deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Olimann in Gieſen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen ſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſetnen entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet o wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für nhchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat:* Mi Pß 1 50 3 „ 7 7„„ 4 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defeete Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, be zte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren— s, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe ij auf 14 Tage feſtgeſet und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ 4 ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — ———— — 3 „ ——— 2— ₰—— 3 S3 ——— K Rl paso de las anim. Roman von . Ernſt v. Bibra. 3 Erſter Band. Leipzig, Ernſt Julius Günther. 1870. ——— 8 Erſtes Kapittel. Heimweh. „Sieh doch einmal nach, Jakob“, ſagte Kohlweg, der Jäger,„wie draußen das Wetter iſt. Ich habe alle Courage verloren und traue mich gar nicht hinaus, denn ich fürchte, es wird im Leben nicht anders.“ Der Jakob Geheißene ſtand auf und trat vor die Thür der Hütte oder des Hauſes, kam aber nach wenigen Augenblicken wieder zurück und ſagte tief aufſeufzend: „Es iſt noch immer ſo ti wundervoll, wie's bisher alle Tage war.“ Draußen hatte Luna ihre ſilberne Schale ausge⸗ goſſen über die Erde mit reichlicher, verſchwenderiſcher Hand, und das glänzende Mondlicht des Südens lag, ſtill und prächtig, weithin über der oder über v. Bibra, Pl paso de las animas. I. 2 dem Lande, denn das Land, von welchem wir ſprechen, war ſichtbar ſeiner ganzen Breite nach bis an die Ber⸗ gesreihe, welche es vom Ocean abgrenzt. War der weißliche Schimmer, der hinter jenen Küſtenbergen lag, die See? Waren es Nebelſchichten, die über dem Meere ſchwebten, oder vielleicht ferne Wolken, die den Horizont mit dem Waſſer einten? Wer konnte das ſagen? Die dunklen Bergesrieſen aber, die dem Meere entgegengeſetzt das Land begrenzten, waren ſcharf ge⸗ ſchieden vom ſternenbeſäten Nachthimmel, und nur einzelne ihrer ſchneeigen Gipfel erglänzten im Mond⸗ lichte, welches den tiefdunkelblauen nächtlichen Himmel faſt allein beherrſchte und nur einigen Sternmatado⸗ ren erlaubte, ihr funkelndes Licht zu zeigen. Es war eine reizende, eine wundervolle Nacht, und das Land, über welchem ſie ihre Pracht entfaltete, war Chile. Der Jäger lüftete mit der Spitze ſeiner Pfeife das Endchen eines Kleidungsſtückes, mit welchem er das Fenſter dicht verhängt hatte, um ſich von der Wahrheit von Jakob's Bericht zu überzeugen; als aber das Mond⸗ licht ſofort ſiegreich in die Stube drang und die röth⸗ liche Oellampe faſt unſichtbar machte, ſchloß er ſeufzend die Lücke wieder. — 3 3 „Mondſchein und Helligkeit“ ſagte er grollend, „und wieder Helligkeit und Mondſchein, und ſonſt nichts und wieder nichts, ſeit wir hier in der un⸗ glücklichen Knallhütte ſitzen, welche die unverſchämten 7 Kerle hier im Lande ein Haus, eine casa nennen.“ „Ja“, fügte Jakob hinzu,„und wenn der Mond endlich einmal klein beigeben muß, da der hieſige glück⸗ licherweiſe gerade ſo gut halbirt und geviertelt wird, wie der unſrige drüben, ſo machen ſich die Sterne mauſig und ſcheinen faſt ebenſo wie der langwei⸗ lige Mond.“ „Solche Nächte nennt man bei uns Jägern ſtern⸗ hell“, ſagte Kohlweg,„und dieſes ſternhell iſt häufig nichts weiter als eine tüchtige Finſterniß. Wir Jäger freilich kennen uns aus und kommen durch Dick und Dünn, mögen die Sternhelligkeiten noch ſo ſtockdunkel ſein und die andern Leute ſtolpern und fallen, hier zu Lande aber kann jeder Eſel über Stock und 4. Stein laufen, weil's faſt ſo hell iſt wie bei Tage. Es iſt ein Elend!“ „Das hätte weniger auf ſich“, verſetzte Jakob;„ich ſehe nicht ein, warum andere anſtändige Leute, die eben keine Jäger ſind, auf die Naſe fallen ſollen. Aber die miſerable Stille genirt mich faſt am meiſten, die in dieſen jammervollen Nächten und beinahe ebenſo bei 1 ——— 4 Tage herrſcht. Gegen Abend freilich kommt eine Art von Wind von den Bergen, aber es iſt kaum mehr als ein Luftzug, der ſich elendiglich durch die Bäume ſtiehlt, als hätte er kein Recht, rechtſchaffen zu blaſen und zu pfeifen. Wo hört man eine Wetterfahne knarren, einen Ziegel auf die Straße fallen oder einen Schorn⸗ ſtein einſtürzen? Wo hört man einen Wagen fahren, Betrunkene ſich ſtreiten, wo Feuer ſchreien? Nicht ein⸗ mal ein jämmerlicher Kater läßt ſich hören, dahier, in dieſer verwünſchten, romantiſchen Einſamkeit, welche mir täglich unheimlicher wird, weil ſie ſo ganz und⸗ gar nichts Unheimliches an ſich hat.“ Der Jäger ſtimmte ihm bei und ſprach von den nächtlichen Reizen ſeiner ebenfalls einſamen Forſtwart⸗ wohnung im deutſchen Walde: wie die Windsbraut durch die altersgrauen Tannen gefahren ſei, brauſend, aſtbrechend und ihr wildes Sturmlied ſingend; wie ſich die Feuerſchlangen des Blitzes bekämpft droben am Himmel, in den ſchwarzen Wetterwolken, und Odin's Sohn, Thor, der Donnergott, Wald und Fels erſchüttert durch das Rollen ſeines mit Böcken beſpannten Wa⸗ gens; wie dann wieder, in andern Nächten, Hati der böſe Wolf und Managarm der Mondhund den Mond am Nachthimmel gejagt und verfolgt. Kohlweg, der Jäger, ſchien nicht unbeleſen zu ſein, „„————— 3— 5 und wie er alſo ſprach von den wilden Schönheiten ſeines Vaterlandes, hob er begeiſtert den Arm, und ſein Freund Jakob hörte ſeine Worte mit offenbarem Vergnügen. Dann ſprach der Jäger vom Winter und ſeinen Reizen. „Faſt mannshoch lag der Schnee im Walde, tiefer wohl noch in den Schluchten und Hohlen und nur der Kundige fand da ſeinen Weg da galt es zu kämpfen mit Wind und Wetter, und ſaß man dann, nach des Tages Mühen, beim treuen Kachelofen im einſamen Forſthauſe, hörte man draußen; im Walde einen Baum ächzen, den des Schnees Laſt zu brechen drohte, und die nächtliche Stille wurde vielleicht noch unterbrochen durch das Bellen eines Fuchſes oder durch einen fer⸗ nen Schuß, den wohl ein Wilddieb gethan.“ Es ſchien faſt, als habe Kohlweg dieſe letzten Worte gewiſſermaßen unwillkürlich geſprochen und werde ſich erſt jetzt ihres Sinns bewußt, der ihn erſchütterte oder ihm wenigſtens unangenehme Erinnerungen in das Ge⸗ dächtniß rief, denn er ſchwieg plötzlich und blickte düſter vor ſich hin. Auch Jakob ſchwieg, und, beide ſaßen jetzt traurig und gedrückt einander gegenüber und ſtarrten in die trübe Dellampe, ſtatt Thür und Fenſter zu öffnen, um 6 dem zehnmal hellern Lichte des Mondes den Eingang zu geſtatten und die würzige Luft zu athmen, die draußen von den Bergen niederwärts ſtrömte. Die beiden Leute hatten eben jenes Stadium des Heimwehs, in welchem uns ganz gewöhnliche Dinge der fernen Heimat über alle Maßen vortrefflich er⸗ ſcheinen und ſelbſt wenig zu lobende Zuſtände beſſer als wirklich gute der Fremde. Da aber ihre Unterhaltung vollſtändig ſtockte und keiner von ihnen ein Wort über ſeine Vergangenheit ſprach, ſo müſſen wir dem freundlichen Leſer, auf die Gefahr hin, langweilig zu erſcheinen, die nöthigen An⸗ haltspunkte vorlegen und in der Kürze entwickeln, wie die Beiden dazu gekommen, ihr Vaterland zu verlaſſen und ſich nach dem fernen Chile zu begeben. Wir verſprechen dafür für die Folge Abenteuer, ſo fabelhaft, wie ſie nur aufzutreiben ſind, und die emi⸗ nenteſte Spannung, welche unſere ſchwache Feder wenig⸗ ſtens hervorzurufen im Stande iſt. Wenig iſt eigentlich zu ſagen über Jakob Scherf⸗ lein, den einen unſerer Freunde. Er war ein ſo gut⸗ müthiger Menſch, daß, wer ihn nicht näher kannte, ihn faſt für unbedeutend halten konnte, und dabei ein echtes, wahrhaftiges Stillleben. Seine Aeltern waren wenig bemittelte Krämersleute, * S ₰————— S — 2——— 7 und Jakob wäre mit Vergnügen in die Fußtapfen ſeines Vaters getreten, wenn dieſer nicht beſchloſſen hätte, ſeinem einzigen Sohne eine beſſere Exiſtenz als ſeine eigene zu verſchaffen, und denſelben aus dieſem Grunde ſtudiren ließ. Jakob fügte ſich willig, und theils um ſeinen Aeltern Freude zu bereiten, theils weil er vielleicht nichts Beſſeres zu thun wußte, büffelte er mit rieſigem Fleiße, eine Begebenheit, welche ſich mit ſehr klugen und ebenſo mit ſehr einfältigen Menſchen zutragen kann. Vielleicht hatte kaum etwas in ſeinem Leben den alten Scherflein ſo glücklich gemacht als dieſer Fleiß ſeines Sohnes, und was des ſletztern Lehrer betraf, ſo prophezeiten ſie ihm die vortrefflichſte Zukunft. Die alten Klaſſiker mußten vom Olymp herab mit Stolz und Freude auf den Jüngling blicken, welcher ihre Werke mit ſolchem Eifer verſchlang, und es war kaum anders zu glauben, als daß ſie bei den unſterblichen Göttern ſich auf das angelegentlichſte für das Wohl ihres Lieblings verwenden würden. Die einzige Klage, welche ſeine Lehrer in jener Zeit über ihn führten, war die, daß der fleißige Jakob dieſe Früchte ſeines Fleißes allzu willfährig mit ſeinen fau⸗ len Mitſchülern theilte, das heißt, daß er dieſelben ſeine Penſa abſchreiben ließ, bei den Lectionen ihnen 8 hülfreiche Zettelchen zuſteckte und den Aufgerufenen einzublaſen ſuchte, wie und wo es nur anging. Nichts⸗ deſtoweniger verließ er als ein Muſter das Gymnaſium, bezog die Univerſität, und da bei jüngern Leuten noch hier und da Spuren von Dankbarkeit angetroffen werden, ſo vergalten jetzt die Faulen, welche ſeine Penſa abgeſchrieben hatten, dieſe Wohlthat damit, daß ſie ihm nun ihrerſeits unter die Arme griffen und einen we⸗ nigſtens erträglich flotten Studio aus ihm machten. Das fiel ihnen nicht ſchwer, denn aus trägen und unordentlichen Gymnaſiaſten werden faſt immer auf der Univerſität ſehr„ordentliche Kerle“, und ſo, lehrten ſie mit Freuden den fleißigen Jakob jetzt Alles, was ſie ſelbſt mit ſo großem Eifer betrieben, und dieſer ver⸗ leugnete ſeinen frühern Fleiß keineswegs. Ohne im geringſten ſeine philoſophiſchen Studien zu verſäumen, beſuchte er unermüdlich den Fechtboden, lernte trinken und commentmäßig krakehlen, was zu jener Zeit unerlaßlich war, da man ſich damals ſeinen Paukanten noch eigenhändig und mühſam erwerben mußte und ihn nicht, auf ein Zettelchen geſchrieben, auf die bequemſte Weiſe von der Welt präſentirt erhielt. Als ſich Jakob einigemal mit ebenſo viel Muth als Geſchicklichkeit geſchlagen hatte, geſtanden ſich ſeine Freunde, daß in der That das Unmögliche möglich 1 2 9 und aus einem Büffler ein flotter Kerl geworden ſei, während ſeine frühern Lehrer ſich ebenfalls über die Richtung wunderten, welche ihr früheres Muſter einzu⸗ ſchlagen begann. Nach Verlauf eines Jahrs freute und wunderte ſich Niemand mehr in der Univerſitätsſtadt über Jakob Scherflein. Siegreich heimgekehrt von einer Paukerei, erhielt er einen Brief von Hauſe, der ihm den Tod ſeines Vaters meldete und ihn zugleich aufforderte, wolle er ſeine tod⸗ kranke Mutter noch einmal ſehen, ſchleunigſt heimzu⸗ kehren. Er that es, geleitete einige Tage ſpäter, in Thränen zerfließend, die gute alte Frau zu Grabe und erfuhr, abermals einige Tage ſpäter, daß ſeine Aeltern ſo viel wie nichts hinterlaſſen hatten, da ihr Kram wenig abwarf und ſie allen ihren Erwerb dazu ver⸗ wendet hatten, ihren einzigen Sohn ſtudiren ſund an⸗ ſtändig auftreten zu laſſen. Die Poſt und Mauth waren zu jener Zeit ſpröder als gegenwärtig gegen unglückliche Jünglinge. Die Eiſenbahn und der Telegraph leuchteten zwar bereits durch die Nebel Altenglands herüber ins deutſche Reich, aber ihr Netz war noch nicht geſponnen über daſſelbe. Der Rath der Klaſſiker im Olymp, gegen wöchent⸗ 10 liche Koſttage lateiniſcher Inſtructor zu werden, wollte Jakob nicht recht behagen, und er verzehrte deshalb den Reſt des älterlichen Vermögens, ſuchte ſich die da⸗ rauf folgenden Tage des Hungers eine Zeit lang durch die auf der Univerſität erlernte Philoſophie erträglich zu machen, und ein Jahr nach dem Tode ſeiner Aeltern finden wir ihn als Schreiber des Advocaten Doctor Mauſert wieder. Mit zagendem Herzen hatte Jakob ſich zu dem alten, als Sonderling verrufenen Herrn begeben, welcher zwar eine Schreiberſtelle ausgeſchrieben, mehrfache Be⸗ werber aber ohne alle Umſtände abgewieſen hatte. Wider Erwarten fand er indeſſen keine ungünſtige Aufnahme. „Ich habe Ihre Aeltern gekannt“, ſagte Mauſert; „brave Leute, haben ihr ganzes Vermögen aufgezehrt, ehe ſie ſtarben. Finden Sie das nicht ſonderbar?“ „Es geſchah aus Liebe zu mir“, verſetzte Jakob⸗ „ich habe nicht das Recht, mich darüber aufzuhalten.“ „Brav“, ſagte Mauſert,„als Sohn ſehr brav ge⸗ dacht. Aber glauben Sie, daß ich aus Liebe zu Ihnen ebenfalls mein Vermögen aufzehren werde? Denken Sie reiflich nach!“ Da dieſe Frage Jakob außerordentlich vor⸗ kam, ſo dachte er wirklich längere Zeit nach, da ihm aber nichts Beſſeres einfiel, ſo ſagte er endlich: 11 „Nein; ich bin überzeugt daß Sie das nicht thun werden.“ Mauſert nickte befriedigt. „Können Sie ſchweigen?“ „Wie das Grab!“ „Narrenspoſſen“, rief der Advocat.„Das Grab ſchwatzt wie ein altes Weib. Bedenken Sie nur, welche Teufeleien die Arſenikleichen erzählen, welche man wie⸗ der ausgegraben hat. Aber ſcheuen Sie die Arbeit, die horribelſte, furchtbarſte, ungeheuerſte Arbeit?“ Jakob zog die Schulter. „Ich werde thun, was in meinen Kräften ſteht, was menſchenmöglich iſt, und reicht der Tag nicht, ſo muß die Nacht aushelfen.“ „Pfui, junger Mann“, entgegnete Mauſert mit miß⸗ fälliger Miene,„man muß nichts übertreiben. Aber jetzt kommen Sie, ich will Sie auf Ihre Stube führen.“ Es war eine hochgelegene, helle und freundliche Stube im Hintergebäude, welche der Advocat ſeinem neuen Schreiber anwies, bereits vollkommen zum Em⸗ pfange eines Bewohners hergerichtet. Dann wurde dieſer in die Hausordnung eingeweiht, indem Mau⸗ ſert ſagte: „Frühſtück auf der Stube, Mittags⸗ und Abendmahl ———— ¹ 44 1 * 1 12 gemeinſchaftlich. Die häuslichen Geſchäfte beſorgt ſämmtlich ein Laufburſche, der des Tages über unten, an der Thür, ein Stübchen bewohnt, aber auswärts ſchläft. Hier haben Sie einen Monatslohn im voraus und hier den Hausſchlüſſel. Iſt die Arbeit nicht über⸗ mäßig groß, ſo können Sie ausgehen, wenn Sie Luſt haben und des Abends nach Belieben ausbleiben. Im Zimmer nebenan iſt meine Bibliothek, Sie können die⸗ ſelbe, wenn Sie Zeit haben, benutzen. Adieu!“ Mauſert ging, ohne ſeinem neuen Untergebenen Zeit zu laſſen, ſeinen Dank abzuſtatten. Als Jakob allein war, ſagte er zu ſich ſelbſt: „Ich kann ausgehen und die Bibliothek benutzen, wenn die Arbeit nicht zu groß iſt und wenn ich Zeit habe, aber ich fürchte, der Hausſchlüſſel und die Bücher da nebenan werden gute Ruhe haben, wenn einmal die rieſige Arbeit begonnen hat, die der Alte vorhin in Ausſicht ſtellte.“ Es verging indeß der erſte Tag, ohne daß Jakob zum Geſchäft gerufen wurde, ebenſo der zweite, und nachdem in gleicher Weiſe eine Woche verfloſſen war, fragte während des Mittagstiſches Jakob ſchüchtern, ob es ihm nicht bald erlaubt ſein dürfte, das Bureau zu betreten. „Wir arbeiten beide in unſern Stuben“, verſetzte — 13 Mauſert,„und ich werde Ihnen demnächſt ſo Vieles zu mundiren und zu concipiren bringen, daß es Ihnen ſchwül werden wird.“ „Beſter Herr Mauſert“, ſagte Jakob ängſtlich,„ich fürchte, daß das Concipiren für jetzt noch ſchlecht gehen wird, denn—“ „Punctum!“ erwiderte Mauſert, und hierauf be⸗ gann er von andern Dingen zu ſprechen. Nach einem halben Jahre hatte Jakob vollſtändig ſeine Stellung begriffen. Er war bei Mauſert in decorativer Beziehung an⸗ geſtellt, indem ſich der Advocat, welcher, wie es ſchien, nicht einen Clienten mehr hatte, nach außen den Anſchein zu geben wünſchte, als habe er eine bedeutende Praxis. „Da Sie ſtudirt haben“, ſagte er zu Jakob,„ſo verſtehen Sie zuverläſſig zu kneipen. Geben Sie ſich deshalb, wenigſtens alle vierzehn Tage einmal, dieſer Beſchäftigung hin, ſuchen Sie Ihre Collegen, die andern Advocatenſchreiber, auf und klagen Sie über die furcht⸗ bare Arbeit, welche ich Ihnen aufbürde.“ „Aber“, verſetzte Jakob,„eigentlich kommen doch ſo wenig Leute zu uns—“ Mauſert ließ ihn nicht ausſprechen. „Auswärtige Praxis“, rief er,„Familienproceſſe 14 von Fürſten und Grafen, feine Geſchäfte, welche mit Gold aufgewogen werden. Ich mache geheimnißvolle Reiſen, ich komme mit Gold beladen zurück, aber ein alter Filz, wie ich bin, lebe ich zu Hauſe einfach, ja faſt ſpärlich. Verſtehen Sie mich?“ „Vollkommen“ erwiderte Jakob. Und er befolgte auch redlich die Befehle ſeines Principals, indem er von Zeit zu Zeit ſeine Collegen wacker anlog und un⸗ geheuerliche Dinge von der geheimnißvollen Praxis ſeines Herrn berichtete. Im Uebrigen war er wieder ganz der Alte gewor⸗ den, und die Zeit ſeines Univerſitätslebens erſchien ihm faſt wie ein Traum. Nur wenig kam er, mit Aus⸗ nahme der befohlenen Gänge zu den Collegen, aus dem Hauſe, dagegen benutzte er die Bibliothek Mauſert's, ohne ſich indeſſen mit dem Studium eines ſpeciellen Faches zu beſchäftigen. Die Frage, was nach dem Tode Mauſert's aus ihm werden ſolle, welche ſich ihm freilich bisweilen auf⸗ drängte, ſchlug er ſich aus dem Sinne, denn man kann ſehr wohl leichtſinnig ſein, ohne das Leben eines flotten Weltmannes zu führen. Dagegen cultivirte er ſeine Bekanntſchaften auf und unter den Dächern, auf welche er die Ausſicht hatte. 15 Er beobachtete das häusliche Leben der Sperlinge, welche im Hausgärtchen Mauſert's eine zahlreiche Colonie angelegt hatten. Er kannte alle Katzen der Nach⸗ barſchaft und verfolgte die Fortſchritte eines unſicht⸗ baren Flötenſpielers, der beim Einzuge Jakob's ſeine erſten Studien begann, aber nach Verlauf eines Jahres ſich bereits über die ärgſte Unerträglichkeit hinausge⸗ arbeitet hatte, und ähnliche Erfahrungen machte er an einer jugendlichen Sängerin, deren wirklich hübſche Stimme nach und nach Schule bekam. Daß er die zahlreichen Kinder genau an ihren Stimmen zu unter⸗ ſcheiden wußte, ſowie die der bisweilen ſcheltenden Mütter, verſteht ſich von ſelbſt, merkwürdiger aber war es, daß er ſich über alle dieſe Dinge ſelten oder nie ärgerte, was ihm vielleicht begegnet wäre, wenn er ſich in der Lage befunden hätte, Romane oder chemiſche Abhandlungen zu ſchreiben. Jakob Scherflein war eben ein Stillleben! Nach Verlauf von etwa zwei auf dieſe Weiſe zugebrachten Jahren kam er eines Abends ziemlich ſpät von einem ſeiner Dienſtgänge nach Hauſe und bemerkte zu ſeinem Erſtaunen noch Licht bei ſeinem Principal. Er trat ſogleich bei demſelben ein, da ſich ihm eine unbeſtimmte Ahnung irgend eines Unheils aufdrängte. 16 Er fand ſeinen Brodherrn in einem Lehnſtuhl ſitzend, welcher ihm die Hand reichte, indem er zu lächeln verſuchte. „Ich wußte, daß Sie kämen“ ſagte er mit ſchwacher Stimme,„wenn Sie das Licht ſehen würden, und es iſt mir lieb, daß Sie da ſind, denn ich will doch nicht wie ein alter Fuchs in meiner Höhle allein ſterben.“ „Iſt Ihnen etwas zugeſtoßen?“ verſetzte Jakob erſchrocken. „Aufzuwarten“ ſagte Muſert,„und das zwar ſo ziemlich zu rechter Zeit. Ich mache es nämlich wie Ihre würdigen Aeltern und ſegne das Zeitliche, nachdem die zeitlichen Güter von mir gewichen ſind. Alias: Vielleicht noch ein halbes Jahr hätte mein Vermögen ausgereicht, und dann hätte es mir freige⸗ ſtanden, zu verhungern, zu betteln oder ein wenig Selbſtmörderei zu begehen. Der Tod hatte die Artig⸗ keit, bei mir anzuklopfen und mir das Verſprechen zu geben, mich vor allen dieſen Unannehmlichkeiten zu bewahren. Ich glaube, er hält raſch Wort.“ Er bedeutete hierauf Jakob, aus ſeinem Pulte eine grünſeidene Börſe zu nehmen, und händigte ihm die Hälfte ihres Inhalts ein, indem er ſagte, daß er mit ihm theilen wolle. „Die andere Hälfte“, fuhr er fort,„reicht zu meinem M 17 Begräbniſſe, und meine Papiere zeigen deutlich, daß Sie ſich keinen Pfennig unrecht zugeeignet haben.“ Jakob vergoß bittere Thränen und ſtreichelte dem alten Manne die Wangen, indem er ſchluchzend rief: „Sterben Sie nicht, lieber Herr Mauſert, ſterben Sie nicht, es preſſirt nicht ſo ſtark! Ich bleibe bei Ihnen und wir werden ſchon auf etwas verfallen, um wieder zu Geld zu kommen.“ „Guter Kerl“ ſagte der Advocat,„ganz guter Kerl, aber es thut's deswegen doch nicht mehr. Mein lieber Scherflein, wenn Sie ſpäter einmal ebenfalls ſterben, ſo denken Sie an mich. Man ſtellt ſich den Tod ganz anders vor, als er in Wirklichkeit iſt, theils ſchlimmer, theils beſſer, und ich glaube, wem es einmal ſo zu Muthe iſt, wie mir gegenwärtig, der mag gar nicht mehr länger leben. Ich bin begierig, ob Sie das auch ſo finden. Aber ich will Ihnen, Ihre Zukunft betref⸗ fend, noch einen Rath geben, den ich auf dieſe Stunde verſpart habe, und der Ihnen von größtem Nutzen ſein wird. Werden Sie—“ Mauſert ſah bei dieſen Worten ſeinen Schützling ſo ernſthaft an, wie dieſer es nie vorher bei ihm bemerkt hatte, und gleichzeitig kam er Jakob plötzlich wenig⸗ ſtens um zehn Jahre älter vor. Was aber Jakob wer⸗ den ſollte, ſagte er nicht mehr, denn er war geſtorben. v. Bibra, El paso de las animas. I. S 18 Es fand ſich in den folgenden Tagen Alles beſtätigt, was der Sterbende geſagt hatte. Sein ganzes Beſitz⸗ thum war verpfändet, und nichts gehörte mehr ſein als die Summe in der grünen Börſe, welche ihrerſeits wieder richtig zu den Gerichts⸗ und Begräbnißkoſten ausreichte. Auch Jakob wurde nichts in den Weg gelegt, er verließ unangefochten das Haus, nachdem er ſeinem Principal die letzte Ehre erzeigt, und hatte jetzt Zeit, darüber nachzudenken, welchen guten Rath der Ver⸗ ſtorbene ihm wohl hätte geben wollen. Da es ihm aber nicht gelang, hierüber ins Klare zu kommen, ſo begann er die Rathſchläge zu prüfen, welche ihm die Lebenden gaben. „Uebernehmen Sie die gewinnreiche Praxis Ihres verſtorbenen Principals“, ſagten die Einen. Andere riethen ihm eine reiche Heirath zu machen. Wieder Andere ſprachen von dem güldenen Boden, welchen das Handwerk habe, und fügten hinzu, daß ſie ihn indeſſen mit dieſem Rathe durchaus nicht be⸗ leidigen wollten. Ziemlich allgemein gehalten war der Troſt, welchen er von andern Seiten erhielt, nämlich daß der, der Lateiniſch verſtünde, durch die ganze Welt käme. In⸗ deſſen rief dieſer Troſt, durch eine einfache Ideen⸗ —, „ 19 werbindung, in ihm den Gedanken wach, auszuwan⸗ dern. Er theilte das einigen ſeiner Bekannten mit, und da man ihm einſtimmig abrieth, nach Nordamerika zu gehen, weil er zu gut für dieſes Land ſei, und da ſich gleichzeitig eine Schiffsgelegenheit nach der Weſtküſte Südamerikas darbot, ſo folgte er dieſem Rufe des Schickſals. Weil wir aber weder unſerem Jakob, noch den Herren Nordamerikanern und überhaupt Niemand auf der Welt zu nahe treten wollen, ſo unterlaſſen wir es die vielfachen Ueberſetzungen anzuführen, welche ſtatt⸗ haft wären für den Ausdruck„zu gut“, und laſſen Jakob ſich an Bord begeben, woſelbſt er die Bekannt⸗ ſchaft Kohlweg's, des Jägers, machte, welcher ebenfalls Europa Valet geſagt hatte und mit welchem wir uns jetzt ein wenig beſchäftigen wollen. Man konnte nicht ſagen, daß Heinrich Kohlweg durch die lateiniſche Schule gelaufen ſei, denn es ging im Gegentheil dieſer Weg ziemlich langſam vor ſich, da dem Jünglinge am Ende verſchiedener Schul⸗ jahre von ſeinen mißgünſtigen Lehrern mehrfache Repetir⸗Prügel zwiſchen die Füße geworfen wurden. Auf der Forſtſchule, wohin er aber endlich doch gelangte, ging es beſſer, er wurde ein tüchtiger Forſt⸗ 2 20 mann, und wir finden ihn einige Jahre ſpäter als Forſtwart in einem kleinen Häuschen mitten im wil⸗ den Walde wieder. Ein alter, ihm beigegebener Knecht beſorgte die häuslichen Geſchäfte. Etwa zwei Stunden von Kohlweg's Wohnung befand ſich das größere Forſthaus, in welchem ſein Vorgeſetzter, der Förſter, wohnte, und wieder ſo ziemlich in gleicher Entfernung, an der Grenze des Waldes, lag ein kleines Landſtädtchen, welches Kohlweg bisweilen beſuchte, theils Geſchäfte im Amthauſe halber, theils um einen Schoppen zu nehmen, in ſpätern Zeiten auch noch aus andern Gründen oder eigentlich aus einem einzigen Grunde. Dieſer Grund wurde repräſentirt durch die ſchwarze Erescenz, welche, wie man zu ſagen pflegt, guter Leute Kind, ſehr hübſch, ſehr kokett und im mittelguten Sinne ein wenig leichtſinnig war und ſich als Kell⸗ nerin im ſchwarzen Bären befand, deſſen Beſitzer ihr Vetter war. Da die Bekanntſchaft Kohlweg's mit Crescenz An⸗ fang und weitern Verlauf wie tauſend andere hatte, ſo iſt es nicht nöthig, ſich weiter über dieſelbe auszu⸗ breiten, und es mag nur bemerkt werden, daß nach Verlauf eines halben Jahres Niemand mehr Zweifel hegte, daß die beiden jungen Leute ſich heirathen würden. ————— 21 Im Buche des Schickſals ſchienen indeſſen andere Beſtimmungen verzeichnet zu ſein. Kohlweg und die ſchwarze Crescenz küßten ſich be⸗ reits vor den Leuten, als ein junger Mann im Städtchen erſchien, welcher Zacharias Zeckel hieß und ein Schnei⸗ dergeſelle war. Dieſer Name hatte freilich keinen beſonders ro⸗ mantiſchen Klang, und über das Schneiderhandwerk ſpöttelt man von den älteſten Zeiten bis auf den heu⸗ tigen Tag, zuverläſſig aus ſehr ſchwachen oder gar nicht vorhandenen Gründen, und ſolches geſchieht ſo⸗ gar häufig von Perſonen, welche den größten Theil ihrer erhöhten, ſonntäglichen Bildung eben nur ihrem Schneider verdanken. Daß aber der junge Mann Zacharias hieß und ein Schneider war, war auch das Schlimmſte, was man ihm nachſagen konnte, denn im Uebrigen war er ein vollkommener Gentleman. Groß und hübſch gewachſen— größer wie Kohlweg— trug er Haupthaar und Bart ſtets nach der herrſchen⸗ den Mode; ſelbſtverſtändlich war ſeine Kleidung eben⸗ ſo modern, ſeine Wäſche untadelhaft, und in ſeinem Benehmen hatte er ein gewiſſes Etwas, was die Frauen reizend, die Männer unausſtehlich fanden. Dieſe letztern nannten ihn daher häufig den Baron und die, welche ſich am meiſten über ihn ärgerten, dem Grafen, und wenn Zeckel dieſes zufällig hörte, ſagte er lächelnd: er wünſche es zu ſein, zufällig aber wäre er nicht mehr als ein armer Schneider. Dann aber lenkte er geſchickt das Geſpräch auf andere Dinge; er ſprach von den großen Städten, welche er geſehen hatte, von den Theatern, welche er beſucht, von Concerten und Kunſtſammlungen, und kam das Geſpräch auf hochgeſtellte und bekannte Per⸗ ſönlichkeiten, ſo ſprach er von denſelben mit der größ⸗ ten Achtung, aber faſt unwillkürlich kamen die Anwe⸗ ſenden häufig auf den Gedanken, als ſei er mit dieſen Autoritäten irgendwie näher bekannt und ſpreche blos aus Beſcheidenheit ſo zurückhaltend, oder vielleicht gar aus einem andern Grunde. Man wurde bisweilen irre an ihm und wunderte ſich darüber, daß dieſer Mann ſich herabließ, in dem kleinen Städtchen zu arbeiten, und das gar bei einem Meiſter, der die Mitte zwiſchen einem Flickſchneider und einem Pfuſcher hielt. Im Uebrigen war Zeckel im ſchwarzen Bären bald⸗ täglicher Gaſt, und Kohlweg, welcher mit dem beſten Willen nur einigemal in der Woche dorthin kommen konnte, bemerkte mit innerlichem Grimme, daß ſeine Erescenz dem verwünſchten Schneider bedeutend größere 23 Aufmerkſamkeit ſchenkte, als es in ihrer Stellung nöthig geweſen wäre. Infolge deſſen wurde ſeine Stimmung eine ge⸗ reizte, mürriſche und verdroſſene, er wurde unhöflich gegen Zeckel, der ſeinerſeits die Stellung eines gewür⸗ felten Weltmannes behauptete, welcher, da er keinen Hader haben will, dergleichen nicht zu bemerken ſcheint, und gegen den Jäger äußerſt höflich war, dagegen aber der ſchwarzen Crescenz auffällig den Hof machte. Es ſind das alte Geſchichten, welche aber dem, dem ſie juſt paſſiren, durchaus nicht das Herz brechen, ſondern im Gegentheil zu großer Beruhigung ge⸗ reichen ſollten, inſofern nämlich Amor allein noch das Feld behauptet und Hymen nicht ſchon die Sache un⸗ heilbar verpfuſcht hat. Was indeſſen Kohlweg betraf, ſo nahm ſein Un⸗ muth täglich zu, und es kam ihm zugleich mehr und mehr vor, als ſpiele er dem verwünſchten Schneider gegenüber eine höchſt untergeordnete Rolle. Seine eigenen Manieren erſchienen ihm ungelenk und faſt bäueriſch, ſein Aeußeres verwildert, und wäh⸗ rend er ſonſt die Honoratioren des Städtchens mit allerlei Abenteuern aus ſeinem Leben auf der Forſt⸗ ſchule unterhalten hatte, kamen ihm jetzt ſeine Erzäh⸗ lungen trocken und langweilig vor, und das Wort er⸗ 24 ſtarb ihm im Munde, wenn Zeckel mit geläufiger Zunge von der Pracht der großen Städte ſprach und von ſeinen Erlebniſſen in denſelben. Er machte endlich ſeinem Unmuthe Luft und der ſchwarzen Crescenz die heftigſten Vorwürfe, welche dieſe ſchnippiſch und wegwerfend beantwortete, und dann brach er mit derſelben, Kummer und Groll im Herzen, und mied den ſchwarzen Bären, in welchem Zeckel nach wie vor den Liebenswürdigen ſpielte. Wenige Wochen nach jenen heftigen Auftritten ging er eines Abends, zwiſchen Licht und Dunkel, ſei⸗ ner einſamen Wohnung zu, als es ihm ſchien, als ſähe er ſeitab vom Wege und ziemlich gedeckt von Buſch⸗ werk einen Mann ſtehen, der ſich bei ſeiner Annäherung niederduckte, offenbar, um nicht geſehen zu werden. Als er ihn aber anrief und ihm heranzukommen ge⸗ bot, leiſtete jener ſofort Folge, und Kohlweg ſah nun, daß es Freihart, der Forſtläufer, war, welcher dem Förſter beigegeben war und auf dem Forſthauſe wohnte. Auf die Frage Kohlweg's, aus welchem Grunde er ſich hier, wie es ſcheine, in einen Hinterhalt gelegt habe, zog jener die Schultern und ſagte: „Es iſt der Wilderer wegen, Herr Forſtwart. Der Alte brummt und knurrt ſeit einigen Tagen unausſteh⸗ 25 lich, und richtig iſt's, wir haben drüben ſelbſt ſchon ſchießen gehört.“ „Wer zum Teufel ſollte hier jagen?“ verſetzte Kohlweg ärgerlich.„Ich habe noch keinen Schuß gehört!“ „Hm, ja, ſo ſo, es iſt wohl möglich“ machte der Forſtläufer, wielleicht—“ Dann ſchwieg er. „Macht mir den Kopf nicht warm“ rief jetzt Kohl⸗ weg heftig und mit einem derben Fluche.„Was ſollen die einfältigen Reden?“ Freihart ſchien nicht recht mit der Sprache heraus zu wollen, aber endlich fagte er zögernd: „Ich nicht, wahrhaftig nicht, auch wohl der Herr Förſter nicht, aber es iſt mir doch bisweilen vorge⸗ kommen, als wenn er was Aehnliches dächte. Es iſt wegen des fremden Barons, der ſeit einiger Zeit ſich im Städtchen aufhält, der Ihr guter Freund iſt und mit dem Sie immer im ſchwarzen Bären zuſam⸗ menkommen. Der jagt, aber Sie wiſſen's wohl nicht.“ Kohlweg ſtreckte den Arm aus, um ſeinen Be⸗ gleiter an der Bruſt zu faſſen, ließ ihn aber wieder ſinken. Dann ſchritt er eine Zeit lang ſchweigend neben dem Forſtläufer her und endlich ſagte er: „Sprecht mit Niemand von dem, was Ihr mir ſo eben mitgetheilt habt. Mit Niemand! Hört Ihr? Auch mit dem Herrn Förſter nicht, mit welchem ich mich ſelbſt benehmen werde. Gute Nacht!