—.——— † „ Leihbibliothet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Ednard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und eſebe ingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Pesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe veſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —˙———————————— auf 1 Monat: I Te 3 1 „„* 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſ endung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſenel, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene pder vefecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganſen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeven Tag von Morgens 2 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus kbezahlt werden und —— v 4 — 3 X 1 2 6 8 Urne im einſamen T W M W — 7 5 1 5 4 5 WVilhelmine von Roſin von dem Verfaſſer der Kraft erwart' ich vom Mann, des Geſeße behaupt' er, 6 , ⸗ Aber durch Anmuth allein herrſchet, undò herrſche das Weib. F. Schiller. Erſtes Baͤndſchen. Berlin und Leipzig. 18 03. „* * *—— —— N I — S . — —.— 5 „. 3* — N—. 23 . 5 „ — 2 . — 6 . Laufer! WVilhelmine von Roſen. Erſtes Buch. ——— „ Geheimerath von Doͤrner und Herr von Wahlberg(ſielen Schach.) Fraͤulein Wilhelmine von Roſen. (ſitzt vor ihrem Fortepiano und phantaſiert; ſie blict zuweilen nach den Schachſpielern hinuͤber.) von Wahlberg. Cruckt den Stuhl) Schach und matt! Geh. von Doͤrner. Clebhaft) Nein! — nein, ſag' ich— Ich opfre meinen Thurm anf! von Wahlberg. Auch das— den neh⸗ me ich mit meiner Könlgin, und dort ſteht mein * Geh. von Doͤrner.(das Spiel uberſehend) Richtig!— Wilhelmine.(ſingt mit rauſchender Ve⸗ gleitung) Triumph!— Triumph!— dem Sie⸗ ger zu Ehren!. Geh. von Doͤrner. Minchen! du biſt heute wieder vollig ausgelaſſen— das ver⸗ wuͤnſchte Geklimper iſt an meiner Niederlage ſchuld! Wilhelmine. Warum machen Sie's nicht wie ihr Gegner, lieber Oheim? Der iſt zum Schachſpieler gebohren.— Ihn lockt der Mara Lied, ihn lockt der Lerchen Kehle um ſonſt— Claut lachend) auch eine Margol koͤnnte ihm kein Laͤcheln abgewin⸗ nen. von Wahlberg. ckalt, ohne jedoch belei⸗ digend zu ſeyn) Maͤnnlicher Eruſt gleicht eben ſo wenig dem Mismuth, als Ausgelaſſenheit dem zarten weiblichen Frohſinn. Geh. von Doͤrner(laͤchelnd) Eine Braut ſollte ſtill und nachdenkend ſeyn— Wilhelmine.(launig) Wenn ich den däſtern Braͤutigam betrachte, deſſen Geſichtsfal⸗ ten ſich noch nie zum frohen Lachen gebildet ha⸗ ben, und deſſen Seele in einen ewigen Herbſt⸗ 5 ——— nebel angehült zu ſeyn ſcheint, ſo ſollte man meine heitere Phlloſophie bewundern, ſtatt ſelb⸗ ge zu tadeln.(aͤußerſt munter) Glauben Sie mir's Wahlberg, es gehoͤrt viel Entſchloſſenheit dazu, um eine ſo lange Reiſe durch's Leben téte ů téte mit ihnen zu wagen.. von Wahlberg⸗ Wenn ich glauben konnte, Wilhelmine, daß es ihnen mit dieſer leichtfertigen Aeußerung Ernſt ſey— ſo. Wilhelmine. Und wenn es waͤre, Snitz⸗ kopf7 verdient haͤtten Sie wenigſtens ſchon laͤngſt, daß ich ihnen ein wenig damit bange mach⸗ te— Clacht) Geh. von Doͤrner;(mit dem Finger dro⸗ hend) Minchen! Minchen! der bunte Schmetter⸗ ling flattert ſo lange um die Flamme bis er ſich die Fluͤgel verſengt hat.. Wilhelmine. Das Gleichniß paßt nicht, lieber Oheim!— Minchen iſt kein Schmetter⸗ ling, und was noch gar die Flamme betrift— ſehn Sie doch, ich bitte Sie, den Mann an— an dem waͤre es eine Kunſt ſich zu verſengen— von Wahlberg. Ihre muthwillige Laune geht wirklich zu welt, Wilhelmine— wer Sie ſo ſprechen horte, muͤßte glauben— Wilhelmine. der Liebe davon gelaufen? Mein Verſtand wäre mit 65 6 — von Wahlberg. Nicht doch! eine Liebe, die faͤhig waͤre mit dem Verſtande davon zu laufen, kann in kelnes edlen Maͤdchens Herz Raum fin⸗ den„ Wilhelmine. Soll ich zuͤrnen, oder fur dies artige Compliment danken? von Wahlberg. Ich hoffe, meine Wil⸗ helmine fuͤhlt ihren Werth und wird mich nicht Wilhelmin e.(nach einem kurzen Nachdenten) Aus Vorſatz nie— Ihnen aber bleibe die Sorge immer begreiflich zu ſehn! von Wahlberg. Wie ſoll ich das ver⸗ ſiehen? Wilhelmine.(raſch) Warum wollen Sie morgen nicht mit? von Wahlberg.(etwas verlegen) Ichha⸗ be Geſchaͤfte., Wilhelmine.(empfindlich) Auch die Liebe iſt ein eignes Geſchaͤft.„ ein ganzes frohes Leben laͤßt ſich mit dieſem Geſchaͤft ausfuͤllen— Caͤußerſt ſpoͤttiſch) freilich giebt es auch wieder Men⸗ ſchen, die mit der Liebe nur ihre Nebenſtunden ausfullen— die ſollte man Nebenmenſchen nen⸗ nen— + 5 — ————— von Wahlberg. Cwill ſprechen, kaßt ſich wieder, verbeugt ſich alsdann kalt, aber und will gehen.) Wilhelmine.(dſe ſich wieder geſammelt, er⸗ greift ſeine Hand, dann aͤu ßerſt munter) Nein, nein, ſo darf ich Sie nicht von mir laſſen— es waͤre unbarmherzig— bedenken Sie nur, lieber Wahl⸗ berg, die Folgen dieſes Augenblicks— Sie ge⸗ hen— mein unſchuldig er Scherz uͤber Neben⸗ ſtunden und Nebenmenſchen hat endlich ihre phl⸗ loſophiſche Galle rege ge macht— das abſcheuli⸗ che Maͤdchen! es iſt aus— rein aus mit uns! „„ nie werde ich Sie mehr ſehen— und was dergleichen tolles Zeug mehr iſt— der Behiente kommt, meldet dieſen oder jenen guten Freund — der Herr iſt aber nicht zu Hauſe— er geht muͤrriſch auf und ab— bleibt ſtehen— ſchlaͤgt ſich vor die Stirne— murmelt unverſtaͤnvliche Worte— greift haſtig nach einem Buch— wirft es wieder hin— dehnt ſich auf ſein Cana⸗ pee aus, den ſtarren Blick in den duͤſtern Win⸗ kel geheftet— es wird Nacht; der Tiſch iſt ge⸗ deckt— aber der boſe graͤmliche Herr ſchuͤttelt mit dem Kopfe— der gute Georg traͤgt die kalten Schuͤſſeln unberuͤhrt wieder fort, und gafft ſeinen Herrn mit großen Augen an. von Wahlberg. Sie ſind wirklich Met⸗ ſterln in der Kunſt ſolche Gegenſtaͤnde auszumah⸗ len, nur muͤßte ich das Herz bedauern, das —— —— — 5 8 ——— 7 Vergnügen daran faͤnde, ſole idealiſche Gegen⸗ ſtaͤnde zu realiſiren.„ Wilhelmine. Unartiger Menſch! Ein Maͤdchen, das ſich gern ſprechen hoͤrt— dieſe Suͤnde haben ſie mir auch ſchon vorgeworfen— in der intereſſanteſten Periode zu unterbrechen!.. Beinahe haͤtte mich ihre boshafte Bemerkung aus dem Concepte gebracht... Georg— die Stunde der Ruhe hat geſchlagen— wollen ſie mich nicht anhdren, mein Herr? von Wa lberg,(wirft ſich i auf ei⸗ ken Seſſel.) Geh. von Sne Maͤdchen! nimm dich in Acht!. Wilhelmine. Das ſchoͤne voſenfarbne Stirnband von Minchens niedlichen Fingern ſo zierlich geſtickt— dort liegt es in einem Win⸗ Stirne leiden— da liegt er nun, den Kopf in kel, der anttroſenfarbne Herr mag nun ſerner nicht mehr dieſen, wie er ihn ſelbſt nannte, Ta⸗ lisman der ſuͤßeſten Traͤume auf ſeiner finſtern die Hand geſtuͤtzt, den Blick auf die erloſchende Lampe gerichtet— der erzuͤrnte Gott der Liebe, der von oben herabblickt, winkt dem Schlafe ſich zu entfernen— er gehorcht— und flieht in Minchens offnen Arm, die ihren Freund mit gähnendem laͤchelnden Munde empfaͤngt.— — —— — Geh. von Doͤrner. Ewige Schwi⸗ tzerin! J von Wahlberg.(empfindlich) Laſſen Sie nur Herr Geheimerath— Dieſe Beſchreibung iſt in der That ſo uͤbel nicht— Fraͤulein Wil⸗ helmine haben dichteriſche Anlagen— nnd Ue⸗ bung wird bey jedem Talent erfodert... Indeſ⸗ ſen Cer will abermals gehn.) Wilhelmine.( nothigt ihn mit komiſchem Ernſt auf den Seſſel zuruͤch)) Jezt merken ſie auf — endlich hat die Natur ihre Rechte behanptet ſie ſchlafen— jetzt kommen auch die Traͤume in bunter Reihe und gaukeln in tauſend Geſtal⸗ ten ihren geiſtigen Augen voruber wer iſt das?— Minchen! ſie lacht hell auf, indem ihr erzuͤrnter Liebhaber zum Zimmer hinaus ſturzt — und jezt— wieder Minchen! da ſizt ſie Ge⸗ dankenvoll, das Kopſfchen in ihre Rechte geſtutzt — ſie ſcheint ſehr uͤbler Laune zu ſeyn— weg mit dem Luͤgenbild', Minchen iſt nie uͤbler Laune — doch was ſehe ich?— um's Himmels wil⸗ len! wieder Minchen!— ſie wankt daher— Thraͤnen rollen uͤber die naſſen Wangen— ihr Blick iſt zur Erde geſenkt— die arme reuige Süͤnderin!.. jezt ſinkt ſie vor dem Erzurnten —— nieder—(ſie thut es wirklich) lieber Wahlberg! vergib mir— den unſchuldigen Schmerz1. deln Minchen wollte dich nicht beleidigen. 7d ———— von Vahlberg. Cfaßt ſie auf) Mln⸗ chen! Wilhelmine. eſſch laͤchelnd loswindend Sachte mein Herr! dieß alles geſchieht nur im Traume— die wachende Wilhelmine wuͤrde ſich ganz anders benehmen! Geh. von Doͤrner. Tolles Maͤdchen! (er geht an ſein Schachbret.) von Wahlberg, Wozu dieſer unzeitige Scherz, Wilhelmine?. ich habe nichts dage⸗ gen, wenn ſie jenen Schwarm von bunden Schmetterlingen, die taͤglich um ſie herum flat⸗ tern, den Stachel ihres Witzes fuͤhlen laſſen— immerhin!— koͤnnte die Erbaͤrmlichkeit dieſer Menſchen mir etwas anders als Mitleid einfloſ⸗ ſen, ich wuͤrde ihnen ſelbſt Beyfall zulaͤcheln.„ Wilhelmine. Laͤcheln!— Das iſt es ja eben was mich dfters ſchon beinahe bis zur Verzweiflung brachte— Wer kann ſich ruͤhmen ihnen ſchon ein Laͤcheln abgewonnen zu haben? in der That Wahlberg— den Kopf in die Hoͤhe, mein Herr! die Ohren geſpitzt— Min⸗ chen will jetzt zum erſtenmal einem ihres Ge⸗ ſchlechts eine Lobrede halten! In der That ie e ſind ein huͤbſcher Mann Herr von Wahlberg! — thre Geſichtszuͤge ſind edel,— wenn ſtatt reſer Falte zwiſchen den Angenbraunen mehr der Herr will ein Philoſoph ſeyn, und dem lle⸗ TT Freundlichkeit in ihrem Blicke waͤre: ſtatt des melancholiſchen Zugs um den Mund, froher Scherz ihn umſchwebte, wirklich Wahlberg ſie konnten alsdann ohne uͤbertriebene Eitelkeit An⸗ ſpruͤche auf Eroberungen machen!.., 3 Geh. von Doͤrner. Schaͤme dich, Min⸗ chen! Wilhelmine.(ohne auf ihres Oheim's Aus⸗ ruf und Wahlbergs finſtere Blicke zu achten) Aber nein ben Gott zum Trotze in ſeiner freudenpollen Schö⸗ pfung da ſitzen, wie ein ausgepfiffener Schau⸗ ſpiel⸗Dichter in dem dunkelſten Winkel des Pa von Wahlberg. laufſpringend) Das mir? nie glaubte ich ſo verkannt werden zu kon⸗ Wilhelmine. eernſt) Das nicht, lieber Wahlberg! gewiß nicht!(muntet) Wie hätte ſonſt die naſeweiſe Wilhelmine das Gluͤck gehabt Ihnen zu gefallen?„ aber ſetzen ſie einmal den Fall, ich waͤre ein Mahler, ſie beſuchen mich, ich ſtelle ihnen meln beſtes Gemaͤhlde zur Beur⸗ theilung vor— Lob des Kenners iſt des Kuͤnſt⸗ lers ſuͤßeſter Lohn— ich ſpaͤhe in ihrem Geſichte dem Eindruck nach, den meine Arbeit auf ſie macht— Ihre Augen ruhen einige Augenblicke, * —— 6——— —— —— 12* * aber ohne Leben, ohne Waͤrme, auf dem Gemaͤhl⸗ de, endlich wenden ſie ſich um, und in dem Ton, womit man eln Glas Waſſer zu beſtellen pflegt, hoͤre ich ſie rufen— Recht brav!— von Wahlberg. Haben ſie mich ſchon in dieſer Lage geſehen? Wilhelmine. Ungefaͤhr! Neulich noch als wir, nach dem ſtarken Gewitterregen, den kleinen Huͤgel hinter Walldorf beſtiegen— Welch' ein bezaubernder Anblick!— dort die unterge⸗ hende Sonne, eingehuͤllt in einen purpurnen Wol⸗ ken⸗Mantel, die wie Schweitzer⸗Gebuͤrge auf einander gethuͤrmt, an dem fernen Horizont gluͤh⸗ ten— zu unſern Fuͤßen das erfriſchte Wieſen⸗ thal in der ſanften Abenddaͤmmerung— den Ju⸗ belgeſang der Voͤgel im nahen Buſch, und das ferne Gelaͤute der heran nahenden Heerde— mir ſtanden die Augen voll Waſſer.. vou Wahlberg. Auch ich empfand tief! Wilhelmine. In der That muß ihr Ge⸗ fuͤhl tief in ihrem Innerſten gelegen haben, denn auf ihrem Geſichte war keine Spur davon zu ent⸗ decken— Haſche mich Karl! rief ich Wonne⸗ trunken, und floh ins Thal hinab— da ſah aber mein tief empfindender Herr gerade ſo aus, wie die blaſſe kalte Mondſcheibe, die eben hin⸗ — 13 ter dem Fichtenwald hervor kroch— und kam Schritt fuͤr Schritt, wie ein Grenadier auf der Wachtparade, mir nach; weg war all mein Froh⸗ ſinn, ich zerriß die Blumen⸗Guirlande, die ich auf der Wieſe gepfluͤckt hatte, und warf ſie dem voruͤbergehenden Dorfhirten ins Geſicht.— von Wahlberg. Gewiß, ſie find ſehr unbillig Wilhelmine— Wer liebt Frohſinn und Heiterkeit mehr als ich?— iſt es aber meine Schuid, wenn Natur, Gewohnheit, der Um⸗ gang mit einem ernſten Vater, mit einem pedan⸗ tiſchen Erzieher, meinen Geſichtszuͤgen dieſen un⸗ lenkſamen Ernſt aufpraͤgten— wuͤrde ich Sie lieben, wuͤrde ich in den Beſitz meiner muntern Wilhelmine das hoͤchſte Ziel meiner Wuͤnſche ſe⸗ tzen, wenn nicht„ Wilhe lmine. Wer mich lieben will, muß auch mit mir lachen konnen.„ S Geh. von Doͤrner.(dazwiſchen trekend) Wißt ihr was Kinder— ich ſehe, ihr werdet in Ewigkeit nicht mit einander fertig— kurz alſo von der Sache Wilhelmine. Lieber beſter Oheim; hier⸗ bey taugen ſie nun gar nichts— Cſie faßt ihn bey der Haud, fuͤhrt ihn huͤpfend und ſingend zum Schach⸗ bret, und nothig ihn zum ſitzen) da— uͤberlegen ſie einmal, ob dieſer Schachmatte Koͤnig anf keine Art mehr zu retten ſey!. — —— E.— 3.—— 14 Geh. von Doͤrner. Ey Minchen biſt du toll!(äberſieht lächelnd das Spiel) ach nein! lel⸗ der auf keine Art!— ſieh nur— dort im Hin⸗ terhalt lauert der fatale Laufer— ich mache hier Luft— da ſtellt er mir ſelne Konigin hin— matt!— Schachmatt! Cer ſtützt den Kopf auf beide Haͤnde, ſtarrt das Spiel an, und verſinkt in Nach⸗ denken.) von Wahlberg. Liebe Wilhelmine! laſſen ſie uns jetzt vernuͤnftig mit einander ſpre⸗ chen Wilhelmine. Vernuͤnftig!—(die Haͤn⸗ de zuſammen faltend) Großer Gott! iſt es nicht zum erbarmen.. thue ich denn ſeit einer hal⸗ ben Stunde etwas a ers2— oder was nennen ſie denn vernuͤnftig ſprechen, ſie ganz entſetzli⸗ cher Menſch iezt hoͤren ſie meinen unwider⸗ ruflichen Entſchluß:— Rouſſ eau ſagt irgend⸗ wo— traue dem Menſchen nicht, der ſich ſcheut, zuwellen ein Glaͤschen über die Gebuͤhr zu trin⸗ ken, und ich ſage— nie werde ich mit einem Manne die Dornenvolle Bahn des Eheſtands be⸗ treten, der nicht ſogar dieſe Dornen von den wunden Fuͤßen lachend heraus zu ziehen ver⸗ mag. von Wahlberg. An der Hand melner Wilhelmine ſoll dieſe Bahn nur Roſen und kelne Dornen haben— —,— —— 15 Wilhelmine. Das leſe ich alle Jahre in jedem Muſen⸗Almanach! von Wahlberg. Cempfindlich) In ihrem Herzen ſtand es wohl noch nie geſchrieben! Wilhelmine. Cernſt) Seit wann giebt ſich die hohe Stoa mit ſolchen Kleinigkeiten, mit dem, was in eines Maͤdchens Herz geſchrieben ſteht, ab? von Wahlberg.(mit zunehmender Em⸗ pfindlichkelt, die er zu unterdrucken ſucht) Was ich in dieſem Augenblick in ihrem Herzen leſe Wilhelmine. Mit der Conſervations⸗ Brille der Vernunft?.„ von Wahlberg. Die Liebe wenigſtens kann, wie ich merke, dieſe Ausgabe ſparen, denn ſie iſt wirklich ſtockblind! Wilhelmine.(immer ernſter) Dafuͤr ihr Männer dem Schickſale ein Opfer ſchul⸗ dig! von Wahlberg.(geht einigemal auf und ab, dann gefaßter) Wir ſplelen Ball mit unzeiti⸗ gem Witz, Wilhelmine— ſie werden bitter— ich auch— wo ſoll uns das hinfuͤhren?— wir werden uns ſo lange auf dem holprichten Feld der Epigrammen herum treiben bis„ ———— * — —— ———————— ————— 16 Wllhelmine. Cäußerſt munter) Bis endlich der innere Sturm in ein helles Gelaͤchter ſich aufloßt!.„ Cſie lacht, indem ſie ihm die Hand reicht) von Wahlberg.(der ſie vollig misverſteht — hochſt erbittert) In der That ich komme mir jetzt ſelbſt ſehr laͤcherlich vor!.. Wilhelmine. C betroffen zurück tretend) Mir auch!(verbeugt ſich mit Ernſt und Wuͤrde) Le⸗ ben ſie wohl, Herr von Wahlberg! von Wahlberg.(wird blaß— will ſpre⸗ chen— greift aber haſtig nach ſeinem Huth und eilt fort.) Geh. von Doͤrner.(aufſpringend) Da dich! wo hatt' ich nur den Kopf— Wahl⸗ berg!— horen ſie!— Wahlberg! ihre Koni⸗ gin ſteht ja im Schach durch melnen Springer „ Wahlberg!— Wahlberg!— Ceilt ihm nach.) Wilhelmine.(mit erſticter Stimm 4. indem ſie ſich eine Thraͤne abtrocknet) Der Trotz⸗ iopf! Geh. von Doͤrner.(kommt znruͤc) Der lauft wie unſinnig— Minchen— was war denn das?— ſieh doch— mein Koͤnig iſt geret⸗ tet!— 3 — ——— — ——— 7 W tlhelmine.(im abgehen) Und ich bin Schachmatt! Geh. von Doͤrner.(ſetzt ſich wieder) Ku⸗ rios! Kurios! daß ich dieſen Zug uͤberraſehen konnte. Wilhelmine hatte ſchon mehrere Auftritte der Art, mit ihrem gewiß thenren Wahlberg ge⸗ habt, aber ſo weit war es doch noch nie ge⸗ kommen; die Verſoͤhnung geſchah beinahe im⸗ mer in dem nemlichen Augenblick, durch einen unerwarteten Scherz mit naſſen Augen und la⸗ chendem Munde— diesmal aber war es wirk⸗ lich zu weit gekommen, und zwar einigermaſ⸗ ſen durch Wahlbergs Schuld— denn als Wil⸗ helmine ſagte— bis endlich der innere Sturm in ein helles Gelaͤchter ſich aufloͤſt— und dabey ihm die Hand entge⸗ gen reichte, glaubte ſie wirklich den erſten Schritt zur Verſohnung gethan zu haben— wie uͤberra⸗ ſchend und unerwartet mußte ihr alſo die bittre Antwort Wahlbergs geweſen ſeyn! Dies war dem gutmuͤthigen muntern Maͤdchen doch zu viel,— die Thraͤnen, die bey ſeiner ſchnellen Entfernung aus ihren Augen hervor quollen wa⸗ B Wilh. v. Roſen 1 Th. 6 * 5 † 6 8 18 ren dle bitterſten, die ſie in ihrem Leben ge⸗ weint hatte— ſo tief gekraͤnkt, ſo verkannt, ſo misverſtanden hatte ſie noch niemand, und das konnte ſie nicht verſchmerzen. Wahlbergs Be⸗ merkung uber Witz und Eplgramm hatte ſie wirk⸗ lich betroffen, und ſchnell wollte ſie durch einen drolligen Cinfall dem Streite ein Ende machen; waͤre da Wahlberg ihr nur elnen Schritt entge⸗ gen gekommen, ſo wurde der kleine Groll wegen einer abgeſchlagenen Landpartie, welche kurz vor⸗ her vorgeſchlagen wurde, gaͤnzlich vertilgt geweſen ſeyn, ja ſie waͤre mit naſſen Augen an ſein Herz geſunken, und haͤtte ihn um Vergebung gebeten — aber ſie hatte vergeblich den erſten Schritt gethan, er war zuruͤck gewichen— und da ver⸗ gaß ſie uͤber den unzeitigen Trotz, daß ſie der angreifende Theil geweſen war. Das erſte, was ihr in die Augen fiel als ſie ihr Zimmer betrat, war Wahlbergs Portralt von Graf gemahlt; ſie nahm es herunter und ſtellte es umgewandt in einen Winkel„jezt ergriff ſie die Feder um dem abſcheulichen Menſchen ihre Herzens⸗Meinung zu ſagen— da ging ihre Thuͤre auf— ſie hatte das Herz nicht herum zu bli⸗ cken— er iſts! ſagte ihr eine leiſe Stimme— und eine gluͤhende Roͤthe uberzog ihre Wangen, ihre Hand zitterte, aber— er war es nicht— ihr Vetter Guſtav war es— ein toller luſtiger X 10 Junge, ihres Oheims einziger Sohn, ohnlaͤngſt von der Univerſitaͤt zuruͤck, wo er Zeit und Geld verſchwendet hatte, und jezt als Fähndrich bey der Fuͤrſtlichen Leib⸗Garde angeſtellt— ſie wa⸗ ren mit einander aufgewachſen. Willſt du nicht ein Stuͤndchen ausreiten? ſagte er, indem er vor den Spiegel trat, und ſein neues Reit Kollet muſterte— Wilheimine ſah ihn ſtarr an— nein! ſagte ſie endlich— Ich bitte dich, liebes Minchen, thue es mir zu Gefallen, deln armer Joli kommt ja gar nicht mehr aus dem Stalle, er wird ordentlich ſteif „— Kannſt ihn ſelbſt reiten, wenn es dir Freude macht— Minchen! ich will dir's nur geſtehen, es iſt aus mit mir und Malchen— So 7— rein aus! denke nur, wle abſcheulich! ich will ſie kuͤſſen, ſie wendet ſich um— ja das iſt in der That abſcheullch von dem Maͤdchen! — Ich eile ihr nach, da ſchluͤpft ſie mir durch, und ich ſinke der alten Tante in die Arme— Wilhelmine lachte— ja, gerade ſo machte ſie's auch— ich wurde boͤſe, es half nichts, ſie woll⸗ te ſich krank lachen uͤber mich, und die Tante, die in den großen Armſeſſel zuruͤck geſunken war, und wie ein alter Drache Gift und Feuer ſpie. — Der ſteife Hofrath kam eben herein, den faßte ſie, denke nur, unterm Arm und floh mit B 2 20 ihm die Treppe hinunter— jetzt werden ſie wohl auf der Promenade ſeyn; nun liebes Minchen, da du alles weißt, bitte ich dich, laß Joli ſat⸗ teln— ſieh! wir reiten Carriere die große Allee hlnauf— an ihr vorbey— und ich— ich neh⸗ me nicht einmal den Huth ab. Das nenne ich Rache ausuͤben! ſagte Wilhelmine, und ſchon wollte ſie ihre abſchlaͤgliche Antwort wiederho⸗ len, als ihr plotzlich einfiel, daß auch Wahlberg zu der Stunde dfters dahin ſpazieren gieng— nun wurde Joli in aller Eile geſattelt— fie flo⸗ hen die Straße hinunter, uͤber die Bruͤcke, dann links durch die Linden⸗Allee— auf einer Bank am Kanal, der dieſen reitzenden Spatzlergang in zwey Theile theilt, hatte Guſtav ſein Malchen mit dem verhaßten Hofrath ſchon erblickt; auch Wilhel⸗ mine(denn nichts iſt blinder und hellſehender als die Liebe) ſah Wahlberg aus dem Gebuͤſch hervor treten— Malchen winkte ihm, und er kam naͤ⸗ her.