Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oltmann in Gieſien, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih und wFeſebedingungen. 1. oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 S 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine W Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und für wöchentlich 2Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 3 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen⸗ 6. Schadenersatz. 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Berlin und Leipzig. 3 T 8 0 4* An den Leſer. „—— Dieſer Roman, den man nicht unter die ganz gewoͤhnlichen Meßprodukte zaͤhlen darf— iſt im Orginal betitelt— L⸗ Enthousiaſte corri- ge— ein gewiſſer Ludolph iſt dieſer geheilte Schwaͤrmer— ich uͤberſetzte den Titel,(noch paſſender) Ludolphs Lehrjahre„ohne daß es mir jedoch dabey in den Sinn fiel, ein Gegenſtuͤck zu Goͤthe's Meiſterſtuͤck liefern zu gedenken. Weſentliche Veraͤnderungen mußte ich in der Verteutſchung vornehmen: 1) Weil der franzoͤſiſche Verfaſſer, indem er fuͤr Franzoſen ſchrieb, zuweilen vergaß, daß der Schauplatz auf teutſchem Grund und Boden war. ſeine teutſchen Helden wur⸗ den mir dann und wann allzu franzoͤſiſch— und das konnte ich nun durchaus nicht leiden — ich zog ihnen daher ihr Coſtume ä'in⸗ eroyable aus, und legte ihnen dagegen Roͤcke nach teutſchem Schnitt an, wie es einem ver⸗ nuͤnftigen geſetten Menſchen zukommt.— Die Tituskoͤpfe mußten mir gleichfalls Zoͤpf' und Haarbeutel tragen— und ſo gab es nun eine Verwandelung nach der anderm. A 3 Indeſſen hatte der franzoͤſiſche Verfaſſer eben ſo recht gehabt ſo zu ſchreiben wie er ſchrieb — als ich, das zu veraͤndern was ich veraͤn⸗ dert habe— er kannte ſein Publikum, und ich kenne das meinige. 2) Hatte er ſowohl in der Anlage, als zum Theil, in der Ausarbeitung zwei Luſt⸗ ſpiele unſers Wezel's(Rache fuͤr Rache— und Eigen ſinn und Ehrlichkeit— allzu reichlich benutzt— Dies gieng wohl bey den Franzoſen an, die, leider! noch ſehr we⸗ nig mit unſern beſten Schriften bekannt ſind — aber ich konnte doch unmoͤglich den guten Wezel, zum zweytenmal, nachdrucken laſſen — ich entlehnte alſo nur das durchaus Noth⸗ wendige— und das iſt ſo unbedeutend, daß Wezel eben ſo wenig als eine nachſichtsvolle Leſewelt— weder den Verfaſſer des Orginals noch mich eines litterariſchen Diebſtahls be⸗ ſchuldigen koͤnnen„es ſey denn daß irgends ein griesgrammiger unbarmherziger Recenſent das Sprichwort an uns bewähren wollte— nemlich— kleine Diebe haͤngt man, die großen laͤßt man laufen!—— Uebrigens kann ich verſichern, daß alle diejenigen, die N. N. tauſend und einen Roman geleſen haben, auch dieſen, ohne ſich eben an den drey holden Schweſtern zu ver⸗ ſuͤndigen, durchblaͤttern duͤrfen. 2 f ————————— Erſtes Kapitel. Der gute Vater. Nen, nein! ſagte fuͤr ſich der alte Baron von Aſſen, der ein ſolches Geſetz erſann, war nicht Vater, oder verdiente wenigſtens dleſen ſuͤßen ehrenvollen Namen nicht!— und ſeine Augen hiengen mit inniger Liebe auf ſelner Tochter So⸗ phie, die an ihrem Klavler ruͤckwaͤts gelehnt ihrem guten Vater die eine Hand laͤchelnd hin⸗ reichte, indem die andere leiſe uͤber die Taſten flog und ſein Lieblingsſtuͤck ſpielte. Wle! ſo dachte der gute Alte weiter, mein Sohn Ludwig ſollte einſt im Ueberfluß ſchwelgen, indeß ſeine Schweſter ewig entſagen und vielleſcht noch gar am Ende darben muͤßte? Iſt es denn nicht mein Blut, das in den Adern von beiden fließt? Als mir die Natur den helligen Namen Vater zu Thell werden ließ, legte ſie mir nicht ſtlllſchwei⸗ 6 gend die ernſte Pflicht auf, nach allen melnen Kraͤften an dem Gluͤck meiner Kinder in gleichem 6 Verhaͤltniſſe zu arbeiten? Welcher kalte fuͤhlloſe Menſch ſchmiedete dieſe neue Kette! als wenn das ſchwaͤchere Geſchlecht durch Natur und Kon⸗ venienz zur Abhaͤngigkeit verdammt, nicht ſchon genug dies druͤckende Verhaͤltniß fuͤhlte! meine gute ſanfte Tochter Sophie ſollte einſt ihren beſ⸗ ſern Willen den Launen ihres Bruders unterwer⸗ fen muͤſſen, und ſeine unterthaͤnige Dienerin ſeyn? „ nein, nein! nur deinem Herzen und der Pflicht ſollſt du einſt gehorchen muͤſſen!— Und er traf ſogleich alle Maasregeln, um ſeiner Tochter ein ſorgenfreyes unabhaͤngiges Leben zu ver⸗ ſchaffen. Herr von Aſſen hatte den beſten Theil ſeines Lebens im Dienſte des großen Friedrichs zuge⸗ bracht; nach dem Tode ſeiner innig geliebten Gat⸗ tin zog er auf ſeine Guͤter mit ſeinen zwey Kin⸗ dern, dem Troſt ſeines Alters. Mit gleicher Liebe hieng er an ſeinem Ludwig, der des Va⸗ ters kriegeriſchen Geiſt geerbt zu haben ſchien, und an ſeiner Tochter Sophie, die in ihrer zar⸗ ten Kindheit ſchon in ihrem Buſen den Keim je⸗ ner Phllanthrople trug, die ſich allmaͤhlig, ſo herrlich, zum Wohl der leidenden Menſchheit ent⸗ faltete. Der Baron waͤhnte indeſſen ſeine Vater⸗ pflichten redlich erfullt zu haben, indem er ſelnen Kindern den Genuß eines anſehnlichen Vermd⸗ gens nach ſeinem Tode zuſicherte; ſein Erziehungs⸗ plan ſchraͤnkte ſich übrigens in der fruͤhzeitigen Einpraͤgung jener allgemeinen Grundſaͤtze von Religlon und Rechtſchaffenheit eln, welche ſeine Rlchtſchnur in der großen Welt geweſen waren; des guten Greiſes Lebenslauf war weiter nichts als eine ſtille Waſſerfahrt geweſen— dle Stuͤr⸗ me des Lebens kannte er nur aus— Roma⸗ nen. Ludwig und ſeine Schweſter wuchſen in der Einſamkeit heran, unbekannt mit den Sitten, Gebraͤuchen, mit den Freuden, Verbrechen und dem glaͤnzenden Elend der großen Welt; ihre Geiſtesblldung war eingeſchraͤnkt, aber ihr Herz blieb rein, und ihr Verſtand von Vorurtheilen frey; als ſie ſich in der Zukunft genothiget ſahen in dieſer ſchoͤnen großen eleganten Welt zu er⸗ ſcheinen, ſo fuͤhlten ſie ſich freilich alenthalben genirt, aber eben dieſer Zwang erhoͤhte bey ihnen den Reiz des einſamen beſchaͤftigten Lebens, und ſie gewannen an wahren Lebensfreuden, was ihnen an ſchnoͤdem konventionellen Genuß ab⸗ gieng. Ludwig von Aſſen, der weit aͤlter als ſeine Schweſter war, durchlief mit Ehre ſeine milital⸗ riſche Laufbahn bis zur verdienten Wuͤrde eines General⸗»Majors; er wurde oft hart an Men⸗ ſchen gerieben, ſein argloſes Herz ließ ihm oft unfruchtbare Reue und Thraͤnen finden, da wo er Dank fuͤr eine edle That und Freuden zu aͤrnd⸗ ten waͤhnte, falſche Freunde mißbrauchten ihn, ſeine Geliebte betrog ihn um Liebe, um den Glauben an ihr Geſchlecht, aber die Achtung, * —— — dle ihm jeder Rechtſchaffene zollte, die Llebe ſel⸗ ner Untergebenen blieben ihm Troſt und Erſatz. Nach geſchloſſenem Frieden zog er ſich zuruͤck auf ſeine Guͤter mit einem alten treuen Kriegshelden, (zwar nur ein Korporal) der ihn in allen ſeinen Feldzuͤgen begleitet und mit ihm unter dem Har⸗ niſch grau geworden war. Auf ſeinem ſtillen Landſitz ſchuf er ſich eine eigene Welt und eigene Freuden; ohne Ruͤckſicht auf die Moden, die Sitten und die Urtheile derjenigen zu achten, durch die er ſich ſo muthig durchgearbeltet, und die er ſo froh verlaſſen hatte. Bey ſeinem Eintritt in dieſes neue Leben hatte er dem raſtloſen Beſtreben des nimmer befriedigten Ehrgeizes, den kindiſchen Hofintriguen, den ewigen Tracaſſerien der ſoge⸗ nannten ſchoͤnen Welt an der Thuͤrſchwelle den Abſchled auf immer gegeben, und jetzt erſt lernte er das wahre Erdengluͤck kennen und genießen; kurz, der General von Aſſen und ſein getreuer Daun, waren, ohne es zu wiſſen, die ſchoͤnſten Kopien des gutmuͤthigen Kapitain Shandy und ſeines redlichen Trim; jedoch mit dem Unterſchied, daß der wilde Daun minder ehrfurchtsvoll und folgſam als der brittiſche Korporal war; auch Aſſen hatte keinen Sinn fuͤr Feſtungen und Fe⸗ ſtungsbau, aber deſto mehr fuͤr Voͤgel,— er lehte ſo zu ſagen mitten in einer Volliere. Nach dieſem kleinen Streifzug in die Zuknnft wollen wir jetzt wieder zuruck zur fruͤhern S die⸗ ſer Familie. —— S— —— Zweytes Kapitel. Zuſammenkunft. Es war an einem ſchoͤnen Herbſttag gegen eilf Uhr des Morgens, als der alte Baron von Aſ⸗ ſen auf ſeine Tochter geſtuͤtzt, unter munterem Geſpraͤche, die praͤchtige Avenue, die von dem Schloß nach dem Doͤrfchen ſich ausdehnte, mit ihr hinab wandelte. Die letzten warmen Strah⸗ len der ſcheidenden herbſtlichen Sonne hatten elne wohlchaͤtige Wuͤrkung auf den ſchwachen Greiß, er fand ſich leichter als gewoͤhnlich, und ſchlen⸗ derte, ohne es beinahe zu merken, bis an die erſten Haͤuſer, wo er ſich auf einem nlederge⸗ worfenen Weidenſtamm ermattet niederließ. Der guten Tochter heitere Blicke ruhten innig ver⸗ gnuͤgt auf dem geſtarkten Vater. Eine laͤndliche Muſik ſcholl ihnen aus dem Dorfe entgegen und erregte ihre Aufmerkſamkelt— gleich darauf zog eine Hochzelt voruͤber; die junge Braut war in der frohen Gruppe leicht zu unterſcheiden, helm⸗ liche Freude und holde Sittſamkeit faͤrbten ihre 4 2 w„ X———— 10 Wangen, ihr niedergeſenktes Auge warf zuwellen verſtohlene Blicke auf den munteren, ſtolz um ſich blickenden Braͤutigam, ihr wallender Buſen ver⸗ rieth Unruhe, Sehnſucht und den Wunſch nach ſußer Einſamkelt in die zu langſam herbeyſchlei⸗ chende Daͤmmerungsſtunde. Ihre Geſplelinnen bildeten hinter ihr eine liebliche muntere Gruppe, die funkelnden Blicke der Maͤdchen ſchweiften von dem gluͤcklichen Paar zu ihren Geliebten hinuber, ſie waren alle weit zaͤrtlicher uud hingebender als gewoͤhnlich; ſo oft ſie aber die Braut wieder an⸗ hlickten, wurden ihre Mienen ernſter, indem ein unmerkliches Laͤcheln ſich um ihren Mund bllde⸗ te; ſie ſchienen den Gang, die Stellung, eine jede Bewegung der Glucklichen zu ſtudiren, und die ſuße Ahnung, daß auch ihnen naͤchſtens dieſe— bange ſuͤße Stunde ſchlagen wuͤrde, preßte ihr Herz wolluͤſtig zuſammen. Zu dieſem laͤndlichen Gemaͤhlde gehdrte noch ein Juͤngling, deſſen Tracht und aͤußere Bildung, obgleich ſehr ein⸗ fach, dennoch keinen gemeinen Landmann verrieth; er ſtund nachdenkend an eine Linde der Avenuͤe gelehnt, den Blick auf Sophien gerlchtet, die, um den Zug beſſer zu ſehen, ſich von ihrem Va⸗ ter entfernt hatte. Sie hatte den Juͤngling nicht pemerkt; ihrem Vater fiel er auf; er winkte ihm näͤher zu treten; er erkundigte ſich bey ihm nach den Namen der Neuvermaͤhlten; und nach und nach entſpann ſich unter ihnen folgendes Ge⸗ ſpraͤch: 3 17 Der Baron. Euern Namen? Ludolph. Ludolph, ihr Gnaden. Der Baron. Seyd ihr aus Aſſen? Ludolph. Ja wohl, gnaͤdiger Herr! es iſt mein Geburtsort— mein ſellger Vater war hler Kuͤſter! Der Baron. Seine Erziehung, junger Mann, ſchelnt mir ihn uͤber den gewohnlichen Landmann zu erheben! Ludolph. Dieſe verdanke ich dem beſten Vater; er that mehr beinahe als ſeine Kraͤfte ihm erlaubten; ich habe nun meine Studien vollendet und fuͤhle jetzt ſehr lebhaft, daß er mir mehr gab, als wenn er mir die Schaͤtze eines Croſus hinter⸗ laſſen! doch(indem er dem Zug nachſieht) Euer Gnaden verzeihen, dle Braut iſt meine Kuſine ihr zu lieb habe ich einen kleinen Umweg gemacht.. Der Baron. Noch einen Augenblick— Er hat ſtudirt, wie ich hore aber ſag' er mir ums Himmels willen, wo ſoll ihn das hinfuͤhren? Ein ſtarker huͤbſcher Junge wie er, der leſen und ſchreiben kann, iſt von Natur aus zum Soldaten qualificrt„ und kann es oft weit bringen. Wie waͤre es, Ludolph, wenn ich ihn mit elnem Empfehlungsſchrelben melnem Sohne zur Armee ſchickte? Ludolph. Das Soldatenleben gefiel mir im Ganzen genommen nicht uͤbel, wenn ich ent⸗ weder ſogleich als Officier eintreten koͤnnte, oder T2 wenn alle Officlere Sh Ausnahme von der Picke auf dienen muͤßten! Der Baron. So!. und die Vorrechte des Adels? Ludolph. Dle ſind mir bekannt— des⸗ halben auch werde ich nie einen Stand waͤhlen, wo die Geburt, Beruf und Talente erſetzt! Der Baron.(den Kopf ſchuͤttelnd) Das klingt etwas ſtolz... Ludolph.(mit leuchtendem Blick, indem er die Hand auf die Bruſt legt) Nein, gnaͤdiger Herr! ich bin nicht ſtolz, es iſt das Bewußſeyn meiner zweckmaͤßigern Beſtimmung— und frey geſtan⸗ den, das Gefuͤhl melnes Werths als Menſch!.. Ich ehre die Geſetze meines Vaterlands, aber nie werde ich um Rang, Wuͤrde und Brod mel⸗ nen Nacken vor meines gleichen beugen, und er⸗ ſchmeicheln, wenn ich in mir die Kraft fuͤhle et⸗ was zu verdlenen! So ſehr ich den Muͤßiggang verabſcheue, eben ſo ſehr liebe ich die Unabhaͤn⸗ gigkeit, ohne ſie wuͤnſche ich nicht zu leben— ich weiß ſehr wohl, daß auf dieſem dden Pfade ſich kein Gold ſammeln laͤßt, aber Ketten, und wenn ſie von Gold waͤren, ſo bleiben ſie doch im⸗ mer Ketten! Sophie war indeſſen naͤher getreten. Der freye, jedoch beſcheidene Ton, in dem Ludolph dies alles ſagte, ſeine edle Miene, ſeine Herzlich⸗ keit mit maͤnnlichem Ernſt verbunden, hatte ſie auf das angenehmſte uͤberraſcht; ihre Augen ruh⸗ 13 ten thellnehmenb auf dem ſchoͤnen Juͤngling; ſo oft er ſich aber zu ihr wandte, vermogte ſie nicht den Feuerblick des Begeiſterten zu ertra⸗ gen. Ludolph fuhr lange noch in dieſem Tone fort; endlich unterbrach ihn der Baron:— Nehm' er ſich in Acht, junger Mann, ſagte er laͤchelnd, mit ſolchen Grundſaͤtzen wird er ſein Lebenstag nichts— nicht einmal Kuͤſter werden! Ludolph. Und wenn ich nun tief fuͤhle, daß nur eine vernuͤnftige Unabhaͤngigkeit mir die Buͤrde des Lebens ertraͤglich machen kann!,, wenn ich meine Erwerbsmittel genau nach meinen Be⸗ duͤrfniſſen berechnet habe wie nun?— Der Baron. Alſo ein Weltbuͤrger— ein ſogenanntes Genie„junger Mann! dieſe breite Straße fuͤhrt entweder in's Spital, oder ins Nar⸗ renhaus.* Ludolph.(mit Feuer) In der Einſam⸗ keit, wo Genuͤgſamkeit jede Stunde daß Leben wuͤrzt„„ oder auch in das Gewuͤhl der großen Welt, wo einem Menſchen, der ſo denkt und fuͤhlt, eine Narrenkappe dfters nicht laͤcherlicher, nicht bemitleldswuͤrdiger vorkommt, als der Stern auf der Bruſt.. Der Baron. Cheftig) Menſch!.,(ſich faſend) Er iſt ein recht ſpaßhafter Burſche weiß er was— der Buͤcherſtaub, wie ich mer⸗ ke, iſt ihm in's Gehlrn geſtiegen— beſuche er mich zuwellen auf dem Schloſſe denn„„. —— 4. 6 55 — S. —————*. S—— 14 Cindem er ihm lächelnd auf die Schulter klopft) ich mag ihn bey allem dem doch wohl leiden. wer weiß, ob ich nicht, ſeiner Liebe zur Unab⸗ haͤngigkeit unbeſchadet, noch im Stande bin, ihm in der Welt fort zu helfen! Ludolph. Ich ſcheue die ſuͤße Laſt der Dankbarkeit nicht, gnädiger Herr! ich werde aber jede Verbindlichkeit, die meine Freyheit ein, ſchraͤnken wuͤrde, zu vermeiden ſuchen(mit Feuer?) ich mogte ſo gern ohne fremde Huͤlfe mein beſtimmtes Ziel erreichen! 5 Der Baron. Genieſtreiche— ja— wie geſagt, damit geht man ſeinen elgnen Weg — ſtoßt allenthalben an, und bleibt endlich lie⸗ gen— leb' er wohl! und ſollte er ſich noch eine Zeitlang in Aſſen aufhalten, ſo kann er mich zu⸗ weilen beſuchen, das benimmt ihm von ſeiner Freyhelt nichts.„ Ludolph. Clächelnd) So wie wir beyde denken, wuͤrden wir mit einander nicht lange gut thun. Der Baron.(Cetwas empfindlich, indem er aufſteht) Gut thun! hm! und warum das 2 Ludolph. Well euer Gnaden in mir nur ſchlechtweg den Kuͤſterſohn erblicken, und ich in dem Edelmann nur den Menſchen zu ſehen mich gewohnt habe. Bey dieſer kuͤhnen Antwort konnte ſich das Fraͤulein eines nnwillkuͤhrlichen Zeichens von Un⸗ willeu nicht enthalten. Schon wollte ſie ihm el⸗ —————— 15 nen Wink geben, daß er ſchweigen ſollte, a r ſie that es nicht, ſondern wandte ſich errothend um und ſchlug die Augen nieder. Indeſſen war der Baron aufgeſtanden; an ſeinen wankenden unſichern Schritten bemerkte Ludolph, daß ihm das Gehen aͤußerſt beſchwerlich fiel, da ſprang er raſch herbey und both ihm ſelnen Arm zur Stuͤ⸗ tze— Ey, ey! rief der Alte halb laͤchelnd halb boſe, kann eln ſtolzer Weltbuͤrger ſich dazu be⸗ quemen 7 Ludolph. Sie verkennen mich, gnaͤdiger Herr, oder wollen mich nicht verſtehen; das gan⸗ ze menſchliche Leben iſt welter nichts als wech⸗ ſelſeitige Dienſtleiſtungen. In der Wiege ſchon belaſtet uns die Natur mit einer Schuld, die wir im reifen Alter dem ſchwachen Greiße zu entrich⸗ ten haben„ich wuͤrde im Nothfall ihrem Gaͤrt⸗ ner, dem alten Max, den nemlichen Dienſt er⸗ zeugen! Der Baron.(im Gehen durch Ludolph unterſtuͤtzt) Nu, nu!. nur erſt einige Lehr⸗ jahre in der großen Werkſtatt der Welt, und ſo Gott will, werden wir uns dann weiter ſpre⸗ chen.„ Als ſie das Schloß erreicht hatten, wollte der Baron ſeinen Fuͤhrer mit ſich hinein nothigen — aber den Hochzeltſchmauß ſeiner Kuſine durf⸗ te Ludolph nicht verſäͤumen, er verbeugte ſich da⸗ her ſtillſchweigend gegen den Baron, aber tiefer noch gegen ſeine Tochter, die freundlich laͤchelnd 16 ſeinen Abſchiedsgruß erwiederte, und flog durch die Avenuͤe dem Doͤrfchen zu. Drittes Kapitel. Ludolph. ——— Ludolph war damals ein ſchbner bluͤhender zwan⸗ zigjaͤhriger Juͤngling, ſeine Phyſiognomie beſon⸗ ders hatte etwas aͤußerſt Feines und Geiſtreiches, ſein Anſtand war edel, weder affektirt noch ge⸗ zwungen. Auf Sophle, die noch keine andere Maͤnner als ihren Vater, ihren Bruder und ein paar alte benachbarte Edelleute geſehen hatte, mußte nothwendig dieſer liebenswuͤrdige Sonder⸗ Uing einen ganz beſondern Eindruck machen. Das einſame elnformige Leben auf dem Lande, das naturliche Beduͤrfniß der Geſelligkelt und Mit⸗ thellung, jene ſuͤße Unruhe, die ſich in einem Al⸗ ter von ſechszehn Jahren eines Mäͤdchens bemei⸗ ſtert, alles trug darzu bey, daß die gute Sophle mit heimllicher Freude bemerkte, daß ihr Vater dem originellen Juͤngling nicht abgeneigt ſchien. Ludolph machte ſeine Aufwartung bald alle Tage, endlich kam er nicht mehr aus dem Schloſſe. Herr —————————— ————— 17 von Aſſen fand taͤglich mehr Geſchmack an ihm; ſeine Lebhaftigkeit, ſelne Originalität, ſeine Gut⸗ muͤthigkelt, alles bis auf ſeine Kuͤhnhtit ſogar, war dem guten Alten etwas Neues und Anzle⸗ hendes, wodurch ſeine allzu einformige Lebensart auf das angenehmſte unvermuthet unterbrochen wurde. Seine Nachbarn ſtichelten anfangs uͤber die neue Bekanntſchaft: als er nicht hoͤren woll⸗ te, ſo kamen ſie deutlicher mit der Sprache her⸗ aus und erklaͤrten, daß es ihnen unbegreiflich waͤre, wie Sr. Ercellenz die Fomillaritaͤten die⸗ ſes tollen impertinenten Bauernjungen ertragen könnten.— Es iſt ein wahres Original, pflegte der gute Alte zu antworten; glaubt mir's, er macht mir viel Spaß! Ludolph war kein mittelmaͤßiger Tonkuͤnſtler, er ſpielte die Viollne, das Fraͤulein das Flavler; der Alte konnte beyden Stundenlang zuhdren, zuweilen las ihm Ludolph vor, und des Abends trug er ihm Woſſer bey, wenn er ſeine Blu⸗ men begoß.— Es iſt in der That ſchade, ſag⸗ te der Baron, daß du kein Edelmann biſt!— Das ſehe ich nicht ein, antwortete Ludolph, wle leicht haͤtte ich mir alsdenn ſelbſt weiß machen konnen, daß meine Geburt mir ſtatt Talenten und Kenntniſſen diente; die angebohrne Traͤgheit des Menſchen haͤtte in mir dieſe Meynung maͤch⸗ tig unterſtuͤtzt, und ſch waͤre Zeitlebens ein alber⸗ uer, und wer weiß gefaͤhrlicher Menſch geblieben; Lud. Lehrjahre 1 Thl. B ————— 5—5 ——— aber des Kuͤſters Sohn genießt keine ſolche Vor⸗ rechte. Da die Vorurtheile der Menſchen nichts aus ihm gemacht haben, ſo muß er darauf be⸗ dacht ſeyn durch ſich ſelbſt empor zu ſteigen. Dies Gefuͤhl iſt die Schwungfeder, mit der ich mich uber ein Adelsdiplom erhebe. Sophle empfand täglich mehr Neigung fuͤr Ludolph, weil ſie täglich neue trefliche Eigenſchaf⸗ ten und neue liebenswuͤrdige Talente in ihm ent⸗ deckte. Ruhm und Ehre, Freundſchaft und Wohlthoͤtigkeit, die Wunder der Natur, ihres Schdopfers Allmacht und graͤnzenloſe Gute, wa⸗ ren die Lieblingsgegenſtaͤnde ſeiner Geſpraͤche; ſo oft er auf dem einſamen Huͤgel, hinter dem Park an ihrer Seite ſaß, und die ſcheidende Sonne in das reiche geſegnete Thal ihre letzten Strah⸗ len herunter goß, wurde er allmaͤhlig von dem entzuͤckenden Schauſpiel hingeriſſen, ſeine Augen wurden feucht; ſeine Bruſt hob ſich, himmliſche Begeiſterung glaͤnzte in ſelnem Antlitz, er breite⸗ te die Arme aus, als wollte er die ganze Erde mit khner Llebe umfaſſen. Endlich machte er durch Worte ſeinen tobenden Gefuͤhlen Luft, ſein Mund ſirdhmte über, jedes Wort, jede Bewe⸗ gung war ein Gedanke, denn er empfand tief und wahr— Die gute Sophie ſaß neben ihm mit überfließenden Augen und hochſchlagendem Buſen„ ihre Gefuͤhle ſtunden im ſchoͤnſten Gleichlaut; ihr Blick hieng mit unendlicher Theil⸗ nahme an dem Mund des ſchdnen Schwaͤrmers⸗ — — 19 und wenn er mit allen Farben der jugendlichen Einbildungskraft die Wonne der Freundſchaft, den ſeligen Genuß einer edlen wohlthaͤtigen Hand⸗ lung ſchilderte, da ergriff ſie unwillkuͤhrlich ſeine Hand, und ihr Haupt ſenkte ſich auf ſeine Schul⸗ tern herab er ſchwieg— ſie ſchwiegen beyde — und bey dem letzten Strahl der verſchwinden⸗ den Sonne giengen ſie Hand in Hand in's Thal zuruͤck, unter dem Weidenbuſch dem Bach ent⸗ lang, bis ſie die eingebrochene Daͤmmerung in's Schloß zuruͤck zwang. Ihre Herzen hatten ſich ſchon laͤngſt verſtanden; aͤhnliche Gefuͤhle, aͤhnli⸗ che Neigungen knuͤpften dies ſchoͤne Band immer feſter, und dieſe Liebe, die ſich in dem ſtillen einfoͤrmigen Landleben allmaͤhlich entfaltete, hat⸗ te ſich bereits ihrer Herzen bemaͤchtigt, bevor ſie noch ihr Daſeyn ahneten: alles trug dazu bey, dieſer ſtillen Leidenſchaft taͤglich neue Nahrung zu geben— Ludolph hatte keine Neigung, die Sophie nicht mit ihm theilte, kein Talent, deſ⸗ ſen hoͤhere Ausbildung nicht auch ihr zur emſigſten Beſchaͤftigung geworden waͤre; die ſuͤßeſte Ver⸗ traulichkeit herrſchten zwiſchen beyden. Ludolph war der erſte Juͤngling, der ſich Sophien genaͤ⸗ hert hatte, der einzige, dem, ſie in dem abge⸗ ſchiedenen einſamen Leben mit waͤrmerer Thellnah⸗ me als die uͤbrigen Menſchen umfaſſen konnte; und auch ſie war die exaltirte Einbildungskraft des ſchwaͤrmeriſchen Juͤnglings, der Inbegriff al⸗ B 2 30 ler weiblichen Vollkommenheiten. Nach und nach wurden ſie mit dem Zuſtande ihrer Herzen bekannter; ein heimliches unbeſtimmtes Verlan⸗ gen, eine ſtille Sehnſucht geſellte ſich zu dem erſten Erwachen der Liebe; aber die Unſchuld beſchirmte die Tugend, ihre Herzen hatten ſich pereits in allen ihren Punkten beruͤhrt, und noch hatte keine Silbe dieſe gluͤhende Herzen verrathen. Sophie, die vielleicht noch in ihrem Leben keinen Roman geleſen, hatte ſich bereits ſchon in die allerromantiſchſten Situationen mit ihrem gelieb⸗ ten Ludolph, gedacht; aber Ludolph, der doch näher mit den Menſchen und den menſchlichen Vechaͤltniſſen bekannt war, wurde ſtets aus ſei⸗ nen ſuͤßen Traͤumereyen, aus der ſchoͤnſten hell⸗ ſten Zukunft, durch einen unwillkuͤhrlichen Blick auf die Gegenward zuruͤck gedraͤngt— Wie! pflegte er alsdenn zu rufen, und ein erſtickender Seufzer erhob ſeine beklemmte Bruſt,— das reiche Fräulein von Aſſen ſollte die Frau eines armen Kuͤſtersſohns werden konnen?