“ Er bog dann ſeitwärts ins Gebüſch und ließ Frei⸗ hart allein ſeinen Weg fortſetzen, da ihm deſſen weitere Begleitung unangenehm war, und nachdem er einiger⸗ maßen ruhiger geworden, bedachte er das Gehörte. Er ſelbſt hatte zwar noch keinen verdächtigen Schuß gehört, dennoch war die Sache nicht vollkommen unwahrſcheinlich. Zeckel, der Baron, hatte ja allerlei noble Paſſionen, warum nicht auch dieſe? Hatte er nicht vom Jockey⸗ Club geſprochen und vom Pferderennen? Die Jagd⸗ liebhaberei lag da ebenfalls nicht fern, und es war Zeckel leicht möglich zu erkunden, wann Kohlweg Gänge nach entferntern Ortſchaften zu machen und er ſelbſt dann freies Spiel hatte. Daß man ihn aber für einverſtanden mit dieſem Menſchen hielt, kränkte ihn tief, und gedachte er der Worte des Forſtläufers, ſo ſchoß ihm das Blut in das Antlitz. Er hatte ihm ſeine Liebe geraubt, jetzt ſollte durch ihn auch noch ſeine Ehre angetaſtet werden! „Ich faſſe ihn“, ſagte Kohlweg zu ſich ſelbſt,„und man ſoll wenigſtens ſehen, wie unſere Freundſchaft beſchaffen iſt.“ — 27 Von dieſem Tage an lag er Tag und Nacht auf der Lauer, ohne aber auch nur das mindeſte Verdäch⸗ tige zu bemerken, und er nahm endlich zu einem Kunſtgriffe ſeine Zuflucht, welcher nicht ſelten von Jä⸗ gern und, mit Variationen, auch wohl von ihren Feinden, den Wilderern, angewendet wird. Widerſtrebend freilich nur begab er ſich eines Nachmittags in den ſchwarzen Bären, nahm eine Kleinigkeit zu ſich und erzählte dem Wirthe, der ihn freundlich empfing, während Crescenz ſich nicht blicken ließ, daß er einen Geſchäftsgang nach einer vier bis fünf Stunden weit entfernten Ortſchaft habe. Dabei zeigte er Papiere auf, welche er angeblich zu über⸗ bringen hatte, ſchalt über das Unangenehme ſolcher Geſchäfte und über den weiten Weg, und als der Wirth ſagte, da ſei es ja unmöglich, daß er heute wieder heimkehren könne, erwiderte er: „Freilich nicht, ich habe morgen in den Frühſtun⸗ den noch dort zu thun und darf froh ſein, wenn ich morgen um dieſe Zeit wieder zu Hauſe bin.“ Dann ging er langſam durch das Städtchen und ſchlug den Weg nach jener Ortſchaft ein; als er aber ſicher ſein durfte, nicht mehr beobachtet zu werden, kehrte er zu ſeinem Reviere zuruck und legte ſich dort auf die Lauer. . „ . 2. 2————————— — 2————— m——— — 3— 28 Er hatte natürlich zur Ausführung dieſer Kriegs⸗ liſt eine mondhelle Nacht gewählt und war erſt mit Anbruch der Dunkelheit zu ſeinem Walde gelangt, da er, um nicht bemerkt zu werden, mancherlei Umwege einſchlagen mußte; dort wählte er ſich eine Stelle, welche er für ſein Vorhaben am geeignetſten hielt. Es war ein ſteiler, wenig beſuchter Felſenpfad, welcher aber mitten in den Wald führte, und ging der Schneider auf verbotenen Wegen, ſo war es ziem⸗ lich wahrſcheinlich, daß er dieſen einſchlagen würde, da derſelbe, beſonders zur Nachtzeit, faſt nie betreten wurde, weil manche Stellen nicht ungefährlich waren. Kohlweg deckte ſich hinreichend durch Buſchwerk und nahm ſeine Stellung in der Weiſe, daß er den Pfad nach zwei Richtungen hin im Auge hatte, obgleich Zeckel, war er wirklich jagen gegangen, ſich wohl ſchon im Walde befand und, kehrte er heim, oben auf der Höhe erſcheinen mußte. Indeſſen nahm ſich der Jäger vor, wenn er im Holze einen Schuß hören würde, einige Zeit zu warten, und käme ſein Feind nicht an der geglaubten Stelle zum Vorſchein, auf gut Glück den Weg nach dem Städtchen einzuſchlagen, um den Schneider mit ſeiner muthmaßlichen Beute vielleicht dort noch zu ertappen.»* Er ſtand eine ziemlich lange Zeit auf ſeinem Poſten 8 und gab ſchon faſt die Hoffnung auf, für heute ſeinen Zweck zu erreichen, als plötzlich in nicht allzu weiter Entfernung ein Schuß fiel. Das Herz Kohlweg's pochte in dieſem Augenblicke ſo ſtark, daß er ſeine Schläge zu hören glaubte, aber es war nicht die Ausſicht auf den etwa bevorſtehenden Kampf, welcher ihn alſo in Aufregung verſetzte, ſon⸗ dern die Ueberzeugung, daß er nicht falſch berichtet worden war. Keinen Augenblick zweifelte er, daß Zeckel wirklich den Schuß gethan. So war ihm alſo dieſer Menſch nicht nur bei ſeiner Liebe in den Weg getreten ſondern auch ſeine Amtstreue wurde durch ihn verdächtigt. Er erwartete ſeinen Feind, indem alle Empfindungen des Haſſes in ſeiner Bruſt tobten. Des Jägers geübtes Ohr ſchätzte die Entfernung ab, in welcher der Schuß gefallen ſein mußte. Vielleicht eine Viertelſtunde entfernt von ſeinem Verſtecke lag auf der halben Höhe des Berges eine Waldwieſe, auf welche häufig die Rehe zogen, um dort zu äſen. Sehr wahrſcheinlich hatte Zeckel das ebenfalls erkundet und hatte auf ein Reh geſchoſſen, und es unterlag keinem Zweifel mehr, daß er in nicht langer Zeit auf dem Feklſenpfade erſcheinen mußte. Es war in der That ſo. 30 Er trat plötzlich und mit unhörbarem Schritte um eine Ecke der Felswand und ſtand nun, auf etwa ſechsundreißig Schritte Entfernung vor Kohlweg, oben anf der Höhe der Felſen, grell beleuchtet vom Mond⸗ lichte und ſcharf abgegrenzt vom nächtlichen, klaren Himmel. Dort blieb er einige Augenblicke ſtehen, um ſich zu„verhoffen“ das heißt, um zu ſpähen, ob nicht et⸗ was Verdächtiges in der Nähe, was offenbar ungeſchickt war, indem man eine ähnliche Spähe, geht man auf ſolchen Wegen, ſtets hübſch gedeckt anſtellen ſoll. Einen ähnlichen Fehler beging aber gleichzeitig der Jäger. Anſtatt gedeckt durch das Buſchwerk ſeinen Gegner mit der gewöhnlichen Anſtandsformel anzurufen: „Steh' Hund, und wirf Dein Gewehr weg, oder ich ſchieße Dich nieder“, raubte ihm der Groll und die Aufregung alle Vorſicht, er ſprang aus ſeinem Verſtecke auf den untern Theil des Pfades und rief ſeinem Feinde eine ähnliche Artigkeit wie die ſo eben erwähnte zu, indem er gleichzeitig auf ihn anſchlug. Aber auch des Schneiders Lauf blitzte im Mondlicht. Kohlweg ſchoß, in der nächſten Sekunde gab auch Zeckel Feuer und Kohlweg fühlte einen leichten Schmerz am linken Oberarme. Der Schneider aber oben auf 31 der Höhe war verſchwunden, und auf der abſchüſ⸗ ſigen Seite des Felſenpfades hörte der Jäger einen dumpfen Fall, dann war Alles todtenſtill. Todtenſtill, denn es unterlag keinem Zweifel, drunten in der Schlucht lag Zeckel erſchoſſen; es war ja hell, und auf ſolche kurze Entfernung fehlte Kohlweg nicht. Ein eigenthümliches Grauen kam über ihn, wie er es niemals vorher empfunden hatte. Unſchlüſſig blieb er eine kurze Zeit ſtehen. Was ſollte er thun? Hinüber klettern in die Schlucht zu dem Todten? Abgeſehen davon, daß es nicht recht klappt, ſich hülfreich zu erzeigen gegen einen, mit dem man auf ſolche Weiſe ſo eben Kugeln gewechſelt hat, war da auch unbedingt nicht mehr zu helfen, denn hatte den unten in der Schlucht auch die Kugel nicht ſchon getödet, ſo hatte das doch unbedingt der Sturz gethan. Kohlweg warf noch einen Blick nach der Höhe, auf welcher kaum eine Minute vorher ſein Feind geſtanden, dann wandte er ſich und ging ſeinem einſamen Hauſe zu, während in ſeinem Gehirn eine wilde, verworrene Flucht der Gedanken ſtattfand und in ſeinem Herzen Empfindungen tobten, die wohl nur der kennt, dem Aehnliches begegnet, der Gleiches gethan. 3 32 Er ſchritt ſtets raſcher vorwärts, ſodaß ſein Gehen endlich faſt ein Laufen wurde. Einige hundert Schritte hatte er noch bis zur Forſt⸗ wartwohnung, als ihm plötzlich Freihart entgegentrat. Zu Zeiten war ihm der Mann unangenehm, ja faſt unheimlich vorgekommen, er wußte ſelbſt nicht recht warum, heute war es ihm beinahe erwünſcht, ihm zu begegnen. „Es hat gekracht, Herr Forſtwart“, ſagte Freihart, „und zwar zweimal. Sie führen Ihre einläufige Büchſe, alſo hat der Andere auch geſchoſſen? Liegt er auf der Naſe?“ Einen Augenblick überlegte Kohlweg. Zu ver⸗ heimlichen war aber der Fall nicht, und dann war es ihm faſt wohthätig, ſich gegen Jemand ausſprechen zu können. So theilte er dem Forſtläufer das Geſchehene mit. „Dem Baron oder Schneider, wie Sie ſagen, iſt recht geſchehen“ ſagte dieſer,„aber für Sie ſtehen die Dinge ſchlecht. Ja, wenn's eine zufällige Begegnung geweſen wäre! Aber durch Ihr Vorgeben im ſchwarzen Bären haben Sie dem Mann in der Schlucht ja ordentlich Gelegenheit gemacht. Das kann ſchief gehen!“ „Was kann man mir thun“, erwiderte Kohlweg, „ich habe meine Schuldigkeit gethan.“ —— —— 33 Der Forſtläufer ſtieß einen Ziſchlaut aus. „Kennen Sie die Herren auf der Kanzlei nicht beſ⸗ ſer? Zuerſt heißt's freilich: Thue Deine Schuldigkeit, hat man aber einem auf den Pelz gebrannt, ſo ſagen ſie: Wegen eines lumpigen Haſen ſchießt man keinen Mitmenſchen todt! Davon, daß jene auch auf uns ſchie⸗ ßen, ſpricht kein Menſch. Dafür ſind wir Jäger. In ihren Geſetzbüchern aber haben ſie mehr Paragraphen, als Bäume hier im Walde ſind, und alle die können ſie drehen und wenden, wie ſie wollen. Und dem Lumpen⸗ zeuge helfen ſie immer lieber als uns. Das iſt liberal oder ſonſt was und koſtet ſie nichts!“ Sie waren zur Forſtwartwohnung gekommen. Frei⸗ hart trat mit ein, und beide beſprachen die Angelegen⸗ heit noch weiter. Der Schuß Zeckel's hatte Kohlweg's Arm nur leicht geſtreift, blos eine Contuſion hervor⸗ gebracht. Wollte auch Kohlweg fälſchlich ausſagen, daß jener zuerſt geſchoſſen, ſo würden, wie Freihart meinte, die Juriſten ſagen, daß er dann noch weniger nöthig gehabt habe zu feuern, da der Schneider keinen Schuß mehr im Rohre gehabt. Kohlweg blickte düſter vor ſich hin. „Was wird mir geſchehen?“ ſagte er dann. „Allerlei ſchöne Sachen“, verſetzte der Forſtläufer. „Zuerſt wird man Sie durch die Landjäger holen und v. Bibra, El paso de las animss. P 3 —ůů ůÜů˖ů˖ů˖— 34 geſchloſſen zum Amte ins Städtchen führen laſſen, dann folgt die Unterſuchungshaft, ein halbes, ein ganzes, wohl auch zwei Jahre, je nachdem ſie mehr oder we⸗ niger andere Spitzbuben auf dem Lager haben. Her⸗ nach kommt die Zuchthauspläſirlichkeit: Waſſerſuppe, Erbſen, Graupen und ſchmackhafte Prügelkoſt, und von letzterer können Sie bekommen, ſo oft und ſo viel Sie wollen. Zur Unterhaltung ſägen Sie Breter oder ſpin⸗ nen Wolle, und führt man Sie ſpazieren, um die Straßen zu reinigen oder andere für das Gemeinwohl nützliche Arbeiten zu verrichten, ſo iſt Ihre rechte Seite grün und die linke grau gefärbt, zweierlei Tuch, aber anders eingetheilt als bei den Herren Soldaten. Die Jungfer Crescenz würde große Augen machen!“ Kohlweg ſah bei dieſen Worten den Forſtläufer ſo ganz abſonderlich an, daß dieſer einen Schritt zurück⸗ trat und die Schulter ziehend ſagte: „Es iſt nicht anders!“ „Aehnlich wenigſtens“ ſagte Kohlweg.„Ich muß fort!“ „Je eher je lieber“, verſetzte der Forſtläufer.„Ich habe einen Vetter unter den Zollwächtern an der Grenze, das iſt ein geriebener Burſche; an den gebe ich Ihnen ein paar Zeilen mit, der hilft Ihnen durch, und dann nach Hamburg oder Bremen und aufs Waſſer. Wenn Sie in ein paar Jahren wieder⸗ „———— 35 kommen und ſich ſtellen, ſo kommen Sie vielleicht mit einem Jährchen durch.“ „Schreibt an Euren Vetter, wenn Ihr es thun wollt“, ſagte Kohlweg. Der Forſtläufer ſchrieb, und daß Kohlweg glücklich auf und über das Waſſer kam, wiſſen wir. Leider aber konnte man zu jener Zeit— es war im Anfange der zwanziger Jahre dieſes Jahrhunderts— in Chile weder einen Jäger noch einen Schreiber oder einen Philoſophen brauchen, und die beiden jungen Leute, welche ſich an Bord eng an einander angeſchloſſen hatten, ſahen bald einer trüben Zukunft entgegen. Da der Jäger aber kurz vorher, ehe er Europa verließ, eine kleine Erbſchaft erhoben hatte und Scherflein noch einige bei Mauſert erworbene Sparpfennige beſaß, ſo kauften ſie endlich ein Beſitzthum oder ein Anweſen und beſchloſſen Oekonomie zu treiben. Wir haben ihre Bekanntſchaft auf dieſem ihrem Land⸗ ſitze gemacht, welcher mit zwei Worten alſo zu ſchildern iſt. Es war eine baufällige, aus Lehm und Reiſern erbaute Hütte, welche in einer vollſtändigen Einſamkeit auf den Vorbergen der hohen Cordillera gelegen war. Die Grenze der Beſitung war unbeſtimmt und beide Freunde hätten ohne Zweifel ihren Ackerbau in ſtunden⸗ weiter Ausdehnung betreiben können, wären ſie nicht 3* 36 einzig und allein auf ihre eigenen Kräfte angewieſen geweſen. Aber die Revolution hatte zu jener Zeit alle Arme in Anſpruch genommen und ebenſo wohl auch die wenigen andern Landleute beſchäftigt, vertrieben oder getödtet, welche vielleicht früher in halbwegs er⸗ reichbarer Nähe ſich angeſiedelt hatten. Infolge deſſen lebten die beiden Fremde in der erſten Zeit ziemlich kümmerlich von den Vorräthen, welche mitzunehmen man ihnen gerathen hatte, und ſpäter wo⸗ möglich noch kümmerlicher von den Erzeugniſſen ihres Fleißes, und die wenigen Vögel, welche der Jäger dann und wann erlegte, waren wahre Leckerbiſſen für ſie. Und aus dieſem Grunde haben wir beide in ſo hohem Grade vom Heimweh befallen getroffen, denn ſelten tritt dieſes an denjenigen heran, der ſich in vollkommen be⸗ haglichen Umſtänden befindet. Zweites Kapitel. Agaciv. Faſt unerlaßlich iſt es aber, einen flüchtigen Blick auf die politiſchen Verhältniſſe Chiles zu werfen, welche zu der Zeit ſtattfanden, in welcher unſere beiden Heim⸗ wehkranken in jenem Lande weilten. Unſere ſchlimmſten Feinde werden uns, dem Erzähler der vorliegenden merkwürdigen Geſchichte, nicht nach⸗ ſagen können, daß wir ein beſonderer Verehrer von Revolutionen nebſt Zubehör ſeien. Trotzdem können wir nicht leugnen, daß es den Anſchein hat, als hätten ſich die Spanier bezüglich ihrer Beſitzungen an der Weſtküſte Südamerikas ein wenig ungeſchickt benommen. Das will ſagen, ſie maßregelten die Bewohner ³ 38 derſelben auf eine etwas allzu ſtarke Weiſe, und als es endlich zum Schlagen kam und die Truppen und ſpa⸗ niſch Geſinnten ſich in der That heldenmüthig ſchlugen, ließ man ſie ohne hinreichende Unterſtützung von Spa⸗ nien aus. Sie wurden faſt ſämmtlich von den Republikanern erſchlagen, und die Colonien waren für das Mutterland verloren. Uebrigens ging die Bewegung gegen die ſpaniſche Herrſchaft in Chile von den höhern Ständen und von den Beſitzenden aus, und die erſten Anfänge dieſer Be⸗ wegung machten ſich bereits 1809 bemerkbar. Im Jahre 1811 brach die eigentliche Revolution aus, wurde zeitweiſe durch die Anhänger der ſpaniſchen Herrſchaft wieder unterdrückt, unter mancherlei Formen aber ſtets wieder begonnen und endlich am 5. April 1818 ſiegreich für die Republikaner beendet, obgleich einzelne ſpaniſche Garniſonen, vergeblich auf Hülfe vom Mut⸗ terlande hoffend, ſich bis zum Jahre 1826 tapfer hielten. Bürgerliche Unruhen, meiſt Kampf um die Macht, folgten in der jungen Republik der Befreiung von der ſpaniſchen Herrſchaft, und dem Weſen nach waren es vorzugsweiſe zwei Parteien, welche ſich bekämpften⸗ die Prieterianos, welche man nach unſern zeitweiligen ————————— 39 Begriffen die Ariſtokraten nennen kann, und die Pin⸗ terianos, die Liberalen.*) Im Jahre 1829, am 14. December, fand, nebenbei geſagt, zwiſchen beiden Parteien in der Ebene des Mapocho, unweit Santiago, ein Treffen ſtatt, in welchem die Prieterianer ſiegten, aber unſere Geſchichte ſpielt im Jahre 1822, und zu dieſer Zeit ſtritten die beiden Parteien noch, je nach Umſtänden, mit Wort und That, mit Intrigue und Schwekt, unter verſchiedenen Führern, welche ſelbſtverſtändlich ihr eigenes Intereſſe vorzugs⸗ weiſe im Auge hatten, angethan mit den bewußten politiſchen Mäntelchen, welchen man je nach Bedürfniß jede beliebige Form und Windrichtung geben kann und die man heute noch trägt, ſo gut wie man ihrer ſich vor vierzig, vor viertauſend Jahren und überhaupt bediente, ſolange man in Politik macht. Wie abſcheulich langweilig iſt dieſe Politik! Sehen wir alſo lieber ein wenig, was die ſchöne Inez in ihrem Schlafkämmerchen machte, und ſeien wir dabei ſo be⸗ ſcheiden wie gewöhnlich, ja womöglich noch beſchei⸗ dener. Die ſchöne Inez war die Tochter des Sennor Ca⸗ *) Prieto heißt ſchwarz, pintojo zweifarbig, gefleckt. Muthmaßlich ſtammen die angegebenen Parteinamen von dieſen beiden Worten, ha⸗ ben die Parteien ſich dieſelben auch urſprünglich nicht ſelbſt beigelegt. 40 ſtillo oder Don Pedro, wie man ihn gewöhnlich nannte. Sie hatte Augen, welche der Kohle nichts an Schwärze nachgaben, unter Umſtänden aber auch mit glühender Kohle zu vergleichen waren, und Haare, welche glänzten wie polirtes Ebenholz. Da aber alle ihre Landsmän⸗ ninnen dieſe Zierde aufzuweiſen haben, ſo wollen wir kurz über dieſelbe hinweggehen und dagegen ſagen, daß Inez größer war, als die Damen durchſchnittlich dort im Lande ſind, ſchlank und dabei dennoch voll und von zierlichen, ebenmäßigen Formen. Man konnte ſie alſo getroſt die ſchöne Inez nennen. Ihr Anzug beſtand aus einem leichten Nachtkleide, welches das Klima und die Sitte höchſt anſtändig er⸗ ſcheinen ließ, und das alſo beſchaffene junge Mädchen lehnte am Geländer des dort gebräuchlichen ſchmalen Balkons und blickte hinaus in die Nacht, um deren erfriſchende Kühle zu genießen. s war eine jener ſternhellen Nächte, deren Klar⸗ heit den Unmuth Kohlweg's, des Jägers, ſo ſehr erregt hatte, an welcher aber Inez ſo wenig etwas Beſonderes fand, als an den balſamiſchen Düften, welche der leiſe Hauch des Nachtwindes vom Gebirge herab an den Balkon trug, nachdem ſie ſich vorher mit den Wohl⸗ gerüchen der Blumen im Garten der Hacienda gemiſcht hatten. 41 Unbedingt wird man es begreiflich finden, daß die ſchöne Inez in ihrer nächtlichen Einſamkeit an einen geliebten Gegenſtand dachte, aber wir müſſen ſogleich hinzufügen, daß dieſer Gegenſtand Niemand anders als ihr Vater war, welcher am Morgen die Hacienda ver⸗ laſſen hatte, um ſich mit einigen Nachbarn zu beſpre⸗ chen, und erſt am folgenden Tage zurückkehren wollte. Sie war nicht ohne Beſorgniß ſeinetwegen und dieſe Beſorgniß war wohl gerechtfertigt, wenn man die Zeitverhältniſſe in Betracht zog, aber der düſtere Schatten auf ihrem Antlitz, den ihre Bedenken hervor⸗ gerufen hatten, ſchwand bald wieder, und ſie zog ſich in ihre Schlafſtube zurück, die Thür des Balkons offen laſſend. Dann trat ſie vor den Spiegel, um den wenigen Schmuck abzunehmen, welchen ſie noch an ſich trug, und es wird ſie kaum Jemand der Eitelkeit beſchuldigen, weil ſie dabei ihr Spiegelbild wohlgefällig lächelnd an⸗ blickte, ihr glänzendes ſchwarzes Haar leicht mit ihren zierlichen Händen ordnete, ihr hübſches Antlitz dem Spiegel bald näherte, bald wieder von demſelben ent⸗ fernte, kurz ein wenig mit ſich ſelbſt kokettirte, wie es unter ähnlichen Umſtänden wohl alle Mädchen machen, welche ſich nicht für häßlich halten. Plötzlich aber hielt ſie in dieſer Beſchäftigung inne 42 und blieb, ohne ihre Stellung zu verändern, horchend ſtehen. Ihr ſcharfes Ohr hatte ein leichtes Geräuſch ver⸗ nommen, welches klang wie das Biegen oder Brechen kleiner Aeſte und wie eine Bewegung von Blättern an den Schlingpflanzen, welche an der Seite des Hauſes, an der ſich der Balkon befand, emporrankten. Der ſchwache Nachtwind war das nicht, und da man in Chile weder Schlangen noch vierfüßige Raub⸗ thiere hat, welche des Nachts an den Häuſern empor⸗ klettern, ſo mußte, täuſchte ſie ihr Ohr nicht, es wohl ein Menſch ſein. Aber wer und in welcher Abſicht? Kaum hatte ein Dieb dieſe Kühnheit. Zwar war ſie für dieſe Nacht mit einer Dienerin allein in der Hacienda, aber keine zwanzig Schritt von dieſer entfernt befand ſich das Gebäude, in welchem die Knechte ſchliefen, und es war nicht anzunehmen, daß dieſe ſich alle ſchon zur Ruhe begeben haben ſollten. Da das Geräuſch ſich nicht wiederholte, ſo be⸗ gann ſie ſich zu beruhigen und glaubte bereits ſich getäuſcht zu haben, als ſie plötzlich auf den Tod er⸗ ſchrak und athemlos in ihren Spiegel blickte, der ihr nur zu getreu zeigte, was hinter ihr vorging. Das Antlitz eines Mannes ward ſichtbar über der ——————— 43 Brüſtung des Balkons, dann hob ſich leicht und ge⸗ räuſchlos deſſen Oberkörper empor, und im nächſten Augenblick ſchwang ſich der Eindringling keck, aber faſt unhörbar über das Geländer und ſtand jetzt, kaum ſechs Schritte weit von ihr entfernt, auf dem Balkon. Ihr erſter Gedanke war, ſich raſch zu wenden und die Thüren, welche in die Stube führten, ins Schloß zu werfen. Aber welchen Schutz gewährten dieſe ſchwachen Flü⸗ gelthüren, deren obere Hälfte aus Glas beſtand und deren Schlöſſer kaum einem nur mäßigen Drucke wider⸗ ſtanden? Jetzt erkannte ſie auch den Außenſtehenden. Es war Agacio, der Mayordomo ihres Vaters, der Oberaufſeher oder, wenn man will, der Hausmeiſter der Hacienda. Sie wandte ſich jetzt raſch, trat ihm einen Schritt entgegen und fragte dann ſo unbefangen, als es ihr möglich war: „Was gibt es? Was wollt Ihr?“ Er trat einen Schritt weit in die Stube und auf Inez zu, und dann ſagte er mit ziemlich kecker Stimme: „Was es gibt? Ich will Euch ſagen, daß ich Euch anbete, reizende Inez!“ ————— 6 6 3 3 — 44 Er ſank bei dieſen Worten vor ihr auf die Kniee und Inez, obgleich auf den Tod erſchrocken, zwang ſich den⸗ noch zu einem Lächeln, indem ſie ſagte: „Ihr habt die Zeit zu Euren unzeitigen Scherzen ſchlecht gewählt.“ „Ich ſcherze nicht“, erwiderte Agacio, immer noch knieend,„und Ihr müßt längſt bemerkt haben, daß ich Euch liebe, unausſprechlich, glühend, wie nie ein Sterb⸗ licher—“ Inez, die kein Weib hätte ſein müſſen, wenn ſie wirklich nicht bemerkt hätte, daß er ſie ſchon längere Zeit mit ſeinen Blicken verfolgte, ließ ihn nicht aus⸗ reden, ſondern ſagte: „Nein, das habe ich nicht bemerkt, denn dieſe Un⸗ verſchämtheit hätte ich Euch wirklich nicht zugetraut.“ Sie ſchien in der That ihre ganze Ruhe wieder⸗ gewonnen zu haben und blieb mit gleichgültiger Miene vor Agacio ſtehen, der jetzt ſeine knieende Stellung verließ. Unzweifelhaft iſt es unangenehm und ein wenig lächerlich, vor einem Weibe auf den Knieen gelegen zu haben und alſo abgefertigt wieder aufzuſtehen, und der Mayordomo ſchien auch in der That das Mißliche ſei⸗ ner Lage zu begreifen, denn indem er, wohl unwillkür⸗ lich, mit der flachen Hand über ſeine etwas beſtaubten 45 Kniee fuhr, röthete ſich ſein Antlitz und er ſagte faſt drohend: „Inez, bedenkt, was Ihr ſprecht!“ „Wenn Ihr bedacht hättet, was Ihr gethan, ſo hätte ich nicht alſo zu ſprechen gebraucht“ verſetzte das junge Mädchen. Sah Agacio in dieſen ruhig geſprochenen Worten ein Einlenken von Inez, oder hatte er überhaupt beſchloſſen, ſeine Taktik zu verändern, genug, er trat auf Inez zu, und indem er den Arm ausſtreckte, als wollte er ſie umfaſſen, ſagte er: „Kommt, ſüße Inez, wir wollen Frieden ſchließen.“ „Frecher Knecht“, erwiderte Inez,„ſprichſt Du alſo mit der Tochter Deines Herrn?“ Sie ſprach dieſe Worte mit dem Ausdruck unend⸗ licher Verachtung und blieb ruhig ſtehen, als bemerkte ſie ſeinen ausgeſtreckten Arm nicht, oder als ſei ſie überzeugt, daß er es nicht wagen werde, ſie zu be⸗ rühren. Wirklich ließ Agacio den Arm ſinken. Es war das die zweite Niederlage, welche er bin⸗ nen wenigen Minuten erlitten hatte, und er blickte Inez düſter und grollend an. Nach kurzem Schweigen ſagte er indeſſen: „Knecht! Knecht! Die Revolution hat allen dieſen Standesunterſchieden ein Ende gemacht und ich bin jetzt ſo gut ein Caballero als Euer Vater.“ „Ein ſauberer Caballero, der des Nachts wie ein Dieb in die Fenſter ſteigt“, verſetzte Inez verächtlich lächelnd.„Packt Euch augenblicklich oder ich rufe um „Ruft getroſt“, entgegnete Agacio,„ich habe den Knechten Urlaub gegeben, und die wenigen, welche zu 3 Hauſe ſind, ſind mir vollkommen ergeben.“ „Qo, ſagte Inez ſpöttiſch,„es gibt alſo doch noch Knechte und Ihr ſeid allein ein Caballero geworden. Nun, ich will ſehen, ob dieſe Knechte es dulden werden, daß man die Tochter ihres Herrn ungeſtraft beſchim⸗ pfen darf.“ Sie trat bei dieſen Worten raſch auf den Balkon, aber Agacio ſagte haſtig: „Halt! Macht keinen unnützen Lärm! Bedenkt Euren Ruf! Was werden dieſe Leute denken, wenn ſie mich in Eurer Schlafſtube ſehen?“ „Sie werden heute genau daſſelbe denken“, erwiderte Inez,„was ſie morgen denken werden, wenn ich in ihrer Gegenwart meinen Vater von Eurer Unver⸗ ſchämtheit in Kenntniß geſetzt habe.“ Der Mayordomo zog ſich tiefer in das Gemach zurück. 47 „Sprecht nicht ſo laut“, ſagte er flüſternd und faſt bittend;„zu was ſoll es führen?“ Inez hatte gewonnen. Sie blieb indeſſen dennoch auf dem Balkon ſtehen und heftete einige Augenblicke feſt ihre dunklen Augen auf Agacio, dann ſagte ſie, ohne ihre Stimme zu mäßigen:. „So macht, daß Ihr fortkommt.“ „Wenn ich da hinunterklettere, wo ich heraufge⸗ kommen bin, kann man mich bemerken, denn Ihr habt ſo laut geſprochen, daß wahrſcheinlich die Knechte drü⸗ ben im Hauſe Euch gehört haben.“ „Was liegt mir daran“, verſetzte Inez gleichgültig und ohne Miene zu machen, ihren Platz zu verändern „Seid nicht ſo eigenſinnig“, bat jetzt Agacio.„Ihr ſchadet Euch mehr wie mir. Ihr habt den Schlüſſel zur Hacienda, laßt mich auf der andern Seite des Hauſes hinaus.“ „Meinethalben!“ Inez ſagte das mit ſcheinbarer Ruhe und Gleichgiltigkeit und ſchritt dann langſam in die Stube zurück, wo ſie den Leuchter und einen Schlüſſel ergriff. „Kommt!“— Sie ſchloß die Thür auf und ging dem Mayordomo furchtlos voran, und dieſer folgte ihr leiſe und auf den Fußſpitzen auftretend, da er wußte, daß auf 48 der Rückſeite des Hauſes eine bejahrte Dienerin ſchlief. Inez ſchien es nicht zu beachten, aber Agacio, der nun einmal die Schlacht vollſtändig verloren hatte, legte ſich flüſternd aufs Bitten. „Ich verlaſſe mich darauf, gute Sennorita, daß Ihr dem Sennor nichts von— von— nun, von heute ſagt.“ „Verlaßt Euch darauf nicht allzu ſehr!“ „Ich bitte Euch! Was kann es Euch nützen, wenn Ihr mich verrathet?“ „Schweigt!“ Sie hatten die Thür der Hacienda erreicht, und dort wiederholte Agacio ſeine Bitte um Verſchwiegenheit. „Nicht wegen Euch“ ſagte endlich Inez,„ſondern um meinem Vater nicht noch mehr Aerger zu bereiten, als er gegenwärtig ohnedem ſchon hat, will ich vor⸗ läufig ſchweigen. Aber hütet Euch, hütet Euch!“ Agacio wollte ihre Hand ergreifen, doch ſie entzog ſie ihm. „Anda!“ Da dies Wort, welches eigentlich„gehe“ heißt, aber zu Menſch und Thier geſagt wird, ſehr füglich mit „Packt Euch!“ oder„Marſch!“ überſetzt werden kann, ſo drückte ſich Agacio und ſchlich, während Inez die Thür 49 ſchloß, längs der Hacienda weiter, um bald darauf im Gebüſche zu verſchwinden. Wie es im Innern des mit ſo wenig Umſtän⸗ den Entlaſſenen ausſah, wiſſen wir vorläufig nicht, ſehen wir aber, was die ſo entſchloſſene und raſch ge⸗ faßte Inez machte, nachdem ſie den Zudringlichen ent⸗ fernt hatte. Sie horchte zuerſt eine kurze Zeit hinter der ver⸗ ſchloſſenen Thür, ob ſich Agacio nicht etwa draußen etwas zu ſchaffen mache, und dann eilte ſie flüchtigen Schrittes in ihre Schlafſtube, warf ſich auf die Kniee vor ihrem Lager nieder, und indem ſie ihr Antlitz in deſſen Kiſſen barg, ſchluchzte und weinte ſie bitterlich. Die Faſſung und der künſtliche Muth, welche ſie kurz vorher gezeigt hatte, waren nicht mehr nöthig und ſie überließ ſich jetzt gänzlich dem Gefühle weiblicher Schwäche. In ähnlichen Dingen verſtehen es häufig die Frauen beſſer, ihre Furcht zu verbergen, als bei andern Gele⸗ genheiten feige Männer es verſtehen, ſich muthig zu ſtellen. „Iſt es ſo weit gekommen“ ſagte das junge Mäd⸗ chen zu ſich ſelbſt,„daß dieſer Menſch es wagen darf, mich alſo zu beſchimpfen, und muß ich dieſe Frechheit dulden?“ v. Bibra, El paso de las animas. I. 4 50 Der Unmuth gewann endlich die Oberhand über die Furcht, und ſie erhob ſich und blickte düſter vor ſich hin. Sie hätte kein Weib ſein müſſen, wenn ſie nicht ſchon längſt an dem Benehmen des Mayordomo ge⸗ merkt hätte, daß er ſich ihr zu nähern ſuchte, aber ſie gab ſich den Anſchein, als bemerkte ſie die Auf⸗ merkſamkeiten nicht, welche er ihr bezeigte, und hoffte ihn auf dieſe Weiſe in den gebührenden Schranken zu halten. Nach dem Auftritt dieſer Nacht jedoch beſchloß ſie nun rückſichtslos zu Werke zu gehen und ihrem Vater Alles zu entdecken, im Falle Agacio noch den geringſten Verſuch einer Annäherung machen würde. Wäre der Mayordomo in dieſem Augenblick wieder erſchienen, ſo würde er muthmaßlich weniger ruhig als vorhin empfangen worden ſein. Für jetzt aber verhängte Inez die Fenſter ihrer Schlafſtube, ſchloß den Balkon und verrammelte deſſen Thür, ſo gut ſie konnte, mit einigen Möbeln, und nachdem ſie die Thür der Stube verſchloſſen und ver⸗ riegelt hatte, löſchte ſie ihr Licht und warf ſich ange⸗ kleidet auf ihr Lager, wo ſie noch längere Zeit ängſtlich horchte, obgleich ein Wiederkehren des Gefürchteten kaum in Ausſicht ſtand. Der Sennor Caſtillo kehrte im Laufe des folgen⸗ —.—————— 51 genden Vormittags zurück und war ſo heiter und guter Dinge, daß man ſchließen durfte, er habe treffliche Geſchäfte gemacht. Als er mit Inez allein war, äußerte er ſich auch in dieſer Weiſe. „Alles geht vortrefflich“ ſagte er,„und ich glaube, daß man ſich nicht vorſichtiger und klüger benehmen kann, als ich es gethan habe. Ich habe mit meinen Freunden geſprochen, welche Prieterianos ſind, und habe ihnen geſagt, wie es denn wirklich der Fall iſt, daß ich vollkommen ihrer Anſicht bin. Aber ich habe zugleich beigefügt, daß ich ein allzu raſches Vorgehen durchaus nicht billigen könne. Die Zeit bringt Roſen, ſagte ich; wartet, bis ſich die allgemeine Aufregung einiger⸗ maßen gelegt haben wird. Ihr werdet dann leicht Alles erlangen, was Ihr mit Gewalt jetzt nur theil⸗ weiſe oder gar nicht erreicht.“ Inez ſchüttelte verneinend den Kopf. „Wenn man ſich nehmen läßt, was man hat, macht es doppelte Mühe, es ſpäter wieder zurückzuerhalten. Aber was ſagten die Unſerigen?“ „Sie legten mir einen Plan zu einem neuen Hand⸗ ſtreiche vor und verlangten, trotz meiner kurz vorher ausgeſprochenen Anſicht, meine Unterſchrift und Theil⸗ nahme.“ 4* 52 „Und Ihr, Vater, was thatet Ihr?“ „Ich ſagte, daß ich den Plan ganz vortrefflich angelegt fände, daß ich aber ſogleich mich nicht ent⸗ ſchließen könne, Theil zu nehmen. Ich wolle mir die Sache noch überlegen. Glaubt mir, ſagte ich, daß ich keine Luſt trage, vielleicht die Hälfte meines Beſitzthums zu verlieren und nebenbei mit jedem Peon auf gleicher Stufe zu ſtehen, aber ich glaube, daß durch eine ge⸗ wiſſe Nachgiebigkeit hundertmal mehr erreicht wird als durch Gewaltthätigkeit. Wie geſagt, ich will mir die Sache überlegen. Sie gaben mir Recht, und wir ſchieden endlich in größter Freundlichkeit.“ „Eine freudliche Miene koſtet nicht viel“, erwiderte Inez.„Aber habt Ihr noch andere unſerer Nachbarn geſprochen?“ „Es war ein Hauptſpaß“, ſagte Don Pedro,„als ich beim Sennor Lopez einritt, welcher bekanntlich einer der verbiſſenſten Pinterianer iſt. Er empfing mich frei⸗ lich höflich, aber es gelang ihm deshalb doch nicht, ſeine Verwunderung über mein Erſcheinen zu verbergen, und ich glaube, er hielt mich zuerſt für den Ueber⸗ bringer einer Art von Fehdebrief. Trotz ſeiner anfäng⸗ lichen Zurückhaltung indeß konnte er es doch nicht unterlaſſen, von Politik zu ſprechen, da die Pinterianer bekanntlich kaum von etwas Anderem zu reden wiſſen⸗ 53 Allein er machte große Augen, als er meine Anſichten hörte. Die Sache des Volks, ſagte ich, iſt auch die meine, denn ich gehöre zu dieſem Volke. Willig lege ich einen Theil meiner Habe nieder auf den Altar des Vaterlandes, und was den Unterſchied der Stände be⸗ trifft, ſo müſſen zuverläſſig manche Schranken fallen, welche nicht mehr in unſere Zeit paſſen.“ Der Sennor Caſtillo rieb ſich bei dieſen Worten vergnügt die Hände, und Inez fragts, was Lopez ge⸗ antwortet habe. „Er ſchien verwundert und entzückt zugleich, mich alſo ſprechen zu hören“ verſetzte der Sennor Caſtillo. „„Wenn es ſo ſteht“, ſagte er, indem er mir die Hand reichte,„ſo haben wir uns in Euch geirrt, mein lieber Nachbar, und ich bin glücklich, Euch als einen der Unſerigen begrüßen zu können. Darf ich dieſe freudige Nachricht ſogleich unſern Leuten mittheilen, und wollt Ihr unſerer Verſammlung beiwohnen, welche über⸗ morgen ſtattfinden wird?