— Als ſie an der Gruppe vorbey eilten, ſieng Wilhelmine hell auf zu lachen an und Gu⸗ ſtav, ohne recht zu wiſſen warum, lachte ſo kraͤf⸗ tig mit, daß er ſich an den Sattelknopf halten mußte; kaum hatten ſie aber um den Kanal ge⸗ bogen, ſo klagte ſie uͤber heftige Kopfſchmerzen, vergebens gab ihr der ausgelaſſene Guſtav die be⸗ ſten Worte, um noch ein Da Capo zu machen, ſie war nicht zu bereden— ſie ritten wieder lang⸗ ſam nach Hauſe— Wilhelmine fuͤhlte nun, daß 2T ſie eine aͤußerſt einfaͤltige Rolle geſpielt hatte, ihr zartes Gefuͤhl machte ihr die bitterſten Vor⸗ wuͤrfe, ſie ſchloß ſich ein, Mismuth, Reue, Be⸗ ſchaͤmung, das Bewußtſeyn des ihr angethanen Unrechts, folterten wechſelsweiſe ihre Seele, ſie entwarf tauſend Plane, die eben ſo ſchnell ver⸗ worfen wurden; endlich unterlag ſie der Laſt die⸗ ſer verworrenen, ſich widerſprechenden Empfindun⸗ gen, ſank ermattet dahin, und zerfloß in Thra⸗ nen. Fraͤulein Wilhelmine von Roſen war die eln⸗ zige Tochter eines ſehr relchen Landedelmann's aus dem H*** Ihre Mutter hatte ſie in der Wiege verloren, ihr Vater folgte in wenig Jah⸗ ren der geliebten Gattin nach; als eln Kind von fuͤnf Jahren kam ſie in das Haus ihres Oheims, der zugleich ihr Vormund war. Der Geheime⸗ rath von Doͤrner war gleichfalls Wittwer; er empfieng das Kind einer theuren Schweſter mit offnen Armen, und Wilhelmine wurde mit ihrem Vetter Guſtav erzogen— erzogen? nein! ſie wuchſen mit einander heran. Haͤtte der Keim alles Guten und Edlen in dieſer ſanften heitern Seele nicht ſchon gelegen, ſo waͤre aus Wilhel⸗ minen welter nichts als ein eigenſinniges verzaͤr⸗ teltes Ding geworden, denn der Gehelmerath, der ſtreng gegen ſelnen Sohn war, vermogte nicht den Schmelcheleyen der muntern Kleinen zu wi⸗ derſtehen. 22 5 9 — — Indeſſen wäͤre dennoch weiter nichts aus Fraͤuleiln Wilhelminen geworden, als ein gutes hubſches Kind, das ziemlich artig tanzen, Kla⸗ vier ſpielen, ein wenig zeichnen, und von dleſem oder jenem neuen Roman in dem gewohnlichen jargon,(ich kenne kein gutes deutſches Wort zu dieſer galliſchen Untugend) nicht ganz uneben ſprechen konnte, waͤre nicht Herr von Wahlberg, ein weitlaͤuftiger Verwandte des Geheimenraths, noch zur rechten Zeit von ſeinen Relſen zuruͤckge⸗ kommen.— Wllhelmine war damals ſechszehen Jahr alt, Wahlberg fuͤnf und zwanzig; gleich bey ſeinem erſten Beſuch machte das heltere Maͤd⸗ chen großen Eindruck auf den nicht finſtern, ſon⸗ dern ernſten, und nur dem Scheine nach kalten jungen Mann.— Nicht ſo Wilhelmine, ſie fand ihn langweilig, ſcheute ſich vor ihm; und bey ſelinen bald taͤglichen Beſuchen ſuchte ſie, ſo oft es moͤglich war, einen ſchicklichen Vorwand, — ———— ——— ————— um das Zimmer zu verlaſſen.— Der neue Vet⸗ ter gefaͤllt mir nicht, ſagte ſie zu Guſtav— Warum? fragte dieſer, beym Vater ſteht er hoch angeſchrieben— Eben weil er auch bey ſich ſelbſt ſo hoch angeſchrieben zu ſeyn ſcheint— und wirklich gab ihm ſein Aeußeres, verbunden mit ſeiner brittiſchen Einſylbigkelt, den Schein ei⸗ nes ſtolzen eingebildeten Menſchen— das war Wahlberg nicht.— Nle verband vielleicht ein iunger Menſch mit ſo vielen Kenntniſſen, Talen⸗ —— ——— 23 ten, mit den vielfaͤltigen Vorzuͤgen, welche ihm ſein Reichthum, und eine edle Bildung gewaͤhr⸗ ten, ein beſcheldeneres Weſen und mehr Anſpruch⸗ loſigkeit.— Von einem kraͤnklichen hypochondriſchen Va⸗ ter, den der Undank und die Falſchheit einzelner Menſchen,(er wurde in ſeinen beſten Jahren das Opfer einer Hofkabale) uͤber das ganze Men⸗ ſchengeſchlecht erbittert hatte, in der Einſamkeit eines entlegenen Landguts erzogen: unter der ſtrengen Aufſicht eines finſtern pedantiſchen Leh⸗ rers, der von der Welt nicht viel mehr wußte, als daß ſie ruud ſey, von den Menſchen, daß ſie mit der Erbſuͤnde auf die Welt kaͤmen, und der dem alten Herrn von Wahlberg nur des⸗ halb ein willkommener Geſellſchafter war, weil er von nlchts lieber, als von dem Suͤndenfall, und von der Verderbnlß des ſo tief geſunkenen Menſcheugeſchlechts ſprach— was ſollte wohl aus einem Knaben werden, deſſen inneres Feuer ſtets gedaͤmpft, unterdruckt, und deſſen welch ge⸗ ſchaffene Seele jedem Eindruck offen ſtand? Der Umgang mit andern Knaben ſeines Alters war ihm nicht allein unterſagt, ſondern unmoͤglich, denn das Landhaus lag einſam in elner wilden bergigten Gegend, und das naͤchſte Doͤrfchen, von armen Kohlengraͤbern bewohnt, war eine halbe Stunde davon entfernt.— So wuchs Wahlberg bis in ſein zwoͤlftes Jahr heran, als⸗ ————————— 5— S 2 6 1 24 denn wurde er auf das Gymnaſium nach H* geſchickt, ſtets unter der Aufſicht ſeines Pedanten. Einige Juͤnglinge, mit denen er in der Schule Bekanntſchaft gemacht hatte, und die ihn beſuchen wollten, wurden von dem Murrkopf abgewieſen; nur in der Schule konnte der arme Junge freyer athmen, denn da ſtand ihm ſein Hofmeiſter nicht zur Seite, und ſo wurden ihm, in ſeiner wirklich traurigen Lage, die Stunden des Unterrichts, fuͤr alle andere Knaben die ernſt⸗ hafteſten im Tage, zu der allerangenehmſte Erho⸗ lung.— Enblich erbarmte ſich die Vorſehung des ar⸗ men Juͤnglings— ſein Zuchtmeiſter ſtarb zu Ende des vierten Jahrs ſeines Aufenthalts in H**— ſein Vater folgte bald ſeinem Freun⸗ de aus dieſer ſchlimmſten Welt in eine beſſere nach; und ſein Vormund, zum Gluͤck ein vernuͤnftiger Mann, ſandte ihn nach Goͤttingen. Mit Zit⸗ tern und Zagen that Wahlberg ſeinen erſten Ein⸗ tritt in eine Welt, die ihm von zarter Kindheit an als elne Moͤrdergrube geſchildert wurde.— Nach und nach kam er von ſelnem Irrthum zu⸗ ruͤck, aber als Knabe ſchon, durch das einſame Leben, an tieferes Nachdenken gewohnt, lernte er auch fruͤher, als gewoͤhnlich, die Menſchen kennen, ſo wie ſie wirklich ſind.— Er beobach⸗ tete ſtreng, ſpuͤrte dem Entſtehen, den Wirkun⸗ gen und den Folgen der Leidenſchaften nach, er 25 — war dabey bis zur Aengſtlichkeit auf ſich ſelbſt aufmerkſam, und ſo uͤberhuͤpfte er, beynahe ohne es zu merken, das Roſenalter der ſuͤßeſten Thor⸗ heiten. Der Juͤngllng war ein Knabe geblieben und vor der Zeit zum Manne gereift. Wahlberg hatte einen gewiſſen Baron von Raßdorf kennen lernen, einen treflichen Juͤngling. — Gleicher Stand, gleiche Neigungen, gleiche Wißbegierde brachte ſie naͤher zuſammen— ſie wurden Freunde— Wahlberg hatte noch nicht gellebt, weil noch niemand mit Llebe ihm entge⸗ gen gekommen war. Dieß Gefuͤhl ſtieg bey ihm bls zur Leidenſchaft ſie bezogen eine Wohnung und blieben unzertrennlich.— Nach vollendeten Univerſitäts⸗Jahren erhielt Raßdorf Befehl ſeine Reiſen anzutreten; er hatte dfters in ſeinen Brie⸗ fen an ſeine Aeltern ſeines Freundes erwaͤhnt; er bat, man moͤgte ihm deſſen Geſellſchaft auf ſeinen Reiſen goͤnnen, es wurde ihm bewilligt, auch Wahlbergs Vormund hatte nichts dagegen elnzuwenden. Beide Freunde durchreiſten den beſten Theil von Europa; an den Grenzen von Deuſchland, nach einer vlerjaͤhrigen Abweſenheit, mußten ſie ſich trennen— Raßdorf gleng an den Hof, wo ſein Vater eine der erſten Stellen be⸗ gleitete, und Wahlberg kam in ſeine Vaterſtadt zuruͤck. Die muntere Wilhelmine konnte ſich durch⸗ aus nicht an den Umgang des ernſten Vetters ——— ——— 26 gewohnen, und verließ, wie geſagt, jedesmal das Zimmer, wenn es ſich nur irgend auf elne ſchickliche Art thun ließ; dem Vormund fiel das nicht auf, denn er hatte gleich die wichtige Ent⸗ deckung gemacht, daß Wahlberg ganz vortreflich Schach ſplele, und war daher herzlich froh, wenn ſein loſes Minchen, das ohnehln keinen Augen⸗ blick auf dem nemlichen Stuhle ruhig ſitzen blei⸗ ben konnte, ſich entfernte, zumal da die Entfer⸗ nung des Maͤdchens, das ihn dfters ungeduldig machte, gerade eine entgegengeſezte Wirkung auf Wahlberg hervor brachte— ſo lange nemlich Wil⸗ helmine entweder hinter ſeinem Stuhle, oder vor ihrem Klavier ſaß, gewann Wahlberg alle Par⸗ tien: wenn ſie gieng, wurde er unruhig zerſtreut, vernachlaͤßigte ſeine Zuͤge, und der Geheimerath blieb Sieger. Wilhelmine ſaß eines Nachmittags ganz al⸗ lein an ihrem Klavier,(ihr Oheim war ausge⸗ gangen) und probirte eine neue Mozartiſche So⸗ nate— da kam Wahlberg— ſie ſtand auf, konnte aber ihren kleinen Verdruß uͤber dieſe un⸗ zeitige Ueberraſchung kaum verbergen.— Der Oheim wird wohl ſpaͤt wieder nach Hauſe kom⸗ men, ſagte ſie raſch im Tone, wie man einen guten Gedanken, den man nicht gern vergeſſen moͤgte, hinzuwerfen pflegt. Wahlberg hatte in⸗ deß einen fluͤchtigen Blick auf die aufgeſchlagenen Noten geworfen.— Ich kenne dleſe Sonate 27 nicht, ſagte er, und trat naͤher.— Lieben ſie denn die Muſik? frag die erſtaunte Wilhelmine — Sehr! und wenn ich nicht befurchten durfte beſchwerlich zu ſeyn, ſo wuͤrde ich um die Erlaub⸗ niß bitten, dieſe Sonate mit Ihnen zu probiren. — Indem er das ſagte, hatte er ſchon nach Gu⸗ ſtavs Violine gegriffen, die auf dem Klavier lag. — Herzlich gern! erwiederte Wilhelmine, die ſich dadurch einer laͤſtigen Unterhaltung uͤberhoben fühlte— aber wie groß war ihr Erſtaunen, als ſie die Zanbertoͤne vernahm, die Wahlberg aus dem Inſtrument hervor zu locken wußte!— Noch nie hatte ſie mit ſolcher Zartheit, mit einem ſol— chen Gefuͤhl und Geſchmack Mozartiſche Muſik vortragen hoͤren— ſie verſtummte.— Wahlberg, der die Wirkung ſeines Zauberſpiels nicht einmal zu bemerken ſchien, deutete mit dem Bogen auf die Stelle, wo ſie aufgehoͤrt hatte zu ſpielen— Wilhelmine ſammelte ſich wieder, aber noch nie hatte ſie mit ſolchem Vergnuͤgen die Taſten be⸗ ruͤhrt, als jezt, da die Toͤne ihres Fortepiano ſo harmoniſch in Wahlbergs Saitenſpiel zuſam⸗ men ſchmolzen. Als ſie geendigt hatte, ſetzte ſich Wahlberg ſelbſt an's Klavier, und wiederholte ei⸗ nige Paſſagen, welche Wilhelmine anders vor⸗ getragen hatte, ohne ſich jedoch eine Bemerkung daruͤber zu erlauben; aber ſie fuͤhlte die beſcheidene Lehre.— Nun entſpann ſich ein Geſpraͤch uͤber die Tonkunſt uͤberhaupt; Wilhelmine hoͤrte mit 28 Verwunderung dem ſonſt einſylbigen Vetter zu, wie er nach und nach durch das Kunſigefuͤhl er⸗ waͤrmt, den wahren Karakter und das Eigenthuͤm⸗ liche dieſer Kunſt aus einander ſezte, und dann ihre Abweichungen bey den verſchiedenen Natlo⸗ nen zergliederte— er ſprach mit Gefuͤhl, mehr durch Beyſpiele als mit Worten.— Aber nichts geht uͤber eine italiaͤniſche Arie von Meiſterhand componirt, und in der roͤmiſchen Mundart vorge⸗ tragen, rief er endlich, indem er einige volle Ac⸗ corde griff.— Wilhelmine hatte noch nie itallaͤ⸗ niſch ſingen horen, mehrere bekannte Arlen in der deutſchen eberſetzung befanden ſich unter ihrem Muſikalienvorrath— ſie legte einige davon Wahl⸗ bergen vor— er blaͤtterte einige Zeit lang. Ach! das iſt nichts, rief er endlich, freylich iſt's der Sinn, es ſind die Noten, aber die prache, Fraͤu⸗ lein! jene himmliſche Harmonie zwiſchen der Poeſie der Sprache, und der der Muſik! hoͤren ſie nur— und er ſang mit dem reinſten wohllau⸗ tendſten Tenor eine der vorliegenden Arien, deren Original Text er zufaͤllig auswendig wußte— Wilhelmine war anſſer ſich, ſie verſchlang jeden Ton, ihre Wangen gluͤhten, ihre Seele leuchtete aus den naſſen Augen— aber ums Himmels⸗ willen, rief ſie endlich, indem ſie ihm, beinahe ohne es zu wiſſen, die Hand druͤckte, warum ſagten ſie mir nicht gleich, daß ſie ein ſo vor⸗ trefilcher Tonkuͤnſtler ſind! Ich bin we⸗ e e—— ———„— en — N*— u— 8 B*— 2 2 1ð W2 292 niger als das, erwlederte Wahlberg, indem er ihre Hand, die noch immer in der ſeinigen ruhte, an den Mund fuͤhrte, aber dies zarte Gefuͤhl, jener unverkennbare Familienzug aller edlen See⸗ len, das der Zauber reiner Harmonie in Ihnen regbar machte, indem es mir die Wahrheit mei⸗ nes Sazes in Betreff der iraliaͤniſchen Muſik be⸗ weiſt, hat mir zugleich einen ſehr ſchönen Augen⸗ blick geſchenkt. Wllhelmine ſah ihn zum erſten⸗ mal mit einem liebreichen theilnehmenden Laͤ⸗ cheln an— jezt mußte auch Wahlberg ihr ein franzoſiſches Liedchen fingen— aber gleich bey der erſten Strophe ſchuͤttelte ſie den Kopf; gleich darauf ſagte ſie— das iſt nicht Muſik, es iſt mit der Kunſt getaͤndelt— Wahlberg wandte fich bey dieſen Worten raſch zu ihr um, kuͤßte zum zweitenmale, aber mit mehr Waͤrme ihre Hand und beurlanbte ſich. Wilhelmine war mitten im Zimmer ſtehen geblieben; der ſonderbare Menſch! ſagte ſie end⸗ lich verdrießlich, haͤtte er nicht wohl noch ein Stuͤndchen mit mir verplaudern können? und ſchlich nachdenkend in den Garten hinunter. Gu⸗ ſtav ſprang hinter einer Hecke hervor und wollte ſeine gewoͤhnlichen Neckereyen treiben, aber dies⸗ mal war ſie nicht dazu aufgelegt. Einige Tage darauf, als Wahlberg zur ge⸗ woͤhnlichen Stunde ins Zimmer trat, lag der 3 11 6 Oheim auf dem Kanape und wollte ſich ausſchuͤt⸗ ten vor Lachen— Wllhelmine ſtand uͤber und uber gluͤhend vor ihrem Naͤhrahmen, worauf weiſ⸗ ſer Atlas geſpannt war.— Haben ſie ſchon ein boſes Maͤdchen geſehen, ſagte der Oheim? da! und deutete auf Wilhelminen.— Iſt es aber auch nicht zum todaͤrgern, rief Wilhelmine; ur⸗ theilen ſie ſelbſt Herr von Wahlberg— in fuͤnf Tagen iſt Juliens Geburts⸗Tag— ich wollte ſie mit einem Arbeitsſack fangen— der Mahler Goldberg hatte mir die Zeichnung dazu vorſpro⸗ chen— er ſollte ſchon den Morgen kommen— nun ſitze ich ſeit acht Uhr vor meinem Naͤhrah⸗ men— er kommt nicht— ich ſchicke hin, Gold⸗ berg iſt verreiſt, kommt erſt die andere Woche wieder, und hat mich vergeſſen!— Der Oheim lachte wieder; der armen Wilhelmine ſtanden vor Verdruß die Augen voll Waſſer— Wahlberg laͤ⸗ chelte— dem Uebel iſt bald abgeholfen, ſagte er endlich, und griff nach den Bleyſtiften, die ſchon zurechte gelegt waren.— Goldberg, mein gnaͤdiges Fraͤulein, iſt ſo wenig ein Raphael⸗ Mengs als ich„ darf ich der Freundſchaft zu Huͤlfe kommen?— Wilhelmine ſah ihn laͤchelnd und erwartend an.— Wahlberg nahm Platz, und in einem Nu wuchs eine Gulrlande von Myrthen, Roſen und Vergißmeinnicht, unter ſeiner Hand, aus dem weißen Atlas hervor— Wilhelmine traute ihren Augen kaum, ſie kon⸗ 3T te vor Freude nicht ſprechen, endlich klatſchte ſie in die Haͤnde, ſprang im Zimmer herum, faßte den Oheim beym Kopf, kuͤßte ihn, flog dann wieder hinter Wahlbergs Stuhl— er war fer⸗ tig.— Jezt ſtand der Ohelm auf und trat naͤ⸗ her— wahrhaftig, ſagte er laͤchelnd, nachdem er die Zeichnung beſehen hatte, der Vetter ver⸗ ſteht noch mehr als ſeine Pandekten— und das einfaͤltige Schachſpiel! ſezte Wilhelmine hinzu.— Der Oheim ging mit einem finſtern Seitenblick ſtillſchweigend zur Thuͤre hinaus— Sie haben ihm Weh gethan, Fraͤulein! ſagte Wahlberg— und er mich ausgelacht! erwiderte Wilhelmine, indem ſie mit leuchtenden Blicken die Zeichnung uͤberſah.— In die Guirlande ſchrieb Wahl⸗ berg mit dem Pinſel folgende franzoſiſche Verſe: A Julie de Walldorf. Vous ẽtes si bonne et si belle, Vous possedez tant de vertus d'appas, Qu'en vous créant, Dieu, je crois, ne sut pas S'il allait faire un Ange, ou bien une Mortelle! Wilhelmine floß in Dankſagungen uͤber, ſie waͤre beinahe Wahlbergen vor Freude um den Hals gefallen— Wenn die Freundin ſo heiß ge⸗ E — liebt wird, rief Wahlberg geruͤhrt, was muß nicht einſt. Wollen wir nicht eine Partie machen? unterbrach ihn der Oheim, indem er den Kopf zur Thuͤre hinein ſtreckte— Wilhelmi⸗ ne hatte ſich an ihren Naͤhrahmen geſezt, und gab keinen Laut von ſich. Als Wahlberg Abſchied nahm, ſchlug ſie die Angen nieder und ihre Wan⸗ gen gluͤhten— Iſt dir nicht wol fru der Oheim— Warum? ſtammelte ſie verlegen— Ich meine nur ſo— biſt ſo ſtille, warſt ſo roth vor einem Augenblick, und nun auf einmal lei⸗ chenblaß— Pful! wer wird uͤber eine Kleinig⸗ keit ſich gleich ſo aͤrgern.— Denken ſie aber auch, menn Wahlberg nicht.. Ja, ja, unter⸗ brach ſie der Oheim, indem er einen zufriedenen Blick auf den Schauplatz ſeines Sieges warf, mahlen kann er, aber auf dem Schachbret wird er taͤglich miſerabler, bald werde ich ihm einen Springer vorgeben koͤnnen.— Wilhelmine hatte noch einen kleinen Groll im Herzen, ſie konnte ihm das Auslachen nicht verzeihen— vielleicht verliert er auch aus Gefaͤlligkeit, ſagte ſie, und wand ſich nach dem Fenſter. Aus Gefaͤlligkeit! rief der Oheim, und faßte ſie beym Arm— Aus Gefaͤlligkeit! rief er noch ſtaͤrker, und ſeine Augen funkelten. Sieh Maͤdchen! wenn ich das wuͤßte oder ſollte er ſich etwa geruͤhmt ha⸗ ben. Nun wurde es dem Maͤdchen wirklich bange, denn in einem ſolchen Affekt hatte ſie den — — — 22— 33 guten Geheimenrath noch nie geſehen.— Neln, wahrhaftig nicht, lieber Oheim! Wahlberg ſagte neulich noch, er ſey ihnen nicht mehr gewachſen; — und warum ſagteſt Du.„ Ich melnte nur; Herr von Wahlberg iſt ja die Gefaͤlligkeit ſelbſt. — Der Geheimerath ſezte ſich ſchweigend vor das Schachbret, und ſtarrte vor ſich hin.