Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur —. von 3 bdnard Oktmann in Gießen, logaſſe Lit. A. Nr. 256. deih und eſebedingungen. 1. Oensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfe d Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens nds 8 Uhr offen. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von ſ F ijedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ 5 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und 2 Bücher: 4 Büchen: 6 Bücher: f 1 Monat; 1 Mr.— Pf. 1 M 55 Pf. 2 M.— Pf. her auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſekbſt zu ſorgen. chadenersatz. 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Junges Laub auf den Bäu⸗ men, Knoſpen in allen Frühlingsblumen und dazu Froſt und Reif: war der Winter darum ſo ſtreng geweſen und hatte bis in den April hinein gar nicht weichen wollen, um dann mit heimtückiſchem Rückfall die Blüthen und mit ihnen die Früchte zu tödten, damit den Menſchen in der traurigen Zeit auch die Freude an der Natur verkümmert werde? Viele mochten ſo denken, denn das Hadern mit Allem, was ſich zuträgt, iſt ein⸗ mal an der Tagesordnung, aber auch Gemüther, welche ſich ſonſt nicht auflehnen, trauerten diesmal um ihre Lenzfreuden, an denen ſie für manches herbe Leid, das ihnen der Winter gebracht hatte, ſich wieder zu erquicken gemeint. Im Garten einer ſchönen Villa, die außerhalb der Stadt lag, ging ein junges Mädchen bei früher Morgenſtunde allein 1 ℳ Salvator. durch die geſchmackvoll angelegten Blumenpartien. Sie blickte nach den grünen Blättern, die kaum ihre braune Knoſpen⸗ hülle geſprengt hatten, und nun ſteif und gläſern ſtarrten, um bald, wenn die Sonne ſie erſt traf, zu welken, ſie bückte ſich nach den Sträuchern, welche ſo reich zu blühen verſprochen, nach den Aurikelbeeten, wo die gepuderten Knoſpenbüſchel ſchon die Köpfe neigten. Hoffnungen, wie andere! Der Lauf der Jahre tödtet an Hoffnungen ſo viel— willſt Du um ein ein Paar kleine Blüthen klagen, einſames Kind? Sie richtete ſich auf, ein Lächeln trat auf ihr ernſtes Geſicht, es war ein ſtolzes, ſieghaftes Lächeln. An der Umfaſſungsmauer des Gartens lag ein Belvedere, zwei Stockwerke hoch gemauert, ein zierlicher Bau von orientali⸗ ſchem Geſchmack. Dort bot ſich eine freundliche Ausſicht über die nächſten Umgebungen und auf das blaue Gebirge, von welchem ſich in der Richtung der weißen Chauſſee zwiſchen zwei Weinhügeln ein Abſchnitt im Duft der Ferne zeigte. Das Mädchen erſtieg das obere Zimmer, öffnete die Jalouſien und blickte weit hinaus, nicht in ſüdlicher Richtung, wo die romantiſchen Berge ſich er⸗ hoben, ſondern gen Norden, als ſei ihr Auge von dort mag—⸗ netiſch angezogen. Und hier ſetzte ſie ſich auf den Seſſel, der am Fenſter ſtand, zog den Brief hervor, um den ſie die Ruhe der Nacht verloren hatte, und fing an, ihn von Neuem zu leſen. Er war von ihrem Bruder. Oft ſchrieb er nicht in die Ferne, wo ſeine Mutter und Schweſter, nachdem die Heimath ihnen verleidet worden, ſich niedergelaſſen hatten, aber wenn ein Brief von ihm kam, war er ſtets inhaltſchwer. So mel⸗ dete er heut wieder viel, was vom höchſten Intereſſe für die Salvator. 5 Seinigen war— nur von dem Vater kein Wort. Und wenn auch die Frau, welche ſich von ihm hatte trennen müſſen, nicht über ſich gewinnen konnte, jemals ihren Sohn darüber zu fra⸗ gen, wenn die Tochter, ſtreng und ſtolz, wie ſie war, noch minder dazu geneigt ſchien: unnatürlich blieb es immer, daß der Sohn ſo ganz, und wohl gefliſſentlich, ſchwieg. Indeſſen, er hatte es bisher gethan und die Entfernten mußten ſich an die übrigen Nachrichten halten, welche ihnen mitgetheilt wurden. Rudolf war nämlich durch eine dienſtliche Veranlaſſung im Laufe des vergangenen Monats in die Gegend geführt worden, welche jetzt auch in weitern Kreiſen ſo viel von ſich ſprechen machte. Dort hatte ſich Alles bis zur Unkenntlichkeit ſeit einem halben Jahre verändert. Reſſen war verkauft, Sielitz war in andere Hände übergegangen: beide Güter gehörten jetzt einem Beſitzer; wie es bereits Baron Arnefeld für ſich beabſichtigt, aber bei der neuen Wendung ſeiner Verhältniſſe nicht ausge⸗ 2 führt hatte. Wer der neue Beſitzer war, ſchrieb Rudolf nicht, er erwähnte nur, daß es irgend ein obſcurer Menſch ſei, der ſich noch nicht einmal auf den Gütern habe blicken laſſen, doch ließ er ſie, wie es hieß, gut bewirthſchaften. Aus dem freien Verkaufe von Sielitz, welcher für die Familie Rheinberg noch ziemlich vortheilhaft geweſen wäre, hatte nichts werden kön⸗ nen, ſondern das Gut war ſubhaſtirt und ſo erbärmlich bezahlt worden, daß mehrere der letzten Hypotheken ausgefallen und Rheinbergs in die unglücklichſte Lage verſetzt waren. Wo ſie jetzt lebten, wußte Niemand in der Gegend, ſie waren fortge⸗ zogen, wahrſcheinlich in eine kleine Stadt, wo ſie unbekannt waren. Der alte Pfarrer, welchen Rudolf beſuchte, hatte ihm geſagt, daß der Kammerherr ſehrzeidend abgereiſt ſei und die 6 Salvator. Mädchen wohl in den Fall kommen würden, von ihrer Hände Arbeit zu leben. Laura bedachte ſich bei dieſer Stelle. Ihr Verſtand konnte darin das Unglück nicht ſehen, welches ihre Mutter, in laute Klagen um die armen, feinen Kinder ausbrechend, bejammert hatte. Sie ſelbſt würde keinen Augenblick Anſtand genommen haben, wenn ihre Lage es erfordert hätte, zu arbeiten— ihr ſchien es ſogar ein Vorurtheil, dieſe Thätigkeit, welche ſie eine ehrenvolle nannte, durch die gewohnte Hülfe einer Mittelsper⸗ ſon zu verſchleiern. Ueber die ſogenannte Meinung der Welt glaubte ſie durch eigne Kraft erhaben zu ſein. Dann las ſie weiter. Es folgten die Berichte, welche auf ihre Mutter den tieſſten Eindruck gemacht hatten, wiewohl ſie darüber ſtumm geblieben war: die Berichte von dem Leben und Treiben des Mannes, in deſſen Hände die überſpannte Seele eines altersſchwachen Greiſes eine Macht gelegt hatte, vor welcher ſich alle andern beugen im Reiche des Materialis⸗ mus. Laura hatte den Brief, als er ankam, vorgeleſen, und dieſe Stellen, ohne den Ton zu ändern, ohne außzublicken. aber ſie hatte es bis in ihr Herz gefühlt, welchen Eindruck ſie auf ihre Mutter machten, und ihr Herz war noch jetzt empört darüber. Wie? Sie hatte ſich losgeriſſen aus dem gefährli⸗ chen Netze, in welches ſie ſchon eingeſponnen war, ſie hatte, nachdem die Trennung von ihrem Gatten erfolgt war, auch mit Allem, was ſie dort noch feſſeln konnte, gebrochen, und dennoͤch—* Es war bei all' Dem ein Bericht, welcher zu den ſeltſam⸗ ſten Ideen anregte. Schrader, der im Beſitze eines ſo unge⸗ heuren Vermögens war, denn er konnte frei darüber, auch für Salvator. 7 ſich ſelbſt, disponiren, lebte noch immer dürftig und beſcheiden in dem Hauſe ſeines Bruders, von irgend einer auffallenden Maßregel im Sinne des Teſtators war noch nichts bemerkt worden, Schrader verſah ſein Amt mit großem Eifer, wie die Nachbarn verſicherten— das Einzige: er hatte geheirathet. „Und wen?“ ſchrieb der Bruder.„Ihr rathet es nicht? Was! Hab' ich müſſen den Ritter ſpielen gegen gewiſſe feu⸗ dale Reminiſcenzen, hab' ich ſündigen müſſen gegen das vierte Gebot, hat Dein armer Orlando Furioſo ſeine eigene Schwe⸗ ſter angeſchoſſen wie ein Reh, blos um ſie dem langhaarigen Erbkünſtler in die Küche zu liefern? Wie Beide ſich geſucht und gefunden, weiß ich nicht— ich habe ſie nicht entführt— für andere Perſonalien kann ich nicht ſtehen; ob der angehende Paſtor ſie als Büßende aufgenommen oder was ſonſt ſie zu⸗ ſammen gebracht, ich habe es nicht erfahren können, genug, ſie iſt glänzend rehabilitirt, einer Iphigenia gleich, die auch mit Mord von ihren nächſten Verwandten bedroht war, iſt ſie eine Zeitlang menſchlichen Augen entrückt geweſen, um deſto glorreicher wieder zu erſcheinen. Vive la merveille! Sie iſt Frau Schrader und— wunderſchön!“ In dieſem frivol witzelnden Tone, welchen Rudolf früher einmal für Regimentsſtyl erklärt hatte, war der ganze Brief, wie all' ſeine Vorgänger, gehalten: Laura hatte es nicht ver⸗ mocht, ihn davon abzubringen. Als Nachſchrift folgte noch eine kurze Notiz, welche der Mutter einen lauten Schreckensruf ent⸗ riſſen hatte. Die alte Schramm ſitzt im Tollhauſe!“ Bis zu dieſer traurigen und ohne weitere Erklärung gege⸗ benen Nachricht hatte Laura geleſen und blickte nun wieder in der nördlichen Richtung hinaus, nicht daß ſie Jemand von dort 8 Salvator. erwartete, es war aber die Richtung nach ihrer Heimath. Die Mutter hatte vor einigen Tagen die Idee hingeworfen, nach Berlin zu gehen, wenn ſie gewiß ſein könnte, Ihm dort nicht zu begegnen. Dieſe Gewißheit konnte ihr freilich nur werden, wenn ſie eine directe Frage dahin richtete, ob Arne⸗ feld in Berlin geblieben ſei. Wohl hatte ſie Bekannte, aber es widerſtrebte ihr, gegen dieſe ein Verhältniß zu erwähnen, wel⸗ ches für ſie ſelbſt tödtlich verletzend geworden war. Sie wußte nicht einmal, ob er die Frau, um welche er ſeiner rechtmäßi⸗ gen Gattin zweimal untreu geworden, nun auch geheirathet hatte, doch zweifelte ſie nicht daran, und es war ihr noch eine Art von Beruhigung. Wenn ſie nicht in die Scheidung ge⸗ willigt, wenn ſie alle Vortheile benutzt hätte, welche das Ge⸗ ſetz ihr bot, ſie würde wahrſcheinlich niemals von ihm getrennt worden ſein, aber einen Widerſtrebenden gewaltſam an ſich feſ⸗ ſeln? Den Mann, welcher trotz der aufrichtigen Reue, die er einſt über die Verirrung eines phantaſtiſchen Spiels mit der gefährlichen Leidenſchaft bezeigt, jetzt in ältern Jahren bei dem bloßen Wiederauftauchen des verführeriſchen Weibes ſeiner Gattin auf eine ſo entſetzlich rapide Art abtrünnig werden konnte, ihn ſollte ſie in einem ihm verhaßten Ehebande hal⸗ ten, mit ihm noch ferner leben? Niemals! Sie hatte einge⸗ willigt im vollen Eifer ihres beleidigten Gefühls, ſobald ſie durch ihren Sohn, welcher am Morgen der verhängnißvollen Teſtamentseröffnung mit ſeinem Vater eine Rückſprache genom⸗ men hatte, furchtbar für beide Theile, ſie hatte eingewilligt, ſobald ſie auch durch ihren Freund— den Vertrauten ihrer Seele!— wußte, welches der Grund war, der ihren Gatten eigentlich zu dem ſie vernichtenden Schreiben bewogen hatte; Salvator. 9 überraſchend leicht hatte ſich die Bahn zu der Trennung geeb⸗ net. Und dann war ſie, nach einem kurzen Kampfe, von dem ſie Niemand Rechenſchaft gegeben, nicht einmal ſich ſelbſt, aus der Gegend abgereiſt, um ſie nie wieder zu ſehen. Was konnte ſie jetzt bewegen, ſchon jetzt, wieder an die Heimkehr zu denken? Höher war die Sonne geſtiegen, ihr Strahl löſte den Starrkrampf, in welchen der Froſt der Nacht die Blätter und Knoſpen geworfen hatte, aber nun fielen ſie welk zuſammen, und Laura, die an dem offenen Fenſter ſtand, pflückte gedan⸗ kenvoll einen kleinen Zweig, welcher ſie geſtern noch durch ſeine Friſche erfreut hatte. Ihr war ſo froſtig im Herzen, wie der Zweig ihre Hand kältete, aber ſie blickte ſo klar in ihre Welt, wie die Sonne draußen, ſie wußte, daß ſie Allem ge⸗ wachſen war, wovon ſie im Leben noch getroffen werden konnte, ſie hatte keine Ideale mehr, aber auch keinen Wunſch. Und ſie fühlte ſich, ſeit ſie überwunden hatte, feſter, als zuvor, noch bot ihr das Gebiet des Geiſtigen viel Edles, womit ſie wür⸗ dig ihre Gegenwart und Zukunft ſchmücken konnte, wenn es auch nicht eben Roſen waren. Die Frauen der Gegenwart ſpielen überhaupt nicht mehr ausſchließlich mit Roſen, und wieder die Roſe, das friſche duftende Kind der Natur, gedeiht ſchlecht in hoher Temperatur, darum pflegen ſie auch lieber jetzt Farrnkraut, im Zimmer und im Herzen. Während Laura noch am Fenſter ſtand, von Außen faſt in ganzer Figur, wie ein ſchönes eingerahmtes Bild zu erkennen, fuhr ein leichter Wagen, mit zwei ſchwarzen Ponies beſpannt, die Allee daher, welche an der Gartenmauer vorüber führte. Ein bildſchöner Knabe ſaß darin und lenkte die Zügel, hinter ihm ein alter Lakai. Der Knabe blickte empor, nahm die 10 Salvator. baskiſche Troddelmütze von den ſchwarzen Locken und grüßte Laura, der Lakai that desgleichen, indem er ſeinen ſchneeweißen Kopf entblößte. Laura dankte etwas befremdet, ſie kannte den Knaben nicht, und im Norden grüßt man nicht einmal Men⸗ ſchen, die man kennt, wenn ſie nicht vorgeſtellt ſind: von dem freundlichen Entgegenkommen im Süden hatte ſie noch keinen Begriff. Mit einem Lächeln, welches das angenehme Geſicht des Kleinen noch herziger machte, blickte er zum zweiten Male em⸗ por, und griff dann nach der Peitſche, welche neben ihm ſtand. Auf dieſe wohlbekannte Bewegung ſprangen die beiden ſchwar⸗ zen Ponies hoch aufſetzend in das Zeug und liefen dann, ihre kurzgeſchornen Mähnenkämme ſträubend, im geſtreckten Galopp davon, daß der Lakai, welcher ſich deſſen nicht verſah, faſt hintenüber fiel. Auf all' die unerquicklichen, verſchraubten und zerriſſenen Gedanken, in welchen ſich Laura's Seele er⸗ müdet hatte, that dies Stückchen aus einer lebensfriſchen Re⸗ gion, das ihr hier vorgeführt wurde, wahrhaft wohl. Sie ſollte noch an demſelben Tage die nähere Bekannt⸗ ſchaft des jungen Roſſelenkers machen. Die Beſitzerin der Villa, welche ſie an Frau von Arnefeld durch Vermittlung zur Miethe überlaſſen hatte, eine alte, kränkliche Dame, die ihres Arztes wegen in der Stadt wohnte, hatte ſich heut anſagen laſſen: von Zeit zu Zeit pflegte ſie auf der Villa einen Beſuch abzuſtatten, welchen Frau von Arnefeld immer gewiſſenhaft er⸗ wiederte. Heut brachte ſie ihren kleinen Neffen mit, welcher vom Lande hereingekommen war, und ihr in Ausdrücken, welche ſie, um ihn nicht in Verlegenheit zu ſetzen, verſchwieg, von der Dame im Fenſter ihres Belvedere erzählt hatte; es Salvator. 11 ſchien aber eine unnöthige Beſorgniß zu ſein, welche ihn ſchonte, denn von Verlegenheit, als er der ſchönen Fremden, die er mit der heiligen Cäcilie verglichen, vorgeſtellt wurde, war auch nicht die kleinſte Spur zu erblicken. Er ſprach ſo frei und ungezwungen mit Laura, als ſei er ſchon Jahre lang mit ihr bekannt, erzählte ihr, das er in Mailand einmal ein kleines Bild geſchenkt bekommen habe, daß ihr ganz ähnlich ſei, darum habe er ſie auch heut früh ſo anſchauen müſſen, und ſeine Ponies rühmte er, die ihr wohl gefallen haben wür⸗ den, lud auch ganz auf ſeinen Kopf Laura nach Moosring ein — wo das ſei und wem es gehöre, blieb ihr überlaſſen, zu erkunden. Hugo war ſein Name; die alte Dame, welche ihn mitge⸗ bracht hatte, war die Schweſter ſeines Vaters, der jetzt in der Nähe eins ſeiner zahlreichen Güter bewohnte. So erzählte ſie. In der böſen Zeit, wo die großen Städte überall die Krater der vulkaniſchen Ausbrüche bildeten, unter denen ſo viel Glück und Heil begraben worden iſt, waren auch die ſtillen Dörfer und die entfernten Landſtriche, in denen ſich ſonſt noch der ſchlichte fromme Sinn, Recht und Unrecht auch ohne ſpitzfindi⸗ ges Deuteln zu unterſcheiden, am meiſten erhalten hatte, nicht ganz von den Erſchütterungen verſchont geblieben— aber die Beſitzungen des Freiherrn Moos, weitverzweigt, wie ſie waren, hatten ſich geſund bewährt. „Geſund ſag' ich,“ äußerte ſeine Schweſter,„denn wo kein Krankheitsſtoff vorhanden iſt, da wirkt die Anſteckung nicht, auch wo ſie in der Luft liegt.“ „Aber gab es denn auf dieſen Gütern keine Armuth, keine Habſucht, waren die Menſchen denn alle ſo vortrefflich, daß— 5 12 Salvator. böſes Beiſpiel und die Leichtigkeit, zu Errungenſchaften zu kommen, ſie nicht verführte?“ fragte Laura, welche ſich lebhaft für die Sache intereſſirte. „Armuth— o ja! Und ſchlechte Menſchen, wo gäbe es deren nicht? Aber eigentliche Nothleidende, die nicht ihr Leben zu friſten wiſſen, wie drinnen“— ſie zeigte nach der Stadt—„und ſolche Verworfenheit, wie ſie ſchauderhaft von den Eltern dort auf die Kinder vererbt und von Geſchlecht zu Geſchlecht ſchlimmer wird, dieſe kennt man bei uns, Gott ſei Dank! noch nicht, und der Himmel gebe Kraft, daß es nie da⸗ hin komme! Die Leute haben im Ganzen wenig Bedürfniſſe und ſind daher nach ihrer Art wohlhabend, rüſtige Arme finden Beſchäftigung in den Wirthſchaften der reichern Bauern und auf den herrſchaftlichen Feldern, und wo im Allgemeinen Got— tesfurcht und Rechtſchaffenheit unter den Menſchen waltet, da kommen die einzelnen Schlechten nicht auf.“ „Sagen Sie das nicht!“ ſagte Frau von Arnefeld ſeuf⸗ zend. Wir haben das anders erlebt. Die Zahl der Uebel⸗ geſinnten war ſehrklein, wie ſich endlich gezeigt hat, dennoch—“ „Ja, dieſe Zahl war klein,“ erwiederte die alte Dame ſanft,„aber noch viel kleiner die Zahl der wahrhaft Gutge⸗ ſinnten, und zum Entſetzen groß die Menge der Schwanken⸗ den. Denn eine wahrhaft gute Geſinnung verlangt auch Thaten und dieſe fehlen eben— ich ſpreche aber nicht von der Politik allein, die Politik beſchäftigt mich nicht, ich habe es nur mit dem allgemein Menſchlichen zu thun.“ „Das allgemein Menſchliche!“ rief Frau von Arnefeld er⸗ griffen.„O wie verſtehen wir uns, meine edle Freundin! Ja, zu dieſem müſſen wir zurückkehren, wenn wir geneſen Salvator. 13 wollen: Alles, was uns aufgelegt oder angelernt worden iſt, um uns davon zu entfernen, müſſen wir abſtreifen, wie der ſchöne Schmetterling ſeine Larvenhülle durchbricht, um frei in Duft und Aether zu leben.“ Laura blickte ihre Mutter an, ſie hatte dieſe Worte ſchon aus einem andern Munde gehört.—„O, das allgemein Menſchliche!“ fuhr die Arnefeld fort.„Hierzu mitzuwirken iſt vor Allem der Frauen ſchöne Beſtimmung, dem Gefühle ſeine Rechte, die verlornen, wiederzuſchaffen, die Feſſeln des Wah⸗ nes, in welche die natürlichſten Regungen des Gefühls durch lange Jahrhunderte geſchlagen worden ſind, dieſe Feſſeln— nicht zu brechen, denn alle Gewalt verletzt und ruft Widerſtand hervor, welcher neue Verzögerungen ſchafft— ſondern ſanft und unmerklich zu löſen, iſt der Frauen Aufgabe. Wenn ſie erfüllt ſein wird, dann: Salve Salvator!“ Mit ihren hellen, klugen Augen hatte die alte Dame zu der ſchwärmeriſch bewegten Frau aufgeſchaut, deren Wangen unter der Schminke ſichtbar glühten, während ſie ein thränenfeuchtes Auge nach Oben hob. Ein leiſes Lächeln, gutmüthig und mitleidig zugleich, dämmerte bei dem Bilde des Schmetterlings um ihre Lippen auf, als aber die Rede weiter floß, verſchwand es und bei den letzten, in einem fremdartigen Tone geſproche— nen Worten zeigte ſich auf dem Antlitz der Zuhörerin ein tiefer Ernſt. Sie erwiederte kein Wort. Auch Laura ſchwieg. Hugo, welcher ſich unterdeſſen im Zimmer mit den ſchönen Kupferſtichen an den Wänden beſchäftigt hatte, gab dem Ge⸗ ſpräche eine leichtere Wendung. Er plauderte eine Weile faſt unvernommen von Laura, welche ſich dann aber gewaltſam „von ihren Gedanken losriß, um ſich dem Knaben ganz zu 14 Salvator. widmen. Von Moosring ſprach er wieder, es mochte ſein Lieblingsaufenthalt ſein, aber nicht der gewöhnliche, denn er erzählte, daß der Vater ihm verſprochen, im Sommer oder Herbſt mit Allen hinzureiſen, und lud dazu nochmals auch Laura ein. Sie ſagte ihm lächelnd, mit dem gewöhnlichen Vorbehalt, zu. „Tante Rothkirch, Du weißt? Zur Weinleſe!“ rief er, zu der alten Dame gewandt, welche ſich eben zum Aufbruch an⸗ ſchickte. „Nimm Abſchied, Hugo. Deine Mutter wird beſorgt um Dich ſein, wenn Du ſo ſpät heimkehrſt,“ verſetzte ſie. „O die Tante will von der Weinleſe nichts wiſſen, weil dann meiner Schweſter Hochzeit iſt!“ lachte Hugo.„Sie haben mir verſprochen, Laura, vergeſſen Sie nicht! Zur Hoch⸗ zeit tanze ich mit Ihnen.— Nun, Tante, was thue ich denn? Meine Ponies laufen in einer halben Stunde nach Hauſe. Wollen Sie einmal mit mir fahren, Laura? Ich hole Sie morgen ab.“ Dieſer beſtimmten Aufforderung mußte die verlangte Zu⸗ ſage ausweichen. Hugo lachte:„Ein ander Mal! Altra volla! wie ſie in Italien zu den Bettlern ſagen— aber mein Papa nicht, der giebt immer.“ Mit einem raſchen Handkuß em⸗ pfahl er ſich bei den beiden Damen, ſprang ſeiner Tante voran, zur Thüre, öffnete ſie und trat zur Seite, um dann, mit einem letzten freundlichen Winken gegen die Zurückbleibenden, zu fol⸗ gen. Als er nach ungefähr einer Stunde mit ſeinen flinken Ponies, den alten Lakaien hinter ſich, an der Gartenmauer vorüberfuhr und Laura nicht, wie er erwartet hatte, im Fenſter des Belvedere erblickte, ſchüttelte er ſeinen Lockenkopf. Salvator. 15 „Sie iſt nicht da, Aloys!“ ſagte er, die ungeduldigen Ponies zu langſamerer Gangart verhaltend. „Nein, Junker Hugo,“ erwiederte der alte Lakai phleg⸗ matiſch, ohne die gekreuzten Arme aus einander zu nehmen. „Aber warum nicht, Aloys?“ fragte Hugo verdrießlich. „Sie wird halt wo anders ſein.“ Auf dieſe allerdings ziemlich begründete Erklärung ſchnalzte Hugo, ſich aller Sorgen entſchlagend, mit der Zunge, und die kleinen ſchwarzen Pferde griffen wieder aus, als wollten ſie ihre halbe Stunde Poſtzeit richtig einhalten. 2. „Du haſt ſo viel Briefe wieder?“ fragte Laura an einem der folgenden Tage, als ſie von einem Gange nach der Stadt heimkehrte und Couverts und beſchriebene Blätter auf dem Tiſche liegen ſah, vor welchem ihre Mutter, tief in die Lectüre verſunken, ſaß. „Nein, liebes Kind!“ antwortete ſie mit einer Stimme, die wie eine nachvibrirende Saite klang.„Es ſind Briefe aus einer frühern Zeit, die ich einmal wieder geleſen und geordnet habe— ſie lagen in einem häßlichen Durcheinander.“ Laura bemerkte zwei abgeſonderte Partien von Schriften auf dem Tiſche, an dem oberſten Briefe der einen erkannte ſie die großen, deutlichen Schriftzüge ihres Vaters: Meine ange⸗ betete Emilie!“ Das Herz erbebte ihr, doch— es waren längſt 16 Salvator. erblichene Züge, wie auch das Gefühl, welches jene Worte die⸗ tirte, längſt erblichen war, wenn es überhaupt jemals wahr⸗ haft geglüht hatte. Die zweite Gruppe, welche die Hand der Mutter geordnet hatte, lag in einer ſymmetriſchen Fächerform und machte bei der Gleichmäßigkeit der zierlich geſchriebenen Zeilen, welche in allen hier halb ausgebreiteten Blättern dieſelbe Größe der Buchſtaben und Zwiſchenräume bot, einen wohlthuenden Ein⸗ druck. Laura kannte die Handſchrift nicht, es mochten etwa ſechs oder ſieben Briefe ſein, genau alle von gleichem Format mit Goldſchnitt. Auf dem oberſten lag, von der Mutter bei Laura's Eintritt zufällig hingeworfen, ein leeres Couvert— nur wenig Worte konnte Laura's ſcharfes Auge leſen, ſie lau⸗ teten in abgebrochenen, durch die Ecke des Couverts theilweis verdeckten Zeilen: Feſſeln des Wahnes, in welche— hunderte geſchlagen worden ſind, dieſe— Verzögerungen ſchafft, ſondern ſanft und unmerklich zu löſen— ſein wird, dann: Salve Salvator!“ Sie erblaßte. Ihre Mutter hatte dieſen Wechſel ihrer Farbe, wie er bei Laura durch tiefere, ihr Herz treffende Re⸗ gungen plötzlich erzeugt wurde, nicht bemerkt, ſie war beſchäf⸗ tigt, die Briefe zuſammen zu raffen und in zwei Hüllen zu wickeln, welche ſie zu dieſem Zwecke zurecht gelegt hatte, Hül⸗ len von Seidenpapier, die eine lichtblau, die andere lichtgrün. Der Brief, welcher Laura durch die einzelnen Worte, die ſie geleſen, aus Gründen, welche wir kennen, ſo erſchreckt hatte, wurde mit ſeinen Gefährten in die lichtgrüne Hülle gelegt, alſo in Hoffnung! Ihres Vaters aus glücklichen Zeiten ſtammende Briefe fanden Lichtblau. Das tändelnde Spiel Salvator. 17 mit dieſen Farben war recht im Geiſte der Frau, welche vor ihrer Tochter ſaß in einer Rolle, die ſich in dem leichtfertigen Zuſchnitt gewöhnlicher Lebensverhältniſſe eher umgekehrt fin⸗ det; ſcheinbare Unbefangenheit, die etwas verbergen will vor einem ſtreng prüfenden Blicke! Möglich war das aber nicht mehr— wenn Laura auch nicht wußte, daß ihre Mutter dieſen Brief erſt ganz vor Kur⸗ zem erhalten und ihr verheimlicht hatte, folglich wohl aus Ur⸗ ſachen, ſo hatte ſie doch durchſchaut, daß eine Verbindung, von welcher die Tochter ihre Mutter losgeriſſen glaubte, geiſtig noch beſtand und Ausſprüche, wie die kürzlich von ihr gehörten, nur die wörtliche Wiederholung von Empfangenem waren, das ſie gleichſam in ihr eigenes Fleiſch und Blut verwandelt hatte. Wie nun die Gedanken auf räthſelhafte Weiſe aufſteigen und überſpringen, ſtand auf einmal Leo Rheinberg vor Laura's Seele. Nicht die plumpe Geſtalt mit dem ſtarken Kopfe und der langen häßlichen Naſe, welche ſie immer hatte anſehen müſſen, ſeine Perſönlichkeit beſchäftigte ſie nicht, ſondern ſie ſah dieſelbe nur als Hauptfigur im Vordergrunde eines Bil⸗ des, das die kleine Kirche von Sielitz mit den Gruppen der Landleute umfaßte, welche ſich des Sonntags dort bildeten. Und die Worte, welche ihr jetzt ungerufen im Gedächtniß er⸗ wachten, Leo's Worte über den jungen Prediger waren es wohl, die jene Weenverbindung erzeugt hatten:„Ich halte ihn für einen gefährlichen Mann, er giebt ſeinen Zuhörern keine geſunde Speiſe.“ So war ſein Urtheil über ihn geweſen, und Laura gab ihm jetzt aus Ueberzeugung Recht! Sie hatten den Winter ſehr einſam verlebt, eine Wie⸗ derwereinigung der Herzen war zwiſchen ihnen deshalb doch Salvator. II. 2 18 Salvator. nicht zu Stande gekommen. Je abgöttiſcher Laura in den Jah⸗ ren kindlichen Vertrauens ihre Mutter als das Ideal aller Schönheit und Vortrefflichkeit verehrt hatte, um ſo erkältender war ihre Enttäuſchung geweſen, nachdem ihr kritiſcher Ver⸗ ſtand zuerſt die äußerlichen Schwächen und Fehler, dann aber auch die innern erkannt hatte. Ihre Liebe war dadurch nicht erloſchen, im Gegentheil hing ſie vielleicht aus vielen zuſam⸗ menwirkenden Urſachen noch ſchmerzlicher an der Mutter, die ſie bemitleiden mußte, aber ſie konnte nicht mehr zärtlich gegen ſie ſein. Aufmerkſam, dienſtfertig war ſie— aber ſie hatte kein inniges Wort mehr für die Mutter. Ob dieſe das ge⸗ fühlt? Wir dürfen darüber nicht zweifelhaft ſein, aber da ſich dies Benehmen nicht auf einmal, wie der neuliche Lenzfroſt, gezeigt, ſondern nach und nach entwickelt hatte, ſo war von Grad zu Grad die Mutter daran gewöhnt worden: Laura hieß ja ſchon ſeit Jahren Fräulein Verſtand, und der Vater hatte ihr das Herz abgeſprochen. Die Mutter war jetzt erſt vollkommen mit ihm einverſtanden, wie beleidigend damals auch ſein Ausdruck, daß ſie ſelbſt, im Gegenſatze zu Laura, zwei Herzen habe, für ſie geklungen.— Der Frühling hatte nun in dies ruhige, kalte Selbander, das nur durch gelegent⸗ lichen Beſuch des Theaters unterbrochen worden war, einige Abwechſelung gebracht, durch Spaziergänge, welche die Mutter im Winter ſcheute, und durch einen wenn auch noch ſo ſpär⸗ lichen Umgang mit einigen Familien, deren Bekanntſchaft ſie gemacht hatten. Frau von Rothkirch, die Beſitzerin der Villa, war von ihrer Kränklichkeit erſt ſeit Kurzem ſo weit hergeſtellt, daß ſie Beſuche annehmen oder erwiedern konnte: für Laura hatte die kleine, leidende Frau, deren Auge bei all' dem ſo Salvator. 19 klar und heiter ſtrahlte, wie ein wolkenleerer Himmel, etwas ungemein Anziehendes. Jetzt gab ihr die Erſcheinung ihres lebhaften Neffen noch ein neues Intereſſe. Laura hatte ſonſt keine Vorliebe für eilfjährige Junker: auf dem Lande hatte ſie dieſelben meiſt blöde und bäuriſch gefunden, entweder an den Wänden ſich entlang zerrend oder tölpelhaft luſtig in die Ge⸗ ſellſchaft plumpend, durch grenzenloſe Ungezogenheit ein Aerger für Alle, nur für die Eltern nicht, in den Städten war ſie über die modern geſchniegelten und friſirten, überklugen und abgeblaßten Bengel, die über Alles ſchon mitſprachen, Alles wußten, nur ihre eigne Unausſtehlichkeit nicht, oft in Har⸗ niſch gerathen. Hier, in Hugo Moos, glaubte ſie eine ganz neue Entdeckung gemacht zu haben. Ihr war ſein Bild, wie das einer kryſtallklaren ſprudelnden Quelle im grauen einför⸗ migen Geſtein, und an dem Nachmittage, wo er mit ſeiner Tante in der Villa geweſen war, hatte ſie daran denken müſ⸗ ſen, wie ſie vor Jahren einmal nach einem recht langen, ab⸗ ſcheulichen Winter im Garten von Reſſen das erſte Veilchen gefunden und ſich faſt kindiſch darüber gefreut hatte. Das Gut, auf welchem Hugo mit ſeinen Eltern wohnte, lag ſo nahe, daß Laura bei den Gärtnersleuten der Villa nach oberflächlichen Fragen vollkommene Auskunft über deren Fa⸗ milienverhältniſſe erhielt—„Das iſt eine Herrſchaft!“ wie⸗ derholten ſie mehrmals im Laufe ihrer Schilderungen. Dieſe waren ſo übertrieben günſtig, daß ſich in Laura ſchon dadurch der alte kritiſche Sinn regte und ſie die Luſt fühlte, die Ge⸗ prieſenen in ihrer Unübertrefflichkeit zu analyſiren. Hugo fuhr zuweilen vorbei, hatte auch das Glück, Laura zweimal zu ſe⸗ hen, und grüßte ſie mit weitgeſchwenktem Strohhut zum Schrecken 2 Salvator. ſeiner Ponies, welche es für eine Demonſtration gegen ihre Flanken anſahen und darüber das letzte Mal ſo herzhaft durch⸗ gingen, daß der alte Lakai ſich einen Eingriff in die Zügel der Regierung erlauben mußte. „Haſt Du geſehen, Aloys?“ fragte der Kleine, noch ganz athemlos. Wie der Teufel, Junker Hugo!“ ſagte der Alte, die Arme ruhig von Neuem verſchränkend. „Was?“ rief der Knabe, indem er ſich ganz böſe nach ihm umſah. Wie der Teufel?“ „Sie laufen, wie der Teufel, Junker Hugo.“ „Ach, ich rede von Laura. Die ſah nicht wie der Teufel aus, Aloys! Warum hatte ſie nur keine Locken?“ Was Aloys darauf erwiedert, war ſo trivial, daß Hugo nicht weiter mit ihm plaudern mochte. Am folgenden Tage aber kam von Frau von Rothkirch ein Billet, welches die Be⸗ wohnerinnen ihrer Villa aufforderte, an einem Ausfluge nach einem nah gelegenen romantiſchen Punkte der Gegend Theil zu nehmen, wohin auch ihr Bruder mit ſeiner Familie kom⸗ men werde; es floß die ſcherzende Bemerkung ein, daß eigent⸗ lich Hugo dieſe Partie arrangirt habe und ſich ihnen empfeh⸗ len laſſe. Die Mutter war zweifelhaft, ob ſie die Aufforderung an⸗ nehmen ſolle— überhaupt war ſie ſeit einiger Zeit vor neuen Bekanntſchaften förmlich ſcheu geworden. Sie ſprach von Ver⸗ bindlichkeiten, die man ſich auferlege, von nothwendig werden⸗ den Beſuchen bei der Familie von Moos, die man vermeiden könne— lange wird unſers Bleibens ja wohl hier nicht mehr ſein!“ ſetzte ſie hinzu Aber Laura wünſchte den Ausflug F — Salvator. 21 und die Mutter fügte ſich. Sie gab bis auf einen gewiſſen Punkt immer nach. Am frühſten Morgen aufgebrochen— Frau von Rothkirch hatte ſie in ihrem Wagen abgeholt— erreichten ſie nach einer mehrſtündigen Fahrt auf einer vielgerühmten Straße durch die herrlichſte Gegend die Burg, welche einſt einem vertriebenen Fürſten zum Aſyl gedient hatte: Ulrich von Würtemberg. Im vorigen Jahre hatte die Bewegung, welche benachbarte Länder bis in ihre Grundfeſten erſchüttert hatte, ſich auch bis hieher fortgepflanzt, und Laura war begierig, manchen Ort, von wel⸗ chem ſie damals in öffentlichen Berichten geleſen, jetzt mit Au⸗ gen zu ſehen, aber nun zeigte ſich keine Spur mehr jener ſchlim⸗ men Zeit, die abenteuerlichen Geſtalten, welche überall wie Heuſchreckenſchwärme eingefallen waren, hatten ſich ſpurlos ver⸗ zogen, man ſah wieder nichts, als die ehrbaren Triangelhüte bei den Bauersleuten, und Jeder ging ſeinem Geſchäft nach. Die Landſchaft aber war ſo reizend, daß ſie bald die Gedanken von jener unerfreulichen Erinnerung abzog. Auf der Burg, deren gut erhaltenes Mauerwerk einen be⸗ trächtlichen Umfang der Höhe einnahm, welche man damit ge⸗ krönt, fand ſich ſchon die erwartete Geſellſchaft und Hugo kam ſeiner Tante und ihren Gäſten entgegen geſprungen. Mein Vater kann erſt zum Mittag hier ſein,“meldete er.„Aber Wol⸗ deck iſt mit.“ Der ſchalkhafte Blick auf die Tante belehrte Laura, daß darunter der Bräutigam ſeiner Schweſter zu ver⸗ ſtehen ſei. Dort kam er auch mit den Damen ſchon aus der epheubewachſenen Pforte. Die Bekanntſchaft machte ſich leicht und ſchnell. Gute, natürliche Menſchen— lautete das Urtheil, welches Laura bei 22 Salvator. ſich ſelbſt über ſie ausſprach— weder beſonders intereſſanz durch eine anziehende Außenſeite, noch geiſtig bedeutend. Dies: bedeutend iſt eine norddeutſche banale Formel. Sceht ſie euch nur an, dieſe„bedeutenden Menſchen“— und urtheilt dann, aber wir bitten: ſelbſtſtändig. Gegen Mittag kam ein Reiter auf einem großen, ſtarken Pferde getrabt, man konnte ihn ſchon von fern in der Allee von Obſtbäumen, welche die am Abhang der Berge dahin lau⸗ fende Kunſtſtraße ziert, erblicken. Es war Hugo's Vater: der Knabe begrüßte ihn durch einen weithin ſchallenden Ruf, wie er im Gebirg üblich iſt. Ein ſtattlicher Mann, Laura fand ſeine Reiterfigur imponirend, als er im Galopp die letzte Strecke zurücklegte— der alte Aloys nahm ihm das Pferd ab. Näher beſehen freilich ging der Nimbus verloren. Die Geſtalt war etwas zu koloſſal, um ſchön zu ſein, das Geſicht ſehr breit, faſt viereckig, von ſtarken Zügen und nur durch beſonders freundliche, große Augen ausgezeichnet. Er reichte den beiden fremden Damen, als die gegenſeitige Vorſtellung geſchah, die Hand. Indeſſen kam doch mit ſeiner Erſcheinung mehr Leben in die Unterhaltung, welche bis dahin nur leicht über die näch⸗ ſten Dinge geflattert war, und als nun auch der Bräutigam, der ſich faſt ausſchließlich ſeiner Verlobten gewidmet hatte, mehr für die Uebrigen auflebte, und während des einfachen Mahles ſowohl, das in dem nahen Wirthshaus eingenommen wurde, als auf den weitern Streifereien durch die Berge nach den ſchönſten Punkten der Fernſicht das Band, welches die Familienglieder vereinigte, ſich mehr und mehr auch für die Fremden erweiterte, fühlte ſich Laura allmälig, ohne ſich deſſen recht bewußt zu ſein, von einem warmen wohlthuenden — ——„„— Salvator. 23 Hauche angeweht, der auf ihre eignen Aeußerungen nicht ohne Einfluß blieb. „Beſuchen Sie uns bald,“ bat der Freiherr, als ſie ſich Abends trennten, um die Heimkehr anzutreten. „Die Hand darauf!“ rief Hugo und bemächtigte ſich Laura's Rechter. Frau von Arnefeld hatte nur die gewöhnliche Floskel von „gütigſt erlauben.“ Unterwegs war ſie ziemlich einſilbig und überließ ihrer Tochter faſt ganz, ſich mit Frau von Rothkirch zu unterhalten. „Gefallen ſie Dir?“ fragte ſie zu Hauſe, indem ſie müde und verſtimmt von Laura in ihr Schlafkabinet begleitet wurde. Dieſe äußerte ſich ſehr zum Lobe.„Aber doch ungebildete Menſchen!“ war das Endurtheil der Mutter. Laura hatte eigentlich nach dem, was ihre Mutter darunter verſtand, heut keine Forſchungen angeſtellt. Eine geraume Zeit ließ es die Arnefeld anſtehen, den Be⸗ ſuch bei der Familie, welcher nach dieſer Veranſtaltung erwar⸗ tet wurde, auszuführen.„Ich fühle mich durchaus nicht hin— gezogen,“ ſagte ſie, als Laura wiederholt daran erinnerte. Aber endlich mußte ſie ſich doch dazu entſchließen. Sie fanden Alles anders, als ſie ſich gedacht hatten. Ein ſchlichtes Landhaus mit bürgerlicher Einrichtung hatten ſie nach dem ganzen Eindruck, welchen dieſe einfachen Menſchen auf ſie gemacht, erwartet— und ein Prachtgebäude im flo⸗ rentiniſchen Style, ausgeſchmückt mit Kunſtwerken, aber bei allem Reichthum doch mit dem guten Geſchmack, der jede Ueber⸗ ladung vermeidet, that ſich ihnen auf. Der Empfang war herzlich. Sie fanden den Freiherrn im Hofe, wo er, eine Salvator. leichte Mütze auf dem Kopfe, die Hände in den Rocktaſchen, mit einer zahlreichen Gruppe von Landleuten verkehrte, offenbar irgend einen Streit ſchlichtend, denn Rede und heftige Gegen⸗ rede von Mehrern ließ ſich vernehmen. Als die Gäſte ſichtbar wurden, hieß der Freiherr die Leute einen Augenblick warten, empfing Frau von Arnefeld mit einem freundlichen Willkom⸗ men, führte ſie zu ſeiner Frau und Tochter in das Haus und kehrte dann zurück, ſein Geſchäft der Vermittlung zu Ende zu bringen. Frau von Moos— ſtrickte, wir zagen, ihr dafür einen unwilligen Blick unſerer vornehmen Leſerinnen zuzuzie⸗ hen, aber da ſie ſelbſt ihre Beſchäftigung nicht desavouirte, ſondern ruhig das Strickzeug auf ihrem Arbeitstiſch liegen ließ, ſo können wir ſie auch nicht bemänteln. Die Tochter hatte da⸗ für eine recht feine Stickerei in Händen. Beide begrüßten Frau von Arnefeld und Laura mit ungekünſtelter Freude, da ſie nach dem langen Ausbleiben ſchon faſt auf ihren Beſuch verzichtet hatten. Hugo war nicht zu Hauſe, ſondern mit ſei⸗ nem Lehrer in der Stadt, doch ſollte er bald heimkehren. Nur kurze Zeit hatten Arnefelds bleiben wollen, aber ſchon der erſte Blick der Mutter auf Laura, der zum Aufbruch mahnte, fand von Seiten des Wirths, welcher, ſobald er ſein Geſchäft beendigt hatte, zu den Frauen gekommen war, den wohlmei— nendſten Einſpruch, und da es ſie ſelbſt intereſſirte, ſich auch in den Umgebungen des Hauſes, die nun in der ſchönſten Frühlingsblüthe ſtanden, umzuſehen, ſo ließen ſie ſich gefallen, bis zum ſpäten Abend hier zu bleiben. Hugo kehrte kurz vor dem Eſſen zurück und war entzückt, die Längſterwartete zu ſehen, denn allerdings galt ſeine Freude nur Laura, für welche er ſeine offene Anhänglichkeit ungeziert zeigte, ſie hatte auch Salv'ator. 25 nicht Urſache, ſich zu verbergen, denn ſie trug noch den rein kindlichen Charakter, weit entfernt von jenem widerwärtigen frühreifen Verliebtſein von Knaben aus der Treibhausregion. Kein Thee, meine Damen! Ein ſolides Abendeſſen wurde aufgetragen, und eh' man ſich ſetzte, ſprach der Hauslehrer ein kurzes Gebet. Frau von Arnefeld, welche ſchon den Stuhl ge⸗ rückt hatte, um Platz zu nehmen, gerieth in förmliche Verlegen⸗ heit dabei und auch Laura fühlte ſich fremdartig, faſt unange⸗ nehm berührt. O ja, wem es, wie ihr, nichts gilt, den muß es unangenehm berühren— ſie ſchämte ſich faſt in die Seele der Andern hinein und war erröthet. Es bemerkte das aber Niemand von der Familie, denn Alle hatten ſtill ihre Au⸗ gen geſenkt, während der Hauslehrer die wenigen und einfachen Worte ſprach. Wenn er nicht anweſend war, ſprach ſie der Frei⸗ herr ſelbſt. Und als man ſich dann geſetzt hatte und das Geſpräch wieder in der freundlichen und ruhigen Weiſe begann, wie es vorher geführt worden war, ſagte ſich Laura doch, daß kein verletzender Uebergang fühlbar ſei— anders freilich, wenn ſie ſich Kreiſe dachte, in denen ſie früher heimiſch geweſen, dort erſt ein Tiſchgebet und dann die gewohnte, von ganz anderm Geiſt beſeelte Unterhaltung!! Aloys trat gegen Ende der Mahlzeit ein:„Gnädiger Herr, ein alter Bekannter läßt ſich anmelden.“ „Das wird Er doch ſein!“ rief der Freiherr mit einem freudigen Geſicht, indem er aufſtand und, ſich gegen ſeine Gäſte entſchuldigend, das Tafelzimmer verließ. „Herr von Woldeck?“ fragte Laura lächelnd die Tochter vom Hauſe, welche neben ihr ſaß. Salvator. „Nein,“ erwiederte dieſe.„Der Vater erwartet einen Freund, den er in vielen Jahren nicht geſehen hat. Er wollte eigentlich jetzt nicht zu uns kommen, da er ſich nach ſeiner Heimath ſehnte, wie er ſchrieb, doch hat ihn der Vater noch einmal drin⸗ gend gebeten, den kleinen Umweg nicht zu ſcheuen, und wahr⸗ ſcheinlich iſt er eben angelangt.“ Das Geſpräch ſtockte ein wenig, man glaubte jedesmal, wenn die Thüre ſich öffnete, den Freiherrn mit ſeinem Gaſte eintreten zu ſehen, doch blieb er noch immer aus. Hugo wurde endlich ungeduldig. „Warum kommt Papa noch nicht, Aloys?“ fragte er den Alten, als dieſer ſchon den Nachtiſch auftrug. „Der gnädige Hert wird halt noch draußen ſein,“ antwor⸗ tete Aloys mit ſeiner unerſchütterlichen Ernſthaftigkeit, welche den Knaben immer geneigt machte, ſich bei ſeinen ſonderbaren Erklärungen zu beruhigen. Die Tiſchgeſellſchaft ſtand endlich auf, es ſchien nicht, als ob der Fremde, wer er auch ſein mochte, ſich noch vorſtellen werde. Auch Frau von Moos hatte den alten Lakaien gefragt, ob er ihn kenne, was dieſer verneinte. Ihr Gemahl hatte ihn mit in ſein Zimmer genommen: es war keine Frage, daß es der erwartete Freund ſei. Arnefelds brachen endlich auf, ohne ihn geſehen zu haben: der Herr vom Hauſe, welchen ſeine Gattin hatte benachrichtigen laſſen, kam noch, ſich für den freundlichen Beſuch zu bedanken und ſeine Nachbarin zu bitten, ihn recht oft zu wiederholen, und entſchuldigte ſeinen Freund, der in ſeinem Reiſekleide nicht recht eingerichtet ſei, vor Da⸗ men zu erſcheinen, doch hoffe er, da ſeine Anweſenheit einige ——— 5. —— — Salvator. 27 Tage dauern werde, noch Gelegenheit zu haben, ihre Bekannt⸗ ſchaft zu machen. „Das müßte ſonderbar zugehen,“ ſagte Frau von Arnefeld in ihrem Wagen zu Laura.„Wir werden doch abwarten, bis ſie uns Gegenbeſuch machen und uns einladen! Man muß doch aufrecht halten, was die Sitte vorſchreibt und was man ſeinem eigenen Gefühl ſchuldig iſt. Ich geſtehe, daß es mir in dieſem Hauſe etwas zu patriarchaliſch zugeht. Wüßte man nicht, daß man bei einem Baron aus der hohen Ariſtokratie dieſes Landes iſt, aus den Manieren des ganzen Haushalts würde man es nicht ſehen.“ Laura antwortete nur ein Paar allgemeine Worte: ihr war grade hier einmal das Herz aufgegangen, wenn auch für einen kurzen Moment, doch hatte es ſich ſchon wieder feſt ge⸗ ſchloſſen, und ſie ſagte der Mutter von dieſer Anwandlung, wie ſie ſelbſt es nannte, nichts. Zwei Tage darauf zeigte allerdings der Freiherr von Moos, daß er nicht ganz ein Ignorant in den Sitten der guten Ge⸗ ſellſchaft ſei, denn er machte mit ſeiner Frau den Damen auf der Villa ſeinen Gegenbeſuch. Zugleich lud er zum Mittag des folgenden Tages ein.„Sie finden außer meiner Schweſter nur ein Paar befreundete Familien der Nachbarſchaft,“ ſagte er. Frau von Arnefeld verwandte zum erſten Male ſeit der un⸗ glücklichen Kataſtrophe, welche gleichſam ihr Leben geknickt hatte, wieder die alte Sorgfalt auf ihre Toilette, in die Kar⸗ ten ſchauen wollen wir der Künſtlerin nicht. Von ihrer Tochter hatte ſie ein Gleiches verlangt: Wir müſſen ihnenzeigen, was bei uns Geſchmack heißt!“ Sie war auch ſehr zufrieden mit ſich ſelbſt, als ſie, ein vollendetes Kunſtwerk, aus den Händen 28 Salvator. ihrer Kammerjungfer hervorging. Weniger befriedigte ſie Lau⸗ ra's Anzug. „Du ſiehſt aus wie eine Frau— kaum wie eine junge Frau, durchaus nicht wie ein Mädchen! Dies ewige, langwei⸗ lige Schwarz und bei der jetzigen Wärme bis Oben zu! Ich be⸗ greife Dich nicht— willſt Du denn gar nicht ein wenig ge⸗ fallen?“ Meinem Hugo gefalle ich doch!“ antwortete Laura ſcher⸗ zend, doch lehnte ſie alle Vorſchläge ihrer Mama in Bezug auf die zu entfernende Uebertaille ſehr eigenſinnig ab. Sie ſah da⸗ für auch wirklich aus wie eine junge, ernſte Frau, und kann denn eine ſolche nicht gefallen? Wir fragen! Sehr ſpät kamen ſie an, ſie waren die letzten der Gäſte, welche eintrafen: Frau von Arnefeld that es mit Abſicht. Die Geſellſchaft war nicht zahlreich, in welche ſie traten, es zeigte ſich kein Sophazirkel von ſeidenſtarren Damen, keine umher⸗ ſtehenden einſilbigen Cavaliere mit dem Hut in der Hand— ſondern Gruppen hatten ſich gebildet, Männer und Frauen zwanglos gemiſcht, in heitrer Unterhaltung. Recht vornehme Namen klangen bei der Vorſtellung, welche der Freiherr, nach⸗ dem er Frau von Arnefeld begrüßt hatte, mit größerer Ge⸗ wandtheit unternahm, als ſie ihm zugetraut, aber zwiſchen die⸗ ſen ariſtokratiſchen Namen hörte ſie auch ſchlicht bürgerliche zwei und ganz zuletzt wurde ihr der Freund, welcher bei ihrer letzten Anweſenheit hier eingetroffen war, vorgeführt als Herr Hagen. Es war ein Mann von ziemlich gutem Ausſehen, der ſich auffallend grade trug, und gegen ſeinen Namen hatte die Arnefeld auch nichts einzuwenden, da es in ihrem Vaterl de drei verſchiedene Adelsfamilien, nur im Prädikat verſchieden, Salvator. 29 gab, welche Hagen hießen, aber zu dieſen gehörte er doch nicht, und ſie fand weiter nichts Ausgezeichnetes an ihm. Laura dagegen hatte ihn bemerkt, ſobald ſie in den Saal trat. Sei es, daß ihre Phantaſie ſich ſchon mit ihm beſchäftigt und ein Bild von ihm gemacht hatte, dem er jetzt merkwürdi⸗ ger Weiſe entſprach, ſei es, daß ihr Blick zufällig auf ihn zu⸗ erſt fiel, und die ganz beſondere Aufmerkſamkeit, mit welcher ſein Auge auf ſie und nur auf ſie gerichtet war, ſie frappirte: ſie war von ſeinerPerſönlichkeit vortheilhaft angeſprochen. Ha⸗ gen: ſie mußte an den aus dem Nibelungenliede denken, denn auch einen Ausdruck zwiſchen ſeinen Brauen glaubte ſie zu fin⸗ den, der zu dem Bilde von Troneg Hagens paßte. Er nahte ſich, nachdem die Präſentation vorüber war und er mit ihrer Mutter ein Paar Worte gewechſelt hatte, auch Laura. Sie hatte in den Salons ihrer Heimath ſtets ein grau⸗ ſames Vergnügen daran gefunden, die erſten Anreden, welche oft ſo unglaublich albern ſind, ſcheitern zu laſſen, wozu ein Blick genügt— hier übte der ungezwungene Ton in der gan⸗ zen Geſellſchaft ſchon ſoviel Einfluß ſelbſt auf ſie, daß ſie zuerſt ſprach, als Hagen zu ihr trat. Der Anlaß gab ſich ſo natürlich. Dann, wie es zur Tafel ging und der Wirth Frau von Arnefeld führte, gab Hagen Laura den Arm. Hugo nickte ihr freundlich zu und gewann ſich einen Platz ihr gegenüber. Auch heut wurde das Tiſchgebet geſprochen: auch bei einem einge⸗ ladenen Diner! Frau von Arnefeld konnte ſich einer neuen Verlegenheit nicht erwehren, heut hatte ſie es doch nicht erwar⸗ tet, indeſſen: ländlich, ſittlich! Die Culturzuſtände waren hier einmal noch in der Kindheit, auch in ihrem Vaterlande, wel⸗ ches bekanntlich obenan ſteht in der Intelligenz und Civiliſa⸗ Salvator. tion, hatte man ſonſt nicht blos Tiſchgebete in vornehmen Häu⸗ ſern, ſondern ſogar gemeinſchaftliche Morgengebete, mit dem Geſinde vereint! gehalten, wie ſie ſich genau erinnerte, von ihrer Mutter gehört zu haben, alſo noch ehe der Pietismus, welcher das wieder aufbringen will, erfunden war. Sie konnte ſich daher nicht wundern, daß hier dergleichen noch üblich, und nur darüber wunderte ſie ſich, als ſie während der kurzen Worte des Hauslehrers ihren Blick verſtohlen ſtreifen ließ, daß alle Anweſenden ſo andächtig ſchienen. Bei einem Diner in dem Hauſe von— und gleich ein halb Dutzend Namen fielen ihr ein— hätte man einen ſolchen Tiſchſegen wagen ſollen, welche Geſichter würde man erblickt haben! Wie? Auch ihre Laura wie all' die Andern? Sie hatte einen Blick des Verſtändniſſes mit ihr wechſeln wollen und fand ſie ernſt vor ſich nieder⸗ ſchauend, mit einem faſt ſchmerzlichen Zuge um den Mund. Man ſetzte ſich. Hagen ſchwieg noch eine Weile. Hugo plauderte über den Tiſch mit Laura. Die Uebrigen begannen ihre ungezwungene Unterhaltung, welche leicht floß, da ſie unter Bekannten des Stoffs nicht ermangelte. Auch Hagen hatte bald die Anregung zu einem Geſpräch mit ſeiner Nachba⸗ rin gefunden, im Ganzen war er aber wortkarg und hatte keine glänzende oder gar ſchwungreiche Ausdrucksweiſe. Es traten oft merkliche Pauſen ein, welche Laura, ſie wußte ſelbſt nicht warum, ängſtigten. Sonſt, wenn ein Tiſchnachbar nach lan⸗ gem Laviren endlich einen verfehlten Strich zur Unterhaltung nahm und bald wieder feſt ſaß, hatte ſie ſich darüber beluſtigt und kein Hülfsboot ausgeſetzt, um ihn wieder flott zu machen — heut hätte ſie gern die Pauſen gefüllt, aber 6 fühlte ſich ſelbſt recht langweilig. Salvator. 31 Hagen mochte nun zur Erkenntniß kommen, denn er ſagte: „Ich bin ein ſchlechter Geſellſchafter, nicht wahr? Aber ich habe lange in Gegenden gelebt, wo Alles ſchweigt. Die Natur, die Menſchen. Da verlernt ſich das Reden. Mit der Zunge, meine ich.“ Sein Auge hatte allerdings auch eine Sprache, ſie hatte das ſchon bemerkt, aber ſie verſtand nur dieſe Sprache nicht. Es war keine Augenſprache, wie ſie davon bis jetzt Proben ken⸗ nen gelernt hatte, Proben ſehr verſchiedener Art. Hagen's Au⸗ gen hatten ihre ganz eigene Sprache von tiefem, ſchwer zu ent⸗ räthſelndem Sinn, ſie konnten Kopfſchmerz verurſachen. Laura half ſich durch die ſchlechteſte Form der Unterhaltung, ſie fing an zu fragen. Auf einmal, nachdem er ſchon ein Paar ihrer Fragen be⸗ antwortet hatte, ſah er ſie mit einem durchdringenden Blicke an:„Ich will nicht aus falſcher Karte ſpielen,“ ſagte er.„Ich bin nur Ihretwegen hieher gekommen. Moos ſchrieb mir von Ihrer Anweſenheit, ohne daß er wußte, was mir Ihr Name war. Ich mußte Sie kennen lernen. Erſt glaubte ich, Sie wären Frau von Arnefeld, als Sie eintraten. Ich heiße nicht Hagen— ſondern Haug.“ „Haug?!“ wiederholte Laura, von dieſer unerwarteten Er⸗ öffnung betroffen. „Sie kennen meinen Vater,“ fuhr er fort. Auf ſeinen Wunſch bin ich wieder in Europa. Ich wollte direct zu ihm reiſen, aber der Name Arnefeld führte mich hieher. Ich hielt Sie für Frau von Arnefeld, Ihr Vater ſchien mir im Alter eher zu Ihnen zu paſſen, als zu Ihrer Mutter.“ „Und Sie ſind der Sohn des Oberſten von Haug?“ rief Salvator. Laura, als er eine Weile inne hielt und ſich nach den Tiſch⸗ nachbarn umſah, ob dieſe auf das Geſpräch hörten. Sie waren aber unter ſich beſchäftigt. „Der bin ich,“ antwortete er.„Mein Vater hat erfahren, wo ich mich aufhielt— durch wen? können Sie ſich denken. Doch warum ſcheue ich mich, von ihr zu ſprechen? Die arme Frau kann uns leid thun, haſſen dürfen wir ſie nicht, Fräu⸗ lein Arnefeld.“ „Ich haſſe Niemand,“ verſetzte Laura, indem ſie noch kämpfte, ihrer tiefen Aufregung Meiſterin zu werden. „Gott ſtärke Sie darin Ihr Lebelang!“ erwiederte Haug. „Und nun wollen wir uns weiter verſtändigen. Ich kenne Ihren Vater nicht. Sie als ſein Kind haben kein Urtheil über ihn, doch werde ich ſpäter von ihm hören. Gegen Ihre Mutter wünſche ich keine Erklärung, wenigſtens heut nicht. Ich lege es in Ihre Hand, wann Sie ihr ſagen wollen, was mich betrifft— denn Geheimniſſe haben Sie doch vor ihr nicht. Morgen reiſe ich ab.“ „Nach Berlin?“ fragte Laura. „Zu meinem Vater vielmehr,“ erwiederte Haug„In Berlin habe ich nichts zu ſuchen.“ 3. Sie waren auch gar nicht mehr in Berlin, die wenigſtens ſeine Gedanken ſuchten. Bald nach ihrer Vermählung waren ſie abgereiſt, nach keinem beſtimmten Orte, nur in die Ferne, Salvator. 33 gleichviel, wohin die Eingebung des Moments ſie nach und nach führen würde. Frau von Mörner blieb zurück, ſie er⸗ hielt aber Briefe von ihrer Tochter, aus Prag, Wien, und nun im Frühlinge aus Meran, Verona, Venedig. Dieſe Briefe kamen in unregelmäßigen Zwiſchenräumen: ſie athmeten Luſt, Freiheit und Glück. Auch Frau von Mörner war wieder glücklich. Noch vor der Verbindung ihrer Tochter mit dem Manne, dem ihr Herz — Zeitlebens!— gehört hatte, war eine reiche Silberflotte von Freeman and Company, London, eingelaufen und ſie hatte ohne viel Serupel darüber disponirt. Von nun an frei⸗ lich durfte aus dieſer Quelle nichts mehr angenommen werden, das verſtand ſich von ſelbſt, damit war ſie ganz einverſtanden, ſie hatte es ſogar für paſſend gehalten, einer unangenehmen Eröffnung von jenſeit des Kanals zuvorzukommen und im Namen ihrer Tochter dem Hauſe mitgetheilt, daß ſie bei ihrer anderweitigen Verbindung außer Stande ſei, noch die ihr ge⸗ ſetzlich zugeſicherte Jahresrente anzunehmen und daher alle künftigen Sendungen einzuſtellen bitte. Der Reichthum ihres Schwiegerſohnes überhob ſie auch ohne dieſe aller Sorgen: ſie hatte ihre beſcheidene Wohnung in den Vorhöfen Berlins auf⸗ geben können und wieder eine ihrem Stande paſſendere in der Behrenſtraße gemiethet, ſie hatte einige alte Verbindungen neu angeknüpft und war ganz wieder die kleine, elegante Frau, wie man ſie früher gekannt hatte, ja manche ihrer ſogenannten Freundinnen beneidete ſie, wie wenig Tribut ſie dem Zahne der Zeit, dieſem abſcheulichſten aller Nagethiere, nach Verhält⸗ niß geopfert hatte. Die Armuth ſchien ein ganz zweckmäßiges Conſervationshaus für Frauenblüthe zu ſein.— Wir möchten Salvatvr. II. 8 34 Salvator. die Dame, welche in allem Comfort des Solons dieſen bei⸗ fällig aufgenommenen Witz machte, zu einem Spaziergang nach den kleinen, verſchlungenen Gaſſen in den ältern Stadt⸗ theilen, in die Kellerwohnungen und Hintergebäude einladen und ſie, die Funßigjährige mit ihrem kräftigen Embonpoint und wohlgeſchonten, noch jetzt wunderſchönen Händen, neben ein armes dreißigjähriges Weib ſtellen, das von ſchwerer Ar⸗ beit und ſchlechter Koſt, von Kummer und Elend ſchon jetzt in ihren verheerten Geſichtszügen voller Runzeln, in ihrer abge⸗ zehrten Geſtalt das Bild einer widerwärtigen Greiſin dar⸗ bietet. Hat die Sünde mitgewirkt, ihre einſtige Friſche und Schönheit ſo früh zu tödten, um ſo ſchlimmer für ſie: der Dame iſt ſie vielleicht auch, nur mit mehr Verfeinerung und weniger Folgen, auch nicht fern geblieben. Wird ſie nach einem ſolchen Vergleiche ihren herzloſen Witz wiederholen können? Frau von Mörner war alſo vollkommen wieder im Voll⸗ genuß der Stellung, welche ſie einſt mit ſo tiefem Leide auf⸗ gegeben hatte, und dachte darum an ihre Tochter, welcher ſie dieſe günſtige Wendung des Schickſals verdankte, mit der in⸗ nigſten Liebe. Eins nur verdroß ſie: daß Arnefeld nicht zu bewegen geweſen war, das Teſtament ſeines ſchwachſinnigen Vaters anzufechten. Durch das unerhörte Vermögen, welches ihm dadurch entgangen war, hätte er einer der erſten und be⸗ deutendſten Männer des Landes werden und ſie ſelbſt ſeine Schwiegermutter, eine Rolle in der Reſidenz ſpielen können, welche die ſtrahlendſten Salons gewiſſer Damen— ſie be⸗ nannte dieſelben allerdings, wir haben aber kein Recht dazu! — verdunkelt hätte. Juriſten von Ruf waren der Meinung Salvator. 35 geweſen, daß ſich Gründe zu einem glücklichen Proceß finden ließen. Aber Arnefeld hatte ſich offenbar vor dem verſiegelten Doeument, welches einen formidabeln Rückhalt verhieß, ge⸗ ſcheut und da auch Adelheid ihre Mutter, mit welcher ſie ſich bei ſo wichtigem Anlaß hätte vereinigen ſollen, im Stich ließ, ſo mußte ſich dieſe, nach mehrfach abgeſchlagenen Stürmen, beſcheiden. Was geſchah nun aber mit dieſer gewaltigen Geldmacht, welche in die Hände eines armſeligen Dorfpaſtors gelegt war? Frau von Mörner hatte zu viel Intereſſe an dieſem Vermögen genommen, um es nicht im Auge zu behalten und ſich weitere Aufſchlüſſe zu verſchaffen. Sie hatte bei der glücklichen Wen⸗ dung ihrer eignen Lage auf einen größern Fuß wieder einen Bedienten genommen und zwar auf Empfehlung ihres Schwie⸗ gerſohnes den ehrlichen Schepke, welcher durch den Tod ſeines Herrn brodlos geworden war. Arnefeld wünſchte nicht, daß dieſer Menſch, der über die Familienverhältniſſe ſo Manches ausplaudern konnte, in fremde Hände überging. Durch ihn erfuhr Frau von Mörner jetzt, wo er nicht mehr durch die ge⸗ fürchtete Schramm in Reſpect gehalten wurde, Alles, was er irgend wußte, freilich war es ohne rechten Zuſammenhang, denn Schepke hatte nur hier und da einen Einblick gewonnen und war ſelbſt zu beſchränkt, um ſeine Reſultate in Verbindung zu bringen, aber Frau von Mörner verſtand das um ſo beſſer; wenn ihre Combinationen hier auch zuweilen nicht ganz die Wahrheit trafen, ſo kamen ſie ihr doch ziemlich nah. Der unheilbare Bruch des alten Arnefeld mit ſeinem Sohne, die Unglücksgeſchichte mit dem erſchoſſenen Knaben, über welche er nicht ruhig werden konnte, und wohl auch die Altersſchwäche 3* 36 Salvator. eines confuſen, vergeßlichen Mannes war auf die ſchlauſte Weiſe von dem gefährlichen Menſchen benutzt worden, der ſei— nen Zweck, trotz der Argusaugen der Haushälterin, welche Nichts geſcheut, um ihrem Lieblinge ſein Erbe zu erhalten, dennoch nur zu gut erreicht hatte. Die alte leidenſchaftliche Frau war darüber, wie es allgemein hieß, wahnſinnig gewor⸗ den und ſaß, nach eingezogenen Erkundigungen von den Aerz⸗ ten für ſchwer heilbar erklärt, in dem bekannten Irrenhauſe. Schepke hatte ſie ſchon beſucht, war aber dabei in Lebensgefahr gerathen, wie er behauptete, und verſicherte nun, daß nicht „ehn Pferde ihn wieder hinkriegten.“ Viel angenehmer war ihm eine Reiſe nach Sielitz geworden, welche er im Auftrage ſeiner neuen Herrin, aber ohne das zu erwähnen, unternahm. Es ſollte als ſein eigner Antrieb erſcheinen, ſich von dem Wohlergehen der Familie ſeiner alten, langjährigen Freundin und Hausgenoſſin zu überzeugen. Höchſt genteel ſah übrigens jetzt Herr Schepke aus— nur ein kundiges Auge konnte in ſeinem Anzuge die geringen Abzeichen des Lakaienthums er⸗ kennen, welche die vornehme Welt noch an ihren nächſten Dienern duldet. In Sielitz ſtieg er, was ſollte er anders thun? in der Schenke ab. Der Wirth war der Erſte, aus deſſen Mitthei⸗ lungen er ſich über die Lage der Dinge unterrichtete. Bei einem Dorfwirthe ſchien die feine Zurückhaltung, welche Frau von Mörner ihrem Diplomaten mit tauſend Inſtructionen ein⸗ geſchärft hatte, kaum nöthig, doch behielt ſie Herr Schepke bei zu ſeiner eignen Uebung. Frau Roland, die Tochter der alten Schramm, war jetzt auf dem Schloſſe eine Art Wirthſchafterin. Das Gut war Salvator. verkauft, wie Schepke ſchon wußte, der neue Beſitzer hatte ſich aber noch nicht ſehen laſſen, es hieß, er ſollte in den nächſten Tagen kommen. Der Wirth nannte ihn auch, es war ein gleichgültiger Name, für Schepke wenigſtens. Herr Schrader hatte das Gut gekauft und bezahlt, und ſah ſcharf zum Rechten, dann waren ganz neue Leute auf dem Hofe, die alten waren alle, nachdem die frühere Herrſchaft abgegangen war, fortge⸗ zogen. Daß der Magiſter eine arme Schifferwittwe Oben einſetzte, hatte die Menſchen verwundert, indeſſen, er war ja bald darauf ihr Schwiegerſohn geworden und ſo erklärte ſich's, auch ſollte die Roland ganz tüchtig in der Wirthſchaft ſein, was ihr Niemand zugetraut hatte. Die Heirath Schrader's mit ihrer Tochter hatte viel zu re⸗ den gegeben, indeſſen war er ſo klug geweſen, ſich vorher ſicher zu ſtellen: ſonſt würde die Verbindung mit einem beſcholtenen Mädchen für den künftigen Seelſorger der Gemeinde zum Ver⸗ derben ausgeſchlagen ſein, ihn wahrſcheinlich ſeine Stelle ge⸗ koſtet haben. Zuerſt war Annen's Geſchichte zu ihrer Recht⸗ fertigung aufgeklärt worden. Nicht mit ihrem Willen, ſon⸗ dern im bewußtloſen Zuſtande, als der Schuß des Bruders ſie verwundet hatte, war ſie von dem Manne— mit dem ſie in der reinſten und wohlthätigſten Abſicht ein Paar aus Gründen geheim gehaltene Zuſammenkünfte gehabt— hin⸗ weggebracht worden. Wer dieſer Mann war, darüber durfte ſie noch jetzt nicht ſprechen, aber daß es ſeine Abſicht geweſen, der bedrängten Familie von Rheinberg durch dies einfache Mädchen, von welcher er nicht verrathen werden konnte, noch zu rechter Zeit, aber im letzten Momente, eine Hülfe zu brin⸗ gen, ging unläugbar aus der Beſtätigung hervor, welche dieſe 38 Salvator. Anfangs mit Lachen aufgenommene Erzählung ſpäter erhalten hatte. Als der Graben, an deſſen Rande ſich der unglückliche Zufall ereignete, im Frühjahr gehoben worden war, hatte man im Schlamme eine blecherne Caſſette mti Gold gefunden, eine ganz bedeutende Summe enthaltend, ſchwor der Wirth. Dieſe war einſtweilen dem Gericht übergeben, und was dieſes bei der Unterſuchung ermittelt, wußte kein Menſch.— Dann, ſo wie Anne erſt wieder ſo weit hergeſtellt war, daß ſie hatte etwas thun können, war's ihr Erſtes geweſen, erzählte der Wirth, ſich an den Herrn Magiſter zu wenden, daß der ſich ihrer an⸗ nehme und ihre Unſchuld an das Tageslicht bringe. Wie konnte er's aber beſſer, als wenn er ihr ſelbſt ſeine Hand bot? Daß er ſie gern mochte, wußten die Leute ſchon, denn Eine hatte ihn einmal, wo er es nicht ahnte, belauſcht, mit was für Augen er die ſchmucke Magd anſah, aber Alles in Ehren, und wenn heut zu Tage der Edelmann ein Bürgermädel nimmt und Grafen ſogar Judentöchter heirathen und drüben in der Stadt der reiche Fabrikant, ein Taglöhnerſohn, ſich ein Fräulein genommen, und das alte Sprichwort:„HGleich und gleich geſellt ſich gern!“ eine Dummheit geworden iſt, wie viele andere alte Geſchichten, warum, fragte der Wirth, ſoll ein Paſtor nicht ein armes Bauermädchen heirathen, wenn's ihm gefällt? Freilich, wie ſchön er auch ſchon, ehe noch da⸗ von etwas bekannt war, gepredigt hatte über den Hochmuth der Stände und die Gleichheit, und wie klug Alles eingeleitet war, daß bei der Regierung die Conſiſtorialräthe, auf die ſich Schrader wegen mancher Uebereinſtimmung verlaſſen konnte, ſchon vorher die Sache wußten und billigten, ſo hatte es doch im Dorfe und im ganzen Kirchſpiel ein gewaltiges Aufſehen Salvator. 39 gegeben, als es ſo weit kam. Der alte Paſtor war ganz ent⸗ rüſtet geweſen und hatte Einſpruch gethan, der ihm aber nichts half, aber ſeitdem durfte der Adjunct ſich keines Wortes mehr von ihm getröſten. Annen's Ruf war von Neuem angetaſtet worden und erſt eine Hauptpredigt, von welcher noch heut alle Leute ganz entzückt waren, hatte dem Gerede ein Ende ge⸗ macht, ſie hatte von der Ehre und der Liebe gehandelt, und auch von der Ehebrecherin aus dem Evangelio, natürlich ohne alle Anſpielungen, aber als es nachher den Menſchen wie ein Licht aufgegangen, daß ſie ſchlimmer wären, als die Juden, die doch nur eine überwieſene Verbrecherin ſteinigen wollten, ſie aber auf puren Verdacht hin, und daß es doch wohl mit der munkligen Geſchichte ſeine ganz eigene Bewandtniß haben müſſe, da waren ſie über das arme, ſtille Mädel ganz andrer Meinung geworden, und gleich darauf war ſchnell die Hochzeit geweſen. Jetzt ſprach gar Niemand mehr davon. „Wer hat ſie denn getraut?“ fragte der aufmerkſame Die⸗ ner der Frau von Mörner. „Unſer alter Hochehrwürden, denken Sie?“ erwiederte der Wirth.„Ja, dem ſollte man mit etwas kommen, was er nicht will! Der ſchreibt ſeinen Spruch auf den Tiſch und dabei bleibt er ſtehen, ſie mögen ihn kratzen oder ſtreicheln. Gottes Wort von dunnemals!— Nein, der hätte ſie nimmermehr getraut, es kam aber ein fremder Schwatzrock her aus der Stadt, ein guter Freund von unſerm Fritze Schrader, der that ihm den Gefallen. Die Deutſchkatholiken und die Freien trauen ſich ſelber, und wenn Alles ſo kommt, ſo traut künftig der Actua⸗ rius beim Gerichte die jungen Eheleute, taufen können ſie auch, wir brauchen bald gar keine mehr. Wenn's aber ſein muß, 40 Salvator. unſerer, mein' ich den jungen, der ſpricht doch noch vernünf⸗ tig, wo man ſich was denken kann.“— Herr Schepke war auch keiner von denen, die ſich viel um heilige Dinge kümmern, aber er hatte ſich in ſeinem Stillleben von all' den Orten fern gehalten, wo man in den letzten Jah⸗ ren viel ſchnödere Spötterweisheit hören konnte, darum ver⸗ wunderte er ſich ſo ſehr über die rückſichtsloſe Sprache des auf⸗ geklärten Dorfwirths. Er fragte nach der Wohnung des Ad⸗ juncts, den er in Berlin bei ſeinem verſtorbenen Herrn öfter geſehen hatte und ſomit wohl beſuchen konnte. NRicht wenig überraſchte es ihn, nach einem Bauerhofe gewieſen zu werden, er hatte geglaubt, daß er auf dem Schloſſe wohnen müſſe. „O der lebt ſo miſerabel!“ ſagte der Wirth.„Wiſſen Sie denn, daß er was geerbt haben ſoll? Aber viel!