“— Wenn es mir nur halbwegs möglich iſt, gab ich dem Sennor Lopez zur Antwort, werde ich erſcheinen; ſollte ich aber abgehalten ſein, ſo werde ich wenigſtens im Geiſte bei Euch weilen.“ Inez ſchüttelte mißbilligend das Haupt, aber ihr Vater fuhr fort: „Es kam mir freilich vor, als ziehe unſer Nachbar 54 Lopez eine etwas ſauerſüße Miene, als er meine Ant⸗ wort hörte, dann aber bat er mich nochmals, doch ja die Verſammlung nicht zu verſäumen, und wir um⸗ armten uns auf das zärtlichſte, als ich endlich Abſchied nahm.“ „Das hätte ich nicht gethan“, ſagte Inez.„Zur Zeit der Ruhe iſt es trefflich, mit allen Leuten gute Freundſchaft zu halten, in bewegten, gährenden Zeiten aber, wie die unſern, glaube ich, daß man ſich der Partei anſchließen muß, die man für die beſſere hält, und daß man ſeine Meinung ungeſcheut ausſprechen ſoll, werde daraus, was wolle.“ Don Pedro lächelte gutmüthig. „Höchſt herviſch, mein gutes Mädchen, und es iſt ſchade, daß Du kein Junge geworden biſt. Ich ſage Dir aber, daß ich durchaus nicht Luſt habe, wenn etwa die Partei, zu der ich mich ſchlagen ſoll, den Kürzern zieht, von der andern gemaßregelt zu werden. Ich bleibe hübſch neutral, und wenn ſie über kurz oder lang auf einander losſchlagen, ſo denkt kein Menſch an mich; da ich es aber mit Niemand verdorben habe, ſo kann ich dann immer noch mich zu denen halten, die oben⸗ auf ſind.“ Inez ſchwieg, aber ſie dachte, daß ihr Vater es ſehr wahrſcheinlich mit beiden verdorben habe. 55 Als man ſpäter zu Tiſche ging, fand ſie neben ihrem Teller eine Diſtelblume und eine Citronenblüte liegen. Von Zeit zu Zeit kommt unter jüngern Leuten die Blumenſprache wieder in Aufnahme; das war auch damals in Chile der Fall, und trotz Hader, Streit und Kampf, der im Lande herrſchte, verſchmähte man es nicht, ſich durch die Kinder der Flora ſüße und ſcherzhafte Bot⸗ ſchaft zu ſenden. Inez verſtand ſogleich die Bedeutung der beiden Blumen. Die Diſtelblume bedeutete: Du haſt mich ſchwer gekränkt, und Deine Worte waren eine ſchwere Be⸗ leidigung; die Citronenblüte aber: Gib mir wieder Hoff⸗ nung. Der Sennor Caſtillo, ohne Zweifel mit andern Dingen beſchäftigt, ſchien die beiden, ziemlich unſchein⸗ baren Blütenſtengel nicht zu ſehen, Inez aber bemerkte, daß Agacio, welcher ſich unter irgend einem Vorwande im Speiſezimmer zu ſchaffen machte, ſie nicht aus den Augen ließ, um die Wirkung zu beobachten, welche ſeine Botſchaft hervorbringen würde. Das Blut ſtieg ihr in das Antlitz, und während ihre ganze Heftigkeit erwachte, ſchleuderte ſie beide Blüten auf die Erde und rief gegen ge⸗ wendet: 56 „Nehmt Eure elenden Blumen und ſetzt Eure Frechheit nicht auf dieſe Weiſe fort!“ „Was gibt es? Was haſt Du?“ rief Caſtillo.„Was ſoll das bedeuten?“ „Es bedeutet“, ſagte Inez zornig,„daß dieſer Un⸗ verſchämte, der mich ſchon längſt mit ſeinen Blicken verfolgte, heute Nacht, in Eurer Abweſenheit, in meine Schlafſtube ſtieg und mir eine Liebeserklärung machte und heute ſeine Frechheit fortzuſetzen ſucht!“ Der Sennor Caſtillo, der den Frieden und die Neutralität ſo ausnehmend liebte, war faſt mehr er⸗ ſchrocken als entrüſtet über dieſe Worte ſeiner Tochter, und nachdem er abwechſelnd einigemal nach dieſer und dem Mayordomo geblickt hatte, ſagte er endlich: „Aber das iſt ja gar nicht möglich!“ „Ich verſprach ihm geſtern“, fuhr Inez noch mit Heftigkeit fort,„ich verſprach ihm, ſeine Unart zu ver⸗ ſchweigen, um Euch keinen Aerger zu bereiten, nun aber mußte ich Euch in Kenntniß ſetzen. Jagt den Burſchen aus dem Hauſe!“ Caſtillo, offenbar noch verwirrt und erſchrocken, wie⸗ derholte ſeine vorigen Worte:„Aber das iſt ja gar nicht möglich“, der Mayordomo aber ſchien durch dieſen ſcheinbaren Zweifel aufgebrachter zu werden als durch Scheltworte. — 57 Bisher hatte er ſcheu und in Verlegenheit vor ſich hin geblickt, jetzt ſah er mit zuſammengezogenen Augen⸗ brauen und drohender Miene auf ſeinen Brodherrn und ſagte: „Und warum iſt das nicht möglich? Carajo! Was bildet Ihr Euch ein, Sennor? Es iſt noch nicht aller Tage Abend, und dieſe hochmüthige Inez wird viel⸗ leicht noch froh ſein, wenn ich ihr meine Hand reiche.“ Wie die weibliche Würde und Sanftmuth ſich in ähnlichen Augenblicken bisweilen furchtſam im Innern des Frauenherzens verbirgt und auf dieſe Weiſe äußerlich der Leidenſchaftlichkeit das Feld überläßt, ſo ſtieß jetzt die ſchöne Inez ein Schimpfwort aus, deſſen man ſich im Zorne an der Weſtküſte häufig be⸗ dient und das wir hier nicht wiederholen wollen, wel⸗ ches aber, wie es ſchien, den offenen Ausbruch der Feindſeligkeiten raſch herbeiführte. Agacio antwortete Inez wenig höflich, Don Pedro, begann ſich zu ärgern und gab ebenfalls ſchlimme Worte, welche der Mayordomo mit höchſt unehrer⸗ bietigen Reden erwiderte, die Caſtillo doppelt ärgerten, weil, herbeigezogen durch das heftige, laute Sprechen, ſich die Knechte und übrigen Hausgenoſſen an der ge⸗ öffneten Thür verſammelt hatten, und die unausbleib⸗ 58 liche Folge war, daß endlich der Sennor Caſtillo ſeinem Mayordomo befahl, augenblicklich das Haus und ſeinen Dienſt zu verlaſſen. „Ich gehe“, verſetzte Agacio,„aber, Geduld, wir ſprechen uns wieder!“ Er verbeugte ſich dann höhniſch vor dem Sennor und Inez und ſchritt durch die Reihe der gaffen⸗ den Knechte, um wenige Augenblicke ſpäter wie ra⸗ ſend durch das geöffnete Hofthor der Hacienda zu ſprengen. Auf einer kleinen Anhöhe, unfern von Caſtillo's Be⸗ ſitzung, hielt er ſtill, mit goballter Fauſt nach der Hacienda drohend und ingrimmige Verwünſchungen ausſtoßend, dann jagte er davon, wä gend im Hauſe Don Pedro's dieſer ſelbſt und Inez verſtimmt zurückblieben und jenes höchſt unangenehme Gefühl empfanden, welches jeden anſtändigen Menſchen nach ähnlichen Scenen über⸗ kommt. Was die Knechte und andern Dienſtleute Don Pedro's betraf, ſo wußte anfänglich Niemand, aus welcher Urſache der ganze Spectakel entſtanden war. Dann zog man einzelne Worte in Erwägung, welche man während des Zankes aufgefangen hatte, und ſetzte ſich aus viel Dichtung und wenig Wahrheit eine ziemlich ſtandalöſe Geſchichte zuſammen, welche — „ 59 man ſich flüſternd und geheimnißvoll in die Ohren raunte. Gegen Abend endlich und am folgenden Tage er⸗ zählte man ſich laut und ungeſcheut die abſcheulichſten Lügen, welche bald mit weit geſpannten Fledermaus⸗ flügeln die Runde in der Nachbarſchaft machten. Drittes Kapitel. Feldverbeſſerung auf Caſtillo's Grundſtücken.— Pedrillo, ein neuer Knecht. Man hat uns zum Vorwurf gemacht, daß wir, nach dem Beiſpiele Anderer, deren Schriften aber, nebenher geſagt, uns niemals zu Geſicht kamen, es liebten, allzu große Sprünge in unſern Erzählungen zu machen, das heißt, in jedem Abſchnitte neue Perſonen auftreten zu laſſen und von ganz andern Dingen zu ſprechen als im vorhergehenden. Um dieſe Beſchuldigung, ſoviel es eben möglich iſt, zu entkräften, wollen wir uns nach Agacio umſehen und zu erfahren ſuchen, auf welche Weiſe der fort⸗ gejagte Mayordomo ſeiner Galle Luft machte. Wir finden ihn beim Sennor Lopez, dem uns bereits bekannten Nachbar des Don Pedro, und er mußte 6 ——— 61 dieſem artige Dinge erzählt haben, denn Lopez lachte und ſagte endlich: „Undank iſt der Welt Lohn, das iſt eine alte Ge⸗ ſchichte, und es iſt nicht ſo außerordentlich, daß Ca⸗ ſtillo Euch jetzt fortgeſchickt hat, nachdem Ihr ihm vor⸗ her ſo viele und große Dienſte erwieſen habt. Spaßhaft iſt aber, was Ihr mir von dieſer lieben Inez erzählt. Wer hätte das von dieſem Tugendmuſter gedacht, die immer that, als ob ſie nicht drei zählen könne. Ei, ei, Ihr wart alſo ihr erklärter Liebhaber?“ „Freilich“, verſetzte Agacio mit großer Frechheit. „Hört nur, was die Leute ſagen, und ich will Euch einige Knechte des Sennor Caſtillo bringen, welche es dort auch nicht mehr aushalten können und die Euch Alles bekräftigen werden, was ich Euch ſagte.“ „Woher aber denn dieſer plötzliche Bruch?“ fragte Lopez. „Ich weiß es nicht“, erwiderte Agacio mit heuchle⸗ riſcher Miene und ſeufzend.„Noch während der letzten Abweſenheit ihres Vaters brachte ich die ſüßeſten Stunden bei ihr zu, und geſtern geſchah auf einmal, was ich Euch erzählte.“ „Hat ſie vielleicht einen andern Liebhaber?“ „Ich würde ihn erdolchen“, ſagte Agaciv. Lopez machte eine Bewegung, welche etwa heißen 62 konnte: Das wird ſo ſchnell nicht gehen; dann aber ſagte er: „Ich habe gefragt, ob die Sennorita eine andere Bekanntſchaft angeknüpft hat. Da Ihr ſo vertraulich mit ihr ſtandet, kann Euch das kaum entgangen ſein. Die Eiferſucht hat ein ſcharfes Auge. Ja oder Nein?“ Da Agacio Niemand einfiel, den er mit einiger Wahrſcheinlichkeit nennen konnte, ſo ſagte er nach einigem Zögern: „Ich glaube nicht.“ Es entſtand eine Pauſe, in welcher Lopez offenbar ſeinen Gedanken nachhing, dann ſagte er: „Dagegen wißt Ihr gewiß, daß er zu denen ge⸗ hört, welche es heimlich mit den Spaniern halten?“ „Ob ich das weiß!“ rief Agacio eifrig.„Das wißt Ihr ſelbſt ſo gut wie ich und die ganze Welt weiß es!“ Lopez blies langſam den Rauch ſeiner Cigarre in die Luft, gab aber keine Antwort; erſt nach einer längern Pauſe ſagte er: „Ich kann Euch keine Erlaubniß geben, dem Sennor Caſtillo irgendwie Schaden zuzufügen; was Ihr thun wollt, müßt Ihr auf eigene Rechnung und Gefahr thun.“ 63 „Aber Ihr könnt ein Auge zudrücken“, verſetzte Agacio ziemlich keck. „Bin ich ein Richter?“ „Nein, aber einer der Angeſehenſten Eurer Partei.“ „In den gegenwärtigen Zeiten haben wir Patrioten mehr zu thun, als unſer Augenmerk auf kleine, unbe⸗ deutende Neckereien zu richten. Im Uebrigen rathe ich Euch, wenn Ihr irgend einen Scherz mit Euerm frühern Herrn treiben wollt, zu warten bis übermorgen. Es iſt mög⸗ lich, daß ich Euch bis dahin— nun, fragt eben nach, aber kommt nicht beim hellſten Sonnenſcheine in mein Haus.“ Der Sennor Lopez brach hier plötzlich ab, und Agacio, der genug zu wiſſen glaubte, empfahl ſich mit faſt kriechender Höflichkeit. „Lumpenhund und Schuft“, ſagte, nachdem er ſich entfernt hatte, der Sennor Lopez zu ſich ſelbſt,„ohne Zweifel warſt du unverſchämt und biſt mit Recht zum Teufel gejagt worden. Aber das kümmert mich wenig, und wenn der gute Caſtillo nicht den Einfall hat, morgen bei der Verſammlung der Unſerigen zu erſchei⸗ nen, ſo werde ich nicht ein, ſondern beide Augen zu⸗ drücken. Wir wollen ſehen, was die hochmüthige Inez dazu ſagen wird.“ Am Abend des zweiten Tages erſchien Agacio höchſt 64 beſcheiden zu Fuße und nach Anbruch der Dunkelheit auf der Hacienda des Sennor Lopez und trug ein ge⸗ ſiegeltes Schreiben in der Hand, welches er, wie er ſagte, nur Lopez ſelbſt übergeben dürfe. „Was iſt das für ein Brief?“ fragte dieſer, nach⸗ dem man Agacio vor ihn geführt hatte. „Es iſt gar kein Brief“, entgegnete Agacio ſchlau lächelnd,„aber da Ihr es nicht gern zu ſehen ſcheint, wenn ich Euch allzuoft beſuche, ſo ſchützte ich einen Auftrag an Euch vor, um Euch ohne Aufſehen ſprechen zu können.“ Lopez ſchien ſich zu beſinnen und rieb ſich leicht die Stirn. Endlich ſagte er: „Ich weiß im Augenblick wirklich nicht— man hat ſo viel im Kopfe— richtig, Ihr wart vorgeſtern bei mir, aber weshalb nur gleich?“ „Wegen des Sennor Caſtillo“, ſagte Agacio mit Un⸗ terwürfigkeit. „Valga me Dios! Das hatte ich ganz vergeſſen. Aber ich habe mehr zu thun als an den guten Caſtillo zu denken, und ich glaube, es kümmert ſich gegenwärtig Niemand um ihn.“ Er hatte die letzten Worte mit einem beſondern Ausdruck geſprochen, deſſen Sinn Agacio ohne Zweifel verſtand, denn er verbeugte ſich ſchweigend, ent⸗ fernte ſich geräuſchlos aus der Hacienda und lief quer⸗ feldein nach einem kleinen Buſchwerke, wo er ſein Pferd und drei andere Männer fand, Knechte des Sennor Caſtillo, die er veranlaßt hatte, dieſem zu ent⸗ laufen. „Geht es?“ fragte einer derſelben. „Es geht!“ „Habt Ihr alſo die Erlaubniß?“ „Man bedarf keiner Erlaubniß, um einen Verräther zu beſtrafen, aber es wird uns Niemand 6 in den Weg legen.“ 5 Agacio ſchwang ſich bei dieſen Worten auf ſein Pferd und ritt, gefolgt von den Knechten, von dannen. Einige Stunden ſpäter bemerkte Inez vom Fenſter ihrer Schlafſtube aus einen röthlichen Schein am nächtlichen Himmel, der ſich zu vergrößern und gleich⸗ zeitig ſeine Stelle zu verändern ſchien. Sie weckte ihren Vater, der ſich noch nicht lange zur Ruhe z hatte, und dieſer ſagte: „Es brennt, das unterliegt keinem Zweifel, wi wir werden morgen ſchon erfahren, wo.“ „Wollt Ihr nicht heute ſchon einige Knechte nach dem Feuer ſenden oder ſelbſt hinreiten? Man kann vielleicht den Verunglückten Hülfe leiſten.“ „Da kommt Hülfe zu ſpät“, erwiderte Don Pedro, v. Bibra, El paso de las animas. I. 5 „und zudem hat es den Anſchein, als mindere ſich das Feuer.“ In der That minderte ſich das Feuer auf kurze Zeit, verſtärkte ſich dann aber wieder, und offenbar bewegte es ſich von der Stelle. Inez machte ihren Vater darauf aufmerkſam und bemerkte zugleich, daß in jener Gegend weder eine Hacienda noch die Häuſer von Inquilinos*) lägen. Don Pedro lächelte. „Das Ei will wieder einmal klüger ſein als die Henne“, ſagte er.„Hinter der Anhöhe, wo uns das Feuer zu brennen ſcheint, liegt freilich keine Hacienda, aber weiter entfernt, in gleicher Richtung, liegen deren mehrere, und nichts iſt ſchwieriger, als zur Nachtzeit die Entfernung eines Feuers zu ſchätzen. Man täuſcht ſich da häufig außerordentlich, und ebenſo iſt es eine optiſche Täuſchung, daß ſich das Feuer von der Stelle zu bewegen ſcheint. Ich habe in meinem Leben keine laufenden Häuſer geſehen!“ *) Inquilino heißt eigentlich Miethsmann, man verſteht aber in Chile unter dieſer Bezeichnung Leute, welche größern Grund⸗ beſitzern Geld ſchulden, oder ſonſt verpflichtet ſind und dafür ſich verbindlich gemacht haben, dieſen gewiſſe Dienſte zu leiſten. Sie wohnen meiſt in der Nähe der Hacienda und ſind gewiſſermaßen Hörige, nur unter anderem Namen. 67 Man ſieht, daß der Sennor Caſtillo ein ſcherzhafter und zugleich ein ſehr erfahrener Mann war; indeſſen lief am andern Morgen die Nachricht ein, daß eine bedeutende, mit weißem Weizen beſtandene und dem Sennor angehörige Bodenfläche total niedergebrannt ſei. Der Verluſt war höchſt bedeutend und um ſo empfind⸗ licher, weil Caſtillo einen Accord mit einem Handlungs⸗ hauſe in Peru abgeſchloſſen hatte, vermöge deſſen i½ große Lieferungen von Weizen zu machen hatte, und er nun ſeinen Verpflichtungen kaum nchzukonmen im Stande war. Man zerbrach ſich den Kopf, auf welche Weiſe das Unglück entſtanden ſein könne, da in Chile ſowohl als anderwärts dergleichen Brände zu den größten Selten⸗ heiten gehören, aber obgleich die Knechte unter ſich allerlei Vermuthungen ausſprachen, ſo erfuhr doch der Sennor dieſelben nicht und die Sache blieb ihm vor⸗ läufig ein Räthſel. Einige Tage ſpäter trat eine theilweiſe Löſung dieſes Räthſels ein. Eine bedeutende Pflanzung mit Waſſermelonen wurde am Morgen total zerſtört gefunden. Dieſe Waſſermelonen, an und für ſich ein abſchen⸗ liches Nahrungsmittel, haben zu einem Zehntheile den Geſchmack einer ſüßen Melone und zu neun Zehn⸗ 5* 68 theilen den eines Kürbis, aber ſie find beliebt unter dem Volke, werden in großer Menge in die größern Städte gebracht und in den Seeſtädten von den Schif⸗ fern gern gekauft, da ſie ſich auf See lange Zeit hal⸗ ten*) und jedenfalls eine, wenn auch ſchlechte, doch wenigſtens friſche Frucht repräſentiren. Einen bedeutenden Handelsartikel bilden ſie aber nach dem nördlichen Chile, wo nur wenig Feldbau betrieben werden kann, und ebenſo nach dem regen⸗ loſen Cobija und nach den Kupferwerken der Algo⸗ donbai. Auch dieſer Schaden war nicht unbedeutend, wenn⸗ gleich nicht in dem Fraß wie der früher erlittene, das Schlimmſte aber war, daß man nicht zweifeln durfte, daß ruchloſe Hände das heil angerichtet und Aehn⸗ liches auch ferner in Ausſicht ſtand. Daß Agacio der Thäter oder Anſtifter war, bezwei⸗ felte innerlich wohl Niemand, aber blos Don Pedro ſprach es aus; ſeine friedfertige Natur begann ihn zu verlaſſen und er ſchwur, daß er den treuloſen Mayor⸗ 5. *) Ich habe in Peru gekaufte Waſſermelonen bis auf die Höhe von Rio de Janeiro vollkommen friſch und gut erhalten; ſie ertrugen alſo eine Seereiſe(Segelſchifff von nahezu drei Mo⸗ —.———— ——— 69 domo niederſchießen würde, wenn oder wo er ihn auf ſeiner Beſitzung anträfe. Aber Agacio ließ ſich weder in der Nähe der Ha⸗ cienda blicken, noch war ſein Aufenthalt irgendwie zu erfahren. Er mußte einen ſichern Zufluchtsort gefun⸗ den haben, und man war von ſeiten Caſtillo's darauf beſchränkt, nächtliche Streifen zu machen, eine Arbeit, welche von den Knechten anfänglich mit großem Ver⸗ gnügen vollbracht wurde, deren ſie aber bald über⸗ drüſſig wurden. In der That ſchien dieſe Wachſamkeit nach einiger Zeit auch vollſtändig überflüſſig, indem auf den Fel⸗ dern des Don Pedro nicht der geringſte Unfug mehr verübt wurde und Agacio ſowie die entlaufenen Knechte verſchollen ſchienen. Der Sennor Caſtillo begann ſich zu beruhigen. Zwar war der ihm zugefügte Schaden ein beträchtlicher, aber er ſuchte ihn zu verſchmerzen und tröſtete ſich mit den Gedanken, dafür von Agacio auf immer befreit zu ſein, da dieſer aus Furcht, zur Verantwortung gezogen zu werden, muthmaßlich außer Land gegangen ſein würde. Die nächtlichen Streifen wurden daher eingeſtellt, und nachdem acht Tage lang auch nicht das geringſte Verdächtige bemerkt worden war, hegte man auch ui die geringſte itins mehr. 70 Am neunten wurde der Sennor Caſtillo des Nachts durch ein Zetergeſchrei ſeiner Hausgenoſſen erweckt, und als er an das Fenſter trat, ſah er eine große, mit rothem Weizen beſtandene Fläche an zehn oder zwölf verſchie⸗ denen Stellen in Flammen ſtehen. Die Uebelthäter waren diesmal über alle Maßen keck. Der weiße, zuerſt in Brand geſteckte Weizen war we⸗ nigſtens eine halbe Stunde von der Hacienda ent⸗ fernt, und das Feld konnte einer dazwiſchen liegenden Anhöhe wegen von dort aus nicht geſehen werden. Die heute in Flammen ſtehenden und ſich weithin er⸗ ſtreckenden Aecker aber lagen kaum einen Flintenſchuß von den Gebäuden ſelbſt entfernt. Dazu war die Zeit zu der Uebelthat vortrefflich gewählt. Man hatte die faſt auf die Minute regel⸗ mäßigen, von der Cordillera kommenden Nachtwinde benutzt und das Feuer ſo geſchickt an verſchiedenen Punkten gelegt, daß bald die ganze Fläche in Brand ſtand und an ein Löſchen der raſch ſich ausbreitenden Flammen nicht zu denken war. Als der Tag graute, war von dem Weizen, der in kurzer Zeit vollſtändig gereift geweſen wäre, nichts mehr als Aſche übrig, und obgleich, nach alten und neuen Theorien, durch dieſe Aſche dem Felde eine aus⸗ 71 gezeichnete Düngung für die nächſte Saat gegeben war, war der Sennor Caſtillo dennoch außer ſich. Die verſprochene Lieferung nach Peru war ſelbſt⸗ verſtändlich nun vollkommen unmöglich geworden. Während Inez weinte und ſich als die wenngleich un⸗ ſchuldige Urſache all dieſes Unheils anklagte, beſtieg der Sennor ſein Pferd, um bei ſeinen Nachbarn und Freunden Rath und Hülfe zu ſuchen. Wie früher, bei ſeiner diplomatiſchen Rundreiſe, be⸗ gab er ſich zuerſt zu ſeinen Freunden, den Prieteria⸗ nern, deren Intereſſe er theilte, wenn er ihnen auch zum Frieden und zum ruhigen Vorgehen gerathen hatte. Man empfing ihn zwar mit Höflichkeit, aber allerlei ſpitze Reden liefen häufig genug neben den Formeln der Artigkeit einher. Einige erinnerten ihn an die Roſen, welche, wie er geſagt hatte, die Zeit brächte, und tröſteten ihn mit der Ausſicht auf beſſere Zeitläufe. Andere ſagten, daß ſie ſeiner früher ausgeſprochenen Anſicht bezüglich einer gewiſſen Nachgiebigkeit voll⸗ kommen beipflichteten, und daß ſie es nicht gerathen fänden, jetzt ſchon mit Strenge gegen den muthmaß⸗ lichen Urheber jener Verwüſtungen zu verfahren. Als er ihnen ſagte, daß ein Theil ſeiner Knechte ₰ 72 entlaufen ſei, und bat, ihm einen Theil der ihrigen zum Schutze ſeines Beſitzthums zu ſenden, entgegnete man ihm, daß dies leider ummöglich ſei, da man ſonſt auf eigenem Grund und Boden ähnliches Unheil be⸗ fürchten müſſe. Niedergeſchlagen und ärgerlich verließ endlich der Sennor Caſtillo ſeine guten Freunde und begab ſich zum Sennor Lopez, genau dieſelbe Runde wie früher einhaltend. Dieſer empfing ihn mit ausgeſuchter Artigkeit und begrüßte ihn als einen Geſinnungsgenoſſen. „Unſere Angelegenheiten ſtehen gut, wenigſtens nicht ſchlimm“, ſagte er freundlich,„und Ihr werdet bei unſerer vorigen Verſammlung zufrieden geweſen ſein mit den Plänen, welche wir gefaßt haben.“ Caſtillo erwiderte einigermaßen kleinlaut, daß ihm leider das Erſcheinen bei jener Zuſammenkunft unmög⸗ lich geweſen ſei. „Wart Ihr, ernſtlich geſprochen, nicht dort?“ verſetzte Lopez, ſich verwundert ſtellend.„Verzeiht, ich glaubte Euch zu ſehen, aber die Unſerigen waren ſo zahlreich vertreten, daß ein Irrthum wohl möglich. Nun, unter andern Dingen beſchloſſen wir auch feſt zuſammenzu⸗ halten und nicht zu dulden, daß einem von uns die geringſte Unbill zugefügt werde. Das iſt ſchon etwas.“ 73 Caſtillo klagte jetzt über den ihm zugefügten Scha⸗ den, worauf der Sennor mit großer Freundlichkeit er⸗ widerte:„Ja, ja, ich habe davon ſprechen hören, aber ich hoffe, es wird nicht ſo arg ſein. Denkt eben, Ihr hättet einen Theil Eurer Habe auf dem Altare des Vaterlandes, von dem Ihr neulich ſpracht, niedergelegt, und tröſtet Euch mit dem Gedanken, daß dieſe kleine Prüfung ſehr wahrſcheinlich von Leuten aus dem Volke über Euch verhängt worden iſt, wel⸗ chem Ihr ſelbſt angehört.“ „Geht zum Teufel!“ wollte Caſtillo auf dieſe offen⸗ bare Unverſchämtheit antworten, er bezwang ſich in⸗ deſſen und fragte höflich, ob es nicht möglich ſei, daß ihm von ſeiten der Freunde des Lopez Schutz gegen ähnliche Angriffe gewährt werde, dieſer aber ſagte: „Das geht gegenwärtig nicht wohl an. Bei unſerer letzten Verſammlung, bei welcher wir nicht das Glück hatten, Euch zu ſehen, wurden vorläufig unſere Liſten geſchloſſen und der Beſchluß gefaßt, bis auf Weiteres Niemand aufzunehmen, da man Scheu vor verkappten Anhängern der Spaniſchen trug.“ „Ich danke Euch für den guten Willen, den Ihr mir beweiſt“, ſagte Caſtillo,„noch mehr aber habe ich Urſache, Euch für Eure Offenheit dankbar zu ſein. 74 Ihr könnt darauf ſchwören, daß ich Euer Schuldner nicht bleiben will und bei der erſten Gelegenheit Euch ſo gut wie möglich Gegengefälligkeiten erzeigen werde.“ „Ich hoffe, Euch dieſe Mühe zu erſparen“, entgeg⸗ nete Lopez, indem er ſich tief verbeugte. Da das Geſpräch eine ſolche einigermaßen unan⸗ genehme Richtung genommen hatte, empfahl ſich Ca⸗ ſtillo, ohne, eigentlich ein unerhörter Fall, irgend eine Erfriſchung zu ſich genommen zu haben. Als er aus dem Thore der Hacienda ritt, ſagte Lopez zu ſich ſelbſt: „Zwiſchen zwei Stühlen kommt man auf die Erde zu ſitzen, mein guter Sennor Caſtillo. Ihr haltet es nicht mit den Spaniern und ebenſo wenig mit den Prieterianern wie mit uns, ſondern allein mit Euch ſelbſt, und obgleich das im Grunde jeder vernünftige Menſch ſo macht, ſo muß man es doch klüger anfangen als Ihr. Nun, vorläufig wollen wir den lieben Agacio, dieſen einfältigen und unverſchämten Spitzbuben, die Kaſtanien aus dem Feuer holen laſſen, und daß er ſich zu rechter Zeit die Finger verbrennt, ſoll meine Sorge ſein.“ Theilweiſe hatte Caſtillo ähnliche Gedanken, als er die Hacienda des Lopez im Rücken hatte. Er ſah ein, daß ſeine Tochter nicht Unrecht gehabt 75 hatte und daß er ſich einer Partei hätte anſchließen müſſen, aber nach den Antworten, welche er von beiden heute erhalten hatte, ſchien ihm das, für den Augen⸗ blick wenigſtens, nun nicht mehr thunlich. Er be⸗ ſchloß deshalb fürs erſte, auf ſeinen eigenen Füßen zu ſtehen und ſo gut als möglich ſich ſeiner Haut zu wehren, und da er nur friedfertig, aber nicht feig war, ſo begann dieſer Gedanke ihm gewiſſermaßen Vergnü⸗ gen zu machen, und er erwog allerlei energiſche Maß⸗ regeln, mit welchen er ſich zu vertheidigen gedachte, und entwarf kriegeriſche Pläne. Indeſſen hielten ihn dieſe nicht ab, daß er ziem⸗ lichen Hunger zu fühlen begann, und da er noch einige Stunden bis nach Hauſe hatte, ſo beſchloß er an einer Fonda anzuhalten, welche am Wege lag, indem er ärgerlich ſagte: „Es iſt weit gekommen in unſerm reizenden Chile, wenn ein Caballero hungrig aus dem Hauſe eines Nachbars reiten muß!“ Die Fonda oder ländliche Schenke, an welcher der Sennor hielt, um ſeinen Hunger zu ſtillen, ſah genau ſo aus wie faſt alle andern ähnlichen Anſtalten dort zu Lande. Es war ein aus Lehmwänden erbautes Haus oder eine Hütte mit Stroh gedeckt und mit einem Vor⸗ 76 ſprunge, welcher von Baumſtämmen getragen wurde und unter dem die einkehrenden Gäſte meiſtens ihren Imbiß zu ſich nahmen. Was man dort bekommt, iſt vor allem und allent⸗ halben Charque(ſprich Tſcherki), das heißt, an der Sonne getrocknetes Ochſenfleiſch, welches man roh verſpeiſen oder nach Belieben auch kochen kann und das in beiden Fällen ein wenig an den Genuß von Talglichtern erin⸗ nert, trotzdem aber, ſpeciell auf Reiſen, ein unſchätz⸗ bares und leicht mit ſich zu führendes Nahrungs⸗ mittel iſt. Dann, in den meiſten Fällen, einjährigen Wein oder Moſt von Concepcion, deſſen Namen man Tſchokoli ausſpricht, kaum aber ſo ſchreiben wird. Ferner Weizen⸗ oder Maisbrod, Obſt, je nachdem, und hier und da in Oel eingemachte Oliven, welche nach Hammelfleiſch und weißen Rüben die ſkandalöſeſte Verköſtigung ſind, welche mir jemals vorgekommen. Im Innern der meiſt nur aus einem einzigen Raume beſtehenden Fonda bewahrt man dieſe und unter Umſtänden auch noch andere Dinge auf ziemlich patriarchaliſche Weiſe auf, ſo zum Beiſpiel den Wein häufig in Schläuchen. Da aber der Sennor Caſtillo unter dem Vorſprunge blieb, ſo wollen wir ihm dort Geſellſchaft leiſten. 77 Der Charque hatte ſeinen Hunger geſtillt, der Roth⸗ wein von Concepeion begann ihn aufzuheitern, und nachdem er noch einige Pfirſiche und Frutillos(Erd⸗ beeren, eigentlich Früchtchen) verzehrt hatte, rollte er ſich eine Cigarre und blickte um ein gutes Theil zu⸗ verſichtlicher in die Zukunft als vorher. Er knüpfte jetzt mit einem jungen, etwa achtzehn⸗ jährigen Burſchen, welcher ihn bedient hatte, ein Ge⸗ ſpräch an. „Wie heißt Du, mein Sohn?“ „Pedrillo, Euer Gnaden.“ „Biſt Du das Kind vom Hauſe?“ „So halb und halb.“ „Was ſoll das bedeuten?“ Der Junge ſah mit einem eigenthümlichen Blicke nach dem Hauſe und ſagte mit gedämpfter Stimme: „Ich bin ein Doppelſtieftind. Drinnen ſitzt die Madraſtra(Stiefmutter).“ In dieſem Augenblicke erſchien eine ältliche, nicht beſon⸗ ders gutmüthig ausſehende Frauunter der Thür und ſagte: „Ihr werdet keine große Freude haben, Sennor, an dem einfältigen Geſchwätze dieſes Burſchen.“ „Im Gegentheil“, verſetzte Caſtillo,„der junge Menſch gefällt mir, es ſcheint ein aufgeweckter Kopf zu ſein und anſtellig und rührig.“ 78 „Aufgeweckt muß er täglich werden“, ſagte die Stief⸗ mutter,„weil er ſonſt bis Mittag ſchlafen würde. Anſtellig iſt er zu allen unnützen Streichen, und beim Eſſen iſt er rührig über alle Maßen.“ Caſtillo lachte. „Ihr ſcheint ein ſtrenges Regiment zu führen.“ „Leider fruchtet es nichts!“ Dem Sennor Caſtillo fuhr ein Gedanke durch den Kopf. Ein Theil ſeiner Knechte war ihm entlaufen, und es wollte ihm bisweilen ſcheinen, als würden noch mehrere der gebliebenen dem Beiſpiele jener über kurz oder lang folgen. Dieſer Pedrillo würde keinen ſchlim⸗ men Erſatz für einen oder den andern der Davon⸗ gegangenen bilden, und er zweifelte nicht daran, daß er, ſchon der Madraſtra wegen, gern mit ihm gehen würde. Unwillkürlich blickte er nach dem jungen Menſchen, und es ſchien, als habe jener ſeine Gedanken errathen, denn er ſah ihn mit einer forſchenden Miene und mit in die Höhe gezogenen Augenbrauen an. „Ich will ihn Euch abkaufen“, ſagte Caſtillo ſcher⸗ zend zu der Frau,„und wenn er mit mir gehen will, ſo kann ich ihn vielleicht ziehen.“ „Gelobt ſei Gott“, rief die Frau,„wenn es nämlich Euer Ernſt iſt, Sennor, und Ihr ſollt ihn umſonſt haben, er mag wollen oder nicht.“ 79 „Gelobt ſei Gott!“ rief jetzt auch Pedrillo;„denn ich zweifle nicht, daß Euer Gnaden ernſtlich ſprechen, und ich will mit Euch ziehen, und wenn es mir die ganze Welt verbieten ſollte.“ „Gemach, Pedrillo“, ſagte Caſtillo,„denn obgleich Deine Stiefmutter einwilligt, ſo wäre es mir doch lieb zu hören, was Dein Vater zu meinem Anerbieten ſagt.“ „Der?“ verſetzte die Frau zornig.„Da müßten wir gute Lungen haben, um den zu rufen, und ſcharfe Ohren, um zu hören, was er ſagt. Er iſt noch ein größerer Tagedieb als dieſer Pedrillo hier, ſein und mein Stiefkind, und er iſt mir davongelaufen, hinaus ins Land, als Patriot oder als Spanier, denn das bleibt ſich gleich. Aber ich brauche gar keine Manns⸗ leute im Hauſe und will mit dem bischen Lumpen⸗ geſindel, was bei mir einkehrt, ſchon allein fertig werden.“ „Muy gratias!“ ſagte Caſtillo lächelnd,„und ich werde nächſtens wieder bei Euch einkehren und will dann ſehen, wie wir zuſammen auskommen.“ Da in Chile und namentlich zu jener Zeit noch jeder Mann, jede Frau und ſelbſt der ärmſte Teufel ſein Pferd hat, weil, wie man zu ſagen pflegt, ein Pferd kein Gegenſtand iſt, ſo hatte auch Pedrillo das 80 ſeinige, und nicht minder raſch, wie ſein Eintritt in die Dienſte des Sennor Caſtillo erfolgt war, war der junge Burſche auch gerüſtet, ſeinem neuen Herrn zu folgen. Die Satteltaſche mit ſeiner wenigen Habe und den unvermeidlichen Laſſo am Sattel, ritt Pedrillo über⸗ glücklich hinter dem Sennor her, und als ihn dieſer an ſeine Seite rief und mit ihm zu plaudern begann, überzeugte er ſich, daß er keine ſchlimme Erwerbung an dem jungen Burſchen gemacht hatte. Er erfuhr, daß derſelbe im vorigen Jahre längere Zeit als Peon(ein für einige Zeit gedungener Knecht) mit einem Engländer im Lande gereiſt war und bei dieſer Gelegenheit mancherlei Kenntniſſe und Erfah⸗ rungen erworben hatte. Er lobte dieſen Engländer und ſchien ihm ſehr ergeben geweſen zu ſein, kamen ihm gleich mancherlei Gewohnheiten deſſelben höchſt ſon⸗ derbar vor. Von ſeinem Stiefvater ſagte er, daß ihn das Keifen ſeiner zweiten Frau aus dem Hauſe ge⸗ trieben, und daß er bei Nacht und Nebel davonge⸗ gangen ſei, daß er ihn aber eigentlich nicht ſchlimm behandelt hätte. Bezüglich der Stiefmutter ſelbſt aber entwickelte er verſöhnliche Grundſätze. „Von geſchehenen Dingen“, ſagte er,„muß man das Beſte reden. Sie hat mich freilich nicht ausſtehen können, 81 nun ich aber von ihr bin, ſoll fünf gerade ſein. Wenn ich ihr einmal was Gutes thun kann, will ich's wahr⸗ haftig nicht verſäumen, kann das aber aus der Ferne geſchehen, ſo wäre mirs am liebſten.“ Von den Vorgängen auf der Hacienda hatte Pedrillo Kenntniß und verhehlte ſeinem Herrn nicht, daß man allgemein überzeugt ſei, Agacio wäre der Anſtifter des Brandes, und daß man zugleich glaube, er würde noch fernere Verſuche machen, dem Sennor zu ſchaden. „Nun“, ſagte Caſtillo,„ich denke, das ſoll er doch wohl bleiben laſſen. Einmal hat er mir bereits gerade genug Schaden zugefügt, und auf der andern Seite überwiegen die Knechte, welche in meinen Dienſten ge⸗ blieben ſind, an Zahl bei weitem die paar Schufte, die ihm nachgelaufen.