— Nicht moͤglich! hinweg mit dieſen thorichten Gedanken — ſie erloſche in dieſem zu ſchwachen Herzen, dieſe Leidenſchaft, die das Grab meiner Zufrleden⸗ helt zu werden droht!— Unter meines Gleichen muß ich mir eine Gefaͤhrtin durch's Leben waͤh⸗ len, nur dieſer kann eine Huͤtte und mein Herz gnügen;.. Pfut! dem Manne, der ſich durch ſein Weib zum reichen Manne machen laͤßt, ohne ihr Erſatz fuͤr ihr Gold geben zu konnen!„ und — — 2T was kann ich dem Fraͤuleln von Aſſen fuͤr ihren Rang, fuͤr ihr Gold bieten?— ein einziger Seufzer, eine einzige truͤbe zweidentige Miene des geliebten Weibes wuͤrde mich zum ungluͤck⸗ lichſten Menſchen machen— mein kuͤnftiges Weib muß ſtolz auf ihren Gatten ſeyn koͤnnen; von ihm, von ihm allein muß ſie die Erfuͤllung aller ihrer Wuͤnſche erwarten; er muß zugleich ihr Ge⸗ liebrer, ihre Stuͤtze, ihr alles ſeyn— dann hat die Ehe keine druͤckende Ketten, ſie iſt vielmehr das ſuͤßeſte Band, welches die Vaterwuͤrde mit all ihren namenloſen Freuden noch feſter knuͤpft— Vaterfreude!— Die Kinder der Fraͤulein von Aſſen wuͤrden vielleicht ſich ſchaͤmen, Ludolph, des Kuͤſters Sohn, zum Vater zu haben!— Hinweg verfuͤhreriſches Blendwerk der ungluͤcklich⸗ ſten Liebe!— Selbſt in Sophiens Armen wuͤrde mich dieſer fuͤrchterliche Gedanke verfolgen!— Sophie! geliebtes Maͤdchen! nein, nein!.. ach vergieb!— wie konnt' ich dich ſo ſchrecklich verkennen?. Deine Seele iſt weit uͤber dieſe kleinige Verhaͤltniſſe und Vorurtheile der Men⸗ ſchen erhaben gewiß ſind deine Begriffe von Rang und Reichthuͤmern den meinigen gleich— v meine ewig gellebte Sophie!.. Alles, was irdiſch iſt, veredelt ſich am himmliſchen Feuer der ewigen Liebe— Melne Sophle, dein Gold wirſt du nicht mit meiner Liebe in die Wagſchale legen, die Ltebe wird uns mehr als die Menſchen, ſie wird unſere ſchoͤnere Welt in der Einſamkeit 2 3 22 Dein Gatte, der Vater deiner Kinder! nein, ach! nein! verfuͤhreriſche Taͤuſchung! du ſollſt mich nicht verfuͤhren. hinweg!. meine Begleiterin auf dem muͤhſamen Pfad durchs Leben ſoll mir gleich gebohren ſeyn!— Der Mann kann diejenige zu ſich erheben, die ſein Herz gewaͤhlt hat, er vergiebt ſich nichts— ſobald aber ein liebendes Weib in die Arme des Geliebten herabſteigen muß, ſo ſind alle geſell⸗ ſchaftliche Verhältniſſe verletzt, und dieſe Liebe iſt ein Unſinn!— Nein, Sophie! mein Herz bre⸗ che, bevor ich dir ſpäte Reue und fruchtloſe Thraͤ⸗ nen koſte!.. nein, geliebtes Maͤdchen, deinem Vater ſelbſt wurde ich deine Hand abſchlagen!— Ein Strom von Thraͤnen unterbrach jedes⸗ mal dieſe traurige Selbſtgeſpraͤche— feſt war er dann entſchloſſen, das Schloß, die Gegend zu verlaſſen, aber ein einziger ſeelenvollen Blick, ein einziges vertrauliches Wort des ſo heiß ge⸗ liebten Maͤdchens— und ſeine beſten Eniſchlüſſ ſchwanden!... So ſchwankte der arme Ludolph zwiſchen Pflicht und Llebe, aber oft in dem Augenblick, wo er der kaͤltern Vernunft Gehor zu geben glaub⸗ te, hatte ſchon die gereizte Sinnlichkeit und ſein Ehrgeitz alle beſſere Entſchluͤſſe verſcheucht, Un⸗ reife Einſichten, Mangel an Weltkenntniß Buͤ⸗ cher⸗Paradoren, und mehr als dies alles noch, jenes der Jugend gewohnliche Selbſtvertrauen ließen in ſeiner Seele keinen Raum fuͤr Wahrhet 23 und Recht— Dlie Helden Roms und Griechen⸗ lands fuͤllten ſein Gehirn mit Rieſenplaͤnen; we⸗ der die Welt, in der er lebte, noch die Stelle, die ihm das Schickſal angewieſen, kamen dabey in Anſchlag. Daß er jene verderbliche thorichte Leidenſchaft erſticken, aus ſeinem Herzen vertilgen ſollte, das ſah Ludolph in ruhigen Augenblicken gar wohl ein, aber die Gruͤnde, die dleſen ſchwan⸗ kenden Entſchluß bey ihm zuweilen hervorbrachten, waren die rechten nicht... nur ſeln Stolz be⸗ kaͤmpfte ſeine Liebe, nicht die edle Ueberzeugung, nicht das zarte Gefuͤhl des Unſchicklichen. Sophle war nicht ſo ſpitzfindig, aber bey wel⸗ tem philoſophiſcher und konſequenter als Ludolph, ſie liebte eben ſo heiß, und gewiß noch inniger; die Beſorgniß, daß ihr Vater dieſe Liebe nicht billigen, nicht begluͤcken wuͤrde, koſtete ihr man⸗ che bittere Thraͤnen— dieſe ſiunreiche, ſiets hof⸗ fende, nie verzagende Liebe gab ihr indeſſen auf der andern Seite tauſend einleuchtende Gruͤnde an, woraus ſie die ſuͤße Moͤglichkeit ſchloß, einſt doch noch Ludolphs gluͤckliche Gattin zu werden — Er iſt arm, dachte ſie, bin ich aber nlcht reich genug fuͤr beyde? Er ſtammt aus keinem adlichen Geſchlecht; kann er ſich nicht ſelbſt einen Namen machen?— Zu dem, was hat meine Liebe mit melnen Ahnen gemein?— ——— 24 Viertes Kapitel. Poch ein Pinſelſtrich zu Ludolphs Portrait. ——— Unter dieſen ſußen Beſchaͤftigungen floſſen Herbſt und Winter dahin, und mit jedem Tage wuchs Ludolph Begierde, auf eigenen Schwingen den kuͤhnen Flug durch die Welt zu beginnen— er ſprach daher dfters von dem Entſchluß naͤchſtens Aſſen zu verlaſſen. Der Baron, dem er noth⸗ wendig geworden war, ſuchte ihn von dieſem Vor⸗ haben abzubringen; haͤtte aber der gute Vater vermuthen konnen, daß ein einziger Blick ſeiner Tochter mehr vermogte als ſeine ſaͤmtlichen Vor⸗ ſtellungen, ſo haͤtte er zuverlaßig ſich dieſe Muͤhe nicht gegeben. Der Fruhling nahte heran, und prachte eine auffallende Veraͤnderung in den Ge⸗ muͤthern der beyden Liebenden hervor. Sophie wurde ſtiller, ſie verſank dfters in tiefe Träume⸗ reyen; ſonſt ruhte ihr unbefangener Blick mit ei⸗ nem ſuͤßen Laͤcheln auf Ludolph, jetzt wurden je⸗ desmal ihre Augen naß, ſie mußte tief Athem hohlen, ihr Frohſinn, ihr zutrauliches heiteres ₰ 25 Benehmen ſchwanden allmaͤhlig; ſie waren jetzt dfterer beyſamuen als jemals, einer ſuchte immer den andern auf, aber Stunden lang konnten ſie daſitzen, ohne den Mund zu ofnen. Eine Bege⸗ benheit, die ſich damals zutrug, ſchien den jun⸗ gen Menſchen feſter als jemals in die Zuneigung des Barons zu ſetzen; ſie wurde aber der Grund zu ſelner bald darauf erfolgten Ungnade, indem ſie Sophiens Ltebe noch inniger machte. Der Kammerdiener des Barons, der ſein un⸗ umſchraͤnktes Zutrauen beſaß, mißbrauchte ſelbi⸗ ges, um den kleinen Deſpoten zu ſpielen. Die Pachterstochter hatte ſeine Sinnlichkeit gereitzt; Luiſe war ein ſehr ſchoͤnes, aber frommes, keu⸗ ſches Maͤdchen— Die Geſchenke des Wolluͤſt⸗ lings wurden mit Abſcheu verworfen, ſobald er ſeine ſchaͤndliche Abſichten verrieth. Der Elende, ſtatt dies edle Betragen zu be⸗ wundern und uͤber ſeine eigene Niedertraͤchtigkeit zu errothen, ſchwor dieſer ehrwuͤrdigen Familie den Untergang. Luiſens Vater wurde aus dem Meyerhof vertrleben; das graͤnzenloſe Elend in das er verſank, brach ſeinem armen Weibe das Herz— ſie wurde gefaͤhrlich krank. Lulſe arbeitete Tag und Nacht; das gute Maͤdchen konnte aber mit ihrer Haͤnde Arbeit nicht genug verdlenen, um ihre Geſchwiſter und die kranke Mutter fuͤr Mangel zu ſchuͤtzen— kaum das Allernothwendigſte konnte angeſchafft werden— Nun kam der Winter und mit ihm — neue druͤckende Beduͤrfniſſe.— Der Zutritt des Schloſſes war den Ungluͤcklichen unterſagt— die Verzwelflung machte aus Lulſens Vater ei⸗ nen Wildpretsdieb. Der Kammerdiener, der davon benachrich⸗ tigt wurde, ließ ihm nachſpuͤhren, und der alte Johann(ſo hieß der Ungluckliche) wurde bald auf der That ergriffen; er hatte einen Rehbock geſchoſſen und wollte ihn eben heimlich in die Stadt tragen. Der Boͤſewicht frohlockte uͤber dieſe Entdeckung, der Jaͤger mußte ihn in Jo⸗ hann's armſelige Huͤtte begleiten, und ohne auf vas ſterbende Weib, auf das Flehen, auf die Verzweiflung der zu Grunde gerichteten Fami⸗ le zu achten, ließ er den Wilddieb feſſeln und in's Schloß ſchleppen— Luiſe, die Haͤnde rin⸗ gend, in Thraͤnen zerfließend, warf ſich ihm zu Fuͤßen; der Unmenſch wiederhohlte heimlich und boshaft laͤchelnd den Preis, den er auf ihres Vaters Freyheit ſetzte— So werde ich meinen Vater in das Gefaͤngniß begleiten, rief ſie und warf einen Blick voll Wuͤrde und Abſcheu auf den abſcheulichen Menſchen. Ludolph kam eben durch's Vorzimmer; da ſtund der Vater in den Armen ſelner Tochter — ein wahres Bild der Verzweiflung an Gott und Menſchen— er ſchauderte zuruͤck— ließ ſich erzaͤhlen. Von Abſcheu und Mitlelden er⸗ griffen, faßte er Luiſen und ihren Vater bey der Hand, und ſturzte mit ihnen in des Ba⸗ 27 rons Schlafgemach. So eben ließ ſich dieſer die luͤgenhafte Geſchichte von ſeinem Guͤnſtling wiederhohlen; ſein Zorn gegen dieſe ungluͤckliche Familie war wieder rege geworden— Was ſoll das Ludolph, rief er hochſt entruͤſtet, wer erlaubt dir, dies Raubgeſindel hlerher zu brin⸗ gen?— Ungluͤckliche ſind's, gnaͤdiger Herr! erwiederte Ludolph wehmuͤthig und dennoch mit feſtem Tone, eln redlicher Hausvater durch el⸗ nen Schurken in's tiefſte Elend geſtuͤrzt, well er eine ſchoͤne, eine tugendhafte Tochter beſitzt! — Ein Wilddieb!— ein flelßiger Menſch! dem ein Boſewicht zum Lohne ſeiner treugelei⸗ ſteten Dienſte den letzten Biſſen Brod raubte .„Gnaͤdiger Herr! wem iſt der Fehler, den dieſer Ungluͤckliche aus Verzweiflung begieng, wem ſind die Verbrechen alle, welche die Noth und der druͤckendſte Mangel verurſachen, zuzu⸗ ſchreiben?., wem anders als den reichen hart⸗ herzigen, ungerechten Großen, die..— Wie! unterbrach der Kammerdiener, der gnaͤdige Herr muͤßte auf die Art all dem Geſindel, die Er⸗ laubniß geben das Wildpret bis in den Schloß⸗ graben zu ſchießen!— Schweig, abſcheulicher Menſch! rief Ludolph, und ſeine Augen ſpruͤh⸗ ten Feuer. Du deſſen ruchloſes Herz— Hier ſtund der Baron auf und ſprach, indem er Ludolph beym Arm faßte: Du wagſt, Burſche, meinen Leuten Stillſchweigen zu gebieten, mir ſelbſt zu manqulren— Das wuͤrde die Achtung, die euer Gnaden mir eingefloßt ha⸗ ben, nie erlauben— erwiederte Ludolph ſanft und beſcheiden. Eben dieſe tiefe Ehrerbietung, gnaͤdiger Herr, iſt Urſache, daß ich ihnen ohne Scheu die nackte Wahrheit vortrage, daß ich den Muth fuͤhle, ihr Wohlwollen aufs Spiel zu ſetzen, um ihnen eine Ungerechtigkeit zu erſpa⸗ ren— Ich kenne meine Rechte, fort, in's Gefaͤngniß mit dem Alten— Und ſeine Fa⸗ milie ſoll Hungers ſterben, rief Ludolph außer ſich. So wiſſen ſie, gnaͤdiger Herr, ich ſchoß das Wild und gab es Johann zum Verkaufen. — Der Baron ſah den kühnen Jüͤngling einl⸗ ge Augenblicke ſtarr an, dann mit einem zwey⸗ deutigen Laͤcheln— So kannſt du in's Ge⸗ fängniß ſpazieren— Auf der Stelle, rief Lu⸗ dolph; aber, gnaͤdiger Herr, eine halbe Gerech⸗ tigkeit iſt unter ihrer Wuͤrde; dieſen Ungluͤchli⸗ chen ſiud ſie Erſatz ſchuldig— indem ſie mein Vergehen beſtrafen, ubertrage ich ihnen die Anſpruͤche, welche Johann auf mich zu machen hat! ich bin arm und vermag auf keine Weiſe jenen namenloſen Schmerz, den Vater und Tochter empfunden haben, zu vergelten! hier zu ihren Fuͤßen flehe ich ihr menſch⸗ liches Herz um Huͤlfe, um Schutz fuͤr beyde an! dies ſey meine letzte Bitte, und ich gehe getröſtet, wo ſie mich hinfuͤhren laſſen wollen— Beyde Ungluͤcklichen ſanken bey die⸗ ſen Worten nieder, ſie w ten ſprechen, aber vergebens. Erſtaunen Wehmuth, Dankbarkeit, ein Strom der ſuͤßeſten Thraͤnen erſtickte ihre Stimme; Johann hob bebend Aug und Haͤnde gen Himmel., Nein, ach nein, ſtammelte end⸗ lich Luiſe und ergriff Ludolph Hand, die ſie mit Innigkeit an ihren fliegenden Buſen, an ihren Mund druͤckte.... Der Baron, der vom heftigſten Zorn nach und nach zur Theilnahme und endlich zur innig⸗ ſten Ruͤhrung ubergegangen war, ſeines Gefuhls nicht mehr maͤchtig, ſchloß jetzt den eblen Juͤng⸗ ling mit einer ungewoͤhnlichen Waͤrme in ſeine Arme— Ludolph! rief er und ſein naſſer leuch⸗ tender Blick weidete ſich noch einmal an dieſer ſeltenen Scene der reinſten Menſchlichkeit— Mein edler junger Freund!... deine großmuͤthi⸗ ge Luͤge iſt mir Buͤrge fuͤr die Wahrheit— Jo⸗ hann ſoll den Meyerhof wieder haben, und du, Ludolph, ſetzeſt den Pachtbrief auf!— Das En⸗ de dieſes ruͤhrenden Auftritts kann ſich der Leſer ſelbſt denken. Mit einem lauten Schrey der froheſten Ueber⸗ raſchung flog jetzt Sophle in die Arme ihres Va⸗ ters, ſie hatte am andern Ende des Zimmers ge⸗ ſtanden, in einer Gemuͤthsunruhe, die ſich leicht begreifen laͤßt— jetzt da ſie Ludolph, ihren ge⸗ liebten Ludolph, ſo unverhofft in ihres Vaters Arme erblickte— ihn, den ſie im Geiſte ſchon in dem dunkeln feuchten unterirdiſchen Schloß⸗ gewolbe ſah!,,, da loſten ſich auf einmal alle — 30 ihre wehmuͤthigen bangen Gefuͤhle in einen fro⸗ hen Ton der Liebe auf, und indem ſie ihres Vaters Hand an ihr Herz druͤckte, ſtammelte ihr Mund leiſe und bebend— Ludolph!.. Sie hatte waͤhrend der ganzen Scene kein Au⸗ ge von ibm verwendet, und obgleich ihr armes Herz fuͤr Angſt zu zerſpringen drohte, ſo hatte ſie dennoch keinen Augenblick gewuͤnſcht, daß Ludolph anders ſprechen, anders handeln moch⸗ te— Bey der edlen Luge, die er ſo kuͤhn her⸗ vorbrachte, war ſie vor Schrecken einer Ohn⸗ macht nahe— aber er hatte ſie nicht einmal angeſehen, er hatte nicht einmal geſchlenen ih⸗ re Gegenwart im Zimmer geahnet zu haben— und dieſe Luiſe, fuͤr deren Vater er ohne Be⸗ denken jene fchimpfliche Strafe ſich gefallen laß ſen wollte, war ein ſehr huͤbſches, ſehr intereſ⸗ ſantes Mäͤdchen!... Da regte ſich tief in ih⸗ rer Seele ein wiedriges Gefuͤhl, das nicht eben Elferſucht genannt zu werden verdiente, aber nur elne beſtimmtere Vanlaſſung nothig ge⸗ habt hätte, um mehr als ein Dépit amoureux zu werden. Fuͤnftes Kapitel. Trennung. ———— Lui war dem Dank der ſo großmuͤthig ge⸗ retteten Famille entwichen und hatte ſich in den Garten begeben— Sophle folgte ihm bald nach; traͤumend wandelte ſie die große Allee hinunter nach dem duͤſteren Gebuͤſch; nie war ihr Ludolph liebenswuͤrdiger, nie ihre Neigung zu ihm tadel⸗ freyer. Ganz mechaniſch nahte ſie ſich einer dunkeln Laube, dle ſeit einiger Zeit ihr Lieblings⸗ plaͤtzchen geworden war... Dort hatte ſie ſchon manche einſame ſuͤße Stunde vertraͤumt... Als ſie aus dem hellen Licht in dieſe ſanfte Daͤmme⸗ rung trat, da erwachten in ihr alle die frohen Gedanken der hoffenden Llebe— ihr Buſen flog, eine unausſprechlich ſuͤße Wehmuth bemaͤchtigte ſich ihrer Seele, ſie ſchlug ihren feuchten Blick in die gruͤnen Zwelge, ihre Arme breiteten ſich aus, und zus ihrem gepreßten Buſen wand ſich mit einem leiſen Seufzer der Name Ludolph— herauf,,, da ſtand er!„ „ —— 32 Sophie.(indem ſie zuruͤck vebt) Ach!.. Ludolph. Mein gnädiges Fraͤulein; Sophie.(ie ſich wieder geſammelt, tritt erro⸗ thend naͤher) Theuerſter Freund! ſo eben dacht' ich an ihre Großmuth, an ihre Menſchlichkeit meln Herz war tief geruͤhrt und bs Ludolph. Und da nannten ſie den Na⸗ men des gluͤcklichſten der Menſchen, wenn er ih⸗ ren Beyfall beſitzt.(mit Feuer) Bis jetze glaub⸗ te ich, daß der Menſch den ſchoͤnſten Lohn einer guten Handlung in ſeinem eigenen Buſen truͤge— aber ich fuͤhle. ich ſehe.„ Sophie.(lächelnd) Nun.. Ludolph. Verzeihen ſie, gnadiges Fraͤu⸗ lein ich. Sophie. Sie wollten mir, glaube ich, etwas verbindliches ſagen?.. ſollte ſich der ſtren⸗ ge Philoſoph eine ſolche Artigkeit gegen ein Frauen⸗ zimmer nicht erlauben duͤrfen? Ludolph. Cindem er ihre Hand an ſeinen Mund führt) Fraulein!.. mein Herz iſt zu voll, um laͤnger noch an den Schranken einer berech⸗ neten kalten Konvenienz ſich ewig zuruͤck treiben zu laſſen. Sophie! ach! laͤngſt ſchon iſt der Beifall der Menſchen, ja ſelbſt das frohe Be⸗ wußtſeyn der erfullten Pflicht mir minder werth als.. ein einziges Laͤcheln.. Sophie! czu ihren Fußen) nie war noch eine Liebe der mei⸗ nigen gleich,„(indem er das Geſicht mit beiden 33 Händen bedeckt) Verzeihung, Fraͤulein! dies ſuͤße marternde Geſtaͤndniß entwand ſich gluͤhend aus meinem Herzen!. ich kenne den unermeß⸗ lichen Raum, der uns auf ewig trennen muß iſt es aber melne Schuld, wenn mir dle Natur eine Seele gab, die den Werth der th⸗ rigen ſo tief empfindet?. Sophie.(mit leiſer bebender Stimme) Lu⸗ dolph!.. Ludolph. Gott! Fraͤulein! Verzethung noch einmal dem ſtolzen Verbrecher!.. Sophie.(mit tiefer Ruͤhrung) Ste haben mich nicht beleidigt, Ludolph... Der blinde Zu⸗ fall ſetzte mich zwar einige Stufen hoher, aber auch mir gab die Natur eln Herz.... Ludolph.(außer ſich) Waͤre es moͤglich nein, nein! Sophte. Und doch, theurer Freund!.. Ludolph!(indem ſie an ſeine Bruſt ſinkt) ein Herz, das dich liebt!. Ludolph.(außer ſich) Iſt's doch moͤg⸗ lich!.. Sophle!(indem er ſie mit innigſter Rüh⸗ rung betrachtet) melne Geliebte! Cſeine Arme ſinken, er blickt zu Boden, indem einzelne Thraͤnen, die er nicht zu unterdruͤcken vermag, uͤber ſeine blaſſe Wangen rollen) Dieſer ſelige Augenblick ſey mir Erſatz fuͤr das namenloſe Leiden einer ewig truͤben Zukunft. eer kußt ihre Hand) der Gedanke, daß einſt Fraͤulein Sophie von Aſſen mich wuͤrdig Lud. Lehrjahre. 1 Thl. C hlelt an meinem Herzen zu ruhen, ſtaͤrke und leite mich auf der muͤhſamen Bahn, in der pflicht und Ehrgefuͤhl mich raſtlos vorwaͤrts treiben werden— und ſollte einſt die Stunde ſchlagen, wo Ludolph der Verlaſſene.. Sophie.(indem ſie ihre Hand ihm auf den Mund legt) Halt ein! boͤſer Menſch!. glaubſt du, das durch eine blinde Leidenſchaft hingeriſ⸗ ſene, das thorichte, unerfahrne Maͤdchen. neln, neln! Ludolph, du darfſt mich nicht ſo verkennen... dieſe Stunde der ſuͤßeſten Ergleſ⸗ ſung verdankſt du keiner leldenſchaftlichen Auf⸗ wallung— laͤngſt ſchon pruͤfte ich dein Herz und das meinige— genau habe ich berechnet, was ich meinem Stande, melnem Vater, den Vorurthellen der Menſchen und mir ſelbſt ſchul⸗ dig bin Ludolph! es iſt reifliche Wahlan⸗ erkennung des Beſſern— es iſt eine Liebe durch die ſchoͤnſten menſchlichſten Gefuͤhle gehei⸗ ligt, die mich in delne Arme fuͤhrt„ ich bin, Ludolph! ewig dein!. Ludolph. Allmaͤchtiger! ſo bin lch der relchſte, der glucklichſte, Menſch in delner gan⸗ zen Schdpfung!... S phie. Ich kenne die Hinderniſſe, die uns im Wege ſtehen— ich kenne melnes Va⸗ ters Starrſinn, ſein eigenſinniges Ankleben an Vorurtheile, die der Guͤte ſeines Herzens wider⸗ ſprechen und dennoch demſelben Stillſchweigen gebleien aber ſey ſtandhaft, Ludolph!— 28 unſere Liebe iſt keine der gewoͤhnlichen und ſo laß uns auch muthig einen ungewohnlichen Weg betreten!.. Ludolph. czu ihren Fuͤßen) Engel! empfan⸗ ge meine Huldigung!(indem er raſch aufſteht und ſie an ſeine Bruſt druͤckt) Weib meiner Seele! „empfange den Schwur einer unwandelbaren Treue! Sophte. Auf ewig ſey der Bund geſchloſ⸗ ſen!—(eine heiße lange umarmung.) Gluͤck! Zauberwort, das in dieſem Augen⸗ blick vielleicht von Millionen ausgeſprochen wlrd! Glaͤnzender Irrwiſch, der du zuweilen truͤgeriſch vor unſern Augen flimmerſt und in dem Nu des gierlgen Haſchens verſchwindeſt! oft iſt delne Erſcheinung nur der Vorbote widriger Ereigniſſe. Liebe, Unſchuld und Tugend ſollten dich ſtets be⸗ gleiten, aber wle oft machſt du den Menſchen verzwelfeln an Liebe, Unſchuld und Tu⸗ gend, indem du delne ſchoͤnſten Gaben an den Unwuͤrdigſten verſchwendeſt. oder biſt du nur der fromme Traum einer menſchlichen Seele, und iſt Elend hienleden unſer unwiderrufliches Loos2 ach! nur zu wahr ſchelnt es zu ſeyn, daß der, den wir den gluͤcklichſten nennen, im Grunde nur der minder Ungluͤckliche unter uns iſt Ludolph hatte ſchon in den erſten Tagen ſel⸗ ner Erſcheinung dem Kammerdiener nicht gefal⸗ C 2 —— len, das ausgezeichnete Wohlwollen des Barons erzeugte in dleſem elenden Menſchen Haß und Neid; der letzte Vorfall beſtimmte ihn zur Ra⸗ che. Laͤngſt war ihm das gegenſeitige Betragen der jungen Leute aufgefallen, er ſpuͤhrte ihnen nach, ſuchte ſie zu belauſchen, und war leider über Erwartung in ſeinen Rachforſchungen glůck⸗ uch— er kam eben durchs Gebuͤſch naͤher ge⸗ ſchlichen, hatte einige bedeutende Worte aufge⸗ fangen und war ſeinem Herrn, der in den Gar⸗ ten trat, um ſeine Blumen zu beſuchen, enige⸗ gen geflogen. Ludolph und Sophie hielten ſich noch feſt umarmt, als der Baron von zwey Bedienten un⸗ terſtutzt auf einmal vor ihnen ſtund... Man denke ſich die Wuth des ſtolzen ehrſuͤchtigen Al⸗ ten, und den todtlichen Schrecken der Liebenden man denke ſich(ein widriges Gemaͤhlde!) den Baron im hoͤchſten Affekt der Leiden⸗ ſchaft, ſeinen Stock aufhebend, und mit erſtickter bebender Stimme Ludolphen mit der ſchimpflich⸗ ſten Mißhandlung drohend; das Fraͤulein zit⸗ ternd und außer ſich die Rechte nach dem Vater ausgeſtreckt, indem ſie mit der Linken Ludolph, deſſen emportes Ehrgefuͤhl elne heftige Scene fuͤrch⸗ ten lleß, zuruͤck hielt; in dem Hintergrunde der jubelnde Schurke, der ihre Liebe verrieth; zur Seite die zwey Bedlenten, die Mund und Augen aufſperrten und Muhe hatten ihren fuͤr Wuth be⸗ benden Herrn aufrecht zu erhalten„„ Ein 37 wehmuͤthlg bittender Blick des gellebten Maͤd⸗ chens hatte indeß Ludolphen ſchon etwas beſaͤnf⸗ tigt, er uͤberſah das traurige Verhaͤltniß zwiſchen Vater und Tochter und ſtuͤrzte zu des Barons Fuͤßen. Ludolph. Weun Liebe Verbrechen iſt, ſo komme uͤber mich der ganze Ausbruch ihres Zorns, denn ich allein bin der gluͤckliche Verbre⸗ cher mein Leben iſt in ihrer Hand; dieſer An⸗ blick macht mir ohnehin das Daſeyn zur unerträͤg⸗ ſchen Laſt. aber ſchonen ſie ihre Tochter, ſie iſt unſchuldig— Der Baron.(indem er mit dem Stock nach ihm ſtoßt) Niedertraͤchtiger Menſch! Schlange, die ich in meinem Buſen naͤhrte Ludolph.„Neln, gnaͤdiger Herr! neln, ich verlaſſe ſie nicht, ich welche nicht von der Stelle, bis ſie mir Vergebung, Schonung fuͤr ihre Tochter verſprochen haben! Der Barvn. lim höchſten Ausbruch des Sorn) Bube! Sophie.(faßt mit einem lauten Schrey den Streich auf, den der Baron eben gegen Ludolph fuͤhren wollte.) Ludolph. Caufſpringend— mit Ernſt und Würde) Ich werde nicht laͤnger mehr die Spra⸗ che des Herzens und der Vernunft entheiligen— hier iſt handeln Pflicht!„ Czu dem Fraͤulein) Dieſer wuͤthende alte Mann hat aufgehoͤrt dein Vater zu ſeyn, denn er verwirft dich„ meine 38 Rechte ſind heiliger— Llebe und Dankbarkeit ha⸗ ben mich mit dir auf ewig verbunden—(Cihre Hand ergreifend) komm, Sophie! unter einem Strohdach, dieſem unmenſchlichen Schloßbewoh⸗ ner zum Trotze und zur Quaal, ſoll fuͤr uns das meiſte Gluͤck des Lebens reifen.„ komm Ge⸗ liebte! Gattin! dleſer Arm wird dich fuͤr Miß⸗ handlungen und Mangel zu ſchutzen wiſſen! Sophie. Nein, Ludolph!