— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Ottmann in Gieſen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und eſebedingungen. 1. Ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. et Daſſelbe muß voraus fbezahlt werden und beträgt: S für wöchentlich 4 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——————————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mek.— Pf. 3 4„ 3— 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen⸗ 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ korene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mirzgeliehen, auchzdafür zu ſtehen haben. — S——— — S. — Ludolphs Se h Nach dem Franzdſiſchen des 3 Ludwig von Bilder (e S. E„ des juͤngern. S 2 Von * dem Verfaſſer der Urne im einſamen Thal. 3 weiter Theil. n— Berlin und Leipzig. 1 8 0 4. Erſtes Kapitel. Ludolph in Frankreich. Glicliches Alter! wo keine bangen Sorgen den ſtets heltern Geiſt in ſeinem kuͤhnen Flug zu Boden druͤcken; wo keine duͤſtere Ahnungen das warme Blut im raſchen Kreislauf hemmt— wo das volle weiche Herz von ſuͤſſen Gefuͤhlen uberſtroͤh⸗ mend noch nicht getaͤuſcht, betrogen, zerriſſen wurde— wo der Glaube an Menſchen und menſch⸗ liche Tugenden, und das Leben zur Seligkeit, und die Erde zum Himmel erhebt!— Jede Ent⸗ wickelung unſerer Sinne iſt ein neuer Genuß, eine wolluͤſtige Ueberraſchung— Stunden, Tage, Jahre huͤpfen im Roſengewand von Scherzen und Freuden umgauckelt laͤchelnd voruͤber— aber allmaͤhlig ſinkt der lichte Glanz, die Daͤmmerung bricht ein, der Schmetterling Phantaſie flattert ſchmerzhaft geſengt auf dem Boden, Vernunft und Erfahrung werden laut; doch lauter noch der, ach! gluͤckliche Leichter-Sinn— es wirb immer dunkler von Schurken mißbraucht, von Freunden betrogen, von der Geliebte„Hier ſchwindet der Zauber in Nacht und Sturm— und der große Gedanke an Grab und Ewigkeit wird zum gluͤcklichen Gegengewicht des druͤcken⸗ den Lebens, und rettet nicht ſelten den Entzau⸗ berten vom Selbſtmord! Noch war Ludolph in jenem guͤcklichen Alter, wo alles im jungen Leben auf Senſation ſich re⸗ ducirt.— Wir haben ihn, glaube ich, in Straß⸗ burg verlaſſen; bevor wir aber in der Geſchichte weiter ſchreiten, wollen wir nur noch ganz kurz bemerken, daß Ludolph auf Univerſitäten beſon⸗ ders auf die lebendigen Sprachen ſich gelegt hattez er ſprach ſehr artig italiaͤniſch, und hatte bei ſei⸗ nem Principal, einem franzoſiſchen Refuͤgie, Ge⸗ legenheit gehabt, ſich mehr noch in der franzoͤſi⸗ ſchen Sprache zu vervollkommen. Gottlob! rief Ludolph, als der Aufwaͤrter im Gaſthof ihm ſeinen Mantelſack hingelegt hatte, und dann mit einer tiefen Verbeugung zum Zim⸗ mer hinaus huͤpfte,— Gottlob! hier trift mich weder Konvenienz, noch Vorurtheil— hier bin ich— eiun Menſch— ein freier Menſch.— Der Herr Baron von Aſſen konnte hier neben mir logi⸗ ren, und wenu er noch ſo viel Geld verpraßte, ſo waͤre er doch weiter nichts mehr noch weniger als ich— ein Fremder!— In den zwei erſten Tagen hatte Ludolph dieſe groſſe merkwuͤrdige Stadt volllg durchlau⸗ * ——— fen; nichts war ſeiner Aufmerkſamkeit entgan⸗ gen;— da er aber gar keine Bekannten hatte, ſo blieb ihm bald keine andere Reſurſe als das Kaffee⸗und Schauſpielhaus uͤbrig— Man kann ſich leicht vorſtellen, daß er ſich auf dieſen beiden offentlichen Oertern einen ſeltſamen Begriff von dem Nationalcharakter der Franzoſen machte. Hier horte er nichts als Liebesabentheuer mit der frechſten Selbſtgnügſamkeit laut erzaͤhlen; auf der Buͤhne ſah er nichts als leichtfertige dialogi⸗ ſirte Anekdoten von betrogenen Ehemaͤnnern, lu⸗ ſtigen Weibern und verſchlagenen hofnungsvollen Doͤchtern vorſtellen.—(Man ſpielte damals zum Gluͤck fur ihn keine Trauerſpiele.) Was er ſah⸗ bekraͤftigte zum Theil die Bramarbaſerien prahlen⸗ der Liebesritter.— Die Logen, der Spaziergang vor dem Schauſpielhauſe wimmelten ſtets von Gruppen beiderlei Geſchlechts.— Der lebhafte Ton, in dem ſie alle ſprachen, das queckſilberichte „leldenſchaftliche Weſen der Mäaͤnner, ihre ſeltſa⸗ men Gebaͤrden, das bald ſchmachtende bald taͤn⸗ delnde Erwiedern der Weiber, uberzeugte ihn faſt⸗ daß Frankreich ein zweites Amathunta und dieſes Volkes einzige Beſchaͤftigung ſey, der Goͤttin und ihren Grazien zu opfern.— Haͤtte der gute Lu⸗ dolph gewußt, daß ein franzoſiſcher Stutzer oft mehr Gebaͤrdenaufwand macht, um einer Dame⸗ die ihm nicht ſelten hoͤchſt gleichgultig iſt, den guten Morgen zu bieten, als ein ehrlicher Teut⸗ 6 ſcher, um einem heißgeliebten Maͤdchen ſeine lang verborgene Liebe zu erklaͤren; haͤtte er ſich nur einbilden koͤnnen, daß eine ſogenannte petite Mai- treſſe von ihrem Schooshuͤndchen mit eben dem Affekt ſpricht, als eine teutſche Hausfrau von ihren hofnungsvollen Kindern, oder einem innig geliebten Gatten— ſo haͤfte er wahrlich nicht mit ſo ernſter Miene dieſem Spaß zugeſehen. Dieſe ſeltſame Vorſtellung brachte indeſſen eine ziemlich natuͤrliche Wirkung in ihm hervor; bis jetzt hatte er die Weiber nur in Ruͤckſicht ihrer ſelbſt be⸗ trachtet, nun fieng er an ſie mehr in Ruͤckſicht ſeiner zu beobachten. Ein Blick, eine Bewegung, ein einziges Wort, wußte er auszulegen, er phan⸗ tafirte ganze Romane auf ein ſolches Thema, und oft uͤberraſchte ihn erſt nach Mitternacht der Schlaf am Schluſſe eines ſeltſamen he⸗ ſtandenen Abentheuers. Aus der Graͤnzſtadt ſchloß er auf Paris, und ſeine Sehnſucht dahin wuchs mit jeder Stun⸗ de.— Er hatte bis jetzt noch Empfehlungsbriefe und ſeinen zuruͤckgelaſſenen Koffer erwartet. Eines Abends als er kurz vor der Schauſpielſtunde auf dem Broglio auf⸗und abgieng, und an der Menge von Gutſchen ſich ergoͤtzte, die dem Hauſe zu⸗ ſtrohmten, ſah er in der Entfernung eine Dame ihren Bedienten nach der Gegend, wo er ſtand, hinwinken. Gleich darauf kam auch dieſer wirklich auf ihn zu, und erſuchte ihn im Namen ſeiner — Herrſchaft, der Frau Graͤfin S—, Morgen fruͤh zu ihr zu kommen.— Ludolph, den Kopf von Liebes ⸗Intriguen gefuͤllt, wurde uͤber und uͤber roth; er ließ ſich die Addreſſe der ſo guͤtigen Herrſchaft zweimal wiederholen, und indem er ſelbige in ſeine Schreibtafel niederſchrieb, verſprach er ſtammelnd, um die beſtimmte Stude ſich ein⸗ zufinden.— Endlich, dachte er, indem er ſeinen gewoͤhnlichen Platz im Parterre einnahm, werde ich auf die gebahnte Straſſe kommen, wo hier zu Lande der blinde Gott die Menſchen zum Tempel der blinden Goͤtter fuͤhrt!— und ſein ſpaͤhender Blick blieb auf jedem niedlichen Geſichte geheftet, dem ſeine Einbildungskraft den Namen der unbekannten Graͤfin gab.— Nach geendigter Vorſtellung erreichte Ludolph traͤumend ſein Gaſthaus, legte ſich traͤumend zu Bette, und ſchon flatterte ſeine ſanft erwaͤrmte Phantaſie von einem Bild zum andern— ſchon ſah er ſich Wonnetrunken erſt zu den Fuͤßen⸗ dann am Buſen eines liebegluͤhenden Weibes, als auf einmal dieſe luftige Geburt der heiſſeſten Einbildungskraft die Geſtalt ſeiner Sophie an⸗ nahm— er bebte zuruͤck, es uͤberlief ihn eiskal⸗ ter Schauder— er ſah ein wehmuͤthiges Laͤcheln ſich ſchmerzhaft um ihre Lippen bilden, ihre Augen ſich mit Thraͤnen fuͤllen, indem, nach einem Blick der tiefſten Verachtung, ihr Haupt auf den wal⸗ lenden halb enthullten Buſen herab ſank.— Nein, ach nein! rief er und erwachte.— Seln ſchlaf⸗ trunkener Blik ſchweifte im Zimmer herum und blieb endlich auf die Silhouette ſeiner Sophie gehefter, die im vollen Glanze des aufgehenden WMondes an der Wand hieng.— Nein, o meine Sophie, ſtammelte er nun mit leiſer bebender Stimme, indem er beide Haͤnde nach dem gelieb⸗ ten Bilde ausſtreckte, nie ſoll dieſes Herz am Buſen eines andern deines Geſchlechts ſchlagen!— Nie ſoll auf dieſem Altar der reinſten Liebe der ſchaamloſen Wolluſt geopfert werden.... In dieſem Lande, wo die Liebe das leichtfertigſte und zugleich das wichtigſte Geſchaͤft des Lebens iſtz wo ſie eine feile Waare geworden, die nach jeder Laune der Mode taͤglich modificirt, wo ihre Dauer nach dem Genuß berechnet und gettigt, ver⸗ ſpottet wird— in dieſem Lande„.. und wenn auch du, Sophie, nicht waͤreſt— hat die Liebe jeden Reiz fuͤr mich verlohren! Jetzt ſtand er auf und legte ſich ans Fenſter; ſein Blick ruhte auf den jenſeitigen Rheingebuͤrgen, die in einem grauen Nebel eingehuͤllt im lichten Glanze des Vollmonds ihre Rieſengeſtalt am fernen Hori⸗ zont empor hoben— ſein Herz ſchlug ſtaͤrker, ſeine Bruſt flog.— O Vaterland! rief er, noch trennt mich kaum eine Spanne Erde von dir, noch kon⸗ nen dich meine Augen erblicken, und ſchon ſinkt meine Teutſchheit zur Galliſchen Weiblichkeit her⸗ ab!— Glender! ſind das deine ſtolzen Ent 9 ————— wuͤrfe! Iſt dies die Bahn, die dich zu Ruhm und Ehre— in die Arme deiner Sophie fuͤhren ſoll Du berechneſt die Vortheile einer ehe⸗ brecheriſchen Umarmung— o Ludolph!.„— Ein Strohm von Thraͤnen beſaͤnftigte ſein emportes Gefuͤhl— er ſank vor dem Bilde ſeiner Geliebten nieder und erneuerte den Schwur einer ewigen Treue.— Der andern Morgen erwachte er ſehr ſpaͤt; und trotz ſeines feſten beſſern Willens hatte ihm ſeine exaltirte Einbildungskraft in heiteren freund⸗ lichen Traͤumen die Wolluͤſtigſten verfuͤhreriſchſten Bilder vorgegauckelt.„ Ohne ſich noch ſeiner Abſicht ſelbſt bewußt zu ſeyn, kleidete er ſich ſorgfaͤltiger an, und nachdem er einige Augen⸗ blicke gedankenvoll vor dem Spiegel geſtanden— und was waͤre es denn weiter, dachte er, wenn ich dieſer wolluͤſtigen Graͤfin, die auf ihre Schon⸗ heit, ihren Rang und Reichthum trotzt, zeigte ⸗ daß ein Herz voll reiner Liebe, daß ein teut⸗ ſcher Juͤngling die ganze Verfuͤhrungskunſt einer uͤppigen galliſchen Lamie zu Schanden machen kann— ja— ich will, ich muß zu ihr!— Bin ich nicht meiner Sophle, bin ich nicht mir ſelbſt dieſen Triumph ſchuldig?— und er gieng.— Ein großer breitſchultrichter Bengel von ei⸗ nem Bedienten empfieng ihn laͤchelnd im Vorzim, mer, und fuͤhrte ihn durch eine Reihe prachtvol⸗ ler Zimme— ein immer zunehmenender Ambra⸗ 10 duft kuͤndigte ihm an, daß er uun von dem Hei⸗ ligthum der Gottin dieſes Tempels nicht ferne mehr ſey.— Endlich oͤffnete ſein Begleiter eine letzte Thuͤr und ließ ihn hineintreten.— Roſenfarbene Gardinen, die eine gefaͤllige Daͤmmerung verbreiteten, hohe breite Spiegel, in denen ſich die wolluͤſtigſte Fresco-Mohlerei des Plafonds vervielfaͤltigte, Urnen mit wohlrie⸗ chenden Eſſenzen gefuͤllt, eine Niſche im Hinter⸗ grunde, in der Niſche ein breiter Sopha, und auf dieſem Sopha eine weibliche Geſtalt in einem Pudermantel eingehuͤllt— dies, lieber Lieſer, er⸗ blickte unſer Held beim Hereintreten— oder beſſer zu ſagen, dies alles haͤtte er erblicken koͤnnen— aber es flimmerte ihn vor den Augen, er wankte naher, indem ſeine bebenden Lippen unverſtaͤnd⸗ liche Worte ſtammelten— Ha! ſieh da! erſcholl es endlich aus der Niſche— nur naͤher!— Ludolph trat naͤher.— Die Geſtalt hatte ſich erhoben, und ein Weib von mittlerer Groͤße, ſchlanken Wuchſes, mit ſchwarzen feuerſpruͤhenden Augen deſſen Geſicht, Dank ſey es der geheimen Zauberkunſt der Toilette, noch ziemlich wahr⸗ ſcheinlich dreißig Jahre log, ſtand mit ihrem durchdringenden Blick vor dem verlegenen teut⸗ ſchen Juͤngling. Die Gräfin.(indem ſie vertraulich ihre Hand auf Ludolphs Arm legt) Sie muͤſſen mir wahrhaftig II etwas zu gut halten, lieber Doktor!„ es war freilich etwas ſeltſam— aber wenn ſie wuͤßten— ich habe Nerven wie Spinnengewebe.— Ge⸗ ſtern erfuhr ich ihre Ankunft— ſie ſind doch ſchon eingerichtet— ſie haben doch—— wie nennt man es geſchwind— mon Dieu! je fuis brouillé avec tous les noms„„ihre Maſchine bei ſich— lieber Doktor! ſie muͤſſen mir den Vorzug goͤnnen— ich waͤre wahrhaftig untroſtlich, wenn ich nicht die erſte.. Ludolph⸗ Cverlegen) In der That, gnaͤdige Frau— ich weiß nicht— kann nicht begreifen— Die Graͤfin. Daß mir ihre Ankunft ſo ſchnell bekannt wurde— ja ſehen ſie, lieber Doktor, wer ſo leidet wie ich, haſcht nach jedem Mittel— Kanm waren ſie eine Stunde hier, ſo hatte ichs ſchon erfahren— ſeit dem ich Wittwe bin— ſie muͤſſen wiſſen, daß mein Gemahl den vori⸗ gen Winter ſtarb— ich hatte, ob ich gleich noch ein Kind war, als ich mich vermaͤhlte, Funfzehn Jahre mit ihm gelebt— ſeitdem ich Wittwe bin, wollte ich ſagen, habe ich keine einzige ruhige Nacht gehabt... Ludolph. Aber wie ſollte ich„. Die Graͤfin. Unterbrechen ſie mich nicht— das iſt ein Brauſen in allen Adern, ein Haͤm, mern hier„(und ſie legte Lubolphs Hand auf ihr Herz) und dann die Traume,.„Beſter Doktor; ich halte es ſo nicht lange mehr aus„ 12 ——— Ludolph. Und wie koͤnnte ich.. Die Graͤſin.(indem ſie ihre Hand auf Lu⸗ dolphs Mund druͤckt) Still doch!— ſie muͤſſen alle Umſtaͤnde meiner Krankheit erfahren— ich tanze, ich reite, ich fahre— ich ſchwaͤrme bis in die ſpaͤte Nacht, und wenn ich dann matt erſchoͤpft nach Hauſe komme— ach!(tief Athem holend) ſo kann ich doch nicht ſchlafen—(mit abgewand⸗ tem Geſicht) Da kam mir ohnlaͤngſt der Gedanke ein— ich ſchaͤme mich einem ſo jungen Mann ein ſolches Geſtaͤndniß zu machen.. Ludolph. Aber ums Himmels wrillen, gnaͤdige Frau.... Die Graͤfin. Ja, ja! ſie haben recht, lieber Doktor, ihr Stand und meine traurige Lage entſchuldigt alles— es waͤre kindiſch von mir— (indem ihr gluͤhendes Auge auf Ludolph ruht) ich muß, glaube ich, wieder heirathen! Ludolph.(äuſſerſt verlegen) Wenn die gnaͤ⸗ dige Graͤfin mir einen Augenblick Gehoͤr geben wollten— Die Graͤfin Ich errathe!. Ihr wil⸗ des Volk habt keine Grundſätze, und ſo ein junger Doktor zumalen der waͤre im Stand. Ludolph. Gnaͤdige Frau! wenn ſie wuͤß⸗ Die Graͤſin. Ich weiß es— ſie rathen zu Palliaio⸗Mitteln... den Eheſtand als Re⸗ cept—(lacht) freilich iſt es bedenklich— ſeine 13 Freiheit der Geſundheit aufzuopfern— ſie wollen mir rathen,(bedeckt das Geſicht mit beiden Haͤnden) lieber Doktor— und wenn ich auch Phioſophie genug beſaͤße, um mich uber gewiſſe Bedenklich⸗ keiten hinaus zu ſetzen— bedenken ſie nur— ein Weib in meinem Alter— noch ſo jung— avec aussi peu d'experience..— und die Maͤnner— dieſe Ungeheuer... wo findet man noch heut zu Tage Treue und Verſchwiegen⸗ Ludolph. Wie iſt es moglich!... Die Graͤfin. Ja, ich bin dem Zufall Dank ſchuldig, der mir ihre Vekanntſchaft ſo ſchnell verſchaffte.— Geſtern fruͤh ſagte mir mein Kla⸗ viermeiſter:— Wiſſen ſie auch, guaͤdige Graͤ⸗ fin, daß ein neuer Doltor hier angekommen iſt— ein junger ſchoͤner Krauskopf, mit einer Galva⸗ niſir⸗Maſchine!— Mit einer Galvaniſir⸗Ma⸗ ſchine! rief ich— haſchte nach der Glocke, und ſogleich mußten alle meine Leute auf Erkundi⸗ gung ausgehen.— Der Klaviermeiſter hatte mir nemlich ihre Wohnung nicht angeben koͤnnen— auch blieben alle meine Nachforſchungen frucht⸗ los— ich wollte verzweifeln— da fahre ich ins Schauſpielhaus— ſehe ſie durch den Broglio gehen.— Richtig, dacht' ich— der ſchoͤne junge Krauskopf— das iſt er!— das muß er ſeyn! Eindem ſie ſeine Rechte mit beiden Haͤnden an ihren Buſen druͤckt) Sie waren es— 24 Ludolph. Ich war's, gnaͤdige Frau! aber nicht, den ſie ſuchen! Die Graͤfin. Wie? Ludolph. Weil ich weder Doktor bin, noch eine Galvaniſir⸗Maſchine beſitze. Die Graͤſin. Nicht moglich!— ich ſollte mich geirrt haben— das waͤre ja abſcheulich!... Ludolph. Haͤtten ihro Gnaden mich zum Worte kommen laſſen, ſo wuͤrde ich ſogleich dem Irrthum ein Ende gemacht haben!... Die Graͤfin. O ich vergehe fuͤr Schaam und Verwirrung— nun habe ich Geſtaͤndniſſe gethan, die ich nur— in Ruͤckſicht ihrer Kunſt — Cindem ſie ihre Rechte auf ſeine Schultern legt) ſie ſind alſo gewiß kein Doktor— haben keine Galvaniſir⸗Maſchine?— Ludolph. In der That, gnädige Graͤfin, ich wuͤnſchte in dieſem Augenblick das alles zu beſitzen, was ihnen Vergnuͤgen machen koͤnnte.. aber Die Gräß n. Welche Unbeſonnenheit!— was werden ſie, junger Mann, von einem Weibe denken, das„.(ſie ſſnkt ruͤckwärts auf den Sopha pin in einer äuſſerſt verfuhreriſchen Stellung) Meine Nerven! ach! Lotiph Ich will die Glocke ziehen! Die Graͤfin.(lebhaft) Nicht doch! was wuͤrden meine Leute denken!— Nein— ihre 13 Hand, boͤſer Menſch ſo„(die Attaque wird ſtärker) halten„ſie„mich„ Ludolph.(indem er ſie umfaßt, weicht der Pudermantel— er ſucht ihn wieder zu befeſtigen, eine ſchnelle Bewegung der Graͤfin macht die Unordnung noch großer.) Die Graͤfin.(Beide Arme um ſeinen Hals ſchlingend) Ach! lie lieber! Ludolph. 12 ſich) Warte!„ Claut, indem er den Kpf nach der Thuͤre wendet.) herein! Die Graͤfiu.(läßt ihn ſchnell fahren, und indem ſie ſich eben ſo ſchnell verhuͤllend auf den Sopha Fri Glaut lachend— greift nach Hut und Stock, verbeugt ſich) Ohne Galbvaniſir-Ma⸗ ſchine, gnaͤdige Frau, vermag ich, wie ſie ſehen, die ſchaͤdlichen Folgen ſolcher Rervenzufalle zu verhuͤten!(er geht.) Die Graͤfin. O le butor d'Allemand! Zweites Kapitel. Geſpenſter„BGeſchichte. Leteieh etwas beſchaͤmt„doch mit ſich ſelbſt zu⸗ frieden, flog uͤber die Straſſe nach ſeinem Gaſt⸗ hauſe— packte ein, ließ ſeinen Mantelſack auf 16 —— die Diligence tragen, und wanderte zu Fuße zum Stadtthore hinaus. Manche kleine Reiſe⸗Aben⸗ theuer und Verlegenheiten, welche ſeine Unkunde des Landes und der Menſchen ihm zuzogen, werde ich unerwaͤl hut laſſen, um mich nur an die wich⸗ tigern Vorfaͤlle zu halten Eine Stunde von Nancy lockte ihn die reizende Gegend von der Landſtraſſe ſeitwaͤrts ab, und als er nach einigem Herumſtreifen wieder einlenken wollte, hatte er ſich verirrt..„Laͤchelnd lagerte er ſich am Fuße eines Felſen in ſuͤſſen Traͤume⸗ reien eingewiegt— da kamen drei luſtige Geſellen mit Felleiſen auf den Ruͤcken den nahen Huͤgel herab und gerade auf ihn zu.— Er redete ſie an, die Bekanntſchaft war bald gemacht; und er zog mit ihnen weiter.— Eine Frage gab die andere, und ſo erfuhr Ludolph, daß ſie auf Abentheuer ausgiengen, und bereits welche beſtan⸗ den hatten, die dem ſeligen Spieß noch Stoff zu mehreren Dutzend Romanen gegeben haͤtten— es waren Geiſterbeſchworer— Phautaſinagori⸗ ſten— neben bei verkauften ſie noch den Bauern Geheimniſſe, verſprachen den jungen Dirnen huͤb⸗ ſche Maͤnner und Geld einem jeden die Huͤlle und Fuͤlle.— Ludolph empfand ungemein viel Ver⸗ gnügen in dieſer ſeltſamen Geſellſchaft und be⸗ ſchloß einige Tagreiſen mit ihnen zu machen. Die Nacht uͤberraſchte ſie beim Eintritt eines Dorfs, und ſie traten in die Schenke. Es war 17 gerade an einem Sonntag, und alle Tiſche waren mit zechenden Bauern beſetzt. Ludolph hatte nicht bemerkt, daß einer von ſeinen drei Reiſe Kamme⸗ raden zuruͤckgeblieben— Die zwei andern fien⸗ gen ſogleich an von ihren Kuͤnſten zu ſprechen.— Die Bauern riſſen Mund und Ohren auf.— Die Wirthin ſtand da, beide Haͤnde auf den Bauch gelegt und ſchuttelte zuweilen den Kopf, indem ſie einen ruͤſtigen Jungen der nicht ferne ſaß, laͤ⸗ chelnd anſah.— Ja, Frau Wirthin, ſagte end⸗ lich der eine, indem er ſie ſcharf anblickte, wenn es uns einfiele, ihren ſeligen Mann zu beſchwo⸗ ren, ſo ſollte er in einem Nu leibhaftig vor ihnen ſtehen!— Ach! nein, rief aͤngſtlich die bluͤhende Wittwe, ſolche Spaͤße wollte ich mir verbitten!— Sie gieng und druͤckte im Vorbeigehen dem jungen Bauer die Hand.— Der waͤre alſo, wie ich ſehe, uͤberfluͤßig, ſprach der Schelm weiter, aber was gilt die Wette?— und er wandte ſich da⸗ bei nach dem naͤchſten Tiſch,— und ich zeige einem von euch den erſten beſten Geiſt, den er zu ſehen Luſt hat!— Fs entſtand ein allgemei⸗ nes Gemurmel. Endlich ſtand eben der junge Burſche auf, und indem er die Hand ihm treu⸗ herzig hinreichte— Na! ſagte er, ſo laß der Herr mir einmal ein Stuͤckchen von ſeiner Kunſt ſe⸗ hen.— Alles was im Zimmer war, draͤngte ſich naͤher zuſammen— und die beiden Betruͤger Lud. Lehrjahre 2 Dh. B 1 ruͤſteten ſich zu der Beſchworung.— Dergleichen Alfanzereien ſind ſo unendlichemal beſchrieben worden, daß ich den lieben Leſer damit verſchonen will.— Genug, alles wurde in der Geſchwindig⸗ keit ſo ſchauerlich als nur moglich eingerichtet— Todtenkdpfe— Dolche— magiſche Schriften— Rauchwerk— Brandweinflammen— kurz, nichts war vergeſſen— Nun ſollte einer aus der Geſellſchaft ins nächſte Zimmrr tretten, weil nur einem der Geiſt erſcheinen konnte.— Das ſchauerliche Ge⸗ mählde, welches die Betruͤger von dieſer Erſchei⸗ nung machten, ſchreckte aber einen jeden ab.— Ludolph ſaß laͤchelnd in einem Winkel, und war eben im Begriff aufzuſtehen, um den in ſeinen Augen gefaͤhrlichen Spaß zu vereiteln, als auf einmal leiſe, und dann ſtaͤrker an der Thuͤre ge⸗ klopft wurde.— Die Bauern fuhren zuſammen.— Ludolph machte die Thuͤre auf— und der dritte Betruͤger trat herein— er druͤckte Ludolph mit einem bedeutenden Blick die Hand; that jalsdann vollig fremd, legte ſein Felleiſen auf den Tiſch, und fragte, was es da geben ſollte.— Als man ihn unterrichtet hatte, lachte er hell auf, verſpot⸗ tete die Geiſter⸗Beſchworer und erboth ſich in's angewieſene Zimmer zu gehen.— Und koͤnnt ihr mir keine Geiſter zeigen, ſetzte er hinzu, indem er ein Licht ergriff, dann— nicht wahr ihr Leute? ſchlagen wir den Kerls den Buckel voll— Die 19 Geſellſchaft war jetzt beherzter und lachte laut.— Er gieng— Nun entſtand die Frage: welch' ein Geiſt dem Unglaubigen erſcheinen ſollte? Die Bauern konnten daruͤber nicht einig werden.— Ludolph, der lange Zeit im Zweifel war, ob er nicht die⸗ ſen guten Leuten ihren Wahn benehmen ſollte, fand es endlich fuͤr rathſamer, die Poſſe bis zu Ende ſpielen zu laſſen, und nannte— Heinrich den guten Koͤnig.— Ja! Ja! erſcholl es von allen Seiten, unſern Heinrich!.. Nun begann die Beſchworung.— Dichter Rauch, abentheuerliche Beſchwoͤrungsformel— leiſes Gemurmel— laute Begeiſterung, ſeltſame Gebaͤrden— nichts wurde vergeſſen.— Endlich rief der Hauptbeſchwoͤrer, indem er den Todten⸗ kopf mit beyden Haͤnden faßte, und hoch in die Hohe erhob:— es iſt geſchehen, man eile ihm zu Huͤlfe!— In demſelben Augenblick hoͤrte man einen lautenSchrei im Nebenzimmer.— Die Thuͤre gieng auf und der Unglaubige ſtuͤrzte Athemlos herein und brach mitten in der Stube zuſammen.— Ich habe ihn geſehen, ſtammelte er leiſe, und ſeine Bruſt ſchien gewal⸗ tig zu arbeiten— Wen? wen?— fragte alles. — Koͤnig Heinrich! liſpelte er— ich bin des Todes!— und verlohr das Bewußtſein.— Man eilte ihm zu Huͤlfe und Ludolph ergriff B 2 ——— —————-* 5 . 20 einen alten grauen Invaliden, der neben ihm ſtand, bei der Hand und zog ihn mit ſich zur Thuͤre hinaus.— Wohnt kein Geiſtlicher im Ort?— Ja wohl, Herr, antwortete der Vete⸗ ran, ach! Gott ſtehe uns bei!— Komm, Alter, und fuͤhre mich zu ihm— Ludolph fand zum Gluͤck einen aufgeklaͤrten jungen Mann, und bei ihm den Schulzen und einen Huſaren⸗Lieutenant, der mit einigen von ſeinen Leuten in Cantonirung in dieſem Dorfe lag. Ludolph erzaͤhlte der Geſellſchaft die ernſie Poſſe, machte ſie auf die Gefahr eines ſolchen Aberglaubens aufmerkſam und zugleich auf die Nothwendigkeit, die Betruͤger bei friſcher That zu entlarven.— Er fand Gehoͤr und Beyfall.— Der Lleutenant rief einige Huſaren herbei, und alle eilten der Schenke zu. Noch ſtanden die Bauern im weiten Kreis und horten mit ängſtlicher Neugierde, der ſchau⸗ derhaften Erzaͤhlung der wunderbaren Erſcheinung zu,— als die Thuͤre auflog, und der Lieutenant den Erzähler bei der Bruſt faßte.— Die Huſa⸗ ren hatten ſich ſogleich der zwei andern bemaͤch⸗ tigt— die Bauern draͤngten ſich nach der Thuͤre —der Schulze hieß ſie bleiben, und nun begann das Verhdr, das der Geiſtliche ſo einfach und faßlich einzurichten wußte, daß auch dem Ein⸗ fältigſten unter den Anweſenden der grobe Be⸗ nng endlich ohne Mühe begreiflich wurde.— T2 Nun entſtand ein allgemeines Gelaͤchter.— Da uͤbrigens die Paͤſſe und Lehrbriefe der drei Burſche ſo ziemlich in gehoͤriger Form waren, begnuͤgte ſich der Lieutenant, den unverſchaͤmteſten zu fuch⸗ teln— und dann wurden ſie mit Hohngelaͤchter in die Scheune gefuͤhrt, wo man ihnen einige Bund Stroh anwies. Ludolph machte ſich mit dem grauen Tag davon, und ſchlug den Weg nach Soissons ein, weil er nicht fuͤr rathſam fand, den entlarvten Betrugern, die ihn ganz natuͤrlich im Verdacht haben mußten, zu begegnen. Er ſetzte und vergnuͤgt ſeine Reiſe fott. Es war ein heiſſer Tag, die Sonne goß ſenkrecht, ihre Strahlen auf den gluͤhenden Sand der Landſtraſſe,— Ludolph hatte Villers cotte- rets hinter ſich gelaſſen, und elnen hohen kuͤhlen Wald erreicht.— Erſchoͤpft, mit Staub und Schweis bedeckt, lagerte er ſich im Schatten einer breiten Eiche dicht am Wege.— Er hatte bereits ausgeruht und wollte ſich erheben, als ein praͤchtiger Reiſewagen mit ſechs Poſtpferden beſpannt an ihm voruͤber flog.— Ein alter Mann ſaß im Hintergrunde, neben ihm eine junge Dame— ſie ſtreckte eben den Kopf zum Schlage heraus.— Gerechter Gott! rief Ludolph und ſprang uͤber den Graben— Sophie! Er lief aus allen Kraͤften— aber vergebens.— Die Staubwolke entfernte ſich immer mehr und 22 mehr.— Weiche Erſcheinung!— und ſie flieht ſie flieht!.. ich werde mich nicht einmal von der Taͤuſchung uberzeugen konnen!.„ In dem Augenblick fiel ein Schuß, dann ein zweiter.— Banditen! Morder! Sophie! rief Ludolph.— Uebermenſchliche Kraͤfte befluͤgelten ſeine Fuͤße— er erreichte den angehaltenen Wagen.— Dort lag bereits der Poſtillion ſchwer verwundet.— Wie ward ihm, als er beim erſten Blick ſeine drei Geiſterbeſchworer erkannte!— Den naͤchſten traf er, bevor ihm dieſer bemerken konnte, mit ſeinem Knotenſtock auf den Kopf und ſtreckte ihn zu ſelnen Füßen— riß ihm die Piſtole aus der Hand und brannte ſie auf den Herbeieilenden ab — auch der fiel.— Der dritte, der eben be⸗ ſchaͤftiget war, die Pferde loszuſpannen, ſprang wuͤthend herbei.— Ludolph wollte ihm entge⸗ gen.— Da ſprang der Bandit uͤber den Gra⸗ ben, ſchoß, und da lag der arme Ludolph in ſeinem Blute ſchwimmend.— Der Bediente, der, wie es in Frankreich gebraͤuchlich, vorritt, hatte ſich unglucklicherweiſe auf der naͤchſten Sta⸗ tion verſpaͤtet— nun kam er angeflogen— zu ſpaͤt!— Der Morder hatte ſich zwar in den Wald zuruͤckgezogen— ſeine zwei Kammeraden kruͤmmten ſich in den Staub— aber Ludolph lag bereits ohne Bewnßtſeyn in den Armen der Ge⸗ retteten.— Der alte Mann ſchnitt ihm mit zit⸗ ternder Hand den Rock uber die Schulter auf, 23 weil das hervorquellende Blut die Stelle der Wunde deutlich bezeichnete, indem die junge Dame ſeinen Kopf mit der einen Hand unter⸗ ſtuͤtzend, ihm mit der andern Engliſchſalz unter die Naſe hielt— umſonſt!— Mehrere Bauern und Reiſende waren indeſſen herbeigekommen— Ludolph wurde in deu Wagen gehoben— und man fuhr langſam wieder nach Villers cotterets zuruͤck.— Die junge Dame unterſtuͤtzte den ſchoͤnen muthigen Juͤngling, der blaß, blutend, mit verſchloſſenen Augen da lag— das Blut war nicht zu ſtillen— ſie hatte ihr Halstuch zum Verband zerriſſen.— Bald fuhr man ihr zu ſchnell, bald zu langſam— bald rief ſie, er iſt todt! todt, um uns zn retten!— dann gleich darauf in elnem Anfall von Ver⸗ zweiflung— nein! Gott! ach nein!— er levt! er muß leben!„ So lag einſt Adonis bei ſeinem letzten Athemzug auf dem Schoos der Koͤnigin Amathunta.— Dies gleichniß iſt etwas poetiſch, aber paſſend. Man langte an und alles, was Kunſt und die ſorgfaͤltigſte Pflege vermogten, wurde nun angewendet.— Nach einer halben Stunde dͤfnete Ludolph die Augen; ſein erſter Blick fiel auf die junge Dame— er ſchrie laut auf— erhob ſich gewaltſam, ſank aber eben ſo ſchnell wieder zuruk— ſtammelte— Sophie!— und verlohr zum zweitenmal das Bewußtſeyn.— Vergebens bemuͤhte ſich der alte Herr ſeine junge — 24 Reiſegefaͤhrten zu entfernen; ſie brachte den be⸗ ſten Theil der Nacht vor ſeinem Bette zu— ein heftiges Wundfieber hatte ſich eingeſtellt, Ludolph phantaſirte ununterbrochen. Erſt gegen Morgen ſchlief er ein, auch dann erſt ließ ſich die junge Dame bereden, einige Stunden Ruhe zu genieſſen.— Die Sonne ſtand hoch am Him⸗ mel, die Pferde waren angeſpannt, der alte Herr hatte bereits zweimal herauf geſchickt— noch ſchlummerte Ludolph— Da ſchlich ſich die junge Dame mit naſſen Augen und laut pochendem Herzen ins Zimmer— entfernte unter irgend einem Vorwand das Hausmaͤdchen— bog ſich auf den Schlafenden, druckte ihre bebende Lippen auf die ſeinigen— legte ſeine Hand auf ihren wallenden Buſen— noch einen Blick— da horte ſie das Mädchen die Treppe wieder herauf kom⸗ men und ſturzte mit naſſen Augen aus dem Zim⸗ mer in den Wagrn— und dort flog ſie hin. Zwei Tage lang ſchwebte Ludolph zwiſchen Tod und Leben, am dritten ließ endlich das Fieber etwas nach, er hoͤrte auf zu phantaſiren, und das erſte Wort, welches abermals ſtammelte, war, Sophie!— Meynen ſie etwa die junge ſchone Dame, fragte die Aufwaͤrterin, die ſich mit ſo ungemeiner Theilnahme ihrer annahm 2— Ich habe alſo wirklich nicht getraͤumt! rief Ludolph mit ſchwacher Stimme, ſie war es wirklich! Herr! unterbrach das Weib, es war ein Schauſpiel zum 25 Erbarmen.— Hier das junge bildſchdne Kind die Haͤnde ringend, in Thraͤnen zerfließend, dort der alte Herr ernſt und nachdenkend— ſie lei⸗ chenblaß, in krampfhaften Zuckungen, im Begrif in den Haͤnden des Feldſcheers den Geiſt aufzu⸗ geben.— Wo iſt ſie? wo iſt ſie?— fragte un⸗ aufhoͤrlich Ludolph.— Da hat ſie die erſte Nacht geſeſſen— vergebens ſuchte man ſie ins Bette zu bringen; dies Kopfkuͤſſen hat ſie mit ihren Thraͤ⸗ nen benezt.— Ludolphs Mund lag bereits auf der bezeichneten Stelle.— Aber um Gottes wil⸗ len! wo iſt ſie?— Der alte Herr hatte keine Ruhe, ſie mußte ſchon den andern Tag mit ihm weiter reiſen.— Fort! fort alſo!. und mich ließ das kann Sophie nicht geweſen ſeyn— und er ſtarrte vor ſich hin.— Der Wirthin hat ſie ein Paͤckchen fuͤr ſie hinterlaſſen, das weiß ich, hub die Alte eine Weile darauf wieder an.— Und bas ſagte ſie mir nicht gleich, rief Ludolph, indem er verſuchte ſich zu erheben— Geſchwind, geſchwind! wo iſt das Paͤckchen?— Die Wir⸗ thin mußte es auf der Stelle herauf elen— Ludolph riß es auf.— Es war eine Goldborſe.— Weiter nichts! fragte er aͤngſtlich.— Noch ein kleines Briefchen war dabei, ich habe es aber verlegt.— Haͤtt' ſie doch in Gottes Namen den Beutel verlegt!— rief Ludolph— ich bitte, liebe Frau,— der Brief muß ſich finden!. Die dicke Wirthin konnte nicht begreifen, wie F. 26 —.— in aller Welt der Brief einen ſo hohen Werth haben konnte— indeſſen er war und blieb ver⸗ loren.— Als Ludolph endlich ſah, daß alles Nachforſchen und Fragen vergeblich war, faßte er ſich in Gedult und bemuͤhte ſich durch Fragen einiges Licht zu erhalten.