“ Schepke wußte natürlich nichts. Die Dorfleute hatten keine Ahnung von dem wunderlichen Falle, ſorgſam war es bis jetzt hier verheimlicht worden, und nur in den Nachbarſtädten, wo man Zeitungen las, hatte das ſeltſame Teſtament Aufregung verurſacht, denn man erwartete nun Mirakel. Von dorther waren auch einige halbverſtandene Andeutungen in letzter Zeit bis nach Sielitz gedrungen; weil aber Schrader ſo ſchlecht und ſparſam lebte und von Geld nichts blicken ließ, hatte man es für Lügen gehalten. Schrader war nicht zu Hauſe, wohl aber die junge Frau. Sie empfing den fremden Mann, der ſich als einen Freund ihrer armen Großmutter ausgab, ſehr herzlich und fragte mit Thränen nach der unglücklichen Kranken. Nach Art der Unge⸗ bildeten erzählte er, was er wußte, mit den grellſten Farben und ging dann, ohne viel Umſtände, zu ſeinen Erkundigungen — Salvator. 41 über. Es war jedoch wenig, was er hier erfuhr. Die junge Frau wußte entweder nichts, oder ſie durfte nichts ſagen. Schön war das Weib— wahrhaftig, dem guten Schepke wurde ein Paarmal, wenn ſie ihn mit ihren treuherzigen Au⸗ gen ſo freundlich anſah, ganz verlegen zu Muth, er ſagte nach⸗ her, ihm ſei geweſen, als ob ihn ein Engel anſchaue. Sehr demüthig war ſie, ſchüchtern wie ein Kind. Sie mußte mit dem ſanften Menſchen, der in Berlin im Hauſe des Landſtall⸗ meiſters immer ſo weich und mild geweſen war, wie die ſchön⸗ geringelten Locken, die er trug, eine wahre Himmelsehe füh⸗ ren: dem armen Schepke wurde ſein einſames Junggeſellen⸗ thum recht drückend fühlbar, er dachte an Frau Schramm und daß ſie vielleicht an ſeiner Seite nicht toll geworden wäre! Kann ſein, daß es Dich betroffen hätte, guter Schepke, ſtatt ihrer!— Als er die Frau Magiſterin, die bei dem Titel im⸗ mer lächelnd den Kopf ſchüttelte, nach ihrem Bruder fragte, wurde ſie auf einmal ganz ernſthaft. „Er wird bald kommen,“ verſicherte ſie. Vielleicht ſchon morgen oder übermorgen.“ Schepke machte ſich nun auch noch auf den Weg nach dem Schloſſe außerhalb des Dorfes, er mußte die Tochter ſeiner alten Freundin ſehen, von ihr konnte er vielleicht eher Aufſchluß erhalten, warum ſich noch nirgends eine Spur von der Verwen⸗ dung der Reichthümer, die dem Adjunct zugefallen, entdecken ließ. In ſeiner Wohnung ſah es doch zu jämmerlich aus, wenn er auch die Sauberkeit derſelben anerkannte, die wohl auf Rechnung der jungen Frau kam. Was dachte der Mann eigent⸗ lich? Wollte er, wie ein Geizhals, die Schätze vergraben und ſich ſelbſt nicht einmal einen Genuß davon gönnen? 42 Salvator. Auf dem Schloſſe ſtand Alles unter Waſſer. Es wurde von der Erkerſtube bis in das Erdgeſchoß gründlich geſcheuert, Frau Roland leitete die Arbeit, ließ ſich auch durch den Fremden, welcher zu ihr auf den Treppenabſatz, wo ſie grade ſtand, ge⸗ wieſen wurde, durchaus nicht ſtören. Die Art und Weiſe, wie ſie mit dem Geſinde verfuhr, erinnerte Schepke lebhaft an ihre Mutter: ſie ſchonte Niemand. Wer die gebeugte Wittwe in ih⸗ rer kummervollen Lage ſonſt geſehen hatte, der würde ſie jetzt kaum wieder erkannt haben: ſie trug den Kopf ſehr aufrecht und konnte äußerſt hart und karg gegen die Dienſtleute ſein! Mit Schepke, obgleich er ſich in aller Form vorſtellte, hatte ſie keine Zeit zu verkehren: vor langen Jahren, als ſie noch jung und hübſch war, erinnerte er ſich noch, ihr einmal recht gut geweſen zu ſein, ſie ſchien nichts mehr davon zu wiſſen. Flüchtig fragte ſie nach ihrer Mutter und nickte mit dem Kopfe bei ſeiner Erzählung, als habe ſie es längſt vorausgeſehen, daß es ſo kommen werde, dabei ſetzte ſie ihre Arbeit fort, ſie wuſch grade ein großes Familienbild ab, das im Schloſſe geweſen war: einen Herrn mit Ordensband und Stern, deſſen ſtrenges Auge zornig unter der Wolkenperrücke auf die gemeinen Hände zu blicken ſchien, in welche ihn der Wandel des Beſitzes ge⸗ bracht hatte. „Sie ſehen, hier iſt zu thun,“ſagte die Roland endlich, als Schepke noch immer ſtand. Der Herr wird in dieſen Tagen ankommen und da muß er Alles proper finden. So proper, als ob er ein Fürſt wäre. Das iſt Alles gleich!“ Mit dieſen Worten, die Herrn Schepke den Abſchied gaben, ſtieg ſie die feuchtdampfenden Treppen hinan und rief ihm dabei noch ein Adieu! zu. Wie Menſchen ſich verändern können!“ dachte die⸗ Salvator. 43 ſer, indem er den Rückweg nach dem Dorfe machte. Er holte einen ſchmächtigen jungen Mann dabei ein, mit welchem er ein Geſpräch anknüpfte, es war der Schulmeiſter, wie er bald er⸗ fuhr. Dieſem ſchien es ſehr intereſſant zu ſein, den Diener des verſtorbenen Wohlthäters, als welchen ſich Schepke ſehr bald demaskirt, kennen zu lernen, er war nur zu einſilbig, ſonſt würde ſich hier vielleicht haben anknüpfen laſſen: indeſſen er⸗ fuhr der Wißbegierige, der ſeine Fühlhörner in allen Richtun⸗ gen ausſtreckte, wenigſtens ſo viel, daß auch für Verbeſſerung der Schule noch nichts durch den Adjunct geſchehen war. Schra⸗ der bekümmerte ſich vorläufig noch gar nicht um die Schule, er ließ dem jungen Manne vollkommene Freiheit des Wirkens — dieſer ſprach natürlich gegen den Fremden nur über die äu⸗ ßern Verhältniſſe, nach welchen er befragt wurde. „Sie werden den Herrn Adjunct vielleicht jetzt zu Hauſe treffen,“ ſagte Lympius, als ſie ſich trennten.„Ich glaube, er iſt angekommen.“ Schepke beſaß jedoch zu viel Lebensart, um ſeinen Beſuch ſo ſchnell zu wiederholen, ſondern begab ſich wieder in ſein Abſteigequartier, wo er die ſchickliche Zeit erwar⸗ ten wollte. Schrader war in der That nach Hauſe gekommen, in einer ſehr erregten und günſtigen Stimmung, er hatte ſeine Frau mit den zärtlichſten Namen begrüßt, ſie an ſeine Bruſt gedrückt und ſo feurig und liebreich geküßt, wie es dem ernſten und ge⸗ laſſenen Manne noch niemals eigen geweſen. „Ich habe Viel gethan, Anne! Ich bin zuftieden!“ ſprach er. Sie blickte freundlich und erröthend in ſein Angeſicht, es beglückte ſie, daß er zufrieden war, ſie hatte ihn ſchon oft in anderer Stimmung geſehen. Weshalb? Und was ihn heut be⸗ 44 Salvator. friedigt? Was er vollbracht? Sie fragte ihn nicht danach, ſie hatte bisher in Dingen, die über ihr Verſtändniß gingen, ſein Vertrauen weder erhalten, noch geſucht. Vollkommen ihr Herr war Schrader und ſie ſeine demüthige Magd, die ihm diente in treu liebender Hingebung und die ihr Leben für ihn gelaſſen hätte, ſelig, zu ſeiner Ehre zu ſterben! Er war nun allein im Stübchen, ſie wirthſchaftete draußen am praſſelnden Feuer. Mit Stolz und Freude ſetzte er ſich zu ſeinen Schriften, er hatte mit Geld und Papieren zu thun, er ordnete Manches, und ſchrieb dann eine lange Zeit— mit fremdartigen Charakteren. Zuletzt nahm er eine Mappe zur Hand, zog ein Heft von mehrern engbeſchriebenen Bogen her⸗ vor und begann mit leuchtenden Augen zu leſen. Das hatte er niedergeſchrieben vor ſo langer Zeit! Wie folgerichtig war es zur ſtufenweiſen Erfüllung gediehen— dies Syſtem, das er ſich gebaut! Dieſe Richtſchnur des Handelns, die er ſich vorgezeichnet hatte, wie wenig war er bisher genö⸗ thigt geweſen, von ihr abzuweichen! O welche Verblendung ſo manches hohen Geiſtes, der nach demſelben Ziele vor ihm ge⸗ ſtrebt hatte, welche Verkehrtheit der Anſchauung ewiger Natur⸗ geſetze, durch Gewaltſchläge und plötzliche Eruption etwas Blei⸗ bendes erreichen zu wollen! Momentan kann Ungeheures ge⸗ wonnen werden, aber je ſtärker der Ausfall, deſto verderblicher der Rückſchlag, die unausbleibliche Reaction!„Dieſe Reforma⸗ toren des neunzehnten Jahrhunderts, ſind ſie nicht nach kurzem Hoſiannah ihrer ſelbſt gewonnenen Anhänger ſchon jetzt in das Nichts zurückgeſunken, und ihre Sache verläuft ſich wie ein flaches Gerieſel im Sande? Greift nicht von einer andern Seite wieder ein nicht zu verachtender Gegner, den man ſchon Salvator. 45 ganz vernichtet wähnte, mit leiſer, aber thätiger Hand um ſich und benutzt die Noth und die Krankheit, um die Menſchen von Neuem in die halbabgeſtreiften Feſſeln zu ſchmieden, nun um ſo feſter?“ Schrader lächelte triumphirend.„Nun wohl! Ich kann mit gleichen Waffen jetzt in das Feld rücken, auch ich kann die Noth und die Krankheit benutzen, um die Feſſeln nun völlig abzuſtreifen— und ich will es, verlaßt euch darauf! Es wäre Thorheit geweſen, hätte ich flugs einen Goldſtrom in die Höhlen des Jammers ſich ergießen laſſen: ein kurzer Jubel, ein Wolluſtrauſch von wenig Dauer, dann Kampf und Vernichtung — und auf den Trümmern hätte ich geſtanden, verflucht und entehrt vor mir ſelbſt, denn ich wäre der Verderber geworden, ſtatt der Welt den Salvator zu bringen! Nein, der Wahnſinn, durch materielles Gold allein, und wären es alle Minen der Erde, mit einem Schlage dem jahrtauſendlangen Elend ein Ende zu machen, ja nur die zum Ueberfluthen aller Dämme her⸗ anſchwellende Gewalt des Proletariats in eine unſchädliche Bahn zu lenken, dieſer Wahnſinn iſt mir fremd. Einzelnen helfen mit überſchwenglichem Maß, und da, wo die Gegner mit Broſamen die Verzweifelnden in die alte Finſterniß zurücklocken, plötzlich ein Füllhorn bringen, dabei ſie nicht nöthig haben, dem lichten Lande der Freude ſelbſtquäleriſch zu entſagen— Verheißung und Hoffnung ſtreuen, die ſchroffe Kluft zwiſchen den Gegenſätzen der ſocialen Zuſtände nicht mit Trümmern umgeſtürzter Paläſte und Burgen füllen, ſondern allmälig die Höhen abtragen, Brücken, leicht und bequem, von einem Ufer zum andern ſchwingen, daß die Stände ſich locken und miſchen in allerlei Verbindung— nicht brechen mit der alten Kirche, ſondern um ſie her den blühenden Hain ziehen, wo der Athem 46 Salvator. des Weltgeiſtes aus jeder Blume weht und der Menſch fühlt, daß zum All auch er gehört und ohne den Menſchen kein All exiſtiren könnte— Salve Salvator! Das iſt der einzige Weg, und ich habe meine erſten Schritte mit Erfolg gethan. In der Stadt iſt heut meines Werkes Grundſtein gelegt.“ Er hatte eine Familie, die in der gräßlichſten Noth und Verwilderung lebte und in letzter Zeit von unbekannten Wohl⸗ thätern beſucht und bedacht worden war, mit einem Male durch eine Spende, welche ſie in vollen Ueberfluß ſetzte, beſeligt, und ſein Name wurde geprieſen! 4. Vor dem Pfarrhauſe hielt ein Reitknecht, der noch ein ge⸗ ſatteltes Pferd an der Hand hatte, im Schatten der alten Linde und zerſtreute die Aufmerkſamkeit der Knaben in der Schule, welche ſchräg gegenüber in dem kleinen, baufälligen Hüttchen gehalten wurde. Der Oberſt von Haug war bei dem Pfarrer, den er in langer Zeit nicht beſucht hatte, er kam heut, um in der Angelegenheit, welche ihn ganz beſchäftigte, mit ihm weitere Rückſprache zu nehmen, ſo ſchwierig es auch war, ſich dem alten Herrn, deſſen Uebel bedeutend zugenommen hatte, verſtändlich zu machen. „Ich ſage Ihnen,“ beſtätigte er ſeine Mittheilung,„es iſt unter dieſer Familie eine Ruchloſigkeit, daß Sie keinen Be⸗ griff davon haben. Der Vater hat dreimal auf dem Zucht⸗ Salvator. 47 hauſe geſeſſen und iſt ein Trunkenbold, der zu jeder Schlechtig⸗ keit fähig iſt, die Frau ein verworfenes Geſchöpf, auch ſchon mehrfach beſtraft, die älteſten beiden Kinder, ein Sohn und eine Tochter, ſind für das Beſſere verloren, ſie mißhandeln ihre Mutter ſogar thätlich— nun ſind noch zwei jüngere Kna⸗ ben da, in Liederlichkeit, Hunger und Schmutz faſt verkommen, aber ſie allein waren noch zu retten, und eine hochherzige Frau, die ich nicht nennen darf, überwand den Ekel vor der Höhle des Laſters, beſuchte die Frau, da ſie krank war, brachte Al⸗ moſen und Troſt, beſtellte Pflege, und hatte die Abſicht, die jungen, noch zu beſſernden Knaben aus dieſer Umgebung in beſſere Hände zur Erziehung zu geben. Sie verſtehen mich doch, Herr Paſtor?“ Der Hauptſache nach hatte er ihn verſtanden, denn des Oberſten Stimme klang ſo laut, daß ſogar die Wirthſchafterin draußen alle Worte vernehmen konnte. „Und nun denken Sie! Auf einmal kommt Ihr Subſtitut, wirft dieſem Volke einen Reichthum über den Hals, wie einen Arkan, womit man wilde Pferde fängt, und übergiebt es da⸗ mit wieder dem Satan. Alle guten Werke ſind vernichtet, ſtatt des Dankes erfolgt Hohn, und ein Leben beginnt unter der ganzen Sippſchaft, davor man Grauen empfindet. Natür⸗ lich iſt von einer Trennung der jüngſten Knaben nicht mehr die Rede, und ſie gehen unter, wie das alte Geſchlecht. Wenn wenigſtens noch zu ſagen wäre, daß eine Vernunft bei dieſem Geſchenke gewaltet hätte! Die Leute waren ſehr arm, und ihnen mußte, wie wenig ſie es auch verdienten, geholfen wer⸗ den— warum aber nicht mit einem Maß, wie es den Um⸗ ſtänden angemeſſen war? Was ſagen Sie dazu?“ 48 Salvator. „Was ſoll ich ſagen, als daß mein Herr Adjunct ſeine eignen Wege geht und ſich, wie ſie es heut zu Tage nennen. emancipirt hat von jeglichem Menſchenrathe! Hoffen wir, daß er ſich nicht auch vom ewigen Rathe und Horte emancipirt! Ich bin ſeit ſeinem unwürdigen Ehebündniß ſchon auf Einiges gefaßt.“ „Wenn nur keine Abſicht, keine Abſicht dahinter ſteckt!“ ſagte der Oberſt. Iſt es nur eine excentriſche That, ſo wird er bald inne werden, daß er auf ſolche Weiſe das ihm zu einem großen edlen Zwecke anvertraute Gut verſchleudert, ohne ſeiner Beſtimmung zu entſprechen, ja daß er dadurch das ſittliche Elend nur vergrößert. Dann wird er davon zurückkommen.“ „Wer?“ fragte der Pfarrer, welcher eine Weile zerſtreut ge⸗ weſen war.„Sie wiſſen alſo doch ſchon—?“ Der Oberſt ſprach lauter, um das Mißverſtändniß zu be⸗ ſeitigen, welches durch das Wort zurückkommen entſtanden war.„Sonderbar!“ fuhr er dann fort.„Ich bat meinen alten Freund, kurz vor ſeinem Tode, ganz zu gleichem Zwecke, um ein Darlehn, da mein kleines Vermögen nicht ausreichte, die Pläne, von denen ich mir noch heut den beſten Erfolg ver⸗ ſprochen, zu verwirklichen. Ich habe keine Antwort bekommen, und ſein ganzes Vermögen egt er in die Hand dieſes zum Allerwenigſten ſehr unpraktiſchen Haushalters.“ „Er wird ſchon Haus halten damit,“ ſagte der Pfarrer. „Sie wiſſen doch, daß er die Güter gekauft hat?“ „Sielitz?“ rief der Oberſt erſtaunt. „Reſſen und Sielitz. Für einen Herrn Nuaſchenach hieß es. Der aber ſcheint blos vorgeſchoben geweſen, denn er hat ſie nun wieder verkauft— an wen, mein Herr Oberſt? An Salvator. 49 Herrn Roland— den kennen Sie nicht! Es iſt ein armer Schifferſohn hier im Orte und, merken Sie wohl, der Bruder von Madame Schrader. Nennen Sie das noch nicht: Haus halten?“ Der Oberſt blickte kopfſchüttelnd in das Freie hinaus, wo eben die Schulkinder, lärmend und ſich balgend, aus dem Unterricht entlaſſen, den Kirchplatz füllten.„Mein ehrwürdiger Freund,“ ſagte er,„laſſen Sie uns wachſam ſein. Ich habe dieſem Menſchen mit dem affectirt apoſtoliſchen Weſen nie ge⸗ traut, denn ich vermißte in ihm das, was ſchlicht und recht einen Chriſten macht. Ein junger Mann, auf deſſen Urtheil ich viel gebe, hielt ihn ſchon damals für gefährlich. Wir müſ⸗ ſen wachſam ſein, Paſtor Hartmann.“ Der Pfarrer athmete ſchwer auf, ſein körperlicher Zuſtand machte ſich ihm nie ſchmerzlicher fühlbar, als wenn ſeine eif⸗ rige Seele nach irgend einer That zur Pflichterfüllung dürſtete. „Dort das junge Geſchlecht!“ ſagte Haug.„Ich will von den Dörfern nicht ſprechen, da iſt noch bei den Alten ein guter unverdorbener Kern, und mancher Volksbeglücker wird ſich die morſchen Zähne an deſſen harter Schale ausbeißen, ohne daß es ihm gelingt, ſie zu brechen. Hier iſt es nicht, noch nicht wie in den Städten. Aber es kann auch dahin kommen. Und ſo halten wir denn vorzüglich das junge Geſchlecht im Auge. In den großen Städten erkennen ſie's ſchon! Wo die alte Generation ſo weit in Schlechtigkeit gekommen iſt, da kann man's nicht mehr retten und muß nur die Kinder zu bewahren ſuchen. Ich habe von mancher guten Einrichtung gehört, um die Kinder dem böſen Einfluſſe der Alten zu entziehen. Wie ſind Sie denn mit Ihrem jetzigen Schulmeiſter zufrieden?“ Salvator. ll. 4 50 Salvator. Es war aber die Anſtrengung, mit welcher der Pfarrer zu⸗ gehört hatte, bereits zu ſtark für ihn geworden, kein Schall vermochte mehr durchzudringen, und der Oberſt ſchrieb endlich, um nicht mitten inne abzubrechen, die Frage auf. Hartmann las und wiegte den Kopf. Er hat den beſten Willen,“ ant⸗ wortete er. Das iſt ſchon viel.“ Wieder auf die Abſicht meines Beſuchs zu kommen,“ ſchrieb Haug weiter auf. Wir wollen nicht hinterliſtig ver⸗ fahren, kein Spioniren, keine Inquiſition. Eine grade offene Frage an ihn— was meinen Sie?“ „Ich nicht!“ ſagte der Pfarrer beſtimmt. Wenn er mich nicht ſucht— ich werde ihn nicht rufen.“ „So werde ich es thun,“ ſchrieb der Oberſt. Ich will ihm offen und ehrlich ſagen, was meine Anſicht iſt, und will dann wenigſtens die Beweggründe ſeines ſonderbaren Handelns hören.“ „In Gottes Namen!“ antwortete der Pfarrer.„Viel er⸗ fahren werden Sie nicht.“ Für heut lag es auch nicht in der Abſicht des Oberſten, ſich Schrader zu nähern, dem er bisher durch ſein Ausbleiben aus der Kirche offen gezeigt hatte, daß er nicht mit ihm ein⸗ verſtanden war. Vielleicht trat der Adjunct auch in der näch⸗ ſten Zeit mehr aus ſeiner Stellung heraus, er ſchien nach dem, was er zuletzt gethan hatte, faſt dazu gezwungen. So ritt Haug an ihm vorüber, den er im Dorfe traf, und erwiederte den ernſten Gruß, der ihm geboten wurde, ohne die Gelegen⸗ heit zu einer Anrede zu benutzen. Hätte er noch eine halbe Stunde gewartet, ſo würde er hier ein Wiederſehen gefeiert haben, nach welchem ſich ſein Salvator. 51 Herz Jahre lang ſehnte. Nicht lange nach ſeinem Abreiten kam eine Extrapoſt vor das Pfarchaus gefahren, und die er⸗ ſtaunte Haushälterin ſah einen Fremden ausſteigen, der wie⸗ derum nach ihrem Herrn fragte. Was war denn im Werke, daß auf einmal die ſtille Pfarre mit Beſuchen beſtürmt wurde? Der Paſtor hatte ſich, ganz ermüdet von dem Geſpräch mit dem Oberſten, niedergelegt, und Frau Dörmann konnte ihn jetzt um keinen Preis der Welt wieder ſtören, es wäre für den alten Mann zu gefährlich geweſen. Sie bat den Fremden, in die Wohnſtube einzutreten und ſich, wenn er durchaus Seine Hochehrwürden ſprechen müſſe, zu gedulden, bis Dieſelben ausgeruht, wobei ſie die nöthigen Erläuterungen gab und ſich zugleich den fremden Herrn, der etwas Hochfahrendes nach ihrer Meinung hatte, genauer anſah. Ein vornehmer Mann ſchien er zu ſein, das verrieth ſchon ſein Blick, doch ſah er ziemlich braun aus, was man in Paläſten nicht wird, und ſeine ſtarke Hand konnte wohl ſelbſt mit angefaßt haben, wo es grade Noth that. Warum nannte er ihr nur ſeinen Namen nicht, als ſie danach fragte?“ Er trat ſo entſchieden an den grünbeſchlagenen Schreib⸗ tiſch ihres Herrn, daß ſie kaum ſo viel Muth fand, ein be⸗ ſchriebenes Blatt, welches dort lag und ſeine Aufmerkſamkeit zu feſſeln ſchien, dem Unberufenen zu entziehen. Kennen Sie den Oberſten von Haug?“ fragte er jetzt. „Vor einer halben Stunde iſt er hier geweſen,“ ſagte die Frau. Es leuchtete ſonderbar in ſeinem Auge.„Wie weit iſt ſein Wohnort von hier?“ fragte er raſch, und als ſie die Entfernung genannt hatte, ſagte er:„Ich werde Ihren Herrn ſpäter be⸗ 1 52 Salvator. ſuchen. Vielleicht morgen. Sagen Sie ihm, ſein alter Schüler Eberhard habe ihn wiederſehen wollen.“ „Herr von Eberhard?“ fragte die Frau. „Nicht doch! Es iſt mein Vorname— mehr braucht es nicht. Ich komme zuverſichtlich in den nächſten Tagen.“ Sobald das Stücklein, mit welchem der Poſtillon die Dorfbewohner erfreute, verklungen war, erſchien der Adjunct auf dem Kirchplatze, langſam dahin ſchreitend, wie es ſeine Gewohnheit war, die Begegnenden freundlich grüßend. In der Thüre des Pfarrhauſes ſtand die Haushälterin, welche ihm trotz der Spannung zwiſchen ihm und ihrem Herrn noch immer blind ergeben war, ſie hatte ihm offenbar etwas zu ſagen, wie er auch erwartet hatte— darum war er eben hier. Mild lächelnd hörte er ihre Erzählungen an, ſie hatte mit ziemlicher Genauigkeit Alles— und faſt unwillkührlich— vernommen, was der Oberſt mit dem Pfarrer geſprochen hatte, und wieder⸗ holte es, ſo gut ſie konnte. Zum Ueberfluß hatte ſie auch das Blatt, welches ſie vor der Neugier des Fremden geſichert hatte, in ihrer Taſche und gab es dem Adjunct. Er las es und ſein Lächeln wurde immer mehr ſanfte Verklärung. „Gute, anhängliche Seele!“ ſprach er.„Ich verkenne Ihre freundliche Abſicht nicht— aber fühlen Sie auch das Unrecht, das Sie thun, mir die vertraulichen Geſpräche Ihres Herrn zu entdecken?“ Beſchämt erwiederte ſie, wodurch ſie ſich rechtfertigen konnte.—„Sie meinen es redlich,“ ſagte er mild.„Ich wollte Sie auch nur aufmerkſam machen, wie ein Belauſchen und Wiederſagen ſelbſt in beſter Abſicht zu meiden iſt.— Und ich habe dabei auch meinen eignen Vortheil,“ fuhr er munterer Salvator. 53 fort, gleichſam, als wolle er durch ſeinen Scherz ſie wieder auf⸗ richten, denn ſie fühlte ſich wirklich gedemüthigt.„Da Sie doch in allem künftigen Wechſel mit den Bewohnern dieſes Hauſes dort bleiben und die Wirthſchaft, welche in den beſten Händen iſt, weiter führen werden, ſo lange Sie wollen, ohne alle Einmiſchung ſelbſt einer Hausfrau, ſo wollte ich mich im Voraus Ihrer Verſchwiegenheit verſichern.“ „Herr Magiſter!“ rief die gerührte Frau und wollte die Hand, welche er ihr reichte, küſſen. Das duldete er aber nicht, ſondern fragte: was man im Dorfe über den neuen Verkauf von Sielitz und Reſſen ſage und daß nun ein Sohn armer Leute Gutsherr geworden ſei? „O was ſollen ſie ſagen! Sie haben ſich gewundert und gelacht. Aber der Schenker erzählte, daß er wenigſtens zehn Rittergüter wüßte, die von ihren ganzen Gemeinden zuſammen⸗ gekauft wären, und nannte unſere Bauern Lumpenhunde, daß ſie nicht einmal ſoviel hätten zuſammenbringen können, um das alte Reſt, wie er das Schloß hieß, und die Paar hundert Morgen Acker zu bezahlen. Wenn der Karl Roland mit ſeines Schwagers Gelde— Sie nehmen's nicht übel, Herr Magiſter! — Sielitz gekauft hätte, ſo wär's nun kein Rittergut mehr, ſon⸗ dern ein Schiffergut! Da hätten Sie das Lachen hören ſollen. Aber der Schenker ſagte noch, ſie ſollten nur nicht ſo dumm ſein und noch von Gutsherrſchaften reden, die gäbe es gar nicht mehr, denn ſeit der Separation, wo hätten ſie denn noch was zu herrſchen? Der Bauer ſei ebenſo gut Herr auf ſeinem Hof und Acker, und könnte ſich auch, wenn er Geld hätte, ein Schloß bauen und mit geputzten Töchtern in einer Kutſche fahren. Sie würden's bald ſehen, ob der Roland, der ein 54 Salvator. ſtolzer Kerl ſei, nicht flotter leben würde, wie der alte Kammer⸗ herr, und ob der nicht froh ſein könne, wenn ihm der Schiffer⸗ gutsbeſitzer eine von ſeinen Töchtern abnähme!“ „Man muß es mit einem geſunden Spaße nicht zu ernſthaft nehmen,“ verſetzte der Adjunct, welcher mit ruhiger Miene zu⸗ gehört hatte.„Haben Sie dieſen Reden ſelbſt beigewohnt?“ „Hier auf dem Platze, es war erſt vorigen Sonntag,“ be⸗ kräftigte die Frau. „So wird mein armer Karl ſich nicht allzuſchwer durchzu⸗ kämpfen haben; und ich freue mich, daß eine vernünftige An⸗ ſchauung veränderter Verhältniſſe allmälig Raum gewinnt. Eins aber muß ich wiederholt berichtigen, und ich bitte Sie, gute Frau Dörmann, wo Sie irgend Gelegenheit finden, es auch zu thun. Nicht mein Vermögen iſt es. Ich bin arm und will arm bleiben. Nur die Verwendung iſt mir anver⸗ traut, und es wird ſich bald zeigen, daß ich Karl Roland, wenn er auch der Bruder meiner Anna iſt, zum Segen für die Menſch⸗ heit in ſeine neue Lage verſetzt habe.— Hier, nehmen Sie dies Blatt zurück und legen Sie es auf denſelben Platz, von welchem Sie es genommen. Ihr Herr wird bald aufſtehen, dann erfahren Sie auch, wer dieſer Eberhard, ſein alter S ler, iſt: Sie ſind doch ein wenig neugierig.“ „Ich erfahre es nicht, darauf wette ich mit Ihnen,“ ver⸗ ſetzte ſie.„Der alte Herr wird immer verſchloſſener, immer mehr für ſich— das thut nicht gut. Ich werde es Ihnen wieder ſagen, daß ich nichts erfahren habe.“ Er lächelte und ging weiter, nach dem Schloſſe hinab. So wußte er denn, mit wem er es wirklich zu thun hatte, und konnte ſich rüſten: wenn kein gefährlicherer Widerſacher ſeine Salvator. 55 Wege kreuzte, durfte er der ohnmächtigen Anſtrengungen wohl ſpotten, denn er hatte die Macht, welche heut die Welt regiert. Auf dem Schloſſe war Alles zum Empfange des neuen Beſitzers bereit, ſeine Mutter ſtrahlte, oder beſſer geſagt, ſie ſtrotzte vor Wonne und Entzücken, daß endlich das große Ge⸗ heimniß, welches ihr faſt das Herz abgedrückt hatte, in alle Welt gegangen war. Welche Wandlung in ihrem Schickſale ſeit der kurzen Friſt eines halben Jahres! Damals ſaß ſie, arm und verachtet, am Bette ihres todkranken Sohnes, mit der bittern Sorge um das Leben ihres einzigen Ernährers und dem noch bittrern Grame um ihre verlorne Tochter kämpfend — heut ſtand ſie als Regentin auf einem Ritterſitze, det ihrem Sohn gehörte, und konnte mit Stolz an ihn und mit Froh⸗ locken an ihre Tochter denken. Dieſe beiden Empfindungen theilten ſich in ihre Bruſt, mit ihnen empfing ſie den Schwie⸗ gerſohn und zeigte ihm, wie gut ſie Alles bereitet habe. Er war mit ihr zufrieden. Die alte Einrichtung, welche mit in die Hände des neuen Beſitzers übergegangen war, hatte ſich zwar manche, nicht eben im beſten Geſchmack ausgeführte Verände⸗ rung gefallen laſſen müſſen, ſo daß in manchem Zimmer die Stellung der Möbel dem Adjunct ein Lächeln entlockte, doch war das Ganze ſpiegelblank vor Reinlichkeit. Zwei Stunden ſpäter kam Roland an. Er war, nachdem ſich das Schickſal der Familie anders geſtaltet hatte, von Schrader, welcher an die geheimſten und glühendſten Wünſche des jungen Menſchen anknüpfte, in eine ganz neue Lebens⸗ bahn geriſſen worden— und wenn wir ihn ſtatt in der Schif⸗ ferjacke und Strohkappe heut in dem eleganten Coſtüme eines Gentleman wiederfinden, ſo wird uns, wie vortheilhaft er ſich 56 Salvator. auch darin ausnimmt, dieſe Löſung in ſeine Seele hinein be⸗ trüben. Vortheilhaft nahm er ſich aus in dem feinen ſchwar⸗ zen Ueberrock, der ſeine ſchlanke Figur mehr hervortreten ließ, die Cravatte mit den leicht umgeſchlagenen Kragenſpitzen ge⸗ nirte ihn durchaus nicht mehr, er nahm den Hut mit vollen⸗ deter Gewandtheit ab und ſein Angeſicht war blühender, als je. Es giebt einen natürlichen Anſtand, der an keine Volks⸗ klaſſe, an keinen Rang beſonders gebunden iſt— wir haben ihn bewundert an den Söhnen deutſcher Berge, an geringen Leuten in Italien, es giebt ſogar einen natürlichen Takt des Benehmens, der auch vor Rohheit ſchützt. Beides beſaß Ro⸗ land, und ſo hatte ſeine erſte Erſcheinung immer etwas Gewin⸗ nendes. Aber wenn er ſprach— und er ſprach jetzt leider viel mehr, als ſonſt!— dann konnte er nicht verläugnen, daß er in dies Kleid noch nicht gehörte, und wenn er auf die Dauer ſich äußerlich auch gehen ließ, traten verletzende Manieren hervor, welche er ſonſt nimmermehr beſeſſen hatte. Seine Ma⸗ nieren hatten ſich in gewiſſer Hinſicht verſchlechtert. Die Mutter war gleichwohl entzückt über ihn, ſie konnte ſich gar nicht ſatt an ihm ſehen und ſtellte ſich mit ihm vor einen der großen Spiegel. Auch ſie hatte die Tracht ihrer frü⸗ hern Jahre verlaſſen, ſtatt des ſchwarzen, ſorgſam geſchlunge⸗ nen Kopftuchs hatte ſie eine Tüllhaube, möglichſt reich mit brennenden Bandſchleifen garnirt, ſtatt der einfachen dunkeln Kattunjacke und des Faltenrocks nebſt Schürze ein weites, mit vielen Schnörkeln gebautes Kleid von frappant gemuſter⸗ ter Mouſſeline de laine angethan. „Mutter, Du ſiehſt vermooſt ſchön aus!“ ſagte Karl la⸗ chend. Sie verſtand das„vermooſt“ nicht, wie es auch wohl „ —————————— ———————— Salvator. 57 unſern Leſerinnen geht, und nahm es im übeln Sinne, aber in dieſem Momente hätte ſie ihrem Sohne, der nun ein Herr war, kein böſes Wort ſagen können, und„ſchön“ war doch auch dabei gemeint. Sie fand ſich ſelbſt ſehr ſchön. Al— lerdings hatten ſich die Kummerfalten in ihrem Geſichte ge⸗ glättet und es lächelte ganz wohlhäbig, aber die Spur der ſchweren Jahre, welche ſie durchlebt, ließ ſich dadurch nicht ver⸗ wiſchen, ſo daß es immer eine alte Frau war und keineswegs eine anziehende alte Frau, welche neben dem blühenden Jüng⸗ linge aus dem Spiegel blickte. Im Fluge nahm jetzt der neue Gutsherr eine Rundſchau ſeines Beſitzthums vor. Schrader ließ ihn darin gewähren und ſtörte nicht einmal durch ſeine Gegenwart dieſen erſten Act der Autonomie, wie Schrader ſelbſt es nannte— wir wollen beſſer ſagen, der Selbſtſtändigkeit. Er hatte dafür geſorgt, daß un⸗ ter dem Wirthſchaftsperſonal und Geſinde keine Ueberhebungs⸗ gelüſte gegen einen Brodherrn, wie Karl vor der Hand noch ſein mußte, vorhanden waren, die alten Leute vom Hofe hat⸗ ten ſich freiwillig aus dem Dienſt gezogen, ſonſt würden ſie entfernt worden ſein, jetzt waren lauter neue Geſichter dazu, der Inſpector ein ſchlichter, praktiſcher Menſch, der ſich um nichts als ſeinen Wirthſchaftsbetrieb kümmerte, die Knechte und Mägde aus fremden Dörfern, reines Lohngeſinde, aber tüchtig zur Arbeit. So konnte Roland ſchon auftreten. Er that es mit einer merkwürdigen Sicherheit. Wenn er auch in den Monaten, welche Schrader beſtimmte, um ihn durch die Fremde zu culti⸗ viren, wenig gelernt hatte, was wahre Bildung erfordert, drei⸗ ſtes Selbſtgefühl war ihm wunderbar ſchnell zu eigen geworden. Den Schwager wollte er gleich nach ſeiner Ankunft beſu⸗ Salvator. chen, aber Schrader war ihm noch abſichtlich ausgewichen und er fand nur ſeine Schweſter vor. Sie hatten ſich, ehe Karl ſeine Reiſe antrat, ſchon geſehen und völlig ausgeſprochen, die alte unangenehme Geſchichte wurde alſo gar nicht zwiſchen ihnen berührt. Karl fand ſeine Schweſter etwas blaß ausſe⸗ hend, worüber er einen Scherz machte, der ſie verletzte, ſo daß ihr das Blut in die Wangen ſtieg und ein unwilliger Blick dem Bruder ihr Erſtaunen über den fremden Geiſt verrieth, der aus ihm ſprach. Er lachte ſie deshalb aus. Hatte er in ſeiner frühern Keckheit des Benehmens, die ihn wohl zuweilen über die Schranken der Rückſicht gegen Höhergeſtellte, aber nie über die Schranken des Sittlichen führte, ſich jetzt in mehr als einer Beziehung geſteigert, ſo fand er Annen dagegen noch ſchüchterner, als ſie früher war: ſehr„tumide,“ wie er ſich ausdrückte. Und wie ſonderbar zog ſie ſich an! Das war keine Dame, keine Bürger⸗, keine Bauerfrau, aber etwas von Allem, und als er ſich mit kritiſchen Reden, welche bewieſen, daß er in Sachen des Anzugs einige Studien gemacht, da⸗ rüber ausließ, wurde ſie abermals böſe und ſagte, daß ſie ſich nach dem Gefallen ihres Mannes kleide. Noch mehr ver⸗ wunderte ihn die ganze pauvere Umgebung: er begriff ſie nicht. Als Schrader nach Hauſe kam, hatte ſich Roland ſchon wieder entfernt, ſeine Schweſter mußte aber ſchildern, welchen Eindruck er auf ſie gemacht, wie er ſich benommen und ausge⸗ ſprochen habe. Sie wollte eigentlich verſchweigen, was ihr nicht an ihm gefallen, aber es war, als ſchaue ihr Gatte in die geheimſten Tiefen ihrer Seele, wie man auf den Grund eines kryſtallklaren Waſſers ſchaut. Ein Wort von ihm, das ihr ſagte, ſie verberge ihm etwas, und keine ihrer leiſeſten Salvator. 59 Regungen blieb ihm verborgen, ſelbſt die nicht, welche ihre Schamhaftigkeit nur mit heißem Erröthen geſtehen konnte. Schrader blickte ſie durchdringend an, während ſie mit niedergeſchlagenen Blicken vor ihm ſtand. Dann legte er ſeine weiche kühle Hand wohlthuend auf ihre Stirn und ſagte: „Dein Bruder weiß ſich in ſeiner Freiheit noch nicht zurecht zu finden. Was naturgemäß oder was nur von Menſchen eigen⸗ mächtig beſtimmt iſt, zu ſichten, es erfordert einen Standpunkt, von dem man die Verhältniſſe überſchauen kann. Dir mache ich keinen Tadel daraus, daß Du über Aeußerungen, welche an ſich harmlos ſind, Dich zuſammenziehſt, wie die Pflanze, von der ich Dir neulich erzählt habe. Einſt wirſt Du über Dich ſelbſt lächeln.“ Jetzt verſchob ſich aber das Wiederſehen nicht länger, und es war herzlich— von Karl's Seite gewiß auch aufrichtig. Der Dank gegen ſeinen Wohlthäter füllte ſein Herz in dieſem Momente bis zum Ueberfließen. Schrader ſchnitt ihm den Ausdruck dieſes Gefühls gleich ab, indem er ohne viel Ein⸗ leitung den Punkt berührte, welcher Roland's ganze Seele in Anſpruch nahm. „Haſt Du noch viel an Laura gedacht?“ fragte er.„Oder ſind Dir andere Mädchen begegnet, die Dir eben ſo lieb ge⸗ worden? Wien iſt ſo reich an ſchönen und liebenswürdigen Frauen!“ „Reden wir nicht davon!“ rief Karl.„Schöne und Lie⸗ benswürdige wird es in der Welt genug geben, aber ich habe nur Eine. Wo iſt ſie jetzt? Du haſt mir verſprochen—“ „Daß Du ſie wiederſehen ſollſt, daß ich, ſo viel an mir liegt, die Hinderniſſe, welche Euch trennen, wegſchaffen will. Salvator. Es iſt geſchehen, was ich thun konnte. Ich habe Dich in eine Lage verſetzt, wo Du auch um die Hand einer Dame von herm Stande, wie es einmal noch ſteht, werben kannſt, habe ferner ein vorbereitet— das Nebrige iſt nun Deine Sache.“ „O ja, und das wird ſich ſchon finden! Haſt Du ſie wie⸗ dergeſehen, ſeit ich fort bin?“ „Nein. Sie iſt mit ihrer Mutter während des Winters im Süden geweſen.“ „Süden? So!— Aber weißt Du auch, ob ſie noch zu haben iſt? Kann ſich nicht ein Anderer gefunden haben?“ „Sie iſt noch frei,“ erwiederte Schrader.„Eins will ich Dir ſagen, es iſt meine Schuldigkeit, Dich auf ſo Manches noch aufmerkſam zu machen, was Laura abſtoßen muß. Ge⸗ ſtehſt Du mir das Recht zu?“ „Abſtoßen! Was heißt das? Ich ſehe gar nicht ein, was ſie abſtoßen ſoll.“ „Biſt Du Deiner Sache gewiß, daß Du ihr Herz beſitzeſt?“ fragte Schrader. „Das wird ſich finden. Jetzt iſt das gar nicht mehr ſo. Ich habe ſo viel Geſchichten gehört und geleſen, von Eujehn Schuh und wie ſie Alle heißen, wo die Reichſten und Vor⸗ nehmſten ſich arme Arbeiter genommen haben, und daß gar kein Adel mehr exiſtirt, oder wenn auch, ſo kann ich mich auch adeln laſſen. Ich kenne einen Juden, der Baron geworden iſt. Und mein Vater ſagte immer, der Schiffer wäre der erſte Edelmann von Noah her.— Wenn ich Laura nicht kriege, ſo — ſo bin ich ſehr unglücklich.“ Nach all' dem Gefaſel, das er obenein im Tone eines Wiener Dandy geſprochen hatte, klan⸗ Salvator. 61 gen die letzten Worte auf einmal wieder in dem naturwahren, echten Laute eines tiefen Gefühls und machten darum Ein— druck auf Schrader, welcher eben alle Regiſter in ſeines Zög⸗ lings Seele hören wollte. Sie ſprachen noch viel darüber und Karl vihe in ſeinen Hoffnungen beſtärkt. Aber bei dem Schwager regten ſich wieder Zweifel, ob er hier das vorgeſteckte Ziel erreichen werde, zu welchem er im Vertrauen auf ſeine Kraft, Verhältniſſe zu ge⸗ ſtalten und zu lenken, dieſen kühnen Weg eingeſchlagen hatte. Wenn es ihm gelang, die Verbindung zu Stande zu bringen, welcher unermeßliche Vortheil für ihn ſchon in dem Beiſpiele! Aehnliche waren zu allen Zeiten, aber nie ohne Oppoſition zu wecken, vorgekommen, heut ſchienen ſie auffallend ſeltner ge⸗ worden: das lag wohl in dem aufgeſchreckten Standesgefühl, das die einen Moment drohende Abſchaffung des Adels mehr wach gerufen, ſo daß er ſich wieder enger zuſammenſchloß und vor allen Zugeſtändniſſen, ſelbſt durch Heirathen, hütete. Wenn es nun gelang, die Tochter eines der älteſten Geſchlechter zu einer Verbindung mit einem Riedriggebornen, wie Karl, zu be⸗ wegen, wenn gleich darauf noch ein Paar ähnliche Heirathen folgten, und zwar im nächſten Unkreiſe, denn auch hier wirkt das weithin Vereinzelte nicht, ſo konnte der feſte Grund zu fernern Operationen gewonnen werden. Aber konnte auch Karl Roland einem Mädchen wie Laura gefallen? Hier freilich fehl⸗ ten dem Manne der Liſt und Berechnung die nöthigen Fäden, um ſein künſtliches Gewebe zu vollenden, er glaubte Frauen⸗ herzen ſtudirt zu haben und war Anfangs der feſten Ueberzeu⸗ gung geweſen, daß es nur einer Erhebung Roland's aus ſeiner armen, rohen Lage bedürfe, um der geheimen Reigung für ihn, 62 Salvator. welche er in Laura unzweifelhaft entdeckt zu haben glaubte, freie Bahn zu bereiten. Roland hatte alle Vorzüge des Aeußern und des Herzens, ſein natürlicher Verſtand befähigte ihn, ſich auch die Bildung des Geiſtes anzueignen, welche ihm noch fehlte. Wie ſtand es jetzt? Welche Reſultate waren gewonnen? 5. Fortunati Wünſchhütlein! Herr Schepke, welcher davon in ſeinen Mußeſtunden vor Zeiten geleſen hatte, ſehnte ſich danach, um nur gleich ſeiner Gebieterin den Sack voll Neuig⸗ keiten, wie ein Janitſchar die abgeſchnittenen Feindesohren, ausſchütten zu können. Der Bahnzug, welcher ihn von ſeiner Erpedition nach Berlin zurückführte, ging ihm noch viel zu langſam. Er konnte nun erzählen, daß ſchon ein kleiner Anfang gemacht war mit dem Gelde, das eigentlich ſeiner neuen Herr⸗ ſchaft gehörte, oder ihrer Tochter, gleichviel! Und von dem Spectakel in der Fabrikſtadt, den er mit eignen Augen ange⸗ ſehen hatte. Die Arbeiter, als der Fabrikant ihnen keine Er⸗ höhung des Lohnes hatte geben wollen und ſie Tumult ange⸗ fangen, um all' ſeine Maſchinen zu zerſtören, waren durch Herrn Schrader beſchwichtigt worden; er hatte ihnen die ge⸗ forderte Erhöhung des Lohnes gezahlt, nachdem er ihnen aus⸗ einander geſetzt, daß es Herrn Selle, ſo hieß der Fabrikant, ſchlechterdings unmöglich ſei, ohne eignen Verluſt die Forde⸗ rung zu bewilligen. Da war ein Jauchzen und Jubiliren ge⸗ Salvator. 6 weſen! Herr Selle hatte den Retter aus Todesgefahr umarmt und dabei vor Rührung geheult, daß es laut zu hören, ſeine Frau, die adelig geborne Dame, war Schrader faſt zu Füßen gefallen, denn die Arbeiter hatten es grade auf ſie abgeſehen, weil ſie ſoviel Luxus in Kleidern und Schmuck trieb, und woll⸗ ten ihr all' die ſchönen Sachen ausräumen. Es mußte ſchon ein ganz reſpectables Sümmchen ſein, was der Spaß dem Herrn Adjunct koſtete, indeſſen hatte er es doch! In Sielitz und Reſſen wohnte nun als Gutsherr ſein Schwager, und die Leute ſagten, er werde ſich das Fräulein von Arnefeld heim⸗ führen, denn daß er ſie ſchon geküßt, wußte der Schenker aus ſeinem eignen Munde: er hatte es zwar nicht grade ihm ge⸗ ſagt, aber doch ſeiner Mutter, der Madame Roland, wie ſie jetzt hieß, und dieſe hatte es der Frau Dörmann, des Paſtors Haushälterin, vertraulich erzählt, von welcher es denn, wie der Löſcheimer bei einer Feuersbrunſt, weiter gegeben worden war, bis an des Schenkers weibliche Umgebung. Arme Laura! Du hatteſt Dich ſo gefürchtet, er werde Dich dem Gelächter roher Schifferknechte ſchon am Abend des Tages, wo er Dich vom Tode gerettet hatte, Preis geben! Und er hatte ſein ſüßes und ſchmerzliches Geheimniß doch ſo treu bewahrt, daß es ihm nicht einmal die Gluth des Fiebers dieſe Perle deſſelben, die Geſchichte des Kuſſes, entriſſen hatte, wie ſehr ſich auch in ſeinen Phantaſien die Faſſung der Perle, die Neigung ſeines Herzens, verrathen mußte! Wie kam er jetzt dazu, ohne alle Veranlaſſung ſeiner Mutter zu erzählen, was er bisher ſo hei⸗ lig bewahrt hatte? Er war ein Anderer geworden. Und mit all' dieſen inhaltſchweren Neuigkeiten noch lange nicht genug! Herr Schepke wußte noch mehr: er war überaus Salvator. glücklich geweſen, und mancher unſrer diplomatiſchen Leſer, der das écouter aux portes und pailler aux coins lange mit ſte⸗ rilem Erfolge getrieben, wofür ihm auch noch wenig Decora⸗ tionen geworden ſind, kann ihn darum beneiden. Herr Schepke brachte noch eine höchſt intereſſante Nachricht: der geſchiedene Gatte Frau Adelheid's von Arnefeld, gebornen von Mörner, war aus Amerika angekommen, er ſaß zu Rackwitz bei ſeinem Vater. Dieſe letzte Mittheilung war für Adelheid's Mutter die wichtigſte, ſie erſchrak förmlich darüber, und wußte nicht ein⸗ mal warum. Denn was konnte der Mann ihr ſchaden? Daß er nicht verſtanden hatte, ihre Lida zu behandeln, daß er das arme Kind unglücklich gemacht, bis ſie zuletzt— die Bekla⸗ genswerthe!— im fremden, wilden Lande, freund⸗ und hülf⸗ los, zu dem Entſchluſſe gekommen, ſich von ihm zu trennen— halt! welcher entſetzliche Gedanke! War dieſe Trennung auch wirklich durch das Geſetz vollzogen? Frau von Mörner hatte die Scheidungsurkunde weder geſehen, noch zu ſehen verlangt! Himmel! Wenn Lida ihm nur entflohen war, und er kam jetzt, ſie zu verfolgen? Sie, Arnefeld's angetrautes Weib! Frau von Mörner hätte in dieſem Momente auch Fortunati Wünſchhütlein brauchen können, um ſich flugs nach Venedig zu verſetzen und ihre tödtliche Angſt durch eine Rückſprache mit Lida zu beſchwichtigen. Sie ſetzte ſich aber wenigſtens gleich an den Schreibtiſch und gab ihrer Tochter von der Heimkehr Haug's Nachricht. Der Brief ging ſo raſch, als ihn die jetzigen Verbindungs⸗ mittel befördern konnten. Dennoch hätte er das Paar, an wel⸗ ches er gerichtet war, faſt nicht mehr erteicht, nur ein plötzlicher Salvator. 65 Krankheitsanfall, welchem Adelheid erlegen war, hatte die Ab⸗ reiſe verzögert, die viel früher durch Arnefeld beſchloſſen wor⸗ den war, als er ſeiner Schwiegermutter in ſeinem urſprüngli⸗ chen Plane gemeldet hatte. Venedig langweilte ihn jetzt, er hatte einſt unvergeßliche Tage oder, beſſer geſagt, Nächte hier verlebt, denn erſt mit dem notturno fresco lebt man in Vene⸗ dig, am Tage gondelt man höchſtens und fährt auf die Kir⸗ chen⸗ und Bilderſchau, was zwar nothwendig war, aber für Arnefeld nicht leben hieß. Die himmliſchen Nächte Venedigs — wie ſie dichteriſch geſchildert ſind— was war aus ihnen geworden! Arnefeld hatte zwar dieſe lyriſchen Poeſien niemals in ſeinem Innern wiedergeboren, angeregt von jenem wunder⸗ baren Zauber, der die Lagunenſtadt umweht. Er hatte viel⸗ mehr dort einige epiſch⸗erotiſche Poeſie durchlebt. Dieſe Poeſie im Geſchmack des Arioſt giebt es auf San Marco und dem Canal grande noch immer. Auch im Geiſte des P. Atanaſio weiter hin auf dem dunkler werdenden Canaletti und der Riva, dahinten nach dem Arſenal zu, ſo lange Venedigs Frauen ſchön ſind. Aber jetzt fühlte er kein Verlangen mehr danach. Und wie dieſer Reiz erloſch, war ihm San Marco nichts mehr als ein großer gasbeleuchteter Marktplatz mit Janitſcharenmu⸗ ſik und anderm Lärm, der Canalazzo und ſeine Paläſte nur eine gewöhnliche Waſſerſtraße zwiſchen alten, verräucherten Häuſern, die wohl einmal ſehr ſchön geweſen ſein mochten, nun aber mit ihren aberteuerlichen Schnörkeleien und zerbro⸗ chenen oder mit Brettern verſchlagenen Fenſtern gar nicht mehr in eine Stadt von Rang paßten: er hatte all' die hergebrach⸗ ten Seufzer über die trauernde Königin der Meere und ihre verſunkene Herrlichkeit, all' den Abklatſch aus Platen und Ida — Salvator. II. 5 66 Salvator. 8 Hahn herzlich ſatt. Ihn verlangte wieder in das volle Leben einer modernen Umgebung, und er begriff nicht, wie Adelheid ſich ſo gar nicht zu ſättigen vermochte in dem, was ſie Vene⸗ digs berauſchende Poeſie nannte. Einen Augenblick wandelte es ihn an wie ein Gefühl, das er bis jetzt nie gekannt: Eifer⸗ ſucht! Sollte ſie hier unter den leicht geknüpften Bekanntſchaf⸗ ten einen Mann gefunden haben, welcher ſie intereſſirte? Aber nur einen Moment glaubte das Arnefeld, dann lachte er ſich ſelbſt aus. Endlich ſchien es ſeinen wiederholten Angriffen auf ihren poetiſchen Reiz gelungen zu ſein, ſie zu ernüchtern, denn ſie beſtimmte jetzt aus eigenem Antriebe den morgenden Tag zur Abreiſe, nur das Heut wollte ſie noch in einem Vollgenuß venetianiſchen Lebens feiern. Er ſchloß ſich ihr an, da er ſich in der letzten Zeit ſchon mehrfach von ihren Ausflügen dispen⸗ ſirt hatte, um auf ſeinem bequemen Sopha im Albergo d'Eu⸗ ropa, das er dem üppigſten Gondelpolſter vorzog, zurückzublei⸗ ben, und höchſtens, wie alle Welt, ein Paar Stunden vor ir⸗ gend einem Kaffeehauſe zu verſitzen. Heut begleitete er, gleich⸗ ſam neugeſtählt, ſeine Gattin, die unermüdlich ſchien, Oſtge⸗ ſehenes immer wieder zu ſchauen. Im Arſenal war ſie aber noch nicht geweſen, eine Werkſtätte für Krieg⸗ und Seeweſen lag ihrem Sinne zu fern, doch hatte man ihr ſo viel erzählt, daß ſie ſich noch zuletzt zu dieſem Beſuche entſchloß. Für Arne⸗ feld war es von Intereſſe, er lieh den Erklärungen der Führer, denen er ſonſt immer entfloh, ein aufmerkſames Ohr und hielt ſeine Gattin länger auf, als es ihrem Geſchmacke zuſagte, be⸗ ſonders in den Waffenſälen. Dann hatten ſie in die„fabelhaft“ lange, von Säulen getragene Halle zum Drehen der Schiffs⸗ taue, Palladio's Meiſterbau, einen Blick gethan und wollten Salvator. 67 nach ihrer Barke zurückkehren, als ihnen ein Haufe der Galee⸗ renſträflinge begegnete. Sie ſchleppten ihre Ketten mit italieni⸗ ſcher Gleichgültigkeit, trieben ihre Scherze, lungerten hier und dort in Gruppen umher— wüſte Geſtalten mit wirrem Haar und aller Frechheit des Laſters unter ihnen, aber auch mehr als ein ſchönes und trauriges Geſicht, das nicht Abſcheu, ſon⸗ dern Mitleid weckte, und das gewinnendſte von allen gehörte Einem, der mit ſchweren Ketten an einen Andern geſchloſſen war und von einem Bewaffneten ganz beſonders bewacht wurde. Adelheid bemerkte ihn erſt, als ſie ein Paar ſeiner Geſellen, welche ſich an ſie drängten und ihr Kleinigkeiten von Muſcheln und Glas zum Verkauf anboten, mit einigen Centeſimi abge⸗ fertigt hatte. Ein heftiges Zucken, das ihren ganzen Körper erſchütterte, verrieth ihrem Gatten, wie ſehr ſie ſich erſchrocken habe, wahrſcheinlich vor dem grauenhaften Alten, an welchen der ſchöne, bleiche Jüngling geſchloſſen war. „Beides Mörder!“ flüſterte der Führer den Fremden zu, welche ihren Schritt beſchleunigten, um dem Anblicke zu ent⸗ gehen. Arnefeld ſchalt ſeine Frau, daß ſie ſich noch einmal um⸗ ſah, obgleich ſie erblaßt war und noch zitterte. Ein feſter Blick war jedoch ihre Antwort, und er verſtummte, auch ſchien das wiederholte Umſchauen den Eindruck gemildert zu haben, denn ſie war bald vollkommen beruhigt, und auf der Heimfahrt konnte ſie ſchon wieder ſcherzen. Noch einmal beſuchte ſie heut die Prachtgebäude, welche ihr vor allen die liebſten geworden waren, und labte ſich an Be⸗ trachtung der Kunſtwerke, die ſie am meiſten angeſprochen hat⸗ ten, wandelte über des Domes San Marco Moſaikboden, der ſich vor Alter wellenförmig aufgeworfen hat, ohne doch einen 5 Salvator. Stift vom andern zu laſſen, ſaß bis zum ſinkenden Abende vor dem Kaffeehaus auf der Piazzetta und ſchaute träumeriſch zu der rothen Marmorfronte des Dogenpalaſtes und ſeinen mau⸗ riſch⸗byzantiniſchen Fenſtern, zu den Kuppeln der Marcuskirche und über die hellgrüne Fluth des Hafens, wo zwiſchen den Ma⸗ ſtenſchiffen viele Barken und ſchwarze Gondeln dahinſchoſſen — und als der Mond aufging, der große, glühende Vollmond, rief ſie den Gatten auf zur letzten Fahrt durch den Canal grande. Sie war anders wie ſonſt, er fühlte das, aber er konnte es nicht bezeichnen Leicht floſſen ihr ſtets die Worte vom Munde, ſie glichen einem übermüthig ſprudelnden Wildbach, heut nah⸗ men ſie oft einen Aufſſchwung, bis zu romantiſchem Ausdruck, der ihr ſonſt eigentlich fremd war, und brachen dann plötzlich zuſammen, wie ein Springquell am Felſen in tauſend ſchäu⸗ mende Waſſerperlen zerſtäubt. War es der Einfluß der ſchö⸗ nen, milden Mondnacht und die von tauſend fremdartigen Er⸗ ſcheinungen belebte Umgebung, welche dieſe Wirkung auf Adel⸗ heid hervorbrachten? Es war nicht einſam im Canal grande. Schifflein flogen in Menge hierhin und dorthin, Stimmengewirr, Muſik und Gelächter tönten, wo irgend Licht war, aus allen Häuſern, aber das ſtörte die Poeſie der Träume nicht, welche in alte Tage zurückkehtten, das wob ſich vielmehr paſſend hinein und velebte ſie mit warmen Pulſen. Eine Gondel ſingender Mäd⸗ chen fuhr an der ihrigen vorüber, ihre friſchen, glockenhellen Stimmen ſangen ein einfaches Ritornell. Auf den reichen Spitzbogen der Paläſte und ihren moresken Verzierungen flim⸗ merte der Mondſtrahl, es war, als müſſe auch in ihnen noch das volle Leben walten, wie zur Zeit, da es Königen eine Salvator. 69 — Ehre war, venetianiſchen Adel zu erwerben; es war, als müſſe aus jenem Portal des Hauſes Peſaro einer der ſtolzen, ſtar⸗ ren Gebieter treten im rothen Senatorenkleide und mit ihm eine Schaar junger Nobili in übermüthigem Trotz und aller Zü⸗ gelloſigkeit, an welche kein Geſetz reicht. Dort die Marmor⸗ treppe, deren letzte Stufe die Welle beſpült, der Wappenpfahl, an dem die Staatsgondel ſonſt gekettet lag— Alles noch wie vor Zeiten! Adelheid ſprach viel und lebhaft von dem Leben Venedigs in der Vergangenheit, wie ſie daſſelbe aus vielen Schilderungen kennen gelernt hatte, von den ſchönen Frauen mit dem üppigen Liebreize, welchen die Bilder Tizian's und ſeiner Zeitgenoſſen verewigt haben, ſie pries ihr Glück, und plötzlich brach ſie mit einigen Anſpielungen auf die Todten⸗ inſel draußen ab. Arnefeld hatte ihr, ſeine Cigarre rauchend, ſo gemüthlich zugehört, dieſe Diſſononz, mit der ſie ſchloß, war ihm ſtörend, doch ſagte er nichts, denn er hatte Aehnli⸗ ches heut ſchon mehrmals erfahren. Auf der Rückfahrt blieb ſie ſehr ſtill, und erſt, als ſich der breitſchimmernde Lichtſchein, welcher die Nähe der Piazzetta verkündete, auf die dunkle Fluth legte, als ſie bei der Kirche zur Madonna della Salute um die Ecke biegend die feenhafte Beleuchtung vor ſich erblickten, wachte ſie wieder auf und blieb auch den Reſt des Spätabends, welche ſie auf dem Mar⸗ cusplatze verlebten, ganz heiter, ja ſie wollte nichts davon hö⸗ ren, daß Arnefeld die Gegenwart ſchaal und dürftig ſchalt im Vergleich mit dem Sonſt, ehe der Krieg und die Belage⸗ rung den kurzen Traum der Meeresſtadt von Wiedergeburt vernichtet hatten: damals die Tauſende von allen Ständen, Einheimiſche und Fremde gemiſcht, die Sänger, die Erzähler, Salvator. Gondelwettfahrt und Tombola und ſüße Abenteuer— ſie lachte ausgelaſſen und ging ſogar auf dieſen Gegenſtand ein. Denn auf die Gefahr hin, unſere Leſerinnen zu verletzen, müſſen wir es ſagen, der Geiſt dieſer Ehe war nicht der züchtige, wie er zwiſchen reinen Gemüthern beſteht, und konnte es auch nicht ſein, wie man uns zugeben wird, nach den beiden Charakte⸗ ren. Wild üppig hatten ſie ſich, nachdem die Hinderniſſe, die ſich ſo lange Zeit zwiſchen ſie geworfen, aus dem Wege ge⸗ räumt waren, einander hingegeben und fragten nichts nach dem edlern und geiſtigen Princip, das allein für die Dauer der Neigung eine Bürgſchaft giebt. Adelheid hatte indeſſen die vollkommene Herrſchaft über ihren Gatten erlangt. Dem letzten berauſchenden Tage in Venedig folgte eine unheimliche Nacht. Schreckliche Träume ſuchten Adelheid heim, vergebens weckte ſie Arnefeld, ſie fiel immer wieder in die wüſten Netze, welche ihren Geiſt mehr und mehr beſtrickten, der alte Mörder war es vom Arſenal, deſſen Bild ſie ängſtigte, und von ihm unzertrennlich der blaſſe, ſchöne Jüngling— den nannte ſie mit einem Namen, welchen Arnefeld nie gehört hatte, aber gleich darauf beſchwichtigte ſie ſich wieder durch ge⸗ murmelte Worte: Er iſt es ja nicht! Es war eine täuſchende Aehnlichkeit geweſen, erzählte ſie nachher, als Arnefeld ihr den Namen im wachen Zuſtande ſagte, den ſie träumend gerufen hatte, eine täuſchende Aehnlichteit mit einem Freunde ihres vorigen Gatten, der ſpäter ein ſchreckliches Ende genommen. Doch nur beim erſten Anblick. Näher betrachtet ſei doch dieſer Italiener nicht mit Jenem zu vergleichen, den eine wahrhaft heilige Schönheit umſtrahlt habe. Der Ausdruck erregte Ar⸗ nefeld's Spottluſt, er bat ſich eine Erklärung aus. Adelheid Salvator. 71 aber klagte über ihr Befinden und fieberte in zunehmendem Maße bald ſo heftig, daß an keine Reiſe mehr zu denken war. So mußte ſich denn der Gatte zu einem verlängerten Auf⸗ enthalte bequemen und war während deſſelben, obgleich die eigentliche Krankheit ſeiner Frau ſchnell genug gehoben war, keineswegs auf Roſen gebettet, denn er hatte von Adelheid's Launen viel zu leiden. Nie hättger geglaubt, von einer Frau ſo viel ertragen zu können, und er ſuchte ſich oft durch die Er⸗ innerung an ſein Verhältniß zu der erſten Gemahlin, ſeiner theuerſten Emilie, zu waffnen. Dieſe hatte ſich ihm vollſtändig untergeordnet, ein Blick von ihm war ihre Richtſchnur gewe⸗ ſen, jetzt konnte er vor einem Blicke Adelheid's roth werden. Aber das war ja offenbar die Liebe, nur weil er ſie namenlos liebte, that er Alles, was ſie wünſchte, und hatte gar keinen eignen Willen mehr. Wie kam es aber, daß er während ihrer Krankheit doch öfter, als ſonſt, an ſeine vorige Ehe und auch an ſeine Kinder dachte? In dieſer Stimmung traf ihn der Brief der Frau von Mörner, welcher ohne en⸗ Unfall zu ſpät nach Venedig gekommen ſein würde. Er war an die Tochter gerichtet, Arne⸗ feld erbrach ihn daher nicht, ſondern wartete ihr Erwachen ab, denn ſie ſchlummerte eben, als der Lohnbediente von der Poſt kam. Adelheid ſchlummerte ſehr lange, und erklärte ſich, als ſie aufwachte, für ganz geſund. Sie ſah auch heiter aus, ihr Auge hatte ganz wieder das alte Feuer. Den Brief ihrer Mutter nahm ſie mehr mit lächelnder Neugier, als mit freudi⸗ ger Eile, aber kaum hatte ſie die erſten Zeilen überblickt, ſo ließ ſie einen Ausruf der Ueberraſchung hören und ihre Farbe wechſelte. 6 Salvator. „Doch nichts Unangenehmes, Lida?“ fragte Arnefeld beſorgt. „Im Gegentheil!“ erwiederte ſie flüchtig.„Die Heimkehr, Trauerſpiel in zwei Acten von— war's nicht Houwald?— Ich habe ſelbſt einmal mitgeſpielt, in meiner Mutter Soireen wurde das Stück aufgeführt.“ Dabei ſie mit fliegenden Blicken weiter. „Du ſprichſt in Räthſeln meine Lida,“ ſagte er bittend. Sie ſtreckte, ohne von dem Blatte aufzuſehen, den weißen leuchtenden Arm aus.„Bitte— die Angiolina ſoll zu mir kommen,“ ſagte ſie ganz ſanft— es lag nichts Herriſches in ihrem Tone, aber er wagte keine weitere Frage, ſondern ging, die kleine broncefarbene Paduanerin zu rufen, welche gewöhn⸗ lich Zofendienſt bei ſeiner Frau verrichtete, und wartete dann im Wohnzimmer auf ihre Befehle. „Signore!“ rief erſt nach einer halben Stunde die Came⸗ riera und ſteckte ihren kleinen Kopf mit den brennenden Augen in die Thüre.„Madonna läßt bitten,“ Adelheid war angekleidet und kam ihm ſo kräftigen Schrit⸗ tes entgegen, daß er ganz entzückt über das Wunder ihrer ſchnellen Geneſung nach ihrer Hand griff, um ſie zu küſſen. Heimlich lachend entfernte ſich die Paduanerin, ſie hatte mit italieniſcher Schlauheit ſchon die Verhältniſſe durchſchaut, und nur in Einem that ſie der Deutſchen Unrecht, daß ſie dieſelbe nach dem Modell hieſiger Frauen beurtheilte. Frauentreue ſoll in den großen Städten der ſchönen Halbinſel eine Perle ſein. „Lies, Adolar. Eine höchſt intereſſante Nachricht für Dich,“ ſagte Adelheid. Salvator. 73 Sie reichte ihm die Schlußſeite des erhaltenen Briefes hin, wo eine ziemlich verlorne Nachſchrift ſtand:„Deines Mannes Tochter ſoll einen Schifferſohn heirathen, wie es heißt.“ „Roland!“ rief der Freiherr, von Zornröthe flammend übergoſſen.„Das iſt nicht möglich!“ „Bitte, Adolar! Deine ſonore Stimme ruft die Bewoh⸗ ner von ganz Europa zuſammen, ich meine unſers Hotels. Nach Allem ſcheint die Sache doch nicht ganz aus der Luft ge⸗ griffen, denn Du weißt ſogar den Namen.“ „Eine elende, nichtswürdige Inſinuation!“ rief Arne⸗ feld heftig. Sie trat einen Schritt zurück und maß ihn mit einem großen Blicke, der ihn gleich in Verlegenheit ſtürzte. Meine Lida! Unmöglich kannſt Du meine Worte falſch beziehen— ſie gelten den alten Frau Baſen, den Klatſchweibern und Kaffeeſchweſtern, die ſolche empörende Lügen in die Welt ſchicken!“ „Aber Du nannteſt einen Namen!“ ſagte Adelheid. „O das iſt reiner Unſinn! Ich ſelbſt bin Schuld daran durch eine Neckerei, wie konnte ich ahnen. daß eine Seele in der Welt im Ernſt an dergleichen glauben und es gar, wie hier, für eine Möglichkeit ausgeben würde?“ „Du nannteſt den Namen im vollen Ernſt!“ ſagte Adelheid. „Ich— Nun ja! Er fuhr mir durch den Kopf. Ich finde es lächerlich, daß es geſchah, doch wer kann für ſeine augen⸗ blicklichen Gedanken ſtehen? Sie ſteigen auf und zerplatzen, wie Schaumperlen im Champagner. Denke nur an Deine Aventüre im Arſenal. Ihr Auge hatte eine viel gewaltigere Sprache, als ihr 74 Salvator. Mund, und Arnefeld verſtand dieſe Sprache ſo genau. Er ſenkte ſeinen Blick, ſie ging langſam nach der Chaiſe⸗longue, in welche ſie ſich zurücklehnte. „Steht nicht ein Wort zur Erklärung weiter in dem Briefe?“ fragte er nach einer kleinen Pauſe. „Du wollteſt mir wohl den Anlaß erzählen, welcher Deine Neckerei hervorrief,“ ſagte Adelheid.„Wie hieß der Name?“ Es war kein Ausweichen möglich, er erzählte den Vor⸗ fall, ſo widerwärtig ihm die Erinnerung war, mit allen Um⸗ ſtänden. Adelheid, wenn ſie willigen Gehorſam fand, war die Güte ſelbſt, ſie lachte ergötzt auf, als ihr Gatte der Ret⸗ tung und dann der Belebungsverſuche erwähnte, ſchlang ihren Arm um ſeinen Hals und küßte ihn, wie es der arme Schifferſohn dem ohnmächtigen Fräulein gethan hatte. Was er weiter berichtet, klang ziemlich verworten— es hätte eine feinere Beobachtungsgabe dazu gehört, als er ſie beſaß, um zu ermitteln, ob wirklich in Laura's Herzen ein Funke für den ſchönen Schiffer glühte— bei dieſem erſchien das Gefühl da⸗ gegen außer allem Zweifel. „Laſſen wir einſtweilen dieſe Romanze!“ ſagte Adelheid. „Ich will Dir dafür eine Ballade vortragen, welche das durch⸗ gehende Hauptmotiv in meiner Mama Ouvertüre bildet. Haug iſt wieder in Europa.“ „Dein Haug?“ rief Arnefeld betroffen. „Mein iſt er nie geweſen,“ erwiederte ſie kalt.„Er gehört der ganzen Menſchheit, und nur in ſofern ich einen Theil der⸗ ſelben ausmache, habe ich auch einen Anſpruch auf ihn, jedoch nicht mehr, als ihn ein wilder Indianer hat, der mit ſeinem zerſchnittenen und bemalten Geſicht, den Gürtel voll Kopf⸗ Salvator. 75 häute, hinter dem Baume ſteht, um ihm ſeine Liebe durch eine Flintenkugel zu beweiſen.“ „Das beweiſt wenigſtens, daß er nicht rachſüchtig iſt,“ verſetzte Arnefeld, über die Zuſammenſtellung lachend.„Aber was will er in Europa?“ „Ich maße mir nicht an, ſeine Wege und Abſichten zu con⸗ troliren, und habe es nie gethan, wofür ich freilich auch ein wenig Gegenſeitigkeit in Anſpruch nahm. Er iſt bei ſeinem Vater.“ „Bei meinem Nachbar! So iſt er wohl nur zurückgekehrt, um dieſen noch einmal zu ſehen.“ „Kann ſein! Wenigſtens ſind die Befürchtungen, welche meine Mama an ſeine Heimkehr knüpft, ſo unbegründet und originell, daß ich ſie Dir zur Erheiterung mittheilen will.“ Sie nahm den Brief und las ihm einige Stellen vor, über welche ſie ausgelaſſen lachte. Dann wurde ſie ernſthaft und ſah eine Weile vor ſich hin. „Lida,“ begann er vorſichtig,„unſres Bleibens iſt wohl nicht mehr hier.“ „Du ſprichſt ja wie ein politiſcher Flüchtling!“ entgegnete ſie wieder munter. Was ſoll uns von hier treiben?“ „Ich geſtehe,“ ſagte er,„daß mich dieſe abgeriſſene Notiz über Laura beunruhigt.“ „So calmire Dich, mein geliebter Freund, ſuche Dir auf, was Dein Blut beſchwichtigt, Sorbetti, ein Bad auf dem Lido, eine gute Mahlzeit, dann eine Fahrt nach Murano, wo Dich die hübſchen Perlenarbeiterinnen ſo ungemein intereſſirten, Abends im Teatro Fenice, ich wette, Du ſchläſſt ruhig über Deine Laura ein.“ Salvator. „Spotte nur. Aber wenn doch etwas Wahres dahinter ſteckte— wir haben zuviel in unſern Tagen erlebt— wer bürgt uns dafür, daß grade Laura ſicher ſein ſoll, beſonders da ſie einen gewiſſen Geiſt der Oppoſition ſchon als Kind gezeigt hat! Es wäre mir ein ewiger Vorwurf, wenn ich mir einſt ſagen müßte: Zu ſpät!“ Dieſe Parole, ſagten mir die Leute ſchon in Berlin, iſt aus der Mode gekommen.“ „Gute Lida, begreifſt Du nicht, wie ich als Vater—“ „Halt! Das war ein Kanonenſchuß!“— Er horchte auf. —„Ich meine, dies Wort: Vater. Welche Würde liegt in ihm, Du wirſt ihrer auf einmal bewußt! Doch verzeihe, wenn ich mir Dich als Vater nicht recht vorſtellen kann, ich habe leider nicht das Glück gehabt, Dich in Ausübung Deiner väterlichen Autorität zu ſehen. Doch ich beſcheide mich und will Dich gern für einen formidabeln Vater halten. Was ge⸗ denkſt Du zu thun?“ „Nach Hauſe zu reiſen—“ „Wo iſt das? Dein Haus iſt verkauft.“ „Nach Berlin denn!“ „Weiter! Dort findeſt Du Deine Emilie— findeſt Du ſie?“ „Ich weiß es nicht— ich habe keine Ahnung, wo ſie lebt. Aber da uns hier Deine Mama ſchreibt—“ „Genug!“ unterbrach ſie ihn.„Du wirſt mir dieſe Romanze überlaſſen, ich bin, wie Du ſchon weißt, eine leidenſchaftliche Verehrerin dieſer Gattung von Poeſie. An unſere Abreiſe iſt noch nicht zu denken. Auch für Dich wird dies ſüße, ein⸗ lullende Leben in Venedig wohlthuend ſein, da Du ſo beun⸗ ruhigt biſt.“ Salvator. 77 „Lida!“ rief er. Was feſſelt Dich hier?“ In ſeinem Ausdruck mochte etwas liegen, was ſie verdroß. Sie warf die Lippen auf und ſagte:„Du wirſt mir meinen Geſchmack überlaſſen, ohne ihn zu kritiſiren. Bedenke, daß es ſehr übel iſt, darin geſtört oder enttäuſcht zu werden, denn es folgt dann gewöhnlich ein Dégout!“ Mit dieſen in bit⸗ terer Schärfe ausgeſprochenen Worten, welche ein Blick bis zu vollkommener Deutlichkeit erklärte, ſtand ſie auf und verließ das Zimmer. Er blieb ſehr beſchämt und niedergeſchlagen ſitzen. 6. So weit, wie die Rachſchrift der Frau von Mörner an ihre Tochter meldete, war es übrigens noch lange nicht. Die Indiscretion, mit welcher der ungeduldige Liebhaber von ſeinen einſeitigen Hoffnungen geſprochen hatte, das heillos ausge⸗ plauderte Kußgeheimniß, die rohe Weiſe, in welcher nun da⸗ von geredet wurde, hatten den Genius dieſes ganzen Verhält⸗ niſſes, Herrn Friedrich Schrader, ſehr erſchreckt und entrüſtet. Eine heftige Scene zwiſchen ihm und ſeinem Schwager war davon die Folge geweſen und Roland hatte den Moment be⸗ nutzt, um ſich von der Bevormundung, die ihn drückte, zu be⸗ fteien. Es blieb immer ein Undank— aber er hatte ihn ja nicht um die Schenkung gebettelt, und nun er ſie einmal beſaß, wollte er auch nicht alle Tage daran erinnert, ſondern ſein eig⸗ Salvator. ner Herr ſein.— Die Mutter ſchlug ſich auf die Seite ihres Sohnes und es blieb daher nur die arme Anne für den er⸗ zürnten Wohlthäter übrig, dieſe war aber, Seele und Leib, unauflöslich an ihn gefeſſelt. Er hatte außerdem noch einen Abfall erlebt. Vor Kur⸗ zem war eine Schulviſitation geweſen, ſtrenger als bisher, denn an die Stelle des Schulrathes, welcher Schrader befreun⸗ det geweſen, war ſeit Kurzem ein Mann von andern kirchlichen Anſichten getreten. Schrader hatte ſich, ſeit er die Schule in ſichern Händen wußte— denn Lympius ſchien ſo ganz in ſei⸗ nem Geiſte zu ſtehen oder wenigſtens keine eigene Meinung zu haben— um die Schule nicht bekümmert, er war ſeiner Zu⸗ kunft gewiß. Als er nun der Prüfung, namentlich in der Re⸗ ligion, beiwohnte, erſchrak er. Wie hatte dieſer kleine Menſch errathen können, daß der Schulrath ſo orthodor ge⸗ ſinnt war! Sowohl die Fragen als auch die Antworten befriedigten dieſen im hohen Maße und er ſprach beim Ab⸗ ſchiede das günſtigſte Urtheil aus: Fahren Sie fort, unter Gottes Beiſtande, in dieſem Geiſte zu lehren, dann wird der Segen auf Ihnen und Ihrem Werke ruhen! Möchten doch überall in unſerm ganzen Vaterlande die Jugendlehrer von dem einfachen Glauben und der wahren Treue beſeelt ſein, wie Sie!