen, und indem ſie Haͤnde und Augen gen Himmel hob— meln Herr! wenn ſie ein menſchliches Herz beſitzen, ſo ſind meine Anſpruͤche auf ihre Huͤlfe guͤltig, und ich brauche ſie nicht erſt mit meinem Elend bekannt zu machen, um Schutz zu finden; iſt aber das Schickſal noch nicht muͤde mich zu verfolgen„ ſo weiß ich zu ſterben!— Ich muͤßte dir den Ton ihrer Stimme, ihre Stel⸗ lung, das ganze Maͤdchen muͤßt' ich dir be⸗ ſchreiben, um dir einen Begriff von dem Ein⸗ druck zu geben, den dieſe wenigen einfachen Wor⸗ te auf mich machten.— Es waren weder⸗ Flage, noch Jammertdne, es war das ganze zermalmende Gefuͤhl ihrer Leiden, das ſich auf einmal aus dem gebrochenen Herzen bis zu ih⸗ ren Lippen herauf wand, und erſtarb— ich faßte ſie auf, noͤthigte ſie auf den Sopha, hohlte einige Staͤrkungen herbey, und befahl mit dem Nachteſſen zu eilen, denn nun ſah ich ganz deutlich, daß auch ihr Koͤrper vollig er⸗ ſchoͤpft war.— Meine Sorgfalt ruͤhrte ſie.— O mein Herr! ſtammelte ſie, blickte dankbar zu mir herauf, und nun floſſen ihre erſten Thraͤnen. — Ihre Angen waren bis jezt trocken geblieben, ich ſahe es gern, daß ſie weinte.— Waͤhrend dem der Tiſch im Nebenzimmer gedeckt wurde, erzaͤhlte ſie mir in wenig Worten ihre Geſchichte, ſie war viel zu entkraͤftet um weitlaͤuftig ſeyn zu konnen— ich merkte aber, daß ſie dieſen Be⸗ weis ihres Zutrauens als eine Schuld anſah, der ſie ſich nicht ſchnell genug entledigen konnte — und frug nicht weiter, obgleich mir manches noch dunkel blieb— heute aber habe ich ſie um⸗ ſtaͤndlicher von ihr erfahres, hier iſt ſie.— Ein gewiſſer Obriſt von Ellerfeld, Kommandant der kleinen Grenz⸗Feſtung H** iſt ihr Vater, ſie hat keine Mutter mehr— ihren Vater ſchildert ſie als einen geraden redlichen Mann, der aber zu ſeinem Ungluͤck den Dienſt beſſer als das Courma⸗ chen verſtand— er wurde als Major mehrma⸗ len zuruck geſezt, und ſah ſich jungen Laffen vor⸗ gezogen; dies verdroß den alten Haudegen end⸗ lich; was er ſich bis jezt begnuͤgt hatte zu den⸗ ken, ſagte er nun laut, erhielt ſeinen Abſchied, und zog auf ein kleines Guͤtchen, von deſſen ge⸗ ringem Ertrag er kuͤmmerlich mit ſeiner Tochter lebte.— Jezt erſt fiel mir ein, daß ich im ver⸗ wichenen Jahr Vater und Tochter in Nuß bey einem Verwandten geſehen und geſprochen hatte. T2 — Gott! wie hatte ſich die Ungluͤckliche veraͤn⸗ dert.— In den erſten zwey Jahren war ſein Groll viel zu heftig, um irgend einem andern Gedanken Raum zu laſſen— er ſchimpfte dffent⸗ lich uͤber den Hof, erzaͤhlte einem jeden ohne Wahl und Ausnahme die himmelſchreyende Ungerechtig⸗ keit, die an ihm veruͤbt worden war, und ſeine Freunde hatten ihre liebe Noth mit ihm.— Nach und nach aber wurde er ſtiller, behutſamer, ſein Ehrgeiz war wieder erwacht— bald gieng er ſogar zu einem andern Extrem uͤber— er haſch— te nach allem, was ihm nur einigermaßen dien⸗ lich zu ſeyn ſchien, um aus der Vergeſſenheit zu kommen.— Gerade zu der Zeit vermählte ſich der juͤngere Bruder des Herrn von Eberhorſt mit einer wettlaͤuftigen Verwandtin von ihm; er er⸗ griff dieſe Gelegenheit, um an den Kammerherrn zu ſchrelben— die Antwort blieb lange aus— endlich erhielt er einige Zeilen voll Gemeinſpruͤ⸗ che und leerer Vertroͤſtungen.— Der gute Ma⸗ jor gab aber dieſer hoflichen Abfertigung einen ganz andern Sinn.— Eberhorſt war ja der Guͤnſtling der Fuͤrſtin, ſollte dem wohl etwas un⸗ moͤglich ſeyn?— genug, daß ich nun von ſei— nem guten Willen uͤberzengt bin, die Gelegenheit mir behuͤlflich zu ſeyn muß ich ihm ſelbſt an die Hand geben— und er reiſte nach der Reſidenz ab.— Eberhorſt ſah das ſchone Fraͤulein von Ellerfeld, und ihr Vater wurde ſogleich befordert: dor ſtolze Kammerherr erinnerte ſich ſogar jezt, 13 daß ſie Verwandte ſeyn, und bat den lieben Vet— ter um die Erlaubniß ihn waͤhrend der Jagdzeit beſuchen zu duͤrfen!... Der neue Kommandant reiſte mit ſeiner Tochter vollig bezaubert ab. Eber⸗ horſt ließ nicht lange auf ſich warten, er jagte mit dem Vater und machte der Tochter eine Liebes⸗ erklaͤrung.— Der Vater erhob ihn bis in den Himmel, nur haͤtte die erfahrungsloſe Tochter einen Teufel hinter dieſer freundlichen Larve ſu⸗ chen ſollen, ſie traute ihm und ſich ſelbſt zu viel, der Boͤſewicht benuzte einen ſchwachen Augenblick, und verſchwand. Die Gewißheit ſeiner Nieder⸗ trͤchtigkeit hatte ihrer unglucklichen Neigung zu dem Verfuͤhrer bald ein Ende gemacht, ſie hat⸗ te ihn jezt ruhig aufgegeben, und war feſt ent⸗ ſchloſſen, im eheloſen Stande, für ihre Leicht⸗ gläubigkeit ihre uͤbrigen Tage zu buͤßen— bald wurde ſie aber uͤberzeugt, daß jene ſchwache Stunde ſchreckliche Folgen nach ſich gezogen hat⸗ te; nun mußte ſie auch ihren Entſchluß aͤndern; oder ſollte das ungluckliche Geſchoͤpf, das ihr bald ſein Daſeyn wuͤrde vorzuwerfen haben, die Strafe des Leichtſinns ſeiner Mutter tragen?— nein! rief ſie, der Niedertraͤchtige ſoll mir im⸗ mer fremd bleiben, nur ſeinem Kinde nicht!— Sie ſchrieb— erhielt keine Antwort, ſie drohte, au h da noch keine— nun erklaͤrte ſie, daß wo⸗ fern er nicht binnen acht Tagen dieſem ſtrafbaren Stillſchweigen ein Ende machte, ſie ihrem Va⸗ ter ihren Zuſtand entdecken und dann eine offent⸗ 14 —— blieb unbeantwortet. Als ſie aber elnes Abends in einem Waͤldchen, welches an die aͤußerſten Fe⸗ ſtungswerke ſidßt, ſpatzieren gieng, wurde ſie uberfallen, niedergeriſſen, eingehuͤllt, und ſo in einen Wagen geworfen, der Feldein mit ihr da⸗ von flog.— Die Pferde wurden ſchnell gewech⸗ ſelt, ohne daß ihre zwey Begleiter von ihrer Sei⸗ te wichen— in der zweiten Nacht ſtiegen ſie vor dem Hauſe am Wall ab, und uͤberlieferten ſie einer alten Frau, die genau unterrichtet zu ſeyn ſchien, denn das Zimmer, welches ihr einge⸗ raͤumt wurde, gieng hinten hinaus, das Fenſter war mit eiſernen Stangen verſehen, die Ausſicht auf einen Hof, ringsum hohe Mauern— ſie konnte weder errathen noch vermuthen, wo ſie hingebracht worden war.— So blieb ſie meh⸗ rere Tage, ihre Speiſen wurden ihr gebracht— endlich erſchien Eberhorſt.— Der ſchaͤndliche er⸗ klaͤrte ihr kalt und beſtimmt, daß es ihm nie eingefallen ſey ſie zu heurathen, wenn auch ſeine Verhaͤltniſſe es ihm ohnehin nicht zur gaͤnzlichen Unmoͤglichkeit gemacht haͤtten.— Du kannſt Dir die Lage der armen Betrognen denken. Den andern Tag kam er wieder, ſeine Kaͤlte hatte ſich in eine freche Freundlichkeit verwandelt, er ver⸗ wuͤnſchte das Schickſal, das ſeinen ſuͤßeſten Wuͤn⸗ ſchen im Wege ſtuͤnde, bethenerte daß ſelne ge⸗ ſtrige Kaͤlte nur nie Folge des Zwangs ſey, in dem er leider leben muͤßte, bat, ſie moͤgte Ge⸗ liche Klage anſtellen wuͤrde— auch dieſer B ief — 15 dult haben, indem ſelne Lage von einem Tage zum andern beſſer werden konnte, er verſchwen⸗ dete Liebkoſungen und Thraͤnen.— Das arme Maͤdchen war beinahe uͤberzeugt.— Nun trat der ſchlaue Boſewicht naͤher, er faßte das argloſe Opfer ſeiner noch ungeſaͤttigten Begierden in ſeine Arme, und glaubte ſchon ihre Sinnen gereizt zu haben, da er nur ihr Herz ſchmerzhaft geruhrt hatte.— So ſorgfaͤltig er aber die Farben waͤhl⸗ te, mit denen er den Plan zu einem frohen Le⸗ ben mahlte, bis daß das Schickſal ihm, wie er ſagte, ſeine goldnen Ketten abnehmen wuͤrde, ſo ſah ſie doch endlich die ganze Niedertraͤchtigkeit des Betrugers ein— ſie riß ſich gewaltſam von ihm los, indem ſie im Tone des hoͤchſten Abſcheu's rief— o Boͤſewicht! ſchaͤndlicher Boͤſewicht!— Nun legte Eberhorſt die Masque vollig ab, und erklaͤrte, daß ſie in ſeiner Gewalt ſey, mithin alle Hofnung zur Befreyung aufgeben muͤſſe, und er ſchon Mittel in Haͤnden hätte, ſie zahmer zu ma⸗ cher— er gieng, und ſchlug helllachend die Thuͤre hinter ſich zu.— Ich wuͤrde Deine Ge⸗ dult ermuͤden, wenn ich Dir alle die Mißhand⸗ lungen umſtaͤndlich erzaͤhlen wollte, denen das arme Maͤdchen von dem Augenblick an ausgeſezt wurde.— Der Unmenſch gieng ſo weit, daß er endlich durch den Hunger zu erzwingen ſuchte, was er ſelbſt durch Gewalt nicht hatte erhalten koͤnnen.— Sie hielt ihre Befreyung fuͤr unmoͤg⸗ lich, und hatte ſich zu dem fͤrchterlichen Hunger⸗ 16 tode entſchloſſen, da alle nur mogliche Werkzeuge, womit ſie ſich haͤtte das Leben nehmen konnen, auf die Seite geſchaft worden— ich zweifle je⸗ doch, daß ſie bey dieſem Entſchluß haͤtte beharren kdͤnnen.— Aber die Vorſehung war ihr ein beſ⸗ ſeres Loos ſchuldig.— Der alte Drache, war unter andern Laſtern auch dem Trunk ergeben, ſelten legte ſich das Weib nuͤchtern zu Bette— eben an dem heutigen Abend hatte es in der Trunkenheit vergeſſen den Schluͤſſel von ihrem Zimmer abzuziehen.— Die Ungluͤckliche bemerk⸗ te es gleich, ſie knuͤpfte ihre Betttuͤcher an ein⸗ ander, ſchlich nach dem Fenſter auf den Gang, das nach der Straſſe gieng— ein gluͤckliches Ungefaͤhr, denn ſie wußte es nicht— band das eine Ende feſt, und uͤberließ ſich ihrem Schickſal, das mich gerade noch zu rechter Zeit herbey fuͤhr⸗ te— dies iſt in wenig Worten die Geſchichte der Fraͤnlein von Ellerfeld. Sie hatte bereits zwey Tage ſchon keine Nahrung mehr erhalten— in ihren ſolche Grauſamkeit laͤßt ſich kanin denken!„ ich zwang ihr einige leichte Speiſen auf. Nachdem ſch ſie zur Ruhe gebracht hatte, gieng ich mit mir ſelbſt zu Rathe— nur eine gaͤnzliche Verborgenheit konnte ſie vor ihrem Ver⸗ fuͤhrer ſichern— ſollte ich ihrem Pater gleich ſchreiben, bffentlich auftreten und den Schurker zur Rede ſtellen— wo konnte mich das hinfuh⸗ — 17 ren? Eberhorſt iſt allmaͤchtig durch ſeinen Ein⸗ fluß auf die Fuͤrſtin, die ihren Gemahl unum⸗ ſchraͤnkt beherrſcht.— Wer ſteht mir dafuͤr, daß eben die Entdeckung dieſer Schandthat ſeine Ungnade bey ſeiner Beſchuͤtzerin befoͤrdern wuͤrde? — Wer kennt die Bande alle, durch die er ſie an ſich zu feſſeln wußte?— hier darf nichts gewagt werden— vor der Hand alſo— Ver⸗ borgenheit! George mußte noch eine Lohnkutſche beſtellen, die mit Tages Anbruch vor dem Stadt⸗ thor auf uns warten ſollte. Ich habe ſie heute in ein kleines einſames Doͤrfchen gebracht, das am Ende des Parks el⸗ nes ſeit geraumer Zeit unbeſuchten fuͤrſtlichen Luſt⸗ ſchloſſes liegt.— Sie hat dort eine ſehr artige Wohnung, und ich kann auf den Eigenthuͤmer, ein alter Diener meines Vaters, mich ganz ver⸗ laſſen. Dort, ſollt' ich denken, iſt ſie einſtwei⸗ len vor allen Nachſtellungen ſicher. Den Kut⸗ ſcher hatte ich ſchon am Schloſſe abgefertigt; ſo eben komme ich zu Fuße zuruͤck.— Ich habe ſchon daran gedacht, ob ich nicht den Kammer⸗ herrn zwiſchen vier Augen ſprechen und ihm mit einer Audienz bey der Fuͤrſtin, die er nicht ver⸗ hindern kann, drohen ſollte— aber was huͤlf' es? die einzige Genugthuung, die er dem Maͤd⸗ chen geben kann, muͤßte ſie doch erfahren?— noch kann ich keinen feſten Sn faſſen.— Wilh. v. Roſen a h. 18 —————— Der Geheimerath laͤßt mich zu ſich bitten— heute iſt die erſte Vorſtellung.. ſollte etwa Wil⸗ helmine 7. ich eile.. Da bin ich wieder.— Der Geheimerath hatte, Gott weiß wie? erfah⸗ ren, daß ich geſtern Abend mit einer Unbekann⸗ ten nach Hauſe gegangen, ſelbige die ganze Nacht bey mir behalten, und mit ihr dieſen Morgen weggefahreu war— nun ſollte ich mich verant⸗ worten. Zubor mußt Du wiſſen, daß mir Wil⸗ helmine ſchon auf der Treppe begegnet war; der Kammerherr gab ihr den Arm, ſie grußte mich kalt und ernſt, wie man einen ſtockfremden zu gruͤſſen pflegt, huͤpfte dann lachend und ſcher⸗ zend, ohne ſich einmal umzuſehen, zum Thore hinaus.— Sie will mich alſo kraͤnken— es muß wirklich weiter mit uns gekommen ſeyn, als ich's bis iezt vermuthete. Der ceremonidſe Ton des Geheimenraths fiel mir gleich auf, dies vermehrte die Erbitterung, die der Vorfall auf der Treppe in mir erregt hatte. Ich bemerkte, daß der gute Mann etwas auf dem Herzen hat⸗ te, und um die Art wie er ſich mittheilen woll⸗ te verlegen war— dies habe ich nie leiden kön⸗ nen, ſeine mißtrauiſche Verlegenheit vermehrte daher melne uͤble Laune um vieli, Endlich kam er doch näher— ich laͤchelte und faßte gleich den Entſchluß zu— ſchweigen. Der ſchaͤndli⸗ che Verdacht, in dem ich bey ihm ſtand, und dies konnte ich ganz deutlich auf ſeinem Geſichte leſen, hatte dieſen Entſchluß bey mh unwidertuf⸗ 20 lich beſtimmt; und hatte ich nicht auch an Wil⸗ helminen, denn daß ſie um die Geſchichte wußte, daran konnte ich jezt nicht zweifeln, eine kleine Rache auszuuͤben?— Der Geheimerath wurde heftig, und auch meine Galle ſtieg— aber den⸗ noch kam es auch diesmal weiter als ich's ge⸗ wuͤnſcht hatte.— Gott weiß wer es fuͤgt, daß ich beinahe immer mit all meiner Kaltbluͤtigkeit und Faſſungsgabe die mir vorgenommene Graͤnze uberſchreite?— Wirſt du's wohl glauben, Raß⸗ dorf! der Alte gab mir am Ende meinen Abſchied in derbſter Form.— Und das kannſt du mir ſo ruhig erzaͤhlen? hor' ich dich ſagen.— Vol⸗ lig ruhig! denn mit einem Worte kann ich ſie ja beide beſchaͤmen; uͤbrigens muß ich dir frey geſtehen, daß mir die Sache zu ſchnell und zu unerwartet kam.— Eberhorſt, ſeit der fatalen Komoͤdien⸗Geſchichte, geht in dieſem Hauſe aus und eln, der Alte iſt heftig, Wilhelmine zu⸗ weilen unuͤberlegt; war es alſo nicht beſſer, ich„ behlelt vor der Hand mein Geheimniß bey mir?“ — Indeſſen fuͤhle ich doch, daß es die hoͤchſte Zeit iſt, dem Mißverſtaͤndniß zwiſchen uns allen dreyen ein Ende zu macheu. 20 An denſelben. Ich komme aus dem Schauſpielhauſe— Freund! ich bin verrathen, verſporter, betrogen! o ſchaͤndliche Abſcheulichkeit! unerhoͤrter Be⸗ trug! Es uͤbertauft mich eiskalt, und doch kocht mein Blut, daß es alle Adern zu ſprengen droht — o du heimtuͤckiſche heuchleriſche Schlange! daß ich ihr trauen konnte— Wilhelmine iſt eine Koquette!. Eine Koquette! was habe ich geſagt?— o du erbaͤrmlicher Thor! wrillſt du dich jezt noch betruͤgen— Wilhelmine iſt„des Prinzen erklaͤrte Maitreſſe— ſie ſelbſt hat ſich ihm angeboren— ich habe es geſehen, gehoͤrt ich habe es ihr, ich habe es dem einfaͤlti⸗ gen Alten geſagt— ſie lachten— bey Gott, ich glaube wirklich ſie lachten!. hoͤre nur! da ſchleiche ich in's Schauſplelhaus— doch nein! du ſollſt nichts hoͤren, ich mag dir nichts erzaͤhlen! genug— es iſt ſe— Lebe Fr Aen denſelben. Recht ſo! ich haͤtte es im voraus wlſſen ſollen! nein! dieſe unmaͤnnliche Schwachheit iſt 8 nicht zu verzeihen!— da ſetze ich mich hin— ſchreibe ihr die ganze umſtaͤndliche Geſchichte der armen Caroline— beruͤhre aͤußerſt behutſam ihr geſtriges Betragen— meine Augen wer⸗ den naß— mein Herz faͤugt an lauter zu ſchlagen— ich begehe die unverzeihliche Thor⸗ heit und waͤlze auf mich allein die ganze Schuls — mein Herz ergießt ſich unter meiner Feder in den Ausdruͤcken der innigſten Liebe, und Ja ich haͤtte es voraus wiſſen ſollen!— erhalte meinen Brief unerbrochen zuruͤck— jezt iſt's aus— es iſt vorbey!— Gott im Himmel! noch muß ich dieſem Gevanken ausweichen, der wie der Engel mit dem flammenden Schwerd vor mir ſteht, um mich auf ewig aus dem Pa⸗ radieſe der Liebe zu vertreiben.— Ich komme aus ihrer Straße„ ſie hat noch Licht— ich hoͤrte ihre Stimme, ſie ſang zum Klavier. das Sterbelied unſerer Liebe!. Raßdorf! ich werde noch um den Verſtand kommen!... Sage mir nur, kannſt du eine ſo ſchnelle Veraͤnderung begreifen— ein Maͤdchen wie Wilhelmine— ich moͤgte mich ſo gerne vom Gegenthell uͤberzeu⸗ gen, und doch, doch!.„ habe ich nicht ſelbſt gehoͤrt, ſelbſt geſehen?— llegt er nicht da die⸗ ſer Brief, den ich mit naſſen Augen und zittern⸗ der Hand, mit einem Herzen voll Liebe und Reue ihr ſchrieb?— Wie wird ſie jezt uͤber den Thoren lachen, deſſen Seligkeit ſie war!. 22 —— Ich muß fort, Raßdorf! fort aus dieſen Mauern!.. fort aus dieſem Sturmgewuhl— fort von hier, wo ich mit dem Wahnſinne oder dem Selbſtmorde entigen wuͤrde— ich bin nicht mehr der nemliche; Du wuͤrdeſt mich nicht mehr kennen.— Gott! kann die Liebe ſo elend machen 2 An denſelben. Ich habe es weg— du magſt jezt ſagen was du willſt— ich weiß es gewlß— es war nicht Zufall, ſondern Plan.— Meine Liebe und Wllhelminens Unſchuld ſind das Op⸗ fer einer Hofintrigue!— Eberhorſt iſt der Mit⸗ telsmann, und die furſtliche Mutter iſt ihres Sohn's Kupplerin geworden— ihre Abſicht kann ich nicht ergruͤnden, daß es aber ſo iſt, weiß ich gewiß— und nun begreife ich auch, warum mein erſter, warum alle meine darauf folgenden Briefe nicht angenommen wurden— ſie enthielten ja nichts anders, als was ſie ſchon laͤngſt wußte, und der alte hintergangene Gehelmerath nicht erfahren ſollte— ganz na⸗ tuͤrlich, daß ich zweymal mich vergebens melden ieß, und nlemand fur mich zu Hauſe war.—*) * Ein unglücklicher Zufall! denn weder der Geheim⸗ kath noch Wilhelmine waren beidemgle zu Hauſe— ** 1 23 Die Gefallene! was haͤtte ſie mir ſagen konnen? ſie iſt ja des Prinzen Maitreſſe 1... Den alten Geheimenrath haben ſie zum Miniſter gemacht, ſie iſt Hofdame— Stadt und Land murrt— alle ihre alten Freunde ſind von ihnen gewichen. — Der redliche Leiger zuckt die Achſeln, und ich. ich lache laut uͤber des erſten Mannes tiefe Wehmuth!... Sey du ganz unbeſorgt, Raßdorf! du ſiehſt, ich kann ja wieder lachen„ich habe ſie geſtern geſehen. Gott im Himmel! kann ein menſch⸗ liches Geſicht ſo truͤgen! Lavater war ein Narr — einem Engel der Unſchuld koͤnnte Raphael ſelbſt keine andere Zuͤge geben!.. noch immer die heitere Mine, das ruhige Laͤcheln, den freund⸗ lichen unbefangenen Blick.— Sie ſtand am ei⸗ ſernen Thore des Wieſenauer Parks, und ſprach mit einem armen Weibe— ich wich aus— flog durchs Gebuͤſch— ſank auf die Knie— doch nichts mehr davon!— es war kindiſch! Caroline naht ſich der Stunde ihrer Entbln⸗ dung— gleich nachher reiſe ich ab— du haſt recht, Raßdorf! vor der Hand iſt ſchweigen kluͤ⸗ wohl moͤglich, daß auch dies eine Folge von Eber⸗ horſts heimlichen Maasregeln war, denn eben zu der Zeit wurde das Kammermaͤdchen, das Wahl⸗ bergen uͤber manches haͤtte Aufſchluß geben koͤnnen, verabſchiedet. 24 ger; auch der Vater muß behutſam vorbereltet werden, ich habe ihm Hoffnung machen laſſen, der arme Mann vergieng— nuͤchſtens ſoll ihm ſeine Tochter ſelbſt ſchrelben— noch weiß er nicht wo ſie iſt. Du haſt nun die umſtaͤndliche Geſchichte mel⸗ nes Betrugs in Haͤnden; es koſtete mir Muͤhe ſelbige ſo kalt, ſo hiſtoriſch kalt und genau auf⸗ zuſetzen— ſage mir weiter nichts daruber— genug du haſt ſie.— cccexne An denſelben. Iſt es nicht zum raſend werden?— da tummeln ſich dieſe unverſchaͤmten Wolluͤſtlinge mit ihren frechen Dirnen zehn Schritte von dem Win⸗ kel hernm, wo ich die arme Caroline hinfluͤchtete, und wollen nicht welchen.— Das einſame ſonſt dde Schloß heißt jezt— Adolphsluſt— und Wilhelmine iſt die Fee, die mit einem Zau⸗ berſchlag dieſe Wildniß in Armiden's Gaͤrten ver⸗ wandelt hat!. Wilhelmine! bey Gott! dieſer Kunſtaufwand ſ uͤbermenſchlich bezahlt!. die⸗ ſer Park, ch ſonſt ſo gerne ſpazieren gieng — die inſeneth mein Lieblingsplaͤzchen— das elnſame Thaͤlchen, wo der ſchaͤumende Bach uͤber Klippen und Felſen dahin rauſcht— dies 25 alles iſt nun von Schlangen, Tlegern. und Affen bewohnt. Des alten Geheimenraths Ruhe bey allen dieſen Schaͤndlichkeiten iſt mir unbegreiflich— ich war ſchon aunf dem Weg zu ihm, kehrte aber ſchnell wieder um— es iſt zu ſpaͤt— ach! es iſt zu ſpat! Es ſind bereits vier Wochen, daß Caroline einen muntern geſunden Knaben an ihr wundes Herz druͤckt— bald, bald werde ich reiſen koͤn⸗ nen; ich ſehne mich von ganzem Herzen von hier weg. Es iſt ausgemacht— ich fuͤhre Cärolinen zu einer alten Baſe bis ich ſie ihrem Vater wle⸗ der bringen kann— noch iſt's nicht Zeit hervor zu treten, Eberhorſt iſt maͤchtiger als jemals, denn er hat ſich auch des Prinzen zu bemaͤchtigen gewußt, und der arme alte Fuͤrſt naht ſich der Grabes⸗Ruhe, die er leider in dieſer Welt nicht genieſſen konnte.