— Der guten Wilhelmine war nicht ganz wohl zu Muthe— ſie gieng einigemal auf und ab, end⸗ lich blieb ſie vor dem Geheimenrath ſtehen— Lieber Oheim! hub ſie mit zitternder Stimme an, jezt weiß ich was Schuld daran iſt, daß ich ſo dummes Zeug ſchwatze.— Da erhob der Ge⸗ heimerath die Augen, und ſah ſie ſcharf an.— Weil ich das Spiel nicht verſtehe.— Herr von Doͤrner brummte einige unverſtaͤndliche Worte zwiſchen den Zaͤhnen.— Wenn ſie mir's lernen wollten?— Die Gewitterwolken auf des Ge⸗ heimenraths Geſichte verzogen ſich merklich.— Iſt das dein Ernſt Mine? ſagte er mit ſanfter Stimme.— Mein gruͤndlicher Ernſt, ich habe ſie laͤngſt ſchon darum bltten wollen— Jezt reichte er ihr die Hand— Herzens⸗Mine! ſo komm. glelch!. Sie mußte Platz nehmeu — Sieh, Kind! es iſt wahrhaftig ſo ſchwer nicht — und er fieng mit frohem Ungeſtuͤm den Un⸗ terricht an— Wilhelmine ſaß auf Dornen— ſie begriff kein Wort von dem ale— da ſtuͤrzte Wilh. v. Roſen 1 Th. 34 der wilde Guſtav ins Zimmer— beym erſten Blick auf die Gruppe brach er in ein helles Ge⸗ lächter los— Warte Mine! rief er, und ſezte ihr ſeines Vaters Brille auf die Naſe— Wil⸗ helmine ſprang auf— Guſtav flog, ſie ihm nach — der Geheimerath rief aus vollem Halſe hinter drein— es half nichts— da— dort liefen ſie ſchon uͤber den Hof, in den Garten— Er ſah ihnen erſt mit aufgebrachter, dann mit lächeln⸗ der Mine nach.— Das Eis iſt gebrochen, ſagte er endlich, ſo Gott will erlebe ich's doch noch, daß mich das Mädchen Schachmatt macht!. Von dieſem Tage an konnte Wilhelmine kaum die Stunde erwarten, wo Wahlberg zu kommen pflegte; ein frohes Laͤcheln empfieng ihn jedesmal ſchon an der Thuͤre. Herr von Dor⸗ ner, der dies freundſchaftliche Verhaͤltniß der jun⸗ gen Leute wohl gern ſehen mogte, ſuchte es ſelbſt zu befordern— Nun erhoben ſich aber auch zuweilen kleine Wortwechſel— Wahlberg ſollte ſich an's Schachbret ſetzen, und Wilhelmi⸗ ne hatte gerade einen ganzen Stoß von neuen Muſikalien erhalten, die mußten probirt werden; oder Wahlberg ſelbſt hatte ihr ſchon den Tag zu⸗ vor verſprochen, eine kleine Zeichnung, die ihr nicht gluͤcken wollte, zu verbeſſern.— Der Ge⸗ heimerath, der ohnehin ſich als den ſchwaͤchſten faͤhlte, mußte ſich Vertraͤge gefallen laſſen— — 8— N W NM* i⸗ 35 die erſte Stunde behlelt gewoͤhnlich Wilhelmine, aber die zweite lleß er ſich nicht nehmen. Zuweilen auch wurde der gute Oheim uͤberli⸗ ſtet— zum Beiſpiel,— Wilhelmine hat Herrn von Wahlberg die Straße herauf kommen geſe⸗ hen, und iſt ihm unbemerkt bis an die Haus⸗ thuͤre entgegen gegangen— mittlerweile iſt der Geheimerath mit ſeinrm Mittags⸗Schlaͤfchen zu Ende, ſein erſter Blick faͤllt wie gewoͤhnlich auf die Wanduhr— es hat drey geſchlagen— er legt ſich an's Fenſter— da iſt aber kein Wahlberg weder zu hoͤren, noch zu ſehen— es wird vier— er zieht die Glocke— War Herr von Wahlberg da?— es hat ihn niemand ge⸗ ſehen— die Ungedult uͤbernimmt ihn— er kann nicht mehr im Zimmer ausdauern— und geht in den Garten, um einſtweilen ſeine Blumen⸗ Flur zu durchmuſtern, aber ſtatt ſeiner Hyacin⸗ thenbeete, hat er immer nur ſein Schachbret vor Augen— jezt iſt er bis an die Laube gekommen — er hoͤrt Stimmen und ſchleicht naͤher— Ja wahrhaftig, da ſitzen ſie beide— Wahlberg er⸗ zaͤhlt von ſeinen Reiſen— Wilhelmine hoͤrt mit laͤchelndem Munde zu— er bleibt ſtehen, die Erzaͤhlung erregt auch in ihm Theilnahme— endllch ſchleicht er um die Laube in den Obſtgar⸗ ten— noch einmal blickt er um— nein, nein, C 2 36 ſagt' er, indem er bedenklich den Kopf ſchuͤttelte, ich darf ſie doch jezt nicht ſtoren!— als er aber wohl noch eine halbe Stunde auf⸗und ab⸗ gegangen, ſeine Baͤume der Reihe nach viſitirt, und mit dem Gaͤrtner eine gute Weile geplau⸗ dert, ſo wird ihm doch das Ding zu lange— er naht ſich abermals der Laube— zertheilt be⸗ hutſam die Zweige— Ey ſieh doch! da ſitzen ſie Hand in Hand— jezt ſchlaͤgt Wahlberg ſeine Rechte um Wilhelminens Nacken— Lieber Herr von Wahlberg! ſtammelt jezt das Maͤdchen mit zitternder Stimme, jezt wird es doch wohl Zeit ſeyn zum Oheim zu gehen!— Ja wohl hohe Zeit— ruft der Geheimerath— Wilhelmine fliegt mit einem lauten Ach! in die Hoͤhe, zur Laube heraus, dem Oheim um den Hals, indem ſie lautlachend ausruft— haben Sie mich nicht erſchreckt!— So gieng es von der Zeit an in einem fort — das Schachſpiel gerieth endlich ganz und gar in's Stocken— denn fuͤr's erſte ſpielte nun Wahlberg ſo ſchlecht, daß der Geheimerath ſich zuweilen eines mitleidigen Laͤcheln's nicht enthal⸗ ten konnte; er freute ſich nicht mehr wie ſonſt uͤber ſeine Siege, Wahlberg machte ihm ſelbige auch gar zu lelchte; und dann fuͤr's zweite, wenn ihm dennoch zuweilen die Luſt ankam, ſich mit ihm zu meſſen, ſo mußte er ihn entweder in N Nn———— —— dem Garten, vder in allen Winkeln des Hauſes aufſuchen; auch fieng Wilhelmine damals an rei⸗ ten zu lernen; Wahlberg ein leldenſchaftlicher Pferdeltebhaber, hatte fur ein niedliches Braͤun⸗ chen geſorgt, taglich wurde ausgeritten, und der arme Oheim mußte allein zu Hauſe bleiben. Der Geheimerath erhielt jezt eine Kabinets⸗ Ordre, und mußte in wichtigen Angelegenheiten auf mehrere Monate verreiſen.— Du kannſt bis zu meiner Ruͤckkunft bey der Tante bleiben, ſagte er Wilhelminen, ich fahre ohnehin vor dem Gut vorbey, bey der Retour werde ich dich wieder abholen.— Wilhelmine hatte den Winter ſchon den Plan zu dieſer Landpartie ent⸗ worfen, und ſich herzlich im voraus daruͤber ge⸗ freut— jezt ſah ſie ihren Oheim mit großen Augen an.— Nun? iſt dir's nicht recht? ich dachte Wunder was dich dieſer Vorſchlag freuen wuͤrde.— Wilhelmine ſchlug die Augen nieder. — Ich werde mich beſinnen.. Wann reiſen ſie? In einer Stunde!— Schon? ja dann! ich habe ja noch nichts fertig— Und was hoſt du denn noch fertig zu machen?— Wilhelmine ging ſtillſchweigend zur Thuͤre hinaus— Das Maͤdchen kommt mir ſeit einiger Zeit ganz ſeltſam vor! ſagte der Geheimerath, und beſtellte Poſt⸗ pferde. 38. Wahlberg kam— der Geheimerath theilte ihm gleichfalls die Nachricht ſeiner ſchnellen Reiſe mit— Und Wilhelmine? frug er haſtig— Ich ſetze ſie im Vorbeyfahren bey meiner Schweſter der Frau von Weiler ab!— Wahlberg erblaßte — Dieſe Tante hatte einen Sohn, ein rauher wilder Menſch, aber ein großer Hekonom; dieſen wollte ſie durchaus mit Wilhelminen verheirathen; der Geheimerath, der ſeine Schweſter nicht gera⸗ de vor den Kopf ſtoßen mogte, aber dem ſein Minchen viel zu lieb war, um ſie dieſem Men⸗ ſchen aufzuopfern, war bis jezt, unter allerley Vorwand, einer entſcheidenden Antwort ausge⸗ wichen! er pflegte aber zuweilen Wilhelminen mit ihrem Braͤutigam zu necken, und ſo hatte Wahlberg die Geſchichte erfahren, ohne jedoch genau zu wiſſen, ob es dem Geheimerath mit ſeinen Neckereyen Ernſt oder Spas ſey. Noch war es zwiſchen ihm und Wilhelminen zu keiner be⸗ ſtimmten Erklaͤrung gekommen. Wahlberg war nicht vollig von der Beſchul⸗ digung frey, welche ihm Wilhelmine machte; er ſpielte gern den Stoiker; er liebte ſie, liebte ſie leidenſchaftlich; auch er ſah, daß er dem mun⸗ tern Maͤdchen, trotz ſeines ernſten Weſens, und der vielfaͤltigen Vorwuͤrfe, die ſie ihm taͤglich da⸗ ruber machte, nichts weniger als glelchgültig war; bis jezt hatte der Sonderling ein ſeltſa⸗ 39 mes inneres Vergnuͤgen an dieſer geſpannten Lage gefunden— nun ſollte er aber von ſeiuem theu⸗ ren Minchen getrennt, ſie ſollte ſogar ſeinem Ne⸗ benbuhler ins Haus gebracht werden.— Aus war es mit der naͤrriſchen Grille, die er Selbſt⸗ beherrſchung nannte; ſein Blick, der im erſten Augenblick verlegeß zu Boden geſchlagen war, ſchweiſte jezt forſchend umher— er griff haſtig nach des Gehelmenraths Hand, ließ ſie aber eben ſo aͤngſtlich wieder fahren, ſtuͤrzte zur Thuͤre hin⸗ aus, flog die Stufen hinauf, und riß Wilhelmi⸗ nens Zimmer auf— Da ſaß das arme Maͤd⸗ chen und zerfloß in Thraänen.— Und ſie wol⸗ len reiſen? mein Fraͤulein! rief er, mit aͤngſtli⸗ cher bebender Stimme, indem er zu ihren Fuͤßen ſank: Wilhelmine bog ſich laut ſchluchzend zu ihm herab und ſtammelte— kann ich, darf ich anders?— Mehr vermogte ſie nicht hervor zu bringen— Nein! ach nein! rief Wahlberg auſ⸗ ſer ſich, und umfaßte das zitternde Maͤdchen— — wiſſe Wilhelmine, ich liebe dich, ich liebe dich unendlich! es wuͤrde mir das Leben koſten!.. und Wilhelmine von der ſuͤßen Ueberraſchung, und ihren eigenen Gefuͤhlen uberwaͤltigt, ſank an ſeinen Buſen, und erwiderte mit holder Scham⸗ rdthe den erſten Kuß der Liebe, den er auf ihre bebenden Lippen druͤckte.— Kinder! rief jezt der Geheimerath, wenn ihr ſolche ernſtliche Poſ⸗ ſen treiben wollt, ſo macht doch wenigſtens die Thuͤre zu!— Er war Wahlbergen nachgegan⸗ gen, und hatte dieſen ganzen Auftritt vor der Thuͤrſchwelle mit angeſehen. Wahlberg im Tau⸗ mel des erſten Entzuͤckens flog auf ihn zu, er⸗ griff ſeine Hand, druͤckte ſie an ſein Herz, und ſagte mit Wuͤrde und Feſtigkeit.— Herr Ge⸗ heimerath! was ſie jezt geſehen und gehort, ſoll⸗ ten ſie in einer Minute ſelbſt aus meinem Munde erfahren— denn laͤnger als eine Minute nach dieſem ſeligen Augenblick, durſte der Wunſch, deſ⸗ ſen Erfuͤllung mich zum gluͤcklichſten Manne ma⸗ chen wird, Wilhelminens Vater nicht verſchwie⸗ gen bleiben!— Dem guten Geheimenrath, der laͤngſt ſchon dieſe Stunde erwartete, und zuwellen Wahlbergs Betragen ſelbſt nicht hatte begreifen koͤnnen, leuch⸗ tete die Freude aus den Augen; er druͤckte den edlen jungen Mann an ſeln Herz, und reichte Wllhelminen, die in holder Verwirrung da ſtand, ſelne Hand, indem er ihr laͤchelnd ſagte— Hatteſt recht Mine! warſt wirklich noch nicht reiſefertig.— O lieber Oheim! nnterbrach ihn das beſchaͤmte Maͤdchen— Schon gut! auch ſoll er's nicht erfahren!— Was ſoll ich nicht erfahren? frug Wahlberg etwas aͤngſtlich— Nichts! nichts!— doch! doch! unterbrach Wilhelmine, indem ſie ſeine Hand ergriff, und mit Augen voll Liebe zu ihm herauf dlickte, als 4 der Oheim ſeine ſchnelle Abreiſe mir ankuͤndigte — Nun ja! da wars nicht anders, als haͤtte ich ihr das groͤßte Ungluͤck angekuͤndigt.— Aber bedenken ſie doch, lieber Oheim! die furchtbare Tante, der zudringliche Vetter, und dieſer boſe Menſch da, der„— Ja, ja! der nicht ſpre⸗ chen wollte; es waͤre wahrhaftig ein großes Un⸗ gluͤck geweſen— Liebes ſuͤßes Minchen! rief der entzuͤckte Wahlberg, und druͤckte ſie an ſein Herz. Kommt Kinder, rief jezt der Geheimerath, wir haben keine Zeit zu verlieren— da ſezt euch.. nicht doch— jezt ſollt' ihr nicht beyſammen ſi⸗ tzen, denn ich habe ein vernuͤnftiges Wort mit euch zu ſprechen, und da waͤre es ja gerade ſo, als wenn ich meinen Bauern Kants Kritik der reinen Vernunft vorleſen wollte— hier Wahl⸗ berg! mir zur Rechten, du Mine zur Linken. — In einer Stunde muß ich im Wagen ſitzen, die Kabinets⸗Ordre iſt beſtimmt, und der Auf⸗ trag von der aͤußerſten Wichtigkeit unterbrecht mich nicht— Mine kann nicht hier bleiben.— Aber lieber Ohelm!— Nein, nein! das geht nicht! Sie werden es ſelbſt fuͤhlen Wahlberg— and Wahlberg nickte verlegen mit dem Kopf. Herr von Doͤrner fuhr fort.— Meine Meinung waͤre doch, daß Wilhelmine einſtwellem bey der Tante bliebe.— Aber um Gotteswillen! rief ſie, und flog aͤngſtlich von dem Sopha auf— Ich werde fie mit der Lage der Sache bekannt 42 machen.— Das wird ein ſchones Donnerwetter geben— ſagte Wilhelmine, und ſezte ſich wie⸗ der.— Immerhin! aber einſchlagen ſoll es doch nicht! meine Schweſter, Wahlberg, iſt von hef⸗ tiger Natur, aber es geht eben ſo ſchnell voruͤ⸗ ber, als es kommt; ſobald der Himmel wieder heiter iſt, ſchreibſt du an Wahlberg, und er kommt— Wilhelmine klatſchte vor Freude in die Haͤnde— richtig lieber Oheim! das war ein vernuͤnftiges Wort— Wahlberg! Morgen Mit⸗ tag kommen wir an— gleich nach dem Eſſen ſende ich den Boten ab, und dann indem ſie herzlich lachte— Sorgen Sie nur fuͤr eine große ſchoͤne Angola Katze fuͤr die Tante— einer ſcho⸗ nen Katze kann ſie nicht widerſtehen! Nun wurde in aller Eil gepackt; Wahlberg mußte helfen, Wilhelmine war ganz und gar ausgelaſſen, als aber der Koffer fortgetragen wurde, und der Bediente meldete, daß vorge⸗ fahren ſey, da traten ihr doch Thraͤnen in die Augen— ſie warf ſich in Wahlberg's Arme— Uebermorgen! rlef er, und nun flog ſie ſchon halb getroſtet an ſeiner Hand die Treppe hin⸗ unter. Es trug ſich alles ſo zu, wie es der Gehei⸗ merath geſagt hatte. Die Tante ſchimpfte, tob⸗ te, uͤberhaͤufte ihren Bruder mit Vorwuͤrfen, ſchalt Wilhelminen ein naſeweiſes thoͤrigtes Maͤd⸗ 2 chen; aber Herr von Doͤrner, der Aufangs dem Sturm nachgegeben hatte, fieng nach und nach an mit Gruͤnden entgegen zu arbeiten, und Min⸗ chens Liebkoſungen und drollige Eiufaͤlle thaten das uͤbrige. Der Geheimerath hatte ſie zum Schweigen gendͤthigt, Wilhelmine zwang ihr end⸗ lich ein Laͤcheln ab, und nun war alles gewon⸗ nen— Sie war eine eigenſinnlge heftige, aber ſonſt kreuzbrave Frau; ſie kannte keine Mittel⸗ wege, vor einer Stunde haͤtte ſie Wahlbergen zur Thuͤre hinaus werfen laſſen, jezt nahm ſie's bei⸗ nahe uͤbel, daß er nicht gleich mitgekommen ſey — Das will ich ihm gleich ſchreiben, liebe Tan⸗ te! rief Wilhelmine, und hatte ſchon die Thuͤre in der Hand— Nicht doch! Nichte, nicht doch! wer wird ſich ſo wegwerfen! Du llebe Zeit! ſo ein Gedanke wäre mir in deinem Alter nicht ein⸗ mal eingefallen— Sie waren aber gewiß nicht ſo verliebt, wie ich, liebe Tante!— Abſcheu⸗ liches Kind! um Gotteswilleu Bruder! wie haſt du nur das Maͤdchen erzogen! man ſollte glau⸗ ben, es waͤre unter Zigeunern aufgewachſen.. Komm her Mine! wir wollen hoffen, daß der junge Mann ſeine Schuldigkeit kennt, und fein geduldig und ſittſam ſeine Ankunft erwarten— Aber, liebe Tante! ich habe ihm ja ver. Richtig! unterbrach der Geheimerath, der ſoh, daß Wilhelmine durch dles Bekenntniß im Be⸗ griff war einen neuen Sturm zu erregen, rich⸗ 4. tig! ich verſprach dem Herrn von Wahlberg, im Fall es mir glucken ſollte, deine Einwilligung zu erhalten, es ihm gleich zu melden— Das iſt was anders, ſagte die Tante, das kannſt du, das darfſt du— aber. hier legte ſie den Fin⸗ ger an die Habichtsnaſe— dieſer junge Herr haͤtte mir doch wohl auch ſchreiben koͤnnen— Wilhelmine ſah ihren Onkel aͤngſtlich an— Das wollte er auch, ich gab es aber nicht zu— Wa⸗ rum nicht? ey ſieh doch!— Well ich dich ken⸗ ne, weil du den Brief zerriſſen oder gar zuruͤck geſchickt haͤtteſt; ſo was muß man muͤndlich mit dir ausmachen— Die Tante laͤchelte. Wilhel⸗ mine ſtand ſchon wieder an der Thuͤre— lieber Oheim! ſie ſind noch muͤde, ſoll ich nicht fur ſie ſchrei..— Bewahre! rief die Tante. Hore Bruder, das Maͤdchen hat keinen Funken feine Sentiments im Herzen! Minchen! ich bin zwey ganzer Jahre Braut geweſen; mein ſeliger Mann wohnte ſechs Meilen von hier auf ſeines Vaters Guͤtern, er konnte ſelten heruͤber kommen, und ſchrieb mir regulierement jede Woche— und doch— merke dir's Maͤdchen, wir waren ſchon verheirathet und er wußte noch nicht, ob ich meinen Namen unterſchreiben konnte!— Der Bo⸗ te wurde indeſſen abgefertigt— Der Geheimerath reiſte den andern Morgen welter; und ſchon am Abend des zweiten Tags fuhr Wahlberg zum Thore herein, und hatte, ja wahrhaftig, er hatte 25 eine große weiße Angola Katze auf dem Schooſe liegen!— Es wurde ihm nicht ſchwer, ſich bey der Tante zu inſinuiren, ſein geſeztes ernſtes We⸗ ſen fiel ihr gleich auf. Ein ganz ordentlicher junger Mann! ſagte ſie— und nach einer lan⸗ gen Unterredung uͤber alt' und neue Zeit, wand⸗ te ſie ſich zu Wilhelminen und ſagte— wahr⸗ haftig Minchen! ich haͤtte dir eine ſo vernünf⸗ tige Wahl nicht zugetraut— nun war alles richtig! Wahlberg gieng anfangs ab und zu— bald aber mußte er Wochen lang, und endlich ganz und gar auf dem Landgut bleiben.— Wilhelmine gewann unendlich in ſeinem naͤhe⸗ ren Umgang; er benuzte ihre Wißbegierde und die Einſamkeit des Landlebens, um ihrem feinen Gefuͤhl fur alles Schoͤne und Gute eine beſtimm⸗ tere Richtung zu geben; nur an jener leiſen Graͤnze, wo aus einem gebildeten Welbe ein ge⸗ lehrtes Weib Mann zu werden droht, blieb er ſtehen.— Sie ſollte ſeine Gefaͤhrtin durchs Leben, die Mutter ſeiner Kinder werden, und nicht in Muſen⸗Almanachen prangen; in den Herzen wohl erzogener Kinder und nicht neben dem Titelblatt eines Damenkalenders ſollte einſt ihr Bild glaͤnzen, und trotz der allgemeinen Mei⸗ nung hieruͤber, ſage ich— Wahlberg hatte Recht. Es ſey ſerne von mir, den ſanfteren Gefuhlen ih⸗ 46 res Geſchlechts Schriftſteller⸗Talente abzuſpre⸗ chen; von der leidenſchaftlichen Sapho bis zu den geiſtreichen Deshouillieres beweiſen Jahrhun⸗ derte das Gegentheil— Deutſchland kann ſich mit Recht dieſes ſchdnen Vorzugs vor allen andern Ländern ruͤhmen— aber dennoch kann ich nicht umhin zu behaupten, daß die Wuͤrde einer Haus⸗ Mutter, ihre Pflichten, ihre Sorgen, ihre groſ⸗ ſen und kleinen Freuden— ſich nicht wohl mit der Profeſſion einer Schriftſtellerin vertragen kon⸗ nen— und dann— ich will es ganz leiſe ge⸗ ſagt haben— ein Frauenzimmer en repreſen- ration, iſt nur auf dem Throne, oder auf der Buͤhne ertraͤglich— Ganz vortreflich ſagt unſer A. Lafontaine von einem gelehrten Weibe — Sie giebt den Guͤrtel der Goͤttin der Schdnheit hin, und erhaͤlt dafuͤr Minervens furchtbayes Meduſem⸗ haupt.— Ich ſpreche hier im Allgemeinen, es giebt Ausnahmen—*) aber unter zwanzig *) Im Jahr 1786. gieng ich mit Fraͤulein von Im⸗ hof, der Verfaſſerin der Schweſtern von Les⸗ bos, am Geſundbrunnen zu Nonneburg auf und ab— Damals war die liebenswuͤrdige Dichterin erſt ein Kind, aber ein uͤber alle Beſchreibung lie⸗ benswuͤrdiges Kind. Es waren mir bereits ſchon . Frauenzimmern, die Gelehrte ſeyn wollen— findet ſich oft nur eine, welche dle Natur zu ei⸗ nem hoͤhern Flug geſtempelt hat— und neun⸗ zehen,„ ſplelen Molleres prstieuſes ridicu- les.— Die ſchoͤne Jahrszeit war dahln, der Win⸗ ter nahte heran— Wilhelmine, dle von den Luſtbarkeiten erzaͤhlen horte, dle in der Reſidenz einige kleine Gedichte recitirt wrrden, welche ſie ge⸗ gictet haben ſollte; ich konnte es nicht begreifen, un aufrichtig geſtanden, ich glaubte es nicht.