“ Schrader hatte ſich, wie er nun zu erkennen glaubte, eine Schlange im Buſen erwärmt. Flugs, wie der Vortheil gebot, hatte dies ſchweigſame Weſen eine Schwenkung gemacht, und war nun grfährlich für ihn. Ein weiteres Nachdenken aber belehrte den Adjunct, daß hier keine plötzliche Meinungsände⸗ rung, alſo auch kein wirklicher Abfall Statt gefunden haben Salvator. 79 könne, denn wenn auch die Fragen des Lehrers vom Moment geboren und neu modellirt werden können, mit den Antworten iſt es doch nicht möglich, dieſe müſſen doch, beſonders bei ſo einfachen Kindern, ſtets aus dem Geiſte erfolgen, in welchem bisher gelehrt worden iſt— wie wäre es denkbar, wenn ihnen immerdar Ratur und Vernunft als das Göttliche gegeben wor⸗ den ſind, auf einmal die apoſtoliſche Lehre des Heils von ihnen zu vernehmen, auch wenn ſie danach gefragt würden? Eine doppelte Garnitur, ſo oder ſo, wäre doch wahrlich zu viel Raf⸗ finement, ſelbſt für unſere erfindungsreiche Zeit, geweſen! Schrader mußte ſich alſo vom erſten Augenblick an, verführt durch eine vorgefaßte Meinung, in Lympius getäuſcht haben, und es beſchämte ihn ſehr, daß ihm dergleichen begegnen könne, es machte ihn zweifelhaft an ſeinem eigenen Geiſte. Er fand nun allmälig, wenn er ſich Geſpräche zurückrief, welche er mit Lympius geführt hatte, Spuren, die ihn wohl hätten zur richtigen Erkenntniß dieſes für ihn ſcheinbar ſo unbedeutenden Menſchen leiten können, manches vereinzelte Wort über Reli⸗ gion und deren Unterricht, über Schule und Haus, über die innere Miſſion fiel ihm wieder ein und er ſchlug ſich nun zor⸗ nig vor die Stirn, daß er ein Lächeln, welches er nun fana⸗ tiſch ſchalt, damals hatte für ein fein ſpöttiſches halten können! Mit Lympius zu reden, ſich gar auszuſprechen und in eine Controverſe einzulaſſen, hielt er nicht für rathſam. Er war von der Unfruchtbarkeit aller Disputatorien und Religionsge⸗ ſpräche längſt überzeugt, ſie hatten ſo wenig zu einem Reſul⸗ tate geführt, als die Verſuche neuerer Zeit zu ſogenannten po⸗ litiſchen Verſtändigungen. Was er nicht ändern konnte, mußte er gehen laſſen, nur fand er darin einen Antrieb zu erhöhter 80 Salvator. Thätigkeit in ſeinem Werke, wodurch er allein hoffen konnte, dieſe erſt im Keime gelungenen Reactionen zu entkräften. Darum nahm er denn auch einen raſchern Gang an, als er ſich Anfangs vorgezeichnet hatte, größere und reichere Spenden floſſen aus ſeiner Hand und in immer weitere Kreiſe hinaus, er unterhielt eine Correſpondenz, welche ihm einen Theil der nächtlichen Ruhe raubte, und Reiſen kamen dazu, welche zwar mittelſt der Eiſenbahnen immer in kürzeſter Friſt zurückgelegt wurden, aber dennoch ſein häusliches Leben mehr und mehr beeinträchtigten. Anne ſah ihn faſt nicht mehr, denn wie ſtark er auch beſchäftigt war, ſein Amt durfte darunter in dem vor⸗ geſchriebenen Kreiſe der Pflichten nicht leiden, es war ihm kein Vorwurf zu machen und der offene Rath des alten Pfarrers, den er ihm in ſeiner derben Manier gab, dem geiſtlichen Be⸗ uufe zu entſagen, um ſich ganz zum Almoſenier zu machen, war nicht begründet: Schrader füllte ſein Amt eifriger als je aus. Seine Predigten hatten ſchon einen Ruf erlangt, welcher in die Ferne drang, es kamen Menſchen meilenweit her, um ihn zu hören, beſonders ſeit er nach der Kirche eine Art Sprechſtunde bei ſich eingerichtet, wo er die Bedürftigen, wie groß auch ihre Zahl war, bis jetzt wenigſtens mit Rath und Hülfe verſah. Der Andrang wuchs natürlich mit jedem Sonntage und fing an bedenklich zu werden, als er ihm eben ſo ſchnell, als er ihn hervorgerufen hatte, ein Ende machte, indem er von der Kan⸗ zel erklärte, daß er keine Spenden mehr an dieſem Tage ver⸗ abfolgen könne, ſondern wünſche, daß ihn Niemand mehr be⸗ ſuche, bis er weitere Anordnungen getroffen habe, welche aus⸗ bleiben müßten, wenn auch nur Einer dieſem Wunſche ent⸗ gegenhandle. Es war eine Probe ſeiner Gewalt über die Salvator. 81 armen Klaſſen, und ſie glückte vollkommen. Nun liefen auch ſchon Aufforderungen ſpeculativer Buchhändler ein, ſeine Pre⸗ digten durch den Druck zu veröffentlichen, nur um der guten Sache willen, er könne ja das Honorar, deſſen er nicht be⸗ dürfe, ebenfalls den Armen zuwenden. Es meldete ſich ein Stenograph, welcher ihm das Erbieten machte, ſeine freien, nur nach der Dispoſition gehaltenen Reden wörtlich außzu⸗ ſchreiben. Schrader wies Beides zurück, aber er konnte nicht verhindern, daß der Stenograph ſeine Kunſt auf eigne Hand an ihm übte, er wußte es vielleicht gar nicht. Dem jungen Gutsherrn that es unterdeſſen leid, daß er ſich mit dem Manne, welchem er doch ſeine Lage verdankte, halb überworfen hatte, auch mußte er von ihm die weitere Er⸗ füllung ſeiner Pläne hoffen, er ſelbſt wußte nicht recht, was er dazu thun konnte. So bot er— gegen den Rath ſeiner Mutter, welche durchaus unverſöhnlich geſtimmt war— die Hand zur Verſöhnung, und Schrader nahm ſie ohne Vor⸗ wurf an. „Aber nun bringe mich mit ihr zuſammen!“ bat er.„Die Zeit iſt da, die Geſchichte muß zu Ende kommen. Ich denke, zieren wird ſie ſich nicht lange, denn ſie iſt keine Kukette, wie die Andern. Wo finden wir ſie denn?“ „Es trifft ſich günſtig, daß ich ein Paar freie Tage habe,“ ſagte Schrader. Wir reiſen ihnen entgegen, in Prag oder doch gewiß in Wien treffen wir ſie.“ „Das wird vermooſt ſein!“ rief Roland. „Wie ſo? Was meinſt Du?“ fragte Schrader, welcher dies ſonderbare Wort ſchon mehrmals von ihm gehört hatte. Salvator. II. v 6 S 82 Salvator. „Prächtig wird es ſein, daß wir ſie grade in Wien treffen, ganz vermooſt!“ Erſt jetzt begriff der Landgeiſtliche, daß es der Lieblings⸗ ausdruck moderner Jünglinge ſei: famos! Er rieth ſeinem Schwager dringend, ſich aller fremden Wörter zu enthalten, was dieſer gar nicht begriff. Wie ſo fremde Wörter? „Sage einmal, Fritz,“ fing er dann von etwas Anderm an,„da wir von Wien ſprechen: wo ſind denn unſere beiden Fräuleins hingekommen?“ Der Adjunet hatte ſie nicht aus den Augen verloren. Die gänzliche Verarmung einer ſo vornehmen Familie war für ihn von Bedeutung. Es bildete ſich in ſeinem Geiſte ſchon ſeit langer Zeit eine Idee allmälig aus, deren Verwirklichung nur in dem Kaſtenſinn noch ein zu ſtarkes Hinderniß fand und erſt der Zukunft vorbehalten bleiben mußte: die Idee eines ade⸗ ligen Proletariats! Wenn es dahin kam, ſo war Alles gewonnen. Anfänge waren dazu gemacht, ſporadiſche Fälle hier und da vorgekommen, aber dieſe ſtanden noch zu verein⸗ zelt, es mußte eine Epidemie daraus werden! Schade, daß der Adel nicht ſo fortgefahren hatte, wie er bis zu Ende des vorigen Jahrhunderts im beſten Zuge war— mußte der Ernſt der Zeiten ihn denn zur Beſinnung bringen? Ohne dieſe Um⸗ und Einkehr hätte er ſich ſelbſt ſchon vernichtet gehabt, nun ſtand es wieder ganz anders mit ihm, er war wieder eine Macht und all die Spott⸗ und Schmähreden aus feindlichen Journalen und von der Tribüne konnten ſie nicht abläugnen. Wenn der Adel ſich ſelbſt nicht vernichtet, wird er nicht ſtürzen. Das ſagte ſich auch Schrader, und es kam eben darauf an, ihn zu einer ſolchen Selbſtvernichtung unmerklich zu verführen. Salvator. 83 Dazu freilich mußte man den Nerv des Daſeins zu finden wiſſen. Rheinbergs waren getrennt, der Vater lebte in Berlin, wovon? wußte man nicht recht, die Mädchen hatten Stellen als Geſellſchafterinnen angenommen. Schrader wußte das und ſagte es ſeinem Schwager. „Siehſt Du?“ rief dieſer.„Ich habe die Schwarze in Wien geſehen. Auf dem Graben mit zwei kleinen Kindern. Ich komme vom Kohlmarkt, geht Eine vor mir her, eine pumpöſe Figur, ich hole ſie ein, muß ſehen, wie ſie ausſchaut: da dreht ſie mir's Geſicht zu, und ich dachte gleich an unſer Fräulein. Aber ſchön, ſag' ich Dir, ganz vermooſt— oder— wie ſoll ich ſagen?“ Schrader runzelte die Stirn.„Du haſt in Wien recht viel gelernt!“ ſagte er unmuthig. „Nicht wahr? Ich mußte auch wiſſen, wo ſie wohnte. Und da erfuhr ich den Namen der Herrſchaft, Fürſtin Troiska. Nachher hab' ich mich nicht weiter um ſie bekümmert. Wo iſt denn die Blonde?“ Davon wußte oder ſagte Schrader nichts. Er betrieb die Anſtalten zu der Flugreiſe, welche noch an demſelben Tage angetreten wurde, wie immer, ohne zu hinterlaſſen, wohin. Der Pfarrer, der ſo wenig als möglich mit ſeinem Adjunet in Berührung kommen wollte, hatte ihm ein⸗ für allemal zu ſei⸗ nen Reiſen, wenn ſie nicht über den Sonntag hinaus gingen, die Zuſtimmung ertheilt. Diesmal kam er nicht zu der gewohnten Zeit zurück. So pünktlich war er ſonſt immer, daß nun keine Anſtalten getroffen waren, ihn zu vertreten. Der Pfarrer litt an peinlichen Kopf⸗ 6* 7 Salvator. ſchmerzen, die ihn faſt nicht mehr verließen, ſonſt hätte er ſich trotz ſeiner Schwäche entſchloſſen, die Kanzel wieder zu betre⸗ ten, Kraft wäre ihm vielleicht wunderbar gekommen, aber jedes Wort, das er ſprach, that im weh, im Zuſammenhange zu re⸗ den war ihm unmöglich. So blieb nichts übrig, als den Kü⸗ ſter leſen zu laſſen. z Lympius kam zum Pfarrer, der ſeit der Schulviſitation, über welche er den Bericht des Schulraths geleſen und ein an⸗ erkennendes Reſcript der Regierung erhalten hatte, gegen den jungen Mann ganz anders geſtimmt war er empfing ihn im⸗ mer mit väterlicher Freundlichkeit. Als er die Lieder und den Text zum Vorleſen erhalten hatte, äußerte er beſcheiden, daß er ordinirt ſei, wie ja der Herr Pfarrer wiſſe, und ſonach auch die Predigt halten könne. Der Pfarrer verſtand ihn aber ent⸗ weder nicht, oder er wollte nicht darauf eingehen: es blieb bei der erſten Beſtimmung. Die Kirche war, wie immer, ſehr voll, denn es hatte Nie⸗ mand in der Umgegend die Abweſenheit oder das Ausbleiben des beliebten Predigers erfahren, die Sielitzer wußten darum, aber ſie gingen aus Gewohnheit zum Gottesdienſte, wollten auch ſehen, wie der kleine Mann, der ihre Kinder alle am Schnürchen hatte, ſeine Sache machen würde. Als die Nach⸗ richt ſich kurz vor dem letzten Läuten verbreitete, hätte nicht viel gefehlt, daß von den Auswärtigen die meiſten gar nicht in die Kirche gegangen, ſondern lieber zur Schenke gewandert wären, wie ein Paar alte Geſellen aus der Stadt— Bevorzugte Schrader's— in Anregung brachten. Nur daß zum allgemei⸗ nen Erſtaunen der Rackwitzek Hert anlangte, bewog die Leute meiſt zum Bleiben.„Er predigt heute nicht,“ ſagte ihm einer ⸗ Salvator. 85 ſeiner Bauern, als er mit einem andern Herrn, den nur ſeine Dorfleute als ſeinen Sohn kannten, über den Kirchplatz ging. „Der Adjunct?“ fragte der Oberſt raſch und wechſelte, nach⸗ dem es der Bauer bejaht, mit ſeinem Sohne einen unbefrie⸗ digten Blick. Beide waren herüber gekommen, um den Mann, welcher nun ſchon die allgemeine Aufmerkſamkeit in der ganzen Provinz auf ſich gezogen hatte, predigen zu hören. Der Oberſt mußte ſein erſtes Urtheil über ihn beſtätigen laſſen, ſonſt würde er irre an ſich ſelbſt geworden ſein. Er fragte nach der Abhal⸗ tung des Adjuncts, und hötte freilich nur, daß er verreiſt ſei⸗ „Auf ein ander Mal, Eberhard,“ ſagte er zu ſeinem Sohne, in⸗ dem er mit ihm nach dem Pförtlein ging, wo die Treppe nach dem Rackwitzer Sitze führte. Der Anfang des Gottesdienſtes ließ die ganze Gemeinde in unglaublich profaner Stimmung, es wurde ein ſehr langes Lied geſungen, endlich erſchien der junge Küſter und las mit ruhiger, klarer Stimme den ihm aufgegebenen Text. Die Frem⸗ den, welche ihn noch nicht geſehen hatten, blickten ihn gleich⸗ gültig, manche ſogar lächelnd an, die Andern wunderten ſich über ſeine ſtarke Stimme in dem ſchwächlichen Körper. Auf die Worte hörte Niemand recht, ſie waren zu einfach und nüchtern, tauſendmal gehörte Dinge, die Jeder wußte, kamen darin vor, aber nach und nach drang die Kraft, welche in ihnen lag, doch bei einigen von den ältern Zuhörern durch, das waren Bibel⸗ ſtellen, die ſie in ihrer Kindheit auswendig gelernt hatten, das waren Gebete, welche ſie in ihren jungen Jahren, in beſſern Zeiten gehört— Anfangs hatte ſich eine gewiſſe Unruhe in der Kirche bemerklich gemacht, offenbar fehlte die Andacht, aber Salvator. es wurde allmälig ſtiller und ſtiller— und nun fing der Ge⸗ ſang wieder an. Da that ſich plötzlich die Thüre der Sakriſtei auf. Ein elektriſcher Schlag ſchien durch die Verſammlung zu zucken: der Adjunct ſchritt hervor, milden Angeſichts, das braune, freudige Auge ſanft über die Menge hinſchauend, die glänzenden Locken im leichten Wallen, wie er durch die Kirche zur Kanzel ſchritt. Nie hatte er ſo andächtige, nach der Himmelsſpeiſe begehrende Zuhörer gefunden, nie ſo hinreißend gepredigt. Er hatte den Tert gewählt: Alle aber, die gläubig waren geworden, waren bei einander und hielten alle Dinge gemein. Ihre Güter und Habe verkauften ſie und theilten ſie aus unter Alle, nachdem Jedermann noth war.“ Und in welchem Sinne faßte er dieſe ſo oft gemißbrauchten und für unſinnige Theorien ausgebeuteten Worte auf! Auf der Welt ſei das Glück und die Freude, die allen Menſchen von Anbeginn mit gleichem Anrecht gehöre, durch den Lauf der Zeiten, böſe Schickſale und Vieler Schuld nur Einzelnen noch beſchieden. Es werde aber eine Zeit kom⸗ men, wo in allmäliger Rückfluth dieſe unerſchöpflichen Güter wieder allen Menſchen zu Theil werden ſollten. Wer an dieſe Zeit glaube, der werde ihres Segens zuerſt theilhaftig. Glück und Freude ſeien unerſchöpflich— wer ſie beſitze, könne ſie gemein halten mit ſo vielen ſeiner Brüder und Schweſtern, als irgend möglich, ohne daß ſich durch Spenden und Gaben ſein eignes Beſitzthum an dieſen köſtlichen Dingen verringere. Es wachſe vielmehr in der Mittheilung und erreiche jene Fülle und Vollendung, in welcher erſt des Menſchen wahre Beſtimmung liege. Wohl könne der Verkauf der Güter und Habe, welcher in der erſten Zeit nach dem Tode des göttlichen Weiſen von ſeinen Salvator. 87 Schülern zu milden Zwecken Statt fand, in unſern Tagen, wo ſich alle Verhältniſſe vielſeitiger verſchlungen und geſtaltet ha⸗ ben, nicht mehr in dem wörtlichen Sinne genommen werden, es ſei frevelhaft, von einer Theilung alles Beſitzes wider den Willen der Eigenthümer zu ſprechen, aber wo ſich die Armuth ausrotten laſſe, da ſollten die Reichen ſelbſt die großartigſten Opfer nicht ſcheuen, und wo ſich in andrer Weiſe Glück und Seligkeit, Freude und Luſt in erreichbarer Nähe zeige, da möge man nicht ſäumen, es zu ſchöpfen und rings zu ſpenden; dann werde die Seligkeit des Paradieſes wieder alle Menſchen in voller Gleichheit umfangen. Nach dem Amen herrſchte noch eine lautloſe Stille. Oberſt Haug hatte die Predigt mit geſpannter Aufmerkſamkeit verfolgt und zugleich den Eindruck beobachtet, welchen dieſe Verkündi⸗ gung einer irdiſchen Seligkeit auf die Verſammlung machte: er war ſo verſchieden als die Elemente, aus welchen die letztere nun ſchon längſt und in immer wachſendem Maße zuſammen⸗ geſetzt war. Eberhard Haug ſchien weniger von der Rede ge⸗ feſſelt zu ſein, er blickte ungeduldig umher, als könne er deren Ende nicht erwarten: ſein Inneres war auch mit ganz andern Dingen beſchäftigt, ſeit er hier vor dem Betpult den Sohn ſeines theuerſten Freundes wiedergefunden hatte. Wohl wußte er, daß der junge Mann in Europa war, er ſelbſt hatte ihm ja die Mittel zur Heimkehr und auch zu ſeinen Studien gege⸗ ben; daß er ihn im geiſtlichen Amte irgendwo treffen werde, hatte er gehofft und ſchon briefliche Erkundigungen nach ihm eingezogen, aber als Küſter und Lehrer einer Dorfſchule hatte er ihn nicht wieder zu finden erwartet! Er ſehnte ſich, ihn zu ſprechen— ſeinem Vater hatte er, um nicht zu ſtören, die Mit⸗ 88 Salvator. theilung noch vorenthalten: er kämpfte überhaupt noch, ob er ſie ihm machen ſolle ihrem wahren innern Zuſammenhange nach. Als ſie vor die Kirche traten, wo die Menge jetzt anfing, ſich vernehmlich zu machen, und bald ein Toſen und Lärmen entſtand, wie in einem Aufruhr, wollte der Oberſt, ohne ſich weiter aufzuhalten, nach den Pferden gehen— Eberhard faßte ſeine Hand.„Ich kenne den jungen Mann,“ ſagte er,„er hier die Vorleſung hielt, ehe der Andere kam. Ich will ihn aufſu⸗ chen. Bald komme ich nach.“ Der Oberſt fragte und erfuhr, daß Lympius in Amerika geboren ſei, der Sohn eines edeln und ſehr unglücklichen Man⸗ nes, welchen Eberhard von Herzen geliebt. Er wollte ihn An⸗ fangs begleiten, aber er beſann ſich, daß er hier nur ſtören würde, und ritt allein nach Rackwitz zurück. Eberhard begab ſich in das Schulhaus, nicht unbemerkt von den Kirchenleuten, deren auswärtiger Theil meiſt nach der Schenke wanderte. Dort folgte dann, allſonntäglich zunehmend, eine Beluſtigung mit Trank und Speiſe, welche ſchon bis in die ſpäte Nacht gedauert und mehrmals mit Raufereien geendigt hatte, für heut ſchien es eine beſondere Nutzanwendung der Rede zu ſein, in welcher Glück und Freude verkündigt worden war. Schrader hatte unterdeſſen dem Pfarrer ſeine Heimkehr ge⸗ meldet, war aber nicht vorgelaſſen worden, da der alte Herr wieder an ſeinem Kopfübel litt, das er kaum noch ertragen konnte. „Der Schlag wird ſich nächſter Tage wiederholen, denken Sie an mich,“ ſagte ſeine Haushälterin traurig zu dem Adjunct, welcher ihr dieſe Idee auszureden ſuchte. Als er das Pfarr⸗ haus verließ, ſah er, wie drüben der Fremde, der mit dem Salvator. 89 Oberſten Haug gekommen war, eben zu Pferde ſtieg, der Schul⸗ meiſter ſtand bei ihm und reichte ihm die Hand beim Abreiten noch einmal hinauf. Woher kannten ſich die Beiden? Es be⸗ durfte nur eines flüchtigen Nachdenkens für Schrader, um den Zuſammenhang zu finden, welcher der Wahrheit ziemlich nahe. Daß der Fremde des Oberſten Sohn ſei, wußte er, obgleich er ihn heut zum erſten Male geſehen hatte, denn dieſer war ja in Rackwitz und hatte auch den Pfarrer Hartmann, bei welchem ſein Beſuch Anfangs geſcheitert war, wiederholt, ſogar auf meh⸗ rere Stunden, geſprochen. Leider hatte Frau Dörmann grade Abhaltung gehabt, ſonſt würde er das Geſpräch zwiſchen Bei⸗ den ziemlich wörtlich erfahren haben. Indeſſen, was konnte es viel betreffen als ſeine zweite Heimath Amerika und höchſtens die Angelegenheiten der Schule, für welche nun durch die Gön⸗ nerſchaft des Rackwitzer Herrn zu erreichen war! Nun erhielt die Sache ſchon eine andere Bedeutung, an welche er bisher nicht gedacht hatte. Er kam verſtimmt in ſeine Wohnung, wo ihn ſein Weib, noch ganz verklärt von der Wonne, die ſie in der Kirche em⸗ pfunden hatte, mit größerer Zärtlichkeit empfing, als ſie ſich ſonſt gegen ihn getraute. Sie fand auch damit keine herzliche Aufnahme, beſchämt ſchlich ſie, ihre aufquellenden Thränen zu verbergen, hinaus, ihr Gatte rief ſie aber gleich zurück. „War der junge Arnefeld während meiner Abweſenheit hier?“ Sie erröthete heftig und hatte nur einen vorwurfsvollen Blick zur Antwort, in welchem diesmal ſogar ein Strahl von Stolz aufloderte, zu ſeiner großen Ueberraſchung.—„Sei nicht albern!“ fuhr er ungeduldig fort. Meine ich etwa eine ſo bäuriſche plumpe Verdächtigung, als Du in meiner Frage zu 90 Salvator. finden glaubſt? Nicht Deinetwegen, ganz in anderer Abſicht erwarte ich, daß der ſchöne Huſar unſere Gegend wieder einmal heimſucht. Du weißt alſo nichts von ihm? Deine Mutter auch nicht?“ „Ich weiß nichts und habe nicht mehr an ihn gedacht.“ „NRun, Anne, das iſt mehr, als Du beſchwören kannſt. Sei ſtill, wer vermag ſeinen Gedanken die Wege vorzuſchreiben? Es iſt auch eine von unſern ſelbſtgeflochtenen Geißeln, daß wir uns verantwortlich machen für die Gedanken ſogar, die in un⸗ ſerer Natur liegen. Alles das wird einſt Licht und Labung werden— darum, meine Anne, kaſteie Dich nicht um Dinge, die in der Natur und ihren Regungen begründet ſind. Ich gebe Dir volle Freiheit, nicht blos in Deinen Gedanken.“ Sie hörte in der Regel den Anfang ſeiner Reden ſehr auf⸗ merkſam, da er ſich aber nicht die Mühe gab, zu ihrem Ver⸗ ſtändniß herabzuſteigen, ſo wanderten bald ihre Sinne ab⸗ ſeits und ſie vernahm nur Töne, nicht Worte. Iſt Karl mitgekommen?“ fragte ſie, als er mit ſeiner ſon⸗ derbaren Conceſſion geſchloſſen hatte. „Er ſchwärmt noch im Böhmerwalde umher. Ich habe ihn ungern verlaſſen, denn er kann in einem Augenblick Alles verderben, was ich für ſein Glück gethan habe. Wenn er ſich nur ſeiner eigenen, geſunden Natur überließe, aber er meint, die Flitter, die er ſich geſchmacklos und halbfertig umgehan⸗ gen, kleiden ihn beſſer, und ich bin oft erſtaunt, wie lächerlich er ſich machen kann!“ Wäre es nur dieſe Außenſeite geweſen, niedrig komiſch wie ſie war, ſie hätte ſich mit der Zeit doch in den allgemeinen Schliff gebracht! Aber welche Verwandlung war auch inner⸗ Salvator. 91 lich im Werden begriffen, Keime, die, vom Edlern befruchtet, zu ſchöner Blüthe ſich entfaltet hätten, waren durch den plötz⸗ lichen Glücksfall, wie von einem künſtlichen Treibmittel, in ganz veränderter Natur aufgeſchoſſen! In manchem Gefühl, das ſich roh ausſprach, in mancher verletzenden Handlung war ſeine frühere Sinnesart gar nicht mehr zu erkennen. Doch ſchien es, als wirke ein wohlthätiger Einfluß in jüngſter Zeit wenigſtens ſoviel Gewalt über ihn, daß dieſe abſtoßenden Wahrnehmungen ſich nicht wiederholten. Es war die Begegnung mit Laura geweſen, welche dieſen Einfluß hervorgerufen hatte. Frau von Arnefeld, zur Heim⸗ kehr entſchloſſen, war durch ihre Tochter noch zu einem Beſuche Wiens beſtimmt worden, Laura wußte, daß Fanny Rhein⸗ berg, für welche ſie von jeher ein Intereſſe geiſtiger Verwandt⸗ ſchaft fühlte, dort im Hauſe einer polniſchen Fürſtin lebte, ſie hatte es durch Frau von Rothkirch erfahren, welche zufällig aus kürzlich erhaltenen Briefen den Namen der jungen Dame, deren Schönheit anfing in Wien Aufſehen zu erregen, erwähnt hatte. Es war Laura ein Bedürfniß, zu wiſſen, wie Fanny ſich in das abhängige Verhältniß, in welchem ſie doch unläug⸗ bar lebte, gefunden habe: nach ihrer Anſicht mußte ſie ſich darin, auch bei der ſchonendſten Behandlung, unglücklich füh⸗ len. Und ſie täuſchte ſich darin nicht. Als ſie in Wien an⸗ kamen und Erkundigungen einzogen, fanden ſie wohl noch die Fürſtin Troiska, aber Fanny hatte ihr Haus bereits verlaſſen, um bei einer Prinzeſſin aus ſouveränem Hauſe eine Stelle anzunehmen. Die Fürſtin, welcher ſich Laura vorſtellen ließ, äußerte ſich ſehr kalt über ihre entlaſſene Geſellſchafterin, Ge⸗ rüchte ſprachen von einer förmlichen Scene, welche zwiſchen 92 Salvator. ihnen vorgefallen ſei. Bei Fanny's Charakter war es nicht unglaublich. Laura wußte nun wenigſtens, wo ihre junge Freundin ſich aufhalte, und ſchrieb gleich an ſie. Wien bot ihr Stoff zu den anziehendſten Beobachtungen, auch in der neuen Geſtaltung ſeiner Verhältniſſe, ſie bewog ihre Mutter leicht, der urſprünglich feſtgeſetzten Zeit noch einige Tage zuzulegen, ein Brief beſtärkte ſie darin, welchen Frau von Arnefeld von dem Freunde erhielt, in welchem ſie allein noch den Polarſtern ihres von einer herzloſen Welt verküm⸗ merten Lebens ſah. Schrader hatte Einleitungen getroffen, um nicht mit ſeiner Idee allzuplötzlich, wie mit etwas Erſchreckendem, einzuſchlagen. Auf dem Boden des Gefühls, der doch immer eine Art von Zitterwieſe iſt, ließ ſich hier nicht recht bauen, es konnten von dort die Ranken und Blumen zur weichen Verhüllung aller ſcharfen Ecken und Kanten des neuen Hauſes herübergeſchlun⸗ gen werden, aber der Grundſtein mußte auf feſtem materiellem Fels ruhen. Das war der Reichthum. Einen Moment kam ihm die Luſt, ſeinen Schützling in den Adelſtand erheben zu laſſen: es war zwar in jetziger Zeit nicht mehr ſo leicht, als ſonſt, und in einem großen Staate am wenigſten, doch hätte es mit Geld wohl in einem der mittlern oder kleinen bewirkt wer⸗ den können. Indeſſen ging er, über ſich ſelbſt lächelnd, wie er ſich ausdrückte, über dieſen Einfall zur Tagesordnung über, es wäre eine Inconſequenz in ſeinem Syſteme geweſen und hätte grade dieſer Angelegenheit, welche daſſelbe fördern ſollte, den Nerv durchgeſchnitten. So blieb er ſeiner erſten Idee treu, und warf nur der Mutter, ganz im Vertrauen auf ihre Dis⸗ ctetion, hin, daß ein junger Mann, zwar nicht adeligen Stan⸗ 8 Salvator. 93 des, aber ſehr reich, welchem jetzt faſt der ganze Grundbeſitz gehöre, den einſt ihr Gemahl an ſich zu bringen geſtrebt, Gen⸗ tleman durch und durch, eine tiefe Leidenſchaft zu ihrer Tochter gefaßt habe. Er werde aber nicht mit einer Werbung hervor— treten, wenn er nicht der gegenſeitigen Neigung gewiß ſei— und damit er nicht von ſeinem Gefühl hingeriſſen werde, habe er ſich ihm anvertraut, welchen er als Freund der edelſten Mutter kenne... hier folgten nun hageldicht die Pfeile in Tendenzgift getaucht, die ihre Wirkung nicht verfehlten. In Wien ſtellte er ſich dann ſelbſt ein. Er hatte es ver⸗ ſchmäht, viel an ſeinem Zöglinge zu hofmeiſtern, die Erfah⸗ rung mußte ihn belehrt haben, daß er ihn dadurch nur unſicher machen werde, auch hatte er ſich bei weiterm Umherſchauen an Gentlemen vornehmer Herkunft erinnert, die im taktvollen Be⸗ nehmen auch nicht viel über Roland hinaus gekommen waren; nur die geſchmackloſe Vorliebe für den Putz hatte er bekämpft, welche Roland mit Seinesgleichen theilte, und es war ihm end⸗ lich gelungen, gewiſſe fabelhafte Shlipſe und Weſten mit einem ganzen Schmuckladen von Nadeln und Kettchen zu beſeitigen, am hartnäckigſten hatte Roland einen dicken Siegelring mit einem wunderlich componirten Wappen, ſeine eigene Erfin⸗ dung, vertheidigt. Nun aber ſah er, bei ſeiner blühenden Schönheit, wirklich höchſt anziehend aus. Laura erkannte ihn auf den erſten Blck. Die Mutter hatte es doch nicht laſſen können, ihr einige geheimnißvolle Winke zu geben, wobei ſie allerdings, der Sicherheit wegen, auch gleich vom bürgerlichen Stande etwas einfließen ließ, bauend auf den Beinamen ihrer Tochter: Fräulein Verſtand. Sie ſelbſt konnte freilich ihr Gefühl nicht ſo weit beſchwichti⸗ 94 Salvator. gen, daß es ganz zufrieden geweſen wäre— indeſſen, ihre Lage war ſeit der Trennung von Arnefeld keineswegs die bril⸗ lanteſte und verſchlimmerte ſich bei ihrer vollendeten Unwirth⸗ ſchaftlichkeit zum Erſchrecken! Alſo— que faire?— Laura hatte die Winke ihrer Mama mit einem froſtigen Lächeln auf⸗ genommen, dies entzündete ſich aber bis zu einem unwilligen, als ſie an Schrader's Seite Roland erſcheinen ſah. Verwan⸗ delt zwar in einen Mann der anſprechendſten Erſcheinung, dem Aeußern nach auf einer Bildungsſtufe, die ihn Vielen ihrer Bekanntſchaft gleich ſetzte, aber doch immer der Schifferſohn, der einſt ſein Ruder für Taglohn geführt, der Bruder einer Dienſtmagd! War es ſchon ſo weit gekommen in der Zeit der „kühnen Würfe,“ daß man ihr zumuthen konnte, ſich über all' dies hinwegzuſetzen? Aber es mußte doch nicht der Geſammtausdruck ihrer Ge⸗ fühle ſein, welcher ſich in dieſem Gedanken concentrirte, ſonſt würde ſie mit Blick und Wort die Anmaßung, die ihr das zu bieten wagte, niedergeſchmettert haben. Es rang in ihr, und einzelne Blitze verriethen es dem Beobachter, der ſie bei all' ſeiner Hingebung, die er der Mutter widmete, nicht aus den Augen ließ, aber es gab auch Zeichen, welche überaus günſtig waren, und für den ſchweren Anfang ſchien Viel gewonnen. Roland benahm ſich aber auch ſo vortrefflich, daß ſein Be⸗ ſchützer ihn hätte mögen ſtürmiſch in die Arme ſchließen: keine Spur von Geckenhaftigkeit oder Arroganz, keine rohe Aeuße⸗ rung, kein halbgebildetes Reden— es war der reine Adel der Natur, der ihn in dieſem Moment beſeelte. So blieb es freilich nicht in den nächſten Tagen, aber der erſte Eindruck iſt der entſcheidende, und für Aeußerlichkeiten, Salvator. 95 welche nun einmal noch nicht anders ſein konnten, welche jeder Tag mehr verwiſchen und veredeln mußte, gab es eine Ent⸗ ſchuldigung. Schrader konnte vollkommen beruhigt abreiſen, als ihn ſeine Pflicht rief. Er hatte es ſich ſtreng vorgenom⸗ men, letztere nie zu vernachläſſigen, auch durfte er die Paßbe⸗ hörde, welche ihm ſtets ſo bereitwillig zu ſeinen kleinen Ausflügen über die Grenze behülflich war, nicht in Verlegenheit ſetzen. Mit Frau von Arnefeld hatte er verabredet, wo ſie in der nächſten Zeit ihren Wohnſitz aufſchlagen ſolle: in Berlin, wie ſie erſt beab⸗ ſichtigt hatte, ſchien es nach ihren jetzigen finanziellen Ver⸗ hältniſſen nicht rathſam, auch mußte ſie dort fürchten, mit Frau von Mörner, deren Luxus Schrader ihr nicht glänzend genug ſchildern konnte, zuſammen zu treffen, ihr geweſener Gatte war zwar mit ſeiner zweiten Gemahlin auf Reiſen im ſüdlichen Europa, indeſſen konnte er zurückkehren, welches Ge⸗ fühl für ſeine geſchiedene, mit ihm nur innerhalb einer Ring⸗ mauer zu leben! Nein! Das freundliche Nachbarſtädtchen bot ihr den geeignetſten Aufenthalt— ſie war bei der Trennung die Gekränkte geweſen, die allgemeine Stimme, die Achtung der Welt war für ſie! Hier lebte ſie ganz nach ihrem Ge⸗ ſchmack, wie ſie wollte, hier konnte ſie auch ihren Rudolf öfter bei ſich ſehen, hieher kam Arnefeld und ſeine Frau nie, ſchon aus dem Grunde, weil der Oberſt Haug, der Vater ihres erſten Mannes, in der Nähe wohnte. Motive genug! Schrader reiſte mit dem Auftrage heim, für ſeine Freundin eine paſſende Wohnung zu miethen. 96 Salvator. Im Laufe eines Sonntags, wie verſchieden iſt das Bild, welches ſich darſtellt mit dem wechſelnden Standpunkte der Beobachtung! Eine kurze Sabbathſtille kaum in den Morgen⸗ ſtunden, dann aber lärmendes Treiben, und nicht blos in den Städten! Eberhard Haug hatte davon ſchon einen Vorbe⸗ griff bekommen, noch ehe er aus Sielitz ſchied, denn nach dem wachſenden Tumult, welchen er von der Schenke her vernahm, was mußten erſt die Abendſtunden bringen? Um ſo wohl⸗ thuender war ihm die Mittagsruhe draußen in der Natur, als er durch die menſchenleeren ſonnigen Felder ritt, wo ſelbſt die Thierwelt verſtummt war, der Käfer unter dem Halme, die Lerche in ihrem ſchattigen Reſte ſaß, vor der ſengenden Hitze geborgen. Noch erquickender wehte es ihn an, als er dieſelbe Feierſtille auch in Rackwitz fand: die Schornſteine dampften, vor den Thüren ſaßen hier und da Menſchen im Sonntags⸗ ſtaat, Alles hatte ein friedliches und wohlgefälliges Anſehen. Sein alter Vater ſtand im Hofe, er hatte ſchon nach ihm ausgeſchaut. Eberhard ſaß ab, ſchlang ſeinen Anm in den ſeines Vaters und ging mit ihm in das Haus, wo das Mahl ihrer wartete, er hatte recht viel auf dem Herzen, was er doch endlich einmal beſprechen mußte, heut dünkte ihm die beſte Ge⸗ legenheit dazu, das Wiederſehen eines ihm ſo nahe ſtehenden Menſchen, wie der junge Lympius, war ihm gleichſam eine Mahnung, daß er es thun ſolle. Er konnte es ja mit reinem Gewiſſen. Auch rückte die Zeit heran, wo er von ſeinem Salvator. 97 Vater ſich wieder trennen ſollte, um weiter zu vollbringen, was ihm in der alten Welt oblag. Beide aßen, wie immer, allein, der alte Diener wurde, nachdem er aufgetragen hatte, jedesmal entlaſſen, damit ſie ſich deſto freier unterhalten konnten. Was hatte Eberhard ſeinem Vater ſchon erzählt! Dieſer ahnte nicht, daß noch ſo viel übrig blieb: er fragte heut beſonders nach dem Freunde, wel⸗ chen ſein Sohn einen edlen und ſehr unglücklichen Menſchen genannt. „Ich gebrauche vielleicht ein falſches Wort,“ erwiederte Eberhard.„Unglücklich war ſein Ende, denn er fiel auf einer Miſſionswanderung, von den Wilden ermordet, aber in ſeine lautere Seele konnte das Unglück nicht einziehen, dieſe kannte nur den Frieden. Adelheid ſtörte ihn kaum einen Moment.“ „Wieder dies Weib!“ rief der Oberſt. „Sie iſt zu beklagen, Vater. Bis an ihr Ende wird der Geiſt, der ſie trägt, nicht bei ihr aushalten. Dann um ſo ſchlimmer, wenn ſie zurückblickt. Sie ſtörte den Frieden mei⸗ nes Freundes und auch den meinigen. Ob ſie wirklich das gefühlt, was ſie kund gab, wer kann es wiſſen! Ich will Dir aber Alles erzählen.“ „Im Zuſammenhange, Eberhard,“ bat der Oberſt, welcher die abgeriſſene Redeweiſe ſeines Sohnes kannte.„Du haſt Dir bei den Wilden eine Manier, mehr mit Blicken und Zei⸗ chen, als mit Worten zu reden, angewöhnt.“ „Ich habe Lympius kennen gelernt in Breſt. Er war dort, um den Galeerenſelaven die Botſchaft des Heils zu predigen, den Ausgeſtoßenen, um welche ſich die Menſchheit nicht mehr kümmert. Dort ſahen wir ihn zuerſt, wir: Adelheid und ich. Salvator. II. 7 98 Salvator. Sie hat mir oft geſagt, daß dieſer Augenblick ihr unvergeßlich geblieben ſei. Ich war es nicht, ſondern ſie, welche Lympius an uns zog. Sie ſprach ihn an, er faßte Vertrauen zu uns. Die Idee, uns nach Amerika zu begleiten, kam von ihr. Dort mögen Sie die Wilden bekehren— oder auch mich zuerſt, ſagte Adelheid in meinem Beiſein zu ihm, denn ich bin auch eine Heidin.— Vielleicht war es das, was ihn zunächſt be⸗ wog. So ſchön die Form, ſagte er einmal ſchmerzlich zu mir, und doch—! Was konnte ich ihm antworten, denn, lieber Vater, ich hatte ſie ſchon aufgegeben, ſo weit mir das mög⸗ lich war.“ „Du biſt doch wohl zu nachſichtig, zu wenig ſtreng gewe⸗ ſen!“ warf der Oberſt ein. „Sage das nicht!“ erwiederte Eberhard, und der Zug zwiſchen ſeinen Brauen, welcher Laura bei ihrem erſten Zu⸗ ſammentreffen aufgefallen war, trat ſtärker hervor.„Ich habe ſie den vollen Ernſt und die Strenge fühlen laſſen, ſie lag mehr als einmal zerknirſcht zu meinen Füßen— aber grade nach einer ſolchen Demüthigung brauſte ihr unheiliger Sinn um ſo mächtiger wieder empor und ſie ſpottete der ſchwächli⸗ chen Regung, wie ſie den Augenblick der Erkenntniß nannte. Einen Vorwurf nur mache ich mir: ich hätte ſie dennoch nicht frei geben ſollen, aber die Geſetze des Landes waren ge⸗ gen mich.“ „Du ſagſt, daß Du ſie immer geliebt haſt? Auch in ihrer Untreue?“ „Im Sinne des Geſetzes, in der Menſchen Sinn iſt ſie mir nicht untreu geweſen. Aber die Treue im Herzen— laß das. Vater! Ich wollte Dir nur von Lympius erzählen. Ob Salvator. 99 ſie wirklich für ihn eine Neigung gefaßt. oder ob es nur das alte, herzloſe Spiel war, das ſie mit dem Frieden und dem Glücke Anderer trieb, die Eitelkeit auf die Macht, zu den Sin⸗ nen zu ſprechen, ich weiß es nicht! Sie ſelbſt ſchien ſehr un⸗ glücklich zu ſein, es trieb den edlen Mann hinweg aus dem Aſyl, von wo er ſicher in ſeinem heiligen Berufe wirken konnte, er wanderte hinaus in die Wildniß mit ſeinem Knaben— dort erſchlugen ſie ihn, ich erfuhr erſt viel ſpäter durch einen Trap⸗ per ſein Schickſal und den Aufenthalt ſeines jungen Sohnes, den kaufte ich dann los durch denſelben Mann und gab ihn nach der Stadt in gute Hand— ſo gern ich ihn auch zu mir genommen hätte.“ „Wußte ſie davon?“ fragte der Oberſt. „Ich habe es ihr nicht erſpart,“ erwiederte Eberhard, und erwärmt, wie er war, durch die Mittheilung ſelbſt, ſprach er in vollem Erguſſe ſeines Vertrauens weiter, bis er an den Punkt ſeines Zweifels kam— da brach er kurz ab.—„Nun?“ fragte der Oberſt. „Mehr nicht!“ ſagte Eberhard.„Ich weiß darüber nichts.“ „Aber ihr Betragen gegen den jungen Menſchen? War ſie befonders zärtlich gegen ihn?“ „Koketterie— des Vaters wegen.“ „Haſt Du nie eine grade Frage an ſie gerichtet?“ „Kein Recht dazu!“ „Wenn ſie ihn jetzt überraſchend wiederſähe!“ „Wozu?“ „Sie würde ſich vielleicht verrathen!“ „Mir?“ entgegnete Eberhard und ſtand auf.„Ich bin ihr Mann nicht mehr.“ 7* 100 Salvator. „Aber iſt dieſer Gedanke Dir nie während Deines Zuſam⸗ menlebens, ehe Lympius Dich verließ, gekommen?“ „Nie!“ verſicherte Eberhard.„Laß ruhn.“ Seine Wort⸗ kargheit ließ keine Fortſetzung des Geſprächs mehr gedeihen. Auch kam in den erſten Nachmittagsſtunden ein Beſuch aus der Stadt, und zwar in ganz beſonderer Angelegenheit. Es war der Fabrikant aus der kleinen Stadt, deſſen wir ſchon erwähnt haben. Der Oberſt kannte ihn wenig, er wußte nur, daß er ein unternehmender und geſchickter Spekulant ſei und ſich von kleinem Anfange ein bedeutendes Vermögen er⸗ worben habe, mit welchem er ein umfangreiches Geſchäft be⸗ trieb. Bei der Verſammlung in der Seeſchenke, welche Haug im vorigen Jahre veranſtaltet hatte, leider ohne ſeine wohl⸗ gemeinte Abſicht zu erreichen, hatte er ihn zuerſt geſehen und ein Paar kalte Aeußerungen von ihm gehört, die ihn, obwohl er ihren praktiſchen Grund anerkennen mußte, verdroſſen hat⸗ ten. Seitdem war er einige Mal in ſeiner Fabrik ſelbſt gewe⸗ ſen und hatte ſich mit ſeinen Arbeitern beſchäftigt, deren Lage er genauer wollte kennen lernen. Wir wiſſen, welche traurigen Erfahrungen er dort gemacht hatte, einige Schuld, und mit Recht, maß er auch dem Fabrikherrn bei. Später hatte das Auftre⸗ ten Schrader's unter den Arbeitern einige Gährung hervorge⸗ bracht, Neid gegen die Einzelnen, die er bevorzugte, Begier nach gleichem Glück und vielfachen Hader, aber nach Maß⸗ gabe, wie die Zuflüſſe reichlicher wurden und der Adjunct mehr und mehr Gewalt über die Klaſſen, welche Alles jetzt von ihm erwarteten, gewann, hatte ſich die Aufregung, wie⸗ wohl ſie einen beſtändigen Charakter annahm, doch nicht mehr von einer gefährlichen Seite gezeigt. Es war nur ſchlimm, Salvator. 101 daß die Auswahl der Begünſtigten ſo gar nicht ſorgfältig er⸗ wogen zu ſein ſchien. Der Fabrikhert kam nun heut nach Rackwitz und ließ ſich bei dem Oberſten melden. Dieſer empfing ihn im Beiſein Eberhard's. Ein dicker Mann trat ein, ſeine Corpulenz hatte im Jahre der Aufhetzung viele Angriffe erfahren und ihm un⸗ ter den Arbeitern, wenn ſie auf ihn ſchimpften, das gewöhn⸗ lich damit verbundene unäſthetiſche Beiwort zugezogen. „Sie kennen mich, mein Herr Oberſt,“ begann er, ich habe das Unglück, ein Fabrikant zu ſein.“ Der Oberſt mußte an das vielbeſprochene Empfehlungs⸗ wort eines Geheimraths an ſeine Urwähler denken und lä⸗ chelte. Wie ſo, Herr Selle?“ ftagte er.„Sind Sie unglück⸗ lich darüber?“ „In jetzigen Zeiten möchte man ſo ſagen. Der Fabrikant iſt ein Hund, ſchlagt ihn todt! Sie werden das oft genug ge⸗ hört und geleſen haben, ſelbſt in den Schmökern, die man aus der Leihbibliothek kriegt, muß man ſich für ſein Geld noch aushunzen laſſen. Wenn man doch nur einmal, ein einziges Mal, von einem redlichen Fabrikanten läſe! Alle ſind Hal⸗ lunken, die ihren Arbeitern das Fell über die Ohren ziehen, und die Arbeiter werden abgemalt, wie lauter Engel gegen uns niederträchtiges Volk. Wer's lieſt, muß es glauben.“ „Ich leſe ſolch' Zeug nicht,“ erwiederte der Oberſt, etwas ungeduldig über den redſeligen Mann. „Ja, ich auch nicht, habe mehr zu thun! Aber meine Frau und die Mädels, die leſen mir dann die dümmſten Stellen immer vor.— Nun, deswegen komme ich nicht zu Ihnen, denn Sie können ja nicht dafür!“ 102 Salvator. „Darf ich alſo fragen, Herr Selle—?“ „Sie haben wohl nicht gehört, was jetzt für Mantſchereien in unſerm Armenweſen vorgehen? Ich meine das Unweſen, das drüben der Subſtitut des Sielitzer Paſtors treibt, mit ſei⸗ nem Gelde. Dauert das noch ein halbes Jahr fort, ſo iſt das ganze Volk verrückt gemacht, das Tollhaus kann nur gleich aufgemacht und die Eingeſperrten herausgelaſſen werden, denn es iſt kein Unterſchied mehr, und die Paar, die wir noch unſer Bischen Vernunft zuſammen haben, wir können ſehen, wo wir uns in die weite Welt retten.“ „Auch ich habe dieſe Geldverſchleuderung ſchon mit Be⸗ ſorgniß betrachtet,“ ſagte der Oberſt.„Sie können mir gewiß Thatſachen angeben, welchen böſen Einfluß ſie hat.“ Der Fabrikherr lachte bitter.„Böſen Einfluß! Denken Sie, daß ich noch ſo viel Arbeiter bekomme, als ich beſchäfti⸗ gen kann? Sie ſchreien über Mangel an Brod, und wo es ihnen geboten wird, wollen ſie's nicht! Ich habe es erlebt, daß Menſchen, denen ich Arbeit anbot, weil ſie bei mir bettel⸗ ten, mich ausgelacht haben, ich habe geſehen, daß ſie eine Brodſchnitte, die ihnen meine Frau mitleidig gab, auf der Treppe liegen ließen, oder ihr gar hinwarfen— Geld! hieß es. Der Schrader, der giebt ihnen Geld, und es iſt, als ſuchte er ſich expreß grad immer die allerliederlichſten, aller⸗ nichtsnutzigſten Subjecte aus. Dabei predigt er von Luſt und Vergnügen, und es iſt kein Wunder, wenn ſie das Geld, ſtatt ſich nun ordentlich einzurichten, in doppelter Liederlichkeit wie⸗ der verbringen. Ich begegnete ihm neulich und ſtellte ihm das Ding vor. Da hätten Sie ihn ſollen reden hören: zuletzt war der Himmel grün und ich veilchenblau. Vor Aerger hätte Salvator⸗ 103 ich's werden können. Ich ſagte ihm, glaub' ich, eine Grob⸗ heit, er bot mir lächelnd die Hand Ich fragte ihn, ob er die zunehmende Unſittlichkeit längnen könne? ich ſagte ihm, daß er ganz Californien dieſer Menſchenrace in den Hals werfen könne, in zwei Jahren werde wieder dieſelbe Noth ſein!— Ja, ſagte er. Da haben Sie Recht. Wenn weiter nichts ge⸗ ſchieht!— Waos ſoll denn weiter geſchehen? ſchrie ich. Beſ⸗ ſer werden die Menſchen auf dieſe Weiſe nicht.— Ueberlaſſen Sie das der Zukunft, ſagte er. Ich ließ ihn endlich ſtehen, denn es half mir nichts.— Nun komme ich zu Ihnen, Herr Oberſt. Sie klingelten uns einmal vor'm Jahre zuſammen und ſprachen ſehr ſchön über dieſe Geſchichten. Ja, ſagte ich Ihnen damals, wenn's nur ginge. Beten und arbeiten, ganz richtig. Zum Arbeiten bringt man wohl einen Menſchen, aber zum Beten? Und Sie gaben uns noch viel Mittel und Wege an, aber der gute Wille war das Beſte! Ich komme nun heut, da Sie ſich doch für die Noth intereſſiren, die wahrhaftig durch dieſe neue Manier des Herrn Schrader ſchlimmer wird von Tag zu Tage, um einmal mit Ihnen zu reden, was ſich thun läßt.“ Der Oberſt bedachte ſich eine lange Weile, Eberhars, für welchen die ſociale Frage, die während ſeiner Entfernung von Europa erſt zur Weltbedeutung gelangt war, noch viel Dun⸗ kles enthielt, ließ ſich von dem Fabrikherrn über manchen Punkt aufklären, er that es hier um ſo lieber, weil er nicht bloße Theorien hörte über Kapital und Arbeit und interna⸗ tionale Verträge, die allein in der modernen Entwickelungs⸗ phaſe der drei alten Stände helfen könnten, als welche jetzt durch Geldſäure orydirt, ſchließlich in einander gefloſſen und in drei Riederſchlägen neue Stände gebildet, die mit dem Be⸗ 104 Salvator. griff der alten nichts mehr gemein hätten. Herr Selle war ein praktiſcher Mann und ein arger Zweifler an derlei Genialität. „Ich habe mich ſchon einmal genau erkundigt,“ ſagte der Oberſt endlich,„welche Bewandtniß es mit dieſem gro⸗ ßen Fonds hat, welcher dem Adjunet in Sielitz zur freien Dispoſition gegeben iſt. Er hat über die Verwendung Nie⸗ mand Rechenſchaft abzulegen. Wenn aber doch dem Allgemei⸗ nen dadurch Gefahr erwächſt, ſo müßten die Behörden ihre Pflicht thun. Haben Sie nicht zuerſt mit den Beamten ge⸗ ſprochen?“ „Freilich. Die wollten keine rechte Gefahr ſehen und— ſie hatten noch andere Dinge im Kopfe— ſie, ſie meinten, ich hätte wohl bei der Anzeige meinen eignen Vortheil auch im Auge, es möchte wohl nicht pure Menſchenliebe ſein! Nun, wenn auch! Kann man mir das verdenken!— Soll ich zu Grunde gehen mit meinen Anlagen, durch welche der Stadt und der ganzen Provinz weſentlicher Vortheil zufließt? Sie haben unſer Neſt früher nicht gekannt, ſehen Sie es jetzt an, überall neue, nette Häuſer, Zuzug von Fremden, die ihr Geld dort verzehren, weil es ſich angenehm und wohlfeil lebt, erſt jetzt iſt wieder eine Tante von mir hingezogen, eine reiche Frau; und ehe ich heut herausfuhr, kam ein Brief an, daß eine Dame von Stande ſich einmiethen wolle. Werden ſie Alle bleiben, wenn unſere niedern Klaſſen ihre tolle Wirthſchaft immer ſchlimmer machen?— Sie ſollten eine Eingabe an die Regierung aufſetzen, Herr Oberſt, ich unterſchreibe mit und ſtehe noch für ein Paar Dutzend Unterſchriften in der Stadt und Umgegend.“ „Ich halte von ſolchen Eingaben nicht viel. Laſſen Sie Salvator. 105 mir Zeit, Herr Selle, daß ich mich genauer von Allem unter⸗ richte, auf Thatſachen kommt Alles an, der rechte Weg wird ſich dann finden. Handeln werde ich, und zwar offen, eine Denunciation iſt mir ein Gräuel.“ Thatſachen berichtete der Fabrikherr noch genug, ſie bewie⸗ ſen, daß Schrader, wenn er auch in beſter Abſicht verfahre, den⸗ noch verblendet einen falſchen Weg eingeſchlagen habe; denn fern davon, das Elend zu mildern, hatten ſeine Spenden es im Allgemeinen nur vergrößert, ſelbſt bei den Einzelnen, welche er ſcheinbar gerettet hatte, ſah man jetzt ſchon voraus, daß ſie in kurzer Friſt viel tiefer zurückſinken würden. „So geht es nun einmal nicht!“ ſagte der Oberſt.„Meine Meinung wird überall beſtätigt werden.“ „Ja— es giebt nur einen Weg, der liegt auf ſittlichem Gebiete!“ ſprach Eberhard.„Oder wollen wir's in eurem neu⸗ europäiſchen Styl ausdrücken: die ſociale Frage iſt nur durch die Religion zu löſen. Das würde zwar, öffentlich in die Welt geſchrieben, viel Spott und Hohn erregen, Geſchrei über pieti⸗ ſtiſches Unweſen und Verdummung, aber wahr bleibt es darum doch; es giebt keinen andern Weg.“ „Wie meinen Sie denn das eigentlich?“ fragte Selle. „Bloße Redensarten—?“ „Nein! Praktiſche Hülfe! Sie haben mir geſagt, daß die Arbeiter, welche am meiſten verdienen, ſehr häufig die lieder⸗ lichſten ſind?“ „Das habe ich geſagt und kann es beweiſen. Fragen Sie in andern Fabriken, fragen Sie, wenn wir Fabrikanten ein⸗ mal Hunde⸗ und Selavenzüchter ſind, denen man kein Wort glauben kann, fragen Sie andere Menſchen, oder ſehen Sie ſich 106 Salvator. unter den Leuten ſelbſt um. Viel verdient, viel vertobt. Die Weiber kriegen davon wenig ab, von Sparen keine Rede, mit Mühe und Noth ſind hier und da die Vereine und Kaſſen zu Stande gekommen, die ihren Segen bringen, aber beſſer wird's davon noch nicht. Ich weiß Ihnen dagegen fleißige Arbeiter zu nennen, die blutwenig verdienen und doch beſſer leben, ihre Wirthſchaft im Stande haben und die Kinder wieder zum Gu⸗ ten anhalten—“ „Sehen Sie wohl! Es liegt in der Familie, im Hauſe, in der Sittlichkeit und deren Fundament: der Religion! Mit bloßen Redensarten und Bibelſtellen, frommen Erbauungs⸗ ſchriften und Predigten kann man freilich Hungernde nicht ſatt machen, das wiſſen wir auch— aber eben ſo wenig kann man durch die ſogenannte Regelung des Kapitals und der Arbeit die Vergeudung der Lohnſätze, und würden ſie noch ſo hoch ge⸗ ſtellt, hindern. Soviel freilich muß der Menſch haben, daß er dabei beſtehen, ſich und die Seinigen ernähren kann, dafür mögen die Regierungen durch ihre Handelspolitik ſorgen, und bis dieſe den Fabrikanten befähigt, jene Lohnſätze zu gewähren, mögen ſie der Noth anderweitig abhelfen, wie es ihre Pflicht iſt— die Mitmenſchen aber ſollen neben ihrer Mildthätigkeit auch dahin wirken, daß wieder Sittlichkeit und Ehrbarkeit unter den ärmern Klaſſen ſich ausbreite, ſie ſollen ſich um ſie und ihr Leben kümmern, ſchlecht ſind ſie geworden, weil man ſie oft ſchlecht behandelt hat, ſie dürfen nicht mehr wie die Ausſätzigen und Ausgeſtoßenen der Geſellſchaft angeſehen werden: die chriſt⸗ liche Liebe ſoll ſich ihnen nahen, ein chriſtliches Beiſpiel ſoll ihnen gegeben werden von den höhern und reichen Ständen, dann wird auch der alte einfache Glaube, bei welchem unſere Salvator. 107 Väter ſelig lebten und ſtarben, wieder einkehren und die alte Treue, die nimmer zu Schanden werden ließ, und es wird beſſer werden in dieſer Welt!“ So hatte der Oberſt ſeinen Sohn noch nie reden gehört, es war, als riſſe die Gewalt des Gedankens den Strom der Worte in bisher ungekannter Macht aus ſeiner Bruſt. Er drückte ihm ſchweigend die Hand, als er geendet hatte, und der Fabrik⸗ herr ſtand ganz überwältigt vor ihm. „Gott gebe es!“ ſagte er nach einer langen Weile. Dann nahm er bald Abſchied und bat die beiden Herren, ihn zu be⸗ ſuchen und ihm zu ſagen, was ſie nun zuerſt für das Beſte hielten. Vater und Sohn hatten nun einen erneuten Anlaß zu wei⸗ tern Beſprechungen über das, was ſich Eberhard für ſeine Zu⸗ kunft zur Lebensaufgabe geſtellt hatte. Seine vormalige Gat⸗ tin hatte in ihrer bittern Ironie ganz Recht: er gehörte der ganzen Menſchheit an. Wenigen Sterblichen kann das nach⸗ gerühmt werden, wie reich man auch Pantheon und Walhalla mit Namen und Bildern ſchmückt! Um ſo ſtrahlender leuchten die Wenigen, welche in That und Wort Unſterbliches für die Mit⸗ und Nachwelt gewirkt. Dieſen ſich zu geſellen, fühlte Eberhard nicht den Beruf, den Geiſt und die Kraft in ſich, aber es giebt eine andere, beſcheidenere Art des Wirkens, in den Anfängen klein, aber ſegensreich im weitern Verfolge. Er hatte in Amerika fruchtbaren Boden dazu gefunden, denn wie auch die Auswanderer dieſſeit des Oceans beſtellt geweſen ſind in all' ihren Verhältniſſen, drüben müſſen ſie ein neues Leben anfangen, und es iſt, als ob das auch geiſtig geſchehe, darum ſind die Seelen auch zugänglich der beſſern Berathung, mögen 108 Salvator. ſie früher noch ſo verhärtet geweſen ſein. Eberhard hatte Er⸗ fahrungen unter den Deportirten gemacht.— Nun aber war er entſchloſſen, in Europa zu bleiben. Die Aufforderung ſeines Vaters hatte mehr als einen Grund gehabt. In der alten ver⸗ wickelten Ehrenſache, welche Eberhard vor Jahren kurz nach ſeiner Heirath bewogen hatte, Europa zu verlaſſen und alle Spuren hinter ſich auszulöſchen, waren durch unerwartete Zwi⸗ ſchenfälle Streiflichter aufgegangen, welche eine glänzende Recht⸗ fertigung für ihn in Ausſicht ſtellten. Der Oberſt hatte davon Nachricht bekommen, grade als er durch Leo Rheinberg gehört, daß ſeines Sohnes Gattin zurückgekehrt ſei, von welcher er dann ſogleich deſſen Aufenthalt erforſchte. Eberhard hatte der Bitte ſeines Vaters freudig entſprochen, denn wenn ihm auch die ſogenannte Ehre vor der Welt höchſt gleichgültig war, hier handelte es ſich für ihn um noch mehr. In Amerika hatte ſich im Laufe der Zeit Manches entwickelt, womit er nicht einver⸗ ſtanden ſein konnte, Zuſtände, welche uns durch ehrliche Män⸗ ner, die wahrhaftig ein warmes Hetz für die Menſchheit ha⸗ ben, in klaren Zügen ohne Uebertreibung dargeſtellt worden ſind und ihnen dafür in jenem Lande excluſiver Freiheit viel Feindſchaft zugezogen haben. Eberhard reiſte zwar nicht mit dem Gedanken ab, wieder nach Europa überzuſiedeln, aber dieſer war in ihm entſtanden ſchon auf ſeiner Reiſe durch Alles, was er ſah, er war darin beſtärkt worden durch die Freunde in Süddeutſchland und hatte ſich durch die Wahrnehmungen in ſeiner ſpeciellen Heimath nun ganz dazu entſchloſſen. Weil es ſchlimm war, kehrte er zurück— Andere fliehen deswegen! „Ich muß nun erſt das traurige Geſchäft, was mich ſelbſt betrifft, abmachen,“ ſagte er, nachdem er mit ſeinem Vater viel Salvator. 109 über die Zuſtände und deren mögliche Beſſerung geſprochen hatte.„Dann werde ich freier und erfolgreicher handeln können. Ein beſcholtener Menſch iſt überall behindert, das Mißtrauen hemmt jeden Schritt, den er zum guten Ziele thun möchte. Es iſt ein Unglück nicht blos für ihn!— Moos ſchreibt mir, daß er erſt zum Winter, wenn die zunehmenden politiſchen Ver⸗ wickelungen nicht zum Kriege führen, nach Berlin kommen kann, dann aber für längern Aufenthalt und mit ſeiner ganzen Familie. In dieſer finde ich dann vollen Rath und Beiſtand für die gute Sache. Ich wollte, ich könnte unſere Volksbe⸗ glücker und ſocialiſtiſchen Experimentfreunde ein Paar Wochen in den weiten Beſitzungen meines Freundes Rundſchau halten laſſen, verſteht ſich, ohne Parteibrille, ſonſt ſehen ſie doch Alles falſch. Dort würden ſie lernen, was Glück heißt und wodurch es erreicht wird, auch bei armen Leuten.“ 8. Der Fabrikant kam ſorgenſchwer nach Hauſe. Je mehr ihm die nüchterne Ueberlegung zurückkehrte, fand er, daß ſie zwar ganz richtig und wahr geſprochen, und mit der Zeit, wenn recht conſequent daran gearbeitet würde, eine vollkommene Beſſerung gedeihen müſſe, aber wie lange Zeit gehörte dazu? Alles kam doch darauf an, gleich Hülfe zu finden! Sonſtſchwemmte die her⸗ einbrechende Sündfluth all die ſchönen Anfänge mit ſammt ihren 110 Salvator. Urhebern hinweg. Was half es ihm zum Beiſpiel, wenn er zu Grunde gegangen war und dann nach zwanzig Jahren der blühendſte Zuſtand eintrat? „Mann, Du bleibſt recht lange,“ ſchalt ihn ſeine Frau, als er vorfuhr.„Deine Tante iſt angekommen, und der Disponent war ſchon zweimal hier, es iſt mit dem Volke gar nicht auszu⸗ halten“ „Mehr Lohn?“ fragte er beſorgt, indem er vom Wagen ſtieg. „Au contraire— es danken wieder mehrere ganz und gar. Sie wollen ſich mit ihrem Gelde zuſammenthun und ſelbſt ein Geſchäft anfangen.“ „Die dummen Teufel!“ lachte er bitter.„Ich will doch gleich— Seine Frau drängte ihn, ſich erſt mit der angekommenen Tante zu begrüßen, welche ſchon drei Stunden auf ihn war⸗ tete.„Die Kinder wiſſen gar nicht mehr, was ſie mit ihr ſpre⸗ chen ſollen,“ ſagte ſie. In meinem Leben habe ich keine lang⸗ weiligere Perſon geſehen, mir thut nur ihre Mamſell leid, die ein ganz gutes Geſchöpf zu ſein ſcheint.“ Mit dieſen Worten, nachdem ſie ihren Gatten vom Ueberzieher befreit, ſchob ſie ihn in das Zimmer.. Ein Geſchrei des Willkommens empfing ihn. Es ging im⸗ mer ziemlich tumultuariſch hier zu, die Kinder überboten ſich von frühſter Jugend darin und waren überhaupt mehr nach des Vaters Art geſchlagen, ſahen ihm auch alle— und es waren acht vorhanden— ſehr ähnlich, beſonders was die birnförmige Naſe betraf. Nicht eine von den fünf Töchtern hatte das feine Profil der Mutter. Dieſe war indeſſen mit ihnen ſowohl als Salvator. 111 mit dem ganzen Zuſchnitt des Hausweſens, das ihres Gatten erſte Frau eingerichtet hatte, ganz zufrieden, ſie hatte ſich ein⸗ gelebt und ſo vollkommen Sitten und Anſichten ihres Kreiſes angenommen, daß ſie ſich wahrſcheinlich jetzt auf dem Parket des Salons, welchem ſie durch ihre Geburt angehörte, ſehr unglücklich gefühlt haben würde. Sie war ein armes Fräulein, deren Vater ein großes Vermögen glänzend durchgebracht hatte, der reiche Fabrikant, ein kinderloſer Wittwer, hatte ſie in dem Hauſe eines Banquiers in der traurigſten Abhängigkeit gefunden und daraus durch ſeinen Antrag erlöſt. Nun war ſie reich und hatte einen ganz vernünftigen Mann, ſpielte in dem kleinen Orte, ſelbſt den Beamten gegenüber, die erſte Rolle, was wollte ſie mehr? Kein Gedanke ihrer Seele ſtrebte über ihre Lage hinaus. Auch die Tante des Fabrikherrn, welche ſchon ſeit drei Stunden beharrlich die Sophaecke behauptet hatte, ſtimmte in die allgemeine Fanfare ein, die ihn bewillkommte. Nicht ohne Mühe erhob ſie ſich dann und rollte ihit entgrhe ſie rollte, denn es war eine kungelrunde kleine Frau. Die erſte Bemer⸗ kung des lachenden Neffen galt ihrer Corpulenz, welche in den letzten fünf Jahren, ſeit er ſie nicht geſehen, erſtaunlich zuge⸗ nommen hatte. Ein Verſuch zur Umarmung ſcheiterte daran. Neben ihr wurde ihm jetzt ein freundliches, blondes Mäd⸗ chen ſichtbar.„Meine gute Emma,“ ſagte die Tante, indem ſie ihr mit den dicken, glänzenden Fingern über den weißen Hals ſtrich. Der Fabrikherr reichte ihr die Hand und drückte ſie herz⸗ und ſchmerzhaft. Dann ſetzten ſich die Reſpectsperſonen und die erwachſenen Mädchen zuſammen und der Tumult des Durcheinanderſchreiens, 112 Salvator. welches die Unterhaltung bildete. nahm wieder ſeinen Anfang. Es war aber nur die Familie Selle, welche dazu beitrug, Tante Tronemann, ſo hieß die kleine, dicke Frau, ſaß nur lächelnd daneben, blickte von Einem zum Andern und ſagte gar nichts, ihre Geſellſchafterin aber ſchlug ſelten die Augen auf. Der Fabrikherr wurde dann herausgerufen, denn der Ge⸗ ſchäftsführer war nun zum dritten Male da: er brachte uner⸗ freuliche Nachrichten und Beide ſaßen ſehr lange zuſammen, um ſich zu berathen. Endlich wurde es der Frau unheimlich, ſie ging und ſtörte ſie mit einer Einladung für Herrn Meinike, den Geſchäftsführer, einen Löffel Suppe mitzueſſen. Ohne Suppe ging es des Abends nicht ab. Herr Meinike war ein ſehr amüſanter Mann und überaus witzig, denn er war ein geborner Berliner— wenn er ſo recht im Zuge war, konnte er die ganze Reſſourcengeſellſchaft des Städtchens erheitern; die fünf Töchter ſeines Principals waren ganz entzückt von ihm, und wenn ex Abends mitaß, ſo ſtieg die lärmende Luſtigkeit zu einem Fortiſſiſd- wie es nur in neuen Opern durch die genialſte Kraftverwendung von Blech und Fell erreicht wird. Auch heut war er„einzig,“ der Herr Meinike!, es rollten der guten Tante Tronemann vor innern Erſchütterungen die hellen Lachthränen über die Backen, die großen Kinder wollten ſich ausſchütten und ſtießen ſich heimlich an, wo ſie Verblümtes nicht grade verſtehen durften, die Kleinen ſchrien mit vor Ver⸗ gnügen und balgten ſich um den Ehrenplatz an Herrn Meinike's Buckskin: wie war es nur möglich, daß die blonde, fremde Perſon nicht auch jubelte, ſondern immer ſtiller und verlegener wurde und eine ängſtliche Röthe ihr feines Geſicht überzog, als ſchäme ſie ſich, der Gegenſtand einer beſondern Aufmerk⸗ Salvator. 113 ſamkeit von Seiten des Tageshelden zu ſein! Keine der vier— erwachſenen Töchter vom Hauſe hätte ſich deſſen geſchämt. Auch Herr Meinike konnte das nicht begreifen.„Sie hat ſich blos! Will Donna Diana ſpielen!“ ſagte ſich der routinirte Mann.„Na warte man, ich will Dir Donceſarn!“ Man ſieht, er zog aus ſeinem Theaterbeſuch Nutzen. Jetzt wandte er ſich direct an ſie, verſuchte es, ſie in eine beſondere Unterhaltung zu verwickeln, und machte ihr mit ſchö— nen Redensarten, wie ſie nur ihm zu Gebote ſtanden, eine Weile förmlich den Hof, bis er ſah, daß allmälig eine gewiſſe Dämpfung in der allgemeinen Converſation eintrat, wodurch er ſich gewarnt ſah, nicht zu weit zu gehen und Beſſere vor den Kopf zu ſtoßen. „Nehmen Sie die Laterne mit, es iſt finſter,“ ſagte Herr Selle, als endlich Tante Tronemann nach Hauſe gehen wollte. „Sie werden ſie wohl tragen, Mamſell.“ Er drückte Emma die Laterne in die Hand. War es denn wirklich Emma, die ſanfte, gutmüthige Toch⸗ ter des Kammerherrn von Rheinberg, welche wir hier gefunden haben? Und wenn ſie es war, wie konnte ſie es ertragen, unter ſolchen Verhältniſſen nur zu leben? Sie war es und ſie trug eben Alles, was ihr begegnete, ſo lange ihre Kraft reichte. Wie unglücklich ſie ſich fühlte, davon hätte manche ſtill durch⸗ weinte Nacht Zeugniß geben können, wie auch die ſtumme Sprache ihres blaßgewordenen herzigen Geſichts. Und ſie wurde nicht einmal ſchlecht behandelt, die dicke Frau, bei wel⸗ cher ſie lebte, war im Ganzen ſehr wohlwollend gegen ſie, ſchalt ſelten und liebkoſte ſie ſogar manchmal! Aber die ganze Salvator. II. 8 114 Salvator. umgebung, die niedrigen, oft abſtoßenden Geſchäfte, welche ₰ ſie verrichten mußte, die Demüthigung, die ſie ſelbſt fühlte, Kränkungen, welche ſie erduldete, vor Allem die Erinnerung an Einſt! o es war auf ein ſtärkeres Herz berechnet, als dies wehrloſe Lamm beſaß. Zuweilen wallte es ihr auf, das ſtolze Gefühl, und ihre Wangen glühten, ihre Augen leuchteten wie⸗ der, ſie konnte momentan ihrem Schickſal Widerſtand leiſten, aber es war eben nur momentan, dann ſank ſie wieder zurück in ſtilles, weinendes Dulden. Ihr Glück, daß ſie bei einer Frau war, die keine Anſprüche an eine muntere, erheiternde Geſellſchaft machte: der guten Dame Tronemann war es ganz gleich, ob um ſie her gelacht und gelärmt wurde, oder ob man ſchwieg, ſie genoß ihr täglich Brod in bedeutender Fülle, lächelte früh und Abends und ließ ſich höchſtens in den Schlaf leſen, wozu ihr jedes Buch verhalf. Emma war durch eine adelige Dame, welche jetzt ein Verſorgungsbüreau hielt, in dieſe„Condition“ gekommen Ihr Vater kannte die Dame aus frühern Verhältniſſen und hatte ſich ihr anvertraut, unter voller Discretion. Fanny war dush ſie gleich in das Haus der Fürſtin Troiska gekommen, mit welcher Stellung Vater und Tochter, da es nun einmal ſein mußte, ganz zufrieden waren. Mit Emma hielt es ſchwerer: der Vater kannte all' ihre Vorzüge und Schwächen und wußte wohl, daß ſie eines ſichern Halts in der Welt bedurfte, wenn ſie nicht unglücklich werden ſollte— unfreundlicher Behandlung wäre ſie erlegen: Fanny beſaß Energie, ſich dagegen im Nothfall zu wehren; ſo wurden mehrere Vorſchläge abgelehnt, bis endlich die Dame mit einer Stelle bei einer kinderloſen, reichen, als die Güte ſelbſt bekannten Wittwe— bürgerlichen Standes— heraus⸗ Salvator. 115 rückte. Sie ſchilderte dieſe Stelle ſo anziehend, ſo geſchützt gegen alle Sorgen, daß ſich der Kammerher entſchloß, ſie für Emma, welche ſich ganz in ſeinen Willen ergeben hatte, anzu⸗ nehmen. Wir dürfen ſeine Schwäche nicht verſchweigen: Emma wurde der Madame Tronemann als eine Demviſelle Rheinberg vorgeſtellt und ſo auch von ihr angenommen. Da— mals wohnte ſie freilich noch ſehr entfernt von der Gegend, wo der Kammerherr bekannt war, und Niemand konnte ahnen, daß ſie in die Fabrikſtadt ziehen würde, ſo nah bei Sielitz. Emma wußte nun, daß ihr Incognito nicht länger zu behaupten war, ſie hatte ſich ſchon ungern in daſſelbe gfügt, und kämpfte jetzt, wie ſie am beſten damit enden ſolle. Ihr Vater, mit welchem ſie durch jene Commiſſionsdame correſpondirte, war ſehr er⸗ ſchrocken, als er von der Wohnſitzveränderung gehört, und hatte ſchon Unterhandlungen angeknüpft, um eine andere Stelle für ſie zu ermitteln: vielleicht gelang es ihr, wenn ſie ſich ganz eingezogen verhielt, bis dahin unentdeckt zu bleiben. Guter Kammerherr, in einer kleinen Stadt! An dem Abende, wo ſie mit der Laterne in der Hand ihre unbehülfliche Dame nach Hauſe führen mußte, das Herz voll Entrüſtung über die beleidigende Art, mit welcher ſie von fremder Nichtachtung behandelt worden war, fühlte ſie ſich un⸗ glücklicher als je. Und ihre Begleiterin neckte ſie obenein mit Herrn Meinike! Es war, als ſie ſich eben von ihr trennte, um ihre Schlafkammer, wo ſie zuweilen Erleichterung durch Thränen fand, zu ſuchen. Der Eindruck, welchen die nicht bösgemeinte Neckerei auf ſie machte, ſprach ſich in ihrer Ant⸗ wort aus und ſetzte die alte Dame in Erſtaunen. „Nun, nun!“ ſagte ſie.„Ich dächte, liebes Kind, wenn 8* 116 Salvator. es Herrn Meinike Ernſt wäre, für Sie wäre es immer eine ganz paſſende Verſorgung!