————————— deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Ednard Gtimann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und geſebedingungen. 1. Offensein der Bibliotbek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. den angenommen. eines Buches eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und E für wöchentlich Bücher:—4 Bücher: 6 Bücher: 8———— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mr.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre Si Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Aus dem Geretteten war nun ein Beſchützer gewor⸗ den, und Kohlweg konnte dem wackern Mädchen, welches ihm, ohne an die eigene Gefahr zu denken, das Leben gerettet hatte, einen Theil ihres Liebesdienſtes wieder vergelten, da eine einzelne ſchutzloſe Frau in jenen Tagen kaum unangefochten hätte reiſen können. Es vergingen indeſſen einige Stunden, bis ſie ihre Reiſe antreten konnten, da es unerlaßlich war, ſich wenigſtens mit einigen Reiſevorräthen zu verſehen, dieſe aber, trotzdem daß jetzt ſchon ziemlich viele Menſchen in die Stadt zurückgekehrt waren, bei der allgemeinen Verwirrung ſchwer zu beſchaffen waren. Als ſie endlich gegen Mittag die Stadt verließen, begannen auch wieder heftigere Erdſtöße aufzutreten, v. Bibra, El paso de las animas. II. 1 — und wie am geſtrigen Abende verließen die nach Santiago Zurückgekehrten in größter Eile abermals die Stadt. Schlimme Neuigkeiten erfuhren ſie, als ſie bei den vor der Stadt Lagernden angekommen waren. Es waren Nachrichten eingelaufen von verſchiedenen Theilen des Landes, wonach dort im Verhältniſſe noch größeres Unheil angerichtet worden war als in der Hauptſtadt ſelbſt. Als Käthchen von den Verwüſtungen hörte, welche in Valparaiſo ſtattgefunden hatten, erſchrak ſie aufs heftigſte. „Großer Gott“, rief ſie,„mein Bruder muß zu dieſer Zeit bereits in Valparaiſo geweſen ſein und ſein Geſchäft führte ihn gerade zum Hafen und zu den Schiffen. Eben dort aber iſt, wie ich ſagen hörte, bei heftigen Erdbeben der gefährlichſte Punkt, da die See oft plötzlich weit und Alles zerſtörend in das Land dringt. Laſſen Sie uns eilen, vielleicht können wir helfen.“ „Oder wenigſtens Gewißheit erhalten, daß nicht mehr zu helfen iſt“, dachte Kohlweg, aber er verſchwieg dieſen ſchlimmen Troſtgrund, und ſie ſchlugen nun un⸗ verzüglich den Weg nach der Hafenſtadt ein, welche man, unaufhörlich Galopp reitend und häufig die Pferde — — 3 wechſelnd, ziemlich raſch— man ſpricht von zwölf bis vierzehn Stunden— erreichen kann. Gegenwärtig verbindet eine Eiſenbahn beide Städte, zu der Zeit aber, von welcher wir ſprechen, bedurfte man ſtets zwei Tage, um die Reiſe zu vollenden, und auch unſern Reiſenden ſtand mithin ein Nachtlager und zwar abermals unter freiem Himmel bevor. Man hat, wenn man von Santiago aus nach Val⸗ paraiſo geht, zuerſt die Cueſta de Prado zu über⸗ ſchreiten, einen mittelmäßig hohen Gebirgszug, fünf bis ſechs Stunden entfernt von Santiago und ziem⸗ lich parallel verlaufend mit der hohen Cordillera ſelbſt. Gerade als die Dunkelheit einbrach, gelangten Käthchen und ihr Begleiter an den Fuß dieſes Gebirgs⸗ zugs. Freilich war Kohlweg nie vorher in dieſe Gegend gekommen, aber dieſe einzige nach Valparaiſo führende Straße war nicht zu verfehlen, und Käthchen hatte überdies die Reiſe bereits einigemal mit ihrem Bruder gemacht. Jetzt aber äußerte ſie ihr Erſtaunen. Mächtige Felsblöcke lagen theils mitten auf der Straße, am Fuße des Berges, theils waren ſie weithin in das Feld 18 —— 4 geſtreut, und mitunter fanden ſich auch zerſplitterte und gebrochene Baumſtämme. „Das Erdbeben hat ſie losgeriſſen von den obern Theilen des Berges“, ſagte Kohlweg,„und es iſt ein Glück, daß für den Augenblick einige Ruhe eingetreten ſcheint, denn auszuweichen iſt dieſen rollenden Felſen kaum. Suchen wir ſo raſch als möglich die Höhe zu erreichen. Je weiter oben, deſto ſicherer.“ Da man, drängt auch die Noth nicht, in Chile wenig Umſtände mit den Pferden macht, ſo ſprengten beide, ſo raſch es gehen wollte, den mehrfach gewun⸗ denen Weg aufwärts und erreichten glücklich die Höhe. Oben angelangt aber gönnten ſie ihren Thieren einige Raſt und blickten hinab in die Ebene von Santiago. Dieſe bot freilich jetzt einen andern Anblick, als be⸗ leuchtet vom hellen, freundlichen Sonnenſchein und überwölbt von dem prachtvoll blauen Himmel Chiles. Damals einem blühenden endloſen Garten gleich, lag ſie jetzt als eine düſtere, unheimliche Fläche da, Unheil bergend, Jammer, Noth und Verzweiflung und eine angſtvolle Bevölkerung. In der Nähe von Santiago und an mehreren andern Orten ſah man Feuer bren⸗ nen, unzweifelhaft von den Flüchtigen entzündet, welche dieſe Nacht ſowie die vergangene unter freiem Himmel zubringen mußten. Dieſer Himmel aber war nicht 5 wie geſtern mit Sternen geſchmückt, ſondern trübe, dunſtig und ſendete einige Stunden ſpäter Ströme von Regen herab, das Elend der auf der Erde Liegenden noch vermehrend. Die hohe Cordillera endlich, die zu andern Zeiten, von der Höhe der Cueſta de Prado aus geſehen, einen wunderbaren und großartigen Eindruck hervorbringt, glich jetzt einer dunklen, unheildrohenden Rieſenmauer. Das fernem Wetterleuchten ähnliche Leuchten ihrer Vulkane war erloſchen, und dieſes Erlöſchen konnte nicht mit Unrecht als ein Zeichen angenommen wer⸗ den, daß die ſchreckenbringende Kataſtrophe noch nicht beendet ſei. „Man fühlt hier oben, wie mir vorkommt, die Erd⸗ ſtöße weniger als unten im Flachlande“, ſagte Käth⸗ chen,„denn ich höre Steine in die Schluchten hinab⸗ rollen, aber kaum ſpürt man ein leiſes Erbeben der Erde.“ „Auf Höhen wie dieſe“, erwiderte Kohlweg,„wird der Unterſchied wohl nicht ſehr beträchtlich ſein, aber ich habe ſagen hören, daß man auf der hohen Cor⸗ dillera, in ziemlich bedeutender Höhe nämlich, Erdſtöße, welche unten ſchon ziemlich ſtark gefühlt werden, kaum ſpürt. Doch verweilen wir nicht länger, denn ich fürchte, dieſe Ruhe dauert nicht allzu lange.“ geſetzten Seite ſo ſteil ab, daß man genöthigt war, die Straße an demſelben im Zickzack anzulegen. Eben als unſere Reiſenden dieſe Straße betreten hatten, zeigten ſich wieder ſtärkere Erſchütterungen. Größere und kleinere Felſenſtücke ſtürzten abwärts, indem ſie theils auf der den Berg kreuzenden Straße liegen blieben, theils abprallten von derſelben und weiter ſprangen. Haufen von aufgeſchütteter Erde, welche abwärts glitten, waren kaum weniger ge⸗ fährlich. „Käthchen“, ſagte Kohlweg,„je länger wir auf dieſer unglücklichen Straße verweilen, deſto länger ſind wir auch der Gefahr ausgeſetzt, erſchlagen oder ver⸗ ſchüttet zu werden. Machen wir es wie die Chilenen und laſſen die Pferde laufen, was ſie können.“ „Vorwärts!“ rief das junge Mädchen. Sie jagten nun wirklich, wie es dort gebräuchlich, im geſtreckten Galopp abwärts, und obgleich Felſen⸗ ſtücke vor und hinter ihnen niederrollten, ſo gelangten ſie doch glücklich an den Fuß des Berges. Die ſchlimmſte Gefahr ſchien nun freilich beſeitigt, dafür aber erwartete ſie unten ein nichts weniger als tröſtlicher Anblick. Leichen und Trümmer! Das Poſthaus am Fuße Der Berg fällt auf der andern, Santiago entgegen⸗ des Berges war vollkommen einſtürzt, einige Erſchla⸗ gene lagen auf der Erde und quer über der Straße lag eine Birloche, einer jener zweirädrigen Wagen, in welchen man, ehe die Eiſenbahn erbaut war, von Valparaiſo nach Santiago zu fahren pflegte. Das Pferd war todt und an dem umgeſtürzten Wagen war das eine Rad faſt gänzlich zerſchmettert; die Reiſenden indeß ſchienen ſich gerettet zu haben. Ohne Zweifel war das Unglück durch einen der fallenden Felsblöcke angerichtet worden, welche in ziem⸗ licher Anzahl allenthalben zerſtreut umherlagen und unſern Reiſenden ſagten, daß hier ſo wenig Sicherheit ſei als in Mitte des Berges. Nur mit Mühe konnten ſie ihre ſchnaubenden und zitternden Thiere an dem todten Pferde vorüber brin⸗ gen, und als dies endlich geſchehen war, rannten ſe wie toll von dannen. Indeſſen ſenkte ſich jetzt eine tiefe Dunkelheit au die Erde, dort eine faſt unerhörte Erſcheinung, welche aber ohne Zweifel mit dem gleichzeitig in Santiago fallenden heftigen Regenguſſe zuſammenhing, und da die Wege kaum mehr zu erkennen waren, ſo ſchlug Kohlweg vor, Halt zu machen, den erſchöpften Thieren Raſt zu gönnen und zu verſuchen, ob ſie ſelbſt vielleicht einige Stunden Ruhe finden würden. —————— 8—————————— ————— 8 In Curicavia, einem einige Stunden entfernten Flecken, war muthmaßlich ein nur halbwegs ſicheres Unterkommen ebenſo wenig zu finden wie wahr⸗ ſcheinlich in der ganzen Umgegend, da die wenigen Häuſer, die noch ſtanden, jeden Augenblick ebenfalls zuſammenſtürzen konnten. Dann waren die Pferde ermüdet, und der Finſterniß wegen konnte man nur vorſichtig und langſam vorwärts kommen und bedurfte heute mehrerer Stunden, um einen Weg zurückzulegen, der morgen vielleicht kaum eine halbe Stunde in An⸗ ſpruch nahm. Sie überlegten das zuſammen und dann fügte ſich Käthchen ſo raſch in das, was unvermeidlich ſchien, als es Inez in den Bergen gethan hatte. Hatte ſie doch dieſelben Beſchützer wie jene in den Bergen! Da es aber ſelbſtverſtändlich nicht räthlich erſchien, auf der Straße Raſt zu machen, ſo ſchlugen ſie ſich, ſo gut es eben in der dunklen Nacht anging, einige hun⸗ dert Schritte ſeitwärts, machten dann an einer Stelle, welche eben zu ſein ſchien, Halt, und genoſſen hierauf im Finſtern Einiges von ihren Vorräthen. „Ich habe hier häufig und wohl auch in Deutſch⸗ land ſchon im Freien übernachtet“, ſagte Kohlweg, während er ſich bemühte, ein Lager für Käthchen zu bereiten,„aber, Gott ſei Dank, noch niemals wie heute. Der Himmel ſcheint verſchwunden zu ſein und die Erde macht ſich, damit man von ihr nicht auch Aehnliches denken möge, durch fortwährendes Rütteln und Schüt⸗ teln bemerkbar. Von Ihnen, liebes Käthchen, ſehe ich kaum einen dunklen Umriß, und hörte ich die Pferde nicht ſchnaufen, ſo wüßte ich nicht, wo ſie ſich befän⸗ den. Ich bin begierig, wie unſer Lagerplatz ſich mor⸗ gen ausnehmen wird.“ Käthchen ſeufzte tief auf und bot ihm, ſich in ihre Decken hüllend, eine gute Nacht. Trotzdem daß der Boden unter ihnen wiederholten ſtärkern oder ſchwächern Schwankungen unterlag, ſchlie⸗ fen Käthchen und Kohlweg doch endlich ein, und als ſie erwachten, ſtieg eben die Sonne hinter den Ber⸗ gen empor, die Wolken am Himmel waren verſchwun⸗ den und nur ein leichter Nebel ſchwebte noch über ein⸗ zelnen Stellen der Gegend. Das Glück hatte ihnen eine ziemlich ſichere Stelle zugewieſen, es war kein Berg in der Nähe, keine Kluft, dafür aber ſah Kohlweg in einiger Entfernung das Blinken von Waſſer, von einer kleinen Quelle herrüh⸗ rend. Er führte die Pferde dorthin, ſie zu tränken und für Käthchen und ſich ſelbſt Waſſer zu holen. Da die Thiere in der Nacht es aus Furcht nicht gewagt hatten, ſich vom Lagerplatze zu entfernen, ſo gönnten ſie ihnen noch einige Stunden Raſt, um ſich ihr ſpärliches Futter in der Nähe zu ſuchen, und ſetzten dann erſt ihre Reiſe fort. Als ſie an den Flecken Curicavia kamen, fanden ſie einen Trümmerhaufen, und der Ort oder vielmehr die Ruinen deſſelben ſchienen von allem Lebendigen geflohen. Dafür lagen Todte auf der Straße und Kohlweg fragte ſich, wie dieſe Leichen wohl dorthin gekommen ſein möchten. Waren ſie verwundet aus den zuſammenſtürzenden Häuſern geflohen und erſt auf der Straße geſtorben, oder hatten mitleidige Hände die Sterbenden aus den Trümmern gezogen, um ſie wenigſtens im Freien ſter⸗ ben zu laſſen? Faſt alle lagen auf dem Rücken und hatten die ſtarren Augen zum Himmel gerichtet, und wenn eine Erſchütterung der Erde, ein mehr oder minder heftiger Stoß die todten Leiber hob und ſenkte, ſchie⸗ nen ſie lebend geworden und ſchmerzhaft zu zucken oder ſich zu krümmen.*) *) Ich traf im Jahre 1850 in Lima einen alten Spanier, welcher beim Beginn der Revolution getreu zu den Königlichen 11 Reiter kamen ihnen ziemlich häufig entgegen und andere überholten ſie auch wohl, alle in toller Haſt und Eile und nur mit flüchtigen Worten Antwort ge⸗ bend auf die Frage, wie es ausſehe an den Orten, von welchen ſie kamen. hielt, dann deshalb all das Seine verlor und endlich halb ge⸗ zwungen, halb freiwillig Südamerika verließ und nach Spanien ging. Er wurde dort nicht beſonders königlich aufgenommen. Man ſagte ihm, daß Niemand ihm den Rath gegeben habe, eine Sache zu verfechten, deren Verfechtung einer allerhöchſten Stelle zuſtände, und daß man ihm dafür jetzt den wohlmeinenden Rath gäbe, dorthin zurückzukehren, von wo er gekommen, um nach Be⸗ lieben entweder mit der Zeit fortzuſchreiten oder ſich todtſchlagen zu laſſen. Da alle ſeine Freunde von ehedem entweder in mo⸗ mentaner oder perpetueller Geldverlegenheit und überdem nach ſeinem erſten Beſuche nie mehr zu treffen waren, ſo ging er wirklich nach Südamerika zurück und bereiſte eben zur Zeit jenes Erdbebens Chile. „Ich habe“, ſagte mir der alte, vielgeprüfte Mann,„nie etwas Grauenhafteres geſehen als den Anblick dieſer Leichen, welche merkwürdigerweiſe faſt alle auf dem Rücken lagen und den Himmel mit ihren gläſernen Augen anzuſtarren ſchienen. Wenn ein Erdßoß ſie bewegte, ſchienen ſie ſich im Schmerze zu krümmen oder ſich erheben zu wollen. Da es in dieſen Zeiten kein Wunder iſt, wenn man bisweilen ein wenig verrückte Ideen bekommt, ſo fragte ich mich, als ich zum erſten Male dieſe ſcheußlichen Bewe⸗ gungen ſah, ob man nicht im Begriffe ſei, den jüngſten Tag ab⸗ zuhalten, ob ich im allgemeinen Trubel nicht vielleicht die Poſaune des Weltgerichts überhört habe und ob dieſe zappelnden Todten nicht ſo eben erſt aus ihren Gräbern kröchen.“ 12 Faſt alle ſchienen zu glauben, daß Alles verloren und das Ende der Welt im Anzuge ſei. „Es ſcheint ſich Alles immer gräßlicher zu geſtalten“, ſagte Käthchen, noch erſchreckt von dem Anblicke in Curicavia;„am Ende haben dieſe Leute nicht Unrecht, wenn ſie· vom Untergange der Welt ſprechen.“ „Der Welt wohl nicht“, erwiderte Kohlweg,„we⸗ nigſtens das nicht, was wir Welt nennen, aber ein Stück dieſer reizenden Welt, das liebe Chile, begibt ſich vielleicht wieder dahin, von woher es gekommen iſt, nämlich in die Tiefen der See. Vom wiſſenſchaft⸗ lichen, geognoſtiſchen Standpunkte aus, glaube ich, wäre dieſe Erſcheinung nicht ungerechtfertigt, vom bür⸗ gerlichen, das heißt, von dem meinigen aus finde ich ſie aber höchſt unpaſſend.“ Der gute Junge begann ein wenig zu freveln, was aber unter ähnlichen Umſtänden ſo wenig nützt oder ſchadet wie anderes Gebahren. Gegen Abend oder beſſer ſchon beim Anbruch der Dunkelheit erreichten ſie Caſablanca und fanden dort ganz dieſelben Zuſtände wie in Curicavia, nur in größerem Maßſtabe, da Caſablanca eine ziemlich bedeu⸗ tende Ortſchaft iſt. Alles war ein großer Schutt⸗ und Trümmerhaufen, und auch die Todten fehlten nicht und nahmen ſich im ———— 13 zweifelhaften Lichte der eben anſteigenden Mondesſichel kaum vortheilhafter aus als am Morgen im Sonnen⸗ ſchein. Da man ſich aber auch an das Schreckliche gewöhnt, ſo gut wie an andere Dinge, ſo wurden Kohlweg und Käthchen weniger als vorher in Curicavia ergriffen von dem Anblicke und ritten durch den zerſtörten Ort, nur wenige Bemerkungen austauſchend über ihre Um⸗ gebung. Indeſſen wollten ſie ihr Nachtlager nicht gerade in nächſter Nähe der Leichen aufſchlagen und beſchloſſen, noch etwa eine halbe Stunde ihren Weg fortzuſetzen, bis in ein Gehölz, in welchem, wie ſich Käthchen erinnerte, eine kleine Quelle oder wenigſtens Waſſer zu finden war. Sie waren vielleicht eine Viertelſtunde entfernt von den Trümmern von Caſablanca, als ſie vor ſich Lärm zu hören glaubten und kurz darauf bemerkten, daß ſie ſich nicht getäuſcht hatten. Das Geräuſch rührte aber offenbar nicht von Leu⸗ ten her, welche ihnen entgegenkamen und ſich lebhaft beſprachen, ſondern es blieb an einer Stelle, und aus einzelnen Lauten, welche deutlicher zu ihnen drangen, war abzunehmen, daß ein Streit oder Kampf ſtatt⸗ fand. Kohlweg und Käthchen hatten unwillkürlich ihre 14 Pferde angehalten, um zu horchen, und als ſie jetz langſam vorwärts ritten, hörten ſie, daß, dem Laute nach, ein einzelner Reiter ihnen entgegenkam und faſt gleichzeitig der Lärm oder das Geſchrei verſtummte. Was aber auf ſie zukam, war kein Reiter, ſondern ein herrenloſes lediges Pferd, welches wie raſend an ihnen vorüberjagte und dem in einiger Entfernung drei Reiter in nicht geringerer haſtiger Eile folgten. Das ledige Pferd rannte dicht an ihnen vorüber, die drei Reiter aber lenkten auf die andere Seite der Straße ein, als ſie die beiden ihnen Entgegenkommen⸗ den bemerkten, ſie beugten ſich vorwärts auf den Hals ihrer Thiere, und trotz des heftigen Lärms, der kurz vorher ſtattgefunden hatte, waren ſie jetzt ſtumm ge⸗ worden. Faſt ſchien es, als ſei ein Vierter, Unſichtbarer unter den Dreien geweſen, der ſie zu ſo haſtiger Eile antrieb und ſie plötzlich ſtumm werden ließ. Das vielleicht, was man in den finſtern, alten Zei⸗ ten das böſe Gewiſſen zu nennen pflegte. Als Kohlweg und Käthchen an die Stelle ge⸗ kommen waren, von welcher jener Lärm ausgegangen ſein mochte, fanden ſie einen Vierten, der ebenfalls ſtumm war, einfach aus dem Grunde, weil man ihn einige Augenblicke vorher getödtet hatte. Der Mann lag quer über der Straße, barhäuptig, mit ausgebreiteten Armen und mit einer tiefen klaffen⸗ den Schnitt⸗ oder Hiebwunde am Halſe. Da ſein Poncho ebenſo wie ſein Hut fehlte, ſo konnte man ferner ſehen, daß ſein Hemde an der lin⸗ ken Seite der Bruſt ſtark blutig war, und daß, wie es ſchien, von der Bruſt ausgehend ein dunkler Blutſtrom ſich über den hellen Boden ergoß. Käthchen's Pferd bäumte ſich und ſprang dann ſcheu auf die Seite, da, wie man ſagt, der Geruch des friſchen Blutes den Pferden zuwider iſt. Auch Kohl⸗ weg hatte Mühe, das ſeinige zu beruhigen. Nach⸗ dem ihm dies gelungen, ſtieg er ab, indem er zu Käthchen ſagte: „Sie haben den armen Teufel ſo eben hier erſchla⸗ gen. Ich will doch ſehen, ob nicht vielleicht noch zu helfen iſt.“ Er beugte ſich über den auf der Erde Liegenden, richtete ſich aber ſogleich wieder auf und ſagte: „Er athmet bereits nicht mehr. Sie haben ihn ſchändlich zugerichtet.“ Käthchen brachte ihr Pferd jetzt ebenfalls in die Nähe des Ermordeten und ſagte ſchaudernd: „Es iſt ein grauſiger Anblick! Dieſe Augen, dieſe verzerrten Züge! Wie anders lagen jene Todten in den zerſtörten Ortſchaften da! Trotz der grauen⸗ haften Bewegungen, welche ihnen die Erde mittheilte, ſahen ſie nicht halb ſo furchtbar aus wie dieſer hier.“ gen und ſie ritten weiter, über den Erſchlagenen ſprechend und ſeine Mörder. „Zorn, Furcht und Entſetzen lagen zugleich in ſeinen Zügen“, ſagte Kohlweg,„und ich kann den Wunſch nicht los werden, zu wiſſen, warum ſie ihn tödteten. War es ein längſt gehegter Haß, ein überlegter Plan, oder ein plötzlich entſtandener Streit, oder erſchlugen ſie den Unglücklichen, um ihn zu berauben?“ „Großer Gott“, ſagte jetzt Käthchen mit einem Tone, der Kohlweg auffiel,„welch gräßliches Gefühl muß es ſein, einen Menſchen ermordet zu haben, ein Mör⸗ der zu ſein!“ Kohlweg fühlte einen Stich im Herzen. Kannte ſie ihn? Der Ton, mit welchem ſie es geſagt hatte, war ihm ganz eigenthümlich vorgekommen. Aber das war ja kaum möglich, er hatte ſie nie geſehen und ihr ſeinen Namen nicht genannt. Er ſegnete jetzt dieſen Gedanken, den ihm früher die Vorſicht eingegeben, doch ſagte er: „Würden Sie einen Mörder verachten, haſſen?“ Kohlweg war mittlerweile wieder zu Pferde geſtie⸗ 17 „Nein, nein!“ entgegnete ſie haſtig und ſetzte dann hinzu:„Nicht jeden wenigſtens. Iſt es nicht möglich, daß der Menſch durch die Nothwendigkeit gezwungen wird, irgend Jemand zu tödten? Vielleicht um das eigene Leben zu retten—“ Es ſchien, als habe ſie nicht vollendet, aber ſie ſprach nicht weiter und auch Kohlweg ſchwieg. Er wußte nicht, wie er daran war und was er antworten ſollte, aber ein innerliches Grauen kam jetzt über ihn, über welches er ſich keine Rechenſchaft geben konnte und von dem er nur überzeugt war, daß es nicht die Folge des Geſprächs mit Käthchen war. Faſt unwillkürlich blickte er mehrmals hinter ſich und ſagte dann zu ſich ſelbſt: „Du biſt ein Narr, es iſt unmöglich!“ Trotzdem aber mehrte ſich ſein Entſetzen. Auch Käthchen blickte rückwärts, und die Helle der Nacht erlaubte ihm, genau ihr Antlitz zu beob⸗ achten. Sie ſchien um Jahre älter geworden, ihre Züge waren verzerrt und ihr Geſicht kreideweiß. „Käthchen, was iſt Ihnen, was ſehen Sie hinter uns?“ „Der Todte reitet hinter uns, er verfolgt uns“, ſagte ſie mit faſt heiſerer Stimme. Der junge Mann fühlte, wie ſich ſein Haar ſträubte v. Bibra, El paso de las animas. II. 2 18 und wie ein namenloſes Entſetzen über ihn kam, denn auch er hatte daſſelbe geſehen und ſah es noch. In einer Entfernung von etwa hundert Schritten hinter den Beiden ritt der Todte, oder vielmehr er ſchwebte, denn man ſah keine Bewegung ſeines Pfer⸗ des, aber er hielt ſich ſtets in gleicher Entfernung von ihnen. Kohlweg ſah jede Muskel ſeines verzerrten Geſichts, ſeine Wunde am Halſe, die auf der Bruſt und deutlich ſeine geöffneten ſtarren Augen. Sein Verſtand ſagte ihm, daß er all das bei der Entfernung, welche zwiſchen ihnen lag, ſelbſt bei Tage nicht ſehen könne, viel weniger jetzt in der wenngleich hellen Nacht. Aber er ſah es dennoch und ſein Ent⸗ ſetzen war namenlos. Um indeſſen nicht in den ſchlimmen Ruf eines Geiſterſehers zu kommen, müſſen wir bemerken, daß zu der Zeit des großen Erdbebens in Chile und bei ähn⸗ lichen Vorgängen auch anderwärts ſolche Sinnestäu⸗ ſchungen nicht allzu ſelten vorkamen und daß mehrere Perſonen gleichzeitig dieſelben Schreckgebilde zu ſehen glaubten, eine Sache, die höchſt eigenthümlich iſt und vorläufig ebenſo wenig hinreichend erklärt werden kann, als das Auftreten von nie vorher im Lande beobachteten Krankheitsformen, und das ſelbſt bei 19 Neugeborenen oder Kindern, die wenige Monden zähl⸗ ten, und ſelbſt bei Thieren. Tröſtlich aber tritt dabei die faſt allenthalben ge⸗ machte Erfahrung auf, daß, wie auch bei anderem Spuk und Geſpenſterweſen, die betreffenden Erſcheinun⸗ gen ſich faſt immer dem Culturzuſtande deſſen ange⸗ meſſen zeigen, der ſie wahrzunehmen glaubt. Trotz ſeines Entſetzens faßte Kohlweg einen männ⸗ lichen Entſchluß. Er griff in den Zügel von Käthchen's Pferd und ſagte: „Reiten Sie langſam vorwärts, liebes Käthchen. Ich will hier warten und ſehen, was aus dem Dinge wird, das uns ſchreckt oder äfft.“ „Nicht um Alles in der Welt“, erwiderte ſie. Aber der junge Mann, der zu fühlen glaubte, wie ſein Ent⸗ ſchluß allein ſchon ſein Grauen minderte, beharrte auf ſeinem Willen. „Wir wollen beide warten“, ſagte Käthchen, wie es ſchien, nun auch ſchon mit weniger Furcht, aber Kohlweg gab das nicht zu. „Reiten Sie, ich bitte“, ſagte er,„bis dorthin, wo der Weg eine Ecke zu machen ſcheint. Halten Sie dort in Gottes Namen und ſagen Sie mir dann, was Sie ſahen oder zu ſehen glaubten. Bleiben wir bei⸗ 2* 20 ſammen, ſo unterliegen wir, wie bisher, ohne Zweifel der gleichen Täuſchung.“ Sie fügte ſich endlich und ritt langſam vorwärts, während Kohlweg ſtill hielt, um die Erſcheinung zu erwarten. Zu Käthchen hatte er von Täuſchung geſprochen, zu ſich ſelbſt ſagte er aber jetzt: „Er ſoll nur herankommen. Ich werde ihn fragen, warum er uns verfolgt und nicht ſeine Mörder!“ Sein Muth ſtieg jetzt und er begann faſt ſich zu ärgern, aber das Gebilde kam nicht näher. Zwar glaubte er es noch immer mit derſelben Deutlichkeit zu ſehen, aber ebenſo deutlich bemerkte er, daß es ſich nicht von der Stelle bewegte, ſondern ſtill hielt wie er ſelbſt. „Ich will ihm einmal entgegen reiten“, dachte er, und es kam ein toller Muth über ihn. Daran, daß er einem gewiſſen Andern wohl kaum entgegen⸗ geritten wäre, dachte er im Augenblicke nicht, warf noch einen Blick zurück nach Käthchen, welche er ruhig an der Ecke des mit Gehölz umgebenen Weges halten ſah, dann rief er: „Vorwärts!“ Er ließ ſein Pferd in ſtarkem Schritte auf die Er⸗ ſcheinung zugehen, ſcharf nach derſelben ausblickend. 