(zu ihres Vaters Füßen) Vater! nie wird ihre⸗Tochter vergeſſen, was ſie ihnen ſchuldig iſt.. Ludolph, entfem⸗ nen ſie ſich, ich will es haben! Ludolph erblaßte, er wollte ſprechen, aber Sophie ſchlug noch einmal ihren naſſen Blick zu ihm herauf, da ſank er nieder breitete beyde Haͤn⸗ de nach ihr aus, dann gen Himmel, dann auf ſein Herz!.. Sophie! rief er mit erſtickter Stim⸗ me, ich gehorche!— und er ſturzte durch's Ge⸗ buͤſch— Der gluͤhende Blick des Alten folgte ihm nach— und die arme Sophie wankte an ſeiner Seite dem Schloſſe zu. Sophiens Betragen wird vielleicht zum Theil Bewunderung, zum Theil Tadel erregen; man bemerke aber nur, daß bey ihrer Bildung ſie weit mehr der Natur als der Kunſt zu verdanken hatte — in ſolchen Herzen reift die Liebe ſchneller, artet nie in Liebeley aus, ſondern wird nicht ſelten eine heftige, erhabene, unvertilgbare Lei⸗ denſchaft— Sophiens Geſpräch mit Ludolph war das Reſultat der ſuͤßeſten, in der Einſam⸗ 39 keit vertraͤumten Stunden— und die nothwen⸗ dige Folge der Grundſaͤtze, die ſie ſich gemacht hatte; ohne den Auftritt mit dem Pachter, der ihr fuhlbares Herz in eine ſo ſuͤße Unruhe ver⸗ ſetzt hatte, waͤre vielleicht das Geſtaͤndniß ihrer Liebe verſchoben, aber gewiß nur auf einige Wo⸗ chen welter hinaus verſchoben worden. Sechstes Kapitel. Theater Verwandlung. * —— Ludolph war verſchwunden— Sophie brachte noch mehrere Jahre in elner nun unertraͤglichen Einſamkeit bey ihrem Vater auf dem Lande zu — Der Freund ihrer Jugend ſchwebte unaufhor⸗ lich vor ihren Augen und ſein Andenken ruhte ſtets in ihrem Herzen— Ihr Schmerz verlohr zwar allmäͤhlig von ſeiner Bitterkeit, ihre Sehn⸗ ſucht wurde wehmuͤthige Ergebung, aber der ſuße trube Eindruck erloſch nie. Ihr Vater⸗ der ſchon ſeit langen Jahren am Podagra hart darnieder lag, wurde auf einmal noch heftiger von dieſem ſchrecklichen Uebel ergriffen, eine be⸗ — „„ Sx. —— 40 denkliche Schlafſucht geſellte ſich darzu— Die Aerzte riethen zu einem Aufenthalt in der Reſi⸗ denz, und er mußte ſich wider Willen dazu ent⸗ ſchlieſſen. Sein Sohn Ludwig ſuchte noch im⸗ mer unter dem Getümmel der Waffen ein unge⸗ weues, zu helß geliebtes Maͤdchen zu vergeſſen. Der mißtrauiſche Alte, der auf den Sorgſeſſel gebannt war, lleß ſeine Tochter keinen Angen⸗ blick aus den Augen. Um lndeſſen den PVor⸗ wurf eines Tyrannen von ſich abzulehnen, ließ er elne arme Wayſe, ſelne Nichte, um ihr Ge⸗ ſellſchaft zu leiſten, zu ſich kommen. Julle von Walberg hatte bis jetzt auf einem alten Schloſſe an der bohmiſchen Gräͤnze ihre Jugend vertrauert, Ohne ſchön zu ſeyn, hatte ſie dennoch eine heftl⸗ ge Leidenſchaft eingefloßt. Durch ſie hatte Herr von Unſer, ein reicher Landedelmann, endlich begriffen, daß Jagen, Trinken, Splelen und ſeine Lente pruͤgeln die ganze Gluͤckſeligkett des Lebens nicht vdllig ausmachten; was alle Muͤt⸗ ter ſamt ihren hofnungsvollen Toͤchtern aus der Nachbarſchaft ihm ſeit mehrern Jahren durch Worte und Winke ſo oft und ſo nahe und doch immer ſo vergebens ans Herz gelegt hatten, wußte ihm Fraͤulein Julie ohne Worte und Winke auf einmal deutlich zu machen— nemllch das ſuͤße Beduͤrfniß ſelne Zehntauſend Thaler jaͤheliche Einkuͤnfte mit elnem lieben Weibchen zu verzehren. Kaum erfuhr er Jullens Abreiſe⸗ fo ließ er anſpannen und langte einige Tage nach — ihr in D. an, in der Begleitung elnes jun⸗ gen Verwandten, der iu hollaͤndiſchen Dlenſten ſtand. Eduard von Sinzenhelm war bey wel⸗ tem nicht ſo vermoͤgend als ſein Vetter der ruͤ⸗ ſtige Waidmann, aber die Natur hatte ihn dafuͤr reichlich entſchaͤdigt; es war ein ſchoner bluͤhender Juͤngling, deſſen morallſche Blldung ſeinem Aeuſ⸗ ſern volllg entſprach. Eine unuͤberwindliche Schuͤchternheit, die ihn ofters verhinderte ſeine Vorzuge geltend zu machen, wollen wir indeſſen ihm nicht zum Fehler anrechnen, well heut zu Tage ſeine Seltenheit ihn zur Tugend erhebt. Er lernte das Fraͤuleln von Aſſen kennen und ſie machte gleich einen ungewohnlichen Eindruck auf ihn. Seln einnehmendes Weſen, ſein regbares Gefuͤhl, jener ſanfte Anſtrich von Schwermuth, der bey Charaktern der Art das Entſtehen einer heftigen Leidenſchaft gewohnlich bezeichnet, mach⸗ ten ihn Sophien zu elner intereſſanten Bekannt⸗ ſchaft— Gleiche Neigungen, aͤhnliche Talente bewurkten eine allmaͤhliche Annäherung, allein der Vorzug, den ſie ihm augenſcheinlich vor al⸗ len ihren uͤbrigen Bekannten gab, vermehrte zu⸗ gleich ſeine Liebe und ſeine Schuͤchternheit; der arme Eduard haͤtte unfehlbar ſein Geheimniß mit in's Grab genommen, wenn Julie, ihrem Un⸗ fer zu gefallen, ſich nicht in's Mittel geſchlagen und den ganzen Aufwand dieſer ſo ſchweren Lie⸗ beserklaͤrung auf ſich genommen haͤtte. Sophie blieb gleichgultig bey dieſer Entdeckung; der —— 42 Grund von Sinzenheims taͤglich zunehmendem Truͤbſinn, der ihr oͤfters aufgefallen war, lag alſo in einem Herzen voll hofnungsloſer Liebe! Ob ſie nun gleich nichts weniger als ge⸗ neigt war, dieſer Liebe Hofnung zu geben, ſo hatte dennoch dieſe unerwartete Entdeckung keine nachtheilige Folgen fuͤr den ſchoͤnen unglucklichen Juͤngling. Der alte Baron kannte und billigte Unſers ſolide Abſichten, von Eduard wußte er nichts. In dieſem engen Kreiſe lebte der alte Mann mit dem feſten Eutſchluß, ſelbigen nur in der hoͤchſien Noth und mit der groͤßten Behut⸗ ſamkeit zu erweitern. Ein gewiſſer Graf Klingsberg erfullte damals aller Weiber Herzen in D. mit Angſt und Lebe. Jung, ſchoͤn, witzig, reich und verſchwen⸗ deriſch, was fehlte dieſem Stutzer, um den all⸗ gemeinen Beyfall zu aͤrndten? Die beſſere Klaſſo von Menſchen ließen ſich indeſſen durch dieſen glaͤnzenden Firniß nicht taͤuſchen, ſie hatten ſeinen boshaften, heimtuͤckiſchen, ſchadenfrohen Charak⸗ ter ergruͤndet, und wußten jenen leichten Witz, der gleich dem Weſpenſtich, auch die zarteſte Blu⸗ me nicht ſchont, nach ſeinem wahren Werth zu ſchaͤtzen. NRie verſiegte ſein ſatyriſcher Adem, er haſchte jeden Morgen nach allen Neulgkeiten, und auch die unbedeutendſte wußte er mit eben ſo boshaften als feinen Bemerkungen zu wuͤrzen. In ſeinem Munde erſchlen alles unter einem ganz neuen Licht; Lleder und Epigrammen fuͤllten ſei⸗ 43 ne Taſchen; was nach der Mode ſeyn wollte, mußte Abſchriften davon haben. Weh dem, der ihm aus Gruͤnden oder aus Laune mißſiel. Da er den Muth eines geubten Klopffechters beſaß, ſo war es ſchwer ihm Stillſchweigen zu gebieten — mit den Waffen des Laͤcherlichen verfolgte er allenthalben diejenigen, die er elnmal zum Stlch⸗ blatte gewaͤhlt hatte, und da jede ſeiner Schil⸗ derungen ſtets eine aͤußerſt komiſche Karikatur war, ſo zwang er ſogar dfters dem Vernuͤnftig⸗ ſten ein unwillkuͤhrliches Laͤcheln ab. Graf Klings⸗ berg, mit einem Wort, war eine von den flim⸗ mernden gehaltloſen geſellſchaftlichen Erſcheinun⸗ gen, die ihre ephemertſche Reputatlon einzig und allein ihrer galanten Frechheit und der allgemei⸗ nen Verderbniß zu verdanken haben. Dle Wei⸗ ber ſchmeichelten ihm, well ſie ſeinen beißenden Witz und ſeine loſen Bemerkungen fuͤrchteten; manche ſuchte, um einen oft zu theuern Preis, gemeinſchaftliche Sache gegen eine verhaßte Ne⸗ benbuhlerin mit ihm zu machen. Dleſem ge⸗ faͤhrlichen Menſchen gluͤckte es in dem Hauſe des alten Barons ſich Eintritt zu verſchaffen. So⸗ phiens Reltze und großes Vermoͤgen hatten ihn gelockt. Den Vater hatte er bereits auf ſeiner Seite, und ſo ſah er der Erfuͤllung ſeiner Wuͤn⸗ ſche nichts mehr entgegen. Seine muntere Lau⸗ ne war fuͤr den Alten ein ſüßes Gegengift fur die Langeweile und das Podagra; er haͤtte den ret⸗ 44 —— chen Grafen lieber heute noch als Morgen Sohn genannt. Das Fraͤulein aber dachte und fuͤhlte ganz anders; ſie beobachtete den Grafen genauer, und das Reſultat ihrer Bemerkungen war eine Gleich⸗ guͤltigkeit, die an Verachtung graͤnzte. Weder die Zeit noch die Entfernung hatte ohnehin bis ijetzt das Andenken an den Freund ihrer einſamen Ingend aus ihrem Herzen zu erloͤſchen vermogt; wachend und traͤumend ſtand immer noch der ſcheidende Ludolph vor ihr; und obgleich dies Zauberbild der erſten Llebe ihr keine ſchmerzhaf⸗ ten Thraͤnen mehr auspreßte, ſo blieb es ihr den⸗ noch immer eine ſuͤße ſchwaͤrmeriſche Erlnnerung. Dicht an Ludolphs Bild draͤngte ſich der gute Sinzenheim. Sophie ſelbſt machte ſich zuweilen heimliche Vorwuͤrfe uͤber das Gefuͤhl, welches ſeine Gegenwart in ihr erregte— ſie hielt es fuͤr aufkeimende Liebe, jene Miſchung von Freundſchaft, Achtung, Mitlelden und Dankbar⸗ keit, deſſen eine edle weibliche Seele fuͤr den Mann, der ſie aufrichtig liebt, ſich nicht erweh⸗ ren kann. Der alte Baron wartete mit Sehnſucht auf die Stunde, wo er einen Enkel auf ſeinen Ar⸗ men wuͤrde wiegen können. Sein Sohn Lud⸗ wig, ſeit dem ein geliebtes Maͤdchen ſeine Gut⸗ muͤthigkeit auf das aͤußerſte gemißbraucht hatte, weigerte ſich, trotz aller vaͤterlichen Vorſtellun⸗ gen, eine Frau zu nehmen, und als dieſer in allem — 0 „„ v ð— Ernſt in ihn drang, ſo erklaͤrte er kurz und gut, daß er ledig zu ſterben, um ruhig zu ſterben, feſt entſchloſſen ſey. Der troſtloſe Vater wandte ſich nun zu ſeiner folgſamen Tochter, die im⸗ mer noch einer beſtimmten Erklaͤrung auszuwel⸗ chen ſuchte. Der Gedanke an eine ſolche Ver⸗ bindung rufte alle ihre jugendlichen Gefuͤhle hervor, denn noch glimmte die erſte Liebe unter der Aſchez waͤre Ludolph in ſolchen Augenblicken erſchienen, ſo waͤre auch ihr kuͤnftiges Schickſal auf immer entſchieden geweſen— aber er kam nicht! nicht einmal die Hofnung ihn je wieder zu ſehen blieb ihr uͤbrig. und die Thraͤnen ihres ſonſt ſo ge⸗ bieteriſchen und jetzt bittenden Vaters, der ſie beſchwor ihm noch den letzten Troſt zu gonnen, ſie als gluͤckliche Gattln vor ſelnem nahen Ende an ſein Herz zu druͤcken, machte ſie in ihrem ſchwaͤrmeriſchen Entſchluſſe wanken.. Schon fuͤhlte ſie, daß ſie doch endlich nachgeben muͤſſe, und in ihrem Herzen hatte ſie bereits ſchon heim⸗ lich beſchloſſen, dem beſcheidenen Eduard ihre Hand zu geben, wenn ſie anders ihrem frühern Entſchluß nicht laͤnger getren bleiben duͤrfte. 46 Siebendes Kapitel. Das Teſtament. Wer ſieht ſich nicht gern in ſeinen Kindern fort⸗ leben! Der Wunſch des Greiſes am Rande des Grabes, das ſcheldende Leben in Enkeln noch zu erblicken, iſt ſo natuͤrlich, ſo ſehr der Menſchheit, die vor der Vernichtung bebt, und am Daſeyn klebt, angemeſſen, daß man es dem alten Ba⸗ ron wahrlich nicht verargen kann, wenn er gleiche Wuͤnſche hegte. Den Gedanken, ſeinen Ludwig als Haus⸗ vater zu ſehen, hatte er leider aufgeben muͤſſen; aber um ſo eifriger drang er nun in ſeine Toch⸗ ter, beſonders da er jetzt feſt entſchloſſen war, den Grafen Klingsberg zum Schwiegerſohn zu 66leich nach dem Fruͤhſtuͤck, das in des Ba⸗ rons Zimmer eingenommen wurde, pflegte man aus einander zu gehen, und ein jeder benutzte ² ſeine kleine Privatangelegenheiten zu beſorgen. dieſen Zwiſchenraum bis zur Mittagsſtunde, um t 6 6 n d„ he 8* 6 h⸗ zu a⸗ an te m Der Baron auf ſeinem Sorgſeſſel, in Kuͤſſen ein⸗ gehuͤllt der Wanduhr gegenuͤber, ſchllef meiſtens uͤber einer alten Chronik ein, wenn ihm das Po⸗ dagra ſo vlel Ruhe uͤbrig lleß, um aus dem Folianten elnige Stunden Schlaf zn ſchoͤpfen. Eines Morgens, als Sophie mit den uͤhri⸗ gen Hausgenoſſen aus dem Zimmer gehen woll⸗ te, winkte er ihr zu bleiben, ſie mußte Platz nehmen. Der Baron.( nachdem er ſie einige Au⸗ genblicke mit Ernſt und Ruͤhrung betrachtet hatte, reicht ihr die Hand.) Sophte. cküßt ihres Vaters Hand mit ſicht⸗ barer Verlegenheit.) Der Baron. Ich bin alt, meine Toch⸗ ter, ſehr alt!.. dein Bruder blelbt taub gegen all mein Bitten und ich darf nicht mehr hoffen, daß der eigenſinnige Menſch meinen Vorſtellungen nachgeben wird ſoll ich denn die Hoffnung vollig aufgeben, noch vor meinem nahen Tod eines von euch beyden verheyrathet zu ſehen? Sophie. Aber lieber Vater!.(ſie ſtockt.) Der Baron. Nun. Sophle.(ſich ſammelnd) Ludwig wird gewiß ſich noch erbitten laſſen er iſt Ihr einziger Sohn.. Der Baron. Neln, neln! du kleine Schlange! diesmal ſchluͤpfſt du mir nicht ſo leicht durch. Es iſt jetzt nicht von deinem Bruder die Rede, ich kenne ſeine Halsſtarrigkeit; zudem iſt 43 ———— er bereits in einem Alter, wo ſich ſeine Bedenklich⸗ keiten leichter entſchuldigen laſſen ich gebe alſo von der Seite alle Hofnung auf, aber du Sophle ſey aufrichtlg, Kind!— iſt dein 3 frey.. darf ich eine Wahl füͤr dich tref⸗ en 7 S Lieber Vater! dieſe Fra⸗ ge!. Der Baron. Woher dieſe Verlegen⸗ heit? bin ich nicht dein Vater— dein beſter Freund? Sophie. Cvirſt ſich in ſeine Arme) O meln Gott! Der Baron.(lächelnd) He doch— ich ha⸗ he errathen— Sey ruhig⸗ meine Tochter! dieſe Woche ſo Gott will, ſollſt du Graͤfin Klingsberg werden! Sophie. Guffahrend) Ich Vater!— Graͤ⸗ fin Klingsberg? Der Baron. Wundert's dich? nicht wahr, daß der alte Vater in deinem Herzen ge⸗ leſen hat!— ja ſiehſt du, Kind, vor halb blin⸗ den Augen laͤßt ſich die Liebe nicht verbergen, das merke dir— ja, ja, Gräfin Klingsberg!.. Sophie. Um des Himmelswillen, Pa⸗ ter!— wenn die Ruhe, das kuͤnftige Gluͤck Ihrer Tochter Ihnen lieb iſt, ſo geben Sie die⸗ ſen Gedanken auf Der Baron⸗ Was ſoll das?— iſt der S* Graf nicht ein liebenswurdiger junger Mann, e — 49 nicht reich, ſtammt er nicht aus einem ſehr al⸗ ten Hauſe Sophie. Nie werden Relchthum und ver⸗ modernde Pergamente die Wahl eines Gatten bey mir beſtimmen. Der Baron, Du wirſt min taͤglich unbe⸗ greiflicher! Ich kenne keine Famille im ganzen Lande, dle ſichs nicht zur Ehre ſchätzte, mil die⸗ ſem ltebenswuͤrdigen reichen jungen Manne in naͤhere Verbindung zu treten! Sophie. Lieber Vater nennen Sie nicht Eigenſiun, was bey mir Grundſatz lſt. Liebe ohne Achtung iſt das groͤßte moraliſche Ungluͤck, das einem fuͤhlenden Geſchoͤpfe wiederfahren kann „ Gott behuͤte mich, je meine Hand einem Manne geben zu muͤſſen, der nicht zugleich mit meiner Liebe auch melne Achtung beſitzt— Sie wollen, Sie wuͤnſchen das Gluͤck Ihrer Tochter, und wenn nun Rang und Reichthuͤmer dies Gluͤck nicht ausmachen konnen?.. Mein kuͤnftiger Ge⸗ mahl muß zugleich mein Geliebter, mein beſter Freund ſeyn„ Soll ich der oft tyranniſchen Meynung der Welt das Gluͤck meines ganzen Lebens aufopfern? melne Ruhe, meine Zufrie⸗ denheit einer eltlen Konpeulenz 2. Mit dem Titel einer Graͤfin koͤnnte ich vielleicht die letzte Buͤrgersfrau um ihr haͤusliches Gluͤck benelden, da, wenn melnem Herzen meine reifere Pruͤfung, die Wahl eines Gefaͤhrten durch's Leben war⸗ Lud. Lehrjahre 1 Thl· D äberlaſſen worden, ich vielleicht eine beneidens⸗ wuͤrdige Hausfrau geworden waͤre! Der Baron. Tolles, unſiuniges Ge⸗ ſchwaͤtz! Unſere Romanſchreiber, dieſe heilloſe Giftmiſcher werden uns noch ſo viel uͤber den Mannund das Weib wie ſte ſeyn ſoll⸗ ten, ſchmieren, daß am Ende kein Vater in ſeinem Hauſe mehr Herr ſeyn wird! Sophie. Verzeihung, theurer Vater! nie ſollen Sie ſich uber Ihre gehorſame Tochter zu beſchweren haben aber daß ich uber dieſe wichtige Epoche meines Lebens und meinen ehren⸗ vollen Veruf als Weib und Haustrau ernſtlich nachgedacht habe daß, warum ſollt' ich's Ih⸗ nen nicht geſtehen? das Ideal, eines Gatten, wie ich mir ihn wuͤnſchte, ofters mein Herz und meine Vernunft beſchaͤftigt... wie konnten ſie, liebſter Vater, mir das veruͤbeln? Der Baron.(Cindem er ſie ſcharf in's Ange faßt) Ich will nimmermehr hoffen, daß eine kindiſche Unbeſonnenheit läͤnger noch.(inne hal⸗ tend— dann ernſt und ſpottiſch) Mit ſolchen Grund⸗ ſätzen kdnnte eine Furſtentochter einen Livree⸗Be⸗ dienten an den Altar begleiten!. Sophie. Ohne meines Vaters Einwilli⸗ gung werde ich keinem Manne, auch dem voll⸗ kommenſten nicht, meine Hand geben! Der Boron. PVerdammt— über die ewigen Schlupfwinkel!— War das eine Antwort auf meine wohlgemeynte Frage? n⸗ h⸗ nd 132 uge ine hal⸗ nd⸗ Be⸗ illi⸗ oll die vort 51 Sophte. Werden Sie nur nicht boͤſe, lle⸗ ber Vater!.. Sie uͤbertrelben die Folgen meiner Grundſaͤtze.. ich ehre den Stand, in dem ich gebohren wurde und weiß, was ich ihm ſchuldig bin— nie ſoll meine Familie uͤber meine Wahl errdthen muͤſſen— aber, theurer Vater, indem Sie mir elnen Gatten geben, wollen Sie in die⸗ ſer Wahl dem Vorurtheil frohnen oder das Gluͤck Ihrer Tochter befoͤrdern? Gewiß das letztere — und wenn ich nun auf immer ungluͤcklich waͤ⸗ re, ſobald ich meinem Gemahl meine Achtung verſagen muͤßte, wenn.. Der Baron.(gahnend) Schwaͤrmereyen — unſinniger Wortkram!... aber ich merke ſchon, wo du hinaus willſt.(gahnend) geh jetzt— auf ein andermal mehr—(ſeine Augen ſchließen ſich— er ſucht ſich zu ermuntern) ich werde ſchon meine Maßregeln zu treffen wiſſen„ Gſein Haupt ſinkt) Fraͤulein Sophie von Aſſen ſoll. keine(gaͤhnt) Romanholdin wer⸗ den Sophie. O meln Gott!, und muß ich denn heyrathen?— warum wollen Sie mir nlcht die ſuße Pflicht goͤnnen Ihr Alter zu pflegen — wer kann bey dem kranken PVater die liebende Tochter erſetzen 2... Nun ſuchte ſie ihren Widerwillen gegen den Grafen durch treue Schilderung ſeines Charakters zu rechtfertigen— die Leidenſchaft trug hier D 2 52 freylich die Farben etwas grell auf— indeſſen konnte man doch dieſen Mann nach der Mode gar deutlich erkennen— aber der Baron war waͤhrend der Rede feſt eingeſchlafen— und ſie ſchlich ſich unruhig und beſchaͤmt zum Zimmer hinaus. Joch den nemlichen Abeud ſuchte der Alte ſei⸗ nen letzten Willen, den er laͤngſt ſchon niederge⸗ ſetzt harte, hervor, und fuͤgte folgende Klauſel hinzu— Derjenige Theil meines Ver⸗ mogens, der meiner Tochter Sophie durch dieſen meinen letzten Willen be⸗ ſtimmt iſt, faͤllt meinem Sohne Lud⸗ wig ganz anheim, im Fall ſeineSchwe⸗ ſter bis zu einer Misheyrath ſich ver⸗ geſſen kdnnte.— Einige Tage darauf drang er noch ernſter in ſie, indem er ihr ſogar dieſe Klauſel, bekannt machte; ſie blieb ſtandhaſt, gab aber dennoch zzu verſiehen, daß ſie ſich bey weitem nicht ſo widerſetzlich zeigen wuͤrde, im Fall von Eduard Sinzenheim ſtatt des Grafen die Rede waͤre. Mit grauſer Stimme hoͤrte der Alte dieſe leiſe Aeußerung— Eduard hatte ja beynahe kein Ver⸗ moͤgen— indeſſen ſtammte er aus einem alten vekaunten Hauſe— Dieſe Bemerkung machte ihn ſchon freundlicher, er druͤckte läͤchelnd ſeiner Toch⸗ ter Hand, indem er ſagte— ſo haͤtte ich dennoch Hofnung, dich vor melnem Tode als Weib an mein Herz zu druͤcken! —— — ₰ Achtes Kapitel. Ludolphs erſte Ausflucht. —— 8 Verkannt, verſtoßen, auf das empfindlichſte gekraͤnkt, war Ludolph in der erſten Stunde ſchon weit von dem Schloſſe Aſſen geflogen, wo er ſein geliebtes Maͤdchen in Thraͤnen aufgeldßt zu den Fuͤßen des ſtolzen harten Vaters gelaſſen hatte. Tauſend ſeltſame kindiſche Rieſenplaͤne durchkreuz⸗ t ten ſich in ſeinem gluͤhenden Gehirn— Bald wollte er Rache, ſchreckliche Rache an dem Va⸗ o ter ausuͤben, und dem Unwuͤrdigen auf ewig ſeine d Tochter rauben— aber dieſe Gedanke konnte nicht zur Reife kommen, denn ſein dankbares ſe weiches Hrrz ſtellte ſogleich neben dem harten Vater den uneigennuͤtzigen menſchlichen Wohlthaͤ⸗ nter— nein! neln! rief er alsdenn; er hat n mein Herz zerriſſen, aber nie werde ich vergeſſen h⸗ können, was er mlr war, und Sophle, die ſauf⸗ ch te fromme Tochter wie koͤnnte ſie in den 6 Plan meiner Rache einwllligen!— Ich verzei⸗ he dir, du ſtolzer, harter ungerechter Mann, um 4 2.„ *——— 8 ———————= S S 8—= S—— 4 —————— 54 deiner Tochter Thraͤnen willen— ich will edler ſeyn als du!... Indem er an dieſem Entſchluß bruͤtete, hat⸗ te er eine Anhoͤhe erreicht, von der man das ſchoͤne heitere Thal uͤberſehen konnte— ſein Blick flog durch die weite Flur nach dem Schloſſe und da fuͤllten ſich ſeine Augen mit Thraͤnen, ſeln Boſen flog, ſelne Knie wankten; unwillkuͤhrlich und bebend breitete er beyde Arme nach dem zer⸗ ſtörten Paradies ſeiner erſten Liebe aus— So⸗ phie! rief er endlich mit erſtickter, kaum hoͤrba⸗ rer Stimme, o meine geliebte Sophie! ſey dn gluͤcklich fuͤr uns beyde!... Er ſank in die Knle und ließ ſich am Fuße einer hohen Eiche, unter deren Schatten er einſt ſo manche ſelige Augen⸗ blicke an der Selte der Geliebten genoſſen hatte, erſchoͤpft niederfallen. Ich bin nun allein! dies war ſein erſter Gedanke, als ſeine Lebensgeiſter ſich wieder ge⸗ ſammelt hatte. Nun denn, rief er ſich ſchnell aufraffend, ſo will ich auch allen der Stifter meines Gluͤcks ſeyn! und ereilte raſtlos vorwaͤrts, bis ihn die einbrechende Finſterniß i ein Nachtlager zu ſuchen. Da lag Ludolph in einer armſellgen Dorf⸗ ſchenke auf einer Strohbuͤrde; neben ihm ſchnarch⸗ ten berauſchte Fuhrleute— und doch— drey⸗ mal geſegnet ſey du, ſuͤße, gottliche, unerſchoͤpf⸗ liche Schoͤpferin holder Ideale, deren taͤuſchen⸗ der Schimmer die ſchwarze Wuͤrklichkeit hinweg * ⸗ h⸗ f⸗ n zaubert, und ſo oft die bittere Thraͤne des wuͤrkli chen Elends mit dem wehmuͤthigen Laͤcheln des ertraͤumten Gluͤcks verſuͤßet!... — Ludolph hatte ſich ihrem magiſchen Ein⸗ fluß hingegeben, und die durchrauchte, von me⸗ phitiſchen Ausduͤnſtungen gefuͤllte Stube war ihm eine Roſenlaube und ſeine Strohbuͤrde ein ſybarl⸗ tiſches Lager— da ſteht er in Rauch und Feuer eingehuͤllt auf dem Schlachtfeld, und ſeine don⸗ nernde Stimme gebietet uber Tauſende— der Feind flieht— ihm iſt das Vaterland den Sieg ſchuldig!— Plotzlich ertdnt in der Ferne eine bange Stimme;— Der Koͤnig iſt umzin⸗ gelt!— An der Spitze ſeiner Getreuen ſtuͤrzt er in des Feindes Mitte!.. Dort liegen ſie in ihrem Blute ſchwimmend, und er an des gerette⸗ ten dankbaren Monorchen Brnſt!... Der Lohn des Helden iſt der Gellebten Hand, die der be⸗ ſchaͤmte Vater, auf des Koͤnigs Befehl, ſeinem Liebling darreicht— Mit dieſen Gedanken ſchllef er ein— Als er am grauen Morgen ſein hartes Lager verließ, ſtand halb erſtarrt eine zerlumpte verſtuͤmmelte Menſchengeſtalt mit einem Stelzfuß an der Hausthuͤr und reichte die zitternde Hand zu elnem Allmoſen hin.— Du armer Meuſch! rief Ludolph und griſſ nach der Taſche; wo biſt du ſo unbarmherzig zerfetzt worden?— Bey Hochkirchen, lieber Herr! meine Kameraden flo⸗ hen— ich griff nach der Fahne, drang mit we nigen vorwaͤrts, da zerſchmetterte mir eine Kar 56 — tatſche das Bein und ein voruͤber reutender feind⸗ licher Huſar laͤhmte mir durch einen Saͤbelhieb den Arm— im Lazareth erfuhr ich aber, duß meine Entſchloſſenheit damals von großem Vor⸗ theil geweſen war— Und dieſe That blieb un⸗ belohnt?— Ich habe die Erlaubniß erhalten ungeſtort betteln zu duͤrfen!— Der wehmuͤthig freundliche Ton mit dem der Held von Hochkir⸗ chen dieſe letzte Worte ſprach, ruͤhrte Ludolph bis zu Thraͤnen, er druͤckte ihm die noch bewegba⸗ re Hand, verdoppelte ſeine milde Gabe und eilte davon.