“ Dies abſcheuliche Wort, mit welchem das ſchönſte und heiligſte Verhältniß für ein junges Mädchen nur zu oft bezeich⸗ net und entweiht wird, ließ Emma's verletztes Gefühl in eine zornige Erwiederung ausbrechen: Tante Tronemann traute kaum ihren Ohren. „Mamſelleken!“ rief ſie entrüſtet.—„Na, ſchlafen Sie ſich den Hochmuth nur aus. Gute Nacht.“ Am andern Morgen war zwiſchen Beiden nicht mehr die Rede von dem Vorfallè, deſſen ſich Emma ſchämte, aber er ließ in Beider Seelen einen böſen Keim zurück. Die Troſt⸗ loſigkeit, welche Emma faſt den ganzen Schlaf der Nacht ge⸗ raubt hatte, fand bald darauf eine neue Nahrung durch einen Brief ihrer Schweſter, der ihr als Einlage auf dem bekannten Wege zuging. Warum mußte ihr eine ſo demüthigende Stel⸗ lung und Fanny, welche ohnehin ſo hochfahrend war, ein ſo glänzendes Loos beſchieden ſein? Fanny ſchilderte das Leben an dem kleinen Fürſtenhofe wo ſie jetzt als Hoffräulein weilte, mit den lebhafteſten Farben, ſie hatte ganz ſelbſtſtändig gehan⸗ delt, als ſie aus dem Hauſe der Fürſtin Troiska ſchied; ohne ihren Vater zu fragen, hatte ſie dieſe Stellung aufgegeben, ging auch jetzt ziemlich leicht über die Beweggründe zu dieſem Schritte hinweg und ſchrieb nur: Wenn ich einmal dienen ſoll, ſo will ich meine Herrſchaft nur in den höchſten Regionen ſuchen. Daß ſie nun ihr Glück gefunden habe ſchien Emma unzweifelhaft, aber ſie verſtand nicht zwiſchen den Zeilen zu leſen. Dem Vater wurde das auch nicht leicht, aber Manches in Fauny's Briefe deutete auf mehr, als ſie ausſprach, und er Salvator. 117 dachte nun mit ſchwerem Herzen auch an ſein jüngſtes Kind. Bei der mechaniſchen Beſchäftigung, die er gefunden hatte, konnte er nur zuviel ſeinen Gedanken nachhängen, der unglück⸗ liche Mann! Tauſend Pläne, wie er ſeine Lage wieder ver⸗ beſſern, ſeinen Kindern dennoch ein unabhängiges Loos be⸗ reiten ſolle, ſtiegen täglich in ſeinem Geiſte auf, kreuzten ſich und bildeten immer neue Möglichkeiten, aber Alles ging ihm nur zu langſam, zu langſam! Er träumte von plötzlich ein⸗ fallendem Glück, von Lotteriegewinn, an welchen er ſauer er⸗ ſparte Thaler ſetzte, von irgend einer Erbſchaft, von gefundenen Schätzen! Sein Ahnherr ſollte ja einen ſolchen in Sielitz vergraben haben, ging die Sage. Wenn er ihn damals ge⸗ funden hätte, als er in vollem Ernſt, aber freilich unter einem andern Vorwande, Nachgrabungen anſtellen ließ! Jetzt, wo ein Anderer in Sielitz Grundherr geworden war, konnte er nur wünſchen, daß der Schatz in den Tiefen der Erde verborgen bliebe: es wäre ihm ein zu ſchweres Leid geweſen, ſein Eigen⸗ thum in fremden Händen zu ſehen. Wie mochte es nur in Sielitz zugehen? Wenn er unbekannt, wie ein verſchollener Pilger aus dem Morgenlande, hätte in ſeiner Väter Heimath zurückkehren können, wie gern hätte er wieder einmal Alles, was ihm bis auf die Blumen ſeines Gartens ſo lieb und un⸗ vergeßlich war, wieder geſehen! Aber in dieſer herabgekom⸗ menen Geſtalt? Er ſchämte ſich vor dem bloßen Gedanken. Wenn er aber gewußt hätte, daß grade, wie er ſich mit dieſer Idee trug, ſeine Tochter bereits erkannt war und den Stoff gab zu hundert Kaffeegeſprächen, ja daß nur um dieſer NReuig⸗ keit willen, die man beleuchten mußte, die Geſelligkeit im Städtchen aus trägem Hinſchmachten ſich wahrhaft elektriſch Salvator. belebt hatte! Und auf welche intereſſante Weiſe war dies Ge⸗ heimniß öffentlich enthüllt worden! Durch einen bildſchönen Huſarenofficier, ſo recht eclatant, man konnte ſagen, im Ange⸗ ſichte der ganzen Stadt— die Begebenheit wurde bald mit ſo vielen Zuſätzen erzählt, daß die Wahrheit kaum noch zu erken⸗ nen war. Dieſe verhielt ſich aber ſo. Nach dem Abende, wo Emma zuerſt in dem Selle'ſchen Hauſe erſchienen war, hatte ſie ſich möglichſt von allen Be⸗ ſuchen, welche ihre dicke Principalin unternahm, zurückgehalten und war auf der Straße immer verſchleiert gegangen. Der Ruf ihrer Schönheit hatte ſich aber verbreitet und die Neugier rege gemacht, auch war mit dem ſonſt ſo vergnügten Herrn Meinike eine ſo auffallende Veränderung vorgegangen, daß nicht blos ſeine zahlreichen Verehrerinnen, ſondern auch die Honvratioren, welche er ſonſt in dem Frühſtückslokal und auf der Reſſource durch Berliner Witze bewirthete, davon Notiz nehmen mußten. Er hatte es ſelbſt nicht einmal Hehl, was ihn ſo ernſthaft machte: er ging mit dem Gedanken um, zu heirathen. Proteſt in der Familie Selle! Eine Collectivnote der Töchter, das heißt, gemeinſchaftliches Anfeinden und Bemäkeln der Fremden! Frau Selle hätte wohl für den Mann, der ſich bald etabliren wollte, ein Kind übrig gehabt, war daher mit im Bunde— dem Principal wäre es ſonſt gleichgültig ge⸗ weſen, denn um den Abſatz ſeiner fünf Töchter, da er jeder ſechzehntauſend Thaler mitgeben konnte, war ihm nicht bange, aber um keine Diſſonanz in dem Uniſono ſeines Hauſes abzu⸗ geben, grollte er mit. Nur Tante Tronemann protegirte die Sache, denn Herr Meinike hatte ſich in aller Schlauheit eines Salvator. 119 mit Spreewaſſer getauften Genies gleich ihrer Gunſt ver⸗ ſichert. Wodurch? hat uns die ſchweigſame Frau nicht ver⸗ rathen, ſie lächelte nur wie immer und drehte ihre dicken, viel⸗ beringten Hände in waſchhafter Bewegung, was immer ein Zeichen vollkommener Behaglichkeit bei ihr war. Zwingen konnte ſie freilich Emma nicht, ſich den Huldt gungen des feinen Mannes, der jetzt auffallend viel Glacé⸗ handſchuh zu fünf Silbergroſchen zerplatzte, auszuſetzen, in⸗ deſſen wußte ſie doch manche unvermeidliche Begegnung, ohne viel Sprechen, zu veranſtalten, und Herr Meinike ſelbſt arran⸗ girte bei dem prachtvollen Herbſtwetter, das endlich auf eine ſchlimme Regenzeit folgte, mehrere Partien nach den Beluſti⸗ gungsörtern des Städtchens, wobei Frau Tronemann nie fehlte und ihre Geſellſchafterin nicht zu Hauſe ließ. Emma hatte es verſucht, ſich davon zu befreien. es mangelte ihr aber, um es durchzuſetzen, die Energie ihrer Schweſter. So ließ ſie denn wieder mit leidender Hingebung über ſich beſtimmen und nur die Theilnahme an den angenehmen geſellſchaftlichen Spielen im Freien—„Fanchon“ war Herrn Meinike's Paſ⸗ ſion!— verſagte ſie entſchieden Es beleidigte die ganze Ge⸗ ſellſchaft, daß ſie nicht einmal einen Grund angab.„Sie iſt eine Fromme!“ raunte man ſich zu, damit ſchien die Löſung ihres lächerlichen Betragens auf einmal gefunden. Es iſt ein trauriges Zeichen der Zeit, daß dieſer Ausdruck ſchon zum Spott⸗ und Schimpfwort geworden iſt, wenn man bedenkt, daß in den Tagen der Vorzeit fromm nicht blos in ſeinem eigentlichen Sinne genommen, ſondern allgemein als Bezeich⸗ nung jeglicher Trefflichkeit auch in weltlichen Dingen, ſogar im Kriegsdienſte, gebraucht wurde— fromm war dann gleichbe⸗ Salvator. deutend mit tapfer und ritterlich. Allerdings will man auch heut damit etwas Anderes bezeichen, als das Wort an ſich giebt, aber doch im wegwerfenden Sinne! „O wenn das iſt, wollen wir ſie ſchon curiren!“ ließ ſich Meinike vernehmen, dem dies Urtheil zu Ohren kam. Er ſah ſih nach Emma um, ſie hatte den Antheil, welchen ſelbſt die ältern, hinter einer Batterie von braunen Bunzlauer Kan⸗ nen ſitzenden Damen an den ſpaßhaften Wechſelfällen des Fanchonlaufens nahmen, benutzt, um ſtill für ſich durch die Acaziengebüſche, welche den Tummelplatz jener olympiſchen Spiele bildeten, zu wandeln, ſie mußte ſich den nur zu oft auf ſie gerichteten Augen entziehen, denn es hatte ſie eine Traurigkeit überfallen, inmitten der kreiſchenden Luſt aller Uebrigen, daß ſie kaum noch ihre Standhaftigkeit behauptete. Auf einmal hörte ſie einen hurtigen Schritt, es war Herr Meinike. Straßenerinnerungen der unverſchämteſten Art, wo er oft Damen von Rang, wenn ſie zufällig allein gingen, in Verzweiflung geſetzt hatte, mochten in ihm aufgeſtiegen ſein, er hatte mit weniger Anſtrengung Emma eingeholt:„So einſam, mein Fräulein? Wollen Sie mir nicht erlauben, an Ihrer grünen Seite zu idylliſiren?“ Sie hatte den Muth, ihm zu erklären, daß ſie allein zu ſein wünſche. „Es iſt dem Menſchen— folglich auch Ihnen— ſe nicht gut, daß er allein ſei. Geben Sie mir alſo keine polizei⸗ liche Ausweiſung! Ich werde ganz artig ſein. Drüben ſpielen ſie jetzt Baumzeck, auch eine ſchöne Gegend. Fräulein Emma — ſehen Sie mich einmal an: Wenn mir Dein Auge ſtrah⸗ Salvator. 121 let—“ möchte ich ich ſingen, aber Sie wollen mich durchaus nicht verſtehen—“. „Herr Meinike—“ mehr vermochte Emma, welche vor Zorn und Scham zu vergehen glaubte, nicht zu ſagen. Er nahm ihre Röthe, ihre Verwirrung im ſchmeichelhafteſten Sinne für ſich, denn er ſchlang augenblicklich ſeinen Arm um ſie. Heftig ſtieß ſie ihn zurück. In dieſem Augenblick überſprang ein Reiter, den Beide in der Aufregung des Moments gar nicht hatten kommen ſe⸗ hen, ein Reiter auf einem ſchlanken Schimmel, die Barriere, welche wenig Schritt von ihnen das Gebüſch gegen die Straße abſchloß.„Fräulein von Rheinberg!“ rief eine Stimme, hell und wild, wie ein Trompetenſtoß.„Ich ſchütze Sie!“ Emma ſah hin, erkannte den Reiter, rief ſeinen Namen — aber ſchnell ſiegte die Scham und ſie verſchwand im Ge⸗ büſch. Der Huſar ſpornte ſein Pferd gegen den erſchrockenen, ganz aus der gewohnten Faſſung gekommenen Herrn Meinike, ritt ihn, ohne ein Wort zu ſagen, nieder, ſprang dann ab und eilte, den Araber am Zügel, durch das Gebüſch der entſchwun⸗ denen Emma nach, um ſie zu beruhigen, wo er dann auf ein⸗ mal, zu ſeinem eigenen Erſtaunen, den grünen Raſenplatz und die zahlreiche bunte Geſellſchaft fand, die von ſeiner Erſchei— nung lebhaft überraſcht wurde. Er war aber ein zu guter Hu⸗ ſar, um nur einen Moment die Faſſung zu verlieren: nicht umſonſt hatte er den vorjährigen Feldzug mitgemacht. „Pardon, meine Herrſchaften!“ ſagte er, die Hand an den Kolpak legend.„Ich ſuchte Fräulein von Rheinberg, die ich eben— ah! mein gnädiges Fräulein,“ er erblickte Emma, welche ſich von der andern Seite zu den Damen geſellte und 122 Salvator. ihn kaum anzuſehen wagte, noch im vollen Aufruhr ihres In⸗ nern, zitternd, blaß wie zum Tode, aber ſie konnte ja ſicher ſein, denn ſie fühlte ſich in dieſem Momente nicht mehr ver⸗ laſſen unter Fremden, ſie vertraute auf ihn, auf den Freund ihres väterlichen Hauſes, ſie durfte ja erwarten, daß er ſie ſchonen werde— wie freue ich mich, Sie unerwartet hier zu ſehen,“ fuhr er fort, indem er geſchäftig den Zügel ſeines Pferdes im oftgeübten Koppelknoten um den nächſten Baum ſchlang,„iſt meine Mama auch ſchon hier? Ich bringe Ihnen Grüße und gute Nachrichten von Ihrer Fräulein Schweſter, Hofdame comme il faut!— Sie ſind doch wohl, gnädiges Fräulein?“ ſetzte er, als er ihr jetzt näher trat, mit veränder⸗ tem, innig beſorgtem Tone hinzu, denn er ſah, wie leichen⸗ blaß ſie war und wie ihre Lippen zuckten. Sie wollte lächeln, aber ſie konnte es nicht, faſt wäre ſie zuſammengebrochen, denn ihre Kraft war zu Ende, als dieſe plötzlich wieder geſtählt wurde: ihr Auge hatte Herrn Meinike getroffen, der, die Geſellſchaft vermeidend, in das Haus des Müllers gegangen war, welches der Ort des Rendezvous bei dieſer Partie war. Der Anblick des Menſchen, der ihr eine nie⸗ geahnte Schmach angethan hatte, gab Emma ihre Haltung wieder, ſie konnte mit Arnefeld ſprechen, es gab zwiſchen ihnen eine kurze Verſtändigung, als ſei die ganze, flüſternde und ſich mit ſpöttiſchen Blicken und Geberden über dies unerklärliche Abenteuer verwundernde Geſellſchaft gar nicht für ſie vorhan⸗ den— Beide ſprachen ſo halblaut, daß nicht einmal die Näch⸗ ſten etwas verſtehen konnten, der Proviſor behauptete ſogar, es ſei Franzöſiſch geweſen, jedenfalls ein höchſt unſchickliches Betragen— aber Die nehmen ſich einmal nichts übel!“ Salvator. 123 Darauf ſchien der junge Officier ſehr heiter zu werden, machte der Geſellſchaft ein tiefes Rundcompliment, wobei er ganz undienſtmäßig den Kolpak abnahm, und ging dann zu ſeinem angebundenen Pferde, das ſchon hin- und herſprin⸗ gend viel Angſt verbreitet hatte. Er löſte den Zugknoten, warf den Zügel über den Hals, voltigirte, ohne den Steig⸗ bügel zu nehmen, auf das Pferd, welches gleich mit ihm zwei ſchauderhafte Hechtſätze machte und„fegte“ dann hinweg, daß den Nachſchauenden ſchwindlig wurde. Nun brach das längſt murmelnde Ungewitter los. Alles wollte Erklärung haben, ſogar der Tante Tronemann war auf einmal die Zunge gelöſt.„Wer war das? Wie nannte er Sie? Sind ſie wirklich—?— Ihre Schweſter iſt Hofdame?“ So flutheten die Fragen über Emma her, und was nicht fragte, das machte ſeine Gloſſen über die Anwandlung von Ohnmacht, welche nicht unbemerkt geblieben war. Emma wandte ſich nur zu der Frau, von welcher ſie jetzt abhängig war, und ſagte: „Ich werde Ihnen zu Hauſe Alles erklären.“ „Sind Sie wirklich ein Fräulein von Rheinberg?“ fragte dieſe mit einem ſo ſpitzen Tone, als ſei ſie von all' ihrer ſon— ſtigen Gutmüthigkeit verlaſſen. „O das wußten wir ja längſt! riefen Andere durch ein⸗ ander.„Von Sielitz— ja wohl! Vom Kammerherrn eine Tochter! Schämten ſich wohl, nicht wahr?— Meinike, lieb⸗ ſter Meinike! O kommen Sie doch her!“ „Tant de bruit pour une omelette,“ ſagen vielleicht manche unſrer Leſerinnen.„In jetziger Zeit!“ 124 Salvator. 9. Hert Meinike hatte ſich der ihm widerfahrenen Behand⸗ lung, die er ſehr brutal nannte, nicht gerühmt. Unbefangene fragen mit ihm: was er eigentlich gethan hatte, um ſie zu ver⸗ dienen? Er hatte einem armen Mädchen, das er liebte, ſeine Neigung auf eine Manier, die für ihre beiderſeitigen Verhält⸗ niſſe doch nicht unſchicklich war, geſtanden, ſie hatte ſein Ge⸗ heimniß ſcheinbar ganz gut aufgenommen und ihn dadurch ermuthigt, ſie an ſein Herz zu ziehen— Frage: wie oder wo ſpielt denn eine ſolche Scene anders? Wird etwa der vollen⸗ detſte Gentleman bei einem Tete⸗à⸗tete mit der Dame ſeines Herzens anders und blöde verfahren? Was gab alſo dem über⸗ müthigen Junker ein Recht, ihn umzureiten? Eine allerdings begründete Frage. Die ſeit zwei Jahren beſchwichtigten Gelüſte brodelten wie⸗ der mächtig im dem gekränkten Manne empor, er hatte da⸗ mals heftig„mitgemacht“ in gangbaren Artikeln der Rede und Preſſe, war dann durch alle Stufen rückwärts wieder von der Zinne der Partei herabgekrochen, und hatte ſich wieder harm⸗ loſem Spaße und fleißigem Geſchäft gewidmet; der heutige Tag warf ihn von Neuem in die bitterſte Soldatenfeindſchaft. Als er Abends die mächtige Schaar der Arbeiter muſterte, welche ihm gehorchte, ſo fühlte er ſich faſt verſucht, dem ſtol⸗ zen Zöglinge des Säbelregiments mit hundert Mann ſeinen Dank zu bringen. Und es war doch ein„Mißverſtändniß“ von allen Seiten: folglich als zeitgemäß legitimirt. Salvator. 125 Der junge Arnefeld hatte ſich deshalb wenig Sorge ge⸗ macht, er war nur mit Emma's Bilde beſchäftigt. Gerettet hatte er ſie aus einer ſchrecklichen Lage, ſein Ritterdienſt, den er nicht klein anſchlug, mußte ihr Herz, auch wenn es bis jetzt nichts für ihn gefühlt hätte, vollkommen gewinnen, und ſie war, ſeitdem er ſie nicht geſehen hatte, ſo ſchön, ſo hineißend ſchön geworden! Nicht der Zufall hatte ihn hierher geführt, es war ihm endlich gelungen, ihren Aufenthalt zu ermitteln, und faſt zu derſelben Zeit hatte er erfahren, daß ſeine Mutter nach dieſer kleinen Stadt ziehen wollte: warum, war ihm zwar unbegreiflich, aber es paßte nun wundervoll und er war auch ſchon mit ſeinem Plane fertig. Nicht einen Monat län⸗ ger durfte ſie in der gemeinen Situation bleiben, jedem Af⸗ front ausgeſetzt— ſobald ſeine Mama angekommen ſein würde, mußte dieſe ſie in ihr Haus aufnehmen, dann wollte er ſich gleich erklären und die Einwilligung ihres Vaters holen. Er war ſehr jung, die Kameraden lachten ihn gewiß aus, wenn er ſeine Verlobung bei Tiſch proklamiren würde, und an das bärtige Geſicht ſeines Oberſten dachte er mit einigem Mißbe⸗ hagen, indeſſen mußte das überſtanden werden, um ſo ent⸗ zückender lachte ihm das Glück jenſeit dieſes Dornenpfades. Emma hatte es über ſich gewonnen, Herrn Meinike, deſſen Schweigen ſie mißverſtand, ein Wort gutmüthiger Entſchuldi⸗ gung zu ſagen, ſobald ſich die Gelegenheit dazu fand. „O meine Gnädigſte,“ erwiederte er,„hat durchaus nichts zu ſagen— viel Ehre! Verzeihen Sie nur, daß ich geboren bin. Der Herr Schimmel werden ſich doch nicht weh an mei⸗ nen plebejen Beinen gethan haben?“ 126 Salvator. „Sein Sie nicht ſo bitter!“ bat Emma.„Es war ein unglückliches Mißverſtändniß!“ „Ja wohl! Man ſah mich für einen Freiſchärler an, ich meine das Schimmelthier, die ſind ſchon drauf dreſſirt. Nun, wenn's ihm nur Vergnügen gemacht hat, darum keine Feind⸗ ſchaft nicht!“ Im Selle'ſchen Hauſe wurde Emma, ſeit ſich Herr Mei⸗ nike's Abkühlung gegen ſie bemerkbar machte, freundlicher be⸗ handelt, nur der Fabrikherr ſchüttelte den Kopf, was er dachte, durfte er aber gegen ſeine Frau nicht ausſprechen. Dieſe war übrigens ſo frei geweſen, der jungen Rheinberg über die Ver⸗ heimlichung ihres Standes die Wahrheit zu ſagen, indem ſie ihr eignes Beiſpiel vorbrachte.„Ich bin auch von geweſen, aber wenn man nichts weiter hat, ſo iſt das vor'n Rothbart, wie Meinike ſagt, und man muß ſich ſchicken lernen. Die Tante hat es Ihnen ſehr übel genommen.“ Tante Tronemann ſagte zwar nichts, aber ſie ließ es Emma oft genug fühlen, daß ſie nicht mehr das alte Zutrauen zu ihr hatte, ja ſie ſchloß ſogar, was ſie nie gethan hatte, vor ihr die Fächer ihres Secretärs zu. Emma bemerkte das nur nicht, und wenn ſie es ſah, ſo bezog ſie es natürlich nicht auf ſich. „Vetter Selle,“ ſprach die dicke Dame eines Tages,„ich muß die Perſon abſchaffen.“ „Ja, ich glaube es auch,“ erwiederte er erfreut.„Sie hat mir den Meinike ganz verdreht gemacht— denken Sie ſich, daß er ſchon ein Paar Abende mit dem ſchlechten Volke, welches der Schrader mit Geld überſchüttet, förmlich tabagirt. Ich kann ihm nicht viel ſagen, er hat ein zu ſchmähliches Mund⸗ Salvator. 427 werk, und ich brauche ihn auch. Wenn Ihre Hofdame fort iſt, wird er ſchon wieder vernünftig werden: es iſt Deſpera⸗ tion.“ Es waren ſehr gemiſchte Beweggründe, welche Meinike in dieſe unſaubere Geſellſchaft geführt hatten. Vor Allem: er war nicht fremd in ihr. Manche ſchöne Rede hatte er in den Volks⸗ verſammlungen des tollen Jahres gehalten, manchen Topf Bier und Branntwein, obgleich es ihn eigentlich anekelte, mit ſeinen Souveränen im Kittel geleert, in dieſer Hinſicht war es alſo nur die Umkehr eines Abtrünnigen. Dann hatte ſich aber auch durch ſeine publiciſtiſchen Studien, welche das ſchon von uns früher einmal erwähnte Kreisblatt des verunglückten Lieute⸗ nants beſonders nährte, die Anſicht in ihm ausgebildet, daß eine Umwälzung unſerer beſtehenden ſocialen Verhältniſſe ganz unabwendbar vor der Thüre ſtehe und zwar eine Umwälzung im wörtlichen Sinne, ſo daß das Unterſte der Gegenwart zum Oberſten der Zukunft beſtimmt ſei; es war alſo nur Klugheit, ſich vor dem Umwälzen an das Unterſte zu klammern, um mit ihm hinaufgehoben zu werden. Endlich kamen noch merkantile Rückſichten hinzu, Werbungen für die Fabrik, unbeſtimmte Rachegelüſte, zu denen er ſich Werkzeuge erkieſen wollte, nebel⸗ hafte Träume von einem künftigen Imperium über die Arbei⸗ terwelt, das Jedem, folglich auch ihm, erreichbar ſei, Neugier, wie ſich die Leute mit Schrader eingerichtet, kurz ein Allerlei, welches ſeine wirthliche Principalin einen italieniſchen Salat genannt haben würde. Herrn von Arnefeld, der die Ankunft ſeiner Mutter erwar⸗ tete, war er einige Mal auf der Straße begegnet, wo er ihm nicht ausweichen konnte. Der Huſar war zwar durchdrungen Salvator. von der Suprematie ſeines Standes und insbeſondere ſeiner Waffe, doch that es ihm bei ſeiner Gutmüthigkeit, nachdem er von Emma den Zuſammenhang des Attentats erfahren hatte, eigentlich leid, daß er den Mann der Induſtrie„terraſſirt“ hatte, vielleicht wäre er ihm ſogar mit einem freundlichen Worte ent⸗ gegengekommen, wenn er nicht im demokratiſchen Geruch ge⸗ ſtanden hätte. Da hörte für ihn alle Gemüthlichkeit auf. Beide gingen denn, ohne ſich anzuſehen, an einander vorüber, und Meinike wünſchte ſich nur zwei Jahre zurück! Mehrere Tage waren vergangen. Arnefeld hatte Emma nur einmal flüchtig am Fenſter geſehen, obwohl er nicht ver⸗ ſäumte, vor ihrem Hauſe, wenn er vorüber wanderte oder ritt, ſich bemerklich zu machen. Endlich kam ſeine Mutter und Schwe⸗ ſter an. Das Wiederſehen war ein ſehr bewegtes; wie traurig, daß alle Drei vermieden, von dem Vater, der ſie aufgegeben hatte, zu ſprechen! Rudolf konnte nicht lange auf dem Herzen behalten, wovon es voll war, er erzählte von Emma und ihrer unglücklichen Stellung und rückte auch gleich mit ſeinem Vor⸗ ſchlage heraus. Frau von Arnefeld that ſogleich ihrem überſtrömenden Ge⸗ fühl Einhalt. Weißt Du, mein Sohn,“ entgegnete ſie, was Du da ſprichſt? Bin ich, ſind wir etwa in der Lage, unſern Hausſtand zu vermehren?“ „Wie, Mama?“ rief der Huſar betroffen. „Würde ich nach dieſem Krähwinkel ziehen,“ ſeufzte ſie, „wenn ich nicht aus finanziellen Rückſichten dazu gezwungen wäre? Auch Du, mein armer Rudolf, wirſt Dich einſchränken müſſen, bis Dein— bis die Verhältniſſe ſich einigermaßen wieder ausgleichen— ich meine,“ ſetzte ſie, durch den befrem⸗ Salvator. 129 deten und düſtern Blick ihrer Tochter erſchreckt, hinzu,„bis Dein Vater ſich wieder erinnert, was er ſeinen Kindern ſchuldig iſt.“ „Nein!“ rief Rudolf.„Ich will von ihm keine Gnadenge⸗ ſchenke: was mir rechtlich zukommt, kann er mir einſt nicht ent⸗ ziehen— möge er noch lange Jahre leben, ich werde mich ſchon arrangiren— ich fange morgen damit an. Graf Waldheim wünſcht meine beiden Neufoundländer zu kaufen: fort damit! — Aber, Mama, ſo viel wirſt Du doch haben, um einen Gaſt auf kurze Zeit in Deinem Hauſe aufnehmen zu können? Ich will morgen gleich zu Emma's Vater—“ „Und—?“ fragte die Mutter geſpannt. „Und ihn um ſeine— Einwilligung dazu bitten,“ erwie⸗ derte der Huſar, wie ein Mädchen erröthend, denn er glaubte ſein Geheimniß, das er unter den jetzigen Verhältniſſen noch bewahren mußte, durchſchaut.„Der Kammerherr iſt, wie ich gehört habe, jetzt im Miniſterio des Königlichen Hauſes, er wird wohl keine Ahnung haben, in welcher unwürdigen Um⸗ gebung ſeine Tochter lebt, ſonſt begreife ich nicht, wie er ſie noch einen Moment darin laſſen könnte!“ „Der Kammerherr hat eine ſehr ſubalterne Beſchäftigung im Hausminiſterum gefunden, ich weiß es,“ ſagte Laura, weil die Mutter in Nachdenken verloren ſchien.„Dieſe wird ihm nicht erlauben, für Emma zu ſorgen, wie er wohl möchte. Weißt Du von meiner Fanny etwas?“ „O das iſt eine vollendete Dame geworden! Ich habe ſie öfter an ihrem kleinen Hofe geſehen, wo wir aus unſern Can⸗ tonnirungen viel zur Tafel und andern Feſtlichkeiten eingeladen waren. Fanny iſt ganz famos, auf Ehre!— Warum wirſt Du denn ſo roth, Laura?“ Salvator. II. 130 Salvator. Sie war es vor dem Worte: famos geworden, welches ſie kürzlich mehr als einmal in wunderlicher Verdrehung und leider auch unter Umſtänden gehört hatte, wo ſie ſich ihres Geſell⸗ ſchafters förmlich ſchämen mußte— die Erinnerung an dieſe Scene auf der Baſtei, wo Roland im Entzücken über die wun⸗ dervolle Landſchaft, die ſich plötzlich vor ſeinen Blicken aufthat, laute Bemerkungen, reich mit ſeinen Lieblingsworten: wer⸗ mooſt“ und„pumpöſe“ geſpickt, in zahlreicher und vornehmer Umgebung gethan, dieſe Erinnerung war wohl geeignet, ihr das Blut in die Wangen zu treiben. Doch gab ſie eine leichte Erklärung, welche Rudolf zufriedenſtellte, der nun fortfuhr, ſeine Nachrichten über Fanny mitzutheilen. „Ich glaube, ſie tyranniſirt ihre Prinzeſſin und den ganzen Hof. Dabei iſt ſie äußerſt zurückhaltend, ſpricht wenig, aber ihr ſtolzes Mienenſpiel ſollteſt Du ſehen— und, Laura, ihre Toilette! Von einem Geſchmack, ſag' ich Dir, von einer Friſche, man könnte ein Schneider werden vor Bewunderung.“ Laura hatte ihre eigenen Gedanken dabei, wenn ſie dieſe ſcheinbar ſo glänzende Lage mit der Dürftigkeit des Vaters und der gedrückten Stellung der Schweſter verglich; ſollte ſie ſich in Fanny's Charakter getäuſcht haben? Unterdeſſen war Frau von Arnefeld zum Entſchluſſe gekommen. Allein that ſie nun einmal nichts mehr, ſie mußte ſich mit ihrem Freunde berathen, darum gab ſie Rudolf nur eine ausweichende Antwort und ver⸗ tröſtete ihn, mit der Zeit werde ſich Alles finden. Er war ſehr unzuftieden darüber. Noch einen frühern Bekannten hatte er im Orte wiederge⸗ funden, der ſich ihm auf dieſelbe Weiſe wie bei ihrer erſten Be⸗ gegnung genähert hatte, nämlich nach ſeinen Waden beißend. Salvator. 131 Es war der kleine ſchwarzfahle Hund, welcher ihn in Berlin, als er Anne Roland unvermuthet in dem kleinen Hauſe auf dem Köpnicker Felde wieder fand, ſo unfreundlich empfangen und verabſchiedet hatte, er ſah noch immer ſehr ſchmutzig aus, Arnefeld war ein zu großer Thierfreund und Kenner, um ſich in der Identität zu täuſchen. Sobald er ſeinem Angriffe Stand gehalten, ſah er ſich nach der alten Gönnerin um, der Her⸗ bergsmutter, die ihn damals ſo kurz abgefertigt hatte. Richtig, dort kam ſie— wenn auch nicht auf einem Mutterſchwein, wie die Goethe'ſche Hexe, aber doch ſonſt ihr ſehr ähnlich! Und ſie erkannte ihn wahrhaftig auch. „Dienerin von Sie, Herr Leutnamt!“ ſagte ſie ſo fteund⸗ lich, als ob ſie in den vertrauteſten Verhältniſſen zu ihm ſtände. Er dankte ihr mit einem kurzen Soldatengruße und ging vorüber. Daß ſie hier war, konnte ihn, bei Licht beſehen, we⸗ nig verwundern, ſie hatte ja Herrn Schrader einſt einen weſentli⸗ chen Dienſt geleiſtet und mußte nun wohl dafür ſeinen Dank empfangen, dieſe ſchöne Gegend hatte er aber zum Hordenlager ſeiner Beglückten auserkoren. Was wird nur das Ende vom Liede ſein?“ fragte ſich der Huſar. Schrader kam ſehr bald, ſich nach der Ankunft und Ein⸗ richtung ſeiner Freundin zu erkundigen. Laura fühlte ſich nie wohl in ſeiner Nähe, jetzt hatte ſie noch in der neuen Verwicke⸗ lung, welche offenbar nur er bereitet hatte, einen Grund mehr, ſich, ſo viel ſie konnte, von ihm zurückzuziehen, und ſie überließ ihn denn auch der Mutter, gleich nach den erſten gewechſelten Worten. Ihre raſche Entfernung galt ihm für ein günſtiges Zeichen, er fragte danach. „Ich glaube, daß ihr Hetz ſich ihm zuneigt— und wollte 9* 132 Salvator. mich ſehr darüber freuen, wie es einmal ſteht. Nur gewiſſe Reſte ſeiner frühern Erziehung—“ „O nein, meine Freundin, denn er hat gar keine Erziehung genoſſen. Er iſt aufgewachſen wie ein wilder Vogel, wie ein Waldbaum, ganz der Natur überlaſſen. Was Sie mit Recht an ihm tadeln, das iſt der erſte Anflug Ihrer ſogenannten Bil⸗ dung, der noch hier und da halbroh durch den Firniß blickt. Hätte man ihn nichts von all' dieſen Dingen lernen laſſen, er würde in jeder Hinſicht gefallen: mein Wille war dieſe äu⸗ ßerliche Uebertünchung nicht, und ich werde ihn zurückzuführen ſuchen zu dem wahren und darum ewig urſchönen Weſen der Natur, in welchem jedes Gefühl in ſanfter Befriedigung auf⸗ geht.“ Die Arnefeld vankte ihm für ſeine Bemühungen, ihr die Stätte hier zu bereiten, er blickte ſie ernſt und prüfend an. „Sind Sie mir dankbar?“ fragte er.„Hatten Sie nicht mehr erwartet, grade von mir?“ Sie ſenkte ihr Auge, unter der Schminke ſchien ſich eine dunklere Folie auszubreiten. „Es iſt mir lieb, daß Sie nicht mit einer Unwahrheit ant⸗ worten. Sie hatten mehr erwartet, mehr modiſchen Glanz, mehr Bequemlichkeit. Wenn Sie mich beſuchen werden, mö⸗ gen Sie erkennen, was ich mir von dieſen Artikeln gönne.— Ihr Sohn iſt hier, was ſagt Ihr Sohn dazu?“ „Er weiß, daß wir uns einſchränken müſſen, und will es ſelbſt thun,“ erwiederte die Baronin, ſich fügend unter das geiſtige Uebergewicht ihres Freundes, das ſie immer mehr be⸗ herrſchte— aber ſie fügte ſich ihm mit einer gewiſſen Wonne. Salvator. 133 — Schüchtern kam ſie dann mit der Angelegenheit Emma's zum Vorſchein. „Ich habe das Alles vorhergeſehen,“ ſagte Schrader ruhig. „Es iſt dem Mädchen ſehr heilſam, daß ſie grade wieder in die Gegend gekommen iſt, wo ſie früher zu den Bevorzugten ge⸗ hörte. Darum muß ſie auch hier bleiben, ſelbſt wenn ſie das Haus, in welchem ſie jetzt weilt, verlaſſen muß. Ihre Herrſchaft wünſcht ſich von ihr zu trennen.“ „Ihre Herrſchaft?“ wagte Frau von Arnefeld mit einem Tone leiſen Vorwurfs zu wiederholen. „Nicht anders, meine klare Freundin. Es iſt ihre Herr⸗ ſchaft.— In Ihr Haus möchte ich das Mädchen nicht bringen, es wäre eine Reaction, welche zu vermeiden iſt. Lieber nähme ich ſie ſelbſt auf, aber meine Anne iſt auch ein ſanftes, oft zu weiches Geſchöpf, und es brächte für beide Theile keinen Segen, zwei gleichgeartete Weſen fördern ſich nicht, ſie ſinken zuſam⸗ men. Beſſer wäre es, ſie in eine Lage zu verſetzen, wo ſie mehr kämpfen und ringen muß, als nur mit geſelligen Formen, an welche ſie ſich ſtößt, weil ſie an geſchmeidigere gewöhnt iſt. Ich kenne wohl eine ſolche Lage— wirken Sie mit, Emilie, daß wir das Mädchen zu ihrem eigenen Beſten dazu bewegen, ſich vollkommen unſerer Leitung anzuvertrauen.“ „Gern will ich das thun, da Sie zu nichts rathen werden, was nicht gut und trefflich iſt.“ „Ein ander Mal mehr davon. Ich muß erſt die nöthige Rückſprache nehmen.— Ihr Sohn hatte ſonſt, wie mir ge⸗ ſagt worden iſt, eine gewiſſe Vorliebe für die Rheinberg—“ „Das war wohl nichts Ernſtliches. Jetzt liegt ja die Un⸗ möglichkeit ſo auf der Hand.“ Salvator. Der Adjunct lächelte.„Die Unmöglichkeit wovon?“ fragte er.„Meine Emmy, was fragt das Herz nach Möglichkeiten, ja überhaupt, wonach fragt das Herz, wenn es jenem räthſel⸗ haften Zuge der Natur folgt, den wir Liebe nennen? Kein Un⸗ terſchied des Standes, der Verhältniſſe, ſelbſt der Jahre, meine Emilie—— nicht Schönheit fordert es, nicht Anmuth immer — und wo Schranken find, wirft es dieſelben nieder, ja die Liebe iſt die ſüßeſte, wenn auch die ſchmerzlichſte, die wider Pflichten ſtreitet!“ Als er dieſe gefährliche Lehre ausgeſprochen hatte, ſtand er raſch auf und trat eine Weile an das Fenſter. Seine an⸗ dächtige Zuhörerin ſaß in ſich gekehrt, eine zitternde Bewegung malte ſich in ihren Zügen. „Da kommt Ihr Sohn,“ ſprach Schrader ſo ruhig, als habe er bisher nur von den gleichgültigſten Dingen geredet. „Ich gehe ihm entgegen.— Von Haug haben Sie mir noch nichts erzählt, ich bin auf Ihr Urtheil geſpannt, er hat mich neulich beſucht, ich meine den jüngern Haug, den Mann aus Amerika. Doch davon ſpäter.“ Er grüßte ſie nur leicht und eilte, den Huſaren, welcher eben in das Haus trat, noch auf der Treppe zu treffen. „Sie ſind es, Herr von Arnefeld! Ich hätte Sie kaum wieder gekannt,“ ſagte er ihm mit einer Sicherheit, die ſich nichts vergab, aber doch auch nicht verletzte. „O, Sie kenne ich auf den erſten Blick!“ erwiederte Ru⸗ dolf und wollte mit einem flüchtigen und ſtolzen Gruße an ihm vorübergehen. „Herr von Arnefeld!“ ſagte Schrader freundlich. Salvator. 135 „Was ſteht zu Dienſten?“ fragte der Huſar, ſich ftoſtig nach ihm umwendend. „Ich habe Ihnen etwas mitzutheilen, was für Sie vom höchſten Intereſſe iſt. Hier kann nicht der Ort dazu ſein. Wollen Sie mir, da ich mich nicht länger aufhalten darf—“ „Schriftlich, Herr Candidat. Wenn Sie mir wirklich et⸗ was zu ſagen haben, ſchriftlich!“ „Das, verzeihen Sie mir, kann ich aus Gründen nicht. Gönnen Sie mir die Ehre Ihres Beſuchs in Sielitz, nur auf eine Viertelſtunde. Auf mein Wort, Sie werden es nicht be⸗ reuen. Ich rechne darauf.“ Er ſagte das ſehr beſtimmt und ließ Arnefeld keine Zeit zur Antwort, ſondern entfernte ſich mit höflichem, aber gemeſ⸗ ſenem Gruße.—„Nicht übel!“ murmelte Rudolf. Indeſſen, ſeine Neugier war rege gemacht. Zuerſt ver⸗ warf er zwar die Idee, dem Manne, der ihn um ſein Vermögen gebracht hatte, einen Beſuch abzuſtatten, und andere Inter⸗ eſſen, vor Allem die erneute Frage wegen Emma's Zukunft, welche er durchaus geſichert wiſſen wollte, nahmen ihn ganz in Beſchlag, als jedoch Laura mit ihm über den Adjunct ſprach, ſielen ihm deſſen räthſelhafte Worte wieder brennend in die Seele. „Was hältſt Du von dem Menſchen?“ fragte er ſeine Schweſter. „Ich halte ihn für ſehr gefährlich—“ erwiederte ſie, Leo Rheinberg's eingedenk. „Gefährlich, ha!“ lachte der Huſar.„Geweſen allerdings — er hat dem ſchwachen Großpapa das Geld abgeſchwindelt, — mit welchem er nun Epperimente macht. Die ſind nicht ge⸗ 136 Salvator. fährlich, Laura. Geld ſchadet keinem Menſchen, wenigſtens ich könnte ſehr viel davon vertragen.“ Er beſann ſich eine Weile, ob er ihr die Einladung, deren er ſich eigentlich ſchämte, mittheilen ſolle, unterdeſſen ſchienen Laura's Gedanken eine andere Richtung genommen zu haben, denn ſie ſagte wahrhaft ſehnſüchtig: Könnte ich doch mit Dir zuſammen leben, ganz allein bei Dir, Rudolf! Bruder und Schweſter!“ „Gott bewahre uns!“ rief der Bruder lachend.„Was ſollte ich wohl mit Dir anfangen! Keine Kameraden, keine Bowle, kein Jeu, keine Cigarren mehr bei mir! Lauretta, bedenke!“ Schnell hatte ſie die Anwandlung überwunden, ihr Gefühl bemeiſtert.„Und Du phantaſirſt von Heirathen!“ verſetzte ſie mit ihrem alten Lächeln, deſſen ſcharfe Verſtändigkeit ihn ſchon oft gereizt hatte. „O eine Frau, das iſt etwas Andres. Die muß ſich ac⸗ commodiren, beſonders die Frau eines Huſarenofficiers, die muß auf dem Feldetat leben, flott mitmachen!— Laura, ich reite morgen nach Sielitz.“ Sie ſtutzte.„Zu wem?“ fragte ſie erregt. Sie dachte an das Schloß. „Wenn Du es nicht errathen kannſt, ſo ſchweige ich— wenigſtens bis zu meiner Heimkehr. Es betrifft eine höchſt intereſſante Angelegenheit. Fräulein Verſtand mag ſich damit im Rathen üben.“ „Was es auch ſein mag,“ erwiederte ſie, das Haupt ſtolz zurückgeworfen,„mich kann es nicht berühren.“ „Wer weiß, Liebchen, wer weiß!“ 2 Salvator. 137 Dieſe Reden ſchienen ihr als Anſpielungen im Zuſammen⸗ hange mit einem Geſpräche zu ſtehen, welches ſie kurz vorher mit der Mutter gehabt hatte und deſſen Nachhall eben in dem Wunſche erklungen war, mit ihrem Bruder in einem friedlichen und traulichen Zuſammenleben, nur allein mit ihm, ihre Tage zu geſtalten. Die Mutter war, in weitem Bogen ausholend, aus unbeſtimmter Allgemeinheit immer enger, immer deutlicher auf einen Gedanken losgerückt, welchen ſie ſelbſt noch vor Jah⸗ resfriſt mit Entrüſtung von ſich geſtoßen haben würde. Laura mußte darin die Gewalt erkennen, die ein Anderer auf ſie übte, denn es war ihm allmälig gelungen, ſie ſich ſelbſt zu entfrem⸗ den, und wie nun die Tochter neben ihrer Mutter ſtand, war es eben kein Wunder, daß ſie ſich nach der Vereinigung mit dem gleichgeſinnten Bruder, deſſen Herz ihr treu verbunden war, ſehnte. Denn der Gedanke: daß Karl Roland um ſie im Ernſt werben könne und daß es reiflich zu überlegen ſei, ob in ihrer Lage nicht die Partie, trotz der Herkunft, als eine annehmliche betrachtet werden müſſe, hatte ſie ſo erſchreckt, daß ſie nach einem ſichern Halt und Schutz umherblickte. Ihre eigne Geiſteskraft und Feſtigkeit wäre wohl hinreichend ge⸗ weſen, auch der Mutter ein unbeugſames Nein! entgegen zu ſtellen, aber— ſie traute ſich ſelbſt nicht mehr, denn ſie mußte immer wieder an manche Stunde in den böhmiſchen Bergen zurückdenken, wo ſie unter dem Eindruck der herrlichen Gebirgs⸗ natur, angeſprochen von der Tiefe eines Gefühls, das ſich ihr ſo innig kund gab, wenn es auch keine Worte fand, vergeſſen hatte, wie ſie und Er draußen in der Welt getrennt ſtanben. Sie hatte ſich ſeitdem, vorzüglich ſeit der Scene auf der Baſtei, wo ihr ein Paar beißende engliſche Bemerkungen verſtändlich 138 Salvator. geweſen, ſtreng und wiederholt geprüft, ob ſie ihn liebe? und glaubte gewiß mit Nein! antworten zu können, aber wenn ſie ſich all' die Scenen dachte, welche eine förmliche Werbung mit ſich bringen mußte, ſo reichte das ſchon hin, um ſie zu beun⸗ ruhigen. Sollte nun wirklich gar ihr Bruder, welcher ſonſt ſehr ariſtokratiſch geſinnt war, mit'im Bunde ſein? O den Männern, dachte ſie unmuthig, kommt es gar nicht darauf an, aus Gründen der Nützlichkeit uns zu opfern! Eine reiche Frau, ſelbſt aus niedrigem Stande, zu heirathen, iſt ganz in der Ordnung, ſie wird von den Ihrigen losgeriſſen, und da man nur ihr Geld wollte, behandelt, gleichviel wie— eine Tochter aus höhern Kreiſen um eines Vortheils willen einem reichen Freier aus andern Klaſſen hinzugeben, iſt ihnen eben ſo leicht, ſie wird dann aus den Liſten geſtrichen, abgemacht! Opfer für den Egoismus ſind wir nun einmal!“ Als ſie in dieſer Allgemeinheit über die Männer urtheilte, fiel ihr doch Einer ein, zu welchem ſie das Zutrauen haben konnte, daß er von Selbſtſucht frei ſei. Es war Eberhard Haug, der ihr durch die Art, wie er von ſeiner geweſenen Gattin geſprochen, zuerſt Achtung abgewonnen, dann aber in ſeiner ganzen Denkweiſe, die ſich klar genug erkennen ließ, ein lebhaftes Intereſſe eingeflößt hatte: ſie hielt nur dafür, daß er noch in Anſchauungen befangen ſei, über welche Männer, die auf der Höhe der Zeit ſtehen, längſt hinweg ſein müſſen, und es wäre für ſie höchſt erwünſcht geweſen, den Proceß, welchen dieſer hohe und kräftige Geiſt noch durchzukämpfen hatte, um ſich aus dem magiſchen Halbdunkel ſeiner myſtiſchen Religions⸗ anſichten zum klaren Lichte emporzuringen, mit eigner Beob⸗ achtung zu verfolgen. Klares Licht nannte ſie, was die Sinne Salvator. 139 und des Menſchen Verſtand faſſen kann: Halbdunkel war ihr die Region des Glaubens. Sie konnte nicht ſpotten über die⸗ jenigen, welche noch mit aufrichtiger Seele in dieſem Halb⸗ dunkel lebten, aber es erregte ihr ein Gefühl der Rührung, wie es ſie zuweilen anwehte, wenn ſie Kinder im eingebildeten Glück ihrer Spiele ſo ſelig erblickte und an die herben Ent⸗ täuſchungen dachte, welche ihrer warteten. An die Familie des Freiherrn Moos erinnerte ſie ſich auch öfter, ſie wünſchte dieſe guten Menſchen wiederzuſehen, und war ſehr erfreut, aus einem Briefe der Frau von Rothkirch, mit welcher ſie noch zu⸗ weilen ſchriftlich verkehrte, die Gewißheit erhalten zu haben, daß ſie im Laufe des Winters für einige Zeit nach Berlin kom⸗ men würden, wo ein ſehr naher und lieber Verwandter die Geſchäfte der Legation ihrer Heimath leitete. „Ich bin neugierig, ſie in der großen Welt zu ſehen mit ihrem Mangel an Tournüre,“ hatte Frau von Arnefeld lächelnd geäußert. 10. Es war Sonnabend und Markttag im Städtchen. Der kleine, ſchiefwinklige Platz, wo die aufgefahrenen Wagen mit Getraide, Holz und Rauchfutter auf der einen Seite, die Gemüſe⸗ und Obſtkörbe der Verkäuferinnen auf der andern alle Zugänge ſperrten, war mit Menſchen bedeckt, welche leb⸗ haft durch einander drängten, ſchrieen und feilſchten. Auch die guten Wirthinnen von Ruf, aus den erſten Häuſern, ver⸗ 140 Salvator. ſchmähten es nicht, ſich ihre Einkäufe ſelbſt zu beſorgen—— thun ſie es ja doch auch in großen Städten, ſchlicht angethan, und laſſen ſich, der Erſparniß willen, ſtoßen und drängen und von Fiſchweibern um niedriger Gebote willen ausſchimpfen. Rudolf Arnefeld kam zufällig an dieſem Markttreiben vor⸗ übergegangen, als er unter dem Volke mit einem Korbe am Arme auch Emma von Rheinberg erblickte: ſie kaufte freilich nur etwas Obſt für ihre Dame und hatte deshalb kaum zwei Schritt vor ihre Hausthüre zu thun, aber ſie ſtand doch unter Köchinnen mit dunkelrothen Armen und wurde ſo roth als letztere bei Rudolf's Anblick. Auch er war heiß erröthet, als er ſie grüßte. „Mama, das iſt zuviel!“ rief er, ſobald er nach Haus ge⸗ kommen war. Wenn Du keinen Skandal erleben willſt, ſo rathe ich Dir, noch heut Emma zu Dir zu nehmen. Ich reite jetzt auf einige Stunden aus und werde vielleicht erſt Abends zurückkehren, aber dann erwarte ich, daß Du Deine Pflicht für ehemalige Gaſtfteundſchaft auf Sielitz gethan haſt. Darum kommt eben der Adel ſo herunter, weil er nicht mehrzuſammen⸗ hält, es fehlt der esprit de corps, wie in unſerm Officier⸗ corps müßte es ſein, Einer für Alle, und Alle für Einen! Seht die Demokraten an, von denen könuten wir's lernen! Aber wenn Jeder nur für ſich ſorgt und ſeine Standesgenoſſen untergehen läßt, ſo kommt es am Ende mit uns Allen ſo, wie mit den armen Rheinbergs.“ Ohne ſeiner Mutter Zeit zu laſſen, ihm auf dieſe Erörte⸗ rung zu antworten, eilte er hinaus, rief ſeinen Huſaren, den er überhaupt ſehr in Athem echielt, und ließ ſatteln— nur für ſich allein, denn er duldete des Dieners Begleitung, die Salvator. 141 ihm läſtig war, nicht einmal auf weitern Reiſen, ſondern ſchickte ihn dann voraus oder eines andern Weges. Laura hatte mit ihm, ehe er abritt, noch ein kurzes, in⸗ haltſchweres Geſpräch. Von ihren Gedanken eingenommen, war ſie mit einer Aeußerung hervorgetreten, welche ihm die Feſtigkeit ihres Entſchluſſes, ſich auf keine Weiſe in den heut ganz offen ausgeſprochenen Wunſch ihrer Mutter zu fügen, an⸗ deuten ſollte. Er hatte ſie zuerſt nicht verſtanden, dann ſchal⸗ lend ausgelacht, und war erſt, als ihm die volle Bedeutung der Sache vor die Seele trat, in großen Zorn gerathen. „Was? Mir werfen ſie ganze Blocksberge in den Weg, wo von einem anſtändigen Mädchen die Rede iſt, und Dich wollen ſie verkaufen an einen Schifferknecht? Ich werde ihnen etwas kalt Waſſer aufgießen!“ „Um der Mutter willen,“ bat Laura,„übereile Dich nicht. Es iſt mir lieb, daß Du ſo denkſt, aber da ich nichts zu fürch⸗ ten habe, ſo lange ich mir ſelbſt treu bleibe, ſo ſchone die Mut⸗ ter. Du ahnſt nicht— welche Gewalt dieſer Schrader über ſie hat—“ In der Hingebung des Moments folgten nun weitere Er⸗ güſſe ihres Vertrauens, welche den jungen Soldaten in eine fieberhafte Aufregung ſetzten, er hatte die Zähne zuſammenge⸗ biſſen und war bleich geworden, ſeine Augen funkelten wie die eines gereizten Thieres. Laura erſchrak:„Bleibe hier!“ bat ſie.„Reite jetzt nicht! Nicht in dieſer Stimmung!“ Er entzog ihr die Hand, welche ſie ergriffen hatte.„Grade jetzt!“ rief er.„Ich bin in der rechten Stimmung!“ „Wenn Du mich lieb haſt!“ bat ſie wiederholt.„Wenn Du die Mutter lieb haſt!“ 142 Salvator. „Lieber hab' ich unſere Ehre!“ ſagte er heftig, indem er ſich nochmals von ihrem Zurückhalten befreite. „Du nimmſt es zu ſchwer— die Ehre—“ ſie wollte mehr ſagen, aber ſie ſchämte ſich deſſen.„Gieb mir Dein Wort, daß Du nicht mit ihm davon ſprechen willſt. Gieb mir Dein Ehren⸗ wort: ich laſſe Dich ſonſt nicht fort und müßte ich mich Dei⸗ nem Pferde vor die Füße werfen. Dein Ehrenwort, daß Du nicht mit ihm davon ſprechen willſt.“ „Gut. Ich werde nicht mit ihm ſprechen!“ ſagte Rudolf, riß ſich los und ſtürmte die Treppe hinab, worauf er ſich ſo wild in den Sattel des vorgeführten Pferdes warf, daß ſich dies erſchrak und aufbäumend den Diener gegen die Mauer ſchlenderte. Arnefeld bemerkte es nicht einmal. Den ganzen Weg über, welchen er in ſtarken Gangarten zurücklegte, ſchwebte ihm ein Trauerſpiel von Ludwig Tieck vor, eine Jugendarbeit des Dichters, welche er noch pſeudonym herausgegeben hat und welche betitelt iſt: Karl von Berneck, auf eine grauenhafte Volksſage begründet. Rudolf hatte ſie kürzlich geleſen, und da ſeine Empfänglichkeit noch nicht durch das Uebermaß moderner Lectüre abgeſtumpft war, weil er über⸗ haupt wenig las, ſo hatte jene Dichtung auf ihn einen tiefen Eindruck gemacht— der Sohn, welcher die Ehre ſeines Va⸗ ters hütet, die nächtliche Scene, wo er mit der Waffe, auf der ein Fluch ruht, an der Schwelle ſitzt, die Kataſtrophe des Muttermordes, und vor Allem der Geiſt des Ahnherrn, wel⸗ cher geſpenſtig durch die ganze Dichtung ſchreitet, begleiteten ihn heut auf ſeinem ſtürmiſchen Ritte und ließen ſein Blut in wachſendem Auftuhr durch ſeine Adern jagen. Er hielt plötzlich aus vollem Laufe ſein Pferd an.„Halt!“ Salvator. 143 rief er ſich ſelbſt zu.„Nicht weiter! Das führt zur Verrücktheit! Ich will an etwas Anderes denken.“ Er ritt im Schritt weiter. Und was konnte ſich ihm lieblicher bieten, als Emma's Bild? Aber ſeltſam! Es ſtellte ſich ihm nicht mehr anders dar, als mit dem Küchenkorbe am Arm, umgeben von— wir bitten in ſeinem Namen um Verzeihung für den Ausdruck, den er brauchte!— von„Dienſtbeſen.“ So wunderhübſch ſie auch in jenem Momente war, ſie erſchien ihm nicht mehr als Fräu⸗ lein von Rheinberg, ſondern als niedliches Hausmädchen— und bei dem Gedanken fiel ihm die ſchöne Schiffertochter ein, welche er im Sielitzer Schloſſe damals geſehen hatte und die nun an Schrader verheirathet war. Heut mußte er ſie ja ſe⸗ hen, er hatte ſich ihrer gar nicht erinnert, als er den Ritt be⸗ ſchloſſen hatte. Der Wald lichtete ſich, als er mit ſeinen Ge⸗ danken ſo weit gekommen war, Sielitz lag vor ihm. Galopp, Marſch! Schrader hatte eine dringende Aufforderung erhalten, nach der Seeſchenke zu kommen, Arnefeld fand ihn alſo nicht zu Hauſe. Die junge Frau empfing ihn vor dem Hofthore, wo ſie ſchon, ſeit der Mann fort war, nach dem angekündigten Be⸗ ſuch ſpähte. Sie war ſehr verlegen, als er endlich kam, und brachte den Auftrag ihres Gatten ziemlich ungeſchickt vor, aber grade dieſe Verlegenheit mit dem halben Lächeln und den nie⸗ dergeſchlagenen Augen kleidete ſie allerliebſt— Arnefeld hatte über dieſer ſich ihm aufdrängenden Bemerkung nicht einmal recht gehört, was Schrader ihm ſagen ließ, und fragte danach. Sie blickte auf und lachte ein wenig, dann wiederholte ſie die Bitte ihres Mannes, daß der Herr Baron ihn erwarten ſolle. Viel ſicherer fühlte ſie ſich als Frau dem jungen Huſarenoffi⸗ 144 Salvator. ecier gegenüber, als bei frühern Begegnungen, und der Erfolg gab ihr Recht: Arnefeld geſtattete ſich auch nicht einen Blick, der ſie hätte verletzen können. Eintreten mit ihr in das Haus konnte er nicht, ſie hatte ihm weder ein Wort deshalb geſagt, noch war Schrader's Gehöft eben einladend genug dazu, er wollte daher nach dem Wirthshauſe, wo er ſein Pferd unterge⸗ bracht hatte, zurückkehren, aber Beide kamen allmälig aus ſehr ſtückweiſen, von beiden Seiten unbeholfenen Anfängen in ein leichtes Geplauder über Dinge, an ſich höchſt gleichgültig, aber auch in Salons nicht ausgeſchloſſen: Wetter und Jahreszeit, wobei wohl eine ſtarke Viertelſtunde verging. Ein langer, fadenſcheiniger Menſch, welcher ſchon eine Weile von fern wie ein Piratenſchiff um ſie gekreuzt hatte, ſtörte ſie endlich, als eine Pauſe ihrer Unterhaltung eingetre⸗ ten ſchien und Frau Schrader nach der Dorſſtraße hinblickte, ob ihr Gatte noch nicht komme. Der Mann im grünſchillern⸗ den Rocke mit den carrirten Beinkleidern, die für die ſpäte Jahreszeit etwas froſtig ausſahen, näherte ſich, grüßte mit einem vornehmen Schwunge des Hutes und bot dem jungen Officier ein Exemplar ſeiner ſtenographiſch aufgenommenen Pregidten des Herrn Adjunct Schrader an. Arnefeld warf einen fragenden Blick auf Anna, welche lächelnd die Achſeln zuckte, als wiſſe ſie von nichts. „Mein beſter Herr, ich verſtehe Ihre Kunſt nicht zu würdi⸗ gen,“ ſagte er. „Meine Kunſt verlangt das nicht, aber der Gegenſtand, welchen ſie in die größere Oeffentlichkeit führen will. Auch der Herr Oberſt von Haug und der Herr Pfarrer haben Exemplare genommen, die ich ſo eben abgeliefert habe; ich bin zwar Salvator. 145 akademiſcher Künſtler, als Graveur in Stahl, aber die Zeiten ſind der Kunſt ſo abhold, daß ich mich als Stenograph bei Kammerverhandlungen ernähren muß, jetzt aber, wo leider viele Vertagungen oder gar Auflöſungen gekommen ſind, habe ich ſogar eine Anſtellung als Colporteur— eines Buchbin⸗ ders, der zugleich in Broſchüren macht, nicht verſchmäht.“ Arnefeld wurde ihn durch eine Gabe los, reichte dann Frau Schrader die Hand und empfahl ſich, um, wie er ver⸗ ſprochen hatte, bis ſieben Uhr im Wirthshauſe auf ihren Mann zu warten. All' die finſtern und feindlichen Gedanken, von welchen er unterwegs heimgeſucht worden war, ſchienen ihn verlaſſen zu haben, und er erging ſich in einem ihm neuen, ganz eigenthümlichen Ideenkreiſe: ob wohl ein Mann von höherm Stande mit einem Mädchen, wie dieſe Anne Roland geweſen, glücklich ſein könne? Es war nur eine müßige Spe⸗ culation, welcher gleich ein Rückſchlag folgte. Der Wirth hatte ihn ſchon lange neugierig beobachtet, und bei all' ſeiner Frechheit doch nicht gewagt, ihn mit Fragen zu be⸗ läſtigen, denn der kleine Huſar hatte ein ſo determinirtes We⸗ ſen, daß er ſelbſt unter Kameraden vor Reckereien geſichert war, wie viel mehr vor fremder Ungebühr. Endlich brach aber die Neugier durch und plump genug.„Sie warten wohl auf den Schwager, Herr Lieutenant?“ fragte der Wirth mit einem dummdreiſten vertraulichen Lächeln.„Der iſt nach Reſſen, Sie können ihm entgegegen reiten.“ Arnefeld ſah ihn von Oben bis Unten an.„Ihr kennt mich wahrſcheinlich nicht,“ ſagte er kalt und abfertigend. „O ja— wir haben erſt geſtern hier von Ihnen geſpro⸗ chen mit dem Schwager,“ verſetzte der Wirth. Salvator. II. 10 146 Salvator. „Schwager?“ rief Arnefeld ungeduldig.„Unſinn!“ Nun, er hat's uns doch geſagt, daß er Ihre Schweſter heirathen will—“ Ein Glück, daß zwiſchen dem Wirth und Arnefeld ein eichener Tiſch von beträchtlicher Breite ſtand, ſonſt würde auf dieſe Rede flugs der Blitz eingeſchlagen haben. Rudolf fuhr heftig auf, doch im nächſten Moment hatte er ſich auch ſchon bezwungen: es war unter ſeiner Würde, zu antworten, wie es die freche Aeußerung eigentlich verdient hätte.„Sagt ihm, wen Ihr auch meint, daß er in's Tollhaus gehört!“ Dieſem in tiefſter Verachtung hingeworfenen Worte fügte er den herriſchen Befehl hinzu, ihm augenblicklich ſein Pferd zu bringen, und furchtſam gehorchte der Wirth. Erſt draußen gewann er wie⸗ der Courage und ſchimpfte vor ſich hin, hätte er ihm nur die Kußgeſchichte vorgehalten, welche Roland ſelbſt erzählt hatte! Arnefeld bebte vor innerer Aufregung, Alles, was er von Laura vernommen hatte, ſchoß ihm wieder mit erneuter Ge⸗ walt durch den Sinn, ein wilder Durſt nach irgend einer That der Rache glühte in ſeiner Seele. Wie und wo er ihn ſtil⸗ len konnte, wußte er nicht— ſein Ehrenwort hatte er Laura gegeben, mit dem Manne, in deſſen geiſtige Gewalt ſeine Mut⸗ ter gefallen war, nicht über dies Verhältniß zu ſprechen, das band ihm die Zunge, nicht aber den Arm! In dieſem Sinne hatte er ſchon das Wort gegeben und unterwegs mit den fin⸗ ſtern Geiſtern, die ihn zu irgend einer Gewaltthat als Süh⸗ nung der Ehre ſeines Hauſes ſtachelten, Raths gepflogen, ſie waren entflohen vor ſanftern Eindrücken, nun aber kehrten ſie zurück, ſchrecklicher als zuvor. Er trat in den dunkelnden Abend hinaus— noch war der Mann, der ihn herbeſchieden hatte, Salvator. 147 nicht zurückgekommen, ſonſt würde er ihn geſucht haben, ihn konnte er heut nicht mehr abwarten, was hinderte ihn aber, den Andern, der ſich anmaßte, ſeine Schweſter zum Schenken⸗ geſpräch zu machen, zur Rede zu ſtellen? Die Andeutung des Wirthes, daß er in Reſſen ſei und er ihn unterwegs treffen müſſe, war ihm nicht verloren gegangen: zwei Minuten ſpä⸗ ter ſprengte er auf dem Wege hinaus, den er in frühern Zeiten oft genug und mit ganz andern Gefühlen als heut geritten war. Anne, welche wieder vor ihre Thüre getreten war, da ihr das Ausbleiben ihres Mannes anfing ängſtlich zu werden, hörte den Huffchlag und wußte nun, daß dem Officier auch das Warten zu lang geworden. Wie ganz anders war er ihr heut erſchienen, ſie hatte ſich gar nicht mehr vor ihm gefürchtet, ſondern recht vertraulich zu ihm ſein können. „Nun, Schwägerin!“ ſagte eine rauhe Stimme hinter ihr, während ein bäuriſcher Schlag auf die Schulter ſie aus ihren Gedanken aufſchreckte.„Wo bleibt der Mann?“ „Mir wird auch bange— es iſt ſchon ganz finſter,“ ſagte ſie. „Todtſchlagen werden ſie ihn einmal, das ſollen wir erle⸗ ben,“ verſetzte der Bauer.„Er nimmt immer eine Geldkatze mit, das wittern ſie auf eine Meile.“ „Ich werde einen Boten ſchicken,“ ſagte ſie geängſtigt. „Der Paſtor hat auch ſchon zweimal fragen laſſen, ob er noch nicht wiedergekommen iſt.“ Sie ging, einen Burſchen nach der Seeſchenke abzufertigen. Ehe dieſer jedoch auswanderte, kam eine Botſchaft, welche die Frau beruhigte. Auf einem ſogenannten Holſteiner Wa⸗ gen, wie ſie in kleinen Städten gebräuchlich ſind, kam eine alte Bekannte an, welche von Schrader geſchickt war und Anne 1 148 Salvator. die Nachricht brachte, daß er wahrſcheinlich erſt in der Nacht rommen werde, da er noch in Reſſen ein nothwendiges Ge⸗ ſchäft habe, ſie ſolle nur das Hofthor offen laſſen, jedoch für alle Fälle dem Küſter beſtellen, daß, wenn er nicht zur rechten Zeit erſchiene, er dem Pfarrer melden möge, er ſei krank ge⸗ worden. Anne that nach ſeinem Willen, Lympius empfing ſie freundlich und verſprach für den morgenden Gottesdienſt, auch wenn ihr Gatte ausbleiben ſollte, zu ſorgen. Warum der ſtille liebreiche Menſch nur ſo einſam lebt? dachte ſie auf dem Heimwege. Sie mochte ihn ſehr gern und begriff nicht, warum ihr Mann ſie vor ihm gewarnt hatte. Zu Hauſe hatte die alte Bekannte ſich ſchon für die Nacht eingerichtet und em⸗ pfing Annen mit Vorwürfen, daß ſie nicht einmal gelernt habe, ihren Mann von ſeinen Schrollen zu curiren. Ich denke, ich werde bei Euch in's Paradies kommen,“ ſagte ſie.„Da hätte ich auch nicht brauchen aus Berlin zu gehen, ſchlechter hatte ich es dort auch nicht. Mein armer Fuſel winſelt ſogar, als gefiele es ihm hier nicht.“ Der ſchwarzfahle Hund, als habe er ſie verſtanden, fing an laut zu heulen.„Das iſt ja graulich!“ ſagte die alte Frau. „Will er wohl! Das Beeſt heult grade wie damals— o!“ unterbrach ſie ſich ſelbſt in dieſen gemurmelten Worten, als ob ſie etwas Gefährliches geſagt hätte. „Mutter Dalchow, mein Mann wird ſchon für Sie ſorgen,“ tröſtete ſie die junge Frau. „Ja, das hat er auch Urſache!“ erwiederte die Alte.„Wenn er ſelbſten ſo miſerabel leben will, ſo iſt das ſein Plaiſir, geht Keinen nichts an— ich habe keine Luſt dazu, und er wirft es ja Andern auch mit Scheffeln hin. Sagen Sie doch, Aen⸗ — —— Salvator. 149 neken, was ſoll denn hier werden“— fuhr ſie fort, indem ſie ſich umſah,„wenn Sie— na, Sie verſtehen mir ſchon!“ „Ach!“ entgegnete die junge Frau unwillig und erröthend. „Davon iſt keine Rede!“ „Auch gut!“ ſagte die Alte.— Bald darauf klopfte es, die Haushälterin des Pfarrers trat ein, von ihm noch einmal ge⸗ ſchickt, ob der Adjunet jetzt vielleicht zurück ſei. „Gott, ach Gott!“ ſeufzte Frau Dörmann.„Wenn er doch nur kommen wollte! Ich glaube, es geht heut mit meinem Herrn zu Ende, und er ſehnt ſich ſo nach dem Magiſter!“ „Iſt er denn ſo krank?“ fragte Anne theilnehmend. Ich weiß ja von gar nichts.“ „Ach, der hält ſich zuſammen, bis der letzte Funke ausgeht. Legen will er ſich nicht, das Blut ſteigt ihm zu Kopfe, daß er manchmal roth wird wie das Tuch dort— dabei iſt er heut den ganzen Abend in einer wahren Fieberhitze, geht auf und ab— und—“ hier flüſterte ſie der jungen Frau zu—„me⸗ morirt eine Predigt. Mein Gott! Wo wird er die halten!“ „Hartmann heißt er?“ fragte die Alte, nachdem die Haus⸗ hälterin fortgegangen war.„Ja, ja, ich kenne ihn. Mich wird er wohl nicht wieder kennen, Aenneken. Haben Sie keinen Spiegel nicht?“ Der Pfarrer ging noch mit ſtarkem Schritt in ſeiner Stube auf und nieder, als Frau Dörmann zurückkam, er war in der That ſehr roth im Geſicht, wie von zuſtrömendem Blute, und es brauſte ihm durch den Kopf, daß auch die ſchwache Spur von Gehör, welche er ſonſt noch beſaß, ausgelöſcht war. Nur aus der verneinenden Bewegung ſeiner Haushälterin errieth 150 Salvator. er, daß ſein Adjunet noch nicht heimgekehrt ſei. Und er wollte mit ihm ſprechen, ein ernſtes, richtendes Wort! Dort auf dem Tiſche lag die getreue Copie von mehrern ſeiner Predigten, welche der Stenograph aufgezeichnet hatte: ein unverwerfliches Zeugniß gegen ihn! Der Gemeinde, welche ſo lange Jahre mit dem Evangelium des Heils geſtärkt worden war, hatte der Abtrünnige Lehren des Unglaubens, der Welt⸗ vergötterung, des Naturdienſtes gepredigt, in der lockendſten Form, glatt und verführeriſch, dem Laien nach ihrem Kern nicht verſtändlich, aber in der Schale annehmlich und bequem! Von der Kanzel, wo nur Chriſtus, der Heiland, der Mittel⸗ punkt der Welt, geſtern und heute und derſelbe auch in Ewig⸗ keit, verkündigt worden war, hatte ſich die Stimme des Ver⸗ ſuchers hören laſſen! Der Pfarrer zürnte mit ſich ſelbſt, daß er ſich nicht längſt aus ſeiner körperlichen Schwäche emporgerun⸗ gen hatte, daß er nicht wachſam und treu geweſen war, daß er in ſeiner Hinfälligkeit ſelbſt die ihm zugegangenen Warnungen nicht ſo ſchwer aufgenommen hatte, als ſie wogen: nun aber war er entſchloſſen, ſeine Pflicht zu thun, noch einmal, mit Aufbietung ſeiner letzten Lebenskraft, ein treuer Diener ſeines Herrn, das Wort des ewigen Lebens zu verkündigen, dann aber Sorge zu tragen, daß das geſäete Unkraut nicht weiter ernährt, ſondern erſtickt werde, ſo lange es noch Zeit ſei. Der Morgen kam, der Adjunct war noch immer nicht zu⸗ rückgekehrt. Sein getreues Weib, das keine Zweifel an ihm hatte, und von einem Gange nach Reſſen keinen Anlaß zur Beſorgniß nahm, wurde erſt ängſtlich, als die Kirchenglocken läuteten. Er hatte aber die Möglichkeit, daß er ausbleiben könnte, ihr ſchon geſtern beſtellen laſſen, und ſo ging ſie, in — Salvator. 151 dieſem Gedanken wieder beruhigt, nach der Kirche, begleitet von der alten Frau, welche ſie ſeit geſtern beherbergte.„Ich will nur einmal den Hartmann wieder ſehen,“ hatte dieſe, gleichſam zur Entſchuldigung ihres Kirchenganges, geſagt. Kaum angekommen, fühlte ſich Anne in ihrem ſtillen Ge⸗ bet durch ein leiſes Zupfen geſtört. Die Dalchow raunte ihr in das Ohr: Wer iſt denn das dort drüben in dem Gitterſtuhle?“ „Die Rackwitzer Herrſchaft,“ antwortete Anne leiſe. „Heißen?“ fragte die Alte, indem ſie unverwandt hinſtarrte. „Herr Oberſt von Haug—“ Anne ſah erſchrocken nach ihrer Nachbarin, welche einen leiſen Fluch ausſtieß und dann verſtummte. Es hätte nichts auf die zahlreich verſammelte Gemeinde einen gewaltigern Eindruck machen können, als das Erſcheinen ihres alten Pfarrers auf der Kanzel. Alle hatten ſich ſo ſehr daran gewöhnt, ihn für den Gottesdienſt als längſt verſtorben zu betrachten, daß ſie bei ſeinem unerwarteten Anblick mächtig bewegt wurden— in den harten Zügen der ältern Gemeinde⸗ mitglieder malte ſich das, man konnte in manchem Frauenauge Thränen bemerken. Selbſt der gefeierte Schrader hatte nie unter einer ſo andächtigen Stille geſpannteſter Erwartung die Kanzel betreten. Ihm ſelbſt, dem alten Pfarrer, war eine tiefe und heilige Rührung durch die Seele gedrungen— dort ſah er die ihm anvertraute Gemeinde wieder, von der ihn Schwäche und Krankheit ſo lange getrennt hatten, den Taufſtein, an welchem er faſt all' die jüngern Leute, welche er unten erblickte, getauft, den Altar, wo er den Leib und das Blut des Herrn den Gläu⸗ bigen gereicht hatte, noch einmal hatte ihm die göttliche Gnade Kraft gegeben, ſein Wort lauter und wahr zu verkündigen, und 152 Salvator. er betete inbrünſtig, daß Gottes Segen auf dieſer Stunde ruhen möge, von welcher ſoviel abhing. Seine Rede begann tief und leiſe, ſie drang vernehmbar bis in die letzten Ecken der gefüllten Kirche, nur ihm ſelbſt wa⸗ ren die Töne vor dem Brauſen und Branden ſeines Blutes, das nach kurzer Stille wieder begonnen hatte, unverſtändlich, und vom Orgelklange, vom Kirchenliede hatte ernurunbeſtimm⸗ tes Wogen gehört. Stärker und eindringlicher erhob ſich ſeine Stimme, getragen von der Kraft der ewigen Wahrheit, die er den bethörten, verirrten Herzen zurückrief, ſie wirkte erſchütternd auf dieſe einfachen Menſchen, der alte Glaube, in welchem ſie einſt Troſt in Leiden, Zuverſicht in jeder Trübſal gefunden hat⸗ ten, er war ihnen ja noch nicht geraubt, nur betäubt vor dem ſüßen Geklingel des Spielzeugs, das ihnen für das Kleinod zum Tauſch geboten worden, ſie hörten wieder die alten, lieben Kernworte, hörten das Gebet, in welchem ſie von ihrer Kind⸗ heit an die Kniee gebeugt— immer gewaltiger wirkte das Wort Gottes, lebendig und kräftig— und ſie fühlten es, was der Pfarrer ausſprach mit der Schrift, daß es ſchärfer ſei denn kein zweiſchneidiges Schwert, und durchdringe, bis daß es ſcheide Seele und Geiſt, Mark und Bein, und daß es ein Richter ſei der Gedanken und Sinne des Herzens! Der Pfarrer ſtand droben, von Begeiſterung wie von einem ſtarken Orkane in ſeinem Innern erfaßt, ihm war, als ſei es nicht mehr ſeine Stimme, welche ſprach, als ſeien es eines Mächtigern Gedanken, welche in ſo gewaltiger Rede von ſeinen Lippen erklangen— mitten in ſeiner Rede konnte er noch An⸗ deres denken und wünſchen, als was der Inhalt derſelben er⸗ zeugte: es war die Bitte, Gott möge ihn jetzt, jetzt, in dieſem Salvator. 153 geſegneten Augenblicke abrufen. Und allmälig ſchienen ſeine Laute auch die dämpfenden Schleier ſeiner Sinne zu durchdrin⸗ gen, deutlicher und immer klarer wurde ihm das Gehör— doch wie er das Amen! geſprochen, ſchoß es ihm plötzlich wie ein dumpfer Wogendrang durch den Kopf, ein heftiger Schlag, zwei⸗, dreimal, von Innen gefühlt, ein Blutſtrom überwallend zu Kinn und Hals— das letzte Gebet des Pfarrers ſchien er⸗ hört zu ſein. Sie mußten ihn von der Kanzel nach Hauſe tragen. Sweites Buch. Erfüllung. 1. Am fürſtlichen Hofe ſollte großer Empfang ſein. Der Rit⸗ terſaal, in welchem ſeit längerer Zeit keine Feſtlichkeiten gefeiert worden, weil der Hof ſich aus vielfachen Gründen eingeſchränkt hatte, war ſchon mehrere Tage vorher geheizt; wie gelinde auch der Winter ſein mochte, in dieſen Räumen blieb Eisregion. Nach der Cour ſollte Ball ſein. In großen Reſidenzen hat das keine Schwierigkeit: vom Hofmarſchallamte werden anderthalb⸗ tauſend Menſchen eingeladen, die Säle füllen ſich, die Muſit eines herrlichen Orcheſters beginnt, ein Paar Quadratfuß Platz für den Anfang reichen hin, es wird getanzt. Auch die Mini⸗ ſterhotels, die Häuſer der Geſandten und Vornehmen beleben ſich auf ähnliche Weiſe: Einladungen, auch an Niegeſehene, welche zu dieſem Zwecke nur ihre Karten abgegeben, bringen eine Zahl von Gäſten zuſammen, für deren Comfort die Räume Salvator. 155 dreimal ſo groß ſein müßten, es iſt ein Meer von Licht und Glanz, Brillanten und Ordensfirmamenten, unſchätzbaren Stoffen und Uniformen, der Totaleindruck ein großartiger, aber das Einzelne, wie ſchön und geſchmackvoll auch, wird nicht be⸗ merkt, es wirrt und ſchiebt ſich langſam durch einander, oft in einer halben Stunde kaum möglich, zwei Schritt weiter zu kom⸗ men, Bekannte finden ſich zuweilen erſt bei der Abfahrt im Ve⸗ ſtibül, noch öfter hören ſie erſt am folgenden Tage, daß ſie zu⸗ ſammen geweſen. Unter der Menſchenfluth wallen die Düfte der feinſten Parfüms, die abgeriſſenen Töne der Muſik mit dem Stimmengewirr vermiſcht und die heißen Luftwogen einer ſyri⸗ ſchen Temperatur. Platz gemacht wird nur den höchſten Herrſchaf⸗ ten. Für Andere iſt es oft unmöglich, auch wenn ſie Anſpruch auf bedeutende Conſideration haben, höfliche Menſchen, welche da⸗ durch mit in den Verdacht der Rückſichtsloſigkeit kommen, haben wir deshalb ſchon in Verzweiflung geſehen. Am Tanze Theil zu nehmen, glückt einzig den Bevorzugten, welche ihre Damen gefunden haben, aber es ſind doch immer Paare genug und es wird auch wohl in zwei Sälen getanzt. So rollen die Stun⸗ den dahin.