21 Da hörte er einen gellenden Hülferuf Käthchen's. Sogleich riß er ſein Pferd herum, aber das Mädchen war verſchwunden. Nun dachte er nicht mehr an ſeine Geſpenſterjagd und war mit einigen Sätzen an der Stelle, an welcher er kurz vorher noch Käthchen erblickt hatte. Wie bereits erwähnt, war ſie nicht da, als er aber um die Ecke bog, welche das Gehölz bildete, ſah er Folgendes: Ein Mann zu Pferde hatte die junge Dame um den Leib gefaßt und ſuchte ſie vom Sattel zu ziehen, vielleicht in der Abſicht, ſie zu Boden zu werfen, viel⸗ leicht aber auch, um ſie auf ſein Pferd zu nehmen. Ein zweiter Mann aber war auf der andern Seite von Käthchen's Pferd beſchäftigt, ihre Satteltaſche zu durchwühlen, und ſchien fürs erſte ſich um die Beſtre⸗ bungen ſeines Kameraden wenig zu kümmern. Was Käthchen betraf, ſo rief ſie nicht mehr um Hülfe, ſondern klammerte ſich mit beiden Händen an die Mähne des Pferdes, und auch die beiden Männer gaben keinen Laut von ſich. Es bedurfte keiner halben Sekunde, um Kohlweg, den gewandten Schützen, zu überzeugen, daß er von der an ſeinem Sattel hängenden Doppelflinte Käthchen's wegen keinen Gebrauch machen durfte. Da er aber 22 einen ſtarken und ziemlich langen Hirſchfänger, ein Parade⸗ und Uniformſtück aus frühern Zeiten, an der Seite hängen hatte, ſo riß er dieſen aus der Scheide, war mit einem Satze an der Seite der Ringenden und führte über Käthchen hinweg einen Streich nach dem Kopfe des Räubers, der aber, da dieſer eben eine Be⸗ wegung machte, blos ſein Geſicht traf und querüber ſpaltete. Er ſchien ſchlimm zugerichtet zu ſein, ließ ſelbſtver⸗ ſtändlich Käthchen los und ſchwankte, einen unarticu⸗ lirten Laut ausſtoßend, einen Augenblick im Sattel. Aber unbedingt hätte ein zweiter Hieb Kohlweg's ihm den Schädel geſpalten, wäre Käthchen, welche durch das plötzliche Loslaſſen des Verwundeten das Gleich⸗ gewicht verloren hatte, nicht in dieſem Augenblick zu Boden geſtürzt. Sie lag zwiſchen ihrem Pferde und dem des Ver⸗ wundeten, und während Kohlweg das ſeine zurückriß, um die auf der Erde Liegende nicht noch mehr zu drängen, raffte ſich ſein Gegner zuſammen und ent⸗ floh. Käthchen richtete ſich in dieſem Augenblick wieder auf und Kohlweg wendete ſich jetzt gegen den zweiten Mann, der, wie es ſchien, ſeine Beute nur höchſt ungern im Stiche ließ, jedoch wohl oder übel endlich 23 die Hand aus der Satteltaſche ziehen mußte, ſich indeſſen nicht zur Wehr ſetzte, ſondern wie ſein gezeich⸗ neter Kamerad ſchleunigſt die Flucht ergriff, und zwar nach der Richtung hin, von welcher Käthchen und Kohl⸗ weg gekommen waren. Der letztere verfolgte ihn eine kurze Strecke weit dann hielt er an. Leicht hätte er den Fliehenden nun niederſchießen können, aber es widerſtand ihm, Jemand rücklings zu tödten. Doch warf er einen flüchtigen Blick auf den ziemlich breiten und von Gebüſch ge⸗ ſäumten Weg. Der Verwundete war, obgleich er nicht ſehr raſch ritt, dennoch dem zweiten von Kohlweg verfolgten Manne eine ziemliche Strecke voraus und befand ſich faſt genau an der Stelle, an welcher Kohlweg kurz zuvor das Geſpenſt noch zu ſehen glaubte. Daſſelbe war nicht mehr zu erblicken und Kohlweg kehrte jetzt raſch zu Käthchen zurück. Der ganze Kampf, wenn man ſo ſagen darf, hatte nur wenige Sekunden gewährt, und es war dabei kein Wort geſprochen, kein Ausruf gethan worden, nebenbei geſagt, ganz gegen die Gewohnheit der Chilenen. Als aber jetzt Kohlweg Käthchen erblickte, ſtieß er einen Schrei des Schreckens aus und rief: „Allmächtiger Gott! Sie ſind verwundet!“ ——. „ 24 Sie war allerdings mit Blut bedeckt und ſtand neben ihrem Pferde, ſich an daſſelbe anlehnend und mit dem rechten Arme ſich am Sattel feſthaltend. Sie antwortete indeſſen: „Nein, ich bin nicht verwundet. Es iſt das Blut jenes Mannes, welches mich überſtrömte, als Sie ihn trafen. Es iſt gräßlich! Ich glaubte, der Schrecken und das Entſetzen würden mich tödten, als ich mich plötzlich von dieſen beiden Räubern überfallen ſah. Aber nun iſt wieder ein Mord geſchehen.“ Gleich darauf ergoß ſie ſich in feurigen Dankes⸗ worten und ſagte, daß ſie ihm Ehre und Leben ver⸗ danke. 8 Kohlweg half ihr auf das Pferd, und während ſie ihren Weg weiter verfolgten, ſagte er: „Jener Schurke wird nicht ſterben an der Wunde, welche ich ihm beibrachte; er wird nur eine tüchtige Narbe davontragen, welche ihn lehren ſoll, in Zukunft wehrloſe Frauen ihres Weges ziehen zu laſſen. Aber ich hätte ihm ſicher den Schädel geſpalten, wären Sie nicht eben, als ich ausholen wollte, zu Boden ge⸗ ſtürzt.“ „Müſſen ſich die Männer denn ſtets verwunden oder tödten?“ ſagte Käthchen. „Liebes Kind“ verſetzte Kohlweg lächelnd,„bei Zu⸗ 25 ſtänden, wie ſie ſich gegenwärtig zu geſtalten ſcheinen, und bei Vorfällen, wie der ſo eben ſtattgefundene, helfen gute Worte verzweifelt wenig.“ „Ach Gott“, rief Käthchen,„Ihnen wollte ich keinen Vorwurf machen. Ich dachte“ ſetzte ſie zögernd hinzu,„an andere Dinge.“ Dann wiederholte ſie lebhaft ihren Dank, aber Kohlweg ſagte: „Wir ſind noch lange nicht quitt. Sie retteten mit augenſcheinlicher eigener Lebensgefahr mein Leben, das Leben eines Wildfremden. Ich dagegen—“ Es ſchien, als fielen ihm im Augenblicke nicht gleich die paſſenden Worte ein, mit welchen er ihr ſagen wollte, daß ein ihm theures Leben zu retten ſelbſtverſtändlich ſei. Er brach daher ab und ſagte ſtatt deſſen: „Auch der größte Feigling hätte doch wahrhaftig ebenſo thun müſſen wie ich that.“ Käthchen ſchüttelte verneinend das Haupt und reichte ihm die Hand. „Nie, nie, ſolange ich athme, werde ich Ihnen das vergeſſen!“ Als ſie hierauf, während ſie weiter ritten, mehr⸗ mals rückwärts blickte und ſich ängſtlich nach etwas umzuſehen ſchien, ſagte er ſcherzend: „Die Beiden kommen nicht wieder, das iſt ſicher, ————— 26 und jener Eine ſcheint ebenfalls die Luſt verloren zu haben, uns zu verfolgen. Er kann ſich dieſes Vergnü⸗ gen nun mit den beiden Spitzbuben machen; käme er aber auch wieder, ſo fürchte ich ihn jetzt nicht im min⸗ deſten mehr.“ Es graute ihm auch in der That nicht, als er dieſe Worte ſprach. Die wirkliche Gefahr der letzten Augen⸗ blicke hatte die muthmaßlich eingebildete verjagt. Käth⸗ chen aber ſagte: „Und doch war es eine gräßliche und grauenhafte Nacht. Möge Gott uns keine zweite ſolche erleben laſſen.“ „Nun“ verſetzte Kohlweg tröſtend,„hier hat das Gehölz ein Ende, das flache freie Land liegt vor uns. Soweit man ſehen kann, iſt Niemand zu erblicken, und da auch ſeit faſt einer Stunde faſt kein Erdſtoß mehr zu ſpüren war, ſo hat, für heute wenigſtens, all dieſes unheimliche Treiben ein Ende.“ Sie beſchloſſen hierauf Halt zu machen, ihr Lager aber im Gehölz aufzuſchlagen und in einiger Entfernung von der Straße, um vor unliebſamen Begegnungen ſicher zu ſein, wie ſie deren heute ſchon mehrere erlebt hatten. Eben begannen ſie, gedeckt durch den Saum des Gehölzes, für die Nacht ſich häuslich einzurichten, als 27 ſie die Erfahrung machen ſollten, daß die Merkwür⸗ digkeiten dieſer reizenden Nacht noch nicht zu Ende wären. Wie Kohlweg kurz vorher geſagt hatte, waren im Laufe der letzten Stunden nur wenige und kaum fühl⸗ bare Erdſtöße erfolgt; jetzt aber begann die Erde plötz⸗ lich mit ſolcher Heftigkeit zu erbeben, daß die ledigen Pferde ſchwankten und ſtrauchelten und Kohlweg und Käthchen ſich nur mit Mühe auf den Füßen halten konnten. Käthchen ſtieß einen unwillkürlichen Angſtruf aus und Kohlweg rief: „O weh, der Tanz beginnt von neuem. Aber was iſt das?“ Ein raſſelndes Geräuſch zog unter ihnen in der Erde vorüber, ähnlich dem unterirdiſchen Donner, aber mit ſchärfer abgeſtoßenem, knatterndem Tone, vielleicht zu vergleichen mit dem raſchen Schritt eines Rieſen, der über einen Wald hinwegſchreitet und Bäume und Sträucher zertritt. Daß dieſes Knattern und Krachen ſeine Entſtehung den gleichen Urſachen verdankte wie der unterirdiſche Donner, war wohl kaum zu bezweifeln, aber dieſe Ur⸗ ſachen mußten verzweifelt nahe unter der Oberfläche der Erde ihr Weſen treiben, und unwillkürlich mußte — Widerſchein unterirdiſcher Glut 28 man denken, daß ſich die Erde öffnen und alles Lebende verſchlingen würde. Einen Theil dieſes Vergnügens, den unſchädlichern, machte ſich die Mutter Erde auch wirklich. Plötzlich entſtand ein ſtarker Schlag, ähnlich einer Kanonenſalve, die Erde erzitterte nur noch leiſe und jenes Schrecken erregende Getöſe verſtummte. Dafür zeigte ſich gleichzeitig in einiger Ent⸗ fernung ein langer, blendender Lichtſtreifen, lodernd, flammend und Alles ringsum erleuchtend. Schon nach einigen Sekunden erloſch indeſſen das blendende weiße Licht und verwandelte ſich in einen ebenſo langen dunkelrothen Feuerſtreifen, der ruhig und un⸗ beweglich ſtehen blieb. Die Erde war in der That geborſten, und muth⸗ maßlich waren brennende Gaſe die Urſache des erſten hellen Lichts. Als dieſe erloſchen waren, erzeugte der den tu Lichtſtreifen. Hätte eine Stadt an der Stelle geſtanden, an welcher ſich Kohlweg und Käthchen eben befanden, ſo wäre kein Stein derſelben auf dem andern ſtehen ge⸗ blieben, ſo heftig waren die erſten, freilich nur kurze Zeit dauernden Erſchütterungen. Als aber nun die Erde ruhig geworden war und jene entfernte Glut 29 keine weitern Tücken mehr auszuüben ſchien, ent⸗ ſchlummerten die beiden Reiſegefährten und wurden erſt am Morgen durch die Strahlen der Sonne ge⸗ weckt. Sie konnten, als ſie hierauf weiter zogen, keine Spur der geſtrigen Feuererſcheinung mehr bemerken und ebenſo wenig deren Entfernung von ihrem Lager⸗ platze, noch die eigentliche Länge der entſtandenen Spalte abſchätzen. Unangefochten erreichten ſie in den erſten Stunden des Nachmittags Valparaiſo. Die Stadt ſchien arg mitgenommen zu ſein, noch ärger zerſtört als Santiago, und Käthchen äußerte ihres Bruders wegen ſchlimme Bedenken. Beide waren in einer Schenke der Almendrale oder Mandel⸗ ſtraße abgeſtiegen, damals noch eine aus einzelnen Hütten beſtehende Straße, jetzt ein glänzender Stadt⸗ theil, und Käthchen ſagte jetzt, daß ſie gehen und ihren Bruder aufſuchen wolle, welcher bei einem Kauf⸗ mann, ſeinem Gaſtfreunde, wohnen würde. Sie wollte dann mit dieſem in die Almendrale zurückkehren und Kohlweg ſollte ſie dort erwarten. Sie reichte ihm die Hand und ging nach herzlichem, aber flüchtigem Abſchiede. Kohlweg hatte ſchon bei ſeinem frühern Aufenthalt in der Hafenſtadt in jener Schenke gewohnt, da dort ——————— 30 der Seeleute und Fremden wegen wohl ſchon Nacht⸗ lager, wenngleich höchſt einfacher Art, zu erhalten waren. Da er die Leute in jener Schenke als zuver⸗ läſſig und ehrlich kannte, ſo hätte er ihnen unbeſorgt ſein und Käthchen's Gepäck anvertrauen und einen Gang durch die Stadt machen können, da er neugierig war, ſich die Verwüſtungen anzuſehen, welche das Erd⸗ beben angerichtet hatte. Er blieb indeſſen zu Hauſe, um Käthchen zu erwar⸗ ten, und ermüdet von der Reiſe, ſchlief er endlich ein, zum erſten Male ſeit Wochen wieder unter einem Dache und in einer menſchlichen Wohnung. Als er erwachte, begann es bereits zu dunkeln, und als er nach ſeiner Begleiterin fragte, ob dieſelbe nicht wiedergekehrt ſei, erhielt er verneinende Antwort. Er erſchrak und ſchlimme Befürchtungen wollten in ihm aufſteigen. Indeſſen ſuchte er dieſelben niederzu⸗ kämpfen und lief, ſeines Verſprechens ungeachtet, in die Stadt, die nicht Wiedergekehrte zu ſuchen. Aber er fand ſie nicht, und als er endlich heimkehrte, ward ihm die Kunde, daß Niemand dageweſen ſei, ihn zu ſuchen oder ihm Botſchaft zu bringen. Und dieſe Nacht, welche Heinrich Kohlweg zu⸗ brachte unter Dach und Fach und verhältnißmäßig ruhiger und ſicherer als faſt alle, ſeit er mit Scherflein 31 ihre gemeinſchaftliche Beſitzung verlaſſen, dieſe Nacht verfloß ihm ſchlimmer als alle jene mit ihren Gefahren und Schrecken, und es wollte ihm ſcheinen, als habe er nie eine ſchlimmere zugebracht in ſeinem ganzen Leben, als er des Morgens nach kurzem und unruhi⸗ gem Schlummer erwachte. Zweites Kapitel. Wie es auf der Hacienda des Sennor Caſtillo ausſah, und wie Agacio, Ramon und Manuel eine Vergnügungsreiſe antreten. Mit Ausnahme der letzten, von dem Betreffenden eben nicht beſonders angenehm zugebrachten Nacht waren wir gezwungen, nicht blos unſere Schützlinge, ſondern auch eine Menge andere Leute faſt unaufhör⸗ lich im Freien verweilen zu laſſen, und obgleich freilich das unglückliche Erdbeben hieran große Schuld trägt, ſo hegen wir doch großes Verlangen, uns wieder ein⸗ mal in einem anſtändigen Hauſe und unter anſtändigen Leuten zu bewegen. Sind wir hierin nicht ſo beſonders wähleriſch, und ſtatten wir dem Sennor Lopez einen Beſuch ab. Wir wiſſen, daß, wenn nicht gerade auf Veran⸗ laſſung des Sennor Lopez, doch mit ſeiner Zuſtimmung 6 und Hülfe die vollkommen widerrechtliche Vertreibung Caſtillo's aus ſeinem Eigenthume ſtattgefunden hatte. Die infolge der Revolutionskämpfe ziemlich ge⸗ lockerten geſetzlichen Bande einerſeits, auf der andern Seite das Losſagen Caſtillo's von jeder der beiden ſich bekämpfenden Parteien ermöglichten dieſe Beſitznahme von ſeiten Agacio's; das plötzlich entſtandene Erdbeben aber, die allgemeine Verwirrung, welche daſſelbe her⸗ vorbrachte, und die Demoraliſation eines großen Theils der Bevölkerung, welche wieder durch jene hervor⸗ gerufen wurde, waren keineswegs geeignet, den Be⸗ ſtrebungen des ungetreuen Mayordomo entgegen zu treten. Trotzdem ging der ganze Verlauf der Angelegen⸗ heit durchaus nicht nach dem Wunſche Agacio's. Anfänglich trachtete er allein ſich an Caſtillo und ſeiner Tochter zu rächen, nachdem aber Lopez ihm wenigſtens paſſive Hülfe verſprochen hatte, gingen ſeine Wünſche und Hoffnungen weiter. Er hatte die Hacienda Caſtillo's in Beſitz genom⸗ men und hielt es nicht für unmöglich, ſich in dieſem Beſitze zu erhalten; da aber die Zeiten kaum bleiben konnten, wie ſie waren, ſo ſchien ihm ein gewiſſer ge⸗ ſetzlicher Anſtrich ſeines Verfahrens außerordentlich zweckmäßig. v. Bibra, El paso de las animas. II. 3 Am beſten und kürzeſten glaubte er das zu er⸗ reichen, wenn es ihm gelingen würde, der Schwie⸗ gerſohn des Sennor Caſtillo zu werden, und er zwei⸗ felte nicht, daß er durch Drohungen und Gewalt Caſtillo und ſeine Tochter gefügig werde machen können. Er ſuchte alſo ſich der Beiden zu bemächtigen, aber wir wiſſen, daß ihm dies fehl ſchlug, daß er von einem Theil ſeiner Leute, von Ramon und Manuel, getrennt wurde und in unüberlegter Flucht davonritt. End⸗ lich, da er weder wußte, was aus Inez, noch was aus ihrem bereits gefangenen Vater geworden war, beſchloß er, vorläufig nach der in Beſitz genommenen Hacienda zurückzukehren und zu ſehen, wie dort die Verhältniſſe ſich geſtaltet hätten. Nicht beſonders war er erbaut von dem Stande der Dinge daſelbſt. Man pflegt zu ſagen: Wenn die Katze aus dem Hauſe, tanzen die Mäuſe auf dem Tiſche, und aller⸗ dings fand Agacio ſeine zurückgelaſſenen Leute in der allergrößten Ungezwungenheit. Aber was noch ſchlimmer, war, daß ſie ihn gar nicht als Katze, ſondern ſich ſelbſt als die Herren des Hauſes zu betrachten ſchienen. Agacio fand ſie damit beſchäftigt, die vorgefun⸗ ————————— — 35 denen Vorräthe zu verzehren, und erfuhr zugleich⸗ daß ſie einen großen Theil derſelben bereits verkauft und das Geld unter ſich getheilt hätten. Auf gleiche Weiſe waren ſie mit dem Vieh, den Pferden und andern in der Hacienda befindlichen Ge⸗ genſtänden verfahren, und obgleich der Chilene eigent⸗ lich nur wenig zum Trunke geneigt iſt, befand ſich dennoch infolge von Caſtillo's erbrochenem Keller, als Agacio ankam, ein großer Theil ſeiner zurückgelaſſenen Peons in ſtark angeheiterter Laune. Er konnte ſein Mißfallen über dieſes Treiben nicht bergen und machte den Leuten ſofort ernſtliche Vorſtel⸗ lungen, aber die Antworten, welche er erhielt, wollten ihm keineswegs gefallen. „Glaubt Ihr“, ſagten die Einen,„daß wir uns in dieſes gefährliche Unternehmen eingelaſſen, um nachher zu hungern und zu darben?“ „Ihr werdet Euch doch nicht einbilden“, ſagten Andere,„daß Ihr hier der Herr ſeid, denn obgleich es eigentlich jetzt gar keine Herren mehr gibt, ſo ſind doch wir gegenwärtig hier die Herren.“ Wieder Andere lachten ihn aus und verſicherten ihm, daß, da das Erdbeben doch demnächſt Alles ver⸗ ſchlingen würde, es eine Thorheit ſei, ſein Leben nicht noch vorher rechtſchaffen zu genießen. 3* 36 Diejenigen, welche früher eine gewiſſe Moral zu handhaben pflegten, ſtellten ihm vor, daß die gegen⸗ wärtigen Zuſtände auf der Hacienda gewiſſermaßen als eine göttliche Fügung zu betrachten wären, denn ſo wie er ſelbſt den Sennor Caſtillo von ſeinem Be⸗ ſitzthume vertrieben habe, ſo würde er jetzt auch von ihnen behandelt werden. Die Betrunkenen brachten ihm Wein und forderten ihn auf, mit ihnen zu trinken und ſich die unnöthigen Grillen aus dem Kopfe zu ſchlagen. Er ſolle fidel ſein und guter Dinge und es machen wie ſie. Die Groben endlich ſagten: „Schweigt und macht Euch nicht mauſig, denn ſonſt wird man Euch an die freie Luft ſetzen.“ Agacio wartete das nicht ab, ſondern entfernte ſich aus ſeinem neu gegründeten Reiche, welches dem Ver⸗ falle bereits wieder nahe war, und begab ſich zum Sennor Lopez. Das Haus deſſelben hatte, wie die Hacienda Caſtil⸗ lo's, im Verhältniß zu andern ähnlichen Gebäuden und den Städten bisjetzt nur wenig durch das Erd⸗ beben gelitten, und Lopez war daher nach dem erſten Schrecken wieder nach Hauſe zurückgekehrt und tröſtete ſich mit dem den Chilenen eigenen Leichtſinn mit dem Gedanken, daß es auch in der Folge alſo bleiben würde. 37 Er empfing Agacio mit großer Gemüthsruhe, höf⸗ lich, aber entfernt von aller Vertraulichkeit. Dieſer ſagte nach den erſten Begrüßungsformeln: „Schützt mich in meinem Beſitze, Sennor Lopez.“ Lopez blies langſam den Rauch ſeiner Cigarre von ſich und erwiderte, indem er ſich mit zwei Fingern der Hand nachdenklich die Stirn rieb: „Beſitz? Beſitz? Habt Ihr irgend ein Anweſen ge⸗ kauft, welches man Euch ſtreitig machen will?“ „Ach Gott, nein“, rief Agacio,„ich meine die Ha⸗ cienda des Sennor Caſtillo!“ „Ah, das freut mich“, ſagte Lopez wohlwollend; „ich erinnere mich dunkel, daß Mißhelligkeiten zwiſchen dem Sennor Caſtillo und Euch ſtattfanden, und es iſt mir höchſt lieb zu hören, daß Ihr Euch mit dem guten Sennor wieder ausſöhntet.“ Der Zorn begann ſich zu regen in Agacio bei dieſen Worten des Lopez. Unmöglich konnte dieſer ver⸗ geſſen haben, was zwiſchen ihnen vor nicht langer Zeit verhandelt worden war, und die Vorgänge auf der Hacienda konnten ihm ebenſo wenig unbekannt ge⸗ blieben ſein. Klüglich bemeiſterte er indeſſen ſeinen Unmuth und erzählte, ſein Verfahren möglichſt beſchö⸗ nigend, daß er die Hacienda in Beſitz genommen habe. 38 „Warum nicht gar“, verſetzte Lopez trocken,„das wäre eine ſchöne Geſchichte. Ich glaube, Ihr wollt mir ein Märchen aufheften.“ „Bringt mich nicht zum Wahnſinn!“ rief jetzt Agacio heftig.„Ihr müßt wiſſen, was in Eurer nächſten Nähe vorgegangen iſt, und ebenſo gut müßt Ihr Euch erin⸗ nern, was Ihr ſelbſt—“ „Still, Mann, ereifert Euch nicht, und ſchreit vor allem nicht ſo!“ „Aber Ihr habt mir ja ſelbſt—“ „Nichts habe ich, merkt Euch das. Aber Eure Sinne ſcheinen ſich ein wenig verwirrt zu haben, und ich will Euch deshalb ſagen, wie wahrſcheinlich ſich Alles zugetragen hat. Ihr wißt, daß ſchuftige Burſche dem Sennor Caſtillo bedeutenden Schaden auf ſeinen Feldern zu⸗ fügten.“ Agacio machte eine une eduldige Bewegung und 9 b wollte ſprechen, Lopez aber hob die Hand zum Zeichen, daß er ſchweigen ſolle, und fuhr fort: „Es ſtand zu befürchten, daß jene Schurken ſich noch weiter an dem Eigenthum des Sennor vergreifen würden, Ihr aber, ein ehrlicher, treuer Kerl, wie Ihr ſeid, wolltet, trotz der kleinen Mißhelligkeiten zwiſchen dem Sennor und Euch, das nicht dulden. Ihr 39 warbt deshalb einen Haufen Männer an, die ſo wacker ſind, wie Ihr ſelbſt, und zogt nach der Hacienda, um das Eigenthum Eures frühern Herrn gegen weitere Schädigung zu ſchützen. Iſt es nicht ſo?“ „Wenn es nicht anders ſein kann, ſo iſt es ſo“, erwiderte Agacio,„und es kommt mir jetzt wirklich vor, als ob Ihr Recht hättet.“ „Alſo! Und nun weiter: Caſtillo, der ein wenig ängſtlich iſt, verkannte Eure gute Meinung und ent⸗ floh, Ihr ſelbſt aber, einmal im Zuge, edle Handlungen auszuführen, wolltet ihm dieſen Irrthum benehmen und rittet ihm mit einigen Leuten nach, um ihn wie⸗ der auf ſeine Hacienda zurückzubringen. Oder nicht?“ „Ganz genau ſo!“ ſagte Agacio, der begriff, daß Lopez vollkommen gut unterrichtet war. „Und was nun weiter?“ fragte Lopez plötzlich mit ſcharfem Tone. Agacio erſchrak anfänglich, dann aber bedachte er, daß, ſo gut als Lopez ſeine Beſitznahme der Hacienda erfahren haben mußte, ihm auch bekannt geworden ſein könnte, daß er, Agacio, ſchon am folgenden Tage die Hacienda wieder verlaſſen und den flüchtigen Herrn derſelben verfolgt habe. Offenbar war Lopez nicht gut auf Caſtillo zu ſprechen, denn obgleich er offenkundig nicht gegen den⸗ ſelben auftreten wollte, ſo hatte er doch ſchon früher Agacio freie Hand gelaſſen, jenem zu ſchaden, und ebenſo erſt vorhin ihm die Worte in den Mund ge⸗ legt, wie er ſich vorkommenden Falles entſchuldigen könne. Trotzdem war Agacio in Zweifel, ob er Lopez die Wahrheit oder nicht und, im letzten Falle, welche Un⸗ wahrheit er berichten ſolle, und beſchloß endlich, behut⸗ ſam zu Werke zu gehen und zu ergründen, was eigent⸗ lich Lopez am liebſten hören würde. Auf die Frage des letztern:„Und was nun weiter?“ ſagte er alſo nach einigem Bedenken und zögernd: „Ich weiß in der That nicht, ob ich Euch, Sennor Lopez, Alles ſagen darf.“ „Thut das ohne Scheu.“ „Nun“, ſagte Agacio, auf den vorher von Lopez angeſchlagenen Ton eingehend,„ich habe meinen lieben vorigen Herrn in den Bergen eingeholt und habe ihn gebeten, mit mir auf ſeine Beſitzung zurückzu⸗ kehren; da er aber ſtets noch ein wenig mißtrauiſch war, ſo brachte ich ihn an einen ſichern Aufenthaltsort und behielt mir vor, ihn ſpäter von der Lauterkeit meiner Geſinnungen zu überzeugen.“ „Erlogen“, ſagte Lopez mit großer Ruhe.„Bringt etwas Anderes zu Markte.“ 41 „Teufel“, dachte Agacio,„iſt er wirklich ſo gut un⸗ terrichtet, oder ſchlägt er auf den Buſch?“ Er ſchwieg. „Nun?“ Agacio zog die Schulter. „Wie iſt es zum Beiſpiel“, fuhr Lopez fort,„mit den Berittenen, vor welchen Ihr Euch ſo ſchleunigſt auf die Flucht begabt?“ „Er ſteht mit dem Satan im Bunde“, dachte Agacio. Laut aber erwiderte er nach kurzem Bedenken: „Ich wollte meinen guten alten Sennor Caſtillo nicht in den ſchlimmen Verdacht der Landesverrätherei bringen, da Ihr aber ſo gut unterrichtet ſeid, ſo muß ich wohl die Wahrheit ſagen. Der Sennor überfiel mich plötzlich mit einem großen Haufen Spaniſch⸗ geſinnter, wohl an dreißig bis vierzig Männer, und endlich, nach langer und hartnäckiger Gegenwehr, war ich gezwungen, mich zurückzuziehen.“ Lopez lächelte. „Wir wollen nicht unterſuchen, wie viele Gegner Ihr hattet, genug, Ihr nahmt Reißaus, das iſt richtig. Aber wo blieb der Sennor Caſtillo?“ „Muthmaßlich iſt er bei ſeinen Freunden, den Spa⸗ niſchen, geblieben.“ Lopez nickte zuſtimmend und trommelte, wie nach⸗ denkend, auf den Tiſch, dann ſagte er leichthin: 42 „Die Sennorita Inez, Eure frühere Flamme, wurde aber bei dem großen Treffen, welches Ihr den Spa⸗ niſchen liefert, von ihrem Vater getrennt. Wo kam denn dieſes hochmüthige Geſchöpf hin?“ „Die?“ verſetzte Agacio.„Die gibt es jetzt billig. Ich fand ſie ohnweit des Schlachtfeldes in einem er⸗ bärmlichen Zuſtande, und obgleich ſie es nicht um mich verdient, nahm ich mich dennoch ihrer an.“ „Und wo befindet ſie ſich gegenwärtig?“ „Bei einer alten entfernten Anverwandten von mir“, gab Agacio keck zur Antwort. Lopez fixirte den Sprechenden einen Augenblick dann blickte er wie nachdenklich vor ſich hin, und endlich ſagte er in gütigem und vertraulichem Tone: „Ich habe Euch, mein lieber Agacio, ſtets für einen rechtlichen und brauchbaren Menſchen gehalten und deshalb eine gewiſſe Vorliebe für Euch gefaßt. So gern ich Euch aber auch nützlich wäre, ſo wird es doch, wie die Sachen gegenwärtig ſtehen, kaum durch⸗ zuführen ſein, Euch den Beſitz der Hacienda da drüben zu ſichern. Aber es wird dem Sennor Caſtillo gut thun, wenn wir ihn zu Euren Gunſten ein wenig ſchröpfen. Er ſoll Euch eine anſtändige Summe zah⸗ len und mit Inez wird ſich die Sache ſpäter wohl auch machen. Ihr wißt wohl: alte Liebe roſtet nicht. Vor 43 allem aber iſt nöthig, daß, ſoll ich Euch behülflich ſein, ich mit Caſtillo und ſeiner Tochter ſpreche. Sucht daher den Aufenthalt des erſtern zu ergründen und führt mich zu Eurer Anverwandten, bei welcher Ihr Ines untergebracht habt.“ Agacio kratzte ſich verlegen hinter dem Ohre, dann ſagte er: „Das geht nicht. Die Sennorita iſt ungeheuer angegriffen und würde auf den Tod erſchrecken, wenn ſie Euch plötzlich vor ſich ſähe.“— „So geht hin und bereitet ſie auf mein Kommen vor, ſucht zu erfahren, wo ſich ihr Vater aufhält, und haltet die Hacienda gut im Stande, das iſt eine Hauptſache.“ „Ach Gott“, erwiderte Agacio kläglich,„das iſt es ja eigentlich, weshalb ich Euch beſuchte, aber wir kamen ganz davon ab. Die Kerle, welche ich dort zu⸗ rückließ, wirthſchaften wie der böſe Feind und laſſen ſich nicht das Mindeſte ſagen.“ „Es wird ſo ſchlimm nicht ſein!“ „Doch, doch! Sie praſſen und ſchlemmen und ver⸗ kaufen zum Ueberfluſſe, was ſie finden.“ „Es ſind eben junge Leute“, verſetzte der Sennor Lopez,„und ſie werden ſchon vernünftig werden. Aber laßt Euch jetzt von meinem Mayordomo einen Imbiß reichen, und dann geht mit Gott, zu beſorgen, was wir beſprochen haben.“ Er begleitete mit dieſen Worten Agacio an die Thür, und als er ſie hinter ihm geſchloſſen hatte, ſagte er zu ſich ſelbſt: „Die Lumpenhunde drüben auf der Hacienda mögen treiben, was ſie wollen, Haus, Hof und Feld müſſen ſie wohl ſtehen laſſen. Agacio aber, der Schuft, ſoll für mich die Kaſtanien aus dem Feuer holen. Dieſe Inez iſt ſtets noch ein fetter Biſſen, ſie wird nach all dieſen Händeln nicht mehr ſo ſpröde ſein wie früher, und Caſtillo— nun, er iſt ein Einfaltspinſel, aber als Schwiegervater wird er ſich dennoch ganz anſtändig ausnehmen. Vor allem muß ich wiſſen, wo die Beiden ſtecken, um dann auf glaubliche Weiſe den Retter ſpielen zu können.“ Er rief dann nach zwei Männern, welche ſich erſt geſtern bei ihm eingefunden hatten und welche wir, nachdem ſie jetzt bei ihm eingetreten, ſogleich als Ramon und Manuel erkennen, jene beiden braven Burſchen, die den Sennor Caſtillo zu dem ehrwürdigen Crespo brachten. 35 Wir werden bald erfahren, was ſie zu Lopez führte, und ſtellen hier nur die ſehr wahrſcheinliche Ver⸗ muthung auf, daß dieſer von ihnen von dem Streif⸗ zuge Agacio's gegen Caſtillo ſo viel erfahren hatte, als eben Ramon mitzutheilen für gut befunden hatte. „Hat Euch Agacio in meinem Hauſe geſehen?