“ Pedrillo ſtieß einen langgezogenen Ziſchlaut aus, und als ſein Herr ihn fragte, was das zu bedeuten habe, erwiderte er: „Ich meine nur.“ „Höre“, ſagte Caſtillo,„das iſt gerade dasjenige, was ich am allerwenigſten leiden mag. Schweige ent⸗ weder ganz, oder drücke Dich deutlich aus und ſage unverhohlen Deine Meinung, oder was Du weißt.“ „Na, wenn es ſein muß“, verſetzte Pedrillo,„ſo will ich's thun. Eine Herrſchaft iſt ſo, die andere Mein v. Bibra, El paso del animas. I. —————————————————————————— 82 Engländer ſagte, wenn ich nur das Maul auf⸗ that:„Alten Sie das Mund, meine kleine Knecht, wenn es gefällig iſt. Ich wiſſen aller Ding viel genauer als Sie und rathen auf ein Aar, was ſteckt in Ihre Kopf.“ Euer Gnaden wollen Alles offerirt haben. Meinetwegen! Aber bei uns in der Fonda kehrt bald dieſer, bald jener ein, und die Leute thun bisweilen, als ob ein Burſche, der den Wein bringt, gar keine Ohren habe—“ „Vorwärts, Menſch, Du bringſt mich zur Verzweif⸗ lung“, rief der Sennor Caſtillo.„Was haſt Du ge⸗ hört?“ „Ich habe gehört, daß ein Drittel Eurer Knechte nichts taugt, daß das zweite Drittel nicht viel werth iſt und daß Ihr auf das dritte Euch nur ſchlecht ver⸗ laſſen könnt, und daß Euer früherer Mayordomo ſei⸗ nen Anhang mit allerlei anderem Geſindel verſtärkt hat. „Die Leute reden Mancherlei“, verſetzte der Sennor, „und häufig mehr, als ſie verantworten können.“ Währenddeſſen hielt Pedrillo die flache Hand über die Augen, blickte aufmerkſam nach einer Richtung hin und ſagte dann: „Da kommen zwei, die es eilig haben, ſie jagen wie toll.“ Dann ſetzte er hinzu:„Es iſt ein Mann und eine Sennorita“, und wieder einige Augenblicke 83 ſpäter ſetzten er und ſein Herr ihre Pferde in ſcharfen Galopp, um die Herankommenden möglichſt bald zu erreichen, denn beide hatten Inez erkannt und Benito, einen Diener des Sennor Caſtillo. Es iſt möglich, daß Deutſche ihre Pferde angehalten hätten, um jene herankommen zu laſſen. Mit der chileniſchen Natur wäre aber ſo etwas vollkommen unver⸗ träglich, und ſo hörten ſie einige Augenblicke früher die ſchlimme Botſchaft, welche Inez und ihr Begleiter brachten. „Wendet um“, rief Inez ihrem Vater entgegen, „und laßt die Pferde laufen, denn ich fürchte, ſie ver⸗ folgen uns. Tauſendfach ſei die heilige Jungfrau geprieſen, daß ſie mich den Weg errathen ließ, den Ihr heimwärts einſchlugt.“ Während man ihren Rath befolgte und denſelben Weg wieder einſchlug, den der Sennor und Pedrillo ſo eben zurückgelegt hatten, erfuhr erſterer die ſchönen Dinge, welche ſich während ſeiner Abweſenheit zugetra⸗ gen hatten. Im Laufe des Nachmittags war plötzlich Agacio mit einem Haufen Bewaffneter in der Nähe der Ha⸗ cienda erſchienen, und Inez hatte mit genauer Noth noch Zeit gefunden, das Hofthor ſchließen zu laſſen, was bei den niedern Mauern, die die Wirthſchafts⸗ 6* 84 gebäude umgaben, freilich nur kurze Zeit Schutz ge⸗ währen konnte. Das war aber auch faſt der einzige Dienſt, welchen ihr die zurückgebliebenen Knechte noch leiſteten, denn Agacio rief ihnen zu, daß er gekommen ſei, Caſtillo und ſeine Tochter zu verhaften, da beide es mit den Spaniern hielten, und daß er ſelbſt vorläufig auf der Hacienda bleiben und dort die Ordnung erhalten wolle. Würden ſich die Knechte fügen, ſo ſolle ihnen kein Leid zugefügt werden, wer ſich aber widerſetzen würde, müſſe ſich die Folgen ſelbſt zuſchreiben. Da Inez ſah, daß ihre Leute auf ihre Aufforde⸗ rung hin, ſich zu vertheidigen, keine Miene machten, ihr Folge zu leiſten, und da ſie überdem nichts mehr fürchtete, als in Agacio's Hände zu fallen, ſo entſchloß ſie ſich raſch zur Flucht. Sie raffte an Geld und Geldeswerth zuſammen, was ihr eben in die Hände fiel, Benito ſchaffte mittlerweile die Pferde an die hintere Pforte, und während Agacio und die Seinigen das Hofthor erbrachen, entflohen beide. Ihrer Flucht legten indeſſen ihre eigenen Leute kein Hinderniß in den Weg, was ihnen freilich ein Leichtes geweſen wäre. Sie ſchienen ſich vor ihr zu ſchämen und froh zu ſein, als ſie nicht mehr Zeuge ihrer Un⸗ entſchloſſenheit war. Inez aber, welche richtig ver⸗ 85 muthete, daß ihr Vater dem Sennor Lopez einen Beſuch abſtatten würde, ſchlug glücklicherweiſe den rechten Weg ein, um ihn abzuhalten, ſeinen Feinden in die Hände zu laufen. Man beſchloß vorläufig eine ſo große Strecke ſich von der Hacienda zu entfernen, als es für heute mög⸗ lich, und dann irgendwo eine Unterkunft zu ſuchen, oder unter Umſtänden wohl auch im Freien zu über⸗ nachten. Dabei ließen die drei Flüchtlinge die Pferde ſo rüſtig ausgreifen, wie es eben chileniſche Pferde ge⸗ wohnt ſind. „Hat Agacio nicht geſagt, in weſſen Namen er dieſe Gewaltthat verübte?“ fragte Inez' Vater nach einiger Zeit. „Nein“, verſetzte die Gefragte,„aber ich hörte ihn ſtrenge Befehle ertheilen, den Hof zu ſchonen und vor allem kein Feuer zu legen, wozu, wie es ſchien, einige ſeiner Bande Luſt bezeigten.“ „Heutzutage“, ſagte Pedrillo,„zünden ſie die Felder an und ſchonen die Häuſer. Es iſt eine verkehrte Welt.“ „Ja, es iſt in der That eine verkehrte Welt“, er⸗ widerte Caſtillo traurig,„in welcher es erlaubt iſt, einen ehrlichen, friedfertigen Mann ohne weitere Um⸗ ſtände von Haus und Hof zu jagen; denn ich bin über⸗ 86 zeugt, daß Agacio keine andere Abſicht hat, als ſich in den Beſitz meines Eigenthums zu ſetzen. Und keiner unter allen meinen Leuten, denen ich doch ſtets ein freundlicher Herr war, wagte es, ſich dieſen Schurken zu widerſetzen! Nur Du, mein guter Benito, biſt mir treu geblieben und haſt meine arme Inez begleitet.“ „So!“ rief der Belobte.„Das wäre ein feines Stückchen geweſen, wenn ich geblieben wäre! Der Spitzbube, der Agacio, hat mich niemals leiden können, und wenn er mich erwiſcht hätte, ich glaube, er hätte mir die Haut über die Ohren gezogen.“ Pedrillo ſah den Sprechende bei dieſen Worten mit einem eigenthümlichen Blicke von der Seite an, als man aber kurz darauf an die Fonda ſeiner Stief⸗ mutter gekommen war, trennte er ſich von der Geſell⸗ ſchaft und ritt auf die unter der Thür Stehende zu, mit welcher er eifrig zu ſprechen ſchien. Als er darauf den Sennor und die Seinigen wieder eingeholt hatte, fragte ihn Caſtillo, was er mit ſeiner Stiefmutter geſprochen habe, worauf Pedrillo er⸗ widerte: „Ich habe geſagt: Herzliebſte Mutter, es kann ſein, daß ſpäter einige Reiter hier vorüberkommen, welche Euch wahrſcheinlich fragen werden, welchen Weg wir eingeſchlagen hätten. Lügt wacker in dieſem Falle, es 87 wird Euch vielleicht nicht allzu ſchwer fallen, und gebt jedenfalls eine ganz verkehrte Richtung an, denn, merkt wohl, zeigt Ihr ihnen den richtigen Weg, ſo kehre ich um, komme wieder zu Euch und verlaſſe Euch nicht wieder, bis der liebe Gott Euch zu ſich ruft. Ich ſchwöre Euch das bei meinem heiligen Schutzpatron.“ Trotz ſeines Kummers mußte Caſtillo dennoch lächeln. „Und was antwortete die gute Frau?“ „„Reite zum Teufel“, ſagte ſie zornig,„zu ſeiner Großmutter, oder wohin Du ſonſt willſt, aber betritt meine Schwelle nicht wieder, und ſei verſichert, daß ich Dich und Deinen Sennpr nicht verrathen werde.““ Allmälig ſenkte ſich die Dämmerung auf die Erde, dann die Nacht, und unſere Flüchtlinge verſchwan⸗ den in derſelben, für heute wenigſtens, wie es ſchien, nicht verfolgt von Agacio und den Seinigen. Viertes Kapitel. Flucht und Verfolgung.— Kohlweg und Scherflein wandern abermals aus. Theils weil keine andere Zufluchtsſtätte vorhanden war, theils weil ein Uebernachten im Freien in Chile wenig Unbequemlichkeit bietet, ſchlugen unſere Reiſen⸗ den ihr Nachtlager an dem felſigen Abhange eines Hügels auf, welcher ſchon zu den Vorbergen der hohen Cordillera gehörte. Man ruht bei ſolchen Gelegenheiten auf ſeinem Sattel, was herviſcher klingt, als es in der That iſt. Der echte, alte chileniſche Sattel beſteht aus zwölf Pelzdecken, von welchen gewöhnlich ſechs direct auf das Pferd gelegt werden und unter ein hölzernes Gerüſt, welches viel Aehnlichkeit mit dem ungariſchen Sattel hat; die andern ſechs Felle kommen auf dieſes Gerüſt zu liegen und das oberſte, meiſt gefärbte nennt man, 89 wenn wir nicht irren, Pellon. Freilich ſitzt man auf dieſem Sattel etwas hoch, indeſſen ſehr bequem, feſt und hat, bringt man die Nacht im Freien zu, an dieſen Fellen ein Lager, welches wenig zu wünſchen übrig läßt. Ein Feuer zu entzünden wagte indeſſen der Sennor Caſtillo nicht, aus Beſorgniß, im Falle er verfolgt würde, ſeine Spur zu verrathen, und am andern Morgen berieth er ſich mit Inez, was zu thun ſei, da ihm der Aufenthalt in dieſer Gegend nicht ſicher erſchien. Zwar zweifelte er nicht oder hoffte wenigſtens, daß er ſpäter wieder zu ſeinem Beſitzthum gelangen würde, im Augenblicke aber befand er ſich im Zu⸗ ſtande faſt vollſtändiger Schutzloſigkeit, und es war ihm unmöglich, ſich für jetzt einer der beiden Parteien anzuſchließen, da er es mit beiden verdorben hatte. Er beſchloß endlich in Uebereinſtimmung mit ſeiner Tochter, ſich nach Mendoza auf der andern Seite der Cordillera zu begeben und den freilich beſchwerlichen, ja jetzt gefahrvollen Weg über das Gebirge nicht zu ſcheuen, da er drüben Schutz und Hülfe zu finden faſt ſicher ſein durfte. Er hatte in Mendoza einen Anverwandten, der noch dazu ſein compadre, ſein Gevatter, war, ein Grad 90 ſogenannter geiſtlicher Verwandtſchaft, der an der Weſtküſte hoch gehalten wird und zu Dienſten und Gegendienſten verpflichtet, und da Benito ſowohl als auch der neu gedungene Pedrillo ſich bereit erklärten, ihm zu folgen, ſo ward der ſofortige Aufbruch be⸗ ſchloſſen. Nichts iſt angenehmer als das Eindringen in die Vorberge der Cordillera, wenn man vorher längere Zeit im Flachlande Chiles gereiſt iſt. Freilich herrſcht dort in Gegenden, in denen Bewäſſerung möglich und eingerichtet iſt, eine üppige Fruchtbarkeit, dafür aber ſieht es an andern Orten wieder kahl und traurig genug aus. Man kommt über Stellen, bei welchen man unklar iſt, ob man ihre Farbe als eine graue oder eine grün⸗ liche bezeichnen ſoll, und die wir als eine Oedung be⸗ zeichnen möchten, während Menſchen und Thiere in Chile ſie als Wieſen anſehen, denn die erſtern be⸗ nennen ſie alſo, die Vierfüßler aber geben ſich den Anſchein, auf denſelben zu weiden, obgleich keine Spur eines Grashälmchens an jenen Stellen zu bemerken. Wir waren häufig verſucht, dieſe Oſtentation von ſeiten des lieben Viehs für eine mißverſtandene Art von Vaterlandsliebe zu halten, um durch dieſes affec⸗ 91 tirte Weiden dem vorüberziehenden Fremden die Un⸗ fruchtbarkeit ſolcher Orte zu verbergen. Hat man aber dieſe bisweilen noch ſtellenweiſe mit der ſtachligen Espina beſtandenen Flächen hinter ſich und gelangt in die bewaldeten Vorberge, ſo nimmt die Landſchaft einen andern Charakter an. Uns fremder Baumſchlag, zum Theil gebildet aus Aquifoliaceen, Celaſtrineen und Laureen, hier und da eine feuchte Schlucht, beſtanden mit der Quila, einer Bambusart, und farbige Baumblüten zeigen uns da freilich, daß wir uns in fremdem Lande befinden, in einer Vorhalle des Tropentempels. Wunderbar klingt aber bisweilen die Heimat wieder, dort in der Tauſende von Meilen fernen fremden Landſchaft, und jubelnd haben wir Waldſtellen begrüßt, welche täuſchend dem theuern deutſchen Walde ähnlich waren. Dergleichen Schwärmereien blieben freilich dem Sen⸗ nor Caſtillo und ſeinen Begleitern fern. Sie kannten einerſeits die Urenkel der heiligen deutſchen Haine, die Nachkömmlinge der Wodanseichen und ihrer Stammverwandten nicht, auf der andern Seite aber iſt man wenig zur Sentimentalität geneigt, wenn man ſich auf der Flucht befindet und den Feind auf ſeiner Spur befürchtet. Unſere Reiſenden ſpähten alſo ſorgſam in die Ferne, 92 wenn irgend eine Höhe oder eine Blöße im Walde ihnen einen ſolchen Blick geſtattete, und Pedrillo er⸗ kletterte von Zeit zu Zeit einen Baum oder beſtieg einen Felſenvorſprung, um Ausguck zu halten nach et⸗ waigen Verfolgern. Indeſſen ließ ſich nichts Feindliches blicken. Un⸗ geſtört zog man weiter, hier und da in einer Hütte Gaſtfreundſchaft genießend oder kleine Vorräthe ein⸗ kaufend, unter dem Vorgeben, ein höher gelegenes Berg⸗ werk beſuchen zu wollen, und Pedrillo leiſtete dabei vortreffliche Dienſte, indem er den etwa nachfolgenden Agacio irre zu führen und durch allerlei Vorgeben zu täuſchen ſuchte. Im Uebrigen hoffte man morgen den Weg nach Mendoza zu erreichen, welcher eine gute Strecke weit Pedrillo bekannt war, da er mit ſeinem Engländer längere Zeit in den Bergen umhergeſtreift war, und man brachte die heutige Nacht, wie die vergangene, im Freien zu, faſt heiter und vergnügt, da man vor⸗ läufig wenigſtens von dem ungetreuen Mayordomo be⸗ freit zu ſein hoffte. Man hatte am andern Morgen bereits eine ziem⸗ liche Strecke zurückgelegt und die Nähe der wirklichen Kette der Anden zeigte ſich durch Mancherlei ſchon ziem⸗ lich deutlich an. 93 Solche Zeichen waren zum Beiſpiele das Selten⸗ werden ſtärkerer Bäume, tief geriſſene Schluchten, in welchen hier und da ein Bergwaſſer zu Thale brauſte, vulkaniſches Geſtein, die granitiſchen Formen durchbrechend, und dann die Pfade, auf welchen man weiter zog, Pfade, welche dem europäiſchen Neuling in hohem Grade bedenklich erſcheinen und welchen er nicht ſelten alle Eigenſchaften eines vernünftigen Wegs abſpricht, welche aber dem Chilenen und ſeinem Pferde nicht das mindeſte Auffällige bieten und auf welchen er ſorglos dahinzieht. Man hatte ſo eben einen ſolchen Bergpfad hinter ſich und ließ auf einem Plateau, von welchem aus der weitere Weg wieder mehr Bequemlichkeit bot, die Thiere einen Augenblick verſchnaufen. Pedrillo hatte ſeiner Gewohnheit gemäß eine Felswand erklettert, um ſich umzuſehen. Plötzlich hörten ihn die unten Haltenden einen Fluch ausſtoßen, dann ſahen ſie, wie er ſich im andern Augen⸗ blicke platt auf den Felſen niederwarf und dann mit Blitzesſchnelle an der Felswand herabglitt. „Sie ſind auf unſerer Fährte“, rief er haſtig,„fünf Reiter, und ſie ſprengen eben auf dem Wege aufwärts, auf welchem wir uns vor etwa einer halben Stunde befanden.“ 94 Er warf ſich auf ſein Pferd, offenbar in der Er⸗ wartung, daß man ſofort eine ſchleunige Flucht antreten würde. Aber der Sennor Caſtillo ſagte: „Halt! Ehe wir eine übereilte und vielleicht nicht einmal begründete Flucht antreten, will ich mich vorher ſelbſt überzeugen. Muß es gerade Agacio ſein, der uns folgt? Es können auch andere Reiſende ſein, welche denſelben Weg einhalten wie wir ſelbſt.“ „Reiſende reiten nicht ſo wie dieſe“, verſetzte Pe⸗ drillo.„Man reitet freilich Galopp, aber jene dort jagen wie toll.“ Der Sennor erkletterte indeſſen mit Hülfe Pedrillo's die Felswand, und oben angelangt ſagte er nach kurzem Spähen: „Pedrillo hat leider Recht. Es unterliegt keinem Zweifel, wir werden verfolgt, und ich glaube ſogar eins meiner beſten Pferde zu erkennen, welches Agacio, der Schurke, reitet.“ Man kann nicht behaupten, daß friedfertigen Leuten ſtets auch der perſönliche Muth fehlt. Sie haſſen nur Zank und Streit, ſtellen aber im Kampfe vortrefflich ihren Mann und häufig wohl beſſer als manches ſtreit⸗ und händelſüchtige Subject. Der Sennor Caſtillo gehörte zu den Friedfertigen, 95 welche ſich gut ſchlagen, und als er das Plateau wieder erreicht hatte, ſagte er: „Ich ſehe nicht ein, warum wir vor dieſen Schuften die Flucht ergreifen ſollen. Unſer ſind drei Männer, jene ſind zu fünf, aber wir haben den Vortheil des erhöhten Standpunkts; Ihr beide ſeid mit Euren Laſſos und mit Meſſern bewaffnet, ich ſelbſt führe zwei Piſtolen. Carajo! Laßt die Burſchen herankommen, wir wollen ſie wacker empfangen! Aber was iſt Eure Meinung?“. Die Wangen des Sennor Caſtillo rötheten ſich bei dieſen Worten und er blickte drohend nach der Richtung hin, in welcher ſeine Feinde im Anzuge waren, blieben ſie auch den auf dem Plateau Befindlichen vorläufig noch unſichtbar. Auch Benito blickte nach jener Richtung, und wie ſich eben die in der Mannesbruſt tobende Kampfbe⸗ gierde verſchieden äußert, ſo war er bleich geworden bis an die Schläfe und biß die Zähne krampfhaft zu⸗ ſammen. Dann aber ſchien er ſich einigermaßen ge⸗ mäßigt zu haben und ſagte zu Caſtillo: „Die Wuth, welche in mir kocht, wenn ich an jenen Agacio denke, droht mich zu verzehren. Aber er ſoll mich kennen lernen und ich hoffe Euch für immer von ihm zu befreien.“ 96 Er wandte ſein Pferd abwärts, und Caſtillo fragte verwundert: „Was wollt Ihr thun?“ „Ich will ihn tödten! Seht ihr jenen Felſenvor⸗ ſprung? Haufen von Schutt und Gerölle thürmen ſich hinter demſelben, dort verberge ich mich, und kommen die Feinde aus dem Gehölze, welches ſie für jetzt un⸗ ſern Blicken entzieht, ſo ſtürze ich mich plötzlich auf ſie, werfe den Laſſo nach dieſem verruchten Agacio und erwürge ihn. Seine Begleiter werden überraſcht ſein, einen Hinterhalt befürchten und nach dem Tode ihres Führers höchſt wahrſcheinlich die Flucht ergreifen, und Ihr ſeid von ihnen befreit. Sollten ſie mich aber an⸗ greifen, ſo ſchlage ich mich wieder zu Euch. Ich reite das beſte Bergpferd aus Eurem Stalle und es müßte mit dem Teufel zugehen, wenn ich Euch nicht zu rech⸗ ter Zeit wieder erreichen ſollte.“ Ohne die Antwort Caſtillo's abzuwarten, ſprengte er in furchtbaren Sätzen abwärts. „Opfert Euch nicht nutzlos“, rief ihm der Sennor nach, aber der Wuthentbrannte hörte ihn nicht und war in kurzer Zeit hinter dem Felſenvorſprunge ver⸗ ſchwunden. Aengſtlich blickte ihm der Sennor nach, aber Pe⸗ drillo ſagte: 97 „Seid unbeſorgt, er opfert ſich nicht, aber er reitet das beſte Bergpferd Eurem Stalle und vielleicht in der ganzen Umgegend.“ „Was ſoll das heißen?“ „Es ſoll heißen, daß er mit dieſem Thiere, noch ehe Agacio aus dem Gehölze kommt, auf jenem ſteilen Abhange abwärts entfliehen wird und lieber ein wenig Halsbrechen riskirt, als ſich auf einen Kampf einläßt. Haben Euer Gnaden nicht gehört, daß er blos aus Furcht vor Agacio die Sennorita begleitet hat?“ „Ich kann's kaum glauben“, verſetzte der Sennor; aber Pedrillo rief: „Wir haben nicht mehr viel Zeit, doch wird ſie noch reichen. Laßt die Sennorita für alle Fälle eine Strecke aufwärts reiten und wartet hier auf mich.“ Ebenſo wie Benito ſprengte er, ohne die Antwort ſeines Herrn abzuwarten, abwärts und verſchwand hinter dem Felſenvorſprunge. Sollten beide? Der Sennor Caſtillo runzelte die Stirn, aber nach wenig Augenblicken erſchien Pedrillo wieder. Er war treu geblieben und brachte, als er den Sennor erreicht hatte, die Nachricht, daß Benito muthmaßlich ſein feiges Wagſtück glücklich vollendet habe und ſich bereits unten in der Thalſchlucht auf ſchleuniger Flucht v. Bibra, Fl paso de las anima T. 7 98 „Der treuloſe Hund!“ rief Caſtillo.„Aber was nun beginnen? Wir, jetzt nur zwei Männer, ſind ſchwerlich jenen fünf gewachſen!“ „Reitet voran“ ſagte Pedrillo ruhig,„ich verſperre ihnen hier den Weg, und wenn Ihr mittlerweile das Buſchholz dort oben erreicht habt, könnt Ihr Euch vielleicht vor ihnen verbergen.“ „Und Dich erſchlagen ſie hier!“ „O, das kommt darauf an.“ „Nein, mein guter Burſche“, ſagte Caſtillo,„der bravſte Kerl in Chile ſoll nicht nutzlos von dieſen Spitzbuben erwürgt werden. Freilich müſſen wir zu entkommen verſuchen, aber wir bleiben bei einander, und ich hoffe zu Gott, daß ich Dir Deine Treue noch vergelten kann. Vamos!“ Sie ſprengten aufwärts, um mit der vorangerit⸗ tenen Inez ihre Flucht fortzuſetzen. Unten, auf einer Blöße, erſchien einer ihrer Ver⸗ folger, welcher den andern voranſprengte, es war Agacio. Sehen wir jetzt wieder ein wenig nach unſern deut⸗ ſchen Freunden, welche wir unſerer ausländiſchen Bekannt⸗ ſchaften halber faſt gänzlich aus den Augen verloren. 99 „Ich habe mich ſatt gehungert“ ſagte Jakob Scherf⸗ lein,„und wenn das logiſch ein Unſinn ſein ſollte, ſo iſt es nichts deſtoweniger leider Gottes die lebendige Wahrheit.“ „Und ich“, verſetzte Kohlweg, der Jäger,„ich habe nicht allein den Hunger ſatt, ſondern auch den Kummer, das Elend, dieſe miſerablen ſchönen Nächte, den ewig heitern Himmel und die oabſcheuliche Knall⸗ hütte, von welcher aus wir alle dieſe Schönheiten ausſtehen müſſen. Und, nimm mir das aber nicht übel, auch das ewige Alleinſein mit Dir, mein theu⸗ rer Freund, fängt an mich höchſt gründlich zu lang⸗ weilen.“ „Mich auch“, erwiderte Scherflein faſt weinerlich. „Es bleibt alſo dabei, wir gehen, und zwar zuerſt über die Cordillera, hinüber nach der andern Seite, wie die Hieſigen ſagen. Ich freue mich auf den Schnee, der droben auf den Bergen liegt, und auf den andern Spectakel, der dort los ſein ſoll, obgleich es kaum ſo arg ſein wird, da man hier Alles über⸗ treibt.“ „Immer aber“, ſagte Scherflein,„werden wir die Langeweile haben, bei einander zu ſein und gegenſeitig unſere treuen und ehrlichen Viſagen zu begaffen.“ „Bewahre! Wir werden zwar beiſammen bleiben, das 100 verſteht ſich, aber wir werden nicht allein beiſammen ſein. Reiſende Kaufleute, welche Waaren mit ſich füh⸗ ren, werden uns entgegenkommen, Maulthiertreiber, Bergleute, ſtreifende Indianer und anderes Berg⸗ geſindel, mit welchem wir die Friedenspfeife rauchen und uns gottvoll unterhalten werden.“ „Und“, fuhr Scherflein fort,„wenn wir drüben ſind, werden wir uns in die Gegend von Buenos Ayres begeben und dort ein Schlaraffenleben führen, auf jenen Gefilden, in welchen die ſchmackhafteſten. Rinderbraten unbenutzt auf der Erde liegen, in denen die Sonne das Beefſteak bereitet und der Fuß des Reiſenden über Coteletten hinwegſchreitet, die von ſelbſt gar geworden ſind.“ „Und bei alledem“, ſagte Kohlweg,„werden wir uns geſtehen müſſen, daß wir beide die leichtſinnigſten Burſchen von der Welt ſind, weil wir ſchlechte Witze machen, trotzddem wir mitten im Elende ſitzen und vielleicht noch größerem Elende entgegengehen.“ Scherflein rief: „Ich lobe mir den heitern Mann Zumeiſt von meinen Gäſten; Wer ſich nicht ſelbſt zum Beſten haben kann, Der iſt gewiß nicht von den Beſten! Alſo a la manhana, morgen! Denn wir müſſen jetzt S 101 allmälig anfangen, die ſpaniſche Sprache zu culti⸗ viren!“ Am andern Morgen ſchloſſen unſere Deutſchen die Thür ihres Hauſes und hefteten an dieſelbe einen Zettel, auf welchem ſie in arg barbariſchem Spaniſch ihr Eigenthumsrecht wahrten. „Denn“, ſagte Scherflein,„führt uns der, den ich in dieſem feierlichen Moment nicht nennen will, gegen unſern Willen wieder in dieſes geſegnete Land, ſo iſt etwas immer beſſer als gar nichts.“ Dann öffneten ſie einen kleinen Stall, in welchem ſie einige Hühner und eine Ziege verwahrten und ga⸗ ben dieſen Thieren die Freiheit, und hierauf zogen ſie auf gut Glück hinaus jin die Welt, ziemlich gut mit einigen landesüblichen Speiſevorräthen verſehen, gut bewaffnet und erträglich beritten, mit Geld aber höchſt beſcheiden ausgerüſtet. Wenn man die bereits erwähnten Vorberge der hohen Cordillera, der eigentlichen Kette der Anden, überſchritten hat, trifft man am Füße dieſer Berges⸗ rieſen theilweiſe dieſelbe Vegetation wie in der Nähe von Valparaiſo. 5 Der Higo(Cactus peruvianus), ein rieſenhaf⸗ ter Cactus, hat Wurzel gefaßt an den ſteilſten Ab⸗ hängen und neben ihm die Pourretia coarctata, 102 el carton in der Landesſprache, ihren zehn bis zwölf Fuß hohen Blütenſtengel mit über tauſend duftenden Blüten geſchmückt, welchen häufig Kolibris umſchwär⸗ men. Auch die Giftneſſel, die Ortiga, gedeiht dort bisweilen und andere um Valparaiſo ſich findende Pflanzen, welche wir jedoch, um nicht ins Botaniſche zu gerathen, mit Stillſchweigen übergehen wollen. Weiter aufwärts nimmt aber das Gebirge oder deſſen Anfänge häufig ſchon einen ernſtern Charakter an. Unſere Freunde durchſchwammen mit ihren Pferden einen Fluß, da Landleute ihnen dies als den richtigen Weg bezeichnet hatten. Dann ritten ſie eine Zeit lang an deſſen ſteilen, felſigen Ufern hin, welche kein Hinan⸗ klimmen geſtatteten, und als endlich die Felswand und der Fluß ſich berührten, ſchwammen ſie wieder auf die andere Seite. Nachdem ſie dies Verfahren noch einigemal einzuſchlagen genöthigt worden, befanden ſie ſich in der That auf der andern Seite, nämlich an einer Stelle, welche ihnen erlaubte, mit ihren Pferden die drüben liegende Thalſeite zu erreichen. An einem kleinen, von Bergleuten erbauten, höchſt urzuſtändlichen Schmelzofen fragten ſie, ob ſie auf dem richtigen Wege über das Gebirge wären. Der Gefragte ſchien ſie nicht zu verſtehen, ein an⸗ derer am Ofen beſchäftigter Mann aber ſagte: 103 „Reitet nur zu. Weiter oben findet Ihr wohl den Weg nach Mendoza.“ „Sind die Wege gut?“ fragte Scherflein ziemlich naiv. Der Mann ſah ihn einige Augenblicke an, als ob er die Frage nicht recht begriffen hätte, dann ſagte er: „Ausgezeichnet!“ Die beiden Mineros ſahen den zwei ſonderbaren Reiſenden, welche ſich ſo ohne weiteres nach dem Wege über das Gebirge erkundigten und dabei fragten, ob die Wege gut, eine lange Weile nach. „Der Burſche war nicht einfältig“, ſagte Kohlweg im Weiterreiten.„Dieſe Wege ſind in der That gut; ich kenne genug Bergpfade in Deutſchland, welche ſchlechter ſind. Es iſt hier eben Alles muy lindo und das iſt es gerade, was mich verdrießt und lang⸗ weilt.“ Es iſt eigenthümlich! Der Sennor Caſtillo und die Seinen beabſichtigten nach der andern Seite zu gehen und zwar nach Mendoza, und wir finden jetzt unſere deutſchen Freunde damit beſchäftigt, ſich eben⸗ falls auf den Weg nach dieſer Stadt zu machen. Kaum iſt es anders zu vermuthen, als daß ſich beide Parteien dort treffen und daß ſich dann höchſt 104 intereſſante Abenteuer abwickeln, aber wir bedauern, ihnen in dieſem Falle nicht folgen zu können. Es iſt Grundſatz von uns, ſelten oder nie von einer Stadt oder einer Landſchaft zu erzählen, welche wir nicht ſelbſt beſucht oder geſehen, und bezüglich deutſcher Städte nie einen Namen derſelben zu nennen. Das Erſte aus dem Grunde, weil es nicht nöthig iſt, das bischen Phantaſie, das man hat, mit dem Er⸗ finden von Gegenden zu vergeuden, wenn uns unſer Gedächtniß wahre und wirkliche Bilder aufbewahrt hat. Man nimmt einfach eins dieſer Bilder aus der Gedächtnißmappe und läßt dann in Gottesnamen die Phantaſie die Staffage malen. Das Zweite der Philiſter wegen, welche ſich aus⸗ nehmend freuen, wenn ſie eine Stadt errathen, welche ihnen bekannt iſt oder die ſie vielleicht von Kindesbeinen an bewohnten, die aber, nennt man dieſe Stadt, die Schulter ziehen und ſagen: „Er hat ganz paſſabel dies und jenes geſchildert, aber ganz genau hat er es doch nicht getroffen. In dieſer Straße zum Beiſpiel iſt das fünfte Haus drei⸗ ſtöckig und nicht das ſechste, die Rinne läuft rechts und nicht links, und daß er von Wetterfahnen ſpricht, iſt geradezu ein Falſum, da in der ganzen Straße nicht ein einziges Haus eine ſolche hat.“ —— — —— 105 Des erſten Grundes halber laſſen wir alſo Scherflein und Kohlweg auf Pfaden ziehen, welche wir ſelbſt, wenngleich vielleicht nicht auf einer und derſelben Ex⸗ curſion, betraten, und wenn wir dieſelben ſo kurz als möglich ſchildern, ſo iſt man uns am Ende dankbar dafür. Der Jäger hatte Recht, wenn er den Beginn des Weges gut nannte. Langſam aufwärts zieht er ſich zwiſchen grünen Gehegen, nicht ſelten an einen ehrlichen deutſchen Feld⸗ weg erinnernd, und der Fluß, den man vorher durch⸗ ſchwommen hat, hier der Mapocho, fließt friedlich zu unf erer Rechten durch das ziemlich breite und friedliche Thal. Aber man reitet im Thal bergan, das will heißen, daſſelbe verengt ſich allmälig und der Weg führt längs der einen Thalwand aufwärts. Anfänglich noch durch Buſchwerk und Niederholz und eine kleine Strecke ſelbſt durch ein Pfirſichwäldchen, was aber reizender klingt, als es in der That iſt, da die Früchte dieſer Pfirſichbäume kaum zu genießen ſind. „Gott ſei Dank“, rief Kohlweg,„hier findet ſich einmal etwas, über das man mit Recht losziehen darf. Die beſte der Früchte, die Pifirſiche, erfreut ſich hier einer ungemeſſenen Abſcheulichkeit. Die Kerne ſind 106 faſt größer als die Frucht und das bischen Fleiſch, welches über dieſen Kern gezogen iſt, hat einen Ge⸗ ſchmack, der eine abſurde Miſchung von bitter und ſauer iſt.“ Andere Dinge nahmen aber bald unſere Reiſenden in Anſpruch. Während ſchon im Gehölze der Weg ziemlich ſteil zu werden beginnt, hat ſich das Thal zur Rechten be⸗ deutend verengt. Man hört den früher ſanft und ſtill dahinziehenden Mapocho unten in der Tiefe brau⸗ ſen, und wenn man das letzte Buſchwerk hinter ſich hat und abwärts blickt, ſieht man, daß das Thal zur Schlucht geworden, in welcher der Fluß tobend und ungeſtüm über die Felſen ſpringt und es nicht erwar⸗ ten zu können ſcheint, bis er ins Flachland gekommen iſt, um dem Menſchen pflichtig zu werden, der ihn bald in tauſend Aeſte und Aeſtchen ſpaltet, um das Feld zu tränken und den fehlenden Regen zu erſetzen. Das iſt unten, auf der Sohle der Schlucht. Oben, vor unſern Freunden, aber dehnt ſich eine Felswand und längs derſelben zieht ſich das fort, was man den Weg nennt, eine bisweilen unangenehm ſchief abwärts neigende Fläche von drei, wohl auch zwei und ſelbſt einem einzigen Schritt Breite. Unſer linker Fuß ſtreift dann an die ſteil anſtei⸗ — —. 107 gende Felswand links, unſer rechter ſchwebt über dem Abgrunde rechts, und wem das Ertrinken beſonders unangenehm erſcheint, hat an dieſen reizenden Stellen den Troſt, daß er, thut das Pferd einen Fehltritt, zwar hinabſtürzt, aber zuverläſſig nicht ertrinkt, da Leichname, deren Schädel zerſchmettert iſt und welche nicht einen einzigen ganzen Knochen mehr im Leibe haben, nicht zu ertrinken pflegen. Ein ziemlich gleichwerthiger Troſt iſt der, welcher uns während des Rittes an jener Wand von einem deutſchen Jäger, den wir in Santiago trafen und der uns begleitete, gegeben wurde. „Von tauſend Fuß Tiefe, Herr Doctor, iſt keine Rede, es ſind kaum achthundert“, ſagte der Mann. Die Höhe der Felswand zur Linken, die aufwärts ſteigt, abzuſchätzen fällt Niemand ein, denn man hat Umſchau zu halten, ob nicht Abwärtsziehende uns ent⸗ gegenkommen, um zu rechter Zeit eine breitere Stelle des Weges zu erreichen oder hier und da vorkom⸗ mende kleine Plateaus, wo das Ausweichen ermög⸗ licht iſt. Wir verſchonen den freundlichen Leſer mit einem ſolchen Ausweichabenteuer, das uns an dieſer lieben Felswand ſelbſt begegnet iſt, und kehren zu unſern bei⸗ den Deutſchen zurück. 108 „Ich will nicht hoffen“, ſagte Kohlweg, als ſie an jener Stelle angekommen waren,„daß wir hier fort⸗ reiten ſollen. Das iſt ja ein Pfad für Ziegen, aber nicht für Menſchen und Pferde.“ „Es muß doch ſo ſein“ verſetzte Scherflein.„Man ſieht in dem zerbröckelten Geſtein Hufſpuren. Probiren wir es.“ Er ritt voran und Kohlweg folgte ihm. Bald kamen ſie darauf, den Pferden die Zügel zu laſſen, was auch die Chilenen an ſolchen Stellen thun und was unbedingt das Beſte iſt, da man in Chile von Zeit zu Zeit, durchſchnittlich drei bis vier Wochen lang, nach eben ſo langer Dienſtzeit, die Pferde im Freien ſich ſelbſt überläßt und dieſe durch ſolche unbedingte Freiheit die gefährlichſten Pfade ohne Hülfe und Füh⸗ rung betreten lernen. „Das Beſte iſt“, ſagte der voranreitende Scherflein nach einiger Zeit,„daß wir nicht umwenden können, wenn wir auch wollten, wir müſſen Courage haben.