— Das ſchoͤne Luftgebaͤude ſeiner kuͤufti⸗ gen Groͤße, auf dem Strohlager entworfen, war wie eine Seifenblaſe, bey dem letzten Blick auf den Bettler, zerplatzt.— Nein, nein! rief er, als er im Freyen war, auf dieſer Bahn werden Tauſende zu Kruͤppel geſchoſſen, bis ei⸗ ner zum Tempel der Gottin hinauf glimmt!... Der Muſen⸗Sitz iſt leichter zu erſteigen, und wer wird leugnen, daß die Unſterblichkeit, bey der naͤchtlichen Lampe erworben, nicht eben von ſo vielem Werth iſt, als die, welche auf dem blutigen Schlachtfelde errungen wird... Dieſen Gedanken dehnte er zu einem weitlaͤuftigen Plane aus, der ihn bis vor Magdeburgs Thore, wel⸗ che er den vierten Tag in der Abenddaͤmme⸗ rung erreichte, hinlaͤngliche Beſchaͤftigung gab. Den andern Morgen ſuchte ſich Ludolph ein kleines freundliches ſtilles Stuͤbchen aus, und weihte ſich in elnem ſeyerlichen Monolog dem N ——————. ——* * 5 57 Dienſte der dramatiſchen Muſe.— Der Plan zu elnem helleniſchen Trauerſpiel wurde ſogleich entworfen— es muß etwas Neues, etwas Ue⸗ berraſchendes ſeyn!— Sophokleiſche Choͤre!... Geſchlungen ſey der Knoten, er loſe ſich aber ſanft und ohne aͤngſtliche Anſtrengungen auf... Zwey Monathe flohen dahin, und da lag in ſechs Abſchriften, das Meiſterſtuͤck auf Ludolphs Schreib⸗ pult Er ſandte ſelblge nach Oſten und We, ſten, an alle Ambulanten, ſtehende National⸗ und nicht Natlonaltheater Deutſchlands.— Erſt nachdem er den ganzen Vorrath ſeiner geſammel⸗ ten Addreſſen erſchoͤpft hatte, legte er ſeine Feder nieder und ſtimmte im froheſten Taumel das vor⸗ eilige Siegeslied an. Tollers laͤßt ſich nichts denken als Ludolphs Phantaſien zwiſchen dem kurzen Zwiſchenraum der Abſendung und der er⸗ ſten Hiobspoſt, darauf vlele andere ſchnell, nach einander folgten. Das arme Kind der hofnungs⸗ vollſten Laune hatte nirgends Aufnahme gefun⸗ den; hier ſchnoͤde, dort ſpottiſch, weiter nach Norden veraͤchtlich behandelt, oder mit den ge⸗ melnſten Gemeinſpruͤchen auf beſſere Zeiten ver⸗ troͤſtet, kam es dem getaͤuſchten Vater zuruͤck, der es, recht vaͤterlich, mit thraͤnenden Augen empfing.— Lange blleb Ludolph, den ſtarren Blick auf den Boden gerichtet, ſtehen— Es ſey denn, rlef er endlich, und ſeine Wangen gluͤhten; die gerechtere Leſewelt ſoll mich fuͤr dieſe unwär⸗ dige Behandlung des Gaucklertroßes ſchadlos hal⸗ 58 ten! Und er lief mit ſeinem Manuſeript zu dem naͤchſten Buchhaͤndler— Der dicke kleine Mann legte gaͤhnend die Feder nieder, wand ſich nach⸗ laßig zu ihm um, beſah den Titel— Iſt das Stuͤck ſchon aufgefuͤhrt?— Nein!— So kann ich keinen Gebrauch davon machen; Schauſpiele nicht für das Thearer beſtimmt waren eioige Zeit Mode, nun kann man ſie nicht ein⸗ mal mehr in den Leſebibliotheken im Reiche an⸗ bringen.— Aber— was?. Nichts als Ma⸗ kulatur, ſage ich ihnen; ich packe die Jungfrau und Luciade damit ein. Ich daͤchte doch... — Denken hier iſt nicht vom Denken die Rede; wiſſen ſie was, ſchmelzen ſie mir das Ding in einen Banditen-Roman um, und ich zahle ihnen dafuͤr zwey Thaler per Bogen... Eben trat ein niedliches Kammermaͤdchen mit einem ſchonen guten Morgen herein.— Der dicke Mann ſchnauf⸗ te ihr entgegen und ließ den armen Ludolph ſte⸗ hen.— Ein reicher Weinhaͤndler, der, mit einer Sam wlung engliſcher Karrikaturen, am Nebentiſhe beſchaͤftigt war, hatte dem Geſpraͤche zugehdrt.— Darf man das Ding beſehen? fragte er mit einer fonoriſchen Baßſtimme.. Ludolph reichte das Manuſcript hin.— Wahr⸗ haſtigt recht brav!— In Ludolphs Buſen glimm⸗ te das erldſchende Feuer der ſuͤßeſten Hoffnung wieder auf— Eine huͤbſche korrekte Handſchrift — Ludolph machte große Augen— Es glebt vey mir Jahr aus Jahr ein, fuhr der Weinhaͤnd⸗ ler fort, indem er ſeine Doſe mit der flachen Hand rieb, viel zu kopiren; das Schreiben wird mir anfangs ſchwer; wenn er will— es ſoll ein Wort ſeyn! ich zahle ihm drey Groſchen fuͤr den Bogen— Da riß Ludolph dem Menſchen das Manuſcript aus der Hand und ſtuͤrzte in voller Wuth zur Thuͤre hinaus— ein ſchallendes Gelaͤchter folgte ihm nach.. auf dem Fuͤrſten⸗ wall kam er endlich wieder zu ſich er warf ſich nieder und ſeine Augen verfolgten Gedanken⸗ los die ſilllen Fluthen der majeſtaͤtiſchen Elbe, die ſanft dahin gleitete, als er ſich plotzlich um⸗ faßt füͤhlte,— Er hlickte auf— erkaante ſeinen treueſten, gellebteſten Jugendfreund, und ſank, fuͤr Wehmuth uͤberflteßend, laut weinend an ſel⸗ nen Buſen hin. Neuntes Kapitel. Sommers Geſchichte. —— Ats der erſte Rauſch des frohen unverhofften Wiederſehens voruͤber war, thetlte der zutrauliche Ludolph ſeinem erfahrnen Freund den Plan ſeie nes kuͤnftigen Lebens mit.— Sommer ſchuͤrtelte 60 elnmal uͤber das andere den Kopf; endlich als Ludolph geendigt hatte, klopfte er langſam ſeine Pfelfe aus, ſturzte das letzte Glas Duchſteiner hinunter und ſagte, indem er ihm mit einem wehmuͤthigen Laͤcheln die Hand ſchuͤttelte— Armer Freund! wie biſt du noch ſo weit zuruͤck! — Unſere Schulpedanten, Freund, haben den Galgen an uns verdient mit ihren Schilderungen von einer Welt, in der wir nun beyde wie in eine unermeßliche Leere hinein geſchleudert worden ſind.. Tugend, Talente, ſolide Kenntniſſe ſind heut zu Tage, mein Beſier, nicht vlel mehr als rdmiſche Muͤnzen! Man betrachtet ſie der Sel⸗ tenheit wegen, ſie ſind aber außer Cours. Der Egotsm reglert mit einem eiſernen Scepter; be⸗ truͤgen oderbetrogen werden! Nur ſel⸗ tenen Gluͤckskindern wird ein drittes zur Wahl noch hinzu gegeben; im Ganzen genommen, muß man ein Dummkopf oder ein Schurke ſeyn, wenn man ſeinen Weg gemaͤchlich und mit Nu⸗ tzen machen will. Der Dummkopf, mein guter Ludolph, iſt eine lebendige Maſchine, ohne Lel⸗ denſchaften, mit elngeſchraͤnkten Beduͤrfulſſen, und der die Naſe nle hoch genug traͤgt, um von dem ſpurenden Neide bemerkt zu werden; er hat auf den Menſchen von Geiſt und Gefuͤhl den nem⸗ lichen Vortheil, als das Klnd auf den reifen Mann.— Das Kind genießt die Gegenwart, indeß der Mann den aͤngſilichen Blick in die dunkle Zukunſt gerichtet hat.— O gluͤcklicher .— 61 — Dummkopf! dir hat Gott die wahre Phlloſophie des Lebens ertheilt! Die eniflohene Stunde wird durch die gegenwaͤrtige vergeſſen— die Zukunft bleibt ihm ein leerer Raum— eln ungeſchriebe⸗ nes Blatt— kurz— der Dummkopf genießt! und wird vorwaͤrts geſtoßen— dem Schur⸗ ken ſtehen alle Wege offen— denn der iſt maͤch⸗ tig, in deſſen Buſen keine innere Stimme mehr ſpricht, und dem die allgemeine Achtung nur in ſo ferne wlchtig iſt, als ſelbige zum ſchnellern Emporſteigen beytragen kann.— Yrmer Freund! ich will fuͤr dich Erfahrungen geſammelt haben! — kehre zuruͤck!— werde was dein Pater war!— Ein Kuͤſter bey ſeiner Schuͤſſel Kartof⸗ feln iſt gluͤcklicher als der Große, der einen Stern auf dem Herzen und eine Schlange in dem Bu— ſen herum traͤgt! Ludolph ſchuͤttelte den Kopf, und ſah ſelnen Frennd mit einer zweifelhaften Mie⸗ ne an.— Du glaubſt mir nicht, fuhr Sommer welter fort; ſieh, Bruder! wenn ich nur das allerentfernteſte Inutereſſe haͤtte, daß du ſo oder ſo handelteſt, und wenn du meines Lebens Ret⸗ ter geweſen waͤreſt, ſo waͤre es dennoch eine Thorheit mir zu trauen! Aber ſo— abſcheulb cher Menſch! rlef Ludolph eutruͤſtet und ſprang von ſelnem Sitze auf.— Sommer faßte ge⸗ laſſen ſeine Hand.— Ich habe Belege, Kame⸗ rad! dieſe Auwallung war kindiſch— ſey ruhlg, und laſſe dir erzaͤhlen.— Die Geſtalten der Herven Rom's und Griechenlands ſchwebten eben 62 ſo wie dir Tag und Nacht vor melnen Augen; unſer bucklichter Rector hatte mir ja ihre Ge⸗ ſchichte derb genng eingeprägelt— ich fuͤhlte mich am Ende begeiſtert, waͤhnte einſt als ein zweyter Alciblades, Epaminondas, Themiſtokles, unter dem Schutze des teutſchen Adlers, hervor⸗ treten zu koͤnnen, und ließ mich an elnem ſchoͤ⸗ nen Morgen durch zwey P— Werber, wie ein Einfaltspinſel auf das Regimentsdepot nach H„ fuͤhren.— Ein Bengel von einem Unterofficler weihte mich mit Stockichlaͤgen in der edlen Kunſt des großen Friedrichs ein— und als ich bey einer guͤnſtigen Gelegenheit die Lehre des freyen Willens ausuͤben wollte und ich mich deshalb nach dem Ge⸗ brauch der eleganten Welt fans compliment des Abends aus der Feſtung ſchlich, ſo mach⸗ ten dieſe einfaͤltige Menſchen ein ſolches Aufſe⸗ heu aus dieſer Plaiſanterie, daß Kanonen geldßt wurden— Die Bauern ſogar ſetzten mir nach, fanden mich halb erſtarrt unter einer Bruͤcke, kompllmentlrten mich wieder in die Stadt zuruͤck, und zwey Tage darauf mußte ich mir durch dieſe unphiloſophiſche Menſchen gegen meinen freyen Willen den Ruͤcken zerfleiſchen laſſen.— Ar⸗ mer Sommer!— Das war eine Klelnigkeit — nach Verlauf von neun Monaten fanden mich meine Lehrer genugſam zur Menſchenjagd unter⸗ richtet; ich kam im Lager an.— Den Tag nach melner Ankunft wurden aus meinem Batall⸗ 63 lon zur Einnahme einer feindlichen Verſchanzung Freywillige heraus gerufen— ich trat hervor — mein Beyſpiel munterte auf— wir erobet⸗ ten die Schanze, ich war der erſte, der hinein ſprang, und wurde Unteroffizier.— Der Neid erwachte— ich haͤtte ſollen klug und beſcheiden ſeyn, und wurde tollkühn und üdermuͤthig— mir traͤumte ſchon von einer Generalſtelle.— Du errinnerſt dich, daß ich zlemlich artig zeich⸗ nen kann— wir ſtanden unter den Mauern ei⸗ ner Graͤnzfeſtung— da kam mir der unſäͤgliche Gedanke ein mich an einer Sternſchanze zu uͤben — ich wurde angegeben, ergriffen und als Land⸗ und Staats⸗Verraͤther in die Eiſen geworfen.— Durch die Fuͤrſprache meines Hauptmanns, und weil die Eroberung der Schanze noch im friſchen Andenken war, wurde dle Todesſtrafe in Gaſſen⸗ laufen verwandelt— die alten Wundeu meines Herzens und meines Ruͤckrads wieder von neuem aufgerlſſen,.. So endigte mein erſter Fe dzug — man hatte mir ad hominem demonſtrirt, daß der ſchoͤne Plan meiner glaͤnzenden militai⸗ riſchen Laufbahn der Traum eines Tollhaͤuslers ſey.— Mein Muth ſank vollig— ich ſuchte den Tod!.. Die Feinde hatten ein nahgelegenes Bergſchloß in Brand geſteckt, ſie retiriten, wir ſetzten ihnen auf den Ferſen nach— Eine welb⸗ liche Geſtalt ſtund eben an einem offnen Fenſter des zweyten Stocks und breitete die Haͤnde nach Huͤlfe aus.— Vnks und rechts hatte bereis 64 vie Wuth der Flammen alles ergriffen— ich ſturzte durch die Träͤummern, flog die Stufen hinauf— ergriff die Jammernde, als ſie ſich eben herunter werfen wollte; und— ſie war ge⸗ rettet— Eine wunderſchoͤne blut⸗junge Blondi⸗ ne— Meine Kameraden wuͤnſchten mir Gluͤck; unſer Hauptmann fragte ſie nach ihrem Namen und da erfuhren wir, daß ſie die Nichte des dirigi⸗ renden Miniſters zu** ſey. Sie war hier auf Beſuch bey einer alten Tante; damals war der Auſenthalt noch ſicher; als aber der Feind jene kuͤhne Wendung nach der Gebuͤrgkette mach⸗ te, wurden alle Kommunicationen nach*** vdl⸗ lig abgeſchnitten.— Waͤhtend das Maͤdchen ſprach, kam das Hausgeſinde eines nach dem andern in den ſeltſamſten drolligſien Koſtuͤmen, theils ſogar halb nackend herbey—(vas Feuer hatte ſie in dem erſten Schlaf aufgeſchreckt.) Das Mädchen zerfloß in Thranen und Wehklagen, da niemand ihr von ihrer Tante Nachricht geben konnte.— Tidſten ſie ſich! ſagte endlich unſer galanter Hauptmann, indem er ſeiner rauhen Baßſtimme eine ſanftere Modulation zu geben ſuchte; immer beſſer die alte Tante als ſie, mein ſchdnes Fraͤulein— ich offerire ihnen meinen Wagen und eluige Mann zur Bedeckung.— Die Paſſage iſt nun vollig frey⸗ bis Morgen Mittag ſind ſie in* wo ich bitte Sr. Excel⸗ leuz Herrn Oheim mich zu Gnaden zu empfeh⸗ len!— Der Porſchlag wurde angenommen— . ein tuftiger Fähndrich ſetzte ſich auf Befehl des Hauptmanns dem ſchonen Kinde zur Seite— ich ſah, wie ſie ſich noch einmal angſilich herum wand, und mich mit den Augen ſuchte.— Mein Retter! rief ſie endlich mit weicher bebender Stim⸗ me. Ich ſprang herbey— ſie druͤckte mir die Hand, wollte ſprechen.— Fort, fott! rief der Hauptmann.— Ich hatte kaum noch Zeit die ſchone ſo freundlich dargereichte Hand zu kuͤſſen⸗ — Fort, fort! wiederhohlte der unbarmherzige Menſch— Dort flog der Wagen in's Thal hinab! Der Tag graute— mit den erſten Strahlen des Morgenroths erblickten wir den Feind, wle eine Gewitter⸗ſchwangere Wolken laͤngſt der Gebirg⸗ kette ſich ausdehnend— es kam zum Treffen — ein wahres Blutbad— mein Batalllon griff zweymal an und wurde zweymal geworfen — ich ſank verwundet und mein letzter Gevan⸗ t war der gluͤckliche Faͤhndrich und das ſchdne Maͤdchen!— Ein heftiges Ruͤtteln brachte mich wieder zur Beſinnung— ich lag auf einem Bauernwagen mit ſechs von meinen Kameraden — wir fuhren auf dem Pflaſter— da kam eine Patrouille feindllcher Huſaren uͤber den Gra⸗ ben geſprengt.— Unſere leichte Bedeckung nach einem kurzen Widerſtande mußte der Uebermacht weichen. Mittlerweile hatten die Bauern aus⸗ geſpannt und ſich aus dem Staube gemacht.— Der Feind, der gleich geſehen hatte, hier Lud, Lehrjahre 1 Ehl. E 66 weiter keine Beute zu machen war, verfolgte die unſrigen.— Wir waren am Eingange des Dorfs ſtehen geblieben und erfuͤllten die Luft mit Jam⸗ mern und Wehklagen— man erbarmte ſich un⸗ ſer. Der Dorſprediger ließ mich in ſein Haus tragen— Dieſem menſchenfreundlichen Mann verdanke ich das Leben.— Als ich wieder ſo weit hergeſtellt war, daß ich ohne Gefahr eine Reiſe von einigen Tagen wagen durfte, beſchloß ich, dieſe gunſtige Gelegenheit, meine ſo ſchaͤnd⸗ uch verſchleuderte Freyheit zu erlangen, ohne Ver⸗ zug zu benutzen— ich nahm mit Thraͤnen Ab⸗ ſchied von meinem redlichen gaſtfreien Wirth und wanderte dle Straße nach“** zu meinem geret⸗ teten Fraͤulein.— Ihr letzter Blick, den ich auffing, ließ mich ahnen, daß dieſe Reiſe nicht ganz vergeblich ſeyn wuͤrde.— Am zweyten Tag kam ich des Abends vollig erſchoͤpft in dem praͤch⸗ tigen“** an; ich wankte zum Thore hinein— die Schildwache hielt mich an.— Darauf war ich gefaßt und verlangte, ohne im geringſten die Faſſung zu verlieren, nach dem Hauſe des dirigirenden Miniſters gefuͤhrt zu werden, mit dem Bedeuten, daß Sr. Excellenz fuͤr mich wohl gut ſprechen wuͤrden.— Der Officier ſah mei⸗ ne armſelige Geſtalt mit großen Augen an— und gab mir, ohne eln Wort weiter zu ſagen, einen Fuͤßilier mit. An der unterſten Stufe der hohen Treppe kam uns gerade ein Bedienter in den Wurf— Guter Freund! rief ich, Gum 67 Gluck verbarg ein ſtarker Schlagſchatten der an⸗ gezuͤndeten Reverbere meln defectes Koſtum) will er nicht ſo gut ſeyn und ſeiner Excellenz melden, daß der junge Mann, der beym Schloßbrande das Gluͤck hatte dem gnaͤdigen Fraͤulein das Le⸗ ben zu retten, ſelne Aufwartung zu machen wuͤn⸗ ſche.— Der Burſche war hoͤflich, ich ſchloß vom Diener auf die Herrſchaft und bekam Muth⸗ — Ich wurde vorgelaſſen— Mienchen(ſo hieß melne gerettete Blondine) flog mir durch den praͤchtig erleuchteten Saal bls an die Thuͤre ent⸗ gegen— Unverſtellte Freude und frohe Ueberra⸗ ſchung glänzte in ihren ſchonen Augen, als ſie mir ihre Hand zum freundlichen Willkommeu entgegen ſtreckte— auf dem Sopha ruhte, in einem ſeidenen Schlafrock eingewickelt eine Fleiſch⸗ maſſe, aus deſſen kleinen flimmernden Augen Heiterkelt und die hoͤchſte Behaglichkelt anſprach — es war ein Mann von vlerzig Jahren— So oft ich ihn anſah, fiel mir jene charakteri⸗ ſtiſche Schilderung eines Domherrn aus dem Lutrin des Boileau ein: La Jeunesse en sa fleur brille sur son Visage, Son menton sur son sein, descend à triple Etage; et son Corps ramasse dans sa courte grosseur, fait gemir les Coussins sous sa molle 6paisseur. Seine Geberden verriethen ein heftiges ſanguini⸗ ſches Temperament und die Gewohnhelt zu geble⸗ 3 — 68 ten.— Hat er Briefe an mich von ſeinem Obriſt? fragte er nach den erſten Gemeinſpruͤchen. — Nein, Euer Excellenz!— Ich ſchrieb ihm doch ſogleich und bat um ſeine Entlaſſung.— Eine Stunde nachdem das gnaͤdlge Fraͤulein ab⸗ gefahren waren, begann jene Schlacht, die ich eben erwaͤhnte, und da pflegen die Briefe nicht immer richtig abgellefert zu werden.— Sr. Ex⸗ eellenz lächelten und ſpielten mit ihrem Mops, der bey weitem nicht ſo freundlich wie ſein Herr ausſah.— Kann er ſchreiben?— Ich habe ſtudirt.— Was?— Die Rechte.— So— Ich kann auch etwas zeichnen— Der tauſend! — Muſik!— Ey, ey!— Und, wenn Ihro Excellenz nicht gerade einen Stallmelſter bey der Hand haben— auch reuten.— Das iſt ja ſchar⸗ mant!— In der Chirurgie habe ich auch auf Univerſitaͤten zum Zeitvertrelb ein wenig gepfuſcht. — Hier erhoben ſich plotzlich Sr. Excellenz mit einer Elaſticitaͤt, die ich ihr nicht zugetraut hatte — Chirurgie! Beſter Mann! verſtehen ſie ſich auch etwas auf Hundekrankheiten?— Ich hatte ordentlich meinen Spaß mit dem Maͤnnchen.— Vollkommen, Ihro Excellenz!— Ach, Mien⸗ chen! Gott verzeih mir's! es war ein ordentliches Gluͤck mit dem Schloßbrande!— Ach! die ar⸗ me Tante! rlef Mienchen und faltete wehmuͤthig die Häͤnde.— Nun ja! war aber ein boſes Weib! und das Schloß ein wahres Rattenneſt— Hdò⸗ ren ſie, mein Beſter, hier liegt mein Mopschen ——,— 69 — das redlichſte Thier unter der Sonne— es leidet ſchon mehrere Monate an heftigen Kraͤm⸗ pfen— es winſelt und knurrt und beißt— ſchon fuͤnf Naͤchte hat mein Kammerdiener bey ihm wachen muͤſſen— Llebſter Engelsmann! wenn ſie mein Mopschen kuriren koͤnnten?— Ich be⸗ ſah das ſchwammigte Thler und bemerkte gleich, daß ihm weiter nichts fehle als etwas magere Foſt und Bewegung— Ohnfehlbar, Ihro Cx⸗ cellenz!— Ich ſah den Augenblick, wo er mir um den Hals gefallen waͤre— Nun war es aus⸗ gemacht, daß es Schuldigkeit ſey mir fuͤr die Rettung der Nichte ſeine Dankbarkeit zu bezeu⸗ gen— Der Kammerdiener erhielt Befehl melne Garderobe zu beſorgen— wir wurden den nem⸗ lichen Abend noch die beſten Freunde— er war ſeines Herrn Ebenbild in nuce— ſeine ſchwache Seite hatte ich gleich weg— Da ſiehſt du, daß ich die treflichſten Anlagen zu einem Hof⸗ mann habe— Jammerſchade! daß Mutter Natur, vermuthlich in einem Augenblick von Zer⸗ ſtreuung, ſolche koſtbare Qualitaͤten in die Seele eines Schneidersſohns legte!— Der Mops wur⸗ de meiner Vielwiſſenheit anvertraut— Nach Verlauf von acht Tagen war das arme Thier ſeiner uͤberfluͤßigen Fleiſchmaſſe beraubt und nun das freundlichſte, lebendigſte Mopschen in der ganzen Reſidenz— Mein Gluͤck ſchien geguͤndet; wer haͤtte aber denken ſollen, daß eben der Stif⸗ ter dieſes Gluͤcks, das Mopschen, eluſt noch 70 1 ſchuld ſeyn wuͤrde„ Doch ich will deine Ge. duld nicht ermuͤden, ſondern ſchnell uͤber dieſe kri— tiſche Epoche meines Lebens hinweg ſchluͤpfen „„ſie hat nicht ſehr viel Brillantes— und da ohnehin jedes Evakind ſein bischen Eigenliebe beſitzt, ſo wirſt du mir meine Kuͤrze zu gut halt en— gewiſſen zarten Konnexionen bey Hofe,(ſie hatten nemlich ein ſehr ſchoͤnes Weib— des Fuͤr⸗ ſten beſte Freundin.) Da uͤbrigens zwey einſichts⸗ volle und patriotiſche Maͤnner zum Beſten des Landes incognito das Muͤhſame dabon auf ſich genommen hatten, und er im Grunde ein guter Narr war, ſo zogen dieſe Konnexionen, ſo wie gewoͤhnlich, nichts Boͤſes nach ſich und jeder⸗ mann war zufrieden. Mienchen, die loſe Nich⸗ te— he nun! die gnaͤdige Frau dachten ſehr kleinen Troſt in ſeiner haͤuslichen Einſamkeit — Mienchen bezeugte ſich dankbar gegen ihren Retter— aber jedoch meiſtens nur zwiſchen vier Augen, denn Sr. Excellenz, die uͤber ge⸗ wiſſe Punkte altſpanniſch dachten, hatten ein fuͤr allemal erklaͤrt, daß ſie die Tilgung dieſer Schuld gaͤnzlich auf ſich naͤhmen, und Mlenchen deshalben keineswegs in Sorge ſeyn moͤgte.— Indeſſen war Mienchen ein ſehr ei⸗ genſinniges Maͤdchen, ſie hatte ſo ihre beſondere Grundſaͤtze und dachte, ſie muͤſſe doch wenigſtens Sr. Excellenz verdankten ſeine hohe Stelle phlloſophiſch und gonnten ihrem Gemahl dieſen —— * 77 elnen Theil davon auf ſich nehmen Du laͤchelſt?— Ganz natuͤrlich, daß ich mir die Hand lieber durch Mlenchen als ſelner Excel⸗ lenz druͤcken lleß!— Und wer wird es dem ſorgenloſen Juͤngling verargen, daß ihm Mien⸗ chens Roſenmund lieblicher duftete als des rel⸗ chen Excellenz volle Kaſſe!... Eines Abends, es war Bal masque bey Hofe, Menchen hat⸗ te unvermuthet eine wuͤthende Migraͤne bekom⸗ men, und der Miniſter konnte ohnmoͤglich vor drey Uhr des Morgens wieder nach Hauſe fah⸗ ren— Ungluͤckſelige Stunde! wir waren ein⸗ geſchlafen! der Wagen donnerte unter uns— ich ſprang auf— zu ſpaͤt— der Miniſter kam ſchon den Gang hinauf— wir hoͤrten ihn kaum zehn Schritte vor der Thuͤre dem Kammerdiener ſagen:— Gute Nacht, Heinrich! ich habe noch Licht bey Mienchen geſehen!— Ich hatte kaum noch Zelt in einen Wandſchrank zu ſpringen und die Thuͤre hinter mir zuzuziehen— Mienchen ſchlief ſteinhart— endlich, und endlich mußte ſie doch wach wer⸗ den. Das Geſpraͤch zwiſchen dem von dem Champagnergeiſt beſeelten Onkel und der verlege⸗ nen Nichte kannſt du mir fuͤglich erlaſſen— eine ernſtlichere Scene erwartet uns— Der Mops— gab es wohl jemals eine undankbarere Beſtie als dieſes kleine Ungeheuer!— Der treue Begleiter ſeines Herrn hatte indeſſen etwas Frem⸗ des gewittert.— Nach langem Hin⸗und Her⸗ 22 Jaufen fuͤhrte ihn ſeine breite Naſe richtig auf den Fleck— nun fing er laut an zu bellen, zu kra⸗ tzen, und endlich, als ſein Herr ſich durchaus nicht wollte distrahiren laſſen, die Tapetenthuͤre zu zerreißen— Da trat doch endlich der Miniſter naͤher, machte die Thuͤre auf— ha!... Deu andern Morgen druͤckte mir der kluͤgere Kammer⸗ diener laͤchelnd elne volle Boͤrſe und einen Paß uͤber die Graͤnze in die Hand— Leben ſie wohl! heute noch gebe ich dem Mops ein Puͤlverchen! Unſer armes Fraͤulein muß in's Kioſter— Un⸗ ſer! dacht' ich, ſchuͤttelte den Kopf— und wan⸗ derte getroſt uͤber die Graͤnze. Der Friede war geſchloſſen— ich kam in Berlin an, machte ei⸗ nige gute Bekanutſchaften und kam auf ein Com⸗ tolr— Anfangs ging alles nach Wunſch, mein Principal war mit mir zufrieden und ich mit ihm und mit mir— aber fuͤr mich iſt der Erden Gluͤck wahres Aprilwetter— ich kam eines Abends aus dem Schauſplelhauſe, wo Ifland mich bezaubert hatte— einige Kaufmanusbe⸗ diente hatten mir Rendéz-vousgegeben, es— ſollte bey einer Bolle Punſch ein kleines Spiel gemacht werden.— Kaum zehen Schritte vor dem Hauſe, wo melner erwartet wurde, ſtuͤrzte mir ein junges bildſchoͤnes Maͤdchen zu Fuͤßen — ihr wilder Blick, ihr lautes Schluchzen, durch elnzelne Toͤne der weichſten melodiſchſten Stimme unterbrochen, die ſchoͤnen verweinten Augen, das volle Haar auf dem jugendlichen halb entbloß⸗ 1 —————— 73 ten Buſen zerſtreut— ſage Ludolph, wer waͤre nicht da ſtehen geblieben? Nach langem Fragen und Tioͤſten brachte ich endlich heraus— daß ſie von einer unmenſchlichen Stiefmutter ge⸗ ſchlagen und zum Hauſe hlnaus geworfen wor⸗ den waͤre.