“ fragte Lopez. Ramon verneinte. „Glaubt Ihr, daß Agacio den Aufenthalt des Sennor Caſtillo kennt?“ Ramon ſchien nachzuſinnen, und endlich ſagte er: „Ich glaube kaum, daß dies der Fall ſein wird.“ Manuel lachte bei dieſen Worten ſeines Kameraden auf täppiſche Weiſe, was indeſſen Lopez nicht zu be⸗ merken ſchien. Er fragte vielmehr weiter: „Kann Agacio wiſſen, wo ſich Inez, die Tochter des Sennor Caſtillo, befindet?“ „Das iſt eher möglich“, verſetzte Ramon.„Wie ich Euch ſchon berichtete, verſchwand die Sennorita hinter jenem gefährlichen Felſenpfade, dem paso de las ani- mas, und Agacio floh nach der andern Seite hin, aber wir verloren beide aus den Augen und es kann ſein, daß er die Sennorita ſpäter wieder antraf.“ „Haltet Ihr das für wahrſcheinlich?“ „Quien sabe“, ſagte Ramon. Da alle Welt weiß, daß man ſich dieſer Redensart bedient, wenn man keine beſtimmte Antwort geben will —— 46 oder kann, ſo fragte er nach einigem Nachdenken plötz⸗ lich und Ramon ſcharf anblickend: „Kann ich mich auf Euch und Euren Kameraden hier verlaſſen?“ Ramon ſchlug die Augen zum Himmel empor und legte die Rechte auf ſeine Bruſt, dann ſenkte er ſein Haupt und blieb in gebückter Stellung vor ſeinem neuen Patrone ſtehen, während Manuel, ſo gut es ihm möglich, dieſe Bewegungen nachahmte. Dieſe Zeichen der Unterwürfigkeit ſchienen St nicht zu mißfallen und er ſagte: „Ihr ſcheint mir treue und zuverläſſige Burſchen zu ſein. Ich will Euch einen Auftrag geben, und wenn Ihr denſelben zu meiner Zufriedenheit ausführt, könnt Ihr auf meine Dankbarkeit rechnen. Haltet Euch ſo⸗ fort bereit, und ſobald Agacio mein Haus verläßt, ſo folgt ihm unbemerkt, erkundet, wohin er geht, und ſtattet mir dann Bericht ab. Gelingt es, auf dieſe Weiſe Nachricht von der Sennorita oder ihrem Vater zu erhalten, ſo ſollt Ihr zufrieden mit mir ſein.“ „Eure Zufriedenheit zu erwerben iſt mir das höchſte Glück“, erwiderte Ramon,„aber um das zu können, verzeiht, Sennor—“ Er ſtockte. „Sprecht ohne Zwang!“ „Nun, in ſo verderbten Zeiten, wie die unſerigen, 47 iſt nicht ſelten mit Geld das Meiſte auszurichten. Ge⸗ lingt es uns, dem Sennor Caſtillo und der Sennorita Inez auf die Spur zu kommen, ſo erhaltet Ihr un⸗ verzüglich Nachricht. Ihr kennt meine Geſinnung. Wären aber Koſten verknüpft mit dieſen Nachforſchun⸗ gen, Beſtechungen an ſchlechte Menſchen und ſo weiter, bis zu welcher Summe dürfte ich etwa Verſprechungen machen?“ „Zum Beiſpiel für den Sennor Caſtillo?“ ſagte Manuel. Weder Ramon noch Lopez ſchienen dieſe Aeußerung zu beachten, der letztere aber ſagte: „Seht zuerſt zu, irgend etwas zu erfahren, und gebt mir Nachricht. Wenn ich meinem armen Freunde, dem Sennor Caſtillo, dann irgendwie nützlich werden kann, kommt es mir auf ein Dutzend Ste mehr oder weniger ſicher nicht an.“ Ramon verbeugte ſich und wollte ſich entfernen, äber in dieſem Augenblicke ſchien dem Sennor Lopez plötzlich ein Einfall zu kommen.— „Halt“, ſagte er,„wird es nicht auffällig ſein, wenn Ihr zu Zweien dem Agncio folgt? Es iſt viel⸗ leicht beſſer, wenn Ihr, Ramon, allein ihm nach⸗ geht.“ „Ach, Euer Gnaden“, verſ te dieſer treuherzig,„ſo dumm mein guter Freund, der Manuel da, auch aus⸗ ſieht, ſo ungeheuer pfiffig iſt er doch, und wenn ich etwas zu Stande bringen ſoll, muß ich ihn nothwendig bei mir haben.“ „So geht in Gottes Namen“, ſagte Lopez mit einem unwillkürlichen Zucken ſeiner Mundwinkel, und als ſich beide entfernt hatten, ſagte er zu ſich ſelbſt: „Es unterliegt keinem Zweifel, die beiden Halunken halten, im Guten oder Böſen, dieſen Caſtillo irgendwo verborgen und wollen ihn an mich verkaufen. Hätte ich mit Manuel allein ſprechen können— nun, es wird ſich Alles machen.“ Ramon aber, während er auf der Lauer lag, um zu warten, bis Agacio ſich entfernen würde, dachte: „Natürlich! Das wäre ihm eine gemähte Wieſe ge⸗ weſen, wenn ich ihm Manuel, den Einfaltspinſel, hier gelaſſen hätte. Ich wäre keine halbe Stunde vom Hauſe entfernt geweſen, ſo hätte dieſer gute Sennor Lopez gewußt, was er nicht wiſſen ſoll.“ Agacio endlich, welcher in großer Eile die Hacienda des Sennor Lopez verlaſſen hatte, ließ, als man ihn von dort aus nicht mehr ſehen konnte, ſein Pferd lang⸗ ſam gehen und ſtellte, eben nicht in der heiterſten Laune, etwa folgende Betrachtungen an: „Die beiden Schufte, Ramon und Manuel, in deren 49 Obhut ich Caſtillo zurückließ, haben ihn entweder er⸗ ſchlagen und beraubt, oder ſie haben ihn irgendwo eingeſperrt, um ein Löſegeld zu erpreſſen. Auf keinen Fall aber weiß ich, wo er ſich befindet, und ich kann deshalb nicht zu ihm gehen. Da mir die alte Anverwandte, bei welcher ſich Inez befinden ſoll, ſo wenig bekannt iſt als des Teufels Großmutter, ſo kann ich auch dieſe nicht beſuchen. Auf die verwünſchte Hacienda endlich, welche gegen⸗ wärtig weder Caſtillo noch mir gehört, kann ich ebenſo wenig gehen, indem man dort mich vielleicht ermorden, im günſtigſten Falle aber prügeln und hinauswerfen wird. Hätte ich Inez dort in meine Gewalt bekommen, ſo ſtünde jetzt freilich Alles anders, ſo aber—“ Er ſtieß einen derben Fluch aus und beſchloß dann, ſich einige Tage verborgen zu halten und hierauf, komme ihm kein beſſerer Gedanke, zu Lopez zurückzukehren, um dieſen mit irgend einer falſchen Nachricht zu täuſchen. Wenden wir uns jetzt zu Ramon und Manuel und ſehen wir, wie beide zum Sennor Lopez kamen. Die Sache war die einfachſte von der Welt. Ramon, nachdem er Caſtillo in ſichere Verwahrung gebracht hatte, beſchloß, ſich nach der Hacienda deſſelben zu begeben, um Agacio entweder dort zu treffen oder v. Bibra, El paso de las animas. II. 4 I ſeine Ankunft abzuwarten und— es iſt das wohl kein ganz unpaſſender Ausdruck— den Sennor Caſtillo an denſelben zu verhandeln. Als er aber das zügelloſe Leben der Knechte ſah und die Aeußerungen hörte, welche man über den noch nicht angelangten Agacio machte, zweifelte er daran, mit dieſem vorläufig irgend ein Geſchäft abſchließen zu können, und begab ſich zu Lopez, dieſem ſeine Dienſte anzubieten. Schlau wie er war, hatte er, ſolange er ſich bei Agacio befand, aus einzelnen Aeußerungen deſſelben genug über jenen vernommen, um ſein Benehmen gegen ihn einrichten zu können. Was Manuel betraf, ſo wäre dieſer für ſein Leben gern bei den luſtigen Leuten in der eroberten Hacienda geblieben, aber Ramon gab das nicht zu, da er ſeiner Verſchwiegenheit betreffs Caſtillo's nicht traute, und Manuel, obgleich widerſtrebend, gehorchte. Auch Lopez Hacienda verließ er nur ungern, und er machte jetzt, als beide in einiger Entfernung Agacio folgten, ſeinem Mißvergnügen Luft, indem er ſagte: „Es hat mir nur zur Hälfte gefallen, daß Du zum Sennor Lopez vorhin ſagteſt, daß ich ſo dumm aus⸗ ſähe und doch ſo pfiffig wäre.“ 5¹ „Du mußt eben nur die Hälfte für wahr halten“, verſetzte Ramon. „Und dann“ fuhr Manuel fort,„dann begreife ich nicht, warum ich keinen Augenblick von Dir weichen ſoll. Es hat mir vortrefflich gefallen auf unſerer neuen Hacienda, und auch beim Sennor Lopez war es mir gerade gut genug.“ „Mein Sohn“, ſagte Ramon,„das verſtehſt Du nicht und kannſt es nicht verſtehen, aber Du ſollteſt überzeugt ſein, daß ich ſtets zu Deinem Beſten handle.“ „Nenne mich doch nicht Sohn“ rief Manuel ärger⸗ lich,„ich bin ja kaum drei Monate jünger als Du.“ „Liebes Kind“, entgegnete Ramon,„Du begreifſt, jung wie Du biſt, nicht im mindeſten, welch einen ungeheuern Schatz von Erfahrungen man in drei Mo⸗ naten ſammeln kann. Denke einmal, von heute an, in drei Monaten an das, was ich Dir jetzt ſage, und Du wirſt bemerken, welche Kenntniſſe Du Dir bis dahin erworben haſt.“ „Hm, ja, aber Du biſt dann abermals drei Monate älter, und auf dieſe Weiſe wirſt Du ſtets klüger ſein als ich.“ „Das läßt ſich nicht ändern, aber jetzt laſſe Dein Pferd laufen, damit wir Agacio einholen“ 4 „Aber wir ſollen ihm ja unbemerkt folgen“, ſagte Manuel ganz erſtaunt,„ich begreife nicht—“ „Still, Kleiner, in drei Monaten haſt Du, wenn es Gottes Wille iſt, das Alles begriffen.“ „Werden wir ihn ermorden?“ ſagte Manuel, wäh⸗ rend er ſeinem erfahrenen ältern Freunde wie ge⸗ wöhnlich Folge leiſtete und gleich jenem ſein Pferd in Galopp ſetzte. „Fürs erſte zuverläſſig nicht, und das Weitere ſteht in den Sternen geſchrieben.“ Nicht wenig war Agacio überraſcht, als er ſich plötzlich von zwei Männern eingeholt ſah und in den⸗ ſelben ſeine frühern Genoſſen erkannte. „Sennor Agacio!“ rief Ramon.„Ihr ſeid es alſo wirklich! Dios hay en el cielo! Ja, der alte Gott lebt noch im Himmel, und zu tauſend Malen ſei er ge⸗ prieſen, daß er uns endlich Euch hat finden laſſen! Wie viel Sorge haben wir ausgeſtanden um Euch, Tag und Nacht haben wir—“ Agacio's Geſicht nahm bei dieſen Worten Ramon's einen ſo verdrießlichen und ärgerlichen Ausdruck an, daß dieſer einen Augenblick inne hielt und dann mit beſorgtem Tone fortfuhr: „Um Gotteswillen, theurer Sennor, es iſt Euch doch nicht unwohl? Ihr zieht eine ſo eigenthümliche Miene!“ -— 53 „Ja“, ſagte Manvel, um ſich auch bemerkbar zu machen,„Ihr zieht eine eigenthümliche Miene.“ „Kerle“, rief Agacio heftig auffahrend,„habt einen Andern zum Narren als mich!“ Und während Ramon mit dem Taſchentuche, welches er dem Sennor Caſtillo entführt hatte, ſeine Augen bedeckte und ziemlich auf⸗ fällig ſchluchzte, fuhr er fort zu ſchelten und beide der Untreue zu bezichtigen, und endlich ſagte er: „Wenn ich Euch beide nicht für die größten Schurken von der Welt halten ſoll, ſo ſagt mir, was aus Caſtillo geworden iſt, den ich bei Euch zurückließ.“ „Es iſt unſer einziger Zweck, Euch das zu melden, und deshalb haben wir Euch wie eine Stecknadel allent⸗ halben aufgeſucht“, verſetzte Ramon.„Aber ſo raſch geht das nicht.“ „So reitet in des Henkers Namen ein Stück Wegs mit mir.“ Sie ſchloſſen ſich ihm an. In einiger Entfernung aber zeigte ſich ein vierter Mann, welcher ihnen ſo vorſichtig folgte, wie Ramon und Manuel anfänglich Agacio gefolgt waren. Drittes Kapitel. Kohlweg und Scherflein finden ſich wieder.— Vom vwilden Heere und der Fran Venus, desgleichen vom getreuen Eckart. Nicht beſſer als die oben erwähnte Nacht vergingen die folgenden Tage und Nächte unſerm in Valparaiſo wartenden Kohlweg, denn Käthchen Bitterfeld kehrte nicht wieder. Er ſah jetzt erſt recht ein, wie theuer das junge Mädchen in der kurzen Zeit ihres Zuſammenſeins ſeinem Herzen geworden war, und Hunderte von ſchlim⸗ men Gedanken quälten ihn ihres Verſchwindens wegen. Die eigenthümlichen Aeußerungen, welche ſie machte, als beide einmal von den quälenden Gewiſſensbiſſen eines Mörders ſprachen, beängſtigten ihn eine Zeit lang. Sollte ſie ſeine Vergangenheit kennen und ihn jetzt verlaſſen haben, weil ſie ihn als einen Mörder verabſcheute? 55 Aber er verwarf dieſen Gedanken bald wieder. Sie ſelbſt hatte entſchuldigende Worte geſprochen, dann war ſie ſo vertrauensvoll, ſo freundlich gegen ihn! Er konnte ſie einer ſolchen Verſtellung nicht für fähig halten und auch dieſes ſchweigende Davongehen ſchien ihm nicht in ihrem ganzen Weſen zu liegen. Wie er ſie zu kennen glaubte, hätte ſie ihm den Grund ihrer Entfernung mit einigen Worten wenigſtens mit⸗ getheilt. Dagegen aber, daß ſie ihn abſichtlich verlaſſen, ſprach mehr als Alles, daß ſie ihr ganzes Gepäck, bei welchem ſich eine nicht ganz unbedeutende Summe in Gold befand, in der Schenke und unter ſeiner Obhut zurückgelaſſen hatte. Man läßt ſeine Habe nicht in den Händen eines Menſchen, den man verabſcheut und mit welchem man nichts mehr zu ſchaffen haben will, und ſie hätte, ohne den mindeſten Verdacht zu erregen, ihre Habſeligkeiten mit ſich nehmen können. Es mußte Käthchen alſo ein Unfall zugeſtoßen ſein, aber trotz aller Mühe kam er dieſem nicht auf die Spur. Fruchtlos lief er fragend und ſuchend durch die Stadt. Niemand hatte ein Mädchen geſehen, welches —————— der von ihm entworfenen Beſchreibung nur halbwegs gereiſt ſein würde, weitere Nachforſchungen über die ähnlich war, und glaubte er auch einmal einen An⸗ haltspunkt gefunden zu haben, ſo erwies ſich derſelbe bald wieder als vollkommen nichtig. Er zog nun Erkundigungen bei den wenigen deut⸗ ſchen Kaufleuten, welche zu jener Zeit ſich in Val⸗ paraiſo niedergelaſſen hatten, ein, aber ſeine Bemühungen waren ebenſo fruchtlos. Abgeſehen davon, daß des Erdbebens wegen, welches von Zeit zu Zeit ſich ſtets noch fühlbar machte, Alles in Verwirrung und mit ſich ſelbſt beſchäftigt war, ſchien auch kaum irgend Jemand Käthchen's Bruder zu kennen. Ein einziger Deutſcher erinnerte ſich ſeinen Namen gehört zu haben. Bitterfeld war vor einiger Zeit in Valparaiſo angekommen, hatte ſich indeſſen nur kurze Zeit dort aufgehalten und war dann ins Innere ge⸗ gangen. Es war möglich, daß er von Zeit zu Zeit die Hafenſtadt wieder beſuchte, der Berichterſtatter aber war nie mit ihm zuſammengekommen. Kohlweg überzeugte ſich endlich von der Unmög⸗ lichkeit, irgendwie eine nur einigermaßen ſichere Nach⸗ richt über Käthchen und ihr Schickſal zu erhalten, und beſchloß, freilich mit ſchwerem Herzen, die Stadt zu verlaſſen. Er beſchwor jenen Deutſchen, wenn er ab⸗ Verlorene anzuſtellen, und gab ihm zugleich Käth⸗ chen's Gepäck in Verwahrung, da er daſſelbe auf dieſe Weiſe für beſſer aufgehoben hielt, als wenn er ſelbſt es mit ſich führen würde. Seinem urſprünglichen Plane gemäß beſchloß er nun in ſein und Scherflein's Haus zurückzukehren, um dort vielleicht Nachricht über den letztern zu erhalten, vorher aber wollte er, da es kaum ein Umweg zu nennen, Santiago beſuchen und Erkundigungen ein⸗ ziehen bei dem Beſitzer des Hauſes, in welchem Käthchen und ihr Bruder gewohnt hatten. Er ſchlug denſelben Weg ein, welchen er kurz vorher in entgegengeſetzter Richtung in der Geſ ellſchaft Käthchen's zurückgelegt hatte, und während er ſeinem Kummer nachhing über deren Verſchwinden, dachte er zugleich darüber nach, wie eigenthümlich ſich in der letzten Zeit ſein Schickſal geſtaltet hatte, wie ſeine Wünſche ge⸗ wechſelt und ſeine Theilnahme ſtets andern Dingen zugewendet geweſen. Sein Freund und er hatten ſich in der ſtillen, von Menſchen wenig beſuchten Gegend, welche ſie bewohnten, gelangweilt; die ewige Klarheit des Himmels bei Tage, die Pracht des geſtirnten Nachthimmels, die Ruhe, welche ringsum herrſchte, da die Stürme der Revolution jene menſchenleere Gegend nur wenig berührten, alles das 58 war ihnen zuwider geworden und ſie hatten beſchloſſen, allen dieſen Schönheiten und zugleich dem Heimweh zu entfliehen und nach Mendoza zu gehen. Auf dem paso de las animas änderte ſich plötzlich ihr Geſchick und beſcherte ihnen eine Kette ganz artiger Abenteuer. Er zweifelte nicht, daß Scherflein vollſtändig leer ausgegangen ſei, was aber ihn ſelbſt betraf, ſo nahm er zuerſt und nachdem er Agacio verjagt hatte, lebhaf⸗ ten Antheil an dem Schickſal des Sennor Caſtillo, deſſen Tochter er einen Augenblick lang in der größten Lebensgefahr ſchwebend geſehen und dann verlaſſen hatte, um ihrem Vater zu Hülfe zu eilen, welchen er nie vorher geſehen und eben ſo wenig bis jetzt zu Ge⸗ ſicht bekommen. Das Geſchick dieſes ihm gänzlich Unbekannten nahm noch in Santiago alle ſeine Gedanken in Anſpruch, bis buchſtäblich eine einzige Sekunde dieſen Gedanken verdrängte und ihn für ſeine eigene Sicherheit beſorgt ſein ließ. Der plötzliche Ausbruch des Erdbebens brachte dieſe Veränderung hervor, und als kaum eine Minute ſpäter Käthchen ihn aus der augenſcheinlichſten Lebensgefahr gerettet hatte, wendete er dieſer ſeine ganze Aufmerk⸗ ſamkeit zu und hatte kein anderes Trachten, als ſie —=—————— ——— 59 aus den mehrfachen Gefahren zu befreien, welche durch jene furchtbare Naturerſcheinung hervorgerufen wurden. Gegenwärtig aber waren alle ſeine Gedanken allein auf die ſo unbegreiflich Verſchwundene gerichtet und kaum kümmerte ihn das Erdbeben mehr, deſſen ſtete und nur ſelten unterbrochene Thätigkeit von Zeit zu Zeit durch Erſchütterungen des Bodens angekündigt wurde. Er hielt ſich mechaniſch im Sattel, wenn ſein Pferd durch einen heftigern Erdſtoß ins Schwanken ge⸗ rieth; er dachte kaum daran, daß, wenn ihm Berittene begegneten, er von dieſen angefallen werden könnte, und als er an der Stelle vorüberkam, an welcher er Käthchen aus den Händen der Strolche befreit hatte, betrachtete er dieſen Platz nur mit vergrößertem In⸗ tereſſe, weil er dabei Käthchen's gedachte. Es war abermals Nacht, als er dort vorüberkam, und als er kurz darauf an dem Orte vorbeiritt, wo der Ermordete gelegen hatte, graute ihm nicht im min⸗ deſten. Der Leichnam war fort und auch der Spuk, welcher ihn in jener Nacht verfolgte, blieb unſichtbar. Was kümmerten ihn überhaupt Todte und Ge⸗ ſpenſter, er dachte nur an Käthchen. Als er aber nicht weit von dem Schauplatze des Mordes ſein Nachtlager aufgeſchlagen hatte, kam ihm der Gedanke, daß ſie 60 ihm vielleicht erſcheinen würde, wenn ſie verunglückt wäre. Ein wollüſtiges Grauen überkam ihn bei dieſem Gedanken. Es wurde ihm faſt zur Gewißheit, daß ſie geſtorben ſei, und während er ihr par distance, frei⸗ lich auf weite, eine Liebeserklärung in das unbekannte Jenſeits zuſchickte, bat er ſie, ſich ihm zu zeigen oder ihm wenigſtens ein Zeichen zu geben, daß ſie ſeiner noch gedächte. Aber ſie erfüllte ſeinen Wunſch nicht, und Alles blieb ſtill. Indeſſen ſchien der Platz für allerlei Geſpenſtervolk ein günſtiger. Als er endlich eingeſchlummert war, trat Zeckel, der Schneider⸗Baron und Wilderer, den er in letzterer Eigen⸗ ſchaft erſchoſſen hatte, zu ihm und ängſtigte ihn im Traume. Er war noch größer geworden, als er ſchon in Europa war, Haupthaar und Wangenbart waren höchſt ſorgfältig gepflegt, und ſeine Toilette war die gewähl⸗ teſte. Weniger gewählt und für ein Geſpenſt ſogar höchſt unpaſſend war ſein Benehmen. Sich brüſtend, wie im ſchwarzen Bären, ſchritt er zwiſchen den Ge⸗ ſträuchen auf und nieder und ſchien ſich mit andern Perſonen zu unterhalten, welche Kohlweg indeſſen nicht 61 ſehen konnte. Daß er erſchoſſen worden war, ſchien Zeckel kaum übel zu deuten, dagegen machte er ſich luſtig über ſeinen Mörder, den er einen langweiligen Forſtpolaken nannte, eine Benennung, gegen welche zu jener Zeit das jüngere Forſtperſonal lebhaft reagirte, und endlich begann er zu erzählen, wie er Kohlweg bei der ſchwarzen Crescenz ausgeſtochen habe. „Benehmen Sie ſich anſtändiger, wenn Sie hier bei fremden Leuten ſpuken wollen“, wollte Kohlweg ihm zurufen.„Hören Sie, daß ich Sie mit jenem Schelt⸗ wort verhöhne, was Ihren Collegen ſo widerwärtig iſt?“ Aber es lag wie Blei auf ſeiner Bruſt und er konnte nicht ſprechen. Zeckel hingegen ſchien ihn verſtanden zu haben, er trat an ihn heran und ſtarrte ihn mit ſeinen dunklen Augen ſchweigend an, und Kohlweg ſah jetzt, daß er über und über mit Blut beſudelt war. Früh am Morgen erwachte er in Schweiß gebadet, und als er hierauf ſeinen Weg weiter fortſetzte, ſagte er zu ſich ſelbſt: „Ich wollte, er wäre geblieben, wie er anfänglich war und wie im Leben, übermüthig und anmaßend. Aber wie er zuletzt ausſah, muß er in der Schlucht gelegen haben, in welche er auf meinen Schuß hinab⸗ ſtürzte.“ Und obſchon es nur ein Traumbild war, was ihn geängſtigt hatte, ſeufzte er dennoch tief auf. Der Gedanke an Käthchen verſcheuchte das trübe Bild, obgleich er nichts weniger als tröſtlich war. Als er Caſablanca erreicht hatte, fand er es gänz⸗ lich verlaſſen, nur in einiger Entfernung von den Trüm⸗ mern und Schutthaufen hatte man einige Laubhütten errichtet. Ganz ähnlich traf er es in Curicavia. Es dunkelte bereits, als er auf der Höhe der Cueſta de Prado ankam, und da er in der Nähe von Santiago mehrere Feuer erblickte, beſchloß er ebenfalls außerhalb der Stadt zu übernachten, da er, abgeſehen von der Sicherheit, in der Stadt ſelbſt kaum eine Un⸗ terkunft zu finden hoffen konnte. Er geſellte ſich, als er die Feuerſtellen erreicht hatte, zu einigen jungen Leuten, welche dort lagerten, und erfuhr, daß, obgleich von Zeit zu Zeit noch Erdſtöße erfolgten, welche den erſten an Heftigkeit nur wenig nachgaben, dennoch nur wenige Gebäude eingeſtürzt wären, vielleicht infolge zweckmäßiger Bauart der verſchont gebliebenen, vielleicht aber auch deshalb, weil, ſelbſt in einer und derſelben Stadt, gewiſſe Diſtricte bei einem und demſelben Erdbeben weniger beſchädigt wor⸗ den als andere. Schlimmer lauteten indeſſen andere Nachrichten. 63 Die Sterblichkeit nahm auf ſchreckenerregende Weiſe zu, und in gleichem Verhältniſſe ſteigerte ſich einerſeits die Angſt und Muthloſigkeit eines Theils der Bevöl⸗ kerung, während ein anderer Theil derſelben ſich jeden erdenklichen Unfug erlaubte. Kohlweg fand das beſtätigt, als er tags darauf in die Stadt kam. Faſt alle Häuſer, welche nur wenig oder gar nicht beſchädigt waren, wurden wieder bewohnt, aber aus vielen dieſer Häuſer kamen Leichenzüge, und Angſt und Schrecken malten ſich auf den Geſichtern der Lebenden. Diejenigen, deren Wohnungen zuſammengeſtürzt oder im hohen Grade baufällig geworden waren, ſuchten ſich auf den Trümmern derſelben oder vor der Stadt ein⸗ zurichten, ſo gut es eben anging. In unbewohnten und nicht bewachten Häuſern aber trieben Diebe und allerlei anderes Geſindel ihr Weſen und wühlten un⸗ geſcheut im Schutte nach Beute. Kohlweg begab ſich vor allem an das Haus Käth⸗ chen's und fand daſſelbe in dem Zuſtande, wie er und Käthchen es verlaſſen hatten, mit Ausnahme einer Stelle, an welcher eine ziemliche Menge Schutt bei⸗ ſeite geräumt und offenbar eine Nachgrabung an⸗ geſtellt worden war. Dieſe Nachgrabung ſchien erſt vor kurzem geſchehen zu ſein, aber etwas Näheres zu erfahren wollte lange Zeit nicht gelingen. Nachdem er nicht ohne Mühe den Namen des Hauseigenthümers erfahren hatte, ſuchte er deſſen Aufenthalt zu erkunden, aber Niemand wollte ſeit dem Beginne des Erdbebens denſelben geſehen haben; lag er unter den Trümmern ſeines Hauſes be⸗ graben, war er auf andere Weiſe verunglückt, oder waren die wenigen Nachbarn, welche ſich noch in der Nähe aufhielten, ſo mit ſich ſelbſt beſchäftigt, daß ſie ſich um andere Leute wenig kümmerten, es blieb ſich das vorläufig gleich, aber der Mann ſelbſt war nicht zu erkunden. Bezüglich der geſchehenen Nachgrabungen erfuhr er endlich, daß erſt geſtern mehrere Leute beſchäftigt geweſen wären, den Schutt an einer Stelle beiſeite zu räumen, wer aber das gethan hatte, war nicht zu ergründen. „Der Sennor Ritterfeld?“ „Quien sabe!“ „Diebe? Räuber?“ „Quien sabe!“ Kohlweg ſchwieg und irrte planlos in der zer⸗ ſtörten Stadt umher, um vielleicht durch Zufall irgend eine Nachricht vom Käthchen oder ihrem Bruder zu er⸗ halten, welche ihn auf ihre Spur leiten könnten, aber der Zufall begünſtigte ihn ebenſo wenig. 65 Endlich begab er ſich, überdrüſſig dieſer fruchtloſen Nachforſchungen, in eine Fonda, und als der Abend heranrückte, beſchloß er heute nicht außerhalb der Stadt, ſondern auf den Trümmern von Käthchen's Hauſe zu ſchlafen, da eben ſolche Trümmerhaufen ziemliche Sicher⸗ heit bieten in Bezug auf erneute Erdſtöße. Wer aber einmal in ſeinem Leben wacker und recht⸗ ſchaffen, das will bedeuten: ſtark und heftig, verliebt war, begreift augenblicklich, daß nicht dieſe Sicher⸗ heit allein, ſondern auch der Gedanke ihn dahin führte, daß dieſe Trümmer die von Käthchens früherer Woh⸗ nung waren. Am folgenden Morgen indeſſen beſchloß er, die Zeit nicht ferner auf ſolche Weiſe zu vergeuden, ſondern ſeinen urſprünglichen Plan zu verfolgen und in ſein Haus zurückzukehren, wo er Scherflein oder wenigſtens Nachricht von ihm zu finden hoffte; vorher aber wollte er, gemäß ſeiner Verabredung mit Pedrillo, deſſen Stiefmutter aufſuchen, um dort vielleicht Nachricht von dieſem zu erhalten. Eben hatte er ſein Pferd über die Trümmer ge⸗ führt und wollte daſſelbe beſteigen, als er einen Reiter auf ſich zukommen ſah, welcher faſt gleichzeitig auch ihn bemerkte und erkannte, vom Pferde ſprang und ihn mit einem Freudenſchrei umarmte. v. Bibra, El paso de las animas. II. 3 5 Es war Scherflein, und man kann ſich denken, daß die Freude beider groß war. „Du haſt alſo den Hals auf jener verwünſchten Felſenmauer nicht gebrochen?“ ſagte endlich Kohlweg. Nein, wie Du ſiehſt, und auch meine liebe Inez nicht!“ „Ah, meine liebe Zuez“ verſetzte Kohlweg halb traurig, halb lächelnd;„wir beide ſind da alſo ganz unverhofft zu— nun, eben zu Freundinnen gekommen!“ Sie theilten ſich nun gegenſeitig ihre Erlebniſſe mit, und da uns dieſelben zur Genüge bekannt ſind, ſo bleibt uns nur zu bemerken übrig, daß Scherflein, nachdem er Inez im Hauſe zurückgelaſſen hatte, frucht⸗ los nach ihrem Vater forſchte, indeſſen Spuren von Kohlweg zu finden glaubte, welchen er nachzog. Vorzugsweiſe verdankte er dieſe Spuren der Flinte, welche Kohlweg am Sattel führte, da dies eine wenig gebräuchliche Bewaffnung in Chile iſt, ferner auch der Tabakspfeife Kohlweg's, was freilich wenig romantiſch klingt, dagegen aber deſto wahrer iſt, indem eine Pfeife dort großes Aufſehen erregt. Beide beſchloſſen jetzt, zuerſt die Stiefmutter Pe⸗ drillo's zu beſuchen, dann ſich ein wenig in der Nähe von Caſtillo's Hacienda umzuſehen, hierauf aber nach Hauſe zu Inez zurückzukehren. 