——————— Leihbiblivthet dentſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur v Eduard Ottmunn in Gießen. Schloßgaſſe Lit. A. Nr 256. cLeih- und eſebedingungen. 1. Ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von eem Ta 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ angenommen. S 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 3 4. Daſſelbe muß voraus fbezahlt werden und für wöchentlich c 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——— ufz Wenat: 4 W F W W 2 F „„„„„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſener, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe it auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mirzgeliehen, auch, dafür zu ſtehen haben. 1 . — ———— —„ ———— * ———— —— ——— — X 7* Ludolphs Nach dem Franzdſiſchen des Ludwig von Bilderdech F* dd des juͤngern., E — v*— t Von dem Verfaſſer der Urne im einſamen Thal. — Dritter Theil. 5 Berlin un 1 8 0 4. An den Leſer. ——— Die Ueberſetzung eines Roman's iſt eben keine ſo leichte Aufgabe; die Schwierigkei⸗ ten vermehren ſich nach der Groͤße der Ver⸗ ſchiedenheit des Geiſtes der Nationen und der Sprache— die Uebertragung eines Wer⸗ kes aus irgend einer poſitiven Wiſſenſchaft iſt weit dankbarer; deun ich ſetze hier vor⸗ aus, daß es nicht gerade eine, zur Meſſe, beſtellte Fabrikarbeit ſeyn ſoll, in welchem Fall der arme Bogenſchmierer ſeine Schul— digkeit zur Gnuͤge gethan hat, wenn er ſei⸗ nem Vorgaͤnger Schritt fuͤr Schritt, wie der Livreebediente ſeinem Herrn, gefolgt iſt; ſondern eine ſo wohl gerathene und zwang⸗ freye Kopie, daß das geuͤbteſte Ange alle Kennzeichen und Eigenſchaften eines Origi⸗ nals darin zu entdecken waͤhnt doch hier iſt der Ort nicht, uͤber dilſen Gegen⸗ ſtand gruͤndlich, und alſo weitluftiger ſi ſich einzulaſſen. 4 Der Leſer wird, aus der Vorrede des erſten Bandes, ſich erinnern, daß ich mir vorgenommen hatte, meines Bruders En- thousiaste corrigé, ſo viel als moͤglich treu 2 . 4 „ — zu uͤberſetzen: ich ſage ſo viel als moͤg⸗ lich; denn Er hatte manches aus Wehel und Lafontaine entlehnt; eine Freyheit, die ein franzoͤſiſcher Schriſiſtl— r, zumal da er ſeinen literariſchen Raub offenherzig ge⸗ ſtand, ſich wohl erlauben konnte; nothwen⸗ dig mußten aber dergleichen Reminiscenzen fuͤr den Deutſchen Leſer in der Ueberſetzung aͤußerſt unangenehm ſeyn. Das Entlehme mußte auch daher nicht allein wegfalien, ſon⸗ dern noch ergaͤnzt werden. Nach dieſem Plan bgann ich die Arbeit; aber bald wur⸗ de ich inne, daß mir eigentlich nichts als Fragmente uͤbrig geblieben waren, und eine ſehr huͤlfreiche Fantaſie dazu gehoͤrg, um al⸗ le Ziriſcheneiatn auf eine natuͤrliche Art zu fuͤllen„ich legte die Feder nieder, und war eben im Begriff, dieſe ſeltſame Ueber⸗ ſetzung eines Werks, von dem kaum der duͤnne Faden der Geſchichte mir noch dien⸗ lich ſeyn konnte, aufzugeben, als bey einem abermaligen Durchleſen ich die eigenen Er⸗ findungen des Verfaſſers ſo aͤußerſt intereſ— ſant, den Plan, auch mit Hinweglaſſung des Entlehnten, ſo anziehend, und die Si⸗ tuationen ſo wenig alltaͤglich fand, daß ich abermals hingezogen wurde. Ich ergriff alſo die Feder von neuem, entwarf einen, eignen Plan, dem zufolge N S . ich dem Faden der Geſchichte zwar immer tren blieb, aber von dem Erſten Theil kaum tie Haͤlfte, von dem Zweyten nur etwas hie und da, und von dem Dritten gar nichts benutzen konnte, ſo daß Ludolphs Lehrjahre beynahe eben ſo gut als un⸗ ſers Lafontaine Naturmenſch zu den deutſchen Original; Romanen gerechnet wer⸗ den kann. ₰ Nicht um mir es als ein beſonderes Verdienſt anzurechnen, ſondern um einen jeden, dem es etwa einfallen moͤgte einen aͤhnlichen Verſuch zu machen, redlich zu warnen, muß ich hier noch geſtehen, daß ich Ludolphs Lehrjahre unter meine muͤhſamſt vollendeten literariſchen Arbeiten zaͤhle. Mannheim, den aten September 1803. Erſtes Kapitel. Ludolphan Emilie*). DDen ſiebenten Tag nach mel⸗ ner Abreiſe bin ich an dem Ort meiner Beſtim⸗ mung gluͤcklich angekommen; auch habe ich be⸗ reits die noͤthigen Beſuche abgeſtattet, und mei⸗ ne Empfehlungsbriefe abgegeben; man macht mir Hofnungen, Beſtimmtes kann ich aber dar⸗ uͤber noch nichts ſagen. Die Reſidenz liegt am Eingang eines ſehr anmuthigen Thals, und bletet einen ſeltſamen, doch nicht unangenehmen, Anblick durch die Mi⸗ ſchung von Haͤuſern und Pallaͤſten im modern⸗ ſten Geſchmack und altgothiſchen Gebaͤuden, die bunt durch einander ſtehen. Das Schloß ſelbſt in einem edeln einfachen Styl, iſt vor wenig Jahren erſt von Grund aus neu gebaut worden; es liegt auf einer ſanften Erhoͤhung, und ge⸗ nleßt die ſeltenſte Ausſicht auf die weite Ebene von der elnen und auf das Gebirge von der andern Selte. Ein Muͤhlbach ſchlaͤngelt ſich durchs Thal, fließt durch die Stadt, und bll⸗ *) Alles, was nicht weſentlich zur Geſchichte gehoͤr⸗ te, wurde aus dieſen Briefen weggelaſſen. 7 det einen ſehr mahleriſchen Waſſerfall mitten im Schloßgarten, der ohne Prunk, aber mit vieler Einſicht und Gefuͤhl angelegt iſt. Die Einwohner ſcheinen mir fleißige, betrieb⸗ ſame Menſchen zu ſeyn: der Handel bluͤht hler, im Ganzen herrſcht Wohlſtand und Zufrieden⸗ heit. Dieſe Menſchen gefallen mir, ſie ſind weder zuruͤckhaltend, noch zudringlich; es leben hier einige Maͤnner, dle ſich um aͤußere Litera⸗ tur verdient gemacht haben; ſie werden allge⸗ mein geſchaͤzt und geſuchr, ſogar von den Kauf⸗ leuten; ein ſeltener Fall, der daher bemerkt zu werden verdient. Noch hoͤrte ich keine Klagen weder gegen den Hof, noch gegen die fuͤrſtliche Dilenerſchaft; dies kann aber bey einer ſehr wei⸗ ſen, eben ſo gut aber bey einer ſehr deſpotiſchen Reglerung der Fall ſeyn. Es herrſcht wenig aͤußere Pracht an dieſem Hof, den man doch der Verſchwen⸗ dung beſchuldigt. Ich bin auf Morgen zu Miniſter beſchieden ꝛc. ꝛc. ꝛc. Der Miniſter iſt ein langer ha⸗ gerer Mann; ein offizielles Laͤcheln, welches ſo genau nach Stand und Wuͤrden abgezirkelt iſt, daß man glauben ſollte, er haͤtte ſelbiges vor dem Spiegel ſtudirt, muntert auf, ohne jedoch Zutrauen zu erwecken; ſein Ton iſt decidirt und feſt, er hat Sprache und Gebaͤrden vollig in 8 ————— ſeiner Gewalt. Erſt wie ich näher trat, ſtand er auf, und als ich mein zweytes Kompliment nach einer Dame, die, mit einem Buch in der Hand, am Fenſter ſaß, richtete, ſagte er ganz trocken:— meine Frau!— Es erfolg⸗ te eine augenblickliche Stille; er hatte nach mel⸗ nem Empfehlungsſchreiben, welches vor ihm lag, gegriffen, und las es noch einmal durch— endlich:— Sie wuͤnſchen in hieſige Dieuſte zu treten? Ja, ihre Excellenz!— Die Civil⸗ ſtellen ſind beſezt; Rechtsgelehrte haben wir bey⸗ nahe eben ſo viel als Rechtsſachen; Fuͤrſten vom zweyten Rang pflegen, wle bekannt, in hohern Staatsangelegenheiten an Maͤchtigere ſich anzu⸗ ſchließen; im diplomatiſchen Fach iſt alſo hier unmiftelbar wenig zu thun;— auch ſplelen Se. Durchlaucht lieber eine Partie Schach als mit Soldaten, halten ſich daher ſtreng an ihr Kriegskontingent; worlnnen kann ich ihnen nun nuͤtzlich ſeyn?— vielleicht im Kabinet— Der Miniſter ſah mich ſcharf an, laͤchelte, und legte nachdenkend meinen Empfehlungsbrief zu⸗ ſammen. Ich ſah nun deutlich ein, daß, ais ein hier Weltfremder Menſch, ich nichts unge⸗ reimteres haͤtte ſagen konnen, und meine Ver⸗ wirrung ſileg aufs hoͤchſte. Zum Gluͤck kam ein Bedblenter, ſagte ſeinem Herrn etwas in's Ohr; er winkte mir mit der Hand eine Art von Entſchuldigung zu, und ging.— Nach dieſer etwas zweydeutigen Pantomime wußte ich *— —— — 2 — nicht, ob ich noch bleiben, oder mich entfernen ſollte; ſeine Gemahlin aber, eine dicke kunde Frau, mit einer etwas gemeineu Geſichtsbildung, riß mich aus dieſer Verlegenheit, indem ſie ſo⸗ gleich mit einem gelehrten Wortſtrom uͤber mich herfiel.— Das Buch, welches ſie in der Hand hatte, gab die Veranlaſſung— es war eine Sammlung von Gedichten.— Rein, liebe Emilte! Du ſollſt die Langewelle nicht mit mir theilen, die mich bey dieſer Unterhaltung befiel; aber bey meiner armen Seele! ich wollte lieber mein Dintenfaß, als ein gelehrtes Weib heyra⸗ then.. Sie war eben durch eine ſeltſame Ver⸗ bindung von Gedanken von unſerm Klopſtock, auf Petrarca und die Fontaine de PVaucluͤſe ge⸗ rathen, als eine junge, ſehr ſchone Dame her⸗ eintrat.— Guten Morgen, liebe Auguſte, rief ſie und ging mit ausgebreiteten Armen ihr entgegen, du ſiehſt heute wieder ſehr blaß aus. — Ich zog mich nach der Thuͤr zuruͤck.— Bleiben ſie doch! rief ſie mit gellender Stimme, indem ſie mit der Fremden Platz auf dem So⸗ pha nahm. Ich mußte beyden gegenuͤber einen Stuhl mir ruͤcken, der Faden der Unterhaltung war gebrochen, ich nahm par Contenance eine Priſe Taback.— Eine Landſchaft?— Die Ruinen von Portlel! ſagte ich, indem ich ihr die Doſe uͤberreichte.— Trefflich! allerliebſt! ſeh doch Auguſte, ſo mahlt man in Itallen; ich vermuthe, ſie haben dies ſchoͤne Stuͤck von L 10 Neapel mit gebracht?— Ich bejahte es.— O uͤber unſere deutſchen Schmierer! ihre groben Sinne vermoͤgen nlcht das Feine der Kunſt zu faſſen.— Ich laͤchelte.— Ja, ja, ich habe es ihnen angemerkt, ſie beſitzen viel Natlonal⸗ ſtolz, und werden ſo etwas nicht wollen auf⸗ kommen laſſen.— Diesmal beſonders, gnaͤ⸗ dige Frau! denn ich ſelbſi habe dleſe unbedeuten⸗ de eite entworfen.— Gefangen, meine gnaͤ⸗ dige Tante, rief Auguſte, und lächelte mir Bey⸗ fall zu, ich halte es mit dem Herrn, und laſſe mir nichts Boſes gegen meine Landsleute ſagen. — Ich bereuete meine Voreiligkeit, es war die zweyte Albernhelt, dle ich ſeit einer Stunde be⸗ ging, und wagte es nicht meine dicke gelehrte Dame auzuſehen; ich hatte vergeſſen, wie ſchwer es iſt, eine Dame von ihrem Rang aus der Faſſung zu bringen.— Sie mahlen alſo, ſag⸗ te ſie, und da die Muſen ſtets Hand in Hand gehen, ſo lſt ihnen dle Tonkunſt gewiß nicht fremd? In beyden Kuͤnſten ſind meine Kennt⸗ niſſe ſehr eingeſchraͤnkt.— Meine Antwort gab ihr Gelegenheit zu einem Gemeinſpruch, der ein Kompliment ſeyn ſollte; ich warf den Ball zu⸗ ruͤck, ſie fing ihn auf, und ſo ging er einige Zeit lang hin und her, indeß Auguſtens dringender Blick auf mir ruhte. Ich mußte am Ende nach Hauſe gehen, und meine kleine Sammlung italleniſcher Aus⸗ i6 hohlen. Du kennſt, liebe Emllie, meine — L1 Fertigkeit, Perſonen, die ich nur einmal genau betrachtet habe, mit dem Bleyſtift zu ſtizziren; es iſt eine ſeltne Gobe der Natur, auf die ich indeſſen nicht ſtolz ſehn kann, denn ſie koſtete mir weiter nichts als ein wenig Uebung.— Ich gerieth nun auf den Einfall, meine zwey Damen auf dem Sopha in der Geſchwindigkeit auf ein Blatt Velin zu bringen.— in einer halben Stunde war ich, mit meiner Arbeit ziem⸗ lich zufrieden, fertig— ich legte die Skitze ins Portefeullle, und eilte damit zuruͤck. Voͤllig anders ſah es ſchon in dem Hauſe des Miniſters aus.— Laͤchelnd offnete mir der Be⸗ diente die Thuͤr— die Hausfrau kam mir wie einem alten Bekannten entgegen, auch des Mi⸗ niſters ernſtes Geſicht hatte ſich in weit freund⸗ lichere Falten gelegt— er ſtand mit Auguſten im Fenſter, und ſchien ein ſehr ernſthaftes Ge⸗ ſpraͤch bey meiner Ankunft zu unterbrechen.— Dieſe Auguſte., ich muß dir, liehe Emilie, etwas mehr von ihr ſagen— mit einem hohen ſchlanken Wuchs verbindet ſie, was ſelten iſt, ungemein viel Grazie, ihre Stimme iſt weich und ſonoriſch, ihre Augen ſind groß und ſchwarz, und dennoch iſt ihr Blick ſanft— ihre Zuͤge ſind nicht regelmaͤßig, aber im Ganzen bllden ſie dennoch eine aͤußerſt intereſſante und geiſtrei⸗ che Phyſiognomie. Sollte ich das Gluͤck ha⸗ ben, hier angeſtellt zu werden, ſo wirſt du ge⸗ wiß eine Freundinn an ihr finden. eeee 12 —————— Der Miniſter hatte ſelbſt etnen Spieltiſch her⸗ vorgeruͤckt, ich legte mein Portefeuille darauf, und ſchlug es auf.— Mit einem lauten Ach! der Veberraſchung fiel Augaſte auf die Skizze. Wie iſt das möglich? nief ſie die zweyte Mi⸗ nute darauf, indem ſie ſelbige dem Miniſter uͤberreichte.— Nun folgte ein Ausruf dem an⸗ dern.— Die Damen nahmen wieder Platz auf dem Sopha und ich beendigte meine Skizze.— Das muß ich ihm zeigen! ſagte Auguſte, in⸗ dem ſie ſelbige in ihr Taſchenbuch legte.— Thun ſie das! erwiederte der Miniſter ſehr ernſt⸗ haſt.— Ich ſah dle Hausfrau mit fragenden Augen an, ſie fand aber, wie es ſcheint, nicht fuͤr gut, meine Neuglerde zu befriedigen. Der Miniſter begleitete mich bis in's Vorzim⸗ ner, und indem ich mich verbeugte, reichte er mir die Hand und ſagte:— Ich werde heute noch mit dem Fuͤrſten von ihnen ſprechen, und gewiß nicht ohne Erfolg, wenn ſie anders, was ich glaube, ein vernuͤnftiger Mann ſind— ich werde ſie rufen laſſen“ rief er mir nach. Ss iſt doch ſonderbar! Ich kom⸗ me aus dem Schauſpielhaus; die B. ſche Geſellſchaft ſpielt hier drey Monate im Jahr— ich ſtand noch an der Thuͤr und ließ mir wech⸗ ſeln, da rauſchte elne Dame an mir vorbey, von einem Livreebedlenten begleitet. Ich blickte um, es war Auguſte, ſie erkannte mich— 13 Wenn ſie iws Paterre wollen, ſo muß ich ih⸗ nen ſagen, daß es hier ſchon eine halbe Stunde gewoͤhnlich vor der Zeit beſezt iſt, und heute zu⸗ mal wird es zum Erſticken gefuͤllt ſeyn; ich ha⸗ be aber gerade heute eine kleine Loge grillée zu meiner Dispoſition, und wenn es ihnen mehr darum zu thun iſt, zu ſehen als geſehen zu werden, ſo ſteht ihnen ein Plaͤtzchen darinnen zu Dlenſte.— Ich kuͤßte ihr die Hand, und wir flogen mit einander die Treppe hlnauf.— Die mit einem Stlberflor verſehene Loge war ge⸗ rade dem Theater gegenuͤber, und hatte nur Raum fuͤr zwey Perſonen.— Wilr hatten uns kaum niedergelaſſen, ſo entſpann ſich zwiſchen uns ein eben ſo ſeltſames als intereſſantes Ge⸗ ſpraͤch, welches ich dir, in ſo ferne mein Ge⸗ daͤchtniß mir treu bbleibt, wortlich mittheilen will. Auguſte. 3wey Menſchen, die ſich heute zum erſtenmal ſehen, die hoͤchſtens ſich dem Namen nach kennen, aus eigener Wahl bey⸗ ſammen in dieſem engen vertraulichen Winkel wle finden ſie das 2 Ich. Ich ſehe es als eine ſehr gute Vorbe⸗ deutung an, und preiſe mich gluͤcklich! Auguſte.( Mit einem durchdringenden Blic ²) Kennen ſie mich? Ich. Von der ſchoͤnſten Seite; denn dieſen Morgen gahen ſie mir Gelegenhelt, ihr feines zartes Gefuͤhl und ihren hellen Geiſt zu bewun⸗ 14 dern— und dies, ſollte ich denken, waͤre doch wohl das Weſentliche„ Auguſte. Doch nicht! Ich. Ich muͤßte iugen, wenn ich nicht frey geſtaͤnde, daß ſolche moraliſche Vorzuͤge weit ſchneller auffallen, und einen tiefern Eindruck auf mich machen, wenn aͤußere Schdoͤnheiten die unverkennbaren Spuren einer ſchdnen Seele mir verrathen. Nie, zum Beyſpiel, wuͤrde ich mich uͤberzeugen können, daß dleſer niedliche Mund das HOrgan eines boſen Herzens ſeyn, und dieſe ſchoͤnen Augen beym Anblick der lel⸗ denden Menſchheit trocken bleiben konnen.... Auguſte.(mit frohem Muthwillen) Sie ſind eln Kuͤnſtler, ein Schwaͤrmer, ein Schmeich⸗ ler ich kenne ſie nun, und werde auf melner Hut ſeyn! Die Symphonie war zu Ende, der Vorhang rauſchte in die Hohe, es wurde Kabale und Liebe gegeben. Meine ſchone Rachbarinn war mir merkwuͤrdig geworden, ich näͤhm mir daher vor, phyſiognomiſche Bemerkungen anzuſtellen, und theilte alſo meine Aufmerkſamkelt zwiſchen ihr und der Buͤhne.— Wie reichlich wurde ich nicht fuͤr dieſe kleine Anſtrengung belohnt; wel⸗ che ſchnelle Reizbarkelt und Richtigkeit des Ge⸗ fuͤhls, welche Mobllitaͤt in dieſen nievlichen Zuͤ⸗ gen!— Jeden ſchoͤnen Gedanken, jede inte⸗ reſſante Situation genoß lch doppelt, nur ſelten verwandte ſie ihr Ange von der Buͤhne. Eln 13 unwillkuͤhrlicher Haͤndedruck war alles, wodurch ſie ſich zuweilen mir mittheilte— aber bey der ſchoͤnen Scene zwiſchen Ferdinand und der Lady ſah ich ſie erblaſſen; ihre Hand, die, gewiß oh⸗ ne daß ſie es wußte, auf meinem Arm ruhte, bebte krampfhaft zuruͤck, ſie druͤckte ihr Sacktuch auf die Augen, hohlte tief Athem, und ſtam⸗ melte leiſe:— Arme Lady!— Als der Vor⸗ hang herab ſank, blieb ſie einige Augenblicke im Nachdenken verſunken.— Endlich wie aus ei⸗ nem Traum erwachend— Auguſte. Wenn Ferdinand nicht eine fruͤ⸗ here Aebe fuͤr ſeine Luiſe im Buſen genaͤhrt haͤt⸗ te, waͤre ſein Betragen gegen die Lady doch nicht zu entſchuldigen. Ich. Er blieb dennoch immer im ſtrengſten Sinn des Worts ein ſehr edler, blederer, ob⸗ gleich etwas weniger liebenswuͤrdiger, junger Mann! Auguſte.(tiheſt) Geſezt denn, ihr Herz waͤre frey geweſen, was wuͤrden Ste der Lady geantwortet haben? Jh(ruͤßte ihr laͤchelnd die Hand und ſchwieg. Augnſte.(noch lebhaft.) O ich bitte!.. ſagen ſie— Ich. Ein Weib, wie dieſe Brittlnn, iſt zu entſchuldigen, aber ihr Verfuͤhrer nie; er brach⸗ te der Wolluſt ein zu koſtbares Opfer„ eine zaͤrtliche Gattin, eine gute Mutter, der Keim alles Edelu lag in dieſer erhabenen gefuͤhlvollen —— Seele. er brachte ſie um die ſchoͤnſte Tugend ihres Geſchlechts, aus der alle uͤbrige entqull⸗ len— um das Bewußtſeyn ihrer Reinheit— und ſollte ſie auch einſt noch Liebe einfloͤßen, ſo muß ſie, je hoͤher ſie den Geliebten ſchaͤzt, deſto mehr an der Wahrheit ſeiner Llebe zweifeln,.. Wie niederbeugend!— Bewunderung muß alſo von nun an ihrem Stol⸗ ze, Theilnahme, Freundſchaft ihrem Herzen ge⸗ nuͤge— Lieben darf ſie nie, ſonſt iſt ſie ver⸗ lohren!.. Auguſte. Lieben darf ſie nie!..(mit be⸗ bender Stimme) Iſt das Gefuͤhl ihres Herzens, oder das Urtheil ihres Verſtandes?2 Ich. Es iſt hier blos Sache des Gefuͤhls. — Der Verſtand ſezt ſich uͤber das Vorurtheil hinaus, und ſpricht die edle Lady frey!— Auguſte war in eine ſeltſame Stimmung ge⸗ rathen; ſie wiederhohlte einigemal meine lezten Worte, ließ ihr Koͤpfchen in dle Hand ſinken, und erſt bey der Scene, wo die Lady ihre Leute entlaͤßt, kam ſie aus ihren Traͤumereyen zurück. — Ihr Geſicht glähte, ihr Buſen flog, ihre Augen ſchwammen in Thraͤnen.— Bin ich nicht ein Kind! ſagte ſie endlich, indem ſie ſich mit einem unbeſchreiblichen Relz zu mir heruͤber bog.— Sie ſind ein Engel! konnte ich mich nicht enthalten auszurufen.— Die Thuͤr un⸗ ſerer Loge ging in dieſem Augenblick leiſe auf— ein ſchoͤner Mann, in einen braunen Ueberrock 3———— S elngehuͤllt, trat unter dle Schwelle— Augu⸗ ſte fuhr raſch in die Hoͤhe— Vergebung, Fraͤulein! ſagte der Unbekannte, und verſchwand. — Auguſte ſank auf ihren Sitz zurick.— Wer war das? fragte ich.— Da erhob ſich das Orcheſter, ich ſah wohl ihre Lippen ſich bewegen, verſtand aber nicht, was ſie mir zur Antwort gab. Der lezte Aufzug hatte angefangen— Es iſt mir nicht wohl! ſtammelte ſie, und ich ſah, wie ſie merklich immer blaſſer wurde.— Die fri⸗ ſche Luft viellelcht!— Ja, ich muß hinaus!.. — und ſie wankte an meiner Hand die Stufen hinunter.— Ich werde ihnen eine ſonderbare Idee von mir gegeben haben, ſagte ſie im Ge⸗ ben leiſe und verlegen; nur bitte ich ſie, was ſie auch ferner noch von mir hoͤren werden, ur⸗ theilen ſie nicht voreillg!— Wir ſtanden jezt an der Thuͤr, und ich wollte eben antworten, als ihr Wagen vorfuhr; der Bediente riß den Schlag auf, ſie ſtleg hinein, wifkte mir freund⸗ lich— und der Wagen flog um die Ecke. Sage mir, Emilie, was haͤltſt du von dieſer Erſcheinung?.. Morgen werde ich wohl dei⸗ ne und meine Neugterde befriedigen koͤnnen. Ich habe im Faffeehaus eine ſehr intereſſante Bekanntſchaft gemacht— es iſt ein junger Lud. Lehrjahre 3. Ch. B —,Ü Blldhauer, der eben aus Itallen zuruͤckkommt, wo ihn der Fuͤrſt hatte hinreiſen laſſen. Nach⸗ dem wir uns uͤber Kunſt und Kuͤnſtler ſait ge⸗ plaudert, und uns, ſo zu ſagen, von allen Seiten betaſtet hatten, wurden wir allmaͤhlich vertrauter. Es giebt Menſchen die ſich wech⸗ ſelſeitig eine Magnetnadel ſind— ſo ging es 3 mir und Willmer.— Er hatte Becker und ſei⸗ ne Englaͤnder in Rom kennen lernen; ein neuer. Stoff zur Unterhaltung. Wir ſpeiſten zuſammen, und gingen hernach in dem Schloßpark ſpazie⸗ ren. Endlich kamen wir auf den hieſigen Hof zu ſprechen; ich erzaͤhlte ihm meinen Beſuch bey dem Miniſter, den ſeltſamen Auftrlt im Schauſpielhauſe, und entdeckte ihm am Ende mein Porhaben mich hier haͤuslich niederzulaſ⸗ ſen. Willmer wurde ernſt, und nachdem er mich bedenklich angeſehen hatte, ging er ſilllſchwei⸗ gend an meiner Seite die Allee hiuab. Dieſe plotzliche Veraͤnderung fiel mir auf, ich ergriff ſeine Hand.— Willmer, ſagte ich, unſere Be⸗ kanntſchaft iſt zwar noch ſehr neu, aber wagen ſie's immer, und entdecken ſie mir, was ſie oh⸗ nehin ſchlecht verſchweigen. Er ſah mich lange und unentſchloſſen an. Dann:— Nein! Wenn ſie der ſind, fuͤr den ich ſie halte, iſt es uͤber⸗ 13 fluͤſſig— Truͤge ich mich, ſo haͤtte ich zu viel geſagt.— Alſo von etwas anderm„ich wollte ſie vorher ein wenig mit unſerm Hof be⸗ kannt machen. . — 19 Willmer hatte mich bereits durch ſelne Erzaͤh⸗ lung uͤberzeugt, daß der Fuͤrſt dleſes Landes mit all ſeinem Gold den geringſten Buͤrger ſei⸗ ner Reſidenz um ſein haͤusliches Gluͤck hätte be⸗ neiden konnen, als eln glanzender Wiſtt an uns voruͤber flog. Ich erkannte ſogleich die Gemah⸗ lin des Miniſters und Auguſten, ſie hatten bey⸗ de unſere ehrerbletige Verbeugung mit elnem freundlichen Laͤcheln erwiedert. Willmers Stir⸗ ne kraußte ſich, ſein finſterer Blick verfolgte den Wagen bis an die Kruͤmmung, wo er ver⸗ ſchwand.— Das iſt mein Fraͤulein aus dem Schauſpielhaus! ſagte ich endlich.— Richtig! — Unſere Bekanntſchaft hat ſonderbar ange⸗ fangen; und ennoch glaube ich Fraͤulein Augu⸗ ſten ſchon ziemlich genau zu kennen, ob ich glelch nicht viel mehr als ihren Namen bis jezt von ihr erfahren habe.— Ihr Vater, der Sohn wohlhabender Buͤrger, trat fruͤhe in hieſi⸗ ge Dienſte; einige Talente, und die gluͤckliche Gabe, den guͤnſtlgen Augenblick zu bruutzen zu wiſſen, erhoben ihn ſchnell; ſetne Schweſter ge⸗ fiel dem Vater unſers jetzigen Fuͤrſten— Arls⸗ heim wurde geadelt, ſammelte ein ſchoͤnes Ver⸗ moͤgen, und hinterließ ſeine einzige Tochter der Aufſicht eben dieſer Schweſter, die ihren Mann durch ihre Hand zum Rang eines erſten Minl⸗ ſters erhob.— Iſt's moͤglich!— Der Mini⸗ ſter hat Verdtenſte, er iſt im Auslande geſchzt. 2 20 und von den Unterthanen geliebt; ſelne Familie, eine der beſten im Lande, war heruntergekom⸗ men; Ehrgelz iſt ſeine elnzige entſchledene Lei⸗ denſchaft; dieſe verleitete ihn zu der Heyrath.— Und dieſe Gemahlin iſt..— Schlimm oder Gut, nach dem dle Umſtaͤnde oder die Laune des Augenblicks es mit ſich bringen; ſie hat ei⸗ gentlich gar keinen Charakter; Eitelkeit, und Hang zum Vergnuͤgen brachten ſie in ihrem ſie⸗ benzehnten Jahr in die Arme des alten Fuͤr⸗ ſten. Viel zu leichtſinnig und unbeſonnen, um aus ihrer Lage den gehoͤrlgen Nutzen ziehen zu konnen, kann ſie Gott danken, daß ihr Bruder fuͤr ſie ſorgte und handelte; als er merkte, daß der graue Suͤnder ſich nach einem andern Ge⸗ genſtand ſeiner Luͤſternheit umſah, ſtiftete er die⸗ ſe Hehrath„ Was Fraͤulein Auguſte von Arlsheim anbetrift, ſo war ſie in ihrem ſechs⸗ zehnten Jahr ein Engel an Herzensguͤte und Unſchuld„ Ich kam dann vor meiner Reiſe nach Italten ſehr vlel in's Haus; aber jezt. indem er mir heftig die Hand druͤckte— iſt es genug fuͤr heute. Wir ſchieden ſpaͤt— liebe Emllie! ich weiß mich in allen dleſen Menſchen noch nicht recht zu finden ꝛc. ꝛc. ꝛc. e Fürſt ernennt ſie zu ſelnem Kabinets⸗Sekretair, und iest ihnen den Tltel 21 eines Hofraths bey; nehmen ſie einſtwellen da⸗ mit vorlleb!.. Dies war die Anrede des Mi⸗ niſters, als ich dieſen Morgen in ſein Kabinet trat. Ich wußte mich fuͤr Freude nicht zu faſſen. Ich muß ausfahren, ſezte er hinzu, meine Nichte iſt aber unterrichtet, und kann ihnen das weitere mittheilen. Er zog die Glocke, und ein Bedienter fuͤhrte mich zu dem Fraͤu⸗ lein Auguſte. Sie bleiben uns! ſie vlelben uns! rlef ſie, mir entgegen huͤpfend, im Tone der ungekuͤn⸗ ſtelten Freude. Im Taumel dieſer ſuͤßen Ue⸗ berraſchung ergriff ich thre Hand, druͤckte ſie an mein Herz, und rief:— O ihr guten Menſchen! Ich mußite mich neben ihr auf den Sopha niederlaſſen, und nun fing ſie an zu erzaͤhlen.— Dem Furſten wurde die bewußte Skitze gezeilgt, und die Art erzaͤhlt, wie ich ſelbige entworfen hatte, ſo daß er nach und nach unmerklich und wie von ſich ſelbſt auf den Einfall geleitet wurde, mlr Dienſte anzu⸗ bieten.— Ich merkte, daß Auguſte großen Antheil an dieſer wohlthaͤtigen Liſt gehabt hat⸗ te, und geſtand ihr mit geruͤhrtem Herzen mel⸗ ne Muthmaßungen; ſie lächelte, ging nun in's Detail meiner kuͤnftigen Amtsgeſchaͤfte, und wle wir nun alles genau beym Licht beſehen hatten, fand ſich, daß ich ſo gut als gar nichts zu thun bekaͤme.— Das gefaͤllt mir 22 nicht, ſagte ich, denn ich wuͤnſche Beſchaͤfti⸗ gung!— O die ſollen ſie ſchon bekommen, fagte Auguſte, hell lachend, ſie muͤſſen mich zeichnen lehren, mit mir Muſik machen, mit mir ausfahren, in die Komdodie gehen, und zwar immer in die kleine Loge, dann werden ſie mir vorleſen, und hernach.. ſie ſtockte, ſah mich mit einem durchdringenden Blick an, ſprang auf, und indem ſie die flache Hand auf ihre Bruſt legte, ſagte ſie mit einer aͤuſ⸗ ſerſt drolligen halbbeſchaͤmten Miene:— Ich habe, glaube ich, einen Rauſch!— Doppelt dankbar werde ich Sr. Durchlaucht ſeyn, ſagte ich, wenn meln Amt mir die Zeit brig laͤßt, Fraͤulein Auguſten alle dieſe angenehme Dienſte erzeugen zu konnen.. Und meine gute Emi⸗ lie, wie wird die ſich freuen! ſezte ich etwas voreilig hinzu.— Haben ſie eine Schweſter? fragte ſie raſch und ernſt.— Ich war gefan⸗ gen, mußte beichten. Anfaͤnglich, liebe Emi⸗ lie, verzeih du mlr's: ſprach ich ängſtlich und verlegen, voch nach und nach erhielt ich meine Faſſung wieder ich wurde ſogar warm. Die Gewlßheit, nun dem Ziele meiner ſehn⸗ lichſten Wuͤnſche ſo nahe zu ſeyn, begeiſterte mich, riß mich hin, und lich bemerkte leider nicht, daß Kuguſte immer blaſſer, immer ver⸗ legener an meiner Seite wurde.— Dieſe Lie⸗ besgeſchichte iſt recht artig, ſagte ſie endlich 2it erfilctem Unwillen, ich muß ſie aber doch 23 bitten, ſich etwas kuͤrzer zu faſſen, denn ich habe das nemliche bereits in ſehr faden Roma⸗ nen geleſen! Ein Blitz aus dem Wolken⸗ leeren Himmel haͤtte mich nicht unerwarteter getroffen.. Ich haſchte nach Worten, um eine Antwort daraus zuſammen zu pfuſchen, als dle Tante mit ihrer gewoͤhnlichen lauten Froͤh⸗ lichkeit herein ſtuͤrmte... Ein Blick auf ihre Nichte und alle ihre heitere Geſichtszuͤge legten ſich in Leichenfalten; ohne meln Kompliment zu erwiedern, eilte ſie auf Auguſten zu:— Mein Gott! Kind! wie ſiehſt du aus!— Es iſt nichts, liebe Tante, meine gewoͤhnliche Mi⸗ graine nur Ruhe.. Ein bedeutender Blick, den ſie bey dieſen lezten Worten auf mich warf, trieb mich, nach einem kurzen, kaum er⸗ wiederten Kompliment zur Thuͤr hinaus„. Es faͤngt an zu daͤmmern.„ ich fuͤrchte! ich fuͤrchte*— ———————— Heute ganz frühe wurde ich zum Miniſter gerufen; ein Bedlenter ſtand am Thor und ſchten auf mich gewartet zu haben.— Das gnaͤdige Fraͤulein, ſagte er, wuͤnſchen ſt⸗ zu ſprechen, bevor ſie Seiner Excellenz gemeldet werden ich folgte ihm. In einem relzenden Morgenkleld, aber den⸗ nech wie die Schaamhafteſte der Grazien ver⸗ huͤllt, lag Auguſte auf ihrem Ruhebette; ſie ——————————— „ ———— 24 war blaß, ihre Augen roth und feuchte. Als ich herein trat, machte ſie eine Bewegung, um aufzuſtehen; ich kam ihr aber zuvor, und kuͤßte ihre Hand; ihr Blick ſank nieder, und ihre Wangen faͤrbten ſich„ Ihr Maͤdchen kam eben durchs Zimmer.— Zieh doch dieſe Gardine herab, ſagte ſie zu ihr, das Licht thut mir weh.„ es wird niemand zu mir gelaſſen. Das Maͤdchen gehorchte, und ging.— In dieſer kuͤnſtlichen Daͤmmerung, das fuͤhlte ich, war uns beyden beſſer zu Muthe. Ich muß mich, hub ſie endlich an, wegen melner geſtrigen Unart bey ihnen entſchuldigen; ein freymuͤthiges Geſtaͤndniß wird bey einem Mann ihrer Art, denke ich, das beſte ſeyn— vielleicht,(und ihr Blick hob ſich ſchuͤchtern zu mir herauf,) iſt man mir ſchon zuvorgekom⸗ men?. Ich ſah ſie mit Herrn Willmer in dem Park, hat dleſer nicht mit ihnen von mir geſprochen?— Fraͤulein Auguſte, ſagte er mir⸗ war in ihrem ſechszehnten Jahr ein Engel an Unſchuld und Guͤte des Herzens.— War!.. und ihre naſſen Augen ſchlug ſie in die Hoͤhe, indem ein Seufzer ſich muͤhſam herauf wand. Sonſt nichts! ſagte er ihnen ſonſt nichts!— Ich geſtehe ihnen, Fraͤulein, daß ich das Gluͤck threr Bekanmtſchaſt ſo hoch ſchaͤtze, daß ich oh⸗ ne Bedenken zudringlich mit meinen Fragen wur⸗ de; er ſezte aber melnem Ungeſtuͤm ein hartnaͤ⸗ ciges Stillſchweigen entgegen.— Sie ſann „———— —————— einige Augenblicke nach— Der gute Willmer hat recht; es ſind nun vier Jahre daß er auf Reiſen ging, und ich„ doch nein, ſo nicht.. das war es nicht, was ich ſagen wollte. ſie ſammelte ſich wieder— Mein Onkel wird ihnen auf Befehl des Fuͤrſten die Bedingung mittheilen, unter welcher ſie die bewußte Stelle erhalten ſollen; da ich aber befuͤrchte, daß man ſie in der Hauptſache hintergehen wird O der bittern demuͤthigenden Pflicht, ſie vor ei⸗ nem Betrug zu warnen, der mich zum Gegen⸗ ſtand hat!— hre Thraͤnen floſſen, ich woll⸗ te ſprechen.— Laſſen ſie mich ausreden, rief ſie lebhaft.