— Indem wir ſo auf und ab ſchleuderten, kam ich auf den Einfall, ihr dichteriſches Talent auf die Probe zu ſetzen, und ich bat ſie daher um ein impromptu auf den Geſundbrunnen, vor dem wir eben ſtehen geblieben waren— noch ſehe ich das liebenswuͤrdige Kind, das Haͤndchen auf die Stirne gelegt, ſich ent⸗ fernen, nachdenkend auf und abgehen, dann ploͤzlich herbey eilen, und mit leuchtendem Blick und un⸗ beſchreiblichem Gefuͤhl, mir folgende Verſe decla⸗ miren: Heilender Quell! du ſprudelſt uns Wonne. Kuͤhlſt uns wie Mondſchein nach druͤckender Sonne! Staͤrkeſt das Alter, erquickeſt die Ingend; Heilender Quell! ach haͤtt' ich deine Tugend! — 48 bey der täglich erwarteten Ruckkunft des jungen Erbprinzen ſtatt haben ſollten, fieng an unruhige Blicke auf die entblätterte Laube zu werfen, und ſo oft der in der ſchdnen Lindenallee ſauſte, und die gelben Blaͤtter auf die leeren Blu⸗ menbeete herab wehte, uͤberlief ſie eine heimliche Angſt; als ſie aber wieder ſah, mit welch' ei⸗ nem innigen Vergnuͤgen Wahlberg den Plan fur den kuͤnftigen Winter entwarf, ohne ſich einmal einfallen zu laſſen, daß es in der Welt noch et⸗ was intereſſanteres gãbe, außer dem kleinen Raum⸗ den ſie mit einander bewohnten, ſo machte ſie ſich heimliche Vorwuͤrfe daruͤber. Die unerwar⸗ tete Ankunft des Oheims riß ſie indeß aus Hieſer Verlegenheit; er hatte ſeine Geſchaͤfte, die ſeh in die Lange zu ziehen drohten, ſchneller als er glaubte, glucklich geendigt, und fuͤhrte nun ſein frohes Minchen wieder in die Reſidenz zuruͤck. Jezt fielen dfters zwiſchen Wilhelminen und Wahlberg kleine Wortwechſel vor; ſie warf ihm, aber zwar immer noch unter Lachen und Scher⸗ zen, ſeinen allzugroßen Ernſt, und das uͤber ſein 3 Schoner, uͤberraſchender konnte mir mein Un⸗ glauben nicht benommen werden. Sollte das Fraͤu⸗ lein von Imhof dieſe Kleinigkeit zu Geſichte bekom⸗ men, ſo kann dieſe Erinnerung an ihre ſchoͤnen Sinderiahre ihr gewiß nicht unangenehm ſeyn. 49 —— Alter geſezte Weſen vor. Denn Minchen ver⸗ ſaͤumte nicht gerne eine Luſtbarkeit, und haſchte nach jeder unſchuldigen Freude. Wahlberg hin⸗ gegen war nirgends lieber bey ihr allein, oder mit ihr in des Oheim's Geſellſchaft; nur in dieſem engen Kreiſe war er wirklich liebenswuͤr⸗ dig und unterhaltend; ſobald er ſich erwelterte, wurde er ſtille, einſylbig und verſchloſſen. Wil⸗ helmine,(Eitelkeit deln Name iſt Weib) haͤtte doch gerne mit ihrem Geliebten glaͤnzen wollen; das gieng nun nicht. Sie bat, ſie drohte, ſie trozte, es half alles nichts; der Sonderling wich keinen Finger breit von ſeinem Plan. Ob es klug war wird die Folge lehren. Unter verliebten Zaͤntereyen und Verſoͤhnungen gieng der Win⸗ ter voruͤber. Wilhelmine hatte keinen Ball, kein neues Spiel, keine Aſſemblee verſtumt: Wahlberg war zwar uͤberall ihr Begleiter, ſobald ſie ihn aber in den rauſchenden Wirbel der Freu⸗ de mit hinein reiſſen wollte, zog er ſich zuruͤck. Oft wenn Wilhelmine in einem raſchen Walzer durch den Saal flog, ſtand er in irgend einem Winkel in tiefem ernſten Geſpraͤch mit einem al⸗ ten Staatsmann begriffen. Ste ſuchte vergebens ſeinen Blicken zu begegnen, er ſchien nicht ein⸗ mal ihre Gegenwart zu ahnden; er ſpielte nicht, Wilhelmine hatte nichts dagegen, denn auch ihr gebrachs an der noͤthigen Gedult dazu.— Wenn Wilh. v. Roſen 1 Th D — 50 ſie aber im frohen Kreis ihrer Jugendfreundinnen auf irgend ein Pferd⸗Spiel ſann, war Wahl⸗ berg, der doch ſonſt zu Hauſe tauſend dergleichen Späschen vorzubringen wußte, nicht zu bereden Theil daran zu nehmen.— Dies war nun of⸗ fenbarer Eigenſinn!.. Nach jedem ſolchen ver⸗ geblichen Verſuch ihrer Macht auf den geliebten Trozkopf, ſtanden der armen Wilhelmine die Thraͤ⸗ nen des Unwillens in den Augen; ſie getraute ſich kaum ihre Geſpielinnen anzuſehen, und brach fruher als gewohnlich auf— nur bey Concerten, und im Schauſpielhauſe war ſie mit ihm vollig zufrieden. Indeß nahmen mit jedem Tage ihre kleinen Wortwechſel eine ernſtlichere Wendung— der Oheim, der Anfangs eine wahre Freude daran hatte, bekam nun ſeine Lebe Noth.— Wahl⸗ berg, ſie ſind doch ein Trozkopf! ſagte er zuwei⸗ len;— dann, nachdem er ſeine Gruͤnde ange⸗ hoͤrt hatte;— Minchen! du biſt nicht vernuͤnf⸗ tig!— Das half aber alles nichts. Nach und nach wurde Wilhelmine ernſtlich boſe; ſie hatte Anlage zur Satyre, und erlanbte ſich zuweilen beißende Anmerkungen.— Wahlberg ertrug ihre üble Laune mit Geduld; ſezte Gruͤnde ihren wi⸗ tzigen Ausfaͤllen entgegen, und Minchen mußte endlich beſchaͤmt nachgeben. Die Bluͤthe ihrer Liebe wurde indeſſen durch dieſe kleinen Stürme * * r vor der Zeit abgeſtreift; zwar gewann auf der andern Seite Wahlberg an Hochachtung und Zu⸗ trauen, was ihm an den Flitterwochen des Braut⸗ ſtands entgleng, aber er uͤberlegte nicht, wie viel einem jungen Maͤdchen an dieſen e ihres erſten Triumphs gelegen iſt, undhatte hierin hoͤchſt unrecht.— Wilhelmine b ſtrebte ſich vergebens, dieſen unerſezlichen Verluſt zu verſchmerzen; waͤre ihre Seele nicht ſo rein und edel, ihr Herz nicht ſo ganz von dem Werth ei⸗ ner hohern Tugend, und ihrer kuͤnftigen Beſtim⸗ mung durchdrungen geweſen, ſo haͤtte Wahlberg laͤngſt ſchon ſeinen Abſchied, und Wilhelmine ei⸗ nen undern Liebhaber gehabt. Wahlberg, der in dieſer offnen ſchoͤnen Seele las, frohlockte ins⸗ geheim, und(was nur allzu oft der Fall iſt) uͤbertrieb eine Probe, welche ihm nach ſeiner Den⸗ kungsart eine ſo reine Freude gewaͤhrte— jezt waren die Saiten aufs hoͤchſte geſpannt. Am Morgen des Tages, wo jene Scene, die ich gleich anfangs erwaͤhnte, vorfiel, hatte eine gute Freundin von Wilhelminen zu ihr ge⸗ ſchickt, und auf den andern Tag eine Landpartie vorgeſchlagen; es war eine ausgeſuchte Geſell⸗ ſchaft, in der ſich Wilhelmine ſtets ſehr wohl amuͤſirte. Wahlberg gab, unter einem wirklich unbedeutenden Porwand, eine abſchlaͤgige Ant⸗ D 2 52 wort; Wllhelmine ſagte aber zu, indem ſie ihm ganz trocken erklaͤrte, ſie wurde ſich auch wohl ohne ihn luſtig machen koͤnnen; indeſſen hatte ſie ſich vorgenommen, im Fall er durchaus nicht zu bereden ſey, dennoch unter einem ſchicklichen Vor⸗ wande zu Hauſe zu bleiben. Jezt fuͤhlte ſie zum erſtenmal deutlich Wahlbergs Unbilligkeit, das Zweckloſe ihres Opfers, und konnte eine ge⸗ wiſſe bittere Empfindung nicht unterdruͤcken.— Nun kam vollends der gleich anfangs erwaͤhnte Auftritt hinzu. Zum erſtenmal dachte Wilhelmine an die Mdoglichkeit einer ewigen Trennung; ſie erblaßte bey dem Gedanken; indeſſen blieb auch, nach der Ruͤckkehr von dem Spazierritt, der Entſchluß bey ihr unerſchutterlich feſt, den erſten Schritt zur Verſoͤhnung diesmal nicht zu thun. Sie hatte auf einen Brief gerechnet, aber den ganzen andern Morgen wartete ſie vergeblich darauf.— Nun wird er auch wohl heute nicht kommen! dachte ſie— aber ſieh da! zur gewoͤhnlichen Stunde trat Wahlberg ins Zimmer, gruͤßte ſie etwas ernſt, aber hoͤflich, wandte ſich zum Ge⸗ heimenrath, entſpann ein Geſpraͤch, und ſezte ſelbiges ſo gelaſſen fort, als wenn nicht das ge⸗ ringſte vorgefallen waͤre. Wilhelmine hatte ſich ins Fenſter zuruͤck gezogen, ſie ſchlug die Augen nicht auf, ſchien emſig zu arbeiten, aber ihr in⸗ 53 nerer Groll wuchs mit jeder Mlnute. Es wurde Schach geſpielt— Wahlberg gewann alle Par⸗ tien; noch nie hatte er mit mehr Faſſung geſpielt — das war zu viel! Wilhelmine verließ das Zimmer und gieng in den Garten; ihre Bruſt drohte zu zerſpringen, ſie mußte friſche Luft ſcho⸗ pfen. Bald darauf ſah ſie Wahlberg zum Hauſe hinaus gehen, ohne ſich einmal umzuſehen,(ſie hatte heimlich gehofft, er wuͤrde ſie doch noch dort aufſuchen.) Der Menſch iſt ein Eisklotz! rief ſie, gieng in die Laube und zerfloß in Thraͤ⸗ nen. So gieng ein Tag nach dem andern hin; Wahlberg blieb ſich immer gleich, er ſuchte nicht mit Wilhelminen zu ſprechen, vermied es aber auch nicht, war immer gefaͤllig, unterhaltend, aber der vorgefallene Auftritt wurde mit keiner Sylbe erwaͤhnt. Wllhelminens Erbitterung fand ſelbſt in Wahlbergs Betragen taͤglich neue Nah⸗ rung, ihr heimlicher Groll nagte um ſo mehr an ihrem Herzen, da er nicht einmal die Veraͤnde⸗ nung ihres Betragens zu bemerken ſchien.— Bin ich ihm denn nicht mehr werth? dachte ſie, und ihre Augen blieben jezt trocken. Dieſe leicht⸗ fertige Behandlung hatte ihre ganze Welblichkeit emport; ſie hatte kalt ſcheinen wollen, und nun wurde ſie's wirklich— ſie war zu Hauſe geblie⸗ ben, blos um ihm zu zeigen, wie boſe ſie auf 54 ihn ſey— nun gleng ſie aus um ihn nicht zu ſehen.— Wahlberg hat ſich nach dir erkundigt — pflegte zuweilen der Geheimerath zu ſagen. — So! gab ſie alsdann zur Antwort, ſie konn— ten ihm ja ſagen, wo ich war— und dabey bliebs. Der gute Herr von Doͤrner, der oft mit dem innigſten Vergnuͤgen den tiefſten Staats⸗ Geheimniſſen nachgeſpuͤrt hatte, und ſelbige zu durchblicken waͤhnte, war noch nie auf den Ein⸗ fall gekommen, die noch weit tiefern Geheimniſſe der Liebe zu ergruͤnden. Aeußerſt ſelten traf nun Wahlberg Wilhelminen zu Hauſe an, nur im Kreiſe ihrer Bekannten, auf Spaziergaͤngen, oder auch zuwellen im Schauſpielhauſe kamen ſie zuſammen. Jezt ſchienen ſie ihre Rollen verwech⸗ ſelt zu haben. Wilhelmine hatte ihre frohe Lau⸗ ne wieder, nur an einem groͤßeren Hang zur Sa⸗ tyre konnte man noch merken, daß eine Veraͤn⸗ derung in ihr vorgegangen ſey. Wahlberg wur⸗ de zuſehends melancholiſcher und nachdenkender. Sein Blick, wenn er nicht bemerkt zu ſeyn glaub⸗ te, hieng unruhig auf Wilhelminen— in dem Schauſpielhanſe ließ er keine Gelegenheit vor⸗ uͤber, wo eine Anſpielung konnte angebracht werden— zuweilen entſchluͤpften ihm auch ei⸗ nige Bemerkungen uͤber Misverſtaͤndniſſe, Man⸗ gel an Offenherzigkeit und dergleichen— aber nun war es zu ſpaͤt!— Wilhelmine, die noch einige Wochen zuvor eine ſolche Gelegenheit zur — rath, der ſchon das Schachbret zurechte ſtellte. Nichts, lieber Oheim! erwiederte Wilhelmine. Herr von Wahlberg haben eine Capucinade uͤber die Schauſpielerkunſt geſchrieben, und ich war albern genug, dieſen Spaß fuͤr Ert — Wie? Wilhelmine! iſt es c jezt Wahlberg.— Aber Wil an ihrem Klavier und elne rauſche uͤberſtimmte ſeine lezten Worte— Das muß ich leſen! ſagte der Geheimerath— aber Wahlberg hatte ſchon den Brief zerriſſen, und ohne ein Wort weiter zu ſagen das Zimmer ver⸗ laſſen.— Was war denn das wieder? frug der erſtaunte Geheimerath.— Wilhelmine lach⸗ te hell auf— Nimm dich in Acht, Minchen! ſezte er hinzu.— Du wirſt nicht aufhdren zu necken, bis du den jungen Mann auf immer und ewig zum Hauſe hinaus geneckt haſt!— Dieſe unerwartete Aeußerung fiel ihr auf einmal ſchwer aufs Herz— ſie hatte ihn wohl in der Stille ſchon halb und halb aufgegeben; aber dieſe Wor⸗ te auf immer und ewig, im drohenden Ton, aus dem Munde ihres Oheims klangen wie eine Gewlßhelt, und ſo weit war ſie doch noch nicht mit ſich ſelbſt einig geworden— ihr Herz ſchlug lauter und preßite ſich endlich ſchmerzhaft zuſam⸗ men— auf immer und ewig! wieverholte ſie leiſe, ihre Finger blieben auf den Taſten liegen, und ſie verſank in ein tiefes Nachdenken— end⸗ 60 lich ſchlug ſie wieder elnzelne Doͤne an, aus de⸗ nen nach und nach ein ſanftes klagendes Adagio wurde, dann wilde, verworrene! abgeriſſene Phantaſie— ſie hatte ohne daran zu denken den Seele gemahlt— jezt wiederholte Nein, das war zu hart, rief ſie, als ſie al⸗ lein war; großer Gott! wie konnte der Geoanke einer ſo nledrigen Rache aus melnem Herzen kom⸗ men? Er iſt nun der Gekraͤnkte, ich bin ihm Genugthuung ſchuldig— ja, ja! ich will, ich muß ihm Abbitte thun— es iſt das einzige Mittel, mich milt mir ſelber wieder auszuſdhnen. — Sie erblickte den Geheimenrath in dem Gar⸗ ten, ſchlich in dem Saal, ſammelte die Stuͤcken des zerriſſenen B riefs, legte fie zuſammen, und fieng von neuent an zu leſen.— Nun kamen ihr wirklich die Ansdruͤcke ſanfter, die Gruͤnde triftiger vor, der Schluß, der die unverkennbaren Spuren einer Lie be trug, die ſich vergebens zu verbergen ſuchte, fiel ihr beſonders auf— nun floſſen ihre Threinen— ich abſcheuliches Maͤd⸗ chen! rief ſie, nie, nimmermehr werde ich es gnt machen kon nen!— jezt war ihr Entſchluß feſt, Wahlber zen eine foͤrmliche Abbitte zu 1 — 67 Den andern Tag erwartete ſie mit bangem Herzen ſeine Ankunft, ſie ſwollte ſich mit aller Strenge ſelbſt das Urtheil ſprechen; aber die Stunde, wo er zu kommen pflegte, gieng vor⸗ uͤber, und er kam nicht— Wahlberg wird wohl heute Geſchaͤfte haben! ſagte der Geheimerath, ohne ſich des geſtrigen Vorfalls zu erinnern; ein Gluͤck fur Wilhelmine, daß er in dieſem Augen⸗ blick ihre verweinten Augen, und die hohe Gluth auf ihrem Geſichte nicht ſehen konnte. Als aber auch die darauf folgenden Tage Wahlberg ſich nicht ſehen ließ, als der Geheimerath ſelbſt zu ihm gegangen war, und ihn nicht angetroffen hatte; als er ſich endlich wegen der abgebrochenen taͤg⸗ lichen Beſuche mit uͤberhaͤuften Geſchaͤften, wel⸗ che ihn dieſes Vergnuͤgens wohl noch eine Zeit lang berauben wuͤrden, ſchriftlich entſchuldigte, da brach der Geheimerath in die bitterſten Vor⸗ wuͤrfe aus, die der armen Wilhelmine um ſo empfindlicher waren, da ſie ſich ſchuldig fuͤhlte. Aber auch der gute Oheim uͤbertrieb die zu harte Strafe; Wilhelminens Herz, das bereits in Reue aufgeldſt, nach Vergeſſenheit und Verſohnung ſich ſehnte, ſchloß ſich wieder; und ihr Fehler kam ihr von Tage zu Tage verzeihlicher vor. Indeſſen war es noch Zeit— waͤre Wahl⸗ berg auch damals noch gekommen, Wilhelmine haͤtte ihm die Hand zur PVerſoͤhnung hingereicht, 62 und noch manchen Vorwurf ſich gefallen laſſen. Aber er kam nicht, und ein Vorfall, der mehr noch als den Schein einer Rechtfertigung fuͤr Wilhelminen enthielt, brachte nun auch den Ge⸗ heimenrath a ihre Seite. Die Proben hatten bereits bey dem Geſell⸗ ſchafts-Theater ihren Anfang genommen. Wil⸗ helmine war zu weit gegangen, um mit An⸗ ſtand zuruͤck treten zu koͤnnen; ſie hatte daher ihre zugetheilte Rolle annehmen muͤſſen. Selbſt der Geheimerath, der um aller Welt Wunder den kuaftigen Thronerben nicht haͤtte beleidigen wol⸗ len, befahl ihr diesmal ernſtlich, alle Ausfluͤchte und Bedenklichkeiten auf die Seite zu ſetzen. Nach der erſten Probe hatte ſie eine gute Freundin nach Hanſe begleitet; es war finſter, Guſtav, der ſich mit ſeiner Blendlaterne verſehen hatte, gab ihr den Arm; eben bogen ſie um die Ecke eines abgelegenen Baͤßchens um, als ſie auf ein Paͤr⸗ chen ſtießen, das behutſam neben den Haͤuſern ſchlich. Der naſeweiſe Guſtav wand plotzlich ſeine Laterne, und beide erblickten.. Wahlberg! Er fuͤhrte eine Weibsperſon, die in einem aͤußerſt nachlaͤſſigen Anzug ſich an ihn klammerte, und mehr zu ſchleichen als zu gehen ſchien— er hatte ſich herum gedreht, aber zu ſpaͤt, er ſchien ſie indeſſen nicht erkannt zu haben.— Haſt du den ſtrengen Sittenrichter geſehen? frug Guſtav. 63 — Iſt's wohl moͤglich? Nein, nein! es kann nicht moglich ſeyn— ſtammelte Wilhelinine, und mußte ſich feſthalten, denn ſie drohte um⸗ zuſinken— Sie waren nur noch einige Schritte von ihrer Wohnung.— Da Minchen, rief Gu⸗ ſtav, nimm die Laterne, ich will ihnen nachſpuͤ⸗ ren!— und eilte davon. Wilhelmine wankte zum Thore hinein, ſchlich die Treppe hinauf, trat in's Zimmer, und ſank, einer Ohnmacht nahe, auf den naͤchſten Stuhl hin.— Vergebens fragte der beaͤngſtigte Geheimerath, ob ihr was begegnet ſey, was ihr fehle? Er konnte ihr keine Antwort abgewinnen; ſo blieb ſie ſitzen, den ſtarren Blick vor ſich hin geheftet, bis Guſtav mit ſeinem gewoͤhnlichen Ungeſtuͤm in's Zimmer trat, und gleich zu erzaͤhlen anfieng. Guſtav.(indem er Hut und Degen ablegt) Ei⸗ ne ſaubere Geſchichte! ha! ha! ha! hat ihnen Minchen ſchon erzaͤhlt 2.. Wilhelmine. Ich bitte dich Guſtav. Der Geheimerath. Sag' mir um's Himmelswillen, mein Sohn... Guſtav. Der Schachſpieler—(Gnſta, der ihn nicht recht leiden konnte, nannte ihn nicht an⸗ ders.) Der Geheimerath.(ngſtlich) berg ein Ungluck zugeſtoßen? Guſt av. Chellauflachend) Das lichſte Ungluͤck, das einem Lebhaber ſßen kann! 3 — Wilhelmine. Gnuſtav ſey nicht unar⸗ 3 tig! Der Geheimerat h.(heſtig) Mache die⸗ ſem unzeitigen Scherz ein Ende— ich will wiſ⸗ ſen was geſchehen iſt! Guſtav. So magſt du's ſelbſt ſagen, München! denn ich kann dieſe Poſſe nicht ohne Lachen erzaͤhlen. Wilhelmine. eſich faſſend) Guſtav hat Recht, lieber Oheim! Die ganze Sache iſt der Erwaͤhnung nicht werth, und ſch muß mich ſhie men„* B Der Geheimerath. Bald te ich im Ernſte bds— betrachte dich nur im Spie⸗ gel, Minchen! du ſiehſt ja aus, als wenn man dich ſo eben aus dem Waſſer gezogen haͤtte— Cer geht an die Glocke) ich ſehe wohl, ich werde zu Wahlberg ſchicken muͤſſen, ſonſt erfahre ich nichts!— Wilhelmine. tauſſpringend und ihn Sti , Nein! um's Himmelswillen nicht— 64 ich will es ihnen nur geſtehen— als wir nach Hauſe glengen, begegnete uns der Herr von Wahlberg— er hatte eine Dame am Arm, und da— lachen ſie mich nur aus, lieber Oheim! war ich einfaͤltig genug... Der Geheimerath.(lachend) Iſt daß das ganze Ungluͤck— ja ſiehſt du, Minchen! daran biſt du nun ſelbſt ſchuld! Guſtav. Eine Dame— eine liederliche Dirne war es.. Der Gehetmerath. Was? Wilhelmine.(ihm winkend) Guſtav! Guſtav. Winke du nur, und da ich doch einmal erzaͤhlen muß, ſo laſſe ich mich nicht irte machen— es iſt ſo.. wir begegneten ihnen ge⸗ rade in dem Nebengaͤßchen, ich gab Minchen die Laterne und ſchlich ihnen nach— es war ſtock flnſter, und ſo kam ich ihnen unbemerkt in den Ruͤcken.— Wahlberg ſprach anhaltend mit dem Maͤdchen, ich konnte ihn aber nicht verſtehen, denn zu nahe durft' ich mich nicht wagen— an ſeinem Hauſe fiel ſie ihm um den Hals, er machte leiſe auf, und ſchlich mit ihr hinein— gleich darauf ſah ich Licht in ſeinem Schlafzim⸗ mer— ſch blieb noch eine Weile dem Hauſe ge⸗ genuͤber ſtehen— ſein Bedienter kam mit einer Wilh. v. Roſen 1 Th. Laterne und einem Tragkorbchen heraus— ich ſah ihn in das Gaſthaus an der Ecke hinein ge⸗ hen— ich horchte an dem Laden und horte ihn Eſſen fordern— gleich darauf erſchien er wieder, und, wie ich merkte, mit Proviant reichlich ver⸗ ſehen,— ich wette, das Paͤrchen iſt in dieſem Augenblick luſtiger als wir— mich hungert! (und er gieng huͤpfend und ſingend in den anſtoßenden Speiſeſaal.) Der Geheimerath.(indem er auf⸗und ab⸗ geht) Unbegreiflich!— Wahlberg!— nein, Wilhelmine. Es iſt auch nicht ſo— Gu⸗ ſtav hat ſich geirrt; oder Cbey dieſem oder floſ⸗ ſen ihre Thränen, die ſie bis jezt mit aller Gewalt zu⸗ ruͤck gehalten hatte.) Der Geheimerath.