— Adolph ſoll indeſſen ein menſchliches Herz beſitzen— ich weide die Be⸗ trogene ſeinem Guͤnſtling gegenuber ſtellen, und dann ſoll er beweiſen, ob er wirklich ein menſch⸗ liches Herz beſitzt! Wilhelmine beſucht oͤfters die Elnſiedeley— ich habe ſie ſchon zweymal von weitem dort ge⸗ ſehen— ſie ſcheint nicht mehr ſo munter wie ſonſt — was ſoll das?— wer ſo weit iſt, darf nicht 26 mehr zuruͤck— und doch!. Raßdorf! die Ge⸗ ſchichte des menſchlichen Herzens bleibt auf ewig ein ungeſchriebenes Buch, denn es giebt Augen⸗ blicke, wo Wilhelmine mit einer einzigen Thraͤne zu ihren Fuͤßen mich hinriße— ja es iſt ſowohl fuͤr mich, als fuͤr Carolinen gut, ſobald als moglich dieſen gefaͤhrlichen Ort zu verlaſſen!— ————— An denſelben. Ich habe ſie geſehen.— Er lag zu ihren Fuͤßen!— wuͤnſche mir Gluͤck Raßdorf! ich habe nichts verlohren.— Morgen ſchlafe ich in B***,. —————— An 8 e5n. Dieſen ſonderbaren Vorfall muß ich dir um⸗ ſtaͤndlicher erzaͤhlen— Caroline war ſo weit her⸗ geſtellt, daß ſie mit ihrem Jungen eine viertägige Reiſe auszuhalten getraute— ich machte Anſtal⸗ ten— die dankbare Seele zerfloß aber in Thraͤ⸗ nen, ſo oft ich mit ihr von unſerer nahen Tren⸗ nung ſprach— ſie aͤußerte ſo viel Widerwillen und Aengſtlichkeit bey dem Gedanken an einen 27 langen Aufenthalt bey der graͤmlichen Baſe, daß ich endlich meinen Plan aͤnderte. Wir waren noch den nemlichen Morgen einig geworden, daß ich noch vor melner langen Reiſe zu ihrem Vater gehen und alles in's Reine bringen ſollte— jezt drang ſie ſelbſt auf unſere Abreiſe, und da ich laͤngſt ſchon fertig war, eilte ich, gleich nach dem Fruͤhſtuͤck, in die Reſidenz, ließ anſpannen, und fuhr hinaus um ſie abzuholen.— Das Doͤrfchen liegt keine viertel Stunde von der Straſ⸗ ſe ab.— Man kann von dem Weg, der hart an dem Park vorhey geht, ihn ganz uͤberſehen — ich hatte mich zum Wagen hinaus gelehnt, der Wagen fuhr langſam durch den Sand.— Ich komme an die Einſiedeley— denke, wie mir war! da ſteht Wilhelmine am Fenſter— ſie blickt zu mir herab, ihre Wangen gluͤhten, ich glaube Thraͤnen in ihren Augen zu ſehen, indem ſie ſich am Fenſter feſt hält und zuruͤck ſinkt!— Minchen! Minchen! rief ich, reiße den Schlag auf, ſchwinge mlch uͤber die niedrige Mauer, fliege die Einſiedeley hinauf, Angſt, Freude, Erwartung befluͤgeln meine Schritte— ich reiße dle Thuͤre auf— da ſizt ſie— der Prinz liegt zu ihren Fuͤſſen, haͤlt ſie umſchlungen— die Trunkenheit der gluͤcklichen Liebe funkelt in ihren ſchwimmenden Augen— ſie erblickt mich, ſchreit laut auf.— Da verließ mich meine gauze Be⸗ ſinnungskraft— ich weiß weder was ich geſagt, noch was ich gethan habe— ſo viel glaube ich 23 mich noch zu erinnern, daß ſie mit ausgebreite⸗ ten Armen auf mich zukam.. Die Niedertraͤch⸗ tige! nein! ich hatte mich groblich geirrt— in dieſem Herzen kann nie ein Keim von Tugend Wurzel gefaßt haben— ich bin gerettet!. An dene ₰ Geſtern kam ich hier beh dem alten Ellerfeld an— es iſt alles beſſer gegangen, als ich's vermuthete— ich habe ſeiner Tochter einen Bo⸗ ten geſchickt, und erwarte ſie jeden Augenblick.— Erſt vor elnigen Tagen erhielt er den ihm ver⸗ ſprochenen Brief.— Caroline hatte ihm nichts verſchwiegen, und, was beſonders zu ihrem Lob gereicht, ſich nicht auf Koſten ihres Verfuͤhrers geſchont. i Er hatte eben dieſen Brief in der Hand, als ich hereintrat— er kam mir entgegen, ſah mich lange und forſchend an—(ich hielt es fuͤr beſ⸗ ſer den Ton von ihm zu empfangen, und ſchwieg) endlich reichte er mir die Hand, indem er mit zitternder gedaͤmpfter Stimme ſagte:— Mein Kind hat Recht! das kann man beym erſten Blick weg haben! ja ſie ſind ein ſehr edler jun⸗ ger Mann!— jezt wurden ſeine Augen naß, er warf ſich an meine Bruſt, indem er hinzu ſez⸗ 1 29 te— ich glaubte nicht daß mein graues Haupt noch eine ſolche Laſt tragen koͤnnte— ach! ich hatte noch keinen tiefen, Herz zermalmenden Kummer empfunden jezt kenne ich den groͤß⸗ ten von allen— Vater⸗Schmerz!— er konnte nicht weiter ſprechen, mußte ſich ſetzen, und winkte mir gleichfalls Platz zu nehmen. Dieſe Srimmung war gerade diejenige, in der ich gewuͤnſcht hatte ihn anzutreffen. Das erſte Aufbrauſen, der ſo natuͤrliche Durſt nach Rache, war in das brennende Gefuͤhl ſeiner Ohnmacht, dieſes in tiefe Schwermuth, und endllch in gaͤnz⸗ liche Muthloſigkeit uͤbergegangen— ſo mußte ich ihn haben.— Wo iſt meine Caroline? frug er, als ich Platz genommen hatte.— Dieſe Frage hatte ich ſo geſchwinde nicht erwartet; die Tochter aber kannte ihren Vater, der Brief hatte alles bewirkt, was ſie voraus geſehen hatte. Nun nahm ich keinen Anſtand mehr, ihm mei⸗ nen ganzen Plan zu entwickeln; als ich auf den Punkt kam, wo eine ſchone Ausſicht fur die Zu⸗ kunft ſich allmaͤhlig erdffnet, ſchuͤttelte er wehmuͤ⸗ thig laͤchelnd den Kopf— nun unterſtuͤzte ich meine Hoffnungen mit Gruͤnden, bewies ihm, daß, was unter gegenwaͤrtigen Umſtaͤnden eine platte Unmoͤglichkeit ſey, nach dem Tode des Fuͤrſten nur Muth und Entſchloſſenheit koſten wuͤrde— da funkelten ſeine Augen, der Ton ſeiner Stimme wurde feſter, er ergriff meine Hand indem er ſagte— Herr von Wahlberg! 35 ich war Zelt meines Lebens eln ſchlechter Hof⸗ mann; ein Schurke, der, wie ſie ſagen, dort allmaͤchtig iſt, hat mir das Herz gebrochen, und der Vater vermag nicht einmal ſeiner Tochter Schande an ihm zu raͤchen.— Wenn ein Hoͤf⸗ ling, durch das Lächeln ſeines Herrn, uͤber Ehre und Schande, Pflicht und Gerechtigkeit ſo erho⸗ ben werden kann, da kann ich freylich nicht recht vegreifen, wie ſie ſo zuverlaͤſſig auf eine beſſere, Zukunft bauen können.— Wer ſteht uns dafur, daß Adolph ſelbſtſtaͤndiger als ſein Vater ſeyn, daß er nicht auch dem verderblichen Genius ſeiner zu klugen Mutter unterliegen wird?— Jezt ſiel mir Wilhelmine ein, und mein Blick ſank, meine Bruſt hob ſich, ich ſprang auf.— Dann Herr Obriſt, rief ich, wollen wir den ſchweigen⸗ 3 den Geſetzen zum Hohn uns ſelbſt Gerechtigkeit verſchaffen— doch das wird nicht geſchehen.— Adolph iſt menſchlicher als ſeine Mutter, und nicht ſo ſchwach als ſein Vater— lch hatte Ma⸗ he dies karge Lob meinem glucklichen Nebenbuh⸗ ler zu ertheilen.— Es ſcheint vielleicht ſehr an⸗ maßend von einem jungen Menſchen, der noch in keine geſellſchaftlichen Verhaͤltniſſe einverwebt, das gehdrige conventionelle Gewicht nicht beſitzt, nach dem man Worte und Handlungen wuͤrdigt; es ſcheint anmaßend, ſag' ich, wenn er ſich da aufdringt, wo der Vater, ein grauer Held, vielleicht nachdrucksvoller handeln könnte: aber beſter Herr Obriſt! erlauben i mir ganz ſ 31 thig zu ſeyn— er druͤckte mir ſchweigend die Hand, ich fuhr fort.— Es iſt leichter, glauben ſie mir, eine feindliche Batterie zu erſtuͤrmen, als durch den Schwarin herz⸗und muthloſer Hoͤf⸗ linge ſich hindurch zu ſchlaͤngeln— und dies glaube ich beſſer zu verſtehen als ſie.— Nun machte ich ihn mit dem heutigen Geiſte unſers Hofs naͤher bekannt, aber„. Wilhelmine konn⸗ te ich mich nicht emtſchließen zu erwaͤhnen Da kommt ein Wagen den Berg herauf.— Es iſt Caroline— ich muß hinunter. Es war ein ruͤhrender, herzerſchutternder Auf⸗ tritt!.. Der Obriſt ſtand ſchon auf der erſten Stufe der Treppe und wollte ſeiner Tochter ent⸗ gegen, er mußte ſich aber am Gelaͤnder halten, und konnte nicht weiter— ich ergriff ſeine Hand, und er ließ ſich ohne ein Wort zu ſagen, wleder in's Zimmer zuruͤck fuͤhren— vergeſſen ſie doch nicht, lieber Perr Obriſt, ſagte ich ihm, daß ſie Vater ſind!— öber er Werſtand mich nicht. Die Thuͤre gieng auf, Carpline ſtuͤrzte zu ſeinen Fuſ⸗ ſen, er faßte ſie in ſeine Armeckte ſie an ſein Herz, ihre Thraͤnen iſchten ſich kein Wort kam uͤber ihre Lippen, nur einzdlhe abgebrochene Toͤne.— Dieſe heftige Erſchuͤtterung konnte ge⸗ fahrlich fur beide werden, ich mußte haher durch irgend etwas auffallendes dieſer ſtumimen Scene ein Ende machen, denn ich ſah den Augenblick, wo Caroline ohnmaͤchtig zu ihres Vaters Fuͤſſen 32 gelegen haͤtte.— Sie habeu der Mutter verzie⸗ hen Herr Obriſt, ſagte ich, indem ich ſelne Hand ergriff, werden ſie minden guͤtig fuͤr das unſchul⸗ dige Kind ſeyn?— rief Caroline im Tone des Vorwurfs, und erblaßte.— Der Obriſt blickte zur Erde— dieſe Wirkung hatte ich er⸗ wartet— es herrſchte eine augenblickliche Stille — ich ließ das Kind bringen.— Dieſer un⸗ ſchuldige Knabe, ſagte ich, indem ich mich dem Obriſten nahete, ſoll einſt die Thraͤnen te die hier ſeinetwegen fließen— empfangen ſie ihn aus meinen Haͤnden als ein heiliges Unterpfand, daß ich alles leiſten werde, was ich verſprochen habe— ich legte nun das Kind auf ſeinen Schvoß, er betrachtete es lange in ſtiller Wehmuth.— Caroline hatte ihren aͤnſtlichen Blick auf ihn ge⸗ richtet, endlich fiel ſie nieder auf die Knie, ihr Haupt ſank auf ihren Sohn herab, indem ſie mit gebrochener Stimme leiſe ſtam— Armer Wurm!— Möge der barmherzige Gott Mit⸗ lelden mit uns allen häben! u der Obriſt, in⸗ dem er ſeine Rechte auf Carolinens Stirne legte, und mit der Linken e Sohn naher an ſich druͤckte, meine Tochter! auch fuͤr deinen das Herz eines Vaters haben.— be als wenn er dieſe Worte verſtanden hie lächelnd mit ſelnen Haͤndchen zu Nach und nach ſuchte ich der Unterhaltung eine minder feyerliche und deſto heitere Wendung zu geben— es gelang mir.— Dieſen Abend ſchon ſaß der Alte, ſeiner Tochter gegen uͤber, und ſchmauchte ſeine Pfeife, den laͤchelnden Blick auf den Saͤugling an der Mutter Bruſt gerich⸗ tet.— Morgen reiſe ich von hier ab; ans Ham⸗ burg melde ich dir, ob ich nach England uberſegle, oder eine neue Wanderung durch die Schweitz in das mittaͤgige Frankreich machen werde. Lebe wohl. P. S. Hofrath Leiger hat verſprochen, mir einen genauen Bericht von allem, was in mei⸗ ner Abweſenheit vorfallen wird, nachzuſenden. Die Meinungen in Anſehung des Fuͤrſten Geſund⸗ heit ſind getheilt; einige glauben, er wuͤrde kei⸗ nen Monat, andere verſichern, er koͤnne noch Jahre leben. Nur die Gewißheit hieruͤber kann mich beſtimmen. Aen denſelben. Dem Zufall habe ich eine äußerſt angenehme Bekanntſchaft zu verdanken. Es iſt eine engliſche Wilh. v. Roſen. 3 Th. C 34 Famille, dle ſich in Altona aufhaͤlt, Mr. Wil⸗ liam Mortimer, ſeine Gemahlin, und Miß Jen⸗ ny Wortburn ihre Schweſter. Ich wollte uber⸗ fahren und war um ein Fahrzeug verlegen. Mr. William befand ſich mit ſeinen Frauenzimmern gerade in dem nemlichen Fall; endlich fanden wir was wir ſuchten. Meine Fertigkelt im Engliſchen kam mir hier trefflich zu ſtatten, denn die Damen verſtehen keig, Wort Deutſch, und nur ſehr wenig franzdſiſch. Die Converſation erhielt gleich jenen intereſſanten Schwung, der minder warm als freundſchaftli⸗ che Ergießung, dennoch herzlicher als gewoͤhnli⸗ cher Weltton iſt, und am ſicherſten beweiſt, daß man ſich wechſelſeitig convenirt. Ich hatte in Altona eben ſo wenig Bekannte als in Hamburg, mußte alſo dem M. Willlam verſprechen, den ganzen Tag bey ihm zuzubrin⸗ gen, und das Verſprechen, frey geſtanden, ko⸗ ſtete mir keine Ueberwindung. Hier will ich dir das Reſultat meiner erſten Bemerkungen uͤber dieſe intereſſante Familie mittheilen. Mr. William hat fuͤr mich ein bekanntes Geſicht, ich muß ihn ſchon irgendwo geſehen ha⸗ ben. Da ich aber aus Erfahrung weiß, wie wenig ich mich in dieſem Stuͤck auf mein Ge⸗ doaͤchtniß verlaſſen kann, ſo habe ich es nicht ein⸗ mal der Muͤhe werth ehant, mich deshalben 25 bey ihm ſelbſt naͤher zu erkundigen. Er kann vierzig Jahr alt ſeyn, iſt von mittler Groͤße, die hohe Stirn und gebogene Naſe giebt ihm eln edles Anſehn, aber ſein Blick, unter den ſcharf gezeichneten ſchwarzen Augenbraunen, hat etwas hartes.— Dieſer Blick eben fiel mir gleich auf. — Er hat zur See gedient— ein Säaͤbelhieb quer uͤber den linken Backen, und ein Schuß durch die rechte Hand, deſſen Narbe noch ſichtbar iſt, ſind ehren volle Beweiſe, daß er ſeine Pflich⸗ ten gegen das Vaterland redlich erfuͤllt hat. Auch die Geſichts narbe giebt ihm ein wildes Anſehn, allein da er von Natur aus aͤußerſt munter und aufgeraͤumt iſt, ſo gewoͤhnt man ſich bald daran. Seine weiten Reiſen ſind vermuthlich daran ſchuld, daß er, gegen die Gewohnheit ſeiner Landsleute, ſehr leutſelig und mittheilend iſt. Er war in bei⸗ den Indien, kein Winkel in ganz Europa iſt ihm unbekannt, er druͤckt ſich ſehr beſtimmt und an⸗ genehm aus. Selne Gemahlin kann ungefaͤhr vier und zwanzig Jahr alt ſeyn; eine ſchlanke Blondine, nicht ſchoͤn, aber intereſſant— das Spiel ihrer Phyſionomie iſt ſehr lebendig, und verraͤth eine Lebhaftigkeit, die ſie nicht immer bemeiſtern kann,— ſie hat eine ganz originelle Art ſich auszudruͤcken, man merkt aber gleich, daß ſie ſehr auf ihrer Huth iſt, und mit Flelß wenig ſpricht— ich weis uͤberhaupt nicht recht, was ich von ihr denken ſoll, bis jezt gefällt ſie C 2 36 mir nur mittelmaͤßig. Ihre Schweſter Jenny aber kann ich dir mit zwey Worten ſchildern— ſie iſt Wilhelminens lebendiges Ebenbild! nie habe ich etwas aͤhnlicheres geſehen. Nun weiß ich, warum du dleſe Familie ſo intereſſant gefun⸗ den haſt,— hoͤre ich dich ſagen— und du haſt Recht, lieber Raßdorf! Dieſe Aehnlichkeit, derentwegen ich im erſten Augenblick erblaßte, hat nun tauſend unnennbare Reize für mich.— Es iſt der ganze Umriß ihrer Figur— es ſind ihre Augen, ihr Mund wenn ſie lächelt, nur Wilhelminens Stimme iſt weicher, melodiſcher — aber Jenny iſt ernſter, ihre Schweſter be⸗ ſchuldigt ſie ſogak einer übertriebenen Empfindſam⸗ keit.— Wilhelminens Wangen blühen, Jenny iſt blaß, nur wenn ſie in Affekt geraͤth, ſchim⸗ mert eine ſaufte Rothe durch die weiße durchſich⸗ tige ſeine Haut.— Wilhelmlnens Blicke ſpru⸗ deln Feuer, Jenny's Auge iſt ſanfter— nein, nein! Wilhelmine haͤlt den Vergleich nicht aus Ich habe dieſen Morgen meine Sachen her⸗ über bringen laſſen, und bewohne ein artiges Lo⸗ gis, der Familie gegen uͤber.— Dieſe kleine Beſchaͤftigung nahm mir den ganzen Morgen weg— als ich hinuͤber gieng war. William aus⸗ gegangen und ſeine Gemahlin hatte zu ſchreiben. — Ich blieb daher ganz allein mit Jenny, und hatte mit ihr eine lange Unterredung.— Sie beſitzt weder eine große Beleſenheit, noch ſcheint ſie eine außerordentliche Bildung erhalten zu ha⸗ 37 ben— und dennoch— welch ein Maͤdchen! — Ein Engel iſt's, der in dieſer ſchonen udiſchen Huͤlle gelaſſen auf ſeine Befreyung harret!.. Dieſer Gedanke verlaͤßt mich nicht. Unſer Ge⸗ ſpraͤch nahm gleich eine vertrauliche Wendung; wenn ich nie an Sympathie geglaubt haͤtte, ſo waͤre ich in dieſem Augenblick von ihrer Exiſtenz uͤberzeugt worden, denn ich fuͤhle, daß Jenny mir hold iſt, ohne daß ſie mir's zu ſagen nothig haͤtte, und auch ſie weiß gewiß, wie ſehr ich ſie hochſchaͤtze. Mr. William ſpielt gern; das habe ich be⸗ merkt an einigen Worten, die Jenny fallen ließ — und als ich ihr meinen Abſcheu vor dieſer Lei⸗ denſchaft ganz beſtimmt erklaͤrte, da ſah ſie mich aͤußerſt freundlich an— o bleiben ſie ja bey dem Vorſatz nie zu ſpielen— ſagte ſie leiſe, und dabey uͤberfiel ſie eine kleine Unruhe, die ich mir nicht erklaͤren kann— Befuͤrchtete ſie viel⸗ leicht von ihrer Schweſter, die im Nebenzimmer ſchrieb, gehoͤrt zu werden?— auch die ſpielt gern; ich muß es glauben, denn, als ich ant⸗ worten wollte, druͤckte ſie mir die Hand, und ſieng ein anderes Geſpraͤch an. Sie haben hier noch keine Bekanntſchaften ge⸗ macht, ſind auch nicht Willens ſich ſehr auszu⸗ zeichnen, ob ſie gleich viele Landsleute hier haben. Das iſt mir ſehr lieb. 38 Aen S n1 Ein toller Gedanke! die hieſige Gegend iſt, wie bekannt, von franzoſiſchen Ausgewan⸗ derten uberſchwemmt. Sie hatten zum Theil, wie man zu ſagen pflegt, ohne den Wirth ge⸗ rechnet, von einer Voyage à Coblence, ward wie von einer Courſe à Verſailles geſprochen; der bon ton erforderte, daß man dort geweſen ſey. Aber der Spaß wurde auf einmal Ernſt, das Geld war verſchwendet, und alle Aus⸗und Einfuhre verſperrt; die meiſten wurden verachtet und wenige bemitleidet— ſie ergoſſen ſich nun wie ein Strom in's nordliche Europa— und diejenigen, die entweder nicht Muth zum kam⸗ pfen, noch reelle Talente beſaßen, verfielen, um nicht Hungers zu ſterben, oft auf die ſeltſamſten Erwerbsmittel.— Ich war dieſen Morgen Zeu⸗ ge eines Auftritts von der Art, die bemerkt zu werden verdient. Während des Fruͤhſtuͤcks wurde Monſieur Blondinet gemeldet.— Miſtriß Mortimer laͤ⸗ chelte verlegen— William aber lachte laut auf. — Liebes Kind! ſagte er zu ſeiner Frau, mache uns den Spaß, und laß dir eine Stunde hier ge⸗ ben, ich verſpreche die contenance zu halten. — Ich warf auf Jenny, die neben mir ſaß, ei⸗ nen fragenden Blick, ſie verſtand mich— ein 32 armer Franzoſe, ſagte ſie, hat ſich in den Kopf geſezt, in der Kunſt mit Anſtand und Grazle zu lachen, Unterricht zu geben; er hat deshalb meh⸗ rere theoretiſche Regeln feſigeſezt, und unterrich⸗ tet in der Praxis— Nach Regeln zu lachen! rief ich— Ja! ja! ſagte William— Nicht moͤglich.— Du ſiehſt liebes Weib, daß wir dieſen Unglaubigen durchaus uͤberzeugen muͤſſen — und er winkte dem wartenden Bedienten. Jenny laͤchelte uͤber mein Erſtaunen; ihre Schweſter betheuerte, daß ſie ſich die erſte Lection aus Mitleiden haͤtte geben laſſen, um dem ar⸗ men Teufel mit Anſtand ein Almoſen geben zu konnen.— Nun ſo nimm die zweyte aus Ge⸗ fälligkeit.— Der Streit war noch nicht zu En⸗ de, als die Thuͤre aufgleng. Jezt laß dir dieſen Monſieur Blondinet beſchrelben, damit du einen Begriff bekommſt von der Wirkung, die ſeine Er⸗ ſcheinung, und der darauf folgende Auftritt auf mich machte. Mouſieur Blondinet iſt eine lange hagere, ich moͤgte beinahe ſagen, durchſichtige Knochen⸗ geſtalt.— Du erinnerſt dich doch noch jener Skizze von Voltaire, wie er eine Partie Schach verllert, die mir unſer Freund Hubert in Genf ſchenkte? Es iſt Blondinets Portrait, nur eine halbe Elle laͤnger— Augen, Naſe, mun und Mund alles aͤhnlich, nur das cyniſchy Laͤcheln des Philoſophen von Ferney, das ihm eben ſe 40 eigen, als ſein Geiſt war, hat Monſieur Blon⸗ dinet nicht.„. des Franzmann duͤſterer Ernſt erinnert vielmehr an den Helden des Michel Cer⸗ vantes— und dieſes Skellet, dacht ich, das wie auf Graͤbern einherwandelt, ſoll Unterricht im Lachen geben! Auf dieſen Einfall konnte nur ein Franzoſe kommen. Nach langem Bitten ließ ſich endlich Miſt⸗ riß Mortimer vor dem Spiegel nieder. Mr. Blondinet ſezte ſich ihr zur Seite. Jenny und ich blieben am Theetiſch ſitzen; ſie reichte mir lächelnd Papier und Bleyſtift, ich nahm die Her⸗ ausforderung an, und waͤhrend dem Unterricht ſtizzirte ich die comiſche Gruppe— hier lege ich dir eine Kopie davon bey, Jenny hat das Ori⸗ ginal behalten.— Jezt merke wohl auf, und lerne von eiuem Franzoſen methodice lachen— Blondinet ſpricht: Heute, Milady! wollen wir mit dem Lachen des petites Maitreſſes den Anfang machen— beehren ſie mich mit ihrer Aufmerkſamkeit, und machen mir nach— Den Hals weit hervor ge⸗ bogen, die Bruſt zwiſchen beiden Schultern ein⸗ gezwaͤngt, jezt ſchnell aus vollem Halſe— hal ha! ha! ha!. die acht lezten ha ha ha! muͤſ⸗ ſen, ſo ſagen, uͤber einander ſtolpern— vor⸗ treflich Malady! C'est à merveille!... Dieſe Art zu lachen nennt man in Frankreich à gorge 4r deployée— ſie verraͤth ungemein viel Witz und heitere Laune, man ſteckt eine ganze Geſell⸗ ſchaft damit an, aͤußerſt wenig Kunſt iſt dabey noͤthig, denn im hoͤchſten Truͤbſinn kann man, wenn es noth thut, ein ſolches Lachen hervor brin⸗ gen— den Schauſpielern iſt es gelaͤufig.