— Ihr erſter Anblick uͤberraſchte mich, ich lernte ſie naͤher kennen und fuͤhlte bald, daß ein Mann wle ſie, wenn ihn das Schickſal mir vier Jahr fruͤher zugefuͤhrt, mich zum glͤcklichſten Weibe gemacht haͤtte— ich ſelbſt bot die Hand zu jener Bedingung, die ih⸗ nen nun wird bekannt gemacht werden; aber damals wußte ich noch nicht was ich lei⸗ der zu ſpaͤt erfuhr. Sie ſtand auf, und ging einigemal das Zimmer auf und ab, in elnem ſichtbaren Kampf mit ſich ſelbſt pegilſen⸗— Endlich, indem ſie mit halb abgewandtem Ge⸗ ſicht vor mir ſtehen blieb:— Und wenn auch ihr Herz frey geweſen waͤre, wie habe ich nur vergeſſen koͤnnen, daß ſie„ ſie bedeckte das Geſicht mit beyden Haͤnden„ auch mein Ur⸗ theil im Schauſpielhauſe geſprochen haben.— 26 Ich fuhr zuſammen; nun war mir alles deut⸗ lich— das Schickſal dieſes armen Maͤdchens ruͤhrte mich tief.— Auguſte, rief ich in hal⸗ ber Begeiſterung, und ergriff ihre beyden Haͤn⸗ de, der Allmäͤchtige ſey mein Zeuge, daß, wenn nicht eine fruͤhere Reigung, und die Pflichten eines Mannes von Ehre..— Genug! rief ſie, edler junger Mann! ſie haben mich mit mir ſelbſt ausgeſohnt... Dank!. Dank!. Thraͤnen erſtickten ihre Stimme; ſie wankte in's Nebenzimmer, und ich hoͤrte den Riegel vor⸗ ſchieben„.. „ 4„ 4 Auguſte iſt ein ungluͤckliches, aber ein ſehr edies Maͤdchen! Ich kommè aus dem Kabinet des Miniſters— es iſt aus— ich habe ihre Hand, und mit ihr die angebotene Stelle ausgeſchlagen. — Willmer hat mir jezt alles auf⸗ gektäͤrt. Der Fuͤrſt, ein ſehr ſchoner junger Mann, in der ſeinſten Verfuͤhrungskunſt ge⸗ wandt und erfahren, von Oheim und Tante treulich unterſtuͤzt, benuzte eine ſchwache Stun⸗ de, wo Auguſte von Tanz und hitzigen Getraͤn⸗ ken, die ihr aufgezwungen wurden, betaͤubt und halb berauſcht, in einer warmen Sommernacht allein, aber doch genau beobachtet, noch einen Spazlergang in den Garten vor dem Schlafen⸗ gehen gewagt hatte.. Der Fuͤrſt uͤberraſchte 27 ſie ſchlummernd im Gartenhaus„ ſie fiel... aber Auguſte war das Maͤdchen nicht, das die Rolle, welche Eitelkelt, Ehrgeitz und Wolluſt ihr aufdringen wollten, zu ſpielen im Stande war„ Weder die Ermahnungen des Oheims, noch die Schmeicheleyen der Tante, noch dle Liebkoſungen ihres fuͤrſtlichen Liebhabers machten die erwartete Wuͤrkung.— Ihr Herz, von jeher zum ſtillen einſamen Leben genelgt, er⸗ wachte ſchnell nach der erſten ſinnlichen Ueber⸗ raſchung ſie uͤberſah ihre Lage, fuͤhlte ſich hoͤchſt ungluͤcklich, und bald fand der Fuͤrſt mehr Behagen an dem Kuͤſſen und ausgelaſſenen Muthlvillen einer uͤppigen Franzoͤſin, als an der ſchwermuͤthigen ernſten Unterhaltung, an den ſchoͤnen, aber immer naſſen, Augen der kalten Auguſte— er gab ihr ihre Freyheit wieder, und dem Ohelm das Verſprechen einer anſtaͤn⸗ digen Verſorgung fuͤr den jungen Mann, der zu einer Heyrath mit der entlaſſenen Geliebte ſich entſchließen wuͤrde.— Wie mich das gu⸗ te Maͤdchen dauert, kann ich ihnen nicht ſa⸗ gen, ſezte Willmer hinzu, ihr Vater war eln Jugendfreund des meinigen geweſen; bis ihre Familie einen hoͤhern Flug nahm, waren wir Kinder beſtändig beyſammen— Auguſte hatte bis jezt jeden Heyrathsantrag hartnaͤckig abge⸗ wieſen.— Geſtern Abend ließ ſie mich rufen — ich las in ihrer Seele— ſie ſind der er⸗ ſte Mann, der den Wunſch, die Hofnung zu 28 froheren Tagen in ihr erweckte. WMorgen reiſt ſie auf's Land, um nle wieder her zu kommen— ſie wuͤnſcht mich zum Begleiter, und ſendet ihnen dieſe Doſe mit ihrem Portrait, als einen Beweis ihrer Achtung ꝛc. ꝛc. ꝛc. ꝛc. Ich erhalte deine zwey liebe Briefe auf ein⸗ mal— nein, meine Emilie, es war keine Aufopferung— und wann ich auch dich, lie⸗ bes Maͤdchen, nicht gekannt haͤtte, ſo waͤre doch dieſe Anguſte kein Weib fuͤr mich gewe⸗ ſen jene edle Luͤge war ich aber der ar⸗ men Verlaſſenen ſchuldig„ doch nichts mehr davon! Ihr ſeyd alſo an dem Ort eurer Beſtlm⸗ mung angelangt, und unſere gute Graͤfin iſt ſo geſund und heiter als ihr ſchwacher Korper⸗ bau und die Umſtaͤnde es erlauben. Du wuͤn⸗ ſcheſt, ich gaͤbe den Plan, der mich hieher fuͤhrte, gaͤnzlich auf, und entſchloͤſſe mich eure frohe Einſamkelt mit dir zu thellen— Emi⸗ lie! der Himmel weiß, daß auch ich nichts ſehnlicher wuͤnſche, als dich als Weib an dies liebende Herz zu druͤcken! aber waͤren wir wohl eines dauerhaften Gluͤcks werth, wenn wir ſo ganz blindlings dem erſten Drang der Leiden⸗ ſſchaft folgten? Haſt du nicht ſelbſt dle Gruͤn⸗ de meiner Abreiſe gebllligt? Sind die Verhalt⸗ nicht immer noch die nehmlichen? Du kennſt 29 die Habſucht und niedrige Denkungsart des Er⸗ ben unſerer guten Graͤfin; du weißt leilder auch, wie ſchwankend ihre Geſundheltsumſtände ſind.— Nein, meine Emilie, ich will delne Liebe nicht mit einem unvermeidlichen Elend loh⸗ nen!— Wiſſe, damals ſchon als ich dir ver⸗ ſprechen mußte, im Fall auch hier meine Hof⸗ nungen getaͤuſcht werden ſollten, ſogleich zuruͤck zu kehren, war ich feſt entſchloſſen das Verſpre⸗ chen nicht zu halten. Emilie! beurtheile mich nicht falſch! ich bin geheilt von dem eiteln Wahn, daß ein feſter Wille, Kenntniſſe und Ausdauer hinreichend ſeyen, um in der Welt ei⸗ ne Rolle zu ſpielen; auch ſelten, Wunder⸗ ſel⸗ ten nur, ich habe es eingeſehen, begleitet wah⸗ re Zufriedenheit den Ehrgeizigen in ſeinem kuͤh⸗ nen Flug— Nein, Emilie, ich will weder ei⸗ ne Rolle ſplelen, noch mich emporſchwingen— nur eine Huͤtte, und ein ſicheres, weun auch noch ſo karg zugemeſſenes Stuͤck Brod— und ich theile mit dir Brod und Huͤtte, und werde gewiß ein glucklicher Menſch ſeyn. ꝛc. ꝛc. 2c. Ludolph geſtand nicht, daß auch falſche Schaam ihn zum Theil abhielt die Ruͤckreiſe an⸗ zutreten; er hatte mit einer ſolchen Zuverlaͤſſig⸗ keit von ſeiner ſichern, vollig unfehlbaren An⸗ ſtellung geſprochen, daß ſeine ſo ſehr gedemuͤ⸗ thigte Eigenliebe es nicht zulleß, aͤrmer und hoff⸗ nungsloſer als er jemals war, vor der Graͤfin zu erſcheinen, zumal da er wußte, und zwar beſſer noch als ſie ſelbſt, wie wenig es in ihrer Gewalt ſtand, ihm eln ſicheres Unterkommen zu verſchaffen. Auch ſuchte er ſich ſelbſt zu verbergen, daß ſeine Neinung zu Emillen nicht Leidenſchaſt, ſondern nur das Reſultat der ge⸗ pruͤften trefflichen Eigenſchaften dieſes guten Maͤdchens war; er empfand Wohlwollen, inni⸗ ge Thellnahme, wahre Achtung fuͤr Emilien; aber keine von jenen ſchnellen Aufwallungen, die unſte Vernunft zum Stillſchweigen zwingen, und uns uͤber alle Ruͤckſichten hinaus treiben. Seln Wort band ihn, aber er konnte ſich nicht verhehlen, wie leichtſinnig er dieſes Wort gege⸗ ben hatte, nach der ſo ungewiſſen Vorausſetzung, daß einem Mann, wie er war, verlangte Dlen⸗ ſte nicht konnten abgeſchlagen werden. Reue, Schaam wurde jezt in ihm rege durch die kaͤl⸗ tere Ueberſicht des Schickſals, das nun ſeiner wartete, wenn er ohne gewiſſe Ausſichten beſon⸗ ders in dem gegenwaͤrtigen Augenblick, wo ein zerſidrender Krieg immer weiter uͤber den ſchoͤn⸗ ſten Theil von Deutſchland verheerend ſich aus⸗ dehnte, zu einer Verbindung ſich entſchließe, die nicht allein ſeine Nahrungsſorgen verdoppiln, ſondern auch zu ſeinem weiteren Fortkommen ihm unfehlbar hinderlich ſeyn wuͤrde. Er hatte*** verlaſſen muͤſſen, weil man ihm zu verſtehen gab, daß nach dem, was vor⸗ 31 gefallen ſey, man ſeine Entfernung gern ſehen wuͤrde, und bewohnte nun nach mehrern vergeb⸗ lichen Streifzuͤgen an benachbarten kleinen Ho⸗ fen, eine elende Dorfſchenke ohnweit des Haupt⸗ quartiers jenes Koniglichen Helden, den die un⸗ erforſchliche Vorſehung zu fruͤhe fuͤr das Wohl und die Ruhe unſers Welttheils aus ſeinem groſ⸗ ſen Wirkungskreis abrufte.— Seine Unent⸗ ſchloſſenheit nahm mit ſeiner bedraͤngten Lage taͤglich zu; auch ſeine Baarſchaft ging zur Nei⸗ ge, und auf die vielen Briefe, die er ſchrieb, hatte er bis jezt entweder keine Antwort, oder leere Vertroͤſtungen auf die Zukunfi erhalten. Der Zufall machte ihn mit einem Armee⸗Liefe⸗, ranten bekannt, einem rohen, unwiſſenden, aber. liſtigen und in allen ſeinen Unternehmungen ſehr glcklichen Menſchen; dieſer fand in Ludolph die Kenntniſſe und jene Redlichkeit, die er um ſo mehr bey Andern ſuchte, je weniger er ſelöſt ſich deren ruͤhmen konnte. Ludolph wies lange ſeine Anerbietungen und noch glaͤnzendern Verſprechun⸗ gen fuͤr die Zukunft von ſich; als er aber durch einen Brief von Emillen, den Willmer ihm nachſandte, erfuhr, daß ſeine Ahnungen in Be⸗ treff der Graͤfin berelts ſchon anfingen in Erful⸗ lung zu gehen, und auch ſeine Boͤrſe taͤglich leichter wurde, ohne ſelbſt der entfernteſten Hoff⸗ nung des geringſten Erwerbs mit Sicherheit ſich ſchmeicheln zu duͤrfen, ſo ließ er ſich Herrn Ma⸗ 5 thias Antraͤge gefallen, uͤbernahm die Führung 5 § 32 ſeiner Rechnungen und Korreſpondenz, und wur⸗ de nach und nach mit allen Kniffen der edeln Lieferantenzunft bekannt. Oft ſeines Unwillens nicht maͤchtig, erlaubte er ſich gelinde Vorſtel⸗ lungen, wurde ausgelacht, und ſchwieg, well ihn die harte Nothwendigkeit mit eiſernen Ban⸗ den an des Herrn Mathlas Schreibpulte feſt hielt.— Als aber e'ſt bey einem ſchnellen un⸗ vermutheten Ruͤckzug der Armee Monsieur Mathlas eine leere Scheune anſtecken ließ, un⸗ ter dem Vorwand: man duͤrfe nicht ein ſo wohl verſehenes Magazin in Fein⸗ des Haͤnde fallen laſſen, und er dieſen, ſeine Angabe nach, enormen Verluſt, mit allen gehdrigen gekauften Belegen durch Ludolph in ſeine Rechnungen wollte hinein flicken laſſen— ſo ſprang dieſer auf, warf die Feder hin, indem er laut rief:— Bey Gott! auch nicht den ent⸗ fernteſten Anthell mag ich an dieſem Schurken⸗ ſtreich nehmen!— Der dicke Mathias erhob ſich von ſeinem Sorgenſtuhl, indem er eben im Begriff war ſein gewoͤhnliches Nachmittags⸗ Raͤuſchchen zu verſchlafen, faßte fuͤr Wuth kel⸗ chend Ludolphen bey der Bruſt, und ſtieß mit ihm eine Nebenthuͤr ein.— Ludolph taumelte bis an das Bette der geliebten Ehehaͤlfte des Herrn Mathias, wollte ſich halten, erhaſchte den Vorhang, und riß ihn mit ſamt der eiſer⸗ nen Stange herunter.— Da ertoͤnte ein er⸗ baͤrmliches Geſchrey aus dem Bette.— Herr ₰3 Mathias wankte herbey; und nach einem langen Widerſtreben von der einen, und Auseinanderwi⸗ ckeln von der andern Seite kam die liebe Ma⸗ dam Mathlas in einem eben nicht zweydeutigen leichten Anzug, welchen der Franzos ziemlich paſſend habit de Combat nennt, nebſt einem kleinen loſen Faͤndrich, an deſſen Tollette der Anſtand ebenfalls auch einige Klelnigkeiten zu deſideriren gehabt haͤtte, endlich zum Vorſchein. — Die eiſerne Stange hatte ihr die Stirne blu⸗ tig geſtreift, und ſo fuͤr das liebe Maͤnnchen das Vergeltungsrecht ausgeuͤbt.— Ludolph hatte ſich erhohlt, und lachte laut auf, indem er dem kleinen, fuͤr Schrecken halbtodten Faͤhndrich wie⸗ der auf die Beine half.— Herr und Madam Mathias gafften ſich einander an, wie zwey Haͤhne, die eben im Begriff ſind ſich auf den Kamm zu ſteigen.— Kelns vermogte eine Sylbe hervor zu bringen.— Endlich und in der neinlichen Minute ergriff Herr Mathias ſein Spantſch Rohr und Madam Mathias den N.„Topf.— Wenn du dich unterſtehſt! rief Madam Mathias.— Kanallle! bruͤllte Herr Mathias— er ſtuͤrzte nach dem Bette, verwickelte ſich in den Vorhang, der auf dem Boden lag, fiel der laͤnge nach hin, und Ma⸗ dam Mathias mit einer herviſchen Gegenwart des Geiſtes hatte in dem nemlichen Augenblick die verſprochene Libation uͤber ihn ergoſſen.— Lud. Lehrjahre 3. Th. 2 Der Faͤhndrich ſchlich ſich modestemeut zur Thuͤr hinaus.— Er iſt todt! rief Ludolph, als er ſah, daß die dicke Fleiſchmaſſe ſich auch dann noch nicht ruͤhrte.— Wollte Gott! er⸗ wiederte die zaͤrtliche Ehehaͤlfte, und ſprang mit glelchen Fuͤßen aus dem Bette uͤber ihn hinaus. — Ludolph wand ihn herum— der Schlag hatte ihn geruͤhrt. Doch hinweg von dieſer ſchmutzigen, die Menſchhelt entehrenden Scene.— Ludolph raff⸗ te in aller Eil ſeine Sachen zuſammen, und ver⸗ ließ das Haus, aͤrmer noch als er hinein gekom⸗ men war.— Wir wollen eben ſo ſchnell uͤber dieſe traurige Epoche ſeines Lebens hinweg ei⸗ len.— Genug, daß nach mehrern verungluͤck⸗ ten Spekulationen, und geſcheiterten Hoffnun⸗ gen, er ſich endlich noch glucklich ſchaͤzte, als Schreiber, mit Fourlers⸗Rang, bey der Armee⸗ Kanzeley angenommen zu werden. Eines Abends als er, in wehmuͤthigen Ge⸗ danken uͤber ſein hoͤchſt trauriges Schickſal ver⸗ ſunken, an einem kleinen Bach, der nicht weit vom Lager floß, auf⸗ und abging, hoͤrte er ſich plotzlich laut rufen. Er blickte auf, und ſah ein junges Frauenzimmer mit offenen Armen auf ihn zueilen— Gott! Emille!— Ludolph! mein Ludolph!— und ſie ſank an ſeine Bruſt. — Emille! rief er noch einmal nach der erſten umarmung, was fuͤhrt dich hierher?— Und das kannſt du fragen? ſtammelte ſie laut ſchluch⸗ ————— ————— 35 zend.— Sie lleß ſich erſchoͤpft unter einem Weidenbaum nieder; beyde ſtarrten ſich einige Augenblicke mit naſſen Augen an— endlich: Emilie. Nun, Ludolph, habe ich in der ganzen Welt niemand mehr als dich! ₰ Ludolph. Was ſagſt du— Emtlie?.. Die Graͤfin.„ Emilie.(in ſeine Arme ſich netſenb) obt Ludolph. Ach! Gott! (Eine lange feyerliche Stille.) Emilie.(ſich faſſend) Der lezte Brief, den du mir von hieraus durch Willmer ſandteſt, kam am Tage ihrer Beerdigung an— ſie war ſchon lange gar nicht mehr wohl, ihr auffallendes Dahinſchwinden verrieth eine ſchnelle Auszeh⸗ rung.— Nachdem ſie einige aͤußerſt unange⸗ nehme Auftritte mit dem Neveu ihres Gemahls gehabt hatte, kamen dennoch die Sachen endlich in's Reine, und ſie ſchten ſich wieder zu erhoh⸗ len aber„eines Morgens. verſchied ſie in meinen Armen— Es wurde ſogleich alles verſiegelt und kaum hatten dieſe harten unbarm⸗ herzilgen Menſchen meine ewig unvergeßlilche Wohlthaͤterin in's Grab gelegt, als mir bedeu⸗ tet wurde: ich ſey hier vollig uͤberfluͤſſig.. Thraͤnen erſtickten Emillens Stimme, ſie lag in krampfhaften Zuckungen an Ludolphs Bruſt. Ludolph, der die ganze ſchreckliche Lage des ſo hoͤchſt bedaurungswuͤrdigen Maͤdchens uͤber⸗ ſah, welhte ſtille Thraͤnen dem Andenken der C 2 36 edeln Graͤfin; alsdenn raffte er alle ſeine Kraͤfte zuſammen, um der Ungluͤcklichen Troſtgruͤnde zu geben, an denen er leider ſelbſt den Glauben verlohren hatte.— Gewiß, meine Emilie! ſo ſchloß er endlich, habe ich die Hoffnung einer beſſern Zukunft noch nicht aufgegeben! Der Ge⸗ neral von G*** iſt mir gewogen; er iſt es, dem ich meine jetzige Stelle zu verdanken habe. Sobald wir die Winterquartiere betreten werden, ſoll ich mit ihm auf ſeine Guͤter nach Schleſien gehen, um dort die Erziehung ſeines einzigen Sohnes zu uͤbernehmen. Nach aller Beſchrel⸗ bung iſt ſelne Gemahlin eine ganz fuͤrtrefftlche Dame; wer weiß, ob ſie ſich nicht unſer Bey⸗ der annimmt... Noch vollendeter Erziehung wird mich der General auf ſeinen Guͤtern ver⸗ ſorgen, und dann, meine Emllie„. Und dann! wiederhohlte ſie, indem ſie ihr Haupt auf ſelne Bruſt ſinken ließ; O ſuche mich nicht mit vergeblichen Hoffnungen zu taͤuſchen, lleber Lu⸗ dolph! Ich kenne unſere Lage in ihrem ganzen ſchrecklichen Umfang, und nur bey dir, Gelieb⸗ ter, fuͤhle ich in mir den Muth alles zu ertra⸗ gen, was mir das Schickſal noch aufbuͤrden wird Nein, nein!— und ſie warf ihre Rechte um ſeinen Hals— ich kann mich nicht mehr von dir trennen nicht wahr, Ludolph, wir trennen uns nie wieder!„ Als er ihr die Verſicherung gab, daß er nie von ihrer Seite weichen wuͤrde, floſſen ihre Thraͤnen ruhiger, * ——— 1„ 37 und ein leichter Schimmer von Freude glaͤnzte in ihren matten Augen. In einer ſuͤßen Hinge⸗ bung der Liebe und Unſchuld lag ſie nun in ſei⸗ nen Armen, allmaͤhlich verſank ſie in eine tiefe Traͤumerey, und ein wehmuͤthiges Laͤcheln bll⸗ dete ſich um ihren halb gedffneten laͤchelnden Mund, deſſen leiſes Beben zu ſagen ſchien— Ich bin doch noch gluͤcklich!— Ihre Thraͤnen miſchten ſich, aber Ludolphs Thraͤnen waren weit bitterer.— Lange blleben ſie in dieſer, fuͤr die Ungluͤcklichen zumal ſuͤßen— Vergeſſenheit ihrer ſelbſt Arm in Arm liegen, als die hereinbrechende Daͤmmerung Ludolphen endlich aufſchteckte.— Emille! rief er, nein, in das Lager darſſt du mir nicht folgen! in die⸗ ſem Aufenthalt der Zuͤgelloſigkelt, wo alle La⸗ ſter freyes Spiel haben, darfſt du, gutes from⸗ mes Maͤdchen, auch keine elnzige Nacht verwei⸗ len, ich will— Nein! ach nein! unterbrach ihn Emilte, und ſchmiegte ſich aͤngſtlich an ſel⸗ nen Buſen, auch nicht eine Stunde verlaſſe ich dich mehr!— Was wird man denken? Emi⸗ lie! fuͤr was werden dich dieſe ruchloſen Men⸗ ſchen, die den Glauben an reine unſchuldige Lie⸗ be nicht einmal ahnen, von dir halten!— Was liegt mir an ihrer, an der ganzen Welt Mey⸗ nung!„ Bin ich doch bey dir!. Und ſie hatte ihn laut ſchluchzend noch feſter umſchlun⸗ gen. Du, und meine Llebe! wo ſollte da eine Gefahr ſeyn, die ich zu uͤberſtelgen mir nicht ² . . —,—̃FGHGTHF,—ᷓ ů getraute Neln, Ludolph, ich blelbe bey dir!„„ Er ließ dieſen erſten wilden Ausbruch banger Beſorgniß verrauchen, dann hub er mit leiſer Stimme, unter Liebkoſungen wleder an— Nein, meine Emllie, nie ſoll uns das Schlck⸗ ſal wieder trennen.— Hier jenſelts des Ba⸗ ches, in dem kleinen Doͤrfchen..— dort bin ich abgeſtlegen, in der Schenke ſteht mein Kof⸗ fer, unterbrach Emilie; ach! Ludolph in dieſem feindlichen Dorfe nur eine klelne Huͤtte— Dort wohnt die Wittwe eines Geiſilichen; ein ſtilles freundliches Weib, empfaͤnglich und theil⸗ nehmend; denn die gute Frau ſcheint ſelbſt viel gelitten zu haben, dahin will ich dich fuhren, bis wir einen Plan entworſen, und einen Ent⸗ ſchluß werden gefaßt haben vielleicht eroffnet ſich auch fuͤr uns unvermuthet eine frohe Aus⸗ ſicht.— Nie! ach Ludolph! wir beyde ſind nicht zum Gluͤck gebohren!— Vertraue auf Gott! Emilie, harre in ſtiller Ergebung einer gerechten Vergeltung entgegen. Dies⸗ oder jen⸗ ſeits bluͤhen unſere Frenden„„ Hier zog er einen Ring vom Finger, und ſteckte ihn an den ihrigen— meine Emilie! meine Gattin! rlef er, indem er ſie noch inntger an ſein Herz druͤck⸗ te— unter Gottes freyem Himmel empfange den Schwur einer ewigen Treue, im Angeſicht des Allmaͤchtigen ſey der hellige Bund, der un⸗ ſer Schickſal bis an's Grab verbindet, geſchloſ⸗ ſen, nun biſt du meln Welb; mit dem Ende . 1 39 des Feldzugs, der nicht ferne mehr iſt, fuͤhre ich dich an den Altar.— O mein Ludolph! rief Emilie, und Freude glaͤnzte durch ihre naſſen Augenwimpern, nun biſt du wuͤrklich mein— aber auch dieſen Ring mußt du von mir, von deinem Welbe empfangen! du guter, edler Menſch du!— jezt folge ich dir, wo du mich auch hinfuͤhren willſt!. Sie gingen. Iſt die Liebe nicht ein wahres Kind! Eine Klelnigkeit erſchreckt, und bringt es in Ver⸗ zweiflung; und wieder eine Kleinigkelt kann es belaͤnftigen, von Freude berauſcht machen. Ein ſonſt unbedeutender Ring hatte von Emillens Herzen die ganze druͤckende Laſt ihrer Leiden hinweg gezaubert; und ein einziger Blick auf ihren Finger war hlinreichend die graue Gegen⸗ wart und dunkle Zukunft in einen lichten Glanz der ſchoͤnſten Hoffnungen zu verwandeln!„. Die gute Wittwe, der Ludolph manche klei⸗ ne Dienſte geleiſtet hatte, empfing Emilien mit offenen Armen, und als Ludolph mit anbre⸗ chender Nacht ſie endlich Laſen mußte, war ſie vollig beruhigt. 40 Zweytes Kapitel. Gläͤck und Ungluͤck. 4 —.—— Ludolph verſaͤumte nun kelnen Tag ſelne Emi⸗ lie zu beſuchen; dieſe drey guten Menſchen wa⸗ ren ſo ganz fuͤr einander geſchaffen, daß das natuͤrliche Beduͤrfniß der Theilnahme und Her⸗ * 4 „ Ergleßungen ſie bald mit ſeinen feſten Bonden umſchlang; Emilie beſonders empfand fur die ſanfte freundliche Wittwe eine wahre kindliche Neigung. Madam Frelnd war noch kaum piezi Jah⸗ re alt, ſie ſchien aber aͤlter; ſie war eher groß als klein, all' ihre e waren aͤußerſt regel⸗ maͤßig e ſchoͤn; vergangene Leiden hatten noch tiefe Spuren hinterlaſſen, d ieſe waren aber nicht ihre holbe Freundlichkeit riß hin, ihr ſanftes Wohlwollen, ihre warme un⸗ gekuͤnſtelte Theilnahme erweckten Zutrauen; man fuͤhlte das ſuͤße Beduͤrfniß, dieſer ſo gihnſſ leldenden Seele Troſt und Linderung zu geben. — Die Ruhe, welche man im Lager genoß, erlaubte Ludolphen, ſeine meiſte Zelt im Dorfe zuzubringen.„ er hat oft dieſe Tage unter die gluͤcklichſten ſeines Lebens gezaͤhlt. v— 41 Die Hitze war ſeit einigen Tagen unleidlich, und da der Bach unter einem Haſelgebuͤſch ge⸗ rade durch das Hausgaͤrtchen fleß, ſo bediente ſich Emilie dieſer Bequemlichkeit, um zu ba⸗ den. Madam Freind begleitete ſie eines Abends dahin, und half ihr beym Auskleiden. Emi⸗ lie trug ein kleines kriſtallnss Herz in Gold eingefaßt, das ein Haargeflechte enthielt, ver⸗ borgen unter dem Halstuch. Madam Freind warf von ungefaͤhr einen Blick darauf, wurde aufmerkſamer und fuhr auf einmal mit einem lauten Schrey des Schteckens zuruͤck. Emilie faßte ſie in ihre Arme, denn die gute Frau war elner Ohnmacht nahe„„ endlich, indem ſie alle ihre Kraͤfte zuſammen raffte:— Maͤd⸗ chen! wer gab dir dies? Emilte. Melne Mutter. Madam Freind. Deine Mutter!. ihren Namen? Emllie.(verlegen) Meine Mutter„ (mit naſſen Angen) ſie doch wozu dieſe Er⸗ laͤuterungen, liebe Freundin?. 3 erinnert mich an eine Epoche meines Lebens, die ich ſo gern vergeſſen moͤgte„ laſſen wir t Madam Freind. Ach! Emilie, wenn du wuͤßteſt.. Bey unſerer Freundſchaft 1 bey allem, was dir theuer und ig ſti.. wer war deine Mutter?.. Emilie.(laut weinend in ihre Arme ſintend) Ich weiß es nicht. Ein undurchdringlicher 42 Schleyer deckt die Stunde meiner Geburt.— Graf Sternberg verſicherte mich dͤfters, ich truͤge dieſes Kleinod ſeit meiner Klndheit, und vermuthlich kaͤme es von meiner Mutter her„. Madam Freind. Gerechter Gott!(ſie betrachtet das Herz genauer) es iſts!.„ Emllie,.„ hat dir dein Wohlthaͤter nichts naͤheres entde⸗ cken können?..„ Emilie. Lange glaubte ich ſelbſt, eln glucklicher Zufall haͤtte mich in ſein Haus ge⸗ bracht. auf ſeinem Todesbette wollte er ſpre⸗ chen es war zu ſpaät„ach Gott! er nahm das Geheimniß mit in die Ewigkeit. Madam Freind.(leiſe und bebend) Sahſt du nle bey ihm einen gewiſſen Herrn von Hayn? hat der nicht.. Emilie.(ſie raſch unterbrechend) Bevor ſein Ohelm ſtarb, fuͤhrte Graf Sternberg ſelbſt die⸗ ſen Namen. Madam Freind.(druͤckt Emilien mit ei⸗ nem lauten Schrey an ihre Bruſt— ſinkt alsdenn in die Fniee, indem ſie mit kaum hoͤrbarer Stimme ſagt) Meine Tochter! Emilie.(niederkniend, und ſie mit beyden Ar⸗ men umfaſend) Wie!. waͤre es moglich. o Madam Freind.(Frende⸗berauſcht) Eml⸗ te!. Theures Maͤdchen„ dieſe Zuͤge.. Dies Mahl auf deiner Schulter, das mir gleich 2 N — — 43 auffiel. dies Kleinod, und nun Hayn dein Wohlthaͤter„ ja du biſt. meine Tochter!. o unverdiente Wonne!„ nach funfzehn Jah⸗ ren der bitterſten Lelden, der gluͤhendſten Reue dennoch unverdient! Emille!(und ſie er⸗ hob laut ſchluchzend beyde Haͤnde gen Himmel) O daß ich es geſtehen muß! du gutes frommes Maͤd⸗ chen, eines beſſern Schickſals, einer beſſern Mutter werth!., wirſt du auch, menſchlicher als dein harter Vater, mir vergeben koͤnnen?. Emilte.(ſie auffaſend) Mutter! Mutter! (ihre Stimme erſtickte in Thraͤnen.) Ludolph fand ſie laut welnend, beyde um⸗ ſchlungen. Madam Freind, der elnes Dritten, ſelbſt Ludolphs Gegenwart, in dieſem Augen⸗ blick laͤſtig war, raffte dennoch alle ihre Kraͤfte zuſammen, und theilte Ludolph in wenkg Wor⸗ ten dieſe frohe Entdeckung mit.. Ludolph, in ſelnem frohen Ungeſtuͤm, wollte vergleichen, er⸗ laͤutern, und ſo dieſe ſuͤße Ueberzeugung noch feſter gruͤnden.— Noch nicht, lleber Ludolph, noch biu ich nicht geſammelt, und ſtark genug, um die Vergangenheit mit euch noch einmal durchzugehen.. ich hahe Geſtaͤndniſſe abzule⸗ gen Sbre Stimme erſtarb, ſie winkte, daß man ihr nicht folgen ſollte, und wankte dem Hauſe zu.— Als Ludolph Emilien ver⸗ laſſen hatte, eilte dieſe nach ihrer Mutter Schlaf⸗ zimmer; ſie fand es verſchloſſen, und ſchlich —————— leiſe nach ihrer Kammer, wo ſie die Nacht in fro⸗ her wehmuͤthiger Erwartung ſchlaflos zubrachte. Gegen Morgen erſt war ſie eingeſchlummert; und als ſie die Augen aufſchloß, ſtand ihre Mut⸗ ter vor ihrem Bette, in ihrem Anſchauen ver⸗ ſunken„— So ſchlaͤft die Unſchuld, ſagte ſie innig geruͤhrt; ſeit funfzehn Jahren iſt mir dieſer Schlaf fremd geworden.— Emille ſchlug beyde Arme um ihrer Mutter Hals, und bog ſie ſauft zu ſich herab— ihre ſanften Liebkoſun⸗ gen erheiterten die Leidende allmaͤhlich, Ich fuͤhle mich nun ſtark genug, liebe Eml⸗ lie, hub ſie endlich mit leiſer bebender Stimme an, um dir die Geſchichte meiner fruͤheren Jah⸗ re itz theilen; moͤgen meine bittern Geſtaͤnd⸗ niſſe dir zur Lehre dienen, daß auch der Schein e Verletzung unſerer Pflichten ſchon die trau⸗ rigſten Folgen fuͤr uns haben kann; daß Selbſt⸗ vertrauen, ſobald es nicht von alleu Schla⸗ cken des Eigendünkels gereinigt iſt und auf geläuterten Grundſaͤtzen, auf dem erhebenden Gefuͤhl unſerer hohen Beſtimmung ruht, die gefaͤhrlichſte Klippe fuͤr jede welbliche Tugend iſt— doch, meine Emille! bey dir ſind ſolche Lehren uͤberfluſſig— dlch hat die Natur, und eine treffliche Erziehung für jedem Fehltritt be⸗ wahrt. Auch iſt jene fuͤr unſer Geſchlecht ſo gefaͤhrliche Kriſis fuͤr dich voruͤber— dein Herz hat bereits gewaͤhlt, und ſelbſt die kaͤlteſte Vernunft kann deiner Wahl ihren Beyfall nicht ₰ verſagen— Noch manchen Stuͤrmen, o meine Tochter, kannſt du auf deiner irdiſchen Lauf⸗ bahn ausgeſezt werden; wenn aber Gott Ge⸗ nügſamkeit, und das feſte Vertrauen auf die Wege einer himmliſchen Vorſehung ſo tief nun in deine Seele eingepraͤgt hat dann kann ein widriges Schickſal wohl Thraͤnen koſten, aber nie den Muth benehmen, nie dieſe troſtreiche, uber alle menſchliche Lelden erhebende Hoffnung der Vergeltung dies⸗oder jenſelts des Grabes. Hier ſammelte ſich Madam Frelnd elnige Rugen⸗ blicke, und fuhr alsdann mit feſterer Stimme fort:— Vor allen Dingen, meine Tochter, muß ich dich bitten, Niemanden, ſelbſt deinem Ludolph vor der Hand nur ſo viel von deiner Mutter Geſchichte mitzutheilen, als er bls jezt zu wiſſen nothig hat— Verſprich mir das, Emllie, und halte dieſe kleine Schwachheit dei⸗ ner Mutter zu gut; mag es auch der Bewels eines unverdienten Mißtrauens ſeyn, ſo ſoll auch leſer ſchwinden, ſobald du ſein Weib biſt; ich ahme hierin Ludolphs Beyſpiel ſelbſt nach, der ſelten, und immer nur fluͤchtig, ſeine fruͤhern Jahre erwaͤhnt.. Der Name Aſſen, den er einſt nannte, hat mich aufmerkſam gemacht, und du wirſt hoͤren, wle ſehr merkwuͤrdig dieſer Name fuͤr mich iſt— Freind iſt der Name meines Vaters, er war Geiſtlicher und Pfarrer einer anſehnlichen Gemeinde ohnweit“**, und galt allenthalben fur einen grundgelehrten Mann; 46 aber mehr mit den Todten als mit den Leben⸗ digen bekannt, war die Kanzel, ein kleines Gartchen und ſeine Studierſtube ſein ganzer Wuͤrkungskreis. Meine Mutter, die Tochter ſeines Vorfahrers, die er heyrathete, well die Ernennung zu dieſer Pfarrey davon abhing, ſah er ſelten auſſer den Eßſtunden— Um meine fruͤhere Bildung bekuͤmmerte er ſich nie; zuweilen nur, wenn meine muntern Einfaͤlle ihm ein Laͤcheln abzwangen, ſah er mich weh⸗ muͤthig an und ſagte:— Jammer Schade, daß die Kleine kein Bube iſt, was wollte ich fur einen trefflichen Redner aus ihm bilden!„ Meine Mutter, eine fleißige Haushaͤlterin, war in ihrem eignen Hauſe nicht viel beſſer als el⸗ ne Magd behandelt zu werden gewohnt; ohne alle Blldung unter den Landdirnen herangewach⸗ ſen, hegte ſie fuͤr ihren Mann, als Paſtor loci, die tiefſte Ehrfurcht, wagte es nie, ihm zu widerſprechen, und ihre hoͤchſten Lebensfreu⸗ den beſtanden darin, ihm eine Schuͤſſel vorzu⸗ legen, die ſeinen Beyfall hatte, und des Sonn⸗ tags in dem Pfarrſtuhl zu paradiren. Von ihren Pflichten als Mutter hatte ſie keine an⸗ dern Begriffe als die einer jeden andern Bauers⸗ frau. Mein PVater hatte eine verheyrathete Schweſter in der Reſidenz; ſie war Kinderlos, ein ſtolzes eitles Welb, das auf den Rang ih⸗ res Mannes(er war Kammerrath) ſich nicht wenig elnbildete. Bey einem Beſuch, den ſie 47 meinem Vater machte, hatte ich das Ungluͤck ihr zu gefallen. Vergebens wagte es meine Mutter zum erſtenmal, meinem Vater mit naſſen Augen zu widerſprechen; ſie hatte das Leidweſen, ihre Marle mit der verhaßten Frau Schwaͤgerin nach der Reſidenz abfahren zu ſe⸗ hen. Ich war damals Eilf Jahr alt, ein leichtſinniges, naſenweiſes, verwoͤhntes Ding, ohne alle Erziehung herangewachſen, mit einem entſchiedenen Hang zu allen Thorheiten unſers Geſchlechts. Das Haus meiner Tante war gerade der gefaͤhrlichſte Aufenthalt fuͤr mich Mein Oheim, ein Mann nicht ohne Talente, aber durch ſeine Frau, die er aus Neigung ge⸗ heyrathet hatte, zu einer verſchwenderiſchen Le⸗ bensart, die ſeine Kraͤfte uͤberſtieg, nach und nach gewoͤhnt, ſah ſich dadurch genothigt, al⸗ lerley niedrige Kunſtigriffe zu gebrauchen, ſo daß er nicht in dem beſten Ruf ſtand; meine Tante half ihm ihrer Seits treulich ein glaͤn⸗ zendes Haus zu bilden, das heißt, ihn nach und nach entweder in's Zuchthaus, oder an den Bettelſtab zu bringen. Hier wurden alle Lie⸗ bes⸗Intriguen entſponnen und fortgeſezt; alle ſtandaldſe Anekdoten der Reſidenz mit Witz und Bosheit vorgetragen, auf die kleine Marie, die in ihrem Winkel ſaß, wurde nicht Acht gege⸗ ben; aber die kleine Marie, uͤber ihr Alter reif, bemerkte ſchon alles, gab auf alles Acht, und machte dabey ihre Gloſſen,,„ wohl auch 48 Plane fuͤr die Zukunft. Ich verweile ungern, jedoch aber mir Fleiß, bey dieſen erſten bedeu⸗ tenden Jahren meines Lebens, weil ſie den Grund zu melnen nachmalig gen Verirrungen ge⸗ legt haben. Ein Jahr war ich bereits in der Reſidenz und waͤhrend der Zeit nur ſelten zu meinem Vater gekommen, als meine Mutter ſtarb; nun wurde mein beſtändiger Aufenthalt bey neie Tante beſchloſſen, und ich erhielt Lehrmeiſter.. aber du lieber Gott! Ich hat⸗ te bis jezt mit genauer Noth leſen und ſchrei⸗ ben gelernt; an Religions⸗ Unterrlcht, an die Erwerbung nuͤtzlicher Kenntniſſe wurde nur ne⸗ benbey gedacht; den armen Kandidaten, der fuͤr kuͤmmerlichen Lohn das ſeinige zur Bildung meines Geiſtes beytragen ſollte, durfte ich un⸗ ter dem geringſten Vorwand fortſchicken; nicht ſo den Tanz⸗ Muſik⸗ und Zeichenmeiſter bey dieſen durfte ich keine Minute verſäumen. Daß ich kein haͤßliches Maͤdchen ſey, hatte mir mein Splegel ſchon laͤngſt geſagt, und als in meinem ſechszehnten Jahr alle Stutzer der Re⸗ ſidenz es wiederhohlten, durft' ich's wohl glau⸗ ben. So an Geiſt und Seele verwahrloßt, trat ich in der großen Welt auf, und fing an meine eigene Rolle zu ſelen Ein junger Herr von Aſe Offizier in*** Dienſien, der nach* gekommen war, um ſeine Ver⸗ wandten, die erſten Stellen bey Hofe begleiteten, zu beſuchen, hatte großes Uufſeien —— n er 6 r⸗ fe en erregt— alle junge Welber liefen ihm nach(ſp hieß es in meines Oheim's Hauſe), und jede ſpekulante Mutter ſuchte den relchen Wildfang fur ihr Tochterchen zu haſchen.