“ „Schon deshalb, weil es vollkommen nutzlos iſt, wenn wir uns fürchten“ meinte Kohlweg,„aber man gewöhnt ſich an Alles, und dieſer Weg ſcheint mir jetzt nicht halb ſo unangenehm mehr als anfänglich.“ An einigen erweiterten Stellen des Pfades trafen ſie auf Landleute, welche ohne Zweifel ihr Kommen —————— —— K 109 bemerkt und angehalten hatten, um ausweichen zu können. Das höchſt mittelmäßige Spaniſch unſerer Freunde veichte aus, ſich mit ihnen zu verſtändigen, und obgleich jene ihre Klagen über das Gefährliche der zurückgeleg⸗ ten Strecken nicht recht zu begreifen ſchienen, ſo er⸗ fuhren ſie doch, daß ſie ſich wirklich erſt auf den erſten Anfängen des Weges über die Cordillera befanden. Auch weitere Anleitung wurde ihnen gegeben, um morgen oder übermorgen die eigentliche Straße nach Mendoza zu erreichen. „Dort“, ſagte einer der Landleute,„ſind bisweilen Stellen, an welchen man ein wenig Acht geben muß, denn ſo bequeme Wege wie hier findet man nicht aller Orten.“ „Ungemein freue ich mich auf jene Stellen, an welchen man Acht haben muß“ ſagte Kohlweg, als ſie wieder weiter zogen,„ſie müſſen in der That reizend ſein!“ Indeſſen wurden ihre heutigen Pfade wieder eini⸗ germaßen erträglicher, ſie ſenkten ſich allmälig abwärts, erweiterten ſich, und unſere Reiſenden befanden ſich endlich auf dem Abhange eines Berges, in welchen die Felsgebilde nach und nach übergegangen waren. Endlich gelangten ſie an eine Stelle, an welcher 110 ſich das Thal ziemlich weit ausdehnte und an der ſie den Mapocho nach der vorhin erhaltenen Anleitung abermals paſſiren mußten. Aber der Fluß, welcher ſich in der engen Schlucht und bei ſtarkem Fall wie toll abwärts geſtürzt hatte, floß hier ruhig, langſam und ſich weit ausbreitend, ſodaß ihre Thiere kaum bis an die Kniee benetzt wurden, da die Breite des Stroms ihn an Tiefe verlieren ließ. Sie machten am jenſeitigen Ufer Halt, um ihren Pferden Raſt und die Erlaubniß zu geben, ſich ihr Futter nach Belieben zu ſuchen, während ſie ſelbſt von ihren Vorräthen ſpeiſten; dann ritten ſie einen ſteilen Bergabhang hinan, aber als ſie oben zu ſein glaubten, fanden ſie, daß dort eine ſenkrechte Felſenmaſſe anſtieg, und Hufſpuren im Gerölle und im ſandigen Boden zeigten ihnen, daß der Weg ſich längs jener Felſen hinzog. Reitende, ſowohl auf Pferden als auch auf Eſeln und Maulthieren, begegneten ihnen auch hier von Zeit zu Zeit, und dieſe Leute, Männer ſowohl als Frauen, führten meiſt Bündel von Reiſig bei ſich, welche ſie zum Verkauf ins Flachland brachten. Scherflein fragte eine ihnen entgegenkommende Frau, ob denn ſo weit oben im Gebirge noch Leute wohnten. — 111 „Hier und weiter oben wohnen freilich Leute“, ſagte die Frau,„im Gebirge aber wohnt Niemand.“ „Wir befinden uns alſo merkwürdigerweiſe ſtets noch im Thale“, ſagte Scherflein zu Kohlweg,„und ich vermuthe, daß dieſe Sennors mit ihren Reiſigbündeln Rittergüter beſitzen, ähnlich dem, welches wir geſtern verlaſſen haben. Wie das wirkliche Gebirge aber aus⸗ ſieht, bin ich begierig zu erfahren.“— Nichts iſt auffälliger als der Wechſel der Tempera⸗ tur auf der Cordillera. Man zieht auf der Höhe einer jener rieſigen Felſen⸗ mauern dahin, welche bisweilen ſtundenbreite Plateaus bieten, indem ſie, ſtufenähnlich anſteigend, einen großen Theil des Gebirges bilden, und eine glühende Hitze drückt uns dort zu Boden. Man ſteigt höher und gelangt in eine thal⸗ oder ſchluchtartige Bildung, in welcher kein Grashalm zu finden iſt und keine Spur eines lebenden Weſens. Während aber in den meiſten Thälern und Schluchten der Cordillera regelmäßig auf die Minute der Wind wechſelt, ſodaß man, verweilt man in einem ſolchen Thale mehrere Nächte, die Plätze an der Feuerſtelle nach dem Windwechſel einrichtet, herrſcht in jenen öden Schluchten und ſelbſt in gleich öden breitern Thälern ſtets eine conſtante Windrichtung. 112 Eine dünne, kalte, ſchneidende Zugluft zieht jahr⸗ aus jahrein zu jeder Stunde des Tages und der Nacht und ſtets nach einer Richtung hin über den kah⸗ len Boden, und man wird unwillkürlich an das be⸗ kannte Thal des Todes erinnert, obgleich hier die Kälte allein allem Leben feindlich entgegentritt. Iſt man aber wiederum höher geſtiegen, ſo findet man ſich in einer andern thalähnlichen Bildung, deren eine gegen das Flachland hin anſteigende Wand durch ſteile Felſen gebildet wird, während gegen das Gebirge hin ſich ein Bergabhang befindet, welcher mit blühen⸗ dem Geſträuche umwachſen iſt, umſchwirrt vom PTrochi- lus gigas, dem ſogenannten Rieſenkolibri, und be⸗ wäſſert von Schneewaſſer, welches langſam herab⸗ rieſelt von den höhern, mit ewigem Schnee bedeckten Theilen des Gebirges. An ſolchen Stellen iſt es wieder warm, ja zur Mittagszeit ſelbſt heiß, und obgleich wir am Ende des Thals vielleicht einen vulkaniſchen, aus dunklem Ge⸗ ſtein gebildeten Kegel bemerken, deſſen obere Hälfte mit Schnee bedeckt iſt, ſo ſind doch ſelbſt die Nächte dort kaum kühl zu nennen. Aus dieſem Grunde und weil ſich dort Waſſer und Gras für die Pferde findet, eignen ſich ſolche Stellen vortrefflich zum Uebernachten. Kohlweg und S — 113 Scherflein ſchlugen in der That in einer ſolchen Haſe ihr Nachtlager auf, den erſten Tag ihrer Reiſe alſo beſchließend. Die beiden nächſten Tage wollen wir nur füchtig erwähnen. Theils Hufſpuren folgend, theils hier und da zu⸗ rechtgewieſen von Landleuten, welchen ſie, wenn auch ſpärlicher als am erſten Tage, begegneten, gelangten ſie höher und höher und zweifelten nicht, wenngleich auf mancherlei Umwegen, doch endlich die Shentiche Straße nach Mendoza zu erreichen. Dabei erlegten beide mancherlei Vögel und an den Gebirgsbächen mehrmals Enten, ſodaß ſie, verſorgt mit friſchem Wilde, ihre mitgenommenen Vorräthe ſchonen konnten. „Wir leben hier beſſer“, ſagte Kohlweg,„als auf unſerer berühmten Beſitzung da unten und haben doch wenigſtens eine Art von Jagd, wenngleich nur wenig eigentliches Wilpret.“ Am Morgen des vierten Tages aber ſchienen die Spuren, welchen ſie bisher gefolgt waren, zu Ende gegangen zu ſein. Sie waren bereits einige Stunden im Sattel, an⸗ fänglich den Hufſpuren einiger Maulthiere nachziehend, als dieſe nach und nach unſichtbar wurden und die v. Bibra, E) paso de las animas. I. 8 114 beiden Freunde ſich endlich geſtehen mußten, daß es zwar ſicher ſei, daß ſie ſich auf oder beſſer in der hohen Cordillera befänden, daß es aber ungewiß oder eigentlich höchſt zweifelhaft ſei, ob ſie den Weg nach Mendoza jemals finden würden. Die Naturſchönheiten häuften ſich, das war nicht zu leugnen. Sie kamen an Stellen, welche ihnen wundervolle Fernſichten boten, Blicke in das Flachland, welches der in Chile fehlenden ſogenannten Luftperſpective halber in glänzender Klarheit unter ihnen lag. Dann ſahen ſie die fernen, mit ewigem Schnee be⸗ deckten Spitzen des Gebirges roſenroth in der Sonne erglänzen, oder ein blendend weißer Schneegürtel zog ſich in einiger Entfernung, aber in gleicher Höhe mit ihnen um einen baſaltiſchen Kegel, deſſen Spitze ſich tiefſchwarz vom blauen glänzenden Himmel abgrenzte, während unterhalb des Schnees weniger ſteile Wände mit üppigem Buſchwerk bedeckt waren. Dann ritten ſie wieder durch tiefe Schluchten, welche kaum mehr boten als ein Felſenchaos. Eben das aber mochte unſere Freunde vom rechten Wege geführt haben oder die Schuld tragen, daß ſie die leitenden Hufſpuren verloren hatten. Sie wendeten um, um ihre anfänglichen Pfade 5 wieder zu erreichen, aber ſie fanden ſie nicht; dann ſtritten ſie ſich darüber, wie dieſe am frühern Morgen eingeſchlagenen Wege wiederzufinden, und einigten ſich endlich wieder, um ſich zu geſtehen, daß ſie ſich geirrt hätten, wenn nämlich dieſer Ausdruck geſtattet iſt für die Lage, in welcher ſie ſich überhaupt be⸗ fanden. Was thun? „Da wir“, ſagte endlich Scherflein,„nicht einmal unſere Feuerſtelle von heute Nacht wiederfinden kön⸗ nen, ſo glaube ich, daß uns drei Wege übrig bleiben: wir ſuchen auf irgend eine Weiſe auf neuen Wegen wieder abwärts zu kommen, und da weiter unten noch hier und da Menſchen getroffen werden, gewinnen wir einen Führer, der uns auf die Straße nach Mendoza bringt. Oder wir verſuchen es, aufwärts zu gelangen, und finden, brechen wir die Hälſe nicht, viel⸗ leicht jene verwünſchte Straße ohne fremde Beihülfe. Drittens aber reiten wir auf gut Glück vorwärts, eben nach jener Richtung hin, nach welcher das Wei⸗ terkommen die geringſte Schwierigkeit bietet.“ „Abgemacht“, erwiderte Kohlweg,„und ſchon des⸗ halb, weil dieſes Verfahren Deine beiden erſten Vor⸗ ſchläge mit einbegreift.“ Nicht lange nachher, nachdem ſie dieſen Vorſatz 8* 116 auszuführen begonnen hatten, war Kohlweg eben um eine Felſenecke gebogen, als ihn Scherflein plötzlich einen Freudenſchrei ausſtoßen hörte, und indem er im andern Augenblick an ſeiner Seite war, erkannte er ſofort die Urſache. In nicht allzu großer Entfernung von ihnen kräuſelte ſich ein leichter Rauch zum Himmel empor, und da dieſe Rauchſäule unbedingt von einem noch unterhalte⸗ nen Feuer herrühren mußte, ſo waren dort unzweifel⸗ haft auch Menſchen zu finden; welche, war vorläufig gleichgültig. „Vorwärts!“ Sie erreichten auch ohne beſondere Fährlichkeiten die Feuerſtelle und fanden an derſelben Hirten, welche ſich ihr Mahl bereiteten und die ſie freundlich aufnah⸗ men und vor allem einluden, ihre Gäſte zu ſein. Die größern Heerden in den untern bewaldeten Regionen der Cordillera beſtehen nicht ſelten aus fünf⸗ bis achttauſend Rindern, die mehreren Hacienden⸗ beſitzern im Flachlande zuſammen ungehören und von einem Oberhirten und ſeinen Knechten beaufſichtigt werden. Die beiden am Feuer gefundenen Männer waren ſolche Knechte, welche einige von der Heerde entlaufene Rinder hier in den obern Gegenden auf⸗ ſuchten. 50 117 Nachdem das Mahl beendet war, fragten unſere Reiſenden nach dem Wege nach Mendoza. „Da könnt Ihr gar nicht fehlen“, ſagte einer der Hirten,„und von hier aus könnt Ihr ihn in etwa einer Stunde erreicht haben.“ „Aber wie?“ „Seht Ihr jene Felſenwand dort, über welcher ein Condor ſchwebt?“ Kohlweg und Scherflein blickten nach der bezeichne⸗ ten Richtung und ſahen, denn die wirkliche Entfernung in gerader Linie betrug kaum eine halbe Stunde, eine dunkle Stelle, welche wohl eine Felswand ſein konnte, die auf der einen Seite ſteil anſtieg, auf der andern etwas flacher wieder niederging und über welcher hoch oben in den Wolken ein ſchwarzer Punkt ſtand. Die dunkle Stelle war ein Stück der geſuchten Straße, der ſchwarze Punkt war ein Condor und alle Noth war mit dieſen beiden Gegenſtänden beendet. „Gott verläßt keinen Deutſchen“, rief Kohlweg, und Scherflein ſetzte hinzu: „Und die Fälle, in welchen dies nicht ſo recht ſtatt⸗ findet, berückſichtigen wir nicht. Vamos!“ „Zwar iſt der Weg bis dorthin gar nicht zu ver⸗ fehlen“ ſagte jetzt, als ſie Abſchied nahmen, der ältere der Hirten,„da Ihr aber fremd ſeid, ſo ſoll Carlos 118 eine Strecke mit Euch reiten. Man kann doch nicht wiſſen!“ Es geſchah alſo, und als die beiden Deutſchen mit Carlos weiter zogen, ſahen ſie, in dieſem Grade zum erſten Male, wie man in Chile reitet und was man den dortigen Pferden zutrauen darf. „Ich führe Euch feine Pfade“, ſagte der junge Hirte.„Wir reiten auf andern, aber Ihr ſeid das wohl nicht ſo recht gewohnt.“ Dieſe feinen Pfade aber waren Abhänge, bei wel⸗ chen abwärts das Pferd mehr rutſchte als ging, und bei denen man, aufwärts kletternd, befürchten mußte, ſich hinterrücks zu überſchlagen; dann Dickichte, welche undurchdringlich ſchienen, kleine Schluchten, über welche man ſetzen mußte, und andere dergleichen Süßigkeiten mehr. Indeß die beiden Deutſchen gewannen friſchen Muth, als ſie ſahen, daß ihre Thiere jenem ihres Führers nur wenig nachgaben. Ihre Meinungen auszutauſchen hatten ſie freilich keine Zeit, da es wie toll durch Dick und Dünn und bald auf⸗, bald abwärts ging. — Fünftes Kapitel. El paso de las animas. Auf einer etwas freiern Stelle im Gehölze machte endlich Carlos Halt und ſagte, indem er mit der Hand die Richtung bezeichnete: „Reitet ſo fort. Ihr werdet bald das Buſchwerk hinter Euch haben, und dann liegt der paso de las animas faſt vor Euch. Jetzt verbergen ihn uns noch die Bäume.“ „Der paso de las animas“, ſagte Scherflein,„der Uebergang der Seelen oder der Seelenweg, was ſoll das bedeuten?“ „Hm“ verſetzte Carlos,„ich glaube, man nennt den Weg deshalb ſo, weil dann und wann Jemand dort ver⸗ unglückt iſt. Unten in der Schlucht, wo Niemand hin⸗ 120 gelangen kann, liegen allerlei Knochen von Menſchen und Thieren, die weiß ſind wie der Schnee auf den Bergen, weil ſie die Sonne tüchtig gebleicht hat. Wer hinunter fällt, bleibt liegen. Aber laßt Euch das nicht anfechten. Eure Pferde ſind nicht ſchlecht, und es iſt nicht nöthig, daß gerade Euch etwas Schlimmes wider⸗ fährt. Dios dara!“ Er reichte den beiden Deutſchen die Hand und wandte ſein Pferd; eine kleine Gabe, welche ihm Kohl⸗ weg reichen wollte, ſchlug er aus und ſchied mit einem Gruße. Indeſſen hielt er noch einmal an. „Ich habe vergeſſen, Euch etwas zu ſagen. Sobald Ihr auf dem ſchmalen Pfade ſeid, unterlaßt nicht, fort⸗ während zu rufen. Kommen Euch Leute auf der an⸗ dern Seite entgegen, ſo werden ſie an einer etwas breitern Stelle anhalten, um Euch vorüberzulaſſen; hört Ihr aber rufen, ſo ſucht ebenfalls eine Stelle zu erreichen, an welcher jene an Euch vorbeikommen können.“ „Wenn man aber eine ſolche Stelle nicht erreicht?“ ſagte Kohlweg. „Dann iſt es nicht gut“, verſetzte Carlos„aber es reiten viele Leute hinüber, ehe ſo etwas vorkommt. Lebt wohl, Sennores!“ Er jagte davon und wenige Minuten ſpäter ſahen — —— 121 unſere Freunde ihn mit ſeinem Pferde eine Höhe er⸗ klettern, welche ihnen faſt ſenkrecht erſchien. Sie ſahen ſich ſchweigend an, und endlich ſagte Kohlweg: „Komm und laß uns dieſen reizenden Seelenweg aufſuchen. Ich bin begierig, ob unſere Knochen dort ebenfalls auf die Bleiche gelegt werden.“ Als ſie das Gehölz im Rücken hatten, zeigten Huf⸗ ſpuren, daß ſie auf einen wenigſtens hier und da be⸗ nutzten Weg gekommen waren, und dieſe Spuren führten direct auf den paso de las animas, welcher etwa in Flintenſchußweite vor ihnen ſeine Reize ent⸗ faltete.*) Es war eine freiſtehende Felſenwand oder eigentlich *) Mehrere ſolche gefährliche Stellen ſcheinen dieſen Namen zu führen. Der Engländer George Byam ſchildert in ſeinen„Wan⸗ derungen durch ſüdamerikaniſche Republiken“ einen paso de las ani- mas, der Aehnlichkeit mit dem Pfade hat, den wir unſere Reiſenden im vorigen Kapitel paſſiren ließen, links eine anſtei⸗ gende, rechts eine abfallende Felswand, aber bei dem Paſo Byam's fließt unten der Maipo, bei jenem auch von uns zurückgelegten Wege der Mapocho. Auch wurde jener ſchmale Felſenpfad, obgleich ebenfalls gefährlich, uns nicht als Seelenweg bezeichnet, wohl aber die Stelle, welche wir ſo eben beſchreiben wollen. Da es aber Leute gibt, welche mit zweifelhafter Genialität hartnäckig den Roman oder die Novelle mit einer Reiſebeſchreibung ver⸗ wechſeln, ſo wiederholen wir, daß wir zwar über jenen Paſo 122 ein Kamm von drei bis vier Fuß Breite, deſſen beide Seiten ſenkrecht abfielen, die linke vielleicht fünfzig oder hundert Fuß, die rechte, an deren Fuß der Fluß vor⸗ überbrauſte, drei⸗, vier⸗ oder fünfmal ſo tief, was voll⸗ kommen gleichgültig, indem jede dieſer Tiefen hinreichende Garantien für das Halsbrechen bietet. Die berühmten, von Sonne und Mond ſo vortreff⸗ lich gebleichten Knochen lagen auf einzelnen, nicht zu erſteigenden Vorſprüngen des Felſenkamms, oben aber ſchien ſich ein kleines Plateau auszudehnen und die andere Seite des Kamms nicht ſo ſteil abzufallen wie die dieſſeitige und, ſoviel man bemerken konnte, auch etwas breiter zu ſein. Die Annehmlichkeit dieſer Paſſage wurde vermehrt durch die Art, wie man aufwärts klimmen mußte, zum Theil nämlich ſprungweiſe, da die den Weg bildende Oberfläche aus natürlichen Stufen von einem bis zu faſt drei Fuß Höhe beſtand. Unſere Reiſenden waren bald an den erſten dieſer Stufen angelangt, und Kohlweg ſagte ernſtlich erzürnt: „Narren und Verrückte waren diejenigen, welche zum erſten Male auf den Gedanken kamen, über dieſen ritten, fügen aber hinzu, daß uns die Abenteuer Kohlweg's und ſeines Freundes nicht begegneten, ſondern daß wir bezüglich der⸗ ſelben bei der Phantaſie ein Anlehen erhoben. 3 1 3 123 verwünſchten Felſen zu reiten, und dreimal größere Narren ſind die, welche es ihnen nachmachen. Da wir aber kaum eine andere Wahl haben, ſo beginnen wir unſere Thorheit.“ Er gab ſeinem Pferde die Sporen, und eilte oder eigentlich ſetzte voran. Ein gelinder Aerger iſt in ähnlichen Fällen bis⸗ weilen nicht unvortheilhaft, und ſo kamen beide beſſer, als ſie dachten, aufwärts, nach Carlos', des Hirten, An⸗ weiſung, in kleinen Zwiſchenräumen laut rufend oder, was daſſelbe, laut über den Weg ſcheltend. Endlich ſagte Kohlweg: „Es geht wahrhaftig leichter, als ich dachte. An⸗ fänglich hütete ich mich, in die Tiefe zu blicken, nun aber ſehe ich faſt gleichgültig hinunter auf den Fluß und auf die einfältigen Knochen.“ „Horch“, rief in dieſem Augenblick Scherflein,„der Teufel führt von drüben wirklich Leute herbei! Hörſt Du nicht Lärm und Geſchrei?“ „Ja, aber das ſcheinen keine Warnrufe zu ſein“, verſetzte Kohlweg.„Doch vorwärts, daß wir hinauf⸗ kommen!“ Sie mochten etwa zwei Drittel der Höhe erſtiegen haben und trieben jetzt ihre Thiere an, um ſo raſch als möglich das Plateau zu erreichen, als plötzlich oben 124 auf demſelben zwei Berittene erſchienen, ein Mann und eine Frau. Offenbar fand dort ein Kampf ſtatt, oder es ſollte eine Gewaltthat ausgeführt werden, denn der Mann hatte den Zügel des andern Pferdes erfaßt, und ein Meſſer blitzte in ſeiner Hand. „Laß ab, Hund!“ rief Kohlweg, ſein Pferd zu mäch⸗ tigen Sätzen anſpornend, aber in demſelben Augenblick ſchien ſich die Reiterin von ihrem Feinde befreit zu haben und ſetzte mit einigen Sprüngen abwärts und Kohlweg entgegen. Ein vielleicht für beide Theile verderblicher Zu⸗ ſammenſtoß ſchien unvermeidlich, und Kohlweg zog unwillkürlich die Zügel an. Gleichzeitig bäumte ſich das Pferd der ihm entgegen Kommenden hoch auf, ſchwankte und ſtürzte dann in die Tiefe. Die Reiterin aber glitt vorher gewandt rücklings von dem ſich bäu⸗ menden Pferde nieder auf den Felſen, ward jedoch von dem fallenden Thier zu Boden geriſſen und über die Felſenwand gedrückt. Sie hing jetzt, mit beiden Se ſich anklammernd, an dieſem, während tief unten der dumpfe Fall des hinabgeſtürzten Thieres hörbar wurde. Vom erſten Erſcheinen der Beiden oben auf der der Höhe bis daher waren nur wenige Sekunden h— —— b. 125 verfloſſen, und unſere Freunde ſahen erſtarrt auf das Unheil, was ſich ſo plötzlich begeben. Auch der Mann oben, der es ohne Zweifel ange⸗ richtet hatte, hielt ſtill auf dem Plateau und blickte, wie es ſchien, unſchlüſſig abwärts. Jetzt aber rief Kohlweg ſeinem Freunde zu: „Hilf dem Mädchen, ich will dem dort zu Leibe!“ Er ſprengte aufwärts, und Scherflein ſah eben noch, wie der Fremde ſein Pferd wendete und verſchwand, und wie Kohlweg einen Augenblick ſpäter das Plateau erreichte und ebenfalls unſichtbar wurde. Der über dem Abgrunde Schwebenden ſchleunige Hülfe zu bringen, war freilich nöthig, aber das Ab⸗ ſteigen auf dem ſchmalen Pfade ſchien ihm unmöglich oder doch höchſt gefährlich. Er wollte es indeſſen doch verſuchen, aber das Mädchen rief ihm jetzt zu: „Halt, ſteigt nicht ab, es geht nicht. Macht, daß Ihr das Plateau erreicht, dort ſteigt ab und kommt mir dann zu Hülfe. Ich kann mich hier noch halten, denn ich ſtehe mit einem Fuß in einer Spalte der Felswand.“ „Klammert Euch feſt an“, rief Scherflein,„im Augenblick bin ich wieder bei Euch!“. Er befolgte ihren Rath, warf, oben angelangt, ſei⸗ 126 nem Pferde den Zügel über den Kopf und auf die Erde') und eilte dann hinunter, um zu helfen, zu retten. Es war das nicht ſo leicht. Er hatte ſich auf die Kniee geworfen und ſuchte ſie an ſich zu ziehen, aber er mußte hierbei alle ſeine Bewegungen bemeſſen, um auf dem vier Fuß breiten Raume das Gleichgewicht nicht zu verlieren und rück⸗ lings in die Tiefe zu ſtürzen, während auf der Seite, wo er die Hängende heraufziehen mußte, ein Aufwand aller ſeiner Kräfte nöthig war, um von derſelben nicht in den Abgrund gezogen zu werden. Man will es nicht beſonders beloben, wenn Damen allzu ſchlank find, ſicher aber iſt die mit ſolcher Schlank⸗ heit meiſt verknüpfte Leichtigkeit in Fällen wie der vorliegende höchſt ſchätzbar. Leider war die Leichtigkeit der zu Rettenden nicht allzu groß, und als der junge Mann ſie in ſeinem Arm hielt und ſie ihren Fuß aus der Felſenſpalte ge⸗ zogen hatte, um ſich aufwärts ziehen zu laſſen, kam es ihm vor, als ſei das eine Unmöglichkeit. Sie mußte Aehnliches befürchten. *) Die chileniſchen Pferde bleiben ſtundenlang an einer und derſelben Stelle ſtehen, wenn man dieſes gethan hat. Die Dreſſur mit dem Laſſo, ſoll, wie man ſagt, das bewirken. 127 „Laßt mich fallen, ich ziehe Euch mit mir hinunter“, ſagte ſie. Seine keuchende Bruſt erlaubte ihm ein einziges Wort: „Nein!“ Aber dieſes einzige Wort wog mehr als tauſend Ja⸗ und Liebesworte. Und jetzt that er, auf die Gefahr hin, ſich rückwärts zu überſchlagen, mit dem Aufwande aller ſeiner Kräfte einen raſchen und heftigen Ruck, und es gelang ihm, das junge Mädchen mit dem halben Leibe über den Rand der Felswand zu bringen. Unter ähnlichen Umſtänden iſt nichts weniger am Orte als plaſtiſche Stellungen. Das Mädchen warf ſich daher ſogleich vorn über, klammerte ſich mit den Hän⸗ den an, und während es ihr gelang, den einen Fuß auf den Felſen zu bringen, faßte der immer noch knieende Scherflein mit einer Hand ihren andern Fuß und mit der andern ihren Gürtel, kräftig ziehend und hebend, und einige Augenblicke ſpäter war ſie in Sicherheit. Sie ſetzte ſich auf eine der Stufen, und während Scherflein ſich aufrichtete und aufathmend daſtand, barg ſie das Geſicht in ihren Händen. Wer kann wiſſen, was in ihrem Innern vorging? Scherflein aber ſtieg auf das Plateau und ſpähte 128 nach Kohlweg und dem Manne, welchen jener muth⸗ maßlich verfolgte. Es war keine lebende Seele zu erblicken. Der auf der andern Seite breitere und weniger ſteil abwärts führende Felſenweg verlief, wie das dort häufig der Fall, in einen ziemlich flachen und kahlen Bergabhang, und dann begann ein Gehölz. Dort mußten ſich die beiden Geſuchten befinden, und ſie muß⸗ ten tüchtig geritten ſein, um es in dieſer kurzen Zeit zu erreichen. Was jetzt thun? Während er noch überlegte, ſtieg ſeine Gerettete ebenfalls auf das Plateau und ſah ihn mit ihren dunklen Augen eigenthümlich an. „Weder Gott noch Euch“, ſagte ſie dann,„vermag ich jetzt zu danken. Ich werde es ſpäter thun. Nein! Merkt wohl, daß ich dieſes Euer Nein nimmermehr vergeſſen werde. Hunderte hätten mich fallen laſſen, um ſich zu retten, Ihr nicht, Ihr nicht!“ „Wie wäre es möglich geweſen, Euch armes Mäd⸗ chen auf ſolche Weiſe ſterben zu laſſen?“ verſetzte der junge Mann. „Ja“, ſagte ſie ernſt und wie zu ſich ſelbſt,„ja, das iſt es eben!“ Es liegt in der Frauennatur, ſchwärmeriſch dankbar 129 zu ſein für ſolche und ähnliche Dienſte, und wenn dieſe Schwärmerei hier und da im Laufe der Zeiten einigermaßen defect wird, ſo muß das natürlicherweiſe auch in der Frauennatur liegen. Was die Mannsleute betrifft, ſo haben wir Indi⸗ viduen getroffen, welche weder im erſten Drange der Leidenſchaft noch ſpäter, bei kälterem Blute, an Schwär⸗ merei und Dankbarkeit laborirten. Kehren wir aber nach dieſer höchſt unnützen Ab⸗ ſchweifung zu unſern jungen Leuten zurück und hören wir die Berathung an, welche ſie pflogen. Sie erzählte ihm mit flüchtigen Worten, wie das Alles gekommen war, und da der liebe und erfahrene Leſer längſt errathen hat, daß das junge Mädchen Niemand anders als Inez und ihr Verfolger Agacio war, ſo müſſen wir ihre Erzählung noch kürzer faſſen. Wie wir wiſſen, war der Sennor Caſtillo mit Inez und Pedrillo vor Agacio und deſſen Leuten geflohen. Es gelang ihnen auch wirklich, jenen zu entkommen und ſich zu verbergen, und als ſie ſich ſicher glaubten, ſchlugen ſie den Weg nach Mendoza ein. Agacio aber fand ihre Spur und legte ſich in einen Hinterhalt, von welchem aus er die Sorgloſen überfiel. Sie flohen vor der Uebermacht, aber unfern vom paso de las animas wurden ſie eingeholt. v. Bibra, El paso de las animas. I. 9 130 Caſtillo wurde mit dem Laſſo vom Pferde geriſſen, und während Pedrillo ſeinem Herrn zu Hülfe zu kommen ſuchte, verfolgte Agacio die fliehende Inez und holte ſie auf dem Plateau ein. „Er hatte“, ſchloß Inez,„den Zügel meines Pferdes gefaßt, und ob der Meſſerſtoß, den er führte, mir oder meinem Pferde galt, weiß ich wirklich nicht; aber er traf das letztere, und jedenfalls wäre ich in ſeine Ge⸗ walt gefallen, wärt Ihr nicht zu rechter Zeit erſchie⸗ nen. Das zum Tode getroffene Thier ſtürzte, wie Ihr wißt, in den Abgrund, Agacio aber floh, da er mit mit Euch beiden der Kampf nicht aufnehmen wollte.“ Ermüdet von der kurz vorher beſtandenen Anſtren⸗ gung, hatten ſich beide auf dem ziemlich geräumigen Plateau niedergelaſſen, und Scherflein, der wäh⸗ rend Inez' Erzählung fortwährend umhergeſpäht hatte, ſagte: „Was aber jetzt beginnen? Sprecht, ich bin ganz zu Euren Dienſten. Soll ich mit Euch der Spur der Verſchwundenen folgen, oder ſoll ich Euch vor allem in Sicherheit bringen und dann meinen Freund und die Eurigen aufſuchen?“ Inez ſann einige Augenblicke nach, dann ſagte ſie: „Haltet mich nicht für eine ſchlechte Tochter, aber ich glaube, daß es beſſer ſein wird, wenn wir jetzt 131 ſogleich jenen nicht folgen. Agacio ſuchte vorzugsweiſe meiner habhaft zu werden. Jetzt aber hält er mich für todt. Es fragt ſich deshalb, ob er meinen Vater ferner verfolgt; erfährt er aber, daß ich noch am Leben, ſo wird er ſeine Anſtrengungen verdoppeln. Durch Euren muthigen Freund hat mein Vater und Pedrillo eine bedeutende Verſtärkung erhalten, und ich zweifle kaum, daß ſie unſerer Feinde Herr werden. Ferner aber ſind alle zuſammen unbedingt jetzt ſchon weit entfernt, denn meine Landsleute pflegen Dinge wie Kampf, Verfolgung oder Flucht nur ſelten ohne Lärm und Geſchrei abzumachen. Da man aber weder etwas von ihnen ſieht, noch ebenſo wenig hört, ſo ſteht es ſehr in Frage, ob es gelingen würde, ſie ein⸗ zuholen. Sie ſchwieg einige Augenblicke und dann ſetzte ſie hinzu: Vollendet daher Eure edelmüthige Handlung und bringt mich zu Euren Aeltern, Freunden oder Bekannten, um mich vorläufig dort zu verbergen.“ „Ich habe keine Aeltern, keine Freunde und Be⸗ kannten“ verſetzte Scherflein ſchmerzlich lächelnd,„aber wir wollen ſuchen weiter abwärts zu kommen, bei armen Leuten im Gebirge findet ſich, bis auf beſſere Zeiten, wohl eine Unterkunft für Euch.“ 9* 132 „Ihr ſeid alſo auch verlaſſen wie ich“, erwiderte Inez;„aber es ſei, wie Ihr ſagtet. Gehen wir.“ Scherflein ſprang auf und trat an den Rand des Plateaus, den mit Stufen verſehenen Abhang über⸗ blickend, welchen er heraufgekommen war. Oben war er freilich, ja er hatte ſich auf der Straße ſelbſt ſchon wacker herumgetummelt. Aber das Hinabkommen erſchien ihm in dieſem Augenblick noch bedeutend ſchwieriger als das Hinaufkommen. Wie zum Teufel kommen die Leute da hinunter?“ ſagte er zu ſich ſelbſt.„Führt man das Pferd, ſo riskirt man, von demſelben getreten oder hinabgeworfen zu wer⸗ den, und hinunterzureiten iſt doch rein unmöglich.“ „Sitzt auf“, ſagte, ſeine Gedanken unterbrechend, Inez,„wir wollen ausführen, was wir beſchloſſen haben.“ „Man pflegt alſo hier zu Lande ähnliche Pfade auf⸗ und abwärts zu reiten! Verdammter Gebrauch!“ Aber er ſchämte ſich, vor dem jungen Mädchen ſeine Bedenken zu äußern, und ſtieg zu Pferde, indem er be⸗ ſchloß, wäre er glücklich unten, ſein Pferd ſtehen zu laſſen, wieder aufwärts zu klimmen und Inez hinunter zu geleiten. Dieſe aber ſetzte ihren Fuß auf den im Bügel ſte⸗ henden ſeinigen, legte die Hand auf die Croupe des Pferdes und ſchwang ſich raſch hinter ihm auf daſſelbe. 133 „Allmächtiger Gott“, ſagte Scherflein halblaut und unwillkürlich in deutſcher Sprache,„gar zu Zweien!“ Inez faßte ihn, um ſich feſt zu halten, mit einer Hand um den Leib und ſagte lächelnd in gebrochenem, aber verſtändlichem Deutſch: „Habt keine Sorge. Laßt dem Pferde die Zügel, und dann vorwärts!“ Und als das Pferd die Richtung erhalten hatte, kletterte es in der That wie eine Ziege abwärts. Etwa auf halbem Wege ſagte Inez wieder in ſcht Sprache: „Nicht wahr, Ihr wundert Euch, mich auf einmal Eure Mutterſprache ſprechen zu hören?“ „Ja“, verſetzt Scherflein,„ich wundere mich darüber, mehr noch aber wundere ich mich, daß wir beide nicht ſchon den Hals gebrochen haben, und am allermeiſten wird es mich wundern, wenn das nicht in den nächſten Augenblicken geſchieht.“ Indeſſen geſchah das nicht. Beide, Inez ſtets noch hinter ihrem Beſchützer ſitzend, ritten kurze Zeit darauf auf ganz erträglichem Wege unterhalb des Paſo dahin, und jetzt erklärte ſie ihm, wie ſie zu der Kenntniß der deutſchen Sprache gekommen. Ihre Mutter war eine Deutſche, aber ſie hatte die⸗ ſelbe ſchon in früher Jugend verloren. Ein Bruder ihrer 134 Mutter gab ſich die möglichſte Mühe, die Kleine ſeine Mutterſprache zu lehren, dieſe Sprache, welche, wie ſie ſagte, ſo viele Vokale habe als das ſchöne Spa⸗ niſch und welche man dennoch ſo wenig zu hören bekomme, da ſie mit Ausnahme der Deutſchen kein Menſch ſpreche, wenn ihn nicht die höchſte Noth dazu treibe. „Jetzt aber“, ſetzte ſie hinzu,„jetzt ſegne ich den guten Oheim, der auch ſchon längſt geſtorben, daß er mich die Sprache lehrte, welche die Mutterſprache mei⸗ nes Erretters iſt.“ Sie gaben ſich nun Mühe, die Spur der Hirten zu finden, welche Scherflein und ſeinem Freund am Morgen den Weg gezeigt hatten, weil Scherflein hoffte, durch dieſelben eine Wohnung von Landleuten zu erkunden, in welcher Inez vorläufig untergebracht werden könnte. Aber dieſe Hirten waren nirgends mehr zu finden. Keine Spur des Rauchs, der vor nicht langer Zeit noch die beiden Freunde zu denſelben geführt hatte, war mehr zu erblicken, und es ſtand zu vermuthen, daß die Männer ihr Feuer gelöſcht und weiter gezogen waren, um ihrem Geſchäfte nachzugehen. Scherflein und Inez machten alſo endlich Halt und hielten ihre gleichzeitige Mittags⸗ und Abendmahlzeit von dem Vorrathe, welchen Scherflein mit ſich führte, ——— 5 — S 5 * * 135 mit ſo gutem Apetite, wie es eben junge Leute, Männ⸗ lein und Weiblein, thun, welche den ganzen Tag ge⸗ faſtet und nebenher noch allerlei Fährlichkeiten überſtanden haben. Unwillkürlich warf der junge Mann einen Blick nach der ſinkenden Sonne und ebenſo unbewußt einen zweiten auf ſeine Begleiterin, der dieſer auf⸗ fallen mußte, denn ſie erwiderte denſelben und ſagte fragend: „Nun?“ „Es ſcheint, es wird bald Abend werden!