— Wer ttaut einer ſo ſuͤßen Stimme nicht, wenn ſchoͤne, in Thraͤnen ſchwimmende Augen dazu ſprechen?.. Ich fuͤhrte ſie in mei⸗ ne Wohnung, gab ſie beym Wlrthe fuͤr meine Schweſter aus— in einer kleinen Kammer neben der meinigen wurde in aller Eile ein Feld⸗ bett fuͤr die neue Schweſter aufgeſchlagen und „„ doch wozu vlele Worte— in den erſten vierzehu Tagen die darauf folgten, hatten meine guten Freande am Spieltiſche meinen Beutel geleert, und als ich nach Hauſe kam, war meine kleine Schweſter mit meinen beſten Habſeligkeiten auf und davon gegangen.— Mein Princlpal, dem mein lockeres Leben verſchoͤnert noch zu Oh⸗ ren gekommen war, empfing mich den andern Tag an der Thuͤre, um mir ſein herzliches Be⸗ dauern zu erkennen zu geben, daß er von heute an kelne Beſchaͤftigung mehr fuͤr mich haͤtte.— Nun ging es mit mir jeden Tag mehr Berg ab. — Ich wlll mit widrigen Details dein Gefuͤhl nicht auf eine unangenehme Art empdren— da⸗ von gelegenheitlich ein andermal— Genug, daß ich mir am Ende Gluͤck wuͤnſchen konnte dle Stelle als Interim Secretar bey dem Herrg Grafen N**s erhalten zu haben So welt 74 ——— bin ich nun in dieſer ſchoͤnen Welt, welche dir deine Einbildungskraft mit ſo heitern Farben im ſchoͤnſten Roſenlicht mahlt; will mich nun die Goͤttin Fortuna noch tiefer hinab druͤcken, oder wird ſie mich in einem Anfall guter Launen gleich einem Luftball wleder empor ſchwingen, das ſteht zu erwarten!— Sommer klopfte jetzt ſeine Pfeife aus; indem er ſeinem in Traͤume verſun⸗ kenen jungen Freunde dle Hand druͤckte, ſagte er: — Geh wieder auf's Land, lieber Ludolph, du haſt weder Hand, noch Herz und Kopf, um dein gebrechliches Fahrzeug durch die taͤuſchenden Flippen des großen Weltmeers hindurch zu lei⸗ ten— ſuche dir ein gutes Weibchen aus— je unbekannter deſto gluͤcklicher, je kleiner deſto ru⸗ higer— glaube mir, der im Tempel der Mu⸗ ſen ſein Gluͤck ſuchen will, kommt mir gerade ſo vor, als jener Wahnſinnige, der an einem ge⸗ mahlten Feuer ſeine erſtarrten Glleder zu erwaͤr⸗ men waͤhnte— So wle wir uns von der Na⸗ tur entfernen, vervielfaͤltigen ſich unſere Beduͤrf⸗ niſſe, unſere Leidenſchaften, und dieſe bewurken un⸗ ſere Unzufriedenheit mit uns ſelbſt und mit der tod⸗ ten und lebendigen Natur.— Ludolph! bleibe du am Rande des Abgrunds ſtehen— ſieh, ich fiel hinunter und rufe dir aus der Tiefe:— Freund! rette dich! Sommer ſprach mit Feuer; Thraͤnen lie⸗ fen uͤber ſeine eingefallenen blaſſen Wangen 73 und ſein matter Blick ſuchte auf ſeines Freun⸗ des bluͤhendem Geſichte die Wuͤrkung ſeiner treugemeynten Ermahnungen zu erforſchen. Ludolph war in tiefem Nachdenken verſun⸗ ken, ging jede Begebenheit in ſeines Freundes Lebenslauf pruͤfend durch, und glaubte uͤberall, bey aller Nachſicht, zu finden, daß er ſich ſelbſt alle dieſe Widerwaͤrtigkeiten zugezogen hatte.— Lieber Sommer, ſagte er ihm endlich, ich neh⸗ me wahrlich einen herzlichen Antheil an deinem harten Schickſal— aber die Wuͤrkung, die du von deiner Erzaͤhlung hoffeſt, hat es nicht bey mir hervorgebracht— Du haſt mich nicht uͤberzengen koͤnnen, aber elnen weſentlichen Dienſt haſt du mir dennoch geleiſtet, indem ich äun die Klippen kenne, an denen ſo leicht zu ſcheitern iſt. Delne Ungluͤcksfaͤlle haben dich erbittert; deine natuͤrliche Jobialitaͤt iſt einem widernatärlichen Menſcheuhaß gewichen, du dehnſt uͤber das gan⸗ ze menſchliche Geſchlecht die Laſter elnzelner Menſchen aus. Ich habe eine weit edlere Meynung von den Menſchen uͤberhaupt; denn wenn deine Schilderung treu waͤre, ſo muͤßten alle geſeilſchaftliche Bande laͤngſt ſchon gewalt⸗ ſam zerriſſen ſeyn. Deiner Meynung nach glebt es in der Welt nur Betruͤger oder betro⸗ gene Menſchen; die Tugend verweiſeſt du in die Einſamkeit und mit ihr das Gluͤck des Le⸗ bens. Warum ſoll ich nicht welt eher geneigt ſeyn zu glauben, daß dle friſchen Wunden, 76 welche dir das Schickſal ſchlug, dich zur Ue⸗ bertrelbung verleitet, als dieſe fuͤr jedes fuͤhlende Herz ſo traurige Aeußerung fuͤr Wahrheit anzu⸗ nehmen? Dem ſey nun wie ihm wolle, ich habe mich bereits ſchon zu weit hinaus gewagt, um jetzt noch ohne Gefahr vielleicht zuruͤck treten zu können— ich bin entſchloſſen, wie man ge⸗ woͤhnlich zu ſagen pflegt, meln Gluͤck zu verſu⸗ chen. Sommer bemuͤhte ſich nochmals ihn in ſelnem Entſchluß wankend zu machen; als er aber end⸗ lich einſah, daß alle ſeine Vorſtellungen frucht⸗ los blieben, ſo thellte er ihm mit aller Waͤrme der reinſten Freundſchaft alle ſeine uͤbrigen Erfah⸗ rungen noch vollends mit. Er entwarf in ſelner eigenen originellen Manier das bunte Gemaͤhlde der großen Welt, fkizzirte mehrere Charaktere und. Doch es iſi Zeit dies Kapitel zu ſchließen — Hier iſt der Platz nicht, die Meynungen und Abentheuer dieſes Sonderlings, der ſein ganzes Leben hindurch, immer raiſonnirend, nichts als eine Thorheit nach der andern beging, naͤher zu beleuchten und aus einander zu ſetzeu, ich bin aber uͤberzeugt, daß ſein Lebenslauf, durch eine geubte Feder niedergeſchrieben, eben ſo lehr⸗ reich als unterhaltend ſeyn wuͤrde.— Indeſſen kann ich der Verſuchung nicht widerſtehen, einige ſeiner Lieblingsmeynungen im folgenden Kapitel flöchtig anzugeben— und hiermit will ich je⸗ den Leſer, der kein Freund von Raisonnements — und Meynungen iſt, fuͤr das zehute Kapitel ernſt⸗ lich gewarnt haben— mit dem Verſprechen, da ich nun ſeinen Geſchmack kenne, ihm, fuͤr je⸗ ne paar Selten, in dem darauf folgenden reich⸗ lichen Erſatz zu geben. Zehntes Kapitel. Sommers Luſt⸗Kreuz/ und Seiten⸗Hiebe: * WVorurthelle! Philoſophie! zweh große, laut toͤnende Worte! mein lieber Ludolph! ſagte Som⸗ mer. Laßt uns aber die glaͤnzende Draperle des Gerlpps nur ein wenig luͤften„ Der de⸗ ſpotiſch ſte Tyrann, der den meiſten Unſegen uͤber die arme Menſchheit ausbreitete, iſt das Vorurtheil! ſagt ihr? Ju ſo ferne ihr jedes leichtfertige Urthell uͤber irgend eine ungepruͤfte Thatſache, oder noch unbekannten, noch unbeleuchteten Gedanken ſo nennen wollt, koͤnnt' ihr einigermaßen Recht ha⸗ ben— aber, ſagt mir doch, ihr Weltweiſen, was verſteht ihr denn eigentlich unter Vorurtheil 2 Da ihr das Wort bey jeder Gelegenheit mit vol⸗ — S2 len Backen in's Geſicht des beſcheidenen Fragers blaſet, ſo muͤßt ihr auch um deſſen genaue De⸗ finitlon nicht verlegen ſeyn! Zeigt mir einmal ſe untruͤgliche Demarkattonslinle zwiſchen Wahr⸗ heit und Irrthum! Wie gemaͤchlich iſt es nicht, mit dem Worte Vorurtheil, jeden Lehrſatz, der euch zu erhaben, jede Wahrheit, die euren Lei⸗ denſchaften, euren Nelgungen zuwider iſt, zu brandmarken!.. Dieſe Waffen ſtehen ja einem jeden zu Dienſte, mit denſelben kann jeder Dol⸗ pel, jeder Boſewicht Wahrheit und Irrthum be⸗ kämpfen. Seitdem dle Aufklaͤrung mit ihrem hunmliſchen Glanz unſern Erdball ſo wunderſchon beleuchtet; ſeitdem die Fackel der reinen Vernunft jedes Dachſtuͤbchen erhellet, kann ſich wohl die Menſchheit einer großeren Anzahl tugendhafter Menſchen ruͤhmen? iſt unſere ge⸗ hrechliche Exiſtenz einer minderen Anzahl von Krankhelten unterworfen? wird der Krieg menſch⸗ licher gefuͤhrt? ſind Treue und Glauben, Maͤßt⸗ gung, Keuſchheit, Biederſinn und Wohlthaͤtig⸗ keit weniger ſeltene Tugenden geworden? iſt der zerſtdhrende Ehrgeitz, der Golddurſt, die blutgie⸗ rige Rachſucht, der verzehrende Neid wieder in Pandora's Buchſe zuruͤck?— Mit einem Wor⸗ te: ſind wir jetzt gluͤcklicher, zufriedener und ge⸗ ſunder als unſere gutmuͤthige einfaͤltige, kernfeſte, unaufgeklaͤrte Vorältern?„. Ach Gott! die Menſchhelt erblindet bey dem Glanze eurer Auf, klaͤrung! Ihr ſeyd Alchemiſten, aus Kupfer macht — e— e——„„„ 29 ihr Gold— aus Gold Staub!.„ihr baut Sy⸗ ſteme, und die Menſchheit erliegt unter der Laſt ihres Elends oder haͤtte vlelleicht dieſer raſche Flug nach dem Vollkommenſten im Moraliſchen die nemliche Wuͤrkung als im Phyſiſchen gehabt? — Unſere Wohnungen, unſere Klelder ſind ele⸗ ganter, unſere Speiſen ausgeſuchter, aber unſere Haͤuſer haben kelne Soliditaͤt mehr, uuſere ge⸗ ſchmackvolle Meublen ſind Ephemeriden, und unſere Koͤche vergiften uns— da wo mein Groß⸗ vater einen nutzlichen Obſtgarten anlegte, rauſcht aus einem verborgenen Weinfaß eine laͤcherliche Kaſcade! und Trauerweiden ſtehen, wo elnſt der ſchoͤne Birnbaum ſtand, meiner guten Großmut⸗ ter Liebling, der fur ſorgfaͤltige Pflege uns jeden Herbſt zwanzig Koͤrbe des ſchoͤnſten Obſts dank⸗ bar ſchenkte— mein Rock, der mich einſt ge⸗ gen Wind und Wetter ſchuͤtzte, iſt bis zu einem unbequemen Tuchlaͤppchen ausgeſchnitten worden, und unſere Welber in Roſenduft eingehuͤllt... haben keine Bloße mehr zu geben.— Hore, Ludolph! bey dem großen Gott! es waͤre ſchreck⸗ lich, wenn ich diesmal wirklich heller als andere geſehen hätte!. hdre! Erhabene heilige Wahr⸗ heiten, die Grundfeſte der allgemeinen und Pri⸗ vat⸗Wohlfahrt, nachdem ſie durch unwiſſende oder uͤbelgeſiunte Menſchen bis in's Unendliche modlficirt worden, ſanken endlich bis zum gro⸗ ben Irrthum herab. Wem nun entweder die Geduld oder der Scharfblick gebrach, unter die⸗ 90 ſer widrigen Huͤlle die Gottliche aufzuſuchen, ging mit einem veraͤchtlichen Blick voruͤbe, dem Unwiſſenden gleich, der eine Goldſtuffe mit dem Fuße von ſich ſtößt, well ſein ungeuͤbtes Auge das edle Metall, von den fremden Beſtandtheilen⸗ in denen es eingehuͤllt iſt, nicht zu unterſchelden weiß. So wurde mit der Religionslehre, mit der Staaskunſt, kurz mit allen Kuͤnſten und Wiſ⸗ ſenſchaften verfahren (Wir wollen die Bemerkungen un⸗ ſers miſanthropiſcher Sonderlings uͤber Religion und Staats⸗Deko⸗ nomte uͤberſchlagen, und uns mit ei⸗ nigen allgemeinen Bemerkungen über Litteratur und Wiſſenſchaften begnuͤgen. Kein Jahrhundert war reicher, als das vergangene an Lehrern des guten Ge⸗ ſchmacks. Die Preſſen ſeufzen, die Buchhaͤnd⸗ ler⸗Magazine beugen ſich unter der Jaſt neuer Elementarwerke uͤber jeden Zwelg der Kuͤnſte, Litteratur und Wiſſenſchaften; unſere großen Lehr⸗ meiſter werden herab gewuͤrdigt, und ein S*** wäre frech genug, unſerem Vater Wieland Leh⸗ ren des guten Geſchmacks zu geben. Witr bre⸗ chen uns eine neue Bahn, wir erheben uns von einem Salto mortale zum andern: Ra⸗ pener ünd Gellert bleiben beſtaubt in irgend einem Winkel unſerer Buͤcherſammlung liegen, indeß —— —— — ————,— 81 und** zur Lieblingslectuͤre gewot⸗ den ſind. Jeder Sonderling, der mit geſchmack⸗ loſer Originalitaͤt auftritt, findet ſeine zahlloſe Nachahmer unter dem Schwarm von Baſtarden, mit welchen die neun Jungfrauen unſet liebes Vaterland ſo unmenſchlich bevolkert habeh; wem die Gabe zum Selbſterfinden verſagt wurde, ſchimpft den Erfindern in ſogenannten Recenſio— nen, und es ſchluͤpft kein Johanntswuͤrchen aus dem Schulſtaube hervor, das nicht ſeine Erſchei⸗ nung in der eleganten Welt bemerkbar machen will. Unſere Theaterdlchter, ſtatt dem Charakter und den Sitten ihrer Nation treu zu bleiben, wollen jetzt mit jambiſchem Bombaſt uns ehrliche Deutſche nach Rom und Athen verſetzen; und einen gewiſſen moraliſchen Romanſchreiber, den kein Menſch mit geſundem Menſchenverſtand ver⸗ ſteht, nennen ſie— 0 tempora! den Klopp⸗ ſtock unter den Proſalſten!!! Ich will dir zuge⸗ ben, daß einige ſeltene verdienſtvolle Maͤnner unſere poſitive Wiſſenſchaften bis zu einer unge⸗ meinen Vollkommenheit gebracht haben; wir be⸗ ſitzen beruͤhmte Mathematiker, Aſtrouomen, Phy⸗ ſiker und Chemiſten; bemerkſt du aber nicht, wie einige unter ihnen die gerade elnfache Bahn der Wahrheit verlaſſen, um ſich allmaͤhllch in Syſtemen zu verwickeln? wie ſie, ſtatt die Ge⸗ ſchichte der Natur zu ſchreiben, ſie uns nach und nach' mit einem Roman der Natur betrgen wers Lud. Lehrjahre. 1 Thl. F 82 den? Wie oft hat man nicht, ſelbſt in poſitiven Wiſſenſchaften, den Kluͤgſten zu ſogenannten Vorurtheilen zuruͤckkehren ſehen? Wer iſt uns Vuͤrge, daß unſere Enkel nicht uns gerade ſo be⸗ handeln werden, wie wir unſere Voraͤltern? Die⸗ ſe glaubten damals, ſo gut wie wir heute, der Natur ihr Beheimniß entriſſen zu haben— wir ſind ſo ſtolz, ſo uͤbermuͤthig, ſo ſelbſtgenuͤgſam und koͤnnen dennoch nicht leugnen, daß wir die meiſten und wichtigſten mathematiſch erwieſenen Wahrhelten unſern Vorfahren zu verdanken ha⸗ ben!... Wer welß, ob manche Entdeckung, mit welcher wir prahlen, nicht ſchon zu ihrer Zeit weit vollkommener exiſtirte, und hernach nur durch das Zeitalter roher Barbarey, welches zwiſchen uns und dem gebildeten Griechenland wie eine duͤrre Sandwuͤſte zu liegen kam, in Vergeſſenheit gerieth?.. Wer iſt uns Buͤrge, daß wir, um der Wahrheit(die vielleicht auf im⸗ mer und ewig in dem Brunnen wird verborgen bleiben) naͤher zu kommen, nicht zu den oben erwaͤhuten Vorfahren werden unſere Zuflucht neh⸗ men muͤſſen, und ſelbige unter der laͤcherlichen und grotesken Huͤlle aufſuchen, mit welcher die Unwiſſenheit oder der boͤſe Wille ſie dem Auge der Menge verſtecke hat?. Jeue Schriften, dle wir zum Zeitvertreib fuͤr Kinder und Ammen ſchon laͤngſt verurtheilten, koͤnnten uns alsdenn ſehr wichtig werden— Ich begreife gar wohl, daß dies alles einem F*** K* S* ————— N NWN 8„ N* —„ 7 N„ —. H* albernes leeres Geſchwaͤtz ſcheinen wird — aber Newton, Pescartes, Mallebranche, Wolf und Leibnitz wurden gerichtet und verur⸗ theilt. Wie koͤnnte ich einfaͤltiger Menſch der Tadelſucht entgehen wollen und es den Herren uͤbel nehmen, wenn ſie in elnem Anfall ihrer ge⸗ woͤhnlich guten Laune mich einen Pinſel ſchelten woliten— ich erwarte ſie in einem halbtn Jahr⸗ hundert! Ihr guten einfachen Menſchen aber, rief hler Sommer, die ihr die Wohrheit mit reinem arg⸗ loſem Herzen ſuchet! zleht bey dieſer wichtigen Unterſuchung mehr euer unverdorbenes Gefuͤhl, als die ſtolze Vernunft zu Rathe!... horcht auf die Simme der Erfahrung vergangener Jahrhun⸗ derte; ſie wird euch ſichrer leiten als die wanken⸗ de Fackel der modernen Philoſophie— Wer weiß, ob es nlcht beſſer waͤre derſelts der Wahrhelt zu bleiben als ſich jenſeits zu verirren?..„We⸗ nigſtens kann ich mir im erſten Fall mehr Troſt und Hofnung fuͤr die Zukunft dabey denken. Man wrill gluͤcklich ſeyn; dies iſt das Ziel alles Nachforſchens, alles Beſtrebens unter den Menſchen; jeder bricht ſich ſeine eigene Bahn und haͤlt ſie fuͤr die beſte.. jeder winkt ſeinem Nachbar und will mit aller Gewalt ihm begrelf⸗ lich machen, er ſey auf untechte Wege gerathen — Die Intoleranz droht, der Fanatism mordet⸗ 5 3 S der uͤbermuͤthige Stolze verachtet und belaͤchelt alles, ſogar die Dummheit reißt große Angen auf und lacht aus vollen Backen dem friedlichen Wanderer in's Geſicht, der ihr nicht nachſtolpern will.„ O ihr Thoren! ſeyd ihr denn wirklich ſo gluͤcklich?., oder ſeyd ihr nicht vielmehr das aͤchte traurige Ebenbild jenes Marktſchreyers, der, mit Lumpen bedeckt, und durch koͤrperliche Ge⸗ brechen aller Art zur Erde gebeugt, froh und kuͤhn den Steln der Weiſen und Panaceen je⸗ der Art euch zum Verkauf anbietet?... Jener halsſtarrigen Anhaͤnglichkeit an un⸗ ſere eigene Ideen, jenem raſtloſen und kin⸗ diſchen Beſtreben fremde Meynungen den un⸗ ſrigen zu unterwerfen, haben wir leider das mei⸗ ſte moraliſche und phyſiſche Uebel zu verdan⸗ ken. (Der Eigenduͤnkel ergreift uns in der Wle⸗ ge, und erſt im Grabe verlaͤßt er uns.) Dieſe hartnaͤckige Seelenkrankhelt verſchleyert unſere Vernunft, macht uns taub gegen ihre Stimme, und ſtumpft die ſchoͤnſten Gefuͤhle unſers Her⸗ zens ab.— Wir raͤndeln mit der buntgeſchmuͤck⸗ ten Puppe, welche uns die eitle Konvenienz in die Haͤnde giebt, unſer Frohſinn ſchwindet unter ewiger Taͤuſchung, und endlich endigen wir ent⸗ weder mit Mißmuth und kalter Fuͤhlloſigkeit, oder in Verzweiflung und ſpaͤter Reue unſere ir⸗ diſche Laufbahn— ſtatt daß, auf den ſanften Wink der Natur aufmerkſamer wir in und neben ——— 85 uns das volle Maaß des Erdenglucks, deſſen ein Sterblicher zu genleßen faͤhig iſt, gefunden haͤtten. Dort auf jener Anhohe ſchimmert im ſanften Abendroth das gemeinſchaftliche Ziel; der Pfad, der hinauf fuͤhrt, ſchlaͤngelt ſich dem beſchatteten Bach entlang durch einen beblumten Wieſengrund, ſanft und allmaͤhlich erhebt er ſich; allenthalben uͤberraſchen Ruhepunkte und freundliche Anſichten den frohen Wanderer; mit dem letzten Strahl der ſinkenden Sonne hat er den Gipfel erklimmt — aber wie oͤde; wie ſelten durchwandert iſt der einſame Pfad!— Dort ltnker Hand zwiſchen Tiefen und Abgruͤnden, neben rauſchenden Wald⸗ ſtroͤmen, durch verbrannte Felſenmaſſen, erblickt das Auge einen kuͤrzern Weg— bey jedem Tritt wankt die Erde, reißt ſich ein Felſenſtuͤck los und donnert in die Tiefe— Kein Plaͤtzchen, wo der verwegene tollkuͤhne Wanderer im Schat⸗ ten ausruhen koͤnnte; immer vorwaͤrts, immer hoͤher hinauf in die Sonnenvolle Mittagsglut— nur noch wenig Spannen, und das Ziel iſt er⸗ rungen!— Taͤuſchender optiſcher Betrug! er flieht bey jedem Schritt naͤher dem fernen neblich⸗ ten Hortzont— aber jetzt ſchwinden die Kraͤfte — verſchmachtet, erſchdpft, taumelt der Betro⸗ gene neben den Abgrund, um den er eben biegen wollte— er ſinkt— und der wilde Strom reißt ihn von Klippe zu Klippe mit ſich fort— eln wahres Bild des menſchlichen Le⸗ bens! 86 Die Unwiſſenheit und der Eigenduͤnkel er⸗ zeugten zwar Vorurtheile mancher Art; wer aber bey irgend einem Kreuzweg auf der brel⸗ ten Landſtraße des Lebens, nicht den voruͤberge⸗ henden, nicht den hochaufgepflanzten Wegweiſer, ſondern ſeln unverdorbenes Herz, ſeln ſtets re⸗ ges Gewiſſen zu Rathe zleht, kann nie irre geheh. c Eilftes Kapitel. Beleidigung und Rache. Doch es iſt Zeit, Ludolph an der Seite ſeines deklamirenden Freundes zu laſſen, um nachzuſe⸗ hen, was ſeltdem im Hauſe unſers Patzſe vorgefallen iſt.— Graf Klingsberg ſah mit einem c Groll, daß er alle ſelne Llebenswuͤrdigkeiten bey Fraͤuleln Sophie vergebens verſchwendete. Sei⸗ ne Eigenliebe geſtattete ihm nicht den wahren Grund von Sophiens Jaͤlte einzuſehen; er ſetz⸗ ₰ 87 te alles auf dle Rechnung des Fraͤulein von Wal⸗ berg. Dieſe gab ſich in der That nicht dle ge⸗ ringſte Muͤhe, um ihre Geſinnungen zu verber⸗ gen; ſie verachtete ihn tief, bey jeder Gelegen⸗ heit konnte er es merken.. aber was macht ſich ein verdorbener Welber⸗Stutzer nicht fuͤr ſeltſame Vorſtellungen!— Juliens gegruͤndeter Wider⸗ willen war in ſeinen Augen nichts weniger als Eiferſucht ſie goͤnnte ihm die praͤchtige Eroberung ihrer gluͤcklichen Kuſine nlcht!... Eil⸗ ne offene Fehde entſpann ſich daher zwiſchen bey⸗ den— Der gutmuͤthige leichtglaͤubige Unſer wur⸗ de zuerſt das Stichblatt ſeiner boshaften Launen — er hatte leichtes Spiel mit dieſem allzunatuͤr⸗ lichen Naturmenſchen— Endlich ſtieg die Erbit⸗ terung von beyden Seiten auf's hoͤchſte— und der Unverſchaͤmte beging die Niedertraͤchtigkeit, ein ſatyriſches Gedichte auf Julie in der Reſidenz clrculiren zu laſſen. Dieſe Saite des welblichen Herzens, auch nur leiſe beruͤhrt, iſt, ſelbſt bey der Edelſten, ſchmerzhaft.— Man kann ſich daher einen Be⸗ griſſ von Jullens Empfindungen machen, als ſie eines Morgens das Gedichte auf dem Piano im Beſuchzimmer fand. Tauſend Plaͤne der eklatan⸗ teſten Rache wurden beynahe zu gleicher Zeit ent⸗ worfen— keiner ſchlen ihr zweckmaͤßig genug— endlich hat ſie gewaͤhlt— aber ihre Kuſine iſt in dieſen Plan verwickelt, ſie mußte ſogar die Haupt⸗ rolle dabey ſpielen— wie ſollte ſie dazu bere⸗ det werden koͤnnen?— Auch hierzu findet ſie ei⸗ nen Ausweg— Sophie ging eben im Garten auf und ab— in drey Spruͤngen war ſie beyihr; und es wurde ihr leicht das Geſpraͤch auf Klings⸗ berg zu bringen, Julie. Ein wahres Ungeheuer! ſo oft ich ihn ſehe, kann ich mich kaum enthalten, ihm die Augen auszukratzen! Sophie. Clächelnd) Mein Gott! wle kommſt du zu dieſer aufſallenden Erbltterung? Julie. Kannſt du noch fragen? iſt er nicht der eingebildetſte, boshafteſte, gefaͤhrlichſte Menſch?— hat er nicht geſtern Abend noch den armen Unſer. Sophie. Der Spaß war freylich etwas ubertrieben, indeſſen kann man ihm doch auch zicht ein Staatsverbrechen daraus machen.„. Julie. Cempfindlich) Du haſt, wie ich merke, deinen gnaͤdigen Tag indeſſen kann ich ſehr wohl perſohnlich Beleidigungen verzeihen und vergeſſen„ ſobald aber dieſer afrdſe Menſch meine beſte Freundin auf eine ſo ſchaͤndliche Art laͤcherlich zu machen ſucht—(mit ſteigendem Af⸗ fect) ſobald der Niedertraͤchtige es wagt⸗ dich. ja dich ſelbſt..„ Sophie. Cbetrofen) Wile 7— er wird doch nicht— Julie. Was wird er nicht?— Nichts iſt ihm heilig— indem er dir in's Geſicht tau⸗ ſend Artigkeiten ſagt. laͤßt er durch ſeine dienſt⸗ ——— — 89 baren Geiſter(entfaltet ein Blatt Papier) dies nied⸗ liche Gedicht in allen Beßlſchaſten heimlich aus⸗ theilen Sophie. Iſt's moglich!. laß F Fulte. Nicht doch!.. ich will dir's ſelbſt vorleſen.. Portrait der Fraͤulein von Aſſen en Miniature: Euch trauten Kinderchen, Euch Muſen ſeys ge. klagt! Mein Fraͤulein ecſe raͤuſpert ſich) Fräu⸗ lein von Aſſen will, ich ſoll, ich ſoll ſie lieben„ (haltet inne) Sophie.(ſpottiſch laͤchelnd) Weiter nichts! geh mein Kind! der Narr kann dieſe Luͤge in hun⸗ dert Reimen erzaͤhlen, es glaubt's ihm doch kein Menſch! Ich danke dir fuͤr deinen freundſchaft⸗ lichen Eifer; aber es lohnte ſich wahrlich nicht der Muͤhe!.. Julie. Geduld! wir ſind noch nicht am Ende—(ſe liest) Will grauſam nicht einmal mein Ungluͤck nur ver⸗ ſchieben! Nein!— ach! ſie liebt mich ſchon! Sophie. Cihre Empfindlichkeit verbergend) Zu Paphos mag wohl der elende Menſch als Hof⸗ narr koͤnnen angenommen werden; aber den Vm ſen wird er ſchwerlich ein Laͤcheln abgewinnen kon⸗ nen.— Julie! das Zeug iſt ja erbaͤrmlich dumm! — Geſtern Abend noch wußte er nicht Artigkei⸗ ren genug mir zu ſageu. Julte. Hore nur.(ſe liest) und wenn ein Weib das ſagt⸗ Dann haͤlt ſie Wort. Was hab' ich nur began⸗ „* gen? e e Ich liebte nie an ihr die uͤbertuͤncten Wan⸗ gen„ Sophte.(halb leiſe doch ſo, daß Julie es hoͤ⸗ ren konnte) O du Ungeheuer!(gezwungen lächelnd) als ob ich in meinem Leben Roth aufgelegt!.. Das iſt wirklich drolligt! Julie.(fär ſich) Es wirkt! Ciesh Die Hände lobt' ich nie, die mit dem ſchoͤnſten Roth Aurorens Purpurlicht zum Trotze prangen... Die Lippen lobt' ich nie, die gelben Zaͤhne zei⸗ gen— So weiſe wie Apoll zu Delphos— wenn ſie ſchwei⸗ gen— Sophie. Das geht zu weit!„ich habe genug gehort, um den Elenden noch tiefer zu verachten, wenn es moglich waͤre, als ich es ſchon that„„„„ JFulte. Cſie liest 9r Nie reizte mich ihr Geiſt, nie reizte mich ihr Kuß: Doch— Himmel, hilf! ſoll ich ſie lieben— oder ſterben?.. Verachten!, was kuͤmmert ihn das?