— Auf elnem Ball lernte ich ihn kennen, und. meine Stun⸗ de hatte geſchlagen! Auch er zeichnete mich aus Wir naͤherten uns immer mehr.. und die Beſorgniß durch eine unzeitige Sprodigkeit eine ſo glänzende Eroberung zu verlleren, beſchleu⸗ nigte das Geſtaͤndnlß melner Gegenliebe;— aber der edle junge Mann misbrauchte meine Schwachheit nicht; ſeln noch unverdorbenes Herz liebte mich mit aller Unſchuld und Reinhelt einer erſten Liebe.. Wir waren beyde ſehr gluͤcklich. — Meine Tante hatte bald unſer Einverſtaͤnd⸗ niß bemerkt, und das eitle thoͤrichte Weib, ſtatt mir die Folgen einer Leidenſchaft, der das Vor⸗ urtheil der Geburt im Wege ſtand, und daher ſpaͤt oder fruͤh entweder das Grab melner Tu⸗ gend, oder meiner Ruhe werden mußte, ernſt⸗ lich vor Augen zu ſtellen, ſah und fuͤhlte nichts als das Schmeichelhafte dieſer Auszeichnung fuͤr ihre Nichte. Mein Oheim, deſſen Grundſaͤtze nicht eben die gelaͤutertſten waren, machte ihr ſogar ſehr ernſthafte Vorſtellungen uͤber ihr un⸗ kluges Betragen.— Vergebens— ſie lachte ihn aus, ſpottete laut uͤber ſeine buͤrgerliche Gei⸗ ſtesſchwaͤche, und zu jeder Landpartie, zu jeder Gaſterey mußte Herr von Aſſen eingeladen wer⸗ Lud. Lehrjahre j3. Th. D 50 den. Unſer Haus ſtand ihm bald zu jeder Stunde oſſen, mit jedem Tag wuchs meine Leidenſchaft, und mit ihr tdie ungeahnete Ge⸗ fahr, als Aſſen plotzlich den Befehl erhielt, ſich ſogleich zur Armee zu begeben. Unſere Thraͤ⸗ nen floſſen beym Abſchied, aber die Reue miſch⸗ te keine Bitterkeir hinein, der Himmel allein hatte uͤber unſerer beyden Unſchuld gewacht. Ich llebte dieſen trefflichen jungen Mann mit ei⸗ ner Heftigkeit, die ich jezt erſt mit Schrecken einſah, ſeine Abweſenheit wurde mir unertraͤg⸗ lich, und nur ein fletßiger Briefwechſel vermogte mich einigermaßen noch zu tidſten. So verging die uͤbrige ſchoͤne Jahrszeit; Aſſen hatte verſpro⸗ chen den Winter zuruͤck zu kehren, aber ſeine Pflicht rief ihn tiefer noch nach Norden hin; er hatte ſich ausgezeichnet, war raſch avancirt, und kommandirte bereits als Major das Regl⸗ ment in der Abweſenheit ſelnes ſchwer verwun⸗ deten Obriſten.. Indeß wurden auch die Kom⸗ munikationen taͤglich ſchwerer, bald mußte ich Mondenlang auf Briefe warten, endlich blieben ſie ganz aus. Der Karnaval hatte ſeinen Anfang genom⸗ men; des feſten Vorſatzes kelnen Thell an den offentlichen Luſtbarkeiten zu nehmen, ungeachtet, wurde ich dennoch allmaͤhlich in den Strudel hin⸗ eingeriſſen.— Anfangs war es bloße Gefaͤl⸗ ligkeit für meine Tante, bald aber gewann ich wieder Geſchmack daran— es zerſtreute mich: 5 1 ſchon hatte ich in gewiſſen Stunden melne ge⸗ woͤhnliche ausgelaſſene Munterkeit zum Theil wleder erhalten, als dein Vater, der eine der erſten Stellen im Lande begleitete, mich bemerk⸗ te. Er war ſeit einigen Jahren Wittwer, und hatte einen Sohn, damals fuͤnf Jahre alt; ſeine ungewoͤhnlichen Beſuche in unſerm Hauſe fielen auf, aber nicht lange, ſo machte er ſeine ernſt⸗ haften Abſichten auf mich bekannt. Das Oheim und Tante ſogleich ihm ihr Wort gaben, und mit frohem Ungeſtuͤm in mich drangen, läßt ſich denken.— Dieſer ſo hoͤchſt unerwartete Antrag uͤberraſchte mich auf eine ſeltſame Art; ich ſchuͤttelte den Kopf, und wußte nicht gleich, ob ich es fuͤr Spaß oder Ernſt annehmen ſollte; bald wurde ich aber aus meiner Ungewißheit ge⸗ riſſen, indem mir meine Tante einen Brief dei⸗ nes Vater uͤberreichte— er war am nemlichen Tage an melnen Oheim geſchrieben.— Ich hatte damals weder Gegenwart des Geiſtes noch Erfahrung genug, um den biedern Ton, und die edle Unbefangenheit, die darinnen herrſchte, gehorig pruͤfen und ſchaͤtzen zu können.— Dein Vater geſtand, daß er zwar uͤber die Jahre ei⸗ ner taͤndelnden Liebe weit hinaus ſey, aber den⸗ noch nicht alt genug, um auf eine Verbindung, die auf Achtung und Freundſchaft gegründet ſey, Verzicht thun zu muͤſſen; ſeinem Stande haͤtte er durch ſeine erſte Ehe, welche die Konvenienz D 2 52 allein geknuͤpft hatte, und dennoch gluͤcklich ge⸗ weſen waͤre, das ſchuldige Opfer gebracht, und nun ſey ihm geſtattet, eine Wahl zu treffen, die Herz und Vernunft zugleich billigten; von Na⸗ tur nur, und durch das Geſchaͤftsleben zum Ernſt geneigt, ſey es Beduͤrfniß fuͤr ihn, eine muntere Gefaͤhrtin zu finden, welche ihm die wenigen Stunden, die er ſich leben konnte, durch frohe vertrauliche Heiterkeit verſuͤßte ꝛc. ꝛc. ꝛc. Alsdenn entwarf der edle Mann ein Bild von mir, das mehr Leidenſchaft verrteth, als er hat— te hineinbringen wollen, und ſchloß mit der Bit⸗ te, nur in dem Fall, daß mein Herz vollig frey ſey und keinen Widerwillen gegen ihn hegte, mir den Inhalt ſeines Briefes mitzutheilen.— Eine mir vollig unerklaͤrbare Wuͤrkung machte dieſer Brief auf mich.— Auf der einen Seite meine Liebe zu Aſſen, dle zwar nicht mehr ſo heftig war, dennoch immer den erſten Rang in mei⸗ nem Herzen behauptete; auf der andern der ſchmeichelhafte Antrag eines Mannes, der ſo nahe am Throne ſtand, und mich zu einer Hohe erhob, zu der meine Einbildungskraft ſelbſt in ihren luxurirenden Stunden ſich nie geſchwungen hatte— Aſſen, ein junger liebenswuͤrdiger Wildfang, aber weit von hier, im Getuͤmmel der Schlacht, in beſtaͤndiger Gefahr, der weder ſchrieb noch kam, und auf den zu einer ernſten Verbindung, wenigſtens vor der Hand, nicht zu zaͤhlen war— dein PVater, ein noch ſchoner 53 Mann, in den beſten Jahren, mit den ſollde⸗ ſten glaͤnzendſten Antragen, zu deren Erfuͤllung es nur ein Wort von mir koſtete— beſtuͤrmt durch die Schmeicheleyen meiner Tante, durch die ernſteu Ermahnungen ihres Gatten, der ſo⸗ gar mir endlich geſtand, daß ſein Vermoͤgen nach und nach ſo geſchmolzen ſey, daß er dem Ver⸗ fall ſeines Hauſes, und vielleicht einer dffentli⸗ chen Beſchimpfung mit Schrecken entgegen ſehen muͤßte, wenn er nicht durch das Anſehn deines Vaters und eine Gehalts⸗Vermehrung geret⸗ tet wuͤrde kurz, Dankbarkeit, Leichtſinn, Beſorgniß fuͤr die Zukunft, und Eitelkeit, ent⸗ lockten mir in einer Stunde, wo die beiſſendſten Bemerkungen uͤber Aſſen's Stillſchweigen ihre volle Wuͤrkung gethan hatten, das entſcheidende Jawort; und vier Wochen darauf wurde ich in aller Stille delnem Vater angetraut. Er beſaß eigentlich wenig Vermoͤgen; außer ſeiner anſehn⸗ lichen Beſoldung und einem ſchoͤnen Hauſe in der Stadt, hatte er weiter nichts als ein kleines Landgutchen, mehr zum Vergnuͤgen, als zum Nutzen, von ſeinen Erſparniſſen gekauft.. ſel⸗ ne erſte Gemahlin ſollte eine ſehr reiche Erbin werden; man hatte auf einen Oheim gerechnet; dieſer vermaͤhlte ſich aber noch in ſeinem vler und ſechszigſien Jahre, und bekam elnen Er⸗ ben.— Dein PVater betrug ſich ſehr edel bey dieſer vereitelten Hoffnung; und nie ließ er ſet⸗ ner Gemahlin merken, daß er deshalben die „ Mutter ſeines Sohns minder ſchaͤtze. Wir blie⸗ ben die erſten Wochen auf dem Landgute; dein Vater ging ab und zu; ich merkte gleich, daß er zur Eiferſucht geneigt war, und vermied ſorg⸗ faͤltig jede Veranlaſſung.— Hr. von Hayn (Graf Sternberg), ſeln Jugendfreund, und ei⸗ ner der liebenswuͤrdigſten Maͤnner, die ich je ge⸗ kannt habe, belebte unſern kleinen Kreis; ich fuͤhlte mich wuͤrklich ſehr gluͤcklich.— Der her⸗ annahende Winter trieb uns endlich in dle Reſi⸗ denz zuruͤck; und die erſte Perſon, die ich in dem Zirkel, wo ich eingefuͤhrt wurde, erblickte⸗ war... Aſſen.— Die Erſcheinung ſeines Gei⸗ ſtes haͤtte mich nicht mehr erſchreckt, ich war ei⸗ ner Ohnmacht nahe, als er mir die Hand kuͤß⸗ te; ich weiß nicht, was er ſprach, noch weni⸗ ger was ich antwortete; etwas ſehr Albernes muß es in jedem Fall geweſen ſeyn, denn er ſah mich mit großen Augen an, laͤchelte hoh⸗ niſch und ließ mich ſtehen. Eine tiefe, noch nie gefuͤhlte Wehmuth bemaͤchtigte ſich meiner Seele, ſie wuchs mit jedem Augenblick, und mit ihr meine toͤdliche Verlegenheit.— Ich ergriff haſtig eine Karte, die mir praͤſentirt wurde, aber alle meine Sinnen vergingen mir beynahe, als ich, nachdem ich meinen angewie⸗ ſenen Platz eingenommen hatte, die Augen er⸗ hob, und ihn mir gegenuͤber ſitzen ſah. Ver⸗ gebens ſuchte ich noch mich zu föſſen meine Hand zitterte bey der erſten Karte, die ich er⸗ 55 griff; ich ſah und hoͤrte nichts, und als die Rel⸗ he zu geben an mir kam, wurde es, Trotz einer unglaublichen Anſtrengung, mir unmoͤglich— ich mußte endlich eine plotzliche Unpaͤßlichkeit zum PVorwand nehmen, und nach Hauſe fah⸗ ren; ſelbſt die Gegenwart meines beſorgten Gatten wurde mir mit jeder Minute unertraͤg⸗ licher, ich eilte zu Bette, und kaum war ich allein, ſo brach ich in elnen Strom von Thraͤ⸗ nen los Die ſo leichtſinnig unterdruͤckte eingeſchlaͤferte Leidenſchaft war beym erſten An⸗ blick des Geliebten mit dem niederſchmetternden Gefuͤhl meiner Treuloſigkeit erwacht; alle Qua⸗ len einer Hoffnungsloſen Liebe mit dem Be⸗ wußtſeyn ſelbſt die Urheberin meiner Leiden zu ſeyn, druͤckte mich vdllig zu Boden.. Die⸗ ſe Nacht war eine der ſchrecklichſten meines Lebens, und als vollends meine Tante den andern Morgen zu mir kam, und mit dem grauſamſten Lelchtſinn mir geſtand, daß ſie, ſeltdem meines Mannes Abſichten merkbar wur⸗ den, mehrere Briefe von Aſſen unterdruͤckt hat⸗ te, mir ſelblge nun einhaͤndigte, und ich durch dieſe erfuhr, daß eine bey einem Geſecht, wo er ſeinen Monarchen aus einer großen Gefahr rettete, empfangene Wunde, an der er zwey Monate hart darnieder log, die Schuld ſeines Stillſchweigens geweſen ſey; und er nun, an ſeines Vaters Einwllligung beynahe nicht mehr zweifelnd, naͤchſtens kommen werde.. omei⸗ 56 ne Tochter! ich war dem Wahnſinn nahe.„ Die Narbe jener glorreichen und fuͤr mich ſo ungluͤcklichen Wunde hatte ich auf ſeiner Stirne erblickt„„ Zbſcheuliches Weib! rief ich, die Haͤnde ringend, und du konnteſt ſo grauſam ſeyn!— Dieſer Brief kam ja gerade an dem Tage, wo du deinem Mann das Jawort gege⸗ ben hatteſt! ſtammelte meine Tante, durch meine Heftigkeit kleinmuͤthiger geworden— Un⸗ erhorter Betrug! nein, nein, er muß es erfah⸗ ren, daß ſie mich hintergangen, uͤberliſtet, daß ſte uns beyde ungluͤcklich gemacht haben!.. ich bin ohne Hoffnung, mein Schickſal iſt un⸗ wlederruflich beſtimmt, ich werde dulden, tra⸗ gen, nur ſeine Verachtung nicht!.. Jezt hoͤr⸗ te ich deines Vaters Stimme; er kam herein; ſeine zaͤrtliche Beſorgniß erregte in mir die wi⸗ drigſte Empfindung; ich entſchuldigte meine naſ⸗ ſen brennenden Augen durch wuͤthende Kopf⸗ ſchmerzen. Meine Tante verließ mich den gau⸗ zen Tag nicht, und es gluckte ihr endlich mich zu beſaͤnftigen durch das feyerliche Verſprechen, dem Herrn von Aſſen die Art zu erzaͤhlen, wie ſie mich zur Worthruͤchigkeit verleltet hatte. Aſſen war nicht mehr der taͤndelnde, muntere Juͤngling, ſondern ein ſchoͤner geſezter Mann; ſein Geſicht, durch die Sonne verbrannt, die Narbe auf der Stirn und das Ordensband am Knopfloch gaben ihm das Anſehn eines Helden. In allen Geſellſchaften, die ich beſuchte, ſprach man von ſeinen ansgezeichneten Verdienſten, von ſeiner Tapferkeit, der er die vorzuͤgliche Gnade ſeines Monorchen zu verdanken hatte; meine Lage war unleidlich; ſo oft die Rede von ihm war, waͤhnte ich, es geſchaͤhe mit Fleiß, um mich zu demuͤthigen. Alle Augen, glaubte ich, muͤßten alsdann auf mich gerichtet ſeyn. Mei⸗ ne Tante verſicherte, ſie haͤtte mich auf ihre Ko⸗ ſten vollig bey ihm gerechtfertigt, und dennoch blieb ſein Betragen immer noch daſſelbe, kalt, veraͤchtlich und geſpannt. Ich fing an Mißtrauen in ihre Aufrichtigkeit zu ſetzen, und bald wurde ich uͤberzeugt, daß ſie mich wuͤrklich hintergangen hatte.. Der Va⸗ ter hatte an meinem Geburtstag eine zahlreiche Geſellſchaft eingeladen, auch den Herrn von Aſ⸗ ſen. Sey es Zufall, oder war es beſchloſſen, daß in dieſer Stunde der Grund zu meinem Ver⸗ derben ſollte gelegt werden, Herr von Aſſen ver⸗ fehlte die rechte Thuͤr, und trat in ein Neben⸗ zimmer, wo ich eben beſchaͤftigt war, einem Bedienten Befehle zu erthellen; er wollte ſich zuruͤckziehen, ich trat aber raſch auf ihn zu, und meiner nicht mehr bewußt ſagte ich leiſe:— Bleiben ſie! Der Bediente entfernte ſich.— Haben ſie mit meiner Tante geſprochen, Herr von Aſſen?— Geſehen habe ich ſie aber ulcht geſprochen, ſie vermeldet mich.— Ich erblaß⸗ te— Sie hatte mir doch verſprochen— Verſprochen! unterbrach er ſpottiſch; hier zu ₰ Lande ſind Verſprechen, und ſogar Schwuͤre falſche Muͤnze; was konnte ihre Tante mir zu ſagen haben? Nle konnen Sie, gnaͤdige Frau, auf irgend ein Verſprechen bauen!— Meine Augen fullten ſich unwillkuͤhrlich mit Thraͤnen, meine Wangen glähten— Aſſen, ſtammelte ich mit erſtickter Stimme, und ich mußte mich auf ſeinen Aim ſtutzen; trauen ſie dem Anſchein nicht; ich wurde hintergangen, uͤberliſtet, ihr Brief mir vorenthalten.. ach! ich bin ſehr ungluͤcklich!..— Marie! rief er, indem er meine Hand an ſeinen Mund fuͤhrte, und weg war der hoͤhniſche, veraͤchtliche Zug um ſeinen Mund— ich wand mich los.— Gehen ſie, lieber Aſſen! Morgen ſollen ſie alles erfahren— und ich ſtuͤrzte in meln Schlafgemach, mein Herz drohte zu zerſpringen, eine Fluth von Thraͤ⸗ nen brachte mich wieder zur Bſonnenheit. Ich ſuchte mich, ſo viel wie möglich, zu faſſen, und als ich wieder in den Saal trat, erblickte ich Aſſen in einem ſehr elfrigen Geſpraͤch mit meiner Tante begriffen. Ich wagte es nicht hinzu zu treten. Unſere Augen begegneten ſich ofters. Theilnahme, Mitleiden, innige Liebe druͤckten ſelne Blicke aus, und die melnigen, ach! ich fuͤhlte es! waren nur zu bereitwillig dieſe ſtumme Sprache der gluͤhendſten Leidenſchaft zu erwledern. Wir kamen den ganzen Abend nicht mehr zuſammen, und hatten uns doch... o melne Tochter! Wie ſchwach iſt ein Weib oh⸗ 59 ne feſte Grundſaͤtze, in deren Buſen eine ſolche Leidenſchaft wuͤthet!.. ir hatten uns alles geſagt! Ich brachte elnen Theil der Nacht zu, um ihm alles das zu ſchreiben, was dir be⸗ relts bekannt iſt; ſtatt aber nur noch Anſpruͤche auf ſeine Achtung zu machen, und meiner Pflich⸗ ten eingedenk zu ſeyn, ſuchte ich nicht einmal melne Liebe, und meine Reue uͤber den Schritt, zu dem ich mich hatte verleiten laſſen, zu ver⸗ hehlen.— Er erhlelt dieſen unglucklichen Brief; ſeine Antwort voll der edelſten Geſinnungen.. wie bitter iſt dieſes Geſtaͤndniß! machte mich ſchaamroth. Aufangs ſahen wir uns ſelten; ſo oft uns aber der Zufall zuſammen brachte, merk⸗ te ich deutlich, und leider mit innigem Vergnuͤ⸗ gen, mit welcher Anſtrengung er den Ausbruch ſeiner Gefuͤhle zu maͤßigen ſich bewuͤhte. Er ſuchte ſogar, ſo oft es ſich mit Anſtand thun ließ, mich zu vermeiden; ſtatt aber daß dies ed⸗ le Betragen des redlichen Mannes mich zur Er⸗ kenntniß und zum Nachdenken haͤtte bringen ſol⸗ len, beglng ich, im Taumel der Leidenſchaft, ſolche Unvorſichtigkeiten, daß meine Tante ſogar mich endlich warnen mußte. Gerade zu der Zeit bemerkte ich eine auffallen⸗ de Veraͤnderung in delnem Vater; er vetlohr ſeine gewohnliche ruhige Heiterkeit, wurde miß⸗ muthig, launig, nachdenkend, mißtrauiſch, und wenn wir allein waren, wurde er deſto finſterer, je mehr ich ihn aufzuheitern ſuchte. Auch ver⸗ 60 breitete ſich damals ein dunkles' Geruͤcht, als ſey er bey weitem nicht mehr ſo hoch in der Gna⸗ de beym Fuͤrſten als ehedeſſen; nur in der Ge⸗ ſellſchaft ſeines Hayns ſchlen es ihm noch wohl zu ſeyn, und es verging kein Tag, daß ſie nicht mit einander Stunden lang ſpazieren ritten, oder gingen; ich war aber mit meiner ungluͤcklichen Leidenſchaft ſo einzig beſchaͤftigt, daß dles alles nur einen geringen voruͤbergehenden Eindruck auf mich machte; es war mir gegluͤckt, Aſſen zu⸗ weilen bey meiner Tante zu ſprechen. Die Un⸗ vorſichtige ließ uns ofters alleln, und ſchon froh⸗ lockte ich insgeheim uͤber den vergeblichen Kampf, zwiſchen Grundſaͤtzen und Liebe, ſchon ſah ich“ meinen Sieg, mein Verderben Wonnetrunken vor Augen, als eines Morgens mein Mann zu mir hereintrat; ſeine krauſe Stirn, ſein finſterer Blick machte mich erblaſſen.— Ich muß ſie bitten dieſe Beweiſe ihrer Schande kuͤnftig beſſer zu verwahren, ſagte er, indem er mir Aſſens Brief, den ich ſchon ſeit einigen Tagen vermiß⸗ te, uͤberreichte. Dieſer Brief haͤtte eben ſo gut in die Haͤnde eines Bedienten, als in die meini⸗ gen fallen koͤnnen, und leider haͤngt meine Ehre von der ihrigen ab!— Er wollte gehen; uͤber⸗ waͤltigt durch das Gefuͤhl meines Vergehens ſtuͤrzte ich, laut weinend, ihm zu Fuͤßen, um⸗ faßte ſeine Knie, bat, flehte um Gehoͤr, und geſtaad ihm alles meine Schwaͤche, melne Unvorſichtigkelten ,„ und beſchwor ihn endllch — ð— un ð — n 67 mich auf's Land gehen zu laſſen, well ich mich noch nicht ſtark genug fuͤhlte, um eine Leiden⸗ ſchaft, die ich bis jezt mit ſo ſtraͤflichem Lei„ ſinn genaͤhrt hatte, ſo ſchnell als moglich zu unterdruͤcken. Er hatte mir kalt und gelaſſen zugehbrt. Als endlich melne Stimme in Thraͤ⸗ nen erſtickte, und ich nicht laͤnger mehr zu ſpre⸗ chen vermogte, ergriff er meine Hand, und ſag⸗ te ſanft und guͤltig:— Wir ſind beyde zu be⸗ dauern. Marie! wir haben beyde leichtſin⸗ nig gehandelt mir iſt es aber nicht zu ver⸗ zelhen„ reiſe in Gottes Nahmen!.. Er ging; und eine Stunde darauf ſaß ich im Wa⸗ gen. Nur den wenigſten Menſchen iſt die Einſam⸗ keit heilſam, nur der kleinen Zahl der wahrhaft Edeln wird ſie zu elnem ſichern Zufluchtsort, wo ſie nach einer kurzen Verirrung ſich ſelbſt wie⸗ der finden.. In der wohlthaͤtigen Stille des einſamen Lebens entgluͤht die luxurirende Ein⸗ bildungskraft unter dem ernſten Nachdenken; ſelbſt die Ruhe der Natur wuͤrkt allmaͤhlich und anhaltend auf das unruhige Herz; das Blut wird kuͤhler, die Vernunft windet ſich aus dem Dunſt der zuͤgelleſen unbaͤndigen Leidenſchaft, und der ſichere Blick mißt nun im ſuͤßen Bewußtſeyn der uͤberſtandnen Gefahr die Tlefe des enrgongenen Abgrunds„ Wer aber mit einer wilden Leldenſchaft im Buſen in dle Einſamkeit eilt, ohne aus ſich ſelbſt den Faden entſpinnen zu koͤn⸗ 62 nen, um dieſem Daͤdaliſchen Labyrinth zu ent⸗ rinnen; wer mit fremden Waffen ſeln eigenes Kz bekaͤmpfen muß, wer in ſeiner verwahrlo⸗ ſten Selbſtheit keine feſte Grundſaͤtzen der einge⸗ wurzelten, alles um ſich ausſaugenden Leiden⸗ ſchaft entgegen zu ſetzen vermag o! der fliehe aus der Einſamkeit; er haſche nach Zer⸗ ſtreuungen, nach der ſicher leitenden Hand eines Freundes, und ſuche endlich in einer andern Lei⸗ denſchaft Gegengift, denn nur dieſem wird er ſeine ſpaͤte Geneſung verdanken„. Schon den zweyten Tag nach meiner Ankuuft auf dem Lande, war mir dieſer ſonſt ſo freundliche Auf⸗ enthalt unertraͤglich— Der erſte Eindruck jenes ſo demuͤthigenden Auftfitts war verraucht, und bald gab es Augenblicke, wo ich meine Aufrich⸗ tigkeit gegen deinen Vater ernſtlich bereute.— Ich ſuchte Zerſtreuung wand alles an, um mir ſelbſt zu entgehen, und vermogte es nicht! Eine todtende Langeweile bemaͤchtigte ſich meiner, Aſſen's Blld ſtand reizender als je vor meinen Augen; wachend und traͤumend ſah ich nur ihn; alles gab dieſer verderblichen Leidenſchaft neue Nahrung, und das Reſultat eines achttaͤgigen Allelnſeys war Haß gegen den Mann, der mich mit ſo edler Schonung behandelt hatte. Ein Umſtand, Trotz meines Leichtſinnes, be⸗ unruhigte mlch dennoch ſehr.— Schon ſeit mehrern Wochen fuͤhlte ich mich in andern Um⸗ ſtaͤnden; aber die Furcht, deln beſorgter Vater 63 moͤgte daraus einen Grund ſchoͤpfen, um mich von manchen Vergnuͤgungen abzuhalten, hatte mich verleitet, ihm meinen Zuſtand zu verheim⸗ lichen. Nach dem, was vorgefallen war, ſah ich nun das Mißliche einer ſolchen Entdeckung wohl ein; aber ſtatt mich uͤber dieſe unzeitliche Bedenklichkeit hinaus zu ſetzen und deinem bie⸗ dern Vater den albernen Grund meines Still⸗ Fchweigens mit Freymuͤthigkeit zu geſtehen, und ſo jeder Veranlaſſung zu Mißtrauen zuvorzu⸗ kommen, beharrte ich in melnem unbeſonnenen Schweigen, und zerriß muthwillig das lezte Band, das mlich noch an melnem Mann haͤtte feſt halten konnen. Nnn naͤhere ich mich der ſchrecklichen Kata⸗ ſtrophe, die mein hartes, nur zu verdientes Schickſal unwiderruflich beſtimmte. Meine Tan⸗ te hatte mir geſchrieben, daß meines Mannes Feinde taͤglich mehr die Oberhand gewonnen, und einige ſogar, die Maͤchtigſten, ohne Scheu die freundliche Maſte bereits abgelegt haͤtten.— Dieſe bedenkliche Nachricht machte keinen beſon⸗ dern Eindruck auf mich; ich war ſogar thoricht genug, eine Veraͤnderung zu wuͤnſchen, in der Hoffnung, daß auch meine Lage ſich alsdann veraͤndern wuͤrde.— Bald darauf meldete ſie mir:— Ihr Mann haͤtte ſeinen Abſchied be⸗ kommen, nachdem man ſeine Kaſſe unvermuthet viſitirt und ein DPeficit darin gefunden haͤtte; ein gleiches waͤre geſchehen mit mehrern bekann⸗ 64 ten Anhaͤngern deines Vaters; ſie waͤren nun gendͤthigt, ſchleunig alles zu verkaufen, um nur ihren dringendſten Glaͤubigern zu entgehen ꝛc. ꝛc. ⁊c. Auch das wuͤrkte nicht auf mich; ich haßte das Weib, das ihren Ehrgeiz meiner Liebe aufge⸗ opfert hatte. Eines Abends ſaß ich ſchon halb entkleidet in meinem Schlafzimmer, der Mond ſchien hell durch's offene Fenſter, ich hatte meine Kammer⸗ jungfer fortgeſchickt, um mich ungeſtoͤrt meinen ſchwermuͤthigen Traͤumereyen zu uͤberlaſſen.„ da ging die Thuͤr plotzlich auf, und Aſſen ſtuͤrz⸗ te zu meinen Fußen.— O Marie! rief er, ungluͤckliches Weib des edelſten Mannes! Ver⸗ zeihung, wenn ich ihre Einſamkeit ſtohre; aber noch einmal mußte ich ſie ſehen„ ich mußte mich rechtfertigen, bevor ich auf immer dies ab⸗ ſcheuliche Land verlaſſe, wo vierzig Jahre treuer Dienſte mit holliſchem Undank vergolten wer⸗ den Marie! ihr Mann iſt entlaſſen, oͤffent⸗ lich beſchimpft..— ſeine Felnde, meine naͤch⸗ ſten Verwandten, haben den Edeln geſtuͤrzt, um einen, kaum der Schule entlaufnen, Buben an ſeine Stelle zu bringen— ich habe keinen Antheil an dieſer Niedertraͤchtigkeit! und jezt er raffte ſich auf, und breltete beyde Arme aus: Lebe ewig wohl, meine Marle!„ Ich ſank ſprachlos an ſein Herz— Ein Licht⸗ ſtrahl erleuchtete plotzlich das Zimmer; ich ſchlug dle Augen auf. Mein Mann und Hayn ſtan⸗ —.——— * 65 den hinter uns, und mit einem lauten Schrey des Schreckens ſank ich zu Boden. Als ich wleder zu mir kam, lag ich in mei⸗ nem Bette, alles war ſtill um mich her, ich machte eine Bewegung; da trat Herr von Hayn herein, finſter, blaß, entſtellt. Ich blickte mit ſtarren trocknen Augen ihm entgegen.— Un⸗ gluckliches Welb! ſagte er, was haben ſie ge⸗ than? Auch den lezten Troſt ihres verfolgten, verkannten Gatten, Staͤrkung am Buſen eines treuen Weibes fuͤr unverdlente Leiden haben ſie ihm benommen!.. Sie haben ſich geſchla⸗ gen, Herr von Aſſen iſt verwundet, eine Stun⸗ de von hier erwartet mlch ihr unglucklicher Gat⸗ te.— Ich wollte ſprechen.— Neln, un⸗ terbrechen ſie mich nicht! Machen ſie ſich rei⸗ ſefertig, ſie muͤſſen heute noch von hier fort, um an den Ort ihrer Beſtimmung gebracht zu wer⸗ den.— Er ging, ich ſprang in wilder Ver⸗ zweiflung aus dem Bette ihm nach, erklaͤrte ihm den Vorfall, ſo welt meine beynahe vollige Be⸗ ſinnungsloſigkeit es mir geſtattete, und entdeckte ihm am Ende melnen Zuſtand.— Er ſah mich lange und unentſchluͤſſig an; endlich indem er beyde Haͤnde zuſammen ſchlug:— Armer Freund! das fehlte noch! Leben ſie wohl! was ich vermag, werde ich leiſten„ riß ſich los, und eilte fort. Madam Freind mußte hler einige Augenblicke ausruhen, und Emille wagte es nicht, ihr ſtil⸗ Lud. Lehrjahre 3. Th. 66 les Nachdenken mit Worten zu unterbrechen, nur durch Llebkoſungen ſuchte ſie ihr ihre innige Thellnahme zn beweiſen.— Endlich hub ſie wieder an:— Ich wurde zu meinem alten Vater gebracht, wo ich meine Tante antraf; ihr Mann hatte ſich nicht anders als durch eine ſchnelle Flucht vor dem Gefaͤngniß zu retten gewußt— er war nach Holland zu einem reichen Bruders Sohn gereiſt, wohln ſie ihm nachkommen ſollte, in Foll er eine gute Aufnahme, und Verſorgung faͤnde. Jezt fiel mir die Binde von den Augen, und meine Verblendung hoͤrte gerade in dem nemlichen Augenblick auf, wo es nicht mehr in meiner Gewalt ſtand, mein Schickſal zu aͤndern. Jeder Blick in die Vergangenhelt erregte in mir Abſcheu und Reue; den täglichen Umgang mel⸗ ner Taute ſah ich als eine gerechte Strafe an, und ihre Launen ertrug ich mit der Ergebenheit einer Buͤßenden. Mein guter alter Vater bey ſeiner volligen Unkunde von der Welt und den Menſchen konnte mir keinen andern Troſt geben, als den, welchen die Religion jedem Leldenden darbietet; ein kluger, erfahrner Weltmann, der alle Probabilitaͤten einer gunſtigen Wendung mei⸗ nes Schickſals mit mir durchgegangen waͤre, wuͤrde mir anfangs weit willkommner geweſen ſeyn; daß mir aber dies leidige Palliatib⸗ Mittel nicht wurde, erkenne ich heute noch als eine be⸗ ſondere Fugung der gultigen Porſehung, die 67 mich, ſo zu ſagen, zwang, meine Blſcke zu den hoͤhern Reglonen zu wenden, um dort den einzi⸗ gen wahren Troſt der leidenden endlich zu ſuchen⸗ Nach und nach fand ich Geſchmack an den wel⸗ ſen Lehren meines Vaters, ſie brachten mich zum Nachdenken. Bald fuͤhlte ich mich geſtaͤrkt⸗ und endlich erhielt ich jene Geiſtes⸗Ruhe, die uns mit Reſignatlon tragen lehrt, indem wir mit jedem neuen Drangſal deſto ſchneller zu unſe⸗ rer Beſtimmung reifen. In dieſer Freud⸗und Sturmloſen Zeit genaß ich von dir, meine Emi⸗ lie; meine Tante war eben nach Holland abge⸗ reiſt. Sobald es meine Kraͤfte erlaubten, ſchrieb ich an den Herrn von Hayn, erhielt aber keine Antwort... du warſt meln einziger Troſt, fuͤr dich allein wuͤnſchte ich noch zu leben.— Mein Vater ſtarb, ich machte ſeine klelne Hinterlaſ⸗ ſenſchaft zu Gelde, und kam hierher, wo ich dies Haͤuschen kaufte„„ aber melne Leiden waren noch nicht zu Ende, der haͤrteſte Schlag ſollte mlch noch treffen! ich ſollte noch, theures Kind! von dir getrennt werden,, du wareſt damals zwey Jähre alt. Eines Nach⸗ mittags. du hatteſt lange mit eben dieſem Kleinod geſpielt, ich hatte es dir um den Hals gebunden, und endlich warſt du mir auf dem Schoos eingeſchlen„ da wurde ich zu einer Kranken am andern Ende des Doͤrfchens geru⸗ fen; ich legte dich in die Wiege unter der Auf⸗ ſicht einer Nachbarin und ging„„ich verweil⸗ E 2 68 te laͤnger als ich's im Sinne hatte. Die Kran⸗ ke, Mutter von ſechs noch unerwachſenen Kin⸗ dern, fand ich mit dem Tode ringend, und da blieb ich bey ihr, bis ſie vollendet hatie... Auf dem halben Wege kam mir die Frau, der ich dich anvertraut hatte, athemlos entge⸗ gen.. Lange konnte ich ihr unverſtaͤndliches Stohnen, und ihr Jammergeſchrey nicht verſte⸗ hen; ich verdoppelte meine Schritte, von ban⸗ gen Ahnungen ergriffen... Ach! der arme kleine Wurm! Die abſcheulichen Menſchen! war alles, was ich von der Frau heraus bringen konnte.— BAls ich aber in das Haus trat, und deine Wiege leer fand, ſank ich ehne Be⸗ ſinnung auf den nächſten Stuhl; doch eben ſo ſchnell fiel mir ein Brief, der auf dem Tiſche lag, in dle Augen— ich riß ihn auf— er⸗ kannte deines Vaters Hand, und nun floſſen meine Thränen; ich druͤckte das Blatt an den Mund, ſtarrte es lange mit voͤlliger Geiſtes⸗ Abgeſchiedenheit an; endlich vermogte ich zu le⸗ ſen.. Ach! dieſe wenigen Worte, die wie ein gluͤhender Dolch mein gebrochenes Herz durchbohrten, werde ich nie vergeſſen.— Nur die Moglichkeit, daß ich Vater zu ih⸗ rer Tochter ſeyn kann, macht es mir zur Pflicht, das arme Kind in keinen ſolchen Haͤnden zu laſſen.. Gott ber⸗ gebe ihnen, wie ich ihnen vergab!