—„Sind Sie morgen bei—?“—„Und übermor⸗ gen?“ Selten ein Ruhtag im Carneval! Welche Bleichgeſichter dann auch in den glänzenden Equipagen, welche man zu ge⸗ wohnter Mittagſtunde an ſchönen Tagen die faſhionablen Stra⸗ ßen und Promenaden beleben ſieht! Das iſt Alles anders in kleinen Reſidenzen. Wie alt und ſouverän auch das Fürſtenhaus iſt, und darin dem mächtigen Nachbar, deſſen Ahnen vielleicht hier zu Lehn gegangen, nichts nachgiebt, ja nicht ein Sandkörnlein Parität opfern will, auch wo des Geſammtvaterlandes Heil davon abhängt, in ſeinen Salvator. häuslichen Einrichtungen muß es ſich doch nach den Umſtänden ſchicken. Wir meinen damit nicht die triviale Geldfrage. Daran fehlt es nicht. Aber die Auswahl der Gäſte! In der Reſidenz und deren nächſten Umgebung ſind doch nun einmal nicht ſo viel Courfähige nach ſtrengem Begriff aufzutreiben— und dann leben überhaupt die kleinen Fürſtenhäuſer mit ihren Untertha⸗ nen in einem nähern, vertrautern Verhältniß, als die größern, wo ſich nur eine gewiſſe Zahl von Familien, oft ſeit mehrern Generationen, um die Thronſtufen niedergelaſſen hat, und höch⸗ ſtens einzelne Berühmtheiten hinzutreten, deren Thaten und Werke ſie aus der Menge emporgehoben. So kommt es, daß zu den Feſtlichkeiten an kleinern Höfen eine Geſellſchaft einge⸗ laden wird, deren Elemente keineswegs excluſiv zu nennen ſind. Aber es geht oft ein ſo wohlthuender warmer Hauch des Lebens durch dieſe Geſellſchaft, und was ihr an Maſſenhaftigkeit und Glanz fehlt, vermißt auch ein verwöhntes Auge nicht, wenn es noch Sinn hat für deutſche Herzlichkeit. Dieſe war auch an dem Hofe zu finden, welcher eine der Linien eines erlauchten Fürſtenhauſes in dem ſchönen Berglande repräſentirt, das einſt ein Ganzes war, vor Alters ſeine eignen Könige hatte. Es gab zwar eine Etikette, welche beobachtet werden mußte, aber ſie drückte Niemand, denn ſie ging wenig über die natürliche Ehrfurcht hinaus, welche hier trotz aller Auf⸗ regung der jüngſtverfloſſenen Zeit nicht erloſchen war. Auf das große Feſt, das heut in dem alterthümlichen Ritterſaale des Schloſſes gefeiert werden ſollte, freuten ſich daher viele Men⸗ ſchen. Schon rollten einzelne Wagen vor, und die Schweſter des regierenden Fürſten war immer noch bei der Toilette, unter den Salvator. 157 Händen ihrer Kammerfrau. Im Vorzimmer ſtand eine Hof⸗ dame, bereits im vollen und höchſt geſchmackvollen Anzuge, und ſchaute in Gedanken durch das Fenſter, mit ihrem Fächer ſpie⸗ lend, es war ein ſehr ſchönes Mädchen mit geiſtreichem Geſicht und einem übermüthigen Zuge um die Lippe. Jetzt lächelte ſie und neigte ſich ein wenig, einen Gruß erwiedernd, der ihr vom Schloßhofe geſpendet wurde: es war einer der jüngern Prin⸗ zen geweſen, deſſen Auge nie verſäumte, nach dieſem Zimmer zu blicken. „Fräulein von Rheinberg!“ ließ ſich die Stimme der Kam⸗ merftau aus der geöffneten Thüre des Kabinets vernehmen. „Durchlaucht befehlen!“ Die Hofdame gehorchte langſam: Fanny Rheinberg hatte, wie es ſchien, noch wenig Fortſchritte im Gehorchen gemacht. „Aber, liebe Rheinberg, Sie verlaſſen mich ja ganz,“ rief die Prinzeſſin, als ſie in das Zimmer trat. „Durchlaucht haben nicht befohlen—“ erwiederte ſie. „Muß ich denn immer befehlen und ewig befehlen? Ich habe es ſo gern, wenn ich ohnedem verſtanden werde.“ Fanny errieth aber durchaus nicht, weshalb ſie gerufen worden war, und die Prinzeſſin mußte ſie auf den von Wien erhaltenen Schmuck aufmerkſam machen, über welchen ſie das Urtheil ihrer Dame verlangte. Während dieſe ihn betrachtete und lobte, muſterte die Prinzeſſin Fanny's Anzug. „Fort belle!“ ſagte ſie.„Aber ich finde, zu einer Cour, wie die heutige, iſt die Toilette etwas zu einfach, ich meine im Stoff.“ Die Hofdame erröthete ein wenig, ihr war der Stoff noch viel zu theuer geweſen, denn ſie war jetzt eine ſehr gute Wir⸗ Salvator. thin, ſie ſparte, die arme Fanny, wo ſie konnte, und warum? Sie vertraute es Niemand, wohin ſie von Zeit zu Zeit ihre kleinen Erſparniſſe abſandte. „Aber, liebe Rheinberg, was denken Sie? Es iſt ſo ſpät ſchon und Sie erinnern mich gar nicht! Gardez votre coeur, mon enfant, Sie müſſen jetzt Gedanken haben, welche Sie ganz abſorbiren!“ „Durchlaucht haben ſich das Erinnern neulich verbeten,“ ſagte Fanny, vor dieſen Worten noch tiefer erröthend, mit einer gewiſſen Heftigkeit. Die Prinzeſſin lächelte, gab ihr einen leichten Schlag mit dem Fächer auf die Handſchuh und ſagte:„Das iſt ein Stru⸗ delköpfchen! Kommen Sie, Kind, danken Sie Gott, daß die Oberhofmeiſterin nicht hier war. Ich bin Ihre Freundin und nehme Ihnen nichts übel. Mons, wir werden zu ſpät kom⸗ men.“ Sie war von Herzen eine gute Dame, nur launiſch zu⸗ weilen und durch Fanny's Vorgängerin darin verwöhnt, daß dieſe ſie wirklich ſtets errieth, ehe ſie nur ein Wort geſpro⸗ chen hatte. Im Ritterſaale war ſchon eine zahlreiche Verſammlung er⸗ ſchienen, welche ſich vor dem Eintritt der fürſtlichen Herrſchaf⸗ ten in getrennten Gruppen lebhaft unterhielt. Der Gegen⸗ ſtand, wie überall, war die Politik, welche nach der neueſten Vereinbarung zwiſchen den deutſchen Großmächten in eine ganz veränderte Entwickelung getreten war. Ein Paar preußiſche Officiere von dem mobilen Armeecorps, das in der Nähe lag, hatten ſich auf die Einladung des Fürſten auch zu dem heuti⸗ gen Feſte eingefuuden, mit ihnen unterhielten ſich die Landſäſ⸗ ſigen beſonders viel, um ihre Anſichten über die nächſte Zukunft ebe —— Salvator. 159 zu hören, ob Krieg oder Frieden? Es hing davon die ganze Integrität dieſes kleinen Staates ab. Doch waren die anwe⸗ ſenden Repräſentanten des preußiſchen Heeres zu gute Soldaten, um ſich in müßige Kannegießereien einzulaſſen: ihre unwan⸗ delbare Meinung war Treue und Gehorſam dem Kriegsherrn, und keine Politik! So oft die Thüren aufgingen, ſah einer dieſer Officiere ſtets mit beſonderer Erwartung auf, er wußte ja, daß er ſeine Couſine im Gefolge der Prinzeſſin hier wiederſehen ſollte. Leo Rheinberg war es. Die Erfahrungen der letzten Zeit hatten ihn noch ernſter geſtimmt, als ohnehin der Hang ſeines Naturells war, ſelten ſah man ihn lächeln, er hatte meiſt einen ſtrengen Blick, ſo daß er eigentlich bei ſeinen jüngern Kameraden, denen er oft rückſichtslos tadelnde Bemerkungen ſagte; mehr geachtet als geliebt war. Heut aber hatte ſich dieſer ſtrenge Zug gemil⸗ dert, es war durch die Freude geſchehen, ſeine junge Verwandte wiederzuſehen und von ihr zu hören, daß ſie glücklich ſei. Durch den Kammerherrn hatte er erfahren, was ihre äußere Lage betraf, dieſe mußte, nach ihren Briefen zu urtheilen, eine ſehr zufriedenſtellende ſein; mit Thränen im Blicke hatte der alte Mann ſeinem Reffen vertraut, wie oft ſie ihm von ihren Erſparniſſen ſende, ſoviel ſie nur im Stande ſei, und Leo hatte daraus die Ueberzeugung gewonnen, daß ſie in dieſem Bewußt⸗ ſein ſich auch innerlich glücklich fühlen müſſe. Die Flügelthüren öffneten ſich raſch und weit, es war aber nur für den zweiten Sohn des Fürſten, welcher in der Uniform einer benachbarten Macht erſchien. Die männliche Schönheit des Prinzen, noch mehr ſeine Liebenswürdigkeit machten immer den günſtigſten Eindruck auch auf diejenigen, welche ihn nicht Salvator. zum erſten Male ſahen, beſonders die Damen waren ganz ent⸗ zückt von ihm und jede wurde beneidet, an welche er ein Wort richtete. Mit den preußiſchen Officieren unterhielt er ſich lange und war beſonders gegen Rheinberg ſehr zuvorkommend, er hatte, von ſeinem Namen etwas frappirt, ihn gefragt, ob die junge Dame bei ſeiner Tante mit ihm verwandt ſei. Jetzt traten der Fürſt und die Fürſtin nebſt Gefolge ein. Der Hofmarſchall war in einiger Verlegenheit, und zwar in die Seelen von Fremden, welche ſich hatten zur Vorſtellung bei Sr. Durchl. anmelden laſſen und nun nicht einmal hier waren! Die Cour nahm unterdeſſen ihren gewohnten Verlauf, das fürſtliche Paar wechſelte mit jedem der Anweſenden ein Paar freundliche Worte und verweilte zuweilen auch zu längerer Un⸗ terhaltung. Noch immer blieb auch Prinzeſſin Auguſte aus, und Leo fing an, ungeduldig zu werden. Da wurden endlich die Thüren wieder geöffnet, er ſtand ihnen nah, ſein Auge konnte Fanny gleich beim erſten Eintritt begrüßen— wie? dieſer Blick! Welche Verwandlung in ſeinem ganzen Geſicht, die zum Glück Niemand bemerkte! War die Frau, deren kö⸗ niglicher Wuchs in ſeinen vollendet ſchönen Formen, von aus⸗ geſuchter Toilette gehoben, allgemeine Bewunderung ſchon bei der erſten Erſcheinung erregte, war ſie die Urſache, daß der milde, freundliche Strahl in Leo's Auge, mit welchem er Fanny geſucht, in einem aufſprühenden Blitze erloſch, daß eine ſtarke Bewegung ſeine Züge momentan veränderte, dann aber eine Ruhe ſich darüber breitete, welche ſie faſt ſo ſtarr wie Stein er⸗ ſcheinen ließ? An der Seite der Frau, deren wundervolle Ge⸗ ſtalt überſehen machte, daß ihr Geſicht nicht eben ſchön zu nennen war, trat ein Mann in den Ritterſaal, deſſen —— Salvator. 161 Aeußeres wohl zu der Dame paßte: ein wahrhaft vornehmes Paar! Da war auch gar keine Verlegenheit zu bemerken, daß es zu ſpät gekommen und nun mitten in die Cour hineinfiel, wor⸗ über Andere vor Scham und Verdruß lieber an der Thüre um⸗ gekehrt wären. Die Präſentation ging ſo unbefangen ab, als ſei es die alltäglichſte Begebenheit, und wie leicht floſſen dann die Worte, zu denen die fürſtlichen Anreden den Anlaß gaben — das iſt es eben, was auch den Herrſchaften lieb iſt und ihnen die Audienzen leicht macht, wenn ſie nicht die ihnen ſelbſt läſtige krumme, ſteife und ſtumme Devotion finden, ſondern eine Haltung, welche der Ehrfurcht nicht vergißt, aber doch auch die eigne Würde behauptet. Gleich darauf erſchien jetzt die Prinzeſſin wirklich und hin⸗ ter ihr Fanny. Sie bemerkte ihren Vetter nicht— war ſie ſchon eine ſo vollkommene Hofdame geworden, daß ihr Auge zuerſt und vor Allen die Centralſonne ſuchte, welche hier allein Leben und Wärme dem Kreiſe der Verſammelten ſpendete? Leo beobachtete die Richtung ihres Blickes, ſie galt allerdings dem Fürſtenpaare und deſſen Ungebung— ſchon hatte ſie ſich unter die letztere gemiſcht. Sie war ſchön aufgeblüht, ſeit Leo ſie nicht geſehen hatte, aus dem kaum erwachſenen Kinde war eine reizende Jungfrau geworden: Leo in ſeiner ſcharfſichtigen Weiſe ſuchte auch den Ausdruck ihres Geſichts zu zergliedern. Noch hatte ſie den Zug des Stolzes, welcher ihre Lippen oft genug ſchon in Kinderjahren umſpielte, die Haltung des ſchönen Kopfes war der Miene entſprechend, in welcher ein gewiſſes Etwas lag, das auch unbeſchützt dies junge Mädchen der Frechheit und Ungebühr unnahbar machte, Demuth ſchien ſie Salvator. II. 11 Salvator. trotz ihres abhängigen Verhältniſſes, das ſich ihr oft genug fühlbar machen konnte, noch nicht gelernt zu haben. Aber in ihren Zügen lag auch ein Glück der Seele ausgedrückt, Leo glaubte ſich darin nicht zu täuſchen und er dankte Gott dafür. Die allgemeine Stimme, welche er erforſcht, hatte ihm ja auch Prinzeſſin Auguſte als eine ſo gute Fürſtin geſchildert. Auf einmal, nachdem Fanny ſich kaum in der Geſellſchaft umgeſehen hatte, ſtutzte ſie merklich, denn ſie gewahrte Herrn von Arnefeld, ihren frühern Nachbar. Er verneigte ſich tief vor ihr, ſein Auge hatte ſie zu ſeiner großen Ueberraſchung gleich beim Eintritte erkannt. Die Dame an ſeiner Seite fragte ihn offenbar nach ihrem Namen und richtete dann einen prüfenden Blick auf ſie, welchem Fanny's Auge, ohne ſich zu ſenken, begegnete. Das war alſo die Frau, um welche Arne⸗ feld eine zwanzigjährige Ehe gelöſt und ſich wohl auch von ſeinen Kindern losgeſagt hatte! Die Thüren eines andern Saales rauſchten jetzt auf. Klänge eines vollen Orcheſters verkündigten den Anfang des Balles. Der Fürſt eröffnete ihn, dann miſchten ſich die Wo⸗ gen der Geſellſchaft in freierm Verkehr und Leo trat ſeiner Couſine näher, welche ihn mit einem freudigen, die ganze Um⸗ gebung vergeſſenden Ausruf begrüßte.„Wo kommen Sie her? Haben Sie meinen Vater geſehen?“ fragte ſie raſch. Er ſagte ihr, daß er vor vier Wochen in Berlin geweſen ſei. „O dann habe ich ſpätere Nachricht. Davon hat mir Papa auch geſchrieben!“ Nach Emma fragte ſie erſt viel ſpäter und nicht ohne merkliche Verdüſterung ihrer Stirn. „Es geht ihr gut, hat mir der Onkel geſagt,“ erwiederte Leo. Sie wollte etwas erwiedern, unterdrückte es jedoch und Salvator. 163 wechſelte den Gegenſtand, indem ſie von Arnefeld ſprach— ihr waren heut ſo viel Ueberraſchungen bereitet, und nun fiel ihr auch ein, daß Leo von dieſer Adelheid Mörner einſt in Ausdrücken nach Sielitz geſchrieben hatte, die ein zärtliches Verhältniß zwiſchen Beiden glauben machten. Welches Zu⸗ ſammentreffen für ihn! Leo half ihr über die Klippe, an welcher eben ihr Geſpräch ſtranden wollte, hinweg, er äußerte ſich über Arnefeld und ſeine Frau ſehr ruhig und hatte mit Beiden ſchon geſprochen. Keine Wimper ſeines Auges hatte gezuckt, als er an Adelheid ein Paar höfliche Alltagsworte über dieſe zufällige Begegnung gerichtet. Ihr Blick, der ſich einen Moment mit räthſelhaftem Ausdruck tief in ſein Auge ſenkte, flackerte vor dem, was er dort traf, unſtät zur Seite, er konnte ein leiſes Beben ihrer Lippe wahrnehmen, das ſie aber gleich durch das Lächeln der Weltdame bemeiſterte. Daß Beide be⸗ kannt waren, wußte Arnefeld ſchon, ſie hatte ihm den Ritter⸗ dienſt, welchen ihr Rheinberg geleiſtet hatte, erzählt. Es gab alſo hier eine ganz unverfängliche Scene, deren Nachſpiel in dem Geſpräche Leo's mit ſeiner Couſine wiederklang. Fanny ſchilderte ihm dann die Annehmlichkeiten ihrer Stellung und wie ſie ganz zufrieden ſei, auf einmal ſtockte ſie — es war nur momentan und Leo bemerkte es nicht, denn er ſah eben, daß der zweite Sohn des Fürſten, Prinz Ferdinand, Frau von Arnefeld zum Tanz führte, ſein Blick mußte ihr un⸗ willkührlich folgen, und das machte ihn zerſtreut, ſo daß er auf Fanny's nach der kleinen Pauſe um ſo lebendiger fließende Worte nicht völlig achtete. Sie wurde auch bald in den Tanz geführt, welchem nun Rheinberg, vielleicht mit ganz andern Gedanken beſchäftigt, ſcheinbar ſehr aufmerkſam zuſah. 14 164 Salvator. „Tanzen Sie nicht?“ fragte ihn Arnefeld, welcher zu ihm trat. „Nein,“ antwortete Leo. Die kurze Antwort wäre ſonſt hinreichend geweſen, den Baron abzuſchrecken oder, wenn es gerade ſeinen Comfort nicht ſtörte, cavaliérement vorgehen zu laſſen, heut fühlte er ſich von Dingen bewegt, die ihn zu weitern Fragen drängten: konnte er doch von Rheinberg am beſten erfahren, was ihn ſchon ſeit ſo langer Zeit beunruhigte. „Wollen wir uns etwas ſetzen? Sie müſſen mir aus un⸗ ſerer Heimath erzählen!“ ſagte er. „Ich könnte Ihnen wohl nichts Neues berichten,“ erwie⸗ derte Lev. Sein Ton verletzte zwar die Höflichkeit nicht, aber der Baron mußte ſich doch ſehr verändert haben, daß er nach die⸗ ſer zweiten Antwort nicht von dem Manne abließ. Verändert hatte ſich Arnefeld aber auch äußerlich, das war trotz des ſorg⸗ fältigen Anzuges nicht zu verkennen. Fanny hatte es eben⸗ falls bemerkt, daß er alt geworden war es iſt überhaupt mit dem ſogenannten Conſerviren ein eigenes Ding, oft hält es aus bei dem unregelmäßigſten Leben Jahre lang über die Zeit und fällt dann zuſammen vor einer innern, geiſtigen Urſache in wenig Wochen. „Ich möchte aber ſo gern von Ihnen hören, was Sie von mei⸗ nen Kindern wiſſen,“ verſetzte Arnefeld auf Leo's zweite herbe Ant⸗ wort, und zwarin einem weichen Tone, welcher dieſen überraſchte. „Herr von Arnefeld,“ erwiederte Rheinberg nun auch freundlicher,„ich habe Ihre Familie zwar lange nicht geſehen, aber ich weiß, daß es ihr wohl geht. Mein Onkel ſagte mir, daß ſie wahrſcheinlich zur Carnevalszeit nach Berlin kommen würde, wie er von Bekannten gehört.“ Salvator. 165 „Nach Berlin!“ wiederholte Arnefeld.„Zum Carneval!“ Dieſe Mittheilung enthob ihn wenigſtens einer Sorge, die er ſich zuweilen über die finanziellen Verhältniſſe gemacht, für welche bei der Auseinanderſetzung in ſeiner— damaligen!— Gemüthsverfaſſung nicht viel geſchehen zu ſein ſchien. Aber haben Sie nicht etwas Beſonderes von Einem oder dem An⸗ dern der Meinigen gehört? Sie dürfen keinen Anſtand neh⸗ men, es mir mitzutheilen, was es auch immer ſei!“ Er fragte das in ſo dringender Weiſe, daß Rheinberg wohl erkannte, wie weit er unterrichtet war.„Wenn Sie nicht das Gerücht von einer bevorſtehenden Verbindung Ihrer Fräu⸗ lein Tochter meinen—?“ „Mit wem?“ rief Arnefeld haſtig.„Sie ſtaunen, daß ich als Vater danach erſt fragen muß! Ich war aber lange in Italien, Briefe konnten mich nicht finden, und dann, offen ge⸗ ſprochen, konnte auch keine Correſpondenz unterhalten werden, das ſehen Sie ein! Alſo mit wem? Auch ich habe dies Ge⸗ rücht gehört! Sprechen Sie.“ „Sie wiſſen darum— ein Mehreres könnte ich Ihnen auch nicht ſagen. Ohne Zweifel werden Sie doch erſt zu Rath gezogen werden; ich kann über die Verhältniſſe, da ich ſie nicht genau kenne, kein Urtheil abgeben.“ „Aus Ihrer ſchonenden Antwort ſehe ich, wie Alles ſteht!“ ſagte Arnefeld bitter.„Doch haben Sie Recht, man wird mich erſt fragen müſſen!“ Adelheid kam vom Tanze zurück und unterbrach die Fort⸗ ſetzung dieſes Geſprächs. Sie ſah nicht aus, als habe ſie ſich mit ihrem vornehmen Tänzer gefallen, ihre Miene war für eine — 166 Salvator. von der Polka abtretende Dame ungemein ernſt. Als Leo ſich nach einigen gleichgültigen Worten entfernte, ſah ſie ihm zer⸗ ſtreut nach. Er ſuchte Fanny. Bei dem fteiern Verkehr wäh⸗ rend der Pauſen hoffte er ungeſtört mit ihr weiter ſprechen zu können, die Zeit war ihm koſtbar, da er morgen nicht mehr hier verweilen durfte. Aber ſie war von dem Prinzen Ferdi⸗ nand in eine, wie es ſchien, ſehr lebhafte Unterhaltung ver⸗ wickelt, Beide ſtanden ſogar etwas abgeſondert, ſo daß Leo ſich ihnen nicht nahen konnte, es fiel ihm auf, daß der Raum, welcher ſie von den Umſtehenden trennte, allmälig von dieſen letztern vergrößert wurde, man ſchien das Paar, gleichſam aus Discretion, immer mehr und ganz unvermerkt ſich ſelbſt zu überlaſſen. Durch Leo's Herz zuckte es, wie ein vergifteter Pfeil. Sein Auge ſchärfte ſich, er beobachtete des Prinzen Blicke, das ſelige Lächeln, das unbewußt Fanny's Züge ver⸗ klärte— eine heiße Angſt bemächtigte ſich des treuen Mannes, welcher ſeine unſchuldige Verwandte, wie ein Kind, am Rande eines Abgrundes ſpielen ſah. Und die kleinſten Vortheile be⸗ nutzend, welche ihm die Gruppirung bot, ſicher und raſch, wie der Scharſſchütz im Kriege, näherte er ſich doch, Aug' und Ohr in geſpannteſter Aufmerkſamkeit— einzelne, lauter geſprochene Worte konnte er ſchon vernehmen: ſie ſprachen von Gegenſtän⸗ den der Toilette!! Sollte er ſich ſo getäuſcht haben, ſo grund⸗ los geängſtigt: ein hetzlich erquickendes Gelächter, das nicht laut werden durfte, ließ ſeine Bruſt aufhüpfen. „Ich liebe dieſe Farbe nicht,“ ſagte Fanny.„Von jeher habe ich Gelb nicht geliebt.“ Und nun ſprachen ſie leiſe wei⸗ ter, daß keine Silbe mehr zu verſtehen war. Leo entfernte ſich. „Sie müſſen aber Gelb tragen, blaßgelben Atlas—“ er⸗ Salvator. 167 wiederte der Prinz.„Ich ſage, mir zu Liebe— daran werde ich erkennen, was ich Ihnen bin.“ „Durchlaucht!“ flüſterte Fanny bittend. „Kein Ohr iſt nah, keines Lauſchers Blick bewacht uns, warum dies abſcheuliche Wort der Convenienz zwiſchen uns, da Sie mich ſchon ein ſüßeres hören ließen! Fanny, um mei⸗ ner Liebe willen, ich wünſche Sie ſo ſchön zu ſehen, als nur Ihre zauberiſche Geſtalt ſein kann— zu Ihrem Teint von Lilien und Roſen, zu Ihren glänzenden ſchwarzen Locken und der Wundernacht Ihres Auges paßt die reiche Farbe des Orients, ein Kleid in ſchweren, königlichen Falten, ein Kranz von hellen Blumen im Haar, ſo wünſche ich Sie beim nächſten Feſte zu ſehen, und wenn Sie mich lieb haben, werde ich Sie in dieſem Coſtüme ſehen!“ Er ging von ihr in leicht abbrechender Weiſe, ſo daß er ſicher glaubte, Niemand würde dies iſolirte Selbander in der Pauſe des Tanzes, wo Alles durch einander wogte, bemerkt haben. Fürſtliche Perſonen täuſchen ſich aber, wenn ſie glau⸗ ben, irgend etwas unbemerkt thun zu können, und dies Lvos theilen mit ihnen Alle, die in den ſie umgebenden Kreiſen eine hervorragende Stellung einnehmen, ſogar der Gutsherr auf dem Lande, ſeinen Dorfleuten gegenüber. Hier aber hatte auch Prinzeſſin Auguſte ein wachſames Auge auf ihren Neffen, ſie machte ihrem Bruder, dem Fürſten, eine leiſe franzöſiſche Bemerkung, dieſer erwiederte aber: die unſchuldige Tändelei halte ſeinen Sohn von ſchlimmern Dingen ab, man möge ſie überſehen, in wenig Tagen ſei ja ohnehin ſeine Abreiſe beſtimmt. Der Tanz begann von Neuem, Prinz Ferdinand führte Fanny in die Colonne. Das raſche Zurückdrängen der Zu⸗ 168 Salvator. ſchauer hatte Rheinberg ziemlich entfernt von dem Platze ſeiner Couſine in eine Ecke gebracht, wo ihn eine undurchdringliche Mauer von Damen feſtbannte. Aus dieſer blickte manches junge Geſicht unzufrieden nach ihm, er aber ſah nur Eine, die er gern vermeiden wollte, noch eh' ſie ihn bemerkte— doch wandte ſie in demſelben Moment, da er einen Verſuch dazu machte, ihren Kopf nach ihm um. Sie konnte glauben, daß Leo mit Abſicht ihre Nähe geſucht hätte? Aber ſie glaubte es wirklich und darum erwartete ſie auch, daß er ſie anreden werde. Als er das nicht that und ihr Sei⸗ tenblick— wie geübt war ihr Auge in Seitenblicken!— ſah, daß er mehr und mehr von ihr abzutreten ſuchte, wurde ſie unruhig, und es war nicht Koketterie, ſondern der Ausdruck ihres wahren Gefühls, daß ſie ſich noch einmal nach ihm um⸗ kehrte und ihn traurig anblickte. Das ergriff ihn wunderbar. Erhatte ſich ſchon im Geiſte Alles zurückgerufen, was ihr früheres Verhältniß bezeichnete und was er ihr dann zum Vorwurf ge⸗ macht, ſie war unwahr gegen ihn geweſen, ſonſt wußte er nichts, was ihr nachtheilig geweſen wäre, denn der Oberſt von Haug hatte über ſie, nachdem er Alles erfahren, deſſen er bedurfte, geſchwiegen. So ſagte ſich Leo, daß es wohl ungerecht ſei, ohne ſie gehört zu haben, ein Urtheil über ſie zu ſprechen, ihr Blick verkündete ihm, daß ſie ſich vielleicht rechtfertigen könne, und an ſich ſelbſt wurde er noch durch den Zweifel irre, ob er nicht beſonders dadurch gegen Adelheid eingenommen ſei, daß er ſich von ihr geliebt wähnte und darin zu ſeiner Beſchämung ſo ſehr getäuſcht worden. Jedenfalls war es nicht edel in die⸗ ſem Falle, wenn er ſeiner verletzten Eitelkeit nachgab— und er näherte ſich denn Adelheid, um mit ihr zu ſprechen. Aber Salvator. 169 ſie kam ihm zuvor. Mit dem vollen innigen Blicke, der einſt ſein Herz immer ſo tief bewegt hatte, redete ſie ihn an: Ich habe Sie um Verzeihung zu bitten.“ Nicht doch, gnädige Frau,“ erwiederte er, ohne eine Spur ſeiner bisherigen Kälte.„Ich ahne, was Sie ſagen wollen, und ich ehre Sie deshalb. Aber ſein Sie überzeugt—“ „O Sie ſollen mich hören!“ unterbrach ſie ihn.„Es hat mir ſo weh gethan, von Ihnen verkannt zu ſein— Sie muß⸗ ten mich für falſch halten, daß ich Alles verſchwieg, Ihnen, meinem wahren hetzlichen Freunde— Nicht wahr, Sie ha⸗ ben mich für falſch gehalten?“ „Ich kann es nicht läugnen!“ ſagte er, doch ſein Ton milderte den Eindruck der offenen Rede. „Wollen Sie mich hören?“ fragte ſie ihn leiſe und innig. „Wenn Sie mir ſagen, mit Wahrheit, ohne Hinterhalt, daß Sie es gegen mich nicht geweſen ſind, daß nur die Macht der Verhältniſſe Sie gezwungen, auch gegen mich über— das Alles zu ſchweigen— daß Sie nicht in herzloſer Abſicht— Sie legte ſchnell die Hand über ihre Augen und wandte ſich ab.„Morgen mehr!“ flüſterte ſie. Ihr Gatte nahte ſich ihr, der Damenkreis war durch ihn mit ſeiner alten Salon⸗ ſicherheit geſprengt worden. Als der Tanz endete, fand Leo endlich ſeine Couſine. Sie ſtrahlte vor Luſt und Freudigkeit, ſelbſt der ruhigſte Beobach⸗ ter mußte von ihrer Schönheit überraſcht werden. Leo, der ſie ſonſt nur als halbes Kind mit ihrem ſchlichten kurzgeſchei⸗ telten Haar und ländlich einfachen Anzuge geſehen und ebenſo nur als Kind behandelt hatte, trotz ihres früh gereiften Gei⸗ ſtes und ihrer entſchiedenen Redeweiſe, fühlte jetzt beinah ei⸗ 170 Salvator. nige Befangenheit, daß er dieſe elegante Dame mit der ſchwar⸗ zen Lockenpracht um das vornehm blickende Antlitz vertraulich anreden ſollte. Und doch glaubte er noch heut mit ihr ſprechen zu müſſen: einen Blick in ihre Seele zu thun, einen leiſen Ruf der Warnung in ihr argloſes Gemüth klingen zu laſſen, erſchien ihm wie eine heilige Pflicht, ſeit er die kaum geſtillte Beſorgniß durch neue Wahrnehmungen beim Ende des Tanzes wieder geweckt fühlte. „Sie ſind ganz glücklich?“ fragte er ſie. „Ich bin es, Leo!“ erwiederte ſie mit einer gewiſſen Exal⸗ tation, welche ihn noch mehr erſchreckte und betrübte. „Gott ſchenke Ihnen ſtets das wahre Glück!“ mehr wußte er in dieſer Stimmung nicht zu ſagen, und es drängte ihn doch, es quälte ihn— jede verlorne Minute ſchien ihm ſelbſt eine Schuld auf die Seele zu wälzen.. „Ich danke Ihnen, ich danke Ihnen, guter Leo. O ich bin ſo glücklich!“ „Vergeſſen Sie darüber nicht— Ihren ehrwürdigen Va⸗ ter, denken Sie immer daran, daß er in Ihnen ſeinen Stolz, ſeine Freude ſieht, daß Alles, was Sie betreffen wird—“ „Ach, mein Herzensvetter, wie können Sie mir das ſa⸗ gen! rief das ſelig lächelnde Mädchen.„Bin ich etwa nicht immer meines Vaters und meiner armen Schweſter eingedenk? O das Glück, das mir bevorſteht—“ ſie hielt plötzlich inne, als habe ſie zuviel geſagt, und in reizender Verwirrung, welche ſie mit all' ihrer ſonſtigen Determinirtheit nicht zu bemeiſtern vermochte, fuhr ſie ſchneller fort:„Ich werde Ihnen bald ein⸗ mal ſchreiben, Leo! Es wird ſich doch ſchicken zwiſchen ſo na⸗ hen Verwandten. Gewiß, ich ſchreibe Ihnen nächſtens. Und Salvator. 171 dann ſollen Sie ſich mit mir freuen!“— Einen Blick der hei⸗ terſten Zuverſicht richtete ſie auf ihn, und mit einem freund⸗ lichen Gruße ging ſie zu ihrer Prinzeſſin, deren ungeduldiges Fächerſpiel ſie von Weitem bemerkt hatte. Leo verließ den Ball mit unruhigem Herzen. Fanny's Andeutung war faſt nicht anders zu verſtehen, als er ſie ge⸗ nommen hatte. War es denn möglich? Er rief ſich ähnliche Beiſpiele vor die Seele, ſie waren in frühern Zeiten und neuerdings vorgekommen, warum ſollte es ſich hier nicht wie— derholen können? Fanny war wohl geeignet, ſelbſt ein ſtolzes Männerherz mit hochgeſpannten Anſprüchen bleibend zu feſ⸗ ſeln. Aber er wußte nicht, ob er ſich darüber freuen ſollte. Zum wahren Glücke—? Dann dachte er auch an Adelheid.„Morgen mehr!“ hatte ſie ihm zugeflüſtert und mit dieſer Heimlichkeit, welche aber⸗ mals vor ihrem nahenden Gatten etwas verbarg, den Ein⸗ druck ſelbſt wieder zum Theil vernichtet, welchen ſie ſchon auf Rheinberg's wohlwollendes Herz, das noch immer an ihr hing, gemacht hatte. Daß er ſie nicht ſprechen wolle, ſtand bei ihm feſt. Sie hatte den Schein der Falſchheit, welcher auf ſie ge⸗ fallen war, anerkannt, doch war ſie bereit, ſich in ſeinen Augen zu rechtfertigen— mehr bedurfte es für ihn nicht. Er wünſchte ihr von Herzen, daß ſie glücklich ſein möge— wie er aber den Baron von Arnefeld kennen gelernt hatte, konnte er nicht da⸗ ran glauben! So früh er das Feſt verlaſſen und die Ruhe ge⸗ ſucht hatte, waren doch die Wagen der ſpäteſten Gäſte längſt in allen Richtungen fortgerollt und die Stille einer Froſtnacht lag auf der ſchlummernden Stadt, als Leo noch immer auf ſeinem Lager wachte. 172 Salvator. 2. In einem Zimmer des fürſtlichen Schloſſes, auf dem Flü⸗ gel, welcher die Front nach den Bergen kehrte, brannte noch lange in der Nacht ein einſames Licht. Es war von Außen weither zu ſehen, und ein verſpäteter Reiſender, der eben die letzte Höhe vor der Stadt gewonnen hatte, bemerkte es und knüpfte ſeine eignen Betrachtungen daran, wer dort noch wa⸗ chen möge, vielleicht in ſchweren Sorgen: es konnte der Fürſt des Landes ſein. Der war es nicht, auch hielten keine Sorgen das Auge wach, das ſich in jenem Gemache dem Schlummer entzog, ſondern es leuchtete in aller Freudigkeit eines ſüßbewußten Glückes. Fanny hatte ihr Kammermädchen, nachdem ſie nur in Eile den Feſtanzug abgeworfen, entlaſſen und ſtand dann, eine Weile, den Kopf geſenkt, in welchem die Scenen des heutigen Tages noch lebten, das Auge verſchleiert von den langen ſchwarzen Wimpern, aber die Mienen des Antlitzes voll ſeligen Lächelns, an dem Schreibtiſch, auf deſſen Galerie ſie ihre kleine Hand geſtützt hatte. Ein Maler wäre entzückt geweſen, dies Bild inniger Befriedigung zu einer Studie ſchauen zu dürfen. Dann ſetzte ſie ſich, zog einen feinen Schlüſſel von polir⸗ tem Stahl, den ſie an einer Schnur trug, hervor und öffnete ein Fach des Schreibtiſches. Hier lag obenauf ein Brief mit fünf Siegeln, ſie hatte ihn kurz vor dem Feſte geſchrieben und verſiegelt, am folgenden Morgen ſollte er auf die Poſt gegeben werden. Sinnend las ſie die Adreſſe und der Aus⸗ Salvator. 173 druck einer ſchwärmeriſchen Zärtlichkeit flog über ihre ſchönen Züge. Mein Vater! Mein lieber, lieber Vater!“ ſagte ſie und küßte ſeinen Namen. Ihr Auge ſchimmerte feucht. Jetzt war ſie aber unſchlüſſig geworden, ſie legte den Brief langſam wieder hin. Was ſollte ſie thun? Handelte ſie recht, wenn ſie ihrem neuen Gedanken folgte?— Ihre Bruſt hob ſich unruhig, und es war, als ob die Sonne des Glückes, die ſie ſchon mit voller Glorie umſtrahlt hatte, wieder hinter Wolken treten wolle, unbewußt ſpielten ihre Finger mit dem Briefe. Aber ſie erbrach ihn doch. Blankes Gold leuchtete ihr funkelnd entgegen. Sie hatte dieſe Ducaten, einen dicht ne⸗ ben den andern, auf eine Karte mit Kreuzfäden ſelbſt feſtge⸗ näht, rothe Seide war dazu gewählt: Freude und Glück, ſie wechſelte ab mit der grünen Farbe der Hoffnnng. Fanny wußte, daß ihr Vater von allen Geldſorten die Ducaten von jeher am liebſten geſehen hatte, und wechſelte daher jedesmal, wenn ſie ihm von ihren Erſparniſſen etwas ſchicken konnte, Ducaten ein, um dem geliebten Vater einen angenehmen Ein⸗ druck zu bereiten. Es war diesmal eine beſonders reiche Sen⸗ dung und ſie hatte ſich ſchon Tage lang darüber gefreut— warum erbrach ſie aber den Brief noch einmal? Was wollte ſie thun? Ihre Hände zitterten, als ſie zur Scheere griff, um die Ducaten wieder loszutrennen. Es war ein herber Kampf, der ſich in dieſer Stunde entſpann und der über die Dauer der nächtlichen Zeit hinaus fortgeſetzt wurde, denn ſie warf die Scheere, als ſie ſchon zum Schnitt in den erſten grünen Faden eingeſetzt hatte, von ſich und verſchloß den Brief mit 174 Salvator. dem Golde haſtig wieder in den Schreibtiſch.„Auf morgen. ſagte ſie. Aber nach und nach wichen die Zweifel, welche der Name ihres Vaters auf dem Briefe und der Anblick des ihm beſtimmten Goldes geweckt hatten, und leidenſchaftlich, wie der Charakter Fanny's in ſeinem Grundzuge war, ſtürzte ſie ſich in die hochgehende Fluth der Verheißung, welche ſie zu den paradieſiſchen Geſtaden tragen ſollte. „Es iſt ja auch nur für Dich, Du guter Vater!“ rief ſie. „Dein Kind wird glücklich ſein, wie nur der Traum ein Ieal dafür aus ſchimmernden Hoffnungen weben kann— und Du, mein Vater, und Alle, Alle ſollen mit mir glücklich ſein! Er fordert dieſes kleine Opfer— er will mich ſehen in ſeiner Liebe, wie ich ſeinen Augen am beſten gefalle— darf ich es ihm weigern? Ueberreichen Erſatz wirſt Du haben, mein Va⸗ ter— Dein Kind thut es ja nicht aus elender Eitelkeit, ſon⸗ dern um ihrer Liebe willen, ich gelobe Dir heilig, mein höch⸗ ſtes Glück auch künftig in Dir zu finden, wenn ich Dir ver⸗ gelten kann, was meine Kindheit Dir ſchuldet! Giebt es einen Zuſammenhang der Geiſter, ſo denkſt Du in dieſem Augen⸗ blicke mein und ſegneſt, was ich thun werde Nun denn, Ge⸗ liebter, ich habe überwunden.“ Der Brief ging am nächſten Morgen nicht ab, die Gold⸗ ſtücke fielen losgetrennt eins nach dem andern in Fanny's Schooß, ſie ließ ſie noch ein Paarmal, wie ein Kind damit ſpielt, durch ihre ſchlanken Finger laufen und trug ſie dann ihrer veränderten Beſtimmung zu. Im Gaſthofe der kleinen Reſidenz, welcher dem fürſtlichen Schloſſe zunächſt lag, war Arnefeld mit ſeiner Gattin einge⸗ kehrt. Sie gedachten noch einige Tage zu bleiben, denn ſie Salvator. 175 waren nicht zufällig durch eine Reiſelaune in dieſe ſchöne, aber von Touriſten weniger heimgeſuchte Gebirgsgegend verſchlagen wörden, ſondern hatten hier wirklich ein Geſchäft, kein merkan⸗ tiles oder ſächliches, vor welchen Arnefeld noch immer den Ab⸗ ſcheu einer im ſüßen Richtsthun ſich wohl befindenden Seele fühlte, ſondern ein moraliſches Geſchäft, und Adelheid war die Triebfeder deſſelben. Es handelte ſich darum, die Vergangenheit ihres frühern Gatten aufzuklären. An dieſem Hofe war er einſt in Verwicke⸗ lungen gerathen, welche ihn hinausgetrieben hatten in die neue Welt, Adelheid wußte nicht mehr davon, als er„für gut befunden hatte, ihr mitzutheilen“: ſie äußerte ſich darüber noch jetzt mit gereizten Worten. Läugnen konnte ſie nicht, daß er ihr freigeſtellt hatte, ob ſie ihn über den Ocean begleiten wolle, und daß ſie freiwillig mitgegangen war, damals glaubte ſie ihn noch zu lieben und in ſeinem Beſitz die volle Befriedigung ihrer Seele zu finden. Nachdem ſie darüber, wie ſie ſich nun aus⸗ drückte, enttäuſcht worden war, erſchien es ſonderbar, ſich noch um ſeine Geheimniſſe zu kümmern, deren Schande ſie ja nicht mehr mit ihm theilte. Was ſie früher nicht erfahren hatte, da ſie gerade in bedeutender Entfernung bei ihrer Mutter zum Be⸗ ſuch war, als die Kataſtrophe ſich ereignete, und dann nie wie⸗ der in dieſe Gegend zurückgekehrt war— wie konnte ſie hoffen, es jetzt nach ſo vielen Jahren zu ergründen und in welcher Ab⸗ ſicht? Arnefeld hatte dieſe Frage auch geſtellt, als ſie zuerſt den Wunſch ausgeſprochen hatte, aber er erhielt auf manche Frage an ſeiner Gattin Herz keine Antwort mehr, und mußte ſich hier ebenfalls beſcheiden. Wir wollen ſie jedoch beantwor⸗ ten. In dieſem Hetzen war eine Pfeilſpitze abgebrochen, welche 176 Salvator. noch ſchmerzhaft darin ſaß: eine brennende, unvergeßliche De⸗ müthigung hatte ſie, noch ehe ſie von Haug getrennt wurde, erfahren, zu ſeinen Füßen hatte ſie zerknirſcht gelegen— o er hatte ſeinem Vater darin keine Unwahrheit erzählt!— und ſie war damals nur zu betäubt geweſen, Alles war dann zu ſchnell gegangen, ſo daß ſie keine Zeit mehr gehabt, ihm zu ſagen, daß er nicht berechtigt geweſen, ihr ein ſo ſtrenger Richter zu ſein, da ſeine Vergangenheit Makel trage, ſchmachvoller, als er an ihr zu rügen gemeint, bei ihr nicht für Thaten, ſondern für Gedanken— und welche Vorwürfe trafen ihn im Ver⸗ gleich damit! Lange hatte ſie ſich dann aller Rückerinnerungen entſchlagen, im Hochgefühl einer vollen Freiheit, welche ſie nun zum erſten Male in ihrem Leben genoſſen hatte, aber ſeit eini⸗ ger Zeit— und ſie wußte den Tag zu bezeichnen, an welchem das Gedächtniß wieder wach gerufen war und die Pfeilſpitze ſich von Neuem ſchmerzlich fühlbar machte!— ſeit einiger Zeit kannte ſie kaum einen ſo dringenden Wunſch, als in den Beſitz des Geheimniſſes zu kommen, welches Haug ihr verborgen hatte, weil es nicht ſein Eigenthum war, dann glaubte ſie ihm zurückgeben zu können Alles, was er einſt über ihr Haupt aus⸗ geſchüttet hatte, und ſelbſt vollkommen gerechtfertigt zu ſein. Seltſame Verirrung der Begriffe: durch eine fremde Schuld von der eignen erlöſt zu werden! Sie hatte ſich aber in dieſen Gedanken ſchon ſo hineingelebt, weil er ihr die Süßigkeit einer Wiedervergeltung gewährte, und nur Eins kränkte ſie dabei, daß ſie es ihm nicht mündlich ſagen konnte, ſondern nur auf eine ſchriftliche Demüthigung des ſtolzen Tugendhelden ange⸗ wieſen war— jetzt würde ſie ganz anders vor ſeinem Angeſichte geſtanden haben! Den Brief aber, in welchem ſie Alles, was Salvator. 177 ihre Seele um ſo bittrer, weil verdient, getroffen, gegen ihn ausſprechen wollte, hatte ſie in Gedanken ſchon mehr als ein⸗ mal entworfen. An dem Tage ihrer Ankunft, welcher zugleich der Tag des Hoffeſtes war, hatte ſie ſchon den erſten Schritt gethan, näm⸗ lich eine Dame aufgeſucht, deren Namen ſie aus Papieren ihres frühern Gatten, über welche ſie einſt gerathen war, ſich ſorg⸗ fältig gemerkt hatte. Dieſe Frau hatte einſt im Mittelpunkte der Begebenheiten geſtanden, lebte aber jetzt ganz zurückgezogen. Adelheid hatte gefürchtet, ſie gar nicht mehr am Lebenzu treffen, dann blieben ihr jedoch noch mehrere Perſonen, von welchen ſie hier Nachrichten einziehen konnte. Jener Dame hatte ſie ſich unter ihrem jetzigen Namen natürlich vorgeſtellt, aber ihren Be⸗ ſuch gleich dadurch erklärt, daß ſie ihres geweſenen Gatten er⸗ wähnte und auch ihrer Scheidung, mit dem Zuſatz, ſie komme aus dem Grunde, um ihr zu danken, weil ſie ihr, wenn auch ohne es zu wiſſen, die Befreiung aus dem drückenden Verhält⸗ niſſe möglich gemacht habe: ſie wiſſe ſelbſt am beſten, wo⸗ durch. Ddie alte Dame war aber ſehr mißtrauiſch geweſen trotz aller äußern Höflichkeit und nur gegen Ende des kurzen Beſuchs ein wenig aufgethaut, durch Adelheid's liebenswürdiges Weſen be⸗ zwungen. „Sie wiſſen alſo um Alles?“ hatte ſie gefragt. „Haug fühlte, daß er mich unglücklich machte,“ war Adel⸗ heid's Antwort geweſen.„Es war eine ſeltene Ueberwindung, daß er mich wiſſen und leſen ließ, was Sie ihm geſchrieben.“ „Ich habe keine Erwiederung von ihm erhalten!“ ſagte die Dame. Salvator. II. 12 178 Salvator. „Das weiß ich nicht.“ „Wie hatte er meinen Brief aufgenommen?“ „Ich kann nur ſagen, ſehr kalt, wie ſeine Natur mit ſich brachte.“ „Sehr kalt!“ wiederholte die Dame.„O ja, nach Umſtän⸗ „Der Zuſammenhang jener unglücklichen Begebenheit—“ ſagte Adelheid und ſenkte ihr Auge zu Boden— wird fteilich der Welt ein ewiges Geheimniß bleiben müſſen. Und das iſt noch ein Grund meines heutigen Beſuchs, gnädige Frau. Ich habe zwar keine Verpflichtung gegen Haug, und wer weiß, ob er je die heimiſche Erde wieder betritt—“ „Er iſt hier!“ erwiederte die Dame und kreuzte damit Adel⸗ heid's Rede, welche Haug's Heimkehr, um welche ſie doch wußte, ganz unberührt laſſen wollte. „Er iſt hier!“ rief ſie mit wohlerkünſteltem Staunen.„Nach Allem, was ihn davon abhalten konnte, hat er es gewagt—? O dann bin ich meiner Bitte wohl überhoben! Ich wollte Sie bitten, dafür Sorge zu tragen, daß auch wirklich ein ewiger Schleier über jener Angelegenheit ruhe, daher Alles zu vernich⸗ ten, was etwa den Papieren anvertraut iſt und in fremde Hände fallen könnte—“ „Sie meinen, wenn ich ſterbe!“ ſagte die Dame, indem ſie mit ihren dürren Fingern eine reichliche Priſe aus der kleinen goldenen Tabatiere nahm, mit welcher ſie während der ganzen Unterhaltung geſpielt hatte. „Nicht doch, gnädige Frau. Unberufene Augen können zu jeder Stunde über unſere Schriften kommen.“ „Sie haben Recht, liebe Baronin. Trauen Sie aber mei⸗ Salvator. 179 nem Alter zu, daß ich darin ſchon die nöthige Vorſicht bewie⸗ ſen habe. Es macht Ihnen alle Ehre, daß Sie ſich auch nach Ihrer Trennung noch für Haug's Ruf intereſſiren, wie jedoch die Sachen ſtehen—“ ſie zuckte vielſagend die Achſeln und ſetzte, ohne den Gedanken weiter auszuführen, hinzu: Nun, Sie wiſſen ja Alles, wie Sie mir geſagt haben, wir können darin nichts mehr ändern.“ Adelheid glaubte für den Moment genug gewonnen zu haben und brach ihren Beſuch ab. Am Morgen nach dem Feſte war ſie ziemlich ſpät aufge⸗ ſtanden und ftühſtückte nun mit Arnefeld. Beide waren ſehr ſchweigſam. Sie hatten ſich ſeit ihrer Verheirathung ſo ziem⸗ lich Alles geſagt, was ſie ſich zu ſagen hatten, und ſchienen nun mit einander fertig zu ſein. Sehr früh, wir können es nicht läugnen. Der kurze Rauſch war vorüber und kehrte in ſeiner Leidenſchaftlichkeit, welche das höchſte Glück im gegenſeitigen Beſitz dauernd machen wollte, niemals wieder. Doch lebten Beide noch ganz erträglich neben einander. Arnefeld war zu⸗ rückverſetzt in die Zeit ſeiner Ehe mit Emilien und wünſchte nur einen feſten Wohnplatz, um ganz ſeiner leiblichen Wohlfahrt zu leben, die periodiſchen Stürme, welchen er nun einmal ſein Schifflein Preis gegeben hatte, ließen ſich vor Anker beſſer er⸗ tragen. Adelheid, die neben unbeſchränkter Freiheit auch noch die Annehmlichkeiten der Herrſchaft genoß, konnte zufrieden ſein, durch Arnefeld wenigſtens eine geſicherte Stellung in der Welt gefunden zu haben, welche ſie aus einer Klaſſe von Frauen zog, die eine kurze Zeit vielleicht bewundert werden, um ſpäter unrettbar dem Urtheil zu verfallen, auch wenn man ihnen keine eigentlichen Vergehungen nachſagen kann. Ernſtere Gedanken, als gewöhnlich, beſchäftigten heut 122 180 Salvator. Beide. Arnefeld konnte nicht ruhig werden über ſeine Tochter, er mußte wenigſtens an ſie ſchreiben, um ihr ſeine Willensmei⸗ nung zu eröffnen. Adelheid dagegen erwog, auf welche Weiſe ſie heut Rheinberg ſprechen und was ſie ihm ſagen werde, ſie fühlte bei dem Gedanken an ihn jedesmal eine gewiſſe Trau⸗ rigkeit— und einmal war ſie ſchon zu der Frage gekommen, ob ſie mit ihm, deſſen Liebe ſie klar genng erkannt hatte, nicht glücklich und ſtill zufrieden geworden wäre: Stille und Frieden, das war es ja eben, was ihr fehlte, ſie wußte es noch nicht, daß darin das Glück liegt, denn ſie jagte noch dem Glücke nach, das ſie oft ſchon erfaßt zu haben wähnte und das ihr dann ſtets unter den Händen zerrann, um in tanzenden Irrlich⸗ tern ſie wieder von ferne zu locken. Bei dem Schweigen, das im Zimmer herrſchte, nur von einem gelegentlichen Schlürfen des Mocca unterbrochen, wäh⸗ rend Mann und Frau ihren Gedanken nachhingen, konnte man von Außen die verſchiedenen Regungen des Gaſthoflebens ver⸗ nehmen: der Kellner Treppenſprünge, Klingeln aus dieſer oder jener Etage, weiblicher Sopran nach irgend einem Stu⸗ benmädchen rufend, und Stimmen vorübergehender Gäſte im Corridor. Auf einmal wurde ihre Thüre aufgeriſſen, etwas ſtürmiſch trat ein fremder Mann ein, der ſein Zimmer verfehlt haben mußte, denn er bat um Verzeihung beim Anblicke des Paares und wollte gleich wieder hinauseilen. An der Schwelle wandte er ſich jedoch noch einmal um und fragte: Können Sie mir vielleicht ſagen, ob Herr von Haug in dieſem Gaſthofe ſchon angekommen iſt?“ Adelheid ſah den Fremden betroffen an, ihr Gatte gab eine kalt verneinende Antwort, kehrte ſich aber, als der Eingedrun⸗ Salvator. 181 gene das Zimmer verlaſſen hatte, um ſo eifriger zu ſeiner Frau: Welcher Haug?“ „Weiß ich es?“ entgegnete ſie.„Ich kann mir nicht denken, daß der Vater— noch weniger, daß Er—“ „Warum nicht?“ rief Arnefeld.„Wir haben hier ſchon ſo viele Ueberraſchungen erlebt, daß ich auch noch auf eine grö⸗ ßere gefaßt bin. Jedenfalls wäre es eine höchſt intereſſante Begegnung und könnte ſich dramatiſch genug geſtalten. Ich habe noch nicht die Ehre, meinen glücklichen Vorgänger, bei dem Du mich ſo lange vergeſſen haſt, zu kennen, und bin ge⸗ ſpannt, ob er an Schönheit ſeinem Vater gleicht.“ „Er iſt ein Mann, Arnefeld, und wenn ich ihn tödtlich haßte, dieſe Anerkennung wäre ich ihm ſchuldig.— Aber be⸗ gegnen mag ich ihm nicht!“ Sie war aufgeſtanden und lang⸗ ſam nach dem Fenſter gegangen, nicht ohne einen prüfenden Blick in den Spiegel, welcher ihr heut keine günſtige Antwort gab.„Doch“— begann ſie nach einer Weile wieder— „fliehen vor ihm, das will ich auch nicht, ich habe keine Urſache dazu, hier am allerwenigſten, hier iſt mein Terrain jetzt und ich werde es behaupten. Wir bleiben hier, Adolar. Du wirſt ſo gütig ſein, Dich zu erkundigen, ob es wirklich Haug iſt, der hier erwartet wird, und wer der Fremde war, der uns die angenehme Nachricht brachte.“ Im Gaſthofe wußte man von Richts, und der Fremde, wel⸗ cher nach Haug gefragt hatte, war ein Freiherr von Woldeck, er hatte, falls Haug noch heut ankommen würde, einen Brief an ihn zurückgelaſſen und war auf zwei Tage abgereiſt, hatte ſein Zimmer jedoch behalten. Der Wirth erzählte, daß er zu einer größern Geſellſchaft gehöre, welche vorgeſtern erſt ſein 182 Salvator. Hotel beehrt, er ſei Bräutigam einer ſehr reichen Erbin aus dem ſüdlichen Deutſchland und nur wegen des Herrn von Haug hier zurückgeblieben, welchen Alle mit großer Sehnſucht hier erwartet hätten.“ „Es ſoll nicht ſein!“ dachte Adelheid bei ſich.„Als ich geſtern dies gute ehrliche Geſicht, das es wahrhaft treu mit mir gemeint hat, wiederſah, glaubte ich wirklich, daß ich mich ihm wie einem Freunde vertrauen könnte— ich hätte ihn ſo gern geſprochen! Aber nun iſt wieder Alles anders! Ich kann meinen Plan nicht aufgeben, der Handſchuh iſt einmal aufge⸗ hoben, der Kampf muß ausgekämpft werden.“ Und dennoch mußte ſie immer wieder an Rheinberg und ſeine geſtrigen Worte denken, dennoch hätte ſie ihn ſo gern ge⸗ ſprochen! Es wäre vielleicht für ſie ein wahres Glück ge⸗ weſen. Aber Leo war ſchon bei Tagesanbruch abgereiſt. Ein herzliches Billet an ſeine Coufine, in welchem ſie Manches zwiſchen den Zeilen leſen konnte, enthielt zugleich die Bitte, dem Arnefeld'ſchen Ehepaare, dem er ſich nicht mehr empfehlen können, bei nächſter Begegnung ſein e zu bringen. Alles wieder im Gleiſe der Formenwelt! An der fürſtlichen Tafel, zu welcher Arnefelds gezogen wurden, konnte ſich Fanny ihres Auftrags entledigen. Sie that es mit einer gewiſſen Zurückhaltung, welche vielleicht in frühern Aeußerungen ihres Vaters über dieſe Frau, welche er in ihrer Mädchenzeit gekannt hatte, vielleicht aber auch in näher liegenden Beziehungen ihren Grund hatte. Adelheid, welche die erſtern nicht kannte, hielt ſich an letztere, denn Fanny's Benehmen hatte ſie gereizt: das junge Weſen hatte ſchon einen unglaublich nichtachtenden Blick, wenn ſie ſich von Fremden Salvator. 183 abgeſtoßen fühlte, ſelbſt ihre Prinzeſſin hatte ſie bereits dar⸗ über getadelt. Wenn aber Adelheid gereizt war, dann ſchien es, als ob ihre äußere Liebenswürdigkeit in bezauberndem Maße zunehme, und beſonders vortheilhaft war es dabei für ſie, daß eigentlich Niemand ſie der Koketterie beſchuldigen konnte. Auch heut, wo ſie neben dem Prinzen Ferdinand ſaß, war ſie von einer Anmuth in ihrem Weſen ſowohl, als in der Unterhaltung, daß dieſer bald nur Augen für ſeine Nachbarin hatte, ihre Stimme hatte einen Wohlklang für ihn, wie er ihn von der gefeiertſten Künſtlerin der erſten deutſchen Bühne nicht gehört zu haben glaubte. Fanny war ſchweigſam von Natur, der Cavalier, der neben ihr ſeinen Platz hatte, verſicherte nach⸗ her, daß eine ſo ſtumme Perſon ihm noch nie begegnet ſei, und dabei habe ſie eine ſo ſtolze, verächtliche Miene, daß man ſich völlig von ihrer Nähe niedergedrückt fühle; was helfe da ihre große Schönheit, er lobe ſich eine muntere Erdentochter, ſtatt dieſer todten Marmorgöttin. Ueber Tafel wurde ein draſtiſches Erlebniß vorgetragen, welches einer hohen Frau aus königlichem Hauſe in ihrer Mildthätigkeit vor Kurzem begegnet war. Bei ihrem längern Aufenthalte in der Provinz hatten ſich gar Viele die Ehre von ihr ausgebeten, chriſtliche Pathenſtelle bei ihren Täuflingen anzunehmen, und reiche Geſchenke, welche den Aermern dabei immer zu Theil wurden, hatten immer mehr ſolcher Geſuche zur Folge gehabt. Die Prinzeſſin war denn auch wohl ſelbſt hier und da als Spenderin des Glückes in den Häuſern er⸗ ſchienen. Bei einem dieſer Wochenbeſuche, wo die Mutter noch im verhangenen Bett mit ihrem kaum aus den Kiſſen ſichtbaren Kinde ruhte, hatte ſie theilnehmend geftagt: wie alt Salvator. nun das Kleine ſei? worauf ein Stimmchen aus dem Bette erſchollen:„Zwei Jahr!“ Dies Pröbchen einer neuen Induſtrie, welches durchaus nicht erfunden, ſondern wahr iſt, wurde vom Fürſten ſelbſt er⸗ zählt und an der Tafel mit großer Heiterkeit aufgenommen, nur Fanny verzog keine Miene. Sie hatte vielleicht die ganze Erzählung nicht einmal gehört. Das Auge der Frau von Arnefeld begegnete in dieſem Momente dem ihrigen: Beide ſchienen ſich zu meſſen, auch Adelheid wurde ernſthaſt, aber gleich darauf ſprühte wieder ſpottende Luſt aus ihren Zügen. Nach aufgehobener Tafel fand Prinz Ferdinand eine un⸗ beobachtete Minute, ſich Fanny zu nähern.„Endlich!“ flüſterte er mit dem alten Tone, der wie ein Zauberſchlag an ihr herb zuſammengezogenes Herz drang.„O dieſe unerquicklichen Stunden! Wann wird doch die Zeit kommen, wo uns aller Zwang fern bleiben darf— Sie waren nicht froh, meine Fanny?“ „Ich bin es jetzt!“ ſagte ſie und ihr Blick ſtrahlte dem ſei⸗ nigen entgegen. „So liebe ich Ihr reizendes Geſicht. Mittwoch alſo? Dieſe Bälle, wie wenig Freude machten ſie mir ſonſt! Nun ſind ſie mir die Lichtpunkte des ganzen Winters, denn ſie füh⸗ ren mich mit Ihnen zuſammen, wo wir ein Recht haben, uns ungehindert zu ſprechen.“ Was ſie ihm darauf noch unter dem Einfluſſe ihrer Stim⸗ mung während der Tafel erwiederte, reizte ihn zu einem muth⸗ willigen Gelächter.„So wenig Vertrauen? Aber Sie glau⸗ ben das ſelbſt nicht, Sie wiſſen es beſſer.“ „Ja, ich weiß es beſſer und ich vertraue Ihnen, erwiederte Salvator. 185 Fanny leiſer.„Ohne dies Vertrauen——“ ſie ſchenkte ihm einen Blick, welcher ihm ſagte, was ſie auf den Lippen behielt, und trennte ſich dann ſchnell von ihm. „Liebe Rheinberg,“ äußerte die Prinzeſſin ſpäter,„ich finde es ganz angemeſſen, wenn eine junge Dame decent iſt. Aber es giebt da auch eine Grenze, über welche hinaus man lächer⸗ lich wird.“ „Was meinen Durchlaucht?“ fragte Fanny erſtaunt und gekränkt. „Ich meine Ihre Prüderie bei der harmloſen Geſchichte, welche der Fürſt erzählte, Sie benahmen ſich gradezu beleidi⸗ gend. Viel rathſamer wäre es, ſich mehr zurückhaltend in Ihrer Converſation mit jungen Männern zu zeigen. „Durchlaucht!“ ſagte Fanny mit blitzenden Augen. „Ja, ja, Kleine!“ beſtätigte die Prinzeſſin.„Sie wiſſen es wahrſcheinlich ſelbſt nicht, daß Sie Aufſehen dadurch er⸗ regen— und ich liebe das nicht an meinen Damen.“ „Aber ich ſpreche faſt nie— ich wüßte nicht, daß ich mit jungen Männern irgend eine Converſation gepflogen hätte.“ „Das iſt eben ſchlimm, mein Kind. Sie nehmen gegen die jungen Leute Ihres Standes grands airs an, wodurch Sie dieſelben von ſich fern halten und beleidigen— und wo ſich Ihnen ein Mann über Ihrem Stand naht, ſchmilzt Ihr Froſt in einer Weiſe, welche der Renommee ſchaden muß. Wenn Sie mich nicht verſtanden haben, ſo denken Sie darüber nach. Ich meine es gut mit Ihnen, Rheinberg.“ Sie ließ Fanny in großer Bewegung zurück. Auf ihren Wangen kämpfte Gluth und Bläſſe, ihre Augen waren von Thränen gefüllt, aber mehr und mehr verſiegten dieſe vor dem 186 Salvator. Feuer eines ſtolzen Triumphs, das ſich Bahn aus ihrem zuver⸗ ſichtlichen Herzen brach. Was kümmerten ſie die Nebel und Wolken eines Augenblicks, wo doch ſo bald die Sonne in lich— ter Glorie aufgehen ſollte?„Wie beſchämt und gedemüthigt werden dann Alle vor mir ſtehen, welche Das nicht für mög⸗ lich gehalten!“ 3. Eberhard Haug hatte ſich, wir wiſſen es, durch die Mit⸗ theilungen ſeines Vaters bewogen, zu Schritten entſchloſſen, welche die Makel, die ihn unverſchuldet getroffen hatten, glän⸗ zend austilgen ſollten. Damals war das unmöglich geweſen, ſonſt würde er nicht das Feld geräumt haben, belaſtet mit ent⸗ ehrendem Verdachte. Jetzt aber ſtand die Sache anders. Der Schleier, welcher das eigentliche Verbrechen deckte, jenen heim⸗ lichen Zweikampf, der faſt ausſah, wie ein Mord, und ſeinen Zuſammenhang mit andern niedrigen und widerwärtigen Din⸗ gen, dieſer Schleier war zwar noch nicht gelüftet, aber aus einem Briefe, welchen der Oberſt vor einiger Zeit erhalten hatte, ging hervor, daß es vielleicht nun möglich ſein werde, den Beweis der Schuldloſigkeit ſeines Sohnes zu führen. Dieſer Brief war von der Dame geſchrieben, welche in die Sache eingeweiht war und noch immer im vollen Glauben an Eberhard's Schuld lebte, wie ſie es auch in einem frühern an Eberhard ſelbſt gerichteten Schreiben ausgeſprochen hatte, das Salvator. 187 bittere Vorwürfe auf ihn häufte und von Adelheid geleſen worden, ſie wußte am beſten, wie es in ihre Hände gekommen war— allerdings zu ſpät, um noch von der Waffe, die es in ihre Hand gab, gegen ihn Gebrauch zu machen. Eberhard hatte den Brief erhalten, noch ehe er Europa verließ, er hatte verſchmäht, darauf zu antworten, denn welchen Glauben konn⸗ ten ſchriftliche Betheurungen finden, nachdem das mündliche Wort überall ſo ſchnöde zurückgewieſen worden war? Die Dame hatte ſich dann beruhigt, als ſie von ſeiner Auswande⸗ rung gehört hatte, und erſt neuerdings, durch einen Umſtand, welcher die alte, nun ſchon mit Grabesmoos überwachſene Geſchichte wieder in dem Gedächtniß ihrer Zeitgenoſſen auf⸗ gefriſcht hatte, war ſie bewogen worden, ſich um eine Auskunft an den Vater des Unſeligen zu wenden. Es war nämlich bei einer Auction in der kleinen Reſidenz, wozu der Nachlaß eines ſchnell verſtorbenen Wucherers und Pfandleihers kam, eine Buſennadel mit Brillanten verſteigert worden, welche unter den Damen von gewiſſen Jahren, als ſie bei einer öffentlichen Gelegenheit wohlaufgeputzt und vom Roſte des Alters befreit am Halſe des Käufers erſchien, eine elektriſche Wirkung her⸗ vorbrachte. Dieſe Nadel, in ihrer einzigen Fagon gar nicht zu verkennen, hatte am Jabot damaliger Mode des vollendet⸗ ſten Cavaliers mehr als ein ſchönes Auge verblendet— und grade die Dame, welche ſich als Mutter einer von ihm Bevor⸗ zugten dazu berechtigt ſah, hatte an dem letzten Abende ſeines Lebens das werthvolle Kleinod, das, gleichſam wie eine Vor⸗ bedeutung, losgehäkelt abzufallen drohte, auf dem gefältelten Chemiſett mit eigenen Händen befeſtigt. Es war mit andern werthvollen Sachen, die er bei ſich getragen, vermißt worden, Salvator. als man ihn am andern Morgen todt niedergeſtreckt im Buch⸗ walde fand— wie war es nun in den Beſitz jenes Wucherers gekommen? Daß dieſer es gleich damals an ſich gebracht hatte, bewies die Jahreszahl auf dem Papier, in welchem es verſiegelt geweſen, aber ein noch böſeres Zeichen hatte ſich auf demſelben Papier gefunden, es waren die Worte:„Auf Ehren⸗ wort einzulöſen. Geſchworen, bis dahin nicht zu verkaufen. Gefährlich.“ Dem Gericht waren ähnliche Notizen ſchon öfter vorgekommen, es hatte keine beſondere Wichtigkeit darauf ge⸗ legt— erſt als des Gerichtsdirectors Gemahlin, welche einſt auch für den vollendeten Cavalier(wir nennen in dieſer ganzen Angelegenheit keine Namen) geſchwärmt hatte, die Nadel, wie all ihre Leidensgefährtinnen, neuerdings erkannte und ihrem Gatten ſagte, weſſen Eigenthum dieſelbe geweſen war, er⸗ hielten die Worte auf dem umhüllenden Papier eine Bedeu⸗ tung. Zu einer neuen Procedur lag jedoch weiter nichts vor, der Pfandleiher, von deſſen Handſchrift die Worte waren, hatte ſonſt nichts vermerkt, was den Mann, welcher bei ihm die Nadel verſetzt, hätte errathen laſſen, die allgemeine Stimme hatte ſchon früher das Urtheil geſprochen. Aber die Dame, welcher jene blutige Kataſtrophe den Eidam geraubt hatte, glaubte ſich nun berechtigt, da ſie den Aufenthalt des vermeint⸗ lichen Thäters nicht kannte, ſeinem Vater dieſe neue Ent⸗ deckung, welche beſtätigte, daß endlich Alles an das Licht der Sonne kommen müſſe, mitzutheilen und ihn auf ſein Ehren⸗ wort zu fragen, ob er wiſſe, wo ſein Sohn gegenwärtig ver⸗ weile ſie fühle ſich verpflichtet, nochmals an ihn zu ſchreiben, da ſie unmöglich glauben könne, daß er ſein Opfer noch be⸗ raubt habe. Ihre Intereſſen ſeien aber zu ſehr mit einem Wie⸗ Salvator. 189 derfinden auch vermißter Papiere des Gefallenen verknüpft, als daß ſie nicht jeden, auch den ſchwächſten Schimmer ver⸗ folgen müſſe, welcher zum Lichte führen könne.— Der Oberſt hatte ihr gleich geantwortet, daß er glücklicherweiſe den Auf⸗ enthalt ſeines Sohnes erfahren habe und nicht daran zweifle, von ihm, an den er nun wiederholt ſchreiben werde, ein Lebens⸗ zeichen zu erhalten, ja er hoffe ſogar auf ſeine Heimkehr und dann werde ſich Alles weiter entwirren: ſie möge bis dahin ſich gedulden, dann aber werde ſie über ihr vorſchnell geſpro⸗ chenes Urtheil beſchämt werden. Gleich nach Eberhard's An⸗ kunft hatte er dieſe ſodann der Dame gemeldet, ohne weitern Zuſatz, als daß ſie darauf rechnen könne, ihn binnen Kurzem zu ſehen. Daher wußte ſie um ſeine Rückkehr und konnte ſeiner geſchiedenen Frau, welche in anderer Abſicht zu ihr kam, davon Mittheilung machen. Eberhard hatte mit ſeinen Freun⸗ den aus Süddeutſchland, denen er Nichts vorenthielt, was ihn ſelbſt betraf, auch die Schritte beſprochen, welche er unter⸗ nehmen wollte, und im ſpätern Briefwechſel hatten ſie ſich ver⸗ abredet, unterwegs zuſammen zu treffen, als ſie die Reiſe nach Norden antraten. In der kleinen Reſidenz haben wir auch den Freiherrn von Woldeck, den Verlobten der jungen Moos, ge⸗ ſehen, wie er nach Eberhard forſchte, er hatte aber vergebens auf ihn gewartet, und als er, von ſeinem zweitägigen Ausfluge zurückgekehrt, ihn noch nicht gefunden, war er den Seinigen nachgereiſt. Vorher hatte er jedoch dem Arnefeld ſchen Paare, mit welchem er durch jene zufällige Verwechſelung der Thüren, wie ſie in Gaſthöfen öfter vorkommt, bekannt geworden war, noch einen Beſuch gemacht, beſonders da ihm die Dame an der Table d'höte geſagt hatte, daß ſie Haug genau kenne. In Salvator. ſeiner Offenheit wäre er faſt ſo weit gegangen, ihr den Brief anzuvertrauen, welchen er für Haug in die Hände des Wirths gegeben hatte: Adelheid fragte ihn aber ſelbſt lächelnd, wer ihm denn eine Bürgſchaft gewähre, daß ihre Worte wirklich begründet ſeien, worauf er es dann unterließ. „Naive, liebenswürdige Naturen, dieſe Süddeutſchen!“ ſagte ſie zu ihrem Manne. Wie weit find wir doch von die⸗ ſer Urſprünglichkeit abgewichen! Ich hätte den Brief aber nicht ablehnen ſollen!“ „Und wenn er Dir wirklich den Brief gegeben hätte,“ er⸗ wiederte Arnefeld, ſich in die Kiſſen des Sopha's einſenkend,“ ſo würdeſt Du ihn geleſen haben, das bedeutet doch Deine Reue?“ „Deſſen wärſt Du vielleicht fähig!“ ſagte ſie zurückweiſend. „O zwiſchen uns keine Masken! Ich erinnere Dich an den erſt heut beſprochenen Brief einer gewiſſen hieſigen Dame an Deinen vorigen Herrn und Gebieter—“ „Ich las ihn, ja!“ verſetzte ſie heftig.„Den Beweggrund ſollſt Du mir aber nicht in die Gemeinheit ziehen.“ „Ach, mein Kind die Beweggründe unſerer ſchlimmſten Streiche ſind oft ſo edel geweſen, Schade nur, daß es Nie⸗ mand glaubt, außer wir ſelbſt.— Ohne Zweifel würdeſt Du alſo den Brief diesmal nicht geleſen haben, darf ich alſo fra⸗ gen, was er Dir nützen ſollte?“ „Eine Brücke ſollte er ſchlagen über die Kluft, welche mich jetzt von Haug trennt. Seinem Feinde muß man unter die Augen gehen können, wenn man ihn bekämpfen will.“ „O, es giebt ja Pfeile und Kugeln, welche auch jenſeit einer Kluft treffen!“ ſagte er ſpottend. Salvator. 191 „Dieſe überlaſſe ich der Feigheit!“ verſetzte ſie mit einem Blicke von vernichtender Bedeutung. Sie hatte ihre Zeit, ehe Haug ankam, noch genutzt. Ein zweiter Beſuch bei der Dame, die im Beſitz aller Fäden ſchien, welche den Kern des dunkeln Räthſels umſpannten, hatte fie belehrt, daß die Verdachtsgründe wider ihren frühern Gatten beſonders auf einer Feindſchaft beruhten, welche zwiſchen ihm und jenem Cavalier beſtanden hatte. Die Urſache dazu ſchien der alten Dame wohl bewußt, aber ſie äußerte ſich nicht darüber. Adelheid bezweifelte in ihrem Herzen, daß die Feindſchaft eine gegenſeitige geweſen ſei— wie ſie auch von Haug denken mochte, das wenigſtens mußte ſie anerkennen, daß er gegen Niemand auf der Welt, ſelbſt gegen ſeine ärgſten Widerſacher nicht, eine Feindſeligkeit in ſeinem Herzen aufkommen ließ. Dann war es ihr gelungen, die alte Dame durch Reminiſcen— zen ſo weit zu erwärmen, daß ſie den letzten Abend, wo ſie mit dem Verlobten ihrer ſeitdem auch geſtorbenen Tochter bei einem Hoffeſte zuſammen geweſen war, mit ziemlich lebhaften Farben ſchilderte— aber nur bis auf einen gewiſſen Punkt, den Zwiſt nämlich, nach welchem Haug unmittelbar das Feſt verlaſſen hatte; als ſie bis dahin gekommen war, hatte ſie gleichſam einen grauen Vorhang über das glänzende Bild nie⸗ derrollen laſſen, den ſie auch nicht wieder lüftete.— Von den neuern überraſchenden Ermittelungen war aber doch ſo viel in das Publikum gekommen, daß Adelheid durch den Wirth, mit welchem ſie ſich oft in ein Geſpräch einließ und ihn dadurch ganz für ſich gewann, von der Brillantnadel etwas erfuhr. Sie forſchte ſehr geſpannt nach den nähern Umſtänden, auch nach der Form des Schmuckes. Die erſtern berichtete der 192 Salvator. Wirth in freier Uebertragung, die letztere kannte er nicht, denn er hatte die Nadel nicht geſehen. Adelheid brannte vor Be⸗ gier, nur einen Blick auf dies verrätheriſche Kleinod thun zu können— es war aber in den Händen des Gerichts, und ſie hatte von jeher einen Abſcheu vor allen gerichtlichen Procedu⸗ ren, ſelbſt in Geldangelegenheiten, ſo daß ſie um keinen Preis einen Schritt gethan hätte, welcher ſie in das Netz einer Un⸗ terſuchung verwickeln konnte. Auf Haug's Ankunft war ſie nun gefaßt, ſie hatte ſich täglich mit dem Gedanken ſo ver⸗ traut gemacht, daß ſie nicht fürchten konnte, in irgend einer Si⸗ tuation, ſelbſt bei überraſchender Begegnung, aus der Faſſung gebracht zu werden— ſie dagegen hoffte ſehr ſtark darauf, durch ihre plötzliche Erſcheinung auf ihn eine große Wirkung zu machen, und vortheilhaft, wie es ſchien, wollte ſie ihm un⸗ ter die Augen treten, denn ihre Toilette war ſelbſt bei den täglichen Ausflügen in die umgegend, welche den Vorwand für ihr längeres Bleiben bildeten, von der ausgeſuchteſten Ele⸗ ganz, ſo daß es beſonders dem Prinzen Ferdinand, welcher das an Frauen über Wes liebte, bei mehrmaliger Begegnung auffiel. Er konnte ſich nicht enthalten, einen Vergleich mit einer jungen Dame anzuſtellen: dieſe hatte vor Frau von Ar⸗ nefeld Jugendfriſche und Liebreiz der Züge voraus, auch war ihre Toilette immer höchſt geſchmackvoll, aber doch zu einfach, viel zu einfach! Wie entzückt war er daher, an dem Mittwochfeſte zu ſehen, daß ſeine Wünſche erfüllt worden waren, und zwar in einem Grade, welcher ihm bewies, daß er unumſchränkter Gebieter jenes gegen alle Welt ſonſt ſo ſtotzen Herzens ſei! Fanny Rheinberg erſchien in einer Robe vom ſchwerſten blaßgelben Salvator. 