“ „Das iſt ſchon lange ſo gebräuchlich“, verſetzte Ines lächelnd,„aber was weiter?“ „Hm, ich fürchte, wir finden heute weder die Hirten noch ein Haus.“ „Ich bin überzeugt, daß wir keins mehr finden, aber das iſt kein beſonderes Unglück, wir übernachten eben im Freien.“ „Ah, Ihr wollt das olſo thun“ ſagte Scherflein, der einer großen Sorge ledig geworden zu ſein ſchien. „Ave Maria purissima“, rief Inez,„wenn wir kein Haus haben, müſſen wir wohl unter freiem Himmel ſchla⸗ fen. Aber“ ſetzte ſie ernſter hinzu,„Ihr glaubt gewiß, ich fürchte mich vor Euch? Merkt wohl, ich habe zwei — 136 Wächter, welche mich beſchützen. Der eine dieſer Wächter bin ich ſelbſt, der andere ſeid Ihr und Eure Rechtlich⸗ keit. Laßt uns gleich hier unſer Lager aufſchlagen und es uns ſo gemüthlich einrichten als möglich, da wir noch Zeit vor uns haben.“ Sie thaten alſo, und da wir die Tugend und die Rechtlichkeit als ihre Wächter kennen, ſo können wir unbeſorgt ſein und ſie ruhig ſchlummern laſſen nach des Tages Mühen. Zwei Tage ſpäter finden wir unſere beiden Schütz⸗ linge noch immer im Gebirge. Die Hirten und die Häuſer ſchienen verſchwunden aus den Bergen, desgleichen die zur Stadt ſich be⸗ „ gebenden Landleute, aber freilich hatte das ſo ziem⸗ lich ſeinen Grund darin, daß die zwei Kinder— und ein alter Mann hat wohl das Recht, die Beiden ſo zu nennen— ohne ſich darüber beſprochen zu haben, ſich wenig beeilten, abwärts zu kommen zu den Menſchen. ⁰ Sie zogen hübſchen Punkten im Gebirge nach, rei⸗ zenden Fernſichten über das Flachland, und ſchlugen dabei die Wege ein, welche, freilich nach cileniſchen Begriffen, vorzüglich und die beſten waren. Was konnten ſie dafür, daß dieſe Wege eben nicht zu Thale führten? 137 Für Leib und Leben war vorläufig geſorgt, denn Scherflein ſchoß mancherlei Vogelwild, und während Inez ſeine Geſchicklichkeit im Schießen anſtaunte, da ein guter Schütze eine große Seltenheit in Chile, be⸗ wunderte er ihre Kochkunſt. So zogen ſie ſorglos und heiter plaudernd durch Schluchten und über Berge. „Hat Euer Vaterland auch ſo mächtige Berge wie das meine?“ fragte Inez eines Abends, als ſie ruhend nach der ſcheidenden Sonne blickten. „Jedes Land hat ſeine eigenen Gaben“, verſetzte Scherflein,„und ſind auch unſere Berge nicht ſo hoch, ſo haben wir dafür wieder andere Dinge.“ „Das Beſte ſteckt in Euch Deutſchen ſelbſt“, ſagte Inez,„das weiß ich wohl. Ihr ſeid zum Beiſpiel alle vortreffliche Sänger—“ Scherflein lächelte. „Ihr ſeid alle redlich und doch klug dabei.“ Da Scherflein nicht widerſprechen wollte, ſo ver⸗ beugte er ſich ſchweigend. „Und ferner ſeid Ihr alle treffliche Gelehrte. Ihr könnt Bücher ſchreiben, prächtige Gedichte machen und herrliche Märchen erzählen. Ich weiß das von meinem Oheim. Erzählt mir einmal ein Märchen!“ Ich will zugeben“, ſagte der junge Mann,„daß ich redlich bin, aber ich kann nicht ſingen, ich kann keine 138 Bücher ſchreiben, und die Gedichte, die ich gemacht habe, taugen, wie ich fürchte, verzweifelt wenig. Auch Mär⸗ chen kann ich keine erfinden. Aber ich will Euch eins erzählen, was mir einmal ein alter Berg anver⸗ traut hat.“ „Erzählt!“ „Es war einmal ein Berg und eine Schlucht, und da ſie immer beiſammen waren, ſo verliebten ſie ſich in einander. Man ſagt, daß das häufig vorkommen ſoll, und der Berg und die Schlucht beſchloſſen ſich zu heirathen. Aber die andern Berge und Schluchten, die Bäume, die Felſen und Waldſtröme wollten das nicht leiden. „Wir ſind vom Himmel für einander beſtimmt“, ſagten der Berg und die Schlucht. „Bewahre“, riefen die andern,„denn es heißt: Berg und Thal kommen nicht zuſammen, wohl aber die Menſchen!“ „Das iſt ja lächerlich“, entgegneten der Berg und die Schlucht,„denn eben Berg und Thal ſind ja immer beiſammen.“ Und dann heiratheten ſie ſich ohne wei⸗ tere Umſtände.“ „Das iſt recht“ rief Inez,„und es freut mich, daß ſie ſich dennoch gekriegt haben. Aber wie ging es weiter?“ „Gut ging's eine Zeit lang“, ſagte Scherflein,„aber . * 8 ————————— * 139 dann kamen Wolken gezogen, die bisweilen länger an dem Gipfel des Berges verweilten, als das der Schlucht lieb war, und ſie wurde eiferſüchtig auf die⸗ ſelben. „Liebes Kind“, ſagte der Berg,„die Wolken ſind ja nur vorübergehende Gebilde, ſie kommen und gehen. Wie kannſt Du glauben—“ Aber die Schlucht gab ſich nicht zufrieden, ſie glaube, ſagte ſie, was ſie ſehe, und als jetzt plötzlich Schnee fiel, ward ſie auf den Schnee erſt recht eiferſüchtig. Der Berg vertheidigte ſich, es gab Thränen, trübes Wetter und Regen, und der Berg war endlich ſelbſt froh, als da der Schnee ſchmolz. Aber der geſchmolzene Schnee wurde zu einem Bergſtrome, der durch die Schlucht floß, und nun wurde der Berg eiferſüchtig. „Was hat der da unten mit Dir zu ſchwatzen und zu koſen!“ rief er zornig.„Ich höre, wie er mit Dir plaudert und Deine Wände ſtreichelt mit ſeinen ver⸗ rätheriſchen Wellen! Was ſoll das bedeuten? Und ich glaube, auch noch andere Quellen und Bäche kommen zu Dir da unten. Das habe ich früher gar nicht gemerkt.“ Die Schlucht wurde ſchnippiſch. „Es iſt ja das Waſſer von Deinem lieben Schnee“, 140 ſagte ſie,„und wenn OQuellen zu mir kommen, ſo ſchicken ſie mir Deine Freundinnen, die Wolken. Das ſollſt Du bedenken!“ Da gab es Geſchichten! Und der Berg ward ſehr zornig und ſpie Feuer und Flammen, es entſtand ein mächtiges Erdbeben, die Schlucht wurde vom Berge geriſſen, und das Meer trat zwiſchen beide. Nun ſitzt der Berg einſam und allein, zwiſchen La⸗ ven und Bimſtein, im fernen Lande, hat nicht Schnee und nicht Wolken, und was ihn am meiſten verdrießt, iſt, daß er glaubt, ſeine Schlucht koſe drüben fortwäh⸗ rend mit Bächen und Strömen.“ Fnez ſah den Erzähler mit leicht gefalteter Stirn an. „Seid Ihr der Berg, und iſt Eure Schlucht drüben über dem Meere?“ „Auf Ehre nicht“, erwiderte Scherflein lachend, „mir iſt es nicht begegnet. Iſt's aber einem Andern alſo ergangen, ſo kann ich nicht dafür.“ „Sagt nein“ rief das junge Mädchen,„und ſeht mich an, wie dort, Ihr wißt ſchon wo.“ Nein!“ Sie reichte ihm die Hand. „Jetzt glaube ich Euch!“ Es war dunkel geworden während der Erzählung — 141 des einfältigen Märchens, und die beiden jungen Leute ſaßen noch plaudernd bei den glimmenden Reſten ihres Feuers. Die Mondesſichel, auftauchend über den höchſten Kronen der rieſigen Bergeskönigin, warf wunderbare Streiflichter in die Schluchten und Thäler, ihre For⸗ men umgeſtaltend, verändernd. Unten lag das Flachland von Chile im Halbdunkel. Hier und da blitzte das Waſſer eines Fluſſes, eines Teiches auf, getroffen von den erſten Strahlen des Mondes, und die fernen Berge der Küſten⸗Cordillera begannen ſich mit einem leichten Silberſaume zu ſchmücken. Ueber ihnen ſtand die Ewigkeit, die Unendlichkeit, geſchrieben mit Sternenſchrift. „Jetzt, liebe Inez, erzählt auch Ihr mir ein Mär⸗ chen“, ſagte Scherflein. „Wie kann ich das? Ich weiß nicht die Worte zu ſetzen. Ich höre nicht, was die Berge und Schluchten ſprechen, ich verſtehe die Sprache der Bäume nicht und kenne kein einziges Märchen.“ „In jedes Menſchen Bruſt wohnen Märchen“, ver⸗ ſetzte Scherflein;„bald ſüße, die ſpäter zerrinnen und zu bitterer Wahrheit werden, bald düſtere, die mit der Zeit ſich lichten.“ In dieſem Augenblick zog unter ihnen eine Stern⸗ 142 ſchnuppe über das Flachland von Chile, daſſelbe etwa drei bis vier Sekunden lang mit einem ſchwachen bläu⸗ lichen Schimmer erhellend.“) „Was iſt das?“ fragte Scherflein. „Una estrella vaga, ein irrender Stern!“ „Warum irrt dieſer Stern?“ „Es iſt die Seele eines Engels, der gefehlt hat und den Gott auf die Erde ſchickt, um zu büßen.“ „Hm“, ſagte Scherflein,„da müſſen viele Engel unartig ſein. Ein deutſcher Profeſſor hat berechnet, daß durchſchnittlich zwölf Meteore täglich auf die Erde niederfallen.“ „Ich weiß nicht, was ein Meteor iſt“, erwiderte Inez,„aber wir armen Menſchen können die Sterne nicht zählen und nicht die Engel im Himmel des Herrn.“ Noch war das zweßfelhafte Licht der Mondesſichel nicht Herr geworden über die leuchtende Pyramide des Zodiakallichtes, welche, der geſunkenen Sonne fol⸗ gend, zum Zenith ſtrebte. *) Meyen, ich ſelbſt und Andere haben von der Cordillera aus unter ſich Meteore hinziehen ſehen, ziemlich meßbar, ſo wie hier, mit ſechs Meilen Geſchwindigkeit für die Stunde. Auch das Zo⸗ diakallicht tritt dort mit wunderbarer Klarheit auf und mit merk⸗ würdigen Nebenerſcheinungen. —— 143 „Wie nennt man das?“ fragte Scherflein wieder, auf die Erſcheinung deutend. „Es hat keinen Namen, aber es ſind die Engel, welche ihre Fehler abgebüßt haben und gereinigt wie⸗ der aufwärts ſteigen zur himmliſchen Herrlichkeit.“ Scherflein nickte zuſtimmend. Zu ſich ſelbſt aber ſagte er: „Es klappt ſo ziemlich. Wieder Meteore. Man hat das Zodiakallicht für einen kreiſenden Ring der⸗ ſelben gehalten. Dieſe Uebereinſtimmung iſt eigentlich merkwürdig.“ Beide ſaßen eine Zeit lang ſchweigend und blicten hinaus in die wundervolle Nacht. Dann ſagte Scherf⸗ lein: „Sagt mir, Inez, was iſt der Donner in den Wol⸗ ken, den Ihr im Lande unten freilich nicht hört, der aber hier oben in den Bergen wohl vernommen wird?“ „Er iſt die grollende Stimme Gottes, der alſo ſpricht, wenn er zürnt.“ „Und der Donner in den Tiefen, der gehört wird, wenn die alte Mutter Erde erzittert?“ „Das iſt die Stimme Lucifer's, dem Gott erlaubt hat, die Menſchen zu ſchrecken, weil ſie ſündigten.“ Er fragte nicht weiter, als aber ſpäter Inez, in ihre Decken gehüllt, entſchlafen war, blickte er 144 ſinnend auf die Ruhende und ſagte dann zu ſich ſelbſt: „Sie verſteht nicht die Sprache der Berge und Schluchten und kann keine Märchen erzählen, und doch hat ſie da eine ganz artige Menge vortrefflicher Märchen erzählt. Aber was hilft es, wenn ich Ihr ſage, daß ſie Unrecht hat? Soll ich den kindlichen Glau⸗ ben durch Theorien verdrängen, die, wenngleich jetzt wahrſcheinlich, doch ſpäter vielleicht auch zu Märchen werden? Das iſt zu bedenken!“ Eigentlich reiſten unſere beiden jungen Leute nicht zu Zweien, ſondern zu Vieren, indem, wie wir wiſſen, die Redlichkeit und die Tugend ihnen Geſellſchaft lei⸗ ſteten. Es war aber wohl kaum zu verwundern, daß eine fünfte Begleiterin ſich zu ihnen geſellte, welche wohl ſchon auf dem paso de las animas zu ihnen getreten war, jetzt aber anfing allerlei uralte Rechte allmälig geltend machen zu wollen⸗ Die trotz ihres Märchenglaubens doch höchſt ver⸗ ſtändige Inez verſcheuchte ſie nicht, dieſe fünfte Reiſe⸗ genoſſin, welche ſelbſtverſtändlich Niemand anders als die Liebe war, aber ſie begann ſie zu fürchten und ſie ſagte daher am nächſten Morgen nach der Märchen⸗ nacht: 145 „Mein Freund und Erretter, es iſt wundervoll hier im Gebirge, und noch wundervoller waren die Tage, welche ich hier mit Euch verlebte. Nie werde ich ſie vergeſſen. Aber Alles muß auf Erden ein Ende haben. Abgeſehen davon, daß wir hier plötzlich ein⸗ mal vom Schnee überraſcht werden könnten, in wel⸗ chem Falle wir wohl jämmerlich zu Grunde gehen müßten, und daß unſere Vorräthe auf die Neige gehen, gibt es auch noch verſchiedene Dinge, welche das Ende unſerer romantiſchen Reiſe herbeiführen müſſen. Wir fühlen das wohl beide und Andere(die lieben Leſer zum Beiſpiel) wären wohl auch unſerer Mei⸗ nung. Laßt uns daher jetzt ernſtlich irgend eine bewohnte Hütte ſuchen. Ich trage Geld und Geldeswerth bei mir, Jedermann nimmt mich auf, und Ihr geht dann mit Gott und ſucht Euren Freund und meinen Vater. Das wäre vielleicht einige Tage früher wohl auch ſchon am Orte geweſen, doch iſt's immer noch nicht zu ſpät. Steigen wir deshalb abwärts.“ Scherflein wußte auf dieſe lange und merkwürdig verſtändige Rede ſeiner Freundin kaum etwas zu er⸗ widern. Sein ſo beliebtes Nein hätte hier kaum beſondere Anerkennung gefunden, er ſtimmte alſo traurig bei, und man zog niederwärts, wobei Inez häufig allein v. Bibra, Pl paso de las animas. I. 10 146 im Sattel ſaß und ihr Begleiter nebenher oder vor⸗ aus ging, um das Pferd nicht allzu ſehr zu ermüden. War es, um ihren Freund für ſeine Willfährigkeit zu belohnen, war es das Gefühl der nahen Trennung, genug, Inez ſprach herzliche und liebevolle Worte zu ihm, welche er in ähnlicher Weiſe erwiderte, und da die Art und Weiſe, ſich gegenſeitig ſeine Liebe zu ge⸗ ſtehen, eine ſo vielfache iſt, als es Blumen und Blüten auf der Welt gibt, ſo waren ſie, als der Abend nicht mehr fern war, mit dieſem ſchwierigen Geſchäfte zu Ende, ohne ein Wort von Liebe geſprochen, gekniet, geweint, geſchworen, ja ſelbſt ohne geküßt zu haben. Sie im Sattel, er nebenher gehend, beide aber viel⸗ leicht im Herzen heiterer als in den vorhergehenden Tagen. Das Zuſammenſein wurde ihnen verbittert durch die in Ausſicht ſtehende Trennung, jetzt erſchien beiden dieſe Trennung als der beſte Weg zu baldiger Wieder⸗ einigung. „Wir brauchen heute nicht mehr im Freien zu ſchla⸗ fen“ ſagte, kurz vor Einbruch der Dunkelheit, Scherf⸗ lein, der einige Schritte vorangegangen war;„dort ſehe ich Feuer, ein Haus und Menſchen, und das iſt Alles, was wir vorläufig bedürfen.“ Echt, aufrichtig und uneigennützig iſt in Chile die 147 Gaftfreundſchaft. Es verſteht ſich ganz von ſelbſt, daß der des Abends erſcheinende Fremde ſo herzlich aufge⸗ nommen wird, wie anderwärts ein alter, langjähriger Freund, und wir ſelbſt haben oft gefunden, daß ſich die Leute wirklich glücklich fühlten, wenn wir in ihren ſchlichten Häuſern Einkehr nahmen, aus Chriſtenpflicht, aus angeborener Gutmüthigkeit und endlich auch— nun, aus Neugierde, zu hören, wie es draußen in der Welt zugeht. Infolge deſſen finden wir Inez und Scherflein bald darauf an einer Feuerſtelle vor der Hütte einer aus vier Perſonen beſtehenden Familie, dem Manne, der Frau, deren Tochter und einer dritten Frau, welche man die Schwägerin nannte. Inez erzählte den Leuten von ihrer Geſchichte ſo viel, als ſie für nöthig hielt; ſie ſagte ihnen, ohne Agacio zu erwähnen, daß ſie durch einen räuberiſchen Ueberfall von ihrem Vater getrennt worden ſei, und als ſie ſich nach den Wegen erkundigte, erfuhr ſie, daß die Straße nach Mendoza höchſtens eine halbe Stunde weit entfernt am Hauſe vorüberführe. Unwillkürlich blickte ſie bei dieſen Worten nach Scherflein, und dieſer ſagte in deutſcher Sprache: „Laßt uns noch überlegen, ob Ihr hier eine Zu⸗ fluchtsſtätte ſuchen wollt. Wir wiſſen nicht, wie es mit Agacio und den Unſerigen ſteht, und hat dieſer Schurke 10* 148 den Plan nicht aufgegeben, Euch zu verfolgen, ſo ſucht er Euch hier in der Umgegend.“ Wohin ſonſt?“ entgegnete Inez. „Zieht nach unſerem verlaſſenen Hauſe. Es liegt weiter ab von Eurem Beſitzthum, Agacio hat keine Ahnung von demſelben, und ſolange wir dort hauſten, ſahen wir kaum drei Menſchen vorüberziehen. Iſt aber mein Freund noch bei Eurem Vater und Pedrillo, und haben ſie ſich frei gemacht von ihren Feinden, ſo ſu⸗ chen ſie uns zuverläſſig dort am erſten.“ Inez erröthete. Wer der Frauen Herz genauer kennt als ein alter, einſiedleriſcher, einäugiger Chemiker, mag entſcheiden, ob das„uns“ ihr das Blut in die Wangen trieb, oder der Gedanke, im Hauſe ihres Freundes Sicherheit zu finden. Scherflein, der das Erſte vermuthete, ſagte raſch: „Halt, ſo meine ich es nicht. Ich führe Euch an Ort und Stelle und gehe zur Stunde, meinen Freund zu ſuchen. Ihr aber gewinnt das junge Mädchen oder die Aeltere, welche ſie Schwägerin oder Beata nennen, damit die Euch begleite und dort bei Euch wohne.“ „Es ſei ſo, und ich gewinne die Alte“, verſetzte Inez. Unſchwer wurde noch an demſelben Abende das Geſchäft abgeſchloſſen. — — 149 Dem bittern Gefühle, ſich von einer Schwägerin zu trennen, ſind nicht ſelten auch wieder allerlei Süßigkeiten beigemengt, und ſo waren der Einwendungen nur we⸗ nige, als Beata verſprach, am andern Morgen reiſe⸗ fertig zu ſein. Als am andern Morgen Inez und ihr Freund vor die Thür der Hütte traten faßte die erſtere ihn plötz⸗ lich am Arme. „Seht dorthin!“ Die Gegend der Cordillera, in welcher ſie geſtern noch ſtreiften, war mit Schnee bedeckt. „Gott hat uns wunderbar gerettet“ rief das junge Mädchen. „Und nächſt Gott Du, liebe, theure Inez!“ Er umfaßte ſie, ſie ſank, wie man es nennt, in ſeine Arme, und zuverläſſig bei höchſt paſſender Gelegen⸗ heit wurde der Verlobungskuß getauſcht. Endlich! Beata aber, welche im Hauſe ihr Bündel ſchnürte, ſagte zu ihren Anverwandten: „Entweder ſind ſie ganz kurz erſt verheirathet, oder es ſind noch Liebesleute. Ich kenne das.“ Inez hatte von den Leuten in der Hütte ein Pferd gekauft, die Schwägerin hatte ihr zeigenes, und ſo er⸗ reichten ſſie jetzt ziemlich ſchnell den Ort ihrer Beſtimmung. Sie fanden den Zettel, der das Eigenthum der beiden 150 Freunde ſichern ſollte, noch an der Thür, und Scherflein ſagte kopfſchüttelnd: „Wer hätte gedacht, daß ich ſo hierher zurückkehren ſollte!“ Inez lachte über die Fragmente der Junggeſellen⸗ wirthſchaft, welche ſie fand, als aber Scherflein, ſeinem Verſprechen gemäß, in kurzer Zeit abermals reiſefertig vor ihr ſtand, ſagte ſie, indem ſie ihn weinend umarmte: „Komme bald wieder, bleibe nicht zu lange aus!“ „Nein!“ ſagte Scherflein. Als er aber Inez und ſein Haus nicht mehr ſehen konnte, hielt er an und fragte ſich: „Wohin?“ Nun, wir können auf Ehre verſichern, daß wir vor⸗ läufig das ſo wenig wiſſen als der wackere Scherflein ſelbſt. — Sechstes Kapitel. Der Sennor Caſtillo ſetzt ſeine Reiſe in das Gebirge fort. Wir wiſſen, daß, als Scherflein mit Inez auf dem Plateau des verhängnißvollen paso de las animas angekommen war, Kohlweg ſowohl als Agacio ver⸗ ſchwunden waren. Der Grund dieſes Verſchwindens aber war der folgende: Nachdem Agacio das Pferd der Inez tödtlich ver⸗ wundet und dieſes ſich losgeriſſen hatte und im Todes⸗ kampfe ſich hoch aufbäumte, ſah er eben noch, wie es in den Abgrund ſtürzte und die herabgeglittene Inez ebenfalls hinunterſchleuderte. Daß ſie ſich am Rande des Felſens anklammerte, bemerkte er nicht, denn die heranſtürmenden jungen 452 Deutſchen und der Drohruf Kohlweg's ſchreckten ihn und nahmen ſeine ganze Aufmerkſamkeit in Anſpruch. Plötzlich waren ihm Feinde entgegengetreten, welche die von ihm Verfolgten in Schutz nahmen, und ob⸗ gleich er blos zwei ſah, ſo konnte er doch nicht wiſſen, ob weiter unten ſich noch mehrere befänden. Im Uebrigen waren ihm auch ſchon dieſe zwei genug, und mit der den Chilenen eigenthümlichen Ge⸗ wandtheit wendete er blitzſchnell ſein Pferd, jagte auf dem nicht ſehr ſteilen jenſeitigen Abhange abwärts und ſuchte vor allem ſeine Leute zu erreichen, von denen zwei beſchäftigt waren, den mit dem Laſſo ge⸗ gefangenen Sennor Caſtillo zu knebeln, während die beiden andern Pedrillo unſchädlich zu machen ſuchten. So leicht aber ging dies nicht. Pedrillo war ein höchſt gewandter Reiter und wußte geſchickt ihren Laſſowürfen auszuweichen, was, neben⸗ bei geſagt, auch leichter iſt, wenn man ſich ſeinem Feinde gegenüber befindet, als wenn man fliehend von dem⸗ ſelben verfolgt wird. Dabei gebrauchte er die Taktik, daß er ſich den Anſchein gab, einem oder dem andern ſeiner Gegner plötzlich auf den Leib zu rücken und denſelben mit ſeinem langen Meſſer zu bedrohen, vor welchem dieſe nicht unbedeutenden Reſpekt zu haben ſchienen. 153 Da aber ein verfehlter Moment ihn ohne Zweifel in ihre Gewalt gebracht hätte und außerdem jeden Augenblick zu befürchten ſtand, daß die beiden mit Caſtillo Beſchäftigten die Zahl ſeiner Gegner vermehren würden, ſo war ſeine Lage jedenfalls eine höchſt ſchlimme, wenn nicht verzweifelte. Jetzt erſchien aber Agacio, verfolgt von Kohlweg, und da er nicht wußte, ob einer oder mehrere auf ſeiner Ferſe waren, und da er überhaupt einmal im Ausreißen und durch den vermeinten Tod der Inez und das plötzliche Erſcheinen der beiden Deutſchen er⸗ ſchreckt war, ſo fiel es ihm nicht ein, Stand zu halten, ſondern er jagte an ſeinen Leuten vorüber und warf ſich in das Gehölz. Ohne Zweifel rettete das Pedrillo. Die Furcht ſteckt an, und ſeine beiden Feinde ließen ſofort ab von ihm und folgten ſchleunigſt ihrem Anführer. Einige Augenblicke ſpäter befanden ſich Pedrillo und Kohlweg allein auf dem Kampfplatze, und da Pedrillo nicht zweifeln durfte, daß er in dem Unbe⸗ kannten einen Freund und Helfer gefunden habe, ſo näherte er ſich Kohlweg. „Ihr ſeid auf Seite des armen Mädchens“, ſagte dieſer,„welches der Schurke dort verfolgte?“ „Freilich“, verſetzte Pedrillo,„und es wäre mir 154 wahrſcheinlich ſchlimm gegangen, wärt Ihr nicht wie aus den Wolken gefallen zu meiner Hülfe erſchienen. Aber wie ſteht es mit der Sennorita?“ Er ſchien unſchlüſſig, nach welcher Richtung hin er ſich wenden ſollte, aber Kohlweg ſetzte ihn jetzt kurz von dem Stand der Dinge in Kenntniß und ſchloß ſeinen Bericht mit den Worten: „Entweder hat nun mein Freund das Mädchen heraufgezogen und bringt ſie jetzt in Sicherheit, oder er iſt mit ihr in den Abgrund geſtürzt. Im erſten Falle iſt er Mannes genug, für das erſte weiter für ſie zu ſorgen, im zweiten aber iſt der arme Kerl ſo wie ſo verloren, wir können ihm nicht helfen, und ich bin daher der Meinung, wir verfolgen ſofort die Schufte, welche dieſes Unheil angeſtiftet haben.“ Nein“, rief Pedrillo,„wenn Ihr mir doch einmal helfen wollt, ſo gibt es vorher Nöthigeres zu thun. Was dieſen Sennor Agacio betrifft, ſo werde ich ihn ſpäter finden. Er kann ſich darauf verlaſſen. Jetzt wollen wir meinem Herrn zu Hülfe kommen.“ Er wandte ſein Pferd nach der Richtung hin, in welcher er Caſtillo wußte, und theilte, während Kohl⸗ weg ihm folgte, dieſem die Sachlage mit. „Ihr habt da ein Doppelgewehr am Sattel hängen“, ſagte er ſchließlich,„und da Ihr, wie ich an Eurem —— ** b— 6 — 155 Spaniſch höre, ein Ausländer ſeid und alſo wohl gut treffen könnt, ſo ſchießt nur gleich die beiden Spitz⸗ buben todt, welche den Sennor dort in ihren Klauen haben. Dann halten wir weiter Rath!“ Wir wollen ſehen, was zu machen iſt“, verſetzte Kohlweg. Als ſie aber die Stelle erreicht hatten, an welcher der Sennor Caſtillo mith den beiden Leuten Agacio's zurückgeblieben war, war guter Rath theuer geworden. Der Sennor war fort und die beiden Andern eben⸗ falls. Es war der Platz an welchem vorhin Caſtillo mit dem Laſſo gefangen worden war, an welchem Agacio Inez vom Pferde zu ziehen ſuchte, die ſich indeſſen losriß und entfloh, und an welchem ſich Pedrillo zuerſt gegen die Beiden vertheidigte, welche bei Kohl⸗ weg's Näherung die Flucht ergriffen. Aus dieſem Grunde war der Boden ſo zertreten, daß man eine von demſelben hinwegführende Hufſpur kaum halbwegs deutlich erkennen konnte, und als Pedrillo abſtieg und dennoch einen Verſuch machte, dies zu thun, fand er, daß, ſoviel ſich erkennen ließ, alle Huftritte nach der Stelle des Kampfplatzes führten, keine aber von demſelben hinweg. Zehn oder zwölf Schritte weiter entfernt begann 156 nach einer Seite hin ſteiniger Boden, auf welchem keine Fährte mehr zu erkennen war, und wieder etwas ent⸗ fernter floß ein Waldbach, der dem Strome zueilte; auf dem weichern Boden aber, gegen den paso de las animas zu, war keine andere Spur als die von Agacio und Inez zu finden. Da das Land gegen dieſe Seite hin auch meiſt frei und ohne Buſchwerk war, ſo konnte der Sennor nach dieſer Richtung hin nicht fortgeführt worden ſein. Pedrillo warf ſich auf den Boden nieder und hielt das Ohr an die Erde. Kopfſchüttelnd ſtand er endlich auf und ſagte zu Kohlweg: „Die größten Schurken im ganzen Lande hat dieſer Agacio zu ſeinem Handſtreiche zuſammengefangen. Sie wiſſen ihre Spur ſo geſchickt zu verbergen wie der pfiffigſte Indianer, und obgleich ſie höchſtens vor zehn Minuten erſt dieſen Platz verlaſſen haben, ſo ſieht und hört man doch nicht das Geringſte mehr von ihnen und meinem armen Herrn.“ „Was iſt zu thun?“ fragte Kohlweg.„Da ich mich einmal in die Sache eingelaſſen habe, ſo will ich ſie auch weiter verfolgen und Euch nach Kräften nützlich ſein, obgleich ich Euch erſt einige Minuten lang kenne, einen Augenblick nur Eure Sennorita geſehen habe, —————=—— — den verloren gegangenen Sennor aber gar nicht. Zu⸗ dem iſt es mir, nun ich doch von meinem Freunde getrennt bin, ziemlich einerlei, wohin mich das Schickſal verſchlägt.“ Pedrillo dankte lebhaft und dann ſagte er: „Ich denke, daß wir auf gut Glück die Spur mei⸗ nes armen Herrn und jene der beiden Spitzbuben auf⸗ ſuchen müſſen. Vielleicht ſtoßen wir weiter drin im Gehölze dennoch auf etwas, das uns Aufſchluß gibt.“ Kohlweg ſtimmte bei, und beide machten ſich auf, ihr ſchwieriges Werk zu beginnen. Sehen wir uns ebenfalls nach dem verſchwundenen Sennor Caſtillo um, was uns bedeutend leichter fallen wird als jenen. Caſtillo war durch einen geſchickten Wurf mit dem Laſſo um den Oberkörper und beide Arme gefangen worden, und während Agacio Inez vom Pferde zu ziehen ſuchte und ſie, als dies nicht gelang, verfolgte, und Pedrillo durch ſeine beiden Gegner vom Kampf⸗ platze getrieben wurde, zogen die beiden bei dem Sennor zurückgebliebenen Leute des Agacio ihren Gefange⸗ nen ziemlich unſanft vom Pferde, ſchnürten ihm die Hände und Arme mit ſeinem eigenen Laſſo ſo feſt zu⸗ ſammen, daß er blos den Gebrauch ſeiner Beine be⸗ hielt, und hoben ihn dann wieder auf ſein Pferd. 158 Darauf hielten ſie eine kurze Beſprechung und be⸗ ſchloſſen, daß einer von ihnen bei dem Gefangenen zurückbleiben, der andere aber ſich zu den Pedrillo Bekämpfenden begeben und helfen ſollte, dieſem den Garaus zu machen. Im Begriffe aber, dieſen Vorſatz auszuführen, be⸗ merkten ſie die uns bekannten Vorgänge auf dem Plateau des Paſo und ſahen gleich darauf Agacio in eiliger Flucht und verfolgt von Kohlweg rückwärts eilen. „Carajo Manuel“ ſagte der eine von ihnen, wel⸗ cher Ramon hieß,„da iſt etwas nicht in Ordnung. Es muß nicht gut ſtehen, wenn Agacio alſo Ferſen⸗ geld gibt. Laß uns vor allem den Sennor hier ein wenig beiſeite bringen und das Weitere abwarten.“ Raſch entſchloſſen ließ er bei dieſen Worten ſein und Caſtillo's Pferd rückwärts in das Gebüſch gehen, bedeutete ſeinen Kameraden, ein Gleiches zu thun, und nachdem ſie den ſteinigen Boden erreicht hatten, ſprengten ſie, Caſtillo's Pferd mit ſich ziehend, tiefer in das Holz und hierauf einen ſteilen Abhang hinunter, in das Bette des erwähnten Bergwaſſers, indem ſie dem Sennor Caſtillo es überließen, ſich nach beſten Käften mit den Schenkeln zu helfen oder den Hals zu brechen. Unten im Waſſer hielten ſie ſtill und horchten. 159 Aber ſie vernahmen keinen Laut, und endlich ſagte Ramon: „Wenn unſere Leute das Feld behauptet und uns nicht mehr an Ort und Stelle getroffen hätten, ſo wür⸗ den ſie rufen; da das jedoch geſchehen iſt, ſo zogen ſie höchſtwahrſcheinlich den Kürzern, uns aber wird man deswegen jetzt nicht rufen, ſondern man wird uns ſuchen. Machen wir uns alſo unſichtbar.“ „Laßt mich frei“ ſagte Caſtillo,„und ich will Euch reichlich belohnen.“ „Erlaubt“, verſetzte Ramon,„daß ich mich Eures Taſchentuchs bediene. Später wollen wir ſprechen.“ Eer zog bei dieſen Worten das Taſchentuch des Sennors aus deſſen Taſche und verſtopfte ihm den Mund, indem er ſagte: „Im Falle Ihr dennoch unnützen Lärm machen ſolltet, wäre ich genöthigt— Ihr begreift!“ Eine höchſt verſtändliche Bewegung mit ſeinem Meſſer vervollſtändigte ſeine Worte, und da der Sennor Caſtillo weder die Hände rühren noch ſprechen konnte, ſo begnügte er ſich, mit dem Kopfe zu nicken. Hierauf wendete Ramon die Pferde, und ſie be⸗ gaben ſich in eine kleine Schlucht, welche den Lauf des Baches kreuzte, wie das häufig in jenen wilden Ge⸗ birgsgegenden vorkommt, und in welcher ſie faſt voll⸗ 160 ſtändig ſicher ſein durften, nicht geſehen zu werden, nahmen ihre etwaigen Verfolger nicht denſelben Weg, den ſie eingeſchlagen hatten. Nicht lange nachher kam es ihnen vor, als hörten ſie in nicht ſehr weiter Entfernung den Tritt von Pferden, und es iſt wahrſcheinlich, daß dies die Pferde Kohlweg's und Pedrillo's waren; bald aber war wieder Alles ſtill ringsum, und nun ſtieg Ramon ab, ſchärfte Manuel ganz beſonders ein, an Ort und Stelle zu bleiben, bis er wiederkehren würde, und ſchlich ſich vorſichtig aus der Schlucht, um Kundſchaft einzu⸗ ziehen. Nach Verlauf von etwa einer halben Stunde kehrte er zurück, rief Manuel zu ſich und beide beriethen ſich, was, da an dem frühern Tummelplatze Niemand mehr zu treffen war, mit dem Sennor Caſtillo anzufangen ſei. „Zwei Männer waren oben an der Stelle, an welcher wir den Sennor fingen“ ſagte Ramon zu ſei⸗ nem Freunde.„Der eine war unbedingt der ſchuftige Pedrillo, der andere aber einer der Feinde, welche die Unſerigen davonjagten. Ich ſah es an den Hufſpuren der Pferde und bin ſo ziemlich überzeugt, daß dieſe Beiden uns aufſuchen wollen. Da aber die einfältigen Menſchen ihre Thiere anfänglich nicht, wie wir es thaten, rückwärts gehen ließen, ſo weiß ich, wohin ſie 161 ſich wendeten, und da es ohnehin in meinen Kram paßt, ſo wollen wir genau den entgegengeſetzten Weg einſchlagen.“ Was übrigens Ramon mit ſeinem Freunde, über welchen er unbedingt ein bedeutendes geiſtiges Ueber⸗ gewicht hatte, Näheres berieth, erfahren wir ſo ziem⸗ lich der Wahrheit gemäß aus den angenemen und höflichen Geſprächen, welche die Beiden mit dem Sennor während ihrer Weiterreiſe führten. „Sennor“, ſagte Ramon, als ſie wieder in die Schlucht zu Caſtillo getreten waren, indem er ſich höf⸗ lich gegen dieſen verbeugte,„Sennor, wir haben Be⸗ fehl von Agacio, im Falle wir von ihm getrennt werden ſollten, Euch— entſchuldigt!— die Kehle ab⸗ zuſchneiden.“ Da Caſtillo, wie wir wiſſen, geknebelt war, ſo konnte er nicht ſprechen; weil aber Ramon und ſei⸗ nem Begleiter ſo ziemlich Alles zuzutrauen war, ſo können wir es dem Sennor nicht verargen, daß er ein wenig die Farbe wechſelte. „Indeſſen“, fuhr Ramon fort,„können wir es nicht über unſer Gewiſſen bringen, den würdigen Don Pedro zu tödten, den alle Welt liebt und der es in ſeinem ganzen Leben, Agacio vielleicht ausgenommen, nie mit Jemand verdorben hat.“ v. Bibra, El paso de las animas. I. 11 162 „Der Hund foppt mich noch“ dachte Caſtillo;„ich weiß, worauf er anſpielt.“ „Wir haben daher beſchloſſen, Euch vorläufig in Sccherheit zu bringen“ fuhr Ramon fort, aber Manuel unterbrach ſeinen Freund: „Ja“, ſagte er,„wir heben Euer Gnaden auf für beſſere Zeiten. Zum Umbringen iſt es immer noch Zeit, und wer am meiſten blecht, der ſoll Euch nach⸗ her haben, das heißt, Ihr ſelbſt oder der Sennor Agacio, wenn er nämlich mit heiler Haut davonge⸗ kommen iſt, denn wir wiſſen nicht—“ „Schweige, Einfaltspinſel“, rief Ramon,„und be⸗ handle den lieben Don Pedro höflicher.“ Er näherte ſich bei dieſen Worten demſelben und ſagte: „Da es Euer Gnaden vielleicht für längere Zeit beſchwerlich fallen würde, mit verſtopftem Munde und gebundenen Armen herumzureiten, ſo wollen wir Euch frei machen, das heißt, wir werden Euch nur mit einem Fuße an meinem Sattel befeſtigen und, im Falle Ihr unſere freundliche Abſicht verkennen und einen Flucht⸗ verſuch machen ſolltet, Euer Gnaden ein wenig ſchleifen.“ Ramon ſchwieg hier, und da der Sennor Caſtillo zuſtimmend nickte, ſo nahm er ihm das Tuch aus dem 163 Munde und band ſeine Arme los, während er dafür ſeinen rechten Fuß mit dem Laſſo an ſeinem eigenen Sattel befeſtigte, doch ſo, daß einige Pferdelängen Spielraum blieb. „Iſt's Euch ſo recht?