67 Anhaltspunkte, wo ihr Vater zu ſuchen wäre, konnten doch vielleicht von ihr erhalten werden, denn er konnte ſich zu Freunden oder Verwandten geflüchtet haben und ſie wußte vielleicht über einige derſelben Beſcheid zu geben. Als ſie noch im Laufe dieſes Tages die Fonda er⸗ reichten, welche nach Pedrillo's Beſchreibung die ſeiner Stiefmutter ſein mußte, fanden ſie dieſelbe zwar nicht vollkommen zerſtört, indeſſen durch die Erdſtöße den⸗ noch einigermaßen mitgenommen. Unter der Thür ſaß eine mürriſch ausſehende Frau. Um ſich zu überzeugen, ob dieſelbe die Geſuchte ſei, ſagte Kohlweg: „Verzeiht, liebe Frau, ſeid Ihr nicht die Mutter eines gewiſſen Pedrillo?“ „Der Teufel iſt ſeine Mutter, nicht ich“, erwiderte die Frau zornig. „Aber er wohnte doch hier im Hauſe?“ „Leider Gottes hat er es verlaſſen! Ich habe mich genug darüber gegrämt⸗“ „Das paßt nicht recht zuſammen“, dachte Kohlweg. Laut ſagte er indeſſen: „Und warum habt Ihr Euch gegrämt⸗ daß er von Euch gegangen iſt?“ „Weil die Kammer, in weicher er früher ißtien bei den erſten Stößen des Erdbebens zuſammenſtürzte. Das wäre ihm geſund geweſen, hätte er da in ſeinem Neſte gelegen!“ „Alles in Ordnung“, dachte Kohlweg. Er nahm ſofort eine andere Miene an und ſagte drohend: „Macht mir keine Lügen vor! Wenn Ihr ihn ver⸗ ſteckt habt, geht es Euch nicht gut, denn ich muß den Hund haben!“ Die Frau ſah Kohlweg mehr neugierig als er⸗ ſchrocken an und ſagte dann: „Ich kann es beſchwören, daß er nicht hier iſt, aber wenn er hier wäre, was wolltet Ihr mit ihm machen?“ „Was ich mit ihm machen wollte? Donnerwetter! Ich will ihn prügeln, ſolange ich eine Hand rühren kann, und mein Freund hier wird mir helfen.“ Scherflein beſtätigte das und die Stiefmutter ſagte erfreut: „Ei, was für ein paar liebe und brave Herren ſeid Ihr und wie ſchade iſt es, daß dieſer gute Pedrillo nicht hier iſt. Aber was für einen Streich hat er Euch geſpielt, daß Ihr ſo erboſt über ihn ſeid?“ „Was für einen Streich?“ rief Kohlweg, ſich immer zorniger ſtellend.„Carajo! Mehr wie einen!“ Steigt ab“, ſagte die Stiefmutter,„und verweilt 69 einen Augenblick in meinem geringen Hauſe. Ich komme gleich wieder, und dann wollen wir überlegen, wie wir ihn faſſen können.“ Sie ging und kehrte mit Wein und Früchten wie⸗ der, welche ſie ihren Gäſten vorſetzte. Dann ſagte ſie: „Der junge Taugenichts ging mit einem Sennor davon, dem Sennor Caſtillo, der jetzt ſchon verdorben und vielleicht auch geſtorben iſt. Den Pedrillo aber habe ich während der ganzen Zeit nicht wiedergeſehen, außer noch einmal an demſelben Tage, an welchem ihn der Sennor mit ſich nahm. Der böſe Bube kam da, um mir allerlei ungewaſchenes Zeug vorzuſchwatzen und Grobheiten anzuthun, und dann ritt er ſeinem neuen Herrn nach, der wohl nicht viel beſſer als er ſelbſt iſt, denn ſeht, Sennores, wie der Herr, ſo der Knecht, und—“ „Halt“ ſagte Scherflein, wie ſieht es auf der Ha⸗ cienda des Sennor Caſtillo aus? Ich habe da Allerlei ſprechen hören.“ „Prächtig ſieht es da aus“, verſetzte die Frau ſcha⸗ denfroh.„Ein Dutzend Strolche hat den Sennor und ſeine hochmüthige Tochter zum Henker gejagt und wirthſchaftet jetzt dort, daß es eine Freude iſt. Es geſchieht aber dem Sennor ganz recht, warum hat er den nichtsnutzigen Burſchen, den Pedrillo—“ Diesmal unterbrach Kohlweg ihren Redeſtrom. „Da fällt mir plötzich ein Plan ein“, ſagte er, „wie wir dieſen Pedrillo in die Falle locken können. Könnt Ihr Euch ein wenig verſtellen?“ „Ach Gott“, erwiderte die Stiefmutter,„wenn man drei Männer gehabt hat, muß man das wohl lernen. Das Mannsvolk kann die Wahrheit nicht vertragen, und da wir armen und unterdrückten Weiber die Männer nicht ſchlagen können, ſo müſſen wir ſie belügen.“ „Schön! Hört alſo! Wenn Pedrillo bei Euch einkehren ſollte, ſo behandelt ihn gut, labt ihn mit Speiſe und Trank und ſagt ihm, daß ein gewiſſer Kohlweg hier bei Euch geweſen ſei und Euch gebeten habe, ihm, Pedrillo, zu ſagen, er ſolle nach dem Hauſe Kohlweg's kommen.“ „Kohlweg“ ſagte nachdenklich die Alte.„Das iſt doch kein Hieſiger!“ Scherflein legte ſich ins Mittel. „Nein“, rief er lachend,„ein Hieſiger iſt es nicht. Es iſt einer von drüben, ein Kerl, der ſo wacker lügen kann wie die unterdrückteſte Frau, und Pedrillo's guter Freund. Aber dieſer wird in Kohlweg's Hauſe uns beide finden, und was dann geſchieht, wißt Ihr ja bereits.“ 71 „Gebt's ihm nur tüchtig“, gab die gute Mutter zur Antwort, und dann verſprach ſie mit Hand und Mund, Pedrillo, käme er zu ihr, nach Wunſch zu behandeln. Hierauf ſchieden die beiden jungen Leute im beſten Einvernehmen mit Pedrillo's Stiefmutter. Ohne weitere bemerkenswerthe Abentenuer erreichten ſie am Tage darauf ihr früher ſo geſchmähtes Haus und wurden von Inez mit einem Freudenſchrei begrüßt, der Scherflein einen tiefen und erfreulichen Blick in ihr Herz thun ließ. Freilich fragte ſie gleich darauf nach ihrem Vater und brach in Thränen aus, als ſie erfuhr, daß die beiden Freunde keine Nachricht von demſelben geben konnten. Auf die Frage Scherflein's, ob ſie nicht vermuthe, daß Caſtillo ſich bei einem oder dem andern Freunde geborgen habe, erwiderte ſie kopfſchüttelnd: „Ich glaube nicht. Alle unſere Freunde haben ſich einer oder der andern gegenwärtig ſich bekämpfenden Parteien angeſchloſſen, und da mein guter Vater den unglücklichen Einfall hatte, neutral bleiben zu wollen, ſo will nun Niemand etwas von ihm wiſſen. Kaum möchte er alſo bei einem unſerer reichen Bekannten zu finden ſein. Aber es kann ſein, daß er, um für den Augenblick den Verfolgungen Agacio's zu entgehen⸗ ſich in irgend einer Hütte, vielleicht bei einem unſerer 72 frühern Knechte, verborgen hat. Aber wo? Und wie ihn auffinden?“ Daß, wie die Freunde berichteten, Caſtillo nicht mehr der Gefangene Agacio's ſei, beruhigte Inez eini⸗ germaßen, und man entwarf dann Pläne, was man für die nächſte Zukunft thun wolle. Vorläufig wollten beide Freunde einige Tage im Hauſe bleiben und einer von ihnen ſollte dann auf Kundſchaft ausziehen, um Nachricht über Caſtillo und ſein ferneres Geſchick einzuziehen, während der andere zum Schutze von Inez und ihrer Dienerin Beate im Hauſe bleiben ſollte, da Kohlweg auf ſeiner Fahrt nach Valparaiſo hinlänglich Gelegenheit gefunden, ſich von der herrſchenden Unſicherheit zu überzeugen. Die beiden Frauen jammerten, als ſie das Unheil erfuhren, welches das Erdbeben an ſo vielen Orten im Lande angerichtet hatte. Obgleich die Erde auch in ihrer Gegend tüchtig geſchüttelt worden, waren ſie doch weit davon entfernt, an eine ſo außerordentliche Ver⸗ heerung zu denken. Als aber Kohlweg hierauf ſeine Rettung durch Käthchen, ſeine Reiſe mit ihr nach Val⸗ paraiſo und ihr dortiges Verſchwinden erzählte, zeigte ſich Inez ganz als Weib. „Ihr ſeid verliebt bis über die Ohren“, rief ſie, „man muß Euch helfen und Ihr findet das gute Mäd⸗ 73 chen ganz gewiß wieder. Aber das war recht einfältig von Euch, daß Ihr nur einen Augenblick glauben oder daran denken konntet, ſie ſei Euch davongelaufen. Kein Mädchen und keine Frau läuft einem Manne da⸗ von, der ihr Leben und Ehre gerettet hat. Nein, nein und nochmals nein! Denn nein iſt nun mein Lieb⸗ lingswort geworden, und der da weiß, warum!“ Die beiden Freunde aber konnten ſich nicht genug verwundern, wie in ihrem Hauſe ſich Alles auf das vortheilhafteſte umgeſtaltet hatte. Man wollte behaupten und es kann ſein, daß wir ſelbſt dergleichen gethan haben, daß die chileniſchen Frauen nicht eben übermäßig ordnungsliebend ſeien. Unbedingt machte Inez aber eine lobenswerthe Aus⸗ nahme. Ihre ordnende, ſchaffende Hand war aller Orten ſichtbar. Alle Spuren der frühern Junggeſellenwirth⸗ ſchaft waren verſchwunden und trotz der wenigen Mittel, welche ihr zu Gebote ſtanden, war dennoch Alles nett und wohnlich eingerichtet. Kohlweg rieb ſich behaglich die Hände und Scherflein blickte offenbar mit Stolz auf das Werk ſeiner Inez, welche ſelbſt die freigelaſſenen Thiere des Hauſes, die Hühner und die Ziege, wieder an ſich gelockt und ver⸗ ſorgt hatte. — Es wäre eine Idylle geweſen, wenn der ab⸗ handen gekommene Sennor Caſtillo als Vater, der Böſewicht Agacio, das Erdbeben und noch verſchie⸗ dene andere Dinge ſich nicht in dieſes Stillleben ge⸗ drängt hätten. Als aber die Nacht hereingebrochen war, verhängte Kohlweg nicht mehr das Fenſter, wie er es früher gethan hatte, um den Mond hinauszuſperren und von dem ewig klaren Himmel nicht gelangweilt zu werden, ſondern er und die übrigen Hausgenoſſen nah⸗ men Platz auf einer Bank vor dem Hauſe, welche Inez und Beate mit Laubwerk überwölbt hatten, wie es dort zu Lande gehräuchlich Dann man zu⸗ ſammen. Kohlweg fand das gemüthlich und endlich ſagte er: „Es iſt jetzt hier faſt gerade ſo ſchön als wie bei uns zu Hauſe.“ Scherflein aber, unwillkürlich nach Inez blickend ſetzte hinzu: „Und mir kommt es noch ſchöner vor.“ Als man unter Anderm wieder auf die Reiſe Kohl⸗ weg's mit Käthchen nach Valparaiſo zu ſprechen kam, Jagte Inez: „Aber daß Sie der Todte in jenem Gehſlz ver⸗ 75 folgte, iſt ja ganz unmöglich, es iſt etwas, was nicht ſein kann und wovon man nie gehört hat.“ „Wenn Ihr in Deutſchland wäret, liebe Inez, wür⸗ det Ihr noch ganz andere Dinge hören“, verſetzte Scherflein lachend. Inez bat ihn zu erzählen, aber Scherflein ſagte: „Ich wüßte nicht wo anfangen und wo aufhören, denn wenn man alle Geſpenſter, welche ſich dort um⸗ hertreiben, zuſammenzählen wollte, ſo bekäme man deren mehr als lebende Menſchen. Da haben wir Feen, Wald⸗ und Feldgeiſter, Succuben, Waſſer⸗, Luft⸗ und Feuergeiſter, Erd⸗, Haus⸗ und Berggeiſter, Wehrwölfe, Zwerge und Rieſen, Hexen und Zauberer, wobei aber freilich bemerkt werden muß, daß viele dieſer Spuk⸗ geſtalten ſich nach der Mode richten und von Zeit zu Zeit unter anderer Form und verändertem Namen auf⸗ treten.“ „Das verſtehe ich nicht“, erwiderte Inez.„Aber wenn es ſo iſt, warum gibt es bei Euch ſo viel der⸗ gleichen unheimliche Weſen, vor welchen mir eigentlich immerhin ein wenig graut, obgleich ich mir ihr Daſein nicht denken kann?“ „Dieſes Grauen iſt die Urältermutter aller Geſpen⸗ ſter und ſo unerklärlich wie ſie ſelbſt“, ſagte Scherflein. „Ein Hauptgrund dieſes ſo reich geſegneten Spuk⸗ weſens waren die vielen Gottheiten, welche früher ſo⸗ wohl in Deutſchland ſelbſt als in den benachbarten Ländern anſäſſig waren. Freilich hatten die klaſſiſchen Götter, die der Griechen, welche die Römer ſpäter ins Lateiniſche überſetzten, an⸗ ſtändigere, wenigſtens noblere Paſſionen als die nor⸗ diſchen, welche theilweiſe ſelbſt dem Trunke ſtark erge⸗ ben und händelſüchtig waren. Allerlei Familienverbindungen fanden aber deshalb doch zwiſchen ihnen ſtatt, gerade ſo wie heutzutage unter den hohen und höchſten Herrſchaften. Da richteten die Juden in Jeruſalem ein Kreuz auf auf der Schädelſtätte, und dieſes Kreuz begann zu wachſen und mehr und mehr zu glänzen. Aunfänglich lachten die alten Götter, die feinen und die ungeſchliffenen, über dieſes Kreuz, abermals faſt gerade ſo, wie ſpäter hohe und höchſte Herrſchaften über gewiſſe andere Dinge lachten. Plötzlich aber bemerkten ſie, daß die Sache durchaus nicht zum Lachen wäre. Als ſie jedoch dieſe Bemerkung machten, war es bereits zu ſpät. Das Kreuz war rieſig gewachſen, es ſtrahlte weit⸗ hin in das alte Götterreich, und die alten Götter wurden abgeſetzt. Die deutſchen und überhaupt viele der nordiſchen —,—— 77 blieben im Lande und nahmen geringere Geſpenſter⸗ dienſte an, und da die Deutſchen gute Leute ſind, ſo gönnten ſie ihnen ihr bischen Brod und ließen andere wohl auch auf Leibzucht oder in Penſion ſitzen. Von den feinen ausländiſchen Göttern emigrirten aber auch verſchiedene nach Deutſchland, und ich will da nur die Diana nennen, welche bei uns auf eigene Rechnung das wilde Heer etablirte.“ „Ich verſtehe Vieles nicht von dem, was Ihr da vorbrachtet“, ſagte Inez, aber ich höre Euch dennoch gern reden. Sagt mir aber was iſt das wilde Heer?“ Scherflein zog die Schultern. „Eigentlich iſt es eine lange Geſchichte und ich will ſie ſo kurz als möglich zuſammen zu drängen ſuchen. Zur guten alten Götterzeit durchzog Diana, die Göttin der Jagd in den römiſchen Landen, mit ihren Nymphen zur Nachtzeit die Haine und Wälder. Ver⸗ jagt vom Gotte der Chriſten, ſetzte ſie dieſe Beluſti⸗ gung in Deutſchland fort, wo ſich ſpäter allerlei Zau⸗ ber⸗ und Hexengeſindel zu ihr geſellte und die klaſſiſchen Vergnügungen der Göttin in einen rohen, abergläubi⸗ ſchen, mittelalterlichen Unfug ausarteten. Schlimm Beiſpiel ſteckt an, und ſo konnte es nicht fehlen, daß allerlei andere todte Leute ſich mit der wilden Jagd zu beſchäftigen anfingen. Der höchſtſelige König Artus jagte in Englands Luftrevier. Der däniſche Brudermörder, der weniger ſelige König Abel, der beſſer Kain geheißen hätte, pirſchte mit Höllenlärm durch den Pölewald bei Gottorp. In Deutſchland aber jagte der Teufel und ſeine Großmutter durch die Luft. Der Schnellert zieht nach dem Rodenſtein und eine Menge anderer ſäkulariſirter Raubritter reiten mit ihrem hölliſchen Jagdgefolge durch die Wolken, die ſie elendiglich ruiniren, aus An⸗ gewöhnung oder Bosheit, da ſie die Felder des fried⸗ lichen Landmanns nicht mehr in den Boden ſtampfen können infolge des Wildſchadengeſetzes. Höchſt roh und ungeſchliffen benehmen ſich aber dieſe wilden Jäger nicht allein gegen die Menſchen, ſondern auch gegen ihre armen und harmloſen Mitgeſpenſter. Die alten Moos⸗ oder Waldweiblein, die Niemand etwas zu Leide thun und die gutmüthigſten Geſpenſter von der Welt ſind, haben das nicht ſelten den Holz⸗ hauern erzählt und dieſe gebeten, in einen abgeſägten Stamm drei Kreuze zu hauen. Warum? I Der wilde Jäger fängt ſolche arme Moosweiblein, peinigt ſie ſehr und zwingt ſie, mit der wilden Jagd zu ziehen, bis den alten, kraftloſen Moosweiblein der „— 79 Athem ausgeht. Kommen ſie aber auf einen Stamm mit drei Kreuzen, ſo muß ſie der Böſe dort hocken laſſen, er mag wollen oder nicht.“ Da Scherflein hier ſchwieg, ſagte Inez zu Kohl⸗ weg: „Ihr ſeid ein Jäger geweſen und wart wohl häufig des Nachts im Walde. Wie treibt es der wilde Jäger, und habt Ihr ihn geſehen?“ „Das wüthende Heer oder die wilde Jagd“ verſetzte Kohlweg,„zieht des Nachts über die Wälder mit Peit⸗ ſchenknall und Hörnerklang, mit wildem Halloh und Hundegeheul. Oft wimmert und klagt es droben in der Luft, oft dringt hölliſcher Jubel nieder zur Erde, und bisweilen geht es ſo niedrig, daß es die Gipfel der Tannen ſtreift, die ſich ächzend beugen. Aufwärts blicken iſt nicht gut, ſcheint aber der Mond, ſo ſieht man rieſengroß die Schatten des Spuks über die Haide ziehen oder über Blößen im Walde. Das Haar iſt manchem ſchwarzgelockten Burſchen ergraut in einer einzigen Nacht, wenn ihm der Spuk begegnet und wenn er ſich nicht zur Erde geworfen und ſein Antlitz geborgen im Moos oder Haidekraut. Voraus aber der wilden Jagd geht der Eckart und warnt die Menſchen.“ 80 „Wer iſt der getreue Eckart?“ fragte Inez. „Das iſt eine Geſchichte aus alten Zeiten, und der Eckart war der treueſte Mann. Es war einmal ein mächtiger König, dem hatte der Eckart Treue geſchwo⸗ ren. Der König aber erſchlug ihm ſeine Söhne und nahm ihm all ſein Gut. Da war in jenen alten Zeiten gleich der Jägergöttin Diana auch die heidniſche Frau Venus nach Deutſchland gezogen und richtete in einem Berge ihre Hofhaltung ein, freilich ſchon eine halbe Teufelin und ſchlimme Zaubrerin. Das Manns⸗ bild, welches eintrat in den verherten Berg, kam nim⸗ mermehr ans Tageslicht und lebte dort herrlich und in Freuden viele Jahre. Dabei ging aber freilich auch die Seele drauf, und Jeder kann ſich leicht denken, daß die armen Seelen, wenn die luſtigen Liebesſtücke ausgeſpielt im Berge, nicht aufwärts gefahren ſind, ſondern abwärts in die Hölle, zum guten Freunde der Frau Venus. Jedweder aber weiß, wie die Mannsleute ſind, und die Weiber wiſſen's wohl noch beſſer. Da ka⸗ men alſo die Söhne des Königs und wollten auch in den Berg; auf ihr ewiges Heil kam es den jungen Herrlein gar nicht an. Der Eckart aber, hatte ihn gleich der alte König arg geſchädigt und ihm alle ſeine lieben Kinder erſchlagen, bewahrte dennoch 8¹ ſeine Treue und ließ ſeines Königs Söhne nicht in den Berg. Er ſtellte ſich an den Eingang und wehrte mit Wort und Arm, ſodaß die Königskinder abziehen mußten und ihr Seelenheil gerettet war. Dabei aber ging das des Eckart in die Brüche, ich weiß nicht recht wie. Da er nun nicht in den Himmel durfte, ſo erhielt er die Erlaubniß, auf Erden die Menſchen zu warnen und dem wilden Jäger voranzu⸗ gehen, damit Keiner zu Schaden käme. Dem wilden Jäger iſt er freilich ein Dorn im Auge, und auch mir kommt es bisweilen ganz toll in die Augen, wenn ich an den alten treuen Eckart denke.“ Kohlweg ſchwieg bei dieſen Worten und Inez blickte verwundert nach ihm hin, da ſeine Stimme einen ganz eigenthümlichen Klang zu haben ſchien. Indeſſen fragte ſie: „Aber habt Ihr denn ſelbſt die wilde Jagd ge⸗ ſehen?“ Kohlweg verſetzte: „Man hört und ſieht mancherlei tolle Dinge, wenn man des Nachts allein durch Wald und Feld ſchweift, oder wenn ſchlimme Gedanken unſere Begleiter ſind. Man ſagt, daß das Unglück nicht fern ſtehe von dem, über welchem die wilde Jagd hinwegzieht, und daß der⸗ v. Bibra, El paso de las animas. II. 6 — 82 ſelbe eine Unthat begehen werde oder eine ſolche an ihm verübt wird. Nun, ich habe Manches erlebt, aber ob ich die wilde Jagd geſehen, ich weiß es nicht.“ Er ſchwieg und Scherflein ſagte: „Punktum, nun nichts mehr von dergleichen! Hier u Lande verſieht der Teufel allein das ganze Geſchäft für unſer heimiſches zahlreiches Geſpenſterperſonal, und ſolche Geſpenſter bringen hier deswegen nicht einmal ein anſtändiges Grauen zu Wege. Von etwas Anderem alſo.“ Sie thaten alſo, und auch an den folgenden Tagen ſprach man nicht mehr von ſolchen verfänglichen Din⸗ gen. Mancherlei Anderes aber berichteten die beiden jungen Deutſchen von ihrem Vaterlande, das dieſem wohl zu Zier und Lob gereichte: von Kunſt und Wiſſen, von Können und Schaffen, von den pracht⸗ vollen Kirchen, die man dort gebaut zur Ehre Got⸗ tes, und von den Tempeln, die man dem Luxus geweiht, von den glänzenden Schaufenſtern, den prachtvollen Verkaufsgewölben und den Paläſten der Reichen. Es war ſonderbar, als ſie von allen dieſen Dingen ſprachen, erfüllte Stolz und Freude ihr Herz. Als ſie aber des deutſchen Waldes gedachten, war es ihnen faft, als ſollte das Heimweh wiederkehren, das ſie kaum erſt verlaſſen hatte. Nach etwa acht Tagen verließ Kohlweg das Haus, um in Betreff Käthchen's auf Kundſchaft zu gehen. Allein er brachte keine beſonders tröſtliche Nachricht mit, als er nach weitern acht Tagen heimkehrte. In Santiago erhielt er nicht die geringſte Spur irgend einer Kunde. welches Käthchen bewohnt hatte, war ſo wenig zu finden wie vorher, und auch die Leute, welche Nachgrabungen angeſtellt im Schutte und den Trümmern, waren nicht wiedergekehrt. In Valparaiſo berichtete ihm ein deutſcher Kauf⸗ mann, der auf ſeine Bitten weitere Nachforſchun⸗ gen angeſtellt, daß an dem Nachmittage, an welchem Käthchen verſchwunden war, ein Mädchen, welches Aehnlichkeit mit ihr zu haben ſchien, aus einer Schenke unweit des Hafens gekommen ſei, ein Boot genommen und ſich nach einem im Hafen liegenden Schiffe bege⸗ ben habe. Der Eigenthümer des Hauſes, Aber damit war auch alle Spur zu Ende. Von Caſtillo endlich wußte Niemand etwas in der Nähe ſeiner noch ſtets von Agacio's Knechten beſetzten Hacienda. Daß er noch nicht zurückgekehrt, war ſicher, 6* 84 aber auch Agacio fehlte und ebenſo wenig war etwas über Pedrillo zu erfahren. Da wir indeſſen ſo ziemlich davon unterrichtet ſind, wo ſich dieſe fehlenden Perſonen unſerer Geſchichte be⸗ finden, ſo wollen wir uns nun auch von ihrem fernern Thun und Treiben zu unterrichten ſuchen. Viertes Kapitel. El paso de las animas. So unangenehm anfänglich Agacio auch die Be⸗ gleitung Ramon's und Manuel's war, ſo fügte er ſich doch endlich, theils weil er ſah, daß Ramon hartnäckig entſchloſſen ſchien, ihn nicht zu verlaſſen, theils weil er hoffte dieſen zu überliſten und etwas über Caſtillo oder Inez zu erfahren, endlich aber, weil er ſelbſt nicht wußte, wohin er ſich wenden ſollte, und es ihm nicht angenehm war, längere Zeit allein im Lande umher⸗ zuziehen. Während er eine Zeit lang ſchweigend neben ſei⸗ nen Begleitern dahineilte, legte er ſich den muthmaß⸗ lichen Stand ſeiner Angelegenheiten zurecht. Was Lopez betraf, ſo glaubte er ziemlich ſicher 86 annehmen zu dürfen, daß derſelbe ſo wenig wie er ſelbſt etwas Genaueres über den Aufenthalt Caſtillo's und ſeiner Tochter wiſſe. Bezüglich Ramon's, denn den einfältigen Manuel beachtete er nicht weiter, ſchien es ihm höchſt wahr⸗ ſcheinlich, daß Lopez durch denſelben von ſeiner un⸗ glücklichen Expedition im Gebirge Kenntniß erhalten habe. Ferner wußte Ramon, wo ſich Caſtillo befand, viel⸗ leicht war ihm ſogar Näheres über Inez bekannt, auf der andern Seite mußte Ramon aber zuverläſſig wiſſen, daß er ſelbſt, Agacio, keinerlei Nachricht über beide hatte. Der Stand ſeiner eigenen Angelegenheiten ſchien ihm endlich keineswegs ein günſtiger und die Hoffnun⸗ gen, welche er noch vor kurzer Zeit gehegt hatte, waren durch das Geſpräch mit Lopez ſtark herabgeſtimmt wor⸗ den. Daß dieſer die Früchte ſeiner bisherigen Thätig⸗ keit für ſich ſelbſt in Anſpruch nehmen wollte, ſchien ihm auf der Hand zu liegen, und ebenſo wollte es ihm ſcheinen, als ſei es nicht räthlich, Lopez offen ent⸗ gegen zu treten. Er gab alſo ſo ziemlich den Gedanken an den Beſitz der Hacienda auf, und ebenſo an den von Caſtillo's Tochter, welche, wie er wußte, ihn nicht ausſtehen konnte. 87 Dagegen war ihm der Gedanke, Rache zu nehmen an Caſtillo und Inez, ein höchſt angenehmer, und da die Süßigkeit der Rache außerordentlich vermehrt wird durch eine Zuthat von baarem Geld, ſo klammerte er ſich faſt krampfhaft an den ihm von Lopez gegebenen Auftrag. Er mußte alſo unter allen Umſtänden den Ort zu erfahren ſuchen, an welchem ſich Caſtillo und Inez, freiwillig oder unfreiwillig, aufhielten. Dann wollte er beide zu beliebiger Nutznießung an Lopez verkaufen, und ſollte der Kaufſchilliig aus dem Beutel Caſtillo's, des Verkauften, fließen, ſo würde ihm das, der Rache wegen, doppelt angenehm ſein. Infolge aller dieſer Betrachtungen änderte ſich faſt unwillkürlich ſein Benehmen gegen Ramon, er ward freundlicher gegen denſelben, begann über allerlei Dinge mit ihm zu plaudern, und nach nicht allzu langer Dauer dieſer Gemüthlichkeit hatte Ramon vollſtändig begriffen, daß Agacio ſo wenig von Inez' Schickſale bekannt war als ihm ſelbſt. Er beſchloß ruhig zu Werke zu gehen und, wie man zu ſagen pflegt, Agacio ankommen zu laſſen. Unter mehreren Tagen durfte er nicht zu Lopez zurückkehren, er hatte alſo hinlängliche Zeit vor ſich, die Pläne, vor allem aber die Mittel Agacio's zu er⸗ kunden. N 5 88 War der Mann im Stande, gut zu zahlen, und hatte er Luſt hierzu, ſo konnte er Caſtillo haben. Warum das nicht? Hatte die Sache aber ihre allzu großen Umſtändlich⸗ keiten, ſo war immerhin noch Lopez da, wenngleich dem vorſichtigen Ramon deſſen Redensarten:„Ihr ſollt mit mir zufrieden ein“, und:„Es kommt mir auf ein Dutzend Goldunzen nicht an“, im Grunde nur wenig gefallen wollten. Wo möglich baar Geld oder wenigſtens etwas Schriftliches, das iſt der Gebrauch unter reellen Ge⸗ ſchäftsleuten. „Wo gedenkt Ihr heute die Nacht zuzubringen, theurer Sennor Agacio?“ ſagte nach mancherlei hei⸗ tern Geſprächen Ramon, als ſich der Abend niederzu⸗ ſenken begann. „Das kommt ganz auf Euch an, guter Ramon“, verſetzte Agacio,„denn da ich annehmen muß, daß Ihr mir einen gewiſſen Weg zeigen wollt, ſo muß ich Euch ſchon die Führung überlaſſen.“ Ramon verbeugte ſich und wendete freundlich lä⸗ chelnd die Redensart des Sennor Lopez an, indem er ſagte: „Ihr ſollt mit mir zufrieden ſein!“ Die Chilenen ſind im Allgemeinen nichts weniger . —— 89 als Trinker, wenigſtens im Sinne unſerer mannhaften Altvordern nicht und ſelbſt nicht in dem unſeres gegen⸗ wärtigen, etwas verzärtelten Geſchlechts. Dennoch aber iſt ihnen, wie wohl allen cultivirten und uncultivirten Völkern, die Wirkung des Weins auf den Menſchen ſehr wohl bekannt, und Agacio beſchloß dieſelbe zu benutzen. Als man an eine ziemlich beſcheidene Fonda ge⸗ kommen war, welche Ramon als Nachtherberge vorge⸗ ſchlagen hatte, begann er ſofort den Luſtigen zu ſpielen, ließ Wein kommen und forderte ſeine beiden Gäſte, wie er Ramon und Manuel nannte, zum Trinken auf, und während er ihnen hierin mit gutem Beiſpiele voran⸗ ging, erzählte er Schnurren und Poſſen und entwickelte eine ungemeine Heiterkeit. Während Agacio, wo es halbwegs anging, ſich nur den Schein gab, als trinke er, that Manuel ehrlich Be⸗ ſcheid; da er aber muthmaßlich nur wenig vertragen konnte, ſo verfiel er bald in Schlaf, und nun ging Agacio allmälig zu einem vertraulichen Weſen und zu einer gewiſſen Offenherzigkeit über. Er behandelte Ramon vollſtändig als ſeinesglei⸗ chen und machte demſelben eine Menge von Geſtänd⸗ niſſen, welche meiſt Bezug auf Liebeshändel hatten und die, mochten ſie wahr ſein oder erdichtet, Ramon im Grunde nur wenig intereſſiren konnten. 