— Da erfuhr er nun — daß die Fremden den Weg uͤber Bräſſel ge⸗ nommen hatten, mit dem Vorhaben nach England uber zu fahren, und alsdann wieder uͤber Paris zuruͤck zu kehren.— Nach Paris? unterbrach er haſtig, es ſind alſo Franzoſen?— Ich glaube nicht, erwiederte die Wirthin, denn obgleich beide ganz gelaͤufig in unſerer Sprache ſich ausdruͤcken, ſo hat dennoch ihre Mundart etwas Fremdes.— Sie iſt's! rief Ludolph, aber wie in aller Welt kommt Sophie nach Frankreich? Die Hofnung, ſie in Paris anzutreffen, das ſuͤſſe ſtolze Bewußtſeyn, dem theuern Maͤdchen das Leben gerettet zu haben, verbunden, mit ſeiner treflichen Leibesconſtitution, beſchleunigten ſeine Geneſung.— Die Kugel hatte zum Gluͤck nichts verletzt— ſie war in dem fleiſchigten Thelle der Schulter ſitzen geblieben— nach den erſten Tagen konnte er aufbleiben und nach Ver⸗ lauf der zweiten Woche ſah er ſich im Stande, ſeine Relſe wieher anzutreten. 5 — Drittes Kapitel. Ludolph in Paris. Ludolph langte endlich glücklich in Paris an.— Bevor wir aber in der Geſchichte weiter ſchrei⸗ ten, wird es nothwendig ſeyn, des Sonderlings Charakter abermals naͤher noch zu beleuchten.— Im Ganzen war er derſelbe geblieben— ein Schwaͤrmer— ſich nur gefaͤhrlich, und das um ſo mehr, da er ſeine Schwaͤrmereien in eine Art von Syſtem gebracht hatte. Vergebens zeigte ihm die Natur und ſein inneres Gefuͤhl den Weg zur Ruhe und Zufriedenheit— Jugendvorurtheil! rief er, und ließ ſich durch jene Luftgeſtalten, Kinder ſeiner phantaſtiſchen Einbildungskraft, ſtets auf Abwege leiten. Ein ſtilles Leben, im verborgenen Mittelſtande, weit von den Stuͤrmen und Klippen der groſſen Welt, war in ſeinen Augen ein Vorgeſchmack der Grabesruhe— und auf der andern Seite konnte er einen luſtigen Menſchen wie eine Art von Narren anſtarren.— Lichter⸗Sinn war Leichtſinn in ſeinen Au⸗ gen: Frohſinn Mangel an Charakter; nur ſtarke, heftige Erſchuͤtterungen, erhabene tragiſche Auf⸗ trite hatten Reiz fuͤr ihn. Seiue ſchoͤne gefuͤhl⸗ 23 volle Seele war indeſſen höchſt theilnehmend— nur mußten ſeine Gefuͤhle ein jedesmal entweder in Thraͤnen der Freude oder des Mitleidens ſich aufloͤſen. Der Anblick menſchlicher Laſter und Verbrechen konnte ihn in Wuth verſetzen, aber die Ausfaͤlle, die er ſich dfters unbedachtſam bei dergleichen Gelegenheiten erlaubte, machten mehr⸗ mals den uͤbelſten Eindruck— man hielt ihn fuͤr einen znvertraͤglichen Menſchen und gieng ihm aus dem Wege, um ſo mehr, da er bei jeder Gelegeuheit laut erklaͤrte, daß was man geſell⸗ ſchaftliche Konvenienz nenne, in ſeinen Augen großtentheils weiter nichts als ein laͤſtiges Joch ſey, welches den Menſchen zu der Rolle eines Poſſenreiſſers herabwuͤrvige. Die geringſte Ab⸗ haͤngigkeit, der leichteſte Zwang waren Folterqua⸗ len ffuͤr den Sonderling, nur in der Geſellſchaft ſeines Gleichen befand er ſich wohl; Menſchen, weder uͤber ſich noch unter ſich, wollte er aner⸗ kennen.— Eine Folge dieſer ſeltſamen Denkungs⸗ art war, daß er mit ungewohnlicher Hartnaͤckig⸗ keit die auffallendſten Paradoren zu vertheidigen ſich bemuͤhte; Widerſpruch reizte ihn zur Ueber⸗ treibung; eine Meynung, die er einige Augen⸗ blicke zuvor laͤchelnd und gleichguͤltig vorgetragen hatte, waͤre er bei ſolcher Gelegenheit im Stande geweſen, als eine unverwerfliche Wahrheit mit ſeinem Blute zu beſiegeln. Nun iſt's leicht zu begreifen, warum Ludolph wenige Freunde und 29 viele Feinde hatte; die ihn aber einmal lleb ge. wonnen hatten, denen blieb er immer werth— denn, ob er gleich nicht ein Mann fuͤr die Geſell⸗ ſchaft, ja, nicht immer ein kluger Mann war, ſo blieb er dennoch ſtets im ganzen Umfange des Worts der redlichſte Sonderling. Paris hat beim erſten Anblick etwas Impo⸗ ſantes— ſeine Pallaͤſte, Schauſplele, die zahllo⸗ ſen Kunſtwerke, die dem Fremden bet jedem Schritte aufſtoßen; die enorme Volksmaſſe, die durch alle Straſſen zu jeder Tagesſtunde ſtrohmt; der allgemeine Anſtrich von Frohſinn und Zufrie⸗ denheit, der auf allen Geſichtern glaͤnzt— dies muß nothwendig frappiren.— Ludolph wurde davon entzuͤckt. Er bemerkte nicht,— und wie haͤtte Ludolph auch ſo was bemerken koͤnnen 2— daß dieſe gefaͤllige Auſſenſeite einem reichen pracht⸗ vollen Mauſoleum glich, das die Verweſung im Sarge deckt— nur dem ſcharfen kalten Beob⸗ achter iſt es endlich noch nach langem Nachfor⸗ ſchen gegonnt, Paris wie es iſt zu ſehen und zu wuͤrdigen; aber wahrlich unſerm gutmuͤthi⸗ gen Schwaͤrmer nicht— alles was er ſah, erhielt ſeinen Beifall; jeder neue Gegenſtand erregte ſeine Bewunderung, und wie ein Menſch, der auch fur die Fehler ſeines Freundes ſtets eine Entſchul, digung in Bereitſchaft hat, ſo konnte auch Lu⸗ dolph bei auffallenden Gebrechen den Tadel bald nicht mehr vertragen.— Indeſſen ſah er doch wohl ein, daß ein Muͤßiggänger in dem ſchonen heltern Paris nur mit einer wohlgefuͤllten Boͤrſe zmmer heitere Geſichter ſehen und ſelbſt heiter ſeyn kdnnte— er dachte eben eines Morgens uͤber irgend ein zweckmaͤßiges Erwerbmittel nach, als ihm ein Billet von unbekannter Hand zuge⸗ ſtellt wurde.— Ein gewiſſer Banquier in der Straße Croix des petits champs erſuchte ihn ſich unverzuglich auf ſeinem Comptoir einzufinden. Da er gerade keinen beſtimmten Gang zu ma⸗ chen ſich vorgenommen hatte, ſo gieng er auf der Stelle hin und fand einen alten ernſten Ge⸗ ſchaͤfts mann, der, nachdem er ihm einige Rollen dahin gezählt und einen Brief darauf gelegt hatte, ſich einen Empfangſchein daruͤber ausbat.— Ludolph ſah und hoͤrte bereits nichts mehr, denn er las:— Empfangen Sie, o mein Ret⸗ ter! dieſe kleine Gabe der Freund⸗ ſchaft. Genieſſen Sie jedes Ihrem Al⸗ ter angemeſſenes Vergnuͤgen, nur mo⸗ ge Ihr Gefuͤhl fuͤr alles Gute und Edle, die Erinnerung an die merkwuͤr⸗ dige Stunde unſers erſten, und ſo Gott will, nicht letzten Zuſammen⸗ tretens in dem uͤppigen Paris in Ihrem Herzen nicht erldſchen!—— Keine Unterſchrift! ſtammelte Ludolph, dann etwas lauter:— Darf ich ſie fragen, Herr! wer mir das Geld auszahlen laͤßt?— Das weiß Zr ich nicht.— So kann ich's auch nicht in Em⸗ pfang nehmen!— Sonderbar der Zahler muß ihnen ſchuldig ſeyn.— Mir iſt niemand etwas ſchuldig— aber ich Denn wie ſie ſehen„ wahrhaftig wenn es nicht Schuldigkeit waͤre.. und er ſchob ihm laͤchelnd und den Kopſ ſchuͤt⸗ telnd eine Feder in die Hand:— da unterſchrei⸗ ben ſie dieſe Quittung, ich habe Geſchaͤſte— Aber mein Gott! ſie werden mich doch nicht be⸗ reden wollen, daß ſie nicht wiſſen, wer mir das Geld ſchickt.— In der That, ich weiß es nicht — mein Correſpondent aus Bruͤſſel ſchreibt mir— Aus Bruͤſſel! rief Ludolph; es iſt richtig— Er dachte an Sophie, unterſchrieb und eilte mit dem Briefe in der Hand der Thuͤre zu.— Nehmen ſie doch auch ihr Geld! rief ihm der erſtaunte Geldmann nach.— Sie haben recht, antwor⸗ tete Ludolph, und, indem er die Rollen einſteckte: jetzt muß ich's ja nehmen!— Ja! ja! ich muß es nehmen, wiederholte Ludolph auf der Straße; es iſt ein Geſchenk meiner Sophle— denn, warum ſollte ich ihr das Vergnuͤgen, dem, den ſie liebt, wohlzuthun, nicht goͤnnen!— Eine ſolche falſche Delikateſſe kenne ich nicht! Dieſer Vorfall erweckte in ſeiner Seele das ſuͤſſe Andenken an alle die frohen Tage, welche er in Aſſen zugebracht hatte.— Das Gewuͤhl um ihn herum wurde ihm laͤſtig, er flog auf die Anhoͤhe von Montmartre', um ungeſtohrt dieſe 32 ſchone Vergangenheit noch einmal zu genießen.— Es daämmerte, als er in die Stadt zurückkam.— Indem er um die des bons Enfans umbog, ſank er beinahe in die ofnen Arme einer ſanft laͤchelnden Blondine, deren enthuͤllter Buſen und leuchtender Blick ganz deutlich ſprachen Lu⸗ dolph betrachtete mit Wohlgefallen dies niedliche wolluſtathmende Geſchoͤpf; ſchon floß ſein Blut raſcher, ſeine zitternde Rechte ruhte bereits zwi⸗ ſchen den weichen, an dem wallenden Buſen ge⸗ druͤckten Haͤnden der Liebe flehenden Nymphe... aber plotzlich kraußte ſich ſeine Stirne, und mit einem Blick, der Mitleiden und Verachtung zu⸗ gleich ausdruͤckte, entwand er ſich ihrer uͤppigen Umarmung und floh.— Er hatte bereits ſchon das Palais royal erreicht, als er im ſtolzen Be⸗ wußtſeyn des errungener Siegs, Sophiens Brief⸗ chen hervorzog, und indem er es an dem Mund druͤckte— Theures Maͤdchen! rief er, was iſt dein Geld gegen dieſen Talisman!— Nun trat er in's naͤchſte Kaffeehaus und ließ ſich nach Franzmanns Sitte ein Bavarciſe geben. Am nemlichen Tiſch ſaß ein junger bluͤhender Juͤng⸗ ling von einnehmender Geſtalt— er las.— WVon ungefaͤhr warf Ludolph einen Seitenblick auf das Blatt— es war eine teutſche Zeitung... O Vaterland! alles bis auf die unbedeutendſte Kleinigkeit, die dein Andenken in uns zuruͤckfuͤhrt, iſt ſchoͤnen Seelen theuer!„und wenn nun vollends die Liehe mit ihrem Zonberſtab aus weiter Entfernung jede vaterlaͤndiſche Staude zum Denkmal ihrer Seligkeit einweiht!.. Ein Liebender, der in dem Andenken der abwe⸗ ſenden Geliebte ploͤtzlich ein Band, das ſie trug, einen Handſchuh, welchen ſie verlohr, erblickt und entzuckt an die Llppen druͤckt, kann nicht ſuͤßer empfinden als Ludolph beim Anblick der vaterlaͤndiſchen Flugſchrift. Der Juͤngling, in der Meynung, Ludolph leſe mit ihm, wartete geduldig, bis daß er geendigt hatte, um umzu⸗ wenven; aber Ludolph, ob er gleich das Blatt anſtarrte, war weit entfernt zu leſen— ſeine rege Phantaſie flatterte in dieſem Augenblick um Aſſen herum, und fuͤhrte ihn aus dem Schloſſe in's Waͤldchen von dort auſ den Huͤgel, wo er zum letztenmai an der Seite ſeiner Sophie ſo ſelig war!. Des langen Wartens endlich muͤde, wand ſich Becker,(ſo hieß der Juͤngling) zu ihm.— Dieſe Bewegung riß Ludolph aus ſeinen Traͤumereien— er fuhr auf und ſtam⸗ melte leiſe:— ich habe ſie nicht verſtanden!— Becker laͤchelte, hieß ſeinen jungen Landsmann willkommen in dieſer Antigermaniſchen Welt— und bald entſpann ſich zwiſchen Beiden ein munteres Geſpraͤch, das wechſelſeitiges Vertrauen verſuͤßte. Becker, ein Niderſachſe, der bei einem an⸗ ſehnlichen Vermoͤgen die Mahlerei ſo leidenſchaft⸗ Lud. Lehrjahre 2. Th. C ——— 7 lich trieb, als wenn dieſe Kunſt ihn dereinſt er⸗ naͤhren ſollte, kam eben aus Italien und ver⸗ weilte einige Zeit in Paris„ um auch in Paris geweſen zu ſeyn. Er war ein gebildeter ſanfter junger Menſch, dem ſeine ſeltne Talente und wichtige Empfehlungen in den beſten Haͤu⸗ ſern Zutritt verſchaft hatten. Es gluͤckte ihm in Kurzen, Ludolph, als Privat⸗Secretair eines franzoſiſchen Geſandten in Teutſchland zu plact⸗ ren. Wer war froher als der gute Ludolph!— Er ſollte nun bald das gellebte Vaterland wie⸗ der ſehen, und welche glaͤnzende hofnungsreiche Laufbahn hatte ihm nicht die Hand der Freund⸗ ſchaft erdfnet! Viertes Kapitel. Wo niſtet ſich zuweilen die Tugend nicht ein. Di Anſtalten zur Abrelſe waren bereits getrof⸗ fen, in einigen Tagen ſollte Ludolph die Ruͤckkehr in's gellebte Vaterland antreten; die kurze Zeit, die er noch in Paris zuzubringen hatte, ſollte nun der Freundſchaft gewidmet werden. Er hatte den Abend zuvor mit Beckern die Abrede getroffen, auf den Boulevards hinter dem Ita⸗ liͤniſchen Schauſpielhauſe zuſammen zu kommen, 35 um von dort aus einen Streifzug in die umlie⸗ gende Gegend zu machen. Indem er durch die Straſſen flog, war ſeine Einbildungskraft mit der heiterſten Zukunft beſchaͤftigt.— Noch einige Tage der ſorgloſen Freundſchaft gewldmet, mur⸗ melte er leiſe, indem er ſich die Haͤnde rieb, alsdann ſoll mein ganzes Leben dem laͤchelnden Gluͤck und dem Ruhm gewidmet werden.— Sommers Ermahnungen und ſchwarze Weiſſa⸗ gungen fielen ihm jetzt ein, er laͤchelte uͤber den falſchen Propheten.— Schon hatte er im Geiſte alle untergeordnete Stellen durchlaufen, ſein di⸗ plomatiſcher Ruhm war bereits an allen Hoͤfen Europa's verbteitet, und ſo eben hielt er ſeinen feierlichen Einzug in Wien als auſſerordentlicher Bothſchafter, als er beinahe uͤber ein altes Weib hinſiel, das ohnmaͤchtig zu ſeinen Fuͤßen lag.— Es wird gewoͤhnlich behauptet, daß mit jeder Stufe menſchlicher Groͤße das Herz des Men⸗ ſchen minder theilnehmender fuͤr fremde Leiden wird.— Jene Gluͤcksguͤter aber, welche die ſuͤße Zauberin Phantoſie in heiteren Traͤumen ihren Lieblingen ertheilt, muͤſſen bei weitem dieſe ſchaͤdliche Folgen nicht hervorbringen, und wenn es ja zu beweiſen waͤre, daß ertraͤumte Gluͤcks⸗ guͤter uns in jenen heitern Stunden nicht minder begluͤcken als die reellen Gaben der launigten Goͤttin— o, meine Freunde! ſo laßt uns das C2 36 ganze Leben hindurch traͤumen! Ludolph, der, von allen ſeinen ſchoͤnen Luſftſchloͤſſern ſich noch keine Huͤtte haͤtte erbauen koͤnnen, hatte nicht zu befuͤrchten, daß ihn der Anblick der lei⸗ denden Menſchheit in dem Freudenrauſch ſtören moͤchte; er ſchauderte zuruͤck bei dem Anblick die⸗ ſes lebendigen Gemaͤhldes des Elends. Die arme alte Frau lag mit dem Ruͤcken an die Wand gelehnt, ihr Kopf war auf die linke Schul⸗ ter herabgeſunken, und einige Thraͤnen, die ſie geweint zu haben ſchien, bevor das tiefe Gefühl ihrer namenloſen Leiden ihr das Bewußtſeyn ge⸗ raubt hatten, rollten noch auf ihre bleichen ein⸗ gefallenen Wangen herab. Ludolph blieb ſtehen, indem er wechſelsweis die ohnmaͤchtige und jene gleichgultige Menge, welche die Straſſe auf⸗ und abſtroöhmte, und die eleganten Gutſchen, die blitzſchnell voruͤber ziſchten, betrachtete.— Ja, es iſt ausgemacht, rief Ludolph, indem er ſein naſſes Auge wehmuͤchig in die Wolken ſchlug, nur das Intereſſe oder das Vergnuͤgen vermoͤgen dieſe Maſſe in Bewegung zu ſetzen, und dich arme Verlaſſene wuͤrdigt kein einziger der Tau⸗ ſende der Vorübergehenden eines mitleidigen Blicks!„ Welch ein reicher Stoff zu Bemer⸗ kungen!— aber Ludolph war kein Freund der ſpekulatlven Philoſophie, wo Handeln zweckmaͤfi⸗ ger war. Schon kniete er neben der Leidenden, hatte ihre Hand ergriffen und war bemuͤht ſie iu's Lebon zuruͤck zu rufen.— Endlich dffnete ſie die Augen, ſtarrte ihn an, blickte dann gen Himmel. Es war das letzte Emporglimmen einer erldſchenden Flamme— ſie brach wieder zuſammen. Ludolphs gutmuͤthige Verlegenheit Rtieg mit ſeiner Theilnahme, er warf allenthal⸗ ben unruhige forſchende Blicke um ſich nach ei⸗ nem Gehuͤlfen, und wagte es nicht ſich von der Leidenden zu entfernen, well er die Nothwen⸗ digkeit einer raſchen Holfe einſah.— Jetzt ver⸗ ſuchte er ſie aufzuraffen, aber die Laſt uͤberſtieg ſeine Kraͤfte, er wollte verzweiſeln.— Na! laß' er doch ſehen, junger Herr! was fehlt der armen Frau!— Ey du meln Gott!— Es war cine arme Tagloͤhnerin.— Sie gab Ludoph einen derben Stoß, wodurch ſie ihm ſeine Ungeſchick⸗ lichkeit und ihre Theilnahme zu verſtehen geben wollte— faßte alsdenn die Kranke unter dem Arm— Machen ſie nur, daß wir da wegkommen. — Na! kann der Herr nicht anfaſſen? Wenn ihm das Herz auf dem rechten Flecke ſitzt, wird er ſich vor dieſen Lumpen nicht ſchenen... Großer Gott! wenn man nur erſt wuͤßte, was der armen Frau fehlte— aber ſie kann nicht ſpre⸗ chen— und ſie giengen queer uͤber die Straße nach einem Eckſtein.— Ein junger Savoyarde, den die Neugierde herbei gelockt hatte, war mitleidsvoll ſiehen geblieben.— Auf dem runden bluͤhenden Geſichte des Krauskopfs las man 38 deutlich, wie ſehr der Anblick dieſer ruͤhrenden Gruppe ihn erſchuͤtterte— helle Trofen liefen uͤber die rothen Wangen, indem er wechſelsweiſe die ſprechende Taglohnerin und die Kranke be⸗ trachtete.— Dieſe Frau iſt ſehr matt! ſagte end⸗ lich Ludolph, dann, indem er eine Silbermuͤnze heraus nahm— wenn man nur etwas Wein be⸗ kommen koͤnnte!— nur her mit dem Gelde! rief der kleine Savoyard.— Er lief davon und kam gleich darauf mit einer Flaſche zuruͤck. Theilnahme, Mitleiden, die Begierde zu helfen, beſeelte jede Bewegung, jedes Wort des guten Jungen, kaum hatte er d“ Flaſche uͤberliefert, ſo unterſtutzte er mit beiden Haͤnden das matte Haupt der Kranken, indem die Taglohnerin ihr behutſam einige Tropfen Wein in den Mund goß. Einige Karren, und ein Zulauf von Men⸗ ſchen hatten in dieſem Augenblick die Straße verſtopft— ein Wagen, der um die Ecke kam, mußte ſtill halten, der Gutſcher gab aber ſeinen Pferden einen Hieb und wollte ſich Luft machen— es gleng ja nur uͤber einen Haufen zerlumpter Bettler, was waͤre es denn weiter geweſen? Aber eine ſchreiende Stimme im Wagen gebot ihm zu halten, und gleich darauf trat ein Li⸗ vreebedienter zu der Gruppe, warf ein Stuͤck Geld der Kranken zu Fuͤßen und ſchwang ſich wieder hinten auf die Gutſche.— So wirft man ſeinem Hunde einen Kochen zu, rief die Tag, 39 lohnerin bitter laͤchelnd, indem ſie auf den Sa⸗ voyarden gutmuͤthig herabblickte, als wenn ſie ihm ſagen wollte: deine Huͤlfe, guter Jun⸗ ge, iſt verdienſtlicher als dieſe ver⸗ aͤchtlich hingeworfene Gabe des Rei⸗ chen!— O mein Gott! liſpelte leiſe Ludolph, dem Armen ſelbſt Beduͤrftigen iſt hier alſo die ſchoͤne Pflicht uͤberlaſſen, den Leidenden Huͤlfe zu leiſten!— Die Kranke, durch den Wein ge⸗ ſtaͤrkt, hatte indeſſen die Augen wieder aufge⸗ ſchloſſen.— Der Savoyarde that fuͤr Freude einen Luftſprung, indeß die ſorgſame Tagloͤhnerin ihr Muth zuſprach.— Jetzt offnete dieſe den Mund, und indem ſie aͤngſtlich zu Ludolph hinaufblickte, ſtammelte ſie kaum hoͤrbar:— ich ſterbe fuͤr Hunger!— Gerechter Gott! rief Ludolph, den Hungertodt! in Paris?— Und daruͤber verwun⸗ dern ſie ſich, mein Herr! unterbrach ihn die Tagloͤhnerin kalt und hoͤhniſch; viel unbegreifli⸗ cher iſt's, daß hler der Arme eines andern To⸗ des ſtirbt!— Da faſſen ſie an— und ſie half der Kranken auf die Fuͤße. Du, lieber Junge, hohlſt fuͤr das uͤbrige Geld bei dem Reſtaurateur in der Straße St. Marc etwas Fleiſchbruͤh— aber kraͤftig, hoͤrſt du!— Ludolph ſah mit Ver⸗ gnuͤgen dem gebieteriſchen herzlichen Benehmen dieſes Weibes zu, er faßte laͤchelnd die Kranke unter dem andern Arm, und ſo zog er mit ihr uͤber den Platz, eben ſo ſtolz, als wenn er jetzt 40 wirklich ſeinen getraͤumten feierlichen Einzug in Wien gehalten haͤtte.— Er war nuͤtzlich! er leiſtete in dieſem Augenblick einen reellen Dienſt der Menſchheit! Sie hatten bald die armſelige Wohnung der gutherzigen Taglbͤhnerin erreicht.— Die Kranke mußte auf dem Strohlager Platz nehmen— Nachdem ihr aͤngſtlich matter Blick umher ge— ſchweift hatte, ſtammelte ſie mit matter erſter⸗ bender Stimme:— ach! es hungert mich ſo ſehr!— Wo nur der Junge bleibt, rief die Tagloͤhnerin aͤngſtlich.— Du mein Gott! wenn ich nur gleich etwas bet der Hand haͤtte— aber nicht ein Stuͤckchen Brod im Hauſe— doch— wartet— ich giaube, mein Mann hat das ſeinige nicht alle gegeſſen— richtig— und ſie reichte ihr einziges Stuͤck mit leuchtenden Augen der Kranken hin; Ludolph riß es ihr aus der Hand, ſprang ihr um den Hals und kuͤßte ſie herzlich.— Das erſtaunte Weib, dem Lu⸗ dolph vergeblich hatte wollen begreiflich machen, wie edel ſie handelte, fuhr erſchrocken zuruͤck.— Ey! junger Herr! das verbitt' ich mir.— Edle menſchliche Seele! rief Ludolph.— Ich glaube wahrhaftig, der Herr hat einen Trunk uͤber Noth gethan was ſchwatzen ſie mir da fuͤr naͤrriſch Zeug?— Geben ſie nur das Brod her — ſie ſehen ja, die arme Frau verſchmachtet noch vor unſern Augen.— Nur mit Muͤhe 41 uͤberzeugte ſie ekudolph, daß das Brod noch weit ſchaͤdlicher waͤre als das Warten.— Endlich kam der Savoyard mit der beſtellten Kraftbruͤhe zuruͤck.— Nachdem die Kranke nach und nach erquickt, wieder ein wenig zu Kraͤften gekommen war, reichte ſie ihre beide zitternde Haͤnde ihrem Erretter hin und hub mit matter Stimme an: — Die Geſchichte meines Elends iſt lang und fuͤrchterlich— ſie iſt ein Schandfleck in der Ge⸗ ſchichte der Menſchheit— und dennoch kann ich ſie in wenig Worten faſſen.— Mein Mann war Secretair bei dem Herrn Grafen Vsv (er hatte ſchon dem Vater gedient) ich war ſeine Amme geweſen mit meiner lieben Louiſe hatte er an meiner Bruſt gelegen— beide Kinder wuchſen heran; er wurde ein ſchoͤner junger Herr, gieng auf Reiſen und kam erſt nach dem Tode ſeines rechtſchaffenen Vaters zuruͤck— Ob er gleich meinen Mann aͤuſſerſt gnaͤdig be⸗ handelte, ſo ſagte er mir doch ſchon den drit⸗ ten Tag nach ſeiner Ankunft, indem er den Kopf wehmuthig und nachdenkend ſchuͤttelte:— ach! das iſt nicht unſer alter guter Herr!— Meine Louiſe war ein fleißiges tugenhaftes ſtilles Mäͤd⸗ chen, ſie entdeckte mir, daß ſie dfters ſchon den Vater mit naſſen Augen an ſeinem Schreibpulte uberraſcht haͤtte.— Geſtern noch haͤtte er ſie mit einer ihm nicht natuͤrlichen Heftigkrit an ſeine Bruſt gedruͤckt, und dabei mit halb erſtickter 42 Stimme geſagt:— Liebe Tochter! mit meinem alten Herrn iſt auch unſer Gluͤck zu Grabe ge⸗ tragen worden.— Dieſe Entdeckung erregte in mir bange Beſorgniſſe, ich ſuchte den guten Mann auszuforſchen, vergebens. Fuͤr alle meine Fra⸗ gen hatte er nur Seufzer, Achſelzucken und Er⸗ mahnungen zu Muth und Standhaftigkeit bei un⸗ verdienten Leiden— Mehr konnte ich aus ihm nicht bringen.— Ich legte mich daher auf Kundſchaft und erfuhr leider nur zu ſchnell die Urſache des Kummers, der an ſeinem Herzen nagte.— Der junge Herr mißhandelte ihn auf die unver⸗ antwortlichſte Art, und hatte ihm ſogar bei einer Gelegenhelt, wo er ihn eben ſo hart als unver⸗ dient beſchimpfte, mit dem Abſchied gedroht, weil mein armer Mann es gewagt hatte ſich rechtfertigen zu wollen. Wir lebten von ſeiner Beſoldung— und haͤtten nicht allein ſehr honett damit auskommen, ſondern auch etwas jaͤhrlich zuruͤck legen können;— denn der alte Graf war ein freigebiger, wohlthaͤtiger Herr.— Aber mein Mann wurde von einem falſchen Freunde hintergangen, er hatte fuͤr dieſen Men⸗ ſchen, der auf einmal unſichtbar wurde, fuͤr eine anſehnliche Summe gut geſprochen, und hernach aus falſcher Schaam, nicht allein den Grafen, ſondern auch mir, die ihn ofters warnte, die Folgen ſeiner Unvorſichtigkeit eine Zeit lang verſchwiegen.— Endlich muß ich's dennoch er⸗ 43 fahren.— Die Erſparniß von ſelnen langen Dienſtjahren gab er den Glaͤubigern des Be⸗ truͤgers Preis, und da dies zu Tilgung der Schuld nicht hinreichte, war er genoͤthigt ſich zu ver⸗ buͤrgen, bis zur gaͤnzlichen Tilgung der Schuld jaͤhrlich eine gewiſſe Summe(uͤber ein Drittheil ſeiner Beſoldung) ihnen zu uͤberlaſſen.— Bald darauf ſtarb der alte Graf.— O warum hatte nicht mein Mann Schutz und Zuflucht bei ihm geſucht! Aber der gute Herr war ſchon einige Zeit kraͤnklich— und ich, als ich ſah, wie viel dieſer Schritt meinem Mann koſtete, hatte nicht ſehr darauf gedrungen.— Des Grafen naher Tod war voraus zu ſehen— ich ſetzte mein ganzes Vertrauen in ſeinen Sohn; war ich doch, ſo zu ſagen, ſeine zweite Mutter!— Ach! ich hatte mich ſchrecklich getaͤnſcht!— Die Schwer⸗ muth meines Mannes nahm indeſſen zu, ſo wie ſeine Kraͤfte abnahmen; endlich mußte er ſogar das Zimmer huͤten, und als ihn eines Tages der Graf rufen ließ, und er, nachdem er alle ſeine noch uͤbrigen Krafte geſammelt hatte, um dem Befehl zu gehorchen, ſich dennoch mußte entſchuldigen laſſen, wurde ihm ſein Abſchied an⸗ gekuͤndigt.— Der Ungluͤckliche ſank ohnmaͤchtig in meine Arme— und Luuiſe ſtuͤrzte mit einem lauten Schrey zur Thuͤr hinaus„ In der erſten Angſt bemerkte ich ihre Entfernung nicht — meinen Mann hatie ich auf das Bett und 44 nach und nach zu ſich gebracht Jetzt gieng die Thuͤre auf— meine Tochter flog mit ausge⸗ breiteten Armen auf ihren Vater zu.— Hinter ihr trat der Graf herin.— Das Maͤdchen war auſſer ſich.— Sehen ſie! ach! ſehen ſie, Herr Graf! rief ſie raſch einigemal hinter einander— und jetzt lag ſie ſelbſt ohne Bewußtſeyn vor dem Bette.— Ich bin hintergangen worden, ſtam⸗ melte der Graf in einer augenſcheinlichen Ver⸗ wirrung, indem er mir half, das Maͤdchen auf einen Stuh⸗ ſetzen. Man ſagte mir, es ſey Halsſtarrigkeit und boͤſer Wille von ihnen, ſie ſind aber wirklich krank.— Man verſicherte mich, ſie haͤtten meines Vaters Freigebigkeit ſchaͤndlich gemißbraucht und durch Wucher ſich bereichert— wo ich hinblicks, ſehe ich Mangel und Duͤrftigkeit ich werde, ich muß wieder gut machen; denn,— indem er ſich zu unſerer To hter wandte, die eben die Augen wieder auf⸗ geſchlagen hatte und aͤngſtlich zu ihm herauf blickte:— es war hoͤchſt unrecht von deiner Mutter, liebe Louiſe, daß ſie mich nicht erin⸗ nerte, daß wir beide an ihrer Bruſt elue Milch getrunken hatten— und, indem er eine Rolle Gold auf den Tiſch legte, zu meinem Manne: — ſie behaiten ihren Dienſt nebſt einer Zulage von Tauſend Livres.— Louiſe wollte ihm zu Fuͤßen fallen, er hob ſie aber auf— und gieng. Wir ſegneten den edlen jungen Herrn 45 — Ach Gott! wir mußten noch nicht, was wah⸗ res Ungluͤck war.— Dieſe Stunde, die wir un⸗ ter die gluͤcklichſten unſers Lebens zaͤhlten, hatte unſer naheriges namenloſes Elend bereitet.— Hier holte die arme Frau tief Athem und trock⸗ nete eine Thraͤne, die auf ihrer blaſſen Wange herab rollte.— Dann, nachdem ſie einen troſt⸗ loſen Blick erſt auf die Tagloͤhnerin, dann auf Ludolph geworfen hatte:— Ich bin ſo ſchwach, daß ich mich nun kuͤrzer faſſen muß— Des Grafen Grosmuth uud Gerechtigkeitstiebe war geheuchelt, es war die erſte Liſt des ſchaͤndlich⸗ ſten Verfuͤhrers— unſere arme unerfahrne Loui⸗ ſe.„ Der Bube hat einen Engel in ihr gemor⸗ det— Mein Mann uͤberlebte die Schande ſei⸗ nes einzigen Kind vicht.— Er ſtarb am Tage, wo ſie in Angſt und Verzweiflung einen Sohn gebar— und wenige Tage darauf folgte meine ungluͤckliche Tochter ihrem Vater nach.— Ihr Verfuͤhrer hatte indeſſen eine reiche Erbin ge⸗ heirathet.— Zwei Jahre ſind es nun, daß ich das Kind meiner Louiſe unter Thraͤnen und Sor⸗ gen von meiner Haͤnde Arbeit ernaͤhre.— Gott hat mir meine Geſundheit und Kraͤfte bis vor einigen Wochen erhalten, wo ich krank wurde.— Heute Morgen ſucht' ich mich aufzuraffen und kroch von meinem Strohlager auf, in der Ab⸗ ſicht den Vater des armen Wurms um einige Unterſtuͤtzung anzuflehen— ich kam aber nicht 46 vor.— An dem Italioͤniſchen Schauſpielhaus brach ich zuſammen, ich hatte ſeit zwei Tagen nichts gegeſſen.— Hier hob ſie beide Haͤnde zitternd gen Himmel:— Mein armes Kind!— verflucht ſey der hartherzige Wolluͤſtling, der ihm das Leben gab und Mann und Tochter mir raubte.— Ihr Haupt ſank auf die Bruſt herab — ſie verſtummte.— Und der ſchaͤndliche Ver⸗ fuͤhrer nennt ſich Graf V**? fragte Ludolph.— Ja! in einigen Tagen ſoll er Paris vrrlaſſen und als Geſandter nach Teutſchland gehen.— O Gott! rief Ludolph— warf einen Laubthaler der Ungluͤcklichen in den Schoos und ſtaͤrzte zur Thuͤre hinaus. Fuͤnftes Kapitel. Ludolph in London. Becker hatte ſchon einige Stunden auf ſeinen jungen Freund gewartet— ſein zerſtortes Weſen fiel ihm auf.— Was iſt dir? fragte er nach dem erſten Haͤndebruck!— Was mir iſt? rief Ludolph, und ſeine Bruſt arbeitete, ſein Blick gioͤhte. Lieber wollte ich mich nach dem Vater⸗ lande zuruͤckbetteln, als mit deinem Grafen.„„ O hore, Becker! es gibt wohl keine ruchloſere Seele in deinem ganzen Paris als dieſen Graf. — Und er erzaͤhlte ihm die Geſchichte der alten kranken Frau.— Becker laͤchelte wehmoͤthig.— Wie? und du kannſt noch laͤcheln, o Becker!— uͤber deine ſchone Unerfahrenheit.— Wahyrlich nicht uͤber des Grafen Schandthat. aber hatt die Alte aus Gewinnſucht, oder aus ſonſt einer Abſicht nicht uͤbertrieben 2— Uebertrieben, rief Ludolph, und riß ſeinen Freund mit ſich fort: kommen ſie! Der Moͤrder der Tochter hat die Mutter und ſein eignes Kind dem Hungertode Preis gegeben— die Ungluͤckliche ſteht am Rande des Gra⸗ bes.— Da ſagt man keine Unwahrheiten mehr.— Dem ſey nun wie ihm wolle, ſey nicht ſtrenger als die Welt, ſagte Becker, ihre einmal angenommene Klugheit ſchweigt von dergleichen Infamitaͤten, oder, wenn durchaus die Rede davon ſeyn muß, beſchoͤnigt ſelbige mit dem Namen— jugend⸗ liche Vertrrungen— man laͤchelt, zuckt die Achſeln, lenkt das Geſpraͤch ab, und die Sache iſt abgethan.— O du mein Gott!— Eine Lehre muß ich dir geben lieber Ludolph! Deine raſche Aeuſſerungen, deine ſtrengen Ur⸗ theile werden dir allenthalben fuͤr Mangel an Weltkenntniß und ſchaͤdliche Unuͤberlegung ausge⸗ legt, und wenn das, was du ſagſt, noch ſo edel gedacht iſt, ſobald es mit der gewohnlichen Anſicht der Dinge kontraſtirt, ſo erregſt du un⸗ fehlbar Mitleiden bei dem Welt⸗und Mißtrauen ——— bei dem Geſchaͤftmann; jener wird dich einen Romanhelden, und dieſer einen unvorſichtigen Menſchen nennen, und beide gehen an dir vor⸗ üͤber.— Mögen ſie!— Nimm mir's nicht ubel, Ludolph! wer ein Syſtem wie das deinige hat und in Ausuͤbung bringen will, muß entweder keinen Ehrgeitz haben, oder ein ſehr reicher Mann ſeyn.— Mein hoͤchſter Ehrgeitz beſteht darin, ohne Scheu und ohne Ruͤckſichten ſtets nach Ge⸗ fühl und Ueberzeung das Beſte zu waͤhlen.— So kehre nach Teutſchland zuruͤck, miethe dir ein Dachſtuͤbchen oder eine Tonne und ſchreibe Noten ab.— Warum das? Wenn ich nun fuͤr einen Augenblick zugebe, daß meine Forderungen von den geſellſchaftlichen Menſchen zuweilen et⸗ was ſtrenge ſind, ſo mußt du doch auch geſiehen. daß du auf der andern Seite ubertreibſt.— Nein! — nicht! wenn du mir noch zwei Menſchen wie der abſcheuliche Graf V* nennen kannſt, ſo will ich dir in allem Recht geben.— Hier faßte Becker den jungen Schwaͤrmer bei der Hand, und ſah ihn einige Augenblicke mit der innigſten Theilnahme an, endlich— Er iſt wahrlich edel, und ruhrend dieſer beſſere Glaube an der entarteten Menſchheit, lieber junger Mann! Es faͤllt mir ſchwer die dieſen ſchoͤnen Irrthum zu benehmen, aber je größer die liebliche Taͤuſchung iſt, je naͤher muß ich dich der Wahrheit bringen; hore — nun entwarf er mit ſtarken Pinſelſtrichen ein Gemaͤhlde von Paris.— Von da gieng er in's Allgemeine uber, jeder Lehrſatz gruͤndete ſich auf Erfahrung, und dieſe wurde jedesmal durch ein Beiſpiel erlaͤutert— aber um mich eines Aus⸗ drucks unſers Thuͤmmels zu bedienen; das ſchauderhafteſte Gemaͤhlde von Breu— geln, dem Cabinetsmaler der Hoͤlle, kann kein ſo auffallendes Gegenſtuͤck zu einem Claude Lorrain, deſſen Pin⸗ ſel in die Sonne getaucht, abgeben, als Beckers Schilderungen und Ludolphs Be⸗ griffe von der Welt und ihren ſittlichen Bewoh⸗ nern.— Durch ſtufenweiſe Aunaͤherung hätte Becker zuverlaͤßig ihn erſt zum Rachdenken, dann zum Mißtrauen in ſich ſelbſt, und endlich in die traurige nothwendige Ueberzeugung der Unan⸗ wendbarkeit ſeines Syſtems gebracht; er wollte aber auf einmal niederreißen— und erregte in Ludolphs Seele weiter nichts als eine aͤuſſerſt ſchmerzhafte Empfindung, der er ſo ſchnell als moͤglich zu entgehen ſuchte.