(indem er ihre Hand ergreift) Weine nicht, liebes Minchen! Morgen wird ſich alles aufklaͤren— ich werde ihn zur Rede ſtellen. Wilhelmine fiel ihm weinend um den Hals, und legte ſich ſchlafen Nun mußte Guſtav ſeine Erzaͤhlung wiederholen. Der Geheimerath ſchuͤttelte bedenklich den Kopf und ſchwieg; als er aber allein war, wurde Johann, ſein alter vertrauter Bedienter, gerufen, und erhielt den Auftrag, Morgen mit dem fruͤheſten um Wahl⸗ bergs Wohnung herum zu ſtreifen, und wo mog⸗ 67 —— lich beſtimmte Nachricht elnzuziehen— auch Wilhelmine trug ihm daſſelbe auf, aber unter dem Siegel der hoͤchſten Verſchwiegenheit. Der alte Johann war gewohnt ſeine ihm er⸗ theilten Auftraͤge auf das puͤnktlichſte zu vollzie⸗ hen, er kam um neun Uhr ſchon wieder nach Hauſe. Zuerſt gieng er zu dem Geheimenrath, dann zu Wilhelminen, huͤtete ſich aber wohl, ſeinem Herrn etwas von dem Fraͤuleln zu ſagen: er hatte ja belden Verſchwiegenheit angelobt!— Sein Rapport lautete folgendergeſtalt:— Er war ſchon vor Tagesanbruch in Wahlbergs Straſ⸗ ſe auf⸗ und jabgegangen; kaum fieng es an zu daͤmmern, ſo dfnete Wahlberg das Fenſter, gleich darauf erſchien eln ſchoͤnes junges Frauenzimmer an ſeiner Seite, er ergriff laͤchelnd ihre Hand, und ſchien ſehr emſig mit ihr zu ſprechen, die jun⸗ ge Dame aber war traurlg und nledergeſchlagen. Beide blieben nicht lange am Fenſter, ſondern kamen zum Hauſe heraus, Wahlbergs Brdienter, mit einem Pak unterm Arm, gleng ihnen nach. Johann folgte ihnen bis an's Carlsthor, dort blieb Wahlberg einen Augenblick ſteheu, und ſprach mit der Schildwache— dann gieng er uͤber die Bruͤcke. Aus Furcht erkannt zu werden, hatte ſich Johann in einer ziemlichen Entfernung ge⸗ halten; als er endlich auch uͤber die Bruͤcke kam, waren ſie alle dreye wie verſchwunden, nur ſah E 2 —— —— — —— —— —= —— ———— — —— 68 —— er in der Ferne noch eine Kutſche, die den Weg nach Wieſenau einlenkte— vermuthlich habea ſie darin geſeſſen, ſezte Johann hinzu, denn riags⸗ um konnte ich nichts lebendiges enitdecken, als einige Obſtweiber, die aus den benachbarten Doͤr⸗ fern auf den Markt kamen.— Fedes Wort war ein Dolchſioß für Wilhel⸗ minen, der Geheimerath, aber, dem dieſe Ge⸗ ſchichte doch zu abentheuerlich vorkam, enthielt ſich vor der Hand ſeines Urtheils, er gab ſeinem Vertrauten nur Inſtruktionen, und beſchloß Wahl⸗ vergen gleich bey ſeiner Zuruckkunft ſelbſt zu ſpre⸗ chen.— Guſtav hat Geſpenſter geſehen, ſagte er indeſſen zu Wilhelminen mit einem erzwunge⸗ nen Lächeln, es iſt nichts an der ganzen Geſchich⸗ te, das Wahlbergen zur Schande gereichen kdnn⸗ te; er ſoll dir ſelbſt gelegentlich Aufklaͤrung daruͤ⸗ ber geben.— Woher wiſſen ſie das? frug das erſtaunte Mädchen— Ich habe mich erkundigen laſſen!— So! erwiderte ſie ganz kalt, dachte an Johann, und nun glaubte ſie erſt Wahlbergs Untreue gewiß zu ſeyn. Dieſe traurige Ueberzeu⸗ gung brachte eine ſeltſame Wirkung in ihr herbor. — Wahlberg iſt alſo ein Heuchler, dachte ſie, ein Heuchler, der nicht einmal unter einer ange⸗ nehmen Larbe ſeine Laſter zu verbergen weiß, was ich an ihm achtete iſt Trug: ſein Ernſt⸗ den ich fuͤr Erhabenheit hielt, iſt eitle Gleißnerey — ſeine Liebe!, ein Heuchler kann niemand 4 v* W ð N S S*„ 69 als ſich ſelbſt lleben— dann nach einem tlefen Nachdenken— dieſe Ueberzeugung muß das Grab meiner Liebe werden.— Ein ernſter Greis von fuͤnf und zwanzig Jahren, muß entweder ein ſattgelebter, oder ein boͤſer Menſch ſeyn.— Sie hohlte tief Athein, und blickte um ſich, wie eiu Menſch, der eben einer großen Gefahr entgan⸗ gen iſt.— Es leben alle frohe Menſchen! rief ſie endlich, nnd ihre gewoͤhnliche Heiterkeit ver⸗ breitete ſich allmaͤhlich auf ihrem niedlichen Ge⸗ ſichtchen wieder. Gegen Abend wollte Johann abermals Rap⸗ port abſtatten, ſie fuͤhrte ihn aber laͤchelnd zur Thuͤre hinaus und ſagte— geh' er zu meinem Oheim! Sie haͤtte von ihm erfahren konnen, daß Wahlberg ſo eben zu Fuße und allein wieder nach Hauſe gekommen ſey— der Geheimerath ließ ihn ſogleich zu ſich bitten. Als Wahlberg in's Haus trat, kam eben Wilhelmine an der Hand des Kammerherrn von Eberhorſt mit Guſtav die Treppe herunter— ſie wurde plozlich ernſt, machte ihm eine kalte tiefe Verbeugung, und gieng dann lachend und ſcherzend mit ihren Begleitern zum Thore hinaus. — Wahlberg ſoh ihr mit krauſer Stirne nach. Der Geheimerath kam ihm freundlich enigegen, aber ſein Betragen hatte etwas ceremonidſes, das Wahlbergen gleich aufſiel; er ſiimmte daher mlt Fleiß in dieſen ungewoͤhnlichen Ton ein, und da 3 3 1 38 . 1 5 ſ. er ohnehin nichts weniger als in der Stimmung war, in der Herr von Doͤrner ihn erwartet hatte, ſo wurde die Unterredung von Minute zu Minu⸗ te gezwungener. Ein Wort uͤber die heutige erſte Vorſtellung des Geſellſchafts⸗Theaters gab endlich dem Geheimenrath eine Veranlaſſung den geſtrigen Vorfall zu erwaͤhnen.— Iſt es das? dachte Wahlberg, und gerleth auf den unſeligen Ge⸗ danken, dieſe Gelegenheit zu ergreifen, um eine kleine Rache an Wilhelminen auszuuͤben; er be⸗ gnuͤgte ſich daher, des Oheims Frage mit einem gebelmnißvollen Laͤcheln zu beantworten. Hätte er errathen kdunen, daß der Geheimerath mehr wußte, als daß er geſtern Abend ein unbekanntes Frauenzimmer uͤber die Straße gefuͤhrt hatte, ſo waͤre er zuverlaͤſſig nicht auf dieſen ungluͤckli⸗ chen Einfall gerathen. Dies ſeltſame Betragen brachte endlich den von Natur aus heftigen Al⸗ ten in Hitze— Wahlberg, der nun wohl jezt einſehen konnte, daß man genauer unterrichtet war, als ers anfangs vermuthet hatte, ſtatt nun in Zeiten noch einzulenken, blieb immer kalt, einſylbig und verſchloſſen— nun brach der Ge⸗ helmerath lss. Wahlberg, der mit ſeinen hohen Begriffen von Tugend und Rechtſchaffenheit ein etwas zu ſtolzes Bewußtſeyn verband, wich nicht zuruͤck, ſondern bot dem Sturme die Stirne— jezt drang der Geheimerath auf eine foͤrmliche Rechtfertigung, und zwar in Ausdruͤcken, die nicht beſonders gewaͤhlt waren.— Wahlberg 77 fuhr auf, faßte ſich aber gleich wieder, und ſagte ganz trocken— dleſe bin ich keinem Menſchen als mir ſelbſt ſchuldig Herr Geheimerath!— Alles ſpricht wider ſie.— Mein Gewiſſen nicht! — Ihr Gewiſſen! ihr Gewiſſen! rief der Gehei⸗ merath vollig entruͤſtet, wer mit einer liederlichen Dirne des Abends, wie ein Dieb, in ſein Haus ſchleicht, und ſelbige eine ganze Nacht bey ſich behalten kann, der ſollte nicht ſo laut von ſeinem Gewiſſen ſprechen.— Eine liederliche Dirne! wlederholte Wahlberg, und ſtand auf. Wer ſo von mir denkt, dem habe ich weiter nichts mehr zu ſagen!— Auch Wilhelminen nichts? rief der Geheimerath noch heftiger.— Dieſe ſchein⸗ bare Veranlaſſung zu einem Bruch, erwiderte Wahlberg mit einem ſpottiſchen Laͤcheln, wird wohl ihrer leichtſinnigen Nichte ſehr willkommen ſeyn! Nun war es aus— Herr! rief Herr von Doͤrner mit erſtickter Stimme und funkelnden Augen, ich danke Gott, daß meine leichtſinnige Nichte noch nicht das ungluͤckliche Weib eines ſtolzen Heuchlers iſt.— Leben Sie wohl, Herr Geheimerath!— Ihr Dlener Herr von Wahl⸗ berg!— Wahlberg gleng. Armes, armes Minchen! was waͤre aus dir geworden! Lieber zehnmal meinem toͤlpiſchen Bauer von Neveu zum Manne, als dieſem ge⸗ bildeten heuchleriſchen Taugenichts— murmelte Herr von Doͤrner, und fuhr mit dieſem Gedan⸗ S 4 1 5 6 1 6 5 * „ *„ . ½ 3 72 ken beſchaͤftiget in die Orangerie. Auch Wahl⸗ berg hatte ſich ein Billet zu verſchaffen gewußt. Er ſtellte ſich in den finſterſten Winkel und war⸗ tete mit lant pochendem Herzen, bis der Vorhang aufflog.— Iſt es moglich, dachte er, daß der gute Geheimerath mich ſo verkennen kann? und Wilhelmine!. entweder muß ich auf meine ganze Menſchenkenntniß Verzicht thun, oder... er vermogte nicht dieſen Gedanken weiter zu ver⸗ folgen; aber bey dem erſten Satz haͤtte er wohl. weislich koͤnnen ſiehen bleiben.— Er hatte ſich verrechnet, weil er von dieſen guten und edlen Menſchen zu viel verlangte, und zu wenig dage⸗ gen zuruͤck gab. Das Stuͤck begann— Die Indianer in England— Wilhelmine ſpielte die Gur⸗ ly, und ſpielte ſie zum Entzuͤcken; auch der Erb⸗— prinz bewies ſeltene Talente und unerwartete Theaterkenntuiſſe. Eln gewiſſer ſteifer Hofrath, den wir berelts ſchon erwaͤhnt haben, ſpielte den Samuel Schmidt, und Guſtav, der wie bekannt ihn nicht ausſtehen konnte, machte ſich, als Gur⸗ lys Bruder, mehr als es ſeine Rolle erlaubte, uͤber ihn luſiig.— Im Ganzen wurde das Stuͤck ſehr artig vorgeſtellt.— Wahlberg beſand ſichh indeſſen in einer Lage, die uͤber alle Beſchreibung. ſchmerzhaft war— er ſah ſeine Wilhelmine in ihrer ganzen Liebenswuͤrdigkeit, als Gurly alle Zuſchauer bezaubern— ſelne Phantaſie entbrann⸗ „ — . te, und zum erſtenmal fuͤhlte er t gluͤhende Hand der Eiferſucht ſeln Herz zuſammen preſſen. Er war der vernachlaͤſſigte, verſpottete, und end⸗ lich zuruͤck geſezte Samuel Schmidt— und als Gurly mlt dem Ausdruck des hoͤchſten Widerwil⸗ lens zu ihm ſagte— aber ich will ihn nicht! ich will ihn nicht! Du naͤrriſcher Samuel, was willſt du mit Gurly anfangen? Gurly will dich nicht haben!— ſo war es nicht anders, als waͤre in dieſem Augenblick ihr Blick voll Ver⸗ achtung auf ihn! geheftet geblieben, als haͤt⸗ te ſie ihm, ihm allein, dies unwiderrufliche, niederſchmetternde Urtheil geſprochen! und als ſie vollends in Roberts Arme ſank, mit Augen voll Liebe und Sehuſucht zu ihm herauf blickte, und in dem ſchmelzendſten harmoniſchen Ton, den nur die Liebe aus dem vollen Herzen hervor zu locken vermag, um ſeine Liebe, um ſelne Hand flehte, da verlleß ihn ſein Bewutſeyn ganz und gar; er draͤngte ſich mit Ungeſtuͤm durch die Zus ſchauer, und indem er zur Thuͤre hinaus ſturzte, waͤhnte er ein ſchallendes Gelaͤchter hinter ſich zu hoͤren. Da lag er auf eine Raſenbank hingeſtreckt, allen Qualen der Eiferſucht preis gegeben— er ſah nach geendigtem Schauſplel die Zuſchauer nach Hauſe gehen, ſah den erleuchteten Speiſe⸗ ſaal ſich allmaͤhlich fuͤllen, in jedem Frauenzim⸗ mer, das auf⸗ und abgleng, glaubte er Wilhel⸗ minen an der Hand des Erbprinzen zu erkennen, ihre ſonoriſche Stimme, ihr lautes Lachen, waͤhi te er zu unterſcheiden, er knirſchte mit den Zaͤh⸗ nen, und ſchlug mit gehallter Fauſt in krampf⸗ haften Zuckungen ſich vor die Stirne.— Der gelaſſene, ſanfte, alles pruͤfende Wahlberg glich jezt einem raſenden, wahnſinnigen Menſchen.— Endlich raffte er ſich auf, und wankte nach Hauſe, Nach dem Nachteſſen, das der Erbprinz den Mitſpielenden gab, war ein masquirter Ball veranſtaltet. Wilhelmine, die durch ihre Rolle in die froheſte Laune verſezt war, ſpielte ſelbige fort; ſie blieb in ihrem Coſtuͤm, und beluſtigte die ganze Geſellſchaft durch ihre drolligten Ein⸗ faͤlle. An der Hand des alten Muſaderi(der Kammerherr von Eberhorſt) durchlief ſie den Saal, neckte jeden vorubergehenden, bald Sa⸗ muel, bald ihren Bruder, auch Robert blieb nicht verſchont.— Sie ſtand eben bey Lady, als ihr eine Chauve Souris auffiel, die ihr unauf⸗ hoͤrlich Schritt fuͤr Schritt nachgieng— ſie trat naͤher, aber die Chauve Souris wich aus, und xam bald darauf von der andern Seite wieder.— Sie wurde ernſt und nachdenkend.— Was fehlt Gurly?— frug ein ſtattlicher junger Ritter, (der Erbprinz) der vor ihr ſtehen blieb— ſie blickte auf— Ein Mann! gab ſie mit ſchallen⸗ dem Gelächter zur Antwort, und als ob ſie ſich dieſet öbereilten muthwilligen Antwort ſchamte⸗ warf ſie ſich ſogleich in eine Gruppe junger Frauen⸗ 4 75 zimmer, mit denen ſie davon flog.— Der Rit⸗ ter eilte ihr nach, hinter drein die Chauve Sou⸗ ris— Jezt wurde ein raſcher Walzer mit Trom⸗ peten und Pauken geſpielt, die Menge zertheilte ſich, und Wilhelmine iu den Armen des Ritters ſchwebte durch die Reihen. Die Chauve Souris war in einem Winkel ſtehen geblieben. Der Ritter.(indem er Wilhelminen ein Glas Limonade präſentirt) Hat endlich Gurly gefunden was ihr fehlt? Wilhelmine. Gurly fehlt e mehr„ als dies Glas Limonade! Der Ritter. Richtig!— denn dem fehlt nichts, der nur zu wuͤnſchen nothig hat!.. Wilhelmine. Wenn das wäre, ſo haͤtte ich gleich einen Wunſch bey der Hand! (die Chauve Souris trat hier näher) Der Ritter. Machen ſie einen Verſuch, ſchoͤne Gurly! Wilhelmine. Ich wuͤnſche, daß es ein fur allemal den Männern verboten wuͤrde, uns Schmeicheleyen zu ſagen! Der Ritter. Das kommt von Fraͤulein Willhelmine von Roſen her, denn Gurley ahnet nicht einwal, daß etwas anders als Wahrheit kann geſagt werden⸗ . 1 5 3 . 5 1 5 26 Wilhelmine. Gurly wollte dem Bru⸗ der Robert zu Gefallen luͤgen lernen! da ſie nun aber weiß was Luͤge iſt, ſo wuͤnſcht ſie, daß jeder Luͤgenmund vor Bruder Robert erſtarren muͤßte! Der Ritter.(ihre Hand ergreifend) Gutes Maͤdchen! ein ſo ſchoͤner Wunſch iſt noch nie fuͤr Bruder Robert gemacht worden. Wilhelmine. Er darf nur ſeine Lebe zur Wahrheit mit Ernſt und laut bekannt machen, ſo wird Gurly's Wunſch gewiß erfuͤllt! Der Ritter.(mit Waͤrme) Eine Wilhel⸗ mlue und eine Gurly in eins zuſammen geſchmol⸗ zen— dies himmliſche Meiſterſtuͤck der Natur ließ ſich nicht einmal unſer Kotzebue traͤumen, und(indem er ihre Hand kußt) ich S habe es vor Augen! Wi thel mine. Cbeſchaͤmt ihre Hand zuruͤck zie⸗ yend) Ritter! ſie werden dieſe Wilhelmine zwin⸗ gen, aufzuhdren Gurly zu ſeyn! Die Chauve Souris. Auch wäre es die hoͤchſte Zeit! Der Ritter. eſich raſch umwendend) Weſ biſt du, Masque! Die chauve Souris. Eine Masque! 2 Der Ritter. Eine unverſchaͤmte Mas⸗ que! Die Chauwe Fourit. Ball⸗Freyheit!— ſie kommt hier allen zu ſtatten! Wilhel mine.( fuͤr ſich) Er iſt's!(laut) Eine ſehr unartige Chauve Souris— man ſollte glanben, ſie waͤre wirklich aus dem Lande der Freyheit zu uns heruͤber geflogen. Die Chauve Sourit. Bewahre!— im Lande der Freyheit iſt Wahrheit und Licht!— ²) Die Chauve Souris fliegt nur in der Dämme⸗ rung aus, und liebt die Finſterniß!— Wilhelmine. Arme Chauve Souris! da haſt du dir ſelbſt das Urtheil geſprochen! Die Chauwe Sourir.(bitter) Nicht doch! — ſelt wann hat die ſchoͤne Gurly, dieſe kuͤnſili⸗ che Tochter der Natur, vergeſſen, wieviel man den Umſtaͤnden aufopfern muß. Wilhelmine. Nun? Die Chauve Souris. Ich nahm Ruͤckſicht auf den Ort; ¶lachend) konnte ich ein gluͤckliche⸗ res Koſtuͤm waͤhlen?— hier ſind die Chauve r zu Lauß „ Seit wann? Anmerkung des Setzers. 28 Der Ritter. cheftig) Ich wlll nicht hof⸗ fen mein Herr!.. Da kam wle gerufen, die Fuͤrſtin Mutter hrbey— ſie faßte ihren Sohn unterm Arm, ud er mußte ihr geduldig folgen. Die Chauwe Sourir.(leiſe und heftig) Wil⸗ humine! ich beſchwoͤre ſie. nur einen Augen⸗ blick„(er hatte ihre Hand ergriffen, die ſeinige zin terte.) Wilheim ine. 36 wuͤnſche, daß ſie viele Fiteude an ihrer neuen Acquiſition erleben moͤgen, Jherr von Wahlberg! ſie verloht ſich abermals unter dem Gewühl.) Wahlberg(er war es wirklich) ſtleg nun in eine Loge, und ſtarrte in die bunten Reihen hin⸗ unter; ſein Blut kochte, er befand ſich in der La⸗ ge, wo man jeder Unbeſonnenheit faͤhig iſt. Bald wurde es ihm zu enge in dieſem weiten Raum; er gieng auf die Terraſſe, auf der der Wieder⸗ ſchein aus der glänzenden Erleuchtung der Oran⸗ gerie eine ſaufte Daͤmmerung verbreitete. Die Glocke ſchlug zwey Uhr— die Masquen gien⸗ gen aus und ein— er blieb an einen Baum ge⸗ lehnt, und blickte in den Mond, der zwiſchen zerriſſenen Wolken zu fliegen ſchien— auf ein⸗ mal vernahm er ein leiſes Gefluͤſter hinter ſich, er ſah hin, und erblickte Wilhelminen mit dem Ritter— ſchon wollte er herbey ſtüͤrzen, als 79 als Wllhelmine laut ſagte— bitte ihre Durch⸗ laucht! ich ſuchte meinen Oheim.— Der Blitz hatte ihn getroffen, er ſtand wie eingewurzelt, es ſumſte um ſeine Ohren, es flimmerte vor ſei⸗ nen Augen, indem ein elskalter Schauer ſeinen Ruͤcken durchlief— indeſſen hatten ſich beide entfernt; und als er nachblickte, ſah er ſie ver⸗ traulich die große Allee hinauf gehen.— Ver⸗ worfene! rief er mit lauter Stimme, ſtuͤrzte in den Saal zuruͤck— riß die Loge auf, in die Herr von Doͤrner ſo eben getreten war, rannte ihm in's Ohr— Wenn ſie nicht haben wol⸗ len, daß ihre Nichte noch dieſe Nacht zur fuͤrſtlichen H——— wird, ſo eilen ſie auf die Terraſſe, und ver⸗ ſchwand. Der Geheimerath hatte noch nicht Zeit gehabt ſich zu faſſen, da kam Wilhelmine; ſie hatte ihre Masque abgenommen, ihre Wangen gluͤhten, ihr Blick war aͤngſtlich und verwirrt. — Iſt dir der Narr nicht begegnet in der Chau- ve Souris Masque? frug er haſtig.— Lch ja! antwortete Wilhelmine, und ließ ſich erſchoͤpft nieder. Der Niedertraͤchtige!— was wollte er denn eigentlich damit ſagen? frug abermals der Geheimerath, und ſah dabey ſeine Nichte for⸗ ſchend an.— Ich weis es nicht! Dieſe Chau- ve Souris ſteht mir allenthalben im Wege— der Erbprinz redete mich als Gurly an, ich ſtimm⸗ te in dieſen Ton ein, und ſo entſpann ſich zwi⸗ ſchen uns ein munteres Geſpraͤch, dem dieſe 80 Chauve Souris durch eine derbe Grobheit ein Ende machte, ich erkannte die Masque an der Stimme.— Wer iſt's? frug Herr von Dor⸗ ner.— Wahlberg! ſtammelte Wilhelmine, und hohlte tief Athem; wer anders wuͤrde ſich ſolche Ungezogenheiten erlauben?— Der Geheimerath ſchuͤttelte bedenklich den Kopf.— Ich ſuchte ihm auszuweichen, er hoͤrte aber nicht auf mich zu verfolgen— endlich ſah ich ihn in einer Loge ſitzen, aber gerade in dieſem Augenblick kam der Prinz wieder— hier konnte ſie eine kleine Ver⸗ legenheit nicht verbergen. Der Geheimerath, dem es nicht entgieng, ſagte freundlich:— Es iſt nicht gut, Minchen, daß Se. Durchlaucht dich zu ſehr auszeichnen, zwar finde ich nichts übels dabey, aber es follt auf.— Das dacht' ich auch, unterbrach ihn Wilhelmine mit vieler Lebhaftigkeit, und als ich ihn von weiten kom⸗ men ſah, ſuchte ich ſchon ihm zu entgehen; Sie ſtiegen eben die Gallerie herab, und oͤfneten eine kleine Seitenthuͤre— ich wollte Ihnen nach— aber unter ven vielen Thuͤren ergriff ich vermuth— lich eine unrechte, denn als ich mich umſah, be⸗ fand ich mich auf der Terraſſe— ich wollte zu⸗ ruͤck— aber der Prinz ſtand ſchon hinter mir. — Der Geheimerath wurde auſmerkſamer.— Es eutſtand ein kleiner Wortwechſel— der Prinz wollte durchaus, ich ſollte noch bleiben, und den ſchonen Anblick der Orangerie von außen mit ihm genießen, mich hatte aber eine heimliche Angſt * uͤberfallen, die ich mir jezt noch nicht zu erklaͤren vermag. Endlich mußte ich mir gefallen laſſen, einmal die Mittelallee mit ihm auf⸗ und nieder zu gehen. Als ich wieder in den Saal kam, erblickte ich ſie in der Loge; auf der Treppe be⸗ gegnete mir Herr von Wahlberg.— Darf man gratuliren? frug er, und wollte melne Hand er⸗ greifen; ich riß mich aber los, und floh hierher. — Die Thraͤnen ſtanden ihr in den Augen— dann, indem ſie des Geheimenraths Hand ergriff — lieber beſter Oheim! ich beſchwore Sie, ma⸗ chen Sie, daß ich kuͤnftig von der Zudringlichkeit dieſes groben Menſchen verſchont bleibe, ich hal⸗ te es nicht aus!