— Jezt wollen wir den Rire de protection ver⸗ ſuchen— haben ſie die Gnade darauf wohl Acht zu geben: preſſen ſie beide Lippen feſt zuſammen, die Winkel des Mundes muͤſſeu etwas abwaͤrts gezogen werden, laſſen ſie, wie von ohngefaͤhr, einige Zaͤhne zum Vorſchein kommen, blinzeln ſie mit dem rechten Auge, die linke Schulter muß unmerklich gehoben werden.— C'est on ne peut mieux Milady!— Dieſe Art kann man als eine bloße Pantomime betrachten, ſie erfordert wenig Bewegung— wir Franzoſen nen⸗ nen das— Rire ä regret.— Nun giebt es noch zwey ſehr kuͤnſtliche Ma⸗ nieren— faites, je vous prie, bien attention Milady— nemlich— rire en dedans— alsdann— rire en dessin.— Ein Frauen⸗ zimmer von Stande und Erziehung, beſonders wenn es noch nicht vermaͤhlt iſt, darf anſtaͤndi⸗ gerweiſe gewiſſe Gentlleſſen, jene witzigen Zwey⸗ deutigkeiten, die in der Geſellſchaft gaͤng und gaͤbe ſind, nicht verſtehen. Indeſſen muß man doch beweiſen, daß man kein Gaͤnschen iſt, und der Natur ihren ſchuldigen Tribut zollen, dies 42 geſchieht verſtohlenerweiſe, und zwar auf folgen⸗ de Art— ziehen ſie den Mund zuſammen, droͤ⸗ cken ſie die obern Zaͤhne auf die untere Lippe feſt, dann greifen ſie ſchnell nach ihrem Sacktuch, und ſprechen leiſe, aber eln wenig durch die Naſe mit ihrer Nachbarin— das heißt man das Lachen verbeißen— ſo!. obgleich dieſe Art viel Kunſt erfordert, ſo lehrt ſie die Natur zuweilen, und ohne Muͤhe.— Endlich kommen wir an das natuͤrliche Lachen — le rire naturel— man bedient ſich deſſen bey einem uͤberraſchenden Einfall, oder unerwar⸗ teten Ereigniß— die Bruſt kann dabey leicht und ohne Zwang Athem ſchoͤpfen— die Augen muͤſ⸗ ſen das Weſentliche thun— drey bis vier ha ha ha! im ſteigenden halb ſingenden Ton, und es iſt geſchehen.. Dles kann man wiederholen, nach Verhaͤltniß des Laͤcherlichen bey der Sache, jedoch muß man dabey auf die Geſellſchaft Ruͤck⸗ ſicht nehmen, in der man ſich befindet.— Bey Untergebenen waͤre es Mangel an bon ton, wenn man das Lachen nicht ein wenig uͤbertriebe— in der eleganten Welt aber darf ſich das Lachen nicht aller bemeiſtern— hierbey muß die Frau vom Hauſe den Ton augeben.— Morgen Mi⸗ lady werden wir le Rire niais— le Rire in- nocent— le Rire sardonique— und end⸗ lich le Rire spirituel probiren.— 43 Jezt ſtand Mr. Blondinet auf, und ſelne Geſichtszuͤge legten ſich wieder in ihre ernſten Falten; er kam mir vor wie eine aufgezogene Sprachmaſchine, deren Raͤderwerke aber abgelau⸗ fen ſind. Willlam druͤckte ihm etwas in die Hand und er gieng unter tiefen Verbeugungen zur Thuͤre hinaus. P. S. So eben erhalte ich einen Brief von Leiger, der Fuͤrſt iſt todt— auch der Obriſt hat mir geſchrieben— ich werde doch wohl bald an meine Ruͤckreiſe denken muͤſſen. An denſelben. Ich bin heruͤber gezogen; William wollte es durchaus ſo haben. Jenny's Zimmer ſtoßt an das meinige; der Umgang mit dleſer liebenswuͤr⸗ digen Famille iſt mir zum Beduͤrfniß geworden. Jenny hat leider! recht, ihr Schwager beſizt die ungluͤckliche Leidenſchaft des Spiels im hoͤchſten Grade; vor einigen Tagen verlohr er eine be⸗ traͤchtliche Summe, Jenny ſagte mir im Ver⸗ trauen, daß dieſer Verluſt ihn ſehr verlegen mach⸗ te. Ich beſchloß ſogleich eine ſchickliche Gelegen⸗ heit zu ergreifen, um ihm Geld anzubleten, weil ſie mir durchaus fuͤr Koſt und Logts, aller mel⸗ ner Bitten ungeachtet, nichts abnehmen wollten; durch dies Dahrlehn hofte ich auch berechtigt zu ſeyn, ihm eine freundſchaftliche Warnung zu ge⸗ ben.— Die Gelegenheit, die ich ſuchte, fand ich bald, der arme William muß wirklich arg mitgenommen worden ſeyn, denn er nahm meine Banknote ohne viele Umſtaͤnde an— ich merkte aber, daß Jenny, die zugegen war, einen unru⸗ higen finſtern Blick auf ihn warf.— Das haͤt⸗ ten ſie nicht thun ſollen! ſagte ſie mir nachher heimlich, die Urſache werden ſie ſchon gelegentlich erfahren. Dein Stillſchweigen, Lieber! faͤngt an mich zu beunruhigen: ich bitte Dich ſchreibe mir doch ja bald— auch Leiger vernachlaͤſſigt mich— was ſoll das bedeuten?— ſollte Wilhelmine. ich bin jezt auf alles gefaßt! ₰ Ich muß dir etwas mittheilen, das mich ſehr beunruhigt, und zwar um ſo mehr, da ich nicht weiß, wie ichs William entdecken ſoll— erfah⸗ ren muß er's doch.— Er hat untreue Leute in ſeinem Dienſt— ſchon mehrmals hatte ich Klei⸗ nigkeiten vermißt geſtern aber— ich wollte nach Hamburg hinuͤber um fuͤr Jenny etwas einzu⸗ kaufen— wie ich meine Brieftaſche durchblaͤtte⸗ re, fehlen mir zwey Banknoten— ich ſuche al⸗ les durch, viſitire das Schloß meiner Caſſette, es war unverſehrt, nur erinnere ich mich, daß 4 ich Muͤhe gehabt hatte ſelbige zu erofuen.— Wer anders als ein Hausdleb kann mich beſtohlen haben? Die Summe iſt zwar ſo bedeutend nicht, ich ſehe aber daß William alle ſeine Schluͤſſel ſte⸗ cken laßt, keine Thuͤre ſperrt, und ein unum⸗ ſchraͤnktes Zutrauen zu ſeinen Leuten hat. wie leicht kann, durch meln Stillſchweigen, der un⸗ bekannte Dieb kuͤhner gemacht werden?— ich muß daruͤber mit Jenny ſprechen. Jenny ſpielt die Harfe ganz vortreflich, und was bey einer Englaͤnderin ſelten iſt, beſizt das feinſte mufikaliſche Gefuͤhl— ihr zu Gefallen, habe ich melne ſo ſehr vernachlaͤſſigte Flote wie⸗ der hervor ſuchen muͤſſen. Ich habe dem Obriſten geſchrieben, daß ich Briefe aus der Reſidenz erwarten muß, bevor ich meine Ruͤckreiſe antreten kann. An denſelben. Ich verliere mich in Muthmaßungen und finde nirgends feſten Grund. Geſtern fuhr lch nach Hamburg; meine Abſicht war, erſt heute zuruͤck zu kommen, ich kam aber mit melnen Ge⸗ ſchaͤften geſchwinder zu Ende, als ich's vermu⸗ thet hatte. Der helle Mondſchein verfuhrte mlch 46 zu elner naͤchtlichen Ueberfahrt, und ſo war ich ſchon um Mitternacht wieder in Altona.— Als ich die Treppe hinauf gleng, horte ich unten im Saal heftig ſprechen, weil ſie aber ſehr ſchnell ſprachen, konnte ich nichts verſtehen— jezt hoͤrte ich doch ganz deutlich meinen Namen nen⸗ nen— dles machte mich aufmerkſamer, und obgleich das Behorchen meine Sache nicht iſt, ſo lonnte ich mich doch diesmal einer ungewoͤhnli⸗ chen Neugierde nicht enthalten. es kam mir vor, als wenn Jenny ſehr ernſthaft, und im To⸗ ne des Vorwurfs mit ihrem Schwager ſpraͤche. Willlam aber und ſeine Frau lachten uberlaut— jezt wollte ich das Ohr an's Schluͤſſelloch legen als ich kommen horte, und mich ſchnell zuruck ziehen mußte— es war Jenny.— Das iſt unmenſchlich! ich habe keinen Theil daran! rief ſie ins Zimmer zuruͤck, und gleng die Treppe hinauf.— Fezt wurde es ſtille im Saal, Wil⸗ liam und ſeine Frau hatten ſich vermuthlich in ihr Schlafzimmer begeben— nun ſchlich ich wie⸗ der hinunter, weckte meinen Georg, den ich mit herauf nahm— als ich an Jenny's Thuͤre vor⸗ bey gieng, ſprach ich mit Fleiß ſehr laut mit ihm, und gerade als wenn ich geahnet haͤtte, was mir bevor ſtunde, ſchickte ich ihn ſogleich wieder ſchlafen. Richt lange darauf wurde an meiner Thuͤre leiſe gepocht— es war Jenny im vertraulichen 2 leichten Neglige.— Sie wleder hier, Wahl⸗ berg? frug ſie etwas verlegen, indem ſie die Thuͤre immer noch in der Hand hlelt.— Ja; liebe Miß! auch nicht eine Nacht bringe ich ger⸗ ne unter einem andern Dache zu!— Iſt das wahr? ſie errothete, und ihr freundliches Auge ſah mich forſchend an.. Auf einmal wurde ſie nachdenkend, trat herein, machte die Thuͤre lang⸗ ſam zu, ſtellte ihren Wachsſtock auf den Tiſch, und indem ſie tief Athem hohlte— Gettlob daß ſie da ſind!— aber plozlich, als wenn ſie uͤber dieſen unwillkuͤhrlichen Ausruf ſelbſt erſchro⸗ cken waͤre, wendete ſie ſich raſch zu mir um, und ergriff meine Hand.— Das war wohl recht einfaͤltig von mir geſprochen, nicht wahr Wahlberg?— ich druͤckte ihre Rechte in meinen beiden Haͤnden, und wollte antworten, als wir etwas auf dem Gang hoͤrten.— Sie wand ſich aͤngſtlich los, und riß die Thuͤre auf— ich eilte ihr nach— es war wieder alles ſtille.— Kom⸗ men ſie, Wahlberg! ſagte ſie ſehr laut, wir muͤſſen doch ſehen was das war?— Wir gien⸗ gen den Gang hinauf— ſie züterte— der Mond war untergegangen, es war dunkel— auf einmal warf ſie ſich laut ſchluchzend mir um den Hals, indem ſie leiſe und mit bebender Stim⸗ me ſagte— Wahlberg! ſie ſind der Mann nicht, der betrogen zu werden verdlent ſeyn ſie auf ihrer Huth!— In dem Augenblick hoͤr⸗ te ich eine Thuͤre in dem untern Stocke langſam . zumachen.— Jenny, liebe Jenny! riefich, um Gols teswillen, was ſoll das?— Kommen ſie! und ſie zog mich wieder nach meinem Zimmer.— Ich war wirklich hochſt unruhig.— Jenny hat⸗ te ſich niedergelaſſen, ſie bedeckte ihr Geſicht mit beiden Haͤnden, und ſchien gegen alle meine Bit⸗ ten und Vorſtellungen taub zu ſeyn.— Endlich ſchlug fie ihr verweintes Auge zu mir herauf.— Lieben ſie mich denn wirklich, Wahlberg?— Ich ſchloß ſie in meine Arme, ſie ſank an mein Herz.. Wahlberg! hub ſie von neuen an, die⸗ ſe Stunde ſoll uͤber mein kuͤnftiges Schickſal ent⸗ ſcheiden— ich will aufrichtig gegen ſie ſeyn, Wahlberg!— und wenn ſie dann noch ſagen konnen, Jenny ich liebe dich, dann d dann! ſie erhob beide Haͤnde gen Himmel, ihr Buſen flog, ihre Thraͤnen floſſen unaufhaltſam — ich war tief erſchuͤttert; es wallte, es ſtuͤrm⸗ te in meiner Seele... ich druͤckte meine heißen Lippen auf ihren kalten Mund— indem ge⸗ ſchah ein heftiger Schlag an der Thuͤre— Gott im Himmel! zu ſpaͤt! rief ſie, und ſank in die Knie zu meinen Fuͤßen.— Ich tug ſie auf mein Bette, ſturzte zur Thuͤre hinaus— es war niemand weder zu hoͤren noch zu ſehen— jezt kam mein Georg uͤber den Gang— was willſt du? rief ich— Euer Gnaden nehmen mirs nicht ubel, ſagte der ehrli che Kerl, es iſt ſo unruhig im Hauſe, es wurde mir ordent⸗ lich unheimlich— es uͤberlief mich eiskäit.— Mit ſeiner Huͤlfe brachte ich Jenny wieder zu ſich, ſie ſah ſich aͤngſtlich um, ſagte mir dann leiſe auf engliſch— verbieten ſie ihrem Bedienten nichts im Hauſe von dieſem Vorfalle zu erwaͤh⸗ nen.— Ich drang nun auf eine naͤhere Erklaͤ⸗ rung— aber ſie wollte ſich durchaus nicht laͤnger mehr aufhalten laſſen.— Glauben ſie, Wahl⸗ berg! ich habe meine guten Gruͤnde jezt noch zu ſchweigen— und ich mußte ſie nach ihrem Zim⸗ mer begleiten. An der Thuͤre fiel ſie mir noch⸗ mals um den Hals— Ich bitte ſie, lieber Mann! urtheilen ſie nicht voreilig von den armen Jenny — behalten ſie die uͤbrige Nacht ihren Georg bey ſich, Morgen wird ſich alles aufklaͤren— ſie ſchloß ſorgfaͤltig hinter ſich zu, und ſchob beide Riegel vor.. Ich befolgte blindlings ihren Rath; da ſitzt mein treuer George und ſchnarcht— ich kann kein Auge zuthun— es ſchlaͤgt viere— der Tag grauet, bevor ich dieſen Brief ſchließe, wer⸗ de ich Aufklaͤrung erhalten haben ———————————— Gott im Himmel! was iſt das?.. Ich hatte mich ermattet auf's Bette geworfen und war ein⸗ geſchlafen; als ich erwache ſtand die Sonne ſchon hoch am Himmel.— Ich eile hinunter— ſtoße auf lauter verſtorte Geſichter— der Saal iſt Wilh. v. Roſen a h. D 50 leer— der Theetiſch ſtand noch da— man hatte gefruͤhſtuͤckt.— Ich will eben zu William— da kommt mir mein Georg entgegen— ach Gott! ruft er, die ſchone Miß wird wohl ſterben!— Was?— ich fliege hinauf— reiße die Thuͤre auf— da liegt Jenny im ſchrecklichſten Pa⸗ roryſm— ſtarr, beinahe ohne Leben, den kal⸗ ten Todesſchweiß auf der Stirne— neben dem Bette ſitzt ihre Schweſter, ſo kalt, und doch ſo aͤngſtlich— und ihr Mann iſt ausgeritten.— Er weiß nicht, daß Jenny krank iſt, ſagte ſeine Frau, das Uebel hat ſie gleich nach dem Fruͤhſtuͤck uberfallen, ſie wird ſich verkaͤltet haben, es ſind ihre gewoͤhnlichen Kraͤmpfe.— Iſt denn noch nicht nach dem Doktor geſchickt worden? rief ich — nein! antwortete ſie gelaſſen, es kann aber geſchehen— ſie zog die Glocke— Williams Kammerdiener trat herein, und ſie ſagte ihm et⸗ was, das ich nicht verſtand.— Jenny hatte in dieſem Augenblick convulſiviſche Zuckungen— ſeit einer halben Stunde ſcheint ſie ruhiger— aber dieſe Ruhe gefaͤllt mir nicht— wo nur der Arzt ſo lange bleibt.— Die Poſt geht ab— ich muß ſchließen.— Morgen das weitere— ich werde wohl ſelbſt noch den Arzt aufſuchen muͤſſen.—— 51 ———— Herr von Raßdorf an den Obriſt von Ellerfeld. Ich finde mich genoͤthigt, Ihre Freundſchaft fuͤr unſern Wahlberg in Anſpruch zu nehmen⸗ Bey meiner Durchreiſe theilte ich ihnen melne Beſorgniſſe in Anſehung ſeiner mit; dieſe ſind zwar noch nicht eingetroffen, und ſo wie ich die Lage der Sache hier finde, kann ich abermals mit Recht vermuthen, daß ihm ſeine ſogenannte Menſchenkenntniß abermals einen ſehr argen Streich geſpielt hat. Aber andere Umſtaͤnde haben ſich ereignet, die mich aͤußerſt beunruhigen.— Der gute Wahlberg, bey allem ſeinen Scharfſinn und geſunder Beurthellungskraft in Wiſſenſchaften und Geſchaͤftsſachen, ſcheint geboren zu ſeyn, um Mißtrauen und Argwohn zu hegen, da wo ein Lehrling in der großen Welt kaum anſtoßen wuͤr⸗ de, und offen und zutraulich zu ſeyn, wo Be⸗ hutſamkeit und Zuruͤckhaltung durchaus nothwen⸗ dig waͤre;— er ſchwebt in dieſem Augenblick in einer Gefahr, die er nicht einmal ahnet. Der Beruf unſers Hofs, mich in ſeine Va⸗ terſtadt zu begeben, um bey dem jungen Fuͤrſten Adolph dle gewoͤhnliche diplomatiſche Condolenz und Gratulations⸗ Complimente abzuſtatten, kam mir fo ſchnell und unerwartet, daß ich nicht elnmal Zeit hatte, Wahlbergen die Nachrich D 2 52 *— davon zu geben. Auch hofte ich langſtens in vier⸗ zehn Tagen von dieſer Reiſe zuruͤck zu ſeyn— nun bekam ich aber neue und wichtigere Auftraͤ⸗ ge, die meinen Aufenthalt hier auf unbeſtimmte Zeit feſtſetzen; ich bin dadurch hier gefeſſelt, und darf nicht weichen. Mein Vater ſendet mir heute einen ganzen Packt Briefe, und unter andern einige von Wahl⸗ bergen— er iſt in Altona. Wie ſehr ich Ur⸗ ſache habe in Anſehung ſeiner unruhig zu ſeyn, werden ſie aus folgender Geſchichte erſehen kdn⸗ nen. Waͤhrend unſerm Aufenthalt in Neapel mach⸗ ten wir an der table d'höte die Bekanntſchaft eines Englaͤnders, der ſich Harriſon nannte. Waohlberg, der den nemlichen Abend noch mit ei⸗ nem italtaͤniſchen Mahler nach Portia gehen, und in der umliegenden Gegend herum ſtreifen wollte, ſah ihn nur einige Stunden, ich weiß aber daß er ihn bemerkte. Dieſer Harriſon war wirklich ein ſehr intereſſanter Mann, er war viel gereiſt, erzaͤhlte angenehm, und verſtand meiſterhaft Zu⸗ trauen zu erwecken. Einen jungen Lieflaͤnder, der gleichfalls in unſerm Gaſthauſe wohnte, ſchien er ganz beſonders in Affektion genommen zu ha⸗ ben, ſie ritten mit einander aus, beſuchten zu⸗ ſammen die Aſſembleen, kurz, ſie waren unzer⸗ trennlich. Mich hatte Harriſon, wenn ich mich des Ausdrucks bedienen darf, nur betaſtet, und 33 — ſich gleich wieder zuruͤck gezogen; dies erweckte in mir Mißtrauen und Neugierde, ich ſpuͤrte ihm nach, und erfuhr, daß er eigentlich ein Spieler von Profeſſion war. Mein junger Landsmann dauerte mich, ich ſuchte ihn zu warnen, er nahm aber meinen wohlgemeinten Rath ſehr kaltſinnig auf; nach der Hand geſtand er mir, daß der ſchlaue Harriſon ihn bereits in Anſehung meiner ſchon gewarnt, und meine freundſchaftliche Aeuſ⸗ ſerung gerade eine entgegengeſezte Wirkung auf ihn gemacht hatte. Eines Abends,(ich war Wahlbergen entgegen gegangen) als wir auf dem Wege nach Hauſe waren, hoͤrten wir einen auf⸗ fallenden Lermen in einer kleinen Villa, an der wir vorbey giengen— wir blieben unentſchloſſen ſtehen— jezt aber wurde mit erſtickter Stimme um Huͤlfe gerufen, und in dem nemlichen Au⸗ genblick horten wir Waffengeklirr— wir ſpreng⸗ ten die Thuͤre, und ſtuͤrzten hinauf— der Mah⸗ ler war bey uns, und wir alle drey gut bewaf⸗ net— denken ſie ſich den ſchrecklichen Anblick! — Harriſon, deſſen rechte Hand mit einem Dol⸗ che an den Spieltiſch angeheftet war, fuͤrchterlich bruͤllend— die Karten ſchwammen in ſeinem Blute— und unſer Lieflaͤnder in einem Winkel des Zimmers, der wie ein Verzweifelnder gegen drey Meuchelmoͤrder ſich vertheidigte— er ver⸗ dankte uns das Leben— ſie flohen, und ſchlepp⸗ ten Harriſon mit ſich fort.— Ich merkte gleich, daß wir uns in einem in jeder Ruͤckſicht verdaͤch⸗ igen Hauſe befanden, verwies den drohenden El⸗ genthuͤmer ernſtlich zur Ruhe, und wir ſchlichen durch Umwege in die Stadt zuruͤck.— Harriſon war verſchwunden, der Wirth, dem wir den Vorfall mittheilten, durchſuchte ſein Zimmer und fand alles leer— es war alſo abgeredeter Plan. — Der Lieflaͤnder erzaͤhlte uns, daß Harriſon ihn nach und nach zum Spiele verleitet haͤtte, und er ſelbſt gegen die drey andern Spieler, wo⸗ runter zwey Franzoſen waren, eine anſehnliche Summe verlohren haͤtte. Es haͤtte nie geſchie⸗ nen als wenn er mit dieſen Menſchen beſonders bekannt geweſen waͤre. In einem bekannten Caffeehauſe waͤren ſie gewohnlich zuſammen ge⸗ kommen. Heute aber haͤtte Harriſon ſelbſt dieſe Billa vorgeſchlagen.— Wir muͤſſen wieder zu unſerm Verluſt kommen, haͤtte er ihm geſagt, dann wollen wir uns dieſe Thorheit als eine klei⸗ ne Lehre dienen laſſen, und nicht mehr ſpielen, — Er haͤtte anfangs mit großem Gluͤcke ge⸗ ſpielt, auch die Bank, welche Harriſon hielt, waͤre im Gewinnſt geweſen, auf einmal aber haͤtte ſich das Blatt gewendet, nicht allein all ſein haares Geld waͤre in die Bank gefloſſen, ſondern er haͤtte auch auf ſeln Ehrenwort eine be⸗ traͤchtliche Summe ſchon verlohren— nun, ſez⸗ te er hinzu, fiel mir auf einmal ihre Warnung ein, ich beobachtete genauer, und zu meinem nicht geringen Erſchrecken wurde ſch bald uͤberzeugt, daß Harriſon mit den drey andern Spitzbuben ein⸗ 38 verſtanden war; die uͤbrigen Mitfpleler waren ſo gut Duͤpes als ich.— Harriſon hatte eben falſch umgeſchlagen, in der Wuth uber dieſe Entdeckung zog ich meinen Dolch, und nagelte dem Schur⸗ ken die Hand feſt auf den Tiſch— die uͤbrigen Spieler flohen— ohne Sie waͤre ich jezt nicht mehr u. ſ. w. Nun denken ſie ſich mein Erſtaunen, als ich durch Wahlbergs Briefe beinahe uͤberzeugt werde, daß ein gewiſſer Willlam Mortimer, mit dem er nun intim lürt, kein anderer, als der nemliche Harriſon iſt. Unbegreiflich iſt mir's, daß Wahl⸗ berg ihn nicht erkannt hat; die Geſichtsnarbe, die er damals noch nicht hatte, muß Schuld da⸗ ran ſeyn. Die Zeit iſt zu koſtbar, und geſtattet mir nicht, mich in noch weitere Details einzulaſ⸗ ſen. Das nothwendigſte wiſſen ſie— eilen ſie nur, beſter Mann! unſern Freund zu retten.— In der feſten Ueberzeugung, daß ſie ſich zu dle⸗ ſer Reiſe willig finden werden, habe ich beym Fuͤrſten um einen Urlaub angehalten, den ich hier beilege. Joͤnnte ich abkommen, ſo waͤre ich ſchon auf dem Wege.— Dieſen Brlef ſende ich Ihnen durch eine Staffette, der ſie guͤtigſt einige Zeilen mit zuruͤck geben werden u. ſ. w., Von dem Augenblick an, wo Wilhelmine, in der bitterſten Stunde ihres Lebens, an Adolphs 56 —— Bruſt Thraͤnen vergoß, die der Trunkene, in der erſten frohen Ueberraſchung, ganz anders aus⸗ legte, gieng mit beiden eine Veraͤnderung vor, die allen ein Raͤzel bliebe Gleich nach dieſer er⸗ ſten Aufwallung fuͤhlte Wilhelmine, zu welchem Mißverſtaͤndniß ihr Betragen den Prinzen berech⸗ tigte— und hätte ſie's nicht gefuͤhlt, ſo wuͤrde es ihr ſein Entzuͤcken nur zu deutlich erklaͤrt ha⸗ ben. ſie gluͤhte vor Schaam— und jemehr ſie daruͤber nachdachte, je groͤſſer wurde ihre Ver⸗ wirrung.— Adolph hatte ſeine Rechte um ih⸗ ren Nacken geſchlungen, und ſein volles Herz ergoß ſich in Betheurungen einer ewigen Liebe. Die arme Wilhelmine verhlelt ſich leidend, und was konnte ſie auch ſagen? Sollte ſie auf ein⸗ mal dem Getaͤuſchten den ungluͤcklichen Wahn be⸗ nehmen, zu dem ſie doch einzig und allein Anlaß gegeben hatte? Sie hatte ſelbſt empfunden, wie ſehr eine ſolche Taͤuſchung ſchmerzte, und dem guten theilnehmenden Adolph konnte ſie doch un⸗ moͤglich ſo ſchnell ſeinen frohen Irrthum benehmen. Sie hatte ſich an ſeinen Umgang gewoͤhnt, und nach Wahlberg hatte er den erſten Platz in ihrem Herzen.