— Die Seitenfarbe deiner Britten, unterbrach er daher halb ernſt halb laͤchelnd, iſt in die deinige uͤbergegangen, man merkt dir's an, lieber Freund, daß du im Begriff biſt dich mit dieſen Nebelbewohnern in eine naͤhere Verbindung einzulaſſen— und er ſtand auf, um das Mittagseſſen zu beſtellen. Lud. Lehrjahre 2. Th. D Becker hatte ſich in der That durch einen reichen Englaͤnder bereden laſſen, einige Jahre ſeinen Sohn auf Reiſen zu begleiten. Waͤhrend dem Eſſen fiel das Geſpraͤch auf die Engliſche Nation.— So ſtreng Becker mit den Franzoſen umgegangen war, eben ſo partheyiſch und nach⸗ ſichtsvoll ſprach er von den Britten. Er ſchien unſers Archenholz's Pinſel entlehnt zu haben, ſo glänzend und mahleriſch einladend war das Gemaͤhlde, das er von dieſer ſtolzen Inſel ent⸗ warf. Ludolph, der ſeit der Geſchichte des ar⸗ men Weibes feſt entſchloſſen war, den abſcheu⸗ lichen Grafen nicht nach Teu ſchland zu beglei⸗ ten, gerieth nun in den Wahn, daß bei dieſer großmuͤthigen ſublimen Nation ihm unfehlbar ſein Gluͤck bluͤhen muͤßte.— Eine andere Urſache, die er ſich aber kaum ſelbſt geſtand, zog ihn noch unwiderſtehlicher nach London— Vergebens hatte er Sophien in Paris aufgeſucht, in London hoffte er ſie ſicher anzutreffen.— Die beiden Freunde ſchieden ſpaͤt von einander. Im Nachhauſegehen beſann ſich Ludolph auf einen ſchicklichen Vorwand, ſein dem Grafen gegebenes Wort wieder zuruͤck zu nehmen. Kurz abbrechen gieng nicht wohl an, und doch empoͤrte ſich ſein ganzes inneres Gefuͤhl, wenn er an des Wollͤſtlings zweifache Mordthat dachte. Er hatte bereits ſchon ein Zimmer in des Grafen Hotel bezogen.— Es ſchlug eilf Uhr, als er 51 anlangte, man ſtand eben von dem Spieltiſche auf, und der Haushofmeiſter meldete, daß auf⸗ getragen ſey.— Ludolph ſaß gerade der Graͤfin ge⸗ gen uͤber— ſie ſah ihn ſpoͤttiſch laͤcheind einige Augenblicke an.— Da es nun Pflicht von mir iſt, ſagte ſie ihm endlich, mich nach den Sitten und Gebraͤuchen eines Landes zu erkundigen, das ich naͤchſtens bewohnen werde, ſo muß ich ſie bitten, leber Herr Ludolph mir zu ſagen, ob es der Gebrauch in Teutſchland iſt, daß junge Leute von einer gewiſſen Klaſſe Arm in Arm mit Bettelweibern über die Straſſe gehen. — Quelle ſinguliere question faites vou là à Monſieur? ſagte der Graf ernſt und verwun⸗ dert.— Sie iſt ganz natuͤrlich— denn, als ich dieſen Morgen ohnweit des italiaͤniſchen Schau⸗ ſpielhauſes vorbei fuhr, ſah ich— Richtig, unterbrach Ludolph, indem er uͤber und uͤber gluͤhend einen durchdringenden Blick auf den Grafen warf.— Die Saite, welche ſeit dieſem Morgen ſo widrig in ſeiner Seele toͤnte, war nun beruͤhrt— ſein Blut kochte, und er erzaͤhl⸗ te die Leiden der ungluͤklichen Familie mit der Waͤrme, mit der ſanften hinreiſſenden Beredſam⸗ keit eines Lafontaine.— Nur mit Muͤhe hatte er es uͤber ſich ve mogt, die Namen zu ver⸗ ſchweigen.— Der Graf wurde anfangs Leichen⸗ blaß; doch er hatte ſich bald wieder gefaßt.— D2 52 Der begeiſterte Ludolph bemerkte nicht das ſchadenfrohe Läͤcheln der Graͤfin, die bedeutenden Blicke, mit denen ſie ihren Gemahl peinigte, nicht daß er fuͤr alle anweſende, meiſtens ver⸗ traute Hausfreunde eine alte laͤngſt vergeſſene Geſchichte rrzaͤhlte.— Habe ich nun ſo ſehr ge⸗ gen die feinen Sitten dieſes Landes geſuͤndigt, ſetzte Ludolph hinzu, indem ich dieſe Ungluͤck⸗ liche, die dem Hungertode Preis gegeben war, von der Straſſe aufraffte? Non, ſtammelte der Graf, mais vous vous donnez un ridicule, Monsieur, en nous racontant ici l'histoire de la moitié de Paris.— So iſt Paris eine Moͤr⸗ dergrube, rief Ludolph, und ich werde die Stun⸗ de meiner Abreiſe ſegnen— Sie haben ihren Beruf verfehlt, ſagte die Graͤfin aͤuſſerſt ſpot⸗ tiſch, ſie gehdren auf die Kanzel, junger Mann⸗ und nicht— In dieſe elegante Moͤrdergerube, unterbrach Ludolph.— Euer Gnaden haben ebllig Recht!— Die Graͤfiu warf ihm einen ſtolzen veraͤchtlichen Blick zu und ruͤckte den Stuhl.— Ludolph verließ ſogleich den Saal, und ſchlich hinauf in ſein Zimmer. Den andern Morgen brachte ihm der Kam⸗ merdiener des Grafen folgendes Billet— Ich bin uͤberzeugt, mein Herr, daß Sie eine Menge ſnuͤtzlicher und angenehmer Kenntniſſe be— ſitzen, aber eine der wreſentlichſten für einen Mann, der die diplomatiſche Bahn betreten will, 3 vermiſſe ich bei Ihnen. Ich habe die groͤſie Achtung fuͤr die Wiſſenſchaften, aber, mein lieber Herr, die unentbehrlichſte von allen iſt die Lehre des geſellſchaftlichen Umgangs. Die kleine Anek⸗ dote, welche Sie ſuns geſtern Abend auf eine ſo galante Art aufgetiſcht haben, uͤberzeugte mich, daß ihre ganz eigene Anſicht der Dinge vollig dazu geeignet iſt, um Sie einſt in ihrem Va⸗ terlande zur Wuͤrde eines Roman⸗Helden zu erheben, zugleich aber gaben Sie mir den un⸗ leugbaren Beweis, daß der Boden, auf den Sie ſich wagen wollten viel zu glatt und ſchlüpfrig fuͤr Sie iſt. Indem ich Ihnen nun erklaͤre, daß ich von Shren Talenten keinen Gebrauch machen kann, ſo werden Sie mir zu gleicher Zeit er⸗ lauben, Ihnen den guten Rath zu geben, ſich fernerhin dieſer ſchaͤdlichen Reformations⸗Wuth nicht ſo unbedingt mehr zu uͤberlaſſen, indem Sie vielleicht nicht allenthalben ſo nachſichtsvolle Leute antreffen werden als ihr ꝛc. w. Graf von V... Ludolph hatte kaum geleſen, ſo ſprang er auf und brach in ein lautes Gelaͤchter aus.— Der große breitſchulteriche Berner Harmonica⸗ Spieler iſt bereits bei der gnaͤdigen Frau, ſagte der alte Kammerdiener, ihre Stelle war ihm ſchon geſtern zugeſagt.— Der Graf iſt mir zu⸗ vor gekommen, mein lieber Laurent, ſagte Lu⸗ dolph, indem er dem redlichen Alten freundlich 7 54 die Hand druͤckte; ich dummer Teufel war nur noch verlegen, wie ich mein Wort auf eine ſchick⸗ liche Art zuruͤck nehmen koͤnnte; ich merke aber, daß bei ſolcher Gelegenheit man nur bei groſſen Herren in die Schule gehen und Franzdſiſch ſchreiben muß.— Herr Ludolph, der Berner iſt ein Windbeutel. Von Geſchaͤften verſtehe ich freilich eben ſo wenig als er; aber das weiß ich doch, daß bei einer Geſandtſchaft etwas mehr dazu gehoͤrt als Harmonlca ſpielen— Er hat Savoir vivre,— Ja glatt iſt der Kerl wie ein Aal.— Er wird der gnaͤdigen Frau Graͤfin die Zeit vertreiben, was braucht's mehr?— aber die Geſchaͤfte?— Kann er nur einen Kuͤchen⸗ zettel aufſetzen, kleine Landpartien arrangiren, weiß er mit einer gewiſſen Fertigkeit von Mo⸗ delectuͤren, von Pferden, Hunden und Schau⸗ ſpielen zu ſchwatzeu, ſo iſt er zu einem diploma⸗ tiſchen Gluͤcksritter geſtempelt.— Herr Ludolph, ſie ſpaßen.— Es iſt mein oolliger Ernſt, ich habe ſo ein Geſchoͤpf gekannt, der auf der Herr⸗ gottswelt kein anderes Verdienſt hatte, als daß er in Paris wie in ſeinem Zimmer zu Haufe war, der nicht einmal abſchreiben, geſchweige ſelbſt etwas ſchreiben konnte, aber ſiets das neueſte Liedchen auswendig wußte, die neueſte Frauenzimmermode vordemonſtriren konnte, und alle Stadtneuigkeiten nach Hauſe brachte; er ſotzte ſich zuerſt in die Gunſt des Scheoshuͤnd⸗ 88. chens der Madame l'Ambassadrice, feſt, und kroch ſo bis zu der Geſandtſchafts⸗ Secretair⸗ Stelle empor, die ein junger Menſch, dem, wie der Herr Graf ſich ausdruͤckt, uur etwas Savoir vivre, Weliklugheit, gebrach, bis dahin mit Ehre und Ruhm zwekmaͤßig begleitet hatte.— Nicht moͤglich.— Von einem ſo alten gedlenten Kammerdiener, mein lieber Laurent, klingt dieſer Zweifel ſeltſam; gesig der junge Menſch wurde, ungefaͤhr ſo wie ich hoüte, zum Brh hinaus à la frangaise bekomplimentirt... Doch wir verlieren hier Beyde unſere Zeit.— Sagen ſie dem Herrn Grafen, wir koͤnnten uns Beyde Gluͤck wuͤnſchen— Der Kammerdiener gieng, den Kopf ſchuͤttelnd, zur Thuͤre hinaus— und in weniger als einer Stunde hatte Ludolph mit frohem Herzen das Hotel verlaſſen. Sein erſter Gang war zu Becker, der aber mit der engliſchen Familie nach Fontainbelan gereiſt war.— Da nun das Pärlſer Pflaſter ihm unter den Fußſohlen brannte„und er die zwei Tage bis zu ſeines Freundes Ruͤckkunft nicht mehr abwarten wollte, ſo nahm er in ei⸗ nem langen Brief Abſchied von ihm.„Es koſtet mir wahrlich keine Ueberwindung, ſagte er ihm unter andern, ein Land, eine Stadt zu verlaſſen, wo man mit der Luft eine verderbliche Weich⸗ lichkeit und den Trieb zur entehrendſten Wolluſt einathmet!— Nirgends herrſcht die ſittliche und 56 ——— phyſiſche Verderbniß. einem ſo hohen Grade; ſelbſt der Schein einer Tugend iſt hier eine Laͤ⸗ cherlichkeit, und wer laͤcherlich wird, der iſt in Paris ein verlohrner Menſch! Um ſein Gluͤck zu machen, muß man ſich's hier zum Grundſatz machen, gar keine Grundſaͤtze zu beſitzen.— Folge meinem Betſpiel, lieber Freund, und fliehe ein Volk, das unter dem ſeichten Vorwand eines ongebohrnen Leichtſinns„d einer natur lichen Unbeſtaͤndigkeit, mit einer unerhorten Frechheit jedem noch ſo unſinnigen Trieb ſich uͤberlaͤßt, dem jeder Genuß willkommen iſt ohne Ruͤckſicht auf Tugend und Laſter, wenn ihn nur die De⸗ ſpotien⸗Mode, oder die Laune des Augenblicks, unter irgend einem lockenden Gewand dargebo⸗ ten hat. Der Natiynal- Leichtſinn iſt Syſtem worden; wenn gleich der Franzos in der Wahl der Mittel gluͤcklich zu ſeyn inkonſequent iſt, ſo iſt er doch in ſeiner Verdorbenheit, in ſeinem unerſaͤttlichen Heißhunger nach Genuß beſtaͤndig. — Hier hat der Geiz ſeine untruͤgliche Berech⸗ nung, wodurch er Wittwen und Waiſen um das ihrige bringt; der Ausſchweifende feine Theorle; Ehrgeiz; Falſchheit, Wortloſigkeit ſind unter dem viel umfaſſenden Wort Politique zu einer Kunſt erhoben.— Lieber Becker, eile mir nach in jene gluͤckliche Inſel, von der du mir eine ſo reizende Beſchreibung gemacht haſt, dort hat ſich die himmliſche Freiheit an der Hand der welſeſten 5. Gebieterin der Menſchen, der Vernunft, herun⸗ ter gelaſſen, um ein edles Volk zu begluͤcken, das die Groͤße der Gottin empfindet ꝛc. zc.“ Den andern Morgen verließ unſer Held Paris, durchſtrich heiter und vergnuͤgt die ge⸗ ſegneten Fluren der Picardie und landete end⸗ lich gluͤcklich in Dover an. Die Quelle menſchlicher Taͤuſchungen iſt un⸗ erſchoͤpflich; vergebens beleuchtet die Vernunft den ſuͤſſen Irrthum, vergebens fuͤgt die Erfah⸗ rung ihre ernſte Lehren hinzu. Nach jenem kur⸗ zen Augenblicke einer demuͤthigenden Erkenntniß, ſchließt der Schwaͤrmer Auge und Ohren zu, und ſchon liegt er wieder in den Armen der ſuͤßen Zauberin. Mit einem heiligen Freuden⸗ ſchauer hatte Ludolph die Inſel betreten, wo ihm, obgleich alles bis auf die Sprache fremd war, dennoch die ſchoͤnſten, froheſten, gluͤcklich⸗ ſten Tage bluͤhen ſollten!.„ Schon der mah⸗ leriſche Anblick der kleinen fruchtbaren Thaͤler und Huͤgel, durch welche die Landſtraſſe vbn Dover nach London ſich ſchlaͤngelt, die Rein⸗ lichkeit der Doͤrfer, Flecken und Staͤdte, die er durchreiste, die zarte Anmuth und beinahe all⸗ gemeine Schoͤnheit der Weiber, das ernſie und iedoch heitere Ausſehen der Maͤnner, die raſt⸗ loſe Thaͤtigkeit, die alles belebte, dies alles be⸗ zauberte den ſchon zum voraus fuͤr dieſes Land und dieſe Menſchen eingenommenen Ludolph.— 55 Heil dir, Brittannia, rief er, hler finde ich end⸗ lich gluͤckliche Menſchen— und die ihr Gluͤck verdienen, weil ihr ganzes Thun und Treiben mit dem ewigen Geſetzen der Vernunft innig verbunden die allgemeine Wohlfahrt zum End⸗ zweck haben.— Und nach dieſer Hypotheſe erzeug⸗ te ſeine reiche Phantaſie einen Roman toller als den andern. Er hatte endlich den letzten Huͤgel erſtiegen, von dem das entzuͤckte Auge das praͤch⸗ tige London, den ſtolzen breiten Fluß mit allen ſeinen reichen Umgebungen auf einmal umfaßt, — Hier, hier will ich, gluͤcklicher Menſch, mei⸗ ne Tage beſchließen. Wie iſt es moglich einmal dies Paradies bewohnt zu haben und es wieder verlaſſen zu koͤnnen!.„ Ja, hler will ich leben und ſterben!— Je naͤher er aber der Stadt kam, deſto kuͤhler wurde ſeine Phantaſie, deſto ernſter und reeller ſeine Plaͤne fuͤr die Zukunft.— Endlich blieb er bei dem Vorhaben ſtehen, mit irgend einem jungen Englaͤnder auf Reiſen zu gehen.— Dieſer ſollte, nachdem er die letzte Hand an ſeine Bildung wuͤrde gelegt haben, im Par⸗ lement eine wichtige Rolle ſpielen und ihm ſelbſt durch ſein Anſehen dankbar eine eintraͤgliche Stelle verſchaffen. Am fernſten Horizont dieſes glaͤn⸗ zenden Gemaͤhldes zeigte ſich freilich auch die immer noch heiß geliebte Sophie, aber wie ein verklaͤrter Geiſt von Wolken umgeben, und die ganze Subtilitaͤt ſeiner finnreichen Phantaſie * 89 vermogte nicht dieſer Partie eine gewiſſe Deut⸗ lichkeit und Beſilmmtheit zu geben. Gleich nach ſeiner Ankunft ließ Ludolph ſeine Anerbletungen in dem Dailly adversiter und in andern oͤffentlichen Blaͤttern eiuruͤcken, und zwar mit der nemlichen Ruhe und Gewiß⸗ heit des Erfolgs, als einſt zu Magdeburg, als er das unreife Kind ſeiner dramätiſchen Muſe ausgeſandt hatte. Das eingenommene Auge er— blickt keine Gebrechen, alles iſt ſchoͤn, alles muß ſo und nicht anders ſeyn; der duͤſtere melan⸗ choliſche Charakter der Englaͤnder, ihre Ungeſel⸗ ligkeit, nahm Ludolph als untruͤgliche Beweiſe einer tiefen Weisheit an; ihren Eigenduͤnkel, ihr arrogantes Benehmen gegen Fremde nannte er Nationalſtolz; ihr ungeſchliffenes Weſen, die Grobhelten, die er ſich ſelbſt mußte gefallen laſſen, waren eben ſo viele Beweiſe eines frei⸗ muͤthigen Charakters, und das ſchoͤne Geſchlecht — jene zarte anmuthsvolle Brittinnen— wer konnte wohl zweifeln, daß ſie nicht die empfin⸗ dungsreichſten, tugendhafteſten Geſchdpfe, die je der Himmel zur Freude des Weiſen erſchuf, ſeyen?— Mit einem Worte, die ganze Natlon war in ſeinen Augen das ſchon längſt von ihm getraͤumte Ideal menſchlicher Vollkommenheit. Eines Abends, er gieng eben durch den Strand nach St. James, begegnete ihm ein Ge⸗ richtsdiener, der mit ziemlich grober Manier ein 60 ſehr ſchdnes, aͤuſſerſt elegantes Maͤdchen vorbei fuͤhrte.— Ludolph fragte, wodurch ein ſo liebes ſanftes Kind ſich an den Geſetzen verſuͤndiget haͤtte?— Es iſt ein Freudenmaͤdchen, gab ihm ein Franzos zur Antwort, das wegen Schulden in Verhaft genommen wird.— Iſt es wöglich, rief Ludolph, daß ſich auch von dieſen verwor⸗ fenen Creaturen i Lnondon befinden?— Mehr als in Paris, erwiederte helllachend der ſprach⸗ ſelige Franzmann; man zählt deren hier an funf⸗ zig Tauſend, die von einer hohern Klaße nicht' mit gerechnet; es iſt bei dieſer ungeſelligen Na⸗ tion in einer ſo ungeheuren Stadt ein nothwen⸗ diges Uebel. Dieſe Venus„Prieſterinnen fullen die Schauſpielhaͤuſer, beleben die Spatziergaͤnge, ſtets von einer genußgierigen Jugend begleitet; durch ihre Anmuth und Grazie behaupten ſie den erſten Rang unter den europaͤiſchen Hetaͤren; der Nationalhandel gewinnt augenſcheinlich durch ihre Verſchwendungen und ihren raſenden Lurus. Es wäre ein unwiederbringlicher Verluſt fuͤr London, wenn das Parlement es verſuchen woll⸗ te, dieſem Unfug Einhalt zu thun.— Ludolph äuſſerte ſeine Verwunderung und theilte dem wohlunterrichteten Franzoſen die Meynung, wel⸗ che er von der Ration uͤberhaupt gehegt hatte, mit.— Sile irren ſich ſehr, erwiederte dieſer, die Schaͤtze Indien's erzeugten den Hang zu Kunſtaufwand, dieſer den Durſt nach Reichthu⸗ 61 mern, und die nothwendige Folge war, allge⸗ meine Sittenverderbniß. Gewinnſucht und Ehr⸗ geitz unter der Larve des Patriotism beherrſchen dieſe Inſel und befoͤrdern ihren endlichen Unter⸗ gang. Hier werden Sie andere Sitten und Ge⸗ braͤuche, ganz eigene Geſetze und Staatsmaximen finden: was aber die Laſter, die Gebrechen und menſchliche Schwachheiten anbetrift, mein Veſter, es iſt hier alles wie bei uns!„Es fiel mir ſogar nicht ſchwer zu beweiſen, daß der Luxus in London weit hoͤher geſtlegen iſt als in Paris und daß in einem Bagnios und andern ſigen offentlichen Oertern mehr in einer Nacht als in —unſerer Hauptſtadt in zehn Tagen auf aͤhnliche Art verſchwendet wird. Wollen Sie noch einige aͤchte Britten mit unberfaͤlſchtem reinen Buͤrger⸗ ſinn kennen lernen, ſo gehen Sie in die City; man ſollte glauben, daß dieſe bledere, gerade, fleißige Menſchen die Gegenfuͤßler von den St. James Bewohnern waͤren. Ihre ſchamloſe be⸗ zahlte Anhaͤnglichkeit an die Hofparthei, ihre un⸗ menſchliche Stiii in Indien, die unge⸗ heure Menge von Bettlern und Dieben, die bei⸗ nahe in jeder Straße die Vorübergehenden pluͤn⸗ dern und anhalten, ſind die deutlichſten Beweiſe meiner Ausſage.— Die Freude leuchtete dem Franzmann aus den Augen bei der genauen Zerglie⸗ gernung aller Staats⸗moraliſchen und phyſiſchen Gebrechen der Britten.— Er ſprach noch ſehr X 62 lang uͤber dieſen Gegenſtand und ſch ien uner⸗ ſchoͤpflich zu ſeyn.— Ludolph aber, der zwei Drittheile wenigſtens auf Rechnung des ange⸗ bohrnen Narionalhaſſes ſetzte, ſchuͤttelte bitter⸗ laͤchelnd den Kopf, und verließ ihn endlich mit⸗ ten in ſeiner Rede. Nachdem er einige von den in gröſſen Staͤd⸗ ten gewoͤhnlichen Abentheuern beſtanden hatte, machte er in dem Loydſchen Kaffeehauſe die Be⸗ kanntſchaft eines jungen Englaͤnders, deſſen an⸗ ſtaͤndiges Benehmen und ſaufte Geſichtsbildung ihn gleich eingenommen hatte. Dieſe Bekannk⸗ ſchaft erinnerte ihn, daß er einem ähnlichen Zu⸗ fall Beckers Freundſchaft zu verdanken hatte, und nun fuͤhlte er ſich zu dem liebenswuͤrdigen Barrington unwiederſtehlich hingeriſſen. Sechtes Kapitel. Soyhie— Gefaͤngniß— Freundſchaft— und Erloͤſung. —— Zu der Zelt wurde gerade der neue Lord⸗Major feierlich in ſeine neue Wuͤrde eingeſetzt. Nach⸗ dem er in Weſtmuͤnſter⸗Hall den gewoͤhnlichen Eid in die Haͤnde des Lord⸗Kanzlers abgelegt 63 hatte, wurde ein praͤchtiges Mahl im Rathhaus gegeben, worauf ein masquirter Ball folgte. Ludolph hatte ſeinen neuen Freund Barrington dahin begleitet. Kaum war er aber einigemal durch den Saal gegangen, als er eine chauve Souris bemerkte, die ihm allenthalben nachgleng. Barrington, der die nemliche Bemerkung ge⸗ macht hatte, warnte ihn, auf ſeiner Hut zu ſeyn, indem er nicht daran zweifelte, daß es eine der tanſend gefaͤlligen Schoͤnen ſey, die die⸗ ſen Abend ihre gefaͤhrliche und koſtſpielige Netze ausgeworfen hatten. Ludolph befolgte den Rath ſeines Freundes, und ſuchte eben ſo emſig der Unbekannten aus dem Wege zu gehen, als dieſe ſich Muͤhe gab ihn zu erreichen; endlich gluͤckte es ihr in einem Angenblick, wo Barrington ſich entfernt hatte, ihm folgende Worte in franzdſi⸗ ſcher Sprache in's Ohr zu raunen:— Boͤſer, unartiger Menſch! warum laßt ihr dankbare Seelen, die euch das Leben zu verdanken haben, fuͤr Ungeduld verſchmachten?.— Ludolph, der den Sinn dieſes Vorwurfs nicht gleich faſſen konnte und ohnehin gegen die Unbekannte einge⸗ nommen war, erwiederte ganz trocken, indem er ſich herum wand:— Ich verſiehe dich nicht! In dem Fall, erwiederte die Unbekannte, wollen wir deine Tapferkeit und Großmuth bewundern und zugleich dein ſchlechtes Gedaͤchtniß bedauern; ich aber, die nicht ſo leicht erwieſene Dienſte 64 vergeſſen kann..— Was hore ich, rief Lu⸗ dolph, waͤre es moglich! Sophie! meine ewig unvergeßliche Sophie!. In dem Augenblick erhob ſich ein wilder Lerm im Saal; die Menge ſtroͤmte nach der Hauptthuͤre, man zuͤndete eben ein Feuerwerk an. Die Unbekannte wurde mit fortgeriſſen und als Ludolph ihr nachellend ſich durcharbeiten wollte, faßte ihn Barrington bei der Hand— wohin? mein Freund! du wirſt doch nicht— Nein, nein, rief Ludolph ſich los⸗ reiſſeud, wir haben uns ſchrecklich geirrt.— Die Unbekannte iſt nicht das, wofuͤr wir fie ge⸗ halten haben, laß mich„„ich muß ſie ſpre⸗ chen.— Ich werde dich nicht aufhalten, erwie⸗ derte der Englaͤnder, indem er ihn nach der Thuͤre zog.— Was ſoll das? fragte Ludolph befremdet, wo fuͤhrſt du mich hin?— Zu der reizenden Unbekannten, ſagte Barrington ſpot⸗ tiſch, die meinen ſehr jungen Freund ſo ſchnell zu bezaubern wußte; ich ſah ſie ſo eben mit ei⸗ uem Menſchen, den ich ſehr gut kenne, hinaus⸗ ſchluͤpſen, und im Voruͤbergehen vernahm ich ganz deutlich, daß er ſie auf den Vaurhall fuͤh⸗ ren ſollte.— Ludolph widerſprach, verſicherte, es ſey unmoͤglich, daß die Dame, mit der er eben geſprochen hatte, auf die Art und ſo ſchnell den Saal verlaſſen koͤnnte; Barrington hatte bald den Leichtglaͤubigen eines beſſern belehrt und ſie flogen nach dem Vauxhall„Aber 65 dergebens ſpuͤrten ſie jeden Winkel aus, die Unbekannte war nicht da.— Ludolph raſte; er verließ mit Ungeſtuͤm ſeinen Freund, begab ſich wieder auf's Rathhaus— auch da war ſie nicht mehr, und nach langen vergeblichen Nachfor⸗ ſchen gieng er endlich erſchopft und mißmuthig nach Hauße. Die Nacht brachte er ſchlaflos zu— ſtand fruͤh auf und wollte eben ausgehen, als ihm fol⸗ gendes Billet zugeſtellt wurde.—„Ihr geſtri⸗ ges wahrhaft ſeltſames Betragen hat dennoch kei⸗ ne Veraͤnderung in meinen Geſinnungen bewuͤr⸗ ken koͤnnen.— Die, welche ſie mit Gefahr ihres eigenen Lebens in dem Walde bei Villers-cotte- rets aus Banditen Haͤnden befreiet haben, bittet ſie inſtaͤndig, ihr das Vergnuͤgen nicht zu rau⸗ ben, ihrem edelmuͤthigen Retter noch einmal muͤnd⸗ lich danken zu koͤnnen.— Die unbeſchreibliche Un⸗ ruhe, in die ihr Stillſchweigen uns verſetzt hat, will ich hier nicht erwaͤhnen, denn ich hoffe Sie, boͤſer Menſch, dieſen Abend noch recht aus⸗ zanken zu koͤnnen— dieſen Abend,ſage ich, und ich muß Sie recht ſehr bitten ja zu kommen, denn Morgen mit dem fruͤheſten fahren wir wie⸗ der auf das Landguth zuruͤck, welches wir ſeit unſerer Ankunft in England ſtets bewohnt ha⸗ ben.— Naͤchſtens verlaſſen wir dieſe Inſel— und nur den geſtrigen Feſtivitaͤten verdanke ich Lud. Lehrjahre 2. Th. E 66 das Vergnügen, meinen unartigen Helden wie⸗ der gefunden ihabet— Ihre ewig dankbare Sophie“ Bei M. auf dem Grosvenor- Square. Die Freude, die Ueberraſchung, die Unge⸗ duld unſers guten Ludolphs laͤßt ſich kaum be⸗ ſchreiben. Er ſollte erſt gegen Abend kommen, und ſchon um vier Uhr flog er durch die Straſ⸗ ſen. Ohnweit Berckley-Square, indem er in tiefen Gedanken verſunken wie eln Unſinniger voruͤber rannte, ſtieß er einen Menſchen ſo un⸗ ſanft auf die Seite, daß dieſer ihn mit einem derben engliſchen Fluch bei ver Bruſt faßte— Ludolph, der die Minuten zählte, riß ſich los und warf dieſen läſtigen Meuſchen, der die ſuͤſ⸗ ſeſte Stunde ſeines Lebens ſchon um einige Se⸗ kunden verzögert hatte, zwei Schritte weit in den Koth.— Der Britte hatte ſich in einem Nu aufgerafft, ſeinen Rock ausgezogen, einen hal⸗ ben Schilling auf die Erde geworfen, und indem er mit geballter Fauſt auf Ludolph zugleng, ihm mit donnernder Stimme zugerufen— i shall fight you for a farthing! Ludolph, deſſen Unge⸗ duld und Zorn mit der Minute ſtieg, ſprang zuruͤck, ſchwang ſein Rohr und fuͤhrte einen ſo derben Streich auf das entbloͤßte Haupt ſeines Gegners, daß er ihn blutend zu ſeinen Fuͤßen ſtreckte. Das Polk war herbei geſtrohmt, um Zuſchauer des beliebten Borkampfs zu ſeyn 67 kaum hatte Ludolph den ungluͤcklichen Streich gefuͤhrt, ſo ſtreckten ſich hundert Haͤnde nach ihm aus; er wurde ergriffeu und zu dem Frie⸗ densrichter geſchleppt, indem er von allen Sei⸗ ten rufen hoͤrte— kill him'tis a french- man! (toͤdtet ihnl es iſt ein Franzos!) Er hatte leider in dieſem Augenblick nicht an die ſtrengen Borgeſetze gedacht, und war(eine nicht geringe Unvorſichtigkeit) noch vollig wie ein Franzos gekleidet. Der Friedensrichter, nachdem er die Zeugen abgehort hatte, uͤbergab unſern armen Landsmann dem Konſtabel, der ihn ſogleich in's Gefaͤngniß fuͤhrte. Man kann ſich leicht einen Begriff von Lu⸗ dolphs Verzweiflung machen— Bin ich nicht unter allen Menſchen der Allerungluͤcklichſte! rief er, nachdem er ſich auf das Strohlager hingeworfen hatte. Trauriges Spielwerk des Schickſals! noch wenige Augenblicke und ich ſtand vor Sophien„vielleicht, daß ihr Vater, beſiegt durch die Thraͤnen einer geltebten Tochter, geruͤhrt durch jene grenzenloſe Anhaͤng⸗ lichkeit, die ich ihm mit Gefahr meines eigenen Lebens bewleſen habe, ſich endlich haͤtte erbitten laſſen.— Dem ſey nun wie es wolle, ich war im Begriff ſie wieder zu ſehen, als der grobe un⸗ geſchliffene„ ich moͤgte raſend werden!„ o, ihr Britten! iſt das eure ſo hoch geprieſene E2 68 Weisheit? wie? weil ich das natuͤrliche Recht der Selbſtvertheidigung ausuͤbe, und mein Geg⸗ ner nicht ſo wie ich ein Fremder, ſondern euer Landsmann iſt, laßt ihr mich gleich einem Miſ⸗ ſethaͤter in's Gefaͤngniß ſchleppen! Sollteſt du wohl am Ende noch Recht haben, menſchen⸗ feindlicher Summer!„waͤre dieſe ſchdne Welt nicht viel beſſer als ein Raͤuberhoͤhle, wo Liſt und Raͤnke, Trug und Tuͤcke, Wortloſigkeit und Heuchelei dem Staͤrkeren ſtets die Oberhand ſichert— ach! Gott! warum mußt ich geboren werden?— was thue ich auf der Welt?— Welche Rolle wurde mir vom Schickſal be⸗ ſtimmt? und welche iſt denn der Endzweck mei⸗ nes Daſeyns?— Gleich einem Schiffbruͤchigen auf einem unbewohnten Felſen verſchlagen, von tobenden ſchaͤumenden Wellen umgeben, verge⸗ bens nach Huͤlfe, nach Rettung dle Haͤnde rin⸗ gend, ſo ſtrebe ich vergebens nach meiner dun⸗ keln Beſtimmung, ſehne mich vergebens nach Ruhe, ich erliege im Kampfe mit dem harten Schickſal und mein gebrochenes Herz muß end⸗ lich an gerechter Vergeltung verzweifeln!— Eine ungluͤckliche Liebe zehrt die letzten Kraͤfte meiner bittern Tage auf.— Mein Bewußtſeyn erhaͤlt mich, meine Seele ſtrebt empor, und das harte Geſchick druͤckt mich nieder.— Das Be⸗ duͤrfniß nuͤtzlich zu ſeyn, meinem Mitmenſchen wohl zuthun; bleibt unbefriedigt.— Mein ſtren⸗ 69 ger Sinn fuͤr Recht und Billigkeit.— werden dich jedem liſtigen Betruͤger zur leichten Beute machen!— rief eine rauhe Stimme aus der Dunkelheit— Ludolph ſtutzt, tritt naͤher uud erblickt einen Menſchen— ein zweiter Ugo⸗ lino— ein lebendiger Leichnam, den der Tod bereits geſtempelt— den man fuͤr todt gehal⸗ ten, wenn nicht der gluͤhende Blick aus dem hohlen ſchwarzen Auge das Leben eines Ver⸗ zweifelten verrathen haͤtte. Nach einigen vorlaͤufigen Erlaͤuterungen, er⸗ hob der Verzweifelnde ſeine erſchoͤpfte Stimme.— Einſt, ſagte er, entwarf ich ſo wie du, junger Menſch, den tollen Plan, das Gluͤck mit der Redlichkeit zu verbinden; ſo lange ich aber mei⸗ nem unſinnigen Grundſatze getren handelte, blieb mir ſtets die blinde Goͤttin abgeneigt. Enblich wurde ich muͤde ein unbedeutendes Spiel⸗ werk in den Händen des Schickſals und der Menſchen zu ſeyn, ich waͤhlte andere Huͤlfsmit⸗ tel zu meinem Endzwecke und ſchlug einen ganz andern Weg ein; meine Freimuͤthigkeit, meine Redlichkeit, meine Ehrfurcht fuͤr gottliche und menſchliche Geſetze mußten der Heuchelei der Gott⸗und Wortloſigkeit Platz machen, ich wurde alles was das augenblickliche Intereſſe von mir verlangte, und ſiehe da! alle meine Wuͤnſche wur⸗ den erfuͤllt, jede meiner Unternehmung gluͤckte.— Ich ſah mich hald als eln geachteter reicher 10 Mann, geſucht, geſchmeichelt, mit eintraͤglichen ehrenvolen Stellen begleitet, mein Lob war in jedermaun's Munde, das ſchone Geſchlecht ſogar fand mich lieben wuͤrdig. Zwanzig Jahre lang blieb ich meinen neuen Syſtem getreu; und eben ſo lange gieng mir alles nach Wunſch... aber nun ließ ich mich zu einer edlen Handlung verleiten, und dieſe ſtuͤrzte mich in den Abgrund, worinnen ich mich jezt befinde. Unerwartete widrige Vorfaͤlle hatten einen meiner Freunde betroffen, und zum Schuldner einer auſehnlichen Summe gemacht— er ſollte in die Kings-Bench geſchleppt werden.— Der ungluͤckliche warf ſich in meine Arme, beſchrleb mir ſeine Lage, und bewleß mir, daß eine reelle Huͤlfe in dieſem Augenblick ihn nicht allein in den Stand ſetzen wuͤrde ſich jetzt aus ſeiner mißlichen Lage heraus zu reißen, ſondern in kurzem ſeinen Handel in einen bluͤhenden Stand zu erheben— Mein boͤſer Genius floͤßte mir Mitleiden fuͤr dieſen WMenſchen ein, und ich verbuͤrgte mich mit mei⸗ nem ganzen Vermoͤgen fuͤr ihn. Aber wie groß war mein Schrecken, als ich einige Monate nachher erfuhr, daß er durch neue Ungluͤcksfaͤlle noch tlefer geſunken ſey, als er damals war, wo ich ihm zu Huͤlfe kam. Ich eile zu ihm, erwaͤhne in der groͤßten Seelenangſt jene boͤſe Geruͤchte da ſaß der Ungluͤckliche blaß und entſtellt, den ſtarren Blick bald auf den Boden . bald auf mich gerichtet.— Ich verſtehe dies ſchreckliche Stillſchweigen, rief ich, die Geruͤchte ſind wahr, ſie haben mich zu Grunde gerichtet! Antworte, Ungluͤcklicher! was ſoll nun aus mir werden?— Das weiß ich nicht, gab er mir mit erſtickter Stimme zur Antwort, ich habe meinen Entſchluß gefaßt!— Indem er ſprach, zog er ein Terzerol hervor, und bevor ich ihm das moͤrderiſche Gewehr aus der Hand reißen konnte, hatte er abgedruͤckt. Mit einem lauten Schrei faßte ich den Sinkenden in meine Arme, aber zu ſchwach, um ihn zu halten, hatte ich ihu eben auf den naͤchſten Stuhl fallen laſſen, als ſeine Tochter und mehrere Fremde, die in einem nahen Zimmer ſich befanden, herein ſturz⸗ ten.— Da ſtand ich blaß und bebend mit Blut bedeckt und das ungluͤckliche Terzerol in der Hand — Es iſt der Moͤrder meines Vaters! rief die Tochter.— Dieſe unerwartete Beſchuldigung, verbunden mit dem Schrecken, den mir dieſer raſche Selbſtmord, und deſſen ſchreckliche Folgen für meine eigene zukuͤnftige Exiſtenz verurſacht harten, gaben mir ganz das Anſehen elnes Ver⸗ brechers.— Vergebens, nachdem ich mich erhohlt haite, betheuerte ich meine Unſchuld, ich wurde ergriffen, vor den Richter gefuͤhrt, alle Beweiſe waren gegen mich, obgleich mir nichts Entſchei⸗ dendes erwieſen werden konnte.— Man hatte wich aber das Terzerol in der Hand vor der 72 Leiche meines Freundes und von ſeinem Blut be⸗ ſpritzt angetrofen.— Einige ſagten, ſie hätten mich wie einen Raſenden in's Haus ſtuͤrzen ſehen. Andere, ſie haͤtten mich laut und drohend mit dem Todten ſprechen hoͤren, und zwar wenigs A zuvor, ehe der Schuß gefallen ſey— Auch die Urſache meines Mi ßvergnuͤgens konnte kein bleiben— eine bedeutende Auzahl von Menſchen, die ich in den verſchiedenen Aem⸗ tern, welche ich begleitet hatte, theils aus Pri⸗ vathaß, theils nothgedrungen beleidigr hatte, ſtanden gegen mich auf, jeder Frevel, den ich, auf mein Anſehen trotzend, oft kuͤhn genug be⸗ gangen hatte, kam jetzt an den Tag.— Der Richter zweifelte bald nicht mehr, daß ſolch ein erwieſeuer Verbrecher auch bei ſo bewandten Um⸗ ſtaͤnden der Morder ſeines Freundes haͤtte wer⸗ den konnen und hier liege ich nun in Ketten und Banden, weil ich eine edle uneigennuͤtzige That veruͤbt habe.