193 Seidenſtoff, mit den werthvollſten Blonden verziert, ſo reich und mit dem feinſten Geſchmack gefertigt, daß es nur aus dem Atelier eines der erſten Künſtler in einer Hauptſtadt von eu⸗ ropäiſcher Bedeutung hervorgegangen ſein konnte, es war außerdem wie durch Inſpiration auch dem jugendlichen Alter der Trägerin vollkommen angepaßt, ſo daß ſie in jeder Hin⸗ ſicht als die Krone des Feſtes erſchien und neben ihr Alles, was ſich noch ſo ſehr daheim vor dem Spiegel über die hübſche Toilette gefreut hatte, farb⸗ und glanzlos erblich. Wie trau⸗ rig für Dich, arme Fanny! Schon in den Appartememts Dei⸗ ner Prinzeſſin hatteſt Du über die Anmaßung Deines Anzugs bedeutenden Tadel erfahren, der ſich noch verſchärfte, als Du die Fürſtin zu erinnern wagteſt, daß ſie Dich einſt wegen des Gegentheils geſcholten. Aber das war nur das Vorſpiel. Mit Deinem Eintritt in die Feſträume wuchs die Zahl Deiner Wi⸗ derſacherinnen, wie eine Lawine— Du hatteſt nie viel Freunde gehabt, armes einſames Kind, es iſt Manchem nicht gegeben, ſich durch viel äußere Geſchmeidigkeit und liebeſüchtiges Weſen beliebt zu machen, Dein ſchweigender Mund, Dein ruhiger Blick hatte Dich für ſtolz erkennen laſſen— ſeit aber der ſchöne Prinz ſich um Deine Gunſt ſo offenbar bemühte, ihm Dein Auge Liebe ſtrahlte, warſt Du auch angefeindet worden, und heut, dieſer königliche Anzug, welcher alle Prinzeſſinnen neben Dir verdunkelte, heut wurdeſt Du geächtet! Aber das kümmerte dies in ſeiner heiligen Tiefe unent⸗ weihte Herz nicht! Sie war beſeligt, ſie wußte es, daß ſich ihr Glück unmittelbar entſcheiden mußte. Wie konnte ſie Worte anders beziehen, welche ihr im Tanz und in jedem Momente, wo ihr der Geliebte nahe war, mit ſolcher Gluth und Hinge⸗ Salvator. 1I. 13 194 Salvator. bung geſagt wurden? O es war ihr ein Hochgefühl, mächtig genug, ſie über dieſe kleinlichen Kränkungen, welche ſie nicht verkannte, hinweg zu tragen! Welche Wonne durchzitterte ſie, wenn ſie dabei zugleich an ihren heißgeliebten Vater dachte, der Moment war nah, wo ſie eine Fülle des Glückes auch über ihn verbreiten, die theure Schweſter wieder an ihr Herz ziehen konnte— warum zögerte Ferdinand noch, den letzten Schritt zu thun, der ihre Liebe krönen ſollte? Die Einwilli⸗ gung ſeines Vaters, konnte ſie ihm verſagt werden, da er un⸗ abhängig war? Die Prinzeſſin hatte in dem runden Kabinet, wo ſie ſich eine Zeitlang während des Tanzes geruht hatte, ihren Fächer vergeſſen, Fanny ging, ihn zu holen. Die zahlreichen Gäſte hatten ſich meiſt in den Räumen zunächſt dem Ballſaale zu⸗ ſammen gedrängt, in der kleinen reizenden Rotunda, welche, nur für die fürſtlichen Perſonen beſtimmt, am Ende der En⸗ filade lag, war kein Menſch. Fanny nahm den Fächer und wollte eilig umkehren, als ſie mit einem ſüßen Schreck den Prinzen erblickte, welcher ihr gefolgt war. „Sie erſchrecken? Was haben Sie von mir zu fürchten?“ ſagte er zärtlich, indem er ihre Hand ergriff. Es war das erſte Mal, daß Beide ganz allein waren. Fanny ließ ihm, obſchon tief erröthend, ihre Hand und ſagte:„Sie wiſſen es, daß ich Ihnen vertkaue!“ „O ich weiß auch, daß Sie mich lieben! Wie ſoll ich Ihnen danken für den Beweis Ihrer Liebe, den ſie mir heut durch die Erfüllung meines Wunſches gegeben haben! Eilen ſie nicht von mir—“ „Die Prinzeſſin—“ Salvator. 195 „Sie kann Ihnen nicht zürnen, denn ſie hat auch mich lieb.“ „Ske weiß?“ rief Fanny in ihrer leidenſchaftlichen Erre⸗ gung.„Sie haben ſich erklärt? Ihr Vater— o es mag Ih⸗ nen wohl Kämpfe gekoſtet haben, mein Ferdinand, des Für⸗ ſten Herz mit der Idee, mich— eine Tochter nur adeligen Stammes“— plötzlich ſtockte ſie, ein Stich, wie von einem Dolch, kalt wie Eis, ging ihr mitten hinein in das Ner⸗ vengeflecht ihres Daſeins, denn ihr Auge, in trunkener Se⸗ ligkeit ſich in des Geliebten Auge ſenkend, hatte eine darin aufſteigende ſeltſame Unruhe, ein wachſendes Staunen be— merkt, das ſich vergebens bekämpft, auch über ſeine Züge mit einer heißen Verlegenheit ausbreitete. Fanny's Blut ſtürzte zum Herzen zurück, ſie ſtand tödtlich blaß vor ihm, es war ein furchtbarer Moment, gedankenſchnell heraufbeſchworen. „Meine Damen— ich bitte—“ ſagte hinter ihr eine ſchnei⸗ dende Stimme, es war die Prinzeſſin, von zwei der Vor⸗ nehmſten im Lande begleitet, der Prinz ſah, daß ſie den Fin⸗ ger mit ſtrengem Ausdruck auf den Mund legte, worauf die Damen raſch verſchwanden. Er hätte für das arme Kind, das ſeine Unbedachtſamkeit jetzt dem nahenden Gericht unter⸗ worfen, eine bergende Wolke, ſie allen Augen zu entrücken, erſehnt, die heißeſten und auch die großmüthigſten Wünſche ſtürmten in ſeiner Seele— überlaſſen konnte er ſie der ſtren⸗ gen Frau nicht, er mußte handeln, mußte wenigſtens für ſie ſprechen! Aber die Gefahr des Augenblicks hatte eben ſo ſchnell, als ſie einbrach, die Seelenkraft des jungen Mädchens wunderbar von Neuem geſtählt. Sie war verrathen und verloren— aber den Triumph über ſie gönnte ſie keinem Sterblichen. Hier 132 196 Salvator. gab es nichts zu erklären, nichts zu ſchonen mehr, ein Ent⸗ ſchluß, dunkel zwar noch in ſeinen Umriſſen, aber doch ihr Weſen ſchon durchdringend— wie der Tropfen jenes cosme⸗ tiſchen Mittels, auf die Stirn genetzt, immer weiter ſeine Kreiſe von milchweißer ätheriſcher Färbung zieht— ein Entſchluß, der ſie über alle Rückſichten erhob, gab ihr den Muth eines Blickes auf den Prinzen, der ihn traf wie ein zermalmender Blitz, dann reichte ſie der Prinzeſſin den Fächer und ſah ihr mit weit geöffnetem Auge voll in das Antlitz. Ihr Mund war krampf⸗ haft geſchloſſen, kein Tropfen Blutes in ihren Wangen. De gräce, mon neveu!“ ſagte die Prinzeſſin mit einer vielbedeutenden Bewegung ihrer Hand. „Gnädige Tante, hier ſcheint ein unbegreifliches Mißver⸗ ſtändniß zu walten!“ rief der Prinz.„In Ihrem Blicke, in dem Benehmen der beiden Damen, welche ſich auf Ihren Befehl entfernten,— ich bin es der Ehre dieſer jungen Dame ſchul⸗ dig—“ „Mir gütigſt die Sorge dafür zu überlaſſen!“ unterbrach ihn die Prinzeſſin.„Sein Sie ganz ruhig, ich bitte, keine Scene!— Wir kehren zur Geſellſchaft zurück, Fräulein von Rheinberg.“ „Erlauben Sie mir, mich ganz zurückzuziehen, Durchlaucht,“ ſagte Fanny tonlos, noch immer den ſtarren Ausdruck im Auge, wie in all' ihren Zügen, welchen die Prinzeſſin erſt jetzt zu bemerken ſchien. „Sind Sie krank?“ fragte ſie mit einer Wiederkehr ihres herzlichen Tones, und auf einen erneuten, ungeduldigen Wink entfernte ſich jetzt ihr Neffe, nachdem er ihr noch ein Paar Worte ſehr eindringlich in die Ohren geflüſtert hatte. Er war ganz Salvator. 197 außet aller Faſſung, ihn ſelbſt hatte die Idee, in welcher Fanny ſeine Huldigung aufgenommen hatte, ſo überraſcht und in die peinlichſte Verlegenheit geſetzt, daß er jetzt beinah froh über die Unterbrechung war, er hätte ſonſt nicht gewußt, was er auf dieſe Rede Fanny's erwiedern ſollte. Eigentlich, was war denn auch bei dieſer Ueberraſchung für Noth? Ein zufälliges Teéte⸗à⸗Téte mit einer ſchönen Hofdame— iſt das ein Verbre⸗ chen? Die Dame hatte es nicht geſucht, denn ſie war von der Prinzeſſin geſchickt worden, ſie traf kein Vorwurf, er konnte ſie alſo getroſt ſeiner Tante überlaſſen, welche ſie ja ohnehin, wie er aus ihrem eigenen Munde gehört hatte, zärtlich liebte, freilich nach ihrem eigenen Begriff von Tendreſſe. „Rheinberg, Sie compromittiren mich—“ begann die Prin⸗ zeſſin ſtreng, als ſie mit Fanny allein war. Wie können Sie Ihr Betragen entſchuldigen?“ „Ich entſchuldige nichts, Durchlaucht— ich klage auch Niemand an, als mich ſelbſt—“ Mein Gott!“ rief die Prinzeſſin, über den Ausdruck ihrer Worte, welchen ſie ganz falſch verſtand, erſchreckend. Fanny, vertrauen Sie ſich mir! Sie ſind ein allzu verſchloſſenes Kind— Sie haben keine Mutter, ich vertrete hier deren Stelle. Oeff⸗ nen Sie mir Ihr Herz— was auch geſchehen iſt, ich werde Alles ausgleichen.“ „Können Sie das?!“ entgegnete Fanny mit einer ſtolzen Bitterkeit. Fräulein, dieſer Ton geziemt Ihnen nicht, Sie ſollten de⸗ müthig ſein,“ verſetzte die Prinzeſſin beleidigt.„Gehen Sie— ich gebe Ihnen Erlaubniß, ſich auf Ihr Zimmer zurückzuziehen. 198 Salvator. Dort erwarten Sie morgen meine weitern Befehle!“ Sie ver⸗ ließ die Rotunda, ohne ihr noch einen Blick zu ſchenken. Fanny ging mit feſtem Schritt durch die anſtoßenden Zim⸗ mer bis zur Ausgangsthüre, dann flog ſie in raſchem Lauf über den Corridor, die nächſte Treppe hinauf, den langen Gang des höhern Stocks entlang, bis ſie ihr Zimmer erreichte. Dort überraſchte ſie ihr Mädchen, das in der Chaiſe⸗longue einge⸗ ſchlafen war, ſie ſagte ihr nichts, obgleich ſie ſonſt heftig wer⸗ den konnte, nur das Kleid ließ ſie ſich löſen, dann verabſchie⸗ dete ſie die Dienerin, ihre beſorgte Frage, ob ſie unwohl ſei, mit einem ſanften: Nein!“ zurückweiſend, und ſchloß hinter ihr die Thüre. Sobald ſie allein war, ſank ſie, wie eine ge⸗ brochene Blume, zuſammen. Aber keine Thräne löſte den Krampf ihres Innern, ſie fühlte Qualen, welche ſie kaum faſſen konnte, ſie hätte den Tod in dieſem Momente für eine Wohl⸗ that gehalten, ihr leidenſchaftliches, unbeherrſchtes Tempera⸗ ment machte ſich im vollen Aufruhr geltend und brachte ſie an den Rand der Verzweiflung. Sie überlegte nichts, ſie ver⸗ ſchmähte jeden Troſt, der ſich ihr aufdringen wollte, jeden mil— dern Strahl, der auf ihre Lage fiel, nur die bittern und na⸗ genden Gedanken hegte ſie, wie ringelnde Schlangen, und ließ ſich von ihnen zerfleiſchen. Dies prachtvolle Gewand, das nun wie ſchnöder Hohn um ſie rauſchte,— ſie hatte dafür all' ihre Erſparniſſe hingeworfen, die Goldſtücke, über welche ſie ſich kindlich gefreut, an denen der Segen ihres Vaters hing, zu deſſen Unterſtützung ſie beſtimmt geweſen waren— nicht ein⸗ mal gereicht hatte die kleine Summe, um dies Opfer zu erkau⸗ fen, dies elende, ſie ſchändende Opfer! Entweiht war ihr hei⸗ ligſtes Gefühl, der Mann, dem ſie ihr Herz mit dem innigſten Salvator. 199 Vertrauen hingegeben hatte, er konnte in ſeiner Nichtachtung glauben, daß ſie ihm auch nur einen Blick geſchenkt haben würde, wenn ſie in ſeiner Huldigung etwas Andres geſehen, als für ſich die bräutliche Myrte und eine Zukunft als ſein ehrliches Weib! Nun war ſie zu Boden getreten in ihren eige⸗ nen Augen, gegen ihn hatte ſie ſich verrathen, und mit dem ſchnellen Seelenverſtändniß, das, ein dunkles Räthſel der Na⸗ tur, zwiſchen geiſtig Verbundenen waltet, hatte ſie erkannt, wie tödtlich ſie ſich getäuſcht— von der Welt wußte ſie nun erſt, was dieſe von ihrem Verhältniß zu Ferdinand hielt, die Worte der Prinzeſſin hatten ſie ausgeſtoßen unter die Verworfenen ihres Geſchlechts! Das zu tragen, das zu überleben, war ihr unmöglich. Sie blickte mit großen, ſchrecklichen Augen im Zimmer umher, wirre Gedanken, halbvollendet, jeder an dem einen ſchwarzen Ab⸗ grunde ſcheiternd, deſſen Geheimniß kein ſterbliches Auge durch⸗ dringt, machten ſie unglücklich, ſo arm und elend! Ihr fehlte Alles, was ihr Troſt bringen konnte: die Demuth, die Thräne, das Gebet! Nur der ungemeſſene Stolz wich auch jetzt nicht von ihr, ſie wollte ſich nicht ohnmächtig bekennen— und wenn die ganze Welt ſie bedrohte, ihr blieb die freie Kraft der Seele, dieſer Welt zu entfliehen! Ohne ſich weiter zu bedenken, nach⸗ dem ſie bis dahin gekommen war, ſprang ſie auf, warf einen dunkeln Mantel über— was von ihr geſagt wurde, das Ge⸗ ſtändniß der Schuld, das in dem furchtbaren Schritte lag, den ſie jetzt thun wollte, die wirkliche Schuld, eine nie zu ſüh— nende, welche ſie nun auf ſich laden würde, der Gram, das gebrochene Herz ihres Vaters, nichts von all' dem durchdrang den toſenden Sturm in dieſem leidenſchaftlichen Gemüthe. 200 Salvator. Ihren Schreibtiſch riß ſie auf, zwei Zeilen warf ſie mit zuckender Hand auf ein Blatt Papier, dann hinweg und hin⸗ aus! Am runden Erkerthurm, grad' über der Rotunda, wo ihr Lebensglück, ja die Möglichkeit für ſie, überhaupt noch zu leben, vom Blitze zerſchellt worden war, öffnete ſie die Thüre, welche auf einen in die Nachtluft hinausragenden Balcon führte, tief unten rauſchte der Bergſtrom in ſeinem klippenreichen Bette, droben funkelten Gottes Sterne in klarer Pracht— aber kei⸗ nen Gedanken mehr hatte das Mädchen von dem, was ſie ſah oder was ſie that, ſie faßte ſchon bewußtlos nach der Balu⸗ ſtrade, da brach ihr die Kraft— Als ſie wieder zu ſich kam, war es licht um ſie und eines Mannes Auge ſchaute mild auf ſie hernieder. Sie kannte ihn, geſtern ſchon hatte ſie ihn geſehen, hatte ihn noch auf dem Balle geſprochen, es war ein Freund ihres Hauſes. Der milde Blick ſeines Auges hatte auf ſie eine wohlthuende Wirkung, noch war ſie nicht zum vollen Bewußtſein gekommen, was ihr geſchehen war und was ſie ſelbſt hatte thun wollen, und nur das Gefühl durchdrang ſie friedlich und warm, daß ihr Jemand nah ſei, den ihr Schickſal kümmere. Sie lächelte mit unbe⸗ ſchreiblichem Ausdrucke den Freund ihres Vaters an und ſtreckte die Hand nach ihm aus. Mit dieſer Bewegung aber, welche ihr Gewand rauſchen ließ, kehrte auf einmal die volle Beſinnung zurück und ſie erhob ſich mit raſcher Gewalt aus ihrer Lage auf der Chaiſe⸗longue ihres Zimmers. Niemand war bei ihr, als der einzige Mann, die Lampe brannte, Alles war noch ſtille Nacht hier, doch aus den Feſträumen der Haupt⸗ front drangen halbvernehmbar die Töne der Muſik herauf. „Sein Sie ganz ruhig— Sie kennen mich ja. Die ſchnei⸗ Salvator. 201 dende Zugluft, der Sie ſich unvorſichtig ausſetzten, hat Ihnen geſchadet. Mich hat der Zufall geführt, wie die Menſchen ſa⸗ gen, ich glaube an keinen Zufall. Sie können ganz auf mich bauen, Niemand ſoll um dieſe Sache wiſſen, aber geben Sie mir Ihr Wort, daß ich Sie morgen ſprechen kann.“ Der tiefe, zum Herzen dringende Ton ſeiner Stimme, das ſchmerzliche Bewußtſein ihrer verlornen Lage, ein raſcher Blick nach ihrem Schreibtiſch, wo das Blatt, welches ſie geſchrieben hatte, verſchwunden war— nun erſt brach ihr die geiſtige Kraft und der Stolz, und in heißen Thränen ihr Antlitz verhüllend ſank ſie wieder auf das Polſter zurück. Er ließ ſie ſtill gewäh⸗ ren, zu wohlthätig war dieſe Erſchütterung, um ſie nicht in all' ihrer Macht wirken zu laſſen. Nicht der Zufall ſelbſt in der Menſchen Verſtändniß hatte ihn zu Fanny in dem verhängniß⸗ vollen Augenblicke geführt, ſondern er war ihr mit Abſicht ſchon von dem Feſte gefolgt. Ihm war nichts entgangen, was an dieſem Abende geſchah, er hatte der Scene in der Rotunda zwar nicht beigewohnt, aber ſie leicht errathen, als ihm die ſpöttiſchen Bemerkungen der beiden— zum Schweigen frucht⸗ los ermahnten— Damen im Vorübergehen hörbar wurden, er hatte Fanny ſpäter die Zimmer durchſchreiten, hatte ihren Zuſtand geſehen und war ihr gefolgt. Von dem Abgrunde der Gefahr hatte er zwar keine Ahnung gehabt, doch hatte er die Tochter ſeines Freundes noch ſprechen, ſie väterlich aufrichten wollen, und ihr ſeinen Rath in jeder Lage verheißen, allein, wie ſie hier ſtand, nur mit der trügeriſchen Rüſtung ihres eig⸗ nen Stolzes bewehrt. Nachdem das Kammermädchen ihr Zim⸗ mer verlaſſen, hatte er zu ihr eintreten wollen, aber ſie hatte die Thüre gleich verſchloſſen, und er hörte nur die Seußzer ihrer 202 Salvator. Bruſt, die ſchmerzlichen, leiſen Töne des Krampfes, der ſie quälte. Dann war Alles gekommen, wie er immer gefürchtet — und er pries Gott in ſeinem Herzen, daß Er es ſo gnädig gelenkt hatte. Eine lange Weile war vergangen.„Faſſen Sie wieder Vertrauen,“ ſagte er endlich und legte ſeine Hand auf Fanny's Haupt.„Ich bin Ihr treuer Freund, ich werde Sie nicht ver⸗ laſſen. Beten Sie, Kind, beten Sie aus inbrünſtigem Herzen, machen Sie Gott, der die Seinen immerdar ſchirmt, zu Ihrem Hort und Heil, und dann ſchlafen Sie ſtill. Morgen wird Alles beſſer ſein.“ Sie faßte ſeine Hand, ſie küßte ſie, von ihren Thränen bethaut. Als er dann von ihr gegangen war, ſtürzte ſie auf ihre Knie und betete mit einer Inbrunſt, wie ſie es ſeit dem Tage nicht mehr gethan, wo ſie am Sterbebette ihrer Mutter, noch ein junges Kind, ach! und ſie wähnte vergebens, gebe⸗ tet hatte. 4. Frau von Arnefeld war nicht auf dem Balle geweſen. Eine leichte Erkältung, Anfangs vernachläſſigt, hatte ihr ein Un⸗ wohlſein zugezogen, das ſich an dieſem Abende bis zu fieber⸗ haften Zuſtänden ſteigerte und ſie an das Zimmer feſſelte. Ihren Gatten hatte ſie aber beauftragt, Aug' und Ohr zu ſchärfen und ihr recht viel mitzutheilen, was er beobachtet ha⸗ ben würde. Salvator. 203 Er kam ſehr ſpät in der Nacht.„Lida— ich habe Dir viel zu erzählen!“ flüſterte er, da er bemerkte, daß ſie wach gewor⸗ den.„Aber morgen erſt! Fühlſt Du Dich wohler?“ „Sehr wohl!“ ſagte ſie.—„Gut amüſirt? War Deine kleine Rheinberg recht hübſch—2“ „Brillant! Aber ſie hat Fiasco gemacht, ein zärtliches Téte⸗à⸗Téte, von der Prinzeſſin überraſcht— großer Eclat—“ „Das erzähle mir morgen ausführlich!“ ſagte Adelheid. „Heut genügt mir die Thatſache. Ich bin ſo müde!“ O er konnte noch viel erzählen, aber es hätte ihr die Ruhe der Nacht bis zur letzten Viertelſtunde geraubt, und ſo legte er— ſich mit der ſchweren Botſchaft zu Bett, welche ihm ſelbſt läſtig genug fiel. Hätte er ahnen können, daß er auf dem Balle, zu dem er nur durch beſtimmten Befehl ſeiner Gattin bewogen worden, den Längſterwarteten Adelheid's finden ſollte, ſo wäre er zum erſten Male ungehorſam gegen ſie geweſen. Mit großer Beſorgniß dachte er daran, wie er ſeine Meldung vorbringen würde. Am andern Morgen war ſie noch leidend. Sie verweilte ſehr lange bei ihrer Toilette und hatte beſonders viel mit der Wahl der Haube und dem Faltenwurf eines Battiſttuchs zu thun, das ſie ſich um die Schläfe band, von ihrem Geſicht wollte ſie heut wenig zeigen. Ziemlich verſtimmt ſetzte ſie ſich zum Frühſtück und ließ ſich nun vortragen, was ihr Gatte geſtern erlebt und erfahren hatte. Seine Befangenheit ent⸗ ging ihr nicht, er mußte denn all' ſeine künſtlichen Einleitun⸗ gen aufgeben und mit ſeiner Nachricht vorrücken. Adelheid ſprühte heftig auf. „Er iſt hier? Im Schloſſe? Er darf es wagen? Hier, 204 Salvator. wo noch hundert, fünfhundert Menſchen leben, die ſeine Ver⸗ gangenheit kennen!“ ſo rief ſie leidenſchaftlich und ſank dann, während er ſchüchtern und nicht eben zuſammenhängend weiter ſprach, in ein tiefes Schweigen. Ihr Auge irtte umher, ſie hörte gar nicht mehr auf ihn und er ſchwieg endlich auch. „Hat der Fürſt mit ihm geſprochen?“ fragte ſie endlich von Neuem auffahrend. „Oft und freundlich.“ „Wo wohnt er?“ rief ſie. „Im Schloſſe ſelbſt—“ ſagte er mit dem ſchonenden Tone, der ſie noch mehr reizte. „Kannte er Dich?“ fragte ſie, ihr Auge flammend auf ihn gerichtet. „Ich habe Dir ja ſchon erzählt, theure Lida, daß er mich anredete und— ich kann nicht anders ſagen, als loyal— das eigenthümliche Verhältniß zwiſchen uns mit einer Franchiſe berührte, die ich nur vergleichen kann—“ „Mit Deiner eignen Bétiſe! O wär' ich zugegen ge⸗ weſen!“ „Er fragte nach Dir, er ſprach von Dir—“ „Von mir?! Und was ſagte der Mann der Sentenzen und Bibelſprüche—?“ „Er hoffte, daß Du glücklich ſeiſt, und— liebe Lida— er wünſcht, Dir ſeine Aufwartung zu machen.“ Sie lachte kurz auf.„Das ſieht ihm ähnlich. Wohlan! Ich werde ihn empfangen, heut nicht, aber ſehr bald. Ich er⸗ warte erſt noch einige kleine Attrapen, mit denen ich ihm eine Freude machen kann.“ Eberhard Haug mußte in den Augen des Fürſten ſchon Salvator. 205 ganz gerechtfertigt ſein, daß er ihm eine Wohnung im Schloſſe hatte anweiſen laſſen, gleich nach der Audienz, welche er am Mittag vor dem Balle, als er kaum angekommen war, bei ihm gehabt hatte. Niemand war darüber mehr in Erſtaunen und Zorn gerathen, als die Prinzeſſin, welche deshalb auch böſe Laune mit auf den Ball gebracht— vielleicht wäre ſonſt die ganze Scene mit Fanny Rheinberg vermieden worden. Sie hatte mit Haug, der ſich ihr ehrerbietig nahte, nur ein Paar kalte herablaſſende Worte geſprochen und ſich bald nach dem unglücklichen Zuſammentreffen in der Rotunda von dem Feſte zurückgezogen. Fanny that ihr nun leid. Sie ahnte jetzt, daß ihr die Intrigue einen Streich geſpielt hatte— ohne des Prinzen Entfernung bemerkt zu haben, war ſie über Fanny's Ausblei⸗ ben ungeduldig geworden und hatte ſich erhoben— worauf eine Dame von der Rotunda geſprochen und ſie mit der andern, welche eben auch im Geſpräch geweſen, begleitet, als ſie auf den Gedanken, daß Fanny ſie mißverſtanden, ſich dahin be⸗ geben hatte.„Wenn Fanny wirklich ſchuldig iſt— nun, mein Gott! es iſt ein Unglück, wie ein anderes— und ich habe meinen Theil Schuld daran— es darf keinen Eclat geben.“ Sie fragte gleich am Morgen nach Fräulein Rheinberg und hörte, daß ſie krank ſei, der Arzt war zu ihr gerufen wor⸗ den. Die Prinzeſſin fühlte Mitleid mit ihr, ſie wollte zu ihr gehen und ſie ſprechen. Aber noch ehe ſie dazu kam, ließ ſich Prinz Ferdinand bei ihr melden. Er erſchien mit einem männlichen Ernſte, der ſeinem ſchönen Geſichte einen würde⸗ vollen Ausdruck lieh. 206 Salvator. „Gnädige Tante,“ begann er, als ſie Anſtalt machte, das Geſtern zu berühren, ich komme deshalb. Was vorgefallen iſt, und was ich ſeitdem vernommen habe, legt meiner Ehre eine Pflicht auf, und ich werde ſie erfüllen.“ „Ich habe Sie ſchon gebeten, lieber Neveu, dieſe delicate Angelegenheit ganz mir zu überlaſſen.“ „Sehr gern, gnädige Tante, wenn Sie dieſelbe in meinem Sinne löſen wollen.“ „Das heißt?“ fragte ſie lächelnd. „Ich habe mich getäuſcht über die Natur meines Gefühls!“ ſagte er etwas heftig. Man hat mich zu ſehr von Kindheit auf gelehrt, daß unſere Wege nicht die des gemeinen Haufens zu ſein brauchen, daß für uns ein anderes Sittengeſetz exiſtirt, in Summa, daß wir uns in keiner Hinſicht zu geniren brau⸗ chen. Dennoch kann ich mir das Zeugniß geben, daß ich mich in keiner unehrenhaften Abſicht dem Fräulein von Rheinberg genähert habe.“ „Aber, lieber Neveu, wozu dieſe ſonderbare Expectoration?“ fragte die Prinzeſſin, über den Inhalt derſelben empfindlich. „Ich bin ſie Ihnen und nir ſchuldig. Geſpielt habe ich mit dem vertrauenden Herzen eines Mädchens— und wenn ich auch nur eine harmloſe Tändelei, eine amour d'une saison, jung wie wir Beide waren, darin ſah, ſo iſt ſie darum nicht weniger verderblich für die Arme geworden, die in ihrer Rein⸗ heit hoch wie der Himmelsdom über den giftigen Spinnen ſteht, welche ihren Ruf anzutaſten wagen 1“ „Endigen wir!“ ſagte die Prinzeſſin.„Der langen Rede kurzer Sinn—?“* Salvator. „Ich biete dem Fräulein meine Hand!“ erwiederte Prinz Ferdinand fſt. „Sie ſind— nicht klug!“ rief die Prinzeſſin entrüſtet. „Ich ſagte Ihnen, daß ich mich über die Natur meines Gefühls. getäuſcht habe, ich hielt es für ein flüchtiges Wohl⸗ gefallen— jetzt weiß ich, daß ich Fanny mit einer Liebe an⸗ hänge, wahr und ſtark genug, um dem Widerſpruche meines ganzen Hauſes zu trotzen!“ „Ihr Vater—“ „Ich bin mündig und ſtehe im Kaiſerlichen Dienſt!— Meine gnädige und liebevolle Tante,“ fuhr er ſanfter fort, als er den verletzenden Eindruck wahrnahm, den ſeine Worte auf ſie machten,„Ihr Herz wird nur einen Moment zürnen, auf Sie habe ich gerechnet, Ihre Güte, die ſich ſtets ſo himmliſch mild gegen mich— und auch gegen dies ſchuldloſe Mädchen — bewährt, läßt mich darin nicht zu Schanden werden! Gönnen Sie mir nur wenige Minuten noch Gehör, daß ich Alles ſage, was ich über die Ausführung meiner Idee und die Geſtaltung unſerer Zukunft denke, dann hoffe ich, Sie ganz zu verſöhnen!“ Er hatte ihre widerſtrebende Hand ergriffen und geküßt. Sie wollte ihn augenblicklich aus ihrer Nähe verbannen, aber er hatte ſie entwaffnet. Noch im Laufe des Vormittags ſuchte der Prinz Herrn von Haug auf.—„Ich bitte Sie nun auch, die Vermittelung zwi⸗ ſchen mir und meiner Braht zu übernehmen,“ ſagte er drin⸗ gend.„Als meine Braut betrachte ich ſie. Nicht einen Mo⸗ ment darf ſie in der drückenden Stimmung, in der Beſorgniß über die Folgen des geſtrigen widerwärtigen Auftritts bleiben, 208 Salvator. die Urheberinnen deſſelben ſollen ſich entſetzen, daß ſie grade dadurch eine glückliche Kataſtrophe herbeigeführt haben.“ „Das Fräulein iſt ruhig. Ueberſtürzen wir nichts!“ er⸗ wiederte Haug. „Aber ich will auch die Welt nicht länger im Seie laſ⸗ ſen!“ rief der Prinz. „Wenn Euer Durchlaucht Ihres eignen Selbſt ſicher ſind, hat es mit der Welt nichts auf ſich,“ verſetzte Haug. „Wie meinen Sie das?“ fragte der Prinz betroffen. „Trauen Sie ſich feſt? Wollen Sie ſich nicht durch einen raſchen Schritt binden, damit keine Umkehr möglich?“ „Was denken Sie!“ erwiederte der Prinz. Ich weiß, daß ich Fanny ehrlich liebe, daß ich nur durch ſie glücklich wer⸗ den kann— und daß auch ſie an meiner Seite glücklich wird.“ Er berichtete ihm, daß er ſchon ſeine Tante mit der Idee einer Verbindung, zu welcher die neuere Zeit manches ähnliche Beiſpiel geliefert, halb ausgeſöhnt habe und daß er nun im Begriff ſtehe, mit ſeinem Vater zu ſprechen. Haug beſann ſich einen Moment, dann bat er ihn, das noch zu unterlaſſen, bis er mit dem Fräulein von Rheinberg geredet haben würde. „Wie ſoll ich Ihnen danken!“ ſagte der Prinz warm. „Ihre ernſte Vorſtellung hat mir die Augen geöffnet.“ Wirklich hatte Haug mit dem Prinzen am frühen Morgen eine Unterredung gehabt, in welcher er ihm zwar verſchwiegen, was droben im Erkerthurme das Dunkel der Nacht verhüllt hatte und was er gegen keinen Menſchen je zu erwähnen ge⸗ dachte, wobei er aber wohl als Freund der Rheinberg'ſchen Familie eine Fortſetzung des herzloſen Spiels zu hindern ver⸗ Salvator. 209 ſucht hatte. Fanny aus dieſer ganzen unſeligen Stellung zu retten, war er ſchon entſchloſſen. Der Prinz war in aufge⸗ regter Stimmung durch manchen Wink, der ihm bereits zuge⸗ gangen war, ſeine Leidenſchaft ſchien jetzt erſt das wahre und ehrenhafte Ziel zu erkennen, in dieſem Sinne hatte er dann weitere Schritte gethan. Fanny war ruhig, darin hatte Haug keine Unwahrheit ge⸗ ſagt, es war eine Stille in ihr Herz eingekehrt, man hätte es vielleicht auch eine Ohnmacht nennen können. Der Arzt, welchen das über des Fräuleins Ausſehen erſchrockene Kammer⸗ mädchen ohne ihr Wiſſen gerufen hatte, war mit einigen leich⸗ ten Rathſchlägen wieder hinweg gegangen, denn er konnte kein gefährliches Symptom finden: Hofkrankheiten ähnlicher Natur waren ihm nichts Seltenes. Nach und nach kräftigte ſich der Geiſt in dieſer jungen ſchönen Geſtalt wieder, ſie überſchaute nun Alles in einem neuen Lichte, ein Leben ging durch ihre Seele— aber es war nicht der Vorbote erwachender Stürme, kein trotziges Auflehnen mehr im Bewußtſein der eignen Kraft! In dieſer ſegensreichen Stunde war der treue Freund, der ihr ſeinen Beiſtand verheißen hatte, wiederum zu ihr getreten, hatte ſchonend und doch nichts vermeidend, was heilſam war, mit ihr geſprochen und ihr, zum Troſte, wie der Welt falſches Urtheil den innern Frieden nicht ſtören könne, einen Blick in ſein eignes Schickſal vergönnt— freilich nur in Bezug auf die Angelegenheit, welche ihn hieher geführt hatte. Jetzt kam er wieder, ſein ernſtes Antlitz erſchien ihr immer wie ein Stern des Heils. Sie hoffte nun von ihm zu hören, in welcher Art er über ihre Zukunft beſtimmen wollte, denn ſie hatte dieſe ganz in ſeine Hände gelegt. Er aber kam in Salvator. II. 14 210 Salvator. Zweifeln, welche des Prinzen Entſchluß in ihm angeregt hatte, und wollte ſie durch Fanny ſelbſt löſen laſſen. In ſeiner Art lag es nicht, weit auszuholen, ſo ſagte er ihr denn mit ſchlichten Worten, was der Prinz ihm vertraut hatte. Eine tiefe Röthe färbte ihr heut bleiches Geſicht, doch war es nicht das liebliche Erröthen beglückender Ueberraſchung, ſondern ein Zeichen gekränkten Gefühls. Bei dem erſten Ver⸗ ſtändniß hatte ſie ſich emporgerichtet, als flamme ihr ganzer Stolz wieder auf, zürnend über die Schmach, die man ihr zu bieten wage, aber dieſer Stolz war gebrochen und der Mo⸗ ment ging ſchnell vorüber, ſie ſenkte demüthig ihr Haupt und ließ den Freund ausſprechen. Dann ſagte ſie mit leiſer, aber feſter Stimme: „Ich danke Ihnen und— dem Prinzen. Doch bleibe ich bei meinem Entſchluſſe.“ „Die Werbung iſt ernſtlich gemeint, ich habe gar keinen Grund daran zu zweifeln.“ „Mag ſein. Doch— kann ich nicht anders!“ Sie hatte zu gut in ſeinen Augen geleſen! Mit der Ge⸗ wißheit, daß er ſie nicht geachtet, daß er niedrig genug von ihr gedacht, um ihr von Liebe zu ſprechen und von Glück, wo er nicht entfernt auch nur die Möglichkeit einer rechtmäßigen Verbindung im Sinne getragen hatte, mit ſolcher Gewißheit konnte ſie nach ihrem Charakter nicht anders handeln, als ſeine Werbung, die ihr vor dem unſeligen Abende als die Er⸗ füllung all' ihrer Hoffnungen im Roſenlichte vorſchwebte, zu⸗ rückzuweiſen— mochte ihr Herz dabei namenlos leiden, ſie konnte nicht anders! Glücklich wäre ſie jetzt mit ihm niemals geworden, denn die Regung der Großmuth, welche ihn zu dem Salvator. 211 Schritte veranlaßte, konnte ja doch für das Leben nicht aus⸗ halten, und Fanny hätte ſich immer ſagen müſſen, daß ſie ihm aufgedrungen worden! Als ſie kaum ihren Entſchluß ausgeſprochen hatte, wel⸗ chen Haug nicht bekämpfte, wurde die Prinzeſſin gemeldet. Sie war eigentlich zufrieden, durch die Anweſenheit eines Drit⸗ ten vor einem ſonſt unvermeidlichen Aufnehmen der geſtern iſſenen Fäden bewahrt zu ſein, doch weckte ihr grade Haug trübſten Reminiſcenzen und ſie kam doch mit der ſ aller Freundlichkeit den wahnſinnigen Plänen ihres Neffen entgegen zu wirken. Indeſſen war das jetzt nicht thun⸗ lich und ſo nahm denn ihr Beſuch ganz die Miene gütiger Be⸗ ſorgniß um Fanny's Befinden an, welche allerdings auch bei ihrem Anblicke in dem Herzen der fürſtlichen Frau, das ge⸗ gen ſie urſprünglich doch immer wohlwollend geſinnt war, erwachte. „Ich werde mich ſchnell erholen,“ verſicherte Fanny mit einem trüben Lächeln, indem ſie die dargebotene Hand der Prinzeſſin flüchtig mit ihren Lippen berührte. „Nehmen Sie es nicht ſo leicht— was ſagen Sie, Herr von Haug?“ „Durchlaucht, ich bitte für Fräulein Rheinberg um zwei, drei Monate Urlaub“ „Was ſagen Sie?“ rief die Prinzeſſin. Ihr eröffnete ſich plötzlich eine günſtige Ausſicht. Jetzt— in dieſer Jahreszeit?“ „Der Winter iſt mild. Sie wünſcht ihren Vater einmal wieder zu ſehen. Ich hoffe in wenigen Tagen abreiſen zu können.“ „Und Ihnen ſoll ich dies junge Kind anvertrauen?“ ſagte 14* 212 Salvator. die Prinzeſſin, welche ſich vergebens mühte, die Befriedigung ihres Innern zu verbergen. Fanny bemerkte ſie nur zu wohl. „Durchlaucht können mir nicht zürnen,“ nahm ſie das Wort,„wenn ich dem Freunde meines Vaters folge— ich habe von Ihnen unendliche Wohlthaten genoſſen, ſie werden ewig in meinem Herzen leben—“ „Das klingt, als wollten Sie ſcheiden auf Niewiederkehr?“ fragte die Prinzeſſin etwas betroffen. Ich bitte, daß Sie mir Ihre gnädige Erlaubniß nicht verſagen,“ antwortete Fanny mit lebender S i „Liebe Rheinberg— aber das thut mir weh!— ic nicht geglaubt, daß Sie—“ und ein Blick auf den ernſten Zeugen der Unterredung hätte dieſem ſagen können, daß jetzt ſeine Gegenwart nicht mehr genehm ſei, denn die Prinzeſſin wünſchte nun wirklich, ihr Herz gegen das arme Kind, das ihr anfing ſchmerzlich leid zu thun, zu erleichtern. „Gnädigſte Frau,“ ſagte er jedoch, Prinz Ferdinand hat mir eröffnet, daß er mit Ihnen geſprochen hat.“ „Mein Herr von Haug!“ entgegnete die Prinzeſſin, plötz⸗ lich ſtahlhart geworden. „Sie geſtatten daher, kurz und klar zu reden. Meine junge Freundin erkennt die Ehre an, aber ſie kann ſie nicht annehmen— ſie wird von hier ſcheiden.“ „Vraiment!“ rief die Prinzeſſin. „Ihr Verhältniß am Hofe mit vollen Ehren zu löſen— iſt mein Wunſch, Euer Durchlaucht werden ihn nur billig fin⸗ den. Ich erlaube mir noch, in dieſer Hinſicht, ehe ich abreiſe, Euer Durchlaucht meine gehorſamſte Bitte vorzutragen: ſie iſt wohl gerechtfertigt, denn eine heimliche Abreiſe würde den Salvator. 213 Ruf meiner Schutzbefohlenen gefährden, ich appellire alſo an das Herz Euer Durchlaucht.“ „Ihren Entſchluß, Rheinberg, kann ich nur loben,“ ſagte die Prinzeſſin, ohne Haug zu antworten.„Er zeugt wieder von Ihrem verſtändigen Charakter. Auch Sie ſollen mit mir zufrieden ſein.“ Sie nickte ihr freundlich, nahm Haug's Verbeugung ſtolz dankend hin und entfernte ſich. „So iſt Alles gut,“ ſagte Haug, indem er Fanny in ihrer ſchmerzlich gebeugten Haltung an ſeine Bruſt nahm.„Sie werden unter liebevollen Menſchen wohnen, welche Sie mit offenen Armen aufnehmen. Laſſen Sie mich für Alles ſorgen. Wir reiſen ab ſobald als möglich.“ Er hatte noch ſo viel zu thun! Seine eignen Angelegen⸗ heiten galten ihm zwar nie als die erſten, aber wir kennen den höhern Beweggrund ſchon, welcher ihn veranlaßte, um ſeine Rechtfertigung von dem alten Makel vor aller Welt klar zu be⸗ treiben. Der Fürſt, dem er ſich zuerſt vertraut hatte, war ſchon überzeugt, hier bedurfte es keines juridiſchen Beweiſes, aber es kam den Zweiflern gegenüber darauf an, den wirklichen Thäter unläugbar zu ermitteln, deſſen Schuld Haug zur Laſt gefallen war. Damals war das aus vielen Gründen unmöglich geweſen; jetzt konnte es gelingen, und weil derjenige„von welchem Haug die moraliſche Ueberzeugung in ſich trug, daß er die That begangen, längſt verſtorben war, keine Zurückge⸗ laſſenen von der Schande, die nun offenbar werden ſollte, betroffen wurden, ſo fielen auch die letzten Zweifel fort, welche ſein Vorgehen immer noch gehemmt hatten. Mühe koſtete es ihn, die alte Dame, in deren Seele gegen 2¹4 Salvator. ihn das Vorurtheil ſo tief gewurzelt war, zu bewegen, daß ſie ihm eine Unterredung geſtattete, doch hatte er die Genugthuung, als er ſie verließ, von ihr mit feuchten Augen und einem Hände⸗ druck entlaſſen zu werden. Sie hatte ihm zwar keine Ehrener⸗ klärung gegeben, aber nimmer würde ſie die Hand berührt haben, welche nach ihrer Meinung den Verlobten ihrer Tochter ge⸗ tödtet hatte.„Ich dürſte nicht nach Rache,“ ſagte ſie dabei, „nur um meiner andern Kinder willen— denn ſie iſt ihm bald gefolgt!— muß ich wiſſen, was aus einem Documente geworden iſt, das der Unglückliche an jenem Abende bei ſich trug, um es mir zu geben. Es enthielt die Beweiſe unſerer Anwartſchaft auf einen bedeutenden Lehnſtamm. Ich nahm es nicht zu mir, ich bat ihn, es uns morgen ſelbſt zu bringen. O möchte doch Niemand auf einen Morgen bauen!“ So mittheilend und weich war die alte Dame ſeit Jahren nicht geweſen, es bewies am beſten, daß ſie Haug in ihrem Herzen ſchon Alles abgebeten hatte. Mit größerer Zuverſicht auf guten Erfolg wandte ſich nun Haug an andere Perſonen, welche der damaligen Verwicke⸗ lung nah geſtanden hatten. In jener Zeit waren ſie Alle von ihm abgefallen, wie von einem Verpeſteten, als das Signal von Oben gegeben wurde, jetzt, wo es umgekehrt lautete, ſchie⸗ nen ſie entrüſtet, wie man auf bloßen Verdacht hin einen Mann von Familie und Rang gleich moraliſch tödten könne! Nur Wenige, denen das Betragen der Prinzeſſin gegen den Wiedergekehrten nicht entgangen war, hielten ſich vorſichtig zurück, denn man konnte doch nicht wiſſen, ob nicht ein neuer Umſchlag im Anzuge ſei, und ſie hatten ſich in den zwei Jah⸗ ——Ü⅛—— Salvator. 215 ren ſchon genug politiſch compromittirt, um jetzt noch im Sa⸗ lon unbeſonnen zu handeln. An Adelheid hatte Haug bei all' ſeiner Thätigkeit oft ge⸗ dacht und war einmal ſchon in ihrer Wohnung geweſen, um ſie wieder zu ſehen. Der Antheil an ihrem Schickſale war ja niemals in ihm erloſchen, er wollte ſich überzeugen, ob ſie in ihrem neuen Ehebündniß Ruhe und Glück gefunden habe, da es ihre erſte Liebe war, zu welcher ſie zurückgekehrt— dann aber lag ihm noch Eins im Sinn, und um ſo ſchwerer, je fremdartiger ihm jeder bloße Verdacht war, wie derjenige, den die böſen Nachbarn lange nach ihrer Entfernung ihm zuge⸗ raunt hatten: er mußte noch einmal von Lympius mit ihr ſpre⸗ chen. Aber noch hatte ſie ihn nicht angenommen.„Sie ſei noch zu angegriffen,“ hatte ſie ihm ſagen laſſen,„aber ſie rechne jedenfalls darauf, daß er nicht abreiſen werde, ohne ſie zu ſehen. Auch ſie verſpreche ihm ein Gleiches.“ Kurz darauf wurde er durch eine Einladung der Prinzeſ⸗ ſin überraſcht. Er hatte kaum geglaubt, daß ſie ihm noch eine Audienz gewähren werde. Sie empfing ihn ganz allein und ſehr gütig. In ihren Augen lebte wieder ein Strahl des frü⸗ hern Glanzes, welcher ſonſt Männerherzen beſiegt und beglückt hatte. Vor Haug's Seele trat ihr Bild, wie er ſie einſt ge⸗ ſehen hatte, eben in jener Rotunda, wo ſie kürzlich ein ſchuldloſes Mädchen gerichtet— damals hatte er einen Mann zu ihren Füßen geſehen, ſie zärtlich zu ihm hernieder geneigt! Und eben das war der Grund der Feindſchaft, welche dieſer Mann gegen ihn trug, und bei jeder Gelegenheit rückſichtslos zeigte— derſelbe Mann, welcher dann in einem nächtlichen Kampfe gefallen war, wohl ein Jahr nach dieſer unabſichtli⸗ 216 Salvator. chen Ueberraſchung in der Rotunda! Das war auch der Grund, warum die Prinzeſſin, ſonſt wohlwollend gegen Jedermann, Haug ſtets eine Abneigung bewies, wie ſtreng er auch ſeine Diseretion bewahrte! Sie fühlte bitter, daß der unangetaſtete Ruf, den ſie in der Welt trug und der Wahrheit gemäß mit Recht, in ſeinen Augen verloren ſei und daß ſie ſich über den unbewachten Moment, deſſen Zeuge er geworden, nicht gegen ihn rechtfertigen konnte, ohne ſich etwas zu vergeben. Auf dem letzten Feſte, welchem jener Cavalier, nun ſchon mit einer Dame, Tochter einer vertrauten Freundin der fürſtlichen Frau, verlobt, beiwohnte, war der altgewohnte Groll bei einem geringfügi⸗ gen Anlaß endlich in eine tödtliche Beleidigung ausgebrochen, Zeugen hatten ſie gehört und— Haug hatte nicht Satis⸗ faction gefordert! Das war der Hauptvorwurf, der ihn traf, für eine brutale, aus der Luft gegriffene, vielleicht vom Cham⸗ pagner erzeugte Beleidigung keine Satisfaction! Ernſt und ſtolz hatte er ſich zurückgezogen— und ſpäter war der Andere auch verſchwunden, er hatte ſeiner Braut aber durch eine an⸗ dere Dame ſagen laſſen, daß er abgerufen worden ſei und morgen ihr Alles ſagen werde. Dieſe lebhaften Erinnerungen, aufgefriſcht durch ſeine Un⸗ terredung mit der Dame, welche ſie betrafen, rollten ſchnell durch Haug's Seele, als er vor der Prinzeſſin ſtand und ihre freundlichen Worte hörte, welche nicht der alten Zeit galten. Faſt hätte dieſe ihn ſo zerſtreut, daß er nicht vernommen, was die Gegenwart anging. Er hatte dem Prinzen ſchriftlich Fan⸗ ny's Entſchluß mitgetheilt, und dieſen dadurch in die leiden⸗ ſchaftlichſte Bewegung verſetzt, welche alle Hinderniſſe nieder⸗ ſtürmen wollte, weil ja doch Fanny's Herz, wie er überzeugt Salvator. 217 war, ihm gehörte. Nur aus Fanny's eignem Munde hatte er die Entſcheidung annehmen wollen, und alle Rückſichten ſchie⸗ nen für ihn nicht mehr gültig zu ſein, denn es handelte ſich, hatte er geſagt, um Glück und Ehre. Der Fürſt, ſein Vater, hatte endlich mit ihm, durch die Prinzeſſin von Allem in Kennt⸗ niß geſetzt, ein ernſtes Geſpräch gehabt und ihn gebeten, der Zeit wenigſtens ihr Recht zu gönnen, er verſage ſeine Zuſtim⸗ mung nicht unbedingt. Dies und ein geſcheiterter Verſuch, Fanny ſelbſt zu ſprechen, hatte ihn dann zu einer ruhigen Hal⸗ tung zurückgeführt, und die Prinzeſſin wollte nun von Haug wiſſen, wie die Angelegenheit, ohne neuen Eclat, am geſchick⸗ teſten zu löſen ſei. Der Eclat iſt nun einmal das Schreckge⸗ ſpenſt, welches heut wenigſtens den äußern Schein rettet— im vorigen Jahrhunderte kümmerte man ſich um dieſen auch nicht. „Wir dürfen keine Ungewißheit laſſen,“ erwiederte Haug beſtimmt. Fräulein Rheinberg iſt feſt entſchloſſen— ſie muß es dem Prinzen ausſprechen.“ „Er wird es nicht glauben— er wird das Billet für dic⸗ tirt halten,“ verſetzte die Prinzeſſin. Sie muß es mündlich thun—“ „Unmöglich! Sie liebt ihn— wo ſollte ſie den Muth, die Entſagung, die Feſtigkeit ſchöpfen?“ „Das weiß ſie, Durchlaucht, glauben 8 mir, ſie hat den Quell aller dieſer Kräfte gefunden.“ „Wollen Sie zugegen ſein oder— ich?“ fragte die Prin⸗ zeſſin unſicher. „Ohne Zeugen, Durchlaucht!“ erwiederte er ruhig. „Sie träumen!“ rief die Prinzeſſin erſchreckend. 218 Salvator. „Ich verbürge mich Ihnen mit meiner Ehre— wenn Sie an dieſe noch glauben!“ ſetzte er hinzu. „QO— woran mahnen Sie mich! Doch davon ſogleich. — Sie ſind alſo überzeugt, daß Fanny feſt bleiben wird?“ „Feſt, wie die Treue.“ „Und wann reiſen Sie ab?“ „In zwei Tagen— hoffe ich. Durchlaucht wiſſen, was mich hergeführt hat.“ „O— das weiß ich, und ich will Ihnen helfen, ſo viel ich kann. Mein Bruder hat mich überzeugt. Ich war gegen Sie eingenommen, wie meine arme Freundin.— Sie haben mit ihr geſprochen?“ „Ich bin auch in ihren Augen gerechtfertigt,“ erwiederte Haug. „Sie hat ſich ganz von uns zurückgezogen,“ fuhr die Prin⸗ zeſſin fort.„Ihr Bruder—“ „Er iſt todt, Durchlaucht.“ „Ich weiß es— er hat eine ſchnelle und glänzende Lauf⸗ bahn gemacht und iſt dann wie ein Meteor verſchwunden. Laſſen Sie mich Ihnen ein Bekenntniß thun— hätten Sie in jener traurigen Zeit einen Schritt der Annäherung und Verſtändigung zu mir gethan, es wäre nicht ſo weit gekommen. Ich wußte, und nurich, daß Sie dieſen Zweikampf nicht beſtanden hat⸗ ten— ſondern ein Anderer!“ „Sie wußten es—?“ rief Haug.„Und dennoch?“ „Dennoch ließ ich die Sachen gehen, wie ſie wollten. Hät⸗ ten Sie nur einen, nur den geringſten Schritt gethan—“ „Mit welchem Recht? Aus welchem Anlaß?“ rief er. „Laſſen Sie uns davon ſchweigen. Jetzt aber will ich Ih⸗ „ Salvator. 219 nen hier ein Zeugniß geben— und überlaſſe es Ihrer Klug⸗ heit und Discretion, wie Sie davon Gebrauch machen wollen. Leſen Sie es aber erſt zu Hauſe.“ Sie nahm aus einem Fache ihres Schreibtiſches, das ſie durch eine Feder aufſpringen ließ, ein zuſammengelegtes Blatt und übergab es ihm. Wie ich dazu gekommen bin, kann Ihnen gleichgültig ſein. Niemand weiß bis jetzt davon. Ich bin es Ihnen ſchuldig, Sie endlich von einem Schatten zu befreien, den ich nur zu lange gewäh⸗ ren ließ. Nun können Sie wohl in zwei Tagen Alles geordnet haben, und wir ſcheiden als Freunde!“ Haug eilte in ſeine Wohnung zurück und überhörte faſt, daß während ſeiner Abweſenheit eine Einladung von Frau von Arnefeld an ihn eingegangen war. Sobald er ſich allein ſah, öffnete er das zerknitterte Blatt, es lautete kurz wie folgt und war an den im Duell ſpäter Gebliebenen gerichtet. „Du haſt meine Ehre angegriffen, mich falſchen Spieles beſchuldigt— Du verräthſt die Ehre meiner Familie, indem Du Deine Braut, meine Nichte, gegen—“ hier war ein Stück ausgeriſſen. Ich erwarte Dich, wenn Du kein Feiger biſt, in einer Viertelſtunde, ohne Secundanten, im Buchwalde, für Waffen ſorge ich.—“ Und dann volle Namensunterſchrift! Das Billet war von dem Bruder der alten Dame, welche in dem Gefallenen einen verlornen Eidam betrauerte. Wer verdenkt es dem von langer Schmach getroffenen Manne, daß er einen Moment die edle Selbſtbeherrſchung ver⸗ lor, die ihn ſonſt auszeichnete, und freudig dies Blatt, deſſen Echtheit ſo leicht zu beweiſen war, emporhob, wie ein Zeug⸗ niß vor aller Welt! Man hatte ihm erſt Unritterlichkeit vorge⸗ worfen, Feigheit, daß er nicht im Angeſicht des ganzen Feſtes 220 Salvator. 0 von einem Halbtrunkenen unmittelbare Genugthuung forderte, die er dem kommenden Tage überließ, dann, als die blutige Kataſtrophe eingetreten, hatte man auf ihn den Verdacht ge⸗ wälzt, ohne ihn auszuſprechen, tauſend Verächtlichkeiten, gegen die er ſich gar nicht ſchützen oder vertheidigen konnte, hatten ihn getroffen, die volle Macht der öffentlichen Meinung hatte ſich wider ihn gekehrt und ſeine Exiſtenz erdrückt. Er fühlte es, daß er ſich nur in ſeinem Bewußtſein und einem feſten Glauben bei dieſer Prüfung retten könne, was ſollte er thun, wo ihn Niemand anklagte, wo er auf alle Fragen keine Ant⸗ wort erhielt und er doch wie ein Verfehmter in der Geſellſchaft ſtand? Er räumte den Platz und verließ endlich Europa, als er ſah, daß auch in weitere Kreiſe die Verdächtigung ihr Gift wider ihn getragen hatte. Nun konnte er ſagen: Seht hier! Das iſt der Mann ge⸗ weſen, für den ich gebüßt! Und noch werdet ihr auch ihm das zweite niedrige Verbrechen nicht Schuld geben, das ihr mir vielleicht aufgebürdet— die Beraubung des Gefallenen! Da⸗ für ſucht euch Vertreter im Zuchthauſe! Wie war aber das Cartel⸗Billet in die Hände der Prin⸗ zeſſin gekommen? Hatte der Empfänger es ihr wie einen guten Witz, ſobald er es auf dem Balle erhalten hatte, mitgetheilt und überlaſſen? Ohne Zweifel! Salvator. 221 5. „Adelheid, Du biſt in high spirits— ich finde die Zumu⸗ thung, ſo ganz auf Discretion—“ „Es kleidet Dich ſehr ſchlecht, den Eiferſüchtigen zu ſpielen!“ ſagte ſie verächtlich.„Was ich mit Haug zu ſprechen habe, iſt unſer Geheimniß. Beantworte unterdeſſen den Brief meiner Mutter.“ Er mußte ſich entfernen, und Adelheid erwartete mit Un⸗ geduld ihren ehemaligen Gatten, in ihre Freude, ihn jetzt zu demüthigen, miſchte ſich aber immer noch ein Reſt der alten Furcht. Als ſie ihn daher vom Fenſter aus kommen ſah, er⸗ bebte ſie und drückte die Hand auf das Herz; wie ſtattlich ſein Gang, wie feſt ſeine Haltung! Er imponirte ihr noch immer, ſo frei ſie auch war. Keine Verlegenheit malte ſich in ſeinen Zügen, als er ein⸗ trat, ſie waren ſo ruhig und ernſt, wie ſie dieſelben kannte, er hatte ſich gar nicht verändert. Wie konnte er ſie mit dieſem wohlwollenden Tone begrüßen? Sie war ſich ſo klar bewußt, weshalb ſie heut ſeinen Beſuch erbeten hatte, und beinah faſ⸗ ſungslos ſtand ſie vor ihm— war ſie ſich denn eben ſo klar des vielfachen Unrechts bewußt, das ſie gegen dieſen Mann be⸗ gangen? An ihr ſchien es aber nicht zu ſein, die heutige Zu⸗ ſammenkunft zu erklären, denn er hatte ſie gewünſcht. Auch lag in all' ſeinen Worten, womit er die Unterredung faſt ein⸗ ſeitig fortführte, der Gedanke zu Tage, daß er ſich überzeugen wolle, ob ſie nun glücklich ſei, da er es nicht verſtanden, ſie glücklich zu machen. Daß ſie von dieſer Großmuth beſchämt, 222 Salvator. in dem Gefühl, daß ſie den Dolch für ihn im Gewand trug, noch mehr in Befangenheit gerieth, als die Situation an ſich ſchon rechtfertigte, war kein Wunder— dieſe Befangenheit gab ihr aber ein ſo mildes und demüthiges Anſehen, daß Haug ſie darin faſt nicht wieder kannte. War denn eine heilſame Sin⸗ nesänderung mit ihr vorgegangen? Auf welche Weiſe hatte ſie den wahren Hort gefunden? Wunderbar ſind die Wege dazu: das Zerſchellen aller Erdenhoffnung, das Zuſammenbrechen aller Säulen, welche bisher das Daſein getragen haben, führt dazu, aber auch das höchſte Glück und ebenſo die ſtille Einkehr in einen friedlichen Hafen kann dem Gemüthe die Pforten des Heils erſchließen! Er ſprach mit ihr von ihrer Mutter, von dem Kreiſe ihrer Bekannten— er vermied ſogar nicht, von Arnefeld's erſter Frau und ſeinen Kindern zu ſprechen, und fragte ſie, ob ſie kürzlich aus dortiger Gegend Nachricht habe. Sie hatte den Brief ihrer Mutter, der war aus Berlin und hatte ihr eben jetzt die Waffe geliefert, welche ſie zu gebrauchen dachte, aber ſie verläugnete in dieſem Momente Alles.—„So wiſſen Sie nicht, daß der unbeſonnene junge Officier in eine ſeltſame An⸗ gelegenheit verwickelt worden, welche den Mann betrifft, in deſſen Hände das Vermögen ſeines verſtorbenen Großvaters übergegangen iſt?“ „Nein. Weiß es Arnefeld?“ fragte ſie. „Ich habe mit ihm nicht davon geſprochen. Auch jetzt bin ich zu wenig unterrichtet, um ſie wahr erzählen zu können.— Aber etwas Anderes habe ich Ihnen mitzutheilen. Sie wiſſen nicht, wo jetzt Derjenige weilt, den ſie als Knaben ſo lieb hat⸗ ten drüben in unſerer Pflanzung?“ Salvator. „Johannes?“ rief ſie raſch und freudig. „Johannes Lympius. Ich habe ihn wiedergeſehen, er lebt in einem Wirkungskreiſe, den er ſich ſelbſt gewählt hat—“ „Wo!?“ unterbrach ſie ihn mit einer dringenden Haſt. Er nannte den Ort und faßte ſie prüfend in das Auge. Dieſe Zeichen tiefer Bewegung beſtärkten ihn nur zu ſehr in dem Gedanken, welchen ſein Vater in ihm mehr und mehr an⸗ geregt hatte. „Und wie lebt er? Was für eine Stellung hat er im Le⸗ ben? Iſt er glücklich?“ rief ſie. „Er iſt glücklich, er kann niemals wahrhaft unglücklich ſein,“ erwiederte Haug. „O ich danke Ihnen, Eberhard. Dies Kind—“ ſie kämpfte vergebens mit ihrer Rührung. Es waltete ein Moment tiefer Stille zwiſchen Beiden. Da trat aus dem Nebenzimmer plötz⸗ lich Herr von Arnefeld ein. Was auch in ſeiner Seele vorgehen mochte, als er die tiefe Bewegung ſeiner Frau ſah, er war zu ſehr Weltmann, um es in irgend einer Weiſe zu verrathen. Die ganze Situation erhielt durch ſeinen Eintritt wieder ein con⸗ ventionelles Anſehen, er begrüßte Haug mit aller Glätte ge⸗ fälliger Salonform, es war, als ſei hier gar nichts Außerge⸗ wöhnliches vorhanden. Doch Adelheid zürnte, daß er ohne ihre Erlaubniß gekom⸗ men war, ſie glaubte ſeinen Beweggrund niedrig nennen zu dürfen. In dieſer Regung ging die vorige, welche ſie bis an die Grenze eines hingebenden Vertrauens geführt hatte, unter, ſie erſchrak, wenn ſie bedachte, was ſie im Begriff geſtanden hatte ihm zu ſagen, und die Reue, auch nur ſo weit gegangen zu ſein, daß ſie ihn wieder Eberhard genannt, die Furcht, daß 224 Salvator. er einen Blick in ihre Seele gethan haben könnte, ſtachelten ſie jetzt von Neuem gegen ihn auf: ſchon ſah ſie in ſeinem Be⸗ nehmen eine Verfänglichkeit, welche ihr abſichtlich Fallen ge⸗ ſtellt. Natürlich war es, daß Haug, nun er einmal von Atne⸗ feld's Sohne gegen Adelheid geſprochen hatte, auch gegen ihren Gemahl die Angelegenheit berührte.„Erzählen Sie!“ rief Arnefeld.„Ich bin ſo lange ohne alle Nachrichten— und muß ſie von Fremden erhalten!“ In ſeinem neuerwachen⸗ den Vatergefühl, das dieſen Vorwurf hervorrief, vergaß er, daß er nur ſich ſelbſt Vorwürfe zu machen habe. „Ich weiß nur Unzuſammenhängendes,“ ſagte Haug,„und nahm daher Anſtand, es zu erwähnen, da ich glaubte, daß Sie bald richtigere Nachrichten erhalten würden. Ihr Sohn ſoll ſich an einem Exceſſe betheiligt haben, welcher von einem Haufen bethörten Volkes gegen den Ihnen bekannten Schrader begangen wurde. Es klingt ſo unwahrſcheinlich, daß man es nicht glauben kann. Die unſinnigen Menſchen, welche auf eine wahrhaft entſetzliche Weiſe demoraliſirt werden,—— ſie hatten es darauf abgeſehen, von Schrader Geldſummen zu er⸗ preſſen, da es nur immer Waſſer auf glühende Steine ſchien, was er rings umher verſchleuderte—“ Arnefeld ſeufzte tief auf und biß ſich dann in die Lippe—„ja, Herr Baron, es wird ein Gebrauch von den Geldmaſſen Ihres Vaters gemacht, daß dem Menſchenfreunde das Herz blutet! Doch hören Sie weiter, was man ſich erzählt. Grade als der Tumult am größten geweſen und die Rädelsführer, betrunken und toll, dem Schra⸗ der mit dem Tode gedroht, wenn er nicht augenblicklich ihre Forderungen erfülle, ſoll Ihr Sohn zufällig auf einem Ritte —.————— Salvator. 225 dazu gekommen ſein. Keck unter den Haufen ſprengend, habe er kaum geſehen, wen die tobenden Menſchen an den Rand des Sees geſchleppt, als er gerufen:„Einen Stein um den Hals!“ Und mit wildem Jubel ſei der Ruf von der rohen Menge gehört worden, die dem Officier gleich ein Hurrah ge⸗ bracht, um dann wirklich ihr Vorhaben auszuführen.“ „Er iſt todt?“ rief Arnefeld mit einer kaum verhehlten Freude. „O nein, er iſt gerettet. Sie ließen mich nicht ausreden. Das Vorhaben wurde nicht ausgeführt, denn Schrader ver⸗ ſtand ſich im letzten Momente zu Allem.“ „Und Rudolf? Ich meine damit meinen Sohn—“ „Er hat wohl das Ende nicht abgewartet, ich weiß nur, daß die Sache anhängig gemacht iſt.“ „Ein Huſar weiß ſich durchzuhauen, Herr von Haug,“ er⸗ wiederte Arnefeld. Adelheid hatte während dieſes Geſprächs in ſich gekehrt und theilnahmlos geſeſſen, jetzt ſtand ſie auf und ihre ſtolz⸗ gewölbte Bruſt hob ſich im Triumphe des Entſchluſſes.„Ehe wir ſcheiden,“ ſagte ſie zu Haug,„laſſen Sie mich ein Bekennt⸗ niß thun. Ich würde es Ihnen unter vier Augen abgelegt haben, doch ſagten Sie ſtets, daß zwiſchen Gatten kein Ge⸗ heimniß walten dürfe, und ſo muß es Arnefeld wohl auch wiſ⸗ ſen. In wie weit Sie Ihren Worten nachgekommen ſind, wage ich nicht zu entſcheiden— ich will aber wenigſtens in dieſer einen Sache mich nicht unnöthig mit einer ſchwerwiegen⸗ den Mitwiſſenſchaft belaſten.“ „Sprechen Sie,“ erwiederte Haug, von ihrem Weſen ver⸗ letzt. Arnefeld blickte verwundert auf ſeine Frau. Salvator. II. 15 226 Salvator. „Nicht wahr, Sie kennen die Brillantnadel, welche als ſtummer Zeuge in einer gewiſſen Angelegenheit hier beim Ge⸗ richt auf beſſeres Licht wartet?“ „Ich habe ſie geſehen—“ ſagte Haug betroffen, daß Adel⸗ heid dieſen Punkt berührte. „Nicht einſt beſeſſen?“ fragte Adelheid, mit ihren Ringen tändelnd. „Frau— von Arnefeld!“ „Ja, ja, ich weiß es von Jemand, der ſie von Ihnen ge⸗ kauft hat!“ „Von mir?“ rief Haug. Wer ſagt das? Welche Schänd⸗ lichkeit liegt in dieſer Behauptung—!“ „Wie ſo? Sie haben die Nadel gewiß auch gekauft— und nur weil ſie Ihnen nicht gefiel— denn Sie ſind kein Freund von Männerputz, wie Sie immer ſagten—“ „Wem ſoll ich ſie verkauft haben, wem?“ rief Haug heftig — und als ſie mit feinem Lächeln einen ihm wohlbekannten Namen nannte, ſagte er raſch:„Der iſt todt!“ „Todt? Von wem wiſſen Sie das?“ fragte Adelheid. „Von ſeinen Verwandten— noch geſtern von ſeiner Schweſter, welche hier zurückgezogen lebt!“ „Dann fiele freilich Alles in eine bloße Lüge zuſammen,“ ſagte ſie,„und ich müßte es Ihrer Großmuth danken, wenn Sie meine Aeußerung über den verdächtigen Beſitz ignorirten. Sie ſtehen ſo ſtolz und hoch über mir in Ihrer unnahbaren Majeſtät, daß es mir armen, von den Intereſſen und Leiden⸗ ſchaften dieſer Erde nicht unberührt gebliebenen Weſen wohl zu verzeihen iſt, wenn ich den Wunſch hege, auch an Ihnen—“ „Herr von Arnefeld,“ fiel Haug mit ſtarker Stimme, aber —— Salvator. 227 vollkommen ruhig in ihre Rede, indem er ſich an den Mann wandte, ich überlaſſe Ihnen, ſich über dieſe Sache Erklärung zu verſchaffen. Leben Sie wohl.“ „Nur noch einen Moment. Die Todten ſtehen wieder auf. Der Gentleman, der wider Sie zeugen könnte, lebt— Sie finden ihn unter verändertem Namen in dem achtbaren Corps der Berliner Schutzmannſchaft als Herr Neumann enrolirt, und ſo überlaſſe ich Ihnen die Folgerungen, welche ſich daraus für Sie ziehen laſſen. Ich freue mich, Sie comme voilà vor mir zu ſehen. Adieu!“ Sie verneigte ſich ſpöttiſch und ging in ihr Kabinet, ohne ihm weiter Rede zu ſtehen. Haug hätte ihr auch kein Wort mehr geſagt: ſie hatte ihn demüthigen, zu Boden ſchmettern wollen, und in Wahrheit, ſie hatte für ihn ſich bemüht, hatte ihm den glänzendſten Dienſt geleiſtet. So macht oft das Walten der unbegreiflichen Macht die Feinde zu Werkzeugen unſers Glücks! Mit einem kurzen Abſchiede von Arnefeld, deſſen Verlegenheit bei dieſer ganz ungeſellſchaftlichen Scene groß war, verließ Haug das Haus und ging nun, ſeine Abreiſe ſo bald als möglich einzu⸗ richten Von der Nachricht, welche er eben erhalten hatte, der Schweſter des Verſchollenen eine Mittheilung zu machen, hielt er vor der Hand noch für unnütz, ſelbſt für gefährlich— er mußte erſt den Mann ſprechen, welcher nach all' ſeinem Thun ſich nicht entblödet hatte, auch noch auf Haug einen falſchen Stein zu ſchleudern, er mußte von ihm ein wahres und volles Geſtändniß haben!— Hier war vor der Hand nur noch Fanny Rheinberg's Verhältniß zu löſen. Der Prinz, in ſeinen Hoffnungen ſo ſicher, hatte eine der 228 Salvator. Damen, welche über das Mädchen ſeiner Liebe nachtheilige Winke in das Publikum gebracht, durch die ſtolze Erklärung entſetzt, daß er dem Fräulein von Rheinberg ſeine Hand reichen werde. Die Nachricht lief wie ein Haidefeuer bei trockener Witterung über die Kreiſe des Hofes und der Stadt, und Alles war in äußerſter Spannung, ob das Evenement im Stillen oder in einer öffentlichen Declaration vor ſich gehen werde. Fanny hatte unterdeſſen ſelbſt über ihr Schickſal beſtimmt. Sie konnte nicht an des Prinzen wahre Liebe glauben, ſie zweifelte, nun ſie zur Demuth gekommen war, ſelbſt an der ihrigen. Aber ſchmerzlich brannten die Wunden noch und ſie hatte vom Leben zu ſcheiden gewähnt, als der erſchütternde Moment vorüber war, in welchem ſie ihm, Aug' in Auge allein, ihren Entſchluß beſtätigt, all' ſeinen Bitten und Betheurungen widerſtanden hatte und er nun von ihr geſchieden war, mit einem letzten traurigen Blicke, in welchem ſeine Seele ſich ihr über dieſe Stunde hinaus zu geloben ſchien. Sehr trübe Stunden folgten dieſem Momente, und alle Zärtlichkeit, mit welcher ſie von der Prinzeſſin jetzt überſchüttet wurde, konnte ſie nicht aufrichten, erſt der Gedanke, vor ihrer Abreiſe noch einmal öffentlich zu erſcheinen, rief wieder die Kraft ihrer Seele zurück. Aber mit ihr kam auch der alte böſe Stolz wieder, denn er war zu ſehr in ihr Daſein verwachſen, um ſich auf einmal verbannen zu laſſen trotz aller Erkenntniß, und er kam noch gar oft wieder, ſo ſehr Fanny auch erfahren hatte, daß er zum Feinde ihres Lebens geworden war. Als ſie bei einem Hofconcerte mit der Prinzeſſin erſchien, — alle Welt wußte, zum letzten Mal, hatte die Meinung einen Salvator. 229 merkwürdigen Umſchwung genommen. DerPrinz war hochherzig genug geweſen, in voller Selbſtverläugnung der ſchon erwähn⸗ ten Dame, welcher er ſeine beabſichtigte Werbung im Vertrauen auf ihre In discretion mitgetheilt, nun auch das Reſultat der⸗ ſelben nicht zu verſchweigen. Welchen Eindruck die faſt un⸗ glaubliche Thatſache, daß ein armes, wenn auch noch ſo hüb⸗ ſches Mädchen von niederm Adel die rechte Hand eines liebens⸗ würdigen Prinzen ausgeſchlagen habe, in den weiteſten Kreiſen gemacht, davon gab die allgemeine Bewunderung Zeugniß, mit welcher man Fanny bei ihrem Erſcheinen betrachtete— man ſuchte in ihrem Weſen, in ihren Zügen den Grund, wel⸗ cher ſie beſtimmt habe, man beſchäftigte ſich faſt nur mit ihr. Der Fürſt ſprach freundlich und wiederholt zu ihr, die zarteſte Aufmerkſamkeit wurde ihr von allen Seiten zu Theil, ſie ſelbſt hatte ein ruhiges und mildes Benehmen, man flüſterte ſich zu, daß ſie niemals ſchöner geweſen. Prinz Ferdinand war nur im Anfange des Concerts zugegen, er entfernte ſich gleich nach der Ouvertüre. Am folgenden Morgen fuhren bald nach einander, ohne zuſammen zu gehören, zwei Reiſewagen, mit Poſtpferden be⸗ ſpannt, aus dem Thore der kleinen Reſidenz, welches dem Schloſſe zunächſt liegt. In dem erſten ſaß Haug mit ſeiner jungen Reiſegefährtin, welche er ſtill ſich ſelbſt überließ: ſie hatte den Schleier auch in dem verſchloſſenen Wagen über ihr Geſicht herabgezogen und blickte durch die vom Froſt angelau⸗ fenen Scheiben in die winterliche Berglandſchaft hinaus, welche ihr erſchien wie ein Bild ihres Lebens. Aber der Lenz kehrt wieder, auch Dir wird er neue Roſen bringen, armes Kind! In dem zweiten Wagen, welcher kaum eine Viertelſtunde 230 Salvator. ſpäter dieſelbe Straße einſchlug, ſaß gleichfalls eine verſchleierte Frau an der Seite eines ſtummen Mannes, auch ſie blickte mit ſich ſelbſt beſchäftigt in die Winterlandſchaft hinaus, doch war ihre Seele in eine ferne Vergangenheit verſenkt und ſie ſah wohl wenig von all' der ſchönen Scenerie, welcher Kry⸗ ſtallfroſt und Sonnenſchein noch einen fremdartigen Reiz ver⸗ liehen. Adelheid dachte an eine Zeit ihres Lebens, welche oft ganz von ihr vergeſſen ſchien, um dann deſto mächtiger in ihrem Gedächtniſſe wieder hervorzutreten— es war die Zeit, in welcher ſie wahrhaft geliebt hatte, ſie wußte nun, nur ein⸗ mal! In welcher Täuſchung hatte ſie gelebt, als ſie das Ge⸗ fühl zu dem Manne, mit welchem ſie jetzt verbunden war, für die wahre Liebe gehalten hatte! Wie ſchnell war der kurze Rauſch verflogen! Aus dem zerrinnenden Nebelgewölk war ſchöner der milde und bleiche Stern, der ihr unerreichbar einſt geleuchtet hatte, hervorgetreten und ſie blickte jetzt mit tiefer Wehmuth in jene Vergangenheit zurück. An ihrem Erden⸗ himmel war er jedoch längſt verſchwunden, ſie ſelbſt— doch es war fruchtlos, mit Vorſtellungen ſich zu martern, die Nichts mehr ändern konnten, und ſo zwang ſie ſich denn zu einem Ge⸗ ſpräche mit ihrem Gatten, welcher ſie eben um Erlaubniß bat, eine Cigarre rauchen zu dürfen! Nicht immer war ihm dieſe in einem geſchloſſenen Raume ſo leicht ertheilt worden als heut, und er ſah darin eine glückliche Vorbedeutung für die Reiſe, vor deren Téte⸗à⸗téte bis zu der geſelligern Eiſenbahn er ſich ei⸗ gentlich gefürchtet hatte. Ein angenehmes eheliches Verhältniß! Das Zuſammentreffen der Reiſenden auf der Eiſenbahn war für Alle ein überraſchendes; doch vermieden ſie zu berüh⸗ ren, was kürzlich zwiſchen ihnen vorgefallen war, und bei der Salvator. 231 Abfahrt ſuchten ſie getrennte Coupé's. Nur Arnefeld hatte auf ſeiner Gattin Befehl fragen müſſen, wohin Haug reiſe? und ſeine Antwort: Nach Berlin,“ war für Adelheid genügend ge⸗ weſen, ihren Reiſeplan zu ändern. Sie hatte erſt ihre Mut⸗ ter wiederſehen und ſich in Berlin nach vielen Verhältniſſen, die ihr jetzt unendlich wichtig waren, erkundigen wollen, jetzt gab ſie dieſen Gedanken auf und beſchloß, ohne weitern Umweg dorthin zu gehen, wo ſie das einzige Weſen finden ſollte, an welchem ihr Herz noch mit warmer Liebe hing. Sie wußte ja von Haug, wo der Sohn des Mannes lebte, den ſie unaus⸗ ſprechlich unglücklich gemacht hatte— Ihr Gatte war ſehr er⸗ freut, als ſie ihm ihren veränderten Beſchluß mittheilte, er hatte den Wunſch bereits geäußert, erſt nach der Gegend zu reiſen, wo er ſeine Kinder in mißlicher Lage wußte, die Toch⸗ ter von einer abſcheulichen Verbindung bedroht, den Sohn in Unterſuchung wegen Aufteizung zu Exceſſen, aber ſein Vor⸗ ſchlag war wie immer zurückgewieſen worden, und wenn erjetzt einen Moment davon träumte, daß Adelheid aus Rückſicht für ihn ſich anders beſonnen, ſo wurde er darüber ſchnell ent⸗ täuſcht.