„ aber auf der andern Seite empoͤrte ſich ihr ganzes weibliches Gefuͤhl bey dem Ge⸗ danken an eine ſolche ſtrafbare Taͤuſchung. In dieſem Kampfe wechſelſeitiger Empfindungen lei⸗ tete ſie ihr zartes Gefuͤhl, beſſer vielleicht, als es kalte Ueberlegung wuͤrde gethan haben, auf den einzigen Weg, der ihr noch uͤbrig blieb„„ 57 ſie appellirte an die Großmuth des Prinzen und bat ihn, ſie jezt allein zu laſſen, mit dem Ver⸗ ſprechen, durch gaͤnzliches Vertrauen ſeine guͤtige Geſinnungen zu verdienen Schonen ſie jezt meiner, guaͤdigſter Prinz! ſezte ſie hinzu, in⸗ dem ſie ſeine Hand auf ihr Herz druͤckte, ja, ſie werden es thun? und die dankbare Wilhelmine wird die Stunde ſegnen, in der ſie den beſten Herrn ihren Freund nennen durfte.„ich habe Ruhe, ich habe Einſamkeit noͤthig Adolph kußte ſtillſchweigend ihre Hand und gieng. Eberhorſt hatte den Prinzen aus Wllhelmi⸗ nens Zimmer kommen ſehen, er war mit leuch⸗ tenden Augen an ihm vorbey geſchoſſen, hatte ihm in der frohen Verwirrung ſogar die Hand gedruͤckt, und Wilhelmine ließ ſich gleich darauf fuͤr dieſen Abend entſchuldigen.— Wenn es jezt noch nicht richtig iſt! dachte er, und eine ſataniſche Freude glaͤnzte in ſeinen hohlen Augen— als nun aber vollends Wilhelmine den andern Morgen, und zwar unter einem ſchlechtgewaͤhlten Vorwand, die Fuͤrſtin um die Erlaubniß bat, einige Tage bey ihrem Oheim in der Stadt bleiben zu duͤrfen, ſo glaubte er ſeiner Sache gewiß zu ſeyn, und richtete ſeinen ganzen Plan nach dieſer Ueberzeu⸗ gung ein. Adolphs außerordentiiche Heiterkeit beſtaͤrkte dieſen Wahn: er ritt allein jn die Stadt, und kam, zwar etwas nachdenkender, aber doch helter und vergnuͤgt zuruͤck. Splone hatten ſchon 58 die Fuͤrſtin benachrichtigt, daß Adolph und Wil⸗ helmine uͤber zwey Stunden in dem Schloßgar⸗ ten ſpazieren gegangen waͤren.— So gieng es mehrere Tage hinter einander. Zur gewoͤhuli⸗ chen Stunde ritt Adolph in die Stadt, beſuchte ſeinen kranken Vater, gieng hernach in des Mi⸗ niſters Haus hinuͤber, und dann mit Wilhelminen in den daran ſtoßenden Schloßgarten. Adolph hatte zwar nicht mehr die triumphirende Mine ei⸗ nes begluͤckten Liebhabers, aber er war weder mißmuthig noch launig, eine ſtille Guͤte, eine noch groͤßere Leutſeligkeit in ſeinen Aeußerungen, in ſeinem Betragen, fielen allein auf. Die Fuͤr⸗ ſtin mogte ihn nun noch ſo ſchlau ausfragen, we⸗ der ſie, noch die Kundſchafter, die ſie in allen Winkeln ausſtellte, brachten etwas beſtimmtes heraus. Adolph und Wilhelmine glengen Hand in Hand, ſprachen ganz unbefangen mit einan⸗ der, ſahen heiter und vergnuͤgt aus; und wenn Adolph des Maͤdchens Hand zuweilen kuͤßte, ſo geſchah es auf eine ſo freye und ungezwungene Art, daß weiter nichts beſonderes daraus zu ſchließen war. Bey ſchlechtem Wetter blleben ſie zu Hauſe, freilich wurden alsdenn alle fremde Beſuche abgewieſen, aber die Bedienten durften doch frey aus und eingehen, Wilhelmine ſaß ent⸗ weder vor ihrem Klavier, oder an ihrem Naͤh⸗ rahmen, und Adolph las ihr zuweilen vor— ſo verfloſſen mehrere Wochen.— Was nur das Fräulein von Roſen ſo lange in der Stadt zu 59 thun haben mag? frug einſt die Fuͤrſtin ganz un⸗ befangen bey Tiſche.— Das gute Kind, ant⸗ wortete Adolph in eben dem Tone, opfert ihe Vergnuͤgen der ſchoͤnſten Pflicht, der Dankbarkeit auf; der Miniſter iſt ſeit einiger Zeit ſehr hypo⸗ chondriſch, und da iſt ihm die Geſellſchaft ſeiner muntern Nichte die beſte Arzeney!— Die Für⸗ ſtin ſah Eberhorſten an, der große Augen mach⸗ te, beide wußten ſich nicht hierin zu finden— und Wilhelmine war dennoch einzig und allein der einfachen kunſtloſen Eingebung ihres edlen un⸗ ſchuldigen Herzens gefolgt. Sie nahm ihren Oheim zum Vertrauten, verſchwieg ihm nichts und ſchloß damit— Da die Gewißheit, daß Wahlberg ein elnder nieder⸗ traͤchtiger Menſch iſt, die Liebe zu ihm in dieſem wiederſpenſtigen Herzen nicht zu vertilgen vermog⸗ te, ſo wird wohl dieſe ungluͤckliche Leidenſchaft nur mit meinem Leben enden dies zermalmen⸗ de Gefuͤhl warf mich in dem Augenblick der hoͤch⸗ ſten Verzweiflung in die Arme des guten Prin⸗ zen nur eine Minute Ueberlegung, und es waͤre nie geſchehen— ich fuhle, wie leichtſinnig, wie hoͤchſt unuͤberlegt ich gehandelt habe: aber lieber Oheim! denken ſie ſich meine Lage! ver⸗ rathen, verſpottet, in der ſuͤßeſten Hofnung mei⸗ nes Lebens getaͤuſcht, allein, verlaſſen, keine Freundin, in deren verſchwiegenen Buſen ich dieſe tiefe Leiden ergleßen konnte!— keine wohl⸗ 60 thaͤtige Hand, die ich auf meln wundes.„ ach! gebrochenes Herz legen konnte!... da er⸗ griff mich die Gewißheit meines Elends— ich uͤberſah den Prinzen, und ſank an die Bruſt des einzigen guten Menſchen, der neben mir an dem Abgrund ſtand, in den ich zu ſtuͤrzen waͤhnte.— Ich habe ihn getaͤuſcht, ich habe ihn ſchrecklich getaͤuſcht, den guten Adolph!— Du liebſt ihn alſo wirklich nicht? frug Herr von Doͤrner aͤngſt⸗ lich.— Ach! ich habe nur einmal in meinem Leben geliebt! rief Wilhelmine, und ſchlug ihre in Thraͤnen ſchwimmenden Augen gen Himmel. — Gottlob Minchen, daß du ihn nicht liebſt! es waͤre ſchrecklich!— Und wenn ich ihn liebte? denn glauben ſie mir, Adolph verdient geliebt zu werden, ſo wuͤrde mir dieſe Liebe doch nur Thraͤnen koſten, und durch Entſagung ſchmerzen, der Himmel gewaͤhrt Erſatz fuͤr ein ſolches Opfer in dem troͤſtenden Bewußtſeyn der erfullten Pflicht; daß ich aber einem Heuchler trauen konnte, ei⸗ nem niedertraͤchtigen Menſchen...— aber ich begreife dich nicht Minchen! wie kommſt du auf einmal zu dieſer Heftigkeit?— Wiſſen ſie denn nicht. o Gott! er weiß noch nicht!— Was denn?— daß er jene liederliche Dirne, die er von der Straße aufraffte, geheyrathet. dafi er...— Du traͤumſt Kind! ſprichſt du von Wahlberg?— von wem ſonſt?— Noch ge⸗ ſtern ſagte mir der Hofrath Leiger, er ſey in Ham⸗ vurg, und haͤtte ihm geſchrieben, daß er wohl * —.—————————— 6r naͤchſtens nach England reiſen wuͤrde.— Mit ſeinem Weibe!— Davon ſagte er nichts!— Ja, ja! er iſt verheyrathet! Die ganze Stadt iſt voll von dieſer abſcheulichen Geſchichte!— Das glaube ich nicht! ſagte Herr von Dorner ganz trocken, Leiger haͤtte mir unfehlbar etwas davon geſagt.— Der kalte zuberſichtliche Ton ihres Oheims machte Wilhelminen ſtutzig— ſie brach ab— beſuchte den nemlichen Nachmittag einige gute Freundinnen, und lenkte das Geſpraͤch auf Wahlberg; jedermann wußte, daß er nach Ham— burg ſey, aber niemand wollte etwas von ſeiner Vermaͤhlung erfahren haben.— Wilhelmine ge⸗ rieth in Verlegenheit— was ſollte ſie von der ganzen Geſchichte glauben? Sie ſchickte den ver⸗ trauten Johann nach dem Doͤrfchen, er kam zu⸗ ruͤck, und meldete, daß die fremde Dame laͤngſt ſchon in einem ſchoͤnen Wagen ſey abgehohlt wor⸗ den, und man ſeitdem nichts mehr von ihr er⸗ fahren haͤtte.— Das ſagte mir die Nachbarin, ſezte Johann hinzu; es war mir aber nicht genug, und ich wandte mich an den Eigenthuͤmer des Hauſes, das ſie bewohnte; kaum hatte ich aber bey dieſem mein Anliegen angebracht, ſo lachte mir der wunderliche Mann in's Geſichte, und fuͤhrte mich bey der Hand hoͤflich zur Thuͤre hin⸗ aus— alſo doch wahr rief Wilhelmine! Adolph kam. ſie empfieng ihn, wie man einen gepruͤften treuen Freund zu empfangen pflegt 62 — er hatte eine leidenſchaftliche Scene erwartet, und fand eine heitere vertrauliche Freundin, die mit unbefangener herzlicher Theilnahme ihm zu⸗ vor kam— dieſe ſuͤße Vertraulichkeit zwiſchen zwey jungen Leuten von verſchledenem Geſchlech⸗ te, wo nur eine zarte Linie Liebe von Freundſchaft trennt, war dem guten Adolph noch neu, noch ganz neuer Genuß.— Weder im menſchlichen Leben, noch auf der Buͤhne, wo er eigentlich noch beſſer, als in der wirklichen Welt zu Hauſe war, hatte er ſich bis jezt ſolch' ein reizendes Verhaͤlt⸗ niß traͤumen laſſen, noch nie auch hatte er in Wilhelminen ſo viele Vollkommenheiten, ſo un⸗ endlich viele Liebenswuͤrdigkeit entdeckt; ſie fuhlte, daß ſie dem guten Juͤngling Erſatz fuͤr das, was ſie ihm nicht geben konnte, und doch ahnen ließ, ſchuldig war.— Wer ſelbſt eine ungluͤckliche Leldenſchaft im Buſen naͤhrt, iſt thetlnehmend und weich„ und Wlhelmine, die in dieſen Stunden der hoͤchſten Erbitterung gegen Wahl⸗ berg, vielleicht nur durch ihre hohen Begriffe von Pflicht und Tugend, vor Gegenliebe geſchuͤtzt war; die fuͤr den guten Adolph alles fuͤhlte, was nur Mitleiden, Freundſchaft und Achtung elner ſchoͤnen unverdorbenen Seele einzuflöſſen im Stande ſind, verlieh, ohne es ſelbſt zu wiſſen, ihrem warmen Gefuͤhl den ganzen Zauber der un⸗ ſchuldigſten reinſten Liebe.— Adolph gieng be⸗ zaubert weg.— So verſchwanden die Stunden. — Ihr beiderſeitiges Zutrauen wuchs mit jedem 63 —— Tage.— Adolph hatte bald kein Geheimniß mehr fuͤr Wilhelminen, und Wllhelmine— noch nie vielleicht hat die feinſte Koquette mehr Kunſt verſchwendet, um eine glaͤnzende Eroberung in ih⸗ rem Netz zu erhalten, als dieſe gute kunſtloſe Seele, von der Natur allein, und von ihrem Gefuͤhl geleitet, Muͤhe und Sorgfalt anwandte, um durch unmerkliche Gradationen den guten Adolph endlich in die Stimmung zu verſetzen, in der ſie ihm ohne weitern Ruͤckhalt ſagen zu kon⸗ nen glaubte, daß ſie ewig ſeine treueſte waͤrmſte Freundin, aber nie ſeine Geliebte werden konnte. Die Erzaͤhlung ihrer ehemallgen Verhaͤltniſſe mit Wahlberg fuͤhrte dieſe Erklaͤrung ganz natuͤrlich herbey— ſie benahm ihr mit der ſchonendſten Delikateſſe alles Herbe, prahlte nicht mit Tu⸗ gendpflicht, kurz ſie ließ alles daraus weg, was einer Romanheldin Gelegenhelt zu elner ſchoͤnen theatraliſchen Deklamatlon gegeben haͤtte— ſie berief ſich bloß auf ihre Erfahrung in der Liebe, und auf die gegenwaͤrtige Stimmung ihrer Seele, wodurch ſie ſich berechtigt fuͤhlte, von einem. len Manne Schonung zu verlangen,— Sie glaubte nun ihren Endzweck erreicht zu haben, und irrte ſich. Adolph hatte, in der ſchönen Ein⸗ falt ſeines unverdorbenen Herzens, bis jezt ſeine Verhaͤltniſſe mit Wilhelminen fuͤr den reinſten Grad der Liebe gehalten.— Er war ſo glucklich in dieſem Wahn; die allzugewiſſenhafte Wilhel⸗ mine haͤtte ihn ihm immerhin laſſen ſollen, mal ein Ende gemacht haͤtte. 64 Vergebens bemuͤhte ſie ſich, durch eine Men⸗ ge kleiner Aufmerkſamkeiten, die von zarten Seelen gewuͤrdigt, einen unendlichen Werth fuͤr ſie haben, den guten Adolph zu uͤberzengen, daß dle Freundſchaft eine nie verſiegende Quelle der reinſten Genuͤſſe fuͤr ſie beyde ſey; vergebens nann⸗ te ſie ihn ihren beſten, ihren einzigen Freund, ihren guten biedern Adolph.— Dieſer ſuͤße Na⸗ me, dem er gewohnt war eine ganz andere Be⸗ deutung zu geben, hatte nun den ſchoͤnſten Reiz fur ihn verlohren— verſchwunden war der Zau⸗ ber!... Adolph hatte ſichim Reiche der Liebe ein eigenes Elyſium eingerichtet.— Haͤtte die gute Wilhelmine ſich konnen traͤumen laſſen, daß er fuͤr Liebe hielt, was ſie Freundſchaft nannte, daß ſeine Einbildungskraft weit kranker als ſein erz war, ſo haͤtte ſie immerhin dies kunſtliche Werk ſeiner Phantaſie unberuͤhrt laſſen koͤnnen; ſo aber folgten Scenen, die erſchutternd fuͤr bei⸗ de, der armen Wilhelmine aber weit ſchmerzhaf⸗ ter, als dem Prinzen waren. Indeſſen haͤtte doch endlich das truͤgeriſche Gefuͤhl des Mitlei⸗ dens, der täͤgliche Umgang mit dem ſchoͤnen Juͤngling, der ſo ganz in Liebe aufgeldſt zu ſeyn ſchien, ſelbſt fuͤr Wilhelminen gefaͤhrlich werden koͤnnen, wenn nicht der Tod des Fuͤrſten dem einfoͤrmigen geſchaͤftsloſen Leben Adolphs auf ein⸗ Wilhelmine ſelbſt, der ihres fuͤrſtlichen Freundes Ruhm wahrhaft am Herzen lag, wußte ſeine natuͤrliche Thaͤtig⸗ keit, ſeinen edlen Eifer fuͤr das ollgemeine Beſte, durch ſanfte liebevolle Ermahnungen zu beleben. Ihr Oheim wußte den jungen Fuͤrſten in dieſer raſtloſen Thaͤtigkeit zu erhalten; dabey erreichte ſie den doppelten Endzweck, ſie verſchafte ihm eine wohlthaͤtige Zerſtreuung, und konnte ſich ſelbſt das ſchoͤne Zeugniß geben, daß auch ſie manches zum Wohl des Landes beitrug. Indeſ⸗ ſen eilte Adolph immer noch mit gleicher Unge⸗ duld aus dem ernſten Kreis ſelner Staatsraͤthe, zu dem vertraulichen téte a téte mit ſeiner Wil⸗ helmine, vund verwuͤnſchte die Stunden, wo er nicht an ihrer Seite klagen, flehen, drohen, ſich mit ihr entzweyen, und wieder verſohnen durfte. So ſtanden die Sachen, als Herr von Raß⸗ dorf durch den benachbarten kleinen fuͤrſtlichen Hof abgeſchickt wurde, um dem Fuͤrſten Adolph die gewoͤhnlichen Gratulatkonen abzuſtatten. Von den Verhaͤltniſſen, in denen beide Hoͤfe bisher mit einander geſtanden hatten, myß ich in we⸗ nig Worten folgendes erwaͤhnen, Fuͤrſt Heinrich war in einem Alter mit Adolph; ſein Vater, ei⸗ ner der ſchoͤnſten und llebenswuͤrdigſten Maͤnner ſelner Zeit, war vor wenig Jahren in ſeinem beſten Alter geſtorben, Adolphs Mutter hatte ihn geliebt, und nichts unverſucht gelaſſen, um Gegenliebe zu erzwingen.— Guſtav's Wilh. v. Roſen. 2 Th E * —— 1 3 — S— ——— 66 ————— aber ſchon eine edlere Wahl getroffen— vor Ra⸗ che gluͤhend, warf ſie ſich in die Arme des alten Fuͤrſten ihres Gemahls— und von der Stunde ihrer Vermaͤhlung bis auf den Tag, wo Adolph die Regierung antrat, ließ ſie keine Gelegenheit⸗ wo Hader und Zwietracht konnte geſtiftet werden, unbenuzt voruͤber gehen. Der mindermaͤchtige Guſtav, der ſogar mehrere Lehne von ſeinen Nach⸗ barn zu empfangen hatte, wurde auf alle nur er⸗ ſinnliche Art gekraͤnkt und gedemuͤthigt— und wer bey ihr gut angeſchrleben ſeyn wollte, konnte nichts zweckmaͤßlgeres thun, als ihr bey dieſem elenden Geſchaͤfte behuͤlflich zu ſeyn. Dle Ankunft des Herrn von Raßdorf gab Anlaß zu einem Auftritt zwiſchen ihr und ihrem Sohne, wo ſie nun endlich einſah, daß ihre Herrſchaft mit ih⸗ rem Gemahl zu Grabe gegangen war. Adolph durch Doͤrner und Leiger beſſer unterrichtet, er⸗ klärte ihr erſt in gemaͤßigten, dann, als ſie's übertrieb, in derben Ausdruͤcken, daß er ernſtlich geſonnen ſey, in Friede und Eintracht mit einem Nachbar zu leben, deſſen Freundſchaft er, nach dem allgemeinen Ruf, als ein beſonderes Elck betrachten konnte; und daß allen denjenigen, welche dieſe Geſinnungen nicht mit ihm theilten, es frey ſtuͤnde, ſich zu entfernen.— Es liegt in dem Karakter ſolcher Geſchoͤpfe, eben ſo krie⸗ chend als uͤbermuͤthig zu ſeyn— nachdem es die umſtaͤnde mit ſich bringen.— Die Fuͤrſtin ver⸗ goß jezt Thraͤnen, reichte ihrem Sohne die Hand, 67 und indem ihre Bruſt vor Wuth kochte, hielt ſie ihm mit laͤchelndem Munde eine Lobrede uͤber den Geiſt der Verſoͤhnlichkeit, der ihn in dieſen ſchoͤnen Affekt gebracht haͤtte.. Raßdorf wurde nun, man kannte den ſtren⸗ gen Willen des Fuͤrſten, allgemein auf das lieb⸗ reichſte empfangen; auch verdiente er in jeder Ruͤckſicht jene Beweiſe von Achtung, welche ihm zum Theil an dieſem Hofe nur auf hohen Befehl gegeben wurden. Er verband mit allen treflichen Eigenſchaften, mit jener feinen Bildung, die Wahlberg auszeichnete, weit mehr Welt, Ge⸗ wandtheit, und Humanitaͤt im Umgang. Wahl⸗ berg hatte ſich in ſeiner Studierſtube eine ganz eigene Theorie von Menſchenkenntniß geſammelt. Raßdorf ſchlug einen andern Weg ein, er ſtudier⸗ te den Menſchen ſelbſt, und gieng praktiſch mit ihm zu Werke; er war daher weit nachſichtiger gegen andere, ob er gleich eben ſo ſtrenge gegen ſich ſelbſt war als Wahlberg. Sein gluͤckliches Temperament, die große Ruhe und Heiterkeit ſeiner Seele, jene ſo gluͤckliche Gabe, alles von der ſchoͤnſten Seite anſchaulich zu machen, gaben ihm einen großen bedeutenden Vorzug, in dem geſelligen Umgang, vor ſeinem Freunde. Durch ſeinen Briefwechſel mit Wahlberg, der, wenn er nicht in Leidenſchaft gerieth, ſtets richtig urtheilte, fand er ſich hier wie zu S E 2 68 nur in Anſehung der Hauptperſon, des Fuͤrſten, fand er augenſcheinliche Partheylichkeit, und be⸗ nuzte daher ſeines Freundes Briefe uur als ei⸗ nen Leitfaden, der ihn zu eigenen Bemerkungen fuhren ſollte. Daß er ſogleich ſein Augenmerk auf Wilhelminen richtete, iſt leicht zu begreifen — er beobachtete ſie genau, und trotz dem all⸗ gemeinen zweydeutigen Ruf, den Eberhorſt treu⸗ lich zu verbreiten half, fand er, daß Wilhelmine ein ſehr edles, aber auch ſehr verkanntes Maͤd⸗ chen ſey. Roßdorf mußte hier von Amtswegen zu gefallen ſuchen, und es gluͤckte ihm vollkom⸗ men. Seine edle Freymuͤthigkeit erweckte Zu⸗ trauen. Seine Talente, die er mit einer wah⸗ ven Koquetterie zu benutzen wußte, machten ihn intereſſant, und ſeine reellen Verdlenſte erweckten Ehrfurcht. Adolph, der, einige wenige helle Kopfe ausgenommen, von guten Alltagsmenſchen. oder elenden Schmeichlern umgeben, und leider (es war Plan von der hochklugen Frau Mutter) von Jugend auf an nichts beſſeres gewohnt war, ſah mit innigem Entzuͤcken, daß hier ſeine poli⸗ tiſchen Abſichten mit der Neigung ſeines Herzens genau übereinſtimmten.— Der gute edle Juͤng⸗ ling ſchmiegte ſich mit liebenswuͤrdiger Aengſtlich⸗ keit an den großen Mann an, und in kurzen hatte er ihm ſein ganzes Zutrauen geſchenkt. Daß die Furſtin Mutter alles nur mogliche that, um dieſen ſchonen Bund nicht zur Reiſe kommen zu laſſen, und als das nicht gehen wollte⸗ daß ſie 69 ihre ſaͤmmtlichen, lelder aber veralteten Kunſt⸗ griffe hervorſuchte, um Raßdorf an ſich zu ziehen, verſteht ſich von ſelbſt. Aber ihr Ruf war zu ſehr verbreitet, und auch Raßdorf hatte ihr be⸗ reits ſchon zu tlef in die Karte geſehen, um nur einen Augenblick in der Wahl ſeiner Rolle verle⸗ gen zu ſeyn.— Er bezahlte ſie mit ihrer eige⸗ nen Muͤnze, und lleß ſich taͤndelnd und ſcherzend mit ihr in einen Kampf ein, den er mit vieler Kunſt fortſezte, bis er ſich in das Vertrauen ih⸗ res Sohns ganz feſtgeſezt hatte: alsdenn zog er ſich hoflich und in der Stille zuruͤck, ohne den Ton eines Siegers, oder die demuͤthige Miene elnes Ueberwundenen anzunehmen. Durch Adolph ſelbſt erfuhr er ſelne Vechaͤlt⸗ niſſe mit Wilhelminen: dieſe treue Erzaͤhlung gab ihm volles Licht, und ſo las er in der Seele des Maͤdchens, ohne es beinahe geſprochen zu haben. Nun lernte er Wilhelminen naͤher kennen. Wahl⸗ berg hatte ihr viel von ihm geſprochen, ſie wuß⸗ te, daß er ſein Jugendfreund, und ſein einziger Vertrauter war. Sie glaubte gewiß, daß er auch ihre gegenwaͤrtigen Verhaͤltniſſe mit ihm kannte, und nahm ſich vor, auch nicht einmal ſeinen Namen in ſeiner Gegenwart zu nennen. — Kann Raßdorf, dachte ſie, etwas zu ſeines Freundes Rechtfertigung ſagen, ſo iſt es Pflicht der Freundſchaft, die ein ſo edler Mann nicht vernachlaͤſſigen wird— ſchweigt er aber ſiill, 70 ſo hat er eben dadurch Wahlbergs Urtheil unwi⸗ derruflich geſprochen.— Eine gewiſſe Kaͤlte und unangenehme Spannung war in den erſten Tagen ihres Umgangs, eine ganz natuͤrliche Folge dieſes Entſchluſſes. Wenn Raßdorf nicht ſo genau durch Adolph ſelbſt waͤre unterrichtet geweſen, ſo haͤtte dies abermals Anlaß zu Miß⸗ verſtaͤndniſſen gegeben. Sie weiß, daß ich Wahl⸗ bergs Freund bin, und iſt dennoch kalt und ver⸗ legen mit mir— ſie iſt ſich alſo ihrer Schuld bewußt!— aber Raßdorf wußte, daß ſie Adolphs phantaſtiſche Liebe mit der zarteſten Schonung be⸗ handelte, daß ſie, ohne ihm die geringſte Hoff⸗ nung zu geben, ihn denuoch unumſchraͤnkt be⸗ herrſchte— dies iſt die wahre Herrſchaft der Tugend— ſagte er, ihre Znruͤckhaltung das Ge⸗ fuͤhl der unverdlenten Kraͤnkung— es iſt Pflicht hier zuvor zu kommen. Die Gelegenhelt dazu fand ſich bald— Raß⸗ dorf, der ſo manches mit Wahlberg gemein hat⸗ te, mußte dem Herrn von Dorner, der ſeinen jungen Antagoniſten im Schachſpiel immer noch nicht vergeſſen konnte, nothwendig gefallen, und ob er gleich uͤberzeugt war, daß er ein Heuchler, und daß ſelne Mine hoͤchſt ungluͤcklich mit ihm geworden waͤre, ſo ſprach er doch zuweilen noch mit Ruͤhrung von den frohen Stunden, die er in ſeinem Umgang zugebracht hatte. Eines Abends als er mit Raßdorf am Schaͤchbret ſaß, machte 71 dieſer einen ſehr brillanten Zug, und ſagte dabey ganz unbefangen— Mit dieſem Zug habe ich dfters melnen guten Wahlberg aus ſeinem Phleg⸗ ma gebracht!