— So weit die Erzaͤhlung des Gefangenen— ich uͤbergehe ſelne Bemer⸗ kungen über die Ungerechtigkeit der Menſchen, uͤber das, ſeiner Meynung nach, unſinnige Vor⸗ haben in dieſer verdorbenen Welt durch Tugend und Redlichkeit zu Gluͤck und Zufriedenheit zu gelangen, endlich uͤber den Fatalism, der alles hienieden lenken uud beherrſchen ſoll.— Lndolph ſchauderte bei der tiefen Immoralitaͤt dieſes in jedem Betracht ungluͤcklichen Verbrechers, und ————,—— obgleich alle dieſe ſeichten Ausfaͤlle nicht geelgnet waren, um einen Mann von feſten Grundſaͤtzen zu erſchuͤttern, ſo verurſachten ſie dennoch in dem Munde eines Verzweifelnden eine gewiſſe Geiſtesunruhe in ihm, woruͤber er lange nicht Meiſter werden konnte. Wie wäre es moͤglich, dachte er, daß vor den Augen des Ewigen, Tugend und Laſter von gleichem Werth waͤren? wie kann ich glauben, daß er nie ſeinen vaͤterlichen Blick auf die Welt, das Werk ſeiner Allmacht, herabſenkt, und ſeine Schoͤpfung durch das blinde Ungefaͤhr beherrſchen laͤßt? Wie ſoll, wie kann mein Geiſt den Be⸗ grif eines Gottes, dem das Gute und Boͤſe gleichguͤtig waͤre, faſſen? begreifen die Erſchaf⸗ fung des Weltalls, mit ſo vieler Weisheit und Guͤte, um dann, als wenn es nicht exiſtirte, ſich ferner nicht mehr damit zu beſchaͤftigen.— Welcher ſchreckliche, weicher verderbliche Grund⸗ ſatz, der dem Ungluͤcklichen den ſuͤſſen ſtärkenden Troſt raubt, daß ſein Schoͤpfer Zeuge ſeines Kampfs, ſeines muthvollen Ringens mit dem Ungluͤck iſt, und bereits die Siegeskrone aus jener beſſern Welt ihm entgegen reicht. Der Glaube an eine guͤtige und weiſe Gotthelt, vor der ich ſtehe, die in meinem Herzen lieſt, die mit einem Wink dein maͤchtigen Boͤſewicht, der mich unterdruͤckt, zernichten kann, iſt mir, ſelbſt im tiefſten Elend Troſt und Staͤrknug ohne dieſen Glauben muͤßte ich verzweifeln„ Wenn ich leide, ſo erhebt und beruhigt mich der Gedanke an Vergeltung jenſeits des Grabes. Bin ich gluͤcklich, ſo benimmt die Hofnung einer relnen ewigen Gluͤckſeligkeit ſelbſt dem gewiſſen Tod ſeine Schrecken; mir bangt nicht fuͤr einer Zukunft, deren Vorſchmack ich dankbar ſchon hienieden genieße. Iſt dieſer Glaube ein Irr⸗ thum, ſo nennt mir eine Wahrheit, die troſt⸗ relcher iſt, und waͤre es nicht grauſam, mir ihn rauben zu wollen? Wodurch wollte man dieſen feſten Wanderſtab dem matten Pilgrim durch's holperichte Thal des Lebens erſetzen? Wenn ich jede Freude, jeden Genuß, jeden Wunſch, nach dem mein ganzes Ich ſo gierig haſcht, kaltbluͤ⸗ tig zergliedere, ſo bin ich oft ſchon geneigt gewe⸗ ſen zu glauben, daß jenes vollkommene Gluͤck, das noch nie erreichte Ziel menſchlicher Wuͤnſche, eine bloſſe Schimmaͤre ſey.— Iſt nun dieſe meine bange Ahnung richtig, ſo bleibt es eine ausgemachte Wahrheit, daß die Ruhe der Seele, ein Vorwurf⸗freies Gewiſſen die hoͤchſie Stufe menſchlicher Gluͤckſeligkeit hienieden iſt.— Aus dieſem frohen Bewußtſeyn entquillen Genuͤſſe, die uͤber jeden Streich des Schickſals und jedes Drangſal erhaben ſind. Was iſt hingegen das Leben eines Menſchen, der in ſeinem Herzen kelne Hofnungen fuͤr jenſeits des Grabes nährt dem muß das Daſeyn, ſelbß im vollen . —.——————— Genuß jeder irdiſchen Freude, die ſchreck⸗ lichſte, traurigſte Gabe einer zürnenden Gottheit ſeyn. Dieſe troſtreichen Gedanken 6 unſerm armen Gefangenen nach und nach Geiſtesruhe und ſeine Faſſung wieder, aber ein Keim von Schwermuth, der ſich indeſſen immer mehr ent⸗ wickelte, blieb in ſeiner Seele zuruͤck. Er fieng an die Menſchen zu verachten, dann zu haſſen, und weil der gute Ludolph nie auf der Mittel⸗ ſtraſſe bleiben konnte, ſo faßte er ſogleich den Entſchluß, die menſchliche Geſellſchaft gaͤnzlich und auf immer zu fliehen. Es war nun bei ihm beſchloſſen, daß er neuer Robinſon, irgend eine unbewohnte Inſel aufſuchen wollte, wohin nie⸗ mand als ein treuer Hund ihn begleiten duͤrfe.— Dort, dachte er, werde ich, unter den Augen des Ewigen, im Schoos der Natur frohe und heitere Tage zubringen; dem eckelhaften Anblick der verdorbenen Menſchheit auf immer entzogen, werde ich ſanft auf dem Pfade des Lebens in das Grab hinab geleiten.— Dleſen neuen Lebens⸗ plan hatte ſeine feurige Phantaſie mit einer *) Man muß bemerken, daß Ludolph hier den Glauben an eine belohnende und beſtrafende Gottheit nur im Bezug auf irrdiſche Vortheile betrachtet.— 26. unglaublichen Waͤrme umfaßt, aber allmaͤhlich ſank er dennoch von dieſem hohen Flug zur be⸗ wohnten Erde wieder herab.— Er ſah So⸗ phien an der Hand der Liebe in der dden Inſel landen— bald wandelten ſie Arm in Arm unter duftenden Pommeranzen-Baͤumen, oder ruhten im Schatten der Palmen— bald beſtieg er mit ihr einen Huͤgel am Ufer der See, um die auf⸗ gehende Sonne zu bewundern, oder das noch weit ſchoͤnere Schauſpiel ihres Untergangs zu genießen; jetzt reichte ihm die Geliebte mit laͤ⸗ chelndem Munde und einer Thräne des nun ſo ſchon vergoltenen Schmerzens im Auge, ihren Erſtgebohrnen hin Mit gemeinſchaftlicher Sorge pflegten ſie dieſe Frucht der reinſten Liebe ꝛc. ꝛc. Dieſe unſchuldige Schwaͤrmereien womit Ludolph ſeine Gefangenſchaft verſuͤßze, wurden durch die Ankunft der Gerichtsdiener, die ſeinen Uungluͤcksgefaͤhrten abhohlten, um ihn nach Ty- purn zu begleiten, unterbrochen. Der Anblick ſeiner wilden Verzweiflung, der Raſerei, die ihn ergrif, als er hoͤrte, daß keine Hoffnung mehr fur ihn ſey, ſeine Fluͤche gegen Gott, das Schick⸗ ſal und die Menſchen, als ſie ihn vom Boden aufriſſen und fortzerrten, machten auf ihn einen tiefen Eindruck— nie ſogar hat er in der Folge dieſe ſchreckliche Scene vergeſſen koͤnnen.— Gott! ach Gott! rief er, indem er mit gefal⸗ tenen Haͤnden in die Knie ſank, möͤgen mich die Menſchen verlaſſen, nur der Glauve an dich bleibe in meiner Seele unerſchuͤtterlich.— Nur die Liebe zur Tugend erloͤſche nie in mir— Durch ſie geſtaͤrkt griff einſt Sokrates mit laͤ⸗ chelndem Munde nach dem Toden-Kelch— er lehre mich dulden und ſterben. In finſtere wehmuͤthige Gedanken verſun⸗ ken, aber gelaſſen und gefaßt brachte Ludolph den ganzen uͤbrigen Tag auf ſeinem Strohlager zu— allmaͤhlich aber erhob ſich das Andenken an Sophie in ſeiner tief⸗ erſchuͤtterten Seele, wie die erſten Strahlen der Morgenroͤthe nach einer ſtuͤrmiſchen Nacht am fernen Horizont— ſtaͤrker und immer ſtaͤrker wurde ſeine Sehnſucht nach der Geliebten.— Was wird ſie nun von mirdenken? rief er endlich, muß ſie nicht glau⸗ ben, daß ich ſie vergeſſen habe, daß ich ein undankbarer, treuloſer, nichtswuͤrdiger Menſch geworden bin Jetzt gieng die Thuͤre auf, und ſein Freund Barrington warf ſich in ſeine Arme; eine himmliſche Erſcheinung fuͤr den Ver⸗ laſſenen! Barrington hatte ihm aber leider! keine ſehr troſtliche Nachrichten mitzuthellen. Der Mann, den er ſo uͤbel zugerichtet hatte, war immer noch nicht auſſer Gefahr, man hatte ſogar vom Trepaniren geſprochen, ſein Tod wuͤrde unfehlbar aͤuſſerſt unangenehme Folgen nach ſich ziehen. Ludolphs marternder Zuſtand läßt ſich eicht bei dieſer Nachricht denken; er ſchrieb in der Eile einige Zellen, bat ſeinen Freund, er moͤgte ſie der Fraͤulein von Aſſen geben, ihr den traurigen Vorfall und das Mißverſtaͤndniß auf dem Ball erzaͤhlen, und umarmte den Scheiden⸗ den in der ſchrecklichen Ungewißheit ſeines kuͤnf⸗ tigen Schickſals Zwei Tage, eine Ewigkeit fuͤr Ludolph, verfloſſen in dieſer toͤdtenden Lage; endlich am dritten erſchien Varrington; die Freude leuchtete aus ſeinen Augen, er erzaͤhlte ihm mit frohem Ungeſtuͤm, daß er ſich ſelbſt in die Wohnung des Kranken, mit dem es ſich ſehr gebeſſert, bege⸗ ben haͤtte, und dem nun der Vorfall doppelt leid waͤre, als er erfuhr, daß Ludolph kein Franzos, wofuͤr er ihn gehalten, ſondern ein Teutſcher ſey.— Zehn Guineen, ſetzte Bar⸗ rington hinzu, die ich ihm aufdrang, haben ihn bewogen, eine Erklaͤrung zu unterſchrelben, wo⸗ durch er ſich als den angreifenden Theil bekennt. Mit dieſem Zeugniß verſehen und durch zehn andere Guineen, welche ich zweckmaͤßig ange⸗ bracht habe, zweifle ich nun nicht mehr an ihrer baldigen Erloſung— Und Sophie? rief Lu⸗ dolph— Ich habe ſie nicht mehr angetroffen, antwortete Barrington, hier haben ſie ihren Brief zuruͤck. Ich begab mich ſogleich, wie ich es ihnen verſprochen hatte, auf Grosvenor-Square zu M. Drow— Das ganze Haus war leer, ein altes Muͤtterchen, vermuthlich die Beſchließe⸗ 22. rin, gab mir folgende Erklärung:— Ich kenne keine Miß Sophie Aſſen; M Drow, dem dies Haus gehort, bewohnt ſein Landguth ſelt An⸗ fang des Fruͤhlings und iſt nicht hler. Vor einigen Tagen kam er zwar nach London mit einem fremden Herrn und einer jungen Dame, die ich gleichfalls nicht kenne, ſie blieben aber nur ſechs und dreyßig Stunden in der Stadt; M. Drow hat dieſe Fremde nach Dover beglet⸗ tet, ſie reiſen nach Italien.— Dieſe Nachricht war ein Donnerſchlag fuͤr den armen Ludolph; er gab ſeinem Freund die vorgeſchoſſenen zwanzig Guineen wieder zuruͤck.— Den Tag darauf er⸗ ſchien er vor dem Friedensrichter und wurde frei geſprochen. Die Freundſchaft zwiſchen Barrington und Ludolph wurde indeſſen taͤglich inniger, das offne Herz unſers argloſen Schwaͤrmoas ſchwelgte in dieſen neuen Gefuͤhlen und ſeine damalige Lage ſchien ihm ſo beneidungswerth, daß er, obgleich er mit Schrecken die Abnahme ſeiner Baarſchaft wahrnahm, dennoch befuͤrchtete, daß irgend ein reicher Englaͤnder ſein in den offentlichen Blaͤttern gethanes Anerbieten annehmen moͤgte. Sein Umgang mit Sommer und Becker hatte zwar einer wahren Freundſchaft ziemlich aͤhnlich geſe⸗ hen, aber dieſe beide Freunde waren ihm zu ſtreng geweſen, hatten ſeinen Schwaͤrmereien ſets ihre Erfahrung entgegen geſetzt, und durch 80 ihre kalten trockenen Ermahnungen ofters ſeine heißere Gefuͤhle empoͤrt. Der weit nachſichtigere Barrington aber war ſtets ſeiner Meynung, ſie hatten immer die nehmliche Anſicht der Dinge, ähnliche Neigungen, der liebe Britte erweiterte, verſchdnerte ſogar alle ſeine Plaͤne fuͤr die Zu⸗ kunft.— Er verſchaffte ihm eine intereſſante Bekanntſchaft nach der andern— aber nun war auch der Augenblick gekommen, wo unſerm Lu⸗ dolph abermals eine derbe Lehre uͤber den Um⸗ gang mit Menſchen gegeben werden ſollte. Ludolph war ein abgeſagter Feind vom Trunk und Spiel, er hatte dfters mit ſeinem Freunde von dieſen zwei entehrenben Leidenſchaf⸗ ten geſprochen, und der edle Barrington war ganz natuͤrlich vollig ſelner Meynung. Es iſt bekannt, daß der langweiligſte Tag fuͤr den Londner der Sonntag iſt; das Volk ſogar ſtrohmt hinaus auf's Land, um dort dieſen langen Tag in Wein und Bier zu erſaͤufen.— Beide Freunde waren einſt nach Greenwich gefahren, und nachdem ſie einen ziemlich weiten Spatziergang zu Fuße gemacht hatten, ſchlug Barrington vor, in einer ihm ſehr bekannten Taberne eine Stunde auszuruhen. Sle trafen zufaͤlligerweiſe mehrere Bekannte dort an— und dieſen glukte es durch die gewohnlichen Kunſtgriffe der Gauner⸗ dem armen Ludolph alles bis auf ſeinen letzten 81 Schelling abzugewinnen, nachdem ſie ihn vother tuͤchtig berauſcht hatten. Ludolph war endlich auf den Spieltiſch, den Schauplatz ſeiner Niederlage, mit ſchwerem Haupte nledergeſunken und bereits auch einge⸗ ſchlummert, als Barrlungton und ſeine wuͤrdi⸗ gen Freunde nach getheilter Beute die Taverne lachend verließen. Die Morgenkuͤhle und der Lermen im Hauſe weckten ihn auf— er warf einen ungewiſſen unruhigen Blick um ſich und konnte ſich nicht finden, denn von allem, was den Abend zuvor vorgefallen war, wußte er nichts mehr.— Er rieb ſich die Augen, ver⸗ ſuchte aufzuſtehen, und ſeine Fuͤße wankten, ſein Kopf ſchmerzte ihn ſehr, er empfand Uebel⸗ keiten, warf noch einmal einen weit aͤngſtliche⸗ ren Blick um ſich und eine dunkle Erinnerung ſtieg nun bei ihm auf. Eben wollte er nach der Thuͤre gehen, um ſich nach ſeinem Freund Bar⸗ rington zu erkundigen, als ein Aufwaͤrter der Taverne ihm entgegen kam und die Zahlung der gemachten Zeche verlangte.— Ihre Freunde, mein lieber Herr, ſagte dieſer, haben verſichert, daß ſie beim Schluß um die Koſten geſpielt und daß Sie verlohren haͤtten.— Ich?— Ja wohl! — Ludolph las den Zettel, den ihm der Auf⸗ waͤrter vorhielt.— Wie 2 vier Guineen—— es iſt abſcheulich.— Barrington„ Eben Lud. Lehrjahre 2. Dh. 5 82 — dieſer ſagte, daß ſie hier den Tag erwarten woll⸗ ten und alles zahlen muͤßten.— Ludolph konnte vor Erſtaunen und Schrecken nicht zu ſich kom— men. Endlich nachdem er den Aufwaͤrter miß⸗ trauiſch angeſtarrt hatte: Es iſt alſo geſpielt worden? Wie? und das wiſſen ſie nicht mehr? — Und Barrington hat mir dieſe Zahlung auf⸗ getragen richtig— Der arme Junge wird vermuthlich alles verlohren haben.— Jetzt ver⸗ ſteh' ich's— es iſt Pflicht von mir, ihm dieſen kleinen Freundſchaftsdienſt zu erweiſen— und er griff nach der Taſche; aber wie groß war ſein Schrecken, als er nicht allein ſeinen Beutel, ſondern auch ſeine Uhr vermißte. Er glich ei⸗ nige Augenblicke einer Bildſaͤule; eine gluͤhende Rothe wechſelte mit einer Todtenblaͤſſe auf ſei⸗ nen Wangen.— Eott! ach Gott! rief er end⸗ lich, indem er das Geſicht mit beiden Haͤnden bedeckte.— Waͤre es moͤglich, ſagte der Auf⸗ waͤrter, haben ſie wuͤrklich alles verlohren?— habe ichs doch vermuthet; wie ſie mit dem Schelm Barrington in's Zimmer traten, hat mir gleich nichts Gutes geahnet; ſie dauerten mich, denn ich merkte gleich an ihrer Ausſpra⸗ che, daß wir Landsleute ſind— auch habe ich ſie mehrmals warnen wollen, aber die Teufels⸗ brut ließ mich nicht an den Tiſch, und ich be⸗ kam immer etwas drauſſen zu thun.— Was ſagſt du.„Barrington?— Iſt ein aus⸗ 3 gelernter Spitzbube, und ſie ſind nicht der erſte, den er ausgeplundert hat— ſeine Hauptſpecu⸗ lation geht auf Fremde, er bewlrbt ſich um ihre Bekanntſchaft, ſucht ſich nuͤtzlich, unentbehrlich zu machen, gewinnt ihr Zutrauen, denn er iſt ein feiner liſtiger Menſch; endlich fuͤhrt er ſie in irgend eine Taverne und— je nun ſie haben es ja ſelbſt erfahren.— Ach!... Dies iſt leider meine Geſchichte! rief Ludolph im Tone der hoͤchſten Verzweiflung; dann nachdem er einigemal auf⸗ und abgegangen war:— Ich beſitze keinen Schilling mehr in meinem ganzen Vermoͤgen, kann alſo auch nicht einmal verſpre⸗ chen zu zahlen, denn mein bisgen Habſeligkeit trug ich all bei mir.— Nu ja, da haben wir's, unterbrach der mitleidige Aufwaͤrter, jetzt kann ich mir auch erklaͤren, warum Barrington ſich bei ſeinen Freunden entſchuldigte, diesmal ihnen ein ſo mageres Gericht aufgetiſcht zu haben; es lohnte ſich freilich beinahe nicht der Muͤhe, ſagte er, indeſſen mag er ſehen, wie er nun mit Sir Wring zurechte kommt! Wer iſt dieſer Sir Wring?— Der Hausherr, ein grober, unge⸗ ſchliffener, jaͤhzorniger Menſch— Wo iſt er?— So eben ſteht er auf.— Ich muß ihn ſpre⸗ chen— Thun ſie das nicht, mein lieber Lands⸗ mann, er waͤre wahrhaftig im Stande— mit einer bedeutenden Pantomime— wiſſen ſie was, 5 2 es hat ſie noch keln Menſch geſehen, in Gottes Ramen dann ſchleichen ſie ſich da zur Hinter⸗ thuͤre hinaus— eine Nothluͤge fuͤr einen betro⸗ genen Landsmann wird ja keine ſo große Sände ſeyn ich will ſchon ſehen, wie ich zurecht komme.— Dieſer Vorſchlag emporte Ludolphs zartes Gefühl; indeſſen wollte er's dennoch den gutmuͤthigen Teutſchen nicht merken laſſen, er druͤckte ihm die Hand, und ſuchte ſelbſt den furchtbaren Sir Wring auf.— Was? rief dieſer, ſie koͤnnen nicht zahlen und haben bei mir rier Guineen verzehrt.— Weil ich bei ihnen beſtoh⸗ len worden bin.— Was? beſiohlen— verſpielt hat er ſein Geld, verſteht er mich? Bei mir wird nichts geſtohlen.— Und doch iſt es ſo— Alle Teufel! er unterſteht ſich— Und der wuͤ⸗ thende Bierbrauer hatte ihn bereits bei der Bruſt gefaßt, ungewiß, ob er Ludolph der Gerechtig⸗ keit äberlaſſen, oder ſich ſelbſt Gerechtigkeit ver⸗ ſchaffen wollte, Ludolph, den die bedrohte Ve⸗ handlung aus ſeiner gewoͤhnlichen Faſſung ge— bracht hatte, zeigte ſich bereit, jede Mißhand⸗ lung zu erwiedern.— Sir Wring, der eben ſo feig als grob zu ſeyn ſchien, rief mit donnern⸗ der Stimme einige Knechte zum Beiſtand in⸗ deß Ludolph mit Anſtrengung aller ſeiner Kraͤfte den dicken Wring gegen die Wand druͤckte und ſich loszureiſſen bemuͤhte.— Die Knechte eilten eben bwaffnet herbei, und es waͤre unfehlbar 4 eine blutige Scene erfolgt, wenn Graf Stern⸗ berg, der durch ein gluͤckliches Ungefaͤhr gerade vorbeiritt, uͤberraſcht durch den Anblick eines wohlgebildeten Menſchen in den Haͤnden dieſer tobenden Kanaillen, nicht herbei geſprengt waͤre und nach der Urſache dieſes ſeltſamen Auftritts ſich erkundigt haͤtte.— Wring ſah den Grafen muͤrriſch von der Seite an.— Will Milord fuͤr dieſen ſaubern Vogel zahlen? ſagte er endlich— Ja! erwiederte der Graf.— Sogleich ließ Wring Ludolph fahren, und griff mit beiden Haͤnden nach der Muͤtze.— Ludolph nahte ſich ehrerbietig ſeinem Ret⸗ ter, und redete ihn italiaͤniſch an, weil es ihm bekannt war, daß die meiſten Englaͤnder vom erſten Range dieſe Sprache vollkommen inne haben, und er ſich ſchlecht in der Landesſprache ausdruͤckte.— Nach ihrer Ausſprache, junger Mann ſind wir Landsleute, erwiederte der Graf auf teutſch.— Durch dieſe Antwort auf das an⸗ genehmſte uͤberraſcht, erzaͤhlte ihm Ludolph den traurigen Vorfall, der ihn dieſem groben Men⸗ ſchen Preis gegeben hatte, und zwar mit ſo vie⸗ ler Freimuͤthigkeit, daß ſich der Graf eines Laͤ⸗ chelns nicht enthalten konnte. Ludolph hatte ihm gefallen, er ſagte ihm ſeine Wohnung mit dem Bedeuten, daß er ihn den nemlichen Tag noch beſuchen ſollte. 86 Mit ſchwerem Herzen und auf das aͤuſ⸗ ſerſte beſchaͤmt, kehrte unſer Held nach London zuruͤck; auch der Traum einer beinahe uͤberirr⸗ diſchen Freundſchaft war verſchwunden, ſein Haß gegen die Menſchen ſtieg, und er verwuͤnſchte ſein ungluͤckliches Daſein. Die finſtere Stim⸗ mung ſeiner tiefgebeugten Seele ſetzte ihn auſſer Stand, noch den nemlichen Tag von der guͤti⸗ gen Einladung des Grafen Gebrauch zu machen; erſt den andern Morgen begab ex ſich zu ihm. Graf Sternberg empfing ihn mit einer Leut⸗ ſeligkeit, einer Herablaſſung, die ihm das volle Zutrauen des gutmuͤthigen, ſich nur zu leicht hingebenden Juͤnglings in wenig Stunden er⸗ warb. Auch dem Grafen gefiel Ludolph ſehr; ſeine originelle Anſicht der Dinge, die Waͤrme, mit der er jeden Gegenſtand umfaßte, ſeine kunſt⸗ loſe und dennoch kraftvolle Darſtellungen, der weite Umfang ſeiner Kenntniſſe, aber mehr noch die reine gluͤhende Seele, die aus jedem Gedan⸗ ken, aus jedem Gefuͤhl hindurch ſchimmerte, floͤß⸗ ten ihm Erſtaunen, Achtung, und Wohlwollen ein. Er war im Begriff eine Reiſe nach Italien in Angelegenheiten ſeines Hof's anzutreten, und nachdem er Ludolph einige Tage ſtrenger ge⸗ pruͤft hatte, ſchlug er ihm vor, ihn unter ſehr vortheilhaften Bedingungen dahin zu begleiten. — In das Vaterland des Scipio und Virgil! rief der Begeiſterte, auf dieſen klaſſiſchen Boden, die Wiege der Kuͤnſte!.. Dank! ewigen Dank ihnen, theuerſter Herr Graf! daß ſie mir den erhabenen Anblick der geheiligten Monumente des Alterthums gewaͤhren wollen! ob ich will 2.. O ich ſehne mich aus dieſer Inſel, die mit ihrer geprieſenen Regierung, mit allen ihren Gelehrten und Philoſophen vielleicht noch weniger als irgend ein Winkel der Erde, der Aufenthalt der Ver⸗ nunft und der wahren menſchlichen Gluͤckſeligkeit iſt!— Mein lieber Ludolph, gab ihm der Graf laͤchelnd zur Antwort, die Menſchen ſehen ſich allenthalben gleich; die wenigen Schattirungen, wodurch ſie ſich unterſcheiden, haben ſie lediglich ihrer Religion und politiſchen Verfaſſung zu verdanken— das glauben ſie mir! Die Abreiſe des Grafen verſchob ſich indeſ⸗ ſen von einer Woche zur andern, und nach und nach gewann auch Ludolph unter ſeiner weiſen Leitung eine beſſere Meynung von den Englaͤn⸗ dern und ihrer Staatsverfaſſung. Er beſuchte die dffentlichen Anſtalten, bewunderte die Na⸗ tional⸗Denkmaͤler, erlernte die Sprache, und ſah bald den wohlthaͤtigen Einfluß, den ihre Con⸗ ſtitution und politiſche Exiſtenz auf den Ackerbau, den Handel, die Kuͤnſte und endlich auf den National⸗Geiſt hatten. Ganz entzuͤckt war er beim Anblick der Bildſaͤulen beruͤhmter Privat⸗ Männer, die ſich in der Weſtmuͤnſter⸗Abtei ne⸗ ben den Monumenten der Koͤnige erheben.— 4 Weiſes Volk! rief er einmal uͤher das andere aus, bei dem Newtons Feder die nemlichen Eh⸗ renbezeugen erhaͤlt als Marlboroughs Schwerdt, Schoͤpfer großer Thaten und ausgezeichneter Ta⸗ lente, durch weiſe Aufmunterung und gerechte Belohnung; von dir kann man mit Wahrheit ſagen— Deine groſſen Männer ſind dei⸗ ner werth, und du biſt es gleichfalls, ſolche Maͤnner unter dir zu ſehen.— Indeſſen konnte er nicht umhin, die ſchaͤdlichen Folgen der Beſtechung zu bedauern und den ver⸗ derblichen Elnfluß, den dieſe Seuche auf den Staatskörper hatte.— Es iſt ein moraliſcher Roſt, ſagt er, der nach und nach alle Theile der Maſchine ergreifen wird. Seiue Bemerkungen theilte er dem Grafen mit, der ſie berichtigte und ihm nicht ſelten vollen Beyfall gab. Das Parlement, die Geſetze, die Gerichtshoͤfe und ihre Einrichtung, der Patriotismus, der die ganze Nation beſeelt, und hauptſaͤchlich durch den allgemeinen Geiſt der Freiheit und Gleich⸗ heit genaͤhrt wird, waren die Gegenſtaͤnde ihrer gewoͤhnlichen Unterredungen. Solche Geſpraͤche gaben zuweilen Anlaß, die engliſche Verfaſſung mit der Teutſchen, davon der Graf ein eifriger Anhaͤnger war, zu verglelchen. Ludolph war hierinnen ſelten uur ſeiner Meynung, er ruͤgte ſögar mit vieler Bitterkeit die Gebrechen des un⸗ deholfenen teutſchen Staatslorpers, ſo daß der WBraf, um Ruhe zu haben, nnd vielleicht auch aus innerer Ueberzeugung geſtehen mußte, deß durch die taͤglichen Eingriffe und das eingeriſſe ne willkuͤhrliche Verfahrungs⸗Shſtem im teutſch en Reiche, das allgemeine Band, das ſeine Mit⸗ glieder verelnigen und maͤchtig machen ſollite, ſich immer mehr und mehr auflöſe, und man daher leider zwiſchen Teutſchland und England keine richtige Vergleichung anſtellen konne. Beide geſtanden am Ende, daß die weiſen und zweckmaͤſigen Geſetze der Englaͤnder ihre Mact unzerſtorbar, ihr public Spirit ſie ehrwuͤrdig;, aber ihr National⸗Charakter ſie nichts weniger als liebenswuͤrdig mache. Siebentes Kapitel. Nachrichten aus dem Vaterlande. —— Ludolph landete zu Civita-Vechia an, einen Virgil in der Hand.— Nichts kann ſeinem Ent⸗ zuͤcken verglichen werden... Hier unter dieſem ſchoͤnen Himmel hatten einſt ſo viele Helden Je⸗ lebt, ſo vlele weiſe Maͤnner durch Beiſpiel um Lehre die Menſchen geadelt!.— Bald ſollte er jenes Kapttol erblicken, wo ein Senat einſt 90 der Welt Geſetze vorſchrieb; jenes Forum, die erſte Stufe, von der ſich der Plebejer Cicero bis zur hoͤchſten Wuͤrde erhob; ſeine Augen ſoll⸗ ten nun an dem Anblick jener erhabeuen Denk⸗ mäler ſich weiden, die unleugbarſten Beweiſe des Flor's und der ungeheuern Macht des erſten Volks der Welt. Indem er das Kapitol erſtieg, ſiel ihm elne lange Reihe Menſchen, die an der andern Seite langſam hinab giengen, aufz ſogleich war ſeiner regen Phantaſie Regulus gegenwaͤrtig, wie er ungeruͤhrt durch das Flehen ſeines Weibes, ſei⸗ ner Kinder, unerſchuͤttert durch die Ermahnnn⸗ gen ſeiner Freunde ſich gewaltſam durch das ihm entgegen ſtrohmende Volk Luft machte, und mit heiterer Stirne dem Tode fuͤr's Vaterland ent⸗ gegen gieng„ er tritt näher— ach! Gott! es war eine Proceſſion von einigen finſtern Mdͤnchen geleitet— unwillig wandte er um und ſuchte das Forum auf, wo einſt das roͤmiſche Volt zwiſchen den Bildſäulen ihrer Goͤtter und Helden ſtand und das kuͤnftige Schickſal der un⸗ terjochten Koͤnige und eroberten Staaten unwi⸗ derruflich beſtimmte.. aber kaum traute er ſeinen Augen, als er auch dort nichts als Rul⸗ nen und auf die en Ruinen Troͤdlerbuden und Obſtweiber antraf.— Sprach er zuweilen mit einem Roͤmer von der ehmaligen Freiheit, von der Groͤße ſeiner Vorfahren— ſo unterhielt ihn 91 dieſer von Caſtraten⸗ von der neueſten Opera Seria, von ihren praͤchtigen Prozeſſionen und von der Fertigkeit ihrer Dichter aus dem Stegreif. Graf Sternberg, der unſern Ludolph vaͤter⸗ lich liebte, war ſtets darauf bedacht den raſchen Ausbruch ſeiner Leidenſchaften zu hemmen. Mit beſonderem Wohlgefallen trug er das Seinige zur hoͤhern Ausbildung ſeiner natuͤrlichen Anla⸗ gen bei; ſeinem zu romantiſchen Gefuͤhl gab er eine weiſere Richtung und dem unbeſtimmten Drang ſeines Herzens mehr Beſtimmtheit; mit der groͤßten Schonung gieng er aber beim Ab⸗ ſchleifen ſeiner Auſſenſeite zu Werke, ſelbſt das Herbe wagte er nicht ſeinem Charakter ganz zu benehmen, aus Furcht durch zu viele Politur jene ſo anziehende und ſeltene Originalitaͤt zu zerſtoͤren.— Betrachten ſie dieſe Muͤnze, pflegte er denjenigen zu ſagen, die ſeiner weiſen Aengſt⸗ lichkeit hierinnen widerſprachen, ſie iſt ſo glatt und abgeſchliffen, daß kein Gepraͤge mehr daran ſichtbar iſt; und wie viel truͤg' es nicht zur Sicherheit und Beſtimmtheit im Geſekſchaftli⸗ chen Umgang bei, wenn jeden Menſchen ſein ſichtbares, fuͤhlbares, moraliſches Gepraͤge anf⸗ gedruͤckt waͤre!.. Dieſe Lleblingsidee in dem Munde ſeines Wohlthaͤters hatte unſern guten Ludolph oft entzuͤckt, er pflegte ſelbige mit dem ſichtbarſten Wohlgefallen bei jeder Gelegenheit zu wiederholen— Dieſe Unbiegſamkeit, die bei 92 — Ludolph auffaͤllt und einigen misfaͤllt, ſetzte der Graf hinzu, iſt nicht der ſtupide Eigenſinn der Selbſtgenuͤgſamkeit, und wenn dieſe zum Theil mit den Paradoxen ſeines originellen Geiſtes in Verbindung ſteht, ſo entquillt ſie doch haupt⸗ ſaͤchlich aus einer ſchoͤnen reinen Seele und aus dem edlen Bewußtſeyn ſeiner Wuͤrde als Menſch. Eben dieſe Schwaͤrmerei, die ihn ſchon oft ſo uͤbel leitete, nach dem Guten gelenkt, gelaͤutert durch die Erfahrung, erſchafft Helden und mit ihnen das Wohl ganzer Nationen. Seine zuwei⸗ len unaufhoͤrlichen unuͤberlegten Ausfaͤlle haben den tiefen Haß fuͤr jedes Laſter, ſeinen Unwillen gegen jedes Gebrechen, jedes verderbliche Vor⸗ urtheil zum Grunde; er kennt dieſe Tyrannen der Menſchheit, und ſein reges gluͤhendes inne⸗ res Gefuͤhl empoͤrt ſich ein jedesmal bei dem Gedanken an all das Uebel, das ſie ſtiften; er ſetzt alsdann alle Ruͤckſichten bei Seite, und Mund und Herz fließen bei ihm uͤber.— Nein! wenn ich hler das Werk der Natur zu verbeſſern ſu⸗ chen wollte, muͤßte ich befuͤrchten, es zu ver⸗ derben— es bleibe ſo wie es iſt! Graf Sternberg war nach Rom gereiſt, um ſeine Gemahlin abzuholen und nach Neapel zu fuͤhren. Sobald er die Angelegenhwiten ſeines Hofes dort wuͤrde beſorgt haben, war ſeine Ab⸗ ſicht, nach Deutſchland zuruͤck zu reiſen Er traf die Graͤfin wohl auf und munter— ſie 93 — hatte eben Brlefe aus Deutſchland erhalten, wo⸗ von ſie eins und das andere laut vorlas. So erfuhr Ludolph zu ſeiner wahren Betruͤbniß, daß der alte Baron von Aſſen geſtorben ſey.— Aber wie groß⸗war ſein Erſtaunen, als er die Graͤfin bei der Gelegenheit einen anderu Verluſt erwaͤh⸗ nen hoͤrte, den deſſen Tochter vor kurzem gleich⸗ falls erlitten hatte.— Der Tod, ſagte ſie, hat leider auch ſeine liebenswuͤrdige Tochter zur jungen Wittwe gemacht... Herr von Sinzenheim iſt auch nicht mehr!— Wie? Sinzenheim, Sophlens Gemahl! rief Lu⸗ dolph unwillkuͤhrlich aus.— Die Graͤfin, durch dieſen unerwarteten Ausruf eines Fremden uͤber⸗ raſcht, warf einen fragenden Blick auf ihren Gemahl, der ihr laͤchelnd Ludolphen vorſtellte. Graͤfin Sternberg war eine vortrefliche Dame, ſo wie ihr Gemahl der edelſte Mann; nach der Charakteriſtik, den dieſer von unſerm Sonderling entwarf, empfand ſie eine wahre Theilnahme fuͤr ihn.— Ich will ihn mit nach Deutſchland zuruͤck nehmen, ſetzte der Graf hinzu und ihn irgendwo anſtellen laſſen, in der feſten Ueberzeu⸗ gung, daß ich mit dieſem talentvollen, geraden, biedern jungen Mann meinem Fuͤrſten ein wah⸗ res Geſchenk machen werde. Ludolph hatte ſich indeſſen in ſein Zimmer begeben. Das Andenken an den alten Herrn von Aſſen war ſtets ſeinem Herzen heilig geblie⸗ S ben; war er nicht ſein Wohlthaͤter geweſen und Sophiens Vater?.. Das uͤbrige hatte er ver⸗ geſſen, und ſeine Thraͤnen floſſen dem Andenken des wuͤrdigen Greiſes.— Sophie! die Wittwe eines Herrn von Sinzenheim! rief er einmal äber das andere aus.— Die Treuloſe hat mich alſo vergeſſen und Hand und Herz einem Andern geben kdnnen?... aber hatte ſie denn nicht recht? habe ich ſie nicht ſelbſt gebeten mich zu vergeſſen? ich indeſſen haͤtte ener ſolchen Bitte nicht geborchen konnen— o ihr Weiber!— Ludolph konnte den geheimen Unwillen, der bei dieſem Gedanken ſeiner Seele ſich bemaͤchtigte nicht vdllig unterdruͤcken.— Vergebens ſagte ihm die Vernunft, daß das Fraͤulein von Aſſen nicht kluͤger haͤtte handeln können— baß es Pflicht von ihr geweſen war dem Befehl ihres Vaters zu gehorchen und eine thorichte roman⸗ tiſche Leidenſchaft aus ihrem Herzen zu vertil⸗ gen; ſeine gekraͤnkte Eigenliebe hatte die Fackel der Eiferſucht angezuͤndet, die unterdruͤckte Flam, me ziſchte wieder hell auf, aber jene ſuͤſſe Weh⸗ muth, die ſich immer bei dem Gedanken an die Geliebte ſeiner bemeiſterte, war verſchwunden, er konnte ſich einer Art von Bitterkeit nicht ent⸗ halten, ſo oft er ihren Namen ausſprach. Ludolph war indeſſen hoͤchſt unbillig.— Sophie hatte Mitleiden und Achtung fuͤr aufkei⸗ mende Llebe genommen; kaum war ſie aber Eduard's Gattin, ſo ſah ſie den ſchrecklichen Trug ein— ſie blieb ſtets ihres Gemahls beſte Freunbin, aber Liebe zu ihm wollte ſich ihr wi⸗ derſpenſtiges Herz nicht aufzwingen laſſen. Der alte Aſſen genoß noch vor ſeinem Ende die ſo ſehnlichſt gewuͤnſchte Freude einen Enkel auf ſei⸗ nen Armen zu wiegen; er ſtarb wenig Wochen vor Sinzenheim. Sophie zollte ihrem Andenken aufrichtige Thraͤnen; in dem einſamſten Theil ihres Gartens ließ ſie beiden unter Cypreſſen und Trauerweiden ein Denkmal errichten. Da⸗ hin pflegte ſie taͤglich ihren Sohn Eduard zu fuͤhren und indeß der holde Knabe zu ihren Fuͤßen ſpielte, ſaß ſie auf den Stufen des Mo⸗ numents, in die Vergangenheit verſunken und in ſuͤſſer Wehmuth aufgeloͤßt⸗ Jeder Gegenſtand rief hier in Aſſen das Andenken an Ludolph in ihre Seele zuruͤck, aber nur ſchuͤchtern und mit laut pochendem Herzen verweilten ihre Augen auf dieſen ſuͤßen traurigen Bildern; auch der Aſche ihres Gemahls waͤhnte die aͤngſtliche Schwaͤrme⸗ rin gaͤnzliches Vergeſſen, dies uͤbertriebene Opfer, ſchuldig zu ſeyn.