— Auf dem Durchſchnittspunkt dreier Eiſenbahnen trennten ſich in Folge des neuen Beſchluſſes die Parteien wie⸗ der— ohne Abſchied! Haug bemerkte erſt, als der abgehende Zug ſich in Bewegung ſetzte, daß Arnefeld mit ſeiner Gattin noch auf dem Perron ſtand. Hätte er gewußt, wohin ſie nunzu reiſen gedachten, ſo würde er ihnen manche Nachricht mit auf den Weg gegeben haben, denn kurz vor ſeiner Trennung von ihnen hatte er einen Mann aus jener Gegend getroffen, der in Geſchäften ſeiner Fabrik reiſte, und von Sielitz viel erzählt hatte: Herrn Selle. Salvator. Stoff genug bot Sielitz der ganzen Gegend zu ſprechen: Einige nannten es Eldorado, das waren die Leute aus der alten Zeit, die Generation des„überwundenen Standpunkts,“ das junge Geſchlecht wußte einen beſſern Namen: Califor⸗ nien. Von dort waren nun endlich die Goldquellen, welche Anfangs ſo knickerig ſprangen, in einen angenehmen Fluß ge⸗ kommen, und man wunderte ſich nur darüber, wie lange ſie aushalten, oder noch beſſer, wie lange die Behörden der Ueber⸗ ſchwemmung, die ſchon erheblichen Schaden that, ruhig zuſehen würden? Es war keinem Menſchen ein Geheimniß geblieben, durch welches praktiſche Mittel der Goldkönig bewogen worden war, ſich freigebiger zu zeigen, es warzwar deswegen eine Unter⸗ ſuchung eingeleitet, aber nicht durch ihn, ſondern durch einige Nimmerſatte, welche nach ihrer Meinung nicht genug bekom⸗ men und ſich an dem Exceß ſelbſt nicht hatten betheiligen kön⸗ nen. Die Leute ſtaunten, daß Schrader, trotz der erlittenen Mißhandlung und da eine Zuſicherung, auf ſolche Weiſe er⸗ zwungen, keine Gültigkeit haben konnte, dennoch dieſe Ver⸗ ſprechen im reichſten Maße erfüllte und von einem Schutz des Geſetzes nichts wiſſen wollte. Es war aber noch mehr Wunderbares von Sielitz zu be⸗ richten. Der alte Pfarrer hatte auf einmal ſein Gehör wieder bekommen, es ſollte ihm irgend eine Abnormität, wie ſich Herr Selle ausdrückte, im Kopfe geſprungen ſein, wodurch er nach heftiger Blutung und einem längern krankhaften Zuſtande wieder hergeſtellt worden. Jetzt verrichtete er ſeine Amtsge⸗ ſchäfte, wie in frühern Jahren, ganz allein, und der Herr Ad⸗ junct war auf den Antrag des Pfarrers durch den General⸗ ſuperintendenten, der in Perſon erſchienen, von ſeiner bisherigen Salvator. 233 Function entbunden worden. Am folgenden Tage, nachdem es in der Stadt und Umgegend bekannt geworden, hatten ihm die Maſſen ſeiner Anhänger einen großen Fackelzug gebracht und dabei in dem Dorfe ſolchen Unfug mit Katzenmuſiken, Trinkgelagen und wüſten Schlägereien getrieben, daß ein förm⸗ licher Landſturm aus der ganzen Nachbarſchaft den Gendar⸗ men zu Hülfe gezogen war, um die zügelloſen Schaaren nur erſt zu zerſtreuen. Auf die Folgen dieſer neuen Geſetzwidrig⸗ keiten baute Herr Selle ſehr, daß nun endlich dem Unweſen geſteuert würde.„Dies Geld! Was könnte mit dieſem Gelde geſchehen, wenn man es arbeiten ließe!“ ſeußte der Mann des Capitals. „Ihren Herrn Papa begreife ich nicht,“ waren die letzten Worte geweſen, ehe er von Haug auf dem Perron ſchied. „Wiſſen Sie, was der neulich zu mir ſagte: Der Mammon muß erſt das wahre Elend ſchaffen! Dann werden die Men⸗ ſchen einſehen, daß damit allein nicht zu helfen iſt.“ Haug hatte keine Zeit mehr, den Fabrikanten über den Sinn dieſer Worte aufzuklären, aber ihn ſelbſt beſchäftigten ſie auf der weitern Reiſe. Das wahre Elend, größer und ent⸗ ſetzlicher, als die materielle Noth, iſt die Entſittlichung, und mußte dieſe nicht durch einen ſo wahnſinnigen Gebrauch des Mammons, wie er hier gemacht wurde, unausbleiblich, geſtei⸗ gert werden? Aus bitterer Armuth plötzlich in Ueberfluß ver⸗ ſetzt, verwahrloſt von den Menſchen bisher, in Unwiſſenheit und Rohheit verſunken, aller Genüſſe beraubt, in deren Be⸗ ſitz ſie Andere täglich ſehen, und nun auf einmal überſchwemmt mit den Mitteln, ſich alle Erdenfreuden zu verſchaffen, ohne Leitung und Rath— wie kann es ausbleiben, daß im Toll⸗ 234 Salvator. rauſch die Reſte beſſerer Einſicht, welche der Mangel mit ſei⸗ nem ſcheußlichen Gefolge gelaſſen hat, verdunkelt werden und dann erſt das Elend in ſeiner betrübendſten Erſcheinung hervortritt? Dem Fabrikanten, welcher ſchon jetzt mehr dadurch gelitten hatte, als er Herrn von Haug mitgetheilt, gingen auch man⸗ cherlei ähnliche Gedanken durch den Kopf. Geholfen mußte den Armen werden, das ſtand feſt, es mußte noch mehr geſche⸗ hen, als die ſchwächlichen Anfänge bisher geleiſtet, denn ſatt machen, kleiden, wärmen mußte man die Darbenden, ehe man ihnen mit höhern Dingen kam, aber dann auch mußte man ſie zur Vernunft und Erkenntniß bringen, daß ſie ſich ſelbſt helfen lernten. Dabei fiel ihm ſein Meinike ein, welchem er ſeit einiger Zeit nicht mehr traute, der Mann ſah ganz da⸗ nach aus, als wollte er Socialismus ſtudiren. Und wie er an das junge Mädchen dachte, welchem er Schuld gab, dem ſonſt ſo vernünftigen Menſchen den Kopf verdreht zu haben— fiel es ihm auf einmal wie Schuppen von den Augen: die hübſche Dame, welche neben Herrn von Haug geſeſſen, über deren Geſicht er ſich gequält hatte, war ja das jüngſte Fräu⸗ lein von Rheinberg geweſen. O hätte er das doch gewußt, wie gern hätte er mit ihr von ihrer Schweſter geſprochen! Salvator. 6. In Berlin war der Carneval ſeit Jahren nicht ſo glän⸗ zend geweſen Die Feſte, welche jeden Mittwoch im königlichen Schloſſe Alles vereinigten, was an„Sommitäten“ in jeder Beziehung die Hauptſtadt beſaß, die Aſſembleen des Miniſter⸗ präſidenten und der fremden Botſchafter, die Bälle und muſi⸗ kaliſchen Soireen, welche von Repräſentanten des Hochadels ge⸗ geben wurden— überſtrahlten, nach dem Urtheile des Ta⸗ ges, Alles, was ſeit langer Zeit der guten Geſellſchaft gebo⸗ ten worden war. Es gab zwar auch alte Murrköpfe, Tadler von Profeſſion, die äußerten: Viel Glanz— wenig Freude! Sonſt war's anders!“ aber was ſie vermißten, das war doch nun einmal zugeſchaufelt worden und läßt ſich nicht wieder beleben. Frau von Mörner lebte mitten in dieſer Hochfluth, die kleine elegante Frau hatte ihr früheres Anſehen in den Sa⸗ lons vollkommen wieder erlangt, ſie war überall und ſpielte eine Rolle unter den ariſtokratiſchen Damen. Intereſſant war es ihr geweſen, den Stiefſohn ihrer Lida kennen zu lernen, welcher es durchzuſetzen gewußt hatte, zu irgend einer Dienſt⸗ leiſtung in der Reſidenz nach der Demobiliſirung der Armee commandirt zu werden, und nun auf allen Bällen ſeine nied⸗ liche Figur im reichen Dolman bewundern ließ. Wer ihn ſah, wie er gewandt mit den jungen Damen ſich unterhielt, wie feurig er tanzte und immer blühend von Farbe blieb, dem machte er einen vortheilhaften Eindruck, und Niemand glaubte 236 Salvator. wohl, daß er in einſamen Stunden recht traurig ſein konnte. Er vermied ſolche Stunden daher auch ſo viel als möglich. Der Frau von Mörner war er aufgefallen, ſie hatte ſeinen Na⸗ men leicht erfahren und einen Zufall benutzt, um ihn ſich vor⸗ ſtellen zu laſſen. Er hatte ſich nämlich etwas laut über eine junge Dame beklagt, die, von ihm zum Tanz engagirt, mit einem andern, allerdings vornehmern und reichern Cavalier an⸗ getreten war— ſeine Kameraden hatten ihn aber lachend mit der Verſicherung beruhigt, daß die Dame nicht gegen ihn allein oder überhaupt heut zum erſten Male dieſe Caprice geübt, ſie wolle nun einmal gern einen reichen und vornehmen Mann haben— junge Officiere ſprechen ſo rückſichtslos, wir bitten unſere Leſerinnen um Verzeihung. Darauf war Arnefeld im Begriff geweſen, ein Complott gegen das arme Kind anzuſtif⸗ ten, Frau von Mörner, welche Alles mit ihrem feinen Gehör belauſcht hatte, durfte es ſo weit nicht kommen laſſen, ſie bat ſchnell einen ihrer Bekannten, der eben mit dem Huſaren ge⸗ ſprochen hatte, ihn ihr vorzuſtellen, und ſo erreichte ſie denn einen doppelten Zweck, denn ſobald ſie mit Arnefeld die Be⸗ ziehung, in welcher ſie ſtand, im leichten und gefälligen Con⸗ verſationston berührt hatte, ſäumte ſie nicht, der jungen Dame, welche eben ganz harmlos fächerſpielend dem Cavalier ihrer Wahl zuhörte, der in nachläſſiger Stellung, kaum die Lippen rührend, vom geſtrigen Glatteiſe ſprach, zu nahen und ſie in wohlwollend freundlicher Weiſe von dem, was ihr gedroht, in Kenntniß zu ſetzen! Sie war ihr ſo dankbar! Arnefeld hatte die Mutter ſeiner Stiefmama nicht eben mit großer Befriedigung angeſehen. Die Erinnerung an ſeine Fa⸗ milienverhältniſſe ſtörte ihn allemal, wenn ſie ihm in der —— Salvator. 237 rauſchendſten Luſtigkeit unter ausgelaſſenen Kameraden er⸗ wachte. Doch hoffte er jetzt, all' die widerwärtigen Dinge mit einem Schlage zu beſeitigen, ſeine Mutter und Schweſter woll⸗ ten nach Berlin kommen, er erwartete ſie täglich. Dann mußte die abſcheuliche Vertraulichkeit mit dem Jeſuiten von Sielitz, wie er Schrader ſehr unpaſſend getauft, auf immer zerriſſen werden, ſie mußte mit Laura jedenfalls hier eine bleibende Stätte finden und niemals in die Gegend zurückkehren, wo man gewagt hatte, ihr eine Verbindung mit einem gemeinen Schiffer anzuſinnen. Auch er wollte niemals wieder in jene Gegend kommen: er dachte mit Beſchämung an Emma Rhein⸗ berg und ihren Gemüſekorb, an die bildſchöne Frau des ver⸗ haßten Menſchen, deren Erinnerung gleichwohl ſtets ſein Blut aufwallen ließ, und er konnte ſich beſchwören, daß es nicht in unlautrer Weiſe war— er dachte an den Moment am See, wo er faſt einen Mord veranlaßt hatte, um den er binnen Kur⸗ zem vor einem Kriegsgericht ſtehen ſollte und endlich noch an ein Zuſammentreffen kurz vor ſeiner Abreiſe, das ihm den un⸗ heimlichſten Eindruck zurückgelaſſen hatte, es war mit der al⸗ ten Amme ſeines Vaters geweſen, die nun wiederhergeſtellt und aus der Irtrenanſtalt zu ihren Verwandten heimgekehrt war. Mußten all' dieſe Erinnerungen ihn auf dem Hofballe unter den heitern Klängen einer Quadrille aus Flotow's Oper über⸗ fallen! Er ſuchte in ſeiner Stimmung die entferntern Räume auf, wo ſich Männer zu ernſter Unterhaltung zurückgezo⸗ gen hatten. Hier fand er den Freiherrn aus Süddeutſchland, deſſen Bekanntſchaft er vor einigen Tagen bei dem Geſandten ſeines Monarchen gemacht hatte; Herr von Moos war ihm, von Ru⸗ 238 Salvator. dolfs Aehnlichkeit mit ſeiner Schweſter überraſcht, ſehr fteund⸗ lich entgegen gekommen und trat auch heut, als er ihn in den Saal kommen ſah, gleich zu ihm, um nach ſeiner Mutter und Schweſter zu fragen. Rudolf konnte ſelbſt nicht begreifen, warum ſie viel länger ausblieben, als ſie beſtimmt hatten; heut regte ſich ſogar eine Beſorgniß in ihm, daß irgend ein Unfall geſchehen ſei, doch äußerte er ſich nur leichthin und fragte nach der Familie des Freiherrn. „Ein ſehr theurer Freund iſt bei uns angekommen,“ ant⸗ wortete Moos.„Aber auch ohnedem würden Sie die Meinigen nicht hier gefunden haben. Einfaches Bergvolk kann auf dem Parket nicht fort.— Sie kennen übrigens unſern Freund: er iſt aus Ihrer Gegend, Haug.“ „Der Oberſt?“ fragte Rudolf eifrig, denn er pof durch ihn etwas zu erfahren. „Des Oberſten Sohn, der uns erſt ſeit Zeit wie⸗ dergeſchenkt iſt— doch, ich halte Sie wohl vom Tanz ab?“ Der Huſar hatte nie weniger Luſt dazu gehabt, als in dieſem Angenblicke, und es war ein ſeltſamer Contraſt, ſeine jugend⸗ liche, ſchlanke Geſtalt zwiſchen dieſen alten und ernſthaften Männern zu ſehen, mit denen er ſich in eine Unterhaltung ein⸗ ließ über Dinge, welche ihm ſonſt weltenfern gelegen hatten. Da wurde er durch einen Kameraden, der ihn endlich auf⸗ geſpürt, hinweggerufen.„Du wirſt geſucht,“ ſagte er ihm. „Ein Billet an Dich iſt draußen an das Lakaienthum abgege⸗ ben worden mit der Bitte, es Dir unverzüglich zuſtellen zu laſſen, jetzt wandert ſchon Euer Adjutant, welcher es an ſich genommen hat, nach Dir durch alle Säle.“ „Endlich ſind ſie angekommen!“ dachte Rudolf freudig und Salvator. 239 eilte den Adjutanten aufzuſuchen, den er auch in den Menſchen⸗ wogen ſchnell genug fand. Das Billet, das ihm ausgehändigt wurde, trug aber Schriftzüge, welche ihm völlig fremd waren, und enthielt die Bitte, ohne Aufenthalt in die nahe Conditorei von Joſty zu kommen, wo ihn Jemand in dringender Angele⸗ genheit zu ſprechen wünſche. Hier war kein Beſinnen, er ver⸗ ließ die ſtrahlenden Prunkſäle, erlangte mit einiger Mühe ſei⸗ nen Mantel, den er über die goldſchimmernde Uniform warf, und eilte die Treppe hinab, durch das Portal über die kurze Pflaſterſtrecke, welche ihn von dem zum Rendez⸗vous beſtimm⸗ ten Orte ſchied. Das hellerleuchtete geräumige Zimmer war ſchon ziemlich leer, denn es war ſpät, nur an einigen der kleinen Tiſche ſa⸗ ßen noch zeitungleſende Herren. Keiner ſtand bei Arnefeld's geräuſchvollem Eintritt auf, und er glaubte ſchon gefoppt zu ſein, als hinter ihm eine männliche Stimme beſcheiden ſeinen Namen nannte. Es war ein Schutzmann, welcher in einem Hinterzimmer verweilt und auf ihn gewartet hatte. „Was wünſchen Sie?“ fragte Arnefeld nicht eben freund⸗ lich, als er dieſe Auflöſung des Räthſels ſah. „Ich habe eine große Bitte, Herr Lieutenant von Arnefeld — ja—“ ſetzte er ſo leiſe hinzu, daß keiner der im Büffet⸗ zimmer Anweſenden ihn verſtehen konnte—„meine Exiſtenz hängt gewiſſermaßen davon ab. Der Ertrinkende haſcht nach einem Strohhalme.“ „Und wie komme ich zu der Ehre, dieſer Strohhalm zu ſein?“ fragte Arnefeld. „Sie kennen mich. Wollen Sie mir einen Augenblick in jenem Zimmer, wo uns Niemand belauſcht, Gehör ſchenken?“ 240 Salvator. „Ich entſinne mich allerdings dunkel, Ihr Geſicht früher geſehen zu haben, indeſſen kann ich Ihnen mein Ehrenwort geben, daß ich in dieſem Momente kaum im Stande bin, meine eigne Exiſtenz auf die nächſten drei Tage zu ſichern—“ „O Sie mißverſtehen mich durchaus!“ unterbrach ihn der Schutzmann mit einem ſeltſam beleidigten Tone.„Es handelt ſich nicht um Geld, ſondern um ein Zeugniß. Wollen Sie mich hören?“ Arnefeld folgte ihm in das S das leiſe Ge⸗ ſpräch zwiſchen Beiden am Büffet hatte ſchon Aufſehen erregt. —„Sie entſinnen ſich gewiß, daß Sie etwa vor anderthalb Jahren hier waren und in gewiſſen delicaten Angelegenheiten ein Haus auf dem Köpniker Felde beſuchten—“ Rudolf blickte ihn betroffen an.„Delicat waren die Angelegenheiten nach ihrem Ausgange eben nicht!“ ſagte er.„Sind Sie dabei be⸗ theiligt geweſen?“ „Nur in ſofern, als Sie durch mich das Haus erfuhren, wo das junge Mädchen in Verborgenheit ihre Zeit erwartete.“ „Herr!“ fuhr der Officier auf.„Was faſeln Sie da?“ „Verzeihen Sie. Das Alles war es auch nicht, worauf ich mich berufen will. Sie ſelbſt aber forderten mich damals auf, einen Mann, welchen Sie für verdächtig ten, auf das Korn zu nehmen.“ „Ja! Ich wollte, Sie hätten ihm wirklich über Korn und Viſir ein Ende gemacht, es wäre ein Segen geweſen. Nun weiß ich Alles. Doch wegen des Mädchens ſind Sie im Irr⸗ thum, ſie iſt jetzt die Frau dieſes Menſchen. Ihren Namen weiß ich jetzt auch: Lehmann, nicht wahr?“ „Neumann,“ berichtigte der Conſtabler. Salvator. 241 „So ſagen Sie mir, lieber Neumann, was Sie von mir wünſchen, daß Sie mich aus des Königs Schloß rufen laſſen!“ „Ihr Zeugniß— daß Sie mich wirklich als Neumann kennen, daß— dies mein wahrer Name iſt und Sie mich ſchon ſeit langer Zeit unter dieſem kennen. Es handelt ſich— um meine Ehre— ich wollte ſagen, um meine Anſtellung, die ich gleich verlieren würde, und dann bliebe mir nichts übrig als die Kugel durch den Kopf. Hier iſt nämlich eine unglück⸗ liche Verwechſelung, oder vielmehr eine Aehnlichkeit, die ich mit einem längſt verſtorbenen Manne haben ſoll—“ „Herr!“ fiel ihm der ungeduldige Officier in die Rede, welche Jener in kurzhervorgeſtoßenen Worten, oft ſtockend, mit halbgeſchloſſenen Augen, wie vor innerer Angſt, geſprochen hatte:„Wenn ich Sie verſtehen ſoll, ſo faſſen Sie den Sinn einfach zuſammen. Ihre Geſchichte ſchenke ich Ihnen— Sie wünſchen, daß ich für Sie zeugen ſoll, nach einmaligem Sehen?“ „Nur, daß ich wirklich Neumann heiße!“ bat der Schutz⸗ mann. „Aber das müſſen Ihnen ja all' Ihre Vorgeſetzten beſſer bezeugen! Was kann ich—?“ „Tauſende kennen mich hier, ja, und meine Vorgeſetzten auch,“ rief Neumann in ſteigender Haſt.„Aber kein Zeugniß würde mir beſſer helfen, als das Ihrige— denn es handelt ſ— „Nun, wenn Sie nichts weiter wollen, als mein Zeugniß, daß ich in Ihnen den Schutzmann Neumann weiß— ich be⸗ greife aber nicht—“ Der Andere hatte ſchon ein Papier aus der Taſche gezogen. Salvator. II.. 16 242 Salvator. „Bitte inſtändigſt, Herr von Arnefeld, ich muß es in wenig Minuten haben, morgen werde ich mir erlauben, in Ihrer Wohnung Ihnen Alles—“ „Bemühen Sie ſich nicht!“ rief Arnefeld, der alle weitläu⸗ figen Erörterungen haßte, und auch das Papier nur flüchtig überlief. Neumann— bezeugen der Wahrheit gemäß—“ und er ergriff die Feder—„Bitte, ohne alle Formalität!“ ſagte Neumann,„blos Ihren verehrten Familiennamen ohne Titel — und hier iſt Siegellack— ich ſehe Ihren Wappenring— ſonſt könnte ja eine Verfälſchung—“ Arnefeld lachte und drückte auch ſein Wappen darunter. „Eine Schuldverſchreibung iſt es ja nicht, wie ich ſehe,“ ſagte er.„Hier ſteht aber— ſeit langen Jahren— das iſt ja nicht wahr— und von Ihren frühern, mir wohlbekannten Verhält⸗ niſſen als anſäſſiger Mann— Herr! davon weiß ich ja keine Silbe— wollen Sie mich zu einem falſchen Atteſt verleiten?“ Zornig und raſch, wie er war, riß er das Papier mitten durch und warf es dem Beſtürzten vor die Füße. Dieſer hob es auf und ſtammelte:„Es war— nicht für Sie— es war das andere Atteſt für meine— ältern Bekannten— die es alle Zeit mit gutem Gewiſſen unterſchreiben konnten.“ „Nun, ſo laſſen Sie mich unbehelligt!“ rief Arnefeld, warf den Kolpak auf den Kopf und verließ das Zimmer und Haus. Neumann betrachtete das durchriſſene Papier und ſteckte es dann haſtig in die Taſche. War ſeine Exiſtenz alſo wirklich bedroht? Hatte ihn der Mann gefunden, der von den Folgen jener That betroffen wor⸗ den war? Und ſie, auf deren Verſchwiegenheit er mit feſtem Vertrauen rechnete, ſie hatte ihn verrathen! Wenn er das ge⸗ Salvator. 243 wußt hätte! Ihn quälten bei aller Angſt, welche ihn beſtürmte, noch die Zweifel, durch wen ſein Daſein wohl erforſcht ſein konnte. Mit raſchen Schritten eilte er nach Hauſe, wo ihm beim Anblick ſeiner Kinder faſt das Herz brach— die Mutter, deren zartes, ſanftes Geſicht immer noch ein Lächeln für ihn hatte, lebte nicht mehr, ſie war vor einem halben Jahre dem Grame erlegen. Er pries ſie jetzt glücklich, daß ſie nicht erlebte, wie endlich das Gebäude des Truges zuſammen zu ſtürzen drohte. Aber aufgeben durfte er ſich noch nicht, und kaum konnte er den Morgen erwarten, um ſein letztes Heil zu verſuchen. Haug dachte zur ſelben Zeit nicht mehr an ihn, er ſaß noch im Kreiſe der Freunde, und die heiterſte Zufriedenheit waltete um ihn her. Frau von Moos hatte Fanny gleich bei ihrer An⸗ kunft ein Wiederſehen bereitet, welches ſie beſeligte: ihr Vater war ihr an der Schwelle des Zimmers entgegengetreten. Mit welchen Gefühlen ſank ſie an ſein Herz, von welchem ſie ſich mit ſo namenloſem Schmerze losgeriſſen hatte, um in die Fremde zu gehen— damals hatte ſie nicht geahnt, was ihrer harrte! Feuchten Auges waren die Frauen Zeuginnen dieſer ergreifenden Scene geweſen, und ſpät erſt, als Herr von Wol⸗ deck mit dem kleinen Hugo von einem Stadtgange heimkehrte, war ein Gleichgewicht in die tiefbewegte Geſellſchaft eingekehrt. „Sie ſind angekommen!“ hatte Hugo freudig gemeldet. „Sie werden bald hier— wir haben Aloys dort gelaſſen, ſie zu führen.“ Von Frau von Arnefeld war die Rede, und mit ihr und ihrer Tochter ſollte auch Emma kommen, welche durch Laura's Vermittelung aus ihrem drückenden Verhältniß erlöſt worden war. Fanny zitterte vor Aufregung, ihr reizbares Temperament 166 244 Salvator. trat wieder recht lebhaft hervor. Haug ſuchte ſie ruhiger zu ſtimmen, er ſtand mit ihr etwas abgeſondert von den Uebrigen und ſprach leiſe zu ihr, während ſie mit innigen Blicken zu ihm emporſah. In dieſem Momente traten die Erwarteten ohne weitere Ankündigung ein, Laura's Auge fiel zuerſt auf die abgeſon⸗ derte Gruppe, ein Blitz zuckte in ihren dunkeln Sternen auf, ein leiſes Beben um ihren Mund. Aber ſchon flog ihr Lieb⸗ ling, ihre Fanny, an ihre Bruſt und dann erſt in die Umar⸗ mung ihrer Schweſter. Die beiden Kinder, die ſich ſo zärt⸗ lich liebten, trotz aller Verſchiedenheit ihrer Charaktere und mancher kleinen Zwiſtigkeiten, hatten ſich nun wieder und woll⸗ ten ſich nie wieder trennen. Der Vater legte ſegnend ſeine Hand auf ihre jungen, ſchuldloſen Häupter. Es war dann ſoviel zu beſprechen, zu erzählen— und doch durfte ja nicht Alles, was das Herz eines Jeden hier be⸗ wegte, auf die Lippen treten. Frau von Rothkirch hatte die frühern Gäſte ihrer ſchönen Villa freundlich an ihre Seite ge⸗ nommen und ſprach mit der Arnefeld, welche nur Anfangs ein⸗ ſilbig war, dann aber vor dem warmen Antheil aufthaute, Hugo hatte ſich neben Laura geſetzt und plauderte ſo friſch und munter, wie ein Wildbach aus ſeinen heimathlichen Bergen, Laura durfte ihm nur zuhören, ſie war noch ernſter als ſonſt und um ihre Lippen zitterte zuweilen ein Zug von trauriger Bedeutung. Was trübte neuerdings wieder den Frieden ihrer geprüften Seele?— Um Frau von Moos, welche für ihr Kind, das ſie nun bald verlaſſen ſollte mit dem Manne ihrer Wahl, zwei Töchter zum Erſatz bekommen, wie ſie ſcherzend ſagte, hatte ſich ein zweiter Kreis gebildet; der Kammerherr, Salvator. 245 deſſen Gefühl ſeit langer Zeit wieder den alten glücklichen Ausdruck trug, ſprach lebhaft mit der gütigen Frau, die er vor Jahren ſchon kennen gelernt und gelegentlich auch wieder ge⸗ ſehen hatte, die beiden Schweſtern ſaßen Hand in Hand und erzählten ſich viel; wenn aber eine Pauſe zwiſchen ihnen ein⸗ trat, wandte ſich Fanny's Auge ſtets auf Haug, der halb hin⸗ ter ihr ſeinen Platz genommen hatte. Laura bemerkte auch, daß ſie leiſe zu ihm ſprach. Die Geſellſchaft trennte ſich erſt, als Herr von Moos heim⸗ gekehrt war. Morgen ſollten dann die weitern Pläne für die Zukunft beſprochen werden: Niemand als Laura hatte geſehen, daß ihre Mutter, als Moos von dem Zuſammentreffen mit ihrem Sohne ſprach, eine gewiſſe Unruhe niedergekämpft hatte. Laura kannte den Grund, er verſtimmte ſie noch mehr. Beim Scheiden fragte ſie Haug: warum ſie nicht heiter ſei, er fragte das in dem alten herzlichen Tone, den ſie bei ihrer erſten Be⸗ kanntſchaft im Süden und dann bei jeder Begegnung, ſeit ſie mit ihrer Mutter in dem kleinen Städtchen wohnte, von ihm gehört hatte, heut klang er ihr noch liebevoller als ſonſt, und doch betrübte er ſie. Die Antwort konnte daher nur eine aus⸗ weichende ſein. Rheinberg begleitete ſie bis zu dem Hotel, wo ſie abge⸗ ſtiegen waren, auch ſein Freund wohnte dort. Die beiden Männer gingen voran, und Haug freute ſich über die Zuftieden⸗ heit, welche nun aus jedem Worte des in ſeinen Kindern be⸗ glückten Vaters ſprach. Es war ihm durch die Verhältniſſe nun einmal verſagt, ſie bei ſich zu haben und für ſie zu ſorgen, ſo dankte er denn Gott, daß Haug's wahre Freundſchaft ſich dadurch bethätigt hatte, Beide ungetrennt in eine ſo liebevolle ——— 2=————— 8 246 Salvator. Obhut zu bringen, als Frau von Moos, welche ihrer verſtor⸗ benen Mutter im Leben nah geſtanden hatte, ihnen gewährte. „In dieſer Familie werden ſie noch mehr gewinnen, als einen blos irdiſchen Halt,“ ſagte Haug,„auch der ſtärkſte iſt den Stürmen des Lebens nicht gewachſen. Du haſt es aber be⸗ währt gefunden, daß unſerer Schwäche in größter Noth die Hand von Oben nicht fehlt, welche ſichtbar hineingreift in unſer Leben.“ Laura, welche, ohne an dem oberflächlichen Geſpräche ihrer Mutter mit Emma Theil zu nehmen, hinter den beiden Män⸗ nern ging, hatte dieſe letzten Worte gehört. Sie klangen ſo troſtreich— hätte ſie nur daran glauben können! Ihr Herz wollte ſie wohl annehmen, denn für alle Betrübten und Ver⸗ zweifelnden auf Erden, welch ein Troſt in dem kindlichen Glauben, daß ein Vater im Himmel die kleinen Erdenſorgen auch des geringſten ſeiner Geſchöpfe anſieht und ihnen Hülfe ſchickt zu rechter Zeit— aber der Verſtand zerriß ſchonungslos die Schleier, welche ſie für frommen Wahn hielt, und ſagte ihr, daß ein Aufblick zu dem ſternflammenden Himmel, wo zahlloſe Welten nach unabänderlichen Geſetzen rollen, entſtehen und zerfallen, genüge, um jenen Glauben nicht mehr kindlich, ſon⸗ dern kindiſch zu nennen, und daß der Menſch auf ſich ſelbſt ge⸗ wieſen ſei! Noch fühlte ſie die Kraft in ſich, Alles zu tragen, und als ſie, nachdem Rheinberg Abſchied genommen und Haug im Corridor ſich von ihr getrennt hatte, mit der Mutter und Emma allein im Zimmerwar, kam ihr ſogar eine Heiterkeit zurück, welche die Beiden, die nicht eben Seelenkenner waren, zu täuſchen ver⸗ mochte. Mit ſchwerem Herzen ging Frau von Arnefeld zu Bett, ſie Salvator. 247 fürchtete ſich vor dem Wiederſehen ihres Sohnes, denn wenn er auch nicht Alles wußte, was während ſeiner Abweſenheit in Sielitz vorgefallen war, ſo mußte ſie doch fürchten, daß Laura ihm wenigſtens erzählen werde, daß ſie, die Mutter, bei der nun offen angebrachten Werbung des jungen Roland für ihn Partei genommen und ihrer Tochter, welche dieſelbe entſchieden abgelehnt, böſe Tage bereitet hatte. An die Rohheit, welche ſich der abgewieſene Freier dann erlaubt, durfte ſie gar nicht denken, ſonſt wurde ihr die Ruheſtätte, auf welcher ſie ſich nach Schlaf ſehnte, zum Dornenlager. Endlich irrten ihre Ge⸗ danken zu dem theuern Bilde des Freundes, und eine wohl⸗ thuende Empfindung durchfloß ihr fühlendes Herz, ſie ſtellte ihn ſich vor in ſeiner niedrigen Umgebung, mit dem Weibe, das ihn nicht verſtand, unter dem elenden Dache, das er durch ſein Walten heiligte und verklärte, ſie hätte jeden kleinen Ge⸗ genſtand in ſeinem Stübchen malen können, denn— ſie hatte ihn beſucht! Als ſie die Schreckensbotſchaft vernommen, daß er von rohen Haufen in ſchauderhaftem Undank gemißhandelt worden ſei und todtkrank, wie eine falſche Nachricht ſagte, dar⸗ nieder liege, hatte ſie keine Rückſicht mehr gekannt, ſie war in Sielitz geweſen und hatte ihn beſucht! Und nachdem dieſer erſte Schritt geſchehen und ſie in ihrem Gefühle, das ſich An⸗ fangs geſträubt, keinen Widerſpruch mehr fand, hatte ſie dieſen Beſuch noch mehrmals wiederholt. Er war ja, wenn er auch den größern Wirkungskreis vor der Hand hier verloren hatte, immer noch ihr Seelſorger, er war überdem verheirathet und — was ſie gegen ihre ſie beſchwörende Tochter als letzte ver⸗ zweifelte Waffe vorbrachte— ſie war ja eine alte Frau! Die Erinnerung an ihren letzten Beſuch lullte ſie nun in Schlaf. 248 Salvator. 7. Haug war von einem Gange zurückgekommen, welchen er zu ſehr früher Stunde angetreten hatte. Was er geſchaut und erfahren hatte, bewegte ihn noch mächtig, aber in ſeinen klaren Zügen malte ſich die innere Befriedigung, welche ein edler Entſchluß erzeugt. So fand ihn der Mann, welcher ſich ihm trotzig vorſtellte, um ſeinen beleidigenden Argwohn nun mit Gegenbeweiſen und Drohungen zu vernichten. Er hatte dabei ſelbſt eine dem Straßenjargon ziemlich ähnliche Sprache an⸗ genommen, damit auch die Gemeinheit ihm zur Bundesgenoſ⸗ ſin werde. Der Schutzmann Neumann war es. „Alſo hierher geſehen!“ ſagte er.„Das Dings war mir nichts mehr nütze, darum hab' ich's zerriſſen, aber zu meiner Anſtellung hier braucht' ich's, vor drei Jahren nun bald. Wer kannte mir?— und damals, wo Allens drunter und drüber ging! Sie ſind alſo in'em dicken Irrthum geweſen, und wenn's auch ein Baron iſt, in den Sie mir verwandeln wollten, ich werde Sie doch verklagen, denn mein ehrlicher Name iſt auch was.“ Haug hatte dieſe unverſchämte Rede ruhig angehört, er ſah auf den Mann, deſſen Züge heut noch verwilderter als neulich, wo er ihn zuerſt aufgeſucht hatte, jede Aehnlichkeit mit dem feinen und gebildeten Cavalier verläugneten, und ſagte dann mit ſeiner tiefen, eindringlichen Stimme:„Wollen Sie es dar⸗ auf ankommen laſſen, ſo thun Sie nach Ihrem Gefallen. Dies vergilbte Papier mit der friſchen Unterſchrift wird ein — můmů˖—=—˖ů·˖·˖—˖·˖—˖——ůů Salvator. 249 Zeugniß mehr gegen Sie, nicht für Sie.— Laſſen Sie mich ausreden. Was auch die Entſcheidung ſein wird, zwiſchen uns hat dieſe Affectation eines Ihnen fremden Weſens keinen Erfolg. Ich bitte Sie, mich ruhig ausreden zu laſſen. Viel Worte ſind nicht meine Sache. Beim Tode des alten Reisling — Sie kennen ihn?—“ Der Andere erſchrak, doch ſtieß er ein trotziges:„Nein! Wie ſo?“ heraus. „In ſeinem Nachlaß hat ſich die Brillantnadel des Er⸗ ſchoſſenen gefunden. Das Gericht— Ihre Schweſter— das Zeugniß meiner Frau— Sie werden blaß— aber genug! Ich bin ſo eben in Ihrer Wohnung geweſen, Sie haben ſechs Kinder— Ihre Schuld hab' ich nun zehn Jahre getragen, mich hat das Urtheil der Welt geächtet, ſtatt Ihrer, und ich hab' es jetzt in meiner Hand, Sie zu entlarven— aber Sie haben ſechs Kinder, um dieſer unſchuldigen Kinder willen gehen Sie hin, ich werde keinen Schritt weiter thun, gehen Sie, Herr Neumann.“ Der aber ſtürzte zu ſeinen Füßen und brach in ein krampf⸗ haftes Weinen aus. Vergebens ſuchte ihn Haug emporzu⸗ heben, er umklammerte ſeine Kniee und ſchluchzte nur wortlos. Dann ſprang er plötzlich auf, riß Haug's Hand an ſich, küßte ſie und ſtürzte hinaus. Im Nebenzimmer ſaß aber eine tief erſchütterte Hörerin dieſer Scene, welche ſie wider ihren Willen von Anfang bis zu Ende vernommen hatte. Laura war zu Hauſe geblieben, als ihre Mutter mit Emma ausgefahren war, ſie hatte keine Ahnung, daß Haug's Zimmer, nur durch eine dünne Thür ge⸗ trennt, neben dem ihrigen lag, da er ſchon ſo frühzeitig jenen Gang unternommen hatte. Wie war ihr Herz aufgezuckt, als 250 Salvator. ſie plötzlich ſeine Stimme gehört hatte— und unfähig, das Sopha zu verlaſſen, der Thüre zunächſt, auf welchem ſie eben ſaß, hatte ſie Wort für Wort gehört, was drüben verhandelt wurde. In Bewunderung hätte auch ſie niederſinken mögen! Das Ideal eines Mannes in ruhiger Kraft und Seelengröße, ein Ideal, unabhängig von äußern Vorzügen, wie es ihrer Seele immer vorgeſchwebt hatte, ſchien in ihm verkörpert zu ſein, und dieſen Mann hatte ein leichtſinniges Weib verlaſſen können, um Unglück und Zerwürfniß in eine fremde Familie zu tragen! O ſie wünſchte ihm in dieſem Augenblicke den reichſten Erſatz und Lohn in ſeiner neuen Wahl, die ſie geſtern erkannt zu haben glaubte— ihren Liebling, das Kind, das ſo oft an ihrem Herzen geruht hatte, wie ſegnete ſie ihr nahes Glück mit uneigennützigem Herzen! Aber betrübt war ſie da⸗ bei, als ſollte das ihrige brechen. Ein Waoffengeräuſch an der Thüre— Rudolf trat, kurz anklopfend, herein.—„Laura!“ rief er in ſeiner freundlich haſtigen Weiſe, aber gleich ftagte er betroffen:„Du haſt ge⸗ weint? Kannſt Du auch weinen?“ Sie hatte ihm wenigſtens bis jetzt noch keine Thränen ge⸗ zeigt und trocknete ſie ſchnell.„Ich dachte an unſern Vater—“ ſagte ſie. Weißt Du, daß er vielleicht bald hier ſein wird? Doch ſei mir gegrüßt, Rudolf. Setze Dich zu mir. Ich habe Dir ſo viel zu erzählen.“ „Auch ich Dir, auch ich!“ rief Rudolf. Wo iſt die Mut⸗ ter?— Fräulein von Rheinberg wird unſer Haus alſo wieder verlaſſen?“ Er vermied ſchon, ſie beim Vornamen zu nennen. Laura erklärte ihm, daß Emma nur durch Vermittelung des Herrn von Haug einige Tage in ihrem Hauſe zugebracht Salvator. 251 habe, um dann mit ihnen nach Berlin zu reiſen. Dann ver⸗ traute ſie ihm weiter, was ſie auf dem Herzen hatte und für geeignet hielt, doch vermied ſie Alles, was ſein ohnehin ſchon gereiztes Gemüth gegen die Mutter erbittern konnte. Als ſie auf Roland's Anträge kam, geſchah es nicht ohne Verlegen⸗ heit, denn ihr geheimes Bewußtſein ſprach ſie nicht frei, ſie hatte mit phantaſtiſchen Gedanken, alle Verhältniſſe außer Acht laſſend, ſchon ſeit ihrer Lebensrettung durch den jungen Schiffer geſpielt, ſie war bei dem Umſchwung ſeines Schickſals eine Zeitlang nicht ganz gleichgültig gegen ihn geweſen, und erſt als die Proſa des Lebens wieder in ihr Recht getreten und ſie ſich ſeiner ſchämte, war der Verſtand, ihr Polarſtern, mit ſeinen Einflüſſen auch wieder mächtig geworden. Jetzt wußte ſie freilich auch und ſagte es ſich mit hochaufwallendem Herzen, daß jenes flüchtige Intereſſe nicht Liebe geweſen ſei. Die Liebe kennt all' die Wandlungen nicht, die ſie erlebt hatte, ſie giebt ſich voll und ewig zu eigen, nicht der Tod— nicht, was ſchlimmer als Tod iſt, die Schuld und die Schande, kann ſie von dem Geliebten trennen, und auch, wo ſie ewig ſchwei⸗ gen muß, hat die Zeit über wahre Liebe keine Macht. Laura, von ſolchem Gefühl in dieſem Augenblicke getragen, konnte ihre Bewegung nicht vor dem Bruder bergen, der ſie jedoch falſch verſtand. „Sei ruhig, Laura,“ ſagte er,„mir ſind noch viel ſtärkere Dinge geſagt worden, freilich von einer Verrückten.“ „Ich bitte Dich, leiſe zu ſprechen,“ unterbrach ſie ihn, in⸗ dem ſie nach der Thüre zum Nebenzimmer zeigte.„Jedes Wort iſt zu hören!“ Rudolf lauſchte einen Moment, es war aber drüben ganz ſtill, und er beruhigte ſeine Schweſter durch die 252 Salvator. Verſicherung, Haug auf dem Flur begegnet zu ſein, im Begriff auszugehen. „Höre denn!“ fuhr er gleichwohl mit gemäßigter Stimme fort. Die alte Louiſe iſt wieder da. Schlau genug, wie alle Verrückten, hat ſie ſich verſtellt, daß ſie als curirt entlaſſen worden iſt, denn was ſie mit mir geſprochen hat, das gehört erſt recht in's Tollhaus. Zuerſt war ſie ganz unſinnig vor Freude über mich und wollte mir gradezu an den Hals, dann weinte ſie und konnte ſich gar nicht faſſen. Endlich fing ſie an, etwas zuſammenhängend zu ſprechen, aber mir graute, denn ſie verwünſchte den Mann ihrer Enkelin mit Worten die ich Dir nicht wiederholen kann. Zuletzt aber nahm ſie meine bei⸗ den Hände und raunte mir zu: Junker Rudolf! Nun will ich Ihnen was ſagen: er will ſich von Annen losmachen, und dann ſoll Ihre Mutter ihn, Anne Sie, und der Karl Ihre Schweſter heirathen— und mit dem letzten Wort ſchlug ſie ein Hohnge⸗ lächter auf: Ich bin aber auch noch da! ſchrie ſie und ließ mich ſtehen. Das iſt nun vollſtändiger Aberwitz, Laura, indeſſen liegt doch überall ein Körnchen Wahrheit darin. Die Frechheit dieſes Burſchen, ſich Dir anzutragen— die unbegreifliche Schwäche unſerer Mama, ſich von dem Jeſuiten in ihren Hand⸗ lungen leiten zu laſſen— es mag wohl in dem verdrehten Kopfe der Alten ſolche Ideen erzeugt haben.“ „Und die Beziehung auf Dich?“ fragte Laura, als er ſchwieg. „Gar keine natürliche. Indeſſen mußt Du wohl ſelbſt ſa⸗ gen, daß Anne, wenn ſie ordentlich erzogen und von guter Familie wäre— denn ſchön iſt ſie, ich habe geſtern auf dem Hofballe viel Schönheiten geſehen, aber ſteckt ſie in ſchlechte Salvator. 253 Bauerkleider, wer weiß, ob Eine mit Annen rivaliſiren könnte. Umgekehrt wette ich, wenn Anne ihre kurzen linkiſchen Knire, ihr verlegenes Kichern laſſen möchte, daß ſie im Damencoſtüme — nun Laura, was lachſt Du?“ Trotz der Bewegung, welche der Inhalt ihres Geſprächs in Laura noch erhöht hatte, mußte ſie über das Phantaſieſtück ihres Bruders lächeln, es hatte aber wenigſtens das Gute, daß es die ſchmerzhafte Spannung ihres Innern wieder etwas milderte. Die Mutter kam bald zurück, aber allein. Emma war bei Frau von Moos geblieben. Einen hurtigen Blick ließ Frau von Arnefeld von einem ihrer Kinder zum andern fliegen — hatte Laura dem Bruder Alles erzählt, was ſie vor Rudolf's heftigem Temperamente ſo gern verbergen wollte? Denn er konnte ja nie begreifen, daß der Cultus des Gefühls erſt zur höchſten Weihe führe, dies Allerheiligſte blieb ſeiner rohen Sol⸗ datennatur ewig verſchloſſen! Aber ſie beruhigte ſich. Rudolf kam ihr ſo freundlich entgegen— er war keiner Verſtellung fähig und hätte ſeine Meinung, wenn er etwas gewußt hätte, rückhaltslos gegen ſie ausgeſprochen. So kam denn eine leid⸗ liche Stimmung zwiſchen ihnen auf, doch überfiel es die Mut⸗ ter von Zeit zu Zeit wie eine Angſt, daß irgend ein Zufall ſtö⸗ rend und voreilig wirken könne, wo doch— Er hatte es ja verheißen— eine harmoniſche und Alle beſeligende Löſung der Fragen, in welche auch ihr kleines Schickſal verflochten war, nicht mehr fern ſtand. Für den Tag war ein gemeinſchaftliches Mittageſſen der Familien, welche ſich hier in ſo naher Beziehung zuſammenge⸗ funden hatten, verabredet. Rudolf wollte ſich Anfangs entſchul⸗ digen, doch bewog ihn Laura, dieſe Idee aufzugeben, auch 254 Salvator. reizte es ihn, Fanny wieder zu ſehen, von welcher ihm durch Kameraden, die den kleinen Hof beſucht hatten, eine wunder⸗ volle Schilderung gemacht worden war— gegen Emma fühlte er ſich im Unrecht, eine Beſchämung, die er ſonſt nicht einge— ſtand, erwachte immer wieder von Neuem, ſobald er an Emma dachte. Er hatte ſich zwar nie ausgeſprochen, ihr keine Hoff⸗ nungen erregt, aber einer moraliſchen Verpflichtung war er ſich dennoch bewußt— und wenn Laura, der er ſein Herz geöffnet hatte, ihm mit etwas ſcharfem Spott verſicherte, daß Emma durchaus keine Hoffnungen auf ihn geſetzt, daß ſie weder glück⸗ lich durch ihn, noch unglücklich ohne ihn werden könne, daß ſie nichts, gar nichts für ihn gefühlt, als ein flüchtiges, flatter⸗ haftes Wohlgefallen, das keine Spur hinterlaſſe— wenn Laura ihm andeutete, daß eher Hoffnung ſei, Leo Rheinberg, der ſeine Couſine mehrmals in letzter Zeit aufgeſucht, werde um ſie werben, ſo glaubte ihr der Bruder nicht, weil es ſeine Eigenliebe empfindlich verletzt hätte. Doch das erſte Geſicht, das er beim Eintritt in den Saal der Verſammlung bemerkte, war Leo Rheinberg's— nie war es ihm häßlicher erſchienen, als heut, wo er es in unmittelba⸗ rer Nähe mit Emma's lieblichen Zügen erblickte. Beide ſtan⸗ den in der Fenſterniſche, der Thüre gegenüber, und ſprachen, wie es ſchien, mit der innigſten Vertraulichkeit. Der Freiherr von Moos kam Frau von Arnefeld entgegen und begrüßte auch ihren Sohn, der ihm vorgeſtellt wurde, mit der offnen Herz⸗ lichkeit, welche in dieſer ganzen Familie waltete. Rudolf wurde in gleicher Weiſe von den beiden ältern Damen aufgenommen, ſein Weſen machte auf ſie einen ſehr vortheilhaften Eindruck, weil es frei und ungezwungen, aber zugleich fern von jener Salvator. 255 Anmaßung und ſelbſtzufriedenen Rückſichtsloſigkeit war, deren ſich heut zu Tage namentlich die ältern Damen von unſerer jeunesse dorée zu erfreuen haben. Der Kammerherr umarmte den Huſaren in der Erinnerung glücklicher Zeiten, wo er ihn zuletzt geſehen hatte, und Leo, welcher durch ſeinen Oheim hier eingeführt war, bot ihm ſo freundlich die Hand, daß aller Groll im kameradſchaftlichen Gefühl unterging. Und nun Fanny, welche neben dem Brautpaare geſeſſen und mit dem kleinen Hugo geplaudert hatte, zu welch königlicher Geſtalt erhob ſie ſich, als ſie aufſtand, um Rudolf zu begrüßen! Wahrhaftig, ſie war für den Hof geboren— ſie mußte hier bleiben, welche Idee, in die Bergeinſamkeiten Süddeutſchlands auswandern zu wollen! Der Huſar, jetzt in voller Freiheit des Herzens, machte ſchon wieder die kühnſten Combinationen— faſt ſo kühn, als die alte Frau Louiſe Schramm gegen ihn geäußert hatte. Haug fehlte noch und blieb ſo lange aus, daß man ſchon fürchtete, er ſei durch irgend ein ſtörendes Ereigniß abgehalten worden. Als er aber in dem Momente, da man endlich zu Tiſch gehen wollte, erſchien, gab ſein klares und zufriedenes Geſicht ein anderes Zeugniß, und da er, um Entſchuldigung bittend, verſicherte, nur durch ein nicht vorherzuſehendes Ver⸗ hältniß beſchäftigt geweſen zu ſein, forderte Niemand eine wei⸗ tere Erklärung. Die Geſellſchaft wählte ihre Plätze nicht beſon⸗ ders, beim Herantreten dachte Laura lebhaft an die Sitte des Tiſchgebets, welche ſie in dem Moos'ſchen Hauſe gefunden— und auch heut ſtand die Familie und nach ihrem Beiſpiele Alles, wenn auch frappirt und theilweis verlegen, eine kurze, lautloſe Minute hinter den Stühlen, die Hände gefaltet, die Augen geſenkt. Warum kein öffentliches Bekenntniß? fragte 256 Salvatgr. ſich Laura, und wie ſehr that ihr Mißtrauen dieſen Menſchen Unrecht! In ihrem Hauſe, auch bei der größten Tafelgeſell⸗ ſchaft von Andersdenkenden, fehlte das laut geſprochene Gebet nie— draußen in der Welt war es aber einmal abgekommen, und ſie wollten es nicht der Profanation ausſetzen, darum ga⸗ ben ſie Gott die Ehre in ihrem Herzen und waren ſtets bereit, ihn zu bekennen öffentlich, wo der Zweifel ſich breit machte. Haug hatte neben Laura geſeſſen, ſo oft ſie auch eine Mahlzeit getheilt hatten, was vor ſeiner Ahreiſe nach Süd⸗ deutſchland einige Mal der Fall geweſen war. Heut ſtand ſie ihm fern, als Platz genommen wurde, aber er ſuchte ſie den⸗ noch auf und ſetzte ſich neben ſie. Er ſchien ſo heiter, es lag in ſeinem Blicke Etwas, das er ſie fragen oder ihr vertrauen wollte. In Laura's Herzen wogten Stürme, der Polarſtern ihres Lebens war verdunkelt— ſie bebte vor den erſten Wor⸗ ten, welche Haug im nähern Geſpräch, wenn erſt das allge⸗ meine ſich verbreitet, an ſie richten würde. Sollte ſie ihm zu⸗ vorkommen? Noch war er durch Frau von Rocthkirch, welche von dem Erfolge ſeiner geſtrigen Schritte neue Mittheilungen wünſchte, in ernſte Unterhaltung verwickelt, und Laura wandte ſich dem ungeduldigen Hugo zu, welcher den Platz auf ihrer an⸗ dern Seite, Fanny verdrängend, erobert hatte, und ſich nun ſchon ſo lange vernachläſſigt, nur mit halben Antworten auf all' ſeine Fragen abgeſpeiſt ſah. Deſto angelegentlicher ſprach ſie nun mit ihm von ſeinen ſchwarzen Ponies. 4 „Es freut mich, Sie heut froher zu ſehen,“ hörte ſie endlich die wohltönende Stimme, welche in ihrem Innern Anklänge weckte, deren ſie ſich ſelbſt nicht fähig geglaubt. Sie wandte ſich zu ihm, der ſie angeredet hatte. Meine Salvator. 257 5 Stimmung iſt von jeher wechſelnd geweſen,“ ſagte ſie,„wie ſehr auch der Verſtand ſie beherrſchen ſollte.“ „Das iſt kein legitimer Monarch—“ ſcherzte Haug.„Wer ſich ſeiner Herrſchaft unterwirft, kann nicht unbedingt auf Schutz rechnen. Er läßt uns im Stich, wo es irgend Ernſt wird.“ „Mich nicht!“ ſagte Laura raſch. „O trauen Sie nicht ſo ſtolz darauf!“ erwiederte Haug ernſter.—„Werden Sie lange in Berlin bleiben?“ „Meine Mutter hat noch nichts darüber beſtimmt,“ war die Antwort. Er fühlte, daß in dem Tone, mit welchem ſie gegeben wurde, eine fremde Saite klang, zwiſchen ihnen bis dahin noch nicht vernommen. Sein Auge belebte ſich einen Moment höher, doch ſenkte er es gleich und ein ruhiger Ernſt lag auf ſeinen Brauen. „Erlauben Sie mir eine Frage,“ ſagte er nach einer Weile. „Ich habe bemerkt, daß man von meinem Zimmer deutlich hört, was in dem Ihrigen geſprochen wird. Waren Sie zu Hauſe, als heut früh ein fremder Mann bei mir war, und haben Sie vielleicht gehört— wir ſprachen laut—“ „Ich war allein und habe Alles gehört,“ erwiederte Laura, mit einem Aufblicke, der ihm die volle Bewunderung ihrer Seele ausdrückte. „So rechne ich auf Ihre Verſchwiegenheit— der Freundin will ich denn auch weiter vertrauen, daß ich von dem Unglück⸗ lichen, als ich mich eben anſchicken wollte, hieher zu gehen, einen Brief erhielt, der das baare Geſtändniß enthielt und in einer ſo verzweifelten Stimmung geſchrieben war, daß ich es für meine Pflicht hielt. ſogleich zu ihm zu gehen.“ „Sie ſind edel und gut,“ ſagte Laura.—„Was werden Sie für ihn thun?“ Salvator. II. 7 258 Salvator. „Er iſt zur Erkenntniß gekommen, aber nicht erſt durch mich. Der Herr weiß Jeden zu finden. Wenn ſie ihn auch läugnen und ihm trotzen, er bleibt doch ihr Herr und Niemand kann ihm entrinnen.— Ich werde ſehen, was ich thun kann — weniger für ihn, als für ſeine Kinder. Ich muß noch mit Ihrem Bruder ſprechen. Er hat ihm ein Atteſt ausgeſtellt— ein ſehr unbeſonnenes.“ Während ſie leiſer und leiſer ſprachen, hatte ſich Hugo mit Hingebung den Speiſen gewidmet, nun aber blickte er mehr⸗ mals nach ſeiner Nachbarin, die keine Augen mehr für ihn hatte, und winkte nun den alten Aloys, der hinter dem Stuhle ſeines Vaters ſtand, zu ſich heran:„Aloys, warum heirathet ſie Eberhard denn nicht?“ „Junker Hugo!“ ſagte verweiſend der Alte, dem diesmal ſeine gewohnte phlegmatiſche Antwort fehlte. An der Thüre erhob ſich eben ein lautes Gezänk, das in die heitere Harmonie der Tafelgeſellſchaft Diſſonanzen brachte. Des Kellners Stimme verſicherte draußen wiederholt, daß die⸗ ſer Saal für heut beſtellt ſei, ihm widerſtritten, ſo ſchien es, Mehrere, welche tumultuariſch Einlaß begehrten, und endlich wurde die Thüre aufgeriſſen— einige junge Leute, Hut auf dem Kopfe, Cigarre im Munde, drangen ein. Der Vorderſte, ein beſonders blaſſer langer Menſch mit ſchlotterigen Gliedern, ſchnellte gleich ſein Lorgnon mit einem Wurf der Bruſt in die Höhe und fing es mit den Backenmuskeln auf, der Zweite, ein auffallend hübſcher Dandy, rief den Andern, nach der unwilli⸗ gen Verſammlung deutend, zu: Lermocte Geſellſchaft!“— aber das letzte Wort ſtockte in ſeinem Munde, er hatte Be⸗ kannte gefunden! Schon traten auch der Freiherr und Leo Salvator. 259 Rheinberg, raſch aufgeſprungen, ihnen entgegen, in dem letz⸗ tern erkannte der Blaſſe mit ſehr unangenehmem Gefühl gleich⸗ falls Einen, den er früher ſchon geſehen hatte:„Hier iſt kein Durchgang, Kinder!“ wandte er ſich an ſeine Genoſſen, und auf dies Wort kehrten Alle um. Nur der nicht, deſſen Blick durch ſo viel bekannte Geſichter gefeſſelt worden war, er folgte den Andern nicht, welche eilig den Saal verließen. Hier bot ſich ihm eine zu ſchöne Gelegenheit, den Groll, der ſo lange ſchon in ihm kochte, zu befriedigen. Muth hatte er von Kind⸗ heit auf, er kannte keine Furcht, am wenigſten vor dem Hirn⸗ geſpinnſt conventioneller Verſtöße— auch, wir dürfen es nicht verſchweigen, kam er von einem ſchwelgeriſchen Frühſtück bei Sala, und das Feuer der ſtärkſten Weine brannte auf ſeinen Wangen. Ich wollte nur mein Cumpelment machen, erlauben Sie!“ ſagte er dreiſt zu Haug, der ihn heimlich bat, keine Stö⸗ rung zu verurſachen.„Diener von Ihnen, Herr Kammerherr — wenn Sie nach Sielitz etwas zu beſtellen haben! Fräulein Laura, Sie wollen heut nichts von mir wiſſen!“ „Herr Roland,“ ſagte Haug ernſt und vertrat zugleich dem wüthend hinzuſpringenden Rudolf den Weg, iich bitte Sie, augenblicklich das Zimmer zu räumen. Sie haben hier kein Recht—“ „Cha'mant!“ rief Roland.„Ich will mich nicht aufdrin⸗ gen. Fräulein weiß zwar profect, daß ich wohl ein Recht hätte— aber die Frau Mama winkt und ich verlaſſe mich darauf. Wohl zu ſpeiſen! Wenn Sie wieder in's Waſſer fal⸗ len, für einen Kuß thue ich's nicht mehr.“ Er war ſchnell aus der Thüre. Haug und Leo Rheinberg mußten Arnefeld faſt mit Gewalt abhalten, ihm zu folgen, 17 260 Salvator. und ſie verhüteten dadurch ein Unglück. Alles war entrüſtet über den Zwiſchenfall, welcher, nach Laura's und noch mehr nach ihrer Mutter Faſſungsloſigkeit, wohl einer Erklärung be⸗ durfte, aber Haug bat mit Entſchiedenheit:„Kein Wort über dieſe Frechheit— ſie verdient es nicht! Laſſen wir uns die Stunden unſers Zuſammenſeins nicht dadurch ſtören.“ „Es iſt entſetzlich!“ ſagte der Kammerherr.„Dieſer Menſch war der bravſte, fleißigſte Burſch— und nun ſollten Sie erſt hören, wie er in Sielitz mit den Leuten, ja mit ſeiner eignen Mutter umgeht!“ „Laſſen wir ihn!“ bat Haug noch einmal.„Wir haben ja erfreulichere Dinge zu beſprechen.“ Aber es wollte nicht für Alle, welche an der Tafel ſaßen, die vorige Stimmung zurückkehren, und ſelbſt Haug blickte mit Beſorgniß von dem finſter brütenden Arnefeld auf ſeine Nach⸗ barin, deren Seelenzuſtand ihm nicht ſo verhüllt blieb, als vielleicht den Andern. Nach Tiſch war ſein erſtes Bemühen, Rudolf von der Abſicht zurückzubringen, welche er in ſeinen feindſeligen Zügen las. Beide hatten ein leiſes und ernſthaf⸗ tes Geſpräch, endlich reichte der Huſar dem ältern Manne die Hand:„Ich verſpreche es Ihnen. Sie haben Recht.“ Tiefſeufzend küßte Frau von Arnefeld ihre Tochter, als ſie ihr nahte, auf die Stirn und flüſterte:„Das Alles wäre zu vermeiden geweſen! Es iſt die Verzweiflung verſchmähter Liebe, welche ihn ſo zu Grunde richtet.“ Laura hatte keine Antwort darauf. Sie ſtand für ſich al⸗ lein, wiederum ſah ſie die Andern in getrennten und liebevol⸗ len Gruppen ſtehen, ihr Auge fand Haug, der mit Fanny ſprach, welche ihm während der Tafel fern geſeſſen hatte, zwi⸗ Salvator. 261 ſchen Beiden— das glaubte Laura unzweifelhaft zu ſehen— wurde jetzt Roland's Verhältniß beſprochen! Um ſie ſchien ſich Niemand zu kümmern, ſie ſtand außerhalb der Geſellſchaft. Gleichviel! Noch hatte ſie die Kraft, ihren Weg allein zu gehen Man trennte ſich nicht. Hatte auch der häßliche Vorfall eine Zeitlang nachgewirkt, jetzt ſchien ſein Einfluß vorüber, und wie ſich die Unterhaltung wieder allgemeiner geſtaltete, Dinge vom höchſten Intereſſe für das Leben in ihren Bereich gezogen wurden, die großen Fragen der Zeit auch hier wieder⸗ klangen, aber im Zuſammenhange mit dem, was ewig iſt und bleiben wird, trotz der himmelſtürmenden Zwerge, ſo fanden ſich auch die Gemüther, welche ſonſt dieſer Richtung nie ge⸗ folgt, ſondern ihr ſcheu und lächelnd ausgewichen waren, wun⸗ derbar angeſprochen, und eine Ahnung durchwehte ſie, als könne ein heiteres und zufriedenes Leben, welches ſie bisher nur in möglichſter Entfernung von heiligen Dingen geſucht, durch dieſe erſt rechte Dauer erlangen. Laura war zu dem Entſchluß gekommen, Haug Alles zu erklären, was ihm eine falſche Meinung geben konnte. Sie fühlte es, daß er ſie ſchonte, und ſie war ſich bewußt, keiner Schonung bedürftig zu ſein, ſie brauchte die Erklärung nicht zu ſcheuen. Aber es fand ſich kein geeigneter Moment mehr dazu, und als ſich die Geſellſchaft trennte, begleitete Haug Leo Rheinberg, mit welchem er noch andere, ihn perſönlich betreffende Intereſſen zu beſprechen hatte. Sie gründeten ſich auf Mitthei⸗ lungen ſeines Vaters. Salvator. 8. Ein trüber Abend hatte ſich über die Landſchaft am See geſenkt, deren Beſitzer Karl Roland die ihm durch Laune des Schickſals gewordnen Glücksgüter mit wüſten Geſellen, welche ſich an ihn, wie Bohrwürmer an ein gutes Fahrzeug, gehängt, verpraßte. Auf ſeinem Schloſſe war es ſehr ſtill, wenn er nicht zu Hauſe war: ſeine Mutter, gedrückt und gedemüthigt von Alters her, hatte nur in der erſten Zeit, von dem Glückswechſel aufgeſtört, einen hochfahrenden Uebermuth geäußert, dann aber ſich ſchnell genug vor dem Sohne, der auch gegen ſie herriſch verfuhr, gebeugt. Sie that, was ſie konnte, aber ſie wußte, daß ſie es ihm nie recht machte und die ſchlechte Behandlung, welche ſie von ihm in ſteigender Angewöhnung erduldete, knickte den letzten Reſt ihrer Lebenskraft. War Karl gegen ſie und ſeine Schweſter lieblos, ſo war er gegen all ſein Geſinde wahr⸗ haft hart und tyranniſch, es hatte daher nicht an Widerſetzlich⸗ keiten aller Art gefehlt, die Leute ſahen ihn immer noch im Grunde als Ihresgleichen an, Sielitzer dienten ſchon gar nicht mehr bei ihm, ſie hatten eine Art von Trumpf darauf ge⸗ ſetzt. Von dem Kammerherrn war Jedermann freundlich und wohlwollend behandelt worden,„und das war doch ein vorneh⸗ mer Herr!“ hieß es.„Die Art aber, wie Roland's Karl, iſt immer die ſchlimmſte, wenn ſie zu etwas kommt.“ Er war jetzt verreiſt. Die Mutter ſaß, als der Abend früh und trübe niederſank, an einem Kaminfeuer, das ſie ſich in dem großen Familienſaale angezündet hatte, ganz allein und Salvator. 263 ſtrickte ein Netz. Es war ihr noch immer die liebſte Beſchäfti⸗ gung, ſie durfte ſie aber im Beiſein ihres Sohnes nie treiben, höchſtens in bunter Wolle als Filetſpielerei, nur wenn ſie al⸗ lein war, griff ſie wieder zu tüchtigem Bindfaden— größere Netze freilich wären unnütz geweſen. Oft konnte ſie dann bei der Arbeit Alles vergeſſen, was mit ihr und den Ihrigen ge— ſchehen war, ſeit ſie um des täglichen Brodes willen Maſchen verſchlang. So heut. Sie hatte den Kopf über das Gewebe geneigt, die Flamme des Kamins beleuchtete ihr Geſicht, deſ⸗ ſen frühzeitige Falten ſich im Wohlleben faſt noch tiefer aus⸗ gefurcht hatten— einzelne Streiflichter der Gluth erhellten die alten dunkeln Familienbilder der Rheinberge, welche noch an den Wänden hingen und mit ihren ſtarren Augen auf die Fremde herabſchauten, die den Sitz ihrer Enkel eingenommen hatte. Kein Laut regte ſich, als das Kniſtern und Praſſeln im Kamin und von Zeit zu Zeit das Anſchlagen ſcharfer Schneeflöckchen, welche der Nachtwind, der ſich erhoben hatte, gegen die Fenſter warf. Da klopfte es plötzlich an die Thüre. Die Frau erſchrak heftig, ſie hatte, ſo ſtill es auch geweſen war, Niemand kom⸗ men hören, das Herein! ſtockte in ihrer Kehle. Aber kein Geiſt erſchien, ſondern ihr Schwiegerſohn Schrader. Ruhigen Angeſichts, wie immer, trat er ein, nur ſein Haar war durch den Nachtwind auf dem Gange nach dem Schloſſe etwas in ſeinen geglätteten Lockenwellen geſtört worden. Er grüßte Frau Roland und ſah ſich im Saale um.„Wo iſt Ihre Mut⸗ ter?“ fragte er. „Sie hat ſich ſchon niedergelegt,“ erwiederte die Roland. „Wiſſen Sie das auch gewiß?“ fragte Schrader kopfſchüt⸗ 264 Salvator. telnd.„Sie ſollten doch die Arme, obgleich ich ſie auch für völlig hergeſtellt halte, nicht ganz ohne Aufſicht laſſen.“ „Ich kann ihr doch Niemand dazu halten,“ ſagte die Ro⸗ land.„Sie würde es auch nicht leiden.“ „Wo iſt ihre Kammer oder Schlafſtube?“ fragte Schrader, indem er eins der unter dem Spiegel ſtehenden Lichter anzün⸗ dete. Ich halte es für meine Pflicht, mich zu überzeugen, ob ſie wirklich dort iſt— denn der alte Schäfer, der nun in Rackwitz dient, will ſie um Mitternacht auf dem Felde geſe⸗ hen haben.“ „Herr Gott!“ rief die Roland erſchreckend.— Sie be⸗ gleitete den Schwiegerſohn, welcher mit denſelben unhörbaren Schritten, wie er gekommen war, über den Gang des alten, ſehr verbauten Flügels nach der ihm bezeichneten Thüre eilte. Dort winkte er ſeiner Schwiegermutter, ſtill zu ſein, und lauſchte. Frau Schramm war im Zimmer, man hörte ihre Stimme. Sprach ſie mit ſich ſelbſt? In ſchauerlicher Eintö⸗ nigkeit hörte man Silbe für Silbe die Worte fallen— ſie las! Und wie die Worte dem angeſtrengt Lauſchenden ver⸗ ſtändlich wurden, zuckte es in ſeinen geſpannten Zügen— er kannte all' dieſe Worte, er wußte die Stellen genau zu be⸗ zeichnen, mit welchen er, den Unglauben im Herzen, Frevel getrieben hatte: die alte Frau las in der Bibel! Er winkte ſeiner Schwiegermutter hinweg.„Es iſt gut!“ ſagte er, nachdem ſie weit genug waren. Dann ſetzte er ſich ihr gegenüber an den Kamin, deſſen erſterbende Gluth ſie wieder anſchürte. Düſter ſaß er und ſprach wenig. Er kam, wenn Karl nicht zu Hauſe war, zuweilen ſpät Abends nach dem Schloſſe; beſonders ſeit Frau Schramm wieder gekommen war, hatte er Salvator. 265 die beiden Frauen oft beſucht und mit ihnen den Abend zu⸗ gebracht, Anne aber hatte ihn nie begleitet. Dieſe kam nur ſehr flüchtig zu ihrer Mutter, oft in der Woche kaum einmal, und es war offenbar eine Entfremdung zwiſchen ihnen einge⸗ treten, aber den Grund wußte die Mutter wenigſtens nicht. Wie nun ein Mann von ſolchem Geiſte und ſo weltumfaſſen⸗ den Plänen ſich im nüchternen Geſpräche mit zwei alten un⸗ gebildeten Frauen gefallen konnte, war eins von den vielen Räthſeln, welche ſeine Seele barg. Frau Schramm war ge⸗ gen ihn ſo freundlich und harmlos, als habe ſie gar keine Er⸗ innerung mehr an Alles, was ſie einſt feindſelig gegen ihn ge⸗ ſtimmt hatte, und er hütete ſich wohl, durch irgend ein unbe⸗ dachtes Wort dieſe Erinnerung zu wecken, aber er traute ihr nicht, ſie erſchien ihm noch immer gefährlich und es mochte ein Grund ſeiner öftern Beſuche ſein, daß er ſie bewachen wollte. „Karl wird in Berlin mit Ihr zuſammen treffen,“ ſagte Schrader nach längerm Schweigen ohne Eingang.„Er hat ganz allein Schuld, daß Alles, was ich für ihn ſchon gewirkt, zuſammenſtürzte. Wenn er mir und meinen Rathſchlägen folgte, ſo wäre er jetzt im Beſitz des Mädchens. Wie er ſich aber giebt, und täglich mehr zu Grunde richtet, wird ſie nie⸗ mals die Seine werden!“ „Ach, ich wollte, er heirathete erſt. Da ſind ſo viel andere Mädchen, die beſſer zu uns paſſen— und wenn er etwas Apartes will, da ſind Amtmanns Töchter in Reſſen und die Selle'ſchen, die nehmen ihn alle fünfe!“ „Mutter, Sie ſind auch Schuld! Sie müſſen noch Eins lernen— ſchweigen! Sie ſprechen zu viel!“ „Ach du mein Gott!“ ſeufzte ſie und verſtummte. 266 Salvator. „Haben Sie von Lympius etwas gehört?“ fragte er dann zerſtreut.„Er ſollte heut wiederkommen.“ Sie wußte nichts und der Schwiegerſohn kürzte ſei⸗ nen Beſuch ab. Als er über den Vorplatz des Schloſſes ging, von einem ſcharfen Froſtwinde angeweht, blickte er noch ein⸗ mal nach dem Fenſter empor, wo das Licht der alten Schramm ſichtbar ſein mußte, es war aber erloſchen. Ihre eintönige Stimme klang noch in ſeinem Ohre, und die Worte der Bi⸗ bel, in denen ſie Segen für die Nacht geſucht hatte, klopften wieder mahnend bei ihm an, es ſchauderte ihn und er be⸗ ſchleunigte ſeinen Gang. Der Himmel hatte ſich aufgeklärt, die Sterne funkelten hell, am Ufer des Sees rauſchte das dürre Schilfrohr unheimlich, der Froſt webte ſtill an dem Kryſtall⸗ panzer, mit welchem er den See zu bekleiden hatte. Schrader ſtand einen Augenblick und horchte in einer beſtimmten Rich⸗ tung hinaus— ihm war, als habe er in der Ferne etwas ver⸗ nommen, davor ihm die hämmernden Pulſe ſtockten. Raſcher ſetzte er dann ſeinen Weg fort und erreichte ſein Haus, wo die treue Anne ſeiner harrte. Wenn auch Niemand ſich rühmen mochte, je einen Blick in ſeine Seelenſtimmung gethan zu haben, vor ſeinem Weibe konnte er ſie nicht immer verbergen und wollte es auch nicht: einen Ort mußte er doch haben, wo er den Zwang von ſich werfen und ſich allen Regungen überlaſſen durfte! Aber wehe dem armen Weibe, wenn ſie je hätte wagen wollen, ſeine ſchwarze Stunde durch ihren liebreichen Zuſpruch zu lichten, ſein brennendes Haupt an ihre treue Bruſt zu nehmen und mit dem Balſam ihrer Liebe zu kühlen! Sie mußte ſtumm bleiben, ſie durfte nicht ſehen und bemerken, was in ihm vorging, ſie Salvator. 267 war ihm nichts, als was die Sclavin im Orient dem Gebieter iſt, und weniger noch!— So aber war er nicht immer gewe⸗ ſen. Wir haben ihn geſehen, wo er, von ſeiner Idee getragen, die Hände ſegnend über eine unſichtbare Gemeinde ſtreckte, die er zum höchſten Glücke führen wollte— wir haben ihn trium⸗ phirend geſehen, als die Macht, welche er für die allbezwingende hielt, in ſeine Hände gegeben war, und er nun ſeine Pläne, von kleinen Anfängen ſich ſteigernd, mit conſequenter Schärfe verfolgte. Da hatte ihn aber der Schlag betroffen, der ihm den Glauben an ſich ſelbſt und ſomit die Kraft raubte. Er war ſich des Muthes bewußt geweſen, das Kühnſte zu wagen, vor kei⸗ ner Autorität im Himmel und auf Erden zu zittern, er kiebte es, mit der Gefahr zu ſpielen, und hatte ſeine kecken Entwürfe bis über die Grenzen des Originellen, faſt zur Unmöglichkeit hinaus zugeſpitzt. Da kam jener Ueberfall, der ihn leiblich be⸗ drohte— und ſiehe! die Feigheit, die er in ſeiner Bruſt ihm ſelbſt unbekannt getragen, war entnervend über ihn gekom⸗ men und hatte ihn zu der erbärmlichſten Nachgiebigkeit hinge⸗ riſſen, um nur aus der Todesangſt, die ihm der Blick in den Abgrund gab, gerettet zu werden. Was half es ihm, daß er, frei geworden, die höchſte Würde äußerlich behauptete, daß er ſelbſt den Verwilderten, welche ſich an ihm vergriffen hatten, als ein Ideal der Großmuth erſchien, daß ihn auch ſeine Geg⸗ ner bewunderten? In ſeinem Geiſte brannte die unauslöſch⸗ liche Selbſtverachtung wie zehrendes Feuer, und er quälte ſich fort und fort mit dem Gedanken, warum die große Idee der Freiheit, die er im höchſten und unfaſſendſten Sinne verwirk⸗ lichen wollte, der Freiheit von geiſtigen und irdiſchen Feſſeln, vom blinden Glauben, wie von der Leidenſchaft und Miſſethat, 268 Salvator. warum dieſe Idee einer ſocialen Wiedergeburt und Vergöttli⸗ chung ihm nicht dieſelbe Standhaftigkeit verliehen habe, als es der von ihm verläugnete Glaube den Märtyrern der chriſtlichen Kirche gegeben! Ein tiefer Schauder war durch ſeine Seele gegangen, wie ein Erdbeben durch zerklüftete Felſen, als dieſer Gedanke zuerſt in ihm aufblitzte— vor ihm ſtürzte der gefalle⸗ nen Säule des Selbſtvertrauens manch' andere nach, und zwi⸗ ſchen ihnen flackerten die Flammenzungen des Zweifels empor und leckten gierig an dem kunſtreich verſchränkten Gebäude ſei⸗ nes Syſtems. Da traf ihn der zweite Schlag: es war die Ge⸗ neſung des Pfarrers, die wie ein Wunder angeſehen wurde und auch ſo wirkte. Was er nach ſeiner Herſtellung auf der Kanzel ausſprach:„Wunder geſchehen noch heut— wo unſer Glaube im Gebet durch Gottes Barmherzigkeit erhört wird— oft augenblicklich— da geſchieht allemal ein Wunder, und Viele ſind, die es bezeugen könnten, wenn ſie ſich im ſchnöden Undank nicht ihres Gottſuchens vor der Welt ſchämten!“— was er mit kräftigen Worten als an ſich ſelbſt geſchehen aus⸗ ſprach, das wirkte gewaltig, wie Donnerſchläge, auf ſeine Ge⸗ meinde, und dieſer Umſchwung wurde verſtärkt, als der Adjunct von ſeinem Amte entbunden wurde. Mochte es auch, Dank gewiſſen Einflüſſen, noch mit allen Ehren geſchehen, mochte Schrader ſich noch ſo würdig benehmen und ſeine klare Stirn, von den geſcheitelten Locken umwallt, in ungetrübter Schön⸗ heit leuchten— den Bauern war er nun doch der abgeſetzte Magiſter, und der liebliche Rauſch, in welchen der Zauber ſeiner Rede ſie einſt verſetzt hatte, war auch für die Frauen vorüber. Sie fanden ihn noch jetzt recht ſchmuck und rühmten, was er an den Armen that, aber ſein Talisman war zerſtört.— Er Salvator. 