— Sey du nur ruhig, Min⸗ chen! ſagte der Geheimerath, indem er ihr die Wangen ſtreichelte, dafuͤr ſoll ſchon geſorgt wer⸗ ben. Der Prinz kam jezt in die Loge, ergoß ſich in Lobeserhebungen uͤber Wilhelmines vortrefli⸗ ches Spiel, und ſagte dem Geheimenrath viel verbindliches; auch die Fuͤrſtin winkte ihm aus ihrer Loge gegenuͤber Beifall zu. Der gute Ge⸗ heimerath ſchwebte in den Wolken— ſo endigte ſich dieſer merkwuͤrdige Tag. Den andern Morgen ſandte Wahlberg einen Brlef; Wilhelmine hatte darnach gegriffen, der Geheimerath ſezte ſchon ſeine Brille auf, aber ſchnell veraͤnderte ſie die Aufſchrift und gab ihn unaufgebrochen dem Bedienten zuruͤck.— Du Wilh. v Roſen 1h. 5 82 haͤtteſt doch ſehen ſollen.„— Nein, nein! rief Wilhelmine, und man ſah deutlich, ſo ſehr ſie ſich auch beleidigt fuͤhlte, wie viel ihr dieſer Entſchluß gekoſtet hatte.— Ihr Oheim vermogte nicht, ihr zu widerſprechen. Der Erbprinz war ein ſchoͤner, zwanzigjaͤh⸗ riger Juͤngling; bey eiuer zu weichen und nach⸗ ſichtsvollen Erziehung blieb dennoch ſein Herz edel, und fuͤr alles Gute empfaͤnglich. Sein Hang zur Schauſpielkunſt hatte ſeinem Geiſte einen ro⸗ mantiſchen Schwung gegeben, nicht ſelten daher trug er ſeine Rolle von der Buͤhne ins gemeine Leben hinuͤber; dies benahm ihm eine der un⸗ ſchaͤzbarſten Tugenden eines Volks⸗Regierers, Selbſtſtaͤndigkeit,— Er hatte keine heftl⸗ gen Leidenſchaften, ſeine meiſten erkuͤnſtelten Be⸗ duͤrfniſſe waren Launen, die mit ſeinem Schau⸗ ſpieler⸗Leben innigſt verbunden waren.— Wenn er in einem Iflandiſchen Stuͤck mit geſpielt hatte, ſo wurde er empfindſam und declamlrte gern; nach einem Kotzebueſchen hingegen war er aufgeraͤumt, helter, und unerſchoͤpflich an witzigen Einfaͤllen. — Prinz Adolph war eine lebendige Recenſion beider Schriftſteller*). Seine hohe kluge Frau ) Ich muß hier ſehr ernſtlich bitten, dieſer Bemerkung keine falſche Deutung zu geben; es wuͤrde mich um ſo mehr kraͤnken, da Ifland mein Freund iſt, und ich fuͤr die ausgezeichneten ſchriftſtelleriſchen Verdien⸗ 83 Mutter hatte immer mehr an ihm den fruͤhen Erben ihres alten Gemahls, als ihren Sohn ge⸗ ſehen; haͤtten in ihm boͤſe Anlagen gelegen, ſo waͤre ein Ungeheuer aus ihm erzogen worden. Aber er war von Natur aus ein guter Menſch, und zu ſeinem und ſeiner Unterthanen Gluͤck blieb er gut. Er kam eben von ſeinen Reiſen zuruͤck; man dachte an eine Vermaͤhlung, wodurch ſein Haus in wichtige Verbindungen kommen ſollte. Aber hier mußte man behutſam zu Werke gehen; ſte des Herrn von Kotzebue große Achtung hege. Iflands Familien⸗Gemaͤhlde ſind zugleich fuͤr Herz und Verſtand geſchrieben, ſie enthalten eine Menge praktiſcher Wahrheiten, man kann ſie als die Schule des haͤuslichen Gluͤcks betrachten; ſelten, weder bey dem Leſer, noch bey dem Zuſchauer verfehlen ſie die veabſichtigte Wirkung, denn der große Seelen-Mah⸗ ler hat ſeine Kunſt und das menſchliche Herz genau ſtudirt.— Iflands wurdiger Nebenbuhler hat eine andere Bahn betreten, er huldigt mehr den Launen und dem Geſchmack des Augenblicks— theatraliſcher Effekt, ſuͤße unſchuldige Schwelgerey, die zarteſte feinſte Sinnlichkeit, iſt die Haupt-Tendenz der Ko⸗ tzebue'ſchen Muſe, ihr unerſchoͤpflicher Witz deckt oft ein Parador wie Blumen eine Fallgrube; die Ein⸗ bildungskraft durch den unwiderſtehlichen Zauber der Situationen dahin geriſſen, wird taub gegen die ern, ſte Kritik— erſt Stunden, Tage, Wochen nach der 5 2 — ſeine theatraliſchen Grillen vertrugen ſich durch⸗ aus nicht mit einer ſolchen Mariage de Conve- nance. Er wollte ſelbſt waͤhlen; und hatte ſich dabey dfters ſchon ſo leidenſchaftlich erklaͤrt, daß ſelbſt ſein Vertrauter, der Kammerherr von Eber⸗ horſt, der vieles uͤber ihn vermogte, hier vor der Hand das Stillſchwelgen fuͤr rathſam hielt.— Wenn ſie den Prinzen fangen wollen, ſagte er zur Fürſtin; ſo muͤſſen ſie ſich ſeiner Einbildungs⸗ kraft bemaͤchtigen; hier muß abermals Komddle geſpielt werden, bringen wir ihn durch die vier erſten Aufzuͤge gluͤcklich durch, ſo heirathet er un⸗ fehlbar im fuͤnften— die Fuͤrſtin laͤchelte, ſah aber die Wahrheit davon ein, und ihr Plan wur⸗ de vollig darnach eingerichtet: ein wahrer Hof⸗ plan, wobey Fraͤulein Wilhelmine unwiſſend, die Hauptrolle zu ſpielen bekam. Adolph ſollte durchaus eine Prinzeſſin aus dem*** Hauſe zur Gemahlin bekommen; durch dieſe Verbindung war dem Intereſſe des Staats, und zugleich dem Stolze ſeiner Mutter Gnuͤge ge⸗ leiſtet. Aber der Prinz wollte erſtens von keiner Vorſtellung geſtattet die abgekuͤhlte Phanthaſie der pruͤfenden Vernunft das Kunſtwerk naͤher zu beleuch⸗ ten.„ Auf dieſe beiden Lieblinge der dramati⸗ ſchen Muſe kann das PVaterland ſtolz ſeyn— ja ſtolz koͤnnen wir ſeyn, daß der Britte uns um ih⸗ ren Beſitz beneidet, und der taͤndelnde Franzmann ihren Werth„„ nicht fuͤhlt. 35 ſo fruͤhen Vermaͤhlung hoͤren: und dann war er feſt entſchloſſen ſelbſt zu waͤhlen: vergebens ver⸗ ſuchte ſein Vater, ein ſchwacher kraͤnklicher Greis, dem ſeine Gemahlin die Krone zur Laſt, und den Eheſtand zur ewigen Seelenfolter zu machen ge⸗ wußt hatte, ihn zu dieſem Schritt zu bewegen; auch ſeiner Mutter Thraͤnen, Drohungen und Schmeicheleyen waren vergebens geweſen.— Ich werde ein Weib nehmen, pflegte er zu ſagen, aber nach meinem Herzen; der Fuͤrſt ſchließt den Menſchen nicht aus— Menſch zu ſeyn, iſt mein erſter Titel, und ich kenne kein Geſez, das mir gebieten koͤnnte, Verzicht zu thun auf das ſchoͤn⸗ ſte Vorrecht des Menſchen; Vaterfreuden und haͤusliches Gluͤck ſollen wir einſt die Krone leich⸗ ter machen.— Von dieſen Grundſaͤtzen, von dieſem Entſchluß war der ſonſt ſo nachgiebige und gefaͤlllge Adolph nicht abzubringen. Seine Mut⸗ ter, die ihrem Gemahl nur zu winken brauchte, um gehorcht zu werden, verſchwendete vergebens all ihr Anſehen, all ihre weibliche Kunſt an dem eigenſinnigen Sohn; ſie ließ ſich indeſſen nicht abſchrecken, ſondern war vielmehr feſt entſchloſ⸗ ſen, das aͤußerſte zu wagen, um zu ihrem Ent⸗ ſchluß zu gelangen, und entwarf daher mit allem Ernſt, durch Huͤlfe ihres Rathgebers(der allge⸗ melne Ruf gab ihm noch elnen vertrauteren Na⸗ men), einen Plan, der vielleicht feiner, aber wohl nicht nledertraͤchtiger haͤtte ſeyn konnen. 3 2 . 1 — 86 — Der alte verdienſtvolle Staats-⸗WMiniſter Herr von Nolden ſtarb; Stadt und Land hatten die Augen auf ſeinen Schwager, als auf ſeinen wuͤrdigen Rachfolger gerichtet. Aber zum allge⸗ meinen Erſtaunen wurde der Geheimerath von Doͤrner zu dieſer Stelle ernannt.— Dieſe Wahl wurde durchaus getadelt, nicht, als ob man dem redlichen Geheimenrath nicht alle moͤgliche Ge⸗ rechtigkeit wiederfahren ließ, aber daß er nicht der Mann zu dieſem wichtigen Poſten ſey, mußten ſelbſt ſelne Freunde geſtehen. Der Erbprinz, dem man ihn ganz anders geſchildert hatte, und der ohnehin ſchon von der Nichte zu ſehr einge⸗ nommen war, um dem Oheim nicht alle mogliche Talente zuzutrauen, uͤbergab ihm ſelbſt das De⸗ cret. Herr von Doͤrner wußte ſich nicht zu faſ⸗ ſen; an den alten Schlendrian der taͤglichen Ge⸗ ſchaͤfte gewoͤhnt, haͤtte er ſich eine Verſetzung in eine hoͤhere Spaͤhre in ſeinen alten Tagen nicht etnmal traͤumen laſſen— auch wollte er durch⸗ aus dieſe wichtige Stelle nicht annehmen; als aber Adolph in ihn drang, als er ihm vorſtellte, daß der Fuͤrſt durchaus keine abſchlaͤgige Antwort erwarte, ſo that die Furcht, was der Ehrgeiz nie haͤtte bewirken koͤnnen. Fraͤulein Wilhelmine, die ſo wenig von den wichtigen Geſchaͤften eines Staats⸗Miniſters begriff, als Gurly von einem Ehekontrakt, dachte nur an die Wirkung, welche dleſe uͤberraſchende Nachricht auf Wahlbergen machen wuͤrde. Sie hatte bereits ſchon die Mi⸗ —————————— 22 ne ſtudiret, mit welcher ſie das naͤchſtemal, wo ſie in einem glaͤnzenden Hofwagen bey ihm vor⸗ über fahren wuͤrde, auf ihn herab blicken wollte. — ————FÜGÜGܓܓÜÜ“%Y§YF§F⅛F⅛Y§ÜG«Y Y Kabinett der Fuͤrſtin⸗ Di⸗ Fuͤrſtin.(Cliegt nachläſſig auf ihrer Chaife longue und ſpielt mit ihrem Schvoßhuͤndchen.) Kammerherr von Eberhorſt. Chat eben ſeine lezte Taſſe Chocolade hinunter geſchlurft) Ces wird abgetragen.) Die Fuͤrſtin. Ich begreife, daß das Mädchen Eindruck auf meinen Sohn gemacht hat. K. v. Eberhorſt. Und dieſer erſte Ein⸗ druck war gerade wie er ſeyn ſollte— zuerſt auf der Buͤhne, dann durch eine unmerkliche Ab⸗ ſtufung in's gemeine Leben hinuͤber.* Die Fuͤrſtin. Der erſte Schritt waͤre nun gethan, aber, mein lieber Eberhorſt, wie nun weiter? 38 K. v. Eberhorſt. Bis jezt hat des Prin⸗ zen ſtets rege Phantaſie ihn vor jeder Ausſchwel⸗ fung geſchuͤzt— ſeine morallſche Sinnlichkeit hat noch nicht auf ſeine grobern Sinne gewirkt, und ſo lange das nicht geſchieht, blelbt er ein Schwaͤrmer. Die Fuͤrſtin. Das iſt's! Haͤtten wir ihn nach Paris ſchicken konnen,„ aber bey der je⸗ tzigen polltiſchen Lage der Dinge iſt nicht daran zu denken.— Adolph iſt wahrlich ein ganz ſon⸗ derbarer Menſch!— In Italien uͤberſieht er lebegluͤhende Italtaͤnerinnen, um ſich mit Mar⸗ morklötzen und Antiquitaͤten zu beſchaͤftigen— in England hat er kein Auge für die ſchlanke ſchmachtende Brittin, deſtomehr fuͤr Wettrenner und Roßkaͤmme, und wer ihn ſprechen hoͤrt, ſoll⸗ te dennoch glauben, er ſey in Liebe getaucht. K. v. Eberhorſt. Der Prinz gleicht hier⸗ in jenen theoretiſchen Krlegshelden, die Tage lang von der Kunſt ſprechen koͤnnen, und die, wenn es darauf ankommt, nicht im Stande ſind, ein einziges Regiment in Schlachtordnung zu bringen. — Wie ich's berelts ihre Durchlaucht bewieſen habe, durch eine Maitreſſe muß der Prinz zu ei⸗ ner Gemahlin gebracht werden— hat einwal die Wolluſt den liebenswuͤrdigen Schwaͤrmer ab⸗ gekuͤhlt, ſo wird er fur die Gründe der Vernunft empfaͤnglicher ſeyn. — —— 39 Oie Fuͤrſtin. Wenn aber dleſe Lie⸗ bes⸗ Intrigue zu einem ernſtlichen attache⸗- n K. v. Eberhor ſt.(lachend) Das glauben Ih⸗ re Durchlaucht nimmermehr! Die Fuͤrſtin. Die Gewalt einer erſten Llebe! K. v. Eberhorſt. Exiſtirt nur in Roma⸗ nen, dann— Ihre Durchlaucht verzeihen mir meine Freymuͤthigkeit der guten Abſicht wegen! „„ der Prinz iſt nicht ſelbſiſtaͤndig genug, nm etwas dabey zu befuͤrchten zu haben. Er han⸗ delt und denkt beinahe immer nach dem lezten Schauſpiel, wo er mitgeſpielt, und nach dem lezten Buche, das er geleſen hat— heute iſt er Bruder Robert, laſſen ſie ihm Morgen den Sonderling auffuͤhren, und er wuͤrde keinen An⸗ ſtand nehmen, ſelner elgenen Schweſter eine Lie⸗ bes⸗Erklaͤrung zu machen— mein Plan iſt die⸗ ſer— Wilhelmine iſt ein munteres, aber im⸗ mer nur ein deutſches Maͤdchen— ſchmachtend und empfindſam in der Liebe, wolluͤ⸗ ſtig nie, ihre Munterkeit haͤlt nicht Stand, ſo⸗ bald dieſe Leidenſchaft in's Spiel kommt. Sehen wir uͤbrigens, daß dieſe liaison ernſtlich zu werden droht, ſo bringen wir eine neue Erſchei⸗ nung auf die Buͤhne— eine von den niedlichen, gueckſilbrigen, wolluſtathmenden Emigrantin⸗ 4 ——— .. 1 ſ 6 4 ₰ 1 3 3 —,— =——— — 9* nen, von denen Deutſchland jezt zberſchwemmt i. Die Fuͤrſtin. Aber warum nicht damit den Anfang machen? K. v. Eberhorſt. Bewahre!„ der Prinz iſt im Genuſſe des Lebens ein Blindgebor⸗ ner— wir ſtechen ihm den Staar— aber erſt durch eine ſanfte Daͤmmerung muß er an des Tages volles Licht gebracht werden, ſonſt erblin⸗ det er wieder— und eine zwelte Operation waͤ⸗ re alsdenn ſehr mißlich. Die Fuͤrſtin. Auf ihre Gefahr, denn Eberhorſt.. ich laſſe ſie handelt; aber wie ſteht es mit dem Maͤdchen?..— K. v. Eberhorſt. Fraͤulein von Roſen iſt kein gemeines Maͤdchen; ſie vereinigt mit, al⸗ ler Liebenswuͤrdigkeit ihres Geſchlechts, Kenntniſſe und Talente, die ſogar einem Manne Ehre ma⸗ chen wuͤrden: dabey ohne Stolz, ohne die ge⸗ ringſte Pretenſion, tugendhaft, ſowohl aus Ge⸗ fuͤhl, als aus Grundſaͤtzen, und reich ohne koſt⸗ ſpielige Launen zu haben— einem gewiſſen Herrn von Wahlberg, einem jungen Phantaſten, den ſie heirathen ſollte, hat ſie den beſten Theil ihrer feinen Bildung zu verdanken. Die Fuͤrſtin. Aber um's Himmels willen Eberhorſt, wo dachten ſie hin, als ſie mir ein ſolches Maͤdchen vorſchlugen! — g or K. v. Eberhorſt. Weil unſere alltägli⸗ chen Hofpuppen, ſo zierlich ſie auch von der Na⸗ tur und der Kunſt ausſtaffirt ſind, keinen Ein⸗ druck auf den Prinzen machen wollten.— Soll ich Ihre Durchlaucht alle meine vergeblichen Ver⸗ ſuche abermals herrechnen?— Wir muͤſſen es durchaus mit einer Art von Romanheldin verſu⸗ chen— und dies iſt zum Theil unſere Wilhel⸗ mine. Die Fuͤrſt in. Aber die lche Schwle⸗ rigkeiten„ K. v. Eberhorſt. Sind eben ſo viele Reize.— Eine Hauptſchwierigkeit iſt ſchon zum Theil gehoben.— Ich habe den Morgen erfah⸗ ren, daß dieſer Herr von Wahlberg den Ehemann ſchon vor der Zeit hat ſpielen wollen, er plagte das arme Kind taͤglich mit Eheſtands⸗Launen und Sentenzen. Wilhelmine hat ihn jezt im Verdacht einer ſchaͤndlichen Untreue, der Oheim ſtellte ihn deshalb zur Rede, er fand ſich dadurch beleidigt, und nun ſind ſie brouillirt— zwariſt er dem Fraͤuleln nichts weniger als gleichguͤltig; dieſer Umſtand muß aber bey. einer guͤnſtigen Ge⸗ legenheit gluͤcklich benuzt werden.— Die Fuͤrſtin. Das iſt freylich ſchon et⸗ was— aber ſo wie ſie mir das Maͤdchen ſchil⸗ dern, laͤßt ſichs beinahe nicht hoffen, daß mein Sohn,„(lachend) er muͤßte denn einen Roman —— 1 — 92 à la Seudery mit ihr ſpielen, wobey er, in ei⸗ nigen zwanzig Jahren, ſich des erſten Kuſſes wuͤrde ruͤhmen koͤnnen. K. v. Eberhor ſt. Eine ausgemachte Ke⸗ quette wäre uns und dem Prinzen weit gefaͤhrli⸗ cher— unſere Abſicht blieb einer ſolchen nicht lange ein Geheimniß, ſie wuͤrde zuverlaͤſſig alle ihre Kraͤfte gegen uns aufbieten, und zwar mit deſto gewiſſerem Erfolg, da ſie den Prinzen auf ihrer Seite haben wuͤrde— ein Coup d'auto⸗ rité konnte uns am Ende allein noch retten, aber wer vermag die Folgen davon zu berechnen 2— Nein! ein Maͤdchen wie Wilhelmine, mit allen Grazien und Anmuth geſchmuͤckt, die nur immer Jugend, Kunſt und Natur gewähren konnen, lenkſam, ohne Argliſt und Mißtrauen; und bey vielem Verſtande dennoch ohne Welt⸗ und Men⸗ ſchenkenntniß, ſolch' ein Maͤdchen mußten wir waͤhlen.— Indeß beide auf der Roſenbahn, welche wir ihnen ſelbſt beſtreuen, fort taumeln werden, iſt es an uns die Ereigniſſe vorzuberei⸗ ten, die Vorfaͤlle zu leuken, die Hindernſſe mit unſichtbarer Hand aus dem Wege zu raͤumen, und endlich die Kataſtrophe herbey zu ſuͤhren.— Haben ſie eiumal aus dem Becher der Wolluſt ge⸗ koſtet, ſo ſorgen wir fuͤr ſchnelle Sättigung— iſt endlich der Angenblick einmal gekommen, wo die Lebe aufhoͤrt ein gebletendes Beduͤrfniß zu ſchn, und anfaͤngt eine Kunſt zu werden— und 23 dieſer Augenblick m uß kommen! dann haben wir leichtes Spiel.— Daß Wilhelmine in der ſchwe⸗ ren Kunſt, eine erloſchende Liebe wieder anzufa⸗ chen, unerfahren bleibt, ſey meine Sorge.— Das Paradies der Liebe ſoll die Wolluſt zerſtdren — dann tritt die Gewohnheit auf— dieſe er⸗ zeugt die todtliche Langewelle— dann raſch die Buͤhne verwandelt!— Wir ſpielen abermals Komoͤdie— eine leichtfertige Grazie, an den Ufern der Seine der Liebe gebohren, ſchwebt aus dem Hintergrunde hervor, ihr folgen tauſend kleine Amoretten, von deren Exiſtenz der Prinz ſich noch nichts hatte traͤumen laſſen— er erſtaunt— vergleicht ſeine ſchmachtende Geliebte mit dieſer uͤppigen Gottin der Freude— und bevor acht Tage vergehen, liegt er ſchon in den Armen der Franzoſin!. aber nun iſt auch der gefaͤhrliche Zauber der romantiſchen Liebe verſchwunden— ſie iſt fuͤr ihn eln ſinnliches Beduͤrfniß geworden wie ſeine Jagd, ſeine Soldaten und ſein Schau⸗ ſpiel— jezt darf die Vernunft zu ſeinem Ver⸗ ſtande, das Staats⸗Intereſſe zu ſeinem Ehrgeiz laut ſprechen; iſt das noch nicht hinlaͤnglich, ſo laſſen wir noch etwas von Volkswohl, von be⸗ gluͤckten Unterthanen, von den Pflichten eines guten Landes⸗Vaters mit einfließen— ſein gu⸗ tes Herz giebt alsdenn den Ausſchlag, und er ſteht vor dem Altar! Die Fuͤrſtin. Schoͤn! ſchoͤn! Fber- horſt vous eétes un homme impryahle! 224½. aber was fangen wir mit dem alten Geheimen⸗ rath an? K. v. Eberhorſt. Den verſchanzen wir einſtweilen hinter einer ſo enormen Maſſe von Ak⸗ ten⸗Stdßen, daß er nicht bis zn ſeiner Nichte hinuͤber blicken kann— ſind wir fertig, ſo er⸗ haͤlt er elnen ehrenvollen Abſchied, und zieht mit ihr aufs Land. Dieſer Plan war ſo uͤbel nicht erdacht, aber dieſe hochkluge Dame, und der raͤukevolle Hof⸗ ſchranz wußten nicht, daß die erfahrungsloſeſte Tugend, auch ohne audere Waffen, als ihre Un⸗ ſchuld, nicht ſo leichte zu beſiegen iſt; ſie ſahen nicht ein, daß Adolphs Schwarmereyen ihn weit leichter fur die Tugend gewinnen, als zur Sinn⸗ lichkeit herabwürdigen knnten.— Nur eine Wil⸗ helmine kann dies kalte Blut in Wallung bringen! dachte eben Eberhorſt, als ihm mehrere Verſuche mit dem ſchoͤnſten Maͤdchen der Reſidenz fehl ge⸗ ſchlagen waren, und er begann das eben ſo ge⸗ faͤhrliche als nledertraͤchtige Wageſtuͤck— doch was wagt der nicht, der mit Satans⸗Liſt begabt, in den Hof⸗Jutriguen grau geworden, befugt iſt, die Allgewalt zu mußbrauchen, und das Geld zu verſchwenden, um zum Ziel zu gelangen. —— Ungefaͤhr eine halbe Melle von der Reſidenz, in einem angenehmen Thal, ringsum von kleinen beſchatteten Huͤgeln umgraͤnzt, liegt das niedliche Schloͤßchen Wieſenau: ein ſchoͤner weitlaͤuftiger Park von einem friſchen Bach durchſchlaͤngelt, der bald in einem rauſchenden Waſſerfall uͤber Ruinen herabſtuͤrzt, dann eine Waſſerflaͤche bildet, die durch einen optiſchen Betrug bis an ſeinen Hori⸗ zont ſich auszudehnen ſcheint, und endlich in ver⸗ ſchiedene Arme abgetheilt, hier durch ein duͤſteres kuͤhles Waͤldchen, dort uber einen einſamen Ra⸗ ſenplaz ſanft murmelnd dahin flleßt. Felſen, die nicht die ſchwache ſich ſtets verrathende Kunſt, ſondern die ſtarke Hand der Natur dahin gewor⸗ fen hatte, gluͤcklich angebrachte Tempel, Grot⸗ ten und Einſiedeleyen, gaben dieſem Aufenthalt einen unendlichen Reiz.— Auch das Schloß⸗ chen iſt in einem edlen modernen Styl gebaut, und wo nicht praͤchtig, doch aͤußerſt geſchmackooll meublirt. Der alte Fuͤrſt hatte, am Tage ſeiner Vermaͤhlung, ſeiner jungen Gemahlin damit ein Brautgeſchenk gemacht. In den erſten Jahren ihrer Ehe, bevor ſie ihren Gemahl vollig unter die Pantoffeln gebracht hatte, pflegte ſie nach Wieſenau zu fahren, ſo vft er ſich unterſtand ih⸗ re Wuͤnſche nicht als eben ſo viele Befehle anzu⸗ ſehen, er mogte alsdenn wollen oder nicht, es blieb ihm kein anderes Mittel uͤbrig, um ſie wie⸗ der in die Reſidenz zuruͤck zu haben, als ſelbſt ſie abzuhohlen, und alles blindlings zu unter⸗ —— ——— —— —— 8—— 96 ſchrelben. Nach und nach wurden dieſe Reiſen nach Wieſenau ſeltner, endlich gab es nur par- tis de plaisirs dahln, und da gerade der Fuͤrſt die entbehrlichſte Perſon dabey war, ſo pflegte man die Tage zu waͤhlen, wo ihn das Podagra auf ſeinem Sorgenſeſſel feſt hielt.