— Und wenn zuweilen die belei⸗ digte Natur ihre Rechte behauptete, und das all⸗ maͤchtige Gefuhl einer reinen unſchuldigen Liebe ihre Seele beſtuͤrmte, dann warf ſie ſich in Thränen zerflieſſend vor dem Denkmal nieder.— Theure Schatten, verzeih! rief ſie— aber ich liebte ihn ja, bevor ich noch wußte, was Liebe war!. — — Ludolphs Schickſal gieng ihr indeſſen ſehr nahe, aber alle ihre Nachforſchungen blieben ver⸗ geblich; ntemand konnte ihr von ihm Nachricht geben, Auf einmal verbreitete ſich das Geruͤcht ſeiges Todes— und Sophiens Thraͤnen floſſen von neuem; ihnen ließ ſie freien Lauf, denn nun glaubte ſie ihren Kummer durch den Tod und das Schickſal ſelbſt geheiligt.— Auf der Stelle, wo er zum letztenwal zu ihren Fuͤßen ſank, als ihr unerbittlicher Vater ihn mit einer ſchimpfli⸗ chen Mishandlung bedrohte, ließ ſie eine ge⸗ brochene Saͤule errichten, elnzelne Truͤmmer la⸗ gen rings umher. Die Saͤule ſchien oben vom Blitze getroffen worden zu ſeyn— auf der einen. Seite ſtand— Zu fruͤhe— auf der andern— Dem Freund meiner Jugend— Dieſe Begebenheit zerriß das letzte Band, welches Sophien noch an die Welt feſt hielt— Ihr Sohn war ihr einziger Troſt, ſeine Etzie⸗ hung ihre theuerſte Beſchaͤftigung in ihrer gaͤnz⸗ lichen Abgeſchiedenheit. Oft wandelte ſie, Oßians Geſaͤnge in der Hand, von dem Denkmal ihres Vaters und Gatten zu der Saͤule der Liebe; ihr Geiſt unterhlelt ſich dann mit den Schatten der thenern vorangegangenen Freunde— und wenn zuweilen die Nacht mit ihrem geſtirnten Himmel ſie auf dieſer geliebten Stelle uͤberraſchte, wenn die allgemeine Stille das laute Pochen ihres eigenen Herzens ihr vernehrnen ließ, und 27 ihre Thraͤnen ſanft floſſen wie der Thau der auf die entſchlummerte Natur eben herabſank, ſo durchflog ihre Seele den weiten Raum bis zur Wohnung der Seligen, jener reinen Flamme gleich, die, ſobaw ihr keine irrdiſche Nahrung zu verzehren mehr uͤbrig bleibt, verſchwindet und gen Himmel zu fliegen ſcheint— und wenn dann der Mond am fernen Horizont ſich langſam und vertraulich erhob, und die hellen zerſtreuten Wol⸗ ken die ſeltſamſten Geſtalten bildeten, waͤhnte dieſe durch hohen Bardengeſang begeiſterte weiche Seele, die gellebten Schatten alle, von jenen glaͤnzenden Wolken, ſich zu ihr herab neigen, ihr winken und ſanft laͤchelnd die Arme nach ihr ausſtrecken zu ſehen— Ich komme! ſtammelte ſie alsdenn mit leiſer erſtickter Stimme, bald, bald werde ich bei euch ſeyn!— und ſie wankte, vom Gefuͤhl uͤberwaͤltigt ihrem einſamen Lager zu. Mehrere Heurathsantraͤge, welche ihr Hab⸗ ſucht oder ſinnliche Luͤſternheit, unter der Larve der reinſten uneigennuͤtzigſten Liebe, ſo nahe als moͤglich legten, wurden jedesmal beſtimmt abge⸗ wieſen. Ihr Hang zum einſamen nuͤtzlich be⸗ ſchaͤftigten Landleden vermehrte taͤglich ihre Gleichguͤltigkeit fuͤr die große Welt, und als end⸗ lich ihre Pflichten als Mutter und Hausfrau das hoͤchſte Intereſſe fuͤr ſie gewonnen hatten, artete dieſer ſogar in entſchiedenen Widerwillen aus. Lud. Lehrjahre 2. Th. S ₰. Stunden, Jahre flogen dahin; das Andenken an Vater und Gellebten verlohr allmaͤhlig ſeine Bitterkeit, mit ſuͤſſer Wehmuth dachte ſie an die abgeſchiedenen Freunde, und mit Heiterkeit an das Wiederſehen jenſeis. Ihre Thuͤre, die dem Schwarm ſogenannter Hausfreunde verſchloſſen blieb, ſtand jedem Beduͤrftigen, Rothleidenden offen, ihr Hang zur Wohlthaätigkeit beſchraͤnkte ſich nicht im Geben da wo ſie dazu aufgefordert wurde, ſondern ſie kam beinahe immer der Bitte zuvor. Ihre Hand, ſo wie ihr Herz, war jeder⸗ zeit bereit diejenige Huͤlfe, die nach den Umſtän⸗ den am zweckmaͤßigſten war, darzureichen— oft ſah man ſie mit ihrem lieben Eduard an der Hand aus einer Huͤtte in die andere gehen von den Segenswuͤnſchen der Begluckten begleitet. Hier in dieſer praktiſchen Schule menſchlicher Leiden und Freuden, wurde in die zarte Bruſt des holden Knaben der Keim jener Tugenden gelegt, die ſich nicht aus Buͤchern erlernen, well ſie vom Herzen zum Herzen uͤbergehen muͤſſen, um Wurzel zu faſſen und einſt Fruchte tragen zu koͤnnen. Achtes Kapitel. Ludolph in Neapel⸗ —— Graf Sternberg wurde zu Neapel in Betreff der Angelegenheiten ſeines Hofes an den alten Marcheſe Diurano verwieſen; Ludolph horte ihn die treflichen Sammlungen von Kunſtwerken und Gemaͤhlden, die dieſer Marcheſe beſaß, mehrma⸗ len ruͤhmen, ſo daß er ſeinen Wohlthaͤter eines Tages um die Erlaubniß bat, ihn dahin beglei⸗ ten zu duͤrfen.* Er war bereits einen Theil 3 Gallerie durchgegangen— ſo eben ſtand er vor einem Gemaͤhlde des Titian, durch jene Begeiſterung feſt gezaubert, die dieſer große Meiſter ſelbſt„ dem Halbkenner einzufioßen pflegt, als er einen leichten fluͤchtigen Tritt hinter ſich vernahm. Er wandte ſich um.— Er iſt's, rief auf ein⸗“ mal eine junge Dame und flog mit dem lie⸗ benswuͤrdigen Anſtand hold laͤchelnd auf ihn zu.— Ludolph glaubte, eine der anmuthigſten Schoͤpfung des Dolce, die er eben bewundert hatte, haͤtte ſich auf einmal verlebendigt.. Diesmal, lieber junger Mann, pollen ſie uns 2 6 105 ſo leicht nicht entgehen, ſetzte die junge Dame hinzu.— Sie hatte ſeine Hand ergriffen und riß ihn mit ſich fort.— Aber, ich bitte! ſtam⸗ melte endlich Ludolph, mir wenigſtens zu ſa⸗ gen— Alles will ich ihnen ſagen⸗ ſie ſol⸗ len alles erfahren! kommen ſie nur!— Ludolph war vollig auſſer Faſſung— vergebens nahm er ſeine Zuflucht zu den gewoͤhnlichen Geweinſpru⸗ chen.— Die junge muntere Dame ließ ſich nicht trre machen, ſie huͤpfte vor ihm her, ſah ihn mit leuchtenden Augen an, laͤchelte ihm freund⸗ lich zu, und ſo oft er eine neue Bedenklichkeit hervor ſtammelte, rief ſie:— kommen ſie nur.— An der Thuͤre blieb Ludolph ſtehen, und nach⸗ dem er die ihm abermals dargereichte Hand ge⸗ kaͤßt hatte, gewann er ſo viel Faſſung, um mit feſter Stimme zu ſagen:— ich frage nicht, meine ſchoͤne Dame, wo ſie mich hinfuͤhren wol⸗ len; mit einer ſo liebenswuͤrdigen Begleiterin kann jeder Weg nicht anders als angenehm ſeyn, aber bevor ich einen Schritt weiter gehe, muß ich durchaus erfahren, durch was ich dieſe ſo guͤtige Aufmerkſamkeit verdient habe?— Wie? und ſie haͤtten mich nicht erkannt? doch.. ja— Richtig— Wie koͤnnen ſie mich erkannt haben, ſie hatten ſich ja kaum dem Wagen ge⸗ nähert, als der ungluckliche Schuß fiel, der ſie zu Boden ſtreckte.— Wo? wo?— O uͤber den irrenden Ritter! ſollte man nicht glauben, er 1O1 beſtaͤnde taͤglich eine ſolche Menge von Aben⸗ theuern, daß in ſeinem Gedaͤchtniß kein Raum fuͤr den kleinen Vorfall in dem Wald bei Vil- lers-cotteret geblieben waͤre— Wie? ach Gott! ſie waͤren 2.— Der ſie damals das Leben retteten.— Ludolph, der bis jetzt in dem Wahn geſtanden hatte, die Gerettete ſey wuͤrklich nie⸗ mand anders als das Fraͤukein von Aſſen gewe⸗ ſen, konnte ſich in der erſten Ueberraſchung des Ausrufs nicht enthalten— alſo doch nicht So⸗ phie! und er ließ ſich willig aus der Gallerie durch eine Reihe Zimmer bis an des Marcheſe Studierzimmer fuͤhren. Hier bringe ich ihnen unſern Helden von Villers-cotteret, rief die Dame, indem ſie die Thuͤre aufriß.— Der Marcheſe ſtand auf, kam Ludolphen entgegen, ſah ihn ſcharf an— er iſt's! ſagte er endlich, druͤckte ihm die Hand und bewillkommte ihn auf das freundſchaftlichſte; obgleich, ſetzte er hinzu, es nicht ſchoͤn von Ihnen war, uns in Lonbon ſo vernachlaͤßigt zu haben.„ Ludolph erzaͤhlte zu ſeiner Entſchuldigung ſein Abentheuer mit dem Boxluſilgen Britten.— Damit bin ich noch nicht zufrieden, ſagte die junge Dame, als er geendigt hatte, ſie muͤſſen mir noch jenen Aus⸗ ruf auf dem Ball erklaͤren, der mich auf den Einfall brachte, meinen Brief mit dem Ramen Sophie zu unterzeichnen.— Ludolph gluͤhte uͤber und uͤber, der Graf Sternberg laͤchelte, 102 ———— indeß der jungen Dame großes ſchwarzes Auge hell leuchtend auf ihm ruhte. Der Marcheſe⸗ der ſeine Verlegenheit ſah, griff nach einer vol⸗ len Goldborſe, die auf dem Tiſche lag, indem er ſagte:— Liebe Julletta, uͤberreiche doch un⸗ ſerm Retter dieſen kleinen Beweis unſerer Er⸗ kenntlichkelt— Ludolph gerieth nun vollends anſſer Faſſung.— Nein, ach nein, Signor! rief er endlich, das Vergnuͤgen, welches die Er⸗ innerung an dieſen Vorfall mir jedesmal ge⸗ waͤhrt, iſt mir Belohnung genug und dann. dieſe Bemerkung bitte ich nicht uͤbel zu deuten.— Gewiſſe Dienſte, durch Menſchen, die ſo fuͤhlen und denken wie ich, geleiſtet, laſſen ſich nicht mit Geld bezahlen, ſondern die That zahlt ſich ſelbſt.— Recht ſo, lieber Sonderling, rief hier die Dame mit lebhafter Freude, ich nehme dieſe Schuld auf mich jetzt kommen ſie, dieſe Herren da haben Eeſchäfte und mir muͤſſen ſie viel, noch ſehr viel erzaͤhlen!— ſie giengen. Marcheſe Diurano war bereits ein ſehr be⸗ jahrter Herr, und dieſe reizende Julietta ſeines Bruders Tochter; er hatte ſie geheurathet, ohne daß man ſagen konnte, daß dies arme Kind ge⸗ rade ſein Weib war. Der Geitz auf der einen Seite; Unerfahrenheit, Ehrfurcht und beſonders die Begierde endlich aus den Kloſtermauern be⸗ freiet zu werden, auf der andern hatten dieſe un⸗ gleiche Bande, jedoch ziemlich locker geknüͤpft.— 103 Der klelne Gott bekam bel dieſer Vermaͤhlung nichts zu thun, Hymen allein verwaltete hierbei ſo trocken und kalt als moͤglich ſein ehrbares Amt. Durch dieſe Verbindung hatte der Mar⸗ cheſe das unermeßliche Vermoͤgen ſ iaes aͤltern Bruders mit dem ſeinigen, das gleichfalls nicht unbedeutend war, vereinigt.— Julietta war achtzehn Jahr alt, ihr Gemahl einige ſechszig⸗ und zum Gluͤck gegen die Gewohnheit ſeines Alters und die Sitten des Landes nichts weni⸗ ger als eiferſuͤchtig; ſeine einzige Leidenſchaft war Ehrſucht. Julietta, eine aͤuſſerſt reizende Bruͤnette, war von einem lebhaften feurigen Temperament, bei der vermoͤge ihres anticipir⸗ ten Wittwenſtandes und der abgeſchmackten Klo⸗ ſtererziehung, nichts weniger als feſte edle Grundſaͤtze und Entſagung bei gereizter Sinn⸗ lichkeit ſich erwarten ließ. Ludolph begleitete nun beinahe täglich den Grafen zum Marcheſe und indeß dleſe beide ſich den Staatsgeſchaͤften widmeten, leiſtete er Ju⸗ lietten Geſellſchaft; ſie laſen, oder Ludolph er⸗ zaͤhlte von ſeinen Reiſen. Der alte ſtaatskluge Diurano ſah dieſen vertrauten Umgang aus ſei⸗ nem ihm gewoͤhnlichen Geſichtspunkte, er hofte nemlich, daß ſeine Gemahlin dem jungen Mann hie und da etwas von den Geheimniſſen und po⸗ litiſchen Abſichten des Grafen ablocken wuͤrde— weiter ſah und dachte der gute Mann nichts. 104 Es wird wohl uberfluͤßig ſeyn, hier noch⸗ mals zu erinnern, daß Ludolph ein ſehr ſchoͤner und wohlgebildeter junger Maun war.— Seine Phyſiognomie beſonders, wenn er irgend eine Lieblingsidee zergliederte, war ſehr intereſſant, und ſein natrlicher Hang zur Schwermuth hatte ſogar ſeiner Stimme etwas Sanftes, Ruͤhrendes mitgetheilt, das ſogleich fuͤr ihn einnahm.— Seine gruͤndliche Kenntn ſſe machten ſelnen Um⸗ gang lehrreich und ſein origineller, vou natuͤrli⸗ chem Tit lode nder Vortrag anziehend und an⸗ genehm. Schon als er in jenem Walde fur ſie blutete, hatte er einen tiefen Elndruck auf die feurige Julierta gemacht; ſtets dachte ſie an ihn, auf ihrer ganzen Reiſe blieb er der Gegenſtand ihrer Lieblingsunterhaltung, und ſelbſt das ge⸗ raͤuſchvolle uͤppige Neapel vermogte nicht ſein Bild in ihrem Herzen vollig auszuldſchen. Wäh⸗ rend ihres nun täglichen Umgangs mit dieſem in jedem Betracht vorzuͤglichen Juͤngling konnte ſie nicht umhin zwiſchen ihm, ihrem alten Gemahl und jenem Schwarm bunter Schmetterlinge, der ſie taͤglich umſumſte, Vergleichungen anzu⸗ ſtellen, und wle ſehr fielen ſie nicht alle zu Lu⸗ dolphs Vortheil aus! In kurzer Zeit hatte ſie die ungeheure Kluft uͤberſehen, die zwiſchen die⸗ ſem Sekretair eines deutſchen Grafen und dem Marcheſe Piurano lag, um nur den ſchoͤnen ta⸗ lentvollen jungen Mann in ihm zu bewundern. 105 Sle bemuͤhete ſich nicht allein ſein Zutrauen⸗ ſondern auch ſeine Liebe zu gewinnen, und das Geheimniß ſeines Herzens war bald das einzige, wornach das ihrige ſtrebte. Julietta's ſchnell gefaßte Neigung wurde allmählig heiße Liebe und auch Ludolphs ſo oft gereitzte Sinnlichkeit wurde rege. Noch ſtand er, und zwar ſeltſam genug, in dem Wahn, als ſey Julietta nicht die Ge⸗ mahlin, ſondern nur die Nichte des alten Diu⸗ rano; nie hatte er ſie durch den Marcheſe anders nennen hoͤren, als meine Julietta, er ſagte Du zu ihr.— Julletta nannte ihn Sie!— Seit der Ankunft des Grafen war noch kein⸗ oͤffentliche Verſammlung in dem Hauſe des Marcheſe geweſen, wozu Ludolph haͤtte ſchickli⸗ cherweiſe eingeladen werden koͤnnen; er ſah Ju⸗ lietta beinahe immer allein in ihrem Zimmer, auch hätte er ſich nie einfallen laſſen, daß es eine ſolche ungleiche Verbindung zwiſchen ſonſt vernuͤnftigen Leuten geben koͤnnte. Er uberließ ſich alſo um ſo leichter dem ſuͤſſen Drang, der ihn zu der verfuͤhreriſchen Italiaͤnerin zog⸗ als dasjenige, was er fuͤr ſie empfand, nichts aͤhnliches mit ſeiner Llebe zu Sophie hatte. Aber nicht lange, ſo verlohren ſeine Empfindungen ihre Unbeſtimmtheit, er ſtellte Vergleichungen zwiſchen dem ſuͤſſen Zauber ſeiner erſten Liebe und der ge⸗ bietenden Heftigkeit ſeiner jetzigen Empfindungen an; bel dem Blick in die Bergangenheit ſah er 106 nicht s als heitere, roͤhrende Scenen wechſelſei⸗ tiger Ergießungen und ſanft dahin gleitender Tage im mfuhigen Genuß der unſchuldigſten, einfachſten Freniden des Lebens, bis an die ſtuͤrmiſche Ab⸗ ſchie ds ſtunde in Aſſeu— und jetzt. wie ganz and ers ſind ſeine Gefuͤhle, ſeine Wuͤnſche!— Wic! rief er aus, ſollte wuͤrklich Sophie nur meine Freundin und nie meine Gellebte geweſen ſey n?— ſollte jetzt erſt die große entſcheidende S unde meines Lebens geſchlagen haben?— iſt du ſe heiße Sehnſucht, dies Gluͤhen und Frieren di es ewige hin und her wankende unbeſtimmte⸗ Pzerlangen und Verwerfen„ ſind alle dieſe ſetſamen Widerſpruͤche von Herz und Kopf.. cich! Gott! iſt das erſte Liebe?. nein! nein! ein! ſo kann, ſo darf ich nicht lieben!. und Julletta lieben?„ ich!„ die Nichte des maͤchtigen Diurano!, elne ſolche Liebe begluckt, erhebt zum Halbgott.. verworfen, fuͤhrt zum Wahnſinn.. Ludolph! lerne vergeſſen, zwinge dein wiederſpenſtiges Herz zur weiſen Entſa⸗ gung— und beharre in der Mittelſtraſſe, dort bleiben deine Frenden unbeneidet und deine Thraͤnen unbemerkt. Nun war er feſt entſchloſſen, dieſe auf⸗ keimende, mit Schrecken entdeckte Leidenſchaft, deren Wirkung und Folgen ſeine lebhafte Einbil⸗ dungskraft ſich freilich etwas zu groß dachte, in ihrem Entſtehen auszurotten. Unter verſchiede⸗ 107 nen Vorwaͤnden brach er ſeine Beſuche in dem Pallaſt Diurano ab; ſtreifte in der Gegend herum und griff haſtig nach jeder Zerſtreuung, die ihm zugleich zur Entſchuldiguug dienen konnte; Endlich aber half ihm weder ſeine angebliche Be⸗ gierde, die ſo merkwuͤrdige Gegend um Negpel kennen zu lernen, noch ſeine auf einmal entſtan⸗ dene Luſt nach Antiquitaͤten zu forſchen, ſogar eine Unpaͤßlichkeit konnte ihm nicht laͤnger als einige Tage das Zimmer zu huͤten erlauben— auch Julietta war unpaͤßlich geworden— er durfte nicht laͤnger wegbleiben, er mußte hin! Langſam, mit niedergeſenktem Haupte und in tiefen Gedanken verſunken gieng er durch die Straſſen, aber kaum hatte er den Pallaſt er⸗ reicht, ſo flog er durch die Zimmer mit aͤngſtlich forſchendem Blick und laut pochendem Herzen... O uͤber die Gewalt und ſeltſamen Widerſpruͤche der Liebe! Da lag die Kranke, das Köpſchen auf ihre Linke geſtutzt, in ihrer Rechten ein weiſſes Tuch, das ſie eben von den Augen wegnahm, als Ludolph herein trat— ihr Geſicht gluͤhte, in unordentlichen kunſtloſen Locken wallte ihr volles Haar auf Schultern und Buſen herab, ihrr Stimme war weich und bebend, ihre Augen ſchienen ſich von neuem mit Thraͤnen zu fuͤllen. — Ihr wogender Buſen, ihr leichter, das reine Ebenmaaß des ſchoͤnſten Koͤrpers verrathender, nog Anzug, ihre heftige affektvolle Bewegungen, alles entdeckte die Unruhe gereitzter Sinnlichkeit, das bange Verlangen einer in Liebe aufgelößten Seele.— Das Tageslicht daͤmmerte kaum durch die herabgelaſſenen Gardinen, die feinſten Wohlge⸗ ruͤche des Orients erfuͤllten das Zimmer und die tieſe Stille, die umher herrſchte, vermehrte noch den Zauber dleſer Stunde. Ludolph. Ctritt raſch herein, bleibt plötzlich ſtehen— ſeine Arme breiten ſich unwillkührlich aus— dann kommt er langſam näher— verbeugt ſich, in⸗ dem er einige leiſe unverſtändliche Worte ſpricht— und wendet ſich zum Klavier.) Julietta. Nein, boͤſer Menſch! heute iſt meine Seele nicht zur Melodie geſtimmt„„ ſetzen ſie ſich— hier!. zu mir!„ mein Kopf iſt ſo ſchwach„(und ſie läßt ihn auf Ludolphs Schulter herab ſinken, indem ihr mattes Auge mit heißer Sehnſucht zu ihm herauf blickt.) Ludolph. Cſeiner nicht mehr mächtig vor ihr niederſturzend) Gott! ach! Gott! ich bin ja nur ein gemeiner ſchwacher Sterblicher, und du, Julietta! biſt ein Engel, den ich anbeten muß!.„ (und er verbarg ſeine naſſen brennenden Wangen in ihrem Schooß.) Julietta.(im Tone der innigſten Theil⸗ nahme) Lieber!. lieber Flächtling!.. Ludolph.(ſie raſch umfaſfend, imdem er zu ihr herauf blickt) Julletta! meine Julietta! 109 Julietta.(legt ihre beyhden Hinde auf ſeine Schultern, indem ihre Stirne auf der ſeinigen ruht) S. Ludolph. Iſt es moͤglich! und Du„„ du liebſt mich?(er hielt ſie inniger umſchlungen und ſein brennender Blick ſchien von den Roſenlippen die Antwort verſchlingen zu wollen.) Julietta.(ihr naſſes Auge ruht lange und forſchend auf ihm, ſie wiegt ſich ſaͤnft lächelnd in ſei⸗ nen Armen; endlich indem ſie mit jener verfuͤhreri⸗ ſchen Hingebung der beſiegten Liebe ihren Mund auf den ſeinigen druͤckt:) Ob ich dich liebe?„ Der Gott der Liebe ſelbſt ſandte dich hieher, um mir ſeine Allmacht, mein Herz, und die wahre Be⸗ ſtimmung des Lebens kennen zu hrnen Bevor du erſchienſt, glich mein junges Leben dem Hinbruͤten eines Traͤumenden.— In den Wirbel der großen Welt hineingeriſſen, bot mir die leidige Konvenienz nichts als Eckel und Lan⸗ geweile, ſtatt der geſuchten Freuden dar„ vergebens ſuchte ich mich ſelbſt zu täuſchen„ Cauf das Herz deutend) hier blieb es immer leer „„„Sehnſucht, unbeſtimmtes Verlangen fuͤllten meine Bruſt, und Thraͤnen meine Augen.. Jetzt iſt meine Sehnſucht, jetzt ſind meine Seuf⸗ zer, meine Thraͤnen, jetzt iſt alles ſuͤſſer Genuß in den Armen des Geliebten. ſelbſt die Ein⸗ ſamkeitahat fuͤr mich ihren Reiz und ineine So noͤchte ich mein ganzes Leben dahin brin⸗ IL0O Traͤume ſogar ſind nun ein ſchoͤnes genußreiches Leben Ludolph. Dieſe Thraͤnen!,„laß meine Lippen ſie auffaſſen, dieſe koſtbaren Perlen!. Julietta. Laß, Geliebter! laß ſie fließen — es ſind die erſten, die ohne Bitterkeit dieſen Augen entquillen... Trauriges Opfer der grauſamſten Konvenienz! verdammt durch das Leben zu wandeln an der kalten Hand eines un⸗ geliebten Gatten... Ludolph,(mit lautem Schrei gſtiienn Eines Gatten Julietta.(ihn aͤngſtlich umfaſſend) Konnte dir das noch ein Geheimniß ſeyn! als ob du 6 wuͤrklich noch nichts von demUngluͤck der armen gefeſſelten Julietta wuͤßteſt, nicht, daß ich dem Ramen nach die Gemahlin des grauen Diurano bin 2.. Daß hier der Natur zum Spott das volle Leben mit der Verweſung geſetzmaͤßig vor Gott und den Menſchen verbunden wurde, das ſollteſt du nicht gewußt haben?. ich Un⸗ gluͤckliche! Ludolph,(wirft einen finſtern mitleidigen Blick auf die Weinende, ergreift ihre Hand, benttzt ſie mit ſtillen Thränen, ſeufzt laut, und wankt nach der Thüre.) Julietta.(wirft ſich ihm laut ſchluchzend entgegen) Und Du wollteſt mich verlaſſen? ver⸗ laſſen, weil ich unter allen Weibern die ungluck „ — 111 lichſte bin!„weil ich dir nur noch dies ge⸗ brochene Herz anzubieten habe, indem ein Al wde⸗ rer dieſe Hand mir ſtahl, in einem Alter, wo ich von dieſer ernſten ſchrecklichſten Verbind ung nicht viel mehr wußte, als daß ſie mir ein ſeho⸗ neres freieres Leben, als die einformige kloſ ker⸗ liche Abgeſchiedenheit gewaͤhren ſollte.... Ludolph.(der ſich mit Gewalt zu falſen ſucht) Gemahlin des Marcheſe Diurauo!.. dies einzige Wort enthaͤlt ihre Pflicht und die meinige, lehen ſie wohl.. Julietta. Es iſt nicht moͤglich!.. Nein, nein, Ludolph! du kannſt deine Julietta nicht. ſo verlaſſen.. Hoͤre mich, du harter unempfind licher Menſch! Sind denn Liebe und Verbre⸗ chen ſo unzertrennbar verbunden?. Der alte Marcheſe Diurano, indem er meine Hand er⸗ ſchlich, trachtete nur nach meinem Vermoͤgen, es war ihm nie, dem kalten ehrgeizigen Grau⸗ kopf, um meln Herz zu thun— und dieſes ge⸗ hoͤrt Dein.„ Dein auf ewig!. Ludolph. An uns iſt es, nicht uͤber ſeine Rechte, uͤber ſeine Anſpruͤche zu entſcheiden... genug.. Julietta. O, Ludolph! wenn meine Ver⸗ zweiflung, meine Thraͤnen— wenn die Liebe, die in meinem Buſen zittert, nicht zu deinem Herzen ſprechen, ſo darfſt du nicht taub gegen die Gruͤnde der Vernunft bleiben.— Habe ich 112 dich nicht ofters wiederhohlen horen— daß der Menſch, dem Gott einen hellen reinen Verſtand und feſte Grundſaͤtze verlieh, keinesweges ver⸗ bunden ſey, jenen widernatüͤrlichen barbariſchen Geſetzen, die ſeinem ihm beſchiedenen Gluͤcke zu⸗ wider ſind, zu gehorchen?.. Ludolph! dieſem Grundſatz zu Folge ließ ich der Liebe fuͤr dich in meinem nur getaͤuſchten Herzen Raum.. dem Habſuͤchtigen mein Gold, der Liebe mein Herz!„oder ſollten die Rechte eines Gotten, der ſie nie geltend mächte, mir nur allein hei⸗ lig ſeyn? Ludolph! Herz und Vernunft ſprechen laut fuͤr deine ungluͤckliche Julietta!„verlaß mich nicht!„ Ludolph.(in der heftigſten Gemuͤthsbewe⸗ gung, indem er mit beiden Händen ihre Rechte er⸗ greift) Ungluͤckliches Opfer einer grauſamen Kon⸗ venienz! die hoͤchſte Wuͤrde deines Geſchlechts haben die Menſchen fuͤr dich in eiue QOnelle na⸗ menloſer Leiden verwandelt; aber im Angeſichte der Gottheit haſt du geſchworen, und dem Man⸗ ne, deſſen Namen du fuͤhrſt, Treue gelobt.— Bei deiner Ehre, bei deinem Eide beſchwoͤr' ich dich, trage die ſchweren Ketten mit Muth und Geduld, bis der Tod das Verbrechen der Men⸗ ſchen wieder gut macht— und möge der ſchoͤnſte Lohn eines tugendhaften Herzens, das erhabene Bewußtſeyn der erfuͤllten Pflicht dich F und ſtäͤrken„ moͤge 113 Julietta.(indem ſie ſeine Hand an ihren wallenden Buſen zieht) Ich habe geſchworen, ſagſt du?„ und wußte ich denn damals, was die⸗ ſer Eid Schreckliches fuͤr mich enthielt?— Ver⸗ ſtand ich das barbariſche Formular, das der feiſte Pfaffe am Altar murmelte?.. Die Boſewich⸗ ter ließen damals einem Kinde ſchwoͤren die Natur zu verleungnen, und Gott ſollte dieſen heilloſen Schwur erhoͤrt haben?— O Ludolph! waͤre es moglich, daß ich einſt noch die Stunde verfluchen muͤßte, wo ich dich zum erſtenmal ſah!„das Leben verfluchen, deſſen Werth ich erſt durch dich ahnen lernte!,„ Ludolph, gebe mich nicht der Verzweiflung preis!— troͤſte, ſchuͤtze mich gegen mich ſelbſt, helfe mir die Buͤrde tragen, deren Schwere ich erſt durch dich erfahren habe.— Und wenn ich dann auch dem ſchoͤnſten Genuß des Lebens in den Armen der Liebe auf immer entſagen ſoll, ſo halte mich auf⸗ recht vor dem Abgrund, an dem es meiner ſchwachen Vernunft ſchwindelt„ lehre mich, ſo wie du, kalt und gefuͤhllos werden—(mit leiſer bebender Stimme) rette mich vom Selbſt⸗ mord!. Indem ſie ſprach, ruhten ihre Augen voll Thraͤnen auf Ludolph und ihr aͤngſtlicher Blick ſchien in dem ſeinigen ihr Urtheil leſen zu wollen; ihre zitternde Haͤnde preßten die des Geliebten, Lud. Lehrjahre 2. Tb. ₰ 114 der im Kampf widerſprechender Empfindungen bald der Vernunft, bald ſeinem Herzen, das ihn an den Buſen der Leidenden hintiß, den Sieg einraͤumte. Dieſer Zuſtand konnte fuͤr beide un⸗ moͤglich von langer Dauer ſeyn. Durch einen der ſeltſamen Spruͤnge, an den wir bei dem menſchlichen Geiſte und bei Ludolph beſonders, ſchon gewoͤhnt ſind, verwandelte er nun die emporte, in ſeinem Herzen ſo maͤchtig ſtreitende Liebe in Mitleiden, erſann Pflichten, die er nicht verletzen durfte, und da ſaß er ſchon wieder neben Julietta, und indem er ſich bemuͤhte, durch die ſchduſten, ausgedachteſten Gruͤnde eine Ruhe in ihr Herz zuruͤck zu rufen, die von dem ſeini⸗ gen noch weit entfernt war, waͤhnte er weiter nichts als eine ſtrenge ernſte Pflicht der Menſch⸗ lichkeit zu erfuͤllen. Bald aber erſtarben die Worte auf ſeinen bebenden Lippen und miſchte ſeine Thraͤnen zu den Thraͤnen der Gellebten.. Troͤſtende Liebkoſungen geſellten ſich allmaͤhlig zu dieſen verfuͤhreriſchen Thraͤnen„ die Natur behauptete ihre Rechte„ raſcher rollte das ju⸗ gendliche Blut„„feuriger wurden ihre Kuͤſſe.. inniger ihre Umarmungen.— Der junge Welt⸗ weiſe, der die ſtrauchelnde Geliebte am Rande des Abgrunds feſt halten ſollte, war eben im Begriff mit ihr hinab zu taumeln, als dit Stimme des alten Marcheſe dieſem gefaͤhrlichen Rauſch des Mitleids ploͤtzlich ein Ende machte⸗ — 115 Sie hatten kaum Zeit gehabt ſich zu faſſen, als Diurano mit dem Grafen hereintrat. Der ſorgſame Gemahl bemerkte die rothen Augen, die gluͤhenben Wangen, die innere Bewegung der jungen Gemahlin und verſicherte ſehr weislich, ſie muͤſſe Fieber haben.— Ich war wuͤrklich gar nicht wohl, erwiederte Julietta mit leiſer Stimme, indem ſie einen verſtohlenen Blick auf Ludolph warf, ſo daß wir nicht leſen konnten; nun iſt mir's aber beſſer, vor einigen Augen⸗ blicken war mir's ſogar ungewohnlich wohl. ich fuͤrchte aber, das Uebel hat nur hangelcſſin um dann mich wieder aͤrger zu uͤberfalleu.— Nicht doch, Julietta ſagte der Marcheſe, indem er ihr an den Puls fuͤhlte— Ich fahre mit dem Grafen nach Hofe und will dir indeſſen doch zur Vorſicht den Leibarzt ſchicken.— Sie giengen und mit ihnen Ludolph⸗ Neuntes Kapitel⸗ Aqua Tophana, Dieer Auftritt hatte eine ganz entgegengeſetzte Wuͤrkung auf Ludolph und Julietta gemacht⸗ Die Italiänerin glich nun dem Heißdurſtigen, 2 116 der, indem er mit beiden Haͤnden nach dem La⸗ betrank reicht, nur einige Tropfen aus dem ihm ſchnell entriſſenen Becher zu koſten bekommt, und nun mit trockenem gluͤhendem Munde nach dem kuͤhlenden Trank lechzt! Ludolphs Unruhe ent⸗ ſprang aus einer ganz andern Quelle; er machte ſich uber ſeine Schwachheit die bitterſten Vor⸗ wuͤrfe, und ob er gleich der jungen Gemahlin des alten Marcheſe ſein herzliches Mitleiden ſcheukte und vielleicht die Wonne, dies liebens⸗ wuͤrdige Weib ohne Verbrechen an ſein Herz zu druͤcken, mit ſeinem Blute erkauft haͤtte, ſo war er doch feſt entſchloſſen fuͤr dieſe Ueberraſchung ſeiner Sinne ſich ſelbſt zu ſtrafen.„ Cwige Trennung ſchien ihm Pflicht, und zu ſeiner und und Julietta's kuͤnftiger Ruhe durchaus noth⸗ wendig„Sie ſchrieb, die gluͤhendſte Leiden⸗ ſchaft loderte in jeder Zeile, er gab keine Ant⸗ wort— ſie erſchdpfte alle Kunſtgriffe, die ein liebendes Weib nur erdenken kan„ ſie be⸗ ſtrebte ſich ſogar ihm Eiferſucht einzufloͤſen, ver⸗ gebens! Ludolph ſtutzte einen Augenblick, unter⸗ druͤckt aber ſchnell dieſe gefaͤhrliche Empfindung. — Die Eigenliebe bekaͤmpfte in ſeinem Herzen die Lebe und ſiegte leichter, als die ernſteſten Grundſätze es vielleicht wurden gethan habenz ſeine ubermuͤthige Schwaͤrmerei gieng bald ſo weit, daß er ſich mit jenen Helden des Alter⸗ thums verglich, die den Sieg uͤber die Wolluſt 117 davon getragen hatten. Einmal ſah er Julletta bei der Graͤfin Sternberg, und er gewann es uͤber ſich, ſie mit der hoflichſten Kaͤlte zu behan⸗ deln; aber dieſe Rolle wurde ihm dennoch nach den erſten zehn Minuten zu ſchwer. Um ſich alſo nicht zu verrathen, bliev ihm kein anderes Mittel als die Flucht.— Als Julietta ihn ver⸗ ſchwinden und nicht wieder kommen ſah, wurde ſie auf einmal heiterer.— Wuͤrde er dich fliehen, wenn er dich nicht mehr liebtel dachte ſie— und den andern Morgen ſchrieb ſie ihm folgendes: „Verſchwunden iſt der ſuͤſſe Wahn, mit ihm die Hoffnung. Sie verachten mich, Ludolph. ach! Sie haben mich nie gellebt!⸗ waͤre ich eine Koquette haͤtte ich mit mehr Kunſtaufwand und weniger Liebe ihr Herz beſtuͤrmt, vielleicht.. O gewiß! ich haͤtte Sie zu fixiren gewußt„ Einen ſo leichten Sieg hat aber der ſtolze Mann verſchmaͤht, und ich wußte nicht, daß Liebe ver⸗ bergen, mit der Liebe taͤndeln reizender iſt, als mit einem Herzen ohne Falſch dem Geliebten in die Arme eilen. Ein Strahl der gebofften Wonne hat einen Augenblick die finſtere Nacht beleuchtet, in der ich ſchmachte. Wie die Erſilinge des Fruͤhlings entfaltete ſich meine junge Seele in banger froher Erwartung„ O uͤber die ſo ſchnell, ſo bitter getäuſchte Hoffnung!— Sagen Sie mir, grauſamer Menſch! Sie, der Sie ſo 118 leicht und bequem ihrer Unbeſtaͤndigkeit die großen Namen von Tugend und Pflicht verleihen kon⸗ nen, o ſagen Sie mir doch, wie laͤßt ſich wahre Liebe aus einem gebrochenen Herzen wegraiſon⸗ niren?„„ Doch nein! dieſe elende Kunſt mag ich nicht von Ihnen erlernen, laſſen Sie mir den Glauben daß nur mit dem letzten Schlag des kranken Herzens eine ſolche Liebe aufhdreu kann — ich naͤhere mich der Zeit— bald, in wenig Augenblicken werde ich Ruhe finden im Grabe!„ Leben Sie ewig wohl! Genießen Sie den Sieg ihrer unmenſchlichen Tugend und frohlocken Sie, wenn Sie koͤnnen, uͤber dies Opfer der Liebe ihrem Stolze gebracht!— Ju⸗ lietta hat bald aufgehoͤrt zu ſeyn, zu lieben— hier ſteht der Liebe vertilgender Giftbecher.. zum letztenmale lebe wohl, Ludolph!„ weder mein junges Leben, noch alle Vorzuge der Ge⸗ burt und des Reichthums koſten mir Thraͤnen— nur das, was ich haͤtte durch dich ſeyn konnen, und nun geworden bin„ nur dieſe reitzende Bilder der ſchoͤnſten Zukunft durch dich und meine Liebe, kann meine ſcheidende Seele nicht ver⸗ ſcheuchen— fort! alſo ſort!„ FJuliett Ludolph hatte kaum geleſen, ſo ſtuͤrzte er zum Haus hinaus und flog uͤber die Straße nach dem Pallaſt Diurano„ Julietta's Schlafge⸗ mach war leer, eine fuͤrchterliche Stille herrſchte 7 —————————————————— 119 rings umher Er warf einen raſchen aͤngſt⸗ lichen Blick umher, die Unordnung im Zimmer ſelbſt vermehrte ſelne bange Beſorgniß, er ſank erſchopft auf das nemliche Ruhebette hin, wo er einige Tage vorher Julletta an ſein Herz ge⸗ druͤckt hatte.— Gott!rief er plotzlich empor“ ſchaudernd, wäre ich zu ſpät gekommen! — Jetzt erblickt er eine angelehnte Tapetenthuͤre — er reißt ſie auf,„welch' ein Anblick! da ſtand Julietta im ſchwarzen Gewand, blaß⸗ entſtellt, bebend, ihr volles zerſtreutes Haar be⸗ deckte die enthuͤllte Bruſt und Schultern, in der einen Hand hielt ſie den Becher, und mit der andern ftuͤtzte ſie ſich auf das Poſtament eines ſchlafenden Endymion.