90 Dann begann er von Cattillo zu ſprechen, in der Hoffnung, daß Ramon ſeine Offenherzigkeit erwidern und wenigſtens einige Andeutungen über jenen fallen laſſen würde. Er war indeſſen vollſtändig an den unrechten Mann gekommen. Ramon machte es wie Agacio ſelbſt, er trank nur, wenn es durchaus nicht zu vermiden war, und je mit⸗ theilender und gemüthlicher dieſer zu werden ſchien, deſto höflicher und gemeſſener wurde ſein eigenes Be⸗ nehmen, wobei er jedoch nicht unterließ, ebenſo wie Agacio, auf ſeinen Zweck hinzuarbeiten. Dieſer Zweck aber war kein anderer, als zu erfah⸗ ren, ob Agacio im Beſitz von Geldmitteln ſei und über eine gewiſſe Summe verfügen könne, führe er dieſelbe auch im Augenblick nicht bei ſich. Es kann ſein, daß er einigermaßen beſſere Geſchäfte machte als ſein Gegner, denn als er ſpäter ſein Lager ſuchte, ſagte er zu ſich ſelbſt: „Der Dummkopf hat vergeſſen, ſeine Pfeife zu ſchnei⸗ den, ſolange er im Rohre ſaß, und wie die Sachen gegenwärtig ſtehen, wird es wohl zu ſpät für ihn ſein. Denken wir an den Sennor Lopez.“ Agacio's Gedanken aber waren etwa folgende: „Er iſt ſchlau dieſer Ramon, und ich habe die un⸗ 91 glücklichſte Wahl getroffen, als ich ihn damals mit mir nahm, um Caſtillo zu fangen. Aber dennoch irrt er ſich bedeutend, wenn er glaubt, daß ich die Katze im Sacke kaufen werde.“ Als am andern Morgen Agacio die Zeche bezahlte, warf Ramon unbemerkt einen flüchtigen Blick auf ſeine Börſe, doch wir ſind vorläufig nicht im Stande, zu berichten, ob ihn ſeine Wahrnehmungen befriedigten oder nicht. Wir treffen unſere Reiſenden am Abende des näch⸗ ſten Tags ſo ziemlich in der Nähe des berühmten Schlachtfeldes, auf welchem, wie Agacio Lopez berichtet hatte, der erſtere von einer ſo überlegenen Anzahl Spaniſcher in die Flucht geſchlagen wurde. Es mußte in der letzten Zeit Mancherlei verhandelt worden ſein zwiſchen Agacio und Ramon, was in ihr gegenſeitiges Benehmen eine gewiſſe Veränderung ge⸗ bracht hatte, denn Agacio war um ein gutes Theil weniger heiter und vertraulich als vorher und Ramon hatte ſeinerſeits ſeine allzu große Höflichkeit beiſeite gelegt. „Das iſt alſo der Weg zum Sennor Caſtillo?“ ſagte Agacio zu Ramon, welcher neben ihm ritt, wäh⸗ rend Manuel etwa fünfzig Schritte hinter ihnen blieb, um, wie Ramon ſagte, Acht zu haben, daß kein Unbe⸗ „ rufener ihnen folge, in der That aber, damit er die Verhandlungen zwiſchen den Beiden nicht hören ſolle⸗ Ramon ſchien indeſſen die Frage ſeines Begleiters überhört zu haben, denn er gab keine Antwort, und als jener ſeine Worte wiederholte, begnügte er ſich, einfach mit dem Kopfe eine bejahende Bewegung zu machen. „Ihr ſeid ja verzweifelt wortkarg geworden“, ſagte jetzt Agacio, worauf Ramon zur Antwort gab: „Es verſteht ſich von ſelbſt, das dies der Anfang des Weges ſein muß, den Ihr wiſſen wollt, denn hier war es, wo Ihr uns mit dem Sennor im Stiche ließt und ſo heldenmüthig ausgeriſſen ſeid.“ Es läßt ſich nicht leugnen, daß Ramon's übermäßige Höflichkeit bedeutend im Abnehmen begriffen war. Agacio entgegnete mit gerunzelter Stirn: „Eure Sprache gegen mich nimmt auf einmal einen ganz beſondern Ton an, ein wenig unverſchämt, wie mir däucht, mein guter Ramon.“ „Ach was!“ verſetzte dieſer gleichgültig. Agacio biß ſich auf die Lippen, dann ſagte er in ſo gemäßigtem Ton, als es ihm möglich war: „Suchen wir ins Reine zu kommen und ſprechen wir uns klar aus. Wollt Ihr mir den Sennor Caſtillo, den Ihr gefangen haltet, ausliefern?“ ——— * 93 Ramon hielt ſein Pferd an und winkte Manuel, der ſtets noch hinter ihnen ritt, ein Gleiches zu thun, dann ſagte er: „Ja, wir wollen ſo klar als möglich zuſammen ſprechen. Was zahlt Ihr mir, wenn ich Euch den Sennor Caſtillo ausliefere?“ „Das wird ſich finden, wenn ich weiß, welche Ge⸗ ſchäfte ich mit ihm machen kann.“ „Que disparate! Welch ein Unſinn! Ich will beſtimmt, und das zwar hier auf der Stelle, wiſſen, was Ihr gebt.“ Agacio ſchien einen Augenblick nachzudenken, dann ſagte er entſchloſſen: „Ich führe nicht viel bei mir, aber ich will Euch geben, was ich bei mir habe: zehn Goldunzen.*) Das iſt ein Bettelgeld.“ „Ich habe Euch geſagt, daß das alles Geld iſt, was ich mit mir führe.“ „Aber Ihr habt eine Brieftaſche bei Euch. Reißt ein Blatt heraus und ſchreibt einen Schuldſchein, den ich Euch dictiren werde.“ „Ich werde mich hüten“, verſetzte Agacio,„denn *) Eine Goldunze berechnet ſich ziemlich genau auf vierzig Gulden. wenn ich mit Caſtillo nicht nach Wunſch fertig werde, ſo weiß der böſe Feind, wenn ich Euch bezahlen kann.“ „So, ſo!“ dachte Ramon, laut aber ſagte er trocke⸗ nen Tones: „So ſucht Euch Euren Sennor ſelbſt!“ „Unverſchämter Kerl!“ rief Agacio in plötzlich auf⸗ brauſender Heftigkeit.„Sprecht Ihr ſo mit mir? Bedenkt Ihr nicht, daß wieder Ruhe im Lande werden wird, und daß es Euch ſelbſt jetzt ſchon, wenn ich Euch an⸗ zeige, ſchlimm ergehen kann?“ Vielleicht dachte Ramon abermals:„So, ſo!“ Er ſagte indeſſen ruhig: „So gebt mir die zehn Goldunzen, und ich will Euch den Weg zum Sennor Caſtillo zeigen.“ „Sonſt nichts?“ rief Agacio höhniſch.„Nein, mein ehrlicher Ramon, ſo haben wir nicht gewettet. Ihr führt mich zum Sennor, und wenn ich ihn leibhaftig vor mir ſehe, bekommt Ihr Eure zehn Goldunzen und könnt dann zum Henker reiten, oder wohin es Euch ſonſt Vergnügen macht. Ohne dieſes aber keinen Medio!“ Ramon zuckte mit den Mundwinkeln, indeſſen ſchien er zu überlegen, und nachdem er einen flüchtigen Blick auf den noch ſtets in einiger Entfernung haltenden Manuel geworfen hatte, ſagte er: —— — n— 95 „Ihr haltet mich hart, Agacio, aber was will ich machen! Der Sennor ſteckt nicht weit von hier, ich will Euch zu ihm führen und rechne auf Eure ſpätere Dankbarkeit.“ Er ritt jetzt wieder weiter, und als Agacio ſah, daß er ſich nach dem paso de las animas wandte, ſagte er: „Dort hinüber?“ „Freilich, das iſt der nächſte Weg, und ehe eine Stunde vergeht, werde ich meine zehn Goldunzen haben.“ Sie ritten jetzt den auf dieſer Seite weniger ſtei⸗ len und auch etwas breitern Felſenweg hinan, und als ſie das uns bereits bekannte Plateau erreicht hatten, auf welchem vor einiger Zeit Agacio Inez er⸗ greifen oder tödten wollte, bemerkte Manuel, welcher ſich noch unten befand, etwa Folgendes: Er ſah eine raſche Bewegung von Ramon's Arm gegen Agacio, welcher an Ramon's rechter Seite ritt, oder glaubte dieſe Bewegung wenigſtens zu ſehen. Faſt gleichzeitig aber fiel oder ſprang Agacio vom Pferde, und Ramon folgte ihm ebenſo ſchnell. Manuel konnte nun ſeines niedern Standpunktes wegen die beiden Männer nicht mehr bemerken, ſondern blos die Ober⸗ körper der zwei jetzt ledigen Pferde. 96 Von der gütigen Mutter Natur ſo wenig mit Ver⸗ ſtand als mit Muth geſegnet, hielt er unwillkürlich ſein Pferd an, da er inſtinktartig ein Unglück oder einen Ueberfall vermuthete, nach kurzer Zeit indeſſen, und als er eben beſchloſſen hatte, langſam aufwärts zu reiten, erſchien Ramon wieder und ſchwang ſich auf ſein Pferd. Er nahm dann das Pferd Agacio's beim Zügel und ritt, während er Manuel winkte, zu bleiben, wo er ſei, abwärts. Agacio ſchien noch oben verweilen zu wollen, vielleicht um die ſchöne Ausſicht zu genießen, vielleicht auch aus andern Gründen, jedenfalls aber blieb er unſichtbar. „Umwenden“, ſagte Ramon, als er bei Manuel angekommen war. „Umwenden? Aber wo ſteckt denn Agacio?“ „Er ſetzt ſeinen Weg allein fort.“ „Zu Fuße?“ „Wie Du ſiehſt, indem ich hier ſein Pferd habe.“ „Aber er wollte ja zum Sennor Caſtillo?“ „Natürlich, und aus Großmuth habe ich ihm den Weg umſonſt gezeigt.“ Das war etwas, was Manuel ſtark bezweifelte, und er ſagte daher kopfſchüttelnd: —— 97 „Das iſt ja aber der Weg gar nicht zu Crespo, bei welchem ſich der Sennor Caſtillo befindet.“ „Mein Sohn“ verſetzte Ramon,„es führen ver⸗ ſchiedene Wege zum Himmel, und ich zweifle nicht, daß dieſer Sennor Agacio den richtigen finden wird.“ „Aber zu Fuße? Wer wird denn zu Fuße gehen?“ „Jeder nach ſeinem Geſchmack. Aber jetzt ſchweige. Agacio hat uns ſein Pferd zum Präſent gemacht, führe es, und wenn ſich Gelegenheit findet, werde ich es ver⸗ kaufen und Du ſollſt Deinen Antheil haben.“ „Die Hälfte!“ ſagte Manuel haſtig. „Das verſteht ſich, die Hälfte, wie bei allen unſern gemeinſchaftlichen Unternehmungen.“ „Ja, aber“, verſetzte Manuel hüſtelnd und offenbar ſeinem Kameraden oder eigentlich ſeinem Patron ge⸗ genüber in einiger Verlegenheit,„ja, aber— das heißt— bis jetzt habe ich in Wirklichkeit noch gar nichts er⸗ halten.“ „Mein Sohn“, ſagte Ramon,„Du biſt mir zu Zeiten vollſtändig unbegreiflich! Haſt Du je gehört, daß man abzurechnen pflegt, wenn die Geſchäfte noch in vollem Gange ſind? Sind die unſerigen beendet, oder willſt Du verlangen, daß ich Deinethalben in dieſe alte und ehr⸗ würdige Geſchäftsordnung eine Störung bringen ſoll? Manuel! Manuel! Aber ich hoffe, daß, wenn die drei v. Bibra, El paso de las animas. II. 7 98 Monate vergangen ſein werden, von denen wir neulich ſprachen und in welchen Du endlich mein Alter erreicht haben wirſt, Du im Klaren über unſer ganzes, auf Gegenſeitigkeit gegründetes Verhältniß ſein wirſt.“ Manuel erwiderte nichts und ritt eine Zeit lang ſchweigend neben ſeinem väterlichen Freunde her. End⸗ lich aber ſagte er mit der Leuten ſeines Schlags eigenen Hartnäckigkeit: „Zuverläſſig hat Dir Agacio, als Du ihm den Weg zeigteſt, ein kleines Douceur gegeben; von dieſem bekomme ich, wenn wir abrechnen, auch die Hälfte.“ „Ich kann beſchwören“, entgegnete Ramon,„daß Agacio mir keinen Medio gegeben hat. Aber thue mir jetzt die Liebe an und ſprich nicht mehr von ihm. Es greift mir die Nerven an.“ Manuel befolgte dieſen Befehl ſeines Freundes, nach einiger Zeit aber ſagte er: „Wo werden wir heute übernachten? Es iſt ſchon faſt vollkommen dunkel und ich ſehe nirgends eine Fonda.“ „Wir bleiben hier“, verſetzte Ramon, indem er vom Pferde ſprang,„und morgen werden wir weiter ſehen.“ Wir wollen nun aber mit kurzen Worten dem freundlichen Leſer berichten, was Ramon im Schilde 99 führte und wie weit es ihm gelang, ſeine Pläne durch⸗ zuſetzen. Lopez hatte ihm befohlen, Agacio zu folgen und auf irgend eine Weiſe den Aufenthalt Caſtillo's oder ſeiner Tochter zu erkunden. Zwar hatte er ſeine Gründe, aus welchen er mit Sicherheit ſchließen durfte, daß Agacio nicht ſo bald wieder zu Lopez zurückkehren würde, da die Wege, welche er ihn gehen ließ, lang und unbekannt waren, indeſſen durfte er ſelbſt ebenfalls nicht ſogleich zu Lopez zurück⸗ kehren, theils um glaubwürdig zu machen, was er ihm berichten wollte, theils aber auch um dieſen Berichten einen größern Werth zu verleihen. Er beſchloß alſo in ländlicher Ruhe und Einſamkeit, am gaſtlichen Herde eines Geſinnungsgenoſſen, einige Tage zu verweilen und dann erſt zu Lopez zu gehen. Der Mann, den er auffuchen wollte, hatte vor einiger Zeit mit der Polizei einige unangenehme Meinungsver⸗ ſchiedenheiten ausgetauſcht und, als der Klügere nach⸗ gebend, ſich in ein kleines Beſitzthum in den Vorbergen der Cordillera zurückgezogen. Dort wollte er, mit der Ruhe eines echten Philoſophen, entweder die Zeit ab⸗ warten, in welcher er ſich ohne Gefahr wieder im Lande zeigen durfte, oder eine günſtige Gelegenheit, ſein un⸗ dankbares Vaterland zu verlaſſen. 2 —————— w 100 Ramon kannte den Mann. Er kannte den Grund ſeines freiwilligen Exils, und da ihm die Lage deſſelben bekannt war, ſo begab er ſich mit Manuel am folgen⸗ den Tage dorthin, und ein kurzes Geſpräch unter vier Augen, begleitet von einem jener aller Welt verſtänd⸗ lichen Händedrucke, ſicherte ihm die gaſtfreundlichſte Aufnahme. Wir verſchweigen den Namen dieſes gleich Crespo im Gebirge lebenden Mannes, theils aus Beſcheidenheit, da er ſelbſt zur Zeit noch unerkannt bleiben wollte, theils um unſer Verzeichniß der in Chile mehr oder weniger gebräuchlichen Taufnamen nicht unnöthig zu erſchöpfen. Wir ſchildern die romantiſche Lage ſeiner Beſitzung nicht, da man zwar unſere Schilderungen von Gegenden bisweilen nicht eben ungünſtig aufnahm, ſie dennoch aber wieder ein wenig allzu häufig angebracht fand. Wir ſprechen endlich von den idylliſchen Beſchäfti⸗ gungen nicht, welchen ſich Ramon, der Unbekannte und Manuel während dieſer ländlichen Ferien hingaben, und führen ihre unſchuldigen Geſpräche ebenſo wenig an, da wir die Geduld des verehrten Leſers nicht allzu ſehr auf die Probe ſtellen wollen und ohnedem genöthigt ſind, den ehrlichen Ramon ein paar Mal wenigſtens noch ſprechen zu laſſen. 101 Aber wir ſagen, was er weiter beabſichtigte und mit weiſer Ueberlegung durchführte. Er war länger, als er anfänglich im Sinne hatte, bei dem Unbekannten geblieben, theils weil Erinnerun⸗ gen an vergangene Zeiten für gemüthliche Seelen ſo höchſt erquicklich ſind und der Unbekannte und er ſelbſt früher in Treue und Untreue mancherlei Abenteuer zuſammen beſtanden hatten, theils aber auch deshalb, weil er den Werth ſeiner Mittheilungen an Lopez da⸗ durch zu erhöhen glaubte. Nach etwa acht oder zehn Tagen fand er es in⸗ deſſen an der Zeit, ſich zu dieſem zu begeben. Gänzlich überflüſſig ſchien ihm die Anweſenheit Manuel's bei den Verhandlungen, welche er mit Lopez anzuknüpfen gedachte. Einmal traute er der kindlichen Naivetät Manuel's gegenüber dem erfahrenen Lopez nicht, und auf der andern Seite war ihm die Abrechnung mit Manuel, auf welche dieſer ohne Zweifel dringen würde, zur Zeit noch nicht genehm. Er hoffte ſpäter einen günſtigern Zeitpunkt zu finden, um dieſe Abrechnung mit ſeinem Freunde pfle⸗ gen zu können, in gemüthlicher Einſamkeit und ent⸗ fernt von den vielen läſtigen Zeugen, wie ſich dieſe auf der Hacienda des Sennor Lopez finden mußten. 102 Als beide reiſefertig waren, ſagte er daher zu Manuel: „Mein Kind, ich gebe Dir jetzt einen Beweis mei⸗ nes Vertrauens, welcher groß iſt!“ Manuel lächelte nicht beſonders geiſtreich und er⸗ wartete ſchweigend, was folgen würde. „Nun“, fuhr Ramon fort,„rathe einmal.“ „Wir wollen abrechnen“, ſagte Manuel nach einigem Nachdenken. „Nein“, verſetzte Ramon.„Zwar iſt es allerdings auch ein Beweis, wie ſehr ich auf Deine Rechtlichkeit baue, daß ich unſere gegenſeitige Abrechnung ſo lange anſtehen laſſe, ja, ein großer Beweis. Der aber, den ich jetzt zu geben beabſichtige, iſt größer. Du ſollſt zu Crespo auf die Cordillera gehen!“ „O“, rief Manuel,„zu Crespo! Ich will aber mit Dir zum Sennor Lopez.“ „Dem kommſt Du ſchön an, guter Manuel! Erinnerſt Du Dich nicht, daß er uns ſchon jenes Mal trennen und Dich allein dem Agacio nachſenden wollte?“ „Mich? Dich wollte er Agacio folgen laſſen und ich ſollte bei ihm bleiben.“ „Das bleibt ſich gleich“, ſagte Ramon;„einen eben, und wenn er mich ſchickte, ſo muß ich auch wieder zu ihm zurück, während die ehrenvolle Sendung zu Crespo Dir übertragen wird.“ 103 „Es iſt ein verteufelter Weg“, verſetzte Manuel, ſich hinter dem Ohre kratzend,„und was ſoll ich überhaupt bei Crespo thun?“ „Es iſt ein Auftrag von der höchſten Wichtigkeit“, ſagte Ramon ſinnend,„aber ich bin überzeugt, daß Du ihn gut ausrichten wirſt. Sage alſo Crespo— thue mir aber die Liebe an, Alles pünktlich zu merken— er ſolle Alles beim Alten laſſen, bis ich ſelbſt käme, was in etwa zehn Tagen geſchehen würde.“ „Warum denn das?“ „Sagt Dir Dein Verſtand nicht den Grund?“ „Nein, gar nichts!“ „Nun“, ſagte Ramon ernſthaft,„ſo reite in Gottes Namen ohne Verſtand und ohne Grund.“ Er begleitete ihn ein Stück Wegs, verabſchiedete ſich hierauf von ihm, und als er ihn aus den Augen verloren hatte, gab er ſeinem Pferde die Sporen, und jagte hinunter in das Land, um Lopez ſeinen Beſuch abzuſtatten. Ohne alle Abenteuer erreichte er die Hacienda deſ⸗ ſelben, auf dieſer aber erfuhr er allerlei merkwürdige Dinge. Der Sennor Lopez hatte ganz unerwartet, wie das bisweilen, und vollſtändig gegen ſeinen Willen, wie das faſt immer vorzukommen pflegt, das Zeitliche geſegnét, 104 und da er ſich nicht im Beſitz einer liebenden Gattin befand, welche ihn beerben konnte, ſo herrſchte auf ſei⸗ ner Hacienda die größte Verwirrung, und Ramon, um den ſich Niemand beſonders kümmerte, konnte nur mit Mühe und fragmentariſch die nähern Umſtände des Todesfalls erfahren. Dieſe waren aber folgende: Wie uns bekannt iſt, trug ſich Lopez mit dem Ge⸗ danken, mit der Familie Caſtillo in nähere Verbindung zu treten. Das wüſte Treiben der Knechte auf der gegenwärtig herrnloſen Hacienda Caſtillo's hatte er eine Zeit hindurch ruhig mit angeſehen, da er die Hoff⸗ nung hegte, Caſtillo gefügiger zu machen und ſeine Verdienſte in ein beſſeres Licht zu ſtellen, wenn er zuletzt als Retter auftreten würde. Nachgerade wurde ihm aber die tolle Wirthſchaft doch zu ſtark, und da er täglich ſchlimmere Nachrichten er⸗ hielt, beſchloß er einzuſchreiten und der Sache ein Ende zu machen, da es ihm wenig behagte, als Mitgift der Inez eine Ruine zu erhalten. Er zweifelte nicht, daß er als ein hervorragendes Mitglied der Partei der Pinterianer und durch ſein Anſehen, welches er als begüterter Mann in der Ge⸗ gend genoß, unſchwer die Ruhe würde herſtellen kön⸗ 65 nen, und begab ſich deshalb auf die Hacienda, um den zügelloſen Knechten den Tert zu leſen. Aber die Sache lief keineswegs nach Wunſch und Erwarten ab. Er ſprach zuerſt mit denjenigen, welche er für die Verſtändigſten hielt, erhielt aber kaum eine andere Ant⸗ wort als die, welche früher Agacio erhalten hatte, und endlich ſagte man ihm, daß er ſich zum Henker ſcheren möge, da gerade ihn die ganze Sache am wenigſten anginge. Erfüllt mit innerlichem Grolle, begab er ſich von den Vernünftigen in die Abtheilung der Unvernünfti⸗ gen, das heißt zu denjenigen, welche ſich damit be⸗ ſchäftigten, die letzten Reſte von Caſtillo's Weinkeller zu leeren. Dieſe empfingen ihn auf ähnliche Weiſe wie früher Agacio, indem ſie ihm ſagten, er ſolle mit ihnen zechen und luſtig und guter Dinge ſein. Da aber Sennor Lopez ſchon durch die früher er⸗ haltenen Antworten ſehr aufgeregt und erzürnt war, gerieth er nun in Wuth und ließ ſich, da man ihn auslachte, hinreißen, einen der Betrunkenen zu ſchlagen, worauf dieſer und die übrigen über ihn her⸗ fielen und ihn ebenfalls ſchlugen, unglücklicherweiſe aber todt. ——— . — 106 Als Menſch und Geſchäftsmann beklagte Ramon tief dieſen unerwarteten Hintritt des Sennor Lopez, und er machte ſich bittere Vorwürfe, den Unbekannten im Gebirge nicht einige Tage früher verlaſſen zu haben, indem ſich dann die Sache höchſtwahrſcheinlich anders geſtaltet haben würde. An wen ſollte er jetzt den Sennor Caſtillo ver⸗ kaufen? Da nun Niemand vorhanden war, der auf ſeine Waare reflectirte, ſo hielt er es für das Beſte, Caſtillo an ſich ſelbſt zu verkaufen, das heißt, ihn ſeine Freiheit ſo theuer als möglich bezahlen zu laſſen, und zu die⸗ ſem Zwecke beſchloß er, ſich ſofort zu Crespo zu begeben. Er hielt es indeſſen nicht für nutzlos, ſich vorher den Stand der Dinge auf Caſtillo's Hacienda ein wenig anzuſehen, um nach Befund bei Caſtillo ſein Benehmen darnach einrichten zu können, und was er dort fand, kam ihm nicht ganz unerwartet. Der an Lopez begangene Todtſchlag hatte die Be⸗ trunkenen nüchtern gemacht und die ſchon vorher Nüch⸗ ternen in Schrecken verſetzt, man befürchtete ſchlimme Folgen des Mordes, und da ohnedem auf der Hacienda nur wenig mehr zu holen war, verließ einer nach dem andern geräuſchlos den Schauplatz der bisherigen Hei⸗ terkeit. Als Ramon dort ankam, fand er einige der vorher von Agacio vertriebenen Knechte Caſtillo's, welche ſich nach Art der Ratten oder Katzen wieder eingefunden hatten, nachdem ihnen in ihrer frühern Wohnſtätte keine Gefahr mehr zu drohen ſchien. Er belobte höchlich ihren Eifer und ihre Treue gegen ihren Herrn, verſprach, dieſem ihr gutes Verhalten zu berichten, und ſagte ihnen, daß er gehen wolle, um den wackern, vielgeprüften Sennor in ſein Eigenthum zurück⸗ zuführen. Während er nun ſo ziemlich denſelben Weg wieder zurück antrat, den er erſt kurz vorher nach der Ha⸗ cienda des Sennor Lopez eingeſchlagen hatte, bedachte er, welches Verfahren er einhalten ſollte, um ſeine Zwecke am beſten zu erreichen. Dies konnte auf zweierlei Weiſe geſchehen, einmal durch Strenge, dann aber vielleicht auch durch Edelmuth. Im erſten Falle würde er einfach zum Sennor Ca⸗ ſtillo ſagen: Ich werde Euch eine in aller Form gültige Schuldverſchreibung bringen, welche Ihr unterzeichnet und dann frei ſeid. Steht Euch das aber nicht an, werde ich Euch ermorden. Im zweiten würde er dem Sennor vorſtellen, daß es nöthig geweſen ſei, ihn mit Gewalt und gegen ſei⸗ nen Willen hierher zu führen, um ihn vor den Ver⸗ 107 108 folgungen Agacio's und Lopez' ſicher zu ſtellen, daß er, uneigennützig wie immer, ſich jetzt überglücklich fühle, den vertriebenen Caſtillo in ſein Eigenthum zurück⸗ zuführen, und ſeinen Lohn in dem Bewußtſein finde, eine gute Handlung ausgeübt zu haben. Was war profitabler? Man kommt für gewöhnlich mit dem Edelmuth nicht beſonders weit. Bezüglich der Strenge aber war zu bedenken: Allzu ſcharf macht ſchartig! Nun, er nahm ſich vor, vor allem ſich an Ort und Stelle zu begeben und dort zu ſondiren, ob die ſchüchterne oder die generöſe Seite des Sennor mehr ausgebildet ſei, und welche demnach den meiſten Vor⸗ theil verſpräche. Er übernachtete in derſelben Fonda, in welcher er vor nicht langer Zeit mit Agacio ſich angenehm unterhalten hatte, als er aber am andern Morgen bereits ein Stück Wegs zurückgelegt hatte, hielt er Pt mit einem Fluche ſein Pferd an. Es war, wie er jetzt bemerken konnte, Schnee ge⸗ fallen in der Cordillera, und er ſah ſofort, daß es ihm vor der Hand unmöglich ſein würde, zu Crespo zu gelangen, denn da er von frühern Zeiten her in jenen Diſtricten gut bekannt war, ſo wußte er, daß die Berge in der Nähe von Crespo's Plateau tief mit Schnee bedeckt ſein mußten und dieſer Schnee 109 zwar in fünf bis ſechs Tagen wieder geſchmolzen ſein, ebenſo gut aber auch vierzehn Tage im Gebirge liegen bleiben konnte. Uebrigens mußte dieſer Schneefall ſchon geſtern Abend begonnen und während der Nacht fortgedauert haben. Ramon dachte an Manuel und daß er ſehr wahr⸗ ſcheinlich infolge dieſes Naturereigniſſes der Abrechnung mit demſelben überhoben ſein würde. Dann überzählte er die Diäten, welche ihm für ſeine bisherigen Lei⸗ ſtungen zugefallen waren, die Börſe Caſtillo's zum Beiſpiel und dann gewiſſe zehn Goldunzen und viel⸗ leicht noch eine Kleinigkeit darüber und ſagte dann zu ſich ſelbſt: „Man muß Gott für Alles danken. Dem einge⸗ ſchneiten Sennor da oben werde ich ſpäter einen Beſuch abſtatten, für jetzt aber mich für einige Zeit zur Ruhe ſetzen.“ Dann wendete er ſein Pferd und kehrte den Bergen den Rücken. Einige Tage nach Kohlweg's Heimkehr in die ge⸗ meinſchaftliche Wohnung der Freunde und nach ſeinen Berichten über die Fruchtloſigkeit ſeiner Forſchungen, beiläufig in den erſten Tagen, welche Ramon und Manuel bei dem Unbekannten in den Vorbergen zu⸗ 110 brachten, ſagte Scherflein eines Abends zu ſeinen Haus⸗ genoſſen: „Unſerer Verabredung gemäß will ich mich morgen aufmachen und meinerſeits zuſehen, ob ich nicht irgend eine Spur von Inez' Vater aufzufinden oder überhaupt etwas Näheres über ſein Schickſal erfahren kann. Immer noch habe ich die Hoffnung nicht aufgegeben, von Hirten im Gebirge eine Nachricht zu erhalten, welche uns nützlich werden kann, und das Schlimmſte iſt ſtets noch beſſer als dieſe quälende Ungewißheit. Ich werde daher die Berge durchſtreifen, dann den paso de las animas überſchreiten, und jenſeits deſſel⸗ ben meine Forſchungen fortſetzen, hierauf aber nach Santiago gehen und ſchließlich zu erkunden ſuchen, wie es auf Caſtillo's Hacienda ausſieht. Dann kehre ich wieder.“ Scherflein führte am andern Morgen wirklich ſeinen Vorſatz aus und traf in der That mehrmals Hirten, welche ihm aber nicht die mindeſte Auskunft geben konnten. „Vielleicht“, ſagten ihm dieſelben,„trefft Ihr jen⸗ ſeits des Paſo Kameraden von uns, welche etwas von den Leuten wiſſen, welche Ihr ſucht. Reiſenden aber, welche von Mendoza kommen, werdet Ihr kaum be⸗ gegnen, denn es iſt jetzt die Zeit, in welcher es in den 111 Bergen bisweilen ſchneit, und da es lebensgefährlich iſt, in einen Schneefall zu gerathen, ſo reiſt Niemand, wenn er nicht durchaus muß.