— Wie? Wahlberg? kennen ſie den ſaubern Vogel.— Mein beſter Freund! ſollt' ich Euer Excellenz noch nie von ihm ge⸗ ſprochen haben?— Noch nie.— Ich hoffte ihn hier anzutreffen, hore aber, er ſey auf Reiſen gegangen.— Eine ſchdne Reiſe!... und Herr von Doͤrner erzaͤhlte ihm die verfaͤlſchte Geſchichte der Fraͤuleln von Ellerfeld. Wilhelmlne ſaß zwar ganz ruhig an ihret Arbeit, aber Raßdorf konnte durch den Splegel bemerken, wie ſehr dieſe Er⸗ zaͤhlung das gute Maͤdchen angriff. Der Oheim gleng welter; nachdem er ſein Minchen einen Augenblick mit Ruͤhrung angeſehen hatte, fieng er an von den Verhaͤltniſſen zu erzaͤhlen, in de⸗ nen Wahlberg mit ſeinem Hauſe geſtanden hatte, und Raßdorf hatte nun volles Licht.— Eine ſchonere Auſſenſeite habe ich noch bey keinem groſ⸗ ſeren Heuchler angetoffen; aber Gottlob daß ſich die Sache ſo endigte, nicht wahr Mlne?— Ach laſſen ſie das, lieber Oheim! erwiderte ſie mit zitternder Stimme, und erdruͤckte eine Thraͤ⸗ ne, die gewaltſam hervor quoll.— Raßdorf war tief bewegt, er ſtand auf, und indem er eh⸗ rerbletig Wilhelminens Hand ergriff— Gnadi⸗ ges Fraͤuleln! mein Freund Wahlberg iſt kein Heuchler, das kann ich ihnen bey allem, was heilig iſt, betheuern.— Was ſagen ſie da? rief Herr von Doͤrner, und die liederliche Dirne — Dieſe Geſchichte betrachte ich als eine der ſchoͤnſten Handlungen ſeines Lebens.— Wil⸗ helmine blickte ihn ſcharf an— ja, mein gnaͤ⸗ biges Fraͤulein, haͤtten ſie den Brief, in dem er ihnen den ganzen Vorfall umſtaͤndlich mittheilte, nicht unerbrochen zuruͤck geſchickt, waͤre er nicht zweymal an ihrer Thuͤre abgewieſen worden.. — Das iſt nicht, Herr von Raßdorf, glauben ſie mir, auch ſie hat er belogen.— Zuverlaͤſſig nicht, Euer Excellenz! wenn auch Wahlberg kei⸗ ne andere gute Eigenſchaft beſaͤße, ſo iſt er wahr, oft nur zu ſtreng wahr!.. und indem er ſeine Hand mit feyerlichem Anſtand auf die Bruſt legte — bey Gott! Wahlberg hat in ſeinem Leben mit Vorſatz keine Luge geſagt ich kenne ihn wie mich ſelbſt— mein Freund iſt ein ſehr edler Mann!— Aber die Geſchichte? wiederhohlte Herr von Doͤrner etwas heftig.— Iſt ihrer Entwickelung nahe ich koͤnnte Euer Excellenz mit wenig Worten den Irrthum benehmen; ich wuͤrde aber meinem Freunde den ſuͤßeſten Lohn fuͤr die edelſte That mit rauben— ich ſehe nun ein, daß auch Wahlberg ſich Vorwuͤrfe zu ma⸗ chen hat; er ſoll an mir einen ſtrengen Richter finden— aber glauben ſie mir, Fraͤulein, ſeine kuͤnftige Gattin bleibt demungeachtet in meinen Augen ein beneidenswuͤrdiges Welb.— Seine kuͤnftige Gattin? frug ſchuͤchtern Wilhelmine; tſt denn Herr von Wahlberg nicht bereits ſchon 73 verheyrathet?— Raßdorf kuͤßte ihr laͤchelnd die Hand und ſagte:— Ich kenne nur eine Hand, die meinen Freund gluͤcklich machen kann! — Es kam Beſuch, und Raßdorf, der nun ge⸗ nug erfahren hatte, ſah ſich mit Vergnuͤgen ei⸗ ner weitern Erklaͤrung, die er vor der Hand doch nicht geben wollte, uͤberhoben. Auch Willhelmine hatte in ſeinen Augen eine kleine Strafe ver⸗ dient; ſo ganz verſchont ſollte ſie nicht durch⸗ kommen. Bey Adolph koſtete es ihm hingegen unbe⸗ ſchreiblich viel Muͤhe und Kunſtaufwand; er haͤtte ſich's freilich weit gemaͤchlicher machen koͤnnen, wenn er mit Wilhelminen eilnverſtanden, von doppelter Seite auf ihn haͤtte wirken wollen; doch dies war ſeinem Plan zuwider.— Wilhelmine ſollte ungeſidrt ihrem Gefuͤhl folgen, und nichts ſollte in der freyen Ausuͤbung ihrer moraliſchen Kraͤfte das ſtolze Bewußtſeyn ihrer hohen Weib⸗ lichkeit in ihr ſchwaͤchen. Der Wink, den er ihr in Anſehung Wahlbergs gegeben hatte, war hinlaͤnglich, wenn ſie ihn noch liebte, und im Fall ſie wirklich aufgehort haͤtte ihn zu lieben, ſo waren auch dieſe wenigen Worte ſchon Strafe ge⸗ nug fuͤr ein Maͤdchen wie Wilhelmine; in dieſer bitterſuͤßen, ahnungsvollen Ungewißheit ſollte ſie alſo in jedem Falle vor der Hand bleiben. Ge⸗ ſezt auch, er waͤre uͤber alle ſonſtige Bedenklich⸗ keiten hinaus gegangen, ſo haͤtte Adolph, der 74 ſchon mit grenzenloſem Zutrauen an ihm hieng, der alle Falten ſeines Herzens ihm aufgedeckt hat⸗ te, und mit Falkenblicken Wilhelminen huͤtete, ſehr leicht Mißtrauen ſchoͤpfen kdnnen.— Adolph war zwar nichts weniger als zum Mißtrauen ge⸗ neigt, indeß hat die unruhige Liebe ein ſcharfes Auge; und Wilhelminen konnte man es anſehen, daß ſie nichts weniger als eine Meiſterin in der Verſtellungskunſt war. Adolphs romantiſche Liebe forderte Schonung; noch war ſie mehr Schwaͤrmerey des Junglings als Leidenſchaft. Wilhelmine hatte ſich bis jezt aͤußerſt ungeſchickt benommen, um den guten Adolph von dieſer Krankhelt ſelner Einbildungs⸗ kraft zu heilen; ſie hatte ſich ſogar dabey einer Gefahr ausgeſezt, die ſie nicht einmal ahnte, denn waͤre Adolph Eberhorſts Winken gefolgt⸗ haͤtte er ſie verſtanden, und Sinn dafuͤr gehabt, ſo waͤre Wilhelmine— doch der hohe Genius der Tugend wachte diesmal uͤber beide Nachdem Raßborf alles reiflich uberlegt hat⸗ te, fand er, daß auch hier der geradeſte einfach⸗ ſte Weg der beſte ſey. Er erzaͤhlte dem Fuͤrſten von Wllhelminens fruherer Liebe ſo viel, als nd⸗ thig war.— Dies alles hatte Adolph aus ih⸗ rem eigenen Munde freilich ſchon gehort; aber nicht ſo.. Raßdorf zergliederte ihm jeden Um⸗ ſtand, ſtellte ihm jeden Vorfall in ſein wahres Licht, und loſte ihm endlich das Räͤzel in Anſe⸗ — 75 hung der ſo hoshaft verhunzten Geſchichte der Fraͤulein von Ellerfeld; er verſchwieg ihm in⸗ deſſen ihren Namen, auch Eberhorſten nannte er nicht, ſeine zarte Freundſchaft wollte hier dem Helden der Geſchichte nicht vorgreifen— indeſſen erſuchte er den Fuͤrſten, dieſe abſcheuliche Geſchichte, fuͤr deren Wahrheit er ſich verbuͤrgte, nicht zu vergeſſen. von Raßdorf. Nach dem allen will ich's Euer Durchlaucht uͤberkaſſen zu urtheilen, ob ſolche Herzen je getrenut werden koͤnnen? ob dies Misverſtaͤndniß, das ich ja, gnaͤdigſter Herr! ich ſelbſt werde es loſen. Adolph.(heftig) Raßdorf! um's Him⸗ mels willen! und das ſagen ſie mir mir! von Raßdorf. Ihnen, mein Fuͤrſt! und dies offene Geſtaͤndniß ſey ihnen der untrug⸗ lichſte Beweis meiner graͤnzenloſen Achtung.— Adolph. Sie lieben mich weniger als die⸗ ſen gluͤcklichen Wahlberg! von Raß dorf. Er iſt der Freund meiner Jugend! kein Opfer waͤre mir fuͤr ihn zu ſchwer muͤßte ihn aber Wilhelmine einer fruͤhern Liebe aufopfern, einer Liebe, welche Vernunft, Pflicht, und ſelbſt die Tugend billigte; koͤnnte ſie durch ein ungluͤckliches Mißverſtaͤndniß verblen⸗ det, ſich zu dieſem Opfer verſtehen, und ich waͤ⸗ 26 re im Stande ihr den ungluͤcklichen Irrthum zu benehmen, ſo wuͤrde ich meinem Freunde ſagen — verdlene ſie durch Entſagung! und Wilhel⸗ wine ruhte eine Stunde darauf in den Armen ih⸗ res verkannten Geliebten! Adolph. Und ſie wuͤrden den B i in des Freundes Bruſt geſtoßen haben! von Raßdorf. Er waͤre meln Freund nicht mehr, wenn das Bewußtſeyn, gerecht und edel gehandelt zu haben, die unmaͤunliche Thra⸗ ne in ſeinem Auge nicht ſchnell trocknete.— Adolph. Harter Mann! ſie kennen die Llebe nicht! von Raß dorf. Und wenn das Maͤd⸗ chen nicht ſchon eine fruͤhere Liebe im Buſen naͤhrte, wenn Ihre Zuneigung zu ihr nicht zwey Herzen zu trennen drohte, die fuͤr einan⸗ der beſtimmt ſind, wenn Wilhelmine hintergan⸗ gen, verblendet„ Adolph.(empfindlich) Raßburf: von Raßdorf. Beſter Fuͤrſt! ich ver⸗ diente weder ihre Achtu⸗g noch ihr Zutrauen, wenn ich hier meine Worte auf die truͤgeriſche Waagſchale einer kalten bedachtſamen Hofklugheit legen wollte.— Was wollen ſie von dem Maͤd⸗ chen? Gegenliebe!— ſie wuͤrde das Grab ihrer Tugend ſeyn, und mit ihr verſchwindet der höch⸗ 27 ſte Reiz der Liebe ohne dieſe iſt ſie weiter nichts, als die gefaͤhrlichſte aller Leidenſchaften, die in den Armen jeder uͤppigen Opertaͤnzerin be⸗ friedigt werden kann!— Wenn ſie aber das Maͤdchen wahrhaft lieben— und wahre Liebe iſt nicht eigennuͤtzig!— ſo beſchwore ich ſie, die nothwendigen Folgen einer ſolchen Verbindung zu uͤberlegen.— Wir wollen einen Augenblick zugeben, daß Wilhelmine uͤber die vermeintliche Untreue ihres Wahlbergs erbittert, von dem Glanze der Krone verblendet, der Verfuͤhrung ihres Herzens unterliegend, dem ſchoͤnen, liebe⸗ gluͤhenden, um Liebe flehenden fuͤrſtlichen Juͤng⸗ ling, in einer ſchwachen Stunde, endlich in die Arme ſaͤnke— was wuͤrde die Folge dieſes un⸗ gluͤcklichen Augenblicks ſeyn? Adolph. Das Gluͤck meines Lebens! von Raßdorf. Glauben ſie das nicht! und wenn auch ihr Herz jezt mit tauſend Stim⸗ men es ihnen laut ſagte, ſo glauben ſie's nicht, mein Fuͤrſt! Wir wollen auch das ungluckliche Opſfer einer blinden Leidenſchaft einen Augenblick auf die Seite ſetzen— wir wollen vergeſſen, daß ein Maͤdchen wie Wilhelmine eine ſolche ſchwache Stunde entweder nicht lange uͤberleben, oder in Thraͤnen und Verzweiflung dahin welken wuͤrde— nur auf ſie ſelbſt, theuerſter Fuͤrſt! will ich jezt Ruͤckſicht nehmen.— Das Gläck der Liebe iſt, auf dem Throne, ſo wie in der . Huͤtte, von der Tugend unzertrennlich. Wahre Liebe, es kann nicht genug wiederhohlt werden, iſt auf Tugend gegruͤndet, ſonſt iſt ſie nichts als ein gefaͤhrlicher Rauſch, eine Schwelgerey der Sinnen, ſie dringt nicht in's Herz, das nur durch die polirte Phantaſie leicht erwaͤrmte, eben ſo ſchnell erkaltet. Reue, Schaam, und fuͤr einen edlen Menſchen, das ſo hoͤchſt demuͤthigende Be⸗ wußtſeyn einer unverzeihlichen Schwachheit, fol⸗ gen unmittelbar nach. Sie moͤgen auch dieſer Verirrung den ſchoͤnſten Namen geben, ſie moͤgen immerhin den glaͤnzenden Mantel der modernen Phlloſophie daruͤber werfen, die Wahrheit, ihr eigenes Gewiſſen, die Natur, ja, die Natur ſelbſt enthuͤllen allmaͤhlig dies ſcheußliche Gerippe, und ſchon in wenig Monden vielleicht iſt das jezt angebetete Maͤdchen in ihren Augen weiter nichts mehr⸗ als eine gemeine Buhlerin. Adolph. Raßdorf! ich birte ſie Wilhel⸗ mine?— nein, nein! ſie uͤbertreiben Der partheyiſche Freund ſpricht aus ihnen— ich durchblicke ihren Plan!— ſie verkennen mich mit Fleiß— ſie wollen mir Wilhelminen ent⸗ reiſſen.— Wilhelmine eine Buhlerin! das en⸗ gelreine Maͤdchen!.. Nie werden Wilhelmine und Adolph ſo tief ſuken⸗. von Raßdorf. und was wollen ſie mit ihr?— Fraͤulein von Roſen kann nie die Ge⸗ 29 mahlin des Fuͤrſten Adolph werden— was ſoll ſie ſonſt werden? Adolph. Ewig bleiben was ſie iſt— meine Freundin! meine beſte, meine einzige Freundin! von Raßdoarf. Das kann ſie auch als Gattin eines wuͤrdigen Mannes bleiben! Adolph. Wilhelmine in den Armen eines andern von Raßdorf. Ihre Freundſchaft wird dadurch veredelt, jezt iſt ſie zweydeutig.— Adolph. Grauſamer Menſch! ich habe ſie fuͤr meinen Freund gehalten? von Raßdorf. Wuͤrde ich ihnen die Wahrheit ſagen, wenn ich's nicht waͤre? Adolph. Ich habe mich ſchrecklich ge⸗ taͤuſcht— ich haͤtte nicht vergeſſen ſollen, daß Fuͤrſten keine Freunde haben.— Was liegt dem Herrn von Raßdorf daran, ob der Fuͤrſt eines ihm fremden Landes ſeine Tage einſam vertrauert, der liſtige hat ſeinem Freund eine Geliebte exhal⸗ ten, er laͤßt anſpannen und lacht, im nach Hauſe fahren, den gutmuͤthigen Thoren aus.— von Raßdorf.(mit Wuͤrde) Ihro Durch⸗ laucht haben mir Dienſte angeboten, ich mußte aus Ruͤckſichten, aus hoͤchſt wichtigen Gruͤnden, 80 die nochſ beſtehen, dieſe Gnade von mir abweiſen — dies unverdiente Mistrauen hebt bei mir nun alle Bedenklichkeiten, jezt bitte ch um Dienſt! Adolph.(ihn umarmend) Vergeben ſi ſe mir Freund! ich war unbillig; aber bey Gott! ſie for⸗ dern zu viel von mir! von Raßdorf. Der edle gerechte Adolph wird einſt dieſe Stunde ſegnen! Ado 1p h. Die bitterſte meines Lebens! von Raßdorf. Und die ſchonſte! Adolph. Cgeht nachdenkend, mit ſich ſelbſt kaͤmpfend, auf und ab, endlich bleibt er vor Wilhelmi⸗ nens Portrait, das uͤber ſeinem Schreibtiſch haͤngt, ſte⸗ hen; und nachdem er es mit tiefer Wehmuth eine Zeit lang betrachtet) Wilhelmine! dich wollen ſie aus meinem Herzen reiſſen!.. von Raßdorf. Nein, meln Fuͤrſt! nie ſollen ſie der Freundin entſagen.— Wilhelwine, ihr Wahlberg, und ich— ja wir werden dem ſchaͤndlichen Glauben ein Ende machen, daß Fuͤr⸗ ſten keine wahren Freunde haben— nur Fuͤrſten, die keine Liebe ſuchen, die keine Liebe wollen, fin⸗ den alle Herzen verſchloſſen.— und einem edlen Herzen iſt kein Opfer zu groß, das es der Tu⸗ gend bringt!— 871 Adolph. Soll ich denn, well ich eine Krone trage, dem Gluͤck der Liebe auf ewig ent⸗ ſagen— ſoll unter dieſer Krone mein Herz zu Stein werden— und ich der einzige freudenloſe Mann in meinem Lande ſeyn? von Raßdorf. Wer koͤnnte das wollen? — nein, theuerſter Fuͤrſt! ſie ſollen Gatte, Vater werden— ſie ſollen das ganze haͤusliche Gluͤck in vollem Maaße genießen, denn erſt an der Wiege ſeines Erſtgebohrnen lernt ein Fuͤrſt auch Vater ſeiner Unterthanen ſeyn.— Der Fuͤrſt, der aus den Armen einer treuen geliebten Gattin in den Staatsrath eilt, kann nicht an⸗ ders als menſchlich regieren.— Der Hageſtolze ſollte, wie der Giftbaum, ewig iſolirt bleiben— aber giebt es denn nicht in Deutſchland noch Fuͤr⸗ ſtentoͤchter genug, die. Adolph.(bitter) Kinder der ſteifen Etiquet⸗ te, die der leidigen Convenienz ihr jammervolles Daſeyn verdanken, und hoͤchſtens nur an Galla⸗ und Geburtstaͤgen an der Mutter kalten mit Bril⸗ lanten bedeckten Bruſt eine Sekunde ruhen duͤr⸗ fen— o ja! dergleichen giebts noch viele ſie ſtehen uns alle zur Schau ausgeſtellt, wie auf dem Weihnachtsmarkt die Nuͤrnberger Puppen — wir duͤrfen nur darnach greifen, ſie folgen blindlings ihrem Kaͤufer in's kalte furſtliche Ehe⸗ bett, und werden— was ihre Muͤtter ſind.— Wilh. v. Roſen 2 Th. 5 — 32 von Raßdorf. Mitleiden, nicht Spott, unſer innigſtes Mitleiden verdienen dieſe Ungluͤck⸗ lichen!— aber giebt es nicht wenigſtens noch eine Louiſe*) unter den vielen, die auf dem Throne wie in der Huͤtte ihren Mann beglucken wuͤrde, und der Menſchhelt zum Stolze bemerkt zu werden verdiente? Adolph.(immer noch im Anſchauen des Por⸗ traits verſunken) Es giebt nur eine Wilhelmine! von Raßdorf. Und doch!— Cer zieht ein Miniatur⸗Gemählde hervor) unter dieſem jugend⸗ lichen Buſen ſchlaͤgt ein Herz, das eine ganze Welt begluͤcken konnte.— Dies Auge voll Sauft⸗ muth und Guͤte iſt der treue Spiegel ihrer See⸗ le— Thraͤnen des Wohlwollens, der Menſch⸗ lichkeit nach ausgetheilten Wohlthaten floſſen df⸗ ters ſchon uͤber dieſe bluͤhenden Wangen bey der herzlichen Ergießung des begluͤckten Elenden.. und nie dfnete ſich dieſer Mund ohne Freude oder Troſt zu geben, ohne Bewunderung und Liebe einzufloßen.— Wilhelmine ſelbſt wuͤrde ihr, ſo wie dieſe Wilhelminen den Vorzug einraumen — und es waͤre eine ſchoͤne uͤbertriebene Beſchei⸗ denheit von beiden, denn noch nie hatte die Na⸗ tur zwey ſich aͤhnlichere Meiſterſtuͤcke erſchaffen. *) Die Preußens Thron ziert, und ſeinen menſchli⸗ chen Beherrſcher begluͤckt., wem brauche ich Die⸗ ſe zn nennen? Adolph. e(der erſt einen gleichgultigen Blick auf das Gemaͤhlde geworfen hat, und es jezt genauer betrachtet) Wer iſt dieſe Unbekannte?(lebhafter) ſagen ſie mir Raßdorf... von Raßdorf. Jezt nicht, mein Fuͤrſt! ſie ſollen ſie ſehen— ſie ſollen ſie ſprechen— jezt iſt aber der Augenblick nicht.— Adolph. Cempfindlich) Ich glaube bei⸗ nahe, ſie wollen meiner ganz natuͤrlichen Fra⸗ ge mehr Wichtigkelt geben, als ich ihr ſelbſt beilege(indem er ihm das Gemählde zurück giebt) ich uͤberhebe ſie der Muͤhe darauf zu antworten— ich habe das Geheimnißvolle nie leiden konnen, beſonders bey Kleinigkeiten—(er will gehen.) von Raßdorf. Noch eine Bitte, gn⸗ digſter Herr! Adolph.(bleibt ſtehen, und ſieht ihn ſorſchend und mistrauiſch an.) von Raßdorf. Doch nein! Euer Durch⸗ laucht ſind in dieſem Augenblick nicht in der Stimmung einen muntern Einfall einen Vorſchlag. der. nein, ſie wuͤrden mich kin⸗ diſch finden, und ich verfehlte meinen Ent⸗ zweck Adolph.(freundlic) Reden ſie Raßdorf! — ich weis zu ſchaͤtzen was von ihnen kommt 5 2 K. „ob ſie gleich zuweilen doch(ihm die Hand reichend) ſie ſollen jezt reden„* 5 von Raßdorf.(launig) Ich behaupte, daß meine Unbekannte Wilhelminen weder an Vorzuͤgen des Geiſtes, noch an korperlichen Rei⸗ zen nachſteht; ganz natuͤrlich daß ihre Durchlaucht meine Behauptung ubertrieben— vielleicht ſogar beleidigend finden— ich bin aber ein eigenſin⸗ niger Menſch, der, wo er Recht zu haben waͤhnt, ungerne Widerſpruch leidet.— Wie nun, gnaͤ⸗ digſter Herr! wenn ſie ſich mit eigenen Augen uͤberzeugten?— wenn„ Adolph.(chelnd) Wie kann ich das? von Raßdorf. Auf die natuͤrlichſte Art von der Welt— meine Unbekannte, ihr Name iſt Auguſte, bewohnt mit ihrer Mutter und ih⸗ rem Bruder ein altes Schloß auf der Grenze— es iſt ungefaͤhr eine Tagereiſe bis dahin— dieſe wuͤrdige Familie beehrt mich mit ihrer Freund⸗ ſchaft— wie nun, wenn ihre Durchlaucht un⸗ ter einem erborgten Namen dieſen kleinen Ritter⸗ zug mit mir wagten, ich ſtehe für den freund⸗ ſchaftlichſten Empfang! Adolph.(nachdenkend) Wahrlich ſie ſind ein ſonderbarer Menſch Raßdorf!— wo in al⸗ ler Welt ſoll das hinfuͤhren.— von Raßdorf. gum Bewels daß ich Recht habe! 35 Adolph. Nun ja— wir wollen dieſen Ritterzug machen(mit einem Blick auf Wilhelminens Portrait) ich habe ohnehin Zerſtreuung nothig! von Raßdorf. Caͤußerſt munter) Bevor zwey Monden vergehen— ich verſtehe mich ein wenig aufs prophezeyen, gnädigſter Herr! ſo haͤngt Auguſte hier neben Wilhelminen„ Raßdorf traf nun alle erforderlichen Anſtalten, und einige Tage darauf ſaß er mit Adolph, der den Namen Wieſenau angenommen hatte, zu Pferde, ohne alle andere Begleltung, als des alten treuen Leibhuſaren ſeines Vaters. Dieſe kleine Reiſe kam dem guten Raßdorf um ſo erwuͤnſchter, da er ſeit dem Tage, wo er dem Miniſter eine ſo beſtimmte Erklaͤrung wegen Wahlbergen gegeben hatte, ſeine liebe Noth mit dem heftigen Manne und ſeiner erwartungsvollen Nichte hatte. Der Alte wollte mehr heraus pol⸗ tern, und das liebende Maͤdchen mehr erſchmei⸗ cheln, als er vor der Hand zu ſagen Willens war. Folgender Brlef, den er am Tage vor feiner Abreiſe erhielt, uͤberzeugte ihn nun, daß er in jeder Ruͤckſicht klug gehandelt hatte, weder den freundſchaftlichen Vorwuͤrfen, noch Wilhelminens ſanften Klagen nachzugeben. Der Obriſi von Ellerfeld an Herrn von Raßdorf. Ein guter Engel gab ihnen den Gedanken ein! vielleicht iſt noch Rettung moͤglich.— Wahlberg iſt ſchwer verwundet, er ſchwebt zw⸗ ſchen Leben und Tod; ich kann ihnen nichts gewiſſes ſagen, bis der erſte Verband abge⸗ nommen iſt... Moͤge der Allgutige uns Ret⸗ tung ſenden, ich bin der Verzweiflung nahe!. Jenny iſt ganz außer Gefahr; die Doſis war nlcht ſtark genug, und das Gegengift that gleich ſeine Wirkung— aber dies alles ſchreibe ich ſo bunt durch einander, als es in meinem Kopfe ſteht— ich muß die Feder niederlegen, bis der Feldſcheer wieder da geweſen iſt, ſonſt geht es nicht.— Lieber Herr von Raßdorf! ich habe manchen guten Freund und Waffen⸗ bruder an meiner Seite fallen und ſterben ſe⸗ hen— aber dieſen braven jungen Mann„ nein, nein! es wuͤrde mir ſelbſt das Leben ko⸗ ſten!