— Um Gottes willen! rief Ludolph, und ſtuͤrzte auf ſie zu.— Ludolph⸗ unterbrach Julietta mit leiſer dumpfer Stimme, wer giebt ihnen das Recht auch dieſen letzten Augenblick meines Lebens zu verbittern!.. Harter, undankbarer Menſch! laß mich ſterben! und ſie fuͤhrte den Becher an den Mund— Lebe, Julletta! lebe! rief Ludolph, dort flog der Becher hin, ſie lag erſchoͤpft in ſeinen Armen. doch wozu hier eine umſtaͤndliche Beſchreibung Wer der Verfuͤhrung dieſer Stunde zu widerſtehen vermogt haͤtte, der werfe den erſten Stein auf Ludolph! Er erwachte aus dem Taumel begluͤckter Liebe, nur um ſich wieder dem ſuͤßen Rauſch zu uͤberlaſſen.„ Dle Stunr 120 den flohen dahin auf den Fluͤgeln der Liebe S unerſchopflich war Julietta in ihrer ſuͤßen Kunſt; und wenn auch in ruhigern Augenblicken eine leichte Wolke auf der Stirne des Begluͤckten ſich bildete, ſo mußte die Zauberin durch ein einziges wehmuͤthiges Laͤcheln, durch einen Blick aus den naſſen Augen, durch einen einzigen Laut ihrer weichen melodiſchen Stimme ihn in ihre Arme zuruͤckzufuͤhren.— Die Racht trennte ſie endlich, Die ſchlaue Italiaͤnerin, hatte die Wuͤrkung, und Folgen dieſes unerwarteten Auftritts genau berechnet. Angſt, Mttleiden, ſinnliche Ueberra⸗ ſchung hatten Lubolph in ihre Arme geworfen; aber noch war die befriedigte Leidenſchaft nicht geſaͤttigt, ſie war vielmehr durch dieſen errun⸗ genen Sieg nur noch heißhungriger nach neuem Genuß geworden. Julietta ſann daher auf alle nur zweckwaͤßige Mittel, ihren Geliebten im Zauber zu erhalten; ſie kannte ſein zartes Ge⸗ fuͤhl, die Reinheit ſeines Herzens, und dachte mit Schrecken an den Augenblick, wo das er⸗ wachte Gewiſſen den Phanſ der Liebe ver⸗ ſcheuchen wuͤrde. Den Tag darauf wurde Ludolph bis ſpät in die Nacht bei dem Grafen beſchaͤftigt, aber dieſer Tag hatte ſich fuͤr ihn zu einer Ewigkeit ausgedehnt er gieng mißvergnuͤgt und ſein erſter Gedanke beim Erwachen war.„ Ju⸗ lietta!— Da gieng die Thuͤr leiſe auf, und es N 121 trat ein junges Bauernmaͤdchen hereln.— Ein nettes weißes Korſettchen druͤckte ihren ſchlanken Wuchs, und unter dem großen, mit roſafarbe⸗ nen Baͤndern zugebundenen Strohhut blitzten, ſchelmiſch laͤchelnd, zwei freundliche ſchwarze Au⸗ gen hervor— am Arme hatte die niedliche Dirne ein Haͤngkorbchen mit Obſt und Blumen gefuͤllt. Das Maͤdchen. Das Foͤrbchen auf den Tiſch ſtellend) Hler ſind Blumen, junger Herr! Ludolph. Und du die ſchoͤnſte. Das Mäͤdchen(mit einem Knip) Danke! doch nein, eine Schmeichelei iſt nicht dankens⸗ werth Ludolph. Ey ſieh doch!. Wer biſt du? wer ſendet dich? Das Mädchen. Wer ich bin 7 Schlauer Herr! das muͤſſen ſie errathen! Wer mich ſen⸗ det?— Ein blinder Knabe mit loſem Herzen, aus dem zu mochen iſt, was man will, und der wieder aus uns macht, was ihm gefaͤl⸗ lig iſt der ein wahres nomadiſches Leben fuͤhrt, nirgends zu Hauſe iſt, und da wo er iſt, wie der Herr im Hauſe gebletet„der.. Ludolph. Die Liebe!.. Das Maͤdchen. Kennen Sie den kleinen Schelm? Ludolph.(ſich naͤhernd) Ich werde wohl! Sehe ich ja, wie der Gluͤckliche da auf dieſen zwet Schneehuͤgeln ſich wiegen laͤßt!.„ 122 Das Mädchen.(zurͤcktretend) Pſt! junger Herr! man ſollte bald glauben, es gienge ihnen mit der Liebe, wie jenem Geſpenſterſcheuen, der allenthalben welche ſah,(ſchlaͤgt ihm lächelnd auf die Finger!) wo keine waren! Ludolph.(fur ſich) Julietta! ſie iſt's! warte!(laut, indem er das Körbchen durchmuſtert) Die Liebe ſendet mir Blumen! Das Maͤdchen. Und reifes ſchoͤnes Obſt unter den Blumen der Liebe bedeutet es Genuß„ und was iſt ſeliger als Genuß der Liebe2 Ludolph. An dieſem Buſen! Das Mädchen, Nicht doch, Herr! ich werde eß ſagen.. Ludolph Wie 2 ſendet dich nicht die Liebe2 Das Maͤdchen. Nicht meine Liebe. Ludolph. Maͤdchen! die Hand au'fs Herz!„nicht deine Liebe? Das Mädchen. Noch ſoll ich Ihnen ſagen, daß Sie die Kunſt verſtehen, vier und zwanzig Stunden in eine Ewigkeit zu verwan⸗ deln„. Ludolph.(immer zudringlicher) Und bei dir, ſuͤßes Kind, muͤßte ſich eine Ewigkeit wie eine Stunde verträumen!.. Das Mädchen.(fur ſich) O du Böſe⸗ wicht!(laut) Was ſie da ſagen, beweißt m nun utlich„ Cſockt.) 3. und die Grazien ſollen mir Zeuge ſeyn ——— ————————————————— 123 ——— * Ludolph. Was, liebes Maͤdchen? Das Maͤdchen. Daß ſie ein großer Heuchler ſind! Ludolph. Clächelnd) Ich!, Die Liebe Das Mäͤdchen. Entweihen ſie dieſen Namen nicht! Ludolph. Entweihen! nie, nie, llebes Maͤdchen„aber zu laut darf ich freilich nicht auf meinen kleinen Kommandanten pochen; denn es ſind kaum vier und zwanzig Stunden, daß ich ſeiner Fahne geſchworen habe. Das Maͤdchen. Und ſchon ſehe ich ſie als Ueberlaͤufer!“ Ludolph. Vom Bruder zur Schweſter! wer kann mir das verargen? Es iſt aber noch duͤſter hier im Zimmer— Blumen und ſchoͤne Maͤdchen ſehe ich gern von der freund⸗ lichen Morgenſonne beleuchtet„„(er will die Gardinen aufziehen.) Das Maͤdchen. Nein! laſſen ſie nur. ich gehe(mit unterduͤcktem Unwillen und Nachbruck) ich habe ja melne Blumen an den rechten Mann gebracht!(wendet ſich um und erdruͤckt eine Thräne im Auge.) Ludolph. So darfſt dn mir nicht fort, ltebes Kind!, fuͤr jede Blume in dieſem Korh⸗ en & 124 Das Mädchen.(bitter böfe) Die können ſie behalten. jetzt gebe ich ihnen noch gern dazu„den Korb!(will gehen.) Lndolph(der ſie nicht verſtehen will) Jede Blume zahle ich mit einem Kuß. Das Maͤdchen. Eine falſche Münze... laſſen Sie mich! Ludolph. Madchen! wenn du mich boſe machſt, ſo zaͤhle ich am Ende noch die Blaͤt⸗ ter, und für jedes Blatt druͤcke ich hier Cauf den Mund deutend) auf dieſe Roſenknoſpe. Das Maͤdchen.(ſich loswindend) Herr! ſie werden unverſchaͤmt! Ludolph.(mit untergeſchlagenen Armen ſich hinſtellend— dann treuherzig) Aber um's Him⸗ mels willen bedenken ſie doch, daß es bereits vier und zwanzig Stunden ſind— Julietta... Julietta.(Mit einem lauten Schrey ſich in ſeine Arme werfend) Der abſcheuliche Menſch! er hat mich erkannt!.. Ludolph.(ſpöttiſch läͤchelnd) Als ich eben im Begriff war, dem niedlichen Maͤdchen eine foͤrmliche Liebeserklaͤrung zu machen„„du ſiehſt, es war hohe Zeit!. Julietta. Ich traue dir doch nur halb.. Was haſt du ihr nicht fuͤr ſchoͤne Sache vorge⸗ plaudert, du,(ihn kuͤſſend) lieber Boſewicht, du! Ludolph. Da galt es ſchon dir! Julietta. Iſt das gewiß? 125 Ludolph. So wahr du meine Julietta biſt! Jultetta.(hält ihn feſt unſchlungen) O du praͤchtiger Junge! Mehrere ſolche Scenen, die ſchnell auf eins ander folgten, waren eben ſo viele Kunſigriffe, durch welche Julietta ihren Liebling feſt zu hal⸗ ten ſuchte. Sollte ſeine Leidenſchaft nicht erkal⸗ ten; ſo mußte, und das fuͤhlte ſie wohl, der Zauber fortdauernd unterhalten werden; ein Feſt folgte daher dem andern, eine freundliche Ueber⸗ raſchung ward durch eine andere erſetzt, ſelbſt der Genuß der Liebe wurde mit epikuriſcher Weisheit ihm oft ſparſam zugetheilt, und zuweilen ſogar in aͤngſtlicher Eile einem Raube gleich, ſeinem Ungeſtuͤm bewilligt. Dieſe Momente waren in⸗ deſſen nur ſelten, denn Ludolphs Phantaſie war leichter als ſeine Sinnlichkeit in Regung zu brin⸗ gen So wurde er immer feſter von dem unſicht⸗ baren Netze der uͤppigen Italiaͤnerin umſchlun⸗ gen; dieſem Zauber, verbunden mit dem gefaͤhr⸗ lichen Einfluß des Klima eines Landes, das auch in dem kaͤlteſten Vuſen den ſchlummernden Wol⸗ luſttrieb entzuͤnden muß, vermogte er nicht zu wwriderſtehen— er ſank immer tiefer. Die Einſamkeit, die er ſonſt ſo ſehr liebte, war ihm nun verhaßt, er konnte kein Buch, kei⸗ . nen Pinſel mehr in die Hand nehmen; ſelbſt der lehrreiche Umgang mit ſeinem Wohlthaͤter war ihm nicht ſelten laͤſtig; jede Stunde, die er ſeinen 126 Pflichten rauben konnte, brachte er bei Julietta zu, oder, konnte er nicht bei ihr ſeyn, ſo war man ſicher, ihn an irgend einem dffentlichen Ort anzutreſſen. Der ſpaniſche Geſandte gab damals ein ſplen⸗ dides Feſt, das mit einem maskirten Ball be⸗ ſchloſſen wurde. Ludolph fand ſich ein, und ſein ſpoͤyender Blick ſuchte gleich belm Eiutritt ſeine Geliebte unter der Menge der Masken zu ent⸗ decken— ſie hatte ihm ihr Koſtuͤm genau be⸗ ſchrieben.— Als er ſich unaufhaltſam durch den Saal hindurch arbeitete, faßte ihn plotzlich je⸗ mand beim Arm— Es war eine Maske in der Uniform eines franzdſiſchen Seeofficiers.— Sprichſt du Franzoſiſch, Maske?— Ja!— Nun ſo ſey gut und ſage mir, was das fuͤr eine naͤrriſche Karrikatur von einem Menſchen iſt, der eben ſeine Larve in die Hand genommen hat und neben der ſpaniſchen Geſandtin ſitzt?—(es war der Graf Sternberg.) Man kann ſich leicht vorſtellen, daß Ludolph nicht gelaſſen in dieſem Ton von ſeinem Wohlthaͤter ſprechen hoͤrte; ſeine Antwort war daher nichts weniger als hoflich, ſo daß der Wortwechſel endlich mit einer foͤrmlichen Herausforderung ſich endete.— Ludolph verlangte auf Stelle Genugthuung.— So etwas laͤßt ſich honetterweiſe nicht abſchlagen, erwiederte ſein Gegner, aber alles zu ſeiner Zeit, lieber Mann! Eine junge Dame die mir ſehr gewogen 42* iſt, erwartet mich in einer Stunde, und ſie ſind gewiß zu galant, um ſie der Gefahr auszuſetzen, in ihrer Eiwartung getaͤnſcht zu werden. Wenn ihnen aber gefaͤllig iſt, morgen mit dem fruͤheſten an den Ufern des Agnano ſich einzu⸗ finden, ſo gebe ich ihnen mein Ehrenwort nicht auf mich warten zu laſſen.— Ich habe wichtige Gruͤnde, das Incognito hier ſtreng zu beobach⸗ ten, komme alſo allein und erwarte das nemliche von ihnen— Ludolph verſprach alles. Um zehn Uhr, ſaß er ſchon am ufer des klei⸗ nen See's, das Auge auf die Straſſe gerichtet, wo ſein Gegner herkommen ſollte. Er hatte be⸗ reits eine Stunde gewartet, als ein leichter zwei⸗ ſitziger Wagen Juer Feld ein mit der groͤßten Schnelligkeit auf ihn zukam: ein ihm unbekann⸗ tes Frauenzimmer ſaß darinnen.— Eben wollte er ſich zuruͤck ziehen, als dieſes ihn bei ſeinem Namen rieſ, und ihm folgendes Billet einhaͤndigte: „Ohnerachtet ich Ihnen geſtern verſprach, „allein zu kommen, ſo wird Ihnen hoffentlich „gegenwaͤrtiger Zeuge nicht uberfluͤßig ſchei⸗ „nen: Ich bin beobachtet, mußte daher einen „Umweg nehmen; das Frauenzimmer wird „ſie zu mir bringen. Chevalier de Merville. Ludolph ſiutzte, und nahm Anſtand ſich in den Wagen zu ſezen; enblich gab er doch der zudring⸗ lichen Bitte der Unbekannten nach, und ſie fuhren 128 Thak elnwaͤrts. Am Rande eines dichten Wal⸗ des, der auf der Seite das ſchroffe Ufer des Agnano beſchattete, wurde ſtill gehalten. Jetzt ſteigen ſie ab, ſagte die Unbekannte, und ſchia⸗ gen ſie dieſen Pfad ein. Ludolph, der ſich nun vorgenommen hatte, dieſes Abentheuer bis an das Ende zu beſtehen, gehorchte; kaum hatte er ſich aber um die erſte Kruͤmmung gewunden, ſo ſtand er vor einer niedlichen, mit Blumen be⸗ kräuzten Laube.— Was ſoll das? rief er, und wandte ſich nach der Unbekannten, die ihm an⸗ fangs zu folgen ſchien; ſie war aber verſchwun⸗ den— jetzt hoͤrte er ſeinen Namen nenneu, und elne ſchlanke weibliche Geſtalt in einem idealii⸗ ſchen, aͤuſſerſt verfuͤhreriſchen Anzug erſchien zu gleicher Zeit in einer kleinen Entfernung— ſie winkte ihm freundlich zu— aber Ludolph, der hier Argwohn ſchoͤpfte, hatte bereits nach ſeinem Terzerol gegriffen.— Noch einmal nannte ſie ſeinen Namen, zertheilte die Zweige, hinter de⸗ nen ſie noch halb verborgen ſtand, und winkte ihm in die nahe Laube zu treten.— Ohne uber dieſen ſeltſamen Auftritt nun weiter nach⸗ zudenken, befolgte er den Wink— trat in die Laube— ein einfaches laͤndliches Mahl war bereits darinnen aufgetiſcht und„„ Julietta flog in ſeine Arme! Das Raͤthſel wurde nun aufgeldßt. Der Unbekannte auf dem Ball war nlemand anders —— ———————————— 129 als die muthwillige Italiaͤnerin, fuͤr jene uuru⸗ higen Stunden war ſie ihm Erſatz ſchuldig, und dieſe Ueberraſchung, ſo ganz im Geſchmack des Schwaͤrmers, lohnte ihn hundertfuͤltig dafuͤr. Nach der Mahlzeit, welche durch die Hand der Liebe bereitet, und durch ſie dfters unterbrochen, bis in die kuͤhle Abendſtunde dauerte, giengen ſie Arm in Arm an dem melancholiſchen Ufer des Agnano luſtwandeln.— Zuweilen lockte der ſchalkhafte Blick der Liebe den Wonnetrunkenen in den einſamen finſtern Wald zuruͤck; endlich aber erſtiegen ſie einen nahen Huͤgel, und lager⸗ ten ſich auf weichem Moos, vom lauen Abend⸗ wind umſaͤuſelt, im Glanze der untergehenden Sonne. Ludolph hielt ſeine Geliebte Julietta umſchlungen. Hier, ferne von der uͤppigen Pracht der ſtolzen Reſidenz, am Buſen der Natur, hat⸗ ten alle ſeine Gefuͤhle eine doppelte Kraft erhal⸗ ten; er traͤumte ſich in ſeine fruͤhere Jugend hin⸗ ein, und war uͤberſchwenglich gluͤcklich.— Ju⸗ lietta kannte ihn zu gut, um von dieſer laͤndli⸗ chen Scene ſich nicht zum voraus ſchon die beſte Wuͤrkung verſprochen zu habeu. Jetzt lockte ſie auf einmal aus dem betaͤubenden Rauſch der Sinnen ſeine rege Phantaſie durch die Sprache hoͤherer Empfindung, zu feinern Genuͤſſen uͤber; und ſo flog dieſer Tag in einem endloſen Zau⸗ ber hin. Lud. Lehrjahre 2. Th⸗ 5 ————————— 130 Sie hatten ſich jetzt tiefer unten auf die Spitze eines buſchigten Felſen, der uͤber den See hervorragte, niedergelaſſen, ihr Kopf ruhte auf Ludolphs Schulter, ihre Linke hielt ihn umſchlun⸗ gen, indem ſeine Rechte in der ihrigen auf ihrem Schoos lag. Mit der Miene der Unſchuld und der reizendſten Unbefangenheit fuͤhrte ſie ihn unmerklich durch eine Reihe von Fragen und Zweifeln auf ſeine Lieblingsideen, und hoͤrte ihm mit leuchtendem Vlick und laͤchelndem Munde lieb⸗ koſend zu. Seine Einbildungskraft war einmal entzundet. Es wurde ihr daher leicht, ihn durch unmerkliche Abſiufungen von Wahrheiten auf Paradoxen allmaͤhlich zu leiten; denn die Schlaue kannte nur zu gut den Weg von ſeinem Herzen zu ſeinem Verſtande„ Von den oft ſo zwangvollen Verhaͤltniſſen des geſellſchaftlichen Lebens kam ſie auf die einfachen und edlen Rechte der Natur. Hier war Ludolph erſt recht zu Hauſe. Leiſe beruͤhrte ſie alsdenn das Druͤkende und Naturwidrige ihrer Lage, und erſt als ſie merkte, daß dieſe Saite gefaͤllig anſprach, wurde ſie beſtimmter. Thraͤnen, aus den ſchoͤnſten Au⸗ gen geweint, gaben ihrer Beredſamkeit eine un⸗ widerſtehliche Kraft. Ludolph war uͤberzengt— Du haſt recht, liebe Julietta, ſprach er, und druͤckte ſie inniger an ſein Herz; in dem Alter, wo dein Oheim deine Hand erſchlich, kannteſt du dich ſelbſt noch nicht, geſchweige die ernſten 131 Pflichten, welche dir aufgebuͤrdet wurden; delnes Gemahls Anſpruͤche auf dich, gruͤnden ſich daher nur auf das poſitive, im geſellſchaftlichen Leben anerkannte Recht; willſt du nun aus dieſer Ge⸗ ſellſchaft, mit Verzichtleiſtung auf alle deine For⸗ derungen an ſie treten, ſo biſt du weeder frei; dieß iſt nicht zu leugnen.— Er iſt nicht ein⸗ mal mein Monn! ſeufzte Julietta, und ihr Blick ſank zur Erde.— Armes Weibchen! rief Ludolph, und ein feuriger Kuß bewieß, daß er ſie verſtan⸗ den hatte; nein du haſt keine Verbindlichkeiten gegen einen Menſchen, den die ſtrafende Natur das Vermoͤgen verſagt, die ſelnigen gegen dich zu erfuͤllen! ꝛc. 2c. 2c. Weit ſinnreicher und beredſamer iſt die Lei⸗ denſchaft, als die kalte, alles geometriſch berech⸗ nende Vernunft.— Von einer Schlußfolge zur andern gerieth endlich Ludolph auf den tollen Ein⸗ fall, ſeiner Geliebten den Vorſchlag zu thun, ihre Reichthuͤmer, die Quelle ihres Ungluͤcks, dem Geldgierigen Gemahl preis zu geben, und mit ihm in irgend einen Winkel der Erde, den die Liebe unfehlbar in ein neues Elyſium verwan⸗ deln wuͤrde, zu fliegen. Julietta ſchien dieſer romantiſchen Idee ihren vollen Beifall zu geb en aber ſie war weit entfernt, dieſen Plan jemals ausfuͤhren zu wollen. Einem Herzen voll reiner, wahrer Liebe, wuͤrde vielleicht eine ſolche Auf⸗ 132 opferung nicht ſchwer fallen; aber gerelzte Sinn⸗ lichkeit iſt nicht Liebe, und dieſe einmal befrie⸗ digt, womit die langen Intermezzo's der geſaͤt⸗ tigten Begierde fuͤllen? Auch hatte ſie ihre Lage, aus einer leicht begreiflichen Urſache, weit druͤ⸗ ckender vorgeſtellt als ſie wuͤrklich war, denn der Marcheſe legte ihr im Grunde keinen andern Zwang als den der Wohlanſtaͤndigkeit an. Je waͤrmer alſo Julietta den Vorſchlag zur Flucht empfieng, je lauter ihr Beifall war, deſio feſter hatte ſie beſchloſſen, es nie zur Ausfuͤhrung kom⸗ men zu laſſen; es ſollte aber ein neues Mittel ſeyn, den thorichten Juͤngling deſto feſter in ihrem Netze zu erhalten; denn ſie kannte und fuͤhlte die Vorzuͤge, welche ihr Rang und Reich⸗ thuͤmer gewaͤhrten, zu ſehr, um ſelbige dem, noch ſo heiß geliebten Ludolph jemals im Ernſte auf⸗ opfern zu wolleu. Zehntes Kapitel. Eine Eheſtands⸗Scene, und..„der Stempel der Gluͤckſeligkeit. Seit mehrern Tagen hatte Ludolph bemerkt daß ein Unbekannter, deſſen Aeuſſeres nothwen⸗ dig Verdacht erregen mußte, ihm allenthalben 133 nachgieng. In den Kaffee⸗und Schauſpielhaͤu⸗ ſern, auf den Spaziergaͤngen, uͤberall ſah er ihn hinter ſich ſtehen, oder gehen.— Die Sitte des Landes, und die bekannte Eiferſucht der Ita⸗ liener brachte ihn auf die natuͤrliche Muthmaſ⸗ ſung, daß der Marcheſe ſein Einverſtaͤndniß mit ſeiner Gemahlin entdeckt haͤtte, und ſich nun raͤchen wollte. Am Abend des nemlichen Tages, als er in der Daͤmmerung zu Fuße in die Stadt zuruͤck kam, erblickte er eben dieſen Menſchen, der bei den erſten Haͤuſern ihn zu erwarten ſchien. Seine Unruhe ſtieg nun auf's hochſte; und er faßte raſch den Entſchluß, dies Geheimniß, es koſte, was es wolle, auf der Stelle zu enthuͤllen; ſtatt alſo in die Stadt zu gehen, ſchlug er den Weg nach dem Mole und Kiaia ein, und ſo gluͤckte es ihm, den Unbekannten in eine gauz einſame Gegend zu locken.— Jetzt wandte er ſich plotz⸗ lich um, aber verſchwunden war ſein Verfolger. — Mißmuthig, und durch dieſen fehlgeſchlage⸗ nen Plan doppelt beaͤnſtigt, kehrte er wieder um. — Wenigſtens, dachte er, bin ich ihn fuͤr heute los! Wie groß war aber ſein Erſtaunen, als er ihn in der Toledo⸗Straſſe unter einer Gruppe von Menſchen wieder erblickte und ſich gefallen laſſen mußte, daß er ihn von weitem bis an ſeine Wohnung nachfolgte! 4 2—— 134 Ludolph ermangelte nicht dieſe bedenkliche Entdeckung gleich bei der erſten Gelegenheit ſei⸗ ner Julietta mitzutheilen— ſie lachte aber laut auf.— Es iſt nur ein Vapo! rief ſie. Ludolph konnte ſie nicht begreifen, und wiederholte ſeine Erzäͤhlung.— Jetzt iſt es mir leid, ſagte ſie, daß ich dich nicht gleich mit dieſer Vorſicht be⸗ kannt gemacht habe, denn ich ſehe, es hat dich wuͤrklich beunruhigt„ du kennſt meine Lands⸗ leute! du weißt, wie ſchnell ſie mit dem Dolch bei der Hand ſind, ſo bald die Rede iſt einen läſtigen Menſchen auf die Seite zu ſchaffen; dieſer Gefahr zu entgehen, oder ſie wenigſtens zu vermindern, iſt man auf den klugen Einfall gerathen, den Banditen eine andere Art Menſchen entgegen zu ſtellen; ſie nennen ſich Vapo's, ver⸗ laſſen keinen Augenblick die ihnen bezeichnete Perſon, und ſchuͤtzen ſie fuͤr jeden Gefahr. Julietta's Leidenſchaft hatte ihre hoͤchſte Stufe erreicht, ſie nahm keine Ruͤkſichten mehr, und haͤufte die Unvorſichtigkeiten; bald wurde ſie in allen Geſellſchaften der Gegenſtand der df⸗ fent ichen Unterhaltung. Ihr Gemahl hatte zwar ſeit einiger Zeit Argwohn geſchoͤpft; ſo lange aber das Publikum ſchwieg, druͤckte er die Augen zu. nun machte endlich das Betragen ſeiner jungen Gemahlin eine ſolche Senſation, daß er Anſtands halber ſich nicht laͤnger mehr leidend verhalten durfte. Er machte ihr daher einige, — jedoch ganz gemaͤßigte Vorwuͤrfe, die mehr das Unſchickliche ihrer Wahl, und ihren Mangel an Vorſicht, als die Sache ſelbſt zum Gegenſtand hatten; denn der Marcheſe war ein Hofmann und hatte Lebensart! Julletta aber, ſtatt die weiſe Lehre ihres weltklugen Gemahls zu be⸗ herzigen, und ſeine Maͤßigung bei einer ſo kitzli⸗ chen Sache ihm zu gut zu halten, brach in laute Klagen aus, und als er ſich gendthigt ſah, ihr einige derbe Wahrheiten zu erwiedern, wurde ſie im hoͤchſten Grade beleidigend, ſo daß der ſonſt ſo kalte Diurano ſie endlich unter heftigen Dro⸗ hungen verließ. Jetzt ſah ſie zu ſpaͤt ibren Feh⸗ ler ein, und um wenigſtens den moglichen Fol⸗ gen ihrer Unvorſichtigkeit vorzubeugen, dung ſie ihrem Geliebten einen Vapo. In der ſogenannten eleganten Welt iſt es leider von jeher bei der Erziehung der Jugend (des weiblichen Geſchlechts zumalen) ein beinahe allgemeiner Gebrauch, daß man hauptſaͤchlich auf eine oberflaͤchliche gefaͤllige Bildung des Geiſtes Ruͤckſicht nimmt, und eine aͤngſtliche Sorgfalt fuͤr korperliche Vorzuͤge hegt.— Dies war auch der Fall bei Julietta: ihre ganze moraliſche Bil⸗ dung ſchraͤnkte ſich auf das Auswendiglernen ihres Katechismus, und elnige Nonnen⸗Spraͤche ein; Herz und Verſtand giengen dabei leer aus, denn was ſie lernte, war ja blos Sache des Gedäͤchtniſſes. Unter ſolchen zweckloſen und nicht 136 ſelten verderblichen Beſchaͤftigungen wuchs ſie zum reifen Maͤdchen heran. Beiſpiel, uͤppige Romane entzuͤndeten fruͤh das feurigſte Tempe⸗ rament, und ſie trat aus den Kloſtermauern zu dem Altar, mlt dem feſten Vorſatz, keine der Schwuͤre zu halten, die ſie eben zu thun im Be⸗ griff war. Jedes Talent, jeden geiſtigen und korperlichen Vorzug, der zu ihrem kuͤnftigen Le⸗ bensplane paßte, hatte ſie ſich uͤbrigeus eigen zu machen geſucht; ſo daß Julietta Diurano als ein Muſter weiblicher Erziehung in der eleganten Welt erſchien. Neue Auftritte, die bald darauf folgten, erbitterten die Gemuͤther noch mehr; der Mar⸗ cheſe, der nun uͤber ſich gewonnen hatte, mit ſei⸗ ner ſehr jungen Gemahlin in dem Ton eines be⸗ leidigenden Ehemann's zu ſprechen, gieng ſchnell von Ermahnungen und Vorwuͤrfen zu Drohun⸗ gen uͤber, und warf ihr Hinderniſſe in den Weg, die ihre Leidenſchaft fuͤr Ludolph und ihren Haß gegen den Greis auf's hoͤchſte trieben. In einem Anfall von wahrer Raſerei hatte ſie ſogar einen Plan entworfen„„ noch war er nicht voͤllig zur Reife gekommen„Folgenden Auftritt beſtimmte ihren ſchrecklichen Entſchluß. Julietta's Schlafgemach. Julletta.(tritt raſch herein, ſchlaͤgt die Thuͤr hinter ſich zu reißt ihren Schleyer herunter, und wirft ſich auf ihr Ruhebett) Nein! nun und nimmer⸗ 137 mehr!„ Ludolph, dir ſollte ich entſagen!. und mit dir der hohen Seligkeit begluͤckter Liebe! und warum? wo iſt Erſatz fuͤr dies ſchwere Opfer? Wer iſt unter dem Schwarm von Halb⸗ menſchen, Faden und Hofſchranzen, der an die⸗ ſem Herzen, an dieſem gluͤhenden Buſen dich, praͤchtiger Juͤngling, erſetzen könnte? Cſie ſteht auf) Nein! nein! bevor ich dich aus mei⸗ nen Armen laſſe„(nachdenkend) und ſollte es denn ſo ſchwer ſeyn, einen eitlen Rang und un⸗ benutztem Golde zu entſagen, um ganz der Liebe zu leben?(lächelnd) Du biſt kein ſo großer Schwaͤrmer, guter Ludolph! Beinahe glaube ich, du kannteſt beſſer als ich den wahren Genuß unſers fluͤchtigen Daſeyns als du jenen Plan entwarfſt Cſie gehl raſch auf und ab) Und wenn ich mir ſein Entzuͤcken noch denke, als ich ihm Beifall zulaͤchelte!„den feuchten leuch⸗ tenden Blick, als er mit der ganzen Beredſam⸗ keit eines liebenden Herzens das Bild unſerer ſchoͤnen Zukunft entwarf.„nein, nein, Ge⸗ liebter, eher ſterben als leben ohne dich!. (leiſe und bebend) Wer ſoll ſterben?(ſie ſtockt, ihre Seele iſt durch einen unerwarteten Gedanken uͤberraſcht, ſie geht mit untergeſchlagenen Armen eini⸗ gemal auf und ab— dann raſch und beſtimmt) Der Geſaͤttigte mag von der großen Tafel der Natur aufſtehen„ noch habe ich erſt geko⸗ ſtet, nicht genoſſen ich kann noch nicht ſter⸗ 138 ben! C(ſie ſchaudert) Weg! hinweg mit dieſem Gedanken, der wie ein Leichenſtein in dem Ro⸗ ſengarten meiner jungen Liebe hervorragt„„ (ſie ſetzt ſich erſchöpft und träumend.) Marcheſe Diurano.(tritt herein; er bleibt einige Augenblicke vor Julietta ſtehen; man merkt deutlich, daß es ihm große Anſtrengung koſtet, um ſich zu mäßigen) Ich komme von Hofe! Julietta.(kalt und verächtlich zu ihm her⸗ auf blickend) Dort ſind ſie an ihrer Stelle! Marcheſe Diurano. Man erkundigte ſich nach dir— die Prinzeſſin bemerkte, daß ſie dich ſchon lange nicht h haͤtte. ich⸗ ſagte, du ſeyeſt krank. * Iulietta. Da en ſie e denn ich in ſehr geſund. Marcheſe Diurano. Der einfaltige Graf Palerio bemerkte, deine Unpaͤßlichkeit konnte vielleicht mir der gluͤckliche Vorbote eines baldigen Erben ſeyn. ich that, als wenn ich ihn nicht verſtanden haͤtte, ſah aber, wie alle Geſichter zu einem ſpottiſchen Lächeln ſich bereits verzogen hatte.. ich wurde äuſſerſt verlegen Jultetta(hcht) Allerliebſt! das etſtemal, wo mir meln dummer Vetter in den Wurf kommt, werde ich ihn fuͤr dieſen tollen köſſen. Marcheſe Diurano.(will losbrechen, hält aber ploͤzlich inne) Weh dem Weibe, deſſen Mann bei einer ſoichen Aeuſrs verlegen werden muß! Juliett a. Spott und Verachtung dem Mann, dem eine ſolche Aeuſſerung Satire ſt.„ Marcheſe Diurano. Du willſt mich aufbringen. Julietta, um meiner deſto beque⸗ mer los zu werden; aber diesmal ſoll es dir nicht gluͤcken. ich will kalt bleiben, und vernuͤnftig mit dir ſprechen.. Julietta. Weder ihre Kaͤlte, noch ihre Hitze iſt, wie ſie ſehen, vermoͤgend den Schlaf aus meinen Augen zu verſcheuchen ſie fallen mir zu.„ Gute Racht Signor!(ſie reicht nach der Glocke.) WMarcheſe Diurano.(hält ihr die Hand zuruͤck) Nein, Julietta! habe ich bereits ſchon ſo manche Nacht deinetwegen ſchlaflos zugebracht, ſo kannſt du mir wohl dieſe einzige Stunde ſchenken. Julietta. Und was wollten Ste mit ei⸗ ner ſolchen Stunde thun? Marcheſe Diurano Unverſchaͤmte!. doch nein„ ich will dir ſogar offenherzig ge⸗ ſiehen, daß jene Verhaͤltniſſe, die mich berech⸗ ttigen von dir, als meinem Weibe, ein ſolches Opfer zu verlangen, die traurige Folge der leicht⸗ finnigſten Handlung meines Lebens iſt. 140 Jultetta. Wirklich. Marcheſe Diurano. Ein Blick auf dies graue Haar, und auf deine bluͤhenden Wan⸗ gen haͤtten mich eines beſſern belehren ſollen.. Jultetta. Dies Geſtaͤndniß beweißt mir, daß ſie ſich endlich Gerechtigkeit wiederfahren laſſen, und macht mich auf den Schluß, den ſie natuͤrlich daraus ziehen werden, ungemein neugierig Cſie ſetzt ſich.) Marcheſe Diurano.(indem er ihre Hand ergreift) Aber Julietta! die Thorheit iſt nun ein⸗ mal begangen, und nicht wieder gut zu machen Daß ich nachſichtig bin, davon haſt du hoffentlich Beweiſe. Julietta. Ich wuͤßte nicht.. Marcheſe Diurano. Ueberhebe mich, als deinen Gemahl, eines ſolchen Beweiſes. Gewiſſe Dinge laſſen ſich nur leiſe beruͤhren.„. Genug, du haſt mich verſtanden... ich ver⸗ lange nicht von dir, Julietta, jene Treue, die nur der Mann, der im Genuſſe deines jungen Lebens dir nichts zu wuͤnſchen uͤbrig laͤßt, von der fordern koͤnnte„aber der Welt, dir ſelbſt biſt du gewiße Ruͤckſichten ſchuldig und von dem Weibe, das meinen Namen traͤgt, kann ich we⸗ nigſtens erwarten, daß ſie ihn mit Ehre tragen wird Julietta.(auffahrend) Und was kann man mir vorwerfen? 141 Marcheſe Dinrano. Bleibe gelaſſen, ich bitte dich, Julietta, damit ich es auch blei⸗ ben kann. Nicht die Handlung, ſondern wie ſelbige begangen, wird hauptſaͤchlich beurtheilt... Rang und Vermoͤgen geben dem Spiel deiner Launen einen weiten Raum, bezeichnen aber zu⸗ gleich die Abwege, auf welche du nicht gerathen darfſt. Sieh, liebe Julietta, du haͤtteſt dei⸗ nem lieben Fremdling alle mögliche Beweiſe dei⸗ ner Zuneigung geben konnen, ohne daß dieſe Grille das mindeſte Aufſehen erregt haͤtte, wenn ſtatt des Secretair's des Grafen, er der Graf ſelbſt geweſen waͤre.— Laß es immerhin ein Vorurtheil ſeyn, wir werden dieſes eben ſo wenig als noch tauſend andere vertilgen; und da noch ein zweites Vorurtheil, das gewiß unter die ab⸗ geſchmackteſte gehoͤrt, hier mit in's Spiel kommt, nemlich da meine Ehre, der allgemeinen Meynung nach, auf das empfindlichſte dabei kompromittirt ſeyn ſoll, ſo muß ich dich bitten, dieſen Umgang, den du auf keine Art mehr verheimlichen kannſt, gaͤnzlich aufzugeben.. Julietta. Dahin alſo wollten ſie kom⸗ men ich bin mir keiner Handlung bewußt, welche ich zu bereuen Urſache haͤtte... Der Welt ein Opfer ohne Erſatz zu bringen, waͤre Thorheit „„ Nicht die geringſte Freude werde ich ihr zu gefallen ungenoſſen laſſen, geſchweige daß ich ihr einen Freund wie Ludolph aufopfre„„ 142 Marcheſe Diurano. Vergiß nicht, Fulietta, daß ich befehlen konnte, wo ich nur bitte... laß uns vielmehr wie zwei gute Freunde das Gute und Boſe von dieſer Sache überlegen⸗ Julietta. Schon laͤngſt dachte ich wir die Moͤglichkeit einer ſolchen Unterredung, und nun kann ich ihnen ſagen, ich habe alles uͤberlegt, und bereits einen Entſchluß gefaßt.. Marcheſe Diurano. Ein Endſchluß ſetzt Gruͤnde voraus, welche ſind die deinigen? Julietta. Bin ich ihnen die ſchuldig?.. Doch ja, ſie ſollen ſie horen.. Jeder Vertag beruht auf wechſelſeiti en Verbindlichkeiten; ſo⸗ bald der eine Theil die ſeinigen nicht erfüllt, kann der andere auch zu nichts verbunden ſeyn, und ſo loſt ſich der Vertrag von ſich ſelb ſi auf „Ich konnte daher als Weib ohne Mann dffentlich gegen ſie auftreten und klagen. Wo iſt der unbeſtochene Richter, der nicht zu meinem Vortheil ſpraͤche? Marcheſe Diurano. Das glaube nicht. Julietta. Dem ſey nun wie ihm wolle; meine Abſicht iſt es auch, weder des Pfaffen Segen, noch des Richters Utheil, zur Richt⸗ ſchnur meiner Handlungen zu nehmen.. Als ſie mich noch als Kind an den Altar fuͤhrten, waren es wahrilch dieſe wenigen Reitze nicht, die ſie zu dieſem Verbrechen gegen die Natur verfuͤhrten„mein Vermdgen war der Abgott, 143 dem ſie huldigten... Mogen ſie mich nun im⸗ merhin um einige Tonnen Goldes betrogen ha⸗ ben, nur um mein Herz nicht!.,(mit Affekt) nur um die Anſpruͤche nicht, welche dies Herz noch an dle Freuden des Lebens zu machen hat! Sie ſprechen mir von Weltklugheit und Konve⸗ nienz?.„ Abſcheulicher Menſch! Als du mein aufbluͤhendes Leben ſo kalt und unbarmherzig zu einem ewigen Dahinwelken verdammteſt, um deine Habſucht zu befriedigen, warum war nicht auch dann von den weit wichtigern und edlern Konvenienzen die Rede, die einer ſolchen wider⸗ natuͤrlichen Verbindung laut widerſprachen?.. Grubiger) Hoͤren ſie, Marcheſe, durch mich ſind ſie der reichſte Privatmann im Koͤnigreiche geworden; noch einmal, ich habe nichts dagegen; huldigen ſie ihrem Götzen, nur laſſen ſie mir meine Freuden, nur verlangen ſie nicht, daß ich mir ihren Betrug gefallen laſſe, und zwar gerade in dem Augenblicke, wo ich erſt deſſen ganze Groͤße einſehe(aufſtehend) ich will keine Feſſeln von meinem eigenen Golde tragen! Marcheſe Diurano. Ich habe dich ausreden laſſen; nun goͤnne auch mir einen Au⸗ genblick Gehdr.