— Raͤchen mußt du dich!.. Sophie. Nein!„„ dann verdiente ich wirklich den Stachel der Sartyre zu fuͤhlen, wenn ich mich nicht uͤber ſolche Erbaͤrmlichkeiten erheben koͤnnte!... Julie. Du kennſt doch die Gewalt des Lächerlichen?— Selbſt der die Unbllligkelt ein⸗ ſieht, lacht mit— in dem Augenblick biſt du durch dieſe Schartecke zum Stadtgeſpraͤch gewor⸗ den!.. Sophie.(nachdenkend) Mit Stillſchweigen und Gleichguͤltigkeit will ich mich raͤchen Julie. So laß mich handeln, und ver⸗ halte dich nur leidend. Sophie. Nein, ſag ich dir!. Julie. Er hat in dir das ganze Geſchlecht angegriffen— er ſoll fuͤhlen!. Sophie. Julie! ich bitte dich... Julte. cfort eilend) Richts— du ſchweigſt! ich handle!(ab) Sophte.(ihr nachrufend) Tolles Maͤdchen! ſey doch klug.—(fuͤr ſich) Im Grunde was kann es ſchaden, wenn der freche Bube ein wenig ge⸗ zuͤchtigt wird— Ob wohl Sinzenheim die ab⸗ 92 ———— ſcheuliche Pasquille auch ſchon geleſen hat?. (ſie geht nachdenkend dem Hauſe zu.) Zwolftes Kapitel⸗ Liſt gegen Liſt. ——— Jule hatte kaum ihre Kuſine verlaſſen, als der Graf in den Garten kam; er nahte ſich ihr mit ſeiner gewohnlichen Effronterie, feſt uberzeugt, daß ſeine freye ungenirte Manieren einem kleinen Landmaͤdchen wie Sophie nothwendig imponiren und ihn ſelbſt in das guͤnſtigſte Licht ſetzen muͤtz⸗ ten— Nach den erſten Komplimenten, die das Fraͤulein, wie gewohnlich, kalt und einſilbig er⸗ wiederte, ſchutzte ſie Geſchaͤfte vor und wollte ſich entfernen.— Der Graf. Ich beſchwoͤre ſie, mein gnaͤ⸗ diges Fraͤulein, ſchenken ſie mir einen Augenblick Gehdr!.„ gonnen ſie mir das Vergnugen, ſie unter dieſen Blumen als die ſchonſte zu bewun⸗ dern.„ich glaube, die Flora ſelbſt mitten in ih⸗ rem Reich zu erblicken!... ——* * 2 93 Sophie.(ſpottiſch laͤchelnd) Sie ſind heute ein ſehr Blumenreicher Dichter— Der Duft ihrer Blumenſprache, Herr Graf, iſt zu ſtark fuͤr mel⸗ ne ſchwache Nerven— ſie werden alſo erlauben „ Cſie will gehen.) Der Graf.(ſucht ſeine Verlegenheit zu ver⸗ bergen, indem er⸗ihre Hand kußt.) Sophie. Pfui doch, Graf! wer wird ei⸗ ne purpurrothe Hand kuͤſſen? Der Graf. Wie, mein Fraͤuleln!.. die⸗ ſe ſchoͤne Hand, welche einſt denjenigen, dem ſie beſchieden iſt, zum gluͤcklichſten Sterblichen ma⸗ chen wird„ Sophie. Ihre Zunge iſt viel guͤtiger als ihre Feder... Der Graf. Es giebt Roſen ohne Sta— cheln— Schoͤne Roſe! ſie bewaͤhren das Sprich⸗ wort!... 6 Sophie. Und wer die Geſchichte des Chamaͤleon fuͤr Dichtung haͤlt, darf nur das Gluͤck haben in des Grafen vou Klingsberg Geſellſchaft vier und zwanzig Stunden zu ſeyn!... Der Graf. Fraͤulein! erklaͤren ſie ſich be⸗ ſtimmter, ich bitte!— hier muß ein Wie ſtaͤndnlß ſeyn! Sophie. Nicht moglich!.. ihre Deutlich⸗ keit laͤßt kein's aufkommen!. Der Graf. Wohl mir! wenn meine Augen deutlich genug das alles geſagt haͤtten⸗ was noch nie meln Mund zu ſagen ſich er⸗ kuͤhnte! Sophie. Ihr Mund, mein Herr Graf, pann alle fernere Erklaͤrungen ſich erſparen, denn ihre Feder laͤßt nichts zu errathen uͤbrig. Der Graf. Melne Feder!.. ich begreife Sophie. Ich aber habe alles begriffen, gefühlt und verachtet... nur muß ich ſie bit⸗ ten, wenn ſie in Zukunft den Muſen opfern wollen, eluen paſſendern Gegenſtand zu waͤh⸗ len— Der Graf. Dieſen Porwurf! wenn ich chn deuten dürfte?— Llebenswürdige Sophle! es giebt Gegenfiaͤnde, deren hoher Werth ſich nur fühlen und nicht beſchreiben laͤßt— Gefuh⸗ le, zu denen jede Dichterſprache zu arm Sophie. C fuͤr ſich) Niedertraͤchtiger Heuchler! Der Graf. Dieſen Bllck!— wie ſoll ich ihn deuten?—(Clebhaſt ſie ſchweigen? Sophie.(bitter lchelnd Weil meine Lippen ſo weiſe ſind, wie Apoll zu Delphos.. wenn ſie ſchweigen! Der Graf. cketroffen) Wie kommen ſie dazu?— tmunter) Dieſen Gedanken kann ich freilich nicht Fritiſiren— denn er kommt von mir; aber geſtehen müſſen ſie doch⸗ mein gnaͤdiges un . en — ſie ch n —3 artiges Fraͤulein, daß die Anwendung nicht eben die gluͤcklichſte iſt! Sophte. Und das geſtehen Sie? Ich weiß in der That nicht, welches ich am meiſten bewundern ſoll, von der Frechheit ſo etwas zu ſchreiben, und der Unverſchaͤmtheit es zu geſtehen! Cſie fliegt die Stufen der Terraſſe hinauf.) Der Graf. cihr nach) Aber un's Him⸗ melswillen, Fraͤulein! wie kann eine ſolche Plai⸗ ſanterie„ Sophie.(indem ſie einen Blick voller Verach⸗ tung auf ihn herab wirſt) Nur in ihrem Herzen kann eine deutſche Schandthat ſich mit einer fran⸗ zoſiſchen Benennung entſchuldigen!..., Der Graf. eernſt und verlegen) Wenn ich nur auf die entfernteſte Art haͤtte muthmaßen können, daß ſie elnen ſo warmen Antheil an Fraͤulein Julie naͤhmen, ſo haͤtte ich ohne Beden⸗ ken auf dieſe kleine gerechte Vergeltung Verzicht gethan!— Sophie. Cbleibt ſtehn) Was wollen ſie da⸗ mit ſagen? Der Graf.(mit einem ſcharfen forſchen⸗ den Blich) Fraͤulein Julie hat ſie uͤberredet, daß die Verſe auf ſie, meln Fraͤulein, gemacht ſind? — habe ich's errathen?. Sophte. Cblickt ihn verlegen und fluͤchtig an) Die Rolle eines Pasqulllanten iſt immer veraͤchtlich! „„„eeilt in's Haus) 6 06 Der Graf.(ihr nachrufend) Nie kann Fräuleln Sophie von Aſſen der Gegenſtand einer Pasquille werden!(jüͤr ſich, indem er ſich raſch um⸗ wendet) Die Schlange! Dies nenne ich den Hand⸗ ſchuh werfen— wohlan, Julie, ich habe ihn aufgehoben— Offene Fehde alſo— Liſt gegen Liſt!. wir wollen doch ſehen, wer endlich den Sieg davon tragen wird!(er geht zur Garten— thuͤre hinaus.) Drepſebntes Kapitel. Die Wittwe. ———— Indeß Julie und der Graf in aller Stille Netze ausſpannen und Gruben graben, indeß der ſanf⸗ te beſcheidene ſchuͤchterne Sinzenhelm einſam in Llebe aufgeldßt einher wandelt, und nur durch erſtickte Seufzer und verſtohlene Blicke der ange⸗ beteten Sophie ſein ſußes Leiden kund thut.. wollen wir in aller Geſchwindigkeit nach Magde⸗ burg zuruck reiſen. Wir haben Ludolph bey ſeinem Freund gelaſ⸗ ſen, der vergebens die Macht der Erfahrung e3 ſ⸗ 19 97 und der Vernunft anwandte, um ihn zu andern Entſchluͤſſen zu bereden— Magſt vielleicht Recht haben, ſagte Ludolph, indeſſen muß auch ich das Schickſal verſuchen; kann man denn wiſſen, ob es mir nicht guͤnſtiger äls dir ſeyn wird! Ich will That auf That haͤufen, und ſo den Neid zum Stillſchwelgen bringen; Tugend und Ent⸗ ſchloſſenheit werde ich den Schurken entgegen ſe⸗ tzen!..— Du fuͤhrſt da eine kuͤhne Sprache, erwiederte Sommer ſpoͤttiſch laͤchelnd, und ich behaupte noch immer, daß es fuͤr die Ruhe des Lebens weit beſſer ſey, weder glaͤnzende Tugen⸗ den, noch Entſchloſſenheit, noch frappante Tha⸗ ten fuͤr ſich zu haben, als bemerkt zu werden.— Was die Dummkoͤpfe anbetrifft, fuhr Ludolph in halber Begeiſterung fort, ich werde ihnen bey der erſten beſten Gelegenheit ihre Albernheit und Nich⸗ tigkeit ſo derb und nackt vor Augen ſtellen, daß ihnen auf immer alle Luſt vergehen wird, ſich ferner an mir zu reiben.— Hier konnte ſich Sommer des lauten Lachens nicht enthalten.— Du! rief er endlich, du wollteſt das Rieſenwerk verſuchen, einen Dummkopf von ſeiner Dumm⸗ heit zu uͤberzeugen?— Bedenke doch, mein Beſter, daß der Toͤlpel von dem Augenblick der demuͤthigendeu Erkenntniß an aufhdren muͤßte, ein Dummkopf zu ſeyn, nur die glaͤnzliche Unwiſſen⸗ heit ſeiner moraliſchen Gebrechen giebt dieſer jene auffallende Evidenz„ und du wirſt mich Lud. Lehrjahre 1 Thl. 6 3 — „ 5 E S doch wohl von der Moglichkeit einer ſolchen Kur nicht uͤberzeugen wollen?— Dleſe in manchem Betracht gluͤckliche Halbmenſchen gleichen dem Blinden, der niemals weiß, ob es Tag oder Nacht iſt; nur der Hellſehende kann es ihm ſa⸗ gen, aber ihn davon zu uͤberzeugen, vermag er doch nicht.— Delne Drohungen muß man ebenfalls deiner gaͤnzlichen Unerfahrenheit zu gut halten; ſich uͤber einen dummen Menſchen erzuͤrnen, der uns zufoͤlligerwelſe auf elne laͤſtige Art in deu Wurf kommt, iſt eben ſo unvernuͤnftig, als es einem Blinden uͤbel zu nehmen, daß er einen im Vorbeygehen geſtoßen hat.— Geh du dem Blin⸗ den und dem Eilnfaͤltigen aus dem Wege— haſt du mich verſtanden? Obgleich Sommer nicht vollig ſelnen End⸗ zweck erreichte, ſo gelang es ihm doch ſeinen jun⸗ gen Freund aus der Romanenwelt herauszureiſ⸗ ſen, in die das einſame Landleben, ſeine Liebe, und mehr als dies alles noch, eine natuͤrliche Anlage zum Abentheuerlichen ihn allmaͤhlich ver⸗ ſetzt hatten. Dle Sucht, eine glaͤnzende Rolle zu ſpielen, gab er mit der Hofnung dazu, vollig auf, aber nicht ſeine Liebe— nicht die Hofnung, ſeine liebe Sophie einſt noch ſein zu nennen; und an dieſen duͤnnen Faden knuͤpfte ſich dennoch noch manches Abendtheuerliche an. Sein Eintritt in die Geſchaͤftswelt wurde nichts weniger als ſehr brillant, ſeine Sprachkenntniſſe verſchafften ihm erſt den Zutritt und endlich eine Stelle auf dem ———————— 99 Comtoir eines angeſehenen Handlungshauſes. Seine Lage war indeſſen ſo angenehm, als ſie bey ſo bewandten Umſtanden ſeyn konnte. Nach Verlauf von zwey Jahren hatte er ſeiner Redlich⸗ keit, ſeinem untadelhaften Lebenswandel, beſon⸗ ders aber ſeiner raſtloſen Thaͤtigkeit und ſeinen ausgezeichneten Talenten, ſeines Herrn Freund⸗ ſchaft, Achtung und unumſchraͤnktes Zutrauen zu verdanken. Das Gluͤck ſchien ihn beguͤnſtigen zu wollen, denn in der Zeit hing es nur von ihm ab die Hand einer reichen jungen Kaufmanns⸗ Wittwe zu erhalten; ihre Familie, ein ſeltener Fall, war mit ihrer Wahl vollig zufrieden; je⸗ dermann kannte Ludolphs ausgebreitete Hand⸗ lungskeuntniſſe, und gerade ein Mann, wie er, war noͤthig, um ihre Geſchaͤfte mit Ehre und Nutzen fortzutreiben. Aber der gute Ludolph lag gerade damals kraͤnker als je an ſeinem Lieb⸗ lingstraum; er hatte ſich einen neuen Lebensro⸗ man entworfen, in dem ſeine immer noch heiß geliebte Sophie die ſchoͤnſte Rolle ſpielte.„. Vergebens bemuͤhten ſich gemeinſchaftliche Freun⸗ de dieſe ernſte Verbindung zu Stande zu brin⸗ gen. Den Vortheil einer ſolchen Heyrath ſah er ſehr wohl ein; eine junge, ſchoͤne, reiche Witt⸗ we, die ihn zaͤrtlich liebte, ein Vermdgen, das ihm das hoͤchſte Gluͤck des Lebens, Unabh aͤn⸗ gigkeit, gewaͤhrte, wie vlel Reiz lag nicht⸗ in dieſer Vorſtellung fuͤr einen armen, huͤlfloſen G 2 — LTO Menſchen, wie Ludolph? wo wären aber alle dieſe herrlichen Abentheuer geblieben, die er ſich jetzt ernſthafter als jemals zu beſtehen vorgenom⸗ men hatte? Sein Blut wallte noch viel zu raſch, ſeine Phantaſie war viel zu rege, und ſein ju⸗ gendlicher Uebermuth noch nicht hinlaͤnglich durch widrige Ereigniſſe gedaͤmpft, um jetzt ſchon den ſchrecklichen Entſchluß eines monotonen ſturmlo⸗ ſen Lebens haſſen zu konnen. Haͤtte ſich die Llebe in's Spiel gemiſcht, ſo waͤre auch ohne An⸗ ſtand das ſtille friedliche Haͤuschen der Wittwe durch die ſuße Zauberin in ein Paradies verwan⸗ delt worden; aber Ludolph fuͤhlte fuͤr ſie nur Ach⸗ tung und Dankbarkeit. Das Andenken an So⸗ phie, an jene Stunde der Trennung lag noch hellig in ſeiner Bruſt verwahrt; die alles lindern⸗ de Zeit hatte freylich dleſer Erinnerung das Schmerzhafte benommen. Nur eine ſanfte Me⸗ lancholie bemaͤchtigte ſich ſeiner, wenn er in ein⸗ ſamen Stunden einen Ruͤckblick in's Vergangene gang that; nur ein heimlicher Seufzer, ein wehmͤthi⸗ ges Laͤcheln verriethen ſeine inneren Empfindun⸗ gen, ſeine Augen blieben trocken, ſein Gemuͤthe heiter, ſein Geiſt thaͤtig— er konnte mit Maͤd⸗ chen taͤndeln und lachen, Thell nehmen an ih⸗ ren Frenden, der verſchwiegene Vertraute ihrer Leiden ſeyn— aber Sophie blieb immer noch die Einzige ihres Geſchlechts, deren Andenken er wie das Palladium ſeines Gluͤcks in dem Inner⸗ ſten ſeines Herzens aufbewahrte. W— —————————— rol Ludolph dankte ſeinen Freunden fuͤr ihre war⸗ me Theilnahme, entſchuldigte ſich mit ſeiner Ju⸗ gend, die ihm noch nicht geſtattete eine ſo ernſte Verbindung ſo fruͤhe einzugehen, und beſchloß zugleich den Ort zu verlaſſen, um ſein Gluͤck, das hier, wie er es wuͤnſchte, nicht reifen woll⸗ te, anderswo zu ſuchen. Die Wittwe beſaß zu viel Stolz und felnes Gefuͤhl, um auch nur auf die entfernteſte Art weiter in ihn zu dringen; ihr Betragen erwarb ihr nun vollends Ludolphs Ach⸗ tung; ſein Abſchied von ihr war daher herzlicher, als er nach ihrer beyderſeitigen Lage und Ver⸗ haͤltniſſe haͤtte ſeyn muͤſſen; aber die Liebe iſt die ewige Schmeichlerin. Aus Ludolphs naſſem Auge ſchoͤpfte die Wittwe Grund zu neuen Hof⸗ nungen und ſetzte auf die Rechnung einer ſpaͤten Reue, was nur das Gefuͤhl eines guten Herzens war.— Nein, kieber Ludolph, ſagte ſie ihm, indem ſie beym Abſchied ſeine Hand ergriff, ich werde ſie nie vergeſſen, noch viel weniger eine an⸗ dere Wahl treffen. ich fuͤhle ſelbſt, daß eini⸗ ge Reiſen ihnen noch nothwendig ſind— Reiſen ſie alſo gluͤcklich, theurer Freund! und erlauben ſie mir einſtweilen etwas zur Annehmlichkelt ih⸗ rer Reiſen beyzutragen... Es iſt ohnehin, ſetzte ſie hinzu, indem ſie ihm einige Banknoten hin⸗ relchte, nur eln geringer Thell desjenigen, was einſt ihr Eigenthum ſo gut wie das meinige ſeyn wird— ich bitte, Ludolph! ſie wuͤrden mich ſonſt kraͤnken und uͤber die Aufrichtigkeit ihrer Ge⸗ k 102 ſinnungen mich zwelſelhaft machen!— Dles war es aber, was Ludolph bewog, auf ſeiner ab⸗ ſchlaglichen Antwort durchaus zu beſtehen.— Wie konnte er auch Geld von einem Weibe an⸗ nehmen, das er in ſeinem Leben nicht mehr zu ſehen glaubte? Dem guten Weibchen haͤtten nun die Augen aufgehen ſollen, aber nein— ſie hat⸗ te ſich nun einmal in's Kopfchen feſt geſetzt, daß Ludolph wieder kommen muͤſſe; ſie gab alſo die ihm beſtimmten Summen ſeinem Herrn, der es ihm als den Lohn ſeiner treugeleiſteten Dienſte darreichen ſollte.— Mit fremdem Geld ei⸗ gene Schuld abtragen— der Kaufmann iſt ſelten, der ſich nicht ſo etwas gefallen laͤßt. Lu⸗ dolph empfing die heimliche Gabe der Liebe. Frankreich hatte er zum Ziel ſeiner erſten Rei⸗ ſe gewaͤhlt— er durchſtrich einen Theil vom nordlichen Deutſchland, die geſegneten(rechten) ufer des Rheins und langte durchs Elſaß in das Toilettezimmer von Europa.— Bis jetzt waren ſeine Bemerkungen uͤber alles, was er ſah und horte, nur oberflehlich geweſen, er drang nir⸗ gends tlef ein, und ſo blieb auch bey ihm die Leh⸗ re des Optimtsm ein unwiderlegbares Syſtem Sein lebhafter Geiſt, ſein allzu reges Gefuͤhl, das er nie zu daͤmpfen vermogte, ſein redliches Herz, fremd von allem Argwohn, ſeine thaͤtige Menſchenliebe, die ihm uberall.- Undank⸗ bare und oft ſogar Feinde finden ließ— dies alles nähm er mit nach— Fronkreich! Armer 103 Ludolph! Sommer, als er mit thraͤnenden Au⸗ gen von ihm Abſchied nahm, hatte ihm zugeru⸗ fen:— In jeder neuen Bekanntſchaft denke dir einen Schurken, und unter zehnmal wirſt du dich kaum einmal irren! Und zur Schande der Menſchhelt muͤſſen wir geſtehen, daß bey dieſem uͤbertriebenen Men⸗ ſchenhaß Ludolph weit beſſer als mit ſeinen erha⸗ benen philantr opiſchen Grundſaͤtzen zurechte gekom⸗ men waͤre. Vierzehntes Kapitel. Die Netze ſind ausgeſpannt. ——— Crnard von Sinzenheim an den Obri⸗ ſten von Honeck. Ich verdiene ihr ganzes Mitleiden, theuer⸗ ſter Freund! denn nur der Tod kann mich noch meinem widrigen Geſchick entreißen! Dem erſten Ausbruche eines gerechten Unwillens iſt eine gaͤnz⸗ liche Muthloſigkeit gefolgt, meine Hand zittert, melne Augen fuͤllen ſich mit Thraͤnen, ich welß 104 nicht, ob ich Kraft genug haben werde, dieſen Brief zu endigen— und doch muß ich ſchreiben, ſch muß mein Herz erleichtern oder es bricht!... Eine eben ſo unerwartete als abſcheuliche Eutbek⸗ kung hat mir ein Leben, in dem ich ohnehin nur ſeltene frohe Augenblicke zaͤhlen kann, zur uner⸗ traͤglichen Laſt gemacht. Ich ſehe nun helle, das holliſche Komplott liegt endlich vor mir vollig enthüllt in ſeiner gan⸗ zen Abſcheulichkeit!. jener Infamitaͤt, der ich in meinem letzten Briefe erwähnte, blos um Dir einen Beweis von der albernen Bosheit der ſoge⸗ nannten eleganten Welt mehr zu geben. Jene Geruͤchte die uns beyden ſo aͤußerſt abgeſchmackt vortamen. haͤtteſt Du Dir jemals ſo et⸗ was traͤumen laſſen 2.. ſind Wahrhelten! Sophie hinterging mich!.„ ſie betrog uns alle!. Dieſen Morgen war ich mit— wie ſoll ich nur das Ungeheuer nennen 2— mit dem Fraͤu⸗ lein von Walberg im Zimmer des alten Barons Du haſt alſo noch keine Briefe von Dei⸗ nem Bruder erhalten? fragte er ſie.— Julie, ſtatt zu antworten, ſuchte dem Geſpraͤch eine an⸗ dere Wendung zu geben.— Sonderbar! fuhr der Baron fort daß der tolle Junge ſo gar nichts von ſich horen laͤßt!— dann, indem er ſich zu mir wandte:— Sie kdnnen ſich keinen Be⸗ griff machen von der Aehnlichkeit zwiſchen Bru⸗ der und Schweſter.— Es ſind Zwillinge⸗ Sit 105 meine ſellge Schweſter ſelbſt konnte ihre Kin⸗ der oft nur an der Kleiderfarbe unterſcheihen.— Wollte Gott, daß gleiche Aehnlichkeit in ihren Charaktern herrſchte!— da iſt wieder der Un⸗ terſchied eben ſo auffallend; auch thun ſie ſelten gut beyſammen!.. Julle, die ihre Verlegenheit nicht mehr verbergen konnte, hatte das Zim⸗ mer verlaſſen.— Das ſeltſame Geruͤcht kam mir auf eknmal in den Sinn— ohne jedoch auf des Barons weitlaͤuftige Erzaͤhlung aufmerkſamer zu werden. Nein, dacht' ich, es iſt doch un⸗ moͤglich, daß Sophie ihren leichtfertigen Vetter, unter dem Namen ſeiner Schweſter bey ſich dul⸗ den kann!— eine platte Unmoͤglichkeit! ſie muͤßte ja ſogleich den Betrug entdecken— und wie konnte alsdenn das keuſche, ſittſame Maͤd⸗ chen ein ſolches Verhaͤltniß nur eine Stunde ertragen?. Nein! es iſt unmoͤglich!— Bald darauf kam der Graf Klingsberg, alle ſeine Bewegungen verriethen Unruhe uud Verle⸗ genheit.— Der Baron war eingeſchlafen, da ergriff er haſtig meine Hand und fuͤhrte mich iu den Garten. Nachdem wir einigemal ſtillſchwei⸗ gend mit einander auf⸗ und abgegangen waren, blieb er plotzlich ſtehen, blickte mich ſcharf an, dann, indem er ſelne Hand wehmuͤthig laͤchelnd auf meine Schulter legte:— Sie dauern mich, lieber Sinzenheim, ſagte er, denn ſie werden hintergangen.— Wie?— Das ſchoͤne Srä⸗ — 106 lein von Aſſen betruͤgt ſie.— Herr Graf! ich muß ſie bitren, ihre Ausdruͤcke beſſer zu waͤhlen! — Ich ſpreche beſtimmt, weil ich dazu berechti⸗ get bin.— Die Grundſätze der Fraͤulein von Aſſen ſind eben ſo bekannt, als die Reinheit ih⸗ rer Sitten; ihre zarte Welblichkeit!... Du mein Gott unterbrach mich der Graf, wiſſen ſie denn nicht, daß alle dieſe viel⸗und nichtsbedeutende Ausdruͤcke ſamt und ſonders aus dem Woͤrterbuch der eleganten Welt geſtrichen ſind? Man kann ſie mit jenen alten Famillen„Gemaͤhlden verglei⸗ chen, dle aus den Saͤlen in die Rauchkammern relogirt wurden und dort bleiben, bis ein Anti⸗ quitätenſommler, von heißer Kunſiliebe entbrannt, ſie in ſeine Welt verſetzt. Genießen iſt das Morto des ganzen welblichen Geſchlechts.— Alle die erhabenen Ausdruͤcke, unter welchen heut zu Täge der geheime Lebensendzweck den Unein⸗ geweihten verborgen wird, ſind nichtsbedeutende Gemeinſpruͤche in einem weiblichen Munde ſind ſie gerade das, was uns die Bedienten in unſern Vorzimmern ſind; ſie recognosctren den Fremden beym Hereintreten, melden ihn an, weil es Gebrauch iſt, und ſteht er uns etwa nicht an, ſo.„iſt die Herrſchaft nicht zu Hauſe. — Mich ſchauderte bey dieſen abſcheulichen Grundſaͤtzen, er bemerkte den Eindruck, den ſeine leichtfertigen Aeußerungen gemacht hatten, und fuhr weiter fort:— Wo kommen ſie her, mein Freund, daß ihnen das alles noch ſo neu iſt? ————————————— — * —— 1— 107 Dem, der nur elnen Gran Weltweisheit beſitzet, dienen ſie zum untruͤglichen Leitfaden... Ich kann aus Erſahrung ſprechen, und mein Bey⸗ ſplel ſollte, daͤchte ich, uͤderzeugend ſeyn;. Das Fraͤulein von Aſſen, mein Beſter, iſt ein Welb wie alle andere, oder haben ſie ſich eingebildet, daßzder liebe Gott ihnen tout exprés einen Eu⸗ gel vom Himmel zum Weibchen ſenden wuͤrde? — Nein, rief ich, ich werde nimmermehr dulden— Ereifern ſie ſich nicht, unter⸗ brach er mich abermals, indem er laͤchelnd meine Hand ergriff, und hoͤren ſie mich an Was wuͤrden ſie dazu ſagen, wenn nun dieſe angebetete Sophie, der ſich mein zu beſcheidener Freund nur zitternd naͤhert, zum Troſt in der Einſam⸗ keit, ihrem argwoͤhniſchen Vater zum Trotze, ſich einen nledlichen jungen Havalier gewaͤhlt hoͤtte, der ihr allenthalben unter dem Namen Julie von Walberg Geſellſchaft leiſten?— Ich ſank aus den Wolken! Indeſſen wie konnte ich einem ſolchen Menſchen unbedingt Glauben beymeſſen? Ich ſuchte mlch daher zu faſſen und eiwiederte laͤchelnd:— mein lieber Graf! ihr Maͤhrchen haben ſie hier nicht an den rechten Mann gebrach!— Sie verkennen mich, hub er mit einem ungewoͤhnlichen Ernſt wieder an, ich glaube weder an Maͤhrchen, noch iſt es in meiner Art, welche zu verbrelten— nur hellen moͤgte ich ſie von ihrer, erlauben ſie mir den Ausdruck, laͤcherlichen Schuͤchternheit!. Sie . 108 — ſind vielleicht der einzige noch in der ganzen Reſi⸗ denz, dem es ein Geheimniß iſt, daß dieſe Ju⸗ lie niemand anders als der kleine liebe Vetter Friedrich von Walberg iſt!— Gerechter Gott! ſo waͤre es denn moglich, rief ich meiner nicht mehr maͤchtig— es waͤre moͤgich, daß So⸗ phie— Nicht um ein Harr beſſer ſey als die uͤbrigen Weiber? unterbrach der Graf— Ja, mein lieber Sinzenheim! und ſie werden da⸗ bey gewinnen. Nun da ſie den Engel beſſer kennen, werden ſie hoffentlich uͤber ſich gewinnen konnen, maͤnnlicher mit einem Weibe um⸗ zugehen— jene uͤbel angebrachte Beſcheidenheit wird dem feſten, entſchloſſenen Ton, der ihnen eigen werden muß, endlich weichen, und ſtatt des kalten gefulloſen Aſſen werden ſie bald einem allerliebſten munterem Maͤdchen die ſuͤßeſten Au⸗ genblicke einer gluͤcklichen Liebe zu verdanken ha⸗ ben jede kleine Beguͤnſtigung wird ihnen alsdenn ein neues Recht auf ihre Hand, auf ihr Vermdogen geben, und endlich wird Vater und Tochter ihnen nichts mehr abzuſchlagen haben! — Waͤhrend der Graf ſprach, hatte ich mich auf eine Raſenbank niedergeworfen, und indem ich das Geſichte mit beyden Haͤnden bedeckte, überſah ich meine ganze traurige Lage.— Mein Herz drohte zu brechen unter der Laſt der ſchmerzhaf⸗ teſten Gefuͤhle, die mich von allen Seiten be⸗ ſturmten.— Und es kann doch nicht moglich ſeyn, rlef ich endlich, ſie irren ſich, Graf, oder —„— —„—„— „ e eh— — —„— — —„— — S—— S 8 109 Sophie ſelbſt iſt betrogen!— Klingsberg ſelbſt ſchten durch meinen Zuſtand geruͤhrt zu ſeyn; er faßte den Gedanken ſchnell auf, und indem er Platz neben mir nahm:— Sie koͤnnten im Grunde doch recht haben!