— dieſer Stunde an habe ich nichts mehr we⸗ . . 4.„ 69 der von deinem Vater, noch von Herrn von Hayn erfahren koͤnnen; meine Leiden, ſeit die⸗ ſer Stunde, wo mir mein Kind, mein einziger Troſt geraubt wurde, laſſen ſich nicht beſchrei⸗ ben; die Zeit, mehr aber noch die troſtreiche Lehre unſers gottlichen Glaubens hatte nach und nach dem nagenden Kummer das Herbe benom⸗ men, und ihn in ſtille Ergebenheit verwandelt nun aber fange ich an zu glauben, daß die ewige Gerechtigkeit verſohnt iſt, da ſie dich mir wieder gab!.. Aber, Emilie, wie kam es, daß dein Vater dich ſeinem Freunde uͤber⸗ ließ? iſt er auch todt? Iſt es wohl moͤglich, daß dieſer ſanfte Dulder elnen ſo tiefen Groll auf ſein leichtſinniges, aber dennoch Verbrechen⸗ freyes Weib ſo lange in ſeinem Herzen naͤhren konnte?— Emllie erzaͤhlte ihrer Mutter alles, was wir bereits wiſſen; beyde verlohren ſich in aͤngſtlichen dunkeln Muthmaßungen, und be⸗ ſchloſſen endlich, daß Emille noch einmal an den alten Kammerdlener des Grafen, von dem wir bereits im vorigen Bande Erwaͤhnung ge⸗ than, ſchreiben ſollte. Ludolph beſorgte den Brief, und nun harrten ſie alle drey mit Sehn⸗ ſucht der Antwort entgegen. Sie kam, und gab ihnen, wo nicht alles Licht, doch manche wichtige Erlaͤuterungen. Hier iſt ſie: Guaͤdiges Fraͤulein! „Verzeihen ſie mir meln unhöfllches Still⸗ „ſchweigen auf alle ihre Briefe; ein Sd band 9. „meine Zunge, ch durfte nlcht ſprechen; da ch „aber nun ſehe daß der Himmel ſelbſt dieſen „harten Eid nicht billigte, indem er ſie ſo wun⸗ i ihre Frau Mutter finden lleß, welche e⸗ nach dem Willen ihres Herrn Vaters, nie z.„auch nicht laͤnger mehr verpflichtet zu ſchwel— „gen; Gott wird mlr's vergeben, wenn ich „mich jrren ſollte! Nachdem ich ihre Frau „Mutter an den Ort ihrer Beſtimmung gebracht „hate, eilte ich meinem Herrn nach, der ſich „mlt ihrem Vater nach dem Zweykampf, uͤber „die Gruaͤnzen gemacht hatte. Wir fuhren Tag „und Nacht, und kamen endlich auf dem Land⸗ „gute des alten Herrn Grafen von Sternberg „glucklich an. Dort verwellten wir nur einige „Tage, denn mein Herr, der nun beynahe ein „ganzes Jahr an jenem Hofe, der ſich, wie „ſie, mein gnaͤdiges Fraͤulein, wohl ſchon wiſe „ſen werden, gegen ihren Herrn Vater ſo ſchlecht betagen hatte, in Geſchaͤften unſers Monar⸗ „chen zugehracht hatte⸗ ſehnte ſich nach ſeiner „jungen Gemahlin zutüc Unterwegs hielten „wir uns dennoch in*** auf, wo ihrem Herrn „Vater Dienſte nten wurden, welche er ſogleich annahm. Ich habe nach der Hand „melnen Hertn ſagen horen, daß ſein neuer Lan⸗ „desherr es dahin gebracht haͤtte, daß ihrem „Herrn Vater erlaubt wurde, ſein Haus und „Gut zu verkaufen— Anfangs war allein 7r „Sequeſter(wie man es nennt) gethan wor⸗ „den, und ſie ſollten nichts bekommen„ „Es vergingen ungefaͤhr vier Jahre, als mein „Herr auf einmal einen Brief aus*** er⸗ „hielt.— Der Erbprinz hatte eine Prinzeſſin „aus*** geheyrathet; durch dieſe hatten ih⸗ „res Herrn Vaters Feinde von dort aus ge⸗ „wuͤrkt, und ſie waren abermals mit dem hoͤch⸗ „ſten Undank belohnt worden So ganz „genau kann ich ihnen, mein gnaͤdiges Fraͤu⸗ „lein, den Vorfall nicht erzaͤhlen, unſer einer „erfaͤhrt dergleichen Dinge nicht— Gewiß iſt „es indeſſen, daß es diesmal noch weit toller „herging. Ihr Herr Vater, der durch ſo viele „Ungluͤcksfaͤlle heftig geworden war, hatte ei⸗ „nen ſehr ſtarken Wortwechſel mit dem Fuͤrſten „gehabt, und mußte gleich darauf die Flucht er⸗ „greifen— man ſprach ſo gar von einer le⸗ „benslaͤnglichen Gefangenſchaft; aber zum Gluͤck „wurde man ſelner nicht mehr habhaft. Ein „vertrauter Diener, den ſie zuruͤckgelaſſen hat⸗ „ten, gab heimlich melnem Herrn, damals „ſchon Grafen von Sternberg, einen Brief— „vermuthlich hatten ihr Herr Vater in der er⸗ „ſten Beſtuͤrzung vergeſſen, den Ort ihres kuͤnf⸗ „tigen Aufenthalts anzugeben.— Mein Herr „wurde ſehr unruhig uͤber dieſe Vergeſſenheit.. „ſie empfahlen ihm beſonders ſeine Tochter, „beſchworen ihn im Namen ihrer Freundſchaft, „ das Kind der Mutter weg zu nehmen, und 72 „es, da er ohnehin keine Kinden hatte, der „Sorgfalt unſerer gnaͤdigen Frau Graͤfin anzu⸗ „vertrauen„ Es lag dabey ein Brief an „ihre Frau Mutter, den wir,— das Gott er⸗ „barm! als wir das Kind ſtahlen, ja ge⸗ „ſtohlen haben wir Sie, mein gnaͤdiges Fraͤu⸗ „leln!— auf den Tiſch legten. Ihre Frau „Mutter wird wohl zu ſeiner Zelt dieſen Brief „erhalten haben... Bey der Gelegenheit muß⸗ „te ich meinen Herrn eidlich verſichern, daß ich „in melnem ganzen Leben weder gegen ſie, noch „gegen ſonſt jemand von dieſer Geſchichte Er⸗ „wähnung thun wolle; denn ſie ſollten durchaus „nie ihre Frau Mutter kennen lernen.“ „Noch muß ich zum Schluß bemerken, daß „mein Herr ſich alle nur erſinnliche Muͤhe ga⸗ „ben, um den Aufenthalt ihres ungluͤcklichen „Freundes zu erfahren; mich ſandten ſie mehr⸗ „mals aus, und ich kann wohl ſagen, daß „ich in dieſem Geſchaͤft einen guten Thell von „Deutſchland durchgereiſt bin— aber alles war „vergebens— ſind der gute Herr geſtorben, „ſo ſey der liebe Gott ſeiner Seele gnaͤdig, es „muß ihm gewiß in der andern Welt beſſer als „in dieſer gehen ꝛc. ꝛc.“ Der Feind hatte elne Bewegung gemacht, man hatte ſo gar ſchon mehrere Patrouillen am Elngang des nahen Waldes erblickt; aber Lu⸗ dolph lachte uͤber die Aengſtlichkeit der beyden Frauenzimmer, und durch ſein zuverſichtliches ——— 73 Benehmen war es ihm wuͤrklich gegluͤckt, ſie zu beruhigen;— aber in einer Nacht erwachte Emilie unter dem Donner der Kanonen„. der Feind hatte einen forelrten Marſch gemacht, das Lager uͤberfallen, das Dorf in Brand ge⸗ ſteckt, und in kurzem waren in dieſer ſonſt ſo — bbluͤhenden Gegend alle Greuel⸗Scenen des blu⸗ tigſten Kriegs ausgeuͤbt worden. Dri6 5 Das Klo ſter. Wenn ich den Gluͤcklichſten und zugleich den Ungluͤcklich⸗ ſten aller Menſchen zu ſuchen haͤtte, ſo wuͤrde ich gewiß beyde in einem Kloſter finden. Abt Mablet. Ein Zwiſchenraum von zehn Meilen, und das feindliche Heer treunte nun Ludolph von dem Doͤrfchen ſelner Emilie; ſein Herz blutete bey dem Gedanken an die Gefahr, der ſie und ihre Mutter, mitten unter dieſen zuͤgelloſen Kriegs⸗ volkern ausgeſezt war; bald konnte er das Bild ihres Jammers, welches ihm beſtaͤndig vor Au⸗ gen ſchwebte, nicht mehr ertragen; er legte Bauernkleider an, ſchlich ſich des Nachts aus dem Lager, und erreichte endlich nach tauſend * — ———— 24 uberſtaudenen Gefahren den Ort, wo ſeine ban⸗ ge Sehnſucht ihn gewaltſam hintrieb. Aber wie laͤßt ſich ſeine Verzwelflung beſchreiben, als er, ſtatt des niedlichen Doͤrſchens, nichts mehr als eine wilde Elnoͤde, als einen Schutthaufen fand! Sprachlos ſchlug er ſeine ſtarren Blicke in die Wolken, und wankte durch Ruinen bis auf die Staͤtte, wo vor wenig Wochen noch die Wohnung ſeiner Freundin ſtand. Bey jedem Schritt uͤberlief ihn ein kalter Schander; Links und Rechts lagen noch halb verſcharrte Leichen.. O Gott! er konnte ja die Lelche ſeiner Emille erblicken!. Dieſer ſchreckliche Gedanke, der mit jedem Augenblick lebendiger in ihm wurde, erſchöpfte nun vollig ſeine noch uͤbrigen Kraͤfte, er ſank auf einen Schutthaufen, dle Haͤnde rin⸗ gend, in wllder Verzweiflung hin. Die Nacht uberraſchte ihn in dieſer Stellung, immer finſte⸗ rer wurden ſeine Gedanken, immer gewiſſer die Ahnungen ſeiner beaͤngſtigten Seele— ſeine Fantaſie ſchuf ſich Phantome; bald waͤhnte er den Schatten ſeine Emilie, uͤber den nahen Rui⸗ nen ſchwebend, zu erblicken; er ſank in die Knie, und rief laut khren Namen aus Jezt vernahm er deutlich einen Seufzer hinter ſich. Todesſchweiß brach auf ſelner Stirne aus; ſeln verwildertes Auge ſah ſich nach allen Seiten um, ſein Haar ſtraͤubte ſich empor, er wankte nach dem Winkel hin, wo der Seufzer herge⸗ kommen zu ſeyn ſchien, und jezt erblickte er beym matten Licht des Mondes, der durch zer⸗ riſſene Wolken flog, ein Maͤdchen halb nackend, das die erſtarrte Leiche eines Greiſes umſchlun⸗ gen hielt.— Das kurze krampfhafte Athmen verrieth ihre nahe Auflbſung. Ludolph wagte noch einen Schritt naͤher, es war Emilie nicht „ Er umfaßt die Ungluckliche, will ſie aufrichten, vergebens! Ihre Arme lagen be⸗ reits erſtarrt um die Leiche gewunden; kaum vernahm er noch folgende Worte, die ſie muͤh⸗ ſam hervorſtdhnte: Laßt mich mein Karl todt„ mein Vater todt., ich, muß„ ſterben!.. noch eine leiſe Zukunft, und ſie hatte ausgelitten.— Ludolph ſank neben der Leiche nieder— Gerechter Gott! rief er, ſo wird Emllie in den Armen ihrer Mutter geſtor⸗ ben ſeyn; ſie wird mich vergebens um Huͤlfe⸗ um Rettung geruſen haben!„ Bey den erſten Strahlen der Morgenrothe durchſuchte er noch einmal die Brandſtätte von Emiliens Wohnung, indem er ſie laut bey ihrem Nameu rief— Vergebens!„ Kein lebendi⸗ ges Weſen war weder in dieſen Ruinen, noch ringsum zu erblicken.— Nachdem er noch ei⸗ nen langen troſtloſen Blick auf dieſen Schauplatz der Verwuͤſtung geworfen hatte, entfernte er ſich mit ſchnellen Schritten; noch ein Funke von Hoffnung war eben in ſelner Seele aufgeglimmt; er durchlief die ganze Gegend, fragte jeden Vor⸗ öbergehenden, drang in alle Häuſer, aber nie⸗ 76 mand konnte ihm uͤber beyde Frauenzimmer auch nur die geringſte Auskunft geben. Nun zweifelte der arme Ludolph an dem ge⸗ waltſamen Tode ſeiner Emilie nicht mehr und richtete nun ſeine Schritte mechaniſch nach jener Gegend hin, wo er ſein gluͤckliches Knabenalter zugebracht hatte. Indem Ludolph uͤber den Kriegsſchauplatz nach ſeiner Heymath hinweg eilt, wollen wir hier einige nothwendige Erlaͤuterungen nachhoh⸗ len.— Ludolph, deſſen Begriffe von den Menſchen, und ihren Vechaͤltniſſen nach und nach berichtigt wurden, hatte auch die thorichte Mey⸗ nung einer moͤglichen Gleichheit allmaͤhlich aufge⸗ geben; er hatte endlich eingeſehen, wie viel das ſogenannte Vorurthell der Geburt, der unphilo⸗ ſophiſche Vorzug des Reichthums zur reellen Gluͤckſeligkeit wuͤrklich beytraͤgt, und pochte nicht mehr ſo laut auf ſeine Armuth und niedrige Ab⸗ kunft. Schon bey ſeinem Eintritt in das Haus des Grafen von Sternberg vermied er von ſei⸗ nen juͤngern Jahren zu ſprechen, und wenn er ſeln Steckenpferd ritt, das heißt, zu deklami⸗ ren anfing, ſo geſchah es immer im Allgemei⸗ nen.— Der beſcheidene weltkluge Graf hatte ihn einigemal auf ſeine Ingend zuruͤckgefuͤhrt, er ſah aber gleich ſeine Verlegenheit, und fragte ihn nicht mehr. Selbſt Emilie wußte weiter nichts von ihm, als daß er im Mittelſtande von wenig beguterten Aeltern gebohren war— ſei⸗ S nen Geburtsort nannte er nie.— Dieſe ge⸗ heimnißvolle Dunkelheit, in der er ſich verhuͤllte, hatte etwas Romanhaftes, das ihm bald ſelbſt gefiel. So ſehr er auch Emillens Mutter ſchaͤz⸗ te, machte er dieſe Dame auch nicht zu ſeiner beſondern Vertrauten, und dieſe war zu beſchei⸗ den, um mehr zu fragen, als ſie merkte, daß man ihr gern wollte wiſſen laſſen. Indeſſen hatte dieſe Art von Zuruͤckhaltung auch ſie ſchuͤch⸗ tern gemacht, und ſo erzaͤhlte ſie ihm ſelbſt in Emlliens Gegenwart nur ſo viel von ihrem Le⸗ benslauf, als er vor der Hand zu wriſſen ud⸗ chig hatte. Ihre Tochter hatte ſie, wie wlr wiſſen, gebeten, es fuͤr jezt dabey bewenden zu laſſen, und da der von Natur aus wenig neu⸗ gierige Ludolph ſie nicht weiter befragte, ſo fiel ihr das Stillſchweigen auch nicht ſchwer. Den Brief des alten Kammerdieners, der nothwedig zu naͤhern Erlaͤuterungen Anlaß ge⸗ geben haͤte, hatte Ludolph aus dem Lager ge⸗ ſchickt, weil er, wegen uͤberhaͤufter Geſchaͤſte, nicht ſelbſt kommen konnte; und dies geſchah ge⸗ rade am Abend vor jener ſchrecklichen Nacht; haͤtten alle drey je erwarten konnen, daß ſie auf eine ſo ſchreckliche Art koͤnnten getrennt werden, ſo wuͤrden ſie auch in jedem Fall einen Zuſam⸗ menkunftsort ausgemacht haben.„ aber auch dies war leider unterblieben. Eben mit dieſem Gedanken beſchaͤftigte ſich Lu⸗ dolph, als er durch's Rieſengebirge wanderte.— Ich hätte Aſſen genannt, dachte er, und ſo bliebe mir doch noch ein ſchwacher Schimmer von Hoffnung, ſie dort anzutreffen, uͤbrig.— Die Sonne brannte ſenkrecht, nur duͤrftige Schat⸗ ten⸗Striche bedeckten hie und da das enge Thal, durch welches er ſchlaͤnderte— die Luft war druͤckend und um die Bergſpitzen verſammelten ſich Gewitterwolken.— Plotzlich bey einer Wendung der Straße erblickte unſer muͤder Wan⸗ derer ein einſames Kloſter auf der Hohe— ei⸗ nige Huͤtten und eine Muͤhle lag am Fuße des Felſen; in elniger Entfernung rauſchte der Muͤhl⸗ bach aus einem tiefen beſchatteten Bergriß in's Thal hinab. Eine ſchauerliche Stille herſchte ringsumher, nur einige halbnackte Kinder ſpiel⸗ ten am Abhange, uͤber ihnen hingen ihre Zlegen am Berge. Dies Thaͤlchen ſchlen eine Inſel zu ſeyn, von der ubrigen Welt ungekannt, und unbeſucht. Jezt erhob ſich ein warmer, Gewit⸗ ter verkuͤndender Wind, der uͤber das Schilf ei⸗ nes kleinen Teichs, an deſſen grunem Uufer ſich Ludolph gelagert hatte, mit leiſem Gefluͤſter ſtrich.. Allmaͤhlich verſank er in wehmuͤthi⸗ ge Traͤumereyen.— Ich bin hier alleln, dach⸗ te er, am Buſen der Natur, unter den Augen des Ewigen, von den uͤbrigen Menſchen ge⸗ trennt.— Dieſer Gedanke goß Balſam in dle prennende Wunde ſeines Herzens, ſein Blut floß ruhlger, er athmete leichter.. Jezt wieder⸗ hohlte auf einmal ein nahes Echo erſt leiſe, dann . —— de 2 ſtaͤrker, die einfachen Toͤne der Hoͤrner der Hir⸗ ten, die uͤber die Gipfel der Bergkette zogen; er blickte auf, ſah die Heerden uͤber den kahlen Ab⸗ hang ſeltwaͤrts herabſtrdmen, und ein wehmuͤ⸗ thiges Laͤcheln bildete ſich um ſeinen Mund. Dieſe laͤndliche Scene hatte ihn auf elnmal nach Aſſen verſezt,— O mein Gott! rief er, mit inniger Ruͤhrung die Haͤnde faltend, ich bewun⸗ dre und ſegne delne weiſe Vorſehung! Die Freu⸗ den des Lebens bleiben immer tief unter unſerer Erwartung, um uns Maͤßigung und Genuͤg⸗ ſamkekt zu lehren; aber wie viel Muth, wie viel Kraft verleihſt du nicht dem Leidenden! Wie⸗ viele ihm ſo ganz unbekannte, unerwartete Troſt— gruͤnde laͤſſeſt du ihn nicht finden zur Linderung ſeines Schmerzes! Wie gelaſſen vermag er nicht oft, durch deine Huͤlfe, Widerwaͤrtigkeiten zu er⸗ tragen, deren ferne leiſe Ahnung ſchon einſt Schauder in ihm erregte! Und er ſtand auf, erſtieg den ſteilen Fußpfad, der nach dem Kloſter fuͤhrte, und trat in die offne Kirche— es war in der Veſperſtunde.— Der hohe Dohm hallte von einem gedehnten Gebruͤll aus“ feiſten Gurgeln wieder und die widrigen Ton“ einer ſchnarrenden Orgel, die bald den Geſang begleitete, bald uͤberſtimmte, vollendete dieſe, die Menſchheit herabwuͤrdigende, Andachts⸗Sce⸗ ne.— Welcher Kontraſt mit Ludolphs ſtiklem Gebete am Teiche! Er eilte ſich von dem eckel⸗ haften Anblick der geſchornen geiſtlichen Tag⸗ 80 lohner zu befreyen, durchlief den dunkeln Kreuz⸗ gang und erreichte endlich den Garten; er hat⸗ te aber kaum einige Schritte darinnen gemacht, als er ein verwirrtes Gemurmel hinter ſich ver⸗ nahm. Dle Moͤnche ſtroͤmten durch die offne Thuͤr, und zertheilten ſich Truppenweis in dem Garten; da betrat er einen bedeckten Reben⸗ gang in der Abſicht, ſich eben ſo unbemerkt zu entfernen, als er hereingekommen war.— Die Luſt war ihm nun vergangen, auch nur eine Nacht hier zu verweilen, ſondern er woll⸗ te noch vor Ausbruch des drohenden Gewitters die Muͤhle zu erreichen ſuchen.— So ganz in Gedanken vertieft, hatte er nicht bemerkt, daß ein Moͤnch ſchon zweymal mit raſchen Schritten an ihm voruͤber gegangen war, und ihn ſcharf ins Auge gefaßt hatte; jezt war er bis an das Ende des Ganges gekommen, und blickte in die Hoͤhe, um ſich nach einer Thuͤr umzuſehen— da ſtand der Moͤnch mit ausgebrelteten Armen, und rief:— Ludolph, biſt Du's, oder iſi's dein Schatten? Ludolph ſtarrte die hagere lange Geſtalt an.— Ar⸗ mer Freund! hub der Moͤnch von neuem an, du traͤgſt auf Wieſer krauſen Stirne den reden⸗ den Beweis, daß ich dir leider wahr prophe⸗ zeihte, als du den kuͤhnen Flug durch die Welt unternahmſt; auf dieſen bleichen eingefallenen Wangen, in allen dieſen Zuͤgen erblickte ich nur zu deutlich das Gepraͤge deiner betrogenen 81 Seele!— Wer biſt du? ſtammelte Lu⸗ dolph, und trat näher.— Denke an Mag⸗ deburg, rief der Moͤnch, indem er ihn raſch an die Bruſt druͤckte, an Summer!— Sum⸗ mer! du!— Ich!— In dieſen Kleidern? — Ach! dleſe machen noch lange nicht den Moͤnch aus ich bin immer noch Summer! — Ludolph konnte ſich von ſeinem Erſtaunen nicht erhohlen.— Doch ſiill! lispelte jezt Summer, indem er mit elnem komiſchen Ernſt den Finger auf den Mund legte, und ihn mit ſich ſelbſt fortriß, hier iſt nicht gut laut wer⸗ pen Beym Elntritt in Summer's Klauſe konnte ſich Ludolph eines wehmuͤthigen Laͤchelns nicht enthalten„ Der Todtenkopf, des Kruzifix, die Heiligenbilder, alles kontraſtirte ſo auf⸗ fallend mit der ihm ſo wohlbekannten Den⸗ kungsart ſeines Freundes!— Ich verſiehe dich, ſagte Summer; unter allen launigen Streichen des Schickſals iſt der ſonderbarſte von allen ge⸗ wiß der, daß es mich in dleſe Kutte gezwun⸗ gen hat, aber dieß iſt eben meln Troſt; denn, und das wirſt du mir zugeben, denen, mit welchen große Herrn ſich einen gnaͤdigen Spaß erlauben, ſind ſie zuverlaͤßig gewogen; dieſe beſondere Aufmerkſamkeit des Schickſals buͤrgt mir daher, daß ich gewiß noch zu etwas ganz Beſonderem aufgehoben bin„ aber gedulde dich einen Augenblick; ich muß deine Ankunft Lud. Lehrjahre 3. Th. F5 ₰ 82 unſerm Prior melden; einer halben Stunde koͤnnte es zu ſpaͤt ſeyn, denn der heilige Mann pflegt zuweilen des Abends in dem Weinberg des Herrn ſo tief zu verſinken, daß er ſich als⸗ dann mit keinen irdiſchen Angelegenheiten mehr befaſſen kann.— Er ging, kam bald mit Speiſe und Trank reichlich verſehen zuruͤck, ſchloß ab, tiſchte auf, und nachdem ſie ſich beyde geſtaͤrkt hatten, hub er an:— Ich mag dich nicht nach deiner Geſchichte fragen; wer ſo, wie du, die Rolle, die er in der Welt ſplelen will, zum voraus ausgelernt hat, durf⸗ te ſich auf nichts beſſeres gefaßt machen, und das von Rechtswegen! aber hoͤre nur, wie es mir ging!— Biſt bey all deiner Weisheir auch betrogen worden! unterbrach Ludolph.— Durch mich ſelbſt; da iſt doch noch ein Troſt dabey! und er leerte ſein Glas aus.— Die Liebe, mein Freund! hub er von neuem mit einem komiſchen Seufzer an, die Liebe hat mich in dieſen geiſtlichen Popanz verwandelt„ Wirſt dich doch noch jener nledlichen ſchmach⸗ tenden Wittwe erinnern, die vor ungefaͤhr ſie⸗ ben Jahren das ſuͤße Joch der Ehe ſo herzlich gern uber deine ruͤſtigen Schultern geworfen haͤrte— Madam Waldner!— Ich werde ſters mit dankbarem Herzen an das gute Weib denken!— Haſt's auch Urſache; denn wenn du nicht mehr als den einzigen Wechſel in Pa⸗ is ausgezahlt bekamſt, ſo iſt es deine Schuld; . X 83 du ſchriebſt nicht, und man wußte dich nicht mehr auszufinden.— Wie! rief Ludolph, al⸗ ſo von ihr, und nicht. er ſtockte— Von wem ſonſt? ich durfte es dir nicht einmal mel⸗ den, denn ſie wollte durchaus unbekannt blel⸗ ben.— Dieſe Entdeckung erregte in Ludolph eine ſehr unangenehme Emzfindung; er haͤtte ſo gern Fraͤnleln von Aſſen dieſe Gabe der Liebe verdankt! Er ſchwieg, und Summer er⸗ zaͤhlte weiter.— Sie wußte, daß ich dein Freund war, und das Beduͤrfniß mit jemanden von dir zu ſprechen verſchaffte mir das unver⸗ hoffte Gluͤck ihrer naͤhern Bekanntſchaft. Du keunſt meine Begriffe von der Liebe! Bey mir hatte die Seele mit dleſem oft ſehr laͤſtigen ſinnlichen Beduͤrfniß noch nle etwas zu ſchaf⸗ fen gehabt; mich amuͤſirte daher die kleine ſchmachtende Wütwe koͤniglich; wenn ſie zuwei⸗ len mit hochfllegendem Buſea und gluͤhenden Wangen von ihrem kranken Herzen ſprach, ſo verband ich immer unwillkuͤhrlich damit die Be⸗ deutung, welche ein gewiſſer witziger franzoͤſi⸗ ſcher Dichter ihm gegeben hat, und ich konn⸗ te mich nur mit Muͤhe des Lachens enthalten. Aber das niedliche Weibchen war ſo verfuͤhre⸗ riſch, wenn es von ſeinem Herzen, ſeiner Lie⸗ be, und der ſchoͤnen Zukunft in deinem Armen ſprach, daß ich bey dergleichen Auftritten im⸗ mer ernſter wurde; und ich merkte nicht eher, daß eine ſolche Krankheit anſteckend ſey, als bis ich ſelbſt bis uͤber die Ohren verliebt war. Du kannſt dir vorſtellen, Freund, daß ich mir eben kelne große Gewiſſens⸗Sache daraus machte, nicht bloßer Zuſchauer, nein, ſelbſt handelude Perſon in dieſem komiſch⸗ernſten Drama zu werden; denn ob ich aleich auf die Erfuͤllung der Pflichten der Freundſchaft ſtreng halte, ſo ſehe ich nicht ein, was es fuͤr dich herumirren⸗ den Ritter fuͤr ein großer Schaden geweſen waͤ⸗ re, wenn mir das Weibchen per iee ein paar ſuͤße Stunden geſchentt haͤtte! Das war mir ja wohl zu gdnnen! ich ſchlich mich alſo behutſam und leiſe immer naͤher her⸗ bey, wie die Katze nach der Maus; aber die Schlaue merkte bald meine Abſicht, ging aus dem Schmachtenden ius hohe Tragiſche uͤber, und als ich ihr eines Abends einen Kuß rau⸗ ben wollte, da brannte, eh' ich mirs verſah, elne der kraͤftigſten Maulſchellen mir auf dem Backenknochen. Was war da anzufangen? Dle geſprengte Mine liegen laſſen, und eine neue zu eroͤffnen— Ich ſandte dich in die andere Welt, ſchrieb mir ſelbſt Briefe, die dein fruͤhes Ende gar ruͤhrend und erbaulich ſchllder⸗ ten, und weinte nun mit ihr um die Wette „„ Als ich aber einſt dieſe Ruͤhrung benu⸗ tzen wollte, wurde ich gar unſanft zur Thuͤr hinaus gewleſen, und durfte mich in den eſten vier Wochen nicht mehr ſehen laſſen. Ich lenkte alſo eln, fing den Roman von vorne 85 wieder an, ſprach viel von Sympathle, Freund⸗ ſchaft, und ſo weiter, und wuͤrklich bemerkte ich auch bald, daß, je mehr ich von meiner ehemaligen wllden Leldenſchaft fuͤr ſie zuruck ge⸗ kommen zu ſeyn ſchien, ſie ſich deſto freyer und ungezwungner gegen mich benahm.. An⸗ fangs ſprach ſie noch vlel von dir, von deinen herrlichen Eigenſchaften, und dem frohen, hei⸗ tern Leben, welches ſie an deiner Seite genoſ⸗ ſen haͤtte. Ich ſtimmte in allem mit ihr ein. Einſt, als wir das Kapitel deiner Vortrefflich⸗ kelten bis zum Eckel erſchopft hatten, ſagte ich ihr, daß etne ganz beſondere Aehnlichkeit in den Meynungen und Anſichten den Grund un⸗ ſerer Freundſchaft geleg: haͤtte— Ihr Laͤcheln machte mich dreiſter, und da ſezte ich hinzu: — Mogte doch meln guͤnſtlges Geſchick dieſe Aehnlichkeit in ihren Augen ſo auffallend ma⸗ chen, daß die wuͤnſchenswertheſte Hinterlaſſen⸗ ſchaft meines Freundes, ihr Herz, theures Weib, mir endlich zu Theil wuͤrde!— Sie wurde ernſt, ihr Blick ſenkte ſich zur Er⸗ de, und nach einem kurzen Aabihe ſagte ſie mit einem beſondern Nachdruck: Und wenn ich auch zugeben koͤnnte, daß aie Mehn⸗ lichkeit zwiſchen ihnen beyden geherrſcht haͤtte, ſo kann ich ſie doch verſichern, daß Ludolph zu vlel edlen Stolz und Delikateſſe beſaß, um je Llebe erzwingen zu wollen.— Ich ſank zu ihren Fuͤßen; das Weib hatte mich bezaubert; 6 ſie ſtand auf, entwand ſich meiner Umarmung, und indem ſie in's Nebenzimmer ſchluͤpfte, rief ſie mir nach:— Auch in dieſer Rolle ſind ſie laͤcherlich!— Weg war ſie.— So ging es ein ganzes Jahr ununterbrochen fort.— Ge⸗ wiß, das Weib hatte mich behext!— Ich ließ mir alles gefallen, und wurde am Ende ſo ſchuͤchtern und wehmuͤthig, daß man mich, wie man zu ſagen pflegt, um den Finger haͤtte wi⸗ ckeln koͤnnen.— Wenn ich glaubte genug vor⸗ geruͤckt zu ſeyn, um einen Hauptſturm wa⸗ gen zu koͤnnen, ſo wurde ich ein jedesmal mit Schimpf und Schande in die Flucht geſchlagen; und ich war froh, wenn ich am Ende noch mit allen nur möglichen Aufopferungen den lieben Frieden erhalten konnte.— Der kleine Gott der Siegwarte hatte die bitterſte Rache an ſel⸗ nem Verlaͤumder genommen, und ob ich mich gleich nie mit einem beſondern En- bon- point bruͤſten konnte, ſo ſah ich doch bald, wie der leibhafte Ritter della Mancha aus kurz, ich verging! Du mußt reiſen, dachte ich bey mir ſelbſt, nach einer abermals ſchlaflos zuge⸗ brachten Nacht; aber wie? ohne Geld!.„ Ich hatte gehbrt, daß in einem benachbarten Staͤdt⸗ chen elne Bande ſogenannter Schauſpieler ihr Unweſen trieb— ich ſchnuͤrte mein Buͤndel, und machte mich auf den Weg.— Haſt du Scarron's komiſchen Roman geleſen? Das iſt nichts! Ich werde naͤchſtens meine theatraliſche ₰7 Laufbahn herausgeben, alſo umſtaͤndlich davon ein andermal. Ich hatte abwechſelnd die Rol⸗ len der Helden, und des Souffleurs uͤbernom⸗ men, weil dieſer in Luſtſptelen die petits mat⸗ tres ſpielte. Pls Tankred erndtete ich eines Tages einen ſo gewaltigen Beyfall, daß die re⸗ gierende Frau Buͤrgermeiſterinn, eine kugelrunde friſche Bruͤnette, und nebenbey große Verehrerin der Kunſt, mich einer beſondern Aufmerkſamkeit wuͤrdigte, worauf bald ein Rendez- vous in der Geſpenſterſtunde erfolgte. Ihr Herr Ge⸗ mahl„eine wilde vierſchroͤtige Beſtie, war ge⸗ rade an dleſem Tage auf einen Jahrmarkt in der Rachbarſchaft gereiſt, denn er machte noch nebenbey den Roßkamm und den Wirth; erſt den andern Abend ſolite er zuruͤck kommen.. aber, liebſter Freund! denke dir die Seelenangſt des armen Tankreds, als er die donnernde Stimme des furchtbaren Buͤrgermeiſters gerade in dem Angenblick vernahm, als er ſich ſo gang sans fagon gebaͤrdete, als weun er Herr im Hauſe ſey! Lch! Gott! mein Mann, rief die Frau Buͤrgermeiſterinn, und riß ſich aus meinen Armen, ich bin verlohren!— Um Verzebung! fragte ich mit Zaͤhnklappen, und was geden⸗ ken ſie jezt mit mir anzufangen?— Springen ſie zum Fenſter hinaus!—* Ich riß das Fen⸗ ſter auf; du lieber Himmel! zwey Stockwerket Wie konnte nur die Grauſame mir einen ſolchen Hoͤllenſprung proponiren?— Indeß hoͤrten wit 88 ſchon auf dem Gang das Geklir ſeiner Spornen „ Was war zu thun? Kein Schlupf⸗ winkel, kein Mauerſchrank, keln Escalier dé- robé, und noch dazu der impertinenteſte Mond⸗ ſchein„ Ich empfahl meine arme Seele allen Gottern des Olymp's, warf meinen Man⸗ tel hinunter,(ich war, mußt du wiſſen, ſehr legèrement zu meiner Schoͤnen gekommen.. en vrai sans culotte) und da ſchwebte ich zwiſchen Himmel und Erde.. mein Hem⸗ de nemlich hatte ſich um das Schlld, welches gerade unter dem Fenſter ſich befand, und ich in der Angſt uͤberſehen hatte, verwickelt, und ich blieb haͤngen, ſo daß Kopf und Fůße im vol⸗ len Gleichgewicht ſtanden.— Der Schrecken benahm mir die Sprache; auch nicht einen Laut vermogte ich von mir zu geben. Wie lange ich alſo dieſes Sinabild der Gerechtigkeit vorſtell⸗ te, vermag ich nlcht zu ſagen. Endlich mach⸗ te ich eine Bewegung, das Hemde ſtreifte ſich in die Hoͤhe, packte mir Arme und Kopf zuſam⸗ men, und ſo hing ich mit nacktem St*** noch ſechs Schuhe von der Erde.— Das Horn des Nachtwaͤchters ertonte von der naäch⸗ ſten Ecke; die Poſaune des Weltgerichts haͤtte mich nicht mehr erſchoͤttert; ich machte einen lezten verzweifelten Verſuch, und fiel herab auf meinen Mantel, hob ihn auf, und wickelte mich im Fliegen darinnen ein.— Mein Hemde, das deinem armen Freunde beynahe zum Galgen⸗ ſtrick geworden waͤre, blieb indeſſen am Schild des Herrn Buͤrgermeiſters haͤngen— Den an⸗ dern Morgen ſoll er es ſelbſt herunter genom⸗ men, und ſich uͤber den naͤrriſchen Fund halb krank gelacht haben.— Dergleichen halsbre⸗ chende Abentheuer waren nun nicht mehr nach meinem Geſchmack. Eine junge Braunſchwei⸗ gerin, welche die unſchuldige und nalven Maͤd⸗ chen bey uns ſpielte, und mich dfters, aber im⸗ mer vergeblich, erſucht hatte, ihr ihre Rollen einſtudiren zu helfen, fand mich nun gefalli⸗ ger— aber pro dolor! denke dir den Zu⸗ ſtand, in dem einſt der arme Diego von ſeinem Herrn auf der Landſtraße angetroffen wurde— und ſchenke deilnem Freund eine witleidige Thraͤ⸗ ne!.. Meine theatraliſche Laufbahn hatte nun ein Ende und Tankred wanderte in's Spital. Nach drey fuͤrchterlichen Monathen wurde mir der weiße Staab in die Hand gegeben, und ich ſchlich mich aus Beſcheidenheit in der Daͤmme⸗ rung zum Thor hinaus.— WMit einer Menge von kleinen Abentheuern will ich deine Geduld nicht ermuͤden; genug ich war in dem kurzen Zeitraum von vler Jahren, Schauſpieler, Or⸗ vietankraͤmer, Marqueur, Kammerdiener, Zei⸗ tungsſchreiber, Recenſent, Croupier einer Pha⸗ raobank, wo ſch das Gluͤck hatte einen wuͤrdi⸗ gen Sohn des John Bull kennen zu lernen.— Meine heitere Laune und einige tolle Einfaͤlle hat⸗ ten ihn zweymal in elnem Nachmittag zum La⸗ * F chen gebracht; nachdem er mit einigen hundert L Pfund unſere Bank vermehrt hatte, fand er das Spiel laugweilig, und propontrte mir, ihn nach den Rulnen von Palmira zu begleiten. So erwas ließ ſich nicht abſchlagen. Wir reiſten ab, nachdem ich auf Koſten meines Gracieus Lord meine Garderobe anſehnlich vermehrt und verbeſſert hatte. Eine guten Thell von Europa hatten wir bereits durchzogen, und langten end⸗ lich on den tuͤrkiſchen Graͤnzen an. Wir ſollten nach Griechenland hinuͤber ſeegeln, aber nun ge⸗ fiel es dem Schickſal, dieſe irdiſche Reiſe des dicken Thems⸗ Bewohners plötzlich in eine himmliſche zu verwandeln— Wir fanden ihn eines Morgens todt in in ſeinem Bette. Als ſein praͤſumptiver Erbe raffte ich ſogleich ſeine Banknoten, einen guten Theil des baaren Gel⸗ des, nebſt den uͤbrigen Pretioſen, zuſammen, uberließ ſeine fernere Pflege ſeinem treuen dum⸗ men Jäck, und eilte nach Deutſchland zuruͤck⸗ Meine englllche Erbſchaft belief ſich an zwolf⸗ tauſend Thaler.