— Ich habe dir ſchon geſtanden, daß der Wunſch, den Namen Diurano in ſeinem alten Glanz zu erhalten, mich zu einem Schritt verleitet hat, den ich jetzt aufrichtig bereue, und dies Geſtaͤndnis bedeutet in dem Munde eines 2 Mannes von Ehre, daß er willig iſt die began⸗ genen Fehler nach Kräften wieder gut zu ma⸗ chen— Laßt uns alſo jene engere Bande ver⸗ geſſen, die dir laͤſtig, und mir zum Vorwurfe gerathen du biſt meine liebe kleine un⸗ erfahrne Nichte wieder, und ich dein Oheim, deſſen längere Erſahrung du bei dieſer Gelegen⸗ heit benutzen willſt. Du liebſt dieſen Fremd⸗ ling? Gut! dagegen kann ich nichts haben, denn Liebe und Haß ſtehen nicht in unſerer Willkoͤhr, wohl aber die Ausbruͤche dieſer beiden gefaͤhr⸗ lichen Leidenſchaften. Julietta. O uͤber den Hofmann! wie er ſich kriechend heraufwindet! Marcheſe Diurano. Hoͤre mich aus! hätteſt du mich in Zeiten um Rath ge⸗ fragt ſo wurde ich dir, bei Gott! ich wuͤrde dir geſagt haben: eine ſolche Liebe darf eine Piurano nie zur Leldenſchaft werden laſſen, ſie bleibe eine ſchnell befriedigte Laune... Julietta. Kennen ſie den Mann, den ſie zum Gegenſtand einer weiblichen Laune herab⸗ wuͤrdigen wollen? Marcheſe Diurano. Und wenn er der vollkommenſte ſeines Geſchlechts waͤre, ſeine nie⸗ drige Abkunft.. Julietta.(mit wildem Affekt) Wo iſt an deinem ganzen Hof ein Mann, der neben dieſem von der Natur zum edelſten geſtempelt, ſich zur 143 Selte ſtellen kann?.. Nicht zur Leidenſchaft duͤrfte meine Liebe werden? O ich liebe ihn bis zum Wahnſinn! und weh dem Menſchen oder Teufel, der dieſer Liebe Schranken ſetzen wellte! „„„Verflucht ſey von nun an der Name Diurano, der mir verbieten ſoll das gluͤcklichſte Weib zu ſeyn!„ Zerriſſen alle Bande, die mich an eine Kaſte feſſeln, bei der die Erlaub⸗ niß zu lieben auf vermodertes Pergament muß geſchrieben ſtehen!. Behalte du den Namen Diurano, du biſt es werth ihn zu tragen, behalte mein Gold, und laſſe mir meine Liebe!... Marcheſe Diurano.(ernſt und gefaßt) Sie ſchwaͤrmen, Signora! Julietta. Meine Schwaͤrmerei iſt edler als die kalte Berechnung eines alten Suͤnders, der die Linle geometriſch bezeichnet, die eine Dame von Stande in ihrer Luͤſteinheit nicht berſchrei⸗ fen Marcheſe. Diurano.(empfindlich) Ich wollte mit ihnen vernuͤnftig ſprechen, aber wie ich ſehe, ſo ſind ſie unfaͤhlg einen guten Rath anzunehmen; und meine Gruͤnde zu beherzigen„ „ich werde daher zu ernſtlichern Maßregeln ſchreiten muͤſſen. und ſo erklaͤre ich ihnen. Julietta. Daß mir ihre Vernunft ein Ekel, ihr guter Rath uͤberfluͤſſig, und ihre ernſilichen Maßregeln laͤcherlich ſind„„„ Lud. Lehrjahre 2. Th. K — ————— 146 Marcheſe Diurano. Wenn ſie nun durchaus vergeſſen wollten, daß ſie eine Diurano und meine Gemahlin ſind„. Julietta. Das erſtere habe ich eben ſo wenig vergeſſen als ſie ſelbſt... wir genießen veide die Vorzuͤge unſerer Geburt, indem wir ohne Scheu unſern Leidenſchaften frohnen„„ Sie opferten ohne Schaam und Delikateſſe meine Jugend ihrem Ehrgeitz, und ich nun ihr graues Haar der ſchoͤnſten Liebe. Cſpoͤttiſch) Daß ich uͤbrigens ihre Gemahlin bin, haben ſie mir jetzt erſt durch ihre unverſchaͤmte Zumuthung be⸗ wieſen„ Marcheſe Diurano.(ſeiner nicht mehr mächtig) Signora! ich verbiete ihnen, den Se⸗ cretair des Grafen Sternberg weder zu ſehen noch zu ſprechen; wegen ihres Ungehorſams wird mir der Konig ſelbſt Genugthuung verſchaffen.. Fulietta.(auſſer ſch) Aus dieſem Ton alſo!„O du erbaͤrmliches Gerippe von einem alten ſuͤndenhaften Hofſchranzen!„. Deinem Flehen haͤtte ich vielleicht noch etwas zu gut gehalten. aber einen Befehl. Clacht) Wo dieſer Meuſch nur die Frechheit hernimmt, mir befehlen zu wollen!„ Cſie zieht die Glocke) Gute Nacht! Marcheſe Diurano.(etwas kälter) Ju⸗ hetta„ ich bitte dich„„uͤberlege!.„ Fultetta.(ſich umwendend) Es iſt uͤberlegt, und beſchloſſen! Marcheſe Diurano. Auch bei mir!.. (Die Kammerjungfern treten herein, der Mar⸗ cheſe entfernt ſich.) Kaum war dieſer Sturm voruͤber, ſo bereute Julietta abermals ihr unkluges, hitzilges Ver⸗ fahren; mehr als jemals ſah ſie jetzt die Noth⸗ wendigkeit ein, behutſamer und heimlicher in ihrem Umgang mit Ludolph zu werden. Da ſie ſich nur noch an einem dritten Ort ſehen konn⸗ ten, mußten ſie nothwendig dem Zufall, der ihnen nicht immer guͤnſtig war, vieles zu ver⸗ danken haben; dieſer Zwang wurde bald der lei⸗ denſchaftlichen Italienerin unertraͤglich, und ihre Liebe zu Ludolph wuchs in eben dem Grade als ihr Haß gegen ihren Gemahl.„ Dieſe finſtere Leidenſchaft ſtieg mit jedem neuen Hinderniß, das ihr in den Weg gelegt wurde, und ſo kam end⸗ lich der blutige Entwurf ihrer Befreiung, der erſt nur dunkel und verworren in ihrer Seele aufgeſtiegen war, zur voͤlligen Reife. Eines Morgens meldete ſie ihrem Ludolph, daß ſie dieſen Tag in Portici zubringen wuͤrde, und Hoffnung haͤtte, ihn gegen Abend an einem gewiſſen Ort an der Kuͤſte ohnweit Pauſſilippo zu ſprechen. Ludolph fand ſich ein, wartete aber ange und vergeblich, es wollte ſich auch, in der K 2 3 N — 1 5 2 4 weiteſten Entfernung keine menſchliche Seele er⸗ blicken laſſen. Des vergeblichen Harrens endlich muͤde, wandelte er dem Ufer entlang, in der Ab⸗ ſicht, durch einen Umweg wieder die Stadt zu erreichen, als plotzlich vier Maͤnner, deren Aeuſ⸗ ſeres nichts Gutes vermuthen ließ, hinter einem Felſen aus einem Nachen hervorſprangen, ihn ergriffen, niederriſſen, feſt banden, in den Na⸗ chen ſchleppten, und vom Lande abſtießen. Lu⸗ doiphs erſter Gedanke war, daß vermuthlich die⸗ ſes leichte Fahrzeug irgend einem Seeraͤuber zu⸗ gehoͤrte, der in der Naͤhe kreuzte, und ſchon flat⸗ terte ſeine geſchäͤftige Fantaſie von Tunis nach Marocco, aus einem Harem in den andern; aber nach einer kurzen Fahrt hielten ſie an den Ruinen eines alten zerfallenen Schloſſes ſtill, traten mit ihm an's Land, und nothigten ihn uber eine zerfallene Mauer in das Innere der Burg. Hier blieben ſie ſtehen und lagerten ſich in's hohe Gras; vergebens ſuchte Ludolph durch verſchiedene Fragen ihnen eine Antwort ab⸗ zugewinnen— ſie blieben ſtumm. Die Daͤmme⸗ rung war indeſſen allmaͤhlich eingebrochen, es fieng ſchon an finſter zu werden. Ludolph in tiefen aͤngſtlichen, Gedanken verſunken, den Kopf auf die Hand geſtützt, erwartete nun in ſtiller Ergebenheit das Ende dieſes Abentheuers, und ſuchte zum voraus auf das Schrecklichſte ſich zu faſſen„ Da erhob ſich auf einmal eine 149 ſanfte Muſik aus den Ruinen, und als er nach der Gegend, wo die Töne herkamen, hin ſtarrte, erblickte er einen wunderſchdnen Knaben, ein klei⸗ ner befluͤgelter Liebesgott, mit Fackel und Kb⸗ cher durch den weiten Bogengang auf ihn zu⸗ kommen. Bei ſeiuer Annaͤherung flohen ſeine Be⸗ gleiter, und Amor lößte Ludolphs Feſſeln. Un⸗ ſer Held gieng plotzlich von einer beinahe gaͤnz⸗ lichen Muthloſigkeit in frohe Ahnung uͤber; den⸗ noch war er nnentſchloſſen, ob er fliehen oder dem winkenden Knaben durch die Ruinen folgen ſollte? Doch es brauchte keine lange Ueberlegung, um einzuſehen, daß hier die Flucht weder moͤglich noch rathſam ſey, und da der laͤchelnde Knabe keine blutige Entwickelung vermuthen ließ, ſo nahm er keinen Anſtand, ſich durch ſeinen klei⸗ nen Fuͤhrer willig leiten zu laſſen. Nachdem ſie einige Zeit durch die Rulnen gewandert wa⸗ ren, blieb der Kabe vor einem hohen Saͤulen⸗ gange ſtehen, ſchuͤttelte ſeine Fackel, daß ſie hell aufloderte, und ſprach: Glucklicher Fremd⸗ ling! zur guten Stunde hat dich das Schickſal in dieſe Gegend gefuͤhrt— die Vorurtheile nahmen dichgefangen, und legten dir entehrende Feſſeln anz ſie flohen bei meinem Anblick, und mir verdankſt du deine Befreiung— erkenne die Gewalt der Liebe, und ſey dankbar! Hier nimm dieſe Fackel. Du 150 biſt im Reiche der finſtern Langenwei⸗ le.— Ein junges reizendes Geſchdpf ſchmachtet in dieſen Hallen, beſiegt von dem Gott der Traͤume, ſie ver⸗ ſchlaͤft Stunden, die meinem Dienſte ſollten geweiht werden— ſey du ihr Retter! Ludolph ergriff die Fackel, wand ſich durch den labyrinthiſchen Gang und erreichte endlich eine Thuͤr, zu der ſechs hohe breite Stufen hin⸗ auf fuͤhrten.— Vor der Thuͤr ſtanden, mit drohender Miene, die vier Unbekannten; kaum hatte aber Ludolph die erſte Stufe erſtiegen, ſo verſchwanden ſie links und rechts in Nebengän⸗ gen. Die Thuͤr ſprang auf, und er befand ſich in einem mit vieler Kunſt und Geſchmack beleuch teten Garten. Eine ſchlanke weibliche Bildſaͤule von weißem Marmor ſtand am Eingang, ſie hielt den Finger auf den Mund; auf dem Fuß⸗ geſtell las er:— Geniße und ſchweige! Eine balſamiſche Luft wehte ihn an, und das ſanfte Geraͤuſch eines nahen Waſſerfalls verſchmolz in die ſuͤſſen Doͤne einiger blaſenden Inſtrumente. — Wo bin ich! rief Ludolph, und ſein ahnendes Herz ſchlug lauter, indem ſeine Augen in froher Erwartung umherſchweiften. Jetzt erblickte er in der Entfernung am Ende einer Alee von Moyrrthen⸗und Pommeranzenbaͤumen eine ſtaͤr⸗ kere Maſſe Licht; ſchnell loͤſchte er die Fackel 157 aus, und eilte vorwaͤrts.— In einer Jasmin⸗ Laube, auf einem Lager von Moos und Mohn⸗ Blumen ſchlummerte die durch den kleinen Lie⸗ besgott angekuͤndigte Schone— ihr Koſtum war im reinſten griechiſchen Sthl, ein dichter Schleyer verbarg ihr Geſicht— Ludolph trat naͤher kniete vor der Schlafenden nieder, und ergyiff ihre herabſinkende Rechte.. Ein tiefer Seufzer, der allmaͤhlich den jugendlichen kaum enthuͤllten Buſen emporhob, kuͤndigte ihr langſames Erwa⸗ chen an Der Entzuͤckte fuͤhrte die niedliche Hand an ſeine brennende Lippen„und mit einem lauten Ach! der Ueberraſchung fuhr ſie von ihrem Lager auf... Jetzt trat der kleine Gott in die Laube, beruhigte liebkoſend die Er⸗ ſchrockene, und nachdem er ihre Hand in Lu⸗ dolphs Rechte gelegt hatte, fuͤhrte er ſie beide zur Laube hinaus, links abwaͤrts, durch einen Pfad, der nur ſparſam erleuchtet, ſich immer hoͤher und hoͤher hinauf wand.— Das Geſtraͤuch wurde dichter, und immer unzugangbarer der ſchmale Weg; bald mußten ſie ſich durch Rui⸗ nen winden, bald uͤber eine kleine Bruͤcke ſich wagen, die unter ihnen zu wanken ſchien, dort zwiſchen dem Waſſerfall und einem jaͤhen Ab⸗ grund hindurch ſchluͤpfen. Endlich verlor ſich die kuͤnſtliche Beleuchtung vollig, und nur durch den Wiederhall ihrer Fußtrite bemerkte Ludolph, daß ſie durch ein Gewolbe giengen.— Jetzt bogen ſie um eine ſcharfe Ecke, die durch den Wieder⸗ ſchein einer ſtarken Lichtmaſſe von weltem ſchon bezeichnet war.— Welch' ein Anblick! Ludolph, indem er beinahe unwillkuͤhrlich die Hand ſeiner Begleiterin an ſein Herz druͤckte, konnte ſich eines lauten Ausrufs des Entzuͤckens nicht enthalten. Auf einem Raſenplatz mit Ruinen, ſchrof⸗ fen Felſen, und dichtem Geſtraͤuch von der einen und durch die offene See von der andern Selte begraͤnzt, erhob ſich eine kleine marmorne Ro⸗ tunda in vollem Glanze der geſchmackvollſten Be⸗ leuchtung; die fuͤßen klagenden Akkorde der Har⸗ monica wechſelten mit den nicht minder ſanften Toͤnen zweier Floͤten ab— ſonſt herrſchte eine tiefe Stille ringsum, es wehte kein Luͤftchen; uͤber ihnen der Wolkenleere geſtirnte Himmel; An dem Portal des kleinen Tempels ſtand ge⸗ ſchrieben:— Der Liebe, und den Gra⸗ zien.— Hin in dieſen ſeltſamen Tempel! rief Ludolph— Sie flogen die Stufen hinauf; eine Venus Aphrodite, von den drei Schweſtern um⸗ geben, ſchien ihnen entgegen zu laͤcheln.— Lu⸗ dolph kniete vor der holden Gruppe nieber, die Griechia neben ihm; ein Blumenregen fiel von oben herab.— Du biſi's! rief Ludolph, und riß den Schleyer der Unbekannten herunter.— Sie ſank an ſeinen Buſen, und ſtammelte in Wonne⸗ ranmel des hochſten Entzuckens;— mein Lu⸗ dolph!„„ 133 Man erlaube mir den Vorhang uͤber dieſe und noch mehrere Scenen dieſer Zaubernacht herab zu laſſen.*) Eilftes Kapitel. Verbrechen der Liebe. (Dle Morgendaͤmmerung bricht an.— Ludolph und Julietta ruhen Arm in Arm, ſie blickt ſchmach⸗ tend zu ihm herauf, indem er ihre Hand an Finen Mund druͤckt.) Jrr Dieſe Wonnenvollen Stunden— verdanken wir der Abweſenheit meines Tyran⸗ nen.— Ein Auftrag des Konigs hat ihn auf vier und zwanzig Stunden von der Reſidenz ent⸗ fernt. hente kommt er zuruͤck, und dann. o Ludolvh! Deine Julietta iſt ein ſehr ungluͤck⸗ *) Dieſe Ruinen waren einſt ein ſehr ſchönes und bekanntes Schloß der Königin Johanaa 1I. Ju⸗ lietta's Vater hatte ſelbige gekauft, und in einen äuſſerſt und geſchmackvollen Garten verwandelt.— 154 Ludolph. Meine Julietta iſt eine kleine Eigenſinnige, die immer noch in einem glaͤnzen⸗ den Elend unentſchloſſen ſchmachtet, da Lebens⸗ genuß, und Freuden der Llebe uns aus der fer⸗ nen Einſamkeit winken. Julietta. Du haſt recht, Geliebter! ich bin ein eitles verwohntes Kind. ja, verwoͤhnt durch Ueberfluß, gequaͤlt durch Vorurtheile. So ſehr ich auch fuͤhle, daß ich an deiner Seite, in deinen Armen nie etwas vermiſſen, nie ent⸗ behren werde, ſo vermag ich doch kaum, ihn noch zu denken den ſchoͤnen kuͤhnen Gedanken der Flucht an der Hand der Liebe.(ihn liebkoſend) Werde deshalb nicht boͤſe auf dein albernes Maͤdchen, mein guter Ludolph„aber. ich kann mich noch nicht losreiſſen!. Ludolph! Denke, wie ſparſam die Stun⸗ den der Liebe uns zugetheilt ſind!„„ Ahneſt du nicht dle Moglichkeit, daß ſie uns noch vol⸗ lig konnen entzogen werden?. Julietta.(ihn heftig umfaſſend) Ach! nein „nein„lieber ſterben! Ludolph. Kann dein Gemahl, dem du Leichtſinnige unſer heiliges Geheimniß verrietheſt, die Gnade ſeines Konigs nicht wuͤrklich miß⸗ brauchen, um dich in irgend einem Floſter heim⸗ lich einſperren zu laſſen? Wo ſollt' ich alsdann dich ſuchen? und wenn ich endlich, nach Jahren vielleicht, deinen Aufenthalt entdeckte, wie den ——————————————————— kuͤhnen Kampf deiner Befrelung mit dem Mäch⸗ tigen beginnen?— Wie eine Liſt erſinnen, der er nicht durch ſeine beſoldeten Spione zuvor kame? und wozu am Ende der vielen Umſtaͤnde mit einem Fremdliug ohne Schutz und Anhang? Eine Hand voll Gold fuͤr einen gut gefuͤhrten Dolchſtoß Juliett a.(ihn raſch unterbrechend) Ludolph! abſcheulicher Menſch! Wie kannſt du mich ſo aͤng⸗ ſtigen?(ſie verſinkt in ein tiefes Nachdenken, ihre Geſichts farbe wechſelt jeden Augenblick, ihr Buſen fliegt, ihre Blicke ſind bald mit Aenglichkeit auf Lu⸗ dolph, bald auf den Boden geheſtet; endlich indem ſie mit wildem Affekt beide Arme um ſeinen Hals ſchlingt:) Er muß ſterben! Ludolph. Die letzte Stunde dieſes abge⸗ lebten Greiſes iſt ſo ferne nicht mehr, und dann ſind auch, in der Ferne, deine Feſſeln geldßt. Juliett a.(mit bebender Stimme) Und wenn dieſer Greis auch nur eine Stunde noch zu leben haͤtte!. O Ludolph! wie viele Minuten von dieſer Stunde waͤren dann noͤthig, um den Dolch⸗ ſtoß zu zahlen, der mich namenlos elend machen wuͤrde?„nein nein CEr muß„ jetzt.„ſterben! Ludolph.(ſich loswindend) Julietta!.. Weib! wie kommſt du auf dieſen Gedanken? Julietta. Du! du ſelbſt haſt ihn in mir erregt„Hore Geliebter! und urtheile, ob meine Angſt und deine Muthmaſſungen ſo ganz ohne Grund ſind!.„ Wiſſe, daß ich ohnlaͤngſt wieder einen neuen Auftritt mit dem heimtuckt⸗ ſchen Greiſe hatte. Du kennſt ſeine Kaͤlte, der nichts entgeht, die alles zu benutzen weiß; ſeine Faſſung verließ ihn keinen Augenblick, mich aber verſtand er bis zum hoͤchſten Affekt zu reitzen; mei⸗ ner endlich nicht mehr maͤchtig, bekraͤftigte ich das Geſtändnis meiner Liebe mit einem hohen und theuern Schwur, nie von dir zu laſſen.— Er laͤchelte hohniſch, und ſagte:— Es werde doch noch Mittel geben, dieſem trivlalen Roman ein Eude zu machen!„„ Damals uͤberlegte ich nicht, wie viel in dieſen wenigen Worten lag.. jetzt aber„ als du ſelbſt den gedungenen Dolch erwaͤhnteſt.„O Ludolph! du kennſt dieſen ſchlauen, ſich alles erlanbenden Hofſchran⸗ zen nicht es wäre auch wahrlich das erſte⸗ mal nicht, daß er durch die Hand eines Bandl⸗ ten ſeinen Endzweck erreicht haͤtte„„ Ludolph. Aber Julietta! muß denn gerade ein Verbrechen uns die Bahn zum ruhigen Genuß unſerer Liebe eroͤffnen„ koͤnnen wir nicht fliehen? Jultett a. Wohin? daß uns ſein maͤch⸗ tiger Arm nicht am Ende doch noch erreichte?. Glaube mir, Ludolph, ich habe die Unmoglichkeit 157 —— unſerer Flucht laͤngſt ſchon eingeſehen, und wenn ich dich nicht davon zu uͤberzeugen ſuchte, ſo ge⸗ ſchah es bloß, um dieſen ſuͤßen troͤſtenden Wahn dir nicht zu benehmen!(ihn liebkoſend) Nein, Geliebter! deine Julletta iſt kein ſo thorichtes ver⸗ woͤhntes Kind, daß es von allem was nicht zu unſerer Liebe gehoͤrt, ſich nicht losreiſſen konnte! „„„Dieſe Luͤge ſollte dir nur die traurige Un⸗ moͤglichkeit verbergen, unſer Schickſal nach Will⸗ kuͤhr zu lenken. In deinen Armen, an deinem Herzen, o Ludolph, was koͤnnte ich dann noch vermiſſen! Aber noch einmal, wohin fliehen wo ſeine Kundſchafter uns nicht entdekten? Wie ſeiner heimlichen Rache, oder ſeiner dffent⸗ lichen Gewalt entgehen?„„(Sie verdoppelt ihre Liebkoſungen) und was waͤre es denn? Elnem Boͤſewicht, der bereits am Rande des Grabes ſteht, ein Verbrechen erſparen.„ Iſt dies Zu⸗ vorkommen nicht Nothwehr? Iſt es nicht Pflicht der Selbſterhaltung?(weinend) und wenn dir, tollkuͤhner Menſch, ſo wenig an deinem Leben gelegen iſt, daß du es der Muͤhe nicht achteſt, es gegen Banditen-Dolche zu ſchuͤtzen, ſo denke dir wenigſtens die Lage deiner armen Julietta, die in ohnmaͤchtiger Wuth ihr Leben an der Seite deines Moͤrders verzweifelnd enden, oder zwiſchen den dden Mauern eines entfernten Klo⸗ ſters ſich lebendig begraben laſſen muͤßte!(ſie legt erſchoͤpft ihr Haupt an ſeine Bruſt, dann leiſe und 158 bebend) Laß ihn aufhdren, damit wir am Loben bleiben! Ludolph. Liebe, Abſcheu, Mitleiden, und Entſetzen ergreifen mich wechſelsweiſe hore auf, Julletta, ich beſchwore dich! daß ich nicht unſere Liebe noch verfluchen muß.. DO mein Gott! Wie iſt es moͤglich, daß ein liebendes Weib, daß du! Julietta, ſo kalt und ernſt die Gruͤnde zu einem Mord zergliederu kannſt?.. 36 Neln! nein! eine ſo ſchwarze Seele kann in einem ſo ſchonen Korper, in dieſem Meiſterwerk des Schoͤpfers nicht verborgen liegen„. Komme zu dir, Julietta! Angſt und Liebe haben deine Nerven bis zum Wahnſinn gereizt!— Julietta! und wenn wir auch jetzt in dieſer Stunde ſterben ſollten, ſo laß uns ruhig, rein von allen Verbre⸗ chen hinuͤber gehen.. wir haben das hoͤchſte Gluͤck der Sterblichen in vollem Maaſe genoſ⸗ ſen„wir wuͤrden beneidet ſterben„(er will ſie umfaſſen.) Julietta.(ſich loßreiſſend) Soll ich dir denn alles ſagen? ſoll ich in dieſer bangen Stunde dir ein Geheimniß entdecken, daß ich fuͤr ſuͤſſere Augenblicke ſo ſorgſam aufbewahrte.. Ludolph! unſere Umarmungen ſind nicht unfruchtbar ge⸗ blieben. Hier unter dieſem Herzen, das nur fuͤr dich ſchlaͤgt, ruht bereits das Pfand der ſchoͤn⸗ ſien Liebe!„(ſich in ſeine Arme werfend) Ich werde Mutter, Ludolph! und muß nun jeden Augenblick befuͤrchten, daß der Dolch eines Ban⸗ diten meinem Kinde ſeinen Vater raube!.. Ludolph!(erblaſſend) Du! Mutter!„ und das Kind Cbedeckt das Geſicht mit beiden Haͤnden) O Gott! unſere Liebe war doch ein Verbrechen!..* Jultetta. Schwacher, aͤngſtlicher ach! und nur zu heiß geliebter Fremdling! dir kann noch fuͤr einem elenden Vorurtheil bangen, da der Mutter aͤngſtliche Sorgen, zu den Qualen der bedrohten verfolgten Liebe in dieſem Buſen ſich vereinlgen!. Sey ein Mann, Ludolph! ſey es werth, eine Diurano zur Mutter deines Kindes zu haben! Er ſterbe, der Elende, der an der Natur durch mich ſo frech ſich verſuͤndigte!. Er ſinke hinab in die Gruft ſeiner Ahnen mit dem unverdienten Ruhm, dem alten Stamme einen Sproͤßling hinterlaſſen zu haben— und dein Kind werde ſein Erbe!.„ Ludolph. Nein! nein! nimmermehr! meine Liebe kann mich elend, aber nicht zum Betrüger zum Verbrecher machen!... Ich kann ihr mein Leben, aber nicht meine Ehre, nicht meinen Glauben an Tugend aufopfern; wir fliehen. aus fernem Lande mag er erfahren, daß du Mut⸗ ter geworden, daß wir... Julietta. Unſinniger Menſch!.„ Lu⸗ dolph! uͤberlege doch! 9 du eutſetzlicher Schwaͤrmer!„„ 160 Ludolph. Cauſſer ſich) Daß ich nicht Ver⸗ brechen auf Verbrechen haͤufen will, das nennſt du ſchwaͤrmen. Weib!(er faßt ihre Hand) willſt du mit mir fliehen? Julietta. Um nach wenig Tagen, nach Stunden vielleicht ereilt, ergriffen, dem Spott des Volks, dem Hohngelaͤchter des Hofs, der Rache meines Tyrannen Preis gegeben zu wer⸗ den— in einen Kerker hinabgeworfen— in Ver⸗ zweiflung das Kind unſter Liebe gehaͤhren, um es an dieſem“ verwelkten Buſen ſterben zu ſehen.. nein! Ludolph.(zieht einen Dolch hervor) Wer ſterben kann, den erreicht keine Gewalt auf Er⸗ den„den zwingt kein menſchlicher Wille.. ſollten wir wirklich auf unſerer Flucht ereilt wer⸗ den(wild) ſo ermorde dich und ſb Julietta.(mit einem lauten Schrey des Entſetzens) Und dein Kind! Ludolph.(ſchaudernd) Rein! nein! S das nicht! auch das konnte ich nicht!,„ Hore, Julietta! noch iſt der Tag nicht vollig angebro⸗ chen. Der Nachen der mich hieher fuͤhrte.. jene vier enſchoſſene Maͤnner.— Wir ſtoſſen vom Lande vrielleicht..„Seeraͤuber kreutzen in der hohen See es ſind wilde Menſchen... aber doch Menſchen.. Allmaͤchtiger Gott! Er⸗ barmen 1,„(ſinkt in die Fnie) noch ſind meine 161 Haͤnde, noch iſt mein Herz rein aber ich fuͤhle die Moglichkeit als ein großer Verbrecher zu enden Julietta.(nachdem ſie ihn einige Augenblicke ſtarr und nachdenkend betrachtet hat) Ich ſchwaches, einfaͤltiges Weib!„faſſe dich, Ludolph!. komm in meine Arme, Geliebter! vergiß das al⸗ berne Geſchwaͤtz deiner zu aͤngſtlichen Julietta!.. Ludolph. Dieſe ſchnelle Ruhe„ſie iſt nicht natuͤrlich.. Weib! was haſt du vor 2 ich beſchwoͤre dich. Julietta. Nichts noch einen Kuß, Geliebter! deine Lippen ſind kalt... du bebſt!.„ Ludolph ſchaͤme dich... du zaghafter Menſch! ſoll dir ein ſchwaches Weib das Beiſpiel von Muth und Entſchloſſenheit geben? Ludolph. Julietta! deine Ruhe iſt fuͤrch⸗ terlich!— Julietta. Claͤchelud) Muͤſſen wir denn uͤber das Leben eines ſchwachen Greiſes gebie⸗ ten?. kann ihm. nicht die Natur fruͤher noch, als wir es ſelbſt glauben, das Zlel geſetzt ha⸗ hen? Ludolph.(immer aͤngſtlicher) Nein, Ju⸗ lietta, das iſt es nicht. Dieſer Gedanke iſt es nicht, der dir dieſe plotzliche ſchreckliche Ruhe gibt Lud. Lehrjahre 2. Th. L 162 Julietta.(ablenkend) Sieh doch! Die er⸗ ſten Strahlen der Sonne haben uns hier doch uͤberraſcht... Wir moͤſſen uns jetzt trennen, Ludolph. Cihn heſtig umarmend) Lebe wohl, Geliebter!..„(mit einer Bangigkeit, die ſie nicht bemeiſtern kann) Lebe wohl!.. und wenn du etwa Morgen ſchon. durch eine unerwartete Nach⸗ richt.. uͤberraſcht ſollteſt werden Ludolph.(ſie umfaſſend) Gott! Gott! was ſoll das bedeuten!.„„ich laſſe dich nicht ich muß wiſſen.. Julietta.(unter Liebkoſungen) Verrathe dich nicht... bleibe kalt und verſchloſſen. daß dich die erſte Freude. hoͤrſt du Ludolph ein einziges Wort ein einziger Ausruf, der dir entfuͤhre, konnte uns trennen auf ewig „ Sollte aber meln Plan verungluͤcken, dann Flucht, oder Sod. Ludolph. Wie? du konnteſt— du wollteſt! „ C(ergreift ihre beiden Haͤnde, ſtarrt ſie an, dann mit ſchrecklicher Stimme) Weib! du willſt dem Marcheſe Diurano Gift geben! Julietta.(fährt zuſammen, hat ſich aber eben ſo ſchnell wieder gefaßt) Jal Ludolph.(ſtößt ſie von ſich, daß ſie auf das Ruhebett zuruͤck taumelt) Furie, in der ich durch ein ſchreckliches Blendwerk der Holle einen Engel zu erblicken wähnte Julietta.(ihn wild umfaſſend) Ludolph! 163 Ludolph.(ſich losreiſſend) Hinweg! Julietta. Undankbarer! Ludolph. Kein vergebliches Verbrechen! wir ſehen uns nie wieder!(er ſtͤrzt hinaus) Ludolph buͤßte ſtreng die Schwachheit ſeines Herzens Der Gedanke, das Weib eines Andern, traͤgt unter ihrem Herzen die Frucht deiner ehebrecheriſchen Liebe, benahm eben dieſer Liebe auf einmal ihr Romantiſches„. und ge⸗ rade das Band, wodurch Julietta ihn noch feſter an ſich zu knuͤpfen, und lenkſamer zu machen waͤhnte, bereitete ſeine Entzauberung Zu der nagenden, immer tiefer eindrigenden Reue, die ſein Innerſtes folterte, geſellten ſich allmaͤhlig alle Qualen einer empoͤrten, aber nicht erlo⸗ ſchenen Liebe.. Er dachte ſich mit ſeiner ge⸗ woͤhnlichen Lebhaftigkeit Julietta's Lage; und je lebendiger ſeine Phantaſie ihm dieß ſchreckliche Gemaͤhlde vorhielt, je mehr fand er Entſchuldi⸗ gung— je deutlicher ſah er ein, wie leicht ein ſchwaches liebendes Weib von bangen Ahnungen einer zernichtenden Zukunft ergriffen, im Wahn⸗ ſinn des Schmerzens, den blutigen Mordgedan⸗ ken faſſen konnte.— Jetzt ſah er ſchon die arme Julietta ſein Kind„in einem engen tiefen Kerker, auf ewig der Freuden ihres Lebens beraubt, L2 . . 3 164 auf einem Strohlager ihr Leben enden„er ſah den unſchuldigen Knaben auf der kalten entſeel⸗ ten Bruſt der Mutter des Hungertodes ſter⸗ ben„ Da rang er die Haͤnde in wilder Ver⸗ zweiflung, und verwuͤnſchte ſein ungluͤckliches Daſeyn. Und ich konnte ſie in dieſer namen⸗ loſen Seelenangſt verlaſſen! rief er auf einmal, ihrem Tyrannen Preis geben!. Jetzt in die⸗ ſem Augenblick vielleicht ſoll das arme, von allem menſchlichen Schutz beraubte Weib dem Unerbitt⸗ lichen. ſie zu ihm! Von mir ſoll er erfah⸗ ren.. mich ſoll er ſtrafen. Ich allein falle als Opfer ſeiner Rache! und Julietta ſey gerettet!. Entſetzen hatte ihn ergriffen, er rannte durch die Straſſen, ſturzte in den Pallaſt Diurano, fragte laut nach dem Marcheſe.— Daß er nicht zu Hauſe ſey, wollte er nicht glauben; ſchon war er bis an ſein Kabinet gedrungen, als ſein guter Genius, Laura, die Vertraute ſeiner Geliebten, ihm in den Weg fuͤhrte.. — Eine Stunde darauf. Julietta's Schlafgemach. Julietta.(ſizt und ſchreibt.) Laura.(kommt herein, gibt ihr einen Brief und entſernt ſich.) Jultett a. Von ihm!(ſe liest)„ Nie „werde ich mir dieſe ſchreckliche Verwirrung mei⸗ 165 „nes zu argloſen Herzens verzelhen kdnnen!— „nie meine Verblendung, die mich einen Abgrund „uͤberſehen ließ, weil er durch die Hand eines „wolluͤſtigen Weibes mit Blumen kuͤnſtlich be⸗ „deckt war.. Dank dir, Allguͤtiger! der du in „Zeiten noch durch die genaue Erkenntniß der „Groͤße m eines Vergehens meinem ſchwankenden „Entſchluſſe Beſtimmung und Feſtigkeit gabſt! „„ Tiefes inniges Mitleiden, zermalmende „Reue folterten noch vor wenig Stunden dies „troſtloſe zerbrochene Herz— meine Seele un⸗ „terlag bei dem ſchrecklichen Gedanken— Mut⸗ „terangſt macht ſie zur Verbrecherin! „Ich flog in ihre Wohnung, ſuchte ihren ungluͤck⸗ „lichen bedaurungswuͤrdigen Gatten auf, feſt „entſchloſſen ihm alles zu entdecken, und dann „mir ſelbſt den Dolch vor ſeinen Augen in die „Bruſt zu ſtoßen.— Da kam mir ihre Laura „entgegen ſie bebte bei metsem Anblick zu⸗ „ruͤck, und, war es Mitleiden, war es Schre⸗ „cken uͤber die Folgen meines Vorhabens— „verrieth ihre unwuͤrdige Gebieterin, die aus „dem edelſten Vorrecht ihres Geſchlechts ein „Schreckwerk holliſcher Taͤuſchung machte, und „der ſtrafbarſten Liebe Folgen erlog, die mich „zu dem Handwerk eines gemeinen Banditen „herabwuͤrdigen ſollten.— Nach dieſer Entdeckung „werden ſie wohl uͤberzeugt ſeyn, daß, wenn „auch nur ein Funken von Tugend und Ehrgefuͤhl 166 „in meinem Herzen uͤbrig geblieben iſt, nur Ab⸗ „ſcheu, und Verachtung Cſie ſpringt auf „und zieht die Glocke, indem ſie laut ruft) Laura! „Laura! Laura.(tritt herein.) Jultetta.(heftig auf ſie zugehend.) Wann haſt du zum letztenmal Ludolph geſprochen? Laura.(verlegen) Ich kann„mich. nicht ſogleich beſinnen„. Inlietta. Bekenne! Laura. Geſtern heute„vor eini⸗ gen Stunden„„(ſinkt in die Knie)) Ich bin unſchuldig! Jultetta. Aus rſe Augen, Elende! Laura.(will Lulietta's Hand ergreifen) Gnade! Barmherzigkeit!.. O meine theure Ge⸗ bieterin! wenn ſie ihn geſehen haͤtten er ſuchte den Marcheſe auf„die Angſt. Julietta.(ſie zuruͤckſtoſſend) O daß ich dieſem hirnloſen Geſchoͤpf mein Zutrauen ſchenkte! „hinweg!.. Laura.(will ſprechen, indem tritt ein Bedien⸗ ter herein, und meldet) Graf Valerio! Julietta. Nein doch ja ſoll kommen! Der Bedtente.(ab) Julietta.(raſch zu Laura) Suche ihn auf — ſage ihm, die Furcht hätte dich zu einer Lge verleitet. ich befaͤnde mich wuͤrklich in andern 167 umſtaͤnden.(man hört kommen) Geh! und wehe dir, wenn du deine Uebereilung nicht wieder gut machen kannſt!.. Valeriv.(ihre Hand kuͤſſend) Ich darf mich wahrlich gluͤcklich preiſen, ſchoͤne Kuſine! ſie end⸗ lich wieder einmal zu Hauſe anzutreffen! Jultetta. Und ich nicht minder, den all⸗ bellebten Grafen, um den unſere Damen ſich reiſſen, der von Eroberung zu Eroberung fliegt, und in allen Myſterien der Toilette eingeweiht iſt, bei mir willkommen zu heißen! Valerio. Sie ſcherzen, gnaͤdige Frau! ich will aber verdammt ſeyn, wenn ſie nicht ſchuld daran ſind, daß ich ſeit vier Wochen wenigſtens Zwanzig der ſuͤſſeſten téte à teéte verſaͤumt habe!.. Julietta. Still! ſagen ſie das nicht ſo laut, ſonſt machen ſie mir noch boſes Spiel (ablenkend) Sie haben ja immer alle Taſchen voll Neuigkelten erzaͤhlen Sie mir doch etwas! Valerid. Es ſind in der That ſehr magere Zeiten„man erfährt gar nichts mehr„. Doch ja— die Abreiſe des Grafen Sternberg iſt endlich auf den kuͤnftigen Sonnabend feſt⸗ geſetzt„ Jultetta Cſucht ihre Verlegenheit zu ver⸗ bergen) So!. woöher wiſſen Sie das? Valerto. Von dem Grafen ſelbſt, dem ich dieſen Morgen meine Aufwartung machte— 168 alles lacht, ſingt und huͤpft in dieſem Hauſe fuͤr Freude„ich konnte mich nicht genug ver⸗ wundern, daß man ſich ſo freuen kann, aus un⸗ ſerm Paradieſe wieder in's Baͤrenland zuruͤck zu gehen— Auch der Sekretair war ſehr emſig — er ſtand neben den niedlichen Geſellſchafts⸗ fraͤulein der Graͤfin am Fenſter, ſie ſprachen ſehr eifrig mit einander in ihrer Sprache; ich konnte daher nichts davon verſtehen, als ihren Namen, meine ſchoͤne Kuſine, der mehrmalen, aber immer ganz leiſe, wiederholt wurde, und wobei, einmal beſonders, das Fraͤulein die Augen gewaltig aufriß.. Dieſe beiden Leutchen ſchei⸗ nen ſich nicht zu haſſen;(dumm lachend) ja ſo etwas habe ich gleich weg. es iſt ordentlich Inſtinkt bei mir. Julietta, Alſo Sonnabend ſchon. Valerio. Ja.. unter uns geſagt, ich ſehe es ſehr gern, daß dieſer deutſche Graf ſich endlich fort trollt.. War es nicht ein Aufſehen mit ſeinem Sekretair! Unſere Damen hatten ſich ordentlich das Wort gegeben von nichts anders mehr als von dieſem Menſchen zu ſprechen„ ich kann ſogar einige(Scheimnißvoll lächelnd) Doch ich wlll nichts ſagen— aber geaͤrgert hat es mich, daß man ihnen ſogar, meine kluge Kuſine, nachſagte, auch ſie waͤren ſterblch in ihn verliebt. Wie habe ich mich nicht alterirt? Und haͤtte ich nicht gerade an dem Tage etwas 169 eingenommen ich glaube wahrhaftig, es waͤre zwiſchen mir und dem naſenweiſen Alfredi bis zu einem Zweikampfe gekommen„. Julietta.