„ Veelleicht arg⸗ woͤhnt ſie nicht einmal den ſchaͤndlichen Verrath ihrer Kuſine, die ſo frech durch ihren Bruder ih⸗ re Stelle erſetzen laͤßt. Indeſſen benutzen ſie meine Warnung, laſſen ſie den weiblichen Lieb⸗ haber nicht aus den Augen. Es waͤre auch menſchlich und klug, die arme Sophie ſelbſt zu warnen; aber nennen ſie mich nicht!— ich will durchaus in dieſer laͤcherlichen Geſchichte keine Rolle ſpielen.— Ich war aufgeſtanden; meine Unentſchloſſenheit vermehrte noch das Druͤ⸗ ckende meiner Lage; endlich nach einem kurzen Stlllſchwelgen, indem ich elnen zweydeutigen, aber ernſten, Blick auf den Grafen warf:— Sie haben mich in eine unbeſchreibliche Unruhe verſetzt, ſagte ich ihm; wenn das ihr Endzweck war, ſo haben ſie ihn vollkommen erreicht.— Ich weiß nicht, ob ich ihre zutrauliche Mitthei⸗ lung als einen Beweis von Freundſchaft, oder als eine Beleidigung anſehen ſoll; ich ſtehe im Zweifel, ob ich ihnen Dank oder ſie mir Genug⸗ thuung ſchuldig ſind!.. Indeſſen in den erſten vier und zwanzig Stunden werden und muͤſ⸗ ſen dieſe Zweifel alle aufgeldßt ſeyn!— Ich ging. 110 Meine Abſicht war, daß Fraͤulein von Aſ⸗ ſen ſogleich aufzuſuchen, und ihr freymuͤthig mein Geſpraͤch mit dem Grafen mitzutheilen. Ich war weit entfernt dem Grafen zu trauen, aber ich ſchwankte dennoch hin und her in der peinlichſten Ungewißhelt. Sophie war ausgefahren, aber zufaͤlligerweiſe begegnete mir Herr von Unſer. Es mußte ihm nothwendig eben ſo viel als mir daran ltegen, dies ſchaͤndliche Geruͤcht zu erfor⸗ ſchen; ich nahm daher keinen Anſtand, ihm al⸗ les zu entdecken; aber kaum hatte ich ausgere⸗ det, als dieſer rohe Waydmann mit ſeiner ge⸗ woͤhnlichen brutalen Lebhaftigkeit mich elnen Lug⸗ ner nannte, und die lange Litaney ſeiner ge⸗ woͤhnlichen Schimpfwoͤrter mit einer formlichen Herausforderung beſchloß. Alle meine Vorſtel⸗ lungen blieben vergebens, ich mußte ihn endlich zum Grafen begleiten, den er zum Sekundanten haben wollte. Klingsberg horte ſeinen Beſchwerden erſt mit einem großen Ernſt zu, dann brach er auf ein⸗ mal in ein lautes Gelaͤchter los, und benutzte die unbegrelfliche Gewalt, die er auf dieſen wilden Menſchen hat, um ihm die ganze Adſurditaͤt ſei⸗ nes Vorhabens begreiflich zu machen.— Du mußt mir geſtehen, lieber Unſer, ſo ſchloß er, daß es eine zweyfache Düperie wäre, im Fal der Gegenſtand eurer Zwiſtigkeit wirklich der junge Walberg ware, und du dich um einer ſolchen Geliebten willen herum geſchoſſen haͤt⸗ *—* 3 1TT teſt!„ Wrnn ihr aber meinem Rath folgen und euch als vernuͤnftige Leute betragen wollt, ſo gebt euch die Haͤnde und macht gemeinſchaft⸗ liche Sache; ihr habt gleſches Intereſſe und ich muß euch geſtehn, daß ich bald ſelbſt nicht mehr weiß, was ich von der Sache halten ſoll. indeſſen ich finde es nicht fuͤr rathſam, deiß ihr in dieſer Aufwallung bey dem alten Baron an der Tafel erſcheinr.— Wenn es euch recht iſt, ſo will ich anſpannen laſſen, wir fahren in's Bad, und beſtellen uns dort eln Mittagseſſeri.— Bey einem Glas Wein wollen wir alsda nn die Sache reifer uͤberlegen und einen klugen Plan entwerfen. Im Bade trafen wir Geſellſchaft an, aber lauter unkannte Geſichter; wir ließen uts am nemlichen Tiſche decken, aber kannſt du dir wohl einen Begriſſ von unſerm Erſtaunen machem, als wir hier dffentlich wie von elner ausgemeſchten Sache, von unſerm geheimen Anliegen ſprechen hoͤrten! Bey dieſen Menſchen war es kein Zwei⸗ fel mehr, daß Friedrich von Walberg ſeiner Schweſter Rolle in der Reſidenz ſplele. Unſer wurde blaß und mußte das Zimmer venlaſſen, um kein Aufſehn zu erregen.— Wir gingen ihm nach.— Der raſende Menſch wollte auf der Stelle zuruͤck, und dem, wle er ſagte, infamen Kerl, der ſich unterfangen hatte, ſich ſo lange von ihm die Cour machen zu laſſen, eine Kugel durch den Kopf jagen.— Es gluͤckte dem Gra⸗ 1L2 — fen, den tollen Liebhaber zum zweytenmale zu beſaͤnftigen.— Hat man denn nicht Beyſpiele, ſagie er, daß ſelbſt die wahrſcheinlichſten Stadt⸗ Geruͤchte zuweilen dennoch nichts als ſchaͤndliche Luͤgen waren?— Um uns vollig zu uͤberzeugen⸗ iſt Klugheit, und beſonders Maͤßigung durchaus ndthig.— meine Meynung⸗ lieben Leute, waͤ⸗ re, daß Unſer unter irgend einem Vorwand von Julle eine geheime Zuſammenkunft zu erhalten ſich bemuͤhte— im Garten in der Abendſtunde wäre es am beſten?— Wir bringen indeſſen einen Wagen an die hintere Gartenthuͤre; bey el⸗ nem abgeredeten Zeichen ſpringen vertraute Leute aus dem Gebuͤſch; Julie wird in den Wagen ge⸗ tragen, in zehn Minuten ſind wir in meinem Gartenhaus; ich ſorge fur zwey ehrbare verſchwie⸗ gene Matronen, die, auch ohne Brillen, alle unſere Zweifel, in einem Augenblick werden ge⸗ hoben haben.„ Ich wollte mich anfangs dieſem tollen und unanſtändigen Vorhaben wider⸗ ſetzen, aber Unfern geſiel es ungemein; ich wur⸗ de uͤberſtimmt, und er verließ uns bey unſerer Nachhauſekunft, um die nothigen Anſtalten zu treffen. Ich glaube indeſſen, der gute Mann giebt ſich eine vergebliche Muͤhe, denn in jedem Fall bin ich uͤberzeugt⸗ daß die noͤthige geheime Zuſammenkunft ihm wird verweigert werden. Ich zweifle leider! nicht mehr au der Wahrheit des Geruͤchts; und trotz aller Vorſtellungen, durch die ich mich ſogar ſelbſt betruͤgen mochte, —* kann ich mich von Sophlens Unſchuld nicht mehr uͤberzeugen. Seit drey Monaten leben ſie auf dem vertraulichſten Fuße zuſammen; wie kann das Geſchlecht des Verwegenen ſo lange ihr ein Geheimniß geblieben ſeyn? Bedauern ſie mich, lieber von Honeck! Morgen veelleicht ſchon eile ich aus dem verhaßten Ds, um in den Ar⸗ men der Freundſchaft Troſt und Erſatz fuͤr dies getaͤuſchte Herz zu ſuchen. Noch einmal muß ich ſie ſprechen, ach! wenn es doch wahr waͤre — wenn ſie ſelbſt hintergangen worden waͤre— wenn der liſtige Verfuͤhrer es noch nicht gewagt haͤtte. Lebe wohl! ich verdiene deln herzliches Mitleiden!— Eduard von Sinzenheim an den Obriſten van Honeck. Freue dich, lieber van Honeck, dein Freund iſt dem Leben wieder gegeben! Ich habe endlich eine lange Unterredung mit Sophien gehabt, ſie iſt unſchuldig— ihr treuloſer Vetter hat ſie eben⸗ falls hintergangen. Erſt ſeit einigen Tagen hat ſie gleichfalls Argwohn geſchopft; ein Theil jener Geruͤchte war ihr zu Ohren gekommen; aber heute erſt fing ſie an auf das Betragen dieſer vermeyutlichen Kuſine aufmerkſamer zu werden — Sie geſtand mir erroͤthend, daß ſie nun wirklich in ihren Zuͤgen, Gang und Stimme et⸗ was Mannhaftes faͤnde; auch ihre beſondere Vor⸗ Lud. Lehrjahre 1 Thl. H 114 ————— liebe fuͤr maͤnnliche Verkleidung, fur jede angrei⸗ fende korperliche Uebung, und endlich das We⸗ ſentlichſte, die bekannte taͤuſchende Aehnlichkeit zwiſchen Schweſter und Bruder fiel ihr jetzt mit Schrecken ein. Sie machte ſich ſelbſt Vorwuͤr⸗ fe, auf jene Geruͤchte nicht gleich aufwerkſamer geweſen zu ſeyn— nun aber, ſetzte ſie hinzu⸗ ihre triftigen Gruͤnde, mehr noch als des Gra⸗ fen Winke gebeu mir eine ſchreckliche Gewißheit — alſo hatte der Graf ſchon mit ihr uͤber dieſen Gegenſtand geſprochen? und mir ſagte er nichts davon— meine Eiferſucht wurde rege; ſie machte mich dreiſter und ich theilte unverhoh⸗ len dem Fraͤulein meine Gedanken mit.— Mit der liebenswuͤrdigſten Lebhaftigkelt ſuchte ſie mlch ſogleich zu beruhigen, indem ſie mich ſogar ver⸗ ſicherte, daß nichts ihrer Verachtung fuͤr den Grafen gleich kaͤme, als nun ihr Abſcheu fuͤr ih⸗ ren Vetter. Gern hätte ich ihr unſern Plan ge⸗ gen dieſen mitgethellt, ich hatte aber mein Eh⸗ renwort gegeben zu ſchweigen. Wie ſehr war ich nun belohnt fur alle Leiden dieſes Tags! Wie ſchdn kleldete nicht dem reinen Engel der Ausbruch ihres Unwillens und des tiefen Ab⸗ ſcheus, welchen ſie für dieſe beyden nledertraͤchtl⸗ gen Menſchen ſo laut an den Tag legte!— Ich bot mich ſogleich an, ihr Genugthuung zu ver⸗ ſchaffen, und den Betruͤger, der ihr Zutrauen auf eine ſo unerhoͤrte Art misbrauchte, zu zuch⸗ tigen— ſie bat mich aber, jedes Aufſehen, wo⸗ bey ihr guter Name leiden mußte, zu vermelden, ————— ———— ————— A—ne e 115 und verſicherte mich, noch dleſen Abend ihrem Vater alles zu entdecken... der Vetter ſollte als⸗ denn heimlich in ſichere Verwahrung gebracht werden.— Die boshafte Perſon(ich weiß wahr⸗ lich nicht, welch einen Namen ich ihr geben ſoll) unterbrach ihre vertrauliche Ergießungen.— Der Blick, mit dem ſie ihn empfing und ihr ganzes Betragen beweiſen mir, daß es ihr vollig Ernſt war— ſie ging.— Ich hatte zwar Sophien verſprochen, durch mein Betragen bey Julien kel⸗ nen Verdacht zu erregen, indeſſen war ich feſt entſchloſſen, als ich nun allein mit ihr war, ihr melne Verachtung deutlich fuͤhlen zu laſſen— aber— lache mich nur aus, ich verdiene es— meine verzweifelte Schuͤchternheit im Umgang mit dem andern Geſchlecht konnte ich nicht elnmal bey meinem verkleideten verhaßten Nebenbuhler uͤber⸗ winden! Nur Geduld!— Die Larve wird hoffentlich bald abgelegt und dann ſoll mir Fried⸗ rich von Walberg fuͤr alle die Sorgen, die mir Julie machte, Genugthuung geben.— Gute Nacht! mein Beſter! dieſen Brief ſchließe ich erſt Morgen, ich muß dir ja das Reſultat der Ent⸗ fuͤhrung mittheilen. Neun Uhr des Abends. Dieſen Morgen glaubte ich, daß das Schick⸗ ſal mich nicht elender machen koͤnnte ich brach in laute Klagen aus und doch naͤhrte mein Herz H 2 116 — insgeheim noch einen Funken von Hoffnung.— Vor wenig Stunden war noch ich der gluͤcklichſte Menſch und nun.. der elendeſte!— Es iſt aus mit mir, mit meinen Hofnungen, mit mel⸗ ner Liebe!.. Zum letztenmal, lebe wohl! Wenn du dieſe Zeilen lieſeſt, wird die Hand deines un⸗ glucklichen Eduards, die ſie geſchrieben hat, kalt und leblos ſeyn.— Nur der Rache lebe ich noch. — In einer Stunde werde ich eine elende Betruͤ⸗ gerin entlarvt, ihren Verfuhrer beſtraft— und ſelbſt aufgehdrt haben zu leben— zu lelden! Lebe wohl! Beygeſchloſſenes Billet ſagt dir mehr, als ich dir zu erzählen im Stande waͤre. — Julte, oder vlelmehr Friedrich von Walberg⸗ der hellſehender oder vielleicht auch eiferſuͤchtiger war als ich, hat es aufgefangen und mir einge⸗ haͤndigt. „Ich weiß nicht, wem ich zuerſt danken Ihnen, theuere Sophie, die mich „endlich zum gluͤcklichſten Menſchen hat ma⸗ „chen wollen— oder dem Himmel, der mir „die Kraft gab, ihren Brief zu leſen, ohne „fuͤr Freude zu ſterben.— Um die beſtimm⸗ „te zehnte Glocke wird in dem Pavillon zu ih⸗ „ren Füßen liegen, ihr ewig trener Klingsberg.“ ———— — 117 Funfzebntes Kapitel. Das Räthſel⸗ ——— Julie von Walberg an Caroline dn Ich ſoll dir ſchrelben! ich ſoll dir melden, ob ich endlich verheyrathet bin!— Nichts iſt noch problematiſcher als meine Vermaͤhlung mit dem Herrn von Unſer, und nie war ich weniger auf⸗ gelegt, die Feder zu ergreifen, auch nie, glaube ich, hat ſich ein Maͤdchen in einer ſo ſeltſamen und ſo unangenehmen Verlegenheit befunden, als ich ſeit elnigen Tagen— Jeder Menſch im gan⸗ zen Hauſe ſieht mich mit grauſer finſterer Stir⸗ ne an; man flieht mich, man zankt mit mir, und ich gebe mir vergebens alle Muͤhe, um die urſache dieſes ſonderbaren Betragens zu ergruͤn⸗ den.— Sophie iſt kalt und zuruͤckhaltend, Un⸗ ſer wird ordentlich grob, nur der Graf iſt noch leidlich; aber ſein triumphirendes Anſehen zeigt mir nur zu deutlich, daß er der Urheber dieſer Teufeley iſt. Indeſſen hoffe ich auch dieſes Raͤth⸗ ſel noch aufldſen zu konnen.— Nur Geduld! 118 Der zuletzt lacht, pflegt man zu ſagen, der lacht am beſten. Ich habe berelts alle Vorkehrungen zu einem naͤchtlichen Abentheuer getroffen— noch bin ich nicht recht mit mir einig, ob die Entwickelung tragiſch oder komiſch werden ſoll.— Ich erwarte meinen Bruder, der dieſen Abend noch eintreffen ſoll, du weißt ſeine verdrußliche Geſchichte?— Noch habe ich den Muth nicht gehabt, weder dem Onkel, noch ſonſt jemanden etwas davon zu ſagen.— Daß er nach dieſem unglcklichen Zweykampf nicht mehr zu ſeinem Regimente darf, iſt leider eine ausgemachte Sa⸗ che.— Des Obriſten Sohn, ſein niedertraͤchti⸗ ger Gegner, iſt an ſeinen Wunden geſtorben.— Dles iſt zwar kein Verluſt, weder fuͤr die Welt, noch fuͤr ſeine Famille, aber mein armer Bru⸗ der iſt dadurch aus ſeiner Bahn geriſſen. Doch wieder zur Sache! Dieſen Nachmittag traf ich Sophlen mit Sin⸗ zenheim an.— Wie ich naͤher komme, geht ſie. — Ich will ihr nach— ſie, mit einem lauten Schrey ſchlaͤgt mir die Thuͤre vor der Naſe zu. — Ich wende mich an Sinzenheim, dieſer ſieht mich mit großen Augen an, und wenn es mdoͤg⸗ lich waͤre, daß dieſer gute Menſch jemanden et⸗ was Unartiges ſagen koͤnnte, ſo bin ich feſt uͤber⸗ zeugt, daß er es in dem Augenblick gethan haͤt⸗ te.— Er wollte eben das Zimmer verlaſſen, als Unſer herein ſtuͤrmte:— Mache dich auf einen eben ſo laͤcherlichen als unbegrelflichen Auf⸗ trltt gefaßt„ ich will verſuchen, ob ich dir die ———* 119 Scene nicht dialogiſiren kann, ſie wird dadurch an Lebhaftigkeit und Wahrheit gewinnen. Ich.(laͤchelnd und freundlich gegen den Herrn von Unſer) Gut, daß ſie kommen, lieber Unſer, ich befinde mich in einer wahrhaft ernſthaft ko⸗ miſchen Lage.— Unſer. Cbleibt unbeweglich ſtehen, mich aͤngſt⸗ lich angaffend) Ich. C laut lachend) Es iſt eine Bezaube⸗ rung hler vorgegangen. Unſer.(zu mir) Ich glaube, Gott verdamm mich, Herr! ſie wollen mich zum Beſten ha⸗ ben? Ich muß ihnen aber ſagen, Herr! daß ich ein wahrer Teufel bin, ſobald man meine Ehre antaſtet! Ich.(hochſt erſtaunt) Aber reiben ſie ſich doch die Augen, lieber Unſer, ich glaube, ſie ſchla— fen noch! Unſer. Caufgebracht) Ich habe mir die Au⸗ gen hell gerieben, und nun... doch nur Geduld, es wird ſich ſchon alles aufklaͤren!... Ich(indem ich auf Sinzenheim deutete, der in Gedanken in ein Fenſter angelehnt ſtand) Vielleicht ſprechen ſie mit dieſem Herrn? Unſer.(ganz wild) Kein unzeitiger Spaß! ich bltte mir's aus!.. Sie!. oder vielmehr. doch ſtille nicht wahr, Sinzenhelm, es kommt noch alles in's Reine! Sinzenheim. ttrocken) Zuberlaͤßig! Du kannſt dir einen Begriff von meinem Er⸗ ſtaunen machen, erklaͤren konnte ich mir nichts, 120 denn ich mußte voraus ſetzen, daß deyde, daß das ganze Haus verruͤckt ſey.... Indem ich uͤber dies alles nachdachte, hatte Unſer ſeinen Freund beym Arm gefaßt, und waͤhrend ſie zuweilen zu mir heruͤber blickten, ſprachen ſie leiſe und heftig mit einander.— Ich hatte mich an die Arbeit geſetzt, denn ich wollte durchaus Licht in der Sache haben— nur einzelne Worte konnte ich aber auffangen, als— Ich ſage es ja, es iſt einer ſo gut wie du und ich!— die⸗ ſe Naſe.. dieſe Zuͤge. die Stim⸗ me ſogar— wo zum Henker habe ich denn bis jetzt die Augen gehabt?— Endlich vergiug mir doch die Geduld, denn aus dem allen konnte ich nichts Zuſammenhaͤngendes bringen— ich ſtand auf und wollte gehen— Unſer.(auf mich zueilend) Neiu, nein! ſag' ich dir— ich warte nun kelnen Augenblick laͤn⸗ ger!— Jetzt gieich muß ich's wiſſen.(zu mir) Sind ſie Friedrich von Walberg, oder ſind ſie's nicht? he? Ich.(mich ſchnell faſend) Legen ſie ſich zu Bette, Herr von Unſer! Unſer. Antwort wlll ich! Antwort! nun? Ich. Auf ſolchen Unſinn finde ich keine! Unſer. Beym Teufel, Herr!., das kann ich mir einbilden! Ich.(ſo kalt und freundlich, als es mir mit der groͤßten Anſtrengung nur immer moͤglich war) Wiſſeu ſie was, lieber Unſer, machen ſie eine kleine Pro⸗ menade— die freye Luft wird den boͤſen Wein⸗ X X N I2T geiſt vertreiben— dann erwarte ich ſie wieder und ſie werden mir wlllkommen ſeyn! Un ſer.(beynahe außer ſich für gorn) Ich waͤ⸗ re alſo beſoffen? Ich.(es fing an mir bang zu werden) Das eben nicht. aber geſtehen ſie doch, daß ihr Betra⸗ gen mich befremden muß!... Un ſer, Laſſen wir das, und horen ſie mich an— Wenn ſie wirklich ſo unſchuldig ſind, als ſie's gern ſcheinen moͤgten, ſo beweiſen ſie's und geben mir dieſen Abend im Garten ein Viertel⸗ ſtuͤndchen Gehdr, wo ich ihnen alsdenn ſagen werde, was ich auf dem Herzen habe, und dann werde ich ſehen, ob ſie ſich werden verantworten koͤnnen!., Ich.(meine Geduld war zu Ende) Alſo eine heimliche Zuſammenkuuft? Unſer.(pottiſch lͤchelnd) Nun ja! was haͤt⸗ ten ſie denn dabey zu befuͤrchten? Ich. Sie ſind ein impertinenter grober Menſch! ich begreife nicht, wie ſie ſich konnten berechtigt glauben mir ſo zu begegnen— und zu ihrer Entſchuldigung, wenn ich es ja noch der Muͤhe werth halre ſie zu entſchuldigen, muß ich glauben, daß der Wein aus ihnen ſpricht! Ich ging.— Unſer wollte mir nach; ich ſtieß ihn aber zuruͤck, und floh in mein Zimmer, um meinen Thraͤnen freyen Lauf zu laſſen. So kann es nicht laͤnger mehr bleiben. mit meinem Bruder iſt es ſo abgeredet, daß er nicht eher als in der Daͤmmerungsſtunde bey 122 Herrn** ſich einfinden ſoll, wo ich ihn ſpre⸗ chen werde.— Ich wage das Aeußerſte, um aus dieſer Lage zu kommen. Bey meiner Nach⸗ hanſekunft werde ich erſt dieſen Brief ſchließen — Wie lange will denn deine Mutter noch auf dem Lande bleiben? Gewiß um zu Schlitten in die Reſidenz zuruͤckzufahren! Abends um 7 Uhr. Ich habe meinen Bruder geſehen und geſpro⸗ chen— er war ſchon in aller Frähe angekom⸗ men;— ein andermal von der traurigen Lage des armen Jungen.— Jetzt hoͤre und erſtaune. — Herr von Berndorf, Lieutenant bey der Garde, iſt ein Jugendfreund meines Bruders. — Da er nicht aus dem Gaſthaus, wo er ei⸗ nen fremden Namen angegeben hatte, gehen durf⸗ te, ſo ließ er ihn zu ſich bitten.— Berndorf kam, und nach einer halb ernſthaften, halb ko⸗ miſchen Explikatlon erfuhr mein Bruder, daß in der ganzen Reſidenz das Geruͤchte ſich verbrei⸗ tet haͤtte, als haͤtte er meinen Namen und meine Kleider erborgt, um im Hauſe des alten Onkels in ſuͤßem Einverſtaͤndniß mit der Kuſine zu leben — ich haͤtte die Hand zu dieſem ſchaͤndlichen Betrug gegeben und lebe einſtweilen verborgen bey einer guten Freundin an der bohmiſchen Graͤn⸗ ze.— Nun iſt alles leicht zu erklaͤren.— Wer anders als der Graf kann ein ſolches Geruͤcht verbreiten haben!— O du niedertraͤchtiger Menſch! 123 Unſer und Sinzenheim ſind nun bey mir vollig entſchuldigt, denn der boshafte Klingsberg wuß⸗ te dieſem abſurden Maͤhrchen den hoͤchſten Grad der Wahrſcheinlichkeit zu geben;— daß aber auch Sophie dieſem Unſinn Glauben beymaß, be⸗ greife ich nicht.— Die Unſchuld eines verſtaͤn⸗ digen Maͤdchens kann denn wirklich zuweilen bis zur Einfalt gehen!.. Berndorf hatte ſich wirklich vorgenommen, mich heute noch zu beſuchen, um, wie er ſagte, ſeinem Freund von der nahen Gefahr Nachricht zu geben— denn auch er verzweifelte nicht an der Aechtheit des Geruͤchts.— Ich traf ihn noch bey meinem Bruder an.— Der arme Fritz hat einen garſti⸗ gen Hieb queer uͤber den linken Backen davon ge⸗ tragen— er wollte auf der Stelle den Ucheber dieſer Infamitaͤt auſſuchen und ihn zuͤchtigen. — Seln Freund und ich hatten Muͤhe, ihn zu beſaͤnftigen.— Wir haben berelts gemetnſchaft⸗ lich einen Plan entworfen, der mich auf die ekla⸗ tanteſte Art an dem Buben raͤchen ſoll— wei⸗ ter mag ich dir vor der Hand nlchts ſagen— ich habe die Haͤnde voll zu thun.— naͤchſtens mehr! Deine Julie von Walberg. P. S. Noch das mußt du wiſſen— ich ha⸗ be dieſen Morgen ſchon in Sophiens Namen ein formliches Rendez- vous dem Grafen gegeben — ich wußte, daß er ihre Hand noch nie geſe⸗ 124 hen hatte; es war mir daher leicht, den Gecken zu betruͤgen.— Ein vertrauter Bedienter aus dem Hauſe trug das Billet hin und brachte mir die Antwort, die ich bereits auf eine unbefangene Art Sinzenheim in die Hand ſpielte.— Du ſiehſt, der Knoten iſt geſchlungen— laß dir aber nicht bange fur der Aufldſung ſeyn— es iſt alles ge⸗ nau berechnet. Sechszehntes Kapitel. Vorbereitungen und ein Ruͤckblick. —— Flngsberg, der zu geuͤbt in dergleichen Intri⸗ guen war, um nicht einzuſehen, daß er hier nichts Halbes mehr thun duͤrfte,— hatte den nemlichen Morgen noch, als er Sinzenheim im Garten geſprochen, eine ſchickliche Gelegenheit ge⸗ ſucht, um auch Sophien auf den nemlichen Ton zu ſtimmen. Das Fräulein hatte ſich aber ſchon längſt vorgenommen, bey jeder Gelegenheit mit ihm auf der Hut zu ſeyn— ſie ließ ihn ausre⸗ den, indem ſie den Eindruck, den er auf ſie mach⸗ te, ſorgfaͤltig zu verbergen ſuchte.— Als er fer⸗ tig war, blickte ſie ihn ſcharf an und verſank als⸗ dann in tiefes Nachdenken; ſchon glaubte er ſie überzeugt zu haben und triumphirte insgeheim⸗ 125 als ſie auf einmal, ſpottiſch laͤchelnd, ihre Augen wieder zu ihm aufſchlug und ſagte: Allerliebſter Herr Graf!.. Langbeins witzige Schwaͤnke ſiud leeres Geſchwaͤtz gegen dieſen niedlichen Roman nur etwas wahrſcheinlicher und zuchtiger ſoll⸗ ten ihre genialiſche Kompoſitlonen ſeyn!... Le⸗ ben ſie wohl!— ſie ging, und ließ den Grafen außer aller Faſſung da ſtehen.— Nachdem er ſich etwas erhohlt hatte, eilte er nach Hauſe, um uͤber neue Huͤlfsmittel zu ſin⸗ nen— da kommen Unſer und Sinzenheim.— Wir haben bereits gehoͤrt, wie es ihm gelang den wilden Waydmann abzukuͤhlen. Bevor ſie ins Bad fuhren, hatte er ſeinem Jaͤger den Befehl gegeben, einige von ſeinen vertrauteſten Freunden. dahin zu bringen, und ſelbige in der Rolle abzu⸗ richten, welche ſie auch waͤhrend der Mahlzeit ſo natuͤrlich ſpielten, daß dem armen Unſer aller Appetit dabey vergeng. Des Grafen Abſicht bey dieſen ſchaͤndlichen Intriguen war, die beyden Ku⸗ ſinen zu entzweyen, Sinzenheim von Sophien zu entfernen, und dann durch des Vaters Ver⸗ mittelung ſie zu einer Heyrath mit ihm endlich zu bewegen. Das Fraͤulein von Aſſen hatte zwar den Eln⸗ druck zu verbergen gewußt, den des Grafen ſchlaue Erdichtung auf daſſelbe gemacht hatte— aber jedes Wort hatte dennoch getroffen, und ihre pein⸗ liche Ungewißheit ſtieg beynohe von dem Augen⸗ blick an zu einer noch ſchmerzhaftern Wahrſchein⸗ lichkeilt. Mancher Leſer wird vielleicht eine ſol⸗ 126 che Einfalt bey elnem ſo verſtaͤndigen Maͤdchen nicht begreifen konnen.— Wir muͤſſen aber nicht vergeſſen, daß Sophie in der Einſamkeit, in der Geſellſchaft ihres wunderlichen Vaters ſich, ſo zu ſagen, ſelbſt bildete; daß ſie in die große Welt zwar viel geſunden Menſchenverſtand, aber gar kelne Erfahrung brachte. Ihre durch ihre fruͤhere umgebungen erzeugte gutmuͤthige Unbefangenhelt verließ ſie nie. Dem Grafen traute ſie wohl nicht, weil die Verſchiedenheit ihrer Charaktere und Denkungsarten eine natuͤrliche Abneigung fuͤr dleſen glaͤnzenden Irrwiſch bey ihr erweckt hatte, aber den Plan einer ſolchen tief durchdachten Bos⸗ heit hatte ſie ihm dennoch nimmermehr zugetraut. — Sie wankte daher von einem Zweifel zum andern, und ihre Uubeſtimmthelt vergroͤßerte ihre Unruhe. Sinzenhelm war glelch, nachdem er des Gra⸗ fen Antwort an Sophien geleſen, zu dieſem ge⸗ gangen und hatte ihn foͤrmlich herausgefordert. — Mit einer Frechheit, die den Kluͤgſten irre gemacht haͤtte, verleugnete der Graf ſeine eigene Hand, betheuerte, ſie ſey nachgemacht, erklaͤrte unverhohlen, daß er niemand anders als Julie in Verdacht habe, und nachdem er ſich ſo gut, als es nur immer moͤglich war, herausgelogen hatte, ſetzte er läͤchelnd hinzu:— Und wenn mir auch ein ſolches Gluck beſchieden waͤre, ſo kdnnen ſie leicht begreifen, mein lieber Sinzen⸗ heim, daß ich um alles in der Welt einen ſolchen Augenblick nicht verſcherzen mochte— in dieſem 127 ——— Fall koͤnnte ich ihnen alſo nur Morgen zu Dienſte ſtehen.