“ fragte jetzt Ramon mit großer Höflichkeit. „Ich bin in Eurer Gewalt“, erwiderte Caſtillo, „und muß mich fügen und will es auch thun, denn abgeſehen von Eurer Vorſichtsmaßregel mit dem An⸗ binden, wo ſollte ich hin, entkäme ich Euch auch?“ „Welch ein lieber und verſtändiger Herr“, ſagte Ramon höflich lächelnd.„Iſt es nicht eine Freude, mit eiuem ſolchen Caballero eine Reiſe zu machen?“ Indem ſteckte der Sennor, welcher nun ſeine Hände wieder gebrauchen konnte, ſein Tuch, mit dem er bis⸗ her geknebelt geweſen, in die Taſche und machte faſt zugleich mit der Hand die bekannte raſche und ſuchende Bewegung, welche man unwillkürlich vorzunehmen pflegt, wenn man plötzlich einen Gegenſtand ver⸗ mißt. „Ah“, ſagte Ramon,„Euer Gnaden ſuchen gewiß Ihre Börſe! Seid unbeſorgt, lieber Sennor! Ich habe ſie vorhin, als ich mich mit Eurer Erlaubniß Eures Taſchentuchs bediente, mit heraus und in Verwah⸗ rung genommen. Um Alles in der Welt möchte ich — 1. 164 nicht, daß Euer Gnaden in unſerer Geſellſchaft irgend⸗ wie zu Schaden kämen, und es iſt leider hier im Ge⸗ birge nicht ſo recht ſicher!“ „Ja“, verſetzte Caſtillo ernſthaft,„das merke ich.“ Manuel aber rief haſtig: „Du haſt die Börſe! Gib her, die Hälfte ge⸗ hört mein.“ „Nein“, erwiderte Ramon,„die Börſe gehört Nie⸗ mand anders als dem Sennor, und es kommt einzig und allein auf ihn an, ob und wem von uns beiden er ſpäter einen Theil oder das Ganze verehren wird.“ Unwillkürlich mußte Caſtillo lächeln und dachte, was früher auch ſchon Pedrillo ausgeſprochen hatte, daß Agacio unbedingt die größten Spitzbuben im Lande angeworben habe. Es hatten wirklich beide Recht, und auch die Leute haben Recht, welche ſagen, daß der Verfaſſer der vor⸗ liegenden höchſt merkwürdigen Geſchichte ohne eine kleine Zuthat von Gaunerthum nun einmal nicht auskommen könne. Und auch der Verfaſſer hat Recht. Mit lauter ehr⸗ lichen Leuten läßt ſich keine anſtändige Geſchichte ſchreiben. Da man aber von einer großen Menge von Spitz⸗ buben nicht ſprechen darf, des Staatsanwaltes, des 165 Fenſtereinwerfens und einer Menge anderer ſchöner Dinge wegen, ſo bleibt nichts übrig, als ſich der paar vogelfreien Spitzbuben zu bedienen, deren ſich Niemand annimmt, als vor Gericht ein mit allen Waſſern ge⸗ waſchener Vertheidiger. Alle Welt hat alſo Recht, Pedrillo, Don Pedro, Don Erneſto und die Caballeros, welche dem letztern die Vorliebe für die vogelfreien Gauner in die Schuhe ſchieben, und da auf dieſe Weiſe Alles ein Herz und ein Sinn iſt, ſo können wir uns getroſt wieder nach unſern Reiſenden umſehen, welche mittlerweile ſchon eine ziemliche Strecke zurückgelegt haben werden. Freilich iſt es nicht beſonders angenehm, nach Art der Maikäfer, das heißt mit einem Faden oder einem Laſſo am Fuße, auf abſcheulichen Wegen einer höchſt zweifelhaften Zukunft entgegengeführt zu werden, allein da der Sennor Caſtillo kurz vorher mit verſtopftem Munde und gebundenen Armen einer faſt noch zweifel⸗ haftern Zukunft entgegenſah, ſo beruhigte er ſich jetzt einigermaßen, da es nicht zu leugnen, daß ſich verbeſſert hatte. Schwer aber laſtete der Gedanke an das Schickſal ſeiner Tochter auf ihm. Er hatte geſehen, daß, während man ſich ſeiner bemächtigte, Agacio Inez vom Pferde zu ziehen ſuchte, 166 daß dieſe ſich aber frei machte, die Flucht ergriff und von Agacio verfolgt wurde. Auch die ſpätere Flucht Agacio's hatte er durch ſeine Begleiter erfahren, was dagegen aus Inez ge⸗ worden, war ihm völlig unbekannt. Er fragte Ramon, der, wie wir wiſſen, zurück⸗ gegangen war und Erkundigungen eingezogen hatte, und bat dringend, ihm die Wahrheit zu ſagen, und dieſer, ſagte er auch eben nicht die Wahrheit, tröſtete doch nach Kräften den bekümmerten Vater. Er wiſſe, ſagte er ihm, daß Agacio zurückgeſchlagen ſei, und zwar von einer überlegenen Anzahl von Freunden des Sennor Caſtillo. Auch das ſei gewiß, daß die Sennorita Inez gerettet und in Sicherheit ſei. Hingegen, ſetzte er geheimnißvoll hinzu, habe er ge⸗ wichtige Gründe, zu fürchten, daß nichtsdeſtoweniger Agacio Mittel und Wege finden werde, die Verfolgung Caſtillo's energiſch wieder aufzunehmen, und um dies zu verhüten, oder beſſer, um den Sennor nicht in Agacio's Hände fallen zu laſſen, ſeien jetzt er und Manuel be⸗ müht, ihn in Sicherheit zu bringen. Für die kurze Zeit ſeiner Abweſenheit hatte Ramon freilich viele Nachrichten geſammelt, und wenn auch namentlich der Schluß ſeiner Mittheilung ein wenig ſtark unglaublich klang, ſo war es doch höchſt wahr⸗ —.——— 167 ſcheinlich, daß Inez in Sicherheit war, da es eben⸗ falls keinem Zweifel unterlag, daß Agacio geflohen. Hingegen zerbrach ſich Caſtillo den Kopf, wer die Freunde ſein möchten, welche ſich ſeiner ſo edelmüthig angendmmen hatten. Er kam damit nicht ins Reine, da er es mit den beiden ſich gegenwärtig bekämpfenden Parteien ver⸗ dorben hatte, und endlich fragte er Ramon, ob ihm dieſer nicht Anhaltspunkte zu geben vermöge. Sinnend und nachdenklich ſah ihn dieſer an, als prüfe er, ob dem Sennor die vollſtändige Wahrheit mitzutheilen ſei, dann ſagte er: „Don Pedro, diefe meine Bruſt birgt, ich ſchwöre es Euch, manches wichtige Geheimniß. Aber ſagt mir, vertraut man einem Manne Geheimniſſe an, der ſie nicht zu bewahren weiß? Sicherlich nicht! Geduldet Euch alſo, vielleicht ſelbſt nur noch kurze Zeit, und es wird Euch dann klar werden, daß Ihr keinen beſſern Freund habt als mich.“ „Und mich“, ſagte Manuel,„denn bei uns beiden . geht Alles in Compagnie, Geld und was ſonſt abfällt. So iſt es ausgemacht und ſo wird's gehalten.“ „Natürlich“, erwiderte Ramon, aber er kniff ein Auge zu und gab dem Sennor ein Zeichen, ſich nicht an Manuel's Geſchwätz zu kehren. 168 „Hört“, ſagte Caſtillo nach einiger Zeit,„ich zweifle nicht, daß Ihr es ehrlich mit mir meint. Ihr wißt und wart ſelbſt Zeugen, wie ſchmählich ich aus meinem Eigenthum getrieben wurde. Einige Gerechtigkeit iſt aber ſtets noch in unſerm Vaterlande, und der Ge⸗ waltſtreich dieſes Agacio kann für die Länge nicht Beſtand haben. Vertraut Euch meiner Führung an, ſtatt mich wie einen Gefangenen hier herumzuſchleppen. Wir wollen hinunter zu denen, die früher meine Freunde waren, ich werde mich ihnen jetzt feſt und ohne Rück⸗ halt anſchließen, und wenn ich wieder in Beſitz meines Eigenthums gekommen bin, werde ich Euch reichlich belohnen!“ „Das iſt mein ſehnlichſter Wunſch“, verſetzte Ra⸗ mon,„das heißt, daß Ihr wieder zu dem Eurigen kommt. Um oaber dieſe unſere beiderſeitigen Wünſche zu verwirklichen, iſt es unabweisbar nöthig, daß Ihr Euch fürs erſte meiner Führung anvertraut.“ Er legte bei dieſen Worten die Hand auf ſeine Bruſt, nahm mit der andern ſeinen Hut ab und ver⸗ beugte ſich ehrfurchtsvoll gegen Caſtillo. „Und darf ich wiſſen, wohin Ihr mich für das erſte zu bringen gedenkt?“ ſagte dieſer. „Gott ſei Dank“, rief Ramon freudig,„Gott ſei Dank, daß Euer Gnaden endlich dieſe Frage thun, 169 denn ſie beweiſt mir, daß Ihr mir jetzt vollſtändig traut. Wohlan, ſo hört: Oben im Gebirge— wir werden morgen den Ort erreichen— wohnt der ehrwür⸗ digſte aller Greiſe, eine Art gottſeliger Einſiedler und Klausner, aber bürgerlicher oder eigentlich weltlicher Natur. Dieſes ſein weltliches Weſen beſchäftigt ſich damit— ich weiß, daß Ihr mich nicht verrathen werdet— die in der Nähe ſeines Wohnorts gele⸗ genen Bergwerke zu beaufſichtigen, aber ſein erha⸗ bener Geiſt nährt ſich von den romantiſchen Natur⸗ ſchönheiten, welche ihn umgeben, und während er unauf⸗ hörlich die Allmacht Gottes bewundert, vervollkommnet ſich ſeine edle Seele mit jeder Minute mehr und mehr. Dieſer Würdigſte der Würdigen iſt ein entfernter Vetter von mir und ſeinem Schutze will ich Euch übergeben. Ich bin überzeugt, daß Ihr, Don Pedro, mir ewig dankbar ſein werdet.“ „Es iſt möglich“, erwiderte Caſtillo,„aber unbe⸗ greiflich iſt mir, warum ich nicht verrathen ſoll, daß dieſer Greis ein Minenaufſeher iſ.“ „Das iſt eins von den Geheimniſſen, welche meine Bruſt birgt, aber in der Nähe jenes Wundergreiſes wird Euch Alles klar werden. Im Geſpräche mit dem Erhabenen fällt es wie Schuppen von unſern Augen.“ 170 Caſtillo ſeufzte innerlich, aber er gab keine Ant⸗ oi Da die Wege, welche man einſchlug, um zu der Klauſe des ehrwürdigen Bergalten zu gelangen, ſo ziemliche Aehnlichkeit mit jenen hatten, auf welchen wir bereits unſere deutſchen Freunde begleiteten, ſo verzichten wir auf ihre Schilderung und bemerken blos, daß, als man an eine paſſende Stelle für das Nachtlager gekommen war, Halt gemacht und die ein⸗ fachen Anſtalten getroffen wurden, welche man unter ſolchen Umſtänden zu treffen pflegt. Man ſattelt die Pferde ab und erlaubt ihnen, ſich ihr Futter nach Belieben zu ſuchen, wenn nämlich irgend etwas in der Nähe iſt, was einigermaßen Aehn⸗ lichkeit mit Pferdefutter hat. Dann zündet man ein Feuer an, im Falle Holz oder Reißig aufzutreiben, und bereitet endlich das Abendbrod, wenn man irgend etwas Eßbares mit ſich führt. Unter allen Umſtänden aber hüllt man ſich ſchließ⸗ lich in die Decken des Sattels und ſchläft, was faſt immer gelingt, da man hinlänglich von der Reiſe des Tages ermüdet iſt. Da der Sennor Caſtillo, wie wohl jeder Chilene, welcher nicht ſtets innerhalb einer Stadt gelebt hat, vollkommen vertraut mit dieſer Art zu übernachten 171 war, ſo ſchlief er ebenfalls vortrefflich, und vielleicht trug hierzu das Gefühl der vollſtändigſten Sicherheit, in welcher er ſich befand, nicht wenig bei. Dieſe Sicherheit beſtand einmal in der Ueberzeu⸗ gung, daß ſeine Begleiter ihn nicht perfider Weiſe ver⸗ laſſen konnten, indem Ramon ſich das eine Ende des Laſſos um den Arm gewunden hatte, während das andere am Fuße des Sennors befeſtigt war, und ferner darin, daß Ramon und Manuel abwechſelnd Wache hielten, um nicht etwa unverſehens überfallen zu werden. Man war am andern Tage bereits einige Stunden im Sattel, als in einiger Entfernung eine Oeffnung in dem Felſen ſichtbar wurde, welche mehr in eine Höhle zu führen ſchien als in ein enges Felſenthal oder in eine Schlucht. Ramon hielt an und ſagte mit einer gewiſſen Feierlichkeit zu Caſtillo: „Don Pedro, die Verehrung und Hochachtung, welche ich für Euch hege, wächſt mit jeder Stunde, in welcher ich das Vergnügen habe, Euch zu begleiten. In vollkommen gleichem Maße ſteigt das Vertrauen zu Euch. Unabweisbare Umſtände zwangen mich, Euch geſtern die Arme zu binden und Euch den Mund zu verſtopfen. Dann war ich ſo glücklich, dieſe Hemm⸗ 172 niſſe Eurer Freiheit entfernen zu dürfen und dafür, gewiſſermaßen nur ſinnbildlich, dieſen kleinen Laſſo um Euern lieben Fuß zu ſchlingen. Jetzt falle auch dieſe letzte Schranke zwiſchen unſerm Vertrauen. Sennor Caſtillo, ſeid frei!“ Mit dieſen Worten beugte er ſich gewandt nieder und löſte vom Sattel aus die Schlinge vom Fuße Caſtillo's. „Ich danke Euch, Ramon!“ ſagte Caſtillo mit Auf⸗ richtigkeit. Ramon verbeugte ſich nach Art der Türken mit gekreuzten Armen und ſagte freudigen Tones: „Und jetzt, theurer Sennor, da nicht der geringſte Mißton zwiſchen uns mehr herrſcht, und weil Ihr ſchwindlig ſeid, ſo laßt Euch die Augen verbinden, da wir höchſt gefährliche Pfade zu paſſiren haben.“ „Aber ich bin nicht im mindeſten ſchwindlig“, rief Caſtillo verwundert und ärgerlich. „Doch“, verſetzte Ramon,„doch, und zwar unge⸗ heuer und lebensgefährlich! Ah, ich kenne meine Freunde — verzeiht!— beſſer, als ſie ſich ſelbſt kennen. Aber laßt Euch das nicht anfechten! Die muthigſten und größten Männer in der Geſchichte waren mehrentheils mit dem Schwindel behaftet, ſo zum Beiſpiel Alexander der Große—“ 173 Caſtillo unterbrach ihn zornig. „Menſch, mache mich nicht raſend! Verbindet mir die Augen oder ſchlagt mich nieder, es iſt mir Alles gleich⸗ gültig, aber ſchweigt und bildet Euch nicht ein, daß ich nicht wüßte, warum ich nicht ſehen ſoll. Es iſt, damit ich Euern Schlupfwinkel da oben nicht verrathe, wenn ich jemals wieder zu ehrlichen Menſchen kom⸗ men ſollte.“ „Ja, und von wegen des Durchbrennens“, ſagte Manuel, ſich vergnügt die Hände reibend.„Der Teufel ſelbſt kommt nicht hier hinunter, wenn er die Wege aufwärts nicht geſehen hat.“ „Entſchuldigt ihn“, ſagte Ramon,„junge Leute wägen häufig ihre Worte nicht.“ Nebenbei geſagt war Manuel höchſtens einige Monate jünger als Ramon. Letzterer verband jetzt ohne weitere Umſtände dem Sennor die Augen, und dieſer dachte bei ſich:„Geſtern haben ſie mir mit dieſem meinem Taſchen⸗ tuche den Mund verſtopft, heute verbinden ſie mir mit demſelben die Augen, und es kann ſein, daß ſie mich morgen an demſelben aufhängen“; aber er hatte nicht Zeit, dieſe tröſtlichen Gedanken weiter zu verfolgen, denn Ramon ergriff jetzt die Zügel ſeines Pferdes, führte es im Galopp einige Male im Kreiſe umher und dann, wie es ſchien, im Zickzack vorwärts. 174 Trotzdem bemerkte Caſtillo, daß ſie ſich nicht lange nachher in der von ferne ſichtbar geweſenen Felſen⸗ ſchlucht oder in einer Art von Höhle befinden mußten, denn eine kalte feuchte Luft wehte ihn an; als aber dies vorüber und ſie ſich ohne Zweifel wieder im Freien befanden, war es ihm unmöglich, die Richtung zu errathen, in welcher ſie weiter ritten, und er glaubte nur an der. Sonnenwärme und an dem Luftzuge zu erkennen, daß man ſich bald nach links, bald nach rechts hin fortbewegte. Gefährliche oder wenigſtens beſonders ſchmale Wege waren es aber kaum, denn Ramon führte faſt ſtets ſein Pferd am Zügel, oder ritt wenigſtens an ſeiner Seite, nicht ſelten aber ging es ſteil abwärts und eben⸗ ſo wieder bergan. Als ſie endlich, wie es ſchien, auf ziemlich ebenem Wege dahinzogen, ſagte Ramon: „Bald werden wir jetzt vor dem würdigen Crespo, denn ſo heißt mein Vetter, der Klausner, erſcheinen. Stoßt Euch, ich bitte, nicht daran, wenn Euch ſeine Außenſeite ein wenig ſchroff erſcheinen ſollte. Die ſüßeſte Frucht umhüllt oft eine rauhe Schale, und ein Menſchenkenner, wie Ihr ſeid, Don Pedro, werdet Ihr den edlen Kern bald herausgefunden haben. Mein Vetter Crespo iſt ein ehrlicher, biederer, alter Chilene, 175 wie ſolche Möbel auch andere Nationen aufzuweiſen haben.“ Caſtillo unterbrach ihn. „Ich werde, wie ich hoffe, Alles das mit unver⸗ bundenen Augen in Bälde beobachten können. Laßt uns aber vorher ein vernünftiges Wort zuſammen ſprechen. Ich bin, wie Ihr wißt, ohne einen Realen. Aber Ihr laßt mich hier bei einem Fremden zurück, und Gott weiß, wie noch ferner ſich die Umſtände ge⸗ ſtalten. Gebt mir einen Theil des Inhalts meiner Börſe, leiht mir, wenn Ihr wollt, eine Kleinigkeit, aber laßt mich nicht vollkommen ohne Geld.“ „Unverſiegbar fließen meine Thränen“, verſetzte Ra⸗ mon,„und mein Herz blutet, weil ich Euch das ab⸗ ſchlagen muß. Ich geringer Mann ſollte einem ſolchen vornehmen Herrn Geld leihen! Aber abgeſehen da⸗ von, daß das gegen den Reſpekt wäre, ſo iſt es un⸗ möglich, weil ich ſelbſt keinen Medio beſitze, denn Eure Börſe iſt Euer Eigenthum, welches mir heilig iſt und von welchem ich Niemand, ja Euch ſelbſt nicht etwas leihen werde. Dios sabe, aber ſprechen wir von etwas Anderem.“ Er ſchwieg indeſſen, und Caſtillo ſprach ebenfalls nicht weiter. Nicht lange nachher aber hielt Ramon an und ſagte: 176 „Wir ſind am Ziele, ſeht ſelbſt, ob ich Euch die Wahrheit ſagte.“ Er nahm Caſtillo bei dieſen Worten die Binde ab, und dieſer ſah, daß ſie ſich auf einem geräumigen Plateau befanden, welches ziemlich eben und annä⸗ hernd kreisrund verlief und einen Durchmeſſer von hundert Schritten und vielleicht darüber haben mochte. Dieſe Fläche ſchien von allen Seiten ſteil abzu⸗ fallen, ſodaß es ſchwer zu begreifen ſchien, wie man hinaufgekommen war, und in einiger Entfernung war ſie von höhern Bergen und Felswänden einge⸗ ſchloſſen, deren höchſte, dem Stande der Sonne nach, gegen Oſten lagen und ohne Zweifel den anſteigenden Theil der Cordillera bildeten. Ziemlich in der Mitte des Plateaus lag eine Hütte, wie es den Anſchein hatte, ziemlich ſolid erbaut. Auf dieſe zeigte jetzt Ramon, indem er mit Würde ſagte: „Dort iſt die Zufluchtsſtätte, in welcher ich Euch bergen will, bis es mir vergönnt ſein wird, Euch in Euer Eigenthum zurückzuführen.“ Wenige Augenblicke ſpäter hielten ſie einige Schritte entfernt vor der Hütte an und Ramon rief: „Edelmüthiger und Ehrfurcht gebietender Greis, theu⸗ rer Crespo, vergönnt uns das Glück, Euer Antlitz zu ſchauen!“ 177 Die augenſcheinlich ſtarke und maſſive Thür der Hütte war indeſſen geſchloſſen, und hinter den mit Eiſengittern verſehenen Fenſtern ließ ſich anfänglich nichts wahrnehmen, dann aber erſchien der Kopf eines Mannes hinter denſelben, welcher, ohne eine Miene zu verziehen, ſich die außen Haltenden betrachtete. Ramon wiederholte ſofort ſeine ſchwülſtige Anrede, worauf der Mann hinter dem Gitterfenſter einfach er⸗ widerte: „Drückt Euch, Ihr Lumpenhunde!“ „Seht, Don Pedro, ſo iſt er“, ſagte Ramon, indem er wohlgefällig lächelnd den Kopf nach der Schulter neigte.„Habe ich Euch zuviel geſagt? Stets liebens⸗ würdig und die Wahrheit liebend. Aber kommt her⸗ vor, theurer Vetter!“ „Der Teufel mag Euer Vetter ſein, aber ich nicht“, verſetzte der Mann. In dieſem Augenblicke machte das Pferd Ramon's eine Bewegung, und faſt gleichzeitig fuhr der Ein⸗ ſiedler Crespo, denn ohne Zweifel war er es, mit der einen Hand abwärts, wohl um eine Waffe, muthmaß⸗ lich ein Schießgewehr, hervorzuziehen. „Laßt ſtecken, Crespo“, rief Ramon in etwas pro⸗ ſaiſchem Tone,„laßt ſtecken, wir haben mit Euch zu reden.“ v. Bibra, El paso de las animas. I. 12 178 Crespo ſchien jetzt aufmerkſam zu werden oder we⸗ nigſtens etwas gefügiger. „Wenn's ein Geſchäft iſt, ſo gebt das Zeichen.“ „Es iſt kein Geſchäft von drüben herüber“, ſagte Ramon,„aber kein ſchlechtes. Kennt Ihr Euern alten, ehrlichen Ramon nicht mehr?“ „He!“ ſagte Crespo, indem er ein Auge zudrückte und Ramon fixirte. „Habt Ihr Zweifel? Beſinnt Ihr Euch? Verwun⸗ dert Ihr Euch?“ „Ich beſinne mich“ ſagte Crespo,„ob Ihr ein größerer Affe und Narr oder ein größerer Spitz⸗ bube ſeid, und zugleich verwundere ich mich, daß man Euch nicht ſchon längſt gehängt hat. Aber wartet, ich komme.“ Es wurde hierauf die Thür geöffnet, und der ehr⸗ würdige Klausner erſchien unter derſelben. Es war ein Mann, anſcheinend ziemlich ſtark in den ſechziger Jahren, mit brennend ſchwarzen Augen, aber mit dünnem, verwirrt um den Kopf hängendem grauem Haar und von einer ſelbſt für die durchſchnitt⸗ lich überhaupt nicht großen Chilenen kleinen und ha⸗ gern Statur. Seine Kleidung beſtand aus weiten, bis über die Kniee reichenden linnenen Beinkleidern, einem Hemde, 179 welches urſprünglich vielleicht blau oder roth, vielleicht auch weiß geweſen ſein mochte, jetzt aber graubraun war, und einem Poncho. Antlitz, Füße und Hände endlich ſchienen auf große Seltenheit des Waſſers, wenigſtens der Species Waſch⸗ waſſer, in der Umgebung der Klauſe hinzudeuten. Während der alſo ausſehende Crespo ſeine Haus⸗ thür geöffnet und noch einen ſpähenden Blick umher⸗ geworfen hatte, war Ramon vom Pferde geſprungen und trat jetzt auf ihn zu, indem er ihm heaſtig einige Worte zuflüſterte. Crespo ſtrich ſich währenddeſſen nachſinnend das Kinn, dann aber ſagte er mit einem Blicke auf Caſtillo: „Tretet ein, Sennor!“ Caſtillo und Manuel ſtiegen jetzt ebenfalls ab und traten in das Haus, während ſie die Pferde draußen ſich ſelbſt überließen, und Crespo, ſich höflich verbeu⸗ gend, ſagte zu Caſtillo: „Erlaubt, Sennor, daß ich Euch führe!“ Er öffnete bei dieſen Worten eine Thür und be⸗ deutete mit einer abermaligen Verbeugung, Caſtillo ein⸗ zutreten, und nachdem dies geſchehen war, ſchloß er die Thür raſch und ſchob von außen einen Riegel vor. Da der Eingeſchloſſene begriff, daß Rufen zu⸗ 12* 180 verläſſig zwecklos ſei, ſo ſetzte er ſich ſchweigend auf eine Bank, betrachtete die zwei vergitterten Fenſter der Stube und hing ſeinen Gedanken nach. „Ich bin“, dachte er,„gefangen, wie ich es vor⸗ geſtern und geſtern auch ſchon war, und werde mit Gottes Hülfe wohl auch wieder loskommen. Gegen⸗ wärtig halten die drei Schurken Rath über mich, viel⸗ leicht gelingt es mir aber, mit Ramon ein Abkommen zu treffen, ehe er ſich entfernt, und gelingt das nicht, ſo werde ich wohl auf irgend eine Weiſe mit dieſem Crespo fertig werden. Warten wir alſo geduldig!“ Er wartete in der That mit mehr oder weniger Geduld ziemlich lange Zeit. Einmal glaubte er zwar Pferdetritte zu hören, aber da die Fenſter der Stube, in welcher er ſich befand, nach einer andern Seite hin gingen, ſo konnte er ſich nicht überzeugen, ob er richtig gehört habe. Endlich trat Crespo ein und ſagte mit höflichem Tone: „Die beiden Sennores haben mich gebeten, ihre plötzliche Abreiſe bei Euch zu entſchuldigen und ſie Eurem werthen Andenken beſtens zu empfehlen.“ „Was!“ rief Caſtillo heftig,„ſie ſind beide fort, auch Ramon, der—“ „Aufzuwarten“, ſagte Crespo,„und ich habe nun die Ehre, hier oben allein mit Euch zu ſein.“ 181 Caſtillo wollte etwas erwidern, aber Crespo ſagte: „Erlaubt mir, Sennor, vorher einige kurze Worte zu Euch zu ſprechen. Man verfolgt Euch unten im Lande, und ſowohl deshalb, als weil Ihr bruſtkrank ſeid und hier die friſche, erquickende Bergluft—“ „Ramon der Hund!“ unterbrach ihn Caſtillo.„Ich bruſtkrank! Welche elende Lüge—“ „Ich weiß es“, verſetzte Crespo,„daß es eine Un⸗ wahrheit iſt, aber deshalb kommt Ihr doch nicht fort von hier. Ihr kennt die Wege nicht, und Jeder, der ſie nicht kennt, kommt lebend nicht hinunter. Dann habt Ihr keinen Proviant und kein Pferd. Wo ich den erſtern verwahre, erfahrt Ihr nie, das letztere hat Ramon mit ſich genommen. Endlich aber werde ich Euch nicht fortlaſſen. Ich bin nicht ſo ſchwach, wie ich vielleicht ausſehe, bin bewaffnet, was Ihr nicht ſeid, und dazu auf meiner Hut. Laßt es Euch alſo vorläufig bei mir gefallen. Das war es, was ich Euch ſagen wollte.“ „Vorläufig“, verſetzte Caſtillo,„werde ich es wirk⸗ lich thun. Aber wollt Ihr mir die Wahrheit ſagen in Betreff deſſen, was Euch dieſer Ramon bezüglich meiner mitgetheilt hat? Wenn auch jetzt nicht, ſo werde ich doch ſpäter gewiß erkenntlich ſein!“ Crespo legte ſinnend den Finger an die Naſe, dann ſagte er: ——————— 182 „Sennor, ſchöne und glaubwürdige Lügen ſind ein ſo nothwendiger und koſtbarer Artikel, daß man ſie nicht nutzlos verſchwenden darf. Ich werde Euch daher die Wahrheit ſagen. Ramon iſt hinunter in das Land, um zu ſehen, wie Eure und Eures Feindes Angele⸗ genheiten ſtehen. Stehen die letztern gut, ſo verkauft er Euch an jenen, ſteigt aber Euer Stern, ſo gibt er Euch gegen ein Löſegeld die Freiheit und Euern ehemaligen Mayordomo auf Verlangen mit in den Kauf. Ich ſchwöre Euch, daß dies die Wahrheit iſt.“ „Und Ihr“, ſagte Caſtillo,„wollt die Hand zu dieſen Schändlichkeiten bieten?“ „So wahr mir Gott helfe, das will ich“ erwiderte Crespo,„denn ich theile mit ihm anſtatt Manuel's, der ein Einfaltspinſel iſt und lackirt wird. Verſchmäht aber jetzt nicht einen kleinen Imbiß in meinem geringen Hauſe.“ — 6 — Siebentes Kapitel. Pl terremoto.— Käthchen Bitterfeld. Fruchtlos zogen Kohlweg und Pedrillo einige Tage im Gebirge umher, ohne eine Spur des Vermißten zu finden, und endlich gaben beide alle Hoffnung auf, ſich auf dieſe Weiſe irgendwie nützlich machen zu können. Dazu kam, daß ihre Vorräthe faſt zu Ende waren und ſie beinahe allein auf die Vögel angewieſen waren, welche Kohlweg erlegte. Sie beſchloſſen deshalb die Berge zu verlaſſen, in das Flachland zu ziehen und dort ſich vorläufig zu trennen. Wie aber ähnliche abenteuerliche Streifzüge faſt ſtets junge Leute eng verbinden, ſo war es auch hier der Fall. Kohlweg hatte den treuen und ehrlichen Pedrillo ——— 184 in den wenigen Tagen ihres Zuſammenſeins liebge⸗ wonnen und dieſer ſchloß ſich ſeinerſeits eng an Kohlweg an, deſſen Ueberlegenheit anerkennend, aber darum doppelt erfreut über die Zeichen ſeiner Freund⸗ ſchaft. „Mein Engländer“, ſagte er,„war ein ganz an⸗ ſtändiger Sennor, aber Ihr ſeid mir doch zehnmal lieber, und obgleich ich eigentlich Euer Peon nicht bin, ſo würde ich es doch auf der Stelle, wenn nicht mein armer Sennor Caſtillo wäre, der Gott weiß wo ſteckt.“ „In den gegenwärtigen ſchlechten Zeiten“, erwiderte Kohlweg lachend,„iſt jeder am beſten ſelbſt ſein eigener Peon, wir wollen uns deshalb einfach gute Freunde ſein.“ Dann überlegten ſie, wohin ſie ſich wenden und auf welche Weiſe ſie ſich Nachricht von einander geben wollten. Kohlweg war der Meinung, daß, wenn ſein Freund die Tochter des Sennor Caſtillo gerettet habe und in keine weitern Fährlichkeiten gerathen ſei, er das junge Mädchen fürs erſte in ihr verlaſſenes gemeinſchaft⸗ liches Haus geführt oder wenigſtens dort irgend eine Nochricht hinterlegt habe, und Pedrillo, welchem er die einſame Lage des Hauſes beſchrieben hatte und der die Gegend kannte, ſtimmte ihm bei. „ „ 185 Soviel er aus den Geſprächen des Sennors und ſeiner Tochter, während er ſie begleitete, erfahren hatte, konnte der erſtere gegenwärtig auf keinen ſeiner frü⸗ hern Freunde ſich ſo recht verlaſſen. Scherflein und Inez oder wenigſtens Nachrichten von ihnen waren alſo in jener Einſamkeit wohl am erſten zu finden, und Kohlweg, welchem Pedrillo den Weg über Santiago als den nächſten dorthin bezeich⸗ net hatte, beſchloß, morgen ſchon ſeine Reiſe anzu⸗ treten. Pedrillo hingegen wollte auſ allerlei Schleich⸗ und Schlupfwegen nach der Hacienda Caſtillo's gehen und dort Kundſchaft einziehen. Nachrichten über ſeinen Herrn und ebenſo über Agacio waren ohne Zweifel dort am leichteſten zu er⸗ halten, jedenfalls aber erfuhr er, ob die Leute Agacio's dort noch ihr Weſen trieben, oder ob ſie vielleicht be⸗ reits vertrieben worden waren, und ſanguiniſch wie er war, gab er ſich der Hoffnung hin, dort Alles in der ſchönſten Ordnung und ſeinen Herrn wieder im Beſitze ſeines Eigenthums zu finden. Dann wurden ſie einig, Nachrichten von ſich und dem Erfolg ihrer Bemühungen ſich gegenſeitig mitzu⸗ theilen und ſolche bei Pedrillo's Stiefmutter nieder⸗ zulegen. 186 Pedrillo beſchrieb Kohlweg die Fonda derſelben und ſetzte hinzu: „Sie kann nicht leſen und nicht ſchreiben. Für den Fall aber, daß ſie Eure Nachricht ſich von Jemand anders könnte leſen laſſen, ſchreibt eben ein wenig verblümt, ich verſtehe es ſchon. Verſäumt aber ja nicht, bei ihr tüchtig über mich zu ſchelten. Es iſt das ihr Gebrauch und ihr größtes Vergnügen, und es gibt keinen anſtändigen und unanſtändigen Menſchen in der ganzen Nachbarſchaft, dem gegenüber ſie nicht ſchon ſchmählich über mich losgezogen wäre, und ob⸗ gleich die Leute ſie heimlich auslachen und ſie für ein böſes Weib halten, ſo wirft ſie doch einen tödt⸗ lichen Haß auf alle diejenigen, welche ihr nicht bei⸗ ſtimmen. Schimpft daher nur wacker auf mich, ſetzt auch Eurem Schreiben einige Grobheiten bei und ſagt ihr, daß Ihr gekommen wäret, mich tüchtig durchzu⸗ prügeln. Iſt es ihr nur halbwegs möglich, ſo hilft ſie Euch auf meine Spur. Komme ich eher zu ihr als Ihr, ſo mache ich ihr ähnliche Dinge weis, und ich garantire Euch, daß ſie uns zuſammenbringen wird.“ Die beiden jungen Leute brachten noch eine Nacht zuſammen im Freien zu und am andern Morgen trenn⸗ ten ſie ſich, indem ſie ſich wiederholt verſprachen, gute 187 Freunde zu bleiben, ſich durch die Stiefmutter ſobald wie möglich Nachricht zukommen zu laſſen, und nach⸗ dem Kohlweg Pedrillo unter allen Umſtänden ſeine Hülfe in Betreff des armen Sennor Caſtillo zugeſagt hatte. Weithin, ſelbſt von freien Punkten der Cordillera aus, ſieht man die Hauptſtadt Chiles, Santiago, im Lande liegen, und zwar mit einer wunderbaren Klar⸗ heit, infolge der fehlenden Luftperſpective, welcher wir bereits gedachten. Da die Abwechſelung— wir ſprechen natürlich hier nur von Gegenden— ſtets einen gewiſſen Reiz bietet, ſo kam über Kohlweg ein wirkliches Behagen, als er aus den Bergen gekommen war und im Flachlande dahinzog. Die Felſen und Berge, die ſteilen Wände und Schluchten und die Gefahr, von Zeit zu Zeit ein wenig den Hals zu brechen, lagen hinter ihm, vor ihm dagegen Chile wie ein großer blühender Frucht⸗ garten. Ueber die niedern, aus Lehm erbauten Mauern, mit denen man dort häufig die Felder einzufriedigen pflegt, blickte er auf bekannte und unbekannte, üppig gedeihende Fruchtfelder, während Feigenbäume die kleinen an der Straße ſtehenden Häuſer beſchatte⸗ ten und Traubengelände die Hacienden und Fondas 188 ſchmückten oder Oliven⸗ und Pfirſichbäume dieſelben umſtanden. Dann kamen ihm wandernde Kleehaufen entgegen, Maulthiere nämlich oder Eſel, die man dermaßen mit Grünfutter beladen hatte, daß von den Thieren ſelbſt höchſtens eine Spur des Kopfes wahrzunehmen war. Fußgänger ſind auf freiem Felde dort im Lande nur ſelten zu treffen, da nach der Meinung der Chilenen nur Narren oder ganz übermäßig große Lumpe Fuß⸗ reiſen machen. Dagegen ſprengten nicht ſelten Reiter an ihm vorüber, welche ihn höflich begrüßten und welche er nun nicht mehr, wie in den vergangenen Tagen, nach dem Wege zu fragen brauchte, denn das Ziel ſeiner Reiſe, Santiago, wenngleich noch ſtundenweit entfernt, lag vor ihm, funkelnd und blitzend im Sonnenſchein und ſcharf gezeichnet, als ſei es in einer halben Stunde zu erreichen. An einer Fonda ließ er ſeinem Thiere Futter reichen und labte ſich ſelbſt mit Speiſe und Trank, was nicht von Uebel war nach den kärglichen Ra⸗ tionen im Gebirge, und als er hierauf ſeinen Weg weiter fortſetzte, fand er, daß Chile ein ganz vortreff⸗ liches Land ſei, und konnte faſt nicht begreifen, wie ihm daſſelbe früher ſo langweilig vorgekommen und warum er das Heimweh gehabt. — Er beſchloß, Chile nicht zu verlaſſen, wie er es noch einige Tage vorher beabſichtigt hatte, und zugleich war er überzeugt, daß auch Scherflein, den er bald zu finden hoffte, ſeiner Meinung ſein würde. Abenteuer hatte er nun gefunden, Freunde und Feinde, und erſtere, Caſtillo und die Seinen, würden ihm wohl weitere Anhaltspunkte geben und ihm irgend eine Beſchäftigung zuweiſen, welcher er gewachſen war und mit der er ſich anſtändig durchzubringen hoffte. Eine roſenfarbene Laune hatte ſich ſeiner bemäch⸗ tigt und bereits ſtiegen Luftſchlöſſer vor ihm auf, ge⸗ ſchmückt mit den glänzenden Farben, mit welchen die jugendliche Phantaſie dergleichen Architekturſtücke zu verzieren pflegt. Da trat ein dunkler Schatten vor ihn, die Erin⸗ nerung an Zeckel, den wildfrevelnden Schneider, den er erſchoſſen in jener unheilvollen Nacht in Deutſch⸗ land. Seine Stirn verfinſterte ſich, und ſo unwillkürlich wie der Schatten jenes Unglücklichen, tauchten jetzt auch die Troſt⸗ und Entſchuldigungsgründe in ihm auf, mit welchen er ſtets das Geſpenſt zu bannen ſuchte, denn leider nur zu oft, in guten und böſen Tagen, ſah er plötzlich den Wilderer neben ſich ſtehen —“ů ÜÜůÜ ˙ ůũů“ ůũÜ˖ů˖ů˖‧·Ü˖˖˖˖˖˖˖FÜñ%§FYFY§§ᷓ,,— S — 190 auf dem felſigen Waldwege, ſah ihn ſtürzen auf ſeinen Schuß und hörte den dumpfen Fall des zum Tode Getroffenen in die Schlucht. Meiſt aber wollten dieſe Troſtgründe nicht ganz vollkommen ausreichen. Zwar, er war ganz in ſeinem Rechte. Hm, eigentlich ja, aber„eigentlich“ iſt ein ſonderbares und ſelbſt ein perfides Wort. Denn eigentlich iſt eigentlich und uneigentlich ein und daſſelbe, es iſt das Kind von ja und nein, und großgeſäugt von„aber“, was ſich dafür faſt ſtets und unvermeidlich an ſeine Ferſen hängt. Denn wäre dieſer Zeckel zu Hauſe geblieben, ſo hätte Kohlweg ſicher nicht nach ihm geſchoſſen. Ja, aber es fragt ſich, ob er dort am Felſenwege ſo raſch geſchoſſen hätte, wäre die ſchwarze Crescenz im ſchwarzen Bären nicht geweſen. Ferner: Der Schneider hatte ja auch nach ihm ge⸗ ſchoſſen. Allerdings, aber jener that den zweiten Schuß, und dann, Kohlweg lebte noch und jener war todt! Bisweilen war Kohlweg egviſtiſch genug, ſich zu ſagen, daß dies immer noch das Beſte ſei an der ganzen Geſchichte, aber es langte immerhin nicht voll⸗ kommen und er mußte ſich faſt immer mit Gewalt die trüben Gedanken aus dem Sinn ſchlagen. S91 Er that es auch jetzt und ſagte ſich, daß geſchehene Dinge nicht mehr zu ändern wären, ein Troſtgrund, der ſo trivial als wahr iſt; als er aber endlich in die Nähe von Santiago kam und dann in die Stadt ſelbſt einritt, wichen die ſchlimmen Gedanken von ſelbſt von ihm. Aus ſpäter anzugebenden und zuverläſſiig zu recht⸗ fertigenden Gründen wäre es höchſt paſſend, die Stadt Santiago zu ſchildern, wie ſie in der Stunde ausſah, als Kohlweg ſeinen Einzug in dieſelbe hielt. Obgleich wir uns aber in ſpätern Jahren längere Zeit dort aufhielten, iſt das wieder ſo ziemlich der oben erwähn⸗ ten Gründe halber theils nicht vollſtändig möglich, theils ſind wir genöthigt, unſerm Kohlweg vor allem ein Unterkommen zu verſchaffen. Es war in jener Zeit eine eigene Sache mit einem ſolchen Unterkommen. Ungehindert konnte man in Wald und Feld, im Gebirge und im flachen Lande ſchlafen nach Gutdünken und ſtets faſt ſicher und ungeſtört. Kam man an eine ländliche Hütte, ſo ward man dort aufgenommen mit der ehrlichſten und uneigen⸗ nützigſten Gaſtfreundſchaft. In den Städten war die Ankunft eines Gaſtfreun⸗ des ein Feſt in jedem Hauſe und der Ankömmling 192 wurde empfangen wie ein Sohn der Familie, deſſen Ankunft man längſt ſehnſüchtig erwartet. Aber, wohlgemerkt, nur die Ankunft eines Gaſt⸗ freundes oder eines Empfohlenen wurde alſo ge⸗ feiert, und die Gaſtfreundſchaft wurde ſo ziemlich gehandhabt nach der Art und Weiſe alter klaſſiſcher Länder. Das war zu jener Zeit, als nur erſt wenig Fremde Chile bereiſten, und dieſe hatten, vollends im Innern des Landes, Mühe und Noth, irgendwo ein Nachtlager zu finden, da es nur Schenken gab⸗ aber keine Gaſthöfe. Fünfundzwanzig Jahre ſpäter hatte man die Wahl unter dieſen, und wir ſelbſt wohnten in Santiago im engliſchen Hotel vortrefflich, bis uns die Gaſtfreund⸗ ſchaft eines Deutſchen, des Doctor Segeth, noch treff⸗ licher beherbergte. Es will aber wenig bedeuten, von uns ſelbſt zu ſprechen; ſehen wir daher nach unſerm Kohlweg, der mit Mühe eine Fonda fand und, als er endlich eine gefunden und es als ſelbſtverſtändlich annahm, dort übernachten zu können, die Antwort erhielt: das könne nicht ſein, er ſolle bei ſeinem Gaſtfreunde ſchlafen. „Aber ich habe keinen Gaſtfreund“, ſagte Kohlweg. Seke=⸗ 193 „Ihr ſcherzt“, war die Antwort,„denn Niemand reiſt, ohne einen Gaſtfreund zu haben.