— Am naͤch⸗ ſten Geburtstag des Erbprinzen wurde Wieſenau umgetauft— Adolphsluſt genannt, und dem lieben Sohne formlich abgetreten. Dies gab nun Gelegenheit zu laͤndlichen Fe⸗ ſten, wobey Eberhorſt die Seele von allem war⸗ Es wurde in der Eile ein kleines Theater ge⸗ baut, worauf ebenfalls nur laͤndliche Schauſpiele aufgefuͤhrt wurden.— Adolph hatte nun das Landleben lieb gewonnen, des Morgens lief er in den Feldern herum, oder gieng zu den Arbei⸗ tern im Park, und legte ſelbſt Hand an, alles folgte ſeinem Beiſpiel. Abends gab es Illumi⸗ nationen, Feuerwerke, oder eine Waſſerfahrt bey Fackeln auf dem großen Kanal. Ueber des Sohnes Freude war die liebe Mutter ordentlich wieder jung geworden; allenthalben war ſie zu⸗ gegen und gab den Ton an, ja ſie ſpielte ſogar einigemal kleine Mutterrollen, und da man dem Miniſter nicht zumuthen konnte, ſeine koſtbare Zeit an ſolche Kindereyen zu verſchwenden, ſo wurde ausgemacht, daß Fraͤulein Wilhelmine im⸗ mer mit der Fuͤrſtin nach Adolphsluſt fahren, und ſich dort aufhalten mußte, ſo oft entweder 97 die Repetitionen oder ſonſtige kleine laͤndliche Fe⸗ ſte, wobey ſie immer, wie begreiflich, die erſte Rolle ſpielte, ihre Gegenwart erforderten. Wo konnte ſie beſſer und anſtaͤndiger ſeyn, als unter dem unmittelbaren Schutze einer ſo guͤtigen und herablaſſenden Fuͤrſtin.— Bald darauf wurde eine alte Hofdame verabſchiedet, und Fraͤulein von Roſen erhielt ihre Stelle. Die Fuͤrſtin, die auf einmal den Aufenthalt in Adolphsluſt leiden⸗ ſchaftlich lteb gewann, zog nun jezt vollig hinaus, und weil ſie ihr munteres Minchen nicht eine Stunde entbehren konnte, ſo wurde ihr ein klei⸗ nes Zimmer neben der Fuͤrſtin Schlafgemach ein⸗ geraͤumt. Wilhelmine merkte immer noch nicht, wie dieſe giftige Spinne ſie immer enger und enger in ihr kuͤnſtliches Gewebe einſpann.— Die Arg⸗ loſe ſah hier nur Mutterliebe, Sohnesdankbar⸗ keit, und reine unſchuldige Freuden des Lebens. Daß Adolph ihr herzlich gut war, wußte ſie wohl, er verſaͤumte ja keine Gelegenheit es ihr zu ſagen; daß aber dieß Wohlwollen Liebe ſey, wie konnte Wilhelmine ſo etwas ahnen.— Adolph trat ſo leiſe auf, ſeine Aeußerungen waren ſo edel, er ſprach mit ſolchem Feuer von der Sympathie der Seelen; noch nie hatte er bey ihr das Wort Liebe gebraucht, ohne irgend eine liebenswuͤrdige Ei⸗ genſchaft, oder eine erhabene Tugend mit dieſem Wilh. v. Roſen. 1 Th. 1 3 5 1 P 1 98 Worte zu verblnden.— Wenn auch zuweilen der ſchone Juͤngling von ſeinem Gefuhl hingeriſſen ihre Hand ergriff, ſie an ſein Herz druͤckte, und mit naſſen in die Wolken geſchlagenen Angen aus⸗ rief— Theure Wilhelmine! moͤgte der gutige Himmel dieſe reinen unſchuldigen Freuden, die uns dieſes einſame Thal ſo unendlich reich ma⸗ chen, lange noch ungetroͤbt gonnen!— moͤgte doch die bange Stunde der Trennung nie fuͤr uns ſchlagen! Wenn dann der ſuße Schwaͤrmer von dieſen Gedanken durchdrungen Minuten lang ihre Hand an ſeine bebenden Lippen druͤckte, ſie— meine Wllhelmine! meine unvergeßliche Freun⸗ din! nannte— und ſie leiſe und errdthend— mein gutiger Prinz! ſtammelte; und er plözlich ſeinen Arm um ihren Nacken ſchlagend ausrief: nein, Wilhelmine, nennen ſie mich nicht ſo, nen⸗ nen ſie mich Adolph.. ihren Adolph!. dann frellich ſchlug ihr Herz lauter, ihr Blut floß ra⸗ ſcher, ſie ſuchte ſich loszuwinden— wenn aber nach einigen Augenblicken des ſuͤßeſten Anſchauens, Adolph ſie pldzlich aus freyen Stuͤcken los ließ, und dann mit der Ruhe eines Zoglings des gott⸗ lichen Plato, von der Verfuͤhrung der Sinne, von dem hohen Werthe der Tugend und von den unnennbaren Freuden eines unſchuldigen Lebens ſprach— und ſie dann Hand in Hand, heiter und vergnugt aus der gefaͤhrlichen Daͤmmerung des Erlenwaͤldchens wieder ins Freye traten— weg war alles Mißtrauen:— Wenn Wahlberg 09 ſo gedacht, ſo gefuͤhlt haͤtte, wie gluͤcklich waͤre ich jezt— dachte alsdann Wilhelmine, und ihr laͤchelnder Blick ruhte bey dieſem Gedanken auf dem lieben Schwaͤrmer. Der gewandteſte, ſchlaueſte Verfuͤhrer haͤtte keinen ſicherern Weg waͤhlen koͤnnen, als den hier Adolph, zwar mit einem Herzen voll Liebe, aber ohne alle Verfuͤh⸗ rungsabſicht einſchlug. So gehts nicht! dachte Eberhorſt, der ſie al⸗ lenthalben belauſchte. Mon ami! ſagte die Fuͤrſtin, wir ſpielen wirklich einen Schäfer⸗Roman ich halte es nicht aus! Sie lieben ſich, Wilhelmine welß es ſelbſt noch nicht; der Prinz brennt lichterloh! Ceſt fort bien! es iſt aber eine arkadiſche Liebe; vollig wie ich's voraus geſehen hatte!— Was ſoll um's Himmelswillen aus dleſer ernſten farce werden?— Eberhorſt ſchuͤttelte den Kopf, es bildete ſich ein ſataniſches Laͤcheln um ſeinen Mund, endlich: K. v. Eberhorſt.(wie aus einem tiefen Traum erwachend) Noch iſt nichts verlohren! Die Fuͤrſtin. Als Zeit! K. v. Eberhorſt. Nein!— denn noch war es nicht Zeit! aber jezt!,, Die Liebe hat G 3 4 — — 6 T0O nun in des Prinzen Herz feſte Wurzel gefaßt; ſie iſt nicht mehr ein ſeiner Phantaſie. e. dieſe Liebe Die Fuͤrſt in, Ein platoniſches Unge⸗ heuer! K. v. Eberhorſt. Bitte!. dieſe Liebe kann aber unmoglich auf die Sinnen eines Men⸗ ſchen wie Adolph wirken, wenn ndieſe nicht ge⸗ reizt werden. Die Fuͤrſtin. Und wie das bewirken? K. v. Eberhorſt Es muß uͤberraſchend geſchehen„ wenn alſo, ecer ſinnt nach) Die Fuͤrſtin. Par dien! mon ami, eplique vous, et ne me faites pes lan- guir! K. v. Eberhorſt. Ja!— es kann ge⸗ hen.— Ihre Durchlaucht gehen Morgen mit dem Fraͤnlein in den Park— kommen wie von Ungefaͤhr an dem Badehauſe voruͤber— dort ſteht ſchon die Kammerjungfer, die unterrichtet ſeyn muß— ſie meldet, das Bad ſey fertig— ſie ſcheinen befremdet und ſagen— ich hatte es vollig vergeſſen:— ſie gehen hinein, Wilhelmi⸗ tritt zuruͤck— nicht doch— wir wollen mit einander baden, liebes Minchen!— das blode — TOT Kind wird ſich wehren.— Cboshaft lächelnd) Ih⸗ nen, gnaͤdigſte Fuͤrſtin! brauche ich nicht zu ſa⸗ gen, wie man unzeitige Bloͤdigkeit benehmen muß— Die Fuͤrſtin. Cſchlägt ihn auf die Hand) Vous étes un monstre! K. v. Eberhorſt.(ihre Hand kuͤſſend) Sie treten ins Bad— die Kammerjungfer geht und ſchließt hinter ſich zu, aber der Sommerladen an dem kleinen Fenſter, das auf den Raſenplatz geht, muß ſo geſtellt ſeyn, daß man unbemerkt das Bad von außen gemaͤchlich uͤberſehen kann. — Unter Scherzen und Lachen verſehen ſie dies⸗ mal bey ihrer Hofdame den Dlenſt ihres Kam⸗ mermaͤdchens— ein Kleidungsſtuͤck nach dem andern wird weggetaͤndelt— kurz, ſie verſte⸗ hen mich ein leiſer Schlag wie von Ungefaͤhr am Fenſter, und der Prinz ſteht am Sommerla⸗ den.— Die Fuͤrſtin. Gottlich! C'est divin! (ſpoͤttiſch ſchmachtend, indem ſie ihm ihre Hand hinreicht) Dafuͤr duͤrfen ſie abermals meine Hand kuͤſſen... es ſoll geſchehen! Doch ſchuell hinweg uͤber dieſe ſchluͤpfrige Sce⸗ ne, die ich mit Unwillen niederſchreibe. Um zu zeigen, was elne unerſaͤttliche Herrſchſucht auf den einen, und die frechſte Immvoralitaͤt auf der 102 andern Seite ſich nicht alles erlauben koͤnnen, nur dies konnte mich bewegen, dieſes ſchmutzigen Ge⸗ ſpraͤchs hier zu erwaͤhnen. Zwey Kleinigkeiten vereitelten den ſchaͤndlichen Plan,.. Wilhelmi⸗ nen blieb der ſchoͤnſten der Grazien, der Scham⸗ haftigkeit, getreu— und Adolph... er haͤtte ſie immer hier beobachten duͤrfen!... aber am fruͤhen Morgen ſchon hatte er erfahren, daß ſein PVater eine ſchlimme Nacht gehabt haͤtte, und da war er in die Stadt geritten.— Wilhelminens Kammermaͤdchen hatte den Tag vorher ihrer Gebleterin von einer ungluͤcklichen Familie geſprochen, die eine elende Huͤtte in dem kleinen Doͤrfchen bewohne, das gerade am Ende des Parks lag— ſie entſchloß ſich nach dem Bade, ihren Morgen⸗Spaziergang dahin zu rich⸗ ten. Dieſen pflegte ſie immer allein mit einem Buche in der Hand zu machen. Der Weg nach dem Doͤrfchen gieng durch eine kleine Wieſe, un⸗ ter Weiden dem Bach entlang; es lag zwiſchen Obſitbaͤumen, wie in einem Blumenkorb begraben. Jezt hatte ſie das Doͤrſchen erreicht, und ſtand vor einem Garten, der mit einer hohen Flieder⸗ hecke umgeben war— ploͤzlich hoͤrte ſie eine be⸗ kannte Stimme, ihr Herz pochte laut, ſie ſchlich naͤher und bog dle Zweige auseinander.— Da ſaß Wahlberg unter einem Birnbaum, er ſchien eben ſein Fruͤhſtuͤck elngenommen zu haben, die Taſſen ſtanden noch anf einem Tiſchchen; ihm 103 zur Seite ſaß ein ſchdnes, aber blaſſes Weib, er wiegte laͤchelnd ein Kind auf den Armen. Das Weib, die eine Hand auf ſeine Schulter gelegt⸗ blickte wehmuͤthig zu ihm herauf.— Wilhelmine vermogte kaum die Zweige auseinander zu halten. — Nur Muth gefaßt, meine Theure! begann endlich Wahlberg, der liebe Gott, der uns beide ſo wunderbar rettete, wird auch in Zukunft uns Vater bleiben— hier floſſen Thraͤnen uͤber des Weibes blaſſe Wangen herab,— meine Abwe⸗ ſenheit foll nicht von langer Dauer ſeyn— bald, bald komme ich zuruͤck, und dann wollen wir beide, weit von dieſem Aufenthalt des frechen Laſters, einen Winkel aufſuchen, wo meine gute Caroline wieder fuͤr den Genuß der reinſten Freu⸗ den des Lebens aufleben wird, und ich hier ſchlug er ſeinen ernſten Blick in die Wolken und hohlte tief Athem— Edler beſter Mann, rief das Weib mit bebender Stimme, wenn ſie nicht waͤren und ihr mattes Haupt ſank auß ſeine Schulter herab.— Wahlberg kuͤßte das Kind, legte es dem Welbe in den Schooß und entfernte ſich ſchnell— jezt ließ Wilhelmine die Zweige fahren, und trat zitternd den Ruͤckweg an.— H! der treuloſe Menſch! rief ſie einmal uͤber das andere— kaum vermogte ſie den Park zu errel⸗ chen— ſie ſank in Wehmuth vergehend auf die naͤchſte Raſenbank hin! Alle ihre jugendlichen Ge⸗ fuͤhle waren auf einmal erwacht— ihre einfa⸗ chen haͤuslichen Freuden, ihre kleinen verliebten ————— 3 ¹ — . ro4 Zänkerey mit Wahlberg, ihr Aufenthalt bey der Tante, dann endlich jener Wortwechſel, der ſo bedeutende Folgen nach ſich zog, alle dieſe Bilder erhielten nun Lebendigkeit und Waͤrme— und nun das druͤckende Gefuͤhl wirklich aufgeopfert zu ſeyn!— Die Eiferſucht fachte die unter der Aſche glimmenden Funken zu hellen Flammen wieder auf— aber es war nicht mehr die alte Liebe, die aus dieſer Aſche hervor loderte, es war Groll, Erbitterung, nebſt dem niederſchmet⸗ ternden Bewußtſeyn der begangenen Unbeſonnen⸗ heiten, dies alles ſtand nun ſo deutlich, ſo ſon⸗ nenklar ihr vor Augen— nach und nach ver⸗ loren ſich dieſe Bilder.— Da ſaß Wahlberg, das Kind auf dem Arm— ſein Kind— und das blaſſe Welb ihm zur Selte.— Du ab⸗ ſcheulicher Heuchler, rief ſie jezt, nun iſt es ja gewiß!.. Er, er ſelbſt verleitete mich ab⸗ ſichtlich zu manchen Unbeſonnenheiten, um nach⸗ her ſeine Untreue bemaͤnteln zu koͤnnen— es iſt ja am Tage!. jezt erwachte ihr ganzer weiblicher Stolz, mit dem troͤſtenden Bewußt⸗ ſeyn der unverdienten Beleldigung— ihre ge⸗ genwaͤrtigen Verhaͤltniſſe bildeten einen ſo auf⸗ fallenden Kontraſt mit der armſeligen Huͤtte, die ihre Nebenbuhlerin bewohnte, daß ſie nun auch einen gewiſſen Werth darauf ſezte, und nichts ſehnlicher wuͤnſchte, als eine Gelegenheit, ſich dem verhaßten Paare in ihrem ganzen Glanze zeigen zu koͤnnen— es ſollie, es muß te gedemuͤthiget werden.— Mit dieſem Plaue beſchaͤftiget, war ſie jezt bis an die Einſiedeley, eine der ſchoͤnſten Partien im Garten, gekom⸗ N men. Durch hohes Geſtraͤuch und dichtes Buſch⸗ werk fuͤhrt hier der Pfad auf elnen einſamen Ra⸗ ſenplatz, in deſſen Hintergrunde, nach Oſten zu, zwiſchen Fichten, Cypreſſen und Trauerweiden ein Grabmal ſich erhebt— gerade gegenuͤber rauſcht der Bach durch ein enges tiefes Thal; eine Bruͤcke nur von zwey breiten Balken mit ei⸗ nem Gelaͤnder verſehen, fuͤhrt auf die andere Sei⸗ te. Hier erheben ſich Ruinen auf Ruinen, durch welche der Weg in die Hoͤhe nach der Einſiedeley ſich ſchlaͤngelt. Ein Gottesacker mit Leichenſtei⸗ nen bedeckt, umglebt die Kapelle, die von Mooß und Epheuranken umwunden, mit einem erkuͤn⸗ ſtelten Alterthum pranget— eine Reihe halb verfallener Arkaden verbindet die Kapelle mit der Einſiedeley, ein gothiſches Gebaͤude, an einem verfallenen Wartthurm aͤngſtlich angelehnt. Wil⸗ helmine ſtieg hinauf, und ſezte ſich ermuͤdet un⸗ ter den Schatten einer alten Linde, die gerade der Kapelle gegenuͤber ſtand. Der ſchoͤne heitere Morgen, die Einſamkeit des Orts, die tiefe Stil⸗ le, nur durch den rauſchenden Bach unterbrochen, der Anblick des ernſten Gottesacker, dies alles harmonirte mit ihrer gegenwaͤrtigen Seelenſtim⸗ mung. Die Stirne in dle Hand geſtuͤzt, flog ihr 4 ———————.—— 1 * 106 Blick von dem blauen Himmel in die Tiefe hinab, und ohne an einem beſtimmten Gedanken ſich feſtzuhalten, ſchweifte ihre Phantaſie von einem Gegenſtand zum andern; es war eine Fuͤlle von Gedanken, welche die nemliche Wirkung als eine vollige Gedankenloſigkeit hervorbrachte. Jezt ſtand ſie auf, betrat den Gottesacker und las die In⸗ ſchriften— es waren theils heitere, theils ſchwer⸗ muͤthige, auch mitunter leichtfertige Gedanken, uͤber Tod, Ewigkeit, Genuß des Lebens, und Beſtimmung des Menſchen— ſie hatte bereits ihre Schreibtafel hervor gehohlt, um einige da⸗ von zu notiren, als des Prinzen Windſpiel auf ſie zugeſprungen kam— ſie wendete ſich erſchro⸗ cken um— Adol ph.(indem er auf ſie zueilt) Wilhelmi⸗ ne zwiſchen Graͤbern und Leichenſteinen! Wilhelmine. Clachend) Wie lange noch und Wilhelmine liegt unter dem Leichenſtein! Adolph. Wer wird im Fruͤhjahr ſchon an den Winter denken? Wilhelmine. Die kalte Hand des To⸗ des reicht eben ſo oft nach der Bluͤthe als nach der reifen Frucht des Lebens und(indem ihr Blick auf den Graͤbern ruht) ich weiß nicht, ob der, dem die Vorſehung einen ſchoͤnen heitern Fruͤh⸗ ling gegdnnt hat, nicht eher danken, als ſich be⸗ —— ro7 ſchweren ſollte, durch ein fruͤhes Grab der ſo oft druͤckenden Sonnenglut des Lebens entriſſen zu ſeyn! Adolph. ecihre Hand ergreiſend) Kommen ſie Fraͤulein! dieſe Dekoration eines Gottesackers thut bey ihnen die nemliche Wirkung, als wenn ſie auf Freund Hayns Territorium ſich wirklich befaͤnden! Wilhelmine. Sie irren, gnaͤdigſter Herr!— der Gedanke an Tod und Ewigkeit hat nichts trauriges fuͤr mich— ich kann viel⸗ mehr mit heiterm Sinn und frohem Herzen dieſem troͤſtenden Gedanken nachhaͤngen jenſeits (ihr Blick flog gen Himmel) iſt Leben!. hier iſt Tod! Cihre Stimme ſank bey dieſen lezten Wor⸗ ten, und ſie wandte ſich ab, um eine Thraͤne zu ver⸗ bergen.) Adolph. Theuere Wilhelmine! in einer ſolchen Stimmung habe ich ſie noch nie geſehen — ſagen ſie„o! ſagen ſie mir, was ſie be⸗ unruhigt. Wilhelmine.(ſchuͤttelte wehmuͤthig lchelnd den Kopf.) Adolph. Cleidenſchaftlich Ich bin es e der Vertraute einer ſchoͤnen Seele zu ſeyn. ſie naͤhren einen Wilhel⸗ mine! —— 46 ros Wilhelmine.(mit ungemeiner Lebhaſtigkeit) Ich muͤßte mich ſelbſt haſſen, wenn ich nicht Herr uͤber die ſen Kummer werden koͤnnte! Adolph. deiſe und verlegen) Sie lieben! Wilhelmine. Cbedeckt das Geſicht mit beiden Händen) Ach! es war ja nur Taͤuſchung.— Adolph. Taͤuſchung?— Der, deſſen Bild dieſer Engel in ſein frommes ſchoͤnes Herz ſchloß, muß ein treflicher Menſch geweſen ſeyn, und doch Wilhelmine.(ſich ſammelnd) Bin ich nicht ein wahres Kind! jezt merke ich erſt, daß Sie hingeworfene, abgeriſſene Gedanken weit ernſtli⸗ cher auslegen, als ſie's verdlenen, und muß mich ſchaͤmen„Cſie giengen einige Schritte weiter; Wilhelmine war indeſſen in ſich verſunken; Adolph in ſichtbarem Kampf mit ſich ſelbſt, wollte ſreshi und vermogte es nicht— eudlich) Adolph. Wenn mir das gůtige Schick⸗ ſal eine Wilhelmnine zur Geliebte goͤnnen woll⸗ te 7* Withelmine.(muntet) Sie halten nicht Wort mein Prinz! Adolph.(betroffen) Ich? Wilhelmine. War es nicht unter uns ausgemacht, daß ſie mir keine Schmeicheleyen mehr ſagen ſollm? 1 109 Adolph. Gewiß, theuere Wilhelmine! ſollen ſie keinen Gedanken aus meinem Munde hoͤren, der nicht rein und warm aus meinem Her⸗ zen kommt— keiner ihrer Wuͤnſche, in ſofern deren Erfuͤllung in meiner Gewalt ſteht, ſoll un⸗ befriedigt bleiben So will ich ihr Zutrauen... ihre Freundſchaft verdienen.. Wilhelmine. Cbeſchaͤmt) O mein Prinz! Adolph. ſteaͤußer lebhaft) Hinweg mit dieſem eitlen Titel!.(mit Bedeutung) der mich in die⸗ ſem Augenblick mehr als jemals erinnert, daß ewige Entſagung mein Loos iſt! Hier am Bu⸗ ſen der Natur, hier, wo jeder Gegenſtand an die Nichtigkeit der Spielwerke des menſchlichen Stol⸗ zes uns erinnert, hier will ich jene druͤckende gol⸗ dene Kette der Convenienz abwerfen;(mit Wehmuth) ach! ich bin nicht der Mann, dem das Schickſal eine Krone haͤtte aufbuͤrden ſollen!. Wilhelmine. Mit dieſem menſchlichen ed⸗ len Herzen kann einſt Fuͤrſt Adolph die ſuͤßen Er⸗ wartungen ſeiner Unterthanen nicht taͤuſchen— ihr Gluͤck wird ihr Werk ſeyn— und dies Be⸗ wußtſeyn— iſt das nicht ſchon Seeligkeit ge⸗ nug?— Ado lph.(ihre Hand kuſend) Edle Seele! (nach einem kurzen Nachdenken gefaßter) Da ich lei⸗ der! nur dem Ungefaͤhr jedesmal jene ſo ſuͤßen 110 vertraulichen Stunden mit meiner jungen Freun⸗ din zu verdanken habe, ſo ſey mir auch gegoͤnnt, dieſe ſeltenen Stunden ganz rein zu genießen— nennen ſie mich Adolph— ſo wie ich ſie Wil⸗ helmine!.(indem er ihre Hand auf ſein Herz legt) meine ewig unvergeßliche Wilhelmine nennen will!. Wilhelmine.(verwirrt) Nie, meln Prinz! . vergeſſen, wie guͤtig ſie gegen mich Sritn(bitter) Guͤtig!. eCraſch) und ſie wollen meine iin nicht ſeyn, W mine? Wilh elmine. Die bin ich von ganzer See⸗ le, aber Adolph. Ciebhaſt) Kein aber, Wilhel⸗ mine! withelntne Ihre Durchlaucht bedenken nicht. Adolph. Die Durchlaucht mag in ihrem Pallaſt, unter den ſeelenloſen dekorirten Maſchi⸗ nen und geputzten Drathpuppen, mit denen ſie zu leben verdammt iſt, ihre kläͤgliche Rolle fort⸗ ſpielen— Hier ſteht Adolph!— der Menſch Adolph!— der will ihnen ſagen, wie elend und ungluͤcklich der kuͤnftige Kronenträger dieſes Lan⸗ TLT —— Wilhelmin e.(berraſcht) Sie!— un⸗ gluͤcklich?— o meln Gott! Jezt ſanden ſie vor der Einſiedeley; Adolph ſchloß auf, und dͤfnete ein Fenſter, das nach der Landſtraße gieng.— Eine ſchoͤne freye Ausſicht in die reiche Ebene, wo die ſtolze Reſidenz mit allen ihren Thuͤrmen und Pallaͤſten an den Ufern des Fluſſes ſich erhob— Weinberge mit Kaſta⸗ nienbaͤumen begraͤnzt, und eine Gebuͤrgkette, die ſtufenweiſe bis uͤber die Wolken ſich erhob, ſchloſ⸗ ſen die Ausſicht. Adolph.