„ Der Feldſcheer iſt da geweſen, und hat ihn friſch verbunden„ er hofft, kann aber noch nichts beſtimmtes verſprechen; es kommt auf dle⸗ ſe Nacht an Da ſizt Jenny vor ſeinem Bette, wie das trauernde Weib an dem marmornen Grab⸗ mahl in der Wieſenau⸗*) Inſel,„ Ich will * Adolphluſt 87 nun verſuchen, ob ich Ihnen dieſe ſchreckliche Geſchichte zuſammenhaͤngend erzaͤhlen kann ich zweifle ſehr. Sie hatten Recht, dieſer William Morti⸗ mer war niemand anders als ihr Harriſon.— Wahlbergen ſcheint er nicht erkannt zu haben— ſein ſogenanntes Welb iſt eine Schauſpielerin, mit der er ſchon ſeit mehrern Jahren lebt; Jenny, eine arme Wayſe, die er gleichfalls ſchaͤndlich betrog. Er machte in Briſtol ihre Bekanntſchaft, ſie weinte gerade am Sarge ei⸗ ner Wohlthaͤterin, die ihre einzige Stuͤtze auf Erden war— er gab ſich dem unerfahrnen Maͤdchen, das ſich in dieſem Augenblick an ei⸗ nem Strohhalm gehalten haͤtte, fuͤr einen rei⸗ chen Lord aus; ſagte ihr, er ſey im Begriff mit ſeiner Gemahlin nach dem Kontinent zu reiſen, und bot ihr bey lezterer die Stelle einer Geſellſchafterin an. Erſt in Altona bemerkte das arme Maͤdchen in weſſen Haͤnde ſie ge⸗ fallen ſey! der Niedertraͤchtige machte nun auch kein Geheimniß mehr aus ſeinen Abſichten mit ihr, ſie ſollte ihm nemlich zum Lockvogel fuͤr jun⸗ ge reiche Wolluͤſtlinge dienen, und ihm das Aus⸗ pluͤndern gemaͤchlicher machen. Das arme Find kann die Mlshandlungen nicht ſchrecklich genug beſchreiben, denen es ausgeſezt wurde, als es ihm beſtimmt erklaͤrte, daß es ſich nie zu dieſer ſchaͤndlichen Rolle verſtehen woͤrde— er habe 88 —— ſogar mit Gift und Dolch gedroht.— Was ſoll⸗ te das ungluͤckliche, von allen Menſchen verlaſ⸗ ſene Geſchoͤpf in einem Lande anfangen, deſſen Sprache es nicht einmal verſtand. ſie ſchwieg, verhielt ſich leidend, mit dem feſten Vorſatz, bey der erſten ſchicklichen Gelegenheit zu entweichen; aber dies war ſchwer, denn William vermied alle Bekanntſchaften mit ſeinen Landsleuten— meh⸗ rere kleine Geſchichten, die ſchon anfiengen Ver⸗ dacht gegen ihn zu erregen, hatten ihn gezwun⸗ gen Holland zu verlaſſen— er fluͤchtete nach Altona.— Wahlberg kam ihm in den Wurf— und da er ihn nicht zum Spielen bringen konnte, ſo war es ſchon beſchloſſen, ihn auf elne andere Art zu pluͤndern. Harriſon hatte gleich bemerkt, daß unſer arme Freund einen ungewoͤhnlichen Eindruck auf Jenny gemacht hatte; er that ihr daher den Vorſchlag, daß wenn ſie ihm zu einer gewiſſen Summe, welche er ſeiner Angabe nach in dem Augenblick aͤußerſt nothwendig brauchte, verhelfen wollte, er es dahin bringen wuͤrde, daß Wahlberg ſie zur Frau naͤhme.— Jenny, die den ſchreckiichen Menſchen ſchon kannte, und mehrere Proben gehabt hatte, wie weit er es zu treiben im Stande war, ſah, daß nur Liſt, Wahlberg und ſie mit ihm, allein retten konnte — ſie verſprach daher alles, unter der Hand aber gab ſie unſerm zu argloſen Freunde Winke, die er jedoch lelder nicht verſtand— auch ge⸗ ſtand ſie mir errdthend, daß die Furcht, ihn auf 39 immer zu verlieren, wenn ſie ihm alles auf ein⸗ mal, und ohne gehoͤrige Vorbereitung entdeckte, ſie lange zutuͤck gehalten haͤtte. Indeſſen beſtahl ihn Harriſon heimlich, und ließ ſich von ihm mit einer Frechheit, die ihm doch die Augen haͤtte dfnen ſollen, reichlich beſchenken. Aber dies alles gieng dem Schurken zu langſam, er hatte verſpielt, und wußte ſich nicht mehr zu helfen.— Wahlberg war gerade an dem Tage nach Hamburg gefahren, ſein Bedienter, gerade als wenn der treue Kerl Lunte gerochen haͤtte, wich die ganze Zeit nicht aus ſeinem Zimmer. Harriſon wußte, daß er außer anſehnlichen Wech⸗ ſeln, noch einen offenen Creditbrief auf einen Banquier in London hatte, ſeine Hand hatte er bereits ſchon ſo ausſtudirt, daß er ſelbige bis zur hoͤchſten Aehnlichkeit nachmachen konnte. Es wurde nun beſchloſſen, daß die Reiſe⸗Kaleſche ſogleich nach dem naͤchſten Dorfe abfahren ſoll⸗ te— die Frauenzimmer unter dem Vorwand einen Spaziergang zu machen, ſollten bis vor die Stadt mitfahren, und dann zu Fuße wieder kommen; in der Nacht ſollte aber im Ernſt auf⸗ gebrochen werden— ſeine Dirne und Jenny voraus gehen, und er wollte mit Wahlbergs Kaſ⸗ ſette nachkommen. Warum er nicht gleich mit ihnen gehen wollte, konnte Jenny nicht begrel⸗ fen, ſie glaubt aber jezt, daß er anfangs Wil⸗ lens war, ſie beide im Stich zu laſſen, um deſto ſeichter mit ſeinem Raube ſich aus dem Staube * 90 machen zu konnen.— Sie hatte alle Muͤhe, um in der gehoͤrigen Faſſung zu bleiben, und verwuͤnſchte nun ihre aͤngſtliche Bedenklichkeit, die ſie verhindert hatte, Wahlbergen in Zeiten noch alles zu entdecken. Endlich ͤußerte Harri⸗ ſon ſogar den Gedanken, den treuen Bedienten, der zu fruͤh Lermen machen könnte, auf eine gute Art heimlich aus dem Wege zu raͤumen.— Da brach Jenny's unterdruͤckter Unwille aus, ſie machte ihm die bitterſten Vorwuͤrfe und ver⸗ ließ das Zimmer.— Dies fiel den Abend vor, denn ſchon gegen Mittag war die Kaleſche ab⸗ gegangen— jezt ſchlug es Mitternacht.— Chier erzaͤhlt der Obriſt alles, was wir aus Wahlbergs letzten Brief an Raßdorf ſchon erfahren haben.) Sie konnen ſich die Seelenangſt des Maͤdchens denken, als ſie den anderu Morgen zum Fruh⸗ ſtuͤck herunter gieng, und Wahlbergen noch nicht im Zimmer erblickte; Harriſon kam ihr verlegen entgegen und frug ſie äͤngſtlich uber das Aben⸗ theuer dieſer Nacht.— Sie hatte ſich indeſſen ſchon etwas geſammelt, und erzaͤhlte ihm ziemlich unbefangen ein wahrſcheinliches Maͤhrchen.— Er weiß alſo noch nichts? frug er haſtig mit einem durchbohrenden Blick.— Wie konnen ſie nur ſo was fragen? antwortete Jenny laͤchelnd — darauf gab er ſeiner Frau einen Wink, den Jenny damals nicht verſtand. Dieſe ſchenkte ein, 1 V — gleich nach dem Fruͤhſtuͤck empfand ſie Ue⸗ belkeiten, welche ſie als Folgen ihrer heftigen Gemuͤthsbewegungen anſah: ſie gieng daher ganz ruhig in ihr Zimmer zuruͤck, und legte ſich aufs Bett.— Das Uebel nahm aber ſo ſchoell zu, daß ſie bald nichts mehr von ſich wußte. ſo weit Jenny's Erzaͤhlung. Wahlberg war endlich uber das lange Aus⸗ bleiben des Arztes ungeduldig geworden, und ſelbſt gegangen um ihn aufzuſuchen.— Waͤhrend ſei⸗ ner Abweſenheit ſchlich ſich Harriſons treue Ge⸗ huͤlfin zum Hauſe hinaus. Wahlberg traf den Doktor zu Hauſe an, man hatte nicht nach ihm geſchickt.— George—(Wahlbergs Bedienter) war im Zimmer geblieben— der Doktor erklaͤr⸗ te gleich, die Kranke haͤtte Gift bekommen.— Wahlberg ſchrie laut auf— ſtuͤrzte hinunter, durchflog alle Zimmer und fand alles leer.— George muß ſogleich nach einem Reitpferd gehen — der Arzt hatte indeſſen ſchon die gehoͤrigen Huͤlfsmittel holen laſſen— Nur der Kammer⸗ diener des Schurken war ihm gefolgt, derandere Bediente, der aus Altona war, befand ſich noch im Hauſe— er wurde befragt, bedroht, man ſah aber gleich, daß der arme Teufel nichts wußte— nur ſo viel erfuhr man von ihm, daß gleich nachdem Jenny auf ihr Zimmer gegangen war, er ſeiner Frau auf engllſch etwas ge⸗ —ſost hatte, wobon er nur den Namen eines ge⸗ wiſſen nahen Dorfs verſtanden hatte, darauf ſey er gleich aus dem Hauſe gegangen, und nicht wieder gekommen. Kaum hatte Wahlberg den Namen des Dorfs gehort, ſo druͤckte er dem Arzt die Hand, beſchwor ihn bis zu ſeiner Ruͤckkunft bey der Kranken zu bleiben, ſchwang ſich aufs Pferd und flog davon.— Er war ſchon eine gute Stunde fort, als ich anlangte. Sie koͤn⸗ nen ſich leicht einen Begriff machen, wie mir wurde, als ich durch den Arzt und Wahlbergs Bedienten dieſe ſaubere Geſchichte erfuhr. In⸗ deſſen blieb mir alles noch dunkel bis mir Jen⸗ ny erzaͤhlte, was ich Ihnen bereits mitgetheilt habe. Jenny hatte ſich allmaͤhlig erhohlt, aber es dauerte lange, bis ſie vollig wieder zur Be⸗ ſinnung kam— man mußte ihr erzaͤhlen, ſie horte aufmerkſam zu— daß ſie Glft bekommen hatte, ſchien ſie nicht zu verwundern— hat er mich doch ſchon dͤfters damit be⸗ droht! ſagte ſie kalt; als ſie aber horte, daß Wahlberg ihnen nachgeeilt ſey, da ſtieg ihre Angſt fuͤrchterlich, ſie bekam Kraͤmpfe, und der Arzt wurde von neuen fur ihr Leben be⸗ ſorgt. Denken ſie ſich nun meine Lage!.. ich wußte mir nicht zu helfen— endlich entſchloß ich mich— was ich eigentlich haͤtte gleich thun ſollen— den unborſichtigen Waohlberg auf⸗ zuſuchen. Ich ließ anſpannen, nahm den zu⸗ — 93 ruͤck gelaſſenen Bedienten mit, kam in das von ihm genannte Dorf an, ſtieg vor dem Wirths⸗ hauſe ab, trat in die Stube— da lag Wahl⸗ berg auf einem Strohſacke, ohne Bewußtſeyn mit Blut bedeckt, unter der Hand des Dorfba⸗ ders, ringsum neugkerige Bauern— lch ſauk neben ihm nieber, und begieng alle Thorheiten, die nur ein Menſch in einem ſolchen Augenblick begehen kann— er dfnete die Augen, ſah mich an, und fiel dann wieder aus einer Ohnmacht in die andere. Nach langem Fragen erzaͤhlte mir endlich der Wirth, daß er vor einigen Stun⸗ den Carriere ins Dorf hinein geritten ſey, ſich ohne abzuſteigen nach einer Kaleſche erkundigt, die noch nicht lange durchgefahren war, und nachdem er ihm den Weg gewleſen, ſey er wie toll nachgeritten— vor einer halben Stunde haͤtte man ihn am Eingange des Waldes auf der Straße im Blute ſchwimmend gefunden.— Mehr konnte ich nicht erfahren. Ich hatte gleich Huͤlfe aus der Stadt hohlen laſſen— erſt ſpaͤt in der Nacht kamen wir an.— Mehr lieber Mann! kann ich ihnen vor der Hand nicht melden, den andern Morgen um 5 Uhr. Der Kranke hat die ganze Nacht ſchrecklich phantaſirt— er hat ſich mit uns allen beſchaͤf⸗ tigt— doch mit Wilhelminen am meiſten— 4. ſo oft er Jenny's Namen ausſpricht, ſinkt ſie auf die Knie und benezt ſeine Hand mit ihren Thraͤnen.— Das arme Maͤdchen dauert mich. — Sie liebt ihn mehr als es fuͤr ihre kuͤnftige Ruhe gut iſt. Seit einer Stunde iſt er ſanft eingeſchlummert— das Fieber iſt nicht mehr ſo heftig— wenn nur nicht. Der Arzt und der Feldſcheer ſind eben ge⸗ gangen— dieſer Schlummer, der mich ſo ſehr beaͤngſtlgte, war eine Kriſis— die Wunde iſt nicht toͤdtlich— wenn das Fieber nicht wieder ſo heftig kommt, kann er gerettet werden— er hat mich erkannt, und mir die Hand gedruͤckt, Leben Sie wohl!— An der naͤchſigelegenen Grenze, ungefaͤhr ei⸗ ne Tagrelſe von der Reſidenz, dehnt ſich eine Bergkette von Oſten nach Weſten; ein breiter reißender Strom umſchließt dieſe Kette in allen ihren Kruͤmmungen; kleine Doͤrſer, die den ſchma⸗ len Erdſtrich zwiſchen dem Strom und dem Ge⸗ buͤrge einnehmen, und ſich in die Hohe hinauf zlehen, gewaͤhren die mahleriſchſte, freundlichſte Ausſicht. Der Strom macht hier die Grenze. Jenſeits liegt das kleine Fuͤrſtenthum“** Raß⸗ dorfs Vaterland. Eine Bruͤcke fuͤhrt hinuͤber; rechts auf ſchroffen Felſenmaſſen erhebt ſich die — N 95 Kronenburg, ein herrliches Denkmal des Mit⸗ telalters, an dem die Allzerſtoͤrerin ihre Senſe abgeſtumpft zu haben ſcheint. Ein ſchmaler dicht⸗ beſchatteter Fahrweg windet ſich hinauf. Adolph hielt auf der Bruͤcke ſtill, und betrachtete mit Ent⸗ zuͤcken dies majeſtaͤtiſche Gebaͤude mit allen ſeinen Thuͤrmen und Warten, noch im vollen Glanze der ſcheidenden Sonne, indeß breite Schatten das Thal ſchon bedeckten. Ein junger Mann von edler Bildung kam ihnen im Burghof entgegen, und fuͤhrte ſie durch eine Halle, die auf einer Seite mit Gemaͤhlden aus der Vorzeit und mit Ruͤſtungen behangen war, die breite ſteinerne Treppe hinauf— die Saal⸗Thuͤren flogen auf; da ſaß Auguſte neben elner alten ehrwuͤrdigen Matrone, die Raßdorf als einen alten Bekannten freundlich willkommen hieß— auch Auguſte war aufgeſtanden, und hatte ihm holdlaͤchelnd die Hand hingereicht, die er ehrerbietig kuͤßte. Adoph hatte beym er⸗ ſten Blick Raßdorfs Unbekannte in ihr erkannt. Ueberraſchung, Erſtaunen und Entzuͤcken feſſel⸗ ten ſeine Zunge, ſeine Augen ruhten wonnetrun⸗ ken auf der praͤchtigen Auguſte.— Sie bemerkte den Eindruck, den ſie auf ihn machte,(und wo iſt das Maͤdchen, dem eine ſolche Bemerkung entgieng 2) und kam ihm ſanft erroͤthend zuvor. — Ein Freund unſers Raßdorfs, Herr von Wieſenau, kann nicht anders als willkommen — 2——— ———— ſeyn.— Mein erſtes Wort, gnaͤdiges Fraͤulein, erwiderte Adolph, muß eine foͤrmliche Abbitte ſeyn, denn mit dieſer Suͤnde belaſtet, konnte ich auch unter dieſem Dache die Augen nicht ruhig ſch lleßen.— Raßdorf, dein Maler iſt ein Pfu⸗ ſcher!. Dacht' ich's doch, daß ich Recht be⸗ halten wuͤrde! ſagte Raßdorf lachend, und nun erzaͤhlte er, aͤußerſt launig und munter, die Ver⸗ anlaſſung ihres heutigen Beſuchs, jedoch mit allen nothigen Abaͤnderungen, um Adolph weder in Verlegenheit zu ſetzen, noch ihn zu verrathen. — Die Mutter und Auguſtens Brnder ſtimm⸗ ten dieſen ungezwungenen heitern Ton mit an, und bald herrſchte in dieſem frohen Kreis jene reizende Vertraulichkeit, die ofters und nach Jah⸗ ren die ſuͤße Frucht einer gepruͤften Freund⸗ ſchaft iſt. Adolph brachte zwey ganze Tage auf der Kronenburg zu; am Morgen des dritten Ta⸗ ges mußte ihn Raßdorf ſelbſt an die Abreiſe erinnern.— Welch' ein Maͤdchen, dieſe Au⸗ guſte! rief er begeiſtert aus, in dieſem himm⸗ liſchen Koͤrper wohnt die Seele eines Engels ſo einfach, und doch ſo erhaben, ſo viele Talente, und ſo viel Beſcheidenheit, der gebil⸗ detſte Gelſt mit allen Reizen der Unſchuld ge⸗ ſchmuͤckt, und dabey ſo herablaſſend, ſo theil⸗ nehmend, ſo menſchlich., und wie ſie von al⸗ len geliebt iſt!,. Raßdorf! Wilhelmine iſt ein 97 liebes, ſeltenes Maͤdchen; mein Herz blutet bey dem Gedanken, daß ich ihr ewig nur Freund ſeyn ſoll... Wenn ich aber Auguſten liebte!— und wenn ſie Auguſten liebten? frug laͤchelnd Raß⸗ dorf— ſo konnte ich den kalt morden, der in meiner Gegenwart das Wort Entſagung aus⸗ zuſprechen wagte.— Und wenn ſie jezt ſchon Auguſten liebten?— Adolph ſah ihn ſtarr an. — Nein, Raßdorf! Liebe iſt nicht das Werk eines Augenblicks; ein Romanſchreiber, wenn es bey ſeinem Heiden Noth an Mann geht, pflegt zuweilen dieſen Salto mortale der Natur anzu⸗ lugen ich bewunderte dies ſeltene Geſchoͤpf, und begreife die Moglichkeit dieſer Liebe, wenn nicht ſchon elne andere Leidenſchaft.. er ſtockte. — Beſter Fuͤrſt! hub jezt Raßdorf mit vleler Waͤrme an, ſie haben wahrlich Wilhelminen nie im Ernſte geliebt.— Die ungewoͤhnliche Art, wie ſie ihre Bekanntſchaft machten, in der rei⸗ zenden Rolle einer Gurly, die Theaterverhaͤltniſſe, die ſo mannigfaltig ſind, und taͤglich neue Nah⸗ rung der Phantaſie darbieten, dann die perſoͤnli⸗ chen Vorzuͤge des Maͤdchens ſelbſt, die es ſo auf⸗ fallend vor allen andern auszeichneten, endlich die verfuͤhreriſche Einſamkeit des Landlebens, der taͤgliche Umgang, der Mangel an ernſter Be⸗ ſchaͤftigung, bey ihrer natuͤrlichen Thätigkeit, nnd tauſend andere Gruͤnde, gaben dieſer Verbin⸗ dung ein gewiſſes romantiſches Intereſſe, und dh Wilh. v. Roſen Th. G 98 rem Herzen einen Grad von Waͤrme, die ſie fuͤr Liebe hielten, und durch den natuͤrlichen Reiz des Widerſtandes eine gefaͤhrliche Leidenſchaft haͤtte werden koͤnnen, wenn mein guter Fuͤrſt nicht zu edel geweſen waͤre, um der Laune eines Au⸗ genblicks, ſeine, und eines guten Maͤdchens ſchon⸗ ſte Tugend aufzuopfern. Adolph war in tiefen Gedanken verſunken— und in dieſen einſamen Mauern ſoll ſie verbluͤhen — dieſe ſeltene Blume in der ſchoͤnſten Schd⸗ ung Gottes?— Nein, ach nein! erwiderte pfung Raßdorf; am Buſen einer zaͤrtlichen Mutter, gepflegt von der Hand eines edlen Bruders, ent⸗ faltet ſich d'eſe ſeltene Blume im wohlthaͤtigen Schatten der Einſamkeit; hier gehen Natur und Kunſt Hand in Hand, nie hemmet die Kunſt den ruhigen ſtillen Gang der Natur, und auch dieſe läßt ſich gerne den einfachen Schmuck ihrer ge⸗ bildeten Schweſter gefallen— im Treibhanſe der großen Welt hingegen waͤre ſie vielleicht ſchnell verwelkt, oder ſchlimmer noch„ ausgeartet. — Adolph hatte ihm mit ungewohnlicher Auf⸗ merkſamkeit zugehoͤrt, jezt ergriff er raſch ſeine Hand— Raßdorf, ſie ſind mein Freund!— O mein Fuͤrſt!— Im Namen der Freund⸗ ſchaft verlange ich Aufrichtigkeit; haben Sie Abſichten auf Auguſte.— Nein! antwortete Raßdorf feſt und beſtimmt.— Adolph ſchuͤttelte den Kopf und ſagte, indem er den Hirſchfaͤnger umſchnallte— ſo begreif' ich ſie nicht! 2 99 Sie nahmen Abſchied.— Adolph erſuchte Auguſtens Mutter mit ſolcher Waͤrme um die Erlaubniß wiederkommen zu duͤrfen, daß die gu⸗ te Alte ihm laͤchelnd ſagte:— Ich ſehe daß es ihnen mit dieſer Bitte Ernſt iſt, und ſo ſollen ſie uns auch zu jeder Stunde willkommen ſeyn.— Auguſtens rothe Wangen, ſittſame Verlegenheit, und leiſes Stammeln, als er ihre Hand kuͤßte, ſagten vielleicht mehr noch als der Mutter freund⸗ liche Worte und des Bruders herzliche Umar⸗ mung. Adolph ſprach auf der ganzen Ruͤckreiſe von nichts anders, als von Auguſten und dieſer ſeltenen Familie. Der Obriſt von Ellerfeld an Herrn von Raßdorf. Dem Himmel ſey es ewig gedankt! mit Freudenthraͤnen in den Augen und zitternder Hand ſchreibe ich ihnen nun— Wahlberg iſt vollig außer Gefahr!. Die Kugel hatte keinen edlen Theil getroffen, nur das ſtarke Verbluten, und das ſpaͤte Verbinden hatten die Gefahr veran⸗ laßt. Er iſt zwar noch ſehr matt, aber mun⸗ ter, denn auch das Fieber hat nachgelaſſen, G 2 1 TOO Wahlberg war der Kaleſche nachgeeilt, und hatte ſelbige am Walde eingeholt; eben wollte er den Pferden, die raſch davon flogen, in die Zuͤ⸗ gel fallen, als ihn Harriſon von dem ſeinigen herunter, ſchoß— er erinnert ſich noch, daß die Raͤder hart an ſeinem Kopfe vorbey ſtrichen, aber gleich darauf verlohr er die Beſinnung— ſeine Gehuͤlfin ſaß neben ihm, und der Kammer⸗ diener fuhr— das weiß er noch— der chur⸗ ke iſt alſo entkommen.— Meinetwegen mag er aunderswo dem Galgen entgegen laufen— was kuͤmmerts uns— iſt doch Wahlberg ge⸗ rettet. Wir haben heute einen traurigen Tag er⸗ lebt Gottlob! daß es noch ſo voruͤber gegangen iſt. Ich hatte es fuͤr Schuldigkeit gehalten, Jenny mit den Verhaͤltniſſen bekaunt zu machen, in denen Wahlberg mit dem Fraͤulein von Roſen ſteht; denn ob ich gleich theils von meiner Ca⸗ roline, theils von ihnen ſelbſt weiß, daß aus dieſer Verbindung ſchwerlich etwas mehr werden kann, ſo glaubte ich doch dieſen Umſtand benu⸗ tzen zu muͤſſen— denn das arme, ſonſt ſo in⸗ tereſſante Maͤdchen iſt doch kein Weib fuͤr unſern Wahlberg— ich erzaͤhlte alſo, Gott verzeih mir's, mehr als ich wußte— ſie erblaßte, gieng ohne ein Wort zu ſagen auf ihr Zimmer, und ließ ſich den ganzen Morgen nicht wieder ſehen — ich horte, ſie ſey ausgegangen, und wartete Lor mit dem Mittagseſſen bis drey Uhr— ſie kam nicht zuruͤck— jezt wurde ich unruhlg— Wahlberg hatte ſchon mehrmalen nach ihr ge⸗ fragt— ich wußte nicht mehr was ich ihm ſa⸗ gen ſollte. Endlich gegen Abend kam ein frem⸗ der Bediente und brachte einen Brief.— Er iſt von Jenny! ſagte Wahlberg, als er die Auf⸗ ſchrift erblickte; was ſoll das? leſen ſie, ich bitte!— ich zoͤgerte.. ich beſchwore ſie, leſen ſie!— ich mußte leſen— hier die Abſchriſt: „Edler Mann! wenn Sie dleſen Brief erhal⸗ ten werden, ſo iſt das Schiff, welches die un⸗ gluckliche Jenny in ihr Vaterland zu ruͤck bringen ſoll, ſchon unter Segel*). Ich kenne ihre Ver⸗ haͤltniſſe— ich kenne meine Pflicht!... Ab⸗ ſchied von Ihnen zu nehmen, waͤre mir unmdoͤg⸗ lich geweſen mein Herz iſt gebrochen!. ich habe dieſen Morgen Gott um Standhaftigkeit gebeten, und er hat mich erhoͤrt, ſonſt haͤtte ich jezt meine Leiden in den Wellen ſchon geendigt! aber ich lebe noch, und fuͤhle in mir eine Kraft zum Leben, zum Leiden, die ich allein dem guͤtigen Vater aller Wayſen, aller Leldenden, zu verdanken habe!