“ Er entgegnete, daß er wildfremd ſei, was man mit Schulterziehen und Kopfſchütteln beantwortete und nicht vollkommen zu verſtehen ſchien. Endlich ſagte er: „Soll ich, ein Fremder, allnächtlich aus dieſer Haupt⸗ ſtadt Chiles reiten, im Felde ſchlafen und am Morgen wieder zurückkehren?“ Der Beſitzer der Fonda ſah ihn zuerſt mit großen Augen an, dann lachte er und ſagte: „Ihr könnt, wenn Ihr wollt, im Hofe ſchlafen. Aber ich rechne keinen Medio an dafür, denn es iſt noch nie dageweſen, daß irgend Jemand bei mir übernachtet hat. Das wäre ja etwas ganz Apartes!“ Kohlweg dankte und ging, ehe er ſein Nachtlager im Hofe zu beziehen gedachte, in die Stadt, ſich die⸗ ſelbe noch flüchtig zu beſehen. Die große, regelmäßig gebaute, in Quadrate ge⸗ theilte Stadt mit ihren endloſen Straßen machte einen angenehmen Eindruck auf ihn, denn es war lebhaft in dieſen Straßen, da man dort, wie im Süden über⸗ haupt, erſt gegen Abend zu leben beginnt; es war in der That ſchon Abend geworden und der prachtvolle v. Bibra, E) paso de las animas. I. 13 —————————— S— N 194 Sternhimmel jener Breiten goß bereits ſein ſanftes Licht auf die Erde. Unter den Thüren der Häuſer und vor denſelben ſaßen plaudernde Gruppen, lachende und ſcherzende Menſchen zogen an ihm vorüber und es wollte ihm ſcheinen, als wandelten viele dieſer fröhlichen Menſchen auf Liebespfaden, als ſeien dieſe Pfade wohl gebahnt und geebnet und ſelbſt betretbar für einen Fremden, welcher keinen Gaſtfreund hat und in einer Fonda im Hofe ſchlafen muß. „Famoſ es Land, dieſes Chile“, ſiht Kohlweg zu ſich ſelbſt,„und welch ein Narr war ich, es früher langweilig und eintönig zu finden. Die prächtigſten Abenteuer ſind zu beſtehen, und wie es nun auch allerlei angenehme Abwechslung— Er erſchrak heftig in dieſem Augenblicke, denn er taumelte plötzlich auf die Seite und konnte ſich nur mit Mühe auf den Füßen halten. Einen Augenblick durchfuhr ihn der Gedanke, ein plötzlicher Schwindel⸗ anfall habe ihn erfaßt, oder, noch ſchlimmer, der Schlag habe ihn gerührt. Der nächſte Augenblick belehrte ihn indeſſen, daß dieſe Beſorgniß wenigſtens unbegründet war, denn alle Welt konnte unmöglich gleichzeitig mit ihm vom Schlage getroffen worden ſein, und doch taumelte alle Welt gleich 195 ihm, und während Viele wirklich zu Boden ſtürzten, ſchien ein großer, eine Bank vor einem Hauſe bildender Stein ſich aufrichten zu wollen. Die angenehmen Abwechslungen begannen, wie es den Anſchein hatte, in der That. Es war der erſte Beginn des großen Erdbebens, welches Chile in der Mitte des Monats November 1822 heimſuchte, und an dem Tage dieſes Se war Kohlweg in Santiago eingeritten. Um aber einige Begegniſſe, welche Kohlweg zuſtie⸗ ßen, nicht unglaublich erſcheinen zu laſſen, müſſen wir eine kurze Skizze aus den Berichten der Akademie der Wiſſenſchaften in Santiago geben, welche dieſes be⸗ rüchtigte Erdbeben behandeln.*) „Es war eine heitere und liebliche Novembernacht des Jahres 1822. Die Atmoſphäre war klar und hell. Der herrliche Himmel von Santiago erſchien in ſeiner ganzen Pracht, und die Sterne, heller leuchtend als gewöhnlich, gaben ſo viel Licht, daß man Alles deutlich erkennen konnte. Dabei ſtand der Mond im erſten zu⸗ *) Die Stunde und Minuten des erſten Erdſtoßes ſind genau verzeichnet, der Tag des Novembers aber iſt merkwürdigerweiſe in dieſer Abhandlung nicht angegeben und ich konnte eine An⸗ gabe deſſelben auch ſonſt nirgends finden. Muthmaßlich war es der 18. oder 19. November. 13* ——— 196 nehmenden Viertel und es herrſchte eine vollſtändige Windſtille.“ Nach einer genauen Beſtimmung der Barometer⸗ und Thermometerſtände heißt es dann weiter: „Um zehn Uhr ſiebenunddreißig Minuten zeigte ſich plötzlich, ohne daß vorher ein Geräuſch oder ein anderes vorhergehendes Zeichen erſchienen wäre, ein heftiges Schütteln der Erde mit einer außergewöhnlichen wellen⸗ förmigen Bewegung von Oſt nach Weſt. Die Stöße waren ſo heftig und ſo gewaltſam, daß man nur mit Mühe feſten Fuß behalten konnte. Die größte Stärke der Erſcheinung dauerte zwei Minuten und dreißig Sekunden, während welcher die Erde in fortwährender Bewegung war, aber im Verlaufe von zwei weitern Minuten konnten in gewiſſen Intervallen zwanzig heftige, den erſten ähnliche Erſchütterungen und an hundertundfünfzig weniger ſtarke Erdſtöße wahrge⸗ nommen worden. An verſchiedenen andern Orten des Landes zeigte ſich das Erdbeben mit noch größerer Heftigkeit, ſo zum Beiſpiel in Valparaiſo, Caſablanca, Illapel, La Ligna, welche beinahe gänzlich zerſtört wurden und wo eine Menge von Menſchen ihr Leben verloren. An vielen Orten ſpaltete ſich der Boden, aus den entſtan⸗ denen Riſſen ergoß ſich dunkelgefärbtes und verpeſtetes —— ů=— — Waſſer und Schlamm über die Erde, während aus andern Spalten rothgelbe Feuerflammen ſchlugen. Dabei war die Luft trübe und dunſtig und theil⸗ weiſe fiel ein anhaltender heftiger Regen(ort eine große Seltenheit), und am 20. November morgens drei Uhr zog von der Cordillera aus eine hellleuchtende Feuerkugel gegen das Meer hin. Dann veränderten die Quellen ihre Temperatur; einige blieben zeitweiſe, andere gänzlich aus, dafür aber erſchienen an andern Orten neue.“ Weiter unten heißt es: „Die heftigen Eindrücke, welche von dem Unabhän⸗ gigkeitskriege her noch in den Gemüthern herrſchten, die Leiden vieler Familien, aus verſchiedenen unerſetz⸗ lichen Verluſten hervorgegangen, und der Schrecken, welcher nun des Erdbebens halber herrſchte, waren hin⸗ reichende Urſachen, um den Geſundheitszuſtand der Be⸗ völkerung merkwürdig zu verändern, zu verſchlim⸗ mern, tief in das moraliſche Gefühl einzugreifen und die ungeheuerſte Verwirrung hervorzurufen.“ Hierauf folgen Berichte über die Krankheitsformen, von welchen viele ſeit Menſchengedenken niemals dort aufgetreten waren, und Angaben bezüglich der unge⸗ heuren Sterblichkeit zur Zeit des Erdbebens. Allein obgleich dieſe Thatſachen höchſt intereſſant ſind und —————————— 198 nicht vereinzelt daſtehen und bei gleichen und ähnlichen Naturerſcheinungen auch ſchon zu andern Zeiten beobachtet wurden, ſo gehören ſie doch nicht hierher. Wir wollen, wie bereits erwähnt, einfach eine voll⸗ kommen wahre Schilderung jener furchtbaren Kata⸗ ſtrophe geben, um den Vorwurf der Uebertreibung von uns abzuleiten, der nicht ſelten von Individuen erhoben wird, welchen Alles unglaublich ſcheint, was ihnen nicht ſelbſt begegnet iſt. Zwei und eine halbe Minute ſind für eine Menge von Verhältniſſen im menſchlichen Leben eine unendlich kurze Zeit, für ein Erdbeben aber ſcheinen ſie eine Ewigkeit und reichen in der That auch aus, um die furchtbarſten Zerſtörungen hervorzurufen. Als Kohlweg ſich vom Schrecken der erſten Se⸗ kunde erholt hatte und allenthalben ſtrauchelnde, ſchwan⸗ kende und ſtürzende Menſchen ſah, begriff er freilich, daß ein Erdbeben ſtattfand. Er hatte ſagen hören, daß Chile das Land der Erdbeben ſei, und hatte dort ſelbſt ſchon geringe Erd⸗ erſchütterungen erlebt, aber er begriff nach wenigen Se⸗ kunden, daß ſolche Erdbeben ſelbſt in Chile nicht häufig ſein konnten und daß ein ungewöhnliches und furcht⸗ bares Ereigniß im Beginn ſei. Neben dem Angſtſchrei der ganzen menſchlichen Be⸗ 99 völkerung, der furchtbar genug ſchon bei geringen Erdſtößen klingt, und dem Geheule der Thiere, die gleich den Menſchen ſich entſetzen, deuteten ihm das nur allzuklar die Gebäude zu beiden Seiten der Straße an. Einige derſelben zeigten plötzlich mächtige Riſſe in ihren Mauern, andere ſchienen ſich drehen zu wollen und blieben dann, vorläufig wenigſtens, windſchief ſtehen, wieder andere ſtürzten in ſich ſelbſt zuſammen, während ein weiterer Theil derſelben vorwärts auf die Straße ſtürzte und die Vorübereilenden erſchlug oder wenigſtens verletzte. Eine bei ſtärkern Erdbeben nicht ſelten beobachtete Erſcheinung trat bei mehreren Dächern ein, indem ſie, muthmaßlich durch Zuſammenpreſſung der Dachſparren, wie infolge einer Exploſion ihre Ziegel von ſich ſchleu⸗ derten. Da alſo, wären ſolche Erderſchütterungen ein ge⸗ wöhnliches Ereigniß, längſt im ganzen Lande kein Stein mehr auf dem andern ſtehen geblieben wäre, ſo begriff unſer deutſcher Landsmann, daß ihm das Glück zu Theil geworden, einer höchſt ungewöhnlichen Natur⸗ erſcheinung beiwohnen zu dürfen. Er hielt es indeſſen für beſſer, der einſtürzenden Häuſer wegen dieſelbe womöglich außerhalb der Stadt zu beobachten, und 200 wurde durch Zurufe ſeiner Leidensgenoſſen in dieſem Vorhaben beſtärkt. Der größte Theil ſeiner Habe befand ſich in den Satteltaſchen ſeines Pferdes und er beſchloß deshalb, vor allem nach ſeiner Fonda zu eilen und von dort zu Pferde zu entfliehen. Der Fremde, der nicht Haus und Hof beſitzt, nicht Weib und Kind, iſt in ſolchen Fällen um ein gutes Theil beſſer daran als der Mann, der neben der Sorge für ſein eigenes Leben auch noch durch die Angſt um die Seinen gequält wird und befürchten muß, in wenigen Minuten an den Bettelſtab zu kommen. Was Kohlweg betraf, ſo kam es ihm vor, als ſtürzten gerade auf dem Wege, welchen er einſchlagen mußte, die meiſten Häuſer zuſammen. Sparren, Breter und Ziegel fielen vor und hinter ihm nieder, Steine kollerten zu ſeinen Füßen, er mußte über Schutthaufen ſteigen und wurde von den mit gleicher Heftigkeit an⸗ dauernden Erdſtößen ſelbſt mehrmals niedergeworfen. Er begann zu zweifeln, ob er lebend die Fonda erreichen würde, dennoch aber ſetzte er ſeinen Weg fort, ſo gut es eben ging, und fand, als er jetzt um eine Ecke bog, daß die vor ihm liegende Straße weniger gelitten hatte als jene, welche er ſo eben verlaſſen. Raſch ſprang er längs der Seite der Straße da⸗ — „ — 201 hin, welche weniger verletzt war als die gegenüberlie⸗ gende, und da er ſicher zu ſein glaubte, auf rechtem Wege zu ſein, ſo wollte er eben ſein gutes Glück prei⸗ ſen, als er plötzlich von einem der heftigſten Stöße buchſtäblich gehoben, dann auf die Seite geſchleudert und zu Boden geworfen wurde. Er ſprang auf und fiel abermals nieder. Als es ihm endlich gelungen war, wieder feſten Fuß zu faſſen, und er ſo raſch als möglich ſeinen Weg weiter verfol⸗ gen wollte, hörte er plötzlich neben ſich ein eigenthüm⸗ liches knirſchendes Geräuſch und ſah zugleich, daß die Wand eines Hauſes, an welchem er eben vorüberlau⸗ fen wollte, ſich zu drehen begann und unfehlbar in wenigen Sekunden einſtürzen mußte.— Trotz der ſtets noch furchtbaren Schwankungen des Bodens ſprang er rückwärts, da hörte er neben ſich ein polterndes Krachen und fühlte ſich gleichzeitig am Kopfe verletzt. Dann ſtürzte er bewußtlos zu Boden. Zwiſchen ſeinem erſten Niederſtürzen in der Straße, welche bisher noch ſo wenig gelitten hatte, und dieſem letzten lagen keine ſechs Sekunden. Als er wieder zu ſich kam, fand er ſich auf den Trümmern eines Hauſes liegen, welches, wie ſich ſpäter fand, an der entgegengeſetzten Seite der Straße geſtan⸗ ——————————— 202 den, an welcher er niedergeſunken war; dabei fühlte er, daß die Erde ruhig geworden und das Erdbeben zu Ende war oder wenigſtens eine Pauſe machte. Vor ihm aber ſtand ein Mädchen oder eine junge Frau mit lichtbraunen Haaren und blauen Augen, welche ihn mit offenbarer Theilnahme anblickte. Nachdem er die Augen aufgeſchlagen hatte, war ſeine Beſinnung raſch wiedergekehrt und er verſuchte ſofort ſich aufzurichten. Statt der in ſolchen Fällen beliebten Redensart: Gott ſei geprieſen! Er öffnet die Augen! Er lebt! ſagte das Mädchen: „Wenn Sie aufſtehen und gehen können, ſo beeilen Sie ſich, ich werde Sie führen. Das Erdbeben hat für jetzt aufgehört, aber es kann jeden Augenblick wie⸗ der beginnen.“ Ebenſo einfach und ohne jegliche Zuthat wie: Reizendes Weſen, holde Fee, edelmüthige muthmaßliche Erretterin! ſagte Kohlweg: „O, ich glaube, es geht!“ Er ſtand bei dieſen Worten faſt ohne Mühe auf und ſetzte dann hinzu: „Jetzt aber wohin?“ „Vor allem aus der Stadt!“ „Ich war, wie ich hoffe, nur betäubt“, ſagte jetzt Kohlweg,„und glaube nun überallhin gehen zu .. ———— e———— ————z——————— —————— * ———————————— 203 können, aber irre ich nicht, ſo wurde ich dort auf der andern Seite niedergeworfen. Wie komme ich hierher?“ Das Mädchen erröthete leicht, indem es erwiderte: „Ich zog oder vielmehr ich zerrte Sie nicht ſehr ſanft hier herüber. Sie wären ſonſt unter den Trüm⸗ mern unſeres Hauſes begraben worden. Aber jetzt fort!“ Die beiden jungen Leute führten dieſes flüchtige Geſpräch in deutſcher Sprache, als könne dies gar nicht anders ſein, und ſpäter erſt ſagte das Mädchen zu Kohlweg: „Ich ſah auf den erſten Blick, daß Sie ein Deut⸗ ſcher waren. Im Auslande erkennt man ſeine Lands⸗ leute leicht.“ Dort aber, unter den Trümmern, und auf ihre Auf⸗ forderung, ſich zu beeilen, theilte er ihr mit kurzen Worten ſeine Abſicht mit, zuerſt ſein Pferd zu holen. Sie ſann einige Augenblicke nach und ſagte dann: „Sie haben Recht, und wenn ich für einige Stun⸗ den um Ihren Schutz bitten darf, ſo will ich ſehen, ob ich zu unſern Pferden gelangen kann.“ Sie kletterten jetzt über die Trümmer des zuſam⸗ mengeſtürzten Hauſes und fanden im Hofe deſſelben und in der Umzäunung, welche man in Chile Stall 204 nennt, mehrere Pferde ſchnaubend und zitternd, aber unverletzt, auf einen Haufen zuſammengedrängt ſtehen. Das Mädchen ſattelte für ſich raſch eins derſelben und ließ dann die Thür der Umzäunung offen ſtehen. „Für jetzt verlaufen ſie ſich nicht“, ſagte ſie,„und finden Sie Ihr Pferd nicht, ſo holen wir eins der unſerigen für Sie. Kehrt aber das Erdbeben wieder, ſo mögen die armen Thiere ſich retten, ſo gut ſie können.“ Sie fanden indeſſen das Pferd Kohlweg's in der Fonda. Die Bewohner der letztern hatten ſämmt⸗ lich ihr Heil in der Flucht geſucht, und der junge Mann und ſeine Retterin folgten ihrem Beiſpiele. Ein leichter Erdſtoß hatte ſich inzwiſchen wieder gezeigt und vermehrte die Eile der Flüchtigen, welche gleich ihnen nach außen zu kommen ſuchten, theils zu Pferde, theils zu Fuß, beladen mit nöthigem und un⸗ nöthigem Gepäck, häufig aber auch ohne beides. Es ſah traurig aus in der Stadt. Hier und da lag ein Todter oder Sterbender auf der Straße, dem aber Hülfe zu leiſten der eigenen Noth halber nicht möglich war. Herrenloſe Pferde und Hunde rannten an ihnen vorüber, und bisweilen drangen Hülferufe aus der Ferne zu ihnen. —— —— 205 Auch die Erſcheinung beobachteten ſie, welche man häufig bei Erdbeben trifft, daß nämlich bisweilen alle Häuſer auf einer Seite der Straße zuſammengeſtürzt waren, während die der entgegengeſetzten Seite ſtehen geblieben. Kaum aber war in einem dieſer Häuſer noch ein Bewohner zu finden, vielleicht mit Ausnahme eines Kranken, dem die Flucht unmöglich war und den die Seinen verlaſſen hatten, da ihn fortzubringen unmög⸗ lich und mit ihm erſchlagen zu werden zwecklos war. Wie es bei ähnlichen Vorſällen faſt immer zu gehen pflegt, ſo rannte einer der Fliehenden dem andern nach, und erſt außerhalb der Stadt ſchien die Haſt und Eile ſich einigermaßen zu mindern, und man ſchien ſich zu fragen, wohin man nun ſich wenden müſſe. Da rief plötzlich eine Stimme:„Nach Renca!“ und ſofort wurde der Ruf von tauſend Stimmen wieder⸗ holt und ſämmtliche Flüchtlinge ſchlugen jetzt einen und denſelben Weg ein. Auf Befragen erfuhr Kohlweg von ſeiner Beglei⸗ terin, daß Renca eine etwa eine halbe Stunde von Santiago entfernte Ortſchaft ſei, und beide beſchloſſen ebenfalls dorthin zu gehen, obgleich in der That kein Grund vorhanden war, daß dort irgendwie eine größere Sicherheit zu finden ſei. 206 Einzelne mehr oder minder heftige Erdſtöße fanden von Zeit zu Zeit ſtets noch ſtatt, und obgleich ſie dem erſten zwei und eine halbe Minute andauernden Er⸗ beben der Erde nicht gleich kamen, ſo beſchleunigte doch Jedermann ſeine Schritte, ſobald ſich eine Bewe⸗ gung des Bodens ſpüren ließ. Im Allgemeinen war jedoch mehr Ruhe unter den Geängſteten eingetreten, und Kohlweg erfuhr jetzt Näheres über und von ſeiner Begleiterin. Lächelnd ſagte ſie ihm, daß ſie Käthchen heiße und ſich eigentlich erſt hier im Lande, von ihrem Bruder wenigſtens, ſo nennen laſſe, während ſie in Deutſchland Kathinka genannt worden ſei. „Es iſt eine Art Heimweh“, ſetzte ſie hinzu,„welches mir hier den deutſchen Namen lieber macht, während er mir zu Hauſe nicht gut genug war.“ Kohlweg fragte nach ihrem Familiennamen, und es ſchien ihm, als zögere ſie einen Augenblick, dann aber ſagte ſie: „Wir heißen Bitterfeld, und mein Bruder und ich ſind vor etwa einem halben Jahre von Deutſch⸗ land ausgewandert. Aber wenn es Ihnen nicht un⸗ lieb iſt, wollen wir beide uns bei unſern Taufnamen nennen.“ Er ſtimmte ihr gern bei, denn einmal ſchien ihm — 207 ſelbſt der Taufname gemüthlicher, auf der andern Seite aber— die Geſchwiſter waren ſo ziemlich gleichzeitig mit ihm aus dem Vaterlande gezogen— war es nicht möglich, daß ihnen ſein Name in Verbindung mit Blut und Mord zu Ohren gekommen war? Da es eine auf Gegenſeitigkeit gegründete Be⸗ ſcheidenheit verbietet, nach dem Grunde der Auswan⸗ derung zu forſchen, denn allerlei Haken und Häkchen fehlen eigentlich ſelten, ſo fragte Kohlweg nach dem Austauſche der Namen angelegentlich nach den nähern Umſtänden ſeiner Rettung. Er erfuhr Folgendes: Ihr Bruder, der nicht unvortheilhafte Handelsge⸗ ſchäfte in Santiago betrieb, war am Tage vorher in Geſchäften nach dem Hafen, das iſt nach Valparaiſo, gereiſt und ſie ſelbſt mit einem einzigen Knechte, denn weibliche Dienerſchaft hatten ſie vorläufig keine, allein im Hauſe zurückgeblieben. Sie begriff ſogleich bei den erſten Erſchütterungen der Erde, um was es ſich handelte, denn geringere Erd⸗ ſtöße hatte ſie bereits einige erlebt. Da man aber auch bei leichten Erſchütterungen ſo raſch wie möglich ins Freie eilt, weil man nicht wiſſen kann, was nachfolgt, ſo ſteckte ſie eiligſt an Baarſchaft zu ſich, was ihr eben zur Hand war, und lief dann aus dem Hauſe. 208 In demſelben Augenblicke nun, in welchem ſie den Fuß auf die Straße ſetzte, fand die vorhin erwähnte Verſchiebung der der Straße zugekehrten Mauer ihres Hauſes ſtatt, welches jeden Augenblick einzu⸗ ſtürzen drohte, und ſie wollte eben entſetzt auf die an⸗ dere Seite der Straße fliehen, als ſie Kohlweg erblickte, der durch die Heſtigkeit des Erdſtoßes zu Boden ge⸗ worfen wurde, wieder aufſprang, faſt gleichzeitig aber von einem fallenden Dachſparren getroffen niederſtürzte und bewußtlos liegen blieb. Sie eilte nun nicht auf die andere Seite der Straße, welche ſie verhältnißmäßig für ſicher hielt, ſondern auf den Liegenden zu, den ſie ſofort unter den Armen faßte und mit Anſtrengung aller ihrer Kräfte vor allem aus dem gefahrvollen Bereiche der wankenden Mauer zu ziehen ſuchte. Es gelang ihr, aber ſie rettete gleichzeitig ihr eigenes Leben durch ihre edle Handlung, denn das Haus, an deſſen Seite ſie vorher Schutz ſuchen wollte, ſtürzte plötzlich und eher als ihr eigenes zuſammen, ſodaß ſie dort unfehlbar erſchlagen und unter deſſen Trüm⸗ mern begraben worden wäre. Sie zog jetzt ihren Schützling auf dieſe Trümmer, welche nun zuverläſſig die ſicherſte Stelle waren, und kaum dort angekommen, brach auch ihr Haus zuſam⸗ 209 jedenfalls verloren geweſen. Reichlich holte dieſer den vorher verſäumten Dank nach, aber ſie ſagte lächelnd: „Wenn ich es genau überlege, ſo dachte ich in jenem Augenblicke eigentlich gar nicht daran, Sie zu retten, ſondern, ſo toll es auch klingen mag, ich ſprang inſtinkt⸗ artig hinzu, um Sie aus der Nähe jener unheilvollen Mauer zu bringen.“ „Der Inſtinkt der Barmherzigkeit“, rief der junge Mann,„und der des Edelmuths und aufopfernder Heldenmüthigkeit.“ „Gemach“, verſetzte Käthchen.„Hätte ich mich nicht auf unſerer Seite mit Ihnen beſchäftigt, ſo wäre ich auf der andern, ſo gut wie Sie ſelbſt, erſchlagen wor⸗ den. Aber hier iſt Renca und ſoviel ich ſehen kann, ſieht es hier kaum beſſer aus als bei uns in der Stadt.“ Es war in der That ſo. Der größte Theil der Häuſer in Renca war ſo gut wie in Santiago ein⸗ zuſammen mit jenen des Dorfes die Nacht im Freien zu, da fortwährend ſtärkere und ſchwächere Erderſchüt⸗ terungen ſich ſpüren ließen und eine Rückkehr lebens⸗ gefährlich geweſen wäre. v. Bibra, El paso de las animas. I. 14 men, und Kohlweg wäre ohne ihre rettende Hand geſtürzt, und die Bewohner der Stadt brachten nun 210 Wir ſelbſt, der Erzähler des Gegenwärtigen, haben im Jahre 1850 in Chile Leute getroffen, welche jene Nacht erlebten und eine ausführliche Schilderung der⸗ ſelben entwarfen, von welcher wir aber nur eine kurze Skizze wiedergeben können⸗ Man ſtelle ſich Tauſende von Menſchen vor, ohne Feuer, ohne Nahrung, faſt alle ohne eine weitere Be⸗ deckung als die Kleider, die ſie auf dem Leibe trugen, und dabei alle von Angſt und Schrecken erfüllt, auf der Erde liegend, kauernd oder ſtehend und zu Zeiten von den heftigern Erſchütterungen wieder zu Boden geworfen. Alle Stände der Bevölkerung waren natürlich dort vertreten und die Damen der reichern Klaſſen meiſt im höchſten Putze, da man eben um die Zeit, um welche das Erdbeben begann, ſich dort Beſuche zu machen pflegt. Aber dieſe ſchönen Kleider waren häufig bereits be⸗ ſchmuzt und zerriſſen und kaum mehr zu unterſcheiden von dem einfachen Gewande der neben der reichen ebenfalls auf der Erde liegenden armen Frau. Hier und da hatte ſich eine Gruppe um einen Ster⸗ benden verſammelt, den treue Hände aus der Stadt gerettet hatten und den der Tod, der viel umkommen, aber nichts verloren gehen läßt, jetzt abzuholen kam, trotz der reichen Ernte, welche ihm muthmaßlich dem⸗ nächſt in Ausſicht ſtand. 211 Zwiſchen den Klagerufen, welche bei jedem neuen, halbwegs heftigen Stoße gehört wurden, erſchollen die Stimmen ängſtlich ſich Suchender, welche vielleicht ge⸗ flohen waren, ohne an ihre Angehörigen zu denken, oder Solcher, welche bei dem wirren Gedränge ſich erſt außerhalb der Stadt verloren hatten. Väter riefen laut die Namen ihrer erwachſenen Söhne, Mütter ſuchten wehklagend nach ihren Kleinen, und Kinder, welche von ihren Aeltern getrennt worden waren, riefen weinend nach der Mutter. Mitten unter dieſen jammernden Menſchen ſtanden ihre treuſten Begleiter, die Pferde, in Gruppen zuſammen⸗ gedrängt und zitternd, und die Hunde, heulend und Hülfe und Schutz ſuchend bei Hülfe⸗ und Schutzloſen. Noch grauenhaftere Töne indeſſen als dieſes Jam⸗ mergeſchrei von Menſchen und Thieren hörte man in jener Schreckensnacht. Der unterirdiſche Donner, den, wie man ſich viel⸗ leicht erinnert, Inez mit der Stimme des Satans ver⸗ glichen hatte, brüllte in den Tiefen der Erde, den ſtär⸗ kern Erſchütterungen vorhergehend, ſie begleitend oder ihnen folgend, noch grauſiger aber klang der Ton der Glocken aus der Stadt. Wer läutete dieſe Glocken in der von Menſchen verlaſſenen Stadt? 212 Waren die alten, längſt geſtorbenen Küſter aus ihren Gräbern geſchüttelt worden von der zürnenden Mutter Erde und zogen Geſpenſter an den Glocken⸗ ſträngen? Wer Gemüth hat, ſei er nun gläubig oder nicht, wird nicht leugnen, daß der Klang der Glocken etwas Erhebendes hat, rufe er zum Dienſte des Herrn, oder klinge er zum Freuden⸗ oder zum Trauerfeſte. Nichts von alledem aber ſangen die Glocken in der menſchenleeren Stadt. Bisweilen klangen einzelne Töne herüber zu den angſtvoll Horchenden, klagende, wimmernde Klänge, faſt wie bei Feuersnoth und Sturm. Dann folgten ſich andere, unregelmäßig, heftig und dann plötzlich verſtummend. Und da man wohl ſchon dort im Lande den Donner grollen gehört hatte in den Tiefen der Erde, nie aber ſolch geſpenſtiges, unheimliches Glockenläuten, ſo horch⸗ ten anfänglich aller Ohren den grauſigen Tönen. Endlich aber ergründete man die Urſache. Es waren die noch nicht zuſammengeſtürzten Thürme, welche, ſchwankend unter dem Schütteln der Erde, ihre eigenen Glocken läuteten. Konnte man es den Menſchen verargen, die in dieſer Nacht nie Geſehenes und Gehörtes erfuhren, 213 daß ſie ein Erdbeben, wie auch die älteſten Leute ſich eines ähnlichen nicht erinnerten, als den Beginn des Untergangs der Welt zu betrachten anfingen, daß Furcht und Schrecken, Angſt und Entſetzen ſich ſteigerten von Minute zu Minute? Käthchen und Kohlweg ſetzten ſich neben einander auf die Erde und hatten nicht nöthig, als endlich, trotz aller Schrecken, ein kurzer und unruhiger Schlaf ſie übermannte, einander zu bewachen. Tauſende von Un⸗ glücksgefährten thaten das ohnedem, denn die über⸗ wiegende Anzahl der Flüchtlinge ſchloß kein Auge in dieſer unheilvollen Nacht. Mit dem Anbruche des Tages ſchien ſich die Hef⸗ tigkeit der Erdſtöße in etwas legen zu wollen, und als endlich längere Pauſen eintraten, in welchen die Erde vollſtändig ruhig blieb, begann man ſich ſanguiniſchen Hoffnungen hinzugeben und Viele beſchloſſen ſofort nach der Stadt zurückzukehren. „Was beginnen wir?“ ſagte Kohlweg. „Was mich betrifft“, verſetzte Käthchen,„ſo gedenke ich vor allem ebenfalls in die Stadt zurückzukehren. Es iſt meine Pflicht, nach dem Eigenthume meines Bruders zu ſehen und womöglich Sorge zu tragen für daſſelbe, denn ich fürchte, daß unſer Knecht erſchlagen unter den Trümmern des Hauſes liegt.“ —— 214 „Und meine FPflicht iſt es, Sie zu begleiten, wohin Sie auch gehen mögen, bis Sie irgendwo in Sicher⸗ heit ſind“, ſagte Kohlweg. Sie brachen ſogleich auf und waren unter den erſten, welche die Stadt erreichten, die ein Bild grau⸗ ſiger Zerſtörung darbot. Selbſtverſtändlich waren während der Nacht noch mehrere Gebäude zuſammengeſtürzt, und obgleich manche Stadttheile weniger gelitten hatten als andere, ſo war doch faſt kein einziges Haus vollkommen unbeſchädigt geblieben. Auch die Zügelloſigkeit und Entſittlichung, welche während jener Unglückstage einen ſo hohen Grad er⸗ reichte, ſchien bereits zu beginnen. Es kamen den beiden Zurückkehrenden Menſchen mit allerlei Gegenſtänden beladen entgegen, welche kaum ihr rechtmäßiges Eigenthum waren, und ohne Zweifel hatten ſie, auf die Gefahr hin umzukommen, die Nacht dazu benutzt, in den verlaſſenen Häuſern zu plündern und zu rauben. „Da ohnedem demnächſt die Menſchen von der Erde und die Erde vom Meere verſchlungen wird“, ſagten dieſe Räuber,„ſo wollen wir uns wenigſtens vorher noch einige vergnügte Tage machen.“ Andere dagegen thaten Buße und ſuchten die fruher 2¹15 etwas defect gewordene Gottſeligkeit nach Kräften wieder aufzubeſſern. Indeſſen fehlten auch Beiſpiele des Muthes und der heldenmüthigſten Aufopferung nicht, und noch heute erzählt man ſich dergleichen Fälle, ſind gleich die Namen der Wackern verſchollen. Der liebe Gott hat eben, wie man zu ſagen pflegt, mancherlei Koſtgänger und des Menſchen innerer Sinn, ſein Werth oder Unwerth, tritt bei ähnlichen Gelegen⸗ heiten am klarſten an das Licht. Als Kohlweg und Käthchen an das Haus der letz⸗ tern gekommen waren, fanden ſie einen einzigen großen Schutthaufen, und auch die Nachbarhäuſer waren faſt vollſtändig zuſammengeſtürzt. Sie ſtand einige Augenblicke ſinnend, dann ſagte ſie: „Die Habe meines Bruders, welche nicht zerſtört wurde, iſt wohl am beſten geſichert unter dieſen Trüm⸗ mern. Das Haus gehört zwar nicht uns, aber an Nachgraben und Aufbauen denkt jetzt wohl Niemand, denn Beute iſt mit leichterer Mühe an andern Orten zu finden, und mit dem Wiederaufbauen hat es, wie ich fürchte, vorläufig gute Wege.“ „Und was gedenken Sie nun zu thun?“ „Ich will meinen Bruder aufſuchen, welcher nach Valparaiſo ging.“ 216 „Und mir“, verſetzte Kohlweg,„geſtatten Sie, Sie zu begleiten?“ Sie nickte bejahend und lächelnd, und auch Kohlweg lächelte, als er daran dachte, daß er jetzt ebenſo wie muthmaßlich ſein Freund Scherflein eine wunderliche Fahrt mit einem Mädchen durch das Land antreten würde, während beide noch fünf Minuten vor ihrem Abenteuer am paso de las animas feſt entſchloſſen waren, ſich nicht zu trennen und jenſeits der Berge ihr Glück zu ſuchen. Es iſt aber eine alte Geſchichte, daß die Männer nicht ſelten der Frauen halber auseinander kommen. Ende des erſten Bandes. Druck von Bär& Hermann in Leipzig. * — 4. 2 — — *