— Nun, rief ich, wird mei⸗ ne ſprode Wittwe meine Liebe ſchoner finden!— Ich hatte Fluͤgel— aber— Ludolph, ſchenke mir ein!„ ich ſpringe aus dem Wagen, flie⸗ ge in ihre Wohnung— Iſt Madam Waldner zu Hauſe?— Madam Waldner? die Frau Hofraͤthin meynen ſie!— Nein doch, Madam Waldner!— Nun ja, ſie ſind fremd, wie ich ſehe; die Frau Hofraͤthin ſind im Kindbette!— 90 X 97 Im Kind ich muß eine ſehr komiſche Miene gemacht haben, denn das Maͤdchen, das ich ge⸗ fragt hatte, brach in ein helles Gelaͤchter aus, indem es ſagte:— Ey ja doch! da Madam Waldner bereits Jahr und Tag mit dem Herrn Hofrath vermaͤhlt ſind, ſo wird ihr doch erlanbt geweſen ſeyn, dieſen Morgen in's Kindbette zu kommen.— Nun blieb mir wohl nichts an⸗ ders ubrig, als mir elne Kugel durch den Kopf zu jagen oder das abſcheuliche Weib zu vergeſ⸗ ſen Das hztere fand ich gemaͤchlicher; ich ließ. anſpannen, ſaldte ihr aber vorher ein kleines Billet- doux, worin ich ihr unter andern mel⸗ dete:— Dein Tod ſey eigentlich nichts anders als eine kleine Kriegs⸗Liebes⸗Liſt von mir ge⸗ weſen— Du befaͤndeſt dich im Gegentheil ſehr wohl, und kaͤmeſt naͤchſtens, als ein zweyter Ulyſſes, in dle Arme deiner treuen Penelope zuruͤck!— Summer, das war abſcheulich! rief Ludolph.— Aber denke doch, Freund, mich ſo ganz ohne alle Schonu ehandeln, und gerade am Tage meiner Ankunft in's Kind⸗ bette zu kommen!.. Wenn dies mein größtes Verbrechen waͤre!— und hier verzog ſich Sum⸗ mers hageres bleiches Geſicht auf imal. zů ei⸗ nem furchtbaren Erh.— Doch ſchnell hin⸗ weg uber dies ſchauderhafte Gemaͤlde! Mit dem goldenen Schluſſel, den ich in der Tgſche trug, blieb mir keine Thuͤr verſchloſſen— ich ſpielte allenthalben eine bedeutende Rolle.. In B*** 5 92 lernte ich die Frau eines armen Offiziers ken⸗ nen. Von ihrem Mann in meinen Armen uͤber⸗ taſcht, durch die zu ſpaͤte Reue gefoltert, von der Verzweiflung getrieben, machte ſie ihrem jungen Lebes in der Spree ein Ende— Ich ſchoß mich mit dem Ungluͤcklichen; er fiel... und mit dieſem zweyfachen Mord beladen, fiog ich mit meiner zuſammengeſchmolzenen Baar⸗ ſchaft hieher.— Summer! Summer! rief Lu⸗ dolph, ſiehſt du nun, wohin deine abſcheulichen Grundſaͤtze fuͤhren! fuͤhlſt du..— Still, un⸗ terbrach Summer, du kannſt mirthleruͤber nichts Neues ſagen. Waͤre das Weib nickt ſo blod⸗ ſinnig, und ihr Mann aufgeklaͤrter geweſen, ſo haͤtte ich nicht zwey Jahre lang die Holle im Buſen getragen. daher ſchenke mir ein, Lu⸗ dolph!... Es entſtand eine Stllle; Entſetzen hatte Ludolphs weiches Herz ergriffen, Summer ſtand auf, und nachdem er einigemal auf⸗ und abgegangen war, erheiterten ſich ſeine Geſichts⸗ zuge merklich. Endlich blieb er vor Ludolph ſtehen— Hore Freund! jede menſchliche Hand⸗ lung fuͤhrt Lohn oder Strafe mit ſich; glaube ja nicht, was eünfaͤltige Menſchen ſagen, daß das Gewiſſen je zum Schwelgen kann gebracht wer⸗ den. So wenig als unſere Bruſt bey lebendi⸗ gem Leibe aufhoren kann zu athmen, und un⸗ ſer Blut zu flleßen, eben ſo wenig hoͤrt das Gewiſſen auf uns zu mahnen.— Es iſt, was man im Allgemeinen Seele nennt, und gehdrt — zu unſerm Daſeyn wie Luft und Vlut... Wenn aber vieſer innere Richter ſchweigt, wo uns Menſchen anklagen, und wenn ihre Geſetze uns zu Galgen und Rad verdammten, und es ſchweigt, ſo ſind wir unſchuldig, und nur menſch⸗ liche Leidenſchaften und Vorurtheile haben unſer Urtheil geſprochen; das glaube mir! Wer ſich an eine philvſophiſche Anſicht der Dinge fruͤhzei⸗ tig gewohnt hat, den nennt der Kurzſichtige oft ein Ungeheuer, und er bleibt dennoch vor Gott und nach den ewigen Geſetzen der Natur rein Fuͤr jede Thorheit, die ich beging, wur⸗ de ich hart beſtraft durch deren Folgen; jede Leivenſchaft, der ich den Zuͤgel fallen ließ, wur⸗ de ſpaͤt oder fruͤhe meln eigner Zuchtmeiſter... jedes Verbrechen. doch nein, dem Allmaͤch⸗ tigen ſey es gedankt, mein Gewiſſen be⸗ ſchuldigt mich keines Verbtechens.— HO du abſcheulicher Menſch! rief Ludolph entruͤſtet, iſt denn Ehebruch, iſt Mord„— Was iſt Ehebruch? Reiſe nach Lappland; dort biſt du es fuͤr Gaſtfreyheit aus Dankbarkeit ſchuldig; und was meinen Mord anbetrift, wurde ich uſcht dazu gezwungen? Es ſtand geſchrieben, daß die⸗ ſer Ungluͤckliche durch meine Hand ſterben ſollte; weder er, noch ich konnie dem Schickſal entge⸗ hen.— Das ſind Banditen⸗Grundſaͤtze!— Habe ich mit Vorſatz gemordet? Doch laß das⸗ wir werden doch nicht einig... Ich habe dir das Nigrum meines Lebenslaufs gewieſen, das ₰ Album ließ ich weg, es iſt ſo melne eigene Art, aber nun bin ich dir weichen ſchuͤchternen Seele auch dieſe Schilderung noch ſchuldig... Freund! mehr als die Haͤlfte meiner engliſchen Gelder habe ich zum Wohl der leidenden Menſch⸗ heit verwendet— meinen alten kraͤnklichen Va⸗ ter habe ich fuͤr immer gegen Mangel geſchuͤzt— hier bin ich dem fleißigen verungluͤckten Hand⸗ werksmann mit Rath und That zu Huͤlfe ge⸗ kommen; dort habe ich Thraͤnen des bitterſten Kummers in Freudenthraͤnen mit einer Handvoll Gold verwandelt„. Selbſtmord habe ich ver⸗ huͤtet der Retter einer ganzen Familie, die ein Wucherer in's Gefaͤngniß ſchleppte, bin ich durch meine Feder geworden eine alte Hexe, die mir die Unſchuld ihrer Tochter, dieſen Him⸗ mel der unbefangenen Jugend, fuͤr Geld verkau⸗ ſen wollte, habe ich in's Zuchthaus, und das Maͤdchen in Sicherheit bringen laſſen— ich ha⸗ be„ Mit der Haͤlfte deſſen, was ich gethan habe, haͤtte ſich ein feiner Heuchler den Namen eines Heiligen erworben. ich kann es mir aber nicht als Verdienſt anrechnen; denn ich that dies alles, blos weil es meiner Eigenliebe ſchmei⸗ chelte.— Auch daß du deinem Vater wohl⸗ thateſt? fragte Ludolph.— Nein, bey Gott nein! rief Summer, dies gehoͤrt nicht hlerher; es war eine heilige Pflicht!— O du unbe⸗ greiflicher Menſch! ſagte Ludolph und reichte ihm die Lond; warum mußte ein ſolcher Kopf, mit * 95 einem ſolchen Herzen zuſammen kommen!— Weil Kopf und Herz gerade fuͤr einander paß⸗ ten! erwlederte Summer wieder aufgeheitert. Aber Freund! hub Ludolph nach einer Weile von neuem an, ſo wie ich dich kenne, kann es un⸗ moͤglich deine Abſicht ſeyn, deine Tage hier zu beſchließen; was gedenkſt du nun anzufangen? — Nein! zu einem Mouch gehdrt weder Herz noch Kopf, nur ein Magen, und eine geſunde Lunge; nein, Gott vervamm' mich! Moͤnch kann ich nicht bleiben!.. Ich flog hierher, wie der Vogel von dem Aſte wegflattert, auf den der gefallene Blltz ihn vom Schlafe aufgedon⸗ nert hatte; nun da das Gewitter voruͤber, und in und um mich her alles wieder hell und heiter iſt, muß ich weiter aber wohin? das muß ein guͤnſtiger Augenblick beſtimmen, der iſt bey mir alles.— Das lange Hinausdenken raugt nichts, denn das Schickſal pflegt ſeinen elgnen Weg zu gehen, und Kluge und Narren muͤſſen am Ende alle ihm folgen.. dieſe Kutte brennt mir auf den Nacken, aber mein weniges Geld habe ich dem dicken Prior fuͤr meine Aufnahme hingeben muͤſſen.„ Dieſer heilige Mann, ſo dumm er auch ſonſt iſt, hat eine ſolide Den⸗ kungsart, er ſammelt und ſcharrt zuſammen, wo und wie er kann„ indeſſen hoffe ich mein Zugebrachtes naͤchſtens mit ſchweren Zinſen her⸗ aus zu bringen; ich muß aber ſehr behntſam und klug zu Werke gehen, denn er traut mir nicht, 96 und laͤngſt ſchon ſtehe ich bey ihm im ſchwanzen Regiſter eingeſchrieben, denn er weiß, daß ich ihm in die Kaſten geſehen habe, und dann taf er mich eines Abends mit des Gaͤrtners Tochter, die bey ihm zur Beichte geht. Hier wurde die Thuͤr der Klauſe plotzlich eingeworfen; vler handfeſte vermummte Maͤnner, mit Stricken ver⸗ ſehen, fielen uͤber Summer her, zwey andere wollten ſich Ludolphs bemaͤchtigen; dieſer wand ſich los, ſprang uͤber den Tiſch, rann den Prior, der an der Thuͤr lauerte, uͤber den Haufen, flog uͤber einen langen dunkeln Gang, dann eine Treppe hinunter; aber hler mußte er vor einer verſchloſſenen Thuͤr ſtehen bleiben, indeß ein ver⸗ worrenes Getds, worunter er ſeines armen Freun⸗ des halb erſtickte Stimme deutlich erkannte, ihm immer naͤher kam., ſein Haar ſtraͤubte ſich, ſein Herz ſchlug laut, ein kalter Todesſchweiß brach ihm auf der Stirn aus, er rang die Haͤn⸗ de in wilder Verzweiflung.— Jezt hoͤrte er ganz nahe uͤber ſich eine rauhe Stimme laut ru⸗ fen:— Werft ihm den Strick um den Hals! Entſetzen ergriff ihn, er ſtuͤrzte nach dem dun⸗ kelſten Winkel; eine blos angelegte Thuͤr, die er nicht hatte ſehen koͤnnen, ging auf, und er wankte in der Dunkelheit weiter— der Gang wand ſich in verſchiedenen Kruͤmmungen Berg ab— endlich fuͤhlte er ſich durch die kuͤhle Nachtluft angeweht, und gleich darauf faßte ihn eine welche Hand, und eine welbliche zitternde Stimme fragte leiſe:— biſt du's, Summer? ich ſterbe fuͤr Angſt— der Prior weiß alles. heute Nacht ſollteſt du eingemauert werden!— Ludolph, um ſich nicht zu verrathen, begnuͤgte ſich mit einem Haͤndedeuck zu antworten.— So kamen ſie in's Freye.— Ich habe zum Gluͤck den Schluͤſſel zum Hinterpfoͤrtchen meinem Vater entwand.. Jezt erkannte Ludolph die Gaͤrtners⸗Tochter, von der Summer geſprochen hatte.— Komm! dort muͤſſen wir hinaus! „„„ Schwere Gewitterwolken vermehrten noch die Finſterniß dieſer ſchrecklichen Nacht.— Sie hatten das Pfoͤrtchen gluͤcklich erreicht.— Ar⸗ mes Maͤdchen! ſagte jezt Ludolph, indem er ſich loswand, ich bin Summer nicht, ich bin aber ſeln Freund— der Ungluͤckliche wird in dieſem Augenblick gebunden fortgeſchleppt— ſehe, ob noch Rettung moglich iſt; mit Tages⸗ Anbruch erwarte ich dich unten an der Muͤhle! — und er eilte von dannen. Dieſe Nacht zaͤhlte Ludolph unter die merk⸗ wuͤrdigſten ſeines Lebens.— Er hatte ſich unaufhaltſam, ohne zu wiſſen wohin, durch das Geſtraͤuch hindurch gearbeitet— Geſicht und Haͤnde waren zerriſſen, und das drohende Ge⸗ witter war zum volligen Ausbruch gekommen.. Naß und erſchoͤpft brach er endlich zuſammen. Als der Tag zu grauen anfing, ſah er mit Schrecken, daß er beſtaͤndig Berg auf, dicht an einem unabſehbaren ſteilen Abgrund gegan⸗ Lud. Lehrjahre 3. Th. W — 2⁸ gen war; er raffte ſich auf, beſtieg den naͤch⸗ ſten Baum, und uͤberſah die Gegend. Das Kloſter lag tief unter ihm; die Muͤhle und die Straße, die er geſtern gegangen war, auf der entgegengeſezten Seite, links eine weite Ebe⸗ ne, und einige hundert Schritte vor dem Baum ein gebahnter Waldweg; um die Muͤhle zu erreichen, haͤtte er hart an der Kloſtermauer vorbey gehen muͤſſen, und ohne ſich in die au⸗ genſcheinlichſte Gefahr muthwillig zu begeben, war nicht daran zu denken,„ Noch einmal blickte er nach dem Kloſter hin, in welchem ſeln ungluͤcklicher Freund wahrſcheinlich nun le⸗ bendig begraben war, wand ſich nach dem Waldweg, und eilte, ſo viel es ſelne vollige Erſchoͤpfung ihm erlaubte, nach der Ebene hin⸗ ab. In dem naͤchſten Dorfe erfuhr er, daß er eigentlich doch nur eine Meile von ſeinem Weg abgekommen ſey; er lenkte wieder ein, und am zehnten Tage der muͤhſamſten Reiſe, ſah er das Dorf und Schloß Aſſen zu ſeinen Fuͤßen liegen. Ludolph hatte in dem Doͤrfchen, wo er ſo frohe Tage zugebracht hatte, keine Spanne Er⸗ de mehr, die er ſeln nennen konnte. Als er ſich hier niederließ, hatte ſein Vater ein klei⸗ nes Haus und einen Garten gekauft; das uͤbrige baare Geld, das er noch hatte, legte er auf Zinſen bey einem wohlhabenden Bauer, indem er es zu den Erzlehungs-Unkoſten ſel⸗ 29 nes Sohnes beſtimmt hatte.— Das Geld wird alsdann noch beſſere Zinſen tragen, pfleg⸗ te er zu ſagen, denn es wird meinem Sohne die ſuͤße Freude verſchaffen, ſeinen Vater, durch ſeine erworbenen Talente, in ſeinen alten Ta⸗ gen ſelbſt ernaͤhren zu koͤnnen.— Nachbar Reinhard ſchuͤttelte aber dabey den Kopf, und meynte, er ſolle ſich lieber ein gutes Stuͤck Land dafuͤr kauſen, das gaͤbe ſicheres Brodt! und Nachbar Reinhard hatte Recht; er war ein geſcheuter Mann, hatte als Soldat in ſei⸗ ner Jugend ſich in der Welt ein wenig umge⸗ ſehen, und es war eln vernuͤnftiges Wort mit ihm zu ſprechen.— Ludolph und Reinhards Hanne(die nemliche, bey deren Hochzeit er das Fraͤulein von Aſſen und ihren Vater ken⸗ nen lernte) waren von einem Alter, und wuch⸗ ſen mit einander heran.— Ludolphs Vater gab beyden Unterricht, und dadurch kam er auf den Einfall, als bald darauf der Schul⸗ meiſter ſtarb, und ſich nicht gleich eln ande⸗ rer meldete, noch mehrern Kindern dleſen Un⸗ terricht mitzutheilen; da er es unentgeldlich that, und dem bald darauf angekommenen Schulmeiſter den Religions-Unterricht, und alle Emolumente uͤberließ, ja ihn zuweilen ſelbſt be⸗ ſchenkte, ſo hatte dieſer ohnehin brave junge Mann gar nichts dagegen. Beyde waren im Dorfe nicht anders als unter den Namen„der alte und junge Schulmeiſter“ bekannt„ G 2 100 Relnhards Hanne und Ludolph waren unzer⸗ trennlich— wo Baͤschen Hanne war, konnte man auch ſicher ſeyn den kleinen Vetter Lu⸗ dolph zu finden die beyden Kinder hatten ſich ſelbſt dieſe Benennung angewoͤhnt. Reln⸗ hard verbot es oft ſeiner Hanne, aber Ludolphs Vater hoͤrte es gern. Damals war das Schloß Aſſen noch unbe⸗ wohnt, und ſeit einem halben Jahrhundert in einen ſolchen Verfall gerathen, daß es nicht wahrſcheinlich war, daß man ſobald an ſeine Herſtellung wieder denken wuͤrde; auch der Ael⸗ teſte im Dorfe beſann ſich nicht, jemals die Herrſchaft hier geſehen zu haben. Ein alter muͤrriſcher Verwalter hauſte in dem verfallenen Gemaͤuer. Wie aber Ludolph von der hohen Schule in S*** auf die Univerſitaͤt ging, wurde unvermuthet ein Baumelſter nach Aſſen geſchickt, und der neue Bau mit einem ſolchen Eifer betrieben, daß das Jahr darauf die Herr⸗ ſchaft ſchon heraus ziehen konnte.— Ludoldhs Vater ſtarb im nemlichen Jahre. Ludolph eil⸗ te nach Aſſen, brachte fluͤchtig ſeines Vaters Angelegenheiten in Ordnung, und ging wieder auf die Univerſitaͤt zuruͤck. Nach vollendeten Studien kam er wieder; ſein Geiſt hatte da⸗ mals ſchon jene romantiſche Richtung genom⸗ men, die ihn in einem großen Theile ſelnes Lebens begleitete, und nicht eher als bis am Grabe vollig verließ. Es blieb ihm damals 101 von ſeines Paters kleinem Vermoͤgen weiter nichts als das Haus und der Garten uͤbrig.— Auch das verkaufte er, ſammelte ſeines Vaters Briefe und Papiere, packte alles in einen Koſ⸗ fer und gab ſelblgen ſeinem Baͤschen Hanne, bis auf eine gelegenere Zeit, in Verwahrung. Seln Drang, in das Weltgetuͤmmel ſich hinein zu ſtuͤrzen, war damals die einzige Leidenſchaft, die ihn beherrſchte— Gleich nach Haunchens Hochzeit wollte er abreiſen„ aber ſeine Be⸗ kanntſchaft mit dem alten Herrn von Aſſen, die er gerade an dieſem Tage machte, gab ſeinem entworfenen Plane eine andere Richtung. Eine wehmuͤthig ⸗frohe Empfindung bemaͤch⸗ tigte ſich ſeiner bey dem Anblick des freundlichen Doͤrfchens. Jezt ſtand er gerade unter jenem Baume, unter welchen der Schmerz ihn nieder⸗ geworfen hatte; und hier war der Fußpfad, den er mit zerriſſenem Herzen beſtieg, als er ſeine angebetete Sophie zu den Fuͤßen des unerbittli⸗ chen Vaters verließ. Suͤße bange Erinne⸗ rung vergangener Leiden und Freuden! Seine Augen fuͤllten ſich mit Thraͤnen. Wonnetrun⸗ ken uͤberſah er die Gegend, und ſein Blick ſuch⸗ te bald den Gottesacker, wo ſein guter Vater ruhte, bald den Park, das Paradies ſeiner er⸗ ſten Liebe.— Er eilte mit beflugelten Schrlt⸗ ten den Huͤgel hinab— jede Staude war ihm eine heilige Erinnerung— jezt hatte er das Dorf errelcht.— Wile erſtaunte er,„alles ſo 102 N veraͤndert, ſo eenchnet zu finden! Sein Herz ſagte ihm, das it vas Werk deiner Sophie, und er waͤhnte in eiten Tempel der Gottheit zu treten.— Rings um das Dorf lief eine dop⸗ pelte Allee von Obſibaͤumen; er erblickte kein Strohdach, keine alte Huͤtte mehr; lauter ſchoͤn gebaute freundliche Haͤuſer, Reinlichkeit und Ord⸗ nung uͤberall, ein ſicheres Zeichen von Wohlha⸗ benheit Statt der kleinen ſchmutzigen Dorf⸗ ſchenke ſtand nun ein großes Wirthshaus da.— Mit laut pochendem Herzen trat er hinein, es erkannte ihn aber Niemand.— Ludolph war nicht mehr der ſchoͤne feurige Juͤngling; bleich und eingefallen waren ſeine ſonſt ſo blähenden Wangen, matt der lebendige Blick; die Welt hatte ihm zwar einen feinern edlern Anſtand ge⸗ geben, aber jene gutmuͤthige Ungeduld, das Raoſche in allen ſeinen Handlungen, jene mobile Phyſiognomle, auf der jede Empfindung, die in ſeiner Seele aufging, zu leſen war, das alles war nicht mehr. Der Abend war ungemein ſchoͤn, kelne Wol⸗ ke am Himmel: die Sonne verlohr ſich eben hinter dem Park. Ludolph, der bey dem Wirth manches ſchon erfragt hatte, erfuhr auch, daß die Frau von Sinzenheim nicht hier ſey. Bey dieſer Nachricht wand ſich ein tiefer Seufzer muͤhſam aus ſeiner beklemmten Bruſt— Unbe⸗ greiflicher Thor, rief er und ſchlug ſich mit der flachen Hand vor die Stirne, haben dich denn 103 ———— deine bittern Erfahrungen noch nicht weiſer und kluͤger gemacht? Der Kinder⸗Roman iſt aus⸗ geſpielt! delne Sophle iſt ſchon laͤngſt nicht mehr was ſoll dir die Frau von Sinzen⸗ heim? warum kam ich hlerher?„. Er er⸗ blaßte, blickte ſtarr und gedankenlos vor ſich hin, und wagte es nicht, tiefer in ſein Innerſtes zu dringen„ Bald wurde es ihm zu enge, zu aͤngſtlich zwiſchen den àden Mauern; er eilte ins Freye; ein ihm bekannter Fußpfad fuͤhrte ihn dem Bach entlang nach dem Hinterthor des Parks— es ſtand offen— er ſchlich hinein, und der erſte Gegenſtand, der ihm in's Auge ſiel, war der alte Gaͤrtner Max, der einige ſpä⸗ te Blumen begoß.— Die Ueberzeugung, daß auch dleſer ihn nicht erkennen wuͤrde, machte ihn dreiſter; er redete ihn an.— Der Alte be⸗ trachtete ihn einige Augenblicke ſcharf und for⸗ ſchend, als wenn er ſich auf etwas beſaͤnne; Lu⸗ dolph wurde bange, doch endlich, als er ſeine Frage wiederhohlte: ob es erlaubt ſey, ſich hier ein wenig umzuſehen, erwiederte der alte Max ein ganz gleichgultiges— Warum nicht! und begoß ſeine Blumen fort. Nun war Ludolph ſicher, er kannte des guten Alten Steckenpferd, die Pflege der Obſtbaͤnme, und brachte ihn nach und nach darauf. Jezt wurde dieſer auf einmal recht lebendig; er ſtellte ſeine Gießkanne nieder, faßte Ludolph bey der Hand, fuͤhrte ihn von ei⸗ nem Baum zum andern, erzaͤhlte ihm eines je⸗ 04 den Geſchichte, wie er gekraͤnkelt und wieder durch ſeine Pflege zurecht gekommen ſey; was er fuͤr Obſt bringe; und in dieſes alles miſchte er die Geſchichte ſeiner Herrſchaft hinein; erzaͤhl⸗ te, wie der alte Herr oft eigenſinnig geweſen, und wie er ſeine liebe Noth zuwellen mit ihm gehabt haͤtte„. Mit unſrer gnaͤdlgen Frau iſt es aber ganz anders du lieber Gott! das iſt ein wahrer Engel! Herr, die ſollten ſie kennen!— Sie waren nun bey dem Monumente, wel⸗ ches Sophie ihrem Vater und ihrem Gatten hatte errichten laſſen; Max erklaͤrte es auf ſei⸗ ne Art.„Dieſer Herr von Sinzenheim, ſezte er alsdann hinzu, war wohl eln guter junger Herr, ſanft und wohlthaͤtig; aber unſer liebes Fraͤuleln hatte ihn wohl nicht ſo ganz gern ge⸗ heyrathet, denn ſie war von der Zeit an nicht mehr ſo heiter wie ſonſt; ich kann mir auch ziemlich denken, wo das herkam— ſehen ſie, Herr!., Es hatte ein fremder Mann ſich im Dorfe angeſiedelt, der kein Bauer, und doch den Kleidern nach auch kein Herr war— man nannte ihn nicht anders als den alten Schul⸗ meiſter; dieſer hatte einen Sohn, einen ſcho⸗ nen jungen Mann; ſie haben etwas aͤhnliches mit ihm, es fiel mir gleich auf, beſonders die Stimme; dieſen ließ er nicht wie einen Bauer, ſondern recht vornehm erziehen, vermuthlich ſoll⸗ 103 —— te er ein Geiſtlicher werden, denn ſein Vater war gar ein frommer Mann.— Er ſtarb, da kam ſein Sohn aus der Fremde und wurde im Schloß bekannt. Der alte Herr mogte ihn wohl leiden, aber unſer gutes Fraͤulein noch mehr, das kann kein Menſch beſſer bemerken als ich; denn ſehen ſie, Herr, dort auf der Bank ſaßen ſie oft halbe Tage lang neben ein⸗ ander, und Hatten ſich immer etwas zu ſagen, Auf einmal gab es Lermen; der junge Mann mußte ſich uber Hals und Kopf aus dem Stau⸗ be machen; der alte Herr zog mit ſelner Toch⸗ ter in die Reſidenz und kam ulcht wieder„„ Das Jahr darauf hieß es, ſie ſey verheyrathet. Zuweilen kam ſie mit ihrem Mann heraus, aber du lieber Gott! es war die nemliche Perſon nicht mehr.— Der alte Herr ſtarb und auch bald darauf wurde ſie Wlttwe; ihr Bruder, ein ganz beſonderer Herr, der wenigſtens funfzehn bis ſechszehn Jahre aͤlter als ſie, und ein abge⸗ ſagter Feind vom Landleben iſt, gab ihr die Erlaubniß hierher zu ziehen und zu ſchalten und zu walten nach Belieben„. Da er auch wohl ſchwerlich mehr heyrathen wird, ſo faͤllt einſt das ganze ſchoͤne Vermoͤgen dem einzigen Sohn ſeiner Schweſter zu.— All das Gute, was ſie uns ſeit der Zeit gethan hat, koͤnnen unſere Kinder und Kindeskinder ihr nicht vergelten! Herr, wenn ſie das Doͤrfchen nur vor ſechs Jahren noch geſeheu haͤtten„„ nun ihr Vater 10 war ein hraber Herr, aber ſie ein wahrer Engel, das ſag' ich!„„ Jezt ſtanden ſie vor der Saͤule.— Ludolph warf einen fluͤchtigen Blick auf die Inſchrift, und ſein Geſicht gluͤhte; das ſchnelle Gefuͤhl der Vergangenhelt, und die Gegenwart uͤberwaͤltig⸗ te ihn; er mußte ſich ſetzen, das war die Steile, wo Sophie zu ihres Vaters Fuͤßen nie⸗ derſank, hler hatte er ſie zum leztenmal ge⸗ ſehen,— Iſt ihnen nicht wohl, Herr? ſagte Max,— Doch, ſtammelte Ludolph, nur et⸗ was muͤde, von der Reiſe„ und Max fuhr fort:— Ja ſehen ſie, Herr! mit dieſem Ding da hat es eine ganz beſondere Bewandutß; die gnaͤdige Frau ließ es hierher ſetzen, als ſie er⸗ fuhr, daß der Sohn des alten Schulmeiſters— ſie nennt ihn ſelbſt, wie hier zu leſen iſt: den Freund ihrer Iugend— elendiglich um's Leben gekommen ſey,„ Aber, Herr, es iſt ihnen gewiß nicht wohl„ ſie ſind ſo blaß; der Angſtſchweiß ſteht ihnen auf der Stirne.— Die Abendluft, erwiederte Ludolph, und raffte ſich auf; ich danke, lieber Alter, ich kann ſchon allein gehen!— Er erreichte nur mit Muͤhe das Wirthshaus, und warf ſich laut weinend auf ſein Lager hin. Die ganze Nacht brachte er in jenem gualvollen Zuſtande zwiſchen Wachen und Traͤumen hin, ſie duͤnkte ihm eine Ewig⸗ kelt. Der Morgen daͤmmerte kaum, ſo ſchlich er ſich auf den Gottesacker; aber kaum konnte — —— 107 er noch ſeines Vaters Grab entdecken. Dort verweilte er, bis es im Dorfe aufing lebendig zu werden,— Nein, rlef er, die Haͤnde ringend, indem er ſeine naſſen Augen in die Wolken ſchlug, ich werde leiden und tragen, ſo lange Gott will, aber hier kann ich nicht laͤnger blei⸗ ben„„ Er ging wieder in das Wirthshaus, hing ſeine Jagdtaſche um, und wanderte mit niedergeſenktem Bllck zum Dorf hinaus.— An des alten Reinhards Haus war er einen Augen⸗ blick ſtehen geblieben, unentſchloſſen, ob er hin⸗ ein gehen ſollte.— Zwey muntere Knaben ſplelten vor der Thuͤr— er hoͤrte Hannchens Stimme. Nein! nein! rief er noch einmal, und verdoppelte ſeine Schritte. Wer mag behaupten, alle Falten des menſch⸗ lichen Herzens aufgeſchlagen, und ſeine Tiefe ergruͤndet zu haben! Ludolph entfernte ſich von Aſſen, weil ihm dort alles, was er ſah, nichts als ſchmerzhafte Erinnerungen darbot, um nach D zu eilen, wo eben der Gegenſtand ſei⸗ ner ſo ungluͤcklichen, ſo hoffnungsloſen Liebe, wo dieſe ſeiner Ruhe ſo gefaͤhrliche Sophie ſich aufhielt!.. Er war noch kaum einige Mellen von dem Ziel ſeiner dunkeln thoͤrichten Wuͤn⸗ ſche entfernt, als ein heftiges Fleber ihn nie⸗ derwarf.— Seine Beſinnungskraft verließ. ihn ganz, und ſelne entbrannte Fantaſie, durch die Bilder der Vergangenheit beaͤngſtigt, ver⸗ mehrte noch die Glut, die ihn verzehrte. In 108 einer elenden Dorfſchenke, auf ein hartes Stroh⸗ lager hingeſtreckt, von aller Huͤlfe der Kunſt entbloßt, ſchien er wuͤrklich ſeiner volligen Auf⸗ loſung nahe zu ſeyn. WViertes Kapitel. General von Aſſen und ſeine Schweſter. An deiner Stelle, Schweſter, ſagte der Ge⸗ neral, indem er ſeine Taſſe Kaffe auf den Tiſch ſiellte, und in dem Zimmer auf⸗und ab⸗ dampfte, wuͤrde ich dieſen Windbeuteln allen den Abſchied, und Horſiberg meine Hand ge⸗ ben!., nicht wahr, Daun? Der Kor⸗ poral ſtund auf der Tbuͤrſchwelle— Ich woll⸗ te Ew. Excellenz gehorſamſt melden, daß der Schweißfuchs„— Zum Teufel mit dem Schweißfuchs! ich frage dich, Daun,— Hab's wohl verſtanden, Excellenz; es hat aber damit keine ſolche Eile als mit dem Schweiß⸗ fuchs, der ſich geſtern Abend an der Traͤnke den Vorderbug verrenkte— Donner und Wet⸗ ter, Daun, mache mir den Kopf nicht wieder warm!— Halten zu Gnaden, das ſind weib⸗ liche Angelegenheiten, in das Regiment kann ich mich ulcht mellren, weil ich Zeit meines Lebens Te9 den Kuͤrzern nicht gern gezogen habe; was aber unſern braven Herrn Major von Horſiberg anbe⸗ trifft, ſo werde ich nie vergeſſen, wie er den 1ſten Julii Anno 1761. auf der Hayde von„— Erzaͤhlte er deutlich, Daun! rief der General mit leuchtenden Augen, und dehnte ſich auf dem Sopha neben ſeiner Schweſter aus.— Lieber Bru⸗ der! ſagte die Frau von Sinzenheim, du haſt ja dem Kammerherrn verſprochen„— Welß wohl, hat nichts zu bedeuten. erzaͤhle nur, Daun!. Daun trat mitten in den Saal, ſtellte ſich in Poſitur, und hub an:— Es war eln ſchreck⸗ lich heißer Tag, und kein Tropfen Waſſer auf der hohen Hayde, wo uns der Feind umzingelt hielt— kein Zelt, keine Fourage; alles hatten wir im Stich laſſen muͤſſen; Excellenz hatten noch uͤberdem das Fieber, und lagen, mit zwey garſtigen Wunden, auf der Erde, in der bren⸗ nenden Sonne„ rechts unten im Thal floß ein klarer Bach, den wir in der Ferne flim⸗ mern ſahen, der Feind hielt aber das Thal ſtark beſezt, es war nicht daran zu denken ihn daraus zu vertreiben— Ich ſtand hinter Ew. Excel⸗ lenz, und die hellen Thraͤnen llefen mir uͤber die Backen, daß ich den Jammer anſehen mußte, ohne helfen zu koͤnnen— Da kam der Major von Horſtberg, ſie reichten ihm dle matte gluͤ⸗ hende Hand, und ſagten:— der Durſt bringt mich noch um!— Kameraden! rlef der Major, 110 und zog vom Leder. Wie? unſerm braven Obri⸗ ſien, der ſo oft ſchon ſein Blut fuͤr uns hingab, ſollten wir nicht einen Tropfen Waſſer verſchaffen koͤnnen? Alles, was in der Naͤhe war, draͤng⸗ te ſich herbey, und formirte den Kreis um uns — wer den Obriſten lieb hat, folge mir! rief jezt der Major— Da ertoͤnte ein allgemeines Hura! Das ganze Regiment wollte aufſitzen, und ich ſah den Angenblick, wo wir beyde al⸗ leln auf der Hayde zuruck geblieben waͤren— Nein Kinder! ſagte jezt Herr von Horſiberg, ſo iſt es nicht gemeynt; es war auch einfaͤltig von mir gefragt, als wenn einer uuter uns waͤre, der ſeinen Ooriſten nicht lieb haͤtte! und da nahm er Achtzig Manu, die erſten die beſten, es war keine Wahl, und ritt mit ihnen durch den Hohlweg, dicht unter der feindlichen Batterie hinab, fiel die erſte Vorpoſt an; ſie wich; es kam Sukurs, und Horſtberg ſtuͤrzte mitten un⸗ ter dle Feinde— da galts Mann gegen Mann, mit dem blanken Saͤbel in der Fauſt— ihr Feld⸗ geſchätz konnten ſie nicht brauchen.., indeſſen war es noch weit bis an den Bach und der Feind verſtaͤrkte ſich mit jeder Minute— da mußte ich Ew. Excellenz vom Boden aufheben, und naͤher nach der Gegend hinſchleppen— Ach! Gott! mein guter Horſtberg, meine braven Dra⸗ goner! ſagten ſie, und das halbe Regiment mußte aufſitzen, und in's Thal hinunter ſpren⸗ gen.— Der Major wich nicht, aber es war, IIT —— hohl's der Teufel! Zeit, daß Sukurs kam. Gnaͤdige Frau! das haͤtten ſie ſehen ſollen„. die Engel im Himmel muͤſſen ordentlich ihre Freude daran gehabt haben. ein Mann ge⸗ gen zwoͤlfe, und doch immer vorwaͤrts— Mein Schimmel, Daun! ſagten jezt Excellenz— aber das Gott erbarm! in dem nemlichen Augenhlick brachen ſie mir unter den Haͤnden zuſammen, und ich ſah unſern Major von allen Seiten an⸗ gegriffen ſich nach der Hayde wieder durchhauen. — Der Trompeter bließ zu Pferde, und die zwey lezten Schwadronen flogen hinab zu Huͤl⸗ fe da erſchollen auf elnmal, wie vom Him⸗ mel herunter, auf unſerer linken Seite zwey kraͤftige Kanonenſchuͤſſe, und uͤber die Anhhöhe ſprengten die rothen Huſaren; nun ging erſt der Tanz fuͤr gut an— eine Kolonne Infanterie von den unſrigen hatte ſich durch's Thal Luft gemacht, Kavallerie ſtroͤmte von allen Seiten durch's Gebirge herbey— und in einer Situn⸗ de kehrte uns der Feind von allen Seiten den Ruͤcken— Da kam der Major mit Blut und Schweiß bedeckt die Hayde herauf geritten, ſank neben Ew. Excellenz auf die Kniee— Da Freund! ſtammelte er mit ſchwerer Zunge, und indem er den Hut voll Waſſer hin hielt, fiel er ohnmaͤchtig mir in die Arme— Da Freund! rlef der General; Schweſter, das iſt ein Memn fuͤr dich! Jezt geh, Daun, laſſe dir die beſte Flaſche aus dem Keller geben, und trinke rnei⸗ 112 nes Horſtbergs Geſundheit.— Ganz wohl, Excellenz! brummte Daun, uche rechts um, und ging.— Aber Bruder, hub jezt die Frau von Sinzen⸗ heim lelſe an, wenn ich zu der Zeit, a als du in deine Marle verllebt warſt, dir eln Maͤdchen zugefuͤhrt haͤtte, und geſagt: Sieh, Bruder, das Maͤdchen hat deiner Schweſter das Leben geret⸗ tet, ſey doch ſo gut und heyrathe es aus Dank⸗ barkeit; was haͤtteſt du mir geantwortet?