“ *) Eine edle Luͤge! Jenny reiſte damals noch nicht ab— ſie opferte ſich ſelbſt auf, und hielt ſich ver⸗ borgen, bis ſie eine Gelegenheit zur Abreiſe fand. — Die Geſchichte dieſer eben ſo intereſſanten als ungluͤcklichen Wayſe ſoll auch nächſtens erſcheinen, 102 „Seyn Sie meinethalben ganz außer Sorgen beſter Mann! meine unvergeßliche Wohlthaͤterin hinterließ mir genug, um vor der Hand den ge⸗ woͤhnlichen Beduͤrfniſſen nicht ausgeſezt zu ſeyn— und ich kann arbeiten.“ „Leben Sie wohl, ewig unvergeßlicher Mann! theuerſter Freund!., mdoͤgen Sie bald in den Armen einer beneidenswuͤrdigen Gatkin, den verdienten Lohn Ihrer ſeltenen Tugenden einernd⸗ ten, und denken Sie zuweilen an Ihre Ungluͤck⸗ liche. Jenny Wortburn.“ Als ich geendigt hatte, warf Wahlberg einen finſtern vorwurfsvollen Blick auf mich, und wand⸗ te ſich im Bette herum.. Ich blieb ſitzen. Das Schickſal der armen Jenny hatte mich tief erſchuͤttert, und meine Augen fuͤllten ſich mit Thraͤnen;— als ich wieder aufblickte, bemerkte ich, daß Wahlberg mich aufmerkſam beobachtet hatte— er reichte mir wehmuͤthig freundlich die Hand— Sie hatten Recht, Herr Obriſt, ſagte er, es iſt doch beſſer ſo! wenn ſie mich aber verbinden wollen, ſo verwahren ſie das Anden⸗ ken an die Ungluͤckliche, ſo wie ich, in ihrem Herzen, und ihr Name komme nicht mehr uͤber unſere Lippen.— Ich ſchuͤttelte den Kopf, meine Caroline war mir eingefallen, was waͤre 103 aus ihr geworden ohne dieſen edlen Mann.— Die Empfindung, die jezt mein Herz zuſammen preßte, benahm mir die Sprache— ich mußte das Zimmer verlaſſen. Der Arzt verſpricht, daß er ſchon in einigen Tagen wird aufſtehen koͤnnen— ſobald er vollig hergeſtellt iſt, machen wir uns auf den Weg.— Leben ſie wohl! Man hatte bey Hofe uber dieſe geheime Reiſe ſich die Kopfe zerbrochen. Die Fuͤrſtin Mutter, die taͤglich mehr von ihrem Einfluß verlohr, und Eberhorſt, den Raßdorf in ſeine verdiente Nich⸗ tigkelt zuruck getrieben hatte, ſandten nach ihrer alten Gewohnheit Spione aus, aber Raßdorf hatte zum Ungluͤck ſolche Maasregeln getroffen, daß diesmal die Spärhunde unverrichteter Sache nach Hauſe kamen. Auch Wilhelmine, aber aus ganz andern Be⸗ wegungsgruͤnden, hatte Raßdorfs Abweſenhelt verwuͤnſcht, und harrte mit Sehnſucht ſeiner Ruͤckkunft entgegen; jezt ſah ſie ihn an des Fuͤr⸗ ſten Seite vorbey reiten, ſchlug die Sommerlaͤ⸗ den zuruͤck, und beide laͤchelten freundlich zu ihr herauf.— Lieber Oheim, rief ſie jezt, indem ſie ſich raſch herum wand, ſie muͤſſen wahrhaf⸗ 104 tig Raßdorf dieſen Abend zum Nachteſſen bitten! „— Warum— Weil weil ſie ſchon lange nicht mehr mit ihm Schach geſpielt haben! — Haſt Recht, Minchen! und er ſchickte einen Bedienten fort. Raßdorf kam, aber fur dlesmal ließ ſich der Oheim ſein Recht nicht nehmen, und der boͤſe Menſch ſchien kein Auge als fuͤr das Schachbret zu haben, das arme Minchen mogte auch noch ſo verſtaͤndlich winken... das verwuͤnſchte Spiel dauerte bis gemeldet wurde, daß aufgetragen ſey; Wilhelmine war ſehr boͤſer Laune— ſie of⸗ ferirte von drey Schuͤſſeln auf einmal, und eilte ſchon vom Tiſche aufzuſtehn, da kaum das Con⸗ fekt ſervirt war„ Ey Minchen! was haſt du denn vor? frug einmal uͤber das andere der Oheim — endlich legte er ſeine Serviette hin, Wilhel⸗ mine war ſchon aufgeſprungen und hatte Raß⸗ dorf bey der Hand gefaßt— da kam der Fuͤrſt verwuͤnſcht! rief ſie halb leiſe, Raßdorf mußte laͤcheln. Adolph war ungewohnlich hei⸗ ter, ſein unbefangenes ruhiges Benehmen mit Wilhelminen bemerkte Raßdorf mit innigem Ver⸗ gnuͤgen— ſtatt liebes Minchen! wie er ſie zu nennen pflegte, nannte er ſie jezt— liebe Freundin!— Wilhelmine, die mit ganz andern Gedanken beſchaͤftigt war, merkte das alles nicht; aber auch dieſe Kleinigkeit fiel dem ſcharfen Beo⸗ bachter auf.— Sile ſchleden fruͤher als gewoͤhnlich. 1o5 Den andern Morgen ließ ſich Raßdorſ bey Wilhelminen melden, er fuͤhrte ein junges Frauen⸗ zimmer bey der Hand— hier mein gnaͤdiges Fraͤulein, ſagte er, indem er ihr die Fremde praͤ⸗ ſentirte, bringe ich ihnen eine junge Dame, von der ſie alles, und weit beſſer als ich's ſagen wuͤrde, erfahren koͤnnen, was ſie ſo gerne wiſſen mogten — und bevor ſie antworten konnte, hatte er die Thuͤre hinter ſich zugemacht, und war zum Mi⸗ niſter hinuͤber gegangen.— Dieſe Fremde war niemand anders als Caroline von Ellerfeld, die er durch den Hofrath Leiger hatte abholen laſſen. Caroline wollte ſich anfangs zu dieſem Beſuch nicht bequemen, als ihr aber Raßdorf die nothige Erlaͤuterung gegeben hatte, da ergriff ſie mit in⸗ nigem Vergnuͤgen dieſe unerwartete Gelegenheit, ihrem Wohlthaͤter den groͤßten Dienſt zu erzeigen, und ſich ſelbſt eines ſchändlichen Verdachts zu ret⸗ nigen. Als Raßdorf ſeine Geſchaͤfte bey dem Mini⸗ ſter beendigt hatte, gieng er wieder an Wllhelmi⸗ nens Thuͤre und machte lelſe auf— kaum hatte ſie ihn erblickt, ſo wand ſie ſich aus Carolinens Armen los und flog auf ihn zu, und indem ſie ſich im Rauſche der Freude an ſeine Bruſt warf— mein beſter, mein einziger Freund! wie kann ich ihnen genug danken! wird er jemals dem alber⸗ nen thoͤrigten Maͤdchen verzeihen koͤnnen?— iſt er wirklich ſchon nach England abgereiſt? 106 von Raßdorf. Noch immer glanbt er, ſeine Wilhelmine haͤtte ihre Schwuͤre vergeſſen. ſie waͤre ihm untren! Wilhelmine. Iſt's moglich! und ſie ſagten ihm ſie ſchrieben ihm nicht. von Raßdorf. Auch Wahlberg ver⸗ dient Zuͤchtilgung— haben ſie vergeſſen Fraͤu⸗ lein„ Wilhelmine.(wirft ſich erroͤthend in Caro⸗ linens Arme) Und das konnte Wahlberg von mir glauben.„ glauben, daß ich der Liebe, der Tu⸗ gend ungetreu. o! der abſcheuliche Menſch! (Thränen quvllen aus ihren Angen) Dieſer Ge⸗ danke wuͤrde mich auch in ſeinen Armen verfol⸗ gen ach! ich kann Wahlbergs gluͤckliche Gat⸗ tin nie werden. von Raßdorf. Fraͤulein! ihre beiderſel⸗ tigen Rechnungen ſind leicht zu liquidiren— es geht Null fuͤr Null auf.„ Wilhelmine. cheſtig) Habe ich denn je? „Cſie ſtockt) von Raß dorf. Cindem er laͤchelnd mit dem Finger droht) Vergeſſen ſie nicht„ Wilhelmine. Helfen ſie mir aus die⸗ ſem Labyrinth von Gedanken und Empfindun⸗ gen!., mein Kopf iſt ſo voll!,„ ich weiß ———— 3 107 bald nicht mehr, was ich denken, was ich ſagen ſoll!.. von Raßdorf. So will ich mich hier zum Richter aufwerfen— vernehmen ſie ihr Urtheil! Claunig) Sintemal und Alldieweil Verliebte un⸗ gofaͤhr wie Kinder zu betrachten ſind, und man es mit Kindern, zumal wenn ſie ſonſt gut und folgſam ſind, nicht ſo genau nehmen muß— dann in Erwaͤgung gezogen, daß Fraͤulein Wil⸗ helmine von Roſen, durch den abſcheulichen Ver⸗ dacht, den ſie gegen Karl von Wahlberg gehegt, wirklich ſtraffaͤllig iſt, und es auch nicht zu leug⸗ nen ſey, daß obgedachtes Fraͤulein ſich zuweilen ziemlich ſchnippiſch gegen ihren kuͤnftigen Gemahl und Herrn betragen hat... Wilhelmine. Lieber Raßdorf!. wie koͤn⸗ nen ſie nur. von Raßdorf. Da es aber hingegen nicht minder erwieſen, daß obgedachter Karl von Wahlberg oft durch ſeine finſtere Laune und ab⸗ ſchreckende Kaͤlte, ſeiner muntern Braut gerechte Urſachen zum Schmollen gegeben, und es ſehr unuͤberlegt von ihm war, dem Herrn von Doͤr⸗ ner, bey ſeiner freundſchaftlichen Anfrage, nicht ſogleich ohne alle Umſtaͤnde, die edelſte Hand⸗ lung ſeines Lebens zu entdecken, ſtatt ſelbige in eine geheimnißvolle Dunkelheit zu huͤllen, und dadurch einen unvermeidlichen Anlaß zu Groll, 108 Mißverſtaͤndniß, Thraͤnen, und was ſonſt noch bey Verliebten von dergleichen drolligen Dingen uͤblich iſt, zu geben ſo. 2 Wilhelmine. Ich bitte. wrie ſoll ich das alles nehmen?... von Raßdorf. So werden belde Theile hiermit ernſtlich zur Ruhe gewieſen— damit aber in Zukunft andere Verliebte ein Beiſpiel da⸗ ran nehmen koͤnnen, ſo wird gedachtes Fraͤulein Wilhelmine von Roſen zur Ehe mit obgedachtem Karl von Wahlberg, und dieſer zu allen Koſten des Hochzeit⸗Schmaußes, und zwar ohne daß fernere Appellation ſtatt finden darf, hiermit formlich condemnirt. Dem Herrn von Raßdorf wird aufgetragen, den rebelliſchen Fluchtling auf den Flugeln der Liebe herbey zu ſchaffen, der Braut das jungfraͤuliche Strumpfband zu loͤſen, und beide Verurtheilte nicht eher zu verlaſſen, bis daß er ſie taliter qualiter gluͤcklich ins Ehebette prakticirt hat... Wilhelmine.(indem ſie ihre gluͤhenden Wangen an Carolinens Buſen verbirgt) Verſtehſt du ein Wort von all dem kauderwelſchen Zeug, was uns dieſer boſe Menſch da vorſchwazt? Fraͤul. v. Ellerfeld. Daß meine liebe Wilhelmine gluͤcklich werden ſoll, das verſtehe ſch, das wuͤnſch' ich— daß ſie's an der Hand „ 109 meines edlen Wohlthaͤters gewiß ſeyn wird, da⸗ von bin ich uͤberzeugt Wilhelmine. Gute Seele!.(zu Raßdorf) Ihre heitere Laune, lieber Raßdorf, die mir nichts als troſtliches ahnen laͤßt, hat meine ſchwer⸗ ſten Beſorgniſſe hinweg getaͤndelt... aber nun ſagen ſie mir im Ernſte— wo iſt Wahlberg? haben ſie keine Briefe von ihm? darf ich ſie nicht leſen? Raßdorf legte zwey Finger auf den Mund— verbeugte ſich und verſchwand. Wilhelmine.(ihm nachtufend) Sie ſind und bleiben ein boshafter Menſch!(Earolinen umarmend) ein Engel vom Himmel iſt er— er ſchenkt mir meinen lieben Trotzkopf wieder! Adolph hatte ſchon mehrere Beſuche auf der Kronenburg abgeſtattet; anfangs zaͤhlte er die Wochen, wo er nicht dort geweſen war, dann die Tage, und wenn er ſich nicht geſchaͤmt haͤt⸗ te, ſo wuͤrde er auch endlich die Stunden gezaͤhlt haben, die er nicht in der Geſellſchaft der praͤch⸗ tigen Auguſte und ihres Bruders, den er bald, nach Raßdorf, unter allen ſeinen Bekannten am hoͤchſten ſchaͤzte, zugebracht hatte. Der alte Werner, jener treue Leibhuſar ſel⸗ nos Vaters, der allein bey dem kranken Furſten TTO bis auf den lezten Augenblick aushielt, mußte die Pferde bey anbrechender Nacht hinaus fuͤhren, Adolph und Raßdorf ſchlichen ſich alsdann aus dem Schloſſe, und mit Tages Anbruch kamen ſie gewoͤhnlich auf der Kronenburg an. Werner hatte oft ſeine liebe Noth— das Fragen und Ausfor⸗ ſchen nahm kein Ende„er machte gewoͤhnlich Spaß und band den neugierigen allerley Maͤhr⸗ chen auf— wenn aber der alte Knaſterbart uͤb⸗ ler Laune war, ſo ſchickte er Kammerherrn und Kammerdiener, Hofdamen und Kammerkaͤtzchen, ohne allen Unterſchied„ zum Teufel!„ TIF Garten auf der Kronenburg. —— Einks und rechts Kaſtanien⸗Alleen— in der Mitte ein Raſenplatz, der zu einem kleineu runden Tempel fuͤhrt— im Hintergrunde Geſtraͤuche und Irr⸗ gaͤnge) 8— Auguſtens Mutter.(ſitzt am Eingange des Tempels mit ihrer Arbeit.) Ihr Sohn und von Raßdorf.(gehen in der einen Allee auf und ab.) Auguſte und Adolph. ſind vor einer mar⸗ mornen Gruppe ſtehn geblieben— es ſind zwey Genien, die ſich umſchlungen halten, auf dem Poſtument ſtehen die Worte:— Sie ſind ſich genug! Adolph. Dieſem Kunſtſtuck fehlt es an Beſtimmtheit! Auguſte. Das finde ich nicht„ TI2 Adolph. Iſt es die Freundſchaft, iſt es die Liebe, die der Kuͤnſtler uns hier verſinnlichen wollte? Auguſte. Keines von beiden, und doch beide zugleich ſollt' ich denken. Es iſt die Sym⸗ pathie. Liebe und Freundſchaft fließen hier zu⸗ ſammen... Adolph. Ach! wer ſo, wie dieſe holden Knaben ein Herz an das ſeinige druͤcken kann und ſagen.— Wir ſind uns genug!— Sie haben Recht, Auguſte, es darf Freundſchaft nicht Liebe allein, es muß beides zugleich ſeyn. ich habe einen Freund, hier in ihrem Umgange, theue⸗ res Fraͤulein! habe ich ſchon manche Sorge ver⸗ geſſen, manche Stunde ſuͤß vertrͤumt aber die ſe Zauberworte, die den Menſchen zum Halb⸗ gott. zum Schopfer ſeiner eigenen Welt ma⸗ chen... die werde ich vielleicht nie ſprechen duͤrfen! Auguſte. Beſcheidenheit im Wuͤnſchen, die Kunſt zu entbehren, und in der ganzen Schd⸗ pfung, ſo wie die Bienen, allenthalben den Ho⸗ nig des Lebens, Freude und Frohſinn, mit wei⸗ ſer Hand ſammeln.. die Roſe nicht ohne Dor⸗ nen, nicht ein ganzes Leben ohne Thränen ver⸗ langen— dies leltet auf die ſparſam betretene Bahn, auf der ſich die beſſern Menſchen begegnen, deren gelaͤuterte Seelen der Sympathle huldigen. ————————————— 113 ——— Sympathie iſt nicht Leidenſchaft, ſie iſt der won⸗ nevolle Vorſchmack des unvergaͤnglichen Gennſſes beſſerer Welten... Der unbekannte Kuͤnſtler, dem wir dieſe Gruppe zu verdanken haben, muß ein großer Meiſter geweſen ſeyn. Sehen ſie die himmliſche Ruhe auf dieſem Geſichte, keine Muskel bewegt ſich, der Arm ruht ſanft auf die⸗ ſer Schulter— kein Druck, kein wilder Affekt — ſelbſt das Laͤcheln um dieſen Mund iſt nur der Widerſchein der ſtillgenießenden Seele— ihre Blicke begegnen ſich— ein Stuͤmper haͤtte dieſe Augen gen Himmel geſchlagen— dieſer hier ſagt:— Wir find uns genug! man hoͤrt ihn ſprechen— ſch kann Stunden lang vor die⸗ ſer Gruppe verweilen!... Adolph.(mit Begeiſterung) Wer ſo, wie ſie, Auguſte, das Gluͤck der Sympathie empfin⸗ det. wer beym bloſſen Anſchauen dieſer kalten todten Marmormaſſe ein ſo lebendiges gluͤhendes Bild zu entwerfen vermag, den hat ſicher der Schdpfer mit ſelner ſchoͤnſten Gabe geſegnet... mit einem liebenden Herzen—(indem er einen feu⸗ rigen Kuß auf ihre Hand druͤckt) Wie beneide ich den gluͤcklichen Sterblichen, der einſt in dieſem lieben⸗* den Herzen das unausſprechlich ſuͤße, daß erha⸗ bene Gefuͤhl einer Gattin, einer Mutter erwecken wird! Auguſte.(laͤchelnd) Es thut mir wirklich leid, Herr von Wieſenau, daß ich ihnen in die⸗ Wilh. v. Roſen 2 Th. H 114 ſem hohen Flug nicht folgen kann„„ verkennen ſie mich deswegen nicht!.. halten ſie, ich bitte recht ſehr, nicht fuͤr Spott, was ich ihnen da ſage, ich wuͤrde mir nie ſo etwas verzelhen— (indem ſie vertraulich ihre Hand auf ſeinen Arm legt) nein, lieber Freund! mir iſt ſatyriſcher Witz eben ſo fremde, als irgend eine Art von Schwaͤrme⸗ rey; uͤberhaupt iſt meine Seele ſehr unpoetiſch gebildet, denn was andere entzuͤckt, laͤßt mich kalt, da mich hingegen ein einziger Gedanke, die einfachſte Erzaͤhlung oft erſchuttern kann.— Die Antwort jenes Bettlers, dem man rieth, ſeinen unnothigen Hund abzuſchaffen— und wer ſoll mich dann noch lieben?— hat mich bis zu Thranen geruͤhrt, und ſelten kann ich einen Roman ganz ausleſen.— Dieſe Erläuterung alſo ein fuͤr allemal, um Mißver⸗ ſtaͤndniſſen vorzubeugen.— Jezt will ich ihnen mit aller Wahrheit und Freymuͤthigkeit, die ich mir zur Pflicht mache, antworten— es wuͤrde kindiſche Ziererey von nir ſeyn, wenn ich hier auf eine Antwort verlegen ſcheinen wollte; ich ge⸗ ſtehe ihnen alſo offenherzig, daß beym Anblick dieſer Gruppe ich oft an die Verhaͤltniſſe dachte, in denen ich einſt mit dem Manne zu ſtehn wuͤnſch⸗ te, den das Schickſal und ſein eigenes Herz zum Gefaͤhrten durchs Leben mir zufuͤhren wird. Nicht die Laune des Augenblicks, nicht blinde Leiden⸗ ſchaft, ſondern uͤberlegte Wahl, reife Pruͤfung und Anerkennung des Beſten, Gleichformigkeit im Denken, im Empfinden, Uebereinſtimmung in Wuͤnſchen und Neigungen, ſollten uns allmaͤh⸗ lig zuſammen bringen.— Leidenſchaft iſt Stroh⸗ feuer, laͤßt dies die Flamme auch noch ſo hoch und wild aufſchlagen, ſie verſengt ohne zu er⸗ waͤrmen, ſie ziſcht aus, und der erſte Windſtoß zerſtreut die leichte Aſche— aus Achtung ſoll Freundſchaft, und aus dieſer Liebe werden— den ſuͤßen Gleichlaut aller dieſer Gefuͤhle nenne ich Sympathie— das Leben zweyer Menſchen, die Sympathie vereinigt, gleicht dem ſanften ſtil⸗ len Dahingleiten eines Fluſſes durch blumichte Auen, in deſſen ruhlger Oberflaͤche der reine blaue Aether ſich ſplegelt.— Adolph. O Auguſte! dies Bild— wie vernuͤnftig— und doch, wie ruͤhrend und ſchoͤn! Auguſte. Vernuͤnftig!— ja wohl!.. mancher wuͤrde das achtzehnjaͤhrige Maͤdchen eine Traͤumerin nennen— aber mit dem ernſten Be⸗ griff einer gluͤcklichen Ehe kann ich unmoͤglich el⸗ nen Liebes⸗Roman verbinden! Das Maͤdchen, das ſich alles zu Roſenfarben denkt, deſſen Gluͤck als Weib hat nicht ſelten das Schickſal der Roſe — ich hoffe auf Freuden als Gattin und als Mut⸗ ter, bin aber auch auf Thraͤnen gefaßt! Adolph. Auguſte!(nach einem langen um tuhigen forſchen den Blich) iſt ihr Herz noch frey? TI6 Auguſte.(lachend und munter) Das muͤſſen ſie meinen Bruder fragen!(und ſie flog den beiden Freunden entgegen, die eben auf ſie zukamen.) Adolph.(ſchleicht in Gedanken verſunken hin⸗ ten nach) Jezt winkte die Mutter zum Fruhſtuͤck⸗ das im kleinen Tempel ſervirt war— das Ge⸗ ſpraͤch wurde jezt allgemein. Frau von Kronenburg. Man traͤgt ſich mit einer großen Neuigkeit; ſie, Raßdorf, konnten uns am beſten Auskunft daruͤber ge⸗ ben! von Raßdorf. Wie ſo, gnaͤdige Frau? Herr von Kronenberg. Ja wohl! man will fur gewiß behaupten, daß Fuͤrſt Adolph und unſer Heinrich im Begriff ſind die alten Miß⸗ helligkeiten, welche beide Haͤufer ſo lange ent⸗ zweyt haben, auf immer beizulegen, und ſie ſol⸗ len der Mann geweſen ſeyn, der endlich durch die⸗ ſen Chaos von Hofraͤnken und Kammeraliſtiſchen⸗ Schikanen durchgedrungen iſt.— von Raßdorf.(lächelnd) Wirklich! da hotte ich ja eine Ehrenſaͤule verdient! Herr von Kronenburg. Ich will nicht unbeſcheiden ſeyn und ihr Laͤcheln einſtweilen aufs Beſte auslegen, indeſſen weiß ich gewiß, daß Heinrich nichts ſehnlicher wuͤnſcht, als mit dem guten, menſchlichen Gerechtigkeit liebenden Adolph in naͤhere Verbindung zu treten! Adolph. Daß Adolph aͤhnliche Geſinnun⸗ gen hegt, bin ich uͤberzeugt— davon, lieber 117 Raßdorf, brauchen ſie eben kein Geheimniß zu machen, da er es ſelbſt bey jeder Gelegenheit laut zu erkennen giebt! von Raßdorf. Ja! dieſe Gerechtigkeit muß ich ihm wiederfahren laſſen: auch bin ich feſt uberzeugt, daß dieſe belden edlen jungen Fuͤr⸗ ſten bald die beſten Freunde wuͤrden„ Fr. v. Kronenberg. An was liegt es denn noch? Adolph.(der ſeine Verlegenheit nicht vollig verbergen kann) Ich glaube bemerkt zu haben, daß Adolph vor Begierde brennt, den Fuͤrſten Hein⸗ rich perſonlich kennen zu lernen; daß er aber aus Schonung fur ſeine Mutter, die leider! ihre un⸗ ergruͤndliche Abneigung fuͤr dieſes Haus jezt noch nicht vesbergen kann, den erſten Schritt nicht gerne thun moͤgte— Clebhakter) Sollte ſich aber Heinrich entſchließen konnen die ſen zu thun, ſo wollte ich fuͤr Adolph Buͤrge ſeyn, daß er als⸗ dann dieſe vielleicht zu zarten Bedenklichkeiten vollig anf die Seite ſetzen wurde von Raßdorf.(indem er Adolph ſcharf an⸗ ſicht, mit Vedeutung) Das wußte ich nicht! Adolph. Sie konnen mir's glauben! Auguſte. So wie ich unſern Heinrich ken⸗ ne, wird eben das, was ſie, Herr von Wieſenau, zarte Bedenklichkeit nennen, ein Grund mehr fuͤr ihn ſeyn, um die Verſdhnungsſtunde zu beſchleu⸗ nigen. 118 Fr. v. Kronenburg. Das ganze Land wuͤnſcht es— auch Heinrichs Mutter, der die alte Fuͤrſtin ganz beſonders abgeneigt war, verzeiht ihr von Herzen jede bittere und gewiß unverdien⸗ te Kraͤnkung— ihr wißt es aus threm Mun⸗ de Adolph. Sie ſoll eine trefliche Dame ſeyn.— von Raßdorf.(zu Adolph) Ich danke ihnen fuͤr den Wink, den ſie mir da gegeben ha⸗ ben, ich werde ihn gewiß benutzen. Adolph. Caͤußerſt lebhaſt) Das thun ſie ja! Herr von Kronenburg. Und ſch ſie⸗ he dafuͤr, daß Heinrich den erſten Beſuch bey Adolph abſtatten wird;(Adolph die Hand reichend) an dieſem ſchdnen Tage bleibe ich nicht zu Hauſe — auch du, Auguſte, mußt mitkommen— (lächelnd) ich hoffe dieſe kleine Reiſe ſoll uns alle viel Vergnuͤgen machen. Adolph. Cauſſchreyend) Wollen ſie mir's verſprechen? Herr von Kronenburg. Bey Riter wort und Handſchlag! Auguſte. Beſteht das Geſellſchaftsthea⸗ ter noch?— ich freue mich darauf— beſon⸗ ders auf die Bekanntſchaft der Fraͤulein von Ro⸗ ſen; es ſoll ein vortrefliches Frauenzimmer ſeyn⸗ wenn das, was das Geruͤcht von ihr* richtig iſt. 11* —,—————————— 119 Adolph. Das Gericht kann nicht gutes genug von ihr ſagen— aber Wilhelmine von Roſen bleibt indeſſen in jeder Ruckſicht immer nur— Fraͤulein Auguſtens juͤngere Schwe⸗ ſter„ Auguſte.