“ Scherflein lächelte im Stillen über den Schnee, welcher bei einer Hitze fallen ſollte, wie ſie den ganzen Tag hindurch herrſchte. Er brachte indeſſen die Nacht am Feuer der Hirten zu und ſchlug am andern Mor⸗ gen den Weg nach dem paso de las animas ein. Der ſteile Felſenpfad hatte für ihn nichts Erſchrecken⸗ des mehr. Er hatte ſich wacker auf demſelben getum⸗ melt und gedachte nun mit der größten Leichtigkeit über ihn hinwegzukommen; dagegen freute er ſich die Stelle wieder zu ſehen, an welcher er ſeine Inez zum erſten Male erblickt und ihr das Leben gerettet hatte. Durch die neuliche Begegnung aber vorſichtig ge⸗ macht, beſchloß er, als er an den unterſten Stufen der ſteilen Seite angekommen war, abzuſteigen und auf die Höhe zu klimmen, wo er, wie ihm bekannt war, die jenſeitige Seite und eine ziemliche Strecke Wegs überſehen konnte. War Niemand zu ſehen, ſo kletterte er wieder ab⸗ wärts und holte ſein Pferd. Hatte ja doch dieſes den⸗ ſelben Weg ſchon mit Inez und ihm zugleich gemacht! Er führte ſeinen Vorſatz aus, als er aber einige Stufen hinangeklettert war, kam es ihm vor, als ſähe 112 er auf den oberſten Stufen der Felsmauer Jemand ſitzen. Er ſtieg höher, aber es war nicht anders— oben ſaß ein Mann. Wer in aller Welt konnte ein Vergnügen daran haben, auf jener ſchwindelerregenden Höhe ſich von einer drückenden Sonnenhitze braten zu laſſen? Ein engliſcher Reiſender, ein deutſcher Künſtler, ein indiſcher Büßender? Als Scherflein etwa die Hälfte der Stufen erſtiegen hatte, hielt er inne und rief den oben Sitzenden an und als er keine Antwort erhielt, wurde ihm, er wußte ſelbſt nicht recht warum, unheimlich zu Muthe. Er kletterte indeſſen dennoch wieder weiter, und als er ſich dem Sitzenden auf einige Stufen Entfer⸗ nung genähert hatte, ſah er, daß es ein Todter war. Ein Todter, halb verweſt, halb ausgetrocknet, kurz in dem Zuſtande, in welchen in Chile die Sonne todte thieriſche Körper überhaupt zu verſetzen pflegt. Da der geneigte Leſer längſt errathen hat, daß dieſer Todte Niemand anders als Agacio war, ſo wol⸗ len wir beifügen, daß trotz ſeiner entſtellten Geſichts⸗ züge Scherflein ihn doch ſofort als den Mann er⸗ kannte, der an derſelben Stelle die arme Inez verfolgte, hatte er ihn damals auch nur we⸗ nige Sekunden geſehen. Freilich trug der Ort, an 113 dem er ihm jetzt wiederfand, viel zu dieſem Wieder⸗ erkennen bei. Wie Agacio gegen Caſtillo und Inez gehandelt, hatte Scherflein von dieſer ſelbſt und von Kohl⸗ weg erfahren, natürlich aber konnte er ſich nicht erklä⸗ ren, wie derſelbe in dieſem Zuſtande auf jene Felſen⸗ ſpitze gekommen war, obgleich an vertrockneten Blutſpuren unſchwer zu erkennen war, daß man ihn ermordet hatte. Was uns ſelbſt betrifft, ſo wiſſen wir freilich genau, warum Agacio auf jener Felſenſpitze ſaß. Fragt man uns aber, wie er dorthin gekommen, ſo wollen wir zwei Möglichkeiten angeben. Es kann ſein, daß Ramon den tödtlich Verwunde⸗ ten und Beraubten auf dem Plateau liegen ließ, und daß dieſer ſich noch ſo weit abwärts ſchleppte und dann erſt verſchied. Es iſt aber auch möglich, ja ſelbſt wahrſcheinlich, daß Ramon in übermüthiger und frecher Mordlaune den bereits todten Körper dorthin zerrte und, anſtatt ihn in den Abgrund zu ſtürzen, an jene Stelle ſetzte. Aehnliche Beiſpiele rohen Uebermuths ſind nicht allzu ſelten. Unter ähnlichen Verhältniſſen aufgefundene Todte pflegen den erſchrockenen Finder mit unheimlichen glã⸗ v. Bibra, El paso de las animas. II. 8 „ —————— ——————— 114 ſernen Augen anzuſtarren, was bei Agacio aber nicht der Fall war. Seine Augen ſchienen bereits eingetrocknet, und die Augenlider waren faſt gänzlich geſchloſſen, dagegen war ſein Mund auf eine grauenhafte Weiſe verzerrt, und das Unheimliche der ganzen Erſcheinung wurde noch dadurch vermehrt, daß bisweilen ein leichter, über die Höhe ziehender Lufthauch ſeinen blutbefleckten Poncho in Bewegung ſetzte oder ſein Haar flattern ließ. Nachdem Scherflein's erſte Beſtürzung vorüber war, bedachte er, was er thun wolle; es ſchien ihm am zweckmäßigſten, nach Hauſe zurückzukehren und die Seinen von dem Funde, welchen er gethan hatte, in Kenntniß zu ſetzen. Da es aber unter ſolchen Verhältniſſen nicht nöthig war, die Leiche zu entfernen, um den Weg frei zu machen, ſo ließ er ſie an Ort und Stelle. „Diejenigen, welche dich dorthin geſetzt haben“, ſagte er,„mögen dich auch wieder fortnehmen, ich ſelbſt will mit dir nichts weiter zu ſchaffen haben.“ Er kletterte abwärts und konnte ſich nicht leugnen, daß es ihm gemüthlicher ums Herz wurde, als er da⸗ vonritt und den Paſo ſammt ſeiner Staffage im Rücken hatte. 115 Groß war die Verwunderung im Hauſe, als man ſeinen Bericht vernahm, und Niemand war im Stande, eine nur halbwegs haltbare Vermuthung über den Mord Agacio's aufzuſtellen. Am glaublichſten oder wenigſtens der Wahrheit am nächſten kommend war die Anſicht Beatens, welche dahin ging, daß ihm der Teufel den Hals umgedreht und ihn auf den Paſo geſetzt habe. Als man ſich ſpäter berieth, was nun zu thun ſei, machte Kohlweg den Vorſchlag, zuerſt ſich auf Ca⸗ ſtillo's Hacienda umzuſehen und dann unter Umſtänden einen Streifzug nach dem Paſo anzuſtellen. „Denn“ ſagte er,„ohne Zweifel erfahren wir dort Dinge, welche uns Anleitung geben, wie wir uns über⸗ haupt zu verhalten haben.“. Wir werden ſpäter ſehen, inwieweit die Freunde dieſen Vorſchlag in Ausführung brachten, erlauben uns aber vorher ſelbſt nach dem Sennor Caſtillo zu ſehen, um den ſich alle Welt kümmert, und zwar in doppelter Bedeutung des Wortes, während wir ihn ganz aus den Augen verloren. Fünftes Kapitel. Abreiſe des Sennor Caſtillo von Crespo's Hauſe. Stillſchweigender Abſchied von dieſem. Wir haben Caſtillo verlaſſen, nachdem ihm Crespo reinen Wein eingeſchenkt, und der erſtere hielt, für die nächſte Zeit wenigſtens, ſein Verſprechen, keinen Flucht⸗ verſuch zu machen, was freilich nicht ausſchloß, an einen ſolchen zu denken und eine mögliche Gelegenheit für die Folge zu erſpähen. Es ſchien aber eine ſolche ſchwer zu finden. Crespo war in der That ein äußerſt höflicher Mann und entſchuldigte ſich jedesmal, wenn ihn, wie er ſagte, die Nothwendigkeit zwang, ſeinen Gaſt wie einen Gefangenen zu behandeln, was des Tages in⸗ deſſen nur einmal geſchah, des Abends nämlich, wenn man ſich zur Ruhe begab. Crespo erſuchte nämlich dann ſtets mit verbindlichen Worten Caſtillo, ſich in ſeine Stube zu begeben, welche er ſodann abſchloß und von außen verriegelte, und da die Fenſter deſſelben mit ſtarken Eiſenſtäben vergittert waren, ſo war an ein Entkommen gar nicht zu denken. Im Uebrigen machte Crespo, wie Caſtillo, durch ſein Gitter lugend, bemerkt hatte, nicht ſelten in der Nacht die Runde um das Haus und am Rande des Plateaus, dabei ſtets mit einer Flinte bewaffnet und mit einem ſtarken malaiiſchen Dolche, der, wie Caſtillo wußte, vergiftet war, wie faſt alle dieſe Waffen der Malaien. Auch die Speiſevorräthe ſchaffte ohne Zweifel Crespo bei der Nacht herbei, denn die für den Tag nöthige Portion fand ſich ſtets am Morgen vor. Daß aber dieſes Leben ſelbſt für einen, der ſich anhaltend zu beſchäftigen nicht gewohnt war, für län⸗ gere Zeit arg langweilig werden mußte, lag auf der Hand, und Crespo ſuchte ſeinen Gaſt dafür durch allerlei Geſpräche zu entſchädigen. „Seht, lieber Sennor“, ſagte er,„wir vertragen uns hier oben ganz ausgezeichnet, aber wäre das auch nicht der Fall, ſo entkämt Ihr deshalb dennoch zuver⸗ läſſig nicht. — 3 118 Ihr wißt, daß dieſer Dolch vergiftet iſt, und zwar durch eine kleine Zuthat von Upaspulver, welches man in die Scheide gebracht hat, ſodaß die Spitze der Waffe ſich ſtets in dieſem Pulver befindet. Solltet Ihr nun geſonnen ſein, mich plötzlich zu überfallen, ſo würde es mir gewiß gelingen, Euch irgend eine kleine Wunde beizubringen, und im Falle Ihr meiner Herr würdet, was ich aber bezweifle, ſo verließt Ihr das Plateau dennoch nicht lebend. Aber ſelbſt wenn ich Euch nicht verwundete, ſo fändet Ihr den Weg nicht abwärts, und würdet Ihr ihn finden, ſo würdet Ihr verhungern, indem wir hier ſtets nur für einen Tag Speiſe haben.“ „Wo habt Ihr denn Euren Speiſevorrath?“ ſagte Caſtillo. „Außerordentlich gut verborgen.“ „Und warum holt Ihr davon ſtets nur auf einen Tag herbei?“ „Um Euch nicht in Verſuchung zu führen, mich zu ermorden und mit Proviant verſehen, einen unnützen Fluchtverſuch zu machen“, ſagte Crespo, ſich höflich verbeugend.„Man muß ſeinem Nebenmenſchen und ſich ſelbſt alle kleinen Unannehmlichkeiten zu erſparen ſuchen.“ „In der That, Ihr ſeid ein edler Menſchenfreund“ 119 verſetzte Caſtillo lachend,„aber ſagt mir, zu welchem Zwecke mag hier in dieſer Einöde dieſes eigenthümlich gebaute und ſo feſt und ſtark conſtruirte Haus errichtet worden ſein?“ Crespo begann jetzt bedeutende archäologiſche Kennt⸗ niſſe zu entwickeln. „Ich vermuthe“, ſagte er,„daß dieſes Haus von den alten Indianerſtämmen aufgerichtet worden iſt, von Stämmen, die längſt nicht mehr exiſtiren und von welchen faſt nur noch die Sage ſpricht. Man trifft längs der Weſtküſte bisweilen ſolche Bauten, deren urſprünglicher Zweck uns freilich wohl für immer ein Räthſel bleiben wird. Aber es iſt möglich, daß die Raſſe der alten Amyaras oder der Titicacaſtamm einen großen Theil derſelben erbaut hat. Die Aus⸗ breitung dieſes Volkes ging muthmaßlich weiter, als man bisher anzunehmen geneigt war, und ein berühm⸗ ter Gelehrter“) hat dieſelbe wenigſtens bis in die Wiüſte von Atacuma nachgewieſen. Beifügen muß ich aber, daß die eiſernen Gitter an den Fenſtern erſt in unſern Zeiten eingeſetzt worden ſind, indem weder die *) Indem wir den Anachronismus entſchuldigen, den Crespo im Jahre 1822 vorbrachte, müſſen wir hinzufügen, daß uns die Beſcheidenheit verbietet, den Namen dieſes„berühmten“ Gelehrten zu nennen. Inkas noch die Amyaras das Eiſen zu verarbeiten ver⸗ ſtanden.“ „Donnerwetter, Crespo“, rief Caſtillo,„was bringt Ihr da Alles zum Vorſchein! Ihr ſprecht ja wahrhaf⸗ tig wie ein leibhaftiger Profeſſor!“ „Man iſt nicht immer, was man ſcheint“, erwiderte Crespo, ſich abermals verbeugend,„und die Einſamkeit, in welcher ich hier lebe, ruft allerlei Gedanken hervor und ermuntert zum Nachdenken.“ „Aber warum iſt dieſes Haus gegenwärtig ſo feſt mit den Eiſengittern verwahrt?“ „Ich bin ein alter, kranker, ſchwacher Mann“, ſagte Crespo demüthig,„und beſitze wenig mehr als meinen guten Ruf und meinen Malaiendolch. Kann ich aber mit dem allein eine Räuberbande abwehren, welche etwa hier einbrechen will? Es iſt des Ein⸗ brechens wegen, lieber Sennor!“ „Zu Zeiten auch des Ausbrechens halber“, entgeg⸗ nete Caſtillo, dann ſetzte er leicht hinzu:„Was treibt Ihr aber eigentlich für ein Geſchäft hier in dieſer Einſamkeit?“ Crespo ſah ihn einige Augenblicke ernſthaft an, obgleich es Caſtillo vorkam, als unterdrücke er ein Lächeln. Dann aber ſagte er: 121 „Ich bin Aufſeher über die Bergleute hier in den Minen.“ „Alle Teufel!“ rief Caſtillo.„Minen! Bergleute! Ich habe aber noch keinen einzigen Minero hier oben geſehen!“ Crespo ſchien den frühern Profeſſorton und ebenſo ein wenig die ſtets beobachtete Höflichkeit aus den Augen ſetzen zu wollen, denn er tippte mit dem Finger gegen ſeine Stirn und ſagte: „Arbeiten bei Euch die Bergleute auf den Bäumen?“ „Nein!“ erwiderte Caſtillo. „Könnt Ihr unter die Erde ſehen?“ „Auch nicht!“ „Nun alſo, da meine Bergleute unter der Erde ar⸗ beiten, iſt es natürlich, daß Ihr ſie nicht ſehen könnt.“ Alle Verſuche indeſſen, welche Caſtillo machte, Crespo zu beſtechen, ſcheiterten, vielleicht ſchon des⸗ halb, weil er ihm vorläufig nur Verſprechungen bieten konnte. „Es iſt beſſer für Euch, wenn Ihr hier bleibt“, ſagte er bei ſolchen Gelegenheiten, oder wenn er höf⸗ licher ſein wollte:„Eure Unterhaltung und der Um⸗ gang mit Euch iſt mir mehr werth als alle Schätze, welche man mir bieten könnte.“ 122 Ein andermal fragte er Caſtillo, ob er Ramon ſchon lange kenne. „Ich habe den Halunken zum erſten Male geſehen, als er mich mit Agacio verfolgte und zum Gefangenen machte“, entgegnete Caſtillo. „Nun“, fuhr Crespo fort,„ſprecht, aber als Ca⸗ ballero und aufrichtig: Haltet Ihr mich für einen Spitzbuben?“ „Ich kann mich irren“, verſetzte Caſtillo,„indeſſen, wenn ich die Wahrheit ſagen ſoll, ja!“ „Für einen großen?“ Caſtillo zog die Schultern. „Nun“, ſagte Crespo,„habt auch dieſe Ueberzeu⸗ gung. Seid aber noch mehr überzeugt, daß Ramon ein hundertmal größerer Spitzbube iſt als ich. Und ſolchen Leuten muß man Wort halten!“— Er erzählte dann, daß er mit Ramon früher in Ge⸗ ſchäftsverbindung geſtanden, eben in dem Berggeſchäft, welches er gegenwärtig noch betreibe, und daß deshalb Ramon der Wege vollkommen kundig ſei. Zugleich erfuhr Caſtillo, daß Ramon früher ein Krämer geweſen wäre, aber Bankrott gemacht habe und ſich jetzt durch freie Künſte ernähre. und einem ſolchen Menſchen glaubt Ihr Wort halten zu müſſen?“ ſagte Caſtillo. 123 „Dem erſt recht“, rief Crespo,„denn thue ich's nicht, ſo ruinirt er mein ganzes Berggeſchäft!“ Bisweilen bedachte Caſtillo, ob er nicht einmal auf gut Glück plötzlich über ſeinen Wächter herfallen und verſuchen ſollte, ihm den verwünſchten Dolch zu ent⸗ reißen. Indeſſen mußte er ſich ſelbſt wiederholen, was ihm Crespo bereits vorgeſtellt hatte, daß ein Entkom⸗ men, auch wenn er jenen getödtet haben würde, den⸗ noch unmöglich ſei, einmal der fehlenden Nahrungs⸗ mittel halber, dann aber wegen der ſcheinbar vollſtän⸗ digen Abgeſchloſſenheit des Plateaus. Nach Oſten hin, gegen die anſteigende Seite der Cordillera, wäre vielleicht eine Flucht möglich geweſen. Obgleich auch dort das Gebirge ſteil anſtieg, war doch kaum zu bezweifeln, daß ein chileniſcher Reiter ohne viel Fährlichkeit dort auf⸗ und abwärts kommen konnte. Auch vom Plateau aus war dorthin leicht zu gelangen. Aber allein und ohne Speiſe wäre ein Fluchtverſuch nach der Höhe des Gebirges ſicherer Tod geweſen. Abwärts zu gelangen ſchien dagegen unmöglich. Es führte zwar eine Art von Pfad abwärts, der ſogat, obgleich er ſteil abfiel, ſo breit war, daß ziemlich bequem drei bis vier Pferde neben einander auf ihm Platz gefunden hätten. Wenn es aber in der That einmal ein Weg geweſen war, ſo war es gegenwärtig keiner 2 ——— 124 mehr, denn plötzlich ward er durch eine ſteile Felswand geſchloſſen, welche noch höher als das Plateau ſelbſt war. „Wenn es Gottes Wille iſt“, dachte Caſtillo,„ſo werde ich wohl noch erfahren, wie ich hier herauf⸗ gekommen bin, und wenn Ramon vergeſſen ſollte, mich abzuholen, oder wenn man ihn unten gehängt hat, ſo wird hoffentlich Crespo meiner hier oben endlich auch überdrüſſig werden.“ Im Uebrigen war es klar, daß Crespo mit Leuten in Verbindung ſtehen mußte, welche ihn mit Nahrungs⸗ mitteln verſahen, geſchah dies auch nur von Zeit zu Zeit, und daß dieſe Zufuhr von unten aus ſtattfand, war ebenfalls nicht in Zweifel zu ziehen. So hatte Caſtillo niemals Wein oder ſonſt ein geiſtiges Ge⸗ tränk bei Crespo zu ſehen bekommen, da dergleichen zu jener Zeit, wenigſtens in den Bergen, noch eine Seltenheit war; dagegen ſetzte er ihm bisweilen friſches Kalbfleiſch vor, und als bei einer ſolchen Gelegenheit Caſtillo einmal ſcheinbar unbefangen fragte, von wo er ſeine Vorräthe bezöge, gab Crespo ebenſo zur Ant⸗ wort: „Ich hole mir meine Ration bei meinen Berg⸗ leuten, und es kümmert mich nicht, woher ſie ihre Vorräthe beziehen.“ — 125 Plötzlich ſollte aber Caſtillo einigen Aufſchluß über dieſe unſichtbaren Bergleute erhalten. Eines Morgens ziemlich früh, als Crespo ihn noch eingeſchloſſen hielt, kam es ihm vor, als höre er draußen ſprechen, und ſein Herz begann mächtig zu ſchlagen, da er an Ramon und an ſeine endliche Befreiung dachte. Niemand kam indeſſen, um ihm dieſe anzukündigen oder wenigſtens mit ihm zu unterhandeln. Endlich hörte Caſtillo, daß man Abſchied nahm, und gleich darauf vernahm er den Tritt eines ſich entfernenden Pferdes. „Haltet alſo Alles parat“, rief der Davonreitende, worauf Crespo ungewöhnlich laut ihm eine bejahende Antwort nachrief. Caſtillo, der von ſeinen Fenſtern aus nur die Hälfte des Plateaus, die gegen das Flachland hin gelegene, überſehen konnte und den Fortreitenden nicht bemerkt hatte, horchte den Schritten des Pferdes und ſchloß, daß der Reiter ſich gegen die höhere Seite des Ge⸗ birges hin entfernt haben müſſe. Kurze Zeit darauf kam Crespo, um ſeine Thür zu öffnen, und Caſtillo bemerkte ſofort an demſelben eine ganz ungewöhnliche Heiterkeit. „Das Geſchäft geht ganz ausgezeichnet“, rief er, 126 „famos, und wenn noch ein Zug kommt wie der heutige, ſo iſt mein Schäflein im Trockenen. Ich ziehe dann hinunter ins Land und vermähle mich mit einer Jungfrau meines Alters, welche ich zärtlich liebe, und wenn Ihr nicht vorzieht, hier zu bleiben und mein Geſchäft zu übernehmen, ſo könnt Ihr mit mir gehen. Um Ramon kümmere ich mich dann nicht ſo viel mehr.“ Er ſchlug ein Schnippchen bei dieſen Worten, und Caſtillo, der an die Jungfrau dachte, welche in gleichem Alter mit dem häßlichen, alten Crespo war, mußte unwillkürlich lachen, in welches Lachen dieſer ſofort höchſt geräuſchvoll einſtimmte. Caſtillo bemerkte nun freilich, daß er ein wenig berauſcht war, und zwar muthmaßlich infolge einer Herzſtärkung, welche ihm der Fremde mitgebracht hatte und der er längere Zeit entwöhnt geweſen. Caſtillo machte ihm den Vorſchlag, ſeinen Vor⸗ ſatz ſogleich ins Werk zu ſetzen, das Gebirge zu ver laſſen und jene Jungfrau zu ehel ichen. „Ich gehe natürlich mit Euch“, ſetzte er hinzu, i für ein artiges Brautgeſchenk von meiner Seite braucht Ihr dann keine Sorge zu tragen, ſelbſt wenn Ihr nicht ſogleich in den Stand der heiligen Ehe treten ſolltet.“ —— 127 Crespo wurde indeſſen wieder ernſthaft bei dieſen Worten Caſtillo's. „Später“, ſagte er,„kann ſich das Alles machen, für jetzt aber muß ich an meine Arbeit gehen, und wenn Ihr mir helfen wollt, ſoll es mir lieb ſein.“ Caſtillo ſagte zu, und die Arbeit, welcher ſich beide nun unterzogen, beſtand darin, aus einem Raume des Hauſes, den Caſtillo niemals vorher betreten hatte, kleingeſpaltenes Holz auf das Plateau zu tragen und dort in gewiſſen Abſtänden haufenweiſe aufzuſchichten. „Wollt Ihr hier heute Feuer anzünden?“ fragte Caſtillo. „Freilich“, verſetzte Crespo,„und wir werden uns dann mehrere Wochen hindurch trefflich damit unter⸗ halten können, den heute aufgebrauchten Vorrath wie⸗ der zu ergänzen. Während der Nacht hole ich das Holz und Ihr ſpaltet es dann bei Tage klein. Kann man ſich etwas Artigeres denken?“ „Ich freue mich ungeheuer darauf“, ſagte Caſtillo, während er bei ſich dachte:„Wir werden ſehen, welche Teufelei es heute hier geben wird, und was ich ſpal⸗ ten werde, wenn ich einmal eine Axt in der Hand habe, wird ſich auch zeigen. Mag es dann kommen, wie es will.“ 128 Als es dunkelte, bat ihn Crespo, ſich für dieſen Abend etwas früher als gewöhnlich in ſeine Stube zu begeben, und nicht lange Zeit darauf drang Feuerſchein durch die Fenſter derſelben. Caſtillo blickte hinaus und ſah Crespo damit beſchäftigt, die ſämmtlichen Holzhaufen anzuzünden und zugleich verſchiedene läng⸗ liche Eiſenſtücke in die Glut zu legen. Als aber Crespo ſeiner anſichtig wurde, rief er ihm zu: „Jetzt und ſolange wir beide allein find, könnt Ihr herausgaffen. Hütet Euch aber, das zu thun, wenn zufällig andere Leute ſich hier einfinden ſollten, denn ich könnte Euch dann für nichts ſtehen, oder vielmehr, ich kann Euch garantiren, daß, erblickt Euch Jemand, Ihr eine Kugel durch den Schädel bekommen werdet.“ Caſtillo zog ſich zurück und verhängte den un⸗ tern Theil eines Fenſters mit ſeinem Poncho, wobei er Sorge trug, kleine Lücken zu laſſen, durch welche er ungeſehen von den andern Leuten, welche ſich zufällig einfinden würden, deren Treiben beobachten konnte. Einige Zeit war nichts zu bemerken als Crespo, welcher zwiſchen ſeinen Feuern umherging und dieſel⸗ ben unterhielt. Dann aber glaubte Caſtillo einen entfernten dumpfen Lärm zu hören, und plötzlich ſprengten 129 ſechs bewaffnete Reiter, unzweifelhaft von der Höhe des Gebirges kommend, auf das Plateau. Sie tummelten ihre Pferde zwiſchen den Feuern, beſprachen ſich kurze Zeit mit Crespo und dann verſchwanden ſie auf dem ſchon früher von Caſtillo beobachteten abwärts führenden Wege, welcher indeſſen durch eine Felswand geſperrt war. „Ihr werdet bald wiederkehren“, dachte der Lau⸗ ſchende. Sie kehrten indeſſen nicht wieder. Das ſchon früher vernommene Getöſe verſtärkte ſich jetzt zu einem donnerähnlichen Lärm, und bald darauf er⸗ ſchienen andere Reiter, aber weniger mit Waffen ver⸗ ſehen als die verſchwundenen. Dieſe ſprangen jetzt von ihren Pferden, ſchürten die Feuer zu heller Glut und verrichteten noch andere Beſchäftigungen, deren Zweck Caſtillo vollſtändig uner⸗ klärlich war. „Will man hier einen Hexenſabbath feiern?“ ſagte er zu ſich ſelbſt. Als aber jetzt ein Haufen Rinder auf dem Schauplatz erſchien, wurde plötzlich die Sachlage klar. Man ſchmuggelte Vieh über die Cordillera nach Chile und brannte es an den von Erespo entzündeten Feuern mit den Zeichen verſchiedener Haciendenbeſitzer, welche Crespo in Verwahrung hatte. Das waren 9 v. Bibra, El paso de las animas. II. 130 die Eiſen, welche er ſchon vorher glühend gemacht hatte. Dieſes Verfahren iſt durch folgende Verhältniſſe begründet: Obgleich im Verhältniß zu den europäiſchen Prei⸗ ſen in Chile das Vieh nicht theuer iſt, ſo iſt es doch jenſeits der Cordillera noch billiger, die Einfuhr deſ⸗ ſelben alſo mit Gewinn verknüpft. Durch den ziemlich hohen Eingangszoll aber, den die chileniſche Regierung auf dieſe Einfuhr gelegt hat, wird der Gewinn für den Einführenden bedeutend ge⸗ ſchmälert und man greift deshalb zum Schmuggelhan⸗ del, den die Zollwächter ihrerſeits wieder nach beſten Kräften zu hintertreiben ſuchen. Nun hat aber jeder Heerdenbeſitzer ein beſtimmtes Zeichen, welches den ihm gehörigen Rindern aufge⸗ brannt wird, und alſo gezeichnete Thiere werden als ſein Eigenthum betrachtet, welches die Zollwächter nicht mehr confisciren können. Infolge deſſen ſucht man die eingeſchmuggelten Rinder ſobald äls möglich zu zeichnen, und man thut dies, ſobald ſie den Hofraum betreten haben, in den Hacienden oder auch an ſichern Plätzen im Gebirge ſelbſt, und treffen ſodann die Zollwächter auf eine ſolche Heerde, ſo können ſie derſelben nichts mehr anhaben. 131 Wohl hatte Caſtillo mehrmals von dieſem Ver⸗ fahren gehört, nie aber deſſen Ausführung mit ange⸗ ſehen. Jetzt freilich begriff er ſofort, um was es ſich handelte. Crespo ſtand, gegen einen Antheil an dem nicht unbeträchtlichen Gewinn, mit den Schleichhändlern in Verbindung. Er hatte die Eiſen, mit welchen man die Thiere zu zeichnen pflegt, in Verwahrung, und ſo⸗ bald er in Kenntniß geſetzt wurde, daß eine Heerde herannahe, ſetzte er Alles in Stand, um das Geſchäft möglichſt zu beſchleunigen. Die verborgene und durch geheime Eingänge noch mehr geſicherte Lage des Plateaus machte daſſelbe vortrefflich geeignet zu dieſer Arbeit der Schleichhänd⸗ ler, mit welchen ohne Zweifel auch Ramon, früher wenigſtens, in Verbindung ſtand. Was endlich die für Crespo nöthigen Nahrungsmittel anlangte, ſo er⸗ hielt er dieſelben von Hirten oder andern guten Freun⸗ den der Schmuggler. Mit Erſtaunen ſah aber jetzt Caſtillo, gedeckt durch ſeinen Poncho, dem Treiben zu, das ſich draußen auf dem Plateau entwickelte, und bewunderte die Gewandt⸗ heit, mit welcher die Leute ihre Arbeit vollzogen. Viele der Thiere wurden einfach im Stehen ge⸗ brannt, andere, welche ſich ſtörriſch zeigten, warf man 9* 132 zu Boden, und ſelbſtverſtändlich ſpielte hierbei der Laſſo eine bedeutende Rolle. War eine gewiſſe Anzahl- gezeichnet, ſo trieb man dieſelben auf den bereits mehr⸗ fach erwähnten Weg, auf welchem ſie, wie vorher die bewaffneten Reiter, verſchwanden. Daß dieſe einerſeits eine Vorhut bildeten gegen einen etwaigen Ueberfall der Zollwächter, war nicht zu bezweifeln, auf der andern Seite aber lag ihnen auch wohl das Geſchäft ab, die gezeichneten Thiere zu ſam⸗ meln oder weiter zu treiben. Caſtillo nahm ſich ernſtlich vor, dem geheimen Durchgang, vermittelſt deſſen, wie es ſchien, auf ganz bequeme Weiſe Menſchen und Thiere verſchwanden, in den nächſten Tagen auf die Spur zu kommen, und wäre er nicht eingeſchloſſen geweſen, ſo hätte er ver⸗ ſucht, ſich unter die draußen Beſchäftigten zu miſchen und unbemerkt mit ihnen zu entkommen; ſo aber blieb ihm nichts übrig, als dem abenteuerlichen Treiben der⸗ ſelben zuzuſehen und das pittoreske Schauſpiel anzu⸗ ſtaunen, welches man vor ſeinen Augen aufführte und welches nicht enden zu wollen ſchien. Stets erſchienen neue Haufen von Rindern, welche man mit den glühenden Eiſen verfolgte oder je nach Umſtänden niederwarf. Dann zerſtampften die wie⸗ der losgelaſſenen Thiere die Feuer, daß die Funken —— —— 133 hoch emporſprühten und die das Plateau begrenzenden Berge in röthlichem Widerſchein leuchteten, und wäh⸗ rend die Männer die Flamme wieder anfachten, dran⸗ gen abermals maſſenweiſe andere Rinder auf das Plateau, welche man wie die vorigen empfing. Dazu das Brüllen aller dieſer Thiere, das Schreien und Rufen der Männer, da der Chilene kaum irgend eine Arbeit ſchweigend vornimmt, vor allem aber die auffällige Haſt und Eile, mit welcher Alles be⸗ trieben wurde! Der furchtbare Lärm und das ewige Einerlei betäubten und ermüdeten endlich Caſtillo, und da er aus dem Getöſe hinter dem Hauſe und auf der Seite gegen die Cordillera hin ſchloß, daß ſich dort noch eine große Anzahl Rinder befänden und daß wohl faſt die ganze Nacht mit dem Zeichnen derſelben zugebracht werden würde, zog er ſich vom Fenſter zurück und ver⸗ ſuchte zu ſchlafen, was ihm freilich lange nicht gelin⸗ gen wollte. Gegen Morgen endlich verfiel er in einen Halb⸗ ſchlummer, in welchem er zu hören glaubte, daß das Getöſe ſchwächer wurde und zuletzt gänzlich aufhörte. Hierauf verfiel er in einen feſten Schlaf. Als er erwachte, ſah er an dem Schatten, welchen das Haus warf, daß die Sonne ſchon mehrere Stunden —— —— 134 lang am Himmel ſtehen mußte. Draußen auf dem Plateau befand ſich kein lebendes Weſen mehr. Von einigen Feuerſtellen ſtieg noch ein dünner, ſchwacher Rauchſtreifen aufwärts, die übrigen Feuer aber waren gelöſcht oder von den Thieren zerſtampft und das ganze Plateau mit verkohlten Holzſtücken, einigen Fetzen zerriſſener Kleidungsſtücke und mit Un⸗ rath bedeckt. Caſtillo dachte daran, daß ihn Crespo wahrſcheinlich, ſowie zum Holzſpalten, auch zur Reinigung des Pla⸗ teaus einladen würde, und nahm ſich vor, ſeine Bei⸗ hülfe hartnäckig zu verweigern, aber Crespo erſchien nicht. Er erſchien auch nicht nach Verlauf von faſt einer Stunde, und da derſelbe gegen die Gewohnheit ſeiner Landsleute ſonſt täglich mit der Sonne aufſtand, tauchte plötzlich ein ſchrecklicher Gedanke in Caſtillo auf. Wenn Crespo, wie er geſtern hoffte, ſein Schäflein wirklich ins Trockene gebracht hätte und mit den Schleichhändlern fortgezogen wäre, um unten im Lande das Feſt ſeiner Vermählung zu feiern, ihn ſelbſt aber vergeſſen oder abſichtlich zurückgelaſſen hätte! Er rief, er polterte an der Thür ſeiner Stube oder ſeines Gefängniſſes, er verſuchte dieſelbe zu erbrechen, aber er erhielt keine Antwort, und die maſſive Thür, 135 von außen mit ſchweren Riegeln verſperrt, ſpottete ſeiner Anſtrengungen. Es wurde ihm jetzt faſt zur Gewißheit, daß er ſich allein in dieſer Einöde befände und zum Hunger⸗ tode beſtimmt ſei, vielleicht als überflüſſiger Mitwiſſer des Geheimniſſes der Schmuggler, vielleicht aber auch nur einfach vergeſſen, da Crespo gänzlich erfüllt war von dem Gedanken an irdiſchen Gewinn und an ſeine gleichalterige Braut unten im Flachlande. Die Tröſtlichkeit ſolcher Betrachtungen bedarf keiner Beſchreibung und Caſtillo ſetzte ſich dumpf brütend auf ſein Lager, indem verworrene Pläne ſein Gehirn durch⸗ kreuzten, auf welche Weiſe es ihm dennoch möglich ſein werde, ſeinen Kerker zu durchbrechen und zu ent⸗ kommen. Dann ſprang er auf und rüttelte an den Gittern ſeines Fenſters, welche aber, wie die Thür, keine Miene machten, nachzugeben. Da ſah er plötzlich am Rande des Plateaus einen Menſchen ſtehen. Crespo! Welch ein Glück! Muthmaßlich hätte der gute Sennor nun ſofort mit größter Bereitwillig⸗ keit die Reinigung des Plateaus für ſeine Perſon allein übernommen, ohne erſt eine Aufforderung dazu abzuwarten. . 