(mit untergeſchlagenen Armen— in⸗ dem ſein ernſter Blick auf die Reſidenz gerichtet iſt) Dort liegt der goldene Kerker, in dem einſt der arme Adolph ſein Leben vertaͤndeln, verſchwen⸗ den, vertrauern ſoll.— Seine Geburt war ein Irrthum der Natur, denn er beſitzt keine von den Leidenſchaften, deren Befriedigung eine Kro⸗ ue lelchter zu tragen macht— ſelne Kinderjahre ſind gewiß die glucklichſten ſeines ganzen Lebens⸗ laufs geweſen, denn von dem Angenblick an, wo ſein Herz anfieng zu empfinden, und ſeine Vernunft zu beurtheilen, lebte Herz und Vernunft in ewigem Streit mit einander, und wurden ſie zuweilen einig, ſo ſtand beiden zugleich die lei⸗ dige Convenienz im Wege. Ich liebe das ſtille einfache Leben, und werde unaufhoͤrlich in den glaͤnzenden betaͤubenden Wirbel einer lebloſen Exi⸗ LL2 ſtenz mit hinein gezogen— ich ſehne mich nach dem vertrauten Umgang mit edlen Menſchen, wo wechſelſeitige Ergießung des Lebens Bitter⸗ keit verſuͤßt, und deſſen Freuden veredelt und vervielfacht— ſtatt deſſen ſtehen mir, wo ich hinblicke, geſchmeldige Sclaven, laͤchelnde Ge⸗ ſichter, und trugvolle Schmeichler im Wege — ſie tragen alle Eine Farbe, die Politur hat die Stempel von ihren Seelen abgeſchliffen, kei⸗ ner unterſcheidet ſich von dem andern—(im⸗ mer waͤrmer) Der ſchonſte Traum meines Herzens, dem ich mit Innigkeit nachhaͤnge.. ſtilles haͤus⸗ liches Gluͤck an der Seite einer gellebten Gattin „ bleibt mir ewig nur ein ſchoͤner Traum... Der Ehrgeiz ſoll durch den Mund eines Geſand⸗ ten mir eine Gattin waͤhlen— das Intereſſe des Staats ſpricht lauter als die klagende Stim⸗ me melnes Herzens— ich ſoll Mann ohne Weilb, Vater ohne Vaterfreude werden— denn ſtatt eines Welbes wird man mir eine Fuͤrſtin zur Seite ſtellen, und dieſe wird dem Lande meinen Nachfolger geben.... Fuͤrſten Gluͤck! Wilhelmine. Iſt die dankbare Thraͤne begluͤckter Unterthanen!.. Adolph. Iſt denn das Gluͤck meiner Un⸗ terthanen eine nothwendige Folge meines eigenen Elends?— Wilhelmine! muß ich denn durch⸗ 1I3 —— zu machen Wilhelmine. Wer kann das wol⸗ len„* „ Adolph. Alle!— mein Vater!— ſelbſt meine Mutter„ Wilhelmine. Die ſie ſo zaͤrtlich Rebt Adolph. Sie wiſſen noch nicht alles— auch ich liebe! liebe mit aller Innigkeit, mit der namenloſen Sehnſucht einer erſten Liebe, und — darf nicht elnmal meine Liebe geſtehen, weil der Vater des Maͤdchens, das mich zum gluͤcklich⸗ ſten Menſchen machen koͤnnte, keinen Fuͤrſtenhut getragen hat(mit Ruͤhrung) werden ſie nun Mirleiden mit mit mir haben, Wilhelmine?— darf Adolph ſeinen Kummer in den treuen Bu⸗ ſen der Freundin ausſchuͤtten?— wird er Theil⸗ nahme finden?.. Wilhelmine. O! daß auch Sie nt gluͤcklich ſind, mein Prinz! Adolph. Der Prinz wird ſeine Buͤrde maͤnnlich tragen lernen, wenn nur Adolyh der Freundſchaft ſeiner Wilhelmine ſich bewußt iſt! Wilh. v. Roſen 1 Th. ₰H aus ſelbſt ungluͤcklich ſeyn, um andere gluͤcklich ——- —— ———————— 1T4 Wilhelmine.(ſchwärmeriſch) Freundſchaft! dindem ſie ihm ihre Hand hinreicht) ſo moͤgen ſie denn ſinken jene Schranken, welche die eitle Convenlenz zwiſchen mir und meinem Fuͤrſten ſez⸗ te— im Glanze des Hofs werde ich dem Göt⸗ zen Etiquette opfern— aber hier am Buſen der Natur will ich Adolphs Freundin ſeyn— und mit tragen helfen!.. Adolph. Wilhelmine! meine edle theure Freundin! und wenn ſie nun ganz wegfielen, dieſe eitlen Schranken; wenn die Hand der Liebe das Gaukelſpiel thorigter Menſchen auf immer zerſtdr⸗ te, und Adolph bewieſe, daß er Vater ſeiner Unterthanen ſeyn koͤnne, ohne ſeinem Herzen eine unheilbare Wuude zu ſchlagen„„ wenn er das Maͤdchen, das er liebt„ Wilhelmine. Nein, ach! nein!— zu dieſem verzweifelten Schritt kann die Freundin nicht rathen— iſt das Mädchen wirklich der Liebe eines Adolphs wuͤrdig, ſo wird ſie ſelbſt keine ſolche Roman⸗Scene ſplelen wollen— und konnte ſie ſich dazu verſtehen, dann mußte Wil⸗ helmine ihren Freund bedauern, denn ſein Gluͤck waͤre nur ein Rauſch, dem das druͤckende Be⸗ wußtſeyn, eine große Thorheit vergebens began⸗ gen zu haben, ſchnell nachfolgen wuͤrde Adolph. Meine Liebe ein Rauſch?(hin⸗ geriſſen) beſcheidener Engel! du ſollteſt deinen Werth nicht beſſer kennen? —— 15 — 115 Wilhelmine.(verwirrt) Wie! Adolph. Czu ihren Fuͤſſen) Wilhelmine! Wilhelmine.(aufſtehend in hochſter Ver⸗ wirrung) Was wollen ſie von mir, Prinz! Adolph, Sprechen ſie mein Urtheil— Sie liebe ich! Wilhelmine. Nein! nein!— edie Hän⸗ de faltend indem ſie dem Fenſter zueilt) o! mein Gott! So eben rollte ein ſchwer bepackter Relſewa⸗ gen voruͤber; die Perſon, die darin ſaß, hatte ſich heraus gelehnt, und uͤberſah den Park. Der Wagen fuhr jezt hart unter dem Fenſter voruͤber, und Wilhelmine erkannte Wahlberg— ihre Blicke begegneten ſich— Willhelmine ſank auf den Stuhl zuruͤck— ſo iſt es doch wahr.„er reiſt wirklich— ſtammelte ſie, und ſuchte vergebens ſich nach dem Fenſter zu erheben.— Wer? frug Adolph aͤngſtlich— aber ſie ſtarrte ihn an ohne zu antworten.— Adolph, der dieſe ſeltſa⸗ me ſchnelle Veraͤnderung als eine Wirkung ſeiner unerwarteten Erklaͤrung anſah, war vor ihr nie⸗ derkniet und hatte beide Arme um ſie geſchlungen — aber ſie ſchien es nicht zu bemerken, ihre H 2 3 1 Blicke ſchweiften aͤngſtlich von dem Fenſter zur Thuͤre, und unwillkuͤhrliche Thraͤnen rollten un⸗ aufhaltſam von den blaſſen Wangen auf den flie⸗ henden Buſen herab— ich werde ihn nie wieder⸗ ſehen, ſagte ſie endlich, ich darf ihn nicht wie⸗ derſehen!— Vergebung, Wilhelmine!— rief Adolph— jezt floſſen ihre Thraͤnen haͤufiger und eine gluͤhende Roͤthe uͤberzog ihre Wangen.— Die Thuͤre gieng leiſe auf— Wahlberg! rief Wilhelmine, und floh mit ausgebreiteten Armen ihm entgegen— er war's! auf ſeinem Geſichte mahlte ſich zugleich, Liebe, Verachtung, Spott und Wehmuth.— Ich habe nichts verloren! rief er endlich, ſtieß ſie von ſich, und verſchwand. — Wilhelmine lag ohnmaͤchtig in Adolphs Ar⸗ men Eberhorſt, der, wie ein boͤſer Daͤmon, ihnen allenthalben nachſchlich, zog jezt, wie von ungefahr, uͤber den Gottesacker.— Adolph wink⸗ te ihm herbei, und log in der Geſchwindigkeit eine kleine Geſchichte ihm vor, denn ob er gleich mit dem Kammerherrn vertraulicher als mit keinem andern umgleng, ſo hatte er ihn dennoch nicht in das Heiligthum ſeines Herzens blicken laſſen. Nachdem Wilhelmine ſich etwas erhohlt hat⸗ te, bat ſie Eberhorſten, er mogte ſie in's Schloß zuruͤck führen, aber Adolph hatte ſchon ihre Hand ergriffen, und der ſchlaue Hofüng zog ſich beſchel⸗ den zuruͤck, 117 Vergebens ſuchte der Prinz, waͤhrend dem langen Weg, das Geſpraͤch wieder anzuknuͤpfen; Wilhelmine wankte an ſeiner Seite vor ſich hin⸗ ſtarrend, als ob ſie Geiſter behorchte.— Adolph fuͤhrte endlich ihre Hand langſam an den Mund, eine Thraͤne fiel darauf— jezt ſchien ſie ihr Be⸗ wußtſeyn wieder erhalten zu haben, und indem ſie ihre Hand, die ſie langſam zuruͤck zog, vor die Augen legte— Gott! was war das? theuer⸗ ſter Prinz! haben ſie Mitleiden mit einem ſchwa⸗ chen Maͤdchen, unverdiente Leiden habe ich Muth zu ertragen, aber Spott, Misachtung, wuͤrde ich nicht uͤberleben.— Adolph, der den Sinn dieſer Worte ſo wenig als Wahlbergs Erſchei⸗ nung begriff, antwortete ſehr lebhaft.— Wann wird meine theure Wilhelmine ihrem Freund Gerechtigkelt wiederfahren laſſen? wann wird ſie im vollen Vertrauen auf ſeine Redlichkeit, auf ſeine—(Liebe wollte er ſagen, aber das Wort erſtarb auf ſelnem Munde) Freund⸗ ſchaft, ihm endlich...— Sie ſollen alles er⸗ fahren, unterbrach Wilhelmine, ja, dieſen Be⸗ wels meiner Achtung bin ich Ihnen ſchuldig! — aber jezt nicht!— nur jezt nicht!— und ſie verdoppelte ihre Schritte. Da ſitzt's alſo! vachte Eberhorſt, der das ganze Geſpraͤch in der Einſiedeley mit angehoͤrt hatte, auch dieſen Stein wollen wir noch aus dem Wege raͤumen.— Er ſezte ſogleich alle ſeine Spuͤrhunde in Bewegung, und bald wurde er von den wahren Verhaͤltniſſen 118 zwiſchen Wilhelminen und Wahlberg auf das ge⸗ naueſte unterrichtet. Aber, ab er gleich ſich ſelbſt in das Doͤrfchen verfuͤgte, ſo konnte er dennoch nichts beſtimmtes von dem Maͤdchen erfahren dem Wahlberg Wilhelminen aufgeopfert haben ſollte. Wahlberg hatte Mutter und Kind, gleich nach ſeiner Erſcheinung in der Einſiedeley abgehohlt, und niemand konnte ihm ſagen, wo er mit ihnen hingefahren ſey— nur das wußte er, daß Wahl⸗ berg Anſtalten zu elner langen Reiſe getroffen hatte, denn er hatte ſeinen Bekannten kein Ge⸗ heimniß daraus gemacht.— Darauf baute nun der ſchlaue Boͤſewicht ſeinen Plan.— Dieſer Wahlberg muß in Wilhelminens Augen veraͤcht⸗ lich, und Adolphs zu ſchuͤchterne Liebe durch dieſe Eiferſucht kuͤhner gemacht werden. Er gieng alſo zum Prinzen, ſuchte ganz unbefangen das Ge⸗ ſpraͤch auf Wilhelminen zu lenken, und erzaͤhlte dann, ſo vlel Adolph zu wiſſeñ noͤthig hatte, von ihrer Liebe zu Wahlberg, und von ihrer muth⸗ maßlichen Verbindung mit ihm, ſobald er von einer kleinen Geſchaͤftsreiſe zuruͤck gekommen waͤre, Die kleine Eigenſinnige, ſezte er laͤchelnd hinzu⸗ hat dem Miniſter das Perſprechen abgeſchmeichelt, daß ihre Vermaͤhlung, vor der Hand noch, ein Geheimniß blelben ſollte; auch, wie ich hore, ſind beyde junge Leute in dieſem Augenblick ein we⸗ nig brouillirt— aber man weiß ja, was ſo eln depit amoureux gewohnlich fuͤr Folgen hat! Die Verſohnung wird deſto herzlicher ſeyn.— 119 Dieſen vergifteten Stachel lleß er dem armen Adolph im Herzen, und flog nun zur Fuͤrſtin. — Auf den erſten Schritt muͤſſen nun alle uͤbri⸗ gen ſchnell folgen, ſchloß er, nachdem er ihr ſei⸗ nen ganzen Plan entwickelt hatte, ſonſt ſteckt die kleine Schwaͤrmerin unſern Theater⸗Prinzen noch in allem Ernſte an, und dann iſt alles verloren. Wilhelmine hatte einige Tage das Zimmer huͤten muͤſſen, der Miniſter war heraus gekom⸗ men, die Fuͤrſtin, die nun ihre Urſache hatte ih⸗ ren Sohn mit Wilhelminen nicht allein zu laſſen, wich ihr beinahe nicht von der Seite.— Adolph wollte verzweifeln— endlich wurde beyden wieder die Freyheit gegeben. —— 120 Spielzimmer auf Adolphsluſt. (Verſchiedene Spieltiſche, die alle beſetzt ſind— Adolph geht von einem zum andern— Wilhelmine ſitzt am Fenſter mit ihrer Arbeit— ohnweit davon ſpielen die Fürſtin und Eberhorſt eine Partie Piquet.) K. v. Eberhorſt. Ich habe dieſen Morgen eine ſehr drolligte Geſchichte erzaͤhlen horen!— tierce Majeure! Die Fuͤrſtin. Ne vaut pas! und die iſt? K. v. Eberhorſt. Einer von unſern neu⸗ modiſchen jungen Philoſophen. jai ecartẽ les piques.. hat auf einmal den Diogenes⸗Man⸗ tel abgeworfen Die Fuͤrſtin. Das iſt nichts neues— quinze et quatorze de dix. K. v. Eberhorſt. Je vous demande pardon— Jai les valets— und iſt vor eini⸗ —— — 127 ———— gen Tagen mit einer lůderlichen Dirne auf und davon! Die Für ſtin. Ich dachte Wunder was ich horen ſollte! six Coeurs, et ma quinte font dix— joue fait onze.. K. v. Eberhorſt. Quatorze et trois as font dix ſept.. das iſt freylich etwas ſehr gemeines, aber die Art, wie das alles zugieng.. Die Fuͤrſtin. Nun?— douze, trei⸗ ze, quatorze, quince, Seie, dix ſept de piques.„„ K. v. Eberhorſt. dix huit. Die Fuͤrſtin. Vous avez toujours les 5 K. v. Eberhorſt. Ft votre altesse ne cessera jamais d'avoir tous les coeurs à ses Services!— dix neuf!... Die Fuͤrſtin. galant.„er⸗ zaͤhlen ſie doch— vingt!... K. v. Eberhorſt. junge Gimpel, der ſich wenigſtens einen Anaxagoras duͤnkte, hatte vor einiger Zeit im Verborgenen der menſchlichen Schwachhelt ihren gebuͤhrenden Zoll entrichtet— il s'etait oublie— vingt et 122 Die Fuͤrſtin. oui! oui!— vingt et un et vingt deux— K. v. Eberhorſt. Dieſe Herren nehmen es im Grunde nicht ſo genau, als wir übrigen armen Suͤnder, die keinen phlloſophiſchen Man⸗ tel beſitzen, um ſo wie ſie, mit frecher Stirne, unſere kleine Schwachheit damit bedecken zu koͤnnen! Die Fuͤrſtin. Comme vous etes ver- beux— zur Sache!.. K. v. Eberhorſt. Unſer unbaͤrtiger Welt weiſer hatte ſchon laͤngſt dieſen kleinen faux pas auf ſeiner philoſophiſchen Laufbahn vergeſſen— votre altesse fait la levée! Die Fuͤrſtin.— trente deux— je marque onze points ſie geben! K. v. Eberhorſt.(indem er die Farten miſcht) Er war in die Reſidenz zuruͤck gekommen (affektirt leiſe, aber dennoch laut genug um von Wil⸗ helminen gehört zu werden) man hat mich ſogar ver⸗ ſichern wollen, daß der Miniſter dieſem jungen Menſchen äußerſt gewogen war, mais je n'en crois pas un mot.(etwas lauter) Eines Abends beym nach Hauſe gehen fallt ihm auf offner Straſ⸗ ſe ein Maͤdchen laut ſchluchzend um den Hals — ſie fleht um Huͤlfe, um Rettung, in ſo ruͤh⸗ renden Ausdrucken, daß unſer Philoſoph dem hef⸗ 123 tigen Drang ſeiner gereizten Menſchlichkeit nicht widerſtehen kann— er packt das Maͤdchen auf, und ſchleppt ſie mit nach Hauſe— laͤßt Lichter bringen, und erkennt in ihr— quel coup de theatre— die loſe Kleine, mit der er jene un⸗ philoſophiſche Stunde zugebracht hatte.— Cette ſcene de reconnaissance fut, ditou, joué à merveille par la petite— ſie war ſchwan⸗ Die Fuͤrſtin.(indem ſie ihre Karten rangirt) Mais ſi done Baron, vous me contez lã des horreurs! K. v. Eberhorſt. Bitt tauſend mal um Vergebung— aber darauf eben roulirt das Laͤ⸗ cherliche von der Geſchichte— ich bin gleich fer⸗ tig— er iſt Vater zu dem Kinde— und nun folgten eine Menge Auftritte, wo Liebe, Ver⸗ zweiflung, Gewiſſensbiſſe und Reue, den reich⸗ haltigſten Stoff dazu geben— Nachdem der Philoſoph ſeine ſammtlichen Sentenzen ausgekrawt und das Maͤdchen ihren ganzen Thraͤnen-Vor⸗ rath vergoſſen hatte, behauptete die Natur ihre Rechte, und der Philoſoph erkannte ſich zum Vater des Kindes— er fuͤhrte ſie den andern Morgen aufs Land— dort begann ein arkadiſches Leben. Chier eutſank Wilhelminen die Arbeit aus der Hand.) „ 7. 4 — 1 . 124 SF. v. Eberhorſt das nur durch eine kleine unvermeidliche Unpaͤßlichkeit der neuen Chloe un⸗ terbrochen wurde.— Der gluͤckliche Vater wiegte jezt einen kleinen Amor, ſein wahres Ebenbild, auf den Armen— nun veraͤnderte ſich auf ein⸗ mal die ganze Lage der Sache— die Mutter ge⸗ naß, gber weg war all' ihr Frohſinn, die ſchoͤne leidende Suͤnderin vergieng in Reue aufgeldſt— ſie will ihrem Leben ein Ende machen— was war nun zu thun? unſer Philoſoph beſinnt ſich nicht lange— er laͤßt anſpannen— eilt mit ihr uber die Grenze,— und ſie werden in optima forma copulirt.. Die Fuͤrſtin. Noch ſehe ich in der That nichts außerordentliches an der ganzen Ge⸗ ſchichte. K. v. Sberhorſt. Jezt kommt das beſte! die Erläuterung nemlich.. Das Maͤdchen, eine Uederliche Dirne, war von dem Philoſophen reich⸗ lich beſchenkt worden, als er ſich mit ihr, bey der erſten Zuſammenkunft, wie ich bereits erzaͤhlt, humaniſirte— ſie reiſte ihm heimlich nach— xam in der Reſidenz an— und ſezte ihr aus⸗ ſchweifendes Leben fort— ſie betrog, wurde be⸗ trogen, und wechſelte ſo oft ihre Liebhaber, als ſich neue anboten— endlich wurde ſie beruͤhmt — ein Spieler warf das Aug' auf ſie, beyde ge⸗ ſielen ſich, ſie mußte dem tripot praͤſidiren, und — 125 die Haus⸗Ehre machen— das gieng eine Zeit lang nach Wunſch— eines Tages wurde aber die Bank geſprengt— der Spleler raffte in aller Elle zuſammen was ihm unter die Haͤnde fiel, und verſchwand— und als die verluſſene den andern Morgen kaum noch ſo viele Kleidungs⸗ ſtuͤcke vorfand, um ſich zu bedecken, geſchweige daß ſie die Miethe haͤtte bezahlen koͤnnen, ſo wur⸗ de ſie von der unbarmherzigen Hausfrau zur Thuͤ⸗ re hinaus geworfen— damals war ſie ſchon in andern Umſtaͤnden— auf dem Wege zu einer gu⸗ ten Freundin begegnete ihr unſer Philoſoph, dem ſie auswich— nun hatte ſie aber ſchon einen Plan entworfen— ſie erkundigte ſich nach ſeiner Wohnung, nach ſeinen Umſtaͤnden, paßte ihm in der Straße auf— und daß die Kreatur ihre Rol⸗ le meiſterhaft geſpielt hat, beweiſt, daß ſie nun Frau von Wahlberg iſt. Die Fuͤrſttn. Wie 2— des jungen Herrn von Wahlberg, deſſen Vater K. v. Eberhorſt. Der nemliche!— Die ganze Stadt iſt voll von dieſer Geſchichte. Wllhelmine war auzgeſtanden und beinahe ſinnlos zur Thuͤre hinaus gewankt. Eberhorſt lächelte haͤmiſch, indem die Fuͤrſtin ihrem Sohn mit den Augen folgte, der dem Fraulein erſt 126 aͤngſilich nachgeſehen, und dann endlich nachge⸗ gangen war. Wilhelmine hatte mit Anſtrengung aller ihrer Kraͤfte kaum ihr Zimmer erreichen koͤnnen— der entſcheldende Schlag war geſchehen, und ihr Herz gebrochen, denn jezt erſt fuͤhlte ſie, daß ſie ihren Wahlberg noch nie im Ernſte aufgehoͤrt hatte zu lieben.„ſie fuͤhlte es in dem nemlichen Augen⸗ vlick, wo es Tugend und Pflicht war, ihn auf ewig zu vergeſſen— bis jezt hatte eine leiſe heim⸗ liche, ihr ſelbſt nicht ganz deutliche Hofnung, immer noch die Glut unter der Aſche erhalten— jezt war jeder Gedanke an ihn Verbrechen. hyaͤtte ſie Kaltblutigkeit genug gehabt, um Zeit und Umſtaͤnde genauer zu berechnen, ſo haͤtte ihr doch manches in Eberhorſt's Erzaͤhlung auf⸗ fallen muſſen— ſtatt deſſen forſchte ſie allen Um⸗ ſtaͤnden nach, die ihr Ungluͤck und Wahlbergs Schande noch wahrſcheinlicher machten— die Halsſtarrigkeit, mit der er ihrem Oheim eine Er⸗ klärung des naͤchtlichen Abentheuers verſagte— was ſie ſelbſt im Doͤrfchen geſehen hatte— end⸗ lich den Vorfall in der Einſiedeley— Gott! Gott! rief ſie auf einmal und faltete, von einem plötzlichen Schauer ergriffen, die Haͤnde— wie! wenn Reue, wenn die klagende Stimme ſelnes betanb⸗ ten Gewiſſens, wenn die erwachte Liebe ihn da noch zu mir gefuͤhrt haͤtte, und er beym Anblick des Prin⸗ zen— er lag zu meinen Fuͤßen„o! mein Gott! 127 —— ſie ſank kraftlos nleder„ neln! ach, neln! hub ſie wieder an, vergebens ſuche ich mich zu taͤuſchen— der Verbrecher wlegte ja laͤchelnd das Kind ſeiner ſchaͤndlichen Liebe auf den Armen, er war ja damals ſchon reiſefertig!— Liebe Wil⸗ helmine! was iſt Ihnen? frug jezt Adolph im Hereintreten; als er aber dieſe Leichengeſtalt er⸗ blickte, da eilte er mit einem Laut des Entſetzens auf ſie zu— er ergriff ihre kalte Hand, benezte ſie mit heißen Thraͤnen, ſeln Mund floß in Wor⸗ te des Troſtes und der innigſten Liebe uͤber— da erhob Wilhelmine endlich das matte Auge, und unter der Laſt ſo vieler ſich widerſprechenden zermalmenden Empfindungen erliegend, im tlefen Gefuͤhle ihres Elends, und der Guͤte dieſes ed⸗ len Juͤnglings, deſſen warmes Herz ſo laut dem ihrigen entgegen ſchlug, ſank ſie, ſich ſelber nicht mehr bewußt, laut ſchluchzend an ſeine Bruſt, und ſtammelte— Adolph! Fa F — ——— —