269 blieb derſelbe. In unveränderlicher Milde ging er ſeinen Weg und fteundlich ſtrahlte ſein Blick, als berühre ihn Nichts von all' den Zeichen, aber wer ihn geſehen hätte, wenn er allein war! Seinem demüthigen Weibe wollte oft das Herz brechen und ihr graute vor ihm, wie er den grimmigen Haß, der ihn erfüllte, in all' ſeinen Zügen gähren ließ: der hatte ſich aber einen Gegenſtand erkoren, auf welchem er ſich concentrirte. Das war Johannes Lympius. Mit Argusaugen hatte er ihn beobachtet, ſeit er über ſeine Geſinnung in's Klare gekommen war, es füllte ihn mit Beſorgniß, die leiſen, aber ſichern Fort⸗ ſchritte zu ſehen, die er machte, nicht bergen konnte er ſich, daß die Kinder mit unbegrenzter Liebe an ihm hingen, daß die El⸗ tern ihm mehr und mehr ihr Vertrauen ſchenkten, und was ihm den bitterſten Schmerz erregte, daß es beſſer wurde mit dem Zuſtande der Sittlichkeit unter den Kleinen! Nicht, als ob er das Gegentheil gewünſcht oder erſtrebt hätte— auch er hatte als ſein höchſtes Ziel die vollendete Sittlichkeit des Menſchen, aber dies mußte durch die Freiheit, durch die allgemeine Bil⸗ dung, durch die politiſche Veredlung im vollkommenen Rechtsſtaate erreicht werden! Das eben ſchmerzte und reizte ihn zugleich, daß ſein Streben bis jetzt nur das grade Gegentheil herbeigeführt hatte, und jede neue Combination, Geldſpenden und Rathſchläge häufend, immer trübere Erſcheinungen zu Tage förderte, während der alte, einfache Weg, den Jener verfolgte, ſo reich geſegnet war. Er hätte es gern mit den verächtlichen Begriffen abgefertigt, unter die er Alles ſtellte, was mit dem Glauben einfacher Seelen ſcheinheiliges Spiel treibt, aber zu kritiſch war ſein Sinn, um ſich einzureden, daß hier finſtere Schwärmerei, unduldſames Eifern und Verdumpfen walte, er 270 Salvator. fand die Kinder ſo friſch und froh, kein Zeichen, ſie zur heu⸗ chelnden Frömmelei zu erziehen, fromm aber waren ſie und wuchſen in dem Glauben, den er, der Unglückliche, verloren hatte und auf den er nun mit dem erwachten Zweifel zurück⸗ ſah, ob er nicht doch der wahre ſei, für den er den Geiſt der Lüge eingetauſcht! All' dieſe Wahrnehmungen und dieſe na⸗ genden Zweifel, die er zornig verwarf, aber nicht mehr los wurde, ſchlug er dem Manne zu, mit deſſen Auftreten das Glück von ihm gewichen war, und es galt jetzt einen Kampf der Todfeindſchaft— es mochte ein Gottesurtheil werden! Das Licht war tief herabgebrannt, Anne hatte ſich auf ih⸗ res Gatten Geheiß zu Bett begeben, ihm aber ließ es keine Raſt, er öffnete trotz des Froſtes, welcher draußen immer ſtren⸗ ger wurde, ein Paarmal das Fenſter— die Erlen knarrten im Winde, die Sterne flimmerten am ſchwarzblauen Himmel! Horch! Ein ferner Schuß— Schrader warf das Fenſter zu, er zitterte an allen Gliedern. War es möglich? So tief ge⸗ fallen! Spät hatte er die Ruhe geſucht und erſt, als ſchon der Morgen graute, eine Stunde unruhigen Schlafes gewonnen. Als er ſchreckhaft erwachte, ſtand Anne vor ihm und ſagte leiſe: „Die Dalchow iſt hier.“ „Was bringt ſie?“ rief er auffahrend. Anne wußte nichts, er kleidete ſich ſchnell an und ließ die Frau rufen, welche unterdeſſen in der Stube des Bauern drü⸗ ben geſeſſen hatte. Anne durfte nicht dabei bleiben, als die Alte zu ihrem Gatten eintrat. Beide wechſelten einen Blick— Schrader athmete hoch auf, er war ſo froh über das, was er in dieſem Blicke erfuhr, ſeinen Salvator. 271 Feind hatte er wollen verderben laſſen, ohne ihn zu warnen, da er doch die ihm drohende Gefahr wußte, nun aber war es ihm ſo lieb, daß er gerettet war! „Sie thun ja, als wäre der Weihnachtsmann bei Ihnen eingekehrt!“ ſagte die Alte.„Ich dächte, wenn die Geſchichte zu Stande gekommen wäre, ſo könnten Sie eher lachen— denn der Junge, anders kann ich ihn nicht nennen, wird hier Paſtor, verlaſſen Sie ſich drauf!“ „Was hat ſich zugetragen, Frau Dalchow?“ fragte er mit erzwungener Ruhe. „O ein Bischen Mord und Todtſchlag, weiter nichts! Sehen Sie mich nicht ſo verdreht an. Wir zwei Beide— na, Sie wiſſen ſchonſt. Wenn Fuſel hier,“ ſie ſtreichelte ihren Hund, der ihr auf den Schooß geſprungen war— reden könnte, wä⸗ ren wir unſrer Drei. Aber das arme Beeſt kann blos heulen, und das thut er regulär, wenn's einer Menſchenſeele an's Aus⸗ blaſen geht, es iſt ordentlich, als ob er das röche. Wiſſen Sie, wie das kleine Wurm von Ihrer erſten Liebſten, die nun auch todt iſt—“ „Frau, ſind Sie wahnſinnig?“ rief er tödtlich erblaſſend. „Na, wir Drei wiſſen's ja nur. Fuſel iſt unſchuldig und wir zwei Beide werden uns nicht verrathen. Was ſollte das Wurm noch— es war ja ſo erbärmlich— und hätte gewiß nicht weiter gelebt— Nun, nun! Ich bin ja ſchon ruhig. Geſtern war alſo die ganze Maſſe, die der Meinike am kleinen Finger hat, zuſammen, und er hielt eine ſehr ſchöne Rede: Jetzt heißt es bei uns Demokraten, ſagte er, in ganz Europa und allen umliegenden Dörfern: Ducke Dir, liebe Seele! grade wie man die Springteufels in eine Doſe zuſammenquetſcht. 2 Salvator. Aber wozu ſind die Telegraphen? Daß man lernen kann, wie mit feine Drähte tauſend und eine Gegend auf einen Wink elektriſirt wird. Unſere Drähte, ſagt' er, laufen auch unter der Erde in Gutta Perſche, oder wie's heißt, und in die Erde giebt's Feldmäuſe und Molle oder Maulwürfe, die ruiniren uns den Spaß, ich meine die Augenverdreher und Pietiſten, die uns wieder um alles Plaiſir in der Welt und um alle Luſtigkeit bringen wollen mit'n Anweiſezettel auf's ewige Leben, wovon noch Keiner nichts erzählt hat, denn wer todt iſt, für den iſt es aus, und ein Sperling in der Hand beſſer, als— „Ich ſchenke Ihnen die Rede!“ rief Schrader.„Was iſt ge⸗ ſchehen, frag' ich!“ „Nichts, guteſter Herr. Toll waren ſie gemacht und er brauchte blos zu winken, auf wen's gemünzt war, das that er auch, ſie wußten, daß der Schulmeiſter über Land geweſen war, lauerten ihm auf— na, Ihnen iſt es ja auch nicht beſſer ge⸗ gangen!— und Alles war gut, als auf einmal ein Geſcheuche über die Menſchen kam, daß ſie vor Schreck aus einander lie⸗ fen, kein Haltens mehr.“ „Was ſoll das heißen?“ „Ja, das weiß ich ſelber nicht. Am Ufer auf der kleinen Brücke ſtand es, lang und weiß, ſagten ſie— ich bin ruhig in der Stadt geweſen, wo ich grade viel Kunden habe, unbe⸗ rufen! Die Menſchen, die's mir erzählten, waren noch ganz ängſtlich und ſagten, es wäre der Geiſt von einem alten Fiſch⸗ diebe geweſen, der hier vor funfzig Jahren ſich gehängt.— Na, man kann nicht wiſſen.— Aber ein Paar, die zuletzt erſt davonliefen, kamen grade auf den Weg, wo ſie dem Lympius noch begegneten, fielen ihn an und ſahen zu ſpät, daß er nicht Salvator. 273 allein war. Ein großer Mann zu Pferde ſprengte auf einmal zwiſchen ſie und ſchoß— gute Nacht, Sippſchaft! Er traf Keinen, aber ſie riſſen aus, und ſo leicht bringt ſie jetzt Keiner mehr auf die Beine.“ „Das iſt auch ſehr gut. Die Gewaltthat, der Frevel am Geſetz muß niemals eine gute Sache beflecken. Ich will Ihnen ſagen, Frau, daß Sie mit Ihren wahnſinnigen Anſpielungen auf eine unglückliche Begebenheit, an der ich keinen Theil habe, nur ſich ſelbſt in Gefahr bringen. Ich könnte nur in ſo⸗ fern ſtrafbar ſein, daß ich das Verbrechen, von dem ich erſt Kenntniß erhielt, als es geſchehen war, nicht angezeigt habe—“ „O ja, tugendhaftiger Jüngling, Sie waren unſchuldig, aber das arme Mädchen, das ich aus Gutherzigkeit bei mir aufnahm, wie nachher auch Ihre zweite Liebſte, die nun Ihre Frau iſt,— es war wohl auch nicht weit von einer ähnlichen Geſchichte, he? Aber ich will ſtille ſein, geben Sie mir heute ein Paar Thaler und beſinnen ſich, wie Sie mir ein gutes, be⸗ quemes Leben ſchaffen. Verdient habe ich's mehr um Sie, wie all' das Pack, von dem Sie zum Danke noch einmal todtge⸗ ſchlagen werden. Wenn's geſchehen iſt, denken Sie an mich!“ „Ich habe Ihnen verſprochen, für Sie zu ſorgen, und werde es halten,“ ſagte er kurz, befriedigte ihr nächſtes Ver⸗ langen überreichlich und hieß ſie ihr Umherſtreichen in der Ge⸗ gend vermeiden. Sie machte ſich denn auch bald wieder auf den Weg nach der Stadt, ohne die junge Frau geſehen zu ha⸗ ben, welche von ihrer Großmutter abgerufen worden war. Schrader ſaß lange, nachdem er allein war, über ſeinen Pa⸗ pieren, für welche er nun ein feuerfeſtes, mit künſtlichen Schlöſ— ſern verſehenes Behältniß angeſchafft hatte, dann ſtand er Salyator. II. 18 274 Salvator. plötzlich auf und ging hinweg, als grade ſeine Frau mit der alten Schramm heimkehrte. Er hatte eine Reiſe im Sinn, den Plan dazu und Alles, was er auf ihr für die Förderung ſei— nes Werkes thun wollte, hatte er eben aufgezeichnet: es galt nun, das verdunkelte Ziel wieder in ſeinem urewigen Feuer ſtrahlen zu laſſen. Hier war kein Boden mehr für ihn, er mußte ſich einen bedeutendern Centralpunkt ſuchen, es war für ihn die höchſte Zeit, auch in ſich ſelbſt wieder den Aufſchwung zu gewinnen und den Glauben an ſich wie einen Phönip erſte⸗ hen zu laſſen. Dazu rüſtete er ſich. Die Schlüſſel zu ſeinem feſten Schrank, welche er mit führte, hatte er an ihren gehei⸗ men Ort gebracht, den ſelbſt Anne nicht kannte, und ging nun, ihren Gruß kaum erwiedernd, aus dem Hauſe. „Annchen, mein liebes Annchen,“ ſagte die Großmutter, ihre traurige Enkelin liebkoſend,„ich bin ja auch noch da. Es wird ſchon Alles noch gut werden.“ Ihr unſtätes Auge lief dabei in dem kleinen Stübchen hin und her.„Geh', mein Kind, Du wollteſt mir eine Taſſe Kaffee machen.“ Anne ging hinaus, und die Alte hatte nun auch ihren freien Moment. Es war immer noch die alte fixe Idee, an der ſich ihr Geiſt zerrüttet hatte, welche auch noch raſtlos in ihr wirkte, ſie ließ es aber mit ſeltner Verſtellungskunſt Niemand merken. Gut machen wollte ſie, mußte ſie, was einſt darin verſehen worden war, dazu war ſie allein noch auf der Welt. Salvator. 275 9. Der Frühling ſchien ſich in dieſem Jahre ſo zeitig anzu⸗ melden, und nun war Alles wieder ſo winterlich. Auf dem See, welcher eine ſtarke Eisdecke trug, waren die Fiſcher be⸗ ſchäftigt, Luftlöcher für die Fiſche zu hacken, die Bäume hin⸗ gen voll flimmernden Reifes, der Morgenhimmel ſtrahlte in ro⸗ them Glanze, überall klingender Froſt, wo Menſchentritte zu hören waren. Die klare Beleuchtung ließ alle Gegenſtände in ſcharfen Umriſſen hervortreten, von der Landſtraße am Ufer ſah man die Terraſſen, wo der Park von Reſſen ſeine jetzt laubloſen Baumgruppen erhob, man ſah die ſchöne Fagade des Land⸗ hauſes, das nun mit dem alten Schloſſe jenſeit des funkeln⸗ den Sees unter einem Beſitze ſtand. Welche Eindrücke für den Mann, welcher in dem Reiſewagen auf jener Landſtraße am See entlang fuhr! Er ſeufßzte tief: die Frau an ſeiner Seite ſchien es nicht zu merken. Dort hatte er in ungetrüb⸗ . tem Comfort gelebt, hatte ſein Leben genoſſen— ungehindert von ſeiner nachſichtigen Gattin, er dachte an den Perron und die ſchönen Sommerabende, die er dort behaglich zugebracht, an ſeinen Fauteuil, in welchem er keinen Wunſch mehr ge⸗ kannt, den er nicht hätte befriedigen können. Und jetzt, an dieſe vulkaniſche Natur gefeſſelt, die keine Ruhe liebte und ihm keine geſtattete! Ein Reiter tun ihnen entgegen. Beide erkannten ihn zu⸗ gleich— er that einen Blick in den Wagen und hielt über⸗ 18* 276 Salvator. raſcht ſein Pferd an.„Sie ſind's!“ rief er, an den Schlag ſprengend, den er nun begleitete. Der Ausruf ſchien der Dame allein zu gelten, denn er ſah nur ſie an. „Herr Oberſt— ich freue mich, Sie zu ſehen!“ ſagte Ar⸗ nefeld lebhaft, denn wie wenig ſie auch in Verbindung geſtan⸗ den hatten, war ihm doch die Begegnung mit einem Bekann⸗ ten in der Gegend, für welche er jetzt wirklich eine Art von Heimweh fühlte, lieb. „Ich grüße Sie, Herr von Haug,“ ſagte nun auch Adel⸗ heid, welcher dieſe Erſcheinung zu ihren vorauseilenden Ge⸗ danken ſich paſſend geſellte.„Die Verhältniſſe haben ſich an⸗ ders geſtaltet, als wir bei unſerm letzten Zuſammenſein ahn⸗ ten. Nicht wahr, Sie wiſſen von Ihrem Sohne— oder er iſt vielleicht bei Ihnen?“ „Ich erwarte ihn mit lieben Freunden ſehr bald.!“ ſagte Haug ernſt. Gott ſei mit Ihnen!“ „Ein Wort noch!“ bat Adelheid.„Sie kommen von Sie⸗ litz?— Eberhard ſagte mir, daß dort— ein Sohn— ſei⸗ nes Freundes Lympius lebt— wiſſen Sie mir zu ſagen, ob er noch dort iſt, und wo ich ihn finde?“ „Ich komme von ihm! Ein Mordanfall war auf ihn beab⸗ ſichtigt—“ Adelheid ſtieß einen Ruf des Schreckens aus— „doch Gott ſchützt denjenigen, der ihm vertraut.“ „Sagen Sie! Wer— wie konnte das geſchehen?“ rief Adelheid in großer Bewegung. „Das wird die Folge lehren, ich will keine voreilige Be⸗ ſchuldigung ausſprechen. Erlauben Sie, daß ich jetzt weiter reite. Man erwartet mich zu Hauſe. Sie finden Lympius in der Schule. Der Pfarrer Hartmann war bei ihm, als 4* — Salvator. 277 verließ. Sie kennen ihn ja, er hat einſt Ihre erſte Ehe ein⸗ geſegnet.“ Mit dieſen Worten, welche Adelheid trafen, wandte er ſein Pferd um und trabte in entgegengeſetzter Richtung fort. Adelheid hörte nicht mehr, was ihr Gatte über das in hieſiger Gegend bisher noch fremde Verbrechen ſprach und vermuthete, ſie war in einer Aufregung, die ſich mit jeder Minute ſteigerte. Endlich erreichten ſie den Bezirk von Sielitz, fuhren am Schloſſe vorbei, auf deſſen Vorplatz ſie von mehrern eifrig ſprechenden Frauen neugierig angeſtarrt wurden, und hielten dann vor der Schenke, die ſich wohl ſo vornehmen Beſuchs noch nicht rüh⸗ men konnte. Dem Wirthe indeß, deſſen politiſche Reiſe un⸗ ſere Leſer bereits kennen gelernt, erſchien es ganz zeitgemäß, daß die anzubahnende ſociale Gleichheit ſich auch auf die Gaſt⸗ höfe erſtrecke und kein Rangunterſchied mehr zwiſchen Hotel und Schenke walte: er empfing die Reiſenden mit der Würde eines ſelbſtbewußten Staatsbürgers. „Du wirſt mich hier erwarten,“ ſagte Adelheid in unſichrer Haltung zu ihrem Gatten.„Weiter kann ich noch nichts beſtim⸗ men.“ Sie bat dann den Wirth, ſie nach dem Schulhauſe führen zu laſſen. Arnefeld wäre um keinen Preis über die unſaubre Schwelle einer Dorſſchenke getreten, er ſetzte ſich alſo lieber wieder in ſeinen Reiſewagen, der Poſtillon ſträngte ab und legte den Pferden Futter vor. Mit hochklopfendem Herzen nahte ſich Adelheid dem nie⸗ drigen Hauſe, zu welchem ſie gewieſen worden. Sie fand die kleine Pforte nur angelehnt, und trat in einen ſchmalen Flur, wo ſie zu jeder Hand eine Thüre ſah— noch ehe ſie ſich anmel⸗ den konnte, wurde die eine geöffnet und ein bleicher junger 278 Salvator. Mann erſchien, der bei ihrem Anblicke ſtutzte. Aber ſie hatte ihn ſchon erkannt:„Johannes!“ ſagte ſie mit bebender Stimme. „Mutter!“ rief Lympius und breitete ſeine Arme nach ihr aus. Der ſüße Name traf ihr Herz, ſie war unfähig, ein Wort zu ſprechen, aber ſie umſchlang ihn, der nicht ihr Sohn war und ſie doch Mutter nannte, weil ſie an ihm die Liebe einer Mutter bewieſen hatte. An ſeiner Bruſt, von ihm umfangen, fühlte ſie eine ſelige Beruhigung, wie noch niemals in ihrem ganzen friedloſen Leben. „Sie kommen zu mir! Sie ſuchen mich auf! Gott ſei ge⸗ prieſen!“ rief Lympius. „Warum das fremde Wortzwiſchen uns, Johannes? Nenne mich Du, wie ſonſt.“ Er nahm ihre Hand und führte ſie in ſeine ärmliche Stube, wo er hetzliche Fragen nach ihrem Wohl und Glück an ſie that, wie ſehr ihm auch die Trennung von ihrem Gatten und Alles auf das Herz fiel, was ihm Haug nicht verſchwiegen hatte. Sie antwortete ihm nur halb— was konnte ſie ihm ſagen? Spätern Zeiten mußte es vorbehalten bleiben, mit ihm Alles zu beſprechen, was in dieſem Augenblicke ſo mächtig auf ſie einſtürmte, jetzt war der Moment nicht dazu. Sie ſpähte in ſeinen Zügen nach der Aehnlichkeit mit dem Manne, den ſie ſo ſchmerzlich geliebt hatte, ſie ſuchte in ſeinem Auge zu leſen, ob er in ſeinem ſelbſtgewählten Berufe glücklich ſei und was ſich hoffen laſſe für ſeine Zukunft. In dieſem klaren Auge lag nur der reine Himmel, deſſen Farbe es trug, der Frieden, den nichts auf der Welt ſtören konnte, nicht einmal die Gefahr, welche geſtern über ſeinem Haupte ſchwebte! Hätte Salvator. 279 doch Schrader einen Blick in ſeine Seele thun können, wie ſtark in Zuverſicht dieſer ſchwächliche Jüngling vor der rohen Rotte ſtand, die auf ihn einſtürmte— es würde ihn tief be⸗ ſchämt haben. Er erzählte den Vorfall ſo einfach und ruhig, die Frau, die ihm zuhörte, zitterte für ihn. „Was können ſie mir thun!“ ſagte er ſanft. Ich weiß, daß Nichts geſchieht ohne den Willen Deſſen, der die Haare auf unſerm Haupte gezählt hat— und wenn Gott mit uns iſt, wer mag wider uns ſein!“ „Glückliches Kind!“ rief Adelheid ergriffen. Er wußte wohl, daß ſie dieſer Zuverſicht fern ſtand. Was hätte er nicht freudig geopfert, um ihr den einzigen Halt und Hort wiederzugeben, den ſie verloren hatte, noch ehe ſie ſich deſſen bewußt war, vor deſſen Stimme ſie ſtets geflohen, dem ſie nie aufgethan, wenn er an ihr Herz geklopft hatte. Aber der Moment war nicht geeignet, ſie führte ihn auch raſch vor⸗ über, er mußte ihr ſeine Schickſale, einfach wie ſie waren, er⸗ zählen, ſeitdem er nach Europa zurückgekehrt, um ſich hier in dem Berufe ſeines Vaters auszubilden. „Dieſem freudloſen Berufe willſt Du folgen? In der Fremde, als Miſſionar unter wilden Völkern, den Tod vor Augen?“ Freudlos nennſt Du meinen Beruf? Mir iſt er voll un⸗ vergänglicher Freuden,“ ſagte Lympius mit heiterm Angeſicht. „Auch werde ich mein Vaterland nicht verlaſſen, es giebt eine heimiſche Miſſion.“ „Verſteh' ich Dich recht?“ rief ſie.„Gehörſt Du zu den Kämpfern der finſtern Partei des Fanatismus, der Unduld⸗ 280 Salvator. ſamkeit, die uns mit Gewiſſenszwang bedroht, uns lebendig begraben will?“ „Meine Mutter, das Wort Gottes kennt keinen Zwang, als den die Liebe in freier Wahl ſich ſelbſt auferlegt. O möch⸗ ten nur diejenigen, die unſer Thun mit jenen Vorwürfen ver⸗ dächtigen, daſſelbe eines vorurtheilsfreien Blickes würdigen! Die Liebesgaben für das leibliche Elend geſtatten ſie uns wohl— dem ſittlichen ſollen wir nicht ſteuern, wo doch, ſo wahr jene Sonne am Firmament ſteht, nur Ein Weg zum Heile führt, die Rückkehr zum alten Glauben, der nicht Men⸗ ſchenſatzung, noch fanatiſcher Götzendienſt, ſondern ſo ein⸗ fach iſt, daß Kinder ihn faſſen, der die Freude nicht ausſtößt aus Gottes reiner Erde, ſondern ſie nur läutert und weiht, der Glaube, der uns allein in Trübſal ſtärkt und ruhig ſterben läßt. O meine geliebte Mutter, möchteſt Du doch erkennen, welche Kraft in dieſem Glauben liegt!“ Sie war von der Ueberzeugung in ſeiner Rede ergriffen, ſein Auge ſprühte nicht von dem Brande des zelotiſchen Eifers, noch ſtarrte es verglaſt von unheimlichem Fanatismus, ſon— dern er ſchaute ſie klar und wehmüthig an und ſie konnte den Blick ſeiner innigen Liebe nicht ertragen; es regte ſich in ihr ein ſeltſames und unverſtandenes Gefühl; war es die Trauer um ein verlornes Paradies? Er führte das Geſpräch nicht weiter fort, denn was er ihr noch ſagen konnte, übervoll, wie ſein Herz war, es mußte ſie ja betrüben, und er liebte ſie doch ſo zärtlich, vielleicht ſchmerzlicher, weil ſie nicht vorwurfsfrei, weil ſie unglücklich war! O hätte er wieder, wie in ſeiner Knabenzeit, wo ſie ihn wie eine Mutter gehegt hatte, mit ihr vereint leben können! Jetzt hätte er ihr die treue Sorge ver⸗ Salvator. 281 gelten können, indem er für ſie kämpfte mit dem Feinde ihres Seelenfriedens.— Aber die Zeit verrann, Adelheid fühlte ſelbſt, daß ihres Bleibens hier nicht länger ſein dürfe. Sie hatte ihn wieder geſehen, ſie wußte, daß er ſie nicht vergeſſen hatte, daß ein dankbares und liebendes Herz auf Erden für ſie ſchlug, und ſo ſchied ſie ruhiger, als ſie gekommen war. Er mußte ihr verſprechen, ſie in Berlin zu beſuchen, wo ſie künftig mit ihrem Gatten zu wohnen gedachte. Dieſem ſtellte ſie Lympius, welcher ſie bis an den Wagen begleitete, vor. Sie hatte ihm ſchon früher wenigſtens ſo viel geſagt, daß er in dem Umwege ihrer Reiſe nicht eine bloße Laune ſah. Den Prediger Hartmann zu beſuchen war ihr in der jetzigen Stimmung unmöglich, ſie ſah mit einer wahren Furcht nach dem Pfarrhauſe hinüber, ob der alte ſtrenge Mann nicht her⸗ austreten werde. Als ſie im Wagen ſaß, ſchenkte ſie dem Sohne ihres Herzens noch einen letzten ſeelenvollen Blick, dann fuhr ſie hinaus in die froſthelle Ferne, welche nur zu bald den le⸗ bendigen Quell des Lebens, der ſich in ihrer Bruſt geregt hatte, wieder erſtarren ließ. Da war es vorzüglich das Wie⸗ derſehen ihrer Mutter und die Einführung in deren geſell⸗ ſchaftliche Kreiſe, welche ſie dem Elemente, das ſie das ihrige nannte, zurückgab. In dieſem hüpfte das Blut in leichtern Wellen, hier fühlte ſie elektriſch wirkende Anregung, hier ſpru⸗ delte Perlenſchaum des Augenblicks, der, raſch genoſſen, dop⸗ pelt ſüß war. Noch hatte ja ihr Auge ſeinen Glanz, ihr Geiſt ſeine Elaſticität nicht verloren: ſie wurde ſchnell eine gefeierte neue Erſcheinung der Salons, welche nach dem Carneval der Erfriſchung bedurften. Lida war vollkommen wieder in ihrem Elemente und Arnefeld war— der Mann der Frau. Er durfte — ũ—— ——— „„ S— B 1 —— —— 282 Salvator. aber jetzt wieder ſeinem Comfort leben, und wenn er es ſehr wünſchte, erhielt er auch bisweilen Erlaubniß, zu Hauſe zu bleiben oder ſich anderswo, als ſeine Frau, zu unterhalten. Man ſah ihn beſonders viel bei den Kunſtreitern. Momente gab es freilich für Adelheid, in denen ihre Ge⸗ danken faſt gewaltſam aus dieſem Spiel der Sinne und der Eitelkeit auf den Ernſt des Lebens zurückgeführt wurden, Mo⸗ mente, in denen ſich ihrem Geiſte ganz andere Bilder darſtell⸗ ten, und ein ſolcher Moment war es auch, als ſie Leo Rhein⸗ berg wiederſah, gegen welchen ſie ein Gefühl drückenden Un⸗ rechts im Herzen trug. Aber Leo, was auch innerlich ihn be⸗ wegen mochte, begegnete ihr in längſt gewonnener Selbſtbeherr⸗ ſchung ſo unbefangen, daß ſie den Eindruck ſchnell überwand. An Lympius dachte ſie freilich oft, und es machte ſie immer mit ſich ſelbſt uneins, doch ſuchte ſie ſich trotz ihrer beſſern Ueberzeugung einzureden, daß er dennoch im Wahne ſchwärme⸗ riſcher Ueberſpannung nur das Werkzeug einer fanatiſchen Par⸗ tei und alſo nicht für ſie eine mahnende Autorität ſei. Darin aber, daß ſie jedesmal bei dem Gedanken an Lympius von Unruhe und Trauer ergriffen wurde, lag ſchon die Gewißheit einer Kataſtrophe, wenn einſt das Gaukelſpiel, in welchem ſie noch lebte, zerronnen ſein würde. Intereſſant war es Adelheid geweſen, zu erfahren, was ihre im Triumph der Vergeltung gegen Haug ausgeſprochene Nach⸗ richt über die Perſon des Mannes, der gegen ihn ein lebendi⸗ ges Zeugniß war, für Folgen gehabt. Sie wußte ja von dem Betheiligten aus ſeinen beſſern Tagen, daß er mit Haug an jenem kleinen Hofe ſehr liirt geweſen, er hatte ihr einmal eine gewiſſe Brillantnadel halb im Scherz zum Kauf angeboten und Salvator⸗ 283 ihr ausdrücklich geſagt, daß er ſie ſelbſt von Haug gekauft habe. Eberhard hatte ſich auf ihre Schonungsloſigkeit nicht einmal vertheidigt— ob er nun den Mann, der ihn verrathen, auf⸗ geſucht hatte? Schepke, der Diener ihrer Mutter, war von ihr auf Erkundigung ausgeſchickt worden, hatte aber die Nachricht gebracht, daß der Schutzmann Neumann auf ſein Anſuchen entlaſſen worden und von Berlin weggezogen ſei. Ebenſo ſchien Haug nicht in Berlin anweſend. Hatte ſie nun, wie es den Anſchein gewann, keine Be⸗ gegnung unangenehmer Art mehr zu fürchten, ſo mußte ihr Gatte einen ſolchen Kelch bis auf die Hefen leeren. Gleich bei ſeiner Ankunft hatte er ſich zu dem mannhaften Entſchluſſe erho⸗ ben, das Unangenehme abzuthun, um dann ungeſtört leben zu können. Erſuchte daher ſeinen Sohn auf. Rudolf, welcher trotz aller Zwiſtigkeiten, die ihn leider oft über die Grenzen kindlicher Ehrerbietung hinausriſſen, ſeinen Vater herzlich liebte, erſchrak bei ſeinem Anblicke! Wie alt war er geworden, wie ſchrecklich alt! Beide umarmten ſich ſtumm, und es währte eine Weile, ehe ſie ſich ausſprechen konnten. Arnefeld erfuhr nun wenigſtens zu ſeiner Beruhigung, daß Laura die Werbung des reichgewordenen Schifferſohnes zurückgewieſen habe, er hörte mit einem Antheile, der ihn ſelbſt hätte in Verwunderung ſetzen können, was ihm Rudolf von ſeiner Mutter erzählte, wie ſie in der kleinen Stadt gelebt, wie ſie ſich einſchränken müſſe. „Ich will ſie beſuchen!“ rief Arnefeld gerührt.„Führe mich hin— wir wollen wenigſtens nicht im Unfrieden fortleben. Manches wäre vielleicht beſſer unterblieben, indeſſen iſt es nun einmal geſchehen. Rechnet übrigens darauf, meine Kinder, daß Euch nichts entzogen werden ſoll, ich muß dafür ſorgen. Es ———— 8 eee 284 Salvator. wird Zeit, daran zu denken, ich gebe Dir mein Wort, daß Ihr Alles, was ich beſitze, nach meinem Tode haben ſollt Biſt Du arrangirt? Brauchſt Du Geld? Sage es Deinem Vater offen!“ Rudolf küßte ihn, lehnte jedoch das Anerbieten ab; Beide gingen dann zuſammen nach der Wohnung der Frau von Ar⸗ nefeld. Der Portier ſagte ihnen, daß das Fräulein ausgegan⸗ gen ſei, die gnädige Frau aber Beſuch von zwei fremden Her⸗ ren habe. „Das iſt Baron Moos!“ rief Rudolf.„Die Mutter hat ſeine liebenswürdige Familie in Süddeutſchland kennen gelernt— wir werden ſie im Sommer Alle beſuchen, haben es verſprechen müſſen, wenn es irgend möglich iſt! Es freut mich, daß auch Du dieſen Ehrenmann kennen lernſt.“ Sie eilten die Treppe hinauf, Rudolf klopfte an die ihm wohlbekannte Thüre und öffnete ſie, ſeinem Vater den Vortritt laſſend. Frau von Arnefeld ſah unwillig auf, da ſtieß ſie einen Schrei der Ueberraſchung aus, neben ihr ſprangen zwei Män⸗ ner von ihren Stühlen, Arnefeld erkannte ſie nicht gleich, aber ſein Sohn auf den erſten Blick, es waren Schrader und Roland. Aller Boden der conventionellen Haltung, der ſonſt auch zwiſchen Feinden beſteht, zerfiel hier in Trümmer wie eine ber⸗ ſtende Eisſcholle, und Rudolf war der Letzte, der ſich ängſtlich danach umgeſehen hätte. Schon ſtürzte er vor, irgend einer Unbeſonnenheit entgegen, da gab ihm die Gegenwart des Kell⸗ ners, der eben Taſſen abräumte, die Beſinnung zurück. Schra⸗ der benutzte ſchnell den Moment, um der drohenden Scene zuvorzukommen; zu der zitternden Dame gewandt, empfahl er ſich— ſein Schwager folgte ſeinem Beiſpiele nicht ohne einen gewiſſen Trotz, und ſchon vor dem Kellner hatten ſie das Salvator. 285 Zimmer verlaſſen, in welchem nun ein langes und bitteres Ge⸗ ſpräch, deſſen Reſultat die ganze Regung, welche Arnefeld hie⸗ her geführt, zu vergiften drohte. Als Laura nach Hauſe kam, fand ſie ihre Mutter von Krämpfen heimgeſucht, und es be⸗ durfte der vollen Kraft ihres ſelbſtſtändigen Geiſtes, um der neuen Prüfung, welche über ſie kam, nicht ganz zu erliegen— der eignen Kraft wurde es zu ſchwer, ſie mußte ſich das ſeuf⸗ zend geſtehen. Schrader trennte ſich von ſeinem Schwager in ſehr gereiz⸗ ter Laune. Ich gebe Dich auf,“ ſagte er.„Auch ohne dieſe Dazwiſchenkunft, die uns noch einen leidlichen Abgang berei⸗ tete, hätteſt Du mit Schimpf und Schande abziehen müſſen, weil Du in Deiner Rohheit nicht hörſt!“ „Denkſt Du,“ antwortete Roland,„weil Du auf'nem Gumminaſium geweſen biſt, daß ich mich von Dir commandi⸗ ren laſſe? Ich thue und rede, was ich will. Und wenn Du mir nichts giebſt, meinetwegen! ſo laſſe ich Holz ſchlagen, es iſt noch genug da— die Laura werd' ich verſchmerzen, ich kenne hier ſchon ganz Andere, famos oder— damos! wie jetzt jeder Schenkelmann in Berlin ſagt. Da brauch' ich nur zu winken.“ „Fahr' wohl!“ ſagte Schrader verächtlich und entfernte ſich von ihm. Finſter blickte er vor ſich hin. Er hatte in letzter Zeit Un⸗ glück mit Allem, was er unternahm, keinen Stern, kein Glück mehr! Bedeutende Summen, die er ſeinen Agenten übergeben hatte, waren ihm veruntreut worden, die Aſſociationen, die er nach der reinſten Theorie hier und da geſtiftet, waren in der Praxis abſcheulich verunglückt und immer wieder an demſelben == ——— ———— ———— 286 Salvator. Grundübel, das eben in Ewigkeit all' dieſe wahnſinnigen Hirn⸗ geſpinnſte zu Schanden machen wird, an menſchlicher Schlech⸗ tigkeit, die ſie auf politiſchem Wege heilen wollen! Er glaubte Alles ſo conſequent eingerichtet zu haben, erſt durch wachſende Gaben viel Glückliche zu ſchaffen, aus tiefſter Noth ſie plötzlich in Fülle der Freuden zu verſetzen, um ihrer dann als ſeiner Werkzeuge ſicher zu ſein, unermüdlich hierauf zu organiſiren, was Freiheit und Wohlſtand zum Gemeingut dieſer Klaſſe, in welcher er das Heil der Zukunft für die Menſchheit ſah, machen mußte, und ſie dann auch zur Blüthe der Bildung zu führen. Nichts aber gelang ihm, wie er es gehofft: es fehlte der Se⸗ gen! Er ſagte es ſich ſelbſt mit Bitterkeit, es fehlte der Segen! Bis in ſein Haus verfolgte ihn die rohe Habgier, der ſchwär⸗ zeſte Undank. Schon hatte aber auch die Regierung Schritte gegen ihn gethan. Mit dem Verluſt ſeiner geiſtlichen Stelle war ihm ein mächtiger Einfluß auf das Volk verloren gegan⸗ gen. Noch gab er aber nicht ſeinem Syſtem, das ja ſo richtig war, die Schuld des Mißlingens, ſondern ſich ſelbſt, der es in echt deutſcher unpraktiſcher Weiſe auszuführen geſucht. Er ſtrebte danach, ſich das einzureden, aber längſt ſchon waren Zweifel in ihm erwacht und wurden manchmal zur wahren Angſt; ein alter Vers, der ihm zufällig einmal in einem beſtäubten Buche wieder zu Geſicht gekommen war, guälte ihn oft Tage lang, daß er ihn immer und immer wieder im Geiſte herſagen mußte: „Gottes Mühlen mahlen langſam, mahlen aber trefflich klein!“ Ihm war zuweilen, als fühle er das Getriebe ſchon ſeinem Herzen furchtbar nah. Er ſchalt es noch Feigheit, die ihm inne⸗ wohne, und konnte dann hohnlachen über ſich ſelbſt, aber er hatte auch Stunden, in denen er hätte weinen mögen. Jenes Salvator. 287 beſtäubte Buch, es war ſein Tagebuch aus der Zeit ſeiner Ein⸗ ſegnung; er hatte darin Stellen gefunden, die er in heiligſter Hingebung an das Evangelium niedergeſchrieben hatte, und wie war er damals ſo glücklich geweſen, ehe er zu irdiſcher Kritik des Ueberirdiſchen gediehen war! Hatte er ſeitdem jenen Frie⸗ den gekannt? War er nicht auf der See der Zweifel umherge⸗ worfen worden, ein Fahrzeug ohne Compaß?— Doch er ſträubte ſich dieſem Geſtändniß, ſchalt die Anwandlung eine Schwäche, welche überwunden werden müſſe. Er hatte neue, großartige Pläne gefaßt, einen Grundbeſitz von mächtiger Aus⸗ dehnung wollte er ſich in einem fremden Lande, ungehemmt durch politiſche Beſchränkungen, erwerben, dort wollte er die Baſis eines ſocialen Muſterzuſtandes feſtſtellen, mit Einrich⸗ tungen, welche aus Glücklichen naturnothwendig dann ſittlich vollkommene Menſchen ſchaffen würden. Ihm galt dieſer Weg als der naturnothwendige, und eben an dieſem Irrthume über die menſchliche Natur mußte er ſcheitern. Mit ſolchen Gedanken beſchäftigt, kam er wieder in Sie⸗ litz an Er liebte es nicht, geräuſchvoll aufzutreten, das Miß⸗ trauen ließ ihn auch ſeine ſtille demüthige Anne gern überra⸗ ſchen, ſie wußte nie, wann er heimkehrte. Vor dem Dorfe ſtieg er aus, es war ſpät Abends. Auf dem Schloſſe brannte in mehrern Fenſtern Licht, er wußte, daß Ro land zu Hauſe war, vielleicht gab er Zechbrüdern aus der Reſidenz, die ihn oft be⸗ ſuchten, ein Feſt. Im Pfarrhauſe ſah er den trüben Schimmer, der aus der Studirſtube des Paſtors drang, die Kirche lag mit ſchwarzen Fenſtern gegenüber, ſie war für Schrader verſchloſſen, auf ewig, er hatte ſie nicht wieder betreten, ſeit er von ſeinem Amte entbunden worden war. Tiefe Stille herrſchte in dem 288 Salvator. Dorfe, nur ein fremder Hund trieb ſich umher und eult⸗ von Zeit zu Zeit in widrigen Tönen. Schrader nahte ſeinem eignen Hauſe, die Hofthüre war offen, er glaubte durch den geſchloſſenen Fenſterladen ſeines Stübchens einen ſchwachen Schein zu bemerken— wachte Anne noch? Er wollte ſie belauſchen, leiſe ſchlich er unter die Fen⸗ ſter, trug den großen Stein, der an der Ulme lag, mit An⸗ ſtrengung dahin, ſtieg hinauf und ſah durch die Spalte des Ladens. Sein Auge ſuchte lange in dem Halbdunkel, welches die tiefherabgezogene Flamme des Lämpchens nicht erhellen konnte— endlich! Dort in der Ecke kniete ſie. Was? Hatte wirklich der Hauch der Glaubensſtrenge, deſſen Urſprung ihm wohlbekannt war, ſie ganz wieder verwandelt und all' ſeine Lehren von vernünftiger Religion hinweggeweht? Schon einſt hatte er ſie belauſcht mit gefaltenen Händen, leis bebenden Lippen und inbrünſtigem Aufwogen des Buſens— im Gebete für ihn!! Fand er ſie jetzt in einer Bußübung? Er blickte ſchärfer hin, ſein Auge konnte nun erkennen, daß ſie über den Kaſten gebeugt war, der all' ſeine Papiere enthielt— der Deckel ſchien offen zu ſtehen. Außer ſich ſtürzte Schrader in das Haus, an die Stubenthüre, ſie war verriegelt, ein Fuß⸗ tritt des Zornes ſprengte ſie, er ſprang über die Schwelle. Da, von dem Kaſten aufblickend, mit ſchrecklichem Auge, das Antlitz von Hohn und Wahnſi inn entſtellt, lachte ihm eine ganz Andere entgegen, es war die Großmutter, welche ihre Beute mit raſchen Griffen an der Bruſt verbarg, um ſie nur mit dem Leben zu laſſen. Schrader rief ſie drohend an, faßte ihren Arm und wollte ihr den Raub entreißen, ſie vertheidigte ſich mit dem ſchweren Schlüſſelbunde— ſchon rieſelte ihm Salvator. 289 das Blut aus einer Kopfwunde, da ſtürzte die Alte, von ihm niedergeworfen, hart auf die ſcharfe, eiſenbeſchlagene Kante des Kaſtens und wehrte ſich nicht mehr— er entriß ihr die Pa⸗ piere, ſie lag bewußtlos. Todtenſtille— nur vor dem Hauſe heulte der fremde Hund. Schaudernd ſprang Schrader auf, die Lampe hell zu ma⸗ chen, ſie erloſch unter ſeinen zitternden Händen, er rief nach ſeinem Weibe, keine Antwort! Eine ſchreckliche Minute ver⸗ ging, ehe er wieder Licht ſchaffen konnte, dann aber bebte er vor dem Anblick zurück, der ſich ihm bot: die Greiſin lag mit gebrochenen Augen, ihr Antlitz ſpitz und ſtarr, war mit jener entſetzlichen Farbe bedeckt, die Keiner vergißt, der ſie jemals geſehen hat. Auf ſeine Kniee ſtürzte verzweifelnd der Mörder — die Hand des Herrn hatte ihn gefunden. Im Hauſe war Niemand. Der Bauer mit den Seinen war in der Stadt zum Jahrmarkt, das hatte die Alte gewußt und ihre Enkelin liſtig wieder auf das Schloß gelockt, um un⸗ geſtört endlich ihren längſt ausgebrüteten Plan in's Werk zu ſetzen, ſie hatten den Ort erſpäht, wo Schrader die Schlüſſel verſteckt hielt, es galt, ihm ſeinen Raub wiedetum zu entwen⸗ den, den wollte ſie dann lieber in den See werfen, wenn es nicht möglich wäre, ihrem Baron Adolar, der ihn ja nur durch ihre Schuld verloren hatte, das Seinige zuzuſtellen. An dieſer fixen Idee, die zur That geworden, war 6 nun zu Grunde gegangen. Rath und Hülfe! Was ſollte der unſelige beginnen? Allein konnte er hier keinen Weg finden, im ganzen Dorfe, wem konnte er ſich anvertrauen? Es litt ihn hier nicht länger, er ſtürzte hinaus, ſein Hirn rang wieder mit dem furchtbaren Salvator. II. 19 290 Salvator. Verſe, der wie ein zermalmendes Rad unabläſſig in ihm arbei⸗ tete. Draußen war der Himmel roth von einer fernen Feuers⸗ brunſt, im Dorfe wurde es lebendig, der erſte Menſch, welcher Schrader begegnete, war Lympius, ſein Feind! Er war der Einzige, dem er ſich vertrauen konnte. 10. Die Regierung hatte endlich einſchreiten müſſen. Ihre Warnungen waren fruchtlos geblieben, die geharniſchten Clau⸗ ſeln des Arnefeld'ſchen Teſtaments hatten das Aufſichts⸗ und Beſtätigungsrecht über das ſogenannte Salvatorvermögen dermaßen beſchränkt, daß es erſt wiederholter und immer neuer Erſcheinungen bedurfte, um die aller Verantwortung entzo⸗ gene Verwaltung für das Gemeinwohl und die öffentliche Si⸗ cherheit gefährlich zu zeigen und einen Rechtsſpruch gegen ſie in Ausſicht zu ſtellen. Vorgänge in der kleinen Fabrikſtadt ga⸗ ben den letzten Anſtoß dazu. Die Maſſen ſind in politiſcher Beziehung ſehr gleichgültig geworden, aber ſie bergen in ſocialer noch einen höchſt gefähr⸗ lichen Zündſtoff— ſie glauben und wiſſen nicht, daß ein Um⸗ ſturz der beſtehenden ſocialen Verhältniſſe nur ihr eigenes ſicheres Verderben wäre und ſie in ein tieferes Elend begra⸗ ben würde, als ſie je für möglich gehalten, ſie hoffen im Ge⸗ gentheil dadurch zu gewinnen, die ſchändlich Bethörten! Ach —————— Salvator. 291 und ſie ſind noch immer ſo leicht zu böſen Zwecken zu be⸗ thören! In der kleinen Stadt hatte ſich ein junger Anfänger“ eta⸗ blirt, ein Berliner, der längere Zeit in der großen Selle'ſchen Fabrik das Geſchäft geleitet und ſich durch ſeine Gewandtheit unter den Arbeitern bereits früher einen großen Anhang ver⸗ ſchafft hatte. Wir kennen ihn, es war Herr Meinike. Sie liefen ihm, als er ſich ſelbſt etablirt hatte, zuerſt für weit ge⸗ ringern Lohn zu, weil er ihnen Vorſpiegelungen von einer verhältnißmäßigen Aſſociation und Solidarität zwiſchen ſei⸗ nem Kapital und ihrer Arbeitskraft“ gemacht— Redensar⸗ ten, welchen ſie Glauben ſchenkten, je weniger ſie davon ver⸗ ſtanden. Schon gerieth der wackere Herr Selle in Verlegen⸗ heit um ſein Geſchäft, als plötzlich durch eine alte Frau, die ſich ſeit einiger Zeit im Dienſte der Juno Lucina mit beige⸗ brachtem Zeugniß und polizeilicher Bewilligung hier niederge⸗ laſſen hatte, ein Zerwürfniß zwiſchen den Arbeitern und Herrn Meinike ausbrach. Sie hatte ihnen die Augen geöffnet, und da der Berliner, auf die noch unbeſiegte Zungenfertigkeit bauend, ſich mit ihr und einigen Halbtrunkenen in die Schranken ge⸗ wagt hatte, ſo war ein wüſter Streit entſtanden, der ſich ſchnell zu Gewaltthätigkeiten ſteigerte und mit einer Scene der wil⸗ deſten Zerſtörung endigte. Mehrere Gebäude brannten darüber ab und die tobenden Haufen wälzten ſich dann auf das Land hinaus. „Nach Californien!“ hieß die Loſung, von ge⸗ brüllt.„Theilen! theilen! Zu unſerm Goldkönig nach Sielitz!“ „Tropfenweis wollen wir's nicht!“ ſchrie der Führer. auf einmal! Es gehört uns!“ 19* 292 Salvator. Durch die Alte wußten ſie nun, woher das Geld kam, das ihnen Schrader immer gab, und zu welchem Zwecke es ihm vermacht war. Sie wollten es jjetzt fordern, alles auf ein⸗ mal, und theilen. Vergebens ſuchte die Alte ſie zu beſchwichti⸗ gen, ihr wurde jetzt bange vor den Folgen ihrer Klatſcherei, ſie ſtellte den Leuten vor, daß ſie nicht allein das Recht auf jenes Geld hätten, ſondern daß noch Viele davon empfangen ſollten. Umſonſt! Ein wildes Geſchrei übertäubte ihre Rede und nur die Nächſten ſchüttelten die Köpfe, das waren zufäl⸗ lig ein Paar Vernünftige. Sie konnten den ſich fortwälzen⸗ den Schwarm nicht aufhalten, aber unterwegs, wo er ſich zer⸗ theilte und Einzelne ruhigen Vorſtellungen zugänglicher wur⸗ den, gelang es ihnen doch, ſich Gehör zu verſchaffen, und noch ehe die erſte halbe Meile zurückgelegt war, ſonderte ſich ein Theil ab, der immer größer wurde, bis ſich endlich die Exaltirte⸗ ſten zu ſchwach fühlten, den Plan auszuführen. Es entſtand nun unter den Leuten ſelbſt Gezänk und Schlägerei, welcher durch die Gendarmen, die unterdeſſen aufgeboten worden waren, ein Ende gemacht wurde. Bei den zahlreichen Verhaf⸗ teten befand ſich auch die alte Frau— ſie verfielen dem Richter. Wenn die bethörten Menſchen ihren Zug wirklich ausge⸗ führt hätten, ſie würden dennoch den Zweck deſſelben nicht er⸗ reicht haben. Der Mann, den ſie ſuchten, von dem ſie durch Gewaltthat das ganze ihnen gehörige Vermögen erpreſſen wollten, befand ſich nicht in Sielitz. Die Unterſuchung, wel⸗ cher er ſich wegen des unglücklichen Todes der Schramm un⸗ terworfen hatte, war bereits eingeleitet, alle Dispoſition über die gefährliche Geldmacht, die ihm zu Gebote ſtand, war ihm vorläufig entzogen. — ,—— Salvator. 293 Trotzig benahm ſich die alte Frau, welche bei dem Tumult der Arbeiter betheiligt geweſen war, vor Gericht, ſie machte Con⸗ nexionen geltend, welche die Richter in Verlegenheit ſetzten, es kamen dabei manche ſonderbare Dinge halb angedeutet vor— denn ihre Kunſt und Verſchwiegenheit war in ihren beſſern Zei⸗ ten mehrfach in Anſpruch genommen worden. Es machte Auf⸗ ſehen, daß ſie Einen von den Haug's zu ſprechen wünſchte, und daß der Oberſt, dem es mitgetheilt wurde, ſich auch einſtellte. Da forderte ſie ihn geradezu auf, zu helfen, da ſie ſonſt gegen ſeinen Sohn denunciren werde, er ſolle ſich nur einer gewiſſen Brillantnadel erinnern! Der Oberſt war ſeines Sohnes zu gewiß, um ſich ſtören zu laſſen, doch ging er mit einer ihm ſonſt wenig eignen Behutſamkeit auf ihre Rede ein und ſie verwickelte ſich in ihren Lügen ſo, daß ſie endlich mit einer verzweifelten Rückſichtsloſigkeit Alles geſtand. Ja! Sie hatte in der kleinen Reſidenz, wo ſich die traurige Geſchichte zugetragen, gewohnt und, von einem Geſchäftsgange in ihrer Praxis heimkehrend, das Duell mit angeſehen— als dann der Mann, welcher den Königſchuß gethan, entflohen war, hatte ſie, um zu helfen, den Gefallenen unterſucht, der war aber todt geweſen— und da er, wenn ſie ihn im Buchwalde verlaſſen hätte, doch beſtohlen worden wäre, ſo hatte ſie ihren Vortheil an Pretioſen und Baarſchaft nicht wollen liegen laſ⸗ ſen. Die Brillandnadel war dann von ihrverkauft worden, und zwar an denjenigen, der ſich ihr Schweigen theuer erkaufen mußte. Auf welche Weiſe ſie ſpäter in die Hände des Pfand⸗ leihers gekommen war, wußte ſie nicht, der Oberſt aber konnte es leicht denken. Papiere hatte der Erſchoſſene auch bei ſich gehabt, ſie hatte Salvator. 294 Alles in Bauſch und Bogen genommen und erſt ſpäter ihren Fang beſehen— Werth hatten Papiere nicht, aber ſie waren noch da. „Wollen Sie mir helfen, Herr Oberſt?“ fragte die Alte. „Wir machen wegen der Papiere einen Handel.“ Haug wies ſie unwillig zurück. Sie wurde nun kleinlaut und ſagte ihm, daß dieſe Schriften noch in Berlin bei ihrem Schwiegerſohne lägen, auf dem Köpniker Felde, dort möge er ſie nur abholen. Auf ihre jetzige Lage hatten die Eröffnungen, welche ſie dem Oberſten gemacht hatte, keinen Einfluß, er würde auch unter allen Umſtänden die Gerechtigkeit nicht gehemmt haben. Aus dem Geſtändniſſe aber, welchem er an dem bezeichneten Orte Geltung zu verſchaffen mußte, entwickelten ſich neue zu⸗ friedenſtellende Aufklärungen. Der Mann, welcher ſich zu der That bekannt hatte, wurde dadurch von einem gemeinen Ver⸗ dachte gereinigt: ſeine damals ſchon zerrütteten Umſtände und ſein bekannter Leichtſinn hatten demſelben allerdings einen gewiſſen Anhalt gegeben. Er befand ſich jetzt in einer beſſern Lage. Haug hatte ihn aus der Stellung, wo ſeine fortgeſetzte Namensfälſchung täglich entdeckt werden konnte, großmüthig in andere Verhältniſſe gebracht, mit Eröffnung der Schifffahrt wollte er den alten Continent, für den er todt war, mit dem neuen vertauſchen, wo er auf Eberhard's Beſitzung eine ehren⸗ werthe Thätigkeit finden ſollte. Seine Kinder nahm er mit, um keinen Preis hätte er ſich von ihnen getrennt.— Es war aber auch noch mehr an die Geſtändniſſe der Alten geknüpft, die Papiere, welche Haug verabfolgt wurden, hatten wirklich jenes oft beſprochene Document enthalten, das für die Schwe⸗ Salvator. 295 ſter des im Duell Gefallenen ſo wichtig war und nun in ihren Beſitz zurückkehrte. Wie zufrieden erzählte Haug ſeinen Freunden, vor welchen er kein Geheimniß hatte, Alles, was ihm gelungen war, an dem letzten Abende, den er mit ihnen in Berlin ver⸗ lebte! Die Rheinberg'ſchen Schweſtern waren bei Frau von Arnefeld, um Abſchied zu nehmen. Dieſe war von ihrer Krank⸗ heit noch nicht ganz geneſen, und alle die Nachrichten, welche man von den Vorgängen in Sielitz hatte, durften ihr nicht mitgetheilt werden. Unnütze Vorſicht!— Laura ſah nun auch die Letzten ſcheiden, deren Umgang ihrem verödeten Leben noch eine milde Färbung verliehen hatte, ſie behauptete ihre Faſſung heut nur mühſam, und wohl war ſie in den langen Stunden ihrer Einſamkeit nun zu der Erkenntniß gekommen, daß die Kraft des Verſtandes nicht ausreicht in allen Lagen des Le⸗ bens. Heut kränkte ſie beſonders noch, daß Fanny, welche ihr doch die alte zärtliche Liebe zeigte, ihr dennoch das volle Ver⸗ trauen vorenthielt und über ihr Glück beharrlich ſchwieg. Beim Abſchiede mußte ſie wenigſtens fühlen laſſen, daß ſie nicht ge⸗ täuſcht zurückblieb. Meinen Glückwunſch von Herzen!“ ſagte ſie ihr. Fanny blickte ſie erröthend und überraſcht an.„Wozu—?“ Meinſt Du wirklich, daß ich Allem ſo fremd geblieben bin? Dein Vater wird Euch bald folgen!“ „Du weißt—“ rief Fanny freudig.„Du haſt erra⸗ then—?“ Laura's Stolz ließ es zu keiner weitern Erklärung kom⸗ men, Emma trat hinzu und ſie ſchieden. Den ganzen Abend 296 Salvator. weilte Laura im Geiſte mit ihnen in dem Kreiſe, der nun für ſie ſelbſt auf immer verloren war. Denn ſie konnte in ihren freudloſen Gedanken kaum hoffen, daß ihre Mutter das Ver⸗ ſprechen, während des Sommers Schloß Moosring in den Al⸗ pen zu beſuchen, werde löſen können. Die arme Frau vermochte kaum über einen Tag hinaus zu denken, ſo ſchwach war ihr Kopf, nur eine Erinnerung hielt ſie feſt, das war die Zuſam⸗ menkunft mit dem Manne, den ſie den Freund ihrer Seele ge⸗ nannt. Mit dieſer Stunde war Alles zuſammengeſtürzt! Seine Pläne in Bezug auf ſie— ihr Vertrauen! Grade ihr überreiches Gefühl, durch welches er die Herr⸗ ſchaft über ihre Seele gewonnen hatte, war nun die Klippe ge⸗ worden, an welcher er in ſeinem letzten Momente geſcheitert. Wie ihn bei ſeinen allgemeinen Plänen für einen neuen, von allen Schranken und Feſſeln freien Zuſtand der Dinge die Wirklichkeit zu Schanden gemacht, weil er den einzigen Angel⸗ punkt, wo der Hebel des Archimedes möglich wird, verkannt hatte, wie dort im Allgemeinen die Unkenntniß der menſchlichen Natur, war es hier im Beſondern die Unkenntniß des weibli⸗ chen Herzens, in welcher er Frau von Arnefeld ſo tief verletzt, daß ſie gleichſam mit eigner Hand im Schmerze die Binde ab⸗ geriſſen hatte, welche ihre Augen bisher umhüllte. Er ſelbſt verlebte böſe Tage. Zwar glaubte er den Moment der Schwäche, der ihn hinriß, dort Rath und Hülfe zu ſuchen, wo er längſt abgeſagt, überwunden zu haben, er ſammelte nur um ſo trotziger die Trümmer ſeines Syſtems, das der Blitz⸗ ſtrahl zerſchellt, und war eifrig bemüht, ſich wieder ein Wetter⸗ dach und einen Blendſchirm gegen die Sonne der Wahrheit zu bauen, deren Schein er läugnete, obwohl er ihn bereits er⸗ Salvator. 297 kannt hatte, wie die abgefallenen Geiſter den Herrn des Him⸗ mels verläugnen und doch vor ihm zittern. Aber ſorgt nicht! Er bringt es nicht mehr zu Stande. In ſeiner Seele lebt die Ueberzeugung ſchon, und wenn erſich auch Zeitlebens noch ſträubt, ja im Aeußern den Schein der ſeligen Ruhe und des Herzens⸗ friedens, der ihm einſt alle Gemüther unterworfen, wiederge⸗ winnt— es kommt doch unausbleiblich der Tag und die Stunde, wär's auch ſeine letzte! wo er bekennen muß, daß er dem Geiſte der Lüge gedient. Es war ihm nun alle Dispoſition über das Vermögen des verſtorbenen Landſtallmeiſters von Arnefeld genommen, ja, es handelte ſich jetzt darum, ob daſſelbe in ſeiner Hauptmaſſe für den urſprünglich angegebenen Zweck beſtimmt bleiben werde. Zu dem Nachlaſſe der unglücklichen Schramm gehörte noch ein verſiegeltes Schriftſtück, welches ſie ihrem alten Freunde und Mitdiener Schepke in Verwahrung gegeben hatte, dieſer lieferte es ein, und die Behörde ließ es eröffnen. Es enthielt eine Aus⸗ fertigung des ſchon bekannten Teſtaments, mit einem Codicill, in welchem weſentliche Abänderungen feſtgeſetzt waren. Anſehn⸗ liche Kapitalien blieben immer noch zu wohlthätigen Zwecken beſtimmt, die Verwandten des von Arnefeld erſchoſſenen Kna⸗ ben, ebenſo ſeine alten Diener waren reichlich bedacht, aber der Hauptſtock ſeines Vermögens ſollte den Kindern ſeines Sohnes gehören, ihn ſelbſt hatte er noch immer ausgeſchloſſen. Schra⸗ der war dann ſchließlich für jenen zu wohlthätigen Zwecken beſtimmten Fonds wiederum mit unumſchränkter Dispoſition als Verwalter beſtätigt worden.— Wie das Teſtament in die Hände der alten Frau gelangt, ob ſie ſich deſſen auf diebiſchem Wege bemächtigt habe, war nach ihrem Tode nicht mehr zu ent⸗ 298 Salvator. räthſeln. Der Behörde blieb nur die Prüfung des Codicills nach ſeiner Geſetzeskraft. Schrader war nicht verhaftet. Er hatte Bürgſchaft erhal⸗ ten, ein Handgelöbniß geleiſtet. Aber nach ſeiner Anſicht von der individuellen Freiheit band ihn das nicht. Hier konnte er nach der Wendung, welche die allgemeinen Verhältniſſe in der letzten Zeit genommen hatten, auf keine Reſultate mehr hoffen, und er beſchloß, bis auf andere Tage nach Amerika zu gehen. Mit Vielem hatte er gebrochen— warum nicht auch mit dem Letzten! Ihn kümmerte es nicht mehr, was hinter ihm zurück⸗ blieb, ſelbſt die Verachtung und Schande nicht. Er hatte, wie ein Burgherr, in dem Ahnenſaale zu Sie⸗ litz die Seinigen um ſich verſammelt. Demüthig ſaß ſein Weib, die verweinten Augen thränenſchwer am Boden hängend, neben ihrer Mutter, beide in Trauerkleidern; Roland mit verbiſſenem Zorne lehnte am offenen Fenſter, Anton Schrader ſtand, von der Erklärung, welche ſein Bruder gegeben hatte, ganz verdutzt vor ihm. „Ihr habt meinen Willen gehört,“ ſagte der Redner, in⸗ dem er mit einer ſtolzen Kopfbewegung die Locken zurückwarf. „Ich habe für einen Jeden geſorgt, ſehet nun zu, daß Ihr Euch behauptet. Dich, Anne, kann ich nicht mit mir nehmen—“ ſie hob noch einmal die Hände flehend zu ihm auf, aber er fuhr kalt fort:„Du biſt nicht für eine fremde Erde geſchaffen, Dich hier loszureißen wäre Dein Tod. Ich werde das Meinige thun, Dich ganz frei zu geben— bei uns wird man keine Schwierigkeiten machen. Folge dann Deinem Schickſale und nimm, was es Dir bietet. Der Mann, der mir hier den Boden unter den Füßen geraubt hat, der nun an meiner Statt den Salvator. 299 Pfarrſtuhl von Sielitz beſteigt, dieſer Johannes Lympius! er hat ſein frommes Auge doch manchmal auch zu Deiner Schön⸗ heit erhoben, Weib des Atheiſten! wie er Dich auch ſo ſchön wieder beten gelehrt hat. Wirbt er um Dich, ſo ſei nicht ſpröde.“ Anna brach in heftige Thränen aus. „Dir, Roland, gebe ich die Macht, Dich in Deinem Be⸗ ſitzthum zu vertheidigen. Du biſt es nicht werth, und wirſt Dich auch nicht behaupten, Du gehſt unter oder biſt vielmehr ſchon untergegangen, weil Dir das Mark fehlte. Ein tüchtiger Burſch warſt Du in Deiner Armuth, kerngeſund an Leib und Seele, — was biſt Du nun?“ Roland wollte wüthend auf ihn losſpringen, aber der Bauer hielt ihn zurück. Ruhe!“ gebot er. Noch ein Todtſchlag, nicht wahr?— Jetzt werde ich reden!“ wandte er ſich zu ſeinem Bruder. Wer hat Alles hier verrückt gemacht? Du! Mit Dei⸗ nen Heidenpredigten, mit Deinem Gelde— und nun willſt Du zum Teufel gehen, wo Du einen Schwur auf der Seele haſt? „Du kannſt mich weder begreifen, noch wirſt Du mich zu⸗ rückhalten können!“ erwiederte Schrader mit eiſiger Kälte. „Lebt wohl! Euch und mir wird einſt ein beſſerer Morgen ta⸗ gen.“ Es war ſpät Abends. Er hatte ſeine Papiere geordnet, von dem reichen Schatze, den er in geheimer Verwahrung hielt und den auch die Behörde, weil ſie deſſen Daſein nicht wußte, unangefochten gelaſſen hatte, nahm er, ſoviel er irgend mit ſich führen konnte, und verließ bei dunkler Nacht, wie ein Dieb, die Stätte, wo er noch vor Kurzem gewähnt hatte, einen Thron der Herrlichkeit als ein neuer Heiland zu beſteigen. 300 Salvator. Der Winter war vergangen, eine lange ſtürmiſche Regen⸗ zeit hatte dem Frühlinge Bahn gebrochen, der nun ſeinen gan⸗ zen Reiz entfaltete. In Gegenden, wo die Natur karg mit ih⸗ ren Gaben iſt, wird dieſe Jahreszeit an jedem ſonnenhellen Tage vielleicht mit höherm Entzücken genoſſen, als in den rei⸗ cher geſegneten Ländern des Südens. Die Stadtbewohner, Monate lang eingeſperrt in ihren Steinkoloß, wo nur ſchmutzi⸗ ger Schnee in den Straßen oder triefende Dächer und Regen⸗ ſchirme ihre Augenweide geweſen, wie athmen ſie wieder auf! Aus allen Thoren wogt und ſtrömt die Menge, die Reihe der Equipagen, die Damen im Glanz der Frühlingsmoden, die Reiter— es erfriſcht ſich manches Herz wieder, das ſo matt, ſo abgeſtumpft gegen Alles war, das ihm noch geboten wurde. Adelheid war mit ihrem Gatten auch hinausgefahren. Sie hatte ſich in letzter Zeit ſehr von allen Zerſtreuungen, welche ſie ſonſt ſuchte, zurückgezogen und war von ihrer lebhaften Mut⸗ ter deshalb geſcholten worden. Dieſe erſchrak vor dem Ernſte, der zuweilen auf Adelheid's Geſicht erſchien und daſſelbe ſo alt machte! Arnefeld kannte den Grund— er wußte von ihrer Correſpondenz mit dem jungen Lympius, der nun Pfarrer in Sielitz war, und er hatte ſchon Anſpielungen auf eine Bekeh⸗ rung gemacht, welche jedoch nur ein bitteres Lächeln und eine ſarkaſtiſche Antwort zur Folge gehabt. Es war ein Kanpf, welchen ſie mit Johannes Lympius führte, ein Kampf, in wel⸗ chem ſie mit ihrer Weltanſicht noch zu ſiegen hoffte, obwohl ſie ſchon mit ſich ſelbſt zerfallen war und nun ahnte, daß die un⸗ glückliche Gegenwart ihr eignes Werk, die öde Zukunft ohne Sterne für ſie ſei. Im Thiergarten begegneten ſie dem Kammerherrn von Rhein⸗ Salvator. 301 berg, der ſie freudig begrüßte und noch um Aufträge für ſeine Reiſe bat.—„Sie begleiten alſo wirklich meine— ich will ſagen, Frau von Arnefeld?“ fragte der Baron. „Darf der Vater bei der Verlobung ſeiner Tochter fehlen?“ entgegnete Rheinberg. Adelheid ſchwieg während des ganzen Geſprächs— wie⸗ derum bewegte ſie eine Frage, welche ſchon einſt an ihre Bruſt geklopft hatte. Wenn ſigmit Leo's Neigung kein Spiel getrie⸗ ben, wenn ſich ihr Herz ihm zugewandt hätte, wäre ſie noch glücklich geworden? Es war denn wirklich die Reiſe, an deren Erfüllung Laura während der trüben Tage bei ihrer Mutter zweifelte, zur Aus⸗ führung gekommen. Die Aerzte hatten der kränkelnden Frau dringend die Luft des Südens angerathen, neue herzliche Ein⸗ ladungen der Familie von Moos und die vortheilhaftere Ge⸗ ſtaltung, welche ihre Lage gewonnen hatte, waren zuſammenge⸗ troffen, um ſie zu beſtimmen. Der Kammerherr, welcher ſie noch oft beſuchte, kam, ſich als Reiſegefährte vorzuſtellen, und zugleich die Verlobung ſeiner Tochter— ein öffentliches Ge⸗ heimniß!— nun in aller Form endlich anzuzeigen. „Fanny wird glücklich ſein!“ Laura gewann es über ſich, das in dem Tone freudigen Antheils zu ſagen. „Fanny?“ erwiederte der Kammerher.„Gewiß. Sie liebt ihre Schweſter ſo zärtlich. Mit Leo hatte ſie freilich immer Krieg, indeſſen war das nicht Ernſt, und wenn er erſt ihr Schwager iſt—“ „Ihr Schwager!“ rief Laura. „Sie hätten es auch nicht geglaubt, daß Emma und er— o ſie hatten ſich immer lieb, nur ein kleines Intermezzo ſchien 302 Salvator. einmal den braven Menſchen irre zu leiten!“ Hier unterbrach er ſich ſelbſt, mit einem beſorgten Blicke auf Frau von Arne⸗ feld, und ſetzte dann hinzu:„Wüßte ich Fanny ſo glücklich, als ihre Schweſter, ſo würde ich ruhig ſterben, wenn Gott ruft. Aber ſie wird bei ihrem Charakter wohl ſchwerlich heira⸗ then. Ich weiß auch nicht, ob ich es ihr wünſchen ſoll, denn wenn ſie nicht einen Mann findet, der ſie ganz verſteht und ihr tiefes, aber reizbares Gemüth zu pürdigen weiß, ſo würde ſie in der Ehe namenlos unglücklich werden!“ „Wir glaubten ſchon, Herr von Haug—“ äußerte Frau von Arnefeld. „Beſte Freundin, welche Idee! Das iſt Beiden wohl nie eingefallen!“ Laura war verſtummt, ihr Auge hatte einen wunderbaren Glanz angenommen, ihre Wangen jene lichte Färbung, welche von tiefer, innig zufriedener Bewegung zeugt. In dieſem Au⸗ genblicke wurde Haug gemeldet, Eberhard Haug, er kam von langer Reiſe zurück. Als er eintrat, begegnete ſein Auge zuerſt Laura's, es lag in dieſem gegenſeitigen Blicke eine Freude des Wiederſehens und auch eine Frage— Haug brachte von ſeinen Freunden den Ausdruck ihrer herzlichen Freude, daß endlich ihr Wunſch doch erfüllt werden ſollte. Er ſelbſt hatte nur mit ſeinem Vater noch einige wich⸗ tige Verabredungen zu treffen, dann wollte er nach Moosring zurückkehren, und bat um Erlaubniß, Frau von Arnefeld be⸗ gleiten zu dürfen. Sie blickte auf den Kammerherrn. „Erlaube!“ ſagte dieſer und rieb ſich fröhlich die Hände. „Ich begleite die Damen. Indeſſen wir nehmen Dich noch an. Salvator. 303 Nicht wahr, Fräulein Laura, ſo ſpät ſein Antrag kommt, zu⸗ rückgewieſen darf er nicht werden?“ Welche kindiſche Ideenverbindung trieb, ihrem Stolz und Verſtande zum Trotz, das Blut bis zu dunklem Karmin in Lau⸗ ra's Wangen! Sie ſollte aber bald gerechtfertigt werden. Die Reiſe, welche die Menſchen immer näher bringt, führte hier zwei Herzen zu dauerndem Glücke. In dem ernſten Manne war ſchon lange für Laura ein Gefühl erwacht, das er Anfangs bekämpfte, weil er ſtreng dachte, ſtrenger, als die proteſtanti⸗ ſche Anſicht von der Eheſcheidung fordert, denn er konnte da⸗ durch, wie er meinte, nicht ſofort zu einer zweiten Verbindung berechtigt ſein. Als er aber mit ſich ſelbſt über die Natur ſeines Gefühls klar geworden und in Laura's Seele geleſen hatte, fand er auch in dem Unterſchied der Jahre kein Hinderniß mehr, mit ſeiner Werbung hervorzutreten. Eine Liebeständelei war ſie freilich nicht, eben ſo wenig wurde dieſe von Laura's Seite vermißt, auch führte die Verſtändigung Beider zu keiner Scene ſüßer Poeſie. Eine ehrliche, aus dem Herzen kommende Frage, eine innige Antwort, ein Handſchlag und ein Kuß befiegelten den Bund: das war Alles. Liebesgeſchichten haben wir über⸗ haupt nicht erzählen wollen. Sich auch geiſtig zu verſtändigen, fern, wie ſich noch die Gegenſätze ihrer Grundanſchauung vom Leben und ſeinem Prin⸗ cip in Beiden ſtanden, blieb der Zukunft und dem Gefühle unausſprechlichen Glückes überlaſſen, das Laura beſeligte. Aus⸗ bleiben kann aber dies Aufgehen des Gegenſatzes nicht, dafür bürgt die Macht der Wahrheit, welcher ſich grade der Verſtand nicht auf Lebensdauer verſchließen kann. Denn er kommt nur zu bald auf Stätten, wo er nicht mehr ausreicht, und ſo wird 304 Salvator. ſich eben der klare Verſtand, weil er den Grund einſieht, zum Glauben bekennen. Im vollen Laubſchmuck prangten die ſchönen Berge, welche ihren Fuß in einem der reizendſten Alpenſeen badeten, recht im Mittelpunkte der Beſitzungen des Freiherrn von Moos. Dort lag auf einem die Gegend beherrſchenden Vorſprung das Schloß Moosring mit feſten Thürmen und Zinnen, von Außen einer ſtattlichen Fürſtenburg vergleichbar. Vor den Reiſenden, welche ihrem Ziele nahten, hatte ſich das Thal weit geöffnet, mit ſei⸗ nen ſaftgrünen Hochwieſen zwiſchen den freundlichen Dörfern und zerſtreuten Häuſern, welche überall die Berge bedeckten, manches Kirchlein, halb verſteckt hinter Bäumen, ſchaute her⸗ nieder, mancher zierliche Landſitz reicher Kaufherren aus der nahen Handelsſtadt. Den Hintergrund ſchloſſen die gethürmten Maſſen des Gebirges, hoch im Blau mit dem ewigen Schnee der Alpen bedeckt. Zwei Reiter kamen den Reiſenden entgegen, es war der Freiherr mit ſeinem Schwiegerſohne. Nicht lange, ſo brauſte auf dem chauſſirten Wege auch ein leichtes Cabriolet, mit zwei ſchwarzen Zwergpferden beſpannt, heran, und Hugo begrüßte Laura mit einem jauchzenden Bergrufe. Die Frauen und Leo Rheinberg erwarteten die Ankommenden im Schloſſe. Es war eine Aufnahme, recht geeignet, auch in das kranke Herz der Arnefeld eine wohlthuende Befriedigung zu ſenken. Emma nahm den Glückwunſch mit einiger Beſchämung auf, wohl mochten ſich bei Laura's Anblick beunruhigende Stimmen in ihrem In⸗ nern erheben, welche ſie an deren ſchönen Bruder und an die Stunden erinnerte, wo ſie für ihn geſchwärmt hatte. Indeſſen half ſie ſich in ihrer Weiſe bald darauf hinweg: Welches Salvator. 305 Mädchen, dachte ſie, hat ſolche Stunden nicht gehabt! Leo iſt nicht hübſch, aber ſo gut! Ich werde ſehr glücklich ſein! Das war ihr gewiß. Nun wurde auch der Bund zweier anderer Herzen bekannt gemacht. Fanny's Freude darüber äußerte ſich in einem ſtür⸗ miſchen Entzücken:„Ja, Laura!“ rief ſie,„Du biſt ſeiner werth!“ Und ſie konnte kaum die Stunde einſamen Verkehrs mit ihr erwarten, um ihr, der Einzigen, ihr ganzes Herz auf⸗ zuſchließen und ihr zu ſagen, was ſie dem Manne ihrer Wahl verdanke. Hugo war es allein, auf welchen die Nachricht einen ver⸗ ſtimmenden Eindruck machte, und Frau von Rothkirch beobach⸗ tete ihren Liebling mit ſtillem Lächeln. Er überwand indeſſen ziemlich ſchnell ſeine Trauer, und als er erſt wieder mit Aloys lebhaft verkehrte und ihn erinnerte, daß er ſchon früher geſagt, daß ſich die Beiden heirathen ſollten, da war er ganz der fri⸗ ſche und harmloſe Knabe, bei welchem keine moderne Frühreife zu fürchten war. Für Alle, welche ſich zu ernſtern Beobachtungen hingezogen fühlten, beſonders für Leo und Laura, bot ſich hier der reichſte Stoff in den Zuſtänden der Gegend. Was Haug ſchon früher geſchildert hatte, das Glück, welches der Jünger des Pantheis⸗ mus und einer Wiedergeburt der Menſchheit aus eigner Kraft auf politiſch⸗ſocialen Irrpfaden geſucht, zeigte ſich hier der eig⸗ nen Anſchauung in ſchönſter Wirklichkeit. Auf den weiten Be⸗ ſitzungen des Freiherrn von Moos wohnte Zufriedenheit und Glück. Wohl gab es auch hier— denn welcher Erdenfleck wäre davon verſchont?— Leid und Armuth, das tägliche Brod mußte oft hart genug verdient werden, aber es wurde verdient, und Salvator. II. 20 306 Salvator. wo die Noth der Hütten hervortrat, fehlte auch die Hand der Liebe nicht, ſie zu mildern. Bewahrt hatten die Menſchen hier noch das köſtliche Kleinod ihrer Väter, den alten, frommen Glauben, der nicht zu Schanden werden läßt. Hier zeigte es ſich, wie ein Volk, das keiner von den Vorwürfen trifft, mit welchen die Feinde nach Allen zielen, die an den Heiland glau⸗ ben, chriſtlich leben kann ohne Gewiſſenszwang und dabei die Friſche und Fröhlichkeit bewahren. Es waren aber nicht die Armen und Ungebildeten allein, es waren auch die Wohlha⸗ benden und die Städter, denn der Einfluß dieſes lautern Sin⸗ nes beſchränkte ſich nicht auf das Gebiet des Freiherrn von Moos, ſondern wogte, gleich einem ſegensreichen Strome, hin⸗ aus in weitere Kreiſe, um ſie zu befruchten. Nirgends dabei eine Spur von Verdumpfung oder ſtarren Ueberhebens, ſondern überall heiterer Verkehr, Duldſamkeit und hülfreiche Liebe! Das kann ein Beiſpiel wirken, welches in einem Hauſe, zu dem die Menſchen emporblicken, aufgeſtellt wird. Und es ſteht feſt, daß überall das Beiſpiel derjenigen Klaſſen, welche ſich die gebildeten nennen, den Niedern und Armen entweder den ſitt⸗ lichen Halt oder den Anſtoß zum Verfall giebt. Klagen Jene über des Volkes Entſittlichung, ſo mögen ſie nur der ſittlichen Zerſetzung ihrer eignen Zuſtände erſt Einhalt thun, mögen die Tempel der Religion, aus welcher allein die Hülfe und Löſung der ſchweren Fragen kommen kann, erſt bei ſich ſelbſt aufrichten und dann die reine Hand ausſtrecken, um ihren Brüdern zu helfen. Eigne Kraft reicht aber nicht aus: ſie müſſen Gott wieder ſuchen. Ohne das keine Rettung! „Wir wollen zuſammenſtehen zum guten Werke!“ ſagte Salvator. 307 Eberhard zu den Männern, mit welchen er dieſe Wahrheiten, die Alle gleich lebendig erkannten, beſprochen und Briefe ſeines Vaters und des Predigers Lympius geleſen hatte. Nord und Süd im Vaterlande und Alle, die von dieſem Glauben durch⸗ drungen find, auch in den fernſten Theilen der Erde, dann muß es gelingen! Dieſen Becher denn und heute den letzten mit dem Spruche: Auf daß es beſſer werde in der Welt und Got⸗ tes Segen dazu!“ Die Strahlen der Morgenſonne beleuchteten die Bergkuppe, auf welcher die Vereinigten ſtanden, mit ihrem klarſten Golde, und weithin ſchimmerte die Ferne in all' Alpenpracht, wie das Land der Verheißung. Härtel in Leipzig. — — 8 — — — ₰ — — 8 — — 5 — 5 6