(traͤumend) Da haͤtten Sie ſehr unrecht gehabt! Valerto.(mit komiſcher Heſtigkeit) Unrecht!, ich! wenn man ſich erfrecht, meiner verſtaͤndigen Kuſine eine ſolche Horreur nachzuſagen! Es iſt wahr, der Menſch iſt gebaut wie der Apoll von Belvedere und wenn ich ein Frauenzimmer waͤre. C(ſpringt erſchrocken auf) Mein Gott! wiſſen ſie auch ſchon das große Ungluͤck? Julietta.(immer abweſend) Ich weiß von keinem Ungluͤck Sonnabend alſo. Valerio. Geſtern Abend Punkt Neune hat ſich der Graͤfin Brambilla ihr kleines, nied⸗ liches, allerliebſtes Schvoshuͤndchen das linke Bein gebrochen„ Die gute Dame ſank aus einer Ohnmacht in die andere, das ganze Haus kam in Allarm, die Aſſemblee wurde abgeſagt, und der Haushofmeiſter mit Frau und ſieben Kindern wurde auf die Straſſe geſetzt, weil er zugegen war, als Joli das Bein brach, und es nicht verhindert hatte— und ich erbaͤrmlicher Menſch ſitze noch hier, und plaudre, ohne zu bedenken, daß ich mich heute noch nicht nach dem theuern Patienten erkundigt habe.„ ZAbermals eine Todſuͤnde, meine ſchoͤne Kuſine, woran Ste ſchuld 170 ſind„ich eile(er kußt ihr die Hand uud rennt fort.) Julietta ſchrieb, der Brief kam unerbrochen zuruͤck. Laura um den Zorn ihrer Gebieterin zu entgehen, blieb den ganzen uͤbrigen Tag unſicht⸗ bar, den andern Morgen aber entdeckte Julietta, daß die Ungnade, in die ſie gefallen, dem armen Maͤdchen ſo ſehr zu Herzen gegangen war, daß es in der Zerſtreuung einen Theil ihres Schmucks, und zum Troͤſter auf der Reiſe den Leibgutſcher mitgenommen hatte. FJulletta rang in banger Unentſchloſſenheit zwiſchen Liebe, Furcht, Hoffnung und Durſt nach Rache getheilt— bald ſiegte der Liebe Sehnſucht, bald behielt der beleidigte weibliche Stolz die Oberhand. Um den Qualen der Einſamkeit zu entgehen, und doch mit ſich allein zu ſeyn, fuhr ſie in die Oper.— Ihr erſter Blick flog nach der Loge des Grafen Sternberg; noch war ſie leer, aber bald därauf trat Fraͤu⸗ lein Emilie, und mit ihr Ludolph herein.— Eine ſuͤſſe Vertraulichkeit ſchien zwiſchen beiden zu herrſchen. Ludolph verwandte kein Auge von ihr; einmal nur ſchien er nach der Gegend hin zu blicken, wo Julietta ſaß; er neigte ſich als⸗ daun zu Emilien, und ſagte ihr etwas in's Ohr, woruͤber ſie laͤchelte.— Julietta ſprang auf, und verſchwand. —— 171 Es iſt Nacht. Ludolph.(kommt in ſeinem Mantel einge⸗ huͤllt durch die Straſſe von Toledo.) Ein Unbekannter.(hält ihn an) Junger Herr! bis Geſtern war ich, ihr Vapo, im Solde einer reichen ſchoͤnen Dame; des Abends ſpät erhielt ich meinen Abſchied.— Was ſo etwas bedeutet, verſteht unſer einer am beſten.— Ich habe ſie liebgewonnen— Sie dauern mich— ſeyn ſie auf ihrer Huth! Ludolph.(indem er ihm einige Goldſtüͤcke giebt) Dank fuͤr die Nachricht— war ſchon darauf gefaßt— wird aber hoffentlich nichts zu bedeuten haben.(will gehen.) Der Unbekannte. Herr! ich weiß noch mehr! Vor zwei Stunden ungefaͤhr ſah ich zwei von unſern beſten Dolchfuͤhrern in den Pal⸗ laſt Diurano ſich ſchleichen ich druͤckte mich an die Wand.— Bald darauf kamen ſie wieder zum Vorſchein— Spaß! ſagte der Eine, noch vor Mitternacht ſoll das Geld verdient ſeyn.„ Mir ſtleg das Haar zu Berge— dieſe Kerls verſprechen nichts, was ſie nicht zu halten ge⸗ wohnt ſind„. Ludolph.(geht) Gute Nacht! Der Unbekannte.(ihm nach) Herr! ich laſſe ſie nicht allein gehen— auch ich weiß mei⸗ nen Dolch zu fuͤhren und bin gut bewaffnet„. 172 Ludolph.(drückt ihm die Hand) Schade um dich, braver Kerl, daß du ein ſo ſchlechtes Handwerk trelbſt„ ſo komm!(ſie gehen.) Ludolph.(bleibt plötzlich ſtehen) Was war das? Der Unbekannte.(reißt ihn aͤngſtlich mit ſich fort!) Aus dem Hellen, Herr! Es war ein Schuß aus einer Windbuͤchſe; die Kugel pfiff mir an den Ohren vorbei!(er ſinkt getroffen zu Boden) Barmherziger Gott! Ludolph ſchlägt den Mantel zuruͤck und ſturzt mit entbloßtem Degen nach der Gegend wo der zweite Schuß herkam,— Zwei Banditen ſpringen um die Ecke und fallen ihn an— Ludolph vertheidigt ſich mit Muth und Geiſtesgegenwart— der Eine ftͤrzte endlich roͤchelnd zu Boden, der andere flicht.— Ludolph.(zu dem Verwundeten, indem er ihm den Degen auf die Bruſt ſetzt) Wer hat dich gedungen? 6 Der Baudit. Gnade!„„die Gemahlin des alten Diurano. Ludolph. Lebe. Fräuleln Emilte war eine Waiſe, die durch eine ſonderbare Fuͤgung des Schickſals als Kind in das Haus des Grafen Sternberg kam. Seine wuͤrdige Gemahlin vertrat Mutterſtelle bei ihr, und fand ſich durch die kindliche Liebe dieſes in jeder Ruͤckſicht intereſſanten Maͤdchens, fuͤr die Sorgfalt, welche ſie an ihre Erziehung wandte, reichlich belohnt— ſo viel fuͤr jetzt. Ludolph, der fuͤr rathſam gehalten hatte, von dieſem Vorfall keine Erwaͤhnung zu thun, war den andern Morgen beim Grafen, als der Marcheſe Diurano ihn zu einem Feſte einladen ließ, welches er noch vor ſeiner Abreiſe ihm zu Ehren geben wollte.— Ludolph und Emilie waren glelchfalls, und zwar ausdruͤcklich, dazu gebeten. Vergebens ſuchte Ludolph dieſe ihm ſo aͤuſſerſt unerwartete und unangenehme Eintadung abzulehnen; der Graf verlangte diesmal beſtimmt, daß er ihn begleiten ſollte.— Dieſe beſondere Auszeichnung des ſtolzen Marcheſe, ſagte er, konnen ſie durchaus nicht abweiſen, ohne viel⸗ leicht mir ſelbſt zu ſchaden. Eine Kleinigkeit zieht oft, wie ſie wiſſen, wichtige Folgen nach ſich. Diurano hat das Ohr ſeines Monarchen, und die Geſchaͤfte, die ich hier abgethan habe, ſind von der Art, daß auch nicht das Geringſte dabei vernachlaͤßigt werden darf.— Ludolph ge⸗ horchte; bevor ſie aber abfuhren, ſuchte er Emi⸗ lien allein zu ſprechen, und beſchwor ſie ja von keiner Schuͤſſel zu genießen, und uͤberhaupt nichts zu koſten, bevor er ihr einen Wink gegeben haͤtte.— Die gute Emilie machte große Augen — jetzt iſt es nicht Zeit mich beſtimmter zu 174 — eerklaͤren, ſetzte Ludolp haſtig hinzu, ſie ſollen aber alles noch erfahren!— Sie giengen. ulietta tratt in die zahlreiche Verſamm⸗ lung, ſchon wie die Gottin der Liebe ſelbſt; reizender, verfuͤhreriſcher war ſie ſelbſt Ludolphen noch nie erſchienen— Alle Herzen flogen ihr entgegen, ſie empfieng die allgmeine Huldigung. — Eine Furie in Engelsgeſtalt! dachte Ludolph, und blieb kalt und Ernſt in einem Winkel ſte⸗ hen.— Das Feſt war dem Reichthum und dem Stolz des Marcheſe angemeſſen. Geſchmack, ſelbſt in der Verſchwendung, herrſchte allenthal⸗ ben. Einmal an der Tafel begegnete Ludolph Julietta's Blick; ſie fuͤhrte eben ihr Glas an den Mund; er ſah ſie ſchmerzhaft läͤcheln, und waͤhnte ſogar auf ihren Lippen ſeinen Namen leiſe ſtammeln zu hoͤren; aher mit ſichtbarem Abſcheu wandteler ſich nach Emilien um, an deren Seite er ſich nicht ohne Muͤhe gedraͤngt hatte, indem ein Platz gerade Julietta gegenuͤber ihm ange⸗ wieſen worden war. Das Feſt wurde mit einem Ball beſchloſ⸗ ſen.— Die reizende, angebetete Julietta war allenthalben zugegen, und die Seele von allem. Ihre Heiterkeit, ihre frohe Unbefangenheit, wo⸗ durch ſie alles bezauberte, erregte in Ludolph allein die widrigſte Empfindung. Eben ſtand er in einem Fenſter und betrachtete die bunden 128 Reihen, die auf⸗und abſchwebten, als Julietta ploͤtzlich vor ihm ſtand.— Ludolph! ſagte ſie leiſe, indem ihr gluͤhendes Auge bedeutend auf ihm ruhte, hat denn nicht endlich die boͤſe Laune ſanftern frohern Gefuͤhlen, Platz gemacht?... — Ich gehoͤre zu den Todten, antwortete Lu⸗ dolph, vorgeſtern wurde mein Leben feil geboten und gekauft— Und er verlohr ſich unter dem Gewuͤhl.— Julietta erblaßte. Den ganzen Ball uͤber ſuchte ſie vergebens ihm nahe zu kommen. Es fieng an Tag zu werden, Graf Stern⸗ berg war eben im Begriff, ſich mit ſeiner Ge⸗ mahlin und Emilien zu entfernen; als Julietta mit laͤchelndem Munde dem vom Tanz erhitzten Ludolph, vom nahen Schenktiſch ein Glas Man⸗ delmilch uͤberreichte— Ludolph ſah ſie ſtarr an, ergriff das Glas, und goß es auf dem Teller um.— Julietta fuhr zuſammen, riß ihn mit Fewalt auf die Seite und ſagte:— Sie irren ſich, Ludolph; bei Gott! ſie thun mir jetzt zu viel! ich bin verrathen worden, das merke ich aber, o Ludolph! du kannſt mir's glau⸗ ben... wenn in dem erſten Gefuͤhl des bit⸗ tern Unrechts. weun in der erſten Aufwalluug der uuverdienten Verachtung meine ganze Weib⸗ lichkeit ſich empoͤrte und ich ach! zu raſch den Plan einer gemeinen Rache entwarf ſo war er eben ſo ſchnell von der Liebe wieder 176 verworfen. Ich ſandte nach Cleiſer) Ludolph! wäͤreſt du gefallen, ſo haͤtte die arme Julietta auch dieſen Tag nicht erlebt!.. Ludolph wollte ſich entfernen, ſie ergriff ſeine Hand, und indem ſie ihre mit Thraͤnen gefollten Augen langſam aufſchlug, ſagte ſie:— du biſt fuͤr mich verloren, ich fuͤhle es; wenn du aber die nagende Reue, die in dieſem Buſen wühlet, wenn du meine bejammerungswuͤrdige Lage ganz umfaſſen koͤnn⸗ teſt. grauſamer Menſch! ſtatt mich noch tiefer zu bengen, wuͤrde deine edle Seele mir ihr ganzes Mitleiden ſchenken!— Ludolph beugte ſich auf ihre Hand, und indem er ſie kuͤßte: Ich habe ihnen vergeben, ſohnen ſie ſich nun mit ſich ſelbſt wieder aus, und leben ſie wohl!„„ Da erhob ſich eine rauſchende Muſik, er eilte ſchnell zum Saal hinaus, und verließ in der ſeltſamſten Stimmung den Pallaſt Diurano auf immer. Zwölftes Kapitel.— Neue Ausſichten. Weng Stunden darauf, beſtieg der Graß ſeinen Reiſewagen mit ſeiner Gemahlin, Emilien und Ludolph. Ohnerachtet er ſeit einiger Zeit nicht wohl war, ſo hatte dennoch ſein Gelſt nichts von 4 * „ 17 ſeiner Munterkeit verlohren; auf Reiſen ſprach er viel und gern; jetzt zeigte er der Graͤfin den Ve⸗ ſuv, der hinter ihnengzu entfliehen ſchien, und zaͤhlte die ſchrecklichen Verwuͤſtungen, welche die, ſer Vulkan zu verſchiedenen Zeitpunkten gentacht hatte.— Ludolph, den ſtarren Blick in die weite Ebene gerichtet, ſah und hoͤrte nichts; ſchwere Seufzer hoben ſeine Bruſt, ſeine Stirne war fin⸗ ſter, nur zuweilen konnte er ein Laͤcheln erzwin⸗ gen. Emilie war ebenfalls nichts weniger als aufgeraͤumt; ſie warf zuweilen auf ihn verſtohlene Blicke, und ſchien den Zuſtand ſeiner Seele erra⸗ then zu haben. So gieng die Reiſe immer wei⸗ ter; der Graf, durch die äuſſern Gegenſtände zur Aufmerkſamkeit gereizt, gab wenig Acht auf das, was um ihn vorgieng. Er machte intereſ⸗ ſante Bemerkungen uͤber jeden wichtigen Gegen⸗ ſtand, der ſich ihnen darbot, und indeß ſeine Ge⸗ mahlin, innig vergnuͤgt über die ſo lange ver⸗ mißte Munterkeit ihres theuren Gatten, aufmerk⸗ ſam zuhorte, ſaſſen Emilie und Ludolph traͤumend und ſeufzend ihnen gegenuͤber.— Endlich hatten ſie Mayland erreicht. Der Graf, den die raſche Fahrt ermuͤdethatte, beſchloß, hier einige Tage auszuruhen; aber ſchon den andern Morgen nahm dieſe Matligkeit, welche man als voruͤbergehend angeſehen hatte, alle Zei⸗ chen einer bedeutenden Krankheit an. Man kann Lud. Lehrjahre 2. Th⸗ M 178 ſich Ludolphs Verzweiflung denken! Von dem Angeublick an verließ er nicht mehr das Zimmer ſeines ihm ſo theuern Wohlthaͤters; ſeine Thraͤ⸗ nen floſſen unaufhoͤrlich; ſo oft aber der Kranke ſich zu ihm wandte, grieff er raſch nach der ihm dargereichten Hand, kuͤßte, druͤckte ſie, und er⸗ zwang eine Heiterkeit, die, ach! eine ſchon auf⸗ gegebene Hofnung in dem Herzen des Kranten von neuem beleben ſollte. Die Pflege des theuern Leidenden theilte er mit Emilien(die Graͤfin war ſelbſt nicht wohl und mußte oft das Bett huͤten) Ludolph hatte nun Gelegenheit, dieſe Theil⸗ nehmende ſanfte gefuͤhlvolle Seele naͤher kennen zu lernen; zum erſtenmal machte er auch jetzt die Bemerkung, daß Emilie ein ſehe ſchones Maͤd⸗ chen ſey. Oft wenn der Kranke ein wenig ſchlum⸗ merte, und er auch zu ruhen ſchien, ſah er ſie in dem dunkelſten Winkel des Zimmers nieder⸗ knien und beten.— In dieſer ruhrenden feierli⸗ chen Stellung gliech ſie einem verklaͤrten Weſen, und Ludolphs Herz ſchlug lauter bei dem Anblick dieſer himmliſchen Geſtalt.— Nach und nach wurden beide vertrauter, und eines Abends, als der Graf, nach einer ſehr ſchlimmen Kriſis die Augen wieder aufſchlug, ſah er ſie neben einan⸗ der kniend, und betend.— Emilie weinte leiſe indeß Ludolph mit halblauter Stimme um den Tod an ſeines Wohlthaͤters ſtatt den Himmel flehte.— Bei dieſem Anblick floß eine Thrane 2 25 174 uͤber die bleiche Wangen des geruͤhrten Greiſes. — O meine Kinder! rief er, indem er ſeine zit⸗ ternden Haͤnde ihnen entgegen reichte, wie ſehr verſuͤßt ihr mir nicht durch eure Liebe dſe letzten Augenblicke des ſcheidenden Lebens! Moͤge der Allmaͤchtige euch dafuͤr belohnen!. Ich fuͤhle es, meine Laufbahn iſt zu Ende trocknet eure Thraͤnen, meine Kinder!... Indem wir das Leben empfangen, werden wir alle mit eben dieſer Schuld belaſtet, die ich nun entrichten werde,— Ich habe viele frohe Tage auf dieſer muͤhſamen Pilgerwanderung genoſſen; Dank dir dafuͤr, o mein Gott! noch groͤßern Dank aber, daß du mich nie an deiner Guͤte und Gerechtig⸗ keit verzweifeln ließeſt, und den Glauben an die Unſterblichkeit meiner Seele durch alle Stuͤrme des Lebens in mir aufrecht erhielteſt Das menſchliche Leben, ſagt der Weiſe, gleicht den Strahlen der Sonne im Winter, wenn ſie von der Spitze des Libanon durch dunkle Regenwolken hervor⸗ bricht; der Wanderer im Thal erhebt das Haupt, und gruͤßt die Wohlthaͤ⸗ tige, aber ſchon hat ſie ihr majeſtaͤti⸗ ſches Antlitz verhuͤllt.— Dann nach ei⸗ nem kurzen Nachdenken.— Emilie! du biſt mei⸗ nem Herzen ſehr nahe— deine Mutter„„ er hielt inne indem ſein Blick mit ſichtbaremt M 2 180 Wohlgefallen auf der Weinenden ruhte. Ludolph glaubte ſich entfernen zu muͤſſen.— Nein, bleibe Ludolph, hub der Graf wieder an, noch habe ich Zeit, Emllien das Geheimniß ihrer Geburt zu entdecken.. Ich ſterbe noch nicht, meine Kinder! ſetzte er laͤchelnd hinzu, und bevor ich dieſe Erzaͤhlung beginne, muß ich nun Kraͤfte ſammeln.— Seine Geſichtszuͤge hatten ſich in dieſem Augenblick merklich veraͤndert; beide lagen knieend, in Thraͤnen zerfließend, vor ſeinem Bette. — Die Graͤfin trat herein, da erhob der Kranke ſein mattes Haupt.— Theures Weib! ſtammelte er mit kaum noch hoͤrbarer Stimme, habe Dank fur das ſchone Leben, das ich an deiner Seite zubrachte.. Emilie„„deine Hand. auch die deine, Ludolph.. er raffte ſich gewaltſam empor, und bemuͤhte ſich beide Haͤnde in einander zu legen; aber er ſank zuruͤck, ſeine Stimme er⸗ loſch, und indem ſein gebrochenes Auge auf ſei⸗ ner Gattin und Emilien ruhte, flog ſeine Seele dem beſſern Leben entgegen.— Die Graͤfin wurde ohnmaͤchtig in ihr Zimmer getragen, und mehrere Tage war man fuͤr ihr Leben beſorgt.— Als ſich der uͤbermäͤßige Schmerz gelegt hatte, und Ludolph ruhiger Ueberlegung wieder faähig wurde, war ſein erſter Gedanke— Emilie, und die letzten Worte des Verklaͤrten. Von die⸗ ſem Augenblick an betrachtete er das gute liebevolle 181 Maͤdchen als ſeine kuͤnftige Gattin, obgleich das, was ihn nach Emilien hin zog, ulcht Liebe, nicht Leidenſchaft, ſondern ruhiges Wohlwollen, und äberlegte Neigung war— aber wer iſt ſie? wo iſt dieſe Mutter, welche unſer Wohlthaͤter, ſelbſt in dem letzten Augenblick ſeines Lebens mit ſo warmer Theilnahme erwaͤhnte?.. Die Beant⸗ wortung dieſer Frage lag ihm ſehr am Herzen. Zwar war er in jedem Fall bereit, den letzten Willen des Grafen ſtreng zu befolgen, aber den⸗ noch war die Geheimnißvolle Dunkelheit, in der die Geburt ſeines zukuͤnftigen Weibes eingehuͤllt war, ſeinem Ehrgefuͤhl nichts weniger als gleich⸗ guͤltig. Eines Abends als er allein bei Emilien ſaß, nach einer wechſelſeitigen Ergießung, wagte er es, jedoch mit aller nur moͤglichen Schonung, dieſe Saite zu beruͤhren.— Emilie erblaßte, er ſah eine Thraͤne in ihrem Auge ſich bilden, und wollte kurz davon abbrechen— Nein! nein! rief ſie aͤngſtlich und verlegen; ſchon laͤngſt hatte ich mir vorgenommen offenherzig daruͤber mit ihnen zu ſprechen— halten ſie nur dem ſchuͤch⸗ terneu unerfahrnen Maäͤdchen etwas zu gute, Lieber Ludolph! ich welß mir ſelbſt nicht jene Aengſtlichkeit zu erklaͤren, die mich ein jedes⸗ mal bei dieſem ſo wichtigen Gegenſtand uͤber⸗ fällt.„Nicht minder heilig als ihnen iſt mir 182 der letzte Wille unſers Wohlthaͤters; aber daß es uns Pflicht ſey, denſelben blindlings zu be⸗ folgen, davon bin ich eben ſo wenig uͤberzeugt, als ich gewiß bin, daß er keinen andern End⸗ zweck dabei, als unſer Gluͤck, vor Augen hatte „„Sollte ſich nun unſer edler Freund hierin⸗ nen geirrt haben..— laſſen ſie mich ausreden, Ludolph— ſo waͤre es zuverlaͤßig hinreichend geweſen, ihn mit ſeinem Irrthum bekannt zu machen, und ihn zu bewegen dieſen Plan auf⸗ zugeben. Ludolph. Liebe Emilie! als unſer Wohl⸗ thaͤter eine Verbindung beſchloß, die gewiß das Gluͤck meines Lebens ausmachen wird, ſo hatte er ſich zugleich vorgenommen, mir durch ſeinen Einfluß eiue Stelle zu verſchaffen, die mich in Stand geſetzt haͤtte, ein Sorgenfreies Leben als Gatte und Vater zu fuͤhren— er ſtarb, bevor er ſeinen Plan, und zugleich den ſuͤſſeſten Wunſch meines Herzens in Erfullung bringen konnte.—. Dies veraͤndert zwar die Lage der Sache, aber im Grunde bleibt ſie immer doch noch dieſelbe„ Emilie. Nein, Ludolph„Ich danke ihnen fuͤr dieſe zarte Auseinanderſetzung, aber ganz andere Verhaͤltniſſr ſind eingetreten Ludolph. Keine, als daß ich nun mit der Wonne, dich, ltebes Maͤdchen, als meine kuͤnftige Gefuͤhrtin durch's Leben an mein Herz zu druͤ⸗ cken, das ſtolze Bewußtſeyn werde verbinden tonnen, nur dir und meinem eigenen Beſtreben dies Gluͤck zu verdanken zu haben.—— Emilie.(indem ſie mit einem dankbaren Scelenvollen Blick ihm die Hend druͤckt) Guter, edler Menſch! Ludolph. Kann ich mir nun ſchmeicheln, daß, alle Nebenſachen auf die Seite geſetzt, ihr Herz gegen den Willen unſers Wohlthaͤters nichts einznwenden hat? daß. Emilte.(in holder Verwirrung, indem ſie über und uͤber gluͤhend ihre Augen zu ihm erhebt) Luvolph! wenn ſie das theuerſte Geheimniß mei⸗ nes Herzens noch nicht errathen haben, ſo„ (ſie ſtockt, und wendet ſich um.) Ludolph.(ſeine Rechte um ihren Nacken ſchlagend) Emilie! meine Freundin! mein Weib! „2 Ceine innige Umarmung) Gewiß, Emſie, wir werden gluͤcklich ſeyn!— aber nun, mein theures Maͤdchen, darfſt du meiner Frage keine ſolche unartige Auslegung mehr geben— habe ich denn nicht einen ſehr wichtigen Grund dazu? — Du biſt von Adel! wer iſt uns Buͤrge, daß deine Eltern die freie edle Denkungsart unſers Wohlthäters haben werden? 184 Emilie.(ſchmerzhaft) Und wer ſind denn dieſe Eltern!— dieſe Mutter, die der Graf zum erſtenmal auf dem Sterbebette erwaͤhnte um mich allen Quaalen einer folternden Unge⸗ wißheit Preis zu geben!„ Bis dahin hatte ich geglaubt, ich ſey eine fruͤhe Waiſe geweſen⸗ durch Gottes weiſe Fuͤgung in das Haus des edlen Grafen gebracht, und ein unergruͤndliches Dunkel verhuͤlle das Geheimniß meiner Geburt — und nun„„. Ludolph! was ſoll ich glau⸗ ben? lebt mein Vater, lebt meine Mutter noch welche furchtbare Scheidewand liegt zwiſchen ih⸗ nen und ihrem Kinde, daß ſie ſeit achtzehen Jah⸗ ren nicht im Stande geweſen waͤren, ſelbige zu uͤberſteigen. oder haben ſie mich verworfen!... (ſie weint ſtille Thränen, die ſie vergeblich zu unter⸗ drücken ſucht.) Ludolph. Troͤſte dich, liebe Emilie! vlel⸗ leicht kann uns die Graͤfin„. Emilie.(gewaltſam ihren Schmerz untere⸗ bdruͤckend) Auch ſie weiß nur wenig— Geſtern noch bedauerte ſie, daß ein fuͤr mich ſo wichti⸗ ges Geheimniß mit ihrem Gemahl zu Grabe gegangen ſey„Nur dies wenige habe ich von ihr erfahren:—— der Graf ſey einſt von einer Reiſe zuruͤckgekommen, und habe mich als ein zweijaͤhrigs Kind mitgebracht.— Es iſt die Frucht einer ſehr ungluͤcklichen Liebe, habe er ihr geſagt; der Vater war mein Jugendfreund, das Schickſal verfolgt ihn und die Mutter„ver⸗ zeih, liebes Weib! noch vermag ich nicht es äber mich zu nehmen, dir eine deutlichere Er⸗ klaͤrung zu geben, aber du ſollſt noch alles er⸗ fahren.. indeſſen betrachte dieſes Kind des Schmerzes und des Ungluͤcks als unſere eigene Tochter, und laſſe es Standesmaͤßig erziehen— ach! ja der edle trefliche Mann war mein Vater! aber warum mußte er dies ſo theure Geheimniß mit in's Grab nehmen?—(ihre Thraͤnen bra⸗ chen gewaltſam hervor, dann nachdem ſie ſich wieder gefaßt hatte) Noch ein Schimmer von Hofnung bleibt mir uͤbrig— der Kammerdiener, den der Graf damals auf dieſer Reiſe bei ſich hatte, lebt noch als Verwalter auf einem Gute ſeines Herru in Boͤhmen—. Ludolph. Unſere erſte Sorge ſey daher, bei unſerer Ankunft in's Vaterland dieſen Mann aufzuſuchen. und dann, liebes Maͤdchen! eine Huͤtte und dich! Emilte. Theurer Freund! dieſer Gedanke „„DO ich fuͤhle es, ich werde ein gluͤckliches Weib werden!(eine innige Umarmung.) Die Graͤfin wurde gendthigt, noch mehrere Wochen das Bett zu huͤten, endlich ſetzte ſie ihre Reiſe fort, und kam gluͤcklich in der fuͤrſtli⸗ 6 chen Reſidenz an. Ludolph, der von dem Gange des durch den Grafen beendigten Geſchaͤfis völlig unterrichtet war, wurde ſogleich zu dem Miniſier berufen. Er fand in ihm einen der wuͤrdigſten Maͤnner, der mit einem hohen Grade von Auf⸗ klaͤrung, ein warmes theilnehmendes Herz, und den leider! beinahe nur noch dem Namen nach gekonnten deurſchen Biederſinn verband. Er war des Grafen intimſter Freund geweſen, beide waren neben einander in den Geſchaͤften grau geworden; Ludolph kannte er durch des Verſtor⸗ benen Briefwechſel, und fand ihn, wie er ihm beſchrieben wurde. Auf ſeine Unterſtutzung konnte er daher bauen, und ſchon wähnte der, durch eine naͤhere Kenntniß der Menſchen uud ihrer wechſelſeitigen Verhaͤltniſſe um vieles herabge⸗ ſimmte, Schwaͤrmer am Ziele ſeiner gemaͤßig⸗ tern Wuͤnſche zu ſeyn, als der Fuͤrſt ſtarb, und ſein Nachfolger, ein leichtſinniger, ausſchweifen⸗ der, an Leib und Seele kraͤnkelnder Juͤngling, den thaͤtigen Greiß in eine, dem Scheine nach, Ehrenvolle Ruhe verſetzte, um deſſen Stelle ſei⸗ nem in jedem Betracht unwuͤrdigen Guͤnſtling zu geben. Dies unerwartete Ereigniß benahm unſerm Ludolph jede Ausſicht zur nahen Befoͤrderung, und die Gräfin ſelbſt mußte ihm am Ende ge⸗ ſtehen, daß ſie, ſeit ihres Gemahls Tode, und 1 ſeines Freundes Entferuung nun deutlich merke, daß all ihr Einfluß verlohren gegangen ſey.— Mein Entſchluß iſt nun gefaßt, ſetzte ſie hinzu, ich gehe auf meine Güter, moͤgen immerhin dieſe Menſchen meinen Gemahl und ſeine gelei⸗ ſteten Dienſte vergeſſen; in meinem Herzen wird ſein Andenken ewig ruhen, und ſein letzter Wille mir heilig ſeyn— Wenn er noch am Leben wäre. Ludolph wollte ſprechen— Ich weiß, was ſie mir ſagen wollen; horen ſie erſt meinen Vorſchlag... Ohnweit des Landguts, welches ich nun beziehen werde, liegt ein kleiner Meyer⸗ hof, in einem fruchtbaren reizenden Thal an den Graͤnzen von Bohmen; ſie verſtehen die Landd⸗ konomie, wenigſtens aus Buͤchern; fuͤgen ſie nun die Erfahrung hinzu; dort ſollen ſie mit Emilien ein, von den Hofkaballen, und den Launen der Menſchen unabhängiges gluckliches Leben genieſ⸗ ſen.— Ludolph, innig geruͤhrt, kuͤßte ſeiner Wohlthaͤterin die dargereichte Hand, bat ſich aber Bedenkzeit aus. Den Abend, als ſie verſammelt waren, er⸗ neuerte die Graͤfin ihren Vorſchlag und detaillirte alle Vorzuͤge des einſamen Landlebens, und ſei⸗ ner kuͤnftigen Lage. Emilie, die eben den Thee eingeſchenkt hatte, warf ſich laut ſchluchzend in ihre Arme, indeß Ludolph ernſt und nachdenkend ſeine Taſſe hinſtellte. 188. Die Gräfin.(befremdet) Was ſoll das2 Ludolph. Mit dem waͤrmſten Dank neh⸗ me ich den guͤtigen Vorſchlag Wohlthaͤ⸗ terin an.. Die Graͤfin.(zu clun Nun? Emilie. Ach! hoͤren ſie nur, gnädigſte Graͤfin, welche ſeltſame Grille.. Ludolph. Es ſind keine Grillen, liebe Emilie! Nach dem unerſetzlicen Verluſt unſers ſo theuren Wohlthaͤters, iſt es ja ganz natuͤrlich⸗ daß es mir fuͤr einen zweiten nicht minder em⸗ pfindlichen Verluſt bangt—— Vergebung, gnaͤ⸗ digſte Frau! aber nach dem gewbhnlichen Lauf der Natur ſind wir verurtheilt auch ſie noch zu überleben.. Ihr Erbe, bekannt durch ſeine unerſaͤttliche Habſucht, und ſeinen auſſerſt zwei⸗ deutigen Charakter. noch einmal Verzeihung! aber ich muß mich rechtfertigen.. wird uns entweder aus dem Meyerhof vertreiben, oder mir ſolche Bedingungen vorſchlagen, daß wir gerade in dem Bauern⸗Stand gebohren und erzogen ſeyn muͤßten, um als Pachter nur einigermaſſen unſer duͤrftiges Leben erhalten zu koͤnnen. Die Graͤfin. Kann denn da nicht vorge⸗ baut werden?— Trauen ſie mir wenigſtens zu. Ludolph.(ihre Hand kuͤſſend) Alles, was wahrhaft groß und menſchlich iſt, traue ich meiner edlen zu„aber hier iſt nichts zn aͤndern.— Ich habe ſchon laͤngſt Gelegenheit ge⸗ habt, aus den Famillen⸗Dokumenten mich genau von allem zu unterrichten; dieſer Meyerhof gehoͤrt zum Stammgut, und konnte zu keiner Zeit ver⸗ aͤuſſert werden.— Roch muß ich bemerken, daß der Herr Graf bei ihrer liberalen Denkungsart, und ihrem Hang zur Wohlthaͤtigkeit nicht immer ihre Kraͤfte berechneten... Die Guter ſind ins⸗ geſammt ſehr verſchuldet, und Pflicht von mir iſt es zu ſagen, daß ſchnelle und ernſte Maaßregeln getroffen werden muͤſſen, um ihnen, gnaͤdigſte Frau, ein reines Einkommen zuzuſicheru; frei von allen Eingriffen und Chicanen der Agnaten und kuͤnftigen Erben. Ich verhehie ſogar nicht, daſt dieſe nothwendige Einrichtung mit großen Schwie⸗ rigkeiten verbunden iſt, und daß, wenn ſelbige auch noch ſo gluͤcklich wird beendigt ſeyn, ſie ſich dennoch gewiſſe Einſchroͤnkungen werden muͤſſen gefallen laſſen.. Die Graͤfin. Aber mein Gott! Ludolph. Dies waͤre freilich alles nicht ud⸗ thig geweſen, wenn die Vorſehung uns ihren wuͤr⸗ digſten Gemahl erhalten hätte.— Ihm waͤren als Eigenthuͤmer manche, ſogar nutzliche Veraͤuſ⸗ ſerungen erlaubt geweſen, welche ſie, gnaͤdigſte Frau, die ſie nichts mehr als den Genuß haben, und den man nochuͤber einen Theil ſtreitig machen konnte, nicht wagen duͤrften— auch der anſehn⸗ — 4 190 liche Gehalt, und jede Unterſtutzung von Seite des Hofes fallen nun weg... Die Graͤfin, die bei einer nicht mindern Her⸗ zensguͤte als ihr Gemahl, jedoch ungemein mehr Stolz beſaß, konnte ob ſie gleich einſah, daß Ludolph recht hatte, ſich eines kleinen Unwillens nicht enthalten.— Armes Kind, ſagte ſie, indem ſie Emilien an ihr Herz druͤckte, wer ſo kalt und mathematiſch genau alles zu berechnen im Stande iſt, der kann unmoglich der Liebe einen weiten Raum in ſeinem Herzen geſtattet haben— ich bedaure dich aber.. Ludolph.(durch dieſen Vorwurf beleidigt, und geruͤhrt durch Emiliens Thraͤnen) Nein, Emilie, nein, glaube nicht, daß ich dich minder liebe, wweil ich den Muth habe der pruͤfenden Vernunft Gehoͤr zu geben!.. Eben weil ich dich liebe, weil ich das Gluͤck deines Lebens, von dem das meinige abhaͤngt, auf immer gruͤnden mogte, darf mich eine blinde Leidenſchaft nicht lenken und beſtimmen.. Gewiß, theures Maͤdchen, dieſe Ltebe iſt edler und bewaͤhrter, als wenn ich im Drange unuͤberlegter Gefuͤhle vergeſſen ionnte, daß meine Emilie einſt Mutter.. daß es meine heiligſte Pflicht ſey, ſie zur frohen, und ſo viel es dem menſchlichen Leben gegoͤnnt iſt, zur ſor⸗ genfreilen Mutter machen muß... Gnaͤdigſte Graͤfin! horen ſie mich an, und uͤberlaſſen ſie mich 101 nicht laͤnger dem Schmerze von ihnen verkannt zu ſeyn!(indem er ſeinen Stuhl näher ruͤckte, und Emiliens Hand in die ſeine legte) Der edle Greiß, der ohnlaͤngſt noch, zum Wohl dieſes Landes das Stäatsruder lenkte, hat mir dringende Empfeh⸗ lungs ſchreiben nach*** bereits anvertraut; er gibt mir die gegruͤndetſte Hofnung zu einer an⸗ ſtäͤndigen Verſorgung.— Morgen will ich dahin reiſen, und werde ich wuͤrklich angeſtellt, ſo kom⸗ mz ich ſogleich zuruͤck und hole meine Emilie ab Bis dahin konnen wir vielleicht auch ſchon naͤhere Aufklaͤrung uͤber ihre Eltern erhalten ha⸗ ben— Der alte Kammerdiener hat ſicher nun unſern Brief empfangen„* Emilie.(ſchmerzhaft lächelnd) Ach! daß ich dir Recht geben muß...(zur Gräfin) Zuͤrnen ſie nicht mehr auf ihn, ſeine Liebe iſt weit edler als dle meinige.. Ludolph.(noch waͤrmer) Und welch ein ſuͤßer Lohn fuͤr die aufgeopferten Stunden der Liebe wartet alsdann meiner, wenn, ſtatt des Pflanzenlebens eines Landmanns aus Bequem⸗ lichkeit, und um ſchneller das Ziel meiner Wuͤn⸗ ſche zu erreichen, zu waͤhlen, ich meine beſſern Geiſteskraͤfte— zum Nutzen des Staats anwende, mich nach und nach empor ſchwinge, und endlich an der Seite meiner heitern liebevollen Emilie, von unſern Kindern umgeben, ich mir einſt werde 3 ———————— ——— ſagen konuen;— mir! mir allein haben ſie dieſe frohen Tage, und eine ſorgenfrele Zukunft zu verdanken!.. Guädigſte Graͤfin!— Emilie! dies iſt wahrlich kein Opfer der Liebe... die Liebe ſelbſt wuchert hier mit ihren Freuden; ſie ſetzt ſich ein kurzes Ziel, um alsdann reiner genießen zu koͤnnen! Die Graͤfin.(ihm die Hand druͤckend) Ich that ihnen Unrecht, lieber Mann!— Emilie wird ein gluͤckliches Weib.. in Gottes Namen reiſen ſie! Emilie.(ſich in ſeine Arme werfend) Und komme bald wieder! Die Graͤfin. Wenn ſie aber auch in*“*nur Vertroſtungen, und Menſchen wie hier fin⸗ en? Ludolph. Dann, o meine Emilie, habe ich das Meinige gethan; dann ſehe ich's als einen Wink der Vorſehung au, die ſtolzen Traͤume einer hohern Beſtimmung aufzugeben, und werde, treu meinem entſchiedenen Beruf, als Pachter eines kleinen Meyerhofs zu endigen, in den Armen mei⸗ nes guten Weibes mich eben ſo groß duͤnken, mich eben ſo gluͤcklich fuͤhlen, als wenn ich als dirigi⸗ render Miniſter uͤber das Wohl und Weh ganzer Länder zu gebieten haͤtte!... Emilie. O du guter, edler Menſch!.. Mag nun die praͤchtige Reſidenz, oder irgend eine einſame Huͤtte uns einſt aufnehmen!. nur mit dir! nur wo du biſt, bluͤht fuͤr mich Zufriedenheit! — nur an dieſem Herzen kann ich gluͤcklich ſeyn! Den andern Morgen reiſte Ludolph, von dem Seegen der Graͤfin— und den Wuͤnſchen der Liebe begleitet, nach*** ab. Ende des zweiten Theils. S—,———————— —— * — 3