(iußerſt munter) Das iſt heute die zweite Schmeicheley, die ſie mir ſagen, Herr von Wieſenau— bey der dritten koſtet es ein Pfand! Ado lph.(ihr die Hand küſend) Das ich ld⸗ ſen werde! Die Unterhaltung dauerte noch eine Zeitlang in dieſem Tone fort; Adolph, der anfangs verle⸗ gen war, wurde jezt auf einmal ſo aufgeraͤumt und heiter, ſo unerſchoͤpflich an geſunden und witzigen Einfaͤllen, daß er ſie alle mit ſeinem natuͤrlichen Frohſinn anſteckte— jezt lernte er Auguſten, und ſie ihn, von einer Seite kennen, Idie ſie belde an einander nicht geſucht haͤtten, und retnes verlor bei dem andern durch die Bemer⸗ kungen, die ſie heimlich daruͤber machten. Herr von Kronenburg erzaͤhlte unter andern, daß Heinrich ohnlängſt ſeinem Hofe das intereſ⸗ ſante Schauſplel eines Turnier's gegeben haͤtte. Auguſte. Wobey mein Herr Bruder bei⸗ nahe in den Sand geworſen wurde. Herrv. Kronenburg. Clächelnd) Pfui! Schweſter!— wenn du aus der Schule ſchwa⸗ tzeſt, werde ich mir auch etwas erlanben kbn⸗ nen! 120 Auguſte. Ich fordere dich auf! Herr von Kronenburg. Ich koͤnnte zum Beyſpiel erzaͤhlen, daß, als Heinrich beym Rittermahl die Geſundhelt ſeines Nachbars des Fuͤrſten Adolph trank, Fraͤulein Auguſte, gegen ihre ſonſtige Gewohnheit, den Becher hoch in die Hoͤhe hob und mit trank— daß ſie hernach. Adolph.(außerſt lebhaft) Haben ſie das, Fraͤulein 2 Augu ſte.(etwas ernſt) Ich ſehe nicht ein, was mein Bruder beſonders daran findet ja, dieſe Geſundhelt habe ich mit, und zwar von gan⸗ zem Herzen getrunken! Adolph.(mit Affekt) O das wor 1. das werde ich nie„Cer ſtockt) von Raßdorf. Craſch einfallend) Es wun⸗ dert mich, daß Fuͤrſt Adolph noch nicht auf den Einfall gni iſt, ein ſolches Turnier zu geben Adolph hatte ſich beinahe verrathen; Raß⸗ dorf, der ſeine Verlegenheit bemerkte, fuhr daher ſo lange fort von Turnieren und Kampſpielen zu ſprechen, bis er ſich hinlaͤnglich geſammelt hatte, um ſelbſt wieder Antheil an dem Geſpraͤch zu nehmen. Auguſte geſtand, daß ſie ungemein viel Vergnuͤgen dabel gehabt haͤtte, und nun wares bei Adolph beſchloſſen, ebenfalls ein Turnier an⸗ zuſtellen. Auf der Ruͤckreiſe wurde der Plan entworfen, Adolphsluſt dazu erwaͤhlt, und Raßdorf uͤbernahm TL2T die Ausfuͤhrung, aber nur unter der ausdruͤckli⸗ chen Bedingniß, daß Adolph ihm alles uberlaſ⸗ ſen wolle. Ihro Durchlaucht muͤſſen mir ver⸗ ſprechen, ſelbſt nicht eher als am Tage des Tur⸗ nier's den Park zu betreten— und Adolph ver⸗ ſprach's. Nun ließ ſich Raßdorf beinahe nicht mehr in der Reſidenz ſehen, er war immer zu Adolphs⸗ luſt unter ſeinen Arbeitern. Die Proben wurden im Schloßhofe gehalten, wo es einem jeden, der Luſt hatte beim Turnier zu erſcheinen, erlaubt war, ſich in den ungewoͤhnlichen Waffen zu uͤben — in den Park aber durfte niemand. Raßdorf wurde jezt von ſeinem Hofe ſchnell abgerufen; kam aber in wenig Tagen wieder zuruͤck, mlt einem Brief von Heinrich, in dem er Adolphen erſuchte, ihm einen Tag zu beſtim⸗ men, wo er das Vergnuͤgen haben konnte, ſeine perſdnliche Bekanntſchaft zu machen. Der gan⸗ ze Brlef war uͤberhaupt ſo kunſtlos, ſo frey von aller diplomatiſchen Steifigkeit abgefaßt, daß Adolph ſeine herzliche Freude daruber laut zu er⸗ kennen gab. Es wurde nun ausgemacht, daß der Tag nach dem Turnler zu dieſem ſo wlllkom⸗ menen Beſuche beſtimmt werden ſollte— weil, ſagte Raßdorf, wenn alles gut von ſtatten geht, eine Wiederholung alsdann um ſo leichter iſt.. ich habe die Kronenburger geſprochen, ſezte Raß⸗ dorf hinzu, ſie waren bei Hoſe— der Bru⸗ 122 ——— der und die Schweſter werden bey der Reiſe ſeyn. In drey Tagen ſollte zum erſtenmal das Tur⸗ nler gehalten werden: aber Adolph⸗ der die gan⸗ ze Zelt uͤber munter und aufgeraͤumt geweſen war, wurde plozlich nachdenkend und finſter; die Veraͤnderung war ſo auffallend, daß ſogar Wil⸗ helmine daruͤber unruhig wurde, und ihn mit aller Schonung und Thellnahme, deren nur ihr liebendes Herz faͤhlg war, uͤber dieſe ſeltſame Stimmung befragte,— Adolph ſah ſie lange und wehmuͤthig an— bedauern ſie mich, liebe Freundin, ſagte er endlich, indem er ihre Hand druckte, es iſt nun einmal vom Schickſal beſchloſ⸗ ſen, daß Adoph nie gluͤcklich werden ſoll!— Mit jedem Tage nahm ſelne Duͤſternheit und Melancholie zu.— Raßdorf ſezte nun alle Bedenklichkeiten bei Seite, und drang jezt ernſtlich in ihn. A dolph.(nachdem er ihm unruhig zugehört) Was gaͤbe ich nicht darum, wenn ich endlich einmal in dieſem verſchloßenen Herzen deutlich leſen koͤnnte!. von Raß dorf. Gott iſt mein Zeuge, daß ich ein ſolches Mißtrauen nicht verdiene. ſprechen ſie mein Furſt! was ſoll ich ihnen ſagen? was wollen ſie wiſſen? Adolph. Cgeht nachdenkend und unentſchloſſen auf und nieder— endlich indem er tief Athem hohlt) Es ſey denn!,„ zum leztenmal will ich einen —————— 123 — Menſchen mit meinem blinden Zutrauen beſchaͤ⸗ men, dann auf immer ſchweigen, und ein Menſch werden, wie ſie alle ſind.„ Raßdorf, erinnern ſie ſich noch der Gruͤnde alle, die ſie meiner Nei⸗ gung zu dem Fraͤulein von Roſen entgegen ſez⸗ ten?. von Raßdorf. Sie kamen aus meinem Herzen, ſo etwas vergißt ſich nicht... Adolph. Was war nun ihre Abſicht, als ſie mir Auguſten's Portralt vorzeigten, als ihr Mund bey ihrem freylich verdienten Lob uͤberſtrdm⸗ te..(mit ſteigendem Affekt) als ſie mich berede⸗ ten; ihre Bekanntſchaft zu machen? Sie be⸗ merkten den Eindruck, den Auguſte auf mich machte, und blieben dabei ſo gelaſſen, ſo kalt! von Raß dorf. Kalt! bey Gott, nein! Adolph.(immer bitterer und affektvoller) Strenger Mentor! ſo lange der Fuͤrſt dem theuern Freund im Wege ſtand; warum ſo gleichgultig, ſo unbegreiflich nachſichtig, als ſie nunmehr wle dem Herzen des armen Fuͤrſten ihr grauſames Spiel zu treiben hatten— und wenn ich ihnen geſtuͤnde, daß ich Auguſten liebe, daß ich ſie bis zum Wahnſinn liebe, was wuͤrden ſie dazu ſagen?. von Raßdorf.(lebhaft) Daß„ Adolph. Umterbrechen ſie mich nicht!.. haben ſie mir nun andere Gruͤnde anzugeben? — werden ſie mir mit jeſuitiſchen Paradoren be⸗ welſen wollen, daß Fraͤulein Auguſie einer Liebe 124 Gehor geben darf, die ein zweifaches Verbrechen fur Fraͤulein Wilhelminen geweſen wäre... jezt! jezt antworten ſie mir! von Raßdorf.(mit Ernſt und Wuͤrde Furſt Adolph, der mich geſtern noch ſeinen Freund nannte, ſezt mich heute unter die Klaſſe gemei⸗ ner Schurken— meine Antwort iſt ſchwei⸗ gen, die Zeit wird mich rechtfertigen!(er will gehen) Adolph. cheſtig. Nein, nein! ſie ſollen, ſie muͤſſen mir jezt antworten! von Raßdorf. Die Antwort, welche lch jezt geben konnte, waͤre in den Augen meines Fuͤrſten nur ein neuer Beweis, daß er ſein Zu⸗ trauen an einen elenden Menſchen verſchwendet hat— beſſer ich ſchweige... Adolph(außer ſich) So erklaͤre ich ſie hier⸗ mit fuͤr.. von Raßdorf. Craſch einſallend) Neln, 6 chen ſie nicht aus. ich wuͤrde mich zu ſehr ſchaͤ⸗ men muͤſſen bey der Abbitte, der ſich ihr edles Herz nicht entheben ließe„(warm) und wenn ich nun geſtehe, meln theuerſter Furſt! daß es meine Abſicht war, ihnen fuͤr die edle trefliche Auguſte Empfindungen einzuflößen, die Ihnen den Wahn threr Liebe fuͤr Fräulein Wilhelminen benehmen ſollten?„ daß ich ſchon wußte, daß ſie Auguſten liebten, als ihnen ſelbſt noch dieſe Vebe ein Raͤzel war nein, nein! ich beſchwore ſie, mein Fuͤrſt! ſpre⸗ —.———— Adolph. Und nun? 1 von Raßdorf. Daß ich mit inniger Freude dieſe Liebe entſtehen, wachſen, und end⸗ lich in hellen Flammen aufſteigen ſahe!.,(immer lebhafter) daß ich keine Gelegenheit verſaͤumte, meinem erhabenen Freund Augnſten ins ſchonſte Licht zu ſtellen— und uun, da ich vor meinen ihren Adolph unausſprechlich! Adolph. O Gott! Gott! und nun! von Raß dorf.(indem er Haͤnd' und Augen gen Himmel erhebt) So ſey der Allmaͤchtige meln Zeuge, daß ich mir dahey der ſaſn Hand⸗ lung meines Lebens bewußt bin.. Muͤßte ich nun nlcht der verworfenſte Menſch auf Erden ſeyn, wenn ich heute mit Grundſaͤtzen prahlen wollte, um ſie Morgen durch Schandthaten und Kupplerkniffe zu verhohnen?..(indem er Adolphs Hand ergreiſt ernſt und feierlich) Die Sprache die ich in Anſehung der Fraͤulein von Roſen fuͤhrte, war die eines redlichen Mannes, der ſelbſt Fuͤr⸗ ſtengnade nicht achtet, wenn er die Sache der Tugend und Unſchuld zu vertheidigen hat— und nun, mit eben dieſer Wahrheitsliebe, mit Fürſten trete, und ſage— Aach Auguſte liebt eben dieſem hohen Gefuͤhl fuͤr Tugend und Recht, verſpreche ich ihnen, mein Fuͤrſt, bey Gott, und beym einer Ehre, daß bevor der morgende Tag zu Ende geht— ſie gluͤcklich und ich gerechtfertigt ſeyn werde!..(mit Junigkeit) o mein Fuͤrſt! verbannen ſie aus ihrem Herzen dies entehrende — — . ₰ 5—— 126 Mistrauen!.. Wann ich ihr Freund nicht mehr ſeyn darf, kann ich ihr Diener auch nicht mehr ſeyn!. Ein koſtbareres Geſchenk, als dies vier und zwanzigſtundige blinde Zutranen, kann mir Fuͤrſt Adolph, in ſeinem ganzen Lebenslauf und ſelbſt wenn er Land und Krone mit mir theil⸗ te, doch geben— den Glauben an mein Herz!. (ſich in ſeine Arme werfend) Raß⸗ dorf!. meln Freund! von Raßd orf. So hat Heinrich ſelbſt ſei⸗ nen Suͤlly nicht belohnt! Park zu Adolphsluſt⸗ Die Schranken— hinter den Seiten ringsum erhöhte Paͤnke fuͤr die Zuſchauer— an dem einen Ende breite Stufen, die zu einem praͤchtigen Amphitheater fuͤr den Hof hinauf fuͤhren— auf beiden Seiten etwas tiefere Baͤnke mit Decken behangen, fuͤr die Kampfrichter— an Poſten haͤngen die Wappen der Kaͤmpfer— im Hintergrunde iſt durch einen großen bemahlten Vor⸗ hang die Ausſicht in die Hauptallee verſperrt. Ritter, Waſſerknechte, Reiſige kommen von allen Seiten her⸗ bey— endlich erſcheint der ganze Hof— Zuſchauer fuͤllen die Bänke. (Trompeten⸗ und Pauken⸗Schall) Adolph im glaͤnzenden Ritterſchmuck reitet in die Schrancken, heißt Ritter und Damen will⸗ kommen, und haͤlt eine Anrede an die Verſamm⸗ lung.— Das Kampfſpiel beginnt.— Adolph erhaͤlt aus Wilhelminens Hand den erſten Dank — Raßdorf hatte ihn ihm in allem Ernſte ſtrei⸗ tig zu machen geſucht Doch hier muß ich meine Keſer an die Tauſend und ein Ritter⸗Roma⸗ * †. — — . g —— ——— — —— — ₰ — 128 ne, worauf die teutſche Litteratur ſtolz ſeyn kann, verweiſen— dort werden ſie Beſchreibungen von dergleichen Ritterſpielen in Menge finden— weit intereſſantere Auftritte erwarten unſer. Eberhorſt, der im Herzen dieſe Kampfſpiele verwuͤnſchte, weil er auch nicht einmal den Muth beſaß, mit Waſſer zu ſpielen, erſchien endlich Anſtands halber in den Schranken; ſein Pferd war mit Baͤndern von allerley Farben geziert, und er ſelbſt ſah mehr einem arkadiſchen Schaͤfer, als einem Ritter aͤhnlich— kaum hatte er durch die Beruͤhrung eines Wappenſchildes ſeinen Geg⸗ ner heraus gefordert, ſo ſprengte ein unbekannter Ritter mit verſchloſſenem Viſir in die Schranken, und gab ſich Raßdorfen zu erkennen; dieſer er⸗ klaͤrte dffentlich bey ſeiner Ehre, daß Eberhorſt dieſem fremden Ritter, ohne die groͤbſte Beleidi⸗ gung, einen Gang mit ihm zu machen nicht ver⸗ weigern duͤrfe.. Bey dem Ausſpruch der Kampf⸗ richter warf Eberhorſt furchtſam verlegene Blicke auf den ſtattlichen Unbekannten, der ſeinen ſchaͤu⸗ menden Streithengſt mit ſo ungemelner Gewandt⸗ heit und Staͤrke herum tummelte— er mußte ſich indeſſen dieſen Ausſpruch gefallen laſſen— ſie legten Lanzen an.— Der Unbekannte em⸗ pfing mit voller Bruſt den matten Stoß ſeines Gegners, faßte ihn ſchnell bey dem Halskragen, warf ihn in den Sand, ſchwang ſich vom Pferde, und indem er ihm mit der flachen Hand ins Ge⸗ ſicht ſchlug, rief er mit lauter Stimme— hier⸗ —— S ———= 129 ₰ it erklaͤre ich vich Eberhorſt fuͤr ehrlos, und von aller Gemeinſchaft mit rechtlichen Maͤnnern aus⸗ geſchloſſen, bis du den Schurken⸗Streich gut gemacht, den du an einem edlen dir ebenbuͤrtigen Fraͤulein veruͤbt haſt.— Cein allgemeiner Aufruhr) Adolph, der zwiſchen ſeiner Mutter und Wil⸗ helminen ſizt, erhebt ſich und gebietet Stille.— Raßdorf ellt die Stufen hinauf und ſtellt ſich ter ihn. Der Unbekannte.(naht ſich ehretbietig) Durchlauchtigſter Fuͤrſt! ich fordere Gerechtigkeit. Dieſer ehrloſe Menſch, in dem Uebermuth ſeines erſchlichenen Anſehens, wagte es mit falſchen Verſprechungen und erlogener Liebe ein junges unerfahrnes Maͤdchen auf das ſchaͤndlichſte zu hintergehen, dann gab er die Betrogene der Ver⸗ zweiflung Preis, verhoͤhnte ihre Thraͤnen, und verfluchte die Frucht einer ſchwachen Stunde, die ſie unter ihrem Herzen trug,. (das Gemurmel wird ſtaͤrker.— Eberhorſt hat ic in⸗ deſſen anfgerichtet) Adolph. Was ſagen Sie zu ieſer ſ. lichen Anklage Eberhorſt? Eberhorſt. Eine ůwich S WVigh. v. Roſen. 3 Th. 130 Der Unbekannte. Niedertraͤchtiger, elender Menſch„ was7 du wagſt!.. (er will auf ihn zu— einige Ritter ſpringen dazwi⸗ ſchen) Adolph. Wo ſind die Beweiſe Der Unbekannte. Daß ich den Namen der Ungluͤcklichen hier nicht dͤffentlich nenne, iſt eine Schonung, die mir gut geheißen muß wer⸗ den Raßdorf, ſie fordere ich auf, Se. Durch⸗ laucht genauer zu unterrichten.— Waͤhrend Raßdorf heimlich mit dem Fuͤrſten ſprach, herrſchte eine allgemeine Todes⸗Stille. — Die Erwartung war aufs hoͤchſte geſpannt⸗ — Eberhorſt ſtand indeß leichenblaß und bebend neben dem Unbekannten, der auf ſeine Lanze ge⸗ ſtuͤzt ihn zu bewachen ſchien— die uͤbrigen Rit⸗ ter bilden einen weiten Kreis um beyde. Ado lph. Ekberhorſt, ihr Verbrechen iſt in meinen Augen hinlänglich erwieſen.— Morgen ſollen die Geſetze uber ſie ſprechen. Eberhorſt wollte ſprechen er ſank auf die Knie Adolph. cheftig) Fort mit chm! Ein Hauptmann von der Leibgarde und vier Trabanten ſuͤhrten ihn ab. Adolph Ihnen edler Unbekannter, der in dieſer Stunde die ſchoͤnſte Ritterpflicht ausge⸗ uͤbet hat, und nicht mir, gebuͤhret der erſte Dank — Cer nimmt den Kranz, uͤberreicht ihn Wilhelmine — — . 131 und führt ſie die Stufen hinab) empfangen ſie dieſen Kranz als einen Beweis meiner Achtung! Wilhelmiue uͤberreichte ihn dem Unbekann ten, der ihn knieend empfaͤngt. Adolph. So moͤgen uns immer Schoͤn⸗ heit und Unſchuld, Biederkeit und Maͤnnertugend kroͤnen! Der Unbekannte.(nimmt den Helm ab) Wilhelmine! Wilhelmine. Wahlberg! (ſie hatten ſich umſchlungen, Trompeten⸗ und Pauken⸗ Schall) Adolph. Auch in melnen Arm, edler junger Mann! cer umarmt ihn, ein allgemeines Bravorufen und Hän⸗ deklatſchen) Das trunkene Paar vermogte keine Worte hervor zu bringen— ein ganzer Himmel voll Seligkeit lag in ihren naſſen Augen.— Adolph weidete ſich an dieſem herrlichen Anblick— und Raßdorf, indem er ſeinen Freund umarmte, ſagte ihm heimlich und laͤchelnd:— Sey gluͤcklich Karl! und laſſe dir's ferner nie wieder einfallen, ein Herz voll Treue und Liebe ſo kalt anatomiren zu wollen, ſondern nimm mit Dank dieſe ſchone ———— 3 . 5 3 1* ½ 132 feltene gebe an!— Wahlberg druckte ihn chwel gend an ſeine Bruſt. Jezt erhob ſich auf elnmal ein ſtarkes Getoß an dem aͤußerſten Ende der Schranken.— Alle Blicke flogen dahin— eine ganze Schaar frem⸗ der Ritter hielt vor den Seiten, und verlangte Einlaß— er wurde ihnen gewaͤhrt. Ein praͤchtiger Ritter im glaͤnzendſten Anzuge ſlog voran, hlelt eine kurze artige Rede, wandte ſich endlich an den Fuͤrſten, und bat um Er⸗ laubniß fuͤr ſich und ſeine Begleiter Antheil an dem Kampfſpiel nehmen zu duͤrfen.— Wäh⸗ rend dem er ſprach wurden auf allen Seiten Pech⸗ kraͤnze aufgerichtet und angezuͤndet— es fieng ſchon an zu daͤmmern.— Adolph antwortete; — daß obglelch die Kampfſpiele fuͤr heute been⸗ diget ſeyen, er dennoch ſo wenig, als ſeine Rit⸗ ter, ſich verweigern wuͤrde eine Lanze mit ihnen zu brechen. Da erſchollen die Trompeten der fremden Ritter. Ein junger Ritter auf einem ſchneewelſ⸗ ſen, mit koſtbarer Decke behangenen Pferde ritt nun langſam in die Schranken, gruͤßte mit ſei⸗ ner Lanze, beruͤhrte Adolphs Waffenſchild, und zog ſich dann an das andere Ende der Schran⸗ ken zuruͤck— des jungen Ritters Helm war mit drey weißen Schwungfedern geziert, ſeine Ruͤ⸗ ſiung himmelblau, auf ſeinem Schilde die De⸗ viſe;— Der Eintracht und giebe!— ——— 133 ——— Adolph ſah den ſchlanken ſchmaͤchtilgen Ritter laͤ⸗ chelnd an, ſchwang ſich in den Sattel und ge⸗ brauchte nicht einmal die Vorſicht, ſeinen Helm anſchnallen zu laſſen, ſondern warf ihn blos auf den Kopf, des leichten Sleges ſchon im voraus verſichert.— Sie hatten Raum genommen und die Lanzen eingelegt— jezt erſcholl zum zweytenmal die Trompete und ein allgemeines frohes La⸗ chen ertonte von allen Seiten.— Der kleine Ritter war darch eine geſchickte und unerwartete Wendung der Lanze ſeines Gegners ausgewichen, hatte mit der ſeinigen Adolphs Helm gefaßt, trug ihn triumphirend im Kreiſe herum, und verließ die Schranken. Die gunze Schaar der fremden Ritter folgte ihm nach; Adolph ſaß noch zu Pferde und wuß⸗ te nicht, was er aus der ſeltſamen Erſcheinung machen ſollte, als plozlich unter dem Donner der Kanonen und unter dem lauten Schall der Trom⸗ peten und Pauken der bemahlte Vorhang ver⸗ ſchwand, und ein kuͤnſtlich beleuchteter, auf weiſ⸗ ſen joniſchen Saͤulen ruhender Tempel wie hin⸗ gezaubert da ſtand— im Tempel ein Altar, worauf ein Opfer brannte; am Geſimſe zwiſchen den zwey vordern Saͤulen glaͤnzten folgende Worte: — Den Goͤttinnen der Eintracht und Liebe, von Adolph und Helnrich dank⸗ bar gewidmet.— Jezt erhob ſich eine ſanfte Muſik von blaſenden Inſtrumenten, und 134 aus dem nahen Gebuͤſch traten die fremden Rit⸗ ter hervor und erſtlegen die ſanfte Erhoͤhung, die zum Tempel fuͤhrte.— Der ſtattliche Ritt⸗ der mit der glaͤnzenden Ruͤſtung gieng in den Tempel und nahte ſich dem Altare— die uͤbri⸗ gen blieben auf den Stufen in zwey Reihen ſie⸗ non.— Adolph von ſtßer it beſeelt, hatte ſchon Raßdorfs Hand ergriffen, und eilte mit ſtarken Schritten dem Tempel zu— alles ſtrdmte th⸗ nen nach Als er die erſte Stufe des Tempels betrat, da kam ihm der Ritter, der am Altar ſtand, entgegen, und indem er den Helm abnahm:— Wird Fuͤrſt Adolph fuͤr Heinrich die nemlichen Geſinnungen als fuͤr den Herrn von der Kronen⸗ burg hegen?.. Adolph. Wie? Sie„ Furſt Heinrich. Ein ſchoͤner Betrug — ich bin Heinrich eine lange yerzliche Umarmung, unter dem lauten Bepfallklatſchen der Zuſchauer) Avolph. und Auguſe! Jezt kam der kleine ſchlanke Ritter hinter dem Altar hervor, nahm den Helm ab, füs 1 freundlich erröthend zu Adolph herauf, und in⸗ 135 dem er ſich mit der Linken auf Heinrichs Schul⸗ ter ſtuͤzte, reichte er ihm die Rechte hin! Adolph war wie vom Blitze getroffen. Heinrich. Meine Schweſter! Adolph.(niederſinkend, indem er die darge, reichte an ſein Herz druͤckt) Auguſte! tſchnell aufſprin⸗ gend und beyde umfaſſend) Heinrich! Freund! auf ewig ſey der Bund geſchloſſen! o Auguſte! darf nun der Freund auf einen noch ſuͤßeren Namen Anſpruch machen— darf ich— Geinrich umar⸗ mend) dich Bruder nennen?.. Heinrich. Clegt Auguſtens Hand i in die ſeine) Bruder! Schweſter! Adolph. Meine Auguſte Auguſte.( ſinkt an ſein Herz) Mein Adolph! Die ſchoͤnſte Liebe lohnte mit aller ihrer na⸗ menloſen Wonne dies edle Paar bis in das ſpaͤ⸗ teſte Alter; ſeinem Gluͤcke iſt nichts zu verglei⸗ chen als dasjenige, welches Wilhelmine in Wahl⸗ bergs Armen genoß. Eberhorſt mußte Carolinen von Ellerfeld an den Altar fuͤhren, nachdem er ihr den freyen Ge⸗ nuß ſeines Vermdogens zugeſichert hatte— den Tag nach der Vermaͤhlung ſprach Adolph die Ehe⸗ ſcheidung, und Caroline blieb bey ihrer Wilhel⸗ mine. Eberhorſt floh nach einem entlegenen Land⸗ gute, wo er wenig Jahre darauf, an den Fol⸗ gen ſeiner Ausſchweifungen, in Gewiſſensangſt und Verzweiflung, den Geiſt aufgab. Raßdorf genoß im vertrauten Umgange mit Adolph und Heinrich den ſchoͤnſten Lohn, nach dem ſein ſo edles Herz ſtrebte⸗ 5 — 8 * — * 5 ℳ * . 2 —— ———— . —