136 Aber er ſah jetzt, daß der Mann nicht Crespo war. Der Fremde ſchien ſich vorſichtig allenthalben um⸗ zuſehen und Bedenken zu tragen, ſich dem Hauſe zu nähern. Als er jetzt Caſtillo erblickte, hob er flehend die Hände gegen denſelben auf. Caſtillo winkte ihm haſtig und rief ihm zu, herbei⸗ zukommen, worauf jener, indeſſen ſtets noch zögernd, Folge leiſtete und endlich in einem gewiſſen Abſtande abermals ſtehen blieb und mit gefalteten Händen ſagte: „Thut mir nichts zu Leide und gebt mir zu eſſen!“ In dieſem Augenblick erkannte ihn Caſtillo. Es war ſein früherer Knecht Benito, der aus Furcht vor Agacio mit Inez aus der Hacienda ge⸗ flohen war und dann abermals aus Furcht ihn im Gebirge verließ. Trotzdem war Caſtillo höchlich erfreut, als er ihn erkannte. Er rief ihm zu, an das Fenſter zu kommen, und als ſich Benito endlich genähert hatte und ſeinen Herrn hinter den Gittern erblickte, ſtieß er einen Schreckensſchrei aus, ſchlug die Hände zuſammen und dann rief er: Seid Ihr es oder Euer Geiſt, und wie, um Gottes⸗ willen, kommt Ihr hierher?“ „Vor allem“, ſagte Caſtillo,„komm in das Haus und ſchiebe die Riegel an meiner Thür zurück.“ 137 „Aber wird mir auch nichts geſchehen?“ „Nein“, verſetzte Caſtillo,„öffneſt Du aber nicht augenblicklich, ſo ermorde ich Dich!“ Ohne Zögern erfüllte Benito den erhaltenen Befehl, und ſeine Freude, als er ſeinen Herrn wohlbehalten vor ſich erblickte, ſchien wirklich eine aufrichtige, dann aber bat er dringend um Speiſe, da er ſeit vierundzwanzig Stunden keinen Biſſen genoſſen habe. „Wir wollen ſehen, ob wir etwas finden“ erwiderte Caſtillo, vielleicht, vielleicht auch nicht, jedenfalls iſt es aber hier draußen beſſer als in jenem verwünſchten Loche.“ Sie gingen hierauf vor allem nach der Stube, in welcher ſich Crespo gewöhnlich aufhielt, und fanden auch wirklich ziemlich reichliche Vorräthe, welche ohne Zweifel die Schmuggler ihren Verbündeten zugeführt hatten. Benito ſtürzte ſich unverzüglich auf die⸗ ſelben, um ſich zu ſättigen, faſt im gleichen Augenblicke aber fuhr er mit einem Schrei des Schreckens zurück. „Da liegt ein Todter!“ Caſtillo ſah jetzt ebenfalls zwiſchen mancherlei Ge⸗ räthe in einer Ecke Crespo auf der Erde liegen. Ein zweiter Blick indeſſen überzeugte ihn, daß derſelbe keineswegs todt war, ſondern nur einen todtenähnlichen 7* 1 S—— 3 138 Schlaf zu ſchlafen ſchien und höchſt wahrſcheinlich arg betrunken war. Eine leere Runmflaſche, ohne Zweifel ein Geſchenk ſeiner guten Freunde, welche neben ihm auf der Erde lag, deutete das an, und aller Wahrſcheinlichkeit nach hatte Crespo, als die Schmuggler das Plateau ver⸗ laſſen hatten, ſich dem lange entbehrten Genuſſe im Uebermaße hingegeben. Caſtillo theilte dieſe ſeine Vermuthung Benito mit, und während dieſer jetzt ſich zu ſättigen begann, er⸗ zählte er ihm zugleich mit flüchtigen Worten, wie er ſelbſt hierher gekommen. „Da“, verſetzte Benito, indem er Caſtillo ſein Meſſer reichte,„da, nun ſchneidet unverzüglich dieſem Kerle die Gurgel ab.“ „Und warum willſt Du das nicht thun?“ ſagte Caſtillo. „Ah! Er könnte aufwachen und dann— Ihr ſeid der Herr und ich der Knecht, die Ehre gebührt Euch.“ „Eine ſaubere Ehre“, verſetzte Caſtillo verächtlich, „einen Schlafenden zu tödten. Und dann behandelte er mich im Grunde nicht ſchlecht. Er ſoll leben, aber von ſeinen Vorräthen wollen wir ſo viel an uns nehmen, als uns nöthig erſcheint, und ſeiner Waffen muß ich ihn auch berauben, für den Fall, daß er uns verfolgen ſollte.“ — 139 „Das würde er nicht thun, wenn man ihn—“ Benito machte hier eine leicht verſtändliche Geberde— „indeſſen, Ihr habt zu befehlen.“ Caſtillo ſteckte hierauf den Dolch Crespo's zu ſich, hing ſeine Flinte über die Schulter, und nachdem beide von den Nahrungsmitteln die ihnen zweckmäßig ſchei⸗ nende Menge an ſich genommen hatten, ſagte Caſtillo: „Und nun fort, denn da Du ohne Zweifel das Loch gefunden haſt, durch welches man hier herein⸗ kommt, ſo werden wir auch durch daſſelbe hinaus⸗ kommen.“ „Es iſt groß genug“, verſetzte Benito,„und ich habe geſtern mit hungrigem Magen zuſehen müſſen, wie die Kerle mit ihren Proviantſäcken am Sattel all ihr Vieh durch dieſes Loch trieben.“ Er ſührte hierauf ſeinen Herrn auf den abwärts ziehenden Weg, und Caſtillo ſah jetzt allerdings in der vorher denſelben verſperrenden Felswand eine geräu⸗ mige Heffnung, welche durch daneben liegende Steine geſchloſſen und unſichtbar gemacht werden konnte. Ob Crespo ſchon vorher oder die erſten bewaff⸗ neten Reiter die Pforte erſchloſſen hatten, bleibt ſich gleich, jedenfalls aber hatte die Trunkenheit Crespo bis jetzt verhindert, dieſelbe wieder zu verſchließen, und unſere Flüchtlinge gelangten durch den Eingang E 3 5 1 3 — 3 140 in eine ziemlich geräumige Höhle oder einen Felſen⸗ gang, der an ſeinem Ende ebenfalls durch Steine ver⸗ ſchließbar war. Betrachtete man die Felspartie, auf deren Plateau das Haus Crespo's ſtand, von dieſer Seite aus, ſo war daſſelbe nicht ſichtbar, und hatte man den Eingang geſchloſſen, ſo konnte Niemand auf den Gedanken kommen, daß auf jenem wüſten Felſen irgend Jemand ſeine Woh⸗ nung aufgeſchlagen habe. „Jetzt, da wir für das erſte in Sicherheit ſind“, ſagte Caſtillo,„denn Crespo wird ſeinen Rauſch noch lange nicht ausgeſchlafen haben, erzähle mir, wie Du dieſen Eingang zu Crespo's Haus aufgefunden haſt, vor allem aber, wie Du überhaupt hierher gekommen biſt. „Ah“, verſetzte Benito,„geſtern kletterte ich, vom Hunger gepeinigt, den ganzen Tag auf den Felſen umher, von welchen Crespo's Wohnung eingeſchloſſen iſt, und ſah auch einige Male zwei Männer ſich vor derſelben bewegen. Das war ohne Zweifel Crespo und Ihr ſelbſt. Aber natürlich erkannte ich Euch nicht, und noch weniger konnte ich errathen, wie man hinüber zu Euch gelangen könnte.“ „Warum haſt Du nicht gerufen?“ „Weil Erespo die Flinte umhängen hatte, die Ihr 141 jetzt mit Euch führt, und er mich doch hätte treffen können, wenn's auch ein wenig weit war.“ „Es iſt bis auf jene Berge ſo weit, daß es gar nicht möglich geweſen wäre, Dich zu treffen“, ſagte Caſtillo. „Doch“, erwiderte Benito,„doch! Wenn die Kugel aus dem Rohre, iſt ſie in des Teufels Hand, und man ſoll Gott nicht verſuchen. Hübſch weit vom Streit, macht alte Kriegsleut', wer ſich in Gefahr begibt, kommt darin um, und der Krug geht ſo lange—“ Caſtillo winkte ihm mit der Hand zu ſchweigen. „Genug! Sage mir lieber, was Du weiter geſehen haſt.“ „Als es zu dunkeln anfing und Crespo die Feuer entzündete, begriff ich anfänglich nicht, was das be⸗ deuten ſollte; ich kroch indeſſen vorſichtig näher, und ſobald ich hierauf die Männer mit den Rindern kommen ſah, wußte ich freilich, was geſchehen ſollte, und ſah nachher auch dieſelben in jenem Schlupfloche verſchwin⸗ den und auf der andern Seite wieder hervorkommen. Als nun heute Morgen Alles ſtill und ruhig war und nur mein Magen ſtets lauter knurrte und bellte, drang ich durch die noch offen ſtehende Höhle vorwärts bis auf das Plateau und nahm mir vor, Alles zu tödten, wenn man ſich mir widerſetzen und nichts zu —— 142 eſſen geben würde, und es hätte ein ungeheures Un⸗ glück geben können, wenn ich Euch nicht noch zur rechten Zeit erkannt hätte.“ „Freilich“, ſagte Caſtillo,„denn Du biſt ſtark und verwegen, und ich ſah ſelbſt, mit welchem an Toll⸗ kühnheit grenzenden Muthe Du gegen mich anſtürmteſt. Alſo gut, dieſe Sache wäre erledigt. Nun aber ſage mir, aus welchem Grunde Du überhaupt auf jenen Bergen umher geſchweift biſt und wie Du auf den Gedanken kamſt, hierher zu kommen. Freilich wäre ich ohne Dich kaum ſo bald aus meiner Gefangenſchaft befreit worden, aber Dein plötzliches Erſcheinen bleibt mir immerhin ein Räthſel.“ „Meine Tollkühnheit, deren Ihr ſo eben erwähntet“, ſagte Benito,„trieb mich an, Abenteuer in den Bergen zu ſuchen.“ „Das kann kaum als ein ſchlechter Witz gelten“, erwiderte Caſtillo,„und den Leuten, welche ein Recht haben, danach zu fragen, kann man das unmöglich ſagen.“ „Dann führte mich die Anhänglichkeit an Euch hier⸗ her. Nachdem ich Agacio getödet hatte, wollte ich wiſſen, wo Ihr hingekommen wäret.“ „Anſtandshalber will ich die Anhänglichkeit gelten laſſen“ verſetzte Caſtillo,„alles Andere aber iſt Unwahr⸗ heit, ich muß einen glaublichern Grund haben.“ 143 „Hm! Es wäre möglich, daß mich die Furcht vor dem Erdbeben in die Berge getrieben hätte, da es hier im Gebirge bekanntlich weniger ſchüttelt als unten im Flachlande.“ „Unſinn! Etwas Anderes!“ „Na“, rief Benito,„ich ſehe wohl, daß es heraus muß, und weiß, daß Ihr mich nicht verrathen werdet. Ich wollte zum alten Crespo, um durch ſeine Ver⸗ mittlung mich bei den Schleichhändlern anwerben zu laſſen.“ Caſtillo zog mißbilligend die Schultern. „Auch das paßt nur ſchlecht oder gar nicht, da Jeder⸗ mann weiß, daß Du Crespo nicht kannteſt. Weißt Du alſo keinen beſſern Grund anzugeben, ſo wird man Dich für einen deus ex machina halten müſſen, den man eben zur rechten Zeit erſcheinen ließ.“ „Alles in Ordnung“, rief Benito.„Zwar kenne ich den Sennor nicht, den Ihr da genannt habt, wenn es aber ein Herr aus Eurer Bekanntſchaft iſt, ſo muß es mir eine Ehre ſein, wenn man mich für ihn hält. Das iſt abgemacht. Aber da kommt ein ähnlicher Felſen⸗ gang wie der vorige, nur nicht geſperrt und an einigen Stellen gegen oben offen. Müſſen wir da wohl hin⸗ durch?“ Caſtillo ſagte, daß er das glaube, weil er, obgleich * 144 mit verbundenen Augen durch dieſe Gegend geführt, doch geſpürt habe, daß man durch Schluchten oder enge Felſenwege geritten ſei. Zum Ueberfluſſe fanden ſie aber auch allenthalben deutliche Spuren, daß man die Heerde hier durchgetrieben hatte, und ſie verfolgten dieſe Fährten bis zum Nachmittage, wo ſich dieſelben in mehrere Aeſte theilten, da man die Rinder wahr⸗ ſcheinlich in einzelnen Partien an den Ort ihrer Be⸗ ſtimmung brachte. Caſtillo aber fand jetzt den richtigen Weg auch ohne jene Anzeichen, denn man war bereits in die Gegend gekommen, in welcher ihm Ramon die Augen noch nicht verbunden hatte. „Es iſt merkwürdig“, ſagte er zu Benito,„welche Pfade und Schlupfwinkel dieſe Schleichhändler kennen. Wir müſſen bis zur eigentlichen, allgemein bekannten Straße über das Gebirge von hier aus noch wenigſtens acht bis zehn Stunden haben, und ich glaube, daß, mit Ausnahme unſerer Bekannten von der geſtrigen Nacht, kaum Jemand dieſe Wege kennt wir bis jetzt zurückgelegt haben.“ „Kein Menſch kennt ſie“, verſetzte Benito;„dieſe verwegenen Burſchen halten ſie auch geheim genug und die Hirten im Gebirge hüten ſich wohl, ſie zu verrathen⸗ Aber ſie ſollen auch noch andere Dinge können und 145 verſtehen, dieſe Schmuggler, doch ſpricht man nicht gern davon.“ Rüſtig ſchritten unſere Wanderer weiter, gegen Abend aber und als ſie ſich bereits nach einem paſſenden Platze für ihr Nachtlager umſahen, ſagte Caſtillo: „Wäre ich nicht durch allerlei Merkmale hier unten überzeugt, daß wir uns nicht verirrt haben, ſo könnte ich faſt irre werden. Die Berge haben ein ganz an⸗ deres Anſehen wie damals, als ich von Ramon zu Crespo geführt wurde.“ Es war in der That ſo. Ihre Gipfel ſchienen in einen dichten, faſt glänzenden Nebel gehüllt und an mehreren Stellen begann ſich derſelbe, ſcharf aaciti ten, niederwärts zu ſenken. Benito blickte nach der eigenthümlichen Erſcheinung und ſagte mit gerunzelter Stirn: „Das iſt Schnee; wir werden ihn bekommen, und das iſt ſchlimm, denn es iſt gefährlich, hier oben einge⸗ ſchneit zu werden. Da wir indeſſen Nahrungsmittel haben, ſo brauchen wir vorläufig iht⸗ allzu ängſtlich zu ſein.“ Sehen wir aber jetzt, was es mit dem Schnee, der an den Berggipfeln hing für eine Bewandtniß hat. Wenn wir uns auf hohen Bergen befinden, ſo be⸗ gegnet es uns nicht ſelten, daß wir von Wolken über⸗ v. Bibra, El paso de las animas. II. 10 146 raſcht werden, und was man bei dieſer Gelegenheit häufig wahrnimmt, iſt Folgendes: Wir ſehen in der Entfernung eine Wolke, welche hell oder grau gefärbt iſt und die langſam gegen uns heranzieht. Dann verſtärkt ſich ihre Geſchwindigkeit, aber in gleichem Maße verliert die Wolke an der Schärfe ihrer Umriſſe, ſie breitet ſich weit aus und nach kurzer Zeit ſind wir in einen dichten, durchnäſſenden Nebel gehüllt, welcher uns längere oder kürzere Zeit umgibt, allmälig ſchwächer wird und endlich verſchwindet, und während wir ſelbſt uns wieder im Sonnenſchein befinden, flieht die Nebelmaſſe und kann, geſtattet es die Umgebung, in der Ferne wohl wieder als Wolke geſehen werden. Kaum bedarf es der Erwähnung, daß die nebel⸗ artige Erſcheinung eine länger andauernde iſt, wenn wir Stellen des Gebirgs beſteigen, welche in größerer Ausdehnung von Wolken bedeckt ſind, die vom Winde nur wenig bewegt werden, oder wenn dieſe ſtets in neuen Haufen zugeführt werden. Die glücklicherweiſe nicht ſehr bedeutenden Schnee⸗ wolken, welche wir ſelbſt beobachten konnten, traten unter ähnlichen, aber dennoch nicht ganz gleichen Er⸗ ſcheinungen auf. Man ſieht, im Falle die Sonne noch an einer Stelle 147 des Himmels ſichtbar iſt, eine große, faſt glänzende nebelartige Maſſe, welche auf einer benachbarten Berg⸗ ſpitze oder auf dem Plateau, auf welchem wir uns be⸗ finden, zu ſtehen ſcheint. Dieſe Maſſe iſt einer hohen Wand zu vergleichen, welche langſamer— ſo war es wenigſtens bei unſern Beobachtungen— an uns heran⸗ zieht als jene andern Wolken, dabei heller erſcheint und bisweilen ſelbſt flimmert. Plötzlich fällt rings um uns ein leichter Schnee und der Boden iſt ſchon ſchwach weiß gefärbt, während wir vielleicht noch die Sonne ſehen können. Bald aber iſt dieſe verſchwunden, auch die Schnes⸗ wand ſehen wir nicht mehr, dafür aber befinden wir uns in dichtem Schneegeſtöber, welches je nach der Größe des Schneewolkenzugs uns ſchlimme Verlegen⸗ heiten béreiten kann. Was Caſtillo und Benito betraf, ſo nahmen ſie ziemlich Aehnliches wahr. Wandartig und ziemlich ſcharf abgegrenzt ſenkten ſich die weißen Maſſen von den Bergen nieder, um von andern nachziehenden erſetzt zu werden, dann ver⸗ wandelte ſich das anfänglich ſchwache Schneegeſtöber in einen dichten Schneefall, welcher die benachbarten Gegenſtände nur auf wenige Schritte noch erken⸗ nen ließ, und als die Menge der fallenden Flocken 10* 148 ſich einigermaßen zu verringern ſchien, war die Erde bereits faſt ſchuhhoch mit Schnee bedeckt. Unſere Wanderer ſuchten Schutz unter einem Felſen⸗ vorſprunge zu finden, von den Bergen aber zogen immer neue Schneemaſſen nieder in das Thal. Sechstes Kapitel. El paso de las animas. Bisweilen hört man die Behauptung aufſtellen, daß die Damen plötzlich auf eine Idee verfallen, welche Niemand im Stande iſt, ihnen wieder aus dem Kopfe zu bringen, die ſie ſelbſt nicht aufgeben, wenn man ihnen zuſtimmt und unbedingt Recht gibt, welches Ver⸗ fahren ſonſt gute Dienſte leiſten ſoll. Wir wiſſen matürlich nicht, ob dieſe Behauptung gegründet iſt, und vermögen ebenſo wenig zu entſchei⸗ den, ob dieſelbe als ein Lob oder als Tadel zu be⸗ trachten ſein wird, aber wir müſſen berichten, daß ſich dies Phänomen ganz unerwartet mit kiemlicher Hef⸗ tigkeit bei Inez zeigte. Wir wiſſen, daß Kohlweg und Scherflein beſchloſſen hatten, vor allem nach Caſtillo's Hacienda zu gehen 150 und erſt, nachdem ſie dort nähere Nachrichten einge⸗ zogen haben würden, nach Caſtillo zu forſchen. Ob aber einer der beiden Freunde allein oder ob beide zuſammen ſich vorher nach der Hacienda begeben ſollten, war der Gegenſtand langer Berathung. Beide Anſichten hatten Gründe für und gegen ſich. Die Erderſchütterungen kehrten von Zeit zu Zeit mit nicht geringer Heftigkeit wieder, und die Zügel⸗ loſigkeit und Willkür einzelner Individuen, hervorge⸗ rufen durch die ſtets noch dauernde Verwirrung und den Schrecken, hatten eher zu⸗ als abgenommen. Neben mancherlei andern Anzeichen zeigte Agacio's Ermordung das deutlich an, und auch die anhaltenden Kämpfe der beiden Parteien dienten nicht dazu, die Sicherheit zu vermehren. Ließ man alſo Inez allein, ſo war ſie allerlei Fährlichkeiten ausgeſetzt. Auf der andern Seite konnte es den beiden jungen Männern von großem Nutzen ſein, wenn ſie ſich ge⸗ genſeitig unterſtützen konnten, ſei es durch Liſt oder Gewalt. Während man alſo das Für und Wider überlegte und durchaus zu keinem feſten Entſchluß gelangen zu können ſchien, löſte Inez mit einem Male den gordi⸗ ſchen Knoten. —— 151 „Ihr werdet beide gehen, und ich werde Euch be⸗ gleiten“, ſagte ſie. „Du?“ rief Scherflein. „Ja, ich, und nichts iſt einfacher. Niemand mehr als ich hat das Recht, das geraubte Eigenthum meines Vaters wieder in Beſitz zu nehmen, und nun, da Agacio ſeinen verdienten Lohn erhalten hat, fürchte ich die Strolche nicht, welche ſich dort eingedrängt haben. Nur vor ihm hatte ich Furcht.“ Kohlweg und Scherflein ſtellten ihr das Gefährliche ihres Vorhabens vor und baten ſie davon abzuſtehen, aber umſonſt. „Sage nein“, ſagte ſie zu Scherflein,„ſo bleibe ich. Du kennſt das Wort und den Grund, warum es ein Bann für mich geworden iſt, aber durch Gründe und Zureden bringſt Du mich nicht von meinem Vor⸗ ſatze ab.“ Im Braut⸗ und Liebesſtand gefällt jungen Leuten häufig eine ſolche Feſtigkeit des Charakters. Aus dieſem Grunde alſo und weil eben Inez feſt auf ihrem Willen beharrte, gab Scherflein endlich nach, und man faßte den Entſchluß, bereits am fol⸗ genden Tage die Reiſe anzutreten. Als man abends wie gewöhnlich vor der Hütte ſaß und einen neuen Rath hielt, ob man Beate mit⸗ * S 152 nehmen oder im Hauſe zurücklaſſen ſollte, näherte ſich ein einzelner Reiter den Verſammelten, in wel⸗ chem ſie, als er herangekommen war, mit freudigem Erſtaunen Pedrillo erkannten. Der gute Burſche war ſeinerſeits nicht erfreut, die Tochter ſeines Herrn und Kohlweg wieder zu finden, und zugleich Scherflein, den Retter der er⸗ ſtern, kennen zu lernen, und ſagte dann, daß er einen ganzen Sack voll Neuigkeiten mitbrächte, die zum Theile gut, zum andern wenigſtens nicht ganz ſchlimm wären. Kohlweg fragte ihn, ob er verabredetermaßen ſeiner Stiefmutter einen Beſuch abgeſtattet habe, und Pedrillo bejahte dies. „Anfänglich“, ſagte er,„wurde ich ganz irre an der lieben Frau.„Seid Ihr da, mein lieber Sohn!“ ſagte ſie.„Jeſus, welche Angſt habe ich ausgeſtanden wegen Euch in den gegenwärtigen ſchlimmen Zeitläufen und wie erſchrecklich habe ich mich nach Euch geſehnt! Aber kommt nur erſt herein und erquickt Euch mit Speiſe und Trank, und dann ſollt Ihr Wunderdinge hören!“ Sie ſetzte mir wirklich allerlei Dinge vor, welche ſie früher lieber in das Feuer geworfen als mir gegeben hätte, und dann ſagte ſie, daß ein fremder und vor⸗ nehmer Herr nach mir gefragt habe und mir ſagen ließe, ich ſolle nach Kohlweg's Hauſe kommen.“ —— * W 153 „Schilderte ſie mein Ausſehen?“ ſagte Kohlweg. „Ja, aber wie! Ich wurde faſt irre, denn der Mann, den ſie beſchrieb, ſah Euch nicht im mindeſten ähnlich.“ „Das that ſie deshalb“, rief Kohlweg lachend,„weil ſie mich für Euren Feind hielt und fürchtete, daß Ihr dann nicht in die Falle gehen würdet.“ „Ich merkte ſo etwas“, verſetzte Pedrillo,„aber da ich Euer Haus aus Eurer Beſchreibung kannte, ſo ging ich ſofort hierher. Als ich Abſchied nahm, hielt ſie ihre Schürze vor die Augen und ſagte ſchluchzend: „Ach, zu tauſend Malen geliebter Sohn, was würde ich darum geben, wenn ich Euch hier behalten könnte! Aber Euer Glück geht dem meinen vor und ich will ihm nicht im Wege ſtehen. Geht nur zu dem guten Herrn Kohlweg, der Euch beſſere Dinge geben wird, als ich es leider kann, und wenn Ihr recht viele Süßigkeiten zu koſten bekommt, ſo denkt an mich und daß ich's Euch von Herzen gönne. Das müßt Ihr mir verſprechen.“ Ich that's, und habe mein Wort gehalten, denn ich ſprach lange genug von ihr. Jetzt aber zu andern Dingen.“ Scherflein unterbrach ihn und erzählte ihm, wie er Agacio gefunden habe und daß er wahrſcheinlich er⸗ mordet worden ſei. 6 154 „Es geſchieht ihm recht“ ſagte Pedrillo,„und ich habe mir Aehnliches gedacht. Aber auch ich habe eine ſolche Nächricht, die ich indeſſen erſt mittheilen will, wenn ich der Ordnung nach erzählt habe, was mir begegnet iſt. Allenthalben ſtreifte ich umher, um irgend eine Spur von meinem Sennor zu finden, aber ſtets frucht⸗ los. Dann kam ich auf den Gedanken, daß vielleicht der Sennor Lopez der Sache nicht ganz fremd ſein könnte, und hielt mich in der Nähe ſeiner Hacienda auf, um vielleicht von ſeinen Leuten irgend etwas zu erfahren. Als aber das nicht der Fall war, wollte ich mich eben zu Euch begeben, um vielleicht einen guten Rath von Euch zu erhalten, als ich, in einem Gehölz unweit Lopez' Hacienda lauernd, einen Mann aus der⸗ ſelben kommen ſah, in dem ich ſofort Agacio erkannte. Ich folgte ihm vorſichtig und nahm mir vor, wenn wir eine paſſende Stelle erreicht haben würden, ein wenig mit ihm abzurechnen, als ich zwei andere Reiter erblickte, welche, ebenfalls aus dem Hauſe des Lopez kommend, ſo wie ich Agacio heimlich zu folgen ſchienen. Als ſie aber eine gewiſſe Strecke von der Hacienda entfernt waren, eilten ſie ihm nach und vereinigten ſich mit ihm. Unſchwer erkannte ich in den Beiden zwei der Bur⸗ 155 ſchen, mit welchen uns Agacio im Gebirge verfolgte, und da mir kein Zweifel obzuwalten ſchien, daß Alles das mit unſerer Angelegenheit in Verbindung ſtände, ſo zog ich jetzt den Dreien nach. Es war das ſchwierig, da ſie mich ſämmtlich kann⸗ ten, und am zweiten Tage hatte ich richtig ihre Spur verloren, ſei es, daß Ramon, der dabei war, mich vielleicht bemerkte und Vorſichtsmaßregeln traf, ſei es daß ich ungeſchickt war. Aufs Gerathewohl hin und auf gut Glück zog ich indeſſen nach der Richtung hin, die ich ſie anfänglich einhalten ſah, nach den Bergen, und ich glaubte meiner Sache ſicher zu ſein, daß ſie auch nach mehreren Ta⸗ gen nicht wieder in das Flachland zurückgekehrt wären. Bisweilen glaubte ich auf ihrer Spur zu ſein und erfuhr von Hirten und Leuten, welche Holz zur Stadt brachten, daß ihnen drei Männer begegnet wären, dann ſprach man blos von zweien, und endlich ſchienen auch dieſe von der Erde verſchwunden. Ich ſtreifte nun den Rand der Vorberge ab, und da war bisweilen Schmal⸗ hans Küchenmeiſter. Gewiß übt man gern Gaſtfreundſchaft bei uns, aber in den Fondas, in denen ich einkehren mußte, war wenigſtens eine kleine Zeche unvermeidlich, und meine wenigen Habſeligkeiten hatte ich ſchon faſt alle verkauft. =—— 156 Da erfuhr ich plötzlich von einem Burſchen, der, wie ich aus ſeinen Reden vermuthete, auf Vieh wartete, welches über die Berge ins Land gebracht werden ſollte, daß er zwei Männer bemerkt hatte, die er anfänglich für Zollwächter hielt. Er verbarg ſich deshalb, und als ſie ſich trennten und der eine nach dem Flachlande hin, der andere nach den Bergen zog, folgte er dem letztern; als er aber ſicher zu ſein glaubte, daß jener kein Zöllner wäre, gab er ſeine Verfolgung wieder auf. Waren nun die beiden Männer, welche der Burſche geſehen hatte, die, welche ich ſuchte, ſo lag mir der, welcher gegen das Gebirge zog, mehr am Herzen als der andere, und ich ging daher meinen neuen Bekannten an, mir den Weg zu zeigen, den jener eingeſchlagen hätte. Er ſann eine Zeit lang nach und ſagte endlich, indem er ſich hinter den Ohren kratzte: „Ich fürchte faſt, daß ich meinen Verdienſt bezüglich der verwünſchten Rinder verſäumt habe, und daß man ſie an einem andern Orte vorübergetrieben hat, denn ſchon geſtern hätten ſie hier ſein ſollen. Wenn Ihr mir einen Theil meines Verluſtes erſetzen wollt, ſo will ich Euch führen.“ Umſonſt iſt der Tod! Ich gab ihm daher den Reſt meiner Baarſchaft, freilich verdammt wenig; als er aber —— ſah, daß ich in der That nicht mehr hatte, zog er den⸗ noch eine Strecke mit mir und beſchrieb mir, ehe er ſchied, genau die Richtung, welche jener eingehalten hatte; ich ſelbſt aber ritt noch eine Strecke weiter und über⸗ nachtete dann wie gewöhnlich in den Fellen meines Sattels. Als ich erwachte, ſah ich zu meinem Schrecken, daß ein Theil der Cordillera mit Schnee bedeckt war und ſtets noch einzelne Schneewolken von der Höhe des Gebirgs niederzogen. Wenig war da mehr zu machen für mich, denn ſelbſt auf bekannten Bergpfaden iſt es bei nur einiger⸗ maßen hohem Schnee kaum möglich, weiter vorzudrin⸗ gen. Dennoch beſchloß ich zu verſuchen, was in meinen Kräften ſtände. Fluchend über den über Nacht gefal⸗ lenen Schnee, ritt ich ſo weit vorwärts, als es die Klugheit erlaubte, dann ließ ich mein Pferd ſtehen und ging noch eine Strecke zu Fuß weiter, um zu ſehen, ob ich nicht vielleicht irgend eine Fährte zu finden im Stande ſei. Aber eben dieſer Schnee, über den ich ſo ſehr ge⸗ ſcholten hatte, lieferte den, welchen ich ſuchte, in meine Hände. Ich war noch keine fünfzig Schritte weit auf dem beſchneiten Boden fortgegangen, als ich unter mir ein 158 klägliches Wimmern hörte und in einer nicht ſehr tie⸗ fen Schlucht eiuen Menſchen liegen ſah, der ſchwer verwundet ſchien. Sofort wendete ich um, kletterte an einer zugäng⸗ lichen Stelle abwärts und fand in der That einen Mann, der arg verletzt war und dem Anſcheine nach mit dem Tode rang. Bereits faſt ganz mit Schnee bedeckt, lag ſein todtes Pferd nicht weit von ihm ent⸗ fernt, und es ſchien daraus hervorzugehen, daß er wohl einen großen Theil der Nacht in dieſem jämmerlichen Zuſtande zugebracht haben mußte. Vor allem flößte ich ihm den Reſt meiner Flaſche ein, in welcher ich noch ein wenig Branntwein hatte, dann lud ich ihn auf meine Schultern und ſchleppte ihn aus dem Bereiche des Schnees, da ihn die Kälte nicht weniger als ſeine Verletzungen zu peinigen ſchien, und während dieſer Ausübung meiner Chriſtenpflicht ſah ich, daß es einer derjenigen war, welche, geführt von Agacio, uns im Gebirge verfolgt hatten. Indeſſen war es nicht nöthig, ihn jener alten Geſchichte wegen zu tödten, denn nachdem ich ihn im Trockenen hatte, bemerkte ich wohl, daß er nicht mehr lange zu leben hätte. Er ſchien übrigens das ſelbſt zu fühlen, und dank⸗ bar, weil ich ſeine ſchlimme Lage wenigſtens nach Kräften verbeſſert hatte, machte er mir Geſtändniſſe.“ Pedrillo berichtete nun, was wir bereits wiſſen, und der Jubel der Zuhörenden war groß, als ſie erfuhren, wo Caſtillo zu finden ſei, da Pedrillo erklärte, daß er ohne große Schwierigkeiten den Schlupfwinkel S zu finden hoffe. Daß Ramon der Mörder Agacio's, ging klar aus den Angaben des Verwundeten hervor, von welchem wir kaum zu ſagen brauchen, daß es Manuel war, dem der Schnee den Tod brachte. Er wollte, vom Schneefalle überraſcht, umwenden, allein zu ſpät. Die Pfade waren bereits verſchneit. Die chileniſchen Pferde, ſonſt die ſicherſten von der Welt, ſind indeſſen wenig an ſolche Zwiſchenfälle ge⸗ wöhnt. Manuel's Thier that einen Fehltritt und ſtürzte in die Schlucht. „Als es mit dem guten Manuel zu Ende ging“, ſchloß Pedrillo ſeinen Bericht,„ſchien er mir ein wenig verwirrt zu werden. Er beklagte ſich bitterlich, daß er nun die drei Monate nicht erleben könne, nach welchen er ſo klug wie Ramon geworden ſein würde; noch ſchwerer aber ſchien ihm zu fallen, daß er mit dieſem nun nicht werde abrechnen können, und er beſchwor mich, dies an ſeiner Stelle zu thun. Ich verſprach es ihm und beabſichtige mein Wort zu halten, indem ich dieſe und andere Rechnungen mit dieſem Ramon ins Reine bringen werde, wenn ich das Glück habe, ihn zu treffen.“ „Und nun“ rief Scherflein,„da wir wiſſen, wohin wir zu ziehen haben, ſo wollen wir drei Männer uns gleich morgen auf den Weg machen, um Inez' Vater zu befreien.“ „Und ich“, ſagte Inez,„werde mit Euch gehen. Jetzt habe ich noch beſſere Gründe, das zu thun, als bei Eurem beabſichtigten Zuge nach unſerer Hacienda.“ Pedrillo aber ſchüttelte den Kopf. „Morgen geht das noch nicht! Der Schnee liegt noch, und nur allzu leicht könnte das Schickſal Manuel's auch das unſere werden. Man kann von hier aus die höhern Theile der Cordillera ſehen; be⸗ ginnt dort der Schnee zu verſchwinden, dann ſind unſere Wege frei, und die Sennoritta mag uns dann begleiten, es wird nicht allzu beſchwerlich für ſie ſein.“ Inez nickte zuſtimmend, und als einige Tage ſpäter die gewünſchten Zeichen im Gebirge wahrgenommen wurden, beſchloß man die Reiſe anzutreten. Beate ſchloß ſich dem Zuge an, und man verſchloß das Haus auf ähnliche Weiſe, wie es Kohlweg und Scherflein bei ihrem erſten Auszuge gethan hatten. „Wir werden Deinen Vater finden“ ſagte Scherflein. „Ich zweifle nicht, daß uns Pedrillo, die treue Seele, — —— — — 161 richtig führen wird, und mit jenem Crespo werden wir ebenfalls fertig werden, hätte er auch ein halbes Dutzend guter Freunde bei ſich.“ „Und daß mein Vater unſern Bund ſegnen wird, bin ich überzeugt“, ſagte Inez, indem ſie ihrem Freunde die Hand bot. Kohlweg hingegen blickte düſter vor ſich hin. „Wie gönne ich Euch Euer Glück“, ſagte er,„an dem ich ſelbſt nicht zweifle, aber werdet Ihr es mir übel deuten, daß mein Geſchick nun doppelt ſchwer auf mir laſtet? Jenes gute Mädchen, welches mir das Leben auf ſo edelmüthige Weiſe rettete, iſt nun wohl unbedingt für mich verloren, und ich weiß ſelbſt nicht, wie es kommt, die Blutſchuld, die auf mir laſtet, drückt mich ſeit ihrem Verluſte doppelt ſchwer.“ „Sprecht nicht von Blutſchuld“, ſagte Inez, welche längſt eingeweiht war in Kohlweg's Vergangenheit. „Faſt ganz wart Ihr ja in Eurem Rechte, und hättet Ihr jenen nicht getroffen, ſo hätte er wohl Euch ge⸗ tödtet.“ Kohlweg ſeufzte tief auf und ſchwieg. Die Nacht war herangekommen, als die kleine Ka⸗ ravane am Fuße des Paſo anlangte, aber dieſe Nacht war faſt tageshell, denn der ſchon ziemlich hoch ge⸗ ſtiegene faſt volle Mond warf blendend ſein Licht auf v. Bibra, El paso de las animas. II. 11 162 die Erde, und nur wenige Sterne erſter Größe waren ſichtbar am tief dunkelblauen Himmel. Lärmend und tobend ſtrömte der Fluß durch die Schlucht, und ſein Brauſen wurde zu Zeiten noch verſtärkt durch das Kollern größerer Steine, welche er mit ſich fortriß, weil der geſchmolzene Schnee ſeine Fluten bedeutend verſtärkt hatte. Die Reiſenden hatten Halt gemacht, um ſich zu be⸗ rathen, und Inez ſagte jetzt: „Es iſt nicht angenehm, hier in nächſter Nähe des toſenden Waſſers zu ſchlafen. Der Lärm iſt zu heftig. Aber es iſt faſt ſo hell wie bei Tage, und ein Ueber⸗ gang über den Paſo bietet nicht die mindeſte Schwie⸗ rigkeit, zumal wir faſt alle ihn nicht zum erſten Male überſchreiten. Was wollen wir thun?“ „Hinübergehen“, erwiderte Kohlweg, indem er ſein Pferd vorwärts gehen ließ. Scherflein aber ſagte: „Halt! Ich möchte wiſſen, ob Agacio noch droben ſitzt und Wache hält. Es wäre kein angenehmer An⸗ blick für Inez, und die Pferde würden vielleicht auch ſcheuen.“ Kohlweg unterbrach ihn. „Du haſt Recht. Ich will zuſehen.“ Er ſprang vom Pferde, und um die Ecke biegend, verſchwand er für die Andern einige Augenblicke und 163 klomm aufwärts, indem er gleichzeitig nach Agacio, dem geſpenſtigen Wächter, ſpähte. Agacio ſaß nicht mehr droben, aber eine andere Geſtalt, ihm furchtbarer als alles Andere, trat ihm jetzt entgegen. Auf der oberſten Felſenſtufe erſchien plötzlich ein großer, hochgewachſener Mann und blickte hinab auf den Felſenweg. Scharf abgegrenzt am Nachthimmel ſtand er droben, gerade wie damals, und ebenfalls wie damals ſprang Kohlweg auf, aber er rief ihm nicht zu, zu ſtehen, und ſchoß auch nicht nach ihm, ſondern er ſtreckte die Arme unwillkürlich zur Abwehr aus gegen die Geſtalt und rief mit gellendem Tone: „Zeckel!“ Der droben aber machte faſt eine gleiche Bewegung, indem er rief: „Allmächtiger Gott, es iſt der Jäger.“ Kohlweg blieb ſtehen und hielt ſich mechaniſch feſt an den Felſen, da er fühlte, wie ſeine Schläfe pochten und wie es ihm zu ſchwindeln begann, und dabei ſtarrte er aufwärts. Der droben aber rief jetzt: „Ja, ich bin Zeckel, und Du biſt der Jäger, den ich erſchoſſen habe, faſt auf ähnlichem Pfade, aber fern von hier. Was willſt Du?“ 11* — 164 Die Antwort wurde Kohlweg erſpart, denn neben dem geſpenſtigen Schneider erſchien jetzt eine andere Geſtalt, rufend: „Großer Gott, Zacharias, er iſt es— Heinrich mein wackerer Beſchützer!“ Und neben dem Mädchen, welches alſo rief, wurden jetzt noch zwei Männer ſichtbar. Aber auch Kohlweg war nicht mehr allein, neben ihm erſchien Scherflein, und Inez, welche ebenfalls vom Pferde geſprungen war, ſuchte hinter den Beiden die Stufen zu erklimmen. Jetzt rief von oben eine Stimme: „Inez, theures, liebes Kind!“ Laßt uns nun aber dieſe Ausrufe und dieſes Wieder⸗ erkennen auf der ſchmalen Felſenbahn beenden. Eine beſſere Gruppe bildet ſich oben auf dem uns hinlänglich bekannten Plateau des paso de las animas. Kohlweg kletterte voran. Obgleich ſein Herz noch heftig pochte und eine tolle Flucht der Gedanken ſein Gehirn durchkreuzte, ſo hatte er doch begriffen, daß der, den er getödtet hatte, den er niederſtürzen ſah und deſſen dumpfen Fall in die Schlucht er hörte, droben lebend ſtand. Etwas Unbegreifliches, etwas Unmög⸗ liches, was aber dennoch begreiflich und möglich ſein mußte. — — 165 Als er das Plateau erreicht hatte, ſtand Zeckel vor ihm, lebendig und kaum verändert in ſeinem Aeußern. Er bot Kohlweg die Hand und ſagte lächelnd: „Ich weiß gewiß, daß ich Sie früher todtgeſchoſſen habe, zu meinem großen Vergnügen ſehe ich Sie aber jetzt lebend vor mir. Wie kommt das?“ „Entſchuldigen Sie“, verſetzte Kohlweg,„ich habe— Sie erſchoſſen und muß die Frage zurückgeben.“ Er fühlte ſich in dieſem Augenblicke von zwei Armen umſchlungen und Käthchen Bitterfeld ſagte unter Freu⸗ denthränen: „Es iſt mein Bruder, mein theurer, lieber Heinrich, und nun iſt Alles gut!“ Keben ihnen aber lag Inez in den Armen ihres Vaters und Pedrillo küßte die Hände ſeines wiederge⸗ fundenen Herrn, während Benito drohend ſagte: „Jetzt ſoll nur Crespo kommen, den wollten wir ſchön empfangen!“ Die Gruppe war vollſtändig. Wir bedürfen keines Rothfeuers, um ſie in ein vortheilhaftes Licht zu ſetzen, da das der Mond billiger und beſſer zu Stande brachte, und wir begleiten daher unſere Freunde auf die andere Seite des Paſo und hören an ihrem bald entzündeten Lagerfeuer die mancherlei Aufklärungen, die man ſich gegenſeitig gab. —— 166 „Ich befand mich im Hafen von Valparaiſo eben auf einem Schiffe“, begann Zeckel,„als ich zu meinem großen Erſtaunen und zu meiner noch größern Freude meine Schweſter auf einem Boot ſich nähern und an Bord kommen ſah. Das Erdbeben hatte auch in der Hafenſtadt ſchlimm gehauſt, ſchreckenerregende Nachrich⸗ ten waren eingelaufen von Santiago und ich war um ſie in der größten Sorge. Da erſcheint plötzlich das gute Kind geſund und wohlbehalten, ſie erzählt mir in fliegender Eile, wie unſer Haus in der Hauptſtadt verſchüttet worden, ſie ſpricht von dem Beginn der Zügelloſigkeit und allgemeinen Unſicherheit, mehr als von alledem aber ſpricht ſie von einem gewiſſen Heinrich, dem edelmüthigſten und tapferſten aller Menſchen, der ihr Ehre und Leben gerettet. Sie hatte mich in einer Schenke aufgeſucht, wo ich zu wohnen pflegte, und als man ihr geſagt hatte, daß ich an Bord gegangen, eilte ſie dorthin, mich aufzu⸗ ſuchen. Dieſem Heinrich aber jetzt ſchon meinen Dank ab⸗ zuſtatten war unmöglich, und eben ſo war es, trotz ihrer Thränen, unmöglich, daß Käthchen ihm Nachricht geben konnte. Das Schiff war im Begriffe auszulaufen, und es — — 167 war durchaus nicht mehr möglich, ein Boot mit Käthchen ans Land zu ſchicken, ſie mußte mich begleiten. Erlauben Sie mir hier eine erklärende Einſchal⸗ tung: Im alten, mit mehrfachen Vorurtheilen behafteten Europa war ich ein Schneidergeſelle, welcher Zeckel hieß. Die Profeſſion iſt gut, indeß ein Schneidergeſelle zu ſein iſt nicht nobel, faſt ordinär aber iſt der Name Zeckel. Ich warf ihn bereits in Hamburg ins Waſſer, und auch Zacharias heiße ich nicht mehr, obgleich mich Käthchen vorhin im Sturm der Leidenſchaft alſo nannte. Ich heiße gegenwärtig Guido Bitterfeld und bin Beſitzer eines Kleidermagazins, welches blos Pa⸗ riſer Kleidungsſtücke enthält, die ich faſt alle aus Ham⸗ burg beziehe. Zuverläſſig halten Sie mich aber nicht für ſo blöd⸗ ſinnig, den Hieſigen mein gutes Geld als Zoll für meine Hamburger Pariſer in die Taſche zu jagen. Mit Selbſtgefühl erfülle ich meine Bürgerpflicht, wenn es nicht anders ſein kann, ergibt ſich aber eine paſſende Gelegenheit, ſo erfülle ich die Pflichten, welche der Menſch gegen ſich ſelbſt hat. Wer in den Häfen der Weſtküſte einigermaßen be⸗ kannt iſt, weiß, daß dieſe letzte Art von Pflichterfüllung 168 durch Kapitäne, welche Waaren auf eigene Rechnung mit ſich führen, zu Zeiten erleichtert wird. Aber ſpreche ich auch verſtändlich?“ „Vollkommen“, ſagte Caſtillo lachend.„Sie kaufen von den Schiffen und ſuchen das Gekaufte ohne Zoll ans Land zu bringen.“ „Schön! Aehnlich verhielt es ſich mit dem Schiffe, auf welchem ich damals mit Käthchen aus dem Hafen von Valparaiſo fuhr und welches in einem nördlichen Hafen wieder anlegen wollte. Aber die Nachrichten, welche ich erhielt, änderten meinen Plan. Wohin mit neuen Waaren, wenn die alten unter Trümmern lagen, und bei den gegenwärtigen unſichern Zuſtänden? Ich fuhr zwar mit dem Schiffe nach jenem Hafen, aber ich machte meinen Kauf rückgängig und ging von dort unverzüglich nach Santiago, wo ich nachgraben ließ, von meinen verſchütteten Waaren herausnahm, was zu bekommen war, und mich hierauf mit dieſen geretteten Dingen und mit Käthchen ſofort nach Men⸗ doza begab. Ich war ſchon einmal dort, hatte Handelsverbin⸗ dungen angeknüpft und ſetzte meine mitgebrachten Sachen dort höchſt vortheilhaft ab. Hier in Amerika darf man nicht wiegen und wä⸗ gen, man muß wagen. . 4 .———————— —.—— 169 Nach beendetem vollſtändigen Ausverkauf unter dem Fabrikpreiſe wegen Geſchäftsveränderung verkaufte ich meine Maulthiere und ging mit meiner Schweſter nach Chile zurück, da ich einmal hier noch mancherlei Beſitz habe und weil es mir überhaupt auch hier beſſer als drüben gefällt. Geſtern hatte ich das Vergnügen, den Sennor Caſtillo zu finden, der, nachdem er dem Schnee entronnen war, eben im Begriff ſtand, dem Hunger zu erliegen.“ „Ja“, ſagte Caſtillo,„der Schnee belagerte uns, und nachdem uns das Thauwetter befreit hatte, war unſer Proviant aufgezehrt, und ohne den Sennor hier wären Benito und ich elend ums Leben gekommen.“ Daß man ſich vor und nach dieſer Erzählung Guido Bitterfeld's, denn wir müſſen ihn jetzt wohl auch ſo nennen, mehrfache andere Aufklärungen gab, braucht wohl kaum erwähnt zu werden. So ſprach man von Agacio's Tode, von Caſtillo's Gefangenſchaft bei Crespo, vom Kummer Kohlweg's über Käthchen's Verſchwinden und von Inez' Rettung durch Scherflein, welchen Caſtillo umarmte und ſeinen lieben Sohn nannte, während Kohlweg und Käthchen Hand in Hand am Feuer ſaßen und ſich allen jenen roſenfarbigen Unſinn zuflüſterten, der unter ſolchen Verhältniſſen zu Markte gebracht wird. 170 Wenn es wunderbar erſcheinen ſollte, daß ſich plötz⸗ lich hier faſt alle Perſonen unſerer Erzählung, welche nämlich vorher nicht wirklich erſchlagen wurden, ſo trefflich zuſammenfanden, ſo mag bedacht werden, daß wir gedachte Erzählung El paso de las animas ge⸗ nannt haben und daß mithin der Platz der Vereinigung nicht ganz ungünſtig gewählt ſein mag. Wir ſind dem Leſer nun noch eine Aufklärung über das Rencontre zwiſchen Kohlweg und Bitterfeld in Deutſch⸗ land ſchuldig und laſſen den Betreffenden ſelbſt das Wort. „Mit faſt Allem“, ſagte Kohlweg,„ſind wir nun ſo ziemlich im Reinen, und natürlich haben wir auch be⸗ griffen, daß wir uns nicht erſchoſſen haben. Daß ich Sie in jener unglücklichen Nacht nicht tödtete, hatte wohl einfach ſeinen Grund darin, daß ich ſo glücklich war, Sie zu fehlen. Aber als wir uns vorhin auf dem Paſo wieder begegneten, ſtießen Sie einen Ausruf aus, der ſchließen läßt, daß Sie gleichfalls glaubten mich getödtet zu haben. Wie verhält ſich das?“ „Ja“, ſagte Bitterfeld,„ich war dieſes Glaubens, ich war es bis vorhin, ich flüchtete deshalb aus Europa, ich wechſelte nicht blos, wie ich vorhin ſagte, aus einer übermüthigen Laune meinen Namen, ſondern auch des⸗ halb, um nicht hier als ein Mörder angeſehen zu wer⸗ —— — 14 den, träfe ich zufällig einen Landsmann, der in un⸗ ſerem Vaterlande von der Geſchichte gehört hätte. Vor allem aber ſeien Sie überzeugt, daß ich trotz meines glücklichen, doch etwas leichtſinnigen Temperaments viele ſchwere und unglückliche Stunden deshalb erlebte. Käthchen kann Ihnen das bezeugen.“ „Ja“, verſetzte Kohlweg,„ſie ſprach von den Ge⸗ wiſſensbiſſen, welche einen Mörder verfolgen müßten, aber ich bezog das auf mich und fürchtete, obgleich ich ihr meinen Namen nicht genannt hatte, daß ſie mich dennoch erkannt hätte.“ „Sie ſprach von mir“, ſagte Bitterfeld,„aber hören Sie, wie das Alles kam. Ich ſchoß in Ihrem Revier einen trefflichen Sechſerbock, welchen ich der bewußten ſchwarzen Crescenz zu verehren gedachte, und hatte, mit meiner Beute auf dem Rücken, bereits den Rückweg angetreten, als Sie mich plötzlich auf jenem Felſenwege anriefen. Mechaniſch hob ich meine Flinte, wie das in ähnlichen Fällen wohl faſt Jeder thut, aber Sie kamen mir zuvor und ſchoſſen nach mir, und ohne Zweifel war es die Aufregung, welche Sie fehlen ließ. Sie wiſſen, daß in der nächſten Sekunde auch ich Feuer gab.“ „Sie ſtreiften mich leicht am Arm“ unterbrach ihn Kohlweg. —— F. — 172 „Schön“, ſagte Bitterfeld,„unter den gegenwärtigen Verhältniſſen macht es mir Vergnügen, das zu hören. Damals aber glaubte ich Sie gänzlich gefehlt zu haben und fürchtete, da Sie, wie ich wußte, meiſt ein Doppel⸗ gewehr führten, Ihren zweiten Schuß. Ich warf daher meinen Bock in die Schlucht, mich ſelbſt aber auf die Erde und kroch leiſe und langſam rückwärts. Von Ihnen hörte und ſah ich nichts mehr; daher richtete ich mich, nachdem ich etwa fünfundzwanzig Schritte weit gekrochen war, auf, lief, was ich konnte, heimwärts und erreichte auch glücklich meine Wohnung. Trotzdem war mir aber nicht beſonders angenehm zu Muthe.“ Kohlweg ſchlug ſich an die Stirn. „Das war alſo der verwünſchte Bock, den ich fallen hörte!“ „Ja, und auch mir machte dieſer Bock bedeutende Schmerzen. Er mußte gegen mich zeugen, wenn Sie, wie ich nicht zweifelte, mich als Wilderer angeben wür⸗ den, und ich zerbrach mir den Kopf, wie ich mich aus dieſer unglücklichen Geſchichte wohl am beſten heraus⸗ wickeln könnte. Da mir nichts Beſſeres einfiel, be⸗ ſchloß ich endlich hartnäckig zu leugnen und ein paar ehrliche falſche Zeugen aufzutreiben, welche beſchwören würden, daß ich jene Nacht in ihrer Geſellſchaft zuge⸗ bracht hätte. Daß ich dabei an die ſchwarze Crescenz — — 173 und den ſchwarzen Bären dachte, liegt auf der Hand.“ „Wer war denn dieſe ſchwarze Crescenz, bon der Du jetzt ſchon zum zweiten Male ſprichſt?“ ſagte Käthchen. Bitterfeld kniff ein Auge zu und wechſelte unbemerkt einen Blick des Einverſtändniſſes mit Kohlweg, dann ſagte er leichthin: „Es war eine Perſon, welcher ich damals ober⸗ flächlich die Cour machte. Sie hat, wie ich erfuhr, bald nach meiner Abreiſe einen Fleiſcher geheirathet, welcher ſie mit allerlei ungerechten eiferſüchtigen Grillen plagen ſoll. Aber bleiben wir bei der Sache. Es war gar nicht nöthig, Zeugen aufzubringen, denn die Sache kam ganz anders. Ich war gegen Morgen in einen unruhigen Halb⸗ ſchlummer verfallen, als ich plötzlich durch ein Pochen am Fenſter erweckt wurde. Erſchrocken fuhr ich auf und erſchrak noch mehr, als ich draußen Freihart, den Forſt⸗ läufer, vor mir ſtehen ſah. Er ließ mir nicht Zeit, mich näher zu bedenken, ſondern ſagte: „Ihr ſteckt da noch in den Federn, verdammter Schneider, und drüben im Forſthauſe liegt der Gehülfe, den Ihr durch die Bruſt geſchoſſen habt und der jetzt wohl ſchon abgeſegelt ſein wird!“ Ich ſtarrte ihn ſprachlos an er aber fuhr fort: 174 „Wollt Ihr etwa leugnen? Er hat's ausgeſagt vor dem Förſter und den beiden Knechten, daß Ihr's gethan; bis Mittag ſpäteſtens holt man Euch, und Ihr dürft froh ſein, wenn man Euch nicht hängt, ſondern zu lebenslänglichem Zuchthaus begnadigt.“ Niemals in meinem Leben war mir ſo miſerabel zu Muthe als in jenen Morgenſtunden, und Freihart ſchien das wohl zu bemerken. „Es iſt gegen meinen Dienſteid, daß ich Euch das ſtecke“, ſagte er,„und noch mehr iſt's dagegen, wenn ich Euch durchhelfe, aber ich bin ein guter Kerl. Wollt Ihr nicht an den Galgen oder ins Zuchthaus, ſo müßt Ihr fort, und zwar ſogleich.““ „Der ſchlechte Kerl!“ rief Kohlweg.„Faſt genau daſſelbe ſagte er mir, und ich denke mir wohl den Grund. Mich ſuchte er fortzuſchaffen, weil er längſt auf meine Stelle ſpeculirte und der Förſter, der ihm gewogen war, ihm dann wohl dazu verhelfen konnte, Sie aber hetzte er aus dem Lande, damit ich, erführe ich zufällig, daß Sie noch am Leben, nicht etwa umkehren ſolle.“ „Wir werden das genau erfahren“ ſagte Bitterfeld, „denn ich habe einen Bekannten, dem ich ſchreiben und auftragen werde, der Sache auf die Spur zu kommen. Was ich aber noch weiter zu berichten habe, läßt ſich mit wenigen Worten berichten. 175 Freihart machte mir die Hölle ſo heiß, daß ich bald entſchloſſen war zu flüchten, und er war mir nach Kräften dazu behülflich. Einige Tage ſpäter befand ich mich bereits in Hamburg, wo ich mich zu jenem Bekannten begab, deſſen ich vorhin erwähnte, einem maitre tailleur und Collegen von mir, der mit allen Wäſſern gewa⸗ ſchen war. Ich hatte Freihart deſſen Adreſſe gegeben und ihn erſucht, mir Nachricht zukommen zu laſſen, und ſchon nach einigen Tagen erhielten wir einen Zettel ohne Unterſchrift mit den Worten: „Der Gehülfe iſt heute begraben worden. Man ſucht nach ſeinem Mörder. Säumt nicht zu lange.“ Kaum kann ich Ihnen ſagen, wie mich dieſe Nach⸗ richt zum zweiten Male niederſchmetterte. Stets noch hegte ich die Hoffnung, kein Mörder zu ſein, jetzt hatte ich die Gewißheit, daß ich es wäre! Indeſſen raffte ich mich dennoch zuſammen. Ich hatte einiges Vermögen, und mein Freund kaufte für den größten Theil deſſel⸗ ben Kleidungsſtücke, mit welchen ich ſofort nach meiner Ankunft in Santiago einen höchſt einträglichen Handel begann. Zugleich ſchrieb ich an Käthchen, meine Schweſter, welche bei einer Verwandten untergebracht war, und fragte ſie, ob ſie mich begleiten wolle. Daß ſie es that, wiſſen Sie, und nun bin ich zu Ende. Wir haben unſere — 176 Flintenſchüſſe ſchwer gebüßt, Gott aber hat Alles zum Beſten gelenkt.“ Am nächſten Mörgen begab ſich die ganze Geſell⸗ ſchaft nach dem uns längſt bekannten Hauſe der beiden Deutſchen, und es bedarf weniger Worte, um anzudeu⸗ ten, was ſich weiter begab. Caſtillo kam wieder in den Beſitz ſeines Eigenthums, welches ſeit dem Tode Agacio's nicht mehr angefochten wurde, und auch der Tod ſeines Nachbars Lopez trug wohl einen Theil zu ſeiner Sicherheit bei. Im Uebri⸗ gen gab er ſeine Neutralitätsgrille auf und ſchloß ſich der Partei der Prieterianer an, welche ſpäter Zn Sieg über ihre Gegner davontrug. Der treue Pedrillo wurde trotz ſeiner Jugend zum endloſen Verdruß ſeiner Stiefmutter Mayordomo bei Caſtillo, und Benito brüſtete ſich ſein Leben lang mit dem Muthe, welchen er bezüglich des Schnees und anderer Elementarſchäden bewieſen hatte, was der Sen⸗ nor Caſtillo bekräftigte, ſeine übrigen Heldenthaten aber großmüthig verſchwieg. Daß Scherflein Inez heirathete, verſteht ſich von ſelbſt, desgleichen Kohlweg Käthchen. Der letztere trat in das Geſchäft Bitterfeld's und dieſer ſagte: „Mache Dir keine ſchlimmen Gedanken, als wärſt Du von der Jägerei in die Schneiderei gerathen. Wir ſind keine Schneider mehr, nicht einmal Kleidermacher, ſondern Kaufherren, großartige und dennoch ſolide, und geht's mit den Röcken und Höschen nicht mehr, ſo ma⸗ chen wir in andern Artikeln; das gibt ſich hier, wie man die Hand umdreht.“ Was Crespo anlangt, ſo kam ſpäter einmal ein Burſche zum Sennor Caſtillo, welcher dieſen fragte, ob er nicht Luſt habe, billiges Vieh zu kaufen, und nebenher einen Gruß von Crespo ausrichtete. Als der Sennor erwiderte, daß er für den Augenblick kein Vieh bedürfe, ſagte der Burſche: Wenn das der Fall iſt, ſo hoffen gewiſſe Leute uigſtens, daß Ihr gewiſſe Dinge vergeſſen werdet, die Ihr vielleicht bei Crespo geſehen habt.“ „Mein Freund“ verſetzte Caſtillo,„ich muß ſo viele Dinge im Kopf haben, daß ich ſofort Alles vergaß, was überflüſſig iſt und mich nichts angeht. Und was vielleicht bei Crespo vorgefallen iſt, geht mich nicht im mindeſten an.“ Wir wiſſen nicht, ob vielleicht in der Folge Caft illo dennoch billiges Vieh kaufte, müſſen aber berichten, daß er etwa ein Jahr ſpäter, nachdem er Ramon's Be⸗ kanntſchaft gemacht hatte, dieſen in Valparaiſo als Sträfling und in Ketten mit dem Reinigen der Straße beſchäftigt antraf. b. Bibra, El paso de las animas. II. 12 178 Als er den Sennor erkannte, legte er mit einem bittenden Blick einen Finger an den Mund, worauf Caſtillo nickte und ihm eine halbe Goldunze ſchenkte. Nachrichten, welche endlich aus Hamburg von Bitter⸗ feld's Freund einliefen, beſagten, daß Freihart in der That die Stelle Kohlweg's erhalten habe, daß ſich aber das Gerücht verbreitet hätte, Kohlweg und Bitterfeld hätten bezüglich des Wildfrevels unter einer Decke ge⸗ ſteckt und ſeien, weil ſie Entdeckung S men davongegangen. „Das iſt ſchändlich“, rief Kohlweg.„Was thun wir?“ „Nichts“ verſetzte Bitterfeld,„denn gingen wir auch hinüber und erzählten, wie ſich die Sache in Wirk⸗ lichkeit verhielt, ſo glaubte uns dennoch keine Seele.“ Emde Druck von Bär& Hermann in Leipzig. ——————— ——— ——————— „— — —— —