— Der General ſah die Frau von Sinzenheim mit großen Augen an, ſtaud auf, trat ans Fenſter, zeichnete ein großes M mit dem Finger auf die Scheibe, wand ſich alsdann plotzlich um, ergriff ſeiner Schweſter Hand— Schweſter! wenn du wuͤrklich verliebt biſt, ſo ſey Gott deiner armen Seele gnaͤdig! Ich weiß, wie lange ich au die⸗ ſer Krankhelt laborirt habe— dann, indem er mit der flachen Hand uͤber die Stirne fuhr— und noch iſt es nicht vorbey! Mit einer gutmuͤthigen Heftigkeit: Aber in Wen biſt du denn verliebt, Schweſter?— Ich bin nicht verliebt! ſagte ſie laͤchelnd.— Er ließ ihre Hand fahren— He nun! wozu die einfaͤltige Frage? Hdre Bruder! ich will einmal mit dir ganz aufrichtig uͤber dieſen Gegenſtand ſprechen.. Die, welche behaupten, daß eine Ehe, welche auf Dankbarkeit, Achtung oder Freundſchaft be⸗ ruht, gluͤcklich ſeyn muß, kdnuen im Gan⸗ zen genommen wohl recht haben; aber es gibt 113 wahrlich Ausnahmen, und ich bin eine davoh Du haſt meinen Mann gekannt? eine redliche, aufrichtige Seele, in der nichts Fal⸗ ſches lag; er beſaß meine ganze Achtung; einen zuverlaͤſſigern Freund konnte ich mir nicht wuͤn⸗ ſchen; aber ihn lieben, war mir unmogllich.. Ich war Achtzehn Jahre alt, als ich, aus Thellnahme hingeriſſen, den zu raſchen Ent⸗ ſchluß faßte, ihm meine Hand zu geben; es ſind bereits acht Jahre verfloſſen, und der ein⸗ zige frohe Tag in meinem ganzen Eheſtande iſt der, an dem mein Eduard auf die Welt kam. Und doch entveckte ich taͤglich neue vortreffliche Eigenſchaften in meinem Gatten, die mir zu eben ſo vielen Vorwuͤrfen gereichen; aber eben dieſe verdienten Vorwuͤrfe machten meine Lage deſto druͤckender„„ Lieber Bruder! eine erſte Lie⸗ be, in den Roſenſtunden des jungen Lebens ent⸗ faltet, und in ihrem erſten Aufbluhen gewaltſam geknickt, zieht ſelbſt aus dem gebrochenen Her⸗ zen neue Nahrung ſie gleicht dem Phoͤnix; die Flamme hat alles aufgezehrt, es bleibt ulchts als ein Haufen Aſche uͤbrig, aber ſelbſt aus der Aſche ſteigt der Einzige ſchoͤner und jugendli⸗ cher wieder empor... Ludolph!— Das weiß ich alles, unterbrach hier der General, und trocknete ſich die Vugen; das haſt du mir oft genug ſchon erzaͤhlt; aber dieſer Ludolph und meine Marie ſind beyde todt!— Wir glauben es; iſt es aber auch voͤlllg erwieſen? Auch an Lud. Lehrjahre 3. Th. LL4 —— den dunnſten Faden knuͤpft die Leidenſchaft ihre Hoffnungen an.. Wie! wenn Ludolph noch lebte! wenn er zuruͤck kaͤme in dem Augenblick, wo ich zum zweytenmal melne Hand ohne meln Herz aufgeopfert haͤtte, wie dann?— BAber Sophie! heyrathen koͤnnteſt du ihn doch nicht! — Deine Einwendungen paſſen auch auf deine Marie und noch weit beſſer... Du biſt der lez⸗ te deines Namens, kaum uber die Vierzig hin⸗ aus heyrathe du, Bruder!— Sophie, ich bitte dich...— Ich habe noch mehr Gruͤn⸗ de dir anzugeben; ſollte Ludolph noch leben, ſo weiß ich, daß er mir treu geblieben, und noch frey iſt. Sollteſt du nach ſo langem vergebli⸗ chen Forſchen doch endlich noch deine Marie wie⸗ der finden, ſo gehort ſie einem andern; denn das Geruͤcht, daß ihr Gemahl todt ſey, bleibt bis jezt doch immer noch ein bloßes Geruͤcht, worauf keine Gewißheit zu bauen iſt.— So⸗ phie, wir ſind beyde ſehr große Thoren.— Und wenn dieſe Thorheit mir mehr Troſt und Beruhlgung gewaͤhrt als alle Gründe der kalten Vernunft, wer kann mir verargen, daß ich gern eine Thorin bleibe?— Alſo der gute Horſt⸗ berg, der dir mit ſo ganzer Seele zugethan iſt .— Alſo das liebe Fraͤuleln von Lisdorf, das ſo von ganzem Herzen nach dem grauſamen Aſſen ſchmachtet.— Soll vergebens hof⸗ fen?— Soll ewig ſchmachten?— Der Ge⸗ neral ſprang in die Hohe, glng ans Fenſter, 115 riß es auf, und fluchte einige Donnerwetter uͤber einen Stallknecht, der eben etwas raſch in den Hof geritten kam. Sophie ſchlug heimlich laͤ⸗ die Bugen nieder, und ſiickte fort. Was ſoll ich denn endlich unſerm Freund ſagen? hub der General eine Weile darauf gelaſſener an.— Die Antwort, welche du mir fur die Tante des Fraͤuleins von Llsdorf geben wirſt, ſoll der meinigen fuͤr den Major zur Richtſchnur dienen.— Du biſt unertraͤglich!— Ich will mich noch kuͤrzer faſſen, Bruder! Am Tage, wo du das Fraͤulein an den Altar fuͤhren wirſt, werde ich auch dem Herrn von Horſtberg meine Haud geben.— Der General ging brummend zur Thuͤr hinaus. Dleſer Auftritt erneuerte ſich beynahe taͤglich. — Aſſens ausgezeichnete Verdienſte hatten ihm, was iſt natuͤrlicher? elne Menge Feinde und Neider zugezogen; ſein ſchnelles Vorruͤcken vermehrte ihren Haß, und allenthalben wurden ihm Fußangeln gelegt, die er zum Theil uͤber⸗ ſah, oder denen er gluͤcklich entgeng. Von Ra⸗ tur aus gutmuͤthig und ohne Falſch, aber heftig und gerade aus, mißbrauchte man dͤſters dieſen offenen Charakter, um ihn zu manchem gewag⸗ ten Schritt, oder zu mancher gefaͤhrlichen Aeuſ⸗ ſerung zu verleiten. Lange hielt ihn, nicht ei⸗ genes Beſtreben, ſondern ſein guͤnſtiges Geſchick aufrecht; aber bey elner Gelegenheit, wo es auf einen ſchnellen Entſchluß ankam, wagte er, oh⸗ H 2 116 ——— ne den Befehl des Oberbefehlshabers zu erwar⸗ ten, eln Mandver, das nicht allein die erwar⸗ tete Folge nicht, ſondern vielmehr eine ſehr un⸗ gluͤckliche nach ſich zog; dieſe ſo ſehnlich und laͤngſt ſchon erwartete Gelegenheit benuzten ſeine Feinde auf's trefflichſte. Die Heftigkeit, mit der Aſſen ſich vertheldigte, verſchlimmerte noch ſeine Sache, und der Monarch ſelbſt, ob er ihm gleich ganz beſonders gewogen war, fand dennoch für rathſam ihn auf einige Zeit zu ent⸗ fernen; aber Aſſen, gerelzt durch falſche Freun⸗ de, mißdeutete den gutigen Bewegungsgrund ſeines Konigs, ſeine Erbitterung ſtieg mit dem Bewußtſeyn des Unrechts, er verlangte endlich ſeinen Abſchied und echlelt ihn. So kam er in einem Alter von vierzig Jahren, aus der glaͤn⸗ zendſten Laufbahn gewaltſam herausgeriſſen, in ſeine Vaterſtadt zuruͤck. General von Aſſen war ein ſchdner, und im vertrauten Umgang ein wurklich angenehmer Mann; ſein Stand, ſein anſehnliches Vermd⸗ gen ſezten ihn in den Fall, eine bedeutende Rolle zu ſpielen; aber ohne gerade Menſchenſcheu zu ſeyn, vermied er von dem erſten Angenblickan, jene groͤßern Zirkel der ſogenannten eleganten Welt, um im engern Kreiſe gepruͤfter Freunde ſich froh und heiter mitzutheilen; am heiterſten aber war er in der Geſellſchaft ſeiner Schweſter und ſeines Horſtbergs. Der ehrliche Kor⸗ poral Daun war ihm unentbehrlich; mit dieſem ——————— 117 kounte er ſich Stunden lang uͤber die mit ihm gemachten Feldzuͤge unterhalten, und niemand durfte ihm ſo dreiſt widerſprechen, als der Kor⸗ poral. Von Natur aus ſchuͤchtern und heyna⸗ he verlegen im Umgang mit dem andern Ge⸗ ſchlecht, hatte er bis jezt das Andenken an ſei⸗ ne erſte Llebe, wie eine heilige Reliquie, in ſel⸗ ner Bruſt verwahrt... nur mit ſeiner Schwe⸗ ſter und Horſtberg ſprach er von ſeiner Marie. Horſiberg war durch eine relche Erbſchaft in die angenehme Lage geſezt worden, dem Drange ſeines Herzens zu folgen; gleich nach geſchloſ⸗ ſenem Frieten nahm er ſeinen Abſchied und kam zu ſeinem Freunde. Er ſah die reizende Witt⸗ we, und ſie machte auf ihn jenen Eindruck, den jede Vollkommenheit auf einen Maun von Ge⸗ fuͤhl nothwendig machen muß; aber von Jugend auf an das rauhe unſtaͤte Soldatenleben ge⸗ wohnt, hatte Horſtberg an haͤusliches Gluͤck noch nle mit Bezug auf ſich ſelbſt gedacht, und auch hier, ob er gleich ſeine angenehmſten Stunden in Sophiens Geſellſchaft zubrachte, waͤre es ihm nie eingefallen, an eine engere Verbindung zu denken, wenn nicht Aſſen ſelbſt ihm den ſchdnen Plan mitgetheilt haͤtte. Horſtberg erwachte auf einmal wie aus einem Traume, griff haſtig nach dieſem verfuͤhreriſchen Bilde, von Freundes Hand entworfen, aber bald fuͤhlte er, ohne ſich ſelbſt den Grund davon angeben zu konnen, daß mit jeder beſtimmtern Annaͤherung eln Theil je⸗ 178 ——— ner ſuͤßen Vertraulichkelt, die Sophiens Umgang ſo angenehm machte, verſchwand; er uͤberzeugte ſich, daß die Rolle eines Liebhabers nicht die ſey, welche ihn am beſten bey Sophien kleidete, auch bemerkte er bald aus einigen Aeußerungen, die dem Bruder entſchluͤpften, daß die Schwe⸗ ſter weit entfernt ſey, aͤhnliche Geſinnungen mit ihm zu hegen, und ſo gab er in der Stille den ſchoͤnen Plan auf; um aber ſeinen Freund, der leidenſchaftlich an deſſen Erfuͤllung hing, nicht zu betruͤben, ſo machte er ihm ſo wohl aus ſei⸗ nen gemachten Bemerkungen, als aus der dar⸗ aus entſtandenen Veraͤnderung ſeines Vorhabens ein Geheimniß. Eine beſondere Geiſtesſtaͤrke hat⸗ te es auch bey Horſtberg zu dieſem Entſchluß nicht erfordert, denn ſelne Neigung zu der ſchd⸗ nen Wittwe war mehr das Reſultat einer ge⸗ pruͤften Wahl als Leidenſchaft, und haͤtte ihn ſein Frennd nicht zuerſt auf die Moglichkeit, ihn durch noch engere Bande an ſich zu knuͤpfen, aufmerkſam gemacht, ſo iſt es nicht zu vermu⸗ then, daß er je darauf verfallen waͤre. Die Weiber haben ein eigenes Gefuͤhl, Inſtinkt moͤg⸗ te ich's nennen, mit dem ſie das Entſtehen, Wachſen, Steigen oder Sinken einer Leidenſchaft in unſerm Herzen ergruͤnden und berechnen, und ſelten betruͤgen ſie ſich, wenn ſie ſelbſt leiden⸗ ſchaftlos ſind. Auch Sophie hatte Horſiberg erforſcht, und ſchwerlich wuͤrde ſie mit jener Keichtfertigen Verſicherung ihren Bruder in dle 119 Flucht getrieben haben, wenn ſie uicht zum vor⸗ aus von Horſtbergs Geſinnungen überzeugt ge⸗ weſen waͤre. Oeffentlicher Spaziergang. Ludolph. Cſizt auf einer Bank— nicht mehr der blühende Juͤngling, der er noch vor wenig Monden war; ſeine hohlen Augen, blaſſen Wangen⸗ und hagere Geſtalt machen ihn beynahe unkenntlich; ſein nachlaͤſſi⸗ ger, faſt duͤrftiger Anzug vermehrt noch dieſe Unkennt⸗ lichkeit.) („Einige Schritte von ihm ſpielt ein Knabe von der einnehmendſten Geſichtsbildung, unter der Aufſicht eines alten Bedienten, der ihn nicht aus den Augen laͤßt.“) Ludolph.(nachdem er ſich eine Zeitlang an dem Anblick der voruͤbereilenden Reuter, Equipagen und Fußgänger ergözt hat) Sie iſt hler!.. vielleicht fllegt ſie in dleſem Angenblick in einem dieſer glaͤnzenden Wagen ungeruͤhrt an dem armen Lu⸗ dolph voruͤber., ſie ahnet nicht die Gegenwart des Freundes ihrer Jugend.(er trocknet ſich die Augen, und ſtarrt einige Augenblicke vor ſich hin) Unſinniger Menſch! ſoll denn dein ganzes Le⸗ ben nichts als der Traum eines Fantaſten ſeyn? Wird deine bittere Erfahrung dlch nicht endlich von deinem Alpenſinnen in's Jammer⸗ thal des wuͤrklichen Lebens hinunter reißen kon⸗ 10 nen? Was ſoll mir elenden, dem Grabe kaum entronnenen, verwayſten Abentheurer die reiche, ſchoͤne, angebetete Frau von Sinzenheim?.. Willſt du dir etwa von ihrer Großmuth ein Al⸗ moſen erbetteln?. Pful! und was kann ſie denn mehr als eine Thraͤne des Mitleidens, und ihre Boͤrſe dir ſchenke? o! o!.„ Cer ſiuͤzt das matte Haupt auf ſeinen Reiſeſtab und ſeine Thraͤnen ſioſſen) Nein, nein! auch ihr Mitleiden kann ich nicht ertragen fort, fort von hier!.„„ (er will ſich aufroffen, ſinkt aber wieder zuruͤck) Welch eine unſichtbare Gewalt hoͤlt mich hier ge⸗ feſſelt!— Ja, ich muß ſie ſehen zum lezten⸗ mal„und dann ſterben„ ſterben mit ihrem Engelsblld im Herzen! Aber wo? wo?7 in dem ſchimmernden Pallaſt, wo ſie gleich einer Goͤttin herrſcht!.„ Nein! dort wohnt die Frau von Sinzenheim, dort darf ich meine Sophie nicht aufſuchen!(mit Begeiſterung) Unter Got⸗ tes helterem Himmel, im Schatten einer ver⸗ ſchwiegenen Laube empfing die Holde das Ge⸗ ſtaͤndnlß meiner Liebe, dort druͤckte ich ſie zum leztenmal an dieſes Gebrochene Herz; die Na⸗ tur, vor der alle Schranken zerfallen, durch wel⸗ che das harte Vorurtheil Menſchen von Men⸗ ſchen trennt, heiligte damals unſern Bund„ Guter Geiſt! Du, der du mich nach ſo manchen entronnenen Gefahren, und ſeltſamen Ereigniſ⸗ ſen bls hierher draͤngteſt, o! ſende mir meine Sophie, daß ich hier am Buſen der Natur, L2T noch einmal froh, zu ihren Fuͤßen ſinke, ihre liebe Hand faſſe, und ſo, das ſterbende Auge auf ſie gerichtet, in einem langen ſuͤßen Seuf⸗ zer der Liebe die matte, lebensſatte Seele aus⸗ hauche„ Der alte Bediente, Wohin, Eduard! Eduard. Siehſt du den Mann dort, Ber⸗ tram?— er ſpricht mit ſich ſelbſt!. Der alte Bediente. Er muß krank ſeyn „„ geh hin, Eduard, und frage, was ihm fehlt? Eduard.(Auf Ludolph zueilend) Biſt du krank, guter Mann? Ludolph. Cſieht ihn geruͤhrt an, und kuͤßt ihn auf die Stirn.) Eduard. Wenn du krank biſt, ſo komm mit zur Mutter.„ die hat ſchon vlele Kranke geheilt! Ludolph. Holder, lieber Knabe! ich bin nicht krank! S „Eduard. Siehſt doch ſo blaß und traurig aus.(Fihrt ihm mit der Hand über die Wange) Du weinſt! Ludolph. Wer iſt deine Mutter, guter Junge? (In dem Augenblick kamen um die Ecke geritten Frau von Sinzenheim, der General von Aſſen, hinter ihnen ein Stallknecht). Eduard. Da kommt ſie! da kommt ſie! 122 Ludolph. Cblickt auf und erkennt Sophie) Gott!(er will aufſtehen, vermag es nicht, druckt ſei⸗ nen Hut tiefer in die Angen, und blickt zur Erdey) Eduard. Cſeiner Mutter entgegen lauſend) Mutter! Mutter! laß mich auch reiten! (Bertram hebt Eduard in die Hoͤhe, aber indem Frau von Sinzenheim ihn auf den Sattel vor ſicht hin⸗ ſezt, baumt ſich das Perd. Fran von Sinzenheim läßt den Zuͤgel fallen, faßt Eduard mit beyden Haͤnden, und ſchreyt laut auf— der General, der voran geritten war, wendet um— Ludolvh hat aber bereits ſchon den Zugel mit der einen Hand gefaßt, und Ednard mit der andern herunter genommen und ihn dem alten Bedien⸗ ten gegeben.) Der General. Wie oft habe ich dir ge⸗ ſagt, du ſollteſt die tolle Beſtie nicht mehr rei⸗ ten! Frau von Sinzenheim. Lieber Bru⸗ der.. Dleſer Herr.(im Abſteigen) Der Schrecken„ meln Eduard,. Cſie lehut ſich an LBertram.) Eduard.(ihr liebkoſend um den Hals fallend) Ich will nicht mehr reiten.. Der General.(Ciſt indeſſen abgeſtiegen, und hat ſein Pferd dem Stallknecht übergeben) Reite nach Hauſe, und beſtelle den Wagen.— Du, Ber⸗ tram, nuimm dem Herrn die Schindmaͤhre ab, und führe ſie— zum Teufel, wenn du willſt, ich mag ſie nicht mehr im Stall dulden.— Wie iſt dir, Sophie! ——————— 123 ——— Frau von Sinzenheim.(laͤchend, in⸗ dem ſie Eduard niederſtellt) Weiber gehoͤren hinter das Splnnrad, und nicht auf den Sattel!— ich habe mich ſehr kindiſch benommen! Ludolph.(naͤher tretend) Wenn Sie ſich einen Augenblick niederließen, gnaͤdige Frau! Frau von Sinzenheim.(ſieht ihn ſchnell und ſtarr an) Mein Herr! wer ſind ſie2 Ludolph. Das Schattenbild eines alten Bekannten, der dieſen Augenblick ſegnet!... Frau von Sinzenheim. Gott!. iſt's moͤglich! Ludolph.(ergreift ihre Hand, und indem er ſie mit Heftigkeit an den Mund druͤckt) Ich habe nun genug gelebt.„ Cleiſe und bebend) Leben ſie wohl! Frau von Sinzenheim.(ſeine beyden Haͤnde faſſend, im hochſten Afekt) Ludolph! Der General. Was Teufel! Ludolph. Sophie!.. o ich gluͤcklicher Menſch!. Cer windet ſich los, ſtirzt durch's Ge— ſtraͤuch, und verſchwindet.) Frau von Sinzenheim. Brader, es iſt Ludolph! Der General.(ihm nach) Dort muß er heraus kommen. 124 Fünftes Kapitel. Pflicht und Liebe. Zimmer im Hauſe des Generals von Aſſen⸗ Frau von Sinzenheim.(ſizt an ihrem Schribtiſch, nachdenkend den Kopf in die Hand ge⸗ ſtuzt— ſie legt eben die Feder nieder, um die Augen zu trocknen.) Der General.(reißt die Thur auf, und fuͤhrt Ludolph bey der Hand herein) Da, Schwe⸗ ſter, bringe ich dir delnen Deſerteur zankt und verſoͤhnt euch; ich gebe euch eine Stunde dazu, dann komme ich zum Friedensſchluß— Cab.) Frau von Sinzenheim⸗ Ludolph! und Sie konnten mir die Freude des Wiederſehens nach acht vollen Jahren ſo verbittern! Ludolph. Gnaͤdige Frau! Frau von Sinzenhelm. Site woll⸗ ten mnich fllehen? Ludolph. Fliehen!. o neln!. zu ſterben hoffte ich in dieſem Freudenrauſch!. aber es toͤdtet weder Kummer noch Freude. ich habe nun beydes erfahren ————————— 125 Frau von Sinzenheim. Abſcheulicher Menſch! Ich weiß wahrlich nicht, wo ſch mit meinen Vorwuͤrfen anfangen ſoll Warnm ließen ſie ſeit unſerer Trennung nichts von ſich horen 2 Ludolph. Wem haͤtte ich von dem verſtoſ⸗ ſenen, in die weite Welt getriebenen Ludolph Nachricht geben ſollen?.. Dem Fraͤuleiu von Aſſen?„ Des Vaters ſtrenges Verbot mach⸗ te mir das Stillſchweigen zu einer Ehrenſache.. Der Frau von Sinzenheim? was ging dle⸗ ſer der unſtaͤte Fluͤchtling an? Frau von Sinzenheim. Ludolph!— das war hart! Ludolph. Verzeihung, Gnaͤdige Frau! es lautete wirklich beynahe wle ein Vorwurf... ich habe mich vergeſſen„ noch einmal Ver⸗ zelhung! mein Kopf.„ In der That, ich bin nicht in der Stimmung, in der ich mich doch ſo ſehr gewuͤnſcht haͤtte„ ſie werden wir daher erlauben... Cer ſtarrte ſie einige Au⸗ enblicke mit naſſen Augen an, ſeine Bruſt flog, alle ſeine Glieder bebten, endlich mit Augen und Haͤnden gen Himmel gehoben) Der Himmel ſegne jede Stunde des ſchoͤnſten Lebens er machte ſie zur gluͤcklichen Mutter...( Thranen erſticken ſei⸗ ne Stimme, er wendet ſich raſch nach der Thuͤr.) Fran von Sinzenheim.(ihn zuruͤckhal⸗ tend) Wohln?7„0 Ludolph! ſoll ich denn 126 dir ſagen, was eine erſte reine Liebe dem tu⸗ gendhaften Herzen iſt?„ muß lch denn in die⸗ ſem entſcheidenden Augenblick die Wuͤrde meines Geſchlechts verleugnen und dich, ſtolzer Menſch, zuerſt an unſern Schwur in Aſſen's Laube er⸗ innern!„ Ludolph, meine Ehe war das Opfer, das die gehorſame Tochter, des ſchwa⸗ che Maͤdchen dem beſten Vater, und der harten Nothwendigkeit endlich bringen mußte„ ich habe in meinem Gatten einen redlichen Freund beweint— aber das bloße Geruͤcht deines To⸗ der koſtete beynahe auch mir das Leben, haſt du mich nun verſtanden, du boͤſer Menſch! Ludolph.(zu ihren Fußen) Sophie!. nur diesmal ſey mir noch gegonnt, dieſen ſuͤßen Na⸗ men auszuſprechen.. wenn ſie wuͤßten.. (er bedeckt ſich das Geſicht mit beyden Händen) Ver⸗ tilgt ſey auf immer aus dieſer engelreinen Bruſt das Andenken an den unwuͤrdigſten der Men⸗ ſchen und wenn auch uſcht geſellſchaftliche Geſetze, die uns heilig ſeyn muͤſſen, well ſie in jedem Staate die allgemeine Wohlfahrtsſtuͤtze ſind, eine unuͤberſteilgbare Scheidewand zwiſchen uns beyde geſtellt haͤtten, ſo ſpricht meine eige⸗ ne Unwuͤrdigkeit mir das unwiederruflichſte Ur⸗ theil,„ Gnaͤdige Frau! vergeſſen ſie einen Schwaͤchling, der im Sumpfe der Wolluſt ihr Bild entheiligte.„ der in den Armen einer vornehmen Buhlerin ſich trunken beynahe zum Morder ſchwelgte„„ verachten ſie den Leicht⸗ 127 ſinnlgen, der der Gefahr kaum entronnen, das Andenken ſelner erſten Llebe gewaltſam unterdruͤ⸗ ckend, eben den Ring, den er einſt in der gluͤck⸗ lichſten Stunde ſeines Lebens von ihnen erhielt, einer andern ihres Geſchlechts.. Frau von Sinzenheim. Gott! Lu⸗ dolph. ſie ſind. Ludolph. Verlobt! und. Frau von Sinzenheim. Vermaͤhlt? Ludolph. Der Himmel ſtraft den Meyn⸗ eid die Ungluͤckliche buͤßte mein Verbrechen mit ihrem Leben. Frau von Sinzenheim.(wehmuͤthig laͤchelnd, indem ſie ihm die Hand reicht.) Steh— auf, reuiger Suͤnder! wer ſich ſelbſt ſo hart anklagt, dem gebuͤhrt Gnade„ es ſey dir vergeben! Ludolph. Engel! o daß die Tage der unſchuldigen Llebe nie wieder kommen koͤnnen! dieſe Tage, wo der erfahrungsloſe Juͤng⸗ ling ſich zum Gott ſchwaͤrmte, und ſeine eigene Zukunft ſich ſchuf.„. Sophle!(indem er ſeine Rechte um ihren Nacken ſchlingt) dleſe Stunde ſey denn noch dem heiligen Andenken unſers arkadi⸗ ſchen Lebens geweiht; dann„ herab mit dem Vorhang. er verhuͤlle auf ewig unſer ge⸗ traͤumtes Paradies!. Frau von Sinzenhelm. Warum vet⸗ huͤllen? warum„ — 128 Ludolph. Wir ſind dleſe Opfer beyde ſchuldig; du delner Geburt, deinem Geſchlecht ich meinem Ehrgefuͤhl.. was wuͤrde die Welt von uns denken Frau von Sinzenheim. Weh dir, Lu⸗ votph! Der gutmuthige Schwaͤrmer iſt zum kalten Vernuͤnfiler herabgeſunken Daß eine ſchlaue Buhlerin dich in ihren Netzen fing, kann ich vergeſſen.. Daß du den Ring mei⸗ ner Treue verſchenken konnteſt, habe ich dir ver⸗ geben, weil der Tod ſelbſt dich vom Meynei rettete.. Daß du aber nach acht Jahren der ſchmerzlichſten Trennung, frey von allen Ban⸗ den, welche Natur und Konvenienz mir ange⸗ legt hatten, mlch in deinen Armen huͤltſt, und von dem Phantome einer falſchen Delikateſſe, die du Ehrgefuͤhl nennſt, ſo gelaſſen ſprechen kannſt.„o Ludolph! das verzeihe dir Gott!.. Ludolph.(indem er ſich neben ihr auf den So⸗ pha niederlaßt.) Gieb meinen Worten keine ſo fal⸗ ſche Deutung, o meine Sophie!.. Nein! nur der Tod kann die Bande zerreißen, die mein Herz an das Deinige unſichtbar feſſelt; aber un⸗ ſichtbar bleiben auch auf immer den Augen der Welt dieſe ſuße Bande, und der Tugend heilig! Hodre, Theure! der Himmel, der uns ſo wunderbar, ſo ganz wie ich es wuͤnſchte, wieder zuſammen brachte, gibt mir in dieſem Audenblick einen Gedanken ein, der. Cſie heftig an ſein Herz druͤckend) o Sophie! laß mich ihn ausfuͤh⸗ 129 —— ren den ſchoͤnen unſchuldigen Plan der reinſten Liebe! Frau von Sinzenheim.(Munter) Bald erkenne ich meinen lieben Schwaͤrmer wie⸗ der„ deinen Plan Ludolph?.. Ludolph. Hier bleiben dich toaͤglich aus der beſchledenen Ferne, wo mir deine Welt meine Stelle anweißt, von tauſend Anbetern umgeben zu ſehen. Sophie! und mich nicht naͤhern zu duͤrfen, ohne der Verleumdung giftige Zunge zu reizen, ja, ohne dir ſelbſt eine unwill⸗ fürliche Roͤthe abzuzwingen dies„dies waͤre mir unmoglich(indem er ihre Hand an den Mund fuͤhrt) Laß mich ausreden, Theure! „ich wuͤrde ſchweigen, der verzehrende Gram wuͤrde gewaltſam in das wunde Herz hinabſin⸗ ken, und die Folter der Eiferſucht wuͤrde dem unglücklichen Ludolph ein fruͤhes Grab graben „ laß mich nach Aſſen zuruͤckkehren.. Frau von Sinzenheim. Jal nach Aß⸗ ſen. wir beyde!. Ludolph.(veſtu) Rein! die Frau von Sinzenheim bleibt hier! Frau von Sinzenheim. Sie iſt nicht mehr. und deine Sophie(ſie legt ſanſt errs⸗ thend ihr Hanpt auf ſeine Schulter) Entſetzlicher Menſch! muß ich dir denn alles ſagen!. Ludolph.(der ſie nicht verſtehen will) Du gibſt mir deinen Eduard mit.. Es iſt Zeit, Lud. Lehrjahre 3. Th. J 130 daß der holde Knabe aus der welblichen Pflege der maͤnnlichen Erziehung uͤbergeben wird., ver⸗ trau ihn der Liebe an! Er bleibe ſtets zwiſchen uns das Sinnblld unſerer ernſten Pflicht, und wenn du zuweilen nach Aſſen kommſt Frau von Sinzenheim.(ihn raſch un⸗ terbrechend) der Major von Horſtberg bittet um meine Hand; er iſt der Jugendfreund meines Bruders, unſer täglicher Geſellſchaft, ein ſchò⸗ ner und edler Mann!(etwas bitter) Glaubſt du denn, Ludolph, daß deine romanhafte Delikateſ⸗ ſe, und mein zuruͤckgeſtoßenes Herz, gegen die ungekuͤnſtelte Neigung des redlichen Horſtbergs immer die Wage halten werden?.. Ich habe meine ganze Welblichkeit verleugnet; ich bin oh⸗ ne Bedenken deinen(leugne es nur, ſtolzer Menſch!) heimlichſten Wuͤnſchen zuvorgekom⸗ men, well auch dies Opfer zu den vielen ge⸗ hoͤrt, die mein Stand und unſere Verhaͤltniſſe von mir erheiſchten; weil, von fruͤher Jugend an gewdhnt, jeden Gedanken, jede Empfindung mit dir zu theilen, ich dich mit meiner Offen⸗ herzigkelt beſchaͤmen wollte. Cmit ſteigender Warme) aber Ludolph! auch ich beſitze meinen Stolz; nicht wie der deinige auf Grillen und falſches Ehrgefuhl gegruͤndet, ſondern auf das reine Bewußtſeyn meines Werths.. Ludolph! mache nicht, daß das tugendhafte Weib einſt noch uͤber die Stunde der zärtlichſten Hingebung errdthen muß,„„ ich muͤßte auch alsdann 131 dich verachten„ und wir waͤren beyde un⸗ gluͤcklich Ludolph. Noch welß ich nicht, ob ich traͤu⸗ me oder wache noch vermag meine nur an Leiden gewoͤhnte Seele die Wonne dieſer Stun⸗ de nicht zu begreifen; unter der Ahnung einer hoͤhern Seligkeit wuͤrde ſie erllegen... Goͤnne mir Zeit, daß ich mich faſſe, daß ich einſehe, wie unendlich guͤtig das Schickſal mit mir ver⸗ fährt.. O Stphle! der Himmel iſt mein Zeuge, daß ich keinen Gedanken hege, der nicht vein gehoͤrt; daß ich keinen Wunſch habe, als delne Zufrledenheit„ Mit meinem Leben, o du angebetetes Weib! moͤgte ich eine noch un⸗ genoſſene Freude dir erkaufen; und meine lezte Stunde wäre alsdenn fuͤr mich der hoͤchſte Triumpf der Liebe!(indem er ihre Hand an ſeine flegen⸗ de Bruſt druͤckt) Aber ich beſchwoͤre dich, o So⸗ phie! bey unſerer Trennungsſtunde in Aſſen be⸗ ſchwore ich dich! nur jezt, jezt entlockte mir Freudeberauſchten kein Verſprechen, das dir viel⸗ leicht eine zu ſpaͤte Thraͤne koſten konnte!. Laß mich uberlegen, begreifen, faſſen. o So⸗ phie!(ſie umarmend.) Frau von Sinzenheim. So biſt du mein lieber guter Ludolph wieder!. Der General kam, wie er's verſprochen hat⸗ te, nach einer Stunde zuruͤck; er fand ſie beyde in einem vertraulichen Geſpraͤch neben einander O 52 3 ſitzend; Ludolph hatte Eduard auf dem Schooß. Er mußte die Erzaͤhlung ſeiner Abentheuer, die er eben angefangen hatte, von neuem beginuen; nirgends wich er von der Wahrheit ab; daß er aber manches, beſonders in des Generals Ge⸗ genwart, entweder nur leiſe beruͤhrte, oder ganz hinweg ließ, wird man ihm wohl nlcht uͤbel nehmen. Das Qui pro quo in Strasburg bey der Nervenſchwachen Franzoſin machte beyden herzliches Lachen; bey dem Vorfall in dem Wal⸗ de ohnweit Villers- cotterets druͤckte ihm der General die Hand und Sophle ſah ihn mit naſ⸗ ſen dankbaren Augen au— ihr Bruder fluchte weidlich uͤber die Franzoſen und den franzoſichen Geſandten, aber mehr noch uͤber den Uebermuth der Britten und ihre mangelhafte Juſtitzpflege. Bey dem Namen„Sternberg“ wurde er ernſt und beſonders aufmerkſam; er ſchien mehrmalen eine Frage auf den Lippen zu haben, die er aber ein jedesmal hinunter ſchluckte. Dle Liebe zur Wahrheit geſtattete dem verlegenen Ludolph nicht, ſein Abentheuer mit der äppigen Itallene⸗ rin ganz zu verheimlichen⸗ Sophie biß ſich in die Lippen, und ſchlug errdthend die Augen nie⸗ der, indeß der General boshaft laͤchelte, und dadurch die Verlegenhelt von beyden noch mehr vermehrte. Der Banditen⸗Ueberfall zwang wie⸗ der ſeine Geſichtszuͤge in ernſtere Falten— Al⸗ le Wetter! rief er endlich, hoͤren ſie, junger Mann, das war brav von ihnen; die Kerls 33 werden nun Reſpekt fuͤr uns Deutſche bekommen haben!—„ Nun hatte Ludolph die Epoche ſelnes Lebens⸗ laufs erreicht,(nemlich ſeine naͤhere Bekannt⸗ ſchaft mit Emilien) die er gern der Frau von Sinzenheim allein mitgethellt haͤtte; er ſuchte be⸗ reits elnen Vorwand, um eine Pauſe zu ma⸗ chen, als Horſiberg und mit ihm einige ande⸗ re Bekannte herein traten, und ſeiner Verlegen⸗ heit ein Ende machten. Den andern Tag hat⸗ te berelts Sophie ſchon alles erfahren.— Die arme Emilie! rief ſie am Ende— dann nach einem kurzen Nachdenken:— Iſt es aber ge⸗ wiß, daß ſie bey jenem Ueberfall das Leben ein⸗ bußte?— Ich durchſtrich die ganze Gegend, forſchte allenthalben nach, aber es konnte mir kein Menſch weder von der Mutter, noch der Tochter auch nur die geringſte Nachricht ge⸗ ben.— Wenn ſie aber noch lebte?— Lu⸗ dolph wand ſich verlegen um.— Ludolph! wenn ſie dennoch lebte? wiederhohlte Sophle mit zitternder Stimme.— So wuͤrde ich einer heiligen Pflicht das ſchwerſte Opfer„„ mehr als mein Leben wuͤrde ich ihr opfern muͤſſen! antwortete er leiſe und bebend, hob Eduard in ſeine Arme, druͤckte ihn an ſeine Bruſt, und ging mit ihm hinaus. Der General fand taͤglich mehr Wohlgefallen au Ludolph; dieſer ritt mit ihm aus, ging mit ihm auf der Landkarte ſeine Feldzuͤge durch, 134 half gemeinſchaftlich mit Daun ſeine Vogel(ei⸗ ne Hauptliebhaberey des Generals) pflegen und futtern. Der General lebte Anfangs auf dem Lande, wo er beynahe einen ganzen Fluͤgel des Schloſſes in eine Voiliere verwandelt hatte; aber einige wiederhohlte Jagd und Gränz⸗Strei⸗ tigkelten mit ſeinen Nachbarn machten ihm auf einmal das Landleben verhaßt, alle Proteſtatio⸗ nen des Korporals halfen nichts. So ſehr er bis dahln gegen die Reſivenz eingenommen war, entſchloß er ſich doch, in dieſelbe zu ziehen, und ſeiner Schweſter Aſſen zu uͤberlaſſen. Wie nun aber ſeine geſiederten Unterthanen ohne Gefahr und wohlbehalten dahin zu bringen? Auch dies gluͤckte— aber freylich mußten die armen Thie⸗ re eine engere und unbequemere Wohnung ſich gefallen laſſen. Der General wollte durchaus keine Ruͤckſicht auf das Lokal nehmen, er ver⸗ mehrte vielmehr taͤglich noch ihre Anzahl. So auf einander gehaͤuft, herrſchten dfters epidemi⸗ ſche Krankheiten unter dem kleinen Polke; und Daun hatte taͤglich auf ſeiner Rapport⸗Liſte, zum großen Leidweſen ſelnes Herrn, viele Kran⸗ ke und beynahe immer einige Todte„. Nun kam Ludolph, und lehrte den alten Korporal die leichte Kunſt, die Todten auszuſiopfen, und ſie ſo unter Glas wie lebendig hinzuſtellen.— Dies ſezte ihn nun in die hoͤchſte Gunſt bey Herrn und Diener. Der General verlohr dadurch ſeine Lieblinge nlemals ganz, und der Korporal hat te ein treffliches Huͤlfsmittel gegen die Lange⸗ weile.