— Sinzenheim ging, nichts weniger als uͤberzeugt— aber was konute er anfangen! Die Saiten waren aufs hoͤchſte geſpannt, es mußte irgendwo zum Ausbruch kommen.— Ju⸗ lie hatte alles berechnet— und ſchritt nun zur Ausfuͤhrung. Es hatte bereits halb zehen geſchlagen, der Mond ſchlen durch zerriſſene Wolken und verbrei⸗ tete ein ungewiſſes Licht.— Niemand war bey Tiſche erſchienen— und Sophie ging eben die Treppe hinauf nach ihrem Schlafgemach, als ihr Kammermaͤdchen athemlos ihr entgegen kam:— Gnaͤdiges Fräulein! um Gotteswillen! es kann noch das groͤßte Ungluͤck geben— ſo eben geht des Herrn von Sinzenheim alter Johann von mir — ſein Herr hat zwey ganze Stunden lang ge⸗ wuthet und getobt; als er zu ihm ging, um zu fragen, wenn er ſpeiſen wollte, ſchmiß er ihn zur Thuͤr hinaus. Vor einer Viertelſtunde ſah er ihn ſeine Piſtole laden, und jetzt iſt er in ſeinen Mantel gehuͤllt allein ausgegangen.— Es iſt ſo ein guter, ſanfter Herr! kann kein Kind be⸗ leidigen— da muß etwas Schreckliches vorge⸗ ſallen ſeyn!— Auch ſoll er ſogar ſehr heftig ge⸗ weint haben— denken ſie nur, gnaͤdiges Fraͤu⸗ lein, gewelnt!— Sophie erſchrack heftig.— Ganz gewiß, dachte ſie, er ſucht meinen ſaubern Herrn Vetter auf.— Geh, Luiſe, ſagte ſie nach einem kur⸗ zen Nachdenken, und bitte den Herrn von Unſer, 128 er moͤchte den Angenblick zu mir kommen— Luiſe ging, traf aber auch Unſern nicht zu Hauſe an.— Sophiens Angſt und toͤdtliche Verlegen⸗ heit nahm mit jeder Minute zu.— Indem ſie an das offene Fenſter gelehnt in den Garten vor ſich hin ſtarrte, kam es ihr vor, als wenn ſie jemand haͤtte leiſe ſprechen hoͤren.— Der Mond hatte ſich verſchleyert— unterſcheiden konnte ſie Niemand.— Geſchwind, Luiſe, rief ſie, ohne den Schritt, den ſie eben thun wollte, weiter zu uberlegen, meinen Mantel! zuͤnde dle Laterne an! Die Finſterniß hatte zugenommen— es fing ein wenig an zu regnen.— Als ſie beyde aus der Kaſtanlenallee uͤber den Raſenplatz) der Terraſſe hinter dem Gartenhauſe gehen Wollten, erloſch das Licht— und Luiſe mußte zuruͤck, um es wieder anzuzuͤnden. Das Gartenhaus ſtand auf.— Sophile trat unter die Thuͤre, um ſich gegen den Regen zu ſchuͤtzen.— Sie hatte ſich einmal feſt vorgenommen, nicht ins Haus zuruͤck zu kehren, bevor ſie den ganzen Garten viſitirt hatte. Auch daß gerade heute Julie bey einer guten Freundin zu Nacht ſpeiſen mußte, vermehr⸗ te ihren Verdacht.— Aber, wird man fragen, wie kam das Fraͤulein auf den ſonderbaren Ge⸗ danken, daß dieſer Zweykampf gerade im Garten und nicht anderswo ſtatt haben ſollte?— Je nun! es war ein Einfall! und zwar ſo ſonderbar eben nicht— denn die einſame Terraſſe hinter dem Garten, die auf den Wall zuging und rings — ₰— ——— 129 um von dichtem Geſtraͤuch umgeben war, machte dieſen Ort ganz bequem dazu.— Jetzt ſah ſie dte Laterne in der Ferne durch die Fenſter ſchimmern— ſie kam naͤher— aber wie groß war ihr Erſtaunen, als ſie nun ganz deutlich zwey fremde Stimmen hoͤrte.— Sie zog ſich zuruͤck.— Es kam immer naͤher, ge⸗ rade auf das Gartenhaus zu.— Nun muß ich der Deutlichkelt wegen dleß nledliche Gebaͤude etwas genauer beſchreiben.— Man kam vier breite Stufen hinauf in ein klei⸗ nes Veſtibule, von dort in einen runden marmor⸗ nen Saal, der das Licht von oben empfing; links und Sts Kabinetter— dem Eingang gegen uber ue Glasthuͤre, die auf die Terraſſe fuͤhrte. Die zwey Fremden waren nur noch einige Schritten entfernt; Sophie zog ſich mit laut po⸗ chendem Herzen, erſt in das Veſtibule, dannin den Saal, und als ſie endlich die Stufen hinauf gehen hoͤrte, ſo blieb ihr kaum noch Zeit genug uͤbrig, um die Kabinetthuͤre links aufzureißen und hinein zu ſchluͤpfen.— Die Fremden waren Nie⸗ mand anders, als Julle und ihr Bruder— ih⸗ nen war Luiſe mit der Laterne begegnet; Julie hatte durch ſie die muthmaßliche Urſache von Sophiens nͤchtlicher Wanderung erfahren, und ihr laͤchelnd die Laterne abgenommen. Lud. Lehrjahre. 1 Thl. 3 Siebenzehntes Kapitel. Entwickelung. J ulie.(mit der Laterne in der Hand.) Fried⸗ rich von Walberg(in ſeinen Mantel eingehuͤllt.) Julte.(leiſe) Sie iſt hier, ſag' ich dir— ich habe ſie ganz deutlich unter der Thuͤre erblickt, dann herein treten ſehen— doch ſiill!— ſie kommt uns hier wie gerufen! eſehr laut) Der elende Menſch hat durch dieß abſurde Maͤhrchen, kannſt du dir ſo etwas vorſtellen, lieber Bruder, ſelbſt bey meiner ſo verſtaͤndigen Sophie mich verdaͤchtig zu machen gewußt!(Cſie macht Thuͤr⸗und Sommerlaͤden zu, zieht die Gardinen herun⸗ ter, und oͤffnet die Glasthuͤre, die auf die Terraſſe geht.) Fried. von Walberg. Ich liebe dich, liebe Schweſter, noch iſt es Zeit— uͤberlege die Folgen deines raſchen Entſchluſſes— gieb den Spas auf— und uͤberlaß es mir, dir Genug⸗ thuung zu verſchaffen! Julte. Nein, Fritz!. ich will dieſem Toilet⸗ tenhelden beweiſen, daß das Maͤdchen, dem er durch⸗ aus ſein Geſchlecht andichten/ und zum niedertraͤch⸗ tigſten Verfuͤhrer herabwuͤrdigen wollte, mit dem zarten, ihrem Geſchlecht eigenen Gefuͤhl, auch I3r wirklich maͤnnlichen Muth verbindet!.(ſie ſteckt zwey Wandleuchter an, und loͤſcht die Laterne aus.) Fried. von Walberg. Rber, Schweſter, laß uns den Fall ſetzen, der Schurke beſaͤße eben ſo viel Muth als Riedertraͤchtigkeit— ſein Stand, ſein Geſchlecht ſetzt es voraus, daß er in den Waffen geuͤbt iſt— du treibſt ihn nun aufs aͤuſ⸗ ſerſte, er ſtellt ſich.. Julte. So kann er doch nicht kaltbluͤthiger ſeyn als ich!... Fried. von Walberg. Er ſchießt. trift!— du ſinkſt! und ich ſollte. neln, nein!(man hoͤrt ein leiſes Geraͤuſch im KFabinet links— Julie winkt laͤchelnd ihrem Bruder.) Julie. Laß es gut ſeyn, Fritz— das alles haſt du mir ſchon zehnmal wiederhohlt. ich ha⸗ be alles reiflich uͤberlegt.— Der Graf. mel⸗ ne gute Sophle wird mir's verzeihen, daß ich ei⸗ nen Augenblick ihren Namen mißbrauchte, um ihn hieher zu locken— der Graf giebt mir entweder eine ſchriftliche Erklaͤrung, die ihn auf ewig brand⸗ markt, und mich auf das vollkommenſte rechtfer⸗ tigt, oder„ wir ſchlagen uns... Fried. v. Walberg. Nun denn in Gottes Namen!(er ſchlaͤgt den Mantel zuruͤck und legt zwey Pi⸗ ſtolen auf den Tiſch) Ich habe mir dieſe Schmarre (auf den Backen deutend gehohlt, weil mich mein Geg⸗ ner ein altes Weib nannte— und dir werden vielleicht ein paar Rippen durchgeſchoßen werden, weil.. well du nicht der Exlieutenant Walberg ſeyn wlllſt!, . 5 2 132 Julte. Und dann werden wir beyde unſere Schuldigkeit gethan haben!... Fried. von Walberg.(lau nig) Aber ge⸗ ſtehe doch, Schweſter, daß wir ein paar naͤrriſche Leute ſind?... cin die Taſche greifend) à propos! nicht zu vergeſſen... hier der ſchriftliche Aufſatz „du fuͤhrſt ene ſpitzige Feder! eer liech Ich „Endesunterſchrlebener erklaͤre hiermit, daß ich „aus nledertraͤchtigen Abſichten mich helmlich be⸗ „muͤhte, Fraͤulein Julte von Walberg fuͤr ihren „verkleldeten Bruder auszugeben, daß ich allein „der Urheber dieſer ſchaͤndlichen Luͤge bin, weshal⸗ „ben ich es fuͤr meine Schuldigkeit halte, ihr des⸗ „halben eine formliche Abbitte und Ehrenerklaͤrung „zu thun— auch erlaube ich dem Fraͤulein von „Walberg, dieſen Zeilen durch den Druck jene Pu⸗ „blieitaͤt zu geben, die ich ſo gerne der abſcheu⸗ „lichſten aller Luͤgen gegeben haͤtte, im Fall es...“ Das wird er nie unterſchrelben— da haſt du Din⸗ te, Pappier und Federn; Julle! ich bitte dich! wäßige deine Ausdruͤcke!.. Julſe. Nicht eine Sylbe wird abgeaͤndert! (das Geraͤuſch im Kabinet wird ſtaͤrker) Doch hore— (ſie geht nach der Thuͤre) er iſt's— geſchwinde ins Kabinet... v. Walberg. Aber Julie!... Julte.(ſtoͤßt ihn in des Kabinet rechts) Richts! nichts!... Der Graf. cherein ſturzend) Hier, melne theuerſte, angebe(als er Julie erblickt, erſtirbt ihm das Wort im Munde, er bleibt unbeweglich ſtehen.) 133 Fulie. Um dleſem quid pro quo gleich eiu Ende zu machen, ſo wiſſen ſie, Herr Graf, daß Fraͤulein Sophie von Aſſen zu edel denkt und fuͤhlt, daß ſie von der Wuͤrde und den Pflichten ihres Geſchlechts zu innig durchdrungen iſt, um auch dem Manne, der ihre ganze Achtung be⸗ ſaͤße, eine geheime Zuſammenkunft zu gewaͤhren, geſchweige einem Windbeutel ihrer Art! Der Graf. Cpill ſprechen.) Julie. Laſſen ſie mich ausreden— Ich habe in Sophlens Namen und ohne ihr Vorwiſ— ſen das Billet geſchrieben, dem ich das Gluͤck ver⸗ danke den impertinenteſten Luͤgner der ganzen Re⸗ ſidenz hier téte à téte zu beſitzen... Der Graf. In der That, Fraͤulein, ihre Art die Leute zu ſich zu locken, iſt eben ſo einzig als die Manler, die Herbeygelockten zu empfangen!... Julie. Wenn ſie das ſelbſt ſinden, ſo habe ich zum Theil meinen Entzweck ſchon erreicht!... Der Graf.(ſpoͤttiſch) Aber Fraͤulein Julie, ſollt' ich denken, haͤtte eben ſo wenig nothig, ſich mit fremden Federn zu ſchmuͤcken, als einen frem⸗ den Namen zu erborgen, um nicht auf einen einzi⸗ gen Wink alles, was in der ganzen Reſidenz Ge⸗ ſchmack und Gefuͤhl hat, ſogleich zu ihren Fuͤßen zu ſehen!.. Fulle. Dieſer freche Spott verdiente eine Maulſchelle, aber ſo leicht, mein Herr Graf, ſollen ſie mir dießmal nicht durchkommen„ (mit einem bedeutenden Blick auf die Piſtolen.) Der Graf.(außerſt verlegen) Fraͤulein 134 Julie ſind uͤbel disponirt, es iſt alſo beſſer„„ (will gehen.) Julie.(faßt ihn beym Arm, ſchließt die Thuͤre ab, und ſteckt den Schluͤſſel ein— dann ernſt und ſeyer⸗ lich) Sie ſind ein elender ſchlechter Menſch! denn ſie haben muthwillig die Ruhe und das Gluͤck ei⸗ ner ganzen Familie geſidrt— meiner Schweſter guten Namen kompromittirt.. Der Graf. Ihrer Schweſter!.. Julte. Und mich nicht allein um das Gluͤck einer nun hoffnungsloſen Liebe, ſondern um mein kuͤnftiges Fortkommen gebracht.— Der Graf. Ich verſtehe ſie nicht, mein gnaͤdiges Fraͤulein! Julie. Hinweg mit dieſer elenden Verſtel⸗ lung, die ſie noch veraͤchtlicher in meinen Augen macht— ſie wiſſen, daß ich nicht Julie, ſon⸗ dern Friedrich von Walberg bin... Der Graſf.(im hochſten Erſtaunen) Iſt's moͤglich! Julie. Wer ihnen mein Geſchlecht verrathen hat, werde ich hoffentlich noch von ihnen erfahren! Doch nein!— dieſe Neugierde kann auch unbefrle⸗ digt bleiben, denn in wenig Augenblicken wird nus beyden die Welt und alle ihre Angelegenheiten we⸗ nig mehr intereſſiren—(auf ihn zugehend) Sie kannten meine Verhaͤltniſſe, wußten, daß ich kein Vermoͤgen habe, daß meine ganze kuͤnftige Exiſtenz von meinem Ohelm, Sophiens Vater abhaͤngt, und waren dennoch nledertraͤchtlg genug, mich 2 ———————— 2 135 der ganzen Reſidenz— ja meiner Kuſine ſelbſt zu verrathen!.. Der Graf. Ich falle aus den Wolken— in der That, Herr von Walberg— wenn ich nur im mindeſten haͤtte muthmaßen koͤnnen„ Julte. Craſch) Was? Der Graf. Daß ich ein wichtiges Ge⸗ heimniß entdeckte indem„(Cſtockt.) Julie. Indem 7.. DerGraf. Je nun ja— frey geſtanden, denn — ich ſelbſt glaubte kein Wort von dem ganzen Gerucht.. Julte. Sie werden unverſtaͤndlich— et⸗ was deutlicher, wenn ich bitten darf!.. Der Graf.(nach einem kurzen Nachdenken) Ich bin ihnen nun Satisfaction ſchuldig, das be⸗ greife ich.— Mit einem Vlick auf die wiſolen Auch ſehe ich, daß ſie bereits meiner Erklaͤrung zuvor gekommen ſind—(feſt) Ich werde ihnen nichts ſchuldig bleiben, Herr von Walberg— ob ich gleich nicht begreife, durch welch einen ſonderbaren Zu⸗ fall doch laſſen wir das..(nachdenkend) Julie. Wenn ſie noch etwas zu ſagen ha⸗ ben, ſo bitte ich um Eile. Der Graf. Unſere Bekanntſchaft wird und muß mit elnem Zweykampf beginnen— meine unwillkuͤhrliche Beleidigung.. Fulie. Unwillkuͤhrlich...(Sinzenheim kommt über die Terraſſe ans Fenſter geſchlichen; er kaun alles ſehen und hoͤren, ohne bemerkt zu werden.) Der Graf. Claunig und gefaßt) Bevor wir 5½ 136 zu dieſer ernſihaften Poſſe ſchreiten, muß ich ih⸗ nen aber durchaus den Zuſammenhang dieſer wun⸗ derbaren und mir ſelbſt nun aͤußerſt unangenehmen Geſchichte etwas ausfuͤhrlicher mittheilen.— Als Fraͤnlein Julie konnte ich ihnen wahrlich nicht hoid ſeyn, denn von der erſten Stunde unſerer Bekannt⸗ ſchaft machten ſie ja kein Geheimniß daraus, daß ſie mir bey weiner Bewerbung um Sophiens Hand nach allen Kraͤften entgegen arbeiteten— aus kleinen Neckereyen wurden immer groͤßere— die Erbitterung ſtieg auf beyden Seiten— das Gedicht.. es war boshaft, ich geſtehe es— aber ſelbſt dieſes wußten ſie bey Sophien als Waffen gegen mich zu gebrauchen.— Da ſann ich zum erſtenmal mit vollem Ernſt auf ein Mittel, ſie mit Sophlen zu entzweyen, Sinzenheim, mei⸗ nen gefaͤhrlichſten Nebenbuhler, auf ewig zu ent⸗ fernen— und da fuhr mir der ſeltſame Gedanke durch den Kopf, ſie fuͤr— das auszugeben, was ſie nun leider wirklich ſind!.. Inlie. Wie? und ſie wußten nicht,(ſeine Hand raſch ergreifend) ſie wußten wirklich nicht!.. Der Graf. Auf Ehre! nein! es koſtete mir plelmehr eine unſaͤgliche Muͤhe, dieſes ſelbſt in mei⸗ nen Augen ſo tolle Maͤhrchen mit einiger Wahr⸗ ſcheinlichkeit in Circulation zu bringen... Herr von Walberg, ich kann ihnen bey allem, was nur hellig iſt, betheuern, daß nur die entfernteſte Ah⸗ nung der Wahrheit meinem e eine ganz andere Richtung gegeben haͤtte!.„ Julie. Und welche? —— —,.——— 137 Der Graf. Was mein Stand und meine Abſichten von mir gefordert haͤtte— ich haͤtte ihnen die Wahl geben, ſich entweder heimlich und ohne Aufſehn zu entfernen, oder wir haͤtten uns geſchlagen!. Julie.(ablenkend) Was ſie gethan haͤtten, davon iſt nun die Rede nicht mehr, Herr Graf — ſondern von dem, was ſie gethan haben... Hier bleibt ihnen und mir nur aus zwey Uebeln das minder ſchlimmere zu waͤhlen uͤbrig— ent⸗ weder unterſchreiben ſie dieß Blatt, oder— Cer“ greift eine Piſtole) wir ſchließen uns!... Der Graf.(nachdem er geleſen) Zum Teufel, Herr! ſie werden mir doch nicht zumuthen... Julie. Ja, Herr Graf, haben ſie ſo leicht⸗ 4 fertig mit dem guten Namen einer geliebten Schwe⸗ ſter ſpielen konnen, ſo kenne ich keine Zumuthung, die man ihnen nicht machen kann Der Graf.(raſch nach der andern Piſtolen grei⸗ fend) Nun denn! Cer will nach der Thuͤre.) Julte.(zieht ihr Sacktuch hervor) Es iſt nicht noͤthig— wo ſie nicht dieß Blatt unterſchreiben, wobey ſie freylich ihre Ehre zum Beſien geben, um meiner Schweſier guten Namen und mich ſelbſt von dem unvermeidlichen Verderben zu ret⸗ ten— ſo iſt mir das Leben elne uvertraͤgliche Buͤrde, die ich ferner zu tragen nicht im Stande bin.— Viel Raum iſt daher nicht noͤthig— hier faſſen ſie das eine Ende des Tuchs undich das an⸗ dere.— Ich muß fort, aber bey Gott ſie gehen 138 mit— uͤber den Sternen alsdenn Verſohnung. wenn eine nothwendig iſt— Der Graf.(Cuͤberraſcht und hoͤchſt verlegen) Herr von Walberg, dieß iſt die Art nicht, wie zwey Kavaliers eine Ehrenſache ausmachen ſollten!. Julie. Und wie denn anders, du elender erbaͤrmlicher Menſch!— da, faſſen ſie an, oder bey Gott ich ſchieße ſie nieder— die zweyte Ku⸗ gel iſt alsdann fuͤr mich— dieß Blatt bleibt auf dem Tiſch liegen, und die Welt mag dann das Raͤthſel aufloſen!— Der Graf. Aber um's Himmels willen nehmen ſie doch Vernunft an— wie kann ich um einer freylich hoͤchſt unſchicklichen Plaiſanterie eer lieſt zum zweytenmal das Blatt) Die afroͤſe Publicltat durch den Druck, das iſt vollends gar nichts„ Julie. Weiter nichts als ein noch dazu un⸗ gewiſſes Palllatlv gegen ihre Infamität... ihren Entſchluß! ich bitte ſchnell— meine Abweſenheit koͤnnte bemerkt werden—(ſehr laut) und beym erſten Geraͤuſch in der Naͤhe ſchwore ich ihnen.. ich ſchieße!.. Der Graf.(mit immer zunehmender Angſt) Ach, Gott! wie man doch auf die unſchuldigſte Art in toͤdrliche Verlegenheit gerathen kann!... Julle. Toͤdtlich, ja wohl!. ſie haben moraliſch gemordet feige Memme! und haſt nicht einmal das Herz, dieſe Piſtole auf dein Schlachtopfer abzudruͤcken? Der Graf. Kommen ſie auf die Terraſſe —————————.— 139 auf zehn Schritte, meinetwegen— ich bin es zu⸗ frieden, aber— ſo Hand in Hand. die Muͤn⸗ dung auf die Stirne— nein— es iſt ein wah⸗ rer Selbſtmord! Julie. Nun ſo mag mir Gott vergeben— (ſie ſchlägt an.) Der Graf.(fallt ihr in den Arm) Julie.(ſcoßt ihn ruͤcklings zuruͤck und auf einen Stuhl, ſetzt ihm die Piſtole auf die Bruſt) Nur eine Be⸗ weguug und ich druͤcke los— willſt du unter⸗ ſchreiben oder dich mit mir ſchießen— ja oder nein? Der Graf.(erſchopft) Ich unterſchreibe.. Julie. Nun dann— hier iſt Feder und Dinte!. „ Der Graf.(indem er ſich zum Schreiben zurecht ſetzt) Aber dieſe letzte Zeile— der Druck.. Julte. Gelingt es ihnen, dieß aͤußerſte Huͤlfsmittel unndthig zu machen— ſo.. welde ich großmuͤthiger ſeyn als ſie's verdienen— Der Graf, Nun denn.. 4 la garde de dieu!(er unterſchreibt) Julie.(nimmt das Blatt, lacht laut auf und klatſcht in die Haͤnde) Fried. v. Walberg.(aus dem Kabinet hervor⸗ tretend) Ich bedaure, Herr Graf, daß ſie ſich ſo plump in ihre eigene Netze gefangen haben— ich biu Friedrich von Walberg, hier meine Schweſter Julte; mit ihrer Unterſchrift wollten ſie hier eine Nothluͤge bekraͤftigen, und haben, ſeltſam genug, weiter nichts als eine Wahrheit unterſchrieben!, 140 Der Graf.(völlig außer aller Faſſung) Aber Sophie.(huͤpft aus dem andern Kabinet und fligt in Juliens Arme) Ach, Julchen! wirſt du mir vergeben?.. Ich fuͤhle nun, Herr Graf, daß es Menſchen gleht, die man nie tief genug verachten kann.. Der Graf.(der ſich mit aller Gewalt, aber vergebens, ſammeln will.) E. v. Sinzenheim.(hat indeſſen das Fenſter von auſſen aufgedruͤckt— indem er in den Saal ſpringt) Herr Graf, brauchen ſie einen Sekundanten 2 (zu Julie) Auch ich gnädiges Fraͤulein, muß ſchaamroth bekennen.. Julte. Mein Herz hatte euch guten Leuten ſchon laͤngſt vergeben... Hier iſt mein Bruder Sophie. Seyn ſie doppelt willkommen, lieber Vetter! Julie. Sie muͤſſen geſtehen, Herr Graf⸗ daß, obgleich die Aehnlichkeit zwiſchen uns beyden ziemlich auffallend iſt, mein Bruder dennoch die⸗ ſen blauen Bart und dieſe Narbe, unmoglich fuͤr weibliche Reize haͤtte konnen geltend machen.— Auf dem Lande erzogen, wo mannigfaltige Ue⸗ bungen die Geſundheit und den Korper ſtaͤrken, habe ich freylich nlcht den eleganten Zuſchnitt er⸗ halten konnen, den ihr Halbmaͤnner an unſerem Geſchlechte ſo vorzuglich ſchaͤtzet— daß aber auch der gewandteſte Stutzer wie ein Einfaltspinſel von einem Landmaͤdchen ſich kann fangen und behan⸗ deln laſſen, haben ſie, mein ſcharmanter Herr ——— 141 Graf, hinlaͤnglich bewieſen.—(lachend) Die Piſto⸗ len waren nicht einmal geladen, und wenn ſie eben ſo viel Muth als Impertinenz gehabt haͤtten — ſo.. Fr. v. Walberg. Wäre ich zum Vorſchein gekommen, und haͤtte die Piſtolen gehoͤrig zu ver⸗ ſehen gewußt.„ uͤbrigens, Herr Graf, ſtehe ich ihnen jederzeit zu Dlenſten!... v. Sinzenheim. Auch ich!—(zu Sophien) O mein gnaͤdiges Fraͤulein, dleſem Menſchen werde ich nie verzeihen koͤnnen, daß er mich ei⸗ nen Augenblick an alle menſchliche Tugenden ver⸗ zweifeln machte, indem es ihm wirklich gluͤckte, einen Engel(indem er ihre Hand kuͤßt) mir in ein zweydeutiges Licht zu ſtellen!.. Der Graf.(einfaltig und gezwungen laͤchelnd) Ich bin beſiegt, gedemuthigt, zu Boden geſchla⸗ gen.— Nach dieſem nalven Geſtaͤndniß werden ſie doch wohl erlauben, heroiſches Fraͤulein! „mich ſchlafen zu legen. ich bitte den Schluͤſſel aus... Julte.(ſchüeßt die Thure auf) Schlafen ſie wohl! Alle. Gute Nacht, Herr Graf! (Wie die Thuͤre aufgeht, taumelt herein.) Unſer. Aber zum Tesfel, Klingsberg!— was laͤßt du mich denn ſo lange warten!— Der Kutſcher und ich lauern ſchon eine Stunde— und ich bin naß wle ein P g—4 142 Der Graf. So fahre nach Hauſe und laß dich ausziehen—(ſchlupft hinaus.) Un ſer.(ihm nach) Hdre doch— Klings⸗ berg. wie der laͤuft(er wendet ſich um, und ſtarrt hoͤchſt verwundert die Ge ſellſchaft an) Aber Ha⸗ gel und Wetter!„ bin ich recht oder. Fulte.(indem ſie ihren Bruder vorfuͤhrt) Ich habe das Vergnuͤgen, Herr von Unſer, ihnen meinen Bruder zu praͤſentiren... Unſer. Wie?„dieſer da?.. Julie. Iſt mein Bruder— Unſer. Was?— ihr Bruder— und ſie. (Alles lacht.) Julie. Und ich ſeine Schweſter.. Unſer. Und nicht... Julie. Claut lachend) Sein Bruder!.. Unſer. Da mag der Henker klug daraus werden— ſie ſind alſo wirklich mit Leib und Seele ein— eln Frauenzimmer 7.. Julie.(mit einem komiſchen Knir) Wenn ſie's guͤtigſt erlauben— ja!... Unſer. Donner und Hagel, was hat mir denn der verfluchte Graf wieder fuͤr dummes Zeug weiß gemacht?. Julie. Er hat ſie, mein lieber Unſer, abermals zum Beſten gehabt— aber troſten ſie ſich, dießmal hatten ſie doch Geſellſchaft— hier —(deutet auf Sophie und Sinzeuheim.) 143 Unſer. Ein vermaledeyter Kerl— aber nur Geduld eergreift ihre Hand) Horen ſie, Julchen, ich fuͤhle es, hol' mich der Teufel! wir beyde paſſen nicht in die elegante Welt— wenn es ihnen alſo recht waͤre, ſo laſſen wir uns Morgen in aller Stille kopuliren und ſchleichen uͤbermorgen zum Thore hinaus.— Mein Forſter ſchreibt mir ohnehin, daß die Bauern uͤber das viele Wild zu klagen anfangen— und da ging es in einem hin!. Julte.(lächelnd) Was ſagſt du dazu, Kuſine? Sophie;(ſpoͤttiſc) Weil es doch in einem hinginge!. Unſer. craſch) Ja freylich! ja!. nicht wahr? Julie.(ſchlagt ein Nun denn meinet⸗ wegen! Unſer. Gfaßt ſie mit Ungeſtüm in die Arme) Vivat!„ Bruder Fritz! laß dich kuͤſſen. Haſt mich, hol's der Teufel! ſeit vier und zwan⸗ zig Stunden wle eln angeſchoßner Vierzehnter her⸗ um gehetzt!. v. Sinzenheim.(zu Sophie leiſe und ſchuͤchtern) Theures Fraͤuleln!— dieſes Beyſpielz — wenn ich duͤrfte!„(ſein Mund ruht auf ihrer Hand, indem ſein Blick voll inniger Liebe auf ſie hin⸗ neigt.) Sophie. Cebenfalls leiſe und bebend) Spre⸗ chen ſie mit meinem Vater!„ 2 144 v. Sinzenheim. C(zn ihren Füßen) So⸗ Julie,(ſpringt zwiſchen beyde, legt ihre Hände in einander, dann mit komiſchem Ernſt) Hier muß man zu Huͤlfe kommen, ſonſt giebt es noch Ohn⸗ machten!.... Kinder! der Himmel ſegne euch! — ſeyd gluͤcklich!... Unſer.(laut lachend) Und mehret euch!— Ende des erſten Thells. 1 N N 3 „ 3 1 *. . ℳ 3 4 — U 5———— ————————— †——„—— —— 72— £ — — 3 E *