— Auch der kleine Eduard hing an ihm mit ganzer Seele. Aeußerſt fein und klug be⸗ trug ſich die Frau von Sinzenheim; es koſtete ihr indeſſen nicht wenig Muͤhe und manche Liſt, um Ludolphs empfindliche Seite niemals zu be⸗ ruͤhren, und doch, ohne den Schein davon zu haben, alles abzuwenden, was ihm den wei⸗ ten Zwiſchenraum zwiſchen ihnen beyden fuͤhlbar gemacht haͤtte. Nach und nach, und ohne Af⸗ fektatlon hatte ſie ihm im engen Kreiſe ihrer Hausfreunde eine Stelle angewieſen, ohne daß es auffallend wurde, und Ludolph, der im Hau⸗ ſe des Grafen von Sternberg den feinſten Welt⸗ ton ſich eigen gemacht hatte, behauptete dieſe Stelle mit Beſcheidenheit und Wuͤrde. Die unſt, worein er ſich bey dem General zu ſe⸗ tzen gewußt hatte, kam ihr freylich bey ihrem Plan ſehr zu ſtatten; denn waͤre ihr Liebling nicht zugleich ihres Bruders ſeiner geworden, ſo haͤtte es, bey des Generals heftiger Gemuͤths⸗ art ſpaͤt oder fruh Auftritte gegeben, dle, wenn ſie auch nur den entfernteſten Bezug auf ihre beyderſeitigen Verhaͤltniſſe gehabt haͤtten, den ſtolzen jungen Mann dennoch zu einem verzwei⸗ felten Entſchluß unfehlbar gebracht haͤtten. Eines Tages, als der General einem Unter⸗ richt beygewohut hatte, den Ludolph jeden Nach⸗ mittag dem kleinen Eduard unter Spiel und Scherz zu geben pflegte, und er dann ſeinem 136 Verſprechen gemaͤß mit dem lieben Jungen in den Garten nach Schmetterlingen haſchen ging, ſah ihm dieſer eine Zeitlang durch's Fenſter zu — dann, indem er ſich zu ſeiner Schweſter wand: Der General. Hoͤre, Sophie! es iſt doch Jammer und Schade, daß Ludolph kein Edelmann iſt! Frau von Sinzenheim. Er iſt ein ſehr edler Mann, iſt dir das nicht genug? Der General,(heſtig) Nein, nein! ſo wie ich's verſtehe, nicht— Donner Hagel! den vierten Theil meines Vermdoͤgens gaͤbe ich darum, wenn er einer waͤre! Frau von Sinzenheim.(ſöttiſch) Weißt du was, Bruder! ſo viel iſt nicht nd⸗ thig; wende nur hundert Dukaten daran, ſo bekommt er's von Wien aus ſchriftlich, daß er ein Edelmann iſt! Der General.(gutmüthig) Du ſpaßeſt! ich habe aber ſchon wuͤrklich daran gedacht, und auch, ich will dirs nur geſiehen, mit Ludolph ſelbſt davon geſprochen. Frau von Sinzenheim. Nur, und was gab er dir zur Antwort? Der General. Ein erkaufter Adel, ſagte er, iſt ein Pasquill auf den ganzen Adel⸗ ſtand, eine diplomatiſche Herabwuͤrdigung fuͤr den Edelmann und den Buͤrger; und er lenkte * 132 —— fogleich das Geſpraͤch auf einen andern Gegen⸗ ſtand.— Frau von Sinzenheim. Bravo! das haͤtte ich voraus ſagen konnen! Der General. Aber, Sophie! ich bitte dich, wo ſoll denn das am Ende noch hinaus? Ihr ſeyd beyde verliebt wie ein Paar Turtel⸗ taͤubchen; du machſt bald kein Geheimniß mehr daraus, und er verbirgt es ſo ſchlecht, daß ſo⸗ gar mein alter Daun es bemerkt har; mir gilt's am Ende gleich, denn der junge Mann gefaͤllt mir, und ich ſehe wohl ein, daß ihr beyde Toll⸗ kopfe ganz fuͤr einander geſchaffen ſeyd; aber die Welt, die ſtolze Familie deines verſtorbenen Mannes, was wird die zu einer ſolchen Ver⸗ bindung ſagen? Frau von Sinzenheim. Noch war ja die Rede nicht vom Heyrathen, lleber Bruder! Der General. Ey ſieh doch! und ich ſa⸗ ge dir, daß es die hoͤchſte Zeit iſt, daß endlich die Rede davon ſey! Frau von Sinzenheim, Bruder, du 3 thuſt mir weh! 3 Der General. Paperlapap! Ich i was ich ſagen will; das Romanenſpielen iſt ein ehen ſo echärmiicher Beitverluſt, als das Romanenleſen. Du biſt nicht von Luft zuſam⸗ men geſezt, naͤhrſt dich nicht von Roſenduft und Moudſchein; ein gutes verliebtes Weibchen biſt 138 du, und da das Ungluͤck eininal da iſt, ſo muß in Zeiten Rath und Huͤlfe geſchafft werden. Frau von Sinzenheim. Aber wie? und woher? Der General.(faͤhrt mit der flachen Hand uͤber die Stirne, und hohlt tief Athem) Ja! da ſizt der Knoten„ ich muß mit ihm ſprechen! Frau von Sinzeuheim.(ſteht auf und ergreift ihres Vruders Hand) Um's Himmels wil⸗ len nicht! Der General. Warum 2 Frau von Sinzenheim. Du wuͤrdeſt alles verderben. Der General. Und was denn? Frau von Sinzenheim.(verlegen) Ludolphs Grundſaͤtze in Anſehung des erkauf⸗ ten Adels erſtrecken ſich auch auf eine ſolche Heyrath„. Der General. Beym Teufel, Er ſollte doch keine Bedenklichkelten dabey haben! Frau von Sinzenheim. Doch! aber ſie betreffen mich allein; er glaubt durch ſeine Hand mich herabzuſetzen, und lleber opfert er ſich ſelbſt auf! Der General. Das kann ſein Ernſt nicht ſeyn! Frau von Sir Ich ſchwoͤre es dir, das iſt ſein volliger Ernſt! Der General. Und was iſt denn ſelne Abſicht? —. 139 Frau von Sinzenhelm. Nach Aſſen zu gehen und dort meinen Eduard zu erziehen! Der General.(unwillig mit dem Fuß ſtam⸗ pfend) Und ſo einen Schwaͤrmer aus ihm bil⸗ den, wie er ſelbſt einer iſt?„nein! Frau von Sinzenheim. Ludolph iſt ein ſehr uneigennuͤtziger, edler Mann! Der General. Ja, das iſt er freyllch; aber ſage mir, Schweſter, iſt es nicht eine wah⸗ re Narrheit, aus bloßer Delikateſſe dich ungluͤck⸗ lich machen zu wollen? Frau von Sinzenheim. Laß ihn ſel⸗ nen eigenen Weg gehen! Der General. Das kann ich nicht, denn dieſer Weg fuͤhrt gerade in's Tollhaus! Frau von Sinzenheim. Lieber Bru⸗ der! ich bitte dich!.. Der General. Hoͤre, Sophie, zuſehen will ich, aber nicht lange mehr; und dann wer⸗ de ich ſagen: Junger Mann hier kſt mel⸗ ne Schweſter, dort die Thuͤr, waͤhlen ſie! Fran von Sinzenheim. Eine ganz eigene Manler! Der General. Sie iſt die meinige! und kurz und gut, ihr macht ein vernuͤnftiges Ende, oder ich ſchlage mit dem Knuͤppel dreln! Koͤnnt ihr ohne einander leben? deſto beſſer und klu⸗ ger, ſo geht in Gottes Namen aus einander! — konnt ihr's nicht? ſo gebt euch die Haͤnde und zieht auf's Land!.. Es muß ein Ent⸗ ſchluß gefaßt werden; ich laſſe euch noch vierzehn Tage Zeit, dann breche ich los! Frau von Sinzenhelm befand ſich in keiner geringen Verlegenheit; Ludolph vermied, ſeit einiger Zeit beſonders, jede Gelegenheit mit ihr allein zu ſeyn; ſie ſah die Gewalt, welche er ſich anthat, und wie unter dem beſtaͤndigen in⸗ nern Kampf ſeine Geſundheit litt, und ſeine Kraͤfte ſchwanden; ſo oft ſie aber irgend einen unwillkuͤhrlichen Ausbruch der Leidenſchaft zu benutzen ſuchte, preßte ſich ſein, uͤber ſeine ei⸗ gene Schwaͤche erbittertes, Herz krampfhaft zu⸗ ſammen, und ſie vermehrte ſeine Leiden, ohne ſeinen Starrſinn zu brechen. Sie hatte daher beſchloſſen, alles der Zeit, und irgend einem gluͤcklichen Zufall zu uͤberlaſſen, aber nun droh⸗ te ihr Bruder durch ſeine gutmuͤthige Heftig⸗ keit ihre ſchon ſo mißliche Lage noch unange⸗ nehmer zu machen.— Indem ſie aber auf ein Mittel ſann, auch dieſen Sturm gluͤcklich abzulenken, erhielt die Sache durch ein uner⸗ wartetes Ereigniß eine ganz neue Wendung. Sechſtes Kapitel. Wiederſehen. —— Eines Morgens gleich nach dem Fruͤhſtuͤck ſaß der General in ſeinem Sorgenſtuhl, und ſchmauch⸗ te ſeine Pfeife; Ludolph las die Zeitung laut vor, indem Sophie ihren Eduard in einem Bil⸗ derbuche blaͤttern ließ: da wurde eln fremdes Frauenzimmer gemeldet, welches einige neumo⸗ diſche Stickereyen zum Verkauf anbleten woll⸗ te. Die Thuͤr geht auf, die Fremde tritt herein, ſchlaͤgt den Schleyer zuruͤck, und in dem nemlich Augenblick iſt Ludolph aufgeſprun⸗ gen, und hat ſie in ſeine Arme gefaßt, indem er laut rief:— Emllie!— Ludolph! ſtam⸗ melte das arme Maͤdchen, und brach ohne Be⸗ wußtſeyn zuſammen.— Der General hatte ſeine Pfeife weggeworfen und ſtarrte die Ohn⸗ maͤchtige an, indeß Sophie, einer lebloſen Bild⸗ ſaͤule aͤhnlich, vor der Gruppe ſtand. Emille echohlte ſich allmaͤhlich; der General, deſſen auffallende Theilnahme nlemand begriff, hatte ſelbſt die noͤthigen Staͤrkungsmittel her⸗ bey gehohlt; kaum geſtattete er, daß noch je⸗ mand ſeine Sorgfalt fuͤr die Ohnmaͤchtige mit 142 ihm thellte; er hatte ſie auf den Sopha ge⸗ tragen, ihr Tropfen eingegeben, Kuͤſſen unter⸗ geſchoben; und als ſie endlich die Angen auf⸗ ſchloß, und der erſte Laut uͤber ihre Lippen tam, rlef er, indem er beyde Haͤnde mit wil⸗ dem Affekt zuſammen ſchlug:— Meine Marte! meine Marte! Ludolph war zu einzig mit der Wiedergefundenen, und Sophie mit ſich ſelbſt beſchaͤftigt, um auf das ſonder⸗ bare Betragen des Generals weiter Acht zu ge⸗ ben. Jezt hatte dieſer einen Stuhl ergriffen, und ſich Emllien gegenuͤber geſezt; keinen Blick verwand er von ihr, ſelne Augen verfolgten aͤngſtlich eine jede ihrer Bewegungen, und nur mit Muͤhe konnte ſich Ludolph herbey draͤngen — endlich ſtand er auf, hohlte tief Athem— Sie iſt es nicht! ſagte er leiſe, und ging zur Thuͤr hinaus. Sophie, wie aus einem Traum erwachend, ergriff Eduards Hand, ih⸗ re Augen ſchwammen in Thraͤnen, ſie blickte noch elnmal um, und folgte ihrem Bruder nach. O meine Emille! rief jezt Ludolph, und umfaßte ſie mit ſeiner Rechten, indem er mit der Linken ihre hervorbrechenden Thraͤnen abe trocknete; durch welches Wunder laͤßt mlch die gutige Vorſehung dich wieder finden?— Do du noch lebſt, und ſo gluͤcklich aus den Hän⸗ den der Mordbrenner entkomgen biſt, wie kam es nur, daß alle meine Fochfoſchungen ſo gaͤnzlich fruchtlos blieben? daß mir Niemand Nachricht von euch geben konnte? Wo iſt dei⸗ ne Mutter? lebt ſie noch?.„. und er haͤuf⸗ te mit einem ſo frohen Ungeſtuͤm eine ſolche Menge Fragen auf einander, daß das arme Maͤdchen eines wehmuͤthigen Laͤchelns ſich nicht enthalten konnte.. Sie erzaͤhlte nun; daß ſie bey jenem naͤcht⸗ lichen Ueberfall Leben und Ehre der Edelmuth eines feindlichen Rittmeiſters zu verdanken ge⸗ habt haͤtte— unter dem Donner der Kanonen ſey ſie erwacht, haͤtte ſich in der Elle in die Klelder geworfen, und als ihre Mutter zu ihr hereinſtuͤrzte, waͤre die Feuersbrunſt ſchon rings⸗ um losgebrochen geweſen.— Veyde haͤtten nun zuſammen gerafft, was ſich am leichteſten tra⸗ gen ließ, ihr baares Geld, Kleidungsſtuͤcke, und Weißzeug; ihr Haus haͤtte, als ſie her⸗ aus traten, ſchon angefangen zu brennen.— Kaum haͤtten ſie ſich einige Schritte entfernt, ſo waͤre ihre Mutter ohnmaͤchtig hingeſunken, und ſogleich haͤtte ſie eine wilde Rotte von be⸗ rauſchten Soldaten umzingelt.— Schon ſah ich mich der entehrendſtun Mißhandlung ausge⸗ ſezt, fuhr Emilie fort, als ein junger Offizier zu Pferde herbey geſprengt kam, und die Men⸗ ge zertheilte; ich warf mich ihm zu Fuͤßen, und der menſchliche Krieger lleß ſogleich ſeinen Feldwagen vorfahren, gab uns zwey Mann Bedeckung und dieſen die ſchaͤrfſte Ordre, uns bis an das naͤchſte Städtchen, etwa eine Stun⸗ de von unſerm Dorfe, zu begleiten—„Von dort aus, ſagte er, indem er von uns Abſchied nahm, konnen ſie ohne Gefahr und Hlnderniſſe ihre Reiſe bis in's S*** fortſetzen.“ Da dies alles gleich im erſten Tumult geſchah, ſo iſt es ganz natuͤrlich, daß du keine Nachrichten von uns einziehen konnteſt— meine erſte Sor⸗ ge, als wir einen ſichern Zufluchtsort erreicht hatten, war, dir zu ſchreiben; du kannſt dir aber unſern Kummer, unſte toͤdlichen Sorgen vorſtellen, als wir nach zwey Monaten des vergeblichen Harrens noch immer keine Nach⸗ richt von dir erhielten.— Dies ging eben ſo naturlich zu, liebe Emille, unterbrach, Ludolph⸗ denn gleich nach den erſten Tagen unſers Rück⸗ zugs hatte ich die Armee verlaſſen, um euch aufzuſuchen.— Die Moglichkeit einer ſolchen ſchnellen Trennung, erzaͤhlte Emilie weiter, hat⸗ te keines von uns geahnet, und wir hatten da⸗ her die Vorſicht verſaͤumt, einen Zuſammen⸗ kunftsort feſt zu ſetzen. Sollteſt du alſo noch am Leben ſeyn, ſo wußten wir dich dennoch nicht zu finden; die Tage ſeit jener ſchreckli⸗ chen Nacht waren die jammervollſten meines Lebens; unſere kleine Baarſchaft ſchmolz zuſe⸗ hends; meine gute Mutter, geuͤbt im Leiden, und an die menſchlichen Widerwaͤrtigkeiten mehr gewdhnt als ihre Tochter, beſtrebte ſich mir Muth einzufloßen, und wuͤrklich trug ihre ſters * 145 gleiche Gelaſſenheit, ihr himmliſcher Duldungs⸗ geiſt nicht wenig dazu bey, mich auch auf⸗ recht zu erhalten, Jezt erinnerte ſie ſich, daß du dfters von D*** geſprochen hatteſt, als von einer Stadt, die nicht weit von deinem Ge⸗ burtsort gelegen ſey, und wir uͤbernahmen dieſe beſchwerliche Reiſe. Gleich nach unſerer An⸗ kunft wurde meine Mutter von einem heftigen Fieber uͤberfallen, aber jezt noch ſtellte ſie ſich ſtaͤrker als ſie war, und ſuchte mir die Ge⸗ fahr zu verbergen. Wir hatten eine kleine Woh⸗ nung in der P“* zer Vorſtadt bezogen: ei⸗ nes Abends, als ich von einer Modehaͤndlerin zuruͤckkam, der ich die Arbeit der Woche ge⸗ bracht hatte, fand ich ſie im Bette; ich er⸗ ſchrack, redete ſie an, aber wie ſoll ich dir meine Angſt beſchreiben, als ich mich uͤberzeug⸗ te, daß ſie im heftigſten Fieber⸗Paroxysmus lag und ſchrecklich fantaſierte. Die Hausfrau rief den Arzt, und dieſer erklaͤrte die Kranke in Gefahr„ WMein Elend war auf's hoͤch⸗ ſte geſtiegen. In dieſer großen mir vollig un⸗ bekannten Stadt, ohne Geld, ohne Freunde, und meine gute Mutter kaͤmpfend mit dem To⸗ de!. Den Tag uͤber arbeitete ich, Abends ging ich aus, um das, was ich fertig hatte, zu verkaufen; die Naͤchte brachte ich meiſtens ſchlaflos zu am Bette der armen Leidendeu— endlich erbarmte ſich der Himmel meiner und melne Mutter genaß; aber zu ſchwach noch, Lud, Lehrjahre 3. Th⸗ 1 — 43 3½ 146 um, was ſie bls jezt gethan hatte, die Arbeit mit mir zu thellen, mußte ich meine Kraͤfte doppelt anſtrengen, um dem druckendſten Man⸗ gel zu entgehen„ Ich hatte waͤhrend der Krankhelt meiner Mutter die Unvorſichtigkeit be⸗ gangen, der Modehaͤndlerin unſere Lage zu ent⸗ decken in der Abſicht, ſie zu bewegen mir ei⸗ nen kleinen Vorſchuß zu thun; aber ſtatt deſ⸗ ſen mißbrauchte das hartherzige Weib unſere Noth, ſo daß wir bald kaum etwas Kleines mehr als unſete Auslagen erhtelten: ich ent⸗ ſchloß mich daher, ſelbſt in die Haͤuſer der Großen zu gehen und meine Arbeit zum Ver⸗ kauf anzubleten. Unſere Hausfrau hatte mir die Frau von Sinzenheim als eine allgemeln bekaunte wohlthaͤtige und herablaſſende Dame geſchildert.— Dles war alſo mein erſter Gang o Ludolph! ohne die hartherzige Modehaͤndlerin haͤtten wir uns vielleicht nie wle⸗ der gefunden!— und ſie ſank in ſeine Arme. Ludolph, der während Emillews Erzählung Zeit gehabt hatte, ſeine eigene Lage zu uberſe⸗ hen, hatte auch ſchon einen Entſchluß gefaßt. — Komm, Emille! ſagte er, indem er ihr die Hand zum Aufſtehen reichte, wir wollen zu deiner Mutter.— Sie ſtanden bereits an der Treppe.— Wohin? rief der General, der den Gang herauf kam.— Emilien zu ihrer Mutter fuͤhren! antwortete Ludolph.— Wer iſt dieſes ſonderbare Maͤdchen? Wo wohnt ſie? 63 P7 wer iſt ihre Mutter? fragte der General ha⸗ ſtig hinter einander.— Der Leſer wird ſich erinnern, daß Ludolph den Theil ſeiner Ge⸗ ſchichte, in welchem Emille eine ſo weſentliche Rolle ſpielte, der Frau von Sinzenheim allein erzaͤhlt hatte, auch daß er Emiltens Mutter nur unter dem Namen„Madam Freund“ kannte, und uͤberhaupt von ihrer Geſchichte nur ſehr we⸗ ulg wußte.— Den Namen Aſſen hatte er ſie nie nennen hoͤren, denn ihre fruͤhere Liebes⸗ geſchichte hatte ſie ihm ganz verheimlicht. Sol⸗ che Geſtaͤndniſſe glaubte ſie nur einer Tochter wie Emilie ſchuldig zu ſeyn. Ludolph war, oh⸗ ne z antworten, unentſchloſſen ſtehen geblieben, und Emilie ſah ihn verlegen und aͤngſtlich an.— Fuͤrchte dich nicht, ſezte der General ſanfter hin⸗ zu, es iſt wahrlich nicht boͤſe von mir gemeynt; ich habe meine ganz beſonderen Urſachen zu al⸗ len dieſen Fragen„ nimm's nicht uͤbel, Kind; aber du mußt noch ein Verhoͤr aushal⸗ ten!— und er fuͤhrte ſie in den Saal zuruͤck. — Ludolph folgte.— Herr von Aſſen zwang Emilien zum Sitzen, indem er ſie mit leuchten⸗ den Augen vom Kopf bis zu den Fuͤßen durch⸗ ſchaute, ohne einen Laut von ſich zu geben.— Doch wozu das? rief er endlich und ſprang auf. Hdre, Maͤdchen, deine Mutter muß ich ſehen, wo wohnt ſie?— Emtlie nannte die Vorſtadt.— Das iſt verdammt weit!— Er zog die Glocke.— Angeſpannt! rief er dem 5 2 3 —— ———— 24. Bedlenten entgegen. Emilie machte Einwen⸗ dungen, aber es half nichts, er hatte ſchon Hut und Stock ergriffen, und nach einigen Minuten flogen ſie, Er, Emilie, und Ludolph die Straſ⸗ ſe hinunter. Emille ging voraus die ſchmahle dunkle Treppe hinauf; als ſie die Thuͤr oͤffnete, ſaß ihre Mutter gerade ihr gegenuͤber an dem Naͤh⸗ rahnen.— Marle! Marie! rief auf einmal der General, ſchob etwas unſanft Emilien auf dle Seite, und in dem nemlichen Augenblick hatte er ihre ſuͤr Schrecken halb ohumaͤchtige Mutter in ſeine Arme gefaßt.. Die fuͤhlenden und ſelbſtdenkenden Leſerinnen bitte ich dieſe Scene ſich ſelbſt auszumahlen.— Der General glich einen berauſchten Menſchen; dle Worte floſſen ihm Stromweis aus dem Munde, aber ohne Sinn und Zuſammenhang. Noch immer hielt er Emiliens Mutter in ſeinen Armen; eine ſanf⸗ te Rothe hatte ihre blaſſen Wangen uberzogen, ſie ſuchte ſich los zu winden, und vermogte es nicht.— Iſi's mbglich, rief endlich der Ge⸗ neral, indem er ſie wieder niederſezte, und die Haͤnde zuſammen ſchlug, die Gemahlin des Herrn von Winterſee, meine angebetete Marie in die⸗ ſem Rattenneſt! Und da halfen abermals weder Bltten noch Vorſtellungen; wie ſie ging und ſtand, mußte ſie ihm den Arm geben; er füͤhrte ſie hinunter an den Wagen, hob ſie hin⸗ ein— Nach Hauſe! rief er dem Kutſcher 149 zu;— keines von ihnen allen hatte noch Zeit gehabt zu ſich zu kommen. Schweſter! da bringe ich dir meine Marie! rief der General, indem er die Thuͤr des Saals, in welchem Frau von Sinzenheim und Horſtberg faßen, weit auſ⸗ riß.— Sophie kam der Verlegenen, ſich kaum aufrecht Haltenden mit einem holden Laͤ⸗ cheln entgegen, und fuͤhrte ſie nach dem Eo⸗ pha. Der General ſchwazte in einem fort; bald ſaß er den drey Damen gegenuͤber, druͤckte⸗ Marien's Hand, fuͤhrte ſie an den Mund⸗ haͤufte Fragen auf Fragen, erwartete keine Ant⸗ wort; ſprang gleich wieder auf, verglich Mut ter und Tochter, fiel Horſtberg um den Hals, druͤckte Ludolphs Hand, und vermogte bald we⸗ der zu ſitzen, noch zu ſtehen.— Lieber Bru⸗ der! ſagte endlich die Frau von Sinzenhelm im Taumel der Freude: bemerkſt du nicht, wle ſehr Mutter und Tochter Ruhe und Erhohlung noͤthig haben? Vertrane ſie mir beyde auf einige Stun⸗ den an, es iſt hoͤchſt nothwendig.— Iſt's wahr, Marie? fragte der General aͤngſtlich.— Ja, Herr von Aſſen, ſtammelte dle Frau von Winterſee, ich habe wuͤrklich Ruhe noͤthig!— So komm, Horſtberg, wir reiten indeſſen aus, ich muß uͤber Graͤben und Hecken ſetzen, hier zwiſchen den vier Mauern halte ich's nlcht aus. — Sie gingen und Frau von Sinzenheim fuͤhrte Emllien und ihre Mutter in die Zim⸗ mer, welche fuͤr beyde beſtimmt waren, indeß 150 — Ludolph in elner unbeſchreiblichen Unruhe ſich in das ſeinige einſperrte. Alle Gemuͤther waren nun auf das aͤußerſte geſpannt.— Frau von Winterſee(wir wollen nun kuͤnftig Mndam Freund bey dem Namen ihres Gemahls nennen) war durch die heutigen Ereigntſſe ſo uͤberraſcht worden, deß ſie ſich noch nicht darin zu finden wußte. Reiner, unge⸗ miſchter war Emiliens Freude; ſie hatte ja ih⸗ ren Ludolph wieder!„ Ihre Mutter hatte ſie laͤngſt ſchon mit ihren Familien⸗Angelegen⸗ heiten genauer bekannt gemacht; die Ungewiß⸗ heit des Schickſals ihres ungluͤcklichen Vaters, die beynahe odllige Ueberzeugung ihn nie kennen zu lernen, hatte ihr ſchon manche einſame Thraͤ⸗ ne entlockt; nun aber, da ſie ihren Ludolph auf eine ſo wunderbare Art wieder gefunden hatte, ſchien es ihr nicht vollig mehr ſo unmoͤglich, auch einſt noch ihren Vater ſo wieder zu fin⸗ den.— Schon traͤumte ſie ſich die Verſoͤh⸗ nungs⸗Scene zwiſchen ihm und ihrer Mutter, dann ihre Verbindung mit Lubolph, die unmit⸗ telbar darauf folgen ſollte, und ſo ſchwaͤrmte ſie ſich in die gluͤcklichſte Zukunft hinein.— In unnennbare Wonne aufgeldßt ſaß ſie dem Bette gegenuͤber, wo ihre Mutter ſchlummerte— endlich aber ſiel es ihr dennoch ein wenlg auf, daß Ludolph ſie ſo ſchnell, und nun ſo lange verlaſſen konnte. 151 Frau von Winterſee ſchlummerte.. doch nein, ſie hatte nur die Vorhaͤnge zugezogen, um ſich ihren ſtuͤrmiſchen Empfindungen ungeſtort uͤber⸗ laſſen zu konnen. In dem ſieben und dreyßig⸗ ſten Jahr ihres Alters nach einer langen Reihe von Leiden und Drangſalen, befand ſie ſich nun in dem Hauſe des erſten, des elnzigen Mannes, denn ſie jemals gellebt hatte; als ein bluhen⸗ des junges Weib, hatte ſie ihn in der ſchreck⸗ lichſten Stunde ihres Lebens zum leztenmal zu ihren Fuͤßen geſehen, und nun nachdem Kum⸗ mer und Elend, wie ein kalter rauher Herbſt⸗ ſturm, die Bluͤthe ihrer Schonheit ſchon vor der Zeit abgeſtrelft hatte, unbewußt, ob ſie eine Wittwe, oder ob das fuͤr ſie ſo ſchwere Joch des Eheſtandes noch auf ſie druͤckte, ſchwebte ihre beaͤngſtigte Seele in der bangen Ungewißheit ihres kuͤnftigen Schickſals. Um zu fuͤhlen, wie ſehr ſie ihren Aſſen noch liebte, hatte ſie den heu⸗ tigen uͤberraſchenden Vorfall nicht vonndthen ge⸗ habt; in keinem Augenblick ihres Lebens, ſelbſt da nicht, als ſie die Hoffnung, ihn je wleder zu ſehen, vbllig aufgegeben hatte, als ihr zartes Gewiſſell es fuͤr Verbrechen hlelt, an den ſo heiß Gellebten ferner noch zu denken, vermogte ſie ſein Andenken in dem widerſpenſtigen Herzen nicht zu vertilgen... Nun hatte ſie ihn wie⸗ der, wohnte unter einem Dach, athmete eine Luſt mit ihm; auch daß ſein Herz nach neun⸗ zehn Jahren nicht veraltert ſey, davon hatte ſie ſich uͤberzengt, und dann die ſo quaalvolle Un⸗ gewißheit, ob dieſe ſtandhafte Ltebe Verbrechen, oder Vergeltung fuͤr namenloſe Lelden? ob der Himmel endlich verſoͤhnt? oder ob dieſes Ereig⸗ niß ein Tantaliſcher Verſuch, eine neue„ die emnpfindlichſte Strafe fuͤr das Vergangene ſey? „ Sie war zu ſchwach an Geiſt und Koͤr⸗ per, um in dieſem Augenblick elnen Entſchluß faſſen zu koͤnnen; aber ihre reine ſchoͤne Seele erhob ſich im ſtillen Gebet zu Gott; ihm, dem gurigen Vater der Menſchen, ſtellte ſie, in wil⸗ liger Ergebung, ihr kuͤnftiges Schickſal anheim, und allmaͤhlich fand ſie ſich getroͤſtet und geſtaͤrkt. Ludolph, nach einem langen ſchmerzhaften Kampf zwiſchen Pflicht und Liebe, raffte end⸗ lich alle ſeine Kraͤfte zuſammen, und ſchrieb an Frau von Sinzenheim folgendes: „Ein ſchreckliches Verhaͤngnlß gebletet mir „zu waͤhlen zwiſchen Meyneld und ewiger „Entſagung! Sophie! waͤre ich Ihrer Lie⸗ „ be noch werth, wenn ich nur einen Augen⸗ „blick unentſchloſſen ſeyn konnte? Bey al⸗ „lem, was dem Menſchen ehrwuͤrdig und „heilig iſt, ſchwur ich Emilien, ihr Gatte „zu werden; an ihrem Finger traͤgt ſie das „Unterpfand meiner Treue„ die Stim⸗ „mung, in der ich mich in jenem Augenblick „befand, unſere ehemaligen Verhaͤltniſſe, und „die damalige Lage könnten wohl dieſen uͤber⸗ 153 „eilten Schritt entſchuldigen„ doch nein! „hier findet keine Entſchuldigung ſtatt.„ „Pflicht und Ehre fordern von mir das Opfer „„ich werde es vollbringen! Ludolph.“ Der General fand bey ſeiner Nachhauſekunft ſeine Schweſter in Thraͤnen ſchwimmend mit die⸗ ſem Brief in der Hand, den ſie ihm, auf ſelne Frage, ſtillſchweigend uͤberreichte. Der General,(legt den Brief nachdenkend zuſammen— endlich) Und zu was biſt dn nun entſchloſſen? Frau von Sinzenheim. Zu dulden, zu tragen, und von dem großen Lenker aller menſch⸗ lichen Schickſale auch dle Aufloͤſung des meini⸗ gen zu erwarten. Der General. Arme Schweſter! du dauerſt mich! aber ſo wie ich den jungen Mann kenne, wird er, und ſollte es ihm das Leben koſten, kein Haar breit von ſeiner Pflicht abwelchen das Fraͤulein allein. Frau von Sinzenhelim. Sie liebt ihn! Der General. Du haſt aͤltere An⸗ ſpruͤche! Frau von Sinzenheim. Welche? Gab ich ſie nicht auf in dem Augenblick, wo ich Herrn von Sinzenheim melne Hand relchte? Daß ich jezt Wittwe bin 154 Der General. Freylich! freylich! eben ſo gut haͤtte dich der gute Sinzenheim uͤberleben konnen.. Hore! du biſt meine liebe Schwe⸗ ſter— Emilie meiner Marle Tochter. der Henker mag ſich in dieſe kitzliche Sache men⸗ gen! mein Herz ſpricht fuͤr euch beyde, ich wuͤnſche euch beyde gluͤcklich.(auf⸗und abge⸗ hend) Ja, das geht!(lebhaft) Begebt euch beyde eurer Anſpruͤche.. entlaßt ihn ſeines Verſprechens— und dann mag er zwiſchen euch beyden frey waͤhlen Frau von Sinzenheim. Emllie allein hat Anſpruͤche auf Ludolphs Hand und Herz; ich habe keine Der General. Donner und Wetter! du armes Weib, dul.. aber warte nur, ich will mit ihm ſprechen„„ er ſoll hören.. Frau von Sinzenheim. Und was wollteſt du, ich bitte dich, ihm ſagen?.. Wel⸗ che Vorwuͤrfe wollteſt du ihm machen, die er nicht, mit vollem Recht, erwledern konnte? Des Vaters ernſter Wille trennte uns; er floh, ich mußte hleiben. ich gab meine Hand dem Herrn von Sinzenheim, er verſprach die ſeinige Emillen; die Vorſehung, die mich zur fruͤhen Wittwe mochte, bringt ihn hierher — wrie leicht haͤtte er mich als das Weib ei⸗ nes Andern noch finden konnen, und an wem von uns beyden waͤre alsdann die Reihe gewe⸗ 155 ſen Vorwuͤrfe zu machen?„ Nein, Bruder! keines oder beyde von deinen Vorwuͤrfen!.. das Schickſal, ich fuͤhle es, treibt uns gewalt⸗ ſam nach dem fuͤr uns beſtimmten Ziel, wir ent⸗ gehen ihm eben ſo wenig als dem Grabe. laß uns alſo dulden und harren„. Der General.(wirft ſich unmuthig in einen Seſſel, und ſtarrt eine Zeitlang vor ſich hin— dann plotzlich aufſpringend) Ich muß zu Marien! Frau von Sinzenheim. Sie ſchlaͤft noch! Der General. Nicht moͤglich!. Ver⸗ liebte, das fuͤhle ich, ſchlafen nie! ich konnte fuͤr alle Welt Wunder jezt nicht einmal die Augen ſchließen.(will gehen.) Frau von Sinzenheim.(ihn zuruckhal⸗ tend) Bruder! ſchone das arme Weib! Der General. Schonen! auf den Haͤn⸗ den will ich meine Marie tragen. Frau von Sinzenheim. Du verſtehſt mich nicht! haſt du ihre Lage uͤberlegt? Der General. Wie ſo? Frau von Sinzenhelm. Du haſt dei⸗ ne Marie wieder gefunden; und ſie. noch, was ſie vor nennzehn Jahren war„ das Weib eines Andern! Der General. Wer ſagt das? Frau von Sinzenheim. Kannſt du das Gegentheil beweiſen? Der General. Wer elne Frau, wie dieſe, neunzehn Jahre lang dem Elend Preis geben konnte, iſt ein ſchlechter Menſch! Frau von Sinzenheim. Der Scheln war wider ſie! Der General. Was?„ Als er mir ſeinen Degen durch die Rippen jagte, und ich nach Luft ſchnappend dennoch ihre Unſchuld be⸗ theuerte Frau von Sinzenheim. Ueberlegt die Eiferſucht? ſpreche Vernunft zu der Leiden⸗ ſchaft!. Er uͤberraſchte dich in ihren Ar⸗ men. was iſt das Ehrenwort des ehrlich⸗ ſten Mannes gegen einen ſolchen uͤberzeugen⸗ den Anblick? Der General. Gut! ich fordre ihn in allen Zeltungen auf, ſende Boten nach allen Weltgegenden aus, verlange, daß er ſich von thr ſcheiden laſſe. Wenn er ſie fuͤr ſo ſchlecht haͤlt, wird ihm dieſer Vorſchlag willkommen ſeyn! Frau von Sinzenheim. Wenn Herr von Winterſee noch lebt, ſo iſt er ein Greis; aber wahrſcheinlich iſt er todt; wie dann nun, wenn er keine Spuren ſeines Daſeyns hat hin⸗ terlaſſen wollen, und ihm dieſes Vorhaben ge⸗ lungen iſt? 137. Der General. Das konnte, das durf⸗ te er nicht— er hatte noch einen Sohn von ſeiner erſten Frau„ Als er aus*** ver⸗ ſchwand, weiß ich, daß er den Knaben auf ſelner Flucht mit nahm. Frau von Sinzenheim. Was iſt ei⸗ nem ſolchen Manne, der gegen das ganze menſchliche Geſchlecht erbittert war, nicht mog⸗ lich! Setzen wir aber den Fall, daß der Wunſch, ſeinen Namen in ſeinem Sohne wei⸗ ter fortzupflanzen, ſtaͤrker als ſein Menſchen⸗ haß geweſen ſey, und er lebte noch wie dann, wenn er delne Aufforderung in irgend einem Zeltungsblatt lieſt, und ſeine nach Ra⸗ che duͤrſtende Seele ihm den unſeligen Gedan⸗ ken eingibt, ſich an deiner Ungewißheit zu la⸗ ben, und zu ſchweigen?.„ Der General. So ſoll ihn Gott ver⸗ dammen; den unbarmherzigen Menſchen!) Frau von Sinzenheim. Well er ſei⸗ nem Nebenbuhler das Weib nicht goͤnnt, das zu verſtoßen ihn dieſer zwang? Der General. Schweſter! jezt muß ich. auf der Stelle muß ich Marien ſpre⸗ chen! wer weiß vielleicht hat ſie Nach⸗ richt, o gewiß, ſie wird Nachrichten ha⸗ ben! (und er ſtuͤrzte zur Thuͤr hinaus.) Gegen Abend kamen dieſe gute Menſchen wieder zuſammen, aber es herrſchte weder Froh⸗ ſinn noch Vertraulichkelt unter ihnen. Frau von Winterſee hatte nicht allein keine Nachricht von ihrem Gemahl, ſondern nicht einmal die geringſte Spur ſelnes dermaligen Aufenthalts. — Des Generals frohe Laune war beynahe daruͤber in finſtern Mißmuth uͤbergegangen. Ludolph ſaß bey Tiſche zwiſchen der Frau von Sinzenhelm und Emillen, und beſtrebte ſich vergebens jene Stimmung zu behalten, die er ſich zur Pflicht gemacht hatte. Emille allein war heiter und ſo oft Ludolph mit Sophlen ſich unterhielt, wand ſie ſich gegen Horſtberg, der an dieſem Abend auffallend artig und ge⸗ ſpraͤchig war.— Dle Mitternacht trennte ſie. — Als Ludolph Sophien's Hand kußte, fuͤhl⸗ te ſie, daß elne Thraͤne darauf fiel; es war ein elektriſcher Schlag, ſie bog ſich zu ihm herab, und wollte eben ſprechen, als Emilie hinzukam, Ludolph unter den Arm faßte und mit ihm hinaus ging. Den andern Morgen um ſechs Uhr hatte der General ſchon an alle Zeltungsſchreiber und Journaliſten geſchrieben, und zehn Eilboten be⸗ ſtellt.— Der alte Daun ſtand hlnter ſeinem Stuhl, und konnte ſeinen Herrn nicht begreifen. Der Beneral,(Briefe ſiegelnd, ohne ſich umzuſehen) Daun; 159 Daun. Excellenz! Der General. Laß ſogleich den Brau⸗ nen ſatteln, reite nach Aſſen, und gib den Brief dem Verwalter! Daun. Ganz wohl! Der General. Reitſt Carriere, und wenn dir die Schindmaͤhre bis dieſen Abend zwiſchen den Beinen kreplrt, ſo laß ſie liegen und kauf dir eine andere„ bis Sonnabend muß ich Antwort haben. Daun. Ich weiß auch, was ein braver Dragoner, wenn es ſeyn muß, reiten kann; aber Excellenz halten zu Gnaden, das iſt nicht moͤglich! Der General. So fllege! Daun.(ſieht ſeinen Herrn mit großen Angen an, und bleibt mit dem Brief in der Hand unent⸗ ſchloſſen ſtehen) Der General.(mit dem Fuß ſtampfend) Nun! Daun.(legt den Brief hin) Ich kann nicht fliegen! S Der General.(ihm den Brief wieder auf— dringend) Daun, mache mich nicht boſe„. Daun.(ſich raſch nach der Thuͤr wendend) Ich gehe zum Doktor! Der General. Wie? Warum? 160 —— Daun. Excellenz ſind krank! Der General. Alter Eſel!(ſtößt ihn zur Thuͤr hinaus) Fort! fort! Daun ſchuͤttelte den Kopf, und glng zur Frau von Sinzenheim, bey der er ſich, wenn ſein Herr gar zu wunderlich war, Rath zu hohlen pflegte, und eine Piertelſtunde darauf ſaß er ſchon zu Pferde, und trabte zum Thor hinaus. Um acht Uhr hatte der General ſchon alles im Wohnzimmer zum Fruͤhſtuͤck zuſammen ge⸗ bracht. Schweſter, ſagte er, die andere Woche reiſen wir alle nach Aſſen; hier taugen wir zu nichts als den Anekdotentraͤgern Stoff zu Tol⸗ letten-Unterhaltungen zu geben. Dann iſt hin mit elnem Brief an den Verwalter, damit er alles zu unſerm Empfang elnrichtet. Dieſer Vorſchlag gefiel der Frau von Sinzenheim unge⸗ mein; ſie haͤtte ihn ſelbſt gethan, wenn ſie ih⸗ res Brudes Abneigung fuͤr das Landleben, ſeit der Graͤnz⸗ und Jagd⸗ Streitigkeit, nicht ge⸗ kannt haͤtte. Ludolph aber erklaͤrte, daß er ge⸗ ſonnen ſey in D** zu bleiben, um, ia⸗ dem er ſich zu dem General wandle, durch Ih⸗ re Excellenz guͤtige Fuͤrſprache irgend eine An⸗ ſtellung zu erhalten.— Ich daͤchte, Ludolph, erwiederte die Frau von Sinzenheim, dazu haͤtte es noch Zeit bis auf den Winter, wo der Hof, und auch wir, in die Reſidenz wleder zuruck kehren werden.„. Zudem iſt es keine ſo 161 ———— leichte Sache hler angeſtellt zu werden; melnes Bruders Gegenwart und ganzer Einfluß wird dazu erforderlich ſeyn. Sie koͤnnen alſo immer⸗ hin dieſe Paar Monathe noch in Aſſen mit uns zubringen, und ſich auf irgend ein Fach vorbe⸗ reiten.— Dann ſezte ſie mit einem wehmuͤ⸗ thigen Laͤcheln hinzu:— auch hatten ſie mir verſprochen, bis wir einen tauglichen jungen Menſchen gefunden haͤtten, ſich meines Eduards anzunehmen!— Ludolph ſchlug verlegen die Augen nieder; er haͤtte wohl antworten koͤnnen, aber in Emilien's und ihrer Mutter Gegenwart durfte er ſich nicht wohl deutlicher erklaͤren.— Sophie verſtand dieſes Stillſchweigen.— Gleich nach dem Fruͤhſtuͤck faßte der General die Frau von Winterſee bey der Hand und fuͤhrte ſie in den Garten. Horſtberg, der nun Emillen eben ſo wenig als ihren Schatten verließ, hatte ſich gleichfalls ihrer bemaͤchtigt, ſo daß Sophie und Ludolph ſich bald allein im Zimmer befanden. Ludolph.(ſich ſchüchtern nihernd) Ich muß dieſen Augenblick benutzen, um mich in ihren Augen zu rechtfertigen. Frau von Sinzenhelm. Sie ſind es ſchon, lieber Freund! Ludolph. Nicht, daß ich der Pflicht das Gluͤck meines Lebens aufopfre! nein, dafür iſt keine Rechtfertigung nothig, ſondern wegen mei⸗ Lud. Lehrjahre 3. Th⸗ L 162 „ ner Welgerung mit nach Aſſen zu reiſen.„. Iſt es moglich, daß Sie mir dieſen Vorſchlag im Ernſte thun konnen?... fuͤhlen ſie nicht ſelbſt die harte Nothwendigkeit einer langen Trennung? Frau von Sinzenheim.(empfindlich) Ein Stolker, ſollte ich glauben, darf keine Ge⸗ legenheit verſaͤumen ſeine morallſchen Kraͤfte im Kampfe mit dem Schickſal zu meſſen; und ſo fiel mir nicht ein„. Ludolph. O nicht dieſen Spott! Theures Weib! ſchonen ſie melner„ wahrlich, ich bedarf Schonung.. hoͤren ſie den Plan ei⸗ nes Verzweifelnden, der den weiten Umfang ſeiner Pflicht mit ſeinen Kraͤften verglichen, und mit einem gebrochenen Herzen zur Ausfuͤh⸗ rung ſchreitet!. Frau von Sinzenheim.(gezwungen kalt) So laſſen ſie den hdren! Ludolph. In irgend einem Winkel der Gebirge, die dieſes Land begranzen, moͤgte ich mich lebendig vergraben. Dort gibt es Bergwerke; ich bin nicht ganz fremd mit der Theorie der Bergwerkswiſſenſchaft; die Men⸗ ſchen, die ſich ihr widmen, ſind ſeltner als in irgend einem andern Fach; moglich, wahr⸗ ſcheinlich iſt es daher, daß mir der Herr Ge⸗ neral zu einer Anſtellung in den Bergwerken 163 leichter als irgend anderswo wird verhelfen koͤn⸗ nen Dort will ich leben, wuͤrken und mit meiner raſtloſen Thaͤtigkeit die Zeit toͤdten, bis zu meiner Vollendung Emllie Frau von Sinzenheim.(bitter) Ein allerliebſter Aufenthalt fuͤr ein junges, an die große Welt gewdhntes Frauenzimmer Ludolph. Emilie wird mir dahin fol⸗ gen Wenn ich nicht mehr geben, nicht mehr leiſten kann, ſo mag ſie das Schickſal und nicht mich anklagen.(ſich ſammelnd) Darf ich auf ihre guͤtige Fuͤrſprache bey ihrem Herrn Bruder rechnen?„ Frau von Sinzenheim. Ludolph MNein, in dieſem Tone vermag ich laͤn⸗ ger nicht mit dem Freunde meiner Jugend zu ſprechen.„ O Ludolph! ich kann weder klagen, noch ihnen Vorwuͤrfe machen, denn ich gab ihnen ja das Beyſpiel„ aber auch mich zwangen Lage und Verhaͤltniſſe„ Mei⸗ ne Seele iſt zu finſter, mein Herz durch alle dieſe ſich widerſprechenden Empfindungen zu hef⸗ tig angegriffen, um irgend einer vernuͤnftigen Ueberlegung faͤhlg zu ſeyn; aber das fuͤhle ich⸗ o mein Freund! daß ſie im Begriff ſind drey Ungluͤckliche zu machen. und das konnen weder Gott, noch Menſchen, noch ihr eigenes Gefuͤhl von ihnen verlangen.. L 2 164 Ludolph. So zeigen ſie mir elnen Aus⸗ weg! geben ſie mir ein Mittel an, um weder ſie, angebetetes Weib, ferner mehr zu betruͤ⸗ ben, noch Emilien um ihre gerechte Hoffnung zu betruͤgen„ auf mich nehmen ſie keine Ruͤckſicht und doch! o Sophie! gaͤbe es irgend eine Moglichkeit Ctief geruͤhrt) Vergebens will ich ſtark ſcheinen meine ganze Standhaftigkelt verließ mich bey der Ge⸗ wißheit meines Elends„ Sophie! ſo lan⸗ ge es noch in meiner Gewalt ſtand, den Man⸗ tel der ſtolzen Stoa, in den ich mich Ueber⸗ muͤthigen eingehuͤllt hatte, abzuwerfen, prang⸗ te ich mit melner Weisheitslehre, ſezte mit ſtrafbarem Wohlgefallen den ungekuͤnſtelten Er⸗ gießungen deines liebenden Herzens jene erbaͤrm⸗ liche Pralereyen entgegen, die du, Guͤtige, mit dem Namen einer falſchen Dellkateſſe zu beſchd⸗ nigen ſuchteſt. Sophie! hier liegt der eingebildete Thor, der ſich Rieſenkraͤfte traͤum⸗ te und wie ein Knabe zu deinen Fuͤßen in Thraͤnen zerfließt!(er verbirgt das Geſicht mit veyden Händen, indem ſie innig geruͤhrt ſich zu ihm herab beugt.) (Hier erſcheint Emilie an der halb offenen Thuͤr— da beyde ihr den Ruͤcken kehren, bleibt ſie unbe⸗ merkt.) ner Seele! ermanne dich„ hoͤre deine Sophle„ Auch mir ſchwurſt du einſt ewi⸗ Frau von Sinzenheim. Freund mei⸗ 165 ge Treue„„ nlcht minder guͤltig als Emi⸗ liens Anſpruche ſind auch die meinigen.. Daß ich dem Willen melnes alten Vaters ein Opfer brachte, benimmt mir nichts von melnen Rech⸗ ten„ geuug, auch ich bin frey. Reiner, inniger als ich, kann dich Emilie, kann dich niemand auf Erden lieben„ ohne dich wer⸗ den melne uͤbrigen Tage nur mehr eln langſa⸗ mes Dahinbruͤten zur Grabes⸗Ruhe ſeyn„ Laß denn ſehen, ob Emilie es werth iſt, an dieſem Herzen zu ruhen„ Ludolph! erzaͤhle ihr ganz einfach die Geſchichte unſerer fruͤhen Liebe ſage ihr, was Herz und Vernunft dir eingeben werden.(mit ſteigender Warme) ſage ihr, daß ich dich mehr liebe als mein Leben, und dich dennoch delnes Schwurs ent⸗ laſſe, damit du zwiſchen uns beyden frey waͤh⸗ len kannſt„ Ludolph. Sophie! ich waͤhlen„ Dich! Dich!(indem er mit naſſen gen Himmel gerichteten Augen ihre Rechte an ſeine Bruſt druckt) aber ſelbſt um der hoͤchſten Seligkeit der Liebe willen koͤnnte ich mich nicht entſchlleßen, Eml⸗ liens Taubenherz zu brechen„. Ceinige Augen⸗ blicke vor ſich hinſtarrend, dann, indem er Frau von Sinzenheim mit wildem Affekt an ſein Herz druͤckt, im 3 e en Vetzweiſlung) Lebe wohl! Armen entgegen.) Emilie. Ludolph! 166 — Ludolph. Gott! Emilte, Cfinkt an ſeine Veuſt in Thränen zer⸗ ſießend) Du falſcher Menſch! Ludolph. Rein, meine Emilie! meine Geliebte! meine Gattin! Emilte.(ihm die zitternde Hand auf den Mund legend) Hore auf! ſprich keine Unwahrheit, daß ich dich nicht noch mehr verachten muß. (ſie will ſich loswinden). Ludolph.(indem er ſie der Frau von Sinzen⸗ heim übergibt) Theure Freundln! benehmen doch Sie ihr den Wahn, erklaͤren ſie ihr„ ſagen ſie, wie es kam Gott! ich kann nicht„ mehr Cer ſtuͤrzt hinaus.) Emllie ſank laut ſchluchzend auf den Sopha hin, und nur mit vleler Muͤhe gelang es end⸗ lich der Frau von Sinzenheim, ſie ſo weit zu beruhigen, daß ſie ihr gelaſſen zuhdrte. Und nun erzaͤhlte ſie ihr, mit jener ſanften hinreiſ⸗ ſenden Beredſamkeit, die dem edlen tief fuͤhlen⸗ den Welbe ſo eigen war, die Geſchichte ihzer Liebe; aus weiſer Abſicht ging ſie bis in die kleinſten Detalls hineln; nicht den geringſten Umſtand vergaß ſie„ der damalige Gang ihrer Ideen, das Entſtehen, und allmaͤhlige Entwickeln beyderſeitiger Netgungen, ihre ſuſſen oft kindiſchen Schwaͤrmereyen„ alles mahl⸗ te ſie mit den glühendſten lebendigſten Far⸗ 167 ben Emille ſaß da wle eine Traͤumende; nur die bald todtenblaſſe, bald gluͤhendrothe Farbe ihres Geſichts bewieſen den Antheil, den ſie am Geſagten nahm.. Jezt erzaͤhlte die Frau von Sinzenheim, wie ſie Ludolph auf dem Spaziergang ſo unverhofft angetroffen hatte, wie er floh, wie ihr Bruder ſelbſt ihm nachſez⸗ te, und nur mit Muͤhe beredete ihnen zu fol⸗ gen; ſie wiederhohlte beynahe woͤrtlich, bis auf den heutigen Tag, ihre ſeitdem gehaltenen Ge⸗ ſpraͤche mit ihm. Enmille war aufmerk⸗ ſamer geworden, ihre Thraͤnen floſſen ſanfter, ſie ſtand auf, und ging einigemal auf und nie⸗ der; endlich blieb ſie ſtehen, und ſagte in el⸗ uem feſten entſchloſſenen Tone:— Nein! ich wrill mich nicht an edelmuth übertreffen laſſen! und was huͤlfe es mir, wenn ich auch anders handelte? Das Bewußtſeyn nur der ſtrengen Redlichkeit Ludolphs Hand zu verdanken zu ha⸗ ben, wuͤrde ohnfehlbar die Ruhe melnes gan⸗ zen Lebens untergraben, ich wuͤrde ungluͤcklich ſeyn und er mit mir!.. Gnaͤdige Frau! ihre Anſpruche ſind fruͤher und heiliger, ich ge⸗ be die meinigen auft Nein, rief, Ludolph, der im Hereintreten dieſe lezten Worte gehoͤrt hatte. Als der edle Baron von Aſſen gegen den tollen, beynahe wahnſinnigen Juͤngling ſeinen Stock erhob, be⸗ zeichnete er ſelbſt die nübeiſteigbate Kluft, wel⸗ K 168 che das geſellſchaftliche Geſetz zwiſchen mir und ſeiner Tochter gelegt hatte. In dieſem Augen⸗ blick, wo der PVater ſeln ehrwuͤrdiges Recht ausuͤbte, wurde der kindiſche Schwif zernich⸗ tet. Dir aber, o meine Emilie! habe ich im Angeſicht Gottes, unter den Augen deiner Mutter, den Eid der ewigen Treue abgelegt.. als freyer, unabhaͤngiger Menſch habe ich dich als meine Braut an dies Herz gedruͤckt„. und hier in Gegenwart dieſer edlen, erhabe⸗ nen Freundin ſchwore ich es noch einmal, ent⸗ weder mit dir, oder auf immer einſam nach dem Grabe zu wandeln„— Emilte. Vergib mir, Ludolph, daß ich auch nur elnen Augenblick dich verkennen konn⸗ te! aber auch mich darfſſt du nicht falſch be⸗ urtheilen vergebens wuͤrdeſt du es mir zu verbergen ſuchen„ Du opferſt dich, edler Menſch, einer vermeyntlichen Pflicht auf! Ludolph. Nein, Emilie, nein! von die⸗ ſem Augenblick an nicht mehr! Emilie. Wohlan, ſo uͤberzenge mich! Be⸗ folge den Vorſchlag unſerer Freundin„ ich ent⸗ laſſe dich deines Schwurs„ aber keine Heuche⸗ ley, Ludolph! keine romanhafte Uebereilung. lindem ſie der Frau von Sinzenheim Hand ergreiſt) Waäͤhle frey zwiſchen uns Beyden; keine ſey, oder glaube ſich hintangeſezt durch deine Wahl, ſie falle aus wie ſie wolle.(die Frau von Sin⸗ 169 — zenheim umarmend) Wir blelben ewig Freundin⸗ nen— Schweſtern. Frau von Sinzenheim. Edles Mäd⸗ chen!— waͤhle Ludolph!.. Ludolph.(mit der gewaltſamſten Anſtrengung⸗ fniet er vor der Frau von Sinzenheim nieder und kuͤßt ih⸗ re Hand) Melne Freundin!(ſteht auf und indem er Emilien umarmt) Mein Weib! —— Siebentes Kapitel⸗ Entwickelung. Von dieſer Stunde an ſchlen Ruhe und Zu⸗ friedenheit auf immer aus dleſem Hauſe gewi⸗ chen zu ſeyn. Der General, der mit der Frau von Winterſee alle Mittel durchgegangen war⸗ entweder ihres Gemahls jetzigen Aufenthalt oder ſeinen Tod zu konſtatiren, hatte bald ein⸗ geſehen, daß ſeine Schweſter recht hatte und, wo nicht irgend ein glucklicher Zufall ſeinen Bemuͤhungen zu Huͤlfe käme, er vielleicht noch Jahre lang in dieſer peinlichen Ungewißheit wurde bleiben muͤſſen; auch hatte die Frau von 8 170 Winterſee, jedoch mit aller nur moglichen Scho⸗ nung, deutlich zu verſtehen gegeben, daß, im Fall ihr Gemahl noch am Leben ſey, ſie ſich nie zu dem Vorſchlag einer Eheſcheidung wuͤrde entſchließen können, ſondern, ihrer Pſlicht ge⸗ treu, alles anwenden wuͤrde, um ihm ſeinen Irrthum zu benehmen, und, gluͤckte es ihr, bey ihm, es ſey wo es wolle, bis auf ſeine lezten Stunden auszuharren, und nach allen Kraͤften die Folgen ihres Leichtſiunes wieder gut zu machen zu ſuchen. Dieſer edlen Den⸗ kungsart konnte der Herr von Aſſen ſeinen Bey⸗ fall nicht verſagen, aber all ſelnen Frohſinn ſchwand von dieſem Augenblick an, und der arme Daun haͤtte oft zehnmal des Tages zum Doktor laufen moͤgen. Frau von Sinzenheim blieb, obgleich Ludolph ſich ſo beſtimmt erklaͤrt hatte, dennoch überzeugt, daß er ein Opfer ſei⸗ ner Grundſaͤtze war; ſie verſank in eine tiefe Schwermuth, und ihre gaͤnzliche Unthaͤtigkeit, ihre Gleichgultigkeit fuͤr alles, was um ſie vor⸗ ging, verriethen nur zu ſehr die finſtere Stim⸗ mung ihrer Seele. Frau von Winterſee, vor der ſie ſich am meiſten zu verbergen ſuchte, hatte ſie dennoch ergruͤndet; auch Ludolphs ed⸗ les Betragen hatte ſie nach ſeinem ganzen Um⸗ fange gewuͤrdigt; ſie uͤberzeugte ſich weiter, daß Emilien's zärtliche Neigung, innige An⸗ haͤnglichkeit an Ludolph, mit jener glühenden, nur durch die kalte Hand des Todes zu erld⸗ 6 — —— —— ——————————— 177 ſchenden Flamme, welche beyde Ungluͤckliche verzehrte, nicht zu vergleichen ſey, und dieſe Gewißheit vermehrte noch ihre Unruhe uͤber ih⸗ re eigene Lage; denn ſie fuͤhlte ſehr lebhaft, daß im Fall ihr Gemahl noch am Leben ſey, dies Haus gerade das lezte geweſen war, wel⸗ ches ſie zu ihrem Zufluchtsorte haͤtte waͤhlen ſollen„ aber unter allen war unſtreitig Lu⸗ dolph der Bedaurungswuͤrdigſte. Seit dem lez⸗ ten Auftritt, wo er ſo raſch beſtimmt ſein ei⸗ genes Urtheil unwiederruflich geſprochen hatte, kam es ihm ſelbſt vor, als wenn das Gefuͤhl ſeiner Pflicht ihn zu welt getrieben haͤtte. Die⸗ ſer Gedanke verfolgte ihn nun allenthalben, und ließ ihm keinen Augenblick Ruhe; ſo daß in dem Herzen der unbefangenen, argwohnloſen Emilie ſelbſt endlich einige Zweifel aufſtiegen. Ludolph! ſagte ſie einſt, als er Gedankenvoll neben ihr ſaß, und eine wiederhohlte Frage nicht beantwortet hatte, wenn ich wuͤßte, daß deine Wahl nur die Folge deines zu zarten Gewiſ⸗ ſens waͤre, ich wuͤrde keine frohe Stunde in melnem Leben mehr haben, und dann waͤre es weit beſſer ſie ſtockte und ſah ihn mit thraͤnenden Augen an.— Nicht doch, Emi⸗ lie! antwortete Ludolph; oder ſollte es mir nicht nahe gehen, die beſte, edelſte Freundin durch eben dieſe Wahl betrubt zu haben?. Ich ſann eben auf irgend eln Mittel, ſo ſehr als moͤglich unſere Verbindung zu heſchleuni⸗ —— . 1. 3 3 172 gen, und dann dles Haus und dle Reſidenz auf immer zu verlaſſen„ dles die Urſache meiner Zerſtreuung„— Lieber Ludolph! rief Emille, ja, fort, fort von hier! Der General, der, ob er glelch ſeine Schwe⸗ ſter herzlich liebte, dennoch ſich ſelbſt nicht ver⸗ bergen konnte, daß er eine gewiſſe Vorllebe fuͤr die Tochter ſeiner Marie empfand, und daher mehr zu Ludolphs Verblndung mit Emillen ge⸗ neigt, well es der Wunſch der Mutter war, gebrauchte ſogleich ſein ganzes Anſehen, und den Einfluß ſelner Freunde, um Ludolphen die gewuͤnſchte Anſtellung zu verſchaffen. Eben an dem Tage, wo Ludolph Emilten den Wunſch geaͤußert hatte, ſich ſobald als moglich von hler entfernen zu konnen, erhielt der General fuͤr ihn die Adjunktur bey dem alten kraͤnklichen Bergwerksinſpektor in S*** und nun wur⸗ de auch Ludolphs und Emilien's Verblndung auf die kommende Woche feſtgeſezt. Gleich nach der Vermaͤhlung ſollten die jungen Ehe⸗ leute nach ihrem Beſtimmungsort abreiſen, und mit lhnen die Frau von Winterſee. Ohnweit S*** beſaß der General einen betraͤchtli⸗ chen Meyerhof; er ſandte ſogleich ſeinen Bau⸗ meiſter dahln, um das Wohnhaus gehoͤrig ein⸗ zurichten— dort wollte er die Folgen ſeiner Nachforſchungen in Anſehung des Herrn von Winterſee's abwarten. 173 Der Tag der Vermaͤhlungsfeyer ruͤckte nun heran; die Fran von Sinzenhelm, die ſich nicht ſtark genug fuͤhlte, um ihr beyzuwohnen, hatte bereits heimlich einpacken laſſen; ſie woll⸗ te ſchriftlich Abſchied nehmen, und den Abend zuvor in aller Stille nach Aſſen abrelſen. Sie waren eben vom Tiſch aufgeſtanden; der Ge⸗ neral, der nach ſeiner Gewohnheit mit ſeiner Pfelfe auf⸗ und abging, blieb ploͤtzlich ſtehen, und indem er ſelne Schweſter anſah:— Haͤt⸗ te ich nur jezt nicht den armen Daun nach Aſſen geſprengt!— Niemand gab ihm Ant⸗ wort.— Da ging die Thuͤr auf, der alte Kor⸗ poral mit Staub und Schweiß bedeckt, trat herein, und hinter ihm eine lange hagere, in einen abgenuzten Ueberrock eingewickelte menſch⸗ liche Geſtalt.— Summer! rief Ludolph, und flog ihm entgegen.— Nun ja! ſagte Sum⸗ mer, indem er ihn umarmte, jezt geht es noch an, noch hat unſere alte Kameradſchaft kein Ende; wenn ich aber werde geſprochen ha⸗ ben— Aber, um Gottes willen, un⸗ terbrach ihn Ludolph, ohne auf ihn zu horen, wie biſt du aus deiner Moͤrdergrube entwi⸗ chen? Wie haſt du erfahren„— Das alles zn ſeiner Zeit!— Excellenz, ſagte jezt Daun, nehmen es doch nicht ungnaͤdig, daß ich dieſen naͤrrtſchen Menſchen da mit gebracht habe; ich fand ihn in Aſſen, wo er bereits in allen Haͤuſern wie des Verwalters Pudel be⸗ —————— kannt war, ob er glelch ſeit kurzem erſt ſich dort aufhielt; er ſagte mir aber„.— Halt's Maul, dummer Teufel! raunte ihm der Ge⸗ neral ins Ohr, doch ſo laut, daß es ein je⸗ der hoͤren konnte und ſchob ihn zur Thuͤr hin⸗ aus. Summer hatte ſich indeſſen ohne Umſtaͤnde niedergeſezt; ſie kannten ihn alle aus Ludolph's Erzählung, ſein Betragen ſiel daher Nieman⸗ den auf. Endlich nachdem er mit ſeinem Ad⸗ lerblick im Zimmer herumgeſchweift war, bildete ſich ein ſardoniſches Laͤcheln um ſeinen Mund und er hub folgendergeſtalt an. Summer. In der feſten Ueberzeugung, daß die geehrte Geſellſchaft mit deiner Odyſſee, und alſo auch mit einem Theil meiner Genieſt⸗ reiche bekannt iſt, will ich nur mit wenig Wor⸗ ten das Weitere erzäͤhlen: Die Pfaffen hatten mir gluͤcklich den Strick um den Hals geſchlun⸗ gen; wollte ich mich alſo nicht ſelbſt erdroſſeln, ſo mußte ich folgen; in einen engen kuͤhlen Bou⸗ doir, tief unter der Erde zogen ſie mich hin⸗ ab. Das Ameublement war ſchon beſorgt, es beſtand in einem Bunde Stroh; der Weiſe aus Sinope haͤtte viellelcht noch Ueberfluß da ge⸗ funden, aber herzlich gern haͤtte ich in dieſem Augenblick mit ſeiner Tonne mit ihm getauſcht. In dieſer unmenſchlichen Abgeſchiedenheit von allen menſchlichen Weſen habe ich zwey volle —z——————— 175 Monate zugebracht— Brod und Waſſer wurde mir von oben herab an einem Stricke karg ge⸗ nug zugemeſſen. Man kann mir jezt noch mein damaliges Koſthaus anſehen. Als ich eines Tages unter Fluͤchen und Verwuͤnſchungen mein Stuͤck Brod brach, fand ich ein kleines zuſammengerolltes Papler und Bleyſtift darin⸗ nen— ich las:— Dein Gefaͤngniß, armer Summer, liegt unter dem Holz⸗ und Stroh⸗Magazin, in dem Nebengebaͤude dicht am Garten,— Der Kloſterknecht, der dir bis jezt deine Nahrung brachte, iſt krank. Meinem Vater wurde das Geſchäft aufgetragen, und ich habe es von ihm erbettelt— Was kann nun del⸗ ne Margarethe fuͤr deine Rettung thun? Schreibe auf die andere Sei⸗ te deine Antwort und wirf das Pa⸗ pier in den leeren Krug.— Ich ſchrieb:— Verſchafte mir einen alten Schluͤſ⸗ ſel, und eine Feile.— Den andern Morgen fand ich beydes in meinem Brode.— Mar⸗ garethe ſchrieb mir, ſie haͤtte mich durch die Fallthuͤre von oben geſehen, aber in ihres Va⸗ ters Gegenwart haͤtte ſie ſich nicht getraut mit mir zu ſprechen.— Ich arbeitete nun Tag und Nacht, und endlich gluͤckte es mir, das Schloß meines Gefaͤngniſſes zu eroͤffnen. Dies war aber zu meiner Rettung noch lange nicht 176 hinlaͤnglich; um in's Freye zu kommen, muß⸗ te ich durch das ganze Kloſter. Abends wur⸗ den die Thuͤren verſchloſſen, und am Tage waͤre ich ohnfehlbar erkannt morden. Ich muß⸗ ˙ te mich alſo in Geduld ergeben; als aber Mar⸗ garethe nichts mehr von ſich horen ließ, ſo gling auch dieſe zu Ende, und ich beſchloß al⸗ les zu wagen.— Wie ich mich alſo uͤber⸗ at zeugt hatte, daß es oollig Nacht ſey, offnete ich mein Gefaͤngniß, und trat hervor„ eine Zeitlang tappte ich im Dunkeln fort, die Trep⸗ pe kam ich gluͤcklich hinauf, eine kuͤhlere Luft gl wehte mir enigegen und ich ſpuͤrte einige Re⸗ gentropfen. Mein Herz ſchlug laut fuͤr Angſt und Frende, aber mit den Umgebungen unbe⸗ kannt, verſchwand pldtzlich die Erde unter mei⸗ nen Füßen, und ich ſank in eine fuͤrchterliche Tiefe hinab Als ich wieder zu mir kam, fand ich mich zum Gluͤck unverlezt; zwar fuͤhlte ich meine Stirne bluten, aber ſie ſchmerz⸗ te nicht ſehr. Neben mir hoͤrte ich Waſſer rau⸗ ſchen, es war ſtockfinſter, ich wagte es nicht einen Schritt von der Stelle zu thun.— Zwiſchen Angſt und Hoffnung, in der aller un⸗ bequemſten Stellung, ohne jedoch einen einzi⸗ gen Schritt vorwärts zu wagen, erwarteté ich die Morgem ämmerung. Freund! welch' eine Nacht! Du erzaͤhlſt wie ein Romanen⸗ — —— 177 Snmmer. Iſt denn meln ganzer Lebens⸗ lauf etwas anders als ein Roman? Es wur⸗ de hell, und nun ſah ich, daß das Gewoͤlbe der hohen breiten Waſſerleitung, die den Berg⸗ ſtrom am Ende des Gartens empfaͤngt, und ihn durch den Garten und den Hof in's Thal hinab leltet, gerade vor dem Holz⸗Magazin eingebrochen war,— ich war gewiß zwolf Schuhe tlef gefallen. Unfehlbar haͤtte ich mir den Hals gebrochen, wenn die herabgerollte Er⸗ de meinen Sturz nicht unſchaͤdlich gemacht haͤt⸗ te. Ich kannte dieſe Leitung; funfzig Schritte ungefaͤhr von der Stellung ging ſie unter der Kloſtermauer in's Freye; der Ausfluß war mit ſtarken eiſernen Stangen verwahrt, ich hatte aber meine Feile bey mir.— Das Waſſer, deſſen Tiefe ich behutſam ſondirte, ging mir kaum uͤber die Kniee; ich trat alſo meine un⸗ terirdiſche Reiſe muthig an, und erreichte bald das eiſerne Gitter; aber lieber Gott! dort hat⸗ te ſich der Strom tlefer eingewuͤhlt, und ich ſtand bis unter den Armen im Schlamm und Waſſer.— Dle Todesangſt hat ſchon man⸗ chen zum Helden gemacht; ich fing an zu fei⸗ len, brachte elne Stange gluͤcklich durch, ſchwung mich in die Hoͤhe, kroch hinaus, und bevor es vollig Tag wurde, hatte ich die Muͤh⸗ le erreicht. Der Muͤller, der im beſtaͤndigen Hader und Zwiſt mit den Moͤnchen lebte, er⸗ nd. Lehrjahre 3. Th⸗ M 178 * bot ſich gleich, mir zu melner Flucht behuͤlflich zu ſeyn; er gab mir einen Kittel, weite leine⸗ ne Beinkleider und eine wollene Muͤtze.— Wie es Nacht wurde, fuͤhrte er mich ſelbſt bis in's naͤchſte Dorf, und in elnigen Tagen hatte ich mich gluͤcklich bis uͤber die Graͤnze gebettelt. Jezt gedachte ich deiner, und ein guter Geiſt gab mir ein meinen Weg nach Aſſen zu rich⸗ ten ich langte an, aber niemand konnte mir Nachrlcht von dir geben; die meiſten behaup⸗ teten, du ſeyſt ſchon laͤngſt geſtorben; auch der alte Schloßgaͤrtner.— Vor mehrern Mona⸗ ten, ſezte er hinzu, kam ein Fremder hier durch, der ihm zwar ſehr glich„ aber, wie geſagt, er iſt todt.— Ich ließ mir dieſen Fremden beſchreiben, und erkannte dich.— Ei⸗ ne junge friſche Bauersfrau blieb bey uns ſte⸗ hen, als ſie deinen Namen hoͤrte.— O ganz gewiß war er's nicht, rief ſie auf einmal, denn wie koͤnnte Ludolph nach Aſſen gekommen ſeyn, ohne Baaſe Hanne beſucht zu haben?— ſagte ich, und ſah ſie laͤchelnd an.— Gewiß nicht! erwiederte ſie mit ernſter Miene, auch haben wir noch in unſerm Hauſe einen großen Koffer voll Buͤcher und Papiere, die ſein gehdren; es wird leider wohl das Einzige noch ſeyn, was ihm von ſeines Vaters Erb⸗ ſchaft uͤbrig geblieben iſt!— Ich bin Lu⸗ dolphs beſter Freund, ſagte ich, darf ich wohl dle Buͤcher ſehen?— Warum nicht!— Ich 179* folgte der Baaſe Hanne, ſie oͤffnete mir den Koffer, und ich ſtoͤhrte Buͤcher und Papiere durch.— Warum ſiehſt du mich mit ſo groſ⸗ ſen Augen an? Danke du der Mutter Natur, die mir unter andern Unarten auch die Neu⸗ gierde ſchenke ich kann dir nun einen we⸗ ſentlichen Dienſt leiſten.. Ludolph. Laß doch hoͤren, welche ſelte⸗ ne Arcana du in meines PVaters hinterlaſſenen Papieren gefunden haſt? Summer. Ich kann nicht begreifen, wie du ſo manche intereſſante Schrift haſt ungele⸗ ſen ſo lange liegen laſſen koͤnnen! Ludolph. Ueber den Ernſt!„ wenn ich dich nicht kenne Wahrlich man ſoll⸗ te glauben, ich haͤtte eine Goldgrube vernach⸗ laͤſſigt— Ich muß dir nur ſagen, daß ich das meiſte fluͤchtig durchgegangen bin, und nichts ſo ſehr Bedeutendes darunter gefunden habe; auch, frey geſtanden, hatte ich damals weder Muße noch Laune, um elne genaue Un⸗ terſuchung anzuſtellen„ und als ich das Leztemal wie ein Zugvogel durch Aſſen kam, je nun!„„ da hatte ich den Koffer vergeſſen. Summer.(indem er ein Päckchen Papier her⸗ vorzieht) Das kennſt du alſo nicht? Ludolph. Clieſt laut) Meinem Sohne, nach meinem Tode!(haſtig darnach greiſend.) —— mmmm S 7 1— 6 130 Summer. Langſam! da mlch nun das Schickſal zum Fxecutor testamenti deines Va⸗ ters auserkohren zu haben ſcheint; ſo will ich auch mein Amt mit dem gebuͤhrenden Ernſt und der pflichtmäßigen Gewlſſenhaftigkeit verwalten (indem er einen forſchenden Blick um ſich wirft) Der alte Korporal, der mich eben mit des Verwalters Pudel verglich, hat mir ſo man⸗ ches in die Kreuz und Oueer unterwegs er⸗ zaͤhlt, daß ich nicht recht aus dem allem her⸗ aus kommen kann„. Praͤſentire mich vor allen Dingen dem Fraͤulein von Winterſee!. und ihre Frau Mutter!.. Ludolph. Hier!(Verbeugungen von bey⸗ 3 den Seiten) Summer. Ich bedaure, mein gnadiges 3 Fraͤuleln, daß ich ſchon in dem erſten Augen⸗ 3 blick unſerer Bekanntſchaft ihnen etwas Unan⸗ 11 genehmes ſagen muß 5 3 enlilte.(verlegen) Wie ſo, mein Herr! Summer. Ich muß mich als Fxecutor testamenti ihrer vorhabenden Verbindung mit dieſem Herrn formlich widerſetzen„ Ludolph. So!(iichelnd) Meln Vater wird mir doch nicht etwa eine Braut beſtimmt haben„ 3 Summer. Es iſt mein Ernſt, Freund— noch einmal, ich lege Proteſtation ein,(indem — ———————— * ——————————————— 181 d er Ludolphs Hand ergreift) well ich hiermit die Ehre habe, der geehrten Geſellſchaft den Sohn des*** Praͤſidenten Freyherrn von Winter⸗ ſee zu praͤſentiren!„ Der General. Winterſee! Frau von Winter ſee. Der Sohn meines Gemahls! Emilte. Ludolph! meln Bruder! Frau von Sinzenheim.(in froher Ahnung) Gott! Gott! (Sie umringen alle die beyden Freunde.) zugleich. Ludolph. wie iſt das moͤglich?„ Summer. Da lies... Den edlen ver⸗ kannten, verfolgten Baron von Winterſee ver⸗ ſcheuchte das Schickſal endlich in eine Bauern⸗ huͤtte„ er war dein Vater Frau von Winterſee, O mein Herr! wenn ſie wußten„(Eſie wirft einen Blick auf die Schrift) Ja es iſt ſeine Hand.(Ludolph umfaſſend) Du! der Sohn meines ungluͤcklichen Gatten. Ludolph. Mutter!„ Czu Emilien, die weinend in ſeine Arme ſinkt) Schweſter! Emilte,(ſchmerzhaft wiederhohlend) Deine Schweſier. 7 182 Der General.(nit frohem Ungeſtuͤm) Ma⸗ rie! Marie! nun iſ ja alles richtig! du biſt mein! Frau von Winterſee. Cernſt und feyer⸗ lich) Er ſtarb in einer Bauernhuͤtte und ich durfte ihm nicht die Augen zudrůͤcken komm, Emllie Emilte.( ſih im Gehen herum wendend) Bruder! (VBeyde entfernen ſich.) Der General. Aber, Marie„(vill nnch.) Frau von Sitrt Laß ſie, Bruder! Der General. Haſt Recht, jezt noch nicht!„(indem er ſie und Ludolph laͤchelnd anblickt, dann Summern die Hand reichend) Kom⸗ men ſie Herr Executor testamenti, hier ſind wir uͤbrig— ſie muͤſſen mir ohnehin das al⸗ les noch deutlicher aus einander ſetzen.(ſi gehen.) Lndolph.(zu Sophien's Füßen) Sophle! Frau von Sinzenheim. Mein Lu⸗ dolph! (Eine lange ſenrige Umarmung.) ———— 153. In Aſſen geſchah die doppelte Vermaͤhlungs⸗ feyer. Das Jahr drauf wurde auch Emilie Horſtbergs gluͤckliche Gattin, Summer blieb in Aſſen; vergebens ſuchte ihn Ludolph dfters den Winter nach der Reſi⸗ denz zu locken. Laß mich, pflegte er ihm zu ſchreiben, ich habe deine kultivir⸗ ten Menſchen, und feinen Soupers ſatt; bey mir iſt Herz und Gaumen abgeſtumpft, und fuͤr das eine wie fuͤr das andere iſt, in jedem Sinn, Bauernkoſt zutraͤglicher. Ende des lezten Theils. 3. „ . — „ 4 8 —„ 5. k 5 ₰ 3*. *. — . * 3* —